Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Altersdiskriminierung_Entschaedigung_Frist_EuGH_C246-09.html
Timestamp: 2017-10-24 09:29:27
Document Index: 177853800

Matched Legal Cases: ['Art. 9', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 234', 'Art. 8', 'Art. 1', 'Art. 8', 'Art. 9', '§ 1', '§ 15', '§ 7', '§ 195', '§ 611', '§ 61', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 195', '§ 15', '§ 15', '§ 611', 'Art. 8', '§ 15', 'Art. 8', 'Art. 9', '§ 611', '§ 611', '§ 15', '§ 61', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 61', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', 'Art. 9', 'Art. 8', 'Art. 1', '§ 611', 'Art. 8', 'Art. 8']

HENSCHE Arbeitsrecht: C-246/09
Schlag­worte: Altersdiskriminierung, Entschädigung, Frist
Akten­zeichen: C-246/09
Ent­scheid­ungs­datum: 08.07.2010
1. Das Primärrecht der Uni­on und Art. 9 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Ver­fah­rens­vor­schrift nicht ent­ge­gen­ste­hen, wo­nach der­je­ni­ge, der bei der Ein­stel­lung we­gen des Al­ters dis­kri­mi­niert wor­den ist, sei­ne Ansprüche auf Er­satz des Vermögens- und Nicht­vermögens­scha­dens ge­genüber dem­je­ni­gen, von dem die­se Dis­kri­mi­nie­rung aus­geht, in­ner­halb von zwei Mo­na­ten gel­tend ma­chen muss, so­fern
- zum ei­nen die­se Frist nicht we­ni­ger güns­tig ist als die für ver­gleich­ba­re in­ner­staat­li­che Rechts­be­hel­fe im Be­reich des Ar­beits­rechts,
- zum an­de­ren die Fest­le­gung des Zeit­punkts, mit dem der Lauf die­ser Frist be­ginnt, die Ausübung der von der Richt­li­nie ver­lie­he­nen Rech­te nicht unmöglich macht oder übermäßig er­schwert.
Es ist Sa­che des na­tio­na­len Ge­richts, zu prüfen, ob die­se bei­den Be­din­gun­gen erfüllt sind.
2. Art. 8 der Richt­li­nie 2000/78 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner zur Um­set­zung die­ser Richt­li­nie er­las­se­nen na­tio­na­len Ver­fah­rens­vor­schrift nicht ent­ge­gen­steht, in de­ren Fol­ge ei­ne frühe­re Re­ge­lung geändert wor­den ist, die ei­ne Frist für die Gel­tend­ma­chung ei­nes Entschädi­gungs­an­spruchs bei ge­schlechts­be­zo­ge­ner Dis­kri­mi­nie­rung vor­sah.
Vor­ins­tan­zen: Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 3.06.2009, 5 Sa 3/09
8. Ju­li 2010(*)
„Richt­li­nie 2000/78/EG – Art. 8 und 9 – Na­tio­na­les Ver­fah­ren zur Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen aus der Richt­li­nie – Frist für die Gel­tend­ma­chung – Grundsätze der Äqui­va­lenz und der Ef­fek­ti­vität – Grund­satz der Nicht­ab­sen­kung des vor­he­ri­gen Schutz­ni­veaus“
In der Rechts­sa­che C‑246/09
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 3. Ju­ni 2009, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 6. Ju­li 2009, in dem Ver­fah­ren
Su­san­ne Buli­cke
Deut­sche Büro Ser­vice GmbH
un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, der Rich­te­rin P. Lindh (Be­richt­er­stat­te­rin) so­wie der Rich­ter A. Ro­sas, A. Ó Cao­imh und A. Ara­b­ad­jiev,
– von Frau Buli­cke, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt K. Ber­tels­mann,
– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und N. Graf Vitzt­hum als Be­vollmäch­tig­te,
– der iri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch D. O’Ha­gan als Be­vollmäch­tig­ten im Bei­stand von N. J. Tra­vers, Bar­ris­ter,
– der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch J. En­e­gren und B. Con­te als Be­vollmäch­tig­te,
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 8 und 9 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16, im Fol­gen­den: Richt­li­nie).
Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Buli­cke und der Deut­sche Büro Ser­vice GmbH (im Fol­gen­den: Deut­sche Büro Ser­vice) über ei­nen von Frau Buli­cke gel­tend ge­mach­ten An­spruch auf Entschädi­gung we­gen ei­ner auf ih­rem Al­ter be­ru­hen­den Dis­kri­mi­nie­rung bei der Ein­stel­lung.
Die Richt­li­nie be­zweckt nach ih­rem Art. 1 die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.
Die Erwägungs­gründe 28 bis 30 der Richt­li­nie ha­ben fol­gen­den Wort­laut:
„(28) In die­ser Richt­li­nie wer­den Min­dest­an­for­de­run­gen fest­ge­legt; es steht den Mit­glied­staa­ten so­mit frei, güns­ti­ge­re Vor­schrif­ten ein­zuführen oder bei­zu­be­hal­ten. Die Um­set­zung die­ser Richt­li­nie darf nicht ei­ne Ab­sen­kung des in den Mit­glied­staa­ten be­reits be­ste­hen­den Schutz­ni­veaus recht­fer­ti­gen.
