Source: http://www.jura.fu-berlin.de/studium/lehrplan/projekte/hauptstadtfaelle/faelle/grundrechte/Vicu__as/Vicu__as__Kurzl__sung_1/index.html
Timestamp: 2018-03-23 06:53:03
Document Index: 24285016

Matched Legal Cases: ['Art. 93', '§ 13', '§ 90', 'Art. 1', '§ 90', 'Art. 8', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 2', '§ 23', '§ 93', 'Art. 94', '§ 90', 'Art. 8', 'Art. 8', '§ 26', 'Art. 125', 'Art. 103', '§ 26', '§ 26', '§ 26', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 8', 'Art. 8', '§ 12', '§ 19', 'Art. 8', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 1', '§ 12', '§ 19', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 8', 'Art. 2', 'Art. 1']

Vicuñas (Kurzlösung) • Projekt: Hauptstadtfälle • Fachbereich Rechtswissenschaft
Vicuñas (Sachverhalt)
Vicuñas (Kurzlösung)
Frage 1: Hat die Verfassungsbeschwerde des M Aussicht auf Erfolg?
Die Verfassungsbeschwerde des O hat Aussicht auf Erfolg, wenn sie zulässig (A.) und begründet (B.) ist.
I. Das BVerfG ist gem. Art. 93 I Nr. 4a GG, 94 II 1 GG i.V.m. §§ 13 Nr. 8a, 90 ff. BVerfGG zuständig.
II. Beschwerdefähigkeit (Antragsberechtigung): O ist "jedermann" iS.v. § 90 BVerfGG.
III. M ist prozessfähig.
IV. Beschwerdegegenstand: Strafurteile -> öffentlichen Gewalt i.S.d. Art. 1 III GG
V. Beschwerdebefugnis, § 90 BVerfGG -> O möglicherweise durch Strafurteile, die an unterlassene Anmeldung anknüpfen in seinen Grundrechten aus Art. 8 I GG Art. 5 I 1 GG, Art. 5 III 1 Var. 1 GG und Art. 2 I GG verletzt. O ist durch die Strafurteile selbst, gegenwärtig und unmittelbar betroffen.
VI. Verfassungsbeschwerde gem. § 23 I BVerfGG: schriftlich und gem. § 93 I 1,2 BVerfGG innerhalb eines Monates ab Zustellung des letztinstanzlichen Urteils zu erheben.
Rechtsweg laut Sachverhalt erschöpft, vgl. Art. 94 II 2 GG i.V.m. § 90 II 1 BVerfGG, Rechtsschutzbedürfnis gegeben.
I. Verletzung von Art. 8 I GG
Deutscher (+); Recht, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln.
Versammlung: Zusammenkunft von mindestens 2 Personen zum Zweck der gemeinsamen Meinungsbildung und Meinungsäußerung.[1] Mischveranstaltungen: Schwerpunktbetrachtung unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls; Im Zweifelsfall: Versammlung
hier: Versammlung (+)
b) Persönlicher SB (+)
Eingriff (+), Strafurteile
Art. 8 II GG: hier aufgrund von § 26 Nr. 2 VersammlG
b) Verfassungsmäßigkeit der Eingriffsgrundlage ("Schranken-Schranken")
aa) Formelle Verfassungsmäßigkeit (+)
v.a. Art. 125a I GG: Versammlungsgesetz des Bundes weiter anwendbar
bb) Materielle Verfassungsmäßigkeit
(1) Bestimmtheitsgrundsatz, Art. 103 II GG
§ 26 Nr. 2 VersammlG im Hinblick auf "Eilversammlungen" bestimmt genug?
