Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_URteile_Kuendigung_wegen_Ehebruchs_kirchliches_Arbeitsrecht_Schueth_gg_Deutschland_EGMR_23_09_2010_1620-03_u.html
Timestamp: 2019-05-21 14:59:37
Document Index: 262365637

Matched Legal Cases: ['EGMR', 'EGMR', '§ 42', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 626', '§ 2', '§ 6', '§ 42', '§ 2', '§ 21', '§ 7', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 2', '§ 2']

EGMR, Urteil vom 23.09.2010, 1620/03 - HENSCHE Arbeitsrecht
EGMR, Ur­teil vom 23.09.2010, 1620/03
Schlagworte: Schüth, Kirche, Kündigung: Verhaltensbedingt, Kündigung: Kirche, Ehebruch
Aktenzeichen: 1620/03
Eu­ropäischer Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te, Fünf­te Sek­ti­on
An­ony­mi­sier­te nicht­amt­li­che Über­set­zung aus dem Französi­schen
RECH­TSSA­CHE SCHÜTH ./. DEU­TSCH­LAND
(Be­schwer­de Nr. 28274/08)
(Haupt­sa­che)
Die­ses Ur­teil wird un­ter den in Ar­ti­kel 44 Ab­satz 2 der Kon­ven­ti­on auf­geführ­ten Be­din­gun­gen endgültig. Es wird ge­ge­be­nen­falls noch re­dak­tio­nell übe­r­ar­bei­tet.
In der Rechts­sa­che Schüth ./. Deutsch­land
hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te (Fünf­te Sek­ti­on) als Kam­mer, die sich zu­sam­men­setzt aus:
Re­na­te Ja­e­ger
Isa­bel­le Ber­ro-Lefèvre
Zdrav­ka Ka­laydjie­va
1 Dem Fall liegt ei­ne ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­rich­te­te Be­schwer­de (Nr. 1620/03) zu­grun­de, die der deut­sche Staats­an­gehöri­ge S. („der Be­schwer­deführer“) beim Ge­richts­hof auf­grund des Ar­ti­kels 34 der Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten („die Kon­ven­ti­on“) am 11. Ja­nu­ar 2003 er­ho­ben hat.
2 Der Be­schwer­deführer wird von Frau Ul­ri­ke Muhr, Rechts­anwältin in Es­sen, ver­tre­ten. Die deut­sche Re­gie­rung („die Re­gie­rung“) wur­de von ih­rer Ver­fah­rens­be­vollmäch­tig­ten, Frau Al­mut Witt­ling-Vo­gel, Mi­nis­te­ri­al­di­ri­gen­tin im Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Jus­tiz, ver­tre­ten.
3 Der Be­schwer­deführer be­haup­tet, durch die Ab­leh­nung der Ar­beits­ge­rich­te, sei­ne von der Ka­tho­li­schen Kir­che aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung auf­zu­he­ben, sei Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on ver­letzt wor­den.
4 Am 18. März 2008 hat der Präsi­dent der Fünf­ten Sek­ti­on be­schlos­sen, der Re­gie­rung die Be­schwer­de zu über­mit­teln. In Ein­klang mit Ar­ti­kel 29 Ab­satz 3 der Kon­ven­ti­on ist fer­ner be­schlos­sen wor­den, dass die Kam­mer über die Zulässig­keit und die Be­gründet­heit der Rechts­sa­che zeit­gleich ent­schei­det.
5 So­wohl der Be­schwer­deführer als auch die Re­gie­rung ha­ben schrift­li­che Stel­lung­nah­men vor­ge­legt. Stel­lung­nah­men sind eben­falls von der ka­tho­li­schen Diöze­se Es­sen vor­ge­legt wor­den, die der Präsi­dent ermäch­tigt hat, am schrift­li­chen Ver­fah­ren teil­zu­neh­men (Ar­ti­kel 36 Ab­satz 2 der Kon­ven­ti­on und Ar­ti­kel 44 Ab­satz 2 der Ver­fah­rens­ord­nung). Die Par­tei­en ha­ben auf die­se Stel­lung­nah­men er­wi­dert (Ar­ti­kel 44 Ab­satz 5 der Ver­fah­rens­ord­nung).
6 Der Be­schwer­deführer wur­de 1957 ge­bo­ren und ist in E. wohn­haft.
A. Ent­ste­hung der Sa­che
7 Der Be­schwer­deführer war ab dem 15. No­vem­ber 1983 als Or­ga­nist und Chor­lei­ter bei der ka­tho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de St. Lam­ber­tus („die Kir­chen­ge­mein­de“) in Es­sen tätig.
8 Ar­ti­kel 2 sei­nes Ar­beits­ver­tra­ges vom 30. Ja­nu­ar 1984 sah un­ter an­de­rem vor, dass die Kirch­li­che Ar­beits- und Vergütungs­ver­ord­nung (Rd­nr. 37 un­ten) in ih­rer an­wend­ba­ren Fas­sung Be­stand­teil des Ver­trags­verhält­nis­ses sei und ein gro­ber Ver­s­toß ge­gen kirch­li­che Grundsätze ei­nen wich­ti­gen Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung gemäß § 42 der Kirch­li­chen Ar­beits- und Vergütungs­ord­nung dar­stel­len würde.
9 Nach Ge­neh­mi­gung des Ver­tra­ges durch das bischöfli­che Ge­ne­ral­vi­ka­ri­at leg­te der Be­schwer­deführer fol­gen­des Gelöbnis ab:
„Ich ge­lo­be, mei­ne Diens­tob­lie­gen­hei­ten ge­wis­sen­haft zu erfüllen und die kirch­li­chen Vor­schrif­ten zu be­ach­ten und zu wah­ren“.
10 Seit dem 1. Ja­nu­ar 1985 übte er eben­falls die Tätig­keit ei­nes De­ka­nats­kir­chen­mu­si­kers aus und er­ziel­te ei­nen durch­schnitt­li­chen Mo­nats­ver­dienst von 5.688,18 Deut­sche Mark (DM) brut­to (ca. 2.900 Eu­ro (EUR)).
11 Im Jahr 1994 trenn­te sich der Be­schwer­deführer von sei­ner Ehe­frau, mit der er zwei Kin­der hat. Die Tren­nung wur­de im Ja­nu­ar 1995 be­kannt­ge­ge­ben. Seit­dem wohnt der Be­schwer­deführer in dem­sel­ben Haus wie sei­ne Le­bens­gefähr­tin, die eben­falls sei­ne Pro­zess­be­vollmäch­tig­te vor den Ar­beits­ge­rich­ten und dem Ge­richts­hof ist.
12 Nach­dem die Kin­der des Be­schwer­deführers im Kin­der­gar­ten erklärt hat­ten, dass ihr Va­ter wie­der Pa­pa wer­den würde, traf der De­chant der Kir­chen­ge­mein­de am 2. Ju­li 1997 mit dem Be­schwer­deführer zu­sam­men.
13 Am 15. Ju­li 1997 kündig­te die Kir­chen­ge­mein­de das Ar­beits­verhält­nis des Be­schwer­deführers zum 1. April 1998 mit der Be­gründung, er ha­be ge­gen die Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten gemäß Ar­ti­kel 5 der Grund­ord­nung der Ka­tho­li­schen Kir­che für den kirch­li­chen Dienst im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se ver­s­toßen („die Grund­ord­nung“ – Rd­nr. 38 un­ten). Nach den Grundsätzen der Ka­tho­li­schen Kir­che über die Un­auflöslich­keit der Ehe ha­be der Be­schwer­deführer da­durch, dass er ei­ne außer­ehe­li­che Be­zie­hung zu ei­ner an­de­ren Frau un­ter­hal­te, aus der demnächst ein Kind her­vor­ge­he, nicht nur Ehe­bruch son­dern auch Bi­ga­mie be­gan­gen.
14 Nach der Kündi­gung be­an­trag­te die Ehe­frau des Be­schwer­deführers die Schei­dung, die am 13. Au­gust 1998 aus­ge­spro­chen wur­de.
15 Am 24. Ju­li 1997 er­hob der Be­schwer­deführer Kla­ge beim Ar­beits­ge­richt Es­sen.
16 Am 9. De­zem­ber 1997 gab das Ar­beits­ge­richt dem An­trag des Be­schwer­deführers statt und stell­te fest, die Kündi­gung vom 15. Ju­li 1997 ha­be den Ar­beits­ver­trag des Be­trof­fe­nen nicht auf­ge­ho­ben. Es hat an die Schluss­fol­ge­run­gen aus dem Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 9. April 1997 er­in­nert (O. ./. Deutsch­land, Nr. 425/03, Rd­nrn. 12-19, 23. Sep­tem­ber 2010), das die Kri­te­ri­en aus der Grund­satz­ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985 (Rd­nr. 35 un­ten) über­nom­men hat­te, und war der An­sicht, dass die ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung des Be­schwer­deführers noch nicht den An­for­de­run­gen des § 1 Ab­satz 1 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes genügen würde (Rd­nr. 36 un­ten). Nach An­sicht des Ge­richts un­ter­lag der Be­trof­fe­ne kei­nen ge­stei­ger­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten, weil er we­der pas­to­ral noch ka­te­che­tisch tätig war, nicht auf­grund ei­ner Mis­sio ca­no­ni­ca ar­bei­te­te und auch nicht lei­ten­der Mit­ar­bei­ter im Sin­ne des Ar­ti­kels 5 Ab­satz 3 der Grund­ord­nung war. Nach Auf­fas­sung des Ge­richts hat­te die Be­klag­te nicht nach­ge­wie­sen, dass sei­ne Stel­lung als De­ka­nats­kan­tor ei­ner lei­ten­den Tätig­keit ent­sprach; dem­nach hätte die Kir­chen­ge­mein­de gemäß Ar­ti­kel 5 Absätze 1 und 2 der Grund­ord­nung zunächst ein klären­des Gespräch mit dem Be­trof­fe­nen führen oder ei­ne Ab­mah­nung er­tei­len müssen, be­vor sie auf die schwers­te Sank­ti­on in Form der Kündi­gung zurück­griff, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die lan­ge Beschäfti­gungs­dau­er des Be­schwer­deführers in der Kir­chen­ge­mein­de (vier­zehn Jah­re) und den Um­stand, dass er als Or­ga­nist auf dem welt­li­chen Ar­beits­markt prak­tisch kei­ne Chan­ce hat­te. Das Ar­beits­ge­richt er­in­ner­te dar­an, dass ei­ne anfäng­li­che Ab­mah­nung durch den Ar­beit­ge­ber nur dann ent­behr­lich sei, wenn nach Art und Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung der Ar­beit­neh­mer mit de­ren Bil­li­gung durch den Ar­beit­ge­ber nicht rech­nen konn­te oder wenn er nicht wil­lens oder nicht in der La­ge sei, sei­nen be­ruf­li­chen Ver­pflich­tun­gen nach­zu­kom­men.
17 So­weit dem Be­schwer­deführer von der Kir­chen­ge­mein­de vor­ge­wor­fen wer­de, Va­ter ei­nes außer­ehe­li­chen Kin­des zu sein, so sei die­se Pflicht­ver­let­zung nach vier­zehn Dienst­jah­ren nicht so gra­vie­rend, als dass dies al­lein schon aus­rei­chend sei, ei­ne Kündi­gung oh­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung aus­zu­spre­chen. Ar­ti­kel 5 Ab­satz 4 der Grund­ord­nung se­he aus­drück­lich vor, dass zu prüfen sei, ob ein Mit­ar­bei­ter die Leh­re der Ka­tho­li­schen Kir­che bekämp­fe oder die­se zwar an­er­ken­ne, es ihm aber nicht ge­lin­ge, sie in der Pra­xis zu be­ach­ten. Sch­ließlich ha­be die Kir­chen­ge­mein­de nicht nach­ge­wie­sen, dass der Be­schwer­deführer ge­genüber dem De­chan­ten erklärt ha­ben soll, dass er sei­ne Be­zie­hung zur neu­en Le­bens­gefähr­tin nicht ein­stel­len wer­de.
Am 13. Au­gust 1998 wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf die Be­ru­fung der Kir­chen­ge­mein­de zurück. Es folg­te den Schluss­fol­ge­run­gen des Ar­beits­ge­richts und leg­te dar, dass nicht die Va­ter­schaft ei­nes außer­ehe­li­chen Kin­des Kündi­gungs­grund sei, son­dern die länger an­dau­ern­de außer­ehe­li­che Be­zie­hung. Es be­ton­te, dass die kirch­li­che Tätig­keit des Be­schwer­deführers zwar nicht un­ter Ar­ti­kel 5 Ab­satz 3 der Grund­ord­nung fal­le, ei­ne Kündi­gung des Be­trof­fe­nen aber nach Ar­ti­kel 5 Ab­satz 4 der Grund­ord­nung we­gen der Nähe sei­ner Auf­ga­be zum Verkündi­gungs­auf­trag der Kir­che möglich sei. Nach ei­ner förm­li­chen Anhörung des Be­schwer­deführers als Par­tei fol­ger­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt je­doch, bei der Kündi­gung ha­be ein ver­fah­rens­recht­li­ches Versäum­nis vor­ge­le­gen, weil die Kir­chen­ge­mein­de nicht nach­ge­wie­sen ha­be, dass der De­chant ver­sucht hat­te, dar­auf hin­zu­wir­ken, dass der Be­schwer­deführer sei­ne außer­ehe­li­che Be­zie­hung be­en­det. We­gen der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der Rechts­sa­che hat es die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­sen.
19 Am 12. Au­gust 1999 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf­ge­ho­ben. Es ver­trat die Auf­fas­sung, dass Ar­ti­kel 5 Ab­satz 1 der Grund­ord­nung, wo­nach ein klären­des Gespräch geführt wer­den muss, nicht nur für die nach Ab­satz 2 die­ser Grund­ord­nung aus­ge­spro­che­nen Kündi­gun­gen gel­te (Kündi­gung als letz­te Maßnah­me bei schwer­wie­gen­den Verstößen), son­dern auch für sol­che nach Ab­satz 3 (grundsätz­li­cher Aus­schluss der Wei­ter­beschäfti­gung mit der Möglich­keit, aus­nahms­wei­se von ei­ner Kündi­gung ab­zu­se­hen). Zwi­schen den bei­den Absätzen be­ste­he le­dig­lich ein gra­du­el­ler Un­ter­schied, wo­bei in je­dem Fall zunächst ein klären­des Gespräch oder Be­ra­tungs­gespräch zu führen sei. Im vor­lie­gen­den Fall war das Bun­des­ar­beits­ge­richt der Mei­nung, we­gen der man­geln­den Deut­lich­keit der auf den Be­schwer­deführer an­zu­wen­den­den kir­chen­recht­li­chen Be­stim­mun­gen und zwecks Klärung der Fra­ge, ob für ihn we­gen sei­ner Tätig­keit verschärf­te Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten gal­ten oder nicht, sei nicht ein­deu­tig er­wie­sen, dass der Be­schwer­deführer in hinläng­li­cher Wei­se vor­her­se­hen konn­te, dass in sei­nem Fall Ar­ti­kel 5 Ab­satz 3 der Grund­ord­nung gültig war. Wenn dem­nach im Fall des Be­schwer­deführers ein klären­des Gespräch hätte geführt wer­den müssen, so sei die Kündi­gung oh­ne ein sol­ches Gespräch so­zi­al­wid­rig. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­trat je­doch die Auf­fas­sung, die Schluss­fol­ge­rung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, der­zu­fol­ge ein Gespräch mit dem Be­schwer­deführer nicht statt­ge­fun­den hat­te, sei feh­ler­haft. In die­sem Zu­sam­men­hang war das Bun­des­ar­beits­ge­richt der Auf­fas­sung, das Be­ru­fungs­ge­richt ha­be zu Un­recht da­von ab­ge­se­hen, auch ei­ne Par­tei­ver­neh­mung des De­chan­ten durch­zuführen, um fest­zu­stel­len, ob die­ser ver­sucht hat­te, den Be­schwer­deführer zu ei­ner Be­en­di­gung sei­ner außer­ehe­li­chen Be­zie­hung zu be­we­gen, wes­halb das an­ge­foch­te­ne Ur­teil auf­zu­he­ben sei. Man­gels hin­rei­chen­der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen sei es aber nicht in der La­ge, ab­sch­ließend zu ent­schei­den, ob die Kündi­gung des Be­schwer­deführers ge­recht­fer­tigt ge­we­sen sei. Da­her ver­wies es die Sa­che an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück.
20 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt leg­te dar, dass der kirch­li­che Ar­beit­ge­ber beim Ab­schluss von Ar­beits­verträgen nicht nur von der durch das staat­li­che Ar­beits­recht ge­prägten Pri­vat­au­to­no­mie Ge­brauch ma­che, son­dern zu­gleich von der in­sti­tu­tio­nel­len Ga­ran­tie, dass die Kir­che ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbständig ord­net und ver­wal­tet. Des­halb fin­de ne­ben dem staat­li­chen auch das kir­chen­ei­ge­ne Ar­beits­recht An­wen­dung. Mit der Grund­ord­nung und ins­be­son­de­re den Ar­ti­keln 4 und 5 ha­be die Ka­tho­li­sche Kir­che von ih­rem aus Ar­ti­kel 137 Ab­satz 3 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung re­sul­tie­ren­den Selbst­be­stim­mungs­recht Ge­brauch ge­macht (Rd­nr.34 un­ten). Die An­wen­dung des staat­li­chen Ar­beits­rechts dürfe die ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Ei­gen­art des kirch­li­chen Diens­tes nicht in Fra­ge stel­len. Die Ka­tho­li­sche Kir­che sei des­halb be­fugt, bei der Ge­stal­tung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se das Leit­bild ei­ner christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft zu Grun­de zu le­gen und ins­be­son­de­re ih­ren ka­tho­li­schen Ar­beit­neh­mern auf­zu­er­le­gen, die Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re an­zu­er­ken­nen und zu be­ach­ten, wie dies in Ar­ti­kel 4 Ab­satz 1 der Grund­ord­nung vor­ge­se­hen ist. Die Glaubwürdig­keit von Kir­chen könne vom Ver­hal­ten ih­rer in ein Ar­beits­verhält­nis zu ih­nen tre­ten­den Mit­glie­der abhängen und da­von, ob sie die kirch­li­che Ord­nung - auch in ih­rer Le­bensführung - re­spek­tie­ren. Die Ar­ti­kel 4 und 5 der Grund­ord­nung würden be­stim­men, wel­che Maßstäbe für die Be­wer­tung ver­trag­li­cher Loya­litäts­pflich­ten gel­ten und wel­che Schwe­re dem Loya­litäts­ver­s­toß zu­kom­men würde.
21 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt fügte hin­zu, die Be­son­der­heit der Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten sei dar­in be­gründet, dass die­se nicht so sehr die Ar­beits­pflich­ten be­tref­fen würden, son­dern Ver­hal­tens­wei­sen aus dem Be­reich der Ne­ben­pflich­ten oder so­gar der Pri­vat­sphäre. Es be­ton­te, dass zu den Grundsätzen der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re die her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung der Ehe gehöre. Die­se sei nicht nur ein Bund und ein Ver­trag, viel­mehr auch ein Sa­kra­ment. Selbst wenn der Ehe­bruch nach der Neu­fas­sung des co­dex iuris ca­no­ni­ci im Jah­re 1983 nicht länger als Ver­bre­chen an­ge­se­hen wer­de, zeich­ne sich die Ehe wei­ter­hin durch ih­re Un­auflöslich­keit, le­bens­lan­ge und aus­sch­ließli­che Na­tur aus.
22 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­ton­te, die Ar­beits­ge­rich­te sei­en bei der An­wen­dung des staat­li­chen Ar­beits­rechts an die Vor­ga­ben der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ge­bun­den, so­weit die­se den an­er­kann­ten Maßstäben der ver­fass­ten Kir­chen Rech­nung trügen. Die Ar­beits­ge­rich­te dürf­ten sich je­doch durch die An­wen­dung die­ser Vor­ga­ben nicht in Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung be­ge­ben, wie sie im all­ge­mei­nen Willkürver­bot, dem Be­griff der „gu­ten Sit­ten“ und des „ord­re pu­blic“ nie­der­ge­legt sei­en. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (Rd­nr. 35 un­ten) hätten die Ar­beits­ge­rich­te si­cher­zu­stel­len, dass die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten kei­ne un­an­nehm­ba­ren An­for­de­run­gen an die Loya­lität ih­rer Ar­beit­neh­mer stel­len. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­trat die Auf­fas­sung, die Vor­stel­lung der Ka­tho­li­schen Kir­che über die ehe­li­che Treue ste­he nicht in Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung. Nach Ar­ti­kel 6 des Grund­ge­set­zes ste­he die Ehe un­ter ei­nem be­son­de­ren Schutz und der Ehe­bruch würde vom bürger­li­chen Recht als schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten be­trach­tet. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt führ­te aus, es ha­be schon in sei­nem Ur­teil vom 24. April 1997 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Ehe­bruch nach An­sicht der Ka­tho­li­schen Kir­che als schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten zu be­trach­ten sei (vor­erwähn­te Rechts­sa­che O., Rd­nr. 15).
23 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt fol­ger­te, dass das Be­ru­fungs­ge­richt das Ver­hal­ten des Be­schwer­deführers zu Recht als ei­ne schwer­wie­gen­de persönli­che sitt­li­che Ver­feh­lung im Sin­ne von Ar­ti­kel 5 Ab­satz 2 der Grund­ord­nung und da­mit an sich als Kündi­gungs­grund im Sin­ne von Ar­ti­kel 1 Ab­satz 2 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes an­ge­se­hen hat­te. Es stell­te fest, die An­sicht des Be­schwer­deführers, wo­nach al­lein die Wie­der­hei­rat – die nach dem Verständ­nis der Ka­tho­li­schen Kir­che ungültig war – mit ei­ner sol­chen schwer­wie­gen­den Ver­feh­lung gleich­zu­set­zen sei, sei we­der der Grund­ord­nung noch an­de­ren Vor­schrif­ten zu ent­neh­men.
D. Das Ver­fah­ren nach der Zurück­ver­wei­sung
24 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf hat am 3. Fe­bru­ar 2000 nach Zurück­ver­wei­sung des Rechts­streits der Be­ru­fung der Kir­chen­ge­mein­de ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts vom 9. De­zem­ber 1997 statt­ge­ge­ben. Nach­dem der De­chant als Par­tei ver­nom­men wor­den war und der Be­schwer­deführer ein­geräumt hat­te, dass er sei­ne neue Le­bens­be­zie­hung mit sei­ner Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten bei sei­nem Gespräch mit dem De­chan­ten am 2. Ju­li 1997 als endgültig be­zeich­net hat­te, hat das Ge­richt er­kannt, dass die Kir­chen­ge­mein­de die Kündi­gung in Übe­rein­stim­mung mit Ar­ti­kel 5 Ab­satz 1 der Grund­ord­nung aus­ge­spro­chen hat. Nach den Aus­sa­gen des De­chan­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung, de­nen der Vor­zug vor den Aus­sa­gen des Be­schwer­deführers zu ge­ben sei, ha­be in der Tat ein Gespräch zwi­schen den bei­den Be­trof­fe­nen statt­ge­fun­den. An­ge­sichts des be­harr­li­chen Stand­punkts des Be­schwer­deführers in Be­zug auf sei­ne neue Be­zie­hung hätten der De­chant und die Kir­chen­ge­mein­de zu Recht an­neh­men können, dass ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung überflüssig sei.
25 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt leg­te dar, es ver­ken­ne die Kon­se­quen­zen der ge­gen den Be­schwer­deführer aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung nicht, der sei­nen Be­ruf wahr­schein­lich nicht mehr ausführen und sei­nen Un­ter­halts­pflich­ten nicht mehr im bis­he­ri­gen Um­fang nach­kom­men könne. Es räum­te aber ein, dass die Kir­chen­ge­mein­de den Be­schwer­deführer nicht wei­ter­beschäfti­gen konn­te, oh­ne jeg­li­che Glaubwürdig­keit hin­sicht­lich der Ver­bind­lich­keit der Sit­ten­ge­set­ze zu ver­lie­ren. In die­sem Zu­sam­men­hang müsse berück­sich­tigt wer­den, dass der Be­schwer­deführer zwar nicht zu den Mit­ar­bei­tern gehörte, für die nach Ar­ti­kel 5 Ab­satz 3 der Grund­ord­nung ge­stei­ger­te Loya­litätsan­for­de­run­gen gel­ten, sei­ne Tätig­keit aber ei­ne große Nähe zu dem Verkündi­gungs­auf­trag der Kir­che auf­wies. Ein wei­te­res Zu­sam­men­wir­ken des Be­schwer­deführers mit dem De­chan­ten bei der Mess­fei­er sei nach Außen nicht ver­mit­tel­bar. Dem Be­ru­fungs­ge­richt zu­fol­ge würden die In­ter­es­sen der Kir­chen­ge­mein­de ge­genüber den In­ter­es­sen des Be­schwer­deführers deut­lich über­wie­gen.
26 Mit Be­schluss vom 29. Mai 2000 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Be­schwer­de des Be­schwer­deführers ge­gen die Nicht­zu­las­sung sei­ner Re­vi­si­on als un­zulässig ver­wor­fen.
27 Am 8. Ju­li 2002 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Be­schwer­deführers man­gels hin­rei­chen­der Aus­sicht auf Er­folg nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men (Az. 2 BvR 1160/00). Nach sei­ner Auf­fas­sung be­geg­ne­ten die an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken im Hin­blick auf sei­ne Ent­schei­dung vom 4. Ju­ni 1985 (Rd­nr. 35 un­ten).
Seit Sep­tem­ber 2002 ist der Be­schwer­deführer bei ei­ner pro­tes­tan­ti­schen Kir­chen­ge­mein­de in Es­sen als Chor­lei­ter beschäftigt und lei­tet in eh­ren­amt­li­cher Tätig­keit drei Chöre.
E. Wei­te­re Ver­fah­ren
29 Am 22. De­zem­ber 1997 sprach die Kir­chen­ge­mein­de ei­ne zwei­te Kündi­gung zum 1. Ju­li 1998 aus. Am 4. De­zem­ber 1998 wies das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge des Be­schwer­deführers ab, die Kündi­gung für nich­tig zu erklären. Das Ver­fah­ren ist noch beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf anhängig.
II.DAS EINSCHLÄGI­GE IN­NERSTAAT­LICHE UND GE­MEINSCHAFT­LICHE RECHT UND DIE EINSCHLÄGI­GE IN­NERSTAAT­LICHE UND GE­MEINSCHAFT­LICHE PRA­XIS
A. All­ge­mei­ner Kon­text
1. Stel­lung der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im deut­schen Recht
30 Die Rechts­stel­lung der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten rich­tet sich ins­be­son­de­re nach den Ar­ti­keln 137 bis 141 (so­ge­nann­te Kir­chen­ar­ti­kel) der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung vom 11. Au­gust 1919, die durch Ar­ti­kel 140 GG in das Grund­ge­setz auf­ge­nom­men wur­den. Ei­ne große An­zahl an Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, dar­un­ter die Ka­tho­li­sche Kir­che (et­wa 24,9 Mil­lio­nen Mit­glie­der) so­wie die Evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land (et­wa 24,5 Mil­lio­nen Mit­glie­der), die ge­mein­hin als die bei­den Großkir­chen be­zeich­net wer­den, verfügen über ei­ne Rechts­stel­lung als ju­ris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts, sind aber den­noch nicht Teil der öffent­li­chen Ge­walt. Die an­de­ren Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten sind rechtsfähig auf­grund des bürger­li­chen Rechts. Auf­grund ih­rer Stel­lung als ju­ris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts können die be­trof­fe­nen Kir­chen Kir­chen­steu­er er­he­ben und Be­am­te beschäfti­gen.
31 Die Ka­tho­li­sche Kir­che und die Evan­ge­li­sche Kir­che beschäfti­gen ins­be­son­de­re in ih­ren ka­ri­ta­ti­ven und wohltäti­gen Or­ga­ni­sa­tio­nen mehr als ei­ne Mil­li­on Men­schen, sie sind da­her nach dem Staat der be­deu­tends­te Ar­beit­ge­ber in Deutsch­land. Ih­re größten ka­ri­ta­ti­ven Or­ga­ni­sa­tio­nen, die (ka­tho­li­sche) Ca­ri­tas und die (evan­ge­li­sche) Dia­ko­nie beschäfti­gen ih­rer­seits je­weils fast 500.000 bzw. 450.000 Per­so­nen als Mit­ar­bei­ter. Ih­re Tätig­kei­ten be­tref­fen ins­be­son­de­re die Ver­wal­tung von Kran­kenhäusern, Schu­len, Kin­dergärten, Hei­men für Kin­der oder Se­nio­ren und Be­ra­tungs­zen­tren (AIDS, Mi­gra­ti­ons­fra­gen, Frau­en in Not). Die Ka­tho­li­sche und die Evan­ge­li­sche Kir­che be­grei­fen ih­re so­zia­len Tätig­kei­ten als Teil ih­res Verkündi­gungs­auf­trags und als prak­ti­sche Um­set­zung des Ge­bots der Nächs­ten­lie­be.
32 Das Recht, das die Ar­beits­be­zie­hun­gen zwi­schen den Kir­chen und ih­ren Amts­trägern re­gelt, lehnt sich an das öffent­li­che Dienst­recht an. Im Hin­blick auf die Beschäftig­ten kommt das staat­li­che Ar­beits­recht zur An­wen­dung, al­ler­dings mit ge­wis­sen Aus­nah­men auf­grund des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Kir­chen. Letz­te­res gibt ih­nen die Möglich­keit, ih­ren Be­diens­te­ten be­son­de­re Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten auf­zu­ge­ben (sie­he un­ten). Im Übri­gen un­ter­lie­gen die Kir­chen und ih­re In­sti­tu­tio­nen nicht dem staat­li­chen Mit­be­stim­mungs­recht im Hin­blick auf das Ta­rif­ver­trags­recht. Da ih­re Tätig­kei­ten ins­be­son­de­re im ka­ri­ta­ti­ven und wohltäti­gen Be­reich dem Leit­bild ei­ner christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft fol­gen, die von al­len Mit­ar­bei­tern ge­bil­det wird, ak­zep­tie­ren sie die Rechts­struk­tu­ren nicht, die auf ei­ner grundsätz­li­chen Ge­gensätz­lich­keit zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer be­ru­hen. Die Ka­tho­li­sche Kir­che so­wie die meis­ten Evan­ge­li­schen Kir­chen leh­nen es da­her ab, Ta­rif­verträge mit den Ge­werk­schaf­ten zu schließen, Streik­recht oder Aus­sper­rung gibt es in ih­ren Ein­rich­tun­gen nicht. Sie ha­ben da­ge­gen ih­re ei­ge­nen Ver­tre­tungs- und Mit­be­stim­mungs­sys­te­me für ih­re Mit­ar­bei­ter ge­schaf­fen.
33 Da sie die Stel­lung ei­ner ju­ris­ti­schen Per­son des öffent­li­chen Rechts be­klei­den, sind die Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten im Hin­blick auf ih­re Fi­nan­zie­rung be­fugt, Kir­chen­steu­er zu er­he­ben, die ei­nen Großteil (et­wa 80%) ih­res Ge­samt­bud­gets aus­macht. Die Kir­chen­steu­er wird von den staat­li­chen Behörden für die Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten ein­ge­zo­gen, die­se über­wei­sen als Ge­gen­leis­tung ei­ne Entschädi­gung in Höhe von 3 bis 5% des Kir­chen­steu­er­er­trags an den Staat. Die­se Steu­er ist an die Lohn­steu­er an­ge­lehnt und beträgt 8 bis 9 % der Lohn­steu­er. Sie wird vom Ar­beit­ge­ber des Steu­er­zah­lers un­mit­tel­bar mit der Lohn­steu­er an das Fi­nanz­amt ab­geführt. Da­zu stel­len die Ge­mein­den für je­den Steu­er­zah­ler ei­ne Lohn­steu­er­kar­te aus, die der Ar­beit­neh­mer sei­nem Ar­beit­ge­ber zu über­mit­teln hat. Die Lohn­steu­er­kar­te enthält be­stimm­te persönli­che An­ga­ben des Ar­beit­neh­mers, dar­un­ter die Steu­er­klas­se, Ab­schläge für un­ter­halts­be­rech­tig­te Kin­der so­wie die Zu­gehörig­keit zu ei­ner zur Er­he­bung von Kir­chen­steu­er be­rech­tig­ten Kir­che oder Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft.
2. Das Grund­ge­setz
34 Ar­ti­kel 140 des Grund­ge­set­zes be­stimmt, dass die Ar­ti­kel 136 bis 139 und Ar­ti­kel 141 (sog. Kir­chen­ar­ti­kel) der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung vom 11. Au­gust 1919 Be­stand­teil des Grund­ge­set­zes sind. Ar­ti­kel 137 lau­tet wie folgt:
(4) Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten er­wer­ben die Rechtsfähig­keit nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des bürger­li­chen Rechts.
(5) Die Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten blei­ben Körper­schaf­ten des öffent­li­chen Rech­tes so­weit sie sol­che bis­her wa­ren. An­de­ren Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten sind auf ih­ren An­trag glei­che Rech­te zu gewähren, wenn sie durch ih­re Ver­fas­sung und die Zahl ih­rer Mit­glie­der die Gewähr der Dau­er bie­ten (...).
(6) Die Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, wel­che Körper­schaf­ten des öffent­li­chen Rech­tes sind, sind be­rech­tigt, auf Grund der bürger­li­chen Steu­er­lis­ten nach Maßga­be der lan­des­recht­li­chen Be­stim­mun­gen Steu­ern zu er­he­ben.
(7) Den Re­li­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wer­den die Ver­ei­ni­gun­gen gleich­ge­stellt, die sich die ge­mein­schaft­li­che Pfle­ge ei­ner Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be ma­chen.
(8) So­weit die Durchführung die­ser Be­stim­mun­gen ei­ne wei­te­re Re­ge­lung er­for­dert, liegt die­se der Lan­des­ge­setz­ge­bung ob.
3. Das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985
35 Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat am 4. Ju­ni 1985 ei­ne Grund­satz­ent­schei­dung zur Wirk­sam­keit von Kündi­gun­gen er­las­sen, die kirch­li­che Ein­rich­tun­gen ge­gen in ih­ren Diens­ten ste­hen­de Ar­beit­neh­mer we­gen Ver­let­zung von Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten aus­ge­spro­chen ha­ben (Az. BvR 1703/83, 1718/83 und 856/84, Be­schluss veröffent­licht in der Samm­lung der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, Bd. 70, S. 138-173). Ge­gen­stand die­ser Ver­fas­sungs­be­schwer­den war ei­ner­seits die Kündi­gung ei­nes in ei­nem ka­tho­li­schen Kran­ken­haus beschäftig­ten Arz­tes we­gen sei­nes Stand­punkts zum The­ma Ab­trei­bung und an­de­rer­seits die Kündi­gung ei­nes kaufmänni­schen An­ge­stell­ten ei­nes Ju­gend­wohn­hei­mes, das von ei­ner Or­dens­ge­mein­schaft der Ka­tho­li­schen Kir­che geführt wird, we­gen sei­nes Aus­tritts aus der Ka­tho­li­schen Kir­che. Nach­dem die Ar­beits­ge­rich­te den bei­den gekündig­ten Per­so­nen Recht ge­ge­ben hat­ten, ha­ben die Kir­chen das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt an­ge­ru­fen. Die­ses hat­te ih­ren Be­schwer­den statt­ge­ge­ben.
Das ho­he Ge­richt hat dar­an er­in­nert, dass das Recht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten in den Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes nach Maßga­be des Ar­ti­kels 137 Ab­satz 3 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung nach ih­rem Selbst­verständ­nis zu re­geln, nicht nur für die Kir­chen gel­ten würde, son­dern oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form auch für al­le der Kir­che in be­stimm­ter Wei­se zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen, wenn sie ein Stück des Auf­trags der Kir­che wahr­neh­men. Be­stand­teil die­ser Ver­fas­sungs­ga­ran­tie sei das Recht der Kir­chen, das für die Erfüllung ih­res Auf­trags er­for­der­li­che Per­so­nal aus­zuwählen und so­mit Ar­beits­verträge ab­zu­sch­ließen. Be­die­nen sich die Kir­chen wie je­der­mann der Pri­vat­au­to­no­mie zur Be­gründung von Ar­beits­verhält­nis­sen, würde auf die­se das staat­li­che Ar­beits­recht An­wen­dung fin­den. Die An­wen­dung des Ar­beits­rechts würde aber nicht da­zu führen, die Zu­gehörig­keit der Ar­beits­verhält­nis­se zu den ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten der Kir­che auf­zu­he­ben. Die Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Kir­chen blei­be für die Ge­stal­tung von Ar­beits­verhält­nis­sen we­sent­lich. So könne ei­ne Kir­che im In­ter­es­se der ei­ge­nen Glaubwürdig­keit ih­re Ar­beits­verträge auf das Leit­bild ei­ner christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft stützen und dem­nach von den ihr an­gehören­den Ar­beit­neh­mern die Be­ach­tung der tra­gen­den Grundsätze der kirch­li­chen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re ver­lan­gen so­wie der fun­da­men­ta­len Ver­pflich­tun­gen, die je­dem Kir­chen­mit­glied ob­lie­gen. Durch all das würde die Rechts­stel­lung des kirch­li­chen Ar­beit­neh­mers aber kei­nes­wegs „kle­ri­ka­li­siert“. Es gin­ge viel­mehr aus­sch­ließlich um den In­halt und Um­fang der ver­trag­lich be­gründe­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten. Dies führe nicht da­zu, dass aus dem bürger­lich-recht­li­chen Ar­beits­verhält­nis ei­ne Art kirch­li­ches Sta­tus­verhält­nis wird, das die Per­son to­tal er­greift und ih­re pri­va­te Le­bensführung voll um­fasst.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat eben­falls dar­ge­legt, dass die Ge­stal­tungs­frei­heit der Kir­chen un­ter dem Vor­be­halt des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes ste­he, ein­sch­ließlich der Vor­schrif­ten zum Schutz vor un­ge­recht­fer­tig­ten Kündi­gun­gen, wie den §§ 1 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes und 626 des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs. Dies würde aber nicht be­deu­ten, dass die­se Be­stim­mun­gen den so ge­nann­ten Kir­chen­ar­ti­keln der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung vor­ge­hen würden. So­mit müsse ei­ne Abwägung der un­ter­schied­li­chen Rech­te vor­ge­nom­men und dem Selbst­verständ­nis der Kir­chen ein be­son­de­res Ge­wicht bei­ge­mes­sen wer­den. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt führ­te wei­ter aus:
Dar­aus er­gibt sich: Im Streit­fall ha­ben die Ar­beits­ge­rich­te die vor­ge­ge­be­nen kirch­li­chen Maßstäbe für die Be­wer­tung ver­trag­li­cher Loya­litäts­pflich­ten zu­grun­de zu le­gen, so­weit die Ver­fas­sung das Recht der Kir­chen an­er­kennt, hierüber selbst zu be­fin­den. Es bleibt da­nach grundsätz­lich den ver­fass­ten Kir­chen über­las­sen, ver­bind­lich zu be­stim­men, was "die Glaubwürdig­keit der Kir­che und ih­rer Verkündi­gung er­for­dert", was "spe­zi­fisch kirch­li­che Auf­ga­ben" sind, was "Nähe" zu ih­nen be­deu­tet, wel­ches die "we­sent­li­chen Grundsätze der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re" sind und was als - ge­ge­be­nen­falls schwe­rer - Ver­s­toß ge­gen die­se an­zu­se­hen ist. Auch die Ent­schei­dung darüber, ob und wie in­ner­halb der im kirch­li­chen Dienst täti­gen Mit­ar­bei­ter ei­ne "Ab­stu­fung" der Loya­litäts­pflich­ten ein­grei­fen soll, ist grundsätz­lich ei­ne dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht un­ter­lie­gen­de An­ge­le­gen­heit.
So­weit die­se kirch­li­chen Vor­ga­ben den an­er­kann­ten Maßstäben der ver­fass­ten Kir­chen Rech­nung tra­gen, was in Zwei­felsfällen durch ent­spre­chen­de ge­richt­li­che Rück­fra­gen bei den zuständi­gen Kir­chen­behörden auf­zuklären ist, sind die Ar­beits­ge­rich­te an sie ge­bun­den, es sei denn, die Ge­rich­te begäben sich da­durch in Wi­der­spruch zu Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung, wie sie im all­ge­mei­nen Willkürver­bot so­wie in dem Be­griff der "gu­ten Sit­ten" und des ord­re pu­blic ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den ha­ben. Es bleibt in die­sem Be­reich so­mit Auf­ga­be der staat­li­chen Ge­richts­bar­keit si­cher­zu­stel­len, dass die kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen nicht in Ein­z­elfällen un­an­nehm­ba­re An­for­de­run­gen - in­so­weit mögli­cher­wei­se ent­ge­gen den Grundsätzen der ei­ge­nen Kir­che und der dar­aus fol­gen­den Fürsor­ge­pflicht - an die Loya­lität ih­rer Ar­beit­neh­mer stel­len.
Kom­men sie hier­bei zur An­nah­me ei­ner Ver­let­zung sol­cher Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten, so ist die wei­te­re Fra­ge, ob die­se Ver­let­zung ei­ne Kündi­gung des kirch­li­chen Ar­beits­verhält­nis­ses sach­lich recht­fer­tigt, nach den kündi­gungs­schutz­recht­li­chen Vor­schrif­ten der §§ 1 KSchG, 626 BGB zu be­ant­wor­ten(...)“
36 In § 1 Absätze 1 und 2 des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes heißt es ins­be­son­de­re, dass ei­ne Kündi­gung so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt ist, wenn sie nicht durch Gründe, die in der Per­son oder in dem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers lie­gen, be­dingt ist.
§ 626 BGB er­laubt je­der Ver­trags­par­tei das Dienst­verhält­nis aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist zu kündi­gen.
C. Die Vor­schrif­ten der Ka­tho­li­schen Kir­che
1. Die Kirch­li­che Ar­beits- und Vergütungs­ver­ord­nung
37 § 2 Ab­satz 2 Buch­sta­be b der Kirch­li­chen Ar­beits- und Vergütungs­ver­ord­nung für die (Erz)diöze­sen Aa­chen, Es­sen, Köln, Müns­ter (Teil Nord­rhein-West­fa­len) und Pa­der­born vom 15. De­zem­ber 1971 in der bis zum 1. Ja­nu­ar 1994 gel­ten­den Fas­sung for­der­te, dass die Le­bensführung des Ar­beit­neh­mers und der in sei­nem Haus­halt le­ben­den Per­so­nen den Grundsätzen der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re ent­spre­chen sol­le.
§ 6 sah vor, dass zu den Pflich­ten des Ar­beit­neh­mers gehörte, sich in Wort und Tat zu den Grundsätzen der Ka­tho­li­schen Kir­che zu be­ken­nen und sich so zu ver­hal­ten, wie es von den An­gehöri­gen des kirch­li­chen Diens­tes er­war­tet wird.
Die gel­ten­de Fas­sung von § 42 Ab­satz 1 be­stimmt ins­be­son­de­re, dass als wich­ti­ger Grund für ei­ne frist­lo­se Kündi­gung auch ein gro­ber äußerer Ver­s­toß ge­gen die kirch­li­chen Grundsätze gilt, wo­zu bei­spiels­wei­se der Kir­chen­aus­tritt gehört.
2. Die Grund­ord­nung der Ka­tho­li­schen Kir­che
38 Die ein­schlägi­gen Pas­sa­gen der Ar­ti­kel 4 und 5 der Grund­ord­nung der Ka­tho­li­schen Kir­che für den kirch­li­chen Dienst im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se, die von der Deut­schen Bi­schofs­kon­fe­renz am 22. Sep­tem­ber 1993 ver­ab­schie­det und durch den Diöze­s­an­bi­schof des Bis­tums Es­sen mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 1994 in Kraft ge­setzt wur­de, lau­ten wie folgt:
(4) Al­le Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter ha­ben kir­chen­feind­li­ches Ver­hal­ten zu un­ter­las­sen. Sie dürfen in ih­rer persönli­chen Le­bensführung und in ih­rem dienst­li­chen Ver­hal­ten die Glaubwürdig­keit der [ka­tho­li­schen] Kir­che und der Ein­rich­tung, in der sie beschäftigt sind, nicht gefähr­den.
- Ver­let­zun­gen der gem. Ar­ti­kel 3 und 4 von ei­ner Mit­ar­bei­te­rin oder ei­nem Mit­ar­bei­ter zu erfüllen­den Ob­lie­gen­hei­ten, ins­be­son­de­re Kir­chen­aus­tritt, öffent­li­ches Ein­tre­ten ge­gen tra­gen­de Grundsätze der ka­tho­li­schen Kir­che (z.B. hin­sicht­lich der Ab­trei­bung) und schwer­wie­gen­de persönli­che sitt­li­che Ver­feh­lun­gen,
- Ab­schluss ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe (...)
(3) Ein nach Abs. 2 ge­ne­rell als Kündi­gungs­grund in Be­tracht kom­men­des Ver­hal­ten schließt die Möglich­keit ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung aus, wenn es be­gan­gen wird von pas­to­ral, ka­te­che­tisch oder lei­tend täti­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern oder Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern, die auf­grund ei­ner Mis­sio ca­no­ni­ca tätig sind. Von ei­ner Kündi­gung kann aus­nahms­wei­se ab­ge­se­hen wer­den, wenn schwer­wie­gen­de Gründe des Ein­zel­fal­les die­se als un­an­ge­mes­sen er­schei­nen las­sen.
(4) Wird ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung nicht be­reits nach Abs. 3 [der Grund­ord­nung] aus­ge­schlos­sen, so hängt im übri­gen die Möglich­keit ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung von den Ein­zel­fal­l­umständen ab, ins­be­son­de­re vom Aus­maß ei­ner Gefähr­dung der Glaubwürdig­keit von Kir­che und kirch­li­cher Ein­rich­tung, von der Be­las­tung der kirch­li­chen Dienst­ge­mein­schaft, der Art der Ein­rich­tung, dem Cha­rak­ter der über­tra­ge­nen Auf­ga­be, de­ren Nähe zum kirch­li­chen Verkündi­gungs­auf­trag, von der Stel­lung der Mit­ar­bei­te­rin oder des Mit­ar­bei­ters in der Ein­rich­tung so­wie von der Art und dem Ge­wicht der Ob­lie­gen­heits­ver­let­zung. Da­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, ob ei­ne Mit­ar­bei­te­rin oder ein Mit­ar­bei­ter die Leh­re der Kir­che bekämpft oder sie an­er­kennt, aber im kon­kre­ten Fall ver­sagt.“
D. Die Re­ge­lun­gen der Evan­ge­li­schen Kir­che im Hin­blick auf die Beschäfti­gung von Kir­chen­mu­si­kern
39 Auf­grund von § 2 Ab­satz 3 des Kir­chen­mu­sik­ge­set­zes[1] vom 15. Ju­ni 1996 muss ein von der Evan­ge­li­schen Kir­che an­ge­stell­ter Kir­chen­mu­si­ker grundsätz­lich ei­ner Glied­kir­che der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land oder ei­ner Kir­che an­gehören, mit der die Evan­ge­li­sche Kir­che der Uni­on in Kir­chen­ge­mein­schaft steht. Auf­grund von § 21 Ab­satz 2 die­ses Ge­set­zes in Ver­bin­dung mit § 7 Ab­satz 1 des Ausführungs­ge­set­zes zum Kir­chen­mu­sik­ge­setz vom 13. No­vem­ber 1997[2] kann in Aus­nah­mefällen im kir­chen­mu­si­ka­li­schen Dienst im Ne­ben­amt auch an­ge­stellt wer­den, wer Mit­glied ei­ner christ­li­chen Kir­che oder Ge­mein­schaft ist, die der Ar­beits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen in Deutsch­land an­ge­schlos­sen ist. Da­zu gehört die Römisch-Ka­tho­li­sche Kir­che. Nach der Ord­nung für den Dienst ne­ben­amt­li­cher Kir­chen­mu­si­ker vom 18. No­vem­ber 1988[3] beträgt die durch­schnitt­li­che Wo­chen­ar­beits­zeit ei­nes sol­chen Kir­chen­mu­si­kers im Ne­ben­amt we­ni­ger als acht­zehn St­un­den.
E. Die ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen be­tref­fend die Gleich­be­hand­lung
1. Die Richt­li­nie 2000/78/EG vom 27. No­vem­ber 2000
40 In der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf heißt es:
„Die Eu­ropäische Uni­on hat in ih­rer der Schluss­ak­te zum Ver­trag von Ams­ter­dam bei­gefügten Erklärung Nr. 11 zum Sta­tus der Kir­chen und welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten aus­drück­lich an­er­kannt, dass sie den Sta­tus, den Kir­chen und re­li­giöse Ver­ei­ni­gun­gen oder Ge­mein­schaf­ten in den Mit­glied­staa­ten nach de­ren Rechts­vor­schrif­ten ge­nießen, ach­tet und ihn nicht be­ein­träch­tigt und dass dies in glei­cher Wei­se für den Sta­tus von welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten gilt. Die Mit­glied­staa­ten können in die­ser Hin­sicht spe­zi­fi­sche Be­stim­mun­gen über die we­sent­li­chen, rechtmäßigen und ge­recht­fer­tig­ten be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen bei­be­hal­ten oder vor­se­hen, die Vor­aus­set­zung für die Ausübung ei­ner dies­bezügli­chen be­ruf­li­chen Tätig­keit sein können.“
„(1) (...) können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen [der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­un­gen] kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn das be­tref­fen­de Merk­mal auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt.
2.Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz
Der deut­sche Ge­setz­ge­ber hat die Richt­li­nie mit der Ver­ab­schie­dung des Ge­set­zes zur Um­set­zung eu­ropäischer Richt­li­ni­en zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung (All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz) vom 14. Au­gust 2006 in in­ter­nes Recht um­ge­setzt. § 9 die­ses Ge­set­zes lau­tet wie folgt:
Am 31. Ja­nu­ar 2008 hat die Eu­ropäische Kom­mis­si­on im Hin­blick auf die Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78/EG in in­ner­staat­li­ches Recht ein Auf­for­de­rungs­schrei­ben an die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­rich­tet (Ver­fah­ren Nr. 2007/2362), das un­ter an­de­rem die „Kündi­gung be­trifft, die durch das An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz nicht ge­deckt ist.“ Sie hat fest­ge­stellt, dass, während die Richt­li­nie ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung nur er­laubt, wenn die Re­li­gi­on oder die Welt­an­schau­ung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on dar­stellt, § 9 Ab­satz 1 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung auch dann vor­sieht, wenn die Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht oder nach der Art der Tätig­keit ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt. Da ein der­ar­ti­ger Un­ter­schied durch den Wort­laut der Richt­li­nie nicht ge­deckt ist, ent­sprach die Art der Um­set­zung nach Auf­fas­sung der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on nicht den Zie­len der Richt­li­nie. Ei­ne sol­che Um­set­zung würde da­zu führen, dass ei­ne Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ei­ne be­ruf­li­che An­for­de­rung al­lein auf­grund ih­res Selbst­be­stim­mungs­rechts fest­le­gen könn­te, oh­ne dass die­se An­for­de­rung in Be­zug auf die kon­kre­te Tätig­keit ei­ner Verhält­nismäßig­keitsprüfung un­ter­wor­fen wer­den könn­te. Während Ar­ti­kel 4 Ab­satz 2 der Richt­li­nie auf ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung ab­stellt, würde § 9 Ab­satz 1 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes die­sen Be­griff zu­dem auf die ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung verkürzen und so­mit die Vor­ga­ben der Richt­li­nie schwächen. Die Eu­ropäische Kom­mis­si­on ver­trat eben­falls die Auf­fas­sung, dass das Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on zwar ei­ne Rol­le für die Be­stim­mung der be­ruf­li­chen An­for­de­rung spie­le, je­doch nicht das al­lei­ni­ge Kri­te­ri­um blei­ben könne, denn wenn dies so wäre, bestünde die Ge­fahr, dass die deut­sche Re­ge­lung die­se Dif­fe­ren­zie­rung nicht si­cher­zu­stel­len vermöge und viel­mehr bei ein­fa­chen Hilfstätig­kei­ten be­son­de­re An­for­de­run­gen an die Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit ge­stellt würden.
Am 29. Ok­to­ber 2009 hat die Eu­ropäische Kom­mis­si­on ei­ne be­gründe­te Stel­lung­nah­me an Deutsch­land ge­rich­tet, in der sie be­ton­te, dass der Schutz ge­gen dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gun­gen nicht in die deut­schen Rechts­vor­schrif­ten zur Bekämp­fung der Un­gleich­be­hand­lung auf­ge­nom­men sei. Die be­gründe­te Stel­lung­nah­me und die Ant­wort der deut­schen Re­gie­rung sind bis­lang nicht be­kannt­ge­ge­ben wor­den.
RECHT­LICHE WÜRDI­GUNG
43 Der Be­schwer­deführer rügt, dass ihm nur gekündigt wor­den sei, weil er ei­ne außer­ehe­li­che Be­zie­hung zu sei­ner neu­en Le­bens­gefähr­tin un­ter­hal­te. Er be­ruft sich auf Ar­ti­kel 8 Ab­satz 1 der Kon­ven­ti­on, des­sen ein­schlägi­ger Pas­sus wie folgt lau­tet:
„(1) Je­de Per­son hat das Recht auf Ach­tung ih­res Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens (...)
(2) Ei­ne Behörde darf in die Ausübung die­ses Rechts nur ein­grei­fen, so­weit der Ein­griff ge­setz­lich vor­ge­se­hen und in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft not­wen­dig ist (...) zum Schutz der Ge­sund­heit oder der Mo­ral oder zum Schutz der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer.“
44 Die Re­gie­rung be­strei­tet die­se Be­haup­tung.
45 Der Ge­richts­hof stellt fest, dass die Be­schwer­de nicht of­fen­sicht­lich un­be­gründet im Sin­ne von Ar­ti­kel 35 Ab­satz 3 der Kon­ven­ti­on ist. Der Ge­richts­hof stellt fer­ner fest, dass in Be­zug auf die Rüge kein an­de­rer Un­zulässig­keits­grund vor­liegt. Die Be­schwer­de ist da­her für zulässig zu erklären.
1. Stel­lung­nah­me der Par­tei­en
46 Der Be­schwer­deführer be­haup­tet, die Ar­beits­ge­rich­te hätten die in Re­de ste­hen­den In­ter­es­sen un­zu­rei­chend gewürdigt und ab­ge­wo­gen. Dies führe zu ei­nem Recht­spre­chungs-Au­to­ma­tis­mus zu­guns­ten der Kir­chen, die dem Be­trof­fe­nen zu­fol­ge im deut­schen Recht ei­nen pri­vi­le­gier­ten Sta­tus in­ne­ha­ben, den kei­ne an­de­re wohltäti­ge Or­ga­ni­sa­ti­on ge­nieße. Sein Recht auf Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens oder sei­ner In­tim­sphäre sei­en von den Ar­beits­ge­rich­ten nicht ge­prüft wor­den. Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on ver­lei­he ihm aber das Recht, ein Le­bens­mo­dell auf­zu­ge­ben und ein neu­es zu wählen. Der Be­trof­fe­ne be­haup­tet, dass die­ses Recht, auch wenn es das Recht der Kir­chen, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbständig zu re­geln, nicht in Fra­ge stel­le, den­noch nicht so weit ge­hen dürfe, dass sie ih­re Beschäftig­ten zwin­gen können, Glau­benssätze über den be­ruf­li­chen Be­reich hin­aus zu be­fol­gen. Er trägt vor, dass die Ar­beits­ge­rich­te ih­re Recht­spre­chung in völlig un­vor­her­seh­ba­rer Wei­se aus­ge­dehnt hätten, da bis­her ei­ne Kündi­gung sei­nes Wis­sens nur im Fal­le ei­ner Wie­der­ver­hei­ra­tung und nicht auf­grund ei­ner außer­ehe­li­chen in­ti­men Be­zie­hung aus­ge­spro­chen wer­den durf­te. An­ge­sichts der Viel­zahl der kirch­li­chen Ge­bo­te man­ge­le es in die­ser Hin­sicht an Vor­her­seh­bar­keit; die Kündi­gung hänge schließlich al­lein von den An­sich­ten des je­wei­li­gen Per­so­nal­ver­ant­wort­li­chen ab. Die Rol­le des Ar­beits­ge­richts be­schränke sich so­mit dar­auf, den Wil­len des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers aus­zuführen. Nach An­sicht des Be­schwer­deführers liegt die Fol­ge die­ser Ten­denz dar­in, dass der Ar­beit­ge­ber und das Ar­beits­ge­richt ver­an­lasst wer­den, sich zu­neh­mend in das Pri­vat­le­ben der Beschäftig­ten ein­zu­mi­schen, um die als Grund­la­ge für die Kündi­gung die­nen­den Fak­ten zu er­mit­teln und zu würdi­gen. Im Übri­gen wer­de die Glaubwürdig­keit ei­ner Kir­che nicht da­durch erschüttert, dass der ein oder an­de­re Beschäftig­te ei­ni­ge kirch­li­che Re­geln nicht ge­nau be­ach­te; dar­in ma­ni­fes­tie­re sich le­dig­lich das ty­pi­sche Mensch­sein der frag­li­chen Per­son.
47 Der Be­schwer­deführer be­tont, bei Un­ter­zeich­nung sei­nes Ar­beits­ver­trags mit der Ka­tho­li­schen Kir­che nicht auf sei­ne Pri­vat­sphäre ver­zich­tet zu ha­ben. Un­ter Be­ru­fung auf die Macht, die je­der Ar­beit­ge­ber bei ei­ner Ein­stel­lung be­sit­ze, fügt er hin­zu, dass er je­den­falls nicht in der La­ge ge­we­sen sei, § 2 des Ar­beits­ver­trags strei­chen zu las­sen und dass die­se Be­stim­mung im Übri­gen nur ei­ne Stan­dard­klau­sel sei. Er be­haup­tet zu­dem, dass er bei Un­ter­zeich­nung des Ver­trags im Jahr 1983 nicht vor­her­se­hen konn­te, dass er sich ei­nes Ta­ges von sei­ner Ehe­frau tren­nen würde. Wie dem auch sei, da er we­der kirch­li­cher Amts­träger noch Kle­ri­ker, son­dern ein ein­fa­cher Mit­ar­bei­ter des lit­ur­gi­schen Diens­tes oh­ne pas­to­ra­le Ver­ant­wor­tung sei, ha­be er auch kei­nen ge­stei­ger­ten Loya­litäts­pflich­ten un­ter­le­gen. Der Be­schwer­deführer stimmt zu, dass die Mu­sik in der Lit­ur­gie ei­ne be­son­de­re Rol­le spielt, in sei­nen Au­gen fei­ert je­der Gläubi­ge die Lit­ur­gie mit ih­ren Gesängen und Ge­be­ten auf die­sel­be Art wie der Or­ga­nist. Der Be­trof­fe­ne er­in­nert auch dar­an, dass die Grund­ord­nung erst zehn Jah­re nach Un­ter­zeich­nung sei­nes Ar­beits­ver­tra­ges in Kraft ge­tre­ten ist; sie sei da­her nicht im Ver­trag ent­hal­ten und könne aus die­sem Grun­de auch nicht als ge­setz­li­che Grund­la­ge für ei­ne Kündi­gung die­nen.
48 Im Übri­gen be­haup­tet der Be­schwer­deführer, dass er sich im Ge­gen­satz zu den Be­trof­fe­nen in den Sa­chen, die Ge­gen­stand des Ur­teils des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wa­ren (Rd­nr. 35 oben) we­der öffent­lich ei­nem mo­ra­li­schen Grund­satz wi­der­setzt ha­be, noch ein feind­se­li­ges Ver­hal­ten ge­genüber der Ka­tho­li­schen Kir­che und ih­ren mo­ra­li­schen Vor­schrif­ten ge­zeigt ha­be. Er sei im Ge­gen­teil wei­ter­hin ka­tho­lisch und stel­le den Sa­kra­mentscha­rak­ter, den die Ehe in den Au­gen der Ka­tho­li­schen Kir­che hat, nicht in­fra­ge. Die schick­sal­haf­te Tren­nung von sei­ner Frau aus rein persönli­chen Gründen gehöre aus­sch­ließlich zu sei­ner Pri­vat­sphäre. Im Übri­gen ha­be er nicht er­neut ge­hei­ra­tet. Es sei nicht von ihm zu ver­lan­gen, wie das der co­dex iuris ca­no­ni­ci tue, dass er nach sei­ner Tren­nung und Schei­dung bis ans En­de sei­ner Ta­ge ab­sti­nent le­be. Er würde die in­ner­kirch­li­chen Fol­gen sei­ner Wahl ak­zep­tie­ren (Unmöglich­keit, die Kom­mu­ni­on zu emp­fan­gen), sei­ne Kündi­gung sei je­doch ei­ne zu schwe­re Kon­se­quenz. Sch­ließlich be­haup­tet der Be­schwer­deführer, dass der von der Re­gie­rung an­geführ­te Er­mes­sens­spiel­raum nicht be­ste­he, denn in Deutsch­land in­ter­es­sie­re sich die Öffent­lich­keit im­mer we­ni­ger für An­ge­le­gen­hei­ten der Wie­der­hei­rat, und die Eu­ropäische Richt­li­nie 2000/78/EG be­hand­le le­dig­lich die Fra­ge der Ein­stel­lung und nicht die der Kündi­gung nach lan­ger Beschäfti­gungs­dau­er. Un­ter Hin­weis auf sei­ne Aus­bil­dung als ka­tho­li­scher Mu­si­ker weist er auch auf die Schwie­rig­kei­ten hin, an­de­ren­orts in der Ka­tho­li­schen Kir­che ei­ne An­stel­lung zu fin­den. Im Hin­blick auf sei­ne der­zei­ti­ge An­stel­lung in ei­ner evan­ge­li­schen Ge­mein­de gibt er an, auf­grund sei­ner Zu­gehörig­keit zur ka­tho­li­schen Re­li­gi­on le­dig­lich halb­tags ar­bei­ten zu können.
49 Die Re­gie­rung be­haup­tet, dass die Ka­tho­li­sche Kir­che, zu der die Ge­mein­de St. Lam­ber­tus gehört, trotz ih­res Sta­tus als ju­ris­ti­sche Per­son öffent­li­chen Rechts nicht der öffent­li­chen Ge­walt an­gehört. Es ha­be al­so kei­nen Ein­griff sei­tens der öffent­li­chen Ge­walt in die Rech­te des Be­schwer­deführers ge­ge­ben. Die be­haup­te­te Ver­feh­lung der Ar­beits­ge­rich­te könne dem­nach al­lein un­ter dem As­pekt der Schutz­pflich­ten des Staa­tes ge­prüft wer­den. Nun sei der Ge­stal­tungs­spiel­raum, da es kei­nen ge­mein­sa­men Stan­dard der Mit­glied­staa­ten ge­be, weit, zu­mal es sich hier um ei­nen Be­reich hand­le, der mit Gefühlen, Tra­di­tio­nen und der Re­li­gi­on ver­bun­den sei. Die Re­gie­rung er­in­nert dar­an, dass die Eu­ropäische Kom­mis­si­on für Men­schen­rech­te im Übri­gen die Erwägungs­gründe im Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 4. Ju­ni 1985, auf die sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt in der vor­lie­gen­den Sa­che be­zo­gen hat, bestätigt hat­te (R. ./. Deutsch­land, Nr. 12242/86, Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on vom 6. Sep­tem­ber 1989, Ent­schei­dun­gen und Be­rich­te 62,151).
50 Die Re­gie­rung legt an­sch­ließend dar, dass die Ar­beits­ge­rich­te, die ei­ne Strei­tig­keit zwi­schen zwei Rech­te­inha­bern zu ent­schei­den ha­ben, das In­ter­es­se des Be­schwer­deführers und das Recht der Ka­tho­li­schen Kir­che, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten gemäß Ar­ti­kel 137 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung selbstständig zu re­geln, ab­zuwägen ha­ben. Nach Auf­fas­sung der Re­gie­rung war das Ar­beits­ge­richt bei der An­wen­dung der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­vor­schrif­ten ver­pflich­tet, die von der Ka­tho­li­schen Kir­che nie­der­ge­leg­ten Grundsätze zu berück­sich­ti­gen, denn auf­grund ih­res Selbst­be­stim­mungs­rechts ist es Sa­che der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst die von ih­ren An­ge­stell­ten mit dem Ziel der Wah­rung der Glaubwürdig­keit der Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zu be­ach­ten­den Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten zu de­fi­nie­ren. Die Re­gie­rung ruft in Er­in­ne­rung, dass an­ge­sichts die­ser Sach­la­ge die Berück­sich­ti­gung der kirch­li­chen Glau­benssätze nicht schran­ken­los ist und die staat­li­chen Ge­rich­te kei­nen Glau­bens­satz an­wen­den dürfen, der den all­ge­mei­nen Grundsätzen der Rechts­ord­nung ent­ge­gen­steht. An­ders aus­ge­drückt, können die kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber nach Auf­fas­sung der Re­gie­rung ih­ren Ar­beit­neh­mern zwar Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten vor­schrei­ben, es steht ih­nen aber nicht zu, die Kündi­gungs­gründe zu be­stim­men; dies gehört zu der Aus­le­gung der ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen durch den Rich­ter zum Kündi­gungs­schutz.
51 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt und als­dann das Lan­des­ar­beits­ge­richt hätten die­se Grundsätze auf den vor­lie­gen­den Fall an­ge­wandt und die be­trof­fe­nen In­ter­es­sen gebührend ab­ge­wo­gen, ins­be­son­de­re un­ter Berück­sich­ti­gung der Art der Beschäfti­gung des Be­schwer­deführers, der Schwe­re der Ver­feh­lung nach der Wahr­neh­mung der Ka­tho­li­schen Kir­che so­wie des Glaubwürdig­keits­ver­lusts der Ka­tho­li­schen Kir­che im Fal­le ei­nes Ver­bleibs des Be­schwer­deführers im Amt. Die Re­gie­rung fügt hin­zu, dass ei­ne Kündi­gung in der Tat die härtes­te Sank­ti­on (ul­ti­ma ra­tio) im deut­schen Ar­beits­recht dar­stel­le, im vor­lie­gen­den Fal­le ei­ne we­ni­ger schwe­re Maßnah­me, wie die Ab­mah­nung, je­doch vor­lie­gend nicht an­ge­zeigt ge­we­sen sei, denn nach ih­rer Auf­fas­sung konn­te der Be­schwer­deführer kei­ne Zwei­fel dar­an ha­ben, dass sein Ar­beit­ge­ber sei­ne Hal­tung nicht to­le­rie­ren würde. Sie ruft in Er­in­ne­rung, dass der Be­trof­fe­ne bei der frei­wil­li­gen Un­ter­zeich­nung sei­nes Ar­beits­ver­tra­ges der Be­schränkung sei­ner Rech­te aus frei­en Stücken zu­ge­stimmt ha­be, was im Hin­blick auf die Kon­ven­ti­on (vor­ge­nann­te Ent­schei­dung R.) möglich sei, und da­her das Ri­si­ko ak­zep­tiert ha­be, dass be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen be­ruf­li­che Ahn­dungs­maßnah­men nach sich zie­hen können. Sie zeigt sich über­zeugt, dass sich der Be­schwer­deführer auf­grund sei­ner Beschäfti­gung der grund­le­gen­den Be­deu­tung der Un­auflösbar­keit der Ehe für die Ka­tho­li­sche Kir­che so­wie der Kon­se­quen­zen be­wusst sei, die sein Ehe­bruch ha­ben könne. Die Tat­sa­che, dass die Ob­lie­gen­hei­ten Fol­gen für das Pri­vat­le­ben des Be­schwer­deführers ha­ben könn­ten, sei cha­rak­te­ris­tisch für Verträge zwi­schen kirch­li­chen Ar­beit­ge­bern und ih­ren Mit­ar­bei­tern. Die Re­gie­rung be­haup­tet schließlich, die An­wend­bar­keit der Grund­ord­nung, die im Übri­gen kei­ne Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten be­son­de­rer Trag­wei­te vor­schrei­be, sei vor den in­ner­staat­li­chen Ge­rich­ten nicht dis­ku­tiert wor­den und könne aus die­sem Grund nun­mehr nicht vor dem Ge­richts­hof be­han­delt wer­den. Die­se Ord­nung sei zwar erst im Sep­tem­ber 1993 in Kraft ge­tre­ten, die §§ 2 und 6 der Kirch­li­chen Ar­beits- und Vergütungs­ord­nung vom 15. De­zem­ber 1971 (Rd­nr. 37 oben), de­ren An­wend­bar­keit auf den Ar­beits­ver­trag nach ih­rer Auf­fas­sung außer Zwei­fel steht, sei­en be­reits Be­zugs­punk­te für die Grundsätze der ka­tho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re ge­we­sen und da­nach auch für die Grund­ord­nung von 1993. Im Übri­gen ha­be der Be­schwer­deführer ei­ne neue Beschäfti­gung ge­fun­den und zwar in ei­ner Ge­mein­de der Evan­ge­li­schen Kir­che in Es­sen.
52 Die ka­tho­li­sche Diöze­se Es­sen schließt sich im We­sent­li­chen den Schluss­fol­ge­run­gen der Re­gie­rung un­ter Hin­weis dar­auf an, dass die Fest­stel­lung ei­ner Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung ei­nen schwer­wie­gen­den Ein­griff be­deu­ten würde, der Kon­se­quen­zen nicht nur für die Diöze­se, son­dern auch für al­le Ar­beits­verträge (nach ih­ren An­ga­ben zwi­schen 1,2 bis 1,4 Mil­lio­nen) der Ka­tho­li­schen Kir­che wie der Evan­ge­li­schen Kir­che hätte. Nach ih­rer Auf­fas­sung könn­ten die kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber dem­nach nicht mehr von ih­ren Beschäftig­ten ver­lan­gen, be­son­de­re Diens­tob­lie­gen­hei­ten zu be­ach­ten, die ih­ren be­son­de­ren Auf­ga­ben ent­spre­chen. Die Diöze­se be­tont, dass die Tren­nung des Be­schwer­deführers von sei­ner Ehe­frau und die Be­zie­hung zu ei­ner an­de­ren Frau nicht mit dem Sa­kra­mentscha­rak­ter, den die Ehe in den Au­gen der Ka­tho­li­schen Kir­che hat, ver­ein­bar sei­en. Die Ehe sei mehr als ein ein­fa­cher Ver­trag und zwar ein Sa­kra­ment, das ein un­auflösli­ches Band dar­stel­le und ei­ne Ge­mein­schaft für das Le­ben be­tref­fe. Die Diöze­se be­kräftigt eben­falls die be­son­de­re Rol­le der Mu­sik in der ka­tho­li­schen Lit­ur­gie, die bei wei­tem mehr dar­stel­le als ein mu­si­ka­li­scher Hin­ter­grund. Die Aus­wahl der mit der Mu­sik be­trau­ten Per­son müsse auf­grund ih­rer Nähe zu dem Verkündi­gungs­auf­trag der Kir­che al­lein der Kir­che zu­ste­hen und auf­grund ih­rer ei­ge­nen Kri­te­ri­en ein­sch­ließlich der sitt­li­chen Ansprüche er­fol­gen; im Übri­gen sei sie Aus­druck der Ausübung der Re­li­gi­ons­frei­heit. Die Diöze­se fügt hin zu, dass die Ka­tho­li­sche Kir­che mit der Ver­ab­schie­dung ih­rer Grund­ord­nung ein dif­fe­ren­zier­tes Sys­tem ge­schaf­fen ha­be. Die auf­grund die­ser Ord­nung ge­trof­fe­nen Ent­schei­dun­gen würden im Übri­gen der staat­li­chen Ge­richts­bar­keit un­ter­lie­gen.
2. Die Würdi­gung des Ge­richts­hofs
53 Der Ge­richts­hof er­in­nert dar­an, dass der Be­griff „Pri­vat­le­ben“ ein weit­ge­fass­ter Be­griff ist, der nicht ab­sch­ließend de­fi­niert wer­den kann. Die­ser Be­griff schließt die körper­li­che und mo­ra­li­sche Un­ver­sehrt­heit der Per­son ein und um­fasst ge­le­gent­lich As­pek­te der phy­si­schen und so­zia­len Iden­tität ei­nes Ein­zel­nen, wie das Recht dar­auf, Be­zie­hun­gen zu an­de­ren Men­schen zu knüpfen und zu ent­wi­ckeln, das Recht der „persönli­chen Ent­fal­tung“ oder das Recht auf Selbst­be­stim­mung als sol­ches. Der Ge­richts­hof ruft eben­falls in Er­in­ne­rung, dass As­pek­te wie die se­xu­el­le Iden­tität, der Na­me, die se­xu­el­le Aus­rich­tung und das Se­xu­al­le­ben zur der nach Ar­ti­kel 8 geschütz­ten Persönlich­keits­sphäre zählen (E.B. ./. Frank­reich [GK], Nr. 43546/02, Rd­nr. 43, CEDH 2008-... und Schlumpf ./. Schweiz, Nr. 29002/06, Rd­nr. 100, 8. Ja­nu­ar 2009).
54 Der Ge­richts­hof stellt im vor­lie­gen­den Fall zunächst fest, dass der Be­schwer­deführer nicht staat­li­ches Han­deln son­dern ein Versäum­nis des Staa­tes rügt, nämlich sei­ne Pri­vat­sphäre vor ei­nem Ein­griff sei­nes Ar­beit­ge­bers zu schützen. Er er­in­nert in die­sem Zu­sam­men­hang dar­an, dass die Ka­tho­li­sche Kir­che trotz ih­res Sta­tus als öffent­lich-recht­li­che Körper­schaft nach deut­schem Recht kei­ne ho­heit­li­chen Rech­te ausübt (vor­ge­nann­te Ent­schei­dung R., Fins­ka Försam­lin­gen i Stock­holm und Teu­vo Hau­ta­nie­mi ./. Schwe­den, Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on vom 11. April 1996, Nr. 24019/94, und Pre­do­ta ./. Öster­reich (Entsch.), Nr. 28962/95, 18. Ja­nu­ar 2000).
55 Er macht er­neut deut­lich, dass Ar­ti­kel 8 zwar grundsätz­lich zum Ziel hat, den Ein­zel­nen vor willkürli­chen behörd­li­chen Ein­grif­fen zu schützen, sich je­doch nicht dar­auf be­schränkt, dem Staat auf­zu­er­le­gen, sich sol­cher Ein­grif­fe zu ent­hal­ten: zu die­ser ne­ga­ti­ven Ver­pflich­tung können po­si­ti­ve Ver­pflich­tun­gen hin­zu­kom­men, die Be­stand­teil ei­ner wirk­sa­men Ach­tung des Pri­vat­le­bens sind. Die­se können Maßnah­men er­for­der­lich ma­chen, die der Ach­tung des Pri­vat­le­bens die­nen und bis in die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Ein­zel­nen un­ter­ein­an­der rei­chen. Die Ab­gren­zung der po­si­ti­ven von den ne­ga­ti­ven Ver­pflich­tun­gen des Staa­tes aus Ar­ti­kel 8 eig­net sich zwar nicht für ei­ne präzi­se Be­stim­mung, doch sind die an­wend­ba­ren Grundsätze durch­aus ver­gleich­bar. In bei­den Fällen ist ins­be­son­de­re das zwi­schen dem All­ge­mein­in­ter­es­se und den In­ter­es­sen des Ein­zel­nen her­zu­stel­len­de aus­ge­wo­ge­ne Gleich­ge­wicht zu berück­sich­ti­gen, wo­bei der Staat in je­dem Fall über ei­nen Er­mes­sens­spiel­raum verfügt (Evans ./. Ver­ei­nig­tes König­reich [GK], Nr. 6339/05, Rd­nrn. 75-76, CEDH 2007-IV und vor­ge­nann­te Ent­schei­dung R.; sie­he auch Fu­en­tes Bo­bo ./. Spa­ni­en, Nr. 39293/98, Rd­nr. 38, 29. Fe­bru­ar 2000).
56 Der Ge­richts­hof er­in­nert fer­ner dar­an, dass der dem Staat ein­geräum­te Ge­stal­tungs­spiel­raum wei­ter ist, wenn in­ner­halb der Mit­glied­staa­ten des Eu­ro­pa­rats kein Kon­sens im Hin­blick auf die Be­deu­tung der in Re­de ste­hen­den In­ter­es­sen oder über die bes­ten Mit­tel zu ih­rem Schutz be­steht. Der Spiel­raum ist ganz all­ge­mein eben­falls weit, wenn der Staat ei­nen ge­rech­ten Aus­gleich zwi­schen kon­kur­rie­ren­den pri­va­ten und öffent­li­chen In­ter­es­sen oder zwi­schen ver­schie­de­nen nach der Kon­ven­ti­on geschütz­ten Rech­ten her­bei­zuführen hat (o.a. Sa­che Evans, Rd­nr. 77).
57 Die grund­le­gen­de Fra­ge, die sich im vor­lie­gen­den Fall stellt, lau­tet dem­nach, ob der Staat im Rah­men sei­ner Schutz­pflich­ten aus Ar­ti­kel 8 ver­pflich­tet war an­zu­er­ken­nen, dass dem Be­schwer­deführer im Zu­sam­men­hang mit der von der Ka­tho­li­schen Kir­che aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung das Recht auf Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens zu­stand. Der Ge­richts­hof muss, in­dem er die von den deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten vor­ge­nom­me­ne Abwägung die­ses Rechts des Be­schwer­deführers mit dem Recht der Ka­tho­li­schen Kir­che aus den Ar­ti­keln 9 und 11 prüft, dem­nach be­ur­tei­len, ob das Maß des dem Be­schwer­deführer ein­geräum­ten Schut­zes aus­rei­chend war oder nicht.
58 Dies­bezüglich er­in­nert der Ge­richts­hof dar­an, dass die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten tra­di­tio­nell und welt­weit in Form or­ga­ni­sier­ter Struk­tu­ren exis­tie­ren und, soll­te die Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ner sol­chen Ge­mein­schaft be­trof­fen sein, der Ar­ti­kel 9 im Licht des Ar­ti­kels 11 der Kon­ven­ti­on aus­zu­le­gen ist, der die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit vor jeg­li­chen un­ge­recht­fer­tig­ten staat­li­chen Ein­grif­fen schützt. Die Au­to­no­mie sol­cher Ge­mein­schaf­ten, die für die Plu­ra­lität in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft un­ver­zicht­bar ist, gehört in der Tat zum Kern­be­stand des nach Ar­ti­kel 9 zu­ge­si­cher­ten Schut­zes. Der Ge­richts­hof er­in­nert fer­ner dar­an, dass, von sehr we­ni­gen Aus­nah­mefällen ab­ge­se­hen, das Recht auf Re­li­gi­ons­frei­heit im Sin­ne der Kon­ven­ti­on jeg­li­che Be­ur­tei­lung des Staa­tes hin­sicht­lich der Rechtmäßig­keit re­li­giöser Be­kennt­nis­se oder der Art und Wei­se, wie die­se zum Aus­druck kom­men, aus­sch­ließt (Has­san und Tchaouch ./. Bul­ga­ri­en [GK], Nr. 30985/96, Rd­nrn. 62 und 78, CEDH 2000-XI). Geht es schließlich um Fra­gen des Verhält­nis­ses zwi­schen Staat und Re­li­gio­nen, bei de­nen es in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft be­rech­tig­ter­wei­se tief­grei­fen­de Di­ver­gen­zen ge­ben kann, so ist der Rol­le des na­tio­na­len Ent­schei­dungs­trägers be­son­de­re Be­deu­tung bei­zu­mes­sen (Ley­la Şahin ./. Türkei [GK], Nr. 44774/98, Rd­nr. 108, CEDH 2005-XI).
59 Der Ge­richts­hof un­ter­streicht zunächst, dass Deutsch­land durch die Ein­rich­tung ei­nes Ar­beits­ge­richts­sys­tems so­wie ei­nes Ver­fas­sungs­ge­richts, das dafür zuständig ist, die Ent­schei­dun­gen der Ar­beits­ge­rich­te zu kon­trol­lie­ren, sei­ne Schutz­pflich­ten ge­genüber den Recht­su­chen­den im ar­beits­rechts­recht­li­chen Be­reich, ei­nem Be­reich, in dem die Rechts­strei­tig­kei­ten ganz all­ge­mein die Rech­te der Be­trof­fe­nen aus Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on berühren, grundsätz­lich erfüllt hat. So war es dem Be­schwer­deführer möglich, das Ar­beits­ge­richt mit sei­nem Fall zu be­fas­sen und prüfen zu las­sen, ob die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung un­ter dem Blick­win­kel des staat­li­chen Ar­beits­rechts un­ter Berück­sich­ti­gung des kirch­li­chen Ar­beits­rechts rechtmäßig ist und da­bei die wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen des Be­schwer­deführers und des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers ab­zuwägen.
60 Der Ge­richts­hof stellt so­dann fest, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt mit sei­nem Ur­teil vom 12. Au­gust 1999 sich um­fas­send auf die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 4. Ju­ni 1985 auf­ge­stell­ten Grundsätze be­zo­gen hat (Rd­nr. 35 oben). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat ins­be­son­de­re dar­an er­in­nert, dass die An­wen­dung des staat­li­chen Ar­beits­rechts nicht da­zu führt, die Zu­gehörig­keit der Ar­beits­verhält­nis­se zu den ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten der Kir­che auf­zu­he­ben. Die Ka­tho­li­sche Kir­che könne dem­nach bei der Ge­stal­tung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se das Leit­bild ei­ner christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft zu Grun­de le­gen und ih­ren Ar­beit­neh­mern auf­er­le­gen, die Grundsätze ih­rer Glau­bens- und Sit­ten­leh­re an­zu­er­ken­nen und zu be­ach­ten, weil ih­re Glaubwürdig­keit hier­von abhängen könne. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat aber aus­geführt, das Ar­beits­ge­richt sei an die­se Grund­prin­zi­pi­en nur dann ge­bun­den, wenn die Vor­ga­ben den Maßga­ben der ver­fass­ten Kir­chen Rech­nung tra­gen und sie nicht im Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung ste­hen, zu de­nen nach An­sicht des Ge­richts all­ge­mein die nach der Kon­ven­ti­on zu­ge­si­cher­ten Rech­te und Grund­frei­hei­ten gehören und hier ins­be­son­de­re das Recht auf Ach­tung des Pri­vat­le­bens.
61 Was die An­wen­dung die­ser Kri­te­ri­en im Fal­le des Be­schwer­deführers an­be­langt, so stellt der Ge­richts­hof fest, das Ar­beits­ge­richt ha­be er­wo­gen, dass die Kir­chen­ge­mein­de die Kündi­gung des Be­schwer­deführers nicht be­sch­ließen konn­te, oh­ne vor­her ei­ne we­ni­ger schwe­re Sank­ti­on zu verhängen, wie dies nach der Grund­ord­nung er­for­der­lich ist. Nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts war die Pflicht­ver­let­zung des Be­schwer­deführers, d.h. die Va­ter­schaft für ein außer­ehe­li­ches Kind, nicht so gra­vie­rend, als dass dies al­lein aus­rei­chend sei, ei­ne Kündi­gung aus­zu­spre­chen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat, in­dem es das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts bestätig­te, aus­geführt, das dem Be­schwer­deführer an­ge­las­te­te Ver­hal­ten sei sei­ne dau­er­haf­te außer­ehe­li­che Be­zie­hung, was ei­ner schwer­wie­gen­den persönli­chen sitt­li­chen Ver­feh­lung im Sin­ne des Ar­ti­kels 5 Ab­satz 2 der Grund­ord­nung ent­spre­che und sei­ne Kündi­gung we­gen der Nähe sei­ner Auf­ga­be zum Verkündi­gungs­auf­trag der Kir­che recht­fer­tig­te. Nach An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts trug der Be­schwer­deführer in der Tat auf­grund sei­ner Funk­tio­nen zu ei­ner würde­vol­len Eu­cha­ris­tie­fei­er bei, dem für die Ka­tho­li­sche Kir­che zen­tra­len Er­eig­nis der Mess­fei­er.
62 Der Ge­richts­hof stellt fest, das Bun­des­ar­beits­ge­richt ha­be zwar das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf­ge­ho­ben, die Schluss­fol­ge­run­gen die­ses Ge­richts je­doch bestätigt, was die Ein­stu­fung des Ver­hal­tens des Be­schwer­deführers nach Maßga­be der Grund­ord­nung an­be­langt. In­so­weit hat das ho­he Ge­richt dar­an er­in­nert, dass die Vor­stel­lung der Ka­tho­li­schen Kir­che über die ehe­li­che Treue nicht im Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung ste­he, weil die Ehe auch in an­de­ren Re­li­gio­nen ei­ne her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung ha­be und un­ter dem be­son­de­ren Schutz des Grund­ge­set­zes ste­he. Es hat auch die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass die An­sicht des Be­schwer­deführers, wo­nach ein­zig ei­ne Wie­der­hei­rat mit ei­ner schwer­wie­gen­den Ver­feh­lung gleich­zu­set­zen sei, we­der der Grund­ord­nung noch an­de­ren Vor­schrif­ten zu ent­neh­men sei.
63 Der Ge­richts­hof stellt schließlich fest, das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be nach der Ver­wei­sung der Sa­che her­vor­ge­ho­ben, dass es die Kon­se­quen­zen der Kündi­gung in Be­zug auf den Be­schwer­deführer nicht ver­ken­ne. Gleich­wohl hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt er­ach­tet, dass, selbst wenn der Be­schwer­deführer Ge­fahr lief, sei­nen Be­ruf nicht mehr aus­zuüben, die Kir­chen­ge­mein­de die­sen Or­ga­nis­ten den­noch nicht wei­ter­beschäfti­gen konn­te, oh­ne sämt­li­che Glaubwürdig­keit hin­sicht­lich der Ver­bind­lich­keit der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re zu ver­lie­ren: Die Tätig­keit des Be­schwer­deführers würde ei­ne der­art große Nähe zum Verkündungs­auf­trag der Kir­che auf­wei­sen, dass ein wei­te­res Zu­sam­men­wir­ken des Be­schwer­deführers mit dem De­chan­ten et­wa bei der Mess­fei­er nach Außen nicht ver­mit­tel­bar sei.
64 In­so­weit der Be­schwer­deführer be­haup­tet, die Grund­ord­nung sei in sei­nem Fall nicht an­wend­bar, stellt der Ge­richts­hof fest, dass die An­wen­dung die­ser Grund­ord­nung, im Ge­gen­satz zur An­wen­dung an­de­rer von der Kir­chen­ge­mein­de im Lauf des Kündi­gungs­ver­fah­rens gel­tend ge­mach­ter kir­chen­recht­li­cher Be­stim­mun­gen, vor den Ar­beits­ge­rich­ten nie­mals in Zwei­fel ge­zo­gen wor­den ist, die - im Fal­le des Ar­beits­ge­richts und des Lan­des­ar­beits­ge­richts - die­se Grund­ord­nung übri­gens zu Guns­ten des Be­schwer­deführers aus­ge­legt und fest­ge­stellt ha­ben, dass das Ar­beits­verhält­nis durch die Kündi­gung nicht auf­ge­ho­ben wor­den ist. Er stellt im Übri­gen fest, die kirch­li­che Ar­beits- und Vergütungs­ord­nung, die -wie die Re­gie­rung un­ter­streicht - auf die Grund­prin­zi­pi­en der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re der Ka­tho­li­schen Kir­che ver­weist, sei Be­stand­teil des Ver­trags­verhält­nis­ses ge­we­sen.
65 Was die Schluss­fol­ge­rung der Ar­beits­ge­rich­te an­be­langt, wo­nach die Kündi­gung an­ge­sichts der Grund­ord­nung ge­recht­fer­tigt war, so er­in­nert der Ge­richts­hof dar­an, dass es in ers­ter Li­nie den in­ner­staat­li­chen Ge­rich­ten ob­liegt, das in­ner­staat­li­che Recht aus­zu­le­gen und an­zu­wen­den (G. K. M. und B. e.V. ./. Deutsch­land (Entsch.), Nr. 52336/99, 18. Sep­tem­ber 2007, und Mi­roļubovs u.a. ./. Lett­land, Nr. 798/05, Rd­nr. 91, 15. Sep­tem­ber 2009). Der Ge­richts­hof ruft aber in Er­in­ne­rung, es sei zwar nicht sei­ne Auf­ga­be, an die Stel­le der in­ner­staat­li­chen Ge­rich­te zu tre­ten, den­noch ha­be er zu prüfen, ob die Aus­wir­kun­gen der von in­ner­staat­li­chen Ge­rich­ten er­gan­ge­nen Schluss­fol­ge­run­gen mit der Kon­ven­ti­on in Ein­klang ste­hen (sie­he sinn­gemäß Kar­hu­vaa­ra und Il­taleh­ti ./. Finn­land, Nr. 53678/00, Rd­nr. 49, CEDH 2004-X, o.a. Sa­che Mi­roļubovs u.a., Rd­nr. 91, und Lom­bar­di Vallau­ri ./. Ita­li­en, Nr. 39128/05, Rd­nr. 42, CEDH 2009- ...).
66 Was die An­wen­dung der Kri­te­ri­en, auf die das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­wie­sen hat, auf die kon­kre­te Si­tua­ti­on des Be­schwer­deführers an­be­langt, so stellt der Ge­richts­hof al­ler­dings den bündi­gen Cha­rak­ter der Ar­gu­men­ta­ti­on der Ar­beits­ge­rich­te hin­sicht­lich der Kon­se­quen­zen fest, die die­se aus dem Ver­hal­ten des Be­schwer­deführers ge­zo­gen ha­ben (sie­he zum Be­weis des Ge­gen­teils die o.a. Sa­che O., Rd­nr. 49). Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sich in der Tat da­mit be­gnügt, dar­zu­le­gen, dass die Funk­tio­nen des Be­trof­fe­nen als Or­ga­nist und Chor­lei­ter zwar nicht un­ter Ar­ti­kel 5 Ab­satz 3 der Grund­ord­nung fal­len, sie aber ei­ne der­art große Nähe zum Verkündungs­auf­trag der Ka­tho­li­schen Kir­che auf­wei­sen, dass die Kir­chen­ge­mein­de den Mu­si­ker nicht wei­ter beschäfti­gen konn­te, oh­ne jeg­li­che Glaubwürdig­keit zu ver­lie­ren, und dass ein wei­te­res Zu­sam­men­wir­ken zwi­schen ihm und dem De­chan­ten bei der Mess­fei­er nach Außen nicht ver­mit­tel­bar ge­we­sen sei.
Der Ge­richts­hof hebt zunächst her­vor, die Ar­beits­ge­rich­te sei­en in ih­ren Fol­ge­run­gen we­der auf das tatsächli­che Fa­mi­li­en­le­ben des Be­schwer­deführers noch auf den da­mit gewähr­ten Rechts­schutz ein­ge­gan­gen. Die In­ter­es­sen des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers sind in­fol­ge­des­sen mit dem nach Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on zu­ge­si­cher­ten Recht des Be­schwer­deführers auf Ach­tung sei­nes Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens nicht ab­ge­wo­gen wor­den, son­dern nur mit sei­nem In­ter­es­se auf Wah­rung sei­nes Ar­beits­plat­zes (sie­he dies­bezüglich auch die Schluss­fol­ge­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in sei­nem Ur­teil vom 4. Ju­ni 1985 – Rd­nr. 35 oben).
Der Ge­richts­hof stellt eben­falls fest, dass der Ar­beit­neh­mer we­gen des Lohn­steu­er­kar­ten­sys­tems (Rd­nr. 33 oben) nicht in der La­ge ist, ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber Er­eig­nis­se zu ver­heim­li­chen, die sei­nen Per­so­nen­stand be­tref­fen, wie ei­ne Schei­dung oder die Ge­burt ei­nes Kin­des. So­mit wird ein Er­eig­nis, das mögli­cher­wei­se ei­nen Loya­litäts­ver­s­toß dar­stellt, dem kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber in je­dem Fall zur Kennt­nis ge­bracht, auch wenn der Fall nicht in die Me­di­en ge­lang­te oder öffent­li­che Aus­wir­kun­gen hat­te.
68 Der Ge­richts­hof stellt so­dann fest, dass die Ar­beits­ge­rich­te, in­dem sie das Ver­hal­ten des Be­schwer­deführers als ei­ne schwer­wie­gen­de Ver­feh­lung im Sin­ne des Ar­ti­kels 5 Ab­satz 2 der Grund­ord­nung ein­ge­stuft ha­ben, den Stand­punkt des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers als hier maßgeb­lich er­ach­tet ha­ben und dass, nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts, die ge­gen­tei­li­ge Auf­fas­sung des Be­schwer­deführers we­der aus der Grund­ord­nung noch aus an­de­ren kir­chen­recht­li­chen Be­stim­mun­gen er­sicht­lich sei. Er ist der An­sicht, dass die­se Art des Vor­ge­hens an­ge­sichts sei­ner Recht­spre­chung an sich kein Pro­blem dar­stellt (Rd­nr. 58 oben).
69 Er be­tont je­doch, das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be die Fra­ge der Nähe der vom Be­schwer­deführer aus­geübten Tätig­keit zum Verkündungs­auf­trag der Kir­che nicht ge­prüft, son­dern, wie es scheint oh­ne wei­te­re Nach­prüfun­gen vor­zu­neh­men, den Stand­punkt des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers in die­ser Fra­ge über­nom­men. Da es sich aber um ei­ne Kündi­gung han­del­te, die im An­schluss an ei­ne Ent­schei­dung des Be­schwer­deführers hin­sicht­lich sei­nes nach der Kon­ven­ti­on geschütz­ten Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens er­folgt ist, ver­tritt der Ge­richts­hof die Auf­fas­sung, dass bei der Abwägung der im Spiel be­find­li­chen kon­kur­rie­ren­den Rech­te und In­ter­es­sen ei­ne ein­ge­hen­de­re Prüfung nötig ge­we­sen wäre (sie­he o.a. Sa­che O., Rd­nrn. 48-51), dies um­so mehr, weil in der vor­lie­gen­den Sa­che das In­di­vi­du­al­recht des Be­schwer­deführers im Wi­der­spruch zu ei­nem Kol­lek­tiv­recht stand. Wenn nämlich nach Maßga­be der Kon­ven­ti­on ein Ar­beit­ge­ber, des­sen Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, sei­nen Ar­beit­neh­mern spe­zi­el­le Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten auf­er­le­gen kann, so darf ein auf ei­ne Ver­feh­lung ge­gen sol­che Ob­lie­gen­hei­ten gestütz­ter Kündi­gungs­be­schluss an­ge­sichts des Selbst­be­stim­mungs­rechts des Ar­beit­ge­bers nicht al­lein ei­ner ein­ge­schränk­ten ge­richt­li­chen Kon­trol­le durch das zuständi­ge staat­li­che Ar­beits­ge­richt un­ter­wor­fen wer­den, oh­ne dass da­bei die Art der vom Be­trof­fe­nen be­klei­de­ten Stel­le berück­sich­tigt und tatsächlich ei­ne Abwägung der in Re­de ste­hen­den In­ter­es­sen im Licht des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit statt­fin­det.
