Source: https://www.grin.com/document/191287
Timestamp: 2019-10-19 10:43:16
Document Index: 208157325

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 5', '§ 4', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 6', '§ 5', '§ 4', '§ 5', '§ 274', '§ 264', '§ 2', '§ 2', '§ 5']

Das Verhältnis zwischen Handels- und Steuerbilanz im ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
D B Dominik Bold (Autor)
2 Der Zusammenhang zwischen handels- und steuerrechtlicher Gewinnermittlung
2.1 Das Maßgeblichkeitsprinzip als einleitende Perspektive
2.1.1 Der Begriff der Maßgeblichkeit der Handelsbilanz für die Steuerbilanz
2.1.2 Das Maßgeblichkeitsprinzip in der Bilanzierungspraxis
2.1.2.1 Materielle Maßgeblichkeit
2.1.2.2 Formelle Maßgeblichkeit
2.2 Die Rolle der IFRS als anlegerorientiertes Rechnungslegungssystem
2.2.1 EU-IFRS
2.2.2 Konvergenzbestrebungen zwischen US-GAAP und IFRS
2.3 Handelsrechtliche Gewinn- und Vermögensermittlung
2.3.1 Vereinigtes Königreich
2.3.1.1 Rechtsnormen
2.3.1.2 Handelsrechtliche Bewertungsnormen
2.3.2.1 Rechtsnormen
2.3.2.2 Handelsrechtliche Bewertungsnormen
2.4 Steuerrechtliche Gewinn- und Vermögensermittlung
2.4.1 Vereinigtes Königreich
2.4.1.1 Gesetzliche Basis des steuerlichen Gewinns
2.4.1.2 Bezugnahme auf den handelsrechtlichen Gewinn
2.4.1.3 Vorherrschaft der Gewinn- und Verlustrechnung
2.4.2.1 Steuerbemessung für die Federal Income Tax
2.4.2.2 Methoden der steuerlichen Gewinnermittlung
2.4.2.3 Ausgabenverrechnung und Capital Expenditures
2.4.2.4 Anzahlungen und Rückstellungen
2.4.2.5 Steuerrechtliche Bewertungsprinzipien
2.5 Gemeinsamkeiten und Divergenzen
3 Analyse der Unterschiede im Verhältnis zwischen Handels­und Steuerbilanz in Deutschland und dem angelsächsischen Raum
3.1 Rechtshistorische Perspektive
3.2 Rechtssystematik
3.3 Steuerpolitische Intentionen
IV. Entscheidungsregister
V. Verzeichnis der Gesetze und Richtlinien
Die Geschäftswelt, die sich uns nach Ablauf des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts darstellt, ist eine globale. Die Intensivierung des Wettbewerbs und der wirtschaftlichen Verflechtung zwischen einzelnen Staaten hat sich auf die ganze Welt ausgebreitet, die Bedeutung internationaler Unternehmen hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. Dies zeichnet sich an der Entwicklung der internationalen Unternehmenszusammenschlüsse und Direktinvestitionen ab, auch wenn diese noch nicht wieder das Niveau der Zeit vor der Finanz- und Schuldenkrise erreicht haben.[1]
In diesem Wettbewerb sind die Bedingungen, die an einem bestimmten Standort vorgefunden werden, von großer Bedeutung. Hierbei ist nach wie vor die Besteuerung von Einkommen und Gewinn als ganz entscheidender Standortfaktor anzusehen, denn „differences in taxation may become substantial impediments to international trade and investment and thus come at the expense of both developed and developing countries“[2]. Doch nicht nur die Besteuerung bzw. die Steuerbelastung an sich sind Parameter, die in diesem Wettbewerb eine Rolle spielen, sondern insbesondere auch die Verflechtungen zwischen handelsrechtlicher und steuerrechtlicher Einkommens- und Gewinnermittlung. Die Einordnung der unterschiedlichen Verhältnisse zwischen steuerlicher und handels­rechtlicher Gewinnermittlung findet sowohl innerhalb Europas als auch außerhalb an der Trennlinie zwischen einigen kontinentaleuropäischen Ländern und dem angelsächsischen Raum[3] statt.[4] Trotz bereits vollzogener Harmonisierungsmaßnahmen in der Unternehmens­besteuerung (beispielsweise in der Europäischen Union) oder Konvergenzbestrebungen im handelsrechtlichen Bereich (BilMoG, Annäherung von FASB und IASB) lohnt eine Untersuchung der Beziehung zwischen den Gewinnermittlungsarten in unverändertem Maße. Das jeweilige Verhältnis zwischen steuer- und handelsrechtlicher Gewinnermittlung hängt auch heute und weiterhin stark mit der Wirtschaftsstruktur eines Staates und den kaufmännischen Gepflogenheiten in demselben zusammen.[5] Die Rechtstraditionen in der uns vertrauten Bundesrepublik Deutschland und dem angelsächsischen Raum divergieren immens. Während Deutschland als Exempel für diejenigen Länder des europäischen Kontinents mit auf kodifiziertem römischem Recht fußender Rechtstradition steht, sind die USA sowie das Vereinigte Königreich typische Beispiele für Länder des Common Law, in denen wesentliche Teile der Rechtsordnung aus der Rechtsprechung abgeleitet werden.[6] Die Normierung des Handelsbilanzrechts obliegt dabei privaten Standardsettern wie dem FASB in den USA und dem FRC im Vereinigten Königreich Großbritannien.
