Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/die-verstaendigung-strafverfahren-3130484
Timestamp: 2020-08-05 14:27:03
Document Index: 327481994

Matched Legal Cases: ['§ 73', '§ 73', '§ 257', '§ 442', '§ 421', '§ 73', 'Art.20', 'Art. 6', '§ 257', '§ 257', '§ 459', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die Verständigung im Strafverfahren - und die Einziehung von Taterträgen | Rechtslupe
Wie die Anord­nung des Ver­falls nach den bis zum 30.06.2017 gel­ten­den Bestim­mun­gen der §§ 73, 73a StGB aF gehört auch die Ein­zie­hung von Tat­erträ­gen nach §§ 73 bis 73c StGB nF nicht zu den einer Ver­stän­di­gung zugäng­li­chen Rechts­fol­gen gemäß § 257c Abs. 2 StPO.
Denn die jewei­li­gen Ent­schei­dun­gen ste­hen nicht im Ermes­sen des Gerichts, son­dern sind zwin­gend vor­ge­schrie­ben [1]. Zwin­gen­de Maß­nah­men der Ver­mö­gens­ab­schöp­fung sind als sol­che einer Ver­stän­di­gung nicht zugäng­lich.
In Betracht kommt allen­falls eine Ver­fah­rens­be­schrän­kung nach §§ 442, 430 StPO aF [2] oder nun­mehr nach der Rege­lung des § 421 StPO nF.
Glei­ches gäl­te für eine Her­an­zie­hung der Här­te­vor­schrift des § 73c StGB aF, soweit man einer im Schrift­tum ver­tre­te­nen Auf­fas­sung fol­gen woll­te, eine sol­che kön­ne unter Umstän­den Ver­stän­di­gungs­ge­gen­stand sein [3]. Für das neue Recht bedarf die­se Fra­ge im Übri­gen kei­ner Ent­schei­dung mehr, weil die genann­te Här­te­vor­schrift nicht in das heu­te gel­ten­de Recht über­nom­men wor­den ist [4].
Durch die Ver­mö­gens­ab­schöp­fung ist der Ange­klag­te auch nicht in sei­nem Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren (Art.20 Abs. 3 GG, Art. 6 Abs. 1 Satz 1 MRK) ver­letzt.
Aus des­sen Gewähr­leis­tung hat die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung aller­dings für Fäl­le, in denen die Ver­hän­gung einer Bewäh­rungs­stra­fe Gegen­stand einer Ver­stän­di­gung war, eine Ver­pflich­tung des Gerichts zur Offen­le­gung des gesam­ten Umfangs der Rechts­fol­gen­er­war­tung vor Zustan­de­kom­men der Ver­stän­di­gung in Bezug auf Bewäh­rungs­auf­la­gen abge­lei­tet [5]. Danach kön­ne eine auto­no­me Ent­schei­dung über sei­ne Mit­wir­kung an einer Ver­stän­di­gung der Ange­klag­te ledig­lich in Kennt­nis der gesam­ten Rechts­fol­gen­er­war­tung tref­fen. Ange­sichts der Genug­tu­ungs­funk­ti­on von Bewäh­rungs­auf­la­gen und ihres stra­f­ähn­li­chen Cha­rak­ters sei­en die­se Teil der Rechts­fol­gen­er­war­tung. Erst die Infor­ma­ti­on dar­über, dass neben der Stra­fe selbst wei­te­re Maß­nah­men mit Ver­gel­tungs­cha­rak­ter und mög­li­chen erheb­li­chen Belas­tun­gen dro­hen, ver­setz­ten den Ange­klag­ten in die Lage, von sei­ner Ent­schei­dungs­frei­heit auf einer hin­rei­chen­den tat­säch­li­chen Grund­la­ge Gebrauch zu machen [6].
Der­ar­ti­ge Infor­ma­ti­ons- und Hin­weis­pflich­ten hat das Land­ge­richt hier nicht ver­letzt. Ent­ge­gen dem Vor­trag der Revi­si­on ist der Ange­klag­te vor­lie­gend nicht erst­mals durch das Plä­doy­er der Staats­an­walt­schaft auf die Mög­lich­keit der Ver­mö­gens­ab­schöp­fung hin­ge­wie­sen wor­den; viel­mehr wur­de er über Grund und Höhe einer sol­chen Maß­nah­me bereits hin­läng­lich durch die Ankla­ge­schrift infor­miert. Danach hat­te für ein recht­mä­ßi­ges Abse­hen von einer Anord­nung des Ver­falls kein Raum bestan­den.
Hin­zu kam im vor­lie­gen­den Fall, dass der Vor­sit­zen­de nach dem in der Haupt­ver­hand­lung mit­ge­teil­ten Inhalt des Son­die­rungs­ge­sprächs bereits unmiss­ver­ständ­lich klar­ge­stellt hat­te, dass Gegen­stand einer Ver­stän­di­gung nur eine mög­li­che Stra­fe im lau­fen­den Ver­fah­ren sein kön­ne. Dem Ange­klag­ten, bei dem aus Rausch­gift­ge­schäf­ten Erlö­se bzw. Bar­geld in sze­ne­ty­pi­scher Stü­cke­lung in Höhe von ins­ge­samt 10.500 Euro gefun­den wur­den, muss­te daher klar sein, dass ihm der Wert sei­ner Tat­erträ­ge nicht belas­sen blei­ben wür­de.
vgl. Münch­Komm-StPO/­Jahn/­Kud­lich, § 257c Rn. 101; Ord­ner, wis­tra 2017, 50, 53 mwN[↩]
vgl. BVerfG, NStZ 2016, 422, 424; Alt­va­ter, FS für Ris­sing­van Saan, 2011, S. 14; KK-StPO/­Mol­den­hau­er/­Wens­ke StPO 7. Aufl., § 257c Rn. 15[↩]
so Niem­öl­ler in: Niemöller/​Schlothauer/​Weider, Gesetz zur Ver­stän­di­gung im Straf­ver­fah­ren, 2010, S. 86[↩]
vgl. die voll­stre­ckungs­recht­li­che Neu­re­ge­lung in § 459g Abs. 5 StPO[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 29.01.2014 – 4 StR 254/​13, BGHSt 59, 172, 174, 175; und vom 08.09.2016 – 1 StR 346/​16, NStZ-RR 2016, 379; sie­he auch OLG Saar­brü­cken, NJW 2014, 238, 239; OLG Frank­furt, NJW 2015, 1974, 1975[↩]
BGH, Beschluss vom 29.01.2014 – 4 StR 254/​13, aaO Rn. 11, 12; vgl. zur Abgren­zung bei einer nicht von der Infor­ma­ti­ons­pflicht umfass­ten Bewäh­rungs­wei­sung einer Wohn­sitz­wech­sel­an­zei­ge BGH, Beschlüs­se vom 07.10.2014 – 1 StR 426/​14, NStZ 2015, 179, 180; und vom 08.09.2016 – 1 StR 346/​16, aaO; OLG Frank­furt, aaO S.1976[↩]