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Timestamp: 2019-06-26 10:07:49
Document Index: 38235240

Matched Legal Cases: ['§ 132', '§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 214', '§ 50', '§ 144', '§ 133', '§ 47', '§ 52']

BVerwG, 4 BN 42.10: Rechtsverletzung, Bebauungsplan, Gemeinde, Anforderung
Urteil des BVerwG vom 08.06.2011, 4 BN 42.10
4 BN 42.10
Rechtsverletzung, Bebauungsplan, Gemeinde, Anforderung
Rechtsverletzung, Bebauungsplan, Gemeinde, Anforderung, Rechtskontrolle, Eng, Behandlung
BVerwG 4 BN 42.10 VGH 1 N 07.3403
hat der 4. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 8. Juni 2011 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Rubel, den Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Jannasch und die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Dr. Philipp
21. Die Beschwerde macht zu Recht einen Verfahrensfehler im Sinne von § 132
Abs. 2 Nr. 3 VwGO geltend. Der Verwaltungsgerichtshof hat, indem er den
Normenkontrollantrag der Antragsteller mangels Antragsbefugnis als unzulässig
angesehen hat, die Anforderungen an das Geltendmachen einer Rechtsverletzung im Sinne von § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO überspannt und damit die prozessuale Bedeutung dieser Vorschrift verkannt.
3Erforderlich, aber auch ausreichend für die Antragsbefugnis ist, dass der Antragsteller hinreichend substantiiert Tatsachen vorträgt, die es zumindest als
- BVerwG 4 CN 1.03 - Buchholz 310 § 47 VwGO Nr. 165; stRspr). An die Geltendmachung einer Rechtsverletzung sind grundsätzlich auch dann keine höheren Anforderungen zu stellen, wenn es - wie hier - um das Recht auf gerechte
Abwägung geht. Auch insoweit reicht es aus, dass der Antragsteller Tatsachen
vorträgt, die eine fehlerhafte Behandlung seiner Belange in der Abwägung als
möglich erscheinen lassen (Urteil vom 24. September 1998 - BVerwG 4 CN
einen abwägungserheblichen privaten Belang, d.h. ein mehr als nur geringfügig
schutzwürdiges Interesse des Betroffenen (Beschluss vom 28. Juni 2007
- BVerwG 7 B 4.07 - juris Rn. 10 m.w.N.), berufen kann; denn wenn es einen
solchen Belang gibt, besteht grundsätzlich auch die Möglichkeit, dass die Gemeinde ihn bei ihrer Abwägung nicht korrekt berücksichtigt hat (Urteil vom
30. April 2004 a.a.O.). Die bloße verbale Behauptung einer theoretischen
Rechtsverletzung mag allerdings im Einzelfall dann nicht zur Geltendmachung
einer Rechtsverletzung im Sinne von § 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO genügen, wenn
diese Behauptung nur vorgeschoben erscheint, das tatsächliche Vorliegen einer
Rechtsverletzung aber offensichtlich ausscheidet. Die Annahme eines solchen
Falles ist aber ausgeschlossen, wenn seine Prüfung nennenswerten Umfang
oder über Plausibilitätserwägungen hinausgehende Intensität erfordert; in jedem Fall ist die Prüfung nur auf der Grundlage der Darlegungen in der Antragsschrift, nicht unter Auswertung des gesamten Prozessstoffs vorzunehmen (Urteil vom 24. September 1998 a.a.O. <218>). Deswegen vermag die im Laufe
des Verfahrens fortschreitende Sachverhaltsaufklärung durch das Normenkontrollgericht die Antragsbefugnis eines Antragstellers nicht nachträglich in Frage
4Hieran gemessen hat der Verwaltungsgerichtshof deutlich überzogene Anforderungen an das Geltendmachen einer möglichen Rechtsverletzung im Sinne von
§ 47 Abs. 2 Satz 1 VwGO gestellt.
