Source: http://pflegekinderrecht.die-rechtsanwaelte.com/2011/03/13/kontinuitatssichernde-strukturen-und-das-verfahren-im-pflegekinderwesen/
Timestamp: 2019-03-20 01:38:26
Document Index: 309165976

Matched Legal Cases: ['§ 1666', '§ 1696', '§ 1626', '§ 42', '§ 27', '§ 36']

Kontinuitätssichernde Strukturen und das Verfahren im Pflegekinderwesen | „Neulich bei den Pflegeeltern”
Kontinuitätssichernde Strukturen und das Verfahren im Pflegekinderwesen
Mrz 13, 2011 | Rechte des Pflegekindes und der Pflegeeltern
Kontinuitätssichernde Strukturen und Verfahren im Pflegekinderbereich sind notwenig und möglich. Zwar sind auch einzelne rechtspolitische Maßnahmen unumgänglich, jedoch ist vor allem eine veränderte Praxis, Kommunikation und Organisation erforderlich, um die bereits seit 1991 vom SGB VIII ( Kinder- und Jugendhilfegesetz) eingeforderte Vorgehensweise einer geplanten, zeit- und zielgerichteten Intervention umzusetzen.
Eine wirkliche Veränderung der Praxis, die den Bedürfnissen der hier betroffenen, zumeist erheblich vorbelasteten Kinder gerecht wird, ist nur möglich, wenn von den Akteuren eine Reihe von Veränderungsschritten abgestimmt umgesetzt wird. Die nach folgenden Forderungen beruhen und langjähriger praktischer und wissenschaftlicher Befassung mit der Thematik.
Oberstes Ziel einer Reform des Pflegekinderrechtes ist die Ermöglichung und Sicherung von Beziehungskontinuität. Sie muss ausschließlich kindzentriert erfolgen. Zu fordern sind folgende normative Änderungen:
– Infragestellungen dieser familiengerichtlich gesicherten „dauerhaften Lebensperspektive“ nur im Falle einer Gefährdung des Kindeswohls nach §§ 1666a BGB, d.h. für diesen Fall keine regelmäßige Überprüfung gemäß § 1696 BGB
– Differenzierung der Umgangsregelung für traumatisierte oder dauerhaft fremdplazierte Kinder. Keine generelle gesetzliche Vermutung der Kindeswohldienlichkeit von Umgang nach/bei Kindeswohlgefährdung (§ 1626 Abs. 3 BGB für Kinder getrennt lebender Eltern annimmt), sondern ergebnisoffene Prüfung im Einzelfall, d. h. Außerkraftsetzung der Regelvermutung in diesen Konstellationen
– Zeitliche Begrenzung der Verweildauer von in Obhut genommenen Kleinkindern ( § 42 SGB VIII) in Bereitschaftspflege und Einrichtungen.
– Bundesweite Umsetzung von Standards zum Pflegekinderbereich (entsprechend der Empfehlung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter für Adoptionsvermittlung) und proaktive Landesjugendämter mit entsprechenden Empfehlungen zur Implementation dieser Standards in den Jugendämtern
– Spezialdienste in den Jugendämtern ( Pflegekinderdienste) mit vernünftigen Fallzahlen ( maximal 25 Fälle pro Fachkraft) und deren vergütungsrechtliche Gleichstellung mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). Qualifizierung auch des ASD für eine kontinuitätssichernde Hilfeplanung.
Gewinnung, Vorbreitung und Begleitung von Pflegekindern
– Umfassende Information der Pflegeeltern über Vorgeschichte des Kindes
– Erfassung des psychosomatischen Status eines jeden Pflegekindes bei Beginn des Pflegeverhältnisses zu Absicherung und Ergänzung des ohnehin im Rahmen der Hilfeplanung zu klärenden erzieherischen Bedarfs ( §§ 27, 33 ,36 , 37 SGB VIIII) durch Kinder- und Jugendpsychiatern bzw. Psychologen
– Regelhafte Beteiligungen von fallspezifisch kompetenten externen Fachkräften bereits an der Aufstellung wie auch an der Überprüfung und Fortschreibung der Hilfeplanung
– Aufbau von Kooperationsbeziehungen mit Ärzten und Psychologen zur Gewährleistung qualifizierter und zeitnaher Hilfestellungen im Einzelfall ( z. B. durch Rahmenverträge)
– Konsequente Umsetzung des geplanten, zeit- und zielgerichteten Interventionskonzeptes des SGB VIII, insbesondere unter Berücksichtigung des kindlichen Zeit empfindens in Relation zum Lebensalter
– Intensivere Beachtung und Umsetzung der Adoptionsoption: „Vor und während einer langfristig zu leistenden Hilfe außerhalb der eigenen Familie ist zu prüfen, ob die Annahme als Kind in Betracht kommt“ ( § 36 Abs. 1 Satz 2 SGB VIII), unter Umständen unter Fortsetzung finanzieller Unterstützung bei Bedarf – dennoch: kein Zwang zur Adoption, z. B. aus Gründen der Kostenersparnis
– Besondere Begründungspflicht für die dauerhafte Unterbringung von Kindern unter acht Jahren in Kinderheimen oder auch in sogenannten Kleinstheimen
– Spezialisierte Pflegestellen für behinderte Pflegekinder und auch für ältere Pflegekinder („Erziehungsstellen“), mit fall spezifischer Vorbereitung, Stützung, Entlastung und Supervision
– Keine pauschale Präferenz für die gemeinsame Unterbringung von Geschwistern, deren Trennung häufig notwenig sein kein
– Einsetzung von unabhängigen und qualifizierten (Einzel-)Vormündern als Regelfall
– Unvoreingenommene Prüfung im Einzel fall, ob die Pflegeeltern die Vormundschaft oder Pflegschaft für ihr Pflegekind übernehmen können, eventuell mit Entlastung durch Ergänzungspflegschaften für einzelne Bereiche (z. B. Unterhalts- oder Rentenangelegenheiten)
– Sicherstellung der eigenständigen qualifizierten Interessenvertretung des Kindes bei Interessenvertretung des Kindes bei Interessenkollisionen zwischen Eltern und Kind nicht nur im gerichtlichen Verfahren durch Verfahrensbeistände, sondern erforderlichenfalls bereits im kinder- und jugendbehördlichen Verfahren durch qualifizierte und unabhängige Ergänzungspfleger ( solange die gesetzliche Verfahrensbeistandschaft nicht auch für behördliche Verfahren geregelt ist)
– Fortbildung für Familienrichter zu Kindeswohlgefährdung, Bindung, Trauma, Stress, kindlichem Zeitempfinden und kontinuitätssichernder Hilfeplanung- auch im speziellen Kontext der Pflegekindschaft.
– Einbeziehung der Hochschulen in die wissenschaftliche Begleitung einer Reform der Pflegekindschaft; dazu gehört die Konzeptentwicklung ebenso wie die Implementation und insbesondere die heute meist vernachlässige Evaluierung der Umsetzung eines solchen neuen Konzepts
– Insbesondere für Kleinkinder ist prinzipell die dauerhafte Unterbringung in einer Pflegefamilie innerhalb eines zeitlich vorgegebenen Rahmens zu gewährleisten; einzelne Jugendämter bringen bereits heute 80 Prozent aller unterzubringenden Kinder und Jugendlichen in unterschiedlichen Formen von Familienpflege unter.