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Timestamp: 2017-09-20 02:39:44
Document Index: 358449421

Matched Legal Cases: ['EuG', 'Art 2', 'Art. 12', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 12', 'EuG', 'Art. 12', 'Art. 12', 'EuG', 'Art. 3', 'Art. 2']

Alt- und Totholzkonzept Baden-Württemberg - PDF
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1 Alt- und Totholzkonzept Baden-Württemberg
2 Impressum Herausgeber Landesbetrieb ForstBW Kernerplatz 10, Stuttgart Gesamtprojektleitung Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) Autoren Nicole Schmalfuß, FVA, Abt. Waldökologie Frank Lorho, MLR, Ref. 57 Werner Braun, FBZ Königsbronn Redaktion Nicole Schmalfuß, FVA Susanne Warneck, FVA Fotos FVA Mitarbeit Dr. Eberhard Aldinger, FVA, Abt. Waldökologie Dr. Jürgen Marx, LUBW, Ref. Arten- und Flächenschutz, Landschaftspflege Jörg Rathgeber LUBW, Ref. Arten- und Flächenschutz, Landschaftspflege Dr. Gerhard Schaber-Schoor, FVA, Abt. Wald und Gesellschaft Dr. Thomas Waldenspuhl, FVA, Abt. Wald und Gesellschaft Dr. Michael Waitzmann, LUBW, Ref. Arten- und Flächenschutz, Landschaftspflege Susanne Warneck, FVA, Abt. Wald und Gesellschaft Kontakt: Landesbetrieb ForstBW Kernerplatz Stuttgart Tel: +49 (0)711 / Fax: +49 (0)711 / Zitiervorschlag: ForstBW (Hrsg) (2010): Alt- und Totholzkonzept Baden-Württemberg. 37 Seiten, Stuttgart. Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Herausgebers unter Quellenangabe. Copyright: Februar 2010, ForstBW 2
3 Vorwort Der Wald in Baden-Württemberg ist vielseitig. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass sich unser Wald gesund entwickelt und dass er Tieren und Pflanzen eine Heimat bietet. Der Wald ist aber auch Arbeitsplatz und liefert Holz, unseren wichtigsten nachwachsenden Rohstoff. Gleichzeitig brauchen die Menschen den Wald, um zu laufen, Sport zu treiben, zu spielen oder ihn einfach zu genießen. Zusammengefasst wird dies in den drei Bereichen der Nachhaltigkeit: der Schutz-, Nutz- und Erholungsfunktion unserer Wälder. Bei der Gewährleistung der Schutzfunktion handelt es sich nicht nur um ein Bedürfnis, das wir als Gesellschaft an den Wald stellen, sondern um den langfristigen und nachhaltigen Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Hierzu zählt u. a. der Schutz der Biodiversität. Im Wald leistet Alt- und Totholz einen besonders wichtigen Beitrag, da es Lebensraum für zahlreiche, oftmals gefährdete Arten bietet. Der Erhalt von Alt- und Totholz trägt somit maßgeblich zum Erhalt und zur Stärkung der Biodiversität bei. Der Landesbetrieb ForstBW bekennt sich vorbehaltlos zu einer multifunktionalen Forstwirtschaft und wird auch weiterhin für die Umsetzung naturschutzfachlicher Ziele im Wald eintreten. Die Verbesserung der Biodiversität im Staatswald ist dabei ein unverzichtbares und wichtiges Ziel. Zur Umsetzung dieser Ziele in die Praxis wurde das vorliegende Alt- und Totholzkonzept entwickelt. Mit diesem Konzept wurde eine umfassende Erhaltungs- und Entwicklungsstrategie für diese wertvollen Lebensräume erarbeitet. Damit erfolgt einerseits die Umsetzung der aktuellen Rechtslage im Artenschutzrecht. Es verdeutlicht aber auch, dass ForstBW in Naturschutzfragen eine führende Rolle anstrebt. Das Alt- und Totholzkonzept wurde für den Staatswald entwickelt und ist in diesem verbindlich umzusetzen. Es dient primär der Förderung der Alt- und Totholz bewohnenden Arten im Wald, ohne andere ökologische sowie ökonomische und soziale Belange zu vernachlässigen. Die Stärkung der Biodiversität mit der Arbeitssicherheit, der Verkehrssicherheit für Waldbesucher und den Anforderungen der Holzbereitstellung in Einklang zu bringen war eine Herausforderung. Dieser Interessenausgleich ist mit dem Alt- und Totholzkonzept hervorragend gelungen. Der Landesbetrieb ForstBW kommt damit der Allgemeinwohlverpflichtung des Staatswaldes in besonderem Maße nach. Das Konzept ist auch ein Beleg für eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der Naturschutzverwaltung und ForstBW. 3
4 Danken möchte ich Allen, die zu diesem Konzept beigetragen haben, insbesondere den Mitarbeitern der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg und der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Karlsruhe. Ich bin davon überzeugt, dass mit dem Alt- und Totholzkonzept ein wegweisendes Konzept für eine verbesserte Integration von Naturschutzzielen in bewirtschafteten Wäldern im Sinne einer nachhaltigen, multifunktionalen Waldwirtschaft gelungen ist. Max Reger Landesforstpräsident 4
5 Inhalt 1 Rahmenbedingungen Multifunktionale Forstwirtschaft Wirtschaftlicher Holzwert und ökologisches Wertholz Arbeitssicherheit Verkehrssicherung Rechtliche Anforderungen an den Artenschutz im Wald f. BNatSchG Natura Umweltschadensgesetz Anforderungen an die Umsetzung des Konzepts Alternative Strategien für die Einhaltung der rechtlichen Vorschriften 13 2 Das Alt- und Totholzkonzept Ziele des Konzepts Schutzelemente Kombination von (Klein-) Flächen und Baumgruppen Waldrefugien Habitatbaumgruppen Einzelne Habitatbäume Arten Umsetzung im Staatswald Baden-Württemberg Flächenausstattung Auswahl, Kennzeichnung und Dokumentation der Schutzelemente Stellung zu weiteren Artenschutzinstrumenten und konzepten Artenschutz im Wald 4 Wege zum Ziel Artensteckbriefe der LUBW Managementplanung innerhalb Natura 2000-Gebieten 24 3 Literaturverzeichnis 26 4 Anhang 28 Anhang 1 Muster-Verfahrensanweisung (Arbeitssicherheit) 29 Anhang 2 Artenlisten der LUBW 31 Anhang 3 Flächenbilanz 35 5
6 Anhang 4: Aufnahmebogen für HBG (Erhebung und Dokumentation) 36 Anhang 5 Artenschutz- 4 Wege zum Ziel 37 6
7 1 Rahmenbedingungen 1.1 Multifunktionale Forstwirtschaft Wald in Baden-Württemberg erfüllt eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen für die Umwelt, für Tier- und Pflanzenarten und den Menschen. Die Sicherung der Funktionenvielfalt, die - stark vereinfacht - mit dem Dreiklang Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion charakterisiert wird, ist in Verbindung mit der Nachhaltigkeit der wesentliche Grundsatz der Waldbewirtschaftung und als solcher im Landeswaldgesetz verankert. Weiterhin besteht in Baden-Württemberg der Anspruch und die erfolgreiche Praxis, die unterschiedlichen Leistungen des Waldes integrativ, aber mit unterschiedlichen Schwerpunkten, auf der ganzen Waldfläche zu erbringen. Eine integrative, multifunktionale Waldbewirtschaftung hat sich unter den hier geltenden Rahmenbedingungen als der richtige Weg erwiesen. Aus den unterschiedlichen und zum Teil konkurrierenden Zielsetzungen ergeben sich aber auch die Herausforderungen für die Waldbewirtschaftung. Nicht nur zwischen den drei Komponenten Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion bestehen Zielkonflikte, sondern auch hinter jedem einzelnen Oberbegriff verbergen sich Widersprüche. So führt eine verstärkte stoffliche Holzverwendung sowohl zur mittel- bis langfristigen Festlegung von CO 2 als auch zur Einsparung fossiler Energieträger bei der Herstellung z.b. von Baustoffen. Die stoffliche Holzverwendung dient somit ebenso wie der Ersatz von Öl und Erdgas durch den CO2 -neutralen Brennstoff Holz dem Klimaschutz. Andererseits kann eine intensive Holznutzung den Anforderungen an den Schutz bestimmter Arten widersprechen, die jedoch durch eine Veränderung des Klimas gefährdet sein können. Die Zielkonflikte lassen sich in der Regel nicht durch ein Entweder-oder auflösen, sondern durch ein Sowohl- als auch. Konzeptionelle Lösungen, die Konflikte erfolgreich entschärfen sind gefragt, wie z. B. räumlich differenzierte Schwerpunktsetzungen im Rahmen der naturnahen Waldwirtschaft. Vor diesem Hintergrund haben die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA) und die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Karlsruhe (LUBW) gemeinsam ein Konzept entwickelt, mit dem Alt- und Totholz im Wirtschaftswald langfristig erhalten bzw. bereitgestellt und systematisch in die Waldbewirtschaftung integriert wird (Alt- und Totholzkonzept; AuT-Konzept). Die Umsetzung des Konzeptes gewährleistet die Erfüllung der artenschutzrechtlichen Vorgaben für eine große Gruppe von geschützten Altholz- und Totholzarten. Dabei werden Zielkonflikte, die sich aus der Arbeitssicherheit, der Verkehrssicherung, dem Waldschutz und der Ökonomie ergeben berücksichtigt. 1.2 Wirtschaftlicher Holzwert und ökologisches Wertholz Ein Ziel der Forstwirtschaft ist es, den erneuerbaren Rohstoff Holz zu produzieren und zu nutzen, bevor die technische Entwertung einsetzt und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten einschränkt. Im Vergleich mit langfristig unbewirtschafteten Wäldern sind im Wirtschaftswald daher durchschnittlich weniger Altholz, Habitatbäume und Totholz vorhanden. Die Mehrzahl der Bäume wird geerntet, bevor Verfärbung, Fäule, Pilz- und Käferbefall und damit der Absterbe- und Zersetzungsprozess eintritt. Für viele Tier-, Pilz- und Pflanzen- 7
8 arten jedoch werden Einzelbäume und ganze Waldlebensräume erst besiedelbar, wenn die genannten Strukturen entstehen: Altholz, Habitatbäume und Totholz sind elementare Schlüsselrequisiten für eine ganze Reihe von Arten der reifen Waldökosysteme. Der artenschutzfachliche Wert eines Baumes steigt häufig erst mit zunehmendem Alter und dem einsetzenden physiologischen Verfall. 1.3 Arbeitssicherheit Totholz stellt eine erhebliche Gefahr für die Arbeitssicherheit bei der Waldbewirtschaftung dar. Sowohl stehende Totholzbäume als auch Totäste in der Krone können Gesundheit und Leben der im Gefahrenbereich tätigen Waldarbeiter und Maschinenführer gefährden. Weiterhin ergeben sich Erschwernisse und Behinderungen für die Waldarbeit durch liegendes Totholz (beeinträchtigte Sicht, versperrte Rückweichen und Hindernisse beim Gehen), was ebenfalls zu einer erhöhten Gefährdung führen kann. Als Folge der gestiegenen artenschutzrechtlichen Anforderungen und der damit verbundenen Anreicherung von Totholz im Wirtschaftswald hat die Gefährdung für die Waldarbeiter sukzessive zugenommen. Diesem Umstand sollte durch eine konzeptionelle Steuerung der Totholzanreicherung begegnet werden. Bei der Ausweisung von Habitatelementen nach dem AuT-Konzept und bei Waldarbeiten in Beständen mit Habitatelementen sind die Bestimmungen des Arbeitsschutzgesetzes zu beachten: Die Arbeit ist so zu gestalten, dass eine Gefährdung für Leben und Gesundheit möglichst vermieden und die verbleibende Gefährdung möglichst gering gehalten wird. Dies ist bei der Arbeitsplanung und Arbeitsvorbereitung zu beachten (ArbSchG 4). In Konfliktsituationen ist der Arbeitssicherheit Vorrang einzuräumen, es sei denn, das Naturschutzziel wäre erheblich gefährdet. In solchen Fällen sind geeignete Schutzmaßnahmen zu treffen (z.b. Unterlassen von Arbeiten im Gefahrenbereich). Die Belange der Arbeitsicherheit waren unter anderem Ausschlag gebend für die Ausgestaltung der Schutzelemente des AuT-Konzeptes (Kap. 2.2.). Über die Stilllegung von Kleinflächen und die Ausweisung von Habitatbaum- bzw. Totholzgruppen wird die Gefährdung auf wenige Flächen konzentriert, die Gefahrenfläche im Vergleich zu einer flächigen Verteilung einzelner Totholzbäume verringert. Praxishilfen zur Arbeitssicherheit finden sich in der Muster- Verfahrensanweisung für die Holzernte in Beständen mit hohem Totholzanteil (Anhang 1). 1.4 Verkehrssicherung Herab fallendes Totholz oder umstürzende Bäume stellen auch eine Gefährdung des allgemeinen Verkehrs im Wald dar. Im Bereich öffentlicher, das heißt tatsächlich von der Öffentlichkeit genutzter oder dieser gewidmeter Straßen, Bahnlinien, Parkplätze, Wege und Einrichtungen sowie von Häusern muss der Schutz von Leben und Gesundheit und damit die Verkehrssicherung Vorrang vor dem Erhalt sichtbar gefährlicher Bäume oder Äste haben. Zu den Bereichen mit erhöhter Verkehrssicherungspflicht zählen beispielsweise besondere Erholungseinrichtungen. Die Bereiche mit erhöhter Verkehrssicherungspflicht sind in jedem Revier bekannt und werden entsprechend der Gefährdungssituation 8
