Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=VGH%20Baden-W%C3%BCrttemberg&Datum=15.09.2007&Aktenzeichen=11%20S%20837/06
Timestamp: 2019-07-18 20:29:08
Document Index: 4037753

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 27', '§ 28', '§ 10', '§ 28', '§ 5', '§ 95', '§ 271', '§ 51', '§ 27', '§ 5', '§ 39', '§ 10', '§ 5', '§ 39', '§ 5', '§ 4', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 10', '§ 5', '§ 5', '§ 27', '§ 28', '§ 28', '§ 5', '§ 10', '§ 30']

VGH Baden-Württemberg, 15.09.2007 - 11 S 837/06 - dejure.org
https://dejure.org/2007,2481
VGH Baden-Württemberg, 15.09.2007 - 11 S 837/06 (https://dejure.org/2007,2481)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 (https://dejure.org/2007,2481)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 15. September 2007 - 11 S 837/06 (https://dejure.org/2007,2481)
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Zum Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis bei Vorliegen eines Ausnahmefalles
§ 5 Abs 1 Nr 2 AufenthG 2004, § 27 Abs 3 S 2 AufenthG 2004, § 28 Abs 1 S 1 Nr 3 AufenthG 2004, § 10 Abs 3 AufenthG 2004
Ausweisungsgrund; Regelfall; Ausnahmefall; Gesetzlicher Anspruch
AufenthG § 28 Abs. 1 S. 1 Nr. 3; AufenthG § 5 Abs. 1 Nr. 2; AufenthG § 95 Abs. 1 Nr. 5; StGB § 271; BZRG § 51; AufenthG § 27 Abs. 3; AufenthG § 5 Abs. 2; AufenthV § 39 Nr. 5; AufenthG § 10 Abs. 3
D (A), Aufenthaltserlaubnis, Eltern, Eltern-Kind-Verhältnis, deutsche Kinder, Personensorge, Kindeswohl, allgemeine Erteilungsvoraussetzungen, Ausweisungsgründe, Falschangaben, Identitätstäuschung, Zuwanderungsgesetz, Altfälle, mittelbare Falschbeurkundung, Aufenthaltsgestattung, Duldung, atypischer Ausnahmefall, Verbrauch, Bundeszentralregister, Bundeszentralregistergesetz, Straftaten, Verjährung, Tilgung, Visum nach Einreise, abgelehnte Asylbewerber, Anspruch
Bestehen eines gesetzlichen Anspruchs auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis zur Wahrnehmung des Sorgerechts und des Umgangsrechts für Kinder; Vorliegen eines Ausnahmefalls im Hinblick auf eine Regelerteilungsvoraussetzung; Notwendigkeit eines atypischen Geschehensablaufs für das Vorliegen eines Ausnahmefalls; Ausstellen einer Aufenthaltserlaubnis mit falschen Personalien aufgrund falscher Angaben zu der Identität und Staatsangehörigkeit; Vorliegen eines Ausnahmefalls bei einer mehrere Jahre zurückliegenden, nicht abgeurteilten Straftat der mittelbaren Falschbeurkundung
VG Freiburg, 08.12.2004 - 2 K 1469/03
DVBl 2007, 1450 (Ls.)
Es genügt, dass die Abschiebung bei Einholung der Aufenthaltserlaubnis, d.h. zum Zeitpunkt der Antragstellung, ausgesetzt ist (Modifizierung der bisherigen Rechtsprechung, vgl. Senatsurteil vom 15.9.2007 - 11 S 837/06 - InfAuslR 2008, 24).
Maßgeblicher Beurteilungszeitpunkt ist insoweit die Entscheidung des Senats (vgl. Senatsurteil vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 - InfAuslR 2008, 24).
Die bisherige Senatsrechtsprechung, wonach auch in Bezug auf die Aussetzung der Abschiebung der Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung maßgeblich sein soll (vgl. Senatsurteil vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 - InfAuslR 2008, 24), wird insoweit modifiziert.
Ein Ausnahmefall liegt vor, wenn ein atypischer Sachverhalt gegeben ist, der sich von der Menge gleich liegender Fälle durch besondere Umstände unterscheidet, die so bedeutsam sind, dass sie das sonst ausschlaggebende Gewicht des der Regelerteilungsvoraussetzung zugrunde liegenden öffentlichen Interesses beseitigen (…vgl. Bäuerle in GK-AufenthG, § 5 Rn. 27 m.w.N.; Senatsurteil vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 - a.a.O. ).
Die Regelung kommt aus gesetzessystematischen Gründen nicht zum Tragen, soweit der Ausländer gemäß §§ 39 bis 41 AufenthV den Aufenthaltstitel nach der Einreise einholen darf (Senatsurteil vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 - a.a.O.; Senatsbeschluss vom 14.03.2006 - 11 S 1797/05 - VBlBW 2006, 357; VGH Bad.-Württ., Beschl. v. 30.03.2006 - 13 S 389/06 - InfAuslR 2006, 323; OVG NRW, Beschl. v. 21.12.2007 - 18 B 1535/07 - juris; so auch Nr. 5.2.1.1 der Vorläufigen Anwendungshinweise des BMI zum AufenthG; ebenso Zeitler in HTK-AuslR / § 5 AufenthG / zu Abs. 2 / Überblick 04/2006;… Funke-Kaiser in GK-AufenthG, § 4 Rn. 56).
Die Erfüllung der Regelerteilungsvoraussetzung des § 5 Abs. 1 Nr. 4 AufenthG ist in diesem Fall nicht erforderlich (vgl. Senatsurteil vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 - a.a.O. zu § 5 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG).
Das Vorliegen eines Ausnahmefalls kann vielmehr nur anhand einer wertenden Betrachtung aller Umstände des jeweiligen Einzelfalles beurteilt und festgestellt werden, was die Annahme eines sich unmittelbar aus dem Gesetz ergebenden und damit gesetzlichen Anspruchs ausschließt (…vgl. BVerwG, Urt. v. 10.12.2014 - BVerwG 1 C 15.14 -, NVwZ-RR 2015, 313, 315 (zu § 5 Abs. 2 AufenthG);… Beschl. v. 16.2.2012 - BVerwG 1 B 22.11 -, juris Rn. 4;… Urt. v. 16.12.2008, a.a.O., S. 390; Senatsbeschl. v. 5.9.2017 - 13 LA 129/17 - (zu § 5 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG); a.A. VGH Baden-Württemberg, Urt. v. 15.9.2007 - 11 S 837/06 -, juris Rn. 39;… krit. GK-AufenthG, § 10 Rn. 60.23 und 60.12 f. (Stand: Juli 2014)).
Vor diesem Hintergrund kann offen bleiben, ob ein Fall, in dem die hypothetische Tilgungsreife bereits eingetreten ist oder in dem - wie hier - seit den Straftaten bereits mehrere Jahre verstrichen sind und die hypothetische Tilgungsreife bald zu erwarten ist, einen atypischen Sachverhalt und damit eine Ausnahme von der negativen Regelerteilungsvoraussetzung des § 5 Abs. 1 Nr. 2 AufenthG begründen kann (vgl. in diesem Sinne: VGH Mannheim, Urt. v. 15.9.2007, 11 S 837/06, InfAuslR 2008, 24, juris Rn. 34;… vgl. zur Atypik Funke-Kaiser, in: GK-AufenthG, § 5 (Stand 2013) Rn. 65).
Da die familienbezogene Aufenthaltserlaubnis zur Wahrung und Herstellung der familiären Lebensgemeinschaft im Bundesgebiet dient (§ 27 Abs. 1 AufenthG), bedarf es einer schon vorliegenden oder jedenfalls beabsichtigten und alsbald tatsächlich geführten Lebensgemeinschaft zwischen dem Kind und dem Elternteil, der ein auf die Personensorge gestütztes Aufenthaltsrecht beansprucht (vgl. etwa BVerwG…, Beschluss vom 02.09.2010 - 1 B 18/10 - juris Rn. 5 ff.; VGH Bad.-Württ., Urteil vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 - juris Rn. 23;… GK-AufenthG, § 28 Rn. 93 ff.;… Renner/Bergmann/Dienelt, AuslR, 10. Aufl. 2013, § 28 Rn. 18 ff.).
Aus diesem Grund ist der Senat der Auffassung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs in seinem Urteil vom 04.03.2002 - 12 UE 203/02 - (AuAS 2002, 172 ), wonach bereits eine Zeitspanne von etwas mehr als zwei Jahren ausreicht, um von einem Verbrauch des Ausweisungsgrundes auszugehen, nicht gefolgt (vgl. Senatsurteile vom 18.04.2007 - 11 S 1034/06 - und vom 15.09.2007 - 11 S 837/06 - InfAuslR 2008, 24).
Das Vorliegen eines Ausnahmefalls kann vielmehr nur anhand einer wertenden Betrachtung aller Umstände des jeweiligen Einzelfalles beurteilt und festgestellt werden, was die Annahme eines sich unmittelbar aus dem Gesetz ergebenden und damit gesetzlichen Anspruchs ausschließt (…vgl. BVerwG, Urt. v. 10.12.2014 - BVerwG 1 C 15.14 -, NVwZ-RR 2015, 313, 315 (zu § 5 Abs. 2 AufenthG);… Beschl. v. 16.2.2012 - BVerwG 1 B 22.11 -, juris Rn. 4;… Urt. v. 16.12.2008, a.a.O., S. 390; a.A. VGH Baden-Württemberg, Urt. v. 15.9.2007 - 11 S 837/06 -, juris Rn. 39;… krit. GK-AufenthG, § 10 Rn. 60.23 und 60.12 f. (Stand: Juli 2014)).
Liegt ein Regelfall vor, so ist die Erteilung des Aufenthaltstitels ausgeschlossen, liegt hingegen ein Ausnahmefall vor, ist der Weg zur behördlichen Prüfung der weiteren Voraussetzungen für die Erteilung des begehrten Aufenthaltstitels nach der einschlägigen Rechtsvorschrift - hier des § 30 Abs. 1 Nr. 3 a AufenthG - eröffnet (in diesem Sinne auch VGH Mannheim, Urteil vom 15. September 2007 - 11 S 837/06 -, in Juris;… Bäuerle in GK-AufenthG, Stand November 2006, Rn. 37 ff., 40ff.).
Voraussetzung ist jedoch, dass die Ausländerbehörde in voller Kenntnis vom Vorliegen der Voraussetzungen für eine Ausweisung den weiteren Aufenthalt im Wege der vorbehaltlosen Erteilung bzw. Verlängerung eines Aufenthaltstitels ermöglicht (vgl. OVG NRW, Beschl. v. 13.11.2007 - 17 E 1415/06 -, juris) und der betreffende Ausländer darauf vertrauen konnte, dass die Ausländerbehörde die Ausweisungsbefugnis nicht mehr ausübt (vgl. VGH Bad.-Württ., Urt. v. 15.9.2007 - 11 S 837/06 -, InfAuslR 2008, 24).