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Timestamp: 2016-10-27 03:18:41
Document Index: 395240121

Matched Legal Cases: ['Art. 43', 'Art. 61', 'BGE', 'Art. 95', 'BGE', 'BGE', 'Art. 86', 'Art. 68']

8C_623/2012 (06.12.2012)
Der 1959 geborene B.________ war seit 1982 bei der O.________ AG als Leiter Rechnungswesen t�tig. Am 29. August 2011 meldete er sich wegen einer depressiven Erkrankung zum Leistungsbezug bei der Invalidenversicherung an. Die IV-Stelle des Kantons Thurgau holte Arztberichte des behandelnden Psychiaters, Dr. med. S.________ und einen Austrittsbericht der Privatklinik X._______ AG �ber eine station�re Behandlung vom 12. April vom 29. Juni 2011, ein und zog einen Bericht eines von der Taggeldversicherung des B.________ beauftragten Konsiliararztes (Bericht des Dr. med. C.________, Facharzt f�r Psychiatrie und Psychotherapie FMH) vom 20. Dezember 2011 bei. Gest�tzt auf letzteren verneinte sie mit Verf�gung vom 23. Februar 2012 einen Leistungsanspruch.
B.________ l�sst Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten f�hren und beantragen, es sei in Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides durch das Bundesgericht eine Erg�nzung der kantonalen Sachverhaltsfeststellung vorzunehmen, eventuell sei die Sache zur erg�nzenden Abkl�rung und anschliessenden Neuverf�gung an die Verwaltung zur�ckzuweisen, subeventualiter seien ihm die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen.
1.3 Bei der Beurteilung der Arbeits(un)f�higkeit der versicherten Person hat sich das Gericht auf schl�ssige medizinische Berichte zu st�tzen. Sofern solche nicht vorliegen oder widerspr�chlich sind, sind weitere Abkl�rungen unabdingbar, ansonsten der Untersuchungsgrundsatz verletzt wird (Art. 43 Abs. 1, Art. 61 lit. c ATSG; BGE 125 V 193 E. 2 S. 195; 122 V 157 E. 1a S. 158; 130 I 180 E. 3.2 S. 183). Dieser z�hlt zu den in Art. 95 BGG erw�hnten bundesrechtlichen Vorschriften (E. 1.1). Hat das kantonale Gericht die rechtserheblichen tats�chlichen Feststellungen in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes getroffen, sind sie f�r das Bundesgericht nicht verbindlich (Urteile I 828/06 vom 5. September 2007 E. 3.2.3; 8C_364/2007 vom 19. November 2007 E. 3.3).
3.1 Die Vorinstanz stellte fest, die vom behandelnden Arzt Dr. med. S.________ geschilderten Symptome entspr�chen klar einem "burn-out", welches von vornherein nicht invalidisierend sei. Eine invalidenversicherungsrechtlich relevante Arbeitsunf�higkeit liesse sich daher lediglich mit einer depressiven St�rung begr�nden, die aber nur in ihrer schweren Auspr�gung zu Leistungen der Invalidenversicherung f�hren k�nnte. Gem�ss Austrittsbericht der X._______ AG vom 29. Juni 2011 werde jedoch ein Status nach mittelgradiger depressiver Episode vor dem Hintergrund einer Pers�nlichkeit mit �ngstlichen und zwanghaften Z�gen genannt, also keine akute depressive Episode mehr diagnostiziert. Auch Dr. med. C.________, dessen Bericht vom 20. Dezember 2011 vom kantonalen Gericht als schl�ssig bezeichnet wird, spreche von einem fast vollst�ndig remittierten Krankheitsbild. Der psycho-pathologische Befund sei zum Zeitpunkt der Evaluation weitgehend wieder ausgeglichen.
3.2 Der Beschwerdef�hrer r�gt eine offensichtlich unrichtige Feststellung des Sachverhaltes, indem die Vorinstanz die Beweise widerrechtlich gew�rdigt und den Untersuchungsgrundsatz nicht beachtet habe. Weiter sei auch sein rechtliches Geh�r verletzt, weil im angefochtenen Entscheid nicht begr�ndet werde, weshalb der Bericht des Dr. med. C.________ als "schl�ssig" qualifiziert werde, ohne die in der vorinstanzlichen Beschwerde detailliert dargelegten R�gen zu pr�fen.
4.1 Hinsichtlich des Beweiswertes eines Arztberichts ist entscheidend, ob der Bericht f�r die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden ber�cksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Situation einleuchtet und ob die Schlussfolgerungen des Experten begr�ndet sind (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 mit Hinweis).
