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Timestamp: 2019-07-18 14:10:55
Document Index: 12398451

Matched Legal Cases: ['§ 488', '§ 700', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 1', '§ 312', '§ 312', '§ 312', '§ 312', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Bareinzahlungen und Barauszahlungen am Bankschalter – und die hierfür erhobenen Bankentgelte | Rechtslupe
Banken dürfen seit dem Inkrafttreten des auf europäischem Richtlinienrecht beruhenden Zahlungsdiensterechts im Jahr 2009 in ihren Preis- und Leistungsverzeichnissen dem Grunde nach Entgelte für Bareinzahlungen und Barauszahlungen auf oder von einem Girokonto am Bankschalter vorsehen, und zwar ohne dass dem Kunden zugleich im Wege einer sogenannten Freipostenregelung eine bestimmte Anzahl von unentgeltlichen Barein- und Barauszahlungen eingeräumt sein muss.
Seine zur früheren Rechtslage ergangene Rechtsprechung, nach der solche Freipostenregelungen erforderlich waren, hat der Bundesgerichtshof angesichts dieser geänderten Rechtslage aufgegeben. Im Rechtsverkehr mit Verbrauchern kann aber die Entgelthöhe der richterlichen Inhaltskontrolle unterliegen.
Dieser Entscheidung des Bundesgerichtshofs lag eine Klage der Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs e.V. zugrunde, die von der beklagten Sparkasse verlangte, es zu unterlassen, in ihrem Preis- und Leistungsverzeichnis für Bareinzahlungen und Barabhebungen am Bankschalter ein Entgelt vorzusehen. Die beklagte Sparkasse bietet entgeltliche Giroverträge in unterschiedlichen Gestaltungen an. Bei dem Vertragsmodell “S-Giro Basis” verlangt sie – bei einem monatlichen Grundpreis von 3,90 € – in ihrem Preis- und Leistungsverzeichnis für die Leistung “Beleghafte Buchungen und Kassenposten mit Service, je Buchung” ein Entgelt von 2 €. Bei dem Vertragsmodell “S-Giro Komfort” mit höherem monatlichen Grundpreis beträgt das Entgelt für dieselbe Leistung 1 €. Hierauf gestützt berechnet die Sparkasse bei beiden Vertragsmodellen für jede Ein- oder Auszahlung von Bargeld auf bzw. von einem bei ihr unterhaltenen Girokonto am Bankschalter ein Entgelt von 1 € oder 2 €. Bareinzahlungen sowie Barabhebungen am Geldautomaten, letztere täglich bis zu einem Betrag von 1.500 €, sind bei jedem Vertragsmodell im Grundpreis inklusive. Die Wettbewerbszentrale hält solche Entgeltklauseln für Bareinzahlungen und Barauszahlungen am Bankschalter für unwirksam, wenn nicht durch eine sog. Freipostenregelung monatlich mindestens fünf Bareinzahlungen oder Barauszahlungen am Bankschalter “und/oder” am Geldautomaten entgeltfrei gestellt werden.
Die in der Hauptsache auf Unterlassung gerichtete Klage der Wettbewerbszentrale hat das erstinstanzlich hiermit befasste Landgericht Memmingen abgewiesen1. Die Berufung der Wettbewerbszentrale hat das Oberlandesgericht München zurückgewiesen2. Auf die vom Oberlandesgericht zugelassenen Revision der Wettbewerbszentrale hat nun der Bundesgerichtshof das Berufungsurteil des Oberlandesgerichts München insoweit aufgehoben und die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung zurückverwiesen, als das OLG München hinsichtlich der von der Sparkasse konkret verwendeten Klauseln “Beleghafte Buchungen und Kassenposten mit Service, je Buchung … Euro” bislang nicht überprüft hat, ob das dort vorgesehene Entgelt von 1 € oder 2 € im Rechtsverkehr mit Verbrauchern der Höhe nach einer richterlichen Inhaltskontrolle standhält. Im Übrigen, also insbesondere soweit die Wettbewerbszentrale es der Sparkasse generell untersagen lassen möchte, für Barein- und Barauszahlungen am Bankschalter ohne angemessene Freipostenregelung überhaupt ein Entgelt zu verlangen, hat der Bundesgerichtshof die Revision zurückgewiesen:
Soweit die Wettbewerbszentrale der Sparkasse die Verwendung von Barein- und Barauszahlungsentgeltklauseln ohne angemessene Freipostenregelung generell, also unabhängig von der konkreten Ausgestaltung, verbieten lassen möchte, ist die Unterlassungsklage unbegründet.
