Source: http://doczz.com.br/doc/894061/genetik-im-medizinischen-alltag
Timestamp: 2019-10-20 19:18:29
Document Index: 393527494

Matched Legal Cases: ['Art. 5', 'Art. 18', 'Art. 31', 'Art.10', 'Art. 5', 'Art. 18', 'Art. 13', 'Art.14', 'Art. 8', 'Art. 17', 'Art. 35', 'BGE', 'BGE']

Genetik im medizinischen Alltag
Herausgegeben von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften
Die Fotografien stammen von
Daniel Bauer, Basel.
vista point, Basel
Schwabe Druckerei, Muttenz
© Schweizerische Akademie der
Medizinischen Wissenschaften, 2004
2. überarbeitete und erweiterte Auflage, 2011
Weitere Exemplare dieser Broschüre können
kostenlos bezogen werden bei:
SAMW, Petersplatz 13, CH-4051 Basel
T +41 61 269 90 30
[email protected].ch, www.samw.ch
BEDEUTUNG DER GENETIK IN DER MEDIZIN
Info: Formen von Erbgutveränderungen
ABKLÄRUNG VON ERBKRANKHEITEN
2.1 Klinische Untersuchungen
2.2 Wie wird ein Stammbaum gezeichnet?
2.3 Chromosomen-Analysen
Grafik: Stammbaum bei der Huntington-Krankheit
Grafik: Karyogramm
2.4 Genanalysen
Info: SNPs – Die kleinen genetischen Unterschiede
Grafik: SNP – Zwei durch eine Punktmutation (GC > TA)
voneinander abweichende DNA-Stränge
Grafik: Bildliche Darstellung der FISH-Technik
3.1 Punkte, die bei der Veranlassung einer genetischen
Untersuchung zu berücksichtigen sind
3.2 Genetische Beratung
Info: Schritte der genetischen Beratung
3.3. Informierte Zustimmung
3.4 Herausforderung Internet und Screening-Untersuchungen
3.5 Genetische Untersuchungen im Rahmen von Studien
Info: Gentests aus dem Internet
4.1 Belastung durch Strahlen und Medikamente oder Infektionen
(Teratogenität)
4.2 Die wichtigsten Erbgänge und Erkrankungsrisiken
Grafik: Schematische Darstellung der Erbgänge
4.3 Verwandtenehen
Tabelle: Genetische Risiken bei Verwandtenehen
4.4 Ethnische Herkunft
4.5 Mehrfache Spontanaborte und Unfruchtbarkeit
Grafik: Zeitplan vorgeburtlicher genetischer Untersuchungen
5.1 Pränatale Risikoabklärung
5.2 Pränatale genetische Untersuchungen
5.3 Präimplantationsdiagnostik
Info: Pränatale Therapie
GENETISCHE KRANKHEITEN BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN
6.1 Stoffwechselkrankheiten und Endokrinopathien
6.2 Angeborene Hüftgelenksdysplasie
6.3 Schwerhörigkeit
6.4 Sehstörungen
6.5 Wachstums- und Entwicklungsstörungen
Info: Vorsicht mit genetischen Untersuchungen bei Kindern
GENETISCHE KRANKHEITEN BEI ERWACHSENEN
7.1 Huntington-Erkrankung
7.2 Tumorerkrankungen
Grafik: Risiko für Mamma- (M) und Ovarialkarzinom (O)
7.3 Herzrhythmusstörungen
7.4 Multifaktoriell verursachte Krankheiten
7.5 Psychische Krankheiten
8.1 Epigenetische Prozesse
8.2 Rolle der Epigenetik in der medizinischen Genetik
9.1 Onkogenetik
9.2 Chancen und Risiken der Pharmakogenetik
Grafik: Schematische Darstellung eines Gens und seiner Expressionen
ETHISCHE ASPEKTE GENETISCHER UNTERSUCHUNGEN
ENTWICKLUNGEN IN DER GENETISCHEN DIAGNOSTIK
Grafik: Wie Biochips funktionieren
11.1 Die Besonderheit genetischer Daten
11.2 Das Recht auf Nicht-Wissen
11.3 Die Notwendigkeit der genetischen Beratung
11.4 Ungelöste ethische Probleme und die Gefahr der Diskriminierung
11.5 Ethische Aspekte bei unterschiedlichen Testarten
11.6 Ethische Aspekte in unterschiedlichen Lebensphasen
11.7 Vaterschaftstests
11.8 Gesellschaftlicher Ausblick
Info: Ethische Problemfelder bei der Generierung medizinisch-genetischer Daten
Info: Ethische Anforderungen an die genetische Diagnostik gemäss
Prinzipien der Medizinethik
12.1 Vorgehen bei genetischen Untersuchungen
12.2 Gesetzliche Vorgaben und deren Umsetzung
Websites mit weiterführenden Informationen und Kontakten
Die Entwicklung der Molekulargenetik und ihrer technologischen Werkzeuge ist
rasant. Auch wenn zehn Jahre nach der Sequenzierung des menschlichen Genoms die prognostizierte «Revolution in der Medizin» weitgehend ausgeblieben ist, wächst das Wissen in der medizinischen Genetik schneller, als es in der
Praxis umgesetzt werden könnte. Neue diagnostische Möglichkeiten, Gentests
aus dem Internet, aber auch eine Vielzahl genetischer Studienergebnisse stellen
ÄrztInnen sowie PatientInnen vor viele neue Herausforderungen. Dies hat die
SAMW veranlasst, 2004 einen Leitfaden «Genetische Untersuchungen im medizinischen Alltag» zu veröffentlichen.
Die Rolle der Genetik in der Medizin hat sich in den letzten Jahrzehnten stark
gewandelt und wandelt sich immer noch. War sie früher eine Hilfswissenschaft
für Geburtshilfe und Pädiatrie, so hat sie sich seither zu einem eigenen Fachgebiet entwickelt. Im März dieses Jahres hat die Europäische Kommission die klinische bzw. medizinische Genetik EU-weit offiziell als medizinische Spezialdisziplin anerkannt.
Eine Gruppe von Expertinnen und Experten hat den Leitfaden «Genetik im
Medizinischen Alltag» in diesem Jahr umfassend überarbeitet und um diverse
wichtige und aktuelle Themen, wie z.B. Epigenetik, Personalisierte Medizin,
psychische Erkrankungen sowie Ethik, ergänzt. Der Zweck der Broschüre ist jedoch der gleiche geblieben, wie jener der ersten Auflage im Jahr 2004: «Mit der
Broschüre möchte die SAMW dazu beitragen, dass das neue Wissen in der medizinischen Praxis besser genutzt werden kann. Sie soll ÄrztInnen und weitere
Medizinalpersonen über die Bedeutung der Genetik in der Medizin informieren, und sie legt dar, welche Möglichkeiten die genetische Diagnostik im ärztlichen Alltag bietet.»
Letztlich geht es bei allen Bemühungen darum, Menschen mit einem möglichen Risiko für erblich bedingte Krankheiten richtig zu beraten und ihnen die
Chance zu geben, die neuen Erkenntnisse für ihre Gesundheit und ihre Lebensplanung zu nutzen.
Präsident der Schweizerischen Akademie
Dank der biomedizinischen Forschung und der Fortschritte bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gelingt es heute, Krankheitsprozesse bis hin zu ihren molekularen Wurzeln zu verfolgen. Dabei wird immer offensichtlicher, dass
für die Entstehung und den Verlauf vieler Krankheiten genetische Faktoren, also
die Veranlagung, mitverantwortlich sind. Das zunehmende Wissen über unser
Erbgut eröffnet ein besseres Verständnis für das Zusammenspiel von Genom und
Umwelt. Neue, innovative Möglichkeiten der Diagnose, der Prävention und der
Behandlung genetisch (mit-)bedingter Krankheiten lassen sich daraus ableiten.
Erbkrankheiten entstehen, wenn es im Erbgut zu Veränderungen (Mutationen)
kommt – spontan oder durch schädliche Einwirkungen von aussen. Davon können sowohl die Chromosomen als auch einzelne Gene betroffen sein (vgl. untenstehende Info). Mutationen werden, falls sie die Fortpflanzungsfähigkeit ihrer
Träger nicht einschränken, über Generationen vererbt. Sie treten aber auch bei
der Bildung von Spermien und Eizellen bzw. in deren Vorläuferzellen, den Spermatogonien und den Oogonien, neu auf (de novo-Mutationen).
Formen von Erbgutveränderungen
Chromosomen-Mutationen oder -Aberrationen/ -Anomalien/ -Störungen
können entweder die Anzahl oder den strukturellen Aufbau von Chromosomen
betreffen. Bei den numerischen Aberrationen enthalten die einzelnen Körperzellen
mehr oder weniger als die üblicherweise vorhandenen 46 Chromosomen; Zellen
mit von der Norm abweichender Chromosomenzahl werden als aneuploid bezeichnet. Die häufigste mit dem Leben vereinbare numerische Chromosomenstörung ist die Trisomie 21; sie führt zum Down-Syndrom. Sie tritt etwa bei einer
von 650 Geburten auf. Strukturelle Chromosomenstörungen entstehen dann,
wenn genetisches Material innerhalb der Chromosomen verloren geht oder vermehrt wird. Sie treten meist sporadisch als Neumutationen auf. Trotzdem ist bei
Nachweis einer strukturellen Chromosomenaberration zu überprüfen, ob bei
einem der beiden Eltern des betroffenen Kindes eine balancierte strukturelle Aberration vorliegt. Balanciert bedeutet, dass das gesamte genetische Material
vorhanden, aber in einem oder zwischen mehreren Chromosomen falsch verteilt
ist, so dass es bei der Aufteilung des Erbgutes auf die Keimzellen zu Fehlern
Mikrodeletionen und Mikroduplikationen sind sehr kleine Chromosomenaberrationen, die zum Verlust (Deletion) oder zur Verdoppelung (Duplikation) mehrerer hintereinander liegender Gene und damit zu den «contigous gene syndromes» führen. Mit dem Lichtmikroskop sind diese Chromsomenaberrationen
kaum oder überhaupt nicht erkennbar. Mit der sogenannten FISH-Technik (Fluoreszenz-In-Situ-Hybridisierung), der CGH-Analytik («comparative genomic hybridization») oder anderen molekulargenetischen Methoden lassen sie sich bei gezielter Suche zuverlässig nachweisen. Beispiele von Mikrodeletionen sind das
Prader-Willi-Syndrom und das Angelman-Syndrom (beide Mikrodeletion 15q11-13),
oder das DiGeorge-Syndrom (Mikrodeletion 22q11). Eine Duplikation des Chromsomensegmentes 11p15 führt zum Beckwith-Wiedemann-Syndrom.
Monogene Erkrankungen gehen auf Mutationen eines einzelnen Gens zurück. In
der Regel werden sie nach den Mendel’schen Regeln weitervererbt und daher
auch als Mendel’sche Erbkrankheiten bezeichnet. Sie haben ein eindeutiges Vererbungsmuster. Dabei gilt zu berücksichtigen, ob das Gen auf einem der beiden
Geschlechtschromosomen (=Gonosomen) oder auf einem der übrigen 44 Chromosomen (=Autosomen) lokalisiert ist. Zudem ist von Bedeutung, ob ein mutiertes
Gen allein bereits eine Krankheit verursachen kann (dominanter Erbgang), oder ob
dazu beide (von je einem Elternteil geerbten) Gene betroffen sein müssen (rezessiver Erbgang, vgl. Grafik 5 zu den Erbgängen). Beispiele monogener Krankheiten
sind die Cystische Fibrose (Mukoviszidose, Pankreasfibrose), die Chorea Huntington, das Fragile X-Syndrom (geistige Behinderung), der erbliche Brust- und
Eierstockkrebs sowie der erbliche Dickdarmkrebs. Mehrere Tausend solcher monogenen Erkrankungen sind heute bekannt.
Multifaktorielle Erkrankungen sind die häufigsten Krankheiten und Behinderungen; viele davon sind auch Folgen unserer Wohlstandsgesellschaft. Sie werden
durch ein Zusammenwirken verschiedener Erbanlagen (Polygenie), inneren biologischen Einflüssen, z.B. dem Alter, und Umweltfaktoren ausgelöst. Zu den multifaktoriellen Krankheiten gehören viele körperliche Fehlbildungen, psychische
Krankheiten wie die Schizophrenie oder affektive Störungen, rheumatische Leiden, Herzkreislauf- sowie viele Krebserkrankungen. Welchen Einfluss die Erbanlagen bei der Entstehung dieser Krankheiten haben, ist bei jedem Patienten verschieden. Da für diese Erkrankungen kein klares Vererbungsmuster besteht, muss
sich der Arzt für jede Krankheit auf empirisch gewonnene Risikozahlen abstützen
(vgl. Kap. 4). Das Wiederholungsrisiko beträgt gemäss einer Faustregel 2 bis
5 %, wenn in einer Familie ein Elternteil oder ein Kind betroffen ist, 10 bis 15 %,
wenn bereits zwei Angehörige betroffen sind. Der Schwellenwert für die Manifestation einer multifaktoriell verursachten Krankheit/Behinderung kann geschlechtsabhängig sein.
Mitochondriale Krankheiten: Essentielles Erbgut ist nicht nur im Zellkern, sondern
auch in den Mitochondrien vorhanden. Jedes Mitochondrium enthält einige bis
viele DNA-Moleküle (mtDNA), und jede Zelle enthält bis zu mehreren hundert
Mitochondrien. Zahlreiche Erkrankungen speziell des Nerven- und Muskelsystems
sind bekannt, die infolge von Verlusten und Mutationen mitochondrialer Gene entstehen. Mutationen der mtDNA treten bei beiden Geschlechtern auf, werden
aber nur über die mütterliche Linie (Matroklinie) weitervererbt. Die Zellen können
unterschiedliche Anteile intakter und mutierter mtDNA enthalten (Heteroplasmie).
Dieses Verhältnis wechselt von Zellteilung zu Zellteilung und von Gewebe zu Gewebe, was zu einer enormen Variabilität von Schweregrad und klinischer Symptomatik mitochondrialer Erkrankungen führt. Beispiele für mitochondriale Krankheiten
sind die LHON-Krankheit (Leber’sche Hereditäre Optikus-Neuropathie) oder das
Kearns-Sayre-Syndrom, eine fortschreitende Neuromyopathie mit Netzhautdegeneration, Schwerhörigkeit, sowie das MELAS Syndrom (Mitochondriale Enzephalomyopathie, Laktatazidose, Ataxie [gestörte Koordination der Bewegungsabläufe]
und Schlaganfall-ähnliche Episoden).
Genetische Untersuchungen werden heute in der Medizin häufig veranlasst. Bei
der Genetischen Diagnostik geht es darum, eine klinisch gestellte Verdachtsdiagnose zu bestätigen oder zu präzisieren, respektive zu verwerfen. Mittels pränataler Diagnostik können beim ungeborenen Kind genetisch bedingte Krankheiten
und Behinderungen erkannt werden. Dadurch lassen sich Erbkrankheiten oder
Behinderungen gelegentlich schon vor der Geburt wirkungsvoll behandeln. Bei
schweren Störungen hingegen entscheiden sich die betroffenen Eltern oft für einen Schwangerschaftsabbruch. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) ermöglicht
den Nachweis einer Krankheitsveranlagung, bevor der Embryo in die Gebärmutter transferiert wird, also bevor eine Schwangerschaft entsteht. Dank der präsymptomatischen Diagnostik lassen sich Krankheitsveranlagungen feststellen, lange
bevor schwer behandelbare Symptome auftreten. Die systematische ärztliche
Überwachung von Personen mit erhöhtem Risiko für neu entstandene Tumoren hat zum Ziele, diese in Frühstadien zu entdecken und zu entfernen. Schliesslich können genetische Untersuchungen auch dazu dienen, eine medikamentöse Therapie auf die individuellen Eigenschaften eines Menschen abzustimmen
(Pharmakogenetik). Dadurch wirkt sie gezielter; fatale Nebenwirkungen lassen
sich besser vermeiden.
Jeder Hausarzt sollte dann an genetische Ursachen bei einer Krankheit denken,
die klinischen Symptome dafür sprechen,
die gleiche oder eine ähnliche Krankheit bei Angehörigen bereits vorkommt,
eine Erkrankung früher als üblich auftritt,
der Patient zu einer Bevölkerungsgruppe gehört, in der bestimmte
Krankheiten häufig auftreten,
es sich um eine sehr seltene Krankheit oder einen untypischen Befund
eine Verwandtenehe (Konsanguinität) vorliegt.
Hinweise auf die genetische Beschaffenheit eines Menschen gibt es nicht nur aufgrund von Gentests; Körpergrösse, Körperproportionen oder Gesichtszüge und
-ausdruck können äussere Hinweise auf eine Erbkrankheit sein. Die Achondroplasie, eine autosomal-dominant vererbte Störung des Knorpelwachstums, manifestiert sich z.B. durch den typischen, disproportionierten Minderwuchs. Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft dienen in erster Linie dazu,
die Entwicklung des Kindes zu überwachen. Die Dicke der Nackenhaut (Nackentransparenz) kann Hinweise auf ein Down-Syndrom (Trisomie 21) oder ein Turner-Syndrom (Monosomie X) liefern (vgl. Kap. 5).
Ob genetische Faktoren bei einer Krankheit eine Rolle spielen, lässt sich auch mittels biochemischen Untersuchungen ermitteln: So können z.B. der Serumcholesterinspiegel oder der Salzgehalt des Schweisses verlässliche und sehr spezifische
Indikatoren einer genetischen Störung sein.
Die Familienanamnese ist ein einfaches und kostengünstiges Mittel, um eine
Erbkrankheit oder ein genetisches Risiko zu erkennen. Wenn Erkrankungen bei
Verwandten vorliegen, so sind diese bei der Beurteilung der Erkrankung des Ratsuchenden auch zu berücksichtigen. Die Ergebnisse einer Familienanamnese lassen sich übersichtlich in einem Stammbaum aufzeichnen (vgl. Grafik S. 8 oben).
Beim Erstellen eines Stammbaumes geht man von der ratsuchenden Person aus.
Sie wird als Proband oder Index-Patient bezeichnet und durch einen Pfeil markiert. Nun werden nacheinander die Eltern, die Geschwister und die Kinder (Verwandte 1. Grades) erfasst und dann der Stammbaum über Grosseltern, Onkel
und Tanten mütterlicher- und väterlicherseits (Verwandte 2. Grades) sowie deren Familien erweitert. Die Generationen werden in zeitlicher Reihenfolge mit römischen Zahlen numeriert, wobei die älteste erfasste Generation an erster Stelle
steht. Innerhalb einer Generation bezeichnet man die Individuen von links nach
rechts mit arabischen Zahlen, so dass schliesslich jede Person ihre eigene Kennziffer hat. Im Stammbaum oder in einer Legende dazu sind folgende Angaben
festzuhalten: Geburtsdatum oder Geburtsjahr, Datum der letzten Beobachtung
bzw. Todesjahr, im Falle von Krankheit zusätzlich deren Bezeichnung, Alter bei
Diagnose, behandelnder Arzt und Ort eines Spitalaufenthalts. Lückenhafte oder
nicht eindeutige Informationen sind deutlich als solche zu kennzeichnen. Jeder
Ratsuchende sollte über möglichst viele Informationen zum Aufzeichnen eines
Stammbaumes verfügen, wenn er für eine Abklärung zum Arzt geht oder das Spital aufsucht.
Chromosomen sind die Träger des Erbgutes – der DNA – im Zellkern. Während
der Zellteilung kondensieren sie sich so, dass sie individuell erkennbar werden.
Um die Chromosomen analysieren zu können, muss man die Zellen in einer hypotonen Lösung aufquellen lassen und auf einem Objektträger so zum Zerplatzen bringen, dass die einzelnen Chromosomen eines Zellkerns nebeneinander zu
liegen kommen (vgl. Grafik S. 8 unten). Mit Hilfe spezieller Färbetechniken werden innerhalb der Chromosomen reproduzierbare Bandenmuster sichtbar, die
nach einem international anerkannten Klassifikationssystem (ISCN – International System for Human Cytogenetic Nomenclature) durchnumeriert werden.
Das macht es möglich, auch strukturelle Veränderungen wie eine Deletion oder
eine Duplikation kleiner Chromosomenstücke oder eine Verlagerung (Translokation) eindeutig zu beschreiben. Eine spezielle Form der Chromosomendarstellung ist die so genannte Fluoreszenz-In-Situ-Hybridisierung (FISH-)-Technik. Bei
dieser werden die Chromosomen oder Chromosomensegmente mit Hilfe von
fluoreszierenden DNA-Sonden farblich markiert (vgl. Grafik S. 11). Seit einigen
Jahren besteht die Möglichkeit, Chromosomen mit hochauflösenden Chip-Verfahren (Array-Comparative-Genomic-Hybridisation) zu untersuchen. Damit können kleinste Chomosomenstückverluste (Mikrodeletionen) oder -gewinne (z.B.
Mikroduplikationen) zuverlässig erkannt werden.
Stammbaum bei der Huntington-Krankheit
(autosomal-dominant vererbte Krankheit)
Chromosomensatz eines männlichen Feten mit Trisomie 21
verifizierte(s) Krankheit oder Merkmal
nicht verifizierbare(s) Krankheit, Merkmal
klinisch gesunde heterozygote Genträger/-in
gesunde Konduktorin einer X-gonosomal rezessiv vererbten Krankheit
Symbol mit Balken: persönlich untersuchte Person
Proband (Index-Patient)
Abort: männlichen, unbekannten oder weiblichen Geschlechts
Geburts- und Sterbejahr, bzw. Alter
illegitime Verbindung
keine Nachkommen, Sterilität, Sterilisierung
Halbgeschwister (Kurzdarstellung)
zusammenfassende Angabe der Zahl von Geschwistern unbekannten,
männlichen und weiblichen Geschlechts
Geschwisterreihe unbekannt
eineiige (monozygote) Zwillinge
zweieiige (dizygote) Zwillinge
Zygotie unbekannt
Das menschliche Erbgut zählt rund 20 000 bis 25 000 Gene. Bei mehr als 15 000
Genen wurden bisher Mutationen und deren gesundheitlichen Folgen beschrieben (www.ncbi.nlm.nih.gov/Omim/mimstats.html), wobei nur für einige hundert
davon Gentests für die Praxis angeboten werden. Will ein Arzt seinen Patienten
bezüglich einer seltenen Erbkrankheit testen lassen, für die noch kein Gentest auf
dem Markt ist, ist er auf das Wohlwollen der Forschergruppen angewiesen, welche die entsprechende Krankheit erforschen. Das ist aufwändig und kann sehr
viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Kosten für die etablierten Gentests belaufen
sich auf ein paar hundert bis einige tausend Franken.
Gentests haben eine Reihe von Vorteilen: In den Händen einer Fachperson liefern sie konkrete, reproduzierbare genetische Daten, welche die molekulare Ursache einer Krankheit aufklären und in der Folge oft eine sehr spezifische Therapie
oder Prävention ermöglichen. Ein Gentest kann auch einen aufwändigen, lang
dauernden und unangenehmen Diagnoseprozess abkürzen. Bei Verdacht auf eine
Muskeldystrophie macht beispielsweise ein Gentest im Blut die unangenehme
Muskelbiopsie und deren histologische Evaluation zunehmend überflüssig.
Gentests liefern in der Regel eindeutige Ergebnisse; es ist aber nicht immer einfach, diese Ergebnisse richtig zu interpretieren. So ist zum Beispiel bei einem positiven Befund bezüglich Chorea Huntington zwar meist klar, dass die betroffene
Person an diesem Leiden erkranken wird; unklar ist hingegen, wann die Krankheit ausbrechen wird. Die ersten Anzeichen treten in der Regel im 4. oder 5. Lebensjahrzehnt auf; aber viele Patienten erkranken dennoch früher oder später.
Ähnliches gilt für die Krankheitsdauer. Sie liegt im Mittel bei zwölf Jahren, beträgt aber bei fast der Hälfte der Betroffenen weniger als neun oder dann mehr
als 16 Jahre.
Bildliche Darstellung der FISH-Technik
Prinzip der Fluoreszenz-In-Situ-Hybridisierung
DNAEinzelstrang
DNASonde
zentromerspezifisch
Markieren auf molekularer Ebene ‡ Visualisieren auf lichtmikroskopischer Ebene
= Fluoreszenzfarbstoff
Interphase-FISH an unkultivierten Fruchtwasserzellen
Nachweis der Chromosomen Nr.18 und der Gonosomen mit zentromer-spezifischen Proben
(links) und der Chromosomen Nr.13 und 21 mit regionen-spezischen Proben (rechts).
Ein einzelnes mutiertes Gen kann, je nach Art und Ort der Mutation, zu ganz
unterschiedlichen Krankheitsveranlagungen bzw. -bildern (Phänotypen) führen.
Die Symptomatik oder der Verlauf einer Erbkrankheit entspricht daher häufig nicht der etablierten Lehrbuchschilderung, in der aus didaktischen Gründen das «Vollbild» dargestellt wird oder die Kriterien ihres Erstbeschreibers. Bei
der Cystischen Fibrose (CF) gibt es alle phänotypischen Übergänge: vom bekannten schweren Krankheitsbild, über milde Verlaufsformen bis zur Manifestation eines einzigen Symptoms wie z.B. primäre männliche Infertilität. Die mehr
als 1800 bekannten Mutationen im CFTR-Gen (Cystic-Fibrosis-TransmembraneConductance-Regulator) sind über das ganze Gen verteilt und beeinträchtigen
die Funktion des daraus resultierenden Chloridkanals ganz unterschiedlich, je
nachdem, welcher Abschnitt betroffen ist. Das klinische Spektrum wird noch dadurch kompliziert, dass ein Patient von beiden Eltern zwei verschiedene Mutationen geerbt haben kann. Man spricht dann von «Compound-Heterozygotie».
SNPs: Die kleinen genetischen Unterschiede
Will man die molekularen Ursachen einer Krankheit oder die zu wenig gute
Wirkung eines Medikaments verstehen, lohnt es sich in vielen Fällen, bei den Genen zu suchen. Dazu muss aber jener Bereich im Erbgut gefunden werden, der an
der Wirkung und dem Stoffwechsel eines Medikaments beteiligt ist.
Einen Ansatz dazu bilden die so genannten «Single Nucleotide Polymorphisms»
(SNPs, ausgesprochen «Snips»; vgl. auch Grafik unten). Diese mehr oder weniger
zufällig über das Genom verteilten Variationen einzelner DNA-Bausteine
tragen vermutlich in hohem Masse zu unseren individuellen genetischen Unterschieden bei. Von Mensch zu Mensch unterscheidet sich die DNA-Sequenz
im Schnitt in jedem 1000. Basenpaar. Finden sich bestimmte SNPs immer wieder
zusammen mit einer bestimmten Arzneimittel-Unverträglichkeit oder
einer Medikamenten-Fehlwirkung, kann man davon ausgehen, dass die betroffenen Gene mit der beobachteten Störung etwas zu tun haben. Dank dem
Human-Genom-Projekt und den in seinem Verlauf entwickelten Methoden sind inzwischen rund 1,7 Millionen SNPs im menschlichen Erbgut bekannt. Die
Suche nach den medizinisch bedeutenden unter ihnen wird allerdings noch
SNP: Zwei durch eine Punktmutation (GC > TA) voneinander
abweichende DNA-Stränge
Durchführung von genetischen
Ein seriös durchgeführter Gentest steht nie für sich allein, sondern erfolgt im
Rahmen klinischer Verdachtsdiagnosen und daraus abgeleiteter genetischer Hypothesen. Mit andern Worten: Jeder Gentest braucht eine eindeutige Indikation.
