Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/die-abgewiesene-kuendigungsschutzklage-und-der-schadensersatzanspruch-des-arbeitnehmers-3203129
Timestamp: 2020-07-10 04:59:02
Document Index: 385519062

Matched Legal Cases: ['§ 826', 'EGMR', 'EGMR', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 41', 'Art. 41', '§ 580', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 6', 'Art. 8', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', '§ 826', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 4', 'Art. 5', 'Art. 4', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 4', 'Art. 5', '§ 826', '§ 826', '§ 826', 'EGMR', 'EGMR', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'EGMR']

Die abgewiesene Kündigungsschutzklage - und der Schadensersatzanspruch des Arbeitnehmers | Rechtslupe
Die abgewiesene Kündigungsschutzklage - und der Schadensersatzanspruch des Arbeitnehmers
Die Rechts­kraft eines Urteils, mit dem eine Kün­di­gungs­schutz­kla­ge abge­wie­sen wird, schließt grund­sätz­lich Ansprü­che gegen den Arbeit­ge­ber auf Ersatz etwai­ger infol­ge der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ein­ge­tre­te­ner Ver­mö­gens­schä­den aus. Aller­dings gibt es Fäl­le, in denen sich die Rechts­kraft gegen­über einem Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 826 BGB nicht durch­set­zen kann. Ein sol­cher Fall ist anzu­neh­men, wenn der Arbeit­neh­mer dadurch einen Ver­mö­gens­scha­den erlit­ten hat, dass der Arbeit­ge­ber gegen ihn vor­sätz­lich und sit­ten­wid­rig, ins­be­son­de­re arg­lis­tig durch Irre­füh­rung des Gerichts ein rechts­kräf­ti­ges unrich­ti­ges Urteil erwirkt hat.
Pro­zess­ge­schich­te
Indi­vi­du­al­be­schwer­de­ver­fah­ren beim EGMR
Resti­tu­ti­ons­kla­ge
Kla­ge auf Wie­der­ein­stel­lung
2. Kün­di­gung und 2. Kün­di­gungs­schutz­kla­ge
Scha­dens­er­satz­kla­ge
Die Ent­schei­dung der Instanz­ge­rich­te
Rechts­kraft – und der Scha­dens­er­satz aus sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung
Sit­ten­wid­ri­ge Aus­nut­zung eines rechts­kräf­ti­gen unrich­ti­gen Urteils
Rechts­kraft­durch­bre­chung wegen des EGMR-Urteils?
In dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war der Arbeit­neh­mer als Orga­nist und Chor­lei­ter bei einer katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de beschäf­tigt. Auf das Arbeits­ver­hält­nis des Kir­che­mu­si­kers fand die "Grund­ord­nung des kirch­li­chen Diens­tes im Rah­men kirch­li­cher Arbeits­ver­hält­nis­se" vom 22.09.1993 (im Fol­gen­den GrO) Anwen­dung. Im Jahr 1994 trenn­te sich der Kir­che­mu­si­ker von sei­ner Ehe­frau und teil­te dies der Kir­chen­ge­mein­de im Janu­ar 1995 mit. Nach der Tren­nung ging er eine neue Part­ner­schaft ein, aus der ein Kind her­vor­ging. Nach­dem die katho­li­sche Kir­chen­ge­mein­de erfah­ren hat­te, dass der Kir­che­mu­si­ker wie­der Vater wer­den wür­de, kün­dig­te sie das Arbeits­ver­hält­nis zum 31.03.1998 und begrün­de­te dies damit, der Kir­che­mu­si­ker habe gegen den Grund­satz der Unauf­lös­lich­keit der Ehe ver­sto­ßen und sei­ne Loya­li­täts­ob­lie­gen­hei­ten ihr gegen­über grob ver­letzt.
Hier­ge­gen erhob der Kir­che­mu­si­ker Kün­di­gungs­schutz­kla­ge. In die­sem Ver­fah­ren trat das Bis­tum, dem die Kir­chen­ge­mein­de ange­hört, als Streit­hel­fer bei.
Das Arbeits­ge­richt gab der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge des Kir­che­mu­si­kers statt. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf wies die Beru­fung der Kir­chen­ge­mein­de zurück [1]. Nach­dem die­ses Urteil auf die Revi­sio­nen der Kir­chen­ge­mein­de und des Bis­tums durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen wor­den war [2], wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge ab [3] ab. Die Beschwer­de des Kir­che­mu­si­kers gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on in die­sem Urteil wur­de vom Bun­des­ar­beits­ge­richt als unzu­läs­sig ver­wor­fen.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Kir­che­mu­si­kers man­gels hin­rei­chen­der Aus­sicht auf Erfolg nicht zur Ent­schei­dung an [4].
Am 11.01.2003 erhob der Kir­che­mu­si­ker wegen der Ent­schei­dun­gen der Gerich­te für Arbeits­sa­chen über die Kün­di­gung vom 15.07.1997 beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te Indi­vi­du­al­be­schwer­de gegen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.
Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te stell­te einen Ver­stoß gegen Art. 8 der Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on – EMRK) fest [5], weil die deut­schen Arbeits­ge­rich­te nicht hin­rei­chend dar­ge­legt hät­ten, war­um die Inter­es­sen der katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de die des Kir­che­mu­si­kers bei Wei­tem über­trof­fen hät­ten, und weil sie die Rech­te des Kir­che­mu­si­kers und die der Kir­chen­ge­mein­de nicht in einer Wei­se abge­wo­gen hät­ten, die in Ein­klang mit der Kon­ven­ti­on ste­he.
Dem­nach habe der deut­sche Staat dem Kir­che­mu­si­ker nicht den not­wen­di­gen Schutz gewährt und so Art. 8 EMRK ver­letzt. Dar­an anschlie­ßend ver­lang­te der Kir­che­mu­si­ker unter Beru­fung auf Art. 41 EMRK von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ua. eine gerech­te Ent­schä­di­gung i.H.v. 323.741, 45 € für einen erlit­te­nen mate­ri­el­len Scha­den bis zum 31.12 2008 sowie i.H.v. 30.000, 00 € zum Aus­gleich eines imma­te­ri­el­len Scha­dens.
Mit Urteil vom 28.06.2012 [6] erkann­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te dem Kir­che­mu­si­ker gemäß Art. 41 EMRK eine Ent­schä­di­gung i.H.v. ins­ge­samt 40.000, 00 € zu.
Im Okto­ber 2010 erhob der Kir­che­mu­si­ker beim zustän­di­gen Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf Resti­tu­ti­ons­kla­ge mit der Begrün­dung, das Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 03.02.2000 [3] beru­he auf einer fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung, wes­halb ein Resti­tu­ti­ons­grund i.S.v. § 580 Nr. 8 ZPO vor­lie­ge. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­warf die Resti­tu­ti­ons­kla­ge [7] als unzu­läs­sig. Die Revi­si­on des Kir­che­mu­si­kers gegen die­se Ent­schei­dung wur­de vom Bun­des­ar­beits­ge­richt zurück­ge­wie­sen [8]. Die vom Kir­che­mu­si­ker hier­ge­gen ein­ge­leg­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung an [9].
Der Kir­che­mu­si­ker mach­te gegen­über der katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de schließ­lich einen Anspruch auf Wie­der­ein­stel­lung ab dem 23.09.2010, hilfs­wei­se zu spä­te­ren Zeit­punk­ten gel­tend. Die­se Kla­ge blieb in allen drei Instan­zen erfolg­los. Über die vom Kir­che­mu­si­ker inso­weit ein­ge­leg­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bis­her nicht ent­schie­den.
