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Timestamp: 2017-08-19 07:59:25
Document Index: 330735288

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 7', 'EuG', 'BGH', 'BGH']

Vermerk der Abt. OEB des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu - PDF
Vermerk der Abt. OEB des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu
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1 information Vermerk der Abt. OEB des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu EuGH- Urteil C 514/12 vom 5. Dezember 2013 Unzulässige mittelbare Diskriminierung durch Anerkennung von Zeiten nur bei demselben Arbeitgeber Der Europäische Gerichtshof hat mit seinem Urteil C 514/12 vom 5. Dezember 2013 die Maßstäbe für mittelbare Diskriminierungen von Bürgern anderer EU-Staaten verdeutlicht. Werden auf Grund von Dienstzeiten bei einzelnen deutschen Dienstherrn und öffentlichen Arbeitgebern rechtliche Vorteile gewährt, müssen auch entsprechende Dienstzeiten in anderen EU-Staaten voll anerkannt werden. Eine europarechtswidrige Diskriminierung kann auch dann vorliegen, wenn durch solche auf Beschäftigungszeiten bei einzelnen Arbeitgebern/Dienstherrn beschränkte Anrechnungsregelungen nicht nur EU-AusländerInnen sondern auch inländische Beschäftigte mit Vordienstzeiten bei anderen Arbeitgebern/Dienstherrn benachteiligt werden. 1 EuGH-Entscheidung Nach der hier einsehbaren Entscheidung sind Regelungen, die nicht direkt an der Staatsangehörigkeit anknüpfen, als mittelbar diskriminierend anzusehen, falls sie sich ihrem Wesen nach stärker auf Wanderarbeitnehmer als auf inländische Arbeitnehmer auswirken können und folglich die Gefahr besteht, dass sie Wanderarbeitnehmer besonders benachteiligen (Rn. 26). Dies ist nicht erst dann der Fall, wenn alle Inländer begünstigt werden oder unter Ausschluss der Inländer nur die Staatsangehörigen der anderen Mitgliedstaaten benachteiligt werden (Rn. 27). Deutscher Gewerkschaftsbund Bundesvorstand Abt. Beamte und Öffentlicher Dienst Alexander Haas Politischer Referent Laufbahnrecht, Personalentwicklung und Vielfalt Telefon: Telefax: Mobil: Henriette-Herz-Platz Berlin Der vom EuGH zu entscheidende Ausgangsfall betraf eine Regelung im österreichischen Bundesland Salzburg, wonach Dienstzeiten bei dem Salzburger Arbeitgeber voll, bei anderen Arbeitgebern nur teilweise gehaltssteigernd angerechnet wurden. Wanderarbeitnehmer wurden nach der Wertung des EuGH dabei besonders benachteiligt, denn diese werden vor dem Eintritt in den Dienst des Landes Salzburg sehr wahrscheinlich Berufserfahrung in einem anderen Mitgliedstaat als der Republik Österreich erworben haben. So würde ein Wanderarbeitnehmer, der bei Arbeitgebern mit Sitz in einem anderen Mitgliedstaat als der Republik Österreich im selben Umfang einschlägige Berufserfahrung erworben hat wie ein Arbeitnehmer, der seine Berufslaufbahn bei Dienststellen des Landes Salzburg durchlaufen hat, in eine niedrigere Entlohnungsstufe eingruppiert als der Letztgenannte (Rn. 28).
2 Seite 2 von 5 Vermerk der Abt. OEB vom Beispielhafte Auswirkungen auf das Beamtenrecht Die Auswirkungen dieser Rechtsprechung auf das Dienstrecht sind umfangreich. Im Folgenden sollen einzelne Problemkreise skizziert werden ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Eine differenziertere Analyse bleibt späteren Informationsschreiben vorbehalten. Mit der folgenden Aufzählung ist noch nichts darüber gesagt, ob und wie oft die dargestellten Fallkonstellationen tatsächlich auftreten. 2.1 Zeiten hauptberuflicher Tätigkeiten Während beispielsweise das Bundesbesoldungsgesetz bei der erstmaligen Stufenzuordnung in den 28 Abs. 1 Ziff. 1, 29 Abs. 2 Zeiten den Zeiten einer gleichwertigen hauptberuflichen Tätigkeit bei einem deutschen öffentlich-rechtlichen Dienstherrn auch ausgeübte gleichartige Tätigkeiten im öffentlichen Dienst eines Mitgliedsstaates der Europäischen Union gleichstellt, fehlt bei anderen Anrechnungen von Zeiten eines solche Gleichstellung: In der Verordnung über die Gewährung von Jubiläumszuwendungen an Beamte und Richter des Bundes (JubV) wird in 3 lediglich eine Tätigkeit im Dienst eines öffentlich-rechtlichen Dienstherrn im Reichsgebiet sowie die Zeiten der Ausbildung bei einem solchen Dienstherrn für die Berechnung des Zeitpunktes des Dienstjubiläums herangezogen. Dies ist nach unserer Ansicht nicht erst aufgrund der o.g. Rechtsprechung europarechtswidrig. Auch die derzeit im Beteiligungsverfahren befindliche Neufassung der Dienstjubiläumszuwendungsverordnung enthält eine solche Diskriminierung. Betroffenen ist zu raten, die Neuberechnung der Jubiläumszeitpunkte unter Einbeziehung solcher Zeiten zu beantragen. Auf politischer Ebene setzen wir uns für eine europarechtskonforme Ausgestaltung ein. 2.2 Zeiten besonderer Belastung Regelungen wie 110 Abs. 5 LBG Brandenburg, wonach für die Polizeivollzugsbeamten auf Lebenszeit des gehobenen Dienstes sich die besondere Altersgrenze bei einer zehnjährigen Tätigkeit im Wechselschichtdienst oder im Schichtdienst um 24 Monate verringert, erscheinen ebenfalls problematisch, da sie nur Zeiten berücksichtigen, in denen die entsprechenden Zulagen gemäß der Erschwerniszulagenverordnung des Landes oder entsprechende, nach dem Recht des Bundes oder eines anderen Landes der Bundesrepublik Deutschland gewährte Zulagen gezahlt wurden. Gleichermaßen belastende Vordienstschichtzeiten im Dienste anderer EU-Staaten bleiben indes unberücksichtigt. 2.3 Wehrdienstzeiten In 28 Abs. 1 Ziff. 2 BBesG werden unter Verweis auf das Arbeitsplatzschutzgesetz bestimmte wehr- oder zivildienstbedingte Verzögerungen ebenfalls als Erfahrungszeiten angerechnet. Das Arbeitsplatzschutzgesetz nimmt nicht ausdrücklich auf einen Wehrdienst bei der Bundeswehr Bezug, ließe sich nach einer ersten Prüfung also wohl europarechtskonform auslegen. Ob eine solche Auslegung in der Praxis auch stattfindet, ist fraglich. Betroffene sollten darüber informiert und mittelfristig eine Klarstellung in derlei Regelungen angestrebt werden. Solche problematischen Regelungen finden sich auch im Laufbahnrecht, beispielsweise in 12 Abs. 2 LfbG Bln.
3 Seite 3 von 5 Vermerk der Abt. OEB vom Zeiten eines Berufssoldaten/einer Berufssoldatin Anders als beim Wehrdienst erkennt 28 Abs. 1 Ziff. 3 BBesG dem Wortlaut nach nur Dienstzeiten nach der Soldatenlaufbahnverordnung als Erfahrungszeiten an. Zeiten in einem Soldatenverhältnis in einem anderen EU-Mitgliedsstaat sind davon nicht erfasst. Nicht erst aufgrund der o.g. EuGH-Rechtsprechung ist diese Norm daher reformbedürftig. 2.5 Parlamente anderer EU-Mitgliedsstaaten Beispielsweise das Laufbahngesetz des Landes Berlin erkennt in 12 Abs. 3 Ziff. 2 auch die Zeit eines Urlaubs für eine Tätigkeit als wissenschaftliche Assistentin oder wissenschaftlicher Assistent oder Geschäftsführerin oder Geschäftsführer bei Fraktionen des Deutschen Bundestages, der Landesparlamente sowie des Europäischen Parlaments an. Solche Regelung erscheinen ebenfalls europarechtswidrig, auch wenn sie nicht Vordienstzeiten betreffen. Denn ein Staatsangehöriger eines anderen EU-Staates wird auf Grund der Verbundenheit zu seinem Herkunftsstaat u.u. erwägen, sich für eine Tätigkeit im dortigen Parlament beurlauben lassen zu wollen. Die Regelung, dass nicht auch Beurlaubungen für entsprechende Tätigkeiten in Parlamenten anderer EU-Mitgliedsstaaten laufbahnrechtlich angerechnet werden, ist mithin geeignet, ihn/sie davon abzuhalten, von seiner Freizügigkeit Gebrauch zu machen. An Tätigkeiten oder Mitgliedschaften in deutschen Parlamenten und dem EU-Parlament knüpft auch der aktuelle Entwurf der Dienstjubiläumszulagenverordnung des Bundes an. Die Nichtberücksichtigung von Zeiten in Parlamenten anderer EU-Staaten (seien es Vordienstzeiten oder Dienstunterbrechungen) ist dort ebenfalls europarechtswidrig. 2.6 Ehrenbeamtenverhältnis und öffentlich-rechtliches Amtsverhältnis Vereinzelt (wie beispielsweise im Entwurf für eine neue Jubiläumszulagenverordnung des Bundes) werden auch Tätigkeiten als Ehrenbeamtin oder Ehrenbeamter oder in einem öffentlich-rechtlichen Amtsverhältnis angerechnet. Solche Regelungen sind problematisch, da sie explizit nur an bundesdeutsche Rechtsinstitute anknüpfen und vergleichbare Tätigkeiten in Mitgliedsstaaten der EU nicht notwendigerweise mit einem derartigen Rechtsinstitut einhergehen. Hier ist bei einer Reform zu prüfen, ob nicht insgesamt ein europatauglicher Überbegriff gefunden wird, der z.b. auch die unentgeltliche Wahrnehmung hoheitsrechtlicher Aufgaben umfasst. 2.7 Verfolgungszeiten Ebenfalls einer näheren Überprüfung bedarf die Berücksichtigung von Verfolgungszeiten. Da 28 Abs. 1 Ziff. 4 BBesG auf das Berufliche Rehabilitierungsgesetz verweist, welches nur politische Verfolgung im Beitrittsgebiet nach dem Einigungsvertrag erfasst, stellt sich die Frage, inwiefern auch Zeiten einer vergleichbaren politischen Verfolgung in den mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten der europäischen Union als besoldungsrechtliche Erfahrungszeiten anzuerkennen sind.
4 Seite 4 von 5 Vermerk der Abt. OEB vom Wer kann sich auf eine Rechtsverletzung berufen? Gegen beamtenrechtliche Regelungen, die beispielsweise gegen europarechtliche Vorgaben zur Bekämpfung der Altersdiskriminierung, der Geschlechterdiskriminierung oder des Arbeitszeitrechts verstoßen, kann sich grundsätzlich jede deutsche Beamtin oder jeder deutsche Beamte wehren. Im vorliegenden Fall sind die genannten Regelungen unter dem Blickwinkel des Rechts auf Arbeitnehmerfreizügigkeit zu beanstanden. Die maßgebliche der o.g. Entscheidung zu Grunde liegende Regelung in Art. 7 Abs. 1 der Verordnung Nr. 492/2011 vom 5. April 2011 über die Freizügigkeit der Arbeitnehmer innerhalb der Union (online abrufbar hier) sieht vor: Ein Arbeitnehmer, der Staatsangehöriger eines Mitgliedstaats ist, darf aufgrund seiner Staatsangehörigkeit im Hoheitsgebiet der anderen Mitgliedstaaten hinsichtlich der Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen, insbesondere im Hinblick auf Entlohnung, Kündigung und, falls er arbeitslos geworden ist, im Hinblick auf berufliche Wiedereingliederung oder Wiedereinstellung, nicht anders behandelt werden als die inländischen Arbeitnehmer. Um sich auf die o.g. Rechtsprechung berufen zu können und unmittelbar eine Besserstellung einklagen zu können, muss eine betroffene Beamtin oder ein Beamter die Staatsangehörigkeit eines anderen EU-Staates haben. Natürlich sind auf der Grundlage anderer Rechtsakte oder bei Rüge der Verletzung der Grundfreiheit auf Arbeitnehmerfreizügigkeit auch andere grenzüberschreitende Sachverhalte grundsätzlich angreifbar. Es bedarf jedoch einer genauen Prüfung, inwiefern sich auch eine deutsche Beamtin oder ein deutscher Beamter gegen eine Belastung hinsichtlich ihrer/seiner Freizügigkeit wehren kann, z.b. in dem ihm Vordienstzeiten im öffentlichen Dienst eines anderen EU-Mitgliedsstaates nicht anerkannt werden, oder Zeiten einer Beurlaubung für eine Tätigkeit im EU-Ausland nicht anerkannt werden. Hier können jeweils auch die Regelungen für solche Tätigkeiten im Zielland zu berücksichtigen sein (z.b. eine dortige Kompensation beruflicher Nachteile bei einer Dienstbeurlaubung für die dortige Tätigkeit). 4 Anforderungen an Neuregelungen Ansätze, die oben problematisierten Regelungen dadurch zu retten, dass Staatsangehörigen anderer EU-Mitgliedsstaaten die Möglichkeit der Anerkennung entsprechender Zeiten im EU-Ausland auf Antrag oder im Rahmen von Einzelfallprüfungen gewährt werden, könnten unter dem Gesichtspunkt des europarechtlichen Effektivitätsgrundsatzes ebenfalls problematisch erscheinen. Denn auf Grund der Vielzahl der dadurch im Berufsleben eines/r Beamten/in mit der Staatsangehörigkeit eines anderen EU-Staates nötigen besonderen Einzelfallprüfungen würden sie besonders belastet oder aber im Rahmen der Personalverwaltung und der Führungstätigkeit des/der Vorgesetzten als besonders arbeitsintensiv wahrgenommen. Dies könnte u.u. ebenfalls mittelbar diskriminierende Wirkung entfalten, da so ein Negativanreiz gegen die Einstellung von Kolleginnen und Kollegen aus anderen EU-Staaten gesetzt wird. Vorzugswürdig sind daher Neuregelungen, die unterschiedslos und ggf. pauschalisierend sowohl auf deutsche als auch EU-ausländische Beamtinnen und Beamten anwendbar sind. Dies entspricht auch der Zielsetzung des Bürokratieabbaus.
5 Seite 5 von 5 Vermerk der Abt. OEB vom Weiteres gewerkschaftliches Vorgehen Aufgrund der Vielzahl zu prüfender Regelungen bei den 17 Dienstherrn in der Bundesrepublik einschließlich der dienstrechtlichen Sondervorschriften beispielsweise für Richterinnen und Richter, kann die vorliegende Problemskizze nur einen ersten Anhaltspunkt liefern, welche Arten von Regelungen sich am Maßstab der EuGH-Rechtsprechung als problematisch erweisen können. Wir regen an, Problemkreise zu identifizieren, bei denen es tatsächlich betroffene Kolleginnen und Kollegen gibt und hierfür dann Musterschreiben zur Geltendmachung ihrer Rechte zu entwerfen. Die DGB Bundesvorstandsverwaltung, Abt. OEB hilft gerne bei der Klärung, ob bestimmte Regelungen konform sind zur o.g. Rechtsprechung.
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