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Timestamp: 2017-11-22 14:32:02
Document Index: 23533475

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 3', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 4', 'Art. 5', 'Art. 6', 'Art 1', 'Art 2', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 3']

Neue Rheinische Zeitung – nn_nrhz027_1848.txt.xml
No. 27. Köln, Dienstag 27. Juni 1848.
@facs 0125
Zu Nr. 26 der „Neuen Rheinischen Zeitung“ ist am 26. Juni Morgens eine außerordentliche Beilage ausgegeben und versandt worden.
Deutschland. Köln. (Nachrichten aus Paris). Berlin (Das Provisorium und die Reaktion). Frankfurt. (Nationalversammlung. ‒ Peters Verhaftung von der zweiten badischen Kammer bestätigt). Stuttgardt. (Der Gouverneur von Ulm erschießt sich. Soldat per Sie hinfort angeredet). Stettin. (Constitutionalismus). Breslau. (Orkan). Königsberg. (Petition der Jägerabtheilung in Rastenburg). Bremen. (Erstes Kanonenboot in Vegesack). Wien. (Sinnenwechsel in Innsbruck. ‒ Arbeiterunruhen zu Brünn). Triest. (Protest des griechischen Konsuls).
Ungarn. Pesth. (Hermanstadt protestirt gegen die Union mit Ungarn).
Französische Republik. Paris. (Sturz des Vollziehungsausschusses. ‒ Proklamation von Marrast an sämmtliche Maires von Paris. ‒ Proklamation der Vollziehungsgewalt an die Pariser Arbeiter. ‒ Proklamation, die Cavaignac zum Militärdiktator ernennt. ‒ Proklamation der Nationalversammlung. ‒ Nationalversammlung vom 23. Juni. ‒ Nationalversammlung vom 24. Juni. ‒ Korrespondenz. ‒ Die Vraie République über die Junirevolution. ‒ Nachtrag: Dekret des Enrolements der jungen Arbeiter. ‒ Verfälschung der Institution der republikanischen Garde. ‒ Unterhaltung der Arbeiter mit Marie. ‒ Dekret von Lalanne).
Großbritannien. Der Northern Star über die „Neue Rheinische Zeitung“. London (Hume's Motion und der Northern Star. ‒ O'Connors Landplan und der Auswanderungsplan). Dublin (Jung-Irland. ‒ O'Connell. ‒ Die neue irische League).
Brasilien. Rio de Janeiro (Eindruck der Februarrevolution. ‒ Befürchtungen vor einer Revolution im nördlichen Brasilien. ‒ Flor des Sklavenhandels).
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Berlin, den 23. Juni 1848.
Wir Friedrich Wilhelm, von Gottes Gnaden, König von Preußen etc.
verordnen auf den Antrag der zur Vereinbarung der preußischen Verfassung berufenen Versammlung, nach Anhörung unseres Staats-Ministeriums, was folgt :
Zum Schutze der zur Vereinbarung der preußischen Verfassung berufenen Versammlung sollen nachstehende Bestimmungen sofort in Kraft treten :
§ 1. Kein Mitglied der Versammlung kann für seine Abstimmungen oder für die von ihm in seiner Eigenschaft als Abgeordneter ausgesprochenen Worte und Meinungen in irgend einer Weise zur Rechenschaft gezogen werden.
§ 2. Kein Mitglied der Versammlung kann während der Dauer derselben ohne ihre Genehmigung wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung zur Verantwortung gezogen werden, außer, wenn es entweder bei der Ausübung der That oder binnen der nächsten 24 Stunden nach derselben ergriffen wird.
§ 3. Jedes Strafverfahren gegen ein Mitglied der Versammlung und jede Haft wird für die Dauer der Sitzung aufgehoben, wenn die Versammlung es verlangt.
Gegeben, Sanssouci, den 23. Juni 1848.
(kontras.) Camphausen. v. Auerswald. Bornemann. Hansemann. v. Patow. v. Schreckenstein. v. Schleinitz.
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Dem Papierfabrikanten Louis Piette zu Dillingen ist unter dem 21. Juni 1848 ein Patent
auf eine Vorrichtung zum Reinigen des Papierzeuges in der durch Zeichnung und Beschreibung nachgewiesenen Zusammensetzung
auf fünf Jahre, von jenem Tage an gerechnet und für den Umfang des preußischen Staates ertheilt worden.
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Köln, 26. Juni.
Die neueste Nr. (25) der Gesetzsammlung enthält den zwischen Preußen und Sachsen zur Herstellung einer Eisenbahnverbindung zwischen Berlin und Dresden abgeschlossenen Vertrag; ferner: den Allerhöchsten Erlaß vom 14. Juni 48, den Bau der Eisenbahn zwischen Berlin und der Provinz Preußen von dem Anschlußpunkte an der Stargard-Posener Eisenbahn unweit Driesen bis Dirschau betreffend. Es heißt darin, daß mit den Erdarbeiten unweit Driesen, in der Richtung auf Bromberg, so weit als es zur Beschäftigung erwerbloser Arbeiter nothwendig wird, unverweilt vorgeschritten werden soll.
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Edition: [Karl Marx/Friedrich Engels: Nachrichten aus Paris. In: MEGA2 I/7. S. 193.]
[*] Köln, 26. Juni.
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Die badische zweite Kammer hat mit 28 gegen 16 Stimmen der Regierung die Genehmigung zu Peter's Verhaftung ertheilt. Unter den Rednern, welche gegen diese Genehmigung sprachen, waren Junghanns, Welte, Christ und sogar Lamey und Weller; die polizeifreundlichen Galopins der Herren Mathy und Beck trugen indeß bei der Abstimmung den Sieg davon. Noch handelt es sich um die Zustimmung der frankfurter Nationalversammlung, in der Peter seine Deputirtenstelle eingenommen hat; bei dem bekannten Geist dieser ehrenwerthen Gesellschaft ist jedoch auch diese Genehmigung nicht zu bezweifeln. Peter selbst hat sich von hier nach der Schweiz begeben. ‒ Ueber die verhafteten badischen Republikaner ist noch immer der Prozeß nicht eröffnet. Vielleicht gedenkt Ehren-Mathy in dieser Hinsicht erst die Ankunft der Freunde aus dem Osten zu erwarten, um unter ihrem Beistand die langwierige Prozedur summarisch abzukürzen.
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In der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung verkündete der Präsident, daß nach den gefaßten Beschlüssen sprechen würden:
Zitz und Zimmermann für den Zitz'schen Antrag auf Ernennung einer prov. Regierung und Erwählung derselben durch die Nationalversammlung mit Verantwortlichkeit gegen dieselbe; Fürst Lichnowski und Radowitz für den Antrag Vincke's; Ruge und Blum für den Antrag von Blum und Trutzschler; Saucken und Edel für den Antrag der Ausschuß-Majorität; Dietz (Saarbrücken) und Vogt für Mohl's Antrag; Philipps und Rosmann für Möhring's; Wippermann, Stedtmann für Welcker's; Raveaux und Widenmann für Schoder's; Waitz und Mathy für Mayern's Antrag.
Gesprochen haben Zitz, Radowitz, Ruge, Saucken, Mohl (obgleich nicht zu den vom Präsidenten bezeichneten Rednern gehörig) Philipps, Wippermann, Widenmann, Waitz, Zimmermann (Stuttgart), Edel. Hierauf Vertagung.
In der heutigen Sitzung sprachen R. Blum, Fürst Lichnowski, Vogt, Rosmann, Stedtmann, Raveaux, Mathy. Eben (11/4 Uhr Nachmittags) betritt v. Gagern die Rednerbühne.
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[103] Berlin, 24. Juni.
Noch haben wir kein Ministerium, ‒ keine Sitzungen der Nationalversammlung, ‒ keinen Polizeipräsidenten, was das Ueberraschenste ist, ‒ keinen Oberbürgermeister und nur den vierten Theil eines Magistrats; ‒ wir haben auch trotz unseres provisorischen Zustandes, in dem wir uns seit dem 19. März befinden, nicht einmal eine provisorische Regierung. Was wir aber haben, ist die Reaktion. Ihre Befehle werden in Potsdam ertheilt, ihre Bundesgenossen nahen aus dem Osten. Herrn Hansemann ist es trotz aller Ueberredungskunst nicht gelungen, dem Centrum die Ueberzeugung von der Thätigkeit einer russenfreundlichen Camarilla in Potsdam zu nehmen. Hr. Hansemann will aber um jeden Preis noch ferner Minister bleiben, obgleich er den Auftrag zur Ergänzung des Ministeriums, dem Könige zurückgegeben. Gegenwärtig ist der Regierungspräsident Auerswald aus Königsberg mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt, und wir haben die erfreuliche Hoffnung, daß er dasselbe aus den in dem alten Systeme verknöcherten Büreaukraten, und russischen Junkern aus dem Stab des Prinzen von Preußen zusammensetzen werde. Keiner der bisher genannten Abgeordneten will in dasselbe eintreten. In manchen Kreisen spricht man von der Berufung des Herrn Kühlwetter aus Aachen, der das Ministerium des Innern und der Polizei übernehmen soll, ‒ und dem Direktor Märker für das Justiz-Ministerium. Alle derartige Listen sind im Augenblick leere Vermuthungen, welche nur die Rathlosigkeit der gegenwärtigen Lage beweisen.
In diesem Provisorium der allgemeinen Auflösung bildet sich das System der Selbstregierung immer mehr aus. Berlin ist bekanntlich in 102 Bezirke getheilt. Jeder Bezirk hat jetzt seinen Bezirks-Klub oder Bezirks-Verein, wo man wöchentlich mehrmals zusammenkommt und über die socialen Fragen, Volksbewaffnung, Gemeinde- und Staatsangelegenheit berathschlagt. Bei allen wichtigen Angelegenheiten werden Generalversammlungen der Wahlbezirke gehalten, deren Berlin nur fünf hat, oder es wird ein Ausschuß gebildet, zu welchem die verschiedenen Bezirke ihre Deputationen senden. Der Einfluß dieser Klubs auf das politische Leben ist nicht zu verkennen, und ihre Macht in der Oeffentlichkeit täglich im Wachsen. Der Magistrat besteht kaum anders, als dem Namen nach. Seit der Revolution ist er ohne Oberhaupt und auch der größte Theil seiner Mitglieder hat abgedankt. Eine Neuwahl soll zwar bald statt finden, aber es wird Vieles von seinen Befugnissen und Verpflichtungen in die Hände der Bezirksvorsteher und Bezirksvereine übergehen müssen.
Die Herren Meder, deren Verhaftung ich Ihnen gestern meldete, sind wieder entlassen worden, nachdem sich besonders das Komité des demokratischen Klubs angelegentlichst für dieselben verwendet hatte. Der jüngere Meder erzählte gestern seine Verhaftung in der Sitzung des demokratischen Klubs. Er hatte eine Zeugenvorladung in einer alten Untersuchungssache gegen einen gewissen Mauck, der vor längerer Zeit als gedungene Kreatur der Reaktion einen Anfall auf den politischen Klub gemacht hatte, erhalten und begab sich somit nach dem Kriminalamt. Dort angekommen, läßt man ihn über eine Stunde warten und als er sich deshalb bei dem anwesenden Gensdarm beklagt und diesem seine Vorladung zeigt, erklärt ihn dieser als Arrestant. Meder protestirt gegen dieses gesetzlose Verfahren, kann aber nur nach vielem Drohen so viel erreichen, daß man ihn am andern Tage vor den Untersuchungsrichter stellt. Ein Professor der Holzschneidekunst, Unzelmann, hatte ihn und viele Andere fälschlich denunzirt, an den Zeughausbegebenheiten Theil genommen zu haben. Meder schilderte die Behandlung der politischen Gefangenen als Schrecken erregend, indem sie zu wirklichen Verbrechern und Diebesgesindel in ein feuchtes stinkendes Loch hineingeworfen werden. Viele, besonders diejenigen, die keine besondere Verwendung haben, hat man mehrere Tage, ja sogar Wochen lang, ohne alle Ursache und sogar ohne sie vor einen Richter zu stellen, eingesperrt gehalten.
Gestern wurde auch Herr Mohnicke (vom Comité des demokratischen Klubs) wegen einer von ihm verfaßten „demokratischen Thronrede,“ die schon seit 4 Wochen verkauft wird, verhaftet, um demnächst nach den alten landrechtlichen Bestimmungen gerichtet zu werden. Dies wäre der zweite Preßprozeß seit der durch die Revolution errungenen „Preßfreiheit.“ In der Vereinbarer-Versammlung sind viele Deputirte, die bisher zur Rechten gehörten, zum linken Centrum und zur Linken übergegangen, besonders die Landleute, welche jetzt einsehen, daß ihren Anforderungen und Anträgen zur Erleichterung des Bauernstandes, von der Rechten, im Interesse der Aristokratie, stets entgegen gehandelt wurde. Jedenfalls wird die Vereinbarer-Versammlung Montag ihre täglichen Sitzungen wieder beginnen, auch wenn das Ministerium bis dahin noch nicht hergestellt wäre, was man allgemein erwartet.
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[*] Breslau, 23. Juni.
Nachrichten aus Loslau und andern Orten jenes Theils von Oberschlesien sprechen ausführlich über ein schreckliches Hagelwetter und einen furchtbaren Orkan, die jene Gegend am 19. und 20. d. verwüstet haben. In Loslau allein sind schon 5 Leichen und 4 Verwundete aus den Trümmern der vom Orkan niedergestürzten Häuser hervorgezogen worden. Der Schaden, insoweit er dies kleine Städtchen betroffen, wird auf 80,000 Thlr. geschätzt. Man will in der Nähe Erdstöße verspürt haben. Das Dorf Jedlownick ist ganz demolirt; in Kockoschutz sind auch bereits 9 Leuten aus den Schutthaufen hervorgezogen worden. Die Erndte der ganzen Gegend ist vernichtet. Aehnliches Hagelwetter, doch ohne Orkan, hat zwischen Münsterberg und Ottmachau gewüthet.
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[*] Königsberg, 17. Juni.
Die in Rastenburg (Ostpreußen) in Garnison liegende erste Jäger-Abtheilung hat eine Petition abgefaßt, worin sie bittet um: Aufhebung des beim gemeinen Soldaten verhaßten Ersparungssystems. Sie nennen es „ein verhaßtes Ersparungssystem, das den Vorgesetzten, wenn auch nicht bei ihnen, den Petenten, doch beim übrigen Militär der Defraudation verdächtigt, jeden unbemittelten und ehrenhaften Soldaten unter unglaublichen Entbehrungen zur Anschaffung eigener Kleider nöthigt, da er die erhaltenen Montirungsstücke ihrer Schlechtigkeit wegen nicht gebrauchen kann.“ Die Petition bittet weiter um: Aufhebung des Verbots, Civilkleider tragen zu dürfen; Verminderung der Dienstjahre; keine Bevorzugung bei Gehaltsaustheilungen, sondern gleiches und erhöhtes Gehalt für alle gemeinen Soldaten der königl. preußischen Armee; Aufhebung der bestehenden Kriegsartikel und Einführung der Schwurgerichte und der Oeffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens; allgemeine Aufhebung der das Gefühl jedes Soldaten verletzenden Anrede mit Er und Du. Diese Petition war eigentlich für den Inspekteur der Jäger, Oberst v. Knoblauch, bestimmt; durch einen Compagniechef gelangte dieselbe aber zuerst in die Hände des Abtheilungs-Kommandeurs, welcher sie an das Corpsgericht des ersten Armeekorps abgegeben hat, bei welchem ein informatorisches Verfahren in dieser Angelegenheit eingeleitet worden.
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[124] Stettin, 23. Juni.
Der hiesige konstitutionelle Verein besteht aus verrosteten Büreaumenschen, Staatskostgängern vom Civil und Militär und sonstigen Vormärzmännern und findet seine Aufgabe darin, den König, das königliche Haus, ein hohes Staatsministerium und wen sonst noch mit Loyalitäts-Adressen und Petitionen in diesem Sinne zu überfluthen. Seine Schriftstücke läßt er durch Polizeibeamte umhertragen, vor denen der Urpommer als vor den Stützen der Regierung, die er so herzlich liebt, eine heilige Scheu empfindet. Ein Glück für die Berliner ist es, daß der Pommer noch nicht weiß, ob er gegen Berlin oder Breslau ziehen soll, die Republikaner zu züchtigen, sonst wäre es um Berlin schon geschehen.
@xml:id #ar027_011
[*] Stuttgart, 23. Juni.
Der Gouverneur der Bundesfestung Ulm, Generallieutenant Graf zur Lippe hat sich gestern früh erschossen. ‒ Nach neuestem Befehl müssen alle Soldaten der würtembergischen Armee von den Vorgesetzten mit „Sie“ angeredet werden; unsere Regierung hat zum voraus ihre unbedingte Aner- [0126] kennung aller von der deutschen Nationalversammlung ausgehenden Beschlüsse ausgesprochen.
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@facs 0126
Bremen, 20. Juni.
Heute wurde in Vegesack das erste an der Weser erbaute Kanonenboot von der Werft des Hrn. H. Ulrichs vom Stapel verlassen.
[(Pr. Sk. A.)]
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Paris, 24. Juni.
Sturz des Vollziehungs-Ausschusses. Arago, Lamartine, Marie, Garnier-Pages und Ledrü-Rollin danken ab. Cavaignac zum militairischen Diktator der Republik ernannt; Paris in Belagerungszustand erklärt! (Augenblicklicher Sieg der Partei des National).
Welcher Johannistag! Seit gestern Mittag unausgesetztes Kartätschen-, Tirailleurs- oder Pelotonfeuer gegen die Barrikaden, mit denen die sogenannten Hunger- oder Lumpenviertel gleichsam übersäet sind. Nein, das ist keine Emeute, kein bloßer Arbeitskrawall mehr : das ist der blutigste Prinzipienkampf, der seit 1793 in unseren Mauern ausgefochten wurde. Die Cité, das sogenannte lateinische Quartier, das Faubourg St. Marceau und die halbe Nordseite des rechten (gegenüberliegenden) Seineufers schwimmen im Blute : morgen werden sie die Bomben und glühenden Kugeln Cavaignacs wohl in einen Schutthaufen verwandelt haben. Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor, tragen wir zunächst die letzten Handlungen der erloschenen Staatsgewalt und ihres Hauptfeindes nach:
1. Proklamation Marrasts an sämmtliche Maires von Paris. Bürger Maire! Sie sind seit diesen Morgen von den Anstrengungen Zeuge, welche eine kleine Zahl Ruhestörer macht um im Schooße der Bewohnerschaft die lebhaftesten Befürchtungen zu erregen. Die Feinde der Republik nehmen sich alle Masken, beuten alles Unglück und alle durch die Ereignisse entstandenen Schwierigkeiten aus. Fremde Agneten gesellen sich zu ihnen, wiegeln sie auf und bezahlen sie. Sie wollen nicht blos den Bürgerkrieg unter uns entzünden : Plünderung, soziale Auflösung, Frankreichs Ruin bereiten sie und man erräth zu welchem Zweck. Paris ist der Hauptsitz jener infamen Intriguen. Paris wird aber nicht zur Hauptstadt der Unordnung werden. Möge die Bürgerwehr, als erste Wächterin des Friedens und des Eigenthums, wohl begreifen, daß es sich vorzüglich um ihre Interessen, ihren Kredit, ihre Ehre handelt. Ließe sie sich im Stich (si elle s'abandonnait) so würde sie das gesammte Vaterland allen Zufällen überliefern. Familie und Eigenthum würden sie den schrecklichsten Drangsalen preisgeben. Die Truppen der Garnison sind unter den Waflen, sie sind zahlreich und vortrefflich disziplinirt. Möge sich die Bürgerwehr in ihren Vierteln an den Straßenecken aufstellen. Die Obrigkeit wird ihre Pflicht erfüllen, erfülle die Bürgerwehr die ihrige. Paris, 23. Juni, 3 Uhr.
Der Volksvertreter und Maire von Paris,
gez. Marrast.
Flottard, Sekretair.
