Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Kurzarbeit_schliesst_betriebsbedingte_Kuendigung_nicht_aus_BAG_2AZR494-96.html
Timestamp: 2017-06-24 13:54:37
Document Index: 266129239

Matched Legal Cases: ['§ 63', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 63', '§ 63']

HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 494/96
Kündigung: Betriebsbedingt, Kurzarbeit
Die Einführung von Kurz­ar­beit (§ 63 Abs 1 Satz 1 AFG) spricht zunächst in­di­zi­ell dafür, daß der Ar­beit­ge­ber nur von ei­nem vorüber­ge­hen­den Ar­beits­man­gel aus­ge­gan­gen ist, der ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung nicht recht­fer­ti­gen kann. Die­ses In­diz kann je­doch der we­gen § 1 Abs 2 Satz 4 KSchG be­weis­be­las­te­te Ar­beit­ge­ber durch kon­kre­ten Sach­vor­trag ent­kräften, wo­nach ei­ne Beschäfti­gungsmöglich­keit für ein­zel­ne von der Kurz­ar­beit be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer auf Dau­er ent­fal­len ist (teil­wei­se Abände­rung der Recht­spre­chung im Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 17. Ok­to­ber 1980 - 7 AZR 675/78 - AP Nr 10 zu § 1 KSchG 1969 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung).
Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Urteil vom 24.06.1996, 5 Sa 1767/95
2 AZR 494/96 5 Sa 1767/95 Nie­der­sach­sen Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am 26. Ju­ni 1997 An­derl, Amts­in­spek­to­rin als Ur­kunds­be­am­ter der Geschäfts­stel­le In Sa­chen
pp. - 2 -
Tat­be­stand: Der Kläger wur­de bei der Ge­mein­schuld­ne­rin, die früher mit ca. 150 Ar­beit­neh­mern ei­nen Bau­be­trieb (u. a. Straßen­bau) be­trieb, ab 16. Ja­nu­ar 1989 zunächst als Bau­ma­schi­nist ein­ge­stellt und wur­de et­wa ab Mit­te Fe­bru­ar 1989 als Bau­wer­ker wei­ter­beschäftigt; er er­hielt zu­letzt bei ei­nem Brut­to­stun­den­lohn von 18,89 DM durch­schnitt­lich mo­nat­lich 4.000,- DM brut­to. Im Be­trieb der Ge­mein­schuld­ne­rin wur­de für die Zeit vom 1. De­zem­ber 1994 bis zum 30. Ju­ni 1995 Kurz­ar­beit an­ge­ord­net. Sie ent­ließ we­gen Ar­beits­man­gels im De­zem­ber 1994 die Bau­wer­ker N K und S zum 21. De­zem­ber 1994 und 0 L zum 31. De­zem­ber 1994. Dem Kläger kündig­te die Ge­mein­schuld­ne­rin mit dem am glei­chen Tag zu­ge­gan­ge­nen Schrei­ben vom 15. De­zem­ber 1994 eben­falls we­gen Ar­beits­man­gels zum 28. Fe­bru­ar 1995. - 3 -
Die Ge­mein­schuld­ne­rin hat zu ih­rem Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag vor­ge­tra­gen, auch nach vier bis fünf Wo­chen Ein­ar­bei­tungs­zeit sei der Kläger nicht als Bau­ma­schi­nist - wie ursprüng­lich vor­ge­se- - 4 -
Das Ar­beits­ge­richt hat nach dem Kla­ge­an­trag er­kannt, je­doch den Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch des Klägers ab­ge­wie­sen. Die al­lein von der Be­klag­ten ein­ge­leg­te Be­ru­fung ist er­folg­los ge­b­lie- - 5 -
Ent­schei­dungs­gründe: Die Re­vi­si­on des Be­klag­ten ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung des Be­ru­fungs­ur­teils und zur Zurück­ver­wei­sung (S 565 ZPO), weil der Se­nat nicht ab­sch­ließend über die Be­triebs­be­dingt­heit der Kündi­gung ent­schei­den kann, § 1 Abs. 2 KSchG.
