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Timestamp: 2019-07-22 18:25:33
Document Index: 54791633

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 5', '§ 10', '§ 14', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 29', '§ 2', '§ 101', '§ 113', '§ 2', 'Art. 29', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 3', '§ 14', 'Art. 2', 'Art. 1', '§ 10', '§ 10', '§ 2', '§ 10', '§ 154', '§ 167', '§ 708']

VG Würzburg, Urteil v. 23.04.2018 – W 3 K 17.594 - Bürgerservice
VG Würzburg, Urteil v. 23.04.2018 – W 3 K 17.594
RBStV § 2, § 5, § 10 Abs. 5, Abs. 7, § 14 Abs. 9
GG Art. 2 Abs. 1, Art. 3 Abs. 1
BayVerfGHG Art. 29
Die Anknüpfung der Pflicht zur Zahlung des Rundfunkbeitrags an das Innehaben einer Wohnung (§ 2 Abs. 1 RBStV), unabhängig davon, ob in der Wohnung ein Rundfunkempfangsgerät zum Empfang bereitgehalten wird oder nicht, ist nach der Rechtsprechung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs und Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden. (Rn. 18 – 21) (redaktioneller Leitsatz)
Rundfunkbeitrag, Verfassungsmäßigkeit, Beitragspflicht, nichtsteuerliche Abgabe, informationelle Selbstbestimmung, Gesetzgebungskompetenz, Belastungsgleichheit, Beitragsservice, Verwaltungsgemeinschaft
VGH München, Urteil vom 19.07.2018 – 7 ZB 18.1221
BeckRS 2018, 20050
III. Das Urteil ist wegen der Kosten vorläufig vollstreckbar. Der Kläger kann die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe des zu vollstreckenden Betrages abwenden, wenn nicht vorher der Beklagte Sicherheit in gleicher Höhe leistet.
Der Kläger wendet sich gegen die Verpflichtung zur Zahlung von Rundfunkbeiträgen.
Mit Schreiben vom 21. März 2015 teilte der Beitragsservice von ARD ZDF Deutschlandradio (nachfolgend: Beitragsservice) dem Kläger mit, dass er für seine Wohnung in der …Straße … in S… Rundfunkbeiträge zahlen müsse und ihm die Beitragsnummer … zugeteilt wurde.
Nach mehrmaligen Zahlungsaufforderungen erließ der Bayerische Rundfunk einen Festsetzungsbescheid vom 2. November 2015, mit dem rückständige Rundfunkbeiträge in Höhe von 563,46 EUR (inclusive Säumniszuschlag) für die Zeit vom 1. Januar 2013 bis zum 31. Juli 2015 festgesetzt wurden.
Der Kläger erhob gegen diesen Bescheid Widerspruch. Zur Begründung brachte er im Wesentlichen vor, der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag verstoße gegen das Grundgesetz.
Mit Widerspruchsbescheid vom 23. Mai 2017 wies der Bayerische Rundfunk den Widerspruch zurück. Auf die Begründung des Bescheides wird Bezug genommen.
Mit seiner am 21. Juni 2017 erhobenen Klage beantragte der Kläger den Festsetzungsbescheid vom 2. November 2015 und den Widerspruchsbescheid vom 23. Mai 2017 aufzuheben.
Zur Begründung führte der Kläger im Wesentlichen aus, die Erhebung des Beitrags sei mit dem Grundgesetz, insbesondere mit dem Sozialstaatsprinzip unvereinbar. Der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag sei sittenwidrig. Bei der Rundfunkabgabe handele es sich um eine unzulässige Steuer. Die Verpflichtung zur Zahlung des Rundfunkbeitrages verletzte ihn in seinen Grundrechten. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei nicht unabhängig, Meinungen und Tatsachen würden nicht getrennt. Es gebe mehrere Gutachten, die den Rundfunkbeitrag als verfassungswidrig bewerten würden.
Der Beklagte beantragte die Klage abzuweisen.
Der Kläger sei unstreitig Inhaber einer Wohnung, für die kein anderer Beitragsschuldner zahle. Der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag sei verfassungsmäßig.
Die Beteiligten erklärten ihre Zustimmung mit einer Entscheidung ohne mündliche Verhandlung.
