Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-frage-nach-dem-zustellungsdatum-und-die-haftung-des-anwalts-3139457
Timestamp: 2019-11-19 00:50:28
Document Index: 207630189

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 280', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 2', '§ 10', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die Fra­ge nach dem Zustel­lungs­da­tum – und die Haf­tung des Anwalts | Rechtslupe
Die Frage nach dem Zustellungsdatum - und die Haftung des Anwalts
Die Fra­ge nach dem Zustel­lungs­da­tum – und die Haf­tung des Anwalts
Aktu­ell hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof mit der Fra­ge zu befas­sen, inwie­weit sich ein Rechts­an­walt auf Anga­ben sei­nes Man­dan­ten über den Zeit­punkt des Zugangs eines Kün­di­gungs­schrei­bens ver­las­sen darf:
Die im Aus­gangs­fall von der Man­dan­tin gewünsch­te Kün­di­gungs­schutz­kla­ge muss­te nach § 4 Abs. 1 Satz 1 KSchG inner­halb einer Frist von drei Wochen nach Zugang der schrift­li­chen Kün­di­gung erho­ben wer­den. Der Rechts­an­walt durf­te die Ein­rei­chung der Kla­ge des­halb nur dann bis zum 13.01.2012 auf­schie­ben, wenn gesi­chert war, dass die Kün­di­gung nicht vor dem 23.12.2011 zuge­gan­gen war. Ohne wei­te­re Nach­fra­gen durf­te er hier­von selbst dann nicht aus­ge­hen, wenn was das Beru­fungs­ge­richt zugrun­de gelegt hat der Ehe­mann der Man­dan­tin ihm mit­teil­te, dass die Kün­di­gung am 23.12.2011 zuge­stellt wor­den sei.
Die Pflicht des Rechts­an­walts zur rich­ti­gen und voll­stän­di­gen Bera­tung des Man­dan­ten setzt vor­aus, dass er zunächst durch Befra­gung sei­nes Auf­trag­ge­bers den Sach­ver­halt klärt, auf den es für die recht­li­che Beur­tei­lung ankom­men kann. Ist der mit­ge­teil­te Sach­ver­halt unklar oder unvoll­stän­dig, darf der Rechts­an­walt sich nicht mit der recht­li­chen Wür­di­gung des ihm Vor­ge­tra­ge­nen begnü­gen, son­dern muss sich bemü­hen, durch Befra­gung des Rat­su­chen­den ein mög­lichst voll­stän­di­ges und objek­ti­ves Bild der Sach­la­ge zu gewin­nen 1. Auf die Rich­tig­keit tat­säch­li­cher Anga­ben sei­nes Man­dan­ten darf der Rechts­an­walt dabei so lan­ge ver­trau­en und braucht inso­weit kei­ne eige­nen Nach­for­schun­gen anzu­stel­len, als er die Unrich­tig­keit der Anga­ben weder kennt noch erken­nen muss 2. Dies gilt jedoch nur für Infor­ma­tio­nen tat­säch­li­cher Art, nicht für die recht­li­che Beur­tei­lung eines tat­säch­li­chen Gesche­hens. Bei recht­li­chen Anga­ben des Man­dan­ten muss der Anwalt damit rech­nen, dass der Man­dant die damit ver­bun­de­nen Beur­tei­lun­gen nicht ver­läss­lich genug allein vor­neh­men kann, weil ihm ent­spre­chen­de Erfah­run­gen und Kennt­nis­se feh­len 3. Die Hin­zu­zie­hung eines Rechts­an­walts dient in der Regel gera­de dem Zweck, die recht­li­che Beur­tei­lung eines Sach­ver­halts in fach­kun­di­ge Hän­de zu legen. Die Aus­nah­me, dass sich ein Rechts­an­walt grund­sätz­lich auf tat­säch­li­che Anga­ben sei­nes Man­dan­ten ver­las­sen darf, gilt des­halb nicht in Bezug auf Infor­ma­tio­nen, die nur schein­bar tat­säch­li­cher Natur sind 4. Teilt der Man­dant ins­be­son­de­re soge­nann­te Recht­s­tat­sa­chen mit, hat der Anwalt sie durch Rück­fra­gen in die zugrun­de­lie­gen­den tat­säch­li­chen Umstän­de und Vor­gän­ge auf­zu­lö­sen oder, sofern dies kei­ne zuver­läs­si­ge Klä­rung erwar­ten lässt, wei­te­re Ermitt­lun­gen anzu­stel­len 5.
