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Timestamp: 2019-08-20 02:01:23
Document Index: 178303923

Matched Legal Cases: ['§ 254', '§ 522', '§ 254', 'BGH', '§ 520', '§ 529', '§ 287', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 249', '§ 287', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 253', 'BGH', '§ 254', '§ 823', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 529', '§ 66']

Zur Arzthaftung wegen unterlassener Kenntnisnahme eines Laborbefundes | Rechtsanwaltskanzlei Skwar
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OLG Koblenz, Urteil vom 25.09.2017 – 5 U 427/17
1. Es liegt ein grober Organisationsfehler vor, wenn nicht sichergestellt wird, dass bei der hausärztlichen Versorgung ein Laborbefund sowie die in der Praxis erhobene Blutsenkungsgeschwindigkeit auch ohne Patientenkontakt zur Kenntnis genommen, ausgewertet und erforderlichenfalls nach Kontaktaufnahme zum Patienten mit diesem besprochen werden.(Rn.20)
2. Allein der Umstand, dass ein Patient einen Laborbefund einfach persönlich in der Praxis abholt und damit ein Arzt-Patient-Gespräch verhindert, begründet kein Mitverschulden i.S.d. § 254 Abs. 1 BGB.(Rn.28)
3. Allein ein möglicherweise vorliegender grober Behandlungsfehler des nachbehandelnden Arztes beeinträchtigt die Zurechnung der kausalen Schadensfolgen gegenüber dem erstbehandelnden Arzt nicht. Die wertende Zuordnung der Schadensfolgen zum Verhalten des nachbehandelnden Arztes kommt nicht in Betracht, wenn die Behandlung durch dessen mutmaßliches Fehlverhalten nicht in eine völlig neue Richtung gelenkt wurde, das durch die Fehlbehandlung des erstbehandelnden Arztes gesetzte Risiko nicht abgeklungen war und beide Fehlverhalten zumindest gleichwertig nebeneinander stehen.(Rn.24)
4. Leidet die Mutter der kurz nach Diagnosestellung an Leukämie verstorbenen Tochter anschließend an psychischen Beschwerden, die mit einer weitreichenden Isolierung, dem nahezu völligen Verlust von Lebensfreude sowie einer Beeinträchtigung der Lebensfähigkeit dahin, dass sie gefüttert werden musste, einhergehen, kann dies nicht mehr als „normales Lebensrisiko“ eingeordnet werden.(Rn.34)
1. Der Senat weist die Parteien darauf hin, dass er beabsichtigt, die Berufung des Beklagten gegen das Urteil der 10. Zivilkammer des Landgerichts Koblenz vom 15. März 2017 einstimmig gemäß § 522 Abs. 2 ZPO zurückzuweisen.
Am 8. Februar 2010 stellte sich die Tochter der Kläger notfallmäßig im …[E]-Krankenhaus in …[Z] mit Gliederschmerzen, Muskelschmerzen und trockenem Husten vor. Mit der Verdachtsdiagnose akuter Leukämie wurde sie am 10. Februar 2010 in die Universitätsklinik nach …[Y] verlegt. Dort stellten die behandelnden Ärzte die Diagnose einer unreifen akuten biologischen Leukämie bei bestehender Lungenentzündung. Am 18. Februar 2010 kam es zu einem ausgedehnten Hirninfarkt, an welchem die Tochter der Kläger verstarb. Sie wurde von den Klägern beerbt.
Die Kläger haben zur Begründung ihres auf Zahlung eines angemessenen Schmerzensgeldes aus ererbtem Recht wegen der gesundheitlichen Beeinträchtigungen ihrer Tochter sowie eines Schmerzensgeldes für die Klägerin zu 1) und den Kläger zu 2) infolge des Todesfalls erlittener Schäden, auf Ersatz der Beerdigungskosten in Höhe von 7.108 €, auf Erstattung der angefallenen Rechtsanwaltskosten in Höhe von 2.161,99 € sowie auf Feststellung der Einstandspflicht des Beklagten für sämtliche künftigen materiellen Schäden der Kläger gerichteten Begehrens vorgetragen, der Beklagte hätte zwingend von den Laborwerten Kenntnis nehmen und ihre Tochter informieren müssen. Notfalls hätte er eigenständig zu ihr Kontakt aufnehmen müssen. Eine Kenntnisnahme von den Laborwerten hätte zu einer Überweisung an einen Hämatologen geführt. In der entsprechenden Unterlassung liege die Ursache für den späteren Todeseintritt. Die Heilungschancen im August 2009 seien deutlich besser gewesen als bei Diagnosestellung im Februar 2010. Ihre Tochter habe infolge der unterlassenen Auswertung der Laborwerte monatelang unter starken Beschwerden (Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen und Gliederschmerzen) gelitten. Ihre Leistungsfähigkeit sei eingeschränkt gewesen. Nach der Verlegung in die Universitätsklinik in …[Y] sei es ihr immer schlechter gegangen und ihr hätten Opiate verabreicht werden müssen. Die Klägerin zu 1) leide seit dem Tod ihrer Tochter unter schwersten Depressionen und massiven psychosomatischen Beschwerden. Noch heute bestünden Schlaf- und Essstörungen. Ihre berufliche Tätigkeit habe sie weitgehend aufgeben müssen und erst rund zwei Jahre nach dem Tod ihrer Tochter wieder stundenweise aufnehmen können. Auch der Kläger zu 2) leide seit dem Todesfall an einer chronisch rezidivierenden Depression. Für die Beerdigung ihrer Tochter seien den Klägern Kosten in Höhe von 7.108,88 € entstanden.
Das Landgericht hat den Beklagten verurteilt, an die Kläger ein Schmerzensgeld wegen der von ihrer Tochter erlittenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Höhe von 20.000 €, Beerdigungskosten in Höhe von 7.108 €, ein Schmerzensgeld wegen der der Klägerin zu 1) entstandenen Gesundheitsschäden in Höhe von 10.000 € zu zahlen sowie die Kläger von vorgerichtlichen Rechtsanwaltskosten in Höhe von 1.419,19 € freizustellen. Zugleich hat das Landgericht festgestellt, dass der Beklagte verpflichtet ist, der Klägerin zu 1) sämtliche zukünftigen materiellen Schäden infolge des Todeseintritts ihrer Tochter zu ersetzen. Im Übrigen hat das Landgericht die Klage abgewiesen. Der Beklagte sei gegenüber der verstorbenen Tochter der Kläger eintrittspflichtig gewesen, weshalb diese einen Schmerzensgeldanspruch in Höhe von 20.000 € geerbt hätten. Dem Beklagten sei ein grober Organisationsfehler vorzuwerfen, da er nicht sichergestellt habe, die ermittelten Laborwerte auszuwerten. Infolge der unterbliebenen Behandlung des Krankheitsbildes habe die Tochter der Kläger in der Zeit von November 2009 bis zu ihrem Tod im Februar 2010 unter starken Beschwerden gelitten. Dies rechtfertige es ein Schmerzensgeld von 20.000 € zuzuerkennen. Zwar wäre es auch bei Behandlung einer akuten Leukämie zu Beschwerden der Tochter der Kläger gekommen, doch hätte diese dann zumindest eine Schmerzmedikation erhalten. Der Klägerin zu 1) stehe ein Schmerzensgeldanspruch in Höhe von 10.000 € zu. Das Verhalten des Beklagten habe zum Versterben ihrer Tochter geführt. Hiervon sei aufgrund des Vorliegens eines groben Behandlungsfehlers des Beklagten auszugehen. Durch den Tod ihrer Tochter habe die Klägerin eine schwere depressive Episode sowie eine akute Belastungsreaktion erlitten. Bis heute bestünde ein mittelschweres depressives Syndrom. Dem Kläger zu 2) stehe hingegen kein Schmerzensgeldanspruch zu. Allerdings sei ein Anspruch auf Erstattung der Beerdigungskosten in Höhe von 7.108 € begründet. Im Übrigen wird auf die Entscheidungsgründe des angefochtenen Urteils (Bl. 558 ff. GA) Bezug genommen.
Hiergegen wendet sich der Beklagte mit seiner Berufung und dem Begehren, das Urteil aufzuheben und die Sache an das Landgericht zurückzuverweisen. Das Landgericht stelle lediglich auf einen groben Organisationsfehler des Beklagten ab. Indes habe er vorgetragen, dass ein gravierenderes ärztliches Versagen der Streithelfer vorliege. Dieses lasse die Zurechnung der Schadensfolgen mit Blick auf seine Einstandspflicht entfallen. Hiermit habe sich das Landgericht nicht auseinandergesetzt. Zudem sei das Schmerzensgeld bezüglich der gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Tochter der Kläger übersetzt. Die vom Landgericht angeführten körperlichen Beschwerden könnten ein Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 € nicht tragen. Dabei sei zu berücksichtigen, dass der Patientin ein erhebliches Mitverschulden nach § 254 Abs. 1 BGB vorzuwerfen sei, da sie sich auch nach dem Auftreten der Beschwerden nicht in qualifizierte fortdauernde fachärztliche Behandlung begeben habe. Schließlich sei vernachlässigt gelassen worden, dass die Patientin in völlig unvernünftiger Art und Weise das ihr angebotene Arztgespräch hinsichtlich des Laborbefundes abgelehnt und den Befundbericht ohne Arzt-Patient-Gespräch mitgenommen habe. Das der Klägerin zu 1) zugesprochene Schmerzensgeld in Höhe von 10.000 € sei ebenfalls übersetzt. Der Klägerin zu 1) müsse der Einwand eines erheblichen Mitverschuldens an der Fortwirkung des Schadens vorgehalten werden. Dies gelte auch für den erhobenen Anspruch auf Feststellung der Einstandspflicht für materielle Zukunftsschäden. Im Übrigen wird auf die Berufungsbegründung vom 7. Juni 2017 (Bl. 606 ff. GA) verwiesen. Sein Streithelfer nimmt hierauf Bezug und stellt einen eigenen Behandlungsfehler in Abrede.
Sie verteidigen das angefochtene Urteil unter Wiederholung und Vertiefung ihres erstinstanzlichen Vorbringens. Es könne der Berufung nicht zum Erfolg verhelfen, dass nunmehr ein erhebliches Verschulden der Streithelfer angeführt werde. Die Einstandspflicht des Beklagten umfasse auch etwaige Fehler der nachbehandelnden Ärzte, die vorliegend ohnehin nur mit einem eingeschränkten Verantwortungsbereich – der kieferorthopädischen Operation – tätig geworden seien. Die zugemessenen Schmerzensgelder seien angemessen, da weder der verstorbenen Patientin noch der Klägerin ein Mitverschuldensvorwurf entgegengehalten werden könne. Insoweit wird auf die Berufungserwiderung vom 24. Juli 2017 (Bl. 620 ff. GA) verwiesen. Die Streithelfer der Kläger sehen keine Grundlage für ein eigenes Fehlverhalten; ohnehin sei deren Verhalten nicht geeignet, den Zurechnungszusammenhang bezüglich der Haftung des Beklagten entfallen zu lassen. Insoweit wird auf ihren Schriftsatz vom 18. September 2017 (Bl. 638 ff. GA) Bezug genommen.
Die Berufung des Beklagten ist zulässig, obgleich diese keinen ausdrücklich und bestimmt formulierten Berufungsantrag enthält. Denn es genügt, wenn die Berufungsbegründung ihrem Inhalt nach eindeutig ergibt, in welchem Umfang und mit welchem Ziel das Urteil angefochten werden soll (BGH, NJW 2015, 1606). Dies ist der Fall. Auf Seite 4 der Berufungsbegründung teilt der Beklagte mit, nach seiner Ansicht sei das landgerichtliche Urteil aufzuheben und zur erneuten Sachaufklärung an das Landgericht zurückzuverweisen. Ein solcher lediglich auf Aufhebung und Zurückverweisung gerichteter Antrag genügt, weil er bereits die Weiterverfolgung des bisherigen Sachbegehrens als Ziel des Rechtsmittels erkennen lässt (vgl. nur BeckOK-ZPO/Wulf, Ed. 24, § 520 Rdnr. 15 m.w.N.), die nachträglich vom Beklagten im Schriftsatz vom 27. Juli 2017 auch ausdrücklich als Berufungsantrag formuliert wurde.
a) Die Feststellungen des Landgerichts zum Anspruchsgrund sind – unabhängig von der Frage des Wegfalls des Zurechnungszusammenhangs – nicht zu beanstanden. Der Senat hat sie seiner Entscheidung zugrunde zu legen (§ 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO). Es bestehen keine Zweifel an der Richtigkeit der Feststellungen des Landgerichts. Die Würdigung, es liege ein grober Organisationsfehler des Beklagten vor, da in seiner Praxis nicht sichergestellt gewesen sei, dass er den Laborbefund sowie die erhobene Blutsenkungsgeschwindigkeit auch ohne Patientenkontakt zur Kenntnis nehme, auswerte und erforderlichenfalls nach Kontaktaufnahme zu der Patientin mit dieser bespreche, ist nicht zu beanstanden. Insoweit schließt sich der Senat den Ausführungen des Landgerichts an. Hinsichtlich der haftungsbegründenden Kausalität greift daher die vom Bundesgerichtshof entwickelte Beweislastumkehr bei einem groben Behandlungsfehler. Diese Beweislastumkehr erfasst grundsätzlich nur den Primärschaden. Insoweit kann der Senat offenlassen, ob auch die im Februar 2010 eingetretene Lungenentzündung sowie der anschließende Hirninfarkt – wie es das Landgericht angenommen hat – von der Beweislastumkehr erfasst werden oder ob diese als Sekundärschäden nicht in die Reichweite der Beweislastumkehr fallen. Denn auch dann wäre von einem Kausalzusammenhang hinsichtlich der weiteren Schadensfolgen auszugehen. Insoweit ist zu beachten, dass die haftungsausfüllende Kausalitätsverknüpfung zu körperlichen Folgeerscheinungen der Primärschädigung den geringeren Beweisanforderungen des § 287 ZPO unterliegt (vgl. nur BGH, NJW 2008, 1381). Für die Beweisführung reicht es danach aus, wenn für die Behauptung eine überwiegende Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann (vgl. nur BGH, NJW 2011, 375). Auf der Grundlage des Gutachtens des onkologischen Sachverständigen ist mit zumindest überwiegender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die (zumindest) als Primärschädigung anzusehende unbehandelte Fortentwicklung der Leukämie Ursache für die Lungenentzündung war und diese wiederum mit zumindest überwiegender Wahrscheinlichkeit zu dem Hirninfarkt geführt hat. Dies lässt sich dem Gutachten des Sachverständigen Prof. Dr. …[A] unmissverständlich entnehmen (Bl. 362 GA; „gutachterlicherseits keinen Zweifel an der Zuordnung dieser Todesursache zu der Gesamtsituation“). Insofern hat das Landgericht zutreffend sämtliche festgestellten gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei der Schmerzensgeldzumessung zugrunde gelegt.
Soweit erstinstanzlich der Einwand erhoben wurde, es wäre ohnehin zu diesem Verlauf gekommen, handelt es sich hierbei um den Einwand des rechtmäßigen Alternativverhaltens. Insoweit obliegt es indes dem Beklagten als Schädiger, den Beweis zu erbringen, der Schaden wäre auch beim rechtmäßigen Verhalten eingetreten (BGH, NJW 2005, 1718). Dabei muss der Schädiger den vollen Beweis führen. Es reicht nicht, wenn er darauf verweist, bei einem rechtmäßigen Verhalten wäre der Schaden möglicherweise ebenfalls eingetreten (vgl. nur Baumgärtel/Laumen/Prütting/Helling, Handbuch der Beweislast, 3. Aufl. 2008, § 249 BGB). Selbst wenn hierbei ebenfalls lediglich das Beweismaß des § 287 ZPO herangezogen werden müsste, besteht keine Grundlage für die Berufung des Beklagten auf ein rechtmäßiges Alternativverhalten. Aus dem onkologischen Gutachten des Sachverständigen Prof. Dr. …[A] ergibt sich, dass die Wahrscheinlichkeit für einen frühen Tod unter Therapie im August 2009 bei 5% gelegen habe. Insofern kann nicht von einer überwiegenden Wahrscheinlichkeit für einen gleichartigen Verlauf ausgegangen werden.
Grundsätzlich haftet der fehlerhaft erstbehandelnde Arzt für alle adäquat-kausalen Schadensfolgen. Die Verantwortung entfällt daher weder allein dadurch, dass sich der Patient in die Hände eines die weitere Behandlung vollständig übernehmenden Arztes begeben hat, noch dadurch, dass auch diesem Arzt eigene Behandlungsfehler unterlaufen (vgl. nur BGH, NJW 2012, 2024). Neben dem vorsätzlichen Dazwischentreten Dritter bzw. des Verletzten trifft den Erstschädiger in zwei Fällen keine Haftung. Zum einen, wenn das Erstrisiko bei Weiterbehandlung durch den nachbehandelnden Arzt bereits abgeklungen ist, sich der erste Behandlungsfehler auf den weiteren Kausalverlauf auch nicht mehr ausgewirkt hat, und es deshalb an einem inneren Zusammenhang fehlt (OLG Saarbrücken, MedR 2000, 326). Zudem kommt ein Unterbrechen des Kausalzusammenhangs in Betracht, wenn ein Versagen des nachbehandelnden Arztes in außergewöhnlich hohem Maße festgestellt werden kann, der durch den erstbehandelnden Arzt an sich bereits angelegte Schaden also erst durch ein völlig ungewöhnliches und völlig unsachgemäßes Verhalten des weiteren Arztes (mit dem wegen seiner Ungewöhnlichkeit unter normalen Umständen nicht zu rechnen war), entscheidend ausgelöst wird. Erforderlich ist also, dass der die Zweitschädigung herbeiführende Arzt in außergewöhnlich hohem Maße die an ein gewissenhaftes Verhalten zu stellenden Anforderungen außer Acht gelassen und derart gegen alle ärztlichen Regeln verstoßen haben muss, dass der Schaden seinem Handeln haftungsrechtlich-wertend allein zugeordnet werden muss (BGH, NJW 2012, 2024, BGH, VersR 2003, 1128). Allein ein grober Behandlungsfehler des nachbehandelnden Arztes ändert an der Zurechnung der kausalen Schadensfolgen gegenüber dem erstbehandelnden Arzt nichts (vgl. auch Geiß/Greiner, Arzthaftpflichtrecht, Rdnr. B 191: nur noch äußerer, gleichsam zufälliger Zusammenhang; Steffen/Pauge, Arzthaftungsrecht, Rdnr. 283: Zurechnung soweit durch groben Behandlungsfehler der Behandlungsverkauf nicht richtungsgebend verändert wurde; Wertenbruch, NJW 2008, 2962: Verhalten im obersten Bereich der groben Fahrlässigkeit).
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hängt die Höhe des zuzubilligenden Schmerzensgeldes in erster Linie von dem Maß der Lebensbeeinträchtigung ab (vgl. nur BeckOK-BGB/Spindler, Ed. 41, § 253 Rdnr. 26 m.w.N.). Der Umfang der Lebensbeeinträchtigung wird insbesondere durch Ausmaß und Dauer erlittener Schmerzen und Beeinträchtigungen sowie durch Dauerfolgen der Verletzungen bestimmt. Bei der Bemessung des Schmerzensgeldes bei einer Gesundheits- oder Körperverletzung, an deren Folgen der Verletzte alsbald stirbt, erfordert eine Gesamtbetrachtung der immateriellen Beeinträchtigung unter besonderer Berücksichtigung von Art und Schwere der Verletzungen den Blick auf das hierdurch bewirkte Leiden und dessen Wahrnehmung durch den Verletzten sowie auf den Zeitraums zwischen Verletzung und Eintritt des Todes (vgl. BGH, NJW 1998, 2741). Insofern ist der baldig eintretende Tod bei der Schmerzensgeldzumessung durchaus zu berücksichtigen.
Ein Mitverschulden, das zur Mäßigung, aber nicht zur Quotierung des Schmerzensgeldbetrages führen würde, ist nicht ersichtlich. Allein der Umstand, dass die Patientin die Laborbefunde nach dem Vorbringen des Beklagten bei diesem in der Praxis einfach abgeholt und ein Arzt-Patient-Gespräch verhindert habe, begründet kein Mitverschulden im Sinne des § 254 Abs. 1 BGB. Denn es ist nicht ersichtlich, inwiefern in diesem Zusammenhang von einem schuldhaften Verhalten auszugehen wäre. Der Beklagte schildert keine Situation, die es der Patientin aufzeigen musste, dass eine ärztliche Behandlung dringend angezeigt ist. Sie konnte sich andererseits darauf verlassen, dass erhobene Befunde auch ärztlicherseits ausgewertet werden, wie es erkennbar zum ärztlichen Pflichtenkreis gehörte. Auch für die Folgezeit kann der Patientin kein Mitverschulden angelastet werden. Der Beklagte trägt die Darlegungs- und Beweislast für ein Mitverschulden der Tochter der Kläger. Die Kläger haben indes vorgetragen, dass ihre Tochter die Beschwerden auf ihre berufliche Tätigkeit zurückgeführt und sie wegen der grippeähnlichen Beschwerden auch einmal Antibiotika eingenommen hat. Der Senat kann offenlassen, ob überhaupt eine gesundheitliche Situation gegeben war, in der die Tochter der Kläger auf eine umfassende gesundheitliche Überprüfung hätte hinwirken müssen. Ihre als grippeähnlich geschilderten Beschwerden, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer beruflichen Tätigkeit hingenommen und die sie dieser – wie etwa die Gliederschmerzen – auch zugeordnet hat, begründen jedenfalls keinen dem groben Behandlungsfehler des Beklagten entgegenzuhaltenden Mitverschuldensvorwurf, der eine Absenkung des Schmerzensgeldes von 20.000 € gebieten würde. Ergänzend sei angemerkt, dass auch keine Ausnahme von der Beweislastumkehr wegen des groben Behandlungsfehlers geboten ist, da nicht nur ein Mitverschulden fehlt, sondern auch das Fehlverhalten des Beklagten gerade die unterlassene Sicherstellung der Kenntnisnahme von dem Laborbefund im Falle des nicht erneuten Praxisbesuchs der Patientin betraf.
Von einer Gesundheitsverletzung der Klägerin zu 1) ist auszugehen. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichthofes kann auch eine durch ein haftungsbegründendes Ereignis ausgelöste, traumatisch bedingte psychische Störung von Krankheitswert eine Gesundheitsverletzung im Sinne des § 823 Abs. 1 BGB darstellen. Eine Schadensersatzpflicht für die psychische Auswirkung einer Verletzungshandlung setzt danach nicht voraus, dass hierfür eine organische Ursache besteht. Vielmehr genügt grundsätzlich die hinreichende Gewissheit, dass die psychisch bedingte Gesundheitsverletzung ohne die Verletzungshandlung nicht aufgetreten wäre (vgl. nur BGH, NJW 2015, 1451 m.w.N.). In bestimmten Konstellationen kann eine Gesundheitsverletzung auch bei einem Dritten, also einer nicht unmittelbar am Schadensereignis beteiligten Person vorliegen. Derartige psychisch vermittelte Gesundheitsverletzungen müssen indes pathologisch fassbar sein und über die gesundheitlichen Beeinträchtigungen hinausgehen, denen Angehörige in entsprechenden Situationen erfahrungsgemäß ausgesetzt sind (vgl. nur BGH, NJW 2012, 1730). Zudem bedarf es einer besonderen personalen Beziehung des mittelbar Geschädigten zu dem Schwerverletzten oder getöteten Menschen, wofür das Vorliegen gegebene Eltern-Kind-Verhältnis genügt (vgl. BGH, NJW-RR 2007, 1395).
Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme ist der Senat vom Vorliegen einer Gesundheitsverletzung der Klägerin zu 1) überzeugt. Das Landgericht hat diese unter nicht zu beanstandender Würdigung des Ergebnisses der Beweisaufnahme – hier des eingeholten forensisch-psychiatrischen Sachverständigengutachtens – angenommen. Der Senat nimmt hierauf Bezug und schließt sich den landgerichtlichen Ausführungen in vollem Umfang an. Der Beklagte erhebt in der Berufungsbegründung hiergegen lediglich den Einwand, es sei widersprüchlich und unklar, ob die Klägerin zu 1) an einer „mittelschweren depressiven Verstimmung“ oder an einer „schweren depressiven Verstimmung“ leide. Insoweit verkennt der Beklagte, dass der Sachverständige und hieran anknüpfend das Landgericht zwischen dem unmittelbar nach dem Versterben der Tochter der Kläger eingetretenen Gesundheitszustand sowie der weiteren Entwicklung mit einer gewissen Mäßigung des Krankheitsbildes unterscheidet. Der Sachverständige hat unmissverständlich und sorgfältig begründet klargestellt, dass bei der Klägerin zu 1) nach dem Tod ihrer Tochter eine schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (ICD-10: F32.2) begleitet von einer akuten Belastungsreaktion (ICD-10: F43.0) vorgelegen hat. Daran, dass der durchaus dramatische Todesfall ein geeignetes Traumaereignis darstellt, hat der Senat keinerlei Zweifel. Auch im Übrigen stellt sich die vom Sachverständigen angeführte Einschätzung der gesundheitlichen Situation der Klägerin als sorgfältig und überzeugend dar. Mangels konkreter Einwände des Beklagten gegen die landgerichtliche Würdigung, sieht der Senat keine Zweifel an den getroffenen Feststellungen, weshalb diese bindend im Sinne des § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO sind.
Diese Gesundheitsverletzungen gehen über die gesundheitlichen Beeinträchtigungen hinaus, denen Angehörige in entsprechenden Situationen erfahrungsgemäß ausgesetzt sind. Die Klägerin zu 1) hat Gesundheitsbeeinträchtigungen erlitten, die klar pathologisch fassbar sind. Sie gehen in ihrer Schwere über das „Normalmaß“ hinaus und weisen eine Intensität auf, die nicht mehr als „normales Lebensrisiko“ eingeordnet werden kann. Dies verdeutlicht nicht nur die schwerwiegende Diagnose, die der Sachverständige Dr. …[B] bestätigt hat. Auch der sich aus dem Sachverständigengutachten hergebende Krankheitsverlauf, der eine weitreichende Isolierung der Klägerin, dem nahezu völligen Verlust von Lebensfreude sowie eine Beeinträchtigung der Lebensfähigkeit dahin, dass sie gefüttert werden musste, beschreibt, eindrucksvoll entnehmen.
c) Das auf dieser Grundlage zugesprochene Schmerzensgeld des Landgerichts ist nicht zu beanstanden. Der Senat nimmt insoweit zur Vermeidung von Wiederholungen umfänglich auf die Ausführungen in der angefochtenen Entscheidung des Landgerichts Bezug. Die dortigen Ausführungen, nach denen ein Schmerzensgeld in Höhe von zumindest 10.000 € angemessen ist, werden vom Senat geteilt. Mit Blick auf die Schmerzensgeldzumessung kann der Senat dabei offenlassen, ob ein Mitverschulden der Klägerin wegen der bisher unterbliebenen therapeutischen Versorgung ihres Krankheitsbildes im erforderlichen Umfang vorliegt. Der Sachverständige Dr. …[B] hat klargestellt, dass die Klägerin angesichts des Schweregrades der erlittenen schweren depressiven Verstimmung nicht mehr frei willensbestimmt und somit nicht mehr in der Lage war, anhand rationaler Überlegungen eine Entscheidung zu treffen. Man hätte eine psychiatrische Behandlung nur gegen ihren erklärten Willen positionieren können (Bl. 449RS GA). Insofern kann der Klägerin für den Zeitraum unmittelbar nach dem Versterben ihrer Tochter, für den sich aus dem Sachverständigengutachten die unmittelbare Aufgabe der beruflichen Tätigkeit, die Unfähigkeit zur Teilnahme am sozialen Leben und zur Bewältigung des Alltags bis hin zu dem Bedürfnis, von ihrem Sohn gefüttert zu werden, das vom Landgericht angesetzte Schmerzensgeld von 10.000 € zugesprochen werden. Die Schilderungen des Sachverständigen, die diesen zu der Einschätzung verleitet haben, dass die Klägerin nicht mehr in der Lage war, rationale Entscheidungen zu treffen, zeigen klar das von ihr erlebte Leid auf. Bereits diese Phase nach dem Versterben der Tochter rechtfertigt das angesetzte Schmerzensgeld. Daher kann dahinstehen, inwiefern für die Zeit der späteren mittelschweren depressiven Verstimmung mit psychosomatischen Beschwerdebildern (ICD-10: F32.11) mit einer pathologischen Trauerreaktion im Sinne einer chronischen Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) ein Mitverschulden wegen der unterbliebenen therapeutischen Behandlung in Betracht kommen könnte.
Der Senat verweist darauf, dass er die Erklärung der Streithelfer Dr. Dr. …[C] und …[D]klinik gGmbH im Schriftsatz vom 18. September 2017 (Bl. 638 ff. GA), wonach für die Berufungsinstanz auf Seiten der Kläger beigetreten wird, als Rücknahme des ursprünglichen Beitritts auf Beklagtenseite und Neubeitritt auf Klägerseite. Ein derartiger Wechsel ist möglich (vgl. nur Zöller/Vollkommer, ZPO, 31. Auflage 2016, § 66 Rn. 18).
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