Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/berufung-durch-die-nicht-existente-partei-320246
Timestamp: 2020-01-20 20:03:45
Document Index: 107371419

Matched Legal Cases: ['§ 56', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 56', '§ 50', '§ 56', '§ 50', '§ 43', '§ 50', 'BGH', '§ 50', 'BGH', '§ 50']

Beru­fung durch die nicht exis­ten­te Par­tei | Rechtslupe
Berufung durch die nicht existente Partei
Die Beru­fung einer nicht exis­ten­ten oder aus ande­ren Grün­den par­tei­un­fä­hi­gen Pro­zess­par­tei gegen ein in ers­ter Instanz ergan­ge­nes Sachur­teil ist nicht nur zuläs­sig, wenn die Par­tei mit der Beru­fung das Feh­len der Par­tei­fä­hig­keit gel­tend macht, son­dern auch dann, wenn sie das Rechts­mit­tel mit dem Ziel ein­ge­legt hat, ein ande­res, ihrem Begeh­ren ent­spre­chen­des Sachur­teil zu errei­chen.
Die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs lag ein Fall zugrun­de, in dem die zum Aus­schei­den eines Gesell­schaf­ters im Gesell­schafts­ver­trag ver­ein­bar­te Rege­lung zur Fol­ge hat­te, dass beim Aus­schei­den der Beklag­ten das Ver­mö­gen der Klä­ge­rin im Wege der Gesamt­rechts­nach­fol­ge auf den allein ver­blei­ben­den Gesell­schaf­ter über­ging, ohne dass es eines Über­tra­gungs­ak­tes oder einer Über­nah­me­er­klä­rung bedurf­te 1. Mit dem Aus­schei­den der Beklag­ten war die Gesell­schaft daher ohne Liqui­da­ti­on been­det, so dass ihr bereits zum Zeit­punkt ihrer Kla­ge­er­he­bung die Par­tei­fä­hig­keit fehl­te.
Die man­geln­de Par­tei­fä­hig­keit der Klä­ge­rin führt aber nicht zur Unzu­läs­sig­keit der von ihr ein­ge­leg­ten Beru­fung gegen das land­ge­richt­li­che Urteil.
In der Recht­spre­chung ist aner­kannt, dass eine Pro­zess­par­tei, deren Par­tei­fä­hig­keit in Streit steht, zur gericht­li­chen Klä­rung die­ser Fra­ge als par­tei­fä­hig zu behan­deln ist 2. Eine nicht exis­ten­te oder aus ande­ren Grün­den par­tei­un­fä­hi­ge Par­tei kann Rechts­mit­tel ein­le­gen, um ihre Nicht­exis­tenz oder ander­wei­tig feh­len­de Par­tei­fä­hig­keit gel­tend zu machen oder um zu rügen, dass ihre Par­tei­fä­hig­keit vor­in­stanz­lich zu Unrecht ver­neint wor­den ist. Ob auch ein Rechts­mit­tel zuläs­sig ist, mit wel­chem sich eine par­tei­un­fä­hi­ge Par­tei gegen ein in der Vor­in­stanz ergan­ge­nes Sachur­teil mit dem Ziel wen­det, ein ande­res, ihrem Begeh­ren ent­spre­chen­des Sachur­teil zu errei­chen 3, hat der Bun­des­ge­richts­hof – anders als für die Pro­zess­vor­aus­set­zung der Pro­zess­fä­hig­keit 4 – bis­lang nicht aus­drück­lich ent­schie­den. In den Urtei­len vom 4. Mai 2004 5 und vom 8. April 1976 6 ist er aller­dings ohne wei­te­res von der Zuläs­sig­keit eines auf eine ande­re Sach­ent­schei­dung abzie­len­den Rechts­mit­tels der par­tei­un­fä­hi­gen Pro­zess­par­tei aus­ge­gan­gen. Im Schrift­tum wird bei der Fra­ge der Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels einer mög­li­cher­wei­se par­tei­un­fä­hi­gen Par­tei über­wie­gend nicht danach dif­fe­ren­ziert, ob mit dem Rechts­mit­tel ein Pro­zes­sur­teil oder eine ande­re Sach­ent­schei­dung erstrebt wird 7.
Dabei besteht für den Bun­des­ge­richts­hof auch kein Grund, in der hier gege­be­nen Ver­fah­rens­kon­stel­la­ti­on die Zuläs­sig­keit der Beru­fung der Klä­ge­rin aus­nahms­wei­se zu ver­nei­nen.
Die recht­li­che Exis­tenz und damit die Par­tei­fä­hig­keit jeder an einem Rechts­streit betei­lig­ten Par­tei ist eine Pro­zess­vor­aus­set­zung, die in jeder Lage des Ver­fah­rens, auch in den Rechts­mit­tel­in­stan­zen, von Amts wegen zu prü­fen ist (§ 56 Abs. 1 ZPO) und ohne die ein Sachur­teil nicht erge­hen darf 8. Legt eine par­tei­un­fä­hi­ge Par­tei gegen ein vor­in­stanz­lich ergan­ge­nes Sachur­teil Rechts­mit­tel ein, stellt sich für das Rechts­mit­tel­ge­richt die Fra­ge der Par­tei­fä­hig­keit gleich­viel, ob der Rechts­mit­tel­füh­rer sei­ne Par­tei­un­fä­hig­keit gel­tend macht oder eine ande­re für ihn güns­ti­ge­re Sach­ent­schei­dung erstrebt. Dem mit dem Rechts­mit­tel ver­folg­ten Rechts­schutz­ziel kommt inso­weit kei­ne Bedeu­tung zu, weil die Par­tei­fä­hig­keit als Pro­zess­vor­aus­set­zung der Par­tei­dis­po­si­ti­on ent­zo­gen ist, die rechts­mit­tel­füh­ren­de Par­tei mit­hin den Erlass eines Sachur­teils nicht mit recht­li­cher Bin­dungs­wir­kung hin­neh­men kann 9. Erge­ben sich in der Rechts­mit­tel­in­stanz Zwei­fel an der Par­tei­fä­hig­keit, ist die Par­tei nach den all­ge­mein aner­kann­ten Grund­sät­zen für die Klä­rung der Zwei­fel als par­tei­fä­hig zu behan­deln, was die Zuläs­sig­keit des Rechts­mit­tels zur Fol­ge hat. Die Zuord­nung der Ent­schei­dung über die Par­tei­fä­hig­keit zur Begründ­etheit des Rechts­mit­tels trägt dem Cha­rak­ter der Par­tei­fä­hig­keit als für den gesam­ten Rechts­streit bedeut­sa­men Sachur­teils­vor­aus­set­zung Rech­nung 10 und eröff­net einen pro­zes­su­al ein­fa­chen Weg zur Kor­rek­tur des in der Vor­in­stanz feh­ler­haft ergan­ge­nen Sachur­teils. Hier­für besteht ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts auch dann ein Bedürf­nis, wenn das Sachur­teil für und gegen eine nicht exis­ten­te Par­tei ergeht und des­halb kei­ne Rechts­wir­kun­gen ent­fal­tet 11. Aus die­sem Grund ist aner­kannt, dass auch sol­che wir­kungs­lo­sen Urtei­le durch Rechts­mit­tel besei­tigt wer­den kön­nen 12. Auf Erwä­gun­gen zur Schutz­be­dürf­tig­keit der par­tei­un­fä­hi­gen Pro­zess­par­tei im Ein­zel­fall kann es dem­ge­gen­über nicht ent­schei­dend ankom­men.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 31. Mai 2010 – II ZB 9/​09
Annahmeverzug,Urlaubsabgeltung – und die Reich­wei­te der Rechts­kraft Die Arbeit­ge­be­rin ist auf­grund der prä­ju­di­zi­el­len Wir­kung arbeits­ge­richt­li­cher Urtei­le, mit denen sie rechts­kräf­tig ver­ur­teilt wur­de, an die Arbeit­neh­me­rin für einen bestimm­ten Zeit­raum Ver­gü­tung wegen Annah­me­ver­zugs…
BGH, Urtei­le vom 07.07.2008 – II ZR 37/​07, ZIP 2008, 1677; und vom 12.07.1999 – II ZR 4/​98, ZIP 1999, 1526, 1527[↩]
BGHZ 24, 91, 94; 74, 212, 215; BGH, Beschlüs­se vom 29.05.2008 – IX ZB 103/​07, ZIP 2008, 2029; und vom 13.07.1993 – III ZB 17/​93, WM 1993, 1939, 1940; Urtei­le vom 21.10.1985 – II ZR 82/​85, WM 1986, 145; und vom 29.09.1981 – VI ZR 21/​80, WM 1981, 1387, 1388[↩]
ver­nei­nend OLG Köln VersR 1998, 207, 208[↩]
BGHZ 143, 122, 126 ff.; BGH, Urteil vom vom 28.02.2005 – II ZR 220/​03, ZIP 2005, 900, 901; a.A. BGHZ 110, 294, 296[↩]
BGHZ 159, 94, 103[↩]
BGH, Urteil vom 08.04.1976 – II ZR 212/​74, WM 1976, 686[↩]
Zöller/​Vollkommer, ZPO 28. Aufl. § 56 Rdn. 14; Haus­mann in Wieczorek/​Schütze, ZPO 3. Aufl. § 50 Rdn. 83; Bork in Stein/​Jonas, ZPO 22. Aufl. § 56 Rdn. 16; MünchKommZPO/​Lin­dacher 3. Aufl. § 50 Rdn. 60; Rosenberg/​Schwab/​Gottwald, Zivil­pro­zess­recht, 17. Aufl. § 43 Rdn. 40; Schem­mann, Par­tei­fä­hig­keit im Zivil­pro­zess S. 134 ff.; a.A. Gehr­lein in Prütting/​Gehrlein, ZPO § 50 Rdn. 9[↩]
BGHZ 159, 94, 98; 134, 116, 118[↩]
a.A. OLG Köln aaO[↩]
vgl. Schem­mann, aaO S. 137; Bökel­mann, JR 1972, 246[↩]
vgl. Haus­mann, aaO vor § 50 Rdn. 24, m.w.N.[↩]
BGH, Urteil vom 24.03.1994 – VII ZR 159/​92, WM 1994, 1212, 1213; Beschluss vom 13.07.1993, aaO; OLG Ham­burg MDR 1976, 845; Zöller/​Vollkommer, aaO vor § 50 Rdn. 11 m.w.N.[↩]
BerufungParteifähigkeitZivilprozess