Source: https://www.steuerberater-center.de/59965.htm
Timestamp: 2019-09-19 21:52:01
Document Index: 351270426

Matched Legal Cases: ['§ 32', '§ 32', '§ 32', '§ 32', '§ 32', '§ 2']

FG MÃ¼nster v. 8.8.2019 - 4 K 3925/17 Kg
Praxisjahr zur Vorbereitung auf den Abschluss als "Staatlich geprÃ¼fter Agrarbetriebswirt"
Ein Praxisjahr zur Vorbereitung auf den Abschluss als "Staatlich geprÃ¼fter Agrarbetriebswirt" kann Teil einer einheitlichen Ausbildung sein. Es ist insoweit nicht von einer i.S.d. Â§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG schÃ¤dlichen ErwerbstÃ¤tigkeit nach Abschluss der ersten Berufsausbildung auszugehen.
Die KlÃ¤gerin ist Mutter des 1996 geborenen A. Dieser hat nach Abschluss seiner Schulausbildung mit Abitur im Juni 2015 eine Berufsausbildung im Ausbildungsberuf "Landwirt" am 12.7.2017 abgeschlossen. Die Familienkasse hob mit dem Ende dieser Berufsausbildung die Kindergeldfestsetzung auf. Danach strebte er den landwirtschaftlichen Abschluss "Staatlich geprÃ¼fter Agrarbetriebswirt" an der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen - Berufskolleg, Fachschule fÃ¼r Agrarwirtschaft - Fachrichtung Landwirtschaft (Fachschule) an. Eine Zulassung zur AbschlussprÃ¼fung "Staatlich geprÃ¼fter Agrarbetriebswirt" kann nur erhalten, wer auch ein Praxisjahr nach seiner Ausbildung nachweisen kann. Auf das Praxisjahr darf nicht verzichtet werden. Die TrÃ¤gerin der Fachschule empfiehlt, das Praxisjahr vor dem Beginn der Fachschule zu absolvieren. A meldete sich bereits im Juni 2017 bei der Fachschule an.
In der Zeit von August 2017 bis Juli 2018 absolvierte A das Praxisjahr in drei verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben. Im MÃ¤rz 2018 teilte die Fachschule dem Sohn der KlÃ¤gerin mit, dieser werde zum Besuch der Fachschule zum Schuljahr 2018/2019 zugelassen. Allerdings erfolgte die Zulassung unter Vorbehalt, weil A den Nachweis der geforderten Berufspraxis nach der AbschlussprÃ¼fung (ab November 2017) noch nicht erbracht hatte. Im August 2018 bescheinigte die TrÃ¤gerin der Fachschule, dass deren Besuch insbesondere ein einjÃ¤hriges Praxisjahr voraussetze.
Den unter Hinweis auf das Praxisjahr gestellten Kindergeldantrag der KlÃ¤gerin lehnte die Familienkasse ab, weil A insoweit allein Berufserfahrungen gesammelt habe. Ein berufsbezogenes AusbildungsverhÃ¤ltnis (einschlieÃŸlich Praktikum) sei daher zu verneinen. Das Praxisjahr sei nicht zwingend vor Beginn der Schulausbildung an der Fachschule abzuleisten. Die Berufspraxis schiebe die weitere Berufsausbildung hinaus, so dass keine mehraktige Berufsausbildung vorliege. Da A eine erstmalige Berufsausbildung i.S.d. Â§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG abgeschlossen habe und er anschlieÃŸend eine anspruchsschÃ¤dliche ErwerbstÃ¤tigkeit ausgeÃ¼bt habe, sei kein Kindergeld festzusetzen.
Entgegen der Auffassung der Familienkasse ist das von A unternommene Praxisjahr eine Berufsausbildung i.S.d. Â§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG.
