Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F31-08-2012-8C_322-2012
Timestamp: 2016-10-28 10:31:14
Document Index: 358602071

Matched Legal Cases: ['Art. 110', 'Art. 57', 'Art. 10', 'Art. 16', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 21', 'BGE', 'Art. 53', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 66']

8C_322/2012 (31.08.2012)
8C_322/2012
Versicherungs-Gesellschaft AG, Avenue de Cour 41, 1007 Lausanne, vertreten durch
Rechtsanwalt Dr. Felix Hunziker-Blum,
Unfallversicherung (Arbeitsunf�higkeit; Kausalzusammenhang),
vom 8. M�rz 2012.
Die bei der Firma C.________ AG als Sekret�rin angestellte G.________ (Jhrg. 1970) wurde am 29. April 1998 in einen Verkehrsunfall (Heckauffahrkollision in stockendem Kolonnenverkehr) verwickelt. In der Notfallstation des Spitals Y.________ wurden gleichentags ein Akzelerationstrauma der HWS (Halswirbels�ule) mit eingeschr�nkter Beweglichkeit und Hartspann der paracervicalen Muskulatur diagnostiziert, ohne radiologisch nachweisbare Verletzungen (Bericht vom 29. April 1998). Die Vaudoise Allgemeine Versicherungs-Gesellschaft AG, Lausanne (im Folgenden: Vaudoise), erbrachte die gesetzlichen Leistungen aus der obligatorischen Unfallversicherung (Heilbehandlung; Taggeld). Mit rechtskr�ftig gewordenem Urteil vom 13. Oktober 2004 verpflichtete das Sozialversicherungsgericht des Kantons Z�rich die Vaudoise, das Taggeld �ber den 1. August 2002 hinaus bis zum Abschluss des Abkl�rungsverfahrens auszurichten, vorbeh�ltlich einer R�ckforderung oder Verrechnung mit allf�lligen Rentenleistungen (Dispositiv-Ziffer 1 in Verbindung mit E. 4.2 f.).
Laut Gutachten der Medizinischen Abkl�rungsstelle (MEDAS) vom 27. Juli 2005 ergab die Konsensbesprechung der rheumatologischen, neurologischen und psychiatrischen Sachverst�ndigen insgesamt eine Einschr�nkung der Arbeitsf�higkeit von 50 %, die mittels der angezeigten und zumutbaren Aufnahme einer regelm�ssigen Psychotherapie mittelfristig gesteigert werden k�nnte. Die Vaudoise liess die Versicherte im Zeitraum vom 28. Januar bis 20. August 2008 von der Firma W.________ �berwachen und stellte die Videoaufnahmen und Protokolle zusammen mit dem Bericht vom 11. September 2008 der MEDAS zur erneuten medizinischen Begutachtung zu. Gem�ss deren Expertise vom 10. Juni 2009 (mit Erg�nzungen des psychiatrischen Sachverst�ndigen vom 21. September 2009 und des rheumatologischen vom 5. Oktober 2009) war seit Fr�hjahr 2005 eine deutliche Verbesserung des Gesundheitszustandes eingetreten; f�r eine den psychischen und mentalen Handicaps optimal Rechnung tragende T�tigkeit war von einer Leistungsf�higkeit von 90 % bei vollzeitlicher Pr�senz auszugehen.
Mit Verf�gung vom 23. November 2009 stellte die Vaudoise die bislang ausgerichteten Leistungen r�ckwirkend auf den 31. Dezember 2008 mangels nat�rlichem Kausalzusammenhang des Unfalls mit den geltend gemachten gesundheitlichen Beeintr�chtigungen (unter Verzicht auf eine R�ckforderung der danach erbrachten Leistungen) ein. Daran hielt sie auf Einsprache hin fest (Einspracheentscheid vom 16. August 2010).
Die hiegegen eingereichte Beschwerde wies das Sozialversicherungsgericht des Kantons Z�rich, nach Durchf�hrung einer �ffentlichen Verhandlung, ab (Entscheid vom 8. M�rz 2012).
Mit Beschwerde l�sst G.________ die Rechtsbegehren stellen, der vorinstanzliche Entscheid sei aufzuheben; es seien ihr die gesetzlichen Leistungen gem�ss UVG weiterhin zu gew�hren, insbesondere Heilbehandlung und Taggeld ab 1. April 2009; das Observationsmaterial und das gest�tzt darauf erstellte MEDAS-Gutachten von 2009 seien aus den Akten zu weisen.
Die Vaudoise l�sst beantragen, die Beschwerde sei abzuweisen. Das Bundesamt f�r Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung. Mit weiteren Eingaben lassen G.________ und die Vaudoise an ihren Antr�gen festhalten.
