Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/wahlkampfanzeige-per-einstweiliger-anordnung-3103155
Timestamp: 2020-04-10 04:39:22
Document Index: 14531315

Matched Legal Cases: ['§ 32', 'Art. 93', '§ 13', '§ 23', '§ 92', '§ 23', '§ 92', '§ 130', '§ 32', 'Art. 5', '§ 93']

Poli­ti­sche Agi­ta­ti­ons­an­zei­ge per einst­wei­li­ger Anord­nung? | Rechtslupe
Politische Agitationsanzeige per einstweiliger Anordnung?
Poli­ti­sche Agi­ta­ti­ons­an­zei­ge per einst­wei­li­ger Anord­nung?
Auch bei regio­na­ler Mono­pol­stel­lung besteht kein Kon­tra­hie­rungs­zwang pri­vat­recht­li­cher Pres­se­or­ga­ne zum Abdruck von Zei­tungs­an­zei­gen einer poli­ti­schen Par­tei.
Mit die­ser Begrün­dung hat es das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt abge­lehnt, die Ver­la­ge der Thü­rin­ger Lan­des­zei­tung, der Ost­thü­rin­ger Lan­des­zei­tung und des All­ge­mei­nen Anzei­gers mit­tels einst­wei­li­ger Anord­nung zu ver­pflich­ten, die Anzei­ge einer im Thü­rin­ger Land­tag mit acht Abge­ord­ne­ten ver­tre­te­nen Land­tags­frak­ti­on zu ver­öf­fent­li­chen.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te den Antrag zunächst wegen unzu­rei­chen­der Begrün­dung als unzu­läs­sig abge­lehnt. Auf die Gegen­vor­stel­lung der Land­tags­frak­ti­on hat es sodann die­sen ers­ten Beschluss auf­ge­ho­ben und den Antrag erneut als unbe­grün­det abge­lehnt, da die Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass der einst­wei­li­gen Anord­nung nicht vor­la­gen.
Begrün­dungs- und Dar­le­gungs­er­for­der­nis­se
Zuläs­sig­keit einer einst­wei­li­gen Anord­nung
Offen­sicht­li­che Unbe­gründ­etheit einer noch zu erhe­ben­den Ver­fas­sungs­be­schwer­de
Begrün­dungs- und Dar­le­gungs­er­for­der­nis­se[↑]
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­te den Antrag zunächst als unzu­läs­sig.
Ein Antrag nach § 32 Abs. 1 BVerfGG ist nur zuläs­sig, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung sub­stan­ti­iert dar­ge­legt sind 1. Dazu gehört auch die sub­stan­ti­ier­te Dar­le­gung, dass der – gege­be­nen­falls noch zu stel­len­de – Antrag in der Haupt­sa­che weder unzu­läs­sig noch offen­sicht­lich unbe­grün­det ist 2. Das Ver­fah­ren über eine einst­wei­li­ge Anord­nung ist immer nur ein Neben­ver­fah­ren in einem Ver­fas­sungs­rechts­streit, für den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach Art. 93 GG, § 13 BVerfGG zustän­dig ist 3.
Eine § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG genü­gen­de Begrün­dung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de setzt vor­aus, dass der die Rechts­ver­let­zung ent­hal­ten­de Vor­gang sub­stan­ti­iert und schlüs­sig vor­ge­tra­gen wird 4. Bei einer gegen eine gericht­li­che Ent­schei­dung gerich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat der Beschwer­de­füh­rer sich mit die­ser inhalt­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen 5. Es muss deut­lich wer­den, inwie­weit durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me das bezeich­ne­te Grund­recht ver­letzt sein soll 6. Zu einer ord­nungs­ge­mä­ßen Begrün­dung in die­sem Sin­ne gehört auch, dass der Beschwer­de­füh­rer die zum Ver­ständ­nis not­wen­di­gen Unter­la­gen in Ablich­tung vor­legt oder zumin­dest ihrem Inhalt nach so dar­stellt, dass eine ver­ant­wort­ba­re ver­fas­sungs­recht­li­che Beur­tei­lung mög­lich ist 7.
Hier­an fehlt es. Die Land­tags­frak­ti­on hat zwar den ange­grif­fe­nen Beschluss des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts vom 26.11.2015 8 vor­ge­legt, den eben­falls ange­grif­fe­nen Beschluss des Land­ge­richts Erfurt vom 19.11.2015 9 hat sie ihrem Antrag jedoch weder bei­gefügt noch des­sen Inhalt hin­rei­chend mit­ge­teilt. Zwar hat die Land­tags­frak­ti­on neben dem per Fax über­sand­ten Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung eine mit Anla­gen ver­se­he­ne E‑Mail an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über­sandt, die Über­mitt­lung von Doku­men­ten per E‑Mail genügt den Anfor­de­run­gen der § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG indes nicht 10. Eine § 130a Abs. 1 ZPO ent­spre­chen­de Vor­schrift kennt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz gera­de nicht. Nach alle­dem ist eine ver­ant­wort­ba­re ver­fas­sungs­recht­li­che Beur­tei­lung nicht mög­lich.
Ohne Kennt­nis der Ent­schei­dung des Land­ge­richts Erfurt vom 19.11.2015 ist aber eine noch zu erhe­ben­de Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig, da dies Vor­aus­set­zung einer Über­prü­fung der Ver­let­zung der von der Land­tags­frak­ti­on gel­tend gemach­ten Ver­fas­sungs­rech­te ist.
Gegen die­se, den Antrag als unzu­läs­sig able­hen­de Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wehr­te sich die Land­tags­frak­ti­on am glei­chen Tag mit einer Gegen­vor­stel­lung, auf die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ihren Beschluss auf­hob 11, nach­dem der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Land­tags­frak­ti­on eides­statt­lich ver­si­chert hat­te, auf den zuvor unter­nom­me­nen erfolg­lo­sen Ver­such, den Beschluss des Land­ge­richts Erfurt als Anla­ge zum Antrags­schrift­satz per Fax zu über­mit­teln, die Faxein­gangs­stel­le des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kon­tak­tiert und die Aus­kunft erhal­ten zu haben, dass eine Über­sen­dung der Anla­gen mit­tels E‑Mail aus­rei­chend sei. Die­ser Umstand recht­fer­tig­te für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Auf­he­bung des ers­ten Beschlus­ses sowie eine erneu­te Ent­schei­dung.
Zuläs­sig­keit einer einst­wei­li­gen Anord­nung[↑]
Ein Antrag nach § 32 Abs. 1 BVerfGG ist nur zuläs­sig, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung sub­stan­ti­iert dar­ge­legt sind 12. Dazu gehört auch die sub­stan­ti­ier­te Dar­le­gung, dass der – wie hier noch zu stel­len­de – Antrag in der Haupt­sa­che weder unzu­läs­sig noch offen­sicht­lich unbe­grün­det ist 13.
Offen­sicht­li­che Unbe­gründ­etheit einer noch zu erhe­ben­den Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]
Gemes­sen hier­an kann eine einst­wei­li­ge Anord­nung nicht erge­hen. Der gestell­te Antrag ist unbe­grün­det, da eine noch zu erhe­ben­de Ver­fas­sungs­be­schwer­de offen­sicht­lich unbe­grün­det wäre.
