Source: http://heilfort.de/gestoerter-bauablauf-problemstellung-definition-und-dokumentation-produktivitaetsverluste-minderleistungen/
Timestamp: 2018-01-20 05:30:27
Document Index: 228262300

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 6', 'BGH', 'BGH', '§ 6', '§ 286', '§ 287', '§ 6', 'BGH', '§ 6']

ᐅ Forschung gestörter Bauablauf: Problem, Definition, Berechnung | Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Kfm. Thomas Heilfort
ᐅ Forschung gestörter Bauablauf: Problem, Definition, Berechnung
von Thomas Heilfort · Veröffentlicht Montag, 07. November 2016 · Aktualisiert Dienstag, 28. Februar 2017
Ein gestörter Bauablauf führt unweigerlich zu Produktivitätsverlusten, Mehrkosten und Terminverzögerungen, deren konkrete Verantwortung oft unscharf bleibt. Das Problem von Bauablaufstörungen ist daher Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten.
Gestörter Bauablauf: Auswirkungen auf die Arbeitsstunden des AN
Ein gestörter Bauablauf und die Berechnung der Auswirkungen auf die Lohnstunden
Definition gestörter Bauablauf, Bauablaufstörung und Baubehinderung
Ein gestörter Bauablauf und dennoch Probleme mit dem Bauzeitnachtrag
Ursachen für die mangelnde Durchsetzbarkeit von Nachtragsforderungen aus Bauablaufstörungen
Gestörter Bauablauf: Hohe juristische Anforderungen an die Abrechnung der Mehrkosten von Baubehinderungen
Notwendigkeit bauablaufbezogener Darstellungen
Weiterführende Literatur zum gestörten Bauablauf und zur Abrechnung von Baubehinderungen
Bauablaufstörungen zählen zu den gravierendsten Ursachen für die Nichterreichung von Projektzielen. Den betroffenen Bauunternehmen drohen nicht nur höhere Kosten durch unproduktiven zusätzlichen oder verlängerten Ressourceneinsatz, sondern unter Umständen auch geringere Erlöse durch den Abzug von Vertragsstrafe oder Schadensersatz. Die nachfolgende Abbildung zeigt das Problem anhand eines typischen Beispiels aus der mehr als 20jährigen Berufserfahrung des Sachverständigen für Bauablaufstörungen.
Gestörter Bauablauf: Auswirkungen von Bauablaufstörungen auf die Leistungserbringung
Die Abbildung 1 zeigt bereits auf den ersten Blick typische Folgen von Bauablaufstörungen: Verschiebung des Arbeitsbeginns, Produktivitätsverluste und Bauzeitverlängerung. Schon aus diesem einfachen Vergleich zwischen dem Lohnstundeneinsatz des Bauunternehmers gemäß Vertragssoll (Soll 1, blaue Säulen), kalkulatorischem Soll für die Ist-Leistung (Soll 2, blau gestrichelte Linie) und tatsächlicher Leistungserbringung (Ist, rote Linie) ist erkennbar: Der Unternehmer konnte zunächst nicht beginnen, hat dann mit stark erhöhtem Einsatz versucht, seine Leistung fristgerecht zu erbringen, war während der Leistungserbringung behindert und konnte seine Arbeiten nicht zügig abschließen.
Die Folge sind Mehrkosten und Terminverzögerungen, für deren Geltendmachung und Durchsetzung aber ein kausaler Nachweis von Anspruchsgrundlage und Anspruchshöhe jeder einzelnen Bauablaufstörung erforderlich ist, an dem viele Unternehmen scheitern. Nur selten entspricht daher die Kostenverteilung daher den tatsächlichen Verursachungsbeiträgen. Auswirkung des gestörten Bauablaufs auf die kalkulierten Lohnstunden.
Der Musterfall gemäß Abbildung 1 zeigt am Beispiel der Lohnstunden eines Ausbauunternehmens im gestörten Bauablauf, wie sich fortwährende Bauablaufstörungen auswirken: Bei Vertragsschluss wurden insgesamt 29.360 Lohnstunden kalkuliert (Soll 1). Deren Verteilung über die Bauzeit ergibt sich aus einem mit der Ressourcenkalkulation verknüpften Ablaufplan. Abweichungen ergeben sich zunächst aus angeordneten Leistungsänderungen, die das vereinbarte Vertrags-Soll zum letztlich auszuführenden Bau-Soll fortschreiben. Für dieses neue Soll 2 sind kalkulatorisch 37.407 Stunden erforderlich. Bei unverändertem Arbeitskräfteeinsatz resultiert aus den Mehrleistungen eine Bauzeitverlängerung von 6 Wochen. Maßgeblich ist jedoch allein die tatsächliche Bauausführung. So begannen die Bauarbeiten aufgrund verspäteter Vorleistungen 13 Wochen später und dauerten dann wegen weiterer Baubehinderungen auch erheblich länger an.
