Source: http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/644-695.htm
Timestamp: 2019-11-22 08:49:25
Document Index: 299517768

Matched Legal Cases: ['§ 22', '§ 10', '§5', '§22', '§ 15', '§ 17', '§25', '§ 25']

Wo sind meine Farben? Substanz und Akzidenz bei Prauss
Dieses Zitat aus „Die Welt und wir“ von Gerold Prauss ist nur für kurze Zeit und nur für das philosophische Forum
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16. Unser Verhältnis zu den Körpern, die wir als Subjekte haben
Welches Verhältnis ein Subjekt zu seinem Körper hat, ist noch bis heute rätselhaft, weil auch bis heute noch ein Rätsel ist, was ein Subjekt als solches selbst ist. Rätselhaft muß es daher auch sein, in welchem Sinn ein Subjekt einen Körper hat und nicht etwa ein Körper ist. Denn Grundvoraussetzung dafür, daß ein Subjekt zu seinem Körper in einem Verhältnis steht, ist eben, daß es nicht einfach ein Körper ist, sprich: nicht einfach mit ihm identisch, sondern zu ihm different ist, auch wenn es an diesen Körper unlösbar gebunden ist. Entsprechend aufschlußreich sind Schwie­rigkeiten, die nur wegen dieses unklaren Verhältnisses entstehen, wie zum Beispiel in der Rechtsphilosophie von Kant sogleich am Anfang. Dieser lautet:
Das Privatrecht
Vom äußeren Mein und Dein überhaupt Von der Art etwas Äußeres als das Seine zu haben
Das Rcchtlich-Meine (meum iuris) ist dasjenige, womit ich so verbunden bin, daß der Gebrauch, den ein Anderer ohne meine Einwilligung von ihm machen möchte, mich lädieren würde. Die subjektive Bedingung der Möglichkeit des Gebrauchs überhaupt ist der Besitz.
Etwas Äußeres aber würde nur dann das Meine sein, wenn ich annehmen darf, es sei möglich, daß ich durch den Gebrauch, den ein Anderer von einer Sache macht, in deren Besitz ich doch nicht bin, gleichwohl doch lädiert werden könne. - Also wider­spricht es sich selbst, etwas Äußeres als das Seine zu haben, wenn der Begriff des Besitzes nicht einer verschiedenen Bedeutung, näm­lich des sinnlichen und des in telligibelen Besitzes, fähig wäre, und unter dem einen der physische, unter dem anderen ein bloß-rechtlicher Besitz ebendesselben Gegenstandes verstan­den werden könnte.
Der Ausdruck: ein Gegenstand ist außer mir, kann aber ent­weder so viel bedeuten, als: er ist ein nur von mir (dem Subjekt) unterschiedener, oder auch ein in einer a n d e r e n Stelle (posi-
Unser Verhältnis zu den Körpern, die wir als Subjekte haben
tus), im Raum oder in der Zeit, befindlicher Gegenstand. Nur in der ersteren Bedeutung genommen, kann der Besitz als Vernunft­besitz gedacht werden: in der zweiten aber würde er ein em­pirischer heißen müssen. - Ein intelligibeler Besitz (wenn ein solcher möglich ist) ist ein Besitz ohne Inhabung (detentio).1
Der Grund dafür, daß seine Interpreten insbesondere diesen Text bis heute nicht verstehen können, ist im wesentlichen der, daß ihnen seine eigentliche Schwierigkeit entgeht: das schwierige Ver­hältnis des Subjekts zu seinem Körper. Dieses nämlich setzt Kant darin immer nur intuitiv und implizit voraus und bringt es niemals auch noch diskursiv und explizit mit ein. Dies aber führt zu Fehl­auslegungen, die ihresgleichen suchen, weil bereits bei Kant aus diesem Grund allein schon das Problem von so etwas wie Recht in unserer Welt nicht voll entfaltet wird.
Um das, was dieser Text intuitiv und implizit läßt, diskursiv und explizit zu machen, müssen Sie daher auch Schritt für Schritt vorgehen. Nur dadurch nämlich können Sie verstehen, was Kant zum einen als Verhältnis des Subjekts zu seinem Körper ansetzt und was dies zum ändern für das Auftreten von so etwas wie Recht in unserer Welt bedeutet. Freilich hätte spätestens durch die Bereinigung des Textes2 überdeutlich werden müssen, wie ent­scheidend-wesentlich dafür dieses Verhältnis ist. Durch sie rückt nämlich ein konkretes Beispiel dafür, was dieser abstrakte Text behandelt, ihm noch näher, wonach Kant dabei vor Augen steht, ob jemand »einen Apfel« beispielsweise »in der Hand« hat oder nicht3, ein Beispiel, mit dem dieser Text sonach zusammenstim­men müßte. Wenn Sie so an diesen Text herangehen, werden Sie jedoch entdecken, daß genau in dieser Hinsicht sich bisher die Fehlauslegungen buchstäblich jagen.
Das beginnt schon damit, daß man unbeachtet läßt, wie Kant den ersten Paragraphen seines Textes gliedert, nämlich in drei Absätze, von denen jeder eine eigene Zielsetzung besitzt: Obwohl für den gesamten Paragraphen der Begriff des »Äußeren« entschei­dend ist, wie schon die Überschriften zeigen, tritt er nicht bereits
1 Bd. 6, S. 245 f.
2 B. Ludwig 1998.
3 A.a.O., S. 54.
im ersten Absatz, sondern erst im zweiten auf, indem er durch ein nachgestelltes »aber« eigens eingeführt wird. Dementsprechend wird auch erst im dritten Absatz angegeben, daß er sich in zwei verschiedenen Bedeutungen verstehen läßt. Daraus ergibt sich zwingend, daß die Aussage des ersten und des zweiten Absatzes auch ohne diese Unterscheidung dieser zwei Bedeutungen des »Äußeren« verständlich sein muß, und das heißt zuletzt: für beide gültig sein muß. Um dies letztere zu überprüfen, gilt es daher, diese zwei Bedeutungen zunächst einmal herauszustellen, und schon dabei unterläuft den Interpreten offenbar ein Fehler, der entschei­dend ist.
So weit ich sehen kann, hat jedenfalls bisher noch niemand explizit herausgestellt, daß bei der Formulierung dieser unter­schiedlichen Bedeutungen des »Äußeren« ein »nur« an falscher Stelle steht, wie Kant es öfters stehen läßt4: Er sagt, »ein Gegen­stand ist außer mir«, bedeute einerseits, »er ist ein nur von mir (dem Subjekt) unterschiedener«^. Doch nehmen Sie das »nur« in dieser Stellung wörtlich, so ergibt sich etwas Unverständliches. Was nämlich sollte sich verstehen lassen unter einem Gegenstand, der »nur von mir«, das hieße: nicht auch noch von etwas Anderem als mir, »ein [...] unterschiedener« wäre? Haben Sie den Text zunächst einmal so weit genau genommen, sehen Sie sofort, wie schon allein die Tatsache, daß Kant das »unterschiedener« hervor­hebt, dazu zwingt, das »nur« nicht auf »von mir«, sondern auf »unterschiedener« zu beziehen. Den Text so weit genau zu nehmen aber unterläßt man, so daß man sich damit selber ein Verständnis dieses Textes insgesamt unmöglich macht, weil dadurch auch noch das Verstehen der anderen Bedeutung eines »Äußeren« ver­hindert wird6. Zuletzt liegt dieser Unterlassung aber gar nichts anderes zugrunde als Problemflucht.
Jene erste Charakterisierung der Bedeutung eines »Äußeren« kann nämlich nur den jeweils eigenen Körper eines Subjekts mei­nen. Dies jedoch muß man tatsächlich problematisch finden, wenn man übersieht, daß der Begriff des Rechts hier allererst begründet
4 Vgl. z.B. Bd. 5, S. 204, Z. 15; Bd. 8, S. 414, Z. 6; Bd. 16, S. 251, Z. 11. A
494 B 523.
5 B. Ludwig 1998, S. 53 (Kants Hervorhebungen). Ahnlich auch noch
S. 60 und S. 73.
6 Vgl. z.B. W. Kersting 1984, S. 117, Z. 22-30.
oder hergeleitet werden soll, weil man ihn vielmehr immer schon voraussetzt. Nur mein eigener Körper nämlich ist ein Gegenstand, der »außer mir« in dem Sinn ist, daß er »von mir (dem Subjekt)« ein »nur unterschiedener« ist; und dies bedeutet, daß er mir als einem Subjekt gegenüber nicht etwa »auch ein in einer anderen Stelle (positus) im Raum oder in der Zeit befindlicher Gegenstand« ist . Denn natürlich ist nicht nur das Äußere meines Körpers, sondern auch noch jedes andere Äußere ein »von mir (dem Subjekt) unter­schiedener« Gegenstand. Doch ist es eben keiner, der »von mir (dem Subjekt)« ein »nur unterschiedener« wäre. Vielmehr ist es »auch« noch »ein in einer anderen Stelle (positus) im Raum oder in der Zeit befindlicher«, das heißt: ein Gegenstand, der sich auch noch an einer anderen Raum/Zeit-Stelle befindet, als an der ich mich als ein Subjekt befinde. Und das gilt für meinen eigenen Körper eben nicht. Denn der befindet sich durchaus nicht »auch« an einer anderen Raum/Zeit-Stelle als ich, ein Subjekt, weil sonst ich, ein Subjekt, mich auch umgekehrt an einer anderen Raum/ Zeit-Stelle befinden müßte als mein Körper. Dieser ist vielmehr von mir, einem Subjekt, »nur« unterschieden, so wie umgekehrt auch ich, als ein Subjekt, »nur« unterschieden bin von meinem Körper, aber eben nicht auch noch an einer anderen Raum/Zeit-Stelle.
Was man im ganzen nicht versteht, ist somit, wie Sie nunmehr sehen können, daß Kant hiermit insgesamt nichts anderes charak­terisiert als das Verhältnis, in dem jeweils ein Subjekt zu seinem eigenen Körper steht. Und danach unterscheidet es sich grundsätz­lich von dem Verhältnis, in dem Körper zueinander stehen und in dem sonach auch ein Subjekt zu jedem anderen als seinem eigenen Körper steht, weil es an einen, eben seinen Körper unlösbar ge­bunden ist. Dies aber hat dann Folgen für den Sinn, in dem ein Subjekt einen, nämlich seinen Körper hat oder besitzt. Denn da es demgemäß nur unterschieden ist von seinem eigenen Körper, hat oder besitzt es seinen eigenen Körper eben auch in einem Sinn, in dem es einen ändern Körper als den eigenen gerade nicht besitzt, gerade nicht hat. Und so müßte dieser Sinn sich denn auch unter­scheiden von dem Sinn, in dem es auch noch einen ändern Körper als den eigenen besäße oder hätte, wenn es wie den eigenen auch
7 Vgl. B.Ludwig 1998, S. 53.
noch einen ändern Körper als den eigenen besitzen oder haben könnte, was es aber eben gar nicht kann.
Allein um dieses Eigentümliche, ja Einzigartige an Sinn heraus­zustellen, in dem ein Subjekt einen Körper hat oder besitzt, und nicht etwa, um einen rechtlichen Besitz zu charakterisieren, be­zeichnet Kant diesen Besitz als den »Vernunftbesitz«, womit er einen nichtempirischen Besitz meint, den er auch »intelligibel« nennt. Von diesem her gesehen »würde« nämlich ein Besitz von einem anderen als seinem eigenen Körper, wenn er möglich wäre, als »empirischer« oder als »physischer« Besitz betrachtet werden »müssen«8. Denn er könnte dann auch nur als irgendein Verhältnis zwischen dem je eigenen Körper eines Subjekts und einem je ändern als dem eigenen Körper eines Subjekts gelten. Doch wie könnte dieses bloße »physische« oder »empirische« Verhältnis zwi­schen Körpern - wie etwa, wenn ich »in meiner Hand« zum Beispiel »einen Apfel« halte - gleichfalls das Verhältnis von »Besitz« oder von »Haben« sein? Denn dies ist doch zunächst nur das Verhältnis eines Subjekts zum je eigenen Körper, das als solches auch nur ein »Vernunftbesitz« und somit auch nur ein »intelligibles« ist, das heißt: gerade nicht ein »physisches« oder »empirisches« Verhältnis. Nichts geringeres als diese Problematisierung ist es, die man bisher nicht versteht: weshalb man auch daran vorbeigeht, daß und wie Kant den Begriff des Rechts durch eben diese Pro­blematisierung überhaupt erst einzuführen und herzuleiten oder zu begründen sucht, weil man ihn dabei vielmehr immer schon vor­aussetzt.
Das sehen Sie nicht nur daran, daß bis heute niemand zu er­klären vermag und deshalb auch erst gar nicht zu erklären ver­sucht, weswegen Kant vom »physischen« oder »empirischen« Be­sitz hier erst einmal im Irrealis (»würde ... heißen müssen«) spricht. Muß dies doch in der Tat von Grund auf unverständlich bleiben, wenn man dabei unter dem »Besitz« von vornherein schon rechtli­chen Besitz versteht. Denn nicht verständlich werden kann, wie eigentlich die Möglichkeit von »physischem« oder »empirischem« als rechtlichem Besitz in Frage stehen soll, weshalb man diese selbstherbeigeführte Unverständlichkeit denn auch mit Stillschwei­gen am liebsten übergeht.
Doch nicht mehr übergehen läßt sich, daß man den Besitz, den Kant hier als »intelligiblen« oder als »Vernunftbesitz« bezeichnet, dann auch nur noch als Besitz im Sinn von Eigentum verstehen kann, wenn man ihn immer schon als rechtlichen Besitz verkennt, woran Sie vollends sehen, was alles man hier mißversteht. Dies nämlich führt zu kaum noch überbietbaren Absurditäten, die man aber trotzdem stehen lassen muß. Denn dann muß ausgerechnet Eigentum als etwas gelten, bei dem »abgesehen werden« muß von »räumlichen und zeitlichen Distanzen zwischen Subjekt und Ob­jekt«, weil dieses dabei »nur als ein >von mir (dem Subjekt) unter­schiedener«« Gegenstand betrachtet werden kann'. Doch damit hat man buchstäblich die Sache auf den Kopf gestellt, weil umge­kehrt gerade wesentlich zum Sinn von Eigentum gehört, daß es grundsätzlich etwas räumlich-zeitlich Anderes ist gegenüber einem Subjekt und mithin auch gegenüber dem je eigenen Körper dieses Subjekts, dessen Eigentum es ist. Denn Eigentum eines Subjekts ist etwas, das auch dann Besitz dieses Subjekts ist, wenn es nicht im »physischen« oder »empirischen« Besitz desselben ist, wie etwa, wenn es einen Apfel nicht »in seiner Hand« hält und er dennoch »seiner«, eben Eigentum desselben ist. Doch kann das eben über­haupt nur sinnvoll sein, wenn dieses etwas räumlich-zeitlich An­deres als dessen Körper ist, durch den ein Subjekt auch im »physi­schen« oder »empirischen« Besitz von seinem Eigentum sein kann, wie etwa, wenn es diesen seinen Apfel auch in seiner Hand hält.
Nur ist von solchem Eigentum an dieser Stelle überhaupt noch keine Rede. Denn hier ist auch überhaupt noch nicht von Recht die Rede, weshalb auch noch weder mit »Vernunftbesitz« von etwas Äußerem noch mit »physischem« oder »empirischem« Besitz von etwas Äußerem etwa rechtlicher Besitz gemeint ist. Von Besitz ist hier vielmehr ausschließlich in dem Sinn die Rede, in dem ein Subjekt etwas ihm Äußeres, einen Körper, hat oder besitzt, den jeweils eigenen nämlich, einem Sinn, in dem es schlechterdings kein anderes Äußeres, keinen anderen Körper hat oder besitzt. Besäße oder hätte es daher auch noch ein anderes Äußeres, auch
9 W. Kersting 1984, a.a.O. - Das besagte »nur«, das ohnehin schon falsch steht, rückt man hierbei von seinem Beziehungswort noch weiter weg und macht den eigentlich gemeinten Sinn auf diese Weise nur noch unver­ständlicher.
noch einen anderen Körper als den jeweils eigenen, so auch nur in einem anderen Sinn. Der aber wäre dann von diesem ersteren auch grundverschieden und darum auch erst noch eigens einzuführen und zu begründen, eben herzuleiten. Und erst dieser wäre dann der Sinn des Rechtes oder rechtlichen Besitzes. Diesen herzuleiten oder zu begründen, hat daher zur Vorbedingung, ihn gerade nicht be­reits vorauszusetzen, denn sonst müßte die Begründung oder Herleitung im Zirkel enden. Und tatsächlich hat oder besitzt ein Subjekt seinen eigenen Körper nicht etwa von vornherein im Sinn von rechtlichem Besitzen oder Haben, nämlich weder in dem Sinn von Eigentum noch von Besitz als rechtlichem, was beides Unsinn wäre. Eben deshalb aber ist der Sinn, in dem ein Subjekt seinen eigenen Körper hat oder besitzt, geeignet für die Herleitung oder Begründung dieses Sinns von Recht und rechtlichem Besitzen oder Haben. Und so könnte man denn auch erst, wenn man dies verstanden hätte, noch verstehen, was Kant im ersten und im zweiten Absatz dieses ersten Paragraphen leistet - wie auch, was gerade nicht, und deshalb ist das alles noch bis heute nicht ver­standen.
Wovon man sich ferner täuschen läßt, ist offenbar, daß Kant bereits im ersten Absatz den Begriff des Rechtes und des rechtli­chen Besitzes einführt. Doch das tut er nur, um anzuzeigen, was es erst noch zu begründen oder herzuleiten gilt, und nicht, um es als hergeleitet oder als begründet etwa schon vorauszusetzen. Eben darin liegt der Grund dafür, daß Kant hier ausschließlich den Sinn von Recht oder von rechtlichem Besitz als solchen angibt, und das heißt: Er läßt dabei gerade offen, ob es so etwas, und wenn ja, wie es so etwas denn überhaupt soll geben können. Denn erst darin, nämlich in dem Nachweis auch noch dieses letzten, läge die Be­gründung oder Herleitung von so etwas wie Recht und recht­lichem Besitz in unserer Welt. Und dieser Grundsinn eines Rechtes oder eines rechtlichen Besitzes ist nach Kant gerade folgender: »Das rechtlich Meine (meum Juris) ist dasjenige, womit ich so verbunden bin, daß der Gebrauch, den ein Anderer ohne meine Einwilligung von ihm machen möchte, mich lädieren würde«10. Dieser Sinn einer Lädierbarkeit ist es sonach, in dem die Möglich­keit von so etwas wie Recht bzw. rechtlichem Besitz erst zu
10 B. Ludwig 1998, S. 53.
begründen oder herzuleiten ist. Und wieder zeigt sich Ihnen, daß auch hier schon, und das heißt: bereits von Anbeginn jenes Ver­hältnis des Subjekts zu seinem eigenen Körper das für Kant Ent­scheidend-Wesentliche ist.
Denn lassen Sie den Sinn dieser Lädierbarkeit zunächst genauso implizit und intuitiv wie Kant selbst, so sehen Sie: Den Sinn des Rechtes oder rechtlichen Besitzes führt er schon von Anbeginn ausschließlich ein im Hinblick auf das Äußere, dessen Sinn sich ausschließlich ergeben kann in Abgrenzung zum Sinn des Äußeren, welches im Verhältnis zu einem Subjekt steht, wie das Äußere seines eigenen Körpers. Denn von vornherein bezieht er diesen Sinn von Recht oder von rechtlichem Besitz ausschließlich auf das Äußere, welches ein Subjekt in keinem Sinn besitzt: weder in dem Sinn, in dem so ein Subjekt etwas Äußeres als den eigenen Körper hat oder besitzt, noch auch in dem, wonach es durch ihn auch noch etwas anderes Äußeres oder auch noch einen anderen als den eigenen Körper haben kann oder besitzen kann, wie wenn es »einen Apfel« beispielsweise »in der Hand« hält. Was auch immer nämlich unter jenem Sinn einer Lädierbarkeit sich diskursiv und explizit verstehen ließe, so gehört doch schon von Anbeginn der Sinn einer Verbundenheit zu ihm hinzu, durch die allein eine Lädierbarkeit hiernach gegeben sei. Soll »rechtlich mein« doch »dasjenige« sein, »womit ich so verbunden bin, daß der Gebrauch, den ein anderer ohne meine Einwilligung von ihm machen möchte, mich lädieren würde«. Und in diesem Sinn »verbunden« bin ich eben nicht allein mit meinem eigenen Körper, sondern auch mit jedem anderen, sobald ich und solang ich mit ihm durch den eigenen »verbunden« bin, wie wenn ich »in der Hand« zum Beispiel »einen Apfel« halte. Deshalb würde ich nach dem intuitiv und implizit vorausgesetzten Sinn jenes Lädierens nicht allein durch den Gebrauch lädiert, den ohne meine Einwilligung jemand an­derer von diesem meinem eigenen Körper machen wollte, sondern auch durch den Gebrauch, den ohne meine Einwilligung jemand auch von diesem anderen als meinem eigenen Körper machen wollte, mit dem ich durch meinen eigenen verbunden bin, indem er mir »den Apfel« etwa »aus der Hand winden \...\ wollte«".
Um so auffälliger aber müßte dann auch werden: Diesen Sinn
11 A.a.O., S. 54.
von Recht oder von rechtlichem Besitz setzt Kant, nachdem er ihn auf diese Weise vollständig ins Spiel gebracht und soweit auch vorausgesetzt hat, ausschließlich mit einer solchen äußeren »Sache« in Beziehung, »in deren Besitz ich doch nicht bin«. Denn damit kann er nach dem vorigen nichts anderes meinen als: mit der ich nicht »verbunden« bin, will sagen: weder so verbunden wie mit meinem eigenen noch so verbunden wie durch meinen eigenen mit einem anderen als meinem eigenen Körper, wie zum Beispiel mittels meiner Hand mit einem Apfel. Und das heißt: Zwar führt er den Begriff des Rechtes oder rechtlichen Besitzes ein im Sinn jener Lädierbarkeit eines Subjekts auf Grund dieser Verbundenheit eines Subjekts mit seinem eigenen Körper oder auch durch seinen eigenen noch mit einem anderen Körper. Trotzdem aber geht er darüber in auffälliger Weise grundsätzlich hinaus, indem er eine weitere Problematisierung vornimmt, die der vorigen genauestens entspricht, was aber keinem seiner Interpreten aufzufallen scheint. Denn in genau dem Sinn jener Lädierbarkeit, in dem er eingeführt ist, schließt dieser Begriff des Rechtes oder rechtlichen Besitzes auch noch anderes Äußeres, auch noch andere Körper ein. Schließt er doch auch noch jedes solche Äußere, auch noch jeden solchen Körper ein, mit dem ein Subjekt nicht verbunden ist - nicht einmal mittelbar, wie durch den eigenen mit einem anderen, geschweige denn unmittelbar, wie mit dem eigenen — und dennoch durch einen Gebrauch, den ohne Einwilligung dieses Subjekts jemand anderer von ihm macht, lädierbar ist.
Das heißt: Von vornherein geht Kant dabei ausschließlich aus von demjenigen Äußeren, das nicht der Körper eines Subjekts ist. Gilt dies doch auch für jedes Äußere, das zufällig »verbunden« ist mit diesem Körper eines Subjekts, wie den Apfel, den es in der Hand hält und der dadurch ja noch nicht zu einem Teil von seinem Körper wird, wie seine Hand es ist. Denn nur, daß ich mit ihm in keinem Sinn »verbunden« bin, kann nach dem vorigen gemeint sein, wenn Kant anschließend von etwas Äußerem als einer »Sa­che« redet, »in deren Besitz ich doch nicht bin«12. Gehört dies doch zum Sinn von Recht und rechtlichem Besitz, in dem dergleichen seiner Möglichkeit nach hergeleitet werden soll, nun einmal mit hinzu: Bin ich in diesem Sinn von Recht und rechtlichem Besitz
12 A.a.O., S. 53.
doch auch lädierbar, wenn ein anderer ohne meine Einwilligung von etwas Gebrauch macht, mit dem ich in keinem Sinn »ver­bunden« bin, wenn ich im rechtlichen Besitz desselben bin. Und auch erst dies ergibt dann den für eine Herleitung der Möglichkeit von so etwas wie Recht und rechtlichem Besitz entscheidenden Gesichtspunkt, nämlich ob - und wenn ja, wie - auch ohne daß Verbundenheit von dieser oder jener Art besteht, Lädierbarkeit bestehen kann. Und diese Problematisierung hängt sonach mit jener Problematisierung wesentlich zusammen, weil dies über­haupt nichts anderes besagt, als wie ich im Besitz von etwas sein kann, in dessen Besitz ich nicht sein kann, weil dieses Etwas nicht mein Körper ist. Nur so ergibt sich nämlich schon im zweiten Absatz dieses ersten Paragraphen eine Widersprüchlichkeit, von der Kant spricht, von der jedoch bis heute noch nicht einer seiner Interpreten auch nur den Versuch gemacht hat, aufzuzeigen, worin sie denn eigentlich genau bestehen soll. Und dies auch nur, weil keinem deutlich wird, wie wesentlich dabei für Kant dieser Zusam­menhang mit dem je eigenen Körper eines Subjekts ist.
Nur so kann aber auch verständlich werden, welches die Al­ternative ist, die Kant zu dieser Widersprüchlichkeit entwickeln möchte, um sie zur Begründung oder Herleitung von so etwas wie Recht und rechtlichem Besitz in unserer Welt heranzuziehen, wenn er fortfährt: »Also widerspricht es sich selbst, etwas Äußeres als das Seine zu haben, wenn der Begriff des Besitzes nicht einer verschiedenen Bedeutung, nämlich des sinnlichen und des intelligi-blen Besitzes, fähig wäre, und unter dem einen der physische, unter dem ändern aber ein bloß-rechtlicher Besitz eben desselben Gegen­standes verstanden werden könnte«". Groß ist nämlich die Versu­chung, die darin enthaltene Unterscheidung von Besitz als »sinn­lichem« bzw. »physischem« und als »intelligiblem« einfach gleich­zusetzen mit der Unterscheidung von Besitz als dem »Vernunftbe­sitz« und als »empirischem« im dritten Absatz. Diese wäre dann bei Kant zwar einfach eine überflüssige und somit nichtssagende Wie­derholung, die man ihm jedoch anscheinend ohne weiteres zu­traut. Aber mögen sie auch noch so viel gemeinsam miteinander haben, so sind diese beiden Unterscheidungen doch mindestens in
einer Hinsicht grundverschieden voneinander, was denn auch ent­scheidend-wesentlich ist, was man aber übersieht.
Zum einen nämlich sieht man nicht: Im dritten Absatz spricht Kant von Besitz als dem »Vernunftbesitz« nur in dem Sinn, in dem ein Subjekt einen, seinen Körper hat oder besitzt: als dasjenige Äußere, das von diesem Subjekt nur unterschieden ist, doch nicht auch noch an einer räumlich-zeitlich ändern Stelle ist als es. Zum ändern aber kann man eben deshalb auch nicht sehen: Im zweiten Absatz spricht Kant umgekehrt gerade nur von solchem Äußeren, das nicht der Körper eines Subjekts ist; und auch nur deshalb spricht er hier von Recht und rechtlichem Besitz, gerade weil er dessen eigentlichen Sinn ausschließlich über solches Äußere ein­führt, das ein Subjekt nicht zu seinem Körper hat oder besitzt. Und damit übersieht man eben auch noch insgesamt: Im zweiten Ab­satz meint er mit »Besitz« im Sinne des »intelligiblen« das genaue Gegenteil zu demjenigen Äußeren, das er im dritten Absatz als »Vernunftbesitz« bezeichnet, nämlich dasjenige Äußere, das ein Subjekt gerade nicht als seinen Körper hat oder besitzt14. Und deshalb sieht man vollends nicht: Auch nur aus diesem Grund, das heißt, nur weil ein Subjekt dieses Äußere gerade nicht zu seinem Körper hat oder besitzt, bezeichnet Kant diesen Besitz von sol­chem Äußeren als den »bloß-rechtlichen«, womit er nicht nur keine Abwertung zum Ausdruck bringt, sondern im Gegenteil gerade den rein rechtlichen Besitz als den im eigentlichen Sinne rechtlichen.
Was man nicht sieht, ist somit nichts geringeres als folgendes: Wie den Besitz von solchem Äußeren, das ein Subjekt zu seinem Körper hat oder besitzt, bezeichnet Kant sonach auch den Besitz von solchem Äußeren, das ein Subjekt gerade nicht zu seinem Körper hat oder besitzt, als einen nur »intelligiblen«, der im letzten Fall jedoch gerade dadurch der rein rechtliche bzw. der im eigent­lichen Sinne rechtliche sein soll. Das heißt zunächst: In diesem rechtlichen Besitz von etwas Äußerem soll ein Subjekt danach in dem Sinn sein, daß dieses Subjekt solches Äußere zwar nicht als seinen Körper hat oder besitzt, sehr wohl jedoch wie seinen Kör-
14 Der Gedankenstrich im dritten Absatz hat den Zweck, die Stelle zu bezeichnen, bis zu welcher Kant allein von dem Besitz des jeweils eigenen Körpers handelt und ab welcher auch noch über rechtlichen Besitz.
per hat oder besitzt: im Sinn eines Besitzes als eines »intelligiblen« nämlich. Demgemäß ergibt sich dieser Sinn von Recht und recht­lichem Besitz gerade dadurch, daß in jenen Sinn eines Besitzes als eines »intelligiblen«, der zunächst ausschließlich für das Äußere des jeweils eigenen Körpers eines Subjekts gilt, auch solches Äußere noch einbezogen wird, das nicht der jeweils eigene Körper dieses Subjekts ist und somit nicht von ihm »nur unterschieden«, sondern räumlich-zeitlich »auch an einer ändern Stelle« ist als es.
Dann aber heißt das umgekehrt, daß dieser eigentliche Sinn von Recht und rechtlichem Besitz als ein »intelligibler« sich von dem »intelligiblen« Sinn auch überhaupt nicht unterscheidet, in dem dieses Subjekt im Besitz von seinem eigenen Körper ist. Auch nur aus diesem Sinn ergibt sich nämlich jener Sinn von Recht und rechtlichem Besitz, dann nämlich, wenn statt seiner vielmehr nur das eine von dem ändern Äußeren sich unterscheidet: nur der eine von dem ändern Körper, weil er nicht der eigene Körper eines Subjekts ist. Und dies, weil deren jeder oder jedes in genau dem selben Sinn Besitz sein soll, das heißt, in dem »intelligiblen« Sinn. Denn danach soll ich in genau dem Sinn, in welchem ich bezüglich dieses oder jenes Körpers, sprich, bezüglich dieses oder jenes Äußeren »lädierbar« bin, wenn ich mit ihm »verbunden« bin, auch noch bezüglich eines Äußeren, mit dem ich nicht »verbunden« bin, »lädierbar« sein, wenn ich im rechtlichen Besitz desselben bin.
Mithin kann dieser Sinn einer Lädierbarkeit als einer rechtlichen auch nur aus jenem Sinn einer Lädierbarkeit hervorgehen, die daher jedoch auch ihrerseits in irgendeinem Sinn schon eine recht­liche sein müßte. Denn sonst könnte nicht verständlich sein, wie eine rechtliche aus ihr sollte hervorgehen können, bloß indem sie auch noch auf ein anderes Äußeres bezogen wird, als mit dem ich »verbunden« bin. Zum ändern dürfte jene erste eine rechtliche Lädierbarkeit auch wieder nur in dem Sinn sein, daß diese zweite zirkelfrei aus ihr hervorgehen könnte. Nur ist Kant der Meinung, daß jene Lädierbarkeit jener Verbundenheit zufolge nicht eine »bloß rechtliche« sein kann, weil sie jener Verbundenheit zufolge auch eine »empirische« als eine »physische« bzw. »sinnliche« sein muß. Auf eben diese Art jedoch verstrickt sich Kant, was das Verhältnis des Subjekts zu seinem eigenen Körper anbetrifft, in eine Pro­blematik, die er ohne Lösung stehen lassen muß. Von daher ist seine gesamte Rechtsphilosophie auch bodenlos, was man jedoch
Grundlagen unseres l landelns
nicht sieht, so daß von dieser Bodenlosigkeit auch alle ihre Aus­legungen sind.
Was man des weiteren übersieht, ist nämlich insbesondere, was dies zuletzt für eine Folge haben muß: Wenn Kant im zweiten Absatz von dem »sinnlichen« bzw. »physischen« als dem »em­pirischen« Besitz diesen »intelligiblen« unterscheidet und ihn als »bloß-rechtlichen« bezeichnet, müßte daraus zwingend folgen: An­ders als im dritten Absatz kann mit dem »empirischen« als »sinnli­chen« bzw. »physischen« Besitz hier nicht ein bloß »empirischer« als ein bloß »sinnlicher« oder bloß »physischer« gemeint sein. Dann muß mit ihm vielmehr ein auch »rechtlicher« gemeint sein, denn sonst wäre jene Rede vom bloß »rechtlichen« nicht haltbar. Und tatsächlich spricht Kant schon vom ersten Absatz her im zweiten grundsätzlich von Recht und rechtlichem Besitz. Dagegen unter­scheidet er im dritten Absatz nur noch zwischen dem je ändern Sinn, in dem ein Subjekt im Verhältnis stehen kann zu etwas Äußerem, nämlich je nach dem, ob letzteres sein eigener oder nicht sein eigener Körper ist. Zumal der Sinn von Recht und rechtlichem Besitz durch Kant im ersten Absatz ja gerade über den Begriff jener Lädierbarkeit eines Subjekts auf Grund jener Verbundenheit dieses Subjekts mit etwas eingeführt wird. Sinnvoll kann das nämlich nur sein, wenn es sich bei dem, womit dieses Subjekt »verbunden« ist, um etwas handelt, das grundsätzlich etwas Anderes als es und darin Äußeres zu ihm ist, wie das Andere bzw. Äußere des eigenen oder auch noch eines anderen Körpers, und mithin auch um etwas »Empirisches« als etwas »Sinnliches« bzw. »Physisches«. Und somit kann es auch von daher keine Frage sein, daß Kant im zweiten Absatz mit dem »sinnlichen« oder dem »physischen« als dem »empirischen« Besitz gerade keinen bloß »empirischen« oder bloß »sinnlichen« oder bloß »physischen« Besitz meint, sondern einen, der als dieser auch ein »rechtlicher« Besitz ist.
