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Timestamp: 2019-04-24 04:48:02
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Matched Legal Cases: ['§ 7', '§ 7', '§ 7', '§ 12', '§ 12', '§ 22', '§ 22', '§ 12', '§ 26', '§ 26', '§ 26']

SoVD - Nr. 10 / Februar 2005
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Nr. 10 / Februar 2005
Nr. 10 - Erste Rechtsprechung zum SGB II
Partnereinkommen ? Heizkosten bei Eigenheimen ? Härtefallzuschuss
Gut zwei Monate nach Inkrafttreten des SGB II gibt es bereits erste gerichtliche Entscheidungen. Hierbei handelt es sich um Beschlüsse im einstweiligen Rechtsschutz. Obgleich die Hauptsacheverfahren noch ausstehen, enthalten die Beschlüsse rechtlich durchaus interessante Ausführungen, die für die Beratungspraxis von Bedeutung sein könnten.
I. SG Düsseldorf: Verfassungswidrigkeit wegen Partnereinkommens?
Eine ehemalige Sozialhilfebezieherin beantragte im Wege der einstweiligen Anordnung Leistungen des SGB II. Die Arbeitsagentur hatte Leistungen des SGB II mit der Begründung abgelehnt, die Antragsstellerin lebe in einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft. Zum Beweis trug sie vor, dass man bei einer Außenprüfung in der Wohnung der Antragstellerin ein Doppelbett vorgefunden und einen Mann in Unterhose angetroffen habe.
Das Sozialgericht (SG) Düsseldorf verpflichtete die Arbeitsagentur, der Antragstellerin bis zur Entscheidung in der Hauptsache Leistungen des SGB II zu gewähren. Zur Begründung führte das SG aus, dass die Arbeitsagentur das Vorliegen einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft nicht hinreichend geprüft habe. Denn nach höchstrichterlicher Rechtsprechung setzte eine eheähnliche Lebensgemeinschaft nicht nur eine Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft zwischen Mann und Frau voraus, sondern auch eine Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft.
Für eine eheähnliche Lebensgemeinschaft müssten über die bloße häusliche und wirtschaftliche Gemeinschaft hinaus zwischen Mann und Frau auch so enge Bindungen bestehen, dass von ihnen ein gegenseitiges Einstehen in den Not- und Wechselfällen des Lebens erwartet werden kann. Für das Vorliegen einer Verantwortungs- und Einstehens-gemeinschaft ? so das SG ? reiche nicht aus, wenn die Antragsstellerin mindestens zeitweise mit einem Mann in einem Doppelbett schlafe. Vielmehr seien im vorliegenden Fall auch Anhaltspunkte dafür zu erkennen, dass keine Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft gegeben sei.
Im Übrigen trug das SG verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Anrechnung des Partnereinkommens bei eheähnlichen Lebensgemeinschaften (§ 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchstabe b SGB II) vor. Denn nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts könne eine "nichteheliche Lebensgemeinschaft" nur zwischen Mann und Frau begründet werden. Die Arbeitsagentur wende den Begriff der eheähnlichen Lebensgemeinschaft in ihren Durchführungsvorschriften daher auch nur auf heterosexuelle Paare an. Bei homo-sexuellen Paaren finde eine Anrechnung des Partnereinkommens nur statt, wenn sie eine eingetragene Lebenspartnerschaft geschlossen hätten (§ 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchstabe c SGB II). Hierdurch würden eheähnliche Lebensgemeinschaften von Mann und Frau gegenüber nicht eingetragenen homosexuellen Lebenspartnerschaften willkürlich benachteiligt. Dies sei heute nicht mehr hinnehmbar, da sich auch homosexuelle Lebensgemeinschaften als "sozialer Typus" herausgebildet hätten.
(SG Düsseldorf, Aktenzeichen: S 35 SO 28/05 ER)
Der Beschluss des SG Düsseldorf hat großes Echo in den Medien gefunden. Nach Rechtsauffassung der Abteilung Sozialpolitik ist in diesem Beschluss jedoch nur der Aufruf an die Träger der Leistungen des SGB II zu sehen, die Voraussetzungen einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft genau zu prüfen. Denn die "eheähnlichen Lebensgemeinschaft" im Sinne des § 7 Abs. 3 Nr. 3 Buchstabe b SGB II hat zwei Voraussetzungen:
1. Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft und
2. Verantwortungs- und Einstandsgemeinschaft
Ob das SG seine verfassungsrechtlichen Bedenken gegen die Ungleichbehandlung von hetero- bzw. homosexuellen "nichtehelichen" Lebensgemeinschaften dem Bundesverfassungsgericht vorlegen wird, dürfte sich wohl erst im Hauptsacheverfahren herausstellen.
II. SG Aurich: angemessene Heizkosten bei Eigenheimen
Ein Arbeitslosengeld II-Bezieher beantragte im Wege des einstweiligen Rechtsschutzes die Übernahme der tatsächlichen Heizkosten. Er ist Eigentümer eines selbst bewohnten Einfamilienhauses. Die Wohnfläche des Einfamilienhauses übersteigt zwar die angemessene Größe für Mietwohnungen (45 ? 50 qm), nicht aber die angemessene Größe für Eigenheime (120 qm), so dass das Einfamilienhaus als Schonvermögen auch nicht angerechnet wurde. Die Heizkosten wurden von dem Leistungsträger jedoch nicht in voller Höhe übernommen, sondern auf das angemessene Niveau für eine Mietwohnung von 50 qm reduziert.
Das SG Aurich verpflichtete den Leistungsträger, die Heizkosten in tatsächlicher Höhe zu übernehmen. Zur Begründung führte das SG aus, eine Beschränkung der tatsächlichen Wohnfläche auf die als angemessen angesehene Fläche von 50 qm scheitere im vorliegenden Fall daran, dass es sich um ein selbst bewohntes Eigenheim handele, das die Voraussetzungen für Schonvermögen nach § 12 Abs. 3 Nr. 4 SGB II erfülle und dessen Verwertung daher nicht verlangt werden dürfe.
Um einen Wertungswiderspruch zwischen den Vermögensanrechnungsvorschriften (§ 12 SGB II) einerseits und den Bestimmungen über die Berechnung der Unterkunftskosten (§ 22 SGB II) zu verhindern, dürfe bei den angemessenen Heizkosten für Eigenheime nicht auf die angemessene Größe von Mietwohnungen abgestellt werden. Die Angemes-senheit der Heizkosten für ein anrechnungsfreies Eigenheim sei vielmehr grundsätzlich unter Berücksichtigung der tatsächlichen Wohnfläche zu prüfen. Wenn der Gesetzgeber das Eigentum eines Arbeitslosen vor der Verwertung schütze, sei dies mit der zwingenden Konsequenz verbunden, dass das Objekt auch angemessen bewohnbar sein und unter anderem auch beheizt werden müsse. Eine Unangemessenheit der geltend gemachten tatsächlichen Heizkosten konnte das SG auch dann nicht erkennen, wenn man sie in ein Verhältnis zur tatsächlichen Wohnfläche des Eigenheims setzt.
(SG Aurich, Aktenzeichen: S 15 AS 3/05 ER)
Der Beschluss des SG Aurich schafft Rechtssicherheit für viele Arbeitslosengeld II-Bezieher, die in einem anrechnungsfreien Eigenheim oder in einer anrechnungsfreien Eigentumswohnung leben.
Wenn der Gesetzgeber die Entscheidung trifft, selbst bewohnte Eigenheime und Eigentumswohnungen bis zu einer gewissen Größe von der Vermögensanrechnung frei zu stellen, dann muss sich die Angemessenheit der Unterkunfts- und Heizkosten (§ 22 SGB II) grundsätzlich auch nach dem Angemessenheitsbegriff für das Schonvermögen (§ 12 SGB II) richten.
Denn ansonsten würden die Vorschriften über das Schonvermögen unterlaufen und viele Arbeitslosengeld II-Bezieher mit selbst bewohnten Eigenheimen oder Eigentumswohnungen faktisch gezwungen, ihr geschütztes Vermögen zu verwerten.
III. SG Saarland: "Ein-Cent-Regelung" statt "Härtefallzuschuss"
Der Antragsteller begehrte im einstweiligen Rechtsschutz unter anderem die vorläufige Zahlung seiner Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Sein Antrag auf Arbeitslosengeld II wurde zuvor mit der Begründung abgelehnt, dass er wegen der Anrechnung des Einkommens seiner nichtehelichen Lebensgefährtin nicht hilfebedürftig sei.
Das SG Saarland entschied mit Beschluss vom 28. Januar 2005, dass dem Antragsteller bis zur Entscheidung in der Hauptsache Arbeitslosengeld II in Höhe von einem Cent monatlich zu gewähren sei. Zur Begründung führte das SG aus, dass zu den Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem SGB II auch der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherungsschutz gehöre und bei der Bedarfsermittlung berücksichtigt werden müsse. Bei der Gegenüberstellung des Hilfebedarfs für den notwendigen Lebensunterhalt und des berücksichtigungsfähigen Einkommens und Vermögens seien auch der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherungsschutz in die Berechnung einzustellen.
Schon bei Berücksichtigung nur der Kranken- und Pflegeversicherung reiche das überschießende Einkommen der Lebensgefährtin des Antragsstellers nicht aus, um den monatlichen Beitrag zu einer freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung zu tragen. Der Antragssteller sei daher ? nach summarischer Prüfung ? hilfebedürftig und habe Anspruch auf Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende.
Das SG sprach dem Antragsteller indes nicht den "Härtefallzuschuss" (Sozial-Info Nr. 04 01/2005) zu, sondern Arbeitslosengeld in der Mindesthöhe von einem Cent monatlich mit der Folge, dass er in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung pflichtversichert wird. Der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit am 17. Januar 2005 angeordnete "Härtefallzuschuss" durch analoge Anwendung des § 26 SGB II begegnet nach Auffassung des SG verfassungsrechtlichen Bedenken. Denn die Leistungen der Grundsi-cherung für Arbeitsuchende sollen ein "soziokulturelles Existenzminimum" absichern, auf das ein verfassungsrechtlich verbürgter Rechtsanspruch bestehe. Dies erfordere, dass die Leistungsgewährung mit hinreichender Bestimmtheit durch ein förmliches Gesetz geregelt wird. Die analoge Anwendung des § 26 SGB II genügt nach Auffassung des SG diesen Anforderungen nicht.
Die analoge Anwendung des § 26 SGB II setzt eine Regelungslücke voraus. Eine Regelungslücke vermochte das SG indes nicht zu erkennen, da die Problematik des fehlenden Sozialversicherungsschutzes bei Nichtleistungsbeziehern in nicht ehelichen Lebensge-meinschaften schon seit längerem bekannt sei. Da der Gesetzgeber im SGB II keine besondere Regelung getroffen habe, sei davon auszugehen, dass er diese Fälle mit den vorhandenen Regelungen des SGB II habe regeln wollen und daher Arbeitslosengeld II in der Mindesthöhe von einem Cent zu gewähren sei.
(SG Saarland, Aktenzeichen: S 21 ER 1/05 AS)
Der Beschluss des SG Saarland enthält nach Rechtsauffassung der Abteilung Sozialpolitik eine wichtige Aussage: Kranken-, Pflege-, und Rentenversicherungsschutz gehören zu den Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts! Es dürfen also nicht nur "stur" die Regelleistungen einschließlich der Leistungen für Unterkunft und Heizung mit dem Einkommen und Vermögen verglichen werden.
Die vom SG favorierte "1-Cent-Regelung" ist für viele, die aufgrund der Einkommensanrechnung in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften bislang keine Leistungen des SGB II erhalten haben, die günstigere Lösung. Denn die "1-Cent-Regelung" bedeutet für sie die Pflichtversicherung in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Der "Härtefallzuschuss" ermöglicht ihnen lediglich eine freiwillige Kranken- und Pflegeversicherung.
Der Beschluss des SG könnte weit reichende Folgen bei Ehen haben, die auf Grund der Einkommensanrechnung keine Leistungen des SGB II erhalten. Denn hier ist zwar der Kranken- und Pflegeversicherungsschutz durch die Familienversicherung gewährleistet, nicht aber der Rentenversicherungsschutz!
Das SG lässt indes offen, wie bei den nicht versicherten Sozialgeld-Beziehern in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften zu verfahren ist. Hier hilft die "1-Cent-Regelung" nicht. Denn wegen der vollen Erwerbsminderung können sie kein Arbeitslosengeld II und damit auch kein Pflichtversicherungsschutz beanspruchen. Hier bleibt es bei einer Regellücke!
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