Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/bayerisches-landeserziehungsgeld-fuer-einen-polnischen-staatsangehoerigen-366451
Timestamp: 2020-07-04 13:14:12
Document Index: 240528746

Matched Legal Cases: ['Art 1', 'Art 1', 'Art 3', '§ 82', '§ 78', '§ 78', 'Art 1', 'Art 3', 'Art 1', 'Art 1', 'Art 1', '§ 1', '§ 1', 'Art 1', '§ 1', '§ 31', 'Art 1', '§ 1255', '§ 60', '§ 1', '§ 60', '§ 385', '§ 385', '§ 60', '§ 1255', '§ 6', 'Art 14', '§ 6', 'Art 38']

Bayerisches Landeserziehungsgeld für einen polnischen Staatsangehörigen | Rechtslupe
Bayerisches Landeserziehungsgeld für einen polnischen Staatsangehörigen
Baye­ri­sches Lan­des­er­zie­hungs­geld für einen pol­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen
Nach Art 1 Abs 1 S 1 Nr 1 bis 5 BayL­ErzGG 1995 hat Anspruch auf das Baye­ri­sche Lan­des­er­zie­hungs­geld, wer sei­ne Haupt­woh­nung oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt seit der Geburt des Kin­des, min­des­tens jedoch fünf­zehn Mona­te, in Bay­ern hat (Nr 1), mit einem nach dem 30.06.1989 gebo­re­nen Kind, für das ihm die Per­so­nen­sor­ge zusteht, in einem Haus­halt lebt (Nr 2), die­ses Kind selbst betreut und erzieht (Nr 3), kei­ne oder kei­ne vol­le Erwerbs­tä­tig­keit aus­übt (Nr 4) und die Staats­an­ge­hö­rig­keit eines Mit­glied­staats der Euro­päi­schen Uni­on oder eines ande­ren Ver­trags­staats des Abkom­mens über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum besitzt (Nr 5).
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­ErzGG 1995 und des­sen Nach­fol­ge­vor­schrif­ten als mit Art 3 Abs 1 GG unver­ein­bar erklärt [1]. Gleich­zei­tig hat es dem baye­ri­schen Gesetz­ge­ber für den Erlass einer Neu­re­ge­lung eine Frist bis zum 31.08.2012 ein­ge­räumt. Wei­ter hat es erklärt: Kom­me es bis zu die­sem Zeit­punkt zu kei­ner ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Neu­re­ge­lung, so tre­te Nich­tig­keit der bean­stan­de­ten Vor­schrif­ten ein [2].
Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer gesetz­li­chen Vor­schrift führt gemäß § 82 Abs 1 iVm § 78 S 1 BVerfGG im Regel­fall zu deren Nich­tig­keit [3]. Dies gilt nach § 78 S 1 BVerfGG auch für Lan­des­recht. Bei Ver­stö­ßen gegen den Gleich­heits­satz – wie vor­lie­gend – beschränkt sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aller­dings meist dar­auf, die Unver­ein­bar­keit der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Rege­lung mit dem GG fest­zu­stel­len und sieht von einer Nich­tig­erklä­rung ab [4]. Dies gilt vor allem dann, wenn meh­re­re Mög­lich­kei­ten für die Besei­ti­gung des Ver­fas­sungs­ver­sto­ßes bestehen und die Nich­tig­erklä­rung in die Gestal­tungs­frei­heit des Gesetz­ge­bers ein­grei­fen wür­de [5]. Da dem Gesetz­ge­ber nach den Aus­füh­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt [6] im vor­lie­gen­den Fall meh­re­re Mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung stan­den, den ver­fas­sungs­wid­ri­gen Zustand zu besei­ti­gen, er ins­be­son­de­re auch auf die Vor­aus­set­zung der Staats­an­ge­hö­rig­keit ersatz­los ver­zich­ten konn­te, kam nur eine Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung ohne Ver­pflich­tung zur Neu­re­ge­lung in Betracht [7]. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat nur den Weg für eine sol­che Neu­re­ge­lung als ver­sperrt ange­se­hen, die nach­träg­lich das LErzGG abschafft, weil jene Eltern, die die Vor­aus­set­zun­gen des Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­ErzGG 1995 erfüll­ten, bereits auf­grund bestands- bzw rechts­kräf­tig abge­schlos­se­ner Ver­fah­ren Erzg erhal­ten hät­ten, wel­ches ihnen nicht rück­wir­kend wie­der genom­men wer­den kön­ne. Eine nach­träg­li­che Abschaf­fung des LErzg benach­tei­li­ge damit erneut in gleich­heits­wid­ri­ger Wei­se die­je­ni­gen, die die mit Art 3 Abs 1 GG unver­ein­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen des Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­ErzGG nicht erfüll­ten [8].
Eine Unver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz hat grund­sätz­lich zur Fol­ge, dass die betrof­fe­ne gesetz­li­che Rege­lung in dem sich aus der Ent­schei­dungs­for­mel erge­ben­den Umfang nicht mehr ange­wen­det wer­den darf [9]. Nur in Aus­nah­me­fäl­len ist eine ver­fas­sungs­wid­ri­ge Norm nach ent­spre­chen­der Fest­stel­lung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wei­ter anwend­bar [10]. Eine sol­che Aus­nah­me hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­lie­gend nicht fest­ge­stellt.
Auf­grund des Beschlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.02.2012 [11] war der baye­ri­sche Gesetz­ge­ber folg­lich gehal­ten, die for­ma­le Geset­zes­la­ge mit dem GG in Ein­klang zu brin­gen [12]. Er hät­te also die das Staats­an­ge­hö­rig­keits­er­for­der­nis ent­hal­ten­den Vor­schrif­ten des BayL­ErzGG 1995, 2001, 2004 und 2007 ent­we­der ersatz­los auf­he­ben oder durch ver­fas­sungs­kon­for­me Bestim­mun­gen erset­zen kön­nen. Im Hin­blick auf die ihm vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­ge­räum­te Frist muss­te dies bis zum 31.08.2012 gesche­hen; andern­falls soll­te die Nich­tig­keit der bean­stan­de­ten Vor­schrif­ten ein­tre­ten [13].
Der baye­ri­sche Gesetz­ge­ber hat ledig­lich das BayL­ErzGG 2007 [14] mit Wir­kung ab 30.08.2012 dahin­ge­hend geän­dert, dass des­sen Art 1 Abs 1 S 1 Nr 6 – als Nach­fol­ge­re­ge­lung zu Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­ErzGG 1995 – auf­ge­ho­ben und die Anspruchs­be­rech­ti­gung von nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten Eltern­tei­len ent­spre­chend § 1 Abs 7 BEEG gere­gelt wor­den ist (vgl § 1 Abs 5 BayL­ErzGG n.F.). Aus dem Umstand, dass die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung zeit­lich nicht zurück­wirkt und die hier strei­ti­gen Zeit­räu­me die Leis­tungs­an­sprü­che des Klä­gers betref­fend nicht erfasst, kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beklag­ten nicht der Schluss gezo­gen wer­den, dass Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­ErzGG 1995 wei­ter­hin bzw erneut Anwen­dung fin­de. Da sich die Neu­re­ge­lung nur auf das BayL­ErzGG 2007, nicht aber auf die davor gel­ten­den Fas­sun­gen des BayL­ErzGG bezieht, fehlt es für den hier ein­schlä­gi­gen § 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­ErzGG 1995 an einem Tätig­wer­den des baye­ri­schen Gesetz­ge­bers. Somit ist die letzt­ge­nann­te Rege­lung nach der Bestim­mung im Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.02.2012 [15] ab 1.09.2012 als nich­tig anzu­se­hen. Ihre Anwen­dung ist damit aus­ge­schlos­sen.
Eines spe­zi­el­len Hin­wei­ses im Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.02.2012 [16] auf die Rechts­fol­ge der Nich­tig­keit im Fal­le einer feh­len­den Neu­re­ge­lung auch für zurück­lie­gen­de Zeit­räu­me bedurf­te es nicht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat im vor­lie­gen­den Fall – anders als in sei­nem Beschluss vom 23.06.2004 [17] – aus­drück­lich nicht ver­fügt, dass sich eine Ände­rungs­ver­pflich­tung des Gesetz­ge­bers auf "den gesam­ten von der Unver­ein­bar­er­klä­rung betrof­fe­nen Zeit­raum" erstreckt. Viel­mehr hat es von vorn­her­ein kei­ne Ände­rungs­ver­pflich­tung aus­ge­spro­chen. Im Übri­gen hat es in die­sem Zusam­men­hang mehr­fach auf die Fund­stel­le im 111. Band ver­wie­sen [18]. Damit hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf der Grund­la­ge des § 31 BVerfGG klar­ge­stellt, dass sich nicht nur die von ihm fest­ge­stell­te Unver­ein­bar­keit mit dem GG, son­dern auch die ange­droh­te Nich­tig­keit bei Aus­blei­ben einer Neu­re­ge­lung auf alle von ihm bean­stan­de­ten Vor­schrif­ten in den jewei­li­gen Fas­sun­gen des BayL­ErzGG und damit auf den gesam­ten von sei­nem Beschluss erfass­ten Zeit­raum erstreckt.
Unter die­sen Umstän­den erüb­rigt sich eine Prü­fung des Bun­des­so­zi­al­ge­richtrs, ob Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­ErzGG 1995 auch gegen die EMRK oder das EG Abk Polen ver­stößt. Im Übri­gen ist das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bereits mit Urteil vom 24.04.2003 [19] zu dem Ergeb­nis gelangt, dass das EG Abk Polen in Bezug auf BErzg kein Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot ent­hält.
Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 21. Febru­ar 2013 – B 10 EG 20/​12 R
BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07 – BVerfGE 130, 240 = NJW 2012, 1711[↩]
BVerfG, aaO, RdNr 61[↩]
vgl auch BVerfGE 84, 168, 186; 92, 158, 186[↩]
vgl BVerfGE 87, 114, 135 f; 94, 241, 265 = SozR 3 – 2200 § 1255a Nr 5 S 18[↩]
BVerfGE 39, 316, 332 f = SozR 2600 § 60 Nr 1 S 6; BVerfGE 77, 308, 337; 84, 168, 186 f[↩]
BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012, aaO, RdNr 58[↩]
vgl hier­zu auch BVerfGE 84, 168, 186 f; 92, 158, 186; 111, 176, 189 = SozR 4 – 7833 § 1 Nr 4 RdNr 40[↩]
vgl BVerfG Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07 – BVerfGE 130, 240, 260 f = NJW, aaO, RdNr 58[↩]
BVerfGE 37, 217, 261; 55, 100, 110 = SozR 2600 § 60 Nr 2 S 8; BVerfGE 82, 126, 155; 84, 168, 187; 92, 53, 73 = SozR 3 – 2200 § 385 Nr 6 S 22 f[↩]
s hier­zu BVerfGE 37, 217, 261; 61, 319, 356; 92, 53, 73 = SozR 3 – 2200 § 385 Nr 6 S 22 f[↩]
vgl zB BVerfGE 41, 399, 426; 55, 100, 110 = SozR 2600 § 60 Nr 2 S 8; BVerfGE 61, 319, 356; 81, 363, 384; 94, 241, 266 = SozR 3 – 2200 § 1255a Nr 5 S 18[↩]
BVerfG Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07, BVerfGE 130, 240, 260 f = NJW, aaO, RdNr 58; BVerfGE 111, 115, 146 = SozR 4 – 8570 § 6 Nr 3 RdNr 60[↩]
geän­dert durch Art 14 Gesetz vom 14.04.2009, BayGVBl S 86[↩]
BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07, BVerfGE 130, 240, 262 = NJW, aaO, RdNr 61[↩]
BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012, aaO[↩]
BVerfG, Beschluss vom 23.06.2004 – 1 BvL 3/​98, BVerfGE 111, 115, 146 = SozR 4 – 8570 § 6 Nr 3 RdNr 60[↩]
BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07, BVerfGE 130, 240, 262, NJW, aaO, RdNr 61 und 62[↩]
((BSG, Urteil vom 24.04.2003 – B 10 EG 4/​01 R, SozR 4 – 6720 Art 38 Nr 1[↩]
Baye­ri­sches Lan­des­er­zie­hungs­geld ‑nicht nur für… Es ist dem Gesetz­ge­ber nicht gene­rell unter­sagt, nach der Staats­an­ge­hö­rig­keit zu dif­fe­ren­zie­ren. Nach dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz bedarf es für die Anknüp­fung an die Staats­an­ge­hö­rig­keit als…
Erzie­hungs­geld und Eltern­geld bei aus­län­di­schen… In dem Aus­schluss vom Bun­des­er­zie­hungs­geld und vom Bundes­el­tern­geld bei aus­län­di­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, denen der Auf­ent­halt aus völ­ker­recht­li­chen, huma­ni­tä­ren oder poli­ti­schen Grün­den erlaubt ist und die kei­nes…
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