Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Gewerkschaft_Mitgliederwerbung_Zutrittsrecht_zum_Betrieb_BAG_1AZR179-09.html
Timestamp: 2020-08-03 18:21:11
Document Index: 68100770

Matched Legal Cases: ['Art. 9', 'Art. 14', 'Art. 12', '§ 2', 'Art. 9', 'Art. 9', '§ 13', 'Art. 51', '§ 43']

Zutrittsrecht zum Betrieb für gewerkschaftliche Mitgliederwerbung - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/244
Zu­tritts­recht zum Be­trieb für ge­werk­schaft­li­che Mit­glie­der­wer­bung
Be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te dür­fen ein­mal pro Halb­jahr im Be­trieb wer­ben: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.06.2010, 1 AZR 179/09
Ge­werk­schaf­ten: Mit­glie­der­wer­bung am Ar­beits­platz
14.12.2010. Die Fra­ge, wann und in wel­chem Um­fang be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te Be­trie­be be­tre­ten und dort Mit­glie­der­wer­bung be­trei­ben kön­nen, ist ge­setz­lich nicht ge­re­gelt und zwi­schen Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­ver­tre­tern um­strit­ten.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat zwar im Jah­re 2006 ent­schie­den, dass be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te im Prin­zip ein Recht zum Be­triebs­zu­tritt zwecks Mit­glie­der­wer­bung ha­ben (BAG, Ur­teil vom 28.02.2006, 1 AZR 460/04), doch war bis­lang noch nicht ge­klärt, un­ter wel­chen Um­stän­den und in wel­chem zeit­li­chen Um­fang ein sol­ches Recht be­steht.
Zu die­ser prak­tisch wich­ti­gen Fra­ge hat das BAG vor kur­zem ein Grund­satz­ur­teil ge­fällt: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.06.2010, 1 AZR 179/09.
Das ge­werk­schaft­li­che Recht zum Zu­tritt in den Be­trieb: Teil des Ko­ali­ti­ons­grund­rechts
Der Fall des BAG: Streit um das Zu­tritts­recht der IG Bau­en-Agrar-Um­welt zu ei­nem Bau­be­trieb
Bun­des­ar­beits­ge­richt: Zu­tritt ein­mal pro Halb­jahr un­ter Be­ach­tung ei­ner Ankündi­gungs­frist von ei­ner Wo­che ist in der Re­gel an­ge­mes­sen
Ge­werk­schaf­ten sind dar­auf an­ge­wie­sen, neue Mit­glie­der zu ge­win­nen. Am bes­ten ge­lingt das dort, wo Ar­beit­neh­mer nicht nur zufällig an ei­nem Wer­be­stand der Ge­werk­schaft vor­bei­lau­fen, son­dern sich dort auf­hal­ten, wo die ta­rif­po­li­ti­sche Ar­beit der Ge­werk­schaft spürbar wird. Die­ser Ort ist der Be­trieb. Nur dort trifft die Ge­werk­schaft auf Ar­beit­neh­mer, die sich für die kon­kre­te bran­chen­be­zo­ge­ne Ar­beit der Ge­werk­schaft in­ter­es­sie­ren.
Soll die ge­werk­schaft­li­che Wer­bung ef­fek­tiv sein, so braucht es dafür außer­dem pro­fes­sio­nell auf­tre­ten­de Be­auf­trag­te, die es meist nur außer­halb des Be­triebs gibt. Aus Sicht der Ge­werk­schaf­ten ist da­her das Recht zum Zu­tritt be­triebs­frem­der Be­auf­trag­ter zum Be­trieb für die Mit­glie­der­wer­bung un­ver­zicht­bar.
Ab­ge­si­chert ist die­ses Recht durch Art. 9 Abs. 3 Grund­ge­setz (GG), der das Recht von Ar­beit­neh­mern (und Ar­beit­ge­bern) ga­ran­tiert, sich zu Ko­ali­tio­nen zu­sam­men­zu­sch­ließen. Kein ef­fek­ti­ver ge­werk­schaft­li­cher Zu­sam­men­schluss oh­ne be­trieb­li­che Mit­glie­der­wer­bung, so das Ar­gu­ment der Ge­werschaf­ten. Doch auch die Ar­beit­ge­ber können mit Grund­rech­ten da­ge­gen­hal­ten, nämlich mit dem Ei­gen­tums­grund­recht (Art. 14 GG) und der Be­rufs­ausübungs­frei­heit (Art. 12 GG).