(29) Op­fer von Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung soll­ten über ei­nen an­ge­mes­se­nen Rechts­schutz verfügen. …
(30) Die ef­fek­ti­ve An­wen­dung des Gleich­heits­grund­sat­zes er­for­dert ei­nen an­ge­mes­se­nen Schutz vor Vik­ti­mi­sie­rung.“
Art. 8 der Richt­li­nie lau­tet:
„(1) Die Mit­glied­staa­ten können Vor­schrif­ten einführen oder bei­be­hal­ten, die im Hin­blick auf die Wah­rung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes güns­ti­ger als die in die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Vor­schrif­ten sind.
Art. 9 der Richt­li­nie be­stimmt:
„(1) Die Mit­glied­staa­ten stel­len si­cher, dass al­le Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes in ih­ren Rech­ten für ver­letzt hal­ten, ih­re Ansprüche aus die­ser Richt­li­nie auf dem Ge­richts- und/oder Ver­wal­tungs­weg so­wie, wenn die Mit­glied­staa­ten es für an­ge­zeigt hal­ten, in Sch­lich­tungs­ver­fah­ren gel­tend ma­chen können, selbst wenn das Verhält­nis, während des­sen die Dis­kri­mi­nie­rung vor­ge­kom­men sein soll, be­reits be­en­det ist.
(3) Die Absätze 1 und 2 las­sen ein­zel­staat­li­che Re­ge­lun­gen über Fris­ten für die Rechts­ver­fol­gung be­tref­fend den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz un­berührt.“
Die Richt­li­nie wur­de mit dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG) um­ge­setzt.
Der mit „Ziel des Ge­set­zes“ über­schrie­be­ne § 1 AGG lau­tet:
§ 15 AGG („Entschädi­gung und Scha­dens­er­satz“) lau­tet:
(4) Ein An­spruch nach Ab­satz 1 oder 2 muss in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den, es sei denn, die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben et­was an­de­res ver­ein­bart. Die Frist be­ginnt im Fal­le ei­ner Be­wer­bung oder ei­nes be­ruf­li­chen Auf­stiegs mit dem Zu­gang der Ab­leh­nung und in den sons­ti­gen Fällen ei­ner Be­nach­tei­li­gung zu dem Zeit­punkt, in dem der oder die Beschäftig­te von der Be­nach­tei­li­gung Kennt­nis er­langt.
(5) Im Übri­gen blei­ben Ansprüche ge­gen den Ar­beit­ge­ber, die sich aus an­de­ren Rechts­vor­schrif­ten er­ge­ben, un­berührt.
(6) Ein Ver­s­toß des Ar­beit­ge­bers ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 be­gründet kei­nen An­spruch auf Be­gründung ei­nes Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses, Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­ses oder ei­nen be­ruf­li­chen Auf­stieg, es sei denn, ein sol­cher er­gibt sich aus ei­nem an­de­ren Rechts­grund.“
Das Bürger­li­che Ge­setz­buch
10. Nach § 195 des deut­schen Bürger­li­chen Ge­setz­buchs (im Fol­gen­den: BGB) beträgt die re­gelmäßige Verjährungs­frist drei Jah­re.
11. § 611a BGB in sei­ner bis 17. Au­gust 2006, dem Da­tum des In­kraft­tre­tens des AGG, gel­ten­den Fas­sung be­stimm­te:
„(1) Der Ar­beit­ge­ber darf ei­nen Ar­beit­neh­mer bei ei­ner Ver­ein­ba­rung oder ei­ner Maßnah­me, ins­be­son­de­re bei der Be­gründung des Ar­beits­verhält­nis­ses … nicht we­gen sei­nes Ge­schlechts be­nach­tei­li­gen. …
(2) Verstößt der Ar­beit­ge­ber ge­gen das in Ab­satz 1 ge­re­gel­te Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot bei der Be­gründung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses, so kann der hier­durch be­nach­tei­lig­te Be­wer­ber ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung in Geld ver­lan­gen …
(4) Ein An­spruch nach [Abs.] 2 … muss in­ner­halb ei­ner Frist, die mit Zu­gang der Ab­leh­nung der Be­wer­bung be­ginnt, schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den. Die Länge der Frist be­misst sich nach ei­ner für die Gel­tend­ma­chung von Scha­den­er­satz­ansprüchen im an­ge­streb­ten Ar­beits­verhält­nis vor­ge­se­he­nen Aus­schluss­frist; sie beträgt min­des­tens zwei Mo­na­te. Ist ei­ne sol­che Frist für das an­ge­streb­te Ar­beits­verhält­nis nicht be­stimmt, so beträgt die Frist sechs Mo­na­te.
