Source: https://elternheute.de/wenn-das-jugendamt-vor-der-tuer-steht/
Timestamp: 2018-04-23 13:10:16
Document Index: 86337352

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 42', '§ 8', '§ 8', '§ 8']

Wenn das Jugendamt vor der Tür steht - elternheute MAG
Wenn das Jugendamt vor der Tür steht, ein Alptraum für alle Eltern. »Es gab eine Meldung – sie müssten den Hinweisen nachgehen«, so meist die Einleitung. Aber was heißt das konkret? Ihr habt nachgefragt und wolltet, dass ich mein Wissen und meine Gedanken dazu aufschreibe. Ich hoffe, diese wirklich kurze Zusammenfassung gibt euch einen kleinen Einblick.
Die aktuellen Ereignisse in Freiburg, eine Mutter, die mit ihrem pädophilen Lebensgefährten den eigenen Sohn für Vergewaltigungen zum Verkauf anbietet, lassen einen erschaudern. Wenige Tage später veröffentlichte auch Antenne Bayern eine eigene Studie, die in Bayern durchgeführt wurde mit der Frage „Ist es in Ordnung, Kindern hin und wieder einen Klaps auf den Hintern zu verpassen?“ Erschreckende 48,2% sagten „Ja“! Das Thema Kinderschutz verliert nie an Aktualität.
Diese Frage wird immer wieder nach solchen Tragödien gestellt. Ein relativ neuer Paragraph ist im Hinblick auf das Wohl der Kinder und Jugendlichen von Bedeutung. Der § 8a SGB VIII hat das Ziel, Gefahren früher zu erkennen und Hilfestellungen rechtzeitig einzuleiten.
Was ist der § 8a konkret? Der § 8a ist ein Verfahren zur Einschätzung einer vorliegenden Kindeswohlgefährdung. Was ist überhaupt das Kindeswohl? Es gibt keine eindeutige Definition von Kindeswohl, vielmehr ist es eine Gesamtheit von Bedingungen auf der geistigen, seelischen und körperlichen Ebene, die für die Entwicklung eines Menschen benötigt werden. Im Umkehrschluss bedeutet eine Gefährdung auf mindestens einer dieser Ebene eine Kindeswohlgefährdung.
Werden dem Jugendamt nun gewichtige Anhaltspunkte einer Gefährdung bekannt, so muss in Zusammenarbeit mit mehreren Fachkräften ein Gefährdungsrisiko eingeschätzt werden. In solchen Fällen müssen Fachkräfte sich nun an einem konkreten Handlungsregularium entlangarbeiten, dem § 8a – Verfahren.
Das § 8a – Verfahren zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung sagt also
1. Es müssen gewichtige Anhaltspunkte vorliegen.
2. Es müssen mehrere Fachkräfte mitwirken.
3. Die Erziehungsberechtigten müssen einbezogen werden (es sei denn, dies stellt eine Gefahr für das Kind dar).
4. Das Jugendamt muss sich unmittelbar einen Eindruck vom Kind und seiner persönlichen Umgebung machen.
Erst dann kann das Jugendamt einschätzen, ob eine dem Kindeswohl schädigende Gefahr vorliegt oder nicht. Es wird ein individueller, konkreter Schutzplan erstellt und mit allen Beteiligten besprochen. Liegt der Einschätzung nach eine Kindeswohlgefährdung vor oder besteht der Verdacht auf eine KWG bzw. kann dieser nicht ganz ausgeräumt werden, wird der Schutzplan aktiviert und Hilfen installiert. Wenn die Erziehungssorgeberechtigten in dem Verfahren nicht mitwirken, kann bei einer KWG eine Inobhutnahme nach § 42 SBG VIII durchgeführt werden.
Liegt ein Verdacht auf eine KWG vor bzw. kann diese nicht gänzlich ausgeräumt werden und die Mitwirkung der Erziehungssorgeberechtigten ist nicht gegeben, so wird das Familiengericht angerufen.
Werden Eltern mit dem § 8a -Verfahren konfrontiert, kommt natürlich sofort Angst und Panik auf.
Nimmt das Jugendamt jetzt sofort die Kinder mit? Stehen sie jetzt für immer unter Beobachtung? Entscheidet Sympathie und Antipathie?
Zunächst einmal ist es natürlich für niemanden eine schöne Erfahrung, wenn plötzlich das Jugendamt vor der Tür steht. Wenn das Jugendamt auch vorab schon Gespräche mit dem Kindergarten oder Schule geführt hat. Bis das aber passiert, muss dem Jugendamt „gewichtige Anhaltspunkte“ mitgeteilt worden sein, die die Fachkräfte in einer ersten Einschätzung auch als gewichtig gewertet haben. Gewichtig heißt hier bspw. das Kind riecht öfter nach Urin, hat öfter verschmutze Wäsche, selten Essen dabei, Blutergüsse, Nachbarn melden ständiges Geschrei und Geräusche, die sich nach Schlägen anhören, die Polizei meldet häusliche Gewalt, etc.
Manche Verdachtsmomente können relativ schnell aufgeklärt werden
Beispielhaft: Der vermeintliche Ausschlag im Windelbereich ist nicht auf mangelnde Hygiene zurückzuführen, sondern auf einen Pilz. Der Arzt wurde längst aufgesucht, der bereits eine Salbe verschrieb. Oder das allabendliche Zähneputzen und Haarkämmen wird in manchen Phasen von Kindergeschrei begleitet. Manche Eltern kennen das zu gut. Hinweise auf körperliche Gewalt gibt es nicht. Liegt der Einschätzung der Fachkräfte nach keine Kindeswohlgefährdung vor, kann das Verfahren beendet werden.
In anderen Fällen reicht eine Beratung oder die Anbindung an eine Erziehungsberatungsstelle. Manche Familien benötigen intensivere Unterstützungen, sogenannte Hilfen zur Erziehung, bspw. eine Familienhilfe. Andere Familien nehmen keine Hilfe an und teilen auch die Gefährdungseinschätzung der Fachkräfte nicht. Dann muss das Familiengericht hinzugezogen werden.
Die Situationen, in denen sich Kinder befinden, sind alle unterschiedlich.
Kein Fall ähnelt dem anderen. Umso wichtiger ist es, genau hinzusehen. Das Mehr-Augen-Prinzip ist unerlässlich, denn was eine Fachkraft möglicherweise als eine Gefährdung sieht, wertet eine Kollegin vielleicht lediglich als eine latente Gefährdung und anders herum.
Das § 8a – Verfahren kann geschlossen werden, wenn die Situation eingeschätzt ist und ggf. ein Schutzplan erstellt wurde. Dann geht es im Weiteren um die Abwendung einer KWG.
Wichtig zu wissen ist, dass nicht nur das Jugendamt nach dem § 8a – Verfahren arbeitet, sondern auch Träger und Institutionen, wie Kitas. Das heisst, dass die Kita bspw., dieses gesamte Verfahren mit einer „insoweit erfahrenen Fachkraft“ berät und einen eignen Schutzplan erstellt. Das Jugendamt wird erst hinzugezogen, wenn der Schutzplan nicht greift bzw., wenn der Träger über keine geeigneten Maßnahmen verfügt, um den Schutz des Kindes sicherzustellen.
Was tun, wenn das Jugendamt vor der Tür steht?
Mitarbeiten und zur Aufklärung beitragen. Ob Eltern zur Kooperation bereit sind oder nicht, hat entscheidenen Einfluss auf das weitere Vorgehen. Wenn Fachkräfte zu der Einschätzung kommen, dass eine Gefährdung vorliegt oder der Verdacht besteht und die Eltern nicht mitwirken, muss das Familiengericht angerufen werden. Das kann bis zu einem Sorgerechtsentzug führen. Soweit muss es aber nicht kommen.
Manchmal stellt uns das Leben Herausforderungen, denen wir nicht immer gewachsen sind. Überforderung – das kann jedem passieren! Psychische Belastungen, Krankheiten, Verlust eines nahen Angehörigen und plötzlich verlieren wir unsere Kinder aus den Augen und werden ihnen nicht mehr gerecht. Offen darüber sprechen und Hilfen annehmen. Nur so kann die Situation in der Familie und vor allem für dir Kinder verändert werden.
Was tun, wenn man bei anderen eine KWG vermutet?
Was sind die konkreten Anhaltspunkte? Was hast du konkret beobachtet oder mitbekommen? Wie oft ist das passiert? Habe ich das Kind meiner Nachbarin einmal schreien gehört? Oder täglich? Schreit nur das Kind oder auch die Eltern? Folgt das Schreien nach einem Schlag? Hast du schon einmal geklingelt und nachgefragt – Hilfe angeboten? Hast du das Kind gesehen? Welchen Eindruck macht es? Hast du Anlass zur Sorge?
Ich persönlich kam noch nie in die Not, das Jugendamt verständigen zu müssen. Ich bin auch selbst Fachkraft und kann möglicherweise Dinge anders einordnen. Aber ich kam auch schon ab und an in die Situation, in der ich dachte, wenn mein Kind nicht bald aufhört zu schreien, steht bald das Jugendamt vor meiner Tür. Ich erinnere mich an die Wutausbrüche meines Sohnes, die sich mal besser, mal schlechter auffangen ließen.
Wenn du dir aber richtig Sorgen um ein Kind machst und vielleicht auch schon die Eltern angesprochen hast, sie aber abwehrend oder aggressiv reagieren, dann suche dir Hilfe. Suche dir die Kinder-und Jugendschutz Hotline deiner Gegend raus und ruf an.
12. Februar 2018 at 14:15
Toll, Danke für die informative Zusammenstellung. Das ist echt gut zu wissen und ein wichtiges Thema.