Source: http://www.educa.ch/de/digitalisierung-bildung/lehrmittel
Timestamp: 2018-02-19 19:45:17
Document Index: 185588222

Matched Legal Cases: ['Art. 82', 'Art. 81', 'Art. 9', 'Art. 63', 'Art. 22', 'Art. 5', 'Art 16', 'Art. 8']

Lehrmittel sind für schulische Lehr- und Lernprozesse von zentraler Bedeutung, wobei ihnen vielfältige Funktionen zukommen: einerseits in den Händen der Lehrenden und Lernenden im Unterrichts- und Schulalltag und andererseits auf der bildungspolitischen Steuerungsebene. Abgestimmt auf die Bildungsstandards, Lehrpläne und Evaluationsinstrumente (HarmoS-Konkordat, Art. 82) gehören sie zu den wichtigen Instrumenten der Systementwicklung und Qualitätssicherung im Schweizer Bildungssystem. Sie sorgen u.a. dafür, dass systemische Entwicklungen wie Lehrplanänderungen im schulischen Unterricht umgesetzt werden können.
Im Kontext der zunehmenden Digitalisierung und der damit einhergehenden Vermittlung spezifischer Kompetenzen und entsprechenden Wissens spielen Lehrmittel in doppelter Hinsicht eine wichtige Rolle: Einerseits als Vermittler/Träger spezifischer Inhalte – insbesondere in den Bereichen Medienbildung sowie Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) – und andererseits als (digitale) Medien, die konkrete Anwendungskompetenzen fächerunabhängig fordern und fördern.
Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) räumt den digitalen Lehr- und Lerninhalten, bzw. digitalen Lehrmitteln, in ihrer Strategie im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) und Medien (2007) einen prominenten Platz ein. Danach sind folgende Arbeiten auf interkantonaler Ebene zu gewährleisten: Förderung der Produktion, Sicherstellen der Qualität unter Bezug auf die kantonalen und sprachregionalen Lehrpläne und Erleichterung des Zugangs (vgl. Handlungsfeld 2). Zurzeit wird eine Anpassung der Strategie überprüft.
Im Schweizer Bildungssystem besteht während der obligatorischen Schule kantonale Lehrmittelhoheit. Jeder Kanton entscheidet selbstständig, welche Lehrmittel eingesetzt werden. In der Regel definiert er die dafür notwendigen Prozessstrukturen der Lehrmittelapprobation, legt Obligatorien fest, spricht Empfehlungen aus und ist zuständig für Beschaffung und Distribution. Gewisse dieser Aufgaben werden von manchen Kantonen interkantonalen Verbünden oder – wie im Beispiel der Westschweizer Lehrmittelpolitik – der Sprachregion übertragen. Wie die Harmonisierung der Lehrpläne erfolgt auch die Koordination der Lehrmittel auf dieser Ebene (HarmoS-Konkordat, Art. 81 und 83). In welchem Ausmass die Digitalisierung diese Steuerungsmechanismen und Prozesse beeinflussen wird, ist zurzeit noch nicht absehbar.
In der deutschsprachigen Schweiz formuliert die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK) eine gemeinsame Lehrmittelpolitik mit dem Ziel der kostengünstigen Versorgung der Schulen mit qualitativ hochstehenden, lehrplankonformen und auf die Schweizer Bedürfnisse ausgerichteten Lehrmitteln (Tätigkeitsprogramm der D-EDK, Nachführung 2017). Die Umsetzung dieser Zielsetzung erfolgt durch die Interkantonale Lehrmittelzentrale ilz. Als Kompetenz- und Dienstleistungszentrum für die Lehrmittelkoordination stellt sie zu diesem Zweck den deutsch- und mehrsprachigen Kantonen verschiedene Instrumente und Information zur Planung, Evaluation, Entwicklung sowie für die Distribution und Einführung zur Verfügung. Die Auswahl und Zulassung der Lehrmittel bleibt jedoch Gegenstand der kantonalen Lehrmittelpolitiken; Verbünde sind nur vereinzelt aktiv, so zum Beispiel zur Evaluation von Lehrmitteln im Raum Nordwestschweiz (BRNW) sowie in der Zentralschweiz (BKZ). Von sechs Kantonen an der deutsch-französischen Sprachgrenze wird das Projekt «Passepartout» getragen, in dem BE, BL, BS, FR, SO und VS auf der Basis eines gemeinsamen Lehrplans für die Fremdsprachen miteinander Lehrmittel auswählen, bzw. entwickeln.
Für die Entwicklung, die Bereitstellung und die Rahmenbedingungen für die Nutzung von elektronischen Lehr- und Lernmaterialien (eLLR) erarbeitet die D-EDK zurzeit ein Konzept im Rahmen der EDK-Strategie im Bereich ICT und Medien. Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Herstellung und den Einsatz von Lehr- und Lernmittel in den Schulen der Primar- und Sekundarstufe I untersucht das Projekt «Lernmedien» der Nordwestschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (NW EDK). In diesem Rahmen erschien im Mai 2017 ein Expertenbericht, der eine erste Auslegeordnung zur Thematik bietet und als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen dienen soll.
