Source: http://jugend.dgb.de/ausbildung/beratung/dr-azubi/?fp.l=t&fp.d=98063
Timestamp: 2017-04-27 22:31:05
Document Index: 241322553

Matched Legal Cases: ['§22', '§14', '§102', '§ 14', '§3', '§9', '§11', '§4', '§3']

Tätigkeiten/Pflichten während der Ausbildung
Hallo, ich lerne seit 01.09.2016 in einem kleineren Betrieb, welcher mit Nutzfahrzeugen handelt Bürokaufmann. Mein Tätigkeitsbereich erstreckte sich seither auch auf viele Aufgaben, welche nicht im Bürobereich anfallen, wie z. Bsp. Werkstatt aufräumen, Reifen sortieren, alte Batterien oder Autolampen überprüfen, Autos säubern usw. Auch bin ich oft etwas länger, als es mein Vertrag vorsieht da (lt. Ausbildungsvertrag beträgt meine tägl. Arbeitszeit 8,5 Stunden. Eine Zeiterfassung in der Firma erfolgt nicht, ich notiere mir meine Zeiten zu Hause und hatte bis Ende März ca 20 Überstunden, die nicht bezahlt und auch nicht in Freizeit vergütet werden). All das hat mich bisher nicht so sehr gestört, jedoch besitze ich nun seit gut 3 Wochen meinen Führerschein auf Probe und nun werde ich ständig, seitens des einen Geschäftsführers (welcher nicht der Firmeninhaber ist und auch nicht als Ausbilder in meinem Vertrag drin steht), gedrängt, Autos von Belgien, aus der Schweiz oder Österreich abzuholen. Ich muss noch erwähnen, dass es sich dabei um große Autos handelt (Maxi Sprinter oder ähnliches), welche ich nicht gewöhnt bin zu fahren und bisher habe ich auch, außer meinen Pflichtstunden während der Fahrschulziet keine Autobahn-Erfahrung sammeln können. Mir macht diese Aufgabe zum einen Angst und ich denke auch, dass sie nicht zu meinen Tätigkeiten gehört, die ich erlernen soll. Kann ich, wenn ich bereits mehrfach gesgat habe, dass ich keine Autos überführe, nun abgemahnt oder gar gekündigt werden? Selbst wenn ich diese Tätigkeiten übernehmen würde, bekäme ich auch hier die Überstunden (oft auch Nachtfahrten) nicht vergütet in irgendeiner Form. Das wird in dem Betrieb so nebenbei mitgemacht. Und wenn ein Unfall passiert, an dem ich mit Schuld bin, bin ich unter Umständen meinen Führerschein (auf Probe) auch erstmal wieder los. Ich weiß nun nicht recht wie ich mich verhalten soll. Die IHK habe ich auch per mail informiert, jedoch ist mein zuständiger Sachbearbeiter auch derzeit in Urlaub. Als ich mich das letzte mal geweigert habe, Autos zu überführen, bekam ich übrigens relativ rüde (auch vom Geschäftsführer) zur Anwort "ich solle mich nicht so anstellen, das wäre bei Ihnen in der Firma so, da müsste jeder mal ran und schließlich hätte ich den Führerschein und ich solle ihm nicht so blöde kommen, von wegen, das wäre nicht meine Vorstellung von der Ausbildung als Bürokaufmann...es sei immer schon klar gewesen, dass ich Autos zu überführen hätte, so bald ich den Führerschein habe". Mir war das aber nicht klar und es ist auch vertraglich nicht vereinbart in meinem Ausbildungsvertrag. Es ärgert mich schon irgendwie, wenn das "kleinte Licht" in der Firma (billige Arbeitskraft) solche Tätigkeiten übernehmen soll und dann auch noch angemeckert wird.... Herzliche Grüße und vielen Dank, Philipp
Philipp Völcker: 20.04.2017 08:49:29
RE: Tätigkeiten/Pflichten während der Ausbildung
