Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/tod-sicherungsverfahrens-kostentragungspflicht-3111011
Timestamp: 2019-11-17 10:33:59
Document Index: 392933412

Matched Legal Cases: ['§ 206', '§ 467', '§ 467', '§ 467', '§ 467', '§ 20', '§ 467', '§ 414', '§ 467', '§ 467', '§ 467', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 467', 'BGH', '§ 467', '§ 467']

Tod wäh­rend des Siche­rungs­ver­fah­rens – und die Kos­ten­tra­gungs­pflicht der Staats­kas­se | Rechtslupe
Tod während des Sicherungsverfahrens - und die Kostentragungspflicht der Staatskasse
Tod wäh­rend des Siche­rungs­ver­fah­rens – und die Kos­ten­tra­gungs­pflicht der Staats­kas­se
Ver­stirbt der Beschul­dig­te wäh­rend des Siche­rungs­ver­fah­rens, ist das Ver­fah­ren gemäß § 206a StPO ein­zu­stel­len 1. Die Kos­ten des Ver­fah­rens und die not­wen­di­gen Aus­la­gen des Beschul­dig­ten sind der Staats­kas­se auf­zu­er­le­gen.
Erfolgt dies wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens ist damit das ange­foch­te­ne Urteil gegen­stands­los, ohne dass es einer Auf­he­bung bedarf 2.
Die Ent­schei­dung über die Kos­ten des Ver­fah­rens und die not­wen­di­gen Aus­la­gen des Beschul­dig­ten beruht auf § 467 Abs. 1 StPO.
Zwar sieht § 467 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 StPO als Aus­nah­me von der Grund­re­gel des § 467 Abs. 1 StPO die Mög­lich­keit vor, im Fall eines Beschul­dig­ten, der ohne Bestehen des Ver­fah­rens­hin­der­nis­ses wegen einer Straf­tat ver­ur­teilt wür­de, von einer Auf­er­le­gung sei­ner not­wen­di­gen Aus­la­gen auf die Staats­kas­se abzu­se­hen 3. Vor­lie­gend kommt § 467 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 StPO jedoch weder unmit­tel­bar noch ent­spre­chend zur Anwen­dung.
Einer unmit­tel­ba­ren Anwen­dung die­ser Vor­schrift steht ent­ge­gen, dass der Beschul­dig­te unab­hän­gig vom Bestehen des Ver­fah­rens­hin­der­nis­ses nicht wegen einer Straf­tat ver­ur­teilt wor­den wäre. Eine Ver­ur­tei­lung wegen einer Straf­tat kam hier nicht in Betracht, da sich der Beschul­dig­te bei Bege­hung der ihm zur Last geleg­ten Anlas­s­tat – einer Brand­stif­tung – im Zustand der Schuld­un­fä­hig­keit gemäß § 20 StGB befand 4.
§ 467 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 StPO kommt hier auch nicht ent­spre­chend zur Anwen­dung. Zwar gel­ten im Siche­rungs­ver­fah­ren gemäß § 414 Abs. 1 StPO grund­sätz­lich die Vor­schrif­ten über das Straf­ver­fah­ren und damit auch die­je­ni­gen über die Kos­ten des Ver­fah­rens ent­spre­chend. Dies gilt jedoch nicht für die Vor­schrift des § 467 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 StPO bei einem Beschul­dig­ten, der – wie es bei dem Ver­stor­be­nen der Fall war, der an einer schwe­ren Form einer chro­ni­schen Schi­zo­phre­nie litt – auf­grund eines über­dau­ern­den psy­cho­pa­tho­lo­gi­schen Zustands schuld­un­fä­hig ist. Zumin­dest in einem sol­chen Fall lässt sich eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrift im Siche­rungs­ver­fah­ren mit ihrem Sinn und Zweck nicht ver­ein­ba­ren.
Die­ser besteht dar­in, abwei­chend von der Grund­re­gel des § 467 Abs. 1 StPO von einer Belas­tung der Staats­kas­se mit den not­wen­di­gen Aus­la­gen des Beschul­dig­ten abse­hen zu kön­nen, wenn eine sol­che Aus­la­gen­über­bür­dung grob unbil­lig bzw. unge­recht erscheint 5. Das Kri­te­ri­um der gro­ben Unbil­lig­keit bzw. Unge­rech­tig­keit einer Aus­la­ge­n­er­stat­tung ent­spricht der Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers bei Ein­fü­gung der Vor­schrift, der ins­be­son­de­re NS-Ver­bre­chen im Blick hat­te, die mit einer Ein­stel­lung wegen Ver­jäh­rung ende­ten, weil die den Ange­klag­ten zur Last geleg­ten Taten wegen ver­än­der­ter recht­li­cher Wür­di­gung auf­grund des Ergeb­nis­ses der Haupt­ver­hand­lung als ver­jährt anzu­se­hen waren, und in denen es nicht ver­mit­tel­bar erschien, die Staats­kas­se auch noch mit den Aus­la­gen der Ange­klag­ten zu belas­ten 6.
Grund­la­ge der Bewer­tung einer Aus­la­ge­n­er­stat­tung als grob unbil­lig oder unge­recht kann aller­dings nur ein dem Beschul­dig­ten vor­werf­ba­res Ver­hal­ten sein 7. Dar­an fehlt es bei einem Beschul­dig­ten, der auf­grund eines über­dau­ern­den Zustands schuld­un­fä­hig ist. Ihm kön­nen Ver­hal­tens­wei­sen, die bei einem schuld­fä­hi­gen Täter die Auf­er­le­gung sei­ner Aus­la­gen auf die Staats­kas­se als unbil­lig erschei­nen las­sen, man­gels Ver­ant­wort­lich­keit für sein Han­deln nicht vor­ge­wor­fen wer­den. In die­sen Fäl­len hat es viel­mehr bei der Grund­re­gel des § 467 Abs. 1 StPO zu ver­blei­ben, wonach die not­wen­di­gen Aus­la­gen des Beschul­dig­ten der Staats­kas­se zur Last fal­len.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. April 2016 – 5 StR 525/​15
vgl. BGH, Beschluss vom 08.06.1999 – 4 StR 595/​97, BGHSt 45, 108[↩]
BGH, Beschluss vom 13.02.2014 – 1 StR 631/​13, NStZ-RR 2014, 160[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 15.09.2009 – 1 StR 358/​09, NStZ-RR 2010, 32; und vom 19.10.2001 – 2 StR 349/​01, NStZ-RR 2002, 262[↩]
UA S. 16 ff.[↩]
vgl. BVerfG vom 29.10.2015 – 2 BvR 388/​13 21; BGH, Urteil vom 01.03.1995 – 2 StR 331/​94, NStZ 1995, 406, 407; Hil­ger in Löwe/​Rosenberg, StPO, 26. Aufl., § 467 Rn. 56 mwN[↩]
vgl. Deut­scher Bun­des­tag – 5. Wp. – Sten­Ber. über die 173. Sit­zung vom 10.05.1968, S. 9250; BVerfG vom 14.09.1992 – 2 BvR 1941/​89, NStZ 1993, 195, 196[↩]
vgl. BGH aaO; OLG Cel­le, Stra­Fo 2013, 526, 527; OLG Köln, Stra­Fo 2003, 105, 106; KK-StPO/Gieg, 7. Aufl., § 467 Rn. 10b; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 59. Aufl., § 467 Rn. 18[↩]
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