Source: https://www.aussenwirtschaftslupe.de/15-monate-auslandstaetigkeit-1474
Timestamp: 2019-09-19 09:21:42
Document Index: 250995869

Matched Legal Cases: ['Art. 184', 'Art. 2', '§ 1', 'Art. 1', 'Art. 1', 'Art. 2', '§ 9', 'Art. 2', '§ 1', 'Art. 2', 'Art. 4', 'Art. 2', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

15 Monate Auslandstätigkeit | Außenwirtschaftslupe
Wer im Aus­land leb­te und dann wie­der nach Deutsch­land „zurück­wan­dert”, kann sein Umzugs­gut regel­mä­ßig als „Über­sied­lungs­gut” zoll­frei ein­füh­ren. Dies gilt frei­lich nicht, wenn die Tätig­keit und damit auch der Auf­ent­halt im Aus­land von vor­ne­her­ein nur auf eine begrenz­te Zeit ange­legt war.
Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Klä­gers ist das Motor­rad nicht nach Art. 184 ZK als Über­sied­lungs­gut ein­fuhr­ab­ga­ben­frei gewe­sen. Zwar befreit Art. 2 der Ver­ord­nung (EWG) des Rates vom 28. März 1983 über das gemein­schaft­li­che Sys­tem der Zoll­be­frei­un­gen VO 918⁄83 Über­sied­lungs­gut natür­li­cher Per­so­nen, die ihren gewöhn­li­chen Wohn­sitz in das Zoll­ge­biet der Gemein­schaft ver­le­gen, von Ein­gangs­ab­ga­ben. Nach § 1 Abs. 1 der Ein­fuhr­um­satz­steu­er-Befrei­ungs­ver­ord­nung gilt die­se Vor­schrift auch für die Ein­fuhr­um­satz­steu­er. Zum Über­sied­lungs­gut gehö­ren nach Art. 1 Abs. 2 Buchst. c 2. Anstrich VO 918⁄83 auch Kraft­rä­der, zu den Ein­gangs­ab­ga­ben auch Zöl­le, Art. 1 Abs. 2 Buchst. a VO 918⁄83.
Der Begriff des „gewöhn­li­chen Wohn­sit­zes” wird weder in der VO 918⁄83 noch im ZK defi­niert. Auch wenn er an ande­ren Stel­len des Gemein­schafts­rechts ver­wen­det wird, kann auf die­se Defi­ni­tio­nen nicht ohne wei­te­res zurück­ge­grif­fen wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Defi­ni­ti­on des „gewöhn­li­chen Wohn­sit­zes” in Arti­kel 7 der Richt­li­nie des Rates vom 28. März 1983 über Steu­er­be­frei­un­gen inner­halb der Gemein­schaft bei vor­über­ge­hen­der Ein­fuhr bestimm­ter Ver­kehrs­mit­tel (83/​182/​EWG). Die Ver­kehrs­mit­tel­richt­li­nie und die VO 918⁄83 regeln nicht ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te und ver­fol­gen unter­schied­li­che Zwe­cke. Ziel der Ver­kehrs­mit­tel­richt­li­nie ist es, die Aus­übung der Frei­zü­gig­keit der gebiets­an­säs­si­gen Per­so­nen inner­halb der Gemein­schaft zu för­dern. Im Gegen­satz hier­zu wird nach Art. 2 VO 918⁄83 Über­sied­lungs­gut von noch nicht im Zoll­ge­biet der Gemein­schaft ansäs­si­gen Per­so­nen von den Ein­fuhr­ab­ga­ben befreit. Aus die­sem Grund ist die Defi­ni­ti­on in Arti­kel 7 Abs. 1 der Ver­kehrs­mit­tel­richt­li­nie bereits dem Wort­laut nach („Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie…”) auf den Anwen­dungs­be­reich der Richt­li­nie beschränkt1.
