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Timestamp: 2017-11-19 12:16:24
Document Index: 101327066

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 6', '§ 5', '§ 6', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 247', '§ 254', '§ 273', '§ 279', '§ 280', '§ 281', '§ 248', '§ 268', '§ 5', '§ 248', '§ 5', '§ 248', '§ 268', '§ 243', '§ 10', '§ 10', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 243', '§ 5', '§ 243', '§ 10', '§ 243']

Reichweite des Maßgeblichkeitsprinzips nach BilMoG. Abschaffung ... | Hausarbeiten publizieren
II Sinn und Zweck der Maßgeblichkeit
1. Die handelsrechtlichen GoB als Grundlage der Maßgeblichkeit
2. Begründung der Maßgeblichkeit
a) Vereinfachungsgedanke durch die Einheitsbilanz
b) Grundgedanke der Teilhaberthese
III Die Inhalte des Maßgeblichkeitsprinzips
1. Reichweite der materiellen Maßgeblichkeit
2. Die formelle Maßgeblichkeit
3. Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit
IV Beurteilung verschiedener Einzelsachverhalte
1. Ansatz selbstgeschaffener immaterieller Vermögensgegenstände
2. Die Rückstellungsbewertung in Handels- und Steuerbilanz
V Thesenförmige Zusammenfassung
Verzeichnis zitierter Gesetze
"Der Maßgeblichkeit der Handelsbilanz droht Gefahr"[1], darauf wies Georg Döllerer bereits mit einem Artikel aus dem Jahre 1971 hin. Adolf Moxter griff die Thematik 1997 erneut auf und versuchte darauf aufmerksam zu machen, dass die Maßgeblichkeit der Handelsbilanz für die Steuerbilanz aufgrund einer sich abzeichnenden Orientierung an der Informationsaufgabe, statt an der Bemessung von Gewinnansprüchen, künftig nicht mehr für die Besteuerung maßgeblich sein könnte.[2]
Die Kontroversen bezüglich des Maßgeblichkeitsprinzips, welches in § 5 Abs. 1 Satz 1 EStG verankert ist und die steuerliche Gewinnermittlung an die handelsrechtlichen Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung (GoB) anlehnt, sind nicht erst mit dem Inkrafttreten des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG) entstanden, sondern bereits viele Jahre eher. Aufgrund sich ändernder Gesetze, verschiedenen Vorschlägen für eine steuerliche Gewinnermittlung und nicht zuletzt wegen der zunehmenden "Internationalisierung des deutschen Handelsbilanzrechts"[3], geriet das Maßgeblichkeitsprinzip im Laufe der Zeit öfter in den Mittelpunkt verschiedenster Diskussionen.
Mit dem Inkrafttreten des BilMoG am 29.05.2009, welches den handelsrechtlichen Jahresabschluss stärker an die International Financial Reporting Standards (IFRS) anlehnte und allgemein eine den IFRS gleichwertige und kostengünstigere Lösung schaffen sollte[4], wurde auch der § 5 Abs. 1 EStG vom Gesetzgeber neu gestaltet. Infolgedessen wurde beispielsweise die umgekehrte und formelle Maßgeblichkeit abgeschafft, was weitreichende Folgen für das Zusammenwirken der Bilanzen nach sich zog.[5] Darüber hinaus impliziert der neu hinzugefügte Wahlrechtsvorbehalt des § 5 Abs. 1 Satz 1 HS. 2 EStG, dass die handelsrechtlichen GoB zwar maßgebend für die steuerliche Gewinnermittlung sind, es jedoch zu einer Wahlrechtsausübung in der Steuerbilanz kommen kann, was einen anderer Ansatz relevant werden lässt als in der Handelsbilanz.[6]
Aufgrund dieses Wahlrechtes ist es beispielsweise zulässig, unabhängig von der Handelsbilanz, Teilwertabschreibungen auszuüben[7] oder steuerfreie Rücklagen nach § 6b EStG zu bilden[8], was zu weitreichenden Differenzen in der Steuer- und Handelsbilanz führt. Gleichzeitig nimmt aufgrund der dadurch entstehenden verschiedenen Wertansätze die Notwendigkeit der Abgrenzung von latenten Steuern erheblich zu, was das unmittelbare Zusammenwirken der Bilanzen betrifft.[9] Verschiedene Aktivierungsgebote bzw. -verbote in beiden Bilanzen, z. B. bei der Bildung von Drohverlustrückstellungen[10] oder bei dem Ansetzen von selbsterstellten immateriellen Wirtschaftsgütern[11], erschweren die gemeinsame Gewinnermittlung im Rahmen einer möglichen Einheitsbilanz. Und obwohl beide Bilanzen demselben Zweck der Gewinnermittlung dienen[12] und der Gesetzgeber das Maßgeblich-keitsprinzip als "mittelstandsfreundlichen Eckpfeiler des Bilanzrechts"[13] ansieht, ist die Tendenz des Auseinanderfallens von der Steuer- und Handelsbilanz[14] nach dem Inkrafttreten des BilMoG deutlich bemerkbar.
Erste Vorläufer des Grundsatzes der Maßgeblichkeit fanden bereits 1874 Einzug in einzelne Gesetze der Länder, knüpften allerdings zunächst nur allgemein an die handelsrechtlichen Regelungen an.[15] Ab 1925 waren die handelsrechtlichen GoB maßgebend für die steuerliche Gewinnermittlung und seit dem Steuerneuordnungs-gesetz (StNOG) von 1954 findet sich die noch heute oft verwendete Formulierung der steuerrechtlichen Bindung an die "handelsrechtlichen Grundsätze ordnungs-mäßiger Buchführung"[16] in der Literatur wieder.[17]
Die handelsrechtlichen GoB gelten gleichermaßen für alle Kaufleute[18] und die sich darauf beziehende Maßgeblichkeit erstreckt sich auf alle Gewerbetreibenden[19]. Die GoB differenzieren sich in Ausschüttungsbemessungsnormen und Informations-normen, wobei erstere sich z. B. durch den Grundsatz der vorsichtigen Bilanzierung und das Gläubigerschutzprinzip kennzeichnen und letztere durch die Informations-funktion bzw. den True and Fair View der Vermögens- Finanz- und Ertragslage des Unternehmens.[20] In einem Konfliktfall ist der Ausschüttungsbemessungsfunktion jedoch ein Vorrang einzuräumen, was zu Informationsverzerrungen führt, die schließlich im Anhang zu erklären sind.[21] In Folge der zunehmenden "Internationalisierung des Handelsbilanzrechts"[22] und zuletzt wegen des BilMoG, welches das Handelsbilanzrecht mehr an die informationsbasierenden IFRS anlehnt[23], gerät das für die vorsichtige Gewinnermittlung bedeutende Vorsichts-prinzip[24] zugunsten der Informationsfunktion immer weiter in den Hintergrund[25]. Trotzdem behielten die GoB weiterhin ihre Gültigkeit und es traten lediglich punktuelle veränderte Gewichtungen auf.[26] Als nachhaltige Folge des Einflusses der internationalen Rechnungslegung auf das deutsche Handelsbilanzrecht, ist es nun eine Frage der Zeit, ob eine Neuorientierung der steuerlichen Gewinnermittlung künftig in Betracht gezogen wird[27], da diese lediglich der Steuerbemessung für den Fiskus dienen soll und keine Bedürfnisse einer Informationsfunktion erfüllen muss[28]. Daher ist zu prüfen, ob durch das BilMoG die steuerliche Leistungsfähigkeit der Kaufleute noch ermittelt werden kann[29], da der Gesetzgeber mit der geschaffenen eigenständigen Steuerbilanzpolitik einen ersten Schritt in die Richtung einer unabhängigen Steuerbilanz ging[30], die GoB jedoch noch immer maßgebend für die steuerliche Gewinnermittlung sind[31].
