Source: https://www.hensche.de/urlaub-nach-betriebszugehoerigkeit-ist-keine-diskriminierung-eugh-c-437-17-eurothermen-bad-schallerbach-29.03.2019_11.03.html
Timestamp: 2019-05-24 01:01:18
Document Index: 274789808

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 2', '§ 2', '§ 3', '§ 3', 'Art.45', 'Art.45', 'Art.7', 'Art.45', 'Art.7', '§ 2', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 20', '§ 18', 'EuG', '§ 16']

Urlaub nach Betriebszugehörigkeit ist keine Diskriminierung - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/080
Ur­laub nach Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit ist kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung
Ein Zu­satz­ur­laub von ei­ner Wo­che nach 25-jäh­ri­ger Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit ist kei­ne Aus­län­der­dis­kri­mi­nie­rung, auch wenn er für In­län­der leich­ter zu er­rei­chen ist: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 13.03.2019, C-437/17 (Eu­ro­ther­men Bad Schal­ler­bach)
29.03.2019. In Zei­ten des Fach­kräf­te­man­gels wird es zu­neh­mend wich­tig, Ar­beit­neh­mer lang­fris­tig an den Be­trieb bzw. an das Un­ter­neh­men zu bin­den.
Ein alt­be­währ­tes Mit­tel sind fi­nan­zi­el­le An­rei­ze wie zu­sätz­li­che Ur­laubs­ta­ge oder Ju­bi­lä­ums­zu­wen­dun­gen, die von ei­ner län­ge­ren Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit ab­hän­gig sind und da­her ein Mo­tiv sein kön­nen, nicht zur Kon­kur­renz ab­zu­wan­dern.
In ei­nem ak­tu­el­len, aus Ös­ter­reich stam­men­den Streit­fall hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ent­schie­den, dass es kei­ne ver­bo­te­ne Aus­län­der­dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn ös­ter­rei­chi­sche Ar­beit­neh­mer nach 25-jäh­ri­ger Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit beim sel­ben Ar­beit­ge­ber ei­ne zu­sätz­li­che (sechs­te) Wo­che Ur­laub be­kom­men: EuGH, Ur­teil vom 13.03.2019, C-437/17 (Eu­ro­ther­men­Re­sort Bad Schal­ler­bach).
Be­nach­tei­ligt ein einwöchi­ger Zu­satz­ur­laub nach 25 Jah­ren Be­triebs­zu­gehörig­keit ausländi­sche Ar­beit­neh­mer und/oder er­schwert die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer in der EU?
Der öster­rei­chi­sche Streit­fall: Tou­ris­tik-Un­ter­neh­men strei­tet mit sei­nem Be­triebs­rat über Ur­laubs­ansprüche von Ar­beit­neh­mern, die sich auf Vor­dienst­zei­ten im Aus­land be­ru­fen können
EuGH: Ein einwöchi­ger Zu­satz­ur­laub nach 25 Jah­ren Be­triebs­zu­gehörig­keit beim sel­ben Ar­beit­ge­ber ist kei­ne Ausländer­dis­kri­mi­nie­rung, auch wenn der Zu­satz­ur­laub für Inländer leich­ter zu er­rei­chen ist
Nach öster­rei­chi­schem Ar­beits­recht ha­ben Ar­beit­neh­mer pro Jahr ei­nen fünfwöchi­gen ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laub, wo­bei das öster­rei­chi­sche Ur­laubs­ge­setz (Ur­laubsG) wie das deut­sche Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) den wöchent­li­chen Ur­laub in Form ei­nes Ur­laubs­an­spruchs von sechs Werk­ta­gen gewährt (§ 2 Abs.1 Ur­laubsG). 30 Werk­ta­ge (Mon­tag bis Sams­tag) ent­spre­chen da­bei fünf Wo­chen Ur­laub.
Die­ser fünfwöchi­ge Min­des­t­ur­laub erhöht sich nach ei­ner Dienst­zeit von 25 Jah­ren bei dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber auf sechs Wo­chen (§ 2 Abs.1 Satz 2 Ur­laubsG), wo­bei auch Vor­dienst­zei­ten bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern an­spruchs­be­gründend sein können, vor­aus­ge­setzt, sie dau­er­ten min­des­tens sechs Mo­na­te (§ 3 Abs.2 Zif­fer 1 Ur­laubsG).
