Source: https://www.bag-urteil.com/07-07-2011-bag-2-azr-39610/
Timestamp: 2020-07-15 10:33:20
Document Index: 269255001

Matched Legal Cases: ['§ 148', 'BGH', '§ 123', '§ 123', '§ 123', '§ 81', 'Art. 1', 'Art. 4', 'Art. 5', '§ 17', '§ 85', '§ 85', '§ 85', '§ 68', '§ 2', '§ 611', '§ 626', '§ 119', '§ 119', '§ 626', '§ 120', '§ 15', '§ 15', '§ 81', '§ 15', '§ 2', '§ 81', '§ 81', '§ 15', '§ 81', '§ 15', '§ 7', '§ 15', '§ 15', '§ 3', '§ 3', '§ 15', '§ 15', '§ 7', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 3', '§ 22', '§ 1', '§ 22', '§ 22', '§ 33', '§ 611', '§ 611', '§ 611', '§ 611', '§ 22', '§ 611', '§ 33', '§ 611', '§ 22']

﻿ ﻿ BAG – 2 AZR 396/10 | bag-urteil.com
Anfechtung wegen arglistiger Täuschung – Kündigung
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 07. 07.2011, 2 AZR 396/10
Die Revisionen der Parteien gegen das Teilurteil des Hessischen Landesarbeitsgerichts vom 24. März 2010 – 6/7 Sa 1373/09 – werden zurückgewiesen.
2 AZR 396/10 > Rn 1
2 AZR 396/10 > Rn 2
2 AZR 396/10 > Rn 3
2 AZR 396/10 > Rn 4
2 AZR 396/10 > Rn 5
2 AZR 396/10 > Rn 6
2 AZR 396/10 > Rn 7
2 AZR 396/10 > Rn 8
Die Klägerin hat – soweit im Revisionsverfahren unter diversen weiteren Anträgen von Interesse – beantragt
2 AZR 396/10 > Rn 9
2 AZR 396/10 > Rn 10
2 AZR 396/10 > Rn 11
2 AZR 396/10 > Rn 12
2 AZR 396/10 > Rn 13
2 AZR 396/10 > Rn 14
1. Die Rüge der Beklagten, das Landesarbeitsgericht habe den nicht entschiedenen Teil des Rechtsstreits nicht nach § 148 ZPO aussetzen dürfen, geht als Verfahrensrüge gegen das Teilurteil ins Leere. Der Aussetzungsbeschluss betrifft den durch dieses nicht entschiedenen Teil des Rechtsstreits. Die Frage, ob dem Verfahren hinsichtlich dieses Teils Fortgang hätte gegeben werden müssen, berührt nicht die in die Revision gelangten Streitgegenstände. Das Teilurteil teilt den Rechtsstreit in zwei selbständige Verfahren (BGH 30. Oktober 1997 – VII ZR 299/95 – zu II 3 a der Gründe, NJW 1998, 686).
2 AZR 396/10 > Rn 15
2 AZR 396/10 > Rn 16
a) Die falsche Beantwortung einer dem Arbeitnehmer bei der Einstellung zulässigerweise gestellten Frage kann den Arbeitgeber nach § 123 Abs. 1 BGB dazu berechtigen, den Arbeitsvertrag wegen arglistiger Täuschung anzufechten (BAG 18. Oktober 2000 – 2 AZR 380/99 – zu II 1 der Gründe, BAGE 96, 123; 5. Oktober 1995 – 2 AZR 923/94 – zu B II 1 der Gründe, BAGE 81, 120). Das setzt voraus, dass die Täuschung für den Abschluss des Arbeitsvertrags ursächlich war (vgl. für die widerrechtliche Drohung BAG 12. Mai 2010 – 2 AZR 544/08 – Rn. 41, AP BGB § 123 Nr. 68 = EzA BGB 2002 § 123 Nr. 9; 28. November 2007 – 6 AZR 1108/06 – Rn. 59, BAGE 125, 70).
