Source: https://www.weka.ch/themen/finanzen-controlling/rechnungslegung-und-berichterstattung/schweizer-rechnungslegungsrecht/article/neues-rechnungslegungsrecht-modernes-informationsinstrument/
Timestamp: 2019-09-22 18:59:12
Document Index: 75071117

Matched Legal Cases: ['Art. 957', 'Art. 959', 'Art. 959', 'Art. 960', 'Art. 959', 'Art. 962']

Anfang 2013 ist das überarbeitete Rechnungslegungsrecht in Kraft getreten. Seit dem 1. Januar 2015 muss die Buchführung und die Jahresrechnung zwingend nach den neuen Bestimmungen vorgenommen werden. Ergänzende Bemerkung im Juni 2019: Die Einführung des überarbeiteteten Rechnungslegungsrecht liegt schon einige Zeit zurück. Die Leserzahlen für diesen Beitrag zeigen aber nach wie vor ein hohes Interesse, weshalb dieser Artikel weiterhin online ist.
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Von: Bastian Baumberger, Martin Walser
Bastian Baumberger
Bastian Baumberger ist Partner und Bereichsleiter bei der OBT AG in Zürich. Seine Beratungsschwerpunkte sind Swiss GAAP FER, IFRS sowie Umstrukturierungen.
Martin Walser ist Betriebsökonom FH, dipl. Treuhandexperte MASFH und Mitglied des Kaders bei der OBT AG in Zürich. Seine Beratungsschwerpunkte sind Buchführung, Gruppen-Konsolidierungen, Abschlussplanung und Analysen, Reportingwesen sowie Unternehmensbewertungen.
Die Ausführungen für die kaufmännische Buchführung und Rechnungslegung nach OR betreffen sämtliche Unternehmen unabhängig ihrer Rechtsform. Die Grösse der Gesellschaft ist massgebend für die Anwendung der einzelnen Bestimmungen. Folgende «kleinen» Gesellschaften sind von der ordentlichen Buchführung nach Art. 957a ff OR befreit und haben theoretisch die Möglichkeit, lediglich eine sogenannte «Milchbüchleinrechnung» zu erstellen:
Einzelunternehmen und Personengesellschaften mit Vorjahresumsatzerlös < CHF 500'000
Stiftungen und Vereine ohne Pflicht zum Handelsregistereintrag
Die Anwendung einer solchen Einnahmen- und Ausgabenrechnung ist jedoch immer im Einzelfall zu prüfen. Eine solche Buchführung genügt unter anderem den sich aus dem Mehrwertsteuergesetz ergebenden Buchführungspflichten nicht. Des Weiteren ist die Zeitersparnis für die Erstellung einer «Milchbüchleinrechnung» je nach Tätigkeit der Unternehmung im Vergleich zur ordentlichen doppelten Buchführung gering oder gar nicht vorhanden. Denn auch bei dieser Art der Buchführung benötigt es einen Nachweis der Vermögenslage. Das heisst, die Anfangs- und Endbestände der Vermögensteile müssen separat festgehalten werden.
Das Ausmass der Umstellung setzt eine vorgängige Analyse der Neuerungen voraus und hängt stark von der bereits bestehenden Buchführung bzw. Berichterstattung ab. Den Verantwortlichen stellen sich dabei folgende Fragen:
Wie sieht der Kontenplan aus?
Entsprechen die bis anhin angewendeten Bewertungsrichtlinien den neuen Bestimmungen?
Werden im Anhang alle notwendigen Informationen aufgeführt?
Ist die Buchhaltungssoftware in der Lage, eine Geldflussrechnung zu erstellen?
Bin ich verpflichtet, einen Lagebericht zu verfassen?
Das Gesetz enthält in Art. 959a und Art. 959b OR neu eine Mindestgliederung für die Bilanz und Erfolgsrechnung. Diese Mindestgliederungsvorschriften entsprechen im Grundsatz dem bis anhin in der Praxis angewendeten KMU Kontenrahmen. Wesentliche Positionen für die Beurteilung der Vermögenslage müssen in der Bilanz oder im Anhang einzeln ausgewiesen werden. Auch Forderungen und Verbindlichkeiten gegenüber nahestehenden natürlichen oder juristischen Personen sind jeweils gesondert in der Bilanz oder im Anhang auszuweisen. Im Einzelnen kommt es unter anderem zu folgenden Änderungen:
Aktivierung der Gründungskosten ist nicht mehr vorgesehen
Aufteilung sowohl des lang- als auch des kurzfristigen Fremdkapitals in verzinsliche und unverzinsliche Bestandteile
Bilanzierung der eigenen Kapitalanteile als Minusposten im Eigenkapital
Gemäss Art. 960 Abs. 2 OR muss die Bewertung vorsichtig erfolgen, darf aber die zuverlässige Beurteilung der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens nicht verhindern. Zur Gewährleistung der Steuerneutralität ist die Bildung von stillen Reserven jedoch auch nach neuem Rechnungslegungsrecht nach wie vor zulässig. Ebenso sind Willkürreserven weiterhin möglich, denn es können willkürlich Rückstellungen gebildet werden, wenn sie dazu dienen, das dauernde Gedeihen der Unternehmung zu sichern. Im Einzelnen gelten neu folgende Bestimmungen:
Einzelbewertung von Aktiven und Verbindlichkeiten
Aktivierung der nicht fakturierten Dienstleistungen grundsätzlich zu Herstellkosten
Das Massgeblichkeitsprinzip für die steuerliche Veranlagung gilt weiterhin. Die Steuerberechnung erfolgt somit nach wie vor auf Basis der nach OR erstellten Jahresrechnung. Den Steuerbehörden bleibt es jedoch vorbehalten, von der handelsrechtlichen Jahresrechnung abzuweichen, sofern diese nicht geschäftsmässig begründete Buchungen enthält oder deren Bewertungen den Steuergesetzen widerspricht.