Mit Beschluss vom 9. Januar 2017 wurde der Rechtsstreit dem Einzelrichter zur Entscheidung übertragen.
Die Klage, über die das Gericht gemäß § 101 Abs. 2 VwGO ohne mündliche Verhandlung entscheiden konnte, ist zulässig, aber unbegründet.
Der Festsetzungsbescheid des Beklagten vom 2. November 2015 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 23. Mai 2017 ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO).
Rechtsgrundlage für die Erhebung des Rundfunkbeitrages ist § 2 Abs. 1 des Rundfunkbeitragsstaatsvertrages – RBStV – i.d.F. der Bekanntmachung vom 7. Juni 2011 (GVBl. S. 258, ber. S. 404) in der ab 1. Januar 2013 geltenden Fassung. Nach dieser Vorschrift ist im privaten Bereich für jede Wohnung von deren Inhaber (Beitragsschuldner) ein Rundfunkbeitrag zu entrichten.
Mit der Neuregelung der Rundfunkfinanzierung durch den 15. Staatsvertrag zur Änderung rundfunkrechtlicher Staatsverträge erfolgte eine Abkehr von dem bisherigen Finanzierungsmodell, bei dem eine Gebühr für das Bereithalten von Rundfunkgeräten erhoben wurde. Ausgangspunkt der rechtlichen Überlegungen der Neuregelung war die statistisch belegte Tatsache, dass durch das Konglomerat von herkömmlichen Geräten, neuartigen Geräten (z.B. internetfähige PCs), stationären und mobilen Geräten in Deutschland in nahezu allen Wohnungen und Betriebsstätten die Möglichkeit zum Rundfunkempfang besteht (Gall/Schneider in Hahn/Vesting, Beck’scher Kommentar zum Rundfunkrecht, 3. Auflage, vor RBStV Rn. 25).
Die Rundfunkbeitragspflicht knüpft an das Innehaben einer Wohnung an. Unabhängig davon, ob in einer solchen Wohnung Geräte vorhanden sind, die den Rundfunkempfang ermöglichen, ist der Inhaber der Wohnung über die Beitragspflicht zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks heranzuziehen. In der Begründung zum Gesetzesentwurf (Landtags-Drs. 16, 7001, S. 12) wird hierzu ausgeführt: „Zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat beizutragen, wer die allgemein zugänglichen Angebote des Rundfunks empfangen kann aber nicht notwendig empfangen (haben) muss“.
Soweit der Kläger die Auffassung vertritt, der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag sei verfassungswidrig, verweist das Gericht auf die Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs vom 15. Mai 2014 (Az.: Vf.8-VII-12 und Vf.24-VII-12), mit der über erhobene Popularklagen entschieden und dabei u.a. folgende Leitsätze aufgestellt wurden:
3. Dem Charakter einer Vorzugslast steht nicht entgegen, dass auch die Inhaber von Raumeinheiten, in denen sich keine Rundfunkempfangsgeräte befinden, zahlungspflichtig sind. Der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz zwingt den Gesetzgeber nicht dazu, eine Befreiungsmöglichkeit für Personen vorzusehen, die von der ihnen eröffneten Nutzungsmöglichkeit keinen Gebrauch machen wollen.“
Nach Art. 29 Abs. 1 des Gesetzes über den Bayerischen Verfassungsgerichtshof (VfGHG) sind Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofs für alle anderen Verfassungsorgane sowie für Gerichte und Behörden bindend. Eine Auseinandersetzung mit dem diesbezüglichen klägerischen Vorbringen ist deshalb nicht veranlasst.
