Source: https://stolzenwaldt.de/index.php/digitale-bildung/46-digitalpakt
Timestamp: 2019-06-27 11:06:39
Document Index: 114331179

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§6', '§6', '§6', '§ 16', '§ 16', '§18', '§16']

In der Präambel wird blumig formuliert: “Es ist eine der großen Zukunftsaufgaben, die Schülerinnen und Schüler an den Schulen in Deutschland umfassend auf die Digitalisierung in allen Lebensbereichen vorzubereiten.“ (Zeile 13-15). Leider werden die LehrerInnen, die in den Schulen die eigentliche Arbeit leisten, in der Folge nur einmal erwähnt: Voraussetzung für Investitionen ist, dass „Lehrkräfte für diesen Zweck nachhaltig qualifiziert sind und sie bei der Integration digitaler Medien in Lehr- und Lernprozesse unterstützt werden“ (Präambel, Abs. 3 c).
Man sollte sich daher keine Illusionen machen: Es geht nicht um die Verbesserung von Unterricht, es steht vor allem die Ausstattung der Schulen im Vordergrund. Das ist sicherlich dringend notwendig, aber meilenweit entfernt von den Inhalten des Strategiepapiers der Kultusministerkonferenz (KMK) zur „Bildung in der digitalen Welt“.
In den §§ 1, 2 und 3 werden ausdrücklich die technischen Infrastrukturmaßnahmen als Inhalt, Zweck und Gegenstand des Digitalpaktes genannt. Positiv ist, dass überhaupt neue Investitionen getätigt werden sollen. Und vor allem ist zu begrüßen, dass die Investitionen „technologieoffen, erweiterungs- und anschlussfähig an regionale, landesweite oder länderübergreifende Systeme“ sein sollen. Damit kann verhindert werden, dass einzelne Anbieter den Trägern und Schulen ihre Produkte aufzwingen.
Pädagogische Fragen spielen in allen Paragraphen aber nur eine nebengeordnete Rolle. Erstmals im §6 (Antragswesen) wird auf pädagogische Aspekte eingegangen. Dort werden als Voraussetzungen für die Antragsstellung verlangt, dass es ein
„technisch-pädagogisches Einsatzkonzept mit Berücksichtigung medienpädagogischer, didaktischer und technischer Aspekte gibt“ (§6, Abs. 3, Satz 3b) und dass
(eine) „bedarfsgerechte Fortbildungsplanung für die Lehrkräfte“ (§6, Abs. 3, Satz 3c) vorliegt.
In den folgenden neun Paragraphen, die sich mit Eigenanteil, Verteilung auf die Länder und Verwendungsnachweisen beschäftigen, sucht man dann auch weiter vergebens nach pädagogischen Begründungen.
Schließlich kommt mit § 16 ein wahrscheinlich bei vielen Ländern unbeliebter Abschnitt, der mit „Weitere Maßnahmen der Länder“ überschrieben ist. Hier verpflichten sich die Länder, den Vorgaben des Strategiepapiers der KMK zu folgen. Von den Ländern wird gefordert, dass:
sie sicherstellen, dass SchülerInnen, die jetzt (2019) eingeschult werden oder in eine weiterführende Schule gehen, bis zum Ende ihrer Schulzeit die in der KMK-Erklärung genannten Kompetenzen erwerben können,
alle Lehrpläne entsprechend der KMK-Empfehlungen überarbeitet und weiter entwickelt werden,
die Beschlüsse der KMK hinsichtlich der Lehrerbildung überarbeitet oder ergänzt werden und
die Qualifizierung des Lehrpersonals bedarfsgerecht sichergestellt wird.
Kein Wort darüber, wie gesichert werden kann, dass die Länder sich auch an diese Vorgaben halten. Es wird lediglich festgehalten: „Die Länder berichten ferner über die in § 16 genannten Maßnahmen.“ (§18, Abs. 1). Nach alle Erfahrung wird dies sicherlich nicht ausreichen, damit die Länder den in §16 geforderten Maßnahmen nachkommen werden.
Die Abstinenz gegenüber pädagogischen Fragestellungen des Lernens in der Digitalen Welt gipfelt in dem Satz, dass „das Lehren und Lernen in der digitalen Welt dem Primat des Pädagogischen folgen (muss).“ (Präambel).
Wenn man diesen Satz in den Gesamtzusammenhang des Textes des Digitalpaktes stellt, liegt der Gedanke nahe, dass zwei Gründe zu dieser Leerformel geführt haben könnten:
Es gibt eine generelle Abwehr gegenüber jeglicher Beschäftigung mit digitalen Themen. Damit wird das Primat des Pädagogischen zu einer salvatorische Klausel, die sicherstellt, dass in der Schule Grundlagen, Folgen und Chancen der Digitalisierung nicht behandelt werden.
Es wird befürchtet, dass die Nutzung und Beschäftigung mit Hard- und Software zur Einseitigkeit führen. Das ist sicherlich eine offene Frage, aber die Kultusministerien zeigen mit ihrer Formulierung nur, wie hilflos und ohne praktische Konzepte sie den Entwicklungen der Digitalen Welt gegenüber stehen.
