Source: https://www.socialnet.de/lexikon/Soziotherapie
Timestamp: 2020-08-06 13:25:23
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socialnet Lexikon: Soziotherapie | socialnet.de
Synonym: Sozialtherapie (mit weiteren Bedeutungen)
Soziotherapie bezeichnet eine ambulante Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung für Menschen mit schwerer psychischer Erkrankung. Sie steht Menschen zu, die nicht in der Lage sind, ärztliche und/oder psychotherapeutische Leistungen und die von FachärztInnen und/oder PsychotherapeutInnen verordnete Maßnahmen eigenständig in Anspruch zu nehmen. Soziotherapie stellt eine psychosoziale Behandlungsform dar, die dabei unterstützt, notwendige Hilfen zur Gesundung zu bestimmen und umzusetzen.
2 Die soziale Dimension in der Behandlung
3 Inhalt des § 37a SGB V und die Soziotherapie-Richtlinie
4 Inhalte der Soziotherapie-Richtlinie
5 Zielgruppe
6 Soziotherapie praktisch
7 Umsetzung von Soziotherapie
8 Wirkung
9 Kritik und Ausblick
Soziotherapie im Sinne des § 37a SGB V (Sozialgesetzbuch Fünftes Buch) ist als Sozialtherapie für einen sehr begrenzten Personenkreis und ein eng gefasstes Aufgabengebiet zu verstehen. Seit Beginn ihrer Einführung im Jahre 2000 kommt sie bis heute wenig zur Anwendung, obwohl sie aufgrund der positiven Ergebnisse einer Pilotstudie (Melchinger 1999), die in einer kontrollierten Wirksamkeitsstudie (Heidenreich et al. 2018) bestätigt wurden, in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wurde.
Mittlerweile zeigen viele Untersuchungen, dass die Arbeit an der sozialen Dimension im bio-psycho-sozialen Gesundheitsmodell einen nicht zu unterschätzenden Beitrag liefert, sowohl bei Erhaltung der psychischen Gesundheit als auch bei der Gesundung psychisch Erkrankter (z.B. Lampert et al. 2016; Bruns 2013; s. auch Pauls 2013, S. 32–56). Eine sinnvolle Alltagsstrukturierung und die Hilfe beim Erhalten oder Wiedererlangen einer Arbeitstätigkeit, sozialer Kontakte sowie einer Wohnung zählen dabei als zentral. Das Therapeutische an der Soziotherapie ist die Arbeit an den sozialen, aber auch an den psychischen Problemen der Menschen (Ohling 2017; Pauls 2013). Zu ihren Maßnahmen gehören einerseits Interventionen im sozialen Netzwerk und im Sozialraum wie beispielsweise die aktive Vermittlung an Selbsthilfeinitiativen. Andererseits auch solche, die Erleben, Denken und Verhalten positiv beeinflussen, um auf diese Weise zum Beispiel die Inanspruchnahme von erforderlichen Hilfen zu fördern und einen besseren Umgang mit der Erkrankung zu finden. Daher ist ein umfangreiches fachliches Wissen (z.B. über psychische Störungen, Hilfen im Sozialraum, Sozialrecht) erforderlich, das ein psychotherapeutisches Handlungsrepertoire einschließt.
Der Gesetzgeber nahm im Jahre 2000 die Soziotherapie als § 37a SGB V als neue ambulante Leistung mit folgendem Wortlaut auf: „Versicherte, die wegen schwerer psychischer Erkrankung nicht in der Lage sind, ärztliche oder ärztlich verordnete Leistungen selbständig in Anspruch zu nehmen, haben Anspruch auf Soziotherapie, wenn dadurch Krankenhausbehandlung vermieden oder verkürzt wird oder wenn diese geboten, aber nicht ausführbar ist.“ Soziotherapie kann von FachärztInnen und seit 2017 auch von PsychotherapeutInnen verordnet werden. Versicherte können Soziotherapie innerhalb eines Dreijahreszeitraumes für höchstens 120 Stunden beanspruchen; Folgeverordnungen sind möglich. In § 37a Abs. 2 SGB V steht, dass der „Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen“ das Nähere über Voraussetzungen, Art und Umfang dieser Versorgungsleistung regelt. Im Jahre 2002 brachte der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) (2017) erstmals die sogenannte Soziotherapie-Richtlinie heraus, die genauer ausführt, was die Gesetzesleistung beinhaltet. Sie wurde 2017 das letzte Mal überarbeitet, nachdem eine vom GBA in Auftrag gegebene Evaluation (Gemeinsamer Bundesausschuss 2008) des Gesetzes bereits 2008 ergab, dass es zu viele Hürden bei der Inanspruchnahme dieser Leistung gebe (z.B. zu geringer Bekanntheitsgrad, zu wenige AnbieterInnen, zu wenige VerordnerInnen).
