Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/sitzverlegung-und-der-wechsel-des-beklagten-finanzamts-3108177
Timestamp: 2020-07-11 13:45:02
Document Index: 329871957

Matched Legal Cases: ['§ 63', '§ 57', '§ 63', '§ 63', '§ 63', '§ 20', 'BGH']

Sitzverlegung - und der Wechsel des beklagten Finanzamts | Rechtslupe
Sitzverlegung - und der Wechsel des beklagten Finanzamts
Sitz­ver­le­gung – und der Wech­sel des beklag­ten Finanz­amts
Auf­grund der Sitz­ver­le­gung einer kla­gen­den GmbH erfolgt kein Wech­sel des beklag­ten Finanz­amts.
§ 63 FGO bestimmt, wel­che Behör­de am finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren als Beklag­ter (§ 57 Nr. 2 FGO) zu betei­li­gen ist. Nach § 63 Abs. 1 Nr. 2 FGO ist die Ver­pflich­tungs­kla­ge regel­mä­ßig gegen die­je­ni­ge Behör­de zu rich­ten, die den bean­trag­ten Ver­wal­tungs­akt unter­las­sen oder abge­lehnt hat. Das gilt nur dann nicht, wenn vor dem Erge­hen der Ein­spruchs­ent­schei­dung eine ande­re Behör­de ört­lich zustän­dig gewor­den ist (§ 63 Abs. 2 Nr. 1 FGO) oder an Stel­le der zustän­di­gen Behör­de berech­tig­ter­wei­se eine ande­re Behör­de den bean­trag­ten Ver­wal­tungs­akt abge­lehnt hat (§ 63 Abs. 3 FGO). Ein sol­cher Sach­ver­halt liegt aber im Streit­fall nicht vor.
Wird nach Erhe­bung der Kla­ge eine ande­re Finanz­be­hör­de für den Steu­er­fall zustän­dig, bleibt die pro­zes­sua­le Stel­lung der beklag­ten Behör­de hier­von grund­sätz­lich unbe­rührt [1]. Ein gesetz­li­cher Betei­lig­ten­wech­sel fin­det jedoch statt, wenn der Zustän­dig­keits­wech­sel auf einem behörd­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­akt beruht [2]; in die­sem Fall tritt das nun­mehr zustän­di­ge Finanz­amt als neu­er Beklag­ter in den anhän­gi­gen Rechts­streit ein.
Letz­te­res gilt jedoch nicht, wenn der Zustän­dig­keits­wech­sel durch eine Ver­än­de­rung der steu­er­lich bedeut­sa­men Ver­hält­nis­se des Klä­gers bedingt ist [3].
So lie­gen die Din­ge im Streit­fall, in dem die behörd­li­che Zustän­dig­keit gemäß § 20 Abs. 1, Abs. 2 AO des­halb gewech­selt hat, weil die Klä­ge­rin ihren Sitz im Lau­fe des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens ver­legt hat. Die Betei­lig­ten­stel­lung des Finanz­amt K, das die durch die Klä­ge­rin bean­trag­te Ände­rung abge­lehnt hat, blieb unbe­rührt.
Die­se Rechts­la­ge hat­te das Finanz­ge­richt in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof auf­ge­ho­be­nen Urteil nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt. Es durf­te über die Kla­ge gegen­über dem nicht pas­siv pro­zess­füh­rungs­be­fug­ten Finanz­amt S nicht zur Sache ent­schei­den.
Der Bun­des­fi­nanz­hof weicht damit nicht von dem Urteil in BFHE 220, 495, BStBl II 2008, 742 ab. Zwar kann nach die­ser Ent­schei­dung die man­geln­de Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis durch die aus­drück­li­che oder still­schwei­gen­de Zustim­mung des rich­ti­gen Beklag­ten zur Pro­zess­füh­rung jeder­zeit ‑also auch noch wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens- geheilt wer­den [4]. Doch betraf dies eine Situa­ti­on, in der das bei Anhän­gig­keit pas­siv pro­zess­füh­rungs­be­fug­te Finanz­amt, wel­ches auf­grund einer Ver­än­de­rung in der Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on unzu­stän­dig wur­de; vom Finanz­ge­richt zum Zeit­punkt sei­ner Ent­schei­dung wei­ter­hin als Betei­lig­ter ange­se­hen wur­de. So ver­hält es sich im Streit­fall, in dem das Finanz­ge­richt einen gesetz­li­chen Betei­lig­ten­wech­sel ange­nom­men und den Beklag­ten "aus­ge­tauscht" hat, nicht.
Die Pro­zess­füh­rungs­be­fug­nis der beklag­ten Behör­de ist eine Sachur­teils­vor­aus­set­zung des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens, deren feh­ler­haf­te Beur­tei­lung durch das Finanz­ge­richt einen Ver­fah­rens­man­gel dar­stellt [5]. Das Vor­lie­gen der Sachur­teils­vor­aus­set­zun­gen hat der BFH als Revi­si­ons­ge­richt von Amts wegen in jeder Lage des Ver­fah­rens zu prü­fen [6].
Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung des Finanz­ge­richts war des­halb ohne Sach­prü­fung auf­zu­he­ben und die Sache an das Finanz­ge­richt zur erneu­ten Ver­hand­lung (mit dem ursprüng­li­chen Beklag­ten, dem Finanz­amt K) und Ent­schei­dung zurück­zu­ver­wei­sen.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 2. Dezem­ber 2015 – I R 3/​15
BFH, Urteil vom 16.10.2002 – I R 17/​01, BFHE 200, 521, BStBl II 2003, 631, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil vom 25.01.2005 – I R 87/​04, BFHE 209, 9, BStBl II 2005, 575[↩]
BFH, Urteil in BFHE 200, 521, BStBl II 2003, 631; BFH, Urteil vom 25.11.1986 – VIII R 200/​82, BFH/​NV 1987, 281[↩]
vgl. auch BFH, Beschluss vom 30.07.1997 – I R 14/​97, BFH/​NV 1998, 420; s. für die Hei­lung eines Ver­tre­tungs­man­gels ohne Par­tei­wech­sel BGH, Urteil vom 21.06.1999 – II ZR 27/​98, NJW 1999, 3263[↩]
z.B. BFH, Beschluss vom 10.03.2000 – II B 103/​99, BFH/​NV 2000, 1116; BFH, Urteil vom 03.04.2008 – IV R 54/​04, BFHE 220, 495, BStBl II 2008, 742[↩]
z.B. BFH, Urteil vom 20.08.2014 – I R 43/​12, BFH/​NV 2015, 306[↩]
FinanzamtFinanzgerichtsverfahrenÖrtliche ZuständigkeitSitzverlegung