Darüber hinaus weist das Gericht auf das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs vom 19. Juni 2015 (7 BV 14.1707 – juris) hin, für welches folgender Leitsatz aufgestellt worden ist:
Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof stützt sich in diesem Zusammenhang auf die Erkenntnisse, dass die Erhebung des Rundfunkbeitrags im privaten Bereich weder gegen die allgemeine Handlungsfreiheit (Art. 2 Abs. 1 GG) noch gegen den allgemeinen Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 GG) verstößt. Beim Rundfunkbeitrag handelt es sich nicht um eine Steuer, sondern um eine nichtsteuerliche und in die Gesetzgebungskompetenz der Länder fallende Abgabe (Beitrag). Grundsätzlich ist jede Person im Einwirkungsbereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an dessen Finanzierung zu beteiligen, weil das Programmangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufgrund des gesetzlichen Auftrags der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten innerhalb der Gesellschaft jedem Einzelnen zugutekommt. Der allgemeine Gleichheitssatz (Art. 3 Abs. 1 GG) verlangt nicht, dass dem einzelnen Wohnungsinhaber zur Vermeidung der Beitragspflicht der Nachweis erlaubt wird, in dem durch seine Wohnung erfassten Haushalt werde das Programm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht empfangen. Insbesondere muss der Gesetzgeber nicht an der für die frühere Rundfunkgebühr maßgeblichen Unterscheidung festhalten, ob ein Empfangsgerät bereitgehalten wird oder nicht. Das Programmangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist auch dann als „Gegenleistung“ in Bezug auf die Pflicht zur Zahlung des Rundfunkbeitrags anzuerkennen, wenn Auswahl, Inhalt und Gestaltung des Programms nicht jedermanns Zustimmung finden. Die Bestimmungen über die Rundfunkbeitragspflicht im privaten Bereich enthalten weder unmittelbar noch mittelbar nachteilige Ungleichbehandlungen, die an eine Behinderung anknüpfen (Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG). Der im Rundfunkbeitragsstaatsvertrag vorgesehene Meldeabgleich (§ 14 Abs. 9 RBStV) verstößt nicht gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG).
Weiterhin wird auf das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 18. März 2016 (6 C 6/15 – juris) Bezug genommen, in dem folgende Leitsätze aufgestellt worden sind:
Darüber hinaus stellt das Bundesverwaltungsgericht in diesem Urteil fest, dass die Festlegung der rundfunkbeitragsfähigen Kosten die Zweckbindung des Rundfunkbeitrages beachtet, dass die Rundfunkbeitragspflicht mit dem Grundrecht der Informationsfreiheit vereinbar ist und dass ihre Einführung nicht der Genehmigung der Kommission der Europäischen Union bedurfte (BVerwG, a.a.O. Rn. 51).
Auch der Bescheid selbst ist nicht zu beanstanden.
Der Bayerische Rundfunk ist gemäß § 10 Abs. 5 RBStV als Anstalt des öffentlichen Rechts berechtigt, rückständige Gebühren festzusetzen. Dabei darf er sich der Handlungsform des Verwaltungsaktes bedienen (vgl. VGH BW, U.v. 04.11.2016 – 2 S 448/16 – juris, Rdnr. 24 ff.). Zum Erlass entsprechender Verwaltungsakte bedient sich die Landesrundfunkanstalt des Beitragsservices als Verwaltungsgemeinschaft. Nach § 10 Abs. 7 Satz 1 RBStV nimmt jede Landesrundfunkanstalt die ihr nach diesem Staatsvertrag zugewiesenen Aufgaben und die damit verbundenen Rechte und Pflichten ganz oder teilweise durch die im Rahmen einer nicht rechtsfähigen öffentlich-rechtlichen Verwaltungsgemeinschaft betriebenen Stelle der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten selbst wahr. Hierauf basiert § 2 der Satzung des Bayerischen Rundfunks über das Verfahren zur Leistung der Rundfunkbeiträge vom 19. Dezember 2012 (Staatsanzeiger Nr. 51 bis 52/2012) – Rundfunkbeitragssatzung –, wonach die im Rahmen einer nicht rechtsfähigen öffentlich-rechtlichen Verwaltungsgemeinschaft betriebene gemeinsame Stelle der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten die der Rundfunkanstalt zugewiesenen Aufgaben und die damit verbundenen Rechte und Pflichten nach § 10 Abs. 7 Satz 1 RBStV ganz oder teilweise für diese wahrnimmt. Bei dieser gemeinsamen Stelle handelt es sich um den ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice mit Sitz in Köln.
Die Klage konnte daher keinen Erfolg haben und war mit der Kostenfolge aus § 154 Abs. 1 VwGO abzuweisen.
Vorläufige Vollstreckbarkeit: § 167 Abs. 2 VwGO i.V.m. § 708 Nr. 11, 711 ZPO.