Die Ergebnisse des Gentests werden unter Berücksichtigung der anamnestischen
und klinischen Befunde sowie der Laborresultate ausgewertet und dementsprechend in eine genetische Beurteilung oder Diagnose überführt. Dazu braucht es
Wissen und Erfahrung. Eine wesentliche Aufgabe des Arztes besteht darin, den
Patienten/Ratsuchenden zu vermitteln, wie aussagekräftig genetische Tests sind.
Zudem bietet eine Beratung auch die Möglichkeit, Befürchtungen und Ängste
des Patienten für seine eigene Gesundheit und diejenige von Nachkommen anzusprechen. Daher gilt die Regel: keine genetische Untersuchung ohne umfassende genetische Beratung.
Genetische Untersuchungen haben in allen Disziplinen der Medizin bei der Diagnostik und Prävention von Krankheiten beachtliche praktische Bedeutung gewonnen. Gerade im Hinblick auf die multifaktoriell verursachten Krankheiten
besteht jedoch vielfach noch eine grosse Diskrepanz zwischen den technischen
Analysemöglichkeiten und der sinnvollen Interpretation und Nutzung der damit gewonnen Daten.
Keine genetische Untersuchung sollte ohne eine klare Indikationsstellung erfolgen. In der Schweiz dürfen genetische Untersuchungen nur von Ärztinnen und
Ärzten veranlasst werden (vgl. Kap. 12). Im Falle von präsymptomatischen und
pränatalen Untersuchungen sowie solchen zur Familienplanung müssen sie über
eine entsprechende Weiterbildung verfügen.
Die nachfolgenden Aspekte sind bei der Veranlassung eines Gentest zu berücksichtigen:
Informationsgewinn durch den Gentest: Es muss sorgfältig erwogen werden, wel-
che klinisch und genetisch relevanten Informationen man mittels einer molekulargenetischen Analyse gewinnen will: So kann ein BRCA1/2-Gentest sehr viel
über das Krebserkrankungsrisiko einer Person und über die daraus abzuleitenden
Präventionsmassnahmen aussagen und auch für die Angehörigen von Bedeutung sein, während die Abklärung des Vorliegens einzelner SNPs (siehe Info und
Grafik S. 12), die mit Brustkrebs in Verbindung gebracht wurden, wenig bringt.
Auswirkungen des Testresultates auf die untersuchte Person: Gerade die Ergebnisse
von präsymptomatischen Untersuchungen können emotional sehr belastend
sein. So besteht ein beachtlicher Unterschied zwischen dem Mutationsnachweis
im Huntingtin-Gen bei einem 55jährigen Patienten mit der typischen Symptomatik der fortgeschrittenen Huntington-Erkrankung und dem bei seinem 20jährigen klinisch gesunden Nachkommen.
«Informed consent»: Das GUMG fordert, dass genetische Untersuchungen nur
durchgeführt werden dürfen, sofern die betroffene Person frei und nach hinreichender Aufklärung zugestimmt hat (Art. 5). Für präsymptomatische und pränatale genetische Untersuchungen sowie für Untersuchungen zur Familienplanung
ist die Zustimmung schriftlich einzuholen (Art. 18). Dafür geeignete Formulare
können bei den genetischen Labors oder unter www.sgmg.ch bezogen werden.
Interpretation der Testresultate: Die Ärztin/der Arzt muss die Labordaten, die in der
Regel zuverlässig, also reproduzierbar sind, in für die Betroffenen relevante medizinische und genetische Informationen umwandeln. Für eine verlässliche Interpretation der klinischen Befunde ist die Kenntnis der Genotyp-Phänotyp-Beziehung wichtig. Oft ist noch wenig darüber bekannt. Genetische Einflüsse und
solche aus der Umwelt, welche die Expression eines normalen oder eines mutierten einzelnen Gens beeinflussen könnten, sind oft noch wenig erforscht. Die Beurteilung bisher noch unbekannter Varianten innerhalb eines Gens kann im Hinblick auf die Krankheitsrelevanz sehr schwierig sein. Solch ungelöste Probleme
sind dann auch im Befundbericht offen darzulegen.
Begrenzte Sensitivität eines Gentests: Kein molekulargenetisches Untersuchungs-
verfahren allein kann alle möglichen Mutationen eines Gens aufzeigen. Daher
sollten molekulargenetische Abklärungen nur in Absprache zwischen Ärzteschaft
und Laboranalytikern vorgenommen werden.
Laborfehler: Kein Labor ist perfekt. Ringversuche zeigen, dass die Fehlerrate auch
von anerkannten genetischen Labors in der Grössenordnung von 1% liegt. Wenn
ein Laborresultat nicht zum klinischen Krankheitsbild passt, ist dieser Diskrepanz nachzugehen.
Non-Paternität: Gerade bei der Abklärung von gesunden Eltern auf eine Überträ-
gerschaft einer autosomal-rezessiv vererbten Krankheit kann unabsichtlich entdeckt werden, dass ein als Vater eines Kindes bezeichneter Mann nicht dessen
biologischer Vater ist. Die Probanden sind entsprechend aufzuklären.
Geeignetes Untersuchungsgut (Probe): Gentests können mit allen Zellen, die das
zu analysierende Erbgut enthalten, durchgeführt werden. In der Regel eignen sich
für einen Gentest die weissen Blutzellen aus 5 – 10ml EDTA-Blut.
Eindeutige Anschrift und richtiger Versand der Probe: Die Röhrchen mit dem Un-
tersuchungsgut müssen leserlich und umfassend angeschrieben sein, wenn sie im
Labor ankommen. Damit die Probe in einem guten Zustand das Labor erreicht,
ist darauf zu achten, dass die Röhrchen auf dem Transport nicht zerbrechen können oder dass sie nicht unnötig an einem Wochenende in der Hitze herumstehen. Die Genetiklabors sind dankbar, wenn sie vorgängig über den Versand von
Untersuchungsgut informiert werden.
Dauer der Untersuchung: Die Durchführung eines Gentest kann aufwendig und
somit zeitintensiv sein. Tests für sehr seltene Krankheiten werden nicht regelmässig durchgeführt. Die Betroffenen und die sie betreuende Ärzteschaft sind auf
diese Situation vorzeitig hinzuweisen, da sie aufgrund der Erfahrungen mit der
konventionellen medizinischen Labordiagnostik erwarten, dass die Ergebnisse
wenn nicht schon heute, dann mindestens morgen vorliegen sollten.
Der Begriff genetische Beratung (im englischen Sprachgebrauch «genetic counselling») bezeichnet die Konsultation in einer Genetiksprechstunde. Es handelt
sich dabei um ein medizinisches Angebot an Menschen (Einzelpersonen, Familienmitglieder), die an einer genetischen Krankheit leiden, oder ein Risiko haben
(befürchten), in Zukunft eine solche zu entwickeln. Abhängig von der Ausgangslage hat die genetische Beratung ganz unterschiedliche Ziele: Liegt zum Beispiel
die Situation vor, dass ein Ehepaar ein behindertes Kind hat, geht es meistens darum, eine korrekte Diagnose zu stellen, um damit eine Aussage über den Verlauf
und die Entwicklung beim betroffenen Kind machen zu können und die Frage
nach dem Wiederholungsrisiko bei weiteren Schwangerschaften klären zu können. Bei einem jungen Ratsuchenden mit einer positiven Familienanamnese für
eine neurodegenerative Erbkrankheit mit autosomal dominantem Erbgang, z.B.
Chorea Huntington, geht es hingegen darum, den Ratsuchenden über die Konsequenzen eines möglicherweise ungünstigen Testresultates im Hinblick auf die
weitere Lebensplanung zu informieren und durch den Abklärungsprozess zu begleiten. Entsprechend stehen bei der genetischen Beratung je nach Ausgangssituation diagnostische, prädiktive, reproduktive oder therapeutische Implikationen
im Vordergrund (vgl. Info S. 18).
Genetische Untersuchungen können weit reichende Konsequenzen bezüglich
der körperlichen und psychischen Gesundheit und der Lebensplanung haben,
im Falle einer vorgeburtlichen Untersuchung kann eine Testung z.B. zum Abbruch der Schwangerschaft führen. Es ist daher wichtig, dass ein Ratsuchender
durch eine genetische Untersuchung nicht in eine Situation gerät, in die er eigentlich gar nicht geraten wollte, oder die er nicht verkraften kann. Um diesem
Umstand gerecht zu werden hat der Gesetzgeber in der Schweiz geregelt, dass genetische Untersuchungen von einer genetischen Beratung begleitet werden müssen (vgl. Kap. 3.2).
Bezüglich der Inhalte der genetischen Beratung und der Qualifikation des Beraters besteht ein grosser Spielraum, lediglich für pränatale oder prädiktive Testungen wird festgehalten, dass die vorgängige Beratung durch einen Spezialisten
erfolgen sollte. Die Beraterin oder der Berater – in der Schweiz ist dies in der Regel ein Facharzt für Medizinische Genetik – soll medizinisch-genetische Fakten, aber auch ethische und versicherungstechnische Aspekte in einer einfachen
Sprache vermitteln. Sie oder er soll dem Ratsuchenden helfen, die Grundlagen
der Krankheit sowie Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten zu verstehen
und die Möglichkeiten und Grenzen eines angebotenen genetischen Tests abzuschätzen. Das übergeordnete Ziel ist es dabei, nicht-direktiv zu beraten, die Information also so zu übermitteln, dass sich der Ratsuchende unabhängig vom
Bildungsstand oder möglichen Sprachproblemen und entsprechend seinen eigenen weltanschaulichen und ethischen Überzeugungen frei für oder gegen eine
Testung entscheiden kann.
Schritte der genetischen Beratung: Die verschiedenen Schritte der genetischen Be-
ratung sind in der Info-Box auf S.18 dargestellt. Der wichtigste Punkt bei jeder
genetischen Beratung – unabhängig von der Indikation – ist die Stellung einer
korrekten Diagnose: Ist die Verdachtsdiagnose falsch, sind alle nachfolgenden
Überlegungen bezüglich Prognose und Wiederholungsrisiko sowie die Risikoabschätzung für weiter entfernte Familienmitglieder hinfällig. Es kann deshalb
nicht genug betont werden, dass das Finden/Bestätigen der korrekten Diagnose
den wichtigsten Schritt der genetischen Konsultation darstellt. Allerdings sollte
auch darauf hingewiesen werden, dass es oft trotz ausführlichen Abklärungen
nicht möglich ist, eine Diagnose zu stellen, z.B. bei Kindern mit einer geistigen
Behinderung oder multiplen Fehlbildungen.
Um eine Diagnose zu stellen, muss in einem ersten Schritt die persönliche und
familiäre Anamnese erhoben werden. In der Regel wird auch ein detaillierter
Stammbaum von beiden Familien (nicht nur von der betroffenen Seite) erhoben. Der zweite Schritt umfasst eine sorgfältige körperliche Untersuchung des
Ratsuchenden, abhängig davon, welche Verdachtsdiagnose(n) differentialdiagnostisch in Frage kommt (kommen). In einem nächsten Schritt erfolgt dann
die Kommunikation der Befunde mit dem Ratsuchenden und seiner Familie
und die Diskussion bezüglich der verschiedenen Optionen (genetische Testung
ja oder nein, Zusatzuntersuchungen, Therapiemöglichkeiten falls Verdachtsdiagnose bestätigt wird, etc.).
Unabhängig davon, ob eine genetische Untersuchung durchgeführt wird oder
nicht, und unabhängig vom Resultat der Untersuchung wird die genetische Beratung in der Regel mit einer schriftlichen Zusammenfassung abgeschlossen, welche dazu dient, die betreuenden Kollegen über die Konsultation zu informieren
und Missverständnisse in der Kommunikation mit dem Ratsuchenden zu verhindern; ebenso dient sie weiteren Familienmitgliedern, die sich eventuell für
eine genetische Abklärung interessieren, als Informationsgrundlage. Die genetische Beratung läuft also üblicherweise mehrstufig ab und umfasst oft mehrere
Konsultationen (vom ersten Besuch bei der beratenden Fachperson bis zum abschliessenden Gespräch).
Schritte der genetischen Beratung
1. Erfragen und Erfassen der Erwartungen des Ratsuchenden.
2. Erhebung der persönlichen Anamnese und Familienanamnese, dabei sollen
auch soziale Aspekte und der ethnische Hintergrund erfragt werden.
3. Erstellen eines Stammbaums, der mindestens die Verwandten 1. und
2. Grades vollständig erfasst.
4. Sorgfältige klinische Untersuchung, wobei auf die spezifische Fragestellung
geachtet werden sollte.
5. Vervollständigen der anamnestischen Angaben (zusätzliche labordiagnostische
oder radiologische Untersuchungen nötig? Organisieren der Unterlagen
früherer Hospitalisationen, etc.)
6. Erkundigungen einholen, wo der in Frage kommende Gentest durchgeführt
werden kann, Abklärung der Kosten und deren Übernahme (Analysenliste
der KLV).
7. Kommunikation: Medizinische / genetische Ausgangslage und mögliche
Bedeutung eines Testresultates mit dem Ratsuchenden besprechen.
8. Genetische Untersuchung in Auftrag geben, falls vom Ratsuchenden nicht
gewünscht, abschliessende schriftliche Berichterstattung.
3.3 Informierte Zustimmung
Ein Gentest darf nie ohne Wissen oder gegen den Willen einer Person durchgeführt werden und bei urteilsunfähigen Personen muss eine Zustimmung des gesetzlichen Vertreters vorliegen. Wie oben erwähnt, hat die nicht-direktive Beratung zum Ziel, dass der Ratsuchende frei entscheiden kann, ob er eine genetische
Testung wünscht oder nicht (das «Recht auf Nicht-Wissen» ist im GUMG verankert). Informierte Zustimmung bedeutet, dass der Patient die medizinischen, psychologischen und versicherungstechnischen Implikationen des Resultates eines
Gentests abschätzen kann und auch über die Aussagekraft und Grenzen der Testung informiert wurde: Viele genetische Erkrankungen sind heterogen oder haben eine noch nicht identifizierte genetische Grundlage; entsprechend bedeutet ein negatives Testresultat nicht immer, dass man nicht Krankheitsträger ist,
sondern lediglich, dass die getestete Krankheitsanlage nicht vorliegt. Wenn eine
Person sich einer genetischen Testung unterzogen hat, hat sie auch das Recht,
über das Resultat informiert zu werden. Die Mitteilung des Befundes sollte dabei in einem persönlichen Gespräch im Rahmen einer genetischen Beratung erfolgen. Andererseits hat der Ratsuchende auch das Recht, die Zustimmung zur
genetischen Testung jederzeit zu widerrufen, und er muss das Ergebnis der Testung nicht zur Kenntnis nehmen, wenn er sich im Verlauf der Testung dagegen
Die Situation der genetischen Beratung hat sich – wie auch in anderen Bereichen
der Medizin – insofern verändert, als dass heute nicht mehr der Arzt alleiniger
Verwalter des medizinischen Wissens ist, und dieses patriarchalisch verwaltet.
Vielmehr hat sich durch das Internet – welches auch nicht Fachpersonen erlaubt,
ein beträchtliches medizinisches Wissen anzueignen – das Verhältnis zwischen
Ratsuchendem und Arzt dahingehend verändert, als dass der Wissensunterschied
kleiner geworden ist und entsprechend ein partnerschaftliches und nicht hierarchisches Verhältnis zwischen Arzt und Ratsuchendem herrscht. Das Internet
hat sich in der genetischen Beratung also durchaus positiv ausgewirkt, weil sehr
viele Ratsuchende bereits mit einem grossen Wissensstand in die Sprechstunde
kommen. Die Rolle des Arztes ist es heute also vielmehr, allfällige fehlerhafte Interpretationen des Ratsuchenden (zu erkennen und) zu berichtigen oder die im
Internet gefundenen Informationen richtig zu gewichten. Die eigentliche Wissensvermittlung steht oft eher im Hintergrund. Das Internet hilft den Betroffenen auch (vor allem, wenn eine seltene Krankheit vorliegt) sich national und
international mit anderen Betroffenen zu vernetzen.
Neben dem Internet haben vor allem die neuen Screening-Untersuchungen einen grossen Einfluss auf die genetische Beratung. Mittels der Array-CGH Untersuchung (so genannte molekulare Karyotypisierung) oder dem «whole genome
sequencing» haben Techniken im medizinischen Alltag Fuss gefasst oder werden
dies tun, welche es erlauben, in einem Analyseansatz das ganze Genom zu untersuchen. Diese Untersuchungen liefern oft Resultate, deren Bedeutung schwer
zu interpretieren ist oder es werden so genannte Zufallsbefunde erhoben: Findet
man zum Beispiel bei einem Kind mit einer schweren geistigen Behinderung eine
Deletion eines Chromosomenabschnittes, die bisher in der Literatur noch nicht
beschrieben worden ist, und ergeben die weiterführenden Abklärungen, dass die
gesunde Mutter die gleiche Deletion trägt, ist die Interpretation sehr schwierig,
nicht nur in Bezug auf das betroffene Kind, sondern auch im Hinblick auf die weitere Familienplanung. Bezüglich Zufallsbefunde kann sich zum Beispiel bei der
Abklärung eines Kindes mit einer Lernbehinderung zeigen, dass ein Risikofaktor
zur Entwicklung einer Krebserkrankung oder spät einsetzenden degenerativen Erkrankung vorliegt. Soll, darf, muss man dies den Eltern mitteilen?
Die Schwierigkeiten bei der Interpretation der Resultate von Screening-Untersuchungen und im Umgang mit Zufallsbefunden werden ein noch viel grösseres
Ausmass annehmen, wenn das so genannte «whole genome sequencing» im klinischen Alltag Fuss fassen wird, eine Technik, bei der jede einzelne Base des gesamten Genoms sequenziert werden kann. Die neuen Techniken stellen also eine
grosse Herausforderung an die Berater und die Ratsuchenden dar.
Die Forschung am Menschen spielt in Medizin, Biologie und Psychologie eine
wichtige Rolle und hat eine zentrale Bedeutung bei der Entwicklung neuer diagnostischer und therapeutischer Verfahren und präventiver Maßnahmen. Die
gesetzlichen Regelungen waren aber lückenhaft und uneinheitlich, weshalb es
schon seit längerer Zeit politische Bestrebungen gab, dieses Thema im Rahmen
eines Bundesgesetztes zu regeln. Im Jahre 2000 begannen die Arbeiten am Humanforschungsgesetz, und im Herbst 2007 übergab der Bundesrat dem Parlament
einen Entwurf des Verfassungsartikels, welcher am 7. März 2010 im Rahmen einer Volksabstimmung angenommen wurde (Bundesgesetz über die Forschung am
Menschen). Mit der Annahme des Humanforschungsgesetzes wurde die Grundlage für einheitliche Bestimmungen in der ganzen Schweiz geschaffen.
Das neue Bundesgesetz fokussiert auf die Rechte des Patienten, trägt aber auch
dem Umstand Rechnung, dass die Forschung nicht dem Selbstzweck dient, sondern schlussendlich dem Wohl des Patienten, und den Forschern entsprechend
auch Forschungsfreiheit gewährt werden muss. Das Gesetz reguliert die Forschung an lebenden und verstorbenen Personen, an Embryonen und Föten
im Mutterleib, aus Spontanaborten und Schwangerschaftsabbrüchen, an biologischem Material menschlicher Herkunft und an gesundheitsbezogenen Personendaten. Eine Ausnahme bilden überzählige menschliche Embryonen und
menschliche embryonale Stammzellen, die im Rahmen einer in vitro Fertilisation erzeugt wurden; deren Verwendung für Forschungszwecke wird im Stammzellenforschungsgesetz von 2003 geregelt.
Gentests aus dem Internet
Mit den über das Internet verkauften Gentests soll in der Regel untersucht werden, ob eine Person ein erhöhtes Risiko hat, an häufig vorkommenden Krankheiten (z.B. Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt) zu erkranken. Dabei sucht ein
Computer im gesamten Erbgut einer Person nach geringfügigen Unterschieden
(sogenannten SNPs = «single nucleotide polymorphisms» oder «Snips», vgl. Info
und Grafik S. 12). Manche dieser SNPs hat man häufiger bei Personen gefunden,
die an bestimmten Krankheiten leiden. Daher nimmt man an, dass diese kleinen
Abweichungen bei der Entstehung dieser Krankheiten eine Rolle spielen. Sie sind
aber nie allein krankheitsverursachend.
Nach heutigem Stand des Wissens lassen sich aus den Resultaten dieser
Tests weder das Krankheitsrisiko einer Person, noch individuelle Empfehlungen
(z.B. Ernährung) ableiten.
Bei Gentests aus dem Internet ist die getestete Person mit Vorhersagen über
ihr Risiko für die Entwicklung von Dutzenden von schweren, zum Teil lebensgefährlichen Krankheiten sich selbst überlassen. Das Resultat kann Ängste
auslösen, mit denen der Betroffene ohne entsprechende Beratung und Betreuung
kaum umzugehen weiss. Umgekehrt kann ein unauffälliger Befund falsche
Sicherheit vermitteln und dazu verleiten, wirksame Vorsorge- oder Behandlungsmassnahmen zu vernachlässigen.
Die Expertenkommission für genetische Untersuchungen beim Menschen
(GUMEK) beurteilt Gentests aus dem Internet als problematisch und risikoreich.
Sie rät deshalb davon ab, von solchen Angeboten Gebrauch zu machen und
empfiehlt, sich bei Fragen an eine Fachperson zu wenden.
(Quelle: Expertenkommission für genetische Untersuchungen beim Menschen GUMEK), 2008)
Im Bundesgesetz über die Forschung am Menschen wird besonderes Gewicht auf
die folgenden Grundsätze gelegt:
Prinzip der Freiwilligkeit: Die teilnehmenden Personen müssen explizit ihre Ein-
willigung an der Studie erklären (informierte Zustimmung).
Recht auf Information: Eine an einer Studie teilnehmende Person hat das Recht,
über die ihre Gesundheit betreffenden Ergebnisse eines Forschungsprojektes informiert zu werden, gleichzeitig muss aber auch das «Recht auf Nichtwissen» gewahrt werden.
Nutzen/Risikoabwägung: Die zu erwartenden Risiken und Belastungen für die teil-
nehmenden Personen dürfen nicht in einem Missverhältnis zum Nutzen des Forschungsvorhabens stehen.
Forschung mit urteilsunfähigen Personen: darf nur durchgeführt werden, wenn
gleichwertige Erkenntnisse nicht mit urteilsfähigen Personen gewonnen werden
können. Lässt das Forschungsvorhaben keinen unmittelbaren Nutzen für die urteilsunfähige Personen erwarten, so dürfen die Risiken und Belastungen nur minimal sein.
Unabhängige Überprüfung des Forschungsvorhabens: Es muss eine unabhän-
gige Überprüfung des Forschungsvorhabens stattfinden, dies im Bestreben, den
Schutz der teilnehmenden Person zu gewährleisten. Die unabhängige Überprüfung wird von kantonalen Ethikkommissionen übernommen.
Genetischen Daten wird im Humanforschungsgesetz eine besondere Bedeutung
zugesprochen, da die Analyse des Genoms unter Umständen Aussagen über die
Zukunft einer Person erlaubt. Hinzu kommt, dass genetische Analysen an leicht
gewinnbarem und beliebig lange konservierbarem biologischem Material durchgeführt werden können und es auf Grund des raschen wissenschaftlichen Fortschrittes in diesem Gebiet möglich sein wird, Erkenntnisse über eine Person in
einer noch unabsehbaren Fülle zu gewinnen.
Auf Grund dieser besonderen Ausgangslage unterscheidet das Humanforschungsgesetz explizit zwischen genetischen und nicht-genetischen gesundheitsbezogenen Personendaten. Diese Unterscheidung spielt vor allem bei der Weiterverwendung von Daten zu Forschungszwecken eine Rolle, welche in Art. 31 und 32
geregelt ist. Für genetische Daten gilt, dass es für die Weiterverwendung immer
eine Einwilligung der betroffenen Person beziehungsweise des gesetzlichen Vertreters braucht. Dies gilt sowohl für Daten in unverschlüsselter Form als auch für
vorgängig verschlüsselte oder anonymisierte Daten. Im Gegensatz dazu dürfen
nicht-genetische gesundheitsbezogene Daten in verschlüsselter Form auch ohne
explizite Zustimmung der betroffenen Person zu Forschungszwecken weiterverwendet werden, unter der Voraussetzung, dass die Versuchsperson beziehungsweise deren gesetzlicher Vertreter vorgängig über eine Weiterverwertung informiert wurde und nicht widersprochen hat.
Viele der im Humanforschungsgesetz verankerten Grundsätze, wie z.B. die informierte Zustimmung, das Recht auf Nicht-Wissen und die Bestimmungen zum
Umgang mit urteilsunfähigen Personen stellen auch Grundpfeiler des Gesetzes
über genetische Untersuchungen beim Menschen dar. Entsprechend finden sich
im Humanforschungsgesetz für den Genetiker bereits vertraute Konzepte, welche in der Praxis täglich angewendet werden.
Die genetische Beratung wird, wie jede andere ärztliche Leistung, via Tarmed abgerechnet. Der Tarif für die Position «genetische Beratung» entspricht dabei dem
Grundtarif einer allgemeinen Konsultation (9.57 Taxpunkte, Stand 2010); es handelt sich also um eine vergleichsweise kostengünstige Leistung.
Die Finanzierung genetischer Analysen ist in der Verordnung des EDI über Leistungen in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Krankenpflege-Leistungsverordnung, KLV) geregelt und umfasst in Anhang 3 die sogenannte Analysenliste. Die Kosten hängen vom Aufwand der Analyse ab und bewegen sich im
Bereich zwischen ca. 350 CHF (z.B. MLPA-Analyse zum Nachweis einer Mikrodeletion 22q11.2) bis zu mehreren Tausend CHF (z.B. ca. 5000 CHF für die Sequenzierung des BRCA1-Gens). Es besteht eine Übernahmepflicht durch die obligatorische Krankenversicherung, wenn eine der 3 folgenden Indikationen besteht:
1. Pränatale Untersuchungen aus einer Chorionzottenbiopsie oder
Amniocentese bei Schwangeren über 35 Jahren und bei jüngeren
Schwangeren, wenn ein Risiko von mindestens 1 : 380 für eine
genetische Krankheit besteht.
2. Präsymptomatische /prädiktive Analysen bei Angehörigen ersten
Grades von Patienten mit hereditärem Brust- und Ovarialkrebs Syndrom,
Polyposis coli, hereditärem Kolonkarzinom-Syndrom ohne Polyposis
(HNPCC) und Retinoblastom.
3. Für alle anderen genetischen Analysen zur Diagnose oder Behandlung
einer Krankheit galt bis 2010, dass die entsprechende Erkrankung auf einer
Positivliste, der sogenannten Analysenliste aufgeführt sein musste.
