Source: https://www.mpicc.de/de/forschung/projekte/die-auskunftserteilung-ueber-telekommunikationsverbindungsdaten-nach-100g-100h-stpo/
Timestamp: 2019-06-18 21:52:59
Document Index: 109980287

Matched Legal Cases: ['§ 100', '§ 100', '§ 12', '§ 100', '§ 100', '§ 100', '§ 100', '§ 100', '§ 100']

Projekt: Die Auskunftserteilung über Telekommunikationsverbindungsdaten nach §§ 100g, 100h StPO
Dr. Adi­na Gra­fe
Al­brecht, H.-J., Gra­fe, A., & Kilch­ling, M. (2008). Rechts­wirk­lich­keit der Aus­kunft­s­er­tei­lung über Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­bin­dungs­da­ten nach §§ 100g, 100h StPO (Vol. K 139) Schrif­ten­rei­he des Max-Planck-In­sti­tuts für aus­län­di­sches und in­ter­na­tio­na­les Straf­recht : Kri­mi­no­lo­gi­sche For­schungs­be­rich­te. Ber­lin: Dun­cker & Hum­blot.
pro­jekt­flyer_t­kue07.pdf
Der Zu­griff auf Ver­bin­dungs­da­ten im Be­reich der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on ist ein Er­mitt­lungs­in­stru­ment, dem in neue­rer Zeit ne­ben der Über­wa­chung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­hal­te ei­ne zu­neh­men­de Be­deu­tung zu­ge­ord­net wird. Ei­ne zen­tra­le Rol­le spie­len Ver­kehrs­da­ten in der Be­kämp­fung der Da­ten­netz­kri­mi­na­li­tät. Je­doch dürf­ten Ver­kehrs­da­ten nun­mehr an­ge­sichts der sich dra­ma­tisch ver­dich­ten­den di­gi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on für Er­mitt­lun­gen in fast al­len Be­rei­chen der Kri­mi­na­li­tät von Be­lang sein. Ver­kehrs­da­ten die­nen zur Be­stim­mung des Auf­ent­halts­orts von Per­so­nen, zur Be­wei­ser­mitt­lung oder zur Of­fen­le­gung von Tä­ter­net­zen. Sie wer­den von der Pra­xis weit­hin - wie nicht zu­letzt der Richt­li­nienent­wurf der Eu­ro­päi­schen Uni­on für die Vor­ratsspei­che­rung vom 14.12.2005 de­mons­triert - als un­ver­zicht­ba­re In­for­ma­ti­ons­quel­le an­ge­se­hen. Die Rechts­grund­la­ge der Maß­nah­me war bis En­de 2001 in § 12 FAG ent­hal­ten. Ei­ne Re­ge­lung au­ßer­halb der StPO wur­de un­ter ver­schie­de­nen Ge­sichts­punk­ten als un­zu­rei­chend emp­fun­den und war über­dies auch Ge­gen­stand ver­fas­sungs­recht­li­cher Be­den­ken. Mit dem In­kraft­tre­ten der Be­stim­mun­gen der §§ 100g, 100h StPO am 1.1.2002 trug der Ge­setz­ge­ber den Be­den­ken Rech­nung. Die Gel­tung der §§ 100g, 100h StPO wur­de am 9.12.2004 bis zum 31.12.2007 ver­län­gert.
Die Un­ter­su­chung zur Im­ple­men­ta­ti­on und Eva­lua­ti­on der §§ 100g, h StPO steht im Zu­sam­men­hang mit den Stu­di­en zur „Rechts­wirk­lich­keit und Ef­fi­zi­enz der Über­wa­chung der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on nach den §§ 100a, 100b StPO und an­de­rer ver­deck­ter Er­mitt­lungs­maß­nah­men“ (1999 bis 2004) so­wie zur „Rechts­wirk­lich­keit und Ef­fi­zi­enz der akus­ti­schen Wohn­rau­m­über­wa­chung (‚großer Lausch­an­griff‘) nach § 100c I Nr. 3 StPO“ (2002 bis 2004). Sie ist Teil ei­ner Schwer­punkts­for­schung, die sich mit der Rol­le neu­er und proak­ti­ver, prä­ven­tiv aus­ge­rich­te­ter Er­mitt­lungs­me­tho­den für die Aus­bil­dung straf­recht­li­cher So­zi­al­kon­trol­le ins­be­son­de­re in den Fel­dern der Trans­ak­ti­ons­kri­mi­na­li­tät be­fasst.
