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Timestamp: 2020-08-11 16:53:07
Document Index: 236394729

Matched Legal Cases: ['§ 256', '§ 256', '§ 256', '§ 278', '§ 241', '§ 256', 'BGH', 'BGH']

Die nur "sehr geringe" Möglichkeit eines künftigen Schadenseintritts - und das Feststellungsinteresse | Rechtslupe
Die nur "sehr geringe" Möglichkeit eines künftigen Schadenseintritts - und das Feststellungsinteresse
Die nur „sehr gerin­ge“ Mög­lich­keit eines künf­ti­gen Scha­dens­ein­tritts – und das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se
Mit der Zuläs­sig­keit einer auf Ersatz künf­ti­gen Scha­dens gerich­te­ten Fest­stel­lungs­kla­ge , wenn die Mög­lich­keit eines Scha­dens­ein­tritts zwar mini­mal über dem all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko liegt, jedoch auf­grund der Umstän­de des Ein­zel­falls als „sehr, sehr gering“ anzu­se­hen ist, hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen. Der Bun­des­ge­richts­hof ver­nein­te das Vor­lie­gen des gemäß § 256 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­chen Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses:
Dem zugrun­de lag ein Fall aus Ber­lin: Die Eltern der min­der­jäh­ri­gen Klä­ger waren von 1998 bis 2008 Mie­ter einer Woh­nung der Beklag­ten. Der Fuß­bo­den der Woh­nung bestand bei Miet­be­ginn aus asbest­hal­ti­gen Vinyl­plat­ten (sog. Flex­plat­ten). Nach­dem sich der nach Nut­zungs­be­ginn von den Eltern der Klä­ger über den Flex­plat­ten ver­leg­te Tep­pich Mit­te des Jah­res 2005 im vor­de­ren Teil des Flurs gelo­ckert hat­te, ent­fern­te der Vater der Klä­ger in die­sem Bereich den Tep­pich und bemerk­te, dass die dar­un­ter befind­li­chen Flex­plat­ten teil­wei­se gebro­chen waren und offe­ne Bruch­kan­ten auf­wie­sen. Er infor­mier­te die Beklag­te hier­über Ende Juli 2005, wor­auf die Beklag­te ihre spä­te­re Streit­hel­fe­rin mit dem Aus­tausch der beschä­dig­ten Flex­plat­ten beauf­trag­te. Der Aus­tausch erfolg­te am 15.08.2005, wäh­rend die Klä­ger in der Schu­le waren. Mit­te Sep­tem­ber 2005 ver­leg­te der Vater der Klä­ger über den aus­ge­tausch­ten Flex­plat­ten einen neu­en Tep­pich. Den Eltern der Klä­ger war im Jahr 2005 nicht bekannt, dass die Flex­plat­ten asbest­hal­ti­ges Mate­ri­al ent­hiel­ten. Dar­über wur­den sie erst im Juni 2006 infor­miert.
Die Klä­ger begeh­ren die Fest­stel­lung, dass die Beklag­te ver­pflich­tet ist, den Klä­gern alle mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Schä­den, die ihnen aus der Gesund­heits­ge­fähr­dung, die durch den Asbest­kon­takt in den Miet­räu­men bereits ent­stan­den sind und/​oder als Spät­fol­gen noch ent­ste­hen wer­den, zu erset­zen, soweit die Ansprü­che nicht auf einen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger oder ande­re Drit­te über­ge­gan­gen sind.
Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Char­lot­ten­borg hat die Kla­ge als zuläs­sig ange­se­hen, aber als unbe­grün­det abge­wie­sen [1]. Auf die Beru­fung der Klä­ger hat das Land­ge­richt Ber­lin dage­gen der Kla­ge statt­ge­ge­ben [2]. Die vom Land­ge­richt Ber­lin zuge­las­se­ne Revi­si­on, mit der die Beklag­te ihr Kla­ge­ab­wei­sungs­be­geh­ren wei­ter­ver­folgt, hat­te vor dem Bun­des­ge­richts­hof Erfolg. Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied, dass die erho­be­ne Fest­stel­lungs­kla­ge bereits unzu­läs­sig ist, weil es unter den beson­de­ren Umstän­den des Fal­les an dem nach § 256 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­chen Fest­stel­lungs­in­ter­es­se fehlt.
