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Timestamp: 2017-10-22 11:58:25
Document Index: 157298610

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 6', 'BGH', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 12', '§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 1004', 'BGH', 'BGH', '§ 940']

Daten-Speicherung.de – minimum data, maximum privacy » Urteil: Videoüberwachung in Gastronomiebereich unzulässig
10. November 2008 um 23.55 Uhr · Abgelegt unter Datenschutz im Privatsektor, Juristisches, Metaowl-Watchblog, Videoüberwachung
Mit Urteil vom 22.04.2008 (Az. 4 C 134/08) hat das Amtsgericht Hamburg der bundesweiten Kaffeehauskette Balzac verboten, die Sitzbereiche ihrer Hamburger Filialen mit Videokameras zu überwachen. Hinsichtlich des Kassenbereichs hatte der Verfügungskläger seinen Antrag zurückgenommen, weshalb die diesbezüglichen Ausführungen des Gerichts nicht tragend sind. Balzac hat infolge des Urteils die Videoüberwachung insgesamt und bundesweit, und zwar im gesamten Ladenbereich, eingestellt – mit Rücksicht auf die Wünsche der Kunden (siehe Umfrage auf welt.de). Damit kann die Kaffeehauskette durchaus zum Besuch empfohlen werden.
Verkündet am: 22.04.08
Geschäfts-Nr.: 4 C 134/08
erkennt das Amtsgericht Hamburg, Abteilung 4, durch den Richter am Amtsgericht […] aufgrund der am 8.4.08 geschlossenen mündlichen Verhandlung für Recht:
Die Beklagte betreibt eine Kaffeehaus-Kette mit mehreren Filialen in Hamburg. In den Filialen befinden sich jeweils ein Kassen- und Warentresen, an dem die Kunden ihren Kaffee bestellen, bezahlen und ausgehändigt erhalten, sowie ein Kundenbereich, welcher durch Tische und Sitzgelegenheiten ausgestattet ist, wo die Kunden die verkauften Waren verzehren können. Außerdem gibt es in einigen Filialen Bereiche mit Warenregalen, in denen Produkte der Beklagten angeboten werden, die der Kunde ebenfalls an dem Kassentresen bezahlt. In den Kaffeehäusern befinden sich Videokameras, welche der Überwachung der Bereiche des Kassen- und Warentresens sowie der Warenregale dienen, und von denen einige in der Vergangenheit auch dazu eingesetzt wurden, die Kundenbereiche zu beobachten.
Die berechtigten Interessen der Beklagten werden jedoch durch die Interessen des Klägers überwogen. Die nach § 6 b Abs. 1 BDSG gebotene Güterabwägung zwischen den Interessen der Beteiligten kann nur unter Würdigung aller rechtlich relevanten, insbesondere auch verfassungsrechtlich geschützten Positionen durchgeführt werden (so schon vor Einführung des § 6 b BDSG: BGH, NJW 1995, 1957). Der Kläger kann sich vorliegend auf sein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung gemäß Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG berufen, während für die Beklagte die Grundrechte der Berufsausübungsfreiheit sowie das Eigentumsrecht bzw. das Recht am eingerichteten und ausgeübten Gewerbebetrieb gemäß Art. 12 und 14 GG streiten. Die betroffenen Grundrechte sind im Rahmen einer praktischen Konkordanz in einen gerechten Ausgleich zu bringen. Im vorliegenden Fall ist dabei zwischen der Videoüberwachung der Bereiche des Waren- und Kassentresens und der Warenregale sowie der Beobachtung des Kundenbereichs der Kaffeehausfilialen, der durch Tische und Sitzgelegenheiten ausgestattet ist, zu differenzieren. Bezüglich der Videoüberwachung des Kundenbereichs der Kaffeehausfilialen fällt die Abwägung zu Gunsten des Klägers aus. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung verbürgt das Recht des Einzelnen, sich in der Öffentlichkeit frei und ungezwungen bewegen zu dürfen, ohne befürchten zu müssen, ungewollt zum Gegenstand einer Videoüberwachung gemacht zu werden. Ob dieses Recht bei einer Videoüberwachung im öffentlich zugänglichen Raum überwiegt, ist einzelfallsabhängig und situationsbezogen zu beurteilen (Bizer in: Simitis, BDSG-Kommentar, 5. Auflage, § 6 b Rn. 60). Regelmäßig ist die Schutzbedürftigkeit in öffentlich zugänglichen Räumen, in denen sich Menschen typischerweise länger aufhalten und/oder miteinander kommunizieren, besonders hoch einzustufen (Bizer in: Simitis, BDSG-Kommentar, 5. Auflage, § 6 b Rn. 60). Dies trifft auf die für Kunden eingerichteten Sitzbereiche, durch die ein längerer Aufenthalt in den Kaffeehausfilialen ermöglicht werden soll, im besonderen Maße zu. Anders als in den Bereichen des Tresens oder der Regale, an denen sich die Kunden in der Regel nur kurzfristig zur Besorgung der gewünschten Produkte aufhalten, werden die Persönlichkeitsrechte der sich in den Sitzbereichen länger aufhaltenden Kunden durch eine ständige Videoüberwachung erheblich beeinträchtigt. Diese Rechtsverletzungen wiegen schwerer als die Interessen der Beklagten an einer effektiven Strafverfolgung in ihren Filialen. Ferner bleibt zu beachten, dass der Waren- und Geldzahlungsverkehr sich in den Kaffeehausfilialen auf die Bereiche der Warenregale sowie insbesondere des Waren- und Kassentresens beschränkt. Dort ist die Gefahr von Diebstählen oder Unterschlagungen durch Kunden oder Mitarbeiter besonders hoch. Hingegen bestehen in den Kundenbereichen keine besonderen Anhaltspunkte für eine Gefahr der Begehung von Straftaten. Insofern kommt in diesen Bereichen dem Interesse der Beklagten an einer effektiven Strafverfolgung auch eine geringere Bedeutung zu. Während also in den Tresen- und Regalbereichen eine Videoüberwachung durchaus gerechtfertigt erscheint, ist die Beobachtung der Kundenbereiche unzulässig im Sinne des § 6 b Abs. 1 S. 1. Die Beklagte hat daher die Kameras so einzustellen bzw. die Kaffeehäuser so einzurichten, dass die Sitzbereiche nicht von der Videoüberwachung eingefangen werden.
Eine Wiederholungsgefahr gemäß § 1004 Abs. 1 S. 2 BGB (analog) ist gegeben. Die vorangegangene rechtswidrige Beeinträchtigung begründet regelmäßig eine tatsächliche Vermutung der Wiederholungsgefahr (BGH, NJW 04, 1035), an deren Widerlegung durch den Störer hohe Anforderungen zu stellen sind (BGH, NJW 99, 356). Die eidesstattliche Versicherung der Geschäftsführerin der Beklagten, sie habe entschieden, zukünftig auf die Videoüberwachung im Kundenbereich aller Filialen zu verzichten und veranlasst, dass die Kameras innerhalb der nächsten zwei Monate demontiert werden, reicht nicht aus, um die Gefahr einer Wiederholung der Videoüberwachung des Kundenbereichs zu beseitigen. Denn es liegt allein in ihrer Hand, diese Entscheidung ohne Einflussnahme des Klägers zu widerrufen und die Veranlassung der Kamerademontage rückgängig zu machen. Solange durch die in den Filialen hängenden Videokameras eine Überwachung des Kundenbereichs ermöglicht wird, besteht also auch Wiederholungsgefahr.
Es besteht auch ein Verfügungsgrund gemäß § 940 ZPO (analog). Die Sache ist dringlich, solange die Möglichkeit einer Videoüberwachung bestehen bleibt und der Kläger zu befürchten hat, in den Kundenbereichen der Hamburger Kaffeehausfilialen rechtswidriger Weise beobachtet zu werden. Ein Fall, in dem die Dringlichkeit der Sache widerlegt ist, weil der Kläger durch sein Verhalten selbst zu erkennen gegeben hat, dass es „ihm nicht eilig ist“ (vgl. OLG Hamburg, GRUR-RR 2002, 277), liegt nicht vor. Der Kläger hat durch eidesstattliche Versicherung glaubhaft gemacht, die Videoüberwachungskameras in den Filialen der Antragsgegnerin erstmals am 29. Januar 2008 bewusst wahrgenommen und daraufhin umgehend seinen Rechtsanwalt mit der rechtlichen Unterbindung beauftragt zu haben. Auch die Länge des Zeitraums zwischen der ersten Abmahnung am 4. Februar 2008 und der Einreichung des Antrags auf einstweilige Verfügung am 3. März 2008 lässt nicht auf eine fehlende Dringlichkeit für den Antragsteller schließen, zumal die Beklagte erst am 3. März 2008 auf die Abmahnung reagiert hat
Wikipedia: Liste der deutschen Urteile zu Videoüberwachungen
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