2011 wird es zu einer Änderung der Gesetzeslage kommen und Punkt 3 wird
durch die «Orphan-Regelung» ersetzt werden. Dabei wird die Übernahmepflicht
für die Kosten genetischer Analysen von seltenen Erkrankungen eingeführt, unter
der Voraussetzung, dass die relative Prävalenz der Erkrankung kleiner als 1 : 2000
ist. Der Einführung der Orphan-Regelung ging ein Jahre langer Kampf von Ärzteschaft, Laborleitern und Patientenorganisationen voraus.
Nicht selten wird die Übernahme der Kosten von genetischen Analysen von den
Krankenkassen in Frage gestellt oder abgelehnt, obwohl es sich gemäss KLV um
Pflichtleistungen handelt. Dies geschieht mit der Begründung, dass das übergeordnete Prinzip der KLV, nämlich dass eine Leistung wirksam, wirtschaftlich und
zweckmässig sein muss, nicht erfüllt sei, da eine genetische Testung keine therapeutischen Konsequenzen habe, solange der genetische Defekt nicht therapiert werden könne. Diese enge Auslegung der gesetzlichen Grundlagen durch
die Krankenkassen stösst in der Ärzteschaft auf Unverständnis, da sie eine Diskriminierung von Patienten mit seltenen genetischen Erkrankungen zur Folge hat.
Die meisten Menschen kommen zum ersten Mal mit genetischen Untersuchungen in Kontakt, wenn sie im Rahmen einer Schwangerschaft genetische
Risiken ausschliessen möchten. Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen mütterlichem Alter und dem Auftreten von Teilungsfehlern der Chromosomen (non-disjunction), der nach dem 35. Lebensjahr immer offensichtlicher
wird. Die häufigste überlebensfähige Chromosomenmutation ist in diesem Zusammenhang die Trisomie 21, die klinisch zum Down-Syndrom führt. In zahlreichen Ländern werden immer noch pränatale Chromosomenuntersuchungen
angeboten, wenn eine Schwangere das Alter von 35 Jahren überschritten hat.
Heute lässt sich bei allen schwangeren Frauen mittels einer Ersttrimesterrisikoabschätzung das Risiko für das Vorliegen von Chromosomenanomalien z.B. mit
Hilfe der Messung der Nackentransparenz des Feten im Ultraschall und Blutwerten der Mutter berechnen. Erst bei erhöhtem Risiko wird eine pränatal invasive Untersuchung empfohlen (vgl. Kap. 5).
Im Gegensatz zur Situation bei der Mutter spielt das Alter des Vaters bei der Entstehung von Chromosomenstörungen keine offensichtliche Rolle. Beim Auftreten
von seltenen monogenen Krankheiten wie der Achondroplasie (Minderwuchs),
dem Marfan-Syndrom (Bindegewebsschwäche) oder dem Apert-Syndrom (Schädel-, Finger- und Zehen-Fehlbildungen) kann man allerdings einen Alterseffekt
beobachten, der auf Neumutationen in den väterlichen Keimzellen, den Spermatogonien, zurückzuführen ist. Die Spermatogonien eines 35-jährigen Mannes haben etwa 260 Zellzyklen mehr durchlaufen als diejenigen eines 28-Jährigen. Sie
haben daher ein deutlich grösseres Risiko, dass sich bei der DNA-Replikation Kopierfehler und damit auch Mutationen im Erbgut einschleichen konnten.
Bei einer Neumutation ist das Risiko für das Wiederauftreten der Erkrankung bei
Geschwistern in der Regel nicht erhöht. Es gilt aber, an die Möglichkeit eines
Keimzellmosaizismus zu denken, weil das Mutationsereignis erst im Verlauf der
Keimzellentwicklung bei einem Elternteil eingetreten ist. Dies ist z.B. bei der Duchenne-Muskeldystrophie oder bei der Osteogenesis imperfecta gelegentlich der
Fall. Das Wiederholungsrisiko für ein weiteres betroffenes Kind von gesunden Eltern liegt dabei in der Grössenordnung von einigen Prozent.
4.1 Belastung durch Strahlen und Medikamente oder
Infektionen (Teratogenität)
Anlass für eine Beratung (durch den Arzt) im Rahmen einer Familienplanung
kann auch die Frage sein, ob eine früher verordnete Untersuchung mit Strahlen oder eine Behandlung mit Medikamenten ein Risiko für das Kind darstellen könnte. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Strahlenbelastung, wie
sie in der radiologischen Diagnostik üblicherweise eingesetzt wird, weder über
die Spermien, noch über die Eizellen zu einem erhöhten genetischen Risiko für
die Nachkommen führt. Zur Vermeidung von Schäden durch kumulative Dosen
werden jedoch trotzdem Schutzmassnahmen angewandt. Überschätzt wird oft
auch die Gefahr, dass eine Röntgenuntersuchung während der Schwangerschaft
Fehlbildungen beim Kind verursachen könnte. Diesbezüglich gefährlicher sind
Infektionen mit Röteln-Viren oder Cytomegalieviren sowie auch die Einnahme
von Medikamenten wie hochdosierte Retinoide zur Behandlung der Akne oder
bestimmte Antiepileptika respektive übermässiger Alkoholkonsum. Die Auswirkung auf die Entwicklung des Kindes ist vor allem abhängig von der Dosis und
dem Zeitpunkt der Exposition und sollte im Einzelfall genau angesehen werden.
Monogene Merkmale werden nach den Mendel’schen Regeln vererbt (vgl. Grafik S. 28). Ein dominant vererbtes Merkmal macht sich bereits im heterozygoten
Zustand bemerkbar, ein rezessives nur dann, wenn eine Person zwei mutierte
Gene erbt. Bei dominant-vererbten Krankheiten beträgt das Risiko 50 %, dass die
Nachkommen vom betroffenen Elternteil das mutierte Gen erben; bei rezessivvererbten Krankheiten beträgt das Risiko 25 %, dass die Nachkommen von beiden heterozygoten Elternteilen je ein mutiertes Gen erben.
Befindet sich das mutierte Gen auf dem X-Chromosom, so ist das Erkrankungsrisiko für Knaben und Mädchen unterschiedlich.
Schematische Darstellung der Erbgänge
Erkrankte tragen die krankheitsverursachende Mutation in einem dafür
verantwortlichen Gen.
Beide Eltern sind «gesund», jedoch Träger
einer Mutation im gleichen Gen.
Das fehlerhafte rezessive Gen sitzt auf
einem X-Chromosom
Das fehlerhafte dominante Gen sitzt auf
einem X-Chromosom. Nur sehr wenige
Krankheiten folgen diesem Erbgang. Häufig
haben die betroffenen männlichen Anlageträger keine Überlebenschance.
Immer wieder kommt es vor, dass Cousin und Cousine den Arzt aufsuchen, weil
sie den Wunsch haben, zu heiraten und Kinder zu zeugen. Sie sind aber verunsichert, welches genetische Risiko ihre Blutsverwandtschaft für die Nachkommen
bedeuten könnte. Ausserhalb von Mitteleuropa sind Ehen unter Verwandten relativ weit verbreitet; bei etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung stellen sie sogar
die bevorzugte Form der Heirat dar. Das macht klar, dass die genetischen Risiken
nicht so dramatisch hoch sein können, wie gerade in der westlichen Welt immer
wieder befürchtet wird. Dennoch: Studien haben gezeigt, dass die gemeinsamen
Nachkommen von Verwandten höhere genetische Risiken haben als diejenigen
von Nicht-Verwandten. Wie hoch dieses Risiko im Einzelfall ist, kann eine genetische Beratung abklären.
Bedeutende genetische Risiken bestehen nur bei Nachkommen aus Inzest-Beziehungen von Vätern mit ihren Töchtern oder von Geschwistern untereinander
(vgl. untenstehende Tabelle). Bei Cousin und Cousine 1. Grades ist das Risiko für
körperliche und geistige Behinderungen im Vergleich zum Risiko in der normalen Bevölkerung nur noch doppelt so gross.
Genetische Risiken bei Verwandtenehen
Körperliche und geistige Behinderung (einschliesslich frühkindlicher Sterblichkeit) unter
den Nachkommen verwandter Eltern (Basisrisiko in der Bevölkerung ca. 3 %)
Verwandte 1. bzw. 2. Grades
(Vater-Tochter, Bruder-Schwester)
(Onkel-Nichte, Halbgeschwister)
Verwandte 4. Grades
(Cousin-Cousine)
Viele Ratsuchende sind unsicher, ob die Verwandtenehe in der Schweiz überhaupt erlaubt ist. Verboten ist nur die Ehe zwischen Verwandten 1. und 2. Grades,
also z.B. unter Geschwistern oder zwischen Eltern und Kindern. Wollen zum Beispiel Cousin und Cousine heiraten, gilt es, mit ein paar gezielten Fragen das genetische Risiko abzuschätzen: Sind alle Blutsverwandten normal gross, hören und
sehen sie gut? Haben alle die normalen Schulen durchlaufen? Gibt es auffällige,
seltene Krankheiten in der Verwandtschaft? Besteht eine gemeinsame Herkunft
(z.B. gleicher Bürgerort) der anderen scheinbar nicht-blutsverwandten Elternteile? Stammen die Ratsuchenden aus einer Bevölkerung, in der eine Erbkrankheit auffällig häufig auftritt? Wird eine dieser Fragen mit Ja beantwortet, ist es
angezeigt, die Betroffenen für eine weitergehende Untersuchung in eine medizinisch-genetische Sprechstunde zu überweisen.
Abhängig von der ethnischen Herkunft ist das Risiko für die Trägerschaft bestimmter rezessiver Erkrankungen erhöht. So ist zum Beispiel die beta-Thalassämie, eine erbliche Blutarmut, unter den Bevölkerungen von Mittelmeerländern
wie Zypern oder Sardinien weit verbreitet. Die Sichelzellanämie ist bei Afrikanern
häufig. Während die Laktasepersistenz im Dünndarm für Nordwesteuropäer typisch ist, kommt es bei Afrikanern und Asiaten nach Milchgenuss zu Durchfällen
und anderen Beschwerden. Die Phenylketonurie ist in der Türkei recht häufig (1
auf 2500 Neugeborene), sehr selten dagegen in Japan und Finnland. Die schwere
degenerative Nervenkrankheit Tay-Sachs tritt in der ashkenasim-jüdischen Bevölkerung häufiger auf als anderswo. Entsprechend gross ist das Risiko für das Auftreten dieser Krankheit mit autosomal-rezessivem Erbgang bei Paaren dieser Herkunft. Hier ist eine genetische Beratung zu empfehlen.
Eine genetische Beratung ist auch angebracht, wenn ein Paar drei oder mehr Fehlgeburten erfahren musste. Durchschnittlich eine von acht erkannten Schwangerschaften endet mit einem spontanen Abort. Als Ursache der Hälfte dieser Schwangerschaftsverluste werden Chromosomenstörungen angenommen, vor allem,
wenn sie sich im ersten Drittel der Schwangerschaft ereignen. Meistens handelt
es sich dabei um Trisomien (Verdreifachung eines einzelnen Chromosoms), um
den Verlust eines Geschlechtchromosoms (Turner-Syndrom) oder um Triploidien (Verdreifachung des ganzen Chromosomensatzes). Zwar entstehen derartige
Fehlverteilungen in der Regel neu, dennoch kann das Risiko einer Wiederholung
bei der nächsten Schwangerschaft erhöht sein. Bei etwa fünf Prozent der Paare,
die drei oder mehr Spontanaborte nacheinander hatten, findet man bei einem
Partner eine balancierte strukturelle Chromosomenaberration (vgl. Info S. 3 – 5).
Eine Chromosomenuntersuchung bei beiden Eltern kann hier Klarheit schaffen.
Ungefähr 15 Prozent aller Paare sind ungewollt kinderlos. Mehrere Ursachen,
darunter auch genetische, können dafür verantwortlich sein. Chromosomenstörungen und einzelne mutierte Gene führen dazu, dass die Fruchtbarkeit beeinträchtigt ist (Klinefelter-Syndrom, Cystische Fibrose, myotone Dystrophie, spinobulbäre Muskelatrophie, Kartagener-Syndrom und viele andere). Daneben gibt es
auch Chromosomenstörungen (Mikrodeletionen des Y-Chromosoms und Translokationen), welche ausschliesslich die Fortpflanzung behindern. So werden bei
unfruchtbaren Männern etwas häufiger Chromosomenanomalien als in der Gesamtbevölkerung festgestellt. Mehr als 95 Prozent der Patienten mit Cystischer
Fibrose sind unfruchtbar, ebenso ein grosser Teil der Patientinnen. Einzelne Varianten des dafür verantwortlichen CFTR-Gens führen nur zu einem isolierten
Defekt der Samenleiter. Der Verlust eines umschriebenen, kleinen Segmentes auf
dem Y-Chromosom ist mit einer fehlenden oder schwer gestörten Samenbildung
assoziiert. Das Wissen um die Gene, die für die Fruchtbarkeit verantwortlich sind,
hat in den letzten Jahren beachtlich zugenommen.
Pränatales Screening und
Ist eine Frau schwanger, werden die zukünftigen Eltern bald einmal mit der Frage
nach einer pränatalen Diagnostik konfrontiert. Die routinemässig zur Überwachung der Schwangerschaft durchgeführte Ultraschall-Untersuchung kann bereits Hinweise auf eine gestörte Entwicklung der Frucht geben. Während der
Schwangerschaft können auch medizinisch-genetische Untersuchungen vorgenommen werden, die dazu dienen, eine schwere genetische Krankheit beim Embryo oder beim Fötus zu bestätigen oder auszuschliessen. Grund für solche Analysen kann das fortgeschrittene Alter der Mutter oder ein familiäres Risiko für das
Vorliegen einer Erbkrankheit sein. Gelegentlich kann die Erbkrankheit des Kindes schon im Mutterleib behandelt werden.
der pränatalen Risikoabklärung: Laboruntersuchungen, die Hinweise auf das Ri-
siko einer genetischen Anomalie des Embryos oder des Fötus geben, sowie Untersuchungen des Embryos oder des Fötus mit bildgebenden Verfahren und
der pränatalen genetischen Untersuchung: genetische Untersuchungen während
der Schwangerschaft zur Abklärung von Eigenschaften des Erbguts des Embryos
oder des Fötus) (vgl. untenstehende Grafik.
Zeitplan vorgeburtlicher genetischer Untersuchungen
Serumscreening 1. Trim.
Serumscreening 2. Trim.
Im Rahmen des pränatalen Screenings kommen Ultraschalluntersuchung, das
Ersttrimesterscreening und das Zweittrimesterscreening zur Anwendung. Solche
Screenings dienen dazu, Hinweise auf Behinderungen zu finden, ohne dass ein
konkreter Verdacht dafür besteht. Die Ultraschalluntersuchung wird in der Regel in jedem Schwangerschaftsdrittel einmal durchgeführt. In erster Linie wird
sie genutzt, um die normale Entwicklung des Fötus zu überwachen. Dabei ergeben sich auch Hinweise auf Fehlbildungen, etwa dann, wenn eine erhöhte Nackentransparenz entdeckt wird, die unter anderem ein Risiko für das Vorliegen
eines Down-Syndroms bedeuten kann. Mit dem Ersttrimesterscreening während
der 11. bis 14. Schwangerschaftswoche errechnet man ein diesbezügliches Risiko aufgrund einer Kombination des mütterlichen Alters mit Befunden aus dem
Ultraschall und Parametern von biochemischen Untersuchungen im Blut der
Mutter. Daraus wird die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Chromosomenstörung abgeleitet. Dies ist das beste gegenwärtig verfügbare Verfahren zur
Risikoabschätzung und sollte bei allen Schwangerschaften angewendet werden,
wenn die Eltern dies wünschen. Grundlage des Zweittrimesterscreenings in der
16. bis 18. Schwangerschaftswoche bildet der Triple-Test (auch AFPplus-Test genannt). Bei beiden Tests wird ein Eiweiss (Alpha-Feto-Protein = AFP) nachgewiesen, welches vom Fötus ausgeschieden wird und über das Fruchtwasser ins mütterliche Blut gelangt. Erhöhte AFP-Werte liefern unter anderem Hinweise auf
einen offenen Rücken (Spina bifida). Zur Risikoabschätzung für Chromosomenanomalien sollte der Test nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn ein Ersttrimestertest nicht möglich war.
Die invasiven Verfahren der Pränataldiagnostik kommen dann zum Einsatz,
wenn es darum geht, einen konkreten Verdacht auf eine Erbkrankheit zu bestätigen oder auszuräumen. Dazu werden fötale Zellen für eine Untersuchung der
Chromosomen oder eine molekulargenetische Analyse entnommen. Bei der Chorionzottenbiopsie stammt das Gewebe aus der Plazenta. Bei der Amniozentese
oder Fruchtwasserpunktion entnimmt der Arzt mit einer durch die Bauchdecke
der Frau eingeführten Hohlnadel Fruchtwasser, in dem Zellen des Fötus schwimmen. Bei der Chordozentese gewinnt man fötales Blut aus der Nabelschnur. Alle
diese Verfahren sind mit einem Fehlgeburtsrisiko (0,5 bis 1 Prozent der Eingriffe) verbunden. Es gilt also abzuwägen zwischen dem Risiko des Eingriffs und
der Wahrscheinlichkeit, eine schwere Krankheit wirklich feststellen zu können.
Bei der Präimplantationsdiagnostik werden nach der künstlichen Befruchtung
im «Reagenzglas» (=IVF) dem Embryo im Achtzellstadium 1 – 2 Zellen entnommen. Deren Erbgut wird auf das Vorliegen bestimmter Chromosomenanomalien oder Genveränderungen analysiert. Der Embryo wird nur dann in die Gebärmutter der Frau transferiert, wenn keine der gesuchten Mutationen gefunden
wurde. In der Schweiz ist – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie
Grossbritannien, Frankreich oder Belgien – die Präimplantationsdiagnostik heute
noch gesetzlich verboten. Allerdings bestehen Bestrebungen, im Rahmen einer
Gesetzesrevision die PID zuzulassen. Bei der heute gesetzlich nicht erfassten Polkörperchendiagnose wird nicht der Embryo untersucht, sondern die so genannten Polkörperchen, die bei der Reifung der Eizelle entstehen und an deren Oberfläche haften. Das erste Polkörperchen, das bei der ersten meiotischen Teilung
entsteht, enthält das komplementäre genetische Material der unbefruchteten Eizelle. Es hat aber für die Funktion der Eizelle keine Bedeutung. Die Polkörperchendiagnostik liefert nur indirekte Informationen. Ist eine vermutete Mutation
im ersten Polkörperchen zu finden, so ist sie in der Eizelle nicht vorhanden. In
der Folge kann die Eizelle für die In-vitro-Fertilisation (IVF) verwendet werden.
Allerdings gibt es in der Schweiz bisher nur wenige Erfahrungen mit der Polkörperchendiagnose. Zudem ist sie nur anwendbar, wenn es darum geht, das Vorliegen einer mütterlichen Mutation nachzuweisen oder auszuschliessen; das väterliche Genom kann mit dieser Methode nicht erfasst werden.
Eine diagnostizierte Krankheit kann unter Umständen bereits im Mutterleib, etwa
durch chirurgische Eingriffe oder eine medikamentöse Therapie, behandelt werden. Das adrenogenitale Syndrom z.B. ist eine Stoffwechselerkrankung, die auf einen genetischen Defekt zurückgeht, der autosomal-rezessiv vererbt wird. Diese
führt zu einer vermehrten Bildung männlicher Hormone. In der Folge zeigen neugeborene Mädchen eine Vermännlichung des weiblichen Genitals. Nimmt die schwangere Frau aber ab der 5. Schwangerschaftswoche Glukokortikoide ein, entwickelt
sich dieses weitgehend normal.
Genetische Krankheiten bei
Wenn die Schwangerschaft gut verlaufen und das Kind geboren ist, bedeutet das
nicht, dass genetische Untersuchungen überflüssig werden. Es gibt eine Reihe
von Erbkrankheiten, die sich erst im Kindes- oder Jugendalter manifestieren.
Rechtzeitig eingesetzt, können ärztliche Untersuchungen dazu beitragen, den
späteren Ausbruch solcher Krankheiten zu verhindern oder zumindest ihren Verlauf zu mildern. Dabei handelt es sich oft nicht um eigentliche genetische Untersuchungen, sondern um solche, welche Rückschlüsse auf eine Krankheitsveranlagung zulassen.
Der exakte Nachweis einer Veranlagung bei einem Kind kann auch eine wichtige Grundlage für die weitere Familienplanung sein. Eventuell verhindert eine
pränatale Diagnostik bei einer folgenden Schwangerschaft, dass sich das Schicksal wiederholt.
In der Schweiz werden seit 1965 bei praktisch allen Neugeborenen vorsorgliche
Screening-Untersuchungen durchgeführt. Dazu entnimmt die Hebamme dem
Säugling ein paar Tage nach der Geburt an der Ferse einige Blutstropfen. Ursprünglich wurde mit dem so genannten Guthrie-Test überprüft, ob eine Phenylketonurie vorliegt, eine Stoffwechselkrankheit, welche unbehandelt zu schwerer
geistiger Behinderung, verzögerter körperlicher Entwicklung und Krampfanfällen führt. Eine phenylalaninarme Ernährung des Kindes verhindert diese Folgen.
Heute werden zusätzlich weitere Stoffwechselkrankheiten (z.B. die Galaktosämie)
und die Hypothyreose (Unterfunktion der Schilddrüse) im Neugeborenen-Screening erfasst. Gemeinsam ist diesen Krankheiten, dass ihre Folgen durch Diät oder
medikamentöse Behandlung verhindert oder verzögert werden können.
Unter Hüftgelenksdysplasie versteht man ein Spektrum von angeborenen Deformierungen und Fehlstellungen des Hüftgelenkes beim Neugeborenen, bei deren
Verursachung auch genetische Faktoren mit im Spiel sind. Sie kommen bei Mädchen viel häufiger (12x) als bei Knaben vor und führen unbehandelt zu einem
frühzeitigen Verschleiss des Gelenks, zu einer so genannten Coxarthrose. Entscheidend für den Therapieerfolg mittels breiten Wickeln, Spreizhosen oder operativem Eingriff ist die frühzeitige Diagnose. Ungleichheit der Gesässfalten oder
das Ortolani-Zeichen können klinisch die Verdachtdiagnose ermöglichen. Als
Standard der Diagnostik gilt aber die in den ersten Lebenswochen durchgeführte
schmerzlose Sonographie der Hüfte.
In der Schweiz kommt eines von 1000 Kindern mit einer angeborenen Taubheit
oder frühkindlichen Schwerhörigkeit auf die Welt. Mehr als 60 % der Fälle von
Schwerhörigkeit vor Auftreten des Spracherwerbs werden auf genetische Ursachen zurückgeführt. Negative Folgen auf die Entwicklung der Sprache und der
ganzen Persönlichkeit können nur dann verhindert werden, wenn die Kinder
frühzeitig Hörgeräte bekommen und pädagogisch speziell unterrichtet werden.
Wenn eine angeborene Schwerhörigkeit erst im Alter von zweieinhalb Jahren aufgrund von Sprachschwierigkeiten entdeckt wird, geht für die Therapie viel Zeit
verloren, die für die Ausbildung der Sprache entscheidend ist. Es gibt deshalb
weltweit Bestrebungen, in allen Geburtskliniken routinemässig einen Hörtest
durchzuführen: Das so genannte Neugeborenen-Hörscreening wird auch in der
Schweiz routinemässig durchgeführt. Ein spezielles Messgerät dient dazu, einen
Gehörtest (berührungsfrei) zwei bis vier Tage nach der Geburt durchzuführen.
Die frühzeitige Diagnose und Therapie sind auch bei Sehstörungen wichtig. Gerade in den ersten beiden Lebensjahren können Fehlsichtigkeiten und Krankheiten des Auges relativ gut behandelt werden. Geschieht das nicht, besteht die
Gefahr, dass sich die Sehschärfe bei den Kindern nicht normal entwickelt. Aufmerksamkeit ist geboten, wenn schon die Eltern Probleme mit den Augen haben.
Hat der Vater oder die Mutter eine Sehstörung auf beiden Augen, so muss in rund
20 Prozent der Fälle auch beim Kind mit einer Störung des Sehvermögens gerechnet werden. Leiden beide Elternteile an Sehstörungen, steigt die Wahrscheinlichkeit auf 50 Prozent, dass auch das Kind davon betroffen ist.
Bei nahezu acht Prozent aller Knaben ist das Farbensehen gestört. Sie vermögen
Grün und/oder Rot nicht oder nicht voll zu erkennen. Das einzige Gen für den
Rot-Rezeptor und ein bis drei Gene für Grün-Rezeptoren liegen eng beieinander
auf dem langen Arm des X-Chromosoms.
Eine augenärztliche Untersuchung ist bereits direkt nach der Geburt angezeigt,
wenn die Kinder Hornhauttrübungen, graue oder weisse Pupillen oder herabhängende Lider haben, Augenzittern zeigen oder lichtscheu sind. Mit sechs bis
zwölf Monaten sollten jene Kinder zum Arzt, die schielen, die an chronischen
Augenentzündungen leiden, oder Verwandte mit genetisch bedingten Augenkrankheiten haben.
Ebenfalls Gegenstand der Vorsorgeuntersuchung bei Kindern und Jugendlichen
sind Wachstums- und Entwicklungsverlauf. Allerdings lässt sich oft nicht so
leicht eingrenzen, was noch innerhalb und was ausserhalb des erwarteten Verlaufs liegt. Die Spannbreite von normalem Wachstum und normaler Entwicklung ist sehr gross und kann auch innerhalb einer Familie sehr unterschiedlich
sein. Findet sich allerdings eine deutliche Abweichung von der Norm, sollte dies
weiter abgeklärt werden. Zu den möglichen Ursachen zählen neben den häufig behandelbaren Störungen des Hormonhaushalts, chronischen Erkrankungen
wie Asthma, Rheuma, entzündlichen Darmerkrankungen oder Nierenkrankheiten auch genetisch bedingte Erkrankungen. Chromosomenstörungen gelten
als häufigste genetische Ursache für eine körperliche und intellektuelle Entwicklungsverzögerung, oft mit typischen körperlichen Auffälligkeiten. Schwere und
Ausprägung sind dabei abhängig vom beteiligten Chromosom. Eine Chromosomenuntersuchung kann hier Aufschluss bieten. In den letzten Jahren hat die
hochauflösende Chromosomenuntersuchung dazu beigetragen, bei vielen Patienten die Ursache von Entwicklungsstörungen, aber auch von Fehlbildungssyndromen und autistischen Störungen zu klären, und damit eine zielgerichtete Behandlung zu ermöglichen.
Neben den Chromosomenveränderungen sind auch viele monogene Erbkrankheiten Ursache von Entwicklungsstörungen. Hier ist die Diagnose mittels einer
Laboruntersuchung allerdings sehr viel schwieriger, weil man klinisch einen bestimmten Verdacht haben muss, welches Gen mutiert sein könnte. Leider bleiben
auch heute noch bei 50 % der Betroffenen die Ursachen ungeklärt.
Vorsicht mit genetischen Untersuchungen bei Kindern
In den genannten Beispielen haben die betroffenen Kinder oder Jugendlichen
offensichtlich einen Nutzen von der genetischen Untersuchung, weil die bereits
existierende Störung frühzeitig erkannt und behandelt werden kann. Anders
präsentiert sich die Ausgangslage bei der vorsorglichen Diagnose mit molekulargenetischen Tests. Hier stellt sich die Frage, unter welchen Umständen solche
bei Kindern und Jugendlichen überhaupt durchgeführt werden sollten. Es besteht
ein internationaler Konsens und ist auch entsprechend im GUMG festgehalten
(Art.10), dass man Kinder nicht auf Anlagen für Krankheiten testen darf, die erst im
Erwachsenenalter ausbrechen. Das gilt insbesondere, wenn keine oder nur wenig
wirksame Behandlungs- oder Präventionsmöglichkeiten bestehen wie bei der
Huntington-Erkrankung oder bei familiären Formen von Brustkrebs bzw. bei der
Alzheimer-Erkrankung. In einer solchen Situation soll sich ein Kind seine Unbeschwertheit bewahren und später, als erwachsene Person, selbst über die Durchführung eines Tests entscheiden können. Das Gleiche gilt für autoso-mal-rezessiv
und X-gonosomal-rezessiv vererbte Krankheiten, die nicht beim Träger, resp.
bei der Konduktorin selbst, sondern erst bei seinen Nachkommen ausbrechen
könnten. Auch hier würde ein vorzeitiger Träger-Test im Kindesalter gegen die
Autonomie und die Entscheidungsfähigkeit der einmal erwachsenen Person verstossen. Es steht den Eltern nicht zu, aufgrund des Wissens um enetische
Gegebenheiten die Partnerwahl und Familienplanung ihrer Kinder zu beeinflussen.
Die Ärztin oder der Arzt ist mit einem breiten Spektrum von Erbkrankheiten
konfrontiert, die sich erst beim Erwachsenen manifestieren. Oft haben diese
Krankheiten eine Geschichte innerhalb der Familie des Patienten. Neben der
Huntington-Erkrankung gehören mehrere familiäre Formen von Alzheimer, von
rheumatischen Erkrankungen, von Brustkrebs oder Dickdarmkrebs (HNPCC =
«hereditary non-polyposis colorectal cancer») dazu. Weitere Beispiele sind die familiäre adenomatöse Polyposis coli (FAP), genetisch bedingte Arrhythmien des
Herzens sowie die polyzystische Nierenerkrankung.
All diese Krankheiten entstehen dadurch, dass einzelne Erbanlagen durch Mutationen verändert sind. Mit Hilfe molekulargenetischer Tests lassen sich solche Mutationen feststellen. Man spricht dann von präsymptomatischer, präklinischer
oder auch prädiktiver genetischer Diagnostik, weil die Anlageträger identifiziert
werden können, bevor die Krankheit ausgebrochen ist. Der Sinn solcher vorausschauender Untersuchungen besteht darin, mit Hilfe medizinischer Massnahmen
die Lebensqualität und die Lebenserwartung der Betroffenen zu verbessern. Ausserdem soll ihnen ermöglicht werden, ihre Lebens- und Familienplanung entsprechend anzupassen.
Die Veranlassung präsymptomatischer Gentests muss hohe Ansprüche erfüllen.
Sie dürfen nur dann durchgeführt werden, wenn der Test eine Krankheitsanlage
zuverlässig nachweist und diese für das Auftreten der Krankheit verantwortlich
ist. Die klinischen Folgen einer Veranlagung sollten vorhersehbar sein. Ebenso
müssen sich sinnvolle medizinische Massnahmen ableiten lassen, wenn ein Testergebnis positiv ausfällt. Vor der Durchführung präsymptomatischer Gentests
sollten mehrere genetische Beratungsgespräche erfolgt sein, damit die Ratsuchenden genügend Informationen und ausreichend Zeit haben, die für sie richtige Entscheidung, d.h. Gentest ja oder nein, zu treffen.
Die 1872 von George Huntington beschriebene autosomal-dominant vererbte,
unaufhaltsam fortschreitende neurodegenerative Erkrankung (Chorea Huntington, auch Veitstanz genannt) betrifft etwa einen von 10 000 Menschen und tritt
oft im Alter von vierzig bis sechzig Jahren auf. Die der Krankheit zugrunde liegende Mutation im so genannten Huntingtin-Gen wurde bereits 1993 entdeckt.
Dabei wird die Abfolge eines CAG-Tripletts – es kodiert für die Aminosäure Glu41
tamin – statt bis zu 35-mal bis zu 250-mal hintereinander wiederholt. Dadurch
enthält das gebildete Huntingtin-Eiweiss ein überlanges Segment aus Glutamin.
Die betroffenen Menschen verlieren in der Folge sämtliche motorischen und intellektuellen Fähigkeiten. Es kommt zu schweren Wesensveränderungen wie Aggressivität und Autismus, depressive Verstimmung und Demenz.
Die CAG-Triplettexpansion kann lange vor den ersten Symptomen molekulargenetisch nachgewiesen werden. Der Gentest lässt aber für den einzelnen Probanden nur begrenzt Aussagen über Krankheitsbeginn und Verlauf zu. Hinzu kommt,
dass die Krankheit letztlich noch unheilbar ist und Medikamente bestenfalls die
Symptome zu dämpfen vermögen. Immerhin lassen sich die Lebensumstände gerade während der ersten Phase der Krankheit entscheidend verbessern und dadurch Lebensqualität gewinnen. Auch kann die wichtige Betreuung der Familienangehörigen, speziell der Partnerin oder des Partners, rechtzeitig einsetzen.
Letztlich muss jeder Mensch, in dessen Familie die Huntington-Erkrankung auftritt, selbst entscheiden, was belastender ist: die Ungewissheit darüber oder das
Wissen darum, ob er Mutationsträger ist oder nicht. Um so wichtiger ist eine einfühlsame Aufklärung und Beratung durch den medizinischen Genetiker. Die Erfahrung zeigt, dass rund die Hälfte der Angehörigen einer Familie mit Huntington-Erkrankungen im Rahmen einer genetischen Beratung eine Untersuchung
ihres Erbguts wünscht.
Anders ist die Ausgangslage bei einem Gentest auf bestimmte erbliche Krebserkrankungen: Werden die mutierten Gene bei Risikopersonen früh genug erkannt,
lässt sich das Fortschreiten der Krankheit in ein unheilbares Stadium dank systematischer Überwachung häufig verhindern. Zwar machen der erbliche Dickdarmkrebs und der erbliche Brustkrebs nur rund fünf Prozent dieser Krebsformen
aus. Dennoch gehören beide autosomal-dominant vererbten Tumorkrankheiten
zu den häufigsten Erbkrankheiten überhaupt.
Veranlagungen für Tumorkrankheiten führen dazu, dass mehrere Personen in einer Familie – häufig auffällig früh und öfters mehrfach – am gleichen oder einem
assoziiert auftretenden Tumor erkranken. Der Veranlagung für Dickdarmkrebs
ohne vorausgehende generalisierte Polypose (HNPCC) liegen Mutationen mehrerer Gene des sogenannten «Mismatch»-Reparatursystems zugrunde, die für die
Stabilität («Integrität») unseres Erbgutes verantwortlich sind. Bei HNPCC ist der
Gentest erst nach der Pubertät angezeigt. Für Anlageträger werden Darmspiegelungen ab dem 20. bis 25. Lebensjahr in Abständen von einem bis zwei Jahren
empfohlen. Auch die Gebärmutter, die Eierstöcke, die Gallen- und Harnwege
müssen überwacht werden, da sie ebenfalls gefährdet sind.
Im Falle der familiären adenomatösen Polypose (FAP) ist ein Gentest jedoch bereits ab dem 10. Lebensjahr sinnvoll. Hier geht der eigentlichen Karzinomerkrankung die Bildung von zahlreichen, gutartigen Polypen im Dick- und Mastdarm voraus. Angehörige, welche die Veranlagung nicht aufweisen, haben kein
höheres Tumorerkrankungsrisiko als die Gesamtbevölkerung. Bei ihnen erübrigt
sich das enge Überwachungsregime. Für Anlageträger stellt sich aber die Frage
nach einem rechtzeitigen chirurgischen Eingriff zur Entfernung des krebsgefährdeten Dickdarms.
Der Brustkrebsveranlagung liegen Mutationen mehrerer Gene zugrunde. Am bekanntesten und bedeutsamsten sind solche des BRCA1- und des BRCA2-Gens;
beide prädisponieren auch zu Eierstockkrebs (vgl. untenstehende Grafik). Männer mit einer BRCA1-Mutation haben ein etwa 3-fach erhöhtes Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken. Personen mit einer BRCA2-Mutation erkranken ebenfalls
häufiger an Prostatakarzinomen, aber auch an einer ganzen Reihe weiterer Tumoren wie solche der Bauchspeicheldrüse, des Kehlkopfs, des Magendarmtrakts,
des Blut bildenden Systems sowie an Melanomen. BRCA2-Mutationen sind mit
einem Risiko von rund 6 % für Brustkrebs bei Männern verbunden.
Fällt der Gentest positiv aus, könnten Früherkennungsmassnahmen wie regelmässige Selbstkontrolle der Brust durch Abtasten oder der Einsatz bildgebender
Verfahren (Mammographie, MRI) besonders engmaschig erfolgen, dies in der
Hoffnung, dass eine frühe Erkennung die Heilungschancen entscheidend verbessert. Die radikalste Massnahme besteht in einer vorbeugenden chirurgischen
Entfernung der Brustdrüse, ebenfalls der Eierstöcke, noch bevor der Krebs aufgetreten ist.
Risiko für Mamma- (M) und Ovarialkarzinom (O)
BRCA2 M
BRCA1 M
Prozent Risiko
BRCA1 O
BRCA2 O
M (ohne
O Mutation)
Vergleich von Trägerinnen einer BRCA1/2-Mutation und der Allgemeinbevölkerung
(schwarz, ohne Mutation) mit Mamma- (M) und Ovarialkarzinomen (O)
Zunehmend eingesetzt werden prädiktive genetische Untersuchungen bei Erwachsenen zur Erkennung von Herzrhythmusstörungen. So ist zum Beispiel das
so genannte Lange-QT-Syndrom in den meisten Fällen eine vererbte Krankheit.
Es handelt sich dabei um eine Krankheit des Herzens, die charakterisiert ist durch
kurzzeitige Verluste des Bewusstseins. Selten kann es auch zu Krampfanfällen
und plötzlichem Herztod kommen. Molekulargenetische Untersuchungen können dazu dienen, eine klinische Diagnose der Krankheit zu bestätigen, aber auch
noch nicht betroffene Verwandte von Patienten auf diese Veranlagung hin zu untersuchen und vorbeugend zu behandeln.
Die Unterscheidung von monogen und multifaktoriell verursachten (komplexgenetischen) Krankheiten/Krankheitsveranlagungen ist wie alles Kategorisieren
der Natur willkürlich. Auch bei der Manifestation monogener Erkrankungen,
die wegen der Mutation eines einzelnen Gens mit hoher Penetranz (Durchschlagskraft) ausgelöst werden, sind meistens zusätzliche genetische Faktoren
(«Modifier»-Gene, genetischer Hintergrund) und Umweltfaktoren mit im Spiel.
Im Hinblick auf eine genetische Risikobeurteilung ist jedoch die Abgrenzung solcher bedeutungsvoller («major») Suszeptibilitätsgene von Genvarianten, die zu
einer mässigen Risikoerhöhung beitragen (2 – 5 fach), und besonders von eigentlichen genetischen Polymorphismen, die mit einer Krankheit in Zusammenhang
gebracht wurden, angezeigt. Letztere werden geradezu explosionsartig bei multifaktoriell verursachten Krankheiten identifiziert und dann auch für die differentialdiagnostische sowie prädiktive Diagnostik angeboten. Dabei handelt es sich
beim näheren Hinsehen meistens nicht einmal um nachgewiesene Varianten von
Genen, sondern nur um SNPs (Single-Nucleotide-Polymorphismen), so genannte
«Snips» (vgl. Info und Grafik S. 12), wie sie in Assoziationsstudien mit einer bestimmten Krankheit in Zusammenhang gebracht werden. Die biologischen Mechanismen, wie viele dieser SNPs mit der eigentlichen Krankheitsverursachung
in Zusammenhang stehen, werden meist noch nicht verstanden. Nachvollziehbare Ergebnisse aus Assoziationsstudien sagen zudem nur etwas über die gesamte
untersuchte Patientengruppe aus und nur wenig über den einzelnen Probanden.
Sie erhöhen das mögliche Erkrankungsrisiko gering, in der Regel weniger als 1.5
mal. Es wäre zudem voreilig, den Einfluss mehrerer solcher bei einer Person gefundener SNPs einfach addieren zu wollen. Wegen der unklaren Aussagekraft der
Ergebnisse der Analyse derartiger Risikofaktoren, die zur Pathogenese multifaktoriell verursachter Krankheiten beitragen sollen, bleibt das so genannte «genomic profiling» vorerst umstritten.
In der Regel werden die durch die genetischen Faktoren verursachten Risiken
als relative Risiken (RR) angegeben. Dies kann beim Arzt und beim Patienten
die Vorstellung von höheren Risiken suggerieren, als sie tatsächlich bestehen.
So verursacht eine Variante des NOD2-Gens in homozygotem Zustand oder bei
«Compound»-Heterozygotie ein um 40 fach erhöhtes Risiko, an Morbus Crohn
zu erkranken, im Vergleich zu einer Person, die diese nicht aufweist. Das lebenslange Erkrankungsrisiko beträgt jedoch nur um die 4 %, respektive 3 %.
Das Apolipoprotein E4 ist ein Risikofaktor für das Auftreten der Alzheimer-Erkrankung. Die APO E4-Analyse zur präsymptomatischen Diagnostik wird jedoch
abgelehnt, denn seine Präsenz heisst bei weitem nicht, dass die Krankheit auch
ausbrechen wird. Differentialdiagnostisch kann die APO E4-Typisierung jedoch
bei an Demenz erkrankten Patienten nützlich sein.
Klassische und häufige psychische Krankheiten wie Depression, Schizophrenie,
Autismus und Angststörungen besitzen kein klar fassbares neurobiologisches
oder neuropathologisches Korrelat, an dem weiterführende Untersuchungen
durchgeführt werden können. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass die Vererbbarkeit (Heritabilität) psychischer Erkrankungen gross ist, z.B. ca. 80 % bei
der Schizophrenie und 30 % – 40 % bei depressiven und Angststörungen. Daher
ist der Stellenwert der Humangenetik in der Erforschung der Ursachen psychiatrischer Erkrankungen sehr hoch; dies zeigen auch eindrucksvoll die jüngsten
Erfolge bei der zuverlässigen Identifizierung von genetischen Anlagen, welche
mit einer bestimmten Anfälligkeit für eine Krankheit verbunden sind (sog. Suszeptibilitätsgene). Die neuen technologischen Errungenschaften im Bereich der
hochauflösenden genomweiten Assoziationsstudien und der Hochdurchsatz-Sequenzierung haben den Stellenwert der Humangenetik für die Psychiatrie noch
weiter erhöht. Allgemein lässt sich für den Bereich der molekularen Psychiatrie
Folgendes festhalten:
– Die humangenetische Untersuchung komplexer psychiatrischer Phänotypen ist ein hervorragendes Werkzeug, um die biologischen Hintergründe
psychiatrischer Erkrankungen zu verstehen.
– In den letzten Jahren hat der breite Einsatz hochauflösender GenomikPlattformen, mit deren Hilfe Millionen polymorpher Stellen (SNPs) an
grossen Stichproben untersucht werden können, zu einem geradezu atemberaubenden Zuwachs an Wissen bezüglich neuropsychiatrisch relevanter
Gene geführt. Diese genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) stellen zum
jetzigen Zeitpunkt die wichtigste Methode zur Erforschung der molekularen Grundlagen neuropsychiatrischer Erkrankungen am Menschen dar.
Trotz der jüngsten Erfolge in der verlässlichen Identifizierung phänotypassoziierter und Suszeptibilitätsgene bleibt ein signifikanter Anteil der
Heritabilität psychiatrisch relevanter Phänotypen unerklärt (sog. «missing
heritability»). Es wird angenommen, dass die statistische Ausarbeitung
von Gen-Clustern statt der Identifizierung einzelner Gen-Polymorphismen
zur Klärung dieses fehlenden Anteils der Heritabilität beitragen wird.
Genetische Information, die anhand von GWAS und Gen-Clustern an
grossen, gut charakterisierten Stichproben gewonnen wurde, wird zur besseren Charakterisierung polygener neuropsychiatrischer Merkmale führen.
Diese Tatsache wird sich letztlich in den neuen diagnostischen Klassifikationssystemen widerspiegeln, welche bereits heute damit angefangen haben,
biologische und genetische Information in die entsprechenden Kriterien
Genetische Information lässt sich gerade im Bereich der biologisch-orientierten Psychiatrie hervorragend mit anderen Informationsquellen kombinieren. Hierbei ist der Stellenwert der strukturellen und funktionellen zerebralen Bildgebung besonders hervorzuheben. Durch die Kombination von
Genetik und Bildgebung («imaging genetics») lassen sich Geneffekte nicht
nur allgemein in Bezug auf einen Phänotyp beschreiben, sondern anatomisch und funktionell spezifisch in bestimmten Hirnregionen lokalisieren.
Die jüngsten Erfolge der Humangenetik dürfen nicht darüber hinwegtäuschen,
dass es sich bei den untersuchten Phänotypen um multifaktorielle Merkmale
Die Sequenzierung des menschlichen Genoms wurde abgeschlossen und hat
unser Verständnis für Entwicklungsprozesse und Erkrankungen des Menschen
grundlegend geprägt. Im Rahmen dieses Projektes wurden tausende von bisher
unbekannten Genen identifiziert; die OMIM Datenbank (Online Mendelian Inheritance in Man) führt mehr als 12‘000 Gene auf, welche mit Krankheiten assoziiert sind. Es zeichnet sich jedoch immer deutlicher ab, dass die primäre DNASequenz nur einen Aspekt des genetischen Codes darstellt und dass neben dem
Genotyp noch eine zusätzliche Ebene an Komplexität besteht, indem das Erbgut
durch epigenetische Mechanismen modifiziert wird. Der Begriff Epigenetik wird
gebraucht, um reversible chemische Veränderungen des DNA-Strangs und der
assoziierten Proteine zu beschreiben, also Prozesse, welche nicht die primäre Sequenz der DNA betreffen. Epigenetische Modifikationen bestehen vor allem aus
der Methylierung der DNA und einem breiten Spektrum von Modifikationen der
Histon-Proteine, um welche die DNA gewunden ist. In einem weiteren Sinn ist
auch das so genannte RNA-assoziierte «gene silencing» als epigenetischer Mechanismus zu betrachten. Der so genannte Phänotyp ist also das Resultat des Genotyps (primäre DNA-Sequenz) und des Epigenotyps (Summe der epigenetischen
Modifikationen). Der Epigenotyp weist eine grössere Plastizität auf als der Genotyp und erlaubt es, die Expression der Gene und anderer zellulärer Prozesse wie
zum Beispiel die Reparatur der DNA, Rekombination und Segregation der Chromosomen, etc. zu kontrollieren. Epigenetische Modifikationen des DNA-Stranges
und der Histon-Proteine können zum Teil bei der Zellteilung von der elterlichen
Zelle auf die Tochterzelle vererbt werden, was die Grundlage der so genannten
«epigenetischen Vererbung» darstellt.
DNA-Methylierung: In Säugetierzellen geschieht die Methylierung der DNA vor
allem an Cytosinen der Dinukleotidsequenz CpG. Sie reguliert grundlegende Prozesse und spielt vor allem bei der Unterdrückung (silencing) der Transkription
eine wichtige Rolle. Das Setzen der Methylmarken während der Embryonalentwicklung folgt einem vorprogrammierten Muster, welches durch eine Welle der
Demethylierung im Präimplantations-Embryo charakterisiert ist, gefolgt von einer genomweiten de novo Methylierung nach der Implantation. Die Methylierung der DNA wird als ein so wichtiger Mechanismus angesehen, dass sie neben
den Nukleobasen Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin auch als «5. Base» bezeichnet wird.
Modifizierung der Histone: Die DNA ist im Zellkern um die basischen Histonpro-
teine gewickelt; zusammen bilden sie die Nukleosomen. Histone bestehen aus
einem Octamer von 4 verschiedenen Histon-Proteinen. Histone werden durch
multiple chemische Reaktionen verändert. Diese Modifizierung der Histone reguliert zelluläre Prozesse entweder durch Veränderung der Zugänglichkeit der DNA
(Änderung der DNA-Konfiguration) oder indem spezifische Proteine rekrutiert
werden, welche die Transkription steuern.
Genomisches Imprinting: Die grosse Mehrzahl der autosomalen Gene im Men-
schen wird bi-allelisch abgelesen, also sowohl vom väterlichen wie auch vom
mütterlichen Allel. Es gibt jedoch auch viele gut dokumentierte Beispiele von Genen, die entweder nur vom väterlichen oder nur vom mütterlichen Allel transkribiert werden, aber nicht von beiden. Dieser Prozess wird auch als genomisches
Imprinting (elterliche Prägung) bezeichnet, und beinhaltet eine Modifizierung
der Gene, abhängig davon, ob das Allel väterlichen oder mütterlichen Ursprungs
ist. Auch hier spielt die DNA-Methylierung wiederum eine wichtige Rolle, da
die Methylmarken bei geprägten Genen (imprinted genes) Allel-spezifisch gesetzt werden. Zurzeit sind ca. 80 solche geprägte Genorte im Menschen bekannt.
Topologische Lage von Chromosomensegmenten im Zellkern: Die dreidimensio-
nale Darstellung von Chromosomen und Chromosomenabschnitten im Zellkern
zeigt, dass deren Anordnung eine funktionelle Bedeutung im Hinblick auf Genregulation und -expression hat.
Epimutationen sind die Ursache seltener genetischer Syndrome, Beispiele umfassen das Prader-Willi Syndrom, das Angelman-Syndrom, das Beckwith-Wiedemann-Syndrom und das Silver-Russel-Syndrom. Imprintingdefekte spielen aber
auch eine grosse Rolle bei der Karzinogenese, indem zum Beispiel Demethylierung dazu führen kann, dass Onkogene aktiviert werden, oder eine Methylierung,
dass Tumorsuppressorgene deaktiviert werden.
Das Epigenom ist wichtig im Hinblick auf die Interaktion zwischen Genom und
Umwelt, da epigenetische Veränderungen auch durch Umweltfaktoren (Ernährung, Strahlenexposition, Exposition mit anderen Umweltfaktoren) beeinflusst
werden können. Es wird deshalb postuliert, dass viele der häufigen Erkrankungen
unserer Zivilisationsgesellschaft (Diabetes, Bluthochdruck, Krebsentwicklung)
durch epigenetische Veränderungen induziert oder modifiziert werden. Da die
chemische Modifikation der DNA und der Histone sowie die Expression von RNAMolekülen, die mit DNA-Sequenzen interferieren, theoretisch durch pharmakologische Interventionen beeinflusst werden können, stellt die Epigenetik wahrscheinlich auch eine hoffnungsvolle Perspektive zur medikamentösen Therapie
vieler Krankheiten dar.
Genetik und personalisierte
Krebserkrankungen sind so verschieden wie die Menschen, die davon betroffen
sind. Genetische Untersuchungen ermöglichen heute die Erkennung individueller Merkmale von Krebs. Dies ist die Basis für die Entwicklung neuer Krebsmedikamente und Behandlungsmethoden. Ziel der personalisierten Krebsmedizin
ist eine für jeden Patienten optimal wirksame und gleichzeitig wenig belastende
Krebstherapie.
Unter Pharmakogenetik versteht man das Teilgebiet der Pharmakologie, das sich
mit den genetisch bedingten Ursachen der unterschiedlichen Reaktionen von Patienten nach Arzneimittelgaben beschäftigt.
Bereits 1902 postulierte der deutsche Biologe Theodor Heinrich Boveri (1862 –
1915), dass die Transformation einer normalen in eine entartete (bösartige) Zelle
auf chromosomale Veränderungen zurückzuführen sei. Jedoch erst 1960 konnte
Peter Nowell – dank des Fortschrittes der zytogenetischen Untersuchungstechniken – das sogenannte Philadelphia-Chromosom als die für die chronisch-myeloische Leukämie (CML) typische erworbene Chromosomenaberration nachweisen. Diese ist auf eine reziproke Translokation der Chromosomen Nr. 9 und
22 zurückzuführen. Dadurch entsteht ein neuartiges chimärisches Gen, das aus
Teilen des BCR-Gens und des ABL-Oncogens besteht. Dessen Produkt, ein Fusionsprotein, ist eine aktivierte Tyrosinkinase, die sich in hämatopoetischen Zellen krebserregend auswirkt.
Heute gehören zytogenetische Untersuchungen bei Leukämien und Lymphomen
zum diagnostischen Standard. Der Nachweis einer Deletion (Verlust von Chromosomenmaterial) im Langarmbereich des Chromosoms Nr. 13 bei der chronisch-lymphatischen Leukämie (CLL) korreliert mit einem über längere Zeit stabilen Krankheitsverlauf, während bei der gleichen Erkrankung eine Deletion im
Kurzarmbereich des Chromosoms Nr. 17 eine rasche Verschlechterung des Gesundheitszustandes prognostizieren lässt. Die chromosomalen Befunde haben so-
mit unmittelbare Auswirkungen auf das therapeutische Vorgehen. Auch in soliden Tumoren liegen typische Chromosomenaberrationen vor. So findet man in
mehr als 90 % der Ewing-Sarkome, einem Knochentumor, eine charakteristische
Translokation zwischen den Chromosomen Nr. 11 und Nr. 22. Die zusammengelegten Datenbasen über Tumorzytogenetik ermöglichen einen aktuellen Einblick in das chromosomale Geschehen beim Entartungsprozess (www.ncbi.nlm.
nih.gov/cancerchromosomes).
Der Nachweis relevanter genetischer Aberrationen in Tumorzellen, und zwar
nicht nur auf zytogenetischer, sondern immer mehr auch auf molekulargenetischer Ebene, ist ein Hauptziel der modernen Onkologie. Die dabei gewonnenen
Erkenntnisse will man für die Diagnostik, aber besonders für eine individuelle Behandlung der Tumorpatienten («personalized medicine») nutzen.
Mutationen verschiedener Gene, man spricht von «driver-mutations», begünstigen die unkontrollierte Zellvermehrung, während diejenigen anderer Gene, der
sogenannten «passengers», nicht zu «Krebsgenen» führen. Der Entartungsprozess
geht stetig voran. In der gleichen Tumorgewebeprobe können daher verschiedene Zellklone mit unterschiedlichen genetischen Veränderungen vorkommen.
Die genetische Analytik wird zudem dadurch erschwert, dass neben den entarteten Zellen in einer Probe immer auch normale Zellen von Stützgewebe oder
Blutgefässen vorhanden sind. Dank der «tissue microarray (TMA)» -Technologie
können kleine umschriebene Bereiche eines Tumors genetisch analysiert werden.
Mit den modernen genetischen Technologien lässt sich heute eine Vielzahl von
Daten über Tumorkrankheiten generieren. So ist es eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit, diese zu validieren und die klinisch relevanten mit den Verfahren der modernen Bioinformatik herauszufiltern, um sie dann in genetische
Informationen umzuwandeln, die für die Patienten und die sie betreuende Ärzteschaft verständlich und nützlich sind.
