Source: https://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Handbuch_Diskriminierung_Verbote_Alter.html
Timestamp: 2018-04-22 10:39:03
Document Index: 346039607

Matched Legal Cases: ['§ 10', '§ 7', '§ 7', '§ 11', '§ 15', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.6', '§ 10', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 622', '§ 622', '§ 622', '§ 622', '§ 622']

Was be­deu­tet „Al­ter" im Sin­ne des AGG?
Wann ist ei­ne Schlech­ter­stel­lung we­gen des Al­ters zulässig?
Wann liegt ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung bei Stel­len­aus­schrei­bun­gen vor?
Wann liegt ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters bei der Ein­stel­lung vor?
Wann liegt ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung beim The­ma Ur­laub vor?
Ist es al­ters­dis­kri­mi­nie­rend, wenn Ar­beit­neh­mer auf­grund ih­res höhe­ren Al­ters bes­ser als jünge­re be­zahlt wer­den?
Führen ta­rif­li­che, ver­trag­li­che oder ge­setz­li­che Al­ters­gren­zen zu ei­ner Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung beim The­ma Ent­las­sung?
Wann sind Kündi­gungs­fris­ten al­ters­dis­kri­mi­nie­rend?
Wann sind Un­ter­schie­de bei der Ab­fin­dung ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters?
Wo fin­den Sie mehr zum The­ma Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung?
Das Ver­bot der Be­nach­tei­li­gun­gen we­gen des Al­ters ist - an­ders als „alt­be­kann­te“ Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te - Er­geb­nis ei­ner neu­en Rechts­ent­wick­lung. Da­her stößt die­ses neue Recht­s­prin­zip auf vie­le be­ste­hen­de ge­setz­li­che, ta­rif­li­che und ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen, die Al­ters­gren­zen ent­hal­ten oder Ar­beit­neh­mer al­ters­be­dingt bes­ser oder schlech­ter stel­len.
Vor die­sem Hin­ter­grund be­inhal­ten die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (Richt­li­nie 2000/78/EG) und das AGG, das die­se Richt­li­nie um­setzt, Aus­nah­men vom Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­be­nach­tei­li­gung, da­mit die über­kom­me­nen (ar­beits-)recht­li­chen Re­ge­lun­gen, die viel­fach auf Al­ters­un­ter­schie­den der Beschäftig­ten be­ru­hen, nach und nach und be­hut­sam an das neue Recht­s­prin­zip an­ge­passt wer­den können. Die­se Aus­nah­men sind in § 10 AGG ent­hal­ten.
Stel­len­aus­schrei­bun­gen müssen so ge­fasst sein, dass sich je­der ob­jek­tiv ge­eig­ne­te Be­wer­ber an­ge­spro­chen fühlen kann (§§ 7 Abs.1; 11 AGG). Wer­den in ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung älte­re oder jünge­re In­ter­es­sen­ten aus­ge­schlos­sen, wird ge­gen das Ver­bot der nicht dis­kri­mi­nie­ren­den Aus­schrei­bung ver­s­toßen.
BEISPIEL: In ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung wird ei­ne „Un­terstützung für un­ser jun­ges Ver­kaufsteam" ge­sucht.
Hier liegt ein Ver­s­toß ge­gen die Pflicht zur nicht al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­den Stel­len­aus­schrei­bung vor (§ 7 Abs.1 AGG, § 11 AGG). Wer nämlich als älte­re Ver­triebs­fach­kraft die übri­gen An­for­de­run­gen der Stel­len­aus­schrei­bung erfüllt, wird sich nicht be­wer­ben, da er sich von der Aus­schrei­bung ab­ge­schreckt fühlen wird: Sch­ließlich ist er ja be­reits in vor­gerück­tem Al­ter und da­her kaum ei­ne pas­sen­de Verstärkung ei­nes "jun­gen Ver­kaufsteams". Er hat da­her im Fal­le ei­ner Ab­leh­nung An­spruch auf Entschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG.
Trotz­dem ist es zulässig, in der Stel­len­aus­schrei­bung be­ruf­li­che Er­fah­run­gen zur Ein­stel­lungs­be­din­gung zu ma­chen, ob­wohl sol­che Er­fah­run­gen öfter bei älte­ren als bei jünge­ren Be­wer­bern an­zu­tref­fen sind. Hier liegt kei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Be­wer­ber vor, son­dern ei­ne sach­lich ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung.
