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Timestamp: 2020-02-17 18:39:16
Document Index: 369968320

Matched Legal Cases: ['§ 25', '§ 26', '§ 25', '§ 48', '§ 25', '§ 25', '§ 25', 'Art. 100', '§ 12', '§ 25', 'Art. 98', 'Art. 98', '§ 25', '§ 25', '§ 25']

195/03...
VfGBbg: 195/03 Beschluss vom: 24.06.2004 S-Nr.: 1110
Zitiervorschlag: VerfGBbg, Beschluss vom 24. Juni 2004 - VfGBbg 195/03 -, https://verfassungsgericht.brandenburg.de
VfGBbg 195/03
Gemeinde Boberow,
vertreten durch das Amt Karstädt,
hier: Eingemeindung der Gemeinde Boberow (Amt Karstädt) in die Gemeinde Karstädt
1. a) Die Eingliederung der Gemeinde Boberow in die Gemeinde Karstädt nach § 25 Abs. 1 des Fünften Gemeindegebietsreformgesetzes Brandenburg vom 24. März 2003 (GVBl I S. 82) verletzt die Gemeinde Boberow in ihrem Recht auf kommunale Selbstverwaltung. Die Regelung ist mit der Landesverfassung unvereinbar.
Die Beschwerdeführerin, eine bisher dem Amt Karstädt angehörende Gemeinde, wehrt sich gegen ihre Auflösung durch Eingliederung in die Gemeinde Karstädt.
1. Die Beschwerdeführerin liegt im Landkreis Prignitz ungefähr in der Mitte zwischen der Stadt Lenzen (Elbe), die 14 km entfernt ist, und der Gemeinde Karstädt (12 km). Alle Gemeinden des Amtes bildeten vertraglich zum 26. Oktober 2003 die neue Gemeinde Karstädt, mit Ausnahme der Beschwerdeführerin und der Gemeinde Nebelin. In den bisherigen Gemeinden des Amtes Karstädt leben ca. 7600 Einwohner, davon auf dem Gebiet der Beschwerdeführerin ungefähr 230.
2. Anfang Mai 2002 versandte das Ministerium des Inneren an die Beschwerdeführerin Unterlagen zu der beabsichtigten Eingliederung der Beschwerdeführerin in die Stadt Lenzen (Elbe) für die Anhörung der Bevölkerung an den Landrat, die in der Folge, u.a. im Amtsgebäude, für die Dauer eines Monats ausgelegt wurden.
3. Im September desselben Jahres brachte die Landesregierung sechs Gesetzentwürfe zur landesweiten Gemeindegebietsreform in den Landtag ein. § 26 des Entwurfes zum Fünften Gesetz zur landesweiten Gemeindegebietsreform betreffend die Landkreise Barnim, Märkisch-Oderland, Oberhavel, Ostprignitz-Ruppin, Prignitz, Uckermark (5. GemGebRefGBbg) sah die Eingliederung der Beschwerdeführerin nicht mehr in die Stadt Lenzen (Elbe), sondern in die Gemeinde Karstädt vor. Das Gesetz wurde im Frühjahr 2003 vom Landtag verabschiedet. § 25 des 5. GemGebRefGBbg vom 24. März 2003 (GVBl I S. 82), am Tag der landesweiten Kommunalwahlen (26. Oktober 2003) in Kraft getreten (s. § 48 Satz 1 des 5. GemGebRefGBbg), lautet:
(1) Die Gemeinde Boberow und Nebelin werden in die Gemeinde Karstädt eingegliedert.
Die Beschwerdeführerin hat am 30. Juni 2003 kommunale Verfassungsbeschwerde erhoben. Sie macht u.a. geltend, ihre Eingliederung in die Gemeinde Karstädt sei schon deshalb verfassungswidrig, weil die Bevölkerung des unmittelbar betroffenen Gebietes nicht ordnungsgemäß angehört worden sei.
§ 25 des 5. Gesetzes zur landesweiten Gemeindegebietsreform betreffend die Landkreise Barnim, Märkisch-Oderland, Oberhavel, Ostprignitz-Ruppin, Prignitz, Uckermark vom 24. März 2003 (GVBl I S. 82) verletzt die Beschwerdeführerin in ihren verfassungsmäßigen Rechten und ist deshalb nichtig.
Der Landtag Brandenburg, die Landesregierung, der Städte- und Gemeindebund Brandenburg und die Gemeinde Karstädt hatten Gelegenheit zur Stellungnahme.
Die kommunale Verfassungsbeschwerde ist insofern unzulässig, als sie sich auch gegen die in § 25 Abs. 2 des 5. GemGebRefGBbg bestimmte Auflösung des bisherigen Amtes sowie – im Rahmen von § 25 Abs. 1 des 5. GemGebRefGBbg – zugleich gegen die Eingliederung der Gemeinde Nebelin in die Gemeinde Karstädt richten soll, denn die Beschwerdeführerin hat eine Beschwerdebefugnis insoweit nicht dargelegt. Im übrigen ist die kommunale Verfassungsbeschwerde der Beschwerdeführerin gemäß Art. 100 Verfassung des Landes Brandenburg (LV), §§ 12 Nr. 5, 51 Verfassungsgerichtsgesetz des Landes Brandenburg (VerfGGBbg) statthaft und auch sonst zulässig. Die Mitteilung der Landesregierung, sie strebe die Einbringung eines Gesetzentwurfes in den Landtag ein, der die verfahrensgegenständliche Neugliederungsentscheidung ersetzen solle, läßt das Rechtschutzbedürfnis jedenfalls solange nicht entfallen, bis eine derartige Neugliederung im Gesetzblatt verkündet ist. Dies ist bisher nicht erfolgt.
Die kommunale Verfassungsbeschwerde der Beschwerdeführerin hat, soweit sie zulässig ist, in der Sache selbst Erfolg. Ihre Eingliederung in die Gemeinde Karstädt nach § 25 Abs. 1 des 5. GemGebRefGBbg ist unter Verletzung der Landesverfassung zustande gekommen.
1. Art. 98 Abs. 2 Satz 3 LV, der zu den Verfassungsbestimmungen mit Bezug auf die kommunale Selbstverwaltung gehört (vgl. Verfassungsgericht des Landes Brandenburg, Beschluß vom 16. Oktober 2003 - VfGBbg 67/03 -, LKV 2004, 123) schreibt vor, daß vor einer Änderung des Gemeindegebiets die Bevölkerung der unmittelbar betroffenen Gebiete gehört werden muß. Die Vorschrift erfaßt auch die Auflösung einer Gemeinde unter (gänzlichem) Wegfall eines eigenen Gemeindegebietes.
2. Die hier erfolgte Anhörung der Bevölkerung entsprach, soweit es um die Eingliederung der Beschwerdeführerin in die Gemeinde Karstädt geht, nicht den Anforderungen, die an eine Anhörung nach Art. 98 Abs. 2 Satz 3 LV zu stellen sind. Eine solche Anhörung setzt mindestens voraus, daß die Bürger des unmittelbar betroffenen Gebietes förmlich Gelegenheit erhalten, sich zu einer konkret vorgesehenen Gebietsänderung oder auch zu mehreren alternativ ins Auge gefaßten Gebietsänderungen zu äußern. Vorliegend ist jedoch zum Thema Eingliederung der Beschwerdeführerin nach Karstädt keine Anhörung der Bevölkerung erfolgt.
Nach den Anhörungsmaterialien zu der örtlichen Neugliederung ging es jedenfalls aus der Sicht der Anhörungsberechtigten - und auf ihre Sicht kommt es an - allein um die Eingliederung der Beschwerdeführerin nach Lenzen (Elbe).
In der vorangestellten Erläuterung heißt es, Gegenstand der Anhörung sei der Anhörungsentwurf des Innenministeriums „zu dem konkreten Neugliederungsvorschlag“. Mögliche Alternativen waren danach also nicht „Gegenstand“ der Anhörung. Der in den Anhörungsmaterialien auf der zweiten Seite wiedergegebene Text des damaligen Gesetzentwurfes, d.h. der konkrete Neugliederungsvorschlag, stellt ausdrücklich nur eine Regelung vor, nämlich die, die die Eingliederung der dem Amt Karstädt angehörenden Gemeinde Boberow in die Stadt Lenzen (Elbe) beinhaltet.
In Teil B der Anhörungsmaterialien („Einzelbegründungen für den konkreten Neugliederungsvorschlag“) ist wiederum für die Beschwerdeführerin als „Neugliederungsvorschlag der Landesregierung“ allein die Eingliederung in die Stadt Lenzen (Elbe) genannt und wird damit begründet, daß insbesondere aufgrund der naturräumlichen Zugehörigkeit zu bestimmten Schutzgebieten und den sich daraus ableitenden vergleichbaren Aufgaben und Interessenlagen die Gemeinde Boberow besonders geeignet sei, das Amt Lenzen-Elbtalaue zu stärken. Von einer Eingliederung in die Gemeinde Karstädt war keine Rede, schon gar nicht als zur Diskussion stehende Variante der beabsichtigten gesetzlichen Regelung.
Ob daneben auch die Anhörung zur Eingliederung nach Karstädt fehlerhaft ist, weil schon in der Bekanntmachung der Bevölkerungsanhörung keinerlei Hinweis auf die spätere gesetzliche Regelung, d.h. einer möglichen Eingliederung nach Karstädt, zu finden ist und die Bekanntmachung deshalb der ihr zugedachten „Anstoßfunktion“ nicht genügt, kann dahinstehen.
Nachdem das Neugliederungsprojekt in Bezug auf die Beschwerdeführerin eine so wesentliche Änderung (Eingemeindung statt nach Lenzen (Elbe) nach Karstädt) erfahren hat, wäre eine erneute Anhörung der Bevölkerung erforderlich gewesen. Davon gehen letztlich auch Landtag und Landesregierung aus, da sie innerhalb eines neuerlichen Gesetzgebungsverfahrens die in Rede stehende Anhörung nochmals durchführen.
Schon aus diesem Grund erweist sich § 25 Abs. 1 des 5. GemGebRefGBbg in Bezug auf die Beschwerdeführerin als verfassungswidrig. Auf Kausalitätsfragen kommt es insoweit nicht an (so auch: StGH BW, DÖV 1976, 245, 246 f.).
Das Landesverfassungsgericht hat davon abgesehen, § 25 Abs. 1 des 5. GemGebRefGBbg für nichtig zu erklären. Mit der Feststellung der Unvereinbarkeit mit der Landesverfassung wird dem Gesetzgeber Gelegenheit gegeben, eine Neuregelung zu treffen. Das Gericht hat hierfür eine Frist bestimmt. Für die Übergangszeit bleibt § 25 Abs. 1 des 5. GemGebRefGBbg in Geltung. Dabei hat das Gericht gesehen, daß der Gesetzgeber - unabhängig davon, wann das Verfassungsgericht über die kommunale Verfassungsbeschwerde gegen die hier verfahrensgegenständliche Norm sowie in vergleichbaren Fällen entschieden hat oder entscheidet (vgl. LT-Drucksache 3/7445, S. 2 der Begründung, Allgemeiner Teil) - eine Neuregelung infolge des Landtagsbeschlusses vom 16. Juni 2004 zu einem „Gesetz zur Bestätigung der landesweiten Gemeindegebietsreform nach weiterer Bevölkerungsanhörung“ bereits sehr bald in Kraft zu setzen beabsichtigt und im Hinblick auf die Kürze der Übergangszeit für diese nähere Vollstreckungsanordnungen nicht für erforderlich erachtet.