Hallo Philipp,vielen Dank für die Anfrage an unser Dr. Azubi Forum. Wie du bereits selbst richtig schreibst, haben die Tätigkeiten in der Werkstatt sowie das überführen von Autos nichts mit deiner Ausbildung zutun. Auch wenn es ein kleiner Betrieb ist gibt es einfach Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Zu deiner Fragen, ob du nun abgemahnt oder gar gekündigt werden kannst. Da das Überführen von Autos nicht zu den ausbildungsrelevanten Tätigkeiten laut Ausbildungsrahmenplan gehört, kannst du deswegen nicht gekündigt werden. Denn nach der Probezeit kann das Berufsausbildungsverhältnis vom Ausbilder nur noch außerordentlich und fristlos gekündigt werden, wenn ein wichtiger Grund vorliegt (§22 Berufsbildungsgesetz). Ein wichtiger Grund liegt vor, wenn die Fortsetzung des Ausbildungsverhältnisses bis zum Ablauf der Ausbildungszeit für den Ausbilder unzumutbar geworden ist. Wichtige Gründe sind zum Beispiel: •	Wiederholtes Schwänzen der Berufsschule •	Häufiges Zu-Spät-Kommen in der Arbeit •	Eigenständiger Urlaubsantritt •	Mehrmaliges unentschuldigtes Fehlen in der Arbeit •	Trotz Aufforderung nicht geführte schriftliche Ausbildungsnachweise •	DiebstahlDu schreibst selbst, dass du aktuell einige Dinge in der Ausbildung tun musst, die eigentlich nicht zu deinem Ausbildungsberuf gehörten. Für jeden Beruf gibt es einen allgemeinen Ausbildungsrahmenplan, in dem genau steht, was du wann in deiner Ausbildung lernen sollst (Ausbildungsordnungen und Rahmenpläne findest du im Netz hier: http:/​/​www.bibb.de/​de/​berufesuche.php). Außerdem muss deinem Ausbildungsvertrag ein grober Ausbildungsplan angefügt werden, in dem der Verlauf deiner Ausbildung in deinem Betrieb aufgezeigt wird. Der Ausbilder darf dir nur Arbeiten auftragen, die dem Ausbildungszweck dienen (§14 Berufsbildungsgesetz). Leider passiert es relativ häufig, dass Auszubildende mit ausbildungsfremden Tätigkeiten beauftragt werden. Ausbildungsfremde Tätigkeiten (also Arbeiten, die nicht dem Ausbildungszweck dienen) sind z. B. regelmäßiges Putzen oder Botengänge. Alle diese Tätigkeiten sind verboten! Übrigens dienen auch unnötige Wiederholungen bereits gelernter Fähigkeiten – so genannte ausbildungsfremde Routinearbeiten – nicht dem Ausbildungszweck! Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach §102 Berufsbildungsgesetz mit einem Bußgeld geahndet werden!Wenn die ausbildungsfremden Tätigkeiten Überhand nehmen, solltest du dich wehren, denn dann ist das Erreichen deines Ausbildungsziels gefährdet. Hier sind ein paar Tipps für dich, was du unternehmen könntest:1. Sprich die Situation bei deinem Chef an. Wenn kein Ausbildungsplan erstellt wurde, solltest du verlangen, dass dies so schnell wie möglich nachgeholt wird. Nenne deinem Ausbilder konkrete Inhalte, die bis jetzt fehlen und die du laut Ausbildungsrahmenplan schon können müsstest. Gehe positiv in das Gespräch und sage gleich zu Anfang, dass es dir nicht darum geht zu kritisieren, sondern vielmehr darum, deinen Beruf richtig zu lernen. Schalte außerdem (falls vorhanden) den Betriebsrat ein.2. Wenn das Gespräch nichts bringt, solltest du den Ausbilder schriftlich auffordern. Hebe eine Kopie des Schreibens auf.Sehr geehrter Herr/Frau ____________,laut § 14 Berufsbildungsgesetz darf der Ausbildungsbetrieb den Azubi nur mit Arbeiten beauftragen, die dem Ausbildungszweck dienen. Als Ausbilder/Meister sind Sie verantwortlich dafür, dass die Berufsausbildung entsprechend des Ausbildungsrahmenplans durchgeführt wird. Ich muss allerdings häufig auf Ihre Weisung hin ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten. Einige Beispiele: (Hier müssen mit genauer Datums- und Zeitangeben die ausbildungsfremden Tätigkeiten aufgeführt werden) Ich fordere Sie hiermit noch einmal schriftlich auf, solche Weisungen zu unterlassen und mache Sie darauf aufmerksam, dass Ihnen ein Bußgeld droht und Sie schadensersatzpflichtig werden können, wenn Sie sich als Ausbilder nicht an Ihre gesetzlichen Pflichten halten.Mit freundlichen Grüßen Unterschrift Azubi ____________3. Wenn auch das nicht bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Hier ist ein Kontakt in deiner Nähe: ver.di Geschäftsstelle Ludwigshafen Kaiser-Wilhelm-Straße 7 67059 LudwigshafenTel.: 0621/59184-0 Fax: 0621/59184-20 E-Mail: bz.pfalz@verdi.deDa kannst du einfach anrufen, nach einem*r Jugendsekretär*in fragen und auch ruhig sagen, dass du von Dr. Azubi kommst....