Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/versicherungsrecht/die-verbrannten-kartoffelroellchen-oder-fett-auf-dem-kuechenherd-330573
Timestamp: 2019-10-23 15:24:03
Document Index: 40779275

Matched Legal Cases: ['§ 276', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die ver­brann­ten Kar­tof­fel­röll­chen – oder: Fett auf dem Küchen­herd… | Rechtslupe
Die verbrannten Kartoffelröllchen - oder: Fett auf dem Küchenherd...
Die ver­brann­ten Kar­tof­fel­röll­chen – oder: Fett auf dem Küchen­herd…
Ist ein Brand­scha­den grob fahr­läs­sig ver­ur­sacht, wenn beim Erhit­zen von Fett auf einem Kün­chen­herd ein Brand aus­bricht? Der Bun­des­ge­richts­hof ver­neint dies und geht eher von einem Augen­blicks­ver­sa­gen des unglück­li­chen Kochs aus. Der Bun­des­ge­richts­hof sah dabei zwei Umstän­de, die zuguns­ten des Kochs spra­chen:
Der Koch hat­te beim zwi­schen­zeit­li­chen Fern­seh-Zap­pen die Zeit ver­ges­sen und
er war in der Haus­halts­füh­rung und im Kochen noch unge­übt.
Mit die­ser Fra­ge hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof im Rah­men eines Regress­pro­zes­ses des Gebäu­de­ver­si­che­rers zu bech­äf­ti­gen. Ein sol­cher Regress­an­spruch des Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens besteht nur unter der Vor­aus­set­zung, dass der Beklag­te den Brand­scha­den vor­sätz­lich oder grob fahr­läs­sig her­bei­ge­führt hat. Die­se Auf­fas­sung ent­spricht der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach in der Gebäu­de­feu­er­ver­si­che­rung eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung einen kon­klu­den­ten Regress­ver­zicht des Ver­si­che­rers für die Fäl­le ergibt, in denen der Woh­nungs­mie­ter einen Brand­scha­den durch ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit ver­ur­sacht hat 1. Da im Streit­fall Anhalts­punk­te für ein vor­sätz­li­ches Ver­hal­ten nicht gege­ben sind und der Beklag­te ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit nicht in Abre­de stellt, kommt es für sei­ne Haf­tung allein dar­auf an, ob ihm gro­be oder ledig­lich ein­fa­che Fahr­läs­sig­keit anzu­las­ten ist. Die Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me eines grob fahr­läs­si­gen Ver­hal­tens des Beklag­ten hat der Ver­si­che­rer dar­zu­le­gen und zu bewei­sen 2.
Gro­be Fahr­läs­sig­keit
Im vor­lie­gen­den Fall war außer Streit, dass das Ver­hal­ten des Beklag­ten bei der Zube­rei­tung der Kar­tof­fel­röll­chen in objek­ti­ver Hin­sicht grob fahr­läs­sig gewe­sen ist. Umstrit­ten war allein, ob ein grob fahr­läs­si­ges Ver­hal­ten des beklag­ten Mie­ters auch in sub­jek­ti­ver Hin­sicht vor­liegt. Dies sah der Bun­des­ge­richts­hof jedoch nicht:
Der Entscheidung,ob eine gro­be Fahr­läs­sig­keit vor­liegt, sind die vom Bun­des­ge­richts­hof auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze zugrun­de zu legen, wonach gro­be Fahr­läs­sig­keit einen objek­tiv schwe­ren und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß gegen die Anfor­de­run­gen der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt vor­aus­setzt. Die­se Sorg­falt muss in unge­wöhn­lich hohem Maß ver­letzt und es muss das­je­ni­ge unbe­ach­tet geblie­ben sein, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen. Ein objek­tiv gro­ber Pflich­ten­ver­stoß recht­fer­tigt für sich allein noch nicht den Schluss auf ein ent­spre­chend gestei­ger­tes per­sön­li­ches Ver­schul­den, nur weil ein sol­ches häu­fig damit ein­her­geht. Viel­mehr erscheint ein sol­cher Vor­wurf nur dann als gerecht­fer­tigt, wenn eine auch sub­jek­tiv schlecht­hin unent­schuld­ba­re Pflicht­ver­let­zung vor­liegt, die das in § 276 Abs. 2 BGB bestimm­te Maß erheb­lich über­schrei­tet 3. Hier­nach ist es in aller Regel erfor­der­lich, nicht nur zur objek­ti­ven Schwe­re der Pflicht­wid­rig­keit, son­dern auch zur sub­jek­ti­ven 4 Sei­te kon­kre­te Fest­stel­lun­gen zu tref­fen 5.
