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Timestamp: 2016-12-04 04:41:19
Document Index: 104951874

Matched Legal Cases: ['Art. 58', 'Art. 77', 'Art. 43', 'Art. 10', 'Art. 25', 'Art. 28', 'Art. 3']

⭐Die Rolle des Bundes bei der Qualitätssicherung nach KVG
Die Rolle des Bundes bei der Qualitätssicherung nach KVG
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1 Die Rolle des Bundes bei der Qualitätssicherung nach KVG Bericht der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle (PVK) der Geschäftsprüfungskommission des Ständerates vom 5. September 2007 Der vorliegende Bericht wird im Bundesblatt publiziert. Als Referenz für Zitate gilt die Bundesblattpublikation.2 3 Das Wichtigste in Kürze Zahlen von hohen Infektionsraten in den Spitälern, von medizinischen Fehlleistungen und steigenden Gesundheitskosten haben in den letzten Jahren immer wieder den Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Die Qualität medizinischer Leistungen und die Massnahmen zu derer Sicherstellung wurden dabei mehr denn je ins Zentrum gestellt und oftmals kritisiert. Angesichts dieser Kritik hat die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates (GPK-S) die Parlamentarische Verwaltungskontrolle (PVK) am 12. Februar 2007 mit einer Untersuchung zu den Aufgaben und der Aufgabenwahrnehmung des Bundes im Rahmen der Qualitätssicherung nach KVG beauftragt. Einerseits wurde der rechtlich-normative Rahmen, den das KVG für die Qualitätssicherung vorsieht, auf seine Zweckmässigkeit hin beurteilt. Andererseits wurden die Massnahmen des Bundes inventarisiert und geprüft, inwiefern dieser seine gesetzlichen Kompetenzen genutzt hat und ob er seine Aufgaben zweckmässig wahrgenommen hat. Ausgehend von der Analyse des rechtlich-normativen Rahmens kommt die vorliegende Untersuchung zum Schluss, dass die im KVG verankerte Konzeption in Bezug auf die Kompetenzverteilung grundsätzlich zweckmässig ist. Einerseits, weil mit der Delegation der Umsetzung der Qualitätssicherung an die Tarifpartner die Vollzugskompetenz den Akteuren übertragen wird, die auch das entsprechende Know-how haben und andererseits, weil sie dem Prinzip des KVG entspricht (Tarifautonomie). Den Behörden (Bund und Kantone) kommt dabei eine Aufsichts- und Regulierungsfunktion zu, wobei jene des Bundes in Einklang mit dem Schweizer Gesundheitssystem subsidiär ist. In diesem Zusammenhang identifiziert die Untersuchung gewisse Lücken in Bezug auf die gesetzlich vorgesehenen Instrumente des Bundes und die Anreize, damit die Akteure die ihnen zugedachte Rolle wahrnehmen. Erstens fehlt es an positiven Anreizen für die Leistungserbringer, Qualitätssicherungsmassnahmen umzusetzen, da sie für gute Qualität und aktive Beteiligung an Qualitätssicherungsmassnahmen bisher nicht insbesondere nicht finanziell belohnt wurden. Zweitens sind Qualitätssicherungsverträge bzw. Tarifverträge ein schwaches regulatives Instrument bzw. wenig wirkungsorientiert, weil die Existenz eines Qualitätssicherungsvertrags noch nichts über seine Umsetzung durch die Leistungserbringer und die Wirkung der Massnahmen aussagt. Drittens sehen die rechtlichen Grundlagen auf Bundesebene zwar eine Reihe von Interventionsmöglichkeiten vor, für den Fall dass die Tarifpartner ihrer Verpflichtung zur Qualitätssicherung nicht nachkommen. Die Sanktionsmöglichkeiten werden in vorliegender Untersuchung jedoch als wenig wirksam bewertet, insbesondere deshalb, weil zwar die Tarifverträge, nicht aber die gesetzlich vorgeschriebenen Qualitätssicherungsverträge, einer direkten behördlichen Aufsicht unterstellt sind. So kann der Bund zwar Ersatzregelungen erlassen, wenn die Tarifpartner keine Qualitätsverträge abschliessen. Er hat aber keine Möglichkeit, Leistungserbringer bei Nichteinhaltung dieser Ersatzregelungen direkt zu sanktionieren. Schliesslich kommt die