Source: https://netzpolitik.org/2017/die-unendliche-wlan-geschichte-geht-weiter-netzsperren-statt-abmahnindustrie/
Timestamp: 2019-02-16 10:07:00
Document Index: 178382964

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 8', '§ 7', '§ 8', '§ 88', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 7', 'EuG', 'EuG', '§ 8', 'EuG', '§ 8', '§ 8', '§ 7', '§ 7', 'Art. 12', 'Art. 13', 'Art. 14', '§ 7', 'EuG', 'EuG', 'Art. 8', 'Art. 11', 'EuG', '§ 7', '§ 7', 'Art. 8', 'Art. 11', '§ 7', '§ 8', '§ 7', '§ 7', '§ 7', '§ 91', '§ 101', '§ 8', '§ 10', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 7']

Die unendliche WLAN-Geschichte geht weiter: Netzsperren statt Abmahnindustrie – netzpolitik.org
28.02.2017 um 11:14	Uhr - Ingo Dachwitz - 2 Ergänzungen
Foto: Vinu Thomas unter CC BY-NC-ND 2.0 via Flickr
Die Bundesregierung will nochmal beim Thema WLAN-Störerhaftung nachbessern und jetzt endlich echte Rechtssicherheit für die Betreiber offener WLANs schaffen. Das Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) hat dafür einen neuen Gesetzentwurf zur Änderung des Telemediengesetzes (TMG) vorgelegt, den wir hier im Volltext veröffentlichen.
Das Gesetz würde ersten Einschätzungen zufolge gewerbsmäßigen Abmahnungen bei Urheberrechtsverletzungen durch unbekannte WLAN-Nutzer einen Riegel vorschieben – aber auch Netzsperren ermöglichen und neue Rechtsunsicherheiten schaffen.
Öffentliche und kostenlose WLANs finden alle gut. Doch die im Mai 2016 verabschiedete WLAN-Reform, mit der die Bundesregierung eigentlich bereits für Rechtssicherheit beim Betrieb offener Netze gesorgt haben wollte, ließ eine entscheidende Lücke offen: Aufgrund von Uneinigkeiten in der Großen Koalition stellte man im Gesetz nicht klar, dass die Haftungsfreistellung von WLAN-Betreibern, das sogenannte „Provider-Privileg“, auch für den Unterlassungsanspruch von Rechteinhabern gilt. Wer einen offenen Internetzugang anbietet, über den Dritte Urheberrechtsverletzungen begehen, kann deshalb eine von den Rechteinhabern erwirkte gerichtliche Unterlassungsanordnung bekommen und muss dafür die Kosten zahlen – das Geschäftsmodell der Abmahnindustrie.
Spätestens nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) im September 2016 war klar, dass Abmahnkanzleien diese Hintertür weiter nutzen würden, um massenweise kostenpflichtige Abmahnungen zu verschicken. Der Gesetzentwurf des BMWi [PDF] enthält nun die von Aktivisten wie dem Digitale Gesellschaft e.V. seit Jahren geforderte Klarstellung, dass die Haftungsfreistellung für WLAN-Betreiber sich auch auf Unterlassungsansprüche bezieht.
„Abmahnungen gegen WLAN-Betreiber müssten damit vom Tisch sein“, kommentiert der Jurist und gelegentliche netzpolitik.org-Autor Ulf Buermeyer den Vorschlag uns gegenüber.
Immer noch keine Rechtssicherheit
Damit enden die guten Nachrichten dann aber auch schon, denn an anderer Stelle droht durch den Vorschlag neues Ungemach.
So will das Wirtschaftsministerium vom EuGH ins Spiel gebrachte „Abschreckungsmaßnahmen“ wie Passwortschutz oder Registrierungspflicht nur teilweise ausschließen. WLAN-Anbieter könnten zwar von Behörden nicht zu solchen Maßnahmen oder zum Abschalten ihres Netzes verpflichtet werden. Der EuGH hatte die Möglichkeit solcher Anordnungen jedoch ohnehin primär durch Gerichte vorgesehen, was weiterhin möglich wäre. Ob und wie häufig Gerichte zu diesem Mittel greifen würden, bleibt abzuwarten – echte Klarheit sieht aber anders aus.
So richtig problematisch ist allerdings, dass das Gesetz darüber hinaus erstmalig Netzsperren gesetzlich verankern würde – „als letztes Mittel“, wie es in der Gesetzesbegründung heißt. Bisher waren Netzsperren nur in manchen Gerichtsurteilen anerkannt worden. Dem Entwurf zufolge sollen zukünftig jedoch Gerichte und Behörden anordnen können, dass Internetzugangsanbieter – also sowohl kleine WLAN-Betreiber als auch große Telkos – den Zugang zu bestimmten Informationen sperren müssen.
Dies könne laut BMWi durch die Blockierung bestimmter Ports geschehen, um den Zugang zu gewissen Peer-to-Peer Netzwerken zu verhindern. „Neben Portsperren käme außerdem das Sperren des Zugriffs auf eine bestimmte Webseite vom betroffenen Zugangspunkt des Diensteanbieters in Betracht“, heißt es ferner im Gesetzentwurf.
Die Zugangsanbieter wären im Anordnungsprozess zwar von vor- und außergerichtlichen Kosten befreit – im Falle eines Widerspruchs und eines verlorenen Gerichtsverfahrens würde ihnen jedoch die komplette Kostenübernahme drohen. Das heißt: Wenn ein Provider dem neu geschaffenen Sperranspruch eines Rechteinhabers nicht folgen, sondern eine Klage in Kauf nehmen würde, könnte es für ihn teuer werden.
Das Wirtschaftsministerium will mit seinem neuen WLAN-Gesetz also ein altes Kostenrisiko für WLAN-Anbieter abschaffen, dafür aber eine neue Rechtsunsicherheit schaffen.
Unabhängig davon, dass die gesetzliche Verankerung von Netzsperren eine Büchse der Pandora namens „Zensur“ öffnen würde, weil das Befolgen einer Sperraufforderung für Zugangsanbieter im Zweifelsfall kostengünstiger wäre als ein Widerspruch: Ob das Gesetz so tatsächlich zu dem sehnlich erwarteten WLAN-Boom führen würde, ist mindestens fraglich. Schließlich steht neben dem Kostenrisiko auch der große Aufwand, den die Einrichtung und Verwaltung einer notwendigen Sperrinfrastruktur bei Betreibern offener Netze bedeuten würde.