Die katho­li­sche Kir­chen­ge­mein­de hat­te mit Schrei­ben vom 22.12 1997 eine wei­te­re Kün­di­gung gegen­über dem Kir­che­mu­si­ker aus­ge­spro­chen, und zwar als außer­or­dent­li­che Kün­di­gung mit sozia­ler Aus­lauf­frist zum 30.06.1998. Sie hat­te die­se auf den­sel­ben Vor­wurf wie die ers­te Kün­di­gung sowie dar­auf gestützt, dass der Kir­che­mu­si­ker im Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren betref­fend die ers­te Kün­di­gung vom 15.07.1997 zunächst wahr­heits­wid­rig in Abre­de gestellt habe, ein außer­ehe­li­ches Ver­hält­nis ein­ge­gan­gen und Vater des Kin­des sei­ner Lebens­part­ne­rin zu sein.
Die gegen die­se wei­te­re Kün­di­gung gerich­te­te Kla­ge blieb vor dem Arbeits­ge­richt erfolg­los. Durch – rechts­kräf­ti­ges – Urteil vom 27.03.2013 [10] wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung des Kir­che­mu­si­kers mit der Begrün­dung zurück, auf­grund der rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung über die Kün­di­gung vom 15.07.1997 ste­he bin­dend fest, dass bereits mit Ablauf des 31.03.1998 zwi­schen dem Kir­che­mu­si­ker und der Kir­chen­ge­mein­de kein Arbeits­ver­hält­nis mehr bestan­den habe. Auch in die­sem Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren war der Bis­tum der Kir­chen­ge­mein­de als Neben­in­ter­ve­ni­ent bei­getre­ten. Eine vom Kir­che­mu­si­ker in einem wei­te­ren Ver­fah­ren auf Zah­lung von Annah­me­ver­zugs­ver­gü­tung für den Zeit­raum nach Ablauf der Kün­di­gungs­frist gerich­te­te Wider­kla­ge wur­de durch rechts­kräf­ti­ges arbeits­ge­richt­li­ches Urteil abge­wie­sen.
Der Kir­che­mu­si­ker, der nach wie vor mit sei­ner neu­en Part­ne­rin in nicht­ehe­li­cher Lebens­ge­mein­schaft zusam­men­lebt, hat seit Sep­tem­ber 2002 eine Stel­le als Teil­zeit- C‑Kirchenmusiker bei der Evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de E. Da die evan­ge­li­sche Kir­che von haupt­amt­li­chen Kir­chen­mu­si­kern die evan­ge­li­sche Kir­chen­zu­ge­hö­rig­keit erwar­te­te, wur­de der Kir­che­mu­si­ker als Katho­lik dort nur mit einem Beschäf­ti­gungs­um­fang von 49 % ein­ge­stellt.
Mit der vor­lie­gen­den Kla­ge ver­langt der Kir­che­mu­si­ker die ihm auf­grund der Kün­di­gung vom 15.07.1997 ent­gan­ge­ne Ver­gü­tung unter Anrech­nung ander­wei­ti­gen Ver­diens­tes als Scha­dens­er­satz für die Ver­gan­gen­heit und Zukunft sowie einen Aus­gleich ent­gan­ge­ner Ren­ten­an­sprü­che.
Der Kir­che­mu­si­ker hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Kir­chen­ge­mein­de und das Bis­tum sei­en ihm auf­grund vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet.
Mit ihrem sit­ten­wid­ri­gen Ver­hal­ten sei­en Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum in den inners­ten Kern sei­nes nach Art. 2 iVm. Art. 1, Art. 6 GG und Art. 8 EMRK geschütz­ten Per­sön­lich­keits­rechts ein­ge­drun­gen. Sie hät­ten ihn dafür sank­tio­niert, dass er nach geschei­ter­ter Ehe eine neue Bin­dung ein­ge­gan­gen und noch­mals Vater gewor­den sei. Lebens­lan­ge Ent­halt­sam­keit für den Fall des Schei­terns sei­ner Ehe habe er nicht gelobt.
Der von Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum ange­führ­te Kün­di­gungs­grund sei von den inso­weit abschlie­ßen­den Rege­lun­gen der GrO nicht umfasst, was seit deren Inkraft­tre­ten für jeder­mann offen­sicht­lich gewe­sen sei. Dies habe die Kir­chen­ge­mein­de schon bei Aus­spruch der Kün­di­gung bewusst igno­riert. Es bestün­den zudem star­ke Ver­dachts­mo­men­te, dass die­se wäh­rend des gesam­ten Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­rens bewusst eine gebo­te­ne Stel­lung­nah­me der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz nicht ein­ge­holt bzw. deren Ein­ho­lung durch das Gericht ver­ei­telt hät­ten, indem sie unzu­tref­fend vor­ge­tra­gen hät­ten, dass inso­weit die Ein­schät­zung des Bischofs bzw. des Gene­ral­vi­kars maß­geb­lich sei. Die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz habe spä­ter in einem Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt [11] die Rechts­auf­fas­sung geäu­ßert, dass nach der Grund­ord­nung nur die Wie­der­hei­rat zur Kün­di­gung füh­ren kön­ne. Die­se Auf­fas­sung hät­te die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz der Kir­chen­ge­mein­de eben­so mit­ge­teilt, wenn die­se vor Aus­spruch der Kün­di­gung vom 15.07.1997 eine ent­spre­chen­de Stel­lung­nah­me ein­ge­holt hät­te.
Er habe zudem – anders als man ihm vor­ge­wor­fen habe – nicht "Ehe­bruch und Biga­mie" im kir­chen­recht­li­chen Sin­ne began­gen. Bei der Wür­di­gung, ob "Ehe­bruch" einen Kün­di­gungs­grund iSd. GrO dar­stel­len kön­ne, sei­en auch die Ent­wick­lun­gen in der katho­li­schen Kir­che seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil zu beach­ten. Die­ses habe die Gewis­sens­ent­schei­dung jedes Chris­ten noch ein­mal beson­ders her­vor­ge­ho­ben. Des­halb sei­en ua. das kir­chen­recht­li­che cri­men des Kon­ku­bi­nats für Lai­en eben­so wie das cri­men des Ehe­bruchs auf­ge­ho­ben wor­den. Nur das Ver­bot der Wie­der­hei­rat sei bei­be­hal­ten wor­den, weil die Wie­der­hei­rat zum Straf­tat­be­stand der Biga­mie füh­re und durch den objek­ti­ven Akt der öffent­li­chen Ehe­schlie­ßung den pri­va­ten Bereich ver­las­se. Die­se Wer­tun­gen des geän­der­ten Codex Iuris Cano­ni­ci (CIC) hät­ten Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum in den Kün­di­gungs­schutz­pro­zes­sen bewusst igno­riert. Außer­dem wer­de in der gro­ßen Enzy­kli­ka "Fami­lia­ris con­sor­tio", die für alle Gläu­bi­gen den Aus­schluss von den Sakra­men­ten rege­le, der Ehe­bruch anders als die Wie­der­hei­rat an kei­ner Stel­le erwähnt. In Kennt­nis des­sen hät­ten Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum gleich­wohl wahr­heits­wid­rig den Ehe­bruch als kir­chen­recht­li­chen Kün­di­gungs­grund behaup­tet. Nach der GrO stell­ten auch nicht etwa Ver­stö­ße gegen die zehn Gebo­te Kün­di­gungs­grün­de dar. Mit dem Ver­weis auf die zehn Gebo­te hät­ten Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess wei­te­re Nebel­ker­zen gewor­fen, um die Gerich­te irre­zu­füh­ren.
Aus dem Text der GrO erge­be sich zudem zwei­fels­frei, dass von ihm als Orga­nis­ten das per­sön­li­che Lebens­zeug­nis nicht gefor­dert wer­de. Als Mit­ar­bei­ter im lit­ur­gi­schen Dienst tauch­ten Orga­nis­ten eben­so wie die Küs­ter in der GrO an kei­ner Stel­le auf. Als Orga­nist müs­se er nicht ein­mal katho­lisch sein. So lie­ßen sich in der Dia­spo­ra nur evan­ge­li­sche Küs­ter oder Orga­nis­ten fin­den. Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum hät­ten im Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren wahr­heits­wid­rig mit dem Ziel der bewuss­ten Täu­schung des Gerichts mit immer neu­en Umschrei­bun­gen sei­ne Nähe als Orga­nist zum Ver­kün­di­gungs­auf­trag behaup­tet, ohne auch nur eine ein­zi­ge arbeits­recht­lich fun­dier­te Ver­laut­ba­rung der ver­fass­ten Kir­che nen­nen zu kön­nen. Die Kir­chen­ge­mein­de hät­te auch Kennt­nis dar­über haben müs­sen, dass Orga­nis­ten als Mit­ar­bei­ter des lit­ur­gi­schen Diens­tes nicht zu den­je­ni­gen gehör­ten, an die erhöh­te Loya­li­täts­an­for­de­run­gen zu stel­len sei­en.
