Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/sperrzeit-beim-arbeitslosengeld-337257
Timestamp: 2020-04-09 12:46:50
Document Index: 332083703

Matched Legal Cases: ['§ 309', '§ 144', '§ 144', '§ 128', '§ 48', '§ 330', '§ 48', '§ 330', '§ 48', '§ 144', '§ 48', '§ 163', '§ 144', '§ 309', '§ 309', '§ 309', '§ 309', '§ 144', '§ 309', 'Art 3', '§ 309', '§ 132', '§ 5', '§ 309', '§ 309', '§ 144', '§ 144', '§ 163', '§ 144', '§ 128', '§ 144', '§ 144', '§ 144', 'Art 14', '§ 144', 'Art 14', '§ 144', 'Art 14', '§ 120', '§ 120', '§ 120', '§ 119', '§ 145', '§ 144', '§ 120', '§ 145', '§ 144', '§ 309', '§ 128', '§ 309', '§ 144', '§ 144', '§ 122', '§ 309', '§ 132', '§ 31', '§ 8', '§ 132', '§ 63', '§ 73', '§ 38', '§ 8', '§ 58', '§ 4', '§ 144', '§ 144', '§ 144', '§ 37', '§ 144', '§ 104', '§ 116', '§ 120', '§ 37', '§ 37', '§ 223', '§ 434', '§ 1587', '§ 120', '§ 120', '§ 37', '§ 37', '§ 144', '§ 144', '§ 144', '§ 144', '§ 144', '§ 144', '§ 37', '§ 144']

Sperr­zeit beim Arbeits­lo­sen­geld | Rechtslupe
Eine Sperr­zeit für Arbeits­lo­sen­geld tritt ein, wenn ein Mel­de­ter­min ohne wich­ti­gen Grund ver­säumt wird. Eine Mel­dung erst am Fol­ge­tag erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen nach dem kla­ren Wort­laut des Geset­zes nicht, wonach bloß eine am sel­ben Tag nach­ge­hol­te Mel­dung fol­gen­los bleibt, § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III. Die Sank­ti­ons­fol­ge des § 144 Abs 6 SGB III als Fol­ge des Mel­de­ver­säum­nis­ses ver­stößt nicht gegen Ver­fas­sungs­recht.
In einem jetzt vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall bezog die 1952 gebo­re­ne Klä­ge­rin, von Beruf Alten­pfle­ge­rin, seit dem 2. August 2006 Arbeits­lo­sen­geld. Die Beklag­te lud sie zu einem Ter­min am 14.5.2007 um 11:00 Uhr ein; Gegen­stand des Ter­mins soll­ten die beruf­li­che Situa­ti­on der Klä­ge­rin und ihr Bewer­ber­an­ge­bot sein. Das Ein­la­dungs­schrei­ben ent­hielt eine Rechts­fol­gen­be­leh­rung. Infol­ge feh­ler­haf­ter Notie­rung die­ses Ter­mins erschien die Klä­ge­rin nicht am 14.5.2007, son­dern am Fol­ge­tag um 11:00 Uhr bei der Beklag­ten. Die Beklag­te hob dar­auf­hin die Leis­tungs­be­wil­li­gung für die Zeit vom 15. bis zum 21.5.2007 auf und stell­te eine ent­spre­chen­de Min­de­rung der Anspruchs­dau­er fest, weil der Anspruch der Klä­ge­rin wegen des Ein­tritts einer Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis für eine Woche ruhe (§ 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6, § 128 Abs 1 Nr 3 SGB III). Hier­ge­gen hat die Alten­pfle­ge­rin Kla­ge erho­ben. Das Sozi­al­ge­richt hat die ange­foch­te­nen Beschei­de auf­ge­ho­ben 1. Auf die Beru­fung hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt das Urteil des Sozi­al­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen 2. Mit der Revi­si­on vor dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt ver­folgt die Klä­ge­rin ihr Ziel wei­ter.
