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Timestamp: 2019-10-14 19:11:42
Document Index: 169293802

Matched Legal Cases: ['§1', '§5', '§5', '§5', '§5', '§5', '§5']

Methadonsubstitution bei Heroinabhängigkeit. Wie Methadon das ... | Diplomarbeiten24.de
2 Definition von Sucht und Abhängigkeit
2.1 Allgemeine Bedeutung von Sucht und Abhängigkeit
2.2 Abhängigkeit nach DSM-V
2.3 Abhängigkeit nach ICD-10
3 Diamorphin/Heroin
3.1 Allgemeine Eigenschaften von Heroin
3.2 Wirkung und Wirkungsweise von Heroin
3.3 Heroinentzug
3.4 Anzahl Heroinabhängiger (Deutschland)
4 Methadon
4.2 Allgemeine Eigenschaften
4.4 Wirkung und Nebenwirkungen
4.5 Methadonentzug
5 Theorien und Modelle zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeiten
5.1 Biologischer Erklärungsansatz
5.2 Psychodynamischer Erklärungsansatz
5.3 Lerntheoretische Theorien
5.4 Differentielle Psychologie
5.5 Selbstmedikationshypothese
5.6 Soziologischer Ansatz
6 Methadonsubstitutionsbehandlung
6.2 Rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland
6.3 Anzahl an Substitutionspatienten in Deutschland
6.4 Psychosoziale Unterstützung
6.5 Langzeitsubstitution
7.1 Sicherung des Lebens
7.2 Anhaltende Abstinenz von Suchtmitteln
7.3 Reduktion von Risiken und Verhaltensweisen
7.4 Verbesserung der seelischen und körperlichen Gesundheit
7.5 Verbesserung der sozialen Situation
8.2 Ein- und Ausschlusskriterien
8.3 Eingrenzung des Themas
8.4 Fragestellung
8.5 Vorstellung der Studien
9.1 Soziales Leben
9.2 Lebensqualität und Verhaltensweisen
9.3 Körperliche Gesundheit
10.1 Interpretation der Ergebnisse
10.2 Schlussfolgerung
10.3 Kritische Reflexion
Abbildung 1: Komplexes Teufelskreismodell der Interaktionen von Angst und Substanzstörung
Abbildung 2: Entstehung von Substanzstörung nach Abhängigkeit durch Selbstmedikation
Abbildung 3: Anzahl gemeldeter Substitutionspatienten in Deutschland von 2002 bis
Abbildung 4: Anzahl gemeldeter Substitutionspatienten und substituierender Ärzte nach Bundesländern
Abbildung 5: Art und Anteil der gemeldeten Substitutionsmittel
Tabelle 1: Übersicht systematische Literaturrecherche vor den Selektionsschritten
Tabelle 2: Ein- und Ausschlusskriterien von Studien
Hintergrund: Methadonsubstitution ist seit den 1990-er Jahren in Deutschland etabliert. Nach jahrelanger Abhängigkeit ist eine Substitutionsbehandlung eine der letzten Möglichkeiten, die Abhängigkeit von illegalen Substanzen zu bewältigen. Durch tägliche Vergaben von Methadon und zusätzliche Beratungsangebote soll der illegale Drogenkonsum verringert werden.
Fragestellung: Überprüft wird der Einfluss von Methadonsubstitution auf verschiedene (Lebens-)Bereiche von Heroinabhängigen. Dazu zählen die soziale Situation mit den Variablen Arbeitssituation, soziale Beziehung und Kriminalitätsrate, die individuelle Situation mit den Variablen: psychisches Wohlbefinden, Risikoverhaltensweisen und Drogenkonsum und letztlich der Gesundheitszustand. Die Hypothesen sind gerichtet, sodass in Richtung eines positiven Einflusses untersucht wird.
Methode: Es wurde thematische Forschungsliteratur ausgewertet und daraufhin die Fragestellung und Hypothesen der Aufgabe entsprechend angepasst. Anhand von Ein- und Ausschlusskriterien wurde die Auswahl an Studien selektiert, sodass die Fragestellung anhand von 33 Studien beantwortete werden konnte.
Ergebnisse: Reduzierung der Arbeitslosenrate und eine allgemeine Verbesserung des Arbeitsverhältnisses. Es kommt zu einer Verbesserung der familiären Beziehungen. Es kommt zu einer Verringerung des Kontaktes mit Personen mit einer Suchtproblematik und gleichzeitig zu einem vermehrten Kontakt mit Personen ohne Suchtproblematik. Insgesamt ist ein allgemein sinkendes kriminelles Verhalten zu vermerken. Unter anderem gibt es eine Verbesserung in drogenbezogener Kriminalität. Es gibt signifikante Effekte von Methadonsubstitution auf die Kriminalitätsrate. Inkonsistente Befunde sind bzgl. des psychischen Wohlbefindens zu verzeichnen. Insgesamt sind bei Personen im Methadonprogramm sowohl das Benutzen als auch das Leihen von Spritzenbesteck zurückgegangen, sowie eine Verminderung von unterschiedlichen Sexualpartnern und des HIV-Risikoverhaltens. Der Beikonsumgebrauch sinkt in Bezug auf den Heroinkonsum. Gleichzeitig ist dennoch ein vermehrter Konsum von Kokain und Alkohol zu vermerken, welcher über 50% liegt. Die Verbesserung der allgemeinen Gesundheit geht einher mit weniger somatischen Beschwerden und aufgrund dessen auch mit weniger Hospitalisierungen. Es kommt zu einer Reduzierung der HIV-Infektionsrate. Zudem ist Methadon Maintenance Treatment (MMT) ein Prädiktor für gute Adhärenz.
Diskussion: Ziel einer Substitutionstherapie ist nicht nur das Erreichen der Abstinenz, sondern ist auch der positive Effekte auf die körperliche und psychische Gesundheit zu erzielen. Als oberstes Ziel steht die Sicherung des Lebens. Mittels psychosozialer Betreuung können zusätzliche Effekte im sozialen Leben erzielt werden. Dazugehören unter anderem die Wiederaufnahme einer Erwerbstätigkeit und die Reintegration in die Gesellschaft. Trotzdem sollten der Beikonsumgebrauch stärker reduziert und das Angebot von Psychotherapie unter Substitution weiter verstärkt werden.