So­wohl nach der Richt­li­nie 2000/78/EG als auch nach dem AGG sind Al­tershöchst­gren­zen, die ei­ner Ein­stel­lung ent­ge­gen­ste­hen, un­be­strit­ten ei­ne Schlech­ter­stel­lung älte­rer Per­so­nen im Ver­gleich zu den jünge­ren, da die­se sich ja um die zu be­set­zen­de Stel­le be­wer­ben können, d.h. nicht von vorn­her­ein we­gen ih­res Al­ters aus dem Ren­nen sind. So­wohl die Richt­li­nie wie auch das AGG er­lau­ben aber al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lun­gen un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen, d.h. nicht je­de al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung ist ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung.
Seit In­kraft­tre­ten des AGG im Au­gust 2006 wer­den ein­stel­lungs­hin­dern­de Al­tershöchst­gren­zen recht­lich in Fra­ge ge­stellt und die Ge­rich­te mit dem Pro­blem kon­fron­tiert, ob die Al­ters­gren­zen bei der Ein­stel­lung dis­kri­mi­nie­rend sind oder nicht.
Da­bei hat das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main im Mai 2007 ent­schie­den, dass ein Ein­stel­lungshöchst­al­ter von 40 Jah­ren für ei­ne Fest­an­stel­lung als Flug­be­glei­ter dis­kri­mi­nie­rend ist (Ur­teil vom 29.05.2007, 11 Ca 8952/06 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/49 Jung ge­nug zu ar­bei­ten, aber zu alt für ei­ne un­be­fris­te­te Ein­stel­lung?).
In die­se Rich­tung ging auch ein Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Hamm vom Au­gust 2008, in dem das LAG zu dem Er­geb­nis kam, dass ei­ne Al­ters­gren­ze von 25 bzw. 27 Jah­ren für für ei­ne Ar­beit­neh­mer­po­si­ti­on im Jus­tiz­voll­zugs­dienst dis­kri­mi­nie­rend ist (Ur­teil vom 07.08.2008, 11 Sa 284/08 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/110 Kei­ne Al­ters­gren­zen für Ein­stel­lung in den Jus­tiz­voll­zugs­dienst als An­ge­stell­ter).
Auch ei­ne star­re Al­ters­gren­ze von 40 Jah­ren für ei­ne Ha­bi­li­ta­ti­ons­stel­le wur­de für dis­kri­mi­nie­rend be­fun­den (LAG Köln, Ur­teil vom 12.02.2009, 7 Sa 1132/08, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/155 Dis­kri­mi­nie­rung durch star­re Al­ters­gren­ze für Ha­bi­li­ta­ti­on).
Die­sen aus Sicht der Be­wer­ber po­si­ti­ven Ent­schei­dun­gen steht ein Ur­teil des EuGH vom Ja­nu­ar 2010 ent­ge­gen, mit dem der Ge­richts­hof die Zulässig­keit von Al­ters­gren­zen für den mitt­le­ren feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst fest­ge­stellt hat (EuGH, Ur­teil vom 13.01.2010, C-229/08 - Co­lin Wolf, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/058 Ein­stel­lungshöchst­al­ter bei der Feu­er­wehr rech­tens).
Die­sem Ur­teil lag ein Ver­fah­ren vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) Frank­furt am Main zu­grun­de, in dem es um die Fra­ge ging, ob das nach dem hes­si­schen Be­am­ten­recht gel­ten­de Höchst­al­ter von 30 Jah­ren für die Ein­stel­lung im mitt­le­ren feu­er­wehr­tech­ni­schen Dienst rech­tens ist. Dass der EuGH die­se Al­ters­gren­ze als rech­tens an­sah, liegt dar­an, dass er die be­son­de­ren be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen des Feu­er­wehr­diens­tes stark in den Vor­der­grund rück­te.
Der Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT), d.h. der Vorgänger­ta­rif­ver­trag des heu­te maßgeb­li­chen Ta­rif­ver­trags für den öffent­li­chen Dienst (TVöD), sah vor, dass Ar­beit­neh­mer der­sel­ben Ta­rif­grup­pe al­lein we­gen ih­res Le­bens­al­ters, d.h. auf­grund von „Le­bens­al­ters­stu­fen“ mehr Geld er­hiel­ten.
Die­se Schlech­ter­stel­lung jünge­rer Ar­beit­neh­mer we­gen des Le­bens­al­ters ist ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, die nach den Vor­schrif­ten des AGG un­zulässig ist. Das stell­te der EuGH im Sep­tem­ber 2011 auf der Grund­la­ge von zwei Vor­la­ge­be­schlüssen des BAG klar (Ur­teil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/179 Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters durch BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen). Al­ler­dings erklärte der EuGH es für rech­tens, dass die dis­kri­mi­nie­ren­den BAT-Al­ters­stu­fen bzw. die sich dar­aus er­rech­nen­de Be­zah­lung als Aus­gangs­punkt für die Über­lei­tung von Be­stands­ar­beit­neh­mern in die neue TVöD-Vergütung ge­nom­men wur­den.
Ta­rif­li­che, ar­beits­ver­trag­li­che und ge­setz­li­che Al­ters­gren­zen führen zu ei­ner au­to­ma­ti­schen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters. Das ist ei­ne ob­jek­ti­ve Schlech­ter­stel­lung älte­rer Beschäftig­ter im Ver­gleich zu den jünge­ren, denn die­se dürfen ih­ren Job be­hal­ten.
Frag­lich ist, ob bzw. un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die­se Schlech­ter­stel­lung sach­lich ge­recht­fer­tigt und da­mit er­laubt ist. Ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters ist ja gemäß Art.6 der Richt­li­nie 2000/78/EG so­wie nach § 10 AGG kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung, wenn sie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ und durch „le­gi­ti­me Zie­le" ge­recht­fer­tigt ist.
Im Jah­re 2007 be­ton­te der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) zunächst den wei­ten Spiel­raum der EU-Mit­glieds­staa­ten bei der Fest­le­gung von so­zi­al­po­li­ti­schen Zie­len, die Al­ters­gren­zen recht­fer­ti­gen können (Ur­teil vom 16.10.2007, C-411/05, Pa­la­ci­os de la Vil­la). Da­mit war die De­bat­te über Ren­ten­al­ters­gren­zen erst mal vom Tisch, denn Ren­ten­al­ters­gren­zen schie­nen laut EuGH prak­tisch im­mer rech­tens zu sein (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/77 Zwangs­ver­ren­tung als Mit­tel zur Beschäfti­gungsförde­rung?).
Im Jahr 2008 mein­te da­her auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG), dass die eu­ro­pa­recht­li­chen Fra­ge­stel­lun­gen im Zu­sam­men­hang mit Ren­ten­al­ters­gren­zen geklärt sei­en (BAG, Ur­teil vom 18.06.2008, 7 AZR 116/07). In die­sem Ur­teil be­wer­tet das BAG das In­ter­es­se an ei­ner be­re­chen­ba­ren Nach­wuchs­pla­nung als vor­ran­gig ge­genüber dem In­ter­es­se älte­rer Ar­beit­neh­mer am Ar­beits­plat­z­er­halt (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/077 Ta­rif­li­che Auflösung von Ar­beits­verhält­nis­sen mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters ist rech­tens.).
Seit An­fang 2009 war dann aber wie­der ei­ne ge­genläufi­ge Ten­denz der Recht­spre­chung er­kenn­bar:
Im Ja­nu­ar 2009 leg­te das Ar­beits­ge­richt Ham­burg dem EuGH er­neut die Fra­ge vor, ob bzw. un­ter wel­chen Umständen ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­zen mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar sind (Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Be­schluss vom 20.01.2009, 21 Ca 235/08, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/094 Sind Zwangs­pen­sio­nie­run­gen doch eu­ro­pa­rechts­wid­rig?). Nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts Ham­burg hat ei­ne ta­rif­lich starr fest­ge­leg­te Al­ters­gren­ze von 65 Jah­ren mögli­cher­wei­se kei­ne aus­rei­chen­de Be­gründung und ist da­her rechts­wid­rig.
Im März 2009 be­ton­te der EuGH bei der Ent­schei­dung zu ei­nem bri­ti­schen Fall, dass der Wer­tungs­spiel­raum des na­tio­na­len Ge­setz­ge­bers nicht zu ei­ner Aushöhlung des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung führen dürfe (EuGH, Ur­teil vom 05.03.2009, C-388/07 - Age Con­cern, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/038 Ist die Ent­las­sung in die Ren­te dis­kri­mi­nie­rend?).