Die Recht­mä­ßig­keit des Bescheids vom 24.5.2007 misst sich an § 48 Abs 1 Satz 2 Nr 4 SGB X iVm § 330 Abs 3 SGB III. Nach § 48 Abs 1 Satz 1 und Satz 2 Nr 4 SGB X iVm § 330 Abs 3 SGB III ist ein Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung vom Zeit­punkt einer wesent­li­chen Ände­rung der Ver­hält­nis­se an auf­zu­he­ben, soweit der Betrof­fe­ne wuss­te oder nicht wuss­te, weil er die erfor­der­li­che Sorg­falt in beson­ders schwe­rem Maße ver­letzt hat, dass der sich aus dem Ver­wal­tungs­akt erge­ben­de Anspruch kraft Geset­zes zum Ruhen gekom­men oder ganz oder teil­wei­se weg­ge­fal­len ist.
Der Bescheid der Beklag­ten vom 23.8.2006 war ein Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung; er hat­te die Bewil­li­gung von Arbeits­lo­sen­geld ab August 2006 für eine Anspruchs­dau­er von 360 Tagen zum Gegen­stand. Wesent­lich iS des § 48 Abs 1 Satz 1 SGB X ist jede tat­säch­li­che oder recht­li­che Ände­rung, die sich auf Grund oder Höhe der bewil­lig­ten Leis­tung aus­wirkt 3. Hier ist wegen des Ein­tritts einer Sperr­zeit ein Ruhen des Leis­tungs­an­spruchs nach § 144 Abs 1 Satz 1 iVm Satz 2 Nr 6 SGB III ein­ge­tre­ten. Schließ­lich sind auch die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen des § 48 Abs 1 Satz 2 Nr 4 SGB X gege­ben. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat dabei ent­spre­chend der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts bei der Beur­tei­lung der gro­ben Fahr­läs­sig­keit einen sub­jek­ti­ven Maß­stab ange­legt 4. Soweit sich die Klä­ge­rin gegen die Fest­stel­lun­gen des sub­jek­ti­ven Ver­schul­dens wen­det, ist zu beach­ten, dass die Ent­schei­dung über das Vor­lie­gen gro­ber Fahr­läs­sig­keit nur in engen Gren­zen revi­si­ons­recht­lich nach­prüf­bar ist. Das Revi­si­ons­ge­richt prüft inso­weit ledig­lich, ob das Lan­des­so­zi­al­ge­richt den Begriff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit als sol­chen ver­kannt hat, sowie, ob es beach­tet hat, dass sich die Bös­gläu­big­keit grund­sätz­lich auf den zurück­zu­neh­men­den Teil des Ver­wal­tungs­akts erstre­cken muss 5. Inso­fern ist die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht zu bean­stan­den. Es hat bei der Prü­fung des sub­jek­ti­ven Ver­schul­dens nicht nur auf den Erhalt und Inhalt des "Merk­blatt 1 für Arbeits­lo­se" und die der Klä­ge­rin im Ein­la­dungs­schrei­ben vom 18.4.2007 über­mit­tel­te Rechts­fol­gen­be­leh­rung abge­stellt, son­dern sich einen eige­nen Ein­druck von der per­sön­li­chen Ein­sichts­fä­hig­keit der im Ter­min anwe­sen­den Klä­ge­rin ver­schafft 6. Danach war es der Klä­ge­rin mög­lich und zumut­bar, die Hin­wei­se nach­zu­voll­zie­hen und wuss­te sie – oder hät­te zumin­dest im Sin­ne gro­ber Fahr­läs­sig­keit ohne Wei­te­res erken­nen kön­nen -, wel­che Fol­gen das Mel­de­ver­säum­nis haben konn­te. Die­se Wür­di­gung der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen durch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt ent­zieht sich der revi­si­ons­recht­li­chen Über­prü­fung, wenn sie nicht mit zuläs­si­gen Ver­fah­rens­rügen (zB Ver­stoß gegen Denk­ge­set­ze) ange­grif­fen wird (vgl § 163 SGG), was hier nicht der Fall ist.
Gemäß § 144 Abs 1 Satz 1 SGB III in der hier maß­geb­li­chen, ab 1.1.2005 in Kraft getre­te­nen Fas­sung des Drit­ten Geset­zes für moder­ne Dienst­leis­tun­gen am Arbeits­markt vom 23.12.2003 7 ruht der Anspruch auf Arbeits­lo­sen­geld für die Dau­er einer Sperr­zeit, wenn sich der Arbeit­neh­mer ver­si­che­rungs­wid­rig ver­hal­ten hat, ohne dafür einen wich­ti­gen Grund zu haben. Ein ver­si­che­rungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten liegt nach Satz 2 Nr 6 der Vor­schrift u.a. dann vor, wenn der Arbeits­lo­se einer Auf­for­de­rung der Agen­tur für Arbeit, sich zu mel­den oder zu einem ärzt­li­chen oder psy­cho­lo­gi­schen Unter­su­chungs­ter­min zu erschei­nen (§ 309 SGB III), trotz Beleh­rung über die Rechts­fol­gen nicht nach­kommt oder nicht nach­ge­kom­men ist (Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis). Die Vor­aus­set­zun­gen für die Fest­stel­lung einer sol­chen Sperr­zeit, d.h. pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten und Feh­len eines wich­ti­gen Grun­des, lie­gen vor.