A wurde wÃ¤hrend seines Praxisjahres im Rahmen einer Berufsausbildung ausgebildet. Liegen - wie hier- mehrere Ausbildungsabschnitte vor, kÃ¶nnen diese dann eine einheitliche Erstausbildung i.S.d. Â§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG darstellen, wenn sie zeitlich und inhaltlich so aufeinander abgestimmt sind, dass die Ausbildung nach Erreichen des ersten Abschlusses fortgesetzt werden soll und das vom Kind angestrebte Berufsziel erst Ã¼ber den weiterfÃ¼hrenden Abschluss erreicht werden kann. Zu der zwischen den Beteiligten streitigen Frage, ob ein Kind eine erstmalige Berufsausbildung oder ein Erststudium abgeschlossen hat, wenn es - wie A als Landwirt - bereits Ã¼ber einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss verfÃ¼gt, hat sich in jÃ¼ngerer Zeit der BFH in einer Reihe von Entscheidungen verhalten und dabei seine bisherigen RechtsgrundsÃ¤tze fortentwickelt und prÃ¤zisiert.
Danach kann es an einer einheitlichen Erstausbildung auch dann fehlen, wenn das Kind nach Erlangung des ersten Abschlusses in einem Ã¶ffentlich-rechtlich geordneten Ausbildungsgang eine BerufstÃ¤tigkeit aufnimmt und die daneben in einem weiteren Ausbildungsabschnitt durchgefÃ¼hrten AusbildungsmaÃŸnahmen gegenÃ¼ber der BerufstÃ¤tigkeit in den Hintergrund treten. Ob die nach Erlangung des Abschlusses aufgenommene BerufstÃ¤tigkeit die Hauptsache und die weiteren AusbildungsmaÃŸnahmen eine auf Weiterbildung und/oder Aufstieg in dem bereits aufgenommenen Berufszweig gerichtete Nebensache darstellen, ist dabei anhand einer GesamtwÃ¼rdigung der VerhÃ¤ltnisse zu entscheiden.
Im Streitfall ist entgegen der Auffassung der Familienkasse nicht von einer i.S.d. Â§ 32 Abs. 4 Satz 2 EStG schÃ¤dlichen ErwerbstÃ¤tigkeit nach Abschluss der ersten Berufsausbildung auszugehen. Auch unter BerÃ¼cksichtigung der vorgenannten (neueren) Rechtsprechung des BFH ist die AusbildungstÃ¤tigkeit im Vergleich zu den vom Sohn der KlÃ¤gerin absolvierten Praktika die "Hauptsache". Dies ergibt sich bereits daraus, dass die Praktika jeweils zeitlich befristet waren und die ArbeitstÃ¤tigkeit des Sohnes der KlÃ¤gerin im Hinblick auf den Zeitpunkt ihrer DurchfÃ¼hrung den im nÃ¤chsten Ausbildungsabschnitt durchgefÃ¼hrten AusbildungsmaÃŸnahmen untergeordnet war, seine BeschÃ¤ftigung also nach ihrem Ã¤uÃŸeren Erscheinungsbild "neben der Ausbildung" durchgefÃ¼hrt wurde.
So ist bereits der zeitliche Aufwand fÃ¼r die Praktika (insgesamt ein Jahr) im VerhÃ¤ltnis zur Dauer der Berufsausbildung an der Fachschule (insgesamt zwei Jahre) untergeordnet. Ungeachtet dessen ist jedenfalls im Praktikantenvertrag zwischen dem Sohn der KlÃ¤gerin und der Y GmbH & Co. KG in der PrÃ¤ambel berÃ¼cksichtigt, dass der Sohn der KlÃ¤gerin eine Ausbildung zum "Staatlich geprÃ¼ften Agrarbetriebswirt" anstrebt. Dementsprechend hat sich der Ausbildungsbetrieb in Â§ 2 Abs. 1 des Praktikantenvertrages verpflichtet, den Sohn der KlÃ¤gerin im Betrieb so einzusetzen, dass der Erwerb von Erfahrungen und Kenntnissen i.S.d. Ausbildungsordnung ermÃ¶glicht wird. Dass die PraktikantentÃ¤tigkeit nicht die "Hauptsache" war, folgt zudem daraus, dass der Sohn der KlÃ¤gerin nach dem Vertrag kein Arbeitnehmer war und ihm mithin kein Urlaubsanspruch zustand.
Verlag Dr. Otto Schmidt vom 12.09.2019 11:29