Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/beamtenrecht/eu-beamte-verfassungsbeschwerde-3112154
Timestamp: 2020-01-17 18:20:25
Document Index: 247732707

Matched Legal Cases: ['Art. 93', 'Art. 2', 'Art.20', 'Art. 3', 'Art. 5', 'Art.19', 'Art. 101', 'Art. 103', 'Art. 93', '§ 90', 'Art. 93', '§ 90', 'Art. 23', 'EuG', 'EuG']

EU-Beam­te – und die deut­sche Ver­fas­sungs­be­schwer­de | Rechtslupe
EU-Beamte - und die deutsche Verfassungsbeschwerde
EU-Beam­te – und die deut­sche Ver­fas­sungs­be­schwer­de
Maß­nah­men von Orga­nen, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der EU sind kei­ne Akte deut­scher öffent­li­cher Gewalt im Sin­ne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG.
Im vor­lie­gen­den Fall war ein deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger Beam­ter bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on. Im Jahr 2005 wur­de er wegen Dienst­un­fä­hig­keit in den Ruhe­stand ver­setzt. Im Jahr 2007 bean­trag­te er auf Grund­la­ge dienst­recht­li­cher Vor­schrif­ten bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, die Ver­öf­fent­li­chung ver­schie­de­ner Doku­men­te zu geneh­mi­gen. Die­se Doku­men­te beleg­ten nach Auf­fas­sung des EU-Beam­ten rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten ande­rer Beam­ter zum Nach­teil der dama­li­gen Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten und einen rechts­wid­ri­gen Umgang der Gemein­schafts­in­sti­tu­tio­nen mit ihm selbst, nach­dem er auf die Miss­stän­de hin­ge­wie­sen habe. Der Antrag benann­te die vom EU-Beam­ten zur Ver­öf­fent­li­chung vor­ge­se­he­nen Unter­la­gen und Infor­ma­tio­nen nicht im Ein­zel­nen, son­dern ver­wies auf Doku­men­te, die auf einem elek­tro­ni­schen Daten­trä­ger gespei­chert waren. Dar­auf befand sich ein 77 Sei­ten lan­ges Schrift­stück, eine vom EU-Beam­ten ver­fass­te Beschwer­de­schrift, sowie 233 wei­te­re Datei­en, in denen Doku­men­te unter­schied­li­cher Art und Anzahl ent­hal­ten waren. Die Datei­en waren in einem Ver­zeich­nis tabel­la­risch erfasst und jeweils schlag­wort­ar­tig bezeich­net. Nach Anga­ben des EU-Beam­ten benö­ti­ge ein Aus­druck die­ser Datei­en weit mehr als 1.500 Sei­ten Papier. Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on wies den EU-Beam­ten dar­auf hin, dass der Umfang, die Kom­ple­xi­tät und die Hete­ro­ge­ni­tät der ein­ge­reich­ten Doku­men­te und die Viel­zahl der davon betrof­fe­nen Diens­te eine pau­scha­le Geneh­mi­gung nicht zulie­ßen. Sie bat den EU-Beam­ten, selek­ti­ver vor­zu­ge­hen und die jewei­li­gen Doku­men­te ein­zeln zu iden­ti­fi­zie­ren und vor­zu­le­gen. Die­ser Auf­for­de­rung kam der EU-Beam­te nicht nach. Dar­auf­hin lehn­te die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on den Antrag ab, da er nicht hin­rei­chend bestimmt sei. Sie wies auch die dage­gen ein­ge­leg­te Beschwer­de zurück. Die vom EU-Beam­ten erho­be­ne Kla­ge wies das Gericht für den öffent­li­chen Dienst der Euro­päi­schen Uni­on ab, da sie man­gels eines ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­wal­tungs­ver­fah­rens unzu­läs­sig sei 1. Das hier­ge­gen zum Gericht der Euro­päi­schen Uni­on erho­be­ne Rechts­mit­tel blieb eben­falls ohne Erfolg 2.