Ulf Buermeyer, der auch Vorsitzender der Gesellschaft für Freiheitsrechte ist, befürchtet deshalb, dass in der Konsequenz die Abhängigkeit von kommerziellen WLAN-Dienstleistern steigen würde:
Im Ergebnis würden die bisherigen Abmahnungen vermutlich weniger werden, dafür müsste sich jetzt aber jeder Provider – auch jede Kneipe – überlegen, wie er Websperren umsetzt. Und zwar auf bloßen Zuruf, weil man ja unbedingt vermeiden muss, dass das Ganze vor Gericht geht und dann womöglich teuer wird. Das dürfte mittelfristig zu einer massiven Konzentration auf dem Markt der WLANs führen, weil die Verwaltung der Sperrlisten und die technische Umsetzung einiges an Aufwand mit sich bringt, den kleinere Anbieter wie Cafés oder Privatpersonen kaum leisten können. De facto würde das Gesetz also zu einer Verpflichtung führen, ein WLAN-Angebot eines großen kommerziellen Anbieters zu nutzen.
Dass der Netzsperren-Vorschlag auch technisch nicht ausgegoren ist, betont gegenüber netzpolitik.org die Rechtsanwältin Beata Hubrig, die regelmäßig unberechtigt abgemahnte Freifunker und Tor-Aktivisten vor Gericht vertritt:
Die Idee, unter noch offenen Umständen eine Verpflichtung zu Portsperrungen zu ermöglichen, ist eine ganz schlechte. Davon abgesehen, dass das Sperren von Ports bei peer-to-peer-Kommunikation einfach technisch nicht funktioniert, ist es auch politisch ein falsches Signal.
Wirtschaftsministerium will Verabschiedung in dieser Legislaturperiode
Der Gesetzentwurf wurde Ende vergangener Woche an Interessenverbände zur Stellungnahme verschickt und befindet sich nach wie vor in der Ressortabstimmung. Die Sprecherin der BMWi, Tanja Alemany, hat heute auf der Bundespressekonferenz bekräftigt, dass das Gesetz noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden soll. In die gleiche Richtung äußerte sich Wirtschaftsministerin Zypries auf Twitter.
Wir sammeln hier erste öffentliche Reaktionen auf den Vorstoß des Wirtschaftsministeriums. Die offiziellen Stellungnahmen der Interessenverbände beim BMWi werden wir an anderer Stelle aufbereiten.
Für den Digitale Gesellschaft e.V. äußert Volker Tripp, politischer Geschäftsführer des Vereins, große Unzufriedenheit mit dem Entwurf:
Eine Abschaffung der WLAN-Störerhaftung wird es auch mit dem nun vorliegenden Referentenentwurf wohl nicht geben. Statt endlich für die dringend benötigte Rechtssicherheit beim Betrieb offener Funknetze zu sorgen, sieht der Entwurf nur marginale Korrekturen an der verunglückten Gesetzesänderung aus dem vergangenen Jahr vor. Obendrein schafft er auch noch eine gesetzliche Grundlage für Netzsperren. Der erhoffte und längst überfällige Schub für die Verbreitung offener Netzzugänge in Deutschland wird so auch weiterhin ausbleiben.
Der netzpolitische Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion, Konstantin von Notz, erwartet eine Fortsetzung der Hängepartie der Großen Koalition um öffentliche WLANs:
Mit dem neuen Referentenentwurf geht das unselige Hin und Her um die „Störerhaftung“ nun in eine neue Runde – während Anbieter von öffentlichem WLAN weiter im Regen stehen. Seit sechs Jahren will die Bundesregierung für Rechtssicherheit sorgen. Stattdessen legte sie einen unausgegorenen Vorschlag nach dem anderen vor, der jedes Mal völlig an den digitalen Realitäten vorbeiging und absehbar von den Gerichten wieder kassiert wurde. Daran ändert auch der nächste Entwurf aus dem Wirtschaftsministerium nichts: Die lange überfällige Befreiung bei Schadensersatz sowie Unterlassungs- und Gerichtskosten muss es erst einmal durch die Ressortabstimmung schaffen. Zudem geht die Ausweitung der Netzsperren wieder einmal in eine falsche Richtung. Man darf beim absehbaren Widerstand der Union gespannt sein, ob der Entwurf nicht ebenso schnell wieder in der Schublade landet. Statt endlich für Rechtssicherheit zu sorgen, versuchen sich die Koalitionspartner nur gegenseitig die Verantwortung fürs fortgesetzte Scheitern zuzuschieben. Damit droht die Hängepartie sich noch bis nach den Bundestagswahlen zu ziehen.
Gesetzentwurf in der Fassung vom 23.02.2017 im Volltext
Entwurf eines Dritten Gesetzes zur Änderung des Telemediengesetzes (neues WLAN-Gesetz – 3. TMGÄndG)
Bereits das Zweite Gesetz zur Änderung des Telemediengesetzes, das am 27. Juli 2016 in Kraft getreten ist, sollte Betreibern von drahtlosen lokalen Netzwerken (Wireless Local Area Network – WLAN) die notwendige Rechtssicherheit bringen, um ihr WLAN Dritten anbieten zu können, ohne dabei befürchten zu müssen, für Rechtsverstöße Dritter abgemahnt oder haftbar gemacht zu werden.
Am 15. September 2016 hat sodann der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) sein Urteil in der Rechtssache C-484/14 (Mc Fadden gegen Sony Music) bekannt gegeben. Es beruht auf einem Vorlageverfahren des Landgerichts München I und behandelt unter anderem die Frage, ob WLAN-Betreiber für Rechtsverstöße Dritter kostenpflichtig abgemahnt werden dürfen und wie weit hierbei das Haftungsprivileg der E-Commerce-Richtlinie 2000/31/EG reicht, das in Deutschland im Telemediengesetz umgesetzt wurde. Der EuGH verneint eine Haftung auf Schadensersatz für Rechtsverstöße Dritter, stellt aber zugleich fest, dass ein Gericht oder eine nationale Behörde gegen einen WLAN-Betreiber eine Anordnung erlassen kann, um der Wiederholung einer Rechtsverletzung vorzubeugen. Dies könne etwa auch durch einen passwortgeschützten Zugang erreicht werden, bei dem die Nutzer ihre Identität offenbaren müssen. Die Koalitionsfraktionen hatten sich im parlamentarischen Verfahren darauf verständigt, WLAN-Hotspot-Betreibern keinerlei Prüf- oder Verschlüsselungspflichten aufzuerlegen. Ihre Absicht, die Störerhaftung abzuschaffen und WLAN-Betreiber generell von Abmahnkosten zu befreien, haben sie in der Begründung ihrer Änderungsanträge zu § 8 TMG dargelegt. Das Urteil hat erneut zu Rechtsunsicherheit geführt, da WLAN-Betreiber nun fürchten, ihren WLAN-Hotspot verschlüsseln zu müssen und abgemahnt zu werden. Dies würde nicht nur die Verbreitung von öffentlichem WLAN erschweren, sondern auch viele Geschäftsideen einschränken und Innovationen behindern.
Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf wird im Telemediengesetz der Umfang der Haftungsbeschränkung für Internetzugangsanbieter klar geregelt. Darüber hinaus werden diese von einem Großteil der bisher bestehenden Kostentragungspflicht, insbesondere bei Abmahnungen, befreit. Schließlich wird klargestellt, dass WLAN-Betreiber nicht von einer Behörde verpflichtet werden dürfen, Nutzer zu registrieren, ihr WLAN nicht mehr anzubieten oder die Eingabe eines Passworts zu verlangen, obgleich dies auf freiwilliger Basis weiterhin möglich bleibt. Ebenso soll klar geregelt werden, unter welchen Bedingungen Nutzungssperren im Einzelfall möglich sind, um die Wiederholung einer konkreten Rechtsverletzung zu verhindern.
Es sind keine Haushaltsausgaben ohne Erfüllungsaufwand ersichtlich.
Für Bürgerinnen und Bürger entstehen keine neuen Handlungs- oder Informationspflichten. Ein Erfüllungsaufwand für Bürgerinnen und Bürger ist daher nicht ersichtlich. Durch die geschaffene Rechtssicherheit wird öffentliches WLAN häufiger angeboten werden. Daher dürften sich für Internetnutzer die Kosten für mobile Internetnutzung durch das zusätzliche Angebot von öffentlichem WLAN reduzieren.
Es ist kein Erfüllungsaufwand für die Wirtschaft ersichtlich. WLAN-Betreiber werden durch das Gesetz direkt von den vor- und außergerichtlichen Kosten für gerichtliche Anordnungen freigestellt. Darüber hinaus dürfte die Zahl der Abmahnungen von WLAN-Betreibern abnehmen. Dadurch dürften sich für WLAN-Betreiber auch die Kosten reduzieren, die ihnen für die Beratung im Fall von Abmahnungen entstehen.
Davon Bürokratiekosten aus Informationspflichten Es werden keine Informationspflichten ausgelöst. Daher entstehen keine entsprechenden Bürokratiekosten.
Der Verwaltung entsteht kein Erfüllungsaufwand, insbesondere sind keine finanziellen Auswirkungen für den Bund oder die Länder erkennbar.
Sonstige Kosten für die Wirtschaft oder die sozialen Sicherungssysteme, Auswirkungen auf Einzelpreise und das Preisniveau, insbesondere auf das Verbraucherpreisniveau, sind nicht zu erwarten.
Das Telemediengesetz vom 26. Februar 2007 (BGBl. I S. 179, 251), das zuletzt durch Artikel 1 des Gesetzes vom 21. Juli 2016 (BGBl. I S. 1766) geändert worden ist, wird wie folgt geändert:
1. § 7 Absatz wird wie folgt geändert:
a) Absatz 2 endet nach Satz 1.
„(3) Verpflichtungen zur Entfernung von Informationen oder zur Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzen aufgrund von gerichtlichen oder behördlichen Anordnungen bleiben auch im Falle der Nichtverantwortlichkeit des Diensteanbieters nach den §§ 8 bis 10 unberührt. Das Fernmeldegeheimnis nach § 88 des Telekommunikationsgesetzes ist zu wahren.“
„(4) Wurde ein Dienst der Informationsgesellschaft von einem Nutzer in Anspruch genommen, um das Recht am geistigen Eigentum eines anderen zu verletzen und besteht für den Inhaber dieses Rechts keine andere Möglichkeit der Verletzung seines Rechts abzuhelfen, so kann der Inhaber des Rechts von dem betroffenen Diensteanbieter nach § 8 insbesondere die Sperrung der Nutzung von Informationen verlangen, um die Wiederholung der Rechtsverletzung zu verhindern. Die Sperrung muss zumutbar und verhältnismäßig sein. Ein Anspruch gegen den Diensteanbieter auf Erstattung der vor- und außergerichtlichen Kosten für die Geltendmachung und Durchsetzung des Anspruchs nach Satz 1 besteht außer in den Fällen des § 8 Absatz 1 Satz 3 nicht.“
ab) Im neuen Satz 3 werden die Wörter „Satz 1 findet“ ersetzt durch die Wörter „Die Sätze 1 und 2 finden“.
„Diensteanbieter nach § 8 Absatz 3 dürfen von einer Behörde nicht verpflichtet werden, 1. vor Gewährung des Zugangs
a) die persönlichen Daten von Nutzern zu erheben und zu speichern (Registrierung) oder
b) die Eingabe eines Passworts zu verlangen oder
2. das Anbieten des Dienstes einzustellen.
Davon unberührt bleiben Maßnahmen auf freiwilliger Basis.“
Die Bundesregierung wird 3 Jahre nach Inkrafttreten evaluieren, ob das Ziel dieses Gesetzes erreicht wurde und dabei insbesondere untersuchen, ob der neu geschaffene Anspruch auf Sperrung der Nutzung von Informationen in § 7 Abs. 4 TMG ein wirksames Instrument darstellt zur Wahrung der Interessen der Rechteinhaber. Über das Ergebnis wird sie dem Bundestag Bericht erstatten.“
Im Koalitionsvertrag zur 18. Legislaturperiode „Deutschlands Zukunft gestalten“ haben sich die Koalitionsfraktionen von CDU, CSU und SPD darauf verständigt, dass die Potenziale von lokalen Funknetzen (WLAN) als Zugang zum Internet im öffentlichen Raum ausgeschöpft werden sollen. Dazu sollen die gesetzlichen Grundlagen für die Nutzung offener Netze und deren Anbieter geschaffen werden, damit mobiles Internet über WLAN für jeden verfügbar ist. Zu diesem Zweck wurde das Zweite Gesetz zur Änderung des Telemediengesetzes beschlossen, das am 27.07.16 in Kraft getreten ist.
