Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-eugh-c-442-16-gusa-20.12.2017-Arbeitnehmerfreizuegigkeit-sozialleistung-u.html
Timestamp: 2019-02-23 06:44:55
Document Index: 155843626

Matched Legal Cases: ['Art. 267', 'Art. 7', 'Art. 4', 'Art. 7', 'Art. 14', 'Art. 3', 'Art. 4', 'Art. 70', 'Art. 70', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 4', 'Art. 70', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 14', 'Art. 4', 'Art. 70', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 1', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7']

20. De­zem­ber 2017(*)
„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - Richt­li­nie 2004/38/EG - Per­son, die ei­ne Er­werbstätig­keit als Selbständi­ger auf­ge­ge­ben hat - Auf­recht­er­hal­tung der Selbständi­gen­ei­gen­schaft - Auf­ent­halts­recht - Rechts­vor­schrif­ten ei­nes Mit­glied­staats, wo­nach die Gewährung ei­nes Zu­schus­ses für Ar­beit­su­chen­de Per­so­nen vor­be­hal­ten ist, die ein Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet die­ses Mit­glied­staats ha­ben“
In der Rechts­sa­che C-442/16
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Court of Ap­peal (Be­ru­fungs­ge­richt, Ir­land) mit Ent­schei­dung vom 29. Ju­li 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 8. Au­gust 2016, in dem Ver­fah­ren
Flo­rea Gu­sa
Mi­nis­ter for So­ci­al Pro­tec­tion,
Ir­land,
At­tor­ney Ge­ne­ral
un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J. L. da Cruz Vi­laça, des Vi­ze­präsi­den­ten des Ge­richts­hofs A. Tiz­za­no (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­ter E. Le­vits und A. Borg Bart­het so­wie der Rich­te­rin M. Ber­ger,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 14. Ju­ni 2017,
- des Herrn Gu­sa, ver­tre­ten durch V. Nahoi, ad­vo­ca­te, M. Fla­na­gan, BL, und D. Shor­tall, BL,
- des Mi­nis­ter for So­ci­al Pro­tec­tion, Ir­lands und des At­tor­ney Ge­ne­ral, ver­tre­ten durch A. Mor­ris­sey, E. Cree­don und E. McKen­na als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von D. Dodd, BL, und S. Woul­fe, SC,
- der tsche­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Smo­lek, J. Pav­liš und J. Vláčil als Be­vollmäch­tig­te,
- der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Ny­mann-Lin­de­gren, N. Ly­shøj und C. Thorning als Be­vollmäch­tig­te,
- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Möller als Be­vollmäch­tig­ten,
- der un­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Z. Fehér und E. E. Se­be­s­tyén als Be­vollmäch­tig­te,
- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch S. Bran­don, T. Bu­ley und C. Cra­ne als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von D. Blun­dell, Bar­ris­ter,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch E. Mon­ta­guti und J. Tom­kin als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 26. Ju­li 2017
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 7 und 14 der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG (ABl. 2004, L 158, S. 77, und Be­rich­ti­gun­gen ABl. 2004, L 229, S. 35, und ABl. 2005, L 197, S. 34) so­wie des Art. 4 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/2004 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 zur Ko­or­di­nie­rung der Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit (ABl. 2004, L 166, S. 1 und Be­rich­ti­gung in ABl. 2004, L 200, S. 1) in der durch die Ver­ord­nung (EG) Nr. 988/2009 des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 16. Sep­tem­ber 2009 (ABl. 2009, L 284, S. 43) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: Ver­ord­nung Nr. 883/2004).
2 Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Herrn Flo­rea Gu­sa auf der ei­nen Sei­te und dem Mi­nis­ter for So­ci­al Pro­tec­tion (Mi­nis­ter für So­zi­al­schutz, Ir­land), Ir­land und dem At­tor­ney Ge­ne­ral auf der an­de­ren Sei­te über die Wei­ge­rung, Herrn Gu­sa ei­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de zu gewähren.
3 In den Erwägungs­gründen 3 und 4 der Richt­li­nie 2004/38 heißt es:
„(3) … [D]ie be­ste­hen­den Ge­mein­schafts­in­stru­men­te, die Ar­beit­neh­mer und Selbständi­ge so­wie Stu­die­ren­de und an­de­re beschäfti­gungs­lo­se Per­so­nen ge­trennt be­han­deln, [müssen] ko­di­fi­ziert und übe­r­ar­bei­tet wer­den, um das Freizügig­keits- und Auf­ent­halts­recht al­ler Uni­onsbürger zu ver­ein­fa­chen und zu verstärken.