Das Ar­beits­ge­richts­ge­setz
Nach § 61b Ar­beits­ge­richts­ge­setz vom 2. Ju­li 1979 (BGBl. 1979 I, S. 853, im Fol­gen­den: ArbGG) muss „ei­ne Kla­ge auf Entschädi­gung nach § 15 [AGG] in­ner­halb von drei Mo­na­ten, nach­dem der An­spruch schrift­lich gel­tend ge­macht wor­den ist, er­ho­ben wer­den“.
Frau Buli­cke be­warb sich am 16. No­vem­ber 2007 im Al­ter von 41 Jah­ren auf ei­ne Stel­len­an­zei­ge, die Deut­sche Büro Ser­vice in ei­ner Zei­tung ge­schal­tet hat­te. Die Stel­len­an­zei­ge hat­te fol­gen­den Wort­laut:
„Wir su­chen für un­ser jun­ges Team in der Ci­ty mo­ti­vier­te Mit­ar­bei­ter/in­nen. Du te­le­fo­nierst gern? Dann bist du ge­nau rich­tig bei uns. Wir ge­ben Dir die Möglich­keit so­gar da­mit Geld zu ver­die­nen. Du bist zwi­schen 18–35 Jah­re alt und verfügst über gu­te Deutsch­kennt­nis­se und suchst ei­ne Voll­zeit­auf­ga­be? …“
Am 19. No­vem­ber 2007 wur­de Frau Buli­cke te­le­fo­nisch mit­ge­teilt, dass ih­re Be­wer­bung nicht berück­sich­tigt wor­den sei. Die­se Ab­sa­ge wur­de mit Schrei­ben vom 21. No­vem­ber 2007 bestätigt, dem zu­fol­ge al­le Stel­len be­setzt sei­en. Es stell­te sich je­doch her­aus, dass zwei Per­so­nen im Al­ter von 20 und 22 Jah­ren am 19. No­vem­ber 2007 ein­ge­stellt wor­den wa­ren.
Deut­sche Büro Ser­vice veröffent­lich­te ähn­li­che Stel­len­an­zei­gen am 22. No­vem­ber 2007 so­wie am 9. April, 3. Sep­tem­ber und 10. Sep­tem­ber 2008. In al­len die­sen An­zei­gen tauch­ten die Be­grif­fe „jun­ges Team“ und „zwi­schen 18 und 35 Jah­re alt“ auf.
Am 29. Ja­nu­ar 2008 er­hob Frau Buli­cke beim Ar­beits­ge­richt Ham­burg Kla­ge auf Entschädi­gung für die Be­nach­tei­li­gung, die sie er­lit­ten zu ha­ben be­haup­tet.
Mit Ur­teil vom 10. De­zem­ber 2008 wies das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge mit der Be­gründung ab, dass Frau Buli­cke ih­ren An­spruch nicht in­ner­halb der in § 15 Abs. 4 AGG fest­ge­leg­ten Frist ge­genüber Deut­sche Büro Ser­vice gel­tend ge­macht ha­be.
Frau Buli­cke leg­te beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg Be­ru­fung ein. Die­sem zu­fol­ge steht fest, dass Frau Buli­cke die Frist des § 15 Abs. 4 AGG nicht ein­ge­hal­ten hat.
Das vor­le­gen­de Ge­richt fragt sich, ob § 15 Abs. 4 AGG mit den Grundsätzen der Äqui­va­lenz und der Ef­fek­ti­vität im Ein­klang steht, da es im Ar­beits­recht außer­halb von Ta­rif­verträgen kei­ne Aus­schluss­fris­ten, son­dern nur all­ge­mei­ne Verjährungs­fris­ten wie die des § 195 BGB ge­be und die Frist des § 15 Abs. 4 AGG zu kurz sei, als dass ein Stel­len­be­wer­ber sei­ne Ansprüche gel­tend ma­chen könne.
Die Frist des § 15 Abs. 4 AGG sei außer­dem kürzer als die, die § 611a BGB in sei­ner bis 17. Au­gust 2006 gel­ten­den Fas­sung bei ge­schlechts­be­zo­ge­ner Be­nach­tei­li­gung vor­ge­se­hen ha­be. Die neu­en Rechts­vor­schrif­ten sei­en da­her ein Rück­schritt ge­genüber der bis­he­ri­gen Rechts­la­ge.
Vor die­sem Hin­ter­grund hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ham­burg das bei ihm anhängi­ge Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
Verstößt ei­ne na­tio­na­le Ge­setz­ge­bung, nach der (außer­halb von kol­lek­tiv­recht­li­chen Re­ge­lun­gen) zur schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung ei­nes Scha­dens- und/oder Entschädi­gungs­an­spru­ches we­gen Dis­kri­mi­nie­rung bei der Ein­stel­lung ei­ne Frist von zwei Mo­na­ten nach Emp­fang der Ab­leh­nung – oder im We­ge der Aus­le­gung: nach Kennt­nis der Dis­kri­mi­nie­rung – gilt, ge­gen Primärrecht der EG (Gewähr­leis­tung ei­nes ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes) und/oder das ge­mein­schafts­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, Richt­li­nie 2000/78, wenn für gleich­wer­ti­ge Ansprüche nach na­tio­na­lem Recht dreijähri­ge Verjährungs­fris­ten gel­ten, und/oder das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot gemäß Art. 8 die­ser Richt­li­nie, wenn ei­ne frühe­re na­tio­na­le Vor­schrift bei der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts ei­ne länge­re Aus­schluss­frist vor­sah?
Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob ei­ne Vor­schrift wie § 15 Abs. 4 AGG, wo­nach der­je­ni­ge, der bei der Ein­stel­lung we­gen des Al­ters dis­kri­mi­niert wor­den ist, sei­ne For­de­rung ge­genüber dem­je­ni­gen, von dem die­se Dis­kri­mi­nie­rung aus­geht, in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach dem Zu­gang der Ab­leh­nung der Ein­stel­lung bzw. – ei­ner an­de­ren Aus­le­gung zu­fol­ge – nach Kennt­nis­er­lan­gung von der Dis­kri­mi­nie­rung gel­tend ma­chen muss, ei­ne ord­nungs­gemäße Um­set­zung der Art. 8 und 9 der Richt­li­nie dar­stellt.
Es möch­te spe­zi­ell wis­sen, ob die­se Vor­schrift zum ei­nen – ins­be­son­de­re in An­be­tracht an­de­rer na­tio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten, nach de­nen für mögli­cher­wei­se ver­gleich­ba­re Ansprüche länge­re Fris­ten gel­ten – die Grundsätze der Äqui­va­lenz und der Ef­fek­ti­vität und zum an­de­ren – in An­be­tracht ei­ner frühe­ren na­tio­na­len Rechts­vor­schrift, die ei­ne länge­re Aus­schluss­frist bei ge­schlechts­be­zo­ge­ner Dis­kri­mi­nie­rung vor­sah – das Ver­bot der Ab­sen­kung des Schutz­ni­veaus be­ach­tet.
Zu den Grundsätzen der Äqui­va­lenz und der Ef­fek­ti­vität
Art. 9 der Richt­li­nie be­stimmt zum ei­nen, dass die Mit­glied­staa­ten si­cher­stel­len, dass al­le Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes in ih­ren Rech­ten für ver­letzt hal­ten, ih­re Ansprüche aus die­ser Richt­li­nie auf dem Ge­richts- und/oder Ver­wal­tungs­weg gel­tend ma­chen können, und zum an­de­ren, dass die­se Ver­pflich­tun­gen ein­zel­staat­li­che Re­ge­lun­gen über Fris­ten für die Rechts­ver­fol­gung be­tref­fend die­sen Grund­satz un­berührt las­sen. Hier­aus er­gibt sich, dass die Fra­ge der Fris­ten für die Ein­lei­tung von Ver­fah­ren zur Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen aus der Richt­li­nie vom Uni­ons­recht nicht ge­re­gelt wird.
Nach ständi­ger Recht­spre­chung ist es man­gels ei­ner ein­schlägi­gen Ge­mein­schafts­re­ge­lung Sa­che der in­ner­staat­li­chen Rechts­ord­nung der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten, die zuständi­gen Ge­rich­te und die Aus­ge­stal­tung von Ver­fah­ren, die den Schutz der dem Bürger aus dem Uni­ons­recht er­wach­sen­den Rech­te gewähr­leis­ten sol­len, zu be­stim­men, wo­bei die­se Ver­fah­ren nicht we­ni­ger güns­tig ge­stal­tet sein dürfen als bei ent­spre­chen­den Kla­gen, die nur in­ner­staat­li­ches Recht be­tref­fen (Grund­satz der Äqui­va­lenz), und die Ausübung der durch die Uni­ons­rechts­ord­nung ver­lie­he­nen Rech­te nicht prak­tisch unmöglich ma­chen oder übermäßig er­schwe­ren dürfen (Grund­satz der Ef­fek­ti­vität) (vgl. ins­be­son­de­re Ur­tei­le vom 13. März 2007, Uni­bet, C-432/05, Slg. 2007, I-2271, Rand­nr. 43, vom 7. Ju­ni 2007, van der Weerd u. a., C-222/05 bis C-225/05, Slg. 2007, I-4233, Rand­nr. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung, so­wie vom 12. Fe­bru­ar 2008, Kemp­ter, C-2/06, Slg. 2008, I-411, Rand­nr. 57).
