Source: https://www.kanzlei-seiten.de/kanzlei/krau-rechtsanw%C3%A4lte/bibliothek/das-teure-nudelholz-erbrechtliche-fehler
Timestamp: 2020-06-06 17:12:16
Document Index: 151118301

Matched Legal Cases: ['§ 1931', '§ 1371', '§ 1371', '§ 1931', '§ 1931', '§ 1371']

Das teure Nudelholz - Erbrechtliche Fehler und ihre Folgen | Rechtsanwalt bei Kanzlei-Seiten.de
Der Notar schmunzelte über diesen scheinbar gelungenen Einfall und nahm die Regelung in das Testament auf. Das führte dazu, dass die Ehefrau nach dem reinen Wortlaut des notariellen Testamentes das Doppelte dessen erhielt, was sie ohne Nudelholz-Vermächtnis bekommen hätte. Das alles wegen eines schlichten Vermächtnisses.
Nach gesetzlichem Erbrecht wären hier die Ehefrau zu ein Halb (ein Viertel aus § 1931 BGB, ein Viertel aus dem fiktiven Zugewinn nach § 1371 Absatz 1 BGB) und die Tochter zu ein Halb geworden.
Um das Pflichtteilsrecht der enterbten Ehegattin zu beurteilen, gibt es zwei Möglichkeiten, den sogenannten großen und den kleinen Pflichtteil (§ 1371 Absatz 2 BGB). Ist der Ehegatte enterbt und ist ihm auch kein Vermächtnis zugewendet, so steht ihm nur der kleine Pflichtteil zu, das ist die Hälfte des Viertels aus § 1931, also ein Achtel. Zusätzlich bleibt der Anspruch auf den realen Zugewinn (sog. güterrechtliche Lösung), einen solchen gibt es aber in unserem Fall nicht. Es wäre also für die Ehefrau ohne die kleine Gehässigkeit des Vermächtnisses bei 1/8 geblieben. Ist der Ehegatte dagegen Erbe (und sei die Quote noch so klein) oder er erhält ein Vermächtnis (und sei es noch so klein, etwa in Form eines Nudelholzes für wenige Euro), so kann der sogenannte große Pflichtteil entstehen. Dies ist die Hälfte aus dem Vierteil aus Erbrecht (§ 1931 BGB) sowie dem Viertel aus fiktivem Zugewinnausgleich (§ 1371 Absatz 2 BGB, sog. erbrechtliche Lösung), im Ergebnis also ein Pflichtteil von ¼.
Die Wechselwirkungen zwischen Familienrecht und Erbrecht können also zu überraschenden Ergebnissen führen. Bei der Nachfolgeplanung eröffnet die Wahlmöglichkeit zwischen großem und kleinem Pflichtteil Gestaltungsmöglichkeiten für den Erblasser. Das gilt insbesondere bei hohen lebzeitigen Zuwendungen, Anrechnungen auf Pflichtteilsergänzungsansprüche und einem namhaften Zugewinn. Weiterhin für die Gestaltung sehr wichtig: Schenkung und Erbe unterliegen der Erbschaftsteuer, der Zugewinn dagegen nicht!
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