Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/kindergeld-und-der-erstattungsanspruch-des-sozialleistungstraegers-328602
Timestamp: 2019-10-14 22:49:53
Document Index: 35358695

Matched Legal Cases: ['§ 103', '§ 104', '§ 104', '§ 104', '§ 104', '§ 62', '§ 11', '§ 11', '§ 7', '§ 7', '§ 74', '§ 11', '§ 74', '§ 74']

Kin­der­geld und der Erstat­tungs­an­spruch des Sozi­al­leis­tungs­trä­gers | Rechtslupe
Hat ein nach­ran­gig ver­pflich­te­ter Leis­tungs­trä­ger Sozi­al­leis­tun­gen erbracht – ohne dass die hier nicht ein­schlä­gi­gen Vor­aus­set­zun­gen des § 103 Abs. 1 SGB X vor­lie­gen -, ist nach § 104 Abs. 1 SGB X der Leis­tungs­trä­ger erstat­tungs­pflich­tig, gegen den der Berech­tig­te vor­ran­gig einen Anspruch hat. Nach­ran­gig ver­pflich­tet ist ein Leis­tungs­trä­ger, soweit er bei recht­zei­ti­ger Erfül­lung der Leis­tung durch einen ande­ren Leis­tungs­trä­ger selbst nicht zur Leis­tung ver­pflich­tet gewe­sen wäre. Nach § 104 Abs. 2 SGB X gilt Abs. 1 der Vor­schrift auch dann, wenn ein nach­ran­gig ver­pflich­te­ter Leis­tungs­trä­ger für den Ange­hö­ri­gen eines Berech­tig­ten Sozi­al­leis­tun­gen erbracht hat und der Berech­tig­te mit Rück­sicht auf die­sen Ange­hö­ri­gen einen Anspruch auf Sozi­al­leis­tun­gen gegen einen vor­ran­gig ver­pflich­te­ten Leis­tungs­trä­ger hat.
Der Erstat­tungs­an­spruch nach § 104 Abs. 2 SGB X ist kein von den Vor­aus­set­zun­gen des Abs. 1 der Vor­schrift unab­hän­gi­ger Erstat­tungs­an­spruch eige­ner Art, son­dern erwei­tert die­sen nur. Daher kann ein Erstat­tungs­an­spruch danach nur dann gege­ben sein, wenn auch die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen des § 104 Abs. 1 SGB X vor­lie­gen. Die Leis­tun­gen der unter­schied­li­chen Leis­tungs­trä­ger müs­sen des­halb gleich­ar­tig sein und es muss zwi­schen ihnen ein Ver­hält­nis von vor­ran­gi­ger und nach­ran­gi­ger Ver­pflich­tung zur Leis­tung bestehen.
Nach der stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs und der obers­ten Bun­des­ge­rich­te ist das Kin­der­geld nach §§ 62 ff. EStG, soweit es der Fami­li­en­för­de­rung dient, wie die Leis­tun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts, Unter­kunfts- und Hei­zungs­kos­ten nach dem II. SGB dazu bestimmt, die all­ge­mei­nen Lebens­hal­tungs­kos­ten zu min­dern 1. Damit han­delt es sich in den Fäl­len, in denen das Kin­der­geld dem Ein­kom­men des Hil­fe­emp­fän­gers zuzu­ord­nen ist, um eine mit den genann­ten Leis­tun­gen nach dem SGB II gleich­ar­ti­ge und auch vor­ran­gi­ge Leis­tung. Bezieht der Hil­fe­emp­fän­ger Kin­der­geld, ist die­ses daher bei der Ermitt­lung der Leis­tun­gen nach dem SGB II als Ein­kom­men im Sin­ne des § 11 Abs. 1 Satz 1 und 3 SGB II anzu­rech­nen und min­dert dem­entspre­chend die Leis­tun­gen zum Lebens­un­ter­halt. Wird rück­wir­kend Kin­der­geld fest­ge­setzt, kann der Sozi­al­leis­tungs­trä­ger das Kin­der­geld erstat­tet ver­lan­gen.
Nach § 11 Abs. 1 Satz 1 und 3 SGB II ist als Ein­kom­men des Hil­fe­emp­fän­gers i.S.d. § 7 Abs. 1 SGB II nur das Kin­der­geld für zur Bedarfs­ge­mein­schaft gehö­ren­de Kin­der zu berück­sich­ti­gen, soweit es bei dem jewei­li­gen Kind zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts benö­tigt wird. Zur Bedarfs­ge­mein­schaft gehö­ren nach § 7 Abs. 3 Nr. 4 SGB II die dem Haus­halt ange­hö­ren­den unver­hei­ra­te­ten Kin­der, wenn sie das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet haben, soweit sie die Leis­tun­gen zur Siche­rung ihres Lebens­un­ter­halts nicht aus eige­nem Ein­kom­men oder Ver­mö­gen beschaf­fen kön­nen. In die­sen Fäl­len hät­te der Sozi­al­leis­tungs­trä­ger um die Höhe des Kin­der­gel­des ver­min­der­te Sozi­al­leis­tun­gen gegen­über der Bedarfs­ge­mein­schaft erbracht 2.
Der Bun­des­fi­nanz­hof hat jedoch klar­ge­stellt, dass in Fäl­len, in denen der Hil­fe­emp­fän­ger nicht zugleich der Eltern­teil ist, der auch Anspruch auf das Kin­der­geld hat, son­dern das im eige­nen Haus­halt leben­de Kind selbst, das Kin­der­geld nur dann als Ein­kom­men des Kin­des anzu­rech­nen ist, wenn das Kin­der­geld nach § 74 Abs. 1 EStG an das Kind abge­zweigt wird oder ihm zumin­dest tat­säch­lich zufließt 3.
Glei­ches muss danach auch gel­ten, wenn der Hil­fe­emp­fän­ger zwar zugleich kin­der­geld­be­rech­tig­ter Eltern­teil ist, das Kind jedoch im eige­nen Haus­halt lebt und damit nicht zur sozi­al­recht­li­chen Bedarfs­ge­mein­schaft i.S.d. § 11 Abs. 3 SGB II zählt. Denn in sol­chen Fäl­len hat das Kind einen eige­nen Anspruch auf Sozi­al­leis­tun­gen und die Leis­tun­gen zum Lebens­un­ter­halt des Hil­fe­emp­fän­gers, also des kin­der­geld­be­rech­tig­ten Eltern­teils, dür­fen nicht um das Kin­der­geld gemin­dert aus­ge­zahlt wer­den, wenn nicht das Kin­der­geld nach § 74 Abs. 1 EStG an das Kind abge­zweigt wird oder ihm zumin­dest tat­säch­lich zufließt.
Nach der Rechts­auf­fas­sung des Finanz­ge­richts Köln hat das Finanz­ge­richt Müns­ter mit Urteil vom 18. Febru­ar 2010 im umge­kehr­ten Fall der Haus­halts- und Bedarfs­ge­mein­schafts­zu­ge­hö­rig­keit min­der­jäh­ri­ger Kin­der zutref­fend ent­schie­den, dass inso­weit ein Erstat­tungs­an­spruch des Sozi­al­leis­tungs­trä­gers bestehe. Der Sozi­al­leis­tungs­trä­ger hät­te, wenn der Anspruch auf Kin­der­geld recht­zei­tig fest­ge­setzt und bekannt gewor­den wäre, auf­grund der sozi­al­recht­li­chen Zuord­nung des Ein­kom­mens zur Bedarfs­ge­mein­schaft ins­ge­samt ledig­lich um das Kin­der­geld der im Haus­halt leben­den min­der­jäh­ri­gen Kin­der gekürz­te Sozi­al­leis­tun­gen an die Bedarfs­ge­mein­schaft erbrin­gen müs­sen 4.
Finanz­ge­richt Köln, Urteil vom 24. März 2011 – 15 K 1055/​09
vgl. für Leis­tun­gen nach dem bis zum 31.12.2004 gel­ten­den Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz: BFH, Urtei­le vom 14.05.2002 – VIII R 88/​01, BFH/​NV 2002, 1156; vom 17.04.2008 – III R 33/​05, BSt­Bl II 2009, 919; vom 19.06.2008 – III R 89/​07, BFH/​NV 2008, 1995; und vom 17.07.2008 – III R 87/​06, BFH/​NV 2008, 1833 jeweils m.w.N.; zu Leis­tun­gen nach dem SGB II: FG Müns­ter, Urteil vom 18.02.2010 – 6 K 390/​08 AO, EFG 2010, 1140[↩]
vgl. dazu auch die Aus­füh­run­gen in FG Müns­ter, Urteil vom 18.02.2010 – 6 K 390/​08 AO, EFG 2010, 1140; Rev. III R 28/​10[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 17.04.2008 – III R 33/​05, BSt­Bl II 2009, 919; vom 19.06.2008 – III R 89/​07, BFH/​NV 2008, 1995; vom 17.07.2008 – III R 87/​06, BFH/​NV 2008, 1833; sie­he auch Beschluss vom 15.10.2009 – III B 57/​08, BFH/​NV 2010, 196 nach Abzwei­gung des Kin­der­gel­des gem. § 74 Abs. 1 EStG[↩]
vgl. FG Müns­ter, Urteil vom 18.02.2010 – 6 K 390/​08 AO, EFG 2010, 1140, Rev. III R 28/​10[↩]
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