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Timestamp: 2016-10-23 16:22:27
Document Index: 364434392

Matched Legal Cases: ['Art. 132', 'BGE', 'Art. 132', 'Art. 104', 'Art. 132', 'Art. 132', 'Art. 8', 'Art. 28', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

I 471/06 (16.05.2007)
I 471/06
IV-Stelle Luzern, Landenbergstrasse 35, 6005 Luzern, Beschwerdef�hrerin,
J.________, 1962, Beschwerdegegner.
Verwaltungsgerichtsbeschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Luzern
vom 21. April 2006.
J.________, geboren 1962, verf�gt �ber eine Ausbildung als Kranf�hrer. Er war bei der Firma Q.________ AG angestellt. Am 23. Dezember 2003 st�rzte er bei der Arbeit eine Treppe hinunter und zog sich Verletzungen am R�cken sowie an beiden Knien zu. Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), bei welcher J.________ obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunf�llen versichert war, kam f�r die Kosten der Heilbehandlung auf und richtete Taggelder aus. Mit Verf�gung vom 18. Oktober 2004 stellte die SUVA ihre Leistungen per 15. November 2004 ein, da keine unfallbedingten Gesundheitssch�den mehr vorl�gen. Am 25. Oktober 2004 meldete sich J.________ unter Hinweis auf Behinderungen im R�cken und an beiden Knien bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug (Berufsberatung, Wiedereinschulung in die bisherige T�tigkeit, Arbeitsvermittlung, Rente) an. Die IV-Stelle Luzern f�hrte erwerbliche Abkl�rungen durch, zog die Akten der SUVA bei und holte einen Bericht des Hausarztes Dr. med. B.________, FMH f�r Allgemeine Medizin, vom 25. November 2004, ein. Am 12. Januar 2005 verf�gte sie mangels invalidisierendem Gesundheitsschaden die Abweisung des Leistungsbegehrens. Mit Einspracheentscheid vom 22. August 2005 best�tigte sie ihre Verf�gung.
Das Verwaltungsgericht des Kantons Luzern hiess die hiegegen von J.________ erhobene Beschwerde mit Entscheid vom 21. April 2006 in dem Sinne gut, als es den Einspracheentscheid aufhob und die IV-Stelle verpflichtete, weitere medizinische Abkl�rungen durchzuf�hren und hernach �ber den Leistungsanspruch neu zu verf�gen.
Die J.________ als Gerichtsurkunde zugestellte Verwaltungsgerichtsbeschwerde gelangt mit dem postalischen Vermerk "nicht abgeholt" an das Bundesgericht zur�ck; das Bundesamt f�r Sozialversicherungen verzichtet auf eine Vernehmlassung.
1.1 Am 1. Januar 2007 ist das Bundesgesetz �ber das Bundesgericht vom 17. Juni 2005 (BGG; SR 173.110) in Kraft getreten (AS 2006 1205, 1243). Damit wurden das Eidgen�ssische Versicherungsgericht und das Bundesgericht in Lausanne zu einem einheitlichen Bundesgericht (an zwei Standorten) zusammengef�gt (Seiler/von Werdt/ G�ngerich, Bundesgerichtsgesetz [BGG], Bern 2007, S. 10 Rz 75). Dieses Gesetz ist auf die nach seinem Inkrafttreten eingeleiteten Verfahren des Bundesgerichts anwendbar, auf ein Beschwerdeverfahren jedoch nur dann, wenn auch der angefochtene Entscheid nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes ergangen ist (Art. 132 Abs. 1 BGG). Da der kantonale Gerichtsentscheid am 21. April 2006 und somit vor dem 1. Januar 2007 erlassen wurde, richtet sich das Verfahren nach dem bis 31. Dezember 2006 in Kraft gestandenen Bundesgesetz �ber die Organisation der Bundesrechtspflege (OG) vom 16. Dezember 1943 (vgl. BGE 132 V 393 E. 1.2 S. 395).
1.2 Der vorinstanzliche Entscheid betrifft Leistungen der Invalidenversicherung. Nach Art. 132 Abs. 1 OG in der Fassung gem�ss Ziff. III des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 �ber die �nderung des IVG (in Kraft seit 1. Juli 2006) kann das Bundesgericht in Verfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen in Abweichung von den Art. 104 und 105 OG auch die Unangemessenheit der angefochtenen Verf�gung beurteilen und ist an die vorinstanzliche Feststellung des Sachverhalts nicht gebunden. Gem�ss Art. 132 Abs. 2 OG gelten diese Abweichungen nicht, wenn der angefochtene Entscheid Leistungen der Invalidenversicherung betrifft. Nach Ziff. II lit. c des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 ist indessen auf die im Zeitpunkt des Inkrafttretens der �nderung letztinstanzlich h�ngigen Beschwerden bisheriges Recht anwendbar. Da die hier zu beurteilende Beschwerde am 1. Juli 2006 letztinstanzlich h�ngig war, richtet sich die Kognition noch nach der bis Ende Juni 2006 g�ltigen Fassung von Art. 132 OG, welche dem neuen Abs. 1 entspricht.
Das kantonale Gericht legt folgende Rechtsgrundlagen zutreffend dar: Art. 8 ATSG zur Erwerbsunf�higkeit, Art. 28 Abs. 1 IVG zum Anspruch auf eine Invalidenrente, zur allgemeinen Bemessungsmethode des Einkommensvergleichs (BGE 128 V 29 E. 1 S. 30), zur Aufgabe von �rztinnen und �rzten bei der Invalidit�tsbemessung (BGE 125 V 256 E. 4 S. 261) sowie zum Beweiswert medizinischer Berichte und Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352). Darauf wird verwiesen.
3.1 Die Vorinstanz erwog, sowohl der Hausarzt als auch die �rzte an der Rehaklinik X.________ (wo der Versicherte vom 7. Juli bis 11. August 2004 behandelt wurde) und der SUVA-Kreisarzt Dr. med. W.________, FMH f�r Chirurgie, h�tten in der angestammten T�tigkeit als Kranf�hrer eine vollst�ndige Arbeitsunf�higkeit attestiert, obwohl kein relevanter Gesundheitsschaden ausgewiesen sei. Darin liege ein Widerspruch. Die IV-Stelle habe zu sehr auf die Abkl�rungen bzw. Schlussfolgerungen der SUVA abgestellt, welche lediglich die unfallkausalen Ursachen betr�fen. Entweder h�tte sie die �rztlich attestierten Arbeitsunf�higkeiten anerkennen und zumindest Eingliederungsmassnahmen anbieten bzw. pr�fen und eine berufliche Abkl�rung veranlassen m�ssen. Oder die IV-Stelle h�tte einen invalidisierenden Gesundheitsschaden verneinen und eine vollst�ndige Arbeitsf�higkeit annehmen m�ssen, was mit den medizinischen Einsch�tzungen indes nicht vereinbar w�re. Die IV-Stelle habe somit zu Unrecht auf weitere medizinische Untersuchungen verzichtet.
3.2 Dagegen bringt die IV-Stelle vor, aus den medizinischen Akten gehe eindeutig hervor, dass es zum einen an einem somatischen Korrelat f�r die geklagten massiven Einschr�nkungen fehle und der Beschwerdegegner zum anderen auch nicht an einer invalidisierenden psychischen Krankheit leide. Die �rztlicherseits attestierte vollst�ndige Arbeitsunf�higkeit stelle entweder nur eine vorl�ufige, dem damaligen Heilungszustand entsprechende Beurteilung dar (Bericht der Rehaklinik X.________), beziehe unfallfremde Befunde, Selbstbeschr�nkung und Symptomausweitung mit ein (Einsch�tzungen des SUVA-Kreisarztes vom 14. Oktober 2004) und sei aus diesem Grund f�r die Invalidenversicherung nicht bindend, oder basiere auf der Diagnose einer somatoformen Schmerzst�rung (Bericht des Hausarztes vom 25. November 2004), weshalb darauf nicht abgestellt werden k�nne.
