Source: https://machorka.espivblogs.net/2013/12/31/die-helvetische-version-der-totalten-sicherheit-interview-mit-marco-camenisch/
Timestamp: 2018-08-16 23:55:11
Document Index: 187613134

Matched Legal Cases: ['Art. 64', 'Art. 64', 'Art.\n64', 'Art. 59', 'Art 123', 'Art 64', 'Art. 64', 'Art 64', 'Art 64']

Die Helvetische Version der „totalten Sicherheit“. Interview mit Marco Camenisch
Wenn ich Marco Camenisch wäreder militante anarchistische Umweltschützer ist seit 23 Jahren ununterbrochen im Gefängnis, ohne Urlaub oder bedingte Freiheit. Gerechtigkeit[1] oder Rache des Staates?
Aus der Gewerkschaftszeitschrift UNIA Tessin area Halbmonatsschrift für soziale Kritik und Arbeit Jahr XVI, n° 19
6. Dezember 201 3, area dossier, üb. von mc Knast Lenzburg CH Dez. 2013
Nehmen wir ein uns teures Beispiel. In der demokratischen Schweiz war das Recht zu streiken lange verboten, fast kriminalisiert. Und die kürzliche Einschreibung des Streikrechts in die Verfassung ist nicht einer absoluten Gewissheit seiner Achtung gleichzusetzen. Vor wenigen Jahren bestätigte das Bundesgericht die Verurteilung der UNIA-Anführer wegen einer Gewerkschaftsaktion, die für die Frühpensionierung in der Baubranche entscheidend war. Mehrheitlich erachteten die Richter die Zirkulationsfreiheit der Autofahrerlnnen (es wurde eine Autobahn blockiert) gegenüber dem Streikrecht als vorrangig und verurteilten die Gewerkschaftsvertreterlnnen.
In unserem Land haben sich die Tagungen gelehrter Juristen zum Thema vervielfacht. Zahlreiche Persönlichkeiten, keine subversive, sondern von liberalen Werten inspirierte (siehe, hier, S. 9), stellen Fragen über das heute vorherrschende Konzept der absoluten Sicherheit und seine Folgen für die grundlegenden Prinzipien des Rechtstaates. Die Internierung auf unbestimmte Zeit ist ein Kind dieser sekuritären Logik. Sie wurde nach der Abstimmung auf der Welle der verständlichen Entrüstung des Volkes wegen einer Reihe von abscheulichen und hassenswerten Verbrechen wie jene der Pädophilie oder des sexuellen Missbrauchs eingeführt. Von jenen Stimmenden wissen aber wenige, dass die Norm, die den Freiheitsentzug auf unbestimmte Zeit regelt, nämlich Art. 64, eine vielfältige Liste von Vergehen miteinbezieht, die weit über die sexuellen Verbrechen hinausgeht. Dazu kann er auf jedermann angewendet werden, wenn es um ein Vergehen geht, das mit bis zu maximal fünf Jahren bestraft werden kann. Nämlich praktisch auf alle Straftatbestände. Wie die Bundesbehörde auf ihrer Seite erklärt: «Zur Verordnung der Verwahrung ist nicht das begangene Vergehen bestimmend, sondern eher das zukünftige Verhalten des Täters». Kurz, er wird nicht für das im Knast bleiben was er getan hat, sondern für das, was man meint er werde tun. Gesucht werden: hellseherische Fähigkeiten.
Seit 5 Jahren werden ihm Freigänge verwehrt und seit 2 Jahren die bedingte Freilassung, obwohl er ein Recht darauf hätte nachdem er mit guter Führung zwei Drittel seiner Strafe abgesessen hat. Wenn noch vor zehn Jahren die bedingte Freilassung „automatisch“ war, wird sie heute mit immer schärferen Einschränkungen gewährt. Und das nicht aus präzisen Gründen, sondern auf Grund irrationaler Ängste.
