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Timestamp: 2020-01-25 16:40:34
Document Index: 312713465

Matched Legal Cases: ['§ 16', '§ 18', '§ 3', 'Art. 20', '§ 8', '§ 20']

Reform der Hartz IV Regelungen: Incentives oder Disincentives für ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
T J Thomas Jungmann (Autor)
2. Hartz IV ein Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit?
2.1 Die Struktur der Arbeitslosigkeit in Deutschland
2.1.1 Die Beveridge Kurve
2.1.2 Das Problem der Mismatcharbeitslosigkeit
2.2 Hartz IV- Das Vierte Gesetz für Moderne Dienstleistungen
2.2.2 Die Hartz IV Reform Erfolg oder Misserfolg?
3. Auswirkungen der Hartz IV Reform auf den Arbeitsmarkt
3.1 Das Arbeitsangebot
3.1.1 Das statische Modell des Arbeitsangebots
3.1.2 Die Nutzenfunktion
3.2 Der Niedriglohnsektor
3.2.1 Gründe für das Entstehen einen Niedriglohnsektors 23 3.2.2 Bietet der Niedriglohnsektor Incentives für Arbeitnehmer?
3.3 Sichert die Hartz IV Reform den Lohnabstand?
4. Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsanreize
4.1 Der gesetzliche Mindestlohn
4.1.1 Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
4.1.2 Bewertung der Vor und Nachteile eines Mindestlohnes
4.2 Eine Reform der Hinzuverdienstregeln des Arbeitslosengeldes II
4.2.1 Analyse einzelner Parameteränderungen 37 4.2.2 Beispiele zu den Auswirkungen mehrerer Parameteränderungen
Abbildung 1: Beveridge Kurve
Abbildung 2: Beveridge Kurve für Deutschland
Abbildung 3: Berechnungen zur Beveridge Kurve
Abbildung 4: Berechnung der regionalen Vakanz- und Arbeitslosenquoten
Abbildung 5: Regionaler Mismatch Indikator
Abbildung 6: Regelsätze Stand 01.01.2011
Abbildung 7: Einkommensfreibeträge mit und ohne Kind
Abbildung 8: Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Westdeutschland
Abbildung 9: Arbeitsmarktgleichgewicht
Abbildung 10: Budgetgerade
Abbildung 11: Budgetgerade bei Erhöhung der Sozialleistungen
Abbildung 12: Indifferenzkurve der Nutzenfunktion
Abbildung 13: Nutzenmaximale Konsumgüternachfrage
Abbildung 14: Entwicklung des Niedriglohnsektors in Ost und West
Abbildung 15: Bedarfsberechnung
Abbildung 16: Nutzenentwicklung bei steigendem Einkommen
Abbildung 17: Berechnung zum Lohnabstand
Abbildung 18: Bedarfsberechnung zum Mindestlohn
Abbildung 19: Einkommensfreibeträge bei veränderten Freibetragssätzen
Abbildung 20: Berechnung: Ehepartner ist Alleinverdiener ohne Kinder
Abbildung 21: Berechnung: Ehepartner ist Alleinverdiener 1 Kind
Abbildung 22: Berechnung: Ehepartner ist Alleinverdiener 2 Kinder
Abbildung 23: Berechnung: Alleinerziehende mit 1 Kind
Abbildung 24: Berechnung: Alleinerziehende mit 2 Kindern
Abbildung 25: Berechnung: Alleinerziehende mit 3 Kindern
Abbildung 26: Ehepartner ist Alleinverdiener 2 Kinder bei Aufnahme eines
Nebenverdienstes bei einem Einkommen von 300,00 €
Das Hartz IV Gesetz vom 01.01.2005 ist ein in der politischen Diskussion immer wiederkehrendes Thema. Es wird von einigen politischen Lagern für die steigende Armut in Deutschland verantwortlich gemacht. Andere hingegen argumentieren, dass die Hartz IV Empfänger aufgrund der vermeintlich hohen Geldeistungen mehr Geld zur Verfügung hätten als Arbeitnehmer. Somit bestünden für sie überhaupt keine Anreize arbeiten zu gehen. Insbesondere Erwerbstätige mit Leistungsanspruch trotz Arbeit sowie Alleinerziehende soll die Erwerbstätigkeit eine Verbesserung Ihres Lebensstandard nicht ermöglichen[1].