Die Beschwerdef�hrerin r�gt zun�chst in formeller Hinsicht, das kantonale Gericht habe in Verletzung des Anspruchs aufs rechtliche Geh�r das kantonale Beschwerdeverfahren auf Fragen ausgedehnt, die ausserhalb des Anfechtungs- und Streitgegenstands bildenden Einspracheentscheids vom 16. August 2010 gelegen h�tten. Sie verkennt, dass die Vaudoise das Bestehen eines nat�rlichen Kausalzusammenhangs des Unfalls vom 29. April 1998 mit den geltend gemachten gesundheitlichen Beeintr�chtigungen �ber den 31. Dezember 2008 hinaus verneinte, weshalb sich Ausf�hrungen zur Ad�quanz und zu den Voraussetzungen der einzelnen Leistungsanspr�che aus UVG er�brigten. Die Beschwerdef�hrerin beantragte im kantonalen Verfahren beschwerde- und replikweise, ihr seien die vor�bergehenden Leistungen weiterhin auszurichten sowie eine Rente zuzusprechen. Das kantonale Gericht, das gem�ss Art. 110 BGG (in Verbindung mit Art. 57 ATSG) den Sachverhalt frei zu pr�fen und das massgebende Recht von Amtes wegen anzuwenden hat, sch�tzte den Einspracheentscheid vom 16. August 2010 hierauf mit anderer Begr�ndung. Die R�ge ist offensichtlich unbegr�ndet.
Streitig und zu pr�fen ist, ob die Beschwerdef�hrerin aus dem Unfall vom 29. April 1998 �ber den 31. Dezember 2008 hinaus Anspruch auf Heilbehandlung (Art. 10 UVG) und Taggeld (Art. 16 f. UVG) hat, der u.a. voraussetzt, ob von einer Fortsetzung der �rztlichen Behandlung noch eine namhafte Besserung des - unfallbedingt beeintr�chtigten - Gesundheitszustandes erwartet werden kann.
3.1 Entgegen der Auffassung der Beschwerdef�hrerin ist das kantonale Gericht nicht davon ausgegangen, der weitere Anspruch auf Heilbehandlung und Taggeld und damit der Zeitpunkt des Fallabschlusses k�nne danach beurteilt werden, ob die fortbestehenden gesundheitlichen Beeintr�chtigungen mit zumutbarer Willensanstrengung �berwindbar seien. Vielmehr hat es zutreffend auf BGE 137 V 199 E. 2.2 S. 202 ff. hingewiesen, wonach die �berwindbarkeitspraxis gem�ss BGE 130 V 352 trotz BGE 136 V 279 bei HWS-Distorsionstraumen (Schleudertraumen) ohne organisch ausgewiesene Funktionsausf�lle auf die Beurteilung dieser Frage nicht anwendbar ist. Weiter hat es erwogen, dass der Einwand der Versicherten, das Observierungsmaterial sei rechtswidrig beschafft worden und sei daher, wie auch das gest�tzt darauf zustande gekommene Gutachten der MEDAS vom 10. Juni 2009, beweisrechtlich nicht verwertbar, offen gelassen werden konnte. Bereits gem�ss deren Expertise vom 27. Juli 2005 war aus somatischer Sicht keine medizinische Behandlung mehr indiziert; die angezeigte und zumutbare Aufnahme einer Psychotherapie sollte in wesentlichen Teilen die berufliche Wiedereingliederung begleiten und mittelfristig zu einer Steigerung der attestierten 50%igen Arbeitsf�higkeit f�hren. Die Versicherte nahm in der Folge die empfohlene Psychotherapie nicht auf und gab zur Begr�ndung laut Befragungsprotokoll vom 18. Juni 2008 an, dieser skeptisch gegen�ber zu stehen. Daher konnte ohne Weiteres davon ausgegangen werden, dass sp�testens Ende 2008 von zus�tzlichen medizinischen Massnahmen keine namhafte Besserung des Gesundheitszustands mehr zu erwarten gewesen war.
