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Timestamp: 2019-05-22 06:42:22
Document Index: 207164225

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 4', '§ 5', '§ 6', '§ 7', '§ 8', '§ 9', '§ 10']

Jüdische Gemeinde - Pfungstadt (Hessen)
Aktuelle Seite: Gemeinden (alphabetisch) P - R Pfungstadt (Hessen)
Pfungstadt ist eine Kommune mit derzeit ca. 25.000 Einwohnern im Südwesten des südhessischen Landkreises Darmstadt-Dieburg – ca. 15 Kilometer südlich von Darmstadt gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).
Pfungstadt war seit dem Mittelalter Verwaltungs- und Gerichtssitz für zehn Ortschaften und auch wirtschaftlicher Mittelpunkt einer ländlich geprägten Region. Das war wohl auch der Grund, warum sich bereits ab der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts jüdische Familien hier nachweisbar ansiedelten; erstmals wird ein Jude in Pfungstadt 1571 erwähnt. Allerdings stammen schriftliche Belege für dauerhafte Ansiedlungen von Juden erst aus dem beginnenden 18.Jahrhundert; ihren Lebenserwerb bestritten sie damals zumeist mit Viehhandel.
Die Synagoge der jüdischen Gemeinde Pfungstadt - die Gemeinde gehörte dem orthodoxen Rabbinat Darmstadt an - lag in der Hillgasse; errichtet wurde sie 1819. Im Gebäude, das Ende des 19.Jahrhunderts erweitert wurde, waren eine Schule und eine Mikwe untergebracht. Seit 1839 galt eine Synagogenordnung, die vom Großherzoglichen Innenministerium genehmigt wurde und u.a. folgende Bestimmungen enthielt:
§ 1 Dem Vorstand ist jedes Mitglied der Gemeinde Gehorsam schuldig und hat sich den Anordnungen und Befehlen desselben sogleich und willig zu unterwerfen, ...
§ 2 Sollte ein fremder Glaubensgenosse die Synagoge besuchen, so wird ihm der Vorstand einen angemessenen Platz anweisen. ...
§ 4 Alles Reden, auch jede Unterhaltung, das unnötige Hin- und Hergehen, sowie jedes sonstige ungeziemliche Benehmen in der Synagoge, insbesondere während des Gottesdienstes, ist untersagt.
§ 5 Es hat ein Jude sich vor dem Gottesdienst in der Synagoge einzufinden und darf sie ohne triftige Gründe vor dem Schlusse des Gottesdienstes nicht verlassen.
§ 6 Es dürfen keine anderen Gebete laut gesagt werden, als solche, welche der Vorsänger sagt, und letztere nur auf solche Art, daß das Vorbeten und das Gebet der übrigen Gemeinde nicht gestört wird.
§ 7 Bei dem Gebet für den Landesherren und bei dem Vorlesen aus der Thora hat sich jeder zu erheben und bis nach Beendigung des Gebets und des Vorlesens stehen zu bleiben.
§ 8 Verheiratete Männer haben an Sabbat und an Feiertagen in der Synagoge mit einem Hute zu erscheinen, unverheiratete wenigstens alsdann, wenn sie zur Thora auftreten wollen. Das Wechseln der Kopfbedeckung in der Synagoge ist untersagt. Auch soll Niemand anders in der Synagoge erscheinen, als in reinlicher, seinen Verhältnissen angemessener anständiger Kleidung.
§ 9 Kinder unter 4 Jahren dürfen nicht in die Synagoge mitgebracht werden.
§ 10 Nach beendigtem Gottesdienst hat sich Jeder in angemessener Stille zu entfernen. ...
Religiös-rituelle Aufgaben der Gemeinde wurden von einem angestellten Lehrer wahrgenommen.
Anzeigen von 1904 und 1907
Als Begräbnisplatz diente den meisten Juden Pfungstadts der jüdische Sammelfriedhof in Alsbach a.d. Bergstraße. Allerdings soll es im 17./18.Jahrhundert am Ort selbst einen „Judenkirchhof“ gegeben haben, wie eine alte Flurbezeichnung dies vermuten lässt.
