Source: http://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Tariftreueregelung_BVerfG_1BvL4-00.html
Timestamp: 2018-03-17 06:17:19
Document Index: 304025486

Matched Legal Cases: ['Art. 234', 'Art. 100', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 98', '§ 97', '§ 97', 'Art. 100', '§ 1', 'Art. 74', 'Art. 31', '§ 5', '§ 20', 'Art. 9', '§ 1', '§ 20', '§ 5', '§ 1', '§ 1', '§ 20', '§ 1', '§ 20', '§ 1', '§ 1', 'Art. 49', '§ 1', '§ 1', '§ 1', 'Art. 74', '§ 5', '§ 97', '§ 1', 'Art. 31', '§ 1', '§ 5', '§ 5', '§ 1', '§ 20', '§ 97', '§ 1', 'Art. 9', '§ 1', '§ 1', 'Art. 9', '§ 1', '§ 1', '§ 97', '§ 20', '§ 1', '§ 20', '§ 97', '§ 5', 'Art. 9', '§ 1', '§ 1', 'Art. 74', '§ 97', '§ 97', '§ 20', '§ 20', '§ 1', 'Art. 9', '§ 1', '§ 5', '§ 1', '§ 97', 'Art. 9', 'Art. 9', '§ 5', '§ 97', 'Art. 9', '§ 1', '§ 20', '§ 1', '§ 20', '§ 20', '§ 1', 'Art. 100', 'Art. 100', 'Art. 234', 'Art. 100', '§ 1', 'Art. 100', '§ 1', 'Art. 70', 'Art. 72', 'Art. 74', 'Art. 74', 'Art. 74', '§ 97', 'Art. 74', 'Art. 74', '§ 1', '§ 1', 'Art. 74', '§ 97', '§ 97', '§ 1', 'Art. 9', 'Art. 9', '§ 1', 'Art. 9', 'Art. 9', 'Art. 3', 'Art. 12', 'Art. 9', '§ 1', 'Art. 9', 'Art. 9', 'Art. 9', '§ 1', 'Art. 9', '§ 1', 'Art. 12', 'Art. 12', 'Art. 2', 'Art. 12', 'Art. 12', '§ 1', 'Art. 12', '§ 1', '§ 1', '§ 1', 'Art. 20', 'Art. 12', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 9', '§ 1', '§ 5', '§ 1', '§ 4', 'Art. 12', 'Art. 12', '§ 1', '§ 1', 'Art. 3', '§ 1', 'Art. 31', '§ 5', '§ 5', '§ 1', '§ 20', '§ 20', '§ 20', '§ 97', '§ 20']

BVerfG, Beschluss vom 11.07.2006, 1 BvL 4/00 - HENSCHE Arbeitsrecht
BVerfG, Be­schluss vom 11.07.2006, 1 BvL 4/00
Schlagworte: Tariftreueregelung
Aktenzeichen: 1 BvL 4/00
Entscheidungsdatum: 11.07.2006
1. Bei strittiger gemeinschaftsrechtlicher und verfassungsrechtlicher Rechtslage gibt es keine feste Rangfolge unter den vom Gericht gegebenenfalls einzuleitenden Zwischenverfahren (Vorabentscheidung nach Art. 234 EG und Vorlage nach Art. 100 Abs. 1 GG).
ob § 1 Abs. 1 Satz 2 des Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­set­zes vom 9. Ju­li 1999 (GVBl S. 369) mit dem Grund­ge­setz und mit dem übri­gen Bun­des­recht ver­ein­bar ist,
- Aus­set­zungs- und Vor­la­ge­be­schluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 18. Ja­nu­ar 2000 (KVR 23/98) -
der Rich­te­rin Haas,
des Rich­ters St­ei­ner,
Bry­de,
am 11. Ju­li 2006 be­schlos­sen:
§ 1 Ab­satz 1 Satz 2 des Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­set­zes ist mit dem Grund­ge­setz und mit dem übri­gen Bun­des­recht ver­ein­bar.
Die Vor­la­ge be­trifft die Fra­ge, ob die Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 des Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­set­zes vom 9. Ju­li 1999 (GVBl S. 369), nach der die Ver­ga­be öffent­li­cher Auf­träge un­ter an­de­rem im Bau­be­reich von so ge­nann­ten Ta­rif­treue­erklärun­gen der Auf­trag­neh­mer abhängig ge­macht wird, ver­fas­sungs­gemäß ist.
§ 1 des Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­set­zes (im Fol­gen­den: VgG Bln) hat fol­gen­den Wort­laut:
(1) Auf­träge von Ber­li­ner Ver­ga­be­stel­len im Sin­ne des § 98 des Ge­set­zes ge­gen Wett­be­werbs­be­schränkun­gen in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 26. Au­gust 1998 (BGBl. I S. 2546) über Bau­leis­tun­gen so­wie über Dienst­leis­tun­gen bei Gebäuden und Im­mo­bi­li­en wer­den an fach­kun­di­ge, leis­tungsfähi­ge und zu­verlässi­ge Un­ter-neh­men ver­ge­ben. Die Ver­ga­be von Bau­leis­tun­gen so­wie von Dienst­leis­tun­gen bei Gebäuden und Im­mo­bi­li­en soll mit der Auf­la­ge er­fol­gen, dass die Un­ter­neh­men ih­re
Ar­beit­neh­mer bei der Ausführung die­ser Leis­tun­gen nach den je­weils in Ber­lin gel­ten­den Ent­gelt­ta­ri­fen ent­loh­nen und dies auch von ih­ren Nach­un­ter­neh­mern ver­lan­gen.
(2) Von der Teil­nah­me an ei­nem Wett­be­werb um ei­nen Bau­auf­trag oder Dienst­leis­tungs­auf­trag im Sin­ne des Ab­sat­zes 1 sol­len Be­wer­ber bis zu ei­ner Dau­er von zwei Jah­ren aus­ge­schlos­sen wer­den, die ih­re Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen ei­ner Auf­la­ge nach Ab­satz 1 Satz 2 nicht nach den je­weils in Ber­lin gel­ten­den Ent­gelt­ta­ri­fen ent­loh­nen.
In der Ge­set­zes­be­gründung (Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin, Drucks 13/3726, S. 2) ist da­zu aus­geführt, dass die klas­si­schen Ver­ga­be­kri­te­ri­en Fach­kun­de, Leis­tungsfähig­keit und Zu­verlässig­keit um den As­pekt der Ta­rif­treue ergänzt wer­den soll­ten, um die Leis­tungsfähig­keit der Ber­li­ner Bau­un­ter­neh­men zu er­hal­ten und zu­gleich aus­bil­den­de Be­trie­be zu stärken. Die Aus­ge­stal­tung als Soll-Vor­schrift mei­ne ei­ne Bin­dung an die in Ber­lin gel­ten­den Lohn- und Ge­halts­ta­ri­fe. "Nur im Aus­nah­me­fall (et­wa auf Sei­ten Ber­lins Markt­be­herr­schung)" dürfe von dem Ver­lan­gen nach Ein­hal­tung der Ta­ri­fe ab­ge­wi­chen wer­den. Zur Ver­mei­dung ei­nes Ver­s­toßes ge­gen die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit wer­de klar­ge­stellt, dass die Un­ter­neh­men nicht all­ge­mein, son­dern nur bei der Ausführung der be­auf­trag­ten Leis­tun­gen zur Be­zah­lung der in Ber­lin gel­ten­den Ent­gelt­ta­ri­fe ver­pflich­tet sei­en.
Die ört­li­chen Ta­ri­fent­gel­te, zu de­ren Zah­lung sich die Un­ter­neh­men mit der Ta­rif­treue­erklärung ver­pflich­ten sol­len, lie­gen höher als die ta­rif­li­chen Min­destlöhne nach dem Ta­rif­ver­trag zur Re­ge­lung der Min­destlöhne im Bau­ge­wer­be, der zur­zeit in der Fas­sung vom 29. Ju­li 2005 gilt und auf­grund der Fünf­ten Ver­ord­nung über zwin­gen­de Ar­beits­be­din­gun­gen im Bau­ge­wer­be vom 29. Au­gust 2005 (BAnz Nr. 164 vom 31. Au­gust 2005, S. 13199) bun­des­weit ver­bind­lich ist.
Ähn­li­che ge­setz­li­che Ta­rif­treue­re­ge­lun­gen gibt es auch in an­de­ren Bun­desländern.
Auf Bun­des­ebe­ne gab der Ge­setz­ge­ber un­ter dem Ein­fluss des eu­ropäischen Ge­mein­schafts­rechts mit dem am 1. Ja­nu­ar 1999 in Kraft ge­tre­te­nen Ge­setz zur Ände­rung der Rechts­grund­la­gen für die Ver­ga­be öffent­li­cher Auf­träge (Ver­ga­be­rechtsände­rungs­ge­setz - VgRÄG) vom 26. Au­gust 1998 (BGBl I S. 2512) den tra­di­tio­nel­len ver­wal­tungs­in­ter­nen An­satz des deut­schen Ver­ga­be­rechts für Auf­träge ab be­stimm­ten Schwel­len­wer­ten auf. Das ma­te­ri­el­le Ver­ga­be­recht wur­de in­so­weit in das Ge­setz ge­gen Wett­be­werbs­be­schränkun­gen (GWB) in­te­griert.
§ 97 Abs. 4 GWB enthält die für die öffent­li­che Auf­trags­ver­ga­be maßge­ben­den Kri­te­ri­en:
Auf­träge wer­den an fach­kun­di­ge, leis­tungsfähi­ge und zu­verlässi­ge Un­ter­neh­men ver­ge­ben; an­de­re oder wei­ter­ge­hen­de An­for­de­run­gen dürfen an Auf­trag­neh­mer nur ge­stellt wer­den, wenn dies durch Bun­de­s­o­der Lan­des­ge­setz vor­ge­se­hen ist.
Die Re­ge­lung des § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB be­ruht auf ei­nem Kom­pro­miss zwi­schen Bun­des­tag und Bun­des­rat. In dem von der Bun­des­re­gie­rung vor­ge­leg­ten Ent­wurf des Ver­ga­be­rechtsände­rungs­ge­set­zes (BT­Drucks 13/9340, S. 4) lau­te­te die ent­spre­chen­de Vor­schrift noch wie folgt:
Auf­träge wer­den an fach­kun­di­ge, leis­tungsfähi­ge und zu­verlässi­ge Un­ter­neh­men ver­ge­ben; wei­ter­ge­hen­de An­for­de­run­gen dürfen an Auf­trag­neh­mer nur ge­stellt wer­den, wenn dies durch Bun­des­ge­setz vor­ge­se­hen ist.