Dies­bezüglich stellt der Ge­richts­hof eben­falls fest, dass die von Deutsch­land vor­ge­nom­me­ne Um­set­zung der Richt­li­nie 78/2000/EG in sei­ner in­ner­staat­li­chen Rechts­ord­nung in Be­zug auf ei­ni­ge Punk­te Ge­gen­stand ei­ner Be­an­stan­dung der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on aus ver­gleich­ba­ren Gründen ist (Rd­nrn. 40-42 oben).
Er stellt auch fest, dass nach den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­ge­leg­ten Grundsätzen ei­ne Kir­che von ih­ren Ar­beit­neh­mern ver­lan­gen kann, be­stimm­te tra­gen­de Grundsätze zu ach­ten, was aber nicht be­deu­te, dass die Rechts­stel­lung des Ar­beit­neh­mers ei­ner Kir­che „kle­ri­ka­li­siert“ und aus dem bürger­lich-recht­li­chen Ar­beits­verhält­nis ei­ne Art kirch­li­ches Sta­tus­verhält­nis wird, das die Per­son to­tal er­greift und ih­re pri­va­te Le­bensführung voll um­fasst (Rd­nr. 35 oben).
71 Der Ge­richts­hof räumt ein, dass der Be­schwer­deführer durch Un­ter­zeich­nung sei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ei­ne Loya­litäts­pflicht ge­genüber der Ka­tho­li­schen Kir­che ein­ge­gan­gen ist, die sein Recht auf Ach­tung sei­nes Pri­vat­le­bens bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad ein­schränk­te. Der­ar­ti­ge ver­trag­li­che Ein­schränkun­gen sind nach der Kon­ven­ti­on zulässig, wenn sie aus frei­em Wil­len hin­ge­nom­men wer­den (o.a. Ent­schei­dung in der Sa­che R.). Der Ge­richts­hof ist al­ler­dings der An­sicht, dass die Un­ter­schrift des Be­schwer­deführers auf die­sem Ver­trag nicht als ei­ne un­miss­verständ­li­che persönli­che Ver­pflich­tung zu ver­ste­hen ist, im Fal­le der Tren­nung oder Schei­dung ab­sti­nent zu le­ben. Ei­ne sol­che Aus­le­gung würde den Kern des Rechts auf Ach­tung des Pri­vat­le­bens des Be­trof­fe­nen berühren, be­son­ders des­halb, weil der Be­schwer­deführer nach Fest­stel­lung der Ar­beits­ge­rich­te kei­nen ge­stei­ger­ten Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten un­ter­wor­fen war (sie­he zum Be­weis des Ge­gen­teils die o.a. Sa­che O., Rd­nr. 50). In die­sem Zu­sam­men­hang hat der Be­schwer­deführer dar­ge­legt, er ha­be die Tren­nung von sei­ner Ehe­gat­tin aus rein persönli­chen Gründen nicht ver­hin­dern können und es sei ihm nicht möglich, bis zu sei­nem Le­bens­en­de ab­sti­nent zu le­ben, wie es der Kir­chen­ko­dex der Ka­tho­li­schen Kir­che ver­lan­gen würde.
72 Der Ge­richts­hof stellt eben­falls fest, die Ar­beits­ge­rich­te hätten sich, mit Aus­nah­me der ers­ten In­stanz, nur am Ran­de da­mit be­fasst, dass, im Ge­gen­satz zu Rechts­sa­chen, die vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt anhängig ge­macht wur­den und u.a. die Kündi­gung ei­ner Per­son we­gen ih­rer öffent­li­chen Äußerun­gen im Wi­der­spruch zum mo­ra­li­schen Stand­punkt ih­res kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers be­tra­fen (sie­he o.a. Sa­che R.), der Fall des Be­schwer­deführers nicht von den Me­di­en auf­ge­grif­fen wor­den ist und dass Letz­te­rer nach vier­zehn Dienst­jah­ren in der Kir­chen­ge­mein­de die Stand­punk­te der Ka­tho­li­schen Kir­che of­fen­bar nicht an­ge­grif­fen hat, son­dern viel­mehr de­ren Ach­tung in der Pra­xis ver­letzt zu ha­ben scheint (sie­he Ar­ti­kel 5 Ab­satz 2 der Grund­ord­nung, Rd­nr. 38 oben) und dass das hier streit­ge­genständ­li­che Ver­hal­ten den Kern­be­stand des Pri­vat­le­bens des Be­schwer­deführers berührt.
73 Der Ge­richts­hof hebt schließlich her­vor, das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be sich da­mit be­gnügt, an­zu­ge­ben, dass es die Kon­se­quen­zen der ge­gen den Be­schwer­deführer aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung nicht ver­ken­ne, oh­ne aber auf die As­pek­te ein­zu­ge­hen, die es bei der Abwägung der im Spiel be­find­li­chen In­ter­es­sen in die­ser Hin­sicht berück­sich­tigt hat­te (sie­he zum Be­weis des Ge­gen­teils die o.a. Sa­che O., Rd­nrn. 48 bis 51). Nach An­sicht des Ge­richts­hofs kommt aber der Tat­sa­che, dass ein von ei­nem kirch­li­chen Ar­beit­ge­ber gekündig­ter Ar­beit­neh­mer be­grenz­te Möglich­kei­ten hat, ei­nen neu­en Ar­beits­platz zu fin­den, be­son­de­re Be­deu­tung bei. Dies trifft um­so mehr zu, wenn der Ar­beit­neh­mer tatsächlich ei­ne ge­wich­ti­ge Stel­lung in ei­nem be­stimm­ten Tätig­keits­feld in­ne­hat und in den Ge­nuss ei­ni­ger Ab­wei­chun­gen von den all­ge­mei­nen Rechts­vor­schrif­ten kommt, was auf die bei­den großen Kir­chen in ei­ni­gen Re­gio­nen Deutsch­lands ins­be­son­de­re auf dem so­zia­len Sek­tor zu­trifft (z.B. Kin­dergärten und Kran­kenhäuser – Rd­nrn. 30-32 oben) oder wenn die Aus­bil­dung des ent­las­se­nen Beschäftig­ten ei­nen be­son­de­ren Cha­rak­ter trägt, der­art, dass es für ihn schwie­rig oder gar unmöglich ist, ei­ne neu­en Ar­beits­platz außer­halb des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers zu fin­den, was auf den hie­si­gen Fall zu­trifft. In die­sem Zu­sam­men­hang stellt der Ge­richts­hof fest, dass die Vor­schrif­ten der Evan­ge­li­schen Kir­che in Be­zug auf Kir­chen­mu­si­ker (Rd­nr. 39 oben) die Ent­las­sung ei­ner Per­son, die nicht Mit­glied ei­ner Evan­ge­li­schen Kir­che ist, nur in Aus­nah­mefällen und ein­zig im Rah­men ei­nes Ne­ben­am­tes ge­stat­ten. Der Fall des Be­schwer­deführers bestätigt dies übri­gens. Der Ge­richts­hof er­in­nert im Übri­gen dar­an, dass in An­be­tracht der Re­ge­lung, dass die Lohn­steu­er­kar­te, die vom Ar­beit­neh­mer vor­zu­le­gen ist und ei­ne Rei­he von per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten enthält (Rd­nr. 33 oben), der Ar­beit­ge­ber au­to­ma­tisch in ge­wis­ser Wei­se von der persönli­chen und fa­mi­liären Si­tua­ti­on sei­nes Ar­beit­neh­mers Kennt­nis er­langt.
74 Der Ge­richts­hof ist dem­nach der An­sicht, die Ar­beits­ge­rich­te hätten nicht hinläng­lich dar­ge­legt, war­um den Fol­ge­run­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts zu­fol­ge die In­ter­es­sen der Kir­chen­ge­mein­de die­je­ni­gen des Be­schwer­deführers bei wei­tem über­trof­fen ha­ben und sie die Rech­te des Be­schwer­deführers und die­je­ni­gen des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers nicht in ei­ner Wei­se ab­ge­wo­gen ha­ben, die in Ein­klang mit der Kon­ven­ti­on steht.
75 In­fol­ge­des­sen fol­gert der Ge­richts­hof un­ter Berück­sich­ti­gung der be­son­de­ren Umstände der Sa­che, dass der deut­sche Staat dem Be­schwer­deführer nicht den not­wen­di­gen Schutz gewährt hat und dass so­mit Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on ver­letzt wor­den ist.
II. DIE AN­WEN­DUNG DES AR­TIKELS 41 DER KON­VEN­TION
76 Ar­ti­kel 41 der Kon­ven­ti­on lau­tet wie folgt:
„Stellt der Ge­richts­hof fest, dass die­se Kon­ven­ti­on oder die Pro­to­kol­le da­zu ver­letzt wor­den sind, und ge­stat­tet das in­ner­staat­li­che Recht der Ho­hen Ver­trags­par­tei nur ei­ne un­voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung für die Fol­gen die­ser Ver­let­zung, so spricht der Ge­richts­hof der ver­letz­ten Par­tei ei­ne ge­rech­te Entschädi­gung zu, wenn dies not­wen­dig ist.“
A. Scha­den
77 Der Be­schwer­deführer ver­langt 323.741,45 EU­RO we­gen ma­te­ri­el­len Scha­dens, wo­bei die­ser Be­trag dem seit dem 1. Ju­li 1998 nicht aus­be­zahl­ten Ge­halt ent­spricht, abzüglich der er­hal­te­nen Ar­beits­lo­sen­hil­fe ab dem 1. Sep­tem­ber 2002 we­gen sei­ner Halb­tags­beschäfti­gung in ei­ner Kir­chen­ge­mein­de der Evan­ge­li­schen Kir­che. Der Be­schwer­deführer hat die Ein­zel­hei­ten die­ser Beträge vor­ge­legt. Er ver­langt außer­dem 30.000 EUR we­gen im­ma­te­ri­el­len Scha­dens.
Die Re­gie­rung ist der An­sicht, dass, soll­te der Ge­richts­hof fol­gern, dass die Ar­beits­ge­rich­te die Kündi­gung nicht hätten ak­zep­tie­ren dürfen, der Staat nicht ver­pflich­tet ist, dem Be­schwer­deführer das Ge­halt zu er­stat­ten, das die­ser über die gan­zen Jah­re nicht er­hal­ten hat. Soll­te ihr zu­fol­ge in der Tat ei­ne Ver­let­zung fest­ge­stellt wer­den, könne der Be­schwer­deführer ei­ner­seits die Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens vor den in­ner­staat­li­chen Ge­rich­ten be­an­tra­gen und an­de­rer­seits könne nicht au­to­ma­tisch an­ge­nom­men wer­den, dass sein Ar­beits­ver­trag mit der Kir­chen­ge­mein­de von St. Lam­ber­tus noch meh­re­re Jah­re lang wei­ter­geführt wor­den wäre.
B. Kos­ten und Aus­la­gen
Der Be­schwer­deführer ver­langt eben­falls 752,35 EU­RO für die Kos­ten und Aus­la­gen vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und 876,73 EU­RO für die­je­ni­gen vor dem Ge­richts­hof. Er ver­langt außer­dem die Er­stat­tung der Kos­ten für Über­set­zun­gen und die­je­ni­gen für den Fall ei­ner münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ge­richts­hof.
80 Die Re­gie­rung hat sich dies­bezüglich nicht geäußert.
C. Fa­zit
81 Un­ter den ge­ge­be­nen Umständen ur­teilt der Ge­richts­hof, dass die Fra­ge der An­wen­dung des Ar­ti­kels 41 der Kon­ven­ti­on noch nicht spruch­reif ist. In­fol­ge­des­sen ist es an­ge­bracht, die Be­ur­tei­lung der Fra­ge vor­zu­be­hal­ten und das wei­te­re Ver­fah­ren un­ter Berück­sich­ti­gung ei­ner et­wai­gen Ver­ein­ba­rung zwi­schen dem be­schwer­de­geg­ne­ri­schen Staat und dem Be­schwer­deführer fest­zu­set­zen (Ar­ti­kel 75 Ab­satz 1 der Ver­fah­rens­ord­nung). Zu dem Zweck räumt der Ge­richts­hof den Par­tei­en ei­ne Frist von drei Mo­na­ten ab dem Zeit­punkt die­ses Ur­teils ein.
AUS DIESEN GRÜNDEN ENT­SCHEI­DET DER GERICH­TSHOF EINSTIM­MIG WIE FOLGT:
2. Er ent­schei­det, dass Ar­ti­kel 8 der Kon­ven­ti­on ver­letzt ist.
3. Er ent­schei­det, dass die Fra­ge der An­wen­dung von Ar­ti­kel 41 der Kon­ven­ti­on noch nicht spruch­reif ist; und in­fol­ge­des­sen
a) behält er sich die Be­ur­tei­lung die­ser Fra­ge ganz vor;
b) for­dert er die Re­gie­rung und den Be­schwer­deführer auf, ihn von je­der Ei­ni­gung, die sie mögli­cher­wei­se er­zie­len, in­ner­halb von drei Mo­na­ten ab dem Zeit­punkt die­ses Ur­teils zu un­ter­rich­ten.
c) behält er sich die Be­stim­mung des wei­te­ren Ver­fah­rens vor und be­auf­tragt den Kam­mer­präsi­den­ten, das wei­te­re Ver­fah­ren er­for­der­li­chen­falls zu be­stim­men.
[1] Ori­gi­nal­ti­tel: Kir­chen­ge­setz über den kir­chen­mu­si­ka­li­schen Dienst in der Evan­ge­li­schen Kir­che der Uni­on (EKU) (Kir­chen­mu­sik­ge­setz).
[2] Ori­gi­nal­ti­tel: Kir­chen­ge­setz zur Ausführung und Ergänzung des Kir­chen­ge­set­zes über den kir­chen­mu­si­ka­li­schen Dienst in der EKU (Ausführungs­ge­setz zum Kir­chen­mu­sik­ge­setz).
[3] Ori­gi­nal­ti­tel: Ord­nung für den Dienst ne­ben­amt­li­cher Kir­chen­mu­si­ker.
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