In der Soziotherapie-Richtlinie heißt es:
„Sie [Die Soziotherapie] soll Patientinnen und Patienten durch Motivierungsarbeit und strukturierte Trainingsmaßnahmen helfen, psychosoziale Defizite abzubauen; Patientinnen und Patienten sollen in die Lage versetzt werden, die erforderlichen Leistungen zu akzeptieren und selbständig in Anspruch zu nehmen. Sie ist koordinierende und begleitende Unterstützung und Handlungsanleitung für schwer psychisch Kranke auf der Grundlage von definierten Therapiezielen“ (Gemeinsamer Bundesausschuss 2017, S. 3).
Hier ist des Weiteren festgehalten, dass in Abstimmung mit der/dem Versicherten und der/dem Verordnenden der Soziotherapie ein Betreuungsplan durch die soziotherapeutische LeistungserbringerIn erstellt werden muss. Soziotherapeutische LeistungserbringerInnen sind in der Regel SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen sowie in geringerer Anzahl Fachkrankenschwestern und Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, die jeweils über eine mindestens dreijährige Berufserfahrung in der (Sozial-)Psychiatrie und über einschlägiges Wissen über psychiatrische Krankheitsbilder, handlungsorientierte Therapieverfahren und Gruppenarbeit sowie sozialrechtliche Kenntnisse verfügen (Ließem 2019, S. 49–59). Für diejenigen, die hier als LeistungserbringerInnen bezeichnet werden, hat sich mittlerweile der Begriff „SoziotherapeutIn“ durchgesetzt.
Um als SoziotherapeutIn tätig zu werden, benötigt man laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (2018) zumeist eine Anerkennung der jeweiligen Landesverbände der Krankenkassen. Allerdings gibt es keine bundesweit einheitliche Regelung, nach welchen Kriterien anerkannt wird. In Nordrhein-Westfalen ist es neuerdings möglich, dass das Anerkennungsverfahren in Verbindung mit einer Begutachtung durch den Bundesverband der Soziotherapeuten durchgeführt wird, was als berufspolitischer Fortschritt gesehen werden kann (Ließem 2019, S. 59).
Die Soziotherapie-Richtlinie beschreibt die Tätigkeit der SoziotherapeutInnen im Weiteren folgendermaßen:
„Soziotherapie findet überwiegend im sozialen Umfeld der Patientin oder des Patienten statt. Soziotherapie umfasst die Koordination der im Rahmen des Behandlungsplans festgelegten Maßnahmen. Soziotherapie unterstützt einen Prozess, der Patientinnen und Patienten einen besseren Zugang zu ihrer Krankheit ermöglicht, indem Einsicht, Aufmerksamkeit, Initiative, soziale Kontaktfähigkeit und Kompetenz gefördert werden“ (Gemeinsamer Bundesausschuss 2017, S. 3).
Soziotherapie kann auch als Gruppenangebot stattfinden.
Soziotherapie wird nur verordnet, wenn Versicherte aufgrund ihrer schweren psychischen Erkrankung in ihren Aktivitäten beeinträchtigt sind. Zu den Beeinträchtigungen zählen:
„Störungen des Antriebs, der Ausdauer und der Belastbarkeit, durch Unfähigkeit zu strukturieren, durch Einschränkungen des planerischen Denkens und Handelns sowie des Realitätsbezuges,
krankheitsbedingt unzureichender Zugang zur eigenen Krankheitssymptomatik und zum Erkennen von Konfliktsituationen und Krisen“ (Gemeinsamer Bundesausschuss 2017, S. 4).
Wenn diese Beeinträchtigungen dazu führen, dass ärztliche oder psychotherapeutische Leistungen oder die von diesem Personenkreis verordnete Leistungen nicht in Anspruch genommen werden, dann ist Soziotherapie indiziert.