(4) Um die­se be­reichs­spe­zi­fi­schen und frag­men­ta­ri­schen Ansätze des Freizügig­keits- und Auf­ent­halts­rechts zu über­win­den und die Ausübung die­ses Rechts zu er­leich­tern, ist ein ein­zi­ger Rechts­akt er­for­der­lich, in dem die Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 des Ra­tes vom 15. Ok­to­ber 1968 über die Freizügig­keit der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der Ge­mein­schaft [(ABl. 1968, L 257, S. 2) in der Fas­sung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 2434/92 des Ra­tes vom 27. Ju­li 1992 (ABl. 1992, L 245, S. 1)] geändert und die fol­gen­den Rechts­ak­te auf­ge­ho­ben wer­den: die Richt­li­nie 68/360/EWG des Ra­tes vom 15. Ok­to­ber 1968 zur Auf­he­bung der Rei­se- und Auf­ent­halts­be­schränkun­gen für Ar­beit­neh­mer der Mit­glied­staa­ten und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen in­ner­halb der Ge­mein­schaft [(ABl. 1968, L 257, S. 13)], die Richt­li­nie 73/148/EWG des Ra­tes vom 21. Mai 1973 zur Auf­he­bung der Rei­se- und Auf­ent­halts­be­schränkun­gen für Staats­an­gehöri­ge der Mit­glied­staa­ten in­ner­halb der Ge­mein­schaft auf dem Ge­biet der Nie­der­las­sung und des Dienst­leis­tungs­ver­kehrs [(ABl. 1973, L 172, S. 14)], die Richt­li­nie 90/364/EWG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1990 über das Auf­ent­halts­recht [(ABl. 1990, L 180, S. 26)], die Richt­li­nie 90/365/EWG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1990 über das Auf­ent­halts­recht der aus dem Er­werbs­le­ben aus­ge­schie­de­nen Ar­beit­neh­mer und selbstständig Er­werbstäti­gen [(ABl. 1990, L 180, S. 28)] und die Richt­li­nie 93/96/EWG des Ra­tes vom 29. Ok­to­ber 1993 über das Auf­ent­halts­recht der Stu­den­ten [(ABl. 1993, L 317, S. 59)].“
„Die­se Richt­li­nie re­gelt
a) die Be­din­gun­gen, un­ter de­nen Uni­onsbürger und ih­re Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen das Recht auf Freizügig­keit und Auf­ent­halt in­ner­halb des Ho­heits­ge­biets der Mit­glied­staa­ten ge­nießen;
5 Art. 7 („Recht auf Auf­ent­halt für mehr als drei Mo­na­te“) Abs. 1 und 3 die­ser Richt­li­nie sieht vor:
b) für sich und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt, so dass sie während ih­res Auf­ent­halts kei­ne So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats in An­spruch neh­men müssen, und er und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz im Auf­nahm­e­mit­glied­staat verfügen oder
c) - bei ei­ner pri­va­ten oder öffent­li­chen Ein­rich­tung … zur Ab­sol­vie­rung ei­ner Aus­bil­dung ein­sch­ließlich ei­ner Be­rufs­aus­bil­dung als Haupt­zweck ein­ge­schrie­ben ist und
- über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz im Auf­nahm­e­mit­glied­staat verfügt und der zuständi­gen na­tio­na­len Behörde … glaub­haft macht, dass er für sich und sei­ne Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel verfügt, so dass sie während ih­res Auf­ent­halts kei­ne So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen des Auf­nahm­e­mit­glied­staats in An­spruch neh­men müssen, oder
6 Art. 14 („Auf­recht­er­hal­tung des Auf­ent­halts­rechts“) Abs. 4 die­ser Richt­li­nie sieht vor:
„… un­be­scha­det der Be­stim­mun­gen des Ka­pi­tels VI darf ge­gen Uni­onsbürger … auf kei­nen Fall ei­ne Aus­wei­sung verfügt wer­den, wenn
