Source: http://m.hensche.de/eugh-zur-mindestgroesse-fuer-polizisten-c-409-16-maria-eleni-kalliri.html
Timestamp: 2018-09-22 02:17:03
Document Index: 291740821

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.3', 'Art.2', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

HENSCHE Arbeitsrecht: EuGH zur Mindestgröße für Polizisten
EuGH zur Min­dest­grö­ße für Po­li­zis­ten
Ei­ne ein­heit­li­che Min­dest­grö­ße von 170 cm für männ­li­che und weib­li­che Po­li­zei­an­wär­ter ist dis­kri­mi­nie­rend: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 18.10.2017, C-409/16 (Ma­ria-Ele­ni Kal­li­ri)
23.10.2017. Deut­sche jun­ge Män­ner sind ak­tu­ell im Durch­schnitt et­wa 181 cm groß, deut­sche jun­ge Frau­en et­wa 168, so je­den­falls die von DES­TA­TIS für das Jahr 2013 be­reit­ge­stell­ten Da­ten.
Ge­hört da­her ei­ne ein­heit­li­che Min­dest­kör­per­grö­ße zu den Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen bei der Po­li­zei oder bei der Feu­er­wehr, müs­sen sich dem­ent­spre­chend öf­ter Frau­en als Män­ner an­hö­ren, dass sie "zu klein" sind.
Am Mitt­woch letz­ter Wo­che hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) in ei­nem grie­chi­schen Vor­la­ge­fall ent­schie­den, dass ei­ne ein­heit­lich für Män­ner und Frau­en gel­ten­de Min­dest­grö­ße von 170 cm für den Po­li­zei­dienst ei­ne mit­tel­ba­re ge­schlechts­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung weib­li­cher Be­wer­ber ist: EuGH, Ur­teil vom 18.10.2017, C-409/16 (Ma­ria-Ele­ni Kal­li­ri).
Sind für Männer und Frauen gleiche Mindestkörpergrößen als Einstellungsvoraussetzungen für den Polizeidienst mit dem Europarecht vereinbar?
Die Richt­li­nie 76/207/EWG des Ra­tes vom 09.02.1976 zur Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung von Männern und Frau­en pp. (Gleich­be­hand­lungs­richt­li­ne) in der Fas­sung der Richt­li­nie 2002/73/EG ver­bie­tet Be­nach­tei­li­gun­gen auf­grund des Ge­schlechts beim Zu­gang zur abhängi­gen Beschäfti­gung, wo­bei Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) der (geänder­ten) Richt­li­nie aus­drück­lich her­vor­hebt, dass die "Aus­wahl­kri­te­ri­en und Ein­stel­lungs­be­din­gun­gen" frei von je­der un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung sein müssen.
Ei­ne mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts liegt gemäß Art.2 Abs.2 der (geänder­ten) Richt­li­nie vor,
"wenn dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren Per­so­nen, die ei­nem Ge­schlecht an­gehören, in be­son­de­rer Wei­se ge­genüber Per­so­nen des an­de­ren Ge­schlechts be­nach­tei­li­gen können, es sei denn, die be­tref­fen­den Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich".
Die Fest­le­gung ei­ner Min­destkörper­größe für den Zu­gang zum Po­li­zei­dienst ist ei­ne ty­pi­sche mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung von (durch­schnitt­lich körper­lich klei­ne­ren) Frau­en im Sin­ne die­ser De­fi­ni­ti­on, so dass es dar­auf an­kommt, ob die­se Be­nach­tei­li­gung "durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich" ist.
Hier ar­gu­men­tie­ren die po­li­zei­li­chen Ein­rich­tun­gen, die bei der Ein­stel­lung von Anwärtern und Anwärte­rin­nen ei­ne be­stimm­te Min­destkörper­größe ver­lan­gen, dass der Po­li­zei­dienst die Fest­nah­me von Straftätern und den Schutz von Per­so­nen be­inhal­tet, was wie­der­um die An­wen­dung körper­li­cher Ge­walt ge­genüber Per­so­nen und da­mit ei­ne be­stimm­te Min­destkörper­größe von Po­li­zis­ten und Po­li­zis­tin­nen er­for­der­lich macht.
Der Vorlagefall: Griechische Polizeischulen verlangen für das akademische Jahr 2007/2008 eine Mindestgröße von 170 cm für weibliche und männliche Anwärter
In dem aus Grie­chen­land stam­men­den Streit­fall ging es um Per­so­nal­aus­wahl-Vor­ga­ben, die ursprüng­lich aus den Jah­ren 1995 und 2003 stamm­ten und gemäß ei­ner Ent­schei­dung des Lei­ters der grie­chi­schen Po­li­zei auch noch für das aka­de­mi­sche Jahr 2007/2008 gal­ten, d.h. für die Anwärter und Anwärte­rin­nen, die in die­sem Jahr in die Schu­len für Of­fi­zie­re und Po­li­zis­ten der grie­chi­schen Po­li­zei auf­ge­nom­men wer­den woll­ten. Die­sen Aus­wahl­vor­ga­ben zu­fol­ge muss­ten die Be­wer­ber für die­ses Aus­wahl­ver­fah­ren oh­ne Schu­he min­des­tens 170 cm groß sein.
Ei­ne 168 cm große Be­wer­be­rin, Frau Ma­ria-Ele­ni Kal­li­ri, wur­de we­gen ih­rer zu ge­rin­gen Körper­größe ab­ge­lehnt und ging ge­gen die­se Ent­schei­dung ge­richt­lich vor, erst­in­stanz­lich mit Er­folg. Der für die Be­ru­fung zuständi­ge Staats­rat (Sym­vou­lio tis Epik­ra­tei­as) setz­te das Ver­fah­ren aus und frag­te den EuGH, ob die um­strit­te­ne grie­chi­sche Ein­stel­lungs­vor­ga­be mit den eu­ropäischen An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­ni­en 76/207/EWG, 2002/73/EG und 2006/54/EG ver­ein­bar wäre.
EuGH: Eine für Männer und Frauen gleichermaßen geltende Mindestgröße von 170 cm für Polizeianwärter ist eine europarechtswidrige Diskriminierung wegen des Geschlechts
Der Ge­richts­hof ent­schied wie prak­tisch im­mer in mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rungsfällen, dass das an­fra­gen­de na­tio­na­le Ge­richt prüfen müsse, ob es aus­rei­chen­de sach­li­che Gründe für die Schlech­ter­stel­lung gibt oder nicht. Da­bei macht der EuGH aber deut­lich, dass ei­ne sol­che Recht­fer­ti­gung nur schwer vor­stell­bar ist.
Denn ers­tens, so der Ge­richts­hof, be­steht der Po­li­zei­dienst nicht nur in körper­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Straftätern. Viel­mehr er­for­dern an­de­re Po­li­zei­auf­ga­ben "wie der Bei­stand für den Bürger und die Ver­kehrs­re­ge­lung of­fen­kun­dig kei­nen ho­hen körper­li­chen Ein­satz" (Ur­teil, Rn.38).
Zwei­tens wur­de die hier um­strit­te­ne Min­destkörper­größe von stol­zen 170 cm (!) vom grie­chi­schen Staat nicht kon­se­quent an­ge­wandt, denn bis 2003 galt für weib­li­che Po­li­zei­anwärter ei­ne ge­rin­ge­re Min­destkörper­größe (von nur 165 cm). Außer­dem beträgt die Min­dest­größe für Frau­en bei den grie­chi­schen Streit­kräften, der grie­chi­schen Ha­fen­po­li­zei und der grie­chi­schen Küsten­wa­che nur 160 cm.
Sch­ließlich deu­tet der EuGH an, dass das hier ver­folg­te Re­ge­lungs­ziel (aus­rei­chen­de körper­li­che Fit­ness von Po­li­zei­anwärtern und -Anwärte­rin­nen) auch mit we­ni­ger be­las­ten­den Mit­teln er­reicht wer­den könn­te. Hier denkt der Ge­richts­hof an ei­ne "Vor­aus­wahl der Be­wer­ber für das Aus­wahl­ver­fah­ren für den Zu­gang zu den Schu­len für Of­fi­zie­re und Po­li­zis­ten, die auf spe­zi­fi­schen Prüfun­gen zur Über­prüfung ih­rer körper­li­chen Fähig­kei­ten be­ruht".
Das Ur­teil des EuGH hat für die in Deutsch­land geführ­te Dis­kus­si­on über die Min­dest­größe von Po­li­zei­anwärte­rin­nen kei­ne un­mit­tel­ba­re Be­deu­tung, da es hier um we­sent­lich nied­ri­ge­re Größen­an­for­de­run­gen geht wie z.B. die in Ber­lin er­for­der­li­che Min­dest­größe von 160 cm (Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 01.06.2017, 5 K 219.16) oder die in Nord­rhein-West­fa­len (NRW) er­for­der­li­chen 163 cm (Ober­ver­wal­tungs­ge­richt (OVG) NRW, Ur­teil vom 21.09.2017, 6 A 916/16).
Da in ei­ni­gen Bun­desländern für Frau­en ge­rin­ge­re Größen­vor­ga­ben gel­ten als für Männer, hat sich hier al­ler­dings ein ganz an­de­res ju­ris­ti­sches Pro­blem er­ge­ben, nämlich die Fragwürdig­keit der (um ei­ni­ge cm höhe­ren) Min­dest­größe für die Männer. Die­se Größen­vor­ga­be be­nach­tei­ligt nämlich die Männer, da die Ver­wal­tung ja durch die nied­ri­ge­re Größen­vor­ga­be für die weib­li­chen Be­wer­ber zu­ge­steht, dass die­se ge­rin­ge­re Min­destkörper­größe für den Po­li­zei­dienst aus­reicht (Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 08.08.2017, 2 K 7427/17, OVG NRW, Ur­teil vom 21.09.2017, 6 A 916/16). So ge­se­hen gibt es kei­ne sach­li­che Recht­fer­ti­gung der (um ei­ni­ge cm höher lie­gen­den) Min­dest­größe für die Männer.
Fa­zit: Das EuGH-Ur­teil be­deu­tet nicht, dass Min­dest­größen für Po­li­zei­anwärte­rin­nen ge­ne­rell eu­ro­pa­rechts­wid­rig sind. Die Bun­desländer, die sol­che Vor­ga­ben ma­chen, können da­her im Prin­zip wei­ter an ih­nen fest­hal­ten. Al­ler­dings soll­te man die­se auf ei­nen Min­dest­wert von z.B. 160 cm ab­sen­ken und ergänzen­de Härte­fall­re­ge­lun­gen für Be­wer­be­rin­nen schaf­fen, die die­sen Wert nur knapp ver­feh­len. Sie soll­ten die Chan­ce er­hal­ten, durch ergänzen­de Eig­nungs­tests zu zei­gen, dass sie den An­for­de­run­gen des Po­li­zei­diens­tes auch mit ei­ner ge­rin­ge­ren Körper­größe ge­wach­sen sind.
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 18.10.2017, C-409/16 (Ma­ria-Ele­ni Kal­li­ri)
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 13.11.2014, C-416/13 (Vi­tal Pérez)
Sta­tis­ti­sches Bun­des­amt / DES­TA­TIS, Körper­maße nach Al­ters­grup­pen und Ge­schlecht, Er­geb­nis­se des Mi­kro­zen­sus 2013
Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len, Ur­teil vom 21.09.2017, 6 A 916/16
Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 08.08.2017, 2 K 7427/17
Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 01.06.2017, 5 K 219.16
Ver­wal­tungs­ge­richt Gel­sen­kir­chen, Ur­teil vom 14.03.2016, 1 K 3788/14
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/392 Höchst­al­ter bei der Po­li­zei in Spa­ni­en