Im Ju­ni 2009 wur­de ei­ne EuGH-Vor­la­ge des BAG be­kannt, mit der das BAG den EuGH um ei­ne Stel­lung­nah­me zur Zwangs­pen­sio­nie­rung von Pi­lo­ten mit 60 Jah­ren bat (BAG, Be­schluss vom 17.06.2009, 7 AZR 112/08 (A), wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/118 Ist die Zwangs­ver­ren­tung von Pi­lo­ten mit 60 Jah­ren doch eu­ro­pa­rechts­wid­rig?).
Denn im Ok­to­ber 2010 ent­schied der Ge­richts­hof den vom Ar­beits­ge­richt Ham­burg vor­ge­leg­ten Zwangs­pen­sio­nie­rungs­fall ("Ro­sen­bladt") klipp und klar zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers und da­mit zu­guns­ten all­ge­mei­ner ta­rif­li­cher und/oder ge­setz­li­cher und/oder ver­trag­li­cher Ren­ten­al­ters­gren­zen (Ur­teil vom 12.10.2010, C-45/09 - Ro­sen­bladt, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/217 EuGH erklärt in Ta­rif­verträgen ent­hal­te­ne Ren­ten­al­ter­sklau­seln für rech­tens).
Auch ganz all­ge­mei­ne "Zie­le" wie ein "Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel" sind nach Mei­nung des EuGH Grund ge­nug, älte­re Beschäftig­te ge­gen ih­ren Wil­len in die Ren­te zu schi­cken. Die­se Li­nie hat der EuGH seit­dem im­mer wie­der bestätigt und da­bei deut­lich ge­macht, dass es auf die Höhe der Al­ters­ren­te nicht an­kommt (EuGH, Ur­teil vom 05.07.2012, C-141/11 - Hörn­feldt, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/321 Zwangs­pen­sio­nie­rung ist auch bei ge­rin­ge­rer Ren­te kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung).
Im Er­geb­nis sind all­ge­mei­ne Ren­ten­al­ters­gren­zen da­her rech­tens, denn so all­ge­mei­ne "Zie­le" wie die Not­wen­dig­keit ei­nes "Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sels" genügen als Recht­fer­ti­gung der Zwangs­pen­sio­nie­rung bzw. der al­ters­be­ding­ten Ent­las­sung. Das gilt für al­le ge­ne­rel­len Ren­ten­al­ters­gren­zen, mögen die­se nun je nach Be­rufs­grup­pe oder EU-Land bei 60, 63, 65, 67 oder 70 Jah­ren lie­gen.
Vor­ge­zo­ge­ne Son­der-Al­ters­gren­zen für be­son­de­re Ar­beit­neh­mer­grup­pen (Pi­lo­ten, Po­li­zis­ten, Feu­er­wehr­be­am­te, Schwer­be­hin­der­te, Frau­en) sind da­ge­gen im All­ge­mei­nen nicht oh­ne wei­te­res zulässig bzw. im Er­geb­nis oft rechts­wid­rig, da sie nicht mit dem all­ge­mei­nen "Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel-Ar­gu­ment" be­gründet wer­den können.
Je länger ein Ar­beits­verhält­nis be­steht, des­to länger sind die Kündi­gungs­fris­ten, die der Ar­beit­ge­ber gemäß § 622 Abs.2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) be­ach­ten muss. Al­ler­dings schreibt § 622 Abs.2 Satz 2 BGB vor, dass bei der Be­rech­nung der Beschäfti­gungs­dau­er Zei­ten, die vor der Voll­endung des 25. Le­bens­jah­res des Ar­beit­neh­mers lie­gen, nicht berück­sich­tigt wer­den.
Wer da­her mit 28 Jah­ren in ein Un­ter­neh­men ein­tritt und mit 36 Jah­ren, d.h. nach acht Jah­ren Be­triebs­zu­gehörig­keit gekündigt wird, ge­nießt ei­ne ge­setz­li­che Kündi­gungs­frist von drei Mo­na­ten. Dem­ge­genüber kann ein Ar­beit­neh­mer, der mit 18 an­ge­fan­gen und mit 26 Jah­ren gekündigt wird, nach dem Ge­setz trotz eben­so lan­ger Be­triebs­zu­gehörig­keit (acht Jah­re) mit ei­ner Frist von vier Wo­chen zum 15. oder zum Mo­nats­en­de gekündigt wer­den, weil sei­ne Be­triebs­zu­gehörig­keit erst ab 25 Jah­ren zählt, so dass er erst ein (vol­les) Jahr vor­wei­sen kann.
