Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/berufungseinlegung-per-elektronischer-kommunikation-und-die-rechtsmittelbelehrung-361829
Timestamp: 2020-02-22 15:12:00
Document Index: 267416023

Matched Legal Cases: ['§ 66', '§ 151', '§ 65', '§ 65', '§ 1', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 36', '§ 6', '§ 50', '§ 9', '§ 39', '§ 48', '§ 35', '§ 232', '§ 195', '§ 360', '§ 65', '§ 158', '§ 66', '§ 66', '§ 90', '§ 151', '§ 145', '§ 164', '§ 160', '§ 173', '§ 178', '§ 173', '§ 178', '§ 138', '§ 140', '§ 86', '§ 160', '§ 164', '§ 65', '§ 65', '§ 158', '§ 125', '§ 522', '§ 169', '§ 66', 'Art 19', '§ 66', '§ 65', '§ 65', '§ 2', '§ 65', '§ 2', '§ 66', '§ 66', '§ 57', '§ 77', '§ 66', '§ 65', '§ 65', '§ 87', '§ 356', '§ 87', 'Art 4', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 58', '§ 126', 'Art 103', 'Art 4', '§ 66', '§ 84', '§ 66', '§ 20', '§ 1', '§ 1', 'Art 4', 'Art 24', '§ 74']

Beru­fungs­ein­le­gung per elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on – und die Rechts­mit­tel­be­leh­rung | Rechtslupe ")}}return a.proceed()});scriptParent=document.getElementsByTagName("script")[0].parentNode;if(scriptParent.tagName.toLowerCase!=="head"){head=document.getElementsByTagName("head")[0];aop_around(head,"insertBefore");aop_around(head,"appendChild")}aop_around(scriptParent,"insertBefore");aop_around(scriptParent,"appendChild");var a2a_config=a2a_config||{};a2a_config.no_3p=1;var addthis_config={data_use_cookies:false};var _gaq=_gaq||[];_gaq.push(["_gat._anonymizeIp"])}
Berufungseinlegung per elektronischer Kommunikation - und die Rechtsmittelbelehrung
Die Rechts­mit­tel­be­leh­rung eines sozi­al­ge­richt­li­chen Urteils ist nach der­zei­ti­ger Sach- und Rechts­la­ge nicht "unrich­tig" im Sin­ne von § 66 Abs 2 S 1 SGG, wenn sie die Mög­lich­keit der Beru­fungs­ein­le­gung durch Über­mitt­lung eines elek­tro­ni­schen Doku­ments nicht erwähnt, obwohl für das betref­fen­de Lan­des­so­zi­al­ge­richt (oder das eben­falls in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung benann­te SG, vgl § 151 Abs 2 S 1 SGG) nach § 65a Abs 1 SGG in Ver­bin­dung mit einer Ver­ord­nung der dort näher bezeich­ne­ten zustän­di­gen Stel­le die Über­mitt­lung elek­tro­ni­scher Doku­men­te zuge­las­sen ist.
Letz­te­res ist hier der Fall: Das Land Hes­sen hat von der in § 65a Abs 1 S 1 SGG eröff­ne­ten Befug­nis Gebrauch gemacht und gemäß § 1 in Ver­bin­dung mit Anl 1 Nr 77 der Ver­ord­nung des Hes­si­schen Minis­ters der Jus­tiz über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei hes­si­schen Gerich­ten und Staats­an­walt­schaf­ten 1 (ElR­Ver­kV Hes­sen) ab 17.12.2007 die Ein­rei­chung elek­tro­ni­scher Doku­men­te in allen beim Hes­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt geführ­ten Ver­fah­ren zuge­las­sen (das­sel­be gilt gemäß Anl 1 Nr 81 ElR­Ver­kV Hes­sen auch für das Sozi­al­ge­richt Kas­sel).
Gemäß § 66 Abs 1 SGG 2 beginnt die Frist für ein Rechts­mit­tel oder einen ande­ren Rechts­be­helf nur dann zu lau­fen, wenn der Betei­lig­te über den Rechts­be­helf, die Ver­wal­tungs­stel­le oder das Gericht, bei denen der Rechts­be­helf anzu­brin­gen ist, den Sitz und die ein­zu­hal­ten­de Frist schrift­lich oder elek­tro­nisch belehrt wor­den ist. Ist die Beleh­rung unter­blie­ben oder, was hier allein in Fra­ge kommt, "unrich­tig" erteilt, so ist nach § 66 Abs 2 S 1 SGG – von hier nicht ein­schlä­gi­gen Aus­nah­men abge­se­hen – die Ein­le­gung des Rechts­be­helfs nur inner­halb eines Jah­res seit Zustel­lung, Eröff­nung oder Ver­kün­dung der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung zuläs­sig.
