Source: https://entscheidsuche.ch/kantone/gl/GL-SG-2017-7.html
Timestamp: 2020-07-15 03:19:58
Document Index: 347949953

Matched Legal Cases: ['Art. 139', 'Art. 25', 'Art. 19', 'Art. 122', 'Art. 22', 'Art. 140', 'Art. 22', 'Art. 111', 'Art. 22', 'Art. 285', 'Art. 144', 'Art. 139', 'Art. 94', 'Art. 10', 'Art. 95', 'Art. 139', 'Art. 172', 'Art. 27', 'Art. 68', 'Art. 90', 'Art. 139', 'Art. 25', 'Art. 19', 'Art. 122', 'Art. 84', 'Art. 1', 'Art. 3', 'Art. 3', 'BGE', 'BGE', 'Art. 10', 'Art. 3', 'Art. 34', 'Art. 34', 'Art. 7', 'Art. 10', 'Art. 25', 'Art. 10', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 25', 'Art. 10', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 10', 'Art. 10', 'Art. 10', 'in dubio', 'Art. 32', 'Art. 10', 'Art. 10', 'Art. 10', 'Art. 10', 'Art. 10', 'Art. 139', 'Art. 172', 'Art. 36', 'Art. 186', 'Art. 36', 'Art. 139', 'Art. 25', 'Art. 19', 'Art. 25', 'BGE', 'Art. 139', 'Art. 139', 'Art. 139', 'Art. 139', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 139', 'Art. 25', 'Art. 19', 'Art. 122', 'Art. 122', 'Art. 122', 'Art. 22', 'Art. 122', 'Art. 122', 'BGE', 'Art. 12', 'BGE', 'BGE', 'Art. 122', 'Art. 122', 'Art. 122', 'Art. 122', 'Art. 122', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 122', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 111', 'Art. 112', 'Art. 111', 'Art. 111', 'Art. 111', 'Art. 22', 'Art. 111', 'Art. 111', 'Art. 111', 'Art. 111', 'Art. 111', 'Art. 22', 'Art. 24', 'Art. 24', 'Art. 24', 'Art. 24', 'Art. 24', 'Art. 24', 'Art. 24', 'Art. 23', 'Art. 23', 'Art. 23', 'Art. 23', 'Art. 23', 'Art. 111', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 285', 'Art. 19', 'Art. 139', 'Art. 94', 'Art. 144', 'Art. 144', 'Art. 144', 'Art. 144', 'Art. 10', 'Art. 95', 'Art. 172', 'Art. 139', 'Art. 36', 'Art. 27', 'Art. 68', 'Art. 90', 'Art. 36', 'Art. 3', 'Art. 49', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 49', 'Art. 111', 'Art. 111', 'Art. 40', 'Art. 49', 'Art. 48', 'Art. 48', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 25', 'Art. 23', 'Art. 43', 'Art. 51', 'Art. 51', 'Art. 51', 'Art. 51', 'Art. 51', 'Art. 69', 'Art. 122', 'Art. 34', 'Art. 32', 'Art. 123', 'Art. 126', 'Art. 41', 'Art. 49', 'Art. 49', 'Art. 1', 'Art. 49', 'Art. 73', 'BGE', 'Art. 139', 'Art. 172', 'Art. 41', 'Art. 126', 'Art. 41', 'Art. 126', 'Art. 126', 'Art. 124', 'Art. 126', 'Art. 126', 'Art. 126', 'Art. 124', 'Art. 126', 'Art. 124', 'Art. 44', 'Art. 422', 'Art. 426', 'Art. 44', 'Art. 426', 'Art. 135', 'Art. 139', 'Art. 25', 'Art. 19', 'Art. 122', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 140', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 111', 'Art. 22', 'Art. 23', 'Art. 19', 'Art. 285', 'Art. 19', 'Art. 139', 'Art. 94', 'Art. 10', 'Art. 95', 'Art. 139', 'Art. 172', 'Art. 144', 'Art. 139', 'Art. 172', 'Art. 27', 'Art. 68', 'Art. 90']

kantone/gl/GL-SG-2017-7.html
Geschäftsnummer: SG.2016.00082 (SG.2017.7)
Instanz: KGR
Entscheiddatum: 08.03.2017
Titel: Versuchte vorsätzliche Tötung etc.
Verfahren SG.2016.00082
1. A.______
vertreten durch M.______
3. D.______
vertreten durch N.______
4. E.______
5. F.______
6. G.______
7. H.______
8. O.______
9. I.______
10. J.______
11. K.______
verteidigt durch L.______
Schlussanträge der Staats- und Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus (gemäss Anklageschrift vom 7. Dezember 2016, und anlässlich der Hauptverhandlung vom 11. Januar 2017, sinngemäss):
1. Die beschuldigte Person sei folgender Delikte schuldig zu sprechen:
- Gehilfenschaft zum Einschleichdiebstahl (Geld) und Diebstahl (Roller) gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 25 StGB, in verminderter Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB
- Versuchte schwere Körperverletzung gemäss Art. 122 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB
- Versuchter Raub gemäss Art. 140 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB
- Versuchte vorsätzliche Tötung gemäss Art. 111 StGB i.V.m. Art. 22 Abs. 1 StGB
- Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte gemäss Art. 285 Abs. 1 StGB
- Mehrfache Sachbeschädigung gemäss Art. 144 Abs. 1 StGB
- Diebstahl gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB
- Entwendung eines Motorfahrzeuges zum Gebrauch gemäss Art. 94 Abs. 1 lit. a SVG
- Mehrfaches Führen eines Personenwagens ohne im Besitze eines Führerausweises zu sein gemäss Art. 10 Abs. 2 SVG i.V.m. Art. 95 Abs. 1 lit. a SVG
- Mehrfacher geringfügiger Diebstahl gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 172ter StGB
- Nichtbeachtung eines Lichtsignals gemäss Art. 27 Abs. 1 SVG, Art. 68 und 69 Abs. 3 SSV i.V.m. Art. 90 Abs. 1 SVG
2. Die beschuldige Person sei mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von 6 Jahren zu bestrafen.
3. Es sei die erstandene Haft, der vorzeitige Strafvollzug sowie teilweise die vorsorgliche Unterbringung von 724 Tagen an die Freiheitsstrafe anzurechnen.
4. Die beschuldigte Person sei zudem mit einer Busse von CHF 200.–– zu bestrafen. Bei schuldhafter Nichtbezahlung soll an die Stelle der Busse eine Ersatzfreiheitsstrafe von zwei Tagen treten.
5. Es sei keine Schutzmassnahme anzuordnen.
6. Es seien die unter Ziffer VI. der Anklageschrift erwähnten sichergestellten Gegenstände, welche nur die Verfahren von B.______ betreffen, auszuhändigen. Das im Verfahren JM.2016.00024 sichergestellte Mobiltelefon Nokia schwarz ([...]) sei der berechtigten Person auszuhändigen.
7. Es sei über die Zivilforderungen zu entscheiden.
8. Der beschuldigten Person seien die Verfahrens- und Anklagekosten aufzuerlegen.
Schlussanträge des Privatklägers C.______ (gemäss Strafantrag vom 23. November 2012, sinngemäss):
Die beschuldigte Person sei zu verpflichten, dem Privatkläger C.______ Schadenersatz von EUR 3'270.–– und Genugtuung von CHF 1'000.— zu bezahlen.
Schlussanträge des Privatklägers D.______ (gemäss Formular "Geltendmachung von Rechten als Privatklägerschaft" vom 13. November 2014 und Honorarnote vom 4. November 2015, sinngemäss):
Die beschuldigte Person sei zu verpflichten, dem Privatkläger D.______ die Kosten der Rechtsvertretung in Höhe von CHF 3'752.30 und eine Genugtuung von CHF 2'000.–– zuzüglich 5 % Zins seit dem 7. November 2014 zu bezahlen.
Schlussanträge des Privatklägers E.______ (gemäss Strafantrag vom 5. August 2015, sinngemäss):
Die beschuldigte Person sei zu verpflichten, dem Privatkläger E.______ Schadenersatz und Genugtuung zu bezahlen, wobei die Höhe der Ansprüche durch das Gericht festzulegen sei.
Schlussanträge des Privatklägers G.______ (gemäss Erklärung des Privatklägers vom 1. Juni 2016, sinngemäss):
Die beschuldigte Person sei zu verpflichten, dem Privatkläger G.______ Schadenersatz von CHF 15'000.–– und Genugtuung von CHF 13'000.— zu bezahlen.
Schlussanträge der Privatklägerin F.______ (gemäss Erklärung des Privatklägers vom 1. Juni 2016, sinngemäss):
Die beschuldigte Person sei zu verpflichten, der Privatklägerin F.______ Schadenersatz von CHF 20'000.–– und Genugtuung von CHF 18'000.–– zu bezahlen.
Schlussanträge des Privatklägers H.______ (gemäss Erklärung des Privatklägers vom 27. Mai 2016, sinngemäss):
Die beschuldigte Person sei zu verpflichten, dem Privatkläger H.______ Schadenersatz von CHF 77.30 zu bezahlen.
Schlussanträge der Privatklägerin O.______ (gemäss Strafantrag vom 29. Mai 2016, sinngemäss):
Die beschuldigte Person sei zu verpflichten, der Privatklägerin O.______ Schadenersatz von CHF 105.10 zu bezahlen.
Schlussanträge der Verteidigung (anlässlich der Hauptverhandlung vom 11. Januar 2017, sinngemäss):
- Gehilfenschaft zum Diebstahl (Roller) gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 25 StGB, in verminderter Schuldfähigkeit im Sinne von Art. 19 Abs. 2 StGB
- Schwere Körperverletzung gemäss Art. 122 StGB
2. Die beschuldigte Person sei folgender Delikte frei zu sprechen:
3. Die beschuldige Person sei mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von 42 Monaten zu bestrafen.
4. Es sei die erstandene Haft, der vorzeitige Strafvollzug sowie teilweise die vorsorgliche Unterbringung an die Freiheitsstrafe anzurechnen.
5. Die beschuldigte Person sei zudem mit einer Busse von CHF 200.–– zu bestrafen. Bei schuldhafter Nichtbezahlung soll an die Stelle der Busse eine Ersatzfreiheitsstrafe von zwei Tagen treten.
6. Es seien die unter Ziffer VI. der Anklageschrift erwähnten sichergestellten Gegenstände, welche nur die Verfahren von B.______ betreffen, auszuhändigen. Das im Verfahren [...] sichergestellte Mobiltelefon Nokia schwarz ([...]) sei der berechtigten Person auszuhändigen.
8. Die Verfahrens- und Anklagekosten seien nach dem Ausgang des Verfahrens aufzuerlegen.
I. Prozessgeschichte
1. Gestützt auf die Untersuchungsakten erhob die Staats- und Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus (nachfolgend Jugendanwaltschaft) mit Anklageschrift vom 7. Dezember 2016 Anklage gegen B.______ (nachfolgend Beschuldigter) wegen der vorstehend wiedergegebenen Delikte.
2. Die mündliche Hauptverhandlung vor der Strafkammer des Kantonsgerichts [...] fand am 11. Januar 2017 statt. Es wird diesbezüglich auf das Handprotokoll des Gerichtsschreibers i. V., die Einvernahme des Beschuldigten und die Plädoyernotizen der Jugendanwaltschaft verwiesen.
3. Die Strafkammer des Kantonsgerichts des Kantons Glarus fällte das vorliegende Urteil am 8. März 2017 als Jugendgericht in der Besetzung mit drei Gerichtsmitgliedern. Im Einverständnis mit den Parteien wird das Urteil schriftlich eröffnet (Art. 84 Abs. 3 StPO).
1. Das Jugendstrafgesetz ist gegenüber Personen anwendbar, die vor Vollendung des 18. Altersjahres eine nach dem Strafgesetzbuch (StGB) oder einem anderen Bundesgesetz mit Strafe bedrohte Tat begangen haben (Art. 1 Abs. 1 lit. a JStG). Der persönliche Geltungsbereich des JStG umfasst Personen, die zwischen dem vollendeten 10. und dem vollendeten 18. Altersjahr eine mit Strafe bedrohte Tat begangen haben (Art. 3 Abs. 1 JStG).
Dem Beschuldigten werden unter anderem Delikte zur Last gelegt, die er vor Vollendung des 18. Altersjahres begangen haben soll. Zum behaupteten Tatzeitpunkt am 9. November 2012 war der Beschuldigte 16 Jahre alt. Im Weiteren wird dem Beschuldigten vorgeworfen, auch nach Vollendung des 18. Lebensjahres delinquiert zu haben.
