Source: https://de.slideshare.net/medtrustadvisory/unternehmensstrafrecht-in-deutschland-beratung-und-prvention
Timestamp: 2017-08-23 00:46:10
Document Index: 198691795

Matched Legal Cases: ['§ 30', '§ 1', '§ 123', '§ 2', '§ 3', '§ 3', '§ 2', '§ 78', '§ 4', '§ 5', '§ 207', '§ 6', '§ 7', '§ 8', '§ 59', '§ 9', '§ 10', '§ 2', '§ 98', '§ 46', '§ 11', '§ 2', '§ 264', '§ 46', '§ 12', '§ 2', '§ 13', '§ 100', '§ 100', '§ 108', '§ 14', '§ 154', '§ 15', '§ 3', '§ 24', '§ 74', '§ 74', '§ 120', '§ 16', '§ 22', '§ 22', '§ 17', '§ 51', '§ 2', '§ 18', '§ 2', '§ 133', '§ 2', '§ 146', '§ 19', '§ 140', '§ 140', '§ 141', '§ 20', '§ 162', '§ 120', '§ 923', '§ 111', '§ 21', '§ 235', '§ 254', '§ 22', '§ 459', '§ 14', '§ 12', '§ 9', '§ 9', '§ 3', '§ 9', '§ 4', '§ 8', '§ 9', '§ 9', '§ 150', '§ 2', '§ 20', 'Art. 1', '§ 4', '§ 30', '§ 130', '§ 130', '§ 30', '§ 152', '§ 170', '§ 30', 'de lege lata', '§ 30', '§ 9', '§ 130', '§ 9', '§ 25', '§ 40', '§ 43', '§ 35', '§ 20', '§ 35', '§ 61', '§ 396', '§ 16', '§ 81', 'BGH', 'BGH', '§ 185', 'BGH', '§ 30', '§ 40', '§ 81', '§ 24', '§ 68', '§ 74', '§ 74', 'BGH', 'BGH', '§ 257', '§ 25', '§ 14', 'BGH', 'de lege lata', '§ 75', 'BGH', '§ 25', '§ 46', '§ 15', '§ 444', '§ 6', '§ 1', '§ 2', '§ 30', '§ 30', '§ 130', '§ 30', '§ 30', '§ 130', '§ 1', '§ 30', '§ 9', '§ 30', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 4', '§ 5', '§ 30', '§ 30', '§ 130', '§ 5', '§ 130', '§ 2', '§ 1', '§ 1', '§ 14', '§ 489', '§ 1', '§ 30']

Der Beweisantrag im Strafprozess by Conrad Conrad 4800 views
Die Gesetzesinitiative des Landes Nordrhein-Westfalen zur Einführung eines Unternehmensstrafrechts in Deutschland. Es ist davon auszugehen, dass bei Verwirklichung des Gesetzes eine hoher Bedarf an Beratung zur Einführung geeigneter Präventionsmaßnahmen entstehen wird.
1. Bundesrat Drucksache …/13 Gesetzesantrag des Landes Nordrhein-Westfalen ___________________________________________________________________ Entwurf eines Gesetzes zur Einführung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Unternehmen und sonstigen Verbänden A. Problem und Ziel Die moderne Industrie- und Wissensgesellschaft ist eine Organisationsgesellschaft. Organisationen geben inzwischen fast allen gesellschaftlichen Teilbereichen ihre Form und ihre Struktur. Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, aber auch von Bildungs- und Forschungsleistungen erfolgt in Organisationen. Erst diese ermöglichen das ständige und arbeitsteilige Zusammenwirken von Menschen. Triebfeder dieser Entwicklung waren in den letzten Jahrzehnten vor allem die Wirtschaftsunternehmen. Seit Jahren steigt die Zahl der juristischen Person oder Personengesellschaften, die am Markt tätig sind. Auf nationaler wie internationaler Ebene steigt auch die Bedeutung von großen Konzernen oder Unternehmensgruppen. Wirtschafts-, Umwelt- und Korruptionsdelikte, die aus Unternehmen heraus begangen werden, haben einen erheblichen Einfluss auf das wirtschaftliche und soziale Gefüge. Über die Hälfte des in der polizeilichen Kriminalstatistik ausgewiesenen Gesamtschadens entfällt Jahr für Jahr auf Wirtschaftsstraftaten. Angesichts dessen verändern sich auch die Aufgaben des Strafrechts. Neben dem individuellen Rechtsgüterschutz ist zunehmend auch der Schutz kollektiver Interessen und Funktionszusammenhänge in den Fokus der Strafgesetzgebung getreten. Dabei wird das Strafrecht notwendig mit den kollektiven Verhaltensmustern konfrontiert, die sich innerhalb von Organisationen herausbilden. Die jeweilige "Verbandsattitüde" hat Auswirkungen auf das Verhalten der in einem oder für einen Verband tätigen Individuen. Die individuelle Schuld von Einzelpersonen, die im Verbandsinteresse bei der Verwirklichung eines Straftatbestandes mitgewirkt haben, ist häufig gering - trotz oftmals gravierender Tatfolgen für eine Vielzahl von Geschädigten oder für die Allgemeinheit. Der Einzelne als "Bauernopfer" kann zwar
2. -2für persönliches Fehlverhalten strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden, die Verantwortung der Organisation selbst aber wird durch Mechanismen der "Freizeichnung" verschleiert. Die unter Berücksichtigung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters zu bestimmende Höhe einer Kriminalstrafe steht nicht in Relation zum Vermögen des begünstigten Verbandes oder zu den wirtschaftlichen Vorteilen, die die Tat für den Verband mit sich gebracht hat. Haftungsrisiken sind versicherbar und steuerlich abzugsfähig. Daher muss das Unternehmen selbst in das Zentrum der Strafverfolgung rücken. Das bisherige Recht der Ordnungswidrigkeiten (§§ 30, 130 OWiG) wird den Anforderungen der Organisationsgesellschaft nicht mehr gerecht. Bußgelder erzeugen keine hinreichende Präventivwirkung, weil sie insbesondere für große Wirtschaftsunternehmen ein kalkulierbares Risiko bleiben. Es ist unbefriedigend, wenn es aufgrund komplexer organisatorischer Unternehmensstrukturen (Arbeitsteilung, Outsourcing etc.) weder möglich ist, die Tat einer Individualtäterin bzw. einem Individualtäter zuzuordnen noch das schuldhafte Versagen entsprechender Aufsichtsstrukturen zu belegen. In diesen Fällen der "organisierten Unverantwortlichkeit" kann die Verbandsstraftat im Ergebnis überhaupt nicht sanktioniert werden. Auf der anderen Seite fehlt es im Recht der Ordnungswidrigkeiten seit Langem an Instrumenten, die effektive Anreize zur Entwicklung und Pflege einer Kultur von Unternehmenscompliance setzen. Die Bereitstellung von Anreizmechanismen zur Einführung von Compliance Systemen - in Anlehnung an die Regelungen im angloamerikanischen Rechtskreis - ist eine häufig wiederholte Forderung der Anwaltschaft (vgl. etwa die Empfehlungen der Working Group VII [Anti-Corruption], Final Report Business Summit, Cannes 2011, S. A87). Die Reduktion staatlicher Sanktionen auf die Verhängung von bloßen Bußgeldern verbunden mit einer weitgehend neutralen Pflichtenmahnung nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz ist für einen internationalen Wirtschaftsstandort nicht mehr zeitgemäß. Auf internationaler Ebene wird seit geraumer Zeit eine Stärkung der Verantwortlichkeit von juristischen Personen oder Personengesellschaften gefordert. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat im Anschluss an das Übereinkommen zur Bekämpfung von Bestechung von ausländischen Amtsträgern im internationalen Geschäftsverkehr vom 17. Dezember 1997 (vgl. BT-Drs. 13/10428) noch im Frühjahr 2011 die Empfehlung an Deutschland gerichtet, eine Verschärfung der Strafen für Korruption durch Unternehmen vorzusehen. Auch die Europäische Union (EU) fordert von den Mitgliedstaaten in vielen ihrer Rechtsakte die Einführung von effektiven Sanktionen gegen Unternehmen. Die EU-Kommission hat mehrfach kritisiert, dass Unterschiede - auch im Bereich der strafrechtlichen Verantwortlichkeit juristischer Personen - in den Mitgliedstaaten operative und organisatorische Hindernisse für grenzübergreifende
3. -3Untersuchungen zur Folge haben können, so dass die finanziellen Interessen der EU strafrechtlich nicht ausreichend geschützt seien. Siebzehn Jahre nach der Unterzeichnung des Übereinkommens über den Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften bestehen nach Ansicht der Kommission weiterhin Inkonsistenzen und Lücken im geltenden Straf- und Verfahrensrecht, die einem wirksamen Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden zum Schutz der finanziellen Interessen der Union im Wege stehen (Mitteilung der Kommission vom 26.05.2011, KOM[2011] 293 endg.). In einer weiteren Mitteilung vom 20. September 2011 zur Europäischen Strafrechtspolitik (KOM[2011] 573 endg.) hat die Kommission erneut eine sorgfältige Prüfung auch der strafrechtlichen Haftung von Unternehmen angemahnt. B. Lösung Der Gesetzentwurf schlägt ein Verbandsstrafgesetzbuch vor, welches die strafrechtliche Haftung von Verbänden für Zuwiderhandlungen ihrer Mitarbeiter oder Mitglieder gegen Strafgesetze begründet, wenn durch diese Zuwiderhandlungen Pflichten verletzt worden sind, die den Verband treffen, oder wenn durch sie der Verband bereichert worden ist oder bereichert werden sollte. Das Verbandsstrafgesetzbuch stellt in materiell-rechtlicher wie prozessualer Hinsicht die Haftung von Verbänden auf eine eigenständige gesetzliche Grundlage. Der Entwurf lehnt sich rechtssystematisch an den grundlegenden Rechtsakt an, der in der Europäischen Union die Standards für die Verantwortlichkeit juristischer Personen geprägt hat. Das Zweite Protokoll aufgrund von Artikel K 3 des Vertrags über die Europäische Union zum Übereinkommen über den Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften vom 19. Juni 1997 (ABl. 1997 C 221; im Folgenden "Zweites Protokoll") umschreibt sanktionsrechtliche Mindestanforderungen, die alle Mitgliedstaaten zum Schutz der finanziellen Interessen der Union sicherzustellen haben. Dabei sieht das Zweite Protokoll eine Haftung von juristischen Personen in zwei Fällen vor: Zum einen knüpft es die Haftung an die Begehung des Delikts durch eine Person in einer Führungsfunktion, zum anderen an die Begehung des Delikts durch eine Person in Mitarbeiterfunktion, wenn die Tat durch mangelnde Überwachung oder Kontrolle verursacht worden ist. Die Konzeption des Zweiten Protokolls hat im Rahmen der Entwicklung von Standards zur Kriminalitätsbekämpfung in Europa Eingang in zahlreiche weitere Rahmenbeschlüsse des Rates gefunden. Sie liegt auch dem derzeit in Deutschland geltenden Recht der Ordnungswidrigkeiten (vgl. "Gesetz zur Ausführung des Zweiten Protokolls vom 19. Juni 1997 zum Übereinkommen über den Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften, der Gemeinsamen Maßnahme betreffend die Bestechung im privaten Sektor vom 22. Dezember 1998
4. -4und des Rahmenbeschlusses vom 29. Mai 2000 über die Verstärkung des mit strafrechtlichen und anderen Sanktionen bewehrten Schutzes gegen Geldfälschung im Hinblick auf die Einführung des Euro", BGBl. I 2002, 3387) und ausweislich der erläuternden Bemerkungen der Regierungsvorlage (EBRV 994 BlgNR 22. GP 1) auch dem österreichischen Verbandsverantwortlichkeitsgesetz (österr. BGBl. I 2005/15) zugrunde. Der Gesetzentwurf entwickelt aus den Vorgaben des Unionsrechts zwei selbstständige materielle Verbandsstraftaten, wobei die Verbandsverantwortlichkeit im ersten Falle auf die fehlerhafte Auswahl der Führungsperson, im zweiten Falle auf ein Überwachungsverschulden zurückgeführt werden kann. Im Hinblick auf die Rechtsfolgen der Verbandsstraftat sieht der Entwurf ein an Artikel 4 Absatz 1 des Zweiten Protokolls orientiertes, abgestuftes Reaktions- und Sanktionsinstrumentarium vor, welches stark präventiv ausgerichtet ist und dem Verband die Möglichkeit eröffnet, fehlerhafte Strukturen im Rahmen eines rechtsstaatlich ausgestalteten Verfahrens selbst zu korrigieren. Die Sanktionsmöglichkeiten werden auf diese Weise besser an die Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft und Wirtschaftsaufsicht angepasst. Damit werden die Empfehlungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aufgegriffen, die in ihrem Bericht über die Anwendung des Übereinkommens über die Bekämpfung der Bestechung im Internationalen Geschäftsverkehr vom 17. März 2011 Deutschland ausdrücklich empfohlen hat, den Gerichten weitere Sanktionen gegen juristische Personen zur Verfügung zu stellen, um eine wirksame Abschreckung zu gewährleisten und insbesondere kleine und mittlere Unternehmen unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Rahmenbedingungen darin zu bestärken, interne Kontrollsysteme sowie Ethik- und Compliance-Programme zu entwickeln (Bericht über die Anwendung des Übereinkommens über die Bekämpfung der Bestechung ausländischer Amtsträger im internationalen Geschäftsverkehr und der Empfehlung des Rats zur weiteren Bekämpfung der Bestechung ausländischer Amtsträger im internationalen Geschäftsverkehr, Evaluationsbericht Phase 3, S. 46 und 67). Spezifische Vorschriften für das Verfahrensrecht modifizieren schließlich die Vorgaben der Strafprozessordnung und des Gerichtsverfassungsgesetzes im Hinblick auf die spezifischen Erfordernisse eines Strafverfahrens gegen Verbände und nehmen die nötigen Anpassungen des Registerrechts, des Rechts der Entschädigung bei Strafverfolgungsmaßnahmen und des Steuerrechts vor. C. Alternativen Beibehaltung des jetzigen, weniger geeigneten Ordnungswidrigkeitenrechts zur Verhängung von Sanktionen gegen juristische Personen und Personenvereinigungen
5. -5bei gleichzeitiger Bußgeldrahmen. Erweiterung des Sanktionskatalogs und Erhöhung der Die Beseitigung insbesondere der sanktions- und verfahrensrechtlichen Defizite innerhalb des bestehenden Systems erforderte weitgehende Modifikationen des Ordnungswidrigkeitengesetzes (OWiG) für ein effektives Verfahren gegen Verbände. Diese müssten dogmatisch wie systematisch den Rahmen des herkömmlichen Ordnungswidrigkeitenverfahrens sprengen. D. Finanzielle Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte 1. Bund a) Haushaltsausgaben ohne Vollzugsaufwand Keine. b) Vollzugsaufwand Keiner. 2. Länder a) Haushaltsausgaben ohne Vollzugsaufwand Keine. b) Vollzugsaufwand Durch die Einführung des Legalitätsprinzips für Ermittlungsverfahren wegen Verbandsstraftaten, die Eröffnung neuer Rechtsmittel gegen gerichtliche Entscheidungen und die Erweiterung des Sanktionskatalogs wird Mehraufwand bei den Strafverfolgungsbehörden und den Strafgerichten entstehen. Dessen Umfang kann nicht hinreichend abgeschätzt werden. Zu berücksichtigen sind im Gegenzug ebenfalls nicht quantifizierbare Mehreinnahmen der Staatskasse infolge höherer Geldstrafen, Auflagen etc., die geeignet sind, den Mehraufwand abzudecken.
6. -6- E. Sonstige Kosten Für die Wirtschaft entstehen bei normgemäßem Verhalten unmittelbar keine Kosten. Das Gesetz zielt auf eine effektivere Bekämpfung von Unternehmenskriminalität und kann daher im Einzelfall Investitionen in verbesserte Aufsichts- und Überwachungsstrukturen in Unternehmen erfordern. Dies wird jedoch dazu beitragen, Schäden und damit auch Kosten für die Wirtschaft zu vermeiden. Von der Stärkung einer zeitgemäßen Kultur der Unternehmenscompliance sind zudem positive, wenn auch nicht quantifizierbare Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Erfolg der betroffenen Unternehmen, insbesondere im internationalen Wettbewerb, zu erwarten. Auswirkungen auf Einzelpreise und das Verbraucherpreisniveau, sind nicht zu erwarten. Preisniveau, insbesondere das F. Bürokratiekosten Durch das Gesetz werden keine Informationspflichten für die Wirtschaft, die Bürgerinnen und Bürger und die Verwaltung neu eingeführt, geändert oder abgeschafft.
7. -7- Anlage Drucksache …/13 Entwurf eines Gesetzes zur Einführung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Unternehmen und sonstigen Verbänden Vom … Der Bundestag hat folgendes Gesetz beschlossen: Artikel 1 Verbandsstrafgesetzbuch (VerbStrG) I. Erster Teil Verbandsstraftaten § 1 Persönlicher und sachlicher Anwendungsbereich (1) Verbände im Sinne dieses Gesetzes sind juristische Personen, nicht rechtsfähige Vereine und rechtsfähige Personengesellschaften des privaten und öffentlichen Rechts. (2) Zuwiderhandlungen im Sinne dieses Gesetzes sind Zuwiderhandlungen gegen ein Strafgesetz, soweit sie nicht in Ausübung hoheitlicher Befugnisse vorgenommen werden. Zuwiderhandlungen sind verbandsbezogen, wenn durch sie Pflichten verletzt worden sind, die den Verband treffen, oder wenn durch sie der Verband bereichert worden ist oder bereichert werden sollte. (3) Entscheidungsträger im Sinne dieses Gesetzes sind a) vertretungsberechtigte Organe einer juristischen Person oder Mitglieder solcher Organe, b) der Vorstand eines nicht rechtsfähigen Vereins oder Mitglieder eines solchen Vorstandes, c) vertretungsberechtigte Gesellschafter einer rechtsfähigen Personengesellschaft oder
8. -8d) Personen, die in einem Betrieb oder einem Unternehmen einer juristischen Person oder Personenvereinigung eine Leitungsfunktion verantwortlich wahrnehmen, wozu auch die Überwachung der Geschäftsführung oder die Ausübung von Kontrollbefugnissen in leitender Stellung gehört. (4) Rechtsnachfolger im Sinne dieses Gesetzes ist ein Verband, der im Wege der Gesamtrechtsnachfolge oder der partiellen Gesamtrechtsnachfolge durch Aufspaltung (§ 123 Umwandlungsgesetz) an die Stelle eines anderen Verbandes getreten ist. Der Gesamtrechtsnachfolge sind andere Arten der Umwandlung sowie die Einzelrechtsnachfolge gleichgestellt, wenn der Erwerber alle wesentlichen Wirtschaftsgüter des Rechtsvorgängers übernimmt und die übernommenen Wirtschaftsgüter in im Wesentlichen gleicher Weise einsetzt. § 2 Verbandsstraftaten (1) Ist durch einen Entscheidungsträger in Wahrnehmung der Angelegenheiten eines Verbandes vorsätzlich oder fahrlässig eine verbandsbezogene Zuwiderhandlung begangen worden, so wird gegen den Verband eine Verbandssanktion verhängt. (2) Ist in Wahrnehmung der Angelegenheiten eines Verbandes eine verbandsbezogene Zuwiderhandlung begangen worden, so wird gegen den Verband eine Verbandssanktion verhängt, wenn durch einen Entscheidungsträger dieses Verbandes vorsätzlich oder fahrlässig zumutbare Aufsichtsmaßnahmen, insbesondere technischer, organisatorischer oder personeller Art, unterlassen worden sind, durch die die Zuwiderhandlung verhindert oder wesentlich erschwert worden wäre. (3) Ist im Falle des Absatz 2 die Zuwiderhandlung im Ausland begangen worden, so wird eine Verbandssanktion nur verhängt, wenn sie auf einen Verband bezogen ist, der seinen Sitz im Anwendungsbereich dieses Gesetzes hat. Die §§ 3 bis 7 des Strafgesetzbuches bleiben unberührt. (4) Die Verbandssanktion wird gegen den Rechtsnachfolger verhängt, wenn diesem im Zeitpunkt des Rechtsübergangs die Zuwiderhandlung ganz oder zum Teil bekannt oder aus Leichtfertigkeit nicht bekannt war. Gegen den Rechtsvorgänger verhängte Sanktionen wirken auch gegen den Rechtsnachfolger. § 3 Allgemeine Bestimmungen (1) Für Straftaten im Sinne des § 2 Absatz 1 und 2 (Verbandsstraftaten) gelten die Vorschriften des Allgemeinen Teils des Strafgesetzbuchs sinngemäß, soweit sie nicht ausschließlich auf natürliche Personen anwendbar sind und dieses Gesetz nichts anderes bestimmt.
9. -9- (2) Die Verjährung der Verbandsstraftat richtet sich nach der Strafdrohung des Gesetzes, dessen Tatbestand die verbandsbezogene Zuwiderhandlung verwirklicht, ohne Rücksicht auf Schärfungen oder Milderungen, die nach den Vorschriften des Allgemeinen Teils oder für besonders schwere oder minder schwere Fälle vorgesehen sind. Sie beginnt, sobald die Zuwiderhandlung beendet ist. Tritt ein zum Tatbestand der Zuwiderhandlung gehörender Erfolg erst später ein, so beginnt die Verjährung mit diesem Zeitpunkt. Sie wird unterbrochen durch die in § 78c Absatz 1 des Strafgesetzbuchs aufgeführten Handlungen gegenüber dem Verband. (3) Ist die verbandsbezogene Zuwiderhandlung nur auf Antrag, mit Ermächtigung oder auf Strafverlangen verfolgbar, so können die entsprechenden Rechte gegenüber dem Verband nicht gesondert ausgeübt werden. § 4 Verbandsanktionen (1) Verbandstrafen sind 1. die Verbandsgeldstrafe, 2. die Verbandsverwarnung mit Strafvorbehalt, 3. die öffentliche Bekanntmachung der Verurteilung. (2) Verbandsmaßregeln sind 1. der Ausschluss von Subventionen, 2. der Ausschluss von der Vergabe öffentlicher Aufträge, 3. die Verbandsauflösung. § 5 Absehen von Sanktionen (1) Das Gericht kann von einer Verbandssanktion absehen, wenn der Verband ausreichende organisatorische oder personelle Maßnahmen getroffen hat, um vergleichbare Verbandsstraftaten in Zukunft zu vermeiden und wenn ein bedeutender Schaden nicht entstanden oder dieser zum überwiegenden Teil wieder gut gemacht ist. (2) Hat der Verband durch freiwilliges Offenbaren wesentlich dazu beigetragen, dass eine Verbandsstraftat aufgedeckt werden konnte und den Ermittlungsbehörden Beweismittel zur Verfügung gestellt, die geeignet sind, die Tat nachzuweisen, so kann das Gericht von Strafe absehen, wenn der Verband ausreichende organisatorische und personelle Maßnahmen getroffen hat, vergleichbare Verbandsstraftaten in Zukunft zu vermeiden.
10. - 10 (3) Die organisatorischen und personellen Maßnahmen im Sinne der Absätze 1 und 2 hat der Verband auf Verlangen darzulegen und glaubhaft zu machen. (4) Ein Absehen von Strafe nach Absatz 2 ist ausgeschlossen, wenn der Verband die zum Tatnachweis geeigneten Beweismittel erst offenbart, nachdem die Eröffnung des Hauptverfahrens (§ 207 der Strafprozessordnung) beschlossen worden ist. § 6 Verbandsgeldstrafe (1) Die Verbandsgeldstrafe wird in Tagessätzen verhängt. Sie beträgt mindestens fünf und, wenn das Gesetz nichts anderes bestimmt, höchstens dreihundertsechzig volle Tagessätze. (2) In der Entscheidung werden Zahl und Höhe der Tagessätze angegeben. (3) Bei der Zumessung wägt das Gericht die Umstände, die für und gegen den Verband sprechen, gegeneinander ab. Dabei kommen namentlich in Betracht das Gewicht und die Auswirkungen der verbandsbezogenen Zuwiderhandlung, Art, Schwere und Dauer des Organisationsmangels im Verband, etwaige Vorkehrungen des Verbandes zur Vermeidung vergleichbarer Taten, die Gefahr der Wiederholung sowie sein Verhalten nach der Tat, besonders sein Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen. (4) Der Tagessatz ist nach der Ertragslage des Verbandes unter Berücksichtigung seiner sonstigen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit zu bemessen. Er ist mit einem Betrag festzusetzen, der dem 360. Teil des Jahresertrages entspricht, mindestens jedoch mit 100 Euro. Die Verbandsgeldstrafe darf insgesamt 10 von Hundert des durchschnittlichen Gesamtumsatzes des Unternehmens oder der Unternehmensvereinigung nicht übersteigen. (5) Ertragslage und Gesamtumsatz können geschätzt werden. Bei der Ermittlung ist der weltweite Umsatz aller natürlichen und juristischen Personen der letzten drei Geschäftsjahre, die der Entscheidung vorausgegangen sind, zugrunde zu legen, soweit diese als wirtschaftliche Einheit operieren. (6) Wird die Verbandsstrafe gegen den Rechtsnachfolger verhängt, so richtet sie sich nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Rechtsvorgängers zum Zeitpunkt des Übergangs der Rechte.
11. - 11 § 7 Verbandsverwarnung mit Strafvorbehalt (1) Das Gericht kann neben dem Schuldspruch den Verband verwarnen, eine Geldstrafe bestimmen und die Verurteilung zu dieser Strafe vorbehalten, wenn 1. bei Gesamtwürdigung der Tat unter Berücksichtigung von Art und Ausmaß der Pflichtverletzung des Verbandes und der Verlässlichkeit der Entscheidungsträger eine Verhängung der Geldstrafe entbehrlich ist, 2. wenn zu erwarten ist, dass durch die Verhängung von Auflagen oder Weisungen Verbandsstraftaten in Zukunft vermieden werden und 3. die Verteidigung der Rechtsordnung die Verurteilung zu Strafe nicht gebietet. (2) Neben der Verwarnung kann auf Verfall, Einziehung oder Unbrauchbarmachung erkannt werden. Die öffentliche Bekanntmachung der Verurteilung kann angeordnet werden. § 8 Bewährungszeit, Auflagen und Weisungen (1) Das Gericht bestimmt die Dauer der Bewährungszeit. Sie darf drei Jahre nicht überschreiten und ein Jahr nicht unterschreiten. (2) Das Gericht kann den verwarnten Verband anweisen, 1. den aus der Tat entstandenen Schaden wiedergutzumachen, 2. einen Geldbetrag zugunsten einer gemeinnützigen Einrichtung oder der Staatskasse zu zahlen, 3. organisatorische oder personelle Maßnahmen zu treffen, um vergleichbare Verbandsstraftaten in Zukunft zu vermeiden und dem Gericht oder einem vom Gericht zu bestimmenden Sachverständigen in regelmäßigen Abständen über diese Maßnahmen zu berichten. (3) Die Weisung nach Absatz 2 Nummer 3 darf nur mit Einwilligung des verurteilten Verbandes erteilt werden. Die §§ 59b und 59c des Strafgesetzbuchs geltenden entsprechend. § 9 Bekanntgabe der Verurteilung (1) Ist durch eine Verbandsstraftat eine große Zahl von Personen geschädigt worden, kann das Gericht die öffentliche Bekanntmachung der Verurteilung anordnen. (2) Die Art der Bekanntmachung ist im Urteil zu bestimmen.
12. - 12 § 10 Ausschluss von der Vergabe öffentlicher Aufträge (1) Wird der Verband wegen einer Straftat nach § 2 Absatz 1 dieses Gesetzes zu einer Geldstrafe von mehr als 180 Tagessätzen verurteilt, so kann das Gericht zugleich anordnen, dass der Verband als Bewerber oder Bieter vom Wettbewerb um Liefer-, Bau- oder Dienstleistungsaufträge öffentlicher Auftraggeber nach § 98 Nummer 1 bis 3, 5 und 6 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen ganz oder teilweise ausgeschlossen wird, wenn die Straftat unter Verletzung von Pflichten begangen wurde, die mit der Erfüllung von Liefer-, Bau- oder Dienstleistungsaufträgen verbunden sind. (2) Die Ausschlussfrist darf ein Jahr nicht unterschreiten. Für die Höchstfrist gilt § 46 des Bundeszentralregistergesetz entsprechend. § 11 Ausschluss von Subventionen (1) Wird der Verband wegen einer Straftat nach § 2 Absatz 1 dieses Gesetzes aus Anlass einer vorsätzlichen Zuwiderhandlung zu einer Geldstrafe von mehr als 180 Tagessätzen verurteilt, so kann das Gericht zugleich anordnen, dass der Verband von Subventionen im Sinne des § 264 des Strafgesetzbuches ganz oder teilweise ausgeschlossen wird, es sei denn, dass auf die beantragte Subvention ein Rechtsanspruch besteht. (2) Die Ausschlussfrist darf ein Jahr nicht unterschreiten. Für die Höchstfrist gilt § 46 des Bundeszentralregistergesetzes entsprechend. § 12 Verbandsauflösung Ist eine Straftat im Sinne des § 2 Absatz 1 dieses Gesetzes beharrlich wiederholt worden und lässt die Gesamtwürdigung der Tatumstände und der Organisation des Verbandes die Gefahr erkennen, dass bei Fortbestand des Verbandes dessen Entscheidungsträger weiter erhebliche rechtswidrige Zuwiderhandlungen der bezeichneten Art begehen werden, kann das Gericht die Auflösung des Verbandes anordnen, soweit diese nach bürgerlichen Recht vorgesehen ist.
13. - 13 II. Zweiter Teil Verfahren gegen Verbände § 13 Grundsätze (1) Für das Strafverfahren gegen Verbände im Sinne dieses Gesetzes gelten die Vorschriften der allgemeinen Gesetze über das Strafverfahren, namentlich die Strafprozessordnung und das Gerichtsverfassungsgesetz, sinngemäß, es sei denn, dass sie ausschließlich auf natürliche Personen angewendet werden können oder dieses Gesetz etwas anderes bestimmt. (2) Für die Beteiligung des Verletzten am Verfahren gelten die Vorschriften des 5. Buches der Strafprozessordnung in Ansehung der verbandsbezogenen Zuwiderhandlung entsprechend. (3) Ist eine Maßnahme nach der Strafprozessordnung nur bei Verdacht abschließend bestimmter Straftaten zulässig, so dürfen die auf Grund einer solchen Maßnahme oder die aufgrund einer entsprechenden Maßnahme nach anderen Gesetzen erlangten personenbezogenen Daten ohne Einwilligung der von der Maßnahme betroffenen Personen zu Beweiszwecken zur Aufklärung einer Verbandsstraftat nur verwendet werden, wenn die Maßnahme nach der Strafprozessordnung zur Aufklärung der mit dieser in Zusammenhang stehenden verbandsbezogenen Zuwiderhandlung angeordnet wurde oder hätte angeordnet werden dürfen. § 100d Absatz 5 Nummer 1 und 3 der Strafprozessordnung gelten entsprechend. § 100i Absatz 2 Satz 2 und § 108 Absatz 2 und 3 der Strafprozessordnung bleiben unberührt. § 14 Legalitätsgrundsatz (1) Zur Erhebung der öffentlichen Klage wegen einer Verbandsstraftat ist die Staatsanwaltschaft berufen. (2) Sie ist, soweit nicht gesetzlich ein anderes bestimmt ist, verpflichtet, wegen aller verfolgbaren Verbandsstraftaten einzuschreiten, sofern zureichende tatsächliche Anhaltspunkte vorliegen. (3) Die Staatsanwaltschaft kann von der Verfolgung einer Verbandsstraftat absehen, wenn die Zuwiderhandlung außerhalb des räumlichen Geltungsbereichs dieses Gesetzes begangen wurde und wenn wegen der Tat im Ausland schon eine Strafe gegen den Verband rechtskräftig verhängt worden oder zu erwarten ist, die zur Einwirkung auf den Verband und zur Verteidigung der Rechtsordnung ausreichend erscheint. Ist die öffentliche Klage bereits erhoben, so kann das Gericht auf Antrag
14. - 14 der Staatsanwaltschaft das Verfahren in jeder Lage vorläufig einstellen. § 154 Absatz 3 bis 5 der Strafprozessordnung gelten entsprechend. § 15 Gerichtliche Zuständigkeit (1) Ein Gerichtsstand ist auch bei dem Gericht begründet, in dessen Bezirk der Verband seinen Sitz oder eine Zweigniederlassung hat. (2) Ein Zusammenhang im Sinne des § 3 der Strafprozessordnung ist auch vorhanden zwischen der Verbandsstraftat und der Tat derjenigen Person, die beschuldigt wird als Täter oder Teilnehmer in Wahrnehmung der Angelegenheiten des Verbandes die verbandsbezogene Zuwiderhandlung begangen zu haben. (3) Die Strafkammern sind als erkennende Gerichte des ersten Rechtszuges zuständig, wenn die Verhängung einer Verbandsmaßregel zu erwarten ist oder wenn die Staatsanwaltschaft gemäß § 24 Absatz 1 Nummer 3 des Gerichtsverfassungsgesetzes Anklage beim Landgericht erhebt. § 74 Absatz 2 und die §§ 74a, 74b und 74c des Gerichtsverfassungsgesetzes gelten in Ansehung der verbandsbezogenen Zuwiderhandlung entsprechend. (4) Die Oberlandesgerichte sind für die Verhandlung und Entscheidung im ersten Rechtszug entsprechend § 120 des Gerichtsverfassungsgesetzes zuständig bei Verbandsstraftaten, wenn die verbandsbezogene Zuwiderhandlung zur Zuständigkeit der Oberlandesgerichte gehört. § 16 Ausschließung eines Richters (1) Ein Richter ist von der Ausübung des Richteramtes kraft Gesetzes ausgeschlossen, 1. wenn er selbst, sein Ehegatte oder sein Lebenspartner zu dem Verband in dem Verhältnis eines Mitberechtigten oder Mitverpflichteten steht, auch wenn die Ehe oder Lebenspartnerschaft nicht mehr besteht; 2. wenn eine Person, mit der er in gerader Linie verwandt oder verschwägert, in der Seitenlinie bis zum dritten Grad verwandt oder bis zum zweiten Grad verschwägert ist oder war, zu dem Verband in dem Verhältnis eines Mitberechtigten oder Mitverpflichteten steht; 3. wenn er in der Sache als Prozessbevollmächtigter oder Beistand des Verbandes bestellt oder als gesetzlicher Vertreter des Verbandes aufzutreten berechtigt ist oder gewesen ist; 4. wenn er als Entscheidungsträger für den Verband tätig ist oder tätig gewesen ist.
15. - 15 (2) § 22 der Strafprozessordnung bleibt unberührt. § 22 Nummer 2 und 3 der Strafprozessordnung gelten entsprechend in Ansehung der Zuwiderhandlung. § 17 Vertretung und Zustellung (1) Der Verband wird im Verfahren nach Maßgabe des § 51 der Zivilprozessordnung vertreten. Wer wegen einer verbandsbezogenen Zuwiderhandlung oder wegen einer Unterlassung im Sinne des § 2 Absatz 2 beschuldigt ist oder beschuldigt gewesen ist, ist an der Vertretung des Verbandes im Strafverfahren gehindert. (2) Entscheidungen werden dem Verband durch Verkündung gegenüber dem oder durch Zustellung an die gesetzliche Vertreter bekanntgemacht. Für das Verfahren bei Zustellungen gelten die Vorschriften der Zivilprozessordnung entsprechend. (3) Wird die für den Verband bestimmte Zustellung an mehrere Empfangsberechtigte bewirkt, so richtet sich die Berechnung einer Frist nach der zuletzt bewirkten Zustellung. § 18 Beschuldigtenrechte und Verteidigung (1) Im Verfahren gegen den Verband wegen einer Verbandsstraftat sind auch die Personen, die einer verbandsbezogenen Zuwiderhandlung oder einer Unterlassung im Sinne des § 2 Absatz 2 verdächtig sind, als Beschuldigte zu vernehmen. Sie können sich in jeder Lage des Verfahrens des Beistands eines Verteidigers bedienen. Die §§ 133 bis 136a der Strafprozessordnung gelten entsprechend. (2) Ein Verteidiger kann gleichzeitig den Verband wegen der Verbandsstraftat und eine natürliche Person wegen der verbandsbezogenen Zuwiderhandlung oder wegen einer Unterlassung im Sinne des § 2 Absatz 2 verteidigen, sofern dies der Aufgabe der Verteidigung nicht widerstreitet (gemeinschaftliche Verteidigung). § 146a der Strafprozessordnung gilt entsprechend. (3) Im Falle der gemeinschaftlichen Verteidigung bedarf es bei der Zustellung von Schriftstücken in Angelegenheiten, die den betroffenen Verband und den Beschuldigten betreffen, nur einer Zustellung. § 19 Pflichtverteidigung (1) Hat der Verband keinen gesetzlichen Vertreter oder sind alle gesetzlichen Vertreter des Verbandes wegen der verbandsbezogenen Zuwiderhandlung beschuldigt, so wird ihm auf Antrag der Staatsanwaltschaft oder eines Mitglieds des
16. - 16 Verbandes zur Beseitigung des vertretungslosen Zustands ein Pflichtverteidiger als besonderer Vertreter für das Verfahren bestellt, falls mit dem vertretungslosen Zustand Gefahr verbunden ist. Für die Bestellung ist vor Erhebung der öffentlichen Klage das Amtsgericht zuständig, in dessen Bezirk der Verband seinen Sitz oder eine Zweigniederlassung hat. (2) Der besondere Vertreter hat unverzüglich die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um eine ordnungsgemäße Vertretung des Verbandes im Verfahren sicherzustellen. Mit der Bestellung eines geeigneten Vertreters endet die Beiordnung. (3) § 140 Absatz 1 Nummer 1 und 8 sowie § 140 Absatz 2 der Strafprozessordnung bleiben unberührt. Insoweit gilt § 141 Absatz 4 Satz 1 der Strafprozessordnung entsprechend. § 20 Verfahrenssichernde Maßnahmen (1) Ist der Verband einer Verbandsstraftat dringend verdächtig und besteht auf Grund bestimmter Tatsachen bei Würdigung der Umstände des Einzelfalles der dringende Verdacht, dass Entscheidungsträger das Vermögen des Verbandes beiseiteschaffen oder die Auflösung des Verbandes in der Absicht betreiben, den Verband dem Strafverfahren zu entziehen, so kann bis zur Höhe von insgesamt 10 vom Hundert des im Durchschnitt der vorausgegangenen drei Geschäftsjahre erzielten Gesamtumsatzes des Verbandes der dingliche Arrest angeordnet werden. Der Gesamtumsatz kann geschätzt werden. (2) Der Arrest wird durch schriftlichen Beschluss des Gerichts angeordnet. § 162 der Strafprozessordnung gilt entsprechend. In dem Beschluss sind anzuführen der Verband, die Tat, deren er dringend verdächtig ist, Zeit und Ort der verbandsbezogenen Zuwiderhandlung, die gesetzlichen Merkmale der Straftat und die anzuwendenden Strafvorschriften sowie die Tatsachen, aus denen sich der dringende Tatverdacht und der Arrestgrund ergeben, soweit nicht dadurch die Staatssicherheit gefährdet wird. (3) Ist der Verband zur Eintragung in ein öffentliches Register anzumelden, so kann das Gericht in den Fällen des Absatz 1 anordnen, dass die Eintragung der Auflösung oder Verschmelzung des Verbandes zu versagen ist (Registersperre). Der Beschluss ist dem zur Führung des Registers zuständigen Gericht bekannt zu machen. (4) Die §§ 120 und 310 Absatz 1 Nummer 1 der Strafprozessordnung gelten entsprechend. Der Verband ist über das Recht der Beschwerde schriftlich zu belehren.
17. - 17 (5) Die §§ 923, 928, 930 bis 932 und 934 Absatz 1 der Zivilprozessordnung sowie § 111f Absatz 3 bis 5 der Strafprozessordnung gelten entsprechend. (6) Eine Vollziehungsmaßnahme ist auf Antrag des Verbandes aufzuheben, soweit der Verband den Pfandgegenstand zur Aufbringung der Kosten seiner Verteidigung benötigt. § 21 Hauptverhandlung (1) Die Hauptverhandlung kann ohne den gesetzlichen Vertreter des Verbandes durchgeführt werden, wenn er ordnungsgemäß geladen und in der Ladung darauf hingewiesen worden ist, dass in seiner Abwesenheit verhandelt werden kann. Die Niederschrift über eine richterliche Vernehmung des gesetzlichen Vertreters kann in diesem Falle in der Hauptverhandlung verlesen werden. § 235 der Strafprozessordnung gilt entsprechend. (2) Erklärungen des gesetzlichen Vertreters des Verbandes können darüber hinaus gemäß § 254 der Strafprozessordnung verlesen werden. (3) Dem abwesenden gesetzlichen Vertreter steht ein Anspruch auf Benachrichtigung über den Fortgang des Verfahrens nicht zu. Das Gericht ist jedoch befugt, ihm auf Antrag Benachrichtigungen zugehen zu lassen. (4) Das Gericht kann zur Aufklärung des Sachverhalts das persönliche Erscheinen des gesetzlichen Vertreters des Verbandes anordnen. Bleibt er ohne genügende Entschuldigung aus, so kann das Gericht seine Vorführung anordnen, wenn er unter Hinweis auf diese Möglichkeit durch Zustellung geladen worden ist. § 22 Vollstreckung der Verbandssanktionen (1) Für die Vollstreckung der Verbandsgeldstrafe gelten die Vorschriften der Justizbeitreibungsordnung, sofern sich aus den Vorschriften der allgemeinen Gesetze über das Strafverfahren nichts anders ergibt. (2) Kann die Geldstrafe nicht eingebracht werden oder unterbleibt die Vollstreckung nach § 459c Absatz 2 der Strafprozessordnung, so stellt die Vollstreckungsbehörde einen Antrag nach § 14 der Insolvenzordnung. (3) Ist eine Verbandsmaßregel nach § 12 angeordnet worden und ist der Verband zur Eintragung in ein öffentliches Register anzumelden, so teilt die Vollstreckungsbehörde nach Rechtskraft dem Registergericht die Verbandsauflösung mit. Die Vollstreckungsbehörde beantragt für die Abwicklung des Verbandes beim
18. - 18 zuständigen Gericht die Bestellung eines Abwicklers oder Liquidators. Für das weitere Verfahren gelten die Vorschriften des bürgerlichen Rechts entsprechend. Artikel 2 Änderung des Bundeszentralregistergesetzes Das Bundeszentralregistergesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 21. September 1984 (BGBl. I S. 1229,1985 I S. 195), zuletzt geändert durch Artikel 1 des Gesetzes vom 15. Dezember 2011 (BGBl. I S. 2714), wird wie folgt geändert: 1. In der Inhaltsübersicht wird § 9 wie folgt gefasst: "§ 9 Verbandssanktionen". 2. § 3 wird wie folgt geändert: Nach Nummer 1 wird Nummer 2 eingefügt: "Verbandsstrafen und Verbandsmaßregeln (§ 9)," 3. § 4 wird wie folgt geändert: a) In Nummer 3 wird das Wort "oder" durch ein Komma ersetzt. b) In Nummer 4 wird nach dem Wort "festgestellt" das Wort "oder" angefügt. c) Nach Nummer 4 wird folgende Nummer 5 angefügt: "5. auf eine Verbandsstrafe erkannt oder eine Verbandsmaßregel angeordnet". 4. Nach § 8 wird folgender § 9 eingefügt: "§ 9 Verbandssanktionen (1) Für Verbandsstrafen und Verbandsmaßregeln gelten die Vorschriften dieses Gesetzes entsprechend soweit sie nicht ausschließlich auf natürliche Personen anwendbar sind. (2) Einzutragen sind Firma, Name oder Bezeichnung, Rechtsform, Registernummer soweit vorhanden und die Anschrift des Sitzes oder der Hauptniederlassung des Verbandes. Ist ein Mitglied des Vertretungsorgans oder der gesetzliche Vertreter des Verbandes eine juristische Person, so sind auch deren Firma, Name oder Bezeichnung, Rechtsform, Registernummer soweit vorhanden und die Anschrift des Sitzes oder der Hauptniederlassung einzutragen. Erhält die Registerbehörde eine Mitteilung über die Änderung des Namens einer Person, über die das Register eine Eintragung enthält, so ist der neue Name bei der Eintragung zu vermerken.
19. - 19 (3) Auskunft aus dem Register erhalten auch die in § 150a der Gewerbeordnung genannten Behörden und öffentlichen Auftraggeber zur Erfüllung der dort bezeichneten Aufgaben. Artikel 3 Änderung des Gesetzes über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen Das Gesetz über die Entschädigung für Strafverfolgungsmaßnahmen vom 8. März 1971 (BGBl. I S. 157), zuletzt geändert durch Artikel 22 des Gesetzes vom 8. Dezember 2010 (BGBl. I S. 1864), wird wie folgt geändert: In § 2 Absatz 2 wird nach Nummer 6 der Punkt durch ein Komma ersetzt und folgende Nummer 7 angefügt: "7. die verfahrenssichernde Maßnahme nach § 20 des Verbandsstrafgesetzbuchs." Artikel 4 Änderung des Einkommensteuergesetzes Das Einkommensteuergesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 8. Oktober 2009 (BGBl. I S. 3366, ber. I 2009 S. 3862), zuletzt geändert durch Art. 1 des Gesetzes zur Änderung und Vereinfachung der Unternehmensbesteuerung und des steuerlichen Reisekostenrechts vom 20. Februar 2013 (BGBl. I S. 285), wird wie folgt geändert: In § 4 Absatz 5 Satz 1 Nummer 8 wird nach dem Wort "Geldbußen" ein Komma und das Wort " Verbandsgeldstrafen " eingefügt. Artikel 5 Inkrafttreten Dieses Gesetz tritt am in Kraft.
20. - 20 Begründung A. Allgemeines Innerhalb der modernen Gesellschaft haben Wirtschaftsunternehmen, Betriebe und andere Arten von Verbänden, das hat nicht zuletzt die Finanzkrise wieder vor Augen geführt, sowohl in ökonomischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht ein großes Machtpotential. Wirtschafts-, Umwelt- und Korruptionsdelikte, die aus Unternehmen und Personenverbänden heraus begangen werden, haben einen erheblichen Einfluss auf das wirtschaftliche und soziale Gefüge. Die Bekämpfung dieser Formen von Kriminalität muss deshalb ein dringendes rechtspolitisches Anliegen von Bund und Ländern sein. Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf wird der Entwicklung der modernen Gesellschaft hin zu einer "Organisationsgesellschaft" Rechnung getragen, die inzwischen von formalen Organisationen durchdrungen und entscheidend geprägt ist. Große Teile der Leistungsproduktion und des gesellschaftlichen Lebens vollziehen sich in Organisationen (Schimak in: Endreß/Mathys, "Die Ökonomie der Organisation", Berlin 2010, S. 33 ff.). Im Zuge dieser Entwicklung organisieren sich mehr und mehr gesellschaftliche Bereiche als Unternehmen oder als Betrieb und werden entsprechend bewirtschaftet (Schünemann, "Unternehmenskriminalität und Strafrecht", Köln 1996, S. 130). Der Gesetzentwurf schlägt deshalb vor, den mit dieser Entwicklung verbundenen systemischen Risiken, soweit sie sich in Straftaten niederschlagen, durch ein echtes Verbandsstrafrecht umfassend entgegenzutreten und zugleich das neu geschaffene Verbandsstrafrecht mit einer rechtsstaatlich ausgestalteten Verfahrensordnung zu versehen. I. Ausgangslage 1. Gesetzgeberischer Handlungsbedarf in tatsächlicher Hinsicht Seit Jahren steigt die Zahl der juristischen Person oder Personengesellschaften, die am Markt tätig sind. Die Umsatzsteuerstatistik des Statistischen Bundesamtes weist kontinuierlich steigende Zahlen für Unternehmen aus, die als juristische Person oder Personengesellschaft organsiert sind. Von 868.437 im Jahr 2000 stieg die Zahl der als juristische Person oder Personengesellschaft organisierten Marktteilnehmer mit einem Umsatz von mindestens 17.500,- € kontinuierlich auf inzwischen 980.722 im Jahre 2010 an. Der Anteil der Einzelfirmen an diesen Unternehmen ist seit dem Jahr 2007 rückläufig. Auf nationaler wie internationaler Ebene wächst zugleich die Bedeutung von großen Konzernen oder Unternehmensgruppen (Kleber/Sturm/Tümmler, "Unternehmensgruppen aus dem Unternehmensregister" in: Wirtschaft und Statistik 2/2010, S. 527).
21. - 21 Der prozentuale Anteil der klassischen Wirtschaftskriminalität an den polizeilich bekannt gewordenen Straftaten betrug in den vergangenen Jahren zwar jeweils weniger als 2 Prozent und die absoluten Verfahrenszahlen waren ausweislich der polizeilichen Kriminalstatistik zuletzt sogar rückläufig (Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität, BKA, Wiesbaden 2011, S. 7). Nach wie vor entfällt jedoch über die Hälfte des in den polizeilichen Statistiken ausgewiesenen Gesamtschadens von 8 Mrd. Euro auf Wirtschaftsstraftaten. Die in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Schadensummen bilden die durch Wirtschaftskriminalität tatsächlich verursachten Gesamtschäden indessen nur teilweise ab. Neben den monetär darstellbaren Schäden ergeben sich weitere, nicht quantifizierbare Schäden: Redliche Wettbewerber erleiden Nachteile durch Wettbewerbsverzerrungen, für Verbraucher und Arbeitnehmer ergeben sich gesundheitliche Gefährdungen als Folge von Verstößen gegen das Lebens- und Arzneimittelrecht, das Arbeitsschutz- und das Umweltstrafrecht, nicht unmittelbar geschädigte Geschäftspartner von geschädigten Unternehmen werden infolge finanzieller Abhängigkeiten und Verflechtungen in Mitleidenschaft gezogen und ganze Wirtschaftszweige erleiden infolge des Reputations- und damit Marktanteilsverlustes Nachteile (Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität, a.a.O., Seite 8 f.). Wirtschaftsstraftaten, die von Staatsanwaltschaften und Finanzbehörden ohne Beteiligung der Polizei bearbeitet werden (z. B. Steuer- und Arbeitsdelikte oder Subventionsbetrug), finden überhaupt keinen Eingang in die polizeilichen Statistiken. Empirische Untersuchungen in Unternehmen belegen zudem die Existenz eines erheblichen Dunkelfelds. Selbst wenn anderslautende Absichtserklärungen zuvor im Unternehmen verbreitet worden sind, wird im Hinblick auf die Interessenlage der Opfer (z. B. bei Anlage von „Schwarzgeldern", zur Wahrung des "Betriebsfriedens" oder angesichts eines möglichen Imageverlusts) von einer Einschaltung der Ermittlungsbehörden häufig abgesehen (Theile, "Wirtschaftskriminalität und Strafverfahren", Münster 2007, S. 238 ff.). Seit über zehn Jahren untersucht die Unternehmensberatungsfirma KPMG mittels eines standardisierten Fragebogens, der im Zusammenarbeit mit der Steinbeis-Hochschule Berlin, School of Governance, Risk & Compliance, konzipiert wurde, regelmäßig die realen Erscheinungsformen von Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Befragt wurden zuletzt 332 nach Branchen und Größenklassen repräsentativ ausgewählte Unternehmen sowie 32 Großunternehmen nach ihren Erfahrungen mit Wirtschaftskriminalität, nach ihrer Risikoeinschätzung und ihren Präventionsmaßnahmen. Die Befragung erfolgte in persönlichen Telefoninterviews durch ein Meinungsforschungsinstitut im Sommer 2012 (KPMG, "Wirtschaftskriminalität in Deutschland 2012", S. 9; http://www.kpmg.de/Themen/33581.htm). Im Durchschnitt waren die befragten Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren fünfmal von Wirtschaftskriminalität betroffen, Großunternehmen häufiger als Mittelständler. Die Studie errechnet einen durchschnittlichen Schaden pro Schadensfall von rund 30.000 Euro (KPMG, a.a.O., S. 13). Etwa die Hälfte der
22. - 22 mutmaßlichen Täter stammten nach Einschätzung der Interviewpartner aus dem Unternehmen selbst, von diesen wiederum mehr als ein Drittel aus dem Management (KPMG, a.a.O., S. 14). Letzteres ist vor allem deshalb bedeutsam, weil finanzielle Schäden und immaterielle Auswirkungen einer Straftat mit wachsender Bedeutung des Täters im Unternehmen gleichfalls ansteigen (Bussmann/Salvenmoser, "Internationale Studie zur Wirtschaftskriminalität" in: NJW 2006, S. 203 [207]). Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt eine Untersuchung der Universität HalleWittenberg in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse/Coopers für das Jahr 2011. Für die Studie wurden 830 Unternehmen von Mai bis Juni 2011 befragt. Nach den Ergebnissen von in gleicher Weise durchgeführten Telefoninterviews gab jedes zweite befragte Unternehmen (52 %) an, in den letzten zwei Jahren von mindestens einem Schadensfall betroffen gewesen zu sein. Im Durchschnitt belief sich die Schadenssumme auf 8,39 Millionen Euro pro Unternehmen (Nestler/Salvenmoser/Bussmann, "Wirtschaftskriminalität 2011", http://www.pwc.de/de/risiko-management/studie). Auch von den Unternehmen werden die Gefahren der Wirtschaftskriminalität zunehmend als bedrohlich empfunden. Ausweislich der KPMG-Studie betrachten 67% der Unternehmensführerinnen und Unternehmensführer das generelle Risiko, von Wirtschaftskriminalität betroffen zu sein, als hoch oder sehr hoch. Befragt nach den Risiken für das eigene Unternehmen waren jedoch mehr als 80 % der Unternehmensführer der Ansicht, diese Risiken seien im eigenen Hause gering oder sehr gering (KPMG, a.a.O., S. 15) Daher kann es nicht verwundern, dass nach allen Untersuchungen die Bemühungen um Prävention und Vorbeugung immer noch zu wünschen übrig lassen. Bei einer Befragung von mehreren Hundert Unternehmen, die im Jahr 2010 durchgeführt worden ist, verfügte nur jedes fünfte mittelständische Unternehmen über eine Compliance-Richtlinie ("Gefahrenbarometer", CorporateTrust, 2010, S. 18 http://www.corporate-trust.de/studie ). Auch rechtsvergleichende Untersuchungen legen nahe, dass praktische Erfahrungen in Unternehmen weniger effektiv zur Prävention von Wirtschaftskriminalität motivieren als rechtliche Anreize. Insbesondere in den USA ist unter dem Einfluss gesetzlicher Vorgaben (u.a des Sarbanes-Oxley Acts aus dem Jahr 2002) die Kriminalprävention im Wirtschaftsbereich deutlich stärker als in Deutschland ausgebaut worden (Bußmann/Matschke, "Der Einfluss nationalen Rechts auf Kontroll- und Präventionsmaßnahmen von Unternehmen" in: wistra 2008, S. 88 ff.). Das deutsche Präventionsdefizit ist umso bedenklicher, als eine präventionsorientierte Unternehmenskultur das Kriminalitätsrisiko nachweislich senkt und zudem dazu beiträgt, eine Kultur der strikten Anti-Korruptions-Politik erfolgreicher nach außen zu kommunizieren (Bussmann, "The Impact of Business Ethics: A Comparison of US and German Companies" in: MSchrKrim 2007, S. 260, [262 f.]; Nestler/Salvenmoser/Bussmann, "Compliance und Unternehmenskultur", Hechingen 2010, S. 40 f.).
23. - 23 Als eine Ursache des deutschen Präventionsdefizits kommen die Implementationsmängel des geltenden Unternehmensbzw. Verbandssanktionsrechts in Deutschland mit hohen Einstellungsraten und überdurchschnittlicher hoher Tendenz zu verfahrensbeendenden Absprachen in Betracht (Fischer, "Unternehmensstrafrecht in der Revision" in: StraFO 2010, S. 329 [330]; Retemeyer, "Gewinnabschöpfung im Ordnungswidrigkeitenrecht" in: wistra 2012, S. 56 [59]). Bei einer Praxisbefragung bei den neunzehn Staatsanwaltschaften in Nordrhein-Westfalen konnten für den Abfragezeitraum 2006 - 2011 insgesamt nur siebenundzwanzig Verfahren festgestellt werden, in denen es tatsächlich zur Verhängung einer Unternehmensgeldbuße nach §§ 30, 130 OWiG wegen einer Straftat gekommen war, obgleich durchaus ein relevantes Fallaufkommen in den Deliktsfeldern Wirtschafts-, Korruptions- oder Umweltkriminalität bestand (Kutschaty "Deutschland braucht ein Unternehmensstrafrecht" in: ZRP 2013, S. 74 [75]). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine deutschlandweite Untersuchung in 45 größeren Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Wirtschafts- und Korruptionsverfahren aus dem Jahre 2011 (Geismar, "Der Tatbestand der Aufsichtspflichtverletzung bei der Ahndung von Wirtschaftsdelikten", Baden-Baden, 2012). Die Anwendungshäufigkeit des § 130 OWiG schätzten die Befragten im Bereich des Wirtschaftsstrafrechts auf ca. 5 bis 8%. In nicht einmal jedem fünften Fall, in dem die Voraussetzungen des § 130 OWiG tatsächlich vorlagen, sei eine Geldbuße auch verhängt worden (Geismar, a.a.O., S. 147). Bei der Sanktionierung von Unternehmen gemäß § 30 OWiG gilt das Opportunitätsprinzip, eine Ahndung erfolgt nur bei Ausübung eines dahingehenden Ermessens. Bei der Strafverfolgung von Einzelpersonen, auch einzelner Unternehmensmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, gilt demgegenüber das Legalitätsprinzip (§ 152 Absatz 2, § 170 StPO), es besteht grundsätzlich ein Ermittlungs- und Verfolgungszwang. Verfahrenseinstellungen sind aussagekräftig zu begründen (Nummer 89 Absatz 2 und 3 RiStBV). Im Rahmen einer Erhebung bei 80 Staatsanwaltschaften im Jahre 2007 waren immerhin 45% der Befragten der Ansicht, § 30 OWiG werde wesentlich öfter Anwendung finden, wenn für die Vorschrift grundsätzlich das Legalitätsprinzip gelten würde (Kirch-Heim, "Sanktionen gegen Unternehmen", Berlin 2007, S. 245). Die Einführung des mit dem Strafverfahren verbundenen Legalitätsprinzips auch für die Strafverfolgung von Unternehmen wäre ein wichtiger Garant für die Transparenz des Verfahrens und die Gleichbehandlung aller Teilnehmer am Rechtsverkehr. 2. Strukturelle Mängel des Verbandssanktionsrechts de lege lata Weitere Ursachen für die mangelnde Präventionseffizienz des geltenden Ordnungswidrigkeitenrechts sind in dessen rechtlicher Ausgestaltung zu suchen. Derzeit erfasst das Ordnungswidrigkeitenrecht zum einen die Konstellation, in der die Leitungsebene eines Verbandes in Gestalt eines vertretungsberechtigten Organs, Gesellschafters, Prokuristen oder Generalbevollmächtigten (§ 30 Absatz 1 OWiG) die
24. - 24 Straftaten selbst schuldhaft begeht. Zum anderen werden die Konstellationen erfasst, in denen einer Person aus der in § 9 OWiG abschließend umschriebenen Leitungsebene eine schuldhafte Aufsichtspflichtverletzung zugerechnet werden kann (§ 130 OWiG). In Fällen, in denen es aufgrund komplexer Verbandsstrukturen weder möglich ist, die Tat einer Individualtäterin bzw. einem Individualtäter zuzuordnen noch das schuldhafte Versagen der in § 9 OWiG genannten Aufsichtspersonen zu belegen, kann eine Verbandsstraftat überhaupt nicht - auch nicht als Ordnungswidrigkeit - sanktioniert werden. Die moderne, dezentrale Organisation von Wissen und Handlungszuständigkeiten in Verbänden kann dazu führen, dass eine zeitlich, örtlich und gegenständlich bestimmbare Haftungssituation nicht mehr herausgearbeitet werden kann. Weiter verschärft wird dieses Problem, wenn neben formelle Regeln und Zuständigkeiten informelle Übungen treten und sich die Aufgaben und Kompetenzen in der Praxis anders verteilen, als im Organisationsplan abgebildet. Infolge vermehrter Delegation von Aufgaben kommt es nach und nach zu einer "Pflichtendiffusion" innerhalb der Organisation (Heine, "Die strafrechtliche Verantwortung von Unternehmen", BadenBaden 1995, S. 37 f.; ders. in: Schönke/Schröder, StGB, 28. Auflage, München 2010, Rdz. 126a vor §§ 25 ff.). Betriebliche Störfälle erweisen sich am Ende als Ergebnis systemischer Fehlentwicklungen, die sich nicht mehr punktuell auf einzelne Entscheidungen zurückführen lassen (Heine, a.a.O., S. 307) Das Phänomen der "organisierten Unverantwortlichkeit", bei der Unrecht niemandem zugeordnet werden kann, weil Handlungsherrschaft, Wissen und Willen der Tatbestandsverwirklichung, Rechtswidrigkeit und persönliche Schuld bei keiner natürlichen Person vollständig zusammentreffen (vgl. dazu Mittelsdorf, "Unternehmensstrafrecht im Kontext", Berlin 2007, S. 11 f.; Wessing, "Braucht Deutschland ein Unternehmensstrafrecht?" in: ZHW 8/2012, S. 301 [302]), wird durch weitere Formen der Arbeitsteilung, wie das Outsourcen ganzer Betriebsteile, noch begünstigt. Unter "organisierte Unverantwortlichkeit" fallen im weiteren Sinne aber auch die Fälle, in denen ein Einzelner (untergeordneter) Mitarbeiter als "Bauernopfer" vorgeschoben wird, die Verantwortung der eigentlichen Entscheidungsträger aber aufgrund von Mechanismen der "Freizeichnung" innerhalb des Verbands gezielt verschleiert wird (Kirch-Heim, a.a.O., S. 56 f.). Das Individualstrafrecht kann dieses Defizit nicht auffangen. Die Eingliederung von Individuen in einen Verband verändert die Ansprechbarkeit des Einzelnen für rechtliche Normen und Vorgaben, die nicht aus dem Verband selbst kommuniziert werden (Schünemann, a.a.O., S. 131 f.; Mittelsdorf, a.a.O., S. 15). Das mit einer Rechtsnorm verbundene Unwerturteil kann durch abweichende Werthaltungen innerhalb des Verbandes geradezu "ausgehebelt" werden (Wessing, a.a.O., S. 303; ebenso: Kirch-Heim, a.a.O, S. 44 f. m.w.N.). Das individualistische Zurechnungskonzept des klassischen Strafrechts, in dem sich natürliche Personen als Täter und Geschädigte gegenüberstehen, wird den Realitäten der Verbandskriminalität auch deshalb nicht gerecht, weil die Schuld von Einzelpersonen, die bei der Verwirklichung eines Verbandsdeliktes
25. - 25 zusammengewirkt haben, unter Berücksichtigung ihrer persönlichen Verhältnisse und ihrer konkreten Arbeitsbedingungen trotz gravierender Tatfolgen für einzelne Geschädigte oder für die Allgemeinheit oft eher gering ist (Hetzer, "Verbandsstrafe in Europa" in: EuZW 2007, S. 75 f.; ders., "Korruption als Betriebsmodus" in: Kriminalistik 2008, S. 284 [291]). Auch steht die unter Berücksichtigung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Täters zu bestimmende Höhe eines Tagessatzes (§ 40 Absatz 2 StGB) bei einer Verbandsstraftat häufig nicht in Relation zum Unternehmensvermögen oder zu den wirtschaftlichen Vorteilen, die die Tat für den Verband mit sich gebracht hat (Kutschaty, a.a.O., S. 75). Die Instrumente zivilrechtlicher Haftung versagen typischerweise beim Schutz von kollektiven Rechtsgütern und bei Gefährdungsdelikten, wie z.B. bei Großrisiken im Umweltbereich (Heine, a.a.O., S. 21 ff.; Bottke, "Empfiehlt es sich, die strafrechtliche Verantwortlichkeit für Wirtschaftsstraftaten zu verstärken?" in: wistra 1991, S. 81 f.), aber auch in den Fällen, in denen Risiken versicherbar sind oder in denen eine Vielzahl einzelner Geschädigter vorhanden ist, weil jeder Einzelne jeweils mit Rücksicht auf sein Prozess- und Vollstreckungsrisiko von einer Klage absieht (Wessing, a,.a.O., S. 303). Verwaltungsrechtliche Sanktionen, die in verschiedenen Einzelgesetzen vorgesehen sind (vgl. § 43 BGB, § 35 GewO, §§ 20, 21 BImSchG, §§ 35 ff. KWG, § 61 f. GmbHG, § 396 AktG, § 16 HandwO, § 81 GenG) bleiben fragmentarisch, sind unübersichtlich und sprechen kein eindeutiges Unrechtsurteil aus. Mit der Verhängung einer Kriminalstrafe gegen den Verband wird diesen Defiziten entgegen gewirkt. Nur mit der Durchführung eines Strafverfahrens ist ein autoritatives, sozialethisches Unwerturteil über die Verbandsorganisation und das ihr anzulastende Verhalten verbunden, während die an eine Ordnungswidrigkeit geknüpfte Geldbuße nach wie vor eher als "Ermahnung" angesehen und empfunden wird, die keine ins Gewicht fallende Beeinträchtigung des Ansehens und des Leumunds des Betroffenen zur Folge hat (BVerfG, NJW 1969, S. 1619 [1622]). Auch Unternehmen verfügen über einen sozialen Geltungs- und Achtungsanspruch (LG Hamburg, Urt. v. 28.08.2009, 324 O 404/09; OLG Köln, Urt. vom 12.04.2011, 15 U 181/10), der vom Bundesgerichtshof ausdrücklich als "Unternehmenspersönlichkeitsrecht" bezeichnet wird (ständige Rechtsprechung seit BGHSt 6, 186; jüngst wieder BGH, NJW 2011, S. 155; weitere Nachweise zum "Ehrschutz" für Unternehmen bei Fischer, StGB, 60. Auflage, München 2013, Rdz. 12 vor § 185). Dieses Unternehmenspersönlichkeitsrecht ist nicht identisch mit dem primär fiskalisch definierten "Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb", sondern gründet sich als selbständiges Recht auf die Grundrechte des Artikels 2 Absatz 1 und des Artikels 12 Absatz 1 GG (BGH NJW 2008, 2110, Rdz. 11 f.; Ziegelmayer, "Die Reputation als Rechtsgut" in: GRUR 2012, S. 761). Die nicht mehr nur rein fiskalisch orientierte Bestrafung des Unternehmens oder auch eines Verbandes greift diesen Umstand auf, dem im Zeitalter neuer Kommunikationsformen über die Sozialen Medien für Unternehmen wachsende Bedeutung zukommen wird (Ziegelmayer, a.a.O., S. 761 f.). Dies würde dem
26. - 26 primären Ziel einer Unternehmens- und Verbandssanktionierung - der Prävention und der Bestärkung solcher juristischen Personen und Personenvereinigungen, die an der Entwicklung und Implementation moderner Formen von Unternehmenscompliance interessiert sind - am ehesten Rechnung tragen. Je öffentlicher, je tadelnder Rechtsfolgen gegen Verbände ausgestaltet sind, um so eher werden diese gehalten sein, sich normgetreu zu verhalten, um schädliche Auswirkungen auf ihre Reputation zu vermeiden (Theile/Petermann, "Die Sanktionen des Ordnungswidrigkeitenrechts gegenüber Unternehmen" in: JuS 2011, S. 496 ff.; Dannecker, "Die Ahnbarkeit von juristischen Personen im Wandel" in: FS-Böttcher, S. 465 [483] m.w.N.). 3. Erfolgreiche Vorbilder im europäischen Vergleich Die meisten europäischen Staaten kennen eine strafrechtliche Verantwortlichkeit juristischer Personen für Straftaten. In Anlehnung an das Vorbild des angelsächsischen Rechtskreises (common law), der Strafverfahren gegen juristische Personen und Personenvereinigungen seit Langem kennt, ist sie in den meisten kontinentaleuropäischen Staaten in den letzten 15 Jahren eingeführt worden. Die ganz überwiegende Zahl der europäischen Staaten hat sich dabei für die Einführung genuin strafrechtlicher Modelle entschieden. Den Anfang machten die Niederlande im Jahr 1950 zunächst nur für Wirtschaftsdelikte, seit 1976 dann uneingeschränkt. Es folgten Island (1972), Portugal (1984), Schweden (1986), Norwegen (1991), Frankreich (1994), Finnland (1995), Belgien (1999), Slowenien (1999), Estland (2001) Malta (2002), die Schweiz (2003), Litauen (2003), Kroatien (2003), Ungarn (2004), Mazedonien (2004), Lettland (2005), Österreich (2006), Rumänien (2006), Luxemburg (2010), Spanien (2010), die Slowakei (2010), Liechtenstein (2011) und die Tschechische Republik (2012). Die in Italien seit dem Jahr 2001 nach Artikel 11 des Gesetzes Nummer°300/2000 zu verhängende "Verwaltungsstrafe" wird gleichfalls von einem Strafgericht unter Anwendung der Strafprozessordnung ausgesprochen (vgl. dazu den Überblick bei Zeder, "Die Strafbarkeit von juristischen Personen in Europa" in: Hotter/Lutzer/Schick/Soyer, "Unternehmensstrafrecht. Eine Praxisanleitung", Wien 2010, S. 225 ff.). Insbesondere der österreichische Gesetzgeber hat bei der Schaffung des Verbandsverantwortlichkeitsgesetzes (VbVG) im Jahr 2006 mit der Strafbarkeit von Verbänden ausdrücklich starke Anreize für Unternehmen setzen wollen, Gefährdungspotentiale im Rahmen ihres Betriebes zu minimieren und technische, organisatorische, personelle oder andere Maßnahmen zu ergreifen, um die Verwirklichung von Straftaten im Rahmen des Betriebes möglichst zu vermeiden (Konopatsch, "Die Bedeutung unternehmensrechtlicher Compliance-Strategien", in: Hotter/Lutzer/Schick/Soyer, a.a.O., S. 140 f.). Im Rahmen einer Evaluation durch das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie in Wien sind inzwischen die ersten 528 Fälle aus der Anlaufphase des Verbandsstrafrechts ausgewertet worden. Im Untersuchungszeitraum 2006 bis 2010 wurde der Vorwurf einer Verfehlung gegen
27. - 27 das Verbandsverantwortlichkeitsgesetz (VbVG) durch die Strafverfolgungsbehörden in Österreich in steigender Häufigkeit geprüft. Wenngleich die Einstellungsquote noch vergleichsweise hoch war, kommt die Studie bei der Bewertung der Wirksamkeit des VbVG zu einem positiven Ergebnis: Verbände vom Typus Aktiengesellschaft, Unternehmen aus dem Banken-, Finanz- und Versicherungswesen sowie größere Unternehmen der Verkehrs- und der Bauwirtschaft seien einem realen Verfahrensrisiko ausgesetzt, das dazu beigetragen habe, Prozessabläufe und Verantwortungsstrukturen in Unternehmen darstellbar und risikomindernd zu gestalten. Die präventive Wirkung des Gesetzes sei eingetreten (Jahresbericht des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie, Wien 2011, S. 41 ff; http://www.irks.at/assets/irks/Publikationen/Jahresberichte/IRKS_JB_2010-11.pdf.). II. Wesentlicher Inhalt des Gesetzentwurfs Der Gesetzentwurf schlägt ein Verbandsstrafgesetzbuch vor, welches die strafrechtliche Haftung von Verbänden für Zuwiderhandlungen ihrer Mitarbeiter oder Mitglieder gegen die Strafgesetze begründet, wenn durch diese Pflichten verletzt worden sind, die den Verband treffen, oder wenn durch sie der Verband bereichert worden ist oder bereichert werden sollte. Das Verbandsstrafgesetzbuch stellt in materiell-rechtlicher wie prozessualer Hinsicht die Haftung von Verbänden auf eine eigenständige Grundlage. Der Entwurf schlägt in Anlehnung an das Zweite Protokoll zum Übereinkommen über den Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften (ABl. 1997 C 221/11) zwei selbständige Tatbestände einer Verbandsstraftat vor. Haftungsgrund ist jeweils die Verantwortlichkeit des Verbandes für eine Organisation, in der kriminelles Verhalten geduldet, begünstigt oder gar provoziert wird. Der Verband haftet im Rahmen seiner durch ihn selbst gewählten und ausgestalteten Organisation für Fehlentwicklungen, die Folge dieser fehlerhaften Organisation sind. Die erste Tatbestandsalternative ist die Begehung einer verbandsbezogenen Zuwiderhandlung durch einen Entscheidungsträger. Der Vorwurf, der gegen den Verband erhoben wird und dem die “Verantwortlichkeit” des Verbandes zugrunde liegt, gründet sich hier auf die mangelhafte Personalauswahl für Schlüsselpositionen. Die zweite Tatbestandsalternative knüpft demgegenüber an ein vorsätzliches oder fahrlässiges Aufsichts- oder Überwachungsverschulden der Entscheidungsträger an. Der Entwurf sieht auf der Rechtsfolgenseite ein abgestuftes Reaktions- und Sanktionsinstrumentarium vor, welches stark präventiv ausgerichtet ist und dem Verband die Möglichkeit eröffnet, fehlerhafte Strukturen im Rahmen eines rechtsstaatlich gestalteten Verfahrens selbst zu korrigieren. Die Sanktionsmöglichkeiten werden auf diese Weise besser an die Anforderungen einer globalisierten Wirtschaft und Wirtschaftsaufsicht angepasst. Der Entwurf ermöglicht es, flexible, an der Leistungsfähigkeit des Verbandes orientierte Sanktionen zu
28. - 28 verhängen. Neben Geldstrafen treten Sanktionen in Form von Auflagen und Weisungen sowie wettbewerbsregulierende Maßregeln. Die Begrenzung finanzieller Sanktionen auf Bußgelder von 500.000 Euro (bei Fahrlässigkeitstaten) bzw. 1 Million Euro (bei Vorsatztaten) wird aufgegeben. Derzeit gehen vor allem große Wirtschaftsunternehmen ein kalkulierbares Risiko ein, wenn sie Straftaten ihrer Mitarbeiter dulden oder begünstigen. Auch die im Zuge der 8. GWB-Novelle geplante Reform des § 30 OWiG (BT-Drucksache 17/11053, S.8) vermag daran nichts Grundlegendes zu ändern. Die Erhöhung des Bußgeldrahmens für juristische Personen und Personenvereinigungen bei Straftaten auf 5 Millionen Euro bzw. 10 Millionen Euro lässt vielmehr für die großen Wettbewerber das Risiko einer Bebußung weiterhin als berechenbar erscheinen. Für Unternehmen, die Milliardengewinne erwirtschaften, erzeugen selbst solche Bußgelder keine hinreichende Präventivwirkung, während sie für kleine Betriebe existenzvernichtend wirken können. Eine angemessenere Lösung bietet hier das Strafrecht mit dem Tagessatzsystem des § 40 Absatz 2 StGB, dessen Bemessung sich für Unternehmen am Umsatz zu orientieren hat. Das deutsche Recht kennt bereits eine solche Umsatzorientierung, wie die Bußgeldregelung in § 81 Absatz 4 GWB zeigt. Auch nach dem Sanktionsrecht der EU (EG-VO Nummer 1/2003) kann einem Unternehmen ein Bußgeld in Höhe von bis zu 10% seines gesamten Jahresumsatzes auferlegt werden. Den Regelungen in vielen Nachbarstaaten - wie beispielsweise Polen oder Österreich - liegt eine ähnliche Orientierung zugrunde. Spezifische Vorschriften passen die Verfahrensordnung der Strafprozessordnung und des Gerichtsverfassungsgesetzes an die prozessualen Erfordernisse eines Strafverfahrens gegen Verbände an und nehmen die nötigen Anpassungen des Registerrechts und des Rechts der Entschädigung bei Strafverfolgungsmaßnahmen vor. Maßgebliche, auch generalpräventive Wirkungen sind von einer Stärkung der öffentlichen Hauptverhandlung zu erwarten. Die gerichtliche Zuständigkeit wird in Fällen von besonderer Bedeutung (§ 24 Absatz 1 Nummer 3 GVG) der nicht immer sachgerechten Zuweisung zu den Amtsgerichten nach § 68 Absatz 1 OWiG entzogen und im Einzelfall nach § 74 Absatz 1, § 74c GVG der Wirtschaftsstrafkammer zugewiesen. Die damit verbundene weitere Stärkung des Prinzips der Öffentlichkeit hat zugleich einen erheblichen Zuwachs an Transparenz gerade in besonders bedeutsamen Verfahren zur Folge. Die Öffentlichkeit der Hauptverhandlung gehört zu den grundlegenden Einrichtungen des Rechtsstaats, in dem sich Verhandlungen über bedeutsame Straftaten gerade nicht "hinter verschlossenen Türen abspielen" sollen (BGHSt 21, 72; BGHSt 22, 297). Insbesondere sind verfahrensbeendende Absprachen nach den §§ 257c, 273 Absatz 2 StPO offen zu legen und zu protokollieren (BVerfG, 2 BvR 2628/10 vom 19. März 2013, Rdz. 96). Dies verbürgt die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards und ist ein wesentliches Instrument, um
29. - 29 das das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Justiz gerade bei der Bekämpfung der Wirtschafts-, Umwelt- und Korruptionskriminalität zu stärken. III. Verfassungs- und europarechtliche Aspekte Der Gesetzentwurf steht mit den verfassungs- und europarechtlichen Vorgaben im Einklang. 1. Verfassungsrecht Einwände gegen die Etablierung einer strafrechtlichen Verantwortung auch für Verbände stützen sich vornehmlich auf zwei dogmatisch-verfassungsrechtliche Argumente: Zum einen wird bereits die Handlungsfähigkeit juristischer Personen in Zweifel gezogen, zum anderen berufen sich Kritiker auf das verfassungsrechtlich verankerte Schuldprinzip und halten Verbände aus prinzipiellen Gründen nicht für "straffähig". Das Strafrecht beruht auf dem Schuldgrundsatz, der den gesamten Bereich staatlichen Strafens beherrscht (BVerfGE 123, 267 ff., Rdz. 364; BVerfG, 2 BvR 2628/10 vom 19.3.2013, Rdz. 53). Der Schuldgrundsatz hat Verfassungsrang. Jeder strafrechtliche Vorwurf setzt daher Vorwerfbarkeit voraus. Strafrechtliche Ahndung ohne Feststellung eines haftungsbegründenden Verschuldens wäre rechtsstaatswidrig und verletzte die Betroffenen in ihrem Grundrecht aus Artikel 2 Absatz 1 GG (BVerfGE 9, 167 ff., Rdz. 14; BVerfGE 20, 323 ff., Rdz. 38). Indessen ist der Gesetzgeber weder bei der einfachgesetzlichen Ausgestaltung von Handlungs- oder Unterlassungsunrecht, noch bei der einfachgesetzlichen Ausgestaltung des Schuldgrundsatzes an die ontologischen oder die sozialethischen Maßstäbe der bisherigen strafrechtlichen Handlungs-, Schuld- und Strafdogmatik gebunden (Vogel, "Unrecht und Schuld in einem Unternehmensstrafrecht" in: StV 2012, S. 427 ff.). Vielmehr steht es ihm frei, für Verbände durch funktionsanaloge Übertragung von Zurechnungskategorien des Individualstrafrechts ein Konzept der strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu entwickeln (Heine in: Schönke/Schröder, StGB, Rdz. 129 vor §§ 25 ff.). Verbände sind nicht in gleicher Weise wie natürliche Personen handlungsfähig (so schon BVerfGE 20, 323 ff., Rdz. 48). Bei einer juristischen Person oder einem Personenverband sind nach herkömmlichem Verständnis auch kein „natürlicher Wille” und kein entsprechend willensgesteuertes (eigenes) Verhalten denkbar. Daraus ist gefolgert worden, Verbände seien strafrechtlich nicht zu belangen, weil die natürliche Handlung als Grundelement strafbaren Verhaltens etwas Naturgegebenes und dem Recht vorgelagert sei (grundlegend: Engisch, Referat zum 40. DJT, Bd. II, S. E 24). Ausschließlich auf die Zurechnung natürlicher Handlungen anderer dürfe sich ein strafrechtlicher Vorwurf nicht gründen, wenn dieser weiterhin in
30. - 30 rechtsstaatlicher Weise an die Verletzung konkreter Verhaltensnormen anknüpfen solle (Kempf, "Sanktionen gegen juristische Personen" in: Kritische Justiz 2003, S. 467; Schünemann, a.a.O., S. 136). Indessen kennt das Strafrecht bereits heute Konstruktionen, bei denen die Strafbarkeit an Zurechnungsakte geknüpft wird, darunter die Mittäterschaft und die Beihilfe. Auch § 14 des Strafgesetzbuchs sieht in verfassungsrechtlich nicht zu beanstandender Weise eine Ableitung der Normadressateneigenschaft eines Individuums von einem Verband vor (Bock, "Criminal Compliance", Baden-Baden 2011, S. 374). Verbände sind zudem als eigenständige Rechtssubjekte Teilnehmer am wirtschaftlichen und sozialen Leben. Kraft ihrer jeweiligen Verfassung verfügen sie über Mechanismen zur eigenständigen Willensbildung. Der Verbandswille entsteht dabei durch die Vernetzung individueller Entscheidungen (Mittelsdorf, a.a.O., S. 75 f.) und kann sich vom Willen der beteiligten Individuen im Ergebnis unterscheiden. Der Verband verfügt auch über Möglichkeiten zur Umsetzung des so gebildeten Willens in der Außenwelt (Kirch-Heim, a.a.O., S. 142 f.). Verbände sind sinnkonstituierte Gebilde, denen gegenüber Strafzwecke genauso erreicht werden können wie gegenüber einer natürlichen Person (Dannecker, a.a.O., S. 484; Vogel, a.a.O. S. 429; Scholz, "Strafbarkeit juristischer Personen", ZRP 2000, S. 435 [438]). Dem entsprechend hat auch der Bundesgerichtshof in der "Lederspray"-Entscheidung zur Bestimmung des Unterlassungsunrechts auf die Handlungsmöglichkeiten und verantwortlichkeiten innerhalb einer Produktions- und Vertriebsorganisation als einer Gesamtheit abgestellt (BGHSt 37, 106) und damit eine "unternehmensbezogene Sicht der Handlung" für Verbände entwickelt (Trüg, "Zu den Folgen der Einführung eines Unternehmensstrafrechts" in: wistra 2010, S. 241 [243]; ders., "Sozialkontrolle durch Strafrecht" in: StraFo 2011, S. 471 [473]). Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus dem "Lissabon"-Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Das Gericht rechnet zwar den Schuldgrundsatz der im Hinblick auf Artikel 79 Absatz 3 GG änderungsfesten Verfassungsidentität des Grundgesetzes zu. Seine Auffassung vom Wesen der Strafe und vom Verhältnis von Schuld und Sühne leitet das Gericht jedoch aus der Menschenwürdegarantie des Artikel 1 Absatz 1 GG ab (BVerfGE 123, 267 ff., Rdz. 364; BVerfG, 2 BvR 2628/10 vom 19.3.2013, Rdz. 54). Dem liegt die Vorstellung vom Menschen als einem geistigsittlichen Wesen zugrunde, das darauf angelegt ist, sich in Freiheit selbst zu bestimmen und zu entfalten, sein Handeln selbst zu bestimmen und sich kraft seiner Willensfreiheit zwischen Recht und Unrecht zu entscheiden (BVerfG, 2 BvR 2628/10 vom 19.3.2013, Rdz. 54 m.w.N.). Auf die Garantie einer derart ausgestalteten Menschenwürde können sich Verbände wie juristische Personen oder Personenvereinigungen gerade nicht berufen (Vogel, a.a.O., S. 429).
31. - 31 Im Hinblick auf Verbände hat der Gesetzgeber vielmehr die Vorgaben des Rechtsstaatsprinzips zu beachten, das ihn als elementares Verfassungsprinzip gemäß Artikel 20 Absatz 3 des Grundgesetzes bei der Ausgestaltung des Strafrechts bindet (BVerfGE 20, 323, Rdz. 33). Insbesondere müssen Straftatbestand und Rechtsfolge sachgerecht aufeinander abgestimmt sein (BVerfG, 2 BvR 2628/10 vom 19.3.2013, Rdz. 54 m.w.N. zur ständigen Rechtsprechung). Verfassungsrechtlich bestehen deshalb keine prinzipiellen Hindernisse gegen die Ausgestaltung eines Sanktionsrechts, das auch gegen Verbände Maßnahmen mit Strafcharakter vorsieht, solange diese an Vorgänge anknüpfen, die der Verband zu verantworten hat, die Grundrechte des Verbandes und der übrigen Verfahrensbeteiligten ausreichend Berücksichtigung finden und dem Übermaßverbot sowie dem Bestimmtheitsgebot Rechnung getragen wird (grundlegend Heine, a.a.O. S. 262 f.; ders., "Die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Unternehmen. Internationale Entwicklung nationale Konsequenzen." in: ÖJZ 1996, S. 211 [217]). Weitere, konkrete Einwände gegen eine Bestrafung von Verbänden im Hinblick auf das Schuldprinzip werden vor allem in drei Punkten vorgebracht: Die Einführung eines Unternehmensstrafrechts auf Grundlage einer vom Gesetzgeber ausgestalteten Unternehmensverantwortlichkeit werde erstens die disparaten Rechtsinstitute der "Haftung für" und der "Ahndung von" Unrecht notwendigerweise vermischen (Achenbach, "Haftung und Ahndung" in: ZIS 5/2012, S.178 [182]). Die damit verbundene veränderte Art der Zuschreibung von Verantwortung sei mit den Sinn- und Wesenselementen der Strafe, wie sie sich aufgrund einer gefestigten Tradition in unserem Kulturkreis herausgebildet habe, nicht in Einklang zu bringen. Die „Unternehmensstrafe“ werde sich unweigerlich zu einer „Ware“ im Rahmen von Aushandlungsprozessen entwickeln, was ihrer Fundierung in Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes unangemessen wäre (Bundesrechtsanwaltskammer, Stellungnahme 9/2013 zur Einführung einer Unternehmensstrafe, S. 8 f.). Die soziale Institution eines Individualstrafrechts werde entwertet, wenn die ihr zugrunde liegende personale Unrechts- und Schuldlehre aufgeweicht werde (Bock, a.a.O., S. 406 f.; Naumann, "Strafrechtliche Verantwortung von Verbänden - rechtstheoretische Prolegomena" in: Kempf/Lüderssen/Volk, "Unternehmensstrafrecht", Berlin 2012, S. 20). Die Verbandstrafe sei zweitens eine Kollektivstrafe, die auch unbeteiligte Anteilseigner und unschuldige Mitarbeiter treffe (Hartung, Verhandlungen des 40. DJT Bd. 2, S. E 44; v. Freier, "Zurück hinter die Aufklärung - Zur Wiedereinführung der Verbandsstrafe", in: GA 2009, S. 98 [115]). Im Hinblick auf den Individualtäter schließlich führe die Bestrafung des Verbandes drittens zu einer Doppelbestrafung, denn dieser werde einmal unmittelbar selbst und einmal faktisch durch die Verbandssanktion bestraft (Tiedemann, "Die Bebußung von Unternehmen" in: NJW 1988, S. 1169 [1170]). Das Bundesverfassungsgericht hat bereits in seinem "Bertelsmann-Lesering"Beschluss vom 25.10.1966 ausgeführt, dass der Schuldgrundsatz nicht nur für die Kriminalstrafen Geltung beansprucht, sondern auch für alle anderen strafähnlichen
32. - 32 Sanktionen (BVerfGE 20, 232, Rdz. 38). Ausdrücklich hat es den Grundsatz auch auf die Ahndung von Ordnungswidrigkeiten angewandt (BVerfGE 9, 167, Rdz. 19). Das bestehende Sanktionsrecht für Unternehmen und andere Verbände hat sich bereits de lege lata am Schuldprinzip zu orientieren, ohne dass die befürchtete Erosion des Individualstrafrechts zu beobachten wäre. Im europäischen Kartellbußgeldrecht hat sich ein Modell der Verbandshaftung etabliert, welches eine kollektive Haftung gänzlich ohne individuelle Verantwortlichkeit vorsieht (Mansdörfer/Timmerbeil, " Das Modell der Verbandshaftung im europäischen Kartellbußgeldrecht" in: EuZW 2011, 214 [217]). § 75 des Strafgesetzbuchs sieht die Einziehung von Gegenständen oder von Wertersatz auch bei juristischen Personen vor, obgleich die Einziehung nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (seit BGHSt 6, 62) Strafcharakter hat und etabliert damit bereits heute einen spezifischen Anwendungsfall strafrechtlicher Verantwortlichkeit für juristische Personen (Heine in: Schönke/Schröder, StGB, Rdz. 119 vor § 25 ff.). Ein Paradigmenwechsel im Schuldstrafrecht ist mit dem Entwurf daher nicht verbunden. Vielmehr wird lediglich das bislang unvollkommen ausgestaltete Sanktionsrecht für Verbände, das bereits heute strafähnlichen Charakter hat (Leitner, "Unternehmensstrafrecht in der Revision", in: StraFO 2010, S. 323 [328]; ebenso: Wessing, a.a.O., S. 301 f.), weiter entwickelt und auch verfahrensrechtlich abgesichert. Im Hinblick auf die bislang mangelhaft ausgestalteten Verfahrensgarantien für die Betroffen wird das geltende Ordnungswidrigkeitenrecht im Schrifttum bereits heute als "Mogelpackung" (Ransiek, " Zur strafrechtlichen Verantwortung von Unternehmen", NZWiSt 2/2012, S. 46) bzw. als "Etikettenschwindel" (Hetzer, "Verbandsstrafe in Europa" in: EuZW 2007, S. 75 [78]) kritisiert. Dem hilft der Entwurf durch die Einbettung in ein System strafprozessualer Verfahrensgarantien ab. Die Folgewirkungen, die die Verhängung der Verbandsstrafe auf Anteilseigner und Mitarbeiter haben können, resultieren aus der "Risikogemeinschaft" (Scholz, a.a.O., S. 435 [438]), die mit dem Beitritt zum Verband verbunden ist und die korrespondierend durch die Vorteile ausgeglichen wird, die die Verbandmitgliedschaft für den Einzelnen hat. Mittelbare Nebenfolgen einer Sanktion für Dritte sind auch dem Individualstrafrecht nicht fremd (Kirch-Heim, a.a.O., S. 179). Die faktische Betroffenheit eines Dritten oder des Individualtäters von einer Sanktion hat keinen eigenständigen Strafcharakter und kann daher weder den Schuldgrundsatz noch den Grundsatz "ne bis in idem" verletzen (Mittelsdorf, a.a.O., S. 88). Etwaige außerstrafrechtliche Folgen einer Straftat für den jeweiligen Verfahrensbeteiligten - sei es der beschuldigte Individualtäter, sei es der betroffene Verband - sind gegebenenfalls bei der Strafzumessung zu berücksichtigen (vgl. Fischer, StGB, § 46, Rdz. 34c). Der Entwurf trägt dem Erfordernis der individuellen Strafzumessung in besonderer Weise Rechnung, indem er in § 15 VerbStrG das bislang in § 444 der
33. - 33 Strafprozessordnung festgelegte Junktim zwischen dem Verbandsverfahren und dem Strafverfahren gegen die zuwiderhandelnde natürliche Person auflöst, eine Behandlung in getrennten Verfahren erleichtert, wo diese angemessen ist und die Grundlagen für eine jeweils für den Verband und die natürliche Person individuell durchzuführende Strafzumessung legt. Damit können auch die prozessualen Probleme bewältigt werden, die sich aus der Doppelrolle des Verbandes ergeben können, wenn dieser zugleich für eine Verbandsstraftat haftet und durch die Zuwiderhandlung geschädigt wurde. Entsprechende Konstellationen sind auch dem Individualstrafrecht im Bereich der Nebentäterschaft nicht grundsätzlich fremd. Sie sind je nach Zweckmäßigkeit durch die Trennung oder Verbindung von Verfahren zu bewältigen und im Rahmen der Strafzumessung nach § 6 Absatz 3 VerbStrG zu berücksichtigen. Der Entwurf trägt auch den Anforderungen des Bestimmtheitsgebotes ausreichend Rechnung. Insbesondere kann der unbestimmte Rechtsbegriff der "verbandsbezogenen Zuwiderhandlung" in § 1 Absatz 2 und § 2 Absatz 1 und 2 VerbStrG in Anlehnung an die zum Ordnungswidrigkeitenrecht entwickelte Rechtsprechung näher konkretisiert werden, wobei die bislang herrschenden Unsicherheiten bei der Auslegung der §§ 30 und 130 OWiG vermieden werden. Für das Ordnungswidrigkeitenrecht ist nämlich strittig, ob die in §§ 30, 130 OWiG angesprochenen Pflichten sich nur aus Sonderdelikten ergeben können, die an Unternehmens- und Betriebsinhaber gerichtet sind, oder ob sie auch aus Allgemeindelikten folgen können (zum Streitstand ausführlich Schuler, "Strafrechtliche und ordnungswidrigkeitenrechtliche Probleme bei der Bekämpfung von Submissionsabsprachen", Konstanz 2002, S. 174 f.). Die restriktive Ansicht stützt sich insbesondere darauf, dass bei der Aufsichtspflichtverletzung des § 130 OWiG von Pflichten die Rede ist, die den Inhaber "als solchen" treffen, während § 30 OWiG diese Einschränkung nicht enthält (Rettenmaier/Palm, " Das Ordnungswidrigkeitenrecht und die Aufsichtspflicht von Unternehmensverantwortlichen" in: NJOZ 2010, S. 1414). Der Entwurf löst diesen Widerspruch zugunsten einer einheitlichen Lösung auf und ermöglicht die Konkretisierung der betreffenden Pflichten auf der Basis der in der Rechtsprechung entwickelten Kausuistik. Die Rechtsprechung prüft Sorgfaltsstandards herkömmlich in mehreren, strukturell trennbaren Bereichen und verlangt dabei die sorgfältige Auswahl und Einweisung von Mitarbeiten, eine sachgerechte Organisation und Aufgabenverteilung innerhalb des Betriebs, angemessene Instruktionen für die Mitarbeiter über Aufgaben und Pflichten, die Kontrolle und Überwachung von Mitarbeitern sowie die lückenlose Sanktionierung in der Vergangenheit begangener Verstöße (vgl. dazu umfassend Eidam, "Die Verbandsgeldbuße des § 30 Absatz 4 OWiG" in: wistra 2003, S. 447 [453]). Erforderlichkeit und Verhältnismäßigkeit einer Aufsichtsmaßnahme sind ex ante zu bestimmen. Ihr Umfang ist auch von der Größe des Betriebes, der Wahrscheinlichkeit der Gefahr und vom Ausmaß des drohenden Schadens abhängig
34. - 34 (Rogall, in: Karlsruher Kommentar zum OWiG, 3. Auflage, München 2006, § 130 Rdz. 48; Theile/Petermann, a.a.O., S. 496 [498]). 2. Europarecht Der Gesetzentwurf steht im Einklang mit dem Europarecht. Er lehnt sich an die Konzeption des Zweiten Protokolls zum Übereinkommen über den Schutz der finanziellen Interessen der Europäischen Gemeinschaften (ABl. 1997 C 221/11) an, das den Mindeststandard für das europäische Sanktionsrecht im Hinblick auf juristische Personen geprägt hat und zum Vorbild zahlreicher weiterer europäischer Rechtsakte geworden ist. Unter einer "juristischen Person" versteht das Zweite Protokoll (Artikel 1 lit. d ) jedes Rechtssubjekt, das nach innerstaatlichem Recht diesen Status inne hat mit Ausnahme von Staaten, öffentlich-rechtlichen internationalen Organisationen und öffentlich-rechtlichen Körperschaften in Ausübung hoheitlicher Befugnisse. Der Entwurf erfasst diese Verbände und darüber hinaus - aus Gründen der Gleichbehandlung - alle juristischen Personen, alle nicht rechtsfähigen Vereine und alle rechtsfähigen Personengesellschaften des privaten und öffentlichen Rechts, soweit sie nicht in Ausübung hoheitlicher Befugnisse handeln. Die Konzeption des Zweiten Protokolls, die der der Entwurf aufgreift, hat im Rahmen der Entwicklung von Standards zur Kriminalitätsbekämpfung in Europa Eingang in zahlreiche Rahmenbeschlüsse des Rates gefunden, die gemäß Artikel 9 des Protokolls Nummer 36 über die Übergangsbestimmungen zum Vertrag von Lissabon (ABl. C 115/325 vom 09.05.2008) fortgelten, solange sie nicht aufgehoben, für nichtig erklärt oder geändert werden. Beispielhaft sind anzuführen: - - - - - Artikel 7 und 8 des Rahmenbeschlusses des Rates 2001/413/JI zur Bekämpfung von Betrug und Fälschung im Zusammenhang mit unbaren Zahlungsmitteln vom 28. Mai 2001 (ABl. L 149/1 vom 02.06.2001); Artikel 7 und 8 des Rahmenbeschlusses des Rates 2000/383/JI über die Verstärkung des mit strafrechtlichen und anderen Sanktionen bewehrten Schutzes gegen Geldfälschung im Hinblick auf die Einführung des Euro vom 14. Juni 2000 (ABl. L 140/1 vom 14.06.2000) in der Fassung des Rahmenbeschlusses 2001/888/JI vom 6. Dezember 2001 (Abl. L. 329/3 vom 14.12.2001); Artikel 2 und 3 des Rahmenbeschlusses des Rates 2002/946/JI betreffend die Verstärkung des strafrechtlichen Rahmens für die Bekämpfung der Beihilfe zur unerlaubten Ein- und Durchreise und zum unerlaubten Aufenthalt vom 28. November 2002 (Abl. L 328/1 vom 05.12.2002); Artikel 5 und 6 des Rahmenbeschlusses des Rates 2003/568/JI zur Bekämpfung der Bestechung im privaten Sektor vom 22. Juli 2003 (ABl. L 192/54 vom 31.07.2003); Artikel 6 und 7 des Rahmenbeschlusses des Rates 2004/757/JI zur Festlegung von Mindestvorschriften über die Tatbestandsmerkmale strafbarer
35. - 35 - - - - Handlungen und die Strafen im Bereich des illegalen Drogenhandels vom 25. Oktober 2004 (ABl. L 335/8 vom 11.11.2004); Artikel 8 und 9 des Rahmenbeschlusses des Rats 2005/222/JI über Angriffe auf Informationssysteme vom 24. Februar 2005 (ABl. L 69/67 vom 16.3.2005); Artikel 5 und 6 des Rahmenbeschlusses des Rates 2008/841/JI zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität vom 24. Oktober 2008 (ABl. L 300/42 vom 11.11.2008); Artikel 7 und 8 des Rahmenbeschlusses des Rates 2002/475/JI zur Terrorismusbekämpfung vom 13. Juni 2002 (ABl. L 164/3 vom 22. 06. 2002) in der Fassung des Rahmenbeschlusses des Rates 2008/919/JI vom 28. November 2008 (ABl. L 330/21 vom 09.12.2008); Artikel 5 und 6 des Rahmenbeschlusses des Rates 2008/913/JI zur strafrechtlichen Bekämpfung bestimmter Formen und Ausdrucksweisen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vom 28. November 2008 (ABl. L 328/55 vom 06.12.2008). Die nach dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon fortschreitende Erarbeitung eines gemeinsamen Besitzstandes der Europäischen Union im Bereich des materiellen Strafrechts auf der Grundlage des Artikels 83 Absatz 1 AEUV schließt an diesen Standard an. Zu erwähnen sind: - - - - - - Artikel 6 und 7 der Richtlinie 2008/99/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. November 2008 über den strafrechtlichen Schutz der Umwelt (ABl. L 328/28 vom 6.12.2008); Artikel 12 und 13 der Richtlinie 2011/93/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2011 zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs und der sexuellen Ausbeutung von Kindern sowie der Kinderpornografie sowie zur Ersetzung des Rahmenbeschlusses 2004/68/JI des Rates (ABl. L 335/1 vom 17.12.2011); Artikel 5 und 6 der Richtlinie 2011/36/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 5. April 2011 zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels und zum Schutz seiner Opfer sowie zur Ersetzung des Rahmenbeschlusses 2002/629/JI des Rates (ABl. L 101/1 vom 15.4.2011); Artikel 6 und 7 des Vorschlags für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates über strafrechtliche Sanktionen für InsiderGeschäfte und Marktmanipulation (COM[2011] 654 final vom 20.10.2011); Artikel 6 und 7 des Vorschlags für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zum strafrechtlichen Schutz des Euro und anderer Währungen gegen Geldfälschung und zur Ersetzung des Rahmenbeschlusses 2000/383/JI des Rates (COM[2013] 42 final vom 05.02.2013). Artikel 57 Absatz 4 und 5 des Vorschlags für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates zur Verhinderung der Nutzung des Finanzsystems zum Zwecke der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung (COM[2013] 45 final vom 05.02.2013).
