Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/verfahrenskostenhilfe-fuer-das-beschwerdeverfahren-in-familiensachen-in-uebergangsfaellen-374648
Timestamp: 2020-04-08 00:06:20
Document Index: 249815285

Matched Legal Cases: ['§ 64', '§ 113', '§ 117', '§ 64', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe für das Beschwer­de­ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen in Über­gangs­fäl­len | Rechtslupe
Das Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­ge­such für eine beab­sich­tig­te Beschwer­de in einer Fami­li­en­sa­che war nach der bis 31.12 2012 bestehen­den Rechts­la­ge beim Ober­lan­des­ge­richt ein­zu­rei­chen. Wegen der nach Inkraft­tre­ten der FGG-Reform zunächst inso­weit bestehen­den Rechts­un­si­cher­heit, die inzwi­schen zu einer Geset­zes­än­de­rung geführt hat, begrün­det die Ein­rei­chung beim hier­für unzu­stän­di­gen Amts­ge­richt kein Ver­schul­den des Rechts­an­walts 1.
Ist das Beschwer­de­ge­richt in einem Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren der Auf­fas­sung, dass die Erfolgs­aus­sich­ten der Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung von der Klä­rung einer in der Recht­spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te umstrit­te­nen und höchst­rich­ter­lich noch nicht geklär­ten Rechts­fra­ge abhängt, muss es dem Beschwer­de­füh­rer beim Vor­lie­gen der per­sön­li­chen Vor­aus­set­zun­gen inso­weit Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe bewil­li­gen, und zwar auch dann, wenn es die Auf­fas­sung ver­tritt, dass die Rechts­fra­ge zu Unguns­ten des Beschwer­de­füh­rers zu ent­schei­den ist 2.
Das Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­ge­such war nach dem hier noch anzu­wen­den­den bis zum 31.12 2012 gel­ten­den – Recht (vgl. nun­mehr seit 1.01.2013 § 64 Abs. 1 Satz 2 FamFG) nach § 113 Abs. 1 FamFG iVm § 117 Abs. 1 Satz 1 ZPO beim Rechts­mit­tel­ge­richt als Ver­fah­rens­ge­richt ein­zu­rei­chen. Dar­an ist durch das zum 1.09.2009 in Kraft getre­te­ne Ver­fah­rens­recht auch in Fami­li­en­streit­sa­chen (zunächst) nichts geän­dert wor­den 3.
Dem Antrags­geg­ner ist jedoch Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren, denn sei­ner Anwäl­tin ist die unzu­tref­fen­de Adres­sie­rung des Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­an­trags an das Amts­ge­richt nicht als Ver­schul­den anzu­las­ten.
Der Rechts­irr­tum eines Rechts­an­walts ist aller­dings in der Regel nicht unver­schul­det. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss ein Rechts­an­walt die Geset­ze ken­nen, die in einer Anwalts­pra­xis gewöhn­lich zur Anwen­dung kom­men. Eine irri­ge Aus­le­gung des Ver­fah­rens­rechts kann als Ent­schul­di­gungs­grund nur dann in Betracht kom­men, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die vol­le, von einem Rechts­an­walt zu for­dern­de Sorg­falt auf­ge­wen­det hat, um zu einer rich­ti­gen Rechts­auf­fas­sung zu gelan­gen. Hier­bei ist ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen, denn die Par­tei, die dem Anwalt die Pro­zess­füh­rung über­trägt, ver­traut zu Recht dar­auf, dass er die­ser als Fach­mann gewach­sen ist. Wenn die Rechts­la­ge zwei­fel­haft ist, muss der bevoll­mäch­tig­te Anwalt den siche­ren Weg wäh­len 4. Von einem Rechts­an­walt ist zu ver­lan­gen, dass er sich anhand ein­schlä­gi­ger Fach­li­te­ra­tur (vor allem Fach­zeit­schrif­ten und Kom­men­ta­re) über den aktu­el­len Stand der Recht­spre­chung infor­miert. Dazu besteht umso mehr Ver­an­las­sung, wenn es sich um eine vor kur­zem geän­der­te Geset­zes­la­ge han­delt, die ein erhöh­tes Maß an Auf­merk­sam­keit ver­langt 5.
