Source: https://www.bag-urteil.com/12-07-2007-bag-2-azr-60905/
Timestamp: 2020-04-01 22:56:09
Document Index: 340414602

Matched Legal Cases: ['§ 17', 'EuG', '§ 17', '§ 1', '§ 613', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 20', 'Art. 12']

﻿ ﻿ BAG – 2 AZR 609/05 | bag-urteil.com
Betriebsbedingte Kündigung – Massenentlassung – verspätete Anträge und Vertrauensschutz
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.07.2007, 2 AZR 609/05
Die Revision der Klägerin gegen das Urteil des Landesarbeitsgerichts Niedersachsen vom 17. August 2005 – 2 Sa 483/05 – wird auf Kosten der Klägerin zurückgewiesen.
2 AZR 609/05 > Rn 1
Die Parteien streiten nur noch über die Wirksamkeit einer betriebsbedingten Kündigung vom 18. Dezember 2003.
2 AZR 609/05 > Rn 2
Die am 4. Dezember 1951 geborene, verheiratete Klägerin war seit dem 26. April 1988 bei der Beklagten als Produktionsmitarbeiterin in der Abteilung “B” gegen eine Bruttomonatsvergütung von zuletzt 1.760,07 Euro beschäftigt.
2 AZR 609/05 > Rn 3
2 AZR 609/05 > Rn 4
2 AZR 609/05 > Rn 5
2 AZR 609/05 > Rn 6
2 AZR 609/05 > Rn 7
2 AZR 609/05 > Rn 8
Mit Schreiben vom 15. Dezember 2003 hörte die Beklagte den bei ihr gebildeten Betriebsrat zu einer Kündigung der Klägerin an. Der Betriebsrat erklärte am 17. Dezember 2003, er gebe keine weitere Stellungnahme zu den beabsichtigten Kündigungen ab.
2 AZR 609/05 > Rn 9
2 AZR 609/05 > Rn 10
2 AZR 609/05 > Rn 11
2 AZR 609/05 > Rn 12
2 AZR 609/05 > Rn 13
2 AZR 609/05 > Rn 14
Die Beklagte hat zur Begründung ihres Klageabweisungsantrags vorgetragen: Die Produktion sei am 16. August 2004 in B völlig eingestellt und nach M verlagert worden. Die Betriebsübernehmerin habe auf Grund von technischen Problemen in M Teile ihrer Produktion aus der Schleiferei und Lackiererei nach B verlagert und dort mit eigenem Personal in gemieteten Räumen gearbeitet. Sie habe die Massenentlassungsanzeige rechtzeitig vor der tatsächlichen Durchführung der Entlassung erstattet. Zumindest habe sie darauf vertrauen dürfen, dass sie die Massenentlassungsanzeige noch bis zum Ablauf der Kündigungsfrist wirksam habe erstatten können.
2 AZR 609/05 > Rn 15
2 AZR 609/05 > Rn 16
2 AZR 609/05 > Rn 17
Das Landesarbeitsgericht hat die Klage der Klägerin zu Recht abgewiesen. Die Kündigung vom 18. Dezember 2003 ist weder sozialwidrig noch wegen einer verspäteten Massenentlassungsanzeige unwirksam.
2 AZR 609/05 > Rn 18
2 AZR 609/05 > Rn 19
2 AZR 609/05 > Rn 20
2 AZR 609/05 > Rn 21
2 AZR 609/05 > Rn 22
2 AZR 609/05 > Rn 23
II. Entgegen der Auffassung der Revision – und nur mit diesem Aspekt setzt sie sich in der Revisionsbegründungsschrift auseinander – ist die Kündigung nicht wegen Verstoßes gegen die Anzeigepflicht des § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG rechtsunwirksam.
2 AZR 609/05 > Rn 24
2 AZR 609/05 > Rn 25
Im Anschluss an die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom 27. Januar 2005 (- C-188/03 – (Junk] – EuGHE I 2005, 885) geht das Bundesarbeitsgericht nunmehr davon aus, dass “unter Entlassung” iSv. § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG der Ausspruch der Kündigung des Arbeitsverhältnisses zu verstehen ist (BAG 23. März 2006 – 2 AZR 343/05 – BAGE 117, 281 unter Aufgabe seiner früheren Rechtsprechung; 24. August 2006 – 8 AZR 317/05 – AP KSchG § 1 Betriebsbedingte Kündigung Nr. 152 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 60; 21. September 2006 – 2 AZR 801/05 -; 1. Februar 2007 – 2 AZR 15/06 -; 13. Juli 2006 – 6 AZR 198/06 – AP KSchG 1969 § 17 Nr. 22 = EzA KSchG § 17 Nr. 17; 22. März 2007 – 6 AZR 499/05 -) .
2 AZR 609/05 > Rn 26
2 AZR 609/05 > Rn 27
2 AZR 609/05 > Rn 28
b) Diesen Umständen kommt bei der Prüfung, ob einem betroffenen Arbeitgeber Vertrauensschutz zu gewähren ist, ein erhebliches Gewicht zu (so auch zuletzt BAG 22. März 2007 – 6 AZR 499/05 -) . Der Arbeitgeber, dem eine gesetzliche Handlungspflicht auferlegt wird, muss sich grundsätzlich auf eine höchstrichterliche Rechtsprechung und Verwaltungspraxis zu den von ihm geforderten Verhaltensweisen verlassen und sein Verhalten daran ausrichten können.
2 AZR 609/05 > Rn 29
c) Soweit die Auffassung vertreten wird, der Beklagten sei kein Vertrauensschutz zu gewähren, weil bereits zum Zeitpunkt des Ausspruchs der Kündigung – insbesondere auf Grund des Vorlagebeschlusses des Arbeitsgerichts Berlin vom 30. April 2003 (- 36 Ca 19726/02 – ZIP 2003, 1265) – nicht ausgeschlossen gewesen sei, dass der Europäische Gerichtshof den Begriff der “Entlassung” anders interpretieren könnte, wird nicht hinreichend berücksichtigt, dass der Senat noch in der Entscheidung vom 18. September 2003 (- 2 AZR 79/02 -) sich mit dem europarechtlichen Vorgaben auseinandergesetzt und eine richtlinienkonforme Auslegung, wie sie nun vom Europäischen Gerichtshof zur MERL vertreten wird, verneint hatte.
2 AZR 609/05 > Rn 30
2 AZR 609/05 > Rn 31
2 AZR 609/05 > Rn 32
a) Im Entscheidungsfall geht es nicht um die Gewährung von Vertrauensschutz hinsichtlich der Auslegung europäischen Rechts, sondern um Vertrauensschutz bei der Anwendung und Auslegung nationalen Rechts durch die nationale höchstrichterliche Rechtsprechung (BAG 23. März 2006 – 2 AZR 343/05 – BAGE 117, 281; 13. Juli 2006 – 6 AZR 198/06 – AP KSchG 1969 § 17 Nr. 22 = EzA KSchG § 17 Nr. 17; 22. März 2007 – 6 AZR 499/05 -) . Der Senat hat lediglich seine eigene Rechtsprechung und die Auslegung der nationalen Regelungen des § 17 Abs. 1 Satz 2 KSchG an das Gemeinschaftsrecht angepasst. Er hat kein Gemeinschaftsrecht ausgelegt, sondern das nationale Kündigungsschutzrecht “richtlinienkonform” angewendet, indem er den Begriff “Entlassung” in § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG zukünftig im Sinne der vom Europäischen Gerichtshof entwickelten Auslegung der MERL verstanden wissen will. Damit handelt es sich um eine Frage der nationalen Rechtsanwendung (BAG 23. März 2006 – 2 AZR 343/05 – aaO; vgl. Canaris FS für Bydlinski S. 47, 64; Piekenbrock ZZP 2006, 3, 30) .
2 AZR 609/05 > Rn 33
b) Das nationale Recht ist -wenn es möglich ist – richtlinienkonform auszulegen. Ob eine solche richtlinienkonforme Auslegung möglich ist, entscheiden die nationalen Gerichte nach nationalem Recht (EuGH 5. Oktober 2004 – C-397/01 bis C-403/01 – [Pfeiffer ua.] EuGHE I 2004, 8835) . Die richtlinienkonforme Auslegung wird durch die allgemeinen Rechtsgrundsätze und insbesondere den Grundsatz der Rechtssicherheit begrenzt (EuGH 4. Juli 2006 – C-212/04 – [Adeneler] AP Richtlinie 99/70 EG Nr. 1 = EzA Richtlinie 99/70 EG-Vertrag 1999 Nr. 1) .
2 AZR 609/05 > Rn 34
Hierbei ist der aus Art. 20 Abs. 3 GG iVm. dem jeweiligen Individualgrundrecht (insbesondere Art. 12 Abs. 1 GG) folgende Vertrauensschutz zu berücksichtigen (BAG 22. März 2007 – 6 AZR 499/05 -; Kokott RdA 2006 Sonderbeilage zu Heft 6 Seite 30, 37) . Dementsprechend konnte das Bundesarbeitsgericht, das durch seine Rechtsprechung, insbesondere durch die letzte Entscheidung vom 18. September 2003 (- 2 AZR 79/02 – BAGE 107, 318) einen Vertrauenstatbestand für die Handlungsabläufe und Verhaltenspflichten bei den Massenentlassungsanträgen geschaffen hatte, in dem die bisherige Rechtsprechung aufgebenden Urteil vom 23. März 2006 (- 2 AZR 343/05 – BAGE 117, 281) den beklagten Arbeitgebern einen Vertrauensschutz zubilligen und ihnen nicht nachträglich sanktionsbewährte Handlungspflichten auferlegen.
2 AZR 609/05 > Rn 35