36. - 36 - Nach Artikel 3 Absatz 1 des Zweiten Protokolls hat jeder Mitgliedstaat Betrugstaten, Geldwäsche und Bestechungstaten wirksam, angemessen und abschreckend zu sanktionieren, soweit sie von einer Person zu Gunsten einer juristischen Person begangen worden sind und diese eine Führungsposition innerhalb der juristischen Person innehat. Nach Artikel 3 Absatz 2 ist die juristische Person auch verantwortlich zu machen, wenn mangelnde Überwachung oder Kontrolle seitens einer Person in Führungsposition die Straftat der unterstellten Person zugunsten der juristischen Person ermöglicht hat. Eine Führungsposition hat nach Artikel 3 Absatz 1 des Zweiten Protokolls inne, wer zur Vertretung der juristischen Person befugt ist, wer sonst befugt ist, Entscheidungen für diese zu treffen oder wer eine faktische Kontrollbefugnis innehat. Entsprechendes gilt für alle Rechtsakte, die nach diesem Vorbild gestaltet wurden. Der Entwurf bestimmt in Anlehnung an diese Fallgruppen in § 1 Absatz 3 lit. d VerbStrG, dass als Entscheidungsträger in einem Verband jede Person in Frage kommt, die in einem Betrieb oder einem Unternehmen einer juristischen Person oder Personenvereinigung eine Leitungsfunktion tatsächlich verantwortlich wahrnimmt, wozu auch die Überwachung der Geschäftsführung oder die Ausübung von Kontrollbefugnissen in leitender Stellung gehört. Damit schließt der Entwurf eine Lücke, die bislang Verbände von der Haftung nach den §§ 30, 130 des OWiG für Kontroll- oder Aufsichtsversäumnisse dann ausgenommen hat, wenn inhaberbezogene Aufsichtspflichten im Einzelfall von Personen mangelhaft wahrgenommen wurden, die nach § 9 Absatz 2 des OWiG von dem Inhaber oder der Inhaberin eines Betriebes oder von einer sonst dazu befugten Person nicht ausdrücklich mit der Wahrnehmung eben dieser Pflichten beauftragt worden waren. Es handelt sich um eine „offene Flanke" des geltenden Rechts (Achenbach, " Ausweitung des Zugriffs bei den ahndenden Sanktionen gegen die Unternehmensdelinquenz" in: wistra 2002, S. 441 [445]). Eine noch so weite Fassung des § 30 Abs 1 Nummer 5 OWiG läuft leer, wenn es an einem auf den genannten Personenkreis anwendbaren Zuwiderhandlungstatbestand fehlt. Diese Lücke schließt nun der Entwurf mit § 2 Absatz 2 VerbStrG. Ebenso wie § 2 Absatz 1 VerbStrG regelt auch § 2 Absatz 2 VerbStrG die Haftung des Verbandes für Versäumnisse der Entscheidungsträger umfassend und vermeidet damit Strafbarkeitslücken im Bereich der so genannten "organisierten Unverantwortlichkeit". Als mögliche Sanktionen für die juristische Person führt Artikel 4 Absatz 1 des Zweiten Protokolls - ähnlich wie die Mehrzahl der vorgenannten Rechtsakte - neben Geldsanktionen fakultativ den Ausschluss von öffentlichen Zuwendungen oder Hilfen, das vorübergehende oder ständige Verbot einer Handelstätigkeit, die richterliche Aufsicht oder die richterlich angeordnete Auflösung der juristischem Person an. Daran orientiert sich der Sanktionskatalog in § 4 des VerbStrG.
37. - 37 Zur Frage der Sanktionierung inländischer Verbände bei Zuwiderhandlungen im Ausland enthalten die genannten Rechtsakte entweder gar keine Vorgaben oder sie stellen es den Mitgliedstaaten frei, ihre Gerichtsbarkeit nicht oder nur in bestimmten Fällen auch auf solche Straftaten zu erstrecken. Eine Ausnahme stellt der Rahmenbeschluss des Rates 2002/475/JI zur Terrorismusbekämpfung vom 13. Juni 2002 (ABl. L 164/3 vom 22.06.2002) dar, der über den sonst üblichen Mindeststandard hinaus geht. Artikel 9 Absatz 1 lit. d des genannten Rahmenbeschlusses verlangt, dass die Mitgliedsstaaten im Bereich der Terrorismusbekämpfung ihre Gerichtsbarkeit für eine Reihe von Straftaten begründen, die durch die Art ihrer Begehung ein Land oder eine internationale Organisation ernsthaft schädigen können, weil sie mit dem Ziel begangen werden, öffentliche Stellen rechtswidrig zu einem Tun oder Unterlassen zu zwingen. Soweit diese Taten zugunsten einer juristischen Person begangen werden, ist zwingend die Gerichtsbarkeit zu begründen, wenn die juristische Person ihren Sitz im Hoheitsgebiet des Mitgliedstaates hat. Dem entspricht das geltende Ordnungswidrigkeitenrecht wegen des in § 5 OWiG normierten Territorialitätsprinzips derzeit nicht. Zwar kann Anknüpfungs- oder Bezugstat im Verfahren zur Verhängung einer Geldbuße nach § 30 OWiG auch eine Auslandstat sein (KK-Rogall, OWiG, § 30, Rdz. 71), sofern das deutsche Strafrecht auf sie Anwendung findet. Ein Aufsichts- oder Überwachungsverschulden nach § 130 OWiG kann jedoch als Ordnungswidrigkeit nur geahndet werden, wenn die Tat auch im räumlichen Geltungsbereich des Ordnungswidrigkeitengesetzes begangen wurde (§ 5 OWiG). Daher ermöglicht § 130 OWiG nicht die Sanktionierung von Aufsichtsund Überwachungsfehlern, wenn der für die Überwachung verantwortliche Entscheidungsträger - sei er Deutscher oder sei er Ausländer - im Ausland hätte tätig werden müssen (vgl. dazu Kolarik, "Die Bestimmungen über die Verantwortlichkeit juristischer Personen im österreichischen Recht und in den Rechtsordnungen ausgewählter EU-Mitgliedstaaten im Vergleich mit den internationalen Vorgaben", Wien 2008, S. 110). In der Konsequenz kann in diesen Fällen auch der begünstigte Verband nicht belangt werden. Diese Sanktionslücke schließt der Entwurf in § 2 Absatz 3 VerbStrG und stellt damit erstmals vollständige Europarechtskonformität her. IV. Auswirkungen des Gesetzentwurfs 1. Finanzielle Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte Finanzielle Auswirkungen auf den Bundeshaushalt sind nicht zu erwartet. Durch die Einführung des Legalitätsprinzips für Ermittlungsverfahren wegen Verbandsstraftaten, durch die die Eröffnung neuer Rechtsmittel gegen gerichtliche Entscheidungen und durch die Erweiterung des Sanktionskatalogs wird
38. - 38 Mehraufwand bei den Strafgerichten und Strafverfolgungsbehörden der Länder entstehen. Dessen Umfang kann nicht hinreichend abgeschätzt werden. Zu berücksichtigen sind im Gegenzug nicht quantifizierbare Mehreinnahmen der Staatskasse infolge höherer Geldstrafen, Abschöpfungsbeträge oder Geldauflagen, die geeignet sind, den Mehraufwand abzudecken. 2. Auswirkungen auf die Wirtschaft und das allgemeine Preisniveau Für die Wirtschaft entstehen durch dieses Gesetz bei normgemäßem Verhalten unmittelbar keine Kosten. Das Gesetz zielt auf eine effektivere Bekämpfung von Verbandskriminalität ab und kann daher im Einzelfall Investitionen in verbesserte Aufsichts- und Überwachungsstrukturen in Unternehmen und anderen Verbänden erfordern. Dies wird jedoch dazu beitragen, dass Schäden und damit auch Kosten für die Wirtschaft vermieden werden. Von der Stärkung einer zeitgemäßen Kultur der Unternehmenscompliance sind zudem positive, wenn auch nicht quantifizierbare Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Erfolg der betroffenen Unternehmen insbesondere im internationalen Wettbewerb zu erwarten. Auswirkungen auf Einzelpreise und das Verbraucherpreisniveau, sind nicht zu erwarten. Preisniveau, insbesondere das 3. Bürokratiekosten Es werden keine Informationspflichten für Bürgerinnen und Bürger, Wirtschaft und Verwaltung neu eingefügt, geändert oder aufgehoben. V. Gesetzgebungskompetenz Die Gesetzgebungskompetenz des Bundes folgt aus Artikel 74 Absatz 1 Nummer 1 des Grundgesetzes (Strafrecht) und aus Artikel 105 Absatz 2 des Grundgesetzes VI. Zustimmungsbedürftigkeit Das Gesetz bedarf der Zustimmung des Bundesrates.
39. - 39 - B. Zu den einzelnen Vorschriften Zu Artikel 1 (Verbandstrafgesetzbuch) Das Verbandsstrafgesetzbuch (VerbStrG) umfasst die Regeln des materiellen und prozessualen Verbandstrafrechts, soweit diese in Abweichung vom Strafgesetzbuch, der Strafprozessordnung und dem Gerichtsverfassungsgesetz gesonderter Regelung bedürfen. Der Entwurf folgt insoweit dem Modell des österreichischen Verbandsverantwortlichkeitsgesetz (VbVG). Dieses Bundesgesetz regelt für die Republik Österreich, unter welchen Voraussetzungen Verbände für Straftaten haften, wie sie sanktioniert werden und wie das Verfahren auszugestalten ist, in dem die Verantwortlichkeit des Verbandes für strafbares Unrecht festgestellt und die Sanktion bestimmt wird, die dem Verband auferlegt wird (§ 1 Absatz 1 VbVG) Die Grundsatzbestimmung des § 1 VerbStrG umreißt die Reichweite des Verbandsstrafrechts und bestimmt, welche juristischen Personen oder Personengesellschaften einer strafrechtlichen Haftung unterworfen sind. Eine Verbandssanktion kann gegen alle juristischen Personen, gegen alle nicht rechtsfähigen Vereine und gegen alle rechtsfähigen Personengesellschaften verhängt werden. Die Reichweite des Gesetzes umfasst daher zum einen den rechtsfähigen Verein, die rechtsfähige Stiftung, die Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die Aktiengesellschaft, die Europäische Gesellschaft (Societas Europaea im Sinne des SE-Ausführungsgesetz [SEAG] v. 20.12.2004, BGBl. I S. 3675), die Kommanditgesellschaft auf Aktien, die eingetragene Genossenschaft sowie den Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit. Zum anderen sind auch rechtsfähige Personengesellschaften, die im Sinne des § 14 Absatz 2 BGB mit der Fähigkeit ausgestattet sind, Rechte zu erwerben und Verbindlichkeiten einzugehen, grundsätzlich sanktionierbar. In Frage kommen etwa die offene Handelsgesellschaft, die Kommanditgesellschaft, auch in Form einer GmbH & Co. KG, die Europäische Wirtschaftliche Interessenvereinigung im Sinne des EWIV-Ausführungsgesetzes v. 14.04.1988 (BGBl. I S. 514), die Partnerschaftsgesellschaft oder die Reederei im Sinne des § 489 HGB. Nicht rechtsfähige Vereine können unabhängig vom Vereinszweck als solche sanktioniert werden, soweit sie körperschaftlich organisiert und von einem wechselnden Mitgliederbestand unabhängig auftreten. Daher sind auch Gewerkschaften oder karitativ tätige Vereine nicht ausgenommen. § 1 Absatz 1 VerbStrG stellt klar, dass auch Verbände des öffentlichen Rechts wie (Gebiets-)Körperschaften, Anstalten oder Stiftungen grundsätzlich sanktionsfähig sind. Damit wird eine für das Ordnungswidrigkeitenrecht streitige Frage (einerseits OLG Frankfurt NJW 1976, S. 1276; OLG Hamm NJW 1979, S. 1312; KK-Rogall, OWiG, § 30 Rdz. 32 m.w.N.; andererseits Hirsch, "Strafrechtliche Verantwortlichkeit von Unternehmen" in: ZStW 107 [1995], S. 285 [308]) zugunsten einer