1857 wurde in Pfungstadt eine höhere Lehranstalt gegründet, die von jüdischen Schülern aus dem In- und Ausland, aber auch von einheimischen christlichen Kindern besucht wurde; nach seinem Gründer und Leiter hieß die Bildungseinrichtung zunächst „Joel’sche Institut”. Zeitweilig besuchten etwa 100 Schüler diese Schule.
aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 1.Okt. 1861
Werbeanzeige von 1870
An dieser Anstalt lehrte auch der erster Präsident des Staates Israel, Chaim Weizmann. In seiner Autobiographie „Trial and Error” finden sich u.a. folgende Aussagen über Pfungstadt: „ ... Pfungstadt war meine Einführung in eines der traurigsten Kapitel jüdischer Geschichte, nämlich das des angepaßten deutschen Judentums auf dem Höhepunkt ihrer illusorischen Sicherheit, worauf sie auch noch sehr stolz waren. ... Die kleine Stadt war in ganz Deutschland berühmt für ihre Brauerei, und unter den Juden bekannt für die jüdische Schule, geleitet von Dr. Barness. Dieser unterrichtete streng getreu den Richtlinien der Frankfurter jüdischen Orthodoxie. Am Sabbat wurde kein Unterricht abgehalten, jeden Tag dreimal gebetet. Aber das war nicht die Orthodoxie, die ich zu Hause kennen und lieben gelernt hatte. Sie war floskelhaft, unrealistisch ... sie konnte nicht in das Leben des Lehrerkollegiums und der Schuleeindringen, sondern war lediglich eine kalte Disziplinierung, die von außen kam. Der Barness war vollständig angepaßt und fühlte sich in seiner Überzeugung als Deutscher. Diese Philosophie predigte er tagein, tagaus bei jeder sich bietender Gelegenheit. ...”
Diese "Real- und Handelsschule" wurde wegen zu geringer Schülerzahl im Jahre 1907 geschlossen.
Zeitweilig wurde in Pfungstadt auch ein israelitisches Mädchenpensionat betrieben.
Werbeanzeigen von 1867/1871
Juden in Pfungstadt:
--- um 1770/1780 .................. 12 jüdische Familien,
--- 1828/29 ........................ 122 Juden (4,5% d. Bevölk.),
--- 1861 ........................... 234 “ ,
--- 1871 ........................... 260 “ (ca. 6% d. Bevölk.),
--- 1900 ........................... 174 “ ,
--- 1910 ........................... 91 “ ,
--- 1925 ........................... 77 “ (ca. 2% d. Bevölk.),
--- 1933 ........................... 73 “ ,
--- 1939 (Mai) ..................... 32 “ ,
--- 1940 ........................... 24 “ ,
--- 1941 ........................... 17 “ ,
--- 1942 (Herbst) .................. keine.
Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang, Untergang, Neubeginn, Bd. 2, S. 198 f.
Mitte des 19.Jahrhunderts, als sich Pfungstadt vom Bauerndorf zum Industriestädtchen wandelte, kamen vermögendere jüdische Familien in den Ort und übernahmen bzw. gründeten hier kleine und mittlere Industriebetriebe, darunter eine Zündholzfabrik, eine Zigarrenfabrikation und eine Ziegelei. Um 1900 wanderten vor allem jüngere Juden vermehrt in deutsche Großstädte ab, und der jüdische Bevölkerungsanteil ging in Pfungstadt stark zurück. Die Berufsstruktur der Pfungstadter Juden ergab um 1930 folgendes Bild: drei Textilhändler, zwei Holzhändler, zwei Schuhverkäufer, zwei Metzger, je ein Möbelfabrikant, Kolonialwarengeschäftsinhaber und Viehhändler sowie Kaufleute anderer Branchen, vor allem für den landwirtschaftlichen Bedarf.
Während der Pogromnacht von 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge in der Hillgasse zerstört, das Gebäude blieb äußerlich aber erhalten; auch das Rabbinerhaus wurde nicht in Brand gesetzt.
Zwischen 1933 und 1939 haben etwa zwei Drittel der Juden Pfungstadts ihre Heimatstadt verlassen; der kleinere Teil von ihnen emigrierte, die meisten zogen in deutsche Großstädte, meist nach Frankfurt/M. und Kassel. Die wenigen noch in Pfungstadt lebenden Juden wurden im Laufe des Jahres 1942 auf Anweisung der Gestapo in das Sammellager in der Darmstädter Liebig-Oberrealschule transportiert; von hier aus wurden sie „in den Osten“ deportiert. Mindestens 20 Pfungstädter Juden wurden Opfer des Holocaust; ihre Schicksale sind zumeist ungeklärt.
Nach 1945 wurde das Synagogengebäude zweckentfremdet und als Lagerraum für landwirtschaftliche Güter benutzt. In den 1960er Jahren diente es dann als Wohnraum für Gastarbeiter.
Am Standort der Pfungstadter Synagoge erinnert seit 1970 eine Gedenktafel mit kurzer Inschrift an die ehemalige jüdische Gemeinde:
In diesem Haus befand sich bis 1938
die Synagoge der jüdischen Religionsgemeinde Pfungstadt
Das ehemalige Synagogengebäude in Pfungstadt - im Jahre 1992 in kommunalen Besitz übergegangen - wurde nach umfangreichen Sanierungsarbeiten 2001 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht; es dient seitdem als Ort der Begegnung und Kultur. Für die vorbildliche Sanierung erhielt die Stadt den Denkmalspreis.
Ehemaliges Synagogengebäude Pfungstadt (Aufn. P. Arnsberg, um 1970 und J. Hahn, 2006)
Teile der Inneneinrichtung waren noch erhalten und konnten rekonstruiert werden, insbesondere die mit blauer Farbgebung bemalte gewölbte Decke, die mit goldenen Sternen übersät und von einem ornamentierten und bunten Fries eingefasst ist.
Der "Sternenhimmel“ über dem Betsaal (Aufn. Andrea Frenzel, um 1975/1980)
Am Eingangsbereich hängt eine Tafel mit folgender Inschrift:
Wir gedenken der jüdischen Gemeinde Pfungstadts,
der Verfolgung und Ermordung ihrer Mitglieder während der Zeit des Nationalsozialismus 1933 - 45
Inzwischen sind in den Straßen im Stadtgebiet von Pfungstadt etwa 45 sog. „Stolpersteine“ verlegt worden (Stand 2017). Sechs dieser Steine liegen im Gehwegpflaster direkt vor dem Eingang zum Rathaus und erinnern an die sechsköpfige Familie Rothschild.
Stolpersteine in Pfungstadt (Aufn. Arbeitskreis Ehemalige Synagoge e.V.)
Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 198f.
Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 179
Hans-Joachim Wuttge, Die Ausbildung der jüdischen Gemeinde, in: Friedrich J.Battenberg (Hrg.), Pfungstadt. Vom fränkischen Mühlendorf zur modernen Stadt, Pfungstadt 1985, S. 284 - 286
Jürgen-Rainer Wolf, Geschichte der Juden in Pfungstadt, in: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde, Heft 44, Darmstadt 1986, S. 41 - 63
Thea Altaras, Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945 ?, Verlag K.R.Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein/T. 1988, S. 132
Valentin Liebig, Juden in Pfungstadt - Anfang, Aufstieg und Untergang einer jüdischen Gemeinde, 3.Aufl., Pfungstadt 1993
Karl Schemel, Die Geschichte der Juden in Bickenbach und im südhessischen Raum, in: Bickenbach uffm Sand - Ortschronik der Gemeinde Bickenbach, Band II, Matchball-Verlag Tomas Klang, Bickenbach 1993, S. 236 - 239
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 43/44
Wolfgang Roth, Juden in Eschollbrücken, Eigenverlag, 1996
Eva Reinhold-Postina, Verbrannt, verwüstet, vergessen und verdrängt. Auf der Suche nach alten Synagogen im Landkreis Darmstadt- Dieburg, in: Thomas Lange, “L’chajim” - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, 1997, S. 70 - 73
Renate Knigge-Tesche, Erinnern und Gedenken in Hessen, Hrg. Hessische Landeszentrale für politische Bildung, S. 32
Stephanie Goethals, “ ... dass ich mitten unter ihnen wohne” (Exodus 25.8) - Zerstörung und Schändung der Synagogen in und um Pfungstadt im November 1938 (Begleitheft zur Ausstellung), Pfungstadt 2001
Stephanie Goethals/Manfred Heinrich/u.a., Abschied ohne Wiederkehr. Jüdisches Leben in Pfungstadt von 1933 – 1945, hrg. von der Stadt Pfungstadt, Pfungstadt 2007 (mehrere Aufsätze)
Pfungstadt, in: alemannia-judaica.de (mit detaillierten Angaben zur jüdischen Geschichte Pfungstadts und insbes. des "Jüdischen Lehr- und Bildungsinstituts")
Arbeitskreis Ehemalige Synagoge e.V. (Hrg.), Stolpersteine in Pfungstadt, online abrufbar unter: bunt-ohne-braun.de/event/ stolpersteine-in-pfingstadt vom 23.9.2016
Janka Holitzka (Red.), Pfungstadt: Ärger um ehemalige Synagoge, in: „Echo-Online“ vom 16.11.2017