Source: https://www.hartzbote.de/voraussetzungen-fuer-die-kfz-hilfe-41523
Timestamp: 2020-08-08 18:43:39
Document Index: 77228193

Matched Legal Cases: ['§ 53', '§ 2', '§ 41', '§ 2', '§ 53', '§ 1', '§ 53', '§ 39', '§ 20', '§ 53', '§ 53', '§ 1', '§ 53', '§ 9', '§ 8', '§ 9', 'Art. 3', '§ 53', '§ 55', '§ 53', 'Art. 3', '§ 16', '§ 16', '§ 54', '§ 55', '§ 8', '§ 54', '§ 55', '§ 8', '§ 55', '§ 9', '§ 8', '§ 58', '§ 9', '§ 8', '§ 17', '§ 8', '§ 9', '§ 33', '§ 31', '§ 202', '§ 287', '§ 9', '§ 8', '§ 9', '§ 16', '§ 10', '§ 202', '§ 287', 'Art. 3', '§ 54', '§ 76', 'Art.20', '§ 1', '§ 16', '§ 53', '§ 1237', '§ 1237', '§ 22']

15. November 2012 VerbraucherBote Aktuelles
Zu den Vor­aus­set­zun­gen für Kfz-Hil­fe im Bereich der Grund­si­che­rung im Alter und bei Erwerbs­min­de­rung hat aktu­ell das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg Stel­lung genom­men:
Gemäß § 53 Abs. 1 SGB XII erhal­ten Per­so­nen, die durch eine Behin­de­rung i.S. von § 2 Abs. 1 Satz 1 SGB IX wesent­lich in ihrer Fähig­keit, an der Gesell­schaft teil­zu­ha­ben, ein­ge­schränkt oder von einer sol­chen wesent­li­chen Behin­de­rung bedroht sind, Ein­glie­de­rungs­hil­fe, wenn und solan­ge nach der Beson­der­heit des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re nach Art und Schwe­re der Behin­de­rung Aus­sicht besteht, dass die Auf­ga­be der Ein­glie­de­rungs­hil­fe erfüllt wer­den kann.
In dem hier vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall ist die Klä­ge­rin dau­er­haft erwerbs­ge­min­dert und ver­fügt nicht über rele­van­tes Ein­kom­men oder Ver­mö­gen. Sie gehört einer­seits zu dem Per­so­nen­kreis, der Leis­tun­gen nach §§ 41 ff. SGB XII erhält. Sie ist ande­rer­seits auch kör­per­lich und geis­tig behin­dert i.S. des § 2 Abs. 1 SGB IX und wegen Art und Schwe­re der Behin­de­rung wesent­lich in ihrer Fähig­keit ein­ge­schränkt, an der Gesell­schaft teil­zu­ha­ben (§ 53 Abs. 1 Satz 1 SGB XII i.V.m. § 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe­ver­ord­nung). Die Klä­ge­rin ist dem anspruchs­be­rech­tig­ten Per­so­nen­kreis des § 53 Abs. 1 SGB XII zuzuordnen.Es besteht dem Grun­de nach ein Anspruch auf reha­bi­li­ta­ti­ve Maß­nah­men der Ein­glie­de­rungs­hil­fe durch die Gewäh­rung sol­cher Maß­nah­men, die im Ein­zel­fall geeig­net und erfor­der­lich sind, die Zie­le der Ein­glie­de­rungs­hil­fe zu errei­chen. Was das „Ob“ der Leis­tung angeht, besteht kein Ermes­sen der Ver­wal­tung, anders beim „wie“ der Leis­tung. Es obliegt grund­sätz­lich der Ver­wal­tung, im Wege der pflicht­ge­mä­ßen Aus­übung eines Aus­wahler­mes­sens fest­zu­stel­len, wel­che Hil­fe­maß­nah­men im kon­kre­ten Ein­zel­fall not­wen­dig und geeig­net sind. Hier­zu muss die Ver­wal­tung – damit sie ihr Ermes­sen über­haupt in recht­mä­ßi­ger, d.h. pflicht­ge­mä­ßer Wei­se (§ 39 Abs. 1 SGB I) aus­üben kann – die Umstän­de des Ein­zel­falls tat­säch­lich ermit­teln (§ 20 SGB X) und beach­ten und sie muss sub­stan­ti­iert begrün­den, wes­halb nach ihrer Auf­fas­sung eine bestimm­te Maß­nah­me aus­rei­chend bzw. eine bestimm­ten Hil­fe nach den Umstän­den des Ein­zel­falls nicht erfor­der­lich ist 1.
Die ange­foch­te­nen Beschei­de des beklag­ten Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gers sind vor­lie­gend schon aus fol­gen­dem Grund ermes­sens­feh­ler­haft: Der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger bedient sich zur Erfül­lung des Anspruchs Drit­ter und ver­weist die Klä­ge­rin auf die Inan­spruch­nah­me von Behin­der­ten­fahr­diens­ten und behaup­tet, die­se wür­den in aus­rei­chen­der Zahl zur Ver­fü­gung ste­hen, obwohl der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger nach eige­nen Anga­ben noch im Erör­te­rungs­ter­min am 12.07.2012 nicht wuss­te, für wie vie­le berech­tig­te Per­so­nen wie vie­le Fahr­zeu­ge zur Ver­fü­gung ste­hen, also den Sach­ver­halt zum Zeit­punkt der ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ent­schei­dun­gen nicht aus­rei­chend beur­tei­len konn­te. Dem Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern fehl­te rele­van­tes Wis­sen für sei­ne Ermes­sens­ent­schei­dung, obwohl es ihm oblag und mög­lich war, sich die­ses Wis­sen zu ver­schaf­fen, und allein dies macht – neben wei­te­ren Aspek­ten, dazu sogleich – sei­ne Ent­schei­dung ermes­sen­feh­ler­haft (Fall des Ermes­sens­fehl­ge­brauchs 2).
Außer­dem muss der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger – wenn er sich zur Anspruchs­er­fül­lung Drit­ter bedient – orga­ni­sa­to­risch sicher stel­len, dass der Ein­glie­de­rungs­be­darf des behin­der­ten Men­schen erfüllt wird. Dies hat er nicht getan, indem er sich nicht aus­rei­chend Kennt­nis über die bei den Drit­ten vor­han­de­nen Res­sour­cen ver­schafft hat und sich damit selbst aus der Ver­ant­wor­tung zurück­ge­zo­gen und gleich­zei­tig das Bestehen eines Rechts­an­spru­ches auf bestimm­te Fahr­ten ver­neint hat. Es darf nicht dem Zufall über­las­sen sein, ob der Klä­ge­rin ein Kfz zur Ver­fü­gung steht, wenn sie es benö­tigt. Auch die­ses Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern macht für sich bereits die ange­foch­te­nen Beschei­de rechts­wid­rig.
Die ange­foch­te­nen Beschei­de des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern sind auch des­halb ermes­sens­feh­ler­haft, weil er die ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Maß­stä­be nicht aus­rei­chend beach­tet und sach­frem­de Erwä­gun­gen ange­stellt hat.
Der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger geht von einem unzu­tref­fen­den Maß­stab aus, nach wel­chem sich die Beur­tei­lung des Bedarfs der Klä­ge­rin rich­tet, wenn es im Bescheid vom 09.05.2007 heißt, Auf­ga­be der Sozi­al­hil­fe sei es nicht, einen sozia­len Min­dest­stan­dard zu gewähr­leis­ten. Wel­cher Bedarf aner­kannt wird, beur­teilt sich nach dem Sinn und Zweck der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, eine vor­han­de­ne Behin­de­rung oder deren Fol­gen zu besei­ti­gen oder zu mil­dern und die behin­der­ten Men­schen in die Gesell­schaft ein­zu­glie­dern (§ 53 Abs. 3 SGB XII). Die durch die Behin­de­rung ein­ge­schränk­te Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben soll soweit wie mög­lich aus­ge­gli­chen wer­den. Der Begriff der Teil­ha­be, auch in § 53 Abs. 1 Satz 1 SGB XII ent­hal­ten, ist gemäß § 1 Satz 1 SGB IX dahin zu ver­ste­hen, dass „Teil­ha­be“ dar­an zu mes­sen, ob es gelingt, die Selbst­be­stim­mung und gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft zu för­dern, Benach­tei­li­gun­gen zu ver­mei­den und ihnen ent­ge­gen­zu­wir­ken 3. Ziel ist es, dem behin­der­ten Men­schen die Teil­nah­me auch am öffent­li­chen und kul­tu­rel­len Leben und den Kon­takt zu sei­ner sozia­len Umwelt zu erhal­ten und ihm zu ermög­li­chen, denn jeder Mensch exis­tiert als Per­son not­wen­dig in sozia­len Bezü­gen 4. Die For­mu­lie­rung des § 53 Abs. 1 SGB XII ver­deut­licht, dass es ins­ge­samt aus­reicht, die Begeg­nung und den Umgang mit ande­ren Men­schen im Sin­ne einer ange­mes­se­nen Lebens­füh­rung zu för­dern 5; maß­geb­lich sind nach der zitier­ten Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts, der sich das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg anschließt, im Aus­gangs­punkt die Wün­sche des behin­der­ten Men­schen (§ 9 Abs. 2 SGB XII) 6. Wie sich aus § 8 Abs. 1 und § 9 Abs. 3 der Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO ergibt, gilt ein indi­vi­du­el­ler und per­so­nen­zen­trier­ter Maß­stab; „mit einer sol­chen am Ein­zel­fall ori­en­tier­ten und die Wün­sche des behin­der­ten Men­schen berück­sich­ti­gen­den Aus­le­gung ist die Auf­fas­sung des LSG nicht zu ver­ein­ba­ren, die Hilfs­mit­tel­ge­wäh­rung beschrän­ke sich im Bereich der sozia­len Reha­bi­li­ta­ti­on auf eine sicher­zu­stel­len­de Grund­ver­sor­gung“ 7. Die­ser indi­vi­du­el­le Maß­stab steht einer pau­scha­lie­ren­den Betrach­tung des Hil­fe­falls ent­ge­gen 8, wie es aber der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger mit sei­nen pau­schal gewähr­ten und bis­lang auf 8 Fahr­ten im Monat beschränk­ten Leis­tun­gen macht.
Bei der Aus­le­gung der genann­ten Vor­schrif­ten ist Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG und der Zweck und die Auf­ga­be des Reha­bi­li­ta­ti­ons­rechts und des Neun­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ins­ge­samt zu beach­ten, näm­lich behin­der­ten Men­schen einen Aus­gleich (Kom­pen­sa­ti­on) 9 der Behin­de­rung zu ermög­li­chen, um ihnen – soweit es Art und Schwe­re der Behin­de­rung zulas­sen – die Füh­rung eines mög­lichst selbst­be­stimm­ten, auto­no­men Lebens zu ermög­li­chen 10. Bereits in der Geset­zes­be­grün­dung des SGB IX vom 16.01.2001 11 hat der Gesetz­ge­ber aus­ge­führt, dass sich im Reha­bi­li­ta­ti­ons­recht ein Wer­te- und Para­dig­men­wech­sel ereig­net habe, wonach nicht mehr die blo­ße Versorgung/​Fürsorge des behin­der­ten Men­schen im Mit­tel­punkt ste­he, son­dern sei­ne mög­lichst selbst­be­stimm­te Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben. Die­se Aus­le­gung der §§ 53 ff. SGB XII i.V.m. § 55 SGB IX steht auch in Über­ein­stim­mung und Ein­klang mit dem „Über­ein­kom­men der Ver­ein­ten Natio­nen über die Rech­te von Men­schen mit Behin­de­run­gen“ (UN-BRK), das am 03.05.2008 in Kraft getre­ten und durch Ver­trags­ge­setz zum Über­ein­kom­men vom 21.12.2008 12 inner­staat­lich ver­bind­lich gewor­den ist. Aus der UN-BRK kön­nen kei­ne über §§ 53 ff. SGB XII hin­aus­ge­hen­den indi­vi­du­el­len Leis­tungs­an­sprü­che her­ge­lei­tet wer­den. Völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge wie die UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on, denen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bei­getre­ten ist, ste­hen im Ran­ge eines Bun­des­ge­set­zes 13. Die UN-BRK ist als Aus­le­gungs­hil­fe für die Bestim­mung von Inhalt und Reich­wei­te der Grund­rech­te her­an­zu­zie­hen, ins­be­son­de­re auch des Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG; eben­so ist sie bei der Aus­le­gung unbe­stimm­ter Rechts­be­grif­fe und bei der Ermes­sens­aus­übung zu beach­ten 14.
Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg unzu­tref­fend ist die Auf­fas­sung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern, es müs­se ver­hin­dert wer­den, dass durch eine Hil­fe­ge­wäh­rung an die Klä­ge­rin mög­li­cher­wei­se der Mut­ter mit­tel­bar ein Vor­teil erwach­se. Der Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg hat bereits an ande­rer Stel­le deut­lich gemacht, dass das Sozi­al­staats­prin­zip des Grund­ge­set­zes fami­li­en­haf­te Hil­fe und Unter­stüt­zung stär­ken und nicht schwä­chen will 15. Auch der Gesetz­ge­ber sieht dies so, wie von der Klä­ger­sei­te unter Hin­weis auf § 16 SGB XII zutref­fend aus­ge­führt wird. Die­se Vor­schrift lau­tet: „Bei Leis­tun­gen der Sozi­al­hil­fe sol­len die beson­de­ren Ver­hält­nis­se in der Fami­lie der Leis­tungs­be­rech­tig­ten berück­sich­tigt wer­den. Die Sozi­al­hil­fe soll die Kräf­te der Fami­lie zur Selbst­hil­fe anre­gen und den Zusam­men­halt der Fami­lie fes­ti­gen.“ Die Vor­schrift zielt unmit­tel­bar auf die pflicht­ge­mä­ße Ermes­sens­aus­übung der Sozi­al­hil­fe­trä­ger ab 16 und wenn der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger die Auf­fas­sung ver­tritt, der hel­fen­den Mut­ter dürf­ten bei einer Leis­tungs­ge­wäh­rung an die Klä­ge­rin kei­ner­lei Vor­tei­le erwach­sen, ist auch dies falsch und ermes­sens­feh­ler­haft. Denn in vie­len Fäl­len kann es gar nicht anders sein, dass im Sin­ne eines unver­meid­ba­ren Refle­xes die Leis­tungs­ge­wäh­rung an den behin­der­ten Men­schen auch die im sel­ben Haus­halt leben­den hel­fen­den Ange­hö­ri­gen mit­tel­bar betrifft und eine sol­che mit­tel­ba­re Wir­kung steht dem Zweck der Ein­glie­de­rungs­hil­fe nicht ent­ge­gen, wenn sie – wie vor­lie­gend – die Selbst­hil­fe­kräf­te inner­halb der Fami­lie stärkt. Vor­lie­gend ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Klä­ge­rin wegen Art und Schwe­re der Behin­de­rung das Kfz nicht selbst steu­ern kann, son­dern dies die allein­er­zie­hen­de Mut­ter tun wird. Auch ist die Klä­ge­rin stän­dig auf die Beglei­tung bzw. die Anwe­sen­heit der Mut­ter ange­wie­sen, d.h. auch wenn die Mut­ter ein­mal das Bedürf­nis hat, abends evtl. noch einen Besuch zu machen, muss sie ihre Toch­ter mit­neh­men, wie im Erör­te­rungs­ter­min am 12.07.2012 nach­voll­zieh­bar geschil­dert. Auf­grund die­ser Fami­li­en­si­tua­ti­on (Allein­er­zie­hung, dau­ern­de Pfle­ge) ist es unmög­lich, die Lebens­wirk­lich­kei­ten der Klä­ge­rin und ihrer Mut­ter getrennt zu den­ken, wie es der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger jedoch bis­lang hart­nä­ckig tut und sich wei­gert „die beson­de­ren Ver­hält­nis­se in der Fami­lie der Leis­tungs­be­rech­tig­ten“ (§ 16 SGB XII) zu berück­sich­ti­gen. Ledig­lich einen gerin­gen Gebrauchsvorteil/​Eigenanteil der Mut­ter kann der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger in Abzug brin­gen, aber hier­bei bleibt der unver­meid­ba­re mit­tel­ba­re Reflex außer Betracht, da dies dem Zweck der Ein­glie­de­rungs­hil­fe sonst zuwi­der­lie­fe.
Der Anspruch der Klä­ge­rin auf Hil­fe zur Beschaf­fung eines Kfz sowie den behin­der­ten­ge­rech­ten Umbau des Kfz ergibt sich aus § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII i.V.m. § 55 SGB IX und §§ 8 Abs. 1, 9 Abs. 2 Nr. 4 Ein­glie­de­rungs­hil­fe­ver­ord­nung. Das Ermes­sen des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern ist auf Null redu­ziert, wie das SG bereits zutref­fend aus­ge­führt hat.
Die Hil­fe zur Beschaf­fung eines Kraft­fahr­zeu­ges gilt als Leis­tung zur Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft im Sin­ne des § 54 Abs. 1 Satz 1 SGB XII i.V.m. § 55 SGB IX. Sie wird in ange­mes­se­nem Umfang gewährt, wenn der behin­der­te Mensch wegen Art oder Schwe­re sei­ner Behin­de­rung auf die Benut­zung eines Kraft­fahr­zeu­ges ange­wie­sen ist (§ 8 Abs. 1 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung). Als Hilfs­mit­tel zum Aus­gleich der behin­de­rungs­be­ding­ten Nach­tei­le wer­den gemäß § 55 Abs. 2 Nr. 1 SGB IX i.V.m. § 9 Abs. 2 Nr. 4 Ein­glie­de­rungs­hil­fe­ver­ord­nung beson­de­re Bedie­nungs­ein­rich­tun­gen und Zusatz­ge­rä­te für Kraft­fahr­zeu­ge geleis­tet, wenn der behin­der­te Mensch wegen Art und Schwe­re sei­ner Behin­de­rung auf ein Kraft­fahr­zeug ange­wie­sen ist. Alle genann­ten Tat­be­stands­merk­ma­le lie­gen vor.
Das SG hat bereits zutref­fend aus­ge­führt, dass ent­ge­gen den Begrün­dun­gen der ange­foch­te­nen Beschei­de für eine Hil­fe zur Anschaf­fung eines Kraft­fahr­zeugs nach § 8 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung nicht das stän­di­ge, prak­tisch zwin­gend täg­li­che Ange­wie­sen­sein auf das Kraft­fahr­zeug Anspruchs­vor­aus­set­zung ist. Eine den Anspruch der­ge­stalt ein­engen­de Vor­aus­set­zung lässt sich dem Norm­text genau so wenig ent­neh­men wie die vom Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern gebrauch­te For­mu­lie­rung des in den ange­führ­ten Nor­men nicht genann­ten „stren­gen Maß­stabs“ im Bescheid vom 09.05.2007 17. Es kommt dar­auf an und ist inso­weit auch aus­rei­chend, wie das BSG aus­ge­führt hat, ob die Kfz-Hil­fe erfor­der­lich ist, die Begeg­nung und den Umgang mit ande­ren Men­schen im Sin­ne einer ange­mes­se­nen Lebens­füh­rung zu för­dern (§ 58 SGB IX). Ein behin­der­ter Mensch ist im Sin­ne der genann­ten Vor­schrif­ten der Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung auf die regel­mä­ßi­ge Benut­zung eines Kraft­fahr­zeu­ges ange­wie­sen, wenn er nur mit Hil­fe sei­nes Kraft­fahr­zeu­ges sei­ne Woh­nung ver­las­sen kann, wenn das Bedürf­nis, die Woh­nung zu ver­las­sen, gera­de aus Grün­den besteht, denen die Ein­glie­de­rungs­hil­fe dient und wenn sich schließ­lich ein sol­ches Bedürf­nis regel­mä­ßig und nicht nur ver­ein­zelt stellt 18. Hier­für ist die Klä­ge­rin auch regel­mä­ßig auf ein behin­der­ten­ge­rech­tes Kfz ange­wie­sen. Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft bedeu­tet auch, dem behin­der­ten Men­schen die Mög­lich­keit zu ver­schaf­fen, Bekann­te, Ver­wand­te und Freun­de zu besu­chen. Hier­bei kann es nicht dar­auf ankom­men, ob die­ser Bedarf mehr­fach in der Woche auf­tritt. Denn der Begriff „regel­mä­ßi­ge Benut­zung“ ist erfüllt, wenn das Auto wie­der­keh­rend häu­fig benutzt wer­den soll. Die­ser Häu­fig­keits­grad ist anzu­neh­men, wenn der behin­der­te Mensch zur Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft über­haupt auf ein Auto ange­wie­sen ist. Er muss auch die Mög­lich­keit haben, jeder­zeit von sei­nem Teil­ha­be­recht Gebrauch zu machen und ange­sichts des Gesund­heits­zu­stan­des der Klä­ge­rin ist nach­voll­zieh­bar, dass es eben auch von der „Tages­form“ abhängt, ob eine Besuchs­fahrt mög­lich ist oder nicht und dies nicht meh­re­re Tage sche­ma­tisch im Vor­aus genau fest­ge­legt wer­den kann. Dies folgt aus der Art und Schwe­re der Behin­de­rung und kann im Rah­men der Ein­glie­de­rungs­hil­fe nicht zu Las­ten der Klä­ge­rin aus­ge­legt wer­den, da es ja gera­de dar­um geht, die indi­vi­du­ell vor­lie­gen­den behin­de­rungs­be­ding­ten Nach­tei­le zu kom­pen­sie­ren. Wie bei einem nicht­be­hin­der­ten Men­schen kann – je nach den kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­fal­les – ein­mal ein erhöh­ter und ein­mal ein gerin­ge­rer Bedarf gege­ben sein. Ent­schei­dend ist, ob der behin­der­te Mensch auf­grund Art und Schwe­re sei­ner Behin­de­rung und mit Blick auf den Zweck der Ein­glie­de­rungs­hil­fe (Teil­nah­me am Leben in der Gemein­schaft) auf ein eige­nes Kraft­fahr­zeug ange­wie­sen ist 19.
Zur Über­zeu­gung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg genü­gen schließ­lich die vom Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern im strei­ti­gen Bescheid pau­schal gewähr­ten 8 Ein­zel­fahr­ten (= 4 Hin- und Rück­fahr­ten) im Monat nicht, um den tat­säch­lich bestehen­den Ein­glie­de­rungs­be­darf der Klä­ge­rin sicher zu stel­len. Die Klä­ge­rin benö­tigt zur Über­zeu­gung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg für eine ange­mes­se­ne Teil­nah­me am Leben in der Gemein­schaft regel­mä­ßig ein Kfz. Der Bedarf ist über die Bereit­stel­lung eines behin­der­ten­ge­rech­ten Kfz zu decken. Das SG hat dies bereits zutref­fend gewür­digt. An die­ser Betrach­tung ändert sich nichts durch das Ange­bot des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern, die Taxi­gut­schei­ne auf bis zu sie­ben Tage in der Woche auf­zu­sto­cken, denn die­se Maß­nah­me wäre kost­spie­li­ger als die Kfz-Hil­fe, wes­halb das Wunsch- und Wahl­recht (§ 9 Abs. 2 Satz 1 SGB XII) den Aus­schlag gibt 20.
Der kon­kre­te Mobi­li­täts­be­darf ergibt sich aus dem für das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg glaub­haf­ten und nach­voll­zieh­ba­rem Vor­brin­gen der Mut­ter der Klä­ge­rin. Wie das SG ist auch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg davon über­zeugt, dass eine Teil­nah­me am Leben in der Gemein­schaft, abge­se­hen vom Schul­be­such, weit­ge­hend zum Erlie­gen gekom­men ist, weil kein behin­der­ten­ge­rech­tes Kfz zur Ver­fü­gung steht. Der Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ist auch davon über­zeugt, dass der Klä­ge­rin mehr Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft mög­lich ist, wenn Ein­glie­de­rungs­hil­fe in Form eines behin­der­ten­ge­rech­ten Kfz geleis­tet wird und glaubt dem geschil­der­ten Vor­brin­gen der Mut­ter der Klä­ge­rin, wel­che mehr­fach aus­führ­lich und nach­voll­zieh­bar geschil­dert hat, wel­che Unter­neh­mun­gen im Ein­zel­nen mög­lich wären und beab­sich­tigt sind, wenn für die Beför­de­rung gesorgt wäre. Hier­zu zäh­len außer einer ver­stärk­ten Teil­nah­me am Ver­eins­le­ben in F., das wie­der­um Aus­flü­ge ins Umland mit sich bräch­te, auch Besu­che bei Schul­freun­den und Ver­wand­ten. Der Ver­tre­ter des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern zwar im Erör­te­rungs­ter­min vom 12.07.2012 auf die­ses Vor­brin­gen der Mut­ter mit der Aus­sa­ge „Das neh­me ich Ihnen nicht ab“ reagiert, aber für das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg bestehen inso­weit kei­ne Anhalts­punk­te, dass das Vor­brin­gen der Mut­ter unglaub­haft sein könn­te. Auch für behin­der­te Kin­der endet der Tag nicht mit dem Schul­be­such, auch sie haben Frei­zeit und freie Wochen­en­den 21, auch sie exis­tie­ren in sozia­len Bezü­gen und Ausgangspunkt/​Vergleichsmaßstab für den Umfang der gesell­schaft­li­chen Kon­tak­te ist der gleich­alt­ri­ge nicht­be­hin­der­te Mensch 22. Es ist zwar zutref­fend, wie der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger aus­führt, dass die behin­de­rungs­be­ding­ten Nach­tei­le bei der Klä­ge­rin gra­vie­rend sind, dar­aus ergibt sich aber kein redu­zier­ter Teil­ha­be­an­spruch, son­dern es ist eben eine qua­li­ta­tiv von ihren Bedürf­nis­sen und Fähig­kei­ten abhän­gi­ge Art der Teil­ha­be, die die Klä­ge­rin erlebt. Immer­hin hat sie auch jah­re­lang die J.-K.-Schule besucht. Der Ver­mu­tung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern, dass die Klä­ge­rin mög­li­cher­wei­se bald in einem Heim unter­ge­bracht wer­den könn­te, fehlt ange­sichts des Gesche­hens­ab­laufs der letz­ten 6,5 Jah­re seit Antrag­stel­lung die Tat­sa­chen­grund­la­ge; hier­aus ergibt sich nichts nega­ti­ves für den Anspruch.
Die Klä­ge­rin wohnt im länd­li­chen Raum, an ihrem Wohn­ort gibt es schon gar kein Beför­de­rungs­un­ter­neh­men, wel­ches die Gut­schei­ne ein­löst. Die Stand­or­te der Beför­de­rungs­un­ter­neh­men in B. und M. sind rund 40 bzw. 50km ent­fernt und schei­den des­halb bei rea­lis­ti­scher Betrach­tungs­wei­se prak­tisch aus, so dass ohne­hin nur eine Gut­schein­ein­lö­sung bei Unter­neh­men in T.-N. (Ent­fer­nung ca. 25km) oder am ehes­ten F. (Ent­fer­nung ca. 10km) in Fra­ge kommt. Die Bus­se des loka­len ÖPNV am Wohn­ort der Klä­ge­rin sind nicht behin­der­ten­ge­recht und schei­den aus, um den Mobi­li­täts­be­darf zu decken. Ein Teil der Fahr­ten, etwa zu Ärz­ten, ist zwar von ande­ren Leis­tungs­sys­te­men (SGB V, SGB XI) zu decken, aber zu beach­ten ist für die­sen vom Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern benann­ten Bereich auch, dass längst nicht mehr jede erfor­der­li­che medi­zi­ni­sche Behand­lung dem Leis­tungs­ka­ta­log des SGB V unter­fällt, und ggf. die sub­si­diä­ren Leis­tungs­sys­te­me SGB II/​XII ein­zu­ste­hen haben 23. Sowohl der Sozia­le Dienst des Sozi­al­am­tes wie auch Dr. M. vom Gesund­heits­amt sind in ihren Stel­lung­nah­men zum Ergeb­nis gekom­men, dass ein behin­de­rungs­ge­recht umge­bau­tes Kfz geeig­net und erfor­der­lich ist, um den Ein­glie­de­rungs­be­darf zu decken.
Soweit die Ein­glie­de­rungs­hil­fe ein Kfz betrifft, muss der behin­der­te Mensch das Kfz nicht selbst bedie­nen kön­nen; es wider­spricht dem Zweck der Ein­glie­de­rungs­hil­fe nicht, wie der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger mög­li­cher­wei­se meint, dass die Mut­ter der Klä­ge­rin das Kfz steu­ert 24. Dem Anspruch auf Hil­fe zur Beschaf­fung eines Kraft­fahr­zeugs steht daher § 8 Abs. 3 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung nicht ent­ge­gen, wonach der behin­der­te Mensch im Regel­fall das Fahr­zeug selbst bedie­nen kön­nen soll. Denn die­se Vor­aus­set­zung gilt nur „in der Regel“. Die­se Rege­lung soll ver­hin­dern, dass das Kfz statt dem behin­der­ten Men­schen Drit­ten zu Gute kommt. Sie soll aber, dies hat bereits die ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung ent­ge­gen der unzu­tref­fen­den Auf­fas­sung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern betont, nicht dazu füh­ren, dass behin­der­te Men­schen, die wegen Art und Schwe­re der Behin­de­rung selbst kein Kfz füh­ren kön­nen, von der Hil­fe aus­ge­schlos­sen wird, wenn – wie vor­lie­gend – sicher­ge­stellt ist, dass nahe Ange­hö­ri­ge, die inner­halb der Fami­lie an der Betreu­ung und Pfle­ge mit­wir­ken, das Kfz füh­ren. Etwai­ge Gebrauchs­vor­tei­le für die Mut­ter ste­hen dem Anspruch auch des­halb nicht ent­ge­gen, wie auch das SG bereits zutref­fend aus­ge­führt hat.
Der Umfang der als Geld­leis­tung (Kos­ten­zu­schuss) zu gewäh­ren­den Hil­fe unter­liegt zwar grund­sätz­lich nach § 17 Abs. 2 SGB XII dem Aus­wahler­mes­sen des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern. Die­ses Ermes­sen ist nach dem Vor­ste­hen­den aber auf Null redu­ziert, da sowohl fest­steht, dass die Klä­ge­rin ein Kfz benö­tigt als auch wel­che Umbau­maß­nah­men erfor­der­lich sind. Auch auf­grund sei­nes Fehl­ver­hal­tens ver­bleibt dem Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern kein Ermes­sens­spiel­raum mehr, die Anschaf­fung eines Kfzs wie beschrie­ben nebst den Umbau­maß­nah­men als unge­eig­net abzu­leh­nen; das Fehl­ver­hal­ten der Ver­wal­tung darf nicht zu Las­ten der Klä­ge­rin gehen 25. Maß­stab für die Anschaf­fung eines Kfz ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts 26, der sich das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg anschließt ein gebrauch­tes Kfz, das im Hin­blick auf § 8 Abs. 4 der Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung eine Nut­zungs­dau­er von min­des­tens fünf Jah­ren gewähr­leis­ten muss. Ein sol­ches Fahr­zeug kos­tet nach den Inter­net-Recher­chen des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg und der Klä­ger­sei­te ca. 18.000 bis 22.000 EUR. Hin­zu kom­men die erfor­der­li­chen Umbau­maß­nah­men wegen der behin­der­ten­ge­rech­ten Aus­stat­tung des Kfz (§ 9 Abs. 2 Nr. 4 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-Ver­ord­nung). Die­se erge­ben sich aus Art und Schwe­re der Behin­de­run­gen der Klä­ge­rin. Erfor­der­lich sind nach der über­zeu­gen­den Stel­lung­nah­me Dr. M.s vom 21.04.2006 eine Ram­pe für den Roll­stuhl, ein spe­zi­el­ler Schwenk­sitz (mit Lie­ge­funk­ti­on) mit Vaku­um­sitz­scha­len­ein­heit und ein Spe­zi­al­trans­port­gurt für eine glei­cher­ma­ßen ver­kehrs­si­che­re wie lei­dens­ge­rech­te Beför­de­rung der Klä­ge­rin. Die­se erfor­der­li­chen Maß­nah­men kos­ten aus­weis­lich der vor­ge­leg­ten Kos­ten­vor­anschlä­ge wei­te­re ca.09.000 – 11.000 EUR, auch abhän­gig von der vor­han­de­nen Aus­stat­tung des zu erwer­ben­den Kfz. Bei die­ser behin­de­rungs­be­dingt erfor­der­li­chen Zusatz­aus­stat­tung han­delt es sich auch nicht um Hilfs­mit­tel nach dem Fünf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch (Gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung – GKV), für wel­che die Kran­ken­kas­se leis­tungs­pflich­tig wäre. Der in § 33 Abs. 1 Satz 1 SGB V genann­te Zweck „Aus­gleich einer Behin­de­rung“ (vgl. auch § 31 Abs. 1 Nr. 3 SGB IX), den ein von der GKV zu leis­ten­des Hilfs­mit­tel erfül­len soll, bedeu­tet nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BSG nicht, dass von der GKV über den Aus­gleich der Behin­de­rung als sol­cher (sog. unmit­tel­ba­rer Behin­de­rungs­aus­gleich) hin­aus auch sämt­li­che direk­ten und indi­rek­ten Fol­gen der Behin­de­rung aus­zu­glei­chen wären (sog. mit­tel­ba­rer Behin­de­rungs­aus­gleich). Die Pflicht der Kran­ken­kas­sen geht auch in ihrer Eigen­schaft als Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger nicht über die Siche­rung von Grund­be­dürf­nis­sen hin­aus 27. Ein Hilfs­mit­tel ist von der GKV im Rah­men des mit­tel­ba­ren Behin­de­rungs­aus­gleichs daher nur zu gewäh­ren, wenn es die Aus­wir­kun­gen der Behin­de­rung im gesam­ten täg­li­chen Leben besei­tigt oder mil­dert und damit ein all­ge­mei­nes Grund­be­dürf­nis des täg­li­chen Lebens betrifft 28. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BSG gehö­ren zu die­sen all­ge­mei­nen Grund­be­dürf­nis­sen des täg­li­chen Lebens das Gehen, Ste­hen, Sit­zen, Lie­gen, Grei­fen, Sehen, Hören, Nah­rungs­auf­neh­men, Aus­schei­den, die ele­men­ta­re Kör­per­pfle­ge, das selbst­stän­di­ge Woh­nen sowie das Erschlie­ßen eines gewis­sen kör­per­li­chen und geis­ti­gen Frei­raums 29. Vor­lie­gend geht es jedoch dar­über hin­aus um die Sicher­stel­lung der Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft.
Als abzu­zie­hen­den Gebraucht­vor­teil für die Mut­ter erach­tet das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg einen Betrag von ca. 3.000 EUR für ange­mes­sen. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Mut­ter der Klä­ge­rin wegen der Pfle­ge der Toch­ter nur halb­tags arbei­ten kann und knapp 1.000 EUR im Monat ver­dient wäre die Anschaf­fung eines Gebraucht­wa­gens für sie in etwa die­ser Grö­ßen­ord­nung rea­lis­tisch, wie das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg im Wege der Schät­zung (§ 202 SGG i.V.m. § 287 Abs. 2 ZPO) fest­stel­len kann. Damit wird sich die vom Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern zu leis­ten­de Hil­fe in einer Band­brei­te von etwa 24.000 – 30.000 EUR bewe­gen, in ers­ter Linie abhän­gig von den am Markt zur Ver­fü­gung ste­hen­den Gebraucht­wa­gen und deren Aus­stat­tung, eine gewis­se Schwan­kung nach oben von ca. 10–15% wäre vom Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern hin­zu­neh­men, da die Kos­ten­vor­anschlä­ge z.T. eini­ge Jah­re alt sind und die Beträ­ge sich ggf. infla­ti­ons­be­dingt nach oben geän­dert haben.
Ein Ver­stoß gegen das Gebot der Wirt­schaft­lich­keit und Spar­sam­keit liegt nicht vor. Abge­se­hen davon, dass bei der Ein­glie­de­rungs­hil­fe die Wirk­sam­keit der Hil­fe und nicht die mög­lichs­te Scho­nung der öffent­li­chen Finan­zen im Vor­der­grund steht und sich eine Aus­le­gung ver­bie­tet, die allein auf die finan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen der begehr­ten Hil­fe auf die öffent­li­chen Finan­zen abhebt 30 ent­ste­hen vor­lie­gend auch – im Ver­gleich zu der Gut­schein­aus­ga­be des Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern – kei­ne unver­hält­nis­mä­ßi­gen Mehr­kos­ten (§ 9 Abs. 2 Satz 1 SGB XII). Die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob unver­hält­nis­mä­ßi­ge Mehr­kos­ten vor­lie­gen, ver­langt zum einen nach einem Kos­ten­ver­gleich der im Raum ste­hen­den (gleich­wer­ti­gen und gesetz­mä­ßi­gen) Maß­nah­men, zum ande­ren auch nach einer wer­ten­den Betrach­tung 31. Der Kos­ten­ver­gleich ist vor­lie­gend nur ein­ge­schränkt mög­lich, weil die vom Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern vor­ge­schla­ge­ne Maß­nah­me unzu­rei­chend ist, die Klä­ge­rin in ihren Rech­ten ver­letzt und des­halb nicht den rech­ten Ver­gleichs­maß­stab her­gibt. Aus­ge­hend von den bewil­lig­ten 8 Fahr­ten im Monat von bis zu 26 EUR, hoch­ge­rech­net auf 5 Jah­re (Regel­zeit­raum nach § 8 Abs. 4 Ein­glie­de­rungs­hil­fe­ver­ord­nung) ergibt sich ein Betrag von rund 12.500 EUR; bereits bei ange­nom­me­nen 2 wöchent­li­chen Hin- und Rück­fahr­ten (also 4 Fahr­ten pro Woche bzw. 16 Fahr­ten pro Monat) ein Betrag von 25.000 EUR. Die in der münd­li­chen Ver­hand­lung in Aus­sicht gestell­te Stei­ge­rung auf Gut­schei­ne an bis zu sie­ben Tagen wür­de die Beträ­ge noch­mals erheb­lich erhö­hen. Bei einer Heim­un­ter­brin­gung der Klä­ge­rin wür­den auch deut­lich höhe­re Kos­ten ent­ste­hen, als bei der Kfz-Hil­fe. Bei die­ser Sach­la­ge gibt das Wunsch- und Wahl­recht (§ 9 Abs. 2 Satz 1 SGB XII) den Aus­schlag, denn ange­sichts der Ver­gleichs­be­trä­ge bewegt sich der beschrie­be­ne Umfang der Kfz-Hil­fe in einem ver­tret­ba­ren Rah­men, ins­be­son­de­re auch unter dem Aspekt der Unter­stüt­zung der Selbst­hil­fe­kräf­te der Fami­lie (§ 16 SGB XII, sie­he oben). Dies kann im Rah­men der wer­ten­den Betrach­tungs­wei­se nicht außer Acht blei­ben.
Unschäd­lich ist es, da der Anspruch auf eine Geld­leis­tung zielt, wenn sich die Klä­ge­rin das Kfz nebst Umbau umge­hend selbst beschafft und dem Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern den Betrag in Rech­nung stellt 32. Falls der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger nach Vor­la­ge der ent­spre­chen­den Kauf- bzw. Umbau­kos­ten­vor­anschlä­gen bzw. ‑rech­nun­gen nicht umge­hend den in Fra­ge ste­hen­den Bewil­li­gungs­be­scheid erlässt und die Geld­leis­tung erbringt und die Klä­ger­sei­te ein Dar­le­hen auf­neh­men muss, trägt der Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger wegen des rechts­wid­ri­gen Ver­wal­tungs­han­delns die Zin­sen in ange­mes­se­ner markt­üb­li­cher Höhe 33.
Die Klä­ge­rin hat nach alle­dem auch einen Anspruch auf Über­nah­me der Betriebs­kos­ten in ange­mes­se­nem Umfang (§ 10 Abs. 6 Ein­glie­de­rungs­hil­fe-VO). Ange­sichts des nur mit­tel­ba­ren Gebrauchs­vor­teils für die Mut­ter erach­tet das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg gem. § 202 SGG i.V.m. § 287 Abs. 2 ZPO einen Anspruch auf Über­nah­me von 3/​4 der Betriebs­kos­ten durch den Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­gern für ange­mes­sen.
Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 26. Sep­tem­ber 2012 – L 2 SO 1378/​11
vgl. zu die­ser aus Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG her­zu­lei­ten­den Ver­pflich­tung: BVerfG 08.10.1997 – 1 BvR 9/​97, BVerfGE 96, 288 = NJW 1998, 131[↩]
vgl. Kel­ler in: Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer, SGG, 10. Aufl.2012, § 54 RdNr. 27; sie­he auch BSG, Urteil vom 09.11.2010 – B 2 U 10/​10 R = SozR 4–2700 § 76 Nr. 2 RdNr. 15: Ermes­sens­fehl­ge­brauch wegen unvoll­stän­di­ger Sach­ver­halts­kennt­nis der Ver­wal­tung[↩]
vgl. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 10.05.2007 – L 8 SO 20/​07 R, m.w.N.[↩]
BVerfG 9.02.2010 – 1 BvL 1/​09, BVerfGE 125, 175[↩]
BSG, Urteil vom 02.02.2012 – B 8 SO 9/​10 R[↩]
vgl. BSG 02.02.2012 a.a.O.[↩]
BSG 02.02.2012, a.a.O., ent­ge­gen LSG NRW, Urteil vom 22.02.2010 – L 20 SO 75/​07[↩]
BSG, Urteil vom 02.02.2012 – B 8 SO 9/​10 R, m.w.N.[↩]
vgl. BVerfG 08.10.1997 a.a.O.[↩]
BT-Drucks 14/​5074, S. 92; vgl. auch Hassel/​Gurgel/​Otto, Hand­buch des Fach­an­walts Sozi­al­recht, 3. Aufl.2012, S. 926 und die For­mu­lie­rung des Art.20 UN-BRK, BGBl. II 2008, 1433 f., „…um für Men­schen mit Behin­de­run­gen per­sön­li­che Mobi­li­tät mit größt­mög­li­cher Unab­hän­gig­keit sicher­zu­stel­len“ oder wie es im fran­zö­si­schen Text plas­tisch heißt: „dans la plus gran­de auto­no­mie pos­si­ble“[↩]
BT-Drucks 14/​5074, S. 98 zu § 1 SGB IX[↩]
BGBl. II 2008, 1419[↩]
BVerfG, Beschluss vom 14.10.2004 – 2 BvR 1481/​04, BVerfGE 111, 307, 317[↩]
vgl. etwa BSG, Urteil vom 06.03.2012 – B 1 KR 10/​11 R[↩]
LSG Bad.-Württ., Urteil vom 11.07.2012 – L 2 SO 4215/​10[↩]
Voelz­ke in juris­PK-SGB XII, § 16 RdNr. 8[↩]
vgl. zum Ange­wie­sen­sein hin­ge­gen nun­mehr BSG 02.02.2012 a.a.O. RdNr. 26 f.[↩]
vgl. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Beschluss vom 10.05.2007 – L 8 SO 20/​07 R; OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 28.09.2007 – 3 L 231/​05; Hes­si­scher VGH, Urteil vom 12.12.1995 – 9 UE 1339/​94 – FEVS 47, 86; OVG Lüne­burg, Urteil vom 08.06.1988 – 4 A 40/​97 = FEVS 39, 448[↩]
OVG Sach­sen, Beschluss vom 28.09.2007 – 3 L 231/​05[↩]
vgl. bereits LSG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16.12.1992 – L 5 Ar 1144/​90 = E‑LSG Ar-024 = Behin­der­ten­recht 1993, 177[↩]
so zutref­fend OVG Sach­sen-Anhalt, Beschluss vom 28.09.2007 – 3 L 231/​05 = FEVS 59, 280 = RdNr.19[↩]
BSG 02.02.2012 a.a.O. RdNr. 27[↩]
vgl. BSG, Urteil vom 06.03.2012 – B 1 KR 24/​10 R, unter Bezug­nah­me u.a. auf §§ 53 ff. SGB XII[↩]
vgl. BSG, Urteil vom 02.02.2012 a.a.O. RdNr. 25; sie­he bereits BVerwG, Urteil vom 27.10.1977 – V C 15.77, BVerw­GE 55, 31, 33 f. = FEVS 26, 89[↩]
vgl. BSG, Urteil vom 12.08.1982 – 11 RA 62/​81, BSGE 54, 54 = SozR 2200 § 1237 Nr. 18; BSG, Urteil vom 16.06.1994 – 13 RJ 49/​93 – SozR 3–2200 § 1237 Nr. 4[↩]
BSG, Urteil vom 02.02.2012 a.a.O.[↩]
BSG, Beschluss vom 08.11.2006 – B 3 KR 17/​06 B[↩]
vgl. etwa BSG, Urteil vom 12.08.2009 – B 3 KR 8/​08 R – Elek­troroll­stuhl[↩]
vgl. etwa BSG, Urteil vom 16.09.2004 – B 3 KR 19/​03 R, BSGE 93, 176, 180, m.w.N.[↩]
so wört­lich bereits BVerwG, Urteil vom 31.08.1966 – V C 185.65, BVerw­GE 25, 28,31[↩]
vgl. Hassel/​Gurgel/​Otto, Hand­buch des Fach­an­walts Sozi­al­recht, 3. Aufl.2012, S. 995 f. m.w.N. zur ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung[↩]
vgl. BSG 02.02.2012 a.a.O. RdNr. 21[↩]
vgl. zur Kos­ten­er­stat­tung bei rechts­wid­ri­ger Leis­tungs­ver­wei­ge­rung und Über­nah­me von Zin­sen wegen eines des­halb auf­ge­nom­me­nen Kre­dits BSG, Urteil vom 17.06.2010 – B 14 AS 58/​09 R, BSGE 106, 190 = SozR 4–4200 § 22 Nr. 41 RdNr. 35 m.w.N.[↩]
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