Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BVerfG&Datum=20.10.2006&Aktenzeichen=2%20BvR%201742/06
Timestamp: 2019-05-24 00:20:08
Document Index: 341987069

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 5', '§ 121', 'Art 2', '§ 121', '§ 121', 'EuG', '§ 121', 'Art. 2', '§ 121', '§ 121']

BVerfG, 20.10.2006 - 2 BvR 1742/06, 2 BvR 1809/06, 2 BvR 1848/06, 2 BvR... - dejure.org
BVerfG, 20.10.2006 - 2 BvR 1742/06, 2 BvR 1809/06, 2 BvR 1848/06, 2 BvR 1862/06
https://dejure.org/2006,1453
BVerfG, 20.10.2006 - 2 BvR 1742/06, 2 BvR 1809/06, 2 BvR 1848/06, 2 BvR 1862/06 (https://dejure.org/2006,1453)
BVerfG, Entscheidung vom 20.10.2006 - 2 BvR 1742/06, 2 BvR 1809/06, 2 BvR 1848/06, 2 BvR 1862/06 (https://dejure.org/2006,1453)
BVerfG, Entscheidung vom 20. Januar 2006 - 2 BvR 1742/06, 2 BvR 1809/06, 2 BvR 1848/06, 2 BvR 1862/06 (https://dejure.org/2006,1453)
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Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG; Art. 5 Abs. 3 EMRK; § 121 Abs. 1 StPO
Freiheit der Person; Beschleunigungsgebot in Haftsachen; Fortdauer der Untersuchungshaft über sechs Monate hinaus (Kriterien; mit der Fortdauer steigende Anforderungen; keine Abwägung mit Strafverfolgungsinteresse; objektive Pflichtwidrigkeit des Gerichtes; Befangenheit)
Verletzung von GG Art 2 Abs 2 S 2 durch Aufrechterhaltung von Untersuchungshaft unter Verkennung des Beschleunigungsgebots in Haftsachen - vermeidbare und dem Staat zurechenbare Verfahrensverzögerung
Verfassungsbeschwerden gegen die Aufrechterhaltung von Untersuchungshaft - Grundrecht der persönlichen Freiheit beinhaltet das verfassungsrechtliche Beschleunigungsgebot - Abwägung zwischen dem Freiheitsanspruch des Angeklagten und den erforderlichen und zweckmäßigen Freiheitsbeschränkungen - Inhalt des Beschleunigungsgrundsatzes in Haftsachen - Schwere der Tat und die sich daraus ergebende Straferwartung allein ausschlaggebend für eine lang andauernde Untersuchungshaft
AG Berlin-Tiergarten, 26.11.2004 - 351 Gs 4711/04
AG Berlin-Tiergarten, 26.11.2004 - 351 Gs 4749/04
AG Berlin-Tiergarten, 29.11.2004 - 351 Gs 4749/04
AG Berlin-Tiergarten, 14.03.2005 - 351 Gs 838/05
AG Berlin-Tiergarten, 25.04.2005 - 351 Gs 1771/05
AG Berlin-Tiergarten, 25.04.2005 - 351 Gs 1774/05
LG Berlin, 30.06.2006 - 69 Js 79/04
KG, 02.08.2006 - 1 HEs 59/05
KG, 08.11.2006 - 1 HEs 59/05
LG Berlin, 05.03.2008 - 69 Js 79/04
LG Berlin, 26.03.2008 - 69 Js 79/04
KG, 09.07.2008 - 1 Ws 222/08
BVerfGK 9, 339
StV 2006, 703
Liegen derartige Gründe vor, ist zum anderen erforderlich, dass sie die Fortdauer der Untersuchungshaft rechtfertigen - 2. Stufe - (vgl. Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06 u.a. -, Abs.-Nr. 40-41).
Die Schwere der Tat und die im Raum stehende Straferwartung sind im Zusammenhang mit § 121 StPO ohne jede Bedeutung (vgl. hierzu bereits Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06 u.a. -, Abs.-Nr. 45 m.w.N.).
Bei dieser klaren Gesetzeslage ist eine Korrektur durch die Rechtsprechung unzulässig (vgl. hierzu näher Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06 u.a. -, Abs.-Nr. 45 m.w.N.).
Liegen derartige Gründe vor, ist zum anderen erforderlich, dass sie die Fortdauer der Untersuchungshaft rechtfertigen - zweite Stufe - (vgl. Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06 u.a. -, Abs.-Nr. 40 bis 41; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 15. Februar 2007 - 2 BvR 2563/06 -, Abs.-Nr. 31).
Die Schwere der Tat und die im Raum stehende Straferwartung sind im Zusammenhang mit § 121 StPO ohne jede Bedeutung (vgl. hierzu bereits Beschlüsse der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06 u.a. -, Abs.-Nr. 45 und 15. Februar 2007 - 2 BvR 2563/06 -, Abs.-Nr. 42).
Die Ausnahmetatbestände des letzten Teilsatzes der Vorschrift - die besondere Schwierigkeit oder der besondere Umfang der Ermittlungen oder ein anderer wichtiger Grund lassen das Urteil noch nicht zu und rechtfertigen die Fortdauer der Haft - sind jedoch eng auszulegen (vgl. BVerfGE 20, 45, 50; 36, 264, 271; 53, 152, 157; BVerfGK 7, 421; 9, 339, 349; so bereits früher auch BVerfG NJW 1991, 2821 ; StV 1991, 565 ; 1995, 199 f.).
Die Ausnahmetatbestände des letzten Teilsatzes der Vorschrift - die besondere Schwierigkeit oder der besondere Umfang der Ermittlungen oder ein anderer wichtiger Grund lassen das Urteil noch nicht zu und rechtfertigen die Fortdauer der Haft - sind jedoch eng auszulegen (vgl. BVerfGE 20, 45, 50; 36, 264, 271; 53, 152, 157; BVerfGK 7, 421; 9, 339, 349; so bereits früher auch BVerfG NJW 1991, 2821; StV 1991, 565; 1995, 199 f.).
Wie sich aus Wortlaut und Entstehungsgeschichte ergibt, handelt es sich dabei um eng begrenzte Ausnahmetatbestände (vgl. BVerfGE 20, 45 ; 20, 144 ; 36, 264 ; 53, 152 ; BVerfGK 7, 421 ; 9, 339 ; 10, 294 ;… zuletzt BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 24. August 2010 - 2 BvR 1113/10 -, EuGRZ 2010, S. 674 ).
Dabei kann auch bei einer festgestellten Verzögerung die Haftfortdauer gerechtfertigt sein, wenn die dadurch verursachte Verfahrensverlängerung in Relation zu dem bei wertender Betrachtung erforderlichen Zeitbedarf geringfügig ist und entsprechend dem Gewicht der zu ahndenden Straftat als unerheblich angesehen werden kann (BVerfG NStZ 2005, 456; StV 2006, 703, 704; NStZ 2006, 47, 48; NJW 2006, 672, 674; OLG Düsseldorf NStZ-RR 2000, 250, 251;… Schultheis in: KK-StPO 6.Aufl. § 121 Rn. 22 m.w.N.).
Kommt es zu vermeidbaren und dem Staat zuzurechnenden erheblichen Verfahrensverzögerungen, wobei es auf eine wie auch immer geartete Vorwerfbarkeit nicht ankommt (vgl. BVerfG [Kammer], Beschluss vom 5. Dezember 2005 - 2 BvR 1964/05, NJW 2006, 672, 673 f.), so liegt ein Verstoß gegen Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG vor (…vgl. BVerfGE aaO.; Kammerbeschluss vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06, 2006, 703, 705), kann dies im Einzelfall der Fortdauer der Untersuchungshaft entgegen stehen.
Dies macht eine auf den Einzelfall bezogene Prüfung des Verfahrensablaufs erforderlich (Vgl. BVerfG [Kammer], Beschlüsse v. 17. Januar 2013 - 2 BvR 2098/12, StV 2013, 640, und vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06, 2006, 703, 705).
Allein die Schwere der Tat und die sich daraus ergebende Straferwartung vermag bei erheblichen, vermeidbaren und dem Staat zuzurechnenden Verfahrensverzögerungen nicht zur Rechtfertigung einer ohnehin schon lang andauernden Untersuchungshaft zu dienen (vgl. BVerfG [Kammer], Beschlüsse v. 17. Januar 2013 - 2 BvR 2098/12, StV 2013, 640, und vom 20. Oktober 2006 - 2 BvR 1742/06, 2006, 703, 705, sowie vom 22. Februar 2005 - 2 BvR 109/05, StV 2005, 220, 224).
Die Hauptverhandlung ist unter Berücksichtigung der von Verfassungs wegen zu beachtenden Anforderungen (vgl. nur BVerfG StV 2008, 198) - bei objektiver Betrachtung, bei der es auf eine wie auch immer geartete Vorwerfbarkeit oder ein Verschulden nicht ankommt, sondern allein zu prüfen ist, ob eine Verfahrensverzögerung der Sphäre des Staates zuzurechnen ist oder nicht (vgl. BVerfG NJW 2006, 672, 673 f.; StV 2006, 703, 704, 705) - nicht in der gebotenen konzentrierten Form durchgeführt worden.
Hinzu kommt, dass in Fällen schon länger andauernder Untersuchungshaft die Anforderungen an die Verfahrensförderung im Regelfall besonders hoch sind; hier können schon kleinere Verzögerungen die Annahme eines Verstoßes gegen das Verhältnismäßigkeitsprinzip, das hinsichtlich seiner begrenzenden Wirkung auf die Dauer der Untersuchungshaft zugleich im Zusammenhang mit dem Beschleunigungsgebot steht (vgl. BVerfG NJW 2006, 1336, 1337), begründen (vgl. hierzu BVerfG NJW 2006, 677, 679; StV 2006, 703, 704).
Liegt jedoch kein gewichtiger Grund für die Verzögerung des Verfahrens vor, so ist wegen des eindeutigen Gesetzeswortlauts auch in Fällen der Schwerkriminalität eine Abwägung zwischen den Schutzinteressen der Allgemeinheit und dem Beschleunigungsgebot ausnahmslos unzulässig (BVerfG StV 2006, 703; StV 2007, 366, 369;… Meyer-Goßner, StPO 51. Aufl. § 121 Rdn. 20;… Hilger in LR StPO § 121 Rdn. 6).
OLG Nürnberg, 30.03.2016 - 1 Ws 109/16
Fortdauer der Untersuchungshaft bei Rücknahme einer bereits erhobenen Anklage