Untersuchung auch zum Schluss, dass der Bund seine weitreichenden Regulierungskompe- 14 tenzen aufgrund der Informationsasymmetrie gegenüber den Tarifpartnern sowie der ungenügenden Ressourcenausstattung der Qualitätssicherung im BAG nur begrenzt wahrnehmen kann. Bei der Frage, ob die Wahrnehmung der Aufsichts- und Regulierungskompetenzen im Rahmen der Qualitätssicherung nach KVG durch den Bund zweckmässig und konform mit dem Auftrag war, kommt die vorliegende Untersuchung zu folgenden Ergebnissen: Insgesamt haben Bundesrat, EDI und BAG im Rahmen der Qualitätssicherung nach KVG ihre Handlungskompetenzen auch im Rahmen der subsidiären Rolle - eher wenig genutzt. Beispielsweise hätte der Bundesrat das bestehende Drohpotential (Ersatzregelungen) stärker wahrnehmen können. Bis auf einen Einzelfall (Mammographieverordnung) hat der Bundesrat bisher keine Ersatzregelungen erlassen. Handlungsbedarf hätte dazu aufgrund des Inventars der Qualitätssicherungsverträge aber bestanden, da sowohl im Ärzte- wie auch im Spitalbereich keine Qualitätssicherungsverträge zwischen den Verbänden und den Leistungserbringern bestehen. Im Rahmen der Genehmigung national geltender Tarifverträge spielt Qualitätssicherung insgesamt eine untergeordnete Rolle, da Qualitätssicherungsbestimmungen nicht zwingender Bestandteil von Tarifverträgen sind. Da der Abschluss von Qualitätssicherungsbestimmungen jedoch gesetzliche Pflicht ist, bewertet der vorliegende Bericht es als problematisch, dass bei einem Tarifvertrag ohne Qualitätssicherungsbestimmung nicht überprüft wird, ob ein separater, gesetzeskonformer Qualitätssicherungsvertrag besteht. Positiv würdigt die Untersuchung die im NFP 45 in Auftrag gegebenen Forschungsprojekte, sowie die Wirkungsanalyse KVG, die sich mit Fragen der Qualität des Gesundheitssystems befassen. Forschung, Umsetzungs- und Wirkungsanalysen werden in dieser Untersuchung als zweckmässige Instrumente bewertet, die in Anbetracht der nach wie vor fehlenden Grundkonzepte und Eckwerte zur medizinischen Qualität vom Bundesrat verstärkt genutzt werden könnten. Das EDI hat die Aufgabe, Massnahmen zur Qualitätssicherung zu regeln. Diese Aufgabe wurde hauptsächlich über Vorgaben an Qualifikationen von Leistungserbringern umgesetzt, die jedoch nicht Gegenstand der vorliegenden Untersuchung waren. Im Zusammenhang mit der Umsetzung der Qualitätssicherung war das EDI mit der Initiative zur Gründung der Stiftung für Patientensicherheit, einer nationalen Plattform sowie einem neuen Projekt zur Indikatorenentwicklung tätig. Die Stossrichtung dieser Initiativen des EDI wird in vorliegender Untersuchung insbesondere wegen ihrer nationalen Ausrichtung positiv gewürdigt. In Anbetracht des gesetzlichen Auftrags zur Aufsicht und Führung der Qualitätssicherung im Krankenversicherungssystem ist die Konzentration auf die Patientensicherheit und den stationären Gesundheitsbereich angesichts der Ressourcen zwar sinnvoll, die gesetzlichen Anforderungen deckt diese strategische Ausrichtung aber nicht ab. Die 2,7 Millionen Franken, die das BAG zwischen 1999 und 2007 für die Qualitätssicherung eingesetzt hat, sind für eine breitere strategische Ausrichtung, aber auch bei Annahme geringer Anforderungen an die Tätigkeit des Bundes eine zu geringe Summe. 