Source: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/egmr-48151-11-anti-doping-kontrollsystem-whereabouts-rechtmaessig/
Timestamp: 2019-04-20 13:08:08
Document Index: 360739800

Matched Legal Cases: ['EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'Art. 8', 'EGMR', 'EGMR', 'Art. 2', 'EGMR', 'EGMR']

EGMR: Whereabouts-Kontrollsystem für Sportler rechtens
Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat Regeln aufgestellt, nach denen Sportler die nationalen Kontrollstellen ständig über ihren Aufenthaltsort auf dem Laufenden halten müssen. Laut dem EGMR verstößt dies nicht gegen deren Menschenrechte.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) entschied am Donnerstag, dass ein Kontrollsystem, wonach Sportler Monate im Voraus Angaben über ihren Aufenthaltsort machen müssen, rechtmäßig ist (Urt. v. 18.01.2018, Az. 48151/11; 77769/13).
Geklagt hatten mehrere Sportler und französische Sportverbände gegen das sog. Whereabouts-System, das Doping-Kontrollsystem der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). Diese hat in ihrem Anti-Doping-Code u. a. festgeschrieben, dass Profisportler einer bestimmten, stetig neu festgelegten Zielgruppe bereits Monate im Voraus angeben sollen, wo sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhalten werden, um unangekündigte Doping-Kontrollen auch abseits von Sport-Events und anderen beruflichen Veranstaltungen zu ermöglichen. Zudem müssen sie für jeden Tag ein 60-minütiges Zeitfenster angeben, in dem sie für einen unangekündigte Kontrolle zur Verfügung stünden.
Neben mehreren Verbänden klagten auch einzelne Sportler wie die französische Radfahrerin Jeannie Longo, die von der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD in die Zielgruppe aufgenommen worden war, gegen diese Maßnahmen. Die Bestimmungen waren von der französischen Regierung nach den Vorgaben des Kodex der WADA in nationales Recht umgesetzt worden. Longo rügte einen Eingriff in ihr Recht auf Privat- und Familienleben und ihre persönliche Freiheit, die französischen Gerichte lehnten ihre Anträge allerdings ab.
EGMR sieht starken Eingriff in Recht auf Privatleben der Sportler
So suchte sie schließlich, wie auch die Sportverbände, den Weg zum EGMR, der nun aber das System für rechtmäßig befand. Dabei hatte die Kammer durchaus ein Ohr für die massiven Einschränkungen, denen die Sportler durch das Whereabouts-System ausgesetzt sind: Sie müssen einer öffentlichen Stelle im Voraus präzise mitteilen, wo sie sich künftig wann aufzuhalten gedenken - sieben Tage die Woche, alles im Voraus. Manchmal müssen sie auch zuhause bleiben, um das Zeitfenster für eine unangekündigte Kontrolle abzuwarten.
So wertete denn auch der Gerichtshof die Maßnahmen als Einschränkungen des in Art. 8 Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) geschützten Privatlebens. Allerdings sah er diese aus verschiedenen Gründen als gerechtfertigt an.
In erster Linie stellt er auf das Wohl der Sportler ab. Schließlich, so der EGMR, sähen die Kontrollinstrumente explizit deren Gesundheit als Grund für die Einschränkungen vor, da diese durch ständiges Doping beeinträchtigt werden könne. Nicht nur die Gesundheit der Profis selbst, sondern auch die von Amateursportlern und speziell Kindern könne durch die Verbreitung von Doping gefährdet werden, meinten die Richter. Durch die Leistungssteigerung mit Dopingmitteln würden nämlich auch andere Sportler und besonders junge Menschen dazu verleitet, mitzuziehen.
Gerade junge Menschen sähen schließlich zu den Profis auf und folgten ihrem Beispiel. Hinsichtlich der medizinischen Fakten stützte man sich auf einen internationalen Konsens, nach dem Doping aufgrund diverser Untersuchungen als gesundheitsschädlich gewertet werde.
Doping eine "Plage" im Profisport
Erst im zweiten Schritt wandten die Luxemburger Richter sich dann dem offensichtlichsten Argument zu: der sportlichen Fairness. Doch schien diese den Richtern kein hinreichend substantiierter Grund zu sein, weshalb sie stattdessen etwas schwammig auf den "Schutz der Rechte und Freiheiten anderer" abstellen. Im Kern aber ging es genau um darum: Die Leistungssteigerung mit illegalen Substanzen benachteilige andere Mitbewerber und betrüge die Zuschauer, die einen fairen Wettbewerb erwarteten.
Weiterhin seien unangekündigte Kontrollen im Kampf gegen Doping ein international als notwendig anerkanntes Mittel, so der EGMR. Man erkenne zwar die deutlichen Beeinträchtigungen des Privatlebens der Athleten, die mit der Umsetzung einhergingen, doch seien diese auch in der Pflicht, ihren Teil zur Bekämpfung dessen beizutragen, was die Richter eine "Plage" im internationalen Profisport nannten.
