Source: http://www.ekd.de/EKD-Texte/religionsunterricht_muslimisch_1999.html
Timestamp: 2017-01-21 21:56:12
Document Index: 7439082

Matched Legal Cases: ['Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 4', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7']

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Nach den neuesten Grund- und Strukturdaten im Bildungsbereich und den aktuellen Zahlen der Kultusministerkonferenz lag der Anteil der ausländischen Schülerinnen und Schüler in den westdeutschen Schulen bei 11,5% (1,16 Mio.). Bei den genannten Erhebungen wird die Religionszugehörigkeit nicht erfaßt. Legt man die Ergebnisse anderer Zählungen zugrunde, sind in Westdeutschland ca. 39 % der Schüler und Schülerinnen evangelischen, ca. 41% römisch-katholischen und ca. 6% islamischen Glaubens. Unter den letzteren bilden mit einem Anteil von ca. 80% die jungen Türkinnen und Türken die Majorität. Bei den Zahlen ist zu berücksichtigen, daß keine Gleichverteilung vorliegt. In westdeutschen Ballungsgebieten gibt es nicht selten Klassen - insbesondere im Bereich der Grund- und Hauptschulen - mit einem Anteil von Schülern und Schülerinnen islamischen Glaubens von deutlich über 50%. In den neuen Bundesländern gehören lediglich ca. 30% der Schülerinnen und Schüler einer christlichen Konfession an - zum größten Teil der evangelischen. Der geringe Ausländeranteil in den dortigen Schulen (unter 0,5% [10.000], abgesehen von Berlin) bedeutet einen noch geringeren Anteil der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen islamischen Glaubens. Es ist wichtig, daß auch die muslimischen Schüler und Schülerinnen in unserem Land mit ihrer angestammten Tradition in einer Weise vertraut gemacht werden, die ihnen eine religiöse Lebensperspektive eröffnet und ihnen zugleich das Verständnis für andere religiöse Anschauungen erschließt. Es wäre auf Dauer nicht zu verantworten, sie einem religionslosen Niemandsland zu überlassen. Muslimische Eltern befinden sich in Deutschland in einer Minderheiten- beziehungsweise Diasporasituation, in der sie sich ihrer islamischen Identität besonders bewußt werden und gleichzeitig nach Möglichkeiten suchen, sie ihren Kindern zu vermitteln. Vielen erscheint ein offizieller, kontinuierlicher Religionsunterricht im Lebensraum Schule als ein die eigene religiöse und kulturelle Tradition integrierendes Äquivalent (oder wenigstens Element) in einer säkularisierten, die Kinder dieser Tradition oft entfremdenden Umwelt. Häufig wird befürchtet, daß die muslimischen Eltern die religiöse Erziehung ihrer Kinder an die privatrechtlich organisierten islamischen Gemeinden und Vereine ("Koranschulen") delegieren, und dadurch radikale Einflüsse gestärkt werden könnten, die der Grundwerteordnung der Bundesrepublik entgegenstehen. So hofft man auch staatlicherseits, daß ein wie der christliche Religionsunterricht offener, wissenschaftlich fundierter und diskursfähiger islamischer Religionsunterricht die Integration der muslimischen Schülerinnen und Schüler fördert. Manche islamischen Glaubensgemeinschaften haben deswegen folgerichtig an solch einem in ihrer Sicht "verweltlichten" schulischen Religionsunterricht kein Interesse. Viele der (in der EKD-Denkschrift zum Religionsunterricht angeführten) pädagogischen und theologischen Gründe für einen zwar möglichst kooperativen, aber doch konfessionellen christlichen Religionsunterricht sprechen auch für die Einführung eines Religionsunterrichts für muslimische Schülerinnen und Schüler gemäß Art. 7 Abs. 3 GG.