Background: Methadone substitution is established in Germany since the 1990‘s. After a longstanding dependence a substitution treatment is one of the last opportunities to cope with the addiction of illegal substances. Daily methadone doses and further consulting services shall reduce the illegal drug consumption.
Purpose: The methadone influence on different types of life and physical situations of heroin-dependents is examined. The social situation variable includes the work situation, social relationships and crime rate. The physical health variable includes the general health and HIV and hepatitis C treatment. The individual situation variable includes the mental well-being, risk behavior and drug use.
Method: The first step was a literature research. After the evaluation of studies and reviews the second step was to adjust the questioning and hypotheses. Thereafter the literature was selected after specific inclusion- and exclusion criteria. With the help of 33 studies and reviews the leading question was answered.
Results: There is a reduction in the unemployment rate and a general improvement of the employment. The family relations are improving. In addition the contact to people with addictions is reduced. Simultaneously there is more contact to people without any addictions. Overall the crime rate decreases. Especially drug-related crime rates improve. All in all there are significant effects the methadone substitution has on the crime rate. Next there are inconsistent results concerning the psychological living quality. In general people, who are in methadone treatment, reduce their risk behavior (needle sharing and sexual risk). However the co-use in all studies is over 50%. The heroin consumption is less than before, but cocaine and alcohol use often increase. The health improvements of people in methadone treatment are accompanied by a decrease of hospitalizations. There is also a reduction of the HIV infection rate. Moreover the methadone treatment is a good predictor for compliance.
Discussion: Aim of the substitution treatment is not only the abstinence but also the positive effects to the physical and psychological health. The global aim is the safeguard of life. Particularly psychosocial care can provide additional effects in the social life. The reintegration in the community and a resumption of employment are just two responsibilities of the psychosocial care. The co-use needs better controlling, so there is a higher decrease. Likewise psychotherapy for substitution patients has to be more available
Drogenabhängigkeit ist eine Erkrankung, die es zu behandeln gilt. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze und Maßnahmen. Dazu gehören Lang- und Kurzzeittherapien, aber auch die Substitutionstherapie. Die Ansätze beider Maßnahmen sind dabei unterschiedlich. Bei der Substitutionstherapie geht es nicht primär um das Ziel der Abstinenz. Die Versorgung mit Methadon an Heroinabhängige unter ärztlicher Aufsicht etablierte sich Ende 1990/ Anfang 2000. Die Maßnahme der Substitution steht damit in engem Zusammenhang mit der AIDS-Epidemie. Der Anstieg an Neuinfektionen lag in diesem Zeitraum bei ca. 2000 pro Jahr für Deutschland. Eine Risikogruppe sind dabei u.a. die intravenös konsumierenden Drogenabhängigen. So war bei der Etablierung der Substitutionstherapie ein primäres Ziel, die HIV-Ansteckung zu verringern, indem eine legale Ersatzmedikation angeboten wurde.
Vorurteile und Stigmatisierungen von Drogenabhängigen durch die Gesellschaft sind Probleme, welche weiterhin existieren. Die fortdauernde Abhängigkeit von einer Substanz führt weiterhin zu Unverständnis der Maßnahme. Die Arbeit untersucht unterschiedliche Einflussbereiche von Substitutionstherapie. Dabei steht das Abstinenzziel nicht primär im Vordergrund. Vielmehr sollen der Einfluss und Nutzen für die Gesellschaft und für das Individuum dargestellt werden.
Die Anzahl an Drogentoten in Deutschland beträgt für das Jahr 2016 = 1333 Personen, ein Anstieg von 9% (Drogenbeauftragte der Bundesregierung & Bundesministerium für Gesundheit, 2017). Diese steigenden Zahlen zeigen, dass die Substanzabhängigkeit ein gesellschaftliches Problem darstellt. Die seit über 20 Jahren existierende Behandlungsmaßnahme der Substitution führt laut den Zahlen nicht zu einer Senkung der Drogentoten. Inwiefern Methadonsubstitution einen positiven Einfluss auf die soziale, individuelle und körperliche Situation von Heroinabhängigen hat wird anhand von vorhandenen Forschungsstudien untersucht und herausgearbeitet.
Die Kriterien und Begriffsbestimmung einer Abhängigkeit sollen anhand der Wortherkunft und einer allgemeinen Erklärung deutlich gemacht werden. Zur wissenschaftlichen Definition werden die Kriterien aus dem Internationalen Klassifikationssystem (ICD) und dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychiatrischer Störungen (DSM) herangezogen.
Das Wort Sucht (althochdeutsch suht = Krankheit) bezeichnet eine zwanghafte Abhängigkeit nach Genuss- oder Rauschmitteln sowie das Verlangen nach nicht stoffgebundenen Mitteln (z.B. Sexsucht, Spielsucht) - (Dudenredaktion, 2017).
In der heutigen Wissenschaft wird das Wort Sucht zumeist durch den konkreten Abhängigkeitsbegriff ausgetauscht. Im ICD-10 sowie DSM (siehe Kapitel 5.1. und 5.2) gilt die Definition einer Abhängigkeitserkrankung. Edwards et al. unterscheidet zudem zwischen einer Abhängigkeitserkrankung und dem Missbrauch von Substanzmitteln sowie deren Folgen (Soyka, M., 1999, S. 590). Sucht wird dennoch häufig im alltäglichen Gebrauch verwendet.
Im Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen sind die Störungen als Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und abhängigen Verhaltensweisen klassifiziert. Es wird zunächst zwischen der Substanz bzw. Substanzklasse unterschieden. Danach folgt die Bestimmung des Schweregrades in leicht, mittel oder schwer. Zudem werden in den Bereichen der Intoxikation (ohne oder mit Substanzkonsumstörung - leichtgradig, mittel- oder schwergradig), des Entzugs (ohne oder mit Wahrnehmungsstörungen) oder nicht näher bezeichnete Störungen im Zusammenhang mit der Substanz bzw. Substanzklasse unterschieden. Der Abhängigkeitsbegriff kommt als solcher nicht mehr vor. „Sie wird ersetzt durch eine neue zusammenfassende und übergreifende Kategorie der ` Substanzkonsumstörungen ` für die einzelnen Substanzarten mit ihren jeweils zugehörigen Störungsdiagnosen“ (American Psychiatric Publishing, 2013, S.61).