Gemäß § 309 Abs 2 SGB III kann die Auf­for­de­rung zur Mel­dung u.a. zum Zwe­cke der Berufs­be­ra­tung (Nr 1), der Ver­mitt­lung in Aus­bil­dung oder Arbeit (Nr 2) und der Prü­fung des Vor­lie­gens der Vor­aus­set­zun­gen für den Leis­tungs­an­spruch (Nr 5) erfol­gen. An die­sen Anfor­de­run­gen ori­en­tiert sich die Auf­for­de­rung der Beklag­ten vom 18.4.2007, mit der sie die Klä­ge­rin zwecks Erör­te­rung ihrer beruf­li­chen Situa­ti­on und ihres Bewer­ber­an­ge­bots zum Ter­min am 14.5.2007 um 11:00 Uhr ein­lud. Es bestehen ins­be­son­de­re kei­ne Anhalts­punk­te für eine zweck­wid­ri­ge Auf­for­de­rung 8. Gemäß § 309 Abs 3 Satz 1 SGB III idF des Geset­zes vom 23.12.2003 hat sich der Arbeits­lo­se zu der von der Agen­tur für Arbeit bestimm­ten Zeit zu mel­den. Nach Satz 2 des § 309 Abs 3 SGB III ist er sei­ner all­ge­mei­nen Mel­de­pflicht (nur) dann auch nach­ge­kom­men, wenn die­se nach Tag und Tages­zeit bestimmt war und er sich zu einer ande­ren Zeit am sel­ben Tag mel­det und der Zweck der Mel­dung erreicht wird. Die­se Vor­aus­set­zun­gen tref­fen auf das Mel­de­ver­säum­nis der Klä­ge­rin nicht zu.
Die Mel­dung der Klä­ge­rin erfolg­te am 15.5.2007 und damit nicht mehr "am sel­ben Tag", der in der Mel­de­auf­for­de­rung bestimmt war. Der Begriff "am sel­ben Tag" ist fest bestimmt; er ist weder aus­le­gungs­fä­hig noch aus­le­gungs­be­dürf­tig. Nach dem kla­ren Wort­laut des Geset­zes und dem damit zum Aus­druck gekom­me­nen Wil­len des Gesetz­ge­bers kann eine Mel­dung am Fol­ge­tag nicht mehr als recht­zei­tig ange­se­hen wer­den. Dem­ge­mäß hat die Beklag­te ent­spre­chend ihrer, in § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6 SGB III zum Aus­druck gebrach­ten Beleh­rungs- und Hin­weis­pflicht vor Ein­tritt einer Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis klar­ge­stellt, dass "vom Tag nach dem Mel­de­ver­säum­nis an für die Dau­er von einer Woche" Arbeits­lo­sen­geld nicht gezahlt wird. Die Mel­de­auf­for­de­rung und die Rechts­fol­gen­be­leh­rung ent­spre­chen auch im Übri­gen den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen; ins­be­son­de­re wird der Arbeits­lo­se in ver­ständ­li­cher und kla­rer Form dar­über infor­miert, wel­che unmit­tel­ba­ren und kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen aus dem Mel­de­ver­säum­nis resul­tie­ren 9.
