Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/freiwilliges-einigungsstellenverfahren-bei-teilmitbestimmter-angelegenheit-3139846?pk_campaign=feed&pk_kwd=freiwilliges-einigungsstellenverfahren-bei-teilmitbestimmter-angelegenheit
Timestamp: 2020-03-29 21:49:23
Document Index: 208386932

Matched Legal Cases: ['§ 76', '§ 76', '§ 88', '§ 76', '§ 2', '§ 74', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76', '§ 76']

Die Reg­lungs­zu­stän­dig­keit einer Eini­gungs­stel­le iSv. § 76 Abs. 6 BetrVG bezieht sich dage­gen auf alle sons­ti­gen Gegen­stän­de, die in die – grund­sätz­lich umfas­sen­de – Kom­pe­tenz der Betriebs­par­tei­en zur Rege­lung von mate­ri­el­len und for­mel­len Arbeits­be­din­gun­gen fal­len 1. Dies zeigt der Wort­laut ("Im Übri­gen") von § 76 Abs. 6 Satz 1 BetrVG. Damit ermög­licht das dort gere­gel­te Ver­fah­ren, in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Mit­be­stim­mung (§ 88 BetrVG) die Eini­gung zwi­schen den Betriebs­par­tei­en durch einen Spruch der Eini­gungs­stel­le zu erset­zen.
Die Errich­tung einer Eini­gungs­stel­le im sog. frei­wil­li­gen Eini­gungs­stel­len­ver­fah­ren nach § 76 Abs. 6 BetrVG setzt dage­gen vor­aus, dass bei­de Sei­ten deren Tätig­wer­den bean­tra­gen oder damit ein­ver­stan­den sind. Das erfor­der­li­che Ein­ver­ständ­nis kann auch nach­träg­lich erklärt wer­den 2. Es gilt als erklärt, wenn sich bei­de Sei­ten auf eine Ver­hand­lung vor der Eini­gungs­stel­le ein­ge­las­sen haben 3. Sofern die Betriebs­par­tei­en nichts ande­res ver­ein­bart haben, kön­nen sie ihr Ein­ver­ständ­nis grund­sätz­lich jeder­zeit wider­ru­fen. Ein sol­cher Wider­ruf kann auch kon­klu­dent erklärt wer­den, etwa durch Zurück­zie­hung der benann­ten Bei­sit­zer aus der Eini­gungs­stel­le 4. In die­sem Fall kommt das Eini­gungs­stel­len­ver­fah­ren zum Erlie­gen 5. Weder § 2 Abs. 1 BetrVG noch § 74 Abs. 1 Satz 2 BetrVG zwingt die Betriebs­par­tei­en zur Durch­füh­rung eines sol­chen Ver­fah­rens 6. Anders als im erzwing­ba­ren Eini­gungs­stel­len­ver­fah­ren kann damit eine Ent­schei­dung der Eini­gungs­stel­le grund­sätz­lich nicht erge­hen, wenn die Bei­sit­zer einer Sei­te – trotz recht­zei­ti­ger Ladung – bewusst der Sit­zung der Eini­gungs­stel­le fern­blei­ben 7.
Ent­ge­gen der Annah­me der Arbeit­ge­be­rin reicht es für die erfor­der­li­che Beschluss­fas­sung zur Unter­wer­fung nicht aus, wenn der Betriebs­rat einen Beschluss über die ein­ver­nehm­li­che Errich­tung der Eini­gungs­stel­le oder die Ent­sen­dung sei­ner Bei­sit­zer gefasst hat. Dies zeigt schon die Sys­te­ma­tik von § 76 Abs. 6 BetrVG. Die Norm unter­schei­det aus­drück­lich in ihren bei­den Sät­zen zwi­schen der Errich­tung der Eini­gungs­stel­le und der für die Ver­bind­lich­keit des Spruchs not­wen­di­gen vor­he­ri­gen Unter­wer­fung bzw. nach­träg­li­chen Annah­me bei­der Sei­ten. Das blo­ße Ein­ver­ständ­nis mit dem Tätig­wer­den einer Eini­gungs­stel­le iSv. § 76 Abs. 6 BetrVG ver­mag danach noch kei­ne Ver­bind­lich­keit ihres Spruchs zu begrün­den 8.
Eine etwa feh­len­de Beschluss­fas­sung ist auch nicht des­we­gen unbe­acht­lich, weil die Arbeit­ge­be­rin von einer ord­nungs­ge­mä­ßen Bevoll­mäch­ti­gung der Betriebs­rats­vor­sit­zen­den aus­ge­hen durf­te. Ob und ggf. unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen eine wider­leg­ba­re Ver­mu­tung besteht, wonach die vom Betriebs­rats­vor­sit­zen­den abge­ge­be­nen Erklä­run­gen auf einem ent­spre­chen­den Beschluss des Gre­mi­ums beru­hen, bedarf kei­ner Ent­schei­dung 9. Hier­aus lie­ße sich ohne­hin nur ablei­ten, dass das Gericht im Beschluss­ver­fah­ren nicht ohne Anlass von Amts wegen die ord­nungs­ge­mä­ße Beschluss­fas­sung des Betriebs­rats auf­klä­ren muss 10. Der Umstand, dass die Erklä­rung der Betriebs­rats­vor­sit­zen­den über die Unter­wer­fung des vor­lie­gend ange­foch­te­nen Spruchs im Rah­men einer Eini­gungs­stel­le nach § 76 Abs. 5 BetrVG zum Rege­lungs­ge­gen­stand "Dienst­plä­ne Juli 2015" abge­ge­ben wur­de sowie die Fest­stel­lung, dass die Ver­ein­ba­rung vom 24.06.2015 von den "Bei­sit­zern" die­ser Eini­gungs­stel­le geschlos­sen wur­de, bie­ten jedoch genü­gend Anlass, die gericht­li­che Auf­klä­rungs­pflicht aus­zu­lö­sen.
grund­le­gend BAG GS 7.11.1989 – GS 3/​85, zu C I 2 der Grün­de, BAGE 63, 211[↩]
Fit­ting 29. Aufl. § 76 Rn. 107[↩]
Fit­ting § 76 aaO; DKKW-Berg 16. Aufl. § 76 Rn. 10; WPK/​Preis 4. Aufl. § 76 Rn. 8; H/​W/​G/​N/​R/​H‑Worzalla 10. Aufl. § 76 Rn. 15[↩]
Fit­ting § 76 aaO; DKKW-Berg § 76 Rn. 88; Jacobs-GK-BetrVG 11. Aufl. § 76 Rn. 34; WPK/​Preis § 76 Rn. 8; Masch­mann in Richar­di BetrVG 16. Aufl. § 76 Rn. 39[↩]
Fit­ting § 76 aaO[↩]
Jacobs-GK-BetrVG § 76 aaO[↩]
vgl. Ehrich/​Fröhlich Die Eini­gungs­stel­le 2. Aufl. Rn. 126; Fit­ting § 76 Rn. 104[↩]
eben­so DKKW-Berg 16. Aufl. § 76 Rn. 13[↩]
vgl. dazu auch BAG 9.12 2014 – 1 ABR 19/​13, Rn. 17 mwN, BAGE 150, 132[↩]
vgl. BAG 19.01.2005 – 7 ABR 24/​04, zu B I 3 der Grün­de[↩]