Im Internationalen Klassifikationsschema für Krankheiten sind die Psychischen- und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen unter F10-F19 klassifiziert. Dabei wird zunächst anhand der Substanz oder Substanzklasse unterschieden, und der Zustand bzw. Schweregrad wird anhand der vierten Stelle kodiert. Dabei kann es sich um eine akute Intoxikation (vierte Stelle .0), schädlichen Gebrauch (vierte Stelle .1), eine Abhängigkeit (vierte Stelle .2), ein Entzugssyndrom (vierte Stelle .3) oder andere Störungen (vierte Stelle .4-.9) handeln.
Das Abhängigkeitssyndrom wird definiert als
„…eine Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Substanzgebrauch entwickeln. Typischerweise besteht ein starker Wunsch, die Substanz einzunehmen, Schwierigkeiten, den Konsum zu kontrollieren, und anhaltender Substanzgebrauch trotz schädlicher Folgen. Dem Substanzgebrauch wird Vorrang vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen gegeben. Es entwickelt sich eine Toleranzerhöhung und manchmal ein körperliches Entzugssyndrom. Das Abhängigkeitssyndrom kann sich auf einen einzelnen Stoff beziehen (z.B. Tabak, Alkohol oder Diazepam), auf eine Substanzgruppe (z.B. opiatähnliche Substanzen), oder auch auf ein weites Spektrum pharmakologisch unterschiedlicher Substanzen“ (DIMDI, 2011, S.178).
Die Darstellung über Wirkung und Entzug von Diamorphin dient dem Zweck, ein allgemeines Verständnis von der Droge zu bekommen. Zudem wird die Anzahl an Heroinabhängigen in Deutschland kurz dargestellt, um die Dimension von Abhängigkeitserkrankungen abschätzen zu können.
Heroin (Diacetylmorphin) gehört zu der Gruppe der Opioide. Opium wird aus dem papaver somniferum (Schlafmohn) gewonnen. Der eingetrocknete Milchsaft der Pflanze wird als Opium bezeichnet (vgl. Platt & Labate, 1982).
Heroin besetzt spezifische Rezeptoren im zentralen Nervensystem. Es kommt an diesen Stellen zu einer Hemmung des Gamma-Amino-Buttersäure-Systems (GABA-System). Dies wiederum führt zu einer Enthemmung des Dopaminsystems. Auf Dopamin sind u.a. die Belohnungsmechanismen zurückzuführen. Heroin wirkt einerseits aufgrund der erhöhten Dopaminzufuhr euphorisierend, andererseits wird die Schmerzschwelle erhöht, sodass das Schmerzerleben verändert wird (Schenk, 1975).
Wenn eine Abhängigkeit von Opioiden besteht, kommt es nach ca. 4-6 Stunden nach der letzten Einnahme zu ersten Entzugssymptomen; insgesamt dauert ein kompletter Entzug etwa fünf Tage, wobei das Optimum zwischen der 32. und 72. Stunde liegt (Gastpar , Heinz, Poehlke, Raschke, 1998). Diese Symptome äußern sich sowohl körperlich als auch psychisch.
Körperliche Beschwerden äußern sich u.a. in Knochen-und Muskelbeschwerden, Schweißbildung, Kalt- und Warmschüben, in Magen-Darm-Problemen sowie in Kopfschmerzen. Psychisch äußert sich der Entzug in negativer Stimmung, in Depressionen, Kontrollverlust und Verlangen nach der Droge (Craving) genannt (Platt &Labate, 1982).
Ein Heroinentzug kann zum einen in speziellen Einrichtungen wie einer Entzugsklinik als stationäres oder ambulantes Vorgehen vorgenommen werden. In den meisten Entzugskliniken oder anderen Gesundheitsorganisationen findet in der Regel ein warmer Entzug statt. Dies bedeutet, dass die Patienten Ersatzmedikation (z.B. Methadon1 oder Buprenorphin) bekommen, sodass damit der Heroinentzug erleichtert wird. Es kommt zu keiner Intoxikation, sondern lediglich zu einer Symptomfreiheit. Außerdem kann man durch Medikamente (Antidepressiva, Neuroleptika usw.) in einem gewissen Rahmen die Entzugssymptome lindern. Bei einem kalten Entzug gibt es keine Ersatzopioide, welche den Entzug sanfter machen. Der kalte Entzug ist kürzer als der warme Entzug, da lediglich Heroin entzogen wird und nicht noch zusätzlich die Ersatzmedikation „aus dem Körper muss“. Medikamente gegen einzelne Symptome des Entzuges können aber auch bei einem kalten Entzug gegeben werden. Der Heroinentzug ist im Gegensatz zum Alkoholentzug nicht lebensgefährlich.
Es gibt keine genauen Zahlen, was die Anzahl an Heroinabhängigen in Deutschland angeht. „Nach einer Schätzung der Geschäftsstelle der Bundesdrogenbeauftragten zählt die Bundesrepublik Deutschland zwischen 100.000 und 150.000 Heroinabhängigen bei rund 80 Millionen Einwohnern“ (Geschäftsstelle der Drogenbeauftragten, 2001).
Methadon ist nicht nur als Substitutionsmittel im Gebrauch. Als Opioid und Analgetikum kommt es in einem früheren Stadium und heutzutage auch in anderen medizinischen Bereichen zur Anwendung. In diesem Kapitel werden die Geschichte (Kapitel 7.1) sowie das Hintergrundwissen zur Wirkung und Verwendung dieses Medikamentes behandelt.
1939 wurde das Analgetikum Methadon von Bockmühl und Ehrhart (Mitarbeiter der I.G. Farben-Konzern, Hoechster Farbwerke) erstmals synthetisiert. Es wurde hergestellt, um sich von der Einfuhr von Opiumalkaloiden unabhängig zu machen. 1949 wurde der Verkauf des Schmerzmittels Methadon unter dem Handelsnamen Polamidon beschlossen (vgl. Bartmann, 2001, S.162f, 241f). 1947 gelangte das Methadon unter dem Handelsnamen Dolophine auf den Arzneimittelmarkt. 1950 wurde die abhängende Wirkung des Methadons erkannt. Im selben Jahr fanden zudem erste Substitutionsbehandlungen mit Polamidon an Morphinabhängigen statt (Bittner, S., 2007). Im Jahre 1974 wurde d,1-Methadon in der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung als nicht verschreibungsfähiges Betäubungsmittel eingeordnet. Erst im Jahr 1994 wurde das geändert, sodass es seitdem wieder verschreibungsfähig ist. Von 1973 bis 1975 fand in Deutschland der erste Versuch statt, Heroinabhängige mit Methadon zu behandeln (Gerlach, 2004).