25 Das BAG hat in seiner Strategie zur Qualitätssicherung die Schaffung von positiven Anreizen über Projektfinanzierungen und Prozessbegleitung zum Umsetzungsschwerpunkt gemacht. Dieser partnerschaftliche Ansatz des BAG wird in der vorliegenden Untersuchung positiv gewürdigt. Ob dieses Vorgehen angesichts der bestehenden Ressourcen zielorientiert, nachhaltig und wirkungsorientiert ist, wird bezweifelt. Insgesamt kommt der Monitoring- und Aufsichtsfunktion, wie sie in der Krankenversicherungsverordnung (KVV) vorgesehen ist, aufgrund des Rollenverständnisses des BAG kaum Bedeutung zu. 36 Summary Over recent years, statistics concerning the high rate of infection in hospitals, medical errors and the rising cost of healthcare have repeatedly found their way into the public domain. Attention and often criticism have been increasingly centred on the quality of medical services and the measures taken to ensure high quality. In view of this criticism, on 12 February 2007 the Council of States Control Committee (CC-S) asked the Parliamentary Control of the Administration (PCA) to examine the Confederation s tasks and how it fulfils them in relation to quality assurance under the terms of the Health Insurance Act (HIA). On the one hand, the study assessed the pertinence of the legal standard for quality assurance set out in the HIA. On the other, an inventory of federal measures was drawn up to examine the extent to which the Confederation has used its legal powers and whether it has fulfilled its tasks appropriately. After analysing the legal standard, the authors of the present report concluded that the division of responsibilities as set out in the HIA is appropriate because, on the one hand, delegating quality assurance to tariff partners entails transferring responsibility for implementation to those parties with the corresponding know-how and, on the other hand, it corresponds to the principle of the HIA (autonomy with regard to tariffs). The federal and cantonal authorities play a monitoring and regulatory role in this connection, whereby that of the Confederation is of subsidiary importance, in line with the principles of the Swiss healthcare system. In this respect, certain shortcomings regarding the federal tools provided under law as well as incentives for players to fulfil their role were identified during the investigation. Firstly, there are no positive incentives for the service providers to implement quality assurance measures, because so far there has been no reward, in particular of the financial kind, for good quality or for playing an active role in ensuring good quality. Secondly, quality assurance contracts and tariff contracts are not an effective regulatory tool or are only to a limited extent orientated towards effectiveness because the existence of a quality assurance contract does not imply its implementation by the service providers nor the effectiveness of the measures taken. Thirdly, the legal basis at a federal level provides for a series of ways in which the federal authorities can intervene if the tariff partners do not fulfil their obligations regarding quality assurance. Possible sanctions, however, were found to be of no great use, in particular because the tariff contracts are subject to direct official monitoring, but not the legally compulsory quality assurance contracts. For example, the Confederation can issue alternative regulations if the tariff partners do not sign a quality assurance contract, but it cannot apply sanctions if the service provider does not comply with these alternative regulations. Finally, the investigation also revealed that the Confederation can only exercise its considerable regulatory powers to a limited extent owing to the asymmetry of information and to the lack of resources allocated to quality assurance within the Federal Office of Public Health (FOPH). As to the question of whether the Confederation fulfilled its monitoring and regulatory responsibilities with regard to quality assurance according to the terms of the 47 HIA in an appropriate way and in compliance with their allotted task, the present study revealed the following. Overall, the Federal Council, the DHA and the FOPH have made little use of the powers allotted to them under the HIA regarding quality assurance, even in a subsidiary role. Firstly, the Federal Council could have made better use of the existing