Ent­ge­gen der Ansicht des Sozi­al­ge­richts, auf die sich die Klä­ge­rin in ihrer Revi­si­ons­be­grün­dung gestützt hat, kann die Klä­ge­rin auch nicht kraft rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung, ins­be­son­de­re mit­tels einer ana­lo­gen Anwen­dung des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III, so behan­delt wer­den, als sei sie ihrer Rechts­pflicht nach­ge­kom­men. Ein Ana­lo­gie­schluss setzt vor­aus, dass die gere­gel­te Norm ana­lo­giefä­hig ist, das Gesetz eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hält und der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht so weit mit dem Tat­be­stand ver­gleich­bar ist, den der Gesetz­ge­ber gere­gelt hat, dass ange­nom­men wer­den kann, er wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den­sel­ben Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie bei dem Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Geset­zes­vor­schrift, zu dem glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men. Ana­lo­gie ist mit­hin die Über­tra­gung der Rechts­fol­ge eines gere­gel­ten Tat­be­stands auf einen ihm ähn­li­chen, aber unge­re­gel­ten Sach­ver­halt 10. Sie beruht – in Anleh­nung an Art 3 Abs 1 GG – auf der For­de­rung nor­ma­ti­ver Gerech­tig­keit, Gleich­ar­ti­ges gleich zu behan­deln 11. Aus der Rechts­ent­wick­lung sowie aus Sinn und Zweck der Vor­schrift erge­ben sich jedoch kei­ne Hin­wei­se auf das Bestehen einer Geset­zes­lü­cke.
§ 309 SGB III ent­spricht nahe­zu wort­gleich der Vor­gän­ger­re­ge­lung in § 132 Abs 1 und 2 AFG iVm mit § 5 Satz 2 der Mel­dean­ord­nung vom 14.12.1972 12. Die Begren­zung einer sank­ti­ons­lo­sen Nach­ho­lung der Mel­dung nur am sel­ben Tag ist mit­hin bewusst in das SGB III über­nom­men wor­den. Im Übri­gen fehlt es für eine ana­lo­ge Anwen­dung des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III auch an einer Ver­gleich­bar­keit der zu regeln­den Sach­ver­hal­te; die Mel­dung am sel­ben Tag ist etwas ande­res als das Auf­su­chen der Beklag­ten an einem spä­te­ren Tag.
Eben­so wie zur Rege­lung bestimm­ter Lebens­sach­ver­hal­te Stich­ta­ge ein­ge­führt wer­den dür­fen, obwohl jeder Stich­tag unver­meid­lich gewis­se Här­ten mit sich bringt 13. Zu prü­fen ist ledig­lich, ob der Gesetz­ge­ber den ihm zukom­men­den Gestal­tungs­frei­raum in sach­ge­rech­ter Wei­se genutzt hat, ob er die für die zeit­li­che Anknüp­fung in Betracht kom­men­den Fak­to­ren hin­rei­chend gewür­digt hat und ob sich die gefun­de­ne Lösung im Hin­blick auf den gege­be­nen Sach­ver­halt und das Sys­tem der Gesamt­re­ge­lung durch sach­li­che Grün­de recht­fer­ti­gen lässt oder als will­kür­lich erscheint 14. Dar­an, dass die Datums­gleich­heit ein – leicht über­prüf­ba­res – sach­li­ches Kri­te­ri­um dar­stellt, um den Ver­si­cher­ten vor Rechts­nach­tei­len zu bewah­ren, hat der Senat kei­nen Zwei­fel; eine will­kür­lich unter­schied­li­che Behand­lung liegt nicht vor.
Es kann des­halb dahin­ste­hen, ob der Zweck der Mel­dung iS des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III auch durch die Vor­spra­che der Klä­ge­rin am 15.5.2007 um 11:00 Uhr noch hät­te erreicht wer­den kön­nen 15. Die mög­li­che Zweck­er­rei­chung kann allen­falls bei der Fra­ge eine Rol­le spie­len, ob die fest­ge­stell­te Sperr­zeit von einer Woche unver­hält­nis­mä­ßig war.