Die Wah­rung des Grund­sat­zes der Äqui­va­lenz setzt vor­aus, dass die strei­ti­ge Re­ge­lung in glei­cher Wei­se für Kla­gen gilt, die auf die Ver­let­zung des Uni­ons­rechts gestützt sind, wie für sol­che, die auf die Ver­let­zung des in­ner­staat­li­chen Rechts gestützt sind, so­fern die­se Kla­gen ei­nen ähn­li­chen Ge­gen­stand und Rechts­grund ha­ben (vgl. Ur­tei­le vom 1. De­zem­ber 1998, Le­vez, C-326/96, Slg. 1998, I-7835, Rand­nr. 41, vom 16. Mai 2000, Pres­ton u. a., C-78/98, Slg. 2000, I-3201, Rand­nr. 55, so­wie vom 29. Ok­to­ber 2009, Pon­tin, C-63/08, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 45).
Die­ser Grund­satz darf je­doch nicht so ver­stan­den wer­den, dass er ei­nen Mit­glied­staat ver­pflich­tet, die güns­tigs­te in­ner­staat­li­che Re­ge­lung auf al­le Kla­gen zu er­stre­cken, die, wie im Aus­gangs­ver­fah­ren, im Be­reich des Ar­beits­rechts er­ho­ben wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Le­vez, Rand­nr. 42 und Pon­tin, Rand­nr. 45).
Um fest­zu­stel­len, ob der Grund­satz der Äqui­va­lenz im Aus­gangs­ver­fah­ren ge­wahrt ist, hat das na­tio­na­le Ge­richt, das al­lein ei­ne un­mit­tel­ba­re Kennt­nis der Ver­fah­rens­mo­da­litäten für Kla­gen im Be­reich des Ar­beits­rechts be­sitzt, so­wohl den Ge­gen­stand als auch die we­sent­li­chen Merk­ma­le der als ver­gleich­bar dar­ge­stell­ten Kla­gen des in­ner­staat­li­chen Rechts zu prüfen (vgl. Ur­tei­le Le­vez, Rand­nr. 43, Pres­ton u. a., Rand­nr. 56, so­wie Pon­tin, Rand­nr. 45).
Zu­dem ist je­der Fall, in dem sich die Fra­ge stellt, ob ei­ne na­tio­na­le Ver­fah­rens­vor­schrift we­ni­ger güns­tig ist als die für ver­gleich­ba­re Kla­gen des in­ner­staat­li­chen Rechts gel­ten­de, un­ter Berück­sich­ti­gung der Stel­lung die­ser Vor­schrift im ge­sam­ten Ver­fah­ren, des Ver­fah­rens­ab­laufs und der Be­son­der­hei­ten des Ver­fah­rens vor den ver­schie­de­nen na­tio­na­len Stel­len zu prüfen (vgl. Ur­tei­le Le­vez, Rand­nr. 44, Pres­ton u. a., Rand­nr. 61, so­wie Pon­tin, Rand­nr. 46).
Nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts ist die Möglich­keit, für Vermögens- und Nicht­vermögensschäden, die in­fol­ge ei­nes Ver­s­toßes ge­gen das Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung aus Gründen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität ent­stan­den sind, entschädigt zu wer­den, mit dem AGG ge­schaf­fen wor­den; es gab da­her vor dem Er­lass die­ses Ge­set­zes im ei­gent­li­chen Sin­ne kei­ne ent­spre­chen­den Ver­fah­ren.
Dem vor­le­gen­den Ge­richt zu­fol­ge gel­ten im Ar­beits­recht außer­halb von Ta­rif­verträgen kei­ne Aus­schluss­fris­ten, son­dern nur die all­ge­mei­nen Verjährungs­fris­ten. Es weist je­doch dar­auf hin, dass das Ar­beits­ge­richt Ham­burg in sei­nem Ur­teil vom 10. De­zem­ber 2008 Si­tua­tio­nen dar­ge­stellt ha­be, in de­nen Ar­beit­neh­mer ge­hal­ten sei­en, ih­re Rech­te in­ner­halb kur­zer Fris­ten gel­tend zu ma­chen. Dies sei bei Kündi­gungs­schutz­kla­gen der Fall, die in­ner­halb von drei Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung er­ho­ben wer­den müss­ten. Ei­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags müsse eben­falls in­ner­halb von drei Wo­chen nach dem ver­ein­bar­ten En­de die­ses Ver­trags er­ho­ben wer­den. Sch­ließlich fänden sich in Ta­rif­verträgen häufig Aus­schluss­fris­ten, wo­nach Ansprüche ver­fie­len, wenn sie nicht in­ner­halb kur­zer Fris­ten gel­tend ge­macht würden.
Dem vor­le­gen­den Ge­richt zu­fol­ge sah § 611a BGB in sei­ner bis zum In­kraft­tre­ten des AGG gel­ten­den Fas­sung ei­ne Min­dest­frist von zwei Mo­na­ten für die Gel­tend­ma­chung von Ansprüchen we­gen ge­schlechts­be­zo­ge­ner Be­nach­tei­li­gung vor, so­fern für die Gel­tend­ma­chung an­de­rer Scha­dens­er­satz­ansprüche aus dem an­ge­streb­ten Ar­beits­verhält­nis ei­ne Aus­schluss­frist vor­ge­se­hen war. Man­gels ei­ner sol­chen Aus­schluss­frist be­trug die im Rah­men des § 611a BGB gel­ten­de Frist sechs Mo­na­te.