b) die Uni­onsbürger in das Ho­heits­ge­biet des Auf­nahm­e­mit­glied­staats ein­ge­reist sind, um Ar­beit zu su­chen. In die­sem Fall dürfen die Uni­onsbürger … nicht aus­ge­wie­sen wer­den, so­lan­ge [sie] nach­wei­sen können, dass sie wei­ter­hin Ar­beit su­chen und dass sie ei­ne be­gründe­te Aus­sicht ha­ben, ein­ge­stellt zu wer­den.“
7 Art. 3 Abs. 1 und 3 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 sieht vor:
h) Leis­tun­gen bei Ar­beits­lo­sig­keit,
(3) Die­se Ver­ord­nung gilt auch für die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen gemäß Ar­ti­kel 70.“
8 Art. 4 („Gleich­be­hand­lung“) die­ser Ver­ord­nung lau­tet:
9 Art. 70 in Ka­pi­tel 9 („Be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tun­gen“) des Ti­tels III die­ser Ver­ord­nung be­stimmt:
i) ei­nen zusätz­li­chen, er­satz­wei­sen oder ergänzen­den Schutz ge­gen die Ri­si­ken zu gewähren, die von den in Ar­ti­kel 3 Ab­satz 1 ge­nann­ten Zwei­gen der so­zia­len Si­cher­heit ge­deckt sind, und den be­tref­fen­den Per­so­nen ein Min­dest­ein­kom­men zur Be­strei­tung des Le­bens­un­ter­halts [zu] ga­ran­tie­ren, das in Be­zie­hung zu dem wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Um­feld in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat steht,
b) de­ren Fi­nan­zie­rung aus­sch­ließlich durch ob­li­ga­to­ri­sche Steu­ern zur De­ckung der all­ge­mei­nen öffent­li­chen Aus­ga­ben er­folgt und de­ren Gewährung und Be­rech­nung nicht von Beiträgen hin­sicht­lich der Leis­tungs­empfänger abhängen. …
(4) Die in Ab­satz 2 ge­nann­ten Leis­tun­gen wer­den aus­sch­ließlich in dem Mit­glied­staat, in dem die be­tref­fen­den Per­so­nen woh­nen, und nach des­sen Rechts­vor­schrif­ten gewährt. …“
10 An­hang X die­ser Ver­ord­nung, der die be­son­de­ren bei­trags­un­abhängi­gen Geld­leis­tun­gen im Sin­ne von Art. 70 Abs. 2 die­ser Ver­ord­nung aufführt, um­fasst für Ir­land den „Zu­schuss für Ar­beits­su­chen­de (So­ci­al Wel­fa­re Con­so­li­da­ti­on Act 2005, Teil 3 Ka­pi­tel 2)“.
11 Sec­tion 139 des So­ci­al Wel­fa­re Con­so­li­da­ti­on Act 2005 (as amen­ded) (ko­di­fi­zier­tes So­zi­al­schutz­ge­setz von 2005 [in geänder­ter Fas­sung], im Fol­gen­den: Ge­setz von 2005) sieht in ei­nem Ver­zeich­nis von So­zi­al­hil­fe­leis­tun­gen ei­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de vor.
12 Gemäß Sec­tion 141(1) und (9) die­ses Ge­set­zes hängt die Gewährung des Zu­schus­ses von ei­nem die Exis­tenz­mit­tel be­tref­fen­den Kri­te­ri­um und von der Vor­aus­set­zung ab, dass die be­trof­fe­ne Per­son zum Zeit­punkt der An­trag­stel­lung ih­ren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Ir­land hat.
13 Sec­tion 246(5) des Ge­set­zes von 2005 be­stimmt:
„… Ei­ne Per­son, die nicht das Recht hat, sich in dem Staat auf­zu­hal­ten, gilt im Sin­ne die­ses Ge­set­zes nicht als Per­son, die ih­ren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in dem Staat hat.“
14 Sec­tion 246(6) die­ses Ge­set­zes führt die Per­so­nen auf, von de­nen für die Zwe­cke von Sub­sec­tion (5) an­ge­nom­men wird, dass sie das Recht ha­ben, sich in Ir­land auf­zu­hal­ten. Da­zu gehören die iri­schen Staatsbürger und Per­so­nen, die nach den Eu­ro­pean Com­mu­nities (Free Mo­ve­ment of Per­sons) (No. 2) Re­gu­la­ti­ons 2006 (Ver­ord­nung über die Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten [Freizügig­keit] Nr. 2 von 2006) (im Fol­gen­den: Re­gu­la­ti­ons von 2006), mit de­nen die Richt­li­nie 2004/38 in iri­sches Recht um­ge­setzt wird, das Recht ha­ben, nach Ir­land ein­zu­rei­sen und sich dort auf­zu­hal­ten.
15 Re­gu­la­ti­on 6(2) der Re­gu­la­ti­ons von 2006 be­stimmt:
„a) Vor­be­halt­lich von Re­gu­la­ti­on 20 darf sich ein Uni­onsbürger länger als drei Mo­na­te im Staat auf­hal­ten, wenn er -
i) Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger im Staat ist,
c) Vor­be­halt­lich von Re­gu­la­ti­on 20 darf ei­ne Per­son, auf die Un­ter­ab­satz (a)(i) zu­trifft, bei Be­en­di­gung der in die­sem Un­ter­ab­satz ge­nann­ten Tätig­keit im Staat blei­ben, wenn sie -
ii) sich bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach mehr als einjähri­ger Beschäfti­gung der zuständi­gen Stel­le des De­part­ment of So­ci­al and Fa­mi­ly Af­fairs [So­zi­al- und Fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um, Ir­land] und der FÁS [Behörde für Bil­dung und Beschäfti­gung, Ir­land] als Ar­beit­su­chen­der zur Verfügung stellt,
16 Herr Gu­sa, ein rumäni­scher Staats­an­gehöri­ger, reis­te im Ok­to­ber 2007 in das Ho­heits­ge­biet Ir­lands ein. Während des ers­ten Jah­res sei­nes Auf­ent­halts in die­sem Mit­glied­staat wur­de sein Le­bens­un­ter­halt von sei­nen er­wach­se­nen Kin­dern be­strit­ten, die eben­falls dort wohn­ten. Von Ok­to­ber 2008 bis Ok­to­ber 2012 war er als selbständi­ger Stucka­teur tätig und ent­rich­te­te auf­grund des­sen in Ir­land sei­ne Steu­ern, die ein­kom­mens­abhängi­gen So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge und die an­de­ren Ab­ga­ben auf sei­ne Einkünf­te.
17 Im Ok­to­ber 2012 gab er die­se Tätig­keit un­ter Hin­weis auf ei­nen Man­gel an Ar­beit auf­grund des kon­junk­tu­rel­len Ab­schwungs auf und stell­te sich den zuständi­gen iri­schen Behörden als Ar­beit­su­chen­der zur Verfügung. Er hat­te dann kein Ein­kom­men mehr, da sei­ne Kin­der Ir­land ver­las­sen hat­ten und ihn nicht mehr fi­nan­zi­ell un­terstütz­ten.
18 Im No­vem­ber 2012 stell­te er ei­nen An­trag auf Gewährung ei­nes Zu­schus­ses für Ar­beit­su­chen­de nach dem Ge­setz von 2005.
19 Die­ser An­trag wur­de je­doch mit Ent­schei­dung vom 22. No­vem­ber 2012 mit der Be­gründung ab­ge­lehnt, dass Herr Gu­sa nicht nach­ge­wie­sen ha­be, dass er zu die­sem Zeit­punkt noch im­mer ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land be­sit­ze. Seit der Be­en­di­gung sei­ner selbständi­gen Tätig­keit als Stucka­teur ha­be Herr Gu­sa nämlich nicht mehr die Vor­aus­set­zun­gen für die­ses Recht in Re­gu­la­ti­on 6(2) der Re­gu­la­ti­ons von 2006 erfüllt, mit der Art. 7 der Richt­li­nie 2004/38 in iri­sches Recht um­ge­setzt wird.
20 Nach er­folg­lo­sem Wi­der­spruch focht Herr Gu­sa die Ent­schei­dung beim High Court (Ho­her Ge­richts­hof, Ir­land) u. a. mit der Be­gründung an, dass ihm, ob­wohl er sei­ne selbständi­ge Er­werbstätig­keit auf­ge­ge­ben ha­be, nach Art. 7 der Richt­li­nie 2004/38 die Selbständi­gen­ei­gen­schaft so­wie ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land er­hal­ten ge­blie­ben sei­en. Mit Ur­teil vom 17. Ok­to­ber 2013 wies der High Court (Ho­her Ge­richts­hof) die Kla­ge ab, wo­ge­gen Herr Gu­sa beim Su­pre­me Court (Obers­ter Ge­richts­hof, Ir­land) ein Rechts­mit­tel ein­leg­te, das die­ser an das vor­le­gen­de Ge­richt ver­wies.
21 Das vor­le­gen­de Ge­richt weist ein­lei­tend dar­auf hin, dass Herr Gu­sa nicht be­haup­te, über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel oder ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz zu verfügen und da­her nicht gel­tend ma­che, nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land zu ha­ben. Er tra­ge auch nicht vor, im No­vem­ber 2012 ein Recht auf Dau­er­auf­ent­halt in die­sem Mit­glied­staat er­wor­ben zu ha­ben.
22 Das vor­le­gen­de Ge­richt fragt sich je­doch, ob bei Herrn Gu­sa da­von aus­zu­ge­hen sei, dass ihm, ob­wohl er sei­ne selbständi­ge Er­werbstätig­keit als Stucka­teur auf­ge­ge­ben ha­be, die Selbständi­gen­ei­gen­schaft nach Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 oder nach ei­ner an­de­ren uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mung er­hal­ten ge­blie­ben sei, so dass er nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie wei­ter­hin ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land ha­be. Ins­be­son­de­re stellt sich für das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen die Fra­ge, ob Art. 7 Abs. 3 Buchst. b nur Per­so­nen er­fas­se, die un­frei­wil­lig ar­beits­los ge­wor­den sei­en, nach­dem sie mehr als ein Jahr ei­ner Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer nach­ge­gan­gen sei­en, oder ob die­se Be­stim­mung auch auf Per­so­nen An­wen­dung fin­de, die sich in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on befänden, nach­dem sie über ei­nen sol­chen Zeit­raum hin­weg ei­ne selbständi­ge Tätig­keit aus­geübt hätten.
