Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/inbrandsetzen-einer-geschwindigkeitsmessanlage-370883
Timestamp: 2020-08-05 08:27:22
Document Index: 219185831

Matched Legal Cases: ['§ 306', '§ 316', '§ 316', '§ 304', '§ 303', '§ 306', '§ 304', '§ 274', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 316', '§ 316', '§ 316', '§ 316', '§ 316', '§ 304', '§ 274', '§ 316', '§ 121', '§ 121', '§ 316', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', '§ 306', 'BGH', '§ 316', '§ 316', '§ 316', '§ 316', '§ 304', 'BGH', '§ 274', 'BGH']

Inbrandsetzen einer Geschwindigkeitsmessanlage | Rechtslupe
§ 306 Abs. 1 Nr. 2 Var. 2 StGB setzt vor­aus, dass die Tat­hand­lung (hier: Inbrand­set­zen einer Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge) gene­rell als geeig­net anzu­se­hen ist, nicht nur den Eigen­tü­mer des Tat­ob­jekts zu schä­di­gen, son­dern auch sons­ti­ge Rechts­gü­ter zu beein­träch­ti­gen. Geschwin­dig­keits­mess­an­la­gen sind als blo­ße Hilfs­mit­tel der Buß­geld­be­hör­de anzu­se­hen und des­halb selbst weder Ein­rich­tung noch Anla­ge i. S. d. § 316b Abs. 1 Nr. 3 StGB. Weil die Buß­geld­be­hör­de jeden­falls pri­mär das Ziel ver­folgt, in repres­si­ver Wei­se Ord­nungs­wid­rig­kei­ten zu ermit­teln und zu ahn­den, dient sie nicht der Abwehr von Gefah­ren für bedeu­ten­de Rechts­gü­ter und ist des­halb kei­ne Ein­rich­tung i. S. d. § 316b Abs. 1 Nr. 3 StGB. Eine Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge ist kein Gegen­stand, der i.S.d. § 304 StGB zum öffent­li­chen Nut­zen auf­ge­stellt ist.
In dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig ent­schie­de­nen Fall hat­te der Ange­klag­te bemerkt, dass er geblitzt wor­den war. Er befürch­te­te daher, dass die Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung geahn­det und dar­über hin­aus auch die Gül­tig­keit sei­ner pol­ni­schen Fahr­erlaub­nis durch die deut­schen Behör­den über­prüft und mög­li­cher­wei­se in Fra­ge gestellt wer­de, und ent­schloss sich dar­auf­hin, die Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge in Brand zu set­zen und hier­durch so zu beschä­di­gen, dass das Bild nicht mehr ver­wert­bar wäre, das von ihm bei der Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung gefer­tigt wor­den war.
Das OLG Braun­schweig sah hier­in zwar eine Sach­be­schä­di­gung, § 303 StGB, aber kei­ne Brand­stif­tung gemäß § 306 Abs. 1 Nr. 2 Var. 2 StGB und auch kei­ne gemein­schäd­li­che Sach­be­schä­di­gung gemäß § 304 StGB. Und die brand­wei­se Ver­nich­tung des Blit­zer­fo­tos stellt nach Ansicht des OLG Braun­schweig auch kei­ne Unter­drü­ckung tech­ni­scher Auf­zeich­nung, § 274 StGB, dar.
