Source: http://www.juralit.com/2014/10/05/der-entzug-virtueller-gegenstaende-im-strafrecht/
Timestamp: 2018-04-19 19:12:45
Document Index: 138397091

Matched Legal Cases: ['§ 242', '§ 274', '§ 242', '§ 303', '§ 303', '§ 303', '§ 303', '§ 274']

Der Entzug virtueller Gegenstände im Strafrecht
Hinderberger, Der Entzug virtueller Gegenstände, Nomos, 2014
Der Entzug virtueller Gegenstände
- Eingriffe in die Herrschaftsmacht über Daten und Störungen von Datenverarbeitungen
Baden-Baden: Nomos, 2014, 301 S,
ISBN 978-3-8487-1394-3
Online - Games haben sich zu einem erheblichen Markt entwickelt. Die meisten dieser Spiele sind in der Basis-Version kostenlos, aber “richtig” mitspielen möchte muss früher oder später “Items” erwerben und in den Handel mit virtuellen Gegenständen “einsteigen”. Es mag interessantere Freizeitbeschäftigungen, aber diese virtuellen Welten sind für viele Teilnehmer “sehr real”. Die jeweiligen Spielkonzepte sind sehr unterschiedlich, weisen aber gewisse Gemeinsamkeiten auf, so im Verhältnis zwischen Betreiber und Nutzer, das im Kern rechtlich durch AGB gesteuert wird, die den jeweiligen Spielmodellen angepasst sind, aber im Kern einen Online - Nutzungsvertrag zum Gegenstand haben, der auch Regelungen für das Verhältnis der Spieler untereinander enthält. Unter Umständen können Spieler Items untereinander verkaufen oder sogar Accounts veräußern, wenn die AGB des Betreibers dies zulassen. Auf diesen Plattformen können unter Umständen auch andere Gegenstände erworben werden, die in irgendeiner Form mit dem Spielinhalt zusammenhängen.
In dieser Dissertation geht es nicht primär um die schuldrechtlichen Implikationen, sondern um die strafrechtlichen Folgen des Entzugs virtueller Güter. Dieser Entzug lässt sich nicht einheitlich definieren, sondern zielt auf bestimmte Verhaltensweisen, etwa den Entzug während eines laufenden Spieles durch Manipulation eines anderen Spielers oder aber durch Versuche die Accountdaten anderer Spieler zu erfahren. Soweit das deutsche Strafrecht international anwendbar ist - was nicht automatisch der Fall ist und mitunter schwer zu prüfen sein kann - werden in dieser Dissertation die anwendbaren Tatbestände des deutschen Strafrechts erörtert.
In Betracht kommen insoweit insbesondere §§ 242, 303 a und b sowie § 274 StGB, die die relevanten Verhaltensweisen durchaus erfassen können, so dass die Schaffung spezieller Tatbestände für nicht erforderlich gehalten wird. § 242 StGB scheidet jedoch in der Anwendung bereits deshalb aus, weil es sich bei diesen virtuellen Gütern nicht um Sachen handelt und eine analoge Anwendung im Strafrecht nicht möglich ist. Infolgedessen konzentriert sich die Diskussion im Kern auf die §§ 303 a und b StGB.
Der Entzug von Items, Charaktern und Accounts kann von § 303 a StGB erfasst werden, weil sowohl in die faktische Herrschaftsmacht des Betreibers als auch der betroffenen Spieler eingegriffen werden kann. Allerdings kommt insoweit die misslungene Gesetzesfassung des § 303 a StGB ins Spiel, der die notwendige Beziehung zu den Daten nicht hinreichend klar erfasst hat und als reformbedürftig gilt. Angesichts der bestehenden Unsicherheiten kommt nach der überzeugenden Auffassung des Verfassers nur eine restriktive Anwendung in Betracht.
Auch § 303 b StGB kann grundsätzlich zur Anwendung kommen, auch wenn dies angesichts der Erforderlichkeit einer restriktiven Anwendung zur selten der Fall sein wird, da der Begriff der Wesentlichkeit eng auszulegen ist und die Sabotage erheblich sein muss (ohne das feste Wertgrenzen definiert sind). Die Norm wird wegen der bestehenden Unsicherheiten ebenfalls für reformbedürftig gehalten. Demgegenüber kann § 274 StGB nur die Accounts in Form einer Tathandlung der Unterdrückung erfassen, nicht aber Items und Charaktere.
Die interessante Studie zeigt, dass derzeit erhebliche Probleme bestehen, den Entzug virtueller Güter nach deutschem Strafrecht zu verfolgen, woraus der Verfasser folgert, dass aufgrund von Strafbarkeitslücken Reformbedarf besteht.
Oktober 5th, 2014 Posted by admin | Medienrecht, Strafrecht, IT - Recht | no comments