Source: http://sis-verlag.de/archiv/andere-sonstige-steuerarten/rechtsprechung/8882-bfh-billigkeitserlass-bei-kindergeldrueckforderung
Timestamp: 2019-02-19 21:55:39
Document Index: 17384025

Matched Legal Cases: ['§ 227', '§ 118', '§ 227', '§ 126', '§ 227', '§ 102', '§ 102', '§ 227', '§ 227']

Aktuelle Seite: Startseite » Archiv » Andere/Sonstige Steuerarten » Rechtsprechung » BFH: Billigkeitserlass bei Kindergeldrückforderung
BFH-Urteil vom 13.9.2018, III R 19/17 (veröffentlicht am 6.2.2019)
Vorinstanz: Schleswig-Holsteinisches FG vom 4.7.2017, 1 K 34/16 = SIS 17 14 90
I. Die Beteiligten streiten über einen Billigkeitserlass einer Kindergeldrückforderung gemäß § 227 der Abgabenordnung (AO) für den Zeitraum Oktober 2014 bis Juli 2015 in Höhe von 2.209 €.
F begann zum 1.8.2013 eine Ausbildung. Am 31.7.2014 wurde er aufgrund eines Haftbefehls in Untersuchungshaft genommen, am 16.6.2015 wurde er rechtskräftig zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.
Die Klägerin teilte dem Jobcenter die Inhaftierung des F anlässlich einer persönlichen Vorsprache am 21.8.2014 mit. F wurde daraufhin ab dem 1.9.2014 aus der Bedarfsgemeinschaft herausgenommen. Die Klägerin informierte die Beklagte und Revisionsklägerin (Familienkasse) nicht über die Inhaftierung. Auch das Jobcenter gab die Information nicht an die Familienkasse weiter, so dass das Kindergeld fortgezahlt wurde. Es wurde im Zeitraum vom 1.9.2014 bis zum 31.7.2015 weiterhin in Höhe von monatlich 184 € als Einkommen der Bedarfsgemeinschaft auf die Leistungen nach dem SGB II angerechnet.
Durch Bescheid vom 25.11.2015 hob die Familienkasse die Kindergeldfestsetzung für F ab dem Monat September 2014 auf. Sie forderte von der Klägerin die Erstattung des Kindergelds von 2.393 €, das wegen der Berücksichtigung des F für den Zeitraum September 2014 bis Juli 2015 gewährt worden war.
Die Klägerin beantragte, den Rückforderungsbetrag zu erlassen. Der Antrag hatte nur insoweit Erfolg, als die Familienkasse mit Bescheid vom 21.12.2015 die Forderung für den Monat September 2014 erließ, da die Überzahlung für den ersten Monat auch bei rechtzeitiger Mitwirkung der Klägerin nicht vermeidbar gewesen wäre. Den weitergehenden Erlassantrag lehnte die Familienkasse ab, da die Weiterzahlung des Kindergelds auf einer Verletzung der Mitwirkungspflichten der Klägerin beruht habe. Den dagegen gerichteten Einspruch wies sie mit Einspruchsentscheidung vom 3.2.2016 zurück.
Mit der Revision rügt die Familienkasse die Verletzung von Bundesrecht (§ 118 Abs. 1 Satz 1 der Finanzgerichtsordnung - FGO -). Sie meint, ein Billigkeitserlass nach § 227 AO scheide aus, wenn die Überzahlung auf ein Verhalten des Berechtigten zurückzuführen sei.
II. Die Revision der Familienkasse ist begründet und führt zur Aufhebung der Vorentscheidung und zur Abweisung der Klage (§ 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 FGO). Das FG ging zu Unrecht davon aus, dass die Einziehung der Kindergeldrückforderung sachlich unbillig und ein Erlass zwingend geboten sei.
1. Die Entscheidung über den Erlass ist eine Ermessensentscheidung der Behörde (grundlegend: Beschluss des Gemeinsamen Senats der obersten Gerichtshöfe des Bundes vom 19.10.1971 GmS-OGB 3/70, BFHE 105, 101, BStBl II 1972, 603). Dem folgt die ständige Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH) zu § 227 AO (z.B. BFH-Urteile vom 29.8.1991 V R 78/86, BFHE 165, 178, BStBl II 1991, 906, Rz 15; vom 16.11.2005 X R 3/04, BFHE 211, 30, BStBl II 2006, 155, Rz 19; vom 19.4.2012 III R 85/11, BFH/NV 2012, 1411, Rz 12). Im finanzgerichtlichen Verfahren kann die behördliche Ermessensentscheidung nach § 102 FGO nur daraufhin überprüft werden, ob die Grenzen der Ermessensausübung eingehalten worden sind (Gräber/Stapperfend, Finanzgerichtsordnung, 8. Aufl., § 102 Rz 15, m.w.N.).
2. Eine Unbilligkeit aus sachlichen Gründen i.S. des § 227 AO ist anzunehmen, wenn die Geltendmachung eines Anspruchs aus dem Steuerschuldverhältnis im Einzelfall zwar dem Wortlaut einer Vorschrift entspricht, aber nach dem Zweck des zugrunde liegenden Gesetzes nicht (mehr) zu rechtfertigen ist oder dessen Wertungen zuwiderläuft (sog. Gesetzesüberhang, vgl. BFH-Urteile vom 21.10.1987 X R 29/81, BFH/NV 1988, 546, Rz 16; vom 20.12.2000 II R 74/99, BFH/NV 2001, 1027, Rz 15; vom 21.6.2006 XI R 29/05, BFH/NV 2006, 1833, Rz 12; vom 5.5.2011 V R 39/10, BFH/NV 2011, 1474, Rz 15, und vom 24.4.2014 V R 52/13, BFHE 245, 105, BStBl II 2015, 106).
3. Der BFH hat mehrfach darauf hingewiesen, dass ein Billigkeitserlass nach § 227 AO gerechtfertigt sein kann, wenn Kindergeld zurückgefordert wird, das bei der Berechnung der Höhe von Sozialleistungen als Einkommen angesetzt wurde, aber eine nachträgliche Korrektur der Leistungen nicht möglich ist (BFH-Urteile vom 15.3.2007 III R 54/05, BFH/NV 2007, 1298, Rz 36; vom 19.11.2008 III R 108/06, BFH/NV 2009, 357, Rz 11; vom 18.12.2008 III R 93/06, BFH/NV 2009, 749, Rz 20; vom 30.7.2009 III R 22/07, BFH/NV 2009, 1983, Rz 16; vom 22.9.2011 III R 78/08, BFH/NV 2012, 204, Rz 24; vgl. auch BFH-Beschlüsse vom 6.5.2011 III B 130/10, BFH/NV 2011, 1353, Rz 6; vom 27.12.2011 III B 35/11, BFH/NV 2012, 696, Rz 5; vom 23.2.2015 III B 41/14, BFH/NV 2015, 658, Rz 5).
a) Allein der Umstand, dass das Kindergeld im Streitfall auf die von der Klägerin bezogenen Sozialleistungen angerechnet wurde, verpflichtet die Familienkasse nicht zu einem Billigkeitserlass. Die Anrechnung kann nach der Rechtsprechung der Sozialgerichte nicht rückabgewickelt werden, weil es allein auf den tatsächlichen Zufluss des Kindergelds beim Hilfeempfänger ankommt und die nachträgliche Gewährung von Sozialleistungen ausgeschlossen ist (vgl. Bundessozialgericht, Urteil vom 23.8.2011 B 14 AS 165/10 R, Die Sozialgerichtsbarkeit 2012, 470; Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 13.11.2003 5 C 26/02, Die Öffentliche Verwaltung 2004, 793, m.w.N.; Landessozialgericht - LSG - Berlin-Brandenburg, Urteil vom 7.6.2018 L 34 AS 201/15, juris, Rz 39; LSG Baden-Württemberg, Urteil vom 21.3.2012 L 2 AS 5392/11, juris, Rz 34; Hessisches LSG, Urteil vom 24.4.2013 L 6 AS 376/11, juris, Rz 29 ff., Schleswig-Holsteinisches LSG, Beschluss vom 25.5.2010 L 3 AS 64/10 B PKH, juris, Rz 14, und vom 21.7.2017 L 3 AS 125/17 B PKH, juris, Rz 15; LSG für das Land Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 5.12.2013 L 6 AS 926/13 B, juris, Rz 14; Sozialgericht für das Saarland, Urteil vom 22.3.2012 S 12 AS 362/11, juris, Rz 17). Es fehlt zwar eine gesetzliche Regelung der systemübergreifenden Rückabwicklung von zu Unrecht gewährtem Kindergeld, das auf ALG II-Leistungen angerechnet wurde. Dies ist jedoch noch kein Grund in einschlägigen Fällen, einen Billigkeitserlass als zwingend anzusehen.
a) Denkbar sind Konstellationen, in denen der Kindergeldberechtigte seiner Mitwirkungspflicht nachgekommen ist, der Rückforderungsanspruch aber aufgrund eines über Gebühr langen Zuwartens der Familienkasse entstanden ist oder sich erhöht hat (vgl. FG Düsseldorf, Urteil vom 6.3.2014 16 K 3046/13 AO, Entscheidungen der Finanzgerichte - EFG - 2014, 977, Rz 24; FG Bremen, Urteil vom 28.8.2014 3 K 9/14 (1), EFG 2014 S. 1944, Rz 72; FG Münster, Urteil vom 12.12.2016, 13 K 91/16 Kg, juris, Rz 36 = SIS 17 01 32) oder in denen die Familienkasse aus den ihr bekannten Tatsachen die unzutreffenden Schlüsse gezogen hat (vgl. FG Düsseldorf, Urteil vom 22.9.2011 16 K 1279/11 Kg,AO, EFG 2011, 2176).
b) Für einen Erlass aus Billigkeitsgründen kann auch von Bedeutung sein, ob ein Beteiligter eine falsche Auskunft erteilt hat oder einen gebotenen Hinweis unterlassen hat (vgl. BFH-Urteil in BFH/NV 2007, 1298, Rz 36) oder ob eine gebotene Rückfrage an den Kindergeldberechtigten unterblieben ist (vgl. FG Düsseldorf, Urteil in EFG 2014 S. 977, Rz 24; FG Bremen, Urteil in EFG 2014 S. 1944, Rz 72; FG Münster, Urteil vom 12.12.2016, 13 K 91/16 Kg, juris, Rz 36 = SIS 17 01 32).