Der Bun­des­rat war da­mit nicht ein­ver­stan­den, weil die Be­schränkung auf Bun­des­ge­set­ze die Un­zulässig­keit der von den Ländern teil­wei­se durch Ge­setz oder Ver­ord­nung, teil­wei­se durch Ver­wal­tungs­vor­schrift ein­geführ­ten Re­ge­lun­gen, ins­be­son­de­re der Ta­rif­treue­erklärung, zur Fol­ge ge­habt hätte. Er schlug da­her vor, den zwei­ten Halb­satz wie folgt neu zu fas­sen (BT­Drucks 13/9340, S. 35 f.):
...; an­de­re oder wei­ter­ge­hen­de An­for­de­run­gen dürfen an Auf­trag­neh­mer nur ge­stellt wer­den, wenn dies durch Rechts-und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten des Bun­des und der Länder vor­ge­se­hen ist.
In der Ge­genäußerung der Bun­des­re­gie­rung (BT­Drucks 13/9340, S. 48) wur­de die­sem Vor­schlag wi­der­spro­chen, da die ge­setz­li­che Re­ge­lung fak­tisch un­ver­bind­lich würde, wenn sie durch bloße Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten außer Kraft ge­setzt wer­den könn­te. Das Ge­setz wur­de im Deut­schen Bun­des­tag ent­spre­chend dem Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung be­schlos­sen. Der Bun­des­rat be­gründe­te die an­sch­ließen­de An­ru­fung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses wie folgt (BT­Drucks 13/10711, S. 1):
Die Be­schränkung auf Bun­des­ge­set­ze hätte u.a. die Un­zulässig­keit der von den Ländern teil­wei­se durch Ge­setz oder Ver­ord­nung, teil­wei­se durch Ver­wal­tungs­vor­schrift ein­geführ­ten Re­ge­lun­gen zur Fol­ge. Ei­ne ge­setz­li­che Öff­nungs­klau­sel, die et­wa ei­ne an­ge­mes­se­ne Berück­sich­ti­gung von ta­rif­ver­trags­treu­en, aus­bil­den­den und frau­enfördern­den Be­trie­ben möglich macht, ist er­for­der­lich.
Bun­des­tag und Bun­des­rat ei­nig­ten sich im Ver­mitt­lungs­aus­schuss schließlich dar­auf, dass zusätz­li­che Ver­ga­be­kri­te­ri­en auf der Grund­la­ge von
Bun­des- oder Lan­des­ge­set­zen zulässig sein soll­ten.
1. Be­reits vor dem In­kraft­tre­ten des Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­set­zes for­der­te das Land Ber­lin bei der Ver­ga­be öffent­li­cher Bau­aufträge Ta­rif­treue­erklärun­gen von den Bie­tern. Das Bun­des­kar­tell­amt hat dies für den Be­reich des Straßen­baus mit
Be­schluss vom 3. No­vem­ber 1997 un­ter­sagt. Die ge­gen die Un­ter­sa­gung ge­rich­te­te Be­schwer­de des Lan­des hat das Kam­mer­ge­richt zurück­ge­wie­sen (Be­schluss vom 20. Mai 1998 - Kart 24/97 -, ZIP 1998, S. 1600). Während des Rechts­be­schwer­de­ver­fah­rens vor dem Bun­des­ge­richts­hof ist das Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­setz in Kraft ge­tre­ten.
2. Der Bun­des­ge­richts­hof hat das Ver­fah­ren gemäß Art. 100 Abs. 1 GG aus­ge­setzt und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fra­ge zur Ent­schei­dung vor­ge­legt,
ob § 1 Abs. 1 Satz 2 des Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­set­zes mit Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG, mit Art. 31 GG - in Ver­bin­dung mit § 5 TVG und in Ver­bin­dung mit § 20 Abs. 1 GWB - so­wie mit Art. 9 Abs. 3 GG ver­ein­bar ist.
Der Bun­des­ge­richts­hof ist von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Ge­set­zes über­zeugt. Die Ent­schei­dung über die Rechts­be­schwer­de hänge von der Wirk­sam­keit der Norm ab.
a) Blei­be die Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln als ungültig außer Be­tracht, ver­s­toße das Ver­lan­gen nach Ab­ga­be ei­ner Ta­rif­treue­erklärung bei der Ver­ga­be öffent­li­cher Straßen­bau­aufträge durch das Land Ber­lin, das in die­sem Be­reich ei­ne markt­be­herr­schen­de Stel­lung be­sit­ze, ge­gen § 20 Abs. 1 GWB. Die Un­gleich­be­hand­lung der nicht ta­rif­ge­bun­de­nen An­bie­ter, die kei­ne Ta­rif­treue­erklärung abgäben, sei dann als
sach­lich nicht ge­recht­fer­tigt und ih­re Be­hin­de­rung als un­bil­lig zu be­ur­tei­len. Dies er­ge­be die Abwägung der In­ter­es­sen der Be­tei­lig­ten un­ter Berück­sich­ti­gung der auf die Frei­heit des Wett­be­werbs ge­rich­te­ten Ziel­set­zung des Ge­set­zes ge­gen Wett­be­werbs­be­schränkun­gen.
Ziel der Ta­rif­treue­erklärung sei, den ta­rif­ver­trag­lich nicht ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bern, die sich un­ein­ge­schränkt rechtmäßig ver­hiel­ten, wenn sie ih­ren Ar­beit­neh­mern zwar den Min­dest­lohn, nicht aber die höhe­ren Ber­li­ner Ta­riflöhne zahl­ten, über die Re­ge­lun­gen des Min­dest­lohn­ta­rif­ver­trags hin­aus die Ber­li­ner Ta­riflöhne vor­zu­schrei­ben. Die an die ört­li­chen Ent­gelt­ta­rif­verträge ge­bun­de­nen Ber­li­ner An­bie­ter würden ge­genüber ta­ri­fun­ge­bun­de­ner Kon­kur­renz geschützt. Die be­an­stan­de­te Maßnah­me führe zu ei­ner Ab­schot­tung des Ber­li­ner Mark­tes vor rechtmäßiger Kon­kur­renz. Auf die­se Wei­se sol­le - oh­ne das im Ta­rif­ver­trags­ge­setz vor­ge­se­he­ne In­stru­ment der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung (§ 5 TVG) ein­set­zen zu müssen - ver­hin­dert wer­den, dass die Ber­li­ner Ta­riflöhne auf­grund des be­ste­hen­den Wett­be­werbs­drucks ge­senkt wer­den müss­ten.
Das In­ter­es­se des Lan­des, die Ar­beits­lo­sig­keit in Ber­lin zu bekämp­fen und die hei­mi­schen An­bie­ter zu stärken, recht­fer­ti­ge sein Ver­hal­ten nicht. Auch der im Ge­mein­wohl lie­gen­de Zweck der Ver­mei­dung wei­te­rer Ar­beits­lo­sig­keit dürfe nicht
mit ei­nem Mit­tel ver­folgt wer­den, das mit der auf die Frei­heit des Wett­be­werbs ge­rich­te­ten Ziel­rich­tung des Ge­set­zes ge­gen Wett­be­werbs­be­schränkun­gen un­ver­ein­bar sei. Es stel­le ei­ne klas­si­sche pro­tek­tio­nis­ti­sche Maßnah­me dar, wenn das Land die ta­rif­ge­bun­de­nen Ber­li­ner Straßen­bau­un­ter­neh­men da­durch vor dem Wett­be­werb meist auswärti­ger ta­ri­fun­ge­bun­de­ner Wett­be­wer­ber schütze, dass es die­se zwin­ge, ih­ren rechtmäßig er­ziel­ten Kos­ten­vor­teil auf­zu­ge­ben, den sie auf­grund nied­ri­ge­rer Löhne genössen.
b) Müss­te hin­ge­gen von der Gültig­keit der Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln aus­ge­gan­gen wer­den, so wäre die Un­te­sa­gungs­verfügung des Bun­des­kar­tell­amts nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs auf­zu­he­ben.
Da es auf die Rechts­la­ge zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung an­kom­me, sei auch die zwi­schen­zeit­lich in Kraft ge­tre­te­ne lan­des­recht­li­che Be­stim­mung für die Be­ur­tei­lung des dem Land un­ter­sag­ten Ver­hal­tens her­an­zu­zie­hen. § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln schrei­be den Ver­ga­be­stel­len die For­de­rung ei­ner Ta­rif­treue­erklärung vor, oh­ne da­nach zu un­ter­schei­den, ob das Land als Nach­fra­ger nach Bau­leis­tun­gen ei­ne markt­be­herr­schen­de Stel­lung in­ne­ha­be und des­we­gen Nor­madres­sat des § 20 Abs. 1 GWB sei. Sei­en die Ver­ga­be­stel­len aber zu dem frag­li­chen Ver­hal­ten durch ein gülti­ges Ge­setz ver­pflich­tet, könne hier­in
kein Ver­s­toß ge­gen das kar­tell­recht­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot lie­gen. Ei­nem Ver­hal­ten, das ge­setz­lich ge­bo­ten sei, feh­le es nie­mals am sach­lich ge­recht­fer­tig­ten Grund.
Die Be­stim­mung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ent­hal­te ein sol­ches ge­setz­li­ches Hand­lungs­ge­bot, ob­wohl es sich nur um ei­ne Soll-Vor­schrift han­de­le. Sol­che Nor­men ver­pflich­te­ten die Behörden, grundsätz­lich so zu ver­fah­ren, wie es im Ge­setz be­stimmt sei. Im Re­gel­fall be­deu­te das "Soll" da­her ein "Muss". Es könne nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass das Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­setz die Ver­ga­be­stel­len im­mer dann von dem Ge­bot aus­neh­me, wenn dem Land we­gen sei­ner markt­be­herr­schen­den Stel­lung als Nor­madres­sa­ten des § 20 Abs. 1 GWB die For­de­rung ei­ner Ta­rif­treue­erklärung kar­tell­recht­lich un­ter­sagt sei. Das Ge­setz se­he ei­ne sol­che Aus­nah­me nicht vor. Die Be­mer­kung in der Be­gründung des Ge­setz­ent­wurfs, in Aus­nah­mefällen, et­wa bei ei­ner markt­be­herr­schen­den Stel­lung des Lan­des, dürfe von dem Ver­lan­gen nach Ein­hal­ten der Ta­ri­fe ab­ge­se­hen wer­den, ha­be im Ge­setz kei­nen hin­rei­chen­den Aus­druck ge­fun­den.
Auf die Ver­ein­bar­keit von § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln mit dem Grund­ge­setz oder mit Bun­des­recht käme es da­her nur dann nicht an, wenn die Re­ge­lung oh­ne­hin mit Blick auf vor­ran­gi­ge ge­mein­schafts­recht­li­che Be­stim­mun­gen kei­ne An­wen­dung fin­den
könn­te. Hier­von könne in­des­sen nicht aus­ge­gan­gen wer­den, oh­ne zunächst ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten zu rich­ten. Die Fra­ge, ob § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln mit der Dienst­leis­tungs­frei­heit des Art. 49 EG und mit den ge­mein­schafts­recht­li­chen Ver­ga­be­richt­li­ni­en ver­ein­bar sei, könne der Bun­des­ge­richts­hof nicht ab­sch­ließend ent­schei­den. Für ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten be­ste­he je­doch im Hin­blick dar­auf kei­ne Ver­an­las­sung, dass die Be­stim­mung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs oh­ne­hin nicht gültig sei.
c) Die Vor­schrift des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln sei ver­fas­sungs­wid­rig.
aa) Dem Land Ber­lin feh­le für ei­ne Re­ge­lung, die der Sa­che nach auf ei­ne teil­wei­se All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung be­stimm­ter Ta­rif­verträge hin­aus­lau­fe, die Ge­setz­ge­bungs­zuständig­keit. Bei der Be­stim­mung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln han­de­le es sich um ei­ne ta­rif­recht­li­che Re­ge­lung. Sie be­wir­ke, dass be­stimm­te für Ber­lin gel­ten­de Ta­rif­verträge auch von Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern ein­ge­hal­ten wer­den müss­ten, die nicht an die­se Ta­rif­verträge ge­bun­den sei­en. Das Ta­rif­recht fal­le un­ter die all­ge­mei­ne Kom­pe­tenz­zu­wei­sung für das Ar­beits­recht in Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG; es zähle da­mit zur
kon­kur­rie­ren­den Ge­setz­ge­bung. Der Bund ha­be, was das Ta­rif­recht an­ge­he, von sei­ner kon­kur­rie­ren­den Zuständig­keit mit der Ver­ab­schie­dung des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes ab­sch­ließend Ge­brauch ge­macht. Die­ses Ge­setz ent­hal­te in § 5 ge­ra­de auch ei­ne um­fas­sen­de Re­ge­lung über die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung von Ta­rif­verträgen. Aus § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB las­se sich ei­ne über die Be­stim­mun­gen des Grund­ge­set­zes hin­aus­ge­hen­de Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Lan­des für das frag­li­che Ge­setz nicht ab­lei­ten. Die Ge­setz ge­wor­de­ne Kom­pro­miss­for­mel ha­be sich al­lein auf die Form be­zo­gen, die für ei­ne Re­ge­lung ver­ga­be­frem­der Kri­te­ri­en ein­zu­hal­ten sei. Im Hin­blick auf die ge­mein­schafts­recht­li­chen Vor­ga­ben und un­ter Berück­sich­ti­gung der im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren zu­ta­ge ge­tre­te­nen Un­ter­schie­de in der ma­te­ri­ell-recht­li­chen Be­wer­tung sei aus­zu­sch­ließen, dass den Ländern für die Fest­le­gung ver­ga­be­frem­der Kri­te­ri­en ei­ne um­fas­sen­de Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz ha­be zu­ge­bil­ligt wer­den sol­len.
bb) Selbst wenn das Land Ber­lin über ei­ne Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz für die Re­ge­lung in § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln verfügen soll­te, bestünden im Hin­blick auf ent­ge­gen­ste­hen­de bun­des­recht­li­che Be­stim­mun­gen durch­grei­fen­de Be­den­ken ge­gen die Gültig­keit der Norm (Art. 31 GG).
§ 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln führe zu ei­ner weit­ge­hen­den All­ge­mein­ver­bind­lich­keit der Ber­li­ner Ta­riflöhne auf be­stimm­ten Märk­ten, auf de­nen die meis­ten Auf­träge von der öffent­li­chen Hand ver­ge­ben würden. Ei­ne der­ar­ti­ge All­ge­mein­ver­bind­lich­keit von Ta­rif­verträgen sei nach § 5 TVG an Vor­aus­set­zun­gen ma­te­ri­el­ler und for­mel­ler Art ge­knüpft. Ins­be­son­de­re könne die ent­spre­chen­de, ei­nen Akt der Recht­set­zung dar­stel­len­de Erklärung nur im Ein­ver­neh­men mit dem Ta­rif­aus­schuss und nach Anhörung der be­trof­fe­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer ab­ge­ge­ben wer­den (§ 5 Abs. 1 und 2 TVG). Ein Lan­des­ge­setz, durch das ein be­stimm­ter Ta­rif­ver­trag für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wer­de, ver­s­toße ge­gen die­se bin­den­de bun­des­recht­li­che Re­ge­lung.
So­weit die Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln Gel­tung auch für den Fall be­an­spru­che, dass das nach­fra­gen­de Land ei­ne markt­be­herr­schen­de Stel­lung ein­neh­me, ver­s­toße sie darüber hin­aus ge­gen kar­tell­recht­li­che Be­stim­mun­gen, die markt­be­herr­schen­den Un­ter­neh­men be­stimm­te dis­kri­mi­nie­ren­de oder be­hin­dern­de Ver­hal­tens­wei­sen un­ter­sag­ten (§ 20 Abs. 1 GWB). Auch wenn die Länder nach § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB ver­ga­be­frem­de An­for­de­run­gen vor­se­hen dürf­ten, sei­en sie doch ge­hin­dert, ein Ver­hal­ten zu le­ga­li­sie­ren, das an­sons­ten als kar­tell-rechts­wid­rig an­zu­se­hen wäre.
cc) Sch­ließlich be­geg­ne die Re­ge­lung in § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln in­so­fern durch­grei­fen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken, als durch das Ge­bot der Ta­rif­treue in die ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit ein­ge­grif­fen wer­de (Art. 9 Abs. 3 GG).
Durch das im Ber­li­ner Ver­ga­be­ge­setz aus­ge­spro­che­ne Ge­bot, Auf­träge der öffent­li­chen Hand nur an Un­ter­neh­men zu ver­ge­ben, die ih­re Ar­beit­neh­mer nach den in Ber­lin gel­ten­den Ta­ri­fen ent­lohn­ten, würden die Wir­kun­gen ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen auch für Außen­sei­ter ver­bind­lich, die sich um ent­spre­chen­de Auf­träge bemühten. Dem las­se sich je­den­falls für den Be­reich, in dem die öffent­li­che Hand als Nach­fra­ger ei­ne markt­be­herr­schen­de Stel­lung ein­neh­me, nicht ent­ge­gen hal­ten, § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln zwin­ge kei­nen An­bie­ter, sich an Aus­schrei­bun­gen des be­trof­fe­nen Lan­des zu be­tei­li­gen. Die Markt­macht des Straßen­bau­leis­tun­gen nach­fra­gen­den Lan­des er­ge­be sich ge­ra­de dar­aus, dass die Markt­ge­gen­sei­te nicht über hin­rei­chen­de Möglich­kei­ten verfüge, auf an­de­re Nach­fra­ger der an­ge­bo­te­nen Leis­tun­gen aus­zu­wei­chen. Da­mit grei­fe § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln in den durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Be­reich ein. Das Ge­setz nöti­ge die ta­ri­fun­ge­bun­de­nen An­bie­ter, sich in ei­nem ih­re Wett­be­werbsfähig­keit maßgeb­lich be­ein­flus­sen­den Punkt den ta­rif­ver­trag­li­chen Be­stim­mun­gen zu un­ter­wer­fen. Die Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ma­che die­se
Aus­deh­nung der Ver­bind­lich­keit ta­rif­ver­trag­li­cher Be­stim­mun­gen auf un­ge­bun­de­ne Drit­te von kei­nen sach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen abhängig. Auch das Ver­fah­ren bie­te kei­ne Gewähr dafür, dass die In­ter­es­sen der Außen­sei­ter berück­sich­tigt würden.
Zu den Vor­la­ge­fra­gen ha­ben der Se­nat von Ber­lin, das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin, die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung, das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, die Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände, der Bun­des­ver­band der Deut­schen In­dus­trie, der Haupt­ver­band der Deut­schen Bau­in­dus­trie, der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund und die In­dus­trie­ge­werk­schaft Bau­en-Agrar-Um­welt Stel­lung ge­nom­men.
1. Der Se­nat von Ber­lin hält die ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken des Bun­des­ge­richts­hofs für un­be­gründet.
§ 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln sei kom­pe­tenz­gemäß zu­stan­de ge­kom­men. Das Land ha­be von der Ermäch­ti­gung des § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB Ge­brauch ge­macht.
Die zur Über­prüfung ge­stell­te Norm sei nicht we­gen Un­ver­ein­bar­keit mit Bun­des­recht un­wirk­sam. Sie ver­s­toße nicht ge­gen § 20 Abs. 1 GWB. Durch § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln würden al­le Auf­trag­neh­mer le­dig­lich ver­pflich­tet, für den Zeit­raum der Auf­trags­durchführung die mit dem Auf­trag beschäftig­ten
Mit­ar­bei­ter nach den in Ber­lin gülti­gen Ent­gelt­ta­ri­fen zu be­zah­len, um ei­ne Gleich­heit der Aus­gangs­vor­aus­set­zun­gen und Wett­be­werbs­be­din­gun­gen zu schaf­fen. Es sei nicht zu er­ken­nen, dass dies ir­gend­wel­che Bie­ter un­an­ge­mes­sen be­nach­tei­li­ge oder zu ei­ner ein­sei­ti­gen Be­vor­zu­gung der ein­hei­mi­schen Bau­wirt­schaft führe. Durch die Zu­las­sung ei­nes mögli­chen "Lohn­dum­pings" auswärti­ger Bie­ter würden hin­ge­gen die Ein­kom­mens­verhält­nis­se der Bevölke­rung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nach­hal­tig ver­schlech­tert wer­den. Der Re­ge­lung des § 20 GWB könne ge­set­zes­sys­te­ma­tisch oh­ne­hin kei­ne Ein­schränkung der Ermäch­ti­gungs­norm des § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB ent­nom­men wer­den. Der ver­ga­be­recht­li­che Teil des Ge­set­zes ge­gen Wett­be­werbs­be­schränkun­gen be­sit­ze ei­nen ei­genständi­gen Cha­rak­ter und stel­le ei­ne ge­schlos­se­ne Re­ge­lung dar, die den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des Ge­set­zes vor­ge­he.
Mit ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung im Sin­ne des § 5 TVG sei das Ta­rif­treue­ver­lan­gen nicht ver­gleich­bar. Die lan­des­recht­li­che For­de­rung ei­ner Ta­rif­treue­erklärung ver­let­ze auch nicht die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Durch § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln wer­de we­der ei­ne Mit­glied­schaft in ei­ner Ko­ali­ti­on er­zwun­gen noch ein er­heb­li­cher Bei­tritts­druck er­zeugt. Wenn nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (Hin­weis auf BVerfGE 55, 7 <22>) schon ei­ne vollständi­ge recht­li­che Un­ter­stel­lung un­ter ei­nen
Ta­rif­ver­trag durch des­sen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit nicht berühre, müsse dies erst recht für die we­ni­ger be­las­ten­de For­de­rung ei­ner Ta­rif­treue­erklärung gel­ten.
2. Das Ab­ge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin hat sich die­ser Stel­lung­nah­me an­ge­schlos­sen und ergänzend aus­geführt, dass schon im An­satz Be­den­ken ge­gen die Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs bestünden, § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ver­s­toße ge­gen Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG, weil der Bun­des­ge­setz­ge­ber das Ta­rif­recht ab­sch­ließend ge­re­gelt ha­be. Die Ta­rif­treue­re­ge­lung ha­be ih­ren ei­gent­li­chen nor­ma­ti­ven Ge­halt viel­mehr im Be­reich des Ver­ga­be­rechts. Je­den­falls ha­be der Bun­des­ge­setz­ge­ber in § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB ei­nen Vor­be­halt zu­guns­ten der Lan­des­ge­setz­ge­ber auf­ge­nom­men.
We­gen des ei­genständi­gen Cha­rak­ters der ver­ga­be­recht­li­chen Vor­schrif­ten des Ge­set­zes ge­gen Wett­be­werbs­be­schränkun­gen er­schei­ne es pro­ble­ma­tisch, ver­ga­be­recht­li­che Vor­schrif­ten der Länder, die auf § 97 Abs. 4 GWB be­ruh­ten, am Maßstab des § 20 Abs. 1 GWB zu prüfen. Selbst wenn man § 20 Abs. 1 GWB an­wen­de, sei kein Ver­s­toß ge­gen die­se Vor­schrift er­kenn­bar. Das Land Ber­lin ver­su­che, mit der ver­ga­be­recht­li­chen Re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln die so­zi­al­po­li­tisch be­deut­sa­me Auf­ga­be der Bekämp­fung der Ar­beits­lo­sig­keit zu erfüllen. Die un-
ter­schied­li­che Be­hand­lung von Un­ter­neh­men sei un­ter die­sem Ge­sichts­punkt als sach­lich ge­recht­fer­tigt an­zu­se­hen. Ei­ne un­bil­li­ge Be­hin­de­rung lie­ge dar­in nicht.
Die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit wer­de durch § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln nicht ver­letzt. Die­se Vor­schrift wir­ke sich nur mit­tel­bar aus und blei­be in der In­ten­sität ih­rer Ein­wir­kung auf die Un­ter­neh­men hin­ter § 5 TVG zurück. Zu­dem könne die Ko­ali­ti­ons­frei­heit zum Schutz von Ge­mein­wohl­be­lan­gen, de­nen ver­fas­sungs­recht­li­cher Rang gebühre, ein­ge­schränkt wer­den. Da­zu gehöre das Ziel, Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit zu bekämp­fen.
3. Die Baye­ri­sche Staats­re­gie­rung hat Be­den­ken ge­gen die Zulässig­keit der Vor­la­ge geäußert. Bei Zwei­feln an der Ver­ein­bar­keit ei­ner Norm mit eu­ropäischem Ge­mein­schafts­recht ha­be der Bun­des­ge­richts­hof vor­ran­gig ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten ein­ho­len müssen.
Die Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln wer­de nicht ge­teilt. Der Bund ha­be mit § 97 Abs. 4 GWB ei­ne Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge ge­schaf­fen, die es er­lau­be, ver­ga­be­frem­de Kri­te­ri­en durch Lan­des­ge­set­ze zu re­geln. Bun­des­recht­li­che Be­stim­mun­gen stünden der Ta­rif­treue­re­ge­lung nicht ent­ge­gen. Eben­so we­nig wer­de in die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Ko­ali­ti­ons­frei­heit
ein­ge­grif­fen. Ein Ein­griff in den Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG wäre je­den­falls durch ver­fas­sungs­recht­lich le­gi­ti­mier­te, über­wie­gen­de Gründe des Ge­mein­wohls ge­recht­fer­tigt. Das Ziel, ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen zu stützen und die Mas­sen­ar­beits­lo­sig­keit zu bekämp­fen, ha­be Ver­fas­sungs­rang. Dem­ge­genüber ha­be das In­ter­es­se der ta­ri­fun­ge­bun­de­nen An­bie­ter an der Wah­rung ih­rer Un­ter­neh­mens- und Wett­be­werbs­frei­heit ge­rin­ge­res Ge­wicht.
4. Für das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat der 1. Re­vi­si­ons­se­nat mit­ge­teilt, er nei­ge zu der Auf­fas­sung, das Land sei zum Er­lass der Norm zuständig ge­we­sen. Die Re­ge­lung ha­be vor­ran­gig ei­nen ver­ga­be­recht­li­chen, kei­nen ar­beits­recht­li­chen In­halt. Ei­ne Art All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung im Sin­ne des § 5 TVG könne in ihr schwer­lich ge­se­hen wer­den. Auch die Re­ge­lung in § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB spre­che für ei­ne Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Lan­des. An­ge­sichts des ver­ga­be­recht­li­chen In­halts der an­ge­grif­fe­nen Re­ge­lung und ih­rer be­grenz­ten Aus­wir­kung lie­ge auch ei­ne Ver­let­zung des Art. 9 Abs. 3 GG nicht na­he.
5. Nach Auf­fas­sung der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Deut­schen Ar­beit­ge­ber­verbände ist § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ver­fas­sungs­wid­rig, weil es sich da­bei um ei­ne oh­ne aus­rei­chen­de Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz er­las­se­ne Re­ge­lung des Ta­rif­rechts han­de­le,
die im Wi­der­spruch zu § 20 Abs. 1 GWB ste­he und in un­zulässi­ger Wei­se in die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit der An­bie­ter und die Ta­rif­au­to­no­mie ein­grei­fe.
6. Auch nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­bands der Deut­schen In­dus­trie ist § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln nicht kom­pe­tenz­gemäß zu­stan­de ge­kom­men. Die Re­ge­lung ver­let­ze zu­dem die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit, sei mit § 20 Abs. 1 GWB nicht ver­ein­bar und im Übri­gen auch nicht ge­eig­net, die ar­beits­markt- und so­zi­al­po­li­ti­schen Zie­le des Lan­des zu er­rei­chen.
7. Der Haupt­ver­band der Deut­schen Bau­in­dus­trie hat sich der Be­gründung des Aus­set­zungs- und Vor­la­ge­be­schlus­ses des Bun­des­ge­richts­hofs an­ge­schlos­sen. Ta­rif­treue­re­ge­lun­gen, die auch von ta­ri­fun­ge­bun­de­nen Bie­tern die Be­ach­tung der gel­ten¬den Ta­riflöhne for­der­ten, sei­en we­gen Ver­s­toßes ge­gen die ne­ga­ti­ve Ko­ali­ti­ons­frei­heit ver­fas­sungs­wid­rig und darüber hin­aus eu­ro­pa­rechts­wid­rig. Auch mit § 20 GWB sei­en sie nicht ver­ein­bar.
8. Der Deut­sche Ge­werk­schafts­bund und die In­dus­trie­ge­werk­schaft Bau­en-Agrar-Um­welt ver­tre­ten die Auf­fas­sung, § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ste­he mit dem Grund­ge­setz, mit dem übri­gen Bun­des­recht und mit eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben in Ein­klang.
Die Vor­la­ge ist zulässig. Ins­be­son­de­re ste­hen Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit der Vor­schrift mit eu­ropäischem Ge­mein­schafts­recht der kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­le nach Art. 100 Abs. 1 GG nicht ent­ge­gen.
Wenn fest­steht, dass ein Ge­setz dem eu­ropäischen Ge­mein­schafts­recht wi­der­spricht und des­halb we­gen des An­wen­dungs­vor­rangs des Ge­mein­schafts­rechts nicht an­ge­wandt wer­den darf, ist das Ge­setz nicht mehr ent­schei­dungs­er­heb­lich im Sin­ne von Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG (vgl. BVerfGE 85, 191 <203 ff.>; 106, 275 <295>; vgl. fer­ner für das Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de BVerfGE 110, 141 <155 f.>). Ist die ge­mein­schafts­recht­li­che und ver­fas­sungs­recht­li­che Rechts­la­ge strit­tig, gibt es hin­ge­gen aus der Sicht des deut­schen Ver­fas­sungs­rechts kei­ne fes­te Rang­fol­ge un­ter den vom Fach­ge­richt ge­ge­be­nen­falls ein­zu­lei­ten­den Zwi­schen­ver­fah­ren nach Art. 234 Abs. 2, 3 EG und Art. 100 Abs. 1 GG. Zwar kann es oh­ne vor­he­ri­ge Klärung der eu­ro­pa­recht­li­chen Fra­gen durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten da­zu kom­men, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungsmäßig­keit ei­nes Ge­set­zes über­prüft, das we­gen des An­wen­dungs­vor­rangs des Ge­mein­schafts­rechts gar nicht an­ge­wandt wer­den darf. Um­ge­kehrt blie­be aber oh­ne Klärung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen
durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Ver­fah­ren der Vor­ab­ent­schei­dung für den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten of­fen, ob die Vor­ab­ent­schei­dung ei­ne nach in­ner­staat­li­chen Maßstäben im Übri­gen gülti­ge und des­halb ent­schei­dungs­er­heb­li­che Norm be­trifft. In die­ser Si­tua­ti­on darf ein Ge­richt, das so­wohl eu­ro­pa­recht­li­che als auch ver­fas­sungs­recht­li­che Zwei­fel hat, nach ei­ge­nen Zweckmäßig­keits­erwägun­gen ent­schei­den, wel­ches Zwi­schen­ver­fah­ren es zunächst ein­lei­tet.
Da die Eu­ro­pa­rechts­wid­rig­keit der vor­ge­leg­ten Ta­rif­treue­re­ge­lung nicht fest­steht, der Bun­des­ge­richts­hof aber von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln über­zeugt ist, war ei­ne Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 1 GG un­ge­ach­tet der ge­mein­schafts­recht­li­chen Fra­gen zulässig.
§ 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ist mit dem Grund­ge­setz und mit dem übri­gen Bun­des­recht ver­ein­bar.
Das Land Ber­lin war für den Er­lass der Vor­schrift zuständig (I.). Die Norm verstößt we­der ge­gen Grund­rech­te (II.) noch ge­gen sons­ti­ges Bun­des­recht (III.).
Die Ge­setz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Lan­des ist nach Art. 70 in Ver­bin­dung mit Art. 72 Abs. 1 GG ge­ge­ben, da die Re­ge­lungs­ma­te­rie in die kon­kur­rie­ren­de Zuständig­keit nach Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG fällt und der Bund nicht ab­sch­ließend von sei­nem Ge­setz­ge­bungs­recht Ge­brauch ge­macht hat.
1. Der Be­griff "Recht der Wirt­schaft" im Sin­ne des Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG ist weit zu ver­ste­hen (vgl. BVerfGE 5, 25 <28 f.>; 28, 119 <146>; 29, 402 <409>; 41, 344 <352>; 68, 319 <330>). Zu ihm gehören nicht nur die­je­ni­gen Vor­schrif­ten, die sich auf die Er­zeu­gung, Her­stel­lung und Ver­tei­lung von Gütern des wirt­schaft­li­chen Be­darfs be­zie­hen, son­dern auch al­le an­de­ren das wirt­schaft­li­che Le­ben und die wirt­schaft­li­che Betäti­gung als sol­che re­geln­den Nor­men (vgl. BVerfGE 29, 402 <409>; 55, 274 <308>). Hier­zu zählen Ge­set­ze mit wirt­schafts­re­gu­lie­ren­dem oder wirt­schafts­len­ken­dem Cha­rak­ter (vgl. BVerfGE 4, 7 <13>; 68, 319 <330>).
Zur Re­ge­lung des Wirt­schafts­le­bens im Sin­ne des Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG gehören auch die Vor­schrif­ten über die Ver­ga­be von öffent­li­chen Auf­trägen. Die­sem Rechts­ge­biet sind auch ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen darüber zu­zu­ord­nen, in wel­chem Um­fang der öffent­li­che Auf­trag­ge­ber bei der Ver­ga­be­ent­schei­dung über die in § 97 Abs. 4 GWB aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen
Kri­te­ri­en hin­aus an­de­re oder wei­ter ge­hen­de An­for­de­run­gen an den Auf­trag­neh­mer stel­len darf. Denn nach den Maßstäben, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die Zu­ord­nung zu den Kom­pe­tenz­ti­teln der Art. 74 und 75 GG ent­wi­ckelt hat, kommt es in ers­ter Li­nie auf den Re­ge­lungs­ge­gen­stand und den Ge­samt­zu­sam­men­hang der Re­ge­lung im je­wei­li­gen Ge­setz an (vgl. BVerfGE 4, 60 <67, 69 f.>; 8, 143 <148 ff.>; 68, 319 <327 f.>). Des­halb ist nicht für je­de an­de­re oder wei­ter ge­hen­de An­for­de­rung, die ein Ge­setz als Kri­te­ri­um für die Auf­trags­ver­ga­be vor­sieht, der auf das kon­kre­te Kri­te­ri­um be­zo­ge­ne Kom­pe­tenz­ti­tel - et­wa der für das Ar­beits­recht gemäß Art. 74 Abs. 1 Nr. 12 GG - ein­schlägig.
Mit dem Er­for­der­nis ei­ner Ta­rif­treue­erklärung wird ein Kri­te­ri­um für die ver­ga­be­recht­li­che Aus­wah­l­ent­schei­dung ge­re­gelt. Un­mit­tel­bar be­trof­fen ist die Rechts­be­zie­hung zwi­schen dem öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber und dem Bie­ter, des­sen An­ge­bots­ver­hal­ten bei der Be­wer­bung um ei­nen Auf­trag aus wirt­schafts- und so­zi­al­po­li­ti­schen Gründen da­hin­ge­hend ge­steu­ert wer­den soll, dass er sich ge­genüber an­de­ren Be­wer­bern kei­nen Vor­teil durch ei­ne un­ter­ta­rif­li­che Vergütung sei­ner Ar­beit­neh­mer ver­schafft. Mit der Ein­be­zie­hung ei­nes sol­chen Kri­te­ri­ums in die Aus­wah­l­ent­schei­dung wird das Ziel ver­folgt, die Ver­ga­be von Auf­trägen aus be­stimm­ten wirt­schafts- und so­zi­al-po­li­ti­schen Gründen un­mit­tel­bar zu be­ein­flus­sen. Die­se Ziel-
set­zung wird in das Ver­ga­be­ver­fah­ren in­te­griert. Es han­delt sich um ei­ne Son­der­re­ge­lung für den Be­reich der öffent­li­chen Be­schaf­fung, mit der ein Kri­te­ri­um für die Ver­ga­be­ent­schei­dung fest­ge­legt wird, das mit­tel­bar auf die ar­beits­recht­li­chen Be­zie­hun­gen im Un­ter­neh­men der Bie­ter Ein­fluss neh­men soll.
Für ei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung der Be­stim­mung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln als ver­ga­be­recht­li­che Vor­schrift spricht auch der Re­ge­lungs­zu­sam­men­hang mit der Sank­ti­ons­norm des § 1 Abs. 2 VgG Bln. Der Ver­s­toß ei­nes Un­ter­neh­mers ge­gen die Ver­pflich­tung zur Ta­rif­treue soll da­nach die spe­zi­fisch ver­ga­be­recht­li­che Kon­se­quenz ha­ben, dass er von der Teil­nah­me an ei­nem Wett­be­werb um ei­nen Bau­auf­trag oder Dienst­leis­tungs­auf­trag bis zu ei­ner Dau­er von zwei Jah­ren aus­ge­schlos­sen wird. Aus die­ser Ver­knüpfung wird deut­lich, dass es bei der Re­ge­lung der Ver­pflich­tung zur Ta­rif­treue zweck­ge­rich­tet um ei­ne Aus­ge­stal­tung der Be­din­gun­gen für die Teil­nah­me am Wett­be­werb um ei­ne öffent­li­che Auf­trags­ver­ga­be und da­mit um ei­nen ver­ga­be­recht­li­chen Re­ge­lungs­ge­gen­stand geht.
2. Von dem für Ver­ga­be­re­ge­lun­gen ein­schlägi­gen Ge­setz­ge­bungs­ti­tel des Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG hat der Bun­des­ge­setz­ge­ber nicht ab­sch­ließend Ge­brauch ge­macht.
Der Vor­schrift des § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB, nach der an­de­re oder wei­ter ge­hen­de An­for­de­run­gen an Auf­trag­neh­mer nur ge­stellt wer­den dürfen, wenn dies durch Bun­des- oder Lan­des­ge­setz vor­ge­se­hen ist, ist viel­mehr zu ent­neh­men, dass auch aus Sicht des Bun­des­ge­setz­ge­bers die Re­ge­lung sol­cher Kri­te­ri­en durch den Lan­des­ge­setz­ge­ber grundsätz­lich möglich sein soll. Mit der in § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB be­stimm­ten Zulässig­keit ei­ner lan­des­ge­setz­li­chen Re­ge­lung ist aus­weis­lich der Ge­setz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en ge­ra­de auch dem Wunsch der Länder nach ei­ner kom­pe­tenz­recht­li­chen Le­gi­ti­ma­ti­on ei­ge­ner Ta­rif­treue­vor­schrif­ten für den Be­reich ih­rer Auf­trags­ver­ga­be Rech­nung ge­tra­gen wor­den.
1. § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln verstößt nicht ge­gen Art. 9 Abs. 3 GG.
Die­ses Grund­recht schützt für je­der­mann und für al­le Be­ru­fe das Recht, sich zu Ko­ali­tio­nen zu­sam­men­zu­sch­ließen, aber auch die Ko­ali­ti­on als sol­che und ihr Recht, durch spe­zi­fisch ko­ali­ti­ons­gemäße Betäti­gung die in Art. 9 Abs. 3 GG ge­nann­ten Zwe­cke zu ver­fol­gen (vgl. BVerfGE 19, 303 <312>; 84, 212 <224>; 100, 271 <282>; 103, 293 <304>). Die Ta­rif­treue­re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln lässt die­sen Schutz­be­reich
a) Durch die ge­setz­li­che Ta­rif­treue­ver­pflich­tung wird der Schutz­be­reich des Art. 9 Abs. 3 GG ins­be­son­de­re nicht un­ter dem Ge­sichts­punkt der so ge­nann­ten ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit berührt.
aa) Die Ko­ali­ti­ons­frei­heit als in­di­vi­du­el­les Frei­heits­recht um­fasst auch das Recht des Ein­zel­nen, ei­ner Ko­ali­ti­on fern­zu­blei­ben (vgl. BVerfGE 50, 290 <367>; 55, 7 <21>; 93, 352 <357>). Das Grund­recht schützt da­vor, dass ein Zwang oder Druck auf die Nicht-Or­ga­ni­sier­ten aus­geübt wird, ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on bei­zu­tre­ten. Ein von ei­ner Re­ge­lung oder Maßnah­me aus­ge­hen­der bloßer An­reiz zum Bei­tritt erfüllt die­se Vor­aus­set­zung nicht (vgl. BVerfGE 31, 297 <302>).
bb) Die Ta­rif­treue­ver­pflich­tung schränkt das durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Recht der am Ver­ga­be­ver­fah­ren be­tei­lig­ten Un­ter­neh­mer, der ta­rif­ver­trags­sch­ließen­den Ko­ali­ti­on fern­zu­blei­ben, nicht ein. Durch das Ge­setz wird auch kein fak­ti­scher Zwang oder er­heb­li­cher Druck zum Bei­tritt aus­geübt. Dass sich ein nicht ta­rif­ge­bun­de­ner Un­ter­neh­mer we­gen des Ta­rif­treu­e­zwangs ver­an­lasst se­hen könn­te, der ta­rif­ver­trags­sch­ließen­den Ko­ali­ti­on bei­zu­tre­ten, um als Mit­glied auf den Ab­schluss künf­ti­ger Ta­rif­verträge Ein­fluss neh­men zu können, auf die er durch die Ta­rif­treue­erklärung ver­pflich­tet wird, liegt fern und ist für Un­ter­neh­men mit Sitz außer­halb
des Lan­des Ber­lin oh­ne­hin aus­ge­schlos­sen. Ein Ver­bands­bei­tritt bis­lang nicht ta­rif­ge­bun­de­ner Ber­li­ner Bau­un­ter­neh­mer würde im Übri­gen da­zu führen, dass sie nicht nur bei der Ausführung des ein­zel­nen aus­ge­schrie­be­nen öffent­li­chen Auf­trags, son­dern um­fas­send, das heißt auch bei der Ausführung von pri­va­ten Bau­aufträgen, an die ört­li­chen Ent­gelt­ta­rif­verträge ge­bun­den wären.
Das Grund­recht der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit schützt nicht da­ge­gen, dass der Ge­setz­ge­ber die Er­geb­nis­se von Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen zum An­knüpfungs­punkt ge­setz­li­cher Re­ge­lun­gen nimmt, wie es be­son­ders weit­ge­hend bei der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­recht­lich zulässig an­ge­se­he­nen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung von Ta­rif­verträgen ge­schieht (vgl. BVerfGE 44, 322 <351 f.>; 55, 7). Al­lein da­durch, dass je­mand den Ver­ein­ba­run­gen frem­der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­ter­wor­fen wird, ist ein spe­zi­fisch ko­ali­ti­ons­recht­li­cher As­pekt nicht be­trof­fen (vgl. BVerfGE 64, 208 <213>). Ge­gen ei­ne gleich­heits­wid­ri­ge oder un­verhält­nismäßige Auf­er­le­gung der Er­geb­nis­se frem­der Ko­ali­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen ist der Un­ter­neh­mer ge­ge­be­nen­falls durch Art. 3 Abs. 1 und Art. 12 Abs. 1 GG geschützt.
b) Die ge­setz­li­che Re­ge­lung ei­ner Ta­rif­treue­erklärung berührt auch nicht die in Art. 9 Abs. 3 GG ent­hal­te­ne Be­stands-und Betäti­gungs­ga­ran­tie der Ko­ali­tio­nen.
aa) Das Grund­recht der Ko­ali­ti­ons­frei­heit schützt auch die Ko­ali­ti­on selbst in ih­rem Be­stand, ih­rer or­ga­ni­sa­to­ri­schen Aus­ge­stal­tung und ih­ren Betäti­gun­gen, so­fern die­se der Förde­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen die­nen (vgl. BVerfGE 84, 212 <224>; 92, 365 <393>; 100, 271 <282>). Der Schutz er­streckt sich auf al­le ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen und um­fasst ins­be­son­de­re auch die Ta­rif­au­to­no­mie, die im Zen­trum der den Ko­ali­tio­nen ein­geräum­ten Möglich­kei­ten zur Ver­fol­gung ih­rer Zwe­cke steht (vgl. BVerfGE 88, 103 <114>; 94, 268 <283>; 103, 293 <304>).
Das Aus­han­deln von Ta­rif­verträgen ist ein we­sent­li­cher Zweck der Ko­ali­tio­nen (vgl. BVerfGE 94, 268 <283>). Der Staat enthält sich in die­sem Betäti­gungs­feld grundsätz­lich ei­ner Ein­fluss­nah­me (vgl. BVerfGE 38, 281 <305 f.>) und überlässt die er­for­der­li­chen Re­ge­lun­gen der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen zum großen Teil den Ko­ali­tio­nen, die sie au­to­nom durch Ver­ein­ba­run­gen tref­fen (vgl. BVerfGE 44, 322 <340 f.>). Zu den der Re­ge­lungs­be­fug­nis der Ko­ali­tio­nen über­las­se­nen Ma­te­ri­en gehören ins­be­son­de­re das Ar­beits­ent­gelt und die an­de-
ren ma­te­ri­el­len Ar­beit­be­din­gun­gen (vgl. BVerfGE 94, 268 <283>; 100, 271 <282>; 103, 293 <304>).
bb) We­der Betäti­gungs­frei­heit noch Be­stand der­je­ni­gen Ko­ali­tio­nen, de­ren Ta­rif­verträge in­fol­ge der Ta­rif­treue­ver­pflich­tung des er­folg­rei­chen Bie­ters ar­beits­ver­trag­lich in Be­zug ge­nom­men wer­den, sind be­trof­fen.
Ih­re sich aus der Betäti­gungs­frei­heit er­ge­ben­de Norm­set­zungs­be­fug­nis ist schon des­halb nicht berührt, weil sich die­ses Recht oh­ne­hin nur auf die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer und nicht auf Außen­sei­ter be­zieht (vgl. BVerfGE 44, 322 <347 f.>). Außer­dem führt die Ta­rif­treue­ver­pflich­tung auf der Grund­la­ge des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln nicht zu ei­ner staat­li­chen Norm­set­zung in ei­nem Be­reich, in dem den ta­rif­au­to­nom ge­setz­ten Ab­spra­chen der So­zi­al­part­ner ein Vor­rang zu­kommt. Die ört­li­chen ta­rif­ver­trag­li­chen Ent­gel­tab­re­den wer­den nicht kraft staat­li­cher Gel­tungs­an­ord­nung In­halt der Ar­beits­verträge der bei der Auf­trags­ausführung ein­ge­setz­ten Mit­ar­bei­ter, son­dern nach in­di­vi­du­al­ver­trag­li­cher Um­set­zung der Ta­rif­treue­ver­pflich­tung durch den Ar­beit­ge­ber. Kon­kur­rie­ren­de Recht­set­zungs­kom­pe­ten­zen des Staa­tes und der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en tref­fen nicht auf­ein­an­der. Den ta­rif­ver­trags-schließen­den Ko­ali­tio­nen erwächst des­halb aus Art. 9 Abs. 3
GG auch kein ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­tes In­ter­es­se an ei­ner Be­tei­li­gung am Ver­fah­ren der Ta­rif­treue­erklärung.
Die Not­wen­dig­keit ei­ner sol­chen Be­tei­li­gung der Ko­ali­tio­nen folgt auch nicht aus der Be­stands­ga­ran­tie des Art. 9 Abs. 3 GG. Für ei­nen sol­chen Schutz­um­fang des Art. 9 Abs. 3 GG könn­te al­len­falls vor­ge­bracht wer­den, dass die Er­stre­ckung von Ta­rif­verträgen auf Nicht-Or­ga­ni­sier­te da­zu führen könn­te, dass die An­rei­ze für ei­ne Ko­ali­ti­ons­mit­glied­schaft ge­min­dert wer­den, weil Außen­sei­ter trotz feh­len­der Mit­glied­schaft in den Ge­nuss ta­rif­ver­trag­li­cher Re­ge­lun­gen ge­lan­gen. Die­se even­tu­el­le mit­tel­ba­re Aus­wir­kung der Ta­rif­treue­erklärung kann je­doch nicht an­ders be­ur­teilt wer­den als der im Zu­sam­men­hang mit der ne­ga­ti­ven Ko­ali­ti­ons­frei­heit dar­ge­stell­te, ge­nau um­ge­kehr­te, an­geb­lich verstärk­te An­reiz zum Bei­tritt zur ta­rif-ver­trags­sch­ließen­den Ko­ali­ti­on. Dies macht be­reits den spe­ku­la­ti­ven Cha­rak­ter der An­nah­men deut­lich.
cc) An­de­re Ko­ali­tio­nen als die, de­ren Ent­gelt­ta­rif­verträge durch die Um­set­zung der Ta­rif­treue­ver­pflich­tung aus § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln auch auf Außen­sei­ter­ar­beits­verhält­nis­se An­wen­dung fin­den, wer­den in ih­rer durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Ta­rif­au­to­no­mie nicht be­trof­fen, weil die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Auf­la­ge kein recht­li­ches Hin­der­nis zum Ab­schluss von Ta­rif­verträgen er­rich­tet und der Ab­schluss kon-
kur­rie­ren­der Ta­rif­verträge auch nicht fak­tisch unmöglich ge­macht wird (vgl. BVerfGE 44, 322 <352 f.>).
2. § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln verstößt nicht ge­gen Art. 12 Abs. 1 GG.
a) Der Schutz­ge­halt der Be­rufs­frei­heit ist berührt.
aa) Art. 12 Abs. 1 GG schützt vor staat­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen, die ge­ra­de auf die be­ruf­li­che Betäti­gung be­zo­gen sind. Das Grund­recht si­chert die Teil­nah­me am Wett­be­werb im Rah­men der hierfür auf­ge­stell­ten recht­li­chen Re­geln (vgl. BVerfGE 105, 252 <265>). Es gewähr­leis­tet den Ar­beit­ge­bern das Recht, die Ar­beits­be­din­gun­gen mit ih­ren Ar­beit­neh­mern im Rah­men der Ge­set­ze frei aus­zu­han­deln (vgl. BVerfGE 77, 84 <114>; 77, 308 <332>). Die Ver­trags­frei­heit wird zwar auch durch das Grund­recht der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit gemäß Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­tet (vgl. BVerfGE 65, 196 <210>; 74, 129 <151 f.>). Be­trifft ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung je­doch die Ver­trags­frei­heit ge­ra­de im Be­reich be­ruf­li­cher Betäti­gung, die ih­re spe­zi­el­le Gewähr­leis­tung in Art. 12 Abs. 1 GG ge­fun­den hat, schei­det die ge­genüber an­de­ren Frei­heits­rech­ten sub­si­diäre all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit als Prüfungs­maßstab aus (vgl. BVerfGE 68, 193 <223 f.>; 77, 84 <118>; 95, 173 <188>). Ge­setz­li­che Vor­schrif­ten, die die Ge­stal­tung der Ar­beits­be­zie­hun­gen be­tref­fen und die sich des­halb für den Ar-
beit­ge­ber als Be­rufs­ausübungs­re­ge­lun­gen dar­stel­len, sind da­her grundsätz­lich an Art. 12 Abs. 1 GG zu mes­sen.
bb) Die Ta­rif­treue­re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln berührt die durch Art. 12 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­te Ver­trags­frei­heit im un­ter­neh­me­ri­schen Be­reich.
Da­durch dass das Ge­setz als Vor­aus­set­zung für die er­folg­rei­che Teil­nah­me am Ver­ga­be­ver­fah­ren die Ta­rif­treue for­dert, re­gu­liert es nicht all­ge­mein das Wett­be­werbs­ver­hal­ten der Un­ter­neh­men, son­dern be­wirkt ei­ne be­stimm­te Aus­ge­stal­tung der Verträge, die der Auf­trag­neh­mer mit sei­nen Ar­beit­neh­mern zur Durchführung des Auf­trags ab­sch­ließt. Die Un­ter­neh­men sol­len hin­sicht­lich die­ser Ver­trags­be­din­gun­gen nicht frei darüber ent­schei­den dürfen, wie sie sich am Wett­be­werb um den öffent­li­chen Auf­trag be­tei­li­gen. Sie wer­den bei Ab­leh­nung der von ih­nen ge­for­der­ten Ta­rif­treue von der Möglich­keit, ih­re Er­werbs­chan­cen zu ver­wirk­li­chen, aus­ge­schlos­sen, auch wenn sie sich im Übri­gen an die Ver­ga­be­be­din­gun­gen hal­ten. Auf der Grund­la­ge des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln wer­den sie zu ei­ner be­stimm­ten Ge­stal­tung ih­rer Verträge mit Drit­ten an­ge­hal­ten und da­mit in ih­rer un­ter­neh­me­ri­schen Ver­trags­frei­heit berührt.
b) Die ge­setz­li­che Re­ge­lung greift in das Grund­recht der Be­rufs­frei­heit ein.
aa) Der Grund­rechts­schutz ist nicht auf Ein­grif­fe im herkömmli­chen Sin­ne be­schränkt (zu die­sem Ein­griffs­be­griff vgl. BVerfGE 105, 279 <300>). Viel­mehr kann der Ab­wehr­ge­halt der Grund­rech­te auch bei fak­ti­schen oder mit­tel­ba­ren Be­ein­träch­ti­gun­gen be­trof­fen sein, wenn die­se in der Ziel­set­zung und in ih­ren Wir­kun­gen Ein­grif­fen gleich­kom­men (vgl. BVerfGE 105, 279 <303>; 110, 177 <191>; 113, 63 <76>). Durch die Wahl ei­nes sol­chen funk­tio­na­len Äqui­va­l­ents ei­nes Ein­griffs entfällt die Grund­rechts­bin­dung nicht (vgl. BVerfGE 105, 252 <273>). An der für die Grund­rechts­bin­dung maßge­ben­den ein­griffs­glei­chen Wir­kung ei­ner staat­li­chen Maßnah­me fehlt es je­doch, wenn mit­tel­ba­re Fol­gen ein bloßer Re­flex ei­ner nicht ent­spre­chend aus­ge­rich­te­ten ge­setz­li­chen Re­ge­lung sind (vgl. BVerfGE 106, 275 <299>).
bb) Nach die­sen Maßstäben ist in der Ta­rif­treue­re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ei­ne sol­che ein­griffs­glei­che Be­ein­träch­ti­gung der Be­rufs­frei­heit zu se­hen. Re­ge­lungs­in­halt und Ziel­rich­tung der Norm ge­hen über ei­nen bloßen Re­flex auf Sei­ten der Un­ter­neh­men hin­aus, auch wenn sich das Ge­setz re­ge­lungs­tech­nisch nicht an sie, son­dern an die Auf­trag­ge­ber rich­tet und die Un­ter­neh­mer, die kei­ne Verträge mit öffent­li­chen Stel­len ab­sch­ließen wol­len, nicht vom Re­ge­lungs­be­reich des Ge­set­zes er­fasst wer­den.
Die Vor­schrift zielt aus wirt­schafts- und so­zi­al­po­li­ti­schen Gründen dar­auf ab, die Ar­beit­ge­ber bei der Ge­stal­tung ih­rer ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zie­hun­gen zu ei­nem be­stimm­ten Ver­hal­ten zu ver­an­las­sen. Die Ver­ga­be­stel­le wird durch das Ge­setz ermäch­tigt und an­ge­sichts des Soll-Cha­rak­ters der Vor­schrift im Re­gel­fall ver­pflich­tet, von den Be­wer­bern um den aus­ge­schrie­be­nen Auf­trag ei­ne Ta­rif­treue­erklärung zu for­dern. Der In­halt der vom Auf­trag­neh­mer ab­zu­sch­ließen­den Ar­beits­verträge ist da­mit - mit­tel­bar - selbst schon Ge­gen­stand der ge­setz­li­chen Re­ge­lung, auch wenn er den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en nicht un­mit­tel­bar nor­ma­tiv vor­ge­schrie­ben wird. Er ist in­halt­lich durch die Norm vor­ge­ge­ben, in­dem ge­re­gelt ist, dass die An­wen­dung der ört­li­chen Ent­gelt­ta­rif­verträge durch die Auf­trag­neh­mer ver­langt wer­den soll. Mit die­ser ge­setz­li­chen Re­ge­lung soll zu­dem ge­ra­de er­reicht wer­den, dass die Gel­tung ta­rif­ver­trag­li­cher Ent­gel­tab­re­den aus­ge­wei­tet wird. Die Ein­fluss­nah­me auf die Ar­beits­be­din­gun­gen ist da­mit von der Zweck­rich­tung des Ge­setz­ge­bers um­fasst. Sie tritt nicht nur re­flex­ar­tig als fak­ti­sche Fol­ge ei­nes an­de­ren Zie­len die­nen­den Ge­set­zes ein.
c) Der Ein­griff in die Be­rufs­frei­heit ist je­doch ver­fas­sungs­recht­lich ge­recht­fer­tigt.
aa) Der Lan­des­ge­setz­ge­ber ver­folgt mit der Ta­rif­treue­re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ver­fas­sungs­recht­lich le­gi­ti­me Zie­le.
Nach der dem Ge­setz zu­grun­de lie­gen­den Zweck­be­stim­mung sol­len Bau­un­ter­neh­men im Wett­be­werb mit Kon­kur­ren­ten nicht des­halb be­nach­tei­ligt sein, weil sie zur Vergütung ih­rer Ar­beit­neh­mer nach Ta­rif ver­pflich­tet sind. Die Er­stre­ckung der Ta­riflöhne auf Außen­sei­ter soll ei­nem Ver­drängungs­wett­be­werb über die Lohn­kos­ten ent­ge­gen­wir­ken. Die­se Maßnah­me soll zur Bekämp­fung der Ar­beits­lo­sig­keit im Bau­sek­tor bei­tra­gen. Sie dient dem Schutz der Beschäfti­gung sol­cher Ar­beit­neh­mer, die bei ta­rif­ge­bun­de­nen Un­ter­neh­men ar­bei­ten, und da­mit auch der Er­hal­tung als wünschens­wert an­ge­se­he­ner so­zia­ler Stan­dards und der Ent­las­tung der bei ho­her Ar­beits­lo­sig­keit oder bei nied­ri­gen Löhnen verstärkt in An­spruch ge­nom­me­nen Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit. Durch die Fest­le­gung auf die zwi­schen den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en aus­ge­han­del­ten Ent­gel­te wird zu­gleich das Ta­rif­ver­trags­sys­tem als Mit­tel zur Si­che­rung so­zia­ler Stan­dards un­terstützt.
Das Ziel, die Ar­beits­lo­sig­keit zu bekämp­fen, hat auf­grund des So­zi­al­staats­prin­zips (Art. 20 Abs. 1 GG) Ver­fas­sungs­rang. Die Ver­rin­ge­rung von Ar­beits­lo­sig­keit ermöglicht den zu­vor Ar­beits­lo­sen, das Grund­recht aus Art. 12 Abs. 1 GG zu ver-
wirk­li­chen (vgl. BVerfGK 4, 356 <361>), sich durch Ar­beit in ih­rer Persönlich­keit zu ent­fal­ten und darüber Ach­tung und Selbst­ach­tung zu er­fah­ren. In­so­fern wird das ge­setz­li­che Ziel auch von Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG ge­tra­gen (vgl. BVerfGE 100, 271 <284>; 103, 293 <307>).
Darüber hin­aus ist der mit der Bekämp­fung der Ar­beits­lo­sig­keit ein­her­ge­hen­de Bei­trag zur fi­nan­zi­el­len Sta­bi­lität des Sys­tems der so­zia­len Si­che­rung ein Ge­mein­wohl­be­lang von ho­her Be­deu­tung (vgl. BVerfGE 70, 1 <25 f., 30>; 77, 84 <107>; 82, 209 <230>; 103, 293 <307>).
Sch­ließlich darf der Ge­setz­ge­ber die Ord­nungs­funk­ti­on der Ta­rif­verträge un­terstützen, in­dem er Re­ge­lun­gen schafft, die be­wir­ken, dass die von den Ta­rif­par­tei­en aus­ge­han­del­ten Löhne und Gehälter auch für Nicht­ver­bands­mit­glie­der mit­tel­bar zur An­wen­dung kom­men. Da­durch wird die von Art. 9 Abs. 3 GG in­ten­dier­te, im öffent­li­chen In­ter­es­se lie­gen­de (vgl. BVerfGE 28, 295 <304 f.>; 55, 7 <23 f.>) au­to­no­me Ord­nung des Ar­beits­le­bens durch Ko­ali­tio­nen ab­gestützt, in­dem den Ta­ri­fent­gel­ten zu größerer Durch­set­zungs­kraft ver­hol­fen wird (vgl. BVerfGE 44, 322 <342>; 77, 84 <107>; vgl. fer­ner BVerfGE 92, 365 <397> m.w.N.).
bb) Die Ver­pflich­tung der Be­wer­ber um ei­nen öffent­li­chen Auf­trag zur Ta­rif­treue ist ein ge­eig­ne­tes Mit­tel zur Er­rei­chung der mit dem Ge­setz ver­folg­ten Zie­le.
Ein Mit­tel ist be­reits dann im ver­fas­sungs­recht­li­chen Sin­ne ge­eig­net, wenn mit sei­ner Hil­fe der gewünsch­te Er­folg gefördert wer­den kann, wo­bei die Möglich­keit der Zweck­er­rei­chung genügt (vgl. BVerfGE 63, 88 <115>; 67, 157 <175>; 96, 10 <23>; 103, 293 <307>). Dem Ge­setz­ge­ber kommt da­bei ein Einschätzungs- und Pro­gno­se­vor­rang zu. Es ist vor­nehm­lich sei­ne Sa­che, auf der Grund­la­ge sei­ner wirt­schafts-, ar­beits-markt- und so­zi­al­po­li­ti­schen Vor­stel­lun­gen und Zie­le un­ter Be­ach­tung der Ge­setz­lich­kei­ten des be­tref­fen­den Sach­ge­biets zu ent­schei­den, wel­che Maßnah­men er im In­ter­es­se des Ge­mein­wohls er­grei­fen will (vgl. BVerfGE 103, 293 <307> m.w.N.).
Hier­an ge­mes­sen ist § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln grundsätz­lich ge­eig­net, die ge­setz­ge­be­ri­schen Zie­le zu er­rei­chen. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber durf­te im Rah­men sei­ner Einschätzungs­präro­ga­ti­ve an­neh­men, dass er den Un­ter­bie­tungs­wett­be­werb über die Lohn­kos­ten be­gren­zen und auf die­se Wei­se Ar­beits­lo­sig­keit bekämp­fen kann, in­dem er den Be­wer­bern um ei­nen öffent­li­chen Auf­trag die Ver­pflich­tung zur Zah­lung der Ta­ri­fent­gel­te auf­er­legt. Die über die Ta­rif­treue­erklärung der An­bie­ter be­wirk­te Aus­wei­tung der Ta­riflöhne über den Kreis der ta­rif­ge­bun­de-
nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en hin­aus kann zu­dem zur Stärkung der Ta­rif­au­to­no­mie bei­tra­gen.
cc) Die ge­setz­li­che Ta­rif­treue­re­ge­lung ist zur Ziel­er­rei­chung er­for­der­lich.
Der Ge­setz­ge­ber verfügt bei der Einschätzung der Er­for­der­lich­keit eben­falls über ei­nen Be­ur­tei­lungs- und Pro­gno­se­spiel­raum (vgl. BVerfGE 102, 197 <218>). Da­her können Maßnah­men, die der Ge­setz­ge­ber zum Schutz ei­nes wich­ti­gen Ge­mein­schafts­guts für er­for­der­lich hält, ver­fas­sungs­recht­lich nur be­an­stan­det wer­den, wenn nach den ihm be­kann­ten Tat­sa­chen und im Hin­blick auf die bis­her ge­mach­ten Er­fah­run­gen fest­stell­bar ist, dass Re­ge­lun­gen, die als Al­ter­na­ti­ven in Be­tracht kom­men, die glei­che Wirk­sam­keit ver­spre­chen, die Be­trof­fe­nen in­des­sen we­ni­ger be­las­ten (vgl. BVerfGE 25, 1 <19 f.>; 40, 196 <223>; 77, 84 <106>).
Nach die­sen Maßstäben be­ste­hen ge­gen die Er­for­der­lich­keit der Ta­rif­treue­re­ge­lung kei­ne durch­grei­fen­den Be­den­ken. Es ist kein eben­so ge­eig­ne­tes, aber we­ni­ger be­las­ten­des Mit­tel er­kenn­bar, das der Lan­des­ge­setz­ge­ber an­stel­le der ge­setz­li­chen Ta­rif­treue­re­ge­lung hätte er­grei­fen können.