Mit sei­ner nun­mehr erho­be­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de rüg­te der EU-Beam­te eine Ver­let­zung sei­ner Rech­te aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG, Art. 3 Abs. 1 GG, Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG, Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG, Art. 101 Abs. 1 GG und Art. 103 Abs. 1 GG. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an:
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unzu­läs­sig, weil sie sich nicht gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt im Sin­ne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG rich­tet.
Maß­nah­men von Orga­nen, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Euro­päi­schen Uni­on sind kei­ne Akte deut­scher öffent­li­cher Gewalt im Sin­ne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG und daher auch nicht unmit­tel­ba­rer Beschwer­de­ge­gen­stand im Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de 3.
Sol­che Maß­nah­men kön­nen zwar – als Vor­fra­ge – Gegen­stand der Prü­fung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sein, soweit sie die Grund­rechts­be­rech­tig­ten in Deutsch­land betref­fen. Sie berüh­ren die Gewähr­leis­tun­gen des Grund­ge­set­zes und die Auf­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, die den Grund­rechts­schutz in Deutsch­land und inso­weit nicht nur gegen­über deut­schen Staats­or­ga­nen zum Gegen­stand haben 4. Eine sol­che Prü­fungs­be­fug­nis des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Bezug auf Maß­nah­men nicht­deut­scher Hoheits­trä­ger besteht aber nur inso­weit, als die­se Maß­nah­men ent­we­der Grund­la­ge von Hand­lun­gen deut­scher Staats­or­ga­ne sind 5 oder aus der Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung fol­gen­de Reak­ti­ons­pflich­ten deut­scher Ver­fas­sungs­or­ga­ne aus­lö­sen 6. Inso­fern prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit­tel­bar auch Maß­nah­men von Orga­nen, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf­hin, ob sie durch das auf der Grund­la­ge von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG durch das Zustim­mungs­ge­setz gebil­lig­te Inte­gra­ti­ons­pro­gramm gedeckt sind oder gegen die der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on durch das Grund­ge­setz sonst gezo­ge­nen Gren­zen ver­sto­ßen 7.
Nach die­sem Maß­stab ist die Ver­fas­sungs­be­schwer­de unzu­läs­sig, weil sie sich aus­schließ­lich gegen Maß­nah­men von Orga­nen der Euro­päi­schen Uni­on wen­det. Der EU-Beam­te greift allein die Ver­sa­gung einer bean­trag­ten Geneh­mi­gung durch die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on und die die­se Ver­sa­gung bestä­ti­gen­den Urtei­le euro­päi­scher Gerich­te an. Die­se Maß­nah­men bedür­fen nicht der Umset­zung oder des Voll­zugs durch deut­sche Staats­or­ga­ne oder deren sons­ti­ger Mit­wir­kung. Dass deut­sche Ver­fas­sungs­or­ga­ne im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang ihrer Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung nicht nach­ge­kom­men sein könn­ten, macht der EU-Beam­te nicht gel­tend. Dafür ist auch nichts ersicht­lich.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 28. Juni 2016 – 2 BvR 322/​13
EuGöD, Urteil vom 20.01.2011 – F‑132/​07[↩]
EuG, Urteil vom 13.12.2012 – T‑199/​11 P[↩]
BVerfG, Urteil vom 21.06.2016 – 2 BvR 2728/​13 u. a. 97; vgl. BVerfGE 129, 124, 175 f.[↩]
vgl. BVerfGE 134, 366, 382 Rn. 23[↩]
vgl. BVerfGE 134, 366, 394 ff. Rn. 44 ff.; 135, 317, 393 f. Rn. 146[↩]
vgl. BVerfGE 73, 339, 374 ff.; 102, 147, 161 ff.; 118, 79, 95 ff.; 123, 267, 354; 126, 286, 298 ff.; BVerfG, Beschluss vom 15.12 2015 – 2 BvR 2735/​14 36 ff.; Urteil vom 21.06.2016, a.a.O., Rn. 98 f.[↩]
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