2. Proklamation der Vollziehungsgewalt an die Pariser Arbeiter d. h. diejenigen Arbeiter, die aus Paris gebürtig sind. Sie beginnt: „In der Mitte des kriminellen Aufruhrs, durch welchen einige verirrte Arbeiter der Nationalwerkstätten die Hauptstadt in Betrübniß versetzen, fühlt die Regierung das Bedürfniß, in das Herz der Bevölkerung zu reden und sie aufzuklären. Arbeiter aus Paris! Die Parteiführer, welche von Faktionen (Prätendenten?) bestochen sind, haben euch überzeugen wollen, daß ihr mit in jener Maßregel begriffen seid, welche die Nationalwerkstätten auflösen, deren Arbeitermasse und unruhiger Charakter auf Paris und der ganzen Republik lastete. Arbeiter aus Paris! Das sind schändliche Verläumdungen! In Eurem Interesse; im Interesse Euerer Wiederbeschäftigung, im Interesse des Wiederbeginns der freien Privat-Industrie zu Euerem Nutzen, entschied sich die Republik, die regelmäßige Ordnung der Arbeit energisch wieder herzustellen (de rétablir énergiquement l'ordre régulier du travail) u. s. w.“ Trotz dieser schmeichelhaften Einladung haben die Pariser Proletarier ihre fremden Kameraden nicht verlassen.
3. Proklamation, die den Kriegsminister, Generallieutenant Cavaignac, zum unumschränkten Gebieter aller Streitkräfte in und um Paris ernannt. Cavaignac hat erklärt, daß er nur unter dieser Bedingung die Generalissimusstelle annehme.
4. Praklamation der Nationalversammlung, welche die Entlassung ihres Vollziehungsausschusses annimmt und den General Cavaignac zum provisorischen Präsidenten der Republik ernennt.
5. Proklamation, welche Paris in Belagerungszustand erklärt.
Der Moniteur und viele andern Zeitungen haben nicht erscheinen können.
‒ Sitzung der Nationalversammlung vom 23. Juni. ‒ Um 1 Uhr 10 Minuten wird die Sitzung eröffnet in Gegenwart einer sehr kleinen Zahl von Repräsentanten. Wir zählen ihrer keine 300. Die öffentlichen Tribünen sind völlig von Zuschauern entblößt. Nur die, wozu man durch Billette Zutritt erhält, sind mit ihrem gewöhnlichen Publikum versehen.
Hr. Pèan verliest das Protokoll. Die lebhafteste Aufregung herrscht auf allen Bänken. Nach beendigter Verlesung verfließt ein ziemlich langer Zwischenraum, ehe Jemand daran denkt, das Wort zu ergreifen. Zahlreiche Repräsentanten unterhalten sich, Einer nach dem Andern, mit dem Präsidenten.
Die Herren Bedeau und Lebreton sind leider in ihrer Generalsuniform.
Der Präsident schellt und verlangt Stillschweigen. Ruf: Auf den Platz! Auf den Platz!
Flocon (Allgemeine Spannung). Er legt einen Gesetzvorschlag nieder, der die Eröffnung eines Kredits von 5 Millionen verlangt, um der Stadt Lyon gewisse Arbeiten zu zahlen, die ihr vor drei Monaten anbefohlen worden sind. (Enttäuschung auf allen Seiten. Der Minister kehrt auf seinen Platz zurück, ohne ein Wort zu sagen.)
General Lebreton legt einen Dekretvorschlag über das Gesetz der Cumulation, so weit es die Offiziere und Unteroffiziere der Nationalgarde betrifft vor. Er glaubt einen Wunsch der Versammlung zu erfüllen, in den Umständen, worin sie sich befindet, indem er ihr vorschlägt, eine Kommission von Volksrepräsentanten zu ernennen, die sich in die Mitte der Truppen begebe, um die Versammlung über den Stand der Dinge aufzuklären. (Heftiges Gemurre.) Er glaubt, daß es die Pflicht der Versammlung ist, eine aktive Rolle in den Unruhen, welche die Stadt bewegen, zu spielen.
Eine Stimme: Gehen Sie selbst hin. Sie thun hier nicht was einem guten Patrioten zusteht.
General Lebreton glaubt, daß man ihn schlecht verstanden hat und entwickelt seine Ansicht näher. Die Kommission, die er gewählt zu sehen wünscht, sei es durch die Versammlung, sei es durch den Präsidenten, solle nicht in einer aktiven Manier in den Ereignissen, die vorgehen, interveniren. Ihre Gegenwart in der Mitte der Truppen soll ihnen Vertrauen einflößen und zu gleicher Zeit im Fall der Dringlichkeit der Versammlung Bericht abstatten von dem, was sich ereignet.
General Loidet bekämpft den Vorschlag seines Kollegen und zahlreiche Stimmen verlangen die Tagesordnung.
Baune: Unter den Umständen, worin wir uns befinden, haben wir alle Pflichten zu erfüllen, und ich bin erstaunt, die Mitglieder der exekutiven Kommission nicht hier zu sehen; und dennoch war ihre Stelle hier. (Heftiger Tumult. Zahlreiche Stimmen: Zur Ordnung!)
In diesem Augenblick ist die Versammlung vollzählig und die heftigsten Interpellationen in dem verschiedensten Sinne durchkreuzen sich. Baune befindet sich fortwährend auf der Tribüne. Der Sturm legt sich und der Präsident bringt die Tagesordnung zur Abstimmung. Sie wird mit ungeheurer Mehrheit angenommen. Portalis ersetzt Senard auf dem Präsidentenstuhl. Langlade, Datirel, Wolowski legen verschiedene Gesetzvorschläge nieder.
Pagnerre, Bethmont und Marie treten in den Saal; sie sind in den Couloirs der Gegenstand zahlreicher Interpellationen.
Senard: Ich verlange von der Versammlung die Erlaubniß, einen Augenblick ihre Diskussion zu unterbrechen, um ihr zu bringen… (Heftiges Gemurre) sehr tröstliche Nachrichten, die mir von allen Punkten von Paris zugehen. Die republikanische Garde hat so eben am Ende der Straße Blanche-Mibray zwei Barrikaden weggenommen und der Chef der der Versammlung angehörigen Polizei unterrichtet mich, daß sowohl die auf den Quais und den Boulevards als in den anliegenden Straßen aufgeworfenen Barrikaden, ohne vielen Widerstand von der Nationalgarde und den Linientruppen weggenommen worden sind. Der Posten des Boulevard Bonne Nouvelle hat aus eigenem Antrieb auf eine Gruppe von Insurgenten Feuer gegeben. Noch mehr, wie man sagt, sind einige Flintenschüsse in der Straße Hachette aus dem Fenster gefallen. (Tiefes Stillschweigen.)
Portalis: An der Tagesordnung ist die Wiederaufnahme der Diskussion über den Ankauf der Eisenbahnen.
Bineau verlangt das Wort für eine Ordnungsfrage. Er erinnert, daß am Ende der gestrigen Sitzung der Minister der öffentlichen Arbeiten einen Dekretentwurf vorgelegt hat, wodurch er einen Kredit von 5 Millionen verlangte zur Vollendung der Eisenbahn von Collonges ‒ Straße von Chalons nach Lyon. ‒ Dieß muß ein Irrthum sein. In allen Fällen, da die Zuschlagung dieses Wegs stattgefunden hat, da die Kompagnie, der er angehört, noch in regelmäßigem Besitz desselben ist und nur in Folge eines noch nicht erlassenen Gesetzes expropriirt werden kann, verlange er, daß die Vorlegung dieses Dekretentwurfs als nicht geschehn betrachtet werde und daß die Versammlung ihn weder an eine Spezialkommission noch an ihr Comité verweisen. (Bewegung).
Trèlat erklärt, daß in diesem Augenblick Besprechungen stattfinden, mit der erwähnten Kompagnie. Er glaubt, daß die stattgehabten Unterhandlungen ihn zur Ansicht berechtigen, daß es nicht unpassend sei den Abschluß dieser Angelegenheit zu beschleunigen.
Bineau besteht auf seinem Antrag. Trèlat bemerkt, daß er auf das Ersuchen der Deputation von Lyon gehandelt habe. Der Maire von Lyon nimmt das Wort, um Bineau's Vorschlag zu bekämpfen im Namen der Ordnung und der Ruhe, die in diesem Augenblick in Lyon so bedroht seien, wie in Paris.
Duclerc: Ich glaube, Niemand wird das Zeitgemäße der Vorlage des Gesetzentwurfs diskutiren. Ich muß Ihnen indeß erklären, daß die Regierung ihre Zustimmung dazu giebt, daß die Diskussion dieses Entwurfs erst nach der des Gesetzentwurfs über die Eisenbahnen statthabe.
Flocon auf die Aeußerung eines frühern Redners zurückkommend beruhigt die Versammlung über die scheinbare Abwesenheit der Exekutivkommission. Sie sei vereinigt in dem Palast der Nationalversammlung selbst und vollständig zu ihrer Verfügung.
Der Minister fügt hinzu, daß die Unruhen, die Paris in diesem Augenblick bewegen, fast vorhergesehen waren. Welche Fahne auch immer die Insurrektion aufpflanze, alle der Republik feindlichen Faktionen sind vereinigt. Wenn man den Faden dieser Emeute aufsuchen gehe, würde man mehr finden als die Umtriebe eines Prätendenten, als die Umtriebe der Faktionen, man würde hierin noch die des Auslands finden. (Auf dem Berg: Bravo! So ist's!) Es sind die Republikaner, an die ich mich adressire. (Heftiges Gemurre).
Zahlreiche Stimmen: Hier giebt es nichts als Republikaner.
Flocon: Ich glaube, wie Sie, daß es hier nur Republikaner giebt. Nun wohl! Ich frage die Republikaner ausserhalb dieser Versammlung, ob sie nicht erwarten mußten nach einer Revolution, wie die unsrige, nach der Wegfegung so vieler monarchischer Institutionen, alle Intriguen sich vereinigen zu sehen, um die Republik zu bekämpfen. Nicht allein die Prätendenten, alle Feinde die die Republik im Ausland zählt, sind in diesem Augenblick, verbunden, um die Republik zu bekämpfen und zu stürzen. (Bravos auf dem Berg.)
De Falloux verlangt das Wort im Namen der Arbeiterkommission um einen Bericht dieser Kommission zu verlesen. Dieses Verlangen findet eine lebhafte Opposition auf dem Berg! als die Versammlung be schließt mit großer Mehrheit, daß ihm nachgekommen wird.
