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Timestamp: 2018-12-15 01:01:48
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Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 2', '§ 4', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 7', '§1', '§1']

2 Das Mandantengespräch: Beteiligte, Rahmenbedingungen, Literaturüberblick : Das anwaltliche Mandantengespräch
2 Das Mandantengespräc...
In diesem Kapitel wird eine Beschreibung der Konstellation im Mandantengespräch gegeben, indem auf die Voraussetzungen, die Beteiligten und Ergebnisse, die bislang zum Mandantengespräch vorliegen, eingegangen wird. Zunächst wird das Berufsbild des Rechtsanwalts skizziert. In der Folge werden Studien zu Mandanten zusammengestellt, wenngleich zu bedenken ist, dass Mandanten eine wesentlich heterogenere Gruppe darstellen als Anwälte und entsprechend weniger gut zu beschreiben sind. Hier wird auch das Mandantengespräch innerhalb seiner Vor- und Nachgeschichte verortet. Daraufhin wird die vorliegende Untersuchung im Forschungsgebiet Sprache und Recht verortet. Dazu wird sowohl ein Überblick über Ergebnisse aus angrenzenden rechtlichen Institutionen gegeben als auch Ergebnisse zum anwaltlichen Mandantengespräch zusammengefasst. Ziel des Kapitels ist es, den Boden für die Analyse des Mandantengesprächs zu bereiten, indem Hintergründe und Beteiligte näher bestimmt sowie relevante Forschungsergebnisse aufbereitet werden. Eine Verortung des Mandantengesprächs als Beratungsgespräch findet sich gesondert im folgenden Kapitel (3.1).
Rechtsanwälte1 unterscheiden sich innerhalb ihrer Berufsgruppe in verschiedenen Dimensionen (Kilger 2009: 336; Römermann 2003: 387f.) und bilden historisch betrachtet eine sehr alte Berufsgruppe (Prütting 2012; Deutscher Anwaltverein 2011; Busse 2010; Wesel 2010). (Fast) jeder hat eine Vorstellung davon, was ein Anwalt ist. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass der Beruf des Rechtsanwalts rechtlich klar umrissen und geregelt ist. So besteht ← 27 | 28 → ein beschränkter Zugang zu diesem Beruf, die Bezeichnung darf nur tragen, wer ordnungsgemäß zugelassen ist. Auch das Tätigkeitsfeld mit allen Rechten und Pflichten ist eng umsteckt und mit höchstrichterlichen Entscheidungen gefestigt. „Der Rechtsanwalt ist der berufene unabhängige Berater und Vertreter in allen Rechtsangelegenheiten“ (§ 3 Abs. 1 BRAO), so definiert die Bundesrechtsanwaltsordnung die anwaltliche Tätigkeit. „Sie [Anwälte, I.P.] durchlaufen die gleiche Ausbildung wie die primären Adressaten2 und gelten entsprechend ebenso hinreichend qualifiziert, Gesetzestexte zu verstehen und auf Einzelfälle anzuwenden“ (Hesse 2004: 98). Diese Ausbildung qualifiziert sie dazu, Rechtsdienstleistungen anzubieten, zu denen sich ebenfalls gesetzliche Regelungen finden. „Rechtsdienstleistung ist jede Tätigkeit in konkreten fremden Angelegenheiten, sobald sie eine rechtliche Prüfung des Einzelfalls erfordert“ (§ 2 Abs. 1 RDG). Mit einer Vertretung kann ein Tätigwerden vor Gericht ebenso wie ein Rechtsrat verbunden sein. Dabei ist der Anwalt vor allem ausschließlich im Interesse seines Mandanten tätig (Heussen 1999: 3). Auch bei Rechtsanwälten ist der Beruf, ähnlich wie bei Theologen oder Ärzten „Berufung“ (Jungk 2012: 376); Ewer (2009: 662) spricht gar von einem „Anwaltsethos“.
Unterscheidet man die Rollen des Anwalts, ist die prominenteste wohl jene des Anwalts als Rechtsexperte. Seine Expertise erwirbt er vor allem im Rahmen seiner universitären Ausbildung. Egal für welchen juristischen Beruf (Rechtsanwalt, Richter, Staatsanwalt Notar usw.) sie sich im Anschluss entscheiden, durchlaufen alle angehenden Juristen die gleiche Ausbildung (Schmidt-Räntsch 2009: 110). Auch die Zulassung zum Rechtsanwalt erfordert nach § 4 der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) die „Befähigung zum Richteramt“. „Damit war die bis heute noch in Deutschland geltende Juristenausbildung ihrer Grundstruktur nach bereits im 17 Jahrhundert angelegt“ (Hommelhoff 2000: 467). Wie diese Befähigung zum Richteramt erworben werden kann, ist im Deutschen Richtergesetz (DRiG) festgelegt, in dem sich alle Bestimmungen zur juristischen Ausbildung und entsprechend auch jene zum Werdegang zum Anwalt finden. In § 5 Abs. 2 DRiG heißt es:
Die Befähigung zum Richteramt erwirbt, wer ein rechtswissenschaftliches Studium an einer Universität mit der ersten Prüfung und einen anschließenden Vorbereitungsdienst mit der zweiten Staatsprüfung abschließt; die erste Prüfung besteht aus einer universitären Schwerpunktbereichsprüfung und einer staatlichen Pflichtfachprüfung. ← 28 | 29 →
Die kommunikative Ausbildung ist im Jurastudium stark vernachlässigt und erst seit kurzem überhaupt vorgesehen. Viele werdende Juristen gehen davon aus, sich das nötige kommunikative Können im Beruf anzueignen (Riemann/Marotzki 2000: 218; zur sprachlichen Sozialisation im Studium vgl. Struck 2002; Philips 1982, zur beruflichen und sprachlichen Sozialisation am Beispiel des Arztberufs vgl. Lalouschek 2002a/1995: 24ff.).
Seit 1. Juli 2003 sieht das Deutsche Richtergesetz (§ 5a Abs. 3) eine kommunikative Ausbildung vor, indem es für das Studium verpflichtend die Lehre sog. Schlüsselqualifikationen festgelegt.
Die Inhalte des Studiums berücksichtigen die rechtsprechende, verwaltende und rechtsberatende Praxis einschließlich der hierfür erforderlichen Schlüsselqualifikationen wie Verhandlungsmanagement, Gesprächsführung, Rhetorik, Streitschlichtung, Mediation, Vernehmungslehre und Kommunikationsfähigkeit (§ 5a Abs. 3 DRiG).
Die Regelstudienzeit in Deutschland beträgt vier Jahre (Schmidt-Räntsch 2009: 137), erst nach abgelegtem zweitem Staatsexamen, das auch das Referendariat einschließt (§ 5b Abs. 1 DRiG; Ströbel 2005: 11), darf man die Bezeichnung „Volljurist“ tragen. Seit der Reform wurde der Anteil der staatlichen Prüfung auf 70% reduziert, zuvor war die Prüfung eine ausschließlich staatliche (Mager 2008: 321).
Kritik an der Reform des DRiG 2003 kommt aber nach wie vor aus der Anwaltschaft: „Der Gesetzgeber hat die Ausbildung der sieben Schlüsselqualifikationen allein in den Aufgabenbereich des Studiums gelegt; bei der gleichfalls neu geordneten Referendarszeit, § 5b DRiG, sucht man vergebens nach ihnen“ (Paulus 2003: 22). Zwar dauert die Anwaltsstation nun etwas länger, doch ändert dies nichts an der nach wie vor bestehenden Ausrichtung am Richteramt. Diese Entwicklung bleibt erstaunlich, da rund 75% bis 80% der JuraabsolventInnen in den Anwaltsberuf gehen (Busse 2010: 563; Kilger 2007: 2; Hommerich/Kilian 2006a: 11).
Betrachtet man die Studieninhalte, bestehen die Aufgabenstellungen häufig in der Falllösung auf der Basis des erworbenen Rechtswissens. Dem Studierenden wird ein Sachverhalt präsentiert, zu dem er die Aufgabe hat, ein juristisches Gutachten zu erstellen. „Anders als in der Praxis kann im Studium der in der Klausur/Hausarbeit gestellte Sachverhalt als ‚unstreitig‘ bzw. ‚ausermittelt‘ gelten“ (Kühl et al. 2011: 41). In aller Regel entspricht weder die Form der Darstellung noch die Wahl der Begrifflichkeiten einer authentischen Darstellung, wie sie ein Mandant in einem authentischen Fall vornehmen würde, denn die Darstellungen sind juristisch so präzise, dass sie für eine Falllösung ohne weitere Angaben auskommend und meist sehr knapp auf wesentliche Kerninhalte beschränkt sind. ← 29 | 30 → Dieses Vorgehen, Studierende Fälle bearbeiten zu lassen, zielt zwar theoretisch auf die Anwendung, den „zielgerichteten Einsatz“ rechtlichen Wissens, ab (Kühl et al. 2011: 39), hat allerdings mit der Realität einer Fallschilderung im Mandantengespräch wenig gemein.
Der Zugang zum Anwaltsberuf steht (im Gegensatz zu Beamtenlaufbahnen des Richters oder Staatsanwalts) jedem Volljuristen offen, soweit nicht die Ausschlussgründe nach § 7 (BRAO) greifen. So werden also viele Juristen Anwälte, wenn ihnen keine alternative Berufslaufbahn aufgrund eines schlechten Abschneidens im Studium in Aussicht zu stehen scheint. Ein teilnehmender Anwalt formuliert dies wie folgt: „Anwälte werden die Besten oder die Schlechtesten“ (Interview mit einem teilnehmenden Anwalt, Februar 2010; vgl. auch Machura/Kammertöns 2009: 249; Streck 2004: 30; Römermann 2003: 398).
Seine in der Ausbildung gewonnene Expertise setzt der Anwalt in seiner Rolle als Interessenvertreter seiner Mandanten um (Hommelhoff 2000: 471; Vossebürger 2012: 50; kritisch hierzu Soeffner 1983: 92f.). Als Vertreter ist der Anwalt ausschließlich im Interesse seiner Klienten tätig. Auch im Begriff „Mandant“3 steckt diese Auffassung (Rittershaus 1999: 10). Hierbei ist es die Aufgabe des Rechtsanwalts, die Rechtslage unter Berücksichtigung „der Tatsachen, der Beweislage, des möglichen Verhaltens der Gegenseite, der möglichen Wege zur Zielerreichung“ zu bewerten (Kilian 2008: 9). In dieser Rolle wird der Anwalt bisweilen auch als „Mietmaul“ bezeichnet, wenngleich der Begriff innerhalb der Anwaltschaft nicht von allen unkritisch betrachtet wird. Diese Rolle als Mietmaul bestätigt ein teilnehmender Anwalt im Interview mit einer Anekdote aus einem seiner Mandantengespräche: „Ich zog der Mandantin so das Material für den drohenden Prozess aus der Nase. Und dann sagte sie: ‚Ach, das haben Sie jetzt so schön formuliert, ich möchte Sie direkt mieten.‘ Sag ich: ‚Das tun sie bereits‘“ (Interview mit einem teilnehmenden Anwalt, November 2011, 2:55:21).
Eine Selbstdarstellung der Anwaltschaft, vertreten durch die Bundesrechtsanwaltskammer, bezeichnet die vier „Kernqualitäten“ Unabhängigkeit, Verschwiegenheit, Kompetenz und Loyalität (Bundesrechtsanwaltskammer 2012), die im Grunde allesamt auf die Rolle des Interessenvertreters bezogen sind. Die Unabhängigkeit bezieht sich auf die Unabhängigkeit vom Staat und staatlichen Weisungen und macht damit eine Interessenvertretung des Einzelnen erst möglich ← 30 | 31 → (vgl. zum Spannungsfeld Unabhängigkeit – Loyalität in Bezug auf die Beziehung zum Mandanten aus amerikanischer Sicht Rosen 2010). Die Verschwiegenheit betrifft das Mandat und schließt eine Verpflichtung und Berechtigung dazu vor allem gegenüber Gerichten und staatlichen Institutionen ein (Bundesrechtsanwaltskammer 2013d: 8). Die Kompetenz zielt auf die anwaltliche Ausbildung, die der des Richters gleichgestellt ist, sowie die Fortbildungspflicht (Bundesrechtsanwaltskammer 2012), ohne die eine Vertretung unmöglich wäre. Auch die Loyalität bezieht sich auf den Mandantenwillen, der die Arbeit des Anwalts maßgeblich bestimmt (Bundesrechtsanwaltskammer 2013d: 8).