Nach die­sen Grund­sät­zen hat der Rechts­an­walt im Streit­fall sei­ne Pflich­ten ver­letzt:
Anga­ben des Man­dan­ten über den Zugang einer Kün­di­gung betref­fen nicht anders als Anga­ben über die Zustel­lung eines Urteils 6 eine soge­nann­te Recht­s­tat­sa­che 7. Der im Gesetz ver­wen­de­te Begriff des Zugangs wird recht­lich bestimmt. Der Zugang einer Wil­lens­er­klä­rung unter Abwe­sen­den setzt vor­aus, dass sie so in den Bereich des Emp­fän­gers gelangt ist, dass die­ser unter nor­ma­len Ver­hält­nis­sen die Mög­lich­keit hat; vom Inhalt der Erklä­rung Kennt­nis zu neh­men 8. Wird ein Brief in den Brief­kas­ten des Emp­fän­gers ein­ge­wor­fen, ist der Zugang bewirkt, sobald nach der Ver­kehrs­an­schau­ung mit der nächs­ten Ent­nah­me zu rech­nen ist 9. Ein Schrei­ben gilt des­halb dann als am Tag sei­nes Ein­wurfs in den Brief­kas­ten als zuge­gan­gen, wenn nach den Gepflo­gen­hei­ten des Ver­kehrs eine Ent­nah­me durch den Adres­sa­ten noch am glei­chen Tag zu erwar­ten war 10. Erreicht eine Erklä­rung den Brief­kas­ten des Emp­fän­gers dage­gen zu einer Tages­zeit, zu der nach den Gepflo­gen­hei­ten des Ver­kehrs eine Ent­nah­me durch den Adres­sa­ten nicht mehr erwar­tet wer­den kann, ist die Wil­lens­er­klä­rung nicht mehr an die­sem Tag, son­dern erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt zuge­gan­gen 11.
Vor die­sem Hin­ter­grund durf­te der Rechts­an­walt die Mit­tei­lung, das Kün­di­gungs­schrei­ben sei am 23.12 zuge­stellt wor­den, nicht ohne wei­te­res sei­nem Vor­ge­hen zugrun­de legen. Das vom Ehe­mann der Man­dan­tin vor­ge­leg­te Kün­di­gungs­schrei­ben datier­te vom 22.12 2011 und war mit der Auf­schrift "per Boten" ver­se­hen. Danach kam in Betracht, dass das Schrei­ben bereits am 22.12 2011 durch einen Boten zu einer Tages­zeit in den Brief­kas­ten der Man­dan­tin ein­ge­wor­fen wur­de, als mit einer Ent­nah­me noch am sel­ben Tag gerech­net wer­den konn­te. Eine sol­che Mög­lich­keit konn­te der Rechts­an­walt auch nicht auf­grund der Äuße­rung des Ehe­man­nes der Man­dan­tin aus­schlie­ßen. Dies wäre nur dann der Fall, wenn die Mit­tei­lung des Ehe­man­nes, die Zustel­lung sei am 23.12 2011 erfolgt, zwei­fels­frei dahin zu ver­ste­hen gewe­sen wäre, dass am Tag zuvor der Brief­kas­ten nach dem Zeit­punkt geleert wor­den sei, zu dem noch mit einer Ent­nah­me gerech­net wer­den konn­te, und dabei das Kün­di­gungs­schrei­ben nicht vor­ge­fun­den wor­den sei. Ein sol­ches Ver­ständ­nis der Mit­tei­lung wür­de vor­aus­set­zen, dass der Ehe­mann der Man­dan­tin sich erkenn­bar der Kri­te­ri­en bewusst war, die für die Bestim­mung des Zeit­punkts des Zugangs maß­geb­lich sind. Dafür gab es jedoch kei­ne Anhalts­punk­te. Ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts kann ein sol­ches Bewusst­sein weder all­ge­mein vor­aus­ge­setzt wer­den noch sind Umstän­de fest­ge­stellt, die im Streit­fall dem Rechts­an­walt Gewiss­heit über ent­spre­chen­de Kennt­nis­se des Ehe­man­nes der Man­dan­tin hät­ten ver­schaf­fen kön­nen. Der Rechts­an­walt war des­halb ver­pflich­tet, sich durch Nach­fra­gen beim Ehe­mann der Man­dan­tin oder bei der Man­dan­tin selbst Klar­heit dar­über zu ver­schaf­fen, ob das Kün­di­gungs­schrei­ben nicht bereits am 22.12 2011 zuge­gan­gen sein konn­te. Falls dies nicht sicher aus­ge­schlos­sen wer­den konn­te, war er ver­pflich­tet, den sichers­ten Weg zu wäh­len und die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge bereits am 12.01.2012 ein­zu­rei­chen. Indem der Rechts­an­walt die Anga­be des Ehe­man­nes der Man­dan­tin sei­nem wei­te­ren Vor­ge­hen unge­prüft zugrun­de leg­te, han­del­te er pflicht­wid­rig. Dafür, dass der Rechts­an­walt die Pflicht­ver­let­zung nicht zu ver­tre­ten hät­te (§ 280 Abs. 1 Satz 2 BGB), spricht nichts.
