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Timestamp: 2020-04-04 05:41:29
Document Index: 104560594

Matched Legal Cases: ['§ 613', '§ 613', '§ 613', '§ 613', '§ 613', '§ 613', 'Art. 1', 'EuG', 'Art. 1', 'Art. 15', '§ 613']

Parallelentscheidung zu BAG - 8 AZR 369/13 - v. 24.04.2014 / BAG / 2015 / Rechtsprechung / Rechtsprechung / Rechtsportal - Deubner Rechtsportal
BAG, Urteil vom 16.04.2015 - Aktenzeichen 8 AZR 294/14
DRsp Nr. 2015/14280
BGB § 613a Abs. 6 ;
Der Beschäftigungsbetrieb des Klägers ging am 1. September 2007 von der Beklagten auf die "V GmbH" (V) über. Darüber war der Kläger durch ein Unterrichtungsschreiben der V vom 26. Juli 2007 informiert worden. Der Kläger hat diesem Übergang seines Arbeitsverhältnisses zunächst nicht widersprochen und arbeitete nach dem Betriebsübergang für die V.
Die zulässige Revision des Klägers ist unbegründet. Einen wirksamen Widerspruch gegen den früheren Übergang seines Arbeitsverhältnisses von der Beklagten auf die V konnte der Kläger, dessen Arbeitsverhältnis mittlerweile mit T bestand, nicht einlegen, § 613a Abs. 6 Satz 2 BGB .
II. Der Widerspruch des Klägers vom 3. November 2011 gegen den Übergang seines Arbeitsverhältnisses am 1. September 2007 erfolgte nicht gemäß § 613a Abs. 6 Satz 2 BGB gegenüber dem "neuen Inhaber" (im November 2011 die T) oder "dem bisherigen Arbeitgeber" (im November 2011 die V), sondern gegenüber der Beklagten als einer früheren Arbeitgeberin. Eine solche Widerspruchsmöglichkeit besteht nach dem Gesetz nicht. Auf die Frage einer Verwirkung kommt es nicht an.
1. Nach dem Wortlaut des § 613a Abs. 6 Satz 2 BGB ist der Widerspruch gegenüber zwei Personen möglich: gegenüber dem "bisherigen Arbeitgeber" oder dem "neuen Inhaber". Ein Widerspruchsrecht gegenüber einem ehemaligen Arbeitgeber ist danach nicht gegeben (vgl. auch BAG 24. April 2014 - 8 AZR 369/13 -). "Bisheriger" Arbeitgeber in der Situation, in der sich der Kläger im November 2011 nach zwei Betriebsübergängen befand, wäre im Sinne des Gesetzes die V gewesen. "Bisher/ig" bedeutet: "bis jetzt" (Brockhaus-Wahrig Deutsches Wörterbuch S. 703 [1980]); "von einem unbestimmten Zeitpunkt an bis zum heutigen Tag" (Duden Das große Wörterbuch der deutschen Sprache 3. Aufl. S. 607); "bislang/bis jetzt/bis heute/bis dato/bis zum heutigen Tage/bis zur jetzigen Stunde" (Knaurs Lexikon der sinnverwandten Wörter S. 116). Bezogen auf einen Betriebsübergang ist der "bisherige Arbeitgeber" derjenige, der vor dem aktuellen Arbeitgeber den Betrieb innehatte. Seit dem letzten Betriebsübergang ist die T "neue Inhaberin" iSd. § 613a Abs. 6 Satz 2 BGB , da sie bei diesem zweiten Betriebsübergang den Betrieb erworben hat. Zur Beklagten steht der Kläger im Zeitpunkt der Erklärung seines Widerspruchs nicht mehr in einer, auch nicht in einer durch § 613a Abs. 6 BGB vermittelten arbeitsrechtlichen oder sonstigen vertragsrechtlichen Beziehung. Die Beklagte war bei Zugang des Widerspruchs nicht "bisherige" Arbeitgeberin, sondern hatte diese Eigenschaft am 1. Dezember 2008 durch den Betriebsübergang von V auf T (an V) verloren. V verlor durch diesen weiteren Betriebsübergang ihren Status als "neue Inhaberin" und wurde zur "bisherigen Arbeitgeberin". Ein gegen den Übergang seines Arbeitsverhältnisses von der V auf die T gerichteter Widerspruch des Klägers vom 3. November 2011 änderte daran nichts. Seine diesbezügliche Klage blieb ohne Erfolg. Die Erklärung im November 2011 gegenüber der Beklagten als einer früheren Arbeitgeberin ging ins Leere.
2. Dies entspricht der Gesetzesbegründung (BT-Drs. 14/7760 S. 20) für das Widerspruchsrecht. Mit der Würde des Menschen, dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und dem Recht auf freie Arbeitsplatzwahl (Art. 1 , 2 und 12 GG ) wäre es unvereinbar, wenn ein Arbeitnehmer verpflichtet würde, für einen Arbeitgeber zu arbeiten, den er nicht frei gewählt hat (BAG 22. April 1993 - 2 AZR 50/92 -; vergleichbar zu der Richtlinie 2001/23/EG : EuGH 16. Dezember 1992 - C-132/91, C-138/91 und C-139/91 - [Katsikas ua.] Rn. 32, Slg. 1992, I-6577; vgl. auch Art. 1 und Art. 15 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union).
Ist "das" Arbeitsverhältnis (es handelt sich im Rahmen des § 613a BGB immer um das eine, nicht um mehrere Arbeitsverhältnisse) zwischenzeitlich vom Ersterwerber (bisheriger Arbeitgeber) auf einen Zweiterwerber (neuer Inhaber) übergegangen und dagegen ein Widerspruch nicht oder (wie hier) nicht erfolgreich erhoben worden, stellt sich die Frage einer Verpflichtung, für einen Arbeitgeber zu arbeiten, der nicht frei gewählt worden ist, nur noch in Bezug auf den Zweiterwerber (neuer Inhaber). Bezogen auf den Widerspruch vom 3. November 2011 gegen den Übergang des Arbeitsverhältnisses am 1. September 2007 von der Beklagten zur V kann es insofern nur auf eine Arbeitspflicht des Klägers für die V ankommen. Eine solche bestand jedoch am 3. November 2011 nicht mehr, da das Arbeitsverhältnis infolge des weiteren Betriebsübergangs seit dem 1. Dezember 2008 mit der T bestand.
Vorinstanz: LAG Thüringen, vom 27.03.2014 - Vorinstanzaktenzeichen 2 Sa 376/12
Vorinstanz: ArbG Gera, vom 18.09.2012 - Vorinstanzaktenzeichen 2 Ca 218/12
Zitieren: BAG - Urteil vom 16.04.2015 (8 AZR 294/14) - DRsp Nr. 2015/14280