Am 15. September 2016 hat sich sodann der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) in einem Vorlageverfahren des Landgerichts München I unter anderem mit der Frage beschäftigt, ob WLAN-Betreiber für Rechtsverstöße Dritter kostenpflichtig abgemahnt werden dürfen und wie weit hierbei das Haftungsprivileg der E-Commerce-Richtlinie 2000/31/EG reicht. Dieses wurde in Deutschland im Telemediengesetz umgesetzt. Der EuGH verneint eine Haftung auf Schadensersatz für Rechtsverstöße Dritter, stellt aber zugleich fest, dass ein Gericht oder eine nationale Behörde gegen einen WLAN-Betreiber eine Anordnung erlassen kann, um der Wiederholung einer Rechtsverletzung vorzubeugen. Dies könne etwa auch durch einen passwortgeschützten Zugang erreicht werden, bei dem die Nutzer ihre Identität offenbaren müssen. Die Koalitionsfraktionen hatten sich im parlamentarischen Verfahren darauf verständigt, WLAN-Hotspotbetreibern keinerlei Prüf- oder Verschlüsselungspflichten aufzuerlegen. Ihre Absicht, die Störerhaftung zu begrenzen und WLAN-Betreiber generell von Abmahnkosten zu befreien, haben sie in der Begründung ihrer Änderungsanträge zu § 8 TMG dargelegt. Das Urteil wiederum hat neue Rechtsunsicherheit hervorgerufen, da Anbieter nun fürchten, ihren WLAN-Hotspot verschlüsseln zu müssen und abgemahnt zu werden. Diese Rechtsunsicherheit soll durch die erneute Anpassung des Telemediengesetzes beseitigt werden. Sie soll verhindern, dass durch das Urteil des EuGH auch andere als gewerbliche Anbieter, etwa öffentliche Einrichtungen und Privatpersonen, davon abgehalten werden, WLAN der Öffentlichkeit anzubieten.
Nicht nur Verbraucher haben ein großes Interesse daran, möglichst überall und vor allem unkompliziert ins Internet zu gelangen. Auch die Angebotsseite ist entsprechend groß: Kommunen wollen ihre Schulen, Bibliotheken oder Bürgerämter mit öffentlichem WLAN ausstatten. Der Einzelhandel möchte seinen Kunden eine Bezahlmöglichkeit mit dem Handy an der Kasse ermöglichen, Bahnhöfe, Flughäfen, Verkehrsgesellschaften, Hotels, Krankenhäuser wollen ihren Kunden freies WLAN anbieten. WLAN ist mittlerweile ein wichtiger Baustein der digitalen Infrastruktur und Grundlage vieler Geschäftsmodelle und Innovationen. Die Bundesregierung möchte möglichst viele Bürgerinnen und Bürger an den Chancen der digitalen Gesellschaft teilhaben lassen und daher sicherstellen, dass WLAN-Hotspots auch ohne Passwortpflicht angeboten werden können. Anderenfalls könnten gerade diejenigen Bürgerinnen und Bürger von der Nutzung öffentlicher WLAN-Hotspots abgehalten werden, die den digitalen Chancen und Herausforderungen bislang wenig aufgeschlossen gegenüberstehen.
Zugleich sind die Risiken, dass es durch freies WLAN zu einer Zunahme an Urheberrechtsverletzungen kommen kann, gesunken. Zum einen haben sich gerade in jüngster Zeit eine Reihe von legalen Geschäftsmodellen auf dem Streamingmarkt etabliert. Zum anderen kann Urheberrechtsverletzungen auch auf andere Weise wirksam begegnet werden.
Um Rechtssicherheit für WLAN-Betreiber zu schaffen, wird im Telemediengesetz der Umfang der Haftungsbeschränkung für Internetzugangsanbieter klar geregelt. Darüber hinaus werden diese von einem Großteil der bisher bestehenden Kostentragungspflicht, insbesondere bei Abmahnungen befreit. Schließlich wird klargestellt, dass WLAN-Betreiber nicht verpflichtet werden dürfen, Nutzer vorab zu registrieren, die Eingabe eines Passwortes zu verlangen oder das Anbieten des Dienstes einzustellen, obgleich alle diese Maßnahmen auf freiwilliger Basis weiterhin möglich bleiben. Ebenso soll klargestellt werden, dass Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nach den allgemeinen Gesetzes nur aufgrund von gerichtlichen oder behördlichen Anordnungen zulässig bleiben, auch wenn Diensteanbieter nach den §§ 8 bis 10 nicht verantwortlich sind. Für Diensteanbieter nach § 8 wird zudem geregelt, unter welchen Voraussetzungen gerichtliche Anordnungen gegen sie ergehen können, um die Nutzung von Informationen zu sperren, damit die Wiederholung der Rechtsverletzung verhindert werden kann.
Die Gesetzgebungskompetenz des Bundes für die Gesetzesänderung ergibt sich hinsichtlich der geschäftlich handelnden Diensteanbieter wie auch für das TMG im Übrigen aus Artikel 74 Absatz 1 Nummer 11 des Grundgesetzes – Recht der Wirtschaft – (vgl. im Übrigen die Ausführungen hierzu in BT-Drs. 16/3078, s. 19). Die Anforderungen des TMG richten sich vor allem an Dienste, die im Zusammenhang mit einer Wirtschaftstätigkeit angeboten werden. Die mit diesem Gesetz vorgeschlagenen neuen und grenzüberschreitend wirkenden Vorschriften im Bereich der Anbieterverantwortlichkeit haben besondere Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Ihr Erlass liegt daher im gesamtstaatlichen Interesse.
Hinsichtlich privater Diensteanbieter ergibt sich die Gesetzgebungskompetenz aus Artikel 73 Nummer 9 (gewerblicher Rechtsschutz, Urheberrecht) und Artikel 74 Nummer 1 (Bürgerliches Recht und Strafrecht).
Die Vorgaben der E-Commerce Richtlinie 2000/31/EG sind zu beachten. Die Bestimmungen präzisieren lediglich die bestehenden Regelungen des Telemediengesetzes und stehen im Einklang mit der E-Commerce Richtlinie, da sie die für Diensteanbieter bestehenden Haftungsprivilegien nicht einschränken. Auch die Richtlinien 2004/48 zur Durchsetzung der Rechte des geistigen Eigentums sowie die Richtlinie 2001/29/EG zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft wurden beachtet.