Die Zurück­wei­sung der Beru­fung wur­de im vor­lie­gen­den Fall auch nicht von der Begrün­dung des Beru­fungs­ge­richts getra­gen, die Man­dan­tin habe nicht schlüs­sig vor­ge­tra­gen, dass eine unter­stell­te Pflicht­ver­let­zung des Rechts­an­walts den ein­ge­tre­te­nen Scha­den ver­ur­sacht habe, weil sie nicht dar­ge­legt habe, was dem Rechts­an­walt auf eine Nach­fra­ge zum Zeit­punkt des Zugangs geant­wor­tet wor­den wäre. Die­se Beur­tei­lung beruht auf einem Ver­fah­rens­feh­ler. Das Beru­fungs­ge­richt durf­te die Dar­le­gung der Man­dan­tin nicht als unschlüs­sig behan­deln, ohne ihr wei­te­re Gele­gen­heit zum Vor­trag zu geben.
Schul­hund – steu­er­lich absetz­bar Ein pri­vat ange­schaff­ter Schul­hund ist nicht mit einem Poli­zei­hund ver­gleich­bar. Die Auf­wen­dun­gen für den Hund kön­nen aber in Höhe eines geschätz­ten beruf­li­chen Anteils als Wer­bungs­kos­ten…
BGH, Urteil vom 21.11.1960 – III ZR 160/​59, NJW 1961, 601, 602; vom 02.04.1998 – IX ZR 107/​97, NJW 1998, 2048, 2049; vom 19.01.2006 – IX ZR 232/​01, NJW-RR 2006, 923 Rn. 22 mwN[↩]
etwa BGH, Urteil vom 21.04.1994 – IX ZR 150/​93, NJW 1994, 2293; vom 02.04.1998, aaO[↩]
BGH, Urteil vom 15.01.1985 – VI ZR 65/​83, NJW 1985, 1154, 1155[↩]
BGH, Urteil vom 21.11.1960, aaO; vom 15.01.1985, aaO[↩]
BGH, Urteil vom 21.04.1994, aaO; Beschluss vom 07.03.1995 – VI ZB 3/​95, NJW-RR 1995, 825, 826; Urteil vom 20.06.1996 – IX ZR 106/​95, NJW 1996, 2929, 2931; vom 18.11.1999 – IX ZR 420/​97, NJW 2000, 730, 731; Wein­land in Henssler/​Gehrlein/​Holzinger, Hand­buch der Bera­ter­haf­tung, Kap. 3 Rn. 128; Vill in G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 4. Aufl., § 2 Rn. 42; Hei­ne­mann in Vollkommer/​Greger/​Heinemann, Anwalts­haf­tungs­recht, 4. Aufl., § 10 Rn. 17; Fahrendorf/​Mennemeyer, Die Haf­tung des Rechts­an­walts, 9. Aufl., Rn. 495 ff[↩]
vgl. dazu BGH, Urteil vom 21.04.1994, aaO; Beschluss vom 07.03.1995, aaO[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 17.07.2002 – IX ZR 418/​98 4; dazu Jungk, BRAKMitt.2002, 267[↩]
BGH, Beschluss vom 21.06.2011 – II ZB 15/​10, WM 2011, 1531 Rn. 15[↩]
BGH, Urteil vom 05.12 2007 XII ZR 148/​05, NJW 2008, 843[↩]
vgl. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 09.02.2018 8 U 117/​1719 ff[↩]
vgl. etwa BAG, NJW 1984, 1651 f[↩]