Als Interessenvertreter bestehen allgemeine vertragliche Anwaltspflichten dem Mandanten gegenüber, für die der Anwalt auch haftbar zu machen ist. Maßgeblich sind dies die Pflicht zur Aufklärung über den Sachverhalt, die Pflicht zur Prüfung der Rechtslage und die Pflicht zur umfassenden Beratung und Belehrung des Mandanten (Honisch 2011: 110ff.; Zugehör et al. 2006: 291ff.). Der Anwalt kann dem Mandanten bei den Angaben zu seinem Sachverhalt vertrauen und ist „nicht dazu verpflichtet, die Angaben des Mandanten zu überprüfen“ (Ganter 2010: 4). Das gilt allerdings nicht für Rechtstatsachen (Fristen, Bescheide etc.), diese ist der Anwalt verpflichtet, selbst zu prüfen (Zugehör et al. 2006: 302). Interessanterweise gehört zur Aufklärung des Sachverhalts ausdrücklich das Klären des Ziels des Mandanten (Honisch 2011: 111), was in der Praxis häufig nicht oder nur implizit kommunikativ erledigt wird (Pick 2010, 2009a, vgl. auch die Kapitel 6 und 7). Weiter gehört zu dieser Pflicht das Sammeln und Ordnen von Unterlagen und Beweisen. Die Prüfung der Rechtslage beinhaltet neben dem unbedingten Einhalten aller Fristen auch die Kenntnis der Rechtslage soweit aufzuarbeiten, wie es für die Bearbeitung nötig ist (Honisch 2011: 112; Zugehör et al. 2006: 313). Die Beratung und Belehrung des Mandanten, die persönlich zu erfolgen hat, umfasst nicht nur die anwaltlichen Schlussfolgerungen aus Sachverhaltsaufklärung und Rechtsprüfung, sondern auch die Aufklärung über Risiken und Erfolgsaussichten. „Ihm [dem Mandanten, I.P.] ist es dadurch zu ermöglichen, eigenverantwortlich sachgerechte Entscheidungen in der Rechtssache zu treffen“ (Honisch 2011: 114; vgl. auch Zugehör et al. 2006: 320f.). Inwiefern dies vor dem Hintergrund des immer komplexer werdenden Rechtssystem allerdings praktisch möglich ist, dürfte fraglich sein, denn „[n]eben der zeitlichen Überforderung des Anwalts bei solchem Vorgehen wäre hier der Mandant sehr schnell zeitlich und auch strukturell überfordert“ (Bähring et al. 1989: 48).
Eng verbunden mit der Interessenvertretung ist die Rolle des Anwalts als Dienstleister, denn diese erfolgt nach Beauftragung und begründet Ansprüche auf Bezahlung. Betrachtet man dagegen die historische Entwicklung des ← 31 | 32 → Berufsstandes war der Anwalt kein Ratgeber bei Problemen im täglichen Zusammenleben, sondern der Anwalt war in erster Linie Vertreter vor Gericht. „Von ihm wurde erwartet, dass er – durchaus unter Hintenanstellung der Optimierung seiner wirtschaftlichen Bedürfnisse – sich in erster Linie dem Recht und der staatlichen Rechtspflege verpflichtet fühlte“ (Busse 2010: 531). „Der Weg zum Anwalt, um einem Streit vorzubeugen, war keine geläufige Vorstellung“ (Busse 2010: 534). Dazu kommt, dass eine anwaltliche Spezialisierung erst wesentlich später Einzug in das Berufsfeld gehalten hat, sodass auch eine Differenzierung innerhalb des Marktes und damit das Herausbilden von Alleinstellungsmerkmalen erschwert war (vgl. die Entwicklung der Fachanwaltschaften, Bundesrechtsanwaltskammer 2013a).
Inzwischen wird der Anwalt oft hauptsächlich als Dienstleister wahrgenommen und tritt teils entsprechend auf. Damit einher geht die gesetzliche Entwicklung, die Möglichkeiten freierer Honorargestaltung und Werbemaßnahmen fördert (Vossebürger 2012: 50; Busse 2010: 643). Gleichzeitig sollte man aber bedenken, dass Anwälte nach wie vor in kleineren Strukturen arbeiten (Hommerich 2009b). Großkanzleien, die wie Konzerne arbeiten, sind nach wie vor die Ausnahme. „2008 arbeiteten in den 68 größten Sozietäten […] 5,8% aller zugelassenen Anwälte“ (Busse 2010: 632f.; zu der Entwicklung des Anwaltsmarkts in Amerika vgl. Henderson 2010).
Obwohl der Anwalt also ‚Mietmaul‘ und Interessenvertreter des Mandanten ist, ist dennoch „freilich penibel zu beachten […], daß sich der Anwalt in keinerlei Abhängigkeit von seinem Mandanten begeben darf: Er ist und bleibt Organ der Rechtspflege (§1 BRAO)“ (Hommelhoff 2000: 471). Diese Rollenbezeichnung des Anwalts als Organ der Rechtspflege steht in der Bundesrechtsanwaltsordnung an allererster Stelle, §1 BRAO lautet: „Der Rechtsanwalt ist ein unabhängiges Organ der Rechtspflege.“ Dieser Bezeichnung wurden diachron vom Bundesverfassungsgerichte verschiedene Bedeutungen zugemessen. So war 1974 der Anwalt ein „staatlich gebundene[r] Vertrauensberuf“ und erst seit 1983 können „beamtenähnliche Treuepflichten […] von einem Rechtsanwalt nicht erwartet werden“ (Ganter 2010: 2). 1987 wurden dem Rechtsanwalt dann folgende Aufgaben zugeschrieben: „Beratung und Vertretung der Rechtssuchenden, Unterstützung der Gerichte auf dem Weg einer sachgerechten, fehlerfreien Entscheidung, Wahrung und Verteidigung der Interessen des Mandanten, Schutz vor ungerechtfertigter staatlicher Machtausübung“ (Ganter 2010: 2). Kilian (Kilian 2005: 77) expliziert den Begriff des Organs der Rechtspflege wie folgt: „Der Rechtsanwalt ist Werkzeug (griechisch: organon) der Rechtspflege und verrichtet als solches einen zweckbedingten Dienst im Sonderinteresse einer einzelnen Partei, dessen Reflex das Dienen für die Rechtspflege als solches ist.“ ← 32 | 33 →
Dies kann mitunter im Widerspruch zum Verständnis des Berufsbildes als Dienstleister stehen, wie folgendes Zitat zeigt:
Es gibt Situationen, wo juristisch nichts dafür spricht, für oder gegen eine bestimmte Position zu streiten. Und trotzdem… Wenn ich dem Mandanten das so gesagt habe und der sagt mir, ich möchte aber trotzdem klagen, gibt’s zwei Herzen, die in meiner Brust schlagen. Das eine ist, zu sagen, ich bin Dienstleister, ich mach das, was der Kunde möchte. Und wenn er was Unsinniges möchte… Solang ich selber nicht Unsinnigkeiten damit begehe, mach ich das auch. Das andere ist natürlich dann zu sagen, was für ein Bild erweckt man dann auch bei den Gegnern? Wenn das Überhand nehmen würde, wäre man da sehr vorsichtig (Beginn des Mandantengesprächs IP_HS_4, vgl. auch Schumann 1982: 274).
Dennoch muss das Gewinnstreben des Anwalts „hinter dem Bestreben als ‚Organ der Rechtspflege‘ richtig zu handeln sowie seinen Mandanten richtig und angemessen zu beraten und zu vertreten“ (Blattner 2012: 20) zurücktreten.
Als Organe der Rechtspflege sind Anwälte unabhängig vom Staat, das heißt, sie sind unter keiner staatlichen Aufsicht, sondern sind in einem Kammersystem selbst organisiert und kontrollieren sich selbst (Bundesrechtsanwaltskammer 2013d: 4; Dickert 2010: 39: ff.). Aufgrund dieser Unabhängigkeit und seiner Stellung als Organ der Rechtspflege steht der Rechtsanwalt gleichberechtigt neben den Richtern und Staatsanwälten und gewährleistet einerseits die adäquate rechtliche Bearbeitung des Anliegens seines Auftraggebers und schafft so gleichzeitig „Waffengleichheit“ vor Gericht (Bundesrechtsanwaltskammer 2013d: 8, vgl. auch Ganter 2010: 3f.). Andererseits trägt der Rechtsanwalt aber auch dazu bei, das Rechtssystem zu entlasten und die Konfliktbearbeitung zu steuern.
Zusammenfassend sind Anwälte also unabhängige Einzelkämpfer, die nicht in den Rechtsapparat eingebunden sind wie es Richter oder andere Angehörige der Justiz sind, sie sind frei in der Wahl ihrer Mandanten und Mandate. Dennoch sind sie Teil des Rechtssystems und erfüllen hier besondere Aufgaben. Sie sind Vermittler zwischen dem Recht und dem ‚Geschehen im tatsächlichen Leben‘. Diese Vermittlungsrolle besteht in zwei Richtungen: Als Interessenvertreter ihrer Mandanten verhelfen sie Rechtslaien zu einer professionellen rechtlichen Bearbeitung ihrer Konflikte, als Organe der Rechtspflege sind sie als Teil des Rechtssystems vorbereitend für die weitere juristische Bearbeitung tätig und agieren als Filter, indem sie sich bemühen nur jene Konflikte zur Bearbeitung in das Rechtssystem zu vermitteln, die hier entsprechend bearbeitet werden können.
Aktuell zeichnen sich verschiedene Trends in der Anwaltschaft ab. Zum einen steigt die Zahl der Zulassungen jährlich. Zurzeit gibt es in Deutschland ← 33 | 34 → rund 162.000 Rechtsanwälte, die Tendenz ist steigend (Bundesrechtsanwaltskammer 2014). Dazu kommt die steigende Zahl der Fachanwälte in Deutschland, einerseits wegen der „steigende[n] Komplexität juristischer Sachverhalte“ (Kühl et al. 2011: 13), andererseits als „Profilierungsinstrument in einem gesättigten Markt“ (Hommerich/Kilian 2011: 93). Diese Entwicklung wird durch die sukzessive weitere Einführung neuer Fachanwaltstitel, die in den letzten Jahren auf insgesamt 20 gestiegen sind, weiter gestärkt (Bundesrechtsanwaltskammer 2013b, 2013a). Neben der stärker werdenden Spezialisierung haben aber auch die Neuen Medien Einfluss auf das anwaltliche Berufsbild und den Anwaltsmarkt, was Folgen für das persönliche Erstgespräch mit dem Mandanten mit sich bringt. „Der früher selbstverständliche Kontakt zwischen Mandant und dem von ihm ausgewählten Anwalt von Auge zu Auge wird heute teilweise bereits durch Beratungshotlines und Online-Beratung ersetzt“ (Busse 2010: 642). Insgesamt scheint sich durch die Kombination all dieser Entwicklungen eine stärkere Konkurrenzsituation auf dem Rechtsdienstleistungsmarkt abzuzeichnen.
Eine Beschreibung von Mandanten zu geben, ist wesentlich schwieriger als die von Rechtsanwälten und ihrem Berufsbild, da Mandanten sich jeweils nur ausgehend von Rechtsanwälten – als deren Mandanten oder Kunden – definieren lassen. Entsprechend sind sie eine weitaus heterogenere Gruppe und es ist keineswegs gesetzlich bestimmt, welche Voraussetzungen oder Pflichten sie erfüllen müssen.
Als Mandanten kommen nur Personen mit Rechtsproblemen in Betracht. Inwiefern ein solches vorliegt, ist allerdings zunächst von den Mandanten selbst nicht immer eindeutig zu beurteilen.
So kann es sein, dass Personen mit Rechtsproblemen oder noch genereller, Personen, die Konflikte haben oder Lebenssachverhalte regeln möchten, als Laien ihr eigenes Problem nicht richtig einordnen können. Möglich ist, dass ihnen gar nicht klar ist, welche (professionelle) Hilfe für sie die beste wäre (Problem der Leistungsidentifikation). Darüber hinaus wird Laien oft nicht klar sein, welche Risiken ihr Problem oder auch eine anstehende Problemlösung beinhaltet (Identifikation des Risikos) (Hommerich/Kilian 2007: 12f.).
Entsprechend sind Mandanten häufig kaum in der Lage ihr Problem einem Rechtsgebiet zuzuordnen, zumal erschwerend hinzukommt, dass sich Probleme nicht unbedingt mit nur einem Rechtsgebiet decken müssen (Hommerich/ Kilian 2007: 41).
Geht man aber davon aus, dass es sich bei Mandanten um Personen mit einem Rechtsproblem handelt, betrifft dies immerhin 51% der Bevölkerung ← 34 | 35 → (Hommerich/Kilian 2007: 42). Davon wiederum versuchen aber nicht alle ihr Problem mit anwaltlicher Unterstützung zu lösen. Befragt man die Bevölkerung nach ihrer Inanspruchnahme eines Rechtsanwalts, so haben 58% keinen Anwalt beauftragt, obwohl 22% von ihnen ein Rechtsproblem hatten, 10% davon sogar mehrmals (Hommerich/Kilian 2007: 42f.). Daran zeigt sich, dass Rechtsprobleme nicht unbedingt auch mit einem Anwalt im Rechtssystem gelöst werden müssen. Mandanten stehen vielfältige andere lebensweltliche Konfliktlösungsmöglichkeiten offen. „Die Lösung von Rechtsproblemen kann allerdings auch durch außerrechtliche soziale Interaktion erfolgen, etwa indem bei Auftreten eines Rechtsproblems bewusst zunächst einmal das unmittelbare Gespräch mit dem Gegenüber gesucht wird“ (Hommerich/Kilian 2007: 59). Insgesamt würden nur 48% der deutschen Bevölkerung unmittelbar einen Rechtsanwalt besuchen, wenn sie ein Rechtsproblem haben, die andere Hälfte der Bevölkerung würde Freunde mit oder ohne Rechtskenntnisse befragen (30%) und ein geringer Teil würde Beratungsstellen, die Rechtsschutzversicherung oder eigenes Wissen befragen (Hommerich/Kilian 2007: 60f.). Dass Mandanten auch von Anwälten abhängig sein können und anhand welcher Faktoren sich diese Abhängigkeit bestimmen lässt, zeigen Hilton/ Migdal (2005).
Betrachtet man die Rechtsprobleme, die Mandanten haben, nach ihrer Häufigkeit, ergibt sich folgende Reihung: Erwerbstätigkeit und Ausbildung (19%), Wohnen und Eigentum (17%), Scheidung und Unterhalt (17%), Verkehrsrecht (17%) (Hommerich/Kilian 2007: 48f.). Hier zeigen sich Parallelen zu den beiden mit Abstand größten Fachanwaltschaften, dem Arbeits- und Familienrecht (Bundesrechtsanwaltskammer 2013a). Befragt man die Bevölkerung nach der Art der Rechtsprobleme auf der Achse privat – geschäftlich, so haben 87% der Bevölkerung private Rechtsprobleme (Hommerich/Kilian 2007: 47f.). Diese Situation spiegelt das vorliegende Korpus relativ gut wider (vgl. Kapitel 4.2).
Der häufigste Grund, warum Mandanten keinen Anwalt beauftragen, ist, weil sie die Sache nicht zuspitzen wollen (48%) (Hommerich/Kilian 2007: 100). Tatsächlich identifizieren sich viele Anwälte mit der einseitigen Interessenvertretung, einigermaßen häufig wird dies z. B. als Grund genannt, keine Mediation anbieten zu wollen. Dass Anwälte zwar einseitige Interessenvertreter sind, ist nicht zu leugnen, dass dies aber immer mit einer Zuspitzung des Konflikts oder gar Streit einhergehen muss, ist nicht richtig. Teilweise wird dies von Mandanten auch bereits gesehen (Hommerich/Kilian 2007: 152f.). Hier wäre sicherlich weitere Imagearbeit notwendig, aber gleichzeitig und noch stärker eine Aufklärung des Mandanten im Erstgespräch. Sucht der Mandant deeskalierende ← 35 | 36 → Möglichkeiten, so kann der Anwalt diese unter Umständen ebenfalls anbieten, indem er sich z. B. als erfahrener Verhandlungspartner anbietet oder einen Vergleich erarbeitet.
Befragt man Mandanten generell nach ihren Assoziationen zum Begriff Rechtsanwalt, wird aber dennoch an erster Stelle der Rechtsanwalt als kompetenter und vertrauenswürdiger Problemlöser (35%) benannt, gefolgt von dem Rechtsanwalt als Kostenfaktor (31%) und der Assoziation einer unangenehmen Streitsituation (18%) (Hommerich/Kilian 2007: 24). Insgesamt kommt dem Anwaltsberuf eine eher positive Bewertung zu (Machura/Kammertöns 2009: 250, 252; Hommerich et al. 2007: 706).
Zusammenfassend bringen diese etwas widersprüchlichen Befunde Hommerich/Kilian/Wolf auf den Punkt: „Rechtsanwälte werden zwar als kompetente Problemlöser wahrgenommen, zugleich aber lösen sie eine doppelte Aversion aus: gegen Konflikte auf der einen Seite und gegen hohe Kosten auf der anderen“ (Hommerich et al. 2007: 705).
Beauftragen Mandanten dann aber einen Anwalt, stellt sich heraus, dass „die Reputation eines Rechtsanwalts für dessen Beauftragung deutlich wichtiger ist als dessen Außenauftritt bzw. der seiner Kanzlei“ (Hommerich/ Kilian 2007: 129). Bis zur Beauftragung gilt es für den Anwalt bereits einige Hürden zu nehmen, zunächst muss er schnell erreichbar sein und einen Termin relativ zeitnah vergeben können (Hommerich/Kilian 2007: 108), danach muss er im Erstgespräch überzeugen (Hommerich/Kilian 2007: 128). Welche Hürden es hier zu nehmen gilt, zeigt u. a. die vorliegende Arbeit. „Besondere Bedeutung aber fällt dem Erstgespräch der Anwälte mit ihren Mandanten zu. In diesen Gesprächen entscheidet sich, ob es zu einer Vertrauensbildung des Mandanten kommt“ (Hommerich/Kilian 2007: 133). Denn klar sein dürfte, dass Mandanten in der Regel nicht in der Lage sein werden, die juristische Leistung des Rechtsanwalts zu bewerten (Hartung 2012; Kilian 2008: 1; Busse 2004: 60; Moorhead et al. 2003), entsprechend wichtiger wird damit u. a. die kommunikative.
Denn können Mandanten auch die anwaltliche Leistung nicht bewerten, so können sie das Besprechungszimmer dennoch zufrieden oder unzufrieden verlassen. Welche Faktoren dafür eine Rolle spielen, untersucht Cunningham (2006, 2001, 1999). Zwei Dinge ermittelt Cunningham (2006: 3) als entscheidend: „attentive and patient listening and clear explanations“. Dies diene nicht nur dem Informationsaustausch, sondern fördere vor allem die Beziehung, das Vertrauen und den gegenseitigen Respekt. Für die Zufriedenheit steht also nicht das juristische Ergebnis im Vordergrund, sondern Mandanten bewerten den Prozess (Cunningham 2006: 4f., 6). Damit wird das für Anwälte teilweise nicht ← 36 | 37 → im Vordergrund stehende Wohlfühlen des Mandanten, das in besonders hohem Maße kommunikativ hergestellt wird, zum entscheidenden Kriterium.
Thus clients tended to view the subjective aspects of quality, such as empathy and respect, not as luxury items but as fundamental to the service so that their absence would limit the solicitor’s effectiveness even within the narrowest definition of his responsibilities as a legal adviser. (Cunningham 2006: 4).
Betrachtet man das Mandantengespräch, muss auch die Vorgeschichte geklärt werden, die ein Mandantengespräch überhaupt erforderlich macht. Diese Vorgeschichte ist für den Anwalt allgemein in seinem institutionellen Werdegang bereits beschrieben (vgl. Kapitel 2.1.1). Für den Mandanten ist sie inklusive in Verbindung seiner damit ausgebildeten Wissensbestände als übergeordneter Handlungsprozess darstellbar. Der übergeordnete Handlungsprozess lässt sich anhand der Stadien eines Handlungsprozesses (Rehbein 1977) beschreiben. Denn Mandanten haben bereits vor einem Gespräch mit einem Anwalt ihre Lage eingeschätzt und in vielen Fällen bereits eigene Lösungsversuche unternommen, was jeweils mit einer Ziel- und Planbildung einherging. Dies soll in der Folge näher beschrieben werden.
Kommt es dazu, dass ein Mandant einen Anwalt aufsucht, ist dieser mit einer Situation konfrontiert, die für ihn unbefriedigend ist, oder er erwartet, dass eine zukünftige Situation ohne ein Eingreifen unbefriedigend werden könnte. Für diese Situation hat er bereits eine Einschätzung (Rehbein 1977: 143f.) seiner Lage vorgenommen. Die Einschätzung basiert auf der Bewertung der wahrgenommenen Situation auf der Basis von verschiedenen Wissensbeständen, die sich aus dem Wissen des Mandanten über sich selbst sowie den subjektiven Theorien über sein Umfeld und seine Situation speisen (vgl. Kapitel 7.3).
Diese Einschätzung führt den Mandanten zu der Motivation, seine Situation in eine für ihn befriedigendere zu verändern. Der von ihm dazu fokussierte Erfüllungssachverhalt (Rehbein 1977: 54) kann zunächst außerhalb der Rechtswelt liegen. In diesem Fall kann er (optional) in einen Handlungsprozess eintreten, in dem er in der Folge ein Ziel und einen Plan ausbildet, die ihn zu einem oder mehreren Lösungsversuchen führen. Damit es überhaupt zu einem Mandantengespräch kommt, scheitern diese eigenen Lösungsversuche. Durchläuft er mehrere Lösungsversucht kann er z. B.
• eine veränderte Einschätzung übernehmen und sein Ziel beibehalten,
• er kann seine Einschätzung beibehalten und sein Ziel ändern oder
• beides beibehalten und seinen Plan ändern. ← 37 | 38 →
Hier sind alle denkbaren Varianten möglich, die einzelnen Stadien des Handlungsprozesses können sich mit jedem weiteren eigenen Lösungsversuch unabhängig voneinander verändert haben. Beim Durchlauf dieses Handlungsprozesses entwickelt er sein partikulares Sachverhaltswissen, seinen Fall betreffend, weiter (das aber ebenso auch ohne den Durchlauf dieses optionalen Handlungsprozesses aufgrund des Vorliegens der als unbefriedigend eingeschätzten Situation vorhanden ist). Gleichzeitig wird der Mandant sich emotional zu den Ereignissen positionieren.
An einem Punkt in der Vorgeschichte richtet der Mandant den Fokus auf die Rechtswelt und entwickelt eine Motivation zur rechtsweltlichen Bearbeitung. Diesen Fokus kann er in der Folge verschieden häufig gescheiterter eigener Lösungsversuche ausbilden, er kann aber auch sofort nach der Einschätzung seiner Lage den Fokus auf die Rechtswelt ausrichten. Dieser Fokus wird auch auf seinem juristischen Laienwissen basieren, aufgrund dessen er sich Erfolgschancen zu einer Lösung in der Rechtswelt verspricht. Daneben bildet der Mandant ein Handlungsziel aus oder er übernimmt das Ziel, das sich im Laufe seines Konfliktes bereits verändert haben kann.
Gemeinsam bilden alle Komponenten der Vorgeschichte (Einschätzung, Ziel und ggf. eigene Lösungsversuche) mit den verschiedenen genannten Wissensbeständen des Mandanten den übergeordneten Handlungsprozess, vor dessen Hintergrund der Mandant in das Gespräch eintritt. Dieses Wissen, die mentale Repräsentation der Vorgeschichte in Verbindung mit den subjektiven Theorien, dem Wissen über sich selbst und dem Erleben, bildet die Bewertungsgrundlage für den Mandanten im Gespräch und ist insofern auf seiner Seite auch für das Gespräch handlungsleitend, da er hier gewonnene Informationen in dieses integriert (vgl. dazu Kapitel 7.3).
Im Gegensatz dazu beginnt für den Anwalt der Handlungsprozess in dieser Sache erst mit der Darstellung des Sachverhaltes durch den Klienten im Mandantengespräch, auf dessen Basis er selbst vor dem Hintergrund seines Expertenwissens und Institutionswissens zweiter Stufe (vgl. Ehlich/Rehbein 1977) das weitere Mandantengespräch und seine Nachgeschichte durchläuft.
Ist das Problem des Mandanten rechtlich bearbeitbar, tritt die Nachgeschichte, ein Durchlauf durch das Rechtssystem, ein. Das Rechtssystem ist ein positives4 System, das der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung dient (Kühl et al. 2011: 20). Es soll Stabilität garantieren und letztlich den (Rechts-)Frieden sichern. ← 38 | 39 → Kühl et al. (2011: 5) nennen vier Funktionen des Rechts: die Ordnungsfunktion, die Herrschaftsfunktion, die Gerechtigkeitsfunktion und die Herrschaftskontrollfunktion. Damit ist neben der Herstellung von Ordnung und Gerechtigkeit auch eine staatliche Steuerungsfunktion und umgekehrt eine Kontrolle des Staates durch den Bürger beinhaltet (vgl. Kühl et al. 2011: 20; Mumm 2003: 35; Larenz/Canaris 1992: 51). Damit sind Mittel-Ziel-Verhältnisse (Rehbein 1977: 150) systemisch vorgegeben, eine Einflussnahme auf die vorgegebene Rechtsordnung ist nur mittelbar durch Gesetzgebung oder Rechtsprechung möglich.
Zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung gehört es, dass in Konflikten, werden sie nicht auf andere Art und Weise beigelegt, oder Rechtsfragen eine Klärung herbeigeführt wird bzw. werden muss. Diese Klärung wird prototypisch mittels Subsumtion herbeigeführt, das heißt, Lebenssachverhalte und in der Norm vorgesehene Tatbestände werden aufeinander bezogen, sodass daraus eine rechtliche Beurteilung abgeleitet werden kann.
Neben dieser Normativität müssen darüber hinaus die Vorentscheidungen richtig und die Tatbestandsmerkmale entsprechend zur Unterscheidung fähig sein (Larenz/Canaris 1992: 51, 171), das heißt, dass sich Lebenssachverhalte hinreichend genau auf die im Gesetz bestimmten Tatbestandsmerkmale beziehen lassen müssen, damit eine bestimmte Beurteilung und Rechtsfolge eintreten kann. „Auf juristischer Seite werden Gesetze nicht ‚gelesen‘, sondern ausgelegt, das heißt, es werden Wissensrahmen konstruiert, um Sachverhalte der Lebenswelt so ‚zuzubereiten‘, dass rechtssichere Entscheidungen getroffen werden können“ (Ebert 2011: 15f.).