Methadon gehört zu der Gruppe der Opioide. Es ist sowohl in fester als auch in flüssiger Form vorhanden. Für die Wirkung des Methadons ist das Levomethadon verantwortlich, da nur dies analgetisch wirkt. Methadon ist daher ein Razemat, welches aus den beiden Enantiomeren Levomethadon (L-Methadon) und Dextromethadon (D-Methadon) besteht. Daraus ergibt sich, dass Levomethadon (auch bekannt unter dem Handelsnamen L-Polamidon®2 ) doppelt so stark analgetisch wirkt wie Methadon. Methadon ist zudem lipophil, sodass es schnell die Blut-Hirn-Schranke passiert (Scherbaum & Gastpar, 2012).
Methadon kann in verschiedenen Bereichen der Schmerzbehandlung eingesetzt werden. Aufgrund seiner guten analgetischen Wirkung wird es ebenfalls in Betracht bezogen, wenn es um eine Behandlung mit Opiaten geht. Vor allem in der Tumor und Krebsbehandlung wird Methadon häufig eingesetzt (Nauck, Ostgathe &Klaschik, 2003).
Der zweite Bereich, in dem Methadon eingesetzt wird, ist die Substitutionsbehandlung bei Drogenabhängigen (Heroinabhängigkeit). Seit ca. 30 Jahren gibt es in Deutschland die Substitutionsbehandlung. Dabei wird Methadon oral verabreicht, meist verdickt als Sirup o.Ä., um die intravenöse (i.v.) Vergabe zu verhindern.
Methadon hat als Opioid eine analgetische Wirkung. Die Rezeptorstellen für Methadon befinden sich im Schmerz- und Belohnungszentrum des zentralen Nervensystems. Die schmerzlindernde Wirkung hält ca. 24 bis 36 Stunden an.
Es gibt zudem eine Vielzahl an Nebenwirkungen beim Methadonkonsum. Bei einem Kurzzeitkonsum können diese zunächst sein: „Mattheit, Schlaflosigkeit, trockener Mund, Übelkeit, Magenschmerzen, Erbrechen, Schwitzen, Juckreiz, Harnverhalten, Verstopfung, Schweregefühl in Armen und Beinen, Konzentrationsschwäche, verlangsamte Atmung, kleine Pupillen und ein niedriger Blutdruck“ (Bittner, S., 2007, Kap. 2.2). Bei längerem Konsum von Methadon kann es zu einer psychischen und physischen Abhängigkeit kommen. Außerdem kann es zu vegetativen Symptomen, wie exzessives Schwitzen, kommen. Die Wirkung ist jedoch nicht wie beim Heroin euphorisierend.
Der Entzug vom Methadon ist länger und schwieriger als bei einem Heroinentzug. Das liegt zum einen daran, dass Methadon eine längere Halbwertszeit hat als Heroin und sich zum anderen stärker an die Opiatrezeptoren im zentralen Nervensystem bindet.
Eine stationäre Entzugsbehandlung liegt zwischen fünf Tagen und zwei Wochen. Die Symptome sind ähnlich wie bei einem Heroinentzug. Die Dauer und Intensität können sich je nach Methadondosis und Länge der Einnahme unterscheiden.
Die Substanzabhängigkeit liegt zum einen der Wirkung der Substanz zu Grunde, zum anderen gibt es verschiedene biologische (Kapitel 8.1), psychologische (Kapitel 8.2. – 8.5.) und soziologische (Kapitel 8.6.) Erklärungsansätze zu Ursachen von Abhängigkeit und welche Mechanismen eine Rolle bei der Aufrechterhaltung spielen.
Die wichtigsten Bereiche im Gehirn, die für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeiten verantwortlich sind, scheinen das mesolimbische System (engl. „reward system“ = Belohnungssystem), die Amygdala, der präfrontale Kortex und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse zu sein.
Die Amygdala ist entscheidend für die Emotionen Furcht und Angst sowie Belohnungsreaktionen. Somit spielt die Amygdala vor allem für Konditionierungsprozesse eine entscheidende Rolle.
Weiterhin sind von entscheidender Bedeutung die Neurotransmitter Dopamin und β-Endorphin. Diese werden je nach Substanz in unterschiedlichem Ausmaß aktiviert. Durch Aktivierung und Hemmungsprozesse kommt es durch opioiderge Neuronen zu einer Aktivierung des dopaminergen Systems. Dopamin sorgt für den positiven, euphorisierenden Effekt von Suchtstoffen (Poser, 2000).
Zwillings- und Adoptionsstudien werden genutzt, um genetische Zusammenhänge zwischen dem Erbgut und der Ausprägung einer Substanzabhängigkeit herzustellen. Dabei zeigt sich, dass genetische Faktoren einen deutlichen Beitrag zur Entwicklung von Substanzabhängigkeit leisten (Heinz, Batra Scherbaum & Gouzoulis-Mayfrank, 2012). Der genetische Faktor spielt dabei bei der Entwicklung einer Abhängigkeit eine wichtige Rolle: ca. 50-60% bei Alkoholabhängigkeit und 60-80% bei Stimulanzien, Kokain, Opiaten und Sedativa, jedoch nicht bei dem Substanzkonsum, welcher vor allem durch kulturelle und soziale Faktoren zu erklären ist (Heinz et al., 2012). Eine genetische Disposition ist jedoch lediglich ein Risikofaktor, welcher die Auftretenswahrscheinlichkeit erhöht, jedoch kein absoluter Faktor ist (Poser, W. 2000).
Der Psychodynamische Erklärungsansatz geht davon aus, dass bestimmte Abwehrmechanismen eines Menschen dazu führen, dass es einen Gebrauch von Drogen gibt. Dabei spielt vor allem der Abwehrmechanismus der Regression eine wichtige Rolle. Dabei wird unter Regression verstanden, dass man von seiner Entwicklungsstufe auf eine frühere Stufe der Entwicklung zurückfällt. Durch den Mechanismus der Regression kommt es durch die Droge zu einer Angstbewältigung und einer Kompensation der Realität (Korte, 2007).
