Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/60809-360809
Timestamp: 2020-06-02 10:43:35
Document Index: 333261502

Matched Legal Cases: ['§ 254', '§ 437', '§ 280', '§ 434', '§ 280', '§ 254', '§ 254', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die fehlgeschlagene Fliesenverlegung - Doppelkausalität und Mitverursachungsbeitrag | Rechtslupe
Fra­gen der Scha­dens­ver­ur­sa­chung und der Mit­ver­ur­sa­chung durch den Geschä­dig­ten beschäf­ti­gen immer wie­der die Gerich­te. Und so hat­te sich aktu­ell auch der Bun­des­ge­richts­hof wie­der mit der Fra­ge der Dop­pel­kau­sa­li­tät bei einer Scha­dens­ver­ur­sa­chung durch Män­gel eng zusam­men­ge­hö­ri­ger Arbeits­vor­gän­ge zur Her­stel­lung eines Boden­be­lags zu befas­sen [1]: Bei der Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs­an­tei­le nach § 254 BGB kön­nen nur sol­che Umstän­de zu Las­ten des Geschä­dig­ten anspruchs­min­dernd berück­sich­tigt wer­den, von denen fest­steht, dass sie ein­ge­tre­ten und für die Ent­ste­hung des Scha­dens (mit)ursächlich gewor­den sind [2].
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te der (beklag­te) Lie­fe­rant feh­ler­haf­te Hin­wei­se zur Ver­ar­bei­tung des gelie­fer­ten Fugen­mör­tels gelie­fert, was für sich genom­men schon zu einer Unbrauch­bar­keit des Flie­ßen­bo­dens führ­te. Gleich­zei­tig hat­te der Hand­wer­ker (Klä­ger) die Flie­sen­ver­le­gung aber auch feh­ler­haft vor­ge­nom­men. In der Fol­ge muss­te der Flie­sen­be­lag wie­der her­aus­ge­ris­sen und neu erstellt wer­den, so dass nun der Hand­wer­ker (Klä­ger) und der Mör­tel­lie­fe­rant (Beklag­ter) um die Kos­ten die­ser Nach­bes­se­rung strit­ten:
Haf­tung bei Dop­pel­kau­sa­li­tät
Der Bun­des­ge­richts­hof bejaht­te zunächst einen Scha­dens­er­satz­an­spruch der Klä­ge­rin aus § 437 Nr. 3, § 280 Abs. 1 BGB auf Erstat­tung der Kos­ten für den Aus­tausch des Flie­sen­be­lags:
So sind die feh­ler­haf­ten Hin­wei­se zur Ver­ar­bei­tung des Fugen­mör­tels, die nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts bereits für sich genom­men die voll­stän­di­ge Unbrauch­bar­keit der mit dem Fugen­mör­tel ver­fug­ten Teil­flä­che bewirkt haben, als Sach­man­gel im Sin­ne von § 434 Abs. 2 Satz 2 BGB ange­se­hen, den sich die Beklag­te als Pflicht­ver­let­zung im Sin­ne des § 280 Abs. 1 BGB zurech­nen las­sen muss.
Auf­grund die­ser Pflicht­ver­let­zung hat die Beklag­ten den erfor­der­li­chen Aus­tausch des Flie­sen­be­lags auch zumin­dest mit­ver­ur­sacht. Das im Grund­satz berech­tig­te Scha­dens­er­satz­be­geh­ren schei­tert nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs trotz der zusätz­li­chen Ver­le­gungs­feh­ler der Klä­ge­rin auch nicht an der Fra­ge der haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät. Viel­mehr liegt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs ein Fall der "Dop­pel­kau­sa­li­tät" vor, wenn nicht nur die feh­ler­haf­ten Ver­ar­bei­tungs­hin­wei­se der Beklag­ten, son­dern auch eine der Klä­ge­rin zuzu­rech­nen­de feh­ler­haf­te Ver­le­gung der Flie­sen einen kom­plet­ten Aus­tausch des Boden­be­lags erfor­der­lich gemacht haben.