Deshalb ist es Ziel dieser Arbeit zu untersuchen, inwieweit die Hartz IV Reform Anreize zur Arbeitsaufnahme bietet und ob sie ein geeignetes Mittel darstellt, um die Arbeitslosigkeit in Deutschland zu senken.
Um diese Zielstellung thematisch auszuarbeiten, erfolgt im ersten Kapitel die Darstellung der Hartz IV Reform. Hierfür wird zuerst die Zusammensetzung der Arbeitslosigkeit anhand der Beveridge Kurve beschrieben und die Probleme in Bezug auf den Abbau der Arbeitslosigkeit analysiert. Danach erfolgt die Darstellung der Leistungen sowie aller Rechte und Pflichten, die sich aus den Hartz IV Leistungen ergeben. Diesbezüglich wird auf der mit der Reform verbundenen Zielstellung seitens der Bundesregierung eingegangen. Hierbei stehen insbesondere der Abbau der Arbeitslosigkeit und die erzielten Arbeitsanreize für die Arbeitslosen im Fokus der Betrachtung. Abschließend werden diese Ziele anhand aktueller statistischer Arbeitsmarktdaten untersucht und auf Ihren Erfolg hin bewertet.
Im zweiten Teil der Arbeit werden die Auswirkungen der Hartz IV Reform auf den Arbeitsmarkt dargestellt. Dazu werden die Folgen der Reform auf das Arbeitsangebot beschrieben, sodass man erste Schlussfolgerungen hinsichtlich der Arbeitsanreize ziehen kann. Daraufhin erfolgt auf der Grundlage des statischen Modells des Arbeitsangebots die Betrachtung des Niedriglohnsektors mit seiner zeitlichen Entwicklung, sowie den sich daraus ergebenen Chancen und Risiken. Abschließend werden anhand praktischer Beispiele die Anreizwirkung des Hartz IV Gesetzes auf unterschiedliche Personengruppen dargestellt und erklärt. Dies soll die theoretischen Erkenntnisse anhand praktischer Ergebnisse untermauern und zu einem Urteil der Hartz IV Reform hinsichtlich der Incentives für Arbeitnehmer führen.
Im letzten Kapitel werden Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsanreize aufgezeigt, Hierzu wird im ersten Teil der gesetzliche Mindestlohn erörtert und die Wirkungen auf den Arbeitsmarkt bewertet. Im zweiten Teil werden Möglichkeiten zur Verbesserung des bestehenden Hartz IV Modells dargestellt. Hierzu stehen die Auswirkungen von Parameteränderungen auf die Arbeitsanreize und den staatlichen Zielen im Fokus der Betrachtung.
2. Hartz IV ein Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
Der Begriff Arbeitslosigkeit wird in der Ökonomie und in der Sozialwissenschaft vielfach definiert. Für diese Arbeit ist die gesetzliche Definition maßgeblich. Demnach gilt als arbeitslos, wer sich nicht in einem Beschäftigungsverhältnis befindet (Beschäftigungslosigkeit), sich bemüht seine Beschäftigungslosigkeit zu beenden (Eigenbemühungen) und den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung steht (Verfügbarkeit). Dabei gilt eine Person als beschäftigungslos, dessen wöchentliche Arbeitszeit geringer als 15 Stunden ist[2].