Ins­be­son­de­re ist die - dem Lan­des­ge­setz­ge­ber oh­ne­hin nicht
die Gel­tung von Ta­rif­verträgen für Außen­sei­ter­ar­beit­ge­ber durch ei­ne All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung nach § 5 TVG zu er­rei­chen, im Ver­gleich mit der Ta­rif­treue­erklärung nach § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln kein mil­de­res Mit­tel. Während die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung zu ei­ner un­mit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Gel­tung des Ta­rif­ver­trags nach § 4 Abs. 1 TVG führt, wird der Ar­beit­ge­ber auf­grund der ge­setz­li­chen Ta­rif­treue­re­ge­lung an­ge­hal­ten, sich selbst ge­genüber dem öffent­li­chen Auf­trag­ge­ber zur An­wen­dung der ta­rif­ver­trag­li­chen Ent­gelt­vor­schrif­ten ge­genüber sei­nen Ar­beit­neh­mern zu ver­pflich­ten. Der Bau­un­ter­neh­mer kann sich da­her der Gel­tung des Ta­rif­ver­trags im Rah­men sei­ner Ent­schei­dungs­frei­heit ent­zie­hen, wenn auch mit der Kon­se­quenz, dass sei­ne Be­wer­bung um den öffent­li­chen Auf­trag re­gelmäßig er­folg­los blei­ben wird. Die Ver­trags­frei­heit der Un­ter­neh­men wird durch die Ta­rif­treue­erklärung aber vor al­lem des­halb we­ni­ger be­ein­träch­tigt, weil die Ta­rif­treue­pflicht auf den ein­zel­nen Auf­trag und auf die bei der Ausführung die­ses Auf­trags ein­ge­setz­ten Ar­beit­neh­mer be­schränkt ist. In­fol­ge ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung müss­te der Ar­beit­ge­ber sei­ne Ar­beit­neh­mer im Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­trags hin­ge­gen um­fas­send nach Ta­rif ent­loh­nen.
Aus die­sen Gründen, im Übri­gen aber auch schon man­gels Kom­pe­tenz des Lan­des­ge­setz­ge­bers, kann auch in der Fest­le­gung von Min­destlöhnen auf der Grund­la­ge des Ge­set­zes über die
Fest­set­zung von Min­dest­ar­beits­be­din­gun­gen vom 11. Ja­nu­ar 1952 (BGBl I S. 17) kein we­ni­ger be­las­ten­der Ein­griff in die Ver­trags­frei­heit der Bau­un­ter­neh­mer ge­se­hen wer­den.
dd) Sch­ließlich ist die Be­ein­träch­ti­gung der Be­rufs­frei­heit durch die Ta­rif­treue­pflicht auch an­ge­mes­sen.
(1) Al­ler­dings be­trifft die den Bau­un­ter­neh­men auf­er­leg­te Ta­rif­treue­pflicht durch die Ein­fluss­nah­me auf die Verträge mit Ar­beit­neh­mern und Geschäfts­part­nern ei­nen wich­ti­gen Gewähr­leis­tungs­ge­halt der durch Art. 12 Abs. 1 GG geschütz­ten Be­rufs­frei­heit. Die Frei­heit, den In­halt der Vergütungs­ver­ein­ba­run­gen mit Ar­beit­neh­mern und Su­b­un­ter­neh­mern frei aus­han­deln zu können, ist ein we­sent­li­cher Be­stand­teil der Be­rufs­ausübung, weil die­se Ver­trags­be­din­gun­gen in be­son­de­rem Maße den wirt­schaft­li­chen Er­folg der Un­ter­neh­men be­stim­men und da­mit für die durch Art. 12 Abs. 1 GG geschütz­te, der Schaf­fung und Auf­recht­er­hal­tung ei­ner Le­bens­grund­la­ge die­nen­de Tätig­keit kenn­zeich­nend sind.
Das Ge­wicht des Ein­griffs wird je­doch da­durch ge­min­dert, dass die Ver­pflich­tung zur Zah­lung der Ta­riflöhne nicht un­mit­tel­bar aus ei­ner ge­setz­li­chen An­ord­nung folgt, son­dern erst in­fol­ge der ei­ge­nen Ent­schei­dung, im In­ter­es­se der Er­lan­gung ei­nes öffent­li­chen Auf­trags ei­ne Ver­pflich­tungs­erklärung ab­zu­ge­ben. Die Aus­wir­kun­gen der Ta­rif­treue­pflicht sind
zu­dem auf den ein­zel­nen Auf­trag be­schränkt. Nur der In­halt der Ar­beits­verträge der bei der Ausführung die­ses Auf­trags ein­ge­setz­ten Ar­beit­neh­mer wird vor­ge­ge­ben, und dies auch nur für die Ar­beits­stun­den, in de­nen sie mit der Ausführung des Auf­trags beschäftigt sind.
(2) Die recht­fer­ti­gen­den Gründe, die den Ge­setz­ge­ber zu der zur Prüfung ge­stell­ten Re­ge­lung ver­an­lasst ha­ben, ha­ben dem­ge­genüber er­heb­li­ches Ge­wicht.
Die Bekämp­fung der Ar­beits­lo­sig­keit in Ver­bin­dung mit der Gewähr­leis­tung der fi­nan­zi­el­len Sta­bi­lität des Sys­tems der so­zia­len Si­che­rung ist ein be­son­ders wich­ti­ges Ziel, bei des­sen Ver­wirk­li­chung dem Ge­setz­ge­ber ge­ra­de un­ter den ge­ge­be­nen schwie­ri­gen ar­beits­markt­po­li­ti­schen Be­din­gun­gen ein re­la­tiv großer Ent­schei­dungs­spiel­raum zu­ge­stan­den wer­den muss (vgl. BVerfGE 103, 293 <309>). Die­ser Ge­mein­wohl­be­lang, dem die Ta­rif­treue­re­ge­lung des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln Rech­nung zu tra­gen ver­sucht, be­sitzt ei­ne über­ra­gen­de Be­deu­tung (vgl. BVerfGE 100, 271 <288>).
Be­zieht man die wei­te­ren, die­sen Zweck flan­kie­ren­den, schon dar­ge­stell­ten Re­ge­lungs­zie­le in die Abwägung der be­trof­fe­nen, ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Rech­te und In­ter­es­sen ein, so ist die vom Ge­setz­ge­ber vor­ge­nom­me­ne Ge­wich­tung zu­guns­ten der Ge­mein­wohl­be­lan­ge nicht zu be­an­stan­den.
Die Gren­ze der Zu­mut­bar­keit ist für die Be­wer­ber um ei­nen öffent­li­chen Auf­trag, die sich nur in Teil­be­rei­chen ih­rer un­ter­neh­me­ri­schen Betäti­gung zur An­wen­dung ta­rif­ver­trag­li­cher Ent­geltsätze ver­pflich­ten sol­len, an­ge­sichts der über­ra­gend wich­ti­gen Zie­le der Ta­rif­treue­re­ge­lung kei­nes­wegs über­schrit­ten.
3. Die auf § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln be­ru­hen­de Un­gleich­be­hand­lung der An­bie­ter, die kei­ne Ta­rif­treue­erklärung ab­ge­ben und des­halb kei­nen Zu­schlag er­hal­ten, im Ver­gleich mit den An­bie­tern, die die Auf­la­ge nach der zur Prüfung ge­stell­ten Vor­schrift erfüllen, verstößt nicht ge­gen Art. 3 Abs. 1 GG. Sie ist durch die dar­ge­stell­ten be­son­ders wich­ti­gen Ge­mein-wohl­be­lan­ge, die den Lan­des­ge­setz­ge­ber zu der ge­setz­li­chen Re­ge­lung ver­an­lasst ha­ben, ge­recht­fer­tigt.
Die Vor­schrift des § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln ist auch mit sons­ti­gem Bun­des­recht ver­ein­bar und des­halb nicht nach Art. 31 GG un­wirk­sam.
1. Sie steht nicht im Wi­der­spruch zu § 5 TVG, da die Ta­rif­treue­erklärung nicht mit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ei­nes Ta­rif­ver­trags ver­gleich­bar ist. Die Ta­rif­treue­erklärung ist ein ne­ben der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ste­hen­des,
wei­te­res Mit­tel, um zu er­rei­chen, dass Außen­sei­ter­ar­beit­ge­ber Ta­riflöhne zah­len. Sie greift nicht in den Re­ge­lungs­be­reich des § 5 TVG über, weil sie im Ge­gen­satz zu ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung kei­ne un­mit­tel­ba­re und zwin­gen­de Gel­tung ei­nes Ta­rif­ver­trags für al­le in des­sen Gel­tungs­be­reich ab­ge­schlos­se­nen Ar­beits­verträge be­wirkt. Viel­mehr be­gründet sie le­dig­lich ei­ne schuld­recht­li­che Ver­pflich­tung des Un­ter­neh­mers, der den Zu­schlag für ei­nen be­stimm­ten öffent­li­chen Auf­trag erhält, zu ei­ner nur punk­tu­el­len An­wen­dung ei­nes Ent­gelt­ta­rif­ver­trags.
2. § 1 Abs. 1 Satz 2 VgG Bln verstößt auch nicht ge­gen § 20 Abs. 1 GWB. Auch bei markt­be­herr­schen­der Stel­lung des Lan­des Ber­lin auf der Nach­fra­ge­sei­te be­wirkt die Ta­rif­treue­erklärung kei­ne un­bil­li­ge Be­hin­de­rung oder sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­te un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von Un­ter­neh­men auf der An­bie­ter­sei­te.
Der Bun­des­ge­richts­hof geht bei der Be­gründung der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit zu­tref­fend da­von aus, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung von An­bie­tern dann sach­lich ge­recht­fer­tigt ist, wenn ei­ne gülti­ge ge­setz­li­che Vor­schrift sie an­ord­net. Von die­sem rich­ti­gen Stand­punkt aus­ge­hend ist es aber aus­ge­schlos­sen, das recht­fer­ti­gen­de Ge­setz selbst an § 20 Abs. 1 GWB zu mes­sen. Ist das Ge­setz in je­der an­de­ren Hin­sicht mit
dem Grund­ge­setz und mit Bun­des­recht ver­ein­bar, dann stellt es auch ei­nen Recht­fer­ti­gungs­grund für die Un­gleich­be­hand­lung im Sin­ne von § 20 Abs. 1 GWB dar und schließt zu­gleich ei­ne un­bil­li­ge Be­hin­de­rung nach die­ser Vor­schrift aus.
Darüber hin­aus spre­chen bei ei­ner sys­te­ma­ti­schen Aus­le­gung und ins­be­son­de­re un­ter Berück­sich­ti­gung der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 97 Abs. 4 2. Halb­satz GWB gu­te Ar­gu­men­te dafür, dass die Fra­ge an­de­rer und wei­ter ge­hen­der An­for­de­run­gen spe­zi­ell im Ver­ga­be­recht ge­re­gelt wur­de und dass die an die­ser Stel­le ein­gefügte Möglich­keit zu de­ren Fest­le­gung nicht durch § 20 Abs. 1 GWB wie­der aus­ge­schlos­sen wird, son­dern im Hin­blick auf ge­ge­be­nen­falls da­mit ver­bun­de­ne Be­hin­de­run­gen des Wett­be­werbs de­ren Recht­fer­ti­gung dient.
Die Rich­te­rin Haas ist aus dem Amt aus­ge­schie­den und des­halb an der Un­ter­schrift ge­hin­dert. Pa­pier
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