Da die Wirklichkeit regelmäßig komplexer ist als die allgemein überindividuell geltenden Tatbestandsmerkmale und sie sprachlich nicht in ihrer Komplexität in angemessener Länge zu fassen wäre, kann davon ausgegangen werden, dass nicht alle Lebenssachverhalte, genau wie sie in der Wirklichkeit auftreten, in den Normtexten als Ausgangspunkt zu finden sind. Dazu kommt die Entscheidungsfindung selbst, die von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst ist. Busse beschreibt die „Komplexität der Entscheidungsfindung“ (Busse 1993: 298) als ein In-Beziehung-Setzen „zwischen einer Vielzahl von Elementen außerrechtlicher Lebenssachverhalte und Normtexte unterschiedlichster Art“ (ebd.). Luhmann bezeichnet das Rechtssystem als
zugleich [n]ormativ geschlossen […] und kognitiv offen. […] Das System sichert seine Geschlossenheit dadurch, daß es in all seinen Operationen Selbstreferenz mitlaufen läßt und davon abhängig macht, ob die von Moment zu Moment produzierten Elemente normative Qualität in Anspruch nehmen können oder nicht. Es sichert seine Offenheit dadurch, daß es die Semantik dieser Reproduktion auf Umweltbedingungen einstellt (Luhmann 2008/1972: 357). ← 39 | 40 →
Entsprechend entstehen auf dieser Grundlage immer Einzelfallentscheidungen, zu deren Entstehen darüber hinaus in der Praxis gewisse Spielräume beobachtet werden (vgl. Kapitel 2.2.2). Diese Einzelfallentscheidungen mit Spielräumen tragen dazu bei, dass die vom Anwalt im Gespräch prognostizierten Erfolgsaussichten in aller Regel nur prozentual angegeben werden, wobei die 100% ebenso wie die 0% in aller Regel ausgespart werden.
Das Mandantengespräch vermittelt also zwischen seiner Vor- und Nachgeschichte. Die Lebenswelt5 des Mandanten (Vorgeschichte und mentaler Hintergrund des Mandanten) und die Rechtswelt (potenzielle Nachgeschichte und mentaler Hintergrund des Anwalts) werden hier aufeinander bezogen. „Für den einen handelt es sich um einen Ausschnitt seines Lebens und für den anderen um eine abstrakte Rechtsfrage. Für den einen handelt es sich um ein persönliches Problem, für den anderen um eine Dienstleistung“ (Gelleszun-Koschke 2011: 50).
Die vorliegende Untersuchung knüpft an einige wenige zum Mandantengespräch vorhandene Studien an, die überwiegend im angelsächsischen Raum der 80er und 90er Jahre anzusiedeln sind, ist aber ebenfalls in dem größeren Forschungszusammenhang Sprache und Recht zu sehen. Hier bestehen wesentlich mehr und kontinuierliche Forschungsarbeiten, die einerseits Aspekte der Rechtssprache und Verständlichkeit, der immer wichtiger werdenden interkulturellen Kommunikation, aber vor allem auch Diskurse in Mandantengesprächen anschließenden ← 40 | 41 → oder vorgreifenden Institutionen, dem Gericht, der Polizei oder der Schlichtungsstelle behandeln. Daher soll über wichtige Forschungsergebnisse und zentrale Themen in diesem Forschungsgebiet ein Überblick gegeben werden.
Die Themen Sprache und Recht sind bereits seit vielen Jahren Forschungsgegenstand aus verschiedensten Perspektiven. Einen Überblick geben Tiersma/Solan (2012), Coulthard/Johnson (2010), Grewendorf/Rathert (2009), Gibbons/Turell (2008), Lerch (2008), Olsen et al. (2008), Heller/Ehlich (2007), Rathert (2006), Lerch (2005a; 2005b; 2004), Gibbons (2003), Klein (2002), Haß-Zumkehr (2002), Hoffmann (2001), Dietrich/Klein (2000), Grewendorf (1992b), Hoffmann (1989a), Viehweg/Rotter (1977). Einen aktuellen Überblick über das Rechtssystem, Methoden, Normen und verschiedene Rechtsgebiete geben Simon/Funk-Baeker (2013). In diesem Forschungsgebiet wird nicht nur diskurs- /gesprächsanalytisch gearbeitet, sondern auch aus juristischer oder sozialwissenschaftlicher Perspektive (vgl. Uebach/Leuschner 2010; die international rechtsvergleichende Arbeit der Forschungsgruppe um Thomas Scheffer, http://www.law-in-action.de; zum Gericht vgl. Lautmann 2011/1972). Bibliographien, allerdings teilweise nicht mehr ganz aktuelle, sind Bungarten/Engberg (2003), Nussbaumer (1997), Levi (1994), Reitemeier (1985).
Grundsätzlich basiert das Rechtssystem auf Sprache. Weder Kodifizierung von Normtexten noch Urteile und auch Gespräche im Rechtswesen wären ohne sie möglich, vgl. zur visuellen Rechtskommunikation Röhl/Ulbrich (2000). Dabei ist die Rechtssprache gleichzeitig mehr als eine Fachsprache, da sie nicht nur der Verständigung zwischen Experten dient, sondern auf die gesamte Bevölkerung angewendet wird und den Anspruch hat, von ihr verstanden zu werden. Der Rechtsunterworfene muss die Normen befolgen und andernfalls Sanktionen über sich ergehen lassen (auch bei Nichtwissen, denn Nichtwissen schützt bekanntlich vor Strafe nicht, vgl. Müller 2010: 33). Auf der anderen Seite kann aber nur derjenige die juristische Terminologie beherrschen, der in der Lage ist, juristische Konstrukte (Leihen vs. Mieten; Mord vs. Totschlag etc.) auseinanderzuhalten, und also „einen Einblick in die Wissenschaft des Rechts gewonnen hat“ (Heinz 1977: 96). Neben der Terminologie zeichnet sich die Rechtssprache durch weitere Merkmale aus, die Hoffmann (1989a: 14f.) zusammenfasst.
Wichtige Themen, die im Feld Sprache und Recht untersucht werden, sind die Fachsprachenforschung, die forensische Linguistik und die interkulturelle Rechtskommunikation. Ebenso liegen diskurs-/gesprächsanalytische Arbeiten zu mündlicher Rechtskommunikation vor (vgl. eine ähnliche Kategorisierung ← 41 | 42 → in Rathert 2006: 6). Alle genannten Themenfelder haben typischerweise einen oder mehrere Berührungspunkte sowie Überschneidungen. So zählt Fobbe (2011: 16) auch die Kommunikation vor Gericht zur forensischen Linguistik, was der Bedeutung „forensisch“ sicherlich gerecht wird, nicht aber dem Forschungsgebiet „forensische Linguistik“, wie es im Allgemeinen umgrenzt wird; ebenfalls sind Untersuchungen zur interkulturellen Kommunikation, bspw. vor Gericht, häufig, aber nicht immer gesprächs-/ diskursanalytischer Natur etc.
Ein großes und historisch bereits früh beforschtes Thema im Feld Sprache und Recht betrifft die Fachsprachenforschung (Simonnæs 2012; Müller 2010; Burr/Gréciano 2003; Neumann/von Rosenstiel 2003; Warnke 2001; Hoffmann 1998; Jeand’Heur 1998; Barfuß 1985; Oksaar 1979; zur Vermittlung der Fachsprache als Deutsch als Fremdsprache an authentischen Beispielen vgl. Grießhaber 2007; zur Vermittlung der Fachsprache mit schriftsprachlichem Fokus vgl. Cavagnoli/Schweigkofler 2004). Eng damit verbunden sind der Sprachgebrauch, die „semantischen Kämpfe“ (Felder 2006), die auch im Recht, in der Konstruktion der Rechtsnorm, ihren Niederschlag finden (Christensen/Sokolowski 2006). In diesem Gebiet sind auch inzwischen einige populärwissenschaftliche Publikationen erschienen (Schmuck 2011; Höcker 2009; Walter 2009; Bundesrechtsanwaltskammer 2006).
Ein daran angrenzendes Forschungsinteresse gilt der juristischen Methodik und Textauslegung, und damit der juristischen Arbeit mit (Schrift-)Sprache und deren Verständlichkeit, betrachtet aus linguistischer, juristischer oder interdisziplinärer Sicht (Li 2011; Schade 2009; Felder 2008; Lerch 2008; Busse 2008; Lerch 2006; Christensen/Sokolowski 2006; Felder 2005; Lerch 2004; Christmann 2004; Busse 2001; Müller/Wimmer 2001; Eckardt 2000; Busse 1993; Hoffmann 1992; Busse 1992; Seibert 1981; einen Überblick über mögliche Themengebiete und Anwendungsbereiche der Linguistik zur Auslegung gibt Grewendorf 1992a).
Zum anderen ist die forensische Linguistik im Feld Sprache und Recht ein großes Forschungs- und Anwendungsgebiet (Fobbe 2011; Schall 2011; Olsson 2008; Kniffka 2007; Coulthard/Johnson 2007; Shuy 2006, mit zusätzlich auch einigen Themen „des Gesamtbereichs ‚Sprache und Recht‘“, Kniffka 1990: 44). In der forensischen Linguistik stehen ermittlungstechnische Verfahren der Autoren- oder Spracherkennung im Vordergrund, die die Justiz bei der Täterfindung und -verurteilung unterstützen sollen. Die forensische Linguistik beschreibt sich selbst als Angewandte Linguistik (Olsson 2008: 3), ein Aufsatz mit dem Titel „Applied linguistics in the legal area“ (Shuy 2011) befasst sich beispielsweise fast ausschließlich mit Methoden und dem Vorgehen der forensischen Linguistik.
Das dritte, ebenfalls wichtige und immer stärker in den Fokus rückende Gebiet ist die Forschung zur interkulturellen Kommunikation und Mehrsprachigkeit. ← 42 | 43 → Hier wird einerseits das Übersetzen von Gesetzestexten oder Normen besonders im Rahmen der EU untersucht (Maurizio Gotti/Williams 2010; Müller 2010; Kredens/Morris 2010; Engberg 2009; West 2009; Wimmer 2009). Andererseits wird die Mehrsprachigkeit und das Dolmetschen vor Gericht oder Behörden ein immer relevanteres Thema, teils auf der Basis von authentischen Daten (Öncü 2011; Cao 2010; Berk-Seligson 2009; Olsen et al. 2009; Angermeyer 2007; Donk 2003; Reichertz 1998; Donk 1996; Koerfer 1994a; Berk-Seligson 1990).
Als vierter Forschungsfokus gibt es aber auch immer wieder und immer mehr diskurs-/ gesprächsanalytische Arbeiten im Themengebiet Sprache und Recht, die auf authentischen Daten z. B. aus (Straf-)verhandlungen vor Gericht, Schlichtungsverfahren oder polizeilichen Verhören basieren (vgl. Coulthard/Johnson 2010). Diese stehen nicht nur methodisch der vorliegenden Arbeit nahe, sondern beziehen sich auch auf die institutionelle Anschluss- oder Vorgeschichten zum Mandantengespräch. Daher soll darauf in der Folge näher eingegangen werden.
Das im Themengebiet Sprache und Recht mit authentischen Gesprächsdaten wohl meistuntersuchte Feld ist das sprachliche Handeln vor Gericht, häufig das Strafverfahren.
Entsprechend weit sind die untersuchten Fragen und die methodischen und theoretischen Grundlagen der Untersuchungen. Untersucht wurde hier zum einen der Ablauf von Verfahren (Hoffmann 1983a, 1980), der ebenfalls formal in Verfahrensordnungen festgelegt ist (zur Konfrontation der Vorschriften mit Protokollen und Transkripten vgl. Seidel 1984; Luttermann 1996). Dieser vorgegebene Ablauf wird häufig bereits bei der Zeugenbelehrung verlassen und durch individuelle Formen der einzelnen vorsitzenden Richter ersetzt (Wolff/Müller 1997: 68ff., 1995; Breunung/Roethe 1989).
Im Gerichtsverfahren werden Fälle konstituiert (Hoffmann 2014, 2007), indem durch die Anwendung bestimmter Filterprozesse lebensweltliche Sachverhalte in rechtlich bearbeitbare transformiert und auf dieser Basis in ein Urteil überführt werden. Im Gegensatz zu der Situation im Mandantengespräch ist der Sachverhalt allerdings vor der Gerichtsverhandlung bereits einerseits vom Mündlichen ins Schriftliche (vgl. Seibert 1981) als auch andererseits in der Regel bereits durch Anwälte als Institutionsvertreter transformiert worden (vgl. Seibert 1981: 75ff.; Jeand’Heur 1998: 1292; zur Wissensgenerierung bei Gericht vgl. Hoffmann 2010, 1997). Bei Gericht wird auf der Basis von Akten agiert, ← 43 | 44 → in der Verhandlung wird aber der Fall erneut mündlich aufgerollt, denn es besteht das Prinzip der Mündlichkeit (zur kritischen Auseinandersetzung damit vgl. auch Seibert 1989). Richter fragen allerdings, anders als meist Anwälte im Mandantengespräch, nicht mehr unvoreingenommen, da sie die die Aktenlage und damit auch die Sichtweisen beider Seiten ja bereits kennen.
Zur Ermittlung des Sachverhalts durch verschiedene Frageformen, Reformulierungen oder direkte und indirekte Rede sowie deren Funktionen im rechtlichen Rahmen vgl. Holt/Johnson (2010: 25); zur Funktion von Fragen bei der Zeugenbefragung vgl. auch Hutchby/Wooffitt (2008: 142ff.). Auch Anwälte bevorzugen sowohl im Kreuzverhör als auch bei eigenen Zeugen geschlossene Frageformen (sog. CSQs, confirmations seeking questions) (Maley/Fahey 1991: 6f.), Wiederholungen und Reformulierungen (Maley/Fahey 1991: 8ff.) und setzen verschiedene Modalitäten strategisch ein (Maley/Fahey 1991: 13ff.). So behalten sie die Themensteuerung und sind in der Lage ‚ihre‘ Geschichte zu konstruieren (Maley/Fahey 1991: 6f., vgl. auch Scheffer 2003). Generell kommt den Institutionsvertretern maßgeblich die Steuerung und Kontrolle der Situation zu (Koerfer 1994b: 238).