Auch seine Entlassung am Ende der Strafe im Jahr 2018 ist nicht gewiss. Wie auf allen Bürgerlnnen, über ihm schwebt das Damoklesschwert des Art. 64. «Er distanziert sich nicht von seiner Weltanschauung» ist eine der wichtigsten Begründungen womit ihm die Rechtsvergünstigungen vorenthalten werden. Da kommen Zweifel auf: Wird Camenisch bestraft weil er ein Symbol ist oder für das, was er getan hat? Nachdem wir einige Begegnungen hatten, erklärte sich Marco Camenisch bereit, uns eines seiner mit den „klassischen“ Medien sehr seltenen Interviews zu geben. Das letzte, und einzige Mal, war für einen Dokumentarfilm des Deutschschweizer Fernsehens. Camenisch war über diesen Beitrag verbittert, da er sich für andere Zwecke instrumentalisiert betrachtet, die den erklärten Absichten der Journalisten überhaupt nicht entsprachen. Seither hat Camenisch keine Interviews mehr gegeben.
francesco.bonsaver@areaonline.ch
Eine «exemplarische» Justiz fur einen speziellen Gefangenen
MARCO CAMENISCH IST EIN SYMBOL. NEGATIV FÜR DIE MACHT, POSITIV HINGEGEN FÜR DIE, DIE GEGEN DIESE OPPONIEREN. EINE VORAUSSETZUNG, DIE SEINEN GESAMTEN RECHTSVERLAUF BEEINFLUSST HAT, VON SEINER ERSTEN VERURTEILUNG VOR MEHR ALS DREISSIG JAHREN AN. EIN NOCHMALIGES DURCHLESEN
von Francesco Bonsaver, aus Lenzburg
1952: MARCO CAMENISCH KOMMT IM KANTON GRAUBÜNDEN AUF DIE WELT.
1979: ER IST AUTOR EINES ATTENTATES AUF EINEN HOCHSPANNUNGSMASTEN.
1981: FÜR DIESE TAT ZU ZEHN JAHREN GEFÄNGNIS VERURTEILT, GELINGT IHM DIE FLUCHT AUS DEM GEFÄNGNIS VON REGENSDORF.
1989: ER WIRD VERDÄCHTIGT EINEN GRENZWÄCHTER IN DER VAL POSCHIAVO GETÖTET ZU HABEN.
1991: NACH ZEHN JAHREN IM UNTERGRUND WIRD ER IN DER TOSCANA NACH EINEM SCHUSSWECHSEL VERHAFTET, IN DEM EIN POLIZIST UND CAMENISCH VERLETZT WERDEN.
2004: PROZESS IN ZÜRICH, WO ER FÜR DEN MORD DES BÜNDNER GRENZWÄCHTERS ZU 17 JAHREN VERURTEILT WIRD.
NACHDEM ICH LANGE IN SEINER LEBENSGESCHICHTE GELESEN HABE, BEGEGNE ICH ENDLICH MARCO CAMENISCH. ICH TREFFE IHN IM GEFÄNGNIS VON LENZBURG, KANTON AARGAU, DIE LETZTE ETAPPE SEINER ZWANZIGJÄHRIGEN PILGERFAHRT IN DEN HELVETISCHEN STRAFANSTALTEN.
Wem sein Name nichts sagt, genüge es zu wissen, dass er der politische Gefangene schlechthin ist in der Schweiz. Für die Regierenden und wirtschaftlichen Machtzentren habe ich den Terror in Grossbuchstaben vor mir, dessen Zustand der Gefangenschaft von über zwanzig Jahren eine Warnung sein muss für jene, die seine Ideologie und die Aktionen einer nun lange zurückliegenden Vergangenheit teilen Ich drucke also die Hand dieses Mannes, der kürzlich sechzig geworden ist, schmächtig, von mittlerer Statur und mit einem vom Leben geprägten Gesicht in dem die lebhaften Augen funkeln, wahrend dem Rücken entlang die in einen langen grauen Rosschwanz gebundenen Haare hinunter fliessen Es genügen wenige Minuten um zu verstehen, dass dieser Mann nicht gebändigt wurde. Wenn jemand meinte, ihn besiegt oder bezwungen zu haben, indem man ihn für Jahrzehnte zwischen vier Mauern sperrt, hat er sich getäuscht.
Das heilige Feuer hat nie aufgehört in seiner Seele zu brennen, und hat seine Freude am Leben und Lieben genährt und dazu geführt, dass er seinen Überzeugungen standfest treu geblieben ist. Eine Standhaftigkeit, die nicht mit der unversöhnlichen Ablehnung des Dialoges, von einem dogmatischen Denken diktiert, verwechselt werden darf. Er weicht der Auseinandersetzung nicht aus. Im Gegenteil, sie gefällt ihm. In unseren Begegnungen ergibt sich die Fähigkeit nicht in Zirkelschlüssen zu denken, während die intellektuelle Neugierde vorherrscht, sich für verschiedene Wege und Ideen zu interessieren und sich damit auseinanderzusetzen, ohne dabei sein Denken hinten an zu stellen.