23 Falls da­von aus­zu­ge­hen sei, dass Herr Gu­sa die Selbständi­gen­ei­gen­schaft ver­lo­ren ha­be, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob ihm den­noch ein Recht auf Auf­ent­halt in Ir­land auf­grund ei­ner an­de­ren uni­ons­recht­li­chen Vor­schrift zu­zu­er­ken­nen sei, ob­wohl er we­der über aus­rei­chen­de Exis­tenz­mit­tel noch über ei­nen um­fas­sen­den Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz verfüge.
Falls dies zu ver­nei­nen sei, fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt, ob die Wei­ge­rung, Herrn Gu­sa den nach dem Ge­setz von 2005 vor­ge­se­he­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de zu gewähren, weil er kein sol­ches Auf­ent­halts­recht nach­wei­se, ge­gen das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, ver­s­toße, da die­ser Zu­schuss ei­ne „be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tung“ im Sin­ne von Art. 70 die­ser Ver­ord­nung dar­stel­le.
25 Un­ter die­sen Umständen hat der Court of Ap­peal (Be­ru­fungs­ge­richt, Ir­land) das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
1. Bleibt ei­nem Uni­onsbürger, der i) Staats­an­gehöri­ger ei­nes an­de­ren Mit­glied­staats ist, ii) sich in ei­nem Auf­nahm­e­mit­glied­staat rechtmäßig auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re lang als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat, iii) sei­ne Ar­beit oder wirt­schaft­li­che Tätig­keit we­gen man­geln­der Ar­beit ein­ge­stellt hat und iv) sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung ge­stellt hat, die Ei­gen­schaft als Selbständi­ger im Sin­ne von Art. 7 Abs. 1 Buchst. a ent­we­der nach Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 oder auf an­de­re Wei­se er­hal­ten?
2. Falls nicht, bleibt ihm das Recht auf Auf­ent­halt im Auf­nahm­e­mit­glied­staat er­hal­ten, ob­wohl er die Vor­aus­set­zun­gen in Art. 7 Abs. 1 Buchst. b oder c der Richt­li­nie 2004/38 nicht erfüllt, oder ist er le­dig­lich gemäß Art. 14 Abs. 4 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 vor ei­ner Aus­wei­sung geschützt?
3. Falls nicht, ist es mit Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re Art. 4 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004, ver­ein­bar, ei­ner sol­chen Per­son ei­nen Zu­schuss für Ar­beit­su­chen­de (der ei­ne be­son­de­re bei­trags­un­abhängi­ge Geld­leis­tung im Sin­ne von Art. 70 der Ver­ord­nung Nr. 883/2004 dar­stellt) mit der Be­gründung zu ver­wei­gern, sie ha­be kein Recht auf Auf­ent­halt im Auf­nahm­e­mit­glied­staat nach­ge­wie­sen?
26 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Selbständi­gen­ei­gen­schaft für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie ei­nem Staats­an­gehöri­gen ei­nes Mit­glied­staats er­hal­ten bleibt, der, nach­dem er sich rechtmäßig in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat­te, die­se Tätig­keit we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit, der auf von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben und sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt des letzt­ge­nann­ten Mit­glied­staats zur Verfügung ge­stellt hat.
27 Nach Art. 7 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/38 hat je­der Uni­onsbürger, der im Auf­nahm­e­mit­glied­staat Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger ist, ein Recht auf Auf­ent­halt im Ho­heits­ge­biet die­ses Mit­glied­staats für ei­nen Zeit­raum von über drei Mo­na­ten. Art. 7 Abs. 3 die­ser Richt­li­nie be­stimmt, dass für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft dem Uni­onsbürger, der sei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger nicht mehr ausübt, in vier Fällen den­noch er­hal­ten bleibt.
28 Un­ter die­sen Fällen ist in Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Fall ge­nannt, dass sich der Uni­onsbürger „bei ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit nach mehr als einjähri­ger Beschäfti­gung dem zuständi­gen Ar­beits­amt zur Verfügung stellt“.
29 Das vor­le­gen­de Ge­richt führt in­so­weit aus, im vor­lie­gen­den Fall ste­he außer Streit, dass sich Herr Gu­sa dem zuständi­gen Ar­beits­amt im Sin­ne die­ses Art. 7 Abs. 3 Buchst. b zur Verfügung ge­stellt ha­be. Das vor­le­gen­de Ge­richt weist je­doch sinn­gemäß dar­auf hin, dass aus dem Wort­laut von Art. 7 Abs. 3 Buchst. b ab­ge­lei­tet wer­den könn­te, dass die­se Be­stim­mung nur für Per­so­nen gel­te, die sich nach mehr als einjähri­ger Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer in ord­nungs­gemäß bestätig­ter un­frei­wil­li­ger Ar­beits­lo­sig­keit befänden, und Per­so­nen, die sich wie Herr Gu­sa in ei­ner ent­spre­chen­den Si­tua­ti­on befänden, nach­dem sie während ei­nes sol­chen Zeit­raums ei­ne Er­werbstätig­keit als Selbständi­ge aus­geübt hätten, aus­ge­schlos­sen sei­en.
30 Die­se Aus­le­gung kann aus dem Wort­laut der Be­stim­mung je­doch nicht ein­deu­tig ge­fol­gert wer­den.
31 Ins­be­son­de­re könn­te der Aus­druck „un­frei­wil­li­ge Ar­beits­lo­sig­keit“ ent­ge­gen dem Vor­brin­gen der Be­klag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens und der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs je nach dem Kon­text, in dem er ver­wen­det wird, so­wohl auf ei­ne Si­tua­ti­on der Er­werbs­lo­sig­keit auf­grund des un­frei­wil­li­gen Ver­lusts ei­nes Ar­beits­plat­zes in­fol­ge ins­be­son­de­re ei­ner Ent­las­sung als auch, im wei­te­ren Sin­ne, auf ei­nen Zu­stand der Be­en­di­gung ei­ner Er­werbstätig­keit, sei es als Ar­beit­neh­mer oder als Selbständi­ger, we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit aus nicht vom Wil­len der be­trof­fe­nen Per­son abhängen­den Gründen, wie et­wa im Fall ei­nes kon­junk­tu­rel­len Ab­schwungs, Be­zug neh­men.
32 An­de­rer­seits könn­te der Aus­druck „nach Beschäfti­gung“, der u. a. in der eng­li­schen („af­ter ha­ving be­en em­ploy­ed“) und der französi­schen („après avoir été em­ployé“) Sprach­fas­sung des Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 ver­wen­det wird und der, wie ins­be­son­de­re die Be­klag­ten den Aus­gangs­ver­fah­rens her­vor­ge­ho­ben ha­ben, im ursprüng­li­chen und im geänder­ten Richt­li­ni­en­vor­schlag der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on (Vor­schlag für ei­ne Richt­li­nie des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten [ABl. 2001, C 270 E, S. 150], und Geänder­ter Vor­schlag für ei­ne Richt­li­nie des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, KOM[2003] 199 endg.) nicht ent­hal­ten war, so ver­stan­den wer­den, dass er auf ei­ne vor­he­ri­ge Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer Be­zug nimmt.
33 Wie je­doch der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 48 und 49 sei­ner Schluss­anträge im We­sent­li­chen aus­geführt hat, bestäti­gen an­de­re Sprach­fas­sun­gen die­ser Be­stim­mung, die neu­tra­le­re For­mu­lie­run­gen ver­wen­den, die­se Aus­le­gung nicht. Ins­be­son­de­re ver­wen­det die grie­chi­sche Sprach­fas­sung den Aus­druck „επαγγελματική δραστηριότητα“, wo­mit auf die Ausübung ei­ner „Be­rufstätig­keit“ Be­zug ge­nom­men wird, die ita­lie­ni­sche Sprach­fas­sung ver­wen­det den Aus­druck „aver eser­ci­ta­to un’at­ti­vità“ und ver­weist so­mit auf die Ausübung ei­ner Tätig­keit, und die let­ti­sche Sprach­fas­sung enthält den Aus­druck „ir bi­jis(-usi) no­dar­bināts(-a)“, der all­ge­mein Per­so­nen um­fasst, die „ge­ar­bei­tet“ ha­ben.
34 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs kann die in ei­ner der Sprach­fas­sun­gen ei­ner Vor­schrift des Uni­ons­rechts ver­wen­de­te For­mu­lie­rung nicht als al­lei­ni­ge Grund­la­ge für die Aus­le­gung die­ser Vor­schrift her­an­ge­zo­gen wer­den oder Vor­rang vor den an­de­ren Sprach­fas­sun­gen be­an­spru­chen. Die Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts müssen nämlich im Licht der Fas­sun­gen in al­len Spra­chen der Uni­on ein­heit­lich aus­ge­legt und an­ge­wandt wer­den. Wei­chen die­se ver­schie­de­nen Fas­sun­gen von­ein­an­der ab, muss die frag­li­che Vor­schrift nach der all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik und dem Zweck der Re­ge­lung aus­ge­legt wer­den, zu der sie gehört (vgl. Ur­teil vom 1. März 2016, Alo und Os­so, C-443/14 und C-444/14, EU:C:2016:127, Rn. 27 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
35 Zur all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik der Richt­li­nie 2004/38 ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die­se Richt­li­nie nach ih­rem Art. 1 Buchst. a u. a. die Be­din­gun­gen fest­le­gen soll, un­ter de­nen Uni­onsbürger das Recht auf Freizügig­keit und Auf­ent­halt in­ner­halb des Ho­heits­ge­biets der Mit­glied­staa­ten ge­nießen.
