Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/vervielfaeltigung-eines-kunstwerks-durch-umgestaltung-368833
Timestamp: 2020-04-09 16:47:21
Document Index: 103191227

Matched Legal Cases: ['§ 23', '§ 16', '§ 16', '§ 23', '§ 24', '§ 97', '§ 23', '§ 23', '§ 97', '§ 143', '§ 129', '§ 1', '§ 2', 'BGH', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 23', '§ 16', '§ 23', '§ 16', '§ 23', '§ 23', '§ 16', '§ 24', '§ 1', '§ 8', '§ 24', '§ 53', 'BGH', '§ 129', '§ 1', 'BGH', 'BGH', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 23', '§ 16', '§ 16', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Ver­viel­fäl­ti­gung eines Kunst­werks durch Umge­stal­tung | Rechtslupe
Ver­viel­fäl­ti­gung eines Kunst­werks durch Umge­stal­tung
Jede Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung im Sin­ne des § 23 Satz 1 UrhG stellt, soweit sie kör­per­lich fest­ge­legt ist, zugleich eine Ver­viel­fäl­ti­gung im Sin­ne des § 16 UrhG dar. In einer nur unwe­sent­li­chen Ver­än­de­rung einer benutz­ten Vor­la­ge ist nicht mehr als eine Ver­viel­fäl­ti­gung im Sin­ne des § 16 UrhG zu sehen. Eine Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung im Sin­ne des § 23 Satz 1 UrhG setzt daher eine wesent­li­che Ver­än­de­rung der benutz­ten Vor­la­ge vor­aus. Ist die Ver­än­de­rung der benutz­ten Vor­la­ge indes­sen so weit­rei­chend, dass die Nach­bil­dung über eine eige­ne schöp­fe­ri­sche Aus­drucks­kraft ver­fügt und die ent­lehn­ten eigen­per­sön­li­chen Züge des Ori­gi­nals ange­sichts der Eigen­art der Nach­bil­dung ver­blas­sen, liegt im Sin­ne des § 24 Abs. 1 UrhG ein selb­stän­di­ges Werk vor, das in frei­er Benut­zung des Wer­kes eines ande­ren geschaf­fen wor­den ist.
Auf die­ser Grund­la­ge sah der Bun­des­ge­richts­hof das Urhe­ber­recht an der Foto­se­rie einer Beuys­Ak­ti­on nicht als wider­recht­lich ver­letzt an (§ 97 Abs. 1 Satz 1 UrhG), weil der Aus­stell­ter durch das Aus­stel­len der Foto­se­rie im Muse­um Schloss Moy­land eine Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung eines urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Wer­kes ohne Ein­wil­li­gung des Urhe­bers ver­öf­fent­licht oder ver­wer­tet habe (§ 23 Satz 1 UrhG).
Durch das Aus­stel­len der Foto­se­rie einer Beuys­Ak­ti­on (hier: im Muse­um Schloss Moy­land) hat der Aus­stel­ler kei­ne Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung eines urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Wer­kes ohne Ein­wil­li­gung des Urhe­bers ver­öf­fent­licht oder ver­wer­tet (§ 23 Satz 1 UrhG) und damit das Urhe­ber­recht an der Beuys­Ak­ti­on wider­recht­lich ver­letzt (§ 97 Abs. 1 Satz 1 UrhG).
Urhe­ber­rechts­schutz für die Beuys­Ak­ti­on
Der urhe­ber­recht­li­che Schutz der Beuys­Ak­ti­on hängt von deren Zuord­nung zu einer Werk­ka­te­go­rie ab. Das Feh­len einer kör­per­li­chen Fest­le­gung der Gestal­tung kann einem urhe­ber­recht­li­chen Schutz ent­ge­gen­ste­hen.
Die Beuys­Ak­ti­on wur­de am 11.12.1964 ver­an­stal­tet, also vor dem Inkraft­tre­ten der hier maß­geb­li­chen Bestim­mun­gen des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes am 1.01.1966 (§ 143 Abs. 2 UrhG). Nach der Über­gangs­be­stim­mung des § 129 Abs. 1 Satz 1 UrhG sind die Vor­schrif­ten des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes auf die vor sei­nem Inkraft­tre­ten geschaf­fe­nen Wer­ke anzu­wen­den, es sei denn, dass die Wer­ke zu die­sem Zeit­punkt urhe­ber­recht­lich nicht geschützt sind oder dass im Urhe­ber­rechts­ge­setz sonst etwas ande­res bestimmt ist. Wer­ke, die beim Inkraft­tre­ten des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes urhe­ber­recht­lich nicht geschützt waren, genie­ßen danach auch dann kei­nen Schutz, wenn sie den Anfor­de­run­gen des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes an ein urhe­ber­recht­lich geschütz­tes Werk ent­spre­chen 1.
Hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen an die Werk­qua­li­tät bestehen zwar zwi­schen dem gel­ten­den und dem frü­he­ren Recht kei­ne grund­sätz­li­chen Unter­schie­de, so dass inso­weit die Ver­sa­gung eines unter dem Urhe­ber­rechts­ge­setz an sich erreich­ba­ren Schut­zes wegen Feh­len des Schut­zes nach frü­he­rem Recht aus­schei­det 2. Der Schutz von zu den Büh­nen­wer­ken zäh­len­den cho­reo­gra­phi­schen und pan­to­mi­mi­schen Wer­ke hängt aller­dings nach frü­he­rem Recht (§ 1 Abs. 2 LUG) – anders als nach gel­ten­dem Recht (§ 2 Abs. 1 Nr. 3 UrhG) – auch von einer for­mel­len Vor­aus­set­zung ab: Sol­che Wer­ke sind nur dann – und zwar wie Schrift­wer­ke – urhe­ber­recht­lich geschützt, wenn der Büh­nen­vor­gang schrift­lich oder auf ande­re Wei­se fest­ge­legt ist 3.
Aus der BGHEnt­schei­dung "Hap­pe­ning" ergibt sich nichts ande­res. Sie betraf ein nach dem Inkraft­tre­ten des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes geschaf­fe­nes Werk, näm­lich ein am 25.01.1978 von Wolf Vostell mit Hörern sei­ner Vor­le­sung nach dem Gemäl­de "Der Heu­wa­gen" von Hie­ro­ny­mus Bosch durch­ge­führ­tes Hap­pe­ning. Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te des­halb die Fra­ge, ob die­ses Hap­pe­ning als eine Art leben­des Bild ein­deu­tig den Wer­ken der bil­den­den Küns­te im Sin­ne von § 2 Abs. 1 Nr. 4 UrhG zuzu­rech­nen ist oder ob es mit Rück­sicht auf die Erfin­dung und Cho­reo­gra­phie von Hand­lungs­ab­läu­fen zumin­dest auch als eine Art Büh­nen­werk anzu­se­hen ist, mit der Begrün­dung offen­las­sen, die Urhe­ber­rechts­schutz­fä­hig­keit hän­ge nicht von sei­ner kla­ren Ein­ord­nung in die in § 2 Abs. 1 UrhG nur bei­spiel­haft auf­ge­zähl­ten Arten künst­le­ri­scher Wer­ke ab; es rei­che daher aus, dass das Hap­pe­ning eine per­sön­li­che geis­ti­ge Schöp­fung auf dem Gebiet der Kunst im Sin­ne von § 2 Abs. 2 UrhG sei 4.
Berar­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung der Beuys­Ak­ti­on
Jede Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung im Sin­ne des § 23 Satz 1 UrhG stellt, soweit sie kör­per­lich fest­ge­legt ist, zugleich eine Ver­viel­fäl­ti­gung im Sin­ne des § 16 UrhG dar 5. Zu den Ver­viel­fäl­ti­gun­gen zäh­len nicht nur Nach­bil­dun­gen, die mit dem Ori­gi­nal iden­tisch sind; vom Ver­viel­fäl­ti­gungs­recht des Urhe­bers wer­den viel­mehr auch sol­che – sogar in einem wei­te­ren Abstand vom Ori­gi­nal lie­gen­de – Werk­um­ge­stal­tun­gen erfasst, die über kei­ne eige­ne schöp­fe­ri­sche Aus­drucks­kraft ver­fü­gen und sich daher trotz einer vor­ge­nom­me­nen Umge­stal­tung noch im Schutz­be­reich des Ori­gi­nals befin­den, weil des­sen Eigen­art in der Nach­bil­dung erhal­ten bleibt und ein über­ein­stim­men­der Gesamt­ein­druck besteht 6.
