Source: https://www.drokkrueger.de/eu-dsgvo-verlangt-zulaessigkeitspruefung-videoueberwachung-muss-abgewogen-sein
Timestamp: 2020-04-02 05:03:41
Document Index: 181343534

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'Art. 13', 'Art. 13', 'Art.\u202f25', 'Art.\u202f32', 'Art.\u202f35', 'Art. 17']

Videoüberwachung muss abgewogen sein – Dr. Olaf Konstantin Krueger, M.A.
Montag, 24. Juni 2019 Freitag, 17. Januar 2020 Dr. Olaf Konstantin Krueger M.A. 3583 Views Datenschutz, EU-DSGVO, ISB, Kriminalität	min read
Brüssel/Töging — Der Dieb­stahl ei­nes Lei­ter­wa­gerls hat die­ser Ta­ge er­höh­te me­dia­le Auf­merk­sam­keit er­hal­ten. Das jahr­zehn­te­al­te Ve­hi­kel war in der Nacht zum Fron­leich­nams­tag samt Blu­men­schmuck im Ter­ra­kot­ter­be­hält­nis vor „Selle’s Ein­kehr zum Mül­ler­bräu“ ent­wen­det wor­den. Tags da­rauf flun­ker­ten die Tö­gin­ger Wirts­leu­te Mi­chael und Jus­tine Selmaier auf der Face­book-Sei­te „Spotted: Mühl­dorf am Inn und Um­ge­bung“, die Tä­ter sei­en von ei­ner Über­wa­chungs­an­la­ge ge­filmt wor­den, könn­ten aber ei­ner An­zei­ge we­gen Van­da­lis­mus und Dieb­stahls ent­ge­hen, wenn der Wa­gen bin­nen ei­nes Ta­ges zu­rück­ge­bracht wer­de. Die Tä­ter ließ dies wohl un­be­ein­druckt, doch Nach­barn, Freun­de und Gäs­te such­ten und fan­den den Wa­gen ei­ni­ge hun­dert Me­ter ent­fernt vom Gast­haus bei ei­nem Ver­brau­cher­markt – frei­lich oh­ne Blu­men­schmuck. Ob­schon man­che Face­book-Kom­men­ta­to­ren statt den Dieb­stahl viel­mehr die ver­meint­li­che Vi­deo­über­wa­chung kri­ti­sier­ten, den­ken die Wirts­leu­te nun doch über die In­stal­la­tion ei­ner Über­wa­chungs­an­la­ge nach. Wel­che recht­li­chen Fall­stri­cke gilt es da­bei zu um­ge­hen?
Vi­deo­über­wa­chung ist nur zu­läs­sig, wenn sie ge­set­zes­kon­form in­stal­liert und be­trie­ben wird. Recht­lich be­rührt sein kön­nen das Grund­recht der frei­en Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung, das Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung, das Recht am ei­ge­nen Bild, das Straf­ge­setz­buch, be­trieb­li­che Mit­be­stim­mung, Lan­des­da­ten­schutz­ge­set­ze, das Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz und die ⭲ Eu­ro­päi­sche Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung. Leit­linien: In­stal­la­tion und Be­trieb von Über­wa­chungs­an­la­gen müs­sen da­ten­schutz­kon­form sein, Auf­nah­men von öf­fent­lich zu­gäng­li­chen Be­rei­chen sind re­gel­mä­ßig un­zu­läs­sig, Vi­deo­auf­zeich­nun­gen im ei­ge­nen pri­va­ten Um­feld sind re­gel­mä­ßig zu­läs­sig, die Be­ob­ach­tung muss kennt­lich ge­macht wer­den, frem­des pri­va­tes Um­feld darf nicht ge­filmt wer­den, un­recht­mä­ßig ge­film­te Per­so­nen kön­nen Un­ter­las­sung und Scha­den­er­satz ver­lan­gen. In je­dem Fall ist ei­ne aus­führ­li­che In­ter­es­sen­ab­wä­gung vor­zu­neh­men zwi­schen dem be­rech­tig­ten In­ter­es­se an ei­ner Über­wa­chung und dem Ein­griff in das Per­sön­lich­keits­recht der Be­trof­fe­nen. Kri­te­rien: Recht­mä­ßig­keit, Ver­hält­nis­mä­ßig­keit, Zweck­dien­lich­keit.
Bei der Vi­deo­über­wa­chung am Ar­beits­platz sind die schüt­zens­wer­ten In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer mit de­nen des Ar­beit­ge­bers so­wie die Re­le­vanz be­stimm­ter ar­beits­recht­li­cher Vor­schrif­ten und Ge­richts­ur­tei­le ge­gen­ein­an­der ab­zu­wä­gen. Bei der Vi­deo­auf­zeich­nung im ei­ge­nen pri­va­ten Um­feld muss den Kri­te­rien ent­spre­chend vor dem Ein­satz ei­ner Über­wa­chungs­an­la­ge sorg­fäl­tig ab­ge­wo­gen wer­den zwi­schen dem be­rech­tig­ten In­ter­es­se des Ei­gen­tü­mers, bei­spiels­wei­se sein Grund­stück vor rechts­wi­dri­gen Über­grif­fen zu schüt­zen, dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht je­ner Per­so­nen, die in den über­wach­ten Be­reich ein­tre­ten, und der Mög­lich­keit, Be­ein­träch­ti­gun­gen mit­tels mil­de­rer Maß­nah­men wie me­cha­ni­sche Si­che­run­gen zu be­geg­nen.
Zu­läs­sig­keits­voraus­set­zung laut EU-DSGVO
Die Eu­ro­päi­sche Da­ten­schutz­grund­ver­ord­nung re­gelt die voll­stän­dig oder teil­wei­se au­to­ma­ti­sier­te Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten so­wie die nicht­au­to­ma­ti­sier­te Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten, die in ei­nem struk­tu­rier­ten Da­tei­sys­tem ge­spei­chert sind. Bei­spie­le hier­für sind Per­so­nal­ver­wal­tung und Lohn­buch­hal­tung, Zu­gang zu und Nut­zung ei­ner Kon­takt­da­ten­bank, ⭲ Ver­sand von Wer­be-E-Mails, Ver­nich­tung von Ak­ten mit per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten, Ver­öf­fent­li­chung und Ein­stel­lung ei­nes Fo­tos ei­ner Per­son auf ei­ner Web­site, Spei­che­rung von IP- oder MAC-Adres­sen so­wie Vi­deo­auf­zeich­nun­gen.
Vi­deo­über­wa­chung und da­mit die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten ist et­wa dann recht­mä­ßig, wenn sie zur Wah­rung der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen er­for­der­lich ist (Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO). Zur In­for­ma­tions­pflicht bei der Er­he­bung von per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten ge­hö­ren un­ter an­de­rem: Na­me und Kon­takt­da­ten des Ver­ant­wort­li­chen, ge­ge­be­nen­falls der Kon­takt zum Da­ten­schutz­be­auf­trag­ten, Zwe­cke der Ver­ar­bei­tung und Rechts­grund­la­ge, be­rech­tig­te In­ter­es­sen der ver­ant­wort­li­chen Stel­le und Drit­ter, even­tu­ell Emp­fän­ger von per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten und be­ab­sich­tig­te Über­mitt­lun­gen an Dritt­län­der res­pek­ti­ve in­ter­na­tio­na­le Or­ga­ni­sa­tio­nen (Art. 13 Abs. 1 DSGVO), Spei­cher­dauer, Ver­weis auf das Recht auf Aus­kunft, Be­rich­ti­gung, Sper­rung und Lö­schung, Ver­weis auf Be­schwer­de­recht bei der Auf­sichts­be­hör­de, Ver­weis auf Ver­pflich­tung zur Be­reit­stel­lung von Da­ten durch den Be­trof­fe­nen und Fol­gen ei­ner Wei­ge­rung so­wie ge­ge­be­nen­falls der Hin­weis auf au­to­ma­ti­sier­te Ein­zel­fall­ent­schei­dun­gen (Art. 13 Abs. 2 DSGVO).
Es ist ein Ge­winn an Frei­heit, wenn wir die Auf­nah­men nut­zen,
um Straf­tä­ter vor Ge­richt zu stel­len.
Eh­ren­vor­sit­zen­der der Christ­lich-So­zia­len Union in Bayern e. V., 27. April 2018
Die EU-DSGVO ver­pflich­tet von vorn­he­rein zu da­ten­schutz­freund­li­chen Vor­ein­stel­lun­gen (Art. 25 DSGVO), zu Si­cher­heits­maß­nah­men bei Be­schaf­fung, In­stal­la­tion und Be­trieb von Vi­deo­über­wa­chungs­sys­te­men (Art. 32 DSGVO) und zur Da­ten­schutz-Fol­gen­ab­schät­zung (Art. 35 DSGVO). Sie sieht zu­dem ein Recht auf Lö­schung (Art. 17 Abs. 1 DSGVO) vor. In der Pra­xis be­deu­tet dies, be­ste­hen­de An­la­gen sind auf ih­re Zu­läs­sig­keit hin zu über­prü­fen, vor­han­de­ne Do­ku­men­ta­tio­nen müs­sen rechts­kon­form und trans­pa­rent sein und bei Be­schaf­fung, In­stal­la­tion und Be­trieb von Über­wa­chungs­an­la­gen ist auf si­che­re und da­ten­schutz­freund­li­che Ge­stal­tung zu ach­ten. Die Tö­gin­ger Wirts­leu­te wer­den all dies vor der In­stal­la­tion ei­ner Über­wa­chungs­an­la­ge be­den­ken müs­sen. ✻
Print: Inn-Salz­ach blick, 10. Jg., Nr. 26/2019, Sams­tag, 29. Ju­ni 2019, S. 1f., Ko­lum­ne „Leit­ar­ti­kel“ [160/3/1/10].
Online: ⭱ blick-punkt.com, Mon­tag, 24. Ju­ni 2019; ⭱ E‑Paper Inn-Salz­ach blick, Sams­tag, 29. Ju­ni 2019. Stand: Neu­jahr, 1. Ja­nu­ar 2020.
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