Gemäß § 622 Abs.2 Satz 2 BGB führt da­her die­sel­be Be­triebs­zu­gehörig­keit je nach Al­ter des Ar­beit­neh­mers zu ver­schie­den lan­gen Kündi­gungs­fris­ten, wo­bei jünge­re Ar­beit­neh­mer vom Ge­setz schlech­ter be­han­delt wer­den als ih­re älte­ren Kol­le­gen.
Das ist ei­ne un­zulässi­ge Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, weil es für die­se Un­gleich­be­hand­lung kei­ne sach­li­che Recht­fer­ti­gung gibt. Da­her ist § 622 Abs.2 Satz 2 BGB nach der Recht­spre­chung nicht an­zu­wen­den (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/018 Dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer und in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/128 Dis­kri­mi­nie­rung we­gen Al­ters: Kein Ver­trau­ens­schutz in dis­kri­mi­nie­ren­de Re­ge­lung (§ 622 Abs.2 Satz 2 BGB)).
Dass die ge­setz­li­chen Kündi­gungs­fris­ten über­haupt mit dem Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses länger wer­den, kann man auch kri­tisch se­hen. Denn ei­ne ge­setz­li­che Kündi­gungs­frist von sie­ben Mo­na­ten kann man erst nach 20jähri­gem Ar­beits­verhält­nis be­an­spru­chen, und ei­ne so lan­ge Beschäfti­gungs­zeit ist für jünge­re Ar­beit­neh­mer nicht zu er­rei­chen.
Die Verlänge­rung der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­fris­ten könn­te man da­her als mit­tel­ba­re Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung be­wer­ten. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat die­se Kri­tik al­ler­dings (zu Recht) zurück­ge­wie­sen, d.h. die Verlänge­rung der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­fris­ten für rech­tens erklärt (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/320 Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung und Kündi­gungs­frist).
Seit je­her wer­den Ab­fin­dun­gen un­ter Berück­sich­ti­gung des Al­ters und/oder der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit fest­ge­legt, und zwar so, dass sich älte­re Ar­beit­neh­mer bes­ser als jünge­re ste­hen und/oder dass Ar­beit­neh­mer mit ei­ner länge­ren Be­triebs­zu­gehörig­keit bes­ser weg­kom­men als Kol­le­gen mit kürze­rer Be­triebs­zu­gehörig­keit. Frag­lich ist da­her aus Sicht der Ar­beit­neh­mer, die al­ters­be­dingt ei­ne ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen als ih­re Kol­le­gen er­hal­ten, ob hier ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters vor­liegt.
Aber auch älte­re Ar­beit­neh­mer ste­hen sich bei Ab­fin­dungs­zah­lun­gen oft schlech­ter als jünge­re, nämlich dann, wenn ein So­zi­al­plan vor­sieht, dass die Erhöhung der Ab­fin­dung je nach dem Al­ter nur bis zu ei­nem be­stimm­ten Höchst­al­ter gültig ist. Sol­che Re­ge­lun­gen se­hen vor, dass ab ei­nem be­stimm­ten Höchst­al­ter bzw. bei "Ren­tennähe" ei­ne an­de­re Ab­fin­dungs­be­rech­nung vor­zu­neh­men ist (ge­spal­te­ne Ab­fin­dungs­for­mel).
Für "ren­ten­na­he" Ar­beit­neh­mer heißt das, dass auf sie ei­ne deut­lich ungüns­ti­ge­re Ab­fin­dungs­be­rech­nung an­zu­wen­den ist, der zu­fol­ge es nicht auf die Ver­gan­gen­heit (Dau­er der Beschäfti­gung, Le­bens­al­ter), son­dern auf die Zu­kunft an­kommt, d.h. auf die Ein­kom­mens­ver­lus­te in­fol­ge des Be­zugs von Ar­beits­lo­sen­geld und der vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me ei­ner Al­ters­ren­te.
Nähe­re In­for­ma­ti­on zu der Fra­ge, wel­che Schlech­ter­stel­lun­gen bei Ab­fin­dungs­zah­lun­gen im Zu­sam­men­hang mit dem Al­ter er­laubt und wel­che ver­bo­ten sind, fin­den Sie un­ter „Hand­buch Ar­beits­recht: Ab­fin­dung und Dis­kri­mi­nie­rung - Al­ter“.
Ei­ne vollständi­ge Über­sicht un­se­rer Beiträge zum The­ma Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te - Al­ter fin­den Sie un­ter:
Bewertung: Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Handbuch_Diskriminierung_Verbote_Alter.html 4.5 von 5 Sternen (4 Bewertungen)