Das Erstellen einer möglichen Einheitsbilanz wurde ursprünglich in dem Zusammenhang eines Vereinfachungsgedankens im deutschen Bilanzrecht implementiert, welcher im Zuge neuerer Rechtsentwicklungen allerdings erheblich abgeschwächt wurde.[32] Dieser Vereinfachungsgedanke in Form der Einheitsbilanz bringt einige Vorteile mit sich, von welchen besonders mittelständische Betriebe profitieren können, da diese vermehrt die Kriterien, nur eine Bilanz erstellen zu müssen, erfüllen.[33] Daher sind viele Klein- und Mittelbetriebe an einer Aufrecht-erhaltung der Möglichkeit zur Erstellung einer Einheitsbilanz (Handelsbilanz = Steuerbilanz) interessiert, da so eine einzige Bilanz den Zweck des Handels- und des Steuerbilanzrechts erfüllt[34], was den Vorteil einer Aufwandsminimierung nach sich zieht[35]. Darüber hinaus erfüllt eine sich mit der Steuerbilanz gleichende Handelsbilanz die Aufgaben der Handelsbilanz besser, da eine Unterbewertung durch stille Reserven in der Steuerbilanz, anders als in der Handelsbilanz, nicht möglich ist[36] und die Steuerbilanz daher "der Wahrheit näher"[37] kommt. Größere Unternehmen, wie Aktiengesellschaften oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung, haben in den meisten Fällen zwingend zwei Bilanzen zu erstellen und können somit keine Einheitsbilanz verwirklichen.[38]
Aufgrund der Neugestaltungen durch das BilMoG im Jahre 2009 ist es oft nicht mehr möglich eine Einheitsbilanz umzusetzen[39], obwohl das Maßgeblichkeitsprinzip de jure noch Bestand hat[40]. Schuld daran ist der umgesetzte Kompromiss zwischen einer angestrebten Steuerneutralität in Kombination mit dem Erhalt der Maßgeblichkeit und der Weiterentwicklung des Handelsbilanzrechts, was sehr zu Lasten der Einheitsbilanz ausfiel.[41] Dieser Kompromiss äußert sich beispielsweise in mehreren neuen Wahlrechten, die nach § 5 Abs. 1 Satz 1 HS. 2 EStG unabhängig von der Handelsbilanz ausgeführt werden dürfen.[42] Dabei kann es in diesem Zusammenhang zu Durchbrechungen oder Einschränkungen des Maßgeblichkeitsprinzips sowie zu fehlender Maßgeblichkeit kommen[43], was zwangsläufig zu verschiedenen Wert-ansätzen in beiden Bilanzen führt[44] und die Erstellung einer Einheitsbilanz nur noch in Ausnahmefällen ermöglicht[45]. Auch die Vereinfachungsgründe sind aufgrund "der Verselbstständigung der Steuerbilanzpolitik"[46] und des damit im Zusammenhang auftretenden "Auseinanderdriftens"[47] beider Bilanzen nicht mehr tragbar[48]. Zuletzt ist anzumerken, dass mit dem BilMoG deutlich zu spüren ist, dass der Gesetzgeber den Vereinfachungsgedanken und die Einheitsbilanz aufgegeben hat.[49]
Ein weiterer sehr wesentlicher Vorteil der Maßgeblichkeit liegt nach Ansicht Döllerers in der Rolle des Fiskus als "stiller Teilhaber", welcher mit den Anteilseignern eines Unternehmens gleichgesetzt werden muss und ebenfalls nur von dem Gewinn und nicht den Gewinnerwartungen partizipieren darf.[50] Dies ist auch gleichzeitig einer der am häufigsten genannten Aspekte zur Rechtfertigung des Vorsichtsprinzips bei der steuerlichen Gewinnermittlung.[51] Das Anwenden der handelsrechtlichen GoB in der Steuerbilanz soll u. a. durch das Wirken des Vorsichtsprinzips eine übermäßige Besteuerung der Unternehmen verhindern.[52] Wäre dieses Konzept nicht mehr wirksam und eine formale Abspaltung der Steuerbilanz vollzogen, könnte dies eine sachliche Trennung nach sich ziehen, was extrem verschärfte steuerliche Konsequenzen als Folge haben könnte.[53]