5Dass sich alle Antragsteller angesichts der planbedingt um mehr als 3 dB(A)
erhöhten Lärmbelastung auf einen abwägungsrelevanten Belang berufen können, hat der Verwaltungsgerichtshof zutreffend bejaht. Auf dieser Grundlage
konnte der Verwaltungsgerichtshof die Antragsbefugnis der Kläger nur verneinen, wenn das tatsächliche Vorliegen einer Rechtsverletzung offensichtlich
ausscheidet. Das ist nach der vom Senat ohne Bindung an die tatsächlichen
Feststellungen des Verwaltungsgerichtshofs vorzunehmenden Prüfung (vgl. nur
Urteil vom 21. März 1979 - BVerwG 6 C 10.78 - BVerwGE 57, 342 <344>
m.w.N.) nicht der Fall.
6Das einschränkende Kriterium der „Offensichtlichkeit“ des Ausscheidens einer
Rechtsverletzung wendet der Verwaltungsgerichtshof nicht ausdrücklich an
(UA Rn. 28). Auch der Sache nach entspricht die Prüfung durch den Verwaltungsgerichtshof nicht diesem Maßstab.
7Die in der Antragsbegründung vom 1. Dezember 2008 vorgebrachten Einwände
der Antragsteller gegen die Richtigkeit des Lärmgutachtens 2004 untersucht
und widerlegt der Verwaltungsgerichtshof anhand einer ergänzenden Stellungnahme des Gutachters vom 6. November 2009 und mithin nicht auf der Grundlage der Darlegungen der Antragsteller, sondern unter Einbeziehung des erst
im Laufe des Verfahrens entstandenen Prozessstoffes. Dass die Antragsteller
diese Einwände nach der ergänzenden Gutachterstellungnahme ohnehin nicht
mehr aufrecht erhalten hätten, lässt sich - anders als der Verwaltungsgerichtshof meint - ihrem Schriftsatz vom 13. Januar 2010, der die Einwände nicht etwa
zurückzieht oder durch andere ersetzt, sondern sie ausdrücklich und auch der
Sache nach lediglich ergänzt, nicht entnehmen und ist auch sonst nicht ersichtlich.
8Dem weiteren Vorbringen der Antragsteller, die im Gutachten 2004 genannten
vier in der Baugenehmigung festzuschreibenden Bedingungen hätten bereits
im Bebauungsplan festgesetzt werden müssen, hält der Verwaltungsgerichtshof
entgegen, insoweit werde kein möglicher Abwägungsfehler aufgezeigt, weil von
vornherein auszuschließen sei, dass die Antragsgegnerin verpflichtet gewesen
sein könnte, die durch die Planung aufgeworfenen Lärmschutzfragen vollumfänglich und abschließend im Bebauungsplan zu lösen. Dieser Maßstab ist
schon deswegen zu eng, weil sich ein Abwägungsfehler bereits daraus ergeben
könnte, dass die Lärmschutzfragen zwar nicht abschließend, wohl aber in größerem Umfang im Bebauungsplan zu bewältigen waren. Die Antragsbefugnis
setzt darüber hinaus auch nicht voraus, dass der Antragsteller überhaupt geltend macht, die Gemeinde sei zu einem anderen Abwägungsergebnis verpflichtet gewesen. Denn ausreichend für einen Abwägungsfehler ist bereits, dass
sich das Planungsergebnis als nicht hinreichend abgewogen erweist. Unabhängig davon hat der Verwaltungsgerichtshof den dargelegten Offensichtlichkeitsmaßstab jedenfalls dadurch verfehlt, dass er in der Sache selbst die Einwände
der Antragstellerin - wiederum unter Einbeziehung der ergänzenden gutachtlichen Stellungnahme - einer abschließenden materiellrechtlichen Prüfung unterzogen hat, die sich in Umfang und Intensität von einer Begründetheitsprüfung
nicht unterscheidet. Bei einer solchen Prüfungspraxis ist es nahezu ausgeschlossen, dass die Antragsbefugnis mit Blick auf einen geltend gemachten
Abwägungsmangel, der sich im Rahmen der Begründetheitsprüfung als nicht
durchgreifend erweist, bejaht werden kann. Dies widerspricht nicht nur der
Funktion des Normenkontrollverfahrens, weil damit die gebotene objektive
Rechtskontrolle im Rahmen der Begründetheitsprüfung (vgl. hierzu Urteil vom
9. April 2008 - BVerwG 4 CN 1.07 - BVerwGE 131, 100 Rn. 13) umgangen wird.
Es steht auch im Gegensatz zur Rechtsprechung des Bundesverwaltungsge-
richts, wonach es ausreichend ist, dass ein Antragsteller als Rechtsverletzung
geltend macht, sein abwägungsrelevanter Belang sei in der Abwägung zu kurz
gekommen (Urteil vom 26. Februar 1999 - BVerwG 4 CN 6.98 - Buchholz 406.11 § 214 BauGB Nr. 14 S. 3). Diese Anforderung haben die Antragsteller mit ihrem Vorbringen, die Lärmkonflikte seien in weitergehendem
Umfang bereits im Bebauungsplan zu bewältigen, erfüllt. Dass diese von den
Antragstellern weiter begründete Behauptung nicht lediglich vorgeschoben ist,
lässt schon die eingehende inhaltliche Auseinandersetzung des Verwaltungsgerichtshofs mit den Argumenten der Antragsteller unter Heranziehung von
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts erkennen (UA Rn. 31). Vergleichbaren Tendenzen zu einer weitergehenden „Durchprüfung“ des Vorbringens zu Abwägungsfehlern, wie sie in der Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs zum Ausdruck kommen, ist der Senat bereits mit seinem Beschluss
vom 16. März 2010 - BVerwG 4 BN 66.09 - (Buchholz 406.25 § 50 BImSchG
Nr. 7 Rn. 20) entgegengetreten, wenn er ausgeführt hat, dass es auf die Frage,
ob eine vom Antragsteller geltend gemachte Verletzung des Abwägungsgebots,
wenn sie vorläge, nach den Planerhaltungsvorschriften beachtlich wäre, für die
Antragsbefugnis nicht ankommt.
92. Der somit vorliegende Verfahrensfehler kann sich auf die Entscheidung der
Vorinstanz ausgewirkt haben. Da die Antragsbefugnis der Antragsteller nach
dem Gesagten zu bejahen ist und auch im Übrigen keine Einwände gegen die
Zulässigkeit des Normenkontrollantrages erkennbar sind, ist nicht auszuschließen, dass der Verwaltungsgerichtshof ohne Verfahrensfehler zu einem anderen
Ergebnis gekommen wäre, weil er im Rahmen der Begründetheitsprüfung jedenfalls auch über die von den Antragstellern ausweislich des Tatbestandes der
angefochtenen Entscheidung (UA Rn. 12) geltend gemachten objektiven
Rechtsverstöße hätte entscheiden müssen. Da der Verwaltungsgerichtshof
hierzu keine tatsächlichen Feststellungen getroffen hat, kann der Senat nicht
feststellen, dass sich das Urteil aus anderen Gründen als richtig erweist (§ 144
Abs. 4 VwGO; vgl. zur Anwendbarkeit dieser Norm im Verfahren über die Zulassung der Revision Beschluss vom 14. Februar 2002 - BVerwG 4 BN 5.02 -
BRS 65 Nr. 53 m.w.N.). Weil auch ein Revisionsverfahren deswegen nur zu
einer Zurückverweisung an den Verwaltungsgerichtshof führen könnte, macht
der Senat von seiner Befugnis nach § 133 Abs. 6 VwGO Gebrauch, das angefochtene Urteil aufzuheben und den Rechtsstreit zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an den Verwaltungsgerichtshof zurückzuverweisen.
103. Die Streitwertfestsetzung beruht auf § 47 Abs. 1 und 3, § 52 Abs. 1 und 7,