Source: https://www.moses-online.de/fachartikel-umgang-kindern-einem-kinderheim-oder-einer-pflegefamilie%C2%A0-erziehungsstelle-leben
Timestamp: 2019-07-16 10:29:23
Document Index: 345455418

Matched Legal Cases: ['§ 28', '§ 1666', '§ 35', '§ 33', '§ 1666', '§ 37']

Fachartikel - Umgang von Kindern, die in einem Kinderheim oder in einer Pflegefamilie / Erziehungsstelle leben | Moses Online
Pflegeeltern, Sonderpflege / Erziehungsstellen, Heimerziehung / sonstige betreute Wohnform
Wie Trennungs- und Scheidungskinder haben natürlich alle Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben, ein Recht auf Umgang mit ihren Eltern, sowie die Eltern eine Pflicht und ein Recht zum Umgang haben. Bei diesen Kindern – und hier besonders bei Kindern in Pflegefamilien bzw. Erziehungsstellen – ist es jedoch notwendig, dieses Recht des Umgangs auf eine mögliche Gefährdung des Kindes durch den Umgang selbst oder die Art und Weise des Umgangs zu überprüfen.
Hierzu spielen besonders die unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Kinder mit ihren Eltern eine große Rolle. Trennungs- und Scheidungskinder haben meist fürsorgliche Eltern erlebt und der Grund der Umgangsregelung liegt in der Trennung ihrer Eltern und deren Probleme auf der Paarebene. Die überwiegende Mehrzahl der Kinder in Heimen, Pflegefamilien, Erziehungsstellen u.ä. haben hingegen Erfahrungen mit nichtfürsorglichen Eltern gemacht.
Die Problematik hier liegt auf der Eltern-Kind-Ebene. Diese Eltern haben massive Erziehungs- und Versorgungsprobleme, weswegen ihre Kinder nicht bei ihnen leben.
Die Aufgabe eines Jugendamtes besteht darin, Kindeswohlgefährdung in einer Familie durch angemessene Maßnahmen zu verhindern oder zu beenden. Dies geschieht in der Praxis erst einmal durch starke familienstützende Angebote in unterschiedlichen Formen. Der Gesetzgeber hat dazu im SGB VIII §§ 28 – 34 verschiedene Beispiele benannt, die vom Jugendamt noch durch individuell geschneiderte Maßnahmen erweitert werden können.
Erst wenn diese familienstützenden Maßnahmen nicht erfolgreich genug sind oder von vornherein keinen Erfolg versprechen, werden im Rahmen der Hilfe zur Erziehung Kinder außerhalb ihrer leiblichen Familien untergebracht. Dies dann entweder mit der Zustimmung der sorgeberechtigten Eltern oder, wenn diese nicht bereit sind die Gefährdung des Kindes abzuwenden, unter der Maßgabe des § 1666 BGB.
Eine Heimunterbringung erfolgt:
im Rahmen einer Inobhutnahme aufgrund einer Krisensituation in der Familie,
als Förderung der persönlichen Entwicklung des Kindes / Jugendlichen, d.h. Abbau von Entwicklungsdefiziten,
zur psychischen Stabilisierung der Kinder ( in vielen Einzelfällen geht ein ca. sechswöchiger stationärer Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie voraus),
als psychologische und therapeutische Begleitung der Kinder / Jugendlichen gem. § 35 a SGB VIII.
Im Regelfall ist hier ein Ablösungsprozess des Kindes von seinem Elternhaus nicht gewollt und auch nicht geplant. Das Kind soll weiterhin in seiner Familie integriert bleiben. Zielstellung ist die Rückkehr ins Elternhaus oder die Verselbstständigung des Jugendlichen. Daher beläuft sich der zeitliche Rahmen einer Heimunterbringung auf meist 1 bis 2 Jahre mit enger Umgangsregelung, um die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander zu erhalten.
Kinder die in Heimen keine Besuchskontakte haben, erleben starke Gefühle von Verlassensein und Minderwertigkeit: ‚Ich habe keine Anbindung an eine Familie, mich holt keiner, ich bleibe übrig und keiner will mit mir Feiertage und Festtage verbringen’.
Das Heim stellt also eine zeitlich begrenzte Hilfe zur Erziehung für die Eltern dar mit dem deutlichen Ziel, dass die Eltern ihre Erziehungsproblematik in den Griff bekommen und die Kinder wieder zu sich nehmen werden. Gelingt dies nicht wechseln viele besonders jüngere Heimkinder in Pflegefamilien und die Jugendlichen erhalten Hilfe zur Verselbstständigung.
Gemäß § 33 SGB VIII ist die Unterbringung in einer Vollzeitpflege eine zeitlich begrenzte oder auf Dauer angelegte Lebensform. Für die Frage der Umgangsregelung ist es von entscheidender Bedeutung, mit welcher Perspektive das Kind untergebracht wird: zeitlich begrenzt oder zeitlich unbegrenzt.
Um sich ein Bild vom Kind und den Möglichkeiten der Eltern machen zu können, werden die meisten Kinder erst mal in eine Clearingsgruppe eines Heimes oder in einer Bereitschaftspflegestelle/Familiäre Bereeitschaftsbetreuung untergebracht.
Bereitschaftspflegefamilien / Familiäre Bereitschaftsbetreuung
Familiäre Bereitschaftsbetreuung ist eine klare Unterbringung auf Zeit, das Kind ein Gast. Es ist offen, wo das Kind zukünftig leben wird – wird es zurück in die Herkunftsfamilie oder in eine Pflegefamilie oder ein Heim gehen. Wegen der Offenheit der Perspektive findet weiterhin engere Umgangsregelung zu den leiblichen Eltern statt – es sei denn, das Kind wurde wegen hochgradiger Kindeswohlgefährdung durch das Jugendamt in Obhut genommen und das Familiengericht muss gem. § 1666 Entscheidungen treffen.
Während des Aufenthaltes in der Familiären Bereitschaftsbetreuung soll das Jugendamt eine Prognose für die Entwicklung der leiblichen Eltern erarbeiten, um dann die zukünftige Perspektive für das Kind darstellen zu können.
Um dem Gesetzesauftrag des § 37 SGB VIII gerecht zu werden, muss bei der Unterbringung in einer Vollzeitpflege geprüft werden, ob das Kind in einem für das Kind vertretbaren Zeitrum zu den Eltern zurückkehren kann und ob sich in diesem Zeitraum die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie entsprechend nachhaltig verbessern können. Oder die Fachkraft des Jugendamtes geht davon aus, dass die Eltern diese Verbesserung der Erziehungsbedingungen im vertretbaren Zeitraum nicht leisten können und somit eine auf Dauer angelegte Lebensperspektive für das Kind erarbeitet werden muss.
Geht die Prognose des Jugendamtes davon aus, dass die Eltern die Verbesserung der Erziehungsbedingungen in einem für das Kind vertretbaren Zeitraum schaffen werden, dann muss das Kind in einer Pflegefamilie / Erziehungsstelle untergebracht werden, die diesem Kind seine Bindungen zu den leiblichen Eltern erhalten wird und die die Bemühungen des Jugendamtes zur Stabilisierung der leiblichen Eltern unterstützt. Die leiblichen Eltern müssen bereit sein, Hilfe anzunehmen, mit den Pflegeeltern zusammen zu arbeiten und eng am Kind zu bleiben, so dass das Kind weiterhin die leiblichen Eltern als seine Eltern ansehen kann.
In dieser Form der Vollzeitpflege wird es enge Besuchskontakte zwischen Eltern und Kind geben, mindestens vergleichbar den Kontakten bei einer Heimunterbringung / betreuten Wohnformen.
Wird die Herkunftsfamilie des Kindes so eingeschätzt, dass eine nachhaltige Verbesserung der Erziehungsbedingungen nicht erreicht werden kann, dann wird das Kind unbefristet d.h. dauerhaft in einer Pflegefamilie / Erziehungsstelle leben.
Die Erfahrungen in der Praxis zeigen, dass die überwiegende Mehrzahl der Pflegekinder unbefristet untergebracht ist. Neben den Schwierigkeiten der Eltern sind es besonders die bisherigen Erfahrungen der Kinder in ihren Ursprungsfamilien, die diese dauerhafte Unterbringung notwendig machen.
Pflegekinder sind Kinder mit hochgradig verletzenden Erfahrungen von Vernachlässigung, familiärer Gewalt, sexuellem Missbrauch und Trennungen. Viele dieser Kinder kommen mit schweren und schwersten körperlichen und/oder seelischen Misshandlungen in die neuen Familien, misstrauisch jedem Erwachsenen gegenüber, geschüttelt von Ängsten und bindungs- und beziehungsgestört.
Diesen Kindern soll die Vermittlung in eine Pflegefamilie / Erziehungsstelle die Chance gegeben, durch neue Erfahrungen in einer anderen Familie wieder Mut und Zutrauen zu schöpfen und sich wieder einzulassen auf menschliche Beziehungen. Das einmal dramatisch Erlebte können die Kinder nicht ungeschehen machen und es wird sich auch weiterhin in ihrem Leben und in ihrer Entwicklung bemerkbar machen. Bei den neuen Bezugspersonen können sie jedoch erst einmal Luft holen und auf ein Leben in Sicherheit und Fürsorge hoffen.
Während in allen anderen Unterbringungen die Bindung des Kindes an seine leiblichen Eltern erhalten bleiben muss, ist die Unterbringung in der unbefristeten Vollzeitpflege eine auf Dauer angelegte Lebensform in einer anderen Familie. Familie bedeutet Nähe, bedeutet Beziehung und Bindung, bedeutet vertrautes Alltagsgeschehen, bedeutet gewohnte Regeln und immer wiederkehrende Rituale, bedeutet Zugehörigkeit und Heimat. Familie bedeutet für ein Kind verantwortungsvolle, schützende, sorgende, liebende Eltern zu haben und Kind sein zu dürfen. Kinder werden in Pflegefamilien / Erziehungsstellen gegeben, um Familie in einer Weise zu erfahren, wie sie dies bisher in ihren Ursprungsfamilien so nicht erleben konnten.
Das jüngere Kind wird sich seinen Bedürfnissen entsprechend meist eng an die neuen Bezugspersonen binden. Denn es lebt im hier und jetzt. Das ältere Kind tut sich da etwas schwerer bis auch ihm eine Bindung gelingt. Manche Kinder sitzen jahrelang in einer Warteschleife, wissen nicht wo sie hingehören (dürfen), gehören nicht mehr hier hin, aber auch noch nicht dort hin und hoffen, dass Entscheidungen der Erwachsenen ihnen endlich ein Zuhause geben wird.
Für die Umgangsregelung ist von besonderer Bedeutung, dass alle Beteiligten die Grundentscheidung, dass das Kind dauerhaft in der neuen Familie aufwachsen wird, akzeptieren. Hier haben die leiblichen Eltern einen erhöhten Bedarf an Hilfe und Zuspruch. Gelingt es ihnen, die Rolle der emotionalen Elternschaft – Mama und Papa – an die Pflegeeltern abzugeben, geben sie dem Kind damit ein großes Maß an Sicherheit und Klarheit. Besuchskontakte mit leiblichen Eltern, die die Unterbringung in einer Pflegefamilie / Erziehungsstelle akzeptieren und bejahen erlebt das Kind als positiv und wertschätzend.
Bei Besuchskontakten kommt es oft zu hoch angepassten Verhalten der Kinder gegenüber den Herkunftseltern. Kinder, die ihre Herkunftseltern als machtvoll und überwältigend erlebt haben, wollen sie in Besuchskontakten nicht „reizen“ und benehmen sich entsprechend vorsichtig und beruhigend den Eltern gegenüber.
Viele Kinder bemühen sich es allen recht zu machen und flippen vor Überforderung und Erschöpfung zuhause aus, resignieren oder verfallen in immer größere Unsicherheit.
Kinder, die Besuchskontakte als nicht bedrohlich sondern freundlich und wertschätzend erleben, planen solche Kontakte in ihr Leben ein. Besonders ältere Kinder agieren da selbstständig und sprechen Art und Weise der Kontakte mit den Pflegeeltern und Eltern ab.
Es ist für die zukünftige Entwicklung des Kindes von großer Bedeutung, dass die Umgänge so entschieden und geplant werden, dass es dadurch nicht noch mehr geschädigt wird. Damit das kindliche Sicherheitsbedürfnis Beachtung findet, sollten die Kontakte nicht im Haushalt der Pflegefamilie / Erziehungsstelle stattfinden. Ein neutraler Raum oder gemeinsame Unternehmungen kommen dem Bedürfnis des Kindes entgegen. Für ein junges Kind ist die Anwesenheit von Pflegemutter oder Pflegevater ein notwendiger Sicherheitsfaktor und schützt vor sonst möglichen Trennungsängsten.
Anzahl der Kontakte, Ort, Zeit und die besuchenden Personen müssen vorab in einem Hilfeplan festgehalten werden. Wichtig sind ebenfalls klare Vereinbarungen zu Fragen wie z.B.: Wie lange warten wir? Was passiert, wenn das Kind nicht mehr bleiben will? Was, wenn es erst gar nicht kommen will? Wer kann den Kontakt beenden? Was ist, wenn die Eltern nicht nüchtern sind? Was, wenn ein Kontakt mal ausfallen muss? usw.usw. Je klarer die Vereinbarungen desto weniger Streitigkeiten wird es geben.
Generell geltende allgemeingültige Besuchsregelungen wie in Heimen oder befristeten Vollzeitpflegen gibt es bei der unbefristeten Vollzeitpflege nicht.
Hier muss für jedes Kind eine individuelle Lösung gefunden werden, die
aufgrund der Entwicklung des Kindes,
aufgrund der Wünsche des Kindes und
unter besonderer Beachtung der Reaktionen des Kindes auf die Besuchskontakte
auch Veränderungen möglich machen muss. Regelmäßige Reflexionen der Kontakte sind daher unumgänglich notwendig.
Manche Kinder sind so verletzt und verletzlich, dass eine Umgangsregelung mit ihren leiblichen Eltern weitere schwere Schädigungen auslösen könnte. Dann müssen für einen notwendigen Zeitraum die Kontakte ausgesetzt werden. Um das Interesse der Eltern an der Entwicklung ihrer Kindes jedoch ernst zu nehmen, können in solchen Fällen Regelungen greifen, die keinen direkten Kontakt des Kindes mit seinen leiblichen Eltern vorsehen, die Eltern jedoch durch Sozialarbeiter, Vormund des Kindes oder auch durch die Pflegeeltern / Erziehungspersonen über das Kind Informationen bekommen. Telefonate, Mails, Briefe, Fotos – hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Durch ein solches Unterfangen bleibt die Möglichkeit bestehen, weiterhin zu den leiblichen Eltern Kontakt zu haben, um dann, wenn das Kind etwas von seinen leiblichen Eltern wissen möchte, mit ihnen sprechen oder sie vielleicht auch sehen möchte, diesen Kontakt intensiver wieder aufleben zu lassen. Dies würde dem Bedürfnis vieler Jugendlicher entsprechen, die Fragen zu sich selbst und ihrer Herkunft haben und die sich wünschen, diese Fragen von ihrer leiblichen Familie beantwortet zu bekommen.