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Timestamp: 2020-08-07 00:45:06
Document Index: 297039108

Matched Legal Cases: ['§ 92', '§ 84', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 89', 'Art. 267', 'Art.19', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 24', '§ 92', '§ 92', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 29', '§ 92', 'BGH', 'BGH', '§ 92', 'EuG']

Ausgleichsanspruch für EU-Vertragshändler | Aktuelles Handelsrecht.Info
Veröffentlicht am 23. März 2016 22. März 2016 von Legal News
Gemäß der Neufassung von § 92c Abs. 1 HGB aufgrund des Gesetzes vom 23.10.198910 zur Durchführung der Richtlinie 86/653/EWG kann hinsichtlich aller Vorschriften des Siebenten Abschnitts des Ersten Buches des Handelsgesetzbuchs (§§ 84 bis 92b HGB) etwas anderes vereinbart werden, wenn der Handelsvertreter seine Tätigkeit für den Unternehmer nach dem Vertrag nicht innerhalb des Gebietes der Europäischen Gemeinschaft auszuüben hat. Damit sollte den Erfordernissen der Richtlinie 86/653/EWG Rechnung getragen werden11.
Zwar beschränkt sich der Anwendungsbereich der Richtlinie 86/653/EWG auf Handelsvertreterverhältnisse (Warenvertreterverhältnisse); die Richtlinie ist auf Vertragshändlerverhältnisse nicht – auch nicht entsprechend – anwendbar12. Daraus folgt aber nicht, dass sich der deutsche Gesetzgeber bei der Änderung von § 92c Abs. 1 HGB im Jahr 1989 auf eine Regelung speziell der Handelsvertreterverhältnisse beschränken wollte. Nachdem zu jener Zeit die durch das Urteil vom 11.12 195813 begründete Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur entsprechenden Anwendbarkeit des Handelsvertreterrechts auf Vertragshändlerverhältnisse bereits seit mehr als dreißig Jahren bestand, hätte es vielmehr nahegelegen und wäre zu erwarten gewesen, dass die Vertragshändler ausdrücklich von der in § 92c Abs. 1 HGB14 in Bezug auf Handelsvertreter statuierten territorialen Differenzierung ausgenommen werden, wenn es der Wille des Gesetzgebers gewesen wäre, den bis dahin bestehenden Gleichlauf bei der rechtlichen Beurteilung der Ausgleichsansprüche von Handelsvertretern und Vertragshändlern zu durchbrechen15.
Entsprechendes gilt für die abermalige Änderung von § 92c Abs. 1 HGB im Jahr 1993 durch das Gesetz vom 27.04.1993 zur Ausführung des Abkommens vom 02.05.1992 über den Europäischen Wirtschaftsraum16, bei der lediglich nach den Wörtern „Gebietes der Europäischen Gemeinschaft“ die Wörter „oder in einem anderen Vertragsstaat des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum“ eingefügt wurden. Mit dieser Änderung sollte den Anpassungsverpflichtungen hinsichtlich der Richtlinie 86/653/EWG aus dem Abkommen über den Europäischen Wirtschaftsraum gegenüber dessen Vertragsstaaten Rechnung getragen werden17.
Hinzu kommt, dass sich der Gesetzgeber bei der Neufassung von § 92c Abs. 1 HGB im Jahr 1989 durch das Gesetz vom 23.10.198918 zur Durchführung der Richtlinie 86/653/EWG nicht auf eine strikte Umsetzung dieser – lediglich auf Warenvertreterverhältnisse anwendbaren – Richtlinie beschränkt hat, sondern darüber hinaus gegangen ist, indem er bei der territorialen Differenzierung in § 92c Abs. 1 HGB Warenvertreter und sonstige Handelsvertreter (z.B. Versicherungsvertreter, § 92 Abs. 2 HGB, Bausparkassenvertreter, § 92 Abs. 5 HGB, und Dienstleistungsvertreter) gleich behandelt hat19.
Soweit etwa die Unabdingbarkeit des zukünftigen Ausgleichsanspruchs entsprechend § 89b Abs. 4 Satz 1 HGB dem Schutz des Vertragshändlers vor der Gefahr dient, sich aufgrund seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit von dem Hersteller oder Lieferanten auf ihn benachteiligende Abreden einzulassen, besteht diese Gefahr für den Vertragshändler, der seine Tätigkeit für den Hersteller oder Lieferanten nach dem Vertrag in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union oder in einem anderen Vertragsstaat des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum auszuüben hat, in nicht geringerem Maße als für den Vertragshändler, der seine Tätigkeit für den Hersteller oder Lieferanten nach dem Vertrag im Inland auszuüben hat20.
Ein Vorabentscheidungsersuchen an den Gerichtshof der Europäischen Union gemäß Art. 267 Abs. 3 AEUV zur Auslegung von Art.19 der Richtlinie 86/653/EWG ist mangels Entscheidungserheblichkeit nicht veranlasst. Denn die – auf Warenvertreterverhältnisse zugeschnittene – Richtlinie 86/653/EWG ist, wie bereits erörtert, auf Vertragshändler nicht – auch nicht entsprechend – anwendbar21. Die Frage, ob und in welchem Umfang Vorschriften des deutschen Handelsvertreterrechts auf Vertragshändler entsprechend anzuwenden sind, wenn deutsches Recht als Vertragsstatut eines Vertragshändlervertrags berufen ist, ist mangels Vereinheitlichung des Vertragshändlerrechts unionsrechtlich nicht präformiert, sondern vom deutschen Recht autonom zu beantworten.
Die aufgeworfene Problematik einer möglichen Ungleichbehandlung von schwedischen und deutschen Herstellern oder Lieferanten, die daraus resultiert, dass bei deutschem Recht unterliegenden Vertragshändlerverträgen der Ausgleichsanspruch nicht im Voraus ausgeschlossen werden kann, während das schwedische Recht einen zwingenden Ausgleichsanspruch des Vertragshändlers möglicherweise nicht vorsieht, ist unionsrechtlich unbedenklich, woran kein vernünftiger Zweifel besteht. Denn ein derartiges Rechtsgefälle wird mangels Harmonisierung des Vertragshändlerrechts dadurch legitimiert, dass die Rom IVerordnung eine Rechtswahl bei Vertragshändlerverträgen zulässt22.
vgl. BGH, Urteil vom 05.02.2015 – VII ZR 315/13, ZVertriebsR 2015, 122 Rn. 11 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 05.02.2015 – VII ZR 315/13, ZVertriebsR 2015, 122 Rn. 11; Urteil vom 06.10.2010 – VIII ZR 210/07, NJW-RR 2011, 389 Rn. 18; Urteil vom 13.01.2010 – VIII ZR 25/08, NJW-RR 2010, 1263 Rn. 15 m.w.N. [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 06.02.1985 – I ZR 175/82, NJW 1985, 3076, 3077 21; Urteil vom 12.12 1985 – I ZR 62/83, NJW-RR 1986, 661, 662 9; Urteil vom 06.10.1999 – VIII ZR 125/98, BGHZ 142, 358, 368 35; im Ergebnis ebenso BGH, Beschluss vom 17.11.1999 – VIII ZR 315/98 1, 3, zum Ausgleichsanspruch einer in England ansässigen Vertragshändlerin [↩]
vgl. Thume in Küstner/Thume, Handbuch des gesamten Vertriebsrechts, Band 3, 4. Aufl., Teil II, 2. Kap. Rn. 70 f.; Wauschkuhn in Schultze/Wauschkuhn/Spenner/Dau/Kübler, Der Vertragshändlervertrag, 5. Aufl. Rn. 995; Häuslschmid in Martiny/Reithmann, Internationales Vertragsrecht, 8. Aufl. Rn.06.1541; van der Moolen in Martinek/Semler/Habermeier/Flohr, Handbuch des Vertriebsrechts, 3. Aufl., § 24 Rn. 65; Hagemeister, RIW 2006, 498, 502 [↩]
vgl. OLG Düsseldorf, Urteil vom 28.02.2007 – VI-U (Kart) 22/06 54; Emde, Vertriebsrecht, 3. Aufl., § 92c Rn. 13; Heinicke, ZVertriebsR 2013, 275, 279 f.; Hermes, RIW 1999, 81, 86; Koller/Kindler/Roth/Morck/Roth, HGB, 8. Aufl., § 92c Rn. 4 [↩]
BGBl. I S.1910, 1911 [↩]
BGBl. I S. 512, 530 [↩]
BGBl.1953 – I S. 771, 775 [↩]
vgl. BT-Drs. 1/3856, S. 18 [↩]
vgl. BT-Drs. 11/3077, S. 10; BT-Drs. 11/4559, S. 10 [↩]
vgl. EuGH, Slg. 2004, I1575 Rn. 15 ff. – Mavrona [↩]
BGH, Urteil vom 11.12 1958 – II ZR 73/57, BGHZ 29, 83 [↩]
BGBl. I 1989 S.1910, 1911 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 17.12 1997 – VIII ZR 235/96, NJW 1998, 1860, 1861 28, zur entsprechenden Argumentation bei der Anwendbarkeit der Übergangsregelung in Art. 29 EGHGB [BGBl. I 1989 S.1910, 1912] auf Vertragshändler; Hermes, RIW 1999, 81, 86 [↩]
EWR-Ausführungsgesetz, BGBl. I 1993 S. 512, 530 [↩]
vgl. BT-Drs. 12/3319, S. 64; BT-Drs. 12/3752, S. 65 [↩]
vgl. Emde, Vertriebsrecht, 3. Aufl., § 92c Rn. 13 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 06.02.1985 – I ZR 175/82, NJW 1985, 3076, 3077 21; vgl. ferner BGH, Beschluss vom 17.11.1999 – VIII ZR 315/98 3, zur gleichen Schutzwürdigkeit von ausländischen und inländischen Handelsvertretern im zeitlichen Anwendungsbereich von § 92c Abs. 1 HGB a.F. [BGBl. I 1953 S. 771, 775] [↩]
vgl. EuGH, Slg. 1991, I107 Rn. 15 – Alsthom [↩]