In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist geklärt, dass die pri­vat­wirt­schaft­lich orga­ni­sier­te Pres­se bei der Aus­wahl der von ihr ver­brei­te­ten Nach­rich­ten und Mei­nun­gen der Ver­pflich­tung zu Neu­tra­li­tät nicht unter­liegt 14. Anders als die öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk- und Fern­seh­an­stal­ten dür­fen Pres­se­or­ga­ne auch den Abdruck von Anzei­gen und Leser­zu­schrif­ten einer bestimm­ten Ten­denz ver­wei­gern, ohne dass dar­in eine unzu­läs­si­ge Beein­träch­ti­gung der Frei­heit der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung läge, selbst wenn zugleich ent­ge­gen­ste­hen­den Mei­nun­gen Raum gege­ben wür­de. Dar­an ändert auch eine regio­na­le Mono­pol­stel­lung nichts. Da poli­ti­sche Wett­be­wer­ber – nicht zuletzt auf­grund der Ent­wick­lung der moder­nen Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gi­en – über viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten der Ver­brei­tung von Infor­ma­tio­nen ver­fü­gen, bedarf es auch bei einer regio­na­len Mono­pol­stel­lung eines Pres­se­or­gans kei­ner Ein­schrän­kung der durch Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG geschütz­ten ver­le­ge­ri­schen Frei­heit 15.
Nichts ande­res kann vor­lie­gend gel­ten. Selbst wenn den von der Land­tags­frak­ti­on bezeich­ne­ten und in pri­va­ter Hand betrie­be­nen Medi­en­grup­pen eine regio­na­le Mono­pol­stel­lung zukä­me, kann hier­aus eine Ver­pflich­tung zum Abdruck von Anzei­gen, die die Ein­la­dung zu einem "Bür­ger­dia­log" der Land­tags­frak­ti­on zum Gegen­stand haben, mit dem ihr "Kon­zept zur Asyl- und Zuwan­de­rungs­po­li­tik" vor­ge­stellt wer­den soll, nicht her­ge­lei­tet wer­den. Die Land­tags­frak­ti­on ver­fügt über sons­ti­ge Mög­lich­kei­ten, für die Ver­an­stal­tung in ande­rer Form zu wer­ben und hat davon – wie ihr Inter­net­auf­tritt zeigt – auch Gebrauch gemacht. Daher begeg­nen die dies­be­züg­li­chen Erwä­gun­gen in den ange­grif­fe­nen Beschlüs­sen kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 27.11.2015 – 2 BvQ 43/​15
vgl. BVerfG, Beschluss vom 25.10.2006 – 1 BvQ 30/​06; BVerfG, Beschluss vom 17.11.2006 – 1 BvQ 33/​06; BVerfG, Beschluss vom 20.08.2015 – 1 BvQ 28/​15; BVerfG, Beschluss vom 30.09.2015 – 2 BvQ 29/​15[↩]
vgl. BVerfGE 31, 87, 90; BVerfG, Beschluss vom 30.09.2015 – 2 BvQ 29/​15[↩]
vgl. BVerfGE 81, 208, 214; 89, 155, 171; 99, 84, 87; 108, 370, 386 f.; 113, 29, 44[↩]
vgl. BVerfGE 82, 43, 49; 86, 122, 127; 88, 40, 45; 105, 252, 264[↩]
vgl. BVerfGE 78, 320, 329; 99, 84, 87; 115, 166, 179 f.[↩]
vgl. für die Ver­fas­sungs­be­schwer­de BVerfGE 78, 320, 327; 88, 40, 45; 93, 266, 288; für den vor­ge­la­ger­ten Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung BVerfG, Beschluss vom 10.03.2010 – 1 BvQ 4/​10; BVerfG, Beschluss vom 11.11.2015 – 2 BvQ 40/​15[↩]
Thü­rO­LG, Beschluss vom 26.11.2015 – 2 W 578/​15[↩]
LG Erfurt, Beschluss vom 19.11.2015 – 3 O 1379/​15[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 19.05.2010 – 1 BvR 1070/​10 4[↩]
vgl. Ham­mer, in: Burkiczak/​Dollinger/​Schorkopf, BVerfGG, 2015, § 93 Rn. 56[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.08.2015 – 1 BvQ 28/​15; BVerfG, Beschluss vom 30.09.2015 – 2 BvQ 29/​15[↩]
vgl. BVerfGE 37, 84, 91[↩]
vgl. BVerfGE 37, 84, 91; 42, 53, 62; Löff­ler, Pres­se­recht, 6. Aufl.2015, BT Anz Rn. 61 ff.[↩]
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