Source: http://m.hensche.de/Provision_Urlaub_Provisionsanspruch_waehrend_des_Urlaubs_EuGH-Generalanwalt_C-539-12_Lock.html
Timestamp: 2017-03-29 09:12:35
Document Index: 120261139

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', '§ 11', '§ 11', 'Art.7', 'EuG', 'Art.7', '§ 11']

Ma­chen sol­che Ar­beit­neh­mer Ur­laub, hat ih­re Ur­laubs­ab­we­sen­heit meis­tens erst ein­mal kei­ne Aus­wir­kun­gen aufs Porte­mon­naie, aber da­für ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter, näm­lich als Pro­vi­si­ons­lü­cke. Denn wer wäh­rend sei­nes Ur­laubs kei­ne pro­vi­si­ons­pflich­ti­gen Ge­schäf­te ab­schließt, be­kommt ei­ni­ge Mo­na­te spä­ter we­ni­ger Geld. Das ist mit den Vor­ga­ben des Eu­ro­pa­rechts aber nicht ver­ein­bar, so der Ge­ne­ral­an­walt beim Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) Yves Bot in ei­nem ak­tu­el­len Gut­ach­ten: Schluss­an­trä­ge des Ge­ne­ral­an­walts beim EuGH Yves Bot vom 05.12.2013, Rs. C-539/12 (Lock gg. Bri­tish Gas).
Wie sind Provisionen bei der Berechnung der Urlaubsvergütung bzw. des Urlaubsentgelts zu berücksichtigen?
Das während des Ur­laubs zu zah­len­de Ge­halt, d.h. das Ur­laubs­ent­gelt, be­misst sich gemäß § 11 Abs.1 Satz 1 BUrlG nach dem durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst, das der Ar­beit­neh­mer in den letz­ten drei­zehn Wo­chen vor Be­ginn des Ur­laubs er­hal­ten hat. Zu die­sem Ar­beits­ver­dienst gehören nach der Recht­spre­chung der Ar­beits­ge­rich­te auch Ver­kaufs-, Ab­schluss- oder Um­satz­pro­vi­sio­nen, wenn sie als Teil des re­gulären Ge­halts lau­fend ab­ge­rech­net und aus­be­zahlt wer­den. Da­ge­gen blei­ben Be­stands- oder Ge­biet­spro­vi­sio­nen so­wie jähr­lich zu zah­len­de Um­satz- oder Ge­winn­be­tei­li­gun­gen bei der Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts außen vor. Das gilt auch für an­de­re Ein­mal­zah­lun­gen wie Gra­ti­fi­ka­tio­nen, Jah­res­bo­ni, Ge­winn­be­tei­li­gun­gen ("Tan­tie­men"), Weih­nachts­gel­der oder jähr­li­che Ziel­ver­ein­ba­rungs­prämi­en. Sie ge­hen nur dann in die Be­rech­nung des Ur­laubs­ent­gelts ein, wenn mit ih­nen die Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers während der letz­ten 13 Wo­chen vor dem Ur­laubs­an­tritt be­zahlt wer­den soll.
Der ei­gent­li­che fi­nan­zi­el­le Nach­teil, den pro­vi­si­ons­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer in­fol­ge sei­nes Ur­laubs er­lei­den, macht sich dann erst zeit­ver­setzt, d.h. ei­ni­ge Zeit nach dem Ur­laub be­merk­bar: Denn da der Ar­beit­neh­mer während sei­nes Ur­laubs ja kei­ne neu­en pro­vi­si­ons­pflich­ti­gen Geschäfte ab­sch­ließt, erhält er ei­ni­ge Mo­na­te später we­ni­ger Geld. Zu die­sem Pro­blem schwei­gen sich die Kom­men­ta­re, Handbücher und Ge­richts­ur­tei­le zum BUrlG aus, was im Er­geb­nis heißt, dass es für pro­vi­si­ons­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer eben nicht mehr Geld gibt als das Ur­laubs­ent­gelt, das sich auf der Grund­la­ge der in § 11 Abs.1 Satz 1 BUrlG vor­ge­ge­be­nen Be­rech­nungs­wei­se er­gibt. Das aber könn­te ge­gen die Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 04.11.2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ver­s­toßen, ge­nau­er ge­sagt ge­gen Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG. Denn in Ab­satz 1 die­ser Vor­schrift heißt es:
Der Streitfall Lock gegen British Gas: Gasverkäufer verlangt finanziellen Ausgleich für urlaubsbedingten Ausfall von provisionspflichtigen Geschäften
In dem aus Eng­land stam­men­den Streit­fall ver­klag­te ein an­ge­stell­ter "In­ter­nal En­er­gy Sa­les Con­sul­tant", Herr Lock, sei­nen Ar­beit­ge­ber, die Bri­tish Gas Tra­ding Ltd., auf ei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für den Aus­fall neu­er pro­vi­si­ons­pflich­ti­ger Geschäfte, die er während ei­nes Ur­laubs vom 19.12.2011 bis zum 03.01.2012 nicht ab­sch­ließen konn­te. Die Vergütung für die Zeit des Ur­laubs selbst war da­bei zunächst nicht Streit. Denn im De­zem­ber 2011 er­hielt er Pro­vi­sio­nen in Höhe von 2.350,31 GBP, während er im Durch­schnitt des Jah­res 2011 "nur" mo­nat­li­che Pro­vi­sio­nen in Höhe von 1.912,67 GBP be­zog. Ne­ben die­sen Pro­vi­sio­nen be­kam Herr Lock ein lau­fen­des Grund­ge­halt von 1.222,50 GBP, d.h. die Pro­vi­sio­nen wa­ren deut­lich höher als sein Grund­ge­halt.
EuGH-Anwalt Yves Bot: Die durch den Urlaub entgangenen Provisionen sind in die Berechnung des Urlaubsentgelts einzubeziehen, z.B. auf der Grundlage eines Zwölfmonatsdurchschnitts
Der Ge­ne­ral­an­walt kommt in sei­nen Schluss­anträgen vom 05.12.2013 zu dem Er­geb­nis, dass die hier von Bri­tish Gas vor­ge­nom­me­ne Be­rech­nung der Ur­laubs­vergütung un­zu­rei­chend war. Da­bei lau­tet das ent­schei­den­de Ar­gu­ment, dass Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG je­den fi­nan­zi­el­len An­reiz ver­hin­dern will, der Ar­beit­neh­mer vom Ur­laub ab­hal­ten könn­te. Da aber der hier im Streit­fall of­fen­sicht­li­che fi­nan­zi­el­le Fol­ge­scha­den des Ur­laubs ein An­reiz für den Ar­beit­neh­mer sein könn­te, auf sei­nen Ur­laub zu ver­zich­ten, muss es ei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für die während des Ur­laubs ent­gan­ge­nen pro­vi­si­ons­pflich­ti­gen Geschäfts­ab­schlüsse ge­ben, so der Ge­ne­ral­an­walt. Die da­ge­gen von Bri­tish Gas vor­ge­brach­ten Ar­gu­ment be­wer­te­te der Ge­ne­ral­an­walt als nicht stich­hal­tig.
Zum ei­nen hat­te Bri­tish Gas ar­gu­men­tiert, dass der Kläger doch während sei­nes Ur­laubs sein gewöhn­li­ches Ar­beits­ent­gelt er­hal­te, so dass er nicht von der Ausübung sei­nes Ur­laubs­rechts ab­ge­hal­ten wer­de. Die­ses Ar­gu­ment, so Bot, be­ruht aber auf ei­nem Trug­schluss. Denn die während des Ur­laubs von Bri­tish Gas ge­zahl­ten Pro­vi­sio­nen wur­de ja "aus­sch­ließlich als ei­ne Fol­ge zu­vor ab­ge­schlos­se­ner Verträge ge­zahlt. Die­se Nicht­zah­lung des va­ria­blen Teils des Ar­beits­ent­gelts des Ar­beit­neh­mers für den Zeit­raum des Jah­res­ur­laubs wird sich ne­ga­tiv auf die Höhe des Ar­beits­ent­gelts aus­wir­ken, das die­ser Ar­beit­neh­mer in den Mo­na­ten erhält, die sich an die­sen Ur­laubs­zeit­raum an­sch­ließen. Ein Ar­beit­neh­mer wie Herr Lock wird sich in­fol­ge der In­an­spruch­nah­me ei­nes Jah­res­ur­laubs da­her in ei­ner ungüns­ti­ge­ren La­ge be­fin­den, als wenn er ge­ar­bei­tet hätte. Die Ausübung sei­nes Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub wird für ihn zu ei­nem - zwar zeit­lich verzöger­ten, aber doch tatsächli­chen - fi­nan­zi­el­len Nach­teil führen." (Schluss­anträge, Rand­num­mer 38)
Vor die­sem Hin­ter­grund ist § 11 Abs.1 Satz 1 BUrlG künf­tig richt­li­ni­en­kon­form so aus­zu­le­gen und an­zu­wen­den, dass pro­vi­si­ons­be­rech­tig­te Ar­beit­neh­mer ei­nen Aus­gleich für ur­laubs­be­dingt weg­fal­len­de Pro­vi­sio­nen er­hal­ten müssen. Die­ser Aus­gleich kann ent­we­der durch ei­ne Stell­ver­tre­terlösung er­fol­gen, d.h. durch ei­nen Ur­laubs­ver­tre­ter, der für den ur­laubs­ab­we­sen­den Ar­beit­neh­mer auf des­sen Rech­nung ge­hen­de Neu­geschäfte ab­sch­ließt (denn die Vor­la­ge­fra­ge des Em­ploy­ment Tri­bu­nal be­zieht sich aus­drück­lich auf den Fall, dass der Ar­beit­neh­mer während sei­nes Ur­laubs kei­ne pro­vi­si­ons­pflich­ti­gen Geschäfte ab­sch­ließt und da­her "kei­ne Pro­vi­sio­nen ver­dient"),
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 22.05.2014, C-539/12 (Lock gg. Bri­tish Gas) Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/187 Ur­laubs­vergütung und Pro­vi­si­ons­aus­gleich