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Timestamp: 2016-10-21 18:24:24
Document Index: 253476734

Matched Legal Cases: ['Art. 15', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 49', 'Art. 15', 'BGE', 'BGE', 'Art. 49', 'BGE', 'Art. 15', 'Art. 9', 'BGE', 'BGE', 'Art. 15', 'BGE', 'Art. 72', 'BGE', 'Art. 49', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 72']

129 I 687. Auszug aus dem Urteil der II. �ffentlichrechtlichen Abteilung i.S. A. gegen R�misch-katholische Kirchgemeinde B. sowie R�misch-katholische Landeskirche des Kantons Luzern (staatsrechtliche Beschwerde)
Art. 15 Cst., art. 72 Cst.; art. 9 CEDH; libert� de conscience et de croyance; sortie de la paroisse respectivement de l'Eglise officielle. Effets juridiques d'une d�claration exprimant la volont� de sortir uniquement de la paroisse respectivement de l'Eglise officielle, mais de continuer � faire partie de l'Eglise catholique romaine (sortie dite partielle de l'Eglise), � la lumi�re de la libert� de conscience et de croyance ainsi que de la r�glementation juridique dans le canton de Lucerne (consid. 3.1-3.4). Faits � partir de page 68
A.- A. ist in der luzernischen Gemeinde B. wohnhaft. Mit schriftlicher Eingabe vom 9. Dezember 2000 an den Kirchenrat der katholischen Kirchgemeinde B. mit dem Betreff "Partieller Kirchenaustritt" erkl�rte sie, aus der erw�hnten Kirchgemeinde auszutreten.BGE 129 I 68 S. 69
Gleichzeitig hielt sie aber fest, "dass dieser Austritt nur die Staatskirche des Kantons Luzern betrifft und nicht etwa die R�m.-Kath. Kirche, zu der ich mich als Katholikin nach wie vor zugeh�rig f�hle". Der Pr�sident des Kirchenrates antwortete am 21. Dezember 2000, ihre Mitgliedschaft in der Kirchgemeinde B. bestehe fort, nachdem sie sich nach wie vor zur r�misch-katholischen Kirche bekenne; ein "partieller Kirchenaustritt" sei aus rechtlichen Gr�nden nicht m�glich. Er verwies hiezu auf folgende Bestimmungen der Verfassung der r�misch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern vom 25. M�rz 1969 (im Folgenden: Kirchenverfassung/LU):
� 12 Katholikinnen und Katholiken
Wer nach kirchlicher Ordnung der r�misch-katholischen Kirche angeh�rt, gilt f�r Landeskirche und Kirchgemeinden als Katholikin oder Katholik, solange sie oder er dem zust�ndigen Kirchenrat am gesetzlich geregelten Wohnsitz nicht schriftlich erkl�rt hat, der r�misch-katholischen Konfession nicht mehr anzugeh�ren.
� 13 Mitgliedschaft
(2) Wer einer Kirchgemeinde angeh�rt, ist zugleich Mitglied der Landeskirche.
Im Anschluss daran wechselten A. und der Kirchenrat mehrfach Korrespondenz. Mit als "Gemeindebeschwerde" bezeichneter Rechtsschrift vom 31. Juli 2001 (Postaufgabe 2. August 2001) gelangte A. schliesslich erfolglos an den Synodalrat der r�misch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern mit dem Antrag festzustellen, "dass die Beschwerdef�hrerin mit Wirkung ab 10. Dezember 2000 nicht mehr Mitglied der R�misch-katholischen Kirchgemeinde B. ist".
1. Es sei der Entscheid der R�misch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern vom 19. Dezember 2001 aufzuheben.
2. Es sei festzustellen, dass die Beschwerdef�hrerin mit Wirkung ab Empfang der Austrittserkl�rung, d.h. ab 10. Dezember 2000, eventuell ab 21. Dezember 2000, nicht mehr Mitglied der R�misch-katholischen Kirchgemeinde B. ist.
Das Bundesgericht weist die staatsrechtliche Beschwerde ab, soweit es darauf eintritt.BGE 129 I 68 S. 70
3. 3.1 Die Beschwerdef�hrerin macht im Wesentlichen geltend, die Kirchenbeh�rden w�rden von ihr "eine Erkl�rung betreffend Austritt aus der Konfession" verlangen, sie solle "ihren Glauben verleugnen". Ein solches Begehren sei ein "Anti-Bekenntnis". Dies d�rfe von ihr aber nicht verlangt werden, denn es sei "eine Form des Glaubensabfalls und aus christlicher Sicht verboten". Nach kanonischem Recht sei ein Austritt "aus der Kirche Jesu Christi nicht m�glich, nicht einmal mit einer schriftlichen Erkl�rung". Letztlich w�rden die Kirchenbeh�rden von ihr also etwas Unm�gliches fordern. Dadurch werde die Glaubens- und Gewissensfreiheit verletzt.
3.2 Das Bundesgericht hat sich bisher nicht ausdr�cklich zu der hier interessierenden Frage ge�ussert. Immerhin hat es bereits in BGE 2 S. 388 festgehalten und darauf auch in einem neueren Urteil vom 19. April 2002 (BGE 128 I 317 E. 2.2.2 S. 322) Bezug genommen, dass Art. 49 aBV nur von "Religionsgenossenschaften" (Art. 15 BV von "Religionsgemeinschaft") spricht und dass die Befreiung von den Kirchensteuern den Austritt aus der Religionsgenossenschaft selbst bedingt, wohingegen der Austritt aus der Kirchgemeinde allein nicht gen�gt (BGE 2 S. 388 E. 5 S. 396). In BGE 34 I 41 hat es sodann eine kantonale Regelung, die f�r die steuerrechtliche Anerkennung einen Austritt nicht nur aus der Kirchgemeinde, sondern aus der Landeskirche oder Religionsgenossenschaft �berhaupt forderte, als nicht gegen Art. 49 aBV verstossend betrachtet (E. 11 und 12 S. 52 f.).
3.3 Die Doktrin ist gespalten: die M�glichkeit eines sog. partiellen Kirchenaustritts wird teilweise bejaht (vgl. in diesem Sinne MARTIN GRICHTING, Kirche oder Kirchenwesen?, Diss. Freiburg 1997, S. 185 ff.; DIETER KRAUS, Schweizerisches Staatskirchenrecht, Diss. T�bingen 1993, S. 93 f.; FELIX HAFNER, Kirchen im Kontext der Grund- und Menschenrechte, Habilitationsschrift Basel 1991, S. 339, Fn. 171; PETER KARLEN, Das Grundrecht der Religionsfreiheit in der Schweiz, Diss. Z�rich 1988, S. 338 f.; JOHANNES GEORG FUCHS, Zugeh�rigkeit zu den Schweizer evangelisch-reformierten Volkskirchen, in: Louis Carlen [Hrsg.], Austritt aus der Kirche, 1982, S. 183 ff., insbes. S. 187; HANS SCHMID, Die rechtliche Stellung der r�misch-katholischen Kirche im Kanton Z�rich, Diss. Z�rich 1973, S. 235; FRITZ ROHR, Organisation und rechtliche Stellung der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde des Kantons BGE 129 I 68 S. 71Aargau, Diss. Z�rich 1951, S. 94); zum Teil wird sie abgelehnt (URS JOSEF CAVELTI, Kirchenrecht im demokratischen Umfeld, 1999, S. 188 f.; ders., Der Kirchenaustritt nach staatlichem Recht, in: Louis Carlen [Hrsg.], a.a.O., S. 91; ADRIAN LORETAN, Die Konzilserkl�rung �ber die Religionsfreiheit - oder ist der Kirchenaustritt Privatsache?, in: Pastoralsoziologisches Institut [Hrsg.], Jenseits der Kirchen, 1998, S. 125 ff.; GIUSEP NAY, Leitlinien der neueren Praxis des Bundesgerichts zur Religionsfreiheit, in: Ren� Pahud de Mortanges, Religi�se Minderheiten und Recht, 1998, S. 37 f.; EUGEN ISELE, Die Gliedschaft in der Kirche und die Mitgliedschaft in der Kirchgemeinde, Rechtsgutachten, Freiburg 1971; HEINZ BACHTLER, Rechtsgutachten �ber die Auslegung von � 4 des Gesetzes �ber das katholische Kirchenwesen vom 7. Juli 1963, in: Informationsblatt f�r die katholischen Kirchgemeinden des Kantons Z�rich, Heft 3, Z�rich 1971, S. 25 ff., insbes. S. 39; HANS BEAT NOSER, Pfarrei und Kirchgemeinde, 1957, S. 131; ALOIS SCHWEGLER, Die Kirchgemeinde im Kanton Luzern, Diss. Freiburg 1935, S. 77 f.; ULRICH LAMPERT, Kirche und Staat in der Schweiz, Bd. I, 1929, S. 331; wohl auch WALTHER BURCKHARDT, Kommentar der schweizerischen Bundesverfassung, 3. Aufl., 1931, S. 454).
3.4 Die in Art. 15 BV und Art. 9 EMRK garantierte Glaubens- und Gewissensfreiheit umfasst unter anderem das Recht, die Religion frei zu w�hlen, einer Religionsgemeinschaft beizutreten, anzugeh�ren, aus ihr aber auch jederzeit auszutreten (vgl. BGE 125 I 347 E. 3a S. 354; BGE 104 Ia 79 E. 3 S. 84; URS JOSEF CAVELTI, in: Bernhard Ehrenzeller/Philippe Mastronardi/Rainer J. Schweizer/Klaus A. Vallender [Hrsg.], Die Schweizerische Bundesverfassung, 2002, N. 28-30 zu Art. 15 BV; MARK E. VILLIGER, Handbuch der Europ�ischen Menschenrechtskonvention, 2. Aufl., 1999, S. 383, N. 594 f.). � 2 der Staatsverfassung des Kantons Luzern vom 29. Januar 1875, der f�r die Glaubens- und Gewissensfreiheit auf die Bundesverfassung verweist, hat keinen weiter gehenden Inhalt. Die von den kantonalen Kirchenbeh�rden mit Blick auf die Kirchenverfassung/LU vertretene Position respektiert diese Freiheit. Der Beschwerdef�hrerin steht es n�mlich frei, der r�misch-katholischen Religionsgemeinschaft weiterhin anzugeh�ren oder aus ihr auszutreten. Von der Beschwerdef�hrerin wird nicht verlangt, dass sie sich gegen die r�misch-katholische Religion ausspricht ("Anti-Bekenntnis"). Bekennt sie sich aber zu dieser Religionsgemeinschaft, die im Kanton Luzern als �ffentlichrechtliche Institution anerkannt ist, ist sie auch an die insoweit vorgesehene Organisation gebunden. Denn BGE 129 I 68 S. 72nach dem schweizerischen Verfassungsverst�ndnis k�nnen die Kantone gest�tzt auf Art. 72 Abs. 1 BV die Organisation und die Mitgliedschaft in den von ihnen anerkannten Kirchen regeln (vgl. BGE 120 Ia 194 E. 2c S. 201; WILLY SPIELER, Staatskirchenrecht als Kirchennotrecht, in: Dietmar Mieth/Ren� Pahud de Mortanges [Hrsg.], Recht - Ethik - Religion, Festgabe zum 60. Geburtstag von Giusep Nay, 2002, S. 73 ff.; ADRIAN HUNGERB�HLER/MICHEL F�RAUD, Rechtsprechung der Verfassungsgerichte im Bereich der Bekenntnisfreiheit, in: Constitutional jurisprudence, XI. Konferenz der Europ�ischen Verfassungsgerichte, Warschau 2000, S. 821; ULRICH H�FELIN, Kommentar zur Bundesverfassung, N. 23 zu Art. 49 aBV; UELI FRIEDERICH, Kirchen und Glaubensgemeinschaften im pluralistischen Staat, Diss. Bern 1993, S. 374 ff.; DIETER KRAUS, a.a.O., S. 367 ff., insbes. S. 368 und 404 f.; ders., Die Kirchgemeinde in der Rechtsprechung des schweizerischen Bundesgerichts, in: Urban Fink/Ren� Zihlmann [Hrsg.], Kirche, Kultur, Kommunikation, Peter Henrici zum 70. Geburtstag, 1998, S. 579). Dies ist hier durch das Luzerner Gesetz vom 21. Dezember 1964 �ber die Kirchenverfassung (als Rahmengesetz) sowie durch die vom Grossen Rat des Kantons Luzern genehmigte Kirchenverfassung/LU geschehen. Die Kirchenverfassung/LU (�� 12 und 13) verkn�pft f�r die im Kanton Luzern wohnhaften Personen das Bekenntnis zur r�misch-katholischen Religionsgemeinschaft bzw. Konfession mit der Mitgliedschaft in der r�misch-katholischen Landeskirche und der entsprechenden Kirchgemeinde (sog. Nexus). Eine solche Verkn�pfung ist verfassungsrechtlich zwar nicht