Wer genau zählt denn nun zum ins Auge gefassten Personenkreis? In erster Linie orientiert sich die Soziotherapie-Richtlinie an Kapitel V der 10. Ausgabe des „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ (ICD-10) und benennt eine Auswahl an Diagnosen (DIMDI 2018). PatientInnen mit Diagnosen aus dem schizophrenen Formenkreis (z.B. schizoaffektive Störung) gehören zu den Anspruchsberechtigten ebenso wie Menschen mit schweren Depressionen, wenn sie stark genug in ihren Aktivitäten beeinträchtigt sind. Um das Ausmaß der Beeinträchtigung der Aktivitäten einzuordnen, wird die Skala zur globalen Erfassung des Funktionsniveaus (Global Assessment of Functioning/GAF) der 4. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) (Saß et al. 2003) herangezogen.
Die GAF-Skala (Saß et al. 2003) versucht, die Beeinträchtigungen psychischer, sozialer und beruflicher Funktionen auf einer Zahlenskala von 0–100 zu erfassen; der Zahl 100 entspricht völlige Symptomfreiheit oder – positiv formuliert – bestes Wohlergehen. Bei der Verordnung von Soziotherapie sollen sich die VerordnerInnen an der GAF-Marke „50“ und darunter liegenden Werten orientieren. In der GAF-Skala heißt es beispielsweise für den Werteraum 50–41: „Ernste Symptome (z.B Suizidgedanken, schwere Zwangsrituale, häufige Ladendiebstähle) ODER eine Beeinträchtigung der sozialen, beruflichen und schulischen Leistungsfähigkeit (z.B. keine Freunde, Unfähigkeit, eine Arbeitsstelle zu behalten)“ (Saß et al. 2003, S. 25).
Grundsätzlich haben sogar alle Menschen mit einer Diagnose aus dem Kapitel V (Psychische und Verhaltensstörungen) des ICD-10 einen Anspruch auf Soziotherapie, sofern ihre GAF-Werte zwischen 40 und 21 liegen und ihre Gesamtsituation einen Hilfebedarf anzeigt (z.B. eine zusätzliche Suchterkrankung oder Hirnschädigung).
Wenn psychisch erkrankte Menschen nicht in der Lage sind, einfache Absprachen einzuhalten und als nicht belastbar, motivierbar und ausreichend kommunikationsfähig gelten, soll Soziotherapie nicht verordnet und nicht genehmigt werden. Die Prognose, durch Soziotherapie im Sinne des Gesetzes etwas erreichen zu können, muss positiv sein.
Die Soziotherapie-Richtlinie beschreibt zunächst allgemein, wie sie Soziotherapie praktisch versteht:
„Dies umfasst sowohl aktive Hilfe und Begleitung als auch Anleitung zur Selbsthilfe. Dabei soll der soziotherapeutische Leistungserbringer die Patientinnen oder die Patienten zur Selbständigkeit anleiten und sie so von der soziotherapeutischen Betreuung unabhängig machen“ (Gemeinsamer Bundesausschuss 2017, S. 5).
SoziotherapeutInnen sollen vor allem im sozialen Umfeld der PatientInnen tätig werden und dort die häusliche, soziale und berufliche Situation analysieren; sie stellen damit praktisch eine eigene psychosoziale Diagnose, ergänzt durch eine Prognose.
Aufgrund dieser psychosozialen Einschätzung der Gesamtsituation wird ein Betreuungsplan in Abstimmung mit PatientInnen und VerordnerInnen erarbeitet. Familienangehörige sowie der FreundInnen- und Bekanntenkreis werden zur Unterstützung einbezogen, wenn dies sinnvoll erscheint. Zur Erreichung der Therapieziele kann der/die PatientIn an komplementäre Dienste herangeführt werden (z.B. Tagesstätte). Der/Die SoziotherapeutIn ist verpflichtet, die bzw. den VerordnendeN über den Stand der Behandlung zu informieren. Auch die Dokumentation des Therapieverlaufes gehört zu den Pflichtaufgaben.