Nach der früheren Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hätte die Unterlassungsklage allerdings Erfolg gehabt. Nach dieser unterlagen solche Entgeltklauseln sowohl im Verbraucher- als auch im Unternehmerverkehr der richterlichen Inhaltskontrolle und waren wegen unangemessener Benachteiligung des Kunden unwirksam, wenn sie keine angemessene Freipostenregelung vorsahen. Hintergrund dieser Rechtsprechung war, dass Ein- und Auszahlungen auf oder von einem Girokonto nach Darlehensrecht (§§ 488 ff. BGB) oder dem Recht der unregelmäßigen Verwahrung (§ 700 BGB) zu beurteilen sind, welches weder für die Begründung noch für die Erfüllung von Darlehens- bzw. Verwahrungsverhältnissen ein Entgelt vorsieht3.
An dieser Rechtsprechung hat der Bundesgerichtshof aufgrund geänderter gesetzlicher Vorgaben nicht mehr festgehalten. Zwar weist der Girovertrag nach wie vor die für ihn charakteristischen darlehens- und verwahrungsrechtlichen Elemente auf. Allerdings bestimmt das im Jahre 2009 in Kraft getretene Zahlungsdiensterecht (§§ 675c ff. BGB), mit dem der deutsche Gesetzgeber europäisches Richtlinienrecht, nämlich die Zahlungsdiensterichtlinie 2007 sowie deren Nachfolgerichtlinie aus dem Jahr 2015, umgesetzt hat, dass für die Erbringung eines Zahlungsdienstes das “vereinbarte Entgelt zu entrichten” ist (§ 675f Abs. 5 Satz 1 BGB). Danach sind auch Bareinzahlungen auf und Barabhebungen von einem Girokonto Zahlungsdienste (§ 675c Abs. 3 i.V.m. § 1 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 und 2 ZAG). Für diese darf – auch ohne Freipostenregelung – ein Entgelt verlangt werden.
Davon unabhängig unterliegen die von der Sparkasse verwendeten Klauseln allerdings im Rechtsverkehr mit Verbrauchern im Hinblick auf die Höhe des vereinbarten Entgelts der richterlichen Inhaltskontrolle. Denn insoweit greift die zu Gunsten von Verbrauchern (halb-)zwingende Preisregelung des § 312a Abs. 4 Nr. 2 BGB ein. Mit dieser Vorschrift hat der deutsche Gesetzgeber – wenn auch richtlinienüberschießend – Vorgaben der europäischen Verbraucherrechterichtlinie umgesetzt, indem er gemäß § 312 Abs. 5 BGB in rechtlich unbedenklicher Weise auch Finanzdienstleistungen in den Anwendungsbereich dieser Vorschrift einbezogen hat. Die Erfüllung einer vertraglichen Pflicht im Sinne des § 312a Abs. 4 Nr. 2 BGB ist auch die (teilweise) Rückführung eines überzogenen Girokontos durch eine Bareinzahlung am Bankschalter. Mit den in Streit stehenden Entgeltklauseln “Beleghafte Buchungen und Kassenposten mit Service, je Buchung … Euro” bepreist die Sparkasse unter anderem auch einen solchen Zahlungsvorgang, so dass eine Entgeltkontrolle eröffnet ist.
Ob das von der Sparkasse verlangte Entgelt von 1 € und 2 € im Rechtsverkehr mit Verbrauchern der Entgeltkontrolle standhält, hat das Berufungsgericht nicht überprüft. Der Senat hat das Berufungsurteil deswegen insoweit aufgehoben und zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Für die vom Oberlandesgericht München nunmehr vorzunehmende Entgeltkontrolle hat der Bundesgerichtshof darauf hingewiesen, dass gemäß § 312a Abs. 4 Nr. 2 BGB nur solche Kosten umlagefähig sind, die unmittelbar durch die Nutzung des Zahlungsmittels, d.h. hier die Barzahlung, entstehen (sogenannte transaktionsbezogene Kosten). Gemeinkosten wie allgemeine Personalkosten und Kosten für Schulungen und Geräte, deren Anfall von dem konkreten Nutzungsakt losgelöst sind, sind dagegen nicht umlagefähig.
Bundesgerichtshof, Urteil vom 18. Juni 2019 – XI ZR 768/17
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LG Memmingen Urteil vom 16.11.2016 – 1 HK O 893/16 [↩]
OLG München, Urteil vom 12.10.2017 – 29 U 4903/16 [↩]
siehe BGH, Urteile vom 30.11.1993 – XI ZR 80/93, BGHZ 124, 254 ff.; und vom 07.05.1996 – XI ZR 217/95, BGHZ 133, 10 ff. [↩]