Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/hinweispflicht-des-arbeitsgerichts-337517
Timestamp: 2020-01-29 21:53:38
Document Index: 172193468

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 4', '§ 6', '§ 139', '§ 17', '§ 17', '§ 102', '§ 6', '§ 102', '§ 17', '§ 6', '§ 17', '§ 125', '§ 17', '§ 112']

Hin­weis­pflicht des Arbeits­ge­richts | Rechtslupe
Hin­weis­pflicht des Arbeits­ge­richts
Weist das Arbeits­ge­richt den kla­gen­den Arbeit­neh­mer gemäß dem Wort­laut des § 6 Satz 1 KSchG dar­auf hin, dass er sich im Ver­fah­ren über sei­ne recht­zei­tig erho­be­ne Kün­di­gungs­schutz­kla­ge bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter Instanz zur Begrün­dung der Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung auch auf inner­halb der Kla­ge­frist nicht gel­tend gemach­te Grün­de beru­fen kann, so hat es sei­ner Pflicht aus § 6 Satz 2 KSchG genügt. Beruft sich der Arbeit­neh­mer trotz eines sol­chen Hin­wei­ses erst spä­ter auf wei­te­re Unwirk­sam­keits­grün­de, kön­nen die­se im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren grund­sätz­lich nicht mehr berück­sich­tigt wer­den.
Das Arbeits­ge­richt genügt der Hin­weis­pflicht des § 6 Satz 2 KSchG auf die Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift des § 6 Satz 1 KSchG, wenn es den Arbeit­neh­mer dar­auf hin­weist, dass er sich bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung ers­ter Instanz zur Begrün­dung der Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung auch auf inner­halb der Kla­ge­frist des § 4 KSchG nicht gel­tend gemach­te Grün­de beru­fen kann. Hin­wei­se des Arbeits­ge­richts auf kon­kre­te Unwirk­sam­keits­grün­de sind unter dem Gesichts­punkt des § 6 Satz 2 KSchG auch dann nicht gebo­ten, wenn im Lau­fe des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens deut­lich wird, dass Unwirk­sam­keits­grün­de in Betracht kom­men, auf die sich der Arbeit­neh­mer bis­her nicht beru­fen hat. Die Pflicht zu der­ar­ti­gen Hin­wei­sen kann sich aller­dings aus der in § 139 ZPO gere­gel­ten mate­ri­el­len Pro­zess­lei­tungs­pflicht des Gerichts erge­ben.
In dem jetzt vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall wur­de am 1. Juni 2009 über das Ver­mö­gen der Arbeit­ge­be­rin der Klä­ge­rin das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Am 24. Juni 2009 einig­te sich der beklag­te Insol­venz­ver­wal­ter mit dem Betriebs­rat auf einen Inter­es­sen­aus­gleich mit Namens­lis­te. Im Inter­es­sen­aus­gleich erklär­te der Betriebs­rat, recht­zei­tig und umfas­send gemäß § 17 KSchG unter­rich­tet wor­den zu sein. Die­sen Inter­es­sen­aus­gleich lei­te­te der Insol­venz­ver­wal­ter statt einer Stel­lung­nah­me des Betriebs­rats der Agen­tur für Arbeit zu. Zu die­sem Zeit­punkt war das Ori­gi­nal des Inter­es­sen­aus­gleichs nur vom Betriebs­rat unter­zeich­net. Mit Schrei­ben vom 25. Juni 2009 kün­dig­te der Insol­venz­ver­wal­ter das Arbeits­ver­hält­nis der Klä­ge­rin zum 30. Sep­tem­ber 2009.
Die Klä­ge­rin begehrt mit ihrer Kla­ge die Fest­stel­lung der Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung. Das Arbeits­ge­richt hat die Klä­ge­rin in der Ladung zur Güte­ver­hand­lung dar­auf hin­ge­wie­sen, dass „nur bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung in der ers­ten Instanz auch wei­te­re Unwirk­sam­keits­grün­de gel­tend gemacht wer­den kön­nen“. Die Rügen eines Ver­sto­ßes gegen § 17 KSchG und § 102 Abs. 1 BetrVG hat die Klä­ge­rin erst­mals in zwei­ter Instanz erho­ben.
Sowohl das erst­in­stanz­lich mit dem Fall befass­te Arbeits­ge­richt wie in der Beru­fungs­in­stanz auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 1 haben die Kla­ge abge­wie­sen. Die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on der Klä­ge­rin hat­te auch vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt kei­nen Erfolg. Das Arbeits­ge­richt hat, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt, durch Wie­der­ga­be des Geset­zes­wort­lau­tes des § 6 Satz 1 KSchG sei­ner Hin­weis­pflicht auf die ver­län­ger­te Anru­fungs­frist genügt. Daher hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt nicht zu ent­schei­den, ob die Kün­di­gung wegen unzu­rei­chen­der Anhö­rung des Betriebs­rats gemäß § 102 Abs. 1 Satz 3 BetrVG unwirk­sam war.
Ob ein Ver­stoß gegen § 17 KSchG zur Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung führt und damit § 6 KSchG unter­fällt, konn­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt offen las­sen. Der Beklag­te hat sei­ne Pflich­ten aus § 17 KSchG nicht ver­letzt. Der Inter­es­sen­aus­gleich hat gem. § 125 Abs. 2 InsO die nach § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG erfor­der­li­che Stel­lung­nah­me des Betriebs­rats ersetzt, obwohl zum dama­li­gen Zeit­punkt das Ori­gi­nal nur vom Betriebs­rat unter­zeich­net war und damit nicht dem Schrift­form­erfor­der­nis des § 112 Abs. 1 BetrVG genüg­te.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 18. Janu­ar 2012 – 6 AZR 407/​10
LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 03.06.2010- 26 Sa 263/​10[↩]
BetriebsratKündigungsschutzklage