Projekt Lernmedien «Lernmedien in den Kantonen der Nordwestschweiz» (NW EDK)
In der Romandie ist die Westschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz (CIIP) im Rahmen der Convention scolaire (Art. 9) zuständig für die Lehrmittel. Wie für die EDK ist es ihr Ziel, den Mitgliedskantonen qualitativ hochstehende, lehrplankonforme sowie preiswerte Lehrmittel zur Verfügung zu stellen, wobei die Nutzung digitaler Lehr- und Lernressourcen gefördert werden soll (Tätigkeitsprogramm der CIIP 2016-19, 3.7.1). Neben der Koordination haben die Mitgliedskantone der CIIP jedoch auch die Selektion, Evaluation, Approbation und Realisierung gemeinsamer lehrplankonformer Lehrmittel übertragen. Im Gegensatz zur deutschsprachigen Schweiz ist damit ein grosser Teil der Lehrmittelpolitik zentral organisiert. Die CIIP setzt dafür entsprechende interkantonale Organe ein:
Commission pour la production et la distribution des moyens scolaires (COMOS): Sie ist zuständig für die Produktion und Distribution der Lehrmittel und umfasst die Verantwortlichen für die Lehrmittelbeschaffung der einzelnen Kantone.
Commission pour la production et distribution des moyens scolaires (COMOS)
Commission des ressources didactique numérique (CORES): Sie kümmert sich speziell um die digitalen Lehr- und Lernmaterialien, welche ergänzend zu den offiziellen Lehrgangslehrmitteln eingesetzt werden können und der Allgemeinbildung dienen sollen. Sie sorgt für ein qualitatives und vielfältiges Angebot und macht dieses zentral über die Plattform PER/ MER zugänglich.
Der Kanton Tessin legt im Rahmen seiner Lehrmittelpolitik nur vereinzelt Obligatorien fest und erklärt Lehrmittel damit als verpflichtend. In den meisten Fällen entscheiden die Lehrpersonen frei, ob sie ein Lehrmittel aus einer – falls vorhanden – vorgeschlagenen Liste auswählen, ein anderes oder kein Lehrmittel verwenden. Offizielle digitale Lehr- und Lernressourcen werden über die kantonale Plattform Scuoladecs zugänglich gemacht. Der Kanton plant zudem ein globales, mehrschichtiges Bildungsportal, welches die verschiedenen bestehenden Plattformen föderieren und den Lehrpersonen einen Bereich zum Austausch von digitalen Lehr- und Lernressourcen bereitstellen soll.
Auf der Sekundarstufe II, wo Bund und Kantone bzw. Organisationen der Arbeitswelt (OdA) gemeinsam Verantwortung tragen (Art. 63 BV), herrscht grundsätzlich Lehrmittelfreiheit. Abgestützt auf die jeweiligen Lehrpläne entscheiden die Lehrpersonen, welche Lehrmittel – oder allenfalls, dass keine – eingesetzt werden. Häufig werden diese Entscheide auf der Ebene der Schule oder der Fachschaften koordiniert. Der Einsatz von digitalen Lehrmitteln hängt u.a., wie auf allen Schulstufen, entscheidend von den vorhandenen technischen Infrastrukturen (lokale Basisinfrastrukturen, Internetdienste, persönliche Geräte) ab.
Im Gegensatz zu den gymnasialen Maturitätsschulen und den Fachmittelschulen liegt in der Berufsbildung die Situation vor, dass an drei Lernorten (Betrieb, Berufsfachschule, überbetriebliche Kurse) Bedarf an Lehrmitteln entstehen kann. Für die Lehrmittel in den Betrieben sind die Betriebe selbst zuständig; meist stellen hier Organisationen der Arbeitswelt (OdA) als Träger von beruflichen Grundbildungen betriebsübergreifende Instrumente bereit. Verantwortlich für ein bedarfsgerechtes Angebot an Berufsfachschulen sind die Kantone (BBG, Art. 22), die weitergehende Bestimmungen im Rahmen des kantonalen Rechts erlassen. Der Bund fördert die Erstellung von Lehrmitteln für sprachliche Minderheiten (BBG, Art. 5 Bst. b). Digitale Lehrmittel bieten hier durch ihre orts- und zeitunabhängige Verfügbarkeit sowie Vernetzungsmöglichkeiten Potenzial, die Zusammenarbeit zwischen den Anbietern der Bildung in beruflicher Praxis, der schulischen Bildung sowie der überbetrieblichen Kurse (BBG, Art 16, Bst. 5) zu fördern.
Commission romande d'évaluation des moyens d'enseignement pour la formation professionnelle (CREME)
Commission romande des économes de la formation professionnelle (GREFP)
Groupe moyens d’enseignement numériques (MENU)
Gruppo di lingua italiana per i materiali d’insegnamento (GLIMI)
Nationale Kollaboration
Nationale Kollaboration findet im Bereich der Distribution von digitalen Lehrmitteln statt. Im Auftrag des Bundes und der Kantone führt educa.ch die Digitale Schulbibliothek (dsb) bzw. den Nationalen Katalog digitaler Lehr- und Lernressourcen, der von unterschiedlichen kantonalen sowie selektionierten privaten Partnern mit einem Bildungsauftrag gespeist wird. Er ermöglicht Lehrpersonen und Lernenden einen einfachen Zugang zu qualitätsgeprüftem und auf die schweizerische Bildungslandschaft abgestimmten E-Content. Interoperabilität garantiert der von einer Expertengruppe unter der Führung von educa.ch entwickelte Metadatenstandard LOM-CH.
EDK (2007): HarmoS-Konkordat, Art. 8 (pdf)
CIIP (2009): Convention scolaire romande
EDK (2007): ICT-Strategie der EDK (pdf)
EDK (2017): Tätigkeitsprogramm der EDK 2015-2019 (pdf)
D-EDK (2017): Tätigkeitsprogramm der D-EDK 2017 (pdf)
Leistungsvereinbarung betreffend die Aufgaben der Fachagentur educa.ch für die Periode 2017-2020
Lehmann, L. (2016): Lehrmittelpolitik. Eine Governance-Analyse der schweizerischen Lehrmittelzulassung. Wiesbaden: Springer.
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