Seit 23 Jahren ununterbrochen im Gefängnis. Aus seiner Zelle heraus pflegt er eine unglaubliche Menge an Korrespondenz mit der halben Welt. Es sind viele, die ihm schreiben, um ihre Solidarität auszudrücken. Mit einigen hat sich im Verlaufe der Zeit eine Korrespondenz brüderlicher Freundschaft entwickelt. Er schreibt eigene Texte oder übersetzt andere, deren Gedanken zu verbreiten seiner Einschätzung nach wichtig ist. Das ist einer der Gründe, wieso sie ihn weiter fürchten und ihn nicht herauslassen wollen. Und doch hätte er ein Recht darauf. Wäre er ein normaler Gefangener, hätte er seit fünf Jahren Urlaube erhalten. Seit zwei Jahren hätte er ein Recht auf die bedingte Freilassung oder mindestens auf Halbgefangenschaft.
Die Lektüre der Justizgeschichte Camenischs drängt eine Frage auf: Ist es Gerechtigkeit oder eine
Rache des Staates? Das Urteil sei euch Leserlnnen überlassen.
SEINE GESCHICHTE IN DEN BÜCHERN
MARCO CAMENISCH IST EIN MENSCH, UND VIELLEICHT GEGEN SEINEN WILLEN, EIN SYMBOL. ER IST ES FÜR JENE, DIE MIT IHM DIE NOTWENDIGKEIT EINER RADIKALEN VERÄNDERUNG DES SYSTEMS TEILEN, DAS AUF DER AUSBEUTUNG DES MENSCHEN UND DER NATUR MIT DEM ZIEL DER VEREWIGUNG DER ANHÄUFUNG VON REICHTUM (KAPITALISMUS), AUF GESCHLECHTERHERRSCHAFT (PATRIARCHAT) UND AUTORITARISMUS IN JEDEM BEREICH BASIERT. DAS IST EINE SYNTHESE SEINES DENKENS UND ALS SOLCHE UNVOLLSTÄNDIG. UMSO MEHR, ALS ES SICH IN EINE VORSTELLUNG EINER KOLLEKTIVEN GESELLSCHAFT EINFÜGT, ZU DEREN ENTSTEHUNG IN DER SUMMARISCH ÖKOANARCHISMUS, ANTIZIVILISATION ODER PRIMITIVISMUS DEFINIERTEN STRÖMUNG ZAHLREICHE INDIVIDUEN BEIGETRAGEN HABEN. UM SIE NICHT ZU VERZERREN, ZIEHEN WIR ES VOR, EUCH AUF DIE BÜCHER HINZUWEISEN, IN DENEN SEINE TEXTE UND DIE ZUSAMMENFASSUNG SEINES LEBENS VORGESTELLT WERDEN. IN «RASSEGNAZIONE COMPLICITÀ», EDIZIONI L‘AFFRANCHI, 1992, STEHT DIE VOLLSTÄNDIGE VERSION SEINES DOKUMENTES „FRIEDE DEN HÜTTEN! KRIEG DEN PALÄSTEN!“, DAS ER 1981 WÄHREND DES ERSTEN PROZESSES GELESEN HAT. «ACHTUNG BANDITEN — MARCO CAMENISCH E L‘ECOLOGISMO RADICALE», 2004 HERAUSGEGEBEN VON PIERO TOGNOLI FASST SEINE BIOGRAPHIE DURCH DIE LEKTÜRE VON KORRESPONDENZEN UND OFFIZIELLEN ERKLÄRUNGEN CAMENISCHS ZUSAMMEN.
DIE ZWEITE AUSGABE, DIE VOM VERLAG NAUTILUS 2013 EBENFALLS VOM SELBEN AUTOR BEARBEITET HERAUSGEGEBEN WURDE, AKTUALISIERT DEN VERLAUF DER LETZTEN JAHRE. SINNBILDLICH DAS LETZTE KAPITEL, MIT DEM TITEL „MARCO LIBERO“, GEFOLGT VON WEISSEN SEITEN.