threat of applying alternative regulations. With the exception of one single case (ordinance on mammographs), the Federal Council has to date issued no alternative regulations. According to the inventory of quality assurance contracts there was a need for action, however, since no quality assurance contracts exist between the associations and the service providers with regard to private practices or hospitals. As part of the approval of tariff contracts applicable at a national level, quality assurance plays a subordinate role on the whole, quality assurance stipulations not being a compulsory part of such contracts. As it is obligatory to include quality assurance stipulations, however, the authors of the present report were concerned that in the case of a tariff contract that does not include quality assurance stipulations no check was made to ensure that a separate, legally acceptable quality assurance contract existed. The assessment of the research projects included in NRP 45 as well as the analysis of the effectiveness of the HIA, which examined issues concerning the quality of the healthcare system, was positive. Research, implementation and effectiveness analyses were seen to be appropriate tools which, in view of the continuing lack of basic concepts and key values concerning the quality of medical treatment, could be put to better use by the Federal Council. It is the DHA s task to draw up quality assurance measures. This task was carried out by setting up the Patient Safety Foundation, a national platform, and a new project aimed at developing indicators. The general thrust of these DHA initiatives was seen as positive, in particular owing to their national character. In view of the federal department s legal obligations regarding the monitoring and management of quality assurance within the healthcare system, the concentration on patient safety and in-patient treatment has been appropriate, given the resources available, although this strategic aspect does not cover the legal requirements. The Fr. 2.7 million that the FOPH spent on quality assurance between 1999 and 2007 would still have been insufficient for a broad strategic approach, even if the demands that the Confederation has to meet had been reduced. In its strategy with regard to quality assurance, the FOPH has concentrated on creating positive incentives in the form of project funding and supervision. This partnership approach by the federal office was seen in a positive light. In view of the available resources, however, there is some doubt as to whether this strategy is targeted, sustainable and effective. As a result, in general, the FOPH seems to give little importance to its monitoring and supervisory role as set out in the Health Insurance Ordinance (HIO). 58 Inhaltsverzeichnis Das Wichtigste in Kürze 1 Summary 4 1 Einleitung Ausgangslage und Fragestellung Vorgehen und Methode 10 2 Grundprinzipien des schweizerischen Krankenversicherungssystems Liberalismus und Föderalismus im Krankenversicherungssystem Die Rollen der Akteure im Krankenversicherungssystem 12 3 Die Qualitätssicherung gemäss KVG der rechtlich-normative Rahmen Konzeption und Kompetenzverteilung der Qualitätssicherung im KVG Ziele der Qualitätssicherung Steuerungsinstrumente und Zuständigkeiten Abgrenzung des Untersuchungsbereichs Die Zweckmässigkeit des rechtlich-normativen Rahmens Konzeptionelle Grundlagen der Beurteilung Beurteilung der Zweckmässigkeit des rechtlich-normativen Rahmens 23 4 Qualitätssicherung nach KVG durch den Bund Die Aufgabenwahrnehmung durch den Bundesrat Übersicht über die Massnahmen des Bundesrates Nutzung der gesetzlichen Kompetenzen durch den Bundesrat Zweckmässigkeit der Aufgabenwahrnehmung durch den Bundesrat Die Aufgabenwahrnehmung durch das EDI Übersicht über die Massnahmen des EDI Nutzung