Unrich­tig im Sin­ne des § 66 Abs 2 S 1 SGG ist jede Rechts­be­helfs­be­leh­rung, die nicht zumin­dest die­je­ni­gen Merk­ma­le zutref­fend wie­der­gibt, die § 66 Abs 1 SGG als Bestand­tei­le der Beleh­rung aus­drück­lich nennt:
den statt­haf­ten Rechts­be­helf als sol­chen (also sei­ne Bezeich­nung der Art nach),
die Ver­wal­tungs­stel­le oder das Gericht, bei denen der Rechts­be­helf anzu­brin­gen ist,
deren bzw des­sen Sitz und
die ein­zu­hal­ten­de Frist 3.
Über den Wort­laut der Vor­schrift hin­aus ist nach ihrem Sinn und Zweck, den Betei­lig­ten ohne Geset­zes­lek­tü­re die ers­ten Schrit­te zur (frist­ge­rech­ten) Wah­rung ihrer Rech­te zu ermög­li­chen 4, aber auch
eine Beleh­rung über den wesent­li­chen Inhalt der bei Ein­le­gung des Rechts­be­helfs zu beach­ten­den Form­vor­schrif­ten erfor­der­lich 5.
Dem ent­spricht im Ergeb­nis weit­ge­hend die neue­re Rspr des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts und des Bun­des­fi­nanz­hofs, nach der eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung auch dann unrich­tig ist, wenn sie geeig­net ist, bei dem Betrof­fe­nen einen Irr­tum über die for­mel­len oder mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen des in Betracht kom­men­den Rechts­be­helfs her­vor­zu­ru­fen und ihn dadurch abzu­hal­ten, den Rechts­be­helf über­haupt, recht­zei­tig oder in der rich­ti­gen Form ein­zu­le­gen 6. Die Not­wen­dig­keit einer Beleh­rung auch über die Form des Rechts­be­helfs hat der Gesetz­ge­ber zudem in § 36 SGB X, § 6 Wehr­dis­zi­pli­nar­ord­nung und § 50 Abs 2 OWiG sowie in § 9 Abs 5 S 3 ArbGG, § 39 S 1 FamFG, § 48 Abs 2 S 2 des Geset­zes über das gericht­li­che Ver­fah­ren in Land­wirt­schafts­sa­chen, § 35a S 1 StPO und – künf­tig – in § 232 S 1 ZPO 7 zum Aus­druck gebracht (vgl auch § 195 Abs 2 Nr 3 BEG für Beschei­de der Ent­schä­di­gungs­be­hör­de sowie § 360 Abs 1 Nr 2 BGB für die Wider­rufs­be­leh­rung bei Ver­brau­cher­ver­trä­gen). Es sind kei­ne Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich, dass für die Betei­lig­ten des sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ein gerin­ge­res Schutz­ni­veau maß­geb­lich sein soll, als es in den soeben genann­ten Vor­schrif­ten vor­ge­ge­ben ist.
Die hier­nach not­wen­di­ge Beleh­rung auch über den wesent­li­chen Inhalt der bei Ein­le­gung des Rechts­be­helfs zu beach­ten­den Form­vor­schrif­ten erfor­dert es der­zeit jedoch nicht, dass auch auf die für das betref­fen­de Gericht durch Rechts­ver­ord­nung bereits zuge­las­se­ne Mög­lich­keit der Über­mitt­lung ver­fah­rens­be­stim­men­der Schrift­sät­ze in der Form eines elek­tro­ni­schen Doku­ments hin­ge­wie­sen wird.