Derzeit haben wir in Deutschland 2.960.000 gemeldete Arbeitslose zu verzeichnen. Neben den tatsächlich gemeldeten Arbeitslosen gibt es noch eine stille Reserve. Diese besteht aus Personen, die zeitweise arbeitsunfähig sind, an arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Maßnahmen teilnehmen und Personen, die unter günstigeren Bedingungen am Arbeitsmarkt aktiv Arbeit suchen würden. Die Summe aus Arbeitslosen und Stiller Reserve ergibt die Unterbeschäftigung. Diese beträgt in Deutschland im Monat Mai 2011 4.179.000 Personen.[3]
Die Arbeitslosigkeit ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Hierbei ist zwischen der saisonalen, der friktionellen, der konjunkturellen und der strukturellen Arbeitslosigkeit zu differenzieren. Die saisonale Arbeitslosigkeit ist jahreszeitlich bedingt und unbedenklich, da sie aufgrund von Wetterbedingungen unvermeidlich ist. Die friktionelle Arbeitslosigkeit oder auch Sucharbeitslosigkeit genannt, ist kurzfristig bedingt, wenn ein Arbeitnehmer zur Zeit der Erhebung der amtlichen Arbeitslosenzahl gerade seinen Arbeitsplatz wechseln möchte und aufgrund dessen arbeitslos ist. Diese Art der Arbeitslosigkeit spielt bei einer angespannten Arbeitsmarktlage nur eine geringere Rolle. Die konjunkturelle Arbeitslosigkeit trifft aufgrund von gesamtwirtschaftlichen Nachfrageschwankungen zu Zeiten der Rezession vermehrt auf. Davon zu unterscheiden ist die strukturelle Arbeitslosigkeit. Diese entsteht nicht unmittelbar nachfrageseitig, sondern ist auf technologischen, regionalen oder institutionellen Defiziten zurückzuführen.[4]
Welche Art der Arbeitslosigkeit insbesondere in Deutschland vorherrschend ist, lässt sich anhand der Beveridge Kurve erklären.
Die Beveridge-Kurve beschreibt den funktionalen Zusammenhang zwischen der Vakanzquote(V) und der Arbeitslosenquote (ALQ)[5].
Die Vakanzquote lässt sich ermitteln, indem man die offenen Stellen durch die Anzahl der abhängigen zivilen Erwerbspersonen dividiert. Zur Berechnung der Arbeitslosenquote setzt man die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen mit der Anzahl der abhängigen zivilen Beschäftigten ins Verhältnis[6].
Für die Beveridge Kurve ergibt sich allgemein folgender Graph.
Das Schaubild zeigt, dass die Beveridge Kurve negativ verläuft, da bei steigender Vakanzquote die Arbeitslosenquote bei normaler wirtschaftlicher Entwicklung sinkt. Die dargestellte Beveridge Kurve ist beispielhaft. Es könnten unendlich viele in das Koordinatensystem eingezeichnet werden. Die Beveridge Kurve schneidet weder die Abszisse noch die Ordinate, da trotz fehlender konjunktureller und struktureller Arbeitslosigkeit davon ausgegangen wird, dass aufgrund von Fehlinformationen friktionelle Arbeitslosigkeit vorherrscht[8].
Die 45° Kurve stellt alle Punkte dar, bei denen die Vakanzquote gleich der Arbeitslosenquote ist. Somit könnte jede offene Stelle mit einem Arbeitslosen besetzt werden. Demzufolge weist der Arbeitsmarkt auf dieser Gerade keine konjunkturelle Arbeitslosigkeit auf. Der Punkt P1 befindet sich unterhalb der 45° Geraden. In diesem Punkt ist die Arbeitslosenquote deutlich höher als die Vakanzquote. Damit lässt sich die Arbeitslosigkeit nicht nur auf friktionelle und strukturelle Gründe sondern auch auf konjunkturelle Defizite zurückführen. Welchen Anteil dabei die konjunkturelle Arbeitslosigkeit einnimmt, kann anhand des Graphen nicht eindeutig bestimmt werden. Der Punkt P2 befindet sich oberhalb der 45° Geraden. Demzufolge ist an dieser Stelle die Vakanzquote größer als die Arbeitslosenquote. Also können die offenen Stellen nicht mit Arbeitslosen vollständig besetzt werden. Befindet sich ein Arbeitsmarkt an dieser Stelle, so muss der Bedarf mit Arbeitskräften aus dem Ausland befriedigt werden[9]. Für Deutschland ergibt sich folgende Beveridge-Kurve.