Mit der Eva­lua­ti­on zur Rechts­wirk­lich­keit der Maß­nah­men ge­mäß §§ 100g, 100h StPO sol­len die An­trags- und die An­ord­nungs­pra­xis, die Nut­zung der er­teil­ten Aus­künf­te und de­ren Ef­fi­zi­enz, auch in Kom­bi­na­ti­on mit an­de­ren TK-Über­wa­chungs­maß­nah­men, er­forscht wer­den. Da­bei geht es ins­be­son­de­re um die Er­he­bung von In­for­ma­tio­nen zur An­zahl der An­ord­nun­gen und der An­zahl der Be­trof­fe­nen so­wie zum An­lass und den Er­geb­nis­sen der Maß­nah­men. Dar­über hin­aus sol­len recht­li­che und prak­ti­sche An­wen­dungs­pro­ble­me er­forscht und ih­re Be­zie­hun­gen zu den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen un­ter­sucht wer­den. Schließ­lich ist es Ziel der Un­ter­su­chung, die Ein­be­zie­hung der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men in die Straf­ver­fol­gung ei­ner theo­re­ti­schen und em­pi­ri­schen Ana­ly­se zu un­ter­zie­hen. Da­bei wer­den die Fol­gen für die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­vi­der (in Form bei­spw. der Kos­ten) eben­so the­ma­ti­siert wie die In­ter­ak­tio­nen zwi­schen dem pri­va­ten Sek­tor und den Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den.
Das Ge­samt­pro­jekt be­steht aus drei Mo­du­len, die, zeit­lich auf­ein­an­der ab­ge­stimmt, in drei Pha­sen durch­ge­führt wer­den. In der ers­ten Pha­se der Stu­die er­folgt ei­ne bun­des­wei­te Be­fra­gung von Staats­an­wäl­ten auf der Grund­la­ge von stan­dar­di­sier­ten Fra­ge­bö­gen. Die­ses Mo­dul soll der Er­for­schung der Er­fah­run­gen der Staats­an­wäl­te mit der An­trags- und An­ord­nungs­pra­xis so­wie ih­rer Mei­nun­gen und Ein­stel­lun­gen zu den ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen und ih­rer Prak­ti­ka­bi­li­tät die­nen. Da­bei wird ein Re­fe­renz­zeit­raum von ei­nem Jahr zu­grun­de ge­legt. Die so ge­won­ne­nen Er­geb­nis­se sol­len in der zwei­ten Pha­se des Pro­jekts durch die Ana­ly­se von Strafak­ten er­wei­tert wer­den. Die Ak­ten­ana­ly­se wird sich auf die vier Bun­des­län­der Ba­den-Würt­tem­berg, Nord­rhein-West­fa­len, Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ber­lin er­stre­cken. Pro Bun­des­land wer­den 150 Ak­ten ein­be­zo­gen. Das Mo­dul der Ak­ten­un­ter­su­chung wird dem­nach 600 Strafak­ten um­fas­sen. Der Un­ter­su­chungs­zeit­raum be­zieht sich auf die Jah­re 2003 und 2004. Po­li­zei und Jus­tiz­be­hör­den er­fas­sen die ein­schlä­gi­gen Fäl­le nicht ge­son­dert, so dass die­se über die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter iden­ti­fi­ziert wer­den müs­sen. Wie sich durch vor­be­rei­ten­de Re­cher­chen be­stä­tigt hat, ver­fü­gen die Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter über ent­spre­chen­de Da­ten­be­stän­de, die im Zu­ge der in­ter­nen Ab­wick­lung der Fäl­le, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit der Kos­ten­er­fas­sung