Die tatrich­ter­li­che Beur­tei­lung des Beru­fungs­ge­richts, brand­ur­säch­lich sei ein Augen­blicks­ver­sa­gen, das in einer Gesamt­schau unter Berück­sich­ti­gung der Vor­kennt­nis­se des Beklag­ten und der kon­kre­ten Umstän­de der Brand­ent­ste­hung den Vor­wurf eines schlecht­hin unent­schuld­ba­ren Fehl­ver­hal­tens nicht recht­fer­ti­ge, ist aus revi­si­ons­recht­li­cher Sicht nicht zu bean­stan­den.
Der Aus­druck "Augen­blicks­ver­sa­gen" beschreibt nur den Umstand, dass der Han­deln­de für eine kur­ze Zeit die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt außer Acht ließ 6. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Bekla­ge nach eige­nen Anga­ben den Gar­zu­stand der Kar­tof­fel­röll­chen in gewis­sen Zeit­ab­stän­den über­prü­fen woll­te, jedoch nach dem Ein­schal­ten des Fern­seh­ge­räts von dem Frit­tier­vor­gang voll­stän­dig abge­lenkt wur­de. Sei­ne Unauf­merk­sam­keit dau­er­te dem­nach nur kur­ze Zeit und war für ihn nicht vor­her­seh­bar, als er die Küche ver­ließ, um das Fern­seh­ge­rät ein­zu­schal­ten. Er war nach eige­nen Anga­ben nicht etwa zum Fern­se­hen in das Wohn­zim­mer gegan­gen, son­dern viel­mehr nur, um das Gerät ein­zu­schal­ten und sodann in die Küche zurück­zu­keh­ren. Die Annah­me eines Augen­blicks­ver­sa­gens setzt auch nicht vor­aus, dass der Schä­di­ger irr­tüm­lich annimmt, der gefahr­träch­ti­ge Vor­gang sei bereits been­det. Dass der Beklag­te beim "Zap­pen" durch die Pro­gram­me hän­gen­ge­blie­ben ist und sich bei sei­ner mehr als drei Jah­re nach dem Brand­er­eig­nis erfolg­ten Anhö­rung vor dem Beru­fungs­ge­richt an kon­kre­te Pro­gramm­in­hal­te nicht mehr erin­nern konn­te, spricht eben­falls nicht gegen eine kurz­fris­ti­ge Unauf­merk­sam­keit.
Die Beja­hung eines Augen­blicks­ver­sa­gens reicht für sich allein nicht aus, um gro­be Fahr­läs­sig­keit zu ver­nei­nen. Aller­dings kom­men im hier ent­schie­de­nen Fall, aus­ge­hend von der Annah­me, dass die objek­ti­ven Merk­ma­le der gro­ben Fahr­läs­sig­keit gege­ben sei­en, wei­te­re sub­jek­ti­ve Umstän­de hin­zu, die es im kon­kre­ten Ein­zel­fall gerecht­fer­tigt erschei­nen lie­ßen, unter Abwä­gung aller Umstän­de den Schuld­vor­wurf gerin­ger als grob fahr­läs­sig zu bewer­ten 7. Als sol­che Umstän­de sind zuguns­ten des Beklag­ten zu berück­sich­ti­gen, dass er erst seit rela­tiv kur­zer Zeit eige­ne Erfah­run­gen mit der Essens­zu­be­rei­tung gesam­melt habe.
