Source: https://www.ebnerstolz.de/de/eugh-eu-kommission-darf-wegen-unionsrechtwidriger-kartelle-vor-nationalen-gerichten-auf-schadensersatz-klagen-13168.html
Timestamp: 2018-12-19 05:45:57
Document Index: 158978224

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

EuGH: EU-Kommission darf wegen unionsrechtwidriger Kartelle vor nationalen Gerichten auf Schadensersatz klagen - Ebner Stolz
Urteil des EuGH vom 6.11.2012 - C-199/11
Im Februar 2007 setzte die Kom­mis­sion gegen die Otis-, die Kone-, die Schind­ler- und die Thys­sen­Krupp-Gruppe wegen Betei­li­gung an Kar­tel­len auf dem Markt des Ver­kaufs, des Ein­baus, der War­tung und der Moder­ni­sie­rung von Auf­zü­gen und Fahr­t­rep­pen in Bel­gien, Deut­sch­land, Lux­em­burg und den Nie­der­lan­den Geld­bu­ßen in einer Gesamt­höhe von rd. 1 Mrd. € fest. Das EuG wies die hier­ge­gen gerich­te­ten Nich­tig­keits­kla­gen von Otis, Kone und Schind­ler ab. Die gegen die Unter­neh­men der Thys­sen­Krupp-Gruppe fest­ge­setz­ten Geld­bu­ßen setzte es hin­ge­gen herab. Meh­rere Unter­neh­men die­ser vier Grup­pen leg­ten beim EuGH Rechts­mit­tel gegen die Urteile des EuG ein.
Paral­lel dazu reichte die Kom­mis­sion im Juni 2008 - als Ver­t­re­te­rin der EU - bei der Recht­bank van koo­phan­del te Brus­sel (Bel­gien) eine Klage ein, mit der sie von Otis, Kone, Schind­ler und Thys­sen­Krupp die Zah­lung eines Betra­ges von rd. 7 Mio. € ver­langte. Die Kom­mis­sion machte gel­tend, dass der EU auf­grund der Ver­ein­ba­rung, an der diese Unter­neh­men betei­ligt gewe­sen seien, ein finan­zi­el­ler Scha­den ent­stan­den sei. Die Union hatte meh­rere öff­ent­li­che Auf­träge für den Ein­bau, die War­tung und die Erneue­rung von Auf­zü­gen und Fahr­t­rep­pen in ver­schie­de­nen EU-Gebäu­den mit Sitz in Bel­gien und Lux­em­burg ver­ge­ben, deren Preis infolge der von der Kom­mis­sion für rechts­wid­rig erklär­ten Ver­ein­ba­rung über dem Markt­preis gele­gen habe.
Vor die­sem Hin­ter­grund legte die Recht­bank van koo­phan­del te Brus­sel dem EuGH meh­rere Fra­gen zur Vor­a­b­ent­schei­dung vor. Sie möchte wis­sen, ob die Kom­mis­sion im kon­k­re­ten Kon­text die­ser Rechts­sa­che zur Ver­t­re­tung der Union vor einem natio­na­len Gericht befugt ist. Außer­dem fragt sie, ob die Grund­rech­techarta der EU die Kom­mis­sion daran hin­dert, als Ver­t­re­te­rin der Union auf Ersatz des Scha­dens zu kla­gen, der der Union auf­grund eines wett­be­werbs­wid­ri­gen Ver­hal­tens ent­stan­den ist, für das in einer Ent­schei­dung die­ses Organs die Unve­r­ein­bar­keit mit dem Uni­ons­recht fest­ge­s­tellt wurde.
Für die Ver­t­re­tung der EU ist der Ver­trag zur Grün­dung der EG maß­geb­lich, da der Rechts­st­reit vor dem Inkraft­t­re­ten des Ver­trags über die Arbeits­weise der EU (AEUV) anhän­gig gemacht wor­den ist. Somit ist die Kom­mis­sion befugt, die Gemein­schaft vor dem natio­na­len Gericht zu ver­t­re­ten, ohne dass sie dafür einer spe­zi­fi­schen Voll­macht bedarf. Dar­über hin­aus hin­dert die Charta die Kom­mis­sion nicht daran, im Namen der Union vor einem natio­na­len Gericht auf Ersatz des Scha­dens zu kla­gen, der der Union durch ein uni­ons­rechts­wid­ri­ges Kar­tell oder Ver­hal­ten ent­stan­den ist.
Jeder­mann - das gilt auch für die EU - kann Ersatz des ihm ent­stan­de­nen Scha­dens ver­lan­gen, wenn zwi­schen dem Scha­den und einem ver­bo­te­nen Kar­tell oder Ver­hal­ten ein Kau­sal­zu­sam­men­hang besteht. Bei der Aus­übung die­ses Rechts müs­sen jedoch die Grund­rechte der Par­teien beach­tet wer­den, wie sie ins­bes. in der Charta gewähr­leis­tet sind. Dabei umfasst das Recht auf effek­ti­ven gericht­li­chen Rechts­schutz meh­rere Ele­mente, zu denen u.a. das Recht auf Zugang zu einem Gericht und der Grund­satz der Waf­fen­g­leich­heit gehö­ren.
Inso­weit ist fest­zu­s­tel­len, dass der Grund­satz, wonach die natio­na­len Gerichte durch die Fest­stel­lung eines rechts­wid­ri­gen Ver­hal­tens in einer Ent­schei­dung der Kom­mis­sion gebun­den sind, nicht bedeu­tet, dass die Par­teien kein Recht auf Zugang zu einem Gericht hät­ten. Die natio­na­len Gerichte sind zwar durch die Fest­stel­lun­gen der Kom­mis­sion in Bezug auf das Vor­lie­gen eines wett­be­werbs­wid­ri­gen Ver­hal­tens gebun­den, doch sind allein sie dafür zustän­dig, das Vor­lie­gen eines Scha­dens und eines unmit­tel­ba­ren Kau­sal­zu­sam­men­hangs zwi­schen die­sem Ver­hal­ten und dem ent­stan­de­nen Scha­den zu beur­tei­len. Die Kom­mis­sion ist daher nicht Rich­te­rin in eige­ner Sache.
Der Grund­satz der Waf­fen­g­leich­heit sch­ließ­lich dient der Wah­rung des Gleich­ge­wichts zwi­schen den Pro­zes­s­par­teien, indem er gewähr­leis­tet, dass jedes Doku­ment, das einem Gericht vor­ge­legt wird, von jedem am Ver­fah­ren Betei­lig­ten kon­trol­liert und in Frage ges­tellt wer­den kann. Im vor­lie­gen­den Fall wur­den aber die Infor­ma­tio­nen, die die Kom­mis­sion im Kar­tell­ver­fah­ren gesam­melt hatte - und die die beklag­ten Unter­neh­men nicht zu ken­nen behaup­ten -, dem natio­na­len Gericht von der Kom­mis­sion gar nicht vor­ge­legt. Jeden­falls ver­bie­tet das Uni­ons­recht der Kom­mis­sion, bei einer wett­be­werbs­recht­li­chen Unter­su­chung erlangte Infor­ma­tio­nen zu einem ande­ren als dem Unter­su­chungs­zweck zu ver­wer­ten.