Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/mord-politische-tatmotivation-3201107
Timestamp: 2020-08-08 07:18:17
Document Index: 8416178

Matched Legal Cases: ['Art.20', '§ 169', '§ 120', '§ 142', '§ 211', '§ 120', '§ 120', '§ 120', '§ 120', '§ 120', 'BGH', '§ 211', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Mord - und die politische Tatmotivation | Rechtslupe
Mord - und die politische Tatmotivation
Mord – und die poli­ti­sche Tat­mo­ti­va­ti­on
Eine poli­ti­sche Tat­mo­ti­va­ti­on ist jen­seits des Wider­stands­rechts aus Art.20 Abs. 4 GG nach all­ge­mei­ner sitt­li­cher Anschau­ung grund­sätz­lich ver­ach­tens­wert und steht auf tiefs­ter Stu­fe, da die bewuss­te Miss­ach­tung des Prin­zips der Gewalt­frei­heit der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung durch phy­si­sche Ver­nich­tung poli­ti­scher Geg­ner mit der Rechts­ord­nung schlicht­weg unver­ein­bar ist [1].
Die Tötung von des Kas­se­ler Regie­rungs­prä­si­den­ten hat­te einen poli­ti­schen Anlass und ein poli­ti­sches Ziel. Denn das Opfer wur­de wegen des­sen poli­ti­scher Über­zeu­gung und Betä­ti­gung als Regie­rungs­prä­si­dent des Regie­rungs­be­zirks Kas­sel getö­tet. Er soll­te so für die von ihm ver­tre­te­ne Linie in der Flücht­lings­po­li­tik abge­straft wer­den.
Die Straf­ge­richts­bar­keit des Bun­des und damit die Zustän­dig­keit des Ermitt­lungs­rich­ters des Bun­des­ge­richts­hofs für den Erlass der Haft­be­feh­le ergibt sich aus § 169 Abs. 1 StPO, § 120 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Buchst. a, § 142a Abs. 1 GVG.
Der Beschul­dig­te ist des Mor­des (§ 211 Abs. 2 StGB), mit­hin eines in § 120 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 GVG genann­ten Kata­log­de­likts, drin­gend ver­däch­tig.
Die Tat ist fer­ner nach den Umstän­den geeig­net, den Bestand oder die Sicher­heit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu beein­träch­ti­gen (§ 120 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Buchst. a GVG). Der spe­zi­fisch staats­ge­fähr­den­de Cha­rak­ter eines Kata­log­de­likts im Sin­ne von § 120 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Buchst. a GVG ist ins­be­son­de­re dann gege­ben, wenn die Tat der Feind­schaft des Täters gegen das frei­heit­lich­de­mo­kra­ti­sche Staatsund Gesell­schafts­sys­tem der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ent­springt und er sei­ne Opfer nur des­halb aus­wählt, weil sie die­ses Sys­tem als Amts­trä­ger oder in sons­ti­ger Wei­se reprä­sen­tie­ren, oder ohne jeden per­sön­li­chen Bezug ledig­lich des­halb angreift, weil sie Bür­ger oder Ein­woh­ner der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sind oder sich im Bun­des­ge­biet auf­hal­ten [2].
Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor, denn die Tat des Beschul­dig­ten beruht auf des­sen Ableh­nung des frei­heit­lich­de­mo­kra­ti­schen Staatsund Gesell­schafts­sys­tems der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Der Beschul­dig­te wähl­te sein Opfer aus, weil es die­se Ord­nung als Amts­trä­ger reprä­sen­tier­te und für eine bestimm­te, von dem Beschul­dig­ten abge­lehn­te Flücht­lings­po­li­tik ein­trat.
