Source: https://www.paedagogikundrecht.de/fachlich-legitimes-verhalten
Timestamp: 2019-05-20 01:29:39
Document Index: 244108089

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1631', '§ 1', '§1', '§ 8', '§1631', '§ 1']

Fachlich legitimes Verhalten - • • • • PROJEKT PÄDAGOGIK UND RECHT © • • • •
Fachlich legitim ⇒ Teil der Legalität
WAS BEDEUTET „FACHLICH LEGITIM“?
Das Projekt setzt „fachlich legitim“ gleich mit „fachlich begründbar“. Aber wer in der Fachwelt hilft der Praxis bei der Frage, welches Verhalten fachlich legitim/ begründbar ist? Bisher fehlen hierzu Aussagen, ist von keinem Fachverband der erforderliche Fachdiskurs gestartet worden. Es geht darum, eine Reflexionsebene anzubieten, um zunächst in pädagogischer Haltung getroffene, subjektiv begründete Entscheidungen (jede/r „meint es gut“) zu überdenken und somit eine dem „Kindeswohl“ entsprechende pädagogisch- qualitativ abgesicherte Entscheidung zu ermöglichen, die auf objektivierenden Entscheidungskriterien beruht.
Ob Verhalten „fachlich legitim/ begründbar“ ist, bedeutet, dass aus der Sicht einer fiktiven fachlich- geschulten Person die subjektive Begründung einer/s PädagogIn pädagogisch zielführend sein kann: wird nachvollziehbar ein pädagogisches Ziel verfolgt? Bemerkung: pädagogische Basisziele sind nach § 1 SGB VIII „Eigenverantwortlichkeit“ und „Gemeinschaftsfähigkeit“ (siehe hierzu auch die angebotenen Prüfschemata). Die beschriebene Reflexion ist bei Entscheidungen unmittelbar verantwortlicher PädagogInnen aber auch mittelbar verantwortlicher Behörden angezeigt, um der Beliebigkeitsgefahr zu begegnen, bedingt durch ausschließlich subjektive Entscheidungsfindung.
Voraussetzung für fachlich begründbares/ legitimes Verhalten ist natürlich, dass auch aus der Sicht des Kindes/ Jugendlichen die/der PädagogIn nachvollziehbar ein pädagogisches Ziel verfolgt. Das wiederum erfordert entsprechendes, für den jungen Menschen verständliches Erklären. Für Strafen bedeutet dies, dass einerseits zwischen dem Fehlverhalten des/r Kindes/ Jugendlichen und der Sanktion ein innerer Zusammenhang besteht, andererseits der pädagogische Sinn der Sanktion vermittelt wird.
Grundlage „fachlicher Legitimitätt“ sollten „Leitlinien pädagogischer Kunst“ sein. Am Beispiel „Schlagen“ wird deutlich, wie wichtig klarstellende Leitlinien sind:
Papst Franziskus bejaht „würdevolles Schlagen“.
Schlagen ist aber grundsätzlich ungeeignet, ein pädagogisches Ziel zu verfolgen, ist mithin fachlich illegitim (unbegründbar).
Schlagen braucht keine strafrechtliche Rechtfertigung i.S. eines „Züchtigungsrechts“ (Heimgeschichte). Es widersprach und widerspricht ethischen Anforderungen, hätte bereits damals als „fachlich illegitim“ geächtet werden müssen, nicht erst im Jahr 2000 gesetzlich. Dass dies nicht geschah, war dem Zeitgeist geschuldet und der Tatsache, dass – wie auch heute noch – ausformulierte Erziehungsethik fehlte. Im Übrigen: warum wurde zum Teil ausschließlich die Rechtslehre fokussiert? Weil es sich die Fachwelt mit dem juristischen „Züchtigungsrecht“ einfach machte und nicht – wissenschaftlich abgesichert- pädagogische Ziele hinterfragte? Vielleicht bot und bietet die Erziehungswissenschaft insgesamt zu wenig belastbare Feststellungen und Standards: laut Professor Schwabe sind nur ca 10% der pädagogischen Praxis wissenschaftlich gesichert.
Auch aus Praktikabilitätsgründen kann nicht zwischen „würdevollem“ und „entwürdigendem“ Schlagen unterschieden werden. Schlagen ist ungeeignet, der Persönlichkeitsentwicklung zu dienen, da das Kind/ die/ der Jugendliche es als seelisch oder gar körperlich verletzend empfinden muss, ob nun ins Gesicht oder „nur“ auf den Po geschlagen wird.
Sofern jedoch das Kind/ die/ der Jugendliche einen Klaps als Aufmunterung oder Form von Zuwendung empfinden kann, liegt darin ein probates Mittel, ein pädagogisches Ziel zu erreichen, ist Handeln fachlich legitim.
Die mit der Äußerung des Papstes verbundene Diskussion zeigt, wie wenig hilfreich das „Gewaltverbot“ des § 1631 II BGB mit dem Begriff „entwürdigende Maßnahme“ ist. Zugleich wird freilich die Bedeutung fachlicher Leitlinien verdeutlicht, in denen rechtliche Begriffe wie Kindeswohl, „Gewalt“ und „entwürdigende Maßnahme“ fachlich konkretisiert werden sollten. Hier ein Beispiel fachlicher Handlungsleitlinien.
Folgende Leitsätze sind zur >fachlichen Begründbarkeit< hervorzuheben:
Die Legitimität ist Vorstufe der Legalität: liegt fachliche Unverantwortbarkeit (Illegitimität) vor, ist das Verhalten auch illegal, es sei denn, es wird einer konkreten Eigen- oder Fremdgefährdung des Kindes/ Jugendlichen begegnet.
Verhalten oder Regeln sind legitim, wenn nachvollziehbar ein pädagogisches Ziel verfolgt wird: aus der Sicht einer fiktiven, neutralen und fachlich geschulten Person („fachliche Verantwortbarkeit“). Diese Eignung besagt, dass die breite Skala pädagogischer Optionen beachtet und somit Verhalten pädagogisch begründbar ist (pädagogische Schlüssigkeit). Verhalten im pädagogischen Alltag bzw. Regeln, die kein nachvollziehbares pädagogisches Ziel verfolgen, sind ungeeignet, mithin keine Pädagogik und als „pädagogische Kunstfehler“ zu bezeichnen. Das gleiche gilt für Entscheidungen mittelbar Verantwortlicher (Leitung, Träger, Behörden wie Jugend-/ Landesjugendamt, Schulaufsicht): „institutionelle pädagogische Kunstfehler“ sind dabei denkbar.
Entscheidungen mittelbar Verantwortlicher sind legitim, wenn sie nachvollziehbar Voraussetzungen setzen, um pädagogische Ziele zu verfolgen.
Ob das Verhalten von PädagogInnen oder die Anwendung einer Regel fachlich verantwortbar ist, unterliegt einer einzelfallspezifischen Betrachtung: unter Berücksichtigung der Vorgeschichte, der Entwicklungsstufe und des Alters des Kindes/ Jugendlichen sowie der jeweiligen Situation.
Pädagogische Qualität bedeutet Verhalten auf der Basis “fachlicher Verantwortbarkeit” (Legitimität) und rechtlicher Zulässigkeit (Legalität), verbunden mit bestmöglicher Wirksamkeit (prognostische Wahrscheinlichkeit des Erreichens eines pädagogischen Ziels).
Pädagoginnen können sich legitim (fachlich begründbar) verhalten bzw. Regeln festlegen/ anwenden, ohne dass pädagogische Qualität vorliegt. Es ist daher stets zu fragen, ob es nicht eine wirksame Alternative gibt, das angestrebte pädagogische Ziel zu erreichen.
In der fiktiven Betrachtung einer neutralen Person ist der Zeitpunkt des zu bewertenden Verhaltens von Bedeutung. Insoweit ist für die fachlich- rechtliche Bewertung die subjektive Begründung der/ s PädagogIn relevant, die dem Verhalten zugrunde gelegt wurde. Hält diese Begründung einer objektivierenden Betrachtung nicht stand, fehlt also die pädagogische Eignung, kann die/ der PädagogIn eine geeignete Begründung später nicht nachschieben, wohl in vergleichbaren zukünftigen Situationen ihr/ sein bisheriges Verhalten entsprechend überdenken und neu gestalten.
Grundstrukturen fachlicher Legitimität
1. In der Bewertung grenzproblematischer Situationen ist es entscheidend, ob eine fachliche Grenze der Erziehung überschritten ist.
2. Fachliche Grenzen der Erziehung sind beachtet, sofern sich Verantwortliche fachlich legitim verhalten.
3. Fachlich legitim ist Verhalten, das fachlich begründbar ist, d.h. geeignet, ein pädagogisches Ziel im Sinne § 1 I SGB VIII (Eigenverantwortlichkeit, Gemeinschaftsfähigkeit) zu verfolgen: aus der Sicht einer fiktiven neutralen Fachkraft.
4. Die in diesem Sinne erforderliche Eignung des Verhaltens ist prozesshaft zu sehen, nicht ergebnisorientiert (im Sinne von Wirksamkeit).
5. Für die Bewertung der fachlichen Legitimität ist der Einzelfall entscheidend, verbunden mit der konkreten Situation, des/r Alters/ Entwicklungsstufe des/r Kindes/Jugendlichen und dessen/deren Vorgeschichte. Wenn also zukünftig fachlich legitimes Verhalten geplant wird, steht dies immer unter dem Vorbehalt der späteren tatsächlichen Situation.
6. Ist Verhalten fachlich legitim/ begründbar, ist es pädagogisch schlüssig im Sinne §1 I SGB VIII.
7. Bei allen Grenzsetzungen ist zu beachten, dass das Kind/ der/die Jugendliche deren Sinn im Wesentlichen verstehen kann.
8. Alle aktiven Grenzsetzungen wie körperliche Eingriffe (z.B. festhalten um ein pädago- gisches Gespräch zu beenden) müssen angemessen sein, d.h. das mildeste Mittel möglicher aktiver Grenzsetzungen beinhalten.
9. Rechtmäßiges Verhalten erfordert primär das Einhalten fachlicher Legitimität, zusätzlich natürlich das Beachten der Rechtsordnung, insbesondere des Strafrechts.
10. In der Erziehung entspricht Verhalten dem Kindeswohl, wenn es fachlich legitim ist und kein Kindesrecht verletzt wird.
11. Situationen des pädagogischen Alltags sind vorrangig fachlich zu bewerten, danach rechtlich.
12. Entsprechen PädagogInnen ihrer zivilrechtlichen Aufsichtspflicht, ist dieses Verhalten stets fachlich legitim, verfolgt es doch das Ziel, Kinder/ Jugendliche vor Selbstschädi- gung (Ziel der „Eigenverantwortlichkeit“) oder vor Fremdschädigung (Ziel der „Gemeinschaftsfähigkeit“) zu bewahren.
13. Liegt fachliche Illegitimität vor, ist das Verhalten illegal und beinhaltet eine Kindesrechtsverletzung, es sei denn, es geht darum, einer konkreten Eigen- oder Fremdgefährdung des Kindes/ Jugendlichen zu begegnen.
14. Strafbares Verhalten und kindeswohlgefährdendes Verhalten sind stets fachlich illegitim.
15. Entscheidungen mittelbar Verantwortlicher (Leitung, Träger, Jugendamt, Landesjugendamt) sind nur dann fachlich legitim/ begründbar, wenn sie Voraussetzung/en setzen, um nachvollziehbar pädagogische Ziele zu verfolgen.
16. Grundlage fachlicher Legitimität ist die Erziehungsethik, die bisher noch nicht ausformuliert ist, etwa in zukünftigen „Leitlinien pädagogischer Kunst“.
17. Fachliche Legitimität/ Begründbarkeit ist Vorstufe der Legalität. Es ist wichtig, dass bestehenden rechtlichen Erziehungsgrenzen (z.B. Kindeswohl und „Gewaltverbot“) im Kontext fachlicher Legitimität fachliche Erziehungsgrenzen vorgeschaltet sind, am besten in Leitlinien beschrieben: in bundesweiten „Leitlinien pädagogischer Kunst“ als ausformulierte Erziehungsethik und in darauf basierenden „fachlichen Handlungsleitlinien“ (§ 8b II Nr.1 SGB VIII), in denen Träger ihre pädagogische Grundhaltung transparent darlegen.
18. Im Ergebnis ist festzustellen: dem „Gewaltverbot“ des §1631 II BGB ist entsprochen, sofern sich Verantwortliche fachlich legitim verhalten.
19. Auch lassen sich die „unbestimmten Rechtsbegriffe Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ wie folgt konkretisieren:
• Kindeswohl umschließt das körperliche, geistige und seelische Wohl, in der Pädagogik sichergestellt durch fachlich legitimes, d.h. begründbares, Verhalten. Fachlich begründbar ist Verhalten, wenn nachvollziehbar ein pädagogisches Ziel der „Eigenverantwortlichkeit“ und/ oder „Gemeinschaftsfähigkeit“ verfolgt wird (§ 1 Abs.1 SGB VIII)
• Kindeswohlgefährdung liegt im Kontext der Pädagogik vor:
– Bei prognostizierter andauernder Gefahr für die Entwicklung zur eigenverantwortlichen, gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit in körperlicher, geistiger oder seelischer Hinsicht, verursacht durch „fachlich illegitimes“/ nicht begründbares Verhalten. Dies ist zum Beispiel der Fall bei Vernachlässigung. Diese ist kindeswohlgefährdend, wenn aufgrund fehlender oder unzureichender Fürsorge elementare Bedürfnisse nicht oder nur mangelhaft befriedigt werden, mit der Prognose chronischer körperlicher, geistiger oder seelischer Unterversorgung.
– Bei Lebens- oder erheblicher Gesundheitsgefahr
Zum Schluss die „Straße pädagogoischer Kunst“ als Grafik: