Source: http://docplayer.org/2833287-Aufhebung-von-benachteiligungen-behinderter-und-chronisch-kranker-menschen.html
Timestamp: 2016-12-05 03:03:33
Document Index: 84647809

Matched Legal Cases: ['Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 3', 'EuG', 'Art. 33', 'Art. 33']

⭐Aufhebung von Benachteiligungen behinderter und chronisch kranker Menschen
Aufhebung von Benachteiligungen behinderter und chronisch kranker Menschen
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1 Aufhebung von Benachteiligungen behinderter und chronisch kranker Menschen Handlungsempfehlungen des wissenschaftlichen Koordinators des Themenjahres Selbstbestimmt dabei. Immer. Prof. Dr. Ernst von Kardorff2 Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis... 2 I. Ausgangslage und Forschungsschwerpunkte der ADS im Themenjahr Ausgangslage... 3 a. Gesetze alleine reichen nicht aus... 3 b. Stigmatisierungs- und Benachteiligungserfahrungen Schwerpunkte der Expertisen im Auftrag der ADS... 5 a. Begleitforschung der Antidiskriminierungsstelle... 5 b. Forsa-Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes... 5 c. Ziel der Studien und Handlungsempfehlungen... 6 II. Konzeptionelle und wissenschaftliche Grundlagen der Handlungsempfehlungen Normative, politische und gesetzliche Grundlagen Wissenschaftliche Grundlagen... 8 a. Zum Verständnis von Diskriminierung... 8 b. Zur Erfassung von Diskriminierung unzureichende Datenlage... 9 c. Soziales Modell von Behinderung statt defizitorientiertes Modell Nicht der Mensch ist behindert er wird behindert Reichweite und Grenzen der Handlungsempfehlungen III. Handlungsempfehlungen Barrierefreie Dienstleistungen a. Zentrale Befunde der Studie b. Handlungsempfehlungen Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten a. Zentrale Befunde der Studie b. Handlungsempfehlungen Schutz vor Benachteiligungen aufgrund chronischer Krankheit a. Zentrale Befunde der Studie b. Empfehlungen3 I. Ausgangslage und Forschungsschwerpunkte der ADS im Themenjahr 1. Ausgangslage Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) hat mit ihrem Themenjahr 2013 unter dem Motto Selbstbestimmt dabei. Immer. die Situation von Menschen mit Behinderungen und mit chronischen Krankheiten in den Mittelpunkt gestellt. Das Themenjahr wurde gemeinsam mit dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen durchgeführt. Damit wurde die Aufmerksamkeit gerichtet auf eine immerhin fast 10 % der Bevölkerung umfassende Gruppe von Menschen mit Behinderungen, von denen ca. sieben Millionen Menschen im sozialrechtlichen Sinne als schwerbehindert eingestuft sind. Dazu kommen rund 17 Millionen Menschen im Alter von über 18 Jahren mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder chronischen Krankheiten, die sie im täglichen Leben einschränken (Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lage von Menschen mit Beeinträchtigungen 2013). Allein schon diese Größenordnung verweist auf die politische Bedeutung der Teilhabesicherung und des Schutzes vor Diskriminierung für diese in sich sehr heterogene Gruppe von Menschen. a. Gesetze alleine reichen nicht aus Trotz einer Reihe von Gesetzen zur Wahrung ihrer Bürgerrechte und Selbstbestimmung, zur Verhinderung von Diskriminierung und Ungleichbehandlung (Grundgesetzergänzung Art. 3, Absatz 3, Satz 2: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden; Behindertengleichstellungsgesetz, BGG; Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz, AGG), und einer differenzierten und vielfältigen Sozialgesetzgebung, die darauf zielt, gesellschaftliche Teilhabe durch Rehabilitation, Förderung, Assistenz und Kompensation zu gewährleisten (SGB IX), UN Behindertenrechtskonvention, UN-BRK, treffen Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen nach wie vor auf vielfältige gesellschaftliche Barrieren, die ihre vollständige gesellschaftliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben behindern und sich negativ auf ihre Lebenssituation auswirken. Dies zeigt sich z.b. bezogen auf die vergleichsweise geringe Erwerbsbeteiligung bei Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder chronischer Krankheit beeinträchtigt sind, an folgenden Zahlen: Bei den insgesamt fast 25 % der aufgrund unterschiedlicher körperlicher, seelischer oder geistiger Beeinträchtigungen in unterschiedlichem Ausmaß betroffenen und in verschiedener Weise auf Unterstützung angewiesenen Menschen aus der Gesamtbevölkerung handelt es sich um viele ältere, aber noch im erwerbsfähigen Alter befindliche Personen (22 % im Alter von Jahren und 31 % im Alter zwischen 50 und 65 Jahren), von denen sich wiederum eine nicht unerhebliche Anzahl in ungewollter Erwerbslosigkeit befinden (ca Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung, das entspricht mit 14,8 % einer fast doppelt so hohen Erwerbslosenquote wie bei Menschen ohne eine festgestellte Schwerbehinderung) und um Personen, 34 die eine Erwerbsminderungsrente beziehen (so haben 2011 ca Personen erstmalig eine Erwerbsminderungsrente bezogen; das sind 20,5 % aller Zugänge an Versichertenrenten in diesem Jahr). Diese Daten verweisen auf mentale und strukturelle Barrieren, mit denen diese Menschen beim Zugang zum Arbeitsmarkt konfrontiert sind; so weisen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung im Durchschnitt ähnliche Qualifikationen auf wie nicht behinderte Menschen. Dies ist angesichts der demografischen Entwicklung und des Fachkräftemangels nicht nur ein volkswirtschaftlicher Verlust, sondern vor