der gesetzlichen Kompetenzen durch das EDI Zweckmässigkeit der Aufgabenwahrnehmung durch das EDI Die Aufgabenwahrnehmung durch das BAG Übersicht über die Massnahmen des BSV und BAG Nutzung der gesetzlichen Kompetenzen durch das BAG Zweckmässigkeit der Aufgabenwahrnehmung durch das BAG 55 5 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen 60 Abkürzungsverzeichnis 68 Literatur und Dokumentenverzeichnis 69 Anhänge 72 69 Bericht 1 Einleitung Die Subkommission EDI/UVEK der Geschäftsprüfungskommission des Ständerates (GPK-S) hat den vorliegenden Bericht der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle (PVK) am 12. Februar 2007 in Auftrag gegeben. Er behandelt Fragen zu den Aufgaben und zur Aufgabenwahrnehmung des Bundes bei der Qualitätssicherung gemäss Krankenversicherungsgesetz (KVG 1 ). Der Bericht ist in fünf Kapitel strukturiert. Zu Beginn wird die Ausgangslage präsentiert, welche die GPK-S veranlasste, die Rolle des Bundes bei der Qualitätssicherung zu untersuchen. Dieses erste Kapitel erläutert auch die Untersuchungsfragen und das gewählte methodische Vorgehen. Anschliessend wird der Untersuchungsgegenstand (2) präsentiert. Die Ergebnisse der Untersuchung folgen in Kapitel 3 und 4. Beurteilt wird erstens die Zweckmässigkeit des rechtlich-normativen Rahmens zur Qualitätssicherung nach KVG (3). Zweitens analysiert der Bericht, ob die vom Bund umgesetzten Massnahmen geeignet sind, um den gesetzlichen Auftrag zur Qualitätssicherung im Rahmen des KVG zu erfüllen (4). Zudem wird der Stand der Umsetzung der Qualitätsverträge seit der letzten Bestandesaufnahme Qualitätssicherung (vgl. Faisst/Schilling 1999) in dieses Kapitel eingebunden. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse und die Schlussfolgerungen befinden sich in Kapitel Ausgangslage und Fragestellung Die Sicherstellung einer qualitativ hochstehenden medizinischen Versorgung ist eines der Hauptziele des KVG, das 1996 in Kraft getreten ist (Bundesrat 1991: 133). Als Qualität definiert die Botschaft zum KVG nicht nur das Ergebnis einer Behandlung und die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten. Sie formuliert auch die Erwartung, dass medizinische Qualitätssicherung einen Beitrag zur Kostendämpfung leisten soll, weil durch die Verbesserung der Qualität der Strukturen, Prozesse und der Resultate der Leistungserbringer langfristig Leistungen und Tätigkeiten, die unnötig, unwirksam und unzweckmässig sind, eingespart werden können (Bundesrat 1991: 129). Der Begriff der Qualitätssicherung ist somit breit ausgelegt und beinhaltet zwei unterschiedliche Zieldimensionen, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen (Leistung vs. Kosten). Art. 58 KVG überträgt dem Bund weitreichende Kompetenzen zur Steuerung, Führung und Kontrolle der Umsetzung der medizinischen Qualitätssicherung. Die Umsetzung selber hat der Bundesrat über den Verordnungsweg an die Leistungserbringer und Versicherer bzw. deren Verbände delegiert (Art. 77 KVV 2 ). Letztere sind verpflichtet, in Konzepten und Programmen Anforderungen an die Qualität medizinischer Leistungen und deren Förderung zu bestimmen. Die Anforderungen müssen gemäss KVV Teil der Tarifverträge oder separater Qualitätsverträge zwischen den Tarifpartnern sein. Der Bundesrat nimmt bezogen auf die Verträge zur Qualitätssicherung eine subsidiäre Rolle ein. Das heisst, er ergreift Ersatzregelungen, wenn zwischen den Tarifpartnern kein Qualitätsvertrag zustande kommt. 1 Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) vom 18. März 1994 (SR ). 2 Verordnung über die Krankenversicherung (KVV) vom 27. Juni 1995 (SR ). 