Aus dem Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen er­gibt sich, dass die Frist des § 15 Abs. 4 AGG nur die Gel­tend­ma­chung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber be­trifft. Die deut­sche Re­gie­rung hat dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­se Frist mit der des § 61b ArbGG ver­knüpft wer­den müsse. Nur wenn der Ar­beit­ge­ber den gemäß § 15 Abs. 4 AGG gel­tend ge­mach­ten An­spruch nicht erfüllt ha­be, gel­te für die Per­son, die sich be­nach­tei­ligt se­he, ei­ne mit der schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber be­gin­nen­de Frist von drei Mo­na­ten für die An­ru­fung des Ar­beits­ge­richts. Die Gel­tend­ma­chung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber könne durch Er­he­bung ei­ner Kla­ge er­setzt wer­den, so­fern die Kla­ge­er­he­bung und die Zu­stel­lung der Kla­ge­schrift an den Ar­beit­ge­ber in­ner­halb der Frist des § 15 Abs. 4 AGG er­folg­ten.
Es ist nicht er­sicht­lich, dass ei­ne Vor­schrift wie § 15 Abs. 4 AGG, wo­nach der­je­ni­ge, der bei der Ein­stel­lung we­gen des Al­ters dis­kri­mi­niert wor­den ist, ei­nen An­spruch auf Entschädi­gung für Vermögens- und Nicht­vermögensschäden in­ner­halb von zwei Mo­na­ten ge­genüber dem­je­ni­gen, von dem die­se Dis­kri­mi­nie­rung aus­geht, gel­tend ma­chen muss, we­ni­ger güns­ti­ger ist als Vor­schrif­ten für ver­gleich­ba­re in­ner­staat­li­che Rechts­be­hel­fe im Be­reich des Ar­beits­rechts. Gleich­wohl muss das na­tio­na­le Ge­richt prüfen, ob es sich bei den vom Ar­beits­ge­richt Ham­burg in sei­ner Ent­schei­dung vom 10. De­zem­ber 2008 ge­nann­ten Ver­fah­rens­fris­ten um ver­gleich­ba­re Fris­ten han­delt. Soll­te sich her­aus­stel­len, dass ei­ne oder meh­re­re der in der Vor­la­ge­ent­schei­dung ge­nann­ten Kla­ge­ar­ten oder auch an­de­re Kla­ge­ar­ten, die im Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof nicht erwähnt wor­den sind, ei­ner Entschädi­gungs­kla­ge, die in­fol­ge ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung er­ho­ben wird, ver­gleich­bar sind, wird das vor­le­gen­de Ge­richt fer­ner zu prüfen ha­ben, ob die erst­ge­nann­ten Kla­ge­ar­ten güns­ti­ge­re Ver­fah­rens­mo­da­litäten auf­wei­sen (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Pon­tin, Rand­nr. 56). Das na­tio­na­le Ge­richt muss fer­ner prüfen, ob die von der deut­schen Re­gie­rung vor­ge­schla­ge­ne Aus­le­gung der Ver­knüpfung der Frist des § 15 Abs. 4 AGG mit der des § 61b ArbGG zu­tref­fend ist.
Hin­sicht­lich der An­wen­dung des Ef­fek­ti­vitäts­grund­sat­zes hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass je­der Fall, in dem sich die Fra­ge stellt, ob ei­ne na­tio­na­le Ver­fah­rens­vor­schrift die An­wen­dung des Uni­ons­rechts unmöglich macht oder übermäßig er­schwert, un­ter Berück­sich­ti­gung der Stel­lung die­ser Vor­schrift im ge­sam­ten Ver­fah­ren, des Ver­fah­rens­ab­laufs und der Be­son­der­hei­ten des Ver­fah­rens vor den ver­schie­de­nen na­tio­na­len Stel­len zu prüfen ist. Da­bei sind ge­ge­be­nen­falls die Grundsätze zu berück­sich­ti­gen, die dem na­tio­na­len Rechts­schutz­sys­tem zu­grun­de lie­gen, wie z. B. der Schutz der Ver­tei­di­gungs­rech­te, der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit und der ord­nungs­gemäße Ab­lauf des Ver­fah­rens (vgl. Ur­tei­le vom 14. De­zem­ber 1995, Pe­ter­bro­eck, C-312/93, Slg. 1995, I-4599, Rand­nr. 14, Uni­bet, Rand­nr. 54, vom 6. Ok­to­ber 2009, As­tur­com Tele­co­mu­ni­ca­cio­nes, C-40/08, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 39, und Pon­tin, Rand­nr. 47).