allem ein persönliches Problem für die betroffenen Menschen und verweist auf ihre unzureichende Inklusion und fehlende gesellschaftliche Anerkennung sowie für einige Zielgruppen, wie etwa Menschen mit Lernbeeinträchtigungen, auch auf unzureichende berufliche Qualifizierungsangebote. b. Stigmatisierungs- und Benachteiligungserfahrungen Viele Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten erleben im gesellschaftlichen Alltag, bei Behörden, im Bereich von Dienstleistungen und auf dem Arbeitsmarkt vielfältige Formen von Stigmatisierung, Zurücksetzung, Diskriminierung und Ungleichbehandlung; und viele von ihnen sehen sich entgegen den rechtsverbindlichen Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention zur Inklusion immer noch mit systematischen Prozessen der Ausgrenzung im Bildungssystem, mit sozialer Isolierung in Heimen und Sonderwelten in Beruf und Freizeit konfrontiert. Diese Lagebeschreibung, wie sie zuletzt in dem soeben veröffentlichten Teilhabebericht der Bundesregierung zusammengefasst ist, beruht auf einer Vielzahl persönlicher Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten, auf zahlreichen Anfragen und Beschwerden bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und den Antidiskriminierungsstellen der Länder, auf Dokumentationen von Selbsthilfeorganisationen und Behindertenverbänden sowie auf dem aktuellen - wenngleich in einigen Bereichen lückenhaften - Forschungsstand (vgl. Teilhabebericht der Bundesregierung 2013, Kap. 9.4). 45 2. Schwerpunkte der Expertisen im Auftrag der ADS a. Begleitforschung der Antidiskriminierungsstelle Vor dem skizzierten Hintergrund hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Umfrage zur Wahrnehmung behinderter Menschen in der Bevölkerung und zur Einschätzung der Lebenssituation behinderter Menschen erstellen lassen (Leben mit Behinderung. Repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der ADS). Darüber hinaus hat sie drei wissenschaftliche Expertisen in Auftrag gegeben, die sich mit zwei für die Teilhabe und Diskriminierungsrisiken besonders anfälligen Bereichen beschäftigen: mit den Benachteiligungen von behinderten Menschen beim Zugang zu Dienstleistungen privater Unternehmen (Anne Waldschmidt & Arno Müller) und mit dem Zugang behinderter Menschen zum allgemeinen Arbeitsmarkt (Ernst von Kardorff, Heike Ohlbrecht & Susen Schmidt). Die dritte Expertise beschäftigt sich mit dem Schutz vor Benachteiligungen aufgrund chronischer Krankheit (Kurt Pärli & Tarek Naguib) und rückt damit die Diskriminierungsrisiken dieser großen und im Bewusstsein der Öffentlichkeit oft übersehenen Gruppe chronisch kranker Menschen in das Blickfeld, die, wie auch die Menschen mit Behinderungen, mit Stigmatisierung und Benachteiligungen konfrontiert sind. Der Beauftragte für die Belange behinderter Menschen hat die Forschungsthemen gemeinsam mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes entwickelt. Die Ergebnisse der Expertisen wurden zusammen mit ausgewählten Fallbeispielen von Diskriminierung betroffener Menschen mit Behinderungen auf einer Tagung der Antidiskriminierungsstelle am 13. Juni 2013 einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt und mit den behindertenpolitischen Sprecher_innen der Bundestagsparteien, Interessenvertreter_innen aus Verbänden, Selbsthilfeorganisationen, Gewerkschaftsvertreter_innen und Wissenschaftler_innen diskutiert. b. Forsa-Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes Auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten die Einstellungen zu Menschen mit Behinderungen in der Europäischen Union insgesamt in eine positive Richtung entwickelt haben, liefern die Ergebnisse der von der Antidiskriminierungsstelle zum Themenjahr 2013 in Auftrag gegebenen repräsentativen Forsa-Umfrage zu Deutschland ein etwas differenzierteres Bild: so verbinden 19 % der Befragten den Begriff Menschen mit einer Behinderung spontan mit den Stichworten Benachteiligung/Diskriminierung, 16 % assoziieren Mitleid, jeweils 12 % Hilfebedürftigkeit und bessere Unterstützung erforderlich. Dies bedeutet einerseits, dass nicht behinderte Menschen ein durchaus realistisches Bild über die gesellschaftliche Situation behinderter Menschen haben immerhin kennen 61 % der Befragten einen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung in ihrem persönlichen Umfeld, andererseits existiert bei vielen Befragten aber immer noch das Bild des bemitleidenswerten Menschen mit Behinderung, das ihm oder ihr ein zufriedenes und selbstbestimmtes Leben tendenziell abspricht und das Leben mit einer Behinderung vorrangig unter dem Aspekt des Leidens betrachtet und damit die Sichtweisen der Menschen mit Behinderung unberücksichtigt lässt. 56 Von Seiten der befragten Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung fühlen sich zwar insgesamt 61 % ausreichend von der Gesellschaft unterstützt (Männer zu 71 %, Frauen nur zu 51 %), aber immerhin mehr als ein Drittel (37 %) würde sich mehr Unterstützung wünschen, vor allem beim Umgang mit Behörden und Ämtern (51 %), bei der Fortbewegung im Alltag, bei der Freizeitgestaltung, im Berufsleben und bei der Arbeitssuche (knapp über 42 %), bei Versicherungen (32 %), bei der Wohnungssuche (24 %), bei Bankgeschäften (20 %), in Schule und Hochschule (7 %). Bezogen auf die Partizipation am gesellschaftlichen Leben geben nach den Ergebnissen des Teilhabeberichts der Bundesregierung knapp ein Viertel der Menschen, bei denen schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen vorliegen, an, dass sie weitgehend unbehindert am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Gleichzeitig berichten fast genauso viele Menschen von teilweise massiven Teilhabeeinschränkungen und Behinderungen. Dies bestätigt auch die erste umfassende Studie zur Rechtswirksamkeit des AGG bezogen auf Diskriminierungsfälle in Deutschland von Rottleuthner und Mahlmann (2011). Auch dort zeigt sich, wie auch im Teilhabebericht der Bundesregierung, dass die Datenlage zur Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen insgesamt in allen relevanten Bereichen unzureichend und verbesserungsbedürftig ist; hierzu plant das BMAS die Durchführung einer umfassenden empirischen Erhebung. c. Ziel der Studien und Handlungsempfehlungen Die Ergebnisse der von der Antidiskriminierungsstelle beauftragten Studien sollen zu einer Sensibilisierung für die strukturellen und mentalen Barrieren beitragen, die einer gleichberechtigten Anerkennung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft entgegenstehen. Darüber hinaus geht es darum, Empfehlungen zu fachlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Handlungsstrategien zu liefern, um die nach wie vor bestehenden Vorurteile und Praktiken der Diskriminierung gegenüber behinderten und chronisch kranken Menschen zu verringern, ihrer Marginalisierung und Ausgrenzung entgegenzuwirken und ihre Teilhabechancen durch entsprechende Maßnahmen und Instrumente zu verbessern. Dazu gehört vor allem, dass Menschen mit Behinderungen oder mit chronischen Erkrankungen und ihre Interessenvertretungen im Zeichen von Partizipation und Selbstbestimmung aktiv in die Entwicklung derartiger Strategien einbezogen werden, damit ihre Belange und Interessen unmittelbar in den politischen Prozess einfließen können. 67 II. Konzeptionelle und wissenschaftliche Grundlagen der Handlungsempfehlungen 1. Normative, politische und gesetzliche Grundlagen Die normative, politische und gesetzliche Grundlage für die folgenden Handlungsempfehlungen bilden die 2009 einschließlich des Zusatzprotokolls verbindlich ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-BRK sowie der aktuelle Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lage der Menschen mit Beeinträchtigungen. Gemeinsam ist allen drei Dokumenten das Ziel der Verwirklichung einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe aller Menschen mit Behinderungen und der Abbau von Barrieren sowie die Verhinderung von Ungleichbehandlung und Diskriminierung. Die damit angestrebte gesellschaftliche Inklusion geht von der Tatsache der Unterschiedlichkeit (Diversität) aller Menschen und damit ihrer von Anfang an bestehenden fraglosen Zugehörigkeit zur Gesellschaft aus. Ohne Ausnahme kommt danach allen Menschen unabhängig von behinderungs- und krankheitsbedingten Beeinträchtigungen Würde, Anerkennung und Respekt zu. Darüber hinaus geht es um die Sicherung gleicher Rechte und Chancen auf Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen an allen gesellschaftlichen Lebensbereichen, so dass selbstbestimmte Entscheidungen, persönliche Neigungen, besondere Fähigkeiten und Stärken, Leistungen und Motivation in gleicher Weise wie bei nicht behinderten Menschen zum Tragen kommen können. Im Unterschied zu den im AGG genannten sachlichen Gründen für eine Ungleichbehandlung auf dem Arbeitsmarkt etwa mangelnde fachliche Qualifikation dürfen angeborene oder erworbene individuelle Unterschiede oder Beeinträchtigungen keine Ungleichbehandlung begründen. Um dies auch in der Praxis zu erreichen, ist es erforderlich, materielle und mentale Barrieren in der Gesellschaft zu beseitigen und durch gezielte individuelle Förderung oder Nachteilsausgleiche (sogenannte positive Maßnahmen im Sinne des 5 AGG) die Chancen zu einer gleichberechtigten Teilhabe herzustellen. Für einzelne Handlungsbereiche wurden hierzu im Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention (2011) zentrale Zielperspektiven formuliert. 78 2. Wissenschaftliche Grundlagen a. Zum Verständnis von Diskriminierung Im AGG wird im Unterschied zur öffentlichen Diskussion nicht von Diskriminierung sondern in Übereinstimmung mit der Formulierung des Art. 3, Abs. 3 GG von Benachteiligung gesprochen. Dieser Begriff deckt semantisch nicht den gesamten Inhalt des im internationalen und europäischen Recht und in der Wissenschaft gebräuchlichen Diskriminierungsbegriffs ab, wie etwa die menschen- und bürgerrechtliche Dimension, obgleich sie im AGG ausdrücklich enthalten ist. Der Begriff der Benachteiligung im AGG macht aber darauf aufmerksam, dass für eine gelingende Teilhabe neben dem notwendigen Abbau mentaler Barrieren auch eine Stärkung der Handlungsfähigkeit der Menschen mit unterschiedlichen Funktionsbeeinträchtigungen (Behinderungen und chronische Erkrankungen) erforderlich ist. Insofern ist Politik für Menschen mit Behinderungen und mit chronischen Erkrankungen immer auch Barriereabbau und Antidiskriminierungspolitik, sowohl auf der Ebene der Stärkung individueller Handlungsfähigkeit als auch auf der Ebene institutioneller Strukturen der Teilhabeförderung. Darüber hinaus erweist sich der Benachteiligungsbegriff mit Blick auf die soziale Lage von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen als anschlussfähig an die sozialpolitische Förder- und Kompensationspolitik für die Zielgruppen und bildet damit eine zentrale Voraussetzung zur Herstellung von Teilhabegerechtigkeit. 89 b. Zur Erfassung von Diskriminierung unzureichende Datenlage Die Erfassung von Diskriminierung stellt eine komplexe Herausforderung für die Forschung dar, die Datenlage ist bisher noch nicht ausreichend und die Erfassung von Diskriminierung ist nur in Grenzen objektiv(ierbar); sie stützt sich auf: 1. Subjektive Berichte über Diskriminierung (z.b. Sammlung der bei der ADS und den anderen Antidiskriminierungsstellen eingegangenen Anfragen und Beschwerden; Erfahrungsberichte von Menschen mit Behinderungen an den Beauftragten für die Belange behinderter Menschen) 2. Beobachtungen und Stellungnahmen von Betroffenenorganisationen, der Selbsthilfe sowie von Fachverbänden 3. Wissenschaftliche Studien, sowohl aus der Rekonstruktion der Binnenperspektive der Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen als auch auf Studien, die den Phänomenbereich von außen auf der Basis von statistischen Erhebungen und aus fachwissenschaftlicher Perspektive analysieren. Diese hier angedeuteten Zugänge finden sich in den von der Antidiskriminierungsstelle beauftragten Expertisen in unterschiedlicher Weise wieder. Die nachfolgenden Empfehlungen beruhen auf einer sozialwissenschaftlichen Definition wie sie in der aktuellen Studie von Rottleutner und Mahlmann (2011) über Diskriminierung in Deutschland verwendet wird: Als Diskriminierung wird dabei jede ungerechtfertigte, benachteiligende Ungleichbehandlung verstanden das ist die Grundweichenstellung des internationalen Gleichbehandlungsrechts, auch des europarechtlichen. Unionsrechtlicher Ausgangspunkt ist ein Verbot von Diskriminierungen. Dabei wird zwischen unmittelbaren und mittelbaren Diskriminierungen unterschieden. Unmittelbare Diskriminierungen liegen dann vor, wenn eine Person aufgrund der verpönten Merkmale in einer vergleichbaren Position eine weniger günstige Behandlung als eine andere Person erfährt, erfahren hat oder erfahren würde. Mittelbare Diskriminierungen sind gegeben, wenn dem Anschein nach neutrale Vorschriften, Kriterien oder Verfahren Personen, die bestimmte Merkmale besitzen, in besonderer Weise benachteiligen können, es sei denn, es liegt ein objektiver Grund für die Benachteiligung vor und die Mittel zur Erreichung des angestrebten Ziels sind verhältnismäßig. ( Rottleuthner & Mahlmann 2011, S. 22). 910 c. Soziales Modell von Behinderung statt defizitorientiertes Modell Nicht der Mensch ist behindert er wird behindert Die Empfehlungen der Antidiskriminierungsstelle stützen sich auf das soziale Modell der Behinderung und fordern dessen konsequente Anwendung. Es grenzt sich vom traditionellen individualistischen und defizitorientierten Modell der Behinderung ab. Aus der Perspektive des sozialen Modells wird kritisiert, dass bei dem defizitorientierten Ansatz eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen durch eine klassifizierende Zuschreibung gesellschaftlich negativ bewerteter Eigenschaften fortgeschrieben wird, die pauschal auf die Gruppe von Menschen mit Behinderungen angewandt wird; darüber hinaus erfolgt eine individualisierende Zuschreibung dieser Klassifikationsmerkmale auf die jeweilige Person mit einer Behinderung oder einer chronischen Erkrankung, was dazu führt, dass nicht gesellschaftliche Barrieren, sondern individuelle Defizite für die mangelnde Teilhabe verantwortlich gemacht werden. Auf dieser Basis richten sich gesellschaftliche Erwartungen dann auf die Anpassung der Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen an die Vorstellungen, Normen, Orte, Handlungsräume und Verfahrensweisen, die auf die Bedürfnisse der Mehrheitsgesellschaft zugeschnitten sind, anstatt auf den Abbau von gesellschaftlichen Barrieren. Im Unterschied dazu entsteht nach dem sozialen Modell der Behinderung die fehlende Teilhabe von Menschen mit Behinderungen aus einer Interaktion zwischen der jeweiligen Beeinträchtigung einer Person und der Umwelt; durch soziale Konventionen und die gesellschaftlich vorherrschende Praxis in Unternehmen, im Versorgungssystem und im Alltag werden negative Zuschreibungen und Barrieren oft aus Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit, mangelnder Fantasie ( geht nicht ) oder aufgrund fehlender Informiertheit - weiter aufrecht erhalten. Einen wichtigen konzeptionellen Schritt zur Auflösung dieser stigmatisierenden Zuschreibungen hat hier der aktuelle Teilhabebericht der Bundesregierung über die Lage von Menschen mit Beeinträchtigungen vollzogen, indem er in Übereinstimmung mit der UN-BRK nicht mehr von Menschen mit Behinderungen, sondern von Menschen mit Beeinträchtigungen spricht und damit den Blick auf die Bedingungen lenkt, die eine Teilhabe der betroffenen Menschen behindern; daüber hinaus werden mit diesem neuen Verständnis auch die Teilhabebeeinträchtigungen der großen Gruppe von Menschen mit chronischen Erkrankungen erfasst. 3. Reichweite und Grenzen der Handlungsempfehlungen Die folgenden Empfehlungen beziehen sich auf die Ergebnisse der repräsentativen FORSA- Umfrage und auf die Empfehlungen der drei Expertisen. Ausdrücklich ausgenommen bleibt im Folgenden der wichtige und in der medialen Öffentlichkeit und von Eltern behinderter und nicht behinderter Kinder intensiv wahrgenommene Diskurs zur inklusiven Schule und zum inklusiven Bildungssystem; neben pragmatischen Gründen des Umfangs ist dafür die politische Verantwortung der Länder ausschlaggebend, die jeweils unterschiedliche Inklusionsstrategien verfolgen. 