36 Zu die­sem Zweck un­ter­schei­det Art. 7 Abs. 1 die­ser Richt­li­nie u. a. die Si­tua­ti­on der er­werbstäti­gen Bürger von der Si­tua­ti­on der nicht er­werbstäti­gen Bürger und Stu­die­ren­den. Hin­ge­gen trifft die­se Be­stim­mung in­ner­halb der erst­ge­nann­ten Grup­pe kei­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen den Bürgern, die im Auf­nahm­e­mit­glied­staat un­selbständig er­werbstätig sind, und den selbständig er­werbstäti­gen Bürgern.
37 Art. 7 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2004/38 ver­leiht da­her, wie in Rn. 27 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, je­dem Uni­onsbürger, der die Ei­gen­schaft ei­nes „Ar­beit­neh­mers oder Selbständi­gen“ hat, ein Auf­ent­halts­recht. Dem­ent­spre­chend be­zieht sich Art. 7 Abs. 3 die­ser Richt­li­nie im ein­lei­ten­den Satz auf Uni­onsbürger, de­nen, ob­wohl sie ih­re „Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer oder Selbständi­ger“ nicht mehr ausüben, für die Zwe­cke von Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die „Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft“ er­hal­ten bleibt.
38 Da, wie sich aus den Rn. 30 bis 34 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, aus dem Wort­laut von Art. 7 Abs. 3 Buchst. b nicht ab­ge­lei­tet wer­den kann, dass er nur den Fall der Per­so­nen er­fasst, die kei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer mehr ausüben, und je­ne Per­so­nen aus­sch­ließt, die kei­ne Er­werbstätig­keit als Selbständi­ge mehr ausüben, ist die­se Be­stim­mung un­ter Berück­sich­ti­gung der all­ge­mei­nen Sys­te­ma­tik der Richt­li­nie 2004/38 und ins­be­son­de­re des ein­lei­ten­den Sat­zes von Art. 7 Abs. 1 Buchst. b so­wie des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen, dass sie für die­se bei­den Per­so­nen­grup­pen gilt.
39 Die­se Aus­le­gung wird durch die Un­ter­su­chung der Zie­le un­ter­mau­ert, die mit die­ser Richt­li­nie, ge­nau­er mit ih­rem Art. 7 Abs. 3 Buchst. b, ver­folgt wer­den.
40 Zum ei­nen er­gibt sich nämlich aus den Erwägungs­gründen 3 und 4 der Richt­li­nie 2004/38, dass die­se zum Ziel hat, zur Stärkung des ele­men­ta­ren und persönli­chen Rechts al­ler Uni­onsbürger, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, so­wie zur Er­leich­te­rung der Ausübung die­ses Rechts die be­reichs­spe­zi­fi­schen und frag­men­ta­ri­schen Ansätze, die für die vor dem Er­lass die­ser Richt­li­nie gel­ten­den In­stru­men­te des Uni­ons­rechts, die ins­be­son­de­re Ar­beit­neh­mer und Selbständi­ge ge­trennt be­han­del­ten, cha­rak­te­ris­tisch wa­ren, durch ei­nen ein­zi­gen Rechts­akt zu über­win­den, mit dem die­se In­stru­men­te ko­di­fi­ziert und übe­r­ar­bei­tet wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. Ju­ni 2014, Saint Prix, C-507/12, EU:C:2014:2007, Rn. 25).
41 Die­sem Zweck würde es zu­wi­der­lau­fen, wenn Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 da­hin aus­ge­legt würde, dass er nur Per­so­nen er­fasst, die mehr als ein Jahr als Ar­beit­neh­mer er­werbstätig wa­ren, und Per­so­nen aus­sch­ließt, die dies als Selbständi­ge wa­ren.
42 Zum an­de­ren würde ei­ne sol­che Aus­le­gung ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung die­ser bei­den Per­so­nen­grup­pen einführen, die nicht ge­recht­fer­tigt wäre im Hin­blick auf das mit die­ser Be­stim­mung ver­folg­te Ziel, durch die Auf­recht­er­hal­tung der Er­werbstäti­gen­ei­gen­schaft das Auf­ent­halts­recht der Per­so­nen zu si­chern, die ih­re Be­rufstätig­keit we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit auf­ge­ge­ben ha­ben, der auf von ih­rem Wil­len un­abhängi­gen Umständen be­ruht.