Der Tat­be­stand des § 306 Abs. 1 Nr. 2 Var. 2 StGB ist nicht ein­schlä­gig, weil eine Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge kei­ne tech­ni­sche Ein­rich­tung ist. Zwar lässt sich der in der Stel­lung­nah­me der Gene­ral­staats­an­walt­schaft zitier­ten Kom­men­tie­rung von Fischer ent­neh­men, dass „Über­wa­chungs­an­la­gen“ unter den Begriff der tech­ni­schen Ein­rich­tung fal­len sol­len [1]. Es bleibt jedoch offen, wel­che Art von „Über­wa­chungs­an­la­gen“ hier gemeint sind und ob Geschwin­dig­keits­mess­an­la­gen hier­un­ter fal­len. Dem­ge­gen­über besteht in der Kom­men­tar­li­te­ra­tur Einig­keit, dass der wei­te Begriff der tech­ni­schen Ein­rich­tung der Ein­schrän­kung bedarf [2]. Aus die­sem Grund wird teil­wei­se ver­langt, dass die tech­ni­sche Ein­rich­tung in einem funk­tio­na­len Zusam­men­hang mit einer Betriebs­stät­te i. S. d. § 306 Abs. 1 Nr. 2 Var. 1 StGB ste­hen muss [3]. Es sei – wie die nament­li­che Benen­nung einer Maschi­ne als tech­ni­sche Ein­rich­tung § 306 Abs. 1 Nr. 2 StGB zei­ge – ein Bezug zu einem Gewer­be­be­trieb [4] oder zumin­dest zu einem Unter­neh­men [5] erfor­der­lich.
Ob eine Buß­geld­be­hör­de, die mit Hil­fe einer Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge eine öffent­li­che Auf­ga­be (Ver­kehrs­über­wa­chung) ver­folgt, schon aus die­sem Grund aus dem Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift fällt, kann offen blei­ben. Denn bei der Anwen­dung des § 306 Abs. 1 Nr. 2 StGB muss die Tat­hand­lung jeden­falls gene­rell gemein­ge­fähr­lich sein [6]. Für die­se Auf­fas­sung spricht, dass nur die (gene­rel­le) Gemein­ge­fähr­lich­keit die erheb­li­che Straf­dro­hung recht­fer­ti­gen kann [7]. Für den Tat­be­stand des § 306 Abs. 1 Nr. 1 StGB hat der Bun­des­ge­richts­hof unter Hin­weis auf die Geset­zes­ma­te­ria­li­en aner­kannt, dass es sich um kein rei­nes Eigen­tums­de­likt han­delt. Der Vor­schrift haf­te viel­mehr ein „Ele­ment der Gemein­ge­fähr­lich­keit“ an [8]. Weil der Bun­des­ge­richts­hof die­ses, § 306 Abs. 1 Nr. 1 StGB betref­fen­de Ergeb­nis ins­be­son­de­re mit der sys­te­ma­ti­schen Stel­lung des § 306 StGB im 28. Abschnitt (Gemein­ge­fähr­li­che Straf­ta­ten) begrün­det hat, kann für § 306 Abs. 1 Nr. 2 StGB nichts anders gel­ten. Die Fest­stel­lun­gen der Kam­mer bie­ten kei­nen Anlass zu der Annah­me, dass eine gene­rel­le Gefahr für sons­ti­ge Rechts­gü­ter bestand.
§ 316 b Abs. 1 Nr. 3 StGB ist eben­falls nicht ein­schlä­gig. Zwar wird in Recht­spre­chung [9] und Lite­ra­tur [10] teil­wei­se die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass Geschwin­dig­keits­mess­an­la­gen als Anla­gen i. S. d. § 316 b Abs. 1 Nr. 3 StGB der öffent­li­chen Sicher­heit die­nen. Dem ist indes bereits ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass § 316 b StGB zwi­schen der Anla­ge, die die öffent­li­che Ord­nung oder Sicher­heit ver­folgt, und der dem Betrieb der Anla­ge die­nen­den Sache unter­schei­det [11]. Geschwin­dig­keits­mess­an­la­gen sind als blo­ße Hilfs­mit­tel der Buß­geld­be­hör­de anzu­se­hen und des­halb selbst weder Ein­rich­tung noch Anla­ge i. S. d. § 316 b StGB [12]. Weil die Buß­geld­be­hör­de jeden­falls pri­mär das Ziel ver­folgt, in repres­si­ver Wei­se Ord­nungs­wid­rig­kei­ten zu ermit­teln und zu ahn­den, dient sie nicht der Abwehr von Gefah­ren für bedeu­ten­de Rechts­gü­ter und ist des­halb kei­ne Ein­rich­tung i. S. d. § 316 b Abs. 1 Nr. 3 StGB [13].
