Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/anwaltliche-belehrungspflicht-bei-drohender-verjaehrung-331750
Timestamp: 2020-07-07 10:45:19
Document Index: 92039557

Matched Legal Cases: ['§ 141', '§ 448', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 540']

Anwaltliche Belehrungspflicht bei drohender Verjährung | Rechtslupe
Anwalt­li­che Beleh­rungs­pflicht bei dro­hen­der Ver­jäh­rung
Die zeit­li­che Dring­lich­keit einer zur Ver­mei­dung des Ver­jäh­rungs­ein­tritts gebo­te­nen Kla­ge­er­he­bung kann dem Man­dan­ten durch den Hin­weis des Rechts­an­walts hin­rei­chend ver­deut­licht wer­den, "sofort" Kla­ge erhe­ben zu müs­sen.
Vor­trags- und Beweis­last im Haf­tungs­pro­zess[↑]
Ein pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Rechts­an­walts ist vom Man­dan­ten dar­zu­le­gen und zu bewei­sen, selbst soweit es dabei um nega­ti­ve Tat­sa­chen geht. Der Rechts­an­walt darf sich aber nicht damit begnü­gen, eine Pflicht­ver­let­zung zu bestrei­ten oder ganz all­ge­mein zu behaup­ten, er habe den Man­dan­ten aus­rei­chend unter­rich­tet. Viel­mehr muss er den Gang der Bespre­chung im Ein­zel­nen schil­dern, ins­be­son­de­re kon­kre­te Anga­ben dazu machen, wel­che Beleh­run­gen und Rat­schlä­ge er erteilt und wie dar­auf der Man­dant reagiert hat [1]. Die­se Ver­tei­lung der Dar­le­gungs- und Beweis­last gilt auch, wenn dem Anwalt – wie hier – vor­ge­wor­fen wird, den Man­dan­ten nicht auf den Ablauf der Ver­jäh­rung hin­ge­wie­sen zu haben [2].
Beleh­rungs­pflicht bei dro­hen­der Ver­jäh­rung[↑]
Der Rechts­an­walt ist im Rah­men des ihm erteil­ten Anwalts­auf­tra­ges ver­pflich­tet, den Auf­trag­ge­ber all­ge­mein, umfas­send und mög­lichst erschöp­fend zu beleh­ren, sei­ne Belan­ge nach jeder Rich­tung wahr­zu­neh­men und die Geschäf­te so zu erle­di­gen, dass Nach­tei­le für ihn – soweit sie vor­aus­seh­bar und ver­meid­bar sind – ver­mie­den wer­den. Dar­aus folgt ohne wei­te­res die Ver­pflich­tung, dar­auf zu ach­ten, ob dem Man­dan­ten wegen Ver­jäh­rung ein Rechts­ver­lust droht, und dem durch geeig­ne­te Maß­nah­men ent­ge­gen­zu­wir­ken. Ins­be­son­de­re ist auf den dro­hen­den Ein­tritt der Ver­jäh­rung hin­zu­wei­sen [3]. Aller­dings kann nach Art und Umfang des Man­dats eine ein­ge­schränk­te Beleh­rung aus­rei­chend sein, etwa bei beson­de­rer Eil­be­dürf­tig­keit oder bei einem Auf­wand, der außer Ver­hält­nis zum Streit­ge­gen­stand steht. Eine in jeder Hin­sicht lücken­lo­se Auf­klä­rung über alle recht­li­chen Zusam­men­hän­ge und Fol­gen trägt vor allem bei schwie­ri­ger Sach- und Rechts­la­ge die Gefahr in sich, den Man­dan­ten zu über­for­dern und ihm so den Blick auf die für die Ent­schei­dung wich­ti­gen Gesichts­punk­te zu ver­stel­len. Dies wür­de dem Sinn und Zweck der geschul­de­ten Bera­tung zuwi­der­lau­fen. Der Rechts­an­walt hat dem Auf­trag­ge­ber daher nur die Hin­wei­se zu ertei­len, die ihm die für sei­ne Ent­schei­dung not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen lie­fern [4].
Die­sen Anfor­de­run­gen hat der Rechts­an­walt mit dem an den Man­dan­ten anläss­lich der Bespre­chung gerich­te­ten Hin­wei­ses, wegen dro­hen­der Ver­jäh­rung "sofort" Kla­ge erhe­ben zu müs­sen, genügt.