Des Weiteren kann es aufgrund von Erfahrungen in der Kindheit zum Konsum von Drogen kommen. Dabei kann es in der Kindheit zu einer geringen Bedürfnisbefriedigung gekommen sein, sodass versucht wird diese „ungestillten“ Bedürfnisse im späteren Alter durch die Drogen zu kompensieren. Außerdem können kindliche Erfahrungen, wie Vernachlässigung oder Misshandlung, zu Traumata führen. Wenn diese schlimmen Kindheitserfahrungen nicht bearbeitet werden, werden andere „Hilfen“ gesucht, um mit den Erinnerungen umzugehen. Die Erfahrungen aus der Kindheit haben später Einfluss auf die Gefühle und das Verhalten der Person. Es wird versucht, Gefühle sowie Ängste zu vermeiden, um die damaligen kindlichen Erfahrungen nicht erneut Realität werden zu lassen (vgl. Wanke & Bühringer, 1991, S.159f).
Lerntheorien sind vor allem auf Grund ihrer evidenzbasierten Datenlage gesicherte Theorien. Wichtige Vertreter sind unter anderem Pawlow, Thorndike, Skinner und Bandura. Die lerntheoretischen Theorien zeigen, dass anhand von Regeln die Vorgänge von Lernprozessen erklärt werden können.
5.3.1 Suchtgedächtnis
Der Begriff Suchtgedächtnis bezeichnet eine Veränderung im Gehirn, wonach sich das Gehirn an die süchtig machende Substanz erinnert. Ein wichtiger Bereich ist dabei das Belohnungssystem des Gehirns. Wenn ein Belohnungsreiz, z.B. Essen, Bewegung, Sexualität, Drogen etc., vorhanden oder die Erwartung auf eine Belohnung vorhanden ist, kommt es zu einer Dopaminausschüttung. Durch Drogen wird die Ausschüttung des Dopamins intensiver und anhaltender herbeigeführt. Das euphorisierende Gefühl, welches dabei erlebt wird, ist so stark und „berauschend“, dass es erneut erlebt werden will. So kommt es zu einer Aufrechterhaltung des Konsums (operante Konditionierung).
Außerdem kann es dazu kommen, dass neutrale Reize mit dem Belohnungseffekt verknüpft werden. Dies führt dazu, dass ein Verlangen nach der Belohnung (Droge) schon vor dem Einnehmen und damit auch vor der Ausschüttung des Dopamins vorhanden ist (klassische Konditionierung). Das Verlangen nach der Droge wird auch als Craving bezeichnet.
5.3.2 Modelllernen
Das Lernen am Modell, welches von Bandura eingeführt worden ist, bezeichnet einen kognitiven Lernprozess, wonach durch die Beobachtung eines Verhaltens ein Verhalten selbst angeeignet wird. Dabei sind äußere Umstände wie die Nähe bzw. Identifikation mit dem Beobachter eine Voraussetzung, dass ein Verhalten gelernt wird. Es gibt zudem vier Phasen, in denen man sich befindet bzw. die man bewältigen muss, damit das Verhalten angeeignet und ausgeführt werden kann:
1.Aufmerksamkeitszuwendung
2.Behaltensphase
3.motorische Reproduktionsphase
3.Motivationsphase
Das Lernen am Modell ist im Zusammenhang mit Drogenabhängigkeit und Aufrechterhaltung zu sehen, da man von ca. 40.000 bis 50.000 Kindern drogenabhängiger Eltern ausgeht (Klein, 2013, S.360). Anhand des sozialen Lernens lässt sich erklären, warum Kinder von Eltern mit einer Drogenabhängigkeit häufig selbst abhängig werden. Eltern dienen dabei als Personen, mit denen sich Kinder identifizieren. Daher legt sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf das Verhalten der Eltern. Kinder speichern das gesehene Verhalten ab, bis sie schließlich in die Phase der motorischen Reproduktion kommen, also das Verhalten auch ausführen können, was sie gesehen haben. Die Motivation, das gelernte Verhalten auch weiterhin auszuführen, kommt zustande anhand von einerseits sozialen Faktoren, wie Vernachlässigung, Konformitätsdruck, oder um mit schwierigen sozialen Verhältnissen nicht mehr konfrontiert zu werden, ist andererseits aber auch von individuellen Faktoren abhängig wie der Entstehung einer Abhängigkeit auf neuronaler Ebene oder einer psychischen Begleiterkrankung.
Die differentielle Psychologie beschäftigt sich mit Persönlichkeitszuständen. Dabei spielen zum einen intraindividuelle Veränderungen eine wichtige Rolle, zum anderen interindividuelle Unterschiede zwischen Personen und Gruppen. Anhand der Persönlichkeitszustände wurden in dem Rahmen auch Persönlichkeitseigenschaften ermittelt.
5.4.1 Behavioral inhibition system und behavioral approach system
Das Verhaltenshemmsystem (BIS) sowie das Verhaltensannäherungssystem (BAS) wurden von Gray (1970) postuliert. Dabei geht Gray davon aus, dass das Verhaltenshemmsystem „auf konditionierte Reize für Bestrafung und frustrierende Nichtbelohnung reagiert“ (Stemmler, Hagemann, Amelang und Spinath, 2016, S. 299). Gegenteilig reagiert das Verhaltensannäherungssystem auf konditionierte Reize für Belohnung und Nichtbestrafung.
Bei Aktivierung des BIS kommt es zu einer erhöhten Erregung, sodass die selektive Aufmerksamkeit gesteigert wird und es infolgedessen zu einer verstärkten Fokussierung auf die nähere (bedrohende) Umgebung kommt. Die Reaktion auf der Gefühlsebene wird als Angst beschrieben. Das BAS indes wird aktiviert, wenn sich eine positive oder negative Verstärkung ankündigt bzw. eine solche stattfindet. Es kommt zu einem Annäherungsverhalten, zum einem an das Zielverhalten, zum anderen zu einer „aktive(n) Vermeidung im Sinne einer Annäherung an Sicherheit [im Falle einer Nichtbestrafung](…). Zusätzlich führt eine Aktivierung des BAS zu einem Gefühl von positiven, erhebenden Emotionen wie beispielsweise Hoffnung, Erleichterung, Glück oder einem `High` wie beim Konsum stimulierender Drogen“ (Stemmler et al., 2016, S. 405).
