Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_BAG_LeistKlageMassearmut_11_12_2001_9AZR459_00.html
Timestamp: 2016-12-05 16:35:07
Document Index: 218987046

Matched Legal Cases: ['§ 209', '§ 210', '§ 209', '§ 615', '§ 209', '§ 210', '§ 208']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 01/06
Bei Mas­seun­zu­läng­lich­keit ge­hen auch vie­le Mas­segläu­bi­ger leer aus
Da die Lohn­an­sprü­che für die Zeit nach Er­öff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens kei­ne blo­ßen In­sol­venz­for­de­run­gen sind (die nur an­tei­lig ent­spre­chend der In­sol­venz­quo­te be­gli­chen wer­den), son­der "gu­te" Mas­se­for­de­run­gen, die vor­ab aus der Mas­se zu er­fül­len sind, trifft das im Prin­zip auch auf An­nah­me­ver­zugs­an­sprü­che zu, die für die Zeit nach Ver­fah­rens­er­öff­nung ent­ste­hen. Die­se gu­te ge­setz­li­che Ab­si­che­rung von An­nah­me­ver­zugs­an­sprü­chen wird aber wie­der zu­nich­te ge­macht, wenn der Ver­wal­ter die sog. "Un­zu­läng­lich­keit" der Mas­se an­ge­zeigt hat, denn das be­deu­tet, dass die Mas­se noch nicht ein­mal zur voll­stän­di­gen Er­fül­lung der be­vor­rech­tig­ten Mas­se­for­de­run­gen aus­reicht. In ei­nem sol­chen Fall ist nach ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ei­ne Leis­tungs­kla­ge ge­gen den Ver­wal­ter un­zu­läs­sig: BAG, Ur­teil vom 11.12.2001, 9 AZR 459/00.
Lohn­kla­ge ge­gen den Ver­wal­ter - auch nach Frei­stel­lung von der Ar­beit und An­zei­ge der Mas­se­ar­mut?
Der Streit­fall: Vom Ver­wal­ter frei­ge­stell­ter Ar­beit­neh­mer klagt trotz Mas­se­ar­mut An­nah­me­ver­zugs­lohn ein
BAG: Kla­gen ge­gen den In­sol­venz­ver­wal­ter auf An­nah­me­ver­zugs­lohn nach an­ge­zeig­ter Mas­se­ar­mut sind un­zulässig
Sind Lohn­kla­gen ge­gen ei­nen In­sol­venz­ver­wal­ter künf­tig noch sinn­voll? Lohn­kla­ge ge­gen den Ver­wal­ter - auch nach Frei­stel­lung von der Ar­beit und An­zei­ge der Mas­se­ar­mut? Im All­ge­mei­nen ha­ben Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beits­verhält­nis die Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermögen ih­res Ar­beit­ge­bers über­steht, für die Zeit nach Ver­fah­ren­seröff­nung ei­nen pri­vi­le­gier­ten Lohn­an­spruch. Denn der Lohn­an­spruch nach In­sol­ven­zeröff­nung ist ei­ne sog. Mas­se­for­de­rung, die vor­ab bzw. vor den gewöhn­li­chen In­sol­venz­for­de­run­gen aus der Mas­se zu erfüllen ist, wo­hin­ge­gen Lohn­ansprüche aus der Zeit da­vor In­sol­venz­for­de­run­gen sind, die nur an­tei­lig nach Maßga­be der Ver­tei­lungs­quo­te erfüllt wer­den. Al­le­rings: Im Fal­le ei­ner vom In­sol­venz­ver­wal­ter an­ge­zeig­ten "Mas­se­ar­mut" ist nicht je­de Mas­se­for­de­rung in glei­cher Wei­se pri­vi­le­giert. Mit der An­zei­ge der Mas­seun­zuläng­lich­keit macht der In­sol­venz­ver­wal­ter nämlich öffent­lich, daß die vor­han­de­ne Mas­se nach sei­ner Einschätzung noch nicht ein­mal zur Erfüllung der Mas­se­for­de­run­gen aus­reicht. Wer­den jetzt, d.h. nach An­zei­ge der Mas­se­ar­mut, neue Mas­se­for­de­run­gen be­gründet (zum Bei­spiel durch neue Auf­träge des In­sol­venz­ver­wal­ters), dann sind die­se "Neu­mas­se­for­de­run­gen" ge­genüber den sons­ti­gen Mas­se­for­de­run­gen noch­mals be­vor­rech­tigt. Neu­mas­se­for­de­run­gen können ge­gen den In­sol­venz­ver­wal­ter ein­ge­klagt wer­den, und ein dem­ent­spre­chen­des Zah­lungs­ur­teil kann ge­gen den In­sol­venz­ver­wal­ter voll­streckt wer­den. Dies folgt aus § 209 Abs.1 Nr.2 In­sol­venz­ord­nung (In­sO) und aus § 210 In­sO.
For­de­run­gen auf Ar­beits­lohn für die Zeit nach Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens sind da­her zwar, wie ge­sagt, im Prin­zip gu­te Ansprüche bzw. Mas­se­for­de­run­gen, doch kann der In­sol­venz­ver­wal­ter die Voll­streck­bar­keit die­se Ansprüche be­sei­ti­gen, in­dem er die Mas­se­ar­mut an­zeigt. Dann können Lohn­for­de­run­gen nur noch un­ter zwei in § 209 Abs.2 Nr.1 und Nr.2 In­sO ge­nann­ten Fällen voll­streckt wer­den, nämlich ers­tens dann, wenn der Ver­wal­ter nach An­zei­ge der Mas­seun­zuläng­lich­keit die Ar­beits­leis­tung ein­for­dert, so­wie zwei­tens dann, wenn der Ver­wal­ter nach An­zei­ge der Mas­seun­zuläng­lich­keit den frühestmögli­chen Ter­min zur Kündi­gung des Ar­beits­ver­tra­ges versäumt hat und das Ar­beits­verhält­nis da­her auf­grund die­ser "Un­ter­las­sung" sei­tens des Ver­wal­ters noch länger dau­ert, als es hätte dau­ern müssen. Frag­lich ist, ob ein vom Ver­wal­ter nach Ver­fah­ren­seröff­nung frei­ge­stell­ter Ar­beit­neh­mer sei­nen An­spruch auf An­nah­me­ver­zugs­lohn we­nigs­tens noch im We­ge der Leis­tungs­kla­ge ge­gen den Ver­wal­ter ein­kla­gen kann oder ob ein sol­che Kla­ge nach An­zei­ge der Mas­se­ar­mut von vorn­her­ein un­zulässig ist.
Der Streit­fall: Vom Ver­wal­ter frei­ge­stell­ter Ar­beit­neh­mer klagt trotz Mas­se­ar­mut An­nah­me­ver­zugs­lohn ein Der Kläger war bei ei­ner GmbH beschäftigt. Über de­ren Vermögen wur­de am 01.07.1999 das In­sol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Der be­klag­te In­sol­venz­ver­wal­ter stell­te den Kläger mit In­sol­ven­zeröff­nung von der Ar­beit frei und zeig­te im Au­gust 1999 beim In­sol­venz­ge­richt Mas­seun­zuläng­lich­keit an. Darüber hin­aus kündig­te er das Ar­beits­verhält­nis mit dem Kläger zum erstmögli­chen Ter­min, dem 31.01.2000. Gleich­zei­tig nahm er die Ar­beits­leis­tung des (be­reits gekündig­ten) Ar­beit­neh­mers bis zum En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht mehr in An­spruch. Der Kläger ver­lang­te gemäß § 615 Satz 1 BGB Zah­lung von An­nah­me­ver­zugs­lohn für die Zeit der Frei­stel­lung während der Kündi­gungs­frist. Die Vor­in­stan­zen ha­ben die Kla­ge als un­zulässig ab­ge­wie­sen. BAG: Kla­gen ge­gen den In­sol­venz­ver­wal­ter auf An­nah­me­ver­zugs­lohn nach an­ge­zeig­ter Mas­se­ar­mut sind un­zulässig Auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat im Sin­ne der Un­zulässig­keit ei­ner sol­chen Leis­tungs­kla­ge ent­schie­den und da­her die Re­vi­si­on des Klägers in Übe­rein­stim­mung mit den Vor­in­stan­zen zurück­ge­wie­sen. Nach An­sicht des BAG wa­ren die Vergütungs­for­de­run­gen des Klägers ab Ju­li 1999 so­ge­nann­te "Alt­mas­se­ver­bind­lich­kei­ten" im Sin­ne des § 209 Abs.1 Nr.3 In­sO. Die Voll­stre­ckung sol­cher For­de­run­gen ist nach § 210 In­sO un­zulässig, so­bald der In­sol­venz­ver­wal­ter die Mas­seun­zuläng­lich­keit gemäß § 208 Abs.1 In­sO beim In­sol­venz­ge­richt an­ge­zeigt hat. Aus dem Voll­stre­ckungs­ver­bot folgt nach An­sicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts, daß auch für ent­spre­chen­de Leis­tungs­kla­gen das Rechts­schutz­bedürf­nis fehlt. Der Alt­mas­segläubi­ger kann ge­genüber dem In­sol­venz­ver­wal­ter le­dig­lich die Fest­stel­lung sei­ner For­de­run­gen ver­lan­gen. Sind Lohn­kla­gen ge­gen ei­nen In­sol­venz­ver­wal­ter künf­tig noch sinn­voll? Die prak­ti­sche Be­deu­tung des Ur­teils des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist groß, da In­sol­venz­ver­wal­ter häufig die sog. Un­zuläsng­lich­keit der Mas­se an­zei­gen. Die­se Erklärung be­deu­tet wie ge­sagt, daß die Mas­se nach An­sicht des Ver­wal­ters noch nicht ein­mal zur Erfüllung der sog. Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten aus­reicht. Zu die­sen Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten gehören un­ter an­de­rem die Kos­ten des Ver­fah­rens so­wie die­je­ni­gen Ansprüche von Gläubi­gern, die nach Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens ent­stan­den sind, al­so z.B. nach­in­sol­venz­li­che Lohn­ansprüche.
Während es nach bis­he­ri­ger Rechts­la­ge nicht ganz klar war, ob man als Ar­beit­neh­mer in Fällen von hier durch das BAG ent­schie­de­nen Art den In­sol­venz­ver­wal­ter auf Zah­lung ver­kla­gen konn­te, ist dies nun nicht mehr möglich. Da­mit wird ein ge­wis­se Rechts­un­si­cher­heit für den Ar­beit­neh­mer ge­schaf­fen, da die­ser jetzt je­der­zeit da­mit rech­nen muß, daß sei­ne Lohn­kla­ge, die er ge­gen den In­sol­venz­ver­wal­ter er­ho­ben hat, durch An­zei­ge der Mas­seun­zuläng­lich­keit im nach­hin­ein un­zulässig wird: So­lan­ge der Ver­wal­ter noch kei­ne Mas­se­unläng­lich­keit an­ge­zeigt hat, soll­te man auf Zah­lung der Lohn­ansprüche für die Zeit nach Ver­fah­ren­seröff­nung kla­gen, da man schließlich zu­se­hen muß, daß man an sein Geld kommt.