Source: http://m.hensche.de/EuGH_Rs_Roemer_Diskriminierung_wegen_sexueller_Ausrichtung_bei_geringerer_Altersversorgung_fuer_homosexuelle_Lebenspartner_EuGH_C-147-08_Roemer-u.html
Timestamp: 2016-12-09 01:53:32
Document Index: 148416630

Matched Legal Cases: ['Art. 141', 'Art. 157', 'Art. 6', '§ 1', '§ 10', 'Art. 6', 'Art. 3', '§ 10', 'Art. 18', 'Art. 1', 'Art. 2', '§ 10', 'Art. 13']

HENSCHE Arbeitsrecht: C-147/08
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16), der all­ge­mei­nen Grundsätze des Uni­ons­rechts und von Art. 141 EG (dem nun Art. 157 AEUV ent­spricht) bezüglich der Dis­kri­mi­nie­rung in Beschäfti­gung und Be­ruf we­gen der se­xu­el­len Aus­rich­tung.
Art. 6 Abs. 1 des Grund­ge­set­zes für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (GG) be­stimmt, dass „Ehe und Fa­mi­lie … un­ter dem be­son­de­ren Schut­ze der staat­li­chen Ord­nung [ste­hen]“. Ge­setz über die Ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft
§ 1 Abs. 1 des Ge­set­zes über die Ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft vom 16. Fe­bru­ar 2001 (LPartG) sieht hin­sicht­lich Form und Vor­aus­set­zun­gen der Le­bens­part­ner­schaft vor: „Zwei Per­so­nen glei­chen Ge­schlechts be­gründen ei­ne Le­bens­part­ner­schaft, wenn sie ge­gen­sei­tig persönlich und bei gleich­zei­ti­ger An­we­sen­heit erklären, mit­ein­an­der ei­ne Part­ner­schaft auf Le­bens­zeit führen zu wol­len (Le­bens­part­ne­rin­nen oder Le­bens­part­ner). Die Erklärun­gen können nicht un­ter ei­ner Be­din­gung oder Zeit­be­stim­mung ab­ge­ge­ben wer­den. Die Erklärun­gen wer­den wirk­sam, wenn sie vor der zuständi­gen Behörde er­fol­gen …“
Gemäß der „Ver­sor­gungs­mit­tei­lung Ru­he­geld“ der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg vom 2. Sep­tem­ber 2001 be­trug das Herrn Römer gewähr­te mo­nat­li­che Ru­he­geld ab Sep­tem­ber 2001 un­ter Zu­grun­de­le­gung von Bezügen, die um die nach Steu­er­klas­se I zu zah­len­den Steu­ern re­du­ziert wur­den, 1 204,55 DM (615,88 Eu­ro). Nach der Be­rech­nung des Be­trof­fe­nen, die von sei­nem ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber nicht be­strit­ten wird, wäre das mo­nat­li­che Ru­he­geld bei ei­ner Be­rech­nung un­ter Zu­grun­de­le­gung der Steu­er­klas­se III/0 im Sep­tem­ber 2001 um 590,87 DM (302,11 Eu­ro) höher ge­we­sen.
Die Freie und Han­se­stadt Ham­burg macht gel­tend, der Be­griff „ver­hei­ra­tet“ in § 10 Abs. 6 Nr. 1 1. RGG sei nicht in dem von Herrn Römer ver­tre­te­nen Sinn aus­le­gungsfähig. Sie be­ruft sich im We­sent­li­chen dar­auf, dass gemäß Art. 6 Abs. 1 GG Ehe und Fa­mi­lie un­ter dem be­son­de­ren Schutz der staat­li­chen Ord­nung stünden. Zwi­schen der Fra­ge der ge­mein­sa­men Ver­an­la­gung und der Fra­ge, ob fik­tiv die Steu­er­klas­se III/0 bei der Be­rech­nung der Ver­sor­gungs­bezüge nach dem 1. RGG zu­grun­de zu le­gen sei, be­ste­he ei­ne Par­al­le­le. So­wohl die ge­mein­sa­me Ver­an­la­gung während der Zeit der Ar­beitstätig­keit als auch später die fik­ti­ve Zu­grun­de­le­gung der Steu­er­klas­se III/0 bei der Be­rech­nung der Ver­sor­gungs­bezüge würden darüber ent­schei­den, wel­che fi­nan­zi­el­len Mit­tel zur Le­bensführung den Be­trof­fe­nen mo­nat­lich zur Verfügung stünden. Die Begüns­ti­gung der­je­ni­gen Per­so­nen, die ei­ne Fa­mi­lie be­gründet hätten oder po­ten­zi­ell hätten be­gründen können, ver­fol­ge den Zweck, die da­mit ver­bun­de­nen erhöhten fi­nan­zi­el­len Be­las­tun­gen aus­zu­glei­chen.