Nach ständi­ger Recht­spre­chung ist die Fest­set­zung an­ge­mes­se­ner Aus­schluss­fris­ten grundsätz­lich mit dem Er­for­der­nis der Ef­fek­ti­vität ver­ein­bar, weil ei­ne sol­che Fest­set­zung ein An­wen­dungs­fall des grund­le­gen­den Prin­zips der Rechts­si­cher­heit ist (vgl. Ur­tei­le vom 10. Ju­li 1997, Pal­mi­sa­ni, C-261/95, Slg. 1997, I-4025, Rand­nr. 28, Pres­ton u. a., Rand­nr. 33, vom 24. Sep­tem­ber 2002, Grun­dig Ita­lia­na, C-255/00, Slg. 2002, I-8003, Rand­nr. 34, so­wie Kemp­ter, Rand­nr. 58). Denn der­ar­ti­ge Fris­ten sind nicht ge­eig­net, die Ausübung der durch die Uni­ons­rechts­ord­nung ver­lie­he­nen Rech­te prak­tisch unmöglich zu ma­chen oder übermäßig zu er­schwe­ren (vgl. Ur­tei­le Grun­dig Ita­lia­na, Rand­nr. 34, Kemp­ter, Rand­nr. 58, und Pon­tin, Rand­nr. 48). Mit die­sem Vor­be­halt ist es den Mit­glied­staa­ten un­be­nom­men, mehr oder we­ni­ger lan­ge Fris­ten vor­zu­se­hen (vgl. Ur­teil vom 17. Ju­ni 2004, Rech­eio – Cash & Car­ry, C-30/02, Slg. 2004, I-6051, Rand­nr. 20). Der Ge­richts­hof hat zu Aus­schluss­fris­ten außer­dem ent­schie­den, dass es Sa­che der Mit­glied­staa­ten ist, für na­tio­na­le Re­ge­lun­gen, die in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fal­len, Fris­ten fest­zu­le­gen, die ins­be­son­de­re der Be­deu­tung der zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen für die Be­trof­fe­nen, der Kom­ple­xität der Ver­fah­ren und der an­zu­wen­den­den Rechts­vor­schrif­ten, der Zahl der po­ten­zi­ell Be­trof­fe­nen und den an­de­ren zu berück­sich­ti­gen­den öffent­li­chen oder pri­va­ten Be­lan­gen ent­spre­chen (vgl. Ur­teil Pon­tin, Rand­nr. 48).
Es ist da­her zu prüfen, ob die Frist des § 15 Abs. 4 AGG – so­wohl hin­sicht­lich ih­rer Länge als auch hin­sicht­lich des Zeit­punkts ih­res Be­ginns – den An­for­de­run­gen des Ef­fek­ti­vitäts­grund­sat­zes genügt.
§ 15 Abs. 4 AGG sieht ei­ne Frist von zwei Mo­na­ten für die Gel­tend­ma­chung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber vor. Wie die deut­sche Re­gie­rung aus­geführt hat, soll der Ar­beit­ge­ber von den gel­tend ge­mach­ten Ansprüchen zeit­nah Kennt­nis er­hal­ten und in An­be­tracht der im AGG vor­ge­se­he­nen Be­weis­re­geln nicht ge­zwun­gen sein, Do­ku­men­te über das Ein­stel­lungs­ver­fah­ren un­verhält­nismäßig lan­ge auf­zu­be­wah­ren.
Es ist nicht er­sicht­lich, dass die Fest­le­gung die­ser Frist auf zwei Mo­na­te die Ausübung der vom Uni­ons­recht ver­lie­he­nen Rech­te unmöglich ma­chen oder übermäßig er­schwe­ren könn­te.
Hin­sicht­lich des Be­ginns der Frist für die Rechts­ver­fol­gung er­gibt sich aus § 15 Abs. 4 AGG, dass „[d]ie Frist … im Fal­le ei­ner Be­wer­bung mit dem Zu­gang der Ab­leh­nung [be­ginnt]“. In ei­ner der­ar­ti­gen Si­tua­ti­on kann ein Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der mit der Ab­leh­nung sei­ner Be­wer­bung be­gin­nen­den Frist von zwei Mo­na­ten, u. a. we­gen des Ver­hal­tens des Ar­beit­ge­bers, mögli­cher­wei­se nicht er­ken­nen, dass und in wel­chem Um­fang er dis­kri­mi­niert wur­de, so dass ihm die in der Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Rechts­ver­fol­gung unmöglich ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Le­vez, Rand­nr. 31).
So­wohl aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung als auch aus den Erklärun­gen der deut­schen Re­gie­rung geht je­doch her­vor, dass die in § 15 Abs. 4 AGG vor­ge­se­he­ne Frist bei ei­ner te­leo­lo­gi­schen Aus­le­gung die­ser Vor­schrift nicht zwangsläufig mit dem Zu­gang der Ab­leh­nung, son­dern mit dem Zeit­punkt be­ginnt, zu dem der Ar­beit­neh­mer von der be­haup­te­ten Dis­kri­mi­nie­rung Kennt­nis er­langt. Un­ter die­sen Umständen ist die ge­nann­te Vor­schrift nicht ge­eig­net, die Ausübung der vom Uni­ons­recht ver­lie­he­nen Rech­te unmöglich zu ma­chen oder übermäßig zu er­schwe­ren.