Nach alle­dem hät­ten Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum durch wider bes­se­res Wis­sen vor­ge­tra­ge­ne Kün­di­gungs­grün­de und Auf­recht­erhal­tung des unzu­tref­fen­den Vor­trags wäh­rend der Instan­zen ver­werf­lich gehan­delt. Sie hät­ten ihn, den Kir­che­mu­si­ker, ent­ge­gen den Maß­stä­ben der ver­fass­ten Kir­che unbe­dingt kün­di­gen wol­len und einen erfun­de­nen Kün­di­gungs­grund mit Vehe­menz und unter geschick­ter Aus­nut­zung der Amts­au­to­ri­tät von kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen – von der sich die Arbeits­ge­rich­te letzt­lich hät­ten beein­dru­cken las­sen – vor­ge­tra­gen, um ihn aus dem Amt zu drän­gen und ihm damit das Gehalt vor­zu­ent­hal­ten. Um zu dem gewünsch­ten Ergeb­nis zu gelan­gen, hät­ten Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum das selbst geschaf­fe­ne Recht, dh. die GrO bewusst und in dreis­ter Beharr­lich­keit gebeugt und ihn für einen erfun­de­nen Kün­di­gungs­grund als "Ver­suchs­ka­nin­chen" miss­braucht. Sie hät­ten sich dabei auf kein ein­zi­ges Urteil im gesam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum seit dem 2. Welt­krieg zu ihren Guns­ten beru­fen kön­nen. Die Kir­chen­ge­mein­de habe außer­dem ihre Mono­pol­stel­lung für die Beschäf­ti­gung von katho­li­schen Kir­chen­mu­si­kern aus­ge­nutzt. Eine von vorn­her­ein grund­lo­se Kün­di­gung aus einem angeb­li­chen kir­chen­spe­zi­fi­schen Grund sei rechts­miss­bräuch­lich und zumin­dest auf die Auf­recht­erhal­tung eines Irr­tums der­je­ni­gen aus­ge­rich­tet, die sich auf den Infor­ma­ti­ons­vor­sprung eines Bis­tums ver­lie­ßen, sich selbst im Wer­te­sys­tem der Katho­li­schen Kir­che im Hin­blick auf deren Sexu­al­mo­ral und in der Hand­ha­bung ihrer kir­chen­spe­zi­fi­schen Loya­li­täts­pflich­ten nicht aus­ken­nen wür­den und deren dif­fu­ses Halb­wis­sen dar­über von über­kom­me­nen Vor­stel­lun­gen geprägt sei; hier­zu gehör­ten auch die Arbeits­ge­rich­te.
Auf nach­fol­gen­de Ent­schei­dun­gen zu sei­nen Unguns­ten, sei es durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt, das Bun­des­ar­beits­ge­richt oder das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, dürf­ten Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum sich nicht beru­fen, weil die­se Ent­schei­dun­gen men­schen­rechts- und ver­fas­sungs­wid­rig sei­en. Nach dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 22.10.2014 im Chef­arzt-Fall [12] sei end­gül­tig klar, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt im Jahr 1999 ein Fehl­ur­teil gefällt habe.
Gegen­über dem Bis­tum fol­ge der Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 826 BGB i.V.m. den Grund­sät­zen der Exper­ten­haf­tung. Das Bis­tum habe kraft sei­ner Amts­au­to­ri­tät die Gerich­te beein­flusst und in die Irre geführt. Das Bis­tum habe nicht nur selbst den Sach­ver­halt bewusst falsch bewer­tet, son­dern über Jah­re hin­weg aktiv und hart­nä­ckig dar­auf hin­ge­wirkt, dass auch die Arbeits­ge­rich­te den Sach­ver­halt falsch wür­dig­ten. Es habe durch leicht­fer­ti­ge Zustim­mung zur Kün­di­gung sowie sei­nen Bei­tritt als Neben­in­ter­ve­ni­ent ver­werf­lich gehan­delt, weil es ihm – dem Kir­che­mu­si­ker – als Katho­lik und als zu Recht kla­gen­de Par­tei hät­te bei­ste­hen müs­sen.
Die Kün­di­gung sei für den gel­tend gemach­ten Ver­mö­gens­scha­den ursäch­lich. Für ihn als aus­ge­bil­de­ten katho­li­schen Kir­chen­mu­si­ker sei­en katho­li­sche Kir­chen­ge­mein­den die ein­zig mög­li­chen Arbeit­ge­ber. Wegen der sei­ner­zei­ti­gen Pres­se­mit­tei­lun­gen sowie in Erman­ge­lung der erfor­der­li­chen kir­chen­auf­sichts­recht­li­chen Geneh­mi­gung sei eine ander­wei­ti­ge Ein­stel­lung nicht mög­lich gewe­sen.
Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Arbeits­ge­richt hat die Kla­ge abge­wie­sen. Hier­ge­gen hat der Kir­che­mu­si­ker Beru­fung ein­ge­legt, die das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf zurück­ge­wie­sen hat [13]. Die dar­auf­hin erho­be­ne Revi­si­on, mit der der Kir­che­mu­si­ker sein Kla­ge­be­geh­ren wei­ter ver­folgt, wies das Bun­des­ar­beits­ge­richt nun eben­falls zurück. Die zuläs­si­ge Kla­ge ist nicht begrün­det. Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum sind dem Kir­che­mu­si­ker nicht nach der hier allein in Betracht kom­men­den Bestim­mung des § 826 BGB, das Bis­tum auch nicht nach § 826 BGB i.V.m. mit den Grund­sät­zen der Exper­ten­haf­tung [14], zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet. Die Kir­chen­ge­mein­de und das Bis­tum haben den Kir­che­mu­si­ker im Zusam­men­hang mit dem über die Wirk­sam­keit der (ers­ten) Kün­di­gung der Kir­chen­ge­mein­de geführ­ten Kün­di­gungs­schutz­pro­zess nicht sit­ten­wid­rig geschä­digt:
Vor dem Hin­ter­grund, dass die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge des Kir­che­mu­si­kers rechts­kräf­tig abge­wie­sen wur­de, kommt im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren als Anspruchs­grund­la­ge – hier­von geht auch der Kir­che­mu­si­ker aus – allein § 826 BGB in Betracht, wonach der­je­ni­ge dem ande­ren zum Ersatz des Scha­dens ver­pflich­tet ist, den er dem ande­ren in einer gegen die guten Sit­ten ver­sto­ßen­den Wei­se vor­sätz­lich zuge­fügt hat.
An sich folgt aus der Rechts­kraft eines Urteils, dass die Rechts­fol­ge, die das Gericht dazu aus dem von ihm zu beur­tei­len­den Sach­ver­halt her­ge­lei­tet hat, zwi­schen den Par­tei­en unan­greif­bar fest­steht, und zwar auch inso­weit, als sie für die in einem neu­en Pro­zess zur Ent­schei­dung gestell­te Rechts­fol­ge vor­greif­lich ist [15].
Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren führt die Rechts­kraft des die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge des Kir­che­mu­si­kers abwei­sen­den arbeits­ge­richt­li­chen Urteils dazu, dass der Kir­che­mu­si­ker, da sein Arbeits­ver­hält­nis mit der Kir­chen­ge­mein­de auf­grund der Kün­di­gung vom 15.07.1997 mit Ablauf des 31.03.1998 sein Ende gefun­den hat, ab dem 1.04.1998 kei­ne wei­te­ren Ver­gü­tungs­an­sprü­che und auch kei­ne wei­te­ren Anwart­schaf­ten auf betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung erwer­ben konn­te, wes­halb er von Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum grund­sätz­lich auch nicht ver­lan­gen kann, die infol­ge der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ein­ge­tre­te­ne Ver­gü­tungs- und Ver­sor­gungs­ein­bu­ße im Wege des Scha­dens­er­sat­zes aus­zu­glei­chen.
Aller­dings ist in der Recht­spre­chung aner­kannt, dass es Fäl­le gibt, in denen sich die Rechts­kraft gegen­über einem Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 826 BGB nicht durch­set­zen kann [16]. Dabei stellt die auf § 826 BGB gestütz­te Kla­ge den Bestand der gericht­li­chen Ent­schei­dung nicht in Fra­ge. Sie ist viel­mehr dar­auf gerich­tet, die hier­durch ver­ur­sach­te Ein­bu­ße im Wege des Scha­dens­er­sat­zes aus­zu­glei­chen, wobei zur Errei­chung die­ses Zwecks die mate­ri­el­le Rechts­kraft zurück­tre­ten muss. Die Kla­ge aus § 826 BGB ist daher kein "außer­or­dent­li­cher Rechts­be­helf" gegen eine gericht­li­che Ent­schei­dung, son­dern die Anwen­dung mate­ri­el­len Zivil­rechts [17].
Die Durch­bre­chung der Rechts­kraft auf der Grund­la­ge eines Scha­dens­er­satz­ver­lan­gens darf nur in beson­ders schwer­wie­gen­den, eng begrenz­ten Aus­nah­me­fäl­len gewährt wer­den, weil sonst die Rechts­kraft aus­ge­höhlt und die Rechts­si­cher­heit beein­träch­tigt wür­de [18].
Danach muss die Rechts­kraft eines gericht­li­chen Titels zum einen dann zurück­tre­ten, wenn des­sen Aus­nut­zung unter Miss­ach­tung der mate­ri­el­len Rechts­la­ge nach den Umstän­den des Falls als vor­sätz­li­che sit­ten­wid­ri­ge Schä­di­gung iSd. § 826 BGB anzu­se­hen ist (sit­ten­wid­ri­ge Aus­nut­zung einer rechts­kräf­ti­gen unrich­ti­gen Ent­schei­dung) [19]. Die­se Vari­an­te ist im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren aller­dings nicht ein­schlä­gig.
Dar­über hin­aus ist aner­kannt, dass sich die Rechts­kraft gegen­über dem Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 826 BGB nicht durch­set­zen kann, wenn sie bewusst rechts­wid­rig zu dem Zweck her­bei­ge­führt wur­de, dem, was nicht Recht ist, den Stem­pel des Rechts zu geben [20]. Des­halb hat der­je­ni­ge, der dadurch einen Ver­mö­gens­scha­den erlit­ten hat, dass ein ande­rer gegen ihn vor­sätz­lich und sit­ten­wid­rig, dh. ins­be­son­de­re arg­lis­tig durch Irre­füh­rung des Gerichts ein rechts­kräf­ti­ges unrich­ti­ges Urteil erwirkt (sit­ten­wid­ri­ges Erwir­ken einer rechts­kräf­ti­gen unrich­ti­gen Ent­schei­dung), einen Anspruch auf Scha­dens­er­satz [21].
Vor­aus­set­zung für einen Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 826 BGB wegen eines sit­ten­wid­ri­gen Erwir­kens einer rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung ist zum einen, dass der erwirk­te Titel unrich­tig ist und der Schä­di­ger hier­von Kennt­nis hat­te [22]. Dabei kann die Unrich­tig­keit eines unter dem Gesichts­punkt des sit­ten­wid­ri­gen Erwir­kens bekämpf­ten rechts­kräf­ti­gen Urteils nicht dadurch dar­ge­tan wer­den, dass der den Scha­dens­er­satz­an­spruch Erhe­ben­de noch­mals die­sel­ben Tat­sa­chen, Beweis­mit­tel und Rechts­aus­füh­run­gen vor­bringt, die er bereits in dem abge­schlos­se­nen Pro­zess vor­ge­tra­gen hat. Eben­so genügt es nicht, dass die unter­le­ge­ne Par­tei ihre im Vor­pro­zess auf­ge­stell­ten Behaup­tun­gen ergänzt oder zusätz­li­che Beweis­an­trä­ge stellt, mit denen im Grun­de das bis­he­ri­ge Vor­brin­gen ledig­lich unter­mau­ert wer­den soll. Der schwer­wie­gen­de Ein­griff in die Rechts­kraft ist näm­lich nur in den äußers­ten Fäl­len erträg­lich und gebo­ten, in denen nicht die offen­ba­re Lüge den Sieg über die gerech­te Sache behal­ten darf [23].
Dar­über hin­aus müs­sen wei­te­re Umstän­de hin­zu­kom­men, die die Art der Erlan­gung des Titels betref­fen und es gebo­ten erschei­nen las­sen, dass der Gläu­bi­ger die ihm nach dem mate­ri­el­len Recht unver­dient zuge­fal­le­ne Rechts­po­si­ti­on auf­gibt [24], oder anders for­mu­liert: Es müs­sen wei­te­re Umstän­de hin­zu­kom­men, die die Art und Wei­se der Titel­erlan­gung betref­fen und die das Vor­ge­hen des Gläu­bi­gers als sit­ten­wid­rig prä­gen, so dass es Letz­te­rem zuge­mu­tet wer­den muss, die ihm unver­dient zuge­fal­le­ne Rechts­po­si­ti­on auf­zu­ge­ben [25].
Die gericht­li­che Ent­schei­dung in dem vor­an­ge­gan­ge­nen Pro­zess muss zudem auf das vor­sätz­li­che und sit­ten­wid­ri­ge Ver­hal­ten der Par­tei im Pro­zess zurück­zu­füh­ren sein; zwi­schen der gericht­li­chen Ent­schei­dung und dem Ver­hal­ten der Par­tei muss ein ursäch­li­cher Zusam­men­hang in dem Sin­ne bestehen, dass ohne die­ses Ver­hal­ten der Par­tei der frü­he­re Rechts­streit zu einem für den nun­mehr Scha­dens­er­satz bean­spru­chen­den Kir­che­mu­si­ker güns­ti­ge­ren Ergeb­nis geführt hät­te [26].
Danach kann ein Anspruch aus § 826 BGB wegen sit­ten­wid­ri­gen Erwir­kens einer unrich­ti­gen Ent­schei­dung nicht nur dann anzu­neh­men sein, wenn die Par­tei sich mit bewusst unwah­rem Tat­sa­chen­vor­trag im Pro­zess durch­ge­setzt hat, son­dern auch dann, wenn sie erfolg­reich Beweis­mit­tel zu ihren Guns­ten mani­pu­liert hat. Dem­ge­gen­über dürf­te in der Äuße­rung unzu­tref­fen­der Rechts­an­sich­ten regel­mä­ßig auch dann kei­ne sit­ten­wid­ri­ge Ein­fluss­nah­me auf das Gericht lie­gen, wenn die Par­tei mit die­sen Rechts­an­sich­ten durch­dringt. Denn das Gericht ist zur umfas­sen­den recht­li­chen Prü­fung des Falls unter Aus­wer­tung der Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ver­pflich­tet, und die Aus­le­gung der ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen und die Sub­sum­ti­on der von den Par­tei­en vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen unter die­se Nor­men ist allein Sache des Rich­ters ("iura novit curia"). Aller­dings sind auch Fäl­le denk­bar, in denen eine kla­re Tren­nung von Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen und rei­nen Rechts­an­sich­ten nicht mög­lich ist, weil das Gericht sei­ne Ent­schei­dung bei­spiels­wei­se nach von Drit­ten, zB der Kir­che vor­ge­ge­be­nen Maß­stä­ben zu tref­fen hat und die Par­tei­en über den Inhalt die­ser Vor­ga­ben strei­ten. Dann kann ein auf § 826 BGB gestütz­ter Anspruch wegen sit­ten­wid­ri­gen Erwir­kens einer unrich­ti­gen Ent­schei­dung nicht von vorn­her­ein mit der Begrün­dung abge­lehnt wer­den, allein in der Äuße­rung einer unzu­tref­fen­den Rechts­an­sicht lie­ge kei­ne sit­ten­wid­ri­ge Ein­fluss­nah­me auf das Gericht.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt konn­te es im vor­lie­gen­den Streit­fall dahin­ste­hen las­sen, ob § 826 BGB – wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt ange­nom­men hat – unter Berück­sich­ti­gung des Urteils des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 23.09.2010 [5] dahin aus­zu­le­gen ist, dass die mate­ri­el­le Rechts­kraft der die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge des Kir­che­mu­si­kers abwei­sen­den arbeits­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung zudem dann zurück­tre­ten müss­te, wenn Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum sich die Wirk­sam­keit die­ser Kün­di­gung betref­fend auf einen objek­tiv unver­tret­ba­ren Stand­punkt gestellt und sich hier­mit im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess durch­ge­setzt hät­ten. Selbst wenn dies der Fall wäre, hät­te die Kla­ge kei­nen Erfolg. Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum haben den Kir­che­mu­si­ker im Zusam­men­hang mit dem über die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung der Kir­chen­ge­mein­de vom 15.07.1997 geführ­ten Kün­di­gungs­schutz­pro­zess nicht sit­ten­wid­rig geschä­digt und sind ihm des­halb nicht nach § 826 BGB zum Aus­gleich der infol­ge der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses ein­ge­tre­te­nen Ver­gü­tungs- und Ver­sor­gungs­ein­bu­ßen ver­pflich­tet. Wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung nach umfas­sen­der Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de und des Vor­brin­gens der Par­tei­en zutref­fend ange­nom­men hat, haben Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum weder vor­sätz­lich und sit­ten­wid­rig das die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge des Kir­che­mu­si­kers abwei­sen­de Urteil erwirkt, noch haben sie sich im Hin­blick auf die Wirk­sam­keit der Kün­di­gung der Kir­chen­ge­mein­de vom 15.07.1997 auf einen objek­tiv unver­tret­ba­ren Rechts­stand­punkt gestellt und sich hier­mit im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess durch­ge­setzt.
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat, zusam­men­ge­fasst – ange­nom­men, Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum hät­ten sich das zu ihren Guns­ten ergan­ge­ne Urteil nicht erschli­chen. Sie hät­ten ins­be­son­de­re kei­nen kir­chen­recht­li­chen Kün­di­gungs­grund erfun­den und den Arbeits­ge­rich­ten vor­ge­tra­gen, den es nicht gebe. Viel­mehr hät­ten sie im Hin­blick auf die Beur­tei­lung der Wirk­sam­keit der Kün­di­gung einen zumin­dest objek­tiv ver­tret­ba­ren Stand­punkt ein­ge­nom­men. Dies gel­te sowohl für den Kün­di­gungs­grund an sich als auch für die Fra­ge, ob der Kir­che­mu­si­ker als Kir­chen­mu­si­ker in sei­ner Tätig­keit ver­kün­di­gungs­nah gear­bei­tet habe, und damit für die Fra­ge, ob die Inter­es­sen­ab­wä­gung zu sei­nen Unguns­ten hät­te aus­fal­len dür­fen.
Die­se Wür­di­gung begeg­net für das Bun­des­ar­beits­ge­richt kei­nen revi­si­ons­recht­li­chen Beden­ken. Die vom Kir­che­mu­si­ker hier­ge­gen erho­be­nen Rügen grei­fen nicht durch.
Dies gilt zunächst im Hin­blick auf die Fra­ge, ob der Umstand, dass der katho­lisch ver­hei­ra­te­te Kir­che­mu­si­ker eine neue dau­er­haf­te Part­ner­schaft ein­ge­gan­gen war, einen Kün­di­gungs­grund iSd. GrO dar­stel­len kann.
Wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung zutref­fend aus­ge­führt hat, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­nem Urteil vom 16.09.1999 [2] – das sei­ner­seits vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf in sei­nem Urteil vom 03.02.2000 [27] in Bezug genom­men wur­de – nicht etwa unge­prüft Vor­brin­gen von Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum zum Kün­di­gungs­grund über­nom­men, son­dern das Vor­lie­gen eines Kün­di­gungs­grun­des iSd. GrO eigen­stän­dig unter Berück­sich­ti­gung der Vor­ga­ben aus dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 04.06.1985 [28] geprüft und ist zu dem nicht unver­tret­ba­ren Ergeb­nis gelangt, der Umstand, dass der katho­lisch ver­hei­ra­te­te Kir­che­mu­si­ker eine neue dau­er­haf­te Part­ner­schaft ein­ge­gan­gen war, sei als schwer­wie­gen­de per­sön­li­che sitt­li­che Ver­feh­lung i.S.v. Art. 5 Abs. 2 Alt. 1 GrO anzu­se­hen und kom­me damit als Kün­di­gungs­grund nach der GrO in Betracht.
Dabei hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt sei­ne Annah­me, dass der von der Kir­chen­ge­mein­de vor­ge­tra­ge­ne Sach­ver­halt als eine schwer­wie­gen­de per­sön­li­che sitt­li­che Ver­feh­lung i.S.v. Art. 5 Abs. 2 Alt. 1 GrO ange­se­hen wer­den kön­ne, damit begrün­det, dass mit Art. 4 und Art. 5 der GrO ent­schie­den sei, wel­che kirch­li­chen Maß­stä­be für die Bewer­tung ver­trag­li­cher Loya­li­täts­pflich­ten zugrun­de zu legen sei­en und wel­che Schwe­re dem Loya­li­täts­ver­stoß zukom­me, und dass die katho­li­sche Kir­che befugt gewe­sen sei, den ihr ange­hö­ren­den katho­li­schen Arbeit­neh­mern durch Art. 4 Abs. 1 Satz 1 GrO auf­zu­er­le­gen, die Grund­sät­ze der katho­li­schen Glau­bens- und Sit­ten­leh­re, zu denen auch die her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung der Ehe als Sakra­ment gehö­re, anzu­er­ken­nen und zu beach­ten [29]. Davon, dass es sich – wie der Kir­che­mu­si­ker meint – bei der Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts inso­weit um ein kras­ses Fehl­ur­teil han­del­te, weil das Gericht – wie zuvor Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum – im Hin­blick auf die Fra­ge der Bewer­tung des Ehe­bruchs als mög­li­chen Kün­di­gungs­grund nach der GrO einen völ­lig unver­tret­ba­ren Stand­punkt ein­ge­nom­men hät­te, kann ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund der Vor­ga­ben, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nem Beschluss vom 04.06.1985 [30] gemacht hat­te, nicht die Rede sein.
Im Übri­gen hat­te sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung mit den Argu­men­ten des Kir­che­mu­si­kers, ins­be­son­de­re mit des­sen auch im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren vor­ge­tra­ge­ner Rechts­an­sicht aus­ein­an­der­ge­setzt, wonach allein die Wie­der­hei­rat, also der Abschluss einer nach dem Glau­bens­ver­ständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungül­ti­gen Ehe als schwer­wie­gen­de per­sön­li­che sitt­li­che Ver­feh­lung anzu­se­hen sei, und die­ser Rechts­auf­fas­sung eine Absa­ge erteilt [31]. Eben­so hat­te es den vom Kir­che­mu­si­ker im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren wei­ter­hin ange­führ­ten Aspekt gewür­digt, dass der Ehe­bruch nach der Neu­fas­sung des Codex Iuris Cano­ni­ci im Jah­re 1983 nicht län­ger als Ver­bre­chen ange­se­hen wer­de [29]. Dies führt dazu, dass der Kir­che­mu­si­ker mit die­sen Argu­men­ten im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ohne­hin nicht mehr gehört wer­den könn­te. Auf den Aspekt der Biga­mie hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt – wor­auf das Lan­des­ar­beits­ge­richt in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung eben­falls zutref­fend hin­weist – über­haupt nicht abge­stellt.
Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Kir­che­mu­si­kers war das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem über die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge des Kir­che­mu­si­kers geführ­ten Revi­si­ons­ver­fah­ren – 2 AZR 712/​98 – nicht gehal­ten, vor sei­ner Ent­schei­dung eine Stel­lung­nah­me der ver­fass­ten Kir­che ein­zu­ho­len. Ins­be­son­de­re ist nicht im Ansatz erkenn­bar, dass Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum das Gericht von der Ein­ho­lung einer ent­spre­chen­den Stel­lung­nah­me durch unwah­res Par­tei­vor­brin­gen – ggf. unter Inan­spruch­nah­me einer gewis­sen Amts­au­to­ri­tät – abge­hal­ten hät­ten.
Zwar haben die Arbeits­ge­rich­te nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 04.06.1985 [32] die vor­ge­ge­be­nen kirch­li­chen Maß­stä­be für die Bewer­tung ver­trag­li­cher Loya­li­täts­pflich­ten zugrun­de zu legen, soweit die Ver­fas­sung das Recht der Kir­chen aner­kennt, hier­über selbst zu befin­den. Danach bleibt es grund­sätz­lich den ver­fass­ten Kir­chen über­las­sen, ver­bind­lich zu bestim­men, was "die Glaub­wür­dig­keit der Kir­che und ihrer Ver­kün­di­gung erfor­dert", was "spe­zi­fisch kirch­li­che Auf­ga­ben" sind, was "Nähe" zu ihnen bedeu­tet, wel­ches die "wesent­li­chen Grund­sät­ze der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re" sind und was als – gege­be­nen­falls schwe­rer – Ver­stoß gegen die­se anzu­se­hen ist. Auch die Ent­schei­dung dar­über, ob und wie inner­halb der im kirch­li­chen Dienst täti­gen Mit­ar­bei­ter eine "Abstu­fung" der Loya­li­täts­pflich­ten ein­grei­fen soll, ist danach grund­sätz­lich eine dem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht unter­lie­gen­de Ange­le­gen­heit. Ob die­se kirch­li­chen Vor­ga­ben den aner­kann­ten Maß­stä­ben der ver­fass­ten Kir­chen Rech­nung tra­gen, ist von den Arbeits­ge­rich­ten aller­dings (nur) im Zwei­fels­fall durch ent­spre­chen­de gericht­li­che Rück­fra­gen bei den zustän­di­gen Kir­chen­be­hör­den auf­zu­klä­ren.
Einen sol­chen Zwei­fels­fall, der die Ein­ho­lung einer Stel­lung­nah­me der ver­fass­ten Kir­che erfor­der­lich gemacht hät­te, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in dem Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren des Kir­che­mu­si­kers erkenn­bar nicht ange­nom­men. Es hat viel­mehr gemeint, die Fra­ge, ob die kirch­li­chen Vor­ga­ben den aner­kann­ten Maß­stä­ben der ver­fass­ten Kir­che Rech­nung tra­gen, ohne wei­te­res selbst beant­wor­ten zu kön­nen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat in der Begrün­dung sei­nes Urteils vom 16.09.1999 [2] mehr­fach auf sei­ne Ent­schei­dung vom 24.04.1997 [33] hin­ge­wie­sen. Bereits in dem die­ser Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Ver­fah­ren hat­te es die Ein­ho­lung einer Stel­lung­nah­me der ver­fass­ten Kir­che nicht für not­wen­dig erach­tet, um die Fra­ge beant­wor­ten zu kön­nen, ob der Ehe­bruch nach deren Maß­stä­ben einen mög­li­chen Kün­di­gungs­grund dar­stel­len kön­ne. Inso­weit hat­te es aus­ge­führt, dass die Vor­ga­ben der dama­li­gen Arbeit­ge­be­rin gegen­über dem bei die­ser beschäf­tig­ten Kir­che­mu­si­ker, dem wegen Ehe­bruchs gekün­digt wor­den war, hin­sicht­lich der ehe­li­chen Treue den aner­kann­ten Maß­stä­ben der ver­fass­ten Kir­che Rech­nung tra­gen. Die Ehe habe in den ver­fass­ten Kir­chen eine her­aus­ra­gen­de Rol­le, in der katho­li­schen Kir­che habe sie den Rang eines Sakra­ments. Ihre Wesens­ei­gen­schaf­ten sei­en die Ein­heit und die Unauf­lös­lich­keit [34].
Der Kir­che­mu­si­ker kann auch aus dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 22.10.2014 [12] nichts zu sei­nen Guns­ten ablei­ten.
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf hat in der hier ange­foch­te­nen Ent­schei­dung die vom Kir­che­mu­si­ker ange­zo­ge­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 22.10.2014 [12] gewür­digt und ist zutref­fend zu dem Ergeb­nis gelangt, dass sich aus den Aus­füh­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in die­sem Beschluss nichts Abwei­chen­des erge­be.
Es ist bereits zwei­fel­haft, ob sich aus dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 22.10.2014 [12] mit hin­rei­chen­der Deut­lich­keit ergibt, dass die Ein­ge­hung einer neu­en nicht­ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft eines nach katho­li­schem Recht ver­hei­ra­te­ten Part­ners von vorn­her­ein kein Kün­di­gungs­grund sein kann, dh. als sol­cher von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen ist. Zwar hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 22.10.2014 aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass Art. 5 Abs. 2 GrO bestimm­te Loya­li­täts­ver­stö­ße benennt, die aus Sicht der Kir­che im Regel­fall der­art schwer­wie­gend sind, dass sie grund­sätz­lich geeig­net sind, eine Kün­di­gung aus kir­chen­spe­zi­fi­schen Grün­den zu recht­fer­ti­gen. Auch trifft es zu, dass der Ehe­bruch nicht aus­drück­lich in Art. 5 Abs. 2 GrO genannt ist. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in der vom Kir­che­mu­si­ker her­an­ge­zo­ge­nen Ent­schei­dung aber auch aus­ge­führt, dass durch die Regel­bei­spie­le in Art. 5 Abs. 2 GrO die in Art. 4 GrO auf­er­leg­ten Loya­li­täts­ob­lie­gen­hei­ten nicht abschlie­ßend kon­kre­ti­siert wür­den [35]. Bereits des­halb muss­ten Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum ent­ge­gen der Ansicht des Kir­che­mu­si­kers nicht davon aus­ge­hen, dass der Ehe­bruch nach der GrO als Kün­di­gungs­grund von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen war. Es kommt hin­zu, dass die vom Kir­che­mu­si­ker her­an­ge­zo­ge­ne Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erst im Jahr 2014 ergan­gen ist und eine Kün­di­gung betraf, die im März 2009, mit­hin mehr als elf Jah­re spä­ter aus­ge­spro­chen wor­den war. Auch aus die­sem Grund kann die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 22.10.2014 [36] nicht dazu füh­ren, dass die Rechts­auf­fas­sung der Kir­chen­ge­mein­de und des Bis­tums, die die­se zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Kün­di­gung vom 15.07.1997 sowie im sich anschlie­ßen­den Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren ein­ge­nom­men und geäu­ßert hat­ten, nun­mehr- rück­bli­ckend – als unver­tret­bar ange­se­hen wer­den müss­te.
Der Kir­che­mu­si­ker kann – wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung zutref­fend ange­nom­men hat – auch aus der vom Kom­mis­sa­ri­at der Deut­schen Bischö­fe in dem Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – 2 BvR 661/​12 – abge­ge­be­nen Stel­lung­nah­me nichts zu sei­nen Guns­ten ablei­ten.
Zum einen ergibt sich aus die­ser Stel­lung­nah­me nicht, dass der Ehe­bruch unter kei­nen Umstän­den einen Kün­di­gungs­grund dar­stel­len kann. Viel­mehr gibt die Stel­lung­nah­me ledig­lich die Auf­fas­sung der katho­li­schen Kir­che wie­der, wonach eine Wie­der­hei­rat eines katho­li­schen Mit­ar­bei­ters eine ande­re – schwer­wie­gen­de­re – Ver­feh­lung dar­stellt als der blo­ße Ehe­bruch. Das Kom­mis­sa­ri­at der Deut­schen Bischö­fe hat­te inso­weit ledig­lich bean­stan­det, das Bun­des­ar­beits­ge­richt habe in dem der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 22.10.2014 [37] zugrun­de lie­gen­den Ver­fah­ren das in der GrO zum Aus­druck gebrach­te und für die welt­li­chen Gerich­te grund­sätz­lich bin­den­de Selbst­ver­ständ­nis der römisch-katho­li­schen Kir­che miss­ach­tet, wonach gera­de der Bruch des sakra­men­ta­len Ban­des durch eine erneu­te Hei­rat einen "wesent­li­chen Grund­satz der Glau­bens- und Sit­ten­leh­re" für die römisch-katho­li­sche Kir­che ver­letzt und hier­in ein beson­ders schwer­wie­gen­der Loya­li­täts­ver­stoß zu erbli­cken sei.
Dass das Kom­mis­sa­ri­at der Deut­schen Bischö­fe bereits im Jahr 1997 davon über­zeugt gewe­sen wäre, dass der Ehe­bruch eines katho­lisch ver­hei­ra­te­ten Mit­ar­bei­ters kei­ne schwer­wie­gen­de sitt­li­che Ver­feh­lung dar­stellt, die im Ein­zel­fall nach Abwä­gung aller Umstän­de eine Kün­di­gung recht­fer­ti­gen könn­te, hat es in sei­ner im Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt abge­ge­be­nen Stel­lung­nah­me nicht aus­drück­lich erklärt. Eine sol­che Ein­schät­zung lässt sich aus des­sen Stel­lung­nah­me auch nicht ablei­ten.
Wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt in der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung fer­ner zutref­fend aus­ge­führt hat, folgt aus den vom Kir­che­mu­si­ker ange­zo­ge­nen Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 23.09.2010 [5]; und vom 28.06.2012 [6] nichts, was einer Wür­di­gung des Ver­hal­tens des Kir­che­mu­si­kers als schwer­wie­gen­de sitt­li­che Ver­feh­lung i.S.v. Art. 5 Abs. 2 der GrO grund­sätz­lich ent­ge­gen­ste­hen wür­de. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat in die­sen Ent­schei­dun­gen nicht den Kün­di­gungs­vor­wurf, dh. nicht den Kün­di­gungs­grund als sol­chen, son­dern viel­mehr bean­stan­det, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Nähe des Kir­che­mu­si­kers zum Ver­kün­di­gungs­auf­trag der Kir­che nicht geprüft und den Stand­punkt des kirch­li­chen Arbeit­ge­bers in die­ser Fra­ge ohne wei­te­re Nach­for­schun­gen über­nom­men habe.
Soweit der Kir­che­mu­si­ker die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts mit der Begrün­dung als rechts­feh­ler­haft rügt, die­ses habe ver­kannt, dass Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum ihm gegen­über gestei­ger­te Sorg­falts­pflich­ten ver­letzt hät­ten, indem sie nicht sorg­fäl­tig genug geprüft hät­ten, ob das ihm vor­ge­wor­fe­ne Ver­hal­ten ein Kün­di­gungs­grund sei, der von den aner­kann­ten Maß­stä­ben der eige­nen Kir­che gedeckt sei, ver­kennt er die Vor­aus­set­zun­gen eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs nach § 826 BGB wegen eines vor­sätz­li­chen und sit­ten­wid­ri­gen Erwir­kens einer unrich­ti­gen gericht­li­chen Ent­schei­dung. Ein (etwai­ger) Ver­stoß von Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum gegen sie (ggf.) tref­fen­de Sorg­falts­pflich­ten ist weder in dem Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 16.09.1999 [2], noch in dem die­ser Ent­schei­dung nach­ge­hen­den Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düs­sel­dorf vom 03.02.2000 [27] pro­ble­ma­ti­siert wor­den. Ein sol­cher Ver­stoß hät­te auch nicht zur Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung geführt, so dass es schon an dem – wie unter Rn. 36 aus­ge­führt – erfor­der­li­chen ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen der gericht­li­chen Ent­schei­dung und dem vom Kir­che­mu­si­ker gerüg­ten Ver­hal­ten von Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum fehlt. Das­sel­be gilt dem­nach, soweit der Kir­che­mu­si­ker gel­tend macht, das Lan­des­ar­beits­ge­richt habe außer Acht gelas­sen, dass sich die Kir­chen­ge­mein­de als Arbeit­ge­ber aktiv hät­te exkul­pie­ren und dar­le­gen müs­sen, wel­che Anstren­gun­gen und Über­le­gun­gen sie ange­stellt habe, um zu der Über­zeu­gung zu gelan­gen, dass sie ihn kün­di­gen dür­fe. Soweit der Kir­che­mu­si­ker dar­über hin­aus meint, auf die Rechts­kraft einer Ent­schei­dung kön­ne sich nur der­je­ni­ge beru­fen, der sich red­lich und recht­schaf­fen bemüht habe, die objek­ti­ve Rechts­la­ge zu ermit­teln, über­sieht er, dass § 826 BGB nur ein sit­ten­wid­ri­ges und damit beson­ders ver­werf­li­ches Ver­hal­ten des Schä­di­gers sank­tio­niert.
Eben­so nicht von Belang ist, ob sich die katho­li­sche Kir­chen­ge­mein­de dadurch sit­ten­wid­rig ver­hal­ten hat, dass sie – wie der Kir­che­mu­si­ker gel­tend macht – in sei­ne Pri­vat­sphä­re ein­ge­drun­gen ist, um zu ermit­teln, ob die­ser mit sei­ner neu­en Part­ne­rin zusam­men­lebt und ob er der Vater des Kin­des ist. Hier­aus ergibt sich nichts für ein Ver­hal­ten, das auf ein Erwir­ken einer unrich­ti­gen gericht­li­chen Ent­schei­dung zu Las­ten des Kir­che­mu­si­kers hin­deu­tet.
Der Kir­che­mu­si­ker kann sich schließ­lich auch nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum hät­ten im Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren wahr­heits­wid­rig mit dem Ziel der bewuss­ten Täu­schung des Gerichts mit immer neu­en Umschrei­bun­gen sei­ne Nähe als Orga­nist zum Ver­kün­di­gungs­auf­trag der Kir­che behaup­tet, ohne auch nur eine ein­zi­ge arbeits­recht­lich fun­dier­te Ver­laut­ba­rung der ver­fass­ten Kir­che nen­nen zu kön­nen.
Die Wür­di­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum hät­ten sich inso­weit kein Urteil erschli­chen und mit ihrer Annah­me und ihrem Vor­brin­gen, der Kir­che­mu­si­ker sei als eine Per­son zu betrach­ten, die dem Ver­kün­di­gungs­auf­trag der Kir­che nahe­ste­he, auch kei­nen objek­tiv unver­tret­ba­ren Stand­punkt ein­ge­nom­men, begeg­net kei­nen revi­si­ons­recht­li­chen Beden­ken. Vor dem Hin­ter­grund, dass – wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung aus­ge­führt hat, zur Fra­ge der Ver­kün­di­gungs­nä­he des Kir­che­mu­si­kers als Kir­chen­mu­si­ker im Vor­pro­zess bereits kon­tro­vers vor­ge­tra­gen wor­den war, war es nur kon­se­quent, ein Erschlei­chen eines für sie güns­ti­gen Urteils durch Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum zu ver­nei­nen. Sei­ne Annah­me, Kir­chen­ge­mein­de und Bis­tum hät­ten im Hin­blick auf eine Ver­kün­di­gungs­nä­he des Kir­che­mu­si­kers auch kei­nen objek­tiv unver­tret­ba­ren Stand­punkt ein­ge­nom­men, hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt nach­voll­zieh­bar und wider­spruchs­frei damit begrün­det, dass die Kir­chen­mu­sik nach katho­li­schem Ver­ständ­nis Teil der Ver­kün­di­gung als zen­tra­ler Bestand­teil der kirch­li­chen Lit­ur­gie sei und ein Kir­chen­mu­si­ker hier­an mit einem eige­nen Bei­trag mit­wir­ke.