Das Informationsverfahren nach der Richtlinie (EU) 2015/1535 vom 9. September 2015 über ein Informationsverfahren auf dem Gebiet der technischen Vorschriften und der Vorschriften für die Dienste der Informationsgesellschaft wurde durchgeführt.
Die Änderungen bezüglich der Haftung, der Kosten und der Untersagung, WLANBetreiber zu verpflichten, Nutzer zu registrieren, eine Passworteingabe zu verlangen oder das Anbieten des Dienstes einzustellen, präzisieren die bisherigen Regelungen und schaffen Rechtssicherheit. Der neu geschaffene Anspruch bei Rechtsverletzungen am geistigen Eigentum knüpft nicht mehr an die von Einzelfällen geprägte und daher als unübersichtlich und unvorhersehbar empfundene Rechtsprechung zur Störerhaftung an und trägt damit ebenfalls zur Rechtsklarheit und Rechtssicherheit bei.
Das Gesetz hat keine finanziellen Auswirkungen auf die Haushalte des Bundes, der Länder oder der Kommunen.
Das Gesetz schafft Rechtssicherheit im Rahmen der bestehenden Rechtslage. Es werden keine neuen Pflichten geschaffen, sondern lediglich bereits bestehende Verpflichtungen präzisiert. Es entsteht daher kein Erfüllungsaufwand für die Bürgerinnen und Bürger, die Wirtschaft oder für Bund, Länder und Kommunen.
Bürokratiekosten aus Informationspflichten entstehen nicht.
Die neuen Bestimmungen sollen Rechtssicherheit, insbesondere für WLAN-Betreiber schaffen. Finanzielle Mehrbelastungen der Wirtschaft und der öffentlichen Haushalte sowie nachteilige Auswirkungen auf das Preisniveau, insbesondere das Verbraucherpreisniveau, sind nicht zu erwarten.
Durch die geschaffene Rechtssicherheit wird öffentliches WLAN häufiger angeboten werden. Dies ermöglicht es Verbraucherinnen und Verbrauchern an den Chancen der digitalen Gesellschaft teilzuhaben und entspricht dem gestiegenen Interesse vieler Bürgerinnen und Bürger überall schnell und unkompliziert ins Internet zu gelangen.
Eine Befristung ist nicht vorgesehen, da dies dem Ziel des Gesetzes, die Schaffung von Rechtssicherheit, um eine verlässliche Planungsgrundlage für neue Unternehmenskonzepte zu entwickeln sowie Investitionen und Innovationen zu fördern, entgegenliefe.
Die Bundesregierung wird drei Jahre nach Inkrafttreten evaluieren, ob das Ziel dieses Gesetzes erreicht wurde, über das Ergebnis wird sie dem Bundestag Bericht erstatten.
Zu Artikel 1 (Änderungen des Telemediengesetze)
Zu Nummer 1 (Änderung des § 7 TMG)
Generell werden mit §§ 7 – 10 TMG die Haftungsregelungen der Artikel 12 bis 15 der ECommerce Richtlinie in deutsches Recht umgesetzt. Dabei lässt die E-Commerce Richtlinie selbst die Möglichkeit unberührt, dass ein Gericht oder eine Verwaltungsbehörde nach den Rechtssystemen der Mitgliedstaaten vom Diensteanbieter verlangt, die Rechtsverletzung abzustellen oder zu verhindern (Art. 12 Abs. 3, Art. 13 Abs. 2, Art. 14 Abs. 3 ECommerce RL 2000/31/EG). Zwingend sind gerichtliche Anordnungen damit noch nicht. Sie sind nach der E-Commerce-Richtlinie lediglich möglich, unter der Voraussetzung, dass sie vom nationalen Rechtssystem vorgesehen werden, gerichtlich oder behördlich angeordnet werden und dazu dienen, eine Rechtsverletzung zu beseitigen oder ihre Wiederholung zu verhindern.
Diese Voraussetzungen werden in § 7 Abs. 3 konkretisiert. Danach sind Verpflichtungen zur Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen nur zulässig, wenn sie klar gesetzlich geregelt sind und aufgrund einer gerichtlichen oder behördlichen Anordnung erfolgen. Dies stellt sicher, dass eine Interessenabwägung im Einzelfall durch eine staatliche Stelle erfolgt.
Aus der Rechtsprechung des EuGH ergibt sich zudem, dass das Haftungsprivileg für Accessprovider die Erfordernisse des Grundrechtsschutzes und der Regelungen der Richtlinie 2001/29/EG zur Harmonisierung bestimmter Aspekte des Urheberrechts und der verwandten Schutzrechte in der Informationsgesellschaft (RL 2001/29/EG) und der Richtlinie 2004/48/EG zur Durchsetzung der Rechte des geistigen Eigentums (RL 2004/48/EG) berücksichtigen muss (EuGH v. 15.9.2016, Rs. C-484/14, Mc Fadden gegen Sony Music, Ziff. 6). Diese sehen vor, dass Mitgliedsstaaten sicherstellen, dass Rechtsinhaber gerichtliche Anordnungen gegen Vermittler beantragen können, deren Dienste von einem Dritten zur Verletzung eines Urheberrechts oder verwandter Schutzrechte in Anspruch genommen werden (Art. 8 Abs. 3 RL 2001/29/EG) sowie Art. 11 Abs. 3 RL 2004/48/EG). Auch wenn die genannten Richtlinien nicht die Bestimmungen der E-Commerce-Richtlinie 2000/31/EG zu Fragen der Haftung berühren sollen (vgl. Erwägungsgrund 16 der RL 2001/29/EG), ist der Europäischen Rechtsprechung zu entnehmen, dass dem Grundrecht auf geistiges Eigentum nicht jeder Schutz entzogen werden darf (EuGH v. 15.9.2016, Rs. C-484/14, Mc Fadden gegen Sony Music, Rdnr. 98). Dies liefe sonst dem Gedanken eines angemessenen Gleichgewichts zwischen den berechtigten Interessen der Beteiligten zuwider. Vor diesem Hintergrund war in § 7 Abs. 4 TMG eine Klarstellung und Konkretisierung für gerichtliche Anordnungen im Einzelfall notwendig, damit grundrechtlich geschützte Interessen von Rechteinhabern angemessen berücksichtigt werden.