Wenngleich in den letzten zwanzig Jahren durchaus eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik stattgefunden hat, kann man jedoch auch heute noch nicht von einer großen Fülle an Publikationen sprechen und stößt immer wieder auf die gleichen Autoren, was eine weitere eingehende Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Handels- und Steuerbilanzierung in verschiedenen Ländern durchaus rechtfertigt. Grundsätzlich zu determinieren ist, dass die Untersuchung auf der Regelungsebene, nicht auf empirisch­statistischer Ebene erfolgt ist.
Mit der vorliegenden Arbeit soll eine Untersuchung der Relation zwischen handels­und steuerrechtlicher Gewinnermittlung im angelsächsischen Raum durchgeführt und diese anhand eines quasi-bilateralen Vergleichs mit der Situation in der Bundesrepublik Deutschland eingeordnet werden.
Der Zusammenhang von Handels- und Steuerbilanz ist für den deutschen Betrachter ein ganz selbstverständlicher. Um von dieser Perspektive zu einer Analyse der angelsächsischen Systeme übergehen zu können, muss zunächst das deutsche Maßgeblichkeitsprinzip besprochen werden.[7] Die Regelungen der internationalen Rech­nungslegung können aufgrund ihrer Nähe zum angelsächsischen Verständnis und der Endorsement-Prozesse in der Europäischen Union als Brücke verstanden werden, um im folgenden Abschnitt die Rechnungslegungsstandards der USA und des Vereinigten Königreichs darzustellen. Im Folgenden wird zunächst die steuerliche Gewinn- und Vermögensermittlung in Großbritannien und den USA beleuchtet, bevor Kapitel 2 mit einer Analyse der Gemeinsamkeiten und Divergenzen zwischen handels- und steuerrechtlichem Gewinn in den angelsächsischen Ländern abschließt. Bei der Besprechung des angelsächsischen Raums wird ein Schwerpunkt auf die USA gelegt werden, um deren Einfluss auf die Rechnungslegungsnormen weltweit, sowie der Wirtschaftskraft des Landes Rechnung zu tragen.
In Kapitel 3 werden die Untersuchungsergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung rechtsvergleichend vor dem Hintergrund der steuerpolitischen Intentionen gegenüber­gestellt, analysiert und erklärt. Insbesondere wird versucht, Schlussfolgerungen zu ziehen und zu erläutern, warum ein Maßgeblichkeitsprinzip im angelsächsischen Raum nicht zur Anwendung kommt und allenfalls eine teilweise Konformität erreicht wird.