Ist ein bestimm­ter Scha­den durch meh­re­re gleich­zei­tig oder neben­ein­an­der wir­ken­de Umstän­de, etwa durch meh­re­re Män­gel einer Sache, ver­ur­sacht wor­den und hät­te jede die­ser Ursa­chen für sich allein aus­ge­reicht, um den gan­zen Scha­den her­bei­zu­füh­ren, dann sind nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sämt­li­che Umstän­de als recht­lich ursäch­lich zu behan­deln, obwohl kei­ner von ihnen als "con­di­tio sine qua non" qua­li­fi­ziert wer­den kann. In die­sen Fäl­len der soge­nann­ten Dop­pel­kau­sa­li­tät bedarf es einer ent­spre­chen­den Modi­fi­ka­ti­on der Äqui­va­lenz­theo­rie, weil der ein­ge­tre­te­ne Scha­dens­er­folg ansons­ten auf kei­ne der tat­säch­lich wirk­sam gewor­de­nen Ursa­chen zurück­ge­führt wer­den könn­te [3].
Dabei darf der Begriff "gleich­zei­tig wir­ken­de Umstän­de" nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht zu eng auf­ge­fasst wer­den, indem zusam­men­ge­hö­ri­ge Arbeits­vor­gän­ge – hier: Ver­le­gung und Ver­fu­gung der Flie­sen als not­wen­di­ge Bestand­tei­le der Her­stel­lung des Boden­be­lags – sach­wid­rig von­ein­an­der getrennt wer­den.
Nach den Fest­stel­lun­gen wies der Flie­sen­be­lag nach Abschluss der Arbei­ten zwei Män­gel auf.
Zum einen war die Ver­fu­gung auf­grund feh­ler­haf­ter Ver­ar­bei­tungs­hin­wei­se sei­tens der Beklag­ten auf der gesam­ten Flä­che man­gel­haft mit der Fol­ge, dass bereits aus die­sem Grund die Flie­sen ent­fernt und neu ver­legt wer­den muss­ten. Zum ande­ren lagen die Flie­sen auf­grund feh­ler­haf­ter Ver­le­gung durch die Klä­ge­rin in einem Umfang hohl, der eben­falls eine Erneue­rung des Boden­be­lags erfor­der­lich mach­te. Bereits das Vor­lie­gen eines der bei­den Män­gel hät­te somit aus­ge­reicht, um einen kom­plet­ten Aus­tausch des man­gel­haf­ten Boden­be­lags erfor­der­lich zu machen.
Es han­delt sich damit um gleich­zei­tig wir­ken­de Umstän­de im Sin­ne der Recht­spre­chung zur Dop­pel­kau­sa­li­tät. Denn die Män­gel der Ver­le­gung und der Ver­fu­gung lagen bei dem fer­tig­ge­stell­ten Boden neben­ein­an­der vor. Ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts ist hier nicht auf den ohne­hin nur sehr gerin­gen zeit­li­chen Abstand zwi­schen der feh­ler­haf­ten Ver­le­gung der Flie­sen und der feh­ler­haf­ten Ver­fu­gung auf­grund der zuvor erteil­ten feh­ler­haf­ten Ver­ar­bei­tungs­hin­wei­se abzu­stel­len. Denn bei der Ver­le­gung und der Ver­fu­gung der Flie­sen han­delt es sich um not­wen­di­ge und eng zusam­men­ge­hö­ri­ge Arbeits­vor­gän­ge zur Her­stel­lung des Boden­be­lags, die bei wer­ten­der Betrach­tung als ein­heit­li­cher Vor­gang zu beur­tei­len sind. Unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass die­se Arbei­ten nach­ein­an­der durch­ge­führt wur­den, wir­ken sich die dabei unter­lau­fe­nen Feh­ler im Ergeb­nis – bei dem fer­tig­ge­stell­ten Boden – neben­ein­an­der aus. Es kommt daher nicht dar­auf an, in wel­chem der bei­den Arbeits­vor­gän­ge zuerst ein Feh­ler unter­lau­fen ist.