2. Bei sogenannten gemischten Fällen, in denen Straftaten vor und nach Erreichen des 18. Altersjahres begangen wurden und im gleichen Verfahren beurteilt werden, stellt sich insbesondere die Frage nach der Zuständigkeit und dem anwendbaren Verfahren (Art. 3 Abs. 2 JStG).
Wie die Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus in ihrer Anklageschrift ausführt, sei die Frage der Zuständigkeit zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafbehörde, insbesondere im Hinblick auf die Schwere der dem Beschuldigten vorgeworfenen Taten, ein Grenzfall. Die bundesgerichtliche Rechtsprechung bezüglich gemischter Fälle überlässt es indes der Gerichtspraxis "…auslegungsweise (und nötigenfalls durch Lückenfüllung) für sachgerechte Lösungen zu sorgen." (BGE 135 IV 206, E. 5.3). Im Vordergrund steht die Verfahrensökonomie. Bei gemischten Fällen seien sachfrageorientierte, differenzierte und verfahrenseffiziente Lösungen zu ermitteln. Unnötige Prozessleerläufe und die Wiederholung von aufwändigen Untersuchungshandlungen seien zu verhindern. Ein Verfahrenswechsel sei umso störender, als die hängigen Jugendstrafverfahren – zum Zeitpunkt indem neue Straftaten bekannt werden, die erst nach Vollendung des 18. Altersjahres begangen wurden – bereits weit vorangeschritten sind.
Gemäss Bundesgericht sind gewisse Fälle von Schwerstkriminalität denkbar, bei denen sich ausnahmsweise die Anwendung des Erwachsenen-Strafprozessrechts aufdrängen könnte (BGE 135 IV 206, E. 5.3). So sei es kaum sinnvoll, wenn Jugendstrafbehörden, die einen Diebstahl verfolgen, auch ein Tötungsdelikt beurteilen müssten, welches der Täter nach dem 18. Altersjahr begangen hat.
3. Betreffend die Verfahren vor Vollendung des 18. Altersjahres des Beschuldigten erfolgte am 9. Mai 2014 die Schlusseinvernahme durch die Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus. Das Verfahren betreffend diese Delikte war zum Zeitpunkt der erwachsenenstrafrechtlich relevanten Delinquenz vom 7. November 2014 entsprechend weit fortgeschritten.
Die Jugendstrafbehörde war schon seit längerer Zeit mit der hängigen Untersuchung gegen den Beschuldigten – unter anderem wegen Diebstahls, Sachbeschädigung sowie wegen Wiederhandlungen gegen das Betäubungsmittel- und Strassenverkehrsgesetz – betraut. Zudem kennt sie den Beschuldigten und seine Vorgeschichte.
Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, nach Vollendung des 18. Altersjahres schwerwiegende Delikte begangen zu haben. Mit Blick auf die erhebliche Diskrepanz zwischen den ursprünglich durch die Jugendstrafbehörde zu beurteilenden und den "neuen" schwerwiegenden Delikte, stellt sich die Frage, ob die Zuständigkeit der Jugendstrafbehörde weiterhin sinnvoll ist.
Betreffend die Verlängerung der Untersuchungshaft hat das Bundesgericht mit Urteil vom 26. März 2015 bereits entschieden, dass die vorliegende Konstellation trotz der relativ schwerwiegenden Straftat des Beschuldigten nicht zur ausnahmeweisen Anwendbarkeit des Erwachsenen-Strafverfahrensrechts führt.
Mit Blick auf das Hauptverfahren drängen sich keine Gründe auf, von dieser Auffassung abzuweichen. Zudem hat keine Prozesspartei gegen diese Vorgehensweise opponiert.
Die Zuständigkeit der Jugendstrafbehörde sowie die Anwendung der jugendstrafrechtlichen Verfahrensbestimmungen ist sowohl verfahrensökonomisch als auch mit Blick auf das Interesse des Beschuldigten durchaus sinnvoll.
4. Für die Strafverfolgung zuständig ist die Behörde des Ortes, an dem die oder der beschuldigte Jugendliche bei Eröffnung des Verfahrens den gewöhnlichen Aufenthalt hat (Art. 10 Abs. 1 JStPO). Wurde ein Verfahren gegen Jugendliche eingeleitet, bevor die nach Vollendung des 18. Altersjahres begangene Tat bekannt wurde, so bleibt dieses Verfahren anwendbar (Art. 3 Abs. 2 JStG).
