Source: http://examensrelevant.de/genereller-nutzungsersatz-nach-widerruf-europarechtswidrig/
Timestamp: 2017-11-19 21:39:35
Document Index: 206414962

Matched Legal Cases: ['EuG', 'Art. 6', '§ 357', '§ 346', 'Art. 6', 'EuG', 'Art. 6', 'Art. 6', 'EuG', '§ 346', '§ 357', 'EuG', 'EuG']

Genereller Nutzungsersatz nach Widerruf europarechtswidrig - Examensrelevant.de
Von Examensrelevant 3. September 2009 Aktuelles, Urteile Keine Kommentare
Nach dem EuGH darf ein Versandhändler bei Widerruf des Kaufvertrages nicht generell Nutzungsersatz verlangen. - Bild: osde8info (cc)
Am 7. November 2006 widerrief Frau M. den Kaufvertrag und bot Stefan K. das Notebook Zug um Zug gegen Rückzahlung des Kaufpreises an. Dieser Widerruf erfolgte innerhalb der im BGB vorgesehenen Fristen, da Frau M. nicht die nach dessen Bestimmungen für das Inlaufsetzen der Frist erforderliche Widerrufsbelehrung erhalten hatte. Frau M. erhob gegen Stefan K. vor dem Amtsgericht Lahr Klage auf Zahlung des Betrags von 278 Euro. Stefan K. trägt beim vorlegenden Gericht gegen die Klageforderung vor, dass Frau M. ihm für ihre Nutzung des Notebooks für etwa acht Monate auf jeden Fall Wertersatz zu leisten habe. Bei einem vergleichbaren Notebook liege der Mietpreis im Marktdurchschnitt bei 118,80 Euro für drei Monate, so dass sich für die Nutzungszeit der Klägerin ein Wertersatz von 316,80 Euro ergebe.
Die Fernabsatzrichtlinie (RL 97/7EG vom 20.5.1997) bestimmt in Art. 6 Abs. 2:
„Übt der Verbraucher das Recht auf Widerruf gemäß diesem Artikel aus, so hat der Lieferer die vom Verbraucher geleisteten Zahlungen kostenlos zu erstatten. Die einzigen Kosten, die dem Verbraucher infolge der Ausübung seines Widerrufsrechts auferlegt werden können, sind die unmittelbaren Kosten der Rücksendung der Waren. (…)“
Nach § 357 III BGB hat der Verbraucher jedoch
„(…) abweichend von § 346 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 Wertersatz für eine durch die bestimmungsgemäße Ingebrauchnahme der Sache entstandene Verschlechterung zu leisten, wenn er spätestens bei Vertragsschluss in Textform auf diese Rechtsfolge und eine Möglichkeit hingewiesen worden ist, sie zu vermeiden.“
Nun stellte sich dem AG Lahr die Frage, ob die Bestimmungen des Art. 6 Abs. 2 in Verbindung mit Abs. 1 Satz 2 der Richtlinie 97/7/EG dahin auszulegen sind, dass diese einer nationalen gesetzlichen Regelung entgegensteht, die besagt, dass der Verkäufer im Falle des fristgerechten Widerrufes durch den Verbraucher Wertersatz für die Nutzung des gelieferten Verbrauchsgutes verlangen kann.
Der EuGH hat diese Frage teilweise bejaht:
„Die Bestimmungen des Art. 6 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 der Richtlinie 97/7/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Mai 1997 über den Verbraucherschutz bei Vertragsabschlüssen im Fernabsatz sind dahin auszulegen, dass sie einer nationalen Regelung entgegenstehen, nach der der Verkäufer vom Verbraucher für die Nutzung einer durch Vertragsabschluss im Fernabsatz gekauften Ware in dem Fall, dass der Verbraucher sein Widerrufsrecht fristgerecht ausübt, generell Wertersatz für die Nutzung der Ware verlangen kann.“
„Falls nämlich der Verbraucher einen solchen pauschalierten Wertersatz allein deshalb leisten müsste, weil er die Möglichkeit hatte, die durch Vertragsabschluss im Fernabsatz gekaufte Ware in der Zeit, in der er sie im Besitz hatte, zu benutzen, könnte er (…) sein Widerrufsrecht nur gegen Zahlung dieses Wertersatzes ausüben. Eine solche Folge liefe eindeutig dem Wortlaut und der Zielsetzung von Art. 6 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 der Richtlinie 97/7 zuwider und nähme insbesondere dem Verbraucher die Möglichkeit, die ihm von der Richtlinie eingeräumte Bedenkzeit völlig frei und ohne jeden Druck zu nutzen.“
Allerdings schließt der EuGH die Möglichkeit des Wertersatzes bei Widerruf nicht vollständig aus:
„Diese Bestimmungen stehen jedoch nicht einer Verpflichtung des Verbrauchers entgegen, für die Benutzung der Ware Wertersatz zu leisten, wenn er diese auf eine mit den Grundsätzen des bürgerlichen Rechts wie denen von Treu und Glauben oder der ungerechtfertigten Bereicherung unvereinbare Art und Weise benutzt hat, sofern die Zielsetzung dieser Richtlinie und insbesondere die Wirksamkeit und die Effektivität des Rechts auf Widerruf nicht beeinträchtigt werden (…)“
Relevante Rechtsnormen: § 346 BGB (Wirkung des Rücktritts), § 357 BGB (Rechtsfolgen des Widerrufs), Fernabsatzrichtlinie
Examensrelevanz: §§§§§ – Ein kaufrechtlicher Fall mit Bezügen zum europäischen Verbraucherschutzrecht hat nach unserer Meinung allerhöchste Examensrelevanz. Im November letzten Jahres lief eine ähnlich gelagerte Klausur in NRW im Examen (–> „Quelle-Urteil“ des EuGH – Az. C-404/06). Die relevanten Vorschriften der Fernabsatzrichtlinie müssten natürlich als Anhang der Klausur beigelegt werden.
Meldung zum Urteil auf juris.de
AFP-Meldung zum Urteil
Urteil des EuGH im Volltext (kann leider nicht direkt verlinkt werden – einfach hier klicken und das Az. C-489/07 eingeben)
Die Richtlinie 97/07EG im Volltext
Infos zur Fernabsatzrichtlinie bei Wikipedia
eughfernabsatzkaufrechtkaufvertragverbraucherschutzvorlagewiderruf