Die­se bei an­de­ren Ar­beit­ge­bern zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten wer­den al­ler­dings höchs­tens im Um­fang von fünf Jah­ren an­er­kannt (§ 3 Abs.3 Satz 1 Ur­laubsG). Ein Ar­beit­ge­ber­wech­sel führt da­her im Er­geb­nis da­zu, dass der einwöchi­ge Zu­satz­ur­laub schwe­rer zu er­lan­gen ist.
BEISPIEL: Ein Ar­beit­neh­mer in Öster­reich wech­selt nach 15 Jah­ren zu ei­nem an­de­ren Ar­beit­ge­ber. Sei­ne 15-jähri­ge Vor­dienst­zeit wird dort nur im Um­fang von fünf Jah­ren an­er­kannt, so dass er sich bei sei­nem neu­en Ar­beit­ge­ber 20 Jah­re lang ge­dul­den muss, bis er ei­nen Ur­laubs­an­spruch von sechs Wo­chen er­wirbt. Ins­ge­samt muss er in die­sem Bei­spiel für den Zu­satz­ur­laub Dienst­zei­ten von 35 Jah­ren zurück­le­gen, d.h. zehn Jah­re länger war­ten als ver­gleich­ba­re Kol­le­gen bei sei­nem neu­en Ar­beit­ge­ber.
Die­ser ur­laubs­recht­li­che Blei­be-An­reiz führt da­zu, dass auch Ar­beit­neh­mer, die aus dem Aus­land nach Öster­reich kom­men, schlech­ter fah­ren als ver­gleich­ba­re alt­ein­ge­ses­se­ne Kol­le­gen. Dar­aus er­gibt sich - zu­min­dest mit­tel­bar - ei­ne Be­nach­tei­li­gung von Ar­beit­neh­mern aus dem eu­ropäischen Aus­land.
Denn wenn ein EU-Ausländer zum Ar­bei­ten nach Öster­reich kommt, kann er in al­ler Re­gel kei­ne oder nur kur­ze Vor­dienst­zei­ten bei dem­sel­ben öster­rei­chi­schen Ar­beit­ge­ber vor­wei­sen. Das ist bei öster­rei­chi­schen Ar­beit­neh­mern an­ders, je­den­falls dann, wenn sie im­mer "brav" bei ih­rem Ar­beit­ge­ber ge­ar­bei­tet ha­ben.
Das verstößt mögli­cher­wei­se ge­gen Art.45 Abs.1 des Ver­trags über die Ar­beits­wei­se der Eu­ropäischen Uni­on (AEUV). Die­se Vor­schrift gewährt Ar­beit­neh­mern Freizügig­keit in­ner­halb der EU. Da­zu gehört gemäß Art.45 Abs.2 AEUV auch die
„Ab­schaf­fung je­der auf der Staats­an­gehörig­keit be­ru­hen­den un­ter­schied­li­chen Be­hand­lung der Ar­beit­neh­mer der Mit­glied­staa­ten in Be­zug auf Beschäfti­gung, Ent­loh­nung und sons­ti­ge Ar­beits­be­din­gun­gen“
Darüber hin­aus schreibt die Ver­ord­nung (EU) 492/2011 vom 05.04.2011 über die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der Uni­on in ih­rem Art.7 Fol­gen­des vor:
„Al­le Be­stim­mun­gen in Ta­rif- oder Ein­zel­ar­beits­verträgen oder sons­ti­gen Kol­lek­tiv­ver­ein­ba­run­gen be­tref­fend Zu­gang zur Beschäfti­gung, Ent­loh­nung und sons­ti­ge Ar­beits- und Kündi­gungs­be­din­gun­gen sind von Rechts we­gen nich­tig, so­weit sie für Ar­beit­neh­mer, die Staats­an­gehöri­ge an­de­rer Mit­glied­staa­ten sind, dis­kri­mi­nie­ren­de Be­din­gun­gen vor­se­hen oder zu­las­sen.“
Vor die­sem Hin­ter­grund fragt sich, ob die ur­laubs­recht­li­che Pri­vi­le­gie­rung von alt­ge­dien­ten Ar­beit­neh­mern mit ei­ner Be­triebs­zu­gehörig­keit von mehr als 25 Jah­ren bei dem­sel­ben öster­rei­chi­schen Ar­beit­ge­ber ge­gen das Eu­ro­pa­recht verstößt, kon­kret ge­gen Art.45 AEUV und/oder ge­gen Art.7 der Ver­ord­nung (EU) 492/2011.
