Source: https://swk.media/post/maria-linzner-strasser-im-bfgjournal-zu-gast/
Timestamp: 2019-04-26 01:58:47
Document Index: 299903726

Matched Legal Cases: ['§ 153', '§ 189', '§ 153', '§ 153', '§ 153', '§ 153']

Maria Linzner-Strasser im BFGjournal zu Gast | SWK.media
Mag. Maria Linzner-Strasser ist Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin bei EY Österreich. Sie begann ihre berufliche Laufbahn im Jahr 1987 nach Abschluss ihres Studiums an der Wirtschaftsuniversität Wien als Revisionsassistentin. Bald wählte Linzner-Strasser jedoch die Steuerberatung als beruflichen Schwerpunkt. (Bild: © Linde Verlag)
BFGjournal: Sie sind Expertin im Bereich der Betriebs­prüfung. Mit 1. 1. 2019 startete die begleitende Kontrolle 1 als in der BAO normiertes Nachfolgeinstrument des Horizontal Monitoring. Sie saßen dazu in der „Neigungsgruppe SKS“ im BMF. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden? Erwarten Sie viele Anträge vonseiten der Steuerberatung? Welche Benefits gibt es für Unternehmen? Was hat sich im Vergleich zum Pilotversuch geändert?
Linzner-Strasser: Die österreichische Finanz­verwaltung hat damit ein zukunfts­gerichtetes Instrument geschaffen, für das nunmehr die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Form von § 153a bis g BAO vorliegen. Ganz wesentlich ist auch die erlassene Verordnung des Bundesministers für Finanzen über die Prüfung des Steuerkontrollsystems (SKS-Prüfungs­verordnung). 2 Das Ergebnis ist jedenfalls sehr positiv. Aus der praktischen Anwendung hat sich wohl noch der eine oder andere Bedarf einer Nachjustierung gezeigt.
Abgesehen von den Pilotfällen wird es aber für die meisten Interessenten aufgrund der bereits bei Antrag­stellung zu erfüllenden Voraussetzung eines von einem Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer begutachteten Steuerkontrollsystems und des vorge­gebenen Verfahrensablaufs kurz­fristig noch gar nicht möglich sein, in den Live-Betrieb der begleitenden Kontrolle einzutreten. Man wird damit daher erst in einigen Jahren eine breitere Erfahrung der Unternehmen haben. Derzeit ist jedenfalls noch kein Massenansturm für die begleitende Kontrolle festzustellen, und das ist auch nicht unbedingt zu erwarten. Viele sind in einer Warteposition und starten zunächst einmal mit der Implementierung eines Steuerkontrollsystems. Dieses ist zwar mit einem nicht zu unterschätzenden Zeit- und Ressourcenaufwand verbunden, stellt aber bei Funktionieren gleichzeitig einen Benefit der begleitenden Kontrolle dar. Weitere positive Effekte sind die Planungs- und Rechtssicherheit sowie der Entfall einer Ex-post-Aufbereitung für teilweise weit zurückliegende Jahre.
Anders im Vergleich zum Pilotprojekt sind insbesondere das nunmehr gesetzlich geregelte, strukturierte Verfahren über FinanzOnline und das Erfordernis, ein Steuerkontrollsystem bereits bei Antrag­stellung mit einem Gutachten nachweisen zu müssen.
Maria Linzner-Strasser ist mit ihrem Team für die Prüfung der Steuerpositionen in Jahres- und Konzernabschlüssen zuständig. (Bild: © Linde Verlag)
BFGjournal: Bietet sich die begleitende Kontrolle als Alternative zur Betriebs­prüfung an? Wird sie mittel­fristig gar die klassische Betriebs­prüfung ablösen?
Linzner-Strasser: Die begleitende Kontrolle ist definitiv eine Alternative für jene Unternehmen, die Compliance, Trust und Transparenz leben, die in der BAO vorgesehenen Voraussetzungen erfüllen und denen Rechtsicherheit und Planbarkeit wichtig sind. Gerade bei börsenotierten Konzernen sollten Überraschungen im Steuerbereich in Form von Betriebs­prüfungsnach­zahlungen, für die im Konzernabschluss nicht vorgesorgt war, nicht vorkommen. Prior Year Adjustments in der Überleitungs­rechnung nach IFRS fallen einem Bilanzleser und Analysten immer sehr negativ auf und werden dahingehend interpretiert, dass das Unternehmen seine Steuern nicht im Griff hat. Dennoch gibt es in diesem Unternehmenssegment jene, die bedauern, die begleitende Kontrolle nicht in Anspruch nehmen zu können, weil die Entscheidungen im Konzern in einem schnelllebigen Marktumfeld kurz­fristig fallen und das Quartalsmeeting mit dem Prüfer der Finanz­verwaltung nicht abgew­artet werden kann.
