Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/versicherungsrecht/staatshaftung-bei-verspaeteter-umsetzung-einer-eu-richtlinie-331953
Timestamp: 2020-04-01 10:18:15
Document Index: 383777915

Matched Legal Cases: ['§ 92', '§ 92', '§ 77', '§ 66', '§ 77', '§ 77', '§ 92', '§ 92', '§ 47', '§ 50', '§ 170', '§ 77', 'Art 11', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', 'BGH', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', 'BGH', '§ 77', '§ 77', '§ 49', '§ 77', 'BGH']

Staats­haf­tung bei ver­spä­te­ter Umset­zung einer EU-Richt­li­nie | Rechtslupe
Staats­haf­tung bei ver­spä­te­ter Umset­zung einer EU-Richt­li­nie
Wird ein Staats­haf­tungs­an­spruch aus der ver­spä­te­ten inner­staat­li­chen Umset­zung einer EG-Richt­li­nie her­ge­lei­tet, wel­che die bevor­rech­tig­te Behand­lung von Ver­si­che­rungs­for­de­run­gen bei Insol­venz eines Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens anord­net, han­delt es sich um einen von dem jewei­li­gen Ver­si­che­rungs­neh­mer zu ver­fol­gen­den Ein­zel­scha­den und nicht um einen von dem Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend zu machen­den Gesamt­scha­den.
Gemäß § 92 InsO kön­nen Ansprü­che der Insol­venz­gläu­bi­ger auf Ersatz eines Scha­dens, den die­se Gläu­bi­ger gemein­schaft­lich durch eine Ver­min­de­rung des zur Insol­venz­mas­se gehö­ren­den Ver­mö­gens vor oder nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens erlit­ten haben (Gesamt­scha­den), wäh­rend der Dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens nur von dem Ver­wal­ter gel­tend gemacht wer­den. Eine Ver­min­de­rung der Insol­venz­mas­se als Grund­vor­aus­set­zung der Bestim­mung ist hier nicht ein­ge­tre­ten.
§ 92 InsO ent­hält kei­ne Anspruchs­grund­la­ge, son­dern regelt die Ein­zie­hung einer aus einer ande­ren Rechts­grund­la­ge – hier aus euro­päi­schem Gemein­schafts­recht – her­rüh­ren­den For­de­rung 1. Die Norm erfasst nur sol­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che, die auf einer Ver­kür­zung der Insol­venz­mas­se beru­hen; ihr Zweck ist es, eine gleich­mä­ßi­ge Befrie­di­gung der Gläu­bi­ger aus dem Ver­mö­gen des wegen Mas­se­ver­kür­zung haft­pflich­ti­gen Schä­di­gers zu sichern 2. Maß­geb­li­che Vor­aus­set­zung des Ein­zie­hungs­rechts ist folg­lich eine Ver­min­de­rung der Insol­venz­mas­se, die sich in einer Ver­rin­ge­rung der Akti­va oder in einer Ver­meh­rung der Pas­si­va mani­fes­tie­ren kann 3.
Im Streit­fall fehlt es bereits an einer Ver­min­de­rung der Insol­venz­mas­se; ihr Umfang ist durch die ver­spä­te­te Umset­zung der Richt­li­nie nicht berührt wor­den. Der in Aus­füh­rung der Richt­li­nie ein­ge­füg­te § 77a VAG sieht die Sicher­stel­lung von Ver­si­che­rungs­for­de­run­gen durch den bevor­rech­tig­ten Zugriff auf das Siche­rungs­ver­mö­gen (§ 66 VAG) vor. Dadurch wird das Siche­rungs­ver­mö­gen als Teil der Insol­venz­mas­se des Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens der Befrie­di­gung ins­be­son­de­re der Ver­si­cher­ten und der Ver­si­che­rungs­neh­mer (vgl. § 77a Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 VAG) vor­be­hal­ten. Die ver­spä­te­te Ein­füh­rung die­ser Rege­lung durch die Beklag­te hat die auch zur Befrie­di­gung der Ver­si­cher­ten und Ver­si­che­rungs­neh­mer die­nen­de Insol­venz­mas­se nicht ver­rin­gert. Die­sem Per­so­nen­kreis wur­de ledig­lich im Hin­blick auf sei­ne Befrie­di­gung aus der unver­än­der­ten Insol­venz­mas­se ein insol­venz­recht­li­cher Vor­rang ver­wehrt. Die recht­zei­ti­ge Ein­füh­rung des § 77a VAG hät­te dem­ge­gen­über die zur Befrie­di­gung der Gesamt­heit der Insol­venz­gläu­bi­ger zur Ver­fü­gung ste­hen­de Mas­se infol­ge des dem Ver­wal­ter ver­sag­ten Zugriffs auf das Siche­rungs­ver­mö­gen ver­rin­gert. Dem­nach ist jeden­falls eine Ver­kür­zung der Insol­venz­mas­se nicht ein­ge­tre­ten.