Die Einholung von Voten einzelner Vertreter und die Einbeziehung bestimmter, auch ausländischer Institutionen der angesprochenen Religion können das erforderliche Gegenüber einer Religionsgemeinschaft in Deutschland nicht ersetzen. Der religionsneutrale Staat überschreitet seine Kompetenz, wenn er die Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft selbst gewährleisten will. Bei dem, was im Einzelfall als Ausübung von Religion oder Weltanschauung zu verstehen ist, kommt dem Selbstverständnis der betreffenden Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft entscheidende Bedeutung zu. Es gibt in den meisten Bundesländern keine verbindlichen Regelungen über die Teilnahme an diesem islamischen Unterricht beziehungsweise im Falle der Nichtteilnahme über den Besuch des Ethikunterrichts. Nicht-türkische Schülerinnen und Schüler islamischen Glaubens können an dem Unterricht, der ja nicht in deutscher Sprache stattfindet, nicht teilnehmen. Er erreicht ferner durchschnittlich nur ca. 20% der türkischen Muslime in der Schule und damit einen noch geringeren Prozentsatz bezogen auf alle Schülerinnen und Schüler islamischen Glaubens. Die starke Anbindung des Unterrichts an die Türkei beziehungsweise die entsprechenden staatlichen türkischen Stellen und Vertretungen erscheint problematisch. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der türkische Staat über sein Amt für religiöse Angelegenheiten den Islam kontrolliert und eigene islamische Organisationsformen nicht zuläßt. Auf jeden Fall repräsentieren die staatlichen Stellen der Türkei nicht die gesamte islamische Glaubenswelt.
Als offizieller Ansprechpartner des Staates für den Religionsunterricht kann nur eine verfaßte, auf Dauer angelegte Glaubens- oder Religionsgemeinschaft fungieren und die verfassungsmäßig vorgesehene Mitwirkung legitim ausüben. Es ist Angelegenheit der Muslime in Deutschland, sich über die Erfüllung der Voraussetzungen für einen Religionsunterricht nach Art. 7 Abs. 3 GG zu verständigen und als Religionsgemeinschaft dem Staat gegenüberzutreten; und es ist Angelegenheit des Staates, gegebenenfalls einen entsprechenden Religionsunterricht einzurichten, der den Anforderungen an ein ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen formal und inhaltlich entsprechen muß. Die von der Verfassung vorgegebenen Regelungen nach Art. 7 Abs. 3 GG dienen der Religionsfreiheit nach Art. 4 sowie der Integration unterschiedlicher religiöser und kultureller Herkünfte in unserer Gesellschaft. Eine Aufsplitterung des Religionsunterrichts auf eine Vielzahl kleiner und kleinster Religions(sonder)vereinigungen ist vom Verfassungsgeber nicht gewollt. So wie im Evangelischen Religionsunterricht evangelische Kirchen verschiedenen Bekenntnisses (z.B. lutherisch, uniert, reformiert, teilweise auch evangelisch-freikirchlich) gemeinsam den Evangelischen Religionsunterricht mitverantworten, stehen auch islamische Gruppen und Vereinigungen vor der Aufgabe, sich in den einzelnen Bundesländern als Religionsgemeinschaften relevanter Größe gemeinsam auf die Inhalte und die Beauftragung der Lehrenden eines Religionsunterrichts für muslimische Schüler und Schülerinnen zu einigen. Im Blick auf die Inanspruchnahme des Rechtes auf religiöse Bildung in einem eigenen Religionsunterricht ist diese Leistung ein Prüfstein für die gleichzeitig notwendige Erfüllung der Pflicht, sich in einem pluralen, demokratischen Gemeinwesen mit Menschen anderer religiöser und weltanschaulicher Überzeugung zu verständigen. In diesem Sinne befürwortet die evangelische Kirche einen Religionsunterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler als ordentliches Lehrfach nach Art. 7 Abs. 3 GG. Die Einrichtung zum Beispiel einer separaten, staatlich geprägten Religionskunde für muslimische Schülerinnen und Schüler ist abzulehnen. Jeder staatliche Pflichtunterricht in weltanschaulich-religiösen Fragen verfehlt die freiheitlich-demokratischen Prinzipien und reduziert in unverantwortlicher Weise die Bildungsaufgabe der Schule. Die Religionsgemeinschaft muß ihre religiösen Grundsätze für den Religionsunterricht in eigener Verantwortung festlegen, ohne daß der weltanschaulich neutrale Staat auf die Inhalte Einfluß nimmt. Die auszuarbeitenden Empfehlungen und Lehrpläne müssen das normale Prüfungs- und Genehmigungsverfahren der Kultusbehörden durchlaufen. Jeder Religionsunterricht muß in deutscher Sprache erteilt werden und, unbeschadet der förmlich geregelten Mitwirkungsrechte der Religionsgemeinschaft, der deutschen Schulaufsicht unterliegen. Ein Religionsunterricht in deutscher Sprache ist zudem Voraussetzung dafür, daß auf der Ebene der Schülerinnen und Schüler eine Öffnung (z.B. für Muslime, die nicht der den Unterricht mitverantwortenden Religionsgemeinschaft angehören) möglich ist. Zu einem ordentlichen Religionsunterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler gehören ferner hinreichend qualifizierte, staatlich anerkannte und beaufsichtigte muslimische Lehrerinnen und Lehrer oder Geistliche. Nötig sind ebenso islamische Lehrangebote an deutschen Universitäten und die Einführung einer grundständigen Lehramtsausbildung. Bei der Einführung eines Religionsunterrichts für muslimische Schülerinnen und Schüler als ordentliches Lehrfach sind die erreichten hohen wissenschaftlich-pädagogischen Standards des christlich-konfessionellen Religionsunterrichts anzustreben, auch wenn sie sich nicht von Anfang an in vollem Umfang verwirklichen lassen. In allem bleibt - davon wird ausgegangen - für die islamischen Gesellschaften und Vereine beziehungsweise den Zentralrat der Muslime in Deutschland, den Islamrat oder andere eine selbstverständliche Voraussetzung, daß sie - wie die christlichen Kirchen - einen in unserer Verfassung gegründeten, in das pädagogische Umfeld der Schule eingebetteten, auf Dialog angelegten Religionsunterricht wollen, der der freien und selbständigen religiösen Orientierung der Schülerinnen und Schüler dient. Die evangelische Kirche ist bereit, sich am öffentlichen Gespräch über die Einrichtung eines Religionsunterrichts für muslimische Schülerinnen und Schüler zu beteiligen, weil Voraussetzungen jeden Religionsunterrichts gemäß Art. 7 Abs. 3 GG berührt sind.
Muslimische Schülerinnen und Schüler sind auch im evangelischen Religionsunterricht willkommen, wenn sie beziehungsweise ihre Erziehungsberechtigten dies wünschen und die schulrechtlichen Voraussetzungen gegeben sind. Dort wo muslimische Schülerinnen und Schüler am Ethik- bzw. Philosophieunterricht teilnehmen, weil ein Religionsunterricht nach Art. 7 Abs. 3 GG noch nicht eingerichtet werden kann, ist in besonderer Weise darauf zu achten, daß in den religionskundlichen Elementen dieses Unterrichts hinreichend und sachgemäß über den Islam informiert wird. Die Evangelische Kirche in Deutschland votiert bereits seit 1994 für eine Fächergruppe der religiös-ethischen Bildung in der Schule (s. EKD-Denkschrift "Identität und Verständigung", S. 73ff.). Im Sinne des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrages soll eine solche Fächergruppe das Zusammenwirken der ihr zugehörigen unterschiedlichen, ordentlichen Lehrfächer gewährleisten, denn ihnen allen ist die Aufgabe gemeinsam, die Verständigungsbereitschaft und -fähigkeit der jungen Generation in besonderer Weise zu fördern. Dazu gehört die Notwendigkeit des interreligiösen Lernens und des interreligiösen Dialogs.