Source: http://m.hensche.de/Kuendigungsschutzklage_Kuendigungsschutzprozess_Kuendigungsschutzklage_ohne_Kuendigungsschutzprozess_LAG_Baden-Wuerttemberg_4Sa93-12.html
Timestamp: 2017-02-25 16:32:33
Document Index: 16140272

Matched Legal Cases: ['§ 253', '§ 130', '§ 295', '§ 4', '§ 7', '§ 4', '§ 7', '§ 167']

HENSCHE Arbeitsrecht: Kündigungsschutzklage ohne Kündigungsschutzprozess
Kün­di­gungs­schutz­kla­ge oh­ne Kün­di­gungs­schutz­pro­zess
Ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge wird nicht rechts­hän­gig, wenn die für den Ar­beit­ge­ber be­stimm­te Ab­schrift der Kla­ge­schrift nicht kor­rekt be­glau­bigt ist: Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg Ur­teil vom 20.02.2013, 4 Sa 93/12
24.04.2013. Wer als Ar­beit­neh­mer ei­ne Kün­di­gung er­hal­ten hat, kann de­ren Wirk­sam­keit mit ei­ner Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ge­richt­lich über­prü­fen las­sen. Wie je­de Kla­ge muss auch ei­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge von dem, der sie bei Ge­richt ein­reicht, ei­gen­hän­dig un­ter­schrie­ben wer­den.
Ei­ne nicht un­ter­schrie­be­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ist un­zu­läs­sig, und dann hat der Klä­ger ein Pro­blem. Da­her ge­ben sich An­wäl­te (je­den­falls meis­tens) viel Mü­he bei ih­rer Un­ter­schrift, die sie un­ter ih­re Kla­ge­schrif­ten set­zen.
Das soll­ten sie aber auch tun, wenn sie die Ab­schrift der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge be­glau­bi­gen, die für den Ar­beit­ge­ber be­stimmt ist. Denn wenn der Be­glau­bi­gungs­ver­merk auf der die­ser Ab­schrift fehlt, kann die Kla­ge nicht zu­ge­stellt wer­den. Über ei­nen sol­chen Fall hat­te vor kur­zem das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg zu ent­schei­den: LAG Ba­den-Würt­tem­berg Ur­teil vom 20.02.2013, 4 Sa 93/12.
Wie pingelig müssen Kündigungsschutzklagen und Beglaubigungsvermerke auf den Klageabschriften unterschrieben werden?
Anwälte ha­ben oft we­nig Zeit. Aber wenn es dar­um geht, ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge ein­zu­rei­chen, soll­te man ein "slob­bie" sein, d.h. zu den slow but bet­ter working peop­le gehören. Denn so­viel Zeit muss im­mer sein, dass man als An­walt ei­ne or­dent­lich und vollständig ge­schrie­be­ne Un­ter­schrift un­ter die Kla­ge­schrift setzt. Und mit Un­ter­schrift ist der vol­le Na­mens­zug ge­meint, d.h. der vollständig aus­ge­schrie­be­ne Nach­na­me und nicht et­wa nur ein Hand­zei­chen ("Pa­ra­phe"). Rechts­an­walt Max Mus­ter­mann muss da­her sei­nen gan­zen "Mus­ter­mann" un­ter die Kla­ge­schrift schrei­ben und nicht nur ein Hand­zei­chen wie "M. M." oder "Mu." oder "Musm".
