Source: http://www.hensche.de/Altersdiskriminierung_Berufserfahrung_Keine_Altersdiskriminierung_Nichtberuecksichtigung_Berufserfahrung_Altersdiskriminierung_EuGH_C-132-11.html
Timestamp: 2017-05-26 13:00:44
Document Index: 210111001

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

HENSCHE Arbeitsrecht: Altersdiskriminierung und Anerkennung von Berufserfahrung
ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/225
Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung und An­er­ken­nung von Be­rufs­er­fah­rung
Ei­ne ta­rif­li­che Hö­her­grup­pie­rung ist nicht al­ters­dis­kri­mi­nie­rend, wenn sie Be­rufs­er­fah­rung bei an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men nicht an­er­kennt: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 07.06.2012, C-132/11 (Ty­ro­le­an Air­ways)
EuGH: Be­rufs­er­fah­rung hängt vom Ein­stel­lungs­da­tum und nicht vom Al­ter ab
08.06.2012. Wer we­ni­ger Ge­halt be­kommt als an­de­re ver­gleich­ba­re Ar­beit­neh­mer mit ähn­lich lan­ger Be­rufs­er­fah­rung, fühlt sich mit gu­tem Grund un­ge­recht be­han­delt. Dann steht der Vor­wurf ei­nes Ver­sto­ßes ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz im Raum oder so­gar der Vor­wurf ei­ner ver­bo­te­nen Dis­kri­mi­nie­rung, falls die Schlech­ter­stel­lung dar­auf zu­rück­zu­füh­ren ist, dass man das "fal­sche" Al­ter oder Ge­schlecht oder die "fal­sche" eth­ni­sche Her­kunft hat.
Al­ler­dings liegt ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung nur vor, wenn die Schlech­ter­stel­lung tat­säch­lich "we­gen" des Al­ters oder Ge­schlechts usw. ein­tritt. In ei­nem aus Ös­ter­reich stam­men­den Fall muss­te der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) dar­über ent­schei­den, ob es ei­ne (mit­tel­ba­re) Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn Flug­be­glei­ter, die bei ver­schie­de­nen Air­lines des­sel­ben Kon­zerns an­ge­stellt sind, ei­ne ta­rif­li­che Hö­her­grup­pie­rung nur er­hal­ten, wenn sie die da­für er­for­der­li­chen Be­rufs­jah­re bei "ih­rer" Air­lines zu­rück­ge­legt ha­ben: EuGH, Ur­teil vom 07.06.2012, C-132/11 (Ty­ro­le­an Air­ways)
Mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch Ta­rif­vor­schrift, die Be­rufs­er­fah­rung bei an­de­rem Kon­zern­un­ter­neh­men nicht an­er­kennt?
EuGH: Ei­ne ta­rif­li­che Höher­grup­pie­rung ist nicht al­ters­dis­kri­mi­nie­rend, wenn sie Be­rufs­er­fah­rung bei an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men nicht an­er­kennt
Mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung durch Ta­rif­vor­schrift, die Be­rufs­er­fah­rung bei an­de­rem Kon­zern­un­ter­neh­men nicht an­er­kennt? Ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Le­bens­al­ters liegt z.B. vor, wenn Ar­beit­neh­mer un­ter 30 Jah­ren we­ni­ger Ur­laubs­ta­ge als älte­re Kol­le­gen er­hal­ten oder wenn bei der Be­rech­nung der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­fris­ten Be­rufs­jah­re erst ab dem 25. Le­bens­jahr zählen. Aber nicht nur sol­che kla­ren bzw. un­mit­tel­ba­ren Schlech­ter­stel­lun­gen we­gen des Al­ters sind ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, son­dern auch Be­nach­tei­li­gun­gen, die sich nur "mit­tel­bar" aus dem Al­ter er­ge­ben. So kann ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung mit­tel­bar al­ters­dis­kri­mi­nie­rend sein, wenn ei­ne Per­son mit min­des­tens 30 Jah­ren ein­schlägi­ger Be­rufs­er­fah­rung ge­sucht wird. Aber liegt ei­ne mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung auch vor, wenn ei­ne Ta­rif­vor­schrift die Be­rufs­jah­re bei an­de­rem Kon­zern­un­ter­neh­men nicht an­er­kannt und für ei­ne Höher­grup­pie­rung ver­langt, dass die Be­rufs­er­fah­rung beim Ar­beit­ge­ber-Un­ter­neh­men er­wor­ben wur­de? Hier könn­te man ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­in se­hen, dass ein 30jähri­ger Ar­beit­neh­mer, der von ei­nem zum an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men wech­selt, ei­ni­ge Jah­re schlech­ter ver­dient als ein eben­falls 30jähri­ger Kol­le­ge, der schon im­mer bei die­sem Kon­zern­un­ter­neh­men tätig war. Und erst nach ei­ni­gen Jah­ren, d.h. in höhe­rem Al­ter, kommt dann der hinüber­ge­wech­sel­te Ar­beit­neh­mer in den Ge­nuss der Höher­grup­pie­rung.
EuGH: Ei­ne ta­rif­li­che Höher­grup­pie­rung ist nicht al­ters­dis­kri­mi­nie­rend, wenn sie Be­rufs­er­fah­rung bei an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men nicht an­er­kennt In dem aus Öster­reich stam­men­den Vor­la­ge­fall stritt die Ty­ro­le­an Air­ways mit ih­rem Be­triebs­rat über die Fra­ge, wie ei­ne ta­rif­li­che Vor­schrift an­zu­wen­den sei, die den Flug­be­glei­tern nach drei Dienst­jah­ren im Un­ter­neh­men ei­ne Höher­grup­pie­rung bzw. bes­se­re Be­zah­lung be­scher­te. Nach dem Wort­laut der Re­ge­lung kam es auf das Ein­tritts­da­tum bei der Ty­ro­le­an Air­ways an, d.h. Dienst­jah­re bei der Mut­ter­ge­sell­schaft, der Aus­tri­an Air­lines, und dem Schwes­ter­un­te­neh­men Lau­da Air soll­ten kei­ne Rol­le spie­len. Der Be­triebs­rat be­wer­te­te das als Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung und zog vor Ge­richt. Nach­dem der Be­triebs­rat mit sei­ner Kla­ge in der ers­ten In­stanz Er­folg hat­te, leg­te das Lan­des­ge­richt Inns­bruck als Be­ru­fungs­ge­richt dem EuGH die Fra­ge vor, ob die Richt­li­nie 2000/78 ei­ner ta­rif­li­chen Vergütungs­re­ge­lung ent­ge­gen­steht, nach der nur die als Flug­be­glei­ter bei ei­ner be­stimm­ten Luft­li­nie ei­nes Kon­zerns er­wor­be­ne Be­rufs­er­fah­rung an­er­kannt wird, nicht aber die iden­ti­sche Er­fah­rung, die man bei ei­ner an­de­ren Luft­li­nie die­ses Kon­zerns er­wor­ben hat.
Der EuGH hat ent­schie­den, dass hier ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung nicht vor­liegt. Die strei­ti­ge Ta­rif­vor­schrift führt nämlich gar nicht zu ei­ner Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters, so der EuGH. In Wahr­heit liegt nur ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Ein­stel­lungs­da­tums vor, aber das Ein­stel­lungs­da­tum hat we­der un­mit­tel­bar noch mit­tel­bar et­was mit dem Al­ter zu tun oder mit ei­nem Er­eig­nis, das sich am Al­ter fest­macht. Dass die Ar­beit­neh­mer, die von der Aus­tri­an Air­lines oder der Lau­da Air zur Ty­ro­le­an Air­ways wech­seln, erst ein­mal drei Jah­re bei der Ty­ro­le­an Air­ways "nach­sit­zen" muss, ist dem­nach kei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung. Fa­zit: Die strei­ti­ge Ta­rif­klau­sel führt zu ei­ner sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­ten Schlech­ter­stel­lung von Ar­beit­neh­mer, die von ei­nem zum an­de­ren Kon­zern­un­ter­neh­men wech­seln, aber die­se Schlech­ter­stel­lung kann je­den tref­fen, ob er jung ist oder alt. Auch ein Ver­s­toß ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz liegt nicht vor, da der Ar­beit­ge­ber (die Ty­ro­le­an Air­ways) nur den für sie gel­ten­den Ta­rif­ver­trag um­setzt, d.h. ei­ner ta­rif­li­chen Pflicht Fol­ge leis­tet. Da­her liegt der Ball bei den Ta­rif­par­tei­en, d.h. den drei Kon­zern­un­ter­neh­men und der Ge­werk­schaft. Denn es ist zwar nicht recht­lich ge­bo­ten, aber ta­rif­po­li­tisch sinn­voll, sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­te Schlech­ter­stel­lun­gen von Ar­beit­neh­mern, die kon­zern­in­tern den Ar­beit­ge­ber wech­seln, zu be­sei­ti­gen. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 07.06.2012, C-132/11 (Ty­ro­le­an Air­ways)
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Pres­se­mit­tei­lung Nr.73/12 vom 07.06.2012
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/109 Meint "Jung­mak­ler" jun­ge Mak­ler oder Be­rufs­ein­stei­ger?