Die gemein­schafts­recht­li­che Bestim­mung des „gewöhn­li­chen Wohn­sit­zes” kann auch nicht durch § 9 AO näher bestimmt wer­den, denn die­se natio­na­le Bestim­mung kann grund­sätz­lich nicht zur Aus­le­gung von Gemein­schafts­recht her­an­ge­zo­gen wer­den. Zudem dient die Vor­schrift einem ande­ren Ziel als die Art. 2 ff. VO 918⁄83. Wäh­rend der gewöhn­li­che Auf­ent­halt u.a. zur Abgren­zung von beschränk­ter und unbe­schränk­ter Ein­kom­men­steu­er­pflicht dient (§ 1 EStG), regeln die Art. 2 ff. VO 918⁄83 nur den Umfang einer Zoll­be­frei­ung, d.h. einer grund­sätz­lich eng aus­zu­le­gen­den zoll­recht­li­chen Aus­nah­me.
Der Begriff des „gewöhn­li­chen Wohn­sit­zes” im Sin­ne der VO 918⁄83 ist viel­mehr nach dem Sinn und Zweck der Vor­schrift zu bestim­men. Nach dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch ist der gewöhn­li­che Wohn­sitz der Ort, zu dem eine Per­son regel­mä­ßig zurück­kehrt, weil dort der Mit­tel­punkt der Lebens­in­ter­es­sen liegt, ins­be­son­de­re also per­sön­li­che und beruf­li­che Bin­dun­gen bestehen2. Die VO 918⁄83 knüpft das Ver­le­gen des gewöhn­li­chen Wohn­sit­zes in das Zoll­ge­biet der Gemein­schaft an den Begriff des „Über­sie­delns”. Bereits das Wort „Über­sie­deln” — zum Über­sied­lungs­gut gehört nach Arti­kel 1 Abs. 2 Buchst. c VO 918⁄83 der gesam­te Haus­rat — legt nahe, eine Ver­le­gung des gewöhn­li­chen Wohn­sit­zes nicht bei einem zeit­lich befris­te­ten, vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halt im Aus­land anzu­neh­men ist3. Zu Recht nimmt die Recht­spre­chung der Gerich­te der Euro­päi­schen Uni­on als „Haupt­wohn­sitz” nur einen Ort an, den der Betrof­fe­ne als stän­di­gen oder gewöhn­li­chen Mit­tel­punkt sei­ner Lebens­in­ter­es­sen in der Absicht gewählt hat, ihm Dau­er­haf­tig­keit zu ver­lei­hen4.
Zudem ist der Klä­ger nicht mit sei­ner Fami­lie, sei­ner Ehe­frau und sei­nen bei­den damals min­der­jäh­ri­gen Kin­der, in die USA gezo­gen. Sei­ne Fami­lie ist – bis auf län­ge­re Besu­che in den USA — in Deutsch­land an ihrem bis­he­ri­gen Wohn­sitz, dem vom Klä­ger ver­trag­lich bei­zu­be­hal­ten­den Wohn­sitz, ver­blie­ben.
Durch eine zeit­wei­se beruf­li­che Ver­än­de­rung gewon­ne­ne Freund­schaf­ten begrün­den eben­so wenig wie die in Art. 4 VO 918⁄83 um drei Mona­te und damit kurz über­stie­ge­ne Min­dest­frist einen gewöhn­li­chen Wohn­sitz im Sin­ne des Art. 2 VO 918⁄83.
Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf, Urteil vom 18. März 2011 — 4 K 1954⁄10 Z, E, U
Das gemein­schaft­li­che Sys­tem der Zoll­be­frei­un­gen Die kodi­fi­zier­te Fas­sung der Ver­ord­nung über das gemein­schaft­li­che Sys­tem der Zoll­be­frei­un­gen5 ist zum 1.…
vgl. BFH, Beschluss vom 11.02.2003 — VII B 244⁄02, BFH/​NV 2003, 833 [↩]
vgl. Witte/​Kampf, Zoll­ko­dex, 5. Auf­la­ge, Anhang 1, Rn. 16 [↩]
FG Ham­burg Urteil vom 06.11.2008 — 4 K 72⁄08; Hes­si­sches FG, Urteil vom 07.02.2000 — 7 K 10⁄99 [↩]
vgl. EuG, Urteil vom 10.07.1992 — T63/​91, EuGHE II 1992, 2095 mwN. auch für die Recht­spre­chung des EuGH [↩]
AuslandstätigkeitÜbersiedlungsgut