Source: http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/bluntschli_voelkerrecht_1868?p=158
Timestamp: 2019-02-20 09:47:56
Document Index: 293196022

Matched Legal Cases: ['§ 144', '§ 135', '§ 135', '§ 144', '§ 135', '§ 144', '§ 135']

Dem State liegt freilich auch gegen andere Personen die Pflicht ob, sie wider
Gewaltthat zu schützen. Aber diese allgemeine Schutzpflicht wird zu Gunsten des
directen Völkerverkehrs mit Bezug auf die Gesanten gesteigert und gleichsam poten-
zirt. Der besendete Stat hat darauf eine besondere Sorge zu verwenden und je
nach Bedürfniß dem Gesanten eine außerordentliche Bedeckung oder Schutzwache zur
Sicherung beizuordnen.
Die widerrechtliche Verletzung des Gesanten gilt zugleich als Ver-
letzung des repräsentirten States, und in schweren Fällen als Verletzung
auch der völkerrechtlichen Statengenossenschaft überhaupt.
Alle Staten sind dabei betheiligt, daß die Unverletzlichkeit der Gesanten aner-
kannt und geschützt bleibe; daher sind auch die übrigen Staten berechtigt, theils das
Begehren um Genugthuung des zunächst betheiligten States zu unterstützen, theils
sogar von sich aus auf Wiederherstellung des Rechts und Sühne zu dringen. Vgl.
Phillimore II. 142.
Wird ein Gesanter in gerechter Nothwehr verletzt, so ist kein Grund
zu völkerrechtlicher Beschwerde da, denn Nothwehr ist erlaubt.
Vgl. oben § 144.
Ein Gesanter, der sich in Gefahr begibt, ist auch den Zufällen die-
ser Gefahr ausgesetzt; wenn er dabei verletzt wird, so ist das keine Belei-
digung seines States und keine Verletzung des Völkerrechts.
Wenn er z. B., ohne die nöthige Vorsicht zu üben, sich in einen aufrührerischen
Haufen begibt, und an dem Straßenkampfe Theil nimmt oder wenn er sich auf ein
Duell einläßt und bei dieser Gelegenheit verwundet oder gar getödtet wird, so trifft
diese Verletzung ihn nicht als Gesanten und daher auch nicht den von ihm repräsen-
tirten Stat. Es ist das ein persönlicher Unfall, für den nicht der Stat verant-
wortlich gemacht werden kann, der die Unverletzlichkeit des Gesanten zu schützen hat.
Ueberdem kommt den Gesanten das Recht der Exterritorialität zu.
Dasselbe erstreckt sich auch auf ihr Gefolge und ihre Wohnung (§ 135 ff.).
Die Lehre von der Exterritorialität wurde vornehmlich im Hinblick auf die
Ausnahmsstellung der Gesanten ausgebildet.
Dem State liegt freilich auch gegen andere Perſonen die Pflicht ob, ſie wider
Gewaltthat zu ſchützen. Aber dieſe allgemeine Schutzpflicht wird zu Gunſten des
directen Völkerverkehrs mit Bezug auf die Geſanten geſteigert und gleichſam poten-
zirt. Der beſendete Stat hat darauf eine beſondere Sorge zu verwenden und je
nach Bedürfniß dem Geſanten eine außerordentliche Bedeckung oder Schutzwache zur
Die widerrechtliche Verletzung des Geſanten gilt zugleich als Ver-
letzung des repräſentirten States, und in ſchweren Fällen als Verletzung
auch der völkerrechtlichen Statengenoſſenſchaft überhaupt.
Alle Staten ſind dabei betheiligt, daß die Unverletzlichkeit der Geſanten aner-
kannt und geſchützt bleibe; daher ſind auch die übrigen Staten berechtigt, theils das
Begehren um Genugthuung des zunächſt betheiligten States zu unterſtützen, theils
ſogar von ſich aus auf Wiederherſtellung des Rechts und Sühne zu dringen. Vgl.
Wird ein Geſanter in gerechter Nothwehr verletzt, ſo iſt kein Grund
zu völkerrechtlicher Beſchwerde da, denn Nothwehr iſt erlaubt.