Ist der Sachverhalt erarbeitet, ist der Weg der Entscheidungsfindung bis zum Urteil der nächste Schritt (Hoffmann 2010; Lautmann 2011/1972). Hier bestätigt sich in verschiedenen Studien gerade nicht das Bild des Richters als Subsumtionsautomat, sondern entscheidend sind hier vor allem mögliche Ergebnisse (Lerch 2010; Schumann 1979: 23), die Aktenlage aus dem staatsanwaltlichen Vorverfahren (Ludwig-Mayerhofer 1997), der Eindruck des Angeklagten (Leodolter 1975: 177, vgl. auch 241) sowie die Rekonstruktion des Sachverhaltes auf der Basis von Normalitätsfolien (vgl. Hoffmann 2002; Wolff/Müller 1997; Schröer 1992a: 233 in Bezug zum Mandantengespräch Sarat/Felstiner 1995: 43).
Nicht genau herauszufinden, was gewesen ist, sondern sich darauf zu verständigen, wie es nach menschlichem Ermessen gewesen sein könnte ist also die Perspektive von Entscheidungsprozessen vor Gericht. In diesem Sinne ist eine Aussage vor Gericht immer auch eine konstruktive Leistung, genauer, eine interaktive Konstruktion von hier und jetzt annehmbaren Wirklichkeiten (Wolff/Müller 1997: 117, Herv.i.O.).
Auf diesen Eindruck der Richter wirken Angeklagte, aber auch zum Teil Zeugen ein, indem sie Strategien zur Vermittlung von Glaubwürdigkeit verwenden und ihre Sachverhaltsdarstellungen entsprechend aufbauen. Hier sind einerseits das dem Angeklagten zur Verfügung stehende sprachliche Repertoire (Leodolter 1975: 234f.; Wodak 1985), aber auch die Formen der Sachverhaltsdarstellung von Angeklagten und Zeugen in ihrer institutionellen Einbettung entscheidend ← 44 | 45 → (Hoffmann 1983a; vgl. dazu auch Hoffmann 2007; 1991). Als Formen der Sachverhaltsdarstellung arbeitet Hoffmann für die Angeklagten prototypisch die erzählende Darstellung heraus, für Zeugen eine berichtende Darstellung (zum Überblick über Merkmale der Darstellungsformen vgl. Hoffmann 2001: 1549, 1983a: 284). Vor allem die erzählende Darstellung dient maßgeblich der Etablierung einer bestimmten Bewertung des Dargestellten. Die Aussagen von Zeugen untersucht Wolff (2010) unter dem Kriterium der Herstellung von Glaubwürdigkeit und beschreibt Zeugenbefragungen als eine „soziale Testsituation“ (Wolff 2010: 80), in der mit zunehmender Befragung nicht nur die Aussage, sondern die Person des Zeugen selbst in den Mittelpunkt rückt (Wolff 2010: 80). Zum Ablauf der Zeugenvernehmung im Rahmen der Verhandlung beim Jugendgericht vgl. Seidel (1984: 34ff.) und Reichertz (1984), in Straf- und Bußgeldverhandlungen vgl. Hoffmann (1983a: 238ff.).
Typische Kommunikationsprobleme im Gericht reichen von gesprächsstrukturellen Schwierigkeiten durch die Gesprächssteuerung des Richters (Fragmentierung der Sachverhaltsdarstellung etc.) über Schwierigkeiten der Experte-Laie-Kommunikation bei der Sachverhaltsdarstellung und deren Umsetzung in justitiable Fälle bis hin zu professionellen Strategien, wie dem Verbergen juristischer Relevanzen oder systematischen Irritationen, die der Verhandlung dann einen „zwangskommunikativen Charakter“ (Kallmeyer 1983: 149) verleiht, vgl. zu Kommunikationsproblemen vor Gericht auch Hoffmann/Nothdurft (1989); Hoffmann (1989b); Schröer (1984: 119ff., 146); Seibert (1983); zu Verbesserungsvorschlägen vgl. Hoffmann (1983a: 379ff.).
Neuere Arbeiten zum sprachlichen Handeln vor Gericht im angelsächsischen Raum sowie ein guter Überblick zu Japan, China, den Niederlanden finden sich in Tiersma/Solan (2012); Wagner/Cheng (2011). Zur niederländischen Strafverhandlung vgl. Sauer (1989); Maat/Sauer (1989). Für einen Überblick auch über ältere Arbeiten vgl. Hoffmann (2001, 1983b).
Als Alternative oder vorgeschaltet zum gerichtlichen Verfahren stehen als Möglichkeit der Streitbeilegung auch Schlichtungsverfahren als außergerichtliche Konfliktlösungsinstanzen zur Verfügung. Auch hierzu liegen Ergebnisse auf der Basis authentischer Daten vor. Relativ frühe Arbeiten dazu sind Nothdurft (1995b; 1997). Wohl nicht zuletzt aufgrund der Vielfalt des Materials gelingt es den Forschern nicht abschließend, Schlichtungsinteraktion zu beschreiben (zu methodischen Problemen bei der Untersuchung vgl. Nothdurft/Spranz-Fogasy 1991; zum Material vgl. Schröder 1997; Nothdurft 1995a: 12). Schlichten wird einerseits beschrieben als Handlungsschema mit den Komponenten „Herstellung der Schlichtungssituation“, „Rekonstruktion des Konflikts“, „Regelung des Konflikts“ und „Auflösung der Schlichtungssituation“ (Nothdurft 1995a: 14; vgl. ← 45 | 46 → dazu auch Schröder 1997; Klein/Nothdurft 1987: 549f.; ein etwas davon abweichendes Handlungsschema für Schlichtungsgespräche findet sich in Nothdurft/Spranz-Fogasy 1991: 225). Diese Komponenten beinhalten zum Teil weitere Teilaufgaben. Eine weitere Dimension von Schlichtungsverfahren wird in fünf Interaktionsqualitäten beschrieben (Nothdurft 1995a: 18ff.), mit denen jeweils das „Ganze“ (Nothdurft 1995a: 18) neben und in Verbindung mit dem Handlungsschema beschrieben werden kann. Die fünf Interaktionsqualitäten sind: „der verbale Charakter“, „der persuasive Charakter“, der fragile Charakter“, „der formale Charakter“ und „der inszenierte Charakter“ (ebd.). Als paradoxe Anforderungen der Situation werden das Ausmaß der Konfliktbesprechung, die Vermittlung zwischen institutionellem Hintergrund und alltagsweltlicher Gesprächssituation und dem Rollenkonflikt des Schiedsmannes zwischen Neutralität und Verantwortung gegenüber dem Geschädigten beschrieben (Nothdurft 1989; Klein/Nothdurft 1987: 548; zu Strategien des Schiedsmanns zur Regelung des Konflikts vgl. Klein 1987).
Als Formen der Sachverhaltsdarstellung werden Anschuldigungen rekonstruiert (Nothdurft 1997: 16ff.) und ergänzt durch ‚acht Stücke‘ (Nothdurft 1997: 31ff.; dazu auch Nothdurft 1984), „durch die die einzelnen Aspekte von Anschuldigungen beleuchtet werden“ (Nothdurft 1997: 31). Hier liegt, wohl aufgrund der verschiedenen Zwecke und Konstellationen der Gespräche, eine andere Form der Sachverhaltsdarstellung als im Mandantengespräch vor (vgl. Kapitel 7), ebenfalls unterscheidet sich, wer Anschuldigungen bzw. Probleme vorbringt (im Schlichtungsverfahren in der Regel der Schlichter (Nothdurft 1997: 16ff.), im Mandantengespräch in der Regel der Mandant, vgl. die Kapitel 6 und 7).
Den Ablauf (Makrostruktur) interkultureller Vernehmungen sowie Missverständnisse, die aber in den Gesprächen durch verständigungssicherndes Handeln bereits weitgehend behoben werden können, die argumentative Leistung der Beteiligten sowie die Herstellung sozialer Nähe beschreibt in einer neueren Arbeit zur polizeilichen Vernehmung Hee (2012). Die Arbeit basiert auf Videoaufzeichnungen verschiedener Vernehmungssituationen, von denen sechseinhalb Stunden untersucht wurden (Hee 2012: 49). Hee kommt zu dem Schluss, dass Zeugen- oder Beschuldigtenvernehmungen gleich kooperativ oder unkooperativ verlaufen können, was sie darauf zurückführt, dass „weniger der Gesprächstyp das Konfliktpotenzial darstellt, sondern vielmehr Gesprächsstrategien, Imagearbeit und andere Verfahren der Gesprächs- und Beziehungsgestaltung“ für das Gelingen ausschlaggebend sind (Hee 2012: 319). Andere Arbeiten fokussieren vielfach auf die Machtverhältnisse der Beteiligten mit dem Ergebnis, dass es die Verdächtigten sind, die trotz der institutionellen Macht der Polizisten (zur Beeinflussung von Vermerken und Protokollen durch Polizisten ← 46 | 47 → vgl. Kurt 1996) in der tendenziell mächtigeren Position sind. Beamte entwickeln daher eine bestimmte, wie Schröer es nennt, Haltung oder „personale Haltung“ (Schröer 2003a: 72; vgl. zu weiteren Haltungen Schröer 1996), die den Verdächtigten zu Aussagen bewegen soll. Er kontrastiert Vernehmungen mit Deutschen und türkischen Migranten (vgl. auch Schröer 2003b, 2002) und zeigt, dass Verhöre der Migranten für die Polizeibeamten wesentlich weniger erfolgreich verlaufen. Schröer erklärt dies damit, dass die Migranten aufgrund von schlechten gesellschaftlichen Integrationsprozessen keine Loyalität und damit auch keine Kooperationsverpflichtung gegenüber den deutschen Beamten haben. Allerdings sind diese Machtverhältnisse nicht absolut, sondern dynamisch zu verstehen, da auch in polizeilichen Vernehmungen mit sprachlichen Mitteln bis hin zur Anpassung der Prosodie oder des Stils Interaktion und gemeinsames Handeln hergestellt wird (Schwitalla 1996). Insgesamt ergeben sich aber dadurch widersprüchliche Anforderungen für die Polizisten (Schröer 1992b), die zwischen ihrer Sorgfaltspflicht auf der einen Seite und der strukturell benachteiligten Lage auf der anderen Seite stehen, die sie durch Strategien der Untergrabung der Entscheidungsmacht des Beschuldigten aufzulösen versuchen können (vgl. auch Schröer 1992a).
Ältere Arbeiten zur Polizeiarbeit und polizeilichen Vernehmung sind (Schmitz 1983; 1979; Banscherus 1977), basierend auf simulierten Vernehmungen mit echten Beamten und teilnehmender Beobachtung authentischer Verhöre, oder (Reichertz 1991), basierend auf teilnehmender Beobachtung einer Fahndungsabteilung der Polizei. Ein Sammelband ist Reichertz/Schröer (1992) mit Beiträgen auf der Basis erster authentischer Daten aus dem Feld. Neuere Arbeiten aus dem angelsächsichen Raum finden sich in Coulthard/Johnson (2010). Britische Polizeiverhöre untersuchen Stokoe/Edwards (2010) konversationsanalytisch, hier wird vor allem die Rolle der Anwälte beleuchtet, die die Lage des Verdächtigten durch verschiedene Aktivitäten unterstützen können.
Dem Mandantengespräch ist im Gegensatz zu dem oben skizzierten reichhaltigen Forschungsfokus Sprache und Recht, insbesondere der Kommunikation vor Gericht, bislang kaum Interesse zuteil geworden, was zunächst erstaunt, da es viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens betrifft, relativ bekannt und wichtig ist, weil hier oftmals über den Zugang zum Recht(ssystem) für den Einzelnen entschieden wird. Gründe, weshalb es bislang wenige Untersuchungen gibt, nennen Dannet et al. (1980), die ihren vergeblichen Versuch der Datenerhebung schildern. ← 47 | 48 →
Dennoch gibt es einzelne Untersuchungen, die sich aus verschiedenen Forschungsrichtungen und mit verschiedenen Motivationen und Zielsetzungen mit dem Mandantengespräch befassen (einen kritischen Überblick über Ergebnisse und deren Aussagekraft gibt Felstiner 2001). Entsprechend sind nicht alle Arbeiten zum Mandantengespräch auf der Basis authentischer Gesprächsdaten entstanden. Da sich aufgrund verschiedenen Materials verschiedene Perspektiven und Fragestellungen ergeben, werden die Arbeiten nach dem Kriterium der Datengrundlage dargestellt. Eine weitere Gruppe stellen die wenigen aus Anwaltssicht existierenden Ratgeber zum Mandantengespräch dar. Sie beruhen zwar allesamt nicht auf authentischem Material oder Forschungsergebnissen, greifen aber auf Praxiserfahrung zurück. Daher und weil hier die ‚Beforschten‘ selbst zu Wort kommen, kommt diesen Publikationen ein besonderer Stellenwert zu, weswegen sie ebenfall gesondert behandelt werden.
Arbeiten, die nicht mit authentischem Material arbeiten, beruhen in aller Regel auf Befragungen der Beteiligten. In vielen Arbeiten stehen die Rolle des Anwalts und die Beziehung zum Mandanten im Vordergrund, die in verschiedenen Dimensionen beleuchtet wird. Mather et al. (2001) untersuchen aus einer soziologischen Perspektive auf der Basis von halbstrukturierten Interviews mit Scheidungsanwälten in Maine und New Hampshire die Kontrolle über Klienten und deren Entscheidungen aus Sicht der Anwälte. Sie untersuchen u. a., inwiefern Klienten zur eigenen Entscheidungsfindung befähigt werden sollen bzw. inwiefern Anwälte als „Waffen“ der Klienten auftreten (vgl. das Kapitel 2.1.1 zur Diskussion in Deutschland). Ergebnis ist, dass es letztlich die Anwälte sind, die aufgrund ihres professionellen Wissens die stärkere Position gegenüber ihren Klienten haben und diese entsprechend nutzen (Mather et al. 2001: 88, 99, 107, 108; vgl. auch Mattel-Pegam 1985: 309f.; Schumann 1982: 282; Hosticka 1979: 607). Als Strategien, mittels derer Anwälte versuchen, die Klienten zu beeinflussen, nennen die Autoren eine Spanne zwischen verbalem Überzeugen und Erwartungsmanagement bis hin zur Prozessverzögerung und einer angedrohten Mandatsniederlegung (Mather et al. 2001: 87ff.).
Ein weiterer Aspekt, der die Rolle des Anwalts sowie seine Beziehung zum Mandaten prägt, ist das Verhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung in einem Mandat. Schumann bezeichnet es als eine „Schwachstelle“ (Schumann 1982: 277), dass die loyale Interessenvertretung und die dafür in Aussicht stehende Entlohnung in einem Widerspruch für den Anwalt stehen können (Schumann 1982: 275ff.). Wenn auch bei der Entstehung des Aufsatzes im ← 48 | 49 → Gegensatz zu der aktuellen Situation nur eine Abrechnung nach Streitwert möglich war, scheint das Spannungsverhältnis ansonsten nach wie vor aktuell (vgl. Kapitel 11). Auch Elbers et al. (2012: 92) zitieren Mandanten, die kritisierten, dass ihre Anwälte lediglich in Bezug auf die Rechnungen und Bezahlung Bestimmtheit oder Entscheidungsfreude zeigten. Dies deckt sich mit den Ergebnissen zu den Eigenschaften von Anwälten aus Mandantensicht (vgl. Kapitel 2.1.2).
Daneben ist aber auch der Anwalt in seiner professionellen Rolle erforscht worden. Als Merkmale professionalisierten anwaltlichen Handelns zeigen Eidmann/Roethe eine Orientierung an einer Konsensbeschaffung sowie eine Vermittlung zwischen Individuum und Gesellschaft (1991: 34f.), hier zwar auf der Basis authentischen Materials, aber ohne das Augenmerk auf sprachliche Formen und Strukturen zu legen. Auf der Basis von Interviews (hier mit Strafverteidigern) geht Wernet (1997) aus einer soziologischen Perspektive der Frage nach, inwiefern Ärzte und Anwälte im Hinblick auf professionstheoretische Überlegungen vergleichbar sind, und verortet beide Gruppen anhand von Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der Oevermannschen Professionalisierungstheorie, die er damit bezogen auf die Rolle der Strafverteidiger weiterentwickelt. Scheid (2008) untersucht professionssoziologisch mit dem Verfahren der objektiven Hermeneutik den Einfluss der Biographie des Professionellen auf eine gelungene professionelle Leistung ebenfalls auf der Basis von Interviews (hier mit einem Familienrechtler). Sie arbeitet heraus, dass das besonders Gelungene an der vom Anwalt dargestellten Interaktion mit einer seiner Mandantinnen darin besteht, dass er in der Lage war, Verständnis für die Situation und Wünsche der Mandantin aufzubringen (Scheid 2008: 8). Das dies sich aus Mandantensicht positiv auswirkt, zeigen Elbers et al. (2012). Sie untersuchen mit halbstrukturierten Interviews (im Verkehrsrecht) mit Mandanten die fünf von ihnen gewünschten Eigenschaften von Rechtsanwälten. Diese sind: „(a) communication, (b) empathy, (c) decisiveness, (d) independence, and (e) expertise“ (Elbers et al. 2012: 91). Betrachten wir vor allem die Ergebnisse zur Kommunikation (a) genauer, so zeigt sich, dass Klienten wünschen, dass Anwälte ihre ‚Geschichte‘ und ihre Meinung anhören und darauf reagieren; dass sie angemessen informiert werden möchten; und dass Mandanten mehr face-to-face- Kontakt wünschen, was ihnen das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden (Elbers et al. 2012: 91f.).
Auch zur Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant, vor allem im Hinblick auf die Verständlichkeit, wird ohne authentisches Material geforscht. Hier steht nicht immer das Mandantengespräch im Zentrum, sondern auch darüber hinaus der Schriftverkehr mit dem Mandanten. So untersucht Gelleszun-Koschke ← 49 | 50 → (2011) „schriftbasierte Kommunikation juristischer Inhalte“, die sich an Rechtslaien richten (Gelleszun-Koschke 2011: 3; zu anwaltlichem Schriftverkehr mit der Gegenseite vgl. Kurzon 1985). Gelleszun-Koschke kommt zu dem Schluss, dass vor allem Mittel verständlicher Formulierung (Kürze, leserfreundliche Satzbildung, Personalisierung, konkrete Beispiele) als hilfreich empfunden werden. Dagegen können aber vor allem zentrale Fachbegriffe Verstehenshürden bilden, ebenso wie die „Reduktion und Abstraktion der Wirklichkeit im Rahmen der rechtlichen Prüfung“, also die rechtsweltliche Perspektivierung des Sachverhalts, wenn der Empfänger diese nicht nachvollziehen kann (Gelleszun-Koschke 2011: 119). Die subjektive Einschätzung von Kommunikationsstörungen im Mandantengespräch erfragt Eckardt (2000: 105ff.) von 15 Anwälten mittels Fragebögen. Dazu nutzt sie das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun (2010/1981) und lässt die Anwälte Probleme entlang der vier Ebenen sowie bezogen auf die Art der Scheidung differenzieren (Eckardt 2000: 110). Sie kommt in ihrer Auswertung zu dem Schluss, dass aufgrund terminologischer Unsicherheit Verständigungsprobleme vor allem auf der Sachverhaltsebene auftreten, dass aber Probleme auf der Beziehungsebene den Kommunikationsprozess dennoch stärker behindern (Eckardt 2000: 125). Die Ermittlung der Ergebnisse erscheint zwar methodisch etwas fragwürdig, nichtsdestotrotz ist die Idee, Anwälte nach ihrer Bewertung zu befragen, sinnvoll (vgl. Kapitel 4.3.4). Hier wäre allerdings (auch in Verbindung mit Transkriptanalysen) interessant, diese (und weitere) Befragungsdimensionen im authentischen Material gemeinsam mit Anwälten zu verfolgen und auf diese Weise Einschätzungen zu Kommunikationsproblemen zu erfragen.
Ergebnisse ebenfalls ohne die Grundlage authentischer Daten liefern Anwälte auf der Basis ihrer Gesprächserfahrungen.
Ein (allerdings älterer) Ratgeber für Mandanten zum Umgang mit Anwälten ist Heussen (1995). Hier werden verschiedene Aspekte rund um das Mandat beleuchtet, das Mandantengespräch ist aber kein Thema des Bandes. Auch dies ist eine aufschlussreiche Auslassung – aus Anwaltssicht scheint es hier für Mandanten kein Informationsbedürfnis zu geben. Ebenfalls aufschlussreich ist es, in den Praxisratgebern zu verfolgen, wie und wo das Mandantengespräch bzw. allgemeiner die juristische Gesprächsführung aus Sicht der Praxis zu verorten ist. Bei der Auseinandersetzung mit den neu eingeführten Schlüsselqualifikationen zählt Paulus (2003: 5ff.) neben den im Gesetz benannten Schlüsselqualifikationen weitere auf. Dabei nennt er auch das Mandantengespräch und die Kommunikation (hier vor allem in Bezug auf Verwaltungsjuristen), verortet ← 50 | 51 → diese aber unter der sozialen Kompetenz (Paulus 2003: 6f.) und damit gleichzeitig als psychologisch. Auf „soziologische Grundlagen“ verweisen im Zusammenhang mit der juristischen Gesprächeführung Brinktrine/Schneider (2008: 48f). Die Linguistik als Disziplin hingegen findet in keinem anwaltlichen Ratgeber Beachtung. Auch Sprache, dem laut Paulus (Paulus 2003: 11) „gewissermaßen ureigenen Handwerkszeug des Juristen“, wird als eine weitere Schlüsselqualifikation benannt (Paulus 2003: 11f.), hier unter dem Titel „Sprache, Schreiben“ (Paulus 2003: 11). Obgleich er darauf hinweist, dass Sprache in geschriebener und gesprochener Form existiert, geht er allerdings nicht etwa auf die juristische Gesprächsführung ein, sondern bemängelt schlampigen und unpräzisen Umgang mit der Sprache (Paulus 2003: 11; vgl. auch Cunningham 2006: 1f.), wirft also einen normativen Blick darauf. ‚Sprache‘ bzw. die „sprachliche Ebene“ wird in einem anderen Beitrag kontrastiert mit der „inhaltlichen Ebene“ (Kasparek 1996: 72). „Die Sprache und sprachliche Kommunikation mit dem Mandanten ist kein Hauptanliegen anwaltlicher Tätigkeit […]. Dies gilt umso mehr, als Mißverständnisse fast nie auf sprachlicher, sondern fast immer auf inhaltlicher Ebene entstehen (z.B. deswegen, weil der Anwalt den Sachverhalt nicht genügend nachfragt und der Mandant von sich aus nicht darauf kommt, daß irgendeine Information wichtig ist)“ (Kasparek 1996: 72). Hier liegt eine merkwürdige Unterscheidung von inhaltlicher und sprachlicher Ebene vor, denn wenn das Nichtklären von Sachverhalt oder Ziel kein Problem auf sprachlicher Ebene ist, das sich mit einer guten Gesprächsführung vermeiden ließe, wäre interessant zu erfahren, was die Autorin unter einem Problem auf sprachlicher Ebene versteht. Interessanterweise scheinen sich Anwälte häufig nicht verantwortlich für die Gesprächsführung zu fühlen. So nennt Borutta (1996: 32) drei Faktoren, von denen „die Art und Weise der Gesprächsführung“ abhänge: Die Verfassung des Mandanten, der Problembereich sowie der zeitliche Rahmen. Erstaunlich ist, dass hier tatsächlich der Anwalt keine Einflussgröße darstellt.
Betrachtungen zur mündlichen Kommunikation scheinen generell noch immer maßgeblich der mündlichen (Gerichts-)Rede vorbehalten zu sein und sind somit im Gebiet der Rhetorik zu verorten (Engelken 2010; Haft/Eisele 2003: 351f.). Die Verständlichkeit von Fachsprache im Mandantengespräch, die ansonsten eher nicht als problematisch eingeschätzt wird, behandeln u. a. Ewer (2010); Creutz (2006).
Auch bekannte Kommunikationsmodelle finden Eingang in die anwaltliche Literatur. Betrachtet man ein Kapitel zur Gesprächsführung (Neumann/von Rosenstiel 2003) in einem Sammelband zu den Schlüsselqualifikationen, so findet man eine sehr eindimensionale Darstellung. Es wird maßgeblich auf ein Sender-Empfängermodell aufgebaut, das an jenes von Shannon/Weaver (1998: 33ff.) ← 51 | 52 → erinnert (Neumann/von Rosenstiel 2003: 151) und durch das Vier-Seiten- Modell von Schulz von Thun (2010/1981) ergänzt wird (Neumann/von Rosenstiel 2003: 154ff.). Modelle wie diese greifen zu kurz, da der interaktive Charakter von Gesprächen und die gemeinsame Herstellung von Verständigung zu wenig oder keine Beachtung findet. Daneben werden von Neumann/von Rosenstiel verschiedene Modelle von Gesprächsstilen gegeben, gespickt mit „konkreten Beispielen“, die allerdings in Form einer Interviewabschrift dargeboten werden und jegliche Authentizität vermissen lassen (Neumann/von Rosenstiel 2003: 177ff.) und damit in ihrem Anschauungswert fraglich werden. Ebenfalls auf erfundenen Dialogen basiert ein Beitrag von Schweizer (2008), der mittels einer fiktiven Fallgeschichte vor allem das Handeln des ebenfalls fiktiven Anwalts beschreibt. Es wird der Fall, angereichert u. a. durch Erkenntnisse aus NLP (Bandler/Grinder 2007/1981) und der Harvard Verhandlungsschule (Fisher et al. 2009/1984) in seinem Verlauf dargestellt und eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Da der Autor bewusst keine Theorie vorstellt, sondern diese in die Lerngeschichte einflicht, die er mit Verständnisfragen am Ende des Kapitels absichert, bleibt es offen, inwiefern die Ergebnisse verallgemeinerbar sind.
