Source: http://www.haerlein.de/was-an-einem-kettenauffahrunfall-beteiligte-fahrzeugfuhrer-und-halter-wissen-sollten/
Timestamp: 2019-06-20 11:55:16
Document Index: 35037314

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 1', '§ 3', 'BGH', '§ 287', '§ 287']

Was an einem (Ketten)Auffahrunfall beteiligte Fahrzeugführer und -halter wissen sollten - Haerlein
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Bei Auffahrunfällen, auch wenn sie sich auf Autobahnen ereignen, kann der erste Anschein dafür sprechen, dass der Auffahrende den Unfall schuldhaft dadurch verursacht hat, dass er
entweder den erforderlichen Sicherheitsabstand nicht eingehalten hat (§ 4 Abs. 1 Straßenverkehrs-Ordnung (StVO)),
unaufmerksam war (§ 1 StVO) oder
mit einer den Straßen- und Sichtverhältnissen unangepassten Geschwindigkeit gefahren ist (§ 3 Abs. 1 StVO).
Ein Auffahrunfall als solcher reicht als Grundlage eines Anscheinsbeweises allerdings dann nicht aus, wenn weitere Umstände des Unfallereignisses,
wie beispielsweise ein vor dem Auffahren vorgenommener Spurwechsel des vorausfahrenden Fahrzeugs,
bekannt sind, die als Besonderheit gegen die bei derartigen Fallgestaltungen gegebene Typizität sprechen (Bundesgerichtshofs (BGH) mit Urteil vom 13.12.2016 – VI ZR 32/16 –).
Bei Kettenauffahrunfällen,
d.h., wenn, sei es nun aktiv oder passiv im Sinne eines Aufschiebens, mehr als zwei Fahrzeuge miteinander kollidieren,
setzt der Anscheinsbeweis für eine schuldhafte Verursachung
des Heckaufpralls (Heckschadens) durch den letzten in der Kette auffahrenden Verkehrsteilnehmer
die Feststellung voraus, dass
das ihm vorausfahrende Fahrzeug des Geschädigten rechtzeitig hinter seinem Vordermann zum Stehen gekommen ist und
nicht durch einen Aufprall auf das vorausfahrende Fahrzeug den Bremsweg des ihm folgenden Fahrzeugs verkürzt hat (Oberlandesgericht (OLG) Hamm, Urteil vom 06.02.2014 – 6 U 101/13 –).
Hinsichtlich eines in der Kette befindlichen Fahrzeugs,
das sowohl Front- wie auch Heckschäden erlitten hat,
findet der Anscheinsbeweis keine Anwendung,weil
es ebenso möglich ist, dass das Fahrzeug bereits vor dem Auffahren durch das Fahrzeug des „Hintermannes“ seinerseits bereits auf das Fahrzeug des „Vordermannes“ aufgefahren war und
deshalb regelmäßig kein ausreichend typischer Geschehensablauf feststellbar ist (OLG München, Urteil vom 12.05.2017 – 10 U 748/16 –).
Allerdings gewährt die Rechtsprechung dem Fahrzeugeigentümer, dessen Fahrzeug auch einen Frontschaden erlitten hat eine Beweiserleichterung nach § 287 Zivilprozessordnung (ZPO).
Kann der Fahrzeugeigentümer, dessen Fahrzeug einen Frontschaden erlitten hat, Tatsachen nachweisen,
aus denen sich die überwiegende Wahrscheinlichkeit einer Verursachung des Frontschadens durch den Hintermann ergibt,
nach denen mithin ein Aufschieben deutlich wahrscheinlicher ist als die Möglichkeit, dass der Geschädigte durch sein eigenes Verhalten (Auffahren auf den Vordermann) den Frontschaden an seinem Fahrzeug selbst verursacht hat,
ist der Hintermann für den gesamten (Heck- und Front-)Schaden des mittleren Fahrzeugs (mit)verantwortlich.
Ist die Verursachung des Frontschadens durch den Auffahrenden (also durch ein Aufschieben)
nicht weniger wahrscheinlich
als die Entstehung des Frontschadens unabhängig vom Heckanstoß, kann
der gegen den Auffahrenden begründete Schadensersatzanspruch betreffend den Heckanstoß im Totalschadensfall nach § 287 ZPO durch die quotenmäßige Aufteilung des Gesamtschadens, gemessen am Verhältnis der jeweiligen Reparaturkosten, ermittelt werden.
Ist demgegenüber
die ursächliche Beteiligung des Hintermannes an dem Frontschaden (also durch ein Aufschieben)
als die Entstehung des Frontschadens unabhängig vom Heckanstoß,
haftet der Hintermann nur für den ihm sicher zurechenbaren Heckschaden (Landgericht (LG) Saarbrücken, Urteil vom 07.09.2018 – 13 S 43/17 –).