Ein Geſanter, der ſich in Gefahr begibt, iſt auch den Zufällen die-
ſer Gefahr ausgeſetzt; wenn er dabei verletzt wird, ſo iſt das keine Belei-
digung ſeines States und keine Verletzung des Völkerrechts.
Wenn er z. B., ohne die nöthige Vorſicht zu üben, ſich in einen aufrühreriſchen
Haufen begibt, und an dem Straßenkampfe Theil nimmt oder wenn er ſich auf ein
Duell einläßt und bei dieſer Gelegenheit verwundet oder gar getödtet wird, ſo trifft
dieſe Verletzung ihn nicht als Geſanten und daher auch nicht den von ihm repräſen-
tirten Stat. Es iſt das ein perſönlicher Unfall, für den nicht der Stat verant-
wortlich gemacht werden kann, der die Unverletzlichkeit des Geſanten zu ſchützen hat.
Ueberdem kommt den Geſanten das Recht der Exterritorialität zu.
Dasſelbe erſtreckt ſich auch auf ihr Gefolge und ihre Wohnung (§ 135 ff.).
Ausnahmsſtellung der Geſanten ausgebildet.
<p>Dem State liegt freilich auch gegen andere Per&#x017F;onen die Pflicht ob, &#x017F;ie wider<lb/>
Gewaltthat zu &#x017F;chützen. Aber die&#x017F;e allgemeine Schutzpflicht wird zu Gun&#x017F;ten des<lb/>
directen Völkerverkehrs mit Bezug auf die Ge&#x017F;anten ge&#x017F;teigert und gleich&#x017F;am poten-<lb/>
zirt. Der be&#x017F;endete Stat hat darauf eine be&#x017F;ondere Sorge zu verwenden und je<lb/>
nach Bedürfniß dem Ge&#x017F;anten eine außerordentliche Bedeckung oder Schutzwache zur<lb/>
Sicherung beizuordnen.</p>
<p>Die widerrechtliche Verletzung des Ge&#x017F;anten gilt zugleich als Ver-<lb/>
letzung des reprä&#x017F;entirten States, und in &#x017F;chweren Fällen als Verletzung<lb/>
auch der völkerrechtlichen Statengeno&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft überhaupt.</p><lb/>
<p>Alle Staten &#x017F;ind dabei betheiligt, daß die Unverletzlichkeit der Ge&#x017F;anten aner-<lb/>
kannt und ge&#x017F;chützt bleibe; daher &#x017F;ind auch die übrigen Staten berechtigt, theils das<lb/>
Begehren um Genugthuung des zunäch&#x017F;t betheiligten States zu unter&#x017F;tützen, theils<lb/>
&#x017F;ogar von &#x017F;ich aus auf Wiederher&#x017F;tellung des Rechts und Sühne zu dringen. Vgl.<lb/><hi rendition="#g">Phillimore</hi> <hi rendition="#aq">II.</hi> 142.</p>
<head>194.</head><lb/>
<p>Wird ein Ge&#x017F;anter in gerechter Nothwehr verletzt, &#x017F;o i&#x017F;t kein Grund<lb/>
zu völkerrechtlicher Be&#x017F;chwerde da, denn Nothwehr i&#x017F;t erlaubt.</p><lb/>
<p>Vgl. oben § 144.</p>
<p>Ein Ge&#x017F;anter, der &#x017F;ich in Gefahr begibt, i&#x017F;t auch den Zufällen die-<lb/>
&#x017F;er Gefahr ausge&#x017F;etzt; wenn er dabei verletzt wird, &#x017F;o i&#x017F;t das keine Belei-<lb/>
digung &#x017F;eines States und keine Verletzung des Völkerrechts.</p><lb/>
<p>Wenn er z. B., ohne die nöthige Vor&#x017F;icht zu üben, &#x017F;ich in einen aufrühreri&#x017F;chen<lb/>
Haufen begibt, und an dem Straßenkampfe Theil nimmt oder wenn er &#x017F;ich auf ein<lb/>
Duell einläßt und bei die&#x017F;er Gelegenheit verwundet oder gar getödtet wird, &#x017F;o trifft<lb/>
die&#x017F;e Verletzung ihn nicht als Ge&#x017F;anten und daher auch nicht den von ihm reprä&#x017F;en-<lb/>
tirten Stat. Es i&#x017F;t das ein per&#x017F;önlicher Unfall, für den nicht der Stat verant-<lb/>
wortlich gemacht werden kann, der die Unverletzlichkeit des Ge&#x017F;anten zu &#x017F;chützen hat.</p>
<head>196.</head><lb/>
<p>Ueberdem kommt den Ge&#x017F;anten das Recht der Exterritorialität zu.<lb/>
Das&#x017F;elbe er&#x017F;treckt &#x017F;ich auch auf ihr Gefolge und ihre Wohnung (§ 135 ff.).</p><lb/>
<p>Die Lehre von der Exterritorialität wurde vornehmlich im Hinblick auf die<lb/>
Ausnahms&#x017F;tellung der Ge&#x017F;anten ausgebildet.</p>
[136/0158] Drittes Buch. Dem State liegt freilich auch gegen andere Perſonen die Pflicht ob, ſie wider Gewaltthat zu ſchützen. Aber dieſe allgemeine Schutzpflicht wird zu Gunſten des directen Völkerverkehrs mit Bezug auf die Geſanten geſteigert und gleichſam poten- zirt. Der beſendete Stat hat darauf eine beſondere Sorge zu verwenden und je nach Bedürfniß dem Geſanten eine außerordentliche Bedeckung oder Schutzwache zur Sicherung beizuordnen. 193. Die widerrechtliche Verletzung des Geſanten gilt zugleich als Ver- letzung des repräſentirten States, und in ſchweren Fällen als Verletzung auch der völkerrechtlichen Statengenoſſenſchaft überhaupt. Alle Staten ſind dabei betheiligt, daß die Unverletzlichkeit der Geſanten aner- kannt und geſchützt bleibe; daher ſind auch die übrigen Staten berechtigt, theils das Begehren um Genugthuung des zunächſt betheiligten States zu unterſtützen, theils ſogar von ſich aus auf Wiederherſtellung des Rechts und Sühne zu dringen. Vgl. Phillimore II. 142. 194. Wird ein Geſanter in gerechter Nothwehr verletzt, ſo iſt kein Grund zu völkerrechtlicher Beſchwerde da, denn Nothwehr iſt erlaubt. Vgl. oben § 144. 195. Ein Geſanter, der ſich in Gefahr begibt, iſt auch den Zufällen die- ſer Gefahr ausgeſetzt; wenn er dabei verletzt wird, ſo iſt das keine Belei- digung ſeines States und keine Verletzung des Völkerrechts. Wenn er z. B., ohne die nöthige Vorſicht zu üben, ſich in einen aufrühreriſchen Haufen begibt, und an dem Straßenkampfe Theil nimmt oder wenn er ſich auf ein Duell einläßt und bei dieſer Gelegenheit verwundet oder gar getödtet wird, ſo trifft dieſe Verletzung ihn nicht als Geſanten und daher auch nicht den von ihm repräſen- tirten Stat. Es iſt das ein perſönlicher Unfall, für den nicht der Stat verant- wortlich gemacht werden kann, der die Unverletzlichkeit des Geſanten zu ſchützen hat. 196. Ueberdem kommt den Geſanten das Recht der Exterritorialität zu. Dasſelbe erſtreckt ſich auch auf ihr Gefolge und ihre Wohnung (§ 135 ff.). Die Lehre von der Exterritorialität wurde vornehmlich im Hinblick auf die Ausnahmsſtellung der Geſanten ausgebildet.
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_voelkerrecht_1868/158
Zitationshilfe: Bluntschli, Johann Caspar: Das moderne Völkerrecht der civilisirten Staten. Nördlingen, 1868, S. 136. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_voelkerrecht_1868/158>, abgerufen am 20.02.2019.