4.2 Die IV-Stelle und das kantonale Gericht st�tzen sich auf den Bericht des Dr. med. C.________ vom 20. Dezember 2011, welchen dieser zu Handen der privaten Taggeldversicherung erstellte. Welche medizinischen Unterlagen ihm zur Verf�gung standen, ist nicht ersichtlich, da der Bericht keine Zusammenfassung der relevanten Vorakten enth�lt. Unter dem Stichwort "Anamnese" h�lt der Konsiliararzt fest, der Versicherte sei seit dem 12. April 2011 aus �rztlicher Sicht als krankheitsbedingt f�r arbeitsunf�hig erkl�rt worden. Bez�glich des Verlaufs und der Vorgeschichte bezieht sich der Arzt einzig auf die Schilderung des Beschwerdef�hrers ("berichtet mir der Versicherte"). Demnach habe dieser in den Jahren 2004/2005 �ber einen Zeitraum von 1 1/2 Jahren unter erheblichen Schlafst�rungen gelitten. Im Januar dieses Jahres (2011) habe er einen "Zusammenbruch" gehabt und sei zur station�ren Behandlung in die X._______ eingewiesen worden. Die Therapie habe dazu beigetragen, seinen Zustand allm�hlich zu verbessern. Nach Austritt sei er anfangs zu 40, sp�ter zu 50 % an seinen Arbeitsplatz zur�ckgekehrt. Im Bericht wird nicht erw�hnt, welche Untersuchungen vorgenommen wurden, sodass nicht gepr�ft werden kann, ob diese "allseitig" waren. Zusammenfassend kommt der Konsiliararzt zum Schluss, der von ihm erhobene Befund sei mit einer mittelgradig ausgepr�gten Depression vereinbar, die inzwischen fast vollst�ndig r�ckl�ufig sei. Die noch vorhandenen subjektiven Beschwerden seien �berwiegend als unspezifisch zu werten. Indessen wird dringend eine weitere �rztliche (psychiatrische) Behandlung empfohlen ("Ich habe dem Versicherten nachdr�cklich geraten, sich eng an die Vorgaben seines Arztes zu halten"). Die attestierte Arbeitsunf�higkeit von zuletzt 50 % als Leiter Rechnungswesen einer grossen Firma sei bislang angemessen gewesen. Die Prognose einer mittelgradigen depressiven Episode sei unter sachgerechter Behandlung prinzipiell g�nstig. Es sei davon auszugehen, dass eine solche Episode innerhalb einiger Monate deutlich r�ckl�ufig sei. Aus diesem Grunde sei auch wieder mit voller Arbeitsf�higkeit im Fr�hling kommenden Jahres (2012) zu rechnen.
4.3 Der behandelnde Psychiater, Dr. med. S.________, �berwies den Beschwerdef�hrer am 12. April 2011 mit den Diagnosen einer schweren depressiven Episode, eines mehrj�hrigen "burn-outs", chronischen Schlafst�rungen und einer �ngstlichen Pers�nlichkeit an die �rztliche Leitung der Privatklinik Clienia. Er wies ausdr�cklich darauf hin, dass sich sein Patient �ber die letzten Jahre einzig �ber Zw�nge stabilisiert habe. Im �rztlichen Zeugnis vom 20. M�rz 2012 wird diese Diagnose konkretisiert, dass der Patient auf der Hamilton-Depressionsskala einen Wert von 30 Punkten erreichte und suizidal war. Deshalb sei die Einweisung in die Klinik erfolgt. Erkl�rend f�hrt der Arzt aus, der Hinweis auf eine Stabilisierung �ber Zw�nge im psychiatrischen Sprachgebrauch besage, der Patient gelte als sehr fragil, und es m�sse immer damit gerechnet werden, dass bei einem Zusammenbruch der psychischen Abwehr schwerere Symptome, allenfalls psychotischen Ausmasses drohe. Der Versicherte bef�nde sich insgesamt auf dem langsamen Weg der Besserung. Seit dem 1. M�rz 2012 bestehe eine quantitative Arbeitsf�higkeit von 60 %; qualitativ ergebe sich zus�tzlich im Vergleich zur angestammten Funktion eine Leistungseinbusse von 40 %.
Auf Ende des Jahres 2011 hatte die Arbeitgeberin des Beschwerdef�hrers beschlossen, dessen Stelle als Leiter Rechnungswesen aufgrund seiner anhaltenden krankheitsbedingten Leistungseinschr�nkungen neu zu besetzen.
4.4 Der Vergleich der Berichte des Dr. med C.________ einerseits und des Dr. med. S.________ andererseits zeigt sowohl hinsichtlich des Verlaufs der Krankheit, der Befunde und gestellten Diagnosen wie auch der Prognosen �ber den weiteren Verlauf erhebliche Differenzen. Insbesondere diagnostiziert der Konsiliararzt der Taggeldversicherung keine seit Jahren bestehende kombinierte Pers�nlichkeitsst�rung (ICD-10 F61) und die chronischen Schlafst�rungen finden keine Erw�hnung.
Die Vorinstanz bezeichnet es als "nicht nachvollziehbar", weshalb Dr. med. S.________ nach wie vor von einer depressiven Episode mittleren Grades spricht. Dabei wird �bersehen, dass auch Dr. med. C.________ eine solche diagnostiziert, allerdings mit der Prognose einer sehr schnellen Besserung. Dass sich diese realisiert h�tte, ist nicht ersichtlich. Trotzdem geht die IV-Stelle in ihrer ablehnenden Leistungsverf�gung vom prognostizierten optimalen Verlauf aus ("sie k�nnen ihre Arbeit seit sp�testens dem Vorliegen des Gutachtens wieder vollzeitig und ohne Leistungseinbusse aus�ben"). Da offenbar trotzdem Zweifel �ber die Leistungsf�higkeit des Versicherten bestanden, wird diese als "invalidit�tsfremd" bezeichnet. Er sei f�r seine Kaderfunktion unterqualifiziert, wof�r die Invalidenversicherung nicht einzustehen habe. Diese Beurteilung findet in den Akten keine St�tze. Im Gegenteil sprechen die Tatsachen, dass der Beschwerdef�hrer seine Funktion in der selben Firma �ber Jahrzehnte hinweg zur allerbester Zufriedenheit ausf�hrte, nur sehr gute Zwischenzeugnisse erhielt und ihm sogar eine Bef�rderung zum CFO (Finanzchef) angeboten wurde, gegen eine "Unterqualifikation aus ausbildnerischer Sicht". Der Vorhalt an den Beschwerdef�hrer, im Rahmen seiner Schadenminderungspflicht d�rfe von ihm erwartet werden, dass er eine Arbeit aus�be, die seinen fachlichen, aber auch pers�nlichen Qualifikationen und St�rken entspreche und ihn nicht permanent �berfordere, erscheint daher aufgrund der Akten kaum begr�ndbar.
4.5 Ob bez�glich der Beurteilung der psychischen Beschwerden und deren Auswirkungen auf die Arbeitsf�higkeit auf den Bericht des Dr. med. S.________ abzustellen ist, kann offen bleiben. Er ist zumindest geeignet, Zweifel an der psychiatrischen Einsch�tzung des Dr. med. C.________ zu wecken. Die Vorinstanz legt in ihrem Entscheid vom 30. Mai 2012 nicht �berzeugend dar, weshalb der Bericht des Konsiliararztes der Taggeldversicherung inhaltlich �berzeugender sein soll als der Bericht des behandelnden Arztes. Auf die verschiedenen Diagnosen wird nicht eingegangen. Ob sich die g�nstige Prognose des Konsiliararztes verwirklichte, wurde nicht �berpr�ft. Wie dargelegt (Erw�gung 1.3), stellt die Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes, namentlich das Abstellen auf unvollst�ndige Beweisgrundlagen, eine Rechtsverletzung dar. Somit ist die Vorinstanz in Aufhebung des angefochtenen Entscheides anzuweisen, ein Obergutachten zur Kl�rung des Gesundheitszustandes des Versicherten und dessen Arbeitsf�higkeit in der angestammten und einer seinen gesundheitlichen Beschwerden angepassten T�tigkeit einzuholen.
Die R�ckweisung der Sache an das kantonale Gericht oder an den Versicherungstr�ger zur erneuten Abkl�rung (mit noch offenem Ausgang) gilt praxisgem�ss (BGE 132 V 215 E. 6.1 S. 235 mit Hinweisen) f�r die Frage der Auferlegung der Gerichtskosten wie auch der Parteientsch�digung als volles Obsiegen im Sinne von Art. 86 Abs. 1 sowie Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG, unabh�ngig davon, ob sie �berhaupt beantragt, oder ob das entsprechende Begehren im Haupt- oder Eventualantrag gestellt wird. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind die Gerichtskosten daher der unterliegenden Beschwerdegegnerin aufzuerlegen. Dem obsiegenden, anwaltlich vertretenen Beschwerdef�hrer steht eine aufwandsgem�sse Parteientsch�digung zu.
Die Beschwerde wird teilweise gutgeheissen und der Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau vom 30. Mai 2012 aufgehoben. Die Sache wird zu weiterer Abkl�rung des Sachverhaltes und zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zur�ckgewiesen. Im �brigen wird die Beschwerde abgewiesen.