«Sobald sie sich fürchtet, antwortet die Macht immer mit Repression»
QUERFELD-INTERVIEW MIT CAMENISCH. SEINE ERSTE “DRAKONISCHE“ STRAFE, SEIN LEBEN IM UNTERGRUND, DANN ALS GEFANGENER IN ERWARTUNG EINER UNGEWISSEN FREIHEIT UND DIE ERKLÄRUNGEN AN DER GRENZEN DES ‚REVOLUTIONAREN“ ANSTANDES
Es ist logisch, dass die mich angeklagt haben einen Grenzwächter getötet zu haben. Das liegt in der Natur der Dinge. Wenn du die Entscheidung zum bewaffneten Kampf triffst, kannst du nicht leugnen, dass töten oder getötet werden geschehen kann. Du musst die Verantwortung übernehmen. Und auch deswegen angeklagt zu werden, ob es nun wahr oder nicht sei. Aber im Fall Brusio sind sie darüber hinausgegangen. Sie haben ein Werk der denigrierenden und ehrenrührigen Propaganda dazugegeben, mit dem einzigen Zweck die Gründe derjenigen abzuwerten, die sich der Volksrevolution widmen. Sie haben mich beschuldigt, einem am Boden liegenden, unschädlichen, sogar schon toten Menschen einen Kopfschuss verpasst zu haben. Sie haben mich als gemeinen Schlachter gemalt, dem töten und foltern Freude bereitet. Obwohl ich mich zur Anklage nicht äussern wollte, musste ich reagieren. Nicht aus persönlichen Gründen, sondern aus Gründen der Verantwortung gegenüber allen, die denselben Entscheid wie ich vor dreissig Jahren getroffen haben, treffen und treffen werden. Ich habe ihn nicht getötet. Wäre ich der Schlächter, wie sie es sagen, hätte ich die beiden Karabinieri, die mich im Untergrund kontrollieren wollten, in die Stirn geschossen, anstatt den Tex Willer[2] zu spielen und zu versuchen sie zu entwaffnen, indem ich denen in den Pistolenarm schoss. Um dann doch verhaftet zu werden.
Richtung unliberale Gesellschaft
INTERVIEW MIT DEM STRAFRECHTSPROFESSOR MARCEL ALEXANDER NIGGLI ÜBER WOHIN DER HELVETISCHE RECHTSSTAAT GEHT
KRIMINOLOGE, DEKAN DER FAKULTÄT FÜR JURISPRUDENZ AN DER UNIVERSITÄT FREIBURG, UND PROFESSOR FÜR STRAFRECHT UND PHILOSOPHIE DES RECHTES IN DERSELBEN UNIVERSITÄT. ES IST MARCEL A NIGGLI, EINE DER GRÖSSTEN AUTORITATEN DES LANDES IN JURISTISCHER DOKTRIN, HERAUSGEBER DES BASLER KOMMENTAR ÜBER DAS STRAFRECHT. IHN HABEN WIR GEFRAGT, WOHIN ES MIT DER HELVETISCHEN JUSTIZ GEHT.
Ist es korrekt wenn wir feststellen, dass der Begriff der öffentlichen Sicherheit gegenüber
anderen Rechten Terrain wettgemacht hat?
Ja, absolut. Nun scheint festzustehen, dass unsere Gesellschaft auf der Angst gründet Und dass Sicherheit die einzige Antwort sei. Ich kann nicht einschätzen, wie stark das in der Bevölkerung verbreitet ist. Aber es bestehen keine Zweifel, dass für die politische Klasse die Sicherheit der höchste aller Werte ist.
Welchen Einfluss hat diese Situation auf den Rechtsstaat, vom praktischen Gesichtspunkt?
Auf verschiedenen Ebenen. Z B die Verkehrsnormen. Es gab noch nie eine so niedrige Todesrate wie in den letzten Jahren. Aber wenn wir in den Medien lesen, scheint genau das Gegenteil wahr zu sein. Und die Politik folgt dem auf dem Fusse. Ein weiterer Fall ist das Verhältnis zu anderen Staaten in Steuerfragen. Wir haben gesehen, wie leicht die Namen der Bankangestellten der Schweizer Banken den US-Behörden ausgeliefert wurden. Was schlicht verboten, eine krasse Verletzung der geltenden Normen ist. Man kann sich dafür entscheiden die Gesetze zu ändern. Aber nicht sie zu verletzen. Sonst ist man wie eine Bananenrepublik.
Die Medien sind da nicht ganz unschuldig…
Nunmehr ist bekannt, dass die Darstellungen der Medien auf Sensationalismus setzten und die Nachrichten in schrillen und alarmierenden Tönen bringen. Mit dem Resultat die Angst zu nähren, obwohl es in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit steht und die Politik drängt, sekuritäre Antworten zu liefern.
Aber das Recht sollte doch auf grundlegenden Prinzipien gründen, die es vor Modeerscheinungen und Bauchreaktionen auf vereinzelt auftretende und nicht auf allgemeine und wirkliche Daten gestützte Geschehnisse schützen sollten?