Die Klä­ge­rin kann sich für ihr pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten auch auf kei­nen wich­ti­gen Grund iS des § 144 Abs 1 Satz 1 SGB III beru­fen. Ein sol­cher ist anzu­neh­men, wenn durch die­sen die Mel­dung oder das Erschei­nen unmög­lich oder erschwert wur­de, sodass dem Arbeits­lo­sen unter Berück­sich­ti­gung des Ein­zel­falls und unter Abwä­gung sei­ner Inter­es­sen, mit denen der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ein ande­res Ver­hal­ten nicht zuge­mu­tet wer­den konn­te 16. Die Sperr­zeit greift dabei Oblie­gen­heits­ver­let­zun­gen des Ver­si­cher­ten auf 17 und setzt – eben­so wie der Sperr­zeit­tat­be­stand des § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 7 SGB III (ver­spä­te­te Arbeit­su­chend­mel­dung) – ein sub­jek­tiv vor­werf­ba­res Ver­hal­ten (min­des­tens leich­te Fahr­läs­sig­keit nach einem sub­jek­ti­ven Fahr­läs­sig­keits­maß­stab) vor­aus 18. Nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts, die die Klä­ge­rin nicht mit Ver­fah­rens­rügen ange­grif­fen hat und die damit bin­dend sind (vgl § 163 SGG), war ihr ein recht­mä­ßi­ges Ver­hal­ten objek­tiv mög­lich und sub­jek­tiv zumut­bar. Sei­tens der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft kann von einem Berech­tig­ten erwar­tet wer­den, dass er Ter­mi­ne zur Ein­hal­tung einer eige­nen Mit­wir­kungs­ob­lie­gen­heit kor­rekt notiert und ein­hält; bei­des liegt allein im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Ver­si­cher­ten. Aus der Sicht eines objek­ti­ven Drit­ten konn­te die Klä­ge­rin den Mel­de­ter­min am 14.5.2007 ohne Wei­te­res wahr­neh­men und ist ihr jeden­falls Fahr­läs­sig­keit zur Last zu legen.
Die Sperr­zeit führt zum Ruhen des Anspruchs auf Arbeits­lo­sen­geld gemäß § 144 Abs 1 Satz 1 SGB III. Nach § 128 Abs 1 Nr 3 SGB III min­dert sich der Alg-Anspruch um die Tage der Sperr­zeit. Die­se Rechts­fol­gen sind im ange­foch­te­nen Bescheid der Beklag­ten zutref­fend umge­setzt wor­den. Nach § 144 Abs 6 SGB III idF des Geset­zes vom 23.12.2003 beträgt die Dau­er der Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis eine Woche. Nach § 144 Abs 2 Satz 1 SGB III begann die Sperr­zeit mit dem Tag nach dem Ereig­nis, das sie begrün­det. Zutref­fend hat die Beklag­te daher die Dau­er der Sperr­zeit vom 15. bis zum 21.5.2007 fest­ge­stellt.
Die Sank­ti­ons­fol­ge des § 144 Abs 6 SGB III als Fol­ge des Mel­de­ver­säum­nis­ses ver­stößt auch im Lich­te der Eigen­tums­ga­ran­tie des Art 14 GG nicht gegen Ver­fas­sungs­recht. Zwar ist der Anspruch auf Arbeits­lo­sen­geld durch die Eigen­tums­ga­ran­tie geschützt 19. Zu Recht hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt aber einen Ein­griff in den Schutz­be­reich der Eigen­tums­ga­ran­tie ver­neint. Denn es fehlt bereits dar­an, dass eine geschütz­te ver­mö­gens­wer­te Posi­ti­on der Klä­ge­rin (also ihr Alg-Anspruch) durch eine Maß­nah­me der Beklag­ten beein­träch­tigt wor­den wäre 20. Der Klä­ge­rin ist im Sin­ne einer sol­chen geschütz­ten ver­mö­gens­wer­ten Rechts­po­si­ti­on kei­ne stär­ke­re kon­kre­te Rechts­po­si­ti­on "genom­men" wor­den. Denn sie hat mit ihrer letz­ten Beschäf­ti­gung als Alten­pfle­ge­rin einen (neu­en) Arbeits­lo­sen­geld-Anspruch als Stamm­recht erwor­ben, der von vorn­her­ein mit der Mög­lich­keit der Sank­ti­on in Form einer Sperr­zeit auch nach § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6 SGB III belas­tet war. Die Rea­li­sie­rung die­ser Belas­tung im Ein­zel­fall ist durch den ange­foch­te­nen Bescheid der Beklag­ten ledig­lich fest­ge­stellt wor­den.