Die Soziotherapie-Richtlinie sieht – abhängig von der Gesamtsituation der PatientInnen – Trainings vor, die auf sehr Unterschiedliches abzielen können: Steigerung der Motivation, Belastbarkeit und Ausdauer genauso wie eine bessere Strukturierung des Alltags oder dem Umgang mit Konflikten. Auch die Unterstützung einer verbesserten Krankheitswahrnehmung zählt zum Aufgabenbereich. Letztere „beinhaltet Hilfen beim Erkennen von Krisen (Frühwarnzeichen) und zur Krisenvermeidung, sowie die Förderung der Compliance und von gesunden Persönlichkeitsanteilen“ (Gemeinsamer Bundesausschuss 2017, S. 5). In einem weiteren Punkt geht die Richtlinie auf die Hilfe in Krisensituationen ein. Bei Krisen soll der/die SoziotherapeutIn eingreifen, um eine Verschlimmerung der Krankheit zu vermeiden, aber auch, um einer Verschlechterung der häuslichen, sozialen und beruflichen Situation der Patientin bzw. des Patienten entgegenzuwirken.
PatientInnen schaffen es beispielsweise nicht, eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis aufzusuchen, weil sie die Motivation nicht aufbringen oder sich die Benutzung von Verkehrsmitteln nicht zutrauen; andere sehen keinen Sinn in einem Praxisbesuch oder in der Einnahme von Medikamenten. Weder eine einfache Wege-Begleitung noch der Versuch des Überredens erscheinen in diesen Fällen sehr nachhaltig positiv und auch nicht im Sinne des Gesetzgebers, um schwer psychisch kranken Menschen zu helfen, sich wieder selbst um ihre Gesundheit zu kümmern.
Vielmehr berichten SoziotherapeutInnen bezüglich ihres Vorgehens Folgendes (z.B. Ohling 2017): Sie bauen zunächst einmal eine affektive, emotionale Beziehung zu ihren KlientInnen auf, indem sie sich ihre Lebensgeschichten anhören, ihre Vorstellungen über Krankheit und Gesundheit in Erfahrung bringen, ihr Lebensumfeld kennenlernen, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu Wort kommen lassen.
Wenn den Anliegen der KlientInnen gefolgt wird (z.B. die Wiederaufnahme eines Studiums), sie positive Veränderungen erleben und sich eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung entwickeln konnte, sind sie wahrscheinlich eher bereit, sich in eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis zu begeben. Was dort besprochen und geplant wird bzw. wurde (= verordnete Leistungen), lässt sich dann in Zusammenarbeit zwischen PatientInnen, VerordnerInnen und SoziotherapeutIn umsetzen. Dazu kann dann beispielsweise ein klassisches verhaltenstherapeutisches Kompetenztraining wie das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zählen; oder die aus der humanistischen Tradition stammende Intervention eines klärenden Gespräches mit Familienangehörigen, um Konfliktpotenzial zu mindern und eine Stabilisierung zu erreichen sowie die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen zu erhöhen.
Als die ambulante Soziotherapie im Jahre 2000 in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wurde, gab es viele Einrichtungen wie die Sozialpsychiatrischen Dienste oder auch private Träger, die Soziotherapie anbieten wollten. Dementsprechend beantragten SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen sowie Fachpflegepersonal ihre Anerkennung als „soziotherapeutische LeistungserbringerIn“. Die Hoffnungen, die sich an die Soziotherapie knüpften, verflogen schnell; Publikationsartikel wie „Ambulante Soziotherapie – Bislang ein Papiertiger“ (Nowak 2002) und „Die ambulante Soziotherapie nach § 37a SGB V ist gescheitert“ (Rössler et al. 2012) kündeten davon.
Zwei Evaluationen aus den Jahren 2005 und 2008 (Aktion Psychisch Kranke 2005; Gemeinsamer Bundesausschuss 2008) beschäftigen sich mit den Umsetzungsschwierigkeiten der Soziotherapie. Dabei kam unter anderem heraus, dass die Krankenkassen bei der Genehmigung von Soziotherapien sehr restriktiv vorgegangen waren und die Vergütung der neuen Leistung nicht deren Kosten deckte. Hinzu kam, dass in jedem Bundesland unterschiedliche Verfahren bezüglich der Zulassung von SoziotherapeutInnen und der Leistungsverträge existierten sowie die Vergütungen uneinheitlich waren.