Beveridge Kurve für Deutschland
Der Zeichnung liegen folgende Berechnungen zu den Vakanz- und Arbeitslosenquoten zugrunde.
Berechnungen zur Beveridge Kurve
Abbildung 3[11]
Die Abbildung zeigt, dass es in Deutschland seit 2000 jedes Jahr mehr Arbeitslose als offene Stellen gegeben hat. Dabei war die Arbeitslosenquote seit 2000 weitaus größeren Schwankungen unterlegen als die Vakanzquote. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Arbeitslosenquote in Deutschland extremer auf Schwankungen als die Vakanzquote reagiert.
Trotzdem gibt es derzeit in Deutschland bei ungefähr 3 Millionen Arbeitslosen ca. eine Million offene Stellen. Somit müssten doch eigentlich diese offenen Stellen recht zeitnah von den Arbeitslosen besetzt werden können. Allerdings zeigt die Grafik, dass seit 2000 die offenen Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt niemals entscheidend zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit geführt haben. Diese Problematik ist auf den Mismatch zurückzuführen.
Arbeitsmärkte sind Suchmärkte. Firmen mit offenen Stellen suchen nach qualitativen Arbeitskräften und Bewerber ihrerseits suchen nach geeigneten Jobs. Ein Mismatch zeigt auf, dass trotz Vakanzen und Arbeitslosen kein Arbeitsverhältnis entstanden ist[12].
Für die Mismatchbildung können 3 Ursachen benannt werden.
Zum einen kann ein Informationsdefizit bestehen. Dies bedeutet, dass entweder die Sucher die für sie geeigneten Berufe nicht kennen oder die Firmen keinen geeigneten Kandidaten für den angebotenen Arbeitsplatz auswindig machen können. Weiterhin können qualifikatorische Gründe ursächlich für den Mismatch sein. In diesem Fall stimmen die qualifikatorischen Anforderungen zwischen dem Sucher und der offenen Stelle nicht überein. Daran sind zum einen zu hohe Ansprüche seitens der Firma hinsichtlich des Bewerberprofils sowie zu hohe Entgeltforderungen des Bewerbers ursächlich.
Außerdem führt die regionale Trennung von Arbeitslosen und Vakanzen zum Mismatch, weil entweder der Suchende oder die Firma hinsichtlich der offenen Stelle immobil sind[13].
Welche Bedeutung der regionale Mismatch für den deutschen Arbeitsmarkt hat, lässt sich anhand des regionalen Mismatch Indikators (RMI) darstellen.
Der RMI errechnet sich aus der Summe der regionalen Arbeitslosenquoten im Verhältnis zur Gesamtarbeitslosenquote minus den jeweiligen regionalen Vakanzquoten geteilt durch die Gesamtvakanzquote. Der RMI kann Werte zwischen 0 und 2 annehmen. Liegt kein regionaler Mismatch vor, nimmt der RMI einen Wert von Null an.
Im anderen Extremfall, wenn die gesamte Arbeitslosigkeit in einer Region besteht und alle offenen Stellen in einer anderen Region auftreten, ist der RMI gleich 2.[14]
Im Folgenden wird der RMI für Deutschland ab 2005 dargestellt. Hierfür werden die Vakanzen und die Arbeitslosen von West- und Ostdeutschland als Regionen betrachtet.
Berechnung der regionalen Vakanz- und Arbeitslosenquoten
Abbildung 4[15]
Regionaler Mismatch Indikator
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenJahr
Entsprechend der Abbildung schwankt der RMI für die Jahre 2005 bis 2011 zwischen 0,80 und 0,54, Dabei sind die größten Veränderungen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt festzustellen. Dort ist die Arbeitslosenquote von 18,70 % 2005 auf 11,60 % 2011 zurückgegangen. Insgesamt kann die Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht nur auf regionale Immobilität zurückgeführt werden, da dies nur bei einem RMI von 2 möglich wäre. Somit stellt der regionale Mismatch zwar eine Ursache für die Arbeitslosigkeit in Deutschland dar. Allerdings kann sie nicht die volle Arbeitslosigkeit erklären. Deshalb ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf qualifikatorische Defizite hin zu überprüfen.