710 Drei Jahre nach Inkrafttreten des KVG zeichnete eine Bestandesaufnahme Qualitätssicherung (vgl. Faisst/Schilling 1999) ein unbefriedigendes Bild der Umsetzung der Qualitätssicherung. Sie zeigte auf, dass der gesetzliche Auftrag der medizinischen Qualitätssicherung seitens der Leistungserbringer noch bei weitem nicht umgesetzt war. Zehn Jahre nach Inkrafttreten des KVG bezeichnete der Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG) die Schweiz hinsichtlich der medizinischen Qualitätssicherung als Entwicklungsland (Managed Care : 6). Das Schweizer Gesundheitssystem geniesst zwar in der Bevölkerung nach wie vor einen guten Ruf, Belege für seine hohe Qualität sind jedoch kaum vorhanden. Hinzu kommt, dass es eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt ist beliefen sich die Gesundheitskosten insgesamt auf 52,9 Milliarden Franken, was einem Anteil von 11,6 % des BIP entspricht. Nach Leistungserbringern aufgeschlüsselt (vgl. Tabelle 1) entfällt der grösste Anteil dieser Kosten (34,9 %) auf die Spitäler, der zweitgrösste Anteil auf die ambulanten Leistungserbringer (30,6 %, davon 17,4 % auf Ärzte). 3 Kosten des Gesundheitswesens 2005 nach Leistungserbringer Leistungserbringer Kosten in Millionen Franken Tabelle 1 Anteil am Total Krankenhäuser ,7 34,9 % Sozialmedizinische Institutionen 9 553,4 18,0 % Ambulante Versorgung ,8 30,6 % Detailhandel (Apotheken, Drogerien, Apparate) 4 948,2 9,3 % Staat ,0 1,9 % Versicherer 2 193,6 4,1 % Organisationen ohne Erwerbscharakter 571,9 1,1 % Total ,7 100,0 % Quelle: BFS 2007, provisorische Zahlen Während Jahren waren medizinische Qualität und Qualitätssicherung kaum Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Insbesondere Veröffentlichungen von Zahlen über medizinische Fehler haben die Diskussion der Qualität medizinischer Leistungen in den letzten Jahren aber angekurbelt. Zudem gewann die Frage der medizinischen Qualitätssicherung auch im Kontext der wachsenden Gesundheitskosten und wegen des steigenden Kostendrucks im Gesundheitswesen immer mehr an Bedeutung. Die Qualitätssicherung sollte verhindern, dass der Spardruck zu einem Qualitätsabbau führt und sicherstellen, dass im Rahmen des KVG nur qualitativ hochstehende und zweckmässige Leistungen vergütet werden (Faisst/Schilling 1999: Vorwort). Gleichzeitig sollte Qualitätssicherung insbesondere über die Verbesserung der 3 Finanziert werden diese Kosten zu 42,5 % über die Sozialversicherungen (davon zu 34,5 % über die obligatorische Krankenversicherung), zu 30,5 % über private Haushalte, zu 17,2 % vom Staat (0,2 % Bund, 14,4 % Kantone, 2,6 % Gemeinden), zu 8,8 % über Privatversicherungen und zu 0,9 % über andere private Quellen (BFS 2007, provisorische Zahlen). 811 Struktur- und der Prozessqualität auch einen Beitrag leisten zur Dämpfung der stetig wachsenden Gesundheitskosten. Parlamentarische Vorstösse 4, Medienberichte und Kongresse zu Fragen der medizinischen Qualität und Qualitätssicherung verdeutlichen das wachsende Interesse an dieser Thematik. Auch mehrten sich in jüngster Zeit Berichte von Ärztefehlern, von hohen Infektionsraten in Spitälern und es gibt Hochrechnungen, denen zufolge jedes Jahr etwa 1000 Patientinnen und Patienten in den Schweizer Spitälern an Behandlungsfehlern sterben. 5 Dass die Schweiz bei der medizinischen Qualitätssicherung im internationalen Vergleich zurückliegt 6, wird von kritischen Betrachtern und Fachpersonen 7 bestätigt und darauf zurückgeführt, dass: seitens der Versicherer und der Leistungserbringer Anreize fehlten, Qualitätsverträge abzuschliessen und Qualitätsmassnahmen umzusetzen, der Bund es trotz der mangelnden Umsetzung des gesetzlichen Auftrags durch die Tarifpartner versäumt habe, seine Führungs- und Aufsichtsfunktion wahrzunehmen, bei den Qualitätssicherungsmassnahmen der Leistungserbringer zwar teilweise gute Lösungsansätze bestünden, diese aber nicht darauf abzielten, Qualität transparent, einheitlich und vergleichbar aufzuzeigen, es an Daten und Koordination auf nationaler Ebene fehle, um die Qualitätssicherung zufrieden stellend