Aus den Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te vom 23.09.2010 [5]; und vom 28.06.2012 [6] folgt für das vor­lie­gen­de, auf Zah­lung von Scha­dens­er­satz aus § 826 BGB gerich­te­te Ver­fah­ren auch inso­weit nichts Abwei­chen­des. Zwar hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te bean­stan­det, dass das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Nähe des Kir­che­mu­si­kers zum Ver­kün­di­gungs­auf­trag der Kir­che nicht geprüft und den Stand­punkt des kirch­li­chen Arbeit­ge­bers in die­ser Fra­ge ohne wei­te­re Nach­for­schun­gen über­nom­men habe. Es hät­te – so der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te – in Anse­hung die­ser Umstän­de eine umfas­sen­de und tat­säch­li­che Inter­es­sen­ab­wä­gung vor­zu­neh­men gehabt. Die Fra­ge, ob sich bei einer hin­rei­chen­den Inter­es­sen­ab­wä­gung im Kün­di­gungs­rechts­streit ein ande­res, für den Kir­che­mu­si­ker güns­ti­ge­res Ergeb­nis erge­ben hät­te, hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te indes aus­drück­lich offen­ge­las­sen [38].
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Dezem­ber 2019 – 8 AZR 511/​18
LAG Düs­sel­dorf 13.08.1998 – 7 Sa 425/​98[↩]
BAG 16.09.1999 – 2 AZR 712/​98[↩][↩][↩][↩]
LAG Düs­sel­dorf 3.02.2000 – 7 Sa 425/​98[↩][↩]
BVerfG 8.07.2002 – 2 BvR 1160/​00[↩]
EGMR 23.09.2010 – 1620/​03[↩][↩][↩][↩]
EGMR 28.06.2012 – 1620/​03[↩][↩][↩]
LAG Düs­sel­dorf 4.05.2011 – 7 Sa 1427/​10[↩]
BAG 22.11.2012 – 2 AZR 570/​11, BAGE 144, 59[↩]
BVerfG 20.04.2016 – 2 BvR 1488/​14[↩]
LAG Düs­sel­dorf 27.03.2013 – 7 Sa 109/​13[↩]
gemeint ist das Ver­fah­ren BVerfG – 2 BvR 661/​12, BVerfGE 137, 273[↩]
BVerfG 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12, BVerfGE 137, 273[↩][↩][↩][↩]
LAG Düs­sel­dorf 12.09.2018 – 12 Sa 757/​17[↩]
vgl. hier­zu etwa BGH 19.11.2013 – VI ZR 411/​12, Rn. 10 mwN[↩]
vgl. BGH 5.06.1963 – IV ZR 136/​62 – BGHZ 40, 130[↩]
vgl. etwa BAG 3.11.1982 – 7 AZR 62/​79, zu II 1 der Grün­de; 15.02.1973 – 2 AZR 16/​72, zu III 2 der Grün­de, BAGE 25, 43; 27.01.1970 – 1 AZR 198/​69, zu 2 a der Grün­de; BGH 20.06.2018 – XII ZB 84/​17, Rn. 40; 13.09.2005 – VI ZR 137/​04, zu 3 a der Grün­de, BGHZ 164, 87; 29.06.2005 – VIII ZR 299/​04, zu II B 2 der Grün­de; 11.07.2002 – IX ZR 326/​99, zu IV 2 a der Grün­de, BGHZ 151, 316; 9.02.1999 – VI ZR 9/​98, zu II B 1 der Grün­de; 15.11.1994 – VI ZR 2/​94, zu II 1 a der Grün­de; 24.09.1987 – III ZR 187/​86, zu II 3 der Grün­de, BGHZ 101, 380; 5.06.1963 – IV ZR 136/​62 – BGHZ 40, 130[↩]
vgl. BGH 13.09.2005 – VI ZR 137/​04 – aaO[↩]
vgl. etwa BGH 9.02.1999 – VI ZR 9/​98, zu II B 1 der Grün­de[↩]
vgl. etwa BAG 3.11.1982 – 7 AZR 62/​79, zu II 1 der Grün­de; BGH 20.06.2018 – XII ZB 84/​17, Rn. 40; 29.06.2005 – VIII ZR 299/​04, zu II B 2 der Grün­de; 11.07.2002 – IX ZR 326/​99, zu IV 2 a der Grün­de, BGHZ 151, 316; 5.06.1963 – IV ZR 136/​62 – BGHZ 40, 130[↩]
vgl. etwa BGH 5.06.1963 – IV ZR 136/​62 – BGHZ 40, 130[↩]
vgl. etwa BAG 3.11.1982 – 7 AZR 62/​79, zu II 1 der Grün­de; 15.02.1973 – 2 AZR 16/​72, zu III 2 der Grün­de, BAGE 25, 43; 27.01.1970 – 1 AZR 198/​69, zu 2 a der Grün­de; BGH 13.09.2005 – VI ZR 137/​04, zu 3 a der Grün­de, BGHZ 164, 87; 15.11.1994 – VI ZR 2/​94, zu II 1 a der Grün­de; 5.06.1963 – IV ZR 136/​62 – BGHZ 40, 130[↩]
vgl. BGH 11.07.2002 – IX ZR 326/​99, zu IV 2 a der Grün­de, BGHZ 151, 316; 9.02.1999 – VI ZR 9/​98, zu II B 1 der Grün­de; 5.06.1963 – IV ZR 136/​62 – BGHZ 40, 130[↩]
vgl. etwa BAG 15.02.1973 – 2 AZR 16/​72, zu III 3 b der Grün­de, BAGE 25, 43; 27.01.1970 – 1 AZR 198/​69, zu 2 b der Grün­de; BGH 19.06.1964 – V ZR 37/​63, zu 1 der Grün­de; 5.06.1963 – IV ZR 136/​62 – aaO[↩]
vgl. BGH 11.07.2002 – IX ZR 326/​99, zu IV 2 a der Grün­de, BGHZ 151, 316[↩]
vgl. BGH 9.02.1999 – VI ZR 9/​98, zu II B 1 der Grün­de[↩]
vgl. etwa BAG 3.11.1982 – 7 AZR 62/​79, zu II 2 der Grün­de[↩]
LAG Düs­sel­dorf 03.02.2000 – 7 Sa 425/​98[↩][↩]
BVerfG 04.06.1985 – 2 BvR 1703/​83, 2 BvR 1718/​83, 2 BvR 856/​84, BVerfGE 70, 138[↩]
BAG 16.09.1999 – 2 AZR 712/​98, zu II 5 a bb der Grün­de[↩][↩]
BVerfG 04.06.1985 – 2 BvR 1703/​83, 2 BvR 1718/​83, 2 BvR 856/​84 – BVerfGE 70, 138[↩]
vgl. BAG 16.09.1999 – 2 AZR 712/​98, zu II 5 b der Grün­de[↩]
BVerfG 04.06.1985 – 2 BvR 1703/​83, 2 BvR 1718/​83, 2 BvR 856/​84, zu B II 2 a der Grün­de, BVerfGE 70, 138[↩]
BAG 24.04.1997 – 2 AZR 268/​96[↩]
BAG 24.04.1997 – 2 AZR 268/​96, zu II 1 b bb (2) der Grün­de[↩]
BVerfG 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12, Rn. 156, aaO[↩]
BVerfG 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12 – aaO[↩]
BVerfG 22.10.2014 – 2 BvR 661/​12 – BVerfGE 137, 273[↩]
EGMR 28.06.2012 – 1620/​03, Rn. 23[↩]
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