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Timestamp: 2019-10-20 22:01:15
Document Index: 347250839

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 62', '§ 1', '§ 62', '§ 62', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 133', '§ 124', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 118', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 118']

Kin­der­geld – und der Nach­weis der unbe­schränk­ten Steu­er­pflicht | Rechtslupe
Kin­der­geld – und der Nach­weis der unbe­schränk­ten Steu­er­pflicht
Als Nach­weis für eine Behand­lung als unbe­schränkt steu­er­pflich­tig nach § 1 Abs. 3 EStG sind nur Beweis­mit­tel geeig­net, aus denen sich ergibt, dass für den betref­fen­den Anspruchs­zeit­raum bereits eine ent­spre­chen­de steu­er­li­che Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG durch das zustän­di­ge Finanz­amt vor­ge­nom­men wur­de. Beschei­ni­gun­gen des Finanz­amts, die schon vor Beginn des maß­geb­li­chen Ver­an­la­gungs­zeit­raums für eine unbe­grenz­ten Zeit­raum in der Zukunft aus­ge­stellt wer­den, sind kei­ne taug­li­chen Beweis­mit­tel.
Nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG hat Anspruch auf Kin­der­geld, wer nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs macht das Gesetz die Anspruchs­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG ‑anders als in den Fäl­len des § 62 Abs. 1 Nr. 1 und Nr. 2 Buchst. a EStG- von der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Behand­lung des Antrag­stel­lers abhän­gig 1. Eine Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG setzt daher vor­aus, dass das Finanz­amt in dem maß­geb­li­chen Ein­kom­men­steu­er­be­scheid dem Antrag des Steu­er­pflich­ti­gen ent­spro­chen und ihn dem­nach gemäß § 1 Abs. 3 EStG ver­an­lagt hat 2. Lässt sich eine Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG dem Steu­er­be­scheid nicht ein­deu­tig ent­neh­men, ist maß­ge­bend auf sei­nen durch Aus­le­gung (§§ 133, 157 BGB ana­log) zu ermit­teln­den objek­ti­ven Erklä­rungs­in­halt abzu­stel­len. Ein Ver­wal­tungs­akt wird gegen­über dem Betrof­fe­nen mit dem Inhalt wirk­sam, mit dem er bekannt­ge­ge­ben wird (§ 124 Abs. 1 Satz 2 AO). Bei der Aus­le­gung sind der erklär­te Wil­le der Behör­de und der sich dar­aus erge­ben­de objek­ti­ve Erklä­rungs­in­halt der Rege­lung, wie ihn der Betrof­fe­ne nach den ihm bekann­ten Umstän­den unter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben ver­ste­hen konn­te, ent­schei­dend. Es kön­nen auch außer­halb des Bescheids lie­gen­de Umstän­de zu berück­sich­ti­gen sein 3.
Als Nach­weis für eine Behand­lung als unbe­schränkt steu­er­pflich­tig nach § 1 Abs. 3 EStG sind nur Beweis­mit­tel geeig­net, aus denen sich ergibt, dass für den betref­fen­den Anspruchs­zeit­raum bereits eine ent­spre­chen­de steu­er­li­che Behand­lung nach § 1 Abs. 3 EStG durch das zustän­di­ge Finanz­amt vor­ge­nom­men wur­de. Da der nach § 1 Abs. 3 Satz 1 EStG erfor­der­li­che Antrag für jeden Ver­an­la­gungs­zeit­raum neu zu stel­len ist 4 ‑in der Regel nach des­sen Ablauf 5-, kann die vom Finanz­ge­richt her­an­ge­zo­ge­ne Beschei­ni­gung aus dem Jahr 2012 daher mög­li­cher­wei­se Aus­kunft dar­über geben, wie das Finanz­amt einen Steu­er­fall des Ver­an­la­gungs­zeit­raums 2011 behan­delt hat, nicht aber dar­über, ob es bei einem Steu­er­pflich­ti­gen in den Ver­an­la­gungs­zeit­räu­men 2013 und 2014 die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 3 EStG bejaht hat. Die frag­li­chen Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me hat­ten im Zeit­punkt der Ertei­lung der Beschei­ni­gung noch nicht ein­mal begon­nen. Damit ist es aus­ge­schlos­sen, dass das zustän­di­ge Finanz­amt für die­se Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me bereits einen auf § 1 Abs. 3 EStG gestütz­ten Ein­kom­men­steu­er­be­scheid erlas­sen oder den Steu­er­pflich­ti­gen ander­wei­tig nach § 1 Abs. 3 EStG behan­delt haben kann.
Dies galt in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall umso mehr, als die bis­lang getrof­fe­nen wei­te­ren Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt nicht dafür spre­chen, dass der Vater die Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 3 EStG im Streit­zeit­raum erfüllt hat. Denn dies wür­de nach § 1 Abs. 3 Satz 2 i.V.m. § 1a Abs. 1 Nr. 2 Satz 3 EStG vor­aus­set­zen, dass die Ein­künf­te des Vaters und sei­ner Ehe­frau zu 90 % der deut­schen Ein­kom­men­steu­er unter­le­gen haben. Das bedeu­tet zugleich, dass die der Ver­steue­rung in Groß­bri­tan­ni­en unter­lie­gen­den nicht­selb­stän­di­gen Ein­künf­te des Vaters maxi­mal 10 % der Welt­ein­künf­te der Ehe­leu­te umfasst haben dür­fen. Der Bun­des­fi­nanz­hof ist auch nicht nach § 118 Abs. 2 FGO an die abwei­chen­de Aus­le­gung der Beschei­ni­gung durch das Finanz­ge­richt gebun­den, da die Aus­le­gung des in einer Urkun­de Erklär­ten nicht zu den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen, son­dern zur Rechts­an­wen­dung gehört 6.
BFH, Urteil vom 24.05.2012 – III R 14/​10, BFHE 237, 239, BSt­Bl II 2012, 897, Rz 13 ff.[↩]
BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 59/​11, BFHE 242, 228, BSt­Bl II 2014, 843, Rz 46[↩]
BFH, Urteil in BFHE 242, 228, BSt­Bl II 2014, 843, Rz 46, m.w.N.[↩]
Tie­de in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 1 EStG Rz 255; Blümich/​Rauch, § 1 EStG Rz 261[↩]
Gosch in Kirch­hof, EStG, 16. Aufl., § 1 Rz 25[↩]
BFH, Urteil vom 06.05.2010 – IV R 52/​08, BFHE 229, 279, BSt­Bl II 2011, 261, Rz 15; Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 118 FGO Rz 213[↩]