I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung im we­sent­li­chen wie folgt be­gründet: Der von der Ge­mein­schuld­ne­rin dar­ge­leg­te Auf­tragsrück­gang während des Jah­res 1994 stel­le zwei­fel­los ei­nen Grund dar, der sie zu ein­schnei­den­den Ra­tio­na­li­sie­rungs­maßnah­men ver­an­las­sen mußte, was of­fen­sicht­lich sei. Die frühe­re Be­klag­te ha­be je­doch die An­schaf­fung des Sei­ten­fer­ti­gers im Som­mer 1994 nicht zum An­laß ge­nom­men, das Ar­beits­verhält­nis mit dem Kläger zu kündi­gen, ob­wohl an­geb­lich des­sen Ar­beits­platz weg­ge­fal­len sei. Viel­mehr ha­be sie die Kündi­gung erst in ei­nem Zeit­raum aus­ge­spro­chen, als im Be­trieb schon Kurz­ar­beit ein­geführt wor­den sei. Da­mit müsse da­von aus­ge­gan­gen wer­den, daß die­se Maßnah­me ei­nem vorüber­ge­hen­den Ar­beits­man­gel Rech­nung ge­tra­gen ha­be, so daß kei­ne wei­te­ren Umstände vorlägen, aus de­nen auf ei­nen Weg­fall der Beschäfti­gungsmöglich­keit für den Kläger ge­schlos­sen wer­den könne. - 6 -
II. Dem folgt der Se­nat nicht. Der Be­klag­te rügt zu Recht ei­ne man­geln­de Sach­ver­halts­aufklärung durch das Be­ru­fungs­ge­richt; ins­be­son­de­re sei nicht da­von aus­zu­ge­hen, daß al­lein mit der Einführung der Kurz­ar­beit dem Ar­beits­man­gel hätte be­geg­net wer­den können; viel­mehr sei zum Kündi­gungs­zeit­punkt er­kenn­bar ge­we­sen, daß für den Kläger auf Dau­er kei­ne Beschäfti­gungsmöglich­keit mehr ge­ge­ben sein würde. 1. Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (vgl. u. a. BAG Ur­tei­le vom 7. De­zem­ber 1978 - 2 AZR 155/77 - BA­GE 31, 157 = AP Nr. 6 zu § 1 KSchG 1969 Be­triebs­be­ding­te Kündi­gung; vom 29. März 1990 - 2 AZR 369/.89 - BA­GE 65, 61 = AP Nr. 50, aaO und vom 26. Sep­tem­ber 1996 - 2 AZR 200/96 - AP Nr. 80, aaO) können sich be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se im Sin­ne des § 1 Abs. 2 KSchG aus in­ner­be­trieb­li­chen Umständen (Un­ter­neh­mer­ent­schei­dung: z. B. Ra­tio­na­li­sie­rungs­maßnah­me, Um­stel­lung oder Ein­schränkung der Pro­duk­ti­on) oder durch außer­be­trieb­li­che Gründe (z. B. Auf­trags­man­gel, Um­satzrück­gang usw.) er­ge­ben; die­se be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­se müssen drin­gend sein und ei­ne Kündi­gung im In­ter­es­se des Be­trie­bes not­wen­dig ma­chen, wo­bei die­se wei­te­re Vor­aus­set­zung erfüllt ist, wenn es dem Ar­beit­ge­ber nicht möglich ist, der be­trieb­li­chen La­ge durch an­de­re Maßnah­men auf tech­ni­schem, or­ga­ni­sa­to­ri­schem oder wirt­schaft­li­chem Ge­biet als durch ei­ne Kündi­gung zu ent­spre­chen. Die Kündi­gung muß we­gen der be­trieb­li­chen La­ge un­ver­meid­bar sein. Auf­trags- oder Um­satzrück­gang kann ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung recht­fer­ti­gen, wenn da­durch der Ar­beits­an­fall so zurück­geht, daß für ei­nen oder meh­re­re Ar­beit­neh­mer das Bedürf­nis zur Wei­ter­beschäfti­gung entfällt. Außer- - 7 -
a) In­so­fern hält das Lan­des­ar­beits­ge­richt der vor­mals Be­klag­ten - jetzt Ge­mein­schuld­ne­rin - zu Un­recht vor, sie ha­ben die An­schaf- - 8 -