Eine Ablöse der klassischen Betriebs­prüfung erwarte ich nicht. Die Finanz­verwaltung hat damit nun zwei Modelle im Angebot. Für Unternehmen, die die gesetzlichen Voraussetzungen nicht erfüllen oder die kein Steuerkontrollsystem einrichten und leben können, wird die klassische Betriebs­prüfung weiterhin notwendig sein. Auch aufgrund der begrenzten Ressourcen der Finanz­verwaltung wird die begleitende Kontrolle sicherlich nicht zum Massenphänomen. 3
BFGjournal: Die begleitende Kontrolle gilt für Großunternehmen (zB Umsatzerlöse gemäß § 189a Z 5 UGB von mehr als 40 Mio Euro; vgl § 153b Abs 4 Z 3 BAO), nicht jedoch für KMUs. Sehen Sie das als Nachteil bzw könnte eine schiefe Optik dahingehend entstehen, dass es sich Großbetriebe richten können?
Linzner-Strasser: Leider gab es im Zuge der Einführung mit dem Jahres­steuergesetz 2018 Medienberichte in diese Richtung. Es entstand dabei der falsche Eindruck, dass hier ein Zuckerl für Großunternehmen verteilt würde und diese in Zukunft von Betriebs­prüfungen verschont bleiben würden. Nicht erwähnt wurde, welche erheblichen Leistungen und welchen laufenden Aufwand (Stichwort SKS) die Unternehmen erbringen müssen, um an der begleitenden Kontrolle teilnehmen zu können. Auch vom erforderlichen Bekenntnis zur Steuerehrlichkeit, von der steuerlichen Zuverlässigkeit und der erweiterten Offenlegungs­verpflichtung wurde nicht berichtet.
BFGjournal: Die Anforderungen an ein Steuerkontrollsystem (vgl § 153 Abs 6 BAO) werden nun durch die SKS-Prüfungs­verordnung näher konkretisiert. Zur Gewähr­leistung einheitlicher Vorgehensweisen, hinreichender Qualitätsstandards und einer Vergleichbarkeit der Gutachten über ein Steuerkontrollsystem haben der Fachsenat für Unternehmens­recht und Revision und der Fachsenat für Steuer­recht der Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer die Ausarbeitung eines Fachgutachtens in Angriff genommen. Wie werden die Standards aussehen?
Linzner-Strasser: Die Arbeit am Fachgutachten wurde in der interdisziplinären Arbeitsgruppe im November 2018 begonnen. Ziel ist es, dem Berufsstand das Fachgutachten rechtzeitig für die ersten Gutachten über das Steuerkontrollsystem gemäß § 153b Abs 2 Z 4 BAO, die die Teilnehmer des Pilotprojekts zur nahtlosen Überführung in die begleitende Kontrolle bis 30. 6. 2019 als wesentlichen Teil des Antrags einbringen müssen, zur Verfügung zu stellen. Das ist ein ambitionierter Zeitplan. Die geführten Diskussionen sind sehr konstruktiv und spannend. Die detaillierte Ausarbeitung der Standards bleibt abzuw­arten.
BFGjournal: Ist es für Unternehmen auch abseits der begleitenden Kontrolle ratsam, ein Steuerkontrollsystem einzurichten? Welche Vorteile können daraus entstehen?
Linzner-Strasser: Ein Steuerkontrollsystem lohnt sich definitiv. Derzeit stellen wir in Gesprächen mit Unternehmen fest, dass viele mit der Entscheidung zuwarten, ob ein Wechsel in die begleitende Kontrolle beantragt werden soll. Sehr viele haben die Entscheidung aber bereits getroffen, in jedem Fall ein Steuerkontrollsystem einzurichten, auch solche Unternehmen, die eine begleitende Kontrolle aus welchen Gründen auch immer kurz- oder mittel­fristig gar nicht in Betracht ziehen.