Der Auftragnehmer hat insgesamt 59.330 Lohnstunden erbracht, 21.923 Stunden oder 59 % mehr als gemäß Soll 2 erforderlich gewesen wäre. Ursache der Mehrstunden waren im begutachteten Fall Produktivitätsverluste aufgrund verschiedenster, meist kleinerer und lokal begrenzter Störungen, die jede für sich genommen relativ unerheblich war, die sich in der Summe aber massiv auf die Arbeitsproduktivität und die Herstellkosten auswirkten. Es kommt also darauf an, die Produktivitätsverluste so früh wie möglich zu erkennen, anzuzeigen und zu erfassen – und zwar im Idealfall für jede einzelne Bauablaufstörung.
In der VOB/B taucht nur der Begriff der Behinderung (synonym Baubehinderung) auf. Gemäß § 6 Abs. 1 VOB/B ist der Auftragnehmer einer Bauleistung verpflichtet, dem Auftraggeber schriftlich eine Behinderungsanzeige einzureichen, wenn er sich in der ordnungsgemäßen Ausführung der Bauleistungen behindert glaubt. Baubehinderungen sind damit alle Bauablaufstörungen mit negativen Folgen für die Leistungserbringung des Auftragnehmers, für die die Anspruchsvoraussetzungen des § 6 Abs. 1 VOB/B erfüllt sind.
Der Begriff der Bauablaufstörung ist hingegen weiter gefasst, aber ebenfalls nicht einheitlich definiert (zur Herleitung der Definition siehe Heilfort, Ablaufstörungen in Bauprojekten, 2003, S. 35 ff.). Bauablaufstörungen sind demnach allgemein alle im Rahmen des Controllingprozesses festgestellten Differenzen zwischen vertragsgerechten Referenz- und äquivalenten Beobachtungszuständen in der Wertschöpfung eines Bauprojektes, die auf konkrete Ursachen zurückgeführt werden. In Abgrenzung dazu lassen sich für Bauablaufschwankungen gerade keine konkreten Ursachen feststellen.
Ein gestörter Bauablauf ist damit ein Oberbegriff, der alle Abweichungen vom geplanten Bausoll umfasst.
Die Rechtsprechung stellt hohe Anforderungen an den Nachweis der Auswirkungen von Bauablaufstörungen. Selbst wenn die Ursache einer Bauablaufstörung von allen Projektbeteiligten gleichermaßen anerkannt wird, kommt es hinsichtlich der terminlichen und erst recht der monetären Ansprüche oft zu unterschiedlichen Beurteilungen. Oft können Fragen zur Störungsdauer, zum Einfluss auf Bauzeit und Fertigstellungstermine oder zur Schadensminderungspflicht des Auftragnehmers nicht einvernehmlich geklärt werden. Der vom BGH geforderte, einzelfallspezifische Nachweis des adäquat-kausalen Zusammenhangs zwischen Ursache und Auswirkung einzelner Behinderungen kann im Bestreitensfall von den betroffenen Bauunternehmern oft nicht in der erforderlichen Detailschärfe beigebracht werden.
Der Zusammenhang zwischen Kosten- und Ablaufplanung wird bereits bei Vertragsschluss nicht oder nicht eindeutig dokumentiert.
Änderungen des geplanten Bauablaufs werden inhaltlich und ursächlich nicht dargestellt.
Es werden nur Behinderungsursachen, aber keine Behinderungsauswirkungen erfasst.
Zur Anspruchsbegründung können im Nachhinein zwar die hindernden Umstände, nicht aber deren konkrete Auswirkungen justiziabel vorgetragen werden.