-> hier "Eilversammlung", keine "Spontanversammlung"; Anmeldefrist ist an tatsächliche Möglichkeit anzupassen
-> iE: § 26 Nr. 2 bestimmt genug
(2) Legitimer Zweck
-> Einhaltung der Anzeigepflicht -> Vorbereitung und Kooperation
(3) Geeignetheit (+)
-> Bußgeld milder, aber nicht gleich effektiv; Einschätzungsspielraum Gesetzgeber
(5) Angemessenheit (+)
Strafandrohung gering. Umstände des Einzelfalles können bei Strafart (Freiheitsstrafe oder Geldstrafe) und Strafhöhe berücksichtigt werden
a.A. vertretbar (vgl. ausformulierte Lösung)
c) Verfassungsmäßigkeit der Auslegung und Anwendung im Einzelfall
aa) Vorliegen der tatbestandlichen Voraussetzungen des § 26 Nr. 2 VersammlG:
Auslegung und Anwendung einfachen Rechts ist grundsätzlich Sache der Fachgerichte; hier aber weitergehende Kontrolle (a.A. vertretbar)
-> i.E.: R ist "Veranstalter"
Legitimer Zweck, Geeigentheit, Erforderlichkeit (+)
Angemessenheit? Anmeldepflicht schützt Rechtsgüter von hoher Bedeutung; Gesamtbetrag von 150 Euro relativ niedrig; aber: bei ungefährlicher Kleinveranstaltung strafrechtliche Anknüpfung an "Pflicht" zur Anmeldung angesichts elementare Bedeutung von Art. 8 GG für die Demokratie wohl unverhältnismäßig (a.A. vertretbar, vgl. ausformulierte Lösung).
Art. 8 I GG ist verletzt.
a.A. vertretbar
II. Verletzung von Art. 5 III 1 Var. 1 GG (-)
Sachlicher SB (-), da keine "Kunst"
III. Verletzung von Art. 5 I 1 GG (-)
Geldstrafe knüpft nicht an Inhalt der Meinungsäußerung, sondern Art und Weise ihrer Kundgabe an.
IV. Verletzung von Art. 2 I GG (-)
Art. 2 I GG tritt als Auffanggrundrecht hinter Art. 8 I GG zurück.
Es ist nur Art. 8 I GG verletzt. Die Verfassungsbeschwerde ist begründet.
Die Verfassungsbeschwerde ist zulässig und begründet und hat somit Aussicht auf Erfolg.
Frage 2: Verletzt die Videoaufzeichnung den M in seinen Grundrechten?
1. Schutzbereich (+)
P: Eingriff durch Videoüberwachung ohne Datenspeicherung? i.E. Eingriff (+), da Einschüchterungseffekt.
Voraussetzungen des § 12a I i.V.m. § 19a VersammlG liegen nicht vor, da keine tatsächlichen Anhaltspunkte für erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit oder Ordnung
4. Zwischenergebnis: Art. 8 I GG ist verletzt.
II. Verletzung von Art. 2 I i.V.m. Art. 1 I GG
M könnte in seinem Recht auf informationelle Selbstbestimmung aus Art. 2 I i.V.m. Art. 1 I GG verletzt sein.
1. Eingriff in den Schutzbereich (+)
Befugnis des Einzelnen, grundsätzlich selbst zu entscheiden, wann und innerhalb welcher Grenzen persönliche Lebenssachverhalte offenbart werden.
-> Beobachtung der Versammlungsteilnehmer mithilfe der Kameras
-> Möglichkeit der Erhebung personenbezogener Daten -> Grundrechtsgefährdung
Voraussetzungen des § 12a I i.V.m. § 19a VersammlG liegen nicht vor (s.o.). Der Eingriff ist daher verfassungsrechtlich nicht gerechtfertigt.
Art. 2 I i.V.m. Art. 1 I (Recht auf informationelle Selbstbestimmung) ist verletzt.
III. Gesamtergebnis:
Die Videoaufnahme verletzt M in seinen Grundrechten aus Art. 8 I GG und Art. 2 I i.V.m. Art. 1 I GG (Recht auf informationelle Selbstbestimmung).
[1] BVerfG NJW 2001, 2459.
Vicunas Sachverhal (pdf)
Vicuñas (Lösungsvorschlag)