Mit dem Begriff der Maßgeblichkeit wird die Übertragung der handelsrechtlichen Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung (GoB) in den Bereich der Steuerbilanz beschrieben. Steuerpflichtige haben grundsätzlich ihren Gewinn mittels eines Betriebsvermögensvergleichs gemäß § 4 Abs. 1 EStG zu ermitteln, wenn nicht in Ermangelung gesetzlicher Verpflichtung zur Buchführung auch von der Möglichkeit Gebrauch machen können den Gewinn durch Einnahmenüberschussrechnung nach § 4 Abs. 3 Satz 1 EStG zu ermitteln.[8] Der eindeutige Bezug zum Handelsrecht wird in § 5 Abs. 1 Satz 1 hergestellt, wo für Kaufleute und bestimmte andere Gewerbetreibende hinsichtlich des Ansatzes des Betriebsvermögens für den Betriebsvermögensvergleich nach § 4 Abs. 1 EStG die Anwendung der handelsrechtlichen GoB vorgeschrieben wird.[9] Die Einschränkungen, die in Satz 2 vorgenommen werden und die Änderungen des Satzes durch das Bilanzmodernisierungsgesetz werden in Abschnitt 2.1.1.2 beleuchtet.
Im Mittelpunkt der Zielsetzung der deutschen Handelsbilanz stehen der Gläubigerschutz und die Ausschüttungsbemessungsfunktion. Mittels des Vorsichtsprinzips soll verhindert werden, dass der Kaufmann sein Vermögen , schön rechnen’ kann. Die steuerliche Gewinnermittlung hingegen ist Grundlage für die Besteuerung von Einkommen und verfolgt daher im Interesse des Fiskus eine völlig andere Zielsetzung: Es soll verhindert werden, dass der Kaufmann sich ,arm rechnet’. Aus diesem Zielkonflikt heraus resultieren multiple Anpassungen der handelsrechtlichen Gewinn- und Vermögensermittlung wie z. B. die Imparität bezüglich handelsrechtlicher Aktivierungswahlrechte, die zu steuerlichem Aktivierungsgebot führen während Passivierungswahlrechte zu steuerlichem Passivierungsverbot führen.[10] Hinzu kommt eine „Vielzahl von politisch motivierten Lenkungsvorschriften, die zu steuerlichen Begünstigungen oder Belastungen führen und daher nicht den wirtschaftlichen Vorgaben des Handelsrechts entsprechen“[11].
2.1.2 Das Maßgeblichkeitsprinizip in der Bilanzierungspraxis
Die in § 5 Abs. 1 Satz 1 EStG hergestellte Verbindung des Einkommensteuerrechts zum Handelsrecht wird als materielle Maßgeblichkeit bezeichnet. Im Zuge des BilMoG wurde § 5 Abs. 1 Satz 1 EStG um einen weiteren Halbsatz erweitert, mit dem an der materiellen Maßgeblichkeit festgehalten wird. Die Maßgeblichkeit wurde im Zuge dessen jedoch auf eine subsidiäre Maßgeblichkeit reduziert, sodass diese nur zur Anwendung kommt, wenn dem keine steuerlichen Sonderregelungen entgegenstehen.[12]
Die formelle bzw. umgekehrte Maßgeblichkeit fußte auf § 5 Abs. 1 Satz 2 EStG a.F. und beinhaltete die korrespondierende Ausübung der Wahlrechte und somit eine Öffnung der Handelsbilanz für nicht GoB-konforme steuerrechtliche Wahlrechte.[13] Anhänger der formellen Maßgeblichkeit vertreten die Auffassung, dass sich „die Bindungswirkung“ über die materielle Maßgeblichkeit hinaus „auch auf die konkrete handelsbilanzielle Bilanzierungs-, Bewertungs- und (wohl auch) Ausweisentscheidung erstreckt“[14], wodurch die Möglichkeit einer eigenständigen Steuerbilanzpolitik ausgeschlossen wird.[15]
Mit dem BilMoG wurde die formelle Maßgeblichkeit durch Streichung des § 5 Abs. 1 Satz 2 EStG a.F. und der gleichzeitigen Anpassung des Satz 1 (siehe 2.1.1.1 dieser Arbeit) ad acta gelegt. Es ist nun kodifiziert, dass bestimmte steuerliche Wahlrechte ohne Wirkung auf die Handelsbilanz ausgeübt werden können. Wird von dieser Regelung Gebrauch gemacht, ist dies jedoch an bestimmte Dokumentationspflichten geknüpft.[16]
In der Aufhebung der formellen Maßgeblichkeit wird eine Stärkung der Informationsfunktion des Jahresabschlusses gesehen. Durch die Anpassungen des BilMoG sind jedoch nicht alle Streitfragen ausgeräumt worden, was sich vor allem an der Frage manifestiert, was der Gesetzgeber unter steuerlichen Wahlrechten’ versteht und wie mit Wahlrechten umgegangen werden soll, in deren Gesetzestext eine Korrespondenz mit der handelsrechtlichen Gestaltung ausdrücklich eingefordert wird (Beispiel: § 6b-Rücklage).[17]
Im Allgemeinen ist im deutschen Recht ein Trend zu größer werdenden Unterschieden zwischen Handels- und Steuerbilanz zu erkennen, die Bedeutung der Abgrenzung latenter Steuern gewinnt an Bedeutung. Steuerlatenzen entstehen beispielsweise beim Ansatz von Vermögensgegenständen unter Anwendung von Aktivierungswahlrechten nach HGB oder bei unterschiedlicher Bewertung von Vermögensgegenständen aufgrund verschiedener Abschreibungsmethoden. Hinsichtlich der Aktivierung latenter Steuern (zukünftig höheres Potential für steuerliche Abzugsmöglichkeiten) besteht seit BilMoG ein Wahlrecht, passive latente Steuern (zukünftig höheres steuerliches Ertragspotential) müssen jedoch passiviert werden.[18]
In der Einleitung wurde bereits angedeutet, dass die International Financial Reporting Standards (IFRS) in dieser Arbeit als eine Art Brücke dienen sollen. Dies resultiert aus der Strahlkraft, welche die Internationalisierung der Rechnungslegungs­normen bereits auf die deutsche Rechnungslegungspraxis hatte.[19] Das HGB sollte aussagekräftiger werden und eine „vollwertige, aber kostengünstigere und einfachere Alternative“[20] zu den IFRS und den (wie das BilMoG 2009 verabschiedeten) IFRS for SMEs darstellen. Hiermit kann man durchaus von angelsächsischem Einfluss auf die deutsche Handelsgesetzgebung sprechen, arbeitet das International Accounting Standards Board (IASB) doch auf Basis vergleichbarer Prinzipien wie sein amerikanisches[21] [22] Pendant, das 1972 gegründete Financial Accounting Standards Board (FASB). Die IFRS haben aufgrund dieser Arbeitsweise ein vergleichbar hohses Niveau wie die Generally Accepted Accounting Principles in den USA (US-GAAP) erreicht, die auch deshalb so hoch einzuschätzen sind, weil sie zusätzlich unter dem machtvollen Einfluss der U.S. Securities and Exchange Commission (SEC) stehen, welche die Interessen von Anlegern, Kredit­gebern und Öffentlichkeit in Bezug auf börsennotierte Unternehmen zu wahren bestrebt ist.
Beim EU-Sondergipfel im März 2000 in Lissabon kamen die Staats- und Regierungschefs zu der Übereinkunft, innerhalb von fünf Jahren einen vollständig integrierten Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen zu schaffen. Daher sind gemäß EU- Verordnung Nr. 1606/2002 betreffend die Anwendung internationaler Rechnungslegungs­standards seit 2005 kapitalmarktorientierte[23] Mutterunternehmen verpflichtet, ihre Kon­zernabschlüsse nach IFRS zu erstellen.[24] Dabei ist es den Mitgliedstaaten der Union freigestellt, diese Regelung auf beispielsweise Konzernabschlüsse nicht kapitalmarkt­orientierter Unternehmen oder Einzelabschlüsse beider Arten von Unternehmen zuzulassen bzw. sogar vorzuschreiben. Das Problem des Outsourcing legislativer Kompetenz an eine private Institution wie das IASB umgeht die Europäische Kommission mit dem sogenannten Endorsement. Dabei behält sich die EU vor, die neu entwickelten Standards zunächst auf Kompatibilität mit den EG-Richtlinien und den Interessen der Mitgliedsstaaten zu prüfen, bevor sie in europäisches Recht gegossen werden.[25] Auf einzelne technische Schritte des Endorsements soll in dieser Arbeit nicht eingegangen werden. Durch die nötige Billigung der IFRS durch die EU entsteht jedoch ein time-lag von bis zu sechs Monaten. In dieser Zeit kann es vorkommen, dass Unternehmen Abschlüsse erstellen, die nach IAS 1.16 mit den IFRS konform gehen, jedoch nicht exakt den vom EU-Parlament verabschiedeten Regeln entsprechen. Sofern kein Widerspruch zu einem älteren, von der EU-Kommission anerkannten Standard entsteht, wird die Anwendung des neuen IFRS als Leitlinie empfohlen. Darüber hinaus führt es zu Problemen, dass die SEC 2007 die IFRS anerkannt hat, jedoch nicht die EU-IFRS. Somit kann es vorkommen, dass in den USA börsennotierte europäische Unternehmen Überleitungsrechnungen erstellen müssen, um beiden Systemen Genüge zu tun.[26]
Mit dem Norwalk Agreement erklärten FASB und IASB im September 2002 die Absicht, eng zu kooperieren und das Ziel zu verfolgen, noch bestehende Unterschiede zwischen den US-GAAP und IFRS zu eliminieren. Vorrangiges Ziel ist hierbei nicht die vollständige Angleichung beider Rechnungslegungsregime, sondern vielmehr die gegenseitige Anerkennung gleichrangiger Bilanzierungsqualität.[27] So wurden vor dem Eindruck der Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise IASB und FASB zuletzt beim G-20 Gipfel in Seoul aufgefordert, ihre Konvergenzbestrebungen bis Ende des Jahres 2011 abzuschließen.[28] In ihrem gemeinsamen Fortschrittsbericht vom 21. April 2011 erklären die beiden Boards, dass die im Jahr 2002 in Angriff genommenen und 2006 bzw. 2008 ergänzten Konvergenzprojekte kurzfristiger Art (Memorandum of Understanding) vollendet seien. Darüber hinaus blieben nur noch drei längerfristige Projekte zu den Bereichen Finanzinstrumente, Umsatzrealisierung/-abgrenzung und Leasing, deren Abschluss in der zweiten Jahreshälfte 2011 erwartet wird.[29] Der Konvergenzprozess kann daher durchaus als erfolgreiches Projekt bezeichnet werden, das einen bemerkenswerten Beitrag zur Harmonisierung der Rechnungslegungsnormen weltweit geleistet hat und weiterhin leisten wird.
Um das Verhältnis zwischen Handels- und Steuerbilanz beleuchten zu können, kommt man nicht umhin, die handelsrechtlichen Regularien zu betrachten, um ihre Bindung oder die nicht vorhandenen Anknüpfungspunkte an das Steuerrecht verstehen zu können. Im Folgenden werden nun die rechtlichen Grundlagen der handelsrechtlichen Rechenwerke im Vereinigten Königreich, vor allem aber in den USA als dem Land, das seine Rechnungslegungsnormen aufgrund seiner wirtschaftlichen Bedeutsamkeit in der Welt in dieselbe ,exportiert’ hat, behandelt.[30]
Einzelkaufleute und Partnerships unterliegen in Großbritannien keinen handels­rechtlichen Normen, die eine bestimmte Art der Buchführung oder die Erstellung eines Jahresabschlusses vorschreiben. Es finden sich jedoch versteckte Regeln im Partnership
Act von 1890[31] sowie im Steuerrecht[32] und damit der Hinweis, dass auch der britische Gesetzgeber davon ausgeht, dass ordentliche Kaufleute Bücher führen bzw. Bücher zu führen haben. Aufgrund des Mangels an Kodifizierung von Rechnungslegungsnormen für diese Unternehmensformen werden derartige Regeln üblicherweise in Gesellschafts­verträge aufgenommen. Diese gesellschaftsrechtlichen Vereinbarungen beziehen sich oft auf die im Folgenden für Companies beschriebenen Standards, jedoch muss dem nicht so sein.
Companies sind den in den Companies Acts 1985, 1989 und 2006 kodifizierten Vorschriften, sowie den geltenden Statements of Standard Accounting Practice (SSAP) unterworfen, welche vom Accounting Standards Board (ASB) herausgegeben werden. Auch vor dem Hintergrund der Harmonisierung innerhalb der EU und den in Abschnitt 2.2.1 diskutierten Regelungen auf der Ebene der Union sind diese Standards auch weiterhin in ihrer Bedeutsamkeit nicht zu unterschätzen.[33]
Im britischen Rechtsverständnis existiert eine Art goldene Regel, das Prinzip des sogenannten ,true and fair view’. Eine Definition, was dieser ,true and fair view’ beinhaltet, ist weder in den Companies Acts noch in einem der Rechnungslegungs­standards festgeschrieben, die Anforderungen (z. B. Unternehmensfortführung, Periodi- sierung, Stetigkeit, Vorsicht und Einzelbewertungsprinzip) der herrschenden Meinung erscheinen dem Sachkundigen jedoch vertraut.
Die Vereinigten Staaten von Amerika prägen als größte Volkswirtschaft der Welt[34] nicht nur den angelsächsischen Raum. Da amerikanische Unternehmen auch auf einen längerfristig absehbaren Zeitraum hinaus nach US-GAAP bilanzieren werden und die in
2.2.2 beschriebenen Konvergenzbestrebungen auf gegenseitige Akzeptanz und nicht auf
Ersatz der amerikanischen Standards zielen, ist eine ausführlichere Auseinandersetzung durchaus gerechtfertigt.[35]
Bindende und einheitliche Normen für die Erstellung von Jahresabschlüssen existieren in den USA erst seit den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund des Börsencrashs 1929 und der in diesem Zusammenhang offensichtlich gewordenen Manipulationen sowie der augenscheinlichen Wirkungslosigkeit der Gesetze auf Einzelstaatsebene (,blue sky laws’) sah sich der Kongress dazu veranlasst, Bundesgesetze zu erlassen. Dies geschah 1933 mit dem Securities Act, der sich mit Neuemissionen von Wertpapieren (,Initial Public Offerings’, IPO) befasst und dem Securities Exchange Act (SEA) von 1934 mit Bezug auf den Wertpapierhandel.[36]
Ebenfalls 1934 wurde auch die SEC als unabhängige Bundesbehörde gegründet, um den Regulierungsprozess mit einer machtvollen Institution zu manifestieren. Diese Behörde ist mit bedeutenden Befugnissen ausgestattet. Sie besitzt sowohl legislative (Erlass von Ausführungsbestimmungen zum genauen Inhalt der Rechnungslegung) als auch judikative Kompetenzen.[37] Die SEC übertrug 1938 die Ausarbeitung körperlicher Rechnungslegungsgrundsätze, der GAAP, auf den Berufsverband der Wirtschaftsprüfer (American Institute of Certified Public Accountants, AICPA), bevor 1973 diese Aufgabe an das FASB delegiert wurde.[38] Der Aufsicht der SEC und der damit verbundenen verpflichtenden Rechnungslegung nach US-GAAP haben sich nach Section 12 des SEA alle Unternehmen zu unterwerfen, die an einer der National Securities Exchanges (z. B. NYSE), im NASDAQ oder ,over the counter’ gehandelt werden wollen. Für Unternehmen mit bestimmter Größenordnung bzw. Anlegerstruktur kann dies auch ohne Börsenzugang erforderlich sein.[39] Hier wird auch die wesentliche Grundidee der amerikanischen Finanzberichterstattung ersichtlich: Im Vordergrund steht der Investorenschutz und nicht wie im deutschen HGB der Gläubigerschutz.[40] Private Gläubiger wie beispielsweise Banken und Kreditinstitute sichern sich in der Regel privatvertraglich ab. Mittels sogenannter ,debt covenants’ werden möglicherweise in Anlehnung an die US-GAAP und teilweise deren (konservative) Modifikation Ausschüttungssperren vertraglich fixiert.
[1] Vgl. UNCTAD World Investment Report (2011)
[2] Vgl. Ritter (Taxation), 1986, S. 4 (A Jörg Weltin, Internationale Unternehmensbesteuerung)
[3] Der Begriff angelsächsisch wird in dieser Arbeit in seiner europäischen Bedeutung verwendet und vereint die, hauptsächlich englischsprachigen, Länder, in denen die handelsrechtliche Gewinnermittlung als marktgesteuert angesehen wird und in denen Regelungen von nicht-staatlichen Institutionen entworfen werden. Der Fokus liegt vor allem auf den Beispielen des Vereinigten Königreichs und der USA.
[4] Vgl. Lamb/Nobes/Roberts (1998), S. 173
[5] Vgl. Alsheimer (1993), S. 1
[6] Vgl. Alsheimer (1993), S. 3
[7] Auf eine Erläuterung der Einkommens- und Körperschaftsbesteuerung in der Bundesrepublik wird in dieser Arbeit verzichtet, da diese Grundlagen als bekannt vorausgesetzt werden können.
[8] Vgl. Striegel in Buschhüter/Striegel (2009), S. 35
[9] Vgl. Pfirmann/Schäfer in Küting/Pfitzer/Weber (2009)
[10] Vgl. Striegel in Buschhüter/Striegel (2009), S.35
[12] § 5 Abs. 1 Satz 1 Hs. 2 EStG: „(...) das Betriebsvermögen anzusetzen (§ 4 Abs. 1 Satz 1), das nach den handelsrechtlichen Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung auszuweisen ist, es sei denn, im Rahmen der Ausübung eines steuerlichen Wahlrechts wird oder wurde ein anderer Ansatz gewählt“.
[13] Vgl. Pfirmann/Schäfer in Küting/Pfitzer/Weber (2009), S. 125
[14] Vgl. Schmidt (1994), S. 48
[15] Vgl. Schildbach (1989), S. 131 f.
[16] § 5 Abs. 1 Satz 2 EStG: „Voraussetzung für die Ausübung steuerlicher Wahlrechte ist, dass die Wirtschaftsgüter, die nicht mit dem handelsrechtlich maßgeblichen Wert in der steuerlichen Gewinnermittlung ausgewiesen werden, in besondere, laufend zu führende Verzeichnisse aufgenommen werden“.
[17] Vgl. Pfirmann/Schäfer in Küting/Pfitzer/Weber (2009), S. 125 f.
[18] Vgl. § 274 HGB n.F.
[19] Vgl. Lorson in Kütting/Pfitzer/Weber (2009), S. 12
[20] Bundesdrucksache 16/16407, S. 1
[21] Zur Erleichterung der Lesbarkeit wird der Begriff „amerikanisch“ in dieser Arbeit im Sinne von US- amerikanisch, die USA betreffend, verwendet.
[22] Vgl. Born (2007), S. 5
[23] Definition gemäß § 264d HGB: Eine Kapitalgesellschaft ist kapitalmarktorientiert, wenn sie einen organi­sierten Markt im Sinn des § 2 Abs. 5 des Wertpapierhandelsgesetzes durch von ihr ausgegebene Wertpapiere im Sinn des § 2 Abs. 1 Satz 1 des Wertpapierhandelsgesetzes in Anspruch nimmt oder die Zulassung solcher Wertpapiere zum Handel an einem organisierten Markt beantragt hat.
[24] Vgl. PeUens/Fülbier/Gassen/SeUhom (2011), S. 51
[25] Ebd., S. 105
[26] Ebd., S. 107 f.
[27] Vgl. Pellens/Fülbier/Gassen/Sellhorn (2011), S. 92
[28] Vgl. Hail/Leuz/Wysocki (2010)
[29] Vgl. Progress report on IASB-FASB convergence work (2011)
[30] Vgl. Alves (2011), S. 11
[31] Partnership Act 1890, Section 24 (9): „The partnership books are to be kept at the place of business of the partnership (...) and every partner may (...) have access to and inspect and copy any of them“.
[32] Vgl. Taxes Management Act 1970, Section 20 i. V. m. Section 20B (5) u. Section 20D (3)
[33] Vgl. Alsheimer (1993), S. 68 f.
[34] World Economic Outlook Database September 2011 des IWF, generiert am 09.11.2011
[35] Vgl. Alves (2011), S. 11
[36] Vgl. Born (2007), S. 326
[37] Vgl. Schildbach (2000), S. 6
[38] Vgl. Born (2007), S. 327 ff.
[39] Vgl. Schildbach (2000), S. 8 ff.
[40] Vgl. Alves (2011), S. 26
Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Lehrstuhl für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre)
Dominik Bold (Autor)
V191287
9783656159971
9783656160304
Steuerbilanz, Maßgeblichkeitsprinzip, US-GAAP, HGB, Federal Income Tax, Steuern USA
Dominik Bold (Autor), 2011, Das Verhältnis zwischen Handels- und Steuerbilanz im angelsächsischen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/191287
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