Denn ei­ne sol­che Un­ter­schrift gehört gemäß § 253 Abs. 4 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) in Verb. mit § 130 Nr.6 ZPO zu den we­sent­li­chen Er­for­der­nis­sen ei­ner Kla­ge­schrift. Und oh­ne Un­ter­schrift ist ei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge un­zulässig und da­her ab­zu­wei­sen (LAG Hamm, Ur­teil vom 17.11.2011, 8 Sa 781/11). Da­bei kann man sich als Kläger bzw. kla­gen­der An­walt zwar theo­re­tisch dar­auf be­ru­fen, dass ein sol­cher Man­gel gemäß § 295 Abs.1 ZPO "ge­heilt" wird, weil sich nämlich die Ge­gen­par­tei oh­ne Be­an­stan­dung die­ses - ihr be­kann­ten - Form­feh­lers zur Sa­che geäußert hat. Doch ei­ne sol­che "rüge­lo­se Ein­las­sung" kommt sel­ten vor. Denn dass das Ori­gi­nal der Kla­ge­schrift kei­ne kor­rek­te Un­ter­schrift enthält, kann der Be­klag­te nicht wis­sen, weil sich die Ori­gi­nal­kla­ge­schrift in der Ge­richts­ak­te be­fin­det. Und wenn das Ge­richt die Par­tei­en auf die feh­len­de Un­ter­schrift hin­weist, wird sich der be­klag­te Ar­beit­ge­ber auf die­sen Form­m­an­gel natürlich auch be­ru­fen. Denn wenn die Kla­ge ein­mal man­gels Un­ter­schrift als un­zulässig ab­ge­wie­sen wird, hat der be­klag­te Ar­beit­ge­ber den Streit um die Wirk­sam­keit der Kündi­gung endgültig ge­won­nen, weil ei­ne er­neu­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge we­gen der mitt­ler­wei­le lan­ge ab­ge­lau­fe­nen Drei­wo­chen­frist (§ 4 in Verb. mit § 7 Kündi­gungs­schutz­ge­setz - KSchG) ab­zu­wei­sen wäre.
Frag­lich ist, wel­che Fol­gen es hat, wenn nicht (oder nicht nur) das in der Ge­richt be­find­li­che Ori­gi­nal der Kla­ge­schrift kei­ne kor­rek­te Un­ter­schrift trägt, son­dern (auch) die Ab­schrift der Kla­ge, die dem Ar­beit­ge­ber vom Ge­richt zu­zu­stel­len ist. Die­se Ab­schrift muss be­glau­bigt sein, d.h. ei­nen ge­richt­li­chen oder vom kla­gen­den An­walt stam­men­den Ver­merk tra­gen, dem zu­fol­ge die Ab­schrift mit dem Ori­gi­nal der Kla­ge übe­rein­stimmt. Der Streitfall: Nicht nur die Kündigungsschutzklage ist mit einem Namenskürzel "unterschrieben", sondern auch die beglaubigte Abschrift
Im Streit­fall ging es um ei­ne or­dent­li­che be­triebs­be­ding­te Kündi­gung, die ein In­sol­venz­ver­wal­ter aus­ge­spro­chen hat­te und ge­gen die sich der gekündig­te Ar­beit­neh­mer mit Hil­fe ei­ner Rechts­anwältin in­ner­halb der Drei­wo­chen­frist ge­richt­lich zur Wehr setz­te, nämlich mit ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge.
Lei­der war die Kündi­gungs­schutz­kla­ge aber von der Anwältin nur mit den An­fangs­buch­sta­ben ih­res Vor- und Nach­na­mens „R. T.“ un­ter­zeich­net. Und auch die von der Anwältin bei­gefügte "be­glau­big­te Ab­schrift" der Kla­ge­schrift trug nur ei­nen auf­ge­stem­pel­ten Ver­merk „Be­glau­big­te Ab­schrift“, un­ter dem sich wie­der­um das Na­menskürzel „R. T.“ be­fand. In der ei­gent­li­chen Un­ter­schrifts­zei­le der Ab­schrift der Kla­ge­schrift be­fand sich kei­ne Un­ter­schrift. Die­se „be­glau­big­te Ab­schrift“ wur­de dem be­klag­ten In­sol­venz­ver­wal­ter vom Ar­beits­ge­richt Stutt­gart zu­ge­stellt. Später wies das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge als un­be­gründet ab, weil es der Mei­nung war, der Ver­wal­ter hätte zu­recht gekündigt. LAG Baden-Württemberg: Ohne korrekt unterschriebenen Beglaubigungsvermerk keine wirksame Klagezustellung In dem da­ge­gen vom Ar­beit­neh­mer an­ge­streng­ten Be­ru­fungs­ver­fah­ren vor dem LAG Ba­den-Würt­tem­berg wies das LAG dar­auf hin, dass die Kla­ge­schrift nicht ord­nungs­gemäß un­ter­schrie­ben war. Außer­dem kam her­aus, dass auch die "be­glau­big­te Ab­schrift" der Kla­ge in Wahr­heit kei­ne kor­rek­te be­glau­big­te Ab­schrift war.
Das LAG hob da­her das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart auf und ver­wies die Sa­che zum Zwe­cke ei­ner ord­nungs­gemäßen Kla­ge­zu­stel­lung und zur er­neu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ar­beits­ge­richt zurück. Denn ei­ne Kla­ge war nie ord­nungs­gemäß er­ho­ben wor­den, weil die dem Ver­wal­ter zu­ge­stell­te "be­glau­big­te Ab­schrift" der Kla­ge man­gels kor­rek­ter Un­ter­zeich­nung des Be­glau­bi­gungs­ver­merks gar kei­ne zu­stel­lungsfähi­ge Ab­schrift der Ori­gi­nal­kla­ge­schrift war. Da­her war die Kla­ge nie rechtshängig ge­wor­den und das Ar­beits­ge­richt hätte gar kein Ur­teil fällen dürfen.
Im vor­lie­gen­den Fall ist zu er­war­ten, dass das Ar­beits­ge­richt ei­ne Ko­pie der bei Ge­richts­ak­te be­find­li­chen Ori­gi­nal­kla­ge­schrift an­fer­tigt und die­se Ko­pie selbst mit ei­nem Be­glau­bi­gungs­ver­merk ver­sieht. Dann erhält der Be­klag­te knapp zwei Jah­re nach Aus­spruch der Kündi­gung erst­mals ei­ne kor­rekt be­glau­big­te Ab­schrift ei­ner Kla­ge­schrift, die ih­rer­seits nicht un­ter­schrie­ben ist, so dass die Kla­ge als un­zulässig ab­zu­wei­sen ist.
Fa­zit: Übli­cher­wei­se rei­chen Anwälte ne­ben der Kla­ge­schrift (Ori­gi­nal) ei­ne von ih­nen be­glau­big­te Ab­schrift (= Fo­to­ko­pie) der Kla­ge­schrift bei Ge­richt ein, da­mit das Ge­richt die be­glau­big­te Ab­schrift an den Be­klag­ten zu­stel­len kann. Dann muss die be­glau­big­te Ab­schrift bzw. der auf ihr an­ge­brach­te Be­glau­bi­gungs­ver­merk vom An­walt un­ter­schrie­ben sein. Auch hier genügt kei­ne Pa­ra­phe, wie das LAG Ba­den-Würt­tem­berg klar­ge­stellt hat. Wie wich­tig ein pin­ge­li­ger Be­glau­bi­gungs­ver­merk ist, wird klar, wenn man sich den Fall so vor­stellt, dass die Ori­gi­nal­kla­ge­schrift kor­rekt un­ter­schrie­ben wor­den wäre. Dann wäre nämlich die hier ver­stri­che­ne Zeit zwi­schen Ein­rei­chung und Zu­stel­lung der Kla­ge viel zu lang, um die Drei­wo­chen­frist noch als ge­wahrt an­se­hen zu können. Denn wenn durch die Zu­stel­lung ei­nes Schrift­sat­zes (z.B. ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge) ei­ne Frist ge­wahrt wer­den soll (z.B. die Drei­wo­chen­frist der § 4 und § 7 KSchG), wird die Frist gemäß § 167 ZPO nur dann mit Ein­rei­chung des Schrift­sat­zes bei Ge­richt ge­wahrt, wenn des­sen Zu­stel­lung "demnächst er­folgt". Da­von kann je­den­falls dann nicht mehr die Re­de sein, wenn zwi­schen Ein­rei­chung der Kündi­gungs­schutz­kla­ge und Zu­stel­lung ei­ner kor­rekt be­glau­big­ten Ab­schrift mehr als fünf oder sechs Mo­na­te lie­gen. Das trau­ri­ge Er­geb­nis sol­cher an­walt­li­chen Fehl­leis­tun­gen sind Kündi­gungs­schutz­kla­gen oh­ne Kündi­gungs­schutz­pro­zes­se, d.h. der An­walt reicht letzt­lich nutz­lo­se Pa­pie­re bei Ge­richt ein.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg Ur­teil vom 20.02.2013, 4 Sa 93/12
Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm, Ur­teil vom 17.11.2011, 8 Sa 781/11
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