Vor allem der zweite Punkt ist in der schulischen Praxis deutlich erkennbar. Überlegungen seitens der Kultusministerien zu einer informationstechnischen Grundbildung, zu einer Medienbildung, die die digitalen Themen nicht nur aus Anwendungssicht behandelt, sind kaum zu erkennen. Statt dessen gibt es bis heute (28. März 2019) z.B. in Hessen kein Kerncurriculum „Informatik“ für die Sekundarstufe 1, statt dessen wird Medienbildung weitgehend als Anwendungswissen verstanden, wie man digitale Medien nutzt, ohne die technischen Grundlagen verstanden zu haben. Welche Konzepte den informationstechnischen Produkten zugrunde liegen, wird nicht berücksichtigt. Es ist so, als würde man im Physikunterricht die Handhabung eines Flaschenzugs zeigen, ohne die zugrunde liegenden Begriffe von Kraft oder Masse zu erklären.
Besonders fatal ist, dass aktuell die Schulen und LehrerInnen mit der Erstellung der geforderten technisch-pädagogischen Einsatzkonzepte häufig allein gelassen werden. Dabei fehlt durch jahrzehntelange Versäumnisse in der LehrerInnenfortbildung die Kompetenz in vielen Schulen, zu digitalen Themen fundiert Stellung nehmen zu können.
Damit die jetzt anstehenden Investitionen nicht in den nächsten Jahren zu Elektroschrott werden, sind dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Qualifikationen der LehrerInnen notwendig. Erste Maßnahmen könnten sein:
Die Entlastung der LehrerInnen von technischen Administrationsaufgaben.
Vor allem sollten den Schulen direkt ansprechbare technische Angestellte zur Verfügung gestellt werden, wie dies in Verwaltung und Industrie üblich ist: für 80 Computer eine Vollzeitstelle.
Praktische Hilfestellung bei Nutzung der Schulsoftware durch externe oder interne BeraterInnen
Die direkter Beratung kann den LehrerInnen bei Auswahl und Nutzung digitaler Hilfsmittel entlasten und die Unterrichtqualität verbessern. Hier ist ein gezieltes Ausbildungsprogramm für engagierte Kolleginnen oder die Einbeziehung externer Fachleute notwendig. Eine sinnvolle Größenordnung ist hier eine Vollzeitstelle für ca. 1000 SchülerInnen.
Anpassung der bisherigen Konzepte der Medienbildungskompetenz an die im KMK-Strategiepapier genannten Kompetenzbereiche.
Schulkollegien sollten vertraut werden mit den dort formulierten pädagogischen Zielen. Sie sind die verbindliche Grundlage für eine Bildung in der Digitalen Welt und müssen in den Schulen realisiert werden können.
Ein intensives Weiterbildungsprogramm zum Basiswissen Informationstechnologien.
Es sollten mindestens zehn Prozent der LehrerInnen wissen, welche Konzepte den Informationstechnologen zu Grunde liegen. Erst dann kann kompetent über die Einsatzmöglichkeiten und die Grenzen informationstechnischer Produkte entschieden werden
Es bleibt nur zu Hoffen, dass in der Diskussion um die Weiterentwicklung von Bildung in der Digitalen Welt hoffentlich einige der Versäumnisse der letzten Jahrzehnte deutlich werden und durch entsprechende Maßnahmen ausgeglichen werden.
Für Bildungsbeflissene gibt es hier noch ein paar Links zum Thema:
Die beschlossene Fassung des DigitalPaktSchule findet mensch hier:
https://www.bmbf.de/files/19-03-15_VV_DigitalPaktSchule_Wasserzeichen.pdf
Im Strategiepapier der Kultusministerkonferenz werden detailliert die Kompetenzen dargestellt, die die SchülerInnen im Laufe ihres Schulbesuchs erwerben können sollten:
Ein Erklärvideo von Günter Steppich (Fachberater für Jugendmedienschutz in Wiesbaden) verdeutlicht hervorragend, mit welchen alltäglichen Schwierigkeiten LehrerInnen konfrontiert werden:
https://www.medien-sicher.de/2019/02/digitalpakt-in-5-minuten/ (Steppich)
Chaos macht Schule ist eine seit etwa 2007 bestehende Initiative mehrerer Erfa-Kreise des Chaos Computer Clubs (CCC), die sich mit Themen rund um die Bildung im Digitalen beschäftigt.
https://www.ccc.de/schule/
In der Gesellschaft für Informatik sind ungefähr 20.000 InformatikerInnen aus verschiedenen Bereichen der Informationstechnologie organisiert. Die GI veröffentlicht seit Ende der 70er Jahre Empfehlungen für Bildung im Digitalen, von denen viele auch bereits in Lehrpläne und Kompetenzrahmen eingeflossen sind.
Für interessierte LehrerInnen habe ich hier noch ein paar Links auf verschiedene Quellen zu Unterrichtsmaterial zum Thema Informationstechnologien zusammen gestellt:
https://www.stolzenwaldt.de/index.php/workshops-und-vortraege/33-unterrichtsmaterial-informatik