Falloux: Bürger, durch euch beauftragt, ein definitives Gesetz bezüglich der Nationalwerkstätten vorzubereiten, hat die Kommission die Ehre Ihnen das Resultat ihrer Deliberationen vorzulegen. Die Mißbräuche, die sie in ihrem Schooß bergen, haben alle Augen zu lebhaft geschlagen, als daß es nicht nöthig wäre, ihnen sobald als möglich ein Ende zu machen. Die von Ihnen prinzipiell beschlossen e Auflösung der Nationalwerkstätten muß sobald als möglich stattfinden. Wir sind überzeugt, daß die provisorisch ergriffnen Maßregeln zur Unterstützung der Arbeiter ihrem eignen Zwecke direkt entgegenwirkten.
Nach Entwicklung der allgemeinen Ansichten, worauf sein Bericht fußt, schlägt die Kommission vor, dem Minister einen Kredit zu eröffnen, der ihm erlaubt, den Arbeitern die Hülfsleistungen zu reichen, womit sie in ihre respektiven Domicile zurückkehren und Arbeit finden (suchen?) können. Zahlreiche ministerielle Kapitalisten verlangen außerdem Hülfsleistungen und Anleihen, die sie in Stand setzen werden, zahlreiche Hände zu beschäftigen (das englische hand heißt französisch bras) und die Kommission ist auch der Ansicht, daß man Mittel zur Verfügung des Ministers stelle, um durch Vorschüsse diese Wiederaufnahme der Arbeiten der Privatindustrie zu begünstigen, wie um den Geist der Association unter den Arbeitern.
Der Dekretentwurf enthält 6 Artikel :
Art. 1. Die Nationalwerkstätten sind 3 Tage nach Verkündung des Dekrets aufgelößt.
Art. 2. Die Frauenwerkstätten sind von dieser Maßregel ausgenommen.
Art. 3. Ein Kredit von 3 Millionen ist dem Minister der öffentlichen Arbeiten eröffnet für zeitweilige Unterstützung der Arbeiter.
Art. 4. Die in den Nationalwerkstätten angestellten Brigadiers fahren fort, ihr Salair während 3 Wochen noch zu empfangen.
Art. 5. Jeder, der an den öffentlichen Zusammenschaarungen Theil nimmt, geht der auf dies Dekret ihm zufallenden Vortheile verlustig.
Art. 6. Ein Kredit von 5 Millionen wird eröffnet, um den Industrieunternehmern Summen zu leihen, die ihnen erlauben ihre Arbeiten auf einer großen Stufenleiter wieder zu beginnen.
Corbon verliest, im Namen des Comités der Arbeiter, einen Dekretentwurf, den dies Comité diesen Morgen selbst redigirte, in Folge eines Vorschlags von Herrn Aican, mit dessen Untersuchung es beauftragt worden und der die Entwicklung des Associationsgeistes unter den Arbeitern bezweckte. Man glaubte vor Verlesung desselben vor der Nationalversammlung erst abwarten zu müssen, daß die in der Versammlung herrschende Aufregung sich gelegt, damit man nicht glaube sie berathschlage unter dem Einfluß der Drohungen der Emeute; aber man hat darauf bestanden, und der Redner hielt es für seine Pflicht die schon gefaßten Beschlüsse des Comités der N. V. mitzutheilen.
Mehre Mitglieder des Comités der Arbeiter bemerken, daß das Comité nicht regelgemäß über den von Herrn Corbon gestellten Vorschlag berathschlagt hat. Er sei nur das Resume eines Berichts, den eine hierzu ernannte Unterkommission beauftragt war, ihr über den Vorschlag des Herrn Alcan zu machen. Es würde daher angemessen gewesen sein, daß das Comité der Arbeiter vorläufig zur Untersuchung dieses Vorschlags eingegangen worden sei, das seiner Sanktion bedurft hätte, ehe man ihn der N. B. vorgelegt.
Die vorläufige Frage wird verlangt und entschieden. (Reklamationen in verschiedenem Sinne.) Corbon setzt die Beweggründe der Dringlichkeit auseinander, welche die Unterkommission bestimmt haben, die konventionellen Rücksichten unberücksichtigt zu lassen.
Zahlreiche Stimmen. Die Tagesordnung!
Duclerc. (Lärm auf der äußersten Linken.) So lange ich Minister bleibe, glaube ich nicht, daß die Kammer mich tadeln wird, wenn ich alle Pflichten des Ministers erfülle. Ich glaube die beiden Vorschläge, die sie so eben gehört, bekämpfen zu müssen. Im Interesse eurer Finanzen ist es nöthig, daß ihr hier die Ordnung eurer Ausgaben regelt. Ich bestreite nicht, ich bin weit davon entfernt, dies Recht der Initiative; aber es ist klar. Wenn Euch jeder hier neue Ausgaben vorschlagen kann, ist keine fixe Comptabilität mehr möglich und ihr geht direkt auf den Bankerut los.
Felloux setzt auseinander, daß es sich hier nur um die Verwendung der Summe handelt, die nothwendig behufs der Nationalwerkstätten zugeschlagen werden müssen, wenn ihre Fortdauer statthaben sollte. Es fände hier keine neue Ausgabe statt.
Der Präsident. Eine zweite Mittheilung von Seiten der Executivkommission!
Trilat. Ich habe diesen Morgen den Besuch einer großen Zahl von Arbeitern der Nationalwerkstätten erhalten, die nähere Ausweisungen über eure Absichten verlangten. Fordert man also, daß wir uns von allem trennen, was uns am theuersten ist? Ich antwortete, unsern frühern Entscheidungen gemäß, daß die Regierung nur die fremden Arbeiter von der Hauptstadt entfernen wollte. Ich vernehme so eben einen Vorschlag, der die sofortige Auflösung der Nationalwerkstätten bezweckt und ich will nicht für eine Maßregel persönlich verantwortlich sein, die meinen Privatansichten gänzlich widerspricht.
Die Tagesordnung wird wieder aufgenommen.
Breton unterstützt die Frage der Dringlichkeit für einen vor einigen Tagen gemachten Vorschlag, nach welchem die exekutive Kommission der Nationalversammlung sofort eine exakte detaillirte Rechnungsablage über die Einnahme und Ausgabe der Regierung vom 24. Februar bis zum 1. Juni abstatten solle. In seinem Departement lege man den Steuerpflichtigen täglich neue Opfer auf. Sie verlangten zu wissen, welchen Gebrauch man von ihrem Gelde mache.
Lebhafte Reklamationen in verschiedenen Theilen des Saales.
Der Präsident befragt die Versammlung, die mit großer Mehrheit die Dringlichkeitsfrage bejahend beantwortet. Man verlangt unmittelbar die Verweisung des Vorschlags, ohne weitere Entwickelung, an das Finanzcomité. Die Verweisung wird beschlossen.
Duclerc. So lang ich Finanzminister bin, habe ich mich nie geweigert Nachweisungen zu geben, die verlangt wurden, sei es von den Repräsentanten, sei es vom Finanzkomité. Ich habe es immer im Umfang meiner Kräfte gethan. Ich werde immer bereit sein, den Befehlen der Versammlung zu gehorchen. Indessen wünschte ich zu wissen, was man unter den Worten, in der kürzesten Frist versteht? Ist dieß ein Angriff? aber man weiß wohl, daß die Komptabilität so verwickelt ist, daß der verlangte Bericht nothwendig Zeit erfordert.
Breton. Wir haben nur die wohlwollendsten Absichten. Wir wollen wissen, woran wir sind.
Oberst Ambert legt einen Bericht nieder über den Dekretentwurf bezüglich der freiwilligen Einrollirungen in der Armee.
Die allgemeine Diskussion des Entwurfs bezüglich des Eisenbahnankaufs wird wieder aufgenommen.
Guerin verliest eine Rede zu Gunsten des Entwurfs, sucht Montalembert zu antworten, fesselt die Aufmerksamkeit der Zuhörer nicht.
Jorez hat das Wort. Entschiedner Parteigänger der Ausführung der großen gemeinnützigen Arbeiten durch den Staat, bekämpft er nichts destoweniger den Vorschlag des Eisenbahnankaufs und verliest eine lange Abhandlung hierüber. Während der Verlesung dieser mit viel Geläufigkeit abgerollten Abhandlung, kehrt ein großer Theil der Repräsentanten, die im Konferenzsaal plaudern gegangen waren zurück, um die Plätze auf den Bänken wieder einzunehmen.
Ein Blitz beleuchtet in diesem Augenblick das Halbdunkel, das in dem Saal herrscht und kündet ein heftiges Gewitter an, das sich in diesem Augenblicke auf Paris entladet.
Der Präsident zeigt an, daß er durch Vermittlung des Hrn. Antony Thouret einen folgendermaßen abgefaßten Brief erhält: „Die Abgesandten der Julidekorirten, 1500 an der Zahl, bereit für die Vertheidigrng der Republik zu sterben, kommen sich zur Verfügung der Versammlung stellen.“ Der Präsident fügt hinzu, daß er der Dollmetscher der Gefühle der Versammlung zu sein glaubte, als er den Delegirten für diesen Akt der Hingebung an die Republik dankte, die mit solchen Vertheidigern keine Gefahr laufe.
Zahlreiche Stimmen. Ja! Ja! Es lebe die Republik!
Laurent spricht zu Gunsten des Gesetzentwurfs. Seine Rede wird nicht gehört, und mehre Repräsentanten beklagen sich wiederholt, nichts davon vernehmen zu können, wegen der bedeckten Stimme des Redners.
Der Präsident verliest verschiedene Briefe des Polizeipräfekten. Der erste, von ein Uhr datirt, zeigt an: „daß um 10 Uhr der Rappel im 8. Arrondissement geschlagen wurde und daß die Nationalgarde eine Barrikade nach der andern wegräumte. Das läßt Euch hoffen, daß das Fbg. St. Antoine keine von den Insurgenten gemachten Versuche dulden wird.“
Eilf ein viertel Uhr. ‒ Einige Offiziere der republikanischen Garde haben den Platz Dauphine von 80 Individuen ungefähr gesäubert, die aus riefen: Es lebe die rothe Republik! Die Barrikade des Porte St. Denis ist durch die Nationalgarde besetzt; in der Straße St. Martin an der Ecke der Straßen St. Mèry und St. Jaques la Boucherie sind die Nationalgarden mit Niederreissen der Barrikaden beschäftigt.