Im Bereich des Anhangs haben sich die meisten Änderungen ergeben. Die Ausweispflichten wurden massgeblich erweitert. Einzelunternehmen und Personengesellschaften sind von der Pflicht befreit, einen Anhang zu erstellen (Art. 959c Abs. 3 OR; sofern sie nicht zur Rechnungslegung nach den Vorschriften für grössere Unternehmen verpflichtet sind). Nicht mehr Bestandteil des Anhangs ist die Angabe über die Durchführung einer Risikobeurteilung. Dies ist nun Bestandteil des Lageberichts, den nur grössere Unternehmungen zu erstellen haben. Im Einzelnen wurde der Anhang um folgende Angaben erweitert:
angewandte Grundsätze der Rechnungslegung
Anzahl und Wert von Mitarbeiteraktien
Erläuterungen zu ausserordentlichen und einmaligen Positionen in der Erfolgsrechnung
Umrechnungskurse und Währung, falls nicht in der Landeswährung
Bei ordentlich revidierten Gesellschaften sind zudem folgende Informationen im Anhang aufzuführen:
Honorare der Revisionsstelle (aufgeteilt in Revisionshonorare und Honorare für sonstige Dienstleistungen)
Fälligkeiten der langfristigen Verbindlichkeiten
Unternehmen, die von Gesetzes wegen zu einer ordentlichen Revision verpflichtet sind, haben zusätzlich eine Geldflussrechnung und einen Lagebericht zu erstellen. Die Geldflussrechnung hat die Veränderung der flüssigen Mittel aufgrund der Geschäfts-, Investitions- und Finanzierungstätigkeit darzustellen.
Der Lagebericht muss eine schriftliche Darstellung der wichtigen Einflussfaktoren für die Entwicklung des Geschäftsverlaufs und der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens enthalten. Nicht gewünscht sind weitere Zahlen im Bericht, sondern vielmehr qualitative Aussagen zu abgelaufenen und zukünftigen Geschäftstätigkeiten. Es dürfen keine Kommentare enthalten sein, die in irgendeiner Form den übrigen Bestandteilen der Jahresrechnung widersprechen.
Die Pflicht zur Erstellung einer konsolidierten Jahresrechnung (Konzernrechnung) besteht grundsätzlich immer, wenn eine juristische Person ein oder mehrere rechnungslegungspflichtige Unternehmen kontrolliert. Die Pflicht zur Erstellung einer Konzernrechnung ist im schweizerischen Recht rechtsformunabhängig geregelt und betrifft somit nicht nur Kapitalgesellschaften, sondern auch Stiftungen, Vereine und Genossenschaften. Werden nachfolgende Bedingungen erfüllt, kann jedoch auf die Erstellung einer Konzernrechnung verzichtet werden:
Wenn die Grössenkriterien, welche ein Unternehmen von Gesetzes wegen zu einer ordentlichen Revision verpflichtet, nicht erfüllt sind.
Das Unternehmen von einem Unternehmen kontrolliert wird, dessen Konzernrechnung nach schweizerischen oder gleichwertigen ausländischen Vorschriften erstellt und ordentlich geprüft worden ist.
Einfluss Minderheiten
Um die Interessen der Minderheiten zu schützen, stehen diesen im neuen Rechnungslegungsrecht gewisse Sonderrechte zu. Gemäss Art. 962 Abs. 2 OR können Gesellschafter, die mindestens 20 % des Grundkapitals vertreten, 10 % der Genossenschafter oder 20 % der Vereinsmitglieder einen zusätzlichen Abschluss nach einem anerkannten Standard oder einen Konzernabschluss verlangen. Dadurch haben Minderheiten die Möglichkeit, stille Reserven offenlegen zulassen.
Das neue Gesetz ist für die Buchführung ab dem 1. Januar 2015 strikt anzuwenden. Von einer Vermischung der Werte zwischen dem alten und neuen Recht ist abzusehen. Lediglich die Vorjahreswerte dürfen im ersten Jahr noch nach der alten Regelung aufgeführt werden.
Wird an den bisherigen Bewertungsgrundsätzen festgehalten, dürften sich bei der Höhe der Bilanzwerte nur wenige Veränderungen ergeben. In der Praxis ist für die Erstellung des Anhangs nach der neuen Gesetzgebung mit einem Mehraufwand zu rechnen.
FAZIT zum Rechnungslegungsrecht und der Jahresrechnung
Das neue Rechnungslegungsrecht ist ein modernes Informationsinstrument für Unternehmen. Dass die Anforderungen an das Rechnungswesen eines Unternehmens je nach dessen wirtschaftlicher Bedeutung abgestuft werden, ist sinnvoll.