Source: https://www.jagdlupe.de/reitunfall-anlaesslich-der-treibjagd-8285
Timestamp: 2019-09-21 06:58:35
Document Index: 299387415

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 3', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 823', '§ 823', 'BGH']

Reitunfall anläßlich der Treibjagd | Jagdlupe
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist der­je­ni­ge, der eine Gefah­ren­la­ge — gleich wel­cher Art — schafft, grund­sätz­lich ver­pflich­tet, die not­wen­di­gen und zumut­ba­ren Vor­keh­run­gen zu tref­fen, um eine Schä­di-gung ande­rer mög­lichst zu ver­hin­dern1. Die recht­lich gebo­te­ne Ver­kehrs­si­che­rung umfasst die­je­ni­gen Maß­nah­men, die ein umsich­ti­ger und ver­stän­di­ger, in ver­nünf­ti­gen Gren­zen vor­sich­ti­ger Mensch für not­wen­dig und aus­rei­chend hält, um ande­re vor Schä­den zu bewah­ren.
Zu berück­sich­ti­gen ist jedoch, dass nicht jeder abs­trak­ten Gefahr vor­beu­gend begeg­net wer­den kann. Ein all­ge­mei­nes Ver­bot, ande­re nicht zu gefähr­den, wäre uto­pisch. Eine Ver­kehrs­si­che­rung, die jede Schä­di­gung aus­schließt, ist im prak­ti­schen Leben nicht erreich­bar. Haf­tungs­be­grün­dend wird eine Gefahr daher erst dann, wenn sich für ein sach­kun­di­ges Urteil die nahe lie­gen­de Mög­lich­keit ergibt, dass Rechts­gü­ter ande­rer ver­letzt wer­den (vgl. BGH, Urteil vom 06.02.2007 — VI ZR 274⁄05, aaO Rn. 15 mwN)). Des­halb muss nicht für alle denk­ba­ren Mög­lich­kei­ten eines Scha­dens­ein­tritts Vor­sor­ge getrof­fen wer­den. Es sind viel­mehr nur die Vor­keh­run­gen zu tref­fen, die geeig­net sind, die Schä­di­gung ande­rer tun­lichst abzu­wen­den2. Der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt ist genügt, wenn im Ergeb­nis der­je­ni­ge Sicher­heits­grad erreicht ist, den die in dem ent­spre­chen­den Bereich herr­schen­de Ver­kehrs­auf­fas­sung für erfor­der­lich hält3. Daher reicht es aner­kann­ter­ma­ßen aus, die­je­ni­gen Sicher­heits­vor­keh­run­gen zu tref­fen, die ein ver­stän­di­ger, umsich­ti­ger, vor­sich­ti­ger und gewis­sen­haf­ter Ange­hö­ri­ger der betrof­fe­nen Ver­kehrs­krei­se — hier: der Jagd­ver­an­stal­ter und ‑lei­ter — für aus­rei­chend hal­ten darf, um ande­re Per­so­nen — hier: Jagd­be­tei­lig­te, Rei­ter, Spa­zier­gän­ger und Teil­neh­mer am all­ge­mei­nen Stra­ßen­ver­kehr — vor Schä­den zu bewah­ren, und die den Umstän­den nach zuzu­mu­ten sind4.
Kommt es in Fäl­len, in denen hier­nach kei­ne Schutz­maß­nah­men getrof­fen wer­den muss­ten, weil eine Gefähr­dung ande­rer zwar nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen, aber nur unter beson­ders eigen­ar­ti­gen und ent­fern­ter lie­gen­den Umstän­den zu befürch­ten war, aus­nahms­wei­se doch ein­mal zu einem Scha­den, so muss der Geschä­dig­te — so hart dies im Ein­zel­fall sein mag — den Scha­den selbst tra­gen5. So liegt der Fall hier.
Eine all­ge­mei­ne Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht des Beklag­ten, sich in der Nähe des Jagd­ge­biets auf­hal­ten­de Rei­ter vor Schuss­ge­räu­schen, auf die deren Pfer­de schreck­haft reagie­ren, zu schüt­zen, ergibt sich dar­aus nicht. Zwar darf nach der Rege­lung in § 3 Abs. 4 UVV Jagd ein Schuss erst abge­ge­ben wer­den, wenn sich der Schüt­ze ver­ge­wis­sert hat, dass nie­mand gefähr­det wird. Die Durch­füh­rungs­an­wei­sung zu die­ser Rege­lung kon­kre­ti­siert aber den Begriff der Gefähr­dung dahin­ge­hend, dass eine sol­che z.B. dann gege­ben ist, „wenn Per­so­nen durch Geschos­se oder Geschoss­tei­le ver­letzt wer­den kön­nen, die an Stei­nen, gefro­re­nem Boden, Ästen, Was­ser­flä­chen oder am Wild­kör­per abpral­len oder beim Durch­schla­gen des Wild­kör­pers abge­lenkt wer­den oder beim Schie­ßen mit Ein­zel­ge­schos­sen kein aus­rei­chen­der Kugel­fang vor­han­den ist”. Die Vor­schrift will mit­hin erkenn­ba­ren Risi­ken für Rechts­gü­ter Drit­ter durch die direk­te Schus­s­ein­wir­kung vor­beu­gen. Ihr Zweck ist nicht, Drit­te schon vor dem Geräusch eines Schus­ses zu schüt­zen.
Aller­dings ent­hal­ten Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrif­ten eben­so wie DIN-Nor­men im All­ge­mei­nen kei­ne abschlie­ßen­den Ver­hal­tens­an­for­de­run­gen7. Gebie­tet die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht den Schutz vor ande­ren Gefah­ren als denen, die Gegen­stand der Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift sind, so kann sich der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ti­ge nicht dar­auf beru­fen, in Anse­hung die­ser Gefah­ren sei­ner Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht dadurch genügt zu haben, dass er die Unfall­ver­hü­tungs­vor­schrift ein­ge­hal­ten hat. Viel­mehr hat er die inso­weit zur Scha­dens­ab­wehr erfor­der­li­chen Maß­nah­men eigen­ver­ant­wort­lich zu tref­fen (vgl. BGH, Urtei­le vom 30.04.1985 — VI ZR 162⁄83, VersR 1985, 781; und vom 12.11.1996 — VI ZR 270⁄95, VersR 1997, 249, 250 jeweils mwN)).
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Febru­ar 2011 — VI ZR 176⁄10
vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 04.12.2001 — VI ZR 447⁄00, VersR 2002, 247, 248; vom 15.06.2003 — VI ZR 155⁄02, VersR 2003, 1319; vom 05.10.2004 — VI ZR 294⁄03, VersR 2005, 279, 280; vom 08.11.2005 — VI ZR 332⁄04, VersR 2006, 233, 234; vom 06.02.2007 — VI ZR 274⁄05, VersR 2007, 659 Rn. 14; und vom 02.03.2010 — VI ZR 223⁄09, VersR 2010, 544 Rn. 5 ff.; vgl. auch BGH, Urteil vom 25.02.1993 — III ZR 9⁄92, BGHZ 121, 367, 375; und Urteil vom 13.06.1996 — III ZR 40⁄95, VersR 1997, 109, 111 [↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 10.10.1978 — VI ZR 98⁄77; und — VI ZR 99⁄77, VersR 1978, 1163, 1165; vom 15.07.2003 — VI ZR 155⁄02, aaO; und vom 08.11.2005 — VI ZR 332⁄04, aaO [↩]
vgl. Senat, Urtei­le vom 15. Juli 2003 — VI ZR 155⁄02, aaO; und vom 08.11.2005 — VI ZR 332⁄04, aaO [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 06.02.2007 — VI ZR 274⁄05, aaO, Rn. 15 mwN [↩]
stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. etwa BGH, Urteil vom 06.02.2007 — VI ZR 274⁄05, aaO, Rn. 16 [↩]
vgl. MünchKomm/Wagner, BGB, 5. Aufl., § 823 Rn. 557, 558; Staudinger/J. Hager (2009), BGB, § 823 Rn. E 367, 368 und E 372 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 15.07.2003 — VI ZR 155⁄02, aaO, 1319 f., mwN [↩]
OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 20.03.1990 — 4 U 63⁄89 [↩]
HaftungReitunfallTreibjagdVerkehrssicherungspflicht