Mit dem neu eingefügten § 7 Abs. 4 TMG wird daher ein Verfahren geschaffen, mit dem abseits der viel kritisierten Störerhaftung – die Verpflichtung aus Art. 8 Abs. 3 RL 2001/29/EG sowie Art. 11 Abs. 3 RL 2004/48/EG umgesetzt wird. Danach sollen Rechtsinhaber eine Anordnung gegen Mittelspersonen beantragen können, deren Dienste von einem Dritten in Anspruch genommen wurden, um geistige Eigentumsrechte zu verletzen. Konkret schafft § 7 Abs. 4 TMG eine Anspruchsgrundlage für gerichtliche Anordnungen gegen einen Diensteanbieter nach § 8 TMG, dessen Zugang von einem Nutzer zu dem Zweck benutzt wurde, das Recht am geistigen Eigentum (z.B. Urheberrecht) eines anderen zu verletzen. Der Rechtsinhaber kann vom Zugangsanbieter die Sperrung der Nutzung von Informationen verlangen. Abhängig vom jeweiligen Einzelfall kommen dafür verschiedene Maßnahmen in Betracht. Eine Möglichkeit wäre etwa die Sperrung bestimmter Ports am Router, um den Zugang zu Peer-to-Peer Netzwerken zu verhindern. Dadurch könnte der Zugriff auf illegale Tauschbörsen, über die Urheberrechtsverletzungen begangen wurden, direkt am betroffenen Router gesperrt werden. Neben Portsperren käme außerdem das Sperren des Zugriffs auf eine bestimmte Webseite vom betroffenen Zugangspunkt des Diensteanbieters in Betracht. Die Sperrung der Nutzung von Informationen muss dazu dienen, eine Wiederholung der Rechtsverletzung zu verhindern. Sie muss technisch möglich, wirtschaftlich zumutbar und verhältnismäßig sein. Erforderlich ist daher stets eine Interessenabwägung im Einzelfall, bei der z.B. ein Gericht die grundrechtlich geschützten Interessen aller Betroffenen sowie das Telekommunikationsgeheimnis angemessen berücksichtigen muss. Insbesondere darf eine Sperrmaßnahme nicht zu „Overblocking“ führen und damit über ihr Ziel hinausschießen. Voraussetzung ist außerdem, dass keine andere Möglichkeit besteht, der Rechtsverletzung abzuhelfen, etwa indem zunächst versucht wird, gegen den eigentlichen Rechtsverletzer oder den Hostanbieter vorzugehen. Eine Sperranordnung soll mithin nur als letztes Mittel in Betracht gezogen werden.
§ 7 Abs. 4 Satz 3 stellt sicher, dass das Kostenrisiko des Zugangsanbieters im Zusammenhang mit der Verletzung des Rechts am geistigen Eigentum weitgehend entfällt. Diese Regelung soll verhindern, dass Anbieter aus Angst vor den Kosten gerichtlicher Anordnungen davon abgehalten werden, der Öffentlichkeit einen Internetzugang anzubieten. Die Vorschrift soll die Verbreitung von Internetzugängen vorantreiben, damit möglichst viele Bürgerinnen und Bürger die digitalen Chancen, die mit einem Internetzugang verbunden sind, nutzen können. Bisher wurden die Kosten für gerichtliche Unterlassungsanordnungen in der Regel dem Zugangsanbieter auferlegt, obwohl die eigentliche Rechtsverletzung nicht von ihm, sondern von einem Dritten, dem Nutzer seines Dienstes, begangen wurde. Dies hat jedoch dazu geführt, dass insbesondere die Verbreitung von WLAN-Hotspots in Deutschland wesentlich langsamer vorangeschritten ist, als dies in anderen Ländern der Fall ist.
Zu unterscheiden sind hier die Kosten der vorgerichtlichen Rechtsdurchsetzung und Kosten eines gerichtlichen Verfahrens zur Durchsetzung des Anspruchs, insbesondere im Zivilprozess.
Für die vorgerichtlichen Kosten gilt folgendes: Ein Diensteanbieter, von dem die Sperrung der Nutzung von Informationen verlangt werden kann, um die Wiederholung der Rechtsverletzung zu verhindern, hat im Falle des Verzugs mit der Sperrung keine Rechtsverfolgungskosten als adäquat kausalen Verzögerungs- oder Verzugsschaden zu ersetzen. Dieses Ergebnis entspricht der Zielsetzung des Gesetzes, wonach ein Zugangsanbieter von den mit der Anspruchsdurchsetzung verbundenen Kostenrisiken freigestellt werden soll.
Für das gerichtliche Verfahren gilt folgendes: Der Ausschluss von Rechtsverfolgungskosten, insbesondere von Rechtsanwaltskosten des Rechtsinhabers gilt auch für das gerichtliche Verfahren. Der Anspruchsausschluss in § 7 Abs. 4 Satz 3 betrifft nämlich sowohl den prozessualen als auch den materiellen Kostenerstattungsanspruch. Allerdings erfasst die Vorschrift nicht die Entscheidungsschuldnerhaftung für Gerichtskosten. Hier kann es in Einzelfällen, wenn der WLAN-Betreiber den Anspruch nach § 7 Abs. 4 nicht erfüllt und deshalb vom Rechtsinhaber verklagt wird, zu einer Pflicht zur Tragung der Gerichtskosten kommen. Dieses Kostenrisiko realisiert sich jedoch nur, wenn der Rechtsinhaber als Kläger den Zivilprozess gewinnt und entspricht der üblichen „loser-pays-rule“ in § 91 ZPO. Der Zugangsanbieter kann dieses Kostenrisiko somit durch rechtzeitige Erfüllung des (berechtigten) Anspruchs auf Sperrung des Zugangs zur Nutzung von Informationen ausschließen.
Aus der Maßgabe, dass die vor- und außergerichtlichen Kosten nicht vom Diensteanbieter zu tragen sind, ergibt sich allerdings nicht, dass diese Kosten zukünftig notwendigerweise vom Rechtsinhaber zu tragen sind. Obwohl die Rechtsordnung bereits Fälle vorsieht, in denen der Rechtsinhaber als obsiegende Partei auch die Kosten zu tragen hat, etwa bei Auskunftsansprüchen im Urheberrecht (vgl. § 101 Abs. 9 S. 5 UrhG), können die vor- und außergerichtlichen Kosten für Sperranordnungen grundsätzlich gegenüber dem eigentlichen Rechtsverletzer geltend gemacht werden, wenn dieser ermittelt wurde.
Die Kostenregelung gilt für alle Zugangsanbieter nach § 8 TMG gleichermaßen, d.h. für WLAN-Betreiber ebenso wie für andere Netzanbieter. Grund ist, dass bereits mit dem Zweiten Gesetz zur Änderung des Telemediengesetzes eine Klarstellung dahingehend erfolgte, WLAN-Betreiber haftungsrechtlich mit Accessprovidern gleichzustellen. Damit wurde ein wesentliches Ziel aus dem Koalitionsvertrag zur 18. Legislaturperiode umgesetzt. Eine einheitliche Regelung soll auch bei den Kostenregelungen gelten. Hingegen gilt diese Kostenregelung nicht für andere Diensteanbieter, etwa Hostprovider nach § 10 TMG, weil insofern keine vergleichbare Interessenlage vorliegt. Nicht erfasst sind zudem die Fälle des § 8 Abs.1 S. 3 TMG, in denen der Diensteanbieter absichtlich mit einem Nutzer seines Dienstes zusammenarbeitet, um rechtswidrige Handlungen zu begehen. Hier ist der Diensteanbieter nicht schutzwürdig. Ihn gleichfalls von der Kostentragungspflicht zu befreien, wäre nicht sachgerecht.
Zu Nummer 2 (Änderung des § 8 TMG)
§ 8 Abs. 1 Satz 2 TMG soll nach dem Urteil des Gerichtshofes der Europäischen Union vom 15. September 2016 in der Rechtssache C-484/14 (Mc Fadden gegen Sony Music) klarstellen, was die Koalitionsfraktionen in der Begründung ihrer Änderungsanträge zu § 8 TMG im parlamentarischen Verfahren zum Zweiten Gesetz zur Änderung des Telemediengesetzes beabsichtigt hatten. Die Störerhaftung für Accessprovider sollte beschränkt und Accessprovider generell von Abmahnkosten befreit werden. Dazu wird nun auch im Gesetzestext klargestellt, dass Diensteanbieter, die nicht verantwortlich sind, nicht auf Schadensersatz oder Beseitigung oder Unterlassung in Anspruch genommen werden können. Dasselbe gilt für eine Inanspruchnahme zur Übernahme sämtlicher Kosten im Zusammenhang mit Rechtsverletzungen Dritter. Darunter fallen neben gerichtlichen und außergerichtlichen auch die vorgerichtlichen Kosten (z.B. Rechtsanwaltskosten im Zusammenhang mit Abmahnungen).
Aus § 8 Abs. 1 S. 3 ergibt sich, dass die Haftungsbeschränkung bei kollusivem Zusammenwirken von Diensteanbieter und Rechtsverletzer weiterhin ausgeschlossen bleibt.
Die Regelung im neuen Absatz 4, nach der WLAN-Betreiber nicht behördlich verpflichtet werden dürfen, Nutzer vor der Gewährung des Zugangs zum Internet zu registrieren, die Eingabe eines Passwortes zu verlangen oder das Anbieten des Dienstes einzustellen, soll verhindern, dass nach der EuGH-Entscheidung in der Rechtssache Mc Fadden WLAN-Betreiber erneut ihr Netz nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen wollen, aus Angst vor Abmahnungen oder gerichtlichen Anordnungen.
Der EuGH hat zwar entschieden, dass ein Passwortschutz, bei dem die Nutzer des Netzes ihre Identität offenbaren müssen, im Einzelfall zulässig sein kann (EuGH v. 15.9.2016, Rs. C-484/14, Mc Fadden gegen Sony Music, Rdnr. 96). Dabei ist der Gerichtshof allerdings von den Angaben des vorlegenden Gerichts ausgegangen, das wiederum nur drei mögliche Maßnahmen identifiziert hatte, die ein Accessprovider in der Praxis ergreifen könnte, um einer Anordnung zum Schutz von Urheberechtsverletzungen nachzukommen. Nicht unter diesen Maßnahmen waren z.B. Nutzungssperren bestimmter Ports am Router, die dazu führen würden, dass bestimmte Webseiten durch WLAN-Nutzer nicht mehr aufgerufen werden können. Dadurch könnte der Zugriff auf Webseiten, über die Urheberrechtsverletzungen begangen wurden (z.B. illegale Tauschbörsen) direkt am Router gesperrt werden, so dass einer Wiederholung der Rechtsverletzung auch mit einem milderen Mittel wirksam entgegen gewirkt kann. WLAN-Betreiber sollen vor diesem Hintergrund nicht dazu verpflichtet werden dürfen, ihren WLAN-Hotspot mit einem Passwort zu verschlüsseln.
Eine Registrierung ist eine Erhebung und Speicherung von personenbezogenen Daten (Bestandsdaten). Diese führt zu erheblichen gesetzlichen Pflichten im Hinblick auf den Umgang und den Schutz personenbezogener Daten. Für viele WLAN-Betreiber, etwa Kommunen, wären solche Verpflichtungen mit einem Aufwand verbunden, der letztlich von der WLAN-Bereitstellung abschrecken würde. Damit würde der Zweck dieses Gesetzes zunichte gemacht.
Maßnahmen auf freiwilliger Basis bleiben davon unberührt, so dass einem WLANBetreiber unbenommen ist, die Voraussetzungen festzulegen, unter denen er anderen sein WLAN zur Verfügung stellen möchte, solange der datenschutzrechtliche Bestimmungen beachtet.
Zu Artikel 2 (Evaluierung)
Das Gesetz soll drei Jahre nach seinem Inkrafttreten durch die Bundesregierung evaluiert werden. Bereits das Zweite Gesetz zur Änderung des Telemediengesetzes vom 21. Juli 2016 (BGBl. I S. 1766) sieht eine Evaluierung darüber vor, ob das Ziel des Gesetzes erreicht wurde. Mit dem vorliegenden Gesetz wurde darüber hinaus in § 7 Abs. 4 ein neues Instrument eingeführt, um die Interessen der Rechteinhaber zu wahren. Die Evaluierung soll Aufschluss darüber geben, ob sich das neue Instrument als ausreichend wirksam erwiesen hat. Die Bundesregierung soll dem Bundestag einen Bericht erstatten.
Die Vorschrift regelt das Inkrafttreten des Gesetzes am Tag nach seiner Verkündung.
Veröffentlicht 28.02.2017 um 11:14
TMGÄndG
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Letztendlich geht es um das Sichern von dauerhaften Einnahmen innerhalb Deutschlands für einige wenige Nutznieser. Wo kämen wir den hin, wenn es überall freies WLAN gäbe und die Einnahmen der deutschen Mobilfunkprovider einbrechen würden, da nur noch selten benötigt? Wo kämen wir hin, wenn der Musik- und Filmindustrie plötzlich Fantastilliarden an Einnahmen flöten gehen, nur weil es ein paar germanische Leecher übertreiben? Was sollten soziale Randgruppen wie Anwält mit ihrer Zeit anfangen, wenn sie nicht automatisiert ein paar Familienväter abziehen könnten? Fragen über Fragen…. doch halt, man schaut sich im (europäischen) Ausland um und stellt verwundert fest, dass die aufgeführten Probleme lediglich in Deutschland vorhanden sind. Der Deutsche ist quasi per se ein Berufskrimineller und Rechteverletzer. Dem muss Einhalt geboten werden! ;)
28. Februar 2017 um 22:23 Uhr
Das ist alles so gähnerzeugend langweilig, alle labern, keiner tut was…
Wer mag mal raten wie mein offener AP rausroutet? :)
In chain PREROUTING:
REDIRECT tcp — 0.0.0.0/0 0.0.0.0/0 tcp flags:0x17/0x02 redir ports 9040
1. März 2017 um 09:18 Uhr
Der neue Entwurf ist ein Fortschritt. Damit kann ich mir tatsächlich noch mal überlegen, ob ich mein privates WLAN öffentlich zur Verfügung stelle. Abgesehen davon, dass ich nach wie vor nicht glaube, dass Netzsperren tatsächlich ein wirksames Mittel sind, um Kriminelle von ihren Taten abzuhalten, bleiben für mich trotzdem noch ein paar Fragen ungeklärt.
Erstens: Ich arbeite 8 Stunden täglich als Angestellter. Während dieser Zeit bin ich nicht in der Lage, mein WLAN zu administrieren. In der spärlichen Restzeit schaffe ich nur ein sehr begrenztes Volumen an Sperranfragen zu bearbeiten. Nicht mehr als zwei oder drei pro Tag. Wie sieht es hier mit entsprechenden Anforderungen aus?
Portsperren halte ich für illegal. Um mal ein Extrembeispiel zu konstruieren: Wenn ein Inhalteanbieter entscheidet, seine Inhalte über Port 80 (den üblichen http Port) anzubieten, und dann illegal auf diese Inhalte zugegriffen wird, würde eine Portsperre hier die Nutzung des WWW insgesamt, weltweit, unmöglich machen. Eine Portsperre schließt eben nicht nur die Nutzung eines bestimmten Angebotes aus, sondern Milliarden weiterer, völlig unbeteiligter Angebote.
IP-Sperren sind aus dem gleichen Grund falsch, auch, wenn man damit weniger trifft. Angenommen, die IP-Sperre würde einen der Massenhoster wie Strato oder 1&1 betreffen, dann wären immer noch tausende Unschuldiger betroffen.
Sperren auf Basis der Domain-Namen wären möglich, sind aber kinderleicht zu umgehen.
Dazu kommt natürlich noch, dass ich nicht einfach aufgrund einer Aufforderung eines Herrn X von der Firma Y eine Netzsperre einrichten kann. Da könnte ja Jeder kommen. Eine Prüfung auf Rechtmäßigkeit ist mir als privater Anbieter nicht möglich. Das muss also ein Gericht tun.
„Wirtschaftsministerin Zypries“
UUUUAAAHHHH Die Frau aus der SPDbaumschule schon wieder. So wie die Vorratsdatenspeicherung fängt das auch im Fischereiausschuss an?
Wie soll Herr Schulz da noch eine echte Verbesserung darstellen? Bei nur etwas genauerer Betrachtung sind selbst dessen ‚Verbesserungen‘ kaum mehr als heiße Luft.
1. März 2017 um 18:25 Uhr
Mal ehrlich, Netzsperren sind doch so etwas tolles…
Haben Sie mal unser neues Produkt: Netzsperren probiert?
Wenn Sie jetzt ganz schnell ihr WLAN freischalten, bekommen Sie Netzsperren gratis dazu!
Komisch, keiner möchte unsere Netzsperren…
Vielleicht bekommen wir sie ja durch den Schronstein vom Keller ins Wohnzimmer.
Wir haben da diese Problem – Haben Sie es schon einmal probiert mit Netzsperren zu lösen?
Ich warte ja drauf bis die Herren und Damen diese, Cybersperren oder Cyberbarrikaden nennen. Wer weiß, vielleicht hilft ja ein Imagewechsel :D
Vorratsdatenspeicherung wollte ja auch keiner haben, jetzt heißt es einfach Mindestdatenspeicherung oder Mindestspeicherfrist…
3. März 2017 um 12:44 Uhr
Ein Freies und offenes WLAN wird es nicht geben.
Beispiel: Wie soll ein Rechteinhaber einen Verstoß seiner Rechte über ein WLAN verfolgen, wenn der WLAN-Betreiber keine Daten des Verletzers hat und/oder den Verstoß in der Zukunft verhindern?
WLAN-Betreiber müssen/sollten die Kontaktdaten der Benutzer erfassen und auch prüfen.
3. März 2017 um 15:26 Uhr
Wieso geht das in anderen Ländern vergleichswise problemlos?
Sind Deutsche vielleicht nur notorisch komisch Obrigkeitshörig?
3. März 2017 um 16:38 Uhr
„Beispiel: Wie soll ein Rechteinhaber einen Verstoß seiner Rechte über ein WLAN verfolgen, “
Gegenbeispiel: Wie soll ein Rechteinhaber einen Verstoß seiner Rechte (eigentlich Verstoß gegen seine Rechte) über analoge Wege verfolgen?
3. März 2017 um 15:28 Uhr
Wieso geht Wlan-Access in anderen Ländern vergleichsweise problemlos?
Sind Deutsche vielleicht nur notorisch komisch Obrigkeitshörig? Und wählen sich die Probleme selbst an den Hals?
7. März 2017 um 23:38 Uhr
… nur so eine Idee, vielleicht auch dumme Frage … gibt es ein Möglichkeit / wäre es möglich sein WLAN zu öffnen und nur diese über z.B. das Tor-Netzwerk laufen zu lassen ?