Dann jedoch kann Ihnen nicht entgehen, wozu das führen muß und auch tatsächlich führt. Weil Kant den »physischen« bzw. »sinn­lichen« oder »empirischen« Besitz als »p\\ysisch«-rechtlichen bzw. »sinn\\cl\«-rechtlichen oder »empmsc\\«-rechtlichen Besitz versteht, wird es für ihn dann unausweichlich, das »Empirische« oder das »Sinnliche« oder das »Physische« dieses Besitzes auch als eine Spezifikation desselben zu verstehen, das heißt: als eine Spezifika­tion von rechtlichem Besitz. Auf diese Weise wird »Besitz« im Sinn
von »rechtlichem Besitz« zu einer Gattung von verschiedenen Arten dieses rechtlichen Besitzes, deren andere dann der »intel-ligible« als der nicht »empirische« oder nicht »sinnliche« oder nicht »physische« Besitz ist, der als ein »Wo/? rechtlicher« das »Eigentum« sein soll. So jedenfalls muß es gemeint sein, wenn Kant sagt, es müßte eine Theorie von Recht und rechtlichem Besitz unmöglich sein, »wenn der Begriff des Besitzes nicht einer verschiedenen Bedeutung, nämlich des sinnlichen und des intelligiblen Besitzes, fähig wäre, und unter dem einen der physische, unter dem ändern aber ein bloß rechtlicher Besitz eben desselben Gegenstandes ver­standen werden könnte«. Genau in diesem Sinne pflegen auch die Ausleger von Kant bis heute noch zu unterscheiden zwischen dem »Besitz« als »physischem« bzw. »sinnlichem« oder »empirischem« und als »intelligiblem«, der das »Eigentum« sein soll: So wenig wie Kant selbst fragt auch nicht einer seiner Ausleger, in welchem Sinn denn dieses »Physische« bzw. »Sinnliche« oder »Empirische« eines Besitzes zu einer Spezifizierung eines Sinns von rechtlichem Besitz imstande wäre.
Diese Frage wenigstens zu stellen, würde nämlich sichtbar ma­chen, daß gemäß dem Ansatz Kants für eine Antwort mindest zweierlei vonnöten wäre. Aufzuklären wäre nicht nur, was es — noch ganz diesseits aller Fragen rechtlichen Besitzes — eigentlich bedeutet, wenn wir über etwas sprechen, das kein Subjekt ist, und von ihm sagen, daß es etwas hat oder besitzt: so etwa über »Physisches« bzw. »Sinnliches« oder »Empirisches« wie einen Baum, der beispielsweise Wurzeln oder Äste hat oder besitzt. Es wäre vielmehr damit im Zusammenhang des weiteren aufzuklären, was es eigentlich bedeutet, wenn wir über etwas sprechen, das ein Subjekt ist, und von ihm gleichfalls sagen, daß es etwas hat oder besitzt, und zwar desgleichen etwas »Physisches« bzw. »Sinnliches« oder »Empirisches« wie Beine, Arme oder Hände, und im ganzen eben einen Körper. So erst könnte nämlich diesem Ansatz Kants zufolge ein Begriff von rechtlichem Besitz und damit überhaupt von so etwas wie Recht in unserer Welt gewonnen werden. Denn auch so erst wäre das Entscheidend-Wesentliche explizit und diskursiv zu machen, was bei Kant intuitiv und implizit bleibt, nämlich die Bedeutung jenes Grundbegriffes der Lädierbarkeit, die Kant von Anbeginn als Sinn von Rechtlichkeit zugrunde legt. Dies alles aber läßt man nicht nur ungefragt, sondern behandelt es geradezu, als
ob es selbstverständlich sei; und das obwohl schon Bouterwek, der erste Rezensent der Rechtsphilosophie, doch immerhin die Frage stellte, was denn eigentlich »lädieren« heiße1''1. Da man nämlich noch bis heute keine Antwort auf sie weiß, läßt man wie diese auch die ändern Fragen lieber ungestellt. Man übergeht dadurch jedoch sogar auch noch die Ansätze zu einer Antwort, die den »Vorarbeiten« zu entnehmen sind, die Kant für seine Rechtsphilo­sophie geleistet hat16, auch wenn er diese Ansätze nicht durch­geführt und deshalb unveröffentlicht gelassen hat.
So ist ihm hier zum Beispiel klar, daß zur Begründung einer Rechtsphilosophie zunächst einmal vonnöten wäre, von Grund auf den Sinn des »Habens« oder des »Besitzens« zu entfalten, wie das etwa Aristoteles mit der »Kategorie« des Habens für das Physisch-Sinnliche als das Empirische versuche17, was es denn auch weiter auszuführen gilt. Denn weder Aristoteles noch Kant entfaltet diesen Sinn so weit, daß im Zusammenhang mit ihm sich dann die Frage nach dem rechtlichen Besitzen oder Haben stellen könnte. Und das ist auch nicht verwunderlich, weil dieser Sinn es in sich hat, was Ihnen daran deutlich wird, in wie verschiedenem Sinn davon die Rede sein kann. Dafür nämlich, daß sich sinnvoll von Besitzen oder Haben sprechen läßt, ist nur vorauszusetzen, daß es sich bei dem, das etwas hat oder besitzt, und diesem Etwas, das es hat oder besitzt, um zueinander Anderes handeln muß. Denn haben kann etwas nur das, was es nicht ist, und umgekehrt genauso: sein kann etwas auch nur das, was es nicht hat. In welchem Sinn es sich dabei um zueinander Anderes handeln muß, ist dadurch aber noch nicht im geringsten festgelegt. Infolgedessen kann sehr Unterschiedliches darunter fallen und mithin der Sinn von Haben und Besitzen auch sehr unterschiedlich sein, und zwar bereits bei »Physischem« bzw. »Sinnlichem« oder »Empirischem« als solchem selbst.
So mag zunächst zwar klar sein, was wir meinen, wenn wir sagen, daß ein Baum zum Beispiel Wurzeln oder Äste habe. Doch bedarf der Sinn, in dem das klar ist, sofort weiterer Klärung, wenn Sie mit in Rechnung stellen, daß in einem solchen Fall genauso klar
15 Vgl. Bd. 20, S. 448.
16 Vgl. Bd. 23, S. 207ff.
17 Vgl. z.B. Bd. 23, S. 325, S. 327, S. 332.
ist, was wir meinen, wenn wir sagen, daß ein Stamm zum Beispiel Wurzeln oder Äste habe. Denn der Unterschied, der zwischen Stamm und Baum besteht, zieht notwendigerweise einen Unter­schied des Sinns nach sich, in dem vom Stamm oder vom Baum gilt, daß er Wurzeln oder Äste habe. Und den können Sie am besten als den Unterschied des Sinns von Haben als einem syn­thetischen und einem analytischen verstehen. Denn sprechen wir im einen Fall von einem Baum, so gehen wir von ihm als einem Ganzen aus und damit auch von seinen Teilen, so daß wir von ihnen dabei auch nur analytisch einige herausstellen, die mit an­deren zusammen Teile dieses Baumes sind. Doch sprechen wir im ändern Fall von einem Stamm, so gehen wir von ihm als einem bloßen Teil unter den Teilen dieses Baumes aus und stellen dabei synthetisch einige heraus, die zusätzlich zu diesem einen Teil noch Teile dieses Baumes sind.
Dazwischen nicht zu unterscheiden, würde nämlich die Gefahr des Mißverständnisses heraufbeschwören, den einen Fall jeweils im Sinn des ändern Falles aufzufassen. Danach würden Sie vergeb­lich innerhalb des Stammes nach den Wurzeln oder Ästen usw. Ausschau halten, die er hat, wie auch vergeblich außerhalb der Wurzeln oder Äste usw. nach dem Baum ausschauen, der sie hat. Es handelt sich vielmehr, wenn Sie es recht verstehen, in jedem Fall um etwas »Physisches« in dem Sinn, daß es als etwas »Empi­risches« auch etwas »Sinnliches«, sprich: etwas Sinnlich-Wahr­nehmbares ist. Nur ist es eben sinnlich wahrnehmbar im einen Fall vom Ganzen her zu Teilen hin, im ändern Fall von Teilen her zum Ganzen hin. Bloß dieser Unterschied ist es denn auch, dem jener Unterschied des Sinns von Haben als einem synthetischen und einem analytischen entspricht, das also trotzdem auch noch seiner­seits in jedem Fall ein »physisches« oder »empirisches« als »sinn­liches«, nämlich ein sinnlich wahrnehmbares Haben ist.
Von diesem sinnlich wahrnehmbaren Haben her gesehen müs­sen Sie dann aber ein grundsätzlich anderes Haben unterscheiden, und zwar um so gründlicher, als es sich dabei gleicherweise um ein Haben handelt, das in den Bereich des »Physischen« bzw. »Sinnli­chen« oder »Empirischen« gehört. Ein Haben nämlich liegt bei diesem keineswegs bloß darin vor, daß es im einen oder ändern Sinn bloß Teile hätte, sondern auch noch darin, daß es diese oder jene Eigenschaften hat. Nur gilt, daß solche Eigenschaften keine
Teile von ihm sind und dennoch gleichfalls etwas Anderes als das sind, das sie jeweils hat, weshalb es diese ebenfalls nur haben, doch nicht etwa sein kann. So gewiß es aber etwas Physisches und damit etwas Sinnlich-Wahrnehmbares ist, das solche Eigenschaften je­weils hat, so sind doch diese Eigenschaften nicht etwa auch ihrer­seits noch etwas Sinnlich-Wahrnehmbares, mag es auf den ersten Blick vielleicht auch noch so sehr für Sie den Anschein haben. Halten Sie sich nämlich weiterhin an einen eindeutigen Sinn von Sinnlich-Wahrnehmbarem, wie das Vorige ihn sicherstellt, so kann gerade dann auch keine Rede davon sein, daß so wie dasjenige etwas Sinnlich-Wahrnehmbares ist, von dem sie Eigenschaften sind, auch diese Eigenschaften selbst noch etwas Sinnlich-Wahr­nehmbares wären.
Denn von jenem Physischen gilt das in dem Sinn, daß sowohl von einem Ganzen her zu Teilen hin als auch von Teilen her zu einem Ganzen hin sich stets auf etwas weiteres Physisches ver­weisen läßt, das auch noch sinnlich wahrgenommen werden kann. Und das gilt eben von den Eigenschaften eines Physischen -gleichviel, ob eines Ganzen oder eines Teils — gerade nicht. Genau in diesem Sinn sind Eigenschaften eines Physischen gerade nicht wie Teile eines Physischen auch selber wieder etwas Physisches und so auch nicht wie letzteres etwas Empirisches als etwas Sinn­liches im Sinn des Sinnlich-Wahrnehmbaren. Denn von etwas Physischem her können Sie gerade nicht auf eine Eigenschaft von ihm als etwas weiteres Physisches verweisen, das desgleichen et­was Sinnlich-Wahrnehmbares wäre, weil Sie damit vielmehr immer wieder nur auf jenes eine Physische verweisen, dessen Eigenschaft sie ist. Nur jenes nämlich ist als etwas Rotes oder Rundes oder als ein Baum bzw. als ein Ast auch etwas Sinnlich-Wahrnehmbares. Nicht jedoch ist darüber hinaus auch dessen Eigenschaft der Röte oder Rundform oder Baumform oder Astform etwa ebenfalls noch etwas Sinnlich-Wahrnehmbares, so als ob sie darüber hinaus ein sinnlich wahrnehmbarer Teil desselben wäre. Und so ist sie eben auch nicht mehr etwas Empirisches und Physisches wie etwas Rotes oder Rundes oder wie ein Baum oder ein Ast, sondern verglichen damit etwas Nichtempirisches.
Tritt eine Eigenschaft als das, was etwas Physisches oder Em­pirisches bloß hat, nicht ist, doch überhaupt erst dadurch auf, daß nichtempirisch-philosophisch darauf eigens reflektiert wird. Denn
sowohl von einer Eigenschaft wie auch von dem, das diese Eigen­schaft nicht sei, sondern nur habe, kann erst dadurch sinnvoll überhaupt die Rede sein. Muß dazu doch auch noch ein grundsätz­licher Übergang vollzogen sein, der sich nur durch Philosophie als Reflexion vollziehen läßt: Erfolgen muß ein solcher Übergang von dem, das rot bzw. rund oder das Baum bzw. Ast nur ist — das heißt: von etwas Rotem oder Rundem oder auch von einem Baum bzw. einem Ast —, zu dem, das Röte oder Rundform oder Baumform oder Astform wiederum nur hat. Notwendig nämlich ist das, weil es sich bei dem, das derlei ist, und dem, das derlei hat, ja jeweils um dasselbe handeln muß. Erst diese Reflexion auf es und damit dieser Übergang von ihm als ersterem zu ihm als letzterem entdeckt daher das asymmetrische Verhältnis dieses Habens als die asym­metrische Struktur desselben. Denn der Ausgangspunkt für diese Aufdeckung ist jeweils nur das erstere, das rot bzw. rund oder das Baum bzw. Ast ist, so daß asymmetrisch auch nur dieses erstere die Eigenschaft der Röte oder Rundform oder Baumform oder Ast­form jeweils hat; nicht etwa hat genausogut auch umgekehrt die Eigenschaft der Röte oder Rundform oder Baumform oder Ast­form jeweils dieses erstere.
Doch aus demselben Grund, aus dem es sich bei diesem Haben um ein asymmetrisches Verhältnis zwischen beidem handelt, ist dieses Verhältnis jeweils auch ein inneres und nichtempirisches Verhältnis innerhalb von etwas Physischem oder Empirischem. Dieses Verhältnis unterscheidet sich daher auch grundsätzlich von jedem äußeren oder empirischen Verhältnis eines Physischen oder Empirischen zu einem ändern solchen außerhalb desselben wie etwa zu einem Teil desselben. Denn ein Teil von etwas Physischem oder Empirischem ist selbst etwas Empirisches und Physisches und deshalb auch wie dieses wahrnehmbar. Dagegen läßt sich eine Eigenschaft und somit auch das Haben einer Eigenschaft von etwas Physischem oder Empirischem ja nur durch nichtempirische Philosophie als Reflexion auf etwas Physisches oder Empirisches aus ihm heraus ermitteln. Demgemäß kann jede solche Eigenschaft und jedes solche Haben dann auch selbst nur etwas Nichtempi­risches und Nichtphysisches sein. Und dies obwohl doch etwas Physisches oder Empirisches gerade das ist, von dem gelten muß, daß es sie hat, weil nur von ihm her seine Eigenschaft und damit auch sein Haben von ihr zugänglich sein kann für Reflexion darauf.
Denn eine Reflexion darauf ist eben etwas anderes als eine Wahr­nehmung davon. Im Unterschied zu einem Teil als etwas Phy­sischem oder Empirischem an etwas anderem Physischen oder Empirischen, von denen jedes wahrzunehmen ist, läßt nämlich eine Eigenschaft an etwas Physischem oder Empirischem sich keineswegs auch ihrerseits noch wahrnehmen, sondern nur den­ken. Demgemäß wird dadurch nicht bloß diese Eigenschaft am Physischen oder Empirischen, sondern auch das Verhältnis dieser Eigenschaft zum Physischen oder Empirischen, als etwas Nicht-empirisches ermittelt.
Schon diese Eigenschaft und dieses Haben einer Eigenschaft tritt somit auf als etwas Nichtempirisches inmitten des Empirischen und Physischen. Und so besteht auch hier bereits ein Haben als ein nichtempirisches Verhältnis von etwas Empirischem zu etwas Nichtempirischem, wo überhaupt noch keine Rede ist von einem nichtempirischen Subjekt und seinem nichtempirischen Verhältnis zu etwas Empirischem und Physischem, das es zu seinem Körper hat. Und dies im Auge zu behalten, ist von Wichtigkeit für Sie, weil es belegt: Trotz aller Schwierigkeit der Reflexion darauf kann dieses Nichtempirische des einen oder anderen kein Grund sein, solche Reflexion auf es zu unterlassen, was man vielmehr schon seit jeher und bis heute nur als Vorwand zu mißbrauchen pflegt, um empiristische Dogmatik durchzusetzen. Dabei nimmt man nicht nur keine Rücksicht auf den Schaden, der sich dadurch für die Sache selbst ergibt, wie etwa für die Herleitung von so etwas wie Recht und rechtlichem Besitz in unserer Welt. Man setzt sich dabei vielmehr auch noch darüber hinweg, daß doch der Sache wie der Sprache nach dergleichen wie das Recht nun einmal nichts Em­pirisches sein kann. Dogmatisch durchgehaltener Empirismus müßte deshalb den gesamten Rechtsbereich beseitigen, worüber Kant sich jedenfalls im klaren war18, weil ihm die Einsicht in den Grundbegriff des Rechts als einen nichtempirischen Begriff vor Augen stand19.
Nur um so dringlicher ist es denn auch für Sie, an solcher Reflexion und solchen nichtempirischen Verhältnissen, die sie er­mittelt, festzuhalten, um auf diesem Weg dann auch dem Sinn von
18 Vgl. z.B. Bd. 8, S. 372, Z. 1-5.
19 Vgl. z.B. A 43f. B 61, B 414, A 731 B 759.
Recht und rechtlichem Besitz noch beizukommcn. Denn gelingen kann auch dies nur dann, wenn die ihm angemessene nicht­empirische Begrifflichkeit entwickelt wird. Und dazu gilt es, noch­mals auf das Nichtempirische der Eigenschaft wie auch ihres Ver­hältnisses zu dem Empirischen und Physischen zurückzukommen, das sie hat, weil solches Nichtempirische, das nur durch Reflexion ermittelt werden kann, noch längst nicht ausgeschöpft ist.
War dieses Verhältnis doch gerade dadurch ein besonderes, daß es ein nichtempirisches Verhältnis ist, obwohl das jeweils eine von den Gliedern, zwischen denen es besteht, durchaus etwas Em­pirisches und Physisches ist, weil das jeweils andere dieser Glieder etwas Nichtempirisches ist: jene Eigenschaft. Denn das reicht aus, um auch noch das Verhältnis zwischen ihr als diesem Nicht­empirischen und jenem Physischen oder Empirischen zu einem nichtempirischen zu machen. Zu einem empirischen Verhältnis zwischen beiden Gliedern hätte nämlich jedes dieser Glieder für sich selbst etwas Empirisches und Physisches zu sein. So ist zum Beispiel jeder Teil von etwas Physischem oder Empirischem ja für sich selbst etwas Empirisches und Physisches und so auch das Verhältnis zwischen solchen Teilen ein empirisches und physisches. Entsprechend ist die Art und Weise, wie im Fall von einem Baum der eine Teil mit einem ändern Teil zusammenhängt, indem er mit dem ändern beispielsweise durch Versorgungsleitungen verbunden ist, auch ihrerseits etwas Empirisches und Physisches. Dagegen wäre es aus prinzipiellen Gründen unsinnig, so etwas wie ver­bindende Versorgungsleitungen auch zwischen einer Eigenschaft von etwas Physischem oder Empirischem und diesem Physischen oder Empirischen zu suchen, nur weil zwischen dieser Eigenschaft und diesem Physischen oder Empirischen desgleichen ein Zusam­menhang besteht.
Vielmehr verhält es sich hier so, daß ausgerechnet etwas Phy­sisches oder Empirisches zu etwas Nichtempirischem in einem deshalb gleichfalls nichtempirischen Verhältnis steht: in dem des Habens dieser oder jener Eigenschaft. Diese Besonderheit ergibt sich aber nur, weil eine Reflexion darauf den ersten Schritt ja nur von eben diesem Physischen oder Empirischen her tun kann. Wenn Sie das beachten, sehen Sie sofort: Aus eben diesem Grund kann dieses Haben dann durch solche Reflexion zunächst auch nur in einem ganz bestimmten Sinn ermittelt werden, nämlich nur in
jenem analytischen. Denn ansetzen kann sie dazu auch nur bei solchem Physischen oder Empirischen; und so ist solche Reflexion auf Eigenschaften auch von vornherein schon notwendigerweise die entsprechende zu derjenigen Reflexion auf Teile, die dabei von einem Ganzen ausgeht, auch wenn Eigenschaften keine Teile sind. Dadurch jedoch ergibt sich hier ein wesentlicher Unterschied. Denn eine Reflexion auf Teile kann genausogut von einem Ganzen her zu Teilen hin wie auch von Teilen her zu einem Ganzen hin erfolgen, wie Sie sahen. Eine Reflexion auf Eigenschaften kann dagegen nur von einem Ganzen her erfolgen, auch wenn sie von diesem Ganzen her dann nicht auf dessen Teile reflektiert, sondern auf dessen Eigenschaften. Und aus eben diesem Grund kann sie das Haben solcher Eigenschaften, anders als das Haben solcher Teile, dann zunächst einmal auch nur als analytisches und nicht etwa genausogut auch als synthetisches ermitteln, wie das Haben solcher Teile.
Als synthetisches kann diese Reflexion das Haben solcher Ei­genschaften vielmehr nur in einem zweiten Schritt ermitteln. Das vermag sie nämlich erst, indem sie weiter fragt, was denn in der Gestalt von einem jeden Physischen oder Empirischen noch mit im Spiel sein muß, so daß mit ihm zusammen eine jede solche Eigen­schaft als etwas Nichtempirisches ein jedes solche Physische oder Empirische dann allererst ergehen kann. Und das ist eben eine Frage, die entscheidend weiter geht. Denn sie beläßt es nicht mehr dabei, dieses nichtempirische Verhältnis in Gestalt von jenem Phy­sischen oder Empirischen einfach vorauszusetzen, um es nur noch analytisch daraus zu ermitteln20. Sie geht umgekehrt vielmehr synthetisch auch noch dahin, nach dem Korrelat zu fragen, das mit jeder Eigenschaft als etwas Nichtempirischem in diesem nicht­empirischen Verhältnis stehen muß und deshalb auch mit ihr zusammen jedem Physischen oder Empirischen zugrunde liegen muß, ein Korrelat, das darum gleich der Eigenschaft auch selbst nur etwas Nichtempirisches sein kann. Doch kann es, weil es danach Korrelat zu jeder Eigenschaft sein muß, auch nicht in einer Eigenschaft bestehen, wie es bei jener Reflexion von Teilen her zum Ganzen hin sehr wohl nur Teile waren, die synthetisch mit den
anderen zusammen dieses Ganze bildeten. Sind nämlich alle Teile eines Ganzen beieinander, dann liegt auch bereits das Ganze vor, so daß es keinen Sinn hat, dafür noch nach einem weiteren Teil zu fragen.
Sind dagegen alle Eigenschaften eines Ganzen oder eines Teils von einem Ganzen beieinander, so liegt damit keineswegs auch schon der Teil oder das Ganze vor. Dazu gehört vielmehr gemäß dem zweiten Schritt der Reflexion auf Haben einer Eigenschaft als ein synthetisches auch noch ein solches Korrelat, das wie die Eigenschaft zwar seinerseits nur etwas Nichtempirisches sein kann, ihr gegenüber aber eben etwas Eigentümliches, ja Einzigartiges sein muß: jene »Substanz« im Unterschied zum »Akzidens«. Und dieser zweite Schritt der Reflexion auf sie, wonach »Substanz« sowohl wie »Akzidens« nur etwas Nichtempinsches in einem un­lösbaren nichtempirischen Verhältnis zueinander sind, ist eben erst bei Kant vollzogen. Denn erst Kant setzt nur die »Relation« dieser Relate von »Substanz und Akzidens« als eine einzige »Kategorie« an und nicht etwa jedes einzelne davon als eine eigene, wie Ari­stoteles. Entsprechend wird auch erst durch Kant ermittelt, daß dem bloßen analytischen Verhältnis jenes Habens das synthetische Verhältnis dieses Habens immer schon zugrunde liegen muß und als synthetisches auch einer Herleitung bedarf21, die eine Antwort auf die Frage geben muß: Aus welchem Grund denn muß ein jedes Physische oder Empirische die nichtempirisch-innere Struktur die­ses Verhältnisses besitzen?22
Doch selbst Kant sieht nicht, daß mit dem Unterschied dieses Verhältnisses als eines analytischen und als eines synthetischen ein weiterer Unterschied einhergeht. Muß es danach doch als jenes analytische ein asymmetrisches Verhältnis sein, dagegen kann es als dieses synthetische nur ein symmetrisches Verhältnis sein. Daß Kant das übersieht, dürfte damit zusammenhängen, daß er diese Herleitung nicht mehr gegeben hat. Denn in der Tat muß inner­halb dieses synthetischen Verhältnisses der »Relation« zwischen »Substanz und Akzidens« als nichtempirisch-apriorischer »Katego­rie« ein »Akzidens« eine »Substanz« genauso »haben« wie eine »Substanz« ein »Akzidens«; wogegen innerhalb von jenem analyti-
20 Wie seit Aristoteles, was Kant dann auch gesehen hat, vgl. z.B. Bd. 4, S. 310f.
21 Vgl. z.B. B130 mit Bd. 8, S. 216.
22 Zur weiteren Herleitung dafür vgl. unten § 22.
sehen Verhältnis zwischen etwas Physischem oder Empirischem und seiner Eigenschaft nur gelten kann, daß dieses Physische oder Empirische die Eigenschaft hat, aber nicht genauso auch noch umgekehrt. Gewinnt ein Subjekt nämlich etwas Physisches oder Empirisches als etwas Wirklich-Anderes zu seinem Objekt, so muß letzteres von diesem Subjekt her dann auch symmetrisch-gleichur­sprünglich die Gesamtgestalt einer »Substanz« und eines »Akzi­dens« gewinnen: die von etwas Rotem oder Rundem oder einem Baum bzw. Ast. Umgekehrt dagegen kann von diesem Objekt her dann eine Eigenschaft erst immer asymmetrisch-abgeleitet sich gewinnen lassen: durch den ersten Schritt der Reflexion als Über­gang von etwas Rotem als dem, das rot sei, zu ihm als dem, das Röte habe, usw.
Unsere Herleitung von all dem2' zeigt denn auch noch: Jene »Relation« dieser Relate von »Substanz und Akzidens« tritt als die hergeleitete »Kategorie« erst im Objekt als diesem Physischen oder Empirischen auf, wo sie auch erst durch den zweiten Schritt der Reflexion als etwas Herzuleitendes ermittelt wird. Nicht etwa tritt sie auf schon irgendwo im Subjekt, auch nicht als gedanklich oder anschaulich erzeugte, sondern eben erst als eines Objekts inneres Verhältnis zwischen beidem, das im ganzen eine nihtempirische Struktur desselben ist. Die bloße Symmetrie und Gleichursprüng-lichkeit des Auftretens von beidem ist nach dessen Herleitung denn letztlich auch kein Grund mehr, beides eigens anzusetzen als »Ka­tegorie« im Subjekt. Vielmehr ist das danach eher noch ein An­zeichen dafür, daß mangels dieser Herleitung auch Kant das Sub­jekt als möbliertes Zimmer24 noch nicht gänzlich überwunden hat. Im Subjekt nämlich treten nur die immer wieder asymmetrischen Verhältnisse der Selbstverwirklichung als Selbstausdehnung jenes Punktes auf. Infolgedessen steht auch das Objekt als das Ergebnis davon, das sich nur als etwas Physisches oder Empirisches ergibt, zu seinen Eigenschaften dann auch nur in jenem asymmetrischen Verhältnis. Denn entsprechend kommt es dabei auch zu dessen »Synthesis« nicht etwa in dem Sinn einer »Zusammensetzung«, sondern nur durch solche Selbstausdehnung jenes Punktes selbst.
Dies aber heißt: Es bilden sich aus diesem Grund - sprich: aus
23 Vgl. dazu schon G. Prauss 1999, §§ 10-12.
24 Vgl. dazu jetzt auch nochj. Scarle 1993, z.B. S. 117, S. 189, S. 193.
diesem Subjekt heraus - bis einschließlich von diesem wirklich­anderen Objekt als Physischem oder Empirischem dann auch nur immer wieder asymmetrische Verhältnisse. Denn eben dadurch ist dann auch noch das Objekt zuletzt nur gleichsam Spiegelbild des Subjekts und nicht etwa umgekehrt. Des weiteren liegt es nur daran, daß bis einschließlich von jedem wirklich-anderen Objekt sich immer wieder auch nur jene ganz besonderen Differenzen bilden, die bloß Differenzen innerhalb von einer einzigen Identität sind. Sie entspringen nämlich aus dem Grund und in dem Sinn der Selbstausdehnung jenes Punktes, wodurch er auch immer wieder nur ein Anderes zu sich oder ein zu sich Anderes wird. Und das heißt: Er wird dadurch gerade nicht etwa zu einem Anderen im Sinn von einer anderen Identität, und das gilt aus dem Grund und in dem Sinn der Selbstausdehnung dieses Punktes als Subjektes eben auch noch für ein jedes wirklich-andere Objekt als Physisches oder Empirisches. Nur daher nämlich bildet es zu seinen Eigen­schaften dieses asymmetrische Verhältnis, das ja jeweils innerhalb von jedem wirklich-anderen physischen oder empirischen Objekt besteht als einem jeweils in sich einheitlichen Ganzen.
Eben deshalb ist auch noch die Eigenschaft von einem solchen Objekt als etwas Empirischem und Physischem allein in dem Sinn etwas Anderes als dieses Objekt, daß es durch sie etwas zu sich Anderes bzw. etwas Anderes zu sich ist, nämlich eine Differenz nur innerhalb von sich als einer einzigen Identität. Entsprechend kom­men beide auch beim Prädizieren dieser Eigenschaft zum Aus­druck: die Identität und Differenz von etwas, das zum Beispiel rot ist oder Baum ist usw. Ein Objekt ist danach gleichsam etwas, das durch seine Eigenschaft sich äußert, nämlich strukturell vergleich­bar, wie schon jener Punkt als ein Subjekt sich ausdehnt. Denn die Eigenschaft von einem solchen Objekt als etwas Empirischem und Physischem kann etwas Anderes als dieses Objekt ja gerade nicht im Sinn von einer anderen Identität sein, so daß umgekehrt auch dieses Objekt etwas Anderes als diese Eigenschaft im Sinn von einer anderen Identität sein müßte. Vielmehr kann es letzteres dann immer wieder ersi als ein empirisches und physisches Objekt mit Eigenschaften gegenüber einem anderen empirischen und phy­sischen Objekt mit Eigenschaften sein, wie etwa auch als Teil von einem Ganzen gegenüber einem ändern Teil eines empirischen und physischen Objekts. Und nur aus diesem Grund kann eine Eigen-
schaff von einem solchen Objekt dann auch noch kein Teil des­selben sein. Erst durch die Herleitung ergibt sich somit erstmals -und als einzig mögliche - die vorgenannte positive Charakterisie­rung für die Eigenschaft, wogegen ohne eine solche Herleitung für sie nur jene negative Charakterisierung, daß sie nicht ein Teil ist, möglich sein kann, über die daher auch Kant noch nicht hinaus­kommt2^.
Schon allein, um diesen vielfältigen Sinn von Haben zu ermit­teln, in dem etwas Teile oder Eigenschaften habe, ist es also für uns unausweichlich, diesen Aufwand an Begrifflichkeit zu treiben. Doch erst recht ist das erforderlich, wenn wir dann auch noch jenen Sinn von Haben in den Griff bekommen möchten, in dem ein Subjekt etwas Empirisches und Physisches zu seinem Körper habe. Dazu wird es nämlich nicht nur nötig werden, von dieser Begrifflichkeit auch weiter auszugehen, sondern in einem wesentli­chen Sinn sogar noch über sie hinauszugehen. Steht doch von vornherein auch mindest negativ schon soviel fest: Gerade wenn es richtig ist, zu sagen, daß ein Subjekt einen Körper habe, so kann doch mit diesem Haben weder das von einem Teil noch das von einer Eigenschaft gemeint sein, einerlei, ob jeweils in dem Sinn von Haben als dem analytischen oder synthetischen. Denn weder ist ein solcher Körper eine Eigenschaft, weil er sie vielmehr seinerseits nur hat, noch auch ist er ein Teil; und beides auch am aller­wenigsten, wenn das Subjekt, das einen Körper hat, nicht mehr als eine »res ...« wie die »res cogitans« Descartes' betrachtet wird, was Kant zumindest zu vermeiden sucht. Nur gilt es eben, auch noch dieses Negative, weder Eigenschaft noch Teil zu sein, durch etwas Positives zu ersetzen.
Wie erforderlich das ist, erkennen Sie am ehesten an einem Mißverständnis, das sich aus dem Vorigen ergeben könnte und das Sie vielleicht auch schon bedenklich finden. Daß aus dem Subjekt heraus bis einschließlich von jedem physischen oder empirischen Objekt zunächst nur asymmetrische Verhältnisse sich bilden kön­nen, wie behauptet, könnte Ihnen nämlich fragwürdig erscheinen. Sei mit jedem physischen oder empirischen Objekt dabei doch etwas Wirklich-Anderes als ein Subjekt gemeint, so daß auch
25 Vgl. z.B. Bd. 2, S. 389, S. 405; Bd. 17, S.334f., S. 445 im Sinn von Aristoteles, Kategorien l a 24-25.
Unser Verhältnis zu den Körpern, die wir als Subjekte halten
umgekehrt mit diesem Subjekt dabei etwas Wirklich-Anderes als dieses wirklich-andere Objekt gemeint sein müsse. Und zumindest dies Verhältnis, das ja gleichfalls immer erst aus dem Subjekt heraus entspringe, bilde somit ein symmetrisches Verhältnis zwi­schen beiden, also nicht auch seinerseits ein asymmetrisches. Hier aber läge in der Tat ein Mißverständnis vor, das sich bereinigen läßt, wenn Sie jenen Sinn, in dem allein dabei von etwas Wirklich-Anderem die Rede war, auch weiterhin im Blick behalten.
Nur in dem Sinn nämlich hatten wir dabei von etwas Wirklich-Anderem als dem Subjekt gesprochen, daß es sich dabei um etwas handelt, das dieses Subjekt nicht bloß als etwas Anderes vorstellt, sondern auch als etwas Wirklich-Anderes /«'«stellt und es dadurch bei Erfolg als etwas Wirklich-Anderes auch noch herstellt. Und in diesem Sinn gilt das auch generell für jedes physische oder em­pirische Objekt der Außenwelt, das einem solchen Subjekt ur­sprünglich soll zugänglich sein können. Zwischen physischen oder empirischen Objekten in der Außenwelt besteht sonach in diesem Sinn noch überhaupt kein Unterschied. Denn jedes davon ist in diesem Sinn ja etwas Wirklich-Anderes, so daß in diesem Sinn auch jedes davon gegenüber jedem davon etwas Wirklich-Anderes ist und sie darin demnach ein symmetrisches Verhältnis zueinander bilden. Und für jedes davon generell gilt das mithin auch nur so lange, wie kein Grund besteht, auch noch speziell darunter eines von dem anderen zu unterscheiden.
Faktisch aber tun Sie letzteres bereits, sobald Sie auch noch das Verhältnis zwischen dem Subjekt und diesem oder jenem physi­schen oder empirischen Objekt als einem Wirklich-Anderen in diesem Sinn für ein symmetrisches Verhältnis ansehen wollen, weil umgekehrt auch das Subjekt doch etwas Wirklich-Anderes als dieses oder jenes Objekt sei. Denn dadurch zeichnen Sie dann eines unter diesen physischen oder empirischen Objekten auch bereits besonders aus, indem Sie es dabei mit diesem Subjekt selbst zu­sammennehmen. Das symmetrische Verhältnis eines wechselseitig Wirklich-Anderen in diesem Sinn besteht nämlich nur zwischen dem Subjekt zusammen mit dem einen physischen oder empiri­schen Objekt und jedem anderen physischen oder empirischen Objekt. Und dieses eine physische oder empirische Objekt, das mit einem Subjekt zusammen auch gehört, ist eben dessen jeweils eigener Körper. Trotzdem gibt es keinen Grund dafür, daß Sie es
etwa schon von vornherein mit diesem Subjekt selbst zusammen­nehmen müßten, weil es keineswegs von vornherein, das heißt: von sich her, eine solche Auszeichnung vor anderen physischen oder empirischen Objekten hat.
Im Gegenteil: Sie haben sogar allen Grund, mit einer solchen Auszeichnung zunächst zurückzuhalten. Ist zum einen doch auch dieser jeweils eigene Körper eines Subjekts für dieses Subjekt zunächst nur so wie jeder andere Körper ein empirisches und physisches Objekt gleich anderen empirischen und physischen Objekten. Denn zu ihm hat dieses Subjekt ja durchaus nicht ir­gendeinen Sonderzugang, sondern nur den einen, den es auch zu jedem anderen physischen oder empirischen Objekt als Wirklich-Anderem hat. Zum ändern kann es eben deshalb auch erst immer über diesen Zugang, nämlich immer erst im Lauf der äußeren Erfahrung nach und nach dazu gelangen, unter solchen Körpern diesen einen Körper als den eigenen von allen anderen zu unter­scheiden; und das können Sie an einem frühkindlichen Subjekt, das in diesem Sinn mit seinem Körper wie mit anderen Körpern förmlich experimentiert, denn auch verfolgen. Keineswegs kann ein Subjekt zu einem Körper, nur weil es der eigene Körper ist, im Unterschied zu allen anderen Körpern so etwas wie einen inneren Zugang haben, der ihm diesen einen Körper - jedem äußeren Zugang zu ihm grundsätzlich vorweg - schon immer als den eigenen verbürgte. Und tatsächlich ist es doch die reine Kon-tingenz, daß dieses Physische oder Empirische, an das ein Subjekt jeweils unlösbar gebunden ist, vom übrigen soweit getrennt ist, daß es sich verhältnismäßig selbständig bewegen läßt, will sagen, daß dadurch vom übrigen nicht allzu viel noch mitbewegt wird. Könnte doch das Physische oder Empirische, an das ein Subjekt unlösbar gebunden ist, genauso kontingent auch mit dem übrigen, ob teilweise oder im ganzen, noch verbunden sein: Zumal das Physische oder Empirische des jeweils eigenen Körpers eines Sub­jekts ohnehin vom übrigen mehr oder weniger in sich umfassen kann, - mit diesen oder jenen Folgen für das Subjekt, das dann unlösbar auch daran noch gebunden ist, indem es etwa »korpu­lent« ist.
Halten Sie entsprechend jede Auszeichnung von einem solchen Körper gegenüber anderen zurück, indem Sie keinen davon zu einem Subjekt hinzunehmen, so sehen Sie sofort: Gerade dann,
wenn gegenüber einem physischen oder empirischen Objekt als etwas Wirklich-Anderem auch ein Subjekt noch etwas Wirklich-Anderes sein muß, kann es dies nicht im Sinn jenes symmetrischen Verhältnisses dazwischen sein, sondern nur eines asymmetrischen. Es kann dann etwas Wirklich-Anderes als ein empirisches und physisches Objekt gerade nicht auch seinerseits noch in dem Sinn sein, in dem ein empirisches und physisches Objekt ein Wirklich-Anderes als es ist, sondern nur in einem davon grundverschie­denen. Und daraus geht dann auch in einem ersten Schritt bereits das asymmetrische Verhältnis zwischen beidem Wirklich-Anderen hervor, das auch für den Fall gelten muß, in dem ein physisches oder empirisches Objekt der Körper eines Subjekts ist. Und damit ist im Ansatz auch schon hergeleitet, was als Faktum längst be­kannt, doch noch bis heute nicht erklärt ist, nämlich die Asymme­trie, daß nur ein Subjekt einen Körper hat, nicht etwa umgekehrt genausogut, daß auch ein Körper ein Subjekt hat: so wie nur ein Objekt eine Eigenschaft hat, und nicht etwa umgekehrt genauso­gut auch eine Eigenschaft ein Objekt hat.
Daß zu dem Körper, den es als den eigenen hat, ein Subjekt dennoch keinen Sonderzugang hat, das könnte Ihnen freilich zwei­felhaft erscheinen angesichts der Sonderstellung, die man diesem Körper als dem »Leib« zu geben pflege. Möchte man ihn doch sogar auch noch erheben zum »Leibapriori«, weil ein Subjekt angeblich von vornherein zu diesem in einem besonderen Verhält­nis stehe. Doch wie unhaltbar das alles ist, was man in diesem Sinn zu sagen haben meint, und welch ein unsägliches Aufhebens es daher ist, was man stattdessen davon macht, das werden Sie sofort durchschauen, sobald Sie fragen: Welcher Unterschied soll zwi­schen »Leib« und Körper eigentlich bestehen? Auf diese Frage kann es nämlich nur die eine Antwort geben, daß mit »Leib«, wenn überhaupt ein Unterschied zu Körper, dann nur der gemeint sein kann, daß es bei einem »Leib« sich um einen beseelten Körper handelt, und das heißt: um einen Körper, mit dem ein Subjekt verbunden ist, indem es diesen als den seinen eben hat. So aber sehen Sie des weiteren: Dann ist es schlechthin unhaltbar, im selben Sinn wie, daß ein Subjekt einen Körper hat, zu sagen, daß ein Subjekt einen »Leib« hat. Denn was sollte es bedeuten, daß ein Subjekt »einen Körper habe, mit dem ein Subjekt verbunden sei«, als entweder den Unsinn, daß mit letzterem Subjekt ein weiteres
Subjekt ins Spiel kommt, oder die Tautologie, daß letzteres und ersteres Subjekt dasselbe ausdrückt? Kann ein Unterschied von »Leib« und Körper nur darin bestehen, daß mit »Leib« im Unter­schied zum Körper ein Subjekt schon mitgemeint ist, müßte da­nach vielmehr eher gelten, daß ein Subjekt einen »Leib« nicht habe, sondern ein »Leib« sei. Nur klingt das, weil der Unterschied von »Leib« und Körper dabei ungeklärt bleibt, eben unausweichlich so, daß ein Subjekt ein Körper sei, statt einen Körper bloß zu haben. Deshalb kann auch niemand so weit gehen, der zwischen einem Körper und einem Subjekt noch unterscheiden möchte. Darum pflegt man lieber weiter jenen ungeklärten und auch unklärbaren Sinn des »Leibes«, den ein Subjekt »habe«, woran Sie sofort erken­nen: Jenes angeblich besondere Verhältnis des Subjekts zu einem, nämlich seinem Körper als dem »Leib« ist damit rein verbal er­schlichen.
Auf diese Art bringt man sich selbst jedoch auch noch um das Entscheidend-Wesentliche, worin das Verhältnis des Subjekts zu einem, nämlich seinem Körper eigentlich besteht. Das sieht man nämlich erst, wenn man beachtet, daß sich sinnvoll weder davon sprechen läßt, ein Subjekt habe einen »Leib«, noch auch, ein Sub­jekt sei ein »Leib«, sondern nur davon, daß ein Subjekt einen Körper habe, um sich weiter nach dem Grund dafür zu fragen. Dabei aber ist mit »Körper« eben anders als mit »Leib« gerade nicht schon dieses Subjekt mitbezeichnet. Folglich kann mit dem Ver­hältnis dieses Habens auch nur ein synthetisches bezeichnet sein, das nach dem Vorigen jedoch auch nur ein asymmetrisches Ver­hältnis sein kann. Damit aber bietet sich die Möglichkeit, es Punkt für Punkt mit den entsprechenden Verhältnissen des Habens zu vergleichen, wie sie bei den Teilen oder Eigenschaften von etwas bestehen, um an Hand des jeweiligen Unterschieds zu ihnen die Besonderheit dieses Verhältnisses zu finden.
So ist es als ein synthetisches Verhältnis erst einmal mit jenem Eall vergleichbar, in dem nicht von einem Baum gilt, daß er Wur­zeln oder Äste habe, weil dieses Verhältnis analytisch ist, sondern von einem Stamm, von dem synthetisch gilt, daß er in diesem Fall des Baumes Wurzeln oder Äste habe. Nur besteht in diesem Fall von Teilen eines Ganzen dieses Ganze ebenso wie jeder seiner Teile als etwas Empirisches und Physisches, jedoch im Fall eines Sub­jekts, das einen Körper hat, gerade nicht. Denn etwas Physisches
oder Empirisches ist dabei eben nur der Körper, den es hat, doch nicht etwa auch dieses Subjekt, das ihn hat. Und deshalb ist auch dieses Ganze von Subjekt mit Körper eben nicht wie das des Baumes etwas Physisches oder Empirisches, so daß hier wie dieses Subjekt auch dieser Körper nicht etwa ein Teil von diesem Ganzen ist, und das obwohl er für sich selbst durchaus etwas Empirisches und Physisches ist. Es ergibt sich somit, daß ein Subjekt einen Körper analytisch, wie der Baum den Ast, auch gar nicht haben kann. Denn dazu hätte es als etwas Einheitliches, wie der Baum als etwas Physisches oder Empirisches, schon immer vorzuliegen, was jedoch nicht zutrifft, weil es vielmehr vorliegt als etwas Empi­risches und Physisches mit etwas Nichtempirischem zusammen.
Als ein asymmetrisches Verhältnis läßt es sich sodann zunächst mit jenem Fall vergleichen, in dem nicht auf Teile eines Physischen oder Empirischen, sondern auf Eigenschaften von ihm reflektiert wird. Hier gilt nämlich gleichfalls asymmetrisch, daß nur dieses Physische oder Empirische die Eigenschaften habe, und nicht etwa umgekehrt genausogut, es hätten auch die Eigenschaften dieses Physische oder Empirische. Nur gilt, daß es sie habe, hier gerade von etwas Empirischem und Physischem, wogegen ein Subjekt, das einen Körper hat, gerade nicht auch seinerseits etwas Em­pirisches und Physisches ist. Demgemäß sind umgekehrt auch jene Eigenschaften, nämlich das, von dem dort gilt, daß jenes Physische oder Empirische es habe, ja gerade nicht auch ihrerseits etwas Empirisches und Physisches wie dieser Körper, den ein Subjekt hat. Zumal auch jenes Haben als ein asymmetrisches Verhältnis zwi­schen Physischem oder Empirischem und seinen Eigenschaften nur ein analytisches sein kann, wogegen dieses Haben als ein asymmetrisches Verhältnis zwischen dem Subjekt und seinem Kör­per ein synthetisches sein muß.
Sobald Sie so weit vorgedrungen sind, erkennen Sie dann auch, was sich ergibt, wenn Sie das jeweils Negative des Vergleichs­ergebnisses ins Positive wenden. Denn Sie brauchen nur die Glie­der, die in diesem jeweiligen asymmetrischen Verhältnis zuein­ander stehen, zu vertauschen, um zu sehen, was im Fall eines Subjekts, das einen Körper hat, die Eigenart von diesem Haben ausmacht. Ist doch das Verhältnis zwischen dem Subjekt und seinem Körper in der Tat nur die genaue Umkehrung zu dem Verhältnis zwischen dem Objekt und seiner Eigenschaft. Indem
das Haben als das asymmetrische Verhältnis zwischen beiden näm­lich voll erhalten bleibt, so tauschen beide innerhalb von diesem asymmetrischen Verhältnis auch nur ihre Rollen. Kann doch weder dieser Körper eine Eigenschaft des Subjekts sein noch dieses Sub­jekt wie ein Objekt etwas Physisches oder Empirisches. Wie eine Eigenschaft muß vielmehr umgekehrt dieses Subjekt als Habendes gerade etwas Nichtempirisches und Nichtphysisches sein, und wie ein Objekt muß vielmehr auch umgekehrt gerade dieser Körper als Gehabtes etwas Physisches oder Empirisches sein. Asymmetrisch einen Körper hat ein Subjekt demnach so, wie wenn an Stelle eines Objekts, welches asymmetrisch eine Eigenschaft hat, asymme­trisch eine Eigenschaft ein Objekt hätte, so daß sie als etwas Nichtempirisches und Nichtphysisches auch gerade etwas Phy­sisches oder Empirisches als Körper hätte26.
Weil dazwischen das Verhältnis somit grundsätzlich erhalten bliebe, hätte dies etwas Bemerkenswertes zum Ergebnis. Danach nämlich stünde dann zu einem Körper ein Subjekt genau wie eine Eigenschaft zu einem Objekt in einer Unmittelbarkeit, die sich nicht mehr überbieten läßt. Denn diese übertrifft grundsätzlich jegliche Unmittelbarkeit, die zwischen Objekt und anderem Objekt als Physischem oder Empirischem bestehen kann, weil eine Eigen­schaft von etwas Physischem oder Empirischem gerade nicht ein Teil von diesem Physischen oder Empirischen sein kann. Dann kann sich daran nämlich auch nichts ändern, wenn in der Gestalt von einem Subjekt eine solche Eigenschaft als etwas Nichtempi­risches oder Nichtphysisches zum Habenden wird und ein solches physisches oder empirisches Objekt als Körper zum Gehabten. Und bemerkenswert ist das besonders deshalb, weil dadurch auch jene Differenz von einer Eigenschaft zu ihrem Objekt in Gestalt der Differenz von einem Körper zu einem Subjekt erhalten bliebe, die
26 Auch wenn das hier noch nicht behandelt wird, ergibt sich daraus doch abstrakt noch eine weitere und letzte Möglichkeit für das Verhältnis eines solchen Habens: diejenige für ein asymmetrisch-analytisches, in welchem jedes von den beiden Gliedern eines Habens etwas Nichtempirisches ist. Und konkret verwirklicht ist es als Verhältnis von einein Subjekt zu diesem oder jenem Inhalt innerhalb von sich, wie ein Subjekt es etwa durch »Ich habe eine Rotempfindung« ausdrückt (vgl. dazu C. Friebe 2005, S. 277-284). Zur Grundlegung für diese weitere und letzte Möglichkeit vgl. unten S 23 und 24.
nur eine innerhalb von einer einzigen Identität sein kann, nicht etwa eine zwischen zwei Identitäten.
Letztlich hieße das infolgedessen: Wie ein Objekt in Gestalt von seiner Eigenschaft nur etwas zu sich Anderes bzw. etwas Anderes zu sich ist, sprich: gerade nicht zu etwas Anderem als sich, so auch ein Subjekt in Gestalt von seinem Körper. Und das wäre in der Tat bemerkenswert. Denn dieser Körper eines Subjekts wäre nunmehr anders als die Eigenschaft eines Objekts ja etwas Physisches oder Empirisches und damit etwas Wirklich-Anderes als dieses Subjekt, was die Eigenschaft dem Objekt gegenüber ja gerade nicht ist. Vielmehr ist sie demgemäß nur etwas, worin dieses Objekt selbst sich äußert, wie Sie sahen. Letztlich also hieße das: Auch noch der jeweils eigene Körper eines Subjekts wäre etwas, in Gestalt von dem ein Subjekt selbst sich äußert, wenn es durch sich selbst als das Sich-Ausdehnen oder Sich-Äußern jenes Punktes diesen seinen Körper in Bewegung oder Ruhe setzt bzw. hält, sprich: absichtlich oder intentional. Und grundverschieden wäre diese Art Verhältnis des Subjekts zu seinem eigenen Körper somit gegenüber jeglichem Verhältnis dieses seines eigenen zu jedem anderen, den dieses Subjekt durch den eigenen dann in Bewegung oder Ruhe setzt bzw. hält. Und das ist eben ein so eigentümliches, ja einzigartiges Verhältnis, daß ihm auch nur mittels der Begrifflichkeit, wie wir sie bis hierhin entwickelt haben, beizukommen ist, und nicht mit Verbalismen wie vom »Leib« oder »Leibapriori«, die im Gegenteil bloß dazu führen können, diese Eigentümlichkeit, ja Einzigartigkeit desselben zu verdecken.
Nur hängt die Gesamtheit dessen, was sich mittels dieser Art Begrifflichkeit ermitteln läßt, zuletzt ausschließlich von der Ant­wort auf die Frage ab: In welchem Sinn ist ein Subjekt wie eine Eigenschaft an demjenigen Körper, der sein eigener ist? Nur so kann nämlich dann auch noch verständlich werden, wie denn eine Eigenschaft, sprich: dieses Subjekt, einen Körper habe, und nicht umgekehrt ein Körper eine Eigenschaft, wie bei den Körpern, die nicht Körper von Subjekten sind. Und dieser Sinn hat sich als der von jener stetig neuen Selbstverwirklichung von Subjektivität zu subjektiver Zeit ergeben, mit der stetig neu auch jenes Selbst­bewußtsein der Intentionalität einhergeht, die als solche ausgeht auf die Fremdverwirklichung von Anderem als sich. Als Selbst­verwirklichung tritt danach die Natur in der Gestalt von einem
jeweils hochorganisierten Körper nämlich dadurch auf, daß stetig neu ein Teil von diesem Körper sich zu einem ebenso Entstehen wie Vergehen von einer Bewegung ohne ein Bewegtes umsetzt: einem Fall substratlos-reiner Energie vergleichbar. Wird sie damit doch zu einer ganz bestimmten Form an diesem Körper, den sie dadurch stetig neu dynamisch formt, indem sie ihn intentional oder absichtlich eben in Bewegung oder Ruhe setzt bzw. hält. Zu einer Form wird sie sonach - verglichen mit der Form oder den Formen, welche dieser Körper schon als solcher selbst zu seiner Eigenschaft oder zu seinen Eigenschaften hat - als eine Über-Form bzw. Ober-Eigenschaft an ihm. Mit allen seinen Formen oder Eigenschaften nämlich wird er dann zu etwas, das durch diese Form als die Bewegnngs- oder Ruheform von diesem Körper eben stetig neu auch überformt wird.