Die klinische Bedeutung einer Vielzahl von Genmutationen in Tumorzellen ist
bereits gut dokumentiert (siehe: «The Cancer Genome Project»: www.sanger.ac.uk/
genetics/CGP/Census). Dazu gehören die häufigen missense-Mutationen des TP53Gens, wie sie in zahlreichen Malignomen vorkommen, oder seltene, wie die
Amplifikation des HER2/neu Gens beim Mammakarzinom. Der Nachweis einer
erhöhten Expression von HER2/neu in Brustkrebszellen hat unmittelbare therapeutische Konsequenzen. Bei Frauen mit einem HER2/neu positiven Tumor, die
im Rahmen der Chemotherapie Herceptin einnehmen (Herceptin stoppt die Produktion des HER2/neu-Proteins), halbiert sich das Risiko, dass der Tumor wieder
auftritt. Auch die genetische Typisierung von Tumorviren in präkanzerösem Gewebe hat praktische Bedeutung, wie es mit der Papilloma-Virus (HPV)-Genotypisierung bei der Zervixpräkanzerose illustriert werden kann.
Die Erbanlage hat eine Auswirkung auf unzählige Prozesse, welche die Wirksamkeit und Sicherheit eines Arzneistoffes mitbestimmen. So haben Gene einerseits einen Einfluss auf die Pharmakokinetik, indem sie die Aufnahme des Arzneistoffes, die Verteilung im Körper, den biochemischen Um- und Abbau sowie
die Ausscheidung beeinflussen. Dadurch, dass genetische Faktoren die Wechselwirkung mit Rezeptoren, die Enzymaktivität, die spannungsabhängigen Ionenkanäle, sowie Transportsysteme beeinflussen, ist die Erbanlage auch für die
Pharmakodynamik eines Arzneistoffes massgebend. Durch die Erforschung der
Genvarianten, die das Ansprechen auf Arzneimittel beeinflussen, erhofft man
sich, Voraussagen über die Wirksamkeit und Sicherheit für den einzelnen Patienten machen zu können und eine dem individuellen Bedürfnis eines Patienten
angepasste Pharmakotherapie zu erzielen.
Sinnvoll ist eine Genotypisierung derzeit nur bei Therapien mit Medikamenten,
die eine limitierte therapeutische Breite oder ein Risiko für schwere, genetisch bedingte Nebenwirkungen haben. Ein Beispiel dafür stellt das HIV-Therapeutikum
Abacavir (Ziagen®) dar, welches bei vielen Patienten mit dem Genmarker HLAB*5701 lebensbedrohliche Überempfindlichkeitsreaktionen auslöst und darum
für diese Patientengruppe nicht eingesetzt werden kann. Auch die Auswirkungen
einer genetischen Variante auf den Abbau des Gerinnungshemmers Warfarin sind
gut erforscht. Ihre Berücksichtigung erlaubt es, die Blutgerinnung schneller einzustellen und lebensgefährliche Extremwerte zu vermeiden.
Da neben der Erbanlage zahlreiche andere Faktoren wie Alter, Geschlecht, Körpergewicht, Ernährung, Grundleiden und Co-Medikation die Wirksamkeit und
Sicherheit von Wirkstoffen beeinflussen, tragen genetische Unterschiede in Pharmakokinetik und Pharmakodynamik oft nur wenig zur interindiviuellen Variabilität im Ansprechen und der Toxizität von Medikamenten bei. Es existieren
kaum prospektive Untersuchungen – schon gar nicht in der einheimischen Population –, die zeigen, dass sich in Kenntnis der individuellen Pharmakogenetik
die Pharmakotherapie verbessern liesse. Dies erklärt, warum im Gegensatz zu den
hohen Erwartungen bisher nur wenige der aus 50 Jahren pharmakogenetischer
Forschung stammenden Erkenntnisse Eingang in die klinische Praxis gefunden
haben. In Zukunft ist jedoch mit einer Zunahme des Einsatzes von pharmakogenetischen Abklärungen im klinischen Alltag zu rechnen. Diese Beurteilung beruht auf den rasanten Fortschritten in der medizinisch-technischen Forschung,
den neuen Erkenntnissen über das Schicksal von Arzneistoffen auf molekularer
Ebene sowie der Entwicklung von Tests und Arzneistoffen mit gezieltem Wirkungsort und -mechanismus. So enthalten bereits heute zirka 10 % der von der
FDA zugelassenen Arzneimittel – Tendenz steigend – Produktinformationen zur
Weil im Unterschied zu den «klassischen» genetischen Untersuchungen nicht
die Prädisposition für eine Krankheit, sondern lediglich die zu erwartende Wirkung eines Arzneistoffes abgeklärt wird, werden pharmakogenetische Untersuchungen häufig als weniger problematisch angesehen. Die aus einer pharmakogenetischen Abklärung gewonnenen Informationen betrachtet man als weniger
sensibel, was Persönlichkeitsrechte, Missbrauchgefahr, Diskriminierung und Implikationen für den Betroffenen und seine Angehörigen betrifft.
In der Tat werden aber bei pharmakogenetischen Abklärungen unter Umständen
Gene untersucht, die sowohl über die Reaktion auf einen Arzneistoff wie auch
über die Prädisposition für eine genetische Krankheit oder deren Prognose Aufschluss geben.
Eine scharfe Abgrenzung zwischen ausschliesslich pharmakotherapeutisch relevanten und gleichzeitig pharmakotherapeutisch und gesundheitsrelevanten Untersuchungen gibt es daher nicht. Es ist davon auszugehen, dass die einzelnen
pharmakogenetischen Marker vermehrt auch gesundheitsrelevante Informationen liefern werden. Die Interpretation von komplexen Fragestellungen benötigt
häufig die Zusammenarbeit und die Expertise von verschiedenen Fachpersonen,
z.B. Genetiker, Pharmakologen, Facharzt.
Als junge Disziplin findet die Pharmakogenetik in den meisten Aus- und Weiterbildungscurricula noch wenig Zugang. Auch wenn zurzeit pharmakogenetische
Abklärungen nur in einem Bruchteil der therapeutischen Entscheide eingesetzt
werden, ist das Entwicklungspotential des Gebietes gross. Es sind aus diesem
Grund Regelungen anzustreben, die mit den Entwicklungen Schritt halten und
die kontinuierlich angepasst werden können.
(Quelle: Expertenkommission für genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMEK), 2009)
genetischen Diagnostik
Technologischer Fortschritt führte während der vergangenen 10 Jahre zu einer
massiven Reduktion der Kosten für die Analyse unseres Erbgutes. Gleichzeitig ermöglichten die zunehmenden Kenntnisse der DNA-Sequenzen die Entwicklung
neuer Untersuchungsverfahren (DNA-Hybridisierung), dank der man kleine Verluste oder Verdoppelungen im individuellen Erbgut zuverlässig nachweisen kann
(vgl. Grafik S. 55).
Diese molekulargenetischen Analyseverfahren eröffnen dem klinischen Genetiker erstmals die Gelegenheit, das individuelle Erbgut eines einzelnen Menschen
mit grossem Auflösungsvermögen und grosser Zuverlässigkeit kennen zu lernen.
Es ist zu erwarten, dass eine Vielzahl von Behinderungen / Krankheiten mit individuellen genetischen Variationen (Basenaustausche, sogenannte «copy number
variants», oder komplexe genomische Umstrukturierungen) in Zusammenhang
Es wäre jedoch verfrüht zu meinen, dass dank dieses Fortschritts der genetischen
Analytik in nächster Zukunft medizinisch-genetische Fragestellungen umfassend
geklärt werden können. Die genetische Variabilität zwischen Individuen ist beachtlich. Dies macht das Erfassen von krankheitsverursachenden Varianten (Mutanten) schwierig; aufwendige Langzeitstudien sind für den Nachweis ihrer klinischen Bedeutung unumgänglich.
Zudem ist zu beachten, dass verschiedene Nuancen in der Interpretation einer
«genetischen Sequenz» bestehen, weil die verschiedenen DNA-Abschnitte mit
unterschiedlichen technischen Verfahren analysiert werden und diese ein unterschiedliches Auflösungsvermögen sowie eine unterschiedliche Zuverlässigkeit
haben. Daher ist es auch in Zukunft unumgänglich, dass solche Untersuchungen
nur unter der Supervision eines genetischen Experten erfolgen, der die Aussagekraft und die Grenzen des gewählten Untersuchungsverfahrens, den Informationsgehalt der genetischen Analyse, die prädiktive Aussagekraft der genetischen
Information (Genotyp-Phänotyp-Beziehungen) versteht und mit den Ratsuchenden evaluieren kann. Es ist zu erwarten, dass genetische Informationen die künftige medizinische Praxis verändern werden, dies aber nur, nachdem das diesbezügliche medizinisch-genetische Wissen validiert wurde und die Ärzteschaft in
der Lage ist, dieses ihren Patienten auch angemessen zu vermitteln.
Wie Biochips funktionieren
hybridisierten Chip
Markierte Probe
(fluoriszierend)
verschiedene Proben für 1 Gen
Auf dem Biochip befinden sich auf Hunderten von Feldern mit 50 Mikrometer Grösse jeweils
Millionen von Kopien einer bestimmten DNA-Sequenz. Ein solcher Chip wird dann mit
einer Lösung umspült, welche die zu untersuchende DNA enthält, die zuvor mit fluoreszierendem Farbstoff markiert wurde. Ist die gesuchte Sequenz in der Probe, so verbindet
sie sich mit der DNA-Sequenz auf dem Chip. Das entsprechende Feld leuchtet in der Folge
und kann durch einen Scanner erkannt werden.
Zur Zeit konzentrieren sich die diagnostischen Bemühungen der Molekulargenetik vorzugsweise auf den kleinen Anteil des Genoms (ca. 1.5 %), der Protein-kodierende Gene repräsentiert (vgl. Grafik S. 56). Es wird aber immer deutlicher, dass
auch weitere DNA-Sequenzen wichtige Funktionen haben und zur Manifestation
einer Vielzahl von Erbkrankheiten und genetischen Merkmalen beitragen. Daher
wird man sich in der medizinisch-genetischen Diagnostik immer mehr auch auf
diejenigen DNA-Sequenzen konzentrieren müssen, die nur in RNA transkribiert
werden («non-protein-coding transcriptome»), sowie auf weitere, die ebenfalls in
der Evolution konserviert wurden und bei der Regulation von Genomfunktionen
bedeutungsvoll zu sein scheinen, sowie auf solche, die in verschiedenste Interaktionen zwischen Nukleinsäuren und Proteinen involviert sind.
Schematische Darstellung eines Gens und seiner Expressionen
Die Nukleotidsequenz legt die Reihenfolge der Aminosäuren im Protein (Kugeln) fest. Die
Sequenz am Anfang (Zickzack) sowie jene am Ende (Dreieck) bestimmen die Intensität
der Genexpression, respektive den Anfang und das Ende der Zwischenprodukte hnRNA
(hochmolekulare nukleäre Ribonukleinsäure) und mRNA («messenger» = Boten-RNA).
Kontrollregion
Terminatorregion
RNA Spleissen
Kürzlich wurde eine Reihe genomweiter Assoziationsstudien (GWAS) abgeschlossen. Das Ziel dieser Studien bestand darin, häufige DNA-Varianten zu finden, die
zu den zahlreichen Krankheiten mit starker genetischer Komponente prädisponieren. Die Mehrzahl dieser Erhebungen identifizierten einige Regionen im Genom, die ein geringes, oft vernachlässigbar geringes, Risiko für die Entstehung
einer umschriebenen Krankheit darstellen.
Ethische Aspekte genetischer
Wenn technologische Entwicklungen so neu sind, dass sich die individuellen
Auswirkungen bzw. die gesellschaftlichen Implikationen nur schlecht abschätzen lassen, entstehen häufig schwierige ethische Fragen; dies gilt auch für den
Bereich der genetischen Untersuchungen am Menschen.
Die Durchführung von genetischen Untersuchungen ist bei vielen Menschen mit
Vorbehalten und Unbehagen verbunden. Informationen aus genetischen Tests
werden als «exzeptionelle» Daten wahrgenommen, d.h. für besondere Informationen gehalten, die sich nicht einfach mit anderen medizinischen Daten vergleichen lassen. Diese Vorstellung der Besonderheit der genetischen Daten wird generell dadurch begründet, dass die Kenntnisse über das eigene Erbgut ein Leben
lang Gültigkeit behalten, und dass sich dieses Wissen eventuell auch auf andere
Familienmitglieder übertragen lässt. Diese Charakteristika einer genetischen Untersuchung treffen tatsächlich auf keine andere medizinische Untersuchung zu.
Die Wahrnehmung der eigenen Erbanlagen wird oft als schicksalhaft empfunden. Und es ist nicht immer klar, wie man über Erbanlagen und Gene überhaupt
sprechen soll. Es gibt keine echten Analogien, die ihrer naturwissenschaftlichen
Besonderheit in der Alltagssprache adäquat Ausdruck verleihen. Dennoch werden oft Metaphern oder teils religiöse Vergleiche verwendet (z.B. «DNA als das Alphabet des Lebens» oder «die Sprache, in der Gott die Welt erschaffen hat»). Solche Analogien sind Vereinfachungen und können zu Missverständnissen führen.
Auch die Berichterstattung in den Medien und nicht zuletzt zahlreiche ScienceFiction-Filme haben zu Fehleinschätzungen in der Wahrnehmung unserer Erbanlagen beigetragen. Gerade die starke mediale Präsenz der Erbanlagen hat in den
letzten 20 Jahren zweifelsohne dazu geführt, dass der Begriff der «Gene» in den
allgemeinen Sprachgebrauch der Bevölkerung eingeflossen ist. Gleichzeitig sind
dadurch aber auch Ängste und teilweise falsche Erwartungen ausgelöst worden.
Seit Beginn der Debatte um die Einführung und Verwendung von genetischen
Untersuchungen im medizinischen Alltag wurde aus ethischer Sicht sehr viel
Wert darauf gelegt, dass jedem einzelnen Menschen das Recht zugesprochen
werden muss, sich freiwillig für oder gegen die Kenntnisse über das eigene Erbgut zu entscheiden. Hauptsächlich im englischsprachigen Raum wurden diese
ethisch-juristischen Grundsatzfragen unter den Schlagwörtern der right-to-know
and right-not-to-know Debatte geführt. In deren Folge wurden verbesserte Einverständniserklärungen zur Durchführung von genetischen Untersuchungen entwickelt, ausserdem Vorgehensweisen zur Aufklärung und Information von Betroffenen, Kriterien der Vertraulichkeit, sowie Qualitätsstandards zur Durchführung
genetischer Beratungen. Gerade in der Beratung wollte man von Anfang an sicher gehen, dass psychologischen und kommunikativen Momenten ausreichend
Platz eingeräumt wird.
Diese frühen Überlegungen zum Umgang mit genetischen Untersuchungen waren allerdings oft noch sehr stark auf das einzelne Individuum bezogen, ausserdem – so mag es aus heutiger Sicht scheinen – herrschte in den 1990ern eine gewisse Angst davor, dass die Genetik missbräuchlich verwendet werden könnte,
z.B. um Menschen zu verändern oder gar zu züchten.
Mittlerweile scheinen diese Ängste etwas in den Hintergrund gerückt zu sein. Die
genetische Beratung hat sich – vor allem in der westlichen Welt – gemäss medizinethischen Standards und Gütekriterien entwickelt und ist aus Komponenten
von Medizin, Biologie und Psychologie zu einer eigenen Profession geworden
(vgl. Kap. 3.2). Auch die vormals stark durch individuelle Rechte geprägte Betrachtung der genetischen Untersuchungen ist mittlerweile eher einer Familienund Gesellschaftsperspektive gewichen. In den genetischen Beratungen wird der
einzelne Mensch, der zur Beratung kommt, generell im Kontext seiner familiären
und sozialen Verflechtungen und Verantwortungen betrachtet.
Aus institutioneller Sicht ist darauf hinzuweisen, dass genetische Beratungen
nur dann ihre Wirkung erzielen können, wenn sie mit ausreichenden menschlichen und ökonomischen Ressourcen ausgestattet sind. Nur so ist es möglich,
den Ratsuchenden eine gewisse «Zeitspanne» zu eigenen Überlegungen einzuräumen. Eine genetische Beratung sollte deshalb niemals unter Zeitdruck erfolgen.
11.4 Ungelöste ethische Probleme und die Gefahr
Diese neue – und durchaus positiv zu wertende – Professionalisierung im klinischen Umgang mit genetischen Untersuchungen soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige grundsätzliche ethische Fragen immer noch ungeklärt
sind (und vielleicht auch weiterhin ungeklärt bleiben werden).
Exemplarisch dafür steht das schnell wachsende Angebot an genetischen Untersuchungen. Hier stellt sich die grundsätzliche Frage, wie mit der zunehmenden
Kluft zwischen Diagnosemöglichkeiten und begrenzten Therapieoptionen umzugehen ist. Es gibt heutzutage sehr viele Diagnostiken für krankheitskorrelierte
Gensequenzen. Aber für fast ebenso viele dieser Krankheiten gibt es nur wenige
oder nur sehr begrenzte Therapien. Soll man einen Gentest für eine Krankheit
anbieten, die man nicht therapieren kann?
Ein weiteres ungelöstes ethisches Problem ist der Umgang mit Behinderung.
Viele Untersuchungsmöglichkeiten (insbesondere am Lebensanfang,) zielen darauf ab, gesunde von nicht-gesunden Föten und Embryonen zu unterscheiden.
Kritiker sprechen hier von einer neuen Eugenik, einer neuen Aussonderung von
nicht-lebenswertem Leben. Auch die Behindertenverbände befürchten Diskriminierungen. Diese Fragen sind komplex, möchte doch niemand einem werdenden
Elternpaar verdenken, sich auf ein «gesundes» Kind zu freuen.
Neben diesen möglichen Formen von Diskriminierungen bleibt – trotz einschränkender nationaler und internationaler Gesetzgebungen – immer noch die Frage
relevant, ob das Offenlegen von Daten zu den eigenen Erbanlagen nicht auch für
jeden «Normalbürger» zum Problem werden kann, nämlich dann, wenn Kranken- und Lebensversicherer irgendwann Anreize schaffen, um Auskünfte über das
Erbpotential ihrer Kunden zu erhalten. Auch Arbeitgeber könnten langfristig Interesse daran zeigen, Erbprofile ihrer Arbeitnehmer zu erhalten. Es sei deutlich
betont: Die momentane Gesetzgebung in der Schweiz verbietet solche Vorgehensweise grundsätzlich; dennoch gilt es zu verhindern, dass Anreize geschaffen werden, die den einzelnen Versicherten oder Arbeitnehmer dazu veranlassen
könnten, seine Daten freiwillig offen zu legen. Der Umgang mit freiwillig offen
gelegten Daten und insbesondere der dadurch entstehende Druck auf mögliche
andere Mitarbeiter (oder Mit-Versicherte), die ihre Erbinformationen nicht darlegen möchten, wären ethisch heikel und sozial sehr komplex.
Ethische Probleme im Zusammenhang mit genetischen Untersuchungen hängen in starkem Masse davon ab, von welcher Art von Test man spricht. Dazu einige Beispiele:
Prädiktive Testformen: Wird bei einem gesunden erwachsenen Menschen z.B. eine
präsymptomatische Untersuchung zu einer erblich-bedingten Brust- oder Darmkrebsdisposition durchgeführt, so betritt man den philosophischen Bereich der
Zukunftsvoraussagen: Wie gehe ich mit den Wahrscheinlichkeitswerten um, die
mir mitgeteilt werden? Welche Auswirkungen hat der Test auf meine Lebensführung? Determinieren die Gene mein Krankheitsschicksal?
Diagnose-sichernde Testformen bei aktuellen Erkrankungen: Ganz anders gestal-
ten sich die ethischen Fragen, wenn jemand schon an einer Erkrankung leidet,
und wenn der Test aus medizinischer Sicht nur diagnose-sichernd durchgeführt
wird. Hier geht es weniger um Fragen der Zukunft, als eher um Fragen der eigenen Identität und der aktuellen Krankheitsverarbeitung. Wie viel nützt es mir,
dass ich auch auf molekularer Ebene den Ursprung meiner Krankheit nachweisen kann? Welchen Mehrwert bietet der genetische Test? Welche Bedeutung hat
die genetische Abklärung für Nachkommen?
Träger-Abklärungen («Carrier-Tests»): Wenn es darum geht, im Hinblick auf eine
Schwangerschaft eine rezessive Erbkrankheit wie z.B. Cystische Fibrose auszuschliessen, dann wird ein Carrier-Test durchgeführt. Dieser macht allerdings nur
Sinn, wenn sich beide Eltern testen lassen; ausserdem sollte im Voraus überlegt
werden, wie mit positiven Resultaten umgegangen wird. Hier trifft man Entscheidungen für eine dritte Person, nämlich das werdende Kind; dies unterscheidet
sich grundsätzlich von den ethischen Überlegungen zu prädiktiven oder diagnose-sichernden Tests. Von Carrier-Tests im Kindes- oder Jugendalter ist abzusehen. Die Kinder bzw. Jugendlichen sollten einmal selber entscheiden können,
ob sie dies wollen oder nicht.
Forschung: Im Rahmen von Forschungsprojekten werden gelegentlich auch ge-
netische Untersuchungen durchgeführt (vgl. Kap. 3.5). In diesem Kontext stellen
sich Fragen zur Datensicherheit und darüber, ob zufällig gefundene Krankheitsdispositionen mitgeteilt werden sollen, und wenn, auf welchem Wege.
Bei diesen Beispielen wird deutlich, dass die Komplexität der verschiedenen Arten von genetischen Untersuchungen und die damit verbundenen Ziele, die für
Ärzte, Forschende oder Patienten unterschiedlich sind, zu fallspezifischen Situationen führen, die in ihren ethischen Dimensionen jeweils einzeln betrachtet
Genetische Untersuchungen können theoretisch zu jedem Zeitpunkt im Leben
eines Menschen durchgeführt werden. Gemäss den Standards der Patientenaufklärung, der Einverständniserklärung, und in Bezug auf nationale gesetzliche Rahmenbedingungen haben sich allerdings bestimmte Vorgehensweisen herausgebildet, wann welche Untersuchungen an welchen Personen durchgeführt werden.
Präimplantationsdiagnostik (PID): Die Untersuchung an einem sehr frühen Em-
bryo (im Achtzell-Stadium) ist mit Sicherheit der früheste Zeitpunkt, an dem bei
einem (werdenden) Menschen ein genetischer Test durchgeführt werden kann.
Die Präimplantationsdiagnostik dient dem Erkennen von schweren Erbkrankheiten an einem durch In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugten Embryo, und dies
bevor der Embryo in den Uterus transferiert wird. Vorrangiges Ziel dieser Technik ist die Selektion von nicht-betroffenen Embryonen. Dennoch wäre es eine
vorschnelle ethische Fehleinschätzung, wenn man diese Selektion im selben
Atemzug mit der Eugenik nennt. Natürlich wird eine Auswahl an Embryonen
getroffen, dies aber im Hinblick darauf, z.B. in einer Familie, in der eine schwere
Erbkrankheit vorkommt, das weitere Auftreten dieser Krankheit zu verhindern;
die Alternative wäre ein allfälliger Schwangerschaftsabbruch. Weil die PID die
Zahl der Schwangerschaftsabbrüche reduzieren könnte, wird sie von feministischer Seite generell befürwortet.
Natürlich bleiben viele ethische Fragen offen: Welche Krankheiten sind so
«schwer», dass wir sie aussondern dürfen? Wer erstellt die Richtlinien? Und wie
können wir uns davor schützen, dass hier Missbrauch betrieben wird? Es gibt
Befürchtungen, dass die Untersuchung von Embryonen nicht nur dazu dienen
könnte, schwere Krankheiten zu erkennen, sondern auch dazu, Kinder im Hinblick auf Eigenschaften wie Geschlecht oder gar Intelligenz auswählen zu wollen.
Pränataldiagnostik: Bei der Pränataldiagnostik unterscheidet man die pränatalen
genetischen Untersuchungen von der pränatalen Risikoabklärung im Rahmen
eines Screenings. Jede Untersuchung im engen Zeitfenster der Schwangerschaft
kann für die Eltern mit psychischen und emotionalen Belastungen einhergehen.
Auch die gängige Ultraschalldiagnostik birgt ein Konfliktpotential, weil sie unvermittelt und zeitgleich am Körper der Frau durchgeführt wird. Mögliche Diagnosen – oder gar Unsicherheiten des Arztes in der Durchführung der Untersuchung – werden von der werdenden Mutter ungefiltert miterlebt, dies in einer
Situation äusserster Vulnerabilität.
Jede Untersuchung im Rahmen der pränatalen Diagnostik birgt generell die Gefahr, dass sich Folgeuntersuchungen anschliessen. Über diese mögliche Abfolge
von Untersuchungen sind sich Laien aber oft nicht im Klaren. Deshalb stellt gerade die Pränataldiagnostik aus ethischer Sicht hohe Anforderungen an die Em-
pathie- und Kommunikationskompetenz der zuständigen Ärzte. Den Eltern muss
deutlich sein, dass pränatale Untersuchungen diagnostische Abklärungen sind,
und keine «ersten Bilder» von ihrem werdenden Kind («baby-watching»).
Screening von Neugeborenen: In den USA und in manchen europäischen Ländern
zeichnet sich die Tendenz ab, Neugeborene in ihren ersten Lebenstagen auf erblich bedingte Stoffwechselerkrankungen genetisch zu untersuchen.
Das Neugeborenen-Screening (NGS) für verschiedene angeborene Stoffwechselkrankheiten und Hormonmangel besteht in der Schweiz seit 1965. Mehr als 1500
Neugeborene konnten seither durch Diät oder Hormongaben vor den Symptomen ihrer Krankheit geschützt werden; unbehandelt hätten diese Krankheiten
zu schweren Entwicklungsstörungen und Organschäden geführt.
Aus ethischer Sicht ist die Information der Eltern aller Neugeborenen über das
NGS und die angemessene genetische Beratung der Eltern allfällig betroffener
Kinder bedeutsam. Die Informationspraxis über das NGS bedarf in der Schweiz
generell der Verbesserung. Falls eine solche durch die Ärzteschaft und die Geburtshelferinnen z. B. mit Hilfe von geeigneten Informationsbroschüren gewährleistet ist, genügt eine mündliche Einwilligung von Seiten der Eltern zum NGS.
Die heute bestehende, äussert hohe Akzeptanz sollte nicht durch ein kompliziertes Zustimmungsverfahren behindert werden.
Kinder und Jugendliche: Genetische Untersuchungen bei Kindern und Jugend-
lichen sind mit einer ganzen Reihe von heiklen Problemen verbunden. Solche
Probleme beginnen mit der Verletzlichkeit des Kindes und der Vertraulichkeit
der genetischen Daten, und reichen bis hin zu der Frage, in welchem Alter ein
Kind reif genug ist, sich selbst für genetische Untersuchungen zu entscheiden.
