Source: https://www.hensche.de/befristung-auf-der-grundlage-des-normalvertrags-buehne-bag-7-azr-369-16.html
Timestamp: 2018-08-14 10:35:56
Document Index: 55950440

Matched Legal Cases: ['§ 14', '§ 14', '§ 1', '§ 1', '§ 2', '§ 42', '§ 53', '§ 5', '§ 5', '§ 5', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 22', '§ 14', '§ 1', '§ 1', '§ 14']

Befristung auf der Grundlage des Normalvertrags Bühne - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/308
Be­fris­tung auf der Grund­la­ge des Nor­mal­ver­trags Büh­ne
Mas­ken­bild­ner ge­hö­ren zum künst­le­ri­schen Büh­nen­per­so­nal, wenn sie nach ih­rem Ar­beits­ver­trag über­wie­gend künst­le­risch tä­tig sind: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 13.12.2017, 7 AZR 369/16
14.12.2017. Ab­ge­se­hen von Neu­ein­stel­lun­gen und der Be­schäf­ti­gung schwer ver­mit­tel­bar äl­te­rer Ar­beit­neh­mer sind be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge im All­ge­mei­nen nur mög­lich, wenn es da­für ei­nen Sach­grund gibt.
Die wich­tigs­ten sach­li­chen Grün­de für Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen sind in § 14 Abs.1 Satz 2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) ge­nannt. Auf die­ser ge­setz­li­chen Grund­la­ge sind be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge mit Schau­spie­lern und Pro­fi­sport­lern durch die „Ei­gen­art der Ar­beits­leis­tung“ ge­recht­fer­tigt (§ 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG).
Aber ge­nügt es auch, mit nach­ge­ord­ne­ten Büh­nen­mit­ar­bei­tern wie z.B. Mas­ken­bild­nern oder Be­leuch­tern ar­beits­ver­trag­lich zu ver­ein­ba­ren, dass sie „über­wie­gend künst­le­risch“ tä­tig sein sol­len? Im Prin­zip ja, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG): BAG, Ur­teil vom 13.12.2017, 7 AZR 369/16 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).
Kann der Nor­mal­ver­trag (NV) Bühne Be­fris­tungsmöglich­kei­ten schaf­fen?
Der Streit­fall: Mas­ken­bild­ne­rin klagt über fünf In­stan­zen ge­gen Be­fris­tung und Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung
BAG: Mas­ken­bild­ner gehören zum künst­le­ri­schen Bühnen­per­so­nal, wenn sie nach ih­rem Ar­beits­ver­trag über­wie­gend künst­le­risch tätig sind
Der Nor­mal­ver­trag (NV) Bühne ist ein Ta­rif­ver­trag, der zwi­schen dem Deut­schen Bühnen­ver­ein (als Ar­beit­ge­ber­ver­band) und der Ge­nos­sen­schaft Deut­scher Bühnen-An­gehöri­ger (als Ge­werk­schaft) im Jah­re 2002 ver­ein­bart wur­de. Er gilt für sog. So­lo­mit­glie­der wie z.B. Schau­spie­ler, Re­gis­seu­re und Di­ri­gen­ten, da­ne­ben aber auch für Bühnen­tech­ni­ker, Opern­chor­mit­glie­der und Tanz­grup­pen­mit­glie­der (§ 1 Abs.1 und 2 NV Bühne), die an Bühnen der Länder und Ge­mein­den tätig sind.
Bei den Bühnen­tech­ni­kern un­ter­schei­det § 1 Abs.3 NV Bühne zwi­schen En­sem­ble­mit­glie­dern mit künst­le­ri­schen Lei­tungs­auf­ga­ben, für die der NV Bühne oh­ne wei­te­res gilt, und nach­ge­ord­ne­ten Bühnen­tech­ni­kern wie z.B. Be­leuch­tern, Bühnen­plas­ti­kern, Mas­ken­bild­nern, Re­qui­si­teu­ren oder Ton­tech­ni­kern, auf de­ren Ar­beits­verhält­nis­se der NV Bühne nur dann an­zu­wen­den ist, „wenn mit ih­nen im Ar­beits­ver­trag ver­ein­bart wird, dass sie über­wie­gend künst­le­risch tätig sind“. Im Er­geb­nis ent­schei­det da­mit so et­was wie ei­ne „Kunst­klau­sel“ im Ar­beits­ver­trag über die An­wend­bar­keit des NV Bühne auf nach­ge­ord­ne­te Bühnen­tech­ni­ker.
