Source: https://www.rechtsdepesche.de/lebenserhaltung-als-schaden/
Timestamp: 2020-04-01 21:33:33
Document Index: 56643367

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', '§ 1901', '§ 1901', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1901']

Lebenserhaltung als Schaden? - Rechtsdepesche
Wegweisende BGH-Entscheidung Lebenserhaltung als Schaden?
Redaktion Rechtsdepesche / 15. März 2019 / Lesezeit ~ 2 Min.
In den kom­men­den Wochen wird der BGH ein weg­wei­sen­des Urteil zu einem Fall bekannt geben, bei dem es um Schmer­zens­geld und Scha­dens­er­satz wegen der zwei­fel­haft gewor­de­nen Son­den­er­näh­rung eines Pati­en­ten geht.© Sudok1 | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]
Ein Pati­ent litt an fort­ge­schrit­te­ner Demenz und wur­de in den Jah­ren 2006 bis 2011 bis zu sei­nem Tod mit­tels einer PEG-Magen­son­de künst­lich ernährt und am Leben gehal­ten. Spä­tes­tens seit Anfang 2010 habe dies nur noch zu einer sinn­lo­sen Ver­län­ge­rung des Lei­dens des Pati­en­ten geführt, so der Vor­wurf des Soh­nes des bereits ver­stor­be­nen Pati­en­ten, den er vor Gericht gel­tend mach­te. Der Beklag­te, ein Mün­che­ner nie­der­ge­las­se­ner Arzt für All­ge­mein­me­di­zin, hät­te dem Sohn zufol­ge die lebens­ver­län­gern­den Maß­nah­men been­den müs­sen und das Ster­ben sei­nes Vaters zulas­sen sol­len. Er klag­te auf Schmer­zens­geld sowie auf Scha­dens­er­satz für Behand­lungs- und Pfle­ge­auf­wen­dun­gen.
Die Fra­ge der Zuläs­sig­keit lebens­ver­län­gern­der Maß­nah­men bei Schwerst-Demenz­kran­ken stellt sich in unse­rer über­al­ter­ten Gesell­schaft immer häu­fi­ger. Vor allem aber für Ärz­te, die ent­spre­chen­de Pati­en­ten in Pfle­ge­hei­men betreu­en, hat sie beson­de­re Bedeu­tung. Nach den gesetz­li­chen Vor­ga­ben ist in Fäl­len einer (wirk­sa­men) Pati­en­ten­ver­fü­gung die­se gemäß § 1901a I BGB zu beach­ten und für den Betreu­er und den behan­deln­den Arzt weg­wei­send.
OLG München: 40.000 Euro Schmerzensgeld für den Kläger
Das Land­ge­richt Mün­chen wies die Kla­ge ab, das Ober­lan­des­ge­richt (OLG) Mün­chen hin­ge­gen hat­te dem Sohn 40.000 Euro Schmer­zens­geld zuge­spro­chen. Begrün­det wur­de dies damit, dass der beklag­te Arzt sei­ne Auf­klä­rungs- und Infor­ma­ti­ons­pflicht gemäß § 1901b BGB (Gespräch zur Fest­stel­lung des Pati­en­ten­wil­lens) ver­letzt hat­te. Dem­nach hät­te er das Fort­set­zen der medi­zi­nisch zwei­fel­haft gewor­de­nen Son­den­er­näh­rung mit dem Betreu­er des Pati­en­ten ein­ge­hend erör­tern müs­sen. Mög­li­cher­wei­se hät­te sein Betreu­er sich bei einer genau­en Erör­te­rung gegen die lebens­ver­län­gern­de Maß­nah­me ent­schie­den, eine sol­che ein­ge­hen­de Erör­te­rung des Pati­en­ten­zu­stan­des hat unstrei­tig nicht statt­ge­fun­den. Eine Pati­en­ten­ver­fü­gung, aus wel­cher der ein­deu­ti­ge Pati­en­ten­wil­le her­aus­leg­bar wäre, hat es nicht gege­ben.
Bei­de Par­tei­en leg­ten auf das Urteil des OLG Mün­chen hin Revi­si­on ein. Der Arzt begehr­te Kla­ge­ab­wei­sung, der Sohn den Anspruch auch auf den mate­ri­el­len Scha­dens­er­satz, wel­cher vom OLG Mün­chen ver­neint wur­de. Nun war der Fall den höchs­ten Zivil­rich­tern der Bun­des­re­pu­blik über­las­sen: Ver­gan­ge­nen Diens­tag ver­han­del­te der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) über den Fall. Bis­lang konn­ten jedoch nur Ten­den­zen zu dem noch aus­ste­hen­den Urteil des BGHs aus­ge­macht wer­den. Die Senats­vor­sit­zen­de Vera von Pentz wies bei der münd­li­chen Ver­hand­lung dar­auf hin, dass ein Urteil über den Wert des Lebens sich ver­bie­tet. Die Rich­ter wol­len die Fra­ge aber ein­ge­hend bera­ten, eine fina­le Bekannt­ga­be zum Urteil der Karls­ru­her Rich­ter wird erst in den kom­men­den Wochen fol­gen.
Patientenverfügung und Aufklärungspflicht von hoher Bedeutung
Abseits des noch aus­ste­hen­den BGH-Urteils ist die Wich­tig­keit des § 1901b BGB sowie die Bedeu­tung der Pati­en­ten­ver­fü­gung her­vor­zu­he­ben, erklärt Rechts­an­walt Prof. Dr. Vol­ker Groß­kopf, Pro­fes­sor für Rechts­wis­sen­schaf­ten im Fach­be­reich Gesund­heits­we­sen an der Katho­li­schen Hoch­schu­le NRW in Köln, hier in sei­nem Videobei­trag: