Source: http://www.fachpublikationen.de/dokumente/01/02/03005.html
Timestamp: 2018-01-21 14:06:26
Document Index: 231128378

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 7', '§ 2', '§ 3', '§ 7', '§ 2', '§ 3', '§ 9', '§7', '§ 8', '§ 10', '§ 14', '§ 1', '§ 2', '§ 6', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 23', '§ 24', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 8']

Das Wöllnerische Religionsedikt - Kapitel 3 Seite 5
Der Grund für die Einschränkung ist die aus solchen Neuerungen folgende "Zügellosigkeit der Sitten", wie das Vorwort feststellt oder wie § 8 es zugespitzt ausdrückt: "es muß vielmehr eine allgemeine Richtschnur, Norma und Regel unwandelbar fest stehen, nach welcher die Volksmenge in Glaubenssachen von ihren Lehrern treu und redlich geführet und unterrichtet werde". Neuerungen verunsichern und überfordern den einzelnen und führen zu einer Hilflosigkeit in der Lebensführung, die "Millionen Unserer guten Unterthanen die Ruhe ihres Lebens und ihr Trost auf dem Sterbebette" raubt "und sie also unglücklich" macht (§ 7). So folgt aus der zügellosen Freiheit der Lehre die Zügellosigkeit der Sitten des Volkes. Gottesdienstlicher Kultus und die Lehre müssen dem Untertan eine vertraute Ordnung vorgeben, die ihm gleichsam ein Korsett für seine Lebensführung anbietet. Fällt eine solche Ordnung weg, kommt es gerade nicht zu einer größeren Gewissensfreiheit, sondern zum Gewissenszwang, weil das Volk der Überredungskunst eines Führers ausgeliefert ist (§ 2 I. § 3). Die Gewissensfreiheit des einzelnen besteht, darin daß er die christliche Lehre ohne "Vorspiegelungen der Modelehrer" (§ 7) hört und sich dann dafür oder dagegen entscheidet. "Ob ein Unterthan nun aber diese gute ihm so reichlich dargebotene Gelegenheit zu seiner Ueberzeugung nutzen und gebrauchen will oder nicht, muß seinem eigenen Gewissen völlig frey anheim gestellet bleiben." (§ 2 I) Aufgrund "innerer, eigener, freyer Überzeugung für seine Person" kann dann auch der einzelne von einer Konfession zur anderen wechseln (§ 3).
Hierin kommt eine Unterscheidung zum Tragen, die in der Aufklärungstheologie etwa von Semler vertreten wurde(75), nämlich die Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Religion. Eine Unterscheidung, die andere Aufklärungstheologen - wie noch gezeigt wird - für nicht lebbar hielten.
Auf diesem Hintergrund ist es konsequent, daß das RE auf die Geistlichkeit gerichtet ist und § 9 deren Überwachung durch die beiden geistlichen Departements - dem lutherischen und dem reformierten - fordert. Erstaunlich - angesichts des reaktionären Charakters der Aussagen in den §§7-9 - ist die Toleranzaussage, daß - wie § 8 gegen Ende erwähnt - "... aus großer Vorliebe zur Gewissensfreyheit ... diejenigen bereits in öffentlichem Amte stehende Geistlichen, von denen es auch bekannt seyn möchte, daß sie leider! von denen in §. 7. gemeldeten Irrthümern mehr oder weniger angesteckt sind, in ihrem Amte ruhig gelassen werden". Deshalb wird sich das Hauptaugenmerk darauf richten, "daß die Besetzung der Pfarren sowohl, als auch der Lehrstühle der Gottesgelahrtheit auf Unsern Universitäten, nicht minder der Schul-Aemter durch solche Subjecte geschehe, an deren innern Überzeugung von dem, was sie öffentlich lehren sollen, man nicht zu zweifeln Ursach habe" (§ 10). Die Überwachung sollen neben den beiden geistlichen Departements auch die obersten Gerichtshöfe und die Regierungen in den Provinzen übernehmen (§ 14).
Eine Umsetzung dieses Gesetzes in Verwaltungsvorschriften hätte zunächst über das Oberkonsistorium erfolgen müssen, da nach der "Instruction vor das über alle Königlichen Lande errichtete Lutherische Ober-Consistorium" vom 4.10.1750 (76), dieses für die Anstellung der Prediger, die disziplinarische Aufsicht über die Geistlichen bezogen auf Lehre und Wandel, die Aufsicht über die Kandidaten, die Anstellung der Lehrer und die Begutachtung der Anwärter für theologische Professuren verantwortlich sind.
Exkurs: Verhältnis des Religionsediktes zu Woellners
"Abhandlung über die Religion" von 1785
In der Literatur wird immer wieder darauf hingewiesen, daß Woellner in seiner Vorlesung "Abhandlung über die Religion", die er 1785 vor dem Prinzen von Preußen Friedrich Wilhelm hielt, schon alle Grundsätze des RE´s vorgetragen habe. (77)
Bei einem kritischen Vergleich wird deutlich, daß die Grundgedanken der Abhandlung bis in einzelne Formulierungen hinein im RE wieder aufgenommen sind. So besteht Übereinstimmung in der Verurteilung der religiösen Einstellung Friedrich des Großen und Rückgriff auf die fromme Haltung Friedrich Wilhelm I. (Abhandlung § 1; 20); in der Auffassung vom Nutzen der Religion für den Staat (§ 2 - 5; vergleiche 9; 13; 21; 22; 27), in dem Verständnis von Toleranz (§ 6 - 12); in dem Schutz der Hauptkonfessionen (§ 26.3) und der Sekten (§ 26.5); dem Verbot des Proselytenmachens (§ 26.5) usw., vor allem auch in der Beurteilung des Zustandes der Religion und dessen Ursachen stimmen Abhandlung und RE überein. Bei den notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung des Zustandes besteht Übereinstimmung in der Vorbildfunktion des Königs (Abhandlung § 23), der Heiligung der Sabbatruhe (§ 24; 26.6), Verschärfung der Aufsicht über die Geistlichen (ihren Lebenswandel und ihre Lehre) (§ 26), Schutz der Hauptkonfessionen (§ 26), Überwachung der Besetzung von Pfarrämtern, Lehrstühlen und Schulämtern (§ 26). Die Verschärfung der Bücherzensur (§ 26) findet sich so nicht im RE, legt sich aber aus § 8 des RE´s nahe und wird im erneuerten Zensuredikt vom 19.12.1788 umgesetzt. Die Anordnung des RE´s, um die - wie noch zu zeigen sein wird - der Streit entbrennt, nämlich die Verpflichtung auf die symbolischen Bücher, findet sich an keiner Stelle in dem Vortrag.(78)
75. S. dazu Hirsch, Theologie IV, 69ff.
76. Mylius, 4, 291, CVI; ausgenommen sind die Provinzen Schlesien und Geldern, die eigene Oberkonsistorien haben.
77. So Bailleu, Art. Woellner, 155, der auf Preuß, Beurtheilung I, 602-604 und Philippson, Geschichte I, 211, fußt; außerdem Mirbt, Die christliche Welt, 2. Jg. 1888, 261; Stölzel, Svarez, 250f., der ebenfalls von Preuß und Philippson abhängig ist; Hoffmann, Hermes, 35f., der von Preuß abhängig ist; Schwartz, Kulturkampf, 73-92, der die Abhandlung fast vollständig wiedergibt; Birtsch, Religions- und Gewissensfreiheit, 188-191 fußt auf Schwartz; Epstein, Ursprünge, 415 -417, ist von Bailleu und Schwartz abhängig. Brandes, Geschichte, 122ff. und von Mühler, Geschichte, 262, kennen diese Abhandlung gar nicht. Karowski, Bekenntnis, 61-75 hat - soweit ich sehe - als einziger einen kritischen Vergleich angestellt und dazu viele Paragraphen abgedruckt; darüber hinaus teilt er mit, daß er eine Edition beabsichtigt; Birtsch hat ebenso wie sein Gewährsmann Schwartz diesen Vergleich trotz ausführlicher Rezeption der Abhandlung nicht vorgenommen.
78. So schon Karowski, Bekenntnis, 63 ff bes. 68; insofern stimmt Preuß´ Urteil, Beurtheilung, 604, gerade nicht, daß mit der Abhandlung das Programm des RE´s entworfen war; auch Hoffmann, Hermes, 36, übersieht das Fehlen der Bekenntnisverpflichtung, wenn er behauptet, daß die Mittel für die Reaktion in der Abhandlung dieselben wie im RE sind.