umzusetzen. Ausgehend von dieser Problemlage hat die GPK-S beschlossen, die Rolle des Bundes bei der Qualitätssicherung nach KVG durch die PVK kritisch beleuchten zu lassen. Ziel der Untersuchung ist es, ein Gesamtbild der Aufgaben und der Aufgabenwahrnehmung des Bundes seit Inkrafttreten des KVG 1996 zu zeichnen. Dabei sollen einerseits die im KVG verankerte Konzeption und Rollenverteilung zur Qualitätssicherung untersucht werden. Andererseits sollen Recht- und Zweckmässigkeit der Massnahmen des Bundes beurteilt werden. Entsprechend sind folgende Untersuchungsfragen zu beantworten: 1. Wie zweckmässig sind die Ressourcen, Kompetenzen und Instrumente des Bundes, um die Qualitätssicherung im Rahmen des KVG kohärent, zielorientiert und effizient umzusetzen? 4 Zu erwähnen ist hier insbesondere die Motion SGK-N (04.433) Qualitätssicherung und Patientensicherheit im Gesundheitswesen. Diese verlangt, dass der Bund bei der Umsetzung der Qualitätssicherung eine Führungs- und Koordinationsrolle übernimmt. 5 Foppa, D. Offene Fehlerkultur soll im Spitalalltag Leben retten, in; TagesAnzeiger, 3. Juli 2007, S.2. Infosantésuisse (2006). Heim, B. Daten sind nur lückenhaft vorhanden, in: TagesAnzeiger vom 12. Februar 2007, S. 9. etc. 6 Beispiel Deutschland: Seit 2005 sind die deutschen Krankenhäuser verpflichtet, strukturierte Qualitätsberichte nach den Vorgaben des Gesetzgebers zu erstellen. Die im Abstand von zwei Jahren erscheinenden Berichte sollen Patienten bei der Auswahl von Krankenhäusern unterstützen. Während die erste Generation in erster Linie Struktur- und Prozessmerkmale enthielt, sollen die neuen Qualitätsberichte auch über die Ergebnisqualität der Krankenhäuser informieren (Schmidt-Kaehler, Qualitätsoffensive der Krankenhäuser - Bertelsmann Stiftung sieht weiteren Optimierungsbedarf, Kommentar, Nachrichten der Bertelsmann Stiftung, ). Von einer solchen Transparenz und systematischen Qualitätssicherung sei die Schweiz noch weit entfernt. 7 Vgl. u. a. Beiträge im Magazin Im Visier: Qualität. Ausgabe zum Schwerpunkt Qualität, Magazin der Schweizer Krankenversicherer, Nr.1-2, Januar/Februar12 1.1 Wie sind die Kompetenzen zur Qualitätssicherung nach KVG in den rechtlichen Grundlagen geregelt? 1.2 Welche Prioritäten, Schwerpunkte und Ziele legen die rechtlichen und normativen Vorgaben für die Qualitätssicherung gemäss KVG fest? 1.3 Ist die Kompetenzzuordnung gemäss KVG geeignet, um eine klare Führung und Aufsicht der Qualitätssicherung durch den Bund zu ermöglichen? 1.4 Inwiefern sind die gesetzlichen und normativen Rahmenbedingungen für eine kohärente und zielorientierte Umsetzung der Qualitätssicherung gemäss KVG zweckmässig? 2. Sind die vom Bund ergriffenen Massnahmen geeignet, um den gesetzlichen Auftrag zur Qualitätssicherung im Rahmen des KVG wahrzunehmen? 2.1 Welche Massnahmen haben Bundesrat, EDI und BAG zur Qualitätssicherung gemäss KVG in den letzten zehn Jahren umgesetzt? 2.2 Hat der Bund mit den ergriffenen Massnahmen die ihm gesetzlich zugeteilten Führungs-, Koordinations- und Aufsichtskompetenzen genutzt? 2.3 Wie haben sich die Ressourcen des Bundes zur Umsetzung der Qualitätssicherung gemäss KVG in den letzten zehn Jahren entwickelt? 2.4 Sind die dem Bund zur Verfügung stehenden Ressourcen ausreichend, um die Führung und Aufsicht über die Qualitätssicherung wahrzunehmen? 2.5 Inwiefern wurden die den Bund betreffenden Empfehlungen der Studie Bestandesaufnahme Qualitätssicherung, (Faisst/Schilling 1999) vom Bund umgesetzt? 2.6 Wie zweckmässig sind die von Bundesrat, EDI und BAG ergriffenen Massnahmen, um die Ziele des KVG zu erreichen? 1.2 Vorgehen und Methode Auf Wunsch der Subkommission EDI/UVEK der GPK-S wurde die Durchführung dieser Untersuchung so terminiert, dass der Schlussbericht der PVK noch in der laufenden Legislatur behandelt werden kann. Methodisch stützt sich die Untersuchung auf eine Analyse der rechtlichen Grundlagen und diverser Verwaltungsdokumente sowie 15 Gespräche mit 22 Schlüsselakteuren im Bereich der medizinischen Qualitätssicherung. 