4.1.1 Die medizinischen Akten ergeben folgendes Bild: Nachdem der Versicherte am 23. Dezember 2003 bei der Arbeit eine Treppe hinuntergest�tzt war, wobei er mit dem R�cken auf der Treppe und mit den Knien an einer St�tzmauer aufschlug, suchte er am 29. Dezember 2004 die (Notfall-) �rztin Dr. med. F.________ auf. Diese stellte sowohl am R�cken als auch an beiden Knien eine Druckdolenz, aber keine H�matome im R�ckenbereich oder Schwellungen an den Knien fest. Frau Dr. med. F.________ diagnostizierte eine Knie- und R�ckenprellung und attestierte eine vollst�ndige Arbeitsunf�higkeit bis zur weiteren Behandlung durch den Hausarzt Dr. med. B.________. In der Folge klagte der Versicherte �ber massive Beschwerden und Beeintr�chtigungen, weshalb er mehrfach �rztlich untersucht wurde. Ein MRI beider Kniegelenke vom 10. Mai 2004 zeigte einen diskreten Kniegelenkserguss, einen schr�gen Meniskusriss und eine leicht verst�rkte Knorpeldegeneration auf der rechten Seite; im linken Knie fand sich ebenfalls ein leichter Kniegelenkserguss, eine leichte Meniskusdegeneration sowie eine diskrete Chondropathia patellae (Knorpeldegeneration). Eine klinische Untersuchung war aufgrund der starken Schmerzbekundungen des Beschwerdegegners praktisch nicht m�glich (vgl. Bericht des Dr. med. Z.________, FMH f�r orthop�dische Chirurgie, vom 25. M�rz 2004; Konsilium des Dr. med. G.________, FMH f�r Chirurgie, Rehaklinik X.________, vom 22. Juli 2004): Dr. med. Z.________ konnte �berhaupt keine Befunde erheben, weil der Versicherte s�mtliche Ber�hrungen als schmerzhaft empfand; Dr. med. G.________ f�hrte aus, die medialen beidseitigen Meniskusl�sionen seien ohne klinische Symptome geblieben. Kreisarzt Dr. med. W.________ erkl�rte am 14. Oktober 2004, es seien fast keine somatischen Befunde zu erheben; die Druckdolenz lasse auf eine leichte (altersentsprechende) Chondropathie schliessen. Die eingeschr�nkte Beweglichkeit sei somatisch nicht zu erkl�ren und k�nne durch �berlistung vollst�ndig aufgehoben werden. Im Bereich der lumbalen Wirbels�ule best�nden leichte Verspannungen.
4.1.2 Mit bemerkenswerter Einigkeit stellten die mit dem Versicherten befassten �rzte eine betr�chtliche Diskrepanz zwischen den fassbaren Befunden und den geklagten Beschwerden fest (vgl. orthop�disches Konsilium des Dr. med. G.________ vom 22. Juli 2004; kreis�rztliche Untersuchung durch Dr. med. W.________ vom 14. Oktober 2004; Ausk�nfte des Dr. med. B.________ vom 30. M�rz und 28. September 2004; vgl. auch die Angaben des Physiotherapeuten N.________, Physikalische Therapie, vom 7. Oktober 2004). Auch konnte sich der Beschwerdegegner, wenn er sich unbeobachtet f�hlte, und nach Ablenkung auch in Untersuchungssituationen, normal bewegen und gab beispielsweise zun�chst selbst bei sanfter Palpation des R�ckens Schmerzen an, kurz darauf war aber eine st�rkste Massage m�glich (Austrittsbericht der Rehaklinik X.________). Zahlreiche Widerspr�che finden sich auch im �brigen Verhalten des Versicherten. Einerseits erkl�rte er, kaum gehen, lediglich eine Viertelstunde sitzen zu k�nnen und auch nicht in der Lage zu sein, zur kreis�rztlichen Untersuchung nach Z�rich zu reisen. Andererseits weigerte er sich, w�hrend des Rehabilitationsaufenthaltes in der Klinik X.________ zu �bernachten, weil er zu Hause viele Tiere (darunter einen Hund) habe, die er versorgen m�sse; auch pendelte er offenbar problemlos regelm�ssig von seinem (tempor�ren) Wohnort in C.________ zur Physiotherapie nach D.________. Schliesslich steht die Tatsache, dass er nach �rztlicher Einsch�tzung sehr muskul�s ist und insbesondere �ber eine sehr kr�ftige Ober- und Unterschenkelmuskulatur verf�gt (kreis�rztliche Untersuchung vom 14. Oktober 2004), in augenf�lligem Widerspruch zu seinen Schilderungen, sich kaum bewegen zu k�nnen.
4.2 In psychischer Hinsicht ergab die psychosomatische Abkl�rung in der Rehaklinik X.________ keinen invalidisierenden Gesundheitsschaden (psychosomatisches Konsilium der Psychologin T.________ und des Dr. med. K.________, FMH f�r Psychiatrie und Psychotherapie, vom 20. Juli 2004). Soweit der Hausarzt als wahrscheinlichste Ursache f�r die Beschwerden eine somatoforme Schmerzst�rung vermutete, kann diese in W�rdigung des fehlenden psychiatrischen Substrates und der �rztlicherseits eindr�cklich beschriebenen aggravatorischen Tendenzen (E. 4.1.2 hievor) nicht als invalidisierender Faktor ber�cksichtigt werden (BGE 131 V 49 E. 1.2 S. 50 f.; 130 V 352 E. 2.2.3 S. 353 ff.).
4.3 Die �rzte an der Rehaklinik Y.________ (Dres. med. A.________ [Assistenz�rztin] und U.________ [Fach�rztin f�r Physikalische Medizin und Rehabilitation]), SUVA-Kreisarzt Dr. med. W.________ und Hausarzt Dr. med. B.________ attestierten zwar in der Tat eine vollst�ndige Arbeitsunf�higkeit (f�r die zuletzt ausge�bte T�tigkeit). Diese Einsch�tzungen beruhen indessen, wie den entsprechenden Ausf�hrungen eindeutig zu entnehmen ist, nicht auf einem schl�ssig nachgewiesenen psychischen oder organischen Leiden (vgl. Bericht des Dr. med. W.________ vom 14. Oktober 2004: "anamnestische und demonstrierte Einschr�nkungen sind somatisch weder nachweisbar noch erkl�rbar"; Austrittsbericht der Rehaklinik X.________: "aufgrund der psychogenen �berlagerung [...] l�sst sich die aktuelle k�rperliche Belastbarkeit nur sch�tzen"; Ausk�nfte und Bericht des Dr. med. B.________ vom 28. September und 25. November 2003: "Fall ist sehr dubios"; "am ehesten somatoforme Schmerzsverarbeitungsst�rung"). Die �rzte kamen �bereinstimmend zum Schluss, es k�nne weder in organischer noch in psychischer Hinsicht ein Gesundheitsschaden objektiviert werden, der die geklagte Symptomatik zu erkl�ren verm�chte. Dass die Einsch�tzungen des Dr. med. B.________ und der �rzte an der Rehaklinik X.________ im Rahmen des Verfahrens vor der Unfallversicherung eingeholt wurden, gibt in W�rdigung der �bereinstimmenden Beurteilungen (massive Symptomausweitung und deutliche Selbstlimitierung bei nur geringen pathologischen Befunden) keinen Anlass zu zus�tzlichen Abkl�rungen, da keinerlei Hinweise auf weitere krankheitsbedingte Leiden vorliegen. Die IV-Stelle hat somit zu Recht auf das Einholen weiterer medizinischer Berichte verzichtet und einen Leistungsanspruch des Versicherten verneint.
Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird gutgeheissen und der Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Luzern, Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, vom 21. April 2006 aufgehoben.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Luzern, Sozialversicherungsrechtliche Abteilung, der Ausgleichskasse Z�rcher Arbeitgeber und dem Bundesamt f�r Sozialversicherungen zugestellt.
Luzern, 16. Mai 2007