Im Streit­fall lag ein Öster­rei­chi­sches Un­ter­neh­men der Tou­ris­mus­bran­che mit Sitz in Bad Schal­ler­bach mit sei­nem Be­triebs­rat darüber im Streit, ob der einwöchi­ge Zu­satz­ur­laub nach § 2 Abs.1 Satz 2 Ur­laubsG mögli­cher­wei­se auch sol­chen Ar­beit­neh­mern zu­steht, die ent­spre­chend lan­ge Vor­dienst­zei­ten bei Ar­beit­ge­bern im Aus­land vor­wei­sen konn­ten.
Der Be­triebs­rat zog vor Ge­richt und un­ter­lag mit sei­ner Kla­ge so­wohl in der ers­ten In­stanz vor dem Lan­des­ge­richt Wels als auch in der Be­ru­fungs­in­stanz vor dem Ober­lan­des­ge­richt Linz. Der in der Re­vi­si­on mit dem Fall be­fass­te Obers­te Ge­richts­hof setz­te dar­auf­hin das Ver­fah­ren aus und leg­te dem EuGH die Fra­ge vor, ob die mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung von Ar­beit­neh­mern mit lan­ger Dienst­zeit bei nicht-öster­rei­chi­schen Ar­beit­ge­bern mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist.
Der Ge­richts­hof wies die Rechts­auf­fas­sung des Be­triebs­rats zurück und ent­schied, dass ge­setz­li­che Pri­vi­le­gie­run­gen wie die hier um­strit­te­ne öster­rei­chi­sche Ur­laubs­re­ge­lung mit dem Eu­ro­pa­recht zu ver­ein­ba­ren sind.
Ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Staats­an­gehörig­keit lag da­bei oh­ne­hin (un­strei­tig) nicht vor, so dass es nur dar­auf an­kam, ob der Zu­satz­ur­laub zu ei­ner mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung ausländi­scher Ar­beit­neh­mer führen könn­te (Ur­teil, Rn.23, 24).
Das ist nach An­sicht des Ge­richts­hofs nicht der Fall. Da­bei legt der EuGH die all­ge­mei­ne In­ter­pre­ta­ti­on der strei­ti­gen Ge­set­zes­re­ge­lung zu­grun­de, der zu­fol­ge auch im Aus­land zurück­ge­leg­te Dienst­zei­ten an­spruchs­be­gründend sein können. Ge­gen ei­ne mit­tel­ba­re Ausländer­dis­kri­mi­nie­rung spricht ent­schei­dend, dass ja auch öster­rei­chi­sche Ar­beit­neh­mer oft den Ar­beit­ge­ber wech­seln (können): Es lie­gen kei­ne An­halts­punk­te dafür vor, dass öster­rei­chi­sche Ar­beit­neh­mer übli­cher­wei­se 25 Jah­re lang bei ih­rem Ar­beit­ge­ber blei­ben (Ur­teil, Rn.28).
Auch ei­nen Ver­s­toß ge­gen die Ar­beit­neh­mer­freizügig­keit woll­te der Ge­richts­hof nicht an­er­ken­nen (Ur­teil, Rn.37 bis 42). Denn das EU-Recht kann Ar­beit­neh­mern auf­grund der viel­fach be­ste­hen­den Un­ter­schie­de im Ar­beits- und So­zi­al­recht der Mit­glieds­staa­ten nicht ga­ran­tie­ren, dass sie bei ei­nem Wech­sel von ei­nem EU-Land in ein an­de­res dort die­sel­ben ar­beits- und so­zi­al­recht­li­chen Be­din­gun­gen vor­fin­den. Dies gilt so­wohl für öster­rei­chi­sche Ar­beit­neh­mer, die sich mit dem Ge­dan­ken tra­gen, ins Aus­land zu ge­hen, als auch für Ar­beit­neh­mer aus dem EU-Aus­land, die ei­ne Beschäfti­gung in Öster­reich in Erwägung zie­hen (Ur­teil, Rn.39).
Fa­zit: Der­zeit liegt ein Vor­la­ge­fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) beim EuGH, in dem es um die ta­rif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­ne fi­nan­zi­el­le Be­vor­zu­gung von Ar­beit­neh­mern im öffent­li­chen Dienst in­fol­ge der An­er­ken­nung von Be­rufs­er­fah­rung geht (BAG, Be­schluss vom 18.10.2018, 6 AZR 232/17 (A), wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/255 Be­rufs­er­fah­rung bei der TV-L-Stu­fen­zu­ord­nung auch im Aus­land?).
Auch hier stellt sich ei­ne ganz ähn­li­che Fra­ge, nämlich die, ob die ta­rif­li­che An­er­ken­nung von Vor­dienst­zei­ten bzw. Be­rufs­er­fah­run­gen bei dem­sel­ben (öffent­li­chen) Ar­beit­ge­ber ei­ne mit­tel­ba­re Ausländer­dis­kri­mi­nie­rung und/oder ei­ne Ver­let­zung der Ar­beit­neh­mer-Freizügig­keit dar­stellt. Die jetzt er­gan­ge­ne Ent­schei­dung des EuGH lässt ver­mu­ten, dass der Ge­richts­hof wahr­schein­lich auch die deut­schen ta­rif­ver­trag­li­chen Vor­schrif­ten ab­seg­nen wird.
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 13.03.2019, C-437/17 (Eu­ro­ther­men Bad Schal­ler­bach)
Ge­ne­ral­an­walt beim EuGH Hen­rik Saug­man­ds­gaard Øe, Schluss­anträge vom 25.07.2018, Rs. C-437/17
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 18.10.2018, 6 AZR 232/17 (A)
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 23.02.2017, 6 AZR 843/15
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 05.12.2013, C-514/12 (Salz­bur­ger Lan­des­kli­ni­ken)
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 18/219 Be­fris­tung bei der Stu­fen­zu­ord­nung gemäß TVöD (VKA)
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/212 Deut­sche Mit­be­stim­mung ist mit EU-Recht ver­ein­bar
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/063 Ta­rif­stu­fen im öffent­li­chen Dienst und Ausländer­dis­kri­mi­nie­rung
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/384 Jah­res­son­der­zah­lung gemäß § 20 TV-L setzt kei­ne naht­lo­se Beschäfti­gung vor­aus
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/197 Leis­tungs­ent­gelt gemäß § 18 TVöD
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/126 Ur­laub nach Al­ter ist ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung
In diesem 60-minütigen Webinar "Aktuelles Urlaubsrecht" werden die wesentlichen Änderungen im Urlaubsrecht besprochen, auf die sich Arbeitgeber infolge der neueren Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) und des Bundesarbeitsgerichts (BAG) einstellen müssen.
Die Teilnahmegebühr beträgt 67,00 EUR zzgl. USt. Weitere Anmelde-Informationen finden Sie hier.
Die Veranstaltung ist geeignet für Personalsachbearbeiter, Arbeitgeber, Personalleiter, Betriebsräte, Personalräte und Mitglieder einer kirchlichen Mitarbeitervertretung (MAV). Vorkenntnisse im Urlaubsrecht sind nicht erforderlich.
(Dienstag, 28.05.2019, 10:30 Uhr)
Donnerstag, 06.06.2019, 11:30 Uhr
19.10.2018. § 16 Abs.2 Satz 2 Ta­rif­ver­trag für den öf­fent­li­chen Dienst der Län­der (TV-L) pri­vi­le­giert Be­rufs­jah­re bei dem­sel­ben (deut­schen) Ar­beit­ge­ber. Das ver­stößt u.U. ge­gen das Eu­ro­pa­recht: ...