Source: http://m.hensche.de/Betriebsrente_Benachteiligung_geringfuegig_Beschaeftigte_Betriebsrente_und_Benachteiligung_von_geringfuegig_Beschaeftigten_LAG_Muenchen_13.01.2016_10Sa544-15.html
Timestamp: 2017-03-28 13:56:50
Document Index: 344369505

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 2', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 2', '§ 2', '§ 8', '§ 13', '§ 2', '§ 4']

HENSCHE Arbeitsrecht: Betriebsrente und Benachteiligung von geringfügig Beschäftigten
Be­triebs­ren­te und Be­nach­tei­li­gung von ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­ten
Ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung, die ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­te aus der Be­triebs­ren­te aus­nimmt, ver­stößt ge­gen das Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung von Teil­zeit­be­schäf­tig­ten: Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen, Ur­teil vom 13.01.2016, 10 Sa 544/15
15.02.2016. Ar­beit­neh­mer, die in Teil­zeit be­schäf­tigt wer­den, dür­fen ge­mäß § 4 Abs.1 Satz 1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) nicht oh­ne Sach­grund schlech­ter be­han­delt wer­den als voll­zei­tig tä­ti­ge Kol­le­gen. Ge­mäß § 2 Abs.2 Tz­B­fG fin­det das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot auch auf ge­ring­fü­gig be­schäf­tig­te Ar­beit­neh­mer, d.h. auf Mi­ni­job­ber, An­wen­dung. Denn nach die­ser Vor­schrift ist auch ein ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­ter ein Teil­zeit­ar­beit­neh­mer.
In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Mün­chen ent­schie­den, dass ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung, die ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­te aus der Be­triebs­ren­te aus­nimmt, ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot für Teil­zeit­be­schäf­tig­te ver­stößt: LAG Mün­chen, Ur­teil vom 13.01.2016, 10 Sa 544/15.
Rentenversicherungspflicht geringfügig beschäftigter Arbeitnehmer im Wandel
Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 Tz­B­fG darf ein teil­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer we­gen der Teil­zeit­ar­beit nicht schlech­ter be­han­delt wer­den als ein ver­gleich­ba­rer voll­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer. Ei­ne Un­gleich­be­hand­lung ist nur möglich, wenn sach­li­che Gründe ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung recht­fer­ti­gen. Das heißt vor al­lem, dass ein Teil­zeit­ar­beit­neh­mer Ar­beits­ent­gelt und an­de­re „teil­ba­re geld­wer­te Leis­tun­gen“ in dem Verhält­nis be­an­spru­chen kann, in dem sei­ne Ar­beits­zeit zu der Ar­beits­zeit ei­ner Voll­zeit­kraft steht (§ 4 Abs.1 Satz 2 Tz­B­fG), d.h. er hat ein zeit­an­tei­li­ges An­recht auf al­le fi­nan­zi­el­len Leis­tun­gen, die Voll­zeit­kräften gewährt wer­den. Auch Be­triebs­ren­ten, mit de­nen der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer Leis­tun­gen der Al­ters-, In­va­li­ditäts- oder Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung zu­sagt, gehören im wei­tes­ten Sin­ne zum "Ar­beits­lohn" und fal­len da­mit un­ter das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 4 Abs. 1 Tz­B­fG. Teil­zeit­beschäftig­te Ar­beit­neh­mer dürfen da­her nicht ge­ne­rell von der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung aus­ge­schlos­sen wer­den.
