Source: http://www.lwg.uni-hannover.de/w/index.php?title=1908_Arbeitsordnung_Heye&oldid=9802&diff=prev
Timestamp: 2019-08-23 05:29:27
Document Index: 320893707

Matched Legal Cases: ['§ 134', '§ 73', '§ 75', '§ 105', '§ 115', '§ 9', '§ 83']

1908 Arbeitsordnung Heye: Unterschied zwischen den Versionen – LernWerkstatt Geschichte
1908 Arbeitsordnung Heye: Unterschied zwischen den Versionen
Aktuelle Version vom 25. Oktober 2016, 18:57 Uhr (Quelltext anzeigen)
Aktuelle Version vom 25. Oktober 2016, 18:57 Uhr
1908,10.8.:
Arbeitsordnung der H. Heye Glasfabrik Schauenstein
STAB H 7, Fa. 55,7.
Alle auf der H. Heye Glasfabrik Schauenstein beschäftigten und noch in Arbeit tretenden Arbeiter sind an diese Arbeits-Ordnung gebunden, welche, wenn kein besonderer Vertrag vorliegt, die Stelle eines solchen zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeitnehmern vertritt, auch für beide Teile nach § 134 c der Gewerbeordnung vom 1. Juni 1891 rechtsverbindlich ist.
Jeder Arbeiter, welcher in der Fabrik Aufnahme finden will, hat der Betriebskrankenkasse beizutreten, wenn er nicht den Nachweis bringt, daß er Mitglied einer den Anforderungen des § 73 des Kranken-Versicherungs-Gesetzes vom 15. Juni 1883 entsprechenden Innungskrankenkasse, einer Knappschaftskasse oder einen den Anforderungen des § 75 des angeführten Gesetzes genügenden Hülfskasse ist, und hat auf Verlangen einen Gesundheitsschein des Kassenarztes beizubringen.
Er hat seine Arbeitspapiere (Abkehrschein etc.) im Kontor vorzuzeigen und auf Verlangen zu hinterlegen, welche Papiere er dann beim Austritt zurückerhält. Das Arbeitsbuch muß im Kontor abgegeben werden und wieder nach ordnungsgemäßer Lösung des Arbeitsverhältnisses an den Vater oder Vormund, sofern dies verlangt wird oder der Arbeiter das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, andernfalls an den Arbeiter selbst verabfolgt. Der Arbeiter erhält bei seinem Austritt einen Abkehrschein und, wenn er es wünscht, ein den gesetzlichen Vorschriften nachkommendes Zeugnis.
Beim Eintritt in die Arbeit erhält der Arbeiter ein Exemplar dieser Arbeitsordnung, dessen Empfang er unterschriftlich zu bescheinigen und das er bei seinem Austritt im Kontor wieder zurückzugeben hat. Für eine verloren gegangene Arbeitsordnung sind 10 Pfg. zu erstatten.
Die gegenseitige Kündigungsfrist beträgt 14 Tage.
Minderjährige Arbeiter können nur mit Zustimmung der Eltern oder Vormünder das Arbeitsverhältnis kündigen.
Für diejenigen Arbeiter, welche eine Probezeit durchzumachen haben, die Lehrlinge ausgenommen, beträgt die gegenseitige Kündigungsfrist einen Tag.
A. für Hüttenarbeiter
I. An den Wannen
Glasmacher, Kleindemyohnsmacher, Pfleger und Einträger arbeiten in zwei Schichten, nämlich von morgens 6 bis nachmittags 4 1/4 Uhr (mit zwei Pausen von 9 Uhr 7 Minuten bis 9 1/2 und 12 Uhr 37 Minuten bis 1 1/4 Uhr) und von abends 6 bis nachts 4 1/4 Uhr (mit zwei Pausen von 9 Uhr 7 Minuten bis 9 1/2 und 12 Uhr 37 Minuten bis 1 1/4 Uhr).
Großdemyohnsmacher arbeiten in drei Schichten: von morgens 6 bis mittags 12, nachmittags 2 Uhr bis abends 8 Uhr und abends 10 Uhr bis morgens 4 Uhr (mit je einer halbstündigen Pause von 9 bis 9 1/2, 4 1/2 bis 5 und 12 1/2 bis ein Uhr).
