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Timestamp: 2020-02-24 06:09:28
Document Index: 390528188

Matched Legal Cases: ['§ 43', '§ 43', '§ 43', '§ 43', '§ 11', '§ 24', '§ 5', '§ 43', '§ 43', '§ 11', '§ 43', '§ 43']

Der Zivil­dienst, das Stu­di­um und die unzu­mut­ba­re Här­te | Rechtslupe
Der Zivildienst, das Studium und die unzumutbare Härte
4. Oktober 2010 Rechtslupe
Der Zivil­dienst, das Stu­di­um und die unzu­mut­ba­re Här­te
Liegt die Dau­er der War­te­zeit bis zum Beginn eines Stu­di­ums über der Dau­er des Zivil­diens­tes liegt nach einer Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts Göt­tin­gen eine unzu­mut­ba­re Här­te im Sin­ne des § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG vor.
Nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG kann ein Dienst­leis­ten­der auf sei­nen Antrag aus dem Zivil­dienst ent­las­sen wer­den, wenn das Ver­blei­ben im Zivil­dienst für ihn wegen per­sön­li­cher, ins­be­son­de­re beruf­li­cher oder wirt­schaft­li­cher Grün­de, die nach dem für den Dienstein­tritt fest­ge­setz­ten Zeit­punkt ent­stan­den sind, eine beson­de­re Här­te bedeu­ten wür­de. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 1 kann ein zusätz­li­cher Zeit­ver­lust von mehr als sechs Mona­ten zwi­schen der vor­ge­se­he­nen Dienst­zeit und dem nächst­mög­li­chen Aus­bil­dungs­be­ginn eine beson­de­re Här­te dar­stel­len.
In dem jetzt vom Ver­wal­tungs­ge­richt Göt­tin­gen ent­schie­de­nen Fall hat der Antrag­stel­ler mit Zulas­sungs­be­scheid vom 02.09.2010 einen Stu­di­en­platz für Medi­zin an der Chris­ti­an-Albrechts-Uni­ver­si­tät in Kiel zum Win­ter­se­mes­ter 2010/​11 erhal­ten. Das Semes­ter beginnt am 01.10.2010. Der nächs­te Stu­di­en­be­ginn ist erst im Okto­ber 2011. Ohne die vom Antrag­stel­ler zum 01.10.2010 begehr­te vor­zei­ti­ge Ent­las­sung aus dem noch bis zum 28.02.2011 dau­ern­den Zivil­dienst könn­te er das beab­sich­tig­te Medi­zin­stu­di­um erst zum 01.10.2011 auf­neh­men, wodurch ihm ein über­ge­bühr­li­cher – d.h. außer Ver­hält­nis zur Dau­er der Aus­bil­dung und zur Dau­er des Zivil­diens­tes ste­hen­der – zivil­dienst­be­ding­ter Zeit­ver­lust von sie­ben Mona­ten (= Zeit­raum zwi­schen dem Ende des Zivil­diens­tes und dem nächst­mög­li­chen Stu­di­en­be­ginn) ent­ste­hen wür­de. Damit ist es gera­de die begehr­te vor­zei­ti­ge Ent­las­sung, die in der Lage ist, hier einer beson­de­ren Här­te zu begeg­nen.
Unter Zugrun­de­le­gung der vor­ge­nann­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts liegt damit nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Göt­tin­gen ein nach dem Dienst­an­tritts­zeit­punkt des Antrag­stel­lers (01.09.2010) ein­ge­tre­te­ner Grund vor, der eine beson­de­re Här­te im Sin­ne von § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG begrün­det.
Soweit das Bun­des­amt für den Zivil­dienst dem­ge­gen­über einen Zeit­ver­lust von (nur) sechs Mona­ten errech­ne­te, stellt sich die­se Berech­nung des Zeit­ver­lus­tes als feh­ler­haft dar. Nach ihrer Auf­fas­sung sei aus­ge­hend von dem ohne den Zivil­dienst mög­li­chen Stu­di­ums­be­ginn (hier: 01.10.2010) dar­auf abzu­stel­len, wann der nächst­mög­li­che Ter­min für den Stu­di­en­be­ginn nach Ableis­tung des Zivil­diens­tes sei (hier: 01.10.2011). Die­ser sich dabei erge­ben­de Zeit­ver­lust (hier: zwölf Mona­te) sei dann um die vol­le Dau­er des Zivil­diens­tes von sechs Mona­ten zu kür­zen, wodurch im Fall des Antrag­stel­lers sich ein Zeit­ver­lust von dann nur sechs Mona­ten errech­net. Zur Begrün­dung die­ser Berech­nungs­me­tho­de beruft sich die Antrags­geg­ne­rin auf den als ermes­sens­bin­den­de Ver­wal­tungs­vor­schrift zu qua­li­fi­zie­ren­den Erlass des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend vom 21. Dezem­ber 2009 betref­fend die Berech­nung des Zeit­ver­lus­tes als beson­de­re Här­te nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG (in der Fol­ge: Minis­te­rial­er­lass).