Ei­ne der we­sent­li­chen Rechts­fol­gen, die sich aus dem NV Bühne er­ge­ben, ist die Be­fris­tung der Ar­beits­verträge. Denn nach § 2 Abs.2 NV Bühne ist der Ar­beits­ver­trag „mit Rück­sicht auf die künst­le­ri­schen Be­lan­ge der Bühne ein Zeit­ver­trag.“
Der Zeit­ver­trag verlängert sich au­to­ma­tisch um ei­ne wei­te­re Pe­ri­ode (z.B. um ein oder zwei Jah­re, ei­ne Spiel­sai­son usw.), wenn der Ar­beit­ge­ber dem Bühnen­mit­glied nicht schrift­lich mit­teilt, dass sein En­ga­ge­ment nicht verlängert wird (§§ 42, 61, 69, 83, 96 NV Bühne). Vor ei­ner sol­chen Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung muss das be­trof­fe­ne Bühnen­mit­glied an­gehört wer­den. Bei Strei­tig­kei­ten ent­schei­det die Bühnen­schieds­ge­richts­bar­keit (§ 53 NV Bühne).
Frag­lich ist, ob die­se Be­fris­tungs­wirt­schaft mit dem Eu­ro­pa­recht ver­ein­bar ist. Denn im­mer­hin sieht die Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28.06.1999 bzw. die in die­se Richt­li­nie auf­ge­nom­me­ne „Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge“ vor, dass die EU-Mit­glied­staa­ten ef­fek­ti­ve Maßnah­men zur Ver­hin­de­rung des Miss­brauchs von Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen tref­fen. Da­zu müssen be­fris­te­te Ar­beits­verträge von ei­nem Sach­grund abhängig ge­macht wer­den (§ 5 Nr.1a) und/oder es muss ei­ne Höchst­dau­er auf­ein­an­der­fol­gen­der Ar­beits­verträge fest­ge­legt wer­den (§ 5 Nr.1b) und/oder es muss ei­ne Höchst­zahl zulässi­ger Verlänge­run­gen be­fris­te­ter Ar­beits­verträge vor­ge­schrie­ben wer­den (§ 5 Nr.1c).
Im Ge­gen­satz zu die­sen eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben sind Ket­ten­be­fris­tun­gen mit nach­ge­ord­ne­ten Bühnen­tech­ni­kern gemäß dem NV Bühne im Prin­zip oh­ne Ein­schränkun­gen recht­lich zulässig. Das ist mit der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) kaum zu ver­ein­ba­ren, da der EuGH erst vor kur­zem be­tont hat, dass auch die Ar­beits­verhält­nis­se von Ar­beit­neh­mern beim Thea­ter, Film und Fern­se­hen der Miss­brauchs­kon­trol­le un­ter­lie­gen müssen (Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 - Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/083 EuGH be­grenzt Be­fris­tun­gen in der Kul­tur­bran­che).
Aber auch nach deut­schem Ar­beits­recht wäre ei­ne Be­fris­tungs­pra­xis nach dem Mot­to „Kunst ist was im Ar­beits­er­trag steht“ ge­set­zes­wid­rig. Denn die Be­fris­tungs­schran­ken nach dem Tz­B­fG sind zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer zwin­gend (§ 22 Tz­B­fG), und auch § 14 Abs.1 Tz­B­fG enthält kei­nen Ta­rif­vor­be­halt. Der NV Bühne bzw. die hin­ter die­sem Ta­rif­ver­trag ste­hen­den Ta­rif­par­tei­en ha­ben da­her nicht die Re­ge­lungs­macht, gan­ze Ar­beit­neh­mer­grup­pen von dem ge­setz­li­chen Be­fris­tungs­schutz aus­zu­neh­men.
Es ist da­her un­ter Ar­beits­recht­lern um­strit­ten, ob Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit nach­ge­ord­ne­ten Bühnen­tech­ni­kern wie z.B. mit Ton­tech­ni­kern oder Mas­ken­bild­nern auf der Grund­la­ge von § 1 Abs.3 NV Bühne und ei­ner ent­spre­chen­den ar­beits­ver­trag­li­chen Kunst­klau­sel wirk­sam sind.