Viel zu wenig aber bringt Kant von all dem, was notwendig mit ihr verbunden ist, zum Ausdruck, wenn er in der Regel von der Subjektivität nur als der »Spontaneität« im Sinn der »Selbsttätig­keit« spricht. Ist dadurch doch noch längst nicht ausgeschlossen, daß ein Subjekt, das »spontan« bzw. »selbsttätig« ist, immer noch als etwas dinghaft Fertiges oder Bestehendes gleich jener »res ...« verstanden ist, als das es nicht verständlich werden kann. Denn wirklich ausgeschlossen wird das eben erst durch Subjektivität als jene stetig neue Selbstverwirklichung mit all dem, was zu ihr hinzugehört. Bedeutsam ist es deshalb, daß Kant letztere als Wesen solcher Subjektivität so deutlich wie noch nie zuvor gerade dort zum Ausdruck bringt, wo er versucht, sich das Verhältnis dieser Subjektivität zu ihrem eigenen Körper klarzumachen. Und nicht weniger bedeutsam ist, daß dies gerade im Zusammenhang seiner Moral- und Rechtsphilosophie geschieht, auch wenn es dabei nicht zu voller Durchführung gelangt.
So werden Sie in jenen umfangreichen Texten seiner Vorarbeit zur Rechtsphilosophie denn auch gleich mehr als eine Stelle finden, die genau auf diese Selbstverwirklichung hinausläuft. Aber keine davon hat man bisher ausgewertet, wie es scheint, weil man sie offenbar auch nicht in diesem Sinn verstanden hat. Wie Kants Gedankengang verläuft, erkennen Sie allein schon äußerlich an einer Änderung, die letztlich eine Selbstkritik enthält. Sie ändert nämlich eine Formulierung, die noch kurz zuvor Kant selbst be­nutzt: Er spricht vom Auftreten der menschlichen Subjekte in der
Welt, wohin sie »die Natur oder der Zufall ohne ihre Willkür« setzt, und wählt dafür zunächst die Formulierung, daß sie hier im Sinn einer »Gelangung« jeweils »anlangen«27. Ihm selbst jedoch scheint aufgefallen zu sein, wie sehr dies danach klingen muß, daß Menschen als Subjekte, die schon immer wirklich sind, in diese Welt gelangen, etwa gleich den Seelen, deren jede nach der Theo­rie von Platon jeweils aus dem Jenseits her in einen Körper kommt, was Kant jedoch gewiß nicht meint. Nur daran nämlich kann es liegen, daß er kurz darauf dies grundverschieden davon formuliert, indem er sagt, das Auftreten des Menschen als eines Subjekts erfolge vielmehr in dem Sinn, daß er, »wo oder wann er auch auf Erden« auftritt, überhaupt erst hier »zur Wirklichkeit kommt«28, nämlich hier erst überhaupt entsteht.
Dann aber muß die Art dieses Entstehens, das nur ein Entstehen auf der Grundlage von einem Körper sein kann, und entsprechend das Verhältnis eines so entstehenden Subjekts zu einem, nämlich seinem Körper sich für Kant auch endgültig und unausweichlich als das sachlich-systematische Problem stellen, das es ist. Und mindestens aus einer Stelle - welche in den Texten Kants nicht ihresgleichen hat, bisher jedoch anscheinend nicht beachtet wird -ersehen Sie auch noch, daß und wie es Kant zu lösen sucht. Er spricht hier vom Subjekt als »einem freien Wesen«, von dem undenkbar sei, daß es als ein solches einer Fremdverwirklichung entspringen könnte, wie etwa, »daß es von einem anderen ge­schaffen sei, [...]«, auch nicht von einem »Gott«29, wie nach der Auffassung des Christentums. Den Grund für diese Undenkbar­keit, die als prinzipielle eine Unmöglichkeit nach sich zieht, erblickt er aber keineswegs in Gott, indem er etwa dessen Schöpfertum bestritte. Kant erblickt ihn vielmehr ausschließlich im Menschen, nämlich im Subjekt als »einem freien Wesen«, das ausschließlich wegen dieser seiner Freiheit nicht auf eine Fremdverwirklichung zurückgehen könne. Und das heißt dann positiv, daß dessen Wirk­lichkeit vielmehr aus eben diesem Grund ausschließlich einer Selbstverwirklichung entspringen könne. Denn im Gegenteil hält Kant, um dies unmißverständlich klarzustellen, an dieser Auffas-
27 Vgl. Bd. 23, S. 318, Z. 25 mit S. 319, Z. 1.
28 A.a.O., S. 322, Z. 5-9.
29 Bd. 23, S. 258, Z. 3-5. Vgl. auch Bd. 6, S. 280f.
sung des Christentums von Gottes Schöpfertum ausdrücklich fest. Er trachtet nämlich, auch noch eine Auslegung zu geben, was allein sich unter einem solchen Schöpfertum verstehen lassen könnte. Läßt er dem zitierten Satz doch einen Nachsatz folgen, so daß Kant im ganzen sagt: »Von einem freien Wesen kann man nicht begreifen, daß es von einem anderen geschaffen sei, wohl zwar der Körper, aber nicht sein geistiges Wesen«30.
Die Bedeutung dieser Einsicht aber läßt sich schwerlich über­schätzen, was Sie daran sehen, daß sie unabhängig davon ist, ob Sie von einem Gott als Schöpfer ausgehen. Denn auch dann behält sie ihre Gültigkeit, wenn Sie nur die Natur als Schaffende be­trachten. Tut dies doch auch Kant an der zuvor zitierten Stelle, wo er von den Menschen als Subjekten sagt, es setze »die Natur oder der Zufall« diese »ohne ihre Willkür« in die Welt, und zwar in dem Sinn, daß dadurch ein jedes überhaupt erst hier »zur Wirklichkeit kommt«. Danach nämlich hat dann auch, ja eigentlich gerade für die schaffende Natur zu gelten, daß sie auf dem Weg der Fremdver­wirklichung, auf dem etwas »von einem anderen geschaffen« wird, desgleichen nur den Körper eines Subjekts schaffen kann, doch nicht auch noch ein Subjekt selbst als »geistiges« oder als »freies« Wesen. Dessen Wirklichkeit kann danach vielmehr ebenfalls nur auf dem Weg der Selbstverwirklichung zustande kommen. Dies jedoch ist dann auch von besonderer Bedeutung: nicht allein, weil Körper zweifellos im Zuge der Entwicklung von Natur als schaf­fender durch solche Fremdverwirklichung entstehen, sondern vor allem, weil auch solche Selbstverwirklichung dann eine sein muß, die nur aus Natur heraus erfolgen kann. Und dies bedeutet eben insgesamt: Genau so weit, wie die Natur bloß jenen Weg der Fremdverwirklichung beschreitet, kann sie auch bloß solche Kör­per schaffen, seien sie auch noch so hochkomplex organisiert, nicht aber auch Subjekte noch als »geistige« oder als »freie« Wesen. Dies vermag sie vielmehr nur, indem sie über diesen Weg der Fremdverwirklichung hinaus auch einen Weg der Selbstverwirkli­chung noch einschlägt.
Doch geschieht das eben wohlgemerkt auch nur, indem sie selbst das tut, diese Natur, und nicht etwa ein Anderes als sie
selbst: Weder ein Gott tut das mithin, wie etwa der des Christen­tums. Noch tut das ein Subjekt, als wäre es in dem Sinn, in dem es das täte, diesem Gott gleich etwas Anderes als die Natur, die als der Körper dieses Subjekts auftritt, wie zum Beispiel eine andere »res ...« als die »... extensa« dieses Körpers. Folglich heißt, daß ein Subjekt kein Fall von Fremdverwirklichung sein kann, sondern ein Fall von Selbstverwirklichung sein muß, recht eigentlich, daß in Gestalt von einem Subjekt die Natur dann als ein Fall von Selbst­verwirklichung auftreten muß. Kann sie es doch nach allem, was wir wissen, auch tatsächlich nur auf Grund von einem jeweils hochkomplex organisierten Körper. Denn auf ihm muß auch schon jedes Tier beruhen, das mindestens in dem Sinn ein Subjekt ist, daß es Wahrnehmung von Außenwelt als Wahrnehmungs-bewußtsein von ihr hat und so ihr gegenüber auch die Freiheit der Intentionalität, wie eng beschränkt auch immer deren Spielraum sein mag. Demgemäß muß die Natur, wenn sie das in Gestalt von einem Subjekt tut, es in Gesamtgestalt von einem Körper tun, aus dem heraus ein Subjekt stetig neu als jene ganz besondere Form von diesem Körper erst hervorgeht, und zwar so, daß es als diese Form von ihm mit diesem Körper stetig neu auch nur einhergeht. Denn auch nur als jene reine Form-Dynamik von substratloser Bewegung tritt es an ihm auf, die ohne eigenes Substrat mithin gerade diesen Körper stetig neu erst zum Substrat für sich gewinnt. Indem sie ihn intentional oder absichtlich in Bewegung oder Ruhe setzt bzw. hält, macht sie ihn sozusagen stetig neu zu ihrem eigenen Vehikel. Demgemäß verhält sich ein Subjekt zu seinem Körper eben so unmittelbar, wie eine stetig neue Form zu dem durch sie Geformten sich verhält, das im genannten Sinn ein durch sie stetig neues Überformtes ist".
Nicht also tritt ein Subjekt etwa so an einem Körper auf, als wäre es wie dieser etwas Physisches im Sinne des Empirischen. Es tritt vielmehr als etwas auf, das wie die Form oder die Eigenschaft an einem bloßen Objekt etwas Nichtempirisches an ihm ist: Kann doch auch bereits ein Physiker sich einen Fall substratlos-remer Energie, weil sie als solche nicht mehr wahrzunehmen ist, nur
30 Bd. 23, S. 258, Z. 5-7 (kursiv und Satzzeichen von mir). Vgl. dazu schon Bd. 5, S. 449, Z. 19f.; Bd. 6, S. 142f., S. 280f. mit Anm.
31 Die von mir vorgeschlagene Unterscheidung zwischen einer causa sui als einer ex nihilo und als einer ex aliquo (G. Prauss 1993, S. 970) bleibt für all dies daher auch weiter gültig.
(Grundlagen unseres Handelns
noch als etwas Nichtempirisch-Physisches verständlich machen, so daß dafür letztlich auch nur die Naturphilosophie als Wissenschaft noch zuständig sein kann52. Und so ist dieses Auftreten eines Subjekts an einem Körper auch nicht etwas, das gleich einem Teil zur Wirklichkeit des Körpers etwa noch hinzuträte als eine eigene und zusätzliche solche Wirklichkeit: Zumal es ja im Gegenteil gerade dadurch auftritt, daß ein Teil von diesem Körper stetig neu zu diesem Subjekt selbst sich umsetzt, so daß dieser Körper ihn dabei als Teil von sich verliert. Aus einem Körper tritt es vielmehr als die stetig neue und auch neuartige Wirklichkeit der Form im Sinn der Formung oder Überformung dieses Körpers auf, so daß ein Subjekt dabei überhaupt nur wirklich ist, indem es als das Überformen eines Körpers wirkend ist, den es intentional oder absichtlich eben in Bewegung oder Ruhe setzt bzw. hält.
Daher ist die Natur als Selbstverwirklichung zu solcher Über­formung eines Körpers ein Subjekt auch nur, indem sie als Subjekt aus diesem Körper nicht allein hervorgeht, sondern mit ihm auch einhergeht, nämlich dahin geht, daß sie als Subjekt in ihm oder an ihm selbst sieb äußert, worin sie sonach nur zu sich Anderes oder nur Anderes zu sich ist. Sogar soweit nämlich tut und ist sie das danach, daß sie als eben die Dynamik von substratloser Bewegung einer Formung, als die sie ja unwahrnehmbar ist und bleibt, sich in dem oder an dem Körper, den sie formt und dadurch zum Substrat erst macht, dann auch noch wahrnehmbar, bemerkbar macht, sprich: in ihm oder an ihm als intentional oder absichtlich ruhen­dem bzw. sich bewegendem. Ein »geistiges« und »freies« Wesen ist ein Subjekt denn auch nur, indem durch solche Selbstverwirkli­chung sich die Natur in der Gesamtgestalt eines in diesem Sinne ruhenden oder bewegten Körpers stetig neu zu so etwas wie »Geist« und »Freiheit« selbst gerade erst erstellt und somit dadurch erst sich auf sich selbst stellt, nämlich selbständig erst wird, indem sie selbst sich selbständig erst macht.
Entsprechend ist sie als Subjekt an einem Körper auch gerade dasjenige, was dynamisch einen Körper stetig neu zu seinem Kör­per überhaupt erst macht, den es darum auch nur in diesem Sinn als seinen Körper hat, nämlich synthetisch, und nicht etwa wie ein bloßes Objekt eine Form bzw. Eigenschaft bloß analytisch hat.
32 Vgl. dazu etwa H. Hertz 1999, S. 112; ferner: G. Prauss 2000h.
Daher ist dieses Haben dann auch nur ein asymmetrisches, wonach nur dieses Subjekt einen Körper hat, nicht etwa ein symmetrisches, als hätte umgekehrt auch dieser Körper ein Subjekt. Deswegen gilt von diesem Körper her, daß er ein Subjekt ist - so wie ein Körper eben rot oder ein Baum ist -, und nicht etwa gilt von diesem Körper her, daß er ein Subjekt hat. Gilt das doch bis einschließlich eines Körpers, wie er als Subjekt von Zeichen oder Sprache jeweils Sinn oder Bedeutung ist, nicht hat*3. Und das obwohl von diesem Subjekt her gilt, daß es diesen Körper hat, nicht etwa dieser Körper ist: so wie ein Körper eben Röte oder Baumform hat, nicht ist.
Gerade darin unterscheidet sich vielmehr ein Körper, der ein bloßes Objekt ist, von einem Körper, der ein Subjekt ist, grundsätz­lich. Denn in einem Fall, in dem ein Körper bloßes Objekt ist, ist es der Körper, der die Eigenschaft oder die Form hat, zu der sich denn auch gerade analytisch übergehen läßt. In einem Fall jedoch, in dem ein Körper ein Subjekt ist, ist es umgekehrt dieses Subjekt, das diesen Körper hat; nicht etwa ist es dieser Körper, der dieses Subjekt hat, zu dem sich daher auch grundsätzlich nicht analytisch übergehen läßt. Und dies obwohl auch es nur so etwas wie eine Eigenschaft bzw. Form an diesem Körper ist, weswegen es gleich ihr nur etwas Nichtempirisches an ihm sein kann; und auch ob­wohl der Körper durch die Form bzw. Eigenschaft nicht nur im einen Fall als etwas Rotes oder als ein Baum zu etwas Wahr­nehmbaren wird, sondern im ändern Fall auch als ein Subjekt. Denn im letzten Fall wird er zu einem wahrnehmbaren Subjekt dann von Grund auf anders als im ersten Fall zu einem wahr­nehmbaren Roten oder Baum, gerade weil sich anders als im ersten Fall nicht analytisch zum Subjekt als Form bzw. Eigenschaft an diesem Körper übergehen läßt. Denn so gewiß er dieses Subjekt ist, nicht hat, so doch auch nur in dem Sinn, in dem vielmehr umgekehrt gerade dieses Subjekt diesen Körper hat, nämlich syn­thetisch, und nicht etwa analytisch, wie der Körper, der ein bloßes Objekt ist, die Form bzw. Eigenschaft hat. Nur synthetisch nämlich kann ein Subjekt einen Körper haben, weil auch nur, indem es auf genannte Weise einen Körper stetig neu zu seinem Körper macht, so daß es stetig neu auch nur synthetisch sich zu einem in Gestalt von diesem Körper wahrnehmbaren Subjekt machen kann.
33 Vgl. G. Prauss 1990, §5, und G. Prauss 1993, §22.
Zu einem in Gestalt von diesem Körper auch tatsächlich wahr­genommenen Subjekt kann es aus diesem Grund dann aber eben gleichfalls nur synthetisch werden, nämlich nur, indem synthetisch zwischen den verkörperten Subjekten jener ursprüngliche generelle Animismus vor sich geht, für den wir damit eine weitere Her­leitung gewinnen. Analytisch nämlich ist an einem Körper, der für sich genommen bloß ein Objekt ist, ein Subjekt nun einmal auf keine Weise zu ermitteln, sondern eben nur synthetisch, weil auch nur, indem das analytisch an ihm zu Ermittelnde bereits von vornherein bezogen wird auf ein Subjekt als ein schon immer unterstelltes. Deshalb muß das auch schon bei den Tieren vor sich gehen, doch erst recht dann bei uns Menschen, die wir über diesen ursprünglichen generellen Animismus noch hinaus zu jenem abge­leiteten speziellen übergehen.
