Source: https://www.arbeit-und-arbeitsrecht.de/fachmagazin/kommentar/erste-taetigkeitsstaette-einer-pilotin.html
Timestamp: 2020-08-08 05:46:58
Document Index: 86560768

Matched Legal Cases: ['§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 15', '§ 9', '§ 9', '§ 106', '§ 9']

Erste Tätigkeitsstätte einer Pilotin - RECHTSPRECHUNG - Entscheidungen kommentiert § 9 Abs. 4 EStG Steuerrecht, Entgelt | Fachartikel | Arbeit und Arbeitsrecht - Personal | Praxis | Recht
2. Eine (großräumige) erste Tätigkeitsstätte liegt auch vor, wenn eine Vielzahl solcher Mittel, die für sich betrachtet selbständige betriebliche Einrichtungen darstellen können, räumlich abgrenzbar in einem organisatorischen, technischen oder wirtschaftlichen Zusammenhang mit der betrieblichen Tätigkeit des Arbeitgebers, eines verbundenen Unternehmens oder eines vom Arbeitgeber bestimmten Dritten stehen. Demgemäß kommt als eine solche erste Tätigkeitsstätte auch ein großflächiges und entsprechend infrastrukturell erschlossenes Gebiet (z. B. Werksanlage, Betriebsgelände, Bahnhof oder Flughafen) in Betracht.
Die Klägerin ist seit 2007 als Pilotin beschäftigt. Im Arbeitsvertrag war vereinbart, dass sie auch auf anderen Flugzeugmustern, an anderen Orten sowie vorübergehend bei anderen Unternehmen im Konzern eingesetzt werden kann. Im Streitjahr war die Klägerin als First Officer (Copilotin) tätig und ausschließlich im internationalen Flugverkehr eingesetzt. Sie hatte insgesamt 24 Einsätze bei 139 Arbeitstagen, darunter fünf Bereitschaftsdienste, einen Bürodienst, einen Simulatorcheck und eine medizinische Untersuchung. Sämtliche Flugeinsätze, die zwischen einem und sechs Tagen dauerten, begann und beendete die Klägerin am Flughafen X, ihrem Stationierungs- bzw. Heimatflughafen (Homebase). Die Klägerin machte die Fahrtkosten zwischen Wohnung und Flughafen sowie Verpflegungsmehraufwendungen nach Dienstreisegrundsätzen geltend. Das Finanzamt berücksichtigte lediglich die Entfernungspauschale.
Der BFH hat entschieden, dass die Klägerin an ihrer Homebase ihre erste Tätigkeitsstätte i. S. d. § 9 Abs. 4 EStG hatte. Deshalb wurden zu Recht ihre Aufwendungen für die Fahrten zwischen Wohnort und Flughafen lediglich mit der Entfernungspauschale sowie die geltend gemachten weiteren Verpflegungsmehraufwendungen nicht zum Werbungskostenabzug zugelassen.
Erste Tätigkeitsstätte ist nach der Legaldefinition in § 9 Abs. 4 Satz 1 EStG die ortsfeste betriebliche Einrichtung des Arbeitgebers, eines verbundenen Unternehmens (§ 15 AktienG) oder eines vom Arbeitgeber bestimmten Dritten, der der Arbeitnehmer dauerhaft zugeordnet ist. Ortsfeste betriebliche Einrichtungen sind räumlich zusammengefasste Sachmittel, die der Tätigkeit des Arbeitgebers, eines verbundenen Unternehmens oder eines vom Arbeitgeber bestimmten Dritten dienen und mit dem Erdboden verbunden oder dazu bestimmt sind, überwiegend standortgebunden genutzt zu werden. Eine (großräumige) erste Tätigkeitsstätte liegt auch vor, wenn eine Vielzahl solcher Mittel, die für sich betrachtet selbstständige betriebliche Einrichtungen darstellen können, räumlich abgrenzbar in einem organisatorischen, technischen oder wirtschaftlichen Zusammenhang mit der betrieblichen Tätigkeit des Arbeitgebers, eines verbundenen Unternehmens oder eines vom Arbeitgeber bestimmten Dritten (z. B. Kunde) stehen. Deshalb kommt als eine solche erste Tätigkeitsstätte auch ein großflächiges und entsprechend infrastrukturell erschlossenes Gebiet (z. B. Werksanlage, Betriebsgelände, Bahnhof oder Flughafen) in Betracht.
Die Zuordnung zu einer solchen Einrichtung wird gem. § 9 Abs. 4 Satz 2 EStG durch die dienst- oder arbeitsrechtlichen Festlegungen durch den Arbeitgeber sowie die diese ausfüllenden Absprachen und Weisungen bestimmt (BT-Drs. 17/10774, S. 15; Schmidt/Krüger, EStG, 38. Aufl., § 9 Rdnr. 303). Zu den arbeitsrechtlichen Weisungen und Verfügungen zählen alle schriftlichen, aber auch mündlichen Absprachen oder Weisungen, insbesondere im Arbeitsvertrag oder durch Ausübung des Direktionsrechts (§ 106 GewO). Der Gesetzgeber wollte mit der Neuregelung des steuerlichen Reisekostenrechts 2013 auch das Auseinanderfallen der arbeitsrechtlichen von der steuerrechtlichen Einordnung bestimmter Zahlungen als Reisekosten verhindern.
Fliegendes Personal, das von seinem Arbeitgeber arbeitsrechtlich einem Flughafen dauerhaft zugeordnet ist und auf dem Flughafengelände zumindest in geringem Umfang Tätigkeiten erbringt, die arbeitsvertraglich geschuldet sind, hat dort seine erste Tätigkeitsstätte. Da die Pilotin in den auf dem Flughafengelände gelegenen Räumen der Airline in gewissem Umfang auch Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Flugvor- und Flugnachbereitung zu erbringen hatte, verfügte sie dort über eine erste Tätigkeitsstätte. Unerheblich ist, dass sie überwiegend im internationalen Flugverkehr tätig war.
Die Zuordnung zu einer ortsfesten betrieblichen Einrichtung wird vorrangig durch die dienst- oder arbeitsrechtlichen Festlegungen sowie diese ausfüllenden Absprachen bestimmt, hilfsweise mittels quantitativer Kriterien. Einer gesonderten Zuordnung für einkommensteuerliche Zwecke bedarf es nicht. Das Arbeitsrecht hat damit das Primat und das Steuerrecht folgt ihm. Der BFH stellt auch klar, dass die arbeitsrechtliche Zuordnungsentscheidung des Arbeitgebers als solche für ihre steuerliche Wirksamkeit nicht dokumentiert werden muss (a. A. BMF-Schreiben in BStBl I 2014, S. 1412, Rdnr. 10), denn eine Dokumentationspflicht ist § 9 Abs. 4 Satz 2 EStG nicht zu entnehmen.
Eine erste Tätigkeitsstätte hat nach dem BFH zwei Voraussetzungen:
1. Arbeitsrechtliche Zuordnungsentscheidung des Arbeitgebers (Arbeitsvertrag, Direktionsrecht) und
2. dass der Arbeitnehmer dort zumindest in geringem Umfang Tätigkeiten zu erbringen hat, die er arbeitsvertraglich schuldet und die zu dem von ihm ausgeübten Berufsbild gehören.
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