Selbst wenn aber der Schutz­be­reich des Art 14 GG tan­giert wäre, ist der dann anzu­neh­men­de "Ein­griff" durch § 144 Abs 1 Satz 2 Nr 6 iVm Abs 6 SGB III ledig­lich eine zuläs­si­ge Bestim­mung von Inhalt und Schran­ken des Eigen­tums (Art 14 Abs 1 Satz 2 GG). Inso­weit kommt dem Gesetz­ge­ber grund­sätz­lich eine wei­te Gestal­tungs­mög­lich­keit zu, auch zur Beschnei­dung von Leis­tungs­an­sprü­chen zur Erhal­tung der Funk­ti­ons- und Leis­tungs­fä­hig­keit des Sys­tems der Sozi­al­leis­tungs­ver­wal­tung 21. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dies­be­züg­lich – wor­auf das Lan­des­so­zi­al­ge­richt zu Recht hin­weist – zu der für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­ten Ruhens­vor­schrift des § 120 Abs 1 AFG, wel­che zunächst kei­ne Här­te­fall­re­ge­lung ent­hielt, ent­schie­den, dass, soweit ein Arbeits­lo­ser aus Uner­fah­ren­heit, Unver­ständ­nis für Ver­wal­tungs­vor­gän­ge, aus Unacht­sam­keit oder aus ande­ren Grün­den, wel­che nicht als "wich­tig" iS des § 120 Abs 1 AFG zu qua­li­fi­zie­ren sei­en, sei­ne Mel­de­pflicht nicht ein­hal­te, die aus­nahms­los pau­scha­le Kür­zung des Arbeits­lo­sen­gel­des unzu­mut­bar sei. Dies gel­te erst recht, wenn sich die Säum­nis die­ses Arbeits­lo­sen nicht nach­tei­lig für die Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung aus­wir­ke 22. Im Ein­zel­nen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­ge­führt, bei miss­bräuch­li­cher Inan­spruch­nah­me des Arbeits­lo­sen­gel­des sei weder etwas gegen die zeit­wei­se Ver­sa­gung des Arbeits­lo­sen­gel­des noch dage­gen etwas ein­zu­wen­den, dass die Sank­ti­on pau­schal einen zwei­wö­chi­gen Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des anord­ne. Es fehl­ten aber hin­rei­chend Grün­de, die Rech­te aus dem durch Bei­trags­zah­lung erwor­be­nen Ver­si­che­rungs­schutz so weit­ge­hend und undif­fe­ren­ziert ein­zu­schrän­ken. Nicht zu ent­schei­den sei, ob für Bezie­her von Arbeits­lo­sen­geld auch ein pau­scha­les Ruhen des Arbeits­lo­sen­geld von sechs Tagen noch hin­nehm­bar wäre; ein Weg­fall des Arbeits­lo­sen­gel­des von zwei Wochen sei die­sem Per­so­nen­kreis gegen­über nach dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip schon des­halb nicht gerecht­fer­tigt, weil das eigen­tums­ge­schütz­te Arbeits­lo­sen­gel­des der Exis­tenz­si­che­rung des Berech­tig­ten die­ne und eine auf eige­nen Bei­trä­gen beru­hen­de lohn­be­zo­ge­ne Ver­si­che­rungs­leis­tung sei 23. In Reak­ti­on auf die­se Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist mit Wir­kung ab 1.1.1988 in § 120 Abs 3 AFG idF des Geset­zes vom 14.12.1987 24 eine Här­te­klau­sel ange­fügt wor­den, wonach sich – in Anleh­nung an die für Sperr­zei­ten getrof­fe­ne Här­te­re­ge­lung in § 119 Abs 2 AFG – die Säum­nis­zeit von regel­mä­ßig zwei Wochen auf eine Woche ver­kürzt. Die­se Rege­lung ist inso­weit unver­än­dert in § 145 Abs 3 SGB III idF des Arbeits­för­de­rungs-Reform­ge­set­zes vom 24.3.1997 25 mit Wir­kung vom 1.1.1998 über­nom­men und durch das Gesetz vom 23.12.2003 mit Wir­kung vom 1.1.2005 auf­ge­ho­ben wor­den.
Die nun­mehr in § 144 Abs 6 SGB III vor­ge­nom­me­ne pau­scha­le Rege­lung ("die Dau­er einer Sperr­zeit bei Mel­de­ver­säum­nis … beträgt eine Woche") ist iS der vor­ste­hend zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­hält­nis­mä­ßig 26. Denn die Dau­er der Sperr­zeit von einer Woche beträgt im Ver­gleich zu der frü­he­ren Rege­lung in § 120 AFG bzw § 145 SGB III nur noch die Hälf­te der Zeit und bringt mit­hin eine gerin­ge­re Belas­tung des Arbeits­lo­sen mit sich. Dies zeigt, dass der Gesetz­ge­ber die Ver­pflich­tung zur Wahl des gerings­ten Mit­tels nicht aus den Augen ver­lo­ren hat 27. Die von § 144 Abs 5 SGB III vor­ge­se­he­ne Sank­ti­ons­fol­ge einer ein­wö­chi­gen Sperr­zeit ist auch in die­ser pau­scha­lier­ten Form ange­mes­sen. Denn die Sperr­zeit­fest­stel­lung ist nicht Aus­druck indi­vi­du­el­ler Scha­dens­fest­stel­lung, son­dern Fol­ge ver­si­che­rungs­wid­ri­gen Ver­hal­tens 28. Schließ­lich ist die pau­scha­lier­te Sperr­zeit auch ver­hält­nis­mä­ßig im enge­ren Sin­ne (= zumut­bar). Sie ermög­licht einer­seits der Beklag­ten, im Rah­men einer Mas­sen­ver­wal­tung auf ver­si­che­rungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten ohne über­mä­ßi­gen Ver­wal­tungs­auf­wand zu reagie­ren; ande­rer­seits setzt die Ver­let­zung der Oblie­gen­heit des § 309 Abs 3 Satz 1 SGB III auf Sei­ten des Ver­si­cher­ten ein Ver­schul­den nach einem sub­jek­ti­ven Fahr­läs­sig­keits­maß­stab vor­aus und schafft damit ein Kor­rek­tiv 29. Eine unver­schul­de­te Unkennt­nis von der Oblie­gen­heit führt damit nicht zum Ein­tritt einer Sperr­zeit, die schuld­haf­te Unkennt­nis führt indes – auch unter Berück­sich­ti­gung der mit der Sperr­zeit ver­bun­de­nen wei­te­ren Rechts­fol­ge der Anspruchs­min­de­rung nach § 128 Abs 1 Nr 3 SGB III – nicht zu einer Exis­tenz­ge­fähr­dung, ist aber geeig­net, den Ver­si­cher­ten zu einem der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft gegen­über ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ten Ver­hal­ten anzu­hal­ten. Es kommt des­halb auch nicht dar­auf an, ob der Zweck der Beleh­rung durch ein Bera­tungs­ge­spräch vor Ablauf des Ter­mins hät­te erreicht wer­den kön­nen. Denn die inso­weit erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen wären in der Regel mit einem erheb­li­chen Ver­wal­tungs- bzw Ermitt­lungs­auf­wand ver­bun­den und stün­den im Wider­spruch zu der kla­ren ver­wal­tungs­prak­ti­ka­blen Rege­lung des § 309 Abs 3 Satz 2 SGB III.
Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 25. August 2011 – B 11 AL 30/​10 R
Sperr­zeit­neu­tra­ler Wider­spruch bei Betriebs­über­gang Der Wider­spruch eines Arbeit­neh­mers bei Betriebs­über­gang als sol­cher stellt nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts kei­nen sperr­zeit­re­le­van­ten Sach­ver­halt dar. Aller­dings hält das Bun­des­so­zi­al­ge­richt auch für…
SG Düs­sel­dorf, Urteil vom 27.8.2009 – S 32 AL 180/​07[↩]
LSG Nord­rhein-West­fa­len – L 12 AL 47/​09[↩]
vgl nur BSGE 97, 73 = SozR 4 – 4300 § 144 Nr 15 RdNr 15[↩]
vgl BSGE 97, 73 = SozR 4 – 4300 § 144 Nr 15 RdNr 24 mwN[↩]
vgl BSG SozR 4 – 4300 § 122 Nr 5 RdNr 14 mwN[↩]
vgl dazu auch BSG, Urteil vom 17.10.2007 – B 11a/​7a AL 44/​06 R[↩]
BGBl I 2848[↩]
vgl dazu Düe in Niesel/​Brand, SGB III, 5. Aufl 2010, § 309 RdNr 10 ff[↩]
vgl BSG, Urteil vom 17.10.2007 – B 11a/​7a AL 44/​06 R – RdNr 17; eben­so bereits BSG SozR 4100 § 132 Nr 1; vgl fer­ner BSG, Urteil vom 09.11.2010 – B 4 AS 27/​10 R – SozR 4 – 4200 § 31 Nr 6 RdNr 26[↩]
vgl zuletzt BSG SozR 4 – 2700 § 8 Nr 36 RdNr 25 und BSG, Urteil vom 03.12.2009 – B 11 AL 42/​08 R – BSGE 105, 94 = dem­nächst in SozR 4 – 4300 § 132 Nr 4; vgl auch BSGE 96, 257 = SozR 4 – 1300 § 63 Nr 3 RdNr 14; BSG SozR 4 – 2500 § 73 Nr 1 RdNr 16 und Nr 3 RdNr 18; BVerfGE 82, 6, 11 f; 116, 69, 83, 84; BVerfG NJW 2011, 836 unter B I 3b = RdNr 53 mwN[↩]
vgl BSGE 77, 102, 104 = SozR 3 – 2500 § 38 Nr 1 S 3; BSG SozR 4 – 2700 § 8 Nr 4 RdNr 15[↩]
ANBA 1973, 245[↩]
vgl BVerfGE 117, 272 = SozR 4 – 2600 § 58 Nr 7; stRspr), kön­nen Vor­schrif­ten ein­zel­ne Per­so­nen­grup­pen begüns­ti­gen und ande­re von der Begüns­ti­gung aus­neh­men ((vgl BVerfGE 87, 1 = SozR 3 – 5761 Allg Nr 1[↩]
vgl BVerfGE 80, 297 = SozR 5795 § 4 Nr 8; BVerfGE 87, 1 = SozR 3 – 5761 Allg Nr 1; stRspr[↩]
aA Gei­ger, info also 2011, 22 f[↩]
vgl BSG, Urteil vom 14.09.2010 – B 7 AL 33/​09 R – SozR 4 – 4300 § 144 Nr 21 RdNr 12 mwN; Kar­man­ski in Niesel/​Brand, SGB III, 5. Aufl 2010, § 144 RdNr 112; Wink­ler in Gagel, SGB II/​SGB III, § 144 SGB III RdNr 198, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Juli 2009[↩]
BSG aaO; vgl auch Bie­back, SR 2011, 21, 22 ff[↩]
vgl ua BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 2 RdNr 21, 22; Cose­riu in Eicher/​Schlegel, SGB III, § 144 RdNr 446, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Juni 2010[↩]
vgl nur BVerfG SozR 4100 § 104 Nr 13 S 12; SozR 3 – 4100 § 116 Nr 3 S 124; BVerfG Beschluss vom 10.02.1987 – 1 BvL 15/​83 – SozR 4100 § 120 Nr 2, RdNr 36 mwN; BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 19 mwN[↩]
zu die­sen Vor­aus­set­zun­gen vgl BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 19 und SozR 4 – 4300 § 223 Nr 1 RdNr 13 mwN; BVerfG SozR 4 – 4300 § 434c Nr 6 RdNr 14[↩]
vgl BVerfGE 53, 257 ff, 293 = SozR 7610 § 1587 Nr 1; BVerfGE 74, 203 = SozR 4100 § 120 Nr 2[↩]
BVerfGE 74, 203 = SozR 4100 § 120 Nr 2 S 4[↩]
Hin­weis auf BVerfGE 72, 9, 18 ff[↩]
BGBl I 2602[↩]
vgl auch BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 21 f – zur Rege­lung der §§ 37b, 140 SGB III aF[↩]
BSG, aaO; vgl auch Kar­man­ski in Niesel/​Brand, 5. Aufl 2010, § 144 RdNr 170; Lüdtke in LPK-SGB III, 2008, § 144 RdNr 52; Mar­sch­ner in Gemein­schafts­kom­men­tar zum SGB III, § 144 RdNr 144, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2009; Hen­ke in Eicher/​Schlegel, SGB III, § 144 RdNr 453, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung März 2006; zwei­felnd Gei­ger, info also 2011, 22 f[↩]
vgl BT-Drucks 15/​1515 S 87 zu Nr 76 = § 144; vgl fer­ner BSG, Urteil vom 14.09.2010 – B 7 AL 33/​09 R, SozR 4 – 4300 § 144 Nr 21 RdNr 16[↩]
vgl BSG SozR 4 – 4300 § 37b Nr 5 RdNr 22; eben­so Cose­riu in Eicher/​Schlegel § 144 RdNr 446, Stand Ein­zel­kom­men­tie­rung Juni 2010[↩]
ArbeitslosengeldMeldepflichtSperrzeit