1011 III. Handlungsempfehlungen Unterscheidung zwischen Inklusionsebenen und Handlungsdimensionen Geeignete Strategien, Formate und Instrumente zur Bekämpfung von Diskriminierung und zur Verwirklichung von Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN- BRK) müssen auf verschiedenen Ebenen der gesellschaftlichen Integration identifiziert werden; auf jeder dieser Integrationsebenen berühren sie verschiedene Handlungsdimensionen: Auflösung tradierter Bilder und Stigmata Bilder von Behinderung und von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen werden im Alltag üblicherweise als selbstverständliche Gegebenheiten hingenommen und nicht auf ihre Ursprünge (in Interessen und Abgrenzungsbedürfnissen), soziale Funktionen (Bedrohungsabwehr), soziale Folgen (Ausgrenzung und Isolierung) oder auf ihre historische Entstehung als Ergebnis kollektiver sozialer Konstruktionen kritisch hinterfragt. Sie grundieren die emotionale, kognitive und bewertende Wahrnehmung und Einordnung des Phänomens Behinderung in besonderer Weise. Sie verändern sich z.b. vor allem durch positive persönliche existenzielle Erfahrungen gelungene Begegnungen mit Menschen mit Behinderung, erfolgreiche Integration und Respekt am Arbeitsplatz, Anerkennung als gleichwertige und gleichberechtigte Kund_innen im Dienstleistungsbereich; weitaus langsamer, aber dennoch wirksam, verändern sich Einstellungen durch öffentliche Diskurse und Darstellung der Lebensbewältigung durch behinderte und chronisch kranke Menschen in den Medien. Eine zentrale Handlungsdimension auf dieser Integrationsebene umfasst wirksame und differenzierte Formen der Aufklärung über die Lebenssituation, Formen der Diskriminierung und konkrete Foren der Inklusion von Menschen mit Behinderungen und chronisch kranken Menschen und eine herausgehobene Platzierung des Themas in der Öffentlichkeit. 1112 Verbesserung des gesellschaftlich- organisatorischen Umgangs mit Behinderung Die Ebene der gesellschaftlichen Organisation von Behinderung, wie die Rechtsstellung von Menschen mit Behinderungen, die jeweilige administrative Organisation des gesellschaftlichen Umgangs mit Behinderung, die fachlichen Prinzipien der Behindertenhilfe und der Rehabilitation sowie die wissenschaftlichen Definitionen, Diskurse und Praktiken in Diagnostik, Behandlung und Förderung von Menschen mit Behinderungen. Im Rahmen dieser komplexen Konstellation bieten sich bereichsspezifisch differenziert verschiedene Handlungsdimensionen an, angefangen von inklusiven Organisationsformen über verbesserte Verfahrenssteuerung bis hin zur Novellierung und Anpassung gesetzlicher Regelungen, um systematische Benachteiligungen auszugleichen und die Chancen auf Teilhabe zu erhöhen. Den alltäglichen persönlichen Umgang miteinander selbstverständlich machen Die Ebene der konkreten Begegnungen und Interaktionen von Angesicht zu Angesicht ( face-to-face ) mit Menschen mit Behinderungen im gesellschaftlichen Alltag, sei es im Rahmen informeller Begegnungen, wie auf dem Spielplatz, in der Nachbarschaft, beim Einkaufen oder in formalisierten Kontexten, etwa am Arbeitsplatz oder bei Behördenkontakten. Eine zentrale Handlungsdimension stellen hier Modelle gelungener Begegnungen von Menschen mit Behinderungen mit nicht behinderten Menschen dar, unterschiedliche Formen des Empowerments und der Stärkung von Handlungsfähigkeit und -macht (Agency) behinderter und chronisch kranker Menschen von der Selbsthilfe bis zum peercounseling, der Sichtbarmachung von spezifischem Unterstützungsbedarf bis zum Abbau von Mobilitätsbarrieren und der Förderung der aktiven Beteiligung von Menschen mit Behinderungen in lokalen und überregionalen Entscheidungsgremien. Die folgenden Empfehlungen resultieren aus einer Betrachtung des einschlägigen wissenschaftlichen Forschungsstandes, aus ausgewählten Stellungnahmen von Organisationen behinderter Menschen und der gesundheitlichen Selbsthilfe sowie aus Positionsbestimmungen der Behindertenpolitik. Sie sollen dazu anregen, zusammen mit den betroffenen Menschen und ihren Interessenvertretungen sowie der Politik nach effizienten, akzeptierten und erfolgversprechenden Wegen zu einer chancengerechten Teilhabe behinderter und chronische kranker Menschen am gesellschaftlichen Leben zu suchen. Die Handlungsempfehlungen beziehen sich auf die grundlegenden Empfehlungen der von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes für das Themenjahr 2013 in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Expertisen. 1213 1. Barrierefreie Dienstleistungen a. Zentrale Befunde der Studie Eine systematische Analyse von 280 dokumentierten Diskriminierungsfällen, die bei verschiedenen Anlaufstellen gemeldet wurden, ergab nach zentralen Lebensbereichen gegliedert, dass mehr als ein Drittel der Fälle Benachteiligungen bei Finanzdienstleistungen (Versicherungen, Bankgeschäften, Krediten), ein Fünftel Barrieren im Bereich von Transportmitteln und bei der Mobilität, 18 % Diskriminierungen im Freizeit- und Kulturbereich, 15 % im Wohnumfeld (Mietverträge, Konflikte mit Nachbarn) betrafen; die restlichen 14 % verteilten sich auf die Bereiche Gesundheitsdienstleistungen, Einzelhandel, Medien- und Kommunikation und auf Sonstiges. Die Formen der Benachteiligungen umfassten mit 36 % verweigerte Dienstleistungen, mit 18 % mangelnde Barrierefreiheit, 12 % Ungleichbehandlung, bei 8% handelte es sich um eine Verweigerung der Gewährung von Nachteilsausgleichen. 10 % der Fälle stellten Belästigungen dar und bei 4 % der Fälle handelte es sich um eine Verweigerung des Zutritts (z.b. zu Veranstaltungen, Ausstellungen etc.). Angesichts der insgesamt unzureichenden Forschungslage kann vermutet werden, dass diese Ergebnisse nur einen Ausschnitt des tatsächlichen Umfangs von Diskriminierung darstellen, nicht zuletzt, weil viele Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen entweder ihre Rechte nicht vollständig kennen, sich nicht immer darüber im Klaren sind, ob es sich tatsächlich um eine Diskriminierung handelt oder auf eine Klage verzichten. Aus dieser Ausgangslage zielen drei zentrale Empfehlungen auf eine einheitliche und systematische Dokumentation von Diskriminierungen beim Zugang und der Nutzung von privaten und öffentlichen Dienstleistungen, auf die Einführung des Verbandsklagerechts im AGG sowie auf eine deutliche Intensivierung der Forschung zur Verbesserung der Datenlage und auf eine vertiefte Analyse besonderer Konstellationen wie der Diskriminierung von Menschen, die unter gesetzlicher Betreuung nach 1896 BGB stehen. b. Handlungsempfehlungen Handlungsempfehlungen für den Gesetzgeber - Einführung des Verbandsklagerechts im Rahmen einer Novellierung des AGG. Da es sich bei vielen Formen der Diskriminierung um grundsätzlich strittige Fragen handelt, bietet es sich an, die Kompetenz und die Ressourcen von Betroffenenorganisationen zu nutzen, um dem Einzelnen den oft langwierigen und seelisch belastenden Klageweg zu ersparen. 1314 Handlungsempfehlungen für die Politik - Die Datenlage ist unzureichend: Eine systematische und einheitliche Dokumentation und Zusammenführung der Daten zu Diskriminierungsfällen ist notwendig, hierfür benötigen die Antidiskriminierungsstellen ausreichende sachliche und personelle Ressourcen. - Aktionen bündeln und Synergien nutzen: Einrichtung eines Runden Tisches aller Beteiligten zur Entwicklung geeigneter Empfehlungen, um gemeinsam Vorschläge zu entwickeln, wie die fortdauernde Benachteiligung und Diskriminierung behinderter und chronisch kranker Menschen künftig verhindert werden kann; - Gezielte Sensiblisierungs- und Aufklärungsangebote für Finanzdienstleister und Versicherungen wegen des hohen Anteils von Benachteiligungserfahrungen in diesem Bereich. Handlungsempfehlungen für Unternehmen - Unternehmen der Finanz- und Versicherungswirtschaft sowie Wohnungsbaugesellschaften sollen ihre Mitarbeiter_innen im Umgang mit Menschen mit Behinderungen und über deren Recht auf Gleichbehandlung aufklären. Handlungsempfehlungen für Verbände - Aufklärung und Sensibilisierung für die Diskriminierungsproblematik im Dienstleistungssektor durch Verbraucherzentralen und Selbsthilfeorganisationen sowie regionale Medienberichte mittels gezielter Öffentlichkeitsarbeit über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten durch Verbraucherzentralen und Selbsthilfeorganisationen sowie regionale Medienberichte. - Unterstützung von Musterprozessen von Diskriminierung betroffener Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. 1415 Handlungsempfehlungen für das Versorgungssystem und staatliche Stellen - Unzureichende und uneinheitliche Datenerfassung: Um eine einheitliche und vergleichbare Auswertung von Diskriminierungsfällen zu erreichen, sollte ein einheitliches Diagnose- und Kategoriensystem, z.b. entsprechend des Vorschlags der Expertise durch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der Länder ggf. auch von den Verbraucherschutzzentralen und den Peer-Counseling-Stellen der Selbsthilfeorganisationen genutzt werden; - Unterstützung von Musterprozessen von Betroffenen auch unter Nutzung des Verbandsklagerechts, um die psychischen Belastungen bei Individualklagen zu reduzieren. Handlungsempfehlungen für die Zielgruppen - Ermutigung (Empowerment) der Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, von sich aus Kontakt zu einer Antidiskriminierungsstelle, Behindertenbeauftragten, Verbraucherschutzzentrale oder Selbsthilfeorganisation aufzunehmen, um ihre Situation öffentlich zu machen; dies setzt auch eine verstärkte allgemeine Öffentlichkeitsarbeit voraus, die die Rechte und Beschwerdemöglichkeiten breiter bekannt macht. Handlungsempfehlungen für die Forschung - Aus vereinzelten Berichten wird deutlich, dass behinderte Menschen, die in einem gesetzlichen Betreuungsverhältnis stehen, nur wenig an Entscheidungen beteiligt und immer wieder im Bereich von Dienstleistungen benachteiligt werden; insgesamt bestehen in diesem Bereich aber erhebliche Wissenslücken; eine Einschätzung der vorhandenen Materialien zeigt, dass hier ein erheblicher Bedarf an empirisch belegbarer, vergleichender und interdisziplinärer Forschung zur Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen im Alltag, zu Mehrfachdiskriminierungen sowie von betreuten Personen nach 1896 BGB benötigt wird. 1516 2. Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten a. Zentrale Befunde der Studie Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung sind trotz im Durchschnitt annähernd gleicher Qualifikation fast doppelt so häufig erwerbslos wie nicht behinderte Menschen; besonders stark davon sind ältere Arbeitnehmer_innen und vor allem Frauen mit Behinderungen betroffen. Mit Blick auf die Art der Behinderung treffen anders als körperlich beeinträchtigte Menschen insbesondere Personen mit psychischen Erkrankungen, Menschen mit einer geistigen Behinderung und gehörlose Menschen auf massive Barrieren bei der Einstellung; besonders seelisch beeinträchtigte Menschen haben hohe Risiken, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Darüber hinaus zeigt sich eine Zunahme der Beschäftigtenzahlen behinderter Beschäftigter in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen (von von auf ) sowie ein deutlicher Anstieg von Erwerbsminderungsrenten aufgrund seelischer Erkrankungen, beides Tendenzen einer Ausgrenzung der betroffenen Personengruppen vom allgemeinen Arbeitsmarkt. Auch wenn sich in den letzten Jahren die Situation aufgrund von Förderprogrammen wie Job und Reha-Futur und der konjunkturell erholten Arbeitsmarktlage leicht verbessert hat, zeigt sich, wie der Teilhabebericht der Bundesregierung festgestellt hat, dass Menschen mit Beeinträchtigungen häufiger in Teilzeit arbeiten, im Durchschnitt geringere Löhne erhalten, öfter unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt sind und tendenziell häufiger und länger von Arbeitslosigkeit betroffen sind als Nicht-Beeinträchtigte. Neben verfahrensbedingten Hindernissen bei der Vermittlung beruflicher Rehabilitationsmaßnahmen und der Nutzung spezieller Fördermaßnahmen, wie z.b. der unterstützten Beschäftigung, sind es vor allem mentale Barrieren wie z.b. Vorurteile bei vielen Arbeitgebenden hinsichtlich der Leistungs- und Anpassungsfähigkeit beeinträchtigter Menschen und Befürchtungen hinsichtlich häufiger Ausfallzeiten und mangelnder Leistungskonstanz sowie fehlende Kenntnisse, Erfahrungen und eine mangelnde Wahrnehmung der Einsatzmöglichkeiten beeinträchtigter Menschen in den Unternehmen. Die positiven Erfahrungen, die viele Unternehmen mit der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen machen, wie etwa hohe Motivation und Verbesserung des Arbeitsklimas, haben sich bislang nicht generell in der Welt der Unternehmen durchgesetzt; während hier der öffentliche Dienst und einige, vor allem große Unternehmen bereits eine Reihe vorbildlicher Modelle entwickelt haben, ist dies bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen bis auf bemerkenswerte Einzelfälle noch nicht angekommen. Diese Ergebnisse zusammengenommen zeigen den erheblichen Handlungsbedarf im Bereich der Arbeitsmarktinklusion von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. 1617 b. Handlungsempfehlungen Handlungsempfehlungen für den Gesetzgeber - Der Schwerbehindertenbegriff im deutschen Recht deckt sich nicht mit dem Sozialen Modell des Behindertenbegriffes, daher sollte er neugefasst werden (vgl. oben II. 2c, soziales Modell der Behinderung) - Hierbei geht es darum, den Begriff der Schwerbehinderung erstens konsequent an der Arbeits- und Belastungsfähigkeit im konkreten Fall zu orientieren, zweitens durch eine gezielte Bestimmung des individuellen Unterstützungsbedarfs am Arbeitsplatz Benachteiligungen zu vermeiden, wie dies derzeit vor allem für viele Menschen mit einer Lernbehinderung oder einer psychischen Krankheit der Fall ist, die nach der Klassifikation des Grades der Behinderung keinen Schwerbehindertenstatus erreichen und daher von dem besonderen Schutz wie von den besonderen Leistungen ausgeschlossen bleiben; drittens ginge es im Sinne einer Vermeidung von Stigmatisierung weitergehend darum, den Begriff Schwerbehinderung aufzuheben und stattdessen im Einklang mit dem Teilhabebericht der Bundesregierung von Beeinträchtigungen zu sprechen und darauf aufbauend Schutzrechte und Leistungsrechte präzise nach einer methodisch einheitlich am Einzelfall orientierten Bedarfsdiagnostik zu bestimmen. Handlungsempfehlungen für die Politik - Empfohlen wird ähnlich wie im Bildungssektor die Entwicklung eines Index of Inclusion für die Arbeitswelt, der Standards in Übereinstimmung mit der UN-BRK für Unternehmen und das Vermittlungssystem formuliert und ggf. sowohl mit höheren Abgaben als auch mit Anreizen arbeitet. Die Umsetzung der Vorgaben könnte damit systematisiert und überprüfbar werden. - Um die Erwerbsbeteiligung von Menschen mit einer Behinderung zu erhöhen, sollte man mit einer doppelten Strategie zum einen die tarifliche Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen auf Dauerstellen finanziell belohnen (Anreizsteuerung) und parallel dazu die Ausgleichsabgabe für nicht besetzte Schwerbehindertenarbeitsplätze spürbar erhöhen. 1718 Handlungsempfehlungen für Unternehmen - Zum Abbau von Vorurteilen und zur Erhöhung der Einstellungsquoten: Verbesserte Information und Bewusstseinsbildung über die Einsatzmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen durch beschäftigte Menschen mit einer Behinderung, die für andere Betriebe als Botschafter_innen für die Umsetzung erfolgreicher Inklusion fungieren können. Vor der Auslagerung von Tätigkeiten an Fremdfirmen überprüfen, ob die entsprechenden Tätigkeiten auch durch Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen durchgeführt werden können. - Aktive Suche nach Einsatzmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen mit Hilfe der zuständigen Fachdienste, des Integrationsamts und der Integrationsfachdienste. - Verstärkte Nutzung der anonymisierten Bewerbungen, (ohne dabei Schutzvorschriften für Menschen mit einer Behinderung im weiteren Bewerbungsverlauf außer Acht zu lassen), um die Chance auf Einladung zu Vorstellungsgesprächen zu erhöhen und den Bewerber_innen die Möglichkeit zur Darstellung ihrer Motivation und ihrer Fähigkeiten zu geben sowie die besonderen Vorkehrungen zu erläutern, die für eine Beschäftigung mit einer Beeinträchtigung erforderlich sind. - Veränderung des Blickwinkels von den Defiziten auf die Fähigkeiten und besonderen Qualitäten behinderter oder chronisch kranker Bewerber_innen: Behinderung und Beeinträchtigung ist nicht mit geringerer Arbeits- oder Leistungsfähigkeit gleichzusetzen. Handlungsempfehlungen für Verbände - Seitens der Unternehmerverbände sollten die Betriebe aufgefordert werden, Beeinträchtigung deutlich als einen wichtigen Aspekt in ihre Konzepte des Diversity Mangements aufzunehmen. - Aktive und realistische Informationspolitik zu den positiven Erfahrungen und Möglichkeiten der Beschäftigung und der Beschäftigungssicherung für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Handlungsempfehlungen für das sozialrechtliche Beratungssystem - Verbesserte Information über Eingliederungshilfen für Menschen mit Behinderungen, wie unterstützte Beschäftigung oder persönliches Budget für Arbeit. - Verstärkte direkte Beratung der Unternehmen vor Ort zu den konkreten Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigungen. 1819 - Förderung eines Disability Managements aus einer Hand mit verlässlichen Ansprechpartner_innen, die den Betrieben und den Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen auch nach der Eingliederungsphase bei Bedarf zur Verfügung stehen, da eine Vielzahl von Problemen gerade bei den Übergängen aus Erwerbslosigkeit oder nach einer Rehabilitation in die Beschäftigung sichtbar werden. - Reduzierung der Sonderwelten der Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Vermeidung von Fehlplatzierungen, Unterstützung bei der Transformation von Bereichen der Werkstätten für Behinderte Menschen in Integrationsbetriebe nach 132 ff. SGB IX, verstärkte Bemühungen zum Übergang von Werkstattbeschäftigten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt durch gezielte Eingliederungsprogramme (wie dies derzeit modellhaft in Rheinland-Pfalz und in Hamburg erprobt wird). Handlungsempfehlungen von den und für die Zielgruppen - Übersichtliche Informationen aus einer Hand, auch in leichter und einfacher Sprache. - Ermutigung, sich bei Bewerbungen nicht unter Wert zu verkaufen und die Voraussetzungen für eine Beschäftigung mit der jeweiligen Beeinträchtigung klar zu benennen. - Ermutigung zu einem offenen Umgang mit der Beeinträchtigung; dies wird allerdings von vielen Betroffenen - vor allem von denjenigen mit seelischen Behinderungen - kritisch gesehen. Hier geht es mittelfristig darum, durch geeignete und zielgruppenspezifische Aufklärung für die besonderen Belange von Menschen mit Behinderungen eine veränderte gesellschaftliche Kultur des Umgangs mit Diversität zu entwickeln und mit Blick auf psychische Krankheiten Personalverantwortlichen, Betriebsräten und Schwerbehindertenvertretungen konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit psychisch beeinträchtigten Mitarbeiter_innen an die Hand zu geben. Handlungsempfehlungen für die Forschung - Verbesserung der Datenlage, insbesondere Studien zur Diskriminierung bei Einstellungen und im Arbeitsalltag, zu den Berufsverläufen von Menschen mit Behinderungen und zu den Voraussetzungen für die Einstellung und Beschäftigungssicherung von Menschen mit Behinderungen. - Studien zur Situation chronisch kranker Menschen, insbesondere von Menschen mit psychischen Störungen, beim Zugang zum Arbeitsmarkt und zum Erhalt von Arbeitsplätzen. 1920 3. Schutz vor Benachteiligungen aufgrund chronischer Krankheit a. Zentrale Befunde der Studie Im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sind chronische Krankheiten anders als im Sozialrecht im SGB IX nicht explizit als benachteiligungsrelevanter Tatbestand erfasst. Wird jedoch das soziale Modell der Behinderung zugrunde gelegt, dann fallen auch chronische Krankheiten unter den im Grundgesetz Art. 3, Abs. 3, Satz 2 sowie im AGG 1 definierten Schutz von Menschen mit Behinderungen. Dies gilt der juristischen Expertise zufolge auch deshalb, weil dauerhafte Beeinträchtigungen im Zusammenwirken mit gesellschaftlichen Barrieren zu einer Beeinträchtigung der gesellschaftlichen Teilhabe führt oder führen kann; so zeigt sich, dass z.b. Personen aufgrund des Stigmas HIV/AIDS, einer psychischen Erkrankung oder einer schweren körperlichen Beeinträchtigung wie Multipler Sklerose von beruflicher Teilhabe ausgeschlossen und somit in ihrer Lebensführung beeinträchtigt werden. Die Benachteiligung chronisch kranker Menschen trifft auch für den Zugang zu privaten Versicherungsleistungen zu ein Ergebnis, dass auch von der Expertise zu barrierefreien Dienstleistungen nachdrücklich bestätigt wird. Hier zeigt sich, dass das AGG den Schutz vor Diskriminierung in diesem Bereich gegenwärtig nicht leisten kann. Daraus ergibt sich ein Nachbesserungsbedarf, der vor allem auch darauf zielt, die jeweiligen Kalkulationsgrundlagen der Versicherungen offenzulegen und schärfere sowie transparente Begründungspflichten gesetzlich zu verankern und durch eine restriktive Auslegung des 20, Abs. 2 Satz 2 AGG, in dem die Voraussetzungen einer Ungleichbehandlung bei Versicherungsprämien und Leistungen geregelt sind. Dies hätte auch eine Anpassung des Versicherungsaufsichtsgesetzes zur Folge. Die folgenden Empfehlungen ergeben sich sowohl aus einer rechtsvergleichenden Sicht, die insbesondere die einschlägigen Regelungen in der Europäischen Union als auch die Rechtsprechung des EuGH zum deutschen Antidiskriminierungsrecht in den Blick nimmt. Nicht zuletzt angesichts der im Teilhabebericht der Bunderegierung geschätzten Zahl von ca. 17 Mio. Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen zeigt sich hier ein dringender gesetzlicher Nachbesserungsbedarf, der in den folgenden Empfehlungen präzisiert wird. 20 Mehr anzeigen
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