Kritiker der Maßgeblichkeit entgegnen allerdings, dass durch das Vorsichtsprinzip willkürliche Gewinnkürzungen in der Steuerbilanz möglich sind, wodurch Steuer-zahlungen der Höhe nach geringer ausfallen können.[54] Außerdem soll es nicht möglich sein höhere Steuerbelastungen durch die Maßgeblichkeit einzudämmen, da der Gesetzgeber jederzeit durch Gesetzesänderungen die Besteuerung der Unter-nehmen verschärfen kann, ohne die Maßgeblichkeit abzuschaffen.[55] Aufgrund des Inkrafttretens des BilMoG und dem im Handelsbilanzrecht stärker implementierten Informationsbezug, der zulasten des Vorsichtsprinzips erreicht wurde[56], unterlag auch die Teilhaberthese einem Gültigkeitswandel[57]. Der Teilhabergedanke geht davon aus, dass der handelsbilanzielle Zweck in der Zahlungsbemessungsfunktion liegt, welcher jedoch durch das BilMoG einer stärkeren Infiltration der Informations-funktion unterlag.[58] Dies kann zu einem problematischen Zielkonflikt führen, da die Zahlungsbemessungsfunktion auf einer im abgelaufenen Geschäftsjahr beruhenden wirtschaftlichen Vermögensmehrung basiert, wohingegen bei der Informations-funktion eher zukünftige Angaben über die Unternehmensentwicklung getroffen werden.[59] Weiterhin lässt die Möglichkeit von GoB inkonformen autonomen steuerlichen Wahlrechten Gebrauch zu machen, die Teilhaberthese keinen Bestand mehr haben[60], da bspw. durch Anwendung von § 6b EStG die Unternehmen ihre Gewinne ausschütten können, ohne dass der Staat darauf zugreifen kann[61]. Der erwähnte fiskalische Schutz vor Steuererhöhungen, auf welchen sich die Teil-haberthese bezieht, wurde bereits vor dem Inkrafttreten des BilMoG weitestgehend entkräftet, da der Staat die Gesetzgebung verändern kann, sodass die Maßgeblichkeit als "Schutzwall längst versagt"[62] hat. Abschließend bleibt anzumerken, dass der Wegfall der steuerlichen Wahlrechtsausübung in der Handelsbilanz und die voll-zogene "Abschottung des Steuerrechts von der Fortentwicklung des Handelsrechts im Zuge des BilMoG"[63] hauptsächlich für das Aufheben der Teilhaberthese verantwortlich waren[64], da die angestrebte Gleichstellung von Fiskus und Anteils-eigener nicht mehr gewährleistet werden kann.
Die materielle Maßgeblichkeit, welche noch in § 5 Abs. 1 Satz 1 EStG verankert ist, ergibt sich aus der abstrakten Vereinbarkeit der handelsrechtlichen GoB für die Steuerbilanz, wobei konkrete Wertansätze der Handelsbilanz unwichtig sind.[65] Dabei gilt die materielle Maßgeblichkeit für jeden einzelnen Bilanzposten der Aktiv- und Passivseite und ist für die Bilanzansätze dem Grunde nach und deren Bewertung verantwortlich.[66] Unter Einhaltung der materiellen Maßgeblichkeit ist es auch zulässig in beiden Bilanzen unterschiedliche Bilanzierungs- und Bewertungs-wahlrechte, mit der Inkaufnahme eines möglichen Auseinanderfallens der Bilanzen, auszuüben.[67]
Mit dem BilMoG hielt der Gesetzgeber weitestgehend an dieser Regelung fest, räumte den steuerlichen Wahlrechten jedoch zugleich einen Vorrang ein, sodass gem. § 5 Abs. 1 Satz 1 HS. 2 EStG nun auch andere Ansätze in der Steuerbilanz gewählt werden können als in der Handelsbilanz.[68] Dies ermöglicht eine von der Handelsbilanz losgelöste, nicht zwingend GoB - konforme flexiblere Steuer-bilanzpolitik.[69] Unter den, nach BilMoG begünstigten steuerlichen Wahlrechts-ausübungen, leidet die Reichweite der materiellen Maßgeblichkeit jedoch erheblich, was vom Gesetzgeber nicht beabsichtigt wurde.[70] Aufgrund der Wahlrechts-ausübungen in der Steuerbilanz nehmen Anzahl und Gewicht der Durchbrechungen und Einschränkungen des Maßgeblichkeitsprinzips massiv zu[71], was zu einem Abschwächen der materiellen Maßgeblichkeit führt, da diese nur noch in Kraft tritt, wenn auf steuerrechtliche Wahlrechte gänzlich verzichtet wird[72]. Im Ergebnis bleibt eine materielle Maßgeblichkeit bzw. eine Maßgeblichkeit "dem Grunde nach" bestehen, welche allerdings von vielen Durchbrechungen und Einschränkungen erheblich abgeschwächt wurde.