fung des Sei­ten­fer­ti­gers im Som­mer 1994 nicht zum An­laß ge­nom­men, das Ar­beits­verhält­nis zum Kläger zu kündi­gen, und könne sich zur Zeit des Aus­spruchs der Kündi­gung Mit­te De­zem­ber 1994 hier­auf nicht mehr be­ru­fen, weil be­reits seit An­fang De­zem­ber 1994 Kurz­ar­beit ein­geführt wor­den sei. Zwar weist das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts hin (Ur­teil vom 17. Ok­to­ber 1980 - 7 AZR 675/78 - AP Nr. 10, aaO), wo­nach ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung im Zu­sam­men­hang mit ei­ner vom Ar­beit­ge­ber be­reits ein­geführ­ten Kurz­ar­beit gemäß § 1 Abs. 2 KSchG nur dann ge­recht­fer­tigt ist, wenn über die Gründe hin­aus, die zur Einführung von Kurz­ar­beit geführt ha­ben, wei­ter­ge­hen­de in­ner- oder außer­be­trieb­li­che Gründe vor­lie­gen, die auf Dau­er für den gekündig­ten Ar­beit­neh­mer das Wei­ter­beschäfti­gungs­bedürf­nis ent­fal­len las­sen. In­so­fern berück­sich­tigt das Lan­des­ar­beits­ge­richt aber nicht aus­rei­chend, daß nach dem Sach­vor­trag der Ge­mein­schuld­ne­rin schon die An­schaf­fung des Sei­ten­fer­ti­gers im Som­mer 1994 das Bedürf­nis für ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung von Bau­wer­kern suk­zes­si­ve ent­fal­len ließ, weil die­se Ma­schi­ne nach ih­rem Sach­vor­trag ge­eig­net war, seit Som­mer 1994 zu­neh­mend die Sei­ten­raum­ar­bei­ten beim Straßen­bau zu über­neh­men, wo­bei dann tatsächlich seit Ja­nu­ar 1995 al­le Ar­bei­ten, die zu­vor von Hand durch Hilfs­kräfte wie den Kläger aus­geführt wur­den, ent­fal­len sei­en. Die Ge­mein­schuld­ne­rin hat die­sen Sach­vor­trag mit der wei­te­ren Be­haup­tung, auf die das Be­ru­fungs­ge­richt nicht ein­geht, un­terstützt, in­fol­ge­des­sen sei der Kläger schon seit De­zem­ber 1994 nur noch mit Aufräum­ungs­ar­bei­ten beschäftigt wor­den. Der erst­in­stanz­li­che Sach­vor­trag des Klägers hier­zu läßt er­ken­nen, daß er einräumt, zu­min­dest auch mit Aufräum­ungs­ar­bei­ten beschäftigt wor­den - 9 -
b) Im übri­gen ist nach Auf­fas­sung des er­ken­nen­den, nun­mehr al­lein für Kündi­gun­gen zuständi­gen Se­nats die Recht­spre­chung im Ur­teil vom 17. Ok­to­ber 1980 (aaO) wie folgt zu mo­di­fi­zie­ren: Aus der so­zi­al­recht­li­chen Vor­schrift des § 63 Abs. 1 Satz 1 AFG kann nicht der Schluß ge­zo­gen wer­den, die Gewährung von Kurz­ar­bei­ter­geld zwin­ge zu der fik­ti­ven An­nah­me, daß in je­dem Fall auch aus ar­beits­recht­li­cher Sicht (S 1 Abs. 2 KSchG) nur ein vorüber­ge­hen­der Ar­beits­man­gel vor­liegt, der ei­ne auf Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­rich­te­te Kündi­gung aus­sch­ließt. Die Gewährung von Kurz­ar­bei­ter­geld kommt so­zi­al­recht­lich nur zur Er­hal­tung (und Schaf­fung) von Ar­beitsplätzen in Be­tracht (vgl. § 63 Abs. 1 Satz 1 Kon­di­tio­nal­satz AFG). Die Tat­sa­che, daß die so­zi­al­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewährung von Kurz­ar­bei­ter­geld vor­lie­gen, ist da­her ar­beits­recht­lich nur da­hin zu ver­ste­hen, daß - 10 -
Da das Lan­des­ar­beits­ge­richt dem wech­sel­sei­ti­gen Sach­vor­trag zum Weg­fall ei­ner Beschäfti­gungsmöglich­keit für den Kläger nicht nach­ge­gan­gen ist, ist der Rechts­streit zur wei­te­ren Sach­aufklärung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Da­bei wird der Be­klag­te u. a. (vgl. auch die Hin­wei­se oben zu II 2 a - c) den Sach­vor­trag zu präzi­sie­ren ha­ben, seit Som­mer 1994 ha­be der Sei­ten­fer­ti­ger zu­neh­mend die Sei­ten­raum­ar­bei­ten beim Straßen­bau über­nom­men. - 12 -
Et­zel Bit­ter Bröhl
En­gel Be­cker­le	m.hensche.de
zur Übersicht 2 AZR 494/96 Kontakt