Un­ter die­sen Umständen hat das Ar­beits­ge­richt Ham­burg mit Ent­schei­dung vom 4. April 2008, ergänzt mit Ent­schei­dung vom 28. Ja­nu­ar 2009, be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen: 1. Han­delt es sich bei den durch das 1. RGG ge­re­gel­ten Zu­satz­ver­sor­gungs­bezügen für ehe­ma­li­ge An­ge­stell­te und Ar­bei­ter der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg so­wie de­ren Hin­ter­blie­be­ne im Sin­ne von Art. 3 Abs. 3 der Richt­li­nie 2000/78 um „Leis­tun­gen … sei­tens der staat­li­chen Sys­te­me oder der da­mit gleich­ge­stell­ten Sys­te­me ein­sch­ließlich der staat­li­chen Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit oder des so­zia­len Schut­zes“ mit der Fol­ge, dass die be­zeich­ne­te Richt­li­nie im Re­ge­lungs­be­reich des 1. RGG kei­ne An­wen­dung fin­det?
5. a) Wenn die Fra­ge zu 3 oder zu 4 be­jaht wird: Hat dies zur Fol­ge, dass auch, so­lan­ge § 10 Abs. 6 des 1. RGG nicht im Sin­ne der Be­he­bung der gerügten Un­gleich­be­hand­lung geändert ist, der nicht dau­ernd ge­trennt le­ben­de ver­part­ner­te Ver­sor­gungs­empfänger ver­lan­gen kann, bei der Be­rech­nung der Zu­satz­ver­sor­gungs­bezüge wie ein nicht dau­ernd ge­trennt le­ben­der ver­hei­ra­te­ter Ver­sor­gungs­empfänger be­han­delt zu wer­den? b) Wenn ja, gilt dies – bei An­wend­bar­keit der Richt­li­nie 2000/78 und bei Be­ja­hung der Fra­ge zu 3 – auch be­reits vor Ab­lauf der Um­set­zungs­frist gemäß Art. 18 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78?
Zu den ers­ten bei­den Fra­gen 29
Das vor­le­gen­de Ge­richt führt in die­sem Zu­sam­men­hang aus, dass die Ände­rung des LPartG durch das Ge­setz vom 15. De­zem­ber 2004 da­zu bei­ge­tra­gen ha­be, die für die Le­bens­part­ner­schaft ge­schaf­fe­nen Re­ge­lun­gen den für die Ehe gel­ten­den schritt­wei­se an­zunähern. Es be­ste­he kein ins Ge­wicht fal­len­der recht­li­cher Un­ter­schied mehr zwi­schen den Per­so­nenständen, wie sie in der deut­schen Rechts­ord­nung kon­zi­piert sei­en. Der ver­blei­ben­de Un­ter­schied lie­ge im We­sent­li­chen dar­in, dass die Ehe die Ver­schie­den­ge­schlecht­lich­keit der Part­ner, die ein­ge­tra­ge­ne Le­bens­part­ner­schaft de­ren Gleich­ge­schlecht­lich­keit vor­aus­set­ze.
Da­her ist auf die drit­te und die sieb­te Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 1 in Ver­bin­dung mit den Art. 2 und 3 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 2000/78 ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung wie § 10 Abs. 6 1. RGG, auf­grund de­ren ein in ei­ner Le­bens­part­ner­schaft le­ben­der Ver­sor­gungs­empfänger Zu­satz­ver­sor­gungs­bezüge in ge­rin­ge­rer Höhe erhält als ein nicht dau­ernd ge­trennt le­ben­der ver­hei­ra­te­ter Ver­sor­gungs­empfänger, ent­ge­gen­steht, wenn – im be­tref­fen­den Mit­glied­staat die Ehe Per­so­nen un­ter­schied­li­chen Ge­schlechts vor­be­hal­ten ist und ne­ben ei­ner Le­bens­part­ner­schaft wie der nach dem LPartG, die Per­so­nen glei­chen Ge­schlechts vor­be­hal­ten ist, be­steht und
We­der Art. 13 EG noch die Richt­li­nie 2000/78 ermögli­chen es je­doch, ei­ne Si­tua­ti­on wie die­je­ni­ge im Aus­gangs­ver­fah­ren für die Zeit vor Ab­lauf der Um­set­zungs­frist die­ser Richt­li­nie an den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts an­zu­knüpfen (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 23. Sep­tem­ber 2008, Bartsch, C‑427/06, Slg. 2008, I‑7245, Rand­nrn. 16 und 18, und Kücükde­ve­ci, Rand­nr. 25).
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