5.4.2 Sensation Seeking (Zuckerman)
„Sensation Seeking ist ein Trait, welches definiert durch das Suchen nach verschiedenartigen, neuen, komplexen und intensiven Eindrücken und Erfahrungen sowie die Bereitschaft, um solcher Erfahrungen willen, physische, soziale, legale und finanzielle Risiken in Kauf zu nehmen“ (Renneberg & Hammelstein, 2006, S.67;Übers. d. Verf., zitiert nach Zuckerman 1994, S.27).
Zuckerman postulierte vier Skalen des Persönlichkeitszustandes:
1.Thrill and Adventure Seeking (Tendenz für Aktivitäten, die mit Gefahr und Geschwindigkeit verbunden sind)
2.Experience Seeking (Suche nach Erfahrungen mit nonkonformistischem Lebensstil)
3.Disinhibition (Erfassung der Tendenz zu enthemmten Verhaltensweisen)
4.Boredom Susceptibility (Erfassung der Abneigung gegen Wiederholungen und Routinen) - (Renneberg & Hammelstein, 2006, S.68).
Man geht davon aus, dass viele Drogenabhängige die Persönlichkeitseigenschaft Sensation Seeking besitzen. Aufgrund von unzureichender Befriedigung der Bedürfnisse in der alltäglichen Lebensweise kommt es zum Kontakt mit Drogen. Diese erfüllen die angestrebten Bedürfnisse. Dabei sind äußere Reize z.B. die Beschaffung der Droge, welche mit einer gewissen Gefahr und einem nicht regelkonformen Leben einhergehen. Aber auch die Wirkung der Droge, welche in den meisten Fällen mit Adrenalinausschüttung zusammenhängt übt einen gleichartigen Reiz aus.
Psychische Störungen weisen 33% der Personen mit der Diagnose einer Abhängigkeit auf; im klinischen Setting steigt der Anteil auf 50% der Abhängigkeitserkrankten (Schay, Lojewski & Siegele, 2013). Aufgrund der Symptome der jeweiligen Störungsbilder kann es zu einer Selbstmedikation durch spezifische Drogen, wie Heroin, kommen. Die Droge dient als Mittel, die Symptome zu lindern.
Die Symptome im Zusammenhang mit einer psychischen Störung zu vereinbaren, ist für viele Personen nicht möglich. Der Zugang zu medizinischer und psychosozialer Unterstützung ist meist nicht gegeben, da die Patienten die Symptome nicht als Krankheit erkennen. Der Weg hin zu Drogen ist oftmals einfacher als der Weg in eine psychologische Beratungsstelle. Die schnelle und spezifische Wirkung von Heroin und anderen Drogen sorgt dafür, dass Emotionen nicht wahrgenommen werden und der Umwelt weniger Aufmerksamkeit zukommt.
5.5.1 Selbstmedikation und Angststörung
Angststörungen gibt es in unterschiedlichen Formen, z.B. Panikstörung, Agoraphobie oder spezifische Phobien. Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Angst sind grundsätzlich der gleiche Prozess. Dabei spielen sowohl körperliche Symptome als auch psychische Symptome eine entscheidende Rolle. Mit dem Modell „Teufelskreis der Angst“ (nach Margraf & Schneider, 2009) ist der Prozess gut erklärbar. Dabei kommt es zunächst in einer Situation zu körperlichen Symptomen, z.B. Schwitzen, Herzklopfen, Atembeschwerden etc., diese körperlichen Veränderungen werden wahrgenommen und als gefährlich interpretiert. Aus dieser Interpretation folgt ein Gefühl der Angst. Als Folge kommen weitere physiologische Veränderungen auf, welche wiederum zu einer Steigerung oder zu weiteren körperlichen Symptomen führen. Dieser Prozess kann eine Panikattacke auslösen.
Die Entwicklung einer Erwartungsangst („Angst vor der Angst“) führt zu einer dauerhaften Angststörung. Durch Vermeidungsverhalten entsteht eine Aufrechterhaltung der Angstgefühle, eine sog. Angststörung.
Im Zusammenhang mit der Selbstmedikationshypothese wird das bidirektionale Modell herangezogen. Dabei geht man nicht wie bei einer unidirektionalen Kausalbeziehung davon aus, dass nur die Angststörung eine Substanzstörung indiziert, sondern dass auch eine Störung des Substanzkonsums Angststörungen auslösen können. In Abbildung 1 erkennt man die kausalen Zusammenhänge zwischen Angststörung und Substanzstörung.
Bei vorher vorhandener Angststörung dient ein Wirkstoff (Droge) zur Verringerung der Angstzustände, und es findet eine Veränderung in der Wahrnehmung der Symptome statt. Die positive Erfahrung mit dem Wirkstoff führt zu wiederholter Einnahme. Aufgrund einer Toleranzentwicklung der Medikamente/Stoffe/Drogen kommt es zu einer Steigerung des Konsums. Dies führt jedoch nicht zu einer Verringerung, sondern zu einer Verstärkung oder einem Neuauftreten der Angstzustände. Aufgrund der positiven Erwartung des Medikaments/Stoffs/der Droge kommt es zu einer langfristigen Einnahme, sodass daraufhin eine Abhängigkeit entsteht.
Gleichzeitig kann aufgrund einer Suchtmittelabhängigkeit eine Angststörung entstehen. Diese kann indirekt aufgrund von Folgen der Substanzen und der Toleranzentwicklung sowie infolge von Entzugserscheinungen entstehen (Moggi, 2014).
(Quelle: Kushner, Abrams & Borchardt 2000; Moggi, 2014)
5.5.2 Selbstmedikation und Posttraumatische Belastungsstörung
Bei der Selbstmedikation im Falle einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wird am häufigsten das Modell eines fehlgeleiteten Selbstmedikationsversuchs mit bidirektionalen Anteilen als Erklärung zwischen dem Zusammenhang von Suchtmittelabhängigkeit und PTBS gesehen (Moggi, 2014). Dabei geht eine PTBS häufiger der Substanzstörung voraus (Lieb & Isensee, 2002). Die Selbstmedikation führt so zu einer subjektiven Verbesserung der PTBS-Symptome. Dabei sind vor allem Wiedererleben von Erinnerungen und Symptome der Erregung wesentliche Symptome, die unterdrückt werden sollen. Durch einen langfristigen Konsum kommt es jedoch auch zu einer Verstärkung der Symptomatik, sowie zu verstärkten negativen Emotionen. Daraufhin folgt eine Steigerung des Suchtmittels, und es kommt zu einer Entwicklung einer Substanzabhängigkeit (siehe Abb. 2).