2 AZR 396/10 > Rn 17
b) Im Streitfall bedarf es keiner Entscheidung darüber, ob sich der Arbeitgeber weiterhin nach einer Anerkennung als Schwerbehinderter auch dann erkundigen darf, wenn die Behinderung für die Ausübung der vorgesehenen Tätigkeit ohne Bedeutung ist (vgl. dazu bisher BAG 18. Oktober 2000 – 2 AZR 380/99 – BAGE 96, 123; 3. Dezember 1998 – 2 AZR 754/97 – zu II 2 der Gründe, BAGE 90, 251; 5. Oktober 1995 – 2 AZR 923/94 – BAGE 81, 120). Dies ist seit Inkrafttreten des § 81 Abs. 2 SGB IX zum 1. Juli 2001 und des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes zum 18. August 2006, insbesondere im Hinblick auf Art. 1, Art. 4 Abs. 1 und Art. 5 Satz 2 der Richtlinie 2000/78/EG des Rates, umstritten (verneinend Deinert in Deinert/Neumann Handbuch SGB IX 2. Aufl. § 17 Rn. 17; LPK-SGB IX/Düwell 3. Aufl. § 85 Rn. 16 f., 20; ders. BB 2001, 1527, 1529 und BB 2006, 1741, 1743; KR/Etzel 9. Aufl. §§ 85 – 90 SGB IX Rn. 32; HaKo/Fiebig 3. Aufl. §§ 85-92 SGB IX Rn. 19; Trenk-Hinterberger in HK-SGB IX 3. Aufl. Rn. 36; Knittel SGB IX Kommentar 5. Aufl. § 68 Rn. 43; Messingschlager NZA 2003, 301, 303; Nollert-Borasio/Perreng AGG 2. Aufl. § 2 Rn. 17 f.; ErfK/Preis 11. Aufl. § 611 BGB Rn. 272, 274; Rolfs/Paschke BB 2002, 1260, 1261; Thüsing/Lambrich BB 2002, 1046, 1049; SPV/Vossen 10. Aufl. Rn. 1522; Wisskirchen/Bissels NZA 2007, 169, 173; bejahend Schaub NZA 2003, 299, 300; differenzierend Joussen NZA 2007, 174, 176 ff.). Selbst wenn die Frage der Beklagten zulässig gewesen wäre und die Klägerin sie wahrheitsgemäß hätte beantworten müssen, wäre der durch die Täuschung erregte Irrtum für den Abschluss des Arbeitsvertrags auf Seiten der Beklagten nicht ursächlich gewesen. Die Beklagte hat ausdrücklich erklärt, sie hätte die Klägerin auch dann eingestellt, wenn diese die Frage wahrheitsgemäß beantwortet hätte.
2 AZR 396/10 > Rn 18
2 AZR 396/10 > Rn 19
2 AZR 396/10 > Rn 20
a) Gemäß § 626 Abs. 1 BGB kann das Arbeitsverhältnis aus wichtigem Grund ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist gekündigt werden, wenn Tatsachen vorliegen, aufgrund derer dem Kündigenden unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls und unter Abwägung der Interessen beider Vertragsteile die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses bis zum Ablauf der Kündigungsfrist nicht zugemutet werden kann. Das Recht zur außerordentlichen Kündigung wird durch eine Möglichkeit zur Anfechtung ebenso wenig ausgeschlossen wie umgekehrt. Beide Gestaltungsrechte bestehen nebeneinander (BAG 28. März 1974 – 2 AZR 92/73 – zu 1 der Gründe, AP BGB § 119 Nr. 3 = EzA BGB § 119 Nr. 5). Die Anfechtung setzt zwar einen Grund voraus, der schon bei Abschluss des Arbeitsvertrags vorgelegen hat, während die Kündigung dazu dient, ein durch nachträgliche Umstände belastetes oder sinnlos gewordenes Arbeitsverhältnis zu beenden (BAG 28. März 1974 – 2 AZR 92/73 – aaO). Denkbar ist aber, dass ein Anfechtungsgrund im zustande gekommenen Arbeitsverhältnis so stark nachwirkt, dass dem Arbeitgeber die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses auch nur bis zum Ablauf der Kündigungsfrist unzumutbar ist (BAG 28. März 1974 – 2 AZR 92/73 – aaO; KR/Fischermeier 9. Aufl. § 626 BGB Rn. 45; APS/Preis 3. Aufl. Grundlagen K Rn. 23; MünchArbR/Wank 2. Aufl. § 120 Rn. 12).
2 AZR 396/10 > Rn 21
2 AZR 396/10 > Rn 22
2 AZR 396/10 > Rn 23
2 AZR 396/10 > Rn 24
2 AZR 396/10 > Rn 25
a) § 15 Abs. 2 AGG eröffnet die Möglichkeit, die Höhe der begehrten Entschädigung in das Ermessen des Gerichts zu stellen. Den Gerichten wird insoweit ein Beurteilungsspielraum eingeräumt. Hängt die Bestimmung eines Betrags vom billigen Ermessen des Gerichts ab, ist ein unbezifferter Zahlungsantrag zulässig. Der Kläger muss allerdings Tatsachen benennen, die zur Bestimmung des Betrags herangezogen werden können, und muss die Größenordnung der geltend gemachten Forderung angeben (BAG 19. August 2010 – 8 AZR 370/09 – Rn. 19, EzA AGG § 15 Nr. 11; 17. August 2010 – 9 AZR 839/08 – Rn. 16, EzA SGB IX § 81 Nr. 21; 16. September 2008 – 9 AZR 791/07 – Rn. 18, BAGE 127, 367).
2 AZR 396/10 > Rn 26
2 AZR 396/10 > Rn 27
2. Die Klage auf Entschädigung ist unbegründet. Die Klägerin wurde von der Beklagten nicht wegen ihrer Behinderung benachteiligt. Es bedarf deshalb keiner Klärung, ob § 15 Abs. 2 AGG nach § 2 Abs. 4 AGG auf Benachteiligungen durch Kündigungen überhaupt anwendbar ist (offen gelassen auch durch BAG 28. April 2011 – 8 AZR 515/10 – Rn. 20, NJW 2011, 2458).
2 AZR 396/10 > Rn 28
2 AZR 396/10 > Rn 29
2 AZR 396/10 > Rn 30
2 AZR 396/10 > Rn 31
2 AZR 396/10 > Rn 32
aa) Nach § 81 Abs. 2 Satz 1 SGB IX in der ab 18. August 2006 geltenden Fassung dürfen Arbeitgeber schwerbehinderte Beschäftigte nicht wegen ihrer Behinderung benachteiligen. Gemäß § 81 Abs. 2 Satz 2 SGB IX gelten hierzu die Regelungen des ebenfalls am 18. August 2006 in Kraft getretenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes. Ein Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot begründet nach § 15 Abs. 2 Satz 1 AGG iVm. § 81 Abs. 2 Satz 2 SGB IX einen Anspruch auf Zahlung einer angemessenen Entschädigung in Geld auch wegen eines Schadens, der nicht Vermögensschaden ist. § 15 Abs. 2 AGG regelt zwar nicht ausdrücklich, dass der Entschädigungsanspruch einen Verstoß des Arbeitgebers gegen das Benachteiligungsverbot gem. § 7 Abs. 1 AGG voraussetzt (BAG 19. August 2010 – 8 AZR 370/09 – Rn. 29, EzA AGG § 15 Nr. 11; 22. Januar 2009 – 8 AZR 906/07 – Rn. 28, BAGE 129, 181). Dies ergibt sich aber aus dem Zusammenhang mit § 15 Abs. 1 AGG (vgl. BAG 24. September 2009 – 8 AZR 705/08 – Rn. 24, AP AGG § 3 Nr. 2 = EzA AGG § 3 Nr. 1). Der Verstoß braucht nicht schuldhaft erfolgt zu sein (BAG 18. März 2010 – 8 AZR 1044/08 – Rn. 36, AP AGG § 15 Nr. 3 = EzA AGG § 15 Nr. 7).
2 AZR 396/10 > Rn 33
bb) Ein Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot gem. § 7 Abs. 1 AGG liegt vor, wenn Beschäftigte wegen eines in § 1 AGG genannten Grundes benachteiligt werden. Der Kausalzusammenhang ist gegeben, wenn die Benachteiligung an einen oder mehrere der in § 1 AGG genannten Gründe anknüpft oder dadurch motiviert ist (BT-Drucks. 16/1780 S. 32). Ausreichend ist, dass ein in § 1 AGG genannter Grund jedenfalls mitursächlich war (BAG 18. März 2010 – 8 AZR 1044/08 – Rn. 33, AP AGG § 15 Nr. 3 = EzA AGG § 15 Nr. 7; 22. Oktober 2009 – 8 AZR 642/08 – Rn. 27, AP AGG § 15 Nr. 2 = EzA AGG § 15 Nr. 4; 21. Juli 2009 – 9 AZR 431/08 – Rn. 40, BAGE 131, 232). Für den Begriff der Benachteiligung gilt § 3 AGG.
2 AZR 396/10 > Rn 34
cc) Die Beweislastregel des § 22 AGG für eine Benachteiligung wegen eines der in § 1 AGG genannten Merkmale wirkt sich auf die Verteilung der Darlegungslast aus. Der Beschäftigte genügt seiner Darlegungslast, wenn er Indizien vorträgt, die seine Benachteiligung wegen eines verpönten Merkmals vermuten lassen. Dies ist der Fall, wenn die vorgetragenen Tatsachen aus objektiver Sicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit darauf schließen lassen, dass die Benachteiligung wegen dieses Merkmals erfolgt ist. Es genügt, Indizien vorzutragen, die zwar nicht zwingend den Schluss auf die Kausalität zulassen, die aber die Annahme rechtfertigen, dass sie gegeben ist (BAG 27. Januar 2011 – 8 AZR 580/09 – Rn. 29, NZA 2011, 737; 20. Mai 2010 – 8 AZR 287/08 (A) – AP AGG § 22 Nr. 1 = EzA AGG § 22 Nr. 1). Dabei ist kein zu strenger Maßstab an die Vermutungswirkung der Hilfstatsachen anzulegen (BAG 24. April 2008 – 8 AZR 257/07 – Rn. 40, AP AGG § 33 Nr. 2 = EzA BGB 2002 § 611a Nr. 6 zu § 611a BGB). Werden vom Arbeitnehmer Tatsachen vorgetragen, die je für sich genommen nicht zur Begründung der Kausalität ausreichen, ist eine Gesamtbetrachtung vorzunehmen. Zu prüfen ist, ob die Hilfstatsachen, werden sie im Zusammenhang gesehen, geeignet sind, die Vermutungswirkung zu begründen (vgl. zu § 611a Abs. 1 Satz 3 BGB aF BAG 27. Januar 2011 – 8 AZR 483/09 – Rn. 25, EzA BGB 2002 § 611a Nr. 7).
2 AZR 396/10 > Rn 35
2 AZR 396/10 > Rn 36
2 AZR 396/10 > Rn 37
2 AZR 396/10 > Rn 38
(a) Allerdings bestand ein enger zeitlicher Zusammenhang zwischen der Anzeige ihrer Schwerbehinderung durch die Klägerin und den Umständen, auf die sie ihren Entschädigungsanspruch stützt. Ob schon ein solcher zeitlicher Zusammenhang geeignet sein kann, die Vermutungswirkung des § 22 AGG auszulösen, bedarf keiner Entscheidung (offen gelassen zu § 611a BGB in BAG 24. April 2008 – 8 AZR 257/07 – Rn. 37, AP AGG § 33 Nr. 2 = EzA BGB 2002 § 611a Nr. 6). Er reicht dafür jedenfalls im Streitfall nicht aus. Das Landesarbeitsgericht ist von der Richtigkeit der Einlassung der Beklagten ausgegangen, nicht der Umstand, dass die Klägerin anerkannte Schwerbehinderte sei, sondern deren falsche Antwort auf die entsprechende Frage sei der Grund für die Anfechtung und die Kündigung des Arbeitsverhältnisses gewesen.
2 AZR 396/10 > Rn 39
2 AZR 396/10 > Rn 40
2 AZR 396/10 > Rn 41
2 AZR 396/10 > Rn 42
2 AZR 396/10 > Rn 43
Die Frage ist auch als Indiztatsache für eine spätere Benachteiligung durch die Freistellung und die diese begleitenden Maßnahmen oder durch die Anfechtung und Kündigung nicht geeignet. Aus ihr lässt sich auf eine Benachteiligungsabsicht der Beklagten nicht mit hinreichender Sicherheit schließen. Die Beklagte kann die Frage – so wie sie geltend macht – auch aus dem Grund gestellt haben, bevorzugt Schwerbehinderte einstellen zu wollen.
2 AZR 396/10 > Rn 44
(e) Auch aus den Gesamtumständen folgen keine hinreichenden Indizien für eine Benachteiligung der Klägerin. Die zeitliche Nähe von Freistellung, Anfechtung und Kündigung zur Anzeige der Schwerbehinderung genügt selbst unter Berücksichtigung der vor der Einstellung gestellten Frage nicht, um die Vermutungswirkung des § 22 AGG auszulösen. Die Beklagte hat sich – plausibel – darauf berufen, sie habe allein den Umstand, dass die Klägerin unehrlich gewesen sei, zum Anlass für die fraglichen Maßnahmen genommen. Das wird nicht dadurch widerlegt, dass sie die Klägerin vor der Einstellung nach einer Anerkennung als Schwerbehinderte gefragt hatte.
2 AZR 396/10 > Rn 45
Eulen Sieg
BB 2012, 1292
Das Urteil BAG – 2 AZR 396/10 wird zitiert in: