Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/wiederaufnahme-grund-tatsachen-3124295
Timestamp: 2020-01-20 08:31:05
Document Index: 360529303

Matched Legal Cases: ['§ 336', '§ 211', '§ 336', '§ 336', '§ 211', '§ 211', 'BGH', 'BGH', '§ 211', 'BGH', '§ 211', '§ 211', '§ 211', '§ 211', '§ 211', '§ 211', '§ 211', '§ 211', '§ 211', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 203']

Vor Ein­füh­rung des § 336 Satz 2 StPO durch das Straf­ver­fah­rens­än­de­rungs­ge­setz 1979 1 ging die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung davon aus, dass es sich bei dem Vor­lie­gen von Nova im Sin­ne des § 211 StPO um eine beson­de­re Pro­zess­vor­aus­set­zung han­delt, die vom Revi­si­ons­ge­richt von Amts wegen zu prü­fen ist 2. Dies ist in spä­te­ren Ent­schei­dun­gen und in der Kom­men­tar­li­te­ra­tur über­nom­men wor­den, ohne dass die neu geschaf­fe­ne Vor­schrift des § 336 Satz 2 StPO pro­ble­ma­ti­siert wor­den ist 3.
Weil die­se ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung den Bun­des­ge­richts­hof frei­lich bin­det, hat er von der Statt­haf­tig­keit der (ein­fa­chen) Beschwer­de aus­zu­ge­hen, mit der Fol­ge, dass schon des­halb die Vor­schrift des § 336 Satz 2 StPO der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Kon­trol­le eines nach § 211 StPO gefass­ten Eröff­nungs­be­schlus­ses nicht ent­ge­gen­steht.
Die Über­prü­fung des Eröff­nungs­be­schlus­ses in dem Zweit­ver­fah­ren ist auf der Grund­la­ge des zum Zeit­punkt der Eröff­nung vor­lie­gen­den Akten­in­halts vor­zu­neh­men. Bei der Eröff­nungs­ent­schei­dung han­delt es sich auch im Fall des § 211 StPO um eine vor­läu­fi­ge Tat­be­wer­tung anhand der dem Gericht vor­lie­gen­den Akten, die nicht im Nach­hin­ein des­halb unrich­tig wird, weil sich das Wahr­schein­lich­keits­ur­teil nach dem Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung nicht bestä­tigt. Hat das Eröff­nungs­ge­richt die­ses Wahr­schein­lich­keits­ur­teil ohne Rechts­ver­stoß getrof­fen, bleibt die beson­de­re Pro­zess­vor­aus­set­zung für das neue Ver­fah­ren daher bestehen 5.
Bei die­ser Prü­fung hat ein mög­li­ches Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot nicht schon des­we­gen außer Betracht zu blei­ben, weil – so For­mu­lie­run­gen in eini­gen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs 8 – bereits des­sen Ent­ste­hung von einem hier­auf bezo­ge­nen recht­zei­ti­gen Wider­spruch des Ange­klag­ten in der Haupt­ver­hand­lung abhän­gig wäre. Streng­ge­nom­men bedeu­te­te dies, dass das Ver­wer­tungs­ver­bot zum Zeit­punkt der Eröff­nungs­ent­schei­dung noch gar nicht bestan­den haben könn­te 9. Eine sol­che Schluss­fol­ge­rung ist indes ersicht­lich noch nicht gezo­gen wor­den. Viel­mehr wird all­ge­mein davon aus­ge­gan­gen, dass bei der Prü­fung des hin­rei­chen­den Tat­ver­dachts im Rah­men der Eröff­nungs­ent­schei­dung mög­li­che Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­te zu berück­sich­ti­gen sind, weil für die Ver­ur­tei­lungs­wahr­schein­lich­keit nicht nur der mate­ri­el­le Ver­dachts­grad, son­dern auch die tat­säch­li­che Beweis­bar­keits­pro­gno­se gege­ben sein muss 10. Es kann nicht zwei­fel­haft sein, dass Ver­wer­tungs­ver­bo­te bereits durch den jewei­li­gen Geset­zes­ver­stoß, nicht erst durch ein Untä­tig­blei­ben in der Haupt­ver­hand­lung begrün­det wer­den und bei der Eröff­nungs­ent­schei­dung unab­hän­gig von einer Bean­stan­dung durch den Ange­schul­dig­ten von Amts wegen zu beach­ten sind 11.
vom 05.10.1978, BGBl. I S. 1645[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 21.12 1988 – 3 StR 460/​88, BGHR StPO § 211 neue Tat­sa­chen 1; vom 18.08.1993 – 5 StR 469/​93, BGHR StPO § 211 neue Tat­sa­chen 2; HK-StPO-Juli­us, 5. Aufl., § 211 Rn. 12; SK-StPO/Pa­eff­gen, 5. Aufl., § 211 Rn. 13; Radtke/​Hohmann/​Reinhart, StPO, § 211 Rn. 6; Graf/​Ritscher, StPO, 2. Aufl., § 211 Rn. 4; KK-Schnei­der, StPO, 7. Aufl., § 211 Rn. 13; KMR/​Seidl, 63. EL, § 211 Rn. 24; LR/​Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 211 Rn. 29; Münch­Komm-StPO/Wens­ke, § 211 Rn. 56[↩]
Beschluss vom 03.09.2004 – 2 BvR 2001/​02, StV 2005, 196 f.[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 28.10.1986 – 1 StR 507/​86, NStZ 1987, 132, 133; vom 12.01.1996 – 5 StR 756/​94, BGHSt 42, 15, 22; vom 19.03.1996 – 1 StR 497/​95, NJW 1996, 2239, 2241 [inso­weit in BGHSt 42, 86 nicht abge­druckt]; ähn­lich Beschluss vom 11.07.2008 – 5 StR 202/​08, NStZ 2008, 643; s. ande­rer­seits – "Rüge­prä­k­lu­si­on" infol­ge Nicht­aus­übung eines "pro­zes­sua­len Gestal­tungs­rechts" – Beschlüs­se vom 09.11.2005 – 1 StR 447/​05, NJW 2006, 707; vom 20.10.2014 – 5 StR 176/​14, BGHSt 60, 38, 43 f.; vom 27.09.2016 – 4 StR 263/​16[↩]
vgl. BVerfG, Urteil vom 03.03.2004 – 1 BvR 2378/​98, 1 BvR 1084/​99, NJW 2004, 999, 1007; BGH, Beschlüs­se vom 04.04.1990 – StB 5/​90, BGHSt 36, 396; vom 15.05.2008 – StB 4 und 5/​08, NStZ 2008, 643; Becker, Refe­rat zum 67. DJT, 2008, S. L 45, 55 f. mwN; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 59. Aufl., § 203 Rn. 2[↩]