und spä­te­ren Rech­nungs­stel­lung, ge­ne­riert wer­den. Bei al­len An­bie­tern kann auf die Ba­sis­da­ten zu­ge­grif­fen wer­den, die min­des­tens das Ak­ten­zei­chen so­wie den Ort bzw. den zu­stän­di­gen, die Da­ten an­for­dern­den LG-Be­zirk ent­hal­ten. Die­se An­ga­ben sind hin­rei­chend, um die Fäl­le ein­deu­tig iden­ti­fi­zie­ren, ei­ne Stich­pro­be der ent­spre­chen­den Ak­ten zie­hen und die­se bei der Jus­tiz­ver­wal­tung an­for­dern zu kön­nen. Die Do­ku­men­ta­ti­ons­grund­sät­ze und Auf­be­wah­rungs­zeiträu­me der un­ter­schied­li­chen An­bie­ter va­ri­ie­ren zwar; Fäl­le aus den Jah­ren 2003 und 2004 sind aber voll­stän­dig ver­füg­bar, so­dass die Fäl­le aus die­sen bei­den Jah­ren gleich­mä­ßig er­fasst wer­den und die Grund­la­ge für die Zie­hung ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Stich­pro­be bil­den kön­nen. Die Er­kennt­nis­se aus der Be­fra­gung und die Er­geb­nis­se der Ak­ten­ana­ly­se bil­den schließ­lich die Ba­sis der in der drit­ten Pha­se durch­zu­füh­ren­den ver­tie­fen­den Ex­per­ten­in­ter­views. Be­fragt wer­den sol­len Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­bie­ter, Rich­ter, Po­li­zei­be­am­te, Staats­an­wäl­te, Ver­tei­di­ger und Da­ten­schüt­zer. Durch die In­ter­views sol­len un­ter­schied­li­che Aus­wir­kun­gen der ge­gen­wär­ti­gen Re­ge­lun­gen auf die ver­schie­de­nen Ar­beits­be­rei­che, die per­sön­li­chen Er­fah­run­gen, Vor­stel­lun­gen und Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge der be­frag­ten Prak­ti­ker er­mit­telt wer­den. Dar­über hin­aus kann de­tail­liert nach Ein­schät­zun­gen, Ein­stel­lun­gen so­wie Kri­tik be­züg­lich der Nor­men im All­ge­mei­nen und ih­rer An­wen­dung in der Pra­xis ge­fragt wer­den. Fer­ner bie­ten die In­ter­views ei­ne Ge­le­gen­heit, Be­ob­ach­tun­gen aus den ers­ten Er­he­bungs­pha­sen ei­ner Über­prü­fung zu un­ter­zie­hen und da­mit die Er­kennt­nis­se zu ver­tie­fen.
Das Pro­jekt wur­de En­de 2007 ab­ge­schlos­sen. Die Er­geb­nis­se wur­den im Fe­bru­ar 2008 zu­nächst auf der Web­si­te des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz ver­öf­fent­licht. Die Print­ver­si­on wird im Som­mer 2008 in der Rei­he Kri­mi­no­lo­gi­sche For­schungs­be­rich­te aus dem Max-Planck-In­sti­tut als Band-Nr. K 139 ver­füg­bar sein.
Ei­ne Re­pli­ka­ti­ons­stu­die un­ter den neu­en recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen nach Um­set­zung der EU-Richt­li­nie zur Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ist für die Jah­re 2009 und 2010 ge­plant.
Die Durch­füh­rung des Pro­jekts er­folg­te mit Mit­teln des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz.
Press­e­in­for­ma­ti­on der Max-Planck-Ge­sell­schaft vom 9.11.2007
"Stö­rung der Pri­vat­sphä­re oh­ne Tat­ver­dacht", In­ter­view mit Prof. H.-J. Al­brecht
Pro­jekt­flyer (Stand: 06/2007) (279.1 KB)