Letzt­lich kol­li­die­ren hier auf bei­den Sei­ten grund­recht­lich geschütz­te Po­si­tio­nen, de­ren Aus­gleich ei­gent­lich Auf­ga­be des Ge­setz­ge­bers wäre. Der hält sich aber aus die­sem Streit seit je­her "fein her­aus", um sich nicht bei der Ar­beit­ge­ber- oder der Ar­beit­neh­mer­sei­te un­be­liebt zu ma­chen. So enthält zwar das Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) in sei­nem § 2 Abs. 2 ein Zu­tritts­recht der Ge­werk­schaf­ten zum Be­trieb, al­ler­dings nur zum Zwe­cke der Wahr­neh­mung be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher Auf­ga­ben und nicht, um neue Mit­glie­der zu wer­ben.
Die Fra­ge, wann und in wel­chem Um­fang Ge­werk­schaf­ten im Be­trieb Mit­glie­der­wer­bung be­trei­ben können, ist da­her ge­setz­lich nicht ge­re­gelt und zwi­schen Ge­werschaf­ten und Ar­beit­ge­ber­ver­tre­tern um­strit­ten. Hier wa­ren die Ar­beit­ge­ber lan­ge Zeit ju­ris­tisch im Vor­teil, nämlich so­lan­ge das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) die Mei­nung ver­trat, dass Art. 9 Abs. 3 GG nur sol­che ge­werk­schaft­li­chen Tätig­kei­ten schützt, die für den Er­halt und die Si­che­rung des Be­stan­des der Ge­werk­schaft un­erläss­lich sind und da­mit zum „Kern­be­reich“ der ge­werk­schaft­li­chen Betäti­gun­gen gehören.
Die­se Be­trachungs­wei­se, die sog. "Kern­be­reichs­leh­re", hat das BVerfG aber in ei­nem Grund­satz­ur­teil aus dem Jah­re 1995 auf­ge­ge­ben (BVerfG, Be­schluss vom 14.11.1995, 1 BvR 601/92). Seit­dem gilt, dass Art. 9 Abs. 3 GG al­le und nicht nur ei­nen "Kern­be­reich" ge­werk­schaft­li­cher Betäti­gun­gen schützt. Auf die­ser Grund­la­ge hat das BAG im Jah­re 2006 ent­schie­den, dass be­triebs­frem­de Ge­werk­schafts­be­auf­trag­te im Prin­zip ein Recht zum Be­triebs­zu­tritt zwecks Mit­glie­der­wer­bung ha­ben (BAG, Ur­teil vom 28.02.2006, 1 AZR 460/04).
Bis­lang nicht klar ent­schie­den ist al­ler­dings die Fra­ge, in wel­chem zeit­li­chen Um­fang ein ge­werk­schaft­li­ches Zu­tritts­recht be­steht und mit wel­chen zeit­li­chen Ein­gren­zun­gen man es da­her vor Ge­richt ein­kla­gen soll­te. Die­se 2006 noch of­fen ge­las­se­ne Fra­ge hat das BAG nun­mehr be­ant­wor­tet (Ur­teil vom 22.06.2010, 1 AZR 179/09).
Die In­dus­trie­ge­werk­schaft (IG) Bau­en-Agrar-Um­welt klag­te ge­gen ein Bau­un­ter­neh­men auf Zu­tritt zu des­sen Be­triebsstätten. In dem Be­trieb des be­klag­ten Ar­beit­ge­bers fand der Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trag für das Bau­haupt­ge­wer­be (BRTV BAU) An­wen­dung, al­ler­dings nicht auf­grund ei­ner (hier nicht ge­ge­be­nen) Ta­rif­ge­bun­den­heit des Ar­beit­ge­bers, son­dern auf­grund der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung des BRTV. Ver­trags­par­tei die­ses Ta­rif­ver­tra­ges ist aber die IG Bau­en-Agrar-Um­welt.