3.2.1 Auf das Vorbringen der Beschwerdef�hrerin, die Vaudoise h�tte das Mahn- und Bedenkzeitverfahren durchf�hren m�ssen (vgl. Art. 21 Abs. 4 ATSG; BGE 134 V 189), ist nicht n�her einzugehen, wie sich aus dem Folgenden ergibt. Selbst wenn von der geltend gemachten rechtswidrigen Beschaffung des Observationsmaterials ausgegangen w�rde, verliert das im Einvernehmen mit der Versicherten eingeholte Gutachten der MEDAS vom 10. Juni 2009 nicht jeglichen Beweiswert, wie die Vaudoise zu Recht geltend macht. Die fach�rztlichen Sachverst�ndigen legten dar, dass mit den seit dem Unfall vom 29. April 1998 dokumentierten, als auch mit den aktuellen radiologischen Abkl�rungen praktisch s�mtlicher schmerzhafter K�rperregionen kein relevanter pathologischer Befund am Bewegungsapparat festgestellt werden konnte. Der anl�sslich der gutachterlichen Exploration im Jahre 2005 palpierte myofasziale Reizzustand im Bereich der Nacken-/Schulterpartie war inzwischen vollst�ndig abgeheilt. Lag somit f�r das "rein subjektive" zervikozephale, -brachiale und -thorakale sowie lumbale Schmerzsyndrom kein entsprechendes Korrelat vor, war die deutlich eingeschr�nkte Beweglichkeit der HWS und der LWS (Lendenwirbels�ule) rheumatologisch nicht zu erkl�ren; es konnten aus dieser Fachrichtung nach wie vor keine Therapien empfohlen und aktuell auch keine Arbeitsunf�higkeit begr�ndet werden. Die laut Vorgutachten durch den Unfall manifest gewordene konversionsneurotische dissoziative St�rung (ICD-10 F44.4) und die psychogenen Schwindelbeschwerden hatten sich seither spontan deutlich gebessert; aktuell war f�r den zuletzt ausge�bten Beruf als Sekret�rin im Fachhandel der Firma C.________ AG von einer um 20 %, f�r eine geringere Anforderungen (an die Konstanz der Leistungserbringung, die Ausdauer und Konzentrationsf�higkeit) stellende Verweisungst�tigkeit von einer um 10 % eingeschr�nkten Leistungsf�higkeit bei vollzeitlicher Pr�senz auszugehen. Mittels einer nach wie vor indizierten, schwergewichtig auf den Umgang mit Schmerzen und auf ein Coaching ausgerichteten Psychotherapie sollte die Arbeitsf�higkeit in "gewissem Ausmass weiter verbessert werden" k�nnen. Insgesamt ergibt sich auch aus diesen Ausf�hrungen, dass von der Fortsetzung einer gezielt auf die geltend gemachten gesundheitlichen Beeintr�chtigungen gerichteten, medizinischen Behandlung nicht mit einer wesentlichen Verbesserung zu rechnen war. Vielmehr dienten die Therapieempfehlungen, wie explizit festgehalten wurde, im Wesentlichen der Rehabilitation der psycho-physisch deutlich dekonditionierten Versicherten. Schliesslich ergibt sich aus dem Gutachten der MEDAS vom 10. Juni 2009 schl�ssig, dass der Zeitpunkt der festgestellten deutlichen Verbesserung des Gesundheitszustands sp�testens auf Ende 2008 anzunehmen war.
3.2.2 Was die Beschwerdef�hrerin weiter vorbringt, ist nicht stichhaltig. Die MEDAS-Experten er�rterten, dass die im Vorgutachten angegebenen Einschr�nkungen auf rheumatologischen und nicht auf neurologischen Defiziten beruhten und daher von einer erneuten Untersuchung und Beurteilung durch einen �rztlichen Sachverst�ndigen dieser Fachrichtung abzusehen war. Allf�llig fortbestehende Einschr�nkungen der Aufmerksamkeitsfunktionen liessen sich in Abh�ngigkeit vom situativen Schmerz- und M�digkeitsniveau erkl�ren und flossen in die psychiatrische Einsch�tzung der Arbeitsf�higkeit ein, weshalb auch die neuropsychologischen Testungen nicht wiederholt werden mussten. Im �brigen ist nicht einzusehen, welche neuen Erkenntnisse davon hinsichtlich der zur Diskussion stehenden Frage zu gewinnen w�ren, zumal bereits im Gutachten vom 27. Juli 2005 die Indikation f�r ein eigentliches neuropsychologisches Funktionstraining verneint wurde.
3.3 Nach dem Gesagten zielt der Einwand der Beschwerdef�hrerin, es m�ssten die Voraussetzungen der prozessualen Revision gem�ss Art. 53 Abs. 1 ATSG (Entdeckung neuer Tatsachen und Beweismittel) gepr�ft werden, offensichtlich ins Leere. Das von den Parteien im gegenseitigen Einverst�ndnis eingeholte Gutachten der MEDAS vom 10. Juni 2009 belegt eine deutliche Verbesserung des Gesundheitszustands sp�testens auf Ende 2008. Nach st�ndiger Rechtsprechung k�nnen Heilbehandlung und Taggeld jederzeit und ohne Bindung an eine zeitliche Dauer an neue Verh�ltnisse angepasst werden (BGE 133 V 57 E. 6.6 f. S. 65 ff.). Unter diesen Umst�nden geht auch die Berufung auf den Vertrauensgrundsatz fehlt (vgl. BGE 133 V a.a.O. E. 6.8 S. 65). Schliesslich l�sst sich aus dem von der Beschwerdef�hrerin zitierten Urteil U 411/04 vom 2. Februar 2005 E. 2.3, wonach der Unfallversicherer die Taggeldleistungen nicht mitten im Abkl�rungsverfahren einstellen durfte, nichts zu ihren Gunsten herleiten. Dieser Fall betraf nicht die Frage, ob von der Fortsetzung der �rztlichen Behandlung eine namhafte Besserung des Gesundheitszustands zu erwarten war.
4.1 Das kantonale Gericht hat den ad�quaten Kausalzusammenhang des Unfalls vom 29. April 1998 mit den �ber den 31. Dezember 2008 hinaus geltend gemachten gesundheitlichen Beeintr�chtigungen nach den Regeln der zutreffend zitierten Schleudertraumapraxis (BGE 134 V 109 E. 10 S. 126 ff.) gepr�ft und verneint. Es ging, wenn auch unausgesprochen, zutreffend davon aus, dass der Verkehrsunfall vom 29. April 1998 (Heckauffahrkollision in stockendem Kolonnenverkehr) allenfalls als mittelschweres, im Grenzbereich zu den leichten Unf�llen liegendes Ereignis zu qualifizieren ist (vgl. zur Praxis SVR 2010 UV Nr. 10 S. 40, 8C_626/2009 E. 4.2.2 mit Hinweis), weshalb mindestens vier unfallbezogene Kriterien vorliegen m�ssten, damit der ad�quate Kausalzusammenhang bejaht werden k�nnte (vgl. dazu SVR 2010 UV Nr. 25 S. 100, 8C_897/2009 E. 4.5 mit Hinweis). Die Vorbringen der Beschwerdef�hrerin ersch�pfen sich darin, auf die �rztlich verordneten Analgetika, die durchgef�hrten medizinischen Abkl�rungen sowie den Umstand, dass die Vaudoise w�hrend fast elf Jahren Taggeldleistungen erbrachte, hinzuweisen. Damit l�sst sich offensichtlich keines der unfallbezogenen Ad�quanzkriterien in gen�gender Auspr�gung begr�nden. Selbst wenn insoweit von einer erheblichen Arbeitsunf�higkeit ausgegangen w�rde, als die Versicherte die kaufm�nnische Lehre kurz vor Abschluss abbrechen und daher das angestrebte Ziel, bei der C.________ AG (nach einer Zusatzausbildung) als Marketingplanerin arbeiten zu k�nnen (vgl. Berichte vom 7. Dezember 1998 und 17. August 1999), nicht zu erreichen vermochte, sind ausweislich der Akten jedenfalls seit dem Treppensturz vom 22. M�rz 2000, der laut Gutachten der MEDAS vom 27. Juli 2005 keine bleibenden gesundheitlichen Folgen hatte, keine aktiven Bem�hungen, sich in den Arbeitsprozess wieder einzugliedern, ersichtlich. Nach dem station�ren Aufenthalt in der Klinik R.________ vom 26. Juli bis 22. August 2000 setzte die Versicherte, trotz �rztlicher Empfehlung, keine nennenswerten Therapien (mit Ausnahme der geltend gemachten pharmakologischen) fort. Dabei blieb es auch gem�ss zutreffenden Erw�gungen des kantonalen Gerichts nach Erstattung des Gutachtens der MEDAS vom 27. Juli 2005 trotz zumutbarer Teilarbeitsf�higkeit mit Steigerungspotential und indizierter Psychotherapie. Den zutreffenden vorinstanzlichen Erw�gungen, auf die verwiesen wird, ist nichts beizuf�gen.
4.2 Ist demnach die Ad�quanz nicht gegeben, hat das kantonale Gericht zu Recht die Frage, ob im Sinne des Einspracheentscheids vom 16. August 2010 der nat�rliche Kausalzusammenhang zu verneinen w�re, nicht gepr�ft (vgl. BGE 135 V 465 E. 5.1 S. 472 mit Hinweisen).
Der Beschwerdef�hrerin sind als unterliegender Partei die Gerichtskosten aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Sozialversicherungsgericht des Kantons Z�rich, IV. Kammer, und dem Bundesamt f�r Gesundheit schriftlich mitgeteilt.