Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/negative-kindeswohlpruefung-sorge-3113397
Timestamp: 2020-07-10 13:18:53
Document Index: 119040211

Matched Legal Cases: ['§ 1626', '§ 1671', '§ 1626', '§ 1697', '§ 1671', '§ 1671', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1671', '§ 1671', '§ 1626', '§ 1671', '§ 1626', '§ 1671', 'Art. 6', '§ 1671', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1626', '§ 1671', 'EGMR', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1626', '§ 155', 'BGH']

Negative Kindeswohlprüfung - und die gemeinsame elterliche Sorge | Rechtslupe
Vor­ran­gi­ger Maß­stab der Ent­schei­dung nach § 1626 a Abs. 2 BGB ist das Kin­des­wohl [1]. Für die Prü­fung, ob die Über­tra­gung der gemein­sa­men Sor­ge dem Kin­des­wohl nicht wider­spricht, gel­ten die zur Auf­he­bung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge nach § 1671 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze.
Die Vor­schrift des § 1626 a BGB ist Aus­druck des Kin­des­wohl­prin­zips, wel­ches das Recht der elter­li­chen Sor­ge ins­ge­samt beherrscht (vgl. § 1697 a BGB). Das Gesetz beruht auf der Annah­me, dass die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge grund­sätz­lich den Bedürf­nis­sen des Kin­des nach Bezie­hun­gen zu bei­den Eltern­tei­len ent­spricht [2]. Dar­aus ergibt sich das gesetz­li­che Leit­bild, dass grund­sätz­lich bei­de Eltern die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge für ein Kind tra­gen sol­len, wenn kei­ne Grün­de vor­lie­gen, die hier­ge­gen spre­chen [3].
Die Sor­ge ist den Eltern vom Fami­li­en­ge­richt dem­zu­fol­ge auch dann gemein­sam zu über­tra­gen, wenn sich nicht fest­stel­len lässt, ob die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge dem Kin­des­wohl bes­ser ent­spricht als die Allein­sor­ge der Mut­ter [4]. Eine den Antrag auf gemein­sa­me Sor­ge ableh­nen­de Ent­schei­dung kann nur dann erge­hen, wenn die Über­tra­gung der elter­li­chen Sor­ge auf die Eltern gemein­sam dem Kin­des­wohl wider­spricht, also mit ihm unver­ein­bar wäre [5].
Die Über­tra­gung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge ist somit unter den glei­chen Vor­aus­set­zun­gen abzu­leh­nen, unter denen im Fall des § 1671 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge auf­zu­he­ben wäre [6].
Dass der Gesetz­ge­ber die Vor­aus­set­zun­gen in § 1671 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB posi­tiv und in § 1626 a Abs. 2 Satz 1 BGB nega­tiv for­mu­liert hat, berück­sich­tigt die unter­schied­li­che recht­li­che Aus­gangs­si­tua­ti­on, begrün­det aber im Ergeb­nis kei­ne mate­ri­ell­recht­li­chen Unter­schie­de hin­sicht­lich der Aus­übung der gemein­sa­men Sor­ge durch bei­de Eltern. Wäh­rend nach § 1626 a Abs. 2 Satz 1 BGB zu ent­schei­den ist, ob die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge begrün­det wer­den soll, muss nach § 1671 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB geprüft wer­den, ob die bestehen­de gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge auf­zu­he­ben ist. In bei­den Fäl­len ist letzt­lich zu ent­schei­den, ob im wohl­ver­stan­de­nen Inter­es­se des Kin­des die Eltern zukünf­tig die elter­li­che Sor­ge gemein­sam aus­üben sol­len oder ob die Sor­ge aus Kin­des­wohl­grün­den nur einem Eltern­teil allein zuzu­wei­sen bzw. zu belas­sen ist. Dass in den Fäl­len des § 1671 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB im Gegen­satz zum Fall des § 1626 a Abs. 2 BGB von zusam­men­le­ben­den Eltern eine Sor­ge­ge­mein­schaft bis­her schon gelebt wor­den ist [7], ist zwar als tat­säch­li­cher Gesichts­punkt zu berück­sich­ti­gen, besagt aber nichts zu dem anzu­wen­den­den Maß­stab, der in bei­den Fäl­len der glei­che ist. Sowohl im Rah­men der erst­ma­li­gen Anord­nung als auch bei der Auf­he­bung der bestehen­den gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge setzt eine Ent­schei­dung gegen die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge die Fest­stel­lung vor­aus, dass die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge dem Kin­des­wohl wider­spricht.
Auch nach § 1671 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB darf die elter­li­che Sor­ge nur dann einem Eltern­teil allein zuge­wie­sen wer­den, wenn die Vor­aus­set­zun­gen der Aus­übung der gemein­sa­men Sor­ge feh­len [8]. Damit ist sicher­ge­stellt, dass sich die Wahr­neh­mung des Eltern­rechts am Kin­des­wohl aus­rich­tet und dass die Rech­te des Kin­des Beach­tung fin­den [9]. Die Allein­sor­ge ist daher anzu­ord­nen, wenn die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge aus Kin­des­wohl­grün­den aus­schei­det [10], also dem Kin­des­wohl wider­spricht. Dem ent­spricht der Maß­stab des § 1626 a Abs. 2 Satz 1 BGB, nach dem die allei­ni­ge Sor­ge nur auf­recht­erhal­ten bleibt, wenn das Gericht fest­stellt, dass die Über­tra­gung der gemein­sa­men Sor­ge auf die Eltern dem Kin­des­wohl wider­spricht. Des­halb ist es auch sach­ge­recht, in bei­den Fäl­len die­sel­ben Grund­sät­ze anzu­wen­den [11].
Wie bei § 1671 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BGB sind alle für und gegen die gemein­sa­me Sor­ge spre­chen­den Umstän­de im Rah­men einer ein­zel­fall­be­zo­ge­nen und umfas­sen­den Betrach­tung gegen­ein­an­der abzu­wä­gen [12].
Die­se Kri­te­ri­en ste­hen aber nicht kumu­la­tiv neben­ein­an­der. Jedes von ihnen kann im Ein­zel­fall mehr oder weni­ger bedeut­sam für die Beur­tei­lung sein, was dem Kin­des­wohl ent­spricht. Zu berück­sich­ti­gen sind dabei auch die durch Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG gewähr­leis­te­ten Eltern­rech­te [13].
Eine in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ver­tre­te­ne Ansicht, nach der die Neu­re­ge­lung ein Regel-Aus­nah­me-Ver­hält­nis, einen Vor­rang oder eine Ver­mu­tung zuguns­ten der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge begrün­de [14], und die Auf­fas­sung, für Umstän­de, die der Über­tra­gung der Sor­ge gemein­sam ent­ge­gen­ste­hen, sei ein höhe­res Beweis­maß zu for­dern [15], fin­den im Gesetz kei­ne Stüt­ze.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und der Bun­des­ge­richts­hof haben einen so ver­stan­de­nen Vor­rang der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge in Fäl­len des § 1671 BGB abge­lehnt [16].
Davon ist der Gesetz­ge­ber auch bei der Neu­fas­sung des § 1626 a BGB aus­ge­gan­gen. Die Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs ver­weist dar­auf, dass außer­halb der aus­drück­lich gere­gel­ten Ver­mu­tung des § 1626 a Abs. 2 Satz 2 BGB die Prü­fung, ob die gemein­sa­me Sor­ge dem Kin­des­wohl wider­spricht, unter unein­ge­schränk­ter Gel­tung des Amts­er­mitt­lungs­grund­sat­zes erfol­gen muss [17]. Eine auf unvoll­stän­di­ger Sach­ver­halts­er­mitt­lung beru­hen­de Ver­mu­tung stellt das Gesetz somit nur in § 1626 a Abs. 2 Satz 2 BGB für den dort genann­ten Fall auf. Dar­aus folgt im Umkehr­schluss, dass es im Übri­gen bei der Anwend­bar­keit der all­ge­mei­nen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­bleibt [18]. Der Sach­ver­halt ist dann vom Fami­li­en­ge­richt umfas­send und ergeb­nis­of­fen auf­zu­klä­ren [19].
BT-Drs. 17/​11048 S. 12 unter Bezug­nah­me auf BVerfG FamRZ 2003, 285, 288 f.[↩]
vgl. OLG Karls­ru­he FamRZ 2015, 2168, 2169; Johannsen/​Henrich/​Jaeger Fami­li­en­recht 6. Aufl. § 1626 a BGB Rn. 11; Beck­OK BGB/​Veit [Stand 1.05.2015] § 1626 a Rn. 24[↩]
OLG Koblenz FamRZ 2014, 319; Beck­OGK BGB/​Schumann [Stand: 1.09.2015] § 1626 a Rn. 95[↩]
vgl. OLG Stutt­gart FamRZ 2015, 674; OLG Karls­ru­he FamRZ 2015, 2168, 2169 und Beschluss vom 02.04.2015 – 18 UF 253/​14 15; OLG Koblenz FamRZ 2014, 319; Beck­OK BGB/​Veit [Stand: 1.05.2015] § 1626 a Rn. 30.1; a.A. Beck­OGK BGB/​Schumann [Stand: 1.09.2015] § 1626 a Rn. 100; Staudinger/​Coester BGB [2015] § 1626 a Rn. 88[↩]
vgl. BVerfG FamRZ 1995, 789, 792[↩]
vgl. BVerfG FamRZ 2010, 1403, 1405[↩]
KG FamRZ 1999, 616; Palandt/​Götz BGB 75. Aufl. § 1671 Rn. 12; vgl. OLG Bran­den­burg [2. FamS] Beschluss vom 15.02.2016 – 10 UF 216/​14 37[↩]
vgl. auch BVerfG FamRZ 2010, 1403 Rn. 58 sowie EGMR FamRZ 2010, 103, 106[↩]
vgl. BGH, Beschluss BGHZ 185, 272 = FamRZ 2010, 1060 Rn. 18 ff.; BVerfG FamRZ 2010, 1403 Rn. 58[↩]
BGH, Beschluss BGHZ 185, 272 = FamRZ 2010, 1060 Rn.19 f.[↩]
vgl. OLG Bran­den­burg [1. FamS] Beschluss vom 12.03.2015 – 9 UF 214/​14 9; OLG Bran­den­burg [4. FamS] FamRZ 2016, 240, 242 und FamRZ 2015, 760; OLG Cel­le [10. ZS] FamRZ 2014, 857, 858; Erman/​Döll BGB 14. Aufl. § 1626 a Rn. 9; Münch­Komm-FamFG/​Schumann 2. Aufl. § 155 a Rn. 16; vgl. auch OLG Stutt­gart [16. ZS] FamRZ 2014, 1715[↩]
OLG Nürn­berg FamRZ 2014, 571 f.[↩]
BVerfG FamRZ 2004, 354, 355; BGH, Beschlüs­se vom 11.05.2005 – XII ZB 33/​04 , FamRZ 2005, 1167; vom 15.11.2007 – XII ZB 136/​04 , FamRZ 2008, 251 Rn. 24; und vom 12.12 2007 – XII ZB 158/​05 , FamRZ 2008, 592 Rn. 10; vgl. Schil­ling NJW 2007, 3233, 3237 f.[↩]