(Quelle: nach Moggi, 2002)
Die Soziologie beschäftigt sich mit dem Menschen in der Gesellschaft. Dabei werden verschiedene Auswirkungen von Kultur auf das Verhalten erforscht. Die Integration in eine Gesellschaft geht einher mit dem Annehmen von Normen, Werten und Regeln. Die Anforderungen einer Gesellschaft an das Individuum führen zu einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten und dem Finden der eigenen Identität in der Gesellschaft.
Die Findung der eigenen Identität findet meist im frühen Jugendalter statt und geht bis zur Adoleszenz oder bis ins junge Erwachsenenalter. Für die Entwicklung der eigenen Identität sind Peer-Groups ein wichtiger Bestandteil, aber auch kulturelle Werte und Normen, die von den Eltern und der Gesellschaft übermittelt werden. Durch Regeln, Normen und Werte entwickelt man ein Zusammengehörigkeitsgefühl und findet auf diesen Weg auch zu mehr Selbsterkenntnis und Individualität3. Anomie indes beschreibt eine Gesetz- und Regellosigkeit in einer Kultur, Gesellschaft oder sozialen Gruppe (Merton, 1995). Anomie bzw. Anomiedruck entsteht in verschiedenen sozialen Bereichen, z.B. Erfolg, Ziele, Chancengleichheit usw.
Wenn in den Bereichen der sozialen Gesellschaft Diskrepanzen entstehen kommt es zu verschiedenen Reaktionen. Diese Reaktionen gehen einher mit delinquentem und nonkonformistischem Verhalten.
Die verschiedenen Reaktionen werden von Merton (1995) als Innovation, Ritualismus, Rückzug und Rebellion beschrieben. Rückzug stellt eine Reaktion dar, welche einhergeht mit einem Interessenverlust und Wertverlust an der kulturellen Gesellschaft. Somit kommt es nicht nur zum Verlust von Zielen, sondern auch zum Ausbleiben von Mitteln, die Ziele zu erreichen (vgl. Pfeiffer, 1972). Das apathische Verhalten kann sich u.a. in Drogensucht widerspiegeln.
Das Kapitel behandelt sowohl den Hintergrund und die Entstehung der Substitutionsbehandlung (Kapitel 9.1.) als auch Maßnahmen und gesetzliche Rahmenbedingungen (Kapitel 9.2.). Weiterhin wird das Thema der Langzeitsubstitution separat in Kapitel 9.5. behandelt.
Ende der 50er Jahre wandte Halliday zum ersten Mal Methadon als Substitut bei Opiatabhängigen in Nordamerika (Kanada) an. In den 60er Jahren wurde die Behandlung mit Methadon auch in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) von Dole und Nyswander eingeführt. Dabei wurde das Methadon oral an Heroinabhängige vergeben. Die Vergabe des Methadons diente als zusätzliche Stabilisierung, um das Craving nach Heroin zu verhindern. Zusätzlich zu der Methadonvergabe gab es psychotherapeutische Angebote und rehabilitierende Maßnahmen. Ende der 60er Jahre wurde das Behandlungsangebot mit Methadon auch in Westeuropa etabliert. Zunächst entwickelten Schweden, England, die Niederlande und Dänemark Methadonprogramme. In den 70er Jahren folgten Finnland, Portugal, Italien und Luxemburg. In den 80er Jahren kamen Österreich und Spanien hinzu, und zum Schluss folgten in den 90er Jahren Irland, Deutschland, Griechenland und Frankreich (Buning, & Verster, 2000).
Substitutionsmittel (u.a. Methadon) unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Dabei gelten die allgemeinen Kriterien, dass Betäubungsmittel (BtMs) nur als
1.Zubereitung verschrieben werden dürfen4.
2.Betäubungsmittel dürfen nur nach Vorlage eines ausgefertigten Betäubungsmittelrezeptes für den Stationsbedarf, Notfallbedarf und Rettungsbedarf abgegeben werden.
3.Der Verbleib und der Bestand der Betäubungsmittel sind lückenlos nachzuweisen (Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz, Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung , 1998, §1 Grundsätze).
Außerdem gilt nach §5 der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung (BtMVV), dass Substitutionsmittel als ausgeschriebene Betäubungsmittel bei opiatabhängigen Patienten im Rahmen eines Therapiekonzeptes zur medizinischen Behandlung einer Abhängigkeit angewendet werden dürfen (Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz, Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung, 1998, §5 Substitution, Verschreiben von Substitutionsmitteln).Des Weiteren muss der Arzt eine gesonderte Qualifikation als suchtmedizinisch qualifizierter Arzt haben. Dies berechtigt Ihn dazu mehr als 10 Patienten mit Substitutionsmitteln zu behandeln. Dabei ist nicht nur die Vergabe des Substitutionsmittels Aufgabe des Arztes, sondern auch eine regelmäßige Konsiliarbehandlung (mindestens einmal im Quartal) des Patienten. (vgl. Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz, Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung, 1998, §5. Absatz 3, Satz 1).
Eine Take-Home-Verschreibung ist dann erlaubt, wenn keine Anhaltspunkte für eine nicht bestimmungsgemäße Einnahme vorliegen. Dabei wird in der Regel die Menge für bis zu sieben Tagen verschrieben. In begründeten Fällen gibt es auch für bis zu 30 Tagen eine Verschreibung (vgl. Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz, Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung, 1998, §5, Absatz 7f).
Die Anzahl an Personen in Europa, welche sich in Methadonbehandlung befinden, wird auf ca. 300.000 geschätzt. In den USA sind es ca. 180.000 und 20.000 in Australien (Buning, & Verster, 2000).
Die Anzahl an Substitutionspatienten in Deutschland betrug im Jahre 2015 = 77 200 Personen (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), 2016).
