Source: http://m.hensche.de/Befristung_Tarifvertrag_sachgrundlose_Befristung_Tarifvertrag_Abweichung_vom_TzBfG_Hessisches_LAG_10Sa659-10.html
Timestamp: 2017-02-20 06:11:28
Document Index: 232857687

Matched Legal Cases: ['§ 14', '§ 2', '§ 14', '§ 2', '§ 4', '§ 14', '§ 8', '§ 66', '§ 17', '§ 14', '§ 2', '§ 2', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 97', '§ 72']

HENSCHE Arbeitsrecht: 10 Sa 659/10
Befristung: Tarifvertrag, Befristung: Sachgrundlos
Arbeitsgericht Frankfurt am Main, Urteil vom 25.03.2010, 3 Ca 9095/09, UrteilNachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.08.2012, 7 AZR 184/11
03. De­zem­ber 2010
Ak­ten­zei­chen: 10 Sa 659/10(Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main: 3 Ca 9095/09)Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt, Kam­mer 10,auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 03. De­zem­ber 2010
Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 25. März 2010 – 3 Ca 9095/09 – wird kos­ten­pflich­tig zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob das Ar­beits­verhält­nis des Klägers auf­grund Be­fris­tung be­en­det wur­de. Der zur Zeit der Kla­ge­er­he­bung 36jähri­ge Kläger, wel­cher ei­nem Kind ge­genüber un­ter­halts­pflich­tig ist, war bei der Be­klag­ten, ei­nem Un­ter­neh­men des Sach- und Si­cher­heits­ge­wer­bes, seit dem 03. April 2006 als Geld- und Wert­trans­port­fah­rer zu ei­ner mo­nat­li­chen Brut­to­vergütung in Höhe von zu­letzt ca. 2.200,-- Eu­ro beschäftigt.
Der ers­te zwi­schen den Par­tei­en am 24. März 2006 ab­ge­schlos­se­ne Ar­beits­ver­trag war be­fris­tet vom 03. April 2006 bis zum 02. April 2007. Der am 26. März 2007 ab­ge­schlos­se­ne Fol­ge­ar­beits­ver­trag sah ei­ne Frist­verlänge­rung bis zum 02. April 2008, der am 19. März 2008 ab­ge­schlos­se­ne Fol­ge­ar­beits­ver­trag ei­ne Frist­verlänge­rung bis zum 02. April 2009 und der am 26. März 2009 ab­ge­schlos­se­ne Fol­ge­ar­beits­ver­trag ei­ne Be­fris­tung bis zum 02. Ok­to­ber 2009 vor. Im Ar­beits­ver­trag war un­ter Zif­fer 4. un­ter an­de­rem ver­ein­bart, dass der Man­tel­ta­rif­ver­trag für das Wach- und Si­cher­heits­ge­wer­be für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (im Fol­gen­den: MTV) auf das Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­det. Das Ar­beits­verhält­nis des Klägers en­de­te mit der letz­ten Be­fris­tung am 02. Ok­to­ber 2009.
Mit am 23. Ok­to­ber 2009 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­ner Kla­ge­schrift hat der Kläger gel­tend ge­macht, dass die Be­fris­tung sei­nes Ar­beits­ver­tra­ges rechts­un­wirk­sam sei.
Der Kläger hat die An­sicht ver­tre­ten, die Be­fris­tung des letz­ten Ar­beits­ver­tra­ges sei rechts­un­wirk­sam, weil sie oh­ne Sach­grund er­folgt sei und die Höchst­dau­er des § 14 Abs. 2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz über­schrit­ten ha­be. So­weit § 2 Abs. 6 MTV ei­ne Be­fris­tung oh­ne Grund für ei­nen Zeit­raum bis zu 42 Mo­na­ten bei ei­ner vier­ma­li­gen Verlänge­rungsmöglich­keit vor­se­he, ver­stieße die­se ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lung ge­gen § 14 Abs. 2 Satz 3 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz, da ent­we­der die An­zahl der Be­fris­tun­gen oder die Höchst­dau­er der Be­fris­tung, nicht je­doch bei­de Teil­as­pek­te durch Ta­rif­ver­trag verlänger­bar sei­en.
dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht am 02.10.2009 auf­grund der Be­fris­tung vom 26.03.2009 ge­en­det hat.
Die Be­klag­te hat die An­sicht ver­tre­ten, § 2 Abs. 6 MTV sei wirk­sam. Der Ge­set­zes­be­gründung könne ent­nom­men wer­den, dass so­wohl die An­zahl der Verlänge­run­gen wie auch die Höchst­dau­er der Be­fris­tung durch Ta­rif­ver­trag fest­ge­legt wer­den könn­ten. Der Be­griff „oder“ im Ge­set­zes­text sei wie „und“ zu le­sen. Da­von ge­he auch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les aus, wie der Ar­ti­kel vom 25. Mai 2009 (Blatt 36 bis 38 d. A.) be­le­ge.
Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main hat mit Ur­teil vom 25. März 2010 – 3 Ca 9095/09 – die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Es hat un­ter an­de­rem aus­geführt, das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en sei durch die Be­fris­tung vom 26. März 2009 zum 02. Ok­to­ber 2009 be­en­det wor­den. Das Wort „oder“ wer­de sprach­lich so­wohl in der Be­deu­tung „ent­we­der/oder“ wie auch als „und/oder“ ver­stan­den. Wel­che Möglich­keit zu­tref­fe, sei durch Aus­le­gung des Ge­set­zes­tex­tes zu er­mit­teln. Aus der Be­gründung zum Ge­setz­ent­wurf er­ge­be sich, dass durch Ta­rif­ver­trag von der ge­setz­li­chen Höchst­be­fris­tungs­dau­er und der Höchst­zahl der Verlänge­run­gen oh­ne sach­li­chen Grund ab­ge­wi­chen wer­den dürfe. Da­mit ha­be der Ge­setz­ge­ber zu er­ken­nen ge­ge­ben, dass das Wort „oder“ im Sinn von „so­wohl/als auch“ zu ver­ste­hen sei. Da die Be­klag­te die ta­rif­li­chen Vor­ga­ben ein­ge­hal­ten ha­be, sei das Ar­beits­verhält­nis durch Frist­ab­lauf be­en­det wor­den.
Die­ses Ur­teil ist dem Kläger am 09. April 2010 zu­ge­stellt wor­den. Die Be­ru­fung des Klägers ist am 03. Mai 2010 und die Be­ru­fungs­be­gründung nach recht­zei­ti­ger Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 09. Ju­li 2010 am sel­ben Tag bei Ge­richt ein­ge­gan­gen.
Der Kläger wen­det sich ge­gen das erst­in­stanz­li­che Ur­teil und ist der An­sicht, der Wort­laut von § 4 Abs. 2 Satz 3 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz sei ein­deu­tig und das Wort „oder“ als Al­ter­na­ti­ve „ent­we­der/oder“ zu ver­ste­hen. Das er­ge­be sich auch aus der Sys­te­ma­tik. In § 14 Abs. 2 Satz 1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz sei­en zwei Gren­zen für ver­ein­bar­te Be­fris­tun­gen an­geführt, so­dass das Wort „oder“ in Satz 3 nur als „ent­we­der/oder“ ver­stan­den wer­den könne. Der Zweck der Norm be­ste­he ge­ra­de dar­in, kei­ne gren­zen­lo­se Ta­riföff­nung durch Satz 3 zu ermögli­chen. Die Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en sprächen nicht ge­gen die­se Aus­le­gung, da sie nicht ein­deu­tig sei­en.
un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main vom 25.03.2010 – 3 Ca 9095/09 – fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht am 02.10.2009 auf­grund der Be­fris­tung vom 26.03.2009 ge­en­det hat.
Die Be­klag­te ver­tei­digt das erst­in­stanz­li­che Ur­teil. Das Wort „oder“ ha­be so­wohl die Be­deu­tung der lo­gi­schen Ver­knüpfung „aut; ent­we­der/oder“ als auch die Be­deu­tung des „vel;und/oder“. Aus den Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en er­ge­be sich ein­deu­tig, dass so­wohl die An­zahl von zulässi­gen Verlänge­run­gen wie auch die Höchst­be­fris­tungs­dau­er ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges durch Ta­rif­ver­trag ab­wei­chend vom Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz ge­re­gelt wer­den könn­ten.
Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Frank­furt am Main ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haft. Der Kläger hat sie auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet, §§ 66 Abs. 1 ArbGG, 519 ZPO.
In der Sa­che hat die Be­ru­fung des Klägers kei­nen Er­folg, denn das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ist durch Frist­ab­lauf zum 02. Ok­to­ber 2009 be­en­det wor­den. Das hat be­reits das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend fest­ge­stellt.
Der Kläger hat die Rechts­un­wirk­sam­keit der Be­fris­tung mit der am 23. Ok­to­ber 2009 bei Ge­richt ein­ge­gan­ge­nen, der Be­klag­ten am 02. No­vem­ber 2009 zu­ge­stell­ten Kla­ge­schrift recht­zei­tig gel­tend ge­macht, § 17 Satz 1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz. Im Rah­men der Kon­trol­le der Wirk­sam­keit ei­ner Be­fris­tung kommt es grundsätz­lich auf den letz­ten be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag an.
Der am 26. März 2009 von den Par­tei­en ab­ge­schlos­se­ne, bis zum 02. Ok­to­ber 2009 be­fris­te­te Ar­beits­ver­trag ist wirk­sam. Zwar erfüllt die­ser Ar­beits­ver­trag nicht die Vor­aus­set­zun­gen von § 14 Abs. 2 Satz 1 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz, wohl aber die Vor­aus­set­zun­gen von § 2 Abs. 6 Satz 1 und 2 MTV. Da­nach ist die ka­len­dermäßige Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges oh­ne Vor­lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des bis zur Dau­er von 42 Mo­na­ten und bis zu die­ser Ge­samt­dau­er die höchs­tens vier­ma­li­ge Verlänge­rung ei­nes ka­len­dermäßig be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges zulässig. Der Verlänge­rungs­ver­trag vom 26. März 2009 liegt im Rah­men die­ser ta­rif­li­chen Vor­ga­ben.
Die Re­ge­lun­gen in § 2 Abs. 6 Satz 1 und 2 MTV sind wirk­sam. Gemäß § 14 Abs. 2 Satz 3 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz kann durch Ta­rif­ver­trag die An­zahl der Verlänge­run­gen oder die Höchst­dau­er der Be­fris­tung ab­wei­chend von Satz 1 fest­ge­legt wer­den. Von die­ser ge­setz­li­chen Ermäch­ti­gung ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en Ge­brauch ge­macht. Nach der miss­verständ­li­chen For­mu­lie­rung des Ge­set­zes kann die An­zahl der Verlänge­run­gen oder die Höchst­dau­er der Be­fris­tung ab­wei­chend vom Ge­setz fest­ge­legt wer­den. Durch die­se For­mu­lie­rung kann der Ein­druck ent­ste­hen, dass der Ge­setz­ge­ber ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Ver­schlech­te­rung nur al­ter­na­tiv (ent­we­der/oder) zu­las­sen woll­te, oh­ne dass die­se Aus­le­gung ein­deu­tig ist (KR/Lip­ke, 9. Aufl. 2009, § 14 Teil­zeit­be­fris­tungs­ge­setz Rn. 434). Zu Recht ist des­halb das Ar­beits­ge­richt da­von aus­ge­gan­gen, dass das Ge­setz aus­zu­le­gen ist. Nach ständi­ger Recht­spre­chung des BAG ist bei der Aus­le­gung von Ge­set­zen zunächst vom Ge­set­zes­wort­laut aus­zu­ge­hen, wo­bei der maßgeb­li­che Sinn der Erklärung zu er­for­schen ist, oh­ne am Buch­sta­ben zu haf­ten. Bei ei­nem nicht ein­deu­ti­gen Ge­set­zes­wort­laut ist der wirk­li­che Wil­le des Ge­setz­ge­bers zu berück­sich­ti­gen, so­weit er im Ge­setz sei­nen Nie­der­schlag ge­fun­den hat. Ab­zu­stel­len ist stets auf den ge­setz­li­chen Ge­samt­zu­sam­men­hang, weil die­ser An­halts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len des Ge­setz­ge­bers lie­fern und nur so der Sinn und Zweck des Ge­set­zes zu­tref­fend er­mit­telt wer­den kann. Wer­den auf die­se Wei­se kei­ne zwei­fels­frei­en Aus­le­gungs­er­geb­nis­se er­zielt, dann können die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen oh­ne Bin­dung an ei­ne Rei­hen­fol­ge wei­te­re Kri­te­ri­en wie et­wa die Ent­ste­hungs­ge­schich­te hin­zu­zie­hen (BAG 06.07.2006 – 2 AZR 587/05 – NZA 2007, 167).
Aus der Ge­set­zes­be­gründung er­gibt sich deut­lich, dass die ta­rif­li­che Öff­nungs­klau­sel dar­auf ab­zielt, bran­chen­spe­zi­fi­sche Lösun­gen zu er­leich­tern. Des­halb sol­len ta­rif­ver­trag­lich ei­ne an­de­re (höhe­re oder nied­ri­ge­re) An­zahl von zulässi­gen Verlänge­run­gen so­wie zusätz­lich ei­ne an­de­re (kürze­re oder länge­re) Höchst­be­fris­tungs­dau­er ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges oh­ne Rechts­grund fest­ge­legt wer­den können. An­hand des „so­wie“ in der Ge­set­zes­be­gründung wird klar, dass das Ge­setz den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ver­schlech­tern­de Re­ge­lun­gen so­wohl hin­sicht­lich der An­zahl der zulässi­gen Verlänge­run­gen als auch hin­sicht­lich der Höchst­be­fris­tungs­dau­er ku­mu­la­tiv zu­ge­ste­hen will (KR/Lip­ke § 14 TZ­B­FG Rn. 434; Er­fur­ter Kom­men­tar/Müller-Glöge 8. Aufl. 2008 § 14 TZ­B­FG Rn. 101; APS/Back­haus 3. Aufl. 2007 § 14 TZ­B­FG Rn. 403; KDZ/Däubler 7. Aufl. 2008 § 14 TZ­B­FG Rn. 147, 170; Ha­Ko-Mest­werdt 3. Aufl. 2007 § 14 TZ­B­FG Rn. 180; Laux/Schlach­ter Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz 2007 § 14 Rn. 102; Ar­nold/Gräfl Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz 2005 § 14 Rn. 235).
Der Kläger trägt die Kos­ten sei­nes oh­ne Er­folg ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tels, § 97 Abs. 1 ZPO.
Die Re­vi­si­on wird gemäß § 72 Abs. 2 ArbGG zu­ge­las­sen.	m.hensche.de
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