Soweit das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart der in jenem Fall zu beur­tei­len­den Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge wegen eines vor­ge­schal­te­ten Hin­weis – und Warn­schil­des, das die Mess­an­la­ge ange­kün­digt hat, auch eine eigen­stän­di­ge Gefahr­ab­wen­dungs­funk­ti­on bei­gemes­sen hat [14], hat dies vor­lie­gend schon des­halb kei­ne Bedeu­tung, weil nach den Fest­stel­lun­gen der Kam­mer nicht von einer ange­kün­dig­ten son­dern von einer ver­deck­ten Ver­kehrs­kon­trol­le aus­zu­ge­hen ist. Die Annah­me einer auf ange­kün­dig­te Geschwin­dig­keits­mes­sun­gen beschränk­ten Gefahr­ab­wen­dungs­funk­ti­on, wie sie dem Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart zugrun­de liegt, stößt zudem des­halb auf Beden­ken, weil sie zu einer unter­schied­li­chen recht­li­chen Behand­lung von offe­nen und ver­deck­ten Geschwin­dig­keits­mess­an­la­gen führt [15].
Eine Ver­ur­tei­lung wegen gemein­schäd­li­cher Sach­be­schä­di­gung (§ 304) kann eben­falls nicht erfol­gen, weil eine Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge kein Gegen­stand ist, der zum öffent­li­chen Nut­zen auf­ge­stellt ist. Hier­un­ter fal­len nur sol­che Gegen­stän­de, bei denen anzu­neh­men ist, dass jeder­mann aus ihrem Vor­han­den­sein oder ihrem Gebrauch einen unmit­tel­ba­ren Nut­zen zie­hen kann [16]. Die erfor­der­li­che Unmit­tel­bar­keit ist bei Geschwin­dig­keits­mess­an­la­gen nicht gege­ben, weil sie sich für die All­ge­mein­heit wegen ihrer ver­kehrs­dis­zi­pli­nie­ren­den Wir­kung allen­falls mit­tel­bar als vor­teil­haft aus­wir­ken [17].
Der Tat­be­stand der ver­such­ten Unter­drü­ckung tech­ni­scher Auf­zeich­nun­gen (§ 274 Abs. 1 Nr. 1 Var. 2, Abs. 2 StGB) schei­det eben­falls aus. Die Ver­ei­te­lung des staat­li­chen Buß­geld­an­spruchs ist kein Nach­teil i. S. d. die­ser Vor­schrift [18].
Die abwei­chen­de Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he zur Ein­ord­nung einer Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge als Anla­ge i. S. d. § 316 b Abs. 1 Nr. 3 StGB [19] zwingt des Senat nicht nach § 121 Abs. 2 GVG zur Vor­la­ge an den Bun­des­ge­richts­hof. Eine Vor­la­ge­pflicht besteht nur, wenn die Rechts­an­sicht für die frü­he­re Rechts­sa­che von ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Bedeu­tung war Mey­er-Goß­ner, StPO, 56. Aufl., § 121 GVG Rn. 10)). Die­se Vor­aus­set­zung liegt nicht vor, weil § 316 b SGB eine Ein­wir­kung auf die Sach­sub­stanz ver­langt, wor­an es in jenem Fall – der Ange­klag­te park­te Fahr­zeu­ge vor dem Sen­sor der Mess­ein­heit und ver­hin­der­te dadurch die Mes­sung – fehl­te [20].
Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig – Urteil vom 18. Okto­ber 2013 – 1 Ss 6/​13
Fischer, StGB, 60. Aufl,. § 306 Rn. 5[↩]
Fischer, StGB, 60. Aufl., § 306 Rn. 5; Norou­zi in von Heint­schel-Hein­egg, StGB, § 306 Rn. 8; Wolff in Leip­zi­ger Kom­men­tar StGB, 12. Aufl., § 306 Rn. 30; Rad­tke in Münch­ner Kom­men­tar, StGB, § 306 Rn. 16, 32[↩]
Rad­tke in Münch­ner Kom­men­tar, StGB, § 306 Rn. 32; Wolff in Leip­zi­ger Kom­men­tar StGB, 12. Aufl., § 306 Rn. 30; Hei­ne in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 306 Rn. 5; Wol­ters in SSW StGB, § 306 Rn. 4[↩]
Wolff in Leip­zi­ger Kom­men­tar StGB, 12. Aufl., § 306 Rn. 30[↩]
Rad­tke in Münch­ner Kom­men­tar, StGB, § 306 Rn. 32; Hei­ne in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 306 Rn. 5[↩]
Rad­tke in Münch­ner Kom­men­tar, StGB, § 306 Rn. 32; Norou­zi in von Heint­schel-Hein­egg, StGB, § 306 Rn.06.01. Es kommt nach die­ser, aus Sicht des Senats zutref­fen­den Ansicht dar­auf an, ob das Inbrand­set­zen der Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge gene­rell als geeig­net anzu­se­hen ist, nicht nur den Mess­an­la­gen­ei­gen­tü­mer zu schä­di­gen, son­dern auch sons­ti­ge Rechts­gü­ter zu beein­träch­ti­gen ((vgl. Rad­tke in Münch­ner Kom­men­tar, StGB, § 306 Rn. 21; Norou­zi, a. a. O.[↩]
Rad­tke in Münch­ner Kom­men­tar, StGB, § 306 Rn. 10; Fischer, StGB, 60. Aufl., § 306 Rn. 21 [wegen der Beschrän­kung auf frem­de Tat­ob­jek­te nur „müh­sam“][↩]
BGH, Beschluss vom 21.11.2000 – 1 StR 438/​00[↩]
OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 17.08.2012 – 2 Ss 107/​12, juris, Rn. 8 ff.[↩]
Fischer, StGB, 60. Aufl., § 316 b Rn. 5 [Radar­an­la­gen]; König in Leip­zi­ger Kom­men­tar StGB, 12. Aufl., § 316 b Rn. 29 [Geschwin­dig­keits­mess­an­la­ge][↩]
OLG Stutt­gart, Beschluss vom 03.03.1997 – 2 Ss 59/​97, juris, Rn. 12[↩]
Stern­berg-Lie­ben/He­cker in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 316 b Rn. 5; Wieck-Noodt in Münch­ner Kom­men­tar, StGB, § 316 b Rn. 21; dif­fe­ren­zie­rend: OLG Stutt­gart, Beschluss vom 03.03.1997 – 2 Ss 59/​97[↩]
OLG Stutt­gart, Beschluss vom 03.03.1997 – 2 Ss 59/​97; Stern­berg-Lie­ben/He­cker, a. a. O.; Wieck-Noodt, a. a. O.; Bern­stein, Zur Rechts­na­tur von Geschwin­dig­keits­kon­trol­len, NZV 1999, 316, 321[↩]
OLG Stutt­gart, Beschluss vom 03.03.1997 – 2 Ss 59/​97[↩]
Bern­stein, Zur Rechts­na­tur von Geschwin­dig­keits­kon­trol­len, NZV 1999, 316, 322[↩]
Stree/​Hecker in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 304 Rn. 5[↩]
Stree/​Hecker, a. a. O.[↩]
BGH, Beschluss vom 15.07.2010 – 4 StR 164/​10, juris, Rn. 7; Bay­O­bLG NJW 1989, S. 656; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 14.07.1989 – 5 Ss 251/​89; Zieschang in Leip­zi­ger Kom­men­tar StGB, 12. Aufl., § 274 Rn. 71[↩]
OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 17.08.2012 – 2 Ss 107/​12[↩]
BGH, Beschluss vom 15.05.2013, a.a.O.[↩]
BrandstiftungGeschwindigkeitsmessungSachbeschädigung