Gerade bei Kindern ist es wichtig, dass man unterscheidet, von welcher Art von
Untersuchung man spricht. Die SAMW spricht sich deutlich gegen die Durchführung von prädiktiven Untersuchungen im Kindes- und Jugendalter aus. Man
sollte Kinder weder auf Krankheiten testen, die erst im Erwachsenenalter ausbrechen, noch auf einen allfälligen Trägerstatus; namentlich die Neugierde der Eltern ist keine Indikation für eine solche Untersuchung. Dem Kind ist noch eine
Art von «Zukunftsvergessenheit» zuzugestehen. Es sei aber deutlich darauf hingewiesen, dass es eine Reihe von sich früh manifestierenden Erbkrankheiten gibt,
wie z.B. Formen von vererbtem Dickdarmkrebs; bei diesen Krankheiten kann es
durchaus Sinn machen, Kinder einer Diagnose-sichernden genetischen Untersuchung zu unterziehen.
Erwachsene: Im Rahmen der Zustimmung zu einem genetischen Test ist es aus
ethischer Sicht primär entscheidend, dass der Betroffene entsprechend beraten
wurde und genügend Zeit hatte, sich mit seinem Entscheid für oder gegen eine
genetische Untersuchung auseinanderzusetzen. Neben den formalen Bestimmungen zu Aufklärung und Einverständniserklärung gilt es aber auch zu beden62
ken, dass der Betroffene vielleicht in anderen Zeitdimensionen denkt als der behandelnde Arzt (oder als der genetische Berater). Empirische Studien zeigen, dass
Betroffene oft sehr lange warten, bevor sie zu einer Beratung gehen. Damit stellt
die eigentliche Beratung nicht den Startpunkt eines Entscheidungsprozesses dar,
sondern für den zu Testenden oftmals eher den Endpunkt, den Moment, in dem
er (oder sie) sich für den Test entschieden hat. Diese unterschiedlichen Zeitwahrnehmungen können zu Missverständnissen führen und sollten deshalb offen angesprochen werden.
Eine besondere Art der genetischen Untersuchung ist der so genannte «Vaterschaftstest». Inzwischen bieten weltweit viele Labors ihre Dienste zur Klärung
der Vaterschaft an. Dazu benötigen sie Speichelproben, welche die Betroffenen
selbst an sich und dem Kind abnehmen, und dann per Post zur Analyse schicken.
Ausserhalb eines behördlichen Verfahrens dürfen solche Vaterschaftstests in der
Schweiz bei urteilsunfähigen Kindern nicht durchgeführt werden. Aus ethischer
Sicht ist ein Vaterschaftstest fragwürdig, weil dadurch schwierige, psychisch und
sozial belastende Situationen entstehen können.
Die Genetik hat bislang nicht nur wesentliche Teile der medizinischen Diagnostik revolutioniert, sie hat darüber hinaus auch in vielfältiger und teilweise unüberschaubarer Art und Weise Einzug in unsere Gesellschaft gehalten. Wenn
heutzutage noch nicht alle diese gesellschaftlichen Entwicklungen in einem direkten Zusammenhang zu medizinischen Untersuchungen stehen, so sollen sie
hier doch abschliessend angedeutet werden. Die ethischen Dimensionen dieser Entwicklungen werden nämlich indirekt auch wieder Auswirkungen auf den
medizinischen Fortschritt haben.
Genetische Untersuchungen werden heutzutage in ganz unterschiedlichen Bereichen standardmässig eingesetzt, z.B. bei der Aufklärung von Verbrechen anhand von DNA-Spuren oder in der Archäologie und Anthropologie. Gleichzeitig
hält die Genetik Einzug in den öffentlichen Dienstleistungssektor. So bieten z.B.
zahlreiche Labors im Internet ihre Dienste an, sei es um anhand von Speichelproben gesundheitliche Zukunftsvoraussagen zu generieren, oder um Ahnenforschung zu betreiben (vgl. Kap. 3.4). Unter Verweis auf die Terrorgefahr werden
Reisepässe, Identitätskarten, Zugänge zu Institutionen und Computersystemen
zunehmend durch biometrische Daten von berechtigten Individuen ergänzt. Es
ist somit nur eine Frage der Zeit, bis auch die Erbanlagen als biometrische Daten genutzt werden.
Ethische Problemfelder bei der Generierung
medizinisch-genetischer Daten
– sehr persönlicher Bereich eines Menschen
– mögliche Bedeutung für Angehörige (speziell: Kinder)
– Beeinflussung der Familienplanung (inkl. pränatale Diagnostik und
Präimplantationsdiagnostik)
– anspruchsvolle Interpretation (Umwandlung in relevante genetische
Informationen) und einfühlsame Kommunikation der Daten
– Wahrnehmung genetischer Risiken durch Ratsuchende und Ärzteschaft
– ablehnende Haltung gegenüber der Genetik z.B. durch Krankenversicherungen
– geringer Wissenstand über moderne Genetik beim Medizinalpersonal
– anspruchsvolle Qualitätskontrolle bei rasanter Technologieentwicklung
– ungenügendes Angebot an kompetenten genetischen Beratungen
Ethische Anforderungen an die genetische Diagnostik gemäss
Prinzipien der Medizinethik (nach TL Beauchamp und JE Childless)
Respekt vor der Autonomie
– Entscheidungsfreiheit / «informed consent» / Recht auf Nichtwissen
Hilfeleistung («Beneficence») / Nutzen der Betroffenen
– angemessene, einfühlsame genetische Beratung
– Unterstützung bei der Lebens- und Familienplanung, beim «Coping»
Schadensvermeidung (Non-Maleficence)
– Qualitätssicherung bei genetischen Untersuchungen / fachliche
Kompetenz bei der genetischen Beratung
– behutsames Vorbereiten auf ein bestimmtes Resultat und daraus
abzuleitende Konsequenzen
– Anbieten wirksamer Präventionsmassnahmen
Gerechtigkeit/Solidarität
– keine Diskriminierung bei Ausbildung, am Arbeitsplatz, im
– gleicher Zugang für alle / gerechte Ressourcenverteilung
Das Gesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMG, SR 810.12)
und die zugehörigen Verordnungen (GUMV, SR 810.122.1, GUMV-EDI, SR
810.122.122 und VDZV SR 810.122.2) sind am 1. April 2007 in Kraft getreten.
Ziel des Gesetzes ist es, die Menschenwürde zu schützen, Diskriminierung aufgrund genetischer Veranlagungen sowie Missbrauch genetischer Daten zu verhindern und die Qualität genetischer Untersuchungen und deren Interpretation sicherzustellen. Der Geltungsbereich umfasst genetische Untersuchungen
im medizinischen Bereich sowie im Arbeits-, Versicherungs- und Haftpflichtbereich. Zusätzlich wird auch die Erstellung von DNA-Profilen zur Klärung der Abstammung und zur Identifikation von Personen (z.B. Vaterschaftstest) geregelt,
sofern diese nicht unter das DNA-Profil-Gesetz (SR 363) fallen, weil sie im Rahmen eines Strafverfahrens oder zur Identifizierung von unbekannten oder vermissten Personen in Auftrag gegeben werden.
Das GUMG regelt einerseits das Vorgehen vor, während und nach der Durchführung von genetischen Untersuchungen und definiert die damit verbundenen
Rechte und Pflichten, Verbote und Strafbestimmungen. Andererseits legt es die
Rolle des Bundes und der Kantone fest.
Um Missbräuche und Diskriminierung zu verhindern, aber gleichzeitig die zur
Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen, gilt das Grundprinzip der Selbstbestimmung (Art. 5, 6, 10, 15, 18). Daraus ergibt sich das Recht auf Kenntnisnahme der eigenen Befunde wie auch das Recht auf Nichtwissen. Das heisst,
genetische Untersuchungen, ob prä- oder postnatal, dürfen nur durchgeführt
werden, wenn die betroffene Person frei und nach entsprechender Aufklärung
zugestimmt hat. Aufgrund ihrer Tragweite muss für präsymptomatische und pränatale genetische Untersuchungen sowie für Untersuchungen zur Familienplanung die Zustimmung schriftlich erteilt werden (Art. 18).
Im weiteren dürfen genetische Untersuchungen nur von Ärztinnen und Ärzten
veranlasst werden (Art. 13). Präsymptomatische und pränatale genetische Untersuchungen sowie Untersuchungen zur Familienplanung müssen vor und nach
ihrer Durchführung von einer fachkundigen genetischen Beratung begleitet sein,
wobei das Beratungsgespräch zu dokumentieren ist (Art.14).
Das Gesetz schützt urteilsunfähige Personen – betroffen sind insbesondere Kinder – in ihrem Selbstbestimmungsrecht. Darum darf bei einer urteilsunfähigen
Person eine genetische Untersuchung nur durchgeführt werden, wenn sie zum
Schutz ihrer Gesundheit notwendig ist. Präsymptomatische Abklärungen von
Krankheiten, die erst im Erwachsenenalter ausbrechen und für welche es keine
prophylaktischen Massnahmen gibt, sind beispielsweise nicht zulässig.
Ausserhalb des medizinischen Bereiches legt das GUMG im Arbeits-, im Versicherungs- und im Haftpflichtbereich strenge Schranken fest. Im Arbeitsbereich dürfen präsymptomatische Untersuchungen nur in Ausnahmefällen durchgeführt
werden, nämlich wenn eine Berufskrankheit, eine Gefahr der Umweltschädigung
oder Unfall- oder Gesundheitsgefahren für Drittpersonen mit einer bestimmten
genetischen Veranlagung der Person, die den Arbeitsplatz innehat, zusammenhängen. Voraussetzung ist, dass der Zusammenhang wissenschaftlich nachgewiesen ist und andere Massnahmen am Arbeitsplatz nicht ausreichen. Die Untersuchung darf selbstverständlich nur mit der Zustimmung der betroffenen Person
Im Versicherungsbereich dürfen Versicherungseinrichtungen als Voraussetzung
für die Begründung eines Versicherungsverhältnisses weder präsymptomatische
noch pränatale genetische Untersuchungen verlangen. Ausschliesslich im Falle
von Lebensversicherungen mit einer Versicherungssumme von mehr als 400 000
Franken sowie bei freiwilligen Invaliditätsversicherungen mit einer Jahresrente
von über 40 000 Franken darf die Offenlegung von Ergebnissen aus früheren präsymptomatischen genetischen Untersuchungen verlangt werden.
Im Haftpflichtbereich ist es verboten, präsymptomatische genetische Untersuchungen zum Zweck der Schadensberechnung oder der Schadenersatzbemessung
durchzuführen, ausser wenn es um die Abklärung einer während der Embryonalphase erworbenen genetischen Schädigung geht.
Bei der Erstellung von DNA-Profilen zur Klärung der Abstammung oder zur Identifizierung von unbekannten oder vermissten Personen misst das Gesetz der Qualität der Untersuchungen ebenfalls grosse Bedeutung bei, indem die Laboratorien,
welche DNA-Profile erstellen, vom Bund anerkannt sein müssen. Die schriftliche
Zustimmung der untersuchten Personen ist für diese Untersuchungen zwingend.
Zum Schutz allfällig involvierter urteilsunfähiger Kinder (z.B. im Falle eines Vaterschaftstests) darf ein Kind, dessen Abstammung von einer bestimmten Person
geklärt werden soll, nicht von dieser vertreten werden. Wegen der grossen Tragweite solcher Untersuchungen sind die Betroffenen im Voraus auf die psychischen und sozialen Auswirkungen der Untersuchung aufmerksam zu machen.
Um die Zwecke des Gesetzes – Schutz der Menschenwürde und der Persönlichkeit, Verhinderung von Missbrauch und Sicherstellung der Qualität – zu erreichen, sieht das GUMG eine Reihe von Massnahmen vor, auf deren wichtigste im
Folgenden eingegangen wird.
Bewilligung zur Durchführung genetischer Untersuchungen (Art. 8): Um zytogene-
tische oder molekulargenetische Untersuchungen durchführen zu dürfen, bedarf
es einer Bewilligung des BAG, die alle 5 Jahre erneuert werden muss. Die Erteilung der Bewilligung ist an bestimmte Voraussetzungen geknüpft: Diese betreffen
die Qualifikation des Laborleiters, der die unmittelbare Aufsicht ausübt und einen Weiterbildungstitel der FAMH oder als Molekularpathologe ausweisen muss,
sowie die Qualifikation des mit genetischen Analysen beauftragten Laborpersonals, das mindestens zur Hälfte über ein eidgenössisch anerkanntes Diplom als
biomedizinische(r) Analytiker(in) HF bzw. Biologie-Laborant(in) EFZ oder über
ein abgeschlossenes universitäres Studium im Bereich Biologie, Biochemie, Chemie, Mikrobiologie oder in Human-, Zahn-, Veterinärmedizin oder Pharmazie
verfügen muss. Weiter müssen die Labor-Räumlichkeiten und -Einrichtungen
die Durchführung genetischer Untersuchungen gemäss den verlangten Qualitätsstandards gewährleisten. Die bewilligten Laboratorien werden von den zuständigen Behörden regelmässig inspiziert, bei Bedarf auch unangemeldet, um die Einhaltung der gesetzlichen Pflichten zu überprüfen.
Jährlich muss das Laboratorium zuhanden des BAG einen Tätigkeitsbericht erstellen, in welchem es Anzahl und Art der durchgeführten Untersuchungen sowie die
getroffenen Massnahmen zur Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle darlegt.
Aktuell (2010) sind 27 Laboratorien in der Schweiz im Besitze einer BAG-Bewilligung zur Durchführung von allen zyto- und molekulargenetischen Untersuchungen, während weitere 32 Laboratorien ausschliesslich für die Durchführung
eines bestimmten Teils des Untersuchungsspektrums eine Bewilligung haben.
Informations- und Beratungsstellen für pränatale Untersuchungen (Art. 17): Das
Gesetz beauftragt die Kantone, dafür zu sorgen, dass unabhängige Informationsund Beratungsstellen für pränatale Untersuchungen zur Verfügung stehen, die
fachkundig in allgemeiner Weise informieren und beraten sowie auf Wunsch
Kontakte zu Elternvereinigungen und Selbsthilfegruppen vermitteln sollen.
Dank der Initiative von PLANeS – dem Dachverband der Beratungsstellen für Familienplanung, Schwangerschaft, Sexualität und Sexualerziehung – und mit der
finanziellen Unterstützung der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) wurde
für die MitarbeiterInnen der Informations- und Beratungsstellen ein Leitfaden
für die «psychosoziale Beratung bei vorgeburtlichen Untersuchungen» erarbeitet.
Dieser Leitfaden beinhaltet ein Gesprächs- und Informationskonzept für BeraterInnen der Informations- und Beratungsstellen für pränatale Untersuchungen zur
Begleitung der schwangeren Frau und ihres Partners unter spezieller Berücksichtigung der Ersttrimester-Risikoevaluation für Chromosomenstörungen. In diesem
Kontext gilt es allerdings zu beachten, dass diese kantonalen Informations- und
Beratungsstellen weder die Kompetenz noch die Ausbildung dazu haben, fachspezifische Beratungen im Sinne von Artikel 14 und 15 GUMG durchzuführen.
Paare, die Auskunft über genetische Erkrankungen und deren pränatalen Abklärungsmöglichkeiten erhalten möchten, sollten den entsprechenden Fachspezialisten zugewiesen werden.
Expertenkommission für genetische Untersuchungen beim Menschen (GUMEK,
Art. 35): Die GUMEK, deren rechtliche Grundlage und Einsetzung auf Artikel 35
GUMG basiert, ist eine ausserparlamentarische Kommission mit dem Auftrag,
im Zusammenhang mit genetischen Untersuchungen Empfehlungen abzugeben
und verschiedenen Instanzen beratend zur Seite zu stehen. Insbesondere berät sie
den Bundesrat beim Erlass von Vollzugsbestimmungen zum GUMG, die Bundesund Kantonsbehörden bei dessen Vollzug, sowie Fachpersonen, die im medizinisch-genetischen Bereich tätig sind. Die Kommission erstattet dem Bundesrat
jährlich Bericht über ihre Tätigkeiten.
Gemäss Artikel 30 GUMV setzt sich die GUMEK zusammen aus Ärztinnen oder
Ärzten, die genetische Untersuchungen veranlassen, sowie aus Fachpersonen der
Bereiche medizinische Genetik, medizinisch-genetische Analytik, Arbeitsmedizin, Qualitätssicherung, Forschung im Bereich der medizinischen Genetik, sowie
Erstellung von DNA-Profilen. Die elf Kommissionsmitglieder und die Präsidentin
oder der Präsident werden vom Bundesrat für eine Amtszeit von vier Jahren ernannt und können bis maximal 12 Jahre wiedergewählt werden (www.admin.ch/
ch/d/cf/ko/index_10187.html). Die GUMEK wird fachlich und administrativ vom
Kommissionssekretariat unterstützt. Dieses ist administrativ dem Bundesamt für
Gesundheit und fachlich der Präsidentin / dem Präsidenten unterstellt.
Die GUMEK ist unabhängig in ihrer Meinungsbildung und selbständig in ihrer
Geschäftsführung. Strategisch arbeitet sie auf Anfrage der zuständigen Bundesstellen oder greift wichtige Themata selber auf. Ihre Hauptaufgaben sind:
Massstäbe für die Qualitätskontrolle genetischer Untersuchungen im Hinblick auf die Bewilligungserteilung zu erarbeiten
Auf Anfrage der zuständigen Bundesstelle zu Bewilligungsgesuchen Stellung zu nehmen
Empfehlungen für die genetische Beratung und die Information bei pränatalen Risikoabklärungen abzugeben
die wissenschaftliche und praktische Entwicklung der genetischen Untersuchungen zu verfolgen, Empfehlungen dazu abzugeben und Lücken in
der Gesetzgebung aufzuzeigen
Pro Jahr finden 4 – 6 ganztägige Plenarsitzungen statt, während welchen die Kommission Fachdiskussionen, z.T. auch mit externen Experten, führt sowie Stellungnahmen und Empfehlungen ausarbeitet (www.bag.admin.ch/gumek). Als Beispiele
seien die Stellungnahmen zur Totalrevision der Analysenliste und zur Revision
des Fortpflanzungsmedizingesetzes (im Hinblick auf die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik) sowie die Empfehlungen zur Erstellung von und zum
Umgang mit DNA-Profilen zwecks Genealogie-Abklärungen, zu den Anforderungen an die Gesuche zur Durchführung von Reihenuntersuchungen und zur
Regelung der Pharmakogenetik erwähnt. Beunruhigt über das zunehmende Angebot an genetischen Tests, die über das Internet angepriesen werden, hat die
GUMEK Ende 2009 mit der Unterstützung von wichtigen Partnern im Gesundheitswesen (FMH, pharmaSuisse, SGMG, NEK, Public Health Schweiz, SULM)
ein Informationsblatt für die Bevölkerung lanciert (www.bag.admin.ch/themen/
medizin/00683/02724/04638/07332/index.html?lang=de). Aktuell und in naher
Zukunft beschäftigt sich die GUMEK mit Themen wie Neugeborenen-Screening,
Weiterverwendung von biologischem Material sowie Versorgungssicherheit in
der medizinisch-genetischen Diagnostik, insbesondere in Hinblick auf die sehr
seltenen genetischen Erkrankungen (Orphan Diseases). Als Hauptaufgabe steht
die Revision des GUMG an.
Bundesgesetz über genetische Untersuchungen
beim Menschen (GUMG)
VOM/KTOBER
Die Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft,GESTÓTZTAUFDIE!RTIKEL!BSATZ
!BSATZ!BSATZ!BSATZ!BSATZ"UCHSTABEF!BSATZUND!BSATZDER
"UNDESVERFASSUNG 1NACH%INSICHTINDIE"OTSCHAFTDES"UNDESRATESVOM3EPTEMBER2beschliesst:
!BSCHNITT'ELTUNGSBEREICH:WECKUND"EGRIFFE
'ELTUNGSBEREICH
1 $IESES'ESETZBESTIMMTUNTERWELCHEN6ORAUSSETZUNGENGENETISCHE5NTERSUCHUNGEN
BEIM-ENSCHENDURCHGEFÓHRTWERDENDÓRFEN
AIMMEDIZINISCHEN"EREICH
b.IM!RBEITSBEREICH
c.IM6ERSICHERUNGSBEREICH
d.IM(AFTPFLICHTBEREICH
2 %SREGELTFERNERDIE%RSTELLUNGVON$.!0ROFILENZUR+L»RUNGDER!BSTAMMUNGODERZUR