Auf dem deutschen Arbeitsmarkt hängt das Risiko arbeitslos zu werden sehr stark von der Qualifikation ab. In der Qualifikationsgruppe der ungelernten Arbeitnehmer, welche über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, beträgt die Arbeitslosigkeit 21,9 %. Sie ist damit wesentlich höher als die durchschnittliche Arbeitslosenquote. Die Arbeitslosenquote bei den Arbeitnehmern mit einer Berufsausbildung beträgt hingegen nur 6,6 % und die von Arbeitnehmern mit Hochschulabschluss sogar nur 2,5 %[16].
Diese Statistik zeigt, dass ungelernte Arbeitnehmer beim Suchprozess auf dem Arbeitsmarkt viel erfolgloser als andere Arbeitnehmer agieren. Somit ist die berufliche Ausbildung eine Eigenschaft, die wesentlich über Erfolg und Misserfolg beim Matchingprozess mitentscheidet.
Weiterhin wird der Zusammenhang zwischen qualifikatorischen Mismatch und Arbeitslosigkeit durch die hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen unterstrichen. Als Langzeitarbeitsloser wird eine Erwerbsperson bezeichnet, die länger als ein Jahr ohne Beschäftigung ist.[17] Die Zahl der Langzeitarbeitslosen beträgt derzeit 889.000. Das sind 33 % von der Gesamtarbeitslosigkeit.[18] Dieser hohe Anteil birgt die Gefahr, dass aufgrund von veränderten Anforderungsprofilen auf dem Arbeitsmarkt sich die Arbeitssuche noch schwieriger gestaltet. Dies wird noch verschärft, da Langzeitarbeitslose mit der Zeit Fertigkeiten verlernen. Somit ist auch ein Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit zu Zeiten positiver konjunktureller Entwicklung nicht möglich. Dieser Effekt wird als Hysteresis bezeichnet.[19] Aus diesem Grund ist es Aufgabe der Politik diesem Personenkreis wieder Perspektiven zu bieten und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
2.2. Hartz IV- Das Vierte Gesetz für Moderne Dienstleistungen
Im vorherigen Abschnitt wurde die Struktur der Arbeitslosigkeit in Deutschland erklärt. Die Politik reagierte auf dieses Problem mit der Einführung des Vierten Gesetzes für Moderne Dienstleistungen zum 01.01.2005. Dieses Gesetz wurde durch die damalige Rot-Grüne Bundesregierung beschlossen und sollte die strukturellen Probleme auf dem Arbeitsmarkt lösen, Arbeitsanreize setzen und ein Existenzminimum sichern.[20]
Das Gesetz wird oftmals auch als Hartz IV bezeichnet, da der ehemaligen Personalvorstand des Volkswagen Konzerns Peter Hartz jener Kommission vorstand, die mit der Ausarbeitung der Arbeits- und Sozialmarktreformen beauftragt wurde[21]. Im folgenden Abschnitt werden die Inhalte dieses Gesetzes vorgestellt und erste Ergebnisse nach 6 Jahren analysiert.
Das zum 01.01.2005 eingeführte Hartz IV Gesetz vereinheitlicht die steuerfinanzierte Sozialhilfe mit der aus Mitteln der Arbeitslosenversicherung gezahlten Arbeitslosenhilfe. Dabei folgt die Hartz IV Reform dem Subsidiaritäts- und Bedürftigkeitsprinzip der Sozialhilfe. Das bedeutet, dass Leistungen der Grundsicherung erst in Anspruch genommen werden können, wenn es für die Personen nicht mehr möglich ist ihren Lebensunterhalt aus eigenen Mitteln zu bestreiten[22].