Teilweise gab es überhaupt keine Rahmenverträge und die SoziotherapeutInnen führten einzeln ihre Verhandlungen mit den jeweiligen Krankenkassen. Die beschriebenen Hemmnisse bei der Umsetzung von Soziotherapie in die Praxis existieren bis heute. Die potenziellen LeistungsträgerInnen wie LeistungsanbieterInnen von Soziotherapie zogen sich nach und nach vom Markt zurück, sodass momentan real nur noch wenige agieren. Zum Beispiel erhielten in Bayern ca. 400 MitarbeiterInnen von Sozialpsychiatrischen Diensten die Anerkennung als SoziotherapeutInnen, von denen heute noch etwa 20 diese Leistung anbieten. Nach Ließem (2019), der viele Jahre als Vorsitzender des Bundesverbandes der Soziotherapeuten fungierte, gibt es in manchen Bundesländern überhaupt kein oder kaum ein Angebot (z.B. Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein). Bühring (2019) geht davon aus, dass es ca. 600 LeistungserbringerInnen in ganz Deutschland sind. Diese Angabe scheint viel zu hoch gegriffen. Genaue belegte Zahlen für ganz Deutschland lassen sich in der Literatur zur Zeit nicht finden.
Die heute noch tätigen SoziotherapeutInnen sind häufig bei Sozialpsychiatrischen Diensten angestellt und bieten Soziotherapie als eine Leistung unter anderen an. Nur ganz wenige arbeiten in Teil- oder Vollzeit selbstständig als SoziotherapeutIn in eigener Praxis (Ohling 2018). Die Vergütung für eine Soziotherapiestunde bewegt sich nach Ließem (2019) durchschnittlich zwischen 40 und 46 €, in einigen Bundesländern sind die Fahrtkosten und andere indirekte Leistungen eingeschlossen, in anderen nicht.
Soziotherapie im hier behandelten Sinne lässt sich als Sozialtherapie für eine spezifische Klientel mit einem eingegrenzten Aufgabenbereich einordnen. Die Wirkungsforschung zur Sozialtherapie steht noch am Anfang (Lehmann 2017). Die erste Studie zur Wirksamkeit von Soziotherapie nach § 37a SGB V stammt von Melchinger (1999) und führte zur Aufnahme von Soziotherapie in das SGB V, da er die Vermutung stärkte, dass diese Leistung wirkt (weniger Krankenhaustage, höheres Funktionsniveau nach der GAF-Skala, höhere Lebenszufriedenheit, höhere soziale Teilhabe).
Der nach Kriterien der allgemeinen Evaluationsforschung anzuerkennende Nachweis, dass Soziotherapie eine positive Wirkung hat, wurde erst bald zwei Jahrzehnte später im Rahmen der sogenannten SODEMA-Studie erbracht. Deren quantitative Auswertung (Heidenreich et al. 2018) liegen Daten von 59 Teilnehmerinnen zugrunde; untersucht wurde die mögliche positive Wirkung von Soziotherapie bei Müttern mit depressiver Erkrankung in den Jahren 2008–2010. Im Vergleich zur Kontrollgruppe, verbessert sich bei der Experimentalgruppe das psychosoziale Funktionsniveau, die psychopathologische Symptomatik und auch die Selbstwirksamkeitserwartung.
Ergebnisse des qualitativen Teils der SODEMA-Studie (Gebrande et al. 2016), in dem sechs Interviews mit Frauen ausgewertet wurden, geben Hinweise auf folgende Wirkfaktoren: Beziehungsaufbau, Eingehen auf die individuelle Situation, Psychoedukation, Unterstützungen von Alltagsstruktur, Ressourcenorientierung, Einbezug der sozialen Faktoren, z.B. soziales Unterstützungsnetzwerk.
Die SODEMA-Studie bestätigt mit ihrer quantitativen Auswertung Vermutungen, die aus Erfahrungsberichten zu Soziotherapie und vergleichbaren Interventionen (Friebos 2005; Klimesch 2011; Lehmann 2017; Ohling 2019; Pitz 2008; Puls 2010) stammen. So hat beispielsweise Puls die Erfahrungen seiner Praxisstelle mit ca. 200 Soziotherapiefällen ausgewertet und festgestellt, dass – in Übereinstimmung mit der Analyse von Melchinger (1999) – die Klinikzeiten im Durchschnitt signifikant zurückgehen. Ferner meint Puls der Soziotherapie folgende Effekte zuschreiben zu können:
„die Akzeptanz der Erkrankung und in der Folge der eigenverantwortliche Umgang mit der Erkrankung verbessern sich wesentlich;
die Zufriedenheit mit der Gesamtbehandlung steigt für alle Beteiligten, insbesondere für den Klienten durch die Erfahrung mitgestalten zu können;
häufig können Netzwerke (Freunde, Angehörige) durch Einbeziehung in die Therapie aktiviert werden;
die Rückmeldungen der Nervenärzte sind durchweg positiv;
es gibt auffällig wenige Abbrüche;
es werden auch Klienten erreicht, die bisher keinen Zugang zu den Hilfen nach SGB XII hatten bzw. diese nicht angenommen hätten“ (Puls 2010, S. 16).
Die von Puls registrierten positiven Rückmeldungen der Soziotherapie-VerordnerInnen zeigen sich auch in der Evaluation des Gemeinsamen Bundesausschusses, deren Ergebnisse 2008 veröffentlicht wurden. Im Evaluationsbericht wird festgehalten, dass fast neun von zehn ÄrztInnen (Basis: knapp 400) der Ansicht sind, dass sich die PatientInnenversorgung durch die Möglichkeit, Soziotherapie zu verordnen, verbessere (Gemeinsamer Bundesausschuss 2008, S. 55).
Seit der Verankerung der Soziotherapie im SGB V existieren Schwierigkeiten bei ihrer Implementierung in die Praxis. Zwei Überarbeitungen der Soziotherapie-Richtlinie führten zwar dazu, dass sich sowohl die Gruppe der VerordnerInnen (z.B. NeurologInnen) ausweitete als auch die Gruppe der PatientInnen (z.B. Menschen mit Demenz) mit Anspruch auf Soziotherapie. Nach Ließem (2019) gibt es allerdings seit 2018 einen neuen Hemmschuh bezüglich des Zugangs: die neue Begutachtungsanleitung der medizinischen Dienste für ambulante Soziotherapie (Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen 2018).
Die Vergangenheit zeigte bereits, dass soziotherapeutische Verordnungen von den Krankenkassen nicht wie andere Leistungen (z.B. Physiotherapie) einfach genehmigt, sondern in der Regel dem Medizinischen Dienst der Krankenkasse zur Entscheidung vorgelegt werden. Viele Anträge wurden vom Medizinischen Dienst erst nach einem Widerspruch positiv beschieden (z.B. Pilz 2008, S. 4).
Die neue Begutachtungsanleitung versteht Soziotherapie als reine Koordination medizinischer Leistungen und damit so eng, dass es wohl in der Praxis noch weit größere Schwierigkeiten bei der Bewilligung geben könnte als bisher (s. z.B. Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen 2018, S. 16).
Krankheits-, Gesundheits- und Behandlungsmodelle basieren nach der „S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen“ (DGPPN 2018) heute auf biopsychosozialen Grundlagen. Diese Leitlinie listet alles auf, was sich in den letzten Jahren als evidenzbasiert herausstellte. Zukünftig wäre wünschenswert, dass eine Letztentscheidung zur Genehmigung einer Leistung aus der Krankenversicherung vermehrt sozialwissenschaftliches Wissen mit einbezieht, das über eine (sozial-) medizinische Einschätzung hinausgeht.
Kritisieren lässt sich, dass Soziotherapie momentan eine Art „Assistenzleistung“ darstellt. Wenn man die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahre 1986 aus der Ottawa Charta zugrunde legt, dass Gesundheit aus einem Zusammenspiel von biologischen, psychischen und sozialen Komponenten besteht (WHO-Regionalbüro für Europa 1986), sollte Soziotherapie als eigenständige Behandlungsform der sozialen Dimension von der Krankenkasse in ihrem Maßnahmenkatalog aufgenommen werden (Lammel und Pauls 2017). Sie kann sicherlich den Weg bahnen für ärztliche oder psychotherapeutische Leistungen, aber eben auch als eigenständiger Ansatz in Zusammenarbeit mit den anderen Professionen das Ziel der Gesundung und Gesunderhaltung befördern.
Um Soziotherapie nach § 37a SGB V weiterzuentwickeln, ist es wichtig, das Berufsbild des/der SoziotherapeutIn klarer und verbindlicher festzulegen (Ließem 2018). Fort- und Weiterbildungen sind darüber hinaus notwendig, um ein gemeinsames Verständnis in Theorie und Praxis zu erreichen. Ferner ist weitere Forschung erforderlich, um Effekte soziotherapeutischen Denkens und Vorgehens (auch) mit Blick auf verschiedene PatientInnengruppen sowie ihrer jeweiligen Wirkungsweise (Ergebnis- und Prozessforschung) nachzuvollziehen.
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