9 in angemessenen Zeitabständen auf sichtbare Gefahren hin kontrolliert (BRELOER, H., 2007 u. 2009). Die Kontrollen sollten dokumentiert werden. Aus der Umsetzung des Alt- und Totholzkonzeptes dürfen sich keine zusätzlichen Gefahren für die Verkehrssicherheit ergeben. Bereits bei der Auswahl und Ausweisung der Schutzelemente sind daher die Belange der Verkehrssicherung zu berücksichtigen. Im Abstand einer Baumlänge zu den oben genannten Bereichen mit besonderer Verkehrssicherungspflicht werden keine Habitatbaumgruppen und Totholz ausgewiesen. In Waldrefugien werden erforderliche Maßnahmen zur Kontrolle und Herstellung der Verkehrssicherheit durchgeführt. Das Betreten des Waldes erfolgt auf eigene Gefahr. Gefahren, die vom Bestand abseits der Waldwege selbst und dort durch seine ordnungsgemäße Bewirtschaftung entstehen, gelten als waldtypische Gefahren. Hier bestehen keine besonderen Verkehrssicherungspflichten. Zu den typischen Gefahren zählen im Wald auch tote Äste, die herabfallen können oder Bäume, die als Folge einer natürlich fortschreitenden Destabilisierung umstürzen. Der Umfang, in welchem diese typischen Waldgefahren durch Alt- und Totholz im Zuge der ordnungsgemäßen Waldwirtschaft auftreten, hat als Folge der gestiegenen artenschutzrechtlichen Anforderungen zugenommen. Durch eine Konzentration absterbender und toter Bäume kann zumindest die Gefährdungsfläche verringert werden. 1.5 Rechtliche Anforderungen an den Artenschutz im Wald Das Alt- und Totholzkonzept (AuT-Konzept) dient in erster Linie der Erhaltung oder Wiederherstellung des günstigen Erhaltungszustands der von dem Konzept erfassten Arten. Zugleich erfüllt das Konzept die Forderung des 38 Abs. 2 Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG 1 ) nach "vorbeugenden Schutzmaßnahmen" und gewährleistet die Einhaltung der natur- und artenschutzrechtlichen Anforderungen für die unter das AuT-Konzept fallende Arten, wodurch Rechtssicherheit für die tägliche Arbeit der Waldbewirtschaftung im Staatswald geschaffen wird f. BNatSchG Die besonderen artenschutzrechtlichen Bestimmungen der 44 f. BNatSchG dienen der Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) und der Vogelschutzrichtlinie (VSG-RL) in nationales Recht und sind sowohl inner- als auch außerhalb von Natura Gebieten zu beachten. Der "Leitfaden zum strengen Schutzsystem für Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse im Rahmen der FFH-Richtlinie 92/43/EWG" der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2007 ("KOM-Leitfaden") sowie die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) präzisieren diese Vorgaben. Tötungsverbot ( 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatschG) Das Verbot des 44 Abs. 1 Nr. 1 BNatSchG ist grundsätzlich bereits bei der Tötung oder Verletzung eines einzelnen Individuums einer besonders geschützten Art verwirklicht. Für die Waldbewirtschaftung enthält 44 Abs. 4 BNatSchG allerdings eine Lockerung dieser strengen Individualbetrachtung. Entsprechend ist die Tötung oder Verletzung einzelner 1 Paragrafen des BNatSchG beziehen sich auf die ab dem geltende Fassung 9
10 Individuen von Anhang-IV- oder europäischen Vogelarten auch im Rahmen AuT- Konzeptes zulässig, wenn sich der Erhaltungszustand der lokalen Population der betroffenen Art durch die konkrete Bewirtschaftung nicht verschlechtert. Störungsverbot ( 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG) Maßstab für die Erheblichkeit einer Störung nach 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG ist der Erhaltungszustand der lokalen Population. Eine "lokale Population" ist eine Gruppe von Individuen einer Art, die eine Fortpflanzungs- oder Überdauerungsgemeinschaft bilden und einen zusammenhängenden Lebensraum gemeinsam bewohnen. Im Allgemeinen sind Fortpflanzungsinteraktionen oder andere Verhaltensbeziehungen zwischen diesen Individuen häufiger als zwischen ihnen und Mitgliedern anderer lokalen Populationen derselben Art 2. Eine "Verschlechterung" liegt vor, wenn so viele Individuen betroffen sind, dass sich die Störung auf die Überlebenschancen, die Reproduktionsfähigkeit und den Fortpflanzungserfolg der lokalen Population auswirkt 3. Indem die maßgeblichen Habitate (Alt- und Totholz, Habitatbäume) der betroffenen Populationen durch das AuT-Konzept dauerhaft und flächendeckend gesichert sind und damit die Erhaltung oder Wiederherstellung des günstigen Erhaltungszustands der von dem Konzept erfassten Arten gefördert werden, führen die mit der Waldbewirtschaftung einhergehenden Beeinträchtigungen in der Regel nicht zu einer Verschlechterung der lokalen Populationen und insofern auch nicht zu einer "Störung" i.s.d. 44 Abs. 1 Nr. 2 BNatSchG. Ausnahmen hiervon können sich beispielsweise bei einer besonders hohen Lärmempfindlichkeit einer Art ergeben, wie etwa beim Schwarzstorch. Hier sind ggf. zusätzliche Schutzmaßnahmen vorzusehen. Schutz der Fortpflanzungs- und Ruhestätten ( 44 Abs. 1 Nr. 3 BNatSchG) Das Verbot schützt grundsätzlich jede Fortpflanzungs- und Ruhestätte der besonders geschützten Arten. Ohne großen Aufwand zu erkennende Fortpflanzungs- und Ruhestätten wie (Groß-) Höhlen- und (Groß-) Horstbäume und sonstige bekannte Fortpflanzungs- oder Ruhestätten von Anhang-IV-Arten mit geringem Aktionsradius (wie Reservoirbäume des Heldbocks) sind nach dem AuT-Konzept daher auch dann geschützt, wenn sie sich außerhalb von ausgewiesenen