IG Bau­en-Agrar-Um­welt hat­te im Jah­re 2007 ei­ni­ge Ma­le den Be­trieb des Ar­beit­ge­bers durch be­triebs­frem­de Be­auf­trag­te be­tre­ten, um dort neue Mit­glie­der zu wer­ben. En­de 2007 un­ter­sag­te der Ar­beit­ge­ber den Zu­tritt. Dar­auf­hin zog die Ge­werk­schaft vor das Ar­beits­ge­richt Neu­rup­pin und be­gehr­te ein wöchent­li­ches Zu­tritts­recht während der Pau­sen­zei­ten. Hilfs­wei­se for­der­te sie Zu­tritt al­le zwei Wo­chen, höchst hilfs­wei­se ein­mal pro Mo­nat. So­wohl das Ar­beits­ge­richt Neu­rup­pin (Ur­teil vom 06.03.2008, 1 Ca 1495/07) als auch das Lan­des­art­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg wie­sen die Kla­ge ab (Ur­teil vom 05.11.2008, 23 Sa 919/08).
Auch das BAG ent­schied ge­gen die Ge­werk­schaft, al­ler­dings mit ei­ner für die­se trotz al­le­dem po­si­ti­ven Be­gründung.
Zwar gewährt der BRTV in sei­nem § 13, der von der IG Bau­en-Agrar-Um­we als An­spruchs­grund­la­ge her­an­ge­zo­gen wur­de, kein Zu­tritts­recht zwecks Mit­glie­der­wer­bung. Viel­mehr ist der Ge­werk­schaft der Zu­tritt nach die­ser Vor­schrift nur er­laubt, um die Ein­hal­tung be­trieb­li­cher Schutz­vor­schrif­ten bei Un­terkünf­ten und Auf­ent­haltsräum­en zu über­prüfen. Auch Art. 51 Abs. 2 Satz 2 der Ver­fas­sung des Lan­des Bran­den­burg hält nur ein Zu­tritts­recht „nach Maßga­be der Ge­set­ze“ und da­mit ein von vorn­her­ein be­schränk­tes Recht. Auf der Grund­la­ge die­ser Rechts­grund­la­gen können Ge­werk­schaf­ten da­her nicht Zu­tritt zwecks Mit­glie­der­wer­bung ver­lan­gen.
Er­freu­lich klar und da­mit pra­xis­taug­lich sind auch die po­si­ti­ven Kern­aus­sa­gen des BAG: Da­nach spricht "in der Re­gel" nichts da­ge­gen, wenn die Ge­werk­schaft ein­mal pro Ka­len­der­halb­jahr ei­nen Be­trieb zum Zwe­cke der Mit­glie­der­wer­bung be­tre­ten möch­te. Über­wie­gen­de In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers können ei­nem zeit­lich so ge­streck­ten Zu­tritt in der Re­gel nicht ent­ge­gen­ste­hen.
Wei­te­re Vor­aus­set­zung für das halbjähr­li­che Zu­tritts­recht ist, dass die Ge­werk­schaft vor­ab auch ei­ne "an­ge­mes­se­ne Ankündi­gungs­frist" einhält; sie beträgt im Re­gel­fall ei­ne Wo­che. Gestützt wer­den die­se Aus­sa­gen des BAG durch § 43 Abs. 4 Be­trVG. Da­nach kann ei­ne im Be­trieb ver­tre­te­ne Ge­werk­schaft pro Ka­len­der­halb­jahr die Ein­be­ru­fung ei­ner Be­triebs­ver­samm­lung ver­lan­gen, und an die­ser kann sie durch be­triebs­frem­de Be­auf­trag­te teil­neh­men und da­her auch den Be­trieb be­tre­ten.
Fa­zit: Ein­mal pro Halb­jahr können Ge­werk­schaf­ten - not­falls mit ge­richt­li­cher Hil­fe - Zu­tritt zu Be­trie­ben zwecks Mit­glie­der­wer­bung durch be­triebs­frem­de Be­auf­trag­te ver­lan­gen, falls sie ei­ne einwöchi­ge Ankündi­gungs­frist ein­hal­ten. Reicht der Ge­werk­schaft dies nicht aus, so muss sie ei­nen darüber hin­aus­ge­hen­den Zu­tritts­wunsch kon­kret be­gründen.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.06.2010, 1 AZR 179/09
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 05.11.2008, 23 Sa 919/08
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/052 Zur Zulässig­keit der Mit­glie­der­wer­bung von Ge­werk­schaf­ten in Ein­rich­tun­gen der Kir­che