Source: http://swissblawg.ch/2013/04/4a4962012-begriff-der-materiellen.html
Timestamp: 2017-07-22 18:38:43
Document Index: 42574335

Matched Legal Cases: ['BGer', 'Art. 59', 'BGE', 'Art. 59', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

4A_496/2012: Begriff der materiellen Rechtskraft und des identischen Streitgegenstandes (amtl. Publ.) - swissblawg
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Zivilprozess u. Schiedsgericht	Das Bun­des­ge­richt hat­te Gele­gen­heit, sich in einem Fall aus­führ­lich zur mate­ri­el­len Rechts­kraft und zum Begriff des iden­ti­schen Streit­ge­gen­stan­des zu äussern (BGer. 4A_496/2012 vom 25. Febru­ar 2013):
3.1 Mate­ri­el­le Rechts­kraft bedeu­tet Mass­geb­lich­keit eines for­mell rechts­kräf­ti­gen Urteils in jedem spä­te­ren Ver­fah­ren unter den­sel­ben Par­tei­en. Sie hat eine posi­ti­ve und eine nega­ti­ve Wir­kung (statt aller SIMON ZINGG, in: Ber­ner Kom­men­tar, 2012, N. 95 zu Art. 59 ZPO). In posi­ti­ver Hin­sicht bin­det die mate­ri­el­le Rechts­kraft das Gericht in einem spä­te­ren Pro­zess an alles, was im Urteils­dis­po­si­tiv des frü­he­ren Pro­zes­ses fest­ge­stellt wur­de (sog. Prä­ju­di­zia­li­täts- oder Bin­dungs­wir­kung, vgl. BGE 116 II 738 E. 3 S. 744; 121 III 474 E. 4a S. 478). In nega­ti­ver Hin­sicht ver­bie­tet die mate­ri­el­le Rechts­kraft jedem spä­te­ren Gericht, auf eine Kla­ge ein­zu­tre­ten, deren Streit­ge­gen­stand mit dem rechts­kräf­tig beur­teil­ten (res iudi­ca­ta, d.h. abge­ur­teil­te Sache i.S.v. Art. 59 Abs. 2 lit. e ZPO) iden­tisch ist, sofern der Klä­ger nicht ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an Wie­der­ho­lung des frü­he­ren Ent­scheids gel­tend machen kann (vgl. BGE 121 III 474 E. 2 S. 477; zum Wie­der­ho­lungs­in­ter­es­se MICHAEL BEGLINGER, Rechts­kraft und Rechts­kraft­durch­bre­chung im Zivil­pro­zess, ZBJV 133 [1997], S. 613). Die mate­ri­el­le Rechts­kraft eines Urteils erstreckt sich nach dem Grund­satz der Prä­k­lu­si­on auf den indi­vi­dua­li­sier­ten Anspruch schlecht­hin und schliesst Angrif­fe auf sämt­li­che Tat­sa­chen aus, die im Zeit­punkt des Urteils bereits bestan­den hat­ten, unab­hän­gig davon, ob sie den Par­tei­en bekannt waren, von die­sen vor­ge­bracht oder vom Rich­ter beweis­mä­ssig als erstellt erach­tet wur­den (grund­le­gend BGE 115 II 187 E. 3b; vgl. fer­ner BGE 116 II 738 E. 2b S. 744; Urteil 5A_438/2007 vom 20. Novem­ber 2007 E. 2.2.1).
3.2.3 Das Bun­des­ge­richt hat die Ambi­va­lenz im Zusam­men­hang mit den For­mu­lie­run­gen der Recht­spre­chung, in denen der Rechts­grund ent­hal­ten ist, und den­je­ni­gen, die ohne den Rechts­grund aus­kom­men, 1997 in einem nicht in der amt­li­chen Samm­lung publi­zier­ten Urteil geklärt. Dort hielt es fest, dass der Begriff Rechts­grund nicht im tech­ni­schen Sinn als ange­ru­fe­ne Rechts­norm, son­dern im Sin­ne des Ent­ste­hungs­grun­des zu ver­ste­hen ist, wor­auf in BGE 123 III 16 E. 2a sowie BGE 121 III 474 E. 4a Bezug genom­men wur­de (Urteil 4C.385/1995 vom 1. Mai 1997 E. 2d). In bei­den letzt­ge­nann­ten Ent­schei­den wird jeweils inner­halb der glei­chen Erwä­gung einer­seits (a.a.O., am Anfang der E. 2a bzw. 4a) Iden­ti­tät bejaht, “wenn der [pro­zes­sua­le] Anspruch dem Rich­ter aus dem­sel­ben Rechts­grund und gestützt auf den­sel­ben Sach­ver­halt erneut zur Beur­tei­lung unter­brei­tet wird”, aber ande­rer­seits (a.a.O., am Ende der E. 2a bzw. 4a) die Iden­ti­tät von Rechts­be­haup­tun­gen (d.h. von pro­zes­sua­len Ansprü­chen) ver­neint, “wenn sie nicht auf den­sel­ben Tat­sa­chen und recht­li­chen Umstän­den beru­hen”. Die bei­den Aus­sa­gen las­sen sich mit­ein­an­der in Ein­klang brin­gen durch die prä­zi­sier­te For­mel, dass die Iden­ti­tät von pro­zes­sua­len Ansprü­chen nach den Kla­ge­an­trä­gen und dem behaup­te­ten Lebens­sach­ver­halt, d.h. dem Tat­sa­chen­fun­da­ment, auf das sich die Kla­ge­be­geh­ren stüt­zen, beur­teilt wird (so Urteil 4A_574/2010 vom 21. März 2011, E. 2.3.1; BGE 136 III 123 E. 4.3.1 S. 126). Dabei ist der Begriff der Anspruchs­iden­ti­tät nicht gram­ma­ti­ka­lisch, son­dern inhalt­lich zu ver­ste­hen. Der neue pro­zes­sua­le Anspruch ist des­halb trotz abwei­chen­der Umschrei­bung vom beur­teil­ten nicht ver­schie­den, wenn er in die­sem bereits ent­hal­ten war oder wenn im neu­en Ver­fah­ren das kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­teil zur Beur­tei­lung gestellt wird (BGE 123 III 16 S. 19 E. 2a).
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