Ein Steuerkontrollsystem stellt zB in finanzstraf­rechtlicher Hinsicht ein Instrument zur Prävention dar. So kann ein Tax-Compliance-Managementsystem nach einem Anwendungs­erlass der deutschen Finanz­verwaltung 4 ein Indiz gegen das Vorliegen eines finanzstraf­rechtlich relevanten Tatbestands sein und damit die entscheidende rettende Brücke zwischen einer einfachen Korrektur einer Steuererklärung und einem Selbstanzeigeerfordernis bilden. Die Enthaftung von Organen ist ein wesentliches Kriterium, weil Personen, die abgaben­rechtliche Pflichten im Rahmen eines Steuerkontrollsystems zulässig delegieren, keine Verletzung der Überwachungs- und Kontroll­pflichten vorgeworfen werden kann, sollte es dennoch zu Pflichtverstößen kommen. 5
Dr. Angela Stöger-Frank, die Leiterin des Evidenzbüros des BFG, im Interview mit Maria Linzner-Strasser. (Bild: © Linde Verlag)
Auch eine vergleichbare Erlassregelung der österreichischen Finanz­verwaltung ist ein Anliegen der Steuer­pflichtigen. Konsequenz des Erlasses in Deutschland war und ist, dass die Unternehmen nahezu massenhaft ein Tax-Compliance-Managementsystem einführ(t)en, obwohl es dafür keine eine gesetzliche Verankerung gibt. Ein Steuerkontrollsystem wird jedenfalls wesentlich zur Steigerung von Qualität und Effizienz, zur Standardisierung von Abläufen und dadurch auch zur Nutzung von Automatisierungs- und Digitalisierungsmöglichkeiten sowie zur Minimierung von Risiken bei wesentlichen Prozessen beitragen. Vor diesem Hintergrund ist es ein Anliegen, für Unternehmen, die freiwillig ein effektives Steuerkontrollsystem einrichten und zertifizieren lassen, Anreize in Form von Verwaltungsvereinfachungen zu schaffen. 6 Es ist auch damit zu rechnen, dass ein vorhandenes Steuerkontrollsystem bei künftigen herkömmlichen Betriebs­prüfungen eine wichtige Rolle im Hinblick auf Erwartungshaltung, Prüfungsplanung und ‑abwicklung spielen wird.
BFGjournal: Noch in der Planungsphase befindet sich die automatische Veranlagung (insbesondere für KMUs), durch die die technische Möglichkeit zur Übermittlung von Daten des Rechnungswesens für eine digitale Prüfung geschaffen werden soll (Standard Audit File-Tax (SAF-T). Für einen derartigen Datenaustausch ist gegenseitiges Vertrauen notwendig. Wie sehen Sie das?
Linzner-Strasser: Da stimme ich zu. Ich frage mich manchmal, ob wir in zehn Jahren überhaupt noch Steuererklärungen für Unternehmen abgeben werden müssen oder die Finanz­verwaltung nicht ohnehin schon alle Daten haben wird, um die Steuern automatisch festsetzen zu können. Ansätze für derartige Entwicklungen können wir bereits weltweit beobachten. Generell nutzen Finanz­verwaltungen die digitalen Entwicklungen, und es wird ein starker Fokus auf die Beinahe-Echtzeit-Übermittlung von Finanz- und Buchhaltungsdaten gelegt. Vertrauen spielt hier natürlich eine wesentliche Rolle.
BFGjournal: Die Finanz­verwaltung steht vor einem großen organisatorischen Umbruch: Stichwort Finanzamt Österreich. 7 Wie schätzen Sie die geplante Reform aus Sicht der Beratung ein?
Linzner-Strasser: Die Details sind meines Wissens erst in Ausarbeitung, aber alles, was in Richtung Effizienz und Beschleunigung der Steuer­verfahren geht, ist aus Sicht der Beratung zu begrüßen.
BFGjournal: Nun zu Ihrer Beratungstätigkeit. Sie sind Spezialistin im Bereich Konzern­steuer-Reporting in einer der Big-Four-Kanzleien. Qualität und Transparenz wird hier großgeschrieben. Können Sie darüber Näheres berichten?
Linzner-Strasser: Ich bin im Rahmen unserer Organisation auch Tax Quality Coordinator für Österreich. Wir haben hier weltweit geltende Regeln, die uns bei der Arbeit unterstützen und ein strukturiertes Vorgehen ermöglichen sollen. Alle Schritte des Arbeitsprozesses – beginnend bei der Klienten- und Auftragsannahme – werden transparent dokumentiert und im Rahmen von regelmäßigen, sehr intensiven Quality Reviews einer Überprüfung unterzogen.
BFGjournal: Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich schwerpunktmäßig?
Linzner-Strasser: Aktuell widme ich mich vor allem der Implementierung digitaler Lösungen zur Unterstützung von Steuerabteilungen. Schwerpunkte sind die aktuellen Herausforderungen für Unternehmen und Konzerne, insbesondere die neuen Regelungen der Hinzu­rechnungsbesteuerung und die Einführung von Steuerkontrollsystemen.
BFGjournal: Sie werden am 7. Mai 2019 im Rahmen des Lindecampus-Lehrgangs „Zertifizierte/r Tax Compliance Manager/in“ vortragen. Welches Ziel bzw welches Anliegen verfolgen Sie dabei?
Linzner-Strasser: Der von Gerhard Steiner geleitete Lehrgang soll Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Unternehmen einen Überblick über die Anforderungen an die Tax Compliance geben, dh die steuer­rechtlichen Regeln einzuhalten, das Risiko vorausschauend zu minimieren und gleichzeitig die Steuerquote zu optimieren. Neben der Tax-Compliance-Konferenz werden in einer Reihe von Modulen – zB zum Thema Umsatz­steuer und Finanzstraf­recht oder Tax Controversy Management – die wesentlichen Tax-Compliance-Themen bis zu den Grenzen der steuerlichen Gestaltungsfreiheit in – nach meiner Erfahrung – angeregter Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern behandelt.
BFGjournal: Sie sind vielfache Fachautorin. Ein Buch ist mir besonders aufgefallen: „Künstler und Sportler im nationalen und internationalen Steuer­recht“ (2011 im Linde Verlag 2011 erschienen). Was waren die Beweggründe für dieses Buch? Haben Sie – auch außerhalb des Steuer­rechts – eine besondere Affinität für Kunst und Sport?
Linzner-Strasser: Ja, ich habe tatsächlich eine besondere Affinität für Kunst, insbesondere für klassische Musik. So genieße ich dank meiner Abos zahlreiche Aufführungen im Musikverein und in der Oper. Ich bin glücklich, dieses Hobby auch mit meinem Beruf verbinden zu können. So betreue ich etwa auch Musiker, vom Einzelkünstler bis hin zum Orchester. Die mit einer weltweiten künstlerischen und sportlichen Tätigkeit verbundenen Steuerfragen sind sehr spannend, aber nicht immer so leicht und kompakt zu klären. Daher habe ich auch gerne an diesem Buch mitgeschrieben. Meine Affinität für Sport in Form von aktiver Betätigung könnte allerdings noch intensiviert werden.
Ich habe zwar nach wie vor nicht vor, meine sportlichen Ambitionen auf das Niveau meiner Zeit für Kunstgenuss anzuheben, aber mehr Sport als bisher habe ich mir jedenfalls vorgenommen.
„Who Moved My Cheese“ von Spencer Johnson.
… die Natur zu erleben.
… Königin Rania von Jordanien.
… kein Fernseher und kein PC, am liebsten im Konzert sitzend.
1 Vgl auch Brandl/Macho/Schrottmeyer/Vock (Hrsg), Begleitende Kontrolle, SWK-Spezial (2019).
2 SKS-PV, BGBl II 2018/340.
3 Vgl Zöchling/Dziurdz, Das Steuerkontrollsystem als große Chance für mehr Co-operative Tax Compliance in Österreich, SWK 26/2018, 1150 (1152).
4 Anwendungs­erlass zu § 153 dAO vom 23. 5. 2016, IV A 3 – S 0324/15/10001.
5 Vgl Leitner/Brandl (Hrsg), Finanzstraf­rechtliche Aspekte bei der begleitenden Kontrolle, in Brandl/Macho/Schrottmeyer/Vock (Hrsg), Begleitende Kontrolle, SWK-Spezial (2019) 147 (148).
6 Vgl Zöchling/Dziurdz, SWK 26/2018, 1150 (1153).
7 Vgl auch SWK, Auf dem Weg zum „Finanzamt Österreich“, SWK 36/2018, 1558.
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