(Generell gilt: Als Gewerkschaftsmitglied hast du Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung und kostenlosen Rechtsbeistand. Daher solltest du dir überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, deiner Gewerkschaft beizutreten. Schließlich treten immer wieder Probleme im Arbeitsleben auf, wie du merkst leider sogar schon während der Ausbildung. Du kannst jederzeit Mitglied deiner Gewerkschaft werden. Die Mitgliedschaft kostet in der Regel 1% vom Bruttolohn pro Monat.)Außerdem könntest du dich an eine*n Ausbildungsberater*in der Kammer/Innung wenden und mit ihm ein persönliches Gespräch vereinbaren, denn die sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren.
Dr. Azubi: 21.04.2017 19:59:25
Nun noch zu den Arbeitszeiten und Überstunden: Auch für Azubis über 18 Jahre gibt es Beschränkungen bei der Arbeitszeit. Die tägliche Höchstarbeitszeit liegt bei acht Stunden (§3 Arbeitszeitgesetz). Sie kann zwar auf zehn Stunden täglich und 60 Stunden wöchentlich verlängert werden – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird. Für volljährige Azubis gibt es keine gesetzliche Regelung, welche die Fünf-Tage-Woche vorschreibt, der Samstag ist im Arbeitszeitgesetz ein ganz normaler Werktag. Volljährige dürfen in bestimmten Branchen auch am Sonntag und an Feiertagen beschäftigt werden, wenn die Arbeit nicht an anderen Tagen erledigt werden kann (§9,10 Arbeitszeitgesetz). Allerdings müssen mindestens 15 Sonntage im Jahr arbeitsfrei sein. Außerdem steht dir für die Beschäftigung an Sonntagen ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von zwei Wochen gewährt werden muss. Für die Beschäftigung an einem Feiertag, der auf einen Werktag fällt, steht dir ein Ersatzruhetag zu, der innerhalb von acht Wochen gewährt werden muss (§11 Arbeitszeitgesetz). Du darfst also nach dem Arbeitszeitgesetz an sechs Tagen pro Woche durchschnittlich 48 Stunden arbeiten. Trotzdem gilt für fast alle volljährigen Azubis ebenfalls die Fünf-Tage-Woche, weil sie in Tarifverträgen festgelegt ist. Und auch die Arbeitszeit ist oft in Tarifverträgen deutlich niedriger festgelegt. Bei deiner Gewerkschaft kannst du erfragen, ob es für deinen Ausbildungsberuf einen bindenden Tarifvertrag gibt.Auch bei Azubis über 18 Jahren muss die Arbeitszeit durch im Voraus feststehende Pausen unterbrochen werden. Arbeitspausen sind einerseits aus biologischen Gründen notwendig, andererseits dienen sie dazu, Überlastung und Unfallrisiken zu vermeiden. Die Pause muss bei einer Arbeitszeit von mehr als sechs Stunden mindestens 30 Minuten lang sein und bei einer Arbeitszeit von mehr als neun Stunden mindestens 45 Minuten. Du darfst nicht länger als sechs Stunden ohne Ruhepause beschäftigt werden (§4 Arbeitszeitgesetz). Falls dein Betrieb sich nicht an das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen. Das mag sich jetzt für viele Azubis seltsam anhören aber: Überstunden musst du als Azubi – im Gegensatz zu normalen Mitarbeitern - nur freiwillig machen. Warum? Du machst keine Ausbildung, um