43 Denn wie ein Ar­beit­neh­mer, der un­frei­wil­lig sei­nen Ar­beits­platz in­fol­ge ins­be­son­de­re ei­ner Ent­las­sung ver­lie­ren kann, kann sich ei­ne Per­son, die ei­ner selbständi­gen Er­werbstätig­keit nach­ge­gan­gen ist, ge­zwun­gen se­hen, die­se Tätig­keit auf­zu­ge­ben. Die­se Per­son könn­te sich so­mit in ei­ner schwie­ri­gen Si­tua­ti­on be­fin­den, die mit der ei­nes ent­las­se­nen Ar­beit­neh­mers ver­gleich­bar ist. Un­ter sol­chen Umständen wäre es nicht ge­recht­fer­tigt, wenn die­se Per­son in Be­zug auf die Auf­recht­er­hal­tung ih­res Auf­ent­halts­rechts nicht den­sel­ben Schutz ge­nießt wie ei­ne Per­son, die kei­ne Er­werbstätig­keit als Ar­beit­neh­mer mehr ausübt.
44 Ei­ne sol­che un­ter­schied­li­che Be­hand­lung wäre um­so we­ni­ger ge­recht­fer­tigt, als sie da­zu führen würde, dass ei­ne Per­son, die ei­ne mehr als einjähri­ge Er­werbstätig­keit als Selbständi­ger im Auf­nahm­e­mit­glied­staat aus­geübt und zum So­zi­al­ver­si­che­rungs- und Steu­er­sys­tem die­ses Mit­glied­staats durch die Ent­rich­tung von Steu­ern, Ab­ga­ben und die Tra­gung von an­de­ren ih­re Einkünf­te min­dern­den Kos­ten bei­ge­tra­gen hat, gleich­be­han­delt würde wie ei­ne Per­son, die in die­sem Mit­glied­staat erst­mals ei­ne Beschäfti­gung sucht, dort nie ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­geübt und nie Beiträge zu die­sem Sys­tem ent­rich­tet hat.
45 Aus al­le­dem folgt, dass ei­ne Per­son, die ei­ne mehr als einjähri­ge selbständi­ge Er­werbstätig­keit we­gen ei­nes Man­gels an Ar­beit, der auf von ih­rem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben hat, eben­so wie ei­ne Per­son, die un­frei­wil­lig ih­ren Ar­beits­platz ver­lo­ren hat, den sie über ei­ne sol­che Zeit­dau­er in­ne­hat­te, den Schutz des Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 ge­nießen kann. Wie in die­ser Be­stim­mung vor­ge­se­hen, muss die Be­en­di­gung der Er­werbstätig­keit ord­nungs­gemäß bestätigt sein.
46 Da­her ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Selbständi­gen­ei­gen­schaft für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie ei­nem Staats­an­gehöri­gen ei­nes Mit­glied­staats er­hal­ten bleibt, der, nach­dem er sich rechtmäßig in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat­te, die­se Tätig­keit we­gen ei­nes ord­nungs­gemäß bestätig­ten Man­gels an Ar­beit, der auf von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben und sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt des letzt­ge­nann­ten Mit­glied­staats zur Verfügung ge­stellt hat.
47 In An­be­tracht der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge sind die zwei­te und die drit­te Fra­ge nicht zu be­ant­wor­ten.
Art. 7 Abs. 3 Buchst. b der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 über das Recht der Uni­onsbürger und ih­rer Fa­mi­li­en­an­gehöri­gen, sich im Ho­heits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten frei zu be­we­gen und auf­zu­hal­ten, zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1612/68 und zur Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 64/221/EWG, 68/360/EWG, 72/194/EWG, 73/148/EWG, 75/34/EWG, 75/35/EWG, 90/364/EWG, 90/365/EWG und 93/96/EWG ist da­hin aus­zu­le­gen, dass die Selbständi­gen­ei­gen­schaft für die Zwe­cke des Art. 7 Abs. 1 Buchst. a die­ser Richt­li­nie ei­nem Staats­an­gehöri­gen ei­nes Mit­glied­staats er­hal­ten bleibt, der, nach­dem er sich rechtmäßig in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat auf­ge­hal­ten und dort et­wa vier Jah­re als Selbständi­ger ge­ar­bei­tet hat­te, die­se Tätig­keit we­gen ei­nes ord­nungs­gemäß bestätig­ten Man­gels an Ar­beit, der auf von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen be­ruh­te, auf­ge­ge­ben und sich dem zuständi­gen Ar­beits­amt des letzt­ge­nann­ten Mit­glied­staats zur Verfügung ge­stellt hat.
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