Betrachtet man die Aussagen aus Anwaltssicht zum Mandantengespräch und seinem Verlauf selbst, sind teilweise die Gespräche in ihren Phasen beschrieben worden (vgl. die Ausführungen dazu in Kapitel 5). Lochmann (2008) betont u. a. die Wichtigkeit des Gesprächsbeginns (der ersten zehn Sekunden) und empfiehlt, den Mandanten bei seiner Selbstdarstellung abzuholen (Lochmann 2008: 118). Damit bezieht er sich allerdings nicht auf die verbale Selbstdarstellung, sondern geht vor allem auf eine Synchronisation körperlicher Merkmale, es gehe darum, „ihn zu spüren“ (ebd.). Kommt es daraufhin zum Fragen durch den Anwalt, differenziert Lochmann zwar zwischen offenen und geschlossenen Fragen, die Wahl der richtigen Frageform macht er aber von der Einschätzung des Gegenübers (Lochmann 2008: 123) und nicht etwa anhand von verschiedenen Funktionen abhängig.
Dennoch existieren auch wenige Werke, die sich aus Anwaltssicht differenziert mit dem Mandantengespräch beschäftigen. Hier wird aber weder mit authentischem Material gearbeitet noch werden Gespräche systematisch untersucht. Häufig gehen die Publikationen auch über eine ausschließliche Auseinandersetzung mit dem Gespräch hinaus und behandeln weitere Fragen der Mandatsbearbeitung (Kilian 2008; Greiter 2008; Ponschab/Schweizer 2008; Römermann/Paulus 2003; Klinge/Klinge 1998; Borutta 1996; Kasparek 1996) oder beinhalten Ausführungen über das Rechtssystem und den Anwalt im Markt (Heussen 1999). Zu einer Diskussion der Ratgeberliteratur im Vergleich zu den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit siehe jeweils die entsprechenden Kapitel im Teil C. ← 52 | 53 →
In der Folge soll auf die wenigen Monographien von Seiten der Praxis, die sich ausschließlich mit dem anwaltlichen Mandantengespräch beschäftigen, eingegangen werden.
Klinge/Klinge (Klinge/Klinge 1998) sehen das Mandantengespräch in Verbindung mit der Konfliktbewältigung, also verschiedenen Möglichkeiten rechtlicher Bearbeitung und deren Aushandlung mit dem Mandanten. Sie gehen bei ihrem Verständnis von Kommunikation davon aus, dass es eine Sach- und eine Beziehungsebene gibt, die es jeweils zu berücksichtigen gibt. Neben Hinweisen zum aktiven Zuhören und der Unterscheidung verschiedener Frageformen geben sie auch ein Beispiel für ein komplettes Mandantengespräch, das allerdings ein erfundener Beispieldialog ist und in keiner Hinsicht kommentiert wird (Klinge/Klinge 1998: 32ff.).
Eine neuere Monographie zum Mandantengespräch stammt von König/Weth (2004a). König/Weth (2004b) beschreiben zunächst in einem ausführlichen Beitrag die Beratung des Mandanten. Dabei führen sie zunächst ihren Beratungsbegriff ein, indem sie „gute Rechtsberatung“ (König/Weth 2004b: 4) als „sowohl Experten- als auch Personale Beratung“ definieren. Unter Expertenberatung fassen König/Weth das Geben von Anregungen und Informationen (König/Weth 2004b: 3), personale Beratung zeichnet sich dadurch aus, dass keine Ratschläge gegeben werden, sondern Hilfe zur Selbsthilfe durch Fragen und Zuhören angeregt wird (ebd.). Dieses Beratungsverständnis beziehen die Autoren in der Folge auf das anwaltliche Mandantengespräch. Anhand eines erfundenen Beispielfalles werden viele Tipps gegeben, sowohl die Herleitung als auch die Umsetzung bleibt aber offen (z. B. „Entweder kommt diese erste freie Erzählphase des Mandanten von selbst zu einem Ende, oder man muss ihn anhalten“ (König/Weth 2004b: 15)). Hier bleibt sowohl offen, in welchen Fällen Mandanten zu einem Ende kommen, als auch wie und wann ein „Anhalten“ stattfindet). Eine konkretere Ebene wird auch beim Bezug auf die beiden Beratungstypen nicht erreicht, sodass offen bleiben muss, durch welche sprachlichen Mittel sich diese genau unterscheiden, wie diese im Gespräch manifestiert werden und vor allem, wie der Wechsel vollzogen werden kann. Ebenfalls bleibt offen, wie Expertenberatung und personale Beratung zueinander stehen, denn einerseits ist von „unterschiedlichen Formen von Beratung“ (König/Weth 2004b: 3) die Rede, andererseits von „Ebenen“ (König/Weth 2004b: 28), drittens ist es der Experte zu sein eine „Aufgabe des Beraters“ (König/Weth 2004b: 30). Grundsätzlich bleibt zu fragen, inwiefern es überhaupt möglich ist, zwei Beratungsformen oder -ebenen (oder Typen?), die sich durch unterschiedliche Zwecksetzung, unterschiedlichen Aufbau und unterschiedlichen Einsatz sprachlicher Mittel auszeichnen, zu verbinden. Das Mandantengespräch als personale ← 53 | 54 → Beratung ist sicherlich nicht nur den Anwälten selbst fremd, sondern entspricht m. E. ebenfalls nicht dem Zweck des Mandantengesprächs. Bei ihrem Ansatz wird von den Autoren verkannt, dass auch eine Expertenberatung durchaus Mittel wie (aktives) Zuhören, offene Fragen, das Besprechen einer konkreten Situation etc. (vgl. König/Weth 2004b: 18ff.) beinhalten kann, ohne dennoch grundsätzlich das Ziel einer Hilfe zur Selbsthilfe zu verfolgen, die im rechtlichen Kontext häufig gar nicht möglich ist oder vom Mandanten erwartet wird.
Eine weitere, weitaus ältere Monographie stammt von Bähring/Roschmann/Schäffner (1989). Hier wird auf der Basis einer „Theorie der Kommunikation“ (Bähring et al. 1989: 9ff), die aus zeichentheoretisch-strukturalistischen Abhandlungen, Kanälen der Kommunikation, die an (Shannon/Weaver 1998/1969) erinnern, und Kommunikationsmodellen nach Watzlawick (2011/1967) gearbeitet. Das Mandantengespräch wird vor diesem Hintergrund hauptsächlich auf seine Sach- und Beziehungsebene reduziert. Auf der Sachebene identifizieren die Autoren die unterschiedliche „Relevanzstruktur beider Kommunikanten“ (Bähring et al. 1989: 32), die relevante Ausschnitte ihrer jeweiligen Wissensbestände gegenseitig transparent machen müssen. Unter der „kommunikativen Beziehung“ (ebenfalls unter dem Stichwort ‚Sachebene‘) führen Bähring et al. (1989: 34f.) die Gesprächsphasen auf, die mit den jeweiligen kommunikativen und mentalen Tätigkeiten der Beteiligten verknüpft werden (z. B. „1. Phase: Mandant informiert Anwalt“; „3. Phase: Anwalt subsumiert“). Dabei bleibt zum einen unklar, inwiefern diese Phasierung in Verbindung mit der „kommunikativen Beziehung“ steht, darüber hinaus ist die Darstellung unvollständig (Zielsetzung fehlt völlig, Handlungsoptionen werden nicht eingeräumt – der Anwalt wird rein als Subsumtionsautomat dargestellt; eine etwas abgemilderte Darstellung findet sich allerdings auf Seite 39ff.) und nicht empirisch oder theoretisch fundiert. Unter die Beziehungsebene summieren die Autoren vor allem den Ausdruck von Mitgefühl, Verständnis oder emotionale Unterstützung (Bähring et al. 1989: 37ff.). Für ihre Hinweise zur Verbesserung der Kommunikation beziehen die Autoren (Bähring et al. 1989: 67ff.) zuletzt dann auch das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun (1977, zit. n. Bähring et al. 1989) mit ein, indem sie entlang der vier Seiten einer Nachricht verschiedene Lesarten von erfundenen Beispielsätzen (aber nicht Gesprächen) illustrieren. Im Anschluss daran nennen sie Feedbackregeln für Anwälte (Bähring et al. 1989: 87ff.) und kommen damals schon zu der Empfehlung, kommunikative Fähigkeiten in Seminaren zu trainieren (Bähring et al. 1989: 96). Dieses Werk ist trotz der beschriebenen Mängel ein Vorreiter, da hier sehr früh bereits überhaupt das Mandantengespräch als eigenständiger Forschungs- und sogar Weiterbildungsgegenstand erkannt wurde. ← 54 | 55 →
Untersuchungen, die authentische Mandantengespräche erheben, untersuchen naturgemäß stärker kommunikative Phänomene. Hier liegen einige Einzeluntersuchungen, meist als Aufsatzpublikationen, zu je einzelnen Handlungskomponenten des Mandantengesprächs oder Gesprächsmechanismen vor.
So vergleicht Hosticka (1979) die Redeanteile und Möglichkeiten der Themensteuerung der Beteiligten auf der Basis von teilnehmender Beobachtung von Mandantengesprächen in einem „legal-services-for the-poor program“. Er kann zeigen, dass Anwälte wesentlich häufiger unterbrechen (Hosticka 1979: 604f.), dass Anwälte mit einem Anteil von einem Viertel der Fragen als Suggestivfragen den Klienten und das Thema steuern (Hosticka 1979: 605f.). Mandanten fragen hingegen kaum nach Handlungsmöglichkeiten oder Informationen, während Anwälte dazu tendieren, vor allem Handlungsoptionen zu entwickeln und Klienten über ihre Situation zu informieren (Hosticka 1979: 607). Zu diesen Befunden kommen ebenfalls Bogoch/Danet (1984). Sie untersuchen die Strategien, mit denen die beobachtete Anwältin im Gespräch ihre dominante Position etabliert und aufrechterhält. Neben den genannten ermitteln sie Strategien wie eine Themensteuerung, eine Herabstufung der Informationen des Klienten bei Hochstufen eigener Äußerungen sowie Wiederholungen oder Fragen, auf die die Antwort des Klienten nicht abgewartet wird. Entsprechend der Ergebnisse bescheinigen die Autoren dem untersuchten anwaltlichen Erstgespräch eine starke Ähnlichkeit zum Kreuzverhör vor Gericht (Bogoch/Danet 1984: 261, 270).
Den Gesprächsbeginn eines Erstgesprächs untersuchen Seyfarth et al. (1996). Schon bei der Lektüre des kurzen Ausschnittes wird deutlich, dass sich in den letzten fast 20 Jahren wenig verändert zu haben scheint. Denn es zeigen sich in dem von ihnen untersuchten Gesprächsausschnitt Phänomene wie eine Engführung durch die Eröffnungsinitiative, frühes Unterbrechen, ein Fokus weg von den Relevanzen der Mandantin hin zu rechtlich relevanten Fakten, die auch im hier untersuchten Korpus zu beobachten sind (vgl. Kapitel 6) und das, obwohl diesem Vorgehen bereits damals negative Folgen bescheinigt wurden:
Wie immer das Gespräch sich weiter entwickeln kann, der Bruch an dieser Stelle bedeutet für die Mandantin objektiv eine Brüskierung. Ihr wird signalisiert, daß das Interesse an ihrer Sichtweise und den Hintergründen […] begrenzt ist. […] Der Frage-Antwort-Modus […] zerstört das Gespräch, kaum daß es beim zentralen Thema der Trennung angelangt war (Seyfarth et al. 1996: 41).
Inwiefern sich anwaltliche Beratung konfliktverstärkend auswirken, untersuchen Sprondel et al. (1995; vgl. auch Sprondel et al. 1998). Ihre Ergebnisse sind, dass in der Erstberatung Gegnerschaft in Form von „juristische[r] Gegnerschaft“ ← 55 | 56 → (Sprondel et al. 1995: 70) erst geschaffen wird und sich auch auf private Gegnerschaft übertragen kann, was konfliktverschärfend wirken kann. Als konfliktentschärfend wiederum erweist sich, wenn Klienten eine vorgängige Autonomie im Hinblick auf Situationseinschätzung und Handlungsmöglichkeiten mitbringen oder wenn Anwälte das Delegationsansinnen der Klienten zurückweisen (Sprondel et al. 1995: 71), dazu gehört aber auch, zunächst größeren Wert auf das Fallverstehen und die Ziele der Klienten zu legen (Sprondel et al. 1995: 93).
Mit welchen sprachlichen Mitteln sich der Anwalt in einem amerikanischen Mandantengespräch als „standing-for the client“ (Kozin 2007: 174) und damit in seiner professionellen Identität als juristischer Experte und Repräsentant des Mandanten etabliert, untersucht Kozin (2007). Kozin beobachtet eine sich in der Interaktion neu definierende Beziehung der Beteiligten, die sich anhand der Verwendung und Veränderung von Pronomina („Sie“, „wir“, „ich“) oder einem Tätigwerden bereits im Gespräch zeigt (vgl. dazu auch Kapitel 11). In seiner Analyse sowie seinen Ergebnissen legt Kozin allerdings das Augenmerk nicht auf den Zweck des untersuchten Gesprächs und berücksichtigt daher die Frage nach einem Zustandekommen des Mandats nicht, sondern stellt ausschließlich auf die Identitätskonstruktion der Beteiligten ab, ebenso wenig beleuchtet er sprachliches Handeln kritisch, z. B. eine Engführung durch Fragen des Anwalts, keine Zielklärung, kaum Redeanteil des Mandanten – zumindest soweit aus den präsentierten Ausschnitten ersichtlich.
