Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/abschiebehaft-zweifel-staatsangehoerigkeit-3114265
Timestamp: 2020-02-18 13:53:12
Document Index: 172823031

Matched Legal Cases: ['§ 26', '§ 417', '§ 417', '§ 417', '§ 417', '§ 26', 'Art.20', '§ 26', 'Art. 2', 'Art. 104', 'Art. 28', 'Art. 13', '§ 62', '§ 26', 'Art. 2', 'Art 5', '§ 62', '§ 26', '§ 62', '§ 62', '§ 62', '§ 62', '§ 59', '§ 26', '§ 34', '§ 68', '§ 420', '§ 68', '§ 34', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 26', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Abschie­be­haft – und die Zwei­fel an der rich­ti­gen Staats­an­ge­hö­rig­keit | Rechtslupe
Abschiebehaft - und die Zweifel an der richtigen Staatsangehörigkeit
Erklärt der Betrof­fe­ne dem Haft­rich­ter, Ange­hö­ri­ger eines ande­ren als des im Haft­an­trag genann­ten Ziel­staa­tes der Abschie­bung zu sein, muss die­ser bei der betei­lig­ten Behör­de nach­fra­gen, wor­auf sich ihre Erwar­tung grün­det, den Betrof­fe­nen in der bean­trag­ten Haft­zeit abschie­ben zu kön­nen. Unter­lässt der Haft­rich­ter eine sol­che Nach­fra­ge, ver­letzt er sei­ne Amts­er­mitt­lungs­pflicht nach § 26 FamFG.
In die­sem Fall feh­len dem Haft­an­trag zwar nicht die nach § 417 Abs. 2 Nr. 5 FamFG vor­ge­schrie­be­nen Erklä­run­gen zur Durch­führ­bar­keit der Abschie­bung des Betrof­fe­nen. Das gilt auch dann, wenn die von der betei­lig­ten Behör­de beab­sich­tig­te Abschie­bung des Betrof­fe­nen in die Repu­blik Alba­ni­en nicht in Betracht gekom­men sein soll­te (hier: weil die­ser Koso­vo-Alba­ner und nicht Staats­an­ge­hö­ri­ger der Repu­blik Alba­ni­en ist).
Die die Abschie­bungs­haft bean­tra­gen­de Behör­de muss aller­dings nach § 417 Abs. 2 Satz 2 FamFG auch dar­le­gen, auf wel­cher recht­li­chen Grund­la­ge die Abschie­bung erfol­gen soll, wel­che Schrit­te hier­zu erfor­der­lich sind und wel­chen Zeit­raum sie jeweils in Anspruch neh­men 1. Besteht mit dem Ziel­staat, in den der Betrof­fe­ne abge­scho­ben wer­den soll, ein Rück­über­nah­me­ab­kom­men (hier die zwi­schen der Regie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Regie­rung der Repu­blik Alba­ni­en geschlos­se­ne Ver­ein­ba­rung über die Rück­nah­me von Per­so­nen vom 18.11.2002 2), sind die nach die­sem durch­zu­füh­ren­den Maß­nah­men in dem Haft­an­trag dar­zu­stel­len 3. Hier hat die betei­lig­te Behör­de zwar das genann­te Abkom­men nicht aus­drück­lich benannt, das Bestehen bila­te­ra­ler Abspra­chen zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Repu­blik Alba­ni­en aber in ihrem Haft­an­trag erwähnt und die danach erfor­der­li­chen Schrit­te dar­ge­legt. Das genüg­te den gesetz­li­chen Begrün­dungs­an­for­de­run­gen in § 417 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 FamFG, da die Aus­füh­run­gen zur Begrün­dung des Haft­an­trags knapp gehal­ten sein dür­fen und ledig­lich die für die rich­ter­li­che Prü­fung des Fal­les wesent­li­chen Punk­te anspre­chen müs­sen 4.
Ob die Anga­ben in dem Haft­an­trag der betei­lig­ten Behör­de zur Staats­an­ge­hö­rig­keit des Betrof­fe­nen und zur Durch­führ­bar­keit sei­ner Abschie­bung sach­lich rich­tig sind, ist dage­gen kei­ne Fra­ge der Zuläs­sig­keit, son­dern der Begründ­etheit des Haft­an­trags 1. Zweck des Begrün­dungs­er­for­der­nis­ses ist es, den Rich­ter und den Betrof­fe­nen durch die Anga­ben der Behör­de in die Lage zu ver­set­zen, die Recht­mä­ßig­keit des Haft­an­trags zu prü­fen 5. Feh­ler der Behör­de bei der Ermitt­lung der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen oder bei der recht­li­chen Beur­tei­lung der Durch­führ­bar­keit der beab­sich­tig­ten Abschie­bung haben nicht die Unzu­läs­sig­keit des Haft­an­trags zur Fol­ge, füh­ren aber in der Regel zu des­sen Zurück­wei­sung als unbe­grün­det 5.
Der Haft­an­trag ist auch nicht des­halb unzu­läs­sig, weil die betei­lig­te Behör­de dem Gericht dar­in nur das Ergeb­nis ihrer Ermitt­lun­gen zur Staats­an­ge­hö­rig­keit und zum Hei­mat­land des Betrof­fe­nen mit­ge­teilt, die­se Anga­ben aber nicht näher begrün­det und auch nicht die Beweis­mit­tel benannt hat, auf denen ihre Erkennt­nis­se beru­hen. Die Anga­ben der Behör­de zu dem Ergeb­nis der Ermitt­lun­gen zur Staats­an­ge­hö­rig­keit, zur Her­kunft und zur Iden­ti­tät des Aus­län­ders genü­gen den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen des § 417 Abs. 2 FamFG, weil sich der Aus­län­der dazu aus eige­nem Wis­sen erklä­ren kann (was der Betrof­fe­ne vor­lie­gend auch getan hat. Im Übri­gen ist es Sache des Haft­rich­ters, im Rah­men der ihm oblie­gen­den Amts­er­mitt­lungs­pflicht (§ 26 FamFG) nach­zu­fra­gen, wenn er Zwei­fel an der Rich­tig­keit der Anga­ben der Behör­de hat.
Die Haft­ge­rich­te sind jedoch auf Grund von Art.20 Abs. 3 GG ver­fas­sungs­recht­lich und auf Grund von § 26 FamFG ein­fach­recht­lich ver­pflich­tet, das Vor­lie­gen der gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung von Siche­rungs­haft in recht­li­cher und tat­säch­li­cher Hin­sicht umfas­send zu prü­fen. Die Frei­heits­ge­währ­leis­tung des Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG setzt auch inso­weit Maß­stä­be für die Auf­klä­rung des Sach­ver­halts und damit für die Anfor­de­run­gen in Bezug auf die tat­säch­li­che Grund­la­ge der rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen. Es ist unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens, dass Ent­schei­dun­gen, die den Ent­zug der per­sön­li­chen Frei­heit betref­fen, auf zurei­chen­der rich­ter­li­cher Sach­auf­klä­rung beru­hen und eine in tat­säch­li­cher Hin­sicht genü­gen­de Grund­la­ge haben, die der Bedeu­tung der Frei­heits­ga­ran­tie ent­spricht 6. Der Rich­ter hat nach Art. 104 Abs. 2 Satz 1 GG die Ver­ant­wor­tung für das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen der von ihm ange­ord­ne­ten oder bestä­tig­ten Haft zu über­neh­men. Dazu muss er die Tat­sa­chen fest­stel­len, die die Frei­heits­ent­zie­hung recht­fer­ti­gen 7.
Die­sen Anfor­de­run­gen genügt die Haft­an­ord­nung nicht, wenn der Haft­rich­ter dar­in ledig­lich das Ergeb­nis der Ein­schät­zung der betei­lig­ten Behör­de über die erfor­der­li­che Haft­dau­er bis zu der beab­sich­tig­ten Abschie­bung über­nimmt, ohne sich damit aus­ein­an­der­zu­set­zen, ob die von der Behör­de dafür mit­ge­teil­ten Vor­aus­set­zun­gen über­haupt vor­lie­gen.