Der Anspruch auf Sozialleistungen ergibt sich aus dem Sozialstaatsprinzip, welches im Grundgesetz verankert ist. Demnach ist jedem Deutschen ein Existenzminimum zu gewähren.[23]
Die Geldleistungen aus dem vierten Gesetz für Moderne Dienstleistungen werden an die Bedürftigen als Arbeitslosengeld II (ALG II) und als Sozialgeld ausgezahlt. Hierbei wird eine Unterscheidung insoweit getroffen, dass das ALG II erwerbsfähigen[24] und Sozialgeld nicht erwerbsfähigen Hilfebedürftigen zusteht. Die Sozialgeldempfänger müssen aber mit einem dem Grunde nach erwerbsfähigen Anspruchsberechtigten zusammenleben. Trifft dies nicht zu, haben nicht erwerbsfähige Hilfebedürftige keinen Leistungsanspruch. Demzufolge ist das Sozialgeld insbesondere an Kinder gerichtet[25]. Eheleute und eheähnliche Gemeinschaften werden als Bedarfsgemeinschaft (BG) behandelt. Hierbei wird vermutet, dass Personen in einer BG finanziell für einander einstehen. Dies ist eine wesentliche Änderung zur Arbeitslosenhilfe.[26]
Ein Leistungsanspruch besteht allerdings nur, wenn der Antragsteller seinen Lebensunterhalt nicht aus dem verfügbaren Einkommen oder Vermögen bestreiten kann. Dabei sind Freibeträge zu berücksichtigen. Jeder Antragsteller hat ein Schonvermögen in Höhe von 150,00 € pro Lebensalter sowie einen Freibetrag in Höhe von 750,00 € für notwendige Anschaffungen. Liegt das Gesamtvermögen des Antragstellers über die Grenze des Schonvermögens, besteht kein Anspruch auf
Arbeitslosengeld II[27].
Liegt das Vermögen jedoch darunter, ist zu prüfen, inwieweit die BG ihren Lebensunterhalt aus eigenem Einkommen bestreiten kann. Dabei ist der Bedarf dem verfügbaren Einkommen gegenüber zu stellen. Der Bedarf setzt sich zusammen aus der Regelleistung, den Kosten der Unterkunft, sowie Mehrbedarfe für Schwangerschaft, Behinderung oder bei Alleinerziehung.[28] Daneben werden Leistungsberechtigte gesetzlich kranken- und pflegeversichert. Die Regelleistung umfasst alle Kosten des täglichen Lebens unter anderem Ernährung, Kleidung und Körperpflege. Die Höhe der Regelleistung ist abhängig vom Alter und Beziehungsstatus.
Regelsätze Stand 01.01.2011
Abbildung 6[29]
Einer alleinstehenden Person steht eine Regelleistung in Höhe von 364,00 € zu. An diesem Eckregelsatz orientiert sich der Anspruch aller volljährigen Mitglieder der BG.
Leben 2 Eheleute zusammen in einer BG erhalten sie jeweils 90 % des Eckregelsatzes. Im Haushalt lebende Kinder über 18 bekommen 80 % des Eckregelsatzes. Für Kinder unter 18 Jahren wurden hiervon unabhängige Regelsätze festgesetzt. Die Kosten der Unterkunft werden übernommen, soweit sie angemessen sind. Die Höhe der angemessenen Kosten der Unterkunft setzt der kommunale Träger fest und orientiert sich an dem ortsüblichen Mietspiegel[30].
[1] Vgl. Sinn, H.-W., Geis, W., Holzner, C., Die Agenda 2010, 2009, S.23 f.
[2] Vgl. § 16 SGB III f., 1997
[3] Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Monatsbericht Mai 2011, S.17
[4] Vgl. Lachmann, W., Volkswirtschaftslehre 1, 2006, S. 207 f.