Ein Aus­schluss von ge­ringfügig Beschäftig­ten von der Be­triebs­ren­te stell­te hin­ge­gen (bis­lang) auf­grund fol­gen­der Über­le­gung kei­nen Ver­s­toß ge­gen § 4 Abs. 1 Tz­B­fG dar:
Sinn und Zweck der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung ist es, dem Ar­beit­neh­mer ei­ne Möglich­keit zu ge­ben sei­ne Auf­wen­dun­gen für die ei­ge­ne Al­ters­vor­sor­ge so­zu­sa­gen auf meh­re­re Schul­tern ver­tei­len zu können. Denn mit­hil­fe der Be­triebs­ren­te können Ar­beit­neh­mer zusätz­lich zu ih­rer ge­setz­li­chen Ren­te für ihr Al­ter vor­sor­gen. Das Sys­tem der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung soll da­her die ge­setz­li­che Ren­te als wei­te­re Vor­sor­ge­leis­tung ergänzen. Bis zum 31.03.1999 war es für ge­ringfügig Beschäftig­te nicht möglich, in die ge­setz­li­che Ren­ten­kas­se ein­zu­zah­len. Ge­ringfügig Beschäftig­te un­ter­la­gen schlicht­weg nicht der Ver­si­che­rungs­pflicht der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. In die­ser Zeit ent­schied das Bun­des­ar­beits­ge­richt, dass ein Aus­schluss von ge­ringfügig Beschäftig­ten von der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung sach­lich ge­recht­fer­tigt sein kann (Ur­teil vom 22.02.2000, 3 AZR 845/98). In sei­ner Be­gründung ar­gu­men­tier­te das BAG mit dem be­reits an­ge­spro­che­nen Sinn und Zweck der Be­triebs­ren­te: Die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung ergänzt die ge­setz­li­che Ren­te nur. Des­we­gen muss ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung dann nicht ge­leis­tet wer­den, wenn sich aus der Beschäfti­gung auch kei­ne Ren­te er­gibt. Un­term Strich ist da­mit ge­meint: Oh­ne ei­nen An­spruch auf ei­ne ge­setz­li­che Ren­te gibt's auch kei­nen An­spruch auf ei­ne Be­triebs­ren­te.
Erst ab dem 01.04.1999 muss­ten Ar­beit­ge­ber pau­schal So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge un­ter an­de­rem für die Ren­ten­ver­si­che­rung tra­gen und abführen. Seit die­sem Da­tum ist es ge­ringfügig Beschäftig­ten auch ge­stat­tet, auf die Ver­si­che­rungs­frei­heit in der Ren­ten­ver­si­che­rung zu ver­zich­ten (sog. opt-in-Lösung). Da­durch wur­de ge­ringfügig Beschäftig­ten ein Zu­gang zur ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung eröff­net. Seit An­fang 2013 un­ter­lie­gen Mi­ni­job­ber so­gar grundsätz­lich der Bei­trags­pflicht zur ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. Von der Bei­trags­pflicht können sie sich al­ler­dings be­frei­en las­sen (opt out). Was be­deu­tet das für die Be­triebs­ren­te von Mi­ni­job­bern? Wenn sie im Prin­zip in die Ren­ten­kas­se ein­zah­len müssen und da­mit auch ei­nen An­spruch auf ei­ne Ren­te ha­ben - müss­ten sie dann nicht auch ei­nen An­spruch auf ei­ne Be­triebs­ren­te ha­ben? Der Streitfall: Minijobberin wird durch Versorgungsordnung von der Betriebsrente ausgeschlossen
Im Streit­fall war ei­ne Ar­beit­neh­me­rin un­ter An­rech­nung von Vor­dienst­zei­ten seit dem 01.11.1991 bei der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft, der ver.di, tätig. Ab März 2004 wur­de sie ge­ringfügig beschäftigt.
Die ver.di gewähr­te ih­ren Ar­beit­neh­mern ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung, wenn die­se un­ter den An­wen­dungs­be­reich der Ver­sor­gungs­ord­nung 1995 (VO95) fal­len. § 2 VO95 sah da­zu vor:
„§ 2 Begüns­tig­te(1) Beschäftig­te ei­nes Kas­sen­mit­glie­des wer­den als Begüns­tig­te bei der Un­terstützungs­kas­se an­ge­mel­det, wenn sie fol­gen­de persönli­che Vor­aus­set­zun­gen erfüllen:1. Es be­steht ein un­be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis2. In dem Ar­beits­verhält­nis muss ei­ne mehr als ge­ringfügi­ge Beschäfti­gung (§ 8 SGB IV) statt­fin­den3. Die/der Beschäftig­te darf bei Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht dienst­unfähig oder er­werbs­unfähig (§ 13) sein4. Die/der Beschäftig­te darf bei Be­ginn des Ar­beits­verhält­nis­ses das 55. Le­bens­jahr noch nicht voll­endet ha­ben."