Sollte. Aber es ist das Ergebnis der globalen mediatisierten Gesellschaft. Aber in der Schweiz besteht glaube ich eine Besonderheit wegen der Macht des Volkes zum direkten Eingriff. Und der Politiker amplifiziert auf der Suche nach Wahlkonsensen die Angst, indem er nach direkten Antworten ruft. Die Eile ist eine weitere Kritik am zeitgenössischen Recht. Es ist zu langsam. Aber das Recht gibt es gerade um die Dinge zu verlangsamen. Es ist ein Paradox, es wegen etwas anzuklagen, das in seinem Wesen selbst liegt. Wenn jemand eine eilige Entscheidung will, dann muss er nicht das Recht wählen, um sie zu erhalten.
Nun zur strafrechtlichen Ebene. Ist ihnen bekannt, dass die Praxis der bedingten Freiheit in den
letzten zehn Jahren viel restriktiver wurde?
Ja. Und auch in diesem Fall gibt es keinerlei Zunahme der Verbrechen, sowohl der schweren als auch der leichteren, die von Personen während der Rechtsvergünstigung der bedingten Freiheit begangen werden. Es besteht keinerlei statistische Rechtfertigung zur Verschärfung der Praxis. Es handelt sich schlicht um die Frucht einer irrationalen Angst.
Ist es korrekt zu sagen, dass eine Verlagerung der Verantwortlichkeiten von den Richtern auf die
Psychiater stattfindet, insbesondere in den Artikeln zur Verwahrung auf unbestimmte Zeit (Art.
64) und zu den therapeutischen Massnahmen (Art. 59)?
Man geht weiter und schafft ein perverses Spiel der Verantwortungslosigkeit. Man verlangt vom Richter nicht, über die genaue Lange der Strafe zu entscheiden, aber man beauftragt ihn von Mal zu Mal einzuschätzen, wann er sie beenden soll. Um das zu tun, wird er sich an die Meinung des Psychiaters halten. Aber dieser, sollte was krumm laufen, wird sagen er habe bloss eine auf Statistiken und nicht auf Gewissheiten basierte Meinung ausgedrückt. Und, dass die endgültige Entscheidung der Richter gefallt hat. Dieser, seinerseits, wird sagen er habe auf Grund des Gutachtens entschieden. Schlussendlich übernimmt niemand die Verantwortung und die Person bleibt weggeschlossen.
Entschuldigung, aber beisst sich diese Justiz nicht mit den Grundprinzipien des liberalen Rechtsstaates?
Ja. Wir sind auf dem Wege, eine unliberale Gesellschaft zu werden. Wir verletzen gerade eines der grundlegenden Prinzipien unseres Rechtes: die Gewissheit, dass eine Strafe ein Ende hat. Über die Schärfe und Dauer der Strafe kann man reden und sich für Veränderungen entscheiden. Aber die Dauer einer Strafe in der Vorhölle der Ungewissheit zu belassen, ist eine Absurdität. Das heisst, dass niemand die Verantwortung übernimmt, jemanden zu befreien. Die Konsequenz ist, dass einer wachsenden Anzahl Menschen auf unbestimmte Zeit die Freiheit entzogen wird. Und wir sprechen von einer unglaublichen Zahl von Menschen, die sich in dieser Lage befinden.
Welche Gefahren sehen sie für den einfachen Bürger hinsichtlich dieser Veränderungen?
Alle können wir einen schwierigen Moment haben und eine Straftat begehen. Vor etwa zehn Jahren hätte der Verteidiger eine psychiatrische Begutachtung verlangt, um die mildernden Umstände zu belegen, die seinen Mandanten zur Begehung des Deliktes gebracht haben. Heute ist der Psychiater der Feind der Verteidigung. Wird er vor die Schranken gerufen, kann die Person vom perversen System der Unverantwortlichkeit verschlungen werden, von dem ich vorher gesprochen habe. Alle diese tiefgreifenden Veränderungen des Justizsystems, die sich ohne jeglichen Zusammenhang mit der Realität zutragen, machen mir Angst.
Wieso schweigt sich die Gemeinschaft der Juristen über diese Veränderungen aus?
Es scheint dermassen selbstverständlich zu sein, dass du ein Idiot bist, wenn du dich dem entgegensetzest. Nur schon die grundlegende Frage über die Nützlichkeit und die Wirksamkeit einer Massnahme aufzuwerfen scheint unlegitim, unsinnig zu sein.