Waldrefugien oder Habitatbaumgruppen befinden. Da es faktisch nicht möglich ist, jeden einzelnen Baum vor einer geplanten Hiebsmaßnahme vollständig auf seine (potenzielle) Eigenschaft als Fortpflanzungs- oder Ruhestätte zu untersuchen, enthält 44 Abs. 4 BNatSchG auch insofern die für die Waldbewirtschaftung notwendige Lockerung von dieser strengen Betrachtungsweise. Legalausnahme des 44 Abs. 4 BNatSchG Nach 44 Abs. 4 BNatSchG verstößt die der guten fachlichen Praxis entsprechende Waldbewirtschaftung nicht gegen die vorgenannten artenschutzrechtlichen Verbote. Bei Betroffenheit von Anhang IV-Arten und europäischen Vogelarten gilt dies jedoch nur, so- 2 Vgl. "Hinweis-Papier der LANA zu zentralen unbestimmten Rechtsbegriffen des Bundesnaturschutzgesetzes", S. 6 3 Vgl. "Hinweis-Papier der LANA zu zentralen unbestimmten Rechtsbegriffen des Bundesnaturschutzgesetzes", S. 5 10
11 weit sich der Erhaltungszustand der jeweiligen lokalen Population durch die Bewirtschaftung nicht verschlechtert. Das AuT-Konzept sichert und fördert die Entwicklung der unverzichtbaren Habitatstrukturen für die unter das Konzept fallenden Arten dauerhaft und flächendeckend. Es ist daher davon auszugehen, dass die mit der Waldbewirtschaftung verbundenen Beeinträchtigungen oder Störungen einzelner Individuen sowie unvermeidbare Beschädigungen oder Zerstörungen von (nicht erkennbaren) Fortpflanzungs- oder Ruhestätte in aller Regel zu keiner Verschlechterung des Erhaltungszustandes der jeweils betroffenen lokalen Populationen der unter das Konzept fallenden Arten führen. KOM-Leitfaden Art. 12 Abs. 1 der FFH-RL und Art. 5 der Vogelschutz-RL verbieten u.a. jede absichtliche Tötung oder Störung von Anhang-IV- bzw. Vogel-Arten. Auch die EU-Kommission erkennt allerdings den positiven Beitrag traditioneller forstwirtschaftlicher Praktiken zur Schaffung und Erhaltung wertvoller europäischer Habitate an und akzeptiert im Interesse der Gesamtpopulation der betroffenen Art, dass diese Praktiken zur zufälligen Störung oder Tötung von Individuen führen können (vgl. KOM-Leitfaden, S. 34). Art. 5 Vogelschutz-RL verbietet die absichtliche Beeinträchtigung von Vogel-Nestern, Art. 12 Abs. 1 lit. d) der FFH-RL verbietet zudem jede Beschädigung oder Vernichtung von Fortpflanzungs- oder Ruhestätten, unabhängig von der Frage der Absicht. Nach Auffassung der Kommission sind laufende Bewirtschaftungsmaßnahmen daher am besten so zu steuern, dass Konflikte mit den Artenschutzbestimmungen von vornherein vermieden werden (KOM-Leitfaden, S. 37). Als Beispiele für solche präventive Maßnahmen werden Leitfäden, Verhaltenskodizes, Artenschutzpläne, Genehmigungen oder die Voranmeldung von Holzeinschlägen genannt. Hiernach ist z.b. die Erhaltung eines Netzes von für den Alpenbock nützlichen Bauminseln Voraussetzung und anerkanntes Instrument, um den Erhaltungszustand der Art zu sichern (vgl. KOM-Leitfaden, S. 35 f.). Das AuT-Konzept sieht vor, dass bekannte Vorkommen und Lebensstätten geschützter Arten bei der Auswahl von Waldrefugien und Habitatbaumgruppen von vornherein weitestgehend berücksichtigt werden müssen, da es sich andernfalls bei Verlusten im Rahmen der Bewirtschaftung nicht mehr nur um "zufällige" Beeinträchtigungen im Sinne des KOM-Leitfadens handeln würden. Entsprechend sind bekannte (Groß-) Höhlen- und (Groß-) Horstbäume sowie Bäume mit bekannten Fortpflanzungs- oder Ruhestätten von FFH-Anhang IV-Arten mit geringen Aktionsradius (z.b. Reservoirbäume des Heldbocks) nach dem Alt- und Totholzkonzept auch außerhalb von Waldrefugien und Habitatbaumgruppen weitestgehend vor Beeinträchtigungen geschützt. Rechtsprechung des EuGH zur Art. 12 ff FFH-RL Auch der Europäische Gerichtshof spricht sich für die Konzeption von präventiven Maßnahmen aus, damit es möglichst nicht erst zu Verstößen gegen Störungs- und Tötungsverbote kommt: Das strenge Schutzsystem des Art. 12 FFH-RL setzt den Erlass kohärenter und koordinierter vorbeugender Maßnahmen voraus (EuGH, Urt. V , Az.: C-183/05, Rz 30). 11
12 Verkehrssicherungsmaßnahmen, Arbeitssicherheit Sofern es aus Gründen der Verkehrs- oder Arbeitssicherheit im Einzelfall unvermeidbar ist, bekannte Vorkommen oder Lebensstätten geschützter Arten zu beeinträchtigen, ist dies als Bestandteil "traditioneller forstwirtschaftlicher Praktiken" (i.s.d. KOM-Leitfadens) insofern als unschädlich zu betrachten, als hierdurch das AuT-Konzept keine grundlegende Änderung erfährt und hiermit keine Verschlechterung des Erhaltungszustandes der lokalen Population der betroffenen Art verbunden ist. Andernfalls, insb. bei besonderer naturschutzfachlicher Bedeutung des in Frage stehenden Habitatbaumes (z.b. singulär stehende alte Eiche), besteht unabhängig vom AuT-Konzept die Möglichkeit, im Interesse der Gesundheit des Menschen und der öffentlichen Sicherheit bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen eine Ausnahme von den artenschutzrechtlichen Verboten nach 45 Abs. 7 Nr. 4 BNatSchG erlangen zu können Natura 2000 In FFH- und Vogelschutzgebieten gilt für die jeweils unter die Erhaltungsziele des Gebietes fallenden Anhang II- und europäischen Vogelarten über die Verbote des 44 BNatSchG hinaus das Verschlechterungsverbot des 33 Abs. 1 BNatSchG. Hiernach sind erhebliche Beeinträchtigung der für den Erhaltungszustand maßgeblichen Bestandteile des Gebietes unzulässig. Da im AuT-Konzept eben die insofern maßgeblichen Artenhabitate des Schutzgebiets dauerhaft erhalten werden, wird die Bewirtschaftung auch regelmäßig nicht gegen das Verschlechterungsverbot verstoßen. Bei Artenvorkommen in Natura-2000-Gebieten mit ungünstigem Erhaltungszustand sind die Länder nach Art. 3 Abs. 1, 6 Abs. 1 FFH-RL und Art. 2, 4 Abs. 1 und 2 V-RL zu (ggf. zusätzlichen) Wiederherstellungsmaßnahmen verpflichtet. Solche zusätzliche Maßnahmen sind neben dem AuT-Konzept weiterhin möglich Umweltschadensgesetz Indem durch das AuT-Konzept die Erreichung oder Beibehaltung des günstigen Erhaltungszustands der an Alt- und Totholz gebundenen Arten gefördert wird, ist eine "Schädigung" dieser Arten i.s.d. 19 Abs. 1 BNatSchG durch die Waldbewirtschaftung kaum vorstellbar. Da nach dem Konzept zudem die bekannten und erkennbaren Artenhabitate bzw. Fortpflanzungs- und Ruhestätten bei der Bewirtschaftung entsprechend berücksichtigt werden, würde selbst bei einem unvorhersehbaren Eintritt einer "Schädigung" das für eine Haftung nach dem USchadG regelmäßig erforderliche Verschulden des einzelnen Bewirtschafters verneint werden können Anforderungen an die Umsetzung des Konzepts Zusammen gefasst ergeben sich die folgenden natur- und artenschutzrechtlichen Anforderungen an die Gestaltung und Umsetzung des AuT-Konzeptes: Die bekannten Artvorkommen und Fortpflanzungs- und Ruhestätten müssen bei der Auswahl und Verteilung der Schutzelemente weitestgehend berücksichtigt werden. Bekannte (Groß-)Höhlen- und (Groß-)Horstbäume sowie Bäume mit bekannten Fortpflanzungs- oder Ruhestätten von FFH-Anhang IV-Arten mit geringen Aktionsradi- 12
13 us (wie Reservoirbäume des Heldbocks) dürfen auch außerhalb von Waldrefugien und Habitatbaumgruppen forstlich nicht genutzt werden. Durch die Verteilung der Schutzelemente muss ein ausreichend dichtes Netz entstehen, um die einzelnen lokalen Populationen abzudecken und den Gen-Austausch unter ihnen zu ermöglichen. Neben den Vorgaben des Alt- und Totholzkonzepts müssen bei bestimmten an Altund Totholz gebundenen Arten ggf. zusätzliche Anforderungen berücksichtigt werden, z.b. die besondere Lärmempfindlichkeit beim Schwarzstorch oder die Bindung an besonntes Alt- und Totholz beim Alpenbock. Für an Alt- und Totholz gebundene Arten, für die innerhalb eines Natura Gebietes ein ungünstiger Erhaltungszustand festgestellt wird, müssen ggf. zusätzliche (Wiederherstellungs-) Maßnahmen ermöglicht werden, z.b. Bereitstellung eines besonders hohen Bedarfs an Totholz beim Weißrückenspecht. Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass eine Reihe von geschützten Arten im Wald nicht oder nur marginal auf das Vorhandensein von Alt- oder Totholz angewiesen sind und dementsprechend nicht oder nur wenig von der Umsetzung des Konzeptes profitieren. Für diese Arten sind weitere Maßnahmen erforderlich, z.b. im Rahmen des Artenschutzprogrammes. 1.6 Alternative Strategien für die Einhaltung der rechtlichen Vorschriften Das hier beschriebene Alt- und Totholzkonzept ist eine von mehreren denkbaren Möglichkeiten, die geltenden artenschutzrechtlichen Bestimmungen zu erfüllen und mit den Anforderungen der Waldbewirtschaftung in Einklang zu bringen. Alternative Lösungen sind möglich und werden erfolgreich umgesetzt: Hierzu zählen sowohl anders gestaltete, systematische und konzeptionelle Ansätze wie das Naturschutzkonzept der Bayerischen Staatsforsten (BAYERISCHE STAATSFORSTEN AÖR (HRSG.) 2009) als auch die Durchführung naturschutzfachlicher Einzelfallprüfungen für bestimmte forstliche Maßnahmen. Der für naturschutzfachliche Einzelfallprüfungen erforderliche Verwaltungs- und Kostenaufwand wäre jedoch für einen Betrieb von der Größe des Staatswaldes Baden- Württemberg sehr hoch. Darüber hinaus sind diese mit erheblichem Zeitaufwand verbunden, was zu großen Verzögerungen bei geplanten Maßnahmen führen kann. Ein systematischer Schutzansatz im Sinne des Leitfadens der EU zum Artenschutz bietet den Vorteil, die aus den Anforderungen des Artenschutzes resultierenden Zielkonflikte bei der Waldbewirtschaftung konzeptionell zu berücksichtigen und grundsätzliche Lösungen zu erarbeiten. Das hier beschriebene Alt- und Totholzkonzept ermöglicht eine naturnahe Waldbewirtschaftung, die sowohl die artenschutzrechtlichen Vorgaben erfüllt als auch die notwendigen und vorgeschriebenen Standards der Arbeitssicherheit, Verkehrssicherheit und des Waldschutzes einhält. Das Alt- und Totholzkonzept wurde für den Staatswald entwickelt. Das Konzept oder Teile davon bieten Lösungsmöglichkeiten auch für andere Waldbesitzer. ForstBW kann hierbei Hilfestellung leisten in Form von Informationen und Beratung. 13
14 2 Das Alt- und Totholzkonzept 2.1 Ziele des Konzepts Die Umsetzung des Alt- und Totholzkonzepts (AuT-Konzept) hat ökologische und betriebliche Vorteile: es sichert und steigert die Biodiversität im Wald, es setzt geltendes Recht praxisnah um, es erhält die Handlungsfähigkeit, in dem sie die Rechtssicherheit bei der Waldbewirtschaftung gewährleistet, es liefert objektive Grundlagen für die Bewertung von Naturschutzleistungen, es lässt Naturschutzleistungen in die Betriebsbilanz (Produktbereich Naturschutz) einfließen, es trägt verschiedenen (Selbst-)Verpflichtungen (multifunktionale Forstwirtschaft, naturnahe Waldwirtschaft, Biodiversitätsstrategie, Countdown 2010) Rechnung. 2.2 Schutzelemente Kombination von (Klein-) Flächen und Baumgruppen Die verfügbaren Informationen zu den Ansprüchen der geschützten Altholzarten bezüglich Habitatbäumen, Totholzmengen und über die erforderliche Verteilung dieser Habitatstrukturen sprechen für ein Konzept, das die wichtigsten Habitatrequisiten (Schlüsselrequisiten: Alt- und Totholz) über die Kombination von Kleinflächen und Baumgruppen erhält bzw. bereit stellt. Eine inhomogene, insgesamt vernetzte Verteilung der Schlüsselrequisiten Alt- und Totholz ist für die meisten Alt- und Totholzarten günstiger zu bewerten als die gleiche Anzahl und Menge an Alt- und Totholz einheitlich über die Fläche verteilt (BÜTLER & SCHLAEPFER 2004). Ebenfalls positiv für diese Arten wirkt das zeitliche und räumliche Nebeneinander verschiedener Totholztypen in kontinuierlich abgestuften Zersetzungsstadien. (ALBRECHT 1991) WEISS & KÖHLER (2005) empfehlen aufgrund ihrer Ergebnisse, die Ausweisung von Baumgruppen dem einzelstammweisen Belassen von Totholzbäumen vorzuziehen. Die räumliche Konzentration unbeeinflusst alternder und absterbender Bäume lässt mittelfristig (in einem Zeitraum von 10 bis 20 Jahren, je nach Ausgangswert und Dynamik) kleinflächig Totholzmengen von 30 m 3 /ha und mehr erwarten (MEYER & SCHMIDT 2008). Rund 30 m 3 werden in verschiedenen Studien als Schwellenwert genannt, oberhalb dessen die Vielfalt an Altholzarten rasch zunimmt (SCHABER-SCHOOR 2008, MÜLLER ET AL. 2007). 14
15 Zur Frage nach für den Arterhalt erforderlichen Mindestgrößen von Alt- und Totholzflächen und Habitatbaumgruppen sowie zu Maximalabständen (kritische Verbunddistanz) liegen nur wenige wissenschaftlich abgesicherte Ergebnisse vor und auch diese nur für einzelne Arten. Ein Querschnitt verschiedener Studien findet sich bei SAUBERER ET AL. (2007). Aber nicht nur für die Arten, sondern auch aus Sicht der Arbeitssicherheit ist der Abstand zwischen einzelnen Gruppen von Bäumen, die einer zunehmenden Destabilisierung unterliegen, von großer Bedeutung. Beide Aspekte wurden bei der empfohlenen Verteilung der Baumgruppen (Kap ) berücksichtigt. Unumstritten ist, dass Maßnahmen dort am wirkungsvollsten sind, wo die Arten bereits vorhanden sind. Daher werden laut Konzept Schutzflächen dort ausgewiesen, wo sich die ökologischen hot spots befinden; Gruppen von Bäumen bleiben dort erhalten, wo bereits besondere Habitatstrukturen, möglichst mit Besiedelung durch (seltene) Arten, vorhanden sind Waldrefugien Waldrefugien (WR) sind auf Dauer eingerichtete Waldflächen ab einem Hektar Größe, die ihrer natürlichen Entwicklung bis zum Zerfall überlassen werden (Nutzungsverzicht aus ökologischen Gründen). Waldrefugien werden im Zuge der Forsteinrichtung bestandesscharf abgegrenzt und kartografisch erfasst. Im Staatswald erfolgt die Ausweisung auf Basis der Vorschläge der unteren Forstbehörden. Dabei sollen die vorhandenen Informationen über den Naturschutzbehörden bekannte Artvorkommen berücksichtigt werden. Auswahlkriterien Die Auswahl der Waldrefugien erfolgt unter Berücksichtigung der nachfolgend aufgeführten Kriterien. Diese können allein oder in Kombination ausschlaggebend für eine Ausweisung sein, jedes für sich ist nur ein Indiz für die Eignung eines (Teil-) Bestandes als Waldrefugium. Bei der Entscheidung, ob eine Ausweisung im Einzelfall sinnvoll ist, sind die bekannten örtlichen Besonderheiten einzubeziehen. Alter: An Einzelbäumen und damit auch in Beständen entstehen mit steigendem Alter Strukturen, die diese aus artenschutzfachlicher Sicht zunehmend wertvoll machen. Von besonderem naturschutzfachlichem Wert sind Bestände, die die wirtschaftliche Hiebsreife überschritten haben. Bei diesen Beständen, die im Wirtschaftswald selten sind, handelt es sich häufig um ökologische hot spots, die eine überdurchschnittliche Zahl an Altholzarten beherbergen. Der konsequente Schutz solcher alten Wälder sichert die dortigen Artvorkommen. Diese wiederum können als Quellpopulationen für eine (Wieder-) Ausbreitung dienen. Alte Wälder in diesem Sinne sind (i) buchendominierte Bestände oder Bestandesteile (Bu > 60 %), in denen die Buche älter als 180 Jahre ist und (ii) eichen- sowie tannenreiche Bestände oder Bestandesteile mit mehr als 30 % über 250 jährigen Eichen oder Tannen. Diese Reste alten Waldes werden aus der Bewirtschaftung genommen, sofern nicht die Erfordernisse der Verkehrssicherung dagegen sprechen (s.u.). Wälder mit ununterbrochener Waldtradition (historisch alte Waldstandorte): Wälder auf Standorten, die in der Vergangenheit kontinuierlich mit Buchen-, Eichen- oder Bergmischwald bestockt waren, beherbergen häufig eine größere Zahl an typischen und seltenen Arten, die auf Altholz angewiesen sind, als Wälder, die zwar 15
16 eine ähnliche Struktur aufweisen, deren Standorte aber zwischenzeitlich einer großflächigen landwirtschaftlichen Bodennutzung unterlagen. Wo Informationen über die Nutzungsgeschichte der Wälder vorliegen, sollten diese bei der Auswahl der Waldrefugien berücksichtigt werden. Alte Wälder mit ununterbrochener Waldtradition können Spenderflächen sein bzw. die dortigen Artenvorkommen haben als Quellpopulationen eine besondere Bedeutung. Bewirtschaftungsintensität: ArB-Bestände (Wälder, die nicht regelmäßig bewirtschaftet werden), Dauerbestockungen und weitere Bestände oder Bestandesteile, die extensiv bewirtschaftet werden (Waldentwicklungstyp Extensiv), eignen sich vorrangig für die Auswahl als Waldrefugium. Standortskartierung: Die verschiedenen Standortsfaktoren sind im Hinblick auf Zuwachs, Befahrbarkeit, Erschließung, Sonderstandorte etc. zu berücksichtigen. Sie geben Hinweise, wo ggf. aus wirtschaftlicher und/oder ökologischer Sicht geeignete Bestände oder Bestandesteile für die Ausweisung von Waldrefugien liegen. Waldbiotopkartierung: Die Waldbiotopkartierung und andere Informationen über besondere Artvorkommen oder Strukturen (z.b. Höhlenzentren des Schwarzspechts) geben weitere Hinweise für die Auswahl von Waldrefugien. Die Entscheidung, ob die Ausweisung eines Waldrefugiums (oder alternativ einer Habitatbaumgruppe) sinnvoll ist, soll unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten getroffen werden. Räumliche Lage: Grundsätzlich ist es aus naturschutzfachlicher Sicht sinnvoll, in der Nachbarschaft von bestehendem alten Wald weitere Waldrefugien auszuweisen, um dort alten Wald der Zukunft zu etablieren. Artenschutzfachlich besonders wertvolle Strukturen entstehen so in der Nähe von bestehenden hot spots und erleichtern die Ausbreitung seltener Arten. Schutzstatus (Natura Gebiete, NSG): Die Ausweisung von Waldrefugien kann die Erreichung der in den jeweiligen Rechtsverordnungen bzw. Managementplänen festgelegten Schutz- und Entwicklungsziele unterstützen. Die Entscheidung, ob die Ausweisung eines Waldrefugiums sinnvoll ist, sollte unter Berücksichtigung des Schutzzweckes und der örtlichen Gegebenheiten getroffen werden. Verkehrssicherung Bei der Auswahl und Ausweisung der Waldrefugien müssen die Erfordernisse der Verkehrssicherung berücksichtigt werden. Absehbare Konflikte, die sich aus der zunehmenden Destabilisierung (Fäule und Totholz) der Waldrefugien ergeben, müssen bereits bei der Ausweisung beachtet werden. Nur wenn die erforderliche Verkehrssicherheit mit vertretbarem Aufwand dauerhaft gewährleistet werden kann, sollen Waldrefugien nach den genannten Kriterien ausgeschieden werden. Maßnahmen zur Wiederherstellung der Verkehrssicherheit sind auch in Waldrefugien ohne Einschränkungen möglich. Bei Maßnahmen der Verkehrssicherung angefallenes Holz soll als Totholz in den Waldrefugien belassen werden. Waldschutz Da in Waldrefugien keine weiteren Maßnahmen vorgesehen sind, sollten nur Bestände und Bestandesteile ausgewählt werden, bei denen auch nach Aufgabe der Bewirtschaf- 16
17 tung nicht mit einer Massenvermehrung und in der Folge Ausbreitung forstlicher Primärschädlinge zu rechnen ist. Daher sind Fichtenbestände i.d.r. 4 von der Ausweisung als Waldrefugien auszunehmen. Da jedoch auch bei anderen Baumarten von einer schnellen Gradation der assoziierten Schadinsekten eine akute Gefährdung für den umliegenden Wirtschaftswald ausgehen kann, sind ggf. auch in Waldrefugien Waldschutzmaßnahmen möglich. In diesen Fällen sind die Vor- und Nachteile sorgfältig abzuwägen und die Maßnahmen auf das Mindestmaß zu beschränken. Die Maßnahme muss von der Forstbehörde aufgrund einer zuvor erfolgten Risikoeinschätzung angeordnet werden Habitatbaumgruppen Ein weiteres Schutzelement des Alt- und Totholzkonzeptes sind Habitatbaumgruppen (HBG). Eine Habitatbaumgruppe besteht aus einem oder mehreren Bäumen mit besonderen Habitatstrukturen und den sie umgebenden Bäumen. Die Bäume der Habitatbaumgruppe verbleiben bis zum natürlichen Absterben auf der Fläche. Nach ihrem Zusammenbruch verbleibt das liegende Totholz im Bestand. Ausnahmen von dieser Regel können sich aus den Erfordernissen der Arbeitssicherheit und des Waldschutzes ergeben (s.u.). Durch natürliche Alterungs- und Zerfallsprozesse entstehen in den Habitatbaumgruppen in engem räumlichem Nebeneinander strukturreiche Altbäume, absterbende Bäume sowie Totholz in unterschiedlicher Dimension, Exposition und Zersetzung. Habitatbäume (Beispiele) Bäume mit von Spechten angelegten oder durch das Ausfaulen von Ästen entstandenen Höhlen (Höhlenbäume); Bäume mit Stammhöhlen ab Schwarzspechthöhlengröße werden als Großhöhlenbäumen bezeichnet. Bäume mit größeren Stammverletzungen, Stammfäulen, Mulmhöhlen, Pilzkonsolen, Blitzschäden, ausgebrochenen Zwieseln o.ä; Bäume mit sich lösender Rinde oder Rindentaschen; Bäume mit viel Totholz in der Krone (Faulstellen- und Konsolenbäume). Bäume mit Horsten (Horstbäume): Die Horste von Milan, Bussard, Habicht, Schwarzstorch und Kolkrabe werden als Großhorste bezeichnet, sie werden oft über Jahre besiedelt und haben daher eine besondere Bedeutung als Fortpflanzungsstätte. Bäume mit besonders hohem Alter (Uraltbäume oder Methusaleme ) oder überstarker Dimension (BHD > 100 cm). Bäume mit sichtbaren Fraß- oder anderen Spuren, die darauf hinweisen, dass der Baum eine besondere Funktion für geschützte Arten erfüllt. Bäume mit starkem Moos- oder Efeubewuchs. Bäume mit ungewöhnlicher Wuchsform, z.b. stark oder mehrfach gekrümmtem Stamm. Stehendes Totholz, vor allem ganze Bäume mit einem BHD > 40 cm. 4 Ausnahmen können sinnvoll sein z.b. bei kleinflächigen autochthonen Fichtenbeständen oder im Rahmen eines konkreten Artenmanagements (z.b. Dreizehenspecht). 17
18 Alt- und Totholzkonzept Baden-Württemberg Abbildung 1: Beispiele für Habitatbäume (FVA) Gruppenausweisung Bäume mit den genannten Strukturen bilden geeignete Kristallisationspunkte für Habitatbaumgruppen. Großhöhlen- und Großhorstbäume sowie andere bekannte Fortpflanzungs- oder Ruhestätten von Arten des Anhangs IV der FFH-Richtlinie 5 und europäischen Vogelarten oder Vorkommen von Arten des Anhangs II der FFH-Richtlinie 6 sind dabei besonders zu berücksichtigen. Durch die Gruppenausweisung und die damit verbundene Einbeziehung von Randbäumen werden die artenschutzfachlich wichtigen Habitatbäume vor den möglichen Effekten einer Freistellung (z.b. Lichtreiser, Sonnenbrand) geschützt. Die spezifische Ausprägung (z.b. Beschattung, Sichtschutz) und Funktion der Habitatstrukturen bleibt so über die Nutzung des umgebenden Bestandes hinaus länger erhalten, als dies bei Einzelbäumen zu erwarten ist. Mit der natürlichen Alterung und schließlich dem Absterben bietet die Baumgruppe kleinflächig einen durch Holznutzung unbeeinflussten Lebensraum für die Arten der Altholz-Lebensgemeinschaft. Die Gruppenausweisung hat neben ökologischen Vorteilen auch Vorteile für die Arbeitssicherheit, weil die Fläche, von der Gefahren für die Waldarbeit ausgehen, reduziert wird. Bei einigen Baumarten (z.b. Eiche und Kiefer, aber auch Tanne) spielt der Erhalt einer Gruppenstruktur ökologisch eine geringere Rolle. Hier kann auch die Ausweisung von kleineren Habitatbaumgruppen oder auch Einzelbäumen sinnvoll sein, sofern die Gefähr- 5 6 innerhalb und außerhalb von FFH-Gebieten vor allem innerhalb von FFH-Gebieten 18