Der hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­ne Streit­fall erfor­der­te im Blick auf den Zeit­punkt des Ein­tritts der Ver­jäh­rung eine kom­ple­xe recht­li­che Beur­tei­lung. Dies schloss die Gefahr ein, dass sich das zur Ent­schei­dung beru­fe­ne Gericht bei der Beur­tei­lung der Ver­jäh­rung einer dem Man­dan­ten ungüns­ti­ge­ren Betrach­tungs­wei­se anschließt [5]. Des­we­gen hat­te der Rechts­an­walt dem Man­dan­ten zur Ver­mei­dung der Ver­jäh­rung den rela­tiv sichers­ten Weg zu emp­feh­len [6].
Die­ser Ver­pflich­tung ist der Rechts­an­walt mit dem Hin­weis auf die Not­wen­dig­keit einer "sofor­ti­gen" Kla­ge­er­he­bung nach­ge­kom­men. Eine ins Ein­zel­ne gehen­de recht­li­che Ana­ly­se über den Zeit­punkt des Ver­jäh­rungs­ein­tritts war im Blick auf die schwie­ri­gen recht­li­chen Zusam­men­hän­ge gegen­über dem Man­dan­ten nicht gebo­ten. Viel­mehr konn­te sich der Rechts­an­walt auf eine ein­ge­schränk­te Beleh­rung der Eil­be­dürf­tig­keit beschrän­ken [4]. Im Streit­fall hat der Rechts­an­walt die Eil­be­dürf­tig­keit hin­rei­chend ver­deut­licht, indem er den Man­dan­ten dar­über unter­rich­te­te, dass "sofort" Kla­ge zu erhe­ben sei. Die­ser Begriff bringt die Dring­lich­keit eines umge­hen­den Vor­ge­hens zwei­fels­frei zum Aus­druck. Zwar kann der Zwang zu einem unver­züg­li­chen Tätig­wer­den auch durch ande­re Begrif­fe, etwa dass "umge­hend", "prompt" oder "auf der Stel­le" Kla­ge zu erhe­ben ist, ver­mit­telt wer­den. Wählt der Rechts­an­walt aber eine For­mu­lie­rung, die – wie hier der Begriff "sofort" – die Not­wen­dig­keit eines ohne jeden Auf­schub gebo­te­nen Vor­ge­hens unmiss­ver­ständ­lich vor Augen führt, kann ihm nicht vor­ge­wor­fen wer­den, ande­re Begrif­fe wie "umge­hend", "prompt" oder "auf der Stel­le", die kei­nen zusätz­li­chen Bedeu­tungs­ge­halt auf­wei­sen, ver­wen­det zu haben.
Auf der Grund­la­ge der Mit­tei­lung, dass sofort Kla­ge ein­zu­rei­chen sei, wur­de der Man­dant hin­rei­chend über das unmit­tel­bar dro­hen­de Ver­jäh­rungs­ri­si­ko auf­ge­klärt. Dabei ver­stand es sich von selbst, dass die Kla­ge nicht in direk­tem Anschluss an die Unter­re­dung erho­ben, son­dern zunächst noch ver­fasst und jeden­falls ein Gerichts­kos­ten­vor­schuss bereit­ge­stellt wer­den muss­te. Die Unmiss­ver­ständ­lich­keit der Beleh­rung über die Not­wen­dig­keit einer sofor­ti­gen Kla­ge­er­he­bung wird nicht dadurch berührt, dass die Umset­zung des Rats einen gewis­sen Zeit­auf­wand erfor­der­te. Jeden­falls muss­te dem Man­dan­ten nach dem Inhalt des Hin­wei­ses klar sein, dass die zur Ver­mei­dung der Ver­jäh­rung erfor­der­li­chen Schrit­te unmit­tel­bar im Anschluss an das Bera­tungs­ge­spräch ein­zu­lei­ten waren. Hät­te der Man­dant die­sen Rat befolgt, wäre er ohne wei­te­res in der Lage gewe­sen, recht­zei­tig ver­jäh­rungs­hem­men­de Maß­nah­men zu ver­an­las­sen. Dar­um kann sich der über die Dring­lich­keit eines Vor­ge­hens unter­rich­te­te Man­dant nicht dar­auf beru­fen, dass die Ver­wirk­li­chung des ihm erteil­ten Rats nicht "sofort" mög­lich war.
Par­tei­ver­nah­me[↑]
Das Gericht hat bis­lang die von dem Beklag­ten zu dem Inhalt des Bera­tungs­ge­sprächs gege­be­ne Sach­ver­halts­dar­stel­lung, nach deren Inhalt ihm wegen des Hin­wei­ses auf die Not­wen­dig­keit einer sofor­ti­gen Kla­ge­er­he­bung ein Bera­tungs­feh­ler nicht ange­las­tet wer­den kann, ledig­lich als zutref­fend unter­stellt. Der Klä­ger hat sich zum Inhalt des Bera­tungs­ge­sprächs jedoch in einem gegen­tei­li­gen Sin­ne, wonach der Rechts­an­walt kei­ne Gefahr einer Ver­jäh­rung gese­hen habe, geäu­ßert. Nach der Zurück­wei­sung der Sache wird das Beru­fungs­ge­richt nun­mehr Fest­stel­lun­gen über den tat­säch­li­chen Inhalt des zwi­schen dem Klä­ger und dem Beklag­ten geführ­ten Bera­tungs­ge­sprächs zu tref­fen haben.
Da es sich dabei um ein Vier-Augen-Gespräch der Par­tei­en han­delt, wird das Gericht zum Zwe­cke der Beweis­erhe­bung eine Anhö­rung bei­der Par­tei­en ent­we­der auf der Grund­la­ge des § 141 ZPO oder des § 448 ZPO vor­zu­neh­men haben [7]. In Berufs­haf­tungs­sa­chen ist eine sol­che Par­tei­an­hö­rung jeden­falls in Erman­ge­lung wei­te­rer Beweis­mit­tel gebo­ten, um Fest­stel­lun­gen über den Inhalt strei­ti­ger Bera­tungs­ge­sprä­che tref­fen zu kön­nen [8].
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. Juni 2011 – IX ZR 75/​10
BGH, Urteil vom 01.03.2007 – IX ZR 261/​03, BGHZ 171, 261 Rn. 12[↩]
BGH, Urteil vom 26.06.2008 – IX ZR 145/​05, WM 2008, 1563 Rn. 20[↩]
BGH, Urteil vom 18.03.1993 – IX ZR 120/​92, NJW 1993, 1779, 1780[↩]
BGH, Urteil vom 01.03.2007, aaO Rn. 11[↩][↩]
BGH, Urteil vom 17.06.1993 – IX ZR 206/​92, NJW 1993, 2797, 2798[↩]
BGH, Urteil vom 19.11.2009 – IX ZR 12/​09, WM 2010, 139 Rn. 12[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 16.07.1998 – I ZR 32/​96, NJW 1999, 363, 364; vom 27.09. 2005 – XI ZR 216/​04, NJW-RR 2006, 61, 63[↩]
vgl. etwa BGH, Urteil vom 22.05.2001 – VI ZR 268/​00, NJW-RR 2001, 1431, 1432; vom 15.03.2005 – VI ZR 313/​03, NJW 2005, 1718, 1719 jeweils Arzt­haf­tung betref­fend[↩]
Der Zurück­wei­sungs­be­schluss des Beru­fungs­ge­richts – und die… Nach § 540 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO kann in einem Beru­fungs­ur­teil der Tat­be­stand durch die Bezug­nah­me auf die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen im Urteil…
Hin­weis­pflicht eines Steu­er­be­ra­ters auf dro­hen­de Ver­jäh­rung… Ohne geson­der­tes Man­dat ist ein Steu­er­be­ra­ter nicht ver­pflich­tet, die Mög­lich­keit von Regress­an­sprü­chen gegen Vor­be­ra­ter zu prü­fen. Selbst die Erkennt­nis von ersicht­li­chen Fehl­be­ur­tei­lun­gen des Vor­be­ra­ters ver­pflich­tet…
Das aus­sichts­lo­se Rechts­mit­tel – und die Beleh­rungs­pflicht des… Die mit Erhe­bung einer Kla­ge ver­bun­de­nen Risi­ken muss der Anwalt nicht nur benen­nen, son­dern auch deren Aus­maß abschät­zen. Ist eine Kla­ge prak­tisch aus­sichts­los, muss der…
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