Source: https://msgler.verdi.de/der-betriebsrat/++co++ca39f9b8-3afc-11e3-a308-52540059119e
Timestamp: 2019-07-17 18:46:10
Document Index: 360474773

Matched Legal Cases: ['§ 111', '§111', '§ 80', '§ 111', '§ 92', '§ 80', '§111', '§613', '§111', '§613']

ver.di – IT-Offshoring ... und was macht Dein Betriebsrat?
Offshoring-Aktivitäten sind nach wie vor in vielen IT-Unternehmen festzustellen. Dabei müssen sich die Betriebsräte zunächst darüber verständigen, wie sie mit den Offshoring-Aktivitäten umgehen wollen: Gilt es IT-Offshoring mit allen Mitteln zu verhindern oder wollen sie IT-Offshoring begleiten?
Gleiches gilt für Outsourcing und Reorganisation/Neuausrichtung innerhalb eines Konzerns bzw. einer Unternehmens-Group wenn z. B. Mitbewerber aufgekauft werden.
Für das weitere Vorgehen sind Information das A und O:
Welches Ausmaß haben die geplanten Offshoring-Aktivitäten?
Steht hinter Offshoring eine neue Unternehmensstrategie?
Wird (auch) konzerninterne Arbeitnehmerüberlassung (ANÜ) geplant?
Werden möglicherweise MitarbeiterInnen im Unternehmen (schon vorab) für das neue Unternehmen rekrutiert ("schleichende Pesonalumschichtung")?
In welcher Zeitspanne sind sie geplant?
Welche Tätigkeiten sollen verlagert werden?
Wie viele MitarbeiterInnen sind betroffen?
Hierzu ist ein stetes Bohren der Betriebsräte auf der Grundlage des § 111 BetrVG notwendig:
Besteht Einigkeit darüber, dass die Planung für Offshoring eine betriebsändernde Maßnahme darstellt?
Findet die umfassende Unterrichtung nach Abschluss der Planung, aber vor der Entscheidung statt?
Welche wirtschaftlichen Notwendigkeiten stehen hinter dieser Planung?
Siehe dazu auch Arbeitgeberstrategien: z. B. §111 BetrVG
Alle diese Informationen können auch über den Wirtschaftsausschuss eingeholt werden. Erforderlichenfalls ist gegenüber dem Arbeitgeber durchzusetzen, dass der Betriebsrat nach § 80 Abs. 3 BetrVG bzw. § 111 BetrVG hier einen Sachverständigen bestellt.
Ebenfalls sollte die Kostenrechnung für die Offshoring-Aktivität hinterfragt werden. Im allgemeinen werden in den Planungen für Offshoring nicht alle Kosten einbezogen, die Tendenz geht hier in Richtung des Schönrechnens.
Welche Kosten für zusätzliche Hard- und Software, Telekommunikation und Wartung entstehen?
Welche Kostenentstehen bis zum Vertragsabschluss?
Was kostet die Steuerung und Überwachung des Verlagerungsprozesses?
Ist hier zusätzliches Personal notwendig bzw. werden MitarbeiterInnen dafür von anderen Aufgaben abgezogen?
Was kosten die Schulungen für das Personal am Ort der Offshoring-Maßnahme?
Sind die immateriellen Kosten für interkulturelle Probleme wie unterschiedliche Arbeitsstile etc. im Blickfeld der Planung?
Welche Kosten entstehen durch den Personalabbau im Inland wie Abfindungen, Verhandlungen zu Interessenausgleich/Sozialplan, Arbeitsrechtsprozesse etc.?
Nur wenn alle diese Kosten in die Kalkulation einbezogen werden, kann wirklich von einem Vergleich der Kosten gesprochen werden. Es langt einfach nicht zu sagen: “Ungarn oder Indien oder Irgendwo ist einfach billiger”.
Durch den mit der Novelle des Betriebsverfassungsgesetzes neu eingeführten § 92a BetrVG können Betriebsräte beschäftigungssichernde Maßnahmen dem Arbeitgeber vorschlagen und mit ihm beraten. Zum Beispiel nach der Devise: Wenn schon Offshoring, dann aber Qualifizierung für die Belegschaft im Inland! Im Rahmen eines solchen Projekts sollte geklärt sein:
Werden durch die Offshoring-Aktivitäten bestimmte Skills überflüssig? Wohin können diese MitarbeiterInnen entwickelt werden?
Werden durch die Offshoring-Aktivitäten neue Skills notwendig (z.B. Prozesssteuerung)? Welche Qualifizierungsmaßnahmen sind dafür notwendig?
Offshoring bedeutet einen Transfer von Daten rund um die ganze Welt - darunter können auch personenbezogene Daten sein, z.B. in Skill-Datenbanken. Nach deutschen Gesetzen zum Datenschutz dürfen solche Daten nicht ohne Zustimmung des Betriebsrats im Ausland gespeichert bzw. verarbeitet werden; damit ist der Betriebsrat zur Überwachung dieser Gesetze nach § 80 BetrVG verpflichtet.
Weitere Ansatzpunkte sind je nach Verhandlungskultur und -situation unterschiedlich anzugehen:
Im Rahmen der wirtschaftlichen Mitbestimmung können Betriebsräte das Last-Call-Prinzip für Verlagerungen von Aktivitäten einfordern: Vor einer Verlagerung zum Offshore-Partner haben die betroffenen Abteilungen die Möglichkeit einer Kalkulation für die Beibehaltung der Arbeiten im Inland.
Lassen sich Tendenzen erkennen, die durch die Einführung neuer Tools die Voraussetzung für Offshore schaffen, so ist hier eventuell von einer Betriebsänderung wie bei der expliziten Verlagerung auszugehen.
Neben der Verlagerung kann es zu einem diskriminierenden Kapazitätsaufbau kommen, d.h. nur im Offshore-Land werden Kapazitäten aufgebaut bei gleichzeitigem Stillstand im Inland. Dieser versteckte Personalabbau könnte ebenfalls eine Betriebsänderung darstellen.
Arbeitgeberstrategien: z. B. §111 BetrVG
Betriebsübergang nach §613a BGB (PDF, KB)
Herausforderung Offshoring - Vortrag-Schwemmle-SAP (PDF, 192 KB)
Dabei ist es wichtig (auch) zu wissen,dass Offshoring-Aktivitäten nicht immer offensichtlich sind bzw. als solche offenbart werden (z. B. bei der Neugründungen von (Tochter-)Unternehmen in Ost-Europa, Asien, der Schweiz (einschl. deren deutschen Tochterunternehmen), etc.) - "schleichende(r)" Betriebsänderung (§111 BetrVG)/Betriebsübergang (§613a BGB).