zu arbeiten, sondern um zu lernen, und die normale vereinbarte Arbeitszeit reicht aus, um die Lerninhalte zu vermitteln. Daraus ergibt sich auch folgender Grundsatz: Auch die Überstunden müssen immer dem Zweck der Ausbildung dienen, das heißt dein Ausbilder oder eine ausbildungsbeauftragte Person müssen anwesend sein, wenn du Überstunden leistest! Wenn du Überstunden freiwillig machst gilt: Volljährige dürfen durchschnittlich nicht mehr als 48 Stunden und zeitweise maximal 60 Stunden arbeiten – aber nur wenn innerhalb von sechs Monaten im Schnitt nicht mehr als acht Stunden gearbeitet wird (§3 Arbeitszeitgesetz)! Achtung: Wenn du nach der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeit noch im Betrieb bist und es kommt zu einem Arbeitsunfall, kannst du Probleme bekommen, weil die Unfallversicherung der Berufsgenossenschaft unter Umständen nicht zahlt. Falls dein Betrieb sich nicht an das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Arbeitszeitgesetz hält, kannst du ihn bei der Gewerbeaufsicht anzeigen. Du willst keine Überstunden mehr machen?Dann solltest du 1. Nach der Probezeit zunächst um ein Gespräch mit deinem Ausbilder bitten. Nimm, falls möglich, ein Betriebsrat-Mitglied mit. Sage im Gespräch, dass du nicht bereit bist, weiter so viele Überstunden zu leisten, und berufe dich auf die festgelegte Ausbildungszeit.2. Eine schriftliche Aufforderung schreiben. Hebe die Kopie des Schreibens auf: Musterbrief: Adresse Azubi Adresse BetriebOrt/Datum Hinweis auf die vertraglich festgelegte AusbildungszeitSehr geehrte/r Frau/Herr …...........,Laut Ausbildungsvertrag beträgt meine tägliche Arbeitszeit …. Stunden. Die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit reicht aus, um die Ausbildungsinhalte zu vermitteln. Trotzdem muss ich regelmäßig Überstunden leisten.Einige Beispiele: Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …... Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …... Datum …..... Arbeitszeit von …... bis ….... Überstunden …...Die Überstunden dienen oft nicht dem Ausbildungszweck. Während der Überstunden ist häufig kein Ausbilder anwesend. Diese Arbeitszeiten verstoßen zudem gegen das ArbZG.Ich fordere Sie hiermit schriftlich auf, sich an die vertraglich festgelegte Arbeitszeit zu halten und Überstunden zukünftig nur noch in betrieblichen Notfällen anzuweisen.Mit freundlichen Grüßen, Unterschrift Azubi …...................3. Falls die Überstunden unbezahlt sind, solltest du sie möglichst bald schriftlich geltend machen. Wenn der Betrieb merkt, dass deine Arbeit nicht gratis ist, überlegt er es sich vielleicht anders.4. Falls das alles nicht hilft kannst du den Rechtsweg einschlagen. Dazu wende dich an deine Gewerkschaft, der Rechtsschutz den du dort hast, reicht für die arbeitsrechtlichen Streitfälle aus.Ich hoffe nun, dass ich dir etwas mit diesen Informationen weiterhelfen konnte. Ich empfehle dir, dich auf jeden Fall an deine Gewerkschaft vor Ort zu wenden. Die Kolleg*innen kennen sich im Arbeitsrecht sehr gut aus und können dich bestimmt gezielt unterstützen und beraten wie du dein Recht im Betrieb einfordern kannst. Alles, alles Gute dafür! ☺ Dies war ein Service deiner Gewerkschaft!Liebe GrüßeDr. AzubiP.S.: Wir hoffen, dir gefällt unser Angebot. Deine Meinung zählt! Du kannst uns in 60 Sekunden anonym einschätzen und uns damit helfen (noch) besser zu werden.: https:/​/​jugend.dgb.de/​ausbildung/​beratung/​dr-azubi/​umfrage-dr-azubi
Dr. Azubi: 21.04.2017 19:59:55
Macht bei der Dr. Azubi-Umfrage mit: Eure Meinung zählt! Footer