Die hier gel­tend gemach­te Vor­ent­hal­tung eines insol­venz­recht­li­chen Vor­rechts bil­det über­dies kei­nen von § 92 InsO vor­aus­ge­setz­ten Gesamt­scha­den, son­dern einen von dem jeweils betrof­fe­nen Gläu­bi­ger zu ver­fol­gen­den Ein­zel­scha­den.
Ein Gesamt­scha­den bezieht sich auf einen sol­chen Scha­den, den der ein­zel­ne Gläu­bi­ger aus­schließ­lich auf­grund sei­ner Gläu­bi­ger­stel­lung und damit als Teil der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger erlit­ten hat 4. Die Ver­kür­zung der Mas­se muss also die Gesamt­heit der Gläu­bi­ger tref­fen 5. Dage­gen han­delt es sich um einen nicht von § 92 InsO erfass­ten Ein­zel­scha­den, wenn der Gläu­bi­ger nicht als Teil der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit, son­dern indi­vi­du­ell geschä­digt wird 6. Ein Indi­vi­du­al­scha­den ver­wirk­licht sich bei der Ver­let­zung eines Aus­son­de­rungs­rechts (§ 47 InsO), weil der betrof­fe­ne Gegen­stand nicht dem Insol­venz­be­schlag unter­liegt 7. Wird ein Abson­de­rungs­recht (§§ 50 ff InsO) beein­träch­tigt, kann neben den Indi­vi­du­al­scha­den des Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten inso­weit ein Gesamt­scha­den tre­ten, als ein in die Insol­venz­mas­se fal­len­der Über­erlös sowie Kos­ten­pau­scha­len (§§ 170, 171 InsO) ver­lo­ren gehen 8. Ein Ein­zel­scha­den ist auch gege­ben, sofern unpfänd­ba­re Ver­mö­gens­be­stand­tei­le des Schuld­ners beein­träch­tigt wer­den 9.
§ 77a VAG sta­tu­iert ein abso­lu­tes Vor­recht der pri­vi­le­gier­ten im Ver­hält­nis zu den ande­ren Insol­venz­for­de­run­gen 10. Dabei han­delt es sich nicht um ein Aus- oder Abson­de­rungs­recht, son­dern um ein Insol­venz­vor­recht eige­ner Art 11. Das Siche­rungs­ver­mö­gen dient zunächst aus­schließ­lich der Befrie­di­gung der inso­weit bevor­rech­tig­ten Ansprü­che; nur ein etwai­ger ver­blei­ben­der Rest­be­trag steht der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger zur Ver­fü­gung 12. Par­ti­zi­piert die Gläu­bi­ger­ge­samt­heit in kei­ner Wei­se – also nicht ein­mal über Kos­ten­pau­scha­len – an dem Siche­rungs­ver­mö­gen, kann sei­ne unter­blie­be­ne Bil­dung kei­nen Gesamt­scha­den aus­ge­löst haben 13.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Juli 2011 – IX ZR 210/​10
Münch­Komm-InsO/Bran­des, 2. Aufl. § 92 Rn. 4; HK-InsO/­Kay­ser, 5. Aufl. § 92 Rn. 6; Jaeger/​Müller, InsO, § 92 Rn. 4; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 92 Rn. 5; Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, 3. Aufl., § 92 Rn. 4[↩]
BGH, Urteil vom 08.05.2003 – IX ZR 334/​01, WM 2003, 1178, 1180 f; vom 20.09. 2004 – II ZR 302/​02, WM 2004, 2254, 2256; BT-Drucks. 12/​2443 S. 139[↩]
Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, aaO § 92 Rn. 14[↩]
BT-Drucks., aaO; Münch­Komm-InsO/Bran­des, aaO § 92 Rn. 11[↩]
Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, aaO § 92 Rn. 17[↩]
Münch­Komm-InsO/Bran­des, aaO § 92 Rn. 12; HK-InsO/­Kay­ser, aaO § 92 Rn. 19; Jaeger/​Müller, aaO § 92 Rn. 11[↩]
Münch­Komm-InsO/Bran­des, aaO; HK-InsO/­Kay­ser, aaO; Hmb­Komm-InsO/Pohl­mann, aaO § 92 Rn. 18[↩]
BGH, Beschluss vom 10.07.2008 – IX ZB 172/​07, WM 2008, 1691 Rn. 13[↩]
Prölss/​Lipowsky, VAG, 12. Aufl., § 77a Rn. 1; Männ­le, Die Richt­li­nie 2001/​17/​EG über die Sanie­rung und Liqui­da­ti­on von Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men und ihre Umset­zung ins deut­sche Recht, 2007, S. 288; Kollhosser/​Goos in FS Ger­hardt, 2004, S. 487, 510[↩]
Männ­le, aaO; Prölss/​Lipowsky, aaO; Goldberg/​Müller, VAG, § 77 Rn. 11; Jaeger/​Henckel, aaO Rn. 15 vor §§ 49 bis 52[↩]
Kaul­bach in Fahr/​Kaulbach/​Bähr, VAG, 4. Aufl. § 77a, Rn. 1; Kollhosser/​Goos, aaO S. 511[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 10.07.2008, aaO[↩]
RichtlinieRichtlinien-UmsetzungStaatshaftung