[5] Vgl. Zimmermann, K., F., Bauer, T.,K., Bonin, H., Fahr, R., Hinte, H., Arbeitskräftebedarf bei hoher Arbeitslosigkeit, 2001, S. 86 f.
[6] Vgl. Franz, W., Arbeitsmarktökonomik, 2009, S. 121 ff.
[7] Vgl. Zimmermann, K., F., Bauer, T.,K., Bonin, H., Fahr, R., Hinte, H., a.a.O., S. 87 f.
[8] Vgl. Pfannkuche, A., Mismatch Unemployment in Germany, 2010, S.211 f.
[9] Vgl. Pfannkuche, A., a.a.O., S.212 f.
[10] Eigene Berechnung und Darstellung
[11] Die Werte wurden verschiedenen IAB Berichten und Statistiken der Bundesagentur für Arbeit entnommen
vgl. IAB-Kurzbericht, Aktuelle Analyse und Kommentare aus dem Institut für Arbeits- und Berufsforschung, Ausgabe Nr. 11 /.2007, S.2,
vgl. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (Die Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots vom IV. Quartal 2005 bis zum IV. Quartal 2008), S.1
vgl. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), Die Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots am ersten Arbeitsmarkt im II. Quartal 2011, S.1 und
vgl. Bundesagentur für Arbeit, Bezugsgrößen zur Berechnung der Arbeitslosenquote-Zeitreihe, Juni 2011.
Für 2011 sind die Werte aus dem Monat Mai Gegenstand der Betrachtung.
[12] Vgl. Entdorf, H., Erscheinungsformen und Erklärung von Mismatch am Arbeitsmarkt, 2001, S.11
[13] Vgl. Franz, W., a.a.O., S.226 ff.
[14] Vgl. Pfannkuche, A., a.a.O., S.212
[15] Die Werte wurden verschiedenen IAB Berichten und Statistiken der Bundesagentur für Arbeit entnommen
vgl. hierzu: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf , S.1,
vgl. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), Die Entwicklung des gesamtwirtschaftlichen Stellenangebots am ersten Arbeitsmarkt im II. Quartal 2011, S.1,
vgl. Bundesagentur für Arbeit, Bezugsgrößen zur Berechnung der Arbeitslosenquote-Zeitreihe, Juni 2011
[16] Vgl. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Jeder fünfte Geringqualifizierte ist arbeitslos,
2011, S.1
[17] Vgl. § 18 SGB III i. V. m. § 3 Abs. 4 SGB III
[18] Vgl. Bundesagentur für Arbeit, Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt Mai 2011, S.13
[19] Vgl. Franz, W., a.a.O., S.382
[20] Vgl, Gerhardt, K.-U. Hartz plus, 2006, S. 134 ff.
[21] Vgl. Gerhardt K.-U., a.a.O., S.127 f.
[22] Vgl. Andrews, C., Eitmann, C., Fischer, K., Haibach, M., Hönig, H.-J., Kreuzer, T., Müllerleile, C., Schulz, L., Fundraising, 2008, S. 25 f.
[23] Vgl. Art. 20 Abs. 1 GG
[24] Erwerbsfähig sind Personen ü 15-65 und die mindestens 3 Stunden pro Tag arbeiten können. vgl. § 8 SGB II
[25] Vgl. Pirntke, G., Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe, 2005, S. 109
[26] Vgl Gerhardt K.-U., a.a.O., S. 161 ff.
[27] Vgl. Baczko, M., Hartz IV und Arbeitslosengeld II, 2011, S. 82 f.
[28] Vgl. Baczko, M., a.a.O., S. 23
[29] Vgl. §§ 20, 28 Sozialgesetzbuch II
[30] Vgl. Brand, J., Arbeitslosengeld II, 2011, S.83f.
Thomas Jungmann (Autor)
V207380
9783656351191
9783656352068
Grundeinkommen, Sozialleistungen
Thomas Jungmann (Autor), 2011, Reform der Hartz IV Regelungen: Incentives oder Disincentives für Arbeitnehmer? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/207380