Source: http://glbt-news.israel-live.de/europa/verfolgte.htm
Timestamp: 2017-02-20 17:47:31
Document Index: 185477606

Matched Legal Cases: ['§ 175', '§ 175', '§ 175', '§ 175', '§ 175', '§ 175']

Homosexuelle bis heute nicht als NS-Verfolgte anerkannt [glbt-entrance]
Fortdauernde Diskriminierung Homosexuelle bis heute nicht als NS-Verfolgte anerkanntvon Raimund Geene
Raimund Geene, 33 Jahre, Politik- und Gesundheitswissenschaftler, arbeitet als freier Mitarbeiter des Bildungswerks für Demokratie und Umweltschutz zu Rosa-Winkel-Häftlingen im Konzentrationsommerlager Sachsenhausen.
Am 15. Mai 1897 entstand in Berlin mit der Gründung des "Wissenschaftlich-Humanitären Komitees" durch Magnus Hirschfeld die weltweit erste Homosexuellenorganisation, die in den "goldenen zwanziger Jahren" bereits 40.000 Mitglieder zählte. Der zuständige Strafrechtsausschuß des Reichstages verabschiedete 1932 die Streichung des § 175 des Reichsstrafgesetzbuches (RStGB) und damit ein Ende der juristischen Ächtung der Homosexualität.
Die Machtübernahme durch Hitler und die Auflösung des Reichstages verhinderte jedoch die Entkriminalisierung. Statt dessen wurde 1935 der § 175 RStGB verschärft. Das von Hirschfeld geleitete Sexualwissenschaftliche Institut wurde geplündert und seine Schriften fielen der Bücherverbrennung zum Opfer. Hirschfeld ging ins Exil (wo er 1935 starb), doch viele andere Aktivisten erhielten Vorladungen und wurden in Konzentrationsommerlager verschleppt. Als Träger des Rosa Winkels standen sie am untersten Ende der Häftlingshierarchie und überlebten oft nur wenige Wochen. Da über das Schicksal der Schwulen nach dem Krieg zunächst kaum geforscht wurde, liegen bis heute keine genauen Angaben über die Anzahl der Häftlinge und ihren besonderen Leidensweg vor. Geschätzt wird die Zahl der nach dem § 175 inhaftierten Männer auf 50.000 bis 100.000.
Forschungen im Konzentrationsommerlager Sachsenhausen ergaben, daß Rosa-Winkel-Gefangene vielfach im sogenannten "Klinkerwerk" eingesetzt wurden, wo aufgrund der extrem harten Arbeitsbedingungen die durchschnittliche Überlebenszeit nur drei Monate betrug. Für den Sommer 1942 ist dort sogar die gezielte Ermordung zahlreicher Rosa-Winkel-Häftlinge dokumentiert.
Nach 1945 brachte die fortdauernde Diskriminierung der Homosexualität die Opfer zum Schweigen. Erst 1969 wurde der nationalsozialistisch verschärfte § 175 StGB im Westen Deutschlands abgeschwächt, seine Streichung ließ bis 1993 auf sich warten. Die Gerichtsurteile gegen Homosexuelle nach dem § 175 wurden indessen bis heute nicht für ungültig erklärt.
Der erste - und für lange Zeit einzige - Betroffenenbericht erscheint 1972, also wenige Jahre nach der Gesetzesentschärfung, unter dem Pseudonym Heinz Heger. In seinem Buch "Die Männer mit dem Rosa Winkel" verdeutlicht Heger, daß für Schwule nach 1945 von einer Befreiung keine Rede sein kann: Er kann sein Medizinstudium nicht wieder aufnehmen. Sein Antrag auf Wiedergutmachung für die jahrelange KZ-Haft wird abgelehnt, da kein "spezifisches nationalsozialistisches Unrecht" vorliege. Schließlich erhält er eine Stellung als kaufmännischer Angestellter, ist jedoch als "warmer Bruder" unter Kollegen und Nachbarn stigmatisiert und kann sich wegen seiner Verunsicherung und Menschenscheu auch kein neues soziales Umfeld aufbauen.
Auch Karl B. aus Bremen, der sechs Jahre lang in Neuengamme und Auschwitz überlebte, weil er seinen rosa Winkel heimlich gegen einen roten (den für "politische" Häftlinge) vertauschen konnte, erlebt seine Heimat nach 1945 entfremdet und isoliert. Zehn Jahre lang ist er arbeitslos. Um seine Homosexualität zu verbergen, begibt er sich in eine Scheinehe. Als Ende der fünfziger Jahre bei ihm eingebrochen wird, behaupten die Diebe bei der Vernehmung, Karl habe sie zuvor sexuell bedrängt. Daraufhin wird er vorgeladen und erkennungsdienstlich behandelt. Seine Strafakte aus der NS-Zeit wird ihm vorgelegt - gegen ihn wird als Wiederholungstäter ermittelt.
Erst im Herbst 1988, als er sich nach einem Pressebericht über die Sonderregelung des Landes Bremen zur "Wiedergutmachung" für vergessene Opfer der NS-Herrschaft an das Schwulenzentrum wendet, bricht er sein Schweigen. Schließlich erhält er eine einmalige Entschädigungszahlung von DM 5.000,-. Damit hat er noch - zweifelhaftes - Glück: Nur weil er in einem Bundesland mit einer entsprechenden Härtefallregelung lebt, geht er nicht völlig leer aus. Er ist damit den anerkannten Verfolgten des NS-Regimes jedoch nicht gleichgestellt, denn diesen steht ein Rechtsanspruch auf eine regelmäßige, monatliche Entschädigungszahlung zu.
Wenngleich der § 175 in der DDR schon einige Jahre zuvor abgeschafft wurde, schwiegen auch hier die Überlebenden mit dem Rosa Winkel. Erst nach dem Mauerfall gelang es der Journalistin Maxi Wartensteiner, das Vertrauen eines ehemaligen Häftlings zu gewinnen und seinen Leidensweg als Homosexueller in der DDR in ihrem Buch "Rückkehr unerwünscht" zu beschreiben.
1996 fand in Saarbrücken ein internationaler Fachkongreß zur unterbliebenen Wiedergutmachung für homosexuelle Opfer statt. In der Abschlußerklärung wiesen die TeilnehmerInnen darauf hin, daß neben der individuellen Entschädigung der wenigen Überlebenden vor allem eine institutionelle Wiedergutmachung für Schwule (und - was häufig aufgrund der sehr unterschiedlichen Behandlung durch den SS-Staat umstritten ist -- Lesben) erfolgen müsse.
http://www.asf-ev.de/noframe/zeichen/97-2-07.htm
onLine 04-11-2002