Ursachen für mangelnde Durchsetzbarkeit von Mehrkosten aus Bauablaufstörungen
In einer Umfrage an der TU Dresden sollten die befragten Bauunternehmer selbst die Ursachen für die mangelnde Durchsetzbarkeit von Nachtragsforderungen aus einem gestörten Bauablauf einschätzen: Gemäß der nachfolgenden Abbildung wurde als größtes Problem der Kostendruck durch den Auftraggeber (80 %) bewertet. Unmittelbar danach folgen Nachweisprobleme bei der Anspruchsgrundlage von Baubehinderungen (65 %) sowie eine unzureichende Dokumentation von Bauablaufstörungen (54 %). Die Bauunternehmer sind sich damit zwar der Bedeutung von Schlüsselqualifikationen für die Bauleitung bewusst, schätzen ihre Fähigkeiten zum Nachweis der Anspruchsgrundlage für Baubehinderungen jedoch als durchaus verbesserungswürdig ein. Im Ergebnis auch dieser Umfrage bietet der Sachverständige seit 2004 Seminare an, die genau bei den erkannten Problemen ansetzen und eine Verbesserung des Know-hows der Bauunternehmer erreichen sollen.
Mit Urteil vom 24.02.2005 (VII ZR 141/03) hat der BGH die hohen Anforderungen an den baubetrieblichen Nachweis von Schadensersatzansprüchen nach § 6 Nr. 6 VOB/B erneut bestätigt und insbesondere auf die unterschiedlichen Beweisanforderungen an die so genannte haftungsbegründende Kausalität und die haftungsausfüllende Kausalität hingewiesen. Soweit demnach die Behinderung darin besteht, dass bestimmte Arbeiten nicht oder nicht in der vorgesehenen Zeit durchgeführt werden können, ist sie nach allgemeinen Grundsätzen der Darlegungs- und Beweislast zu beurteilen. Der Auftragnehmer hat deshalb für die sogenannte haftungsbegründende Kausalität nach § 286 ZPO Beweis dafür zu erbringen, wie lange die konkrete Behinderung andauerte.
Dagegen können die weiteren Folgen der konkreten Behinderung (haftungsausfüllende Kausalität), soweit sie nicht mehr zum Haftungsgrund gehören, sondern dem durch die Behinderung erlittenen Schaden zuzuordnen sind, nach § 287 ZPO geschätzt werden. Es kann deshalb zum Beispiel qualifiziert geschätzt werden, inwieweit eine konkrete Baubehinderung von bestimmter Dauer zu einer Verlängerung der gesamten Bauzeit geführt hat, weil sich Anschlussgewerke verzögert haben.
Ein zur Untermauerung des Anspruchs aus Baubehinderungen gemäß § 6 Nr. 6 VOB/B vorgelegtes Privatgutachten ist qualifizierter Parteivortrag und deshalb vom Tatrichter vollständig zu berücksichtigen und zu würdigen.
Bereits mit Urteil vom 21.03.2002 (VII ZR 224/00) hatte der BGH die Anforderungen an die Nachweisführung von Baubehinderungen und insbesondere die notwendige Betrachtung der tatsächlichen Bauausführung wie folgt definiert: Der Auftragnehmer muss eine Baubehinderung, aus der er Schadensersatzansprüche ableitet, möglichst konkret darlegen. Dazu ist zusätzlich zur Behinderungsanzeige gemäß § 6 Abs. 1 VOB/B in der Regel auch dann eine bauablaufbezogene Darstellung notwendig, wenn feststeht, dass die freigegebenen Ausführungspläne nicht rechtzeitig vorgelegt worden sind. Allgemeine Hinweise darauf, dass die verzögerte Lieferung freigegebener Pläne zu Bauablaufstörungen und zu dadurch bedingten Produktivitätsverlusten geführt habe, die durch Beschleunigungsmaßnahmen ausgeglichen worden seien, genügen den Anforderungen an die Darlegungslast einer Baubehinderung nicht. Sie sind auch keine geeignete Grundlage für eine Schadensschätzung.
Grundlage der einzelnen angebotenen Leistungen ist eine wissenschaftliche Herangehensweise. Die Erfahrungen aus der unternehmerischen, beratenden und gutachtlichen Praxis sowie aus der baubetrieblichen Forschungs- und Lehrtätigkeit wurden bereits in zahlreichen Veröffentlichungen publiziert, die sich vorrangig an Bauherren und Bauunternehmer, aber auch an Juristen, Kaufleute und Architekten richten. Lesen Sie insbesondere die folgenden Veröffentlichungen zu Forschungsarbeiten:
Tags: BauablaufstörungenGestörter BauablaufMinderleistungenProduktivitätsverlusteSachverständiger für Bauablaufstörungen
ᐅ Erstellung von Gutachten zum gestörten Bauablauf