geboten; der Kanton kann das Verh�ltnis zwischen kirchlichen K�rperschaften des �ffentlichen Rechts und Religionsgemeinschaft auch dualistisch regeln. Der Nexus, eine Regelung, die die Zugeh�rigkeit zur Religionsgemeinschaft und zu ihren lokalen Verb�nden als Einheit betrachtet, ist aber grunds�tzlich zul�ssig. Dies muss jedenfalls solange gelten, als die Organe der Religionsgemeinschaft eine Verkn�pfung nicht ablehnen, sondern sie - allenfalls stillschweigend - akzeptieren, wovon hier auszugehen ist. Es w�re auch in gewissem Sinne widerspr�chlich, der Kirchgemeinde seines Wohnsitzes nicht angeh�ren zu wollen, wohl aber der entsprechenden kirchlichen Dachorganisation. Denn beiden ist das gleiche Bekenntnis eigen, und die Organe vor Ort sind zugleich Organe der Dachorganisation bzw. handeln in ihrem Interesse und Auftrag. Pers�nliche Konflikte verleihen noch nicht von Verfassungs wegen das Recht, aus einem Verband nur teilweise auszutreten; das gilt im Bereich der Glaubens- und Gewissensfreiheit BGE 129 I 68 S. 73nicht anders als in anderen Grundrechtsbereichen. Auch unter Gesichtspunkten des Rechtsmissbrauchs w�re nur schwer zu rechtfertigen, weshalb eine aus der Kirchgemeinde und der Landeskirche ausgetretene Person weiterhin die Dienste der Kirchenorgane beanspruchen k�nnen sollte, nachdem sie mit ihrem Austritt bewirkt hat, dass sie an diese Leistungen nichts mehr beizusteuern hat (vgl. BGE 10 S. 320 E. 3 S. 324). Ein verfassungsrechtlicher Schutz f�r solches Verhalten erscheint jedenfalls nicht als geboten. Es ist weder von der Beschwerdef�hrerin dargelegt worden noch ersichtlich, dass das im Kanton Luzern geregelte Mitgliedschaftsverh�ltnis die Beschwerdef�hrerin in ihrem Bekenntnis und ihrer Religionsaus�bung in unzul�ssiger Weise beeintr�chtigen w�rde. Wenn die Beschwerdef�hrerin den in BGE 104 Ia 79 publizierten Entscheid des Bundesgerichts anf�hrt, ist ihr entgegenzuhalten, dass es dort nur um Formalit�ten des Kirchenaustritts ging; zum partiellen Kirchenaustritt hatte sich das Bundesgericht nicht ge�ussert. Soweit es schliesslich um das Recht geht, seine religi�se �berzeugung zu verschweigen, verzichtet eine f�rmlich den Austritt aus den lokalen kirchlichen K�rperschaften erkl�rende Person von sich aus auf absolute Geheimhaltung; der Austritt ohne derartige Erkl�rung ist im System der Mitgliedschaftspr�sumption, welches das Bundesgericht seit langem anerkannt hat (vgl. BGE 31 I 81 E. 2 S. 88; BGE 55 I 113 E. 2 S. 126; Urteil vom 14. November 1978, ZBl 80/1979 S. 78 ff. E. 2), gar nicht m�glich. Gewiss kann die Person von den Beh�rden nicht verpflichtet werden, auch eine Austrittserkl�rung bez�glich der Religionsgemeinschaft abzugeben. Es ist jedoch auf dem Boden von rechtlichen Grundlagen wie den im Kanton Luzern geltenden auch nicht verfassungswidrig, wenn die Beh�rden eine Austrittserkl�rung wie die vorliegende als unvollst�ndig und damit unbeachtlich betrachten (vgl. BGE 52 I 108 E. 3 S. 118 f.).
art. 72 Cst. suite... ,
Art. 72 Abs. 1 BV