Ei­ne an ei­nem Lan­des­thea­ter auf der Grund­la­ge des NV Bühne ar­bei­ten­de Mas­ken­bild­ne­rin war gemäß Ar­beits­ver­trag über­wie­gend künst­le­risch tätig. Da­her war das Ar­beits­verhält­nis be­fris­tet, zu­letzt bis zum 31.08.2014. Im Ju­li 2013 sprach der Ar­beit­ge­ber nach vor­he­ri­ger Anhörung ei­ne Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung aus, der zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis wie ver­ein­bart zum 31.08.2014 en­den soll­te.
Die Mas­ken­bild­ne­rin klag­te vor dem ört­lich zuständi­gen Bühnen­schieds­ge­richt München ge­gen die Be­fris­tung und die Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lung, hat­te dort aber kei­nen Er­folg (Schieds­spruch vom 12.05.2014). Auch die Be­ru­fung beim Bühnen­ober­schieds­ge­richt Frank­furt am Main schei­ter­te (Spruch vom 19.01.2015).
Dar­auf­hin er­hob die Mas­ken­bild­ne­rin im März 2015 Auf­he­bungs­kla­ge beim zuständi­gen Ar­beits­ge­richt Köln, das die Kla­ge ab­wies (Ur­teil vom 03.09.2015, 5 Ha 7/15). Auch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln als zuständi­ges Be­ru­fungs­ge­richt ent­schied zu­guns­ten des Ar­beit­ge­bers (LAG Köln, Ur­teil vom 17.05.2016, 12 Sa 991/15).
Ar­gu­ment des LAG Köln: Die Par­tei­en hat­ten ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bart, dass die Kläge­rin als Mas­ken­bild­ne­rin über­wie­gend künst­le­risch ar­bei­ten soll­te. Die­se Ver­ein­ba­rung und die da­zu­gehöri­ge ta­rif­ver­trag­li­che Grund­la­ge (§ 1 Abs.3 NV Bühne) in­di­zie­ren ei­ne künst­le­ri­sche Tätig­keit der Kläge­rin, so die Kölner Rich­ter. Da­her hätte die Kläge­rin vor Ge­richt kon­kret dar­le­gen müssen, dass sie in Wahr­heit nicht mit künst­le­ri­schen, son­dern mit an­de­ren Ar­beits­auf­ga­ben be­fasst war. An die­ser Stel­le hat­te die Kläge­rin nur vor­ge­tra­gen, dass sie teil­wei­se rein tech­ni­sche Zu­ar­bei­ten oh­ne je­den künst­le­ri­schen Spiel­raum er­le­digt hätte. Das genügte dem LAG nicht.
Auch in Er­furt vor dem BAG und da­mit in der letz­ten von ins­ge­samt fünf In­stan­zen hat­te die Mas­ken­bild­ne­rin kei­nen Er­folg. Das BAG wies ih­re Re­vi­si­on zurück. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung:
Die strei­ti­ge Be­fris­tung des Ar­beits­ver­trags war durch die Ei­gen­art der Ar­beits­leis­tung gemäß § 14 Abs.1 Satz 2 Nr.4 Tz­B­fG ge­recht­fer­tigt. Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen mit künst­le­risch täti­gen Bühnen­mit­ar­bei­tern sind auf der Grund­la­ge des NV Bühne rech­tens, so das BAG, das da­bei auf die ver­fas­sungs­recht­lich ga­ran­tier­te Kunst­frei­heit des Ar­beit­ge­bers ver­weist. Auch Mas­ken­bild­ner gehören zum künst­le­risch täti­gen Bühnen­per­so­nal, wenn sie nach den ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen über­wie­gend künst­le­risch tätig sind, so die Er­fur­ter Rich­ter.
Fa­zit: Ob das BAG die ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung als sol­che genügen lässt oder aber (ergänzend) auch die tatsächlich aus­geübte Tätig­keit über­prüft, lässt sich der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung nicht si­cher ent­neh­men. Hier muss man die Ur­teils­be­gründung ab­war­ten.
Si­cher ist al­ler­dings, dass es Bühnen­tech­ni­ker, die kei­ne So­lo­mit­glie­der sind, künf­tig schwe­rer ha­ben wer­den, ge­gen die Be­fris­tung ih­rer Ar­beits­verträge und ge­gen ent­spre­chen­de Nicht­verlänge­rungs­mit­tei­lun­gen vor­zu­ge­hen.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 13.12.2017, 7 AZR 369/16
Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 17.05.2016, 12 Sa 991/15
Ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 03.09.2015, 5 Ha 7/15
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 (Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg)