Source: https://www.rechtsmedizin.uni-bonn.de/institut/Forensische%20Toxikologie
Timestamp: 2020-06-05 14:18:34
Document Index: 103505857

Matched Legal Cases: ['§ 20', '§ 179', '§ 315', '§ 316', '§ 24', '§ 29']

Forensische Toxikologie — Institut für Rechtsmedizin
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Während sich die Toxikologie im Allgemeinen mit der Erforschung der Wirkungsweise von Giften zur Diagnostik und Therapie von Vergifteten befaßt, ist unter forensischer Toxikologie die Vergiftungslehre in ihrer Beziehung zur Rechtsordnung zu verstehen.
Im Vordergrund steht der Nachweis von Vergiftungen und Beeinflussungen durch körperfremde Substanzen sowie einer gutachterlichen Stellungnahme hinsichtlich der Wirkung und Bedeutung nachgewiesener toxischer bzw. pharmakologisch relevanter Substanzen im jeweiligen Einzelfall. Dabei kann z.B. auch differentialdiagnostisch nicht nur der Nachweis, sondern auch der Ausschluß einer Vergiftung von Bedeutung sein. Aufgrund der vorhandenen instrumentellen Ausstattung und der Fachkenntnis wird in forensischen Laboratorien häufig auch die chemisch-toxikologische Analytik und die fachspezifische Beratung für die klinische Toxikologie und Notfallanalytik durchgeführt.
Forensisch relevante Fragestellungen ergeben sich nicht nur bei Vergiftungsfällen mit letalem Ausgang oder schweren gesundheitlichen Folgeschäden sondern auch bei Beeinträchtigungen der psychophysischen Leistungsfähigkeit als Folge der Aufnahme zentral wirksamer Substanzen (z.B. bei der Teilnahme im Straßenverkehr) oder des Bewußtseins (Frage der Beeinträchtigung des Steuerungsvermögens).
Folgende wesentliche gesetzliche Grundlagen, die für die forensische Toxikologie von Bedeutung sein können, sind aufzuführen:
§§ 20 / 21 StGB Schuldunfähigkeit / verminderte Schuldfähigkeit
§ 179 StGB sexueller Mißbrauch Widerstandsunfähiger ("KO-Tropfen")
§ 315c StGB Straßenverkehrsgefährdung
§ 316 StGB Trunkenheit im Straßenverkehr
§ 24a StVG Ordnungswidrigkeit ("0,5 ‰ - Gesetz" mit "anderen berauschenden Mitteln")
§ 29 BtMG Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz
Chemisch-toxikologische Untersuchungen sind zu untergliedern in qualitative und quantitative Analysen, d.h. die Feststellung bzw. Identifizierung einer Fremdsubstanz und die Bestimmung der Wirkstoffkonzentration. Generell sind die von der Gesellschaft für Toxikologische und Forensische Chemie (GTFCh) aufgestellten "Richtlinien zur Qualitätssicherung bei forensisch-toxikologischen Untersuchungen" zu berücksichtigen. Toxikologische Untersuchungen beinhalten eine anschließende Beurteilung der Ergebnisse in Form eines chemisch-toxikologischen Gutachtens unter Berücksichtigung sämtlicher Anknüpfungspunkte (Ermittlungsergebnisse, ärztliche Untersuchungsbefunde etc.) und der Kenntnisse pharmakologischer und toxikologischer Daten.
Eine akute Beeinträchtigung durch zentral wirksame Mittel (Drogen etc.) wird durch die Analyse einer Blutprobe überprüft. Ermittelte Wirkstoffkonzentrationen können einen Anhaltspunkt für den Grad einer Beeinträchtigung geben. Gegebenenfalls können auch aufgenommene Dosen bzw. Einnahmezeitpunkte oder Konsumgewohnheiten abgeschätzt werden.
Bei Urinanalysen ist das Nachweisfenster erweitert. Substanzen können noch nachgewiesen werden, wenn keine akute Wirkung mehr vorliegt. Urinanalysen sind zu empfehlen, wenn viel Zeit zwischen Vorfall und Probennahme liegt, aber auch generell bei Verdacht auf Arzneimitteleinnahme, da Urin für Übersichtsanalysen besser geeignet ist. Es sollte aber immer zusätzlich eine Blutprobe mit eingesandt werden!
Haare eignen sich für retrospektive (zurückblickende) Analysen. In Abhängigkeit von der Haarlänge (Haarwachstum ca. 1 cm pro Monat) kann eine Fremdstoffaufnahme überprüft werden. Haaranalysen eignen sich besonders zur Einschätzung einer Drogenproblematik bei Schuldfähigkeitsbegutachtungen sowie zur Überprüfung von Abstinenzzeiträumen.
FORENSISCH UND KLINISCH RELEVANTE GIFTE SIND UNTER ANDEREM:
leichtflüchtige Stoffe (Gase, organische Lösungsmittel): z.B. Kohlenmonoxid, Cyanwasserstoff/Cyanide, Schwefelwasserstoff, Halogene, Nitroverbindungen (Methämoglobin-Bildner), Methanol und andere Alkohole (auch Ethanol), Ether, Chloroform und andere Narkosemittel.
Metallgifte: z.B. Arsen, Thallium, Quecksilber und Blei.
Pestizide: z.B. Paraquat, E605, Metasystox, DDT, Lindan.
Medikamente: z.B. Alkaloide (z.B. Strychnin, Atropin/Scopolamin, Nikotin), Digitalis-Glykoside, Gerinnungshemmer (Cumarin-Derivate, z.B. Marcumar), Hypnotika/Sedativa (Benzodiazepine, Barbiturate u.a.), Nichtopioide Analgetika (Paracetamol, Acetylsalicylsäure), Psychopharmaka (Antidepressiva, Herz-Kreislaufmittel, Muskelrelaxantien.
Rauschdrogen: z.B. Cannabis, Opiate (Heroin/Morphin und entsprechende Ersatzstoffe, wie Methadon), Kokain, Amphetamin bzw. Amphetamin-Derivate wie "Ecstasy" sowie Halluzinogene wie LSD oder Psilocin.
VORHANDENE UND VERWENDETE ANALYSENVERFAHREN:
Hochleistungsflüssigkeitschromatographie mit verschiedensten Detektionsverfahren (Dioden-Array, (Tandem-) Massenspektrometer (LC-MS-MS))
Gaschromatographie mit verschiedensten Detektionsverfahren (FID, Massenspektrometer)
Copyright © Uni Bonn | Erstellt von Christian Mohr | 10.03.2010