In Abbildung 3 ist die Anzahl gemeldeter Substitutionspatienten in Deutschland in der Zeit der Jahre von 2002 bis 2015 zu sehen. Dabei zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Substitutionspatienten im Vergleich der Jahre 2002 bis 2015: von 46 000 Patienten im Jahr 2002 auf 77 200 Patienten im Jahr 2015. Im Jahr 2014 war mit 77 500 Patienten die höchste Anzahl an Substitutionspatienten gemeldet. Das ist ein Anstieg von über 30 000 Patienten innerhalb von zwölf Jahren.
Abbildung 3: Anzahl gemeldeter Substitutionspatienten in Deutschland von 2002 bis 2015
(jeweils Stichtag 1.Juli) (Quelle: BfArM/Substitutionsregister, 2016)
In Nordrhein-Westfalen (NRW) wurden mit 25 075 Patienten im Jahr 2015 die meisten Personen substituiert. Danach folgten Baden-Württemberg mit 10 269 Patienten sowie Bayern und Hessen mit jeweils über 7000 Patienten (siehe Abb. 4, S. 24). Weiterhin wird in Abbildung 4 die Anzahl an substituierenden Ärzten im jeweiligen Bundesland dargestellt. Dabei erkennt man u.a., dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der Anzahl an Substitutionspatienten und substituierenden Ärzten. So hat z.B. NRW mehr als doppelt so viele Substitutionspatienten wie Baden-Württemberg, jedoch nicht doppelt so viele substituierende Ärzte wie Baden-Württemberg. Zudem ist die Anzahl an Patienten pro Arzt in den ostdeutschen Bundesländern Deutschlands (Thüringen: ca. 14 Patienten pro Arzt, Mecklenburg-Vorpommern: ca. 10 Patienten pro Arzt, Sachsen und Sachsen-Anhalt: ca. 20 Patienten pro Arzt, Brandenburg: ca. 6-7 Patienten pro Arzt) niedriger als in den (süd-) westlichen Ländern (Hamburg: ca. 41 Patienten pro Arzt, Bayern: ca. 26 Patienten pro Arzt, Niedersachen: ca. 28 Patienten pro Arzt).
(Quelle: BfArM/Substitutionsregister, 2016)
Von den Substitutionspatienten (Jahr 2015) werden 44,0% mit Methadon sowie 31,8% mit Levomethadon substituiert (siehe Abb.5).
Nach §5 der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung soll ein Therapiekonzept erstellt werden, welches u.a. „die Entscheidung über die Erforderlichkeit einer Einbeziehung psychosozialer Betreuungsmaßnahmen“ (Bundesministerium für Justiz und für Verbraucherschutz, Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung ,1998, §5 Substitution, Verschreiben von Substitutionsmitteln) mit einbezieht.
Psychosoziale Unterstützung ist ein sehr allgemeiner Begriff, welcher sich auf verschiedene Hilfen bezieht, die im (Regel-)Versorgungssystem vorhanden sind. Dazu zählt zum einen die Beratung, welche für unterschiedliche Fragen und Bereiche erforderlich ist (Drogenberatung, Finanzberatung etc.). Die Beratung ist dabei eine Hilfe, welche als eine kurzfristige Unterstützung angesehen wird. Zum anderen gibt es Hilfen, um die eigene Handlungsautonomie und die eigenen Ressourcen zu erkennen und zu fördern. Psychosoziale Unterstützung kann auch als mittelfristige und langfristige Hilfe angesehen werden, wenn es darum geht eine psychosoziale Betreuung zu bekommen, welche sich über einen längeren Zeitraum intensiver mit den Personen auseinandersetzt (vgl. Gerlach & Stöver, 2007). Der Fokus liegt dabei auf der Integration in die Gesellschaft. Dazu gehört zum einen die finanzielle Situation aufzuklären und zu verbessern. Zum anderem soll die Wohn- und Arbeitssituation geregelt werden, und so soll es zu einer Verbesserung des allgemeinen Zustandes kommen. Die Aufgabenfelder können dabei in der Regel vom Antragssteller selbst angegeben werden.
Eine dauerhafte Behandlung mit einem Substitutionsmittel ist oft5 der einzige Weg aus dem Heroinkonsum. Dabei ist die Opiatabstinenz kein Ziel der lebenslangen Substitution. Das Konzept der langfristigen Substitution entstand aufgrund von Annahmen, dass die Opiatabhängigkeit von Faktoren bestimmt werde, die im Regelfall nach mehrjährigem Opiatkonsum kaum reversibel seien. Die Faktoren beziehen sich auf biologische Faktoren, wie eine verzerrte Umweltwahrnehmung (selektive Aufmerksamkeit auf drogenspezifische Reize) und Defizite in der Impulskontrolle, auf psychische Faktoren, wie komorbide Störungen (Persönlichkeitsstörung, PTBS etc.), sowie auf soziale Faktoren. Ein wichtiger sozialer Faktor ist dabei die geringe Aussicht auf eine berufliche Wiedereingliederung bei vorhandenem (unkontrollierten) Opiatkonsum (Scherbaum, 2007).
Eine dauerhafte Behandlung wird dann indiziert, wenn es eine langfristige Abhängigkeit gibt (>2 Jahre) und zuvor andere Kurz- und Langzeithilfen in Anspruch genommen wurden. Dabei handelt es sich um ambulante Hilfen sowie Langzeittherapien.
1 In der Arbeit wird unter Methadon das Levomethadon und das razemische Methadon verstanden, welche beide eine analgetische Wirkung haben und in der Substitutionsbehandlung eingesetzt werden
2 ®steht für einen patentierten Wortnamen
3 Individualität als etwas, was in der westlichen Welt als wichtig angesehen wird im Gegensatz zur kollektivistischen Gesellschaft
4 mit Ausnahme von Cannabis, welches auch in Form von getrockneten Blüten verschrieben werden darf
5 Bei Langzeitstudien lag der Anteil an Personen, die eine anhaltende Opiatfreiheit erlangte bei ca. 10-20% (Finkbeiner,T. & Gastpar, M. (1997).
V452256
9783956877773
9783956877780
Heroin Methadonsubstitution sozial Einfluss HIV Abhängigkeit Entzug Selbstmedikation Soziales Leben Lebensqualität
Franziska Budde (Autor), 2019, Methadonsubstitution bei Heroinabhängigkeit. Wie Methadon das Leben von Drogenkranken verbessern kann, München, GRIN Verlag, https://www.diplomarbeiten24.de/document/452256