Aller­dings führt nicht jede Ver­än­de­rung eines Wer­kes zu einer Bear­bei­tung oder ande­ren Umge­stal­tung im Sin­ne des § 23 Satz 1 UrhG. In einer nur unwe­sent­li­chen Ver­än­de­rung einer benutz­ten Vor­la­ge ist nicht mehr als eine Ver­viel­fäl­ti­gung im Sin­ne des § 16 UrhG zu sehen 7. Eine Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung im Sin­ne des § 23 Satz 1 UrhG setzt daher eine wesent­li­che Ver­än­de­rung der benutz­ten Vor­la­ge vor­aus. Ist die Ver­än­de­rung der benutz­ten Vor­la­ge indes­sen so weit­rei­chend, dass die Nach­bil­dung über eine eige­ne schöp­fe­ri­sche Aus­drucks­kraft ver­fügt und die ent­lehn­ten eigen­per­sön­li­chen Züge des Ori­gi­nals ange­sichts der Eigen­art der Nach­bil­dung ver­blas­sen, liegt kei­ne Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung im Sin­ne des § 23 Satz 1 UrhG und erst recht kei­ne Ver­viel­fäl­ti­gung im Sin­ne des § 16 UrhG, son­dern ein selb­stän­di­ges Werk vor, das in frei­er Benut­zung des Wer­kes eines ande­ren geschaf­fen wor­den ist und das nach § 24 Abs. 1 UrhG ohne Zustim­mung des Urhe­bers des benutz­ten Wer­kes ver­öf­fent­licht und ver­wer­tet wer­den darf 8.
Zur Prü­fung, ob eine Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung vor­liegt, ist zunächst im Ein­zel­nen fest­zu­stel­len, wel­che objek­ti­ven Merk­ma­le die schöp­fe­ri­sche Eigen­tüm­lich­keit des benutz­ten Wer­kes bestim­men. Sodann ist durch Ver­gleich der ein­an­der gegen­über­ste­hen­den Gestal­tun­gen zu ermit­teln, ob und gege­be­nen­falls in wel­chem Umfang in der neu­en Gestal­tung eigen­schöp­fe­ri­sche Züge des älte­ren Wer­kes über­nom­men wor­den sind. Maß­ge­bend für die Ent­schei­dung ist letzt­lich ein Ver­gleich des jewei­li­gen Gesamt­ein­drucks der Gestal­tun­gen, in des­sen Rah­men sämt­li­che über­nom­me­nen schöp­fe­ri­schen Züge in einer Gesamt­schau zu berück­sich­ti­gen sind 9. Stimmt danach der jewei­li­ge Gesamt­ein­druck über­ein, han­delt es sich bei der neu­en Gestal­tung um eine Ver­viel­fäl­ti­gung des älte­ren Wer­kes. Es ist dann wei­ter zu prü­fen, ob die neue Gestal­tung gleich­wohl so wesent­li­che Ver­än­de­run­gen auf­weist, dass sie nicht als rei­ne Ver­viel­fäl­ti­gung, son­dern als Bear­bei­tung oder ande­re Umge­stal­tung des benutz­ten Wer­kes anzu­se­hen ist.