Die formelle Maßgeblichkeit, welche durch das BilMoG im weitesten Sinne abgeschafft wurde[73], stellte einen wesentlich engeren Bezug zwischen der Steuer- und Handelsbilanz her, als die materielle Maßgeblichkeit[74]. Sie verwies nicht nur auf die gleichen Rahmenbedingungen in den Bilanzen, sondern vielmehr auf den konkreten GoB - konformen Ansatz der Handelsbilanz, welcher auch in der Steuerbilanz zu übernehmen war.[75] Eine Eigenschaft der formellen Maßgeblichkeit war auch, dass Wahlrechte steuerlicher sowie handelsrechtlicher Seite, mit einigen Ausnahmen, in der Steuerbilanz nicht anders ausgeführt werden durften als in der Handelsbilanz.[76] Aus diesem Grund ist die formelle Maßgeblichkeit bei GoB - konformen Wahlrechten u. a. auch dafür zuständig gewesen, dass Aktiva in der Handelsbilanz nicht höher bewertet werden konnten als in der Steuerbilanz.[77] Mit dem Anwenden der neuen Wahlrechte gem. § 5 Abs. 1 S. 1 HS. 2 EStG gehört dies allerdings überwiegend der Vergangenheit an, da die steuerrechtlich eigenständigen Wahlrechtsausübungen nicht mehr zwingend an die GoB - konformen Ansätze der Handelsbilanz gebunden sein müssen.[78] Zu beachten ist, dass nur die nicht den GoB entsprechenden Wahlrechte gemeint sind, die GoB - konformen Wahlrechte müssen weiterhin in der Steuerbilanz genauso wie in der Handelsbilanz ausgeführt werden[79], was u. a. auch einen Grund für Diskussionen über den Restbestand einer formellen Maßgeblichkeit darstellt[80]. Die flexibleren Wahlrechte führen jedoch dazu, dass in der Steuerbilanz Maßnahmen ermöglicht wurden, die vor dem Inkrafttreten des BilMoG einer Übereinstimmung mit der Handelsbilanz bedurften.[81] Da die heutige uneingeschränkte Gültigkeit und Anwendung der formellen Maßgeblichkeit aufgrund der Wahlrechte meist unmöglich wird, ist das Verschmelzen der Bilanzen zu einer Einheitsbilanz daher ebenfalls sehr unwahrscheinlich geworden.[82]
Unter der umgekehrten Maßgeblichkeit ist eine Ausübung von steuerrechtlichen Ansatz- und Bewertungswahlrechten in der Steuerbilanz zu verstehen, die im handelsbilanziellen Ansatz eine korrespondierende Bilanzierung nach sich ziehen.[83] Demnach wird bei der umgekehrten Maßgeblichkeit die Ausrichtung der Handelsbilanz durch die Steuerbilanz bestimmt.[84] Im Rahmen dieser Wahlrechts-ausübungen ist es möglich, GoB - widrige Wahlrechte von der Steuerbilanz in die Handelsbilanz zu übertragen[85], was jedoch zu Verzerrungen der Informationen in der Handelsbilanz führt[86]. Mit dem Erscheinen des BilMoG und dem Wegfall der Regelung des § 5 Abs. 1 S. 2 EStG a. F., wurde die umgekehrte Maßgeblichkeit abgeschafft.[87] Dies war begründet in der beabsichtigten Anhebung der Informations-funktion des handelsrechtlichen Jahresabschlusses durch das BilMoG, was nur in Form einer handelsbilanziellen Befreiung von GoB - widrigen steuerlichen Begüns-tigungsnormen möglich gewesen ist.[88] Demnach wurden auch die Öffnungsklauseln § 247 Abs. 3, § 254 S. 1, § 273, § 279 Abs. 2, § 280 Abs. 2 und 3 und § 281 HGB a. F. aus dem Handelsgesetzbuch entfernt[89], ohne die, aufgrund der Wirksamkeit der formellen Maßgeblichkeit, ein niedrigerer steuerlich begründeter Ansatz in der Handelsbilanz nicht möglich gewesen wäre[90]. In der Literatur sind die Auffassungen bezüglich des Wegfalls der umgekehrten Maßgeblichkeit überwiegend positiv, da eine Verzerrung und eine Beeinträchtigung der Rechenschafts- und Informations-funktion[91] der Handelsbilanz nicht mehr zu Stande kommt[92] und der Einfluss des Steuerrechts auf das Handelsrecht[93] beseitigt wurde. Gleichzeitig findet durch den Wegfall der umgekehrten Maßgeblichkeit eine partielle Abkopplung von Steuer- und Handelsbilanz statt[94], was die vielfach erwünschte Erstellung einer Einheitsbilanz wiederum erschwert.
In Folge des Anhebens der Informationsfunktion durch das BilMoG wurde mit § 248 Abs. 2 HGB n. F. ein Aktivierungswahlrecht für bestimmte selbsterstellte immaterielle Vermögensgegenstände eingerichtet.[95] Gewinne aus einer Aktivierung immaterieller Vermögensgegenstände des Anlagevermögens sind jedoch gem. § 268 Abs. 8 HGB bei Kapitalgesellschaften ausschüttungsgesperrt.[96] Nach den Recht-sprechungsgrundsätzen des Großen Senats des BFH soll aus einem handelsrecht-lichen Aktivierungswahlrecht immer eine steuerliche Aktivierungspflicht folgen.[97] Gem. § 5 Abs. 2 EStG darf eine Aktivierung selbsterstellter immaterieller Vermögensgegenstände in der Steuerbilanz nur erfolgen, wenn ein entgeltlicher Erwerb vorliegt, was gleichbedeutend mit einem steuerlichen Ansatzverbot im Falle einer Selbsterstellung ist. Mit dem Wegfall des handelsrechtlichen Ansatzverbotes selbsterstellter immaterieller Vermögensgegenstände in § 248 Abs. 2 HGB a. F., ist das steuerliche Ansatzverbot gem. § 5 Abs. 2 EStG, was i. S. des Maßgeblichkeits-prinzips an das handelsrechtliche Verbot anknüpfte und lediglich eine Gleichstellung beider Bilanzen erring, zu einer expliziten Durchbrechung der Maßgeblichkeit geworden[98]. Wenn von dem handelsrechtlichen Wahlrecht gem. § 248 Abs. 2 HGB n. F. Gebrauch gemacht wird, zieht dies eine zwingende Ansatzdifferenz in beiden Bilanzen nach sich, was wiederum eine Bilanzierung von latenten Steuern erfordert um den Unterschiedsbetrag der erwarteten und tatsächlichen Steuerzahlungen zu korrigieren.[99] Die durch das ehemalige Prinzip des entgeltlichen Erwerbs verursachte Informationsverzerrung, welche mit Hilfe des handelsrechtlichen Wahlrechts beseitigt werden soll, wird nicht korrigiert[100], da aufgrund der Aktivierung ebenfalls massive Missbrauchsmöglichkeiten einher gehen und somit eine Informations-verzerrung stattfinden kann[101]. Außerdem wird auf Grund der zu erwartenden unterschiedlichen Ausübung des Wahlrechts und der Ermessensspielräume keine Vergleichbarkeit der Jahresabschlüsse erreicht.[102] Zuletzt bleibt anzumerken, dass aufgrund des Wahlrechtes große Probleme mit der Gewinnermittlung bei Einzelunternehmen und Personengesellschaften auftreten können, da der nach den handelsrechtlichen GoB ermittelte Gewinn für diese die wichtigste Entnahmegröße darstellt[103], die Ausschüttungssperre gem. § 268 Abs. 8 HGB jedoch nur bei Kapital-gesellschaften Gültigkeit besitzt[104]. Demzufolge besteht die Gefahr, dass der von diesen Unternehmen zu entziehende Betrag überschätzt werden kann.[105]
[1] Döllerer (1971), S. 1333.
[2] Vgl. Moxter (1997), S. 195.
[3] Moxter (1997), S. 195.
[4] Vgl. Hottmann (2009), S. 5.
[5] Vgl. Förschle/Usinger (2014), § 243 HGB, Rz. 112.
[6] Vgl. Arbeitskreis Bilanzrecht der Hochschullehrer Rechtswissenschaft (2009), S. 2571.
[7] Vgl. Arbeitskreis Bilanzrecht der Hochschullehrer Rechtswissenschaft (2009), S. 2571.
[8] Vgl. Thurow (2010), S. 146.
[9] Vgl. Künkele/Zwirner (2010), S. 34.
[10] Vgl. Künkele/Zwirner (2010), S. 214.
[11] Vgl. Erle/Helm/Berberich (2009), § 10 Rechnungslegung, Rz. 33.
[12] Vgl. Döllerer (1983), S. 169.
[13] Arbeitskreis Bilanzrecht der Hochschullehrer Rechtswissenschaft (2009), S. 2571.
[14] Vgl. Arbeitskreis Bilanzrecht der Hochschullehrer Rechtswissenschaft (2009), S. 2573.
[15] Vgl. Weber-Grellet (1999), S. 2659.
[16] Weber-Grellet (1999), S. 2659.
[17] Vgl. Weber-Grellet (1999), S. 2659.
[18] Vgl. Beisse (1999), S. 2186.
[19] Vgl. Döllerer (1971), S.1333.
[20] Vgl. Beisse (1999), S. 2181.
[21] Vgl. Moxter (1995), S. 419-429.; vgl. hierzu auch Wüstemann/Wüstemann (2010), S. 758.
[22] Moxter (1997), S. 195.
[23] Vgl. Hottmann (2009), S. 5.
[24] Vgl. Moxter/Engel-Ciric (2014), S. 489.
[25] Vgl. Beisse (1999), S. 2181.
[26] Vgl. Wüstemann/Wüstemann (2010), S. 759.
[27] Vgl. Wagner (2002), S. 1885.
[28] Vgl. Moxter (1997), S. 197.
[29] Vgl. Theile (2009), S. 2386.
[30] Vgl. Erle/Helm/Berberich (2009), § 10 Rechnungslegung, Rz. 35.
[31] Vgl. Zwirner/Künkele/Mugler (2012), S. 532.
[32] Vgl. Lauth (2000), S. 1368.
[33] Vgl. Döllerer (1983), S. 159.
[34] Vgl. Beisse (1999), S. 2181.
[35] Vgl. Scheffler (2011), S. 17.
[36] Vgl. Döllerer (1983), S. 160.
[37] Döllerer (1983), S. 160.
[38] Vgl. Döllerer (1983), S. 159.
[39] Vgl. Künkele/Zwirner (2010), S. 31.
[40] Vgl. Zwirner/Künkele/Mugler (2012), S. 532.
[41] Vgl. Herzig/Briesemeister (2010), S. 63.
[42] Vgl. Arbeitskreis Bilanzrecht der Hochschullehrer Rechtswissenschaft (2009), S. 2571.
[43] Vgl. Scheffler (2011), S. 23.
[44] Vgl. Künkele/Zwirner (2010), S. 34.
[45] Vgl. Wehrheim/Fross (2010), S. 1350.
[46] Prinz (2010), S. 2076.
[47] Herzig/Briesemeister (2009), S. 930.
[48] Vgl. Herzig/Briesemeister (2009), S. 930.
[49] Vgl. Herzig/Briesemeister (2010), S. 65.
[50] Vgl. Döllerer (1971), S. 1334.
[51] Vgl. Wagner (2002), S. 1887.
[52] Vgl. Scheffler (2011), S. 18.
[53] Vgl. Döllerer (1971), S. 1335.
[54] Vgl. Moxter (1997), S. 195.
[55] Vgl. Schneider (2010), S. 714.
[56] Vgl. Moxter/Engel-Ciric (2014), S. 490.
[57] Vgl. Herzig/Briesemeister (2010), S. 65.
[58] Vgl. Scheffler (2011), S. 18.
[60] Vgl. Herzig/Briesemeister (2009), S. 930.
[62] Lauth (2000), S. 1369.
[63] Herzig/Briesemeister (2010), S. 65.
[64] Vgl. Herzig/Briesemeister (2010), S. 65.
[65] Vgl. Blümich/Krumm (2014), § 5 EStG, Rz. 180.
[66] Vgl. Blümich/Krumm (2014), § 5 EStG, Rz. 184.
[67] Vgl. Scheffler (2011), S. 20.
[68] Vgl. Blümich/Krumm (2014), § 5 EStG, Rz. 183.
[69] Vgl. Theile (2009), S. 2386.
[70] Vgl. Marx (2011), S. 1003.
[71] Vgl. Herzig/Briesemeister (2009), S. 927.
[72] Vgl. Förschle/Usinger (2014), § 243 HGB, Rz. 112.
[73] Vgl. Zwirner/Künkele/Mugler (2012), S. 2402.
[74] Vgl. Scheffler (2011), S. 20.
[76] Vgl. Blümich/Krumm (2014), § 5 EStG, Rz. 181.
[77] Vgl. Stobbe (2008), S. 2433.
[78] Vgl. Theile (2009), S. 2386.
[79] Vgl. Förster/Schmidtmann (2009), S. 1343.
[80] Vgl. Wehrheim/Fross (2010), S. 1349.
[81] Vgl. Förschle/Usinger (2014), § 243 HGB, Rz. 112.
[82] Vgl. Herzig/Briesemeister (2010), S. 63.
[83] Vgl. Winnefeld (2006), Rz. 595.
[84] Vgl. Winnefeld (2006), Rz. 596.
[85] Vgl. Förster/Schmidtmann (2009), S. 1342.
[86] Vgl. Theile (2009), S. 2385.
[87] Vgl. Erle/Helm/Berberich (2009), § 10 Rechnungslegung, Rz. 35.
[88] Vgl. Theile (2009), S. 2385.
[89] Vgl. Förschle/Usinger (2014), § 243 HGB, Rz. 121.
[90] Vgl. Winnefeld (2006), Rz. 596.
[91] Vgl. Winnefeld (2006), Rz. 605.
[92] Vgl. Prinz (2012), S. 2071.
[93] Vgl. Henscheid (1992), S. 105.
[94] Vgl. Freidank/Sassen (2014), S. 1262.
[95] Vgl. Wüstemann/Wüstemann (2010), S. 764.
[96] Vgl. Scheffler (2011), S. 50.; vgl. hierzu auch Karrenbrock (2010), S. 640.
[97] Vgl. BFH (1969), S. 291.
[98] Vgl. Herzig/Briesemeister (2010), S. 70.
[99] Vgl. Scheffler (2011), S. 332.; vgl. hierzu auch Ballwieser (2010), S. 541.
[100] Vgl. Wüstemann/Wüstemann (2010), S. 766.
[101] Vgl. Moxter (2008), S. 1517.
[102] Vgl. Wüstemann/Wüstemann (2010), S. 766.
[103] Vgl. Moxter (1984), S. 1782.
[104] Vgl. Wüstemann/Wüstemann (2010), S. 766.
[105] Vgl. Moxter (2008), S. 1517.
V276528
9783656699088
9783656702542
HGB Bilanzierung Maßgeblichkeit BilMoG Handelsbilanz Steuerbilanz Latente Steuern Teilhaberthese Einheitsbilanz
Marvin Meger, 2014, Reichweite des Maßgeblichkeitsprinzips nach BilMoG. Abschaffung der Einheitsbilanz?, München, GRIN Verlag, http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/276528.html