Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/steuern-verjaehren-nicht-am-wochenende-2-3107463
Timestamp: 2020-07-10 23:52:58
Document Index: 189200854

Matched Legal Cases: ['§ 46', '§ 46', '§ 108', '§ 46', '§ 46', '§ 46', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 193', '§ 108', '§ 31', '§ 222', '§ 54', '§ 108', '§ 47', '§ 108', '§ 108', '§ 171', '§ 46', '§ 171', '§ 46', '§ 46', '§ 25', '§ 56', '§ 130', '§ 46', '§ 46', '§ 169', '§ 170', '§ 108', '§ 193', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', 'BGH', '§ 193', '§ 193', '§ 193', '§ 171', '§ 108', '§ 108', '§ 171', '§ 171']

Fällt das Jah­res­en­de auf einen Sonn­tag, einen gesetz­li­chen Fei­er­tag oder einen Sams­tag, endet die Fest­set­zungs­frist für Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis erst mit Ablauf des nächst­fol­gen­den Werk­tags.
Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall bean­trag­te ein Arbeit­neh­mer für 2007 die sog. Antrags­ver­an­la­gung gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG. Der Antrag ist inner­halb der sog. Fest­set­zungs­frist zu stel­len. Die­se Frist beginnt mit Ablauf des Jah­res der Steu­er­ent­ste­hung und beträgt vier Jah­re. Der Antrag ging im kon­kre­ten Fall beim Finanz­amt erst am 2.01.2012 ein.
Das Finanz­amt und ihm fol­gend das Thü­rin­ger Finanz­ge­richt [1] sahen dies als ver­spä­tet an, da die Fest­set­zungs­frist bereits mit Ablauf des 31.12 2011 geen­det habe. Dem ist nun der Bun­des­fi­nanz­hof ent­ge­gen­ge­tre­ten:
Der Arbeit­neh­mer habe den gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG erfor­der­li­chen Antrag recht­zei­tig gestellt. Zwar ver­jäh­re die Ein­kom­men­steu­er 2007 eigent­lich mit Ablauf des Jah­res 2011. Als Beson­der­heit sei aber zu berück­sich­ti­gen, dass das Jah­res­en­de 2011 auf einen Sams­tag gefal­len sei. In einem sol­chen Fall tre­te Ver­jäh­rung nicht mit Ablauf des 31.12, son­dern nach § 108 Abs. 3 der Abga­ben­ord­nung erst mit Ablauf des nächs­ten Werk­ta­ges und damit am 2.01.2012 ein. Folg­lich sei der Arbeit­neh­mer ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung von Finanz­amt und Finanz­ge­richt- für 2007 zur Ein­kom­men­steu­er zu ver­an­la­gen.
Die­se Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist auch für die Ver­jäh­rung zum nächs­ten Jah­res­en­de von Bedeu­tung, da der 31.12 2016 auf einen Sams­tag fällt.
Besteht das Ein­kom­men ganz oder teil­wei­se aus Ein­künf­ten aus nicht­selb­stän­di­ger Arbeit, von denen ein Steu­er­ab­zug vor­ge­nom­men wor­den ist, so wird eine Ver­an­la­gung nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 1 EStG nur durch­ge­führt, wenn die Ver­an­la­gung bean­tragt wird, ins­be­son­de­re zur Anrech­nung von Lohn­steu­er auf die Ein­kom­men­steu­er. Der Antrag ist durch Abga­be einer Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung zu stel­len (§ 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG).
Der Antrag auf Ver­an­la­gung nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG ist zwar nicht mehr frist­ge­bun­den, aber inner­halb der Fest­set­zungs­frist zu stel­len.
Gemäß § 108 Abs. 3 AO endet, wenn das Ende einer Frist auf einen Sonn­tag, einen gesetz­li­chen Fei­er­tag oder einen Sonn­abend fällt, die Frist mit dem Ablauf des nächst­fol­gen­den Werk­tags. Für die Aus­le­gung des § 108 AO ist, wie aus der Ver­wei­sung auf die Frist­be­stim­mun­gen des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs (BGB) in Abs. 1 der Vor­schrift her­vor­geht, der Frist­be­griff des Bür­ger­li­chen Rechts maß­ge­bend. § 108 Abs. 3 AO erfasst dem­nach alle Arten von Fris­ten. Der Zweck des § 193 BGB, die Sonn- und Fei­er­tags­ru­he zu wah­ren und die in Wirt­schaft und öffent­li­cher Ver­wal­tung übli­che Fünf­ta­ge­wo­che zu berück­sich­ti­gen [2], wird mit­hin durch § 108 Abs. 3 AO (und § 31 Abs. 3 Satz 1 des VwVfG; eben­so § 222 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 54 Abs. 2 FGO) auf alle Arten von Fris­ten -"eigent­li­che" Fris­ten (Hand­lungs­fris­ten) wie auch "unei­gent­li­che" Fris­ten- erstreckt [3].
Die Fest­set­zungs­frist ist eine "Frist" in die­sem Sin­ne. Es han­delt sich um einen abge­grenz­ten, bestimm­ten oder jeden­falls bestimm­ba­ren Zeit­raum [4]. Ver­jäh­rungs­fris­ten zäh­len als gesetz­li­che Fris­ten zu den "unei­gent­li­chen" Fris­ten [5] und wer­den mit­hin vom Anwen­dungs­be­reich des § 108 Abs. 3 AO erfasst [6].
Dem steht § 47 AO nicht ent­ge­gen. Zwar weist das Thü­rin­ger Finanz­ge­richt zutref­fend dar­auf hin, dass Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis mit Ablauf der Fest­set­zungs­frist erlö­schen und ein durch Frist­ab­lauf erlo­sche­ner Anspruch nicht wie­der auf­le­ben kann [7]. Es ver­kennt jedoch, dass Rechts­fol­ge des § 108 Abs. 3 AO die Ver­län­ge­rung der (Festsetzungs-)Frist ist [8]. Zur Wah­rung einer nach § 108 Abs. 3 AO "ver­län­ger­ten" Frist reicht es aus, dass die Hand­lung bis 24 Uhr des Tages des Frist­ab­laufs vor­ge­nom­men wor­den ist [9].
Als "Antrag" i.S. des § 171 Abs. 3 AO sind nur sol­che Wil­lens­be­kun­dun­gen zu ver­ste­hen, die ein Tätig­wer­den der Finanz­be­hör­den außer­halb des in Fol­ge der Amts­ma­xi­me ohne­hin gebo­te­nen Ver­wal­tungs­han­delns aus­lö­sen sol­len. Die Abga­be gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ner Steu­er­erklä­run­gen gehört zur all­ge­mei­nen Mit­wir­kungs­pflicht des Steu­er­pflich­ti­gen und ist kein Antrag, selbst wenn die Ver­an­la­gung zu einer Steu­er­erstat­tung führt [10]. Dage­gen ist die Abga­be einer Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG ein Antrag i.S. des § 171 Abs. 3 AO [11]. Denn lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen des § 46 Abs. 2 Nr. 1 bis Nr. 7 EStG für eine Ver­an­la­gung von Amts wegen nicht vor, sind die Finanz­be­hör­den auf­grund der Abgel­tungs­wir­kung des Lohn­steu­er­ab­zugs (§ 46 Abs. 4 Satz 1 EStG) an der Steu­er­fest­set­zung gehin­dert. In einem sol­chen Fall ist der Steu­er­pflich­ti­ge nicht ver­pflich­tet (§ 25 Abs. 3 EStG i.V.m. § 56 der Ein­kom­men­steu­er-Durch­füh­rungs­ver­ord­nung), son­dern ledig­lich berech­tigt, eine Steu­er­erklä­rung ein­zu­rei­chen [12].
"Gestellt" ist ein Antrag, wenn er bei der zustän­di­gen Behör­de ein­geht. Für den Zugang des Antra­ges gel­ten die bür­ger­lich-recht­li­chen Rege­lun­gen über den Zugang emp­fangs­be­dürf­ti­ger Wil­lens­er­klä­run­gen ent­spre­chend. Eine emp­fangs­be­dürf­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung ist nach § 130 Abs. 1 Satz 1 BGB in dem Zeit­punkt zuge­gan­gen, in dem die zustän­di­ge Behör­de zu den behör­den­üb­li­chen Zei­ten die Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me vom Inhalt des Schrift­stü­ckes erhal­ten konn­te [13].
Nach die­sen Grund­sät­zen steht der Ver­an­la­gung des Arbeit­neh­mers gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG im Streit­fall der Ein­tritt der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung nicht ent­ge­gen. Denn der Arbeit­neh­mer hat den Antrag auf Ver­an­la­gung nach § 46 Abs. 2 Nr. 8 Satz 2 EStG durch Abga­be sei­ner Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung für das Streit­jahr vor Ablauf der Fest­set­zungs­frist beim Finanz­amt ein­ge­reicht.
Die Fest­set­zungs­frist für die Ein­kom­men­steu­er beträgt nach § 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AO vier Jah­re. Sie beginnt mit Ablauf des Kalen­der­jah­res, in dem die Steu­er ent­stan­den ist (§ 170 Abs. 1 AO). Die Ein­kom­men­steu­er für 2007 ver­jähr­te dem­nach mit Ablauf des Jah­res 2011.
Im Streit­fall fiel das Ende der Fest­set­zungs­frist auf einen Sonn­abend. In einem sol­chen Fall endet die Fest­set­zungs­frist nicht mit Ablauf des 31.12, son­dern nach § 108 Abs. 3 AO erst mit Ablauf des nächs­ten Werk­ta­ges und hier damit am 2.01.2012. Folg­lich ist der Arbeit­neh­mer für 2007 zur Ein­kom­men­steu­er zu ver­an­la­gen. Denn nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt ist die Ein­kom­men­steu­er­erklä­rung 2007 beim Finanz­amt am 2.01.2012 ein­ge­reicht wor­den.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Janu­ar 2016 – VI R 14/​15
ThürFG, Urteil vom 17.12.2014 – 4 K 402/​12[↩]
Palandt/​Ellenberger, Bür­ger­li­ches Gesetz­buch, 75. Aufl., § 193 Rz 1[↩]
BFH, Urteil vom 14.10.1993 – IX R 68/​98, BFHE 203, 26, BStBl II 2003, 898; Klein/​Rätke, AO, 12. Aufl., § 108 Rz 6; Bran­dis in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 108 AO Rz 19; Söhn in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 108 AO Rz 123; a.A. Mül­ler in Beermann/​Gosch, AO § 108 Rz 54[↩]
RG, Urteil vom 08.06.1928 – III 426/​27, RGZ 120, 355, 356, 362[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 05.03.1986 – II R 5/​84, BFHE 146, 27, BStBl II 1986, 462[↩]
FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 08.05.2008 14 K 2450/​07 Kg, EFG 2008, 1685, Rz 20; BGH, Urteil vom 06.12 2007 – III ZR 146/​07, NJW-RR 2008, 459, zur ent­spre­chen­den Anwend­bar­keit von § 193 BGB auf Ver­jäh­rungs­fris­ten, sowie Münch­Komm-BGB/­Gro­the, 7. Aufl., § 193 Rz 8; Staudinger/​Repgen, BGB, 2014, § 193 Rz 13[↩]
Kru­se in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 171 AO Rz 10, m.w.N.[↩]
s. Staudinger/​Repgen, a.a.O.[↩]
Klein/​Rätke, AO, 12. Aufl., § 108 Rz 6; Bran­dis in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 108 AO Rz 19[↩]
stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urteil vom 28.08.2014 – V R 8/​14, BFHE 247, 21, BStBl II 2015, 3, m.w.N.[↩]
Ban­ni­za in HHSp, § 171 AO Rz 25; Paetsch in Beermann/​Gosch, AO § 171 Rz 27[↩]
BFH, Urteil vom 14.04.2011 – VI R 53/​10, BFHE 233, 311, BStBl II 2011, 746[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 03.04.2002 – IX B 151/​01, BFH/​NV 2002, 900; BFH, Urteil vom 20.12 2006 – X R 38/​05, BFHE 216, 297, BStBl II 2007, 823, m.w.N.[↩]
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