Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-erteilte-restschuldbefreiung-und-der-insolvenzbeschlag-auf-den-neuerwerb-373959
Timestamp: 2019-10-19 07:44:15
Document Index: 181036433

Matched Legal Cases: ['§ 203', '§ 35', '§ 38', '§ 37', '§ 287', '§ 35', '§ 287', '§ 287', '§ 35', '§ 287', '§ 287', '§ 35', '§ 300', '§ 300', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 300', '§ 300', '§ 299', '§ 287', '§ 300', '§ 299', '§ 300', '§ 35', '§ 300', '§ 35', '§ 295', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die erteil­te Rest­schuld­be­frei­ung – und der Insol­venz­be­schlag auf den Neu­erwerb | Rechtslupe
Nach Ertei­lung der Rest­schuld­be­frei­ung im andau­ern­den Insol­venz­ver­fah­ren ent­fällt der Insol­venz­be­schlag für den Neu­erwerb ab dem Zeit­punkt des Ablaufs der Abtre­tungs­er­klä­rung, auch wenn er von die­ser nicht erfasst wäre.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wur­de auf den Antrag des Schuld­ners im April 2004 über sein Ver­mö­gen das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net. Im Sep­tem­ber 2010 wur­de dem Schuld­ner nach Ablauf der Abtre­tungs­er­klä­rung die Rest­schuld­be­frei­ung erteilt. Nach­dem der Insol­venz­ver­wal­ter im Hin­blick auf etwai­ge Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che die Nach­trags­ver­tei­lung bean­tragt hat­te, hob das Insol­venz­ge­richt im Novem­ber 2012 das Insol­venz­ver­fah­ren nach Voll­zug der Schluss­ver­tei­lung auf und ord­ne­te die Nach­trags­ver­tei­lung wegen etwai­ger Erstat­tungs­an­sprü­che des Schuld­ners aus der Lohn- und Ein­kom­men­steu­er und aus den Soli­da­ri­täts­bei­trä­gen für die Ver­an­la­gungs­jah­re 2007 bis 2012 gegen das zustän­di­ge Finanz­amt an, für das Ver­an­la­gungs­jahr 2012 in Höhe von 10/​12 des Erstat­tungs­an­spruchs. Zu Unrecht, wie jetzt der Bun­des­ge­richts­hof befand:
Die Nach­trags­ver­tei­lung durf­te gemäß § 203 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 InsO wegen der Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che des Schuld­ners gegen das zustän­di­ge Finanz­amt aus Lohn- und Ein­kom­men­steu­er und Soli­da­ri­täts­bei­trä­gen für die Ver­an­la­gungs­jah­re 2011 und 2012 nicht ange­ord­net wer­den, auch wenn die Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che für die­se Ver­an­la­gungs­jah­re ohne die Ertei­lung der Rest­schuld­be­frei­ung gemäß § 35 Abs. 1 InsO als Neu­erwerb in die Mas­se gefal­len wären, sofern der Schuld­ner wäh­rend des lau­fen­den Insol­venz­ver­fah­rens die Lohn­steu­er abge­führt (§ 38 EStG) oder Vor­aus­zah­lun­gen auf die Ein­kom­men­steu­er (§ 37 EStG) geleis­tet hat 1. Denn nach Ablauf der Abtre­tungs­er­klä­rung im April 2010 und der dem Schuld­ner rechts­kräf­tig erteil­ten Rest­schuld­be­frei­ung ist trotz Fort­dau­er des Insol­venz­ver­fah­rens durch § 287 Abs. 2 InsO zum Ablauf der Abtre­tungs­frist eine zeit­li­che Beschrän­kung der Wir­kun­gen des § 35 Abs. 1 Alt. 2 InsO ein­ge­tre­ten. Sie gilt ent­ge­gen der Ansicht des Beschwer­de­ge­richts nicht nur hin­sicht­lich des Neu­erwerbs, wel­cher der Abtre­tungs­er­klä­rung unter­fal­len wäre 2, was für die Ansprü­che auf Erstat­tung von Lohn- und Ein­kom­men­steu­er­zah­lun­gen nicht zutraf 3, son­dern auch für den Neu­erwerb, der nicht unter die Abtre­tung nach § 287 Abs. 2 InsO gefal­len wäre 4. An die­ser Ansicht hält der Bun­des­ge­richts­hof wei­ter­hin fest.
Nach ganz über­wie­gen­der Ansicht in der Lite­ra­tur steht dem Schuld­ner, dem die Rest­schuld­be­frei­ung rechts­kräf­tig vor Auf­he­bung des Insol­venz­ver­fah­rens erteilt wird, und nicht der Mas­se der gesam­te pfänd­ba­re Neu­erwerb nach Ablauf der Lauf­zeit der Abtre­tung zu 5. Aus­ge­nom­men soll nur der Erwerb sein, der dem Grun­de nach schon vor dem Ablauf der Lauf­zeit der Abtre­tungs­er­klä­rung ange­legt ist 6. Um einen sol­chen geht es hier nicht.
Der Rege­lungs­zweck des § 287 Abs. 2 InsO und die von ihm bewirk­te zeit­li­che Begren­zung der Wir­kung des § 35 Abs. 1 Alt. 2 InsO beschrän­ken sich nicht auf den Neu­erwerb, der unter eine andau­ern­de Abtre­tung nach § 287 Abs. 2 InsO fie­le. Die Vor­schrift ver­folgt auch den Zweck, dem red­li­chen Schuld­ner – auch dem selbst­stän­dig täti­gen – sechs Jah­re nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens einen wirt­schaft­li­chen Neu­an­fang zu ermög­li­chen 7. Die­ser Zweck wird nicht erreicht, wenn ihm die hier­für not­wen­di­gen Mit­tel genom­men wer­den. Zu die­sen Mit­teln zäh­len nicht nur die von der Abtre­tungs­er­klä­rung umfass­ten Bezü­ge, son­dern der gesam­te Neu­erwerb. Ande­ren­falls wäre etwa dem selbst­stän­dig täti­gen Schuld­ner, des­sen Ein­künf­te von der Abtre­tung nach § 287 Abs. 2 InsO in der Regel nicht erfasst wer­den 8, ein wirt­schaft­li­cher Neu­an­fang nicht mög­lich, wenn der Insol­venz­ver­wal­ter die selbst­stän­di­ge Tätig­keit nicht nach § 35 Abs. 2 InsO frei­ge­ge­ben hat.
Die­ses Ver­ständ­nis 9 hat sich im Übri­gen der Gesetz­ge­ber mit der ab dem 1.07.2014 gel­ten­den Neu­re­ge­lung zu Eigen gemacht. Nach § 300a InsO nF gehört das Ver­mö­gen, das der Schuld­ner nach Ende der Abtre­tungs­frist erwirbt, nicht mehr zur Insol­venz­mas­se, sofern dem Schuld­ner die Rest­schuld­be­frei­ung erteilt wird.
Ent­spre­chen­des gilt, wenn dem Schuld­ner die Rest­schuld­be­frei­ung vor­zei­tig unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 300 Abs. 1 Satz 2 InsO nF erteilt wird.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Febru­ar 2014 – IX ZB 23/​13
vgl. BGH, Beschluss vom 12.01.2006 – IX ZB 239/​04, NJW 2006, 1127 Rn. 13 ff[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 03.12 2009 – IX ZB 247/​08, BGHZ 183, 258 Rn. 30 ff, 37[↩]
BGH, Urteil vom 21.07.2005 – IX ZR 115/​04, BGHZ 163, 391, 392 f; Beschluss vom 12.01.2006 – IX ZB 239/​04, NJW 2006, 1127 Rn. 9[↩]
BGH, Beschluss vom 22.04.2010 – IX ZB 196/​09, NZI 2010, 577 Rn. 9[↩]
K. Schmidt/​Henning, InsO, 18. Aufl., § 300 Rn. 6; Graf-Schli­cker/K­e­xel, InsO, 3. Aufl., § 300 Rn. 12; HK-InsO/­Land­fer­mann, 6. Aufl., § 299 Rn. 9; Braun/​Lang, InsO, 5. Aufl., § 287 Rn. 15; Pape in Pape/​Uhländer, InsO, § 300 Rn. 31; Hmb­Komm-InsO/S­treck, 4. Aufl., § 299 Rn. 6; FK-InsO/Ah­rens, 7. Aufl., § 300 Rn. 14; Ahrens in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 35 Rn. 127; Wen­zel in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2012, § 300 Rn. 6; Ahrens, LMK 2010, 303289; Schmer­bach, NZI 2010, 54, 55; Bütt­ner, ZIn­sO 2010, 1025, 1037 f; Wede­kind, VIA 2010, 1, 3; Mar­ti­ni, juris­PR-InsR 2/​2010 Anm. 2; Pape, Gedächt­nis­schrift Man­fred Wolf, 2011, S. 484, 499; a.A. Hein­ze, ZVI 2008, 416, 419; Heyer, ZVI 2010, 72, 73 f[↩]
Ahrens in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, aaO § 35 Rn. 127; HK-InsO/­Land­fer­mann, aaO; Pape, Gedächt­nis­schrift Man­fred Wolf, aaO; Tetzlaff, WuB – VI A § 295 1.10; Grote/​Pape, ZIn­sO 2013, 1433, 1445[↩]
BGH, Beschluss vom 03.12 2009 – IX ZB 247/​08, BGHZ 183, 258 Rn.20, 21; vom 11.04.2013 – IX ZB 94/​12, NZI 2013, 601 Rn. 10[↩]
BGH, Urteil vom 15.10.2009 – IX ZR 234/​08, NZI 2010, 72 Rn. 11 ff[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 03.12 2009 – IX ZB 247/​08, BGHZ 183, 258; vom 22.04.2010 – IX ZB 196/​09, NZI 2010, 577[↩]
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