In sei­nem Beru­fungs­ur­teil hat das Land­ge­richt Ber­lin das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten eines bereits vom Amts­ge­richt beauf­trag­ten Pro­fes­sors für Arbeits- und Sozi­al­me­di­zin ver­wer­tet. Der Sach­ver­stän­di­ge hat aus­ge­führt, dass das Risi­ko der Klä­ger, in Zukunft an einem Tumor zu erkran­ken, der auf die der Beklag­ten zure­chen­ba­ren Pflicht­ver­let­zun­gen zurück­zu­füh­ren ist, zwar mini­mal über dem all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko lie­ge, jedoch auf­grund der anzu­neh­men­den Expo­si­ti­on der Klä­ger mit Asbest­fa­sern, die im Nied­rig­do­sis­be­reich lie­ge, als „sehr sehr gering“ anzu­se­hen sei; mit einer Tumor­er­kran­kung sei „nicht zu rech­nen“.
Der Bun­des­ge­richts­hof sah ange­sichts die­ser gut­ach­ter­li­chen Äuße­run­gen bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aus Sicht der Klä­ger kei­nen Grund, mit einem zukünf­ti­gen Scha­den zu rech­nen. Die Klä­ger haben daher unter den vom Land­ge­richt Ber­lin fest­ge­stell­ten Umstän­den nicht das nach § 256 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­che recht­li­che Inter­es­se an der begehr­ten Fest­stel­lung.
Rechts­feh­ler­frei hat das Land­ge­richt Ber­lin aller­dings ange­nom­men, dass der Beklag­ten im Zusam­men­hang mit dem von ihr in Auf­trag gege­be­nen Aus­tausch der asbest­hal­ti­gen Vinyl­plat­ten eine über § 278 BGB zure­chen­ba­re Pflicht­ver­let­zung ihrer Streit­hel­fer zu 1 und 2 zur Last fällt, da der Streit­hel­fer zu 2 wäh­rend der Arbei­ten in der Woh­nung vor­ge­schrie­be­ne Sicher­heits­maß­nah­men unbe­ach­tet gelas­sen hat. Auch ist die recht­li­che Wür­di­gung der Vor­in­stan­zen, die Beklag­te habe eine ver­trag­li­che Neben­pflicht (§ 241 Abs. 2 BGB) dadurch ver­letzt, dass sie die Eltern der Klä­ger nach der im Juli 2005 erfolg­ten Anzei­ge, es lägen Flex­plat­ten mit offe­nen Bruch­kan­ten frei, nicht umge­hend über die von den Plat­ten mög­li­cher­wei­se aus­ge­hen­den Gefah­ren infor­mier­te, aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den.
Von Rechts­feh­lern beein­flusst ist hin­ge­gen die Annah­me des Land­ge­richts, die Klä­ger hät­ten ein schüt­zens­wer­tes recht­li­ches Inter­es­se im Sin­ne des § 256 Abs. 1 ZPO an der begehr­ten Fest­stel­lung.
Es kann dabei offen blei­ben, ob die Auf­fas­sung des Land­ge­richts zutrifft, die Zuläs­sig­keit der Fest­stel­lungs­kla­ge set­ze eine hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit dafür vor­aus, dass die Pflicht­ver­let­zung der Beklag­ten in Zukunft zu einem Gesund­heits­scha­den bei den Klä­gern füh­ren wer­de.
Selbst wenn man für die Zuläs­sig­keit der Fest­stel­lungs­kla­ge die blo­ße Mög­lich­keit eines durch die Pflicht­ver­let­zun­gen ver­ur­sach­ten Scha­dens­ein­tritts genü­gen las­sen woll­te [3], ist die Zuläs­sig­keit der Kla­ge im Streit­fall zu ver­nei­nen. Denn bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung besteht aus der Sicht der Klä­ger auf der Grund­la­ge der vom Land­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen und des die­sen Fest­stel­lun­gen zugrun­de­lie­gen­den Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens kein Grund, mit einem Scha­den „wenigs­tens zu rech­nen“ [4].
Das Land­ge­richt hat, gestützt auf die gut­ach­ter­li­chen Äuße­run­gen des gericht­lich bestell­ten Sach­ver­stän­di­gen, aus­ge­führt, dass die Ver­wirk­li­chung des Risi­kos, an einem durch die Pflicht­ver­let­zung der Beklag­ten ver­ur­sach­ten Tumor zu erkran­ken, „eher unwahr­schein­lich“ sei. Den­noch sei die Fest­stel­lungs­kla­ge (zuläs­sig und) begrün­det, weil der Sach­ver­stän­di­ge ein auf­grund der Asbest-Expo­si­ti­on bestehen­des Risi­ko, das gering­fü­gig über dem all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko lie­ge, nicht aus­ge­schlos­sen habe.
Dem kann, wie die Revi­si­on zu Recht rügt, nicht gefolgt wer­den. Der Sach­ver­stän­di­ge, Pro­fes­sor für Arbeits- und Sozi­al­me­di­zin, hat aus­ge­führt, dass das Risi­ko der Klä­ger, in Zukunft an einem Tumor zu erkran­ken, der auf die der Beklag­ten zure­chen­ba­ren Pflicht­ver­let­zun­gen zurück­zu­füh­ren ist, zwar mini­mal über dem all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko lie­ge, jedoch auf­grund der anzu­neh­men­den Expo­si­ti­on der Klä­ger mit Asbest­fa­sern, die im Nied­rig­do­sis­be­reich lie­ge, als „sehr, sehr gering“ anzu­se­hen sei; mit einer Tumor­er­kran­kung sei „nicht zu rech­nen“.
Bei die­ser Sach­la­ge müs­sen die Klä­ger bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung nicht mit der Mög­lich­keit des zukünf­ti­gen Ein­tritts eines durch die Pflicht­ver­let­zung der Beklag­ten ver­ur­sach­ten Scha­dens rech­nen.
Soweit sich das Land­ge­richt Ber­lin zur Stüt­zung sei­ner Auf­fas­sung auf das Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 28.04.2011 [5] beruft, ist der dort ent­schie­de­ne Sach­ver­halt mit dem hier zu ent­schei­den­den Sach­ver­halt nicht ver­gleich­bar. In dem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war zwi­schen den Par­tei­en unstrei­tig, dass der dort auf Fest­stel­lung der Scha­dens­er­satz­pflicht kla­gen­de Geschä­dig­te über ca. 100 Stun­den wäh­rend der Arbeits­ver­rich­tung asbest­hal­ti­ge Raum­luft ein­ge­at­met hat und dies zu Abla­ge­run­gen von Asbest­fa­sern im Lun­gen­ge­we­be geführt hat; das Gebäu­de, in dem der Geschä­dig­te Sanie­rungs­ar­bei­ten durch­ge­führt hat­te, wur­de geschlos­sen und die Arbei­ten vom Gewer­be­auf­sichts­amt wegen Asbest­be­las­tung ein­ge­stellt.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. April 2014 – – VIII ZR 19/​13
AG Char­lot­ten­burg, Urteil vom 16.03.2012 – 219 C 271/​09[↩]
LG Ber­lin – Urteil vom 21.12 2012 – 65 S 200/​12[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 16.01.2001- VI ZR 381/​99, NJW 2001, 1431 unter – II 2; vom 20.01.2001 – VI ZR 325/​99, NJW 2001, 3414 unter – II 3; Beschluss vom 09.01.2007 – VI ZR 133/​06, NJW-RR 2007, 601 Rn. 5[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 09.01.2007 – VI ZR 133/​06, aaO mwN[↩]
BAG, Urteil vom 28.04.2011 – 8 AZR 769/​09, NZA-RR 2012, 290[↩]
Arbei­ten an asbest­hal­ti­gen Bau­tei­len Die Anwei­sung an einen Arbeit­neh­mer, mit asbest­hal­ti­gem Mate­ri­al ohne Schutz­maß­nah­men zu arbei­ten, kann die bewuss­te Inkauf­nah­me von Gesund­heits­schä­den des Arbeit­neh­mers beinhal­ten. In einem jetzt vom…
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