In An­be­tracht die­ser Erwägun­gen ist auf den ers­ten Teil der Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Primärrecht der Uni­on und Art. 9 der Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Ver­fah­rens­vor­schrift nicht ent­ge­gen­ste­hen, wo­nach der­je­ni­ge, der bei der Ein­stel­lung we­gen des Al­ters dis­kri­mi­niert wor­den ist, sei­ne Ansprüche auf Er­satz des Vermögens- und Nicht­vermögens­scha­dens ge­genüber dem­je­ni­gen, von dem die­se Dis­kri­mi­nie­rung aus­geht, in­ner­halb von zwei Mo­na­ten gel­tend ma­chen muss, so­fern
– zum ei­nen die­se Frist nicht we­ni­ger güns­tig ist als die für ver­gleich­ba­re in­ner­staat­li­che Rechts­be­hel­fe im Be­reich des Ar­beits­rechts,
– zum an­de­ren die Fest­le­gung des Zeit­punkts, mit dem der Lauf die­ser Frist be­ginnt, die Ausübung der von der Richt­li­nie ver­lie­he­nen Rech­te nicht unmöglich macht oder übermäßig er­schwert.
Zum Grund­satz des Ver­bots ei­ner Ab­sen­kung des Schutz­ni­veaus
Nach Art. 8 der Richt­li­nie darf de­ren Um­set­zung kei­nes­falls als Recht­fer­ti­gung für ei­ne Ab­sen­kung des von den Mit­glied­staa­ten be­reits ga­ran­tier­ten all­ge­mei­nen Schutz­ni­veaus in Be­zug auf Dis­kri­mi­nie­run­gen in den von der Richt­li­nie ab­ge­deck­ten Be­rei­chen be­nutzt wer­den.
In Be­zug auf die Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge (ABl. L 175, S. 43) und zu Pa­ra­graf 8 Nr. 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, wo­nach die Um­set­zung der Rah­men­ver­ein­ba­rung den Mit­glied­staa­ten nicht als Recht­fer­ti­gung für die Sen­kung des all­ge­mei­nen Ni­veaus des zu­vor nach in­ner­staat­li­chem Recht ga­ran­tier­ten Ar­beit­neh­mer­schut­zes in dem von der Ver­ein­ba­rung er­fass­ten Be­reich die­nen kann, hat der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass ei­ne Sen­kung des den Ar­beit­neh­mern im Be­reich der be­fris­te­ten Ar­beits­verträge ga­ran­tier­ten Schut­zes nicht als sol­che durch die Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­bo­ten ist, son­dern von dem Ver­bot gemäß de­ren Pa­ra­graf 8 Nr. 3 nur er­fasst wird, wenn sie zum ei­nen mit der „Um­set­zung“ der Rah­men­ver­ein­ba­rung zu­sam­menhängt und zum an­de­ren das „all­ge­mei­ne Ni­veau des [S]chut­zes“ be­fris­tet beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer be­trifft (vgl. Ur­teil vom 23. April 2009, An­gel­i­da­ki u. a., C-378/07 bis C-380/07, Slg. 2009, I-3071, Rand­nr. 126 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Da je­den­falls Art. 1 der Richt­li­nie das Ge­schlecht nicht als Dis­kri­mi­nie­rungs­grund nennt, kann ei­ne even­tu­el­le Ab­sen­kung des Ni­veaus des Schut­zes ge­gen ei­ne auf die­sem Grund be­ru­hen­de Dis­kri­mi­nie­rung nicht als in die von der Richt­li­nie ge­re­gel­ten Be­rei­che fal­lend an­ge­se­hen wer­den.
Dem­zu­fol­ge fällt die Länge der Frist für die Gel­tend­ma­chung ei­ner Entschädi­gung we­gen ge­schlechts­be­zo­ge­ner Dis­kri­mi­nie­rung, wie sie in § 611a BGB in sei­ner Fas­sung vor In­kraft­tre­ten des AGG vor­ge­se­hen war, nicht un­ter den Be­griff „Schutz­ni­veau in Be­zug auf Dis­kri­mi­nie­run­gen“ im Sin­ne von Art. 8 Abs. 2 der Richt­li­nie.
In An­be­tracht die­ser Erwägun­gen ist auf den zwei­ten Teil der Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 8 der Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner zur Um­set­zung der Richt­li­nie er­las­se­nen na­tio­na­len Ver­fah­rens­vor­schrift nicht ent­ge­gen­steht, in de­ren Fol­ge ei­ne frühe­re Re­ge­lung geändert wor­den ist, die ei­ne Frist für die Gel­tend­ma­chung ei­nes Entschädi­gungs­an­spruchs bei ge­schlechts­be­zo­ge­ner Dis­kri­mi­nie­rung vor­sah.
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