19 dungssituation dies zulässt. Diesbezügliche Unterschiede werden in Praxishilfen zu einzelnen Waldtypen erläutert (im Aufbau). Umfang, Größe und Verteilung Habitatbaumgruppen werden i.d.r. in allen Beständen ausgewählt, in denen eine Hauptnutzung geplant ist sowie im Dauerwald (Wachstums- und Verjüngungsphase). In diesen Beständen ist aufgrund des Alters das Auftreten von besonderen Habitatstrukturen am Einzelbaum wahrscheinlich. Damit einerseits die Gruppenstruktur mit den daraus resultierenden Vorteilen erreicht wird und andererseits der Abstand zwischen den einzelnen Habitatbaumgruppen einen Austausch von Individuen auch der weniger mobilen Arten ermöglicht, sollte eine Habitatbaumgruppe etwa 15 (vor-) herrschende bis mitherrschende Bäume (Kraft sche Klasse 1 3) auf je 3 Hektar Fläche umfassen, abhängig von den örtlichen Gegebenheiten und den Baumarten. Flächenbezogen sollen die Habitatbaumgruppen einen Gesamtumfang von etwa 5 % der Hauptnutzungs- und Dauerwaldbestände erreichen. Eine Verteilung von einer Habitatbaumgruppe je drei Hektar bedeutet rechnerisch einen mittleren Abstand von rund 170 m. Die tatsächlichen Abstände dürfen ebenso wie die tatsächliche Baumzahl je Gruppe - in größerem Rahmen um die Mittelwerte streuen, da sich die Ausweisung an den vorhandenen Strukturen orientieren soll, nicht an einem schematischen Raster. Abweichungen bei der Verteilung und Größe nach oben und unten sind unumgänglich. Habitatbaumgruppen können auch bereits in jüngeren Waldbeständen ausgewählt werden, z.b. wenn es sich um ältere Baumgruppen in Jungbeständen handelt oder bei besonderen Wuchsformen, die andernfalls im Zuge der Negativauslese entnommen würden. Verkehrssicherung Absehbare Konflikte mit der Verkehrssicherung lassen sich durch die Auswahl der Habitatbaumgruppe vermeiden. Dies bedeutet die Berücksichtigung von Straßen, stark frequentierten Wegen, Erholungseinrichtungen und anderen Orten erhöhter Verkehrssicherungspflicht, von denen bei den Habitatbaumgruppen ein Abstand von mindestens einer Baumlänge einzuhalten ist. Die besondere Situation am Hang ist zu berücksichtigen. Wenn im Laufe der natürlichen Entwicklung von einzelnen Habitatbaumgruppen eine akute Gefährdung für die Verkehrssicherheit ausgeht, so sind nach Abwägung der artenschutzfachlichen und betrieblichen Kriterien Maßnahmen zur Verkehrssicherung durchzuführen. Die Entscheidung hierüber liegt beim Bewirtschafter bzw. Waldbesitzer. Bei Maßnahmen der Verkehrssicherung angefallenes Holz soll als Totholz in den Habitatbaumgruppen belassen werden. Arbeitssicherheit Oftmals weisen auch ältere Waldbestände eine gleichmäßige Verteilung von Bäumen mit Sonderstrukturen (Habitatbäume) auf, unabhängig davon, ob es sich um gleichmäßig strukturreiche oder strukturarme Bestände handelt. In solchen Fällen sollte bei der Auswahl der Habitatbaumgruppen besonderes Augenmerk auf die Erfordernisse der Arbeitssicherheit bzw. der räumlichen Ordnung gelegt werden. Hier bietet sich die Ausweisung von Habitatbaumgruppen z.b. in Klingen oder allgemein entlang der Abrückscheiden an. Die konkrete Beurteilung der Gefahr, die von bestehenden Habitatbaumgruppen für die Waldarbeit ausgeht, erfolgt im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung. Im Vorfeld jeder Ein- 19
20 zelmaßnahme auf Flächen mit Habitatbaumgruppen oder angrenzend an Waldrefugien wird eine Gefährdungsbeurteilung Stufe 2 durchgeführt. Diese beinhaltet eine aktuelle Analyse hinsichtlich der Stabilität und besonderer Gefahren sowie die Festlegung konkreter Maßnahmen und Verantwortlichkeiten im schriftlichen Arbeitsauftrag. Zur Berücksichtigung der Elemente des AuT-Konzeptes bei der Holzernte siehe Muster-Verfahrensanweisung Arbeitssicherheit (Anhang 1). Waldschutz Sonderfall Fichte: Aus Gründen des Waldschutzes nehmen Habitatbaumgruppen in fichtendominierten Beständen eine besondere Position ein. Hier geht in der Regel eine erhöhte Gefahr von durch Borkenkäferbefall absterbenden Fichten aus. Wenn möglich, sollten Habitatbaumgruppen in Fichtenbeständen Mischbaumarten erhalten. Hierbei ist es ggf. erforderlich, die Habitatbaumgruppe frühzeitig (Durchforstungsphase) auszuwählen und zunächst Mischbaumarten zu fördern. Eingriffsoption: Im Falle einer akuten Gefährdung des umliegenden Wirtschaftswaldes sind Waldschutzmaßnahmen in Habitatbaumgruppen möglich. Hierbei ist die Entrindung und liegenlassen von befallenem Holz einer Entnahme vorzuziehen. Die zu erwartenden betriebswirtschaftlichen und artenschutzfachlichen Konsequenzen sind abzuwägen. Auswahl, Markierung Auswahl: Die Auswahl der Habitatbaumgruppen erfolgt im Zuge der Hiebsanweisung durch den Revierleiter. Nach Möglichkeit wird er dabei von einem geschulten Waldarbeiter unterstützt. Markierung: Aus Gründen der Arbeitssicherheit ist eine deutlich sichtbare Kennzeichnung der Habitatbaumgruppen unerlässlich. Sie erfolgt durch die Markierung der Randbäume mit einer umlaufenden weißen Wellenlinie Einzelne Habitatbäume Großhöhlen- oder Großhorstbäume sowie Bäume mit Fortpflanzungsstätten von Arten mit geringem Aktionsradius (Eremit, Heldbock) nehmen wegen ihrer relativen Seltenheit und ihrer hohen Bedeutung für den Fortbestand des jeweiligen Artvorkommens oder der Folgenutzer (z.b. Hohltaube) aus artenschutzfachlicher und rechtlicher Sicht eine Sonderstellung ein (Kap. 1.5). Wie bisher werden daher bekannte Großhöhlen- und Großhorstbäume sowie so genannte Reservoirbäume von Eremit und Heldbock forstlich nicht genutzt. Da nicht in jedem Fall die Ausweisung einer Habitatbaumgruppe möglich ist, werden bekannte Großhöhlen- und Horstbäume zur besseren Erkennbarkeit markiert. Die Hinweise zur Arbeitssicherheit und Verkehrssicherung bei Habitatbaumgruppen aus Kapitel gelten auch für die Einzelbäume Arten Aus der Vielzahl der FFH-Arten mit Waldbezug (FFH-RL, Anhänge II und IV) sowie der für die Ausweisung von Vogelschutzgebieten relevanten Vogelarten mit Waldbezug wurden Gruppen identifiziert, die durch das beschriebene Alt- und Totholzkonzept profitieren (Anhang 2) 20
ALT- UND TOTHOLZKONZEPT BADEN-WÜRTTEMBERG Vorwort Der Wald in Baden-Württemberg ist vielseitig. Gemeinsam müssen wir dafür sorgen, dass sich unser Wald gesund entwickelt und dass er Tieren und Pflanzen