Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Zeitgutschrift_LAG-Berlin-Brandenburg_10Sa2351-08.html
Timestamp: 2017-03-27 02:54:36
Document Index: 389530657

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 5', '§ 9', '§ 3', '§ 69', '§ 69']

HENSCHE Arbeitsrecht: 10 Sa 2351/08
Die Gewährung von Zeit­gut­schrif­ten ist nicht dem Or­ga­ni­sa­ti­ons­be­reich zu­zu­ord­nen. Es han­delt sich um Vergüns­ti­gun­gen. Für ei­ne ge­genläufi­ge be­trieb­li­che Übung be­darf es des min­des­tens drei­ma­li­gen Ver­zichts auf die zu­vor gewähr­te Leis­tung.
Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 16.09.2008, 54 Ca 10048/08
am 16. März 2009 Geschäfts­zei­chen (bit­te im­mer an­ge­ben)
54 Ca 10048/08Ar­beits­ge­richt Ber­lin H., VAals Ur­kunds­be­am­ter/inder Geschäfts­stel­le
hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 10. Kam­mer, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 16. März 2009durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt W.-M. als Vor­sit­zen­den so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herr L.und Herr S.
für Recht er­kannt: 1.Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 16. Sep­tem­ber 2008 - 54 Ca 10048/08 - wird zurück­ge­wie­sen.
2.Die Kos­ten des Rechts­streits hat die Be­klag­te bei ei­nem Streit­wert von 748,62 EUR zu tra­gen.
3.Die Re­vi­si­on wird nicht zu­ge­las­sen.
Der Kläger ist 54 Jah­re alt und seit dem 1. De­zem­ber 1979 bei der Be­klag­ten als Crou­pier mit zu­letzt 5.609,49 EUR brut­to mo­nat­lich beschäftigt. Auf­grund ar­beits­ver­trag­li­cher Ver­ein­ba­rung fin­det der Rah­men­ta­rif­ver­trag „Klas­si­sches Spiel“ (RTV) An­wen­dung auf das Ar­beits­verhält­nis. Nach § 5 Abs.3 Satz 1 RTV blei­ben für den Ar­beit­neh­mer in je­der Dienst­plan­wo­che (7 Ta­ge) min­des­tens zwei Ta­ge ar­beits­frei (Ausgänge). Nach § 5 Abs.2 RTV re­du­ziert sich die re­gelmäßige wöchent­li­che Ar­beits­zeit von 34 bzw. 36 St­un­den für je­den ge­setz­li­chen Fei­er­tag, der auf ei­nen Werk­tag fällt, um die aus­ge­fal­le­ne Ar­beits­zeit. Nach § 9 des Ge­set­zes über die Zu­las­sung öffent­li­cher Spiel­ban­ken in Ber­lin (Spiel­ban­ken­ge­setz – SpBG) ist am Kar­frei­tag, Volks­trau­er­tag, To­ten­sonn­tag, am 24. und 25. De­zem­ber so­wie an aus be­son­de­rem An­lass von der Auf­sichts­behörde be­stimm­ten Ta­gen das Spie­len ver­bo­ten.
Die Be­klag­te meint, dass der An­spruch schon auf­grund der nach­wir­ken­den Be­triebs­ver­ein­ba­rung nicht be­ste­he. Nach­wir­kung ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung sei der Re­gel­fall. Es han­de­le sich um ei­ne er­zwing­ba­re Mit­be­stim­mung da es ei­ne Fra­ge der Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit sei. Ab­wei­chun­gen vom ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Re­gel­fall sei­en nicht er­sicht­lich. Auch die Ver­wen­dung des Wor­tes „vorläufig“ in § 3 deu­te dar­auf hin, dass die Be­triebs­par­tei­en kei­ne ab­sch­ließen­de und in je­dem Fall nicht fort­gel­ten­de Re­ge­lung hätten ver­ein­ba­ren wol­len. Von der wei­te­ren Dar­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Sach- und Streit­stan­des wird gemäß § 69 Abs. 2 Ar­beits­ge­richts­ge­setz (ArbGG) ab­ge­se­hen.
ha­be die Be­klag­te un­ein­ge­schränkt und vor­be­halt­los die Aus­gleichs­ta­ge gewährt. Sie ha­be frei­wil­lig den Ar­beit­neh­mern Ein­zel­leis­tun­gen nach ei­nem ge­ne­ra­li­sie­ren­den Prin­zip er­bracht, so dass von ei­nem Bin­dungs­wil­len der Be­klag­ten aus­zu­ge­hen sei. Ei­ne Öff­nung zur Abände­rung der Re­ge­lung et­wa durch Be­triebs­ver­ein­ba­rung ha­be die Be­klag­te sich nicht vor­be­hal­ten. Der RTV ent­hal­te kei­ne dies­bezügli­chen Re­ge­lun­gen und die Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 28. Ju­ni 2004 ha­be die Ansprüche auf­grund des Güns­tig­keits­prin­zips nicht be­sei­ti­gen können. Da die Re­ge­lun­gen der Be­triebs­ver­ein­ba­rung auch bei ei­nem kol­lek­ti­ven Güns­tig­keits­ver­gleich ver­schlech­ternd sei­en und ein Ände­rungs­vor­be­halt nicht ge­ge­ben sei, kom­me es auf die Fra­ge der Nach­wir­kung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung nicht an. Es gel­te die be­trieb­li­che Übung fort. Der An­spruch sei auch nicht durch ei­ne ge­genläufi­ge be­trieb­li­che Übung wie­der be­sei­tigt wor­den. Ge­gen die­ses der Be­klag­ten am 31. Ok­to­ber 2008 zu­ge­stell­te Ur­teil leg­te sie am 27. No­vem­ber 2008 Be­ru­fung ein und be­gründe­te die­se am 29. De­zem­ber 2008.
So­wohl im Er­geb­nis als auch in der Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt zu Recht der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt folgt dem Ar­beits­ge­richt Ber­lin im Er­geb­nis und im We­sent­li­chen auch in der Be­gründung. Die Kam­mer sieht gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG von ei­ner ausführ­li­chen, nur wie­der­ho­len­den Be­gründung ab. 1.Denn das Ar­beits­ge­richt hat­te un­ter Be­zug­nah­me auf die ständi­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts mit zu­tref­fen­den Erwägun­gen aus­geführt, dass von ei­ner be­trieb­li­chen Übung aus­zu­ge­hen sei. So­weit die Be­klag­te meint, dass Ar­beits­zeit­fra­gen eher nicht ei­ner be­trieb­li­chen Übung un­ter­fal­len würden, weil sie stark in das Or­ga­ni­sa­ti­ons­gefüge des Be­trie­bes ein­grei­fen würden, über­sieht die Be­klag­te zum ei­nen, dass in die­sem Be­reich den­noch ei­ne be­trieb­li­che Übung ent­ste­hen kann und zum an­de­ren, dass es hier eher nicht um das Or­ga­ni­sa­ti­ons­gefüge geht.
2.Zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt auch die et­wai­ge Nach­wir­kung der Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 28. Ju­ni 2004 da­hin­ste­hen las­sen. Denn auf­grund des vom Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend gewürdig­ten Güns­tig­keits­prin­zips kann die Be­triebs­ver­ein­ba­rung den durch be­trieb­li­che Übung in­di­vi­du­al­recht­li­chen An­spruch des Klägers nicht mehr be­sei­ti­gen.
3.Auch ei­ne ge­genläufi­ge - ne­ga­ti­ve - be­trieb­li­che Übung hat das Ar­beits­ge­richt im Er­geb­nis zu Recht nicht an­ge­nom­men. Grundsätz­lich kann ei­ne be­ste­hen­de be­trieb­li­che Übung nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts durch ei­ne neue, für den Ar­beit­neh­mer ungüns­ti­ge­re be­trieb­li­che Übung zwar ab­gelöst wer­den (vgl. zu­letzt BAG, Ur­teil vom 28. Mai 2008 - 10 AZR 274/07 und 275/07). Eben­so wie bei der Ent­ste­hung ei­ner be­trieb­li­chen Übung kommt es ent­schei­dend auf Art, Dau­er und In­ten­sität des Leis­tungs­ver­zichts so­wie auf die Zahl der An­wen­dungsfälle im Verhält­nis zur Be­leg­schaftsstärke an. Da­nach ist min­des­tens ei­ne drei­ma­li­ge ge­genläufi­ge Hand­ha­bung er­for­der­lich.
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