8 Bei den Gesprächspartnerinnen und -partnern wurde zudem eine schriftliche Befragung zum Stand der Umsetzung der Qualitätssicherung durchgeführt. Zudem wurden zur Beurteilung der Aufgabenwahrnehmung durch den Bund eine Bestandesaufnahme der bestehenden Qualitätsverträge zwischen den Tarifpartnern sowie eine Überprüfung der national geltenden Tarifverträge auf deren Regelungen zur Qualitätssicherung vorgenommen. 8 Vgl. Anhang 1: Liste der geführten Interviews. 1013 Die Beurteilung bezog sich ausschliesslich auf diejenigen Bestimmungen in KVG und KVV, die darauf abzielen, bei den Leistungserbringern qualitätsorientierte Lernund Innovationsprozesse auszulösen. Das Büro Vatter, Politikforschung & -beratung, hat die PVK bei der empirischen Arbeit unterstützt und den rechtlich-normativen Rahmen analysiert (Kapitel 2 und 3). Heinz Locher, Management- & Consulting Services, Bern, begleitete das Projekt als externer Berater und sicherte die sachliche Qualität des vorliegenden Berichtes. 2 Grundprinzipien des schweizerischen Krankenversicherungssystems Die folgenden Abschnitte erläutern die wichtigsten konzeptionellen Grundlagen und die grundsätzliche Rollenzuteilung der verschiedenen Akteure im schweizerischen Gesundheitswesen, die sich aus dem KVG ergeben. Diese Grundlagen sind für das Verständnis und die Beurteilung des rechtlich-normativen Rahmens und der Aufgabenwahrnehmung im Bereich der Qualitätssicherung von Bedeutung. 2.1 Liberalismus und Föderalismus im Krankenversicherungssystem Im internationalen Vergleich zeichnet sich das schweizerische Krankenversicherungssystem sowohl finanzierungs- als auch leistungsseitig durch einen hohen Grad an Privatisierung und Wettbewerb aus und ist somit als liberales System zu bezeichnen. Zugleich ist es durch die Strukturmerkmale der Subsidiarität und des Föderalismus geprägt (vgl. Vatter 2003; Kocher 2007; Achtermann/Berset 2006). Liberalismus: Den Grundprinzipien des Liberalismus entsprechend, ist in der Schweiz die Gesundheitsversorgung weitgehend dem privaten Sektor überlassen, während sich staatliche Eingriffe weitgehend auf die Regelung der Rahmenbedingungen beschränken. Abgesehen vom Bereich der stationären Versorgung, in dem öffentliche Einrichtungen eine starke, allerdings zunehmend marktwirtschaftlich ausgerichtete Rolle spielen, verfügt der Staat nur über beschränkte Zuständigkeiten (Achtermann/Berset 2006: 38ff.). Im stationären Bereich ist in verschiedenen Kantonen eine (Re-) Kantonalisierung bezüglich Trägerschaft und Strategiebildung zu beobachten, die aber mit einer erhöhten betrieblichen Autonomie der betreffenden Spitäler einhergeht. Die Leistungserbringer und ihre Verbände spielen somit eine wichtige Rolle bei der Gesundheitsversorgung. Sie können sich dabei auf weitgehende Wirtschaftsfreiheit berufen (Vatter 2003: 158). Auch bei den Krankenversicherern handelt es sich prinzipiell um private Unternehmen, deren Privatautonomie allerdings dadurch eingeschränkt ist, dass der Bund ihnen die Durchführung der obligatorischen Krankenversicherung gemäss KVG übertragen hat. Sie sind insofern Organe der mittelbaren Staatsverwaltung (vgl. Rhinow/Kägi 2006: 5f.) bzw. parastaatliche Vollzugsträger. Leistungserbringer und Krankenversicherer stehen grundsätzlich jeweils untereinander in Konkurrenz, wobei das im KVG angelegte Prinzip des gelenkten Wettbewerbs aus verschiedenen Gründen (z. B Kontrahierungszwang, fehlende Anreize etc.) nicht konsequent umgesetzt wurde (vgl. Spycher 2004). Seitens der Versicherten sind das Prinzip der Eigenverantwortung der Anteil der 11 Mehr anzeigen
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