Ein weiteres in Mandantengesprächen viel untersuchtes Thema sind Divergenzen in der Bewertung oder unterschiedliche kommunikative Relevantsetzung verschiedener Themen und einzelner thematischer Aspekte. Bereits 1985 bemerkt Schröder im Kommentar zum Gespräch „Mieterhöhung“:
Das Besondere an dieser Situation ist, daß die Ratsuchende zwar durchaus ein Problem hat, für das der Berater im Rechtsamt zuständig ist, daß aber diese Ratbedürftigkeit sicher nur einen Teil ihres Anliegens in dieser Situation ausmacht; vor allem aber möchte sie auch einmal ihr Herz ausschütten wegen der Hinterhältigkeiten ihrer Vermieterin, unter denen sie zu leiden hat (Schröder 1985: 21).
Dies ist ein Phänomen, das Anwälte nach wie vor häufig beklagen. Der Aufbau von Sachverhaltsdarstellungen sowie der Stellenwert der Funktion des „Herz-Ausschüttens“ werden in der vorliegenden Arbeit detailliert untersucht (vgl. Kapitel 7.6). Sarat/Felstiner (1995) untersuchen die Interaktion zwischen Anwalt und Mandant vor allem im Hinblick auf die Aushandlung und Herstellung des Sachverhalts (meaning) vor dem Hintergrund der verschiedenen Perspektiven der Beteiligten sowie bezogen auf die Machtstrukturen (power), die dabei konstruiert und ebenfalls (weiter-)entwickelt und bearbeitet werden (vgl. auch ← 56 | 57 → Sarat/Felstiner 1988). Sie zeigen, dass es im Mandantengespräch nicht nur um das bloße gegenseitige Auffüllen von Wissenslücken geht (Sarat/Felstiner 1995: 151). Sarat/Felstiner (1995) beobachten aber ebenfalls an verschiedenen Stellen eine „elusiveness that characterizes the meaning-making process“ (Sarat/Felstiner 1995: 52). Ähnliche Befunde finden sich auch in der vorliegenden Arbeit (vgl. v. a. Kapitel 11). Maley et al. (1995) betonen, es sei Aufgabe des Anwalts zwischen den beiden Welten, dem „discourse of legal principles, rules and categories“ des Anwalts (Maley et al. 1995: 46, allerdings auch regelkritisch, vgl. Sarat/ Felstiner 1989) und dem „discourse of acts and personal relationship“ des Klienten (Maley et al. 1995: 46) zu vermitteln. Dies geschieht häufig, so beobachten die Autoren, nicht nur dadurch, dass der Anwalt ausschließlich den für ihn als typisch angenommenen spezialisierten Sprachgebrauch zeigt, sondern er kann strategisch auch einen klientennäheren Stil einsetzen, um so überzeugender zu wirken (Maley et al. 1995: 49). Darüber hinaus beobachten die Autoren ebenfalls eine Varianz im Kommunikationsstil der Klienten und zeigen, dass sich vor allem unerfahrene Klienten eines „narrartive and relational [discourse, I.P.]“ (Maley et al. 1995: 47) bedienen (Erfahrung mit Mandantengesprächen als Einflussgröße auf kommunikatives Handeln zeigt sich auch im vorliegenden Korpus, vgl. Kapitel 7.5).
Die Darstellung und Vermittlung von Recht und dem Rechtssystem durch den Anwalt ist Teil der Überbrückung der verschiedenen Welten (Sarat/Felstiner 1986: 108; vgl. dazu auch Sarat/Felstiner 1989). Dazu gehört, den Klienten zu vermitteln, welche Ziele sie realistischerweise erreichen können und zu hohe Erwartungen zu korrigieren (Sarat/Felstiner 1986: 127; vgl. auch Schumann 1982: 286). Dazu kommt, Mandanten in Richtung einer rechtlichen Betrachtungsweise ihres Sachverhaltes zu bewegen: „In the criminal case this means that lawyers must help the client come to terms with dropping the pretense of innocence; in divorce work this means that lawyers must help their clients view the emotional process of dissolving an intimate relationship in instrumental terms“ (Sarat/Felstiner 1986: 116). Wie sich hier bereits andeutet, spielt auch der Umgang mit Emotionen eine Rolle. Sarat/Felstiner schreiben den Darstellungen der Klienten einen relativ hohen emotionalen Anteil zu, von dem der Anwalt sich dann einerseits distanzieren muss, gleichzeitig dem Klienten aber auch signalisieren sollte, auf seiner Seite zu stehen (Sarat/Felstiner 1986: 122). Auch Mather et al. (2001: 91) beobachten diesen emotionalen Anteil, ebenfalls in Bezug auf Scheidungsmandate. Dagegen finden sich aber auch Aussagen, die den Darstellungen in Scheidungsmandaten keinen besonders hohen emotionalen Anteil bescheinigen bzw. zeigen, dass auch in anderen Rechtsgebieten Mandanten ihre Fälle wichtig nehmen (Hommerich/Kilian 2007: 55; Sprondel et al. 1995: 22f.; ← 57 | 58 → Eidmann/Roethe 1991: 17, 34). Inwiefern emotionale Anteile von Mandanten in welcher Form verbalisiert werden, vor allem aber, welche Funktion diese erfüllten, wird bislang nicht untersucht (vgl. dazu die Kapitel 7 und 9).
Auch die unterschiedlichen Präferenzen zu verschiedenen Handlungsoptionen können sich zwischen Anwalt und Mandant unterscheiden. So zeigt Reitemeier (1994: 256) in einer Analyse eines Mandantengesprächs, dass der Anwalt im Hinblick auf die Problemlösungsmöglichkeiten einen Fokus auf diejenige legt, die seine eigene Gewinnmaximierung unterstützt. Inwiefern hier den Anwälten dies allerdings als Intention zu unterstellen ist oder ob nicht viel eher ein strukturelles Handlungsproblem anzunehmen ist, ist zu diskutieren (vgl. Kapitel 11).
Ebenfalls untersucht ist die Falltransformation, die im anwaltlichen Erstgespräch angestoßen wird und sich daher hier besonders gut beobachten lässt. So zeigt Kozin (2008), wie in einem amerikanischen Fall aus dem Strafrecht „an object of discourse“ (im gezeigten Beispiel wird ‚illegal weapon‘ zu ‚dangerous weapon‘) in verschiedenen Stadien der rechtlichen Bearbeitung – zunächst im Gespräch zwischen Anwalt und Mandant – dann über verschiedene Formen der Verschriftlichung (aus den Polizeiunterlagen oder den Notizen des Anwalts) verändert und so als juristisches Argument weiterentwickelt wird. Gerade durch die Notwendigkeit, Fälle in rechtlich bearbeitbare Kategorien transformieren zu müssen, bildet sich aber auch eine strukturell stärkere Position der Anwälte heraus (Hosticka 1979: 608). Bezogen auf die Transformation zeigen Harenburg/Seeliger (1979: 77ff.), dass sich Anwälte häufig sogenannter apokrypher Regeln und Verfahren sowie apokrypher Reduktion der Problematik bedienen, was dazu führt, dass es häufig zu unvollständigen Lösungen ohne die Berücksichtigung aller Alternativen kommt. Ihr Korpus besteht aus aufgezeichneten, aber simulierten Gesprächen mit jeweils demselben Sachverhalt, weshalb ein Vergleich der anwaltlichen Transformation besonders gut zu beobachten ist. Sie zeigen, dass die 30 untersuchten Anwälte teils zu gegensätzlichen Einschätzungen gelangen und dass 75% der Anwälte die Lösung auf „rechtlich nicht korrekte Weise erzielt“ haben (Harenburg/Seeliger 1979: 73). Dies scheint aber – zumindest im angelsächsischen Case-Law-System – nicht von Nachteil zu sein, denn Sarat/Felstiner (1995: 85ff.) zeigen, dass es im Mandantengespräch und vor allem im folgenden Prozess weniger auf das juristische Wissen des Anwalts ankommt, sondern vielmehr auf seine Reputation bei dem betreffenden Gericht, seine Beziehungen zu den Richtern und anderen Verfahrensbeteiligten (vgl. auch Sarat/Felstiner 1989: 1674 „The message to the client is that it is the judge, not the rules, that really counts“) sowie nicht unwesentlich auf die monetäre Stärke des Klienten (Sarat/Felstiner 1995: 107; vgl. auch Sarat/Felstiner 1986: 102ff.). ← 58 | 59 → Zu bedenken ist aber, dass sich die Ergebnisse auf das Case Law beziehen, das mit der Situation auf dem europäischen Festland mit Civil Law nicht unmittelbar vergleichbar ist (vgl. dazu Scheffer/Hannken-Illjes 2007). Entsprechend sind diese Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf die Situation in Deutschland zu übertragen.
Anhand eines interkulturellen Mandantengesprächs zeigen Becker/Perdue (1982), dass „beide Gesprächspartner verschiedene Vorstellungen über das Thema und das Ziel des Gesprächs [haben]“ (Becker/Perdue 1982: 104f.). Diese Schwierigkeiten kommen hier maßgeblich durch die begrenzten diskursiven Fähigkeiten (Becker/Perdue 1982: 115ff.) des türkischen Mandanten, der einen deutschen Anwalt aufsucht, zustande. Sie führen dazu, dass er das Anliegen unverständlich, d. h. uneindeutig und zusammenhangslos darstellt und dass der Anwalt seinerseits daraus Schlüsse zieht, die sich als falsch herausstellen. Eine weitere Untersuchung zu interkulturellen Daten von Mattel-Pegam (1985) ergibt Ähnliches. In beiden Arbeiten werden einige Aspekte deutlich, die auch in der vorliegenden Arbeit ähnlich Ergebnis der Analysen sind (vgl. die Kapitel 7, 8 und 9) und die sich u. a. mit der in anderen Arbeiten beschriebenen Problematik der verschiedenen „Welten“ erklären lassen würden. Da sich also auch in intrakulturellen Begegnungen, die das vorliegende Korpus repräsentiert, ähnliche Problematiken finden lassen, wäre hier die Frage zu stellen, ob nicht in den beiden genannten Arbeiten Probleme institutionell-struktureller und interkultureller Ursache vermischt werden. Hier würde m. E. eine klarere Trennung den Fokus von der interkulturellen Problemzuschreibung (die teils sicherlich berechtigt ist) etwas zurücknehmen. Auf kommunikative Schwierigkeiten im intrakulturellen Kontext weist Sherr (1986) auf der Basis von aufgezeichneten Gesprächen hin, allerdings mit angehenden Anwälten in der Ausbildung. „The lawyers were generally not good at giving their clients the opportunity to tell their own story and to agree or disagree with the lawyers’ view of the facts and law. They were also poor at informing the clients of the details of what was going to happen or what might happen on their case“ (Sherr 1986: 343).
1 Eine genderneutrale Schreibweise gestaltet sich aufgrund der A-Umlautung (Anwalt – Anwältin) sehr unübersichtlich und die Lesbarkeit leidet. Daher habe ich mich trotz besseren Wissens (vgl. Khosroshahi 1989) gegen einen geschlechtsneutralen Sprachgebrauch entschieden und verwende in dieser Arbeit das generische Maskulin. In den diskutierten Fallbeispielen hingegen verwende ich das Genus entsprechend des Geschlechts der in den Gesprächen handelnden Personen, ebenso bei der Beschreibung des Projekts und den konkret Beteiligten.
2 Hesse unterscheidet primäre und sekundäre Adressaten des Rechts. Unter erstere fallen die „Stabsangehörigen“, zweitere sind das „Volk“ Hesse (2004: 97).
3 „Mandant: ‚Klient eines Rechtsanwalts‘. Eigentlich ‚der Anvertrauende‘ zu lat. mandare ‚anvertrauen, beauftragen‘“ Kluge (2002: 594); „Mandat: ‚Auftrag, Amt‘. Entlehnt aus lat. mandatum ‚Auftrag, Befehl‘, dem substantivierten PPP von lat. mandare ‚übergeben, anvertrauen‘ zu lat. manus ‚Hand‘ und dare ‚geben, reichen‘“ (ebd.).
4 Von lat. ponere ‚setzen‘; positives Recht bezeichnet die Rechtsnormen, die effektiv gelten Creifelds/Weber (2007: 931).
5 Neben Lebenswelt wäre auch Alltagswelt ein alternativer Begriff. Beide werden in der linguistischen Literatur verwendet (vgl. zum Begriff der Lebenswelt v.a. Habermas 1981: 182ff.). Die Verwendung des Begriffes Lebenswelt in der vorliegenden Arbeit hat verschiedene Gründe. Zum einen wird Alltag (zumindest aus Sicht der funktionalen Pragmatik) als eine der Institution übergeordnete Kategorie verstanden (vgl. Ehlich/Rehbein 1980, vgl. auch Meer 2011), die Begriffe Alltag und Institution beziehen sich hier vor allem auf das Handeln und seine Bedingungen innerhalb und außerhalb gesellschaftlicher Institutionen. Lebenswelt hingegen meint jene gesellschaftlichen Zusammenhänge und Ereignisse, die in der Rechtswelt als Tatbestände typisiert werden. Lebenswelt wird also hier vor allem in Kontrast zur Rechtswelt verstanden, Alltag und Institution wären diesen überzuordnen. Daher scheint die Bezeichnung Lebenswelt im Zusammenhang mit der Bezeichnung Rechtswelt geeigneter als Alltagswelt. Darüber hinaus kennt auch die juristische Literatur die Lebenswelt bzw. lebensweltliche Sachverhalte, die hier im Gegensatz zur Rechtswelt stehen Creifelds/Weber (2007: 1137), was zusätzlich für die Verwendung spricht.