Zwei Uhr. ‒ Man versucht die Barrikaden in der Cite wegzunehmen. Mehre Gardiens von Paris sind auf die Mairien geschickt worden und marschiren in den Reihen der Nationalgarde; diese letztere wird trefflich unterstützt durch die republikanische Garde zu Pferde. Es ist uns gleichmäßig ein Dokument zugegangen, das folgendermaßen abgefaßt ist: „Die zweite Legion der Nationalgarde ist gegen die Barrikade des Boulevard marschirt. Ein Kind nahm die Fahne weg, die man hier aufgepflanzt hatte. Es befindet sich in diesem Augenblicke in eurem Konferenzsaal.“ Ich muß ihnen bei dieser Gelegenheit sagen, daß eine gewisse Zahl von Volksrepräsentanten von mir die Bewilligung verlangt hat, sich zur Verfügung des Generals Cavaignac zu stellen, um überall unter den Vertheidigern der Republik zu figuriren, wo ihre Gegenwart nützlich wäre. Ich habe ihnen geantwortet, daß ich individuell ihnen keinen Rath zu geben hätte, und ich habe hinzugefügt, daß im Fall der Dringlichkeit die gesammte Nationalversammlung und nicht einzelne isolirte Repräsentanten sich auf den Schauplatz der Gefahr begeben würden. (Lebhafter Beifall)
Nationalversammlung. Um 81/4 Uhr wurde die Sitzung wieder aufgenommen. Präsident Senard meldet die Verwundung mehrerer Deputirten, die am Barrikadensturm Theil nahmen (darunter Clemens Thomas, Dornes u. A.). Considerant schlägt eine Proklamation an die Kämpfenden vor, um die unter ihnen verbreiteten Gerüchte zu widerlegen, und dem Blutbade Einhalt zu thun. (Zur Rechten: Ah! Sie wollen mit der Emeute paktisiren!) Baze und mehrere andere Ultrakonservative wollen ihn vom Rede-Stuhle reißen, werden aber noch bei Zeiten daran gehindert. Considerant versichert hoch und theuer, daß er nicht mit der Emeute paktisiren wolle. Half aber Alles nichts, sein Vorschlag fiel durch. Perrée erzählt dann, wie Arago und Lamartine zu den Barrikaden geritten seien, und nach vergeblichem Parlamentiren [0127] selbst das Kanonenfeuer kommandirt hätten. Auch das Pferd, worauf der Republikaner N. (Lucian) Bonaparte an der Seite Lamartine's saß, wurde am Schenkel verwundet. Duclerc, Finanzminister, erscheint plötzlich im Saale mit Hut, Stock und Schärpe und erzählt der Versammlung die erlebten Vorgänge des Nachmittags mit der Versicherung, daß man noch in dieser Nacht mit der Emeute fertig werde. Die Versammlung war so beruhigt, daß sie Senard fragte, ob sie im Eisenbahngesetz fortfahren werde? Caussidiere fand dies empörend und schlug der Versammlung vor, sie solle lieber sich in Fackelzug zu den Barrikaden begeben und das Volk beschwichtigen. Die Versammlung ging darauf nicht ein, sondern hob die Versammlung bis 11 Uhr auf, wo sie ganz bestimmte Berichte von ihren Generälen Bedeau und Lamoriciere vermuthete, die ihnen das Ende der Emeute anzeigen würden. Um diese Stunde hörte sie einen Bericht Garnier-Pages über die Lage von Paris an, der aber ebenso falsch ist wie die vorherigen, weil er wie sie alle den Sieg für das nächste Frühstück versprach und nicht Wort hielt. Degoussée, einer der bornirtesten Menschen in der ganzen Versammlung, die ihn deshalb zum Quästor machte, trug auf Verhaftung sämmtlicher ultra-demokratischer Redakteure der Volksblätter, namentlich der „Organisation der Arbeit“ an. Er fiel jedoch vorläufig damit durch und die Versammlung trennte sich um Mitternacht.
Ungeachtet der Permanenzerklärung wurde die Sitzung erst um acht Uhr wieder aufgenommen. Die ganze Gegend gleicht einem Kriegslager. Vom Pont St. Michel und dem Pantheon her hört man Kanonenschüsse. Präsident Senard gibt einen kurzen Bericht über die Ereignisse der Nacht. Einige Barrikaden seien wieder aufgebaut worden, indessen habe der Obergeneral so vortreffliche militärische Maßregeln getroffen, daß binnen wenigen Stunden die Faubourgs St. Jacques und St. Antoine gereinigt sein würden. Die Bürgerwehr der umliegenden Städte eile mit Eifer herbei, um ihren Kameraden der Bürgerwehr und des Heeres im Kampfe gegen die Emeutiers beizustehen. Ich schlage Ihnen darum vor, diesen Eifer nicht blos mit hohlen Dankesworten zu erwidern, sondern trage vielmehr darauf an, alle Wittwen und Kinder der in diesem Kampf Fallenden zu adoptiren (Ja, Ja! Stimmen wir sofort). Leon Faucher hat mir zu diesem Zweck bereits einen Antrag überreicht. Dieser Antrag: „Der Staat adoptirt die Kinder und Wittwen aller derjenigen Nationalgardisten, die am 23. Juni oder an den darauf folgenden Kämpfen für die Freiheit sterben,“ wurde mit Emsigkeit angenommen. St. Georges bittet die Versammlung, seine Abwesenheit zu entschuldigen. Sein Sohn sei gestern in den Reihen der Bürgerwehr stark verwundet worden, er müsse ihn pflegen. Bei dieser Gelegenheit erfährt die Versammlung daß derselbe noch nicht todt, sondern auf dem Wege der Besserung. Eine Kugel fuhr durch seine Brust, ohne Herz und Lunge zu beschädigen, daher ihn die Aerzte, wie Bastide versichert, noch retten würden. Clement Thomas ist nicht schwer verwundet, ebenso General Bedeau nicht; dagegen liegt Dornes, Redakteur des „National“, lebensgefährlich darnieder. Die Geschlechtstheile wurden ihm weggeschossen und er hat sich einer schwierigen Amputation unterziehen müssen. Hiernächst wurde die Sitzung um 9 Uhr suspendirt. Ein halbe Stunde später erklärte sie Corbon, Vicepräsident, wieder eröffnet. Senard ersetzte ihn jedoch bald wieder und zeigte der Versammlung an, daß mehr als 5 Glieder laut des Reglements darauf antrügen, die Versammlung möge sich als Geheimen Ausschuß erklären und die öffentlichen Tribünen räumen lassen, da ein wichtiger Antrag verhandelt werden solle. Allgemeine Spannung. Das Reglement schreibt vor, daß sofort durch Sitzenbleiben und Aufstehen darüber abgestimmt werden solle, ob die Versammlung sich geheim erkläre? Der Präsident läßt abstimmen, und die Mehrheit erhob sich gegen das Geheimniß. (Erstaunen.) Pascal Duprat, bekannt durch seine Protestation gegen die Zeitungs-Kautionen, erhielt das Wort. In den gegenwärtigen Umständen, begann er, sei es wich tig, an der Spitze des Staates eine starke Hand (pouvoir) zu haben. Ich schlage der Versammlung folgenden Gesetzentwurf vor:
Art 1. Paris ist in Belagerungszustand versetzt. Art 2. Alle Staatsgewalten sind in die Hände des Generals Cavaignac gelegt. (Lärm. Fürchterlicher Tumult.) Dupin sen. schreit: Das ist die Diktatur!
Larabit: Der Belagerungszustand löst die Macht der Versammlung auf. (Tumult.) Seid ihr Alle einverstanden, daß Eure Macht in die Hände der Militärgewalt übergehe.“ (Lärm.) Antoni Thouret: Der General Cavaignac kann nur die Vollziehungsgewalt üben. Ich schlage vor am Kopf des Dekrets zu erklären, daß die Nationalversammlung zu berathen fortfahre und in Permanenz bleibe. (Jawohl. Das versteht sich von selbst.) Bougeard liest einen andern Dekretentwurf, der 1. Paris in Belagerungszustand erklärt; 2. den Sturz des Vollziehungsausschusses ausspricht; 3. das Ministerium provisorisch beibehält.
Bastide, Minister des Auswärtigen: Beeilen Sie sich mit Ihren Berathungen, Bürger! In einer Stunde befindet sich das Hotel de Ville wahrscheinlich schon im Besitz der Insurgenten! (Exklamation der Ueberraschung). Präsident Senard liest die neue Redaktion des Gesetzvorschlags: Art. 1. Die Nationalversammlung berathet und bleibt in Permanenz. Art. 2. Paris ist in Belagerungszustand erklärt. Art. 3. Alle vollziehende Staatsgewalt ist dem General Cavaignac übertragen. (Angenommen!) Jules Favre: Ich schlage folgenden Zusatz vor: „Der Vollziehungsauschuß legt augenblicklich seine Amtsthätigkeit nieder.“ (Aufregung). Duclerc, Finanzminister: Es handelt sich, Bürger, um eine Maßregel des öffentlichen Wohles. Ich möchte keinen Groll in Ihren Votums ausgesprochen sehen. Präsident: „Ich bringe den Zusatz zur Abstimmung.“ (Tiefe Stille.) Der Zusatz wird mit einer schwachen Mehrheit verworfen. Die Versammlung wollte den Männern, die gestern noch der Todesgefahr trotzten, keinen Stein als Dank nachwerfen.
Senard lenkte die Aufmerksamkeit noch auf eine andere Maßregel der Verzweiflung. Causidière und einige Andern hatten nämlich gestern den Vorschlag gemacht, sich in Person zu den Barrikaden zu begeben und sie an der Spitze von Bürgerwehr und Truppenkorps anzureden. Dieser Vorschlag war verworfen worden. Der Platz der Abgeordneten sei in diesem Saale und nicht vor den Barrikaden, hatte man gerufen und den Antrag abgewiesen. Neue Anerbietungen seien indessen gemacht worden und wenn die Versammlung einwilligt, daß sich einige ihrer Glieder auf die Kampfplätze begeben. (Ja, ja, Alle, Alle!) Stimme: Ich widersetzte mich gestern diesem Vorschlage und widersetze mich ihm noch. Begäben sich hiezu Mitglieder dahin, so wollten sie Alle begleiten. Zuletzt würde Niemand auf diesen Bänken sein. Darum trage ich an, 60 Glieder durch das Loos zu bestimmen. Dem Präsident scheint dieser Weg zu blind, es seien gewisse Rücksichten der Persönlichkeit, des Sprechens, des Alters zu nehmen, er lade daher, die Versammlung ein, sich in ihre Abtheilungen zu begeben und selbst die 60 zu bestimmen. Der Berg (Louis Blanc, Considerant, Lagranze etc.) protestiren gegen diese Abgeordnenschaft. „Wir wollen keine Gliedrr einrs Martialgesetzproklamirungsausschusses sein, riefen sie und blieb n im Saale, während die andern in die Abtheilung gingen. Die Sitzung ist suspendirt.
Eine Viertelstunde später wird sie wieder aufgenommen und der Präsident liest ein Schreiben vor, worin der Vollziehungs-Ausschuß sein Amt niedergelegt.
Bis 4 Uhr boten die Neuigkeit keine weitere Interesse. In der Kanonade ist eine Pause eingetreten.
Von Börsengeschäften keine Rede. 5 Uhr.
‒ Gestern verkündete man hier von der Tribüne herab, daß der Sklavenkrieg unsere Kolonien verwüste. Heute ist der sociale Krieg zu Paris. Zu Martinique haben sie sich geschlagen, Schwarze und Weiße, Herren und Sklaven, weil die Revolution die Sklaverei nicht abgeschafft. Mensch gegen Mensch, was liegt an der Farbe?
Zu Paris haben sie sich geschlagen, die Rothen und die Weißen, die Proletarier und die Conservateurs, weil die Revolution das Proletariat nicht abgeschafft hat. Büger gegen Bürger, was liegt an der Klasse?
Der soziale Krieg, da ist er mit allen seinen Schrecken! Wagt nicht zu sagen, das furchtbare Unglück sei provozirt durch die Verschwörer, die Anarchisten, die Wühler, die Revolutionäre von Profession, wie man die erprobten Republikaner nennt, die unter dem ancien regime gekämpft haben. Es ist das Volk der Arbeiter ein Volk neu in unseren bürgerlichen Zwisten, das Volk auf die Straßen geworfen durch die Frage der Arbeit, der Familien, der Existenz. Es ist die soziale Oekonomie, die in Frage steht, wie es auf eurer Tribüne ein Repräsentant der Proletarier aussprach. Erblickt ihr nicht mitten durch den Pulverdampf hindurch die Lyoner Fahne von 1838. vivre en travaillant ou mourir en combattant. Arbeit und leben oder kämpfen und sterben?
Und wer ist verantwortlich für dies furchtbare Gemetzel?
Auf wen denn wälzten unsre Minister von heute und unsre fünf Könige und alle unsre neuen Herrscher das Blut von St. Alèry, der Straße Transuoaine und der Barrikaden von 1830 und 1848!
Auf die Bourbonen oder die Orleans, auf Polignac oder auf Guizot, auf die Unterdrücker des Vaterlandes.
Wem also den socialen Krieg zuschreiben der Paris verheert!
Muß man sie rein waschen Polignac und Marmont von dem im Juli vergoßenen Blut, Thiers und Bougeaud von den Metzeleier der Rue Transnonaine Louis Philippe vor dem im Juni, im April, im Mai und im Februar vergossenen Blut!
Oder muß man vielmehr auch die Macht des Tages anklagen für das Unglück des Tages!
Während des Monats, wo das Volk Herr der Revolution war, hatte die Republik nicht zu seufzen über blutige Zwiste, wie die von Rouen, Eboeuf, von Limoges, von Clermont, von Troyes, von Toulouse, von Guèret, von Paris. (la Vraie Rèpublique.)
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@facs 0127
[16] Paris, 24. Juni.
Der Bürgerkrieg ist ausgebrochen; die Nationalgarde in Uniform schlägt sich gegen die Nationalgarde in Blouse. Das Linienmilitär ist ganz für die Bourgeois; die Mobilgarde meistentheils (nur einige Kompagnieen haben gestern mit dem Volk auf der Barrikade fraternisirt), die Republikanergarde ist uneins, eine Kompagnie ist mit dem Volke zusammen auf der Barrikade der Cité massakrirt worden, andre Kompagnieen haben zwar vive la République démocratique et sociale gerufen, dem Barrikadenbau ruhig zugeschaut, aber nicht weiter fraternisir. Offiziere dieser Garde und der Nationalgarde sah man in der Straße St. Jacques Barrikaden machen. In diesem Augenblick erschallt Kanonendonner, wenigstens zum vierten Mal seit gestern; die Barrikaden werden mit größerer Sachkenntniß als im Februar gebaut, und General Cavaignac hat nur unter der Bedingung das Kommando aller Streitkräfte gestern übernommen, daß man ihm völlig freie Hand lasse. Artilleristen und Pferde stürzen wie in der Feldschlacht; gefochten wurde und wird vom Platz Lafayette, am Nordbahnhof, durch die ganze östliche Hälfte bis in die Straße Mouffetard am Pflanzengarten. Die westliche kleinere Hälfte ist, namentlich um die National-Assemblée herum, in ein komplettes Heerlager verwandelt; die Cirkulation ist überall gehindert und alle Läden in allen Straßen sind geschlossen. Es sind mehr Menschen gefallen als im Februar. Grundzug dieses Straßenkrieges ist der totale Mangel eines Parteikampfrufes; man hört hie und da auf den Barrikaden die Republik rouge oder Barbes hoch leben lassen, seltener Napoleon II. oder donnez du travail schreien, aber dies ist vereinzelt; ebenso schreit die Nationalgarde und Linie wenig oder nichts. Im Februar war das anders. Gesungen wird jetzt auch nichts, während im Februarkampf überall die Marseillaise und das Lied der Girardins ertönten. Man würgt sich schweigend und mit wildem Grimm. Grisetten sind mit der Fahne auf die Barrikade gestiegen und haben den Tod durch die Kugeln der Nationalgarde gefunden; Frauen halfen Steine tragen und wurden in der Barrikade der Straße St. Jacques kämpfend gefunden. Den Anlaß zu diesem jetzt bereits vierundzwanzigstündigen Abschlachten gab ein Befehl des Ministers der öffentlichen Arbeiten, Trelat, früher Arzt am weiblichen Irrenhospital Salpetrière, einer der sogenannten klassischen Republikaner alten Schrot und Korns, von dem man früher sagte: wäre er bei der Unterredung Jesu mit der Ehebrecherin zugegen gewesen, er würde selber den ersten Stein trotz Jesu geworfen haben. Dieser Herr Trelat wollte 3000 Arbeiter des Nationalateliers militärisch brigadirt nach der Sologne, vielleicht späte nach Algier zur Kolonisirung absenden. Obschon viele Unzufredenheit wegen der ziemlich moskowitischen Manier des Ministers unter ihnen herrschte, marschirten sie vorgestern doch marschfertig zum Thore, fanden dort aber nichts für ihre Weiterbeförderung bereit, und kehrten wüthend über diese Mißhendlung um. Seit dem beschlossen sie lieber allrs zu riskiren, als sich von Paris entfernen zu lassen. Es ist übrigens positiv, daß sie vor mehreren Wochen unter anständigen Garantien sich gerne zur Kolonisation (mit Frauen) in der Sologne oder Champagne, ja selbst Algier, bequemt haben würden. Aber jetzt sagten sie zu Arago, der eine Barrikade besuchte: „Bürger Arago, Sie sind ein guter Mann, wir lieben Sie, doch man hat uns zu oft getäuscht, um jetzt noch Ihnen zu glauben,“ und Arago sah sich genöthigt, das Feuer auf dieser Schanze zu kommandiren. Ebenso Lamartine an einer andern, nachdem auch seine Versöhnungsversuche gescheitert. In diesem Augenblicke ist, wie es heißt, der gestern schon mit dem Generalkommando aller Truppen und Garden bekleidete Kriegsminister Cavaignae zum Diktator von der Assemblée ernannt und die Kommission der Fünf kassirt worden. Man spricht von baldiger Conzentrirung der Polizeigewalt und Munizipalmacht in Händen Armand Marrasts. Ich schreibe dies um 10 Uhr früh in dem Cafe d'Orsay am Pont national; in der Ferne kracht das schwere Geschütz gegen die Pflastersteine der Cité und Straße St. Jaques; eine Schwadron Kürrassiere reitet den Säbel schwingend über den Quai und wird von der Nationalgarde am Eingang der Straße du Bac jubelnd begrüßt. So eben ward berichtet, die Redakteurs von vier Volksjournalen, unter ihnen die der „Organisation du Travail“ wären Nachts verhaftet und in brutalster Weise sei bei ihnen Haussuchung gehalten worden. Die Pariser Kerker sind bald ganz gefüllt von armen Teufels, denen nicht verziehen wird, nach dem Ueberfluß der reichen Götter die grimmige Faust drohend erhoben zu haben; neben mir erzählen so eben zwei „Lions“ die abgedroschene Anekdote zum hundetrsten Male: die Adjudanten des Barbés hätten ihm in der Kammer am 15. Mai zugerufen, er solle nur zwei Stunden Plünderung erlauben.
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(Nachtrag.) Wir tragen unsern Lesern noch einige Thatsachen nach, die über die Veranlassung der Revolution Aufklärung geben.
‒ Man liest im Moniteur: „Die vollziehende Kommission hat Befehl gegeben, daß von morgen an in den National-Ateliers die Rekrutirung beginnt. Man erinnert sich, daß neulich ein Beschluß der vollziehenden Kommission vorschrieb, die Arbeiter von 17 bis zu 25 Jahren sollen in die Armee treten oder wenn sie sich weigern, aus den National-Ateliers entfernt werden. Man hat diese Maßregel bis jetzt aufgeschoben, um allen jungen Arbeitern die Zeit zu lassen, ihre Wahl mit der nöthigen Reife zu treffen.“
Die fünf regierenden Herren verlangten also, die Arbeiter sollten sich auf acht Jahre in die Armee stellen lassen oder verhungern! Schöner Vorschlag der reinen „Republikaner“!
‒ Man erinnert sich daß die von Caussidiere gebildete republikanische Garde nach dem 15. Mai von der Fünferkommission reorganisirt wurde. Man hatte nicht den Muth, die 2500 entschlossenen alten Republikaner, aus den ehemaligen geheimen Gesellschaften der Arbeiter, auf's Pflaster zu werfen; man setzte bloß ihre Offiziere ab, die alle ehemalige Sektionschefs dieser geheimen Gesellschaften waren. Und wem wurde diese Reinigung der republikanischen Garde übertragen? Den Henkersknechten Louis Philipps, den Offizieren der alten Munizipalgarde und Gensdarmerie. Diese Edlen sassen in der Kommission die über die zu entfernenden Offiziere und ihre Ansprüche auf Entschädigung urtheilten. Diese Edlen genirten sich gar nicht sich selbst die besten Posten zuzusprechen. Ueber hundert der alten Offiziere wurden abgesetzt. Sechsundfünfzig von ihnen haben jetzt gegen dies Verfahren protestirt.
‒ Ueber den Zug nach dem Luxemburg am 22. erfahren wir noch folgenden Details:
Die Arbeiter waren heute (22.) Morgen um 9 Uhr auf verschiedenen Löhnungsplätze berufen, um befragt zu werden, ob sie sich dem Dekret unterwerfen wollten das sie unter dem Vorwande der Urbarmachung in die Provinz schickt. Die Arbeiter schickten indeß die Beamten, die diesen Auftrag vollziehen sollten, wieder nach Hause, zogen sich in Massen zusammen und marschirten nach dem Luxemburg. Der Bürger Pujol den sie zur Exekutivkommission schickten, erklärte Hrn. Marie, er werde nicht eher die Wünsche der Arbeiter aussprechen, bis noch vier Delegirte außer ihm gegenwärtig seien. Dies wurde bewilligt, und noch vier Arbeiter kamen. Pujol sprach nun ungefähr Folgendes:
„Vor der Revolution des 24. Februar waren die Arbeiter Frankreichs der Willkühr und dem Egoismus der Fabrikanten preisgegeben. Um sich dieser vernichtenden Ausbeutung zu entziehen, vergossen die Arbeiter ihr Blut und stürzten die bestochene Herrschaft, die eine solche Knechtung duldete. Die Pariser Arbeiter stiegen erst von den Barrikaden herab, nachdem sie die demokratisch-sociale Republik proklamirt hatten, die dieser Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende machen sollte. Heute aber sind die Arbeiter vollständig einig darüber, daß sie durch lügnerische Versprechungen hingehalten wurden, daß die Gewalt des Säbels sie nochmals unter ein solches Knechtungssystem bringen will. Sie sind aber entschlossen, nochmals Opfer zu bringen für die Erhaltung der Freiheit. Sie haben vor allen Dingen verlangt, daß Werkstätten für alle Arten der Arbeit errichtet werden, die den Arbeitern während der stillen Geschäftszeit zur Zuflucht dienen. Von dem Allen ist aber nichts geschehen, und wir sehen nur zu klar, wohin man uns führen will. Aber wir warnen die Regierung.“
Herr Marie antwortete mit einiger Gereiztheit: „die Arbeiter, welche sich dem Dekret nicht unterwerfen wollten, würden durch Gewalt weggebracht werden.“
Zu Pujol sagte er: „Wir kennen Sie, wir haben ein Auge auf Sie; Sie haben mit mir parlamentirt nachdem Sie zuerst das Gitter der Nationalversammlung überstiegen hatten.“ Die vier andern Delegirten behandelte er als die Sklaven Pujols, weil sie mit diesem sympathisirten. Pujol antwortete: Bürger-Repräsentant, Sie beleidigen Bürger, die mit einem ganz ebenso heiligen Charakter bekleidet sind, wie die Volksrepräsentanten. Wir ziehen uns zurück mit der festen Ueberzeugung, daß Sie die Organisation der Arbeit und die Wohlfahrt des arbeitenden Volks nicht wollen, und daß Sie in keiner Weise dem blinden Vertrauen entsprochen haben, das wir in Sie setzten. Wir werden öffentlich über Ihren schlechten Empfang Rechenschaft ablegen und beweisen, wie bald Sie die Leute vergessen haben, welche Sie auf den Schild hoben.
Die Arbeiter traten dann auf dem Platz Saint Sulpice zusammen und Pujol stattete Bericht ab über den feindseligen Empfang des Herrn Marie. Die entrüsteten Arbeiter beschlossen, die übrigen Anondissements davon zu benachrichtigen, damit alle Arbeiter sich vereinigen könnten, eine Maßregel zu vereiteln, die zum Zweck hat, sie zu zersplittern und ohnmächtig zu machen.
Herr Marie soll den Delegirten buchstäblich gesagt haben: „Man hat Euch den Kopf verdreht, es ist das System von Louis Blanc, aber wir wollen nichts davon wissen!
‒ Folgendes sind die Aechtungsbriefe, die an die Arbeiter der Nationalateliers erlassen sind. Wir führen buchstäblich an:
„Die Bezirksführer sind aufgefordert, jeder den fünfzigsten Theil seines Effektivbestandes heute Abend drei Uhr in die Reitbahn zu schicken.
Lalanne.“
„P. S. Es handelt sich um die Abmärsche, die heute, morgen und übermorgen stattfinden sollen. Ich werde selbst mit den Freiwilligen sprechen, die sich melden werden. ‒ Die Regierung will, daß diese Abmärsche stattfinden. Ihr Wille muß unbedingt heute noch ausgeführt werden. Ich werde dafür sorgen.
Wie erbaulich, vier Monate nach der Februarrevolution! Die Regierung will, und ohne Umstände sollen die Arbeiter wie Soldaten, hierhin und dahin geschickt werden! Herr Lalanne wird dafür sorgen!
Auf dergleichen Zumuthungen gibt es keine andre Antwort als Flintenschüsse.
‒ Ein Arbeiter schreibt der „Vraie Republique“: „Es ist jetzt gewiß. Alle Prinzipien der Februarrevolution hat man verletzt, und jetzt will man den Arbeitern den Garaus machen. (on veut en finir avec les travailleurs.)“
Derselbe Arbeiter erzählt, daß Arbeiter, die in die Provinz zu den dortigen Nationalwerkstätten geschickt waren, dort so schlechten Lohn fanden, daß sie ihn nicht annehmen konnten, und ihren Unterhalt, während des Rückmarsches, erbetteln mußten. In Amiens seien die Gemeindewerkstätten ebenfalls aufgelöst, und man zwinge die Arbeiter, bei den Meistern zu 75 Cent. (6 Sgr.) per Tag Arbeit zu nehmen ‒ d. h. zu weniger als der Hälfte, ja zu 1/3 des Lohns vor der Februarrevolution!
‒ Man hat an allen Straßenecken von Paris die Ernennung des Generals Cavaignac zum Generalkommandanten aller Truppen von Paris angeschlagen. Auf allen diesen Plakaten stand groß gedruckt: Obèissance ‒ Force, Gehorsam ‒ Gewalt.
‒ Der Repräsentant Goudchaux, erster Finanzminister nach dem 24. Februar, hat in der Sitzung der Kammer vom 15. Juni folgende Worte gesprochen: „Vor Allem, macht die National-Ateliers verschwinden. (Sehr gut!) Die National-Ateliers bestehen aus verschiedenen Sorten von Leuten. Es sind darin zuerst die Arbeiter die in ihre alten Werkstätten zurückkehren können, dann diejenigen die nie Arbeiter waren und die man dahin schicken mußte wohin sie gehören (auf die Galeeren natürlich). Was haben die National-Ateliers hervorgebracht? Etwas ganz Beispielloses, nämlich Arbeiter die aufgehört haben ehrlich zu sein.“
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@facs 0128
Am 22. d. Mts. zeigte Hr. Cobden im Unterhause und im Namen seines Freundes Hume an, daß des letzteren Motion wegen Parlaments-Reform doch noch Freitag über 8 Tage zur weitern Debatte kommen werde, da die Minister so gütig gewesen, dem Antrage seinen weitern Verlauf zu gestatten. Der „Northern Star“ spricht sich über jene Donnerstag-Debatte im Unterhause auf folgende Weise aus:
„Hume's Motion hat bereits eine gute Wirkung gehabt. Sie hat das ganze Packet von des whiggischen Premier-Ministers reformfeindlichen Gründen heraus gefördert. Jetzt wissen wir wenigstens Alles, was man gegen die wirkliche und vollständige Vertretung des ganzen Volkes nur irgend anführen kann. Die Hohlheit und Schwäche der Redner war eben nur der Abklatsch des von ihnen vertheidigten Systems. Beides ist ein günstiges Vorzeichen für den nahen Sieg über die Oligarchie, die unter der Maske volksthümlicher Einrichtungen das Volk dieses Landes tyrannisirt. Lord John's Rede war im Ganzen nur eine Wiederholung der Reden, die einst der Herzog v. Wellington und die Tory-Opposition gegen die Reformbill zum Besten gaben. Das Originelle darin, was sich auf gegenwärtige Zustände bezog, war leider keine Verbesserung im Gegensatz zu ihren Musterbildern. In Betracht Russel's eigener früheren Reden war das vielleicht unvermeidlich; er mußte seiner eigenen ehemaligen Politik, seinen eigenen Verheißungen ins Gesicht schlagen. Seine ganze Maulmacherei hing sich an Phrasen und Worte. Der ganze Inhalt seines Vortrags zeigte, daß er auf einem völlig sumpfigen Boden stand. Einige seiner Gründe waren namentlich höchst unglücklich gewählt. Wenn sie irgend einen Schluß zuließen, so führten sie grade zum Gegentheil dessen, was der edle Lord wollte. Gewöhnliche Logiker wären zu dem Ergebniß gelangt, daß das Volk in seiner ungeheuern Majorität für die „Charter“ sei. Kühne Staatsmänner sprachen sich daher für die letztere aus. Lord J. Russel schloß weder das Eine noch das Andere. Seine Meinung war, weil die Mehrheit des Volkes für die „Charter“ sei und die Minderheit für die Hume'schen vier Punkte, so sei er entschlossen, sich beiden zu widersetzen! Ferner: er ziehe jährliche 3jährigen Parlamenten vor und entscheide sich demnach für die 7jährige Dauer eines Parlaments. Das Alles geht über unsern Verstand und bringt uns zur Ueberzeugung, daß ein Whig-Gehirn von den Gehirnen der übrigen Welt wesentlich verschieden ist. Im Allgemeinen kann man sagen, daß Lord John einen neuen Nagel in den Sarg des Whigthums eingeschlagen hat. . .“
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Feargus O'Connor hat wegen seines Landplanes und der damit verbundenen Arbeiterbank die fürchterlichsten Anfeindungen von der Bourgeois-Presse und den übrigen Feinden des arbeitenden Volks zu erdulden. Im Unterhause ist ein Comité niedergesetzt worden, das seinen Landplan und die ganze hierauf bezügliche Verwaltung untersuchen soll. Er kann aus diesem Kampfe, diesen Anfeindungen nur siegreich hervorgehen. Die Aristokratie, wie die Mittelklasse, wollen statt jenes Planes eine riesige Auswanderung des Proletariats nach britischen Kolonien organisiren. Prinz Albert nimmt sich, wie nicht zu verwundern, dieser Sache aufs Wärmste an und Herr Waghorn hat zur Unterstützung dieses Lieblingsprojektes der jetzt herrschenden Klasse dem Kolonialminister, Grafen Grey, eine Brochüre überreicht, worin er seine hierauf bezüglichen Vorschläge niedergelegt. Er beantragt die Fortschaffung von einer halben Million Proletarier und berechnet die Kosten auf bloße 15 Millionen Pfd. Sterling, (100 Mill. preuß. Cour.). Er verlangt dabei, daß diese halbe Million Proletarier unverheirathet sein müsse. Feargus O'Connor bemerkt dem Herrn Waghorn:
„Wenn die von letzterem geforderten 15 Millionen, statt für immer in den Deportationsabgrund zu versinken, auf heimische Kolonisation verwandt würden: so könnten mehr als 100,000 Familien aus ihrer jetzigen unerträglichen Lage heraus gerissen werden und der Staat eine jährliche Rente von 750,000 Pf. für sein Anlagekapital beziehen.“ Wie schon unzählige Mal hervorgehoben worden, ist jener Prinz Albert-Waghorn-Bourgeois-Plan selber gar nicht ernstlich gemeint; nichts als ein philanthropischer Schein den man hinstellt, um die Arbeiter zu täuschen, um ihnen glauben zu machen, daß man an ihrem Schicksal Theil nehme, es redlich zu verbessern suche. Denn die englische Bourgeoisie hat die jetzt vorhandene Proletarier-Masse zu ihrem Bestehen, Gedeihen und Profitmachen so nöthig, wie der Mensch Luft und Licht zu seiner Existenz. Schafften sie, wie Waghorn vorschlägt, auch nur eine halbe Million unverheirathete Arbeiter fort, so bräche damit auch ihre jetzige Produktions- und Profit-Weise zusammen, da sie dann nicht mehr so wohlfeil produziren könnten als es ihnen jetzt möglich ist.
‒ Das Organ der englischen Chartisten, der von Feargus O'Connor, G. Julian Harney und Ernst Jones redigirte Northern Star enthält in seiner letzten Nummer eine Anerkennung der Art und Weise wie die Neue Rheinische Zeitung die englische Volksbewegung auffaßt und die Demokratie überhaupt vertritt.
Wir danken den Redakteuren des Northern Star für die freundschaftliche und ächt demokratische Weise in der sie unsere Zeitung erwähnt haben. Wir versichern ihnen zugleich, daß der revolutionäre Northern Star das einzige englische Blatt ist, an dessen Anerkennung uns etwas liegt.
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[*] Dublin, 21. Juni.
Die „irische Konföderation“ hielt diesen Abend ein von vielen Tausenden seiner Mitglieder besuchtes Meeting. Aus den Verhandlungen stellte sich das Eine mit Gewißheit heraus, daß J. O'Connell's politischer Lebenslauf so gut wie beendigt ist. Herr Dillon berichtete, wie J. O'Connell zuerst seine Zustimmung zur Bildung der „irischen League“ und zu dem betreffenden Statuten-Entwurfe gegeben, dann Einwendungen erhoben, sich hierauf dagegen erklärt und die alten Ansichten von „den moralischen Prinzipien“ wieder auf's Tapet gebracht. Jedesmal, wenn O'Connell's Name genannt wurde, erfolgte allgemeines Zischen. Ein Geistlicher O'Malley, der sich entschieden als Kommunist ausspricht, meinte unter Anderem: „Moralische Gewalt sei an ihrem Platze etwas recht Hübsches,“ sie hätten es aber mit einer Regierung zu thun, die nichts weniger als eine der „moralischen Gewalt“ sei. Er kenne im Kampf gegen eine Regierung der „physischen Gewalt“ nur einen Beweisgrund, der Erfolg verheiße und das sei, der Regierung eine Dosis von ihrer eigenen Medizin einzugeben und homöopathisch zu verfahren.“ ‒ J. O'Connell erklärte in der letzten Konferenz wegen Bildung der „irischen League“ Folgendes: „Wir haben uns an das irische Volk gewandt; es hat sich gegen meine Ansichten erklärt. Sie, als irische League, müssen voran; was mich betrifft, so bin ich entschlossen, eher als ich meinen Gewissensscrupeln zuwiderhandele, mich ins Privatleben zurückzuziehen.“ Als nun Duffy diese Erklärung dem Meeting mitgetheilt, brach ein viele Minuten anhaltender Beifallssturm aus. Die irische Konföderation vertagte sich schließlich auf unbestimmte Zeit, d. h. sie löste sich auf, um eben sofort der neuen irischen League beizutreten.
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[*] Rio de Janeiro, 14. April.
Die Nachrichten über die Februar-Revolution in Frankreich und über das düstere Aussehen der politischen Zustände im übrigen Europa, machten hier einen unbeschreiblichen Eindruck. Die Aufregung, die sich in Gesicht, Haltung und Sprache der Fremden wie des intelligenten Theils der Einheimischen zeigte, war für das übrige Volk Anlaß, daß es jenen Ereignissen auch seinerseits die höchste Wichtigkeit beilegte. Man besorgt hier jetzt allgemein eine Revolution im nördlichen Brasilien. Im Süden ist das Volk mit der jetzigen Verwaltung ebenfalls höchst unzufrieden. Zu dieser Mißstimmung tragen namentlich die außerordentlichen Steuern bei, welche nun Behufs Instandhaltung von Straßen und zu andern Verbesserungen erhoben werden. Mit den Einnahmen aus den Zöllen ist so übel gewirthschaftet worden, daß Nichts mehr da war und man zu erhöhten Steuern seine Zuflucht nahm. In Minas, wo die reicheren Grundbesitzer und Eigenthümer wohnen, ist durchgängiges Mißvergnügen und Erbitterung. Der Sklavenhandel dauert in seinem Aufschwunge fort.
23. Juni. Christ. Johana, T. v. Joh. Hofstade, Büchsenm., Gereonskloster. ‒ Helena, T. v. Christian Brünker, Maurer, Mörserg. ‒ Angela Kath. Gertr., T. v. Theod. Scharfhausen, Faßbinder, Machabäerstr. ‒ Kath. Antoinetta u. Anna Kath. Gudula, Zwillinge, v. Wilh. Jak. Leger, Metzger, Malzmühle. ‒ Josepha, T. v. Pet. Gräf, Tagl., Glockenring. ‒ Charl. Frieder. Wilhelm., T. v. Julius Pflug, Serg. in der 8. Art.-Brg., Dominikaner-Kaserne. ‒ Joh. Hub. Ther., T. v. Jos. Seyfried, Maler, Hochpforte.
23. Juni. Anna Maria Stein, 33 J. alt, unverh., Weißbütteng. ‒ Anna Maria Bückger, geb. Wasserschaf, 29 J. alt, Hahnenstr.
Schiffahrts-Anzeige. Köln, 26. Juni 1848.
Angekommen: D. Hogewegh von Amsterdam mit 3100 Ctr. H. Klee von Kannstadt. W. Pesch von Wesel.
In Ladung: Nach Ruhrort bis Emmerich Joh. Linkewitz; nach Düsseldorf bis Mühlheim an der Ruhr A. Meyer; nach Andernach und Neuwied M. Wiebel; nach Koblenz und der Mosel und Saar Joseph Zeiler; nach der Mosel, nach Trier und der Saar M. J. Deis; nach Bingen Wb. Jonas; nach Mainz I. Hirschmann; nach dem Niedermain Ph. Würges; nach dem Mittel- und Obermain Seb. Seelig; nach Heilbronn Fr. Kühnle; nach Kannstadt und Stuttgart Peter Kühnle; nach Worms und Mannheim J. B X. Sommer; nach Antwerpen M. Lamers.
Köln, am 26. Juni. Rheinhöhe 9′ 3″.
Am Mittwoch den 28. Juni 1848. Vormittags zehn Uhr, wird der Unterzeichnete auf dem Waidmarkte zu Köln, Tische, Stühle, Schränke, eine Kommode, ein Ofen, Lithographien etc. etc. dem Meist- und Letztbietenden gegen baare Zahlung öffentlich verkaufen.
Am Samstag den 1. Juli 1848, Vormittags 11 Uhr, sollen auf dem Markt zu St. Aposteln in Köln, verschiedene Hausmobilien, als:
3 Tische, 1 Spiegel, 9 Stühle, 2 Schränke, 1 Ofen, gegen baare Zahlung versteigert werden.
Nicht dem Minister!
So treu wie du die Bibel imitirest
Und täglich fast dem „Herrn“ Weihrauch offerirest,
So wünsch' ich zu vollenden denn die Fabel,
Den Bruder dir, du zweiter „Abel“.
Dies brächte mir, zu Dumont's Leide zwar,
Doch endlich Ruh' vor deiner Reime Schaar.
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Die Heuler gebrauchen neue Chefs, die Alten sind vom vielen heulen, brüllen und trommeln so abgeschlissen, daß sie nicht mehr in gewohnter Weise ihr Amt versehen können. ‒ Heuler-Chefs-Rekruten sind in bester Qualität und reichlich vorräthig in den beiden Rechten zu Frankfurt a/M. und Berlin zu haben.
So lange die Saison zu Wangeroog dauert, wird das Schiff daselbst, auf derH inreise sowohl, wie auf der Rückreise von Norderney, anlaufen.
Ein Reisender sucht Stelle. Die Exp. d. Bl. sagt wo.
Täglich in und außerm Hause, à Portion 3 Sgr.
Gebr. Josty.
Roh-Eis, pr. Eimer 10 Sgr., ist fortwährend zu haben bei
Harmonie von Musikern der kölner Bürgerwehr heute Dienstag, Abends von 7 bis 11 Uhr, bei A. Steinstraßer, auf den Perlenpfuhl.