Was sie da sagen löst grosse Angst aus. Es scheint, dass wir auf ein System der Einheitsmeinung zu steuern, gegen die es unmöglich ist auch nur den kleinsten Zweifel zu äussern…
Die Verwahrung, die tötet
DER FALL SKANDER VOGT, EINES DER OPFER DES NEUEN ART 64 STGB
Skander Vogt stirbt nach einem langen 90 Minuten dauernden Todeskampf, von den Gefängniswärtern ausgelacht und verachtet. Er war dreissigjährig. Nachdem er einige Verurteilungen für einige auch schwere Vergehen gehäuft hatte, kommt er 2001 ins Gefängnis, um eine Strafe von 20 Monaten abzusitzen. Er wird neun Jahre drin bleiben, umgewandelt in eine Verwahrung auf unbestimmte Zeit, weil er als gemeingefährlich eingestuft wurde. Die letzten fünf Jahre wird er in Totalisolation verbringen. Bis im Gefängnis Bochuz am 10. März 2010 die Schließer ihm den Radioapparat wegnehmen, die einzige Ablenkung in seiner Zelle. Aus Protest setzt er in der Nacht die Matratze in Brand. Während die Wärter 1 1/2 Stunden auf die Ankunft der Spezialeinheit der Polizei warten, um ihn aus der Zelle zu holen, erstickt Skander Vogt an einer Rauchvergiftung. Die Veröffentlichung in Le Matin der Gespräche zwischen den kantonalen Dienststellen in diesen 90 Minuten ist grauenvoll. Die Staatsanwaltschaft hatte Vogts Tod durch eine Einstellungsverfugung kassiert. Das Bundesgericht hingegen verordnete die Neueröffnung des Falles und der Prozess fand vor einigen Wochen statt. Der Staatsanwalt hat für drei Gefangniswärter zwischen 20-60 Tage Bussgeld gefordert, bedingt ausgesetzt. Das Urteil wird am 9 Januar erwartet.
Die unbefristete Gefangenschaft Vogts, gegen die er sich oft aufgelehnt hat, ist Frucht des 8 Februar 2004 als Volk und Stände mit grosser Mehrheit die Initiative für „lebenslange Verwahrung“ für als gefährlich eingestufte Sexual- und Gewaltstraftäter angenommen haben.
In der helvetischen Verfassung wurde also ein neuer Artikel aufgenommen, Art 123, und das Verfassungsprinzip musste dann in Gesetzgebung umgesetzt werden. So entstand der Art 64 StGB, der das Prinzip nicht wenig veränderte. So wurde die Verwahrung auf unbestimmte Zeit auf eine Reihe von Vergehen gegen die körperliche Unversehrtheit ausgedehnt. Ein sehr viel längere Liste als die Pädophilie- oder Sexualverbrechen, für die sich das Volk ausgesprochen hatte. Art. 64 kann ausgesprochen werden gegen die, die für ein Vergehen verurteilt werden, das mit einer Höchststrafe von bis zu fünf Jahren sanktioniert werden kann. Da lohnt es sich zu erinnern, dass die Höchststrafe von bis zu fünf Jahren für fast alle im StGB vorgesehenen Vergehen gilt. Und schlussendlich, als überhaupt nicht unwesentliches Detail ist es belanglos, ob der Täter das Vergehen begangen oder nur geplant hat. Man wird ihn trotzdem verwahren können.
Die Kritiker des Art 64 betonen, dass eine Person ohne etwelchen wissenschaftlichen Beleg ihrer Gemeingefährlichkeit jahrelang eingesperrt werden kann. Andere sehen eine Abwälzung der Verantwortung von den Richtern auf die Psychiater. Deren wissenschaftliche Gemeinschaft selbst ist sich uneinig über die Befähigung, die potentielle Gefährlichkeit einer Person in der Zukunft vorauszusehen. Wie von der W0Z im Falle Andreas Schmid berichtet wurde, eines Jurassiers, der dem Art 64 unterworfen wurde Es wurden drei Gutachten zur Einschätzung seiner Gemeingefährlichkeit erstellt Alle drei mit unterschiedlichen Ergebnissen.
DIE HELVETISCHE VERSION DER „TOTALEN SICHERHEIT“. INTERVIEW MIT MARCO CAMENISCH
Strafende nicht erreicht
Auf den Seiten 7-10
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December 31st, 2013 | Tags: Camenish Marco, ch, interview, prisoners| No Comments »