Dem­ge­gen­über kann ein Rechts­irr­tum aus­nahms­wei­se ent­schul­digt sein, wenn er auch unter Anwen­dung der genann­ten Sorg­falts­an­for­de­run­gen nicht ver­meid­bar war 6.
Das hat der Bun­des­ge­richts­hof für die hier vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung bejaht. Die Fra­ge, bei wel­chem Gericht Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe für eine beab­sich­tig­te Beschwer­de zu bean­tra­gen war, war unter den Ober­lan­des­ge­rich­ten umstrit­ten, eine ein­deu­tig über­wie­gen­de Auf­fas­sung hat­te sich noch nicht gebil­det und zudem hat­te sich die zunächst ver­öf­fent­lich­te Recht­spre­chung für eine Ein­rei­chung des Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­ge­suchs beim Amts­ge­richt aus­ge­spro­chen. Außer­dem hat die­se Mei­nung in der zum 1. Janu­ar 2013 in Kraft getre­te­nen gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung ihren Nie­der­schlag gefun­den. Durch das Gesetz zur Ein­füh­rung einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Zivil­pro­zess und zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten vom 5. Dezem­ber 2012 7 ist die Rege­lung mit Wir­kung vom 1. Janu­ar 2013 dahin geän­dert wor­den, dass nach § 64 Abs. 1 Satz 2 FamFG Anträ­ge auf Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe für eine beab­sich­tig­te Beschwer­de bei dem Gericht "ein­zu­le­gen" sind, des­sen Beschluss ange­foch­ten wer­den soll 8.
Vor die­sem Hin­ter­grund war von einem Rechts­an­walt, der bei der bestehen­den unkla­ren Rechts­la­ge man­gels vor­lie­gen­der höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung einer in der Recht­spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te und im Schrift­tum stark ver­tre­te­nen Auf­fas­sung gefolgt ist, auch nicht zu ver­lan­gen, dass er das Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe­ge­such sowohl bei dem Amts­ge­richt als auch bei dem Ober­lan­des­ge­richt ein­reich­te, so dass ihm auch im Hin­blick auf das Gebot der Wahl des sichers­ten Weges im Ergeb­nis kein Ver­schul­dens­vor­wurf zu machen ist 9.
Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs ist bei Vor­lie­gen der per­sön­li­chen Vor­aus­set­zun­gen Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe zu bewil­li­gen, wenn das Beschwer­de­ge­richt der Auf­fas­sung ist, dass die Erfolgs­aus­sicht der Rechts­ver­fol­gung von der Klä­rung einer in der Recht- spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te umstrit­te­nen und höchst­rich­ter­lich noch nicht geklär­ten Rechts­fra­ge abhängt 10.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. März 2014 – XII ZB 220/​11
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 17.07.2013 – XII ZB 700/​12, Fam­RZ 2013, 1567[↩]
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 08.05.2013 – XII ZB 624/​12, Fam­RZ 2013, 1214[↩]
BGH, Beschluss vom 07.07.2013 – XII ZB 700/​12, Fam­RZ 2013, 1567 Rn. 8 f.[↩]
BGH Beschluss vom 09.07.1993 – V ZB 20/​93, NJW 1993, 2538, 2539 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 03.11.2010 – XII ZB 197/​10, Fam­RZ 2011, 100 Rn.19 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 19.12 2012 – XII ZB 169/​12, Fam­RZ 2013, 437 Rn. 19; und BGH Beschluss vom 25.10.1978 – IV ZB 65/​78, VersR 1979, 159 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 17.07.2013 – XII ZB 700/​12, Fam­RZ 2013, 1567 Rn. 16[↩]
BGH, Beschluss vom 17.07.2013 – XII ZB 700/​12, Fam­RZ 2013, 1567 Rn. 17 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 08.05.2013 – XII ZB 624/​12, Fam­RZ 2013, 1214 Rn. 8 mwN[↩]
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