Es bleibt zwar offen, ob es sich bei der Beuys­Ak­ti­on um ein pan­to­mi­mi­sches oder cho­reo­gra­phi­sches Werk gehan­delt hat und ob die Akti­on vor dem Zeit­punkt des Inkraft­tre­tens des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes schrift­lich oder in ande­rer Wei­se im Sin­ne von § 1 Abs. 2 LUG fest­ge­legt war; für die recht­li­che Prü­fung in der Revi­si­ons­in­stanz ist daher zuguns­ten der Klä­ge­rin zu unter­stel­len, dass die Beuys­Ak­ti­on ent­we­der kein pan­to­mi­mi­sches oder cho­reo­gra­phi­sches Werk gewe­sen ist oder jeden­falls die for­mel­len Anfor­de­run­gen an den Urhe­ber­recht­schutz eines sol­chen Wer­kes erfüllt waren.
Es sind aber kei­ne wei­te­ren Fest­stel­lun­gen zu den die schöp­fe­ri­sche Eigen­art der Beuys­Ak­ti­on bestim­men­den Merk­ma­len zu erwar­ten. Damit fehlt eine trag­fä­hi­ge Grund­la­ge für die Prü­fung, ob es sich bei der Foto­se­rie um eine Bear­bei­tung oder sons­ti­ge Umge­stal­tung der Beuys­Ak­ti­on han­delt. Das geht zu Las­ten der Klä­ge­rin, die als Anspruch­stel­le­rin im urhe­ber­recht­li­chen Ver­let­zungs­pro­zess die Dar­le­gungs­last für das Vor­lie­gen der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen trägt 10.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Mai 2013 – I ZR 28/​12 – Beuys-Akti­on
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vgl. zu § 53 Abs. 1 Satz 1 KUG: BGH, Urteil vom 30.06.1976 – I ZR 126/​74, GRUR 1976, 649, 650 f. – Hans-Tho­ma-Stüh­le[↩]
Kat­zen­ber­ger in Schricker/​Loewenheim, Urhe­ber­recht, 4. Aufl., § 129 Rn. 5 und 13[↩]
vgl. All­feld, Das Urhe­ber­recht an Wer­ken der Lite­ra­tur und der Ton­kunst, 2. Aufl.1928, § 1 LUG Rn. 2[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 06.02.1985 – I ZR 179/​82, GRUR 1985, 529 – Hap­pe­ning[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 02.11.1962 – I ZR 48/​61, GRUR 1963, 441, 443 – Mit Dir allein; Loewen­heim in Schricker/​Loewenheim aaO § 16 UrhG Rn. 8; Schul­ze in Dreier/​Schulze, UrhG, 4. Aufl., § 16 Rn. 10; vgl. auch Heer­ma in Wandtke/​Bullinger, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 16 UrhG Rn. 6; aA Dust­mann in Fromm/​Nordemann, Urhe­ber­recht, 10. Aufl., § 16 UrhG Rn. 11; A. Nor­de­mann in Fromm/​Nordemann aaO §§ 23/​24 UrhG Rn. 8; Drey­er in Dreyer/​Kotthoff/​Meckel, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 16 UrhG Rn. 9; Kroitzsch in Möhring/​Nicolini, UrhG, 2. Aufl., § 16 Rn. 10[↩]
BGH, Urteil vom 10.12.1987 – I ZR 198/​85, GRUR 1988, 533, 535 – Vor­ent­wurf II; Urteil vom 29.04.2010 – I ZR 69/​08, BGHZ 185, 291 Rn. 17 – Vor­schau­bil­der I[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 08.11.1989 – I ZR 14/​88, GRUR, 1990, 669, 673 – Bibel­re­pro­duk­ti­on[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 01.12.2010 – I ZR 12/​08, GRUR 2011, 134 Rn. 33 = WRP 2011, 249 – Per­len­tau­cher, mwN; Urteil vom 01.06.2011 – I ZR 140/​09, GRUR 2011, 803 Rn. 47 = WRP 2011, 1070 – Lern­spie­le[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 08.07.2004 – I ZR 25/​02, GRUR 2004, 855, 857 = WRP 2004, 1293 – Hun­de­fi­gur[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 19.03.2008 – I ZR 166/​05, GRUR 2008, 984 Rn.19 = WRP 2008, 1440 – St. Gott­fried, mwN[↩]
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