Die beson­de­re Bedeu­tung der Tat im Sin­ne von § 120 Abs. 2 Satz 1 GVG, die die Zustän­dig­keit des Bun­des und damit die Evo­ka­ti­ons­be­fug­nis des Gene­ral­bun­des­an­walts begrün­det, sieht der Bun­des­ge­richts­hof beim Mord an dem Kas­se­ler Regie­rungs­prä­si­den­ten eben­falls als gege­ben an:
Die beson­de­re Bedeu­tung im Sin­ne des § 120 Abs. 2 Satz 1 GVG ist grund­sätz­lich dann anzu­neh­men, wenn es sich bei der Tat unter Beach­tung des Aus­ma­ßes der ein­ge­tre­te­nen Rechts­guts­ver­let­zung um ein staats­ge­fähr­den­des Delikt von erheb­li­chem Gewicht han­delt, das die Schutz­gü­ter des Gesamt­staats in einer der­art spe­zi­fi­schen Wei­se angreift, dass ein Ein­schrei­ten des Gene­ral­bun­des­an­walts und eine Abur­tei­lung durch ein die Bun­des­ge­richts­bar­keit aus­üben­des Gericht gebo­ten ist. Die Beur­tei­lung der Bedeu­tung des Fal­les erfor­dert dabei eine Gesamt­wür­di­gung der Umstän­de und Aus­wir­kun­gen der Tat unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung ihres Angriffs auf das jeweils betrof­fe­ne Rechts­gut des Gesamt­staats, hier der inne­ren Sicher­heit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land [3]. Allein die Schwe­re der Tat und das Aus­maß der von ihr her­vor­ge­ru­fe­nen Beein­träch­ti­gung der geschütz­ten Rechts­gü­ter ver­mö­gen dabei für sich die beson­de­re Bedeu­tung nicht zu begrün­den; allen­falls kön­nen die kon­kre­te Tatund Schuld­schwe­re den Grad der Gefähr­dung bun­des­staat­li­cher Belan­ge mit­be­stim­men [4]. Bei der erfor­der­li­chen Gesamt­wür­di­gung sind neben dem indi­vi­du­el­len Schuldund Unrechts­ge­halt auch die kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen für die inne­re Sicher­heit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und ihr Erschei­nungs­bild gegen­über Staa­ten mit glei­chen Wert­vor­stel­lun­gen in den Blick zu neh­men. Zudem ist zu beach­ten, wel­che Signal­wir­kung von der Tat für poten­ti­el­le Nach­ah­mer aus­geht [5].
Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind erfüllt. Der Beschul­dig­te wähl­te den von ihm getö­te­ten Regie­rungs­prä­si­den­ten bewusst als Reprä­sen­tan­ten des Staa­tes aus und nahm des­sen Enga­ge­ment bei der Flücht­lings­un­ter­brin­gung im Regie­rungs­be­zirk Nord­hes­sen zum Anlass des Über­griffs. Für ihn war das Opfer eine Sym­bol­fi­gur für eine von ihm unge­woll­te, ver­hass­te Ent­wick­lung, die er bekämp­fen woll­te. Die Tat reiht sich in eine Serie bereits frü­her bekannt gewor­de­ner Straf­ta­ten zum Nach­teil von Per­so­nen ein, die mit Blick auf ihr Enga­ge­ment für Geflüch­te­te und deren Auf­ent­halt in Deutsch­land ein­ge­schüch­tert wer­den soll­ten. Sie ist mit­hin geeig­net, bei Poli­ti­kern und Bür­gern ein Kli­ma der Angst vor will­kür­li­chen und grund­lo­sen gewalt­sa­men Angrif­fen zu schaf­fen; ihr kommt damit über die Ver­let­zung indi­vi­du­el­ler Rechts­gü­ter hin­aus eine gesamt­staat­li­che Bedeu­tung zu. Die Tat ist über­dies geeig­net, eine erheb­li­che Gefahr für das Anse­hen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Aus­land zu begrün­den und Signal­wir­kung für Nach­ah­mungs­tä­ter aus­zu­lö­sen.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Janu­ar 2020 – AK 62/​19
vgl. BGH, Beschluss vom 02.05.2018 – 3 StR 355/​17, NStZ 2019, 342 Rn. 12; Münch­Komm-StGB/­Schnei­der, 3. Aufl., § 211 Rn. 93 f.[↩]
BGH, Urteil vom 22.12.2000 – 3 StR 378/​00, BGHSt 46, 238, 253 ff.; Beschluss vom 13.01.2009 – AK 20/​08, BGHSt 53, 128 Rn. 37[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 13.01.2009 – AK 20/​08, aaO; vom 22.09.2016 – AK 47/​16, Rn. 23[↩]
BGH, Beschluss vom 22.09.2016 – AK 47/​16, aaO mwN[↩]
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