)DENTIFIZIERUNGVON0ERSONEN!UFDIE6ERWENDUNGVON$.!0ROFILENIM3TRAFVERFAHRENUND
ZUR)DENTIFIZIERUNGVONUNBEKANNTENODERVERMISSTEN0ERSONENISTDAS$.!0ROFIL'ESETZ
VOM*UNI 3ANWENDBAR
3 3OWEITDIESES'ESETZNICHTSANDERESVORSIEHTISTESAUFGENETISCHE5NTERSUCHUNGENZU
&ORSCHUNGSZWECKENNICHTANWENDBAR
:WECK
$IESES'ESETZBEZWECKT
a.DIE-ENSCHENWÓRDEUNDDIE0ERSÍNLICHKEITZUSCHÓTZEN
b.MISSBR»UCHLICHEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENUNDDIEMISSBR»UCHLICHE6ERWENDUNG
GENETISCHER$ATENZUVERHINDERN
c.DIE1UALIT»TDERGENETISCHEN5NTERSUCHUNGENUNDDER)NTERPRETATIONIHRER%RGEBNISSE
"EGRIFFE
)NDIESEM'ESETZBEDEUTEN
a. genetische Untersuchungen:ZYTOGENETISCHEUNDMOLEKULARGENETISCHE5NTERSUCHUNGEN
ZUR!BKL»RUNGERERBTERODERW»HRENDDER%MBRYONALPHASEERWORBENER%IGENSCHAFTENDES
%RBGUTSDES-ENSCHENSOWIEALLEWEITEREN,ABORUNTERSUCHUNGENDIEUNMITTELBARDARAUFAB
ZIELENSOLCHE)NFORMATIONENÓBERDAS%RBGUTZUERHALTEN
b. zytogenetische Untersuchungen:5NTERSUCHUNGENZUR!BKL»RUNGDER:AHLUNDDER
3TRUKTURDER#HROMOSOMEN
c. molekulargenetische Untersuchungen:5NTERSUCHUNGENZUR!BKL»RUNGDERMOLEKULAREN
3TRUKTURDER.UKLEINS»UREN$.!UND2.!SOWIEDESUNMITTELBAREN'ENPRODUKTS
d. präsymptomatische genetische Untersuchungen:GENETISCHE5NTERSUCHUNGENMITDEM
:IEL+RANKHEITSVERANLAGUNGENVORDEM!UFTRETENKLINISCHER3YMPTOMEZUERKENNENMIT
!USNAHMEDER5NTERSUCHUNGENDIEAUSSCHLIESSLICHZUR!BKL»RUNGDER7IRKUNGENEINERGE
PLANTEN4HERAPIEDIENEN
e. pränatale Untersuchungen:PR»NATALEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENUNDPR»NATALE2ISIKO
ABKL»RUNGEN
f. pränatale genetische Untersuchungen:GENETISCHE5NTERSUCHUNGENW»HRENDDER
3CHWANGERSCHAFTZUR!BKL»RUNGVON%IGENSCHAFTENDES%RBGUTSDES%MBRYOSODERDES&ÍTUS
?32?""L?32a""L
g. pränatale Risikoabklärungen:,ABORUNTERSUCHUNGENDIE(INWEISEAUFDAS2ISIKOEINER
GENETISCHEN!NOMALIEDES%MBRYOSODERDES&ÍTUSGEBENSOWIE5NTERSUCHUNGENDES
%MBRYOSODERDES&ÍTUSMITBILDGEBENDEN6ERFAHREN
H5NTERSUCHUNGENZUR&AMILIENPLANUNGGENETISCHE5NTERSUCHUNGENZUR!BKL»RUNGEINES
GENETISCHEN2ISIKOSFÓRKÓNFTIGE.ACHKOMMEN
I 2EIHENUNTERSUCHUNGENGENETISCHE5NTERSUCHUNGENDIESYSTEMATISCHDERGESAMTEN
"EVÍLKERUNGODERBESTIMMTEN0ERSONENGRUPPENINDERGESAMTEN"EVÍLKERUNGANGEBOTEN
WERDENOHNEDASSBEIDEREINZELNEN0ERSONEIN6ERDACHTBESTEHTDASSDIEGESUCHTEN
%IGENSCHAFTENVORHANDENSIND
J GENETISCHE)NVITRO$IAGNOSTIKAVERWENDUNGSFERTIGE%RZEUGNISSEZUM.ACHWEISVON
%IGENSCHAFTENDES%RBGUTS
K$.!0ROFILDIEFÓREIN)NDIVIDUUMSPEZIFISCHE)NFORMATIONDIEMIT(ILFEMOLEKULARGENETI
SCHER4ECHNIKENAUSDENNICHTCODIERENDEN!BSCHNITTENDER$.!GEWONNENWIRD
L GENETISCHE$ATEN)NFORMATIONENÓBERDAS%RBGUTEINER0ERSONDIEDURCHEINEGENETISCHE
5NTERSUCHUNGGEWONNENWERDENEINSCHLIESSLICHDES$.!0ROFILS
M0ROBEFÓREINEGENETISCHE5NTERSUCHUNGGESAMMELTESBIOLOGISCHES-ATERIAL
NBETROFFENE0ERSON0ERSONDEREN%RBGUTUNTERSUCHTWIRDODERVONDEREIN$.!0ROFIL
ERSTELLTWIRDUNDDEMENTSPRECHEND0ROBENODERGENETISCHE$ATENVORLIEGENBEIPR»NATALEN
5NTERSUCHUNGENDIESCHWANGERE&RAU
!BSCHNITT!LLGEMEINE'RUNDS»TZEFÓRGENETISCHE5NTERSUCHUNGEN
$ISKRIMINIERUNGSVERBOT
.IEMANDDARFWEGENSEINES%RBGUTSDISKRIMINIERTWERDEN
:USTIMMUNG
'ENETISCHEUNDPR»NATALE5NTERSUCHUNGENEINSCHLIESSLICH2EIHENUNTERSUCHUNGEN
DÓRFENNURDURCHGEFÓHRTWERDENSOFERNDIEBETROFFENE0ERSONFREIUNDNACHHINREICHENDER
!UFKL»RUNGZUGESTIMMTHAT6ORBEHALTENBLEIBENDIEINEINEM"UNDESGESETZVORGESEHENEN
!USNAHMEN
)STDIEBETROFFENE0ERSONURTEILSUNF»HIGSOERTEILTANIHRER3TELLEDERGESETZLICHE6ERTRETER
DIE:USTIMMUNG)MMEDIZINISCHEN"EREICHSINDDIE3CHRANKENVON!RTIKEL!BSATZZU
$IE:USTIMMUNGKANNJEDERZEITWIDERRUFENWERDEN
2ECHTAUF.ICHTWISSEN
*EDE0ERSONHATDAS2ECHTDIE+ENNTNISNAHMEVON)NFORMATIONENÓBERIHR%RBGUTZUVER
WEIGERN!RTIKEL!BSATZBLEIBTVORBEHALTEN
3CHUTZGENETISCHER$ATEN
$IE"EARBEITUNGGENETISCHER$ATENUNTERSTEHT
ADEM"ERUFSGEHEIMNISNACHDEN!RTIKELNUNDBISDES3TRAFGESETZBUCHS4UND
BDEN$ATENSCHUTZBESTIMMUNGENDES"UNDESUNDDER+ANTONE
"EWILLIGUNGZUR$URCHFÓHRUNGGENETISCHER5NTERSUCHUNGEN
7ERZYTOGENETISCHEODERMOLEKULARGENETISCHE5NTERSUCHUNGENDURCHFÓHRENWILL
BENÍTIGTEINE"EWILLIGUNGDERZUST»NDIGEN"UNDESSTELLE
$ER"UNDESRAT
ABEZEICHNETDIEZUST»NDIGE"UNDESSTELLE
BREGELTDIE6ORAUSSETZUNGENUNDDAS6ERFAHRENFÓRDIE%RTEILUNGDER"EWILLIGUNG
CUMSCHREIBTDIE0FLICHTENDER)NHABERINODERDES)NHABERSDER"EWILLIGUNG
DREGELTDIE!UFSICHTUNDSIEHTINSBESONDEREDIE-ÍGLICHKEITUNANGEMELDETER)NSPEKTIONENVOR
ELEGTDIE'EBÓHRENFEST
$ER"UNDESRATKANNNACH!NHÍRUNGDER%XPERTENKOMMISSIONFÓRGENETISCHE5NTER
SUCHUNGENBEIM-ENSCHEN!RT
AEINE"EWILLIGUNGSPFLICHTFÓRWEITEREGENETISCHE5NTERSUCHUNGENODERFÓRPR»NATALE2ISIKO
ABKL»RUNGENVORSEHENWENNDIESEGLEICHEN!NFORDERUNGENANDIE1UALIT»TSSICHERUNG
UNDDIE)NTERPRETATIONDER%RGEBNISSEWIEZYTOUNDMOLEKULARGENETISCHE5NTERSUCHUNGEN
GENÓGENMÓSSEN
BGENETISCHE5NTERSUCHUNGENDIEKEINEBESONDEREN!NFORDERUNGENANDIE$URCHFÓHRUNG
UNDDIE)NTERPRETATIONDER%RGEBNISSESTELLENVONDER"EWILLIGUNGSPFLICHTAUSNEHMEN
$.!0ROFILENACHDIESEM'ESETZDÓRFENNURVON,ABORATORIENERSTELLTWERDENDIEVOM
"UNDANERKANNTSIND$ER"UNDESRATREGELTDIE6ORAUSSETZUNGENUNDDAS6ERFAHRENFÓRDIE
!NERKENNUNGSOWIEDIE!UFSICHT
'ENETISCHE)NVITRO$IAGNOSTIKA
%SISTVERBOTENGENETISCHE)NVITRO$IAGNOSTIKAAN0ERSONENFÓREINE6ERWENDUNGABZU
GEBENDIENICHTDERBERUFLICHENODERGEWERBLICHEN4»TIGKEITDIESER0ERSONENZUGERECHNET
WERDENKANN
$ER"UNDESRATKANNNACH!NHÍRUNGDER%XPERTENKOMMISSIONFÓRGENETISCHE5NTERSU
CHUNGENBEIM-ENSCHEN!USNAHMENVONDIESEM6ERBOTVORSEHENSOFERNDIE6ERWENDUNG
UNTER»RZTLICHER!UFSICHTERFOLGTUNDKEINE&EHLINTERPRETATIONDES5NTERSUCHUNGSERGEBNISSES
MÍGLICHIST
!BSCHNITT'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENIMMEDIZINISCHEN"EREICH
'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENBEI0ERSONEN
'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENDÓRFENBEI0ERSONENNURDURCHGEFÓHRTWERDENWENN
SIEEINEMMEDIZINISCHEN:WECKDIENENUNDDAS3ELBSTBESTIMMUNGSRECHTNACH!RTIKEL
GEWAHRTWIRD
"EIEINERURTEILSUNF»HIGEN0ERSONDARFEINEGENETISCHE5NTERSUCHUNGNURDURCHGEFÓHRT
WERDENWENNSIEZUM3CHUTZIHRER'ESUNDHEITNOTWENDIGIST!USNAHMSWEISEISTEINESOLCHE
5NTERSUCHUNGZUL»SSIGWENNSICHEINESCHWERE%RBKRANKHEITINDER&AMILIEODEREINEENT
SPRECHENDE!NLAGETR»GERSCHAFTAUFANDERE7EISENICHTABKL»RENL»SSTUNDDIE"ELASTUNGDER
BETROFFENEN0ERSONGERINGFÓGIGIST
0R»NATALE5NTERSUCHUNGEN
%SISTVERBOTENPR»NATALE5NTERSUCHUNGENDURCHZUFÓHRENDIEDARAUFABZIELEN
A%IGENSCHAFTENDES%MBRYOSODERDES&ÍTUSWELCHEDESSEN'ESUNDHEITNICHTDIREKT
BEEINTR»CHTIGENZUERMITTELNODER
BDAS'ESCHLECHTDES%MBRYOSODERDES&ÍTUSZUEINEMANDEREN:WECKALSDER$IAGNOSE
EINER+RANKHEITFESTZUSTELLEN
2EIHENUNTERSUCHUNGEN
2EIHENUNTERSUCHUNGENDÓRFENNURDURCHGEFÓHRTWERDENWENNDIEZUST»NDIGE"UNDES
STELLEDAS!NWENDUNGSKONZEPTBEWILLIGTHAT
$IE"EWILLIGUNGKANNERTEILTWERDENWENN
AEINE&RÓHBEHANDLUNGODEREINE0ROPHYLAXEMÍGLICHIST
BDIE5NTERSUCHUNGSMETHODENACHWEISLICHZUVERL»SSIGE%RGEBNISSELIEFERTUND
CDIEANGEMESSENEGENETISCHE"ERATUNGSICHERGESTELLTIST
"EVORDIEZUST»NDIGE"UNDESSTELLEDIE"EWILLIGUNGERTEILTHÍRTSIEDIE%XPERTENKOMMISSION
FÓRGENETISCHE5NTERSUCHUNGENBEIM-ENSCHENUNDSOWEITNÍTIGDIENATIONALE%THIKKOM
MISSIONIM"EREICHDER(UMANMEDIZINAN
$ER"UNDESRATKANNWEITERE6ORAUSSETZUNGENVORSEHEN%RBEZEICHNETDIEZUST»NDIGE
"UNDESSTELLEUNDREGELTDAS6ERFAHRENFÓRDIE%RTEILUNGDER"EWILLIGUNGDIE!UFSICHTUNDDIE
'EBÓHREN
6ERANLASSENGENETISCHER5NTERSUCHUNGEN
'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENDÓRFENNURVONRZTINNENUNDRZTENVERANLASSTWERDEN
DIEZURSELBSTST»NDIGEN"ERUFSAUSÓBUNGODERZUR"ERUFSAUSÓBUNGUNTER!UFSICHTBEFUGTSIND
0R»SYMPTOMATISCHEUNDPR»NATALEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENSOWIE5NTERSUCHUNGEN
ZUR&AMILIENPLANUNGDÓRFENNURVONRZTINNENUNDRZTENVERANLASSTWERDENDIEÓBEREINE
ENTSPRECHENDE7EITERBILDUNGVERFÓGENODERDIEIM2AHMENIHRER7EITERBILDUNGUNTER!UFSICHT
VONRZTINNENODERRZTENARBEITENDIEENTSPRECHENDWEITERGEBILDETSIND
RZTINNENUNDRZTEDIEEINEGENETISCHE5NTERSUCHUNGNACH!BSATZVERANLASSEN
SORGENFÓRDIEGENETISCHE"ERATUNG
'ENETISCHE"ERATUNGIM!LLGEMEINEN
ZUR&AMILIENPLANUNGMÓSSENVORUNDNACHIHRER$URCHFÓHRUNGVONEINERNICHTDIREKTIVEN
FACHKUNDIGENGENETISCHEN"ERATUNGBEGLEITETSEIN$AS"ERATUNGSGESPR»CHISTZUDOKUMEN
$IE"ERATUNGDARFNURDERINDIVIDUELLENUNDFAMILI»REN3ITUATIONDERBETROFFENEN0ERSON
UNDNICHTALLGEMEINENGESELLSCHAFTLICHEN)NTERESSEN2ECHNUNGTRAGEN3IEMUSSDIE
MÍGLICHENPSYCHISCHENUNDSOZIALEN!USWIRKUNGENDES5NTERSUCHUNGSERGEBNISSESAUF
DIEBETROFFENE0ERSONUNDIHRE&AMILIEBERÓCKSICHTIGEN
$IEBETROFFENE0ERSONODERFALLSSIEURTEILSUNF»HIGISTIHRGESETZLICHER6ERTRETERMUSS
NAMENTLICHINFORMIERTWERDENÓBER
A:WECK!RTUND!USSAGEKRAFTDER5NTERSUCHUNGUNDDIE-ÍGLICHKEITVON&OLGEMASS
BALLF»LLIGE2ISIKENDIEMITDER5NTERSUCHUNGVERBUNDENSINDSOWIE(»UFIGKEITUND!RTDER
ZUDIAGNOSTIZIERENDEN3TÍRUNG
CDIE-ÍGLICHKEITEINESUNERWARTETEN5NTERSUCHUNGSERGEBNISSES
DMÍGLICHEPHYSISCHEUNDPSYCHISCHE"ELASTUNGEN
E-ÍGLICHKEITENDER³BERNAHMEDER5NTERSUCHUNGSKOSTENUNDDER+OSTENFÓR&OLGE
F -ÍGLICHKEITENDER5NTERSTÓTZUNGIM:USAMMENHANGMITDEM5NTERSUCHUNGSERGEBNIS
GDIE"EDEUTUNGDERFESTGESTELLTEN3TÍRUNGSOWIEDIESICHANBIETENDENPROPHYLAKTISCHEN
ODERTHERAPEUTISCHEN-ASSNAHMEN
:WISCHENDER"ERATUNGUNDDER$URCHFÓHRUNGDER5NTERSUCHUNGMUSSEINEANGEMES
SENE"EDENKZEITLIEGEN
"EI2EIHENUNTERSUCHUNGENISTDIE"ERATUNGDEN5MST»NDENANZUPASSEN
'ENETISCHE"ERATUNGBEIPR»NATALENGENETISCHEN5NTERSUCHUNGEN
$IESCHWANGERE&RAUISTVORUNDNACHEINERPR»NATALENGENETISCHEN5NTERSUCHUNG
AUSDRÓCKLICHÓBERIHR3ELBSTBESTIMMUNGSRECHTZUINFORMIEREN
%RÍFFNETDIEVORGESCHLAGENE5NTERSUCHUNGMITHOHER7AHRSCHEINLICHKEITKEINETHERAPEU
TISCHEODERPROPHYLAKTISCHE-ÍGLICHKEITSOISTDIE&RAUIM6ORAUSDARAUFHINZUWEISEN
SIEMUSSZUDEMAUFDIE)NFORMATIONSUND"ERATUNGSSTELLENFÓRPR»NATALE5NTERSUCHUNGEN
AUFMERKSAMGEMACHTWERDEN
7IRDEINESCHWERWIEGENDEUNHEILBARE3TÍRUNGFESTGESTELLTSOISTDIE&RAUAUCHÓBER
!LTERNATIVENZUM3CHWANGERSCHAFTSABBRUCHZUINFORMIERENUNDAUF6EREINIGUNGENVON%LTERN
BEHINDERTER+INDERSOWIE3ELBSTHILFEGRUPPENAUFMERKSAMZUMACHEN
$ER%HEGATTEODERDER0ARTNERDER&RAUISTNACH-ÍGLICHKEITINDIEGENETISCHE"ERATUNG
)NFORMATIONBEIPR»NATALEN2ISIKOABKL»RUNGEN
6ORDER$URCHFÓHRUNGEINER,ABORUNTERSUCHUNGDIE(INWEISEAUFDAS2ISIKOEINERGENETI
SCHEN!NOMALIEDES%MBRYOSODERDES&ÍTUSGIBTODEREINERPR»NATALEN5NTERSUCHUNGMIT
BILDGEBENDEM6ERFAHRENMUSSDIESCHWANGERE&RAUINFORMIERTWERDENÓBER
ADEN:WECKUNDDIE!USSAGEKRAFTDER5NTERSUCHUNG
BDIE-ÍGLICHKEITEINESUNERWARTETEN5NTERSUCHUNGSERGEBNISSES
CMÍGLICHE&OLGEUNTERSUCHUNGENUNDEINGRIFFEUND
D)NFORMATIONSUND"ERATUNGSSTELLENNACH!RTIKEL
)NFORMATIONSUND"ERATUNGSSTELLENFÓRPR»NATALE5NTERSUCHUNGEN
$IE+ANTONESORGENDAFÓRDASSUNABH»NGIGE)NFORMATIONSUND"ERATUNGSSTELLENFÓR
PR»NATALE5NTERSUCHUNGENBESTEHENDIEÓBERDASERFORDERLICHEFACHKUNDIGE0ERSONALVERFÓGEN
3IEKÍNNENSOLCHE3TELLENGEMEINSAMERRICHTENODERDEREN!UFGABENDENANERKANNTEN
3CHWANGERSCHAFTSBERATUNGSSTELLEN"'VOM/KT5ÓBERDIE3CHWANGERSCHAFTSBERATUNGS
STELLENÓBERTRAGEN
$IE3TELLENINFORMIERENUNDBERATENINALLGEMEINER7EISEÓBERPR»NATALE5NTERSUCHUNGEN
UNDVERMITTELNAUF7UNSCH+ONTAKTEZU6EREINIGUNGENVON%LTERNBEHINDERTER+INDERODERZU
3ELBSTHILFEGRUPPEN
3ELBSTBESTIMMUNGSRECHTDERBETROFFENEN0ERSON
.ACHHINREICHENDER!UFKL»RUNGENTSCHEIDETDIEBETROFFENE0ERSONFREI
AOBEINEGENETISCHEODEREINEPR»NATALE5NTERSUCHUNGUNDGEGEBENENFALLSEINE&OLGE
UNTERSUCHUNGDURCHGEFÓHRTWERDENSOLL
BOBSIEDAS5NTERSUCHUNGSERGEBNISZUR+ENNTNISNEHMENWILLUND
CWELCHE&OLGERUNGENSIEAUSDEM5NTERSUCHUNGSERGEBNISZIEHENWILL
$IERZTINODERDER!RZTMUSSDIEBETROFFENE0ERSONUNVERZÓGLICHÓBERDAS5NTERSU
CHUNGSERGEBNISINFORMIERENWENNFÓRSIEODERFÓRDEN%MBRYOODERDEN&ÍTUSEINEUNMIT
TELBARDROHENDEPHYSISCHE'EFAHRBESTEHTDIEABGEWENDETWERDENKÍNNTE
&ÓRPR»SYMPTOMATISCHEODERPR»NATALEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENSOWIEFÓR5NTER
SUCHUNGENZUR&AMILIENPLANUNGMUSSDIE:USTIMMUNGSCHRIFTLICHERTEILTWERDENNICHTJEDOCH
FÓR2EIHENUNTERSUCHUNGEN
)STDIEBETROFFENE0ERSONURTEILSUNF»HIGSOENTSCHEIDETDERGESETZLICHE6ERTRETER
-ITTEILUNGGENETISCHER$ATEN
$IERZTINODERDER!RZTDARFDAS%RGEBNISEINERGENETISCHEN5NTERSUCHUNGNURDERBETROF
FENEN0ERSONODERFALLSDIESEURTEILSUNF»HIGISTIHREMGESETZLICHEN6ERTRETERMITTEILEN
-ITAUSDRÓCKLICHER:USTIMMUNGDERBETROFFENEN0ERSONDARFDIERZTINODERDER!RZTDAS
5NTERSUCHUNGSERGEBNISDEN6ERWANDTENDER%HEGATTINODERDEM%HEGATTENDER0ARTNERIN
ODERDEM0ARTNERMITTEILEN
7IRDDIE:USTIMMUNGVERWEIGERTSOKANNDIERZTINODERDER!RZTBEIDERZUST»NDIGEN
KANTONALEN"EHÍRDENACH!RTIKEL:IFFERDES3TRAFGESETZBUCHSDIE%NTBINDUNG
VOM"ERUFSGEHEIMNISBEANTRAGENSOFERNDIESZUR7AHRUNGÓBERWIEGENDER)NTERESSENDER
6ERWANDTENDER%HEGATTINODERDES%HEGATTENDER0ARTNERINODERDES0ARTNERSNOTWEN
DIGIST$IE"EHÍRDEKANNDIE%XPERTENKOMMISSIONFÓRGENETISCHE5NTERSUCHUNGENBEIM
-ENSCHENUM3TELLUNGNAHMEERSUCHEN
7EITERVERWENDUNGBIOLOGISCHEN-ATERIALS
%INE0ROBEDARFNURZUDEN:WECKENWEITERVERWENDETWERDENDENENDIEBETROFFENE
0ERSONZUGESTIMMTHAT
'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENZU&ORSCHUNGSZWECKENDÓRFENANBIOLOGISCHEM-ATERIAL
DASZUANDEREN:WECKENENTNOMMENWORDENISTDURCHGEFÓHRTWERDENSOFERNDIE!NONYMI
T»TDERBETROFFENEN0ERSONGEW»HRLEISTETISTUNDDIESEODERFALLSSIEURTEILSUNF»HIGISTIHR
GESETZLICHER6ERTRETERÓBERIHRE2ECHTEINFORMIERTWORDENISTUNDDIE7EITERVERWENDUNGZU
&ORSCHUNGSZWECKENNICHTAUSDRÓCKLICHUNTERSAGTHAT
)M³BRIGENGELTENDIESPEZIALGESETZLICHEN"ESTIMMUNGENÓBERDIE&ORSCHUNG
?32?32
!BSCHNITT'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENIM!RBEITSBEREICH
'RUNDSATZ
"EIDER"EGRÓNDUNGODERW»HRENDDER$AUERDES!RBEITSVERH»LTNISSESDÓRFENDER!RBEIT
GEBERUNDSEINE6ERTRAUENS»RZTINODERSEIN6ERTRAUENSARZT
AKEINEPR»SYMPTOMATISCHENGENETISCHEN5NTERSUCHUNGENVERLANGEN
BWEDERDIE/FFENLEGUNGVON%RGEBNISSENAUSFRÓHERENPR»SYMPTOMATISCHENGENETISCHEN
5NTERSUCHUNGENVERLANGENNOCHSOLCHE%RGEBNISSEVERWERTEN
CKEINEGENETISCHEN5NTERSUCHUNGENVERLANGENMITDENENPERSÍNLICHE%IGENSCHAFTENEINER
!RBEITNEHMERINODEREINES!RBEITNEHMERSERKANNTWERDENSOLLENDIENICHTDIE'ESUNDHEIT
!USNAHMENFÓRPR»SYMPTOMATISCHEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENZUR
6ERHÓTUNGVON"ERUFSKRANKHEITENUND5NF»LLEN
"EIDER"EGRÓNDUNGODERW»HRENDDER$AUERDES!RBEITSVERH»LTNISSESDÓRFENSOWOHLDIE
!RBEITSMEDIZINERINODERDER!RBEITSMEDIZINERALSAUCHDIEBEAUFTRAGTERZTINODERDER
BEAUFTRAGTE!RZTEINEPR»SYMPTOMATISCHEGENETISCHE5NTERSUCHUNGVERANLASSENWENNDIE
FOLGENDEN6ORAUSSETZUNGENERFÓLLTSIND
A$ER!RBEITSPLATZISTDURCH6ERFÓGUNGDER356!DERARBEITSMEDIZINISCHEN6ORSORGEUNTER
STELLTODERAUF'RUNDANDERERBUNDESRECHTLICHER6ORSCHRIFTENMUSSFÓRDIEBETREFFENDE
4»TIGKEITEINEMEDIZINISCHE%IGNUNGSUNTERSUCHUNGDURCHGEFÓHRTWERDENWEILDIE'EFAHREINER
"ERUFSKRANKHEITODEREINERSCHWERWIEGENDEN5MWELTSCH»DIGUNGODERSCHWERWIEGENDE
5NFALLODER'ESUNDHEITSGEFAHRENFÓR$RITTPERSONENBESTEHEN
B-ASSNAHMENAM!RBEITSPLATZIM3INNEVON!RTIKELDES"UNDESGESETZESVOM-»RZ
7ÓBERDIE5NFALLVERSICHERUNGODERANDERENGESETZLICHEN"ESTIMMUNGENREICHENNICHT
AUSUMDIESE'EFAHRENAUSZUSCHLIESSEN
C.ACHDEM3TANDDER7ISSENSCHAFTH»NGENDIE"ERUFSKRANKHEITDIE'EFAHRDER5MWELT
SCH»DIGUNGODERDIE5NFALLODER'ESUNDHEITSGEFAHRENFÓR$RITTPERSONENMITEINERBE
STIMMTENGENETISCHEN6ERANLAGUNGDER0ERSONDIEDEN!RBEITSPLATZINNEHATZUSAMMEN
D$IE%XPERTENKOMMISSIONFÓRGENETISCHE5NTERSUCHUNGENBEIM-ENSCHENHAT
DIESEN:USAMMENHANGBEST»TIGTUNDDIE5NTERSUCHUNGSARTALSZUVERL»SSIGBEZEICHNETUM
DIEENTSPRECHENDEGENETISCHE6ERANLAGUNGZUERKENNEN
E$IEBETROFFENE0ERSONHATDER5NTERSUCHUNGSCHRIFTLICHZUGESTIMMT
$URCHFÓHRUNGDER5NTERSUCHUNG
$IE5NTERSUCHUNGMUSSSICHAUFDIEBESTIMMTEGENETISCHE6ERANLAGUNGBESCHR»NKEN
DIEAM!RBEITSPLATZRELEVANTIST.ACHWEITERENGENETISCHEN$ATENDARFNICHTGEFORSCHTWERDEN
6ORUNDNACHDER5NTERSUCHUNGMUSSDIEGENETISCHE"ERATUNGNACH!RTIKELDURCH
GEFÓHRTWERDEN
.ACH!BSCHLUSSDER5NTERSUCHUNGISTDIE0ROBEZUVERNICHTEN
-ITTEILUNGDES5NTERSUCHUNGSERGEBNISSESUND³BERNAHMEDER+OSTEN
$IERZTINODERDER!RZTTEILTDAS%RGEBNISDER5NTERSUCHUNGDERBETROFFENEN0ERSONMIT
$EM!RBEITGEBERWIRDLEDIGLICHMITGETEILTOBDIEBETROFFENE0ERSONFÓRDIEVORGESEHENE
4»TIGKEITIN&RAGEKOMMT
7IRDDIEARBEITSMEDIZINISCHE6ORSORGEGESTÓTZTAUFEINE6ERFÓGUNGDER356!DURCH
GEFÓHRTSOTR»GTDIESEDIE+OSTENINDENÓBRIGEN&»LLENDER!RBEITGEBER
%INSCHREITENVON!MTESWEGEN
3TELLENDIE$URCHFÓHRUNGSORGANEDES!RBEITSGESETZESVOM-»RZ8ODERDES
"UNDESGESETZESVOM-»RZÓBERDIE5NFALLVERSICHERUNG6ERSTÍSSEGEGENDIE
!RTIKELpFESTSOMÓSSENSIEVON!MTESWEGENEINSCHREITEN
?32?32?32
!BSCHNITT'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENIM6ERSICHERUNGSBEREICH
5NTERSUCHUNGSVERBOT
6ERSICHERUNGSEINRICHTUNGENDÓRFENALS6ORAUSSETZUNGFÓRDIE"EGRÓNDUNGEINES6ERSICHE
RUNGSVERH»LTNISSESWEDERPR»SYMPTOMATISCHENOCHPR»NATALEGENETISCHE5NTERSUCHUNGEN
.ACHFORSCHUNGSVERBOT
6ERSICHERUNGSEINRICHTUNGENDÓRFENVONDERANTRAGSTELLENDEN0ERSONBEIFOLGENDEN
6ERSICHERUNGENWEDERDIE/FFENLEGUNGVON%RGEBNISSENAUSFRÓHERENPR»SYMPTOMATISCHEN
ODERPR»NATALENGENETISCHEN5NTERSUCHUNGENODER5NTERSUCHUNGENZUR&AMILIENPLANUNG
VERLANGENNOCHSOLCHE%RGEBNISSEVERWERTEN
A6ERSICHERUNGENAUFDIEDAS"UNDESGESETZVOM/KTOBERÓBERDEN!LLGEMEINEN
4EILDES3OZIALVERSICHERUNGSRECHTSGANZODERTEILWEISEANWENDBARIST
BBERUFLICHE6ORSORGEIMOBLIGATORISCHENUNDIMÓBEROBLIGATORISCHEN"EREICH
C6ERSICHERUNGENBETREFFENDDIE,OHNFORTZAHLUNGSPFLICHTIM+RANKHEITSFALLODERBEI-UTTER
D,EBENSVERSICHERUNGENMITEINER6ERSICHERUNGSSUMMEVONHÍCHSTENS&RANKEN
EFREIWILLIGE)NVALIDIT»TSVERSICHERUNGENMITEINER*AHRESRENTEVONHÍCHSTENS &RANKEN
3CHLIESSTEINE0ERSONMEHRERE,EBENSODER)NVALIDIT»TSVERSICHERUNGENABSODARFDER
(ÍCHSTBETRAGNACH!BSATZ "UCHSTABEDODERENUREINMALAUSGESCHÍPFTWERDEN$IE
ANTRAGSTELLENDE0ERSONMUSSDER6ERSICHERUNGSEINRICHTUNGDIEENTSPRECHENDEN!USKÓNFTE
:UL»SSIGE.ACHFORSCHUNGNACH%RGEBNISSENFRÓHERERPR»SYMPTOMATISCHER
GENETISCHER5NTERSUCHUNGEN
6ORDEM!BSCHLUSSEINER0RIVATVERSICHERUNGDIENICHTUNTER!RTIKELF»LLTDÓRFEN6ER
SICHERUNGSEINRICHTUNGENVONDERANTRAGSTELLENDEN0ERSONDIE/FFENLEGUNGVON%RGEBNISSEN
AUSFRÓHERENPR»SYMPTOMATISCHENGENETISCHEN5NTERSUCHUNGENGEGENÓBERDERBEAUFTRAG
TENRZTINODERDEMBEAUFTRAGTEN!RZTNURVERLANGENWENN
ADIEBETREFFENDE5NTERSUCHUNGTECHNISCHUNDINDERMEDIZINISCHEN0RAXISZUVERL»SSIGE
%RGEBNISSELIEFERTUND
BDERWISSENSCHAFTLICHE7ERTDER5NTERSUCHUNGFÓRDIE0R»MIENBERECHNUNGNACHGEWIESEN
$IEBEAUFTRAGTERZTINODERDERBEAUFTRAGTE!RZTTEILTDER6ERSICHERUNGSEINRICHTUNG
LEDIGLICHMITINWELCHE2ISIKOGRUPPEDIEANTRAGSTELLENDE0ERSONEINZUTEILENIST
$IEBEAUFTRAGTERZTINODERDERBEAUFTRAGTE!RZTDARFDIE5NTERSUCHUNGSERGEBNISSENUR
AUFBEWAHRENWENNDIESEFÓRDEN6ERTRAGSABSCHLUSSRELEVANTSIND
$IE5NTERSUCHUNGSERGEBNISSEDÓRFENAUSSCHLIESSLICHFÓRDEN:WECKVERWENDETWERDEN
FÓRDENSIEBEIDERANTRAGSTELLENDEN0ERSONERHOBENWORDENSIND
!BSCHNITT'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENIM(AFTPFLICHTBEREICH
6ERBOTPR»SYMPTOMATISCHERGENETISCHER5NTERSUCHUNGEN
%SISTVERBOTENPR»SYMPTOMATISCHEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENZUM:WECKDER3CHADENS
BERECHNUNGODERDER3CHADENERSATZBEMESSUNGDURCHZUFÓHRENAUSSERESGEHTUMDIE
!BKL»RUNGEINERW»HRENDDER%MBRYONALPHASEERWORBENENGENETISCHEN3CH»DIGUNGFÓRDIE
3CHADENERSATZODER'ENUGTUUNGVERLANGTWIRD
:UM:WECKDER3CHADENSBERECHNUNGODERDER3CHADENERSATZBEMESSUNGDARFWEDER
DIE/FFENLEGUNGVON%RGEBNISSENAUSFRÓHERENPR»SYMPTOMATISCHENODERPR»NATALEN
GENETISCHEN5NTERSUCHUNGENODER5NTERSUCHUNGENZUR&AMILIENPLANUNGVERLANGTNOCH
DÓRFENSOLCHE%RGEBNISSEVERWERTETWERDEN
&ESTSTELLUNGVON+RANKHEITEN
:UM:WECKDER3CHADENSBERECHNUNGODERDER3CHADENERSATZBEMESSUNGDÓRFENGENETISCHE
5NTERSUCHUNGENZUR&ESTSTELLUNGOBEINE+RANKHEITVORLIEGTODERNICHTNURMITSCHRIFTLICHER
:USTIMMUNGDERBETROFFENEN0ERSONODERAUF!NORDNUNGDES'ERICHTSDURCHGEFÓHRTWERDEN
!BSCHNITT$.!0ROFILEZUR+L»RUNGDER!BSTAMMUNGODER
ZUR)DENTIFIZIERUNG
"EIDER%RSTELLUNGVON$.!0ROFILENZUR+L»RUNGDER!BSTAMMUNGODERZUR)DENTIFIZIERUNG
DARFNACHDEM'ESUNDHEITSZUSTANDODERANDERENPERSÍNLICHEN%IGENSCHAFTENDERBETROFFE
NEN0ERSONENMIT!USNAHMEDES'ESCHLECHTSNICHTGEFORSCHTWERDEN
$AS,ABORATORIUMWELCHESDAS$.!0ROFILERSTELLTODERAUFSEINE!NORDNUNGEINE
RZTINODEREIN!RZTMUSSDENBETROFFENEN0ERSONENDIE0ROBENENTNEHMEN$IESE0ERSONEN
MÓSSENSICHÓBERIHRE)DENTIT»TAUSWEISEN
$IE0ROBENDÓRFENNICHTFÓRANDERE:WECKEWEITERVERWENDETWERDEN
:IVILVERFAHREN
)NEINEM:IVILVERFAHRENDARFBEI0ARTEIENUND$RITTPERSONENEIN$.!0ROFILNURAUF!NORD
NUNGDES'ERICHTSODERMITSCHRIFTLICHER:USTIMMUNGDERBETROFFENEN0ERSONERSTELLTWERDEN
$AS,ABORATORIUMMUSSDIE0ROBENDIEIM2AHMENDES6ERFAHRENSENTNOMMENWORDEN
SINDAUFBEWAHREN$AS'ERICHTDASDIE5NTERSUCHUNGANGEORDNETHATSORGTDAFÓRDASS
DIE0ROBENUNMITTELBARNACH2ECHTSKRAFTDES%NDURTEILSVERNICHTETWERDENSOFERNEINEBE
TROFFENE0ERSONNICHTSCHRIFTLICHDIEWEITERE!UFBEWAHRUNGIHRER0ROBEVERLANGT
6ERWALTUNGSVERFAHREN
"ESTEHENINEINEM6ERWALTUNGSVERFAHRENBEGRÓNDETE:WEIFELÓBERDIE!BSTAMMUNGODER
DIE)DENTIT»TEINER0ERSONDIESICHAUFANDERE7EISENICHTAUSR»UMENLASSENSOKANNDIE
ZUST»NDIGE"EHÍRDEDIE%RTEILUNGVON"EWILLIGUNGENODERDIE'EW»HRUNGVON,EISTUNGEN
VONDER%RSTELLUNGVON$.!0ROFILENABH»NGIGMACHEN
$IE$.!0ROFILEDÓRFENNURERSTELLTWERDENSOFERNDIEBETROFFENEN0ERSONENSCHRIFTLICH
$AS,ABORATORIUMMUSSDIE0ROBENAUFBEWAHREN$IE"EHÍRDESORGTDAFÓRDASSDIE
0ROBENUNMITTELBARNACHDEMDIE6ERFÓGUNGIN2ECHTSKRAFTERWACHSENISTVERNICHTETWERDEN
+L»RUNGDER!BSTAMMUNGAUSSERHALBEINESBEHÍRDLICHEN6ERFAHRENS
!USSERHALBEINESBEHÍRDLICHEN6ERFAHRENSDÓRFEN$.!0ROFILEZUR+L»RUNGDER!BSTAM
MUNGERSTELLTWERDENSOFERNDIEBETROFFENEN0ERSONENSCHRIFTLICHZUSTIMMENEINURTEILS
UNF»HIGES+INDDESSEN!BSTAMMUNGVONEINERBESTIMMTEN0ERSONGEKL»RTWERDENSOLL
KANNVONDIESERNICHTVERTRETENWERDEN
$AS,ABORATORIUMDASDIE$.!0ROFILEERSTELLTMUSSDIEBETROFFENEN0ERSONENVORDER
5NTERSUCHUNGSCHRIFTLICHÓBERDIE"ESTIMMUNGENDES:IVILGESETZBUCHES11BETREFFENDDIE
%NTSTEHUNGDES+INDESVERH»LTNISSESINFORMIERENUNDAUFDIEMÍGLICHENPSYCHISCHENUNDSO
ZIALEN!USWIRKUNGENDER5NTERSUCHUNGAUFMERKSAMMACHEN
³BER!UFBEWAHRUNGODER6ERNICHTUNGIHRER0ROBEENTSCHEIDETDIEBETROFFENE0ERSONODER
FALLSDIESEURTEILSUNF»HIGISTIHRGESETZLICHER6ERTRETER
0R»NATALE6ATERSCHAFTSABKL»RUNGENDÓRFENVONEINERRZTINODEREINEM!RZTNURVERANLASST
WERDENNACHDEMEINEINGEHENDES"ERATUNGSGESPR»CHMITDERSCHWANGEREN&RAUSTATTGE
FUNDENHATINDEMINSBESONDEREDEREN'RÓNDEFÓRDIE!BKL»RUNGDIE2ISIKENDIEMIT
DER%NTNAHMEDER0ROBEVERBUNDENSINDDIEPSYCHISCHENSOZIALENUNDRECHTLICHEN&RAGEN
IM:USAMMENHANGMITDER3CHWANGERSCHAFTALLF»LLIGE&OLGEMASSNAHMENNACHDER!B
KL»RUNGUNDDIE-ÍGLICHKEITENDER5NTERSTÓTZUNGBESPROCHENWORDENSIND$AS"ERATUNGS
GESPR»CHISTZUDOKUMENTIEREN
!BSCHNITT%XPERTENKOMMISSIONFÓRGENETISCHE5NTERSUCHUNGEN
BEIM-ENSCHEN
$ER"UNDESRATBESTELLTEINE%XPERTENKOMMISSIONFÓRGENETISCHE5NTERSUCHUNGENBEIM
-ENSCHEN
$IE%XPERTENKOMMISSIONHATINSBESONDEREDIE!UFGABE
A-ASSST»BEFÓRDIE1UALIT»TSKONTROLLEGENETISCHER5NTERSUCHUNGENIM(INBLICKAUFDIE
"EWILLIGUNGSERTEILUNGZUERARBEITEN!RT!BSUNDZUHANDENDES"UNDESRATES%MPFEH
LUNGENABZUGEBENOBBESTIMMTEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENVONDER"EWILLIGUNGSPFLICHT
AUSZUNEHMENODERDIESERZUUNTERSTELLENSIND!RT!BS
BAUF!NFRAGEDERZUST»NDIGEN"UNDESSTELLEZU"EWILLIGUNGSGESUCHEN3TELLUNGZUNEHMEN
UNDBEI)NSPEKTIONENMITZUWIRKEN!RT!BSUND
C%MPFEHLUNGENABZUGEBENOBBESTIMMTEGENETISCHE)NVITRO$IAGNOSTIKAVOM6ERBOT
NACH!RTIKEL!BSATZAUSZUNEHMENSIND
D!NWENDUNGSKONZEPTEFÓR2EIHENUNTERSUCHUNGENZUBEGUTACHTEN!RT
ESOWEITERFORDERLICH%MPFEHLUNGENZUR7EITERBILDUNGNACH!RTIKEL!BSATZABZUGEBEN
F %MPFEHLUNGENFÓRDIEGENETISCHE"ERATUNG!RTUNDUNDDIE)NFORMATIONBEI
PR»NATALEN2ISIKOABKL»RUNGEN!RTABZUGEBEN
GDIEZUST»NDIGEKANTONALE"EHÍRDEBEI'ESUCHENUM%NTBINDUNGVOM"ERUFSGEHEIMNIS
!RT!BSAUF!NFRAGEZUBERATEN
H"EST»TIGUNGENNACH!RTIKEL"UCHSTABEDABZUGEBEN
I %MPFEHLUNGENFÓRDIE%RSTELLUNGVON$.!0ROFILENABZUGEBEN
J DIEWISSENSCHAFTLICHEUNDPRAKTISCHE%NTWICKLUNGDERGENETISCHEN5NTERSUCHUNGENZU
VERFOLGEN%MPFEHLUNGENDAZUABZUGEBENUND,ÓCKENINDER'ESETZGEBUNGAUFZUZEIGEN
3IEISTBEIDER%RFÓLLUNGIHRER!UFGABENUNABH»NGIG
!BSCHNITT3TRAFBESTIMMUNGEN
'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENOHNE:USTIMMUNG
7ERVORS»TZLICHOHNEDIENACHDIESEM'ESETZERFORDERLICHE:USTIMMUNGDERBETROFFENEN
0ERSONEINEGENETISCHE5NTERSUCHUNGVERANLASSTODERDURCHFÓHRTWIRDMIT'EF»NGNISODER
MIT"USSEBESTRAFT
'ENETISCHE5NTERSUCHUNGENOHNE"EWILLIGUNG
7ERVORS»TZLICHEINEGENETISCHE5NTERSUCHUNGBEIEINER$RITTPERSONDURCHFÓHRTOHNE
ÓBERDIENACH!RTIKELERFORDERLICHE"EWILLIGUNGZUVERFÓGENWIRDMIT(AFTODERMIT"USSE
!BGABEVONGENETISCHEN)NVITRO$IAGNOSTIKA
7ERVORS»TZLICHENTGEGEN!RTIKEL!BSATZGENETISCHE)NVITRO$IAGNOSTIKAAN0ERSONEN
FÓREINE6ERWENDUNGABGIBTDIENICHTDERBERUFLICHENODERGEWERBLICHEN4»TIGKEITDIESER
0ERSONENZUGERECHNETWERDENKANNWIRDMIT(AFTODERMIT"USSEBESTRAFT
7IRDDIE4ATGEWERBSM»SSIGBEGANGENSOISTDIE3TRAFE'EF»NGNISODER"USSEBISZU
&RANKEN
-ISSBR»UCHEIM!RBEITSBEREICH
-IT'EF»NGNISODERMIT"USSEWIRDBESTRAFTWERIM!RBEITSBEREICHENTGEGEN!RTIKEL
VORS»TZLICH
AEINEPR»SYMPTOMATISCHEGENETISCHE5NTERSUCHUNGODEREINEGENETISCHE5NTERSUCHUNG
ZUR!BKL»RUNGPERSÍNLICHER%IGENSCHAFTENDIENICHTDIE'ESUNDHEITBETREFFENVERLANGTODER
BDIE/FFENLEGUNGVON%RGEBNISSENAUSFRÓHERENPR»SYMPTOMATISCHENGENETISCHEN5NTER
SUCHUNGENVERLANGTODERIM2AHMENEINERVERTRAUENS»RZTLICHEN5NTERSUCHUNGDANACHFRAGT
ODERSOLCHE%RGEBNISSEVERWERTET
-ISSBR»UCHEIM6ERSICHERUNGSBEREICH
-IT'EF»NGNISODERMIT"USSEWIRDBESTRAFTWERIM6ERSICHERUNGSBEREICHVORS»TZLICH
AENTGEGEN!RTIKELPR»SYMPTOMATISCHEODERPR»NATALEGENETISCHE5NTERSUCHUNGENVER
LANGTODER
BENTGEGEN!RTIKELDIE/FFENLEGUNGVON%RGEBNISSENAUSFRÓHERENPR»SYMPTOMATISCHEN
VERLANGTODERIM2AHMENEINER»RZTLICHEN2ISIKOABKL»RUNGDANACHFRAGTODERSOLCHE%RGEB
NISSEVERWERTET
:UST»NDIGE"EHÍRDEUND6ERWALTUNGSSTRAFRECHT
$IE6ERFOLGUNGUNDDIE"EURTEILUNGVON3TRAFTATENNACHDIESEM'ESETZOBLIEGENDEN
+ANTONEN
$IE!RTIKELUND7IDERHANDLUNGENIN'ESCH»FTSBETRIEBENSOWIE5RKUNDENF»L
SCHUNG%RSCHLEICHENEINERFALSCHEN"EURKUNDUNGDES"UNDESGESETZESVOM-»RZ12
ÓBERDAS6ERWALTUNGSSTRAFRECHTSINDANWENDBAR
!BSCHNITT3CHLUSSBESTIMMUNGEN
7EREINE"EWILLIGUNGNACH!RTIKELBENÍTIGTMUSSDAS'ESUCHINNERHALBVONDREI
-ONATENNACH)NKRAFTTRETENDIESES'ESETZESBEIDERZUST»NDIGEN"UNDESSTELLEEINREICHEN
7ERDAS'ESUCHNICHTFRISTGERECHTSTELLTMUSSDIE4»TIGKEITEINSTELLEN
!NWENDUNGSKONZEPTEFÓR2EIHENUNTERSUCHUNGENDIEBEIM)NKRAFTTRETENDIESES'ESETZES
BEREITSDURCHGEFÓHRTWERDENBEDÓRFENKEINER"EWILLIGUNG
2EFERENDUMUND)NKRAFTTRETEN
$IESES'ESETZUNTERSTEHTDEMFAKULTATIVEN2EFERENDUM
$ER"UNDESRATBESTIMMTDAS)NKRAFTTRETEN
Prof. Dr. Stylianos E. Antonarakis, Centre Médical Universitaire,
Service de Génétique Médicale, Genève
PD Dr. Deborah Bartholdi, Institut für Medizinische Genetik, Universität Zürich
Dr. Isabel Filges, Abteilung Medizinische Genetik, UKbB, Universität Basel
Prof. Dr. Sabina Gallati, Abteilung für Humangenetik,
Universitätsklinik für Kinderheilkunde, Inselspital, Bern
Dr. Patrick Imhasly, Wissenschaftsjournalist, Bern
Prof. Dr. Peter Miny, Abteilung Medizinische Genetik, UKbB, Universität Basel
Prof. Dr. Hansjakob Müller, Abteilung Medizinische Genetik, UKBB/DBM, Universität Basel
Prof. Dr. Andreas Papassotiropoulos, Molekulare Psychiatrie, Universität Basel
Dr. Rouven Porz, Leiter Ethikstelle, Inselspital Bern
dipl. biol. Friedel Wenzel, Abteilung Medizinische Genetik, UKbB, Universität Basel
Dr. Katrin Crameri, SAMW, Basel
Variante eines Gens oder – im weiteren Sinne – einer DNA-Sequenz. Während es in der
Bevölkerung viele unterschiedliche Allele geben kann, hat jeder einzelne normale Mensch
höchstens zwei Allele: je eines von der Mutter und eines vom Vater geerbt. Die «normale»
Version wird als Wildtyp-Allel bezeichnet.
Vom Fötus stammendes Eiweiss, das ins Fruchtwasser und in den Blutkreislauf der Mutter
gelangt und Hinweise auf Fehlbildungen (spez. Neuralrohrdefekte) und gemeinsam mit anderen
Parametern (Hormone) auch auf Chromosomenstörungen gibt.
Punktion der Amnionhöhle zur Entnahme von Fruchtwasser und der darin schwimmenden Zellen.
Abweichung der normalen Zahl der Chromosomen, heute auch des Vorhandenseins einzelner
Chromosomensegmente.
Abnormes Vorliegen von zuviel / zuwenig Chromosomenmaterial in einem Zellkern.
frühere und schwerere Manifestation einer Erbkrankheit bei Folgegenerationen.
Alle Chromosomen mit Ausnahme der Geschlechtschromosomen (Gonosomen).
Bänderungstechnik, Bandentechnik
Färbemethode, mit der reproduzierbare Bandenmuster auf den Chromosomen erzeugt werden,
um diese eindeutig zu identifizieren und strukturelle Aberrationen zu charakterisieren.
Basenpaar (bp)
Zwei in der DNA gegenüberliegende Purin- oder Pyrimidinbasen. Die Länge eines DNA-Abschnittes wird in bp angegeben (kb = Kilobasen = 1000 bp).
Generelles Risiko des Auftretens einer Krankheit oder Behinderung in einer Bevölkerung.
Transabdominale Punktion der Nabelschnurblutgefässe unter Ultraschallkontrolle.
Entnahme einer Gewebeprobe aus dem Chorion frondosum der Plazenta (engl. chorion villus
sampling, CVS).
Aus Chromatin (Eiweisse und DNA) bestehende Elemente des Zellkerns, welche die Erbanlagen
enthalten. Man unterscheidet Autosomen und Gonosomen (Geschlechtschromosomen).
Compound Heterozygotie
Vorliegen von Genen mit verschiedenen Mutationen am gleichen Locus.
Aus zwei homologen Chromosomensätzen bestehend, einem väterlichen und einem mütterlichen.
Abkürzung für Desoxyribonukleinsäure (A=acid). Doppelsträngiges Molekül, das die
Erbinformation enthält.
Einsträngige, radioaktiv oder mit Fluoreszenzfarbstoff markierte DNA, die sich an komplementäre
DNA anlagert und dadurch diese sichtbar macht (Nachweis von Genabschnitten oder Chromosomensegmenten).
Verhalten eines Allels, das sich im heterozygoten Zustand im Phänotyp eindeutig bemerkbar
Biokatalysator, der biochemische Reaktionen beschleunigt und in bestimmter Richtung ablaufen
Wissenschaft derjenigen Vorgänge im Erbgut, die zu einer Änderung des Phänotyps führen,
ohne dass die Nukleotidsequenz der DNA entsprechend modifiziert wird.
Variable Manifestation einer Erbkrankheit bei Personen mit der gleichen Veranlagung.
Technik zur Identifizierung von Chromosomen oder Chromosomenabschnitten während der
Zellteilung oder in der Interphase mittels Fluoreszenzfarbstoff-markierter Sonden.
Erbfaktor, Funktionseinheit der Vererbung. Träger der Information zur Synthese eines bestimmten
Eiweisses oder RNA-Moleküls. Ein Gen entspricht einem umschriebenen DNA-Abschnitt.
Genetisches Merkmal das zur Markierung bestimmter Genloci dient.
Gesamtheit aller Gene eines Organismus oder einer Organelle.
Abhängigkeit der Expression eines Gens, ob es über die mütterliche oder väterliche Keimbahn
vererbt wurde.
Gesamte genetische Information eines Individuums oder einer Zelle.
Geschlechtschromosomen: X- und Y-Chromosom.
Genomweite Assoziationsstudien.
Aus einem einfachen Chromosomensatz bestehend. Nur ein Exemplar eines einzelnen
Chromosoms vorhanden. Keimzellen sind haploid.
Vorliegen nur eines Exemplars eines bestimmten Gens im diploiden Chromosomensatz.
Männliche Individuen können nur ein Allel eines auf dem X-Chromosom lokalisierten Gens haben
und sind diesbezüglich im Gegensatz zu den weiblichen hemizygot.
Anteil der Variation eines multifaktoriell verursachten Merkmals oder einer Krankheitsdisposition,
der durch Erbfaktoren bestimmt wird.
Zwei oder mehrere verschiedene Genotypen führen zu einem einheitlich erscheinenden
Phänotyp.
Vorliegen von zwei unterschiedlichen Allelen auf den beiden homologen Chromosomen.
Autosomal-rezessiv vererbten Krankheiten können Allele mit verschiedenen krankheitsverursachenden Mutationen zugrunde liegen (Compound-Heterozygotie).
stark basische Proteine, die in den Chromosomen mit der DNA assoziiert sind und eine
besondere Bedeutung bei der Verdichtung des Chromatins haben.
Betrifft die Vererbung eines auf dem Y-Chromosom lokalisierten Gens.
stimmen in Gestalt und Abfolge der Gene überein und paaren sich vor der Zellteilung.
Jede diploide Zelle hat einen Satz homologer Chromosomen vom Vater und
von der Mutter (Ausnahme: Geschlechtschromosomen des Mannes)
Vorliegen des gleichen Allels auf beiden homologen Chromosomen.
Hybridisierung von DNA
Sequenzspezifisches Aneinanderlagern von komplementären DNA-Strängen.
Hybridisierung von Zellen
Fusion von Zellen verschiedenen Ursprungs.
Mikroaneuploidie
Kleine, im Lichtmikroskop nicht erkennbare Chromosomenaberration.
Wissenschaft und Technologie der DNA-und RNA-Analytik.
Durch ein einzelnes Gen bestimmt.
Nur ein Exemplar eines homologen Chromosomenpaares oder eines seiner Segmente bei
einem Individuum/in einer Zelle vorhanden.
Vorliegen von zwei oder mehr Zelllinien bei einer Person mit genetischen Unterschieden,
die alle von der gleichen Zygote abstammen.
Durch das Zusammenwirken von vielen Faktoren bedingt: genetischen, äusseren und inneren
(z.B. Altern).
Bleibende Umwandlung im Erbgut (Chromosom, Gen), die dann im Prinzip auch weitervererbt
(Abk. für Polymerase Chain Reaction): Verfahren, mit dem kurze DNA-Abschnitte milliardenfach
vermehrt und in der Folge einer Analyse zugänglich gemacht werden können.
Häufigkeit, mit der sich ein Allel bei seinen Trägern in einer Population oder Familie manifestiert.
Erscheinungsbild (auch Eigenschaft) eines Individuums, einer Zelle oder eines Moleküls, das
durch den Genotyp und weitere Einflüsse bestimmt wird.
Vorliegen von mehr als 2 Chromosomensätzen.
Mehrere Gene bestimmen den Phänotyp.
Genetische Analytik vor der Implantation eines Embryos an durch Embryobiopsie entnommenen
Zellen oder an Polkörperchen.
Verhalten von Allelen, die sich nur im homozygoten Zustand phänotypisch manifestieren.
Einsträngige Ribonukleinsäure (A = acid). Abschrift der DNA.
Hemmung der Genexpression durch kleine RNA-Moleküle.
(sprich; «Snips») Nukleotidpolymorphismen der DNA («single nucleotide polymorphisms»)
Ende eines Chromsoms.
Dreifaches Vorliegen eines bestimmten Chromosoms bei einem Individuum, in einer Zelle.
Häufigkeitsverteilung bestimmter Genotypen in der Population.
Wissenschaft und Technologie der Chromosomenanalytik.
Im Internet finden sich unzählige Informationen zu einzelnen genetisch bedingten Krankheiten
und zu Gentests. Allerdings lässt sich oft schwer abschätzen, wie zuverlässig diese
Informationen sind. Die hier aufgeführten Websites gelten international als zuverlässig und
qualitativ hochstehend.
Allgemeines zur Genetik
Wichtige Informationen über praktisch alle Aspekte der Genetik: www.nhgri.nih.gov
Genomprojekte
Allgemeine und spezielle Informationen über verschiedene Genomprojekte:
www.nature.com/genomics; www.genome.ucsc.edu
Angaben zu Krankheiten und genetischen Tests
Datenbank über menschliche Gene, deren bekannte Mutationen und ihre klinischen
Auswirkungen. Fortsetzung der von Victor McKusick begründeten genetischen Datensammlung
«Mendelian Inheritance of Man»: www.ncbi.nlm.nih.gov/omim
GeneTests enthält Angaben über Laboratorien, die molekulargenetische Tests für bestimme
Krankheitsveranlagungen anbieten, entweder routinemässig oder im Rahmen von Forschungsprojekten. GeneClinics enthält Artikel über spezifische, genetisch bedingte Erkrankungen.
Seit 2003 befinden sich beide Datenbanken auf dem gleichen Portal: www.genetests.org;
Enthält Informationen über seltene Krankheiten, die sowohl genetischer, als auch nicht
genetischer Art sind: www.orpha.net
European Directory of DNA Laboratories
DNA-Labors und ihre Angebote in europäischen Ländern, auch ausserhalb des
deutschsprachigen Raums:
Mit Informationen über Institutionen der medizinischen Genetik in der Schweiz:
Informationen zur Humangenetik in Deutschland, inklusive Beratungsstellen und
Selbsthilfeorganisationen: www.gfhev.de
Hintergrundtexte und Empfehlungen zu genetischen Untersuchungen und medizinischgenetischer Krankenversorgung: www.eshg.org
Kosch ist die Dachorganisation der regionalen Kontaktstellen für Selbsthilfegruppen in
der Schweiz. Informationen und Adressen über Selbsthilfegruppen in der Schweiz
und in Liechtenstein: www.kosch.ch
Universitäre Zentren für Medizinische Genetik
Abteilung für Medizinische Genetik, UKBB/DBM
Burgfelderstr. 101 (Haus J), 4055 Basel, T 061 704 12 60, F 061 704 12 61
www.ukbb.ch/de/UKBB/Das Spital/Abteilungen/Medizinische Genetik
Abteilung für Humangenetik, Universitätsklinik für Kinderheilkunde, Inselspital, 3010 Bern,
T 031 632 94 46, F 031 632 94 84
www.kinderkliniken.insel.ch/12760.html
Division de Génétique Médicale, CMU 1, rue Michel-Servet, 1211 Genève 4,
T 022 702 57 07, 022 702 57 06
http://medgen.unige.ch/
Service de génétique médicale, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, 1011 Lausanne,
T 021 314 33 84, F 021 314 33 85
www.chuv.ch/dml/home/dml_lge_home.htm
Institut für Medizinische Genetik der Universität Zürich, Schorenstrasse 16,
8603 Schwerzenbach, T 01 655 70 51, F 01 655 72 20
www.medgen.uzh.ch/index.html
Informationsblatt zur genetischen Beratung
Fallbeispiele von Roland Spiegel
Gibt es ein «Juden-Gen»?
Pädiatriebroschüre für Ärzte
1.5 Milliarde Jahre
nkaeegdilaecinsampkgkshkpfrvkkimdqvq
mutter – vater – kind – kur - Regenbogenland Lückenmühle
Lehrerinformation Der genetische Fingerabdruck