Im vor­lie­gen­den Fall gaben hier­zu die Erklä­run­gen des Betrof­fe­nen bei sei­ner Anhö­rung Anlass, in der er die Stadt Pec (Koso­vo) als sei­nen Geburts­ort ange­ge­ben und zur Sache aus­ge­führt hat, dass er die ser­bi­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit besit­ze, die er jedoch, weil er Alba­ner sei, nicht mehr wol­le, wes­halb er der­zeit staa­ten­los sei. Nach die­sen Erklä­run­gen war der Betrof­fe­ne nicht Staats­an­ge­hö­ri­ger der Repu­blik Alba­ni­en, son­dern eine Per­son alba­ni­scher Volks­zu­ge­hö­rig­keit, die bis zum Krieg im Koso­vo gelebt hat. Die Anga­ben der Betrof­fe­nen sind schlüs­sig, weil das Koso­vo bis zu der von Ser­bi­en nicht aner­kann­ten Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung vom Febru­ar 2008 als auto­no­me Pro­vinz ein Bestand­teil der jugo­sla­wi­schen Teil­re­pu­blik Ser­bi­en war und die ser­bi­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit auch mit der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung des Koso­vo nicht erlo­schen ist. Die Staats­an­ge­hö­rig­keit der Repu­blik Koso­vo hät­te der Betrof­fe­ne nach Art. 28, 29 oder 31, 32 der Staats­an­ge­hö­rig­keits­ge­set­ze vom 20.02.2008 oder vom 31.07.2013 kraft Geset­zes erwor­ben, wenn er in einem von der UN Inte­rims Admi­nis­tra­ti­on (UNMIK) geführ­ten Regis­ter sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Koso­vo hat­te oder am 1.01.1998 (vor dem Beginn des Koso­vo-Krie­ges) als jugo­sla­wi­scher Staats­bür­ger sei­nen Wohn­sitz im Koso­vo hat­te. Andern­falls wäre ledig­lich sei­ne Ein­bür­ge­rung auf Antrag als Mit­glied der sog. Dia­spo­ra nach Art. 13 bzw. 16 der vor­ge­nann­ten Geset­ze mög­lich 8.
Auf Grund der Erklä­run­gen des Betrof­fe­nen zu sei­ner ser­bi­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit, sei­ner Her­kunft aus dem Koso­vo und sei­ner alba­ni­schen Volks­zu­ge­hö­rig­keit hät­te der Haft­rich­ter sich ver­ge­wis­sern müs­sen, ob die Anga­be der Staats­an­ge­hö­rig­keit des Betrof­fe­nen im Haft­an­trag rich­tig war und die beab­sich­tig­te Abschie­bung in die Repu­blik Alba­ni­en durch­ge­führt wer­den konn­te. Die Anord­nung von Siche­rungs­haft nach § 62 Abs. 3 Auf­en­thG ist unver­hält­nis­mä­ßig, wenn bereits im Zeit­punkt ihrer Anord­nung fest­steht, dass die beab­sich­tig­te Abschie­bung man­gels Auf­nah­me­be­reit­schaft des Ziel­staats mit Sicher­heit zum Schei­tern ver­ur­teilt ist 9. Erklärt der Betrof­fe­ne dem Haft­rich­ter, Ange­hö­ri­ger eines ande­ren als des im Haft­an­trag genann­ten Ziel­staa­tes der Abschie­bung zu sein, muss die­ser bei der betei­lig­ten Behör­de nach­fra­gen, wor­auf sich ihre Erwar­tung grün­det, den Betrof­fe­nen in der bean­trag­ten Haft­zeit abschie­ben zu kön­nen. Unter­lässt der Haft­rich­ter eine sol­che Nach­fra­ge, ver­letzt er sei­ne Amts­er­mitt­lungs­pflicht nach § 26 FamFG.
Die Nach­fra­ge­pflicht der Haft­rich­ters ergibt sich dar­aus, dass von der Auf­nah­me­be­reit­schaft des Ziel­staats nur in Bezug auf sol­che Per­so­nen aus­ge­gan­gen wer­den kann, die ent­we­der sei­ne Staats­an­ge­hö­ri­gen sind oder die er auf Grund von beson­de­ren Vor­schrif­ten für die Über­nah­me von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen bei rechts­wid­ri­ger Ein­rei­se und rechts­wid­ri­gem Auf­ent­halt in völ­ker­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen zu über­neh­men ver­pflich­tet ist. In den Rück­über­nah­me­ab­kom­men ver­pflich­ten sich die Staa­ten wech­sel­sei­tig nur dazu, unter den genann­ten Vor­aus­set­zun­gen die sich ille­gal in einem Ver­trags­staat auf­hal­ten­den Per­so­nen zu über­neh­men. Die Staats­an­ge­hö­rig­keit wird dem um die Über­nah­me ersuch­ten Ver­trags­staat ent­we­der durch Urkun­den nach­ge­wie­sen oder (ins­be­son­de­re durch Zeu­gen­aus­sa­gen, eige­ne Anga­ben des Betrof­fe­nen oder das Ergeb­nis sei­ner Anhö­rung vor der Aus­lands­ver­tre­tung der ersuch­ten Ver­trags­par­tei) glaub­haft gemacht (vgl. Art. 2 Abs. 1, 2 des Rück­über­nah­me­ab­kom­mens zwi­schen den Regie­run­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Regie­rung der Repu­blik Alba­ni­en).
Fehlt es sowohl an die Staats­an­ge­hö­rig­keit nach­wei­sen­den Urkun­den als auch an Mit­teln der Glaub­haft­ma­chung für die von der betei­lig­ten Behör­de vor­ge­tra­ge­ne Staats­an­ge­hö­rig­keit, ist, wenn der Betrof­fe­ne vor dem Rich­ter eine ande­re Staats­an­ge­hö­rig­keit angibt, grund­sätz­lich von einer abschlä­gi­gen Beant­wor­tung des Über­nah­me­ersu­chens durch den Ver­trags­staat aus­zu­ge­hen. Abschie­bungs­haft darf der Rich­ter in solch einem Fall nur anord­nen, wenn die Behör­de ihm die Umstän­de mit­teilt, aus denen sich ergibt, dass der Ziel­staat dem Über­nah­me­ersu­chen vor­aus­sicht­lich den­noch ent­spre­chen wer­de (wie eige­ne, von den Anga­ben des Betrof­fe­nen abwei­chen­de Erkennt­nis­se der Behör­de zu des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit oder über eine Über­nah­me­pflicht des Ver­trags­staats aus ande­ren Grün­den – wie nach Art 5 ff. des genann­ten Abkom­mens). Das ist hier nicht gesche­hen.
Die Ver­let­zung der Amts­er­mitt­lungs­pflicht bei der Haft­an­ord­nung wäre für die Ent­schei­dung über den Fest­stel­lungs­an­trag nach § 62 Abs. 1 FamFG aller­dings unbe­acht­lich, wenn das Beschwer­de­ge­richt unter Nach­ho­lung der erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen die Recht­mä­ßig­keit der Frei­heits­ent­zie­hung fest­ge­stellt hät­te. Ver­stö­ße gegen die Amts­er­mitt­lungs­pflicht nach § 26 FamFG durch den Haft­rich­ter kön­nen im Beschwer­de­ver­fah­ren beho­ben wer­den. Zwar ist eine rück­wir­ken­de Hei­lung der Haft­an­ord­nung mit der Fol­ge, dass das Ver­fah­rens­er­geb­nis für den Betrof­fe­nen kein ande­res ist, als wenn bereits das Amts­ge­richt das Ver­fah­ren feh­ler­frei durch­ge­führt hät­te 10, nach dem Ein­tritt des erle­di­gen­den Ereig­nis­ses durch Haft­ent­las­sung nicht mehr mög­lich. Die­ser Umstand führt aber nicht ohne wei­te­res zu einem Erfolg der mit dem Fest­stel­lungs­an­trag nach § 62 FamFG wei­ter­hin zuläs­si­gen Beschwer­de, da unzu­rei­chen­de Ermitt­lun­gen des Haft­rich­ters der voll­zo­ge­nen Haft nicht ohne wei­te­res den Makel einer rechts­wid­ri­gen Frei­heits­ent­zie­hung auf­drü­cken 11. Der Fest­stel­lungs­an­trag ist in einem sol­chen Fall nur dann begrün­det, wenn es an den Vor­aus­set­zun­gen für eine Inhaf­tie­rung zur Siche­rung der Abschie­bung fehl­te und der Betrof­fe­ne des­halb vor dem Ein­tritt der Erle­di­gung mit der Beschwer­de eine Auf­he­bung der Haft­an­ord­nung hät­te errei­chen kön­nen 12.
Zur Fest­stel­lung der Recht­mä­ßig­keit der Frei­heits­ent­zie­hung hät­te das Beschwer­de­ge­richt aller­dings sei­ner­seits Ermitt­lun­gen anstel­len müs­sen, ob Siche­rungs­haft nach § 62 Abs. 3 Auf­en­thG hät­te ange­ord­net wer­den dür­fen, weil das Schei­tern der Abschie­bung des Betrof­fe­nen – sei es in die Repu­blik Alba­ni­en, sei es in die Repu­blik Maze­do­ni­en – nicht von vorn­her­ein fest­stand 13.
Nicht zu bean­stan­den ist, dass das Beschwer­de­ge­richt dabei auch den Ver­such einer Abschie­bung des Betrof­fe­nen in die Repu­blik Maze­do­ni­en in den Blick genom­men hat. Das war nicht – wie die Rechts­be­schwer­de meint – schon wegen der Benen­nung Alba­ni­ens als Ziel­staat und der dar­auf bezo­ge­nen Pro­gno­se des Haft­rich­ters rechts­wid­rig. Es ent­spricht viel­mehr der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 14, dass die Siche­rungs­haft ihre Wirk­sam­keit erst mit dem Schei­tern der kon­kre­ten Abschie­bungs­maß­nah­me (§ 62 Abs. 3 Satz 5 Auf­en­thG aF; jetzt § 62 Abs. 4a Auf­en­thG) und nicht schon allein des­we­gen ver­liert, weil die Behör­de einen neu­en Ziel­staat für die Abschie­bung bestimmt. Abschie­bungs­haft kann auch ange­ord­net wer­den, wenn in der Abschie­bungs­an­dro­hung nach § 59 Auf­en­thG der Ziel­staat noch nicht kon­kret benannt wor­den ist 15. Bei der Prü­fung, ob die ange­ord­ne­te Siche­rungs­haft sich des­halb als unver­hält­nis­mä­ßig dar­stellt, weil fest­steht, dass die Abschie­bung des Aus­län­ders wegen der feh­len­den Auf­nah­me­be­reit­schaft des Ziel­staats mit Sicher­heit zum Schei­tern ver­ur­teilt ist 9, ist auch die Mög­lich­keit der Abschie­bung in einen von der betrof­fe­nen Behör­de im Beschwer­de­ver­fah­ren nach­be­nann­ten Ziel­staat zu berück­sich­ti­gen.
Vor­lie­gend fehlt es jedoch an einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge für die getrof­fe­ne Ent­schei­dung. Das Beschwer­de­ge­richt hat zwar gese­hen, dass die Siche­rungs­haft unver­hält­nis­mä­ßig ist, wenn die Unmög­lich­keit der Abschie­bung wegen der feh­len­den Auf­nah­me­be­reit­schaft des Ziel­staats fest­steht. Es hat die­sen Punkt aber nur im Zusam­men­hang mit einem Ver­stoß gegen das Beschleu­ni­gungs­ge­bot geprüft. Nicht aus­ein­an­der­ge­setzt hat es sich mit dem Vor­brin­gen des Betrof­fe­nen, dass die von der betei­lig­ten Behör­de unter­nom­me­nen Abschie­bungs­ver­su­che nach Alba­ni­en oder Maze­do­ni­en des­we­gen von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt gewe­sen sei­en, weil er – wie von ihm auch stets ange­ge­ben – ein im Koso­vo gebo­re­ner Alba­ner mit ehe­mals ser­bi­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit sei und eine ande­re Staats­an­ge­hö­rig­keit nicht besit­ze. Die betei­lig­te Behör­de ist dem zwar – wie von der Rechts­be­schwer­de­er­wi­de­rung erwähnt – damit ent­ge­gen­ge­tre­ten, dass die Anga­ben des Betrof­fe­nen zu sei­nem Geburts­ort, sei­ner Her­kunft und sei­nen Fami­li­en­ver­hält­nis­sen falsch gewe­sen sei­en, weil er nach der sach­kun­di­gen Ein­schät­zung des Dol­met­schers aus der Regi­on Skop­je stam­men müs­se.
Bei die­sem Vor­trag han­del­te es sich aber um neu­es, strei­ti­ges Vor­brin­gen der betei­lig­ten Behör­de in dem Beschwer­de­ver­fah­ren, zu dem das Beschwer­de­ge­richt eige­ne Fest­stel­lun­gen nach § 26 FamFG hät­te tref­fen müs­sen. Von die­sen durf­te es nicht des­halb abse­hen, weil es die Anga­ben des Dol­met­schers zur wahr­schein­li­chen Her­kunft des Betrof­fe­nen aus Maze­do­ni­en für schlüs­sig erach­te­te. Davon, dass die von der betei­lig­ten Behör­de ver­such­te Abschie­bung in die Repu­blik Maze­do­ni­en (eben­so wie die zuvor ver­such­te Abschie­bung in die Repu­blik Alba­ni­en) nicht von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt war, hät­te das Beschwer­de­ge­richt nur aus­ge­hen dür­fen, wenn es Anhalts­punk­te dafür gab, dass die Anga­ben des Betrof­fe­nen zu sei­ner Her­kunft und zu sei­ner Staats­an­ge­hö­rig­keit unzu­tref­fend sein könn­ten.
Das wäre aller­dings der Fall, wenn der Betrof­fe­ne wech­seln­de, wider­sprüch­li­che und unwah­re Erklä­run­gen hier­zu abge­ge­ben hät­te. Ob es sich jedoch so ver­hielt, hät­te das Beschwer­de­ge­richt anhand der über den Betrof­fe­nen geführ­ten Aus­län­der­ak­te prü­fen müs­sen. Von der in Abschie­bungs­haft­sa­chen in der Regel erfor­der­li­chen Bei­zie­hung der Aus­län­der­ak­te durch das Gericht 16 kann nur dann abge­se­hen wer­den, wenn sich der fest­zu­stel­len­de Sach­ver­halt aus den vor­ge­leg­ten Tei­len der Akte voll­stän­dig ergibt und die nicht vor­ge­leg­ten Tei­le kei­ne wei­te­ren Erkennt­nis­se ver­spre­chen 17. Das ist hier nicht der Fall, weil das Beschwer­de­ge­richt nicht fest­ge­stellt hat, dass sich aus vor­ge­leg­ten Akten oder Akten­tei­len der betei­lig­ten Behör­de die von die­ser im Beschwer­de­ver­fah­ren behaup­te­ten Wider­sprü­che in den Anga­ben des Betrof­fe­nen zu sei­ner Her­kunft und zu sei­ner Staats­an­ge­hö­rig­keit erge­ben, und es ande­re Akten über den Betrof­fe­nen (die Aus­län­der­ak­te der für ihn wäh­rend sei­nes frü­he­ren Auf­ent­halts in Deutsch­land zustän­di­gen Aus­län­der­be­hör­de und die Akte des Bun­des­amts für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge, bei dem er einen Asyl­an­trag gestellt hat­te) nicht bei­gezo­gen hat.
Das Beschwer­de­ge­richt hät­te zudem den Betrof­fe­nen hier­zu nach § 34, § 68 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. § 420 Abs. 1 Satz 1 FamFG per­sön­lich anhö­ren müs­sen. Von einer Anhö­rung darf das Beschwer­de­ge­richt nicht nach § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG abse­hen, wenn sich nach dem Erlass der Haft­an­ord­nung neue recht­lich erheb­li­che Gesichts­punkt erge­ben 18. So ver­hält es sich hier. Dass die betei­lig­te Behör­de nach dem Schei­tern der ers­ten Abschie­bung nach Alba­ni­en eine erneu­te Abschie­bung nach Maze­do­ni­en ver­sucht und dass der Betrof­fe­ne wider­sprüch­li­che Anga­ben zu sei­ner Her­kunft und sei­nem Fami­li­en­stand gemacht habe, ist erst im Beschwer­de­ver­fah­ren vor­ge­tra­gen wor­den. Das dem ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­brin­gen des Betrof­fe­nen ist erheb­lich, da bei Rich­tig­keit sei­ner Anga­ben die rich­ti­gen Adres­sa­ten für eine Abschie­bung in sein Hei­mat­land nicht die Behör­den in Tira­na oder in Skop­je, son­dern die in Priš­ti­na gewe­sen wären. Ein nach den Anga­ben des Betrof­fe­nen in Betracht kom­men­des Über­nah­me­ersu­chen an die Repu­blik Koso­vo nach dem Rück­über­nah­me­ab­kom­men zwi­schen der Regie­rung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Regie­rung der Repu­blik Koso­vo vom 14.04.2010 19 ist nicht gestellt wor­den; Grün­de dafür sind weder fest­ge­stellt noch von der betei­lig­ten Behör­de vor­ge­tra­gen wor­den.
Die Anord­nung der Abschie­bungs­haft und der Voll­zug der Frei­heits­ent­zie­hung hät­ten den Betrof­fe­nen gleich­wohl nicht in sei­nen Rech­ten ver­letzt, wenn die­ser unwah­re, wider­sprüch­li­che Anga­ben zu sei­ner Staats­an­ge­hö­rig­keit oder Her­kunft gemacht hät­te. In die­sem Fall wäre die Haft­an­ord­nung nicht wegen einer von vorn­her­ein fest­ste­hen­den Unmög­lich­keit sei­ner Abschie­bung nach Alba­ni­en oder nach Maze­do­ni­en unver­hält­nis­mä­ßig gewe­sen. Ob es sich so ver­hal­ten hat, wird das Beschwer­de­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall noch fest­zu­stel­len haben. Da dem Betrof­fe­nen der Auf­ent­halt in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gestat­tet war, er hier einen Wohn­sitz hat­te und ein Asyl­ver­fah­ren durch­ge­führt wur­de, ist – wie von ihm selbst ange­regt – die über ihn von der sei­ner­zeit zustän­di­gen Behör­de geführ­te Aus­län­der­ak­te und die Akte des Bun­des­amts über das Asyl­ver­fah­ren bei­zu­zie­hen und dar­an zu prü­fen, wel­che Anga­ben er außer­halb des gericht­li­chen Ver­fah­rens zu sei­ner Her­kunft und Staats­an­ge­hö­rig­keit gemacht hat. Zudem ist der Betrof­fe­ne – wie aus­ge­führt – nach § 34 FamFG per­sön­lich zu den neu­en Behaup­tun­gen der betei­lig­ten Behör­de im Beschwer­de­ver­fah­ren anzu­hö­ren.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Juni 2016 – V ZB 12/​15
BGH, Beschluss vom 15.10.2015 – V ZB 82/​14 7[↩][↩]
BGBl. II S.195[↩]
BGH, Beschluss vom 19.06.2013 – V ZB 30/​13 10; Beschluss vom 17.10.2013 – V ZB 172/​12, InfAuslR 2014, 52 Rn. 9[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 15.01.2015 – V ZB 165/​13 5 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 12.12 2013 – V ZB 214/​12 9[↩][↩]
BVerfGK 15, 139, 144 f.; BGH, Beschluss vom 20.01.2011 – V ZB 226/​10, FGPrax 2011, 144 Rn. 15; Beschluss vom 11.05.2011 – V ZB 265/​10, FGPrax 2011, 201 Rn. 8; Beschluss vom 12.05.2011 – V ZB 299/​10 10[↩]
BGH, Beschluss vom 10.06.2010 – V ZB 204/​09, NVwZ 2010, 1172 Rn. 26; Beschluss vom 17.10.2013 – V ZB 172/​12, InfAuslR 2014, 52 Rn. 14[↩]
zur Staats­an­ge­hö­rig­keit der Koso­vo-Alba­ner vgl.: BAMF: Ent­schei­dun­gen Asyl – Infor­ma­ti­ons­schnell­dienst 8/​2008, S. 1; VGH Mann­heim, NVwZ-RR 2009, 354 f.; VGH Mün­chen, Beschluss vom 19.08.2014 – 5 ZB 14.032, BeckRS 2014, 55977[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 13/​10 18[↩][↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 25.03.2010 – V ZA 9/​10, NVwZ 2010, 1175 Rn. 23; Beschluss vom 10.06.2010 – V ZB 204/​09, NVwZ 2010, 1172 Rn. 36[↩]
BGH, Beschluss vom 08.07.2010 – V ZB 203/​09 11[↩]
BGH, Beschluss vom 08.03.2007 – V ZB 149/​06, NJW-RR 2007, 1569 Rn. 9[↩]
zu den nach geschei­ter­ter Abschie­bung in Fest­stel­lungs­ver­fah­ren gemäß § 26 Abs. 1 FamFG von dem Beschwer­de­ge­richt anzu­stel­len­den Ermitt­lun­gen: BGH, Beschluss vom 15.10.2015 – V ZB 82/​14 13[↩]
Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 13/​10 21[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 18.11.2010 – V ZB 121/​10 22[↩]
BVerfGK 15, 139, 151[↩]
BGH, Beschluss vom 10.06.2010 – V ZB 204/​09, NVwZ 2010, 1172 Rn. 27; Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 3/​10, FGPrax 2010, 261 Rn. 21[↩]
BGH, Beschluss vom 17.06.2010 – V ZB 3/​10, FGPrax 2010, 261 Rn. 81[↩]
BGBl. II S. 260[↩]
AbschiebehaftAbschiebungAbschiebungshaftAmtsermittlungspflichtStaatsangehörigkeit