Im Übrigen sei das Recht der Sportler auf individuelle Freiheit aus Art. 2 des Protokoll Nr. 4 zur EMRK durch die 60-minütigen Zeitfenster, in denen sie sich für Kontrollen bereithalten müssen, nicht beeinträchtigt. Es handele sich dabei um keine Überwachungsmaßnahme gleich einer Fußfessel, wie von Kritikern gerügt wurde.
Das Urteil des EGMR ist aber noch nicht endgültig. Binnen drei Monaten nach Zustellung können die Parteien noch die Große Kammer des Gerichtshofs anrufen.
EGMR billigt strenges Doping-Kontrollverfahren für Sportler: Immer auf dem Radar . In: Legal Tribune Online, 18.01.2018 , https://www.lto.de/persistent/a_id/26549/ (abgerufen am: 20.04.2019 )
18.01.2018 13:25, M.D.
Doping-Kontrollen sind lächerlich, so lange es Sportler gibt, die auf Rezept mit Dopingmitteln versorgt werden. In den USA leiden z.B. auf einmal überraschend viele Baseball-Spieler an ADS und bekommen deswegen Adderall verschrieben.
20.01.2018 16:29, Leo
In den USA ballern sich ohnehin viele mit Adderall (aka speed/amphetamin) zu.
Allerdings kann man nicht sagen, dass doping-controllen keinen Erfolg hätten. Das beste Beispiel dafür sind Weltrekorde, besonders wenn man sich Leichtathletik ansieht. Normalerweise werden Weltrekorde alle paar Jahre gebrochen, weil Trainingsmethoden und Ausrüstung besser werden.
Allerdings gibt es in sehr vielen Disziplinen der Leichtathletik Rekorde aus den 80ern oder frühen 90ern, insbesondere bei Frauen, aber auch sehr klar bei Männern. Teilweise sind dkese Rekorde völlig uneinholbar und oft ist seit dem niemand mehr in die Nähe dieser Rekorde gekommen. Das liegt daran, dass man in der Zeit nicht so effektiv getestet hat. Der geschlechtsspezifische Unterschied liegt darin begründet, dass Steroide, die ja die Testosteronausschüttung fördern, bei Frauen stärker wirken.
Natürlich wird weiterhin gedopt und wahrscheinlich wird man es nie völlig eliminieren, aber die Möglichkeiten sind heutzutage wesentlich geringer.
28.09.2018 10:53, Mars
Das Urteil des EUGH übersieht grundlegende soziale Zusammenhänge und legitmiert darüber hinaus mit dem Urteil den Eingriff in die Privatsphäre Zweiter und Dritter. Das Dopingkontrollsystem ist in seiner implementierten und aktuellen Form unverhältnismäßig, sodass der Eindruckerweckt wird, dass politische und wirtschaftliche Interessen vor das Wohl des Individuums gestellt werden. Sollte der verabschiedete Beschluss öffentlcih nicht überdacht ud transparent gemacht werden, attestiert das dem System, den verantwortlichen Institutionen sowie deren Personen entweder (Un)Wissenheit oder grob fahrlässiges Handeln.
Den Schutz von Athleten bzw. deren Gesundheit mit dem Maß einer Verbotsliste zu messen ist ohnehin Überholungsbedürftig. Leistungssport an sich ist gesundheitsschädlich und der täglich Konsum von erlaubten Medikamenten (siehe Beipackzettel) und/oder fragwürdigen Nahrungs Ergänzungsmitteln haben mitunter einen viel größeren Einfluss - damit soll nicht der Gebrauch von "Doping" oder anderen Substanzen und Methoden gerechtfertigt werden. Der Leitcode des Sports (Sieg/Niederlage) ist ein elementarer Ausgangspunkt einer zu führenden Diskussion, um die Gesundheit von Athleten nachhaltig zu schützen. Medaillenspiegel, vermeintliche durch die Medien dargestellte Publikumsinteressen nach neuen Rekorden, politische und wirtschaftliche Interessen an einem erfolgreichen Sport oder die durch die Wissenschaft weiter voran getriebenen Doping-Diskurse stellen das Öl im Feuer dar. Die Rechte des EInzelnen sind nur so viel Wert, wie es die Systeme vorsehen.
Ich bezweifel, dass das EUGH sich der Sache annehmen wird. Geschweige denn, dass die Medien ein wirklcih investigatives Interesse besitzen, das Problem systemübergreifend zu behandeln. Aber, der "Glaube" stirbt zu letzt.
In diesem Sinne: mögen die Spiele beginnen oder einfach so weiter laufen...