Wie aus den Akten im Verfahren [...] zu entnehmen ist, hatte der Beschuldigte bei Eröffnung des Verfahrens seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort am elterlichen Wohnsitz in [...]. Für die Strafverfolgung sind somit die Behörden des Kantons Glarus zuständig. Die Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus hatte die Untersuchungsverfahren [...] und [...] bereits eröffnet, bevor die nach Vollendung des 18. Altersjahres begangenen Taten vom 7. November 2014 bekannt wurden.
Mit Schreiben vom 20. November 2014 bestätigte die Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus die Übernahme der Strafuntersuchung der Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich. Im Anschluss trat die Staatsanwaltschaft IV des Kantons Zürich die Strafuntersuchung in Sachen B.______ mit Verfügung vom 25. November 2014 an die Jugendanwaltschaft des Kantons Glarus ab.
5. Das Jugendgericht beurteilt erstinstanzlich alle Strafsachen für die ein Freiheitsentzug von mehr als drei Monaten in Frage kommt (Art. 34 Abs. 1 JStPO). Vorliegend beantragt die Jugendanwaltschaft die Aussprechung einer unbedingten Freiheitsstrafe von 6 Jahren. Für die Behandlung von Jugendstrafsachen nach Art. 34 JStPO ist grundsätzlich die Strafkammer in der Besetzung mit dem Präsidenten und zwei Mitgliedern zuständig (Art. 7 Abs. 2 JStPO i.V.m. Art. 10 Abs. 2 GOG GL).
Mit Blick auf die eingeschränkte Strafkompetenz des Jugendgerichts – gemäss Art. 25 Abs. 2 lit. a JStG sind Jugendliche, die zur Zeit der Tat das 16. Altersjahr vollendet haben, mit maximal vier Jahren Freiheitsentzug zu bestrafen – ist zu prüfen, ob im vorliegenden Fall nicht die Strafkammer in der Besetzung mit dem Präsidenten und vier Mitgliedern zuständig wäre (Art. 10 Abs. 1 i.V.m. Art. 8 Abs. 1 GOG GL).
Es ist mithin unklar, ob der kantonale Gesetzgeber bei der Normierung von Art. 3 Abs. 2 JStG und auch für die vorliegende Konstellation (gemischter Fall und angedrohte Freiheitsstrafe von mehr als vier Jahren) eine Zuständigkeit des Jugendgerichts vorsehen wollte. Ein legislatorisches Versäumnis muss zumindest für diejenigen Fälle in Betracht gezogen werden, in denen Freiheitsstrafen von weit über vier Jahren drohen.
Vorliegend übersteigt der angedrohte Freiheitsentzug die maximale Strafe für Jugendliche gemäss Art. 25 Abs. 2 lit. a StGB in noch relativ geringen Umfang, weshalb die Strafkammer in der Besetzung mit dem Präsidenten und zwei Mitgliedern im Sinne von Art. 10 Abs. 2 GOG GL zuständig ist, zumal keine Prozesspartei diese Besetzung beanstandete.
6. Die Hauptverhandlung vom 11. Januar 2017 fand unter teilweisem Ausschluss der Öffentlichkeit statt (vgl. Art. 14 Abs. 1 JStPO). In Anbetracht des Alters des Beschuldigten – er ist im Zeitpunkt des Urteils 21 Jahre alt – und der damit einhergehenden verminderten Schutzbedürftigkeit nach Art. 14 Abs. 2 lit. b JStPO wurde die Privatklägerschaft zur Teilnahme an der Hauptverhandlung zugelassen.
III. Vorbemerkung
1. Auf die Untersuchungsakten, die Anklageschrift der Jugendanwaltschaft und die Ausführungen der Parteien anlässlich der Hauptverhandlung wird, soweit notwendig, in den nachfolgenden Erwägungen Bezug genommen.
2. Die durch Art. 10 Abs. 1 StPO gewährleistete Unschuldsvermutung schreibt vor, dass jede beschuldigte Person bis zum Nachweis ihrer Schuld als unschuldig zu gelten hat. Als Beweislastregel folgt aus der Unschuldsvermutung, dass es nicht Sache der beschuldigten Person ist, ihre Unschuld zu beweisen, sondern dass die Strafbehörden verpflichtet sind, den Nachweis der Schuld zu führen (Wohlers, in: Kommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung (StPO), 2. Aufl. 2014, N. 2 ff. zu Art. 10 StPO).
2.1. Soweit der Beschuldigte den ihm zur Last gelegten Sachverhalt bestreitet, ist dieser zu erstellen. Nach dem in Art. 10 Abs. 2 StPO statuierten Grundsatz der freien richterlichen Beweiswürdigung hat das Gericht seinem Urteil denjenigen Sachverhalt zu Grunde zu legen, den es aus der im gesamten Verfahren gewonnenen Überzeugung als verwirklicht erachtet. Bestehen nach abgeschlossener Beweiswürdigung erhebliche und unüberwindliche Zweifel, so hat das Gericht dem Grundsatz in dubio pro reo entsprechend von der für die beschuldigte Person günstigeren Sachlage auszugehen (Art. 32 Abs. 1 BV, Art. 10 Abs. 3 StPO; Schmid, Praxiskommentar zur Schweizerischen Strafprozessordnung, 2. Aufl. 2013, N. 4 ff. zu Art. 10 StPO; Wohlers, a.a.O., N. 11 ff. zu Art. 10 StPO). Erheblich sind jene Zweifel, welche bei einer objektiven Betrachtungsweise angebracht sind (Schmid, a.a.O., N. 10 zu Art. 10 StPO).
2.2. Stützt sich die Beweisführung auf die Aussagen von Personen, so sind diese frei zu würdigen. Es ist anhand sämtlicher Umstände, die sich aus den Akten und der Verhandlung ergeben, zu untersuchen, welche Sachdarstellung überzeugend ist, wobei es vorwiegend auf den inneren Gehalt der Aussagen ankommt, verbunden mit der Art und Weise wie die Angaben erfolgen. Massgebend ist die Glaubhaftigkeit der gemachten Aussagen (Wohlers, a.a.O., N. 27 zu Art. 10 StPO).
2.3. Die Überzeugung vom Vorliegen rechtlich erheblicher Tatsachen kann durch Indizien gewonnen werden. Beim Indizienbeweis wird vermutet, dass eine nicht bewiesene Tatsache gegeben ist, weil sich diese Schlussfolgerung aus bewiesenen Tatsachen (Indizien) nach der Lebenserfahrung aufdrängt. Es ist zulässig, aus der Gesamtheit der verschiedenen Indizien, welche je für sich allein betrachtet nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf eine bestimmte Tatsache oder Täterschaft hindeuten und insofern Zweifel offen lassen, auf den vollen rechtsgenügenden Beweis von Tat oder Täter zu schliessen (Urteil des Bundesgerichts 6B_759/2014 vom 24. November 2014, E. 1.1.).
3. Der Beschuldigte ist, wie zu zeigen sein wird, bezüglich der ihm zur Last gelegten Delikte weitgehend geständig.
4. Wo nichts anderes vermerkt ist, sind die einzelnen Straftatbestände vorsätzlich begangen worden und bestehen offensichtlich keine Rechtfertigungs- oder Schuldausschlussgründe.
IV. Vorfall [...]
Der Beschuldigte ist bezüglich des von der Jugendanwaltschaft erstellten Sachverhalts – mit Ausnahme der nachfolgenden Einwände – geständig.
1.1. Anlässlich der Hauptverhandlung vom 11. Januar 2017 gab der Beschuldigte zu, den besagten Roller gestohlen zu haben, behauptete jedoch, das Vorhaben habe unter der Leitung von P.______ gestanden. Seine Rolle habe lediglich darin bestanden, den Roller wegzuschaffen. Davon geht im Übrigen auch die Jugendanwaltschaft aus.
1.2. Der Beschuldigte gab an, den Wert des Rollers nicht zu kennen. Den von der Jugendanwaltschaft erstellten Deliktsbetrag bestreitet er nicht. Der behauptete Wert erscheint plausibel, weshalb von diesem auszugehen ist.
1.3. Anlässlich der Hauptverhandlung gab der Beschuldigte an, er und P.______ hätten vor dem Einbruchdiebstahl mehrere Joints geraucht und Alkohol getrunken, wobei er sich bezüglich der Mengen nicht mehr erinnern könne.
Anlässlich der polizeilichen Einvernahme vom 10. November 2012 gab der Beschuldigte an, er habe an diesem Nachmittag eine Flasche Wodka und einige Biere getrunken sowie Marihuana konsumiert. Im Rahmen der jugendanwaltschaftlichen Einvernahme vom 14. März 2013 behauptete der Beschuldigte, er habe etwa eine halbe Flasche Wodka und mehrere Biere getrunken. Er sei zum Tatzeitpunkt "nicht voll da gewesen" (Einvernahme vom 14. März 2013).
Zugunsten des Beschuldigten ist davon auszugehen, er habe vor Begehung der Tat mindestens eine halbe Flasche Wodka und mehrere Biere getrunken sowie mehrere Joints geraucht.
2. Rechtliche Würdigung: Einschleichdiebstahl
Dem Beschuldigten wird vorgeworfen, am 9. November 2012 Gehilfenschaft zum Einschleichdiebstahl geleistet zu haben. Der Ansicht der Jugendanwaltschaft, der Beschuldigte habe lediglich EUR 70.— gestohlen, weshalb lediglich ein geringfügiges Vermögensdelikt vorliege, ist zu folgen, da keine zuverlässigen Beweise für einen höheren Deliktsbetrag vorliegen. Die Strafverfolgung bezüglich des geringfügigen Diebstahls im Sinne von Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 172ter Abs. 1 StGB ist gestützt auf Art. 36 Abs. 1 lit. c JStG zwischenzeitlich verjährt, weshalb der Beschuldigte von diesem Vorwurf freizusprechen ist.
Der Jugendanwaltschaft ist zuzustimmen, dass auch die Strafverfolgung bezüglich des Hausfriedensbruchs (Art. 186 StGB) vom 9. November 2012 gestützt auf Art. 36 Abs. 1 lit. b JStG bereits verjährt ist.
3. Rechtliche Würdigung: Diebstahl (Roller)
Die Jugendanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, er habe sich der Gehilfenschaft zum Diebstahl (Roller) gemäss Art. 139 Ziff. 1 StGB i.V.m. Art. 25 StGB und Art. 19 Abs. 2 StGB schuldig gemacht, was nachfolgend zu prüfen ist.
3.1. Wer zu einem Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich Hilfe leistet, wird milder bestraft (Art. 25 StGB). Die Gehilfenschaft ist stets akzessorisch. Sie setzt eine Haupttat eines anderen voraus, an welcher der Gehilfe in untergeordneter Weise mitwirkt (BGE 98 IV 83, E. 2.), insoweit ist vorab die Strafbarkeit des P.______ bezüglich des Diebstahls des Rollers zu prüfen.
3.1.1. Wer jemandem eine fremde bewegliche Sache zur Aneignung wegnimmt, um sich oder einen anderen damit unrechtmässig zu bereichern, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft (Art. 139 Ziff. 1 StGB).
Beim entwendeten Roller handelt es sich zweifellos um eine fremde bewegliche Sache.
Die Tathandlung besteht in der Wegnahme. Wegnahme meint nach herrschender Lehre und Rechtsprechung den Bruch fremden Gewahrsams und die Begründung neuen, meist eigenen Gewahrsams. Dabei ist unter dem Gewahrsamsbegriff die tatsächliche Sachherrschaft über eine Sache nach den Regeln des sozialen Lebens zu verstehen. Der Gewahrsam umfasst die tatsächliche Herrschaftsmöglichkeit verbunden mit dem Herrschaftswillen, also dem Willen, die bestehende Herrschaftsmöglichkeit auch auszuüben (Niggli / Riedo, in: BSK Strafrecht II, 3. Auflage, Art. 139 StGB, N. 15 ff., m.w.H.).
Indem P.______ und der Beschuldigte den nicht ihnen gehörenden Roller ohne bzw. gegen den Willen des Berechtigten an sich nahmen und dem Gewahrsamsinhaber räumlich entzogen, brachen sie fremden Gewahrsam. P.______ und der Beschuldigte erhielten damit die alleinige Einwirkungsmöglichkeit auf die Sache und begründeten so neuen Gewahrsam (vgl. Niggli / Riedo, a.a.O., Art. 139 StGB, N. 51 und 64, m.w.H.). Das Tatbestandsmerkmal der Wegnahme ist folglich erfüllt.
Die Wegnahme erfolgte auch zur Aneignung, die ja das eigentliche Motiv der Tathandlung darstellte. P.______ f