Auf­grund der ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung der Ar­beit­neh­me­rin gewähr­te ihr die ver.di kei­nen Zu­gang zur be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung. Da­ge­gen zog die Ar­beit­neh­me­rin vor Ge­richt. Kon­kret woll­te sie die ver.di ver­pflich­ten, sie be­gin­nend ab März bei der Un­terstützungs­kas­se an­zu­mel­den.
Das Ar­beits­ge­richt Ro­sen­heim wies die Kla­ge un­ter Ver­weis auf die VO95 ab (Ur­teil vom 24.02.2015, 5 Ca 1308/14). Die Rich­ter hiel­ten den in § 2 VO95 ent­hal­te­nen Aus­schluss für ge­ringfügi­ge Beschäftig­te ent­spre­chend der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung für zulässig. Er­gibt sich aus der ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung von vorn­her­ein kei­ne Ren­te, kann auch der An­spruch auf ei­ne be­trieb­li­che Zu­satz­ren­te aus­ge­schlos­sen wer­den, so das Ar­beitstge­richt.
LAG München: Eine Versorgungsordnung, die geringfügig Beschäftigte aus der Betriebsrente ausnimmt, verstößt gegen das Verbot der Benachteiligung von Teilzeitbeschäftigten
Das LAG München ent­schied pro Ar­beit­neh­me­rin. Laut LAG München können auch Mi­ni­job­ber durch ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung nicht ge­ne­rell von dem Zu­gang zur Be­triebs­ren­te aus­ge­schlos­sen wer­den. Ei­ne Ver­sor­gungs­ord­nung wie die VO95 der ver.di, die ge­ringfügig Beschäftig­te pau­schal aus der Be­triebs­ren­te aus­nimmt, verstößt ge­gen § 4 Abs.1 Tz­B­fG und ist in die­sem Punkt un­wirk­sam. In Ab­wei­chung von der bis­he­ri­gen BAG-Recht­spre­chung meint das LAG München, dass der ge­ne­rel­le Aus­schluss von Mi­ni­job­bern von Be­triebs­ren­ten seit April 1999 nicht mehr ge­recht­fer­tigt ist. Denn der Ge­setz­ge­ber hat durch die Neu­re­ge­lung der Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht auch Mi­ni­job­bern ei­nen Zu­gang zur Al­ters­ver­sor­gung ver­schafft. Der bis­he­ri­ge Sach­grund zur Schlech­ter­stel­lung von Mi­ni­job­bern beim The­ma Be­triebs­ren­te ist da­mit ent­fal­len, so die Münch­ner Rich­ter.
Dies gilt laut LAG München auch für sol­che Mi­ni­job­ber, die in­fol­ge ei­nes ent­spre­chen­den An­trags nicht der Ver­si­che­rungs­pflicht in der ge­setz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung un­ter­lie­gen. Dar­aus folgt nämlich ein erhöhter Be­darf für ei­ne Be­triebs­ren­te.
Fa­zit: Es bleibt ab­zu­war­ten, ob die ver.di die vom LAG München zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on ein­legt. Dann ist mit ei­ner Grund­satz­ent­schei­dung des BAG zu rech­nen. Soll­te das BAG die Auf­fas­sung des LAG München bestäti­gen, können sich ge­ringfügig Beschäftig­te über ei­ne we­sent­li­che Ver­bes­se­rung ih­rer Rech­te beim The­ma Be­triebs­ren­te freu­en. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:
Lan­des­ar­beits­ge­richt München, Ur­teil vom 13.01.2016, 10 Sa 544/15
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.02.2000, 3 AZR 845/98
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