Soweit in der feh­ler­haf­ten Ver­le­gung der Flie­sen eine die Haf­tung der Beklag­ten aus­schlie­ßen­de Reser­ve­ur­sa­che gese­hen wer­den soll, geht dies bereits des­halb fehl, weil die Ver­le­gung den ein­ge­tre­te­nen Scha­den nicht nur hypo­the­tisch, son­dern real, wenn auch in Kon­kur­renz mit der Ver­fu­gung, her­bei­ge­führt hat [4]. Damit liegt ein Fall der ent­las­ten­den Reser­ve­ur­sa­che nicht vor.
Mit­ver­ur­sa­chung bei Dop­pel­kau­sa­li­tät
Die Klä­ge­rin kann jedoch von der Beklag­ten nicht ohne Wei­te­res in vol­lem Umfang Ersatz der gel­tend gemach­ten Sanie­rungs­kos­ten ver­lan­gen. Da die Beklag­te nur für eine der bei­den Ursa­chen – die feh­ler­haf­te Ver­fu­gung – ver­ant­wort­lich ist, wäh­rend die ande­re Ursa­che – die feh­ler­haf­te Ver­le­gung der Flie­sen – zumin­dest teil­wei­se von der Klä­ge­rin gesetzt wur­de, ist die Vor­schrift des § 254 Abs. 1 BGB anwend­bar [5]. Die­se Vor­schrift führt zu einer Anspruchs­min­de­rung ent­spre­chend dem Gewicht der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs­an­tei­le.
Bei der Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs­an­tei­le nach § 254 BGB kön­nen aller­dings nur sol­che Umstän­de zu Las­ten des Geschä­dig­ten anspruchs­min­dernd berück­sich­tigt wer­den, von denen fest­steht, dass sie ein­ge­tre­ten und für die Ent­ste­hung des Scha­dens (mit-)ursächlich gewor­den sind [6]. Die Beweis­last für die Mit­ur­säch­lich­keit von Umstän­den aus dem Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Geschä­dig­ten trägt der Schä­di­ger [7]. Danach hat die Beklag­te – und nicht die Klä­ge­rin – zu bewei­sen, in wel­chem Umfang die in den Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Klä­ge­rin fal­len­de Ver­le­gung feh­ler­haft und daher mit­ur­säch­lich für die Not­wen­dig­keit der Erneue­rung des Boden­be­lags war.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Febru­ar 2013 – VIII ZR 339/​11
vgl. BGH, Urteil vom 07.05.2004 – V ZR 77/​03, NJW 2004, 2526[↩]
st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 20.03.2012 – VI ZR 3/​11, VersR 2012, 865[↩]
st. Rspr.; BGH, Urtei­le vom 13.03.2012 – II ZR 50/​09, WM 2012, 990 Rn. 25; vom 23.03.2006 – IX ZR 134/​04, WM 2006, 1211 Rn.20; vom 07.05.2004 – V ZR 77/​03, NJW 2004, 2526 unter II 2 a; vom 16.05.1983 – III ZR 89/​82, VersR 1983, 731 unter II 1 b; vom 06.05.1971 – VII ZR 302/​69, VersR 1971, 818 unter 4 b; jeweils mwN[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 07.05.2004 – V ZR 77/​03, aaO unter II 2 b[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 16.05.1983 – III ZR 89/​82, aaO unter II 2[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 30.09.2003 – XI ZR 232/​02, WM 2003, 2286 unter II 2 b bb (1) © mwN[↩]
Urkun­den­fäl­schung – gegen­über dem Finanz­amt Urkun­den­fäl­schun­gen kön­nen jeweils in Tat­ein­heit mit der Steu­er­straf­tat ((vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2003 – 5 StR 253/​03, wis­tra 2003, 429)) ste­hen. Jedoch müs­sen die dem…
Dop­pel­kau­sa­li­tät ‑und die Äqui­va­lenz­theo­rie Eine Dop­pel­kau­sa­li­tät wird ange­nom­men, wenn zwei Umstän­de einen Scha­den ver­ur­sa­chen und jeder für sich allein aus­ge­reicht hät­te, den gan­zen Scha­den zu ver­ur­sa­chen. Dann sind bei­de…
DoppelkausalitätKausalitätMitverursachung