Source: https://justillon.de/2017/10/strafrecht-klassiker-der-sirius-fall/
Timestamp: 2018-06-20 03:15:33
Document Index: 375428143

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 25', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

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Tötung in mittelbarer Täterschaft oder straflose Beihilfe zum Suizid?
von Jannina Schäffer 15. Oktober 2017
A überzeugte H später außerdem davon, sie könne den versprochenen Erfolg nur erzielen, wenn sie ihren alten Körper vollständig vernichten würde. Als A bemerkte, dass H von der Richtigkeit seiner Erklärungen noch immer völlig überzeugt war, fasste er den Plan, aus ihrem Vertrauen weiteren finanziellen Nutzen zu ziehen. H solle eine Lebensversicherung über 250.000 DM (bei einem Unfall 500.000 DM) abschließen und ihn als Bezugsberechtigten einsetzen. Sie solle sodann durch einen angeblichen Unfall aus dem Leben scheiden. Am Genfersee stünde für sie ein neuer Körper bereit, in dem sie sich als Künstlerin wiederfinden und das Geld zurückerhalten werde.
Auf Verlangen und nach den Anweisungen des Angeklagten versuchte die Frau, sich am 1. Januar 1980 in ihrer Wohnung das Leben zu nehmen. Dazu setze sie sich in die Badewanne und ließ einen Fön ins Wasser fallen. Der tödliche Stromstoß blieb jedoch aus.
Das Landgericht hatte den Angeklagten in erster Instanz wegen versuchten Mordes, Betrugs sowie wegen vorsätzlicher Körperverletzung in Tateinheit mit unbefugter Führung akademischer Grade und einem Vergehen gegen das Heilpraktikergesetz zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren verurteilt. Dagegen wehrte sich A mittels Revision. Diese hatte vor dem Bundesgerichtshof jedoch keinen Erfolg. Der BGH fällte sein Urteil im Sirius-Fall am 5. Juli 1983 und ging damit in die Rechtsgeschichte ein:
Kernfrage des Falls ist, ob lediglich eine Anstiftung bzw. Beihilfe zum (versuchten) Suizid vorliegt, was nach deutschem Recht nicht strafbar ist. Oder, ob A versucht hat, einen Mord durch einen anderen (in diesem Fall das Opfer selbst) begehen zu lassen. Dies würde ihn zum mittelbaren Täter (§ 25 Abs. 1, 2. Alt. StGB) machen. Im letzten Fall würde die Strafe wesentlich höher ausfallen.
Der BGH urteilte, dass A in H einen Irrtum über den Nichteintritt ihres eignen Todes hervorrief, da er sie davon überzeugte, in einem anderen Körper weiterzuleben. Mit Hilfe dieses Irrtums löste er bewusst und gewollt das Geschehen aus, das zu ihrem Tod führen sollte. Der BGH ging deswegen in seinem Urteil davon aus, dass A kraft überlegenen Wissens handelte. Er habe H zu einem Tötungswerkzeug gegen sich selbst gemacht. Entscheidend sei, dass H alles glaubte, was A ihr erzählte. Mithin hatte der Angeklagte zur Zeit der Tat also die volle Macht über die Frau. A hat sich deswegen auch laut BGH wegen versuchten Mordes strafbar gemacht.
BGH, Urteil vom 5. Juli 1983, Az. 1 StR 168/83, BGHSt 32, 38.
1 StR 168/83, Klassiker, mittelbare Täterschaft, Mord, Planet Sirius, Sirius, Sirius-Fall, strafloser Suizid, Strafrecht, Suizid, versuchter Mord, Wiederauferstehung