Gemäß die­sem Minis­te­rial­er­lass ist für die Ermitt­lung des eine beson­de­re Här­te im Sin­ne von §§ 11 Abs. 4 Satz 1 bzw. 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG begrün­den­den Zeit­ver­lus­tes der Zeit­raum zwi­schen dem ohne den Zivil­dienst mög­li­chen Stu­di­en- oder Aus­bil­dungs­be­ginn und dem nächst­mög­li­chen Ter­min nach Ableis­tung des Zivil­diens­tes maß­ge­bend. Erst wenn die­ser Zeit­raum nach Abzug der abzu­leis­ten­den Zivil­dienst­dau­er neun Mona­te oder – wie hier – zumin­dest sechs Mona­te über­steigt, ist grund­sätz­lich von einer beson­de­ren Här­te aus­zu­ge­hen oder eine Ent­schei­dung nach der Bil­lig­keits­re­ge­lung zu tref­fen.
Die­ser Minis­te­rial­er­lass wird nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Göt­tin­gen von der Antrags­geg­ne­rin jedoch feh­ler­haft ange­wen­det. Inso­weit folgt das Ver­wal­tungs­ge­richt den Ent­schei­dun­gen einer Rei­he wei­te­rer Ver­wal­tungs­ge­rich­te 2.
Dass mit dem dar­in ent­hal­te­nen Pas­sus „Abzug der abzu­leis­ten­den Zivil­dienst­dau­er“ stets die vol­le, also die gesetz­li­che Dau­er des Zivil­diens­tes von 9 Mona­ten (§ 24 Abs. 2 Satz 1 ZDG i. V. m. § 5 Abs. 1a WPflG) gemeint ist, kann im Hin­blick auf die mit die­sem Minis­te­rial­er­lass bezweck­te ein­heit­li­che, auf eine gleich­ar­ti­ge Behand­lung die­ser Fäl­le abzie­len­de sach­ge­rech­te Ermes­sens­aus­übung der Behör­de bei der Prü­fung des Vor­lie­gens einer beson­de­ren Här­te wegen Zeit­ver­lus­tes nicht ange­nom­men wer­den. Denn wür­de man der Berech­nungs­me­tho­de der Antrags­geg­ne­rin fol­gen, so käme man in den Fäl­len, in denen der Dienst­pflich­ti­ge – wie auch im Fall des Antrag­stel­lers – sei­nen Dienst bereits ange­tre­ten hat und des­halb wegen einer vor dem Ende der regu­lä­ren Dienst­zeit begin­nen­den Aus­bil­dung nur eine vor­zei­ti­ge Ent­las­sung nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG in Betracht kommt, unter kei­ner vor­stell­ba­ren Kon­stel­la­ti­on zu einem Zeit­ver­lust, der 6 Mona­te über­steigt. Mit­hin käme man in die­sen Fäl­len auch nie zum Vor­lie­gen einer nach die­sem Minis­te­rial­er­lass ab einem Zeit­ver­lust von mehr als 6 Mona­ten anzu­neh­men­den beson­de­ren Här­te. Bei der Berech­nungs­me­tho­de der Antrag­stel­le­rin wird der­je­ni­ge, der sei­nen Dienst ange­tre­ten und damit im Zeit­punkt der nach § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG erfolg­ten Antrag­stel­lung auf vor­zei­ti­ge Ent­las­sung schon eine gewis­se Dienst­zeit abge­leis­tet hat, gegen­über dem­je­ni­gen benach­tei­ligt, der sei­nen Dienst erst noch anzu­tre­ten hat, also noch die vol­le Zivil­dienst­dau­er abzu­leis­ten hat. Denn dem den Dienst bereits ableis­ten­den Zivil­dienst­leis­ten­den wird bei der Berech­nungs­me­tho­de der Antrags­geg­ne­rin die Zivil­dienst­zeit bei der Ermitt­lung des Zeit­ver­lus­tes prak­tisch „dop­pelt“ in Abzug gebracht, denn zum einen hat die­ser bereits eine gewis­se Dau­er Zivil­dienst geleis­tet – womit bereits ein – aller­dings hin­zu­neh­men­der – Zeit­ver­lust bei sei­ner Aus­bil­dung ent­steht, und zum ande­ren muss er sich noch­mals die vol­le gesetz­li­che Zivil­dienst­dau­er bei der Berech­nung des Zeit­ver­lus­tes in Abzug brin­gen las­sen, wodurch sich dann rein rech­ne­risch sein Zeit­ver­lust erheb­lich – näm­lich stets um 9 Mona­te – redu­ziert, obwohl er nach dem regu­lä­ren Ende sei­nes Zivil­diens­tes tat­säch­lich aber einen über 6 Mona­te betra­gen­den Zeit­ver­lust bis zum Beginn sei­ner Aus­bil­dung hat. Der Pas­sus „nach Abzug der abzu­leis­ten­den Zivil­dienst­dau­er“ kann des­halb sach­ge­rech­ter­wei­se nur die noch abzu­leis­ten­de Zivil­dienst­dau­er mei­nen, die bei einem den Dienst noch nicht ange­tre­te­nen Zivil­dienst­leis­ten­den mit den vol­len 9 Mona­ten und bei einem den Dienst bereits ableis­ten­den Zivil­dienst­leis­ten­den – wie auch dem Antrag­stel­ler – mit der von die­sem noch abzu­leis­ten­den Rest­dau­er des Zivil­diens­tes anzu­set­zen ist. Nur bei einem sol­chen Ver­ständ­nis macht der sich nicht nur auf die Zurück­stel­lung vom, son­dern auch auf die vor­zei­ti­ge Ent­las­sung aus dem Zivil­dienst wegen beson­de­rer Här­te nach §§ 11 Abs. 4 Satz 1 bzw. 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG bezie­hen­de Minis­te­rial­er­lass als ermes­sens­bin­den­de Ver­wal­tungs­vor­schrift Sinn.
Im vor­lie­gen­den Fall des Antrag­stel­lers ergibt sich bei die­ser – eine Gleich­be­hand­lung aller Dienst­leis­ten­den gewäh­ren­den – Anwen­dung des Minis­te­rial­er­las­ses ein Zeit­ver­lust von sie­ben Mona­ten. Zu die­sem Zeit­ver­lust gelangt man, wenn man vom Zeit­raum zwi­schen dem ohne den Zivil­dienst mög­li­chen Aus­bil­dungs­be­ginn (hier: 01.10.2010) und dem nächst­mög­li­chen Ter­min nach Ableis­tung des Zivil­diens­tes (hier: 01.10.2011) von zwölf Mona­ten die vom Antrag­stel­ler ab 01.10.2010 noch abzu­leis­ten­de Zivil­dienst­dau­er (bis 28.02.2011) von fünf Mona­ten abzieht. Damit liegt im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall eine beson­de­re Här­te i. S v. § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG vor. Der dro­hen­de Zeit­ver­lust steht außer Ver­hält­nis zur Dau­er der Aus­bil­dung und zur Dau­er des Zivil­diens­tes.
Selbst bei der Anwen­dung des Minis­ter­er­las­ses in dem vom Bun­des­am­tes für den Zivil­dienst ver­stan­de­nen Sin­ne führt dies hier zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis, da eine unzu­mut­ba­re Här­te noch aus wei­te­ren Grün­den vor­liegt. Die Dau­er der War­te­zeit von sie­ben Mona­ten über­steigt näm­lich die Dau­er des Zivil­diens­tes von sechs Mona­ten. Eine War­te­zeit, die die Dienst­zeit als sol­che über­steigt, steht jeden­falls außer Ver­hält­nis zur letzt­ge­nann­ten 3. Unzu­mut­bar ist eine sol­che War­te­zeit im Fall des Antrag­stel­lers auch des­halb, weil er in die­ser Zeit nicht finan­zi­ell abge­si­chert ist, wie er unwi­der­spro­chen vor­ge­tra­gen hat. Es ist fer­ner nicht zu erken­nen, wie der Antrag­stel­ler die gesam­ten sie­ben Mona­te sinn­voll und zumut­bar zur Vor­be­rei­tung auf sein Stu­di­um nut­zen könn­te. Schließ­lich ist zu beden­ken, dass nach Auf­fas­sung des Gerichts mit der Ver­kür­zung der Zivil­dienst­zeit auf sechs Mona­te die ursprüng­li­chen Über­le­gun­gen, aus denen eine über die rei­ne Dienst­zeit hin­aus­ge­hen­de War­te­zeit gerecht­fer­tigt erschien, zumin­dest frag­wür­dig gewor­den sind. Es ist kein Grund erkenn­bar, wes­halb die Antrags­geg­ne­rin die Dienst­pflich­ti­gen im Regel­fall nicht so ein­zie­hen kön­nen soll­te, dass ihnen nach Ableis­tung der Regel­dienst­zeit kei­ner­lei wei­te­re War­te­zei­ten bis Aus­bil­dungs- oder Stu­di­en­be­ginn ent­ste­hen, wie dies Pra­xis der Kreis­wehr­ersatz­äm­ter ist. Nach­dem die Bun­des­re­gie­rung die Aus­set­zung der Wehr­pflicht und des Zivil­diens­tes zum nächs­ten Jahr beschlos­sen hat, besteht erst recht kei­ne Recht­fer­ti­gung für eine über die Dienst­zeit hin­aus­ge­hen­de War­te­zeit.
Die Argu­men­te des Bun­des­am­tes dafür, dass dem Antrag­stel­ler die War­te­zeit bis zum nächst­mög­li­chen Stu­di­en­be­ginn zumut­bar sei, über­zeu­gen nicht. Sie beru­hen auf der – wie dar­ge­legt – feh­ler­haf­ten Berech­nung der War­te­zeit. Auf die vom Antrag­stel­ler vor­ge­tra­ge­nen indi­vi­du­el­len Grün­de geht die Antrags­geg­ne­rin gar nicht ein. Schließ­lich über­zeu­gen die von der Antrags­geg­ne­rin zitier­ten Beschlüs­se des Ver­wal­tungs­ge­richts Düs­sel­dorf nicht. Einer­seits bezie­hen sie sich auf den vor­ge­nann­ten minis­te­ri­el­len Erlass, ohne sich aller­dings mit der Pro­ble­ma­tik aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ande­rer­seits berück­sich­ti­gen die Ent­schei­dun­gen nicht aus­rei­chend das Ver­hält­nis der War­te­zeit zur gesam­ten Dienst­zeit und die neue Beschluss­la­ge der Bun­des­re­gie­rung zur Wehr­pflicht und dem Zivil­dienst.
Das in § 43 Abs. 2 Nr. 1 ZDG dem Bun­des­amt für den Zivil­dienst eröff­ne­te Ermes­sen ist hier bereits des­halb in Rich­tung Ent­las­sung des Antrag­stel­lers redu­ziert, weil der Erlass des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Fami­lie, Senio­ren, Frau­en und Jugend vom 21. Dezem­ber 2009 bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung dies so vor­sieht. Denn unter Abzug ledig­lich der noch abzu­leis­ten­den Dienst­zeit ver­bleibt dem Antrag­stel­ler eine War­te­zeit von sie­ben Mona­ten und damit mehr als die sechs Mona­te, bei denen der Erlass von einer beson­de­ren Här­te aus­geht.
Ver­wal­tungs­ge­richt Göt­tin­gen, Beschluss vom 29. Sep­tem­ber 2010 – 1 B 235/​10
vgl. BVerwG, Urtei­le vom 13.11.1969 – VIII C 92.69, BVerw­GE 34, 188 ff.; vom 28.11.1973 – 8 C 166.71; und vom 25.10.1978 – VIII C 25.77[↩]
VG Neu­stadt, Beschluss vom 27.07.2010 – 3 L 701/​10.NW; VG Koblenz, Beschluss vom 30.08.2010 – 1010/10.KO; VG Olden­burg, Beschluss vom 01.09.2010 – 7 B 2151/​10; a. A. VG Düs­sel­dorf, Beschlüs­se vom 30.07.2010 – 11 L 1187/​10; und vom 11.08.2010 – 11 L 1192/​10, aller­dings ohne Begrün­dung[↩]
vgl. VG Koblenz a. a. O. Rn.12[↩]
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