Die Einträger unter 16 Jahren dürfen nicht länger als 7 Minuten vor den beiden Pausen einer jeden Schicht aufräumen, reinigen etc.; sie müssen die Pausen streng innehalten, dürfen während derselben weder von anderen Arbeitern mit irgendwelchen Hilfs- oder Nebenarbeiten beschäftigt werden, noch sich selbst beschäftigen. Dies gilt auch von der Zeit vor Beginn und nach Beendigung der Schicht.
II. Am Medizinglasofen.
Kleinglasmacher und Einträger arbeiten in zwei Schichten: von morgens 6 bis nachmittags 5 Uhr (mit drei Pausen von 8 1/2 bis 9, 12 bis 12 1/2 und 3 bis 3 1/4 Uhr); von abends sechs Uhr bis morgens 5 Uhr (ebenfalls mit drei Pausen von 8 1/2 bis 9, von 12 bis 12 1/2 und von 3 bis 3 1/4 Uhr).
In diesen Arbeitszeiten sind die Nebenarbeiten (wie Einsetzen, Zurechtstellen, Stopfen der Häfen usw.) nicht inbegriffen.
Schürer und zu diesen gehörigen Nebenarbeiter arbeiten in zwei Schichten von je 12 Stunden. Schichtwechsel finden morgens und abends 6 Uhr statt. Die Pausen für dieselben fallen je nach dem Gange der Glasöfen verschieden.
Alle 14 Tage haben die Schürer und ihre Nebenarbeiter 24 Stunden hintereinander zu arbeiten und zwar vor dem Schichtwechsel am Montagmorgen.
Für alle Hüttenarbeiter findet wöchentlicher Schichtwechsel statt.
Ungefähr alle 6 Wochen haben die Glasmacher jeder Schicht in der Nacht vom Sonnabend auf Sonntag nach Beendigung der Arbeitszeit Kränze in die Wanne zu legen. Diese Arbeit dauert ca. 1/2 Stunde.
III. An den Hafenöfen.
Glasmacher, Pfleger und Einträger arbeiten in einer Schicht:
an den Werktagen von morgens 5 1/2 bis nachmittags 2 Uhr (mit zwei Pausen von 8 1/2 bis 9 und 12 bis 12 1/2 Uhr.) Des montags beginnt die Schicht um 6 Uhr.
Die Bockgläser arbeiten an den Flaschenöfen von morgens 6 1/2 bis nachmittags 4 1/2 Uhr (mit drei Pausen von 8 1/2 bis 9, 12 bis 12 1/2 und 3 bis 3 1/4 Uhr.)
An den Sonntagen, und den in die Woche fallenden Feiertagen arbeiten die Glasmacher, Bockgläser, Pfleger und Einträger von morgens 4 1/2 bis 11 1/2 Uhr (mit zwei Pausen von 6 bis 6 1/4 und 8 bis 8 1/2 Uhr) nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen über die Sonntagsruhe in Glashütten und die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter.
Die Schürer arbeiten in zwei Schichten durch, indem sie sich alle 24 Stunden ablösen. Die Pausen für dieselben fallen je nach dem Gange der Glasöfen verschieden.
Die Gemengemacher arbeiten von nachmittags 2 bis nachts 2 Uhr. Die Pausen fallen je nach dem Stande der Schmelze verschieden. Jeden zweiten Sonntag haben diese Arbeiter 30 Stunden Ruhe.
Für alle Hütten gilt ferner:
Die Schürer und Gemengemacher dürfen die Arbeit nicht eher verlassen, als bis ihre Ablösung gekommen ist.
Nach Beendigung einer jeden Schicht müssen alle Einträger, auch diejenigen unter 16 Jahren, die Werkstellen reinigen und die Formen schmieren. Diese Arbeit dauert eine 1/4 Stunde.
Junge Leute unter 16 Jahren dürfen einschließlich der Pausen täglich nicht länger als 12 Stunden und ausschließlich der Pausen wöchentlich nicht länger als 60 Stunden beschäftigt werden.
Vorübergehende Aenderungen der Arbeitszeiten wie sie durch den Gang der Glashütten bedingt sind und welche dem Gesetz nicht zuwiderlaufen, werden bekannt gegeben.
B. Für Schlosser, Schmiede, Tischler, Korbmacher, Arbeiter im Gemenge- und Tonhause, weibliche Arbeiter.
Für diese dauert die Arbeitszeit von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, mit drei Pausen von 8 bis 8 1/2, 12 bis 1 und 4 bis 4 1/2 Uhr.
Die Arbeiterinnen arbeiten des Sonnabends und am Vorabend der Feiertage nur bis 5 Uhr nachmittags. Auf Verlangen wird den Arbeiterinnen, welche ein Hauswesen zu versorgen haben, eine Mittagspause von 11 1/2 bis 1 Uhr gewährt.
C. Für Maurer, Zimmerleute, Hüttenhülfs- und Hofarbeiter.
Diese arbeiten im Sommer von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, im Winter von 7 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags, mit folgenden Pausen: im Sommer von 8 bis 8 1/2, 12 bis 1 und 4 bis 4 1/2 Uhr, im Winter von 8 bis 8 1/4, von 12 bis 12 1/2 Uhr.
Maßgebend für die Arbeitszeiten und Pausen ist die Fabrikuhr.
Jeder Arbeiter hat so zeitig an seiner Arbeitsstelle zu erscheinen, daß er mit dem dafür gesetzten Zeichen seine Arbeit aufnehmen kann; er darf auch nicht früher aufhören als bis das Zeichen dafür gegeben ist. Das Rüsten zum Verlassen der Arbeit vor diesem Zeichen sowie die verspätete Aufnahme derselben ist verboten.1
Die Arbeiter sind auch an Sonn- und Feiertagen, sowie überhaupt außerhalb der angeführten Arbeitszeit zu arbeiten verpflichtet, wenn dringende Fälle vorliegen und es nach dem Gesetz gestattet ist.
Dahin gehören nach § 105 c der Gewerbeordnung:
1. Arbeiten, welche in Notfällen oder im öffentlichen Interesse unverzüglich vorgenommen werden müssen;
2. für einen Sonntag Arbeiten zur Durchführung einer gesetzlich vorgeschriebenen Inventur;
3. die Bewachung der Betriebsanlagen, Arbeiten zur Reinigung und Instandhaltung, durch welche der regelmäßige Fortgang des eigenen oder eines fremden Betriebes bedingt ist, so wie Arbeiten, von welchen die Wiederaufnahme des vollen werktätigen Betriebes abhängig ist, sofern nicht diese Arbeiten an Werktagen vorgenommen werden können;
4. Arbeiten, welche zur Verhütung des Verderbens von Rohstoffen oder des Mißlingens von Arbeitserzeugnissen erforderlich sind, sofern nicht diese Arbeiten an Werktagen vorgenommen werden können;
5. die Beaufsichtigung des Betriebes, soweit dieselbe nach Ziffer 1 bis 4 an Sonn- und Feiertagen stattfindet.
Bei den unter Ziffer 3 und 4 bezeichneten Arbeiten, sofern dieselben länger als drei Stunden dauern oder die Arbeiter am Besuche eines Gottesdienste hindern, ist jeder Arbeiter entweder an jedem dritten Sonntage volle 36 Stunden oder an jedem 2. Sonntag mindestens in der Zeit von 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends vor der Arbeit frei zu lassen.
Ausnahmen von den Vorschriften des vorstehenden Absatzes sind mit zuvor erfolgter Zustimmung der unteren Verwaltungsbehörde gestattet, wenn die Arbeiter am Besuche des sonntäglichen Gottesdienstes nicht gehindert werden und ihnen an Stelle des Sonntages eine 24 stündige Ruhezeit an einem Wochentage gewährt wird.
Betriebsunterbrechungen, welche durch Löschung, Umbau oder Neubau, sowie Reparatur und unregelmäßigen Gang der Glasöfen entsteht, berechtigt weder die Arbeiter noch die Betriebsleitung des Arbeitsverhältnisses ohne Einhaltung der Kündigungsfrist. Bei der Entschädigung für den Ausfall der Arbeitsgelegenheit haben die Glasmacher, Motzer, Lehrlinge, Einträger, Schürer, Pfleger etc. nichts zu beanspruchen. Ebensowenig kann der Arbeiter Lohn für solche Zeiten beanspruchen, in denen er durch Arbeitsverweigerung der Hülfskräfte oder durch einen in seiner Person liegenden Grund an der Arbeit verhindert worden ist, auch wenn die Versäumnis entschuldbar und von nicht erheblicher Dauer ist.
Bei Betriebsstörungen irgendwelcher Art sind sämtliche Arbeiter verpflichtet, auf Anordnung der Betriebsleitung auch andere Arbeiten als solche, für die sie eingeteilt sind, auszuführen, soweit sie dazu als befähigt anzusehen sind. Bei minderwertigen Arbeiten gegen Zahlung des bei ihrer gewöhnlichen Beschäftigung verdienten Lohnes. Für freiwillig übernommene Arbeiten gelten die allgemeinen Lohnsätze.
Das Ausbleiben von der Arbeit ohne besonderen Urlaub ist nicht gestattet. — Ist der Arbeiter durch Krankheit oder sonst verhindert zu erscheinen, so hat er sofort dem betreffenden Meister oder Betriebsbeamten Meldung zu machen bezw. zukommen zu lassen. Ist der Arbeiter oder sonst dringend verhindert die angefangene Schicht auszuarbeiten, so hat er sich beim ersten Meister oder, falls derselbe nicht anwesend ist, auf der Fabrik bei dessen Stellvertreter dann persönlich2 abzumelden.
Die Löhnungen finden wie folgt statt: Glasmacher, Pfleger und Schürer erhalten wöchentlich eine Abschlagszahlung auf den bereits verdienten Lohn. Die Abrechnung für dieselben findet monatlich statt. Die Auszahlung der Guthaben erfolgt an einem in das zweite Drittel des folgenden Monates fallenden Mittwoch.
Alle übrigen Arbeiter erhalten an jedem Sonnabend ihren bis Freitag Abend verdienten Lohn. Beim Empfange des Geldes hat sich jeder von der Richtigkeit der ausbezahlten Summe zu überzeugen.
Alle Reklamationen über zu wenig erhaltenen Lohn sowie über die Abrechnung sind unmittelbar nach der Auszahlung auf dem Kontor bei dem Kassierer oder Betriebsbeamten anzubringen.
Alle Abrechnungen geschehen auf dem Kontor oder in sonst dafür bestimmten Räumen auf der Fabrik. Die Löhne einschließlich der Schlußgelder sind dort in Empfang zu nehmen.
Die Auszahlung der Löhne für die minderjährigen Arbeiter soll in der Regel nur an die Eltern oder Vormünder erfolgen, nur mit Zustimmung an die Arbeiter selbst.
Es wird erwartet, daß die Eltern oder Vormünder von dieser zur Stärkung ihrer Rechte erlassenen Bestimmung Gebrauch machen.
Vom Lohne werden in Abzug gebracht: Die Beträge verhängter Strafen und Ersatzleistungen, sämtliche Abschlagszahlungen — auch beim Auslöschen, — Vorschüsse, Reisegelder und Frachtauslagen für den Transport der Hausgeräte nach hier, sowie die dem Arbeiter gesetzlich zur Last fallen und evtl. auch die in § 115 der Gewerbeordnung aufgeführten Beträge.
Jeder Arbeiter ist den Meistern, Aufsehern, Altgesellen und den Beamten gegenüber zum Gehorsam verpflichtet, hat die ihm aufgetragenen Arbeiten willig zu verrichten und den allgemeinen Anordnungen, welche zur Aufrechterhaltung des Betriebes und der guten Sitten sowie zur Sicherung der Arbeiter gegen Gefahren für Leben und Gesundheit und zur allgemeinen Wohlfahrt erlassen werden, Folge zu leisten.
Unnötiges Verlassen der Arbeitsplätze, Tätlichkeiten, grobe Beleidigungen gegen Mitarbeiter, gegenseitige Belästigung und Störung, Schreien, Singen, Lärmen, Raufereien, rohe Behandlung — namentlich auch das Naßschütten der Einträger — sind strengstens verboten.
Das Einschleppen und Holenlassen von Schnaps und sonstigen geistigen Getränken ist durchaus untersagt. Betrunkene Personen oder Veranstalter von Zechgelagen werden ohne weiteres von der Fabrik entfernt und mit einer Ordnungsstrafe belegt, bezw. sofort entlassen.
Es ist wünschenswert, daß auch außer der Arbeitszeit die Arbeiter, insbesondere die Minderjährigen sich eines gesitteten Betragens befleißigen.
Das Betreten der Fabrik und des Fabrikplatzes ist außerhalb der Arbeitszeit den Arbeitern nur zu den unbedingt nötigen Nebenarbeiten gestattet; sobald die jeweilige Arbeit vollendet ist, muß die Fabrik ohne Aufenthalt verlassen werden. Der Besuch von Bekannten und Verwandten eines Arbeiters auf der Fabrik ist ohne Erlaubnis der Direktion nicht gestattet. In dringenden Fällen soll der Portier, Nachtwächter oder Kontordiener die Vermittelung von Botschaften an die Beteiligten übernehmen. Das Einführen von Fremden ist ohne besondere Erlaubnis der Direktion verboten.
Die Geräte der Fabrik und der Mitarbeiter, die Maschinen und Anlagen sind schonend zu behandeln. Wer durch große Nachlässigkeit oder gar aus Mutwillen solche beschädigt, hat außer der Ordnungsstrafe den Ersatz dafür zu leisten. Pfeifen, Klötze und Bindeisen hat der Glasmacher in ordnungsgemäßen Zustande zu halten und die Scheren zu schonen. Entschuldigungen ungenügender Arbeiten wegen nichtpassender Werkzeuge, Arbeitseinrichtungen etc. werden nicht angenommen. Sollten Werkzeuge, Arbeitseinrichtungen etc. schadhaft oder mangelhaft sein, so muß dem betreffenden Meister vor dem Gebrauche derselben sofort Meldung gemacht werden.
Ist das Glas rammig, wallig, steinig, rauh, etc., so hat der Glasmacher, bevor er Flaschen davon anfertigt, dies dem Hüttenmeister anzuzeigen; dieser bestimmt dann, ob und welche Flaschen von dem Glase gemacht werden sollen. Flaschen mit Arbeitsfehlern und solchen mit groben, leicht bei der Arbeit erkennbaren, vereinzelt vorkommenden Glasfehlern werden den Arbeitern nicht bezahlt. Solche Flaschen dürfen auch nicht zum Kühlofen geschickt werden.
Die Pfleger sind für die richtige Kühlung der Flaschen verantwortlich.
Die Kühlofenheizer haben die Kühlöfen rechtzeitig heiß zu machen.
Die Einträger haben die Flaschen schnell und sorgfältig in den Kühlofen zu bringen.
Die Schürer an den Wannen sind verpflichtet, Gemenge und Scherben rechtzeitig und genau nach den gegebenen Vorschriften einzulegen. Sie tragen die Verantwortung für ein gutes, gleichmäßiges Feuer, auch für die Dichtung der Gasleitungen, für das Schließen der Schutztüren, für den Wasserzufluß in den Wechseltrommeln usw.
Die Schürer an den Hafenöfen haben für ein gleichmäßiges und ruhiges Arbeitsfeuer Sorge zu tragen und gegen Ende der Arbeitsschicht den Ofen allmählich für die Schmelze vorzubereiten, jedoch ohne die Glasmacher zu belästigen. Der Glasofen ist bei der Schmelze regelmäßig zu bedienen, damit keine übermäßige Rauchentwicklung stattfindet. Unregelmäßigkeiten in der Schmelze sind dem Hüttenmeister sofort zu melden, auch dürfen zur Vollendung der Schmelze keinerlei Gewaltmittel angewendet werden.
Für Hafenbruch (Einschüren von Häfen) und übergelaufenes Glas kann Schadenersatz beansprucht werden.
Den Wärmeöfen haben die Schürer besondere Sorgfalt zuzuwenden. Sie sind für die Folgen von Unregelmäßigkeiten beim Anwärmen der Häfen in vollem Maße verantwortlich. Sonstige erforderliche Verhaltungsregeln werden am schwarzen Brett bekannt gemacht.
Für die Benutzung der zum Wohle der Arbeiter getroffenen Einrichtungen sind besondere Vorschriften gegeben.
Das Einsammeln von Beiträgen, das Anwerben von Mitgliedern oder Abonnenten zu irgendeinem Zwecke ohne Erlaubnis des Betriebsleiters, das Verbreiten von Schriften, überhaupt jede Agitation in der Fabrik, welche lediglich eine Stätte der Arbeit sein soll, ist aufs Strengste verboten.
Etwaige Klagen sind bei dem betreffenden Meister oder Betriebsbeamten, in letzter Instanz bei der Direktion in angemessener Form vorzubringen. Zur Beschwerdeführung dürfen sich nie mehr als zwei Personen einstellen.
Zur Aufrechterhaltung dieser Arbeitsordnung sind die Zuwiderhandelnden mit Ordnungsstrafen zu belegen. Die Strafen werden von dem damit beauftragten Betriebsleiter festgesetzt. Die Strafen dürfen in der Regel die Hälfte des durchschnittlichen Tagesarbeitsverdienstes nicht überschreiten.
Bis zum vollen Betrage des durchschnittlichen Tagesarbeitsverdienstes kann erkannt werden: bei Tätlichkeiten gegen Mitarbeitern, erheblichen Verstößen gegen die guten Sitten, sowie gegen die zur Aufrechterhaltung der Ordnung des Betriebes, zur Sicherung eines gefahrenlosen Betriebes oder zur Durchführung der Bestimmungen der Gewerbeordnung erlassenen Vorschriften.
Entlassung ohne Aufkündigung kann erfolgen bei wiederholter oder grober Verletzung der Vorschriften der §§ 9, 11, 12, 14, 15 und 17.
Die Geldstrafen, welche von dem noch nicht ausgezahlten Lohn gekürzt werden, fließen der Betriebskrankenkasse zu.
Das Recht des Arbeitgebers auf Schadensersatz wird durch die erkannten Strafen nicht ausgeschlossen.
Über die erkannten Strafen muß der Arbeiter binnen 4 Tagen durch einen vom Betriebsleiter unterschriebenen Strafzettel unterrichtet werden, welcher den Grund der Bestrafung und die Höhe des Strafgeldes angibt und einen Termin zu etwaiger Beschwerde gegen die Straffestsetzung bei der Betriebsleitung festsetzt.
Bei rechtswidriger Auflösung des Arbeitsverhältnisses durch den Arbeiter kann die Verwirkung des rückständigen Lohnes bis zur Höhe des durchschnittlichen Wochenlohnes des betreffenden oder eines gleichstehenden Arbeiters zu Gunsten des Arbeitgebers bestimmt und vom Lohn zurück behalten werden.
Durch vorstehende Bestimmungen wird das Recht der Fabrikleitung, Schadenersatz zu fordern, nicht berührt. Ob Schadenersatz oder von den Bestimmungen des vorstehenden Absatzes Gebrauch gemacht werden soll, bleibt der Wahl der Betriebsleitung vorbehalten.
Die Fabrik nimmt Lehrlinge zur Erlernung des Glasmachergewerbes nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen und des Lehrkontraktes an.
Mit Ausübung der Rechte und Pflichten des Lehrherren wird die Betriebsleitung oder ein dazu beauftragter Beamter betraut.
Der Lehrling muß durch einen Attest des zuständigen beamteten Arztes seine Gesundheit sowie auch die genügende körperliche Entwicklung nachweisen und mindestens das 14. Lebensjahr vollendet haben. Derselbe hat eine standesamtliche Geburtsurkunde vorzulegen und einen schriftlichen Lehrvertrag einzugehen, welcher von seinem Vater oder Vormund genehmigt und unterschrieben sein muß.
Die Lehrzeit dauert für Glasmacher 4 Jahre. Nach Beendigung derselben erhält der Lehrling ein Zeugnis. Der Lehrling hat den Verpflichtungen, welche ihm durch den Lehrvertrag auferlegt werden, namentlich auch den Bestimmungen der Arbeitsordnung strenge nachzukommen.
Für alle aus dem Arbeitsverhältnis etwa entstehenden Klagen ist neben dem sonst zuständigen Gerichte auch das königliche Amtsgericht zu Obernkirchen gemäß § 83 der Zivilproceßordnung zuständig.
Abänderungen dieser Arbeitsordnung unterliegen hinsichtlich der Feststellung und Bekanntmachung den gesetzlichen Bestimmungen.
Diese Arbeitsordnung tritt mit Ablauf von zwei Wochen nach Erlaß in Kraft.
Schauenstein, den 10. August 1908
H. Heye, Glasfabrik.”
Von „http://www.lwg.uni-hannover.de/w/index.php?title=1908_Arbeitsordnung_Heye&oldid=9802“
Diese Seite wurde zuletzt am 25. Oktober 2016 um 18:57 Uhr geändert.