Bis in Einzelheiten unseres Umgangs miteinander können Sie das denn auch nachvollziehen. Sprechen Sie von einem wahr­genommenen Subjekt, so nehmen Sie Bezug auf einen Körper, beispielsweise dadurch, daß Sie auf ihn zeigen, wenn Sie sagen: »Dies ist Herr Gebauer...«. Denn auf ein Subjekt im Unterschied zu einem Körper können Sie genausowenig zeigen wie auf eine Form bzw. Eigenschaft im Unterschied zu einem Objekt. Dennoch sprechen Sie dabei ausschließlich über Herrn Gebauer, ein Subjekt, weil dieser Körper dieses Subjekt ist, von dem Sie etwa weiter sagen: »Dies ist Herr Gebauer, und er pflückt gerade einen Apfel«. Unterstellen Sie dabei doch synthetisch, daß dieses Subjekt syn­thetisch dies mit Hilfe eines Körpers tut, weil es dabei synthetisch einen Körper als den seinen hat, indem es ihn dabei synthetisch zu dem seinen macht. Das tut es danach nämlich so, daß es sich selbst in ihm verkörpert und sonach genau in diesem Sinn mit seinem Körper absichtlich oder intentional verfährt. Doch was bei diesem bloßen Unterstellen selbst nur implizit oder intuitiv bleibt, das wird eben auch noch explizit und diskursiv, indem darauf auch solches Reflektieren noch erfolgt, wie wir es hier vollziehen.
Dazu ist denn auch der ganze Umfang an Begrifflichkeit er­forderlich, die wir entwickeln mußten, weil sie Kant noch fehlt. Trotz seiner grundsätzlichen Einsicht in die Selbstverwirklichung des Subjekts kann er deshalb das Verhältnis dieses Subjekts zum je eigenen Körper nicht erklären und darum auch nicht das Verhältnis von Subjekt zu anderem Subjekt, wie es als Intersubjektivität ein
Unser Verhältnis m den Körpern, die ivlr als Subjekte haben
Faktum ist. Nur eben eines, dem empirisch-empiristisch prinzipiell nicht beizukommen ist und das dogmatische Empiriker und Em­piristen deshalb eher zu verleugnen pflegen als sich selbstkritisch zu überprüfen'4. Nicht verwundern wird Sie deshalb, daß diese Begrifflichkeit der Reflexion auf all dies auch noch zum Verständ­nis dessen nötig ist, in welchem Sinn das Haben von etwas auch noch ein »rechtliches« sein kann.
Hier hatte Kant, wie Sie erinnern werden, sich in eine Schwierig­keit verstrickt. Unter der Gattung eines rechtlichen Besitzens oder Habens hatte er versucht, verschiedene Arten davon zu spezifizie­ren, nämlich ein »physisches«, »empirisches« und »sinnliches« Be­sitzen oder Haben einerseits und ein »intelligibles« anderseits31. Denn ungeklärt blieb dabei: Wie denn soll das »Physische«, »Em­pirische« bzw. »Sinnliche« eines Besitzens oder Habens überhaupt imstande sein, das »Rechtliche« dieses Besitzens oder Habens zu spezifizieren, wenn der letzte Grund für dieses »Rechtliche« des­selben ein Besitzen oder Haben sein soll, das doch seinerseits nur ein »intelligibles« sein kann, nämlich das des jeweils eigenen Kör­pers eines Subjekts? Ist doch die »Verbundenheit«, die eine recht­liche »Lädierbarkeit« begründen soll, zuletzt nur die Verbundenheit eines Subjekts mit seinem eigenen Körper, weil allem durch ihn auch noch mit anderen Körpern als dem eigenen »Verbundenheit« bestehen kann und somit auch noch weitergehende rechtliche »Lädierbarkeit«. Diese Verbundenheit mit dem je eigenen Körper eines Subjekts aber ist nach Kant im Sinn eines »Vernunftbesitzes« etwas nur »Intelligibles«, doch durchaus nicht etwas »Physisches« oder »Empirisches« bzw. »Sinnliches«. Denn dieser Körper dieses Subjekts ist ja ein von diesem Subjekt auch »nur ... unterschiede­ner«, nicht etwa ein auch noch an räumlich-zeitlich »anderer Stelle« als dieses Subjekt »befindlicher«'6.
Nur hatte Kant dies alles nicht nur nicht mehr weiter ausgeführt, so daß es für uns galt, in seinem Sinn dies alles nachzuholen. Er hatte es aus diesem Grund vielmehr geradezu verdeckt, weil er von diesem Urgrund allen Rechtes immer wieder so zu sprechen pflegte, als ob e-r im Sinn eines »Naturrechts« etwas »Angeborenes«
34 Vergleichen Sie dazu etwa den Überblick bei J. Horgan 1997, Kap. 7.
35 Vgl. oben S. 655 ff.
36 Vgl. nochmals a.a.O., S. 53.
wäre , was bis heute seine Ausleger sogar noch weiter, ja noch bis zum Äußersten vergröbern: Über das Besitzen oder Haben des je eigenen Körpers als etwas »Intelligibles«, das zur eigentlichen Auf­fassung von Kant geradezu den Weg weist, setzt man sich so weit hinweg, daß man sogar im Gegenteil vertritt, Kant gelte der Besitz des jeweils eigenen Körpers als ein »physischer«'8 oder »empi­rischer«'9. Von seinem Körper wäre ein Subjekt danach der »physi­sche Besitzer«, welcher etwas in dem Sinn be-sitzt, daß er buch­stäblich darauf sitzt und somit eben »physisch« und »empirisch« und auch »sinnlich«-wahrnehmbar, wie etwa, wenn er »einen Ap­fel« jeweils »in der Hand« hält.
Davon aber kann nun wirklich keine Rede sein, daß ein Subjekt, das einen Körper zu dem seinen hat, ihn Kant zufolge etwa derart hätte, wie es durch den eigenen Körper einen anderen Körper hat gleich diesem Apfel. Dazu nämlich müßte ein Subjekt von seinem Körper in der Tat wie eine »res ...« von einer ändern »res ...« sich unterscheiden, nämlich »sinnlich«-wahrnehmbar, was Kant jedoch gerade ausschließt. Denn er sagt, daß dieses Haben als »Ver­nunftbesitz« vielmehr nur ein »intelligiblcs« sei, weil ein Subjekt »nur unterschieden« sei von seinem Körper, aber nicht auch noch an einer räumlich-zeitlich »anderen Stelle« als sein Körper. Und genau in diesem Sinn kann denn auch davon keine Rede sein, als müßte zwischen einer Form und dem durch sie Geformten, nur weil zwischen ihnen eine Grundverschiedenheit besteht, auch das Verhältnis einer räumlich-zeitlich »anderen Stelle« noch bestehen. Deshalb gilt das voll und ganz auch noch für das Subjekt als Form im Sinn der Formung oder Überformung eines, nämlich seines Körpers. Denn auch als substratlos-reine Energie an diesem Kör­per, die ihn absichtlich oder intentional in Ruhe oder in Bewegung setzt bzw. hält, ist ein Subjekt bei aller Grundverschiedenheit von ihm doch keineswegs an einer räumlich-zeitlich anderen Stelle als sein Körper, auch nicht zeitlich. Durch ein Subjekt als die stetig neue Energie an ihm ist dieser Körper nämlich, wann auch immer sie in diesem Sinn mit ihm einhergeht, eben damit auch schon
37 Vgl. z.B. Bd. 6, S. 237f., S. 242; Bd. 23, S. 219f., S. 224, S. 235, S. 28 l
S. 320, S. 322.
38 Vgl. W. Kersting 1984, S. 116f. mehrfach.
39 O. Hoffe 1999, S. 49.
immer absichtlich oder intentional in Ruhe oder in Bewegung als Bewegungs- oder Ruhe-Form von ihm.
Daß Kant dies nicht mehr voll zu Ende denkt und daher in Versuchung kommt, sich diesen Urgrund allen Rechtes abermals wie etwas »Angeborenes« im Sinn eines »Naturrechts« vorzu­stellen, wird Sie deshalb bei genauerer Betrachtung nicht ver­kennen lassen: Mindest seinem Ansatz nach geht Kant gerade in die umgekehrte Richtung, als die seine Ausleger ihm unterstellen. Bei Durchführung desselben hätte Kant es danach vielmehr umge­kehrt gerade in der Hand gehabt, mit jener Überlieferung der unhaltbaren Lehre vom »Naturrecht« erstmals gründlich aufzu­räumen. Dieser Urgrund allen Rechtes ist dann nämlich überhaupt nichts anderes als die Dynamik solcher Subjektivität oder Inten-tionalität als jener stetig neuen Selbstverkörperung. Zu ihr gestaltet die Natur sich nicht, wie sie zu einem bloßen Körper sich gestaltet, nämlich auf dem Weg der Fremdverwirklichung, sondern allein im Anschluß daran auf dem Weg der Selbstverwirklichung. Und auch nur aus all dem, wozu sie sich durch solche Selbstverwirklichung gestaltet, kann dann so etwas wie Recht aus ihr entspringen, so daß sie auch dazu stetig neu erst immer als diese Dynamik wird. Es handelt sich bei ihm sonach gerade nicht um so etwas wie ein »Naturrecht«, das als etwas »Angeborenes« mit der Natur des bloßen Körpers eines Subjekts schon gegeben wäre und bestehen würde, wie etwa die Chromosomenzahl.
Doch damit längst noch nicht genug: Wie wenig dieser Urgrund allen Rechtes etwas Statisches, wie sehr er vielmehr nur etwas Dynamisches sein kann, tritt Ihnen erst vor Augen, wenn Sie weiter jene Einsicht mit in Rechnung stellen, die Kant noch fehlt und ihn daher am Weiterkommen hindert: Es besteht für uns kein Grund zur Annahme, daß solche Subjektivität als die Dynamik der Intentionalität mit allem, was zu ihr hinzugehört, beschränkt auf uns, die Menschen, wäre. Es bestehen vielmehr umgekehrt gerade Gründe für uns, anzunehmen, daß dies alles auch schon bei den Tieren vor sich geht, die Wahrnehmung von Außenwelt als Wahr-nehmungsbewußtsein haben. Deshalb müssen sie, dem letzteren zugrunde liegend, auch schon Selbstbewußtsein haben, das auch noch zu jener InterSubjektivität des ursprünglichen generellen Ani-mismus führt. Gleichwohl ist dies für uns noch überhaupt kein Grund, auch diese Tiere schon zu derjenigen InterSubjektivität
gehörig zu betrachten, die wir zwischen uns, den Menschen, als den Inbegriff der Rerfosverhäitnisse von jedem gegenüber jedem ansehen; ist doch danach jeder von uns nicht nur ein Subjekt, wie im genannten Sinn schon jedes Tier, sondern auch noch ein Rectesubjekt. Gemäß dem Selbstverständnis unserer Intersubjek-tivität des Rechtes fällt es uns vielmehr entsprechend schwer, auch einem Tier wie einem Menschen so etwas wie Rechte zuzuspre­chen, und zwar weder in dem Sinn eines »Naturrechts« noch auch eines »positiven Rechts«.
Erst wenn Sie auch noch darauf reflektieren, warum wir dies im einen Fall nicht tun, im anderen Fall jedoch sehr wohl, obgleich es sich in jedem Fall doch um Subjekte handelt, sehen Sie: In unserem Fall ist dieser Grund dafür erneut nur der, daß wir nicht bloß Subjekte sind, sondern gerade die Subjekte sind, die von sich als Subjekten auch noch wissen, weil sie sich als jenen »Geist« und jene »Freiheit« der Intentionalität von Subjektivität auch noch vergegen­ständlichen, thematisieren und erkennen. Demgemäß sind wir Subjekte, die gerade nicht nur Selbstbewußtsein von sich haben, wie die Tiere, sondern auch noch Selbsterkenntnis von sich haben. Diese nämlich tritt erst in Gestalt von jenem »Ich ...« auf, das nicht schon der Ausdruck eines bloßen Selbstbewußtseins, sondern erst der Ausdruck einer Selbsterkenntnis eines Selbstbewußtseins ist.
Womöglich noch grundsätzlicher als von dem ersteren gilt aber von der letzteren, daß sie nur etwas durch und durch Dynamisches sein kann, wohinter sich im Ansatz schon die Anstrengung der Reflexion verbirgt. Denn schon das Selbstbewußtsein der Inten­tionalität, durch das allein auch jedes Fremdbewußtsein überhaupt Bewußtsein ist, kann nur in etwas durch und durch Dynamischem bestehen. Das erweist sich Ihnen unter anderem daran, daß wir es bei Störung seiner körperlichen Grundlage »verlieren« können, wie etwa im »Koma«, und nach der Beseitigung der Störung auch wieder »zurückgewinnen« können. Das ist nämlich nur verständ­lich, weil auch das »Bestehen« von Bewußtsein doch recht eigent­lich das stetig neue ebenso Entstehen wie Vergehen als Ergeben von Intentionalitätsbewußtsein ist, da es ursprünglich ja gerade das Bewußtsein des Subjekts von sich als Zeit ist.
Selbst in Fällen nämlich, wo ein solches bloßes Selbstbewußtsein niemals zwischendurch auch einmal aus- und wieder einsetzt, sondern anhält, ist verglichen damit eine Selbsterkenntnis davon,
die durch so etwas wie »Ich...« zum Ausdruck kommt, gerade etwas, das ganz grundsätzlich nur hin und wieder möglich ist, indem es einsetzt und auch wieder aussetzt, aber niemals etwa anhält. Ist doch eine ausdrückliche »Ich...«- Einstellung wegen ihrer Anstrengung auch gar nicht durchzuhalten. Denn dazu ge­hört die Überwindung der Intentionalität, mit der wir wie die Tiere immer wieder erst einmal bei Wirklich-Anderem der Außenwelt sind, das als der Erfolg dieser Intentionalität von Subjektivität die Grundlage für deren Lebensfristung ist.
Mag die Erweiterung auch noch zu einer solchen Selbste?'-kenntnis eines Selbstbewußtseins aber noch so grundsätzlich nur hin und wieder möglich sein, so ist es doch auch nur dieses Dynamische derselben, wodurch ein Subjekt sich auch zu einem Rechtssub)ekt erst selbst erstellt. Zu einem Rechtssubjekt wird es gerade nicht schon dadurch, daß es zu einem Subjekt mit Selbst­bewußtsein der Intentionalität wird, das in einem Körper auf genannte Art sich selbst verkörpert, wie das auch schon Tiere als Subjekte tun. Zu einem Rechtssubjekt wird es vielmehr erst da­durch, daß es als sich selbst verkörperndes Subjekt mit Selbst­bewußtsein der Intentionalität sich auch noch selbst thematisch wird, indem es sich als solches auch vergegenständlicht und erkennt und so von sich als solchem eben auch noch weiß, wie Tiere als Subjekte das noch nicht tun.
Dann jedoch wird es dabei zu einem Rec/jfcsubjekt als Urgrund allen Rechtes auch nicht etwa so, daß es durch solche Selbster­kenntnis von sich als Subjekt etwas erkennen würde, das als Recht schon immer an ihm oder in ihm wie ein »angeborenes Natur­recht« vorgegeben und in Geltung wäre40. Denn sonst müßte das auch schon bei jedem Tiersubjekt der Fall sein, wovon aber nichts bekannt ist. Dazu wird ein solches Subjekt vielmehr nur, indem es sich dadurch zu einem Rechtssubjekt auch selber überhaupt erst macht, weil es ein Recht für sich als ein Subjekt mit Selbstbewußt­sein der Intentionalität durch seine Selbsterkenntnis überhaupt erst setzt, nämlich für sich in Anspruch nimmt und so in Geltung setzt.
40 Wie ein Subjekt auch nicht als »ein Ich« schon immer vorgegeben ist, weshalb es sich auch nicht erst immer als ein solches feststellt, wenn es »Ich ...« denkt. Vielmehr wird es immer erst durch so ein »Ich ...« dann zu einem durch sich auch noch thematisierten Subjekt (vgl. oben § 15 und unten H 23-24).
Grundlagen unseres / landelns
Entsprechend kann auch nur als etwas, das auf diese Art zur Geltung überhaupt erst kommt, dann so etwas wie Recht ent­springen und nicht etwa dem vorweg bereits bestehen. Geht doch solche Setzung eines Rechts als eines dadurch allererst Gesetzten dann gerade dahin, daß ein Subjekt sich als die auch noch erkannte Freiheit der Intentionalität zu einer auch noch anerkannten durch die anderen Subjekte machen will.
Was solches ursprüngliches Recht als Urgrund alles weiteren ausmacht, ist infolgedessen auch nur die Dynamik eines Subjekts, das auf Grund seiner Erkenntnis semer Freiheit auch die Anerken­nung und die Achtung dieser Freiheit durch die anderen Subjekte noch in Anspruch nimmt und so in Geltung setzt. Nicht also ist es etwa ein »Naturrecht«, das als »angeborenes« bereits bestünde. Auch schon dieses ursprüngliche Recht ist vielmehr »positives Recht« in vollem Sinn, von dem es aber noch bis heute fälschlich als »Naturrecht« unterschieden wird, weil es angeblich ein »nicht­positives« oder gar ein »überpositives« Recht sei, was jedoch un­haltbar ist, weil darin das Subjekt noch immer als »möbliertes Zimmer« mißverstanden wird. Der eigentliche Unterschied dazwi­schen ist vielmehr nur der von einem positiven Recht, das jedes solche Subjekt immer schon als einzelnes von sich aus setzt, als Urrecht, und von einem positiven Recht als daraus abgeleitetem, das jedes solche Subjekt immer erst mit anderen gemeinsam setzen kann: in einem Staat als einer Rechtsordnung41.
Genau in diesem Sinn ergibt sich Ihnen somit auch noch die Erklärung dafür, weshalb, einen Körper bloß zu haben oder zu besitzen, noch in keinem Sinn ein rechtliches Besitzen oder Haben sein kann. Einen Körper nämlich hat oder besitzt in diesem Sinn ja nicht nur jeder Mensch, sondern auch jedes Tier, doch ohne daß dies schon in irgendeinem Sinn ein rechtliches Besitzen oder Ha­ben wäre, auch beim Menschen nicht. In beiden Fällen ist Besitzen oder Haben eines Körpers nämlich nichts als bloßes Auftreten eines Subjekts in der Gestalt von diesem Körper. Als Intentionalität tritt ein Subjekt entsprechend so auf, daß es dann mit seinem
41 Dieses Urrecht wird sich denn auch als der generelle Urgrund für eine spezielle rechtliche oder moralische Verpflichtung von uns zeigen (vgl unten § 17 und §25).
Körper auch mtentional verfährt, was ja im Zuge von »Versuch und Fehlschlag« auch ein Tier schon tut.
Durchaus nicht also ist schon immer dadurch, daß so ein Subjekt bloß auftritt, das Besitzen oder Haben seines Körpers in dem Sinn von somit »angeborenem Naturrecht« etwa rechtliches Besitzen oder Haben dieses Körpers, das daraus schon »analytisch« folgen würde42. Vielmehr wird erst immer dadurch, daß ein auftretendes Subjekt sich als Willensfreiheit der Intentionalität auch noch er­kennt und weiß, dieses Besitzen oder Haben seines Körpers dann zu einem rechtlichen im ursprünglichen Sinn von »positivem Recht«. Denn erst ein Subjekt, welches sich in diesem Sinn als solches selbst auch noch synthetisch-zusätzlich thematisch wird, erhebt dann eben damit auch synthetisch-zusätzlich noch jenen Anspruch auf die Anerkennung und die Achtung für sich selbst als dieses Subjekt, und das heißt ursprünglich: auf und für die Un­antastbarkeit von seinem Körper. Folglich kann erst daraus dann auch nur synthetisch-zusätzlich das Haben oder das Besitzen sei­nes eigenen Körpers auch noch als ein rechtliches entspringen, nicht etwa schon »analytisch« aus dem Haben oder dem Besitzen bloß als solchem. Deshalb ist es als ein rechtliches auch erst durch Reflexion auf dies Synthetisch-Zusätzliche zu begründen oder herzuleiten.
Entscheidend dafür ist sonach noch nicht jenes Synthetische, daß ein Subjekt an einem Körper auftritt und ihn daher hat oder besitzt, wie schon ein Tier. Entscheidend dafür ist vielmehr erst dieses weitere Synthetische, daß so ein Subjekt sich als solches selbst auch noch erkennt und weiß, wie erst ein Mensch. Aus diesem Grund geschieht das alles denn auch nur bei Tieren wie bei uns, die wir nur dadurch unser Menschsein auch vollziehen43. Somit hätte Kant die unhaltbare Theorie von einem »angeborenen
42 Wie Kant meint, vgl. z.B. Bd. 6, S. 249 f., Bd. 23, S. 219.
43 Das Kriterium für Menschsein ist entsprechend auch bereits die Fähig­
keit dazu als Möglichkeit dafür, nicht erst die Wirklichkeit davon in der
Gestalt von aktualcm »Ich ...«. Denn letzteres ist niemals so etwas wie ein
Bestand, der ein für alle Mal und damit durchgehend gegeben wäre. Als
jene Dynamik ist es vielmehr immer etwas, das nur hm und wieder auftritt.
Hinge Menschsein davon ab, dann würde so viel Unhaltbares folgen, daß
dies als Kriterium nicht in Frage kommen kann. Vgl. dazu unten § 25.
Naturrecht«, welches sinnwidrigerweise dann auch schon für bloße Tiere gelten müßte, überwinden können, was ihm letztlich aber nicht gelungen ist. Nicht zufällig ist Kant daher auch nicht bis zur Begründung oder Herleitung von so etwas wie Recht und recht­lichem Besitz in unserer Welt gekommen, weil das zirkelfrei des­gleichen nur aus diesem Grund und nur in diesem Sinn von ursprünglicher Menschwerdung heraus begründbar oder herleitbar sein kann.
Daraus ersehen Sie, weshalb er auch im Rahmen seiner Rechts­philosophie von vornherein nur die »Vernunftwesen« zugrunde legt, die auch nur im »Vernunftbesitz« von ihren Körpern sind. Er meint damit — doch ohne dies je hinreichend zu explizieren — ebenfalls nur die Subjekte, die nicht bloßes Selbstbewußtsein ihrer Freiheit der Intentionalität besitzen, sondern zusätzlich-synthetisch auch noch Selbsterkenntnis davon. Dann ersehen Sie daraus je­doch erst recht: Selbst wenn diese Dynamik, auf der all dies eigentlich beruht, bis hin zur aktualen »Ich ...«-Einstellung wirklich ist, kann der »Vernunftbesitz« von einem Körper durch ein solches Subjekt, das sich selbst in ihm verkörpert, nur etwas »Intelligibles« sein.
Daher kann auch das ursprüngliche Recht von einem solchen Subjekt auf die Unantastbarkeit von diesem seinem Körper nur etwas »Intelligibles« sein und nicht etwa ein »angeborenes Natur­recht«, das wie jene Chromosomenzahl als etwas »Physisches« oder »Empirisches« auch etwas »Sinnlich«-Wahrnehmbares wäre. Daraus geht für Sie hervor: Auch jeder sogenannte »physische« oder »empirische« Besitz von etwas, der angeblich auch ein »sinn­lich «-wahrnehmbarer sei, wie etwa jenes Halten eines Apfels in der eigenen Hand, kann deshalb als ein rechtlicher Besitz nur ein »intelligibler« sein. Das »Sinnlich«-Wahrnehmbare als das »Physi­sche« oder »Empirische« eines Besitzes kann infolgedessen auch grundsätzlich nicht imstande sein, das Rechtliche dieses Besitzes zu spezifizieren, weil auch hier das Rechtliche dieses Besitzes nur etwas »Intelligibles« sein kann. Denn bereits von Anbeginn — schon vom Besitzen oder Haben des je eigenen Körpers her - ist das Besitzen von etwas gerade kein Verhältnis, das gleich einem »phy­sischen« oder »empirischen« ein »sinnlich«-wahrnehmbares wäre. Müßte dies doch sonst bedeuten, daß sich innerhalb der Ganzheit, innerhalb von der ein Subjekt einen Körper hat, dieses Subjekt zu
Unser Verhältnis zu den Kör/>em, die wir als Subjekte haben
seinem Körper so verhält, wie innerhalb der Ganzheit eines Baums ein Stamm zu seinen Asten oder Wurzeln sich verhält, was aber eben Unsinn wäre.
Daran sehen Sie denn auch, wie unsinnig es ist, nicht nur zu meinen, jener angebliche rechtliche Besitz des jeweils eigenen Kör­pers eines Subjekts gelte Kant als »physischer« oder »empirischer« und »sinnlich«-wahrnehrnbarer; folglich sei auch der Besitz von ändern Körpern als dem eigenen, wie das Halten jenes Apfels, als ein »sinnlich«-wahrnehmbarer »physischer« oder »empirischer« Be­sitz Spezialfall eines rechtlichen Besitzes, wenn auch bloß eines »naturrechtlichen«. Vielmehr ist es dann nicht minder unsinnig, wenn man genau entsprechend meint, erst »Eigentum« als ein nicht »sinnlich«-wahrnehmbarer, weil nicht »physischer« oder »em­pirischer« Besitz sei Kant zufolge ein »intelligibler«, da er nicht mehr durch »Naturrecht« zu begründen sein kann, sondern nur im Rahmen einer »Rechtsordnung« durch »positives Recht«44. In Wahrheit nämlich ist das eine so unhaltbar wie das andere, wenn Sie den Ansatz Kants zu Ende denken.
Denn wie ausgeführt, ist bloßes Haben des je eigenen Körpers noch in keinem Sinn ein rechtlicher Besitz, auch kein »natur­rechtlicher«, in dem unsinnigerweise sonst auch Tiere wären. Die­ses Haben des je eigenen Körpers ist vielmehr bloß das, aus dem ein rechtlicher Besitz erst dadurch wird, daß ein Subjekt sich als das einen Körper habende auch noch erkennt und weiß und daher dann auch noch die Anerkennung davon und die Achtung dafür fordert. Dennoch ist und bleibt auch dieser letztere als der ur­sprünglich-rechtliche Besitz des jeweils eigenen Körpers ein be­sonderer, nämlich zwar nicht als naturrechtlicher, aber sehr wohl wie naturrechtlicher. Denn als bloßer Grund für jeden weiteren rechtlichen, wie etwa »physischen Besitz« oder wie »Eigentum«, ist er noch keins von beidem. Und tatsächlich ist, obwohl schon rechtlicher Besitz, dieser ursprünglich-rechtliche Besitz des jeweils
44 Das Entsprechende an Unklarheit herrscht noch bis heute. Auch unter Juristen nämlich ist bis heute noch umstritten, ob und — wenn ]a — wie ein physischer »Besitz« im Unterschied zum »Eigentum« denn überhaupt ein Fall von Recht sei. Vgl. dazu C. Crcifelds 2004, s.v. »Besitz«.
eigenen Körpers weder »physischer Besitz« noch »Eigentum« des jeweils eigenen Körpers45.
Von Anfang an - von jenem Recht auf Unantastbarkeit des jeweils eigenen Körpers eines Subjekts an - ist demnach so etwas wie Recht nur »positives« Recht und so auch nur »intelligibles« Recht, was dann für jedes weitergehende Recht im Sinn von intersubjektiv gesetzter »Rechtsordnung« genauso gelten muß. Bloß darin nämlich ist dann Recht im Sinn von solcher »Rechts­ordnung« etwas Empirisches, daß es in Dokumenten aller Art auch »festgehalten« und so »festzustellen« ist. Das ändert aber überhaupt nichts daran, daß der grundsätzliche Rechtscharakter von all dem etwas gerade Nichtempirisches, weil nur »Intelligibles« ist und bleibt. Denn grundlegend für all die vielfältigen positiven »Rechte« und »Gesetze« einer »Rechtsordnung« ist überhaupt nichts anderes als jenes ursprüngliche positive Recht, das jedes einzelne ver­körperte Subjekt aus sich heraus zur Geltung bringt, indem es aus Erkenntnis seiner Freiheit der Intentionalität die Anerkennung und die Achtung dieser Freiheit durch die anderen Subjekte will, die ebenfalls Erkenntnis ihrer Freiheit haben. Letztlich also führt Sie das zur Einsicht: Bilden kann sich dieser ganze Rechtsbereich -vom jeweils ursprünglichen positiven Recht des einzelnen Subjekts bis hm zu allen weiteren positiven Rechten und Gesetzen einer »Rechtsordnung« - nur unter jener nichtempirischen Vorausset­zung von jenem abgeleiteten speziellen Animismus. Ihm gemäß gehen die Subjekte, die auf sich als solche reflektieren, davon aus, daß auch die anderen Subjekte noch auf sich als solche reflektie­ren.
Förmlich der Beweis dafür ergibt sich Ihnen, wenn Sie jene Frage zu beantworten versuchen: Was bedeutet eigentlich jene »Lädier-barkeit«, die wegen der »Verbundenheit« eines Subjekts mit einem
45 Genau an dieser Stelle unterläuft schon Bouterwek (vgl. oben S. 658 Anm. 15) ein Irrtum. Denn mit seiner Frage, was jene Lädierbarkeit als Ursprung jeder Rechtlichkeit bedeute, meint er, Kant bei einem Zirkel zu ertappen. Kritisch nämlich fährt er fort: »Setzt der Begriff der juristischen Läsion nicht den Begriff des Mein und Dein voraus?«. So richtig er dies aber sieht, so übersieht er dabei doch gerade das Entscheidende: Das Mein und Dein, das Kant am Anfang in der Tat voraussetzt, ist nur das des jeweils eigenen Körpers eines Subjekts. Dieses Haben aber ist als solches noch kein rechtliches, so daß ein rechtliches auch zirkelfrei aus ihm ge­wonnen werden kann, wie hergeleitet.
Körper, den es als den seinen hat, bestehen muß, wenn jede davon eine »rechtliche« sein soll. Heißt doch »Lädierbarkeit« zunächst einmal nichts anderes als »Verletzbarkeit«: Zumal auch durchaus sinnvoll ist, von einer solchen auszugehen, da die »Verbundenheit« ja die eines Subjekts mit einem Körper ist, der in der Tat »verletz­bar« ist, und auch von mehr als einer Seite her. Zwar kann dies grundsätzlich nur möglich sein durch etwas, das wie dieser Körper etwas »Physisches« oder »Empirisches« als »Sinnlich«-Wahrnehm­bares ist. Denn nur von solchem kann auch einzusehen sein, daß eine »Einwirkung« durch es auf ihn erfolgen kann, worin eine »Verletzung« von ihm auch allein bestehen kann. Doch reicht Verletzbarkeit in diesem Sinn bei weitem nicht, um auch »Lädier­barkeit« als eine rechtliche Verletzbarkeit noch auszumachen, weil dazu entscheidend mehr erforderlich ist.
Um das einzusehen, brauchen Sie nur zu erwägen, ob zum Beispiel die Verletzbarkeit durch so etwas wie einen Steinschlag im Gebirge jemals eine rechtliche »Lädierbarkeit« bedeuten könnte. Denn die Lächerlichkeit einer solchen Annahme belehrt Sie sofort eines Besseren, weil Sie wohl schwerlich gegen jenen Berg, von dem der Steinschlag abging, rechtlich würden vorgehen wollen. Wird Ihnen daran doch sogleich noch weiter klar, daß nicht einmal eine Verletzbarkeit durch Tiere, die bereits Subjekte sind, eine »Lädierbarkeit« als rechtliche bedeuten kann, wie Sie auch gegen Tiere schwerlich werden rechtlich vorgehen wollen. Vielmehr setzt diese ein Subjekt voraus, das nicht nur jenes bloße Selbstbewußt­sein seines freien Intendierens hat, das sich dabei noch nicht thema­tisch sein kann, sondern auch noch Selbsterkenntnis davon haben kann, durch die es sich als solches auch noch selbst thematisch ist. Und nur von seilen eines Subjekts, das in diesem Sinn ein mensch­liches Subjekt ist, kann dann für ein anderes solches menschliches Subjekt »Lädierbarkeit« im Sinn von rechtlicher Verletzbarkeit be­stehen. Und zu einer rechtlichen Verletzung ist denn auch durchaus nicht eine im Normalsinn schmerzhafte Lädierung eines Körpers nötig. Dazu reicht vielmehr die bloße »Affizierung« eines Körpers, wie zum Beispiel die akustische im Fall einer »Beleidigung« von einem solchen Subjekt durch ein anderes solches.
Allein schon der gesamte Rechtsbereich hat somit zur Voraus­setzung, daß nicht nur jener ursprüngliche generelle Animismus vor sich geht, den schon die Tiere üben, sondern auch noch jener
abgeleitete spezielle, den erst wir als Menschen üben: )edes menschliche Subjekt vermag den Anspruch auf die Anerkennung und die Achtung seiner selbst als eines Rechtssubjekts nur den Subjekten gegenüber zu erheben, denen es wie sich die Selbst-thematisierung zutraut; und auch umgekehrt vermag ein mensch­liches Subjekt sich nur durch solche andere Subjekte rechtlich als »lädierbar« zu betrachten, denen es wie sich die Selbstthematisie-rung zutraut46. Und das ist nur nichtempirisch möglich, weil auch erst auf Grund von solcher Unterstellung dann Empirisches wie Körper als Subjekte wahrnehmbar sein können.
Dennoch kann eine tatsächliche Verletzung oder Läsion von einem Subjekt durch ein anderes als rechtliche ausschließlich auf dem Weg der Einwirkung von einem auf den ändern Körper dieses jeweiligen Subjekts vor sich gehen, - mag sie dabei auch noch so vielfältig vermittelt sein. Und nicht etwa vermag sie dies genauso­gut auch auf dem Weg einer Umgehung dieser Körper, so als könnte ein Subjekt als solches selbst unmittelbar auf dieses andere Subjekt als solches selbst einwirken. Denn ist solche Unterstellung eines anderen Subjekts durch ein Subjekt auch nichtempinsch-apriori-notwendig, so kann ein Subjekt doch gleichwohl nur mit­tels seines eigenen Körpers dieses andere Subjekt erreichen sowie auch nur über dessen eigenen Körper. Und dies eben weil ein jedes seine Selbstverwirklichung auch nur als seine Selbstverkörperung vollzieht, weshalb ein jedes seine Selbstthematisierung dann auch nur von seinem Körper her vollziehen kann, wie das in »Ich ...« denn auch zum Ausdruck kommt, das jeweils nur »Ich hier und jetzt...« bedeuten kann. Denn auch diesen Bezug auf mich als ein Subjekt kann ich dabei nur durch Bezugnahme auf einen, eben meinen, Körper nehmen: gleich jenem Bezug auf andere Subjekte wie auf Herrn Gebauer. Keineswegs vermag ich diese Art Bezug auf ein Subjekt genausogut an dessen jeweiligem Körper auch vorbei zu nehmen, auch nicht an dem eigenen vorbei auf mich. Ist
es doch immer erst die Reflexion auf all dies, welche einsehen läßt, daß ein Subjekt in jedem solchen Fall nur etwas Nichtempinsches an diesem jeweiligen Körper sein kann.
46 Erst im Anschluß daran wird es denn auch möglich, all das explizit und diskursiv zu machen, was intuitiv und implizit in einer Aussage zum Ausdruck kommt, wenn etwa jemand in entsprechendem alltäglichen Zusammenhang von jemand anderem sagt: Der kann mich doch nicht beleidigen. Denn letztlich spricht er ihm dadurch das Menschsein ah.