Source: https://www.fritz.de/programm/aktuelle-themen/2019/01/abtreibung-paragraph-schwanger-schwangerschaft-gesetz-verbot-baby.html
Timestamp: 2019-02-16 13:53:13
Document Index: 5259234

Matched Legal Cases: ['§219', '§219', '§219', '§219', '§219', '§219']

Tabu Abtreibung | Radio Fritz
Bild: Sabrina Gröschke, BfsS 2018 Download (mp3, 2 MB)
Ungewollt schwanger zu sein ist für die meisten Frauen eine Extremsituation. In Deutschland können Frauen sich im Rahmen von rechtlichen Regeln frei entscheiden, ob sie ein Kind bekommen wollen oder nicht. Ungefähr jede vierte Frau entschließt sich bis zu ihrem 45. Lebensjahr einmal für einen Schwangerschaftsabbruch. Darüber geredet wird kaum.
Die 20-jährige Vivien aus Spandau will mit dem Tabu brechen. Sie ist in ihrer Schulzeit ungewollt schwanger geworden und hat das Kind nicht bekommen.
Vivien fühlt sich befreit
"Es war ein Schock", erinnert sich Vivien. Mit 15 erfährt sie in den Sommerferien, dass sie in der zehnten Woche von ihrem damaligen Freund aus Kanada schwanger ist. Ihr ist sofort klar: Sie ist nicht bereit für ein Kind. Ihre Mutter und ihre beste Freundin unterstützen sie bei dem Gang zur Beratungsstelle, bei den notwendigen Arztbesuchen und schließlich auch bei dem Schwangerschaftsabbruch. "Nachdem ich aus der Narkose aufgewacht bin, habe ich mich einfach nur befreit gefühlt", erzählt sie.
Heute ist Vivien 20 Jahre alt und studiert Kunst in Berlin. Ihre Erfahrung hat sie in einer Therapie und in ihrer Kunst verarbeitet. "Heute, fünf Jahre später geht es mir sehr gut mit der Entscheidung", sagt Vivien. "Trotzdem merke ich immer wieder, dass das Thema Abtreibung für viele Menschen ein Tabu ist."
Deshalb engagiert sich Vivien dafür, dass Frauen bei einer ungewollten Schwangerschaft so frei und informiert wie möglich entscheiden können, was mit ihrem Leben, ihrem Körper und ihrer Zukunft passieren soll.
FAQs zum Abtreibungsparagraf 219a
Was steht in dem Paragrafen?
Wenn wir das Strafgesetzbuch unter dem Paragrafen §219a aufschlagen, dann steht da wörtlich, aber etwas gekürzt: "Wer öffentlich (…) seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise (…) Dienste zur Vornahme eines Schwangerschaftsabbruchs (…) anbietet, ankündigt oder anpreist (…), wird bestraft."
Wenn es um den Paragrafen §219a geht, hört man immer wieder den Begriff "Werbeverbot". Der Begriff trifft es aber nicht ganz. Klar ist: Es ist strafbar, wenn jemand reißerische Werbung für Abtreibungen macht. Zum Beispiel große Werbeplakate oder 2-für-1-Angebote. Solche reißerischen Anzeigen sind bei uns allerdings auch für alle anderen medizinischen Leistungen verboten.
Das Gesetz verbietet aber noch etwas anderes: Strafbar ist es, wenn Ärztinnen und Ärzte darüber informieren, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Zum Beispiel, wenn sie den Eingriff im Leistungskatalog auf ihrer Homepage auflisten. Auch das kann als Werbung mit Vermögensvorteil gesehen werden.
Ärzte und Ärztinnen müssen mit einer Strafe rechnen, wenn sie öffentlich bekanntgeben, dass sie Abtreibungen durchführen. Im bekanntesten Fall der Frauenärztin Kristian Händel hat das Amtsgericht Gießen eine Geldstrafe verhängt. Die Ärztin aus Wiesbaden hatte auf ihrer Homepage darüber informiert, dass sie in ihrer Praxis Schwangerschaftsabbrüche anbietet, welche Methoden es gibt und wie viel der jeweilige Eingriff kostet. Das schreckt viele Mediziner und Medizinerinnen ab, solche Eingriffe vorzunehmen.
Auch für Frauen, die eine ungewollte Schwangerschaft beenden wollen, kann der Paragraf zum Problem werden. Wo und wie Frauen straffrei abtreiben können, dürfen nur anerkannte Beratungsstellen wie "pro familia" in einem persönlichen Gespräch bekannt geben. Im Netz stößt man schnell auf unseriöse Seiten. Bei privaten Seiten besteht nämlich kein Informationsverbot.
Die Bundesländer Berlin, Hamburg und Bremen wollen dagegen etwas tun und stellen sich gegen den Paragrafen. Sie betreiben mittlerweile trotz §219a eine offizielle Homepage mit allen wichtigen Informationen und Adressen rund um den Schwangerschaftsabbruch.
Was sagt der Kompromissvorschlag der Großen Koalition?
Auch die Politik streitet um den Paragrafen §219a. Die Gegner fordern, dass er aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wird, weil er veraltet ist. Die Befürworter möchten, dass §219a genau so erhalten bleibt. Im Dezember letzten Jahres wurde ein Kompromiss ausgehandelt: Der Paragraf §219a soll bestehen bleiben, aber ergänzt werden.
Frauenärzte und Frauenärztinnen sollen auch weiterhin nicht darüber informieren dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Stattdessen sollen in Zukunft die Bundesärztekammer und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Adressen und Informationen zur Verfügung stellen. Der ausgearbeitete Gesetzentwurf soll noch im Januar vorgestellt werden.
1. SusiBerlin Freitag, 25.01.2019 | 22:26 Uhr
Ich finde du bist mutig und machst anderen Frauen Mut, auch über ihre Abbrüche zu reden. Das Thema Schwangerschaftsabbruch muss wieder heraus aus der gesellschaftlichen Tabuisierung. Frauen müssen sich nicht schlecht fühlen danach. Darüber zu reden dient einer gesunden Verarbeitung der Ereignisse und damit verbundenen Gefühle.
https://www.fritz.de/programm/aktuelle-themen/2019/01/abtreibung-paragraph-schwanger-schwangerschaft-gesetz-verbot-baby.html