Beweis­last­ver­tei­lung
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Gebäu­de­ver­si­che­rung ist für die Fra­ge eines Regress­ver­zichts im Fal­le leich­ter Fahr­läs­sig­keit des Woh­nungs­mie­ters die ver­si­che­rungs­recht­li­che Lösung maß­ge­bend 8. Danach obliegt es dem Ver­si­che­rer dar­zu­le­gen und zu bewei­sen, dass die Vor­aus­set­zun­gen für einen Regress beim Mie­ter vor­lie­gen, dass die­ser also grob fahr­läs­sig oder vor­sätz­lich gehan­delt hat 9. Dem­ge­mäß ist der Ver­si­che­rer nicht nur für die objek­ti­ven Merk­ma­le gro­ber Fahr­läs­sig­keit, son­dern auch für die sub­jek­ti­ve Sei­te des Pflich­ten­ver­sto­ßes des beklag­ten Mie­ters dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig 10. Inso­weit sind die Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses nicht anwend­bar 11. Bei der Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen gro­ber Fahr­läs­sig­keit kann nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs vom äuße­ren Gesche­hens­ab­lauf und vom Aus­maß des objek­ti­ven Pflicht­ver­sto­ßes auf inne­re Vor­gän­ge und deren gestei­ger­te Vor­werf­bar­keit geschlos­sen wer­den 12. In die­sem Zusam­men­hang ist es Sache des beklag­ten Mie­ters, in sei­ner Per­son lie­gen­de ent­las­ten­de Umstän­de vor­zu­tra­gen 10. Vor­lie­gend hat sich der beklag­te Mie­ter aller­dings aus­drück­lich auf sei­ne man­geln­de Erfah­rung mit der Zube­rei­tung von Spei­sen beru­fen. Uner­fah­ren­heit ist ein sub­jek­ti­ver Umstand, der es im Ein­zel­fall recht­fer­ti­gen kann, einen Pflich­ten­ver­stoß gerin­ger als grob fahr­läs­sig zu bewer­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof bil­ligt daher die Annah­me, die sub­jek­ti­ven Merk­ma­le gro­ber Fahr­läs­sig­keit sei­en hier des­halb nicht gege­ben, weil der Beklag­te unwi­der­legt hin­sicht­lich der erheb­li­chen Brand­ge­fahr eines sol­chen Top­fes nicht aus­rei­chend sen­si­bi­li­siert gewe­sen sei.
Eine ande­re Beur­tei­lung ist auch nicht des­halb gebo­ten, weil der beklag­te Mie­ter zum Zeit­punkt des Vor­falls unter Alko­hol­ein­wir­kung stand. Das Maß sei­ner Alko­ho­li­sie­rung ist nicht fest­ge­stellt wor­den. Eine Blut­pro­be wur­de nicht ent­nom­men. Kon­kre­te Umstän­de, die auf den Grad der Alko­ho­li­sie­rung schlie­ßen las­sen könn­ten, hat der Ver­si­che­rer nicht dar­ge­tan, zumal das erst­in­stanz­li­che Amts­ge­richt aus­ge­führt hat, der beklag­te Mie­ter habe glaub­haft und nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt, dass er im Ver­lau­fe des Abends zwar vier bis fünf Fla­schen Bier à 0,33 l getrun­ken, sich aber ange­sichts des Umstands, dass er den Alko­hol über einen län­ge­ren Zeit­raum hin­weg zu sich genom­men habe, abso­lut "fit" gefühlt habe. Die­se tatrich­ter­li­che Wür­di­gung lässt kei­nen Rechts­feh­ler erken­nen. Sie trägt die Beur­tei­lung, dass sich die erfor­der­li­chen sub­jek­ti­ven Merk­ma­le gro­ber Fahr­läs­sig­keit im Streit­fall nicht fest­stel­len las­sen.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Mai 2011 – VI ZR 196/​10
BGH, Urtei­le vom 08.11.2000 – IV ZR 298/​99, BGHZ 145, 393, 395 ff. und vom 13.09. 2006 – IV ZR 273/​05, BGHZ 169, 86 Rn. 8 ff.; – IV ZR 378/​02, VersR 2006, 1530 Rn. 14 ff. und – IV ZR 116/​05, VersR 2006, 1533 Rn. 10 f.[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 08.11.2000 – IV ZR 298/​99, aaO S. 400[↩]
st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 12.07.2005 – VI ZR 83/​04, VersR 2005, 1559, inso­weit in BGHZ 163, 351 nicht abge­druckt und vom 30.01.2001 – VI ZR 49/​00, VersR 2001, 985, 986; BGH, Urteil vom 29.01.2003 – IV ZR 173/​01, VersR 2003, 364[↩]
per­so­na­len[↩]
BGH, Urtei­le vom 12.01.1988 – VI ZR 158/​87, aaO, 474 f. und vom 17.02.2009 – VI ZR 86/​08, aaO Rn. 10[↩]
BGH, Urteil vom 08.07.1992 – IV ZR 223/​91, BGHZ 119, 147, 149[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 08.07.1992 – IV ZR 223/​91, aaO, 149 ff.[↩]
BGH, Urteil vom 08.11.2000 – IV ZR 298/​99, aaO, 398 ff.[↩]
BGH, Urteil vom 08.11.2000 – IV ZR 298/​99, aaO, 400[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 29.01.2003 – IV ZR 173/​01, VersR 2003, 364, 365[↩][↩]
vgl. BGH, Urteil vom 21.04.1970 – VI ZR 226/​68, VersR 1970, 568, 569[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 08.07.1992 – IV ZR 223/​91, aaO, 151 und vom 08.02.1989 – IVa ZR 57/​88, NJW 1989, 1354, 1355[↩]
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