Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Betriebsrat_Ersatzmitglied_Sonderkuendigungsschutz_LAG_Duesseldorf_16Sa59-10.html
Timestamp: 2016-12-08 18:03:08
Document Index: 294560411

Matched Legal Cases: ['§ 78', '§ 119', '§ 15', '§ 626', '§ 103', '§ 25']

HENSCHE Arbeitsrecht: Sonderkündigungsschutz für Ersatzmitglieder eines Betriebsrates
02.09.2010. Er­satz­mit­glie­der ei­nes Be­triebs­ra­tes sind an­ders als Be­triebs­rats­mit­glie­der an sich in kei­ner Wei­se pri­vi­le­giert. Erst wenn sie in den Be­triebs­rat nach­rü­cken, steht ih­nen der ge­setz­li­che Son­der­kün­di­gungs­schutz zu, der die­ses oft kon­flikt­träch­ti­ge Eh­ren­amt recht­lich ab­si­chert. Was an sich nach ei­ner ein­fa­chen und nach­voll­zieh­ba­ren Re­ge­lung klingt, kann im Ein­zel­fall vie­le schwie­ri­ge Fra­gen auf­wer­fen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 26.04.2010, 16 Sa 59/10.
Wann und wie wird ein Ersatzmitglied zum Mitglied des Betriebsrates?
Der Be­triebs­rat ist ein Gre­mi­um, das aus Ar­beit­neh­mern be­steht, den Be­triebs­rats­mit­glie­dern, die ne­ben ih­rer "nor­ma­len" Ar­beit die In­ter­es­sen ih­rer Ar­beits­kol­le­gen wahr­neh­men müssen. Da ih­re Tätig­keit zwangsläufig zu Kon­flik­ten mit dem Ar­beit­ge­ber führt, wer­den Be­triebs­rats­mit­glie­der ge­setz­lich be­son­ders geschützt. Ne­ben ei­nem straf­be­wehr­ten Ver­bot der Be­nach­tei­li­gung (§§ 78 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG in Verb. mit § 119 Be­trVG) spielt der ge­setz­li­che Son­derkündi­gungs­schutz für Be­triebs­rats­mit­glie­der da­bei die wich­tigs­te Rol­le. Die­ser Son­derkündi­gungs­schutz sieht vor (§ 15 Abs.1 S.1 Kündi­gungs­schutz­ge­setz - KSchG), dass die or­dent­li­che Kündi­gung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glie­des im All­ge­mei­nen un­zulässig ist, es sei denn, dass der ge­sam­te Be­trieb ge­schlos­sen wer­den soll oder zu­min­dest die Be­triebs­ab­tei­lung, in der das Be­triebs­rats­mit­glied ge­ar­bei­tet hat (in die­sem Fall muss aber wei­ter­hin ei­ne Um­set­zung in ei­ne an­de­re Ab­tei­lung unmöglich sein). Da or­dent­li­che Kündi­gun­gen von Be­triebs­rats­mit­glie­dern da­her prak­tisch kaum je­mals "recht­lich dar­stell­bar" sind, muss der Ar­beit­ge­ber in der Re­gel zur außer­or­dent­li­chen ("frist­lo­sen") Kündi­gung grei­fen. Ei­ne sol­che Kündi­gung ist auch ge­genüber Be­triebs­rats­mit­glie­dern nicht aus­ge­schlos­sen, doch muss dafür ein wich­ti­ger Grund im Sin­ne von § 626 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) vor­lie­gen. Und darüber hin­aus muss der Be­triebs­rat als Gre­mi­um der ge­plan­ten außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ei­nes sei­ner Mit­glie­der gemäß § 103 Be­trVG aus­drück­lich zu­stim­men. Die­ser be­son­de­re Kündi­gungs­schutz zu­guns­ten von Be­triebs­rats­mit­glie­dern wirkt ab dem En­de der Amts­zeit ein Jahr lang nach und er­schwert während die­ser "Abkühlungs­pha­se" eben­falls ei­ne frist­lo­se Kündi­gung.
Ist ein Be­triebs­rats­mit­glied zeit­wei­lig oder dau­er­haft ver­hin­dert, dann tritt ein Er­satz­mit­glied an sei­ne Stel­le. Sein Na­me wird aus den nicht­gewähl­ten Ar­beit­neh­mern der­je­ni­gen Vor­schlags­lis­ten ent­nom­men, de­nen das be­trof­fe­ne or­dent­li­che Mit­glied an­gehört (§ 25 Be­trVG). Das Er­satz­mit­glied wird dann während der Dau­er der Ver­hin­de­rung des Mit­glieds - eben­falls - zum Be­triebs­rats­mit­glied und hat dem­zu­fol­ge den Son­derkündi­gungs­schutz von Be­triebs­rats­mit­glie­dern. Auf den ers­ten Blick scheint das ei­ne kla­re ge­setz­li­che Re­ge­lung zu sein. Aber wann ge­nau ist ein re­guläres Be­triebs­rats­mit­glied "zeit­wei­lig ver­hin­dert"? Sind gewähr­ter Ur­laub oder die Frei­stel­lung nach Kündi­gung Fälle ei­ner sol­chen Ver­hin­de­rung? Und wann ge­nau und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen tritt das Er­satz­mit­glied an die Stel­le des ver­hin­der­ten Mit­glieds in den Be­triebs­rat ein? Von der Ant­wort auf sol­che un­schein­ba­ren De­tail­fra­gen hängt oft die Ent­schei­dung darüber ab, ob ei­ne Kündi­gung wirk­sam ist oder nicht. Das zeigt ein ak­tu­el­ler Fall des Lan­des­ar­beits­ge­rich­tes (LAG) Düssel­dorf (Ur­teil vom 26.04.2010, 16 Sa 59/10).
Der Fall: Ersatzmitglied erhält Kündigung, während er ein Betriebsratsmitglied vertreten soll
Bei dem Be­klag­ten war am 15.04.2009 wie je­den Tag ei­ne Ker­nar­beits­zeit von 09:00 Uhr bis 15:00 Uhr an­ge­ord­net. Ab 06:00 Uhr konn­ten be­reits Ar­beits­zei­ten er­fasst wer­den. Der Kläger wur­de an die­sem Tag nicht zu Be­triebs­ratstätig­keit her­an­ge­zo­gen und nahm da­her re­gulär sei­ne Ar­beit auf. Ge­gen 08:00 Uhr wur­de von dem be­klag­ten Ar­beit­ge­ber ei­ne frist­lo­se Kündi­gung und so­for­ti­ge Frei­stel­lung los­ge­schickt, die den Kläger ge­gen 10:00 er­reich­te. Zwi­schen 10:55 Uhr und 13:00 Uhr rief die Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de das be­ur­laub­te Be­triebs­rats­mit­glied an und bat um Teil­nah­me an ei­nem Be­spre­chungs­ter­min um 16:00 Uhr. Um 13:30 Uhr gab es ei­ne Sit­zung anläss­lich der außer­or­dent­li­chen Kündung des Klägers. Er nahm an ihr nicht Teil, weil er als be­trof­fe­ner Ar­beit­neh­mer aus­ge­schlos­sen war. Der Kläger er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge und be­rief sich auf den Son­derkündi­gungs­schutz für Be­triebs­rats­mit­glie­der. Das Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal gab sei­ner Kla­ge statt (Ur­teil vom 24.11.2009, 7 Ca 1658/09). Der be­klag­te Ar­beit­ge­ber leg­te Be­ru­fung beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ein.
LAG Düsseldorf: Das Ersatzmitglied hat Sonderkündigungsschutz
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