Dies folgt aller­dings nicht dar­aus, dass die "elek­tro­ni­sche Form" (genau­er: die elek­tro­ni­sche Über­mitt­lung von Erklä­run­gen an das Gericht in Gestalt eines elek­tro­ni­schen Doku­ments) ledig­lich einen Unter­fall bzw eine Son­der­form der Schrift­form dar­stell­te, wie dies zum Teil ver­tre­ten wird 8. Es han­delt sich viel­mehr bei der elek­tro­ni­schen Form im Sin­ne des § 65a SGG um eine eigen­stän­di­ge Form, die der Gesetz­ge­ber "als zusätz­li­che Opti­on neben der bis­he­ri­gen schrift­li­chen Form" ein­ge­führt hat 9. Dies soll­te den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten die Mög­lich­keit eröff­nen, "elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men gleich­be­rech­tigt neben der – her­kömm­lich papier­ge­bun­de­nen – Schrift­form oder der münd­li­chen Form" rechts­wirk­sam zu ver­wen­den 10. Die hier­durch geschaf­fe­ne Tri­as gleich­ran­gi­ger pro­zes­sua­ler For­men – schrift­lich, in elek­tro­ni­scher Form oder zur Nie­der­schrift des Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le – kommt auch im Wort­laut des § 158 S 1 SGG zum Aus­druck. Das schließt es aus, die (pro­zes­sua­le) elek­tro­ni­sche Form ledig­lich als Unter­fall der Schrift­form anzu­se­hen und des­halb eine Beleh­rung über die Schrift­form so zu behan­deln, als umfas­se sie zugleich eine Beleh­rung hin­sicht­lich der Über­mitt­lung in elek­tro­ni­scher Form (als elek­tro­ni­sches Doku­ment) erstell­ter Erklä­run­gen.
Den­noch ist es – jeden­falls nach der­zei­ti­ger Sach- und Rechts­la­ge – nach § 66 Abs 1 SGG nicht gebo­ten, in Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen hin­sicht­lich der Form der Ein­le­gung des Rechts­be­helfs dann, wenn für das betref­fen­de Gericht die elek­tro­ni­sche Form durch Rechts­ver­ord­nung zuge­las­sen ist, stets auch auf die Mög­lich­keit der Ver­wen­dung die­ser Form und ihre Vor­aus­set­zun­gen hin­zu­wei­sen. Ent­ge­gen der Rechts­mei­nung des LSG führt allein die Ein­ord­nung der elek­tro­ni­schen Form als gleich­ran­gi­ge pro­zes­sua­le Form nicht auto­ma­tisch dazu, dass die­se schon des­halb und schon jetzt als "Regel­weg" im Sin­ne von § 66 Abs 1 SGG anzu­se­hen ist. Das ergibt sich aus fol­gen­den Erwä­gun­gen:
Auch nach der Ände­rung bzw Ergän­zung der sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens­ord­nung durch das JKomG fin­det in den spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten des SGG, die nähe­re Vor­ga­ben zur Art und Wei­se der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen oder Rechts­mit­teln machen, die elek­tro­ni­sche Form kei­ne Erwäh­nung. Das gilt für die Kla­ge­er­he­bung (§ 90 SGG: "schrift­lich oder zur Nie­der­schrift") eben­so wie für die Ein­le­gung der Beru­fung (§ 151 Abs 1 und 2 SGG: "schrift­lich oder zur Nie­der­schrift"), der Beru­fungs-Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de (§ 145 Abs 1 S 2 SGG: "schrift­lich oder zur Nie­der­schrift"), der Revi­si­on (§ 164 Abs 1 S 1 SGG: "schrift­lich"), der Revi­si­ons-Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de (§ 160a Abs 1 S 3 SGG: "Beschwer­de­schrift"), der sons­ti­gen Beschwer­den (§ 173 S 1 und 2 SGG: "schrift­lich oder zur Nie­der­schrift"), der Erin­ne­rung gegen Ent­schei­dun­gen des ersuch­ten oder beauf­trag­ten Rich­ters oder des Urkunds­be­am­ten (§ 178 S 2 in Ver­bin­dung mit § 173 SGG: "schrift­lich oder zur Nie­der­schrift") sowie der Anhö­rungs­rü­ge (§ 178a Abs 2 S 4 SGG: "schrift­lich oder zur Nie­der­schrift"), in glei­cher Wei­se aber auch für Anträ­ge auf Tat­be­stands­be­rich­ti­gung (§ 138 SGG), Urteils­er­gän­zung (§ 140 SGG) oder auf Erlass von Anord­nun­gen im einst­wei­li­gen Rechts­schutz (§ 86b SGG). Ledig­lich am Ran­de ist in § 160a Abs 1 S 3 bzw in § 164 Abs 1 S 3 SGG bestimmt, dass die Soll-Vor­schrift zur Bei­fü­gung einer Aus­fer­ti­gung oder beglau­big­ten Abschrift des ange­foch­te­nen Urteils nicht gilt, "soweit nach § 65a elek­tro­ni­sche Doku­men­te über­mit­telt wer­den".
Die­se allen­falls bei­läu­fi­ge Ein­be­zie­hung der elek­tro­ni­schen Form in die Grund­nor­men des SGG zur Art und Wei­se der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen belegt, dass der Gesetz­ge­ber die­se Form zwar grund­sätz­lich auch hier­für erlau­ben woll­te. Er hat aber offen­kun­dig noch kei­ne Ver­an­las­sung gese­hen, sie neben der Schrift­form und der münd­li­chen Form (zur Nie­der­schrift) als gleich gewich­ti­ge Form und wei­te­ren Regel­weg zu nor­mie­ren. Wäre dies der Fall gewe­sen, hät­te es das aus dem Rechts­staats­prin­zip her­zu­lei­ten­de Pos­tu­lat der Rechts­mit­tel­klar­heit erfor­dert, die elek­tro­ni­sche Form auch in die ein­zel­nen Bestim­mun­gen über die for­ma­len Anfor­de­run­gen an die Ein­le­gung der jewei­li­gen Rechts­be­hel­fe auf­zu­neh­men, um den Recht­su­chen­den den Weg zur gericht­li­chen Über­prü­fung einer Ent­schei­dung mit der gebo­te­nen Klar­heit vor­zu­zeich­nen 11. Dies ist jedoch nicht gesche­hen. Die Vor­schrift des § 65a SGG zur elek­tro­ni­schen Form befasst sich nicht ein­mal aus­drück­lich mit der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen oder Rechts­mit­teln.
Nichts ande­res ergibt sich aus der Rege­lung in § 158 S 1 SGG. Zwar sind hier die drei pro­zes­sua­len For­men aus­drück­lich neben­ein­an­der­ge­stellt ("nicht schrift­lich oder nicht in elek­tro­ni­scher Form oder nicht zur Nie­der­schrift"). Die genann­te Vor­schrift wen­det sich jedoch von vorn­her­ein nicht an die Recht­su­chen­den, son­dern ent­hält Vor­ga­ben für das Gericht. Zudem ist sie im Ver­gleich zu ent­spre­chen­den Bestim­mun­gen ande­rer Pro­zess­ord­nun­gen über die Behand­lung unzu­läs­si­ger Rechts­mit­tel (zB § 125 Abs 2 S 1 VwGO, § 522 Abs 1 ZPO; s auch § 169 SGG für die Revi­si­on) hin­sicht­lich der "gesetz­li­chen Form" wesent­lich detail­lier­ter (und inso­weit sin­gu­lär); nur aus die­sem Grund bedurf­te sie bei Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Form einer redak­tio­nel­len Anpas­sung, weil sie ansons­ten unvoll­stän­dig gewor­den wäre 12. Eine wei­ter­ge­hen­de Rege­lungs­ab­sicht, nament­lich die Eta­blie­rung der elek­tro­ni­schen Form als gleich gewich­ti­ger Regel­form, hat der Gesetz­ge­ber damit jedoch nicht ver­folgt.
Das Erfor­der­nis einer Beleh­rung auch über die Form des Rechts­be­helfs ist, wie bereits aus­ge­führt, aus einer am Sinn und Zweck der Vor­schrift ori­en­tier­ten erwei­tern­den Aus­le­gung des § 66 Abs 1 SGG her­zu­lei­ten. In Umset­zung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebots zur Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes (Art 19 Abs 4 S 1 GG) 13 soll die Rege­lung in § 66 SGG ver­hü­ten hel­fen, dass jemand aus Unkennt­nis den Rechts­weg nicht aus­schöpft. Ziel einer jeden Rechts­be­helfs­be­leh­rung muss es dem­nach sein, den Emp­fän­ger über den wesent­li­chen Inhalt der zu beach­ten­den Vor­schrif­ten zu unter­rich­ten und es ihm so zu ermög­li­chen, ohne Geset­zes­lek­tü­re die ers­ten Schrit­te zur ord­nungs­ge­mä­ßen Ein­le­gung des Rechts­be­helfs ein­zu­lei­ten 4. Aus­ge­rich­tet auf die­ses Ziel genügt es, über den wesent­li­chen Inhalt der bei Ein­le­gung des Rechts­be­helfs zu beach­ten­den Form­vor­schrif­ten zu infor­mie­ren 14. Infol­ge­des­sen muss eine "rich­ti­ge" Beleh­rung nicht stets allen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gege­ben­hei­ten und Mög­lich­kei­ten Rech­nung tra­gen; es reicht aus, wenn sie die Betei­lig­ten in die rich­ti­ge Rich­tung lenkt 15.
Das ist bei einer Rechts­mit­tel­be­leh­rung, die sich hin­sicht­lich der for­ma­len Anfor­de­run­gen auf die "klas­si­schen" und all­ge­mein gebräuch­li­chen Mög­lich­kei­ten einer schrift­li­chen oder münd­li­chen (zur Nie­der­schrift des Urkunds­be­am­ten der Geschäfts­stel­le) Ein­le­gung der Beru­fung beschränkt, jeden­falls der­zeit noch ersicht­lich der Fall. Sie zeigt den Betei­lig­ten die regel­mä­ßig allen Bür­gern – auch soweit sie nicht über infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Spe­zi­al­kennt­nis­se und eine spe­zi­fi­sche tech­ni­sche Aus­stat­tung ver­fü­gen – offen­ste­hen­den Wege für die Ein­le­gung des Rechts­mit­tels klar und deut­lich auf 16. Die hier in Rede ste­hen­de Rechts­mit­tel­be­leh­rung trägt auch in kei­ner Wei­se zu einer form­wid­ri­gen oder ver­spä­te­ten Ein­le­gung des Rechts­be­helfs bei 17. Sie ent­hält kei­ne Inhal­te, die – bei abs­trak­ter Betrach­tungs­wei­se – geeig­net sein könn­ten, den Infor­ma­ti­ons­wert der rich­ti­gen Anga­ben zu min­dern oder, was hier von beson­de­rer Bedeu­tung ist, die Betei­lig­ten von Erkun­di­gun­gen über mög­li­cher­wei­se im Ein­zel­fall bestehen­de wei­te­re Mög­lich­kei­ten abzu­hal­ten. Sie macht ins­be­son­de­re kei­ne Anga­ben, die von Recht­su­chen­den dahin­ge­hend ver­stan­den wer­den könn­ten, dass eine Beru­fungs­ein­le­gung auf elek­tro­ni­schem Weg aus­ge­schlos­sen sei.
Die Mög­lich­keit, Schrift­sät­ze in gericht­li­chen Ver­fah­ren als elek­tro­ni­sches Doku­ment dem Gericht elek­tro­nisch zu über­mit­teln, hat allein durch ihre recht­li­che Zulas­sung in § 65a SGG in Ver­bin­dung mit einer aus­fül­len­den Rechts­ver­ord­nung noch kei­ne sol­che prak­ti­sche Bedeu­tung erlangt, dass es gebo­ten wäre, die Betei­lig­ten zum Schutz vor Rechts­nach­tei­len durch Unwis­sen­heit 16 auch auf die­se Form not­wen­dig hin­zu­wei­sen. Dies ergibt sich vor allem dar­aus, dass der mit einer rechts­wirk­sa­men elek­tro­ni­schen Über­mitt­lung von Schrift­sät­zen an das Gericht gemäß § 65a SGG ver­bun­de­ne Auf­wand bei Wei­tem den­je­ni­gen über­steigt, der mit einer Über­mitt­lung auf her­kömm­li­che Wei­se (schrift­lich oder zur Nie­der­schrift) ein­her­geht. Auch wenn die erfor­der­li­chen IT-Gerä­te und ein aus­rei­chend leis­tungs­fä­hi­ger Zugang zum Inter­net mitt­ler­wei­le in brei­ten Bevöl­ke­rungs­krei­sen zur Ver­fü­gung ste­hen 18, wird zusätz­lich nach § 2 in Ver­bin­dung mit Anl 2 Nr 1 ElR­Ver­kV Hes­sen eine spe­zi­el­le Zugangs- und Über­tra­gungs­soft­ware (Elek­tro­ni­sches Gerichts- und Ver­wal­tungs­post­fach – EGVP) benö­tigt. Die­se wird zwar von der Jus­tiz­ver­wal­tung kos­ten­frei zur Ver­fü­gung gestellt, doch muss der Nut­zer ihre feh­ler­freie Instal­la­ti­on, Kon­fi­gu­ra­ti­on und Bedie­nung selbst bewerk­stel­li­gen. Außer­dem ist zur Anbrin­gung der für die Rechts­mit­tel­ein­le­gung vor­ge­schrie­be­nen qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur (§ 65a Abs 1 S 3 SGG in Ver­bin­dung mit § 2 und Anl 2 Nr 2 ElR­Ver­kV Hes­sen) nicht nur ein Kar­ten­le­se­ge­rät, son­dern auch eine gül­ti­ge Signa­tur­kar­te erfor­der­lich, die – kos­ten­pflich­tig – in einem zeit­in­ten­si­ven Iden­ti­fi­zie­rungs­ver­fah­ren bei einem zuge­las­se­nen Anbie­ter erwor­ben wer­den muss.
Die­ser einer elek­tro­ni­schen Über­mitt­lung in gericht­li­chen Ver­fah­ren not­wen­dig vor­aus­ge­hen­de Zusatz­auf­wand von erheb­li­chem Aus­maß – ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur – hat nach Ein­schät­zung der Bun­des­re­gie­rung dazu geführt, dass die Nut­zung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Gerich­ten auch zehn Jah­re nach des­sen Ein­füh­rung "weit hin­ter den Erwar­tun­gen zurück­ge­blie­ben ist" 19, sodass auch heu­te noch die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Jus­tiz "fast aus­schließ­lich auf Papier" basiert 20. Vor die­sem Hin­ter­grund kann jeden­falls Ende 2010 und auch der­zeit noch nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass zur Gewähr­leis­tung eines effek­ti­ven Rechts­schut­zes zwin­gend eine Beleh­rung auch über die Mög­lich­kei­ten einer elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Gerich­ten erfor­der­lich ist. Dies gilt umso mehr, als Bür­ger oder Behör­den in der Zugangs- und Über­tra­gungs­soft­ware EGVP ohne­hin ein Ver­zeich­nis der­je­ni­gen Gerich­te vor­fin­den, mit denen die elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on mög­lich ist.
Aber auch auf Sei­ten der Gerich­te ist die Fähig­keit zur elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on noch längst nicht über­all gege­ben 21. Zu dem hier maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Zustel­lung des SG-Urteils im Novem­ber 2010 war im Bereich der Sozi­al­ge­richts­bar­keit ledig­lich in fünf von sech­zehn Län­dern (in Ber­lin, Bran­den­burg, Bre­men, Hes­sen und Rhein­land-Pfalz) sowie beim Bun­des­so­zi­al­ge­richt die Über­mitt­lung elek­tro­ni­scher Doku­men­te zuge­las­sen. Dar­an hat sich bis heu­te nichts Grund­le­gen­des geän­dert. Seit­her ist die elek­tro­ni­sche Form zusätz­lich nur für die Sozi­al­ge­rich­te in Sach­sen 22 sowie in Nord­rhein-West­fa­len 23 zuge­las­sen wor­den. Mit­hin kann auch jetzt noch in ledig­lich sie­ben von sech­zehn Län­dern die elek­tro­ni­sche Form im Sozi­al­ge­richts­pro­zess genutzt wer­den, wobei so bevöl­ke­rungs­rei­che Län­der wie Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg und Nie­der­sach­sen die­se Form noch nicht eröff­net haben. Dies belegt, dass es jeden­falls der­zeit nicht gerecht­fer­tigt ist, bei Betrach­tung des gesam­ten Gel­tungs­be­reichs des SGG die Mög­lich­keit der Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen in elek­tro­ni­scher Form als "Regel­weg" der Rechts­mit­tel­ein­le­gung im Sin­ne der Schutz­vor­schrift des § 66 Abs 2 SGG anzu­se­hen. Ob dies anders zu beur­tei­len ist, sobald alle Gerich­te durch Bun­des­ge­setz ver­pflich­tet sind, ab einem bestimm­ten Zeit­punkt die elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ermög­li­chen, ist hier nicht zu ent­schei­den, zumal die ent­spre­chen­den Rege­lun­gen gemäß dem Ent­wurf eines Geset­zes zur För­de­rung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Gerich­ten 24 noch nicht ver­ab­schie­det sind.
Zu berück­sich­ti­gen ist auch, dass die Anfor­de­run­gen des § 66 Abs 1 SGG an Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen nicht nur für sol­che in gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen, son­dern eben­so für Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen in (Widerspruchs-)Bescheiden maß­geb­lich sind. Wäh­rend von einem SG erwar­tet wer­den kann, dass es den lan­des­recht­li­chen Bestim­mun­gen zur Eröff­nung der elek­tro­ni­schen Form in die­sem Gerichts­zweig zeit­nah Rech­nung trägt, ist dies bei Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gern mit Sitz außer­halb des betref­fen­den Lan­des fak­tisch sehr viel schwie­ri­ger zu gewähr­leis­ten. Auch sol­che – ins­be­son­de­re bun­des­weit zustän­di­ge – Trä­ger haben aber viel­fach Beleh­run­gen zur Ein­le­gung von Rechts­be­hel­fen bei Gerich­ten ande­rer Län­der als dem­je­ni­gen ihres Sit­zes zu ertei­len (vgl die Rege­lung zur ört­li­chen Zustän­dig­keit in § 57 Abs 1 und 2 SGG). Des­halb wür­de es zu einer Häu­fung unrich­ti­ger Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen und damit zu einer Bin­dung der Betei­lig­ten an ent­spre­chen­de Beschei­de (§ 77 SGG) erst nach Ablauf der Jah­res­frist des § 66 Abs 2 SGG füh­ren, sähe man zwin­gend eine Beleh­rung über die elek­tro­ni­sche Form als wei­te­ren Regel­weg auch für den Fall vor, dass die­se noch vor einer bun­des­weit ein­heit­li­chen Ein­füh­rung im Rah­men der "Öff­nungs­klau­sel" des § 65a Abs 1 SGG bereits lokal zuge­las­sen wur­de. Dass der Gesetz­ge­ber des § 65a SGG die­se Aus­wir­kun­gen gewollt oder in Kauf genom­men hät­te, ist nicht ersicht­lich.
Soweit sich die oberst­ge­richt­li­che Recht­spre­chung bis­lang damit befasst hat, sieht auch sie kei­ne Not­wen­dig­keit, in Rechts­be­helfs­be­leh­run­gen über die Mög­lich­keit einer Ein­le­gung in elek­tro­ni­scher Form zu beleh­ren. So hat der 11. Senat des BSG in einem Fall, in dem die Rechts­mit­tel­be­leh­rung des LSG, Urteils kei­nen Hin­weis auf die Mög­lich­keit der Ein­le­gung einer Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de in elek­tro­ni­scher Form ent­hielt, trotz Rüge einer des­we­gen feh­ler­haf­ten Beleh­rung die Monats­frist – wenn auch ohne nähe­re Begrün­dung – für maß­geb­lich gehal­ten 25. Der 3. Senat des BFH hat ent­schie­den, dass die Fami­li­en­kas­sen in ihren Beschei­den auch dann nicht auf die Mög­lich­keit der Ein­spruchs­ein­le­gung in elek­tro­ni­scher Form hin­wei­sen müs­sen, wenn sie durch Anga­be einer E‑Mail-Adres­se kon­klu­dent einen Zugang im Sin­ne von § 87a Abs 1 S 1 AO eröff­net haben 26. In die­sem Sin­ne hat auch der 1. Senat des BFH im Rah­men eines Streits über die Aus­set­zung der Voll­zie­hung eines Steu­er­be­scheids nach sum­ma­ri­scher Prü­fung erkannt, dass eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung nicht unrich­tig im Sin­ne von § 356 Abs 2 AO ist, wenn sie zwar auf die Not­wen­dig­keit der Ein­spruchs­ein­le­gung in Schrift­form oder zur Nie­der­schrift, nicht aber zugleich auf die Mög­lich­keit der elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on (§ 87a AO) hin­weist 27.
Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 14. März 2013 – B 13 R 19/​12 R
vom 26.10.2007, GVBl 699[↩]
hier anzu­wen­den in der ab 1.04.2005 gel­ten­den Fas­sung von Art 4 Nr 4 des Geset­zes über die Ver­wen­dung elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men in der Jus­tiz vom 22.03.2005, BGBl I 837[↩]
BSGE 69, 9, 11 = SozR 3 – 1500 § 66 Nr 1 S 3[↩]
BSGE 79, 293, 294 = SozR 3 – 1500 § 66 Nr 6 S 24[↩][↩]
stRspr, vgl BSGE 1, 194, 195; BSGE 1, 254, 255; BSGE 7, 1, 2; BSGE 11, 213, 215; BSG vom 26.01.1993 – 1 RK 33/​92; BSG SozR 3 – 1500 § 66 Nr 8 S 35 f[↩]
BVerwG Urteil vom 21.03.2002 – 4 C 2/​01, Buch­holz 310 § 58 VwGO Nr 83; BFH Beschluss vom 12.12.2012 – I B 127/​12, BFH/​NV 2013, 434 RdNr 15, jeweils mwN; anders mög­li­cher­wei­se noch der 3. Senat des BFH: Beschluss vom 12.10.2012 – III B 66/​12, BFH/​NV 2013, 177 RdNr 22[↩]
in der ab 01.01.2014 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Ein­füh­rung einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Zivil­pro­zess und zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten vom 05.12.2012, BGBl I 2418[↩]
vgl Ellen­ber­ger in Palandt, BGB, 72. Aufl 2013, § 126a RdNr 1; Skro­botz, juris­PR-ITR 24/​2009 Anm 5; Braun, juris­PR-ITR 15/​2011 Anm 5; zur Rechts­la­ge vor Erlass des JKomG aus­führ­lich Skro­botz, Das elek­tro­ni­sche Ver­wal­tungs­ver­fah­ren, Diss Regens­burg 2004, S 148 ff, 180 f, 198, 210 ff[↩]
Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung für ein JKomG, BT-Drucks 15/​4067 S 27 f – unter VI.[↩]
aaO S 24 – unter II.[↩]
vgl BVerfG BVerfGE 107, 395, 416 f = SozR 4 – 1100 Art 103 Nr 1 RdNr 57; s auch BVerfG vom 22.05.2012 – 2 BvR 2207/​10: "Der Gesetz­ge­ber muss für die Rechts­mit­tel, die er bereit­stellt, die Vor­aus­set­zun­gen ihrer Zuläs­sig­keit in einer dem Grund­satz der Rechts­mit­tel­klar­heit ent­spre­chen­den Wei­se bestim­men."[↩]
vgl BT-Drucks 15/​4067 S 42 – zu Art 4, zu Nr 16 [↩]
s hier­zu zB BVerfGE 40, 272, 275[↩]
BSG vom 26.01.1993 – 1 RK 33/​92 – Juris RdNr 6[↩]
BSG SozR 4 – 1500 § 66 Nr 1 RdNr 6 am Ende[↩]
vgl BSGE 42, 140, 144 = SozR 1500 § 84 Nr 1 S 4[↩][↩]
vgl BSG SozR 4 – 1500 § 66 Nr 1 RdNr 6[↩]
zur Berück­sich­ti­gung eines Inter­net-Anschlus­ses für die Nach­rich­ten­über­mitt­lung bei der Bemes­sung des Regel­be­darfs nach dem SGB II vgl BSG Urteil vom 12.07.2012 – B 14 AS 153/​11 R – RdNr 74, zur Ver­öf­fent­li­chung in SozR 4 – 4200 § 20 Nr 17 vor­ge­se­hen[↩]
Ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zu einem Gesetz zur För­de­rung des elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehrs mit den Gerich­ten vom 06.03.2013, BT-Drucks 17/​12634 S 1 – unter A. [↩]
vgl BT-Drucks 17/​12634 aaO[↩]
zeit­lich gestaf­felt ab 1.04.2011, 1.07. bzw 1.10.2012, s § 1 in Ver­bin­dung mit Anl Nr 4, 5, 24, 35 der VO vom 06.07.2010, GVBl Sach­sen 190[↩]
ab 1.01.2013, s § 1 in Ver­bin­dung mit Anl der VO vom 07.11.2012, GVBl Nord­rhein-West­fa­len 551[↩]
BT-Drucks 17/​12634, s dort Art 4 Nr 1, Art 24 und 25[↩]
BSG Beschluss vom 09.02.2010 – B 11 AL 194/​09 B – Juris RdNr 2; s auch RdNr 5[↩]
BFH, Beschluss vom 02.02.2010, BFH/​NV 2010, 830 RdNr 5; Beschluss vom 12.10.2012, BFH/​NV 2013, 177 RdNr 22[↩]
BFH, Beschluss vom 12.12.2012, BFH/​NV 2013, 434 RdNr 16 ff[↩]
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