Source: https://www.hausarbeiten.de/document/378846
Timestamp: 2018-07-23 01:49:31
Document Index: 174174067

Matched Legal Cases: ['§11', '§2', '§1', '§11', '§13', '§11', '§13']

Jugendarbeit zur Prävention von Straftaten. Das Konzept der ... | Hausarbeiten publizieren
Diese Arbeit soll zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Notwendigkeit einer präventiv ausgerichteten Stellung der Jugendarbeit anregen. Der Präventionsgedanke bezieht sich in dieser Arbeit auf die Vorbeugung von Straftaten und soll eine kurze Parallele zur Problematik von Rechtsextremismus ziehen.
Die Prävention erhält in den Strukturmaximen einer Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit (vgl. Grunwald und Thiersch 2008, S. 26ff) einen eigenen Stellenwert. Franz Josef Krafeld schreibt z.B.: „…Prävention ist nicht die zentrale Aufgabe von pädagogischer Arbeit mit entsprechend orientierten Jugendlichen“ (Krafeld 2012, S 55). Im §11 Abs. 3 Nr. 1 SGB VIII werden als Schwerpunkte die politische, soziale und kulturelle Bildung genannt. In Abs. 2 sind zudem gemeinwesensorientierte Angebote genannt. Wenn Susanne Lang und andere Autoren die Jugendarbeit als Sozialisationsinstanz benennen (vgl. Lang 2012, S. 19), so stelle ich mir die Frage ob es einen Zusammenhang von Bildung, Erziehung, der Gemeinwesenarbeit und der Prävention von Jugendstraffälligkeit gibt. Hans Thiersch nimmt die Prävention in einen engen Bezug zur Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, dessen Konzept maßgeblich in das KJHG und das SGB VIII eingeflossen ist. Trotzdem trifft man auf Aussagen die eine Präventionsarbeit aus der Jugendhilfe und der offenen Jugendarbeit ausklammern.
Nimmt die Jugendarbeit den, im Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit nach Hans Thiersch, geforderten Aspekt der Prävention ungenügend auf?
Im §2 JStVollzG und im §1 StVollzG (seit 2015 gültig) ist die Resozialisierung als Vollzugsziel genannt. In den Gesetzen heißt es: “…dient dem Ziel, Gefangene zu befähigen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen“. Der Gesetzgeber fordert (erst) hier einen Straftäter wieder sozial gesellschaftsfähig zu machen. Hans Thiersch beschreibt jedoch einen Weg damit früher beginnen zu können bzw. zu müssen. Prävention, Alltagsnähe, Partizipation und Integration seien an dieser Stelle kurz als Stichworte des Konzeptes der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit genannt (vgl. Grunwald und Thiersch 2008, S. 26ff). Betrachtet man den §11 SGB VIII (s.o.) und erweitert dies um die Betrachtung des §13 SGB VIII ist zu betonen, dass durch die Jugendarbeit Sozialpädagogische Hilfen angeboten und soziale Integration gefördert werden sollen.
Lothar Böhnisch fordert in diesem Zusammenhang ein Verständnis von „biografischer Nachhaltigkeit“ entgegen dem Input- und Outputdenkens der technisierten Welt (vgl. Böhnisch 2008, S. 441). Er propagiert die Milieubildung als pädagogisches Konzept und im Besonderen die Förderung einer offenen Milieubildung.
„…denn nur offene Milieus in der gelungenen Balance zwischen Gemeinschaft und Individualität – können über die engere Bewältigungsperspektive hinaus erweiterte Handlungsfähigkeit und damit soziale Gestaltungsperspektiven vermitteln“ (Böhnisch 2008, S 438).
Er gibt zu bedenken, dass bei pädagogischen Konzepten die Orientierung an der Biografie der AdressatInnen kritisch zu sehen ist, da diese damit in ihrer Biografie, sowie deren Fortführung gefangen sind. Er gibt ebenfalls als Denkanstoß mit auf den Weg, dass AdressatInnen in ihrer Lebenswelt zunächst einen verfügbaren, selbstbestimmten und verlässlichen Alltag benötigen (vgl. Böhnisch 2008, S. 436). Auch Hans Thiersch fordert, zusammen mit Klaus Grunwald, in seinem Konzept die Rekonstruktion der Lebenswelt und die Neuorientierung in der erfahrenden Wirklichkeit hin zu einem gelingenderen Alltag, die von den AdressatInnen ausgehen sollen (vgl. Grunwald und Thiersch 2008, S 19ff).
Susanne Lang fragt in ihrem Beitrag danach, ob in den Bestimmungen der Jugendarbeit bereits eine politische Stellungnahme enthalten ist (vgl. Lang 2012, S. 19) und beschreibt, dass Jugendarbeit gleichzeitig Teil der demokratischen Gesellschaft ist und die politische Bildung zu einer der wichtigsten Aufgaben gehört. Sie kritisiert die sozialpolitische Vorsorge für so genannte „Problemgruppen“ und prangert an, dass kompensatorische Programme für diese Gruppen als Ausweis der „Nützlichkeit“ von Jugendarbeit, auch in Bundes- und Landesjugendplänen fungieren. Sie weist im Weiteren darauf hin, dass sich Jugendarbeit nicht starren Plänen bedienen sollte, sondern von den gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig ist und sich an diesen richten sollte (vgl. Lang 2012, S. 21ff). Sie führt aus, dass junge Menschen durch Jugendarbeit zur Selbstbestimmung befähigt werden, zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement angeregt und hingeführt werden sollen (vgl. Lang 2012, S. 24). Jugendarbeit ist, nach der Auffassung von Susanne Lang, ein Ort der Freizeit und sollte an den lebensweltlichen Interessen der Jugendlichen ausgerichtet werden. Die Jugendlichen sollen die Möglichkeit erhalten Erfahrungen in offenen Angeboten zu sammeln, diese zu reflektieren und eindimensionale Wirklichkeitserfahrungen zu transzendieren. Jugendarbeit ist ein Beitrag der Selbstbildung zu Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit. Sie sollte die Veränderungsmöglichkeiten aktivieren, die jede neue Generation in die Gesellschaft einbringen kann. Jugendarbeit sollte initiierte Spiegelungserfahrungen und neue Perspektiven bieten indem sie mit neuen sozialen Erfahrungen konfrontiert (vgl. Lang 2012, S. 25-27).
Franz Josef Krafeld kritisiert in seinem Beitrag die die Erwartungen an die Pädagogik „… mit pädagogischen Aktivitäten aktuelle gesellschaftliche Problemlagen zu bewältigen“ und weist darauf hin, dass es immer darum geht junge Menschen von etwas abzubringen, ihnen etwas abzugewöhnen „… während die Förderung ihrer Entwicklung im eigentlichen Sinne dabei keine Rolle spielt“ (Krafeld 2012, S. 51). Franz Josef Krafeld zeigt ebenso auf, dass eine „Pädagogik gegen …“ dazu führt das junge Menschen darin genau das erfahren, was diese „…seit jeher an Missachtung, Geringschätzung, Sanktionierung, und Ausgrenzung erlebt und erlitten haben“ (Krafeld 2012, S. 58). Einen weiteren Kritikpunkt bezieht er auf die Bedingungen der Jugendarbeit, die nach seiner Meinung, dazu beigetragen, „…dass Risiken von „Ich-halte-mich-da-raus“-Pädagogik, von Kumpelpädagogik – oder auch von direkter Förderung „nationaler Jugendarbeit“ – fortbestehen, dass Beziehungsarbeit immer wieder zur Harmonie-Idylle verkommt oder Vertrauen-Gewinnen mit „Klappe-Halten“ erkauft werden soll“ (Krafeld 2012, S. 59).
Ulrich Deinet beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Zukunftsfähigkeit von offener Jugendarbeit in der Vernetzung im Sozialraum. Er analysiert das Curriculum der Kinder- und Jugendarbeit, welches sich für ihn aus §11 Abs. 1 SGB VIII ergibt und grenzt einen präventiven Auftrag der Jugendarbeit zu den Hilfen zur Erziehung ab. Unbestritten ist bei ihm jedoch, dass die Kinder- und Jugendarbeit auch präventive Wirkung entfaltet. Betont stellt er heraus, dass sich der Gedanke der Prävention dadurch ausklammert, dass Jugendarbeit ein positives Jugendbild hat und sich nicht auf Randgruppen einschränkt (vgl. Deinet 2012, S. 123). Ulrich Deinet beschreibt in seiner These, dass Offene Kinder- und Jugendarbeit der Bereich „an der Schnittstelle von öffentlichem Raum, Schule und Familie“ ist und „Als Partner von Schule, der GWA […] ein breites Spektrum in-formeller und nicht-formeller Bildungsangebote“ bietet (vgl. Deinet 2012, S. 124). Er bettet die Jugendarbeit ein in die Kooperation zu Ganztagsschulen und sieht sie als Motor sozialräumlicher Kooperation, sowie der Vernetzung anderer verschiedener Institutionen (vgl. Deinet 2012, S. 125). Er propagiert sich die Raumaneignung der Kinder und Jugendlichen anzusehen, diese zu analysieren und in die sozialräumliche Konzeptentwicklung mit einfließen zu lassen. Er schlägt „Stadtteilbegehungen mit Kindern und Jugendlichen oder Nadelmethode“ (Deinet 2012, S. 127) vor. Er dreht die aktuellen Gegebenheiten um, nimmt den Blick der Adressaten auf und kritisiert die institutionelle Konzeptentwicklung, welche von den Möglichkeiten der Institution aus schaut (vgl. ebd.). Ulrich Deinet stellt heraus: „Dabei geht es insbesondere um die Beteiligung von Jugendlichen, um die Schaffung positiver Beteiligungserfahrungen, die Verdeutlichung von Strukturen etc.“ (Deinet 2012, S. 129). Er beschreibt weiter, dass sich Jugendarbeit von der klassischen „Versäulung“ lösen müsste und neue Kooperationen mit Schulen und anderen Organisationen eingehen sollte um damit flexibel eine notwendige Verlagerung von Angeboten umsetzen zu können (vgl. Deinet 2012, S. 130ff). Zudem beschreibt er, dass sich eine „Offene Tür“ durch die Architektur ausdrücken, den Ort attraktiv machen, sowie zum Hereinkommen und Mitmachen einladen sollte (vgl. Deinet 2012,S. 132).
Wie passen diese verschiedenen Aussagen und Aspekte mit der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit zusammen, wenn man die Beschreibung der Prävention von Thiersch und Grunwald liest?
„Prävention – als allgemeine Prävention – zielt auf die Stabilisierung und Inszenierung belastender und unterstützender Infrastruktur und auf die Bildung und Stabilisierung allgemeiner Kompetenzen zur Lebensbewältigung; sie zielt auf gerechte Lebensverhältnisse und eine gute Erziehung. […] Prävention ist dann sinnvoll, wenn spezielle Prävention eingebettet bleibt in allgemeine Prävention und bezogen ist auf definierte Problemlagen und ausweisbare Arbeitssettings“ (Grunwald und Thiersch 2008, S. 26).
Und wie ist der Hinweis von Böhnisch und Schröer einzuordnen, wenn es heißt:
“Gerade in den Präventionsprogrammen wirkt als Verdikt der Selbstverantwortlichkeit in der Vermeidung von Risiken, ohne dass danach gefragt wird, ob eine von vornherein stigmatisierende Generalprävention den Entwicklungs- und Bewältigungsbedingungen des Jugendalters überhaupt gerecht wird (Präventionsfalle) Trotzdem hat sich ein generalpräventives Programm verbreitet, dem Jugendlichen unterworfen sind und in dem nicht gefragt wird, wie Jugendliche sich selbst […] erfahren möchten“ (Böhnisch und Schröer 2013, S. 110).
Eine weitere Aussage von Susanne Lang ist, denke ich, in der Auseinandersetzung mit der Frage ebenfalls zu bedenken. Sie warnt vor der Gefahr, dass die Jugendarbeit für die Beseitigung von Missständen des deutschen Bildungssystems vereinnahmt wird (vgl. Lang 2012, S. 31). Franz Josef Krafeld weist auf einen ähnlichen Aspekt hin, wenn er äußert, dass die Pädagogik immer dann heran gezogen wird, wenn gesellschaftliche Entwicklungen Hilflosigkeit hervorbringen und gefordert wird, dass „man unbedingt irgendetwas tun muss!“ (Krafeld 2012, S. 52). Im §13 SGB VIII werden jungen Menschen zum Ausgleich sozialer Benachteiligung oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigung Leistungen durch die Jugendhilfe zugesprochen. Zu dieser Zusicherung kommen die Forderungen durch die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit Verunsicherungen in Lebensweltlichen Erfahrungen, sowie in Deutungs- und Handlungsmustern zu verbessern und Sicherheit in der Pluralisierung von Lebenslagen zu geben (vgl. Grunwald und Thiersch 2008, S. 13ff). Betrachte ich die Lebensumstände von Jugendlichen in der heutigen Welt, so empfinde ich jeden Jugendlichen als benachteiligt und individuell beeinträchtigt. Meiner Auffassung nach ist jeder Jugendliche konfrontiert mit der Ambivalenz des Alltags, der Pluralisierung von Lebenslagen, der Vielfältigkeit von Alltagsproblemen und der Herausforderung einer individuellen Lebensgestaltung, sowie bröckelnden sozialen Bindungen und sozialer Ungleichheit. Jugendliche sollten sich in ihrer erfahrenen Wirklichkeit und an einer positiven Biografie neu orientieren können, die sie sich selbst durch Erfahrung bilden, wie es Hans Thiersch und Lothar Böhnisch beschreiben. Jugendarbeit ist somit nicht nur ein Problem von Randgruppen. In den Ansätzen der Einbettung der Jugendarbeit in die Sozialraumarbeit von Ulrich Deinet, bietet sich für mich die Möglichkeit Jugendlichen offene Milieus, wie sie Lothar Bönisch fordert, zu bieten. In diesen Milieus könnten junge Menschen, gemäß den Forderungen von Susanne Lang, Spiegelerfahrungen machen, reflektierte Selbstbildung zu Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit, sowie Beteiligung an der Gesellschaft erfahren. Jugendarbeit könnte, durch die von Deinet geforderte stärkere Vernetzung, Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten der Lebensgestaltung aufzeigen und sie dabei begleiten diese auszuprobieren. Hier sind Zusammenarbeiten mit den Schulen durchaus stärker denkbar. Gleichzeitig erfahren Jugendliche, dass sie Zukunftsperspektiven, sowie Sicherheiten haben und sie erlernen biografische Nachhaltigkeit. Sie erfahren Wertschätzung, Zuneigung, Zugehörigkeit zur demokratischen Gesellschaft, Respekt und Beachtung. Sie können feste soziale Beziehungen zueinander und in ihrem Sozialraum bilden.
Stephan Biniossek (Autor)
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Stephan Biniossek (Autor), 2015, Jugendarbeit zur Prävention von Straftaten. Das Konzept der "Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit" nach Hans Thiersch, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/378846