Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-instanz-belehrung-3116056
Timestamp: 2019-10-21 05:00:13
Document Index: 369586411

Matched Legal Cases: ['§ 6', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die ver­geig­te ers­te Instanz – und die unzu­rei­chen­de Beleh­rung über die Erfolgs­aus­sich­ten der Beru­fung | Rechtslupe
Die ver­geig­te ers­te Instanz – und die unzu­rei­chen­de Beleh­rung über die Erfolgs­aus­sich­ten der Beru­fung
Hat der Rechts­an­walt den Ver­lust des Vor­pro­zes­ses auf­grund einer unzu­rei­chen­den oder feh­ler­haf­ten recht­li­chen Bera­tung und Ver­tre­tung zu ver­ant­wor­ten, trifft den über die Erfolgs­aus­sich­ten eines Rechts­mit­tels unzu­rei­chend auf­ge­klär­ten Man­dan­ten kein Mit­ver­schul­den, wenn er es unter­lässt, gegen die nach­tei­li­ge Ent­schei­dung im Vor­pro­zess Rechts­mit­tel ein­zu­le­gen.
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung kann sich der Rechts­an­walt regel­mä­ßig nicht auf ein Mit­ver­schul­den des Man­dan­ten beru­fen, soweit sich der Regress­an­spruch aus sei­ner recht­li­chen Tätig­keit – also ins­be­son­de­re Rechts­be­ra­tung und ver­tre­tung – ergibt, weil es in die­sem Bereich nach dem Inhalt des Anwalts­ver­trags allein Sache des Anwalts ist, einen Scha­den sei­nes Auf­trags­ge­bers zu ver­hin­dern 1. Im rein recht­li­chen Bereich ist der Anwalt im Ver­hält­nis zu sei­nem Man­dan­ten viel­mehr grund­sätz­lich allein ver­ant­wort­lich, und inso­weit schei­det die Annah­me eines Mit­ver­schul­dens durch den Man­dan­ten im All­ge­mei­nen aus 2.
Der Rechts­an­walt hat die Man­dan­tin im Vor­pro­zess in recht­li­cher Hin­sicht in mehr­fa­cher Hin­sicht unzu­rei­chend recht­lich bera­ten und ver­tre­ten. Er hat damit sei­ne aus dem Anwalts­ver­trag fol­gen­den Pflich­ten ver­letzt.
Der Rechts­an­walt hat die Man­dan­tin unzu­rei­chend gegen die vom Ver­si­che­rer erklär­te Auf­rech­nung ver­tei­digt. Nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts hat der Rechts­an­walt gegen­über der Auf­rech­nung des Ver­si­che­rers mit einer angeb­li­chen Über­zah­lung ledig­lich ein­ge­wandt, es lägen kei­ne Anhalts­punk­te dafür vor, dass das vom Ver­si­che­rer ein­ge­hol­te Gut­ach­ten den tech­ni­schen Zeit­wert feh­ler­haft bestim­me. Damit genüg­te er sei­nen Pflich­ten nicht. Nach­dem der Ver­si­che­rer sich im Vor­pro­zess dar­auf beru­fen hat, dass der Zeit­wert­scha­den nach den AVB kei­ne Bau­neben­kos­ten umfas­se, hät­te der Rechts­an­walt das Gericht im Vor­pro­zess auf die recht­li­chen Maß­stä­be hin­wei­sen müs­sen, die nach stän­di­ger Recht­spre­chung für die Aus­le­gung von Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen gel­ten. Dies gilt jeden­falls, nach­dem das Land­ge­richt im Vor­pro­zess dar­auf hin­ge­wie­sen hat­te, dass Bau­neben­kos­ten nicht zu erset­zen sei­en.
Der Rechts­an­walt ist ver­trag­lich ver­pflich­tet, einer gericht­li­chen Fehl­ent­schei­dung ent­ge­gen­zu­wir­ken 3. Mit Rück­sicht auf das auch bei Rich­tern nur unvoll­kom­me­ne recht­li­che Erkennt­nis­ver­mö­gen und die nie­mals aus­zu­schlie­ßen­de Mög­lich­keit des Irr­tums ist es die Pflicht des Rechts­an­walts, nach Kräf­ten dem Auf­kom­men von Irr­tü­mern und Ver­se­hen des Gerichts zu begeg­nen 4. Der Rechts­an­walt muss alles – ein­schließ­lich Rechts­aus­füh­run­gen – vor­brin­gen, was die Ent­schei­dung güns­tig beein­flus­sen kann 5. Er hat auch eine vom Gericht im Ver­lauf der Instanz ver­tre­te­ne Rechts­an­sicht im Inter­es­se sei­nes Man­dan­ten zu über­prü­fen, selbst wenn sie durch Nach­wei­se von Recht­spre­chung und Schrift­tum belegt ist 6. Ins­be­son­de­re muss der Anwalt zum Bei­spiel auf die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung hin­wei­sen 7. Der Schutz des Man­dan­ten gebie­tet es, dass der Rechts­an­walt dafür Sor­ge trägt, dass die­se Argu­men­te bei der gericht­li­chen Ent­schei­dung berück­sich­tigt wer­den kön­nen 8.
Im Vor­pro­zess lag im hier ent­schie­de­nen Fall auf der Hand, dass für die vom Ver­si­che­rer behaup­te­te Berei­che­rungs­for­de­rung die Aus­le­gung der im Streit­fall ver­ein­bar­ten AVB maß­geb­lich war. Ob der Ver­si­che­rer tat­säch­lich eine über­höh­te Zeit­wert­ent­schä­di­gung gezahlt hat­te, rich­te­te sich auch danach, wel­che Rege­lun­gen die AVB zum Zeit­wert­scha­den ent­hiel­ten. Daher hät­te der Rechts­an­walt im Vor­pro­zess bereits vor der münd­li­chen Ver­hand­lung, jeden­falls aber nach dem Hin­weis des Land­ge­richts in der münd­li­chen Ver­hand­lung auf die ent­spre­chen­den Rege­lun­gen in den AVB und ins­be­son­de­re die stän­di­ge höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung zur Aus­le­gung von All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen hin­wei­sen müs­sen.
Der Rechts­an­walt hat es wei­ter ver­säumt, die Man­dan­tin dar­auf hin­zu­wei­sen, dass eine Beru­fung gegen das kla­ge­ab­wei­sen­de Urteil im Vor­pro­zess ange­sichts der rechts­feh­ler­haf­ten Aus­le­gung der Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen gute Aus­sich­ten auf Erfolg hat­te. In wel­chem Umfang ein Anwalt auch ohne Auf­trag sei­nen Man­dan­ten über die Aus­sich­ten eines Rechts­mit­tels auf­klä­ren muss, kann dahin­ste­hen. Eine Beleh­rungs­pflicht besteht jeden­falls bei ohne wei­te­res erkenn­ba­rer Diver­genz zur höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung und in den Fäl­len, in denen der Feh­ler des Urteils dar­auf beruht, dass der Rechts­an­walt nicht sach­ge­recht gear­bei­tet, das unrich­ti­ge Urteil also mit­ver­schul­det hat 9.
Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall erfüllt. Das Urteil im Vor­pro­zess wich hin­sicht­lich der von ihm vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung der AVB von den Grund­sät­zen der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ab. Dies hat­te der Beklag­te zudem mit­ver­schul­det. Der Rechts­an­walt hat nach sei­ner eige­nen Ein­las­sung der Man­dan­tin bei der Bera­tung über eine mög­li­che Beru­fung mit­ge­teilt, dass ein nicht uner­heb­li­ches Risi­ko bestehe und er kei­ne Erfolgs­aus­sich­ten sähe. Damit genüg­te der Rechts­an­walt ange­sichts der für die Aus­le­gung von Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen kla­ren Rechts­la­ge sei­nen Pflich­ten nicht.
Unter die­sen Umstän­den zeigt der Rechts­an­walt kei­nen Sach­ver­halt auf, der ein Mit­ver­schul­den der Man­dan­tin am ent­stan­de­nen Scha­den begrün­den könn­te. Die gegen­tei­li­ge Wür­di­gung des Ober­lan­des­ge­richts Ros­tock 10 steht im Wider­spruch zur stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs in Anwalts­haf­tungs­fäl­len.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Ros­tock ist es uner­heb­lich, dass die Man­dan­tin auf die Über­sen­dung des Ter­mins­pro­to­kolls des Vor­pro­zes­ses nicht reagiert hat. Die dar­in ent­hal­te­nen Hin­wei­se des Land­ge­richts im Vor­pro­zess betra­fen – soweit für den Streit­fall erheb­lich – nur die Rechts­fra­ge, wie die AVB im Streit­fall aus­zu­le­gen waren und ob Kos­ten für Bau­stel­len­ein­rich­tung sowie für Pla­nung, Sta­tik und Bau­ge­neh­mi­gung beim Zeit­wert zu berück­sich­ti­gen sei­en. Hier­auf hät­te der Rechts­an­walt auch ohne Reak­ti­on der Man­dan­tin ergän­zend vor­tra­gen kön­nen und müs­sen. Unkennt­nis des Man­dan­ten in Rechts­fra­gen ist nicht geeig­net, ein Mit­ver­schul­den zu begrün­den.
Gleich­falls ohne Bedeu­tung ist, dass die Man­dan­tin den Rechts­an­walt nach dem erst­in­stanz­li­chen Urteil im Vor­pro­zess dar­um gebe­ten hat, sich gegen­über dem Ver­si­che­rer um Raten­zah­lun­gen zu bemü­hen. Eben­so­we­nig folgt aus der unter­las­se­nen Wei­sung an den Rechts­an­walt, Beru­fung gegen das Urteil im Vor­pro­zess ein­zu­le­gen, ein Mit­ver­schul­den der Man­dan­tin. Zum einen beruht die­ses Ver­hal­ten der Man­dan­tin maß­geb­lich und ent­schei­dend auf der pflicht­wid­rig unzu­rei­chen­den Ver­tre­tung und Bera­tung durch den Rechts­an­walt hin­sicht­lich der Rechts­fra­ge, wie die im Streit­fall ver­ein­bar­ten AVB aus­zu­le­gen waren. Erst die­ses Ver­hal­ten des Rechs­an­walts hat die rechts­feh­ler­haf­te Ent­schei­dung im Vor­pro­zess ermög­licht. Zum ande­ren hat der Rechts­an­walt die Man­dan­tin hin­sicht­lich der recht­li­chen Erfolgs­aus­sich­ten einer Beru­fung unzu­rei­chend bera­ten, so dass der Man­dan­tin – die mit der unter­las­se­nen Beru­fung nur den fal­schen Rat des Beklag­ten befolg­te – kein Mit­ver­schul­den zur Last fällt.
Der Rechts­an­walt hat pflicht­wid­rig gehan­delt. Er hat die Man­dan­tin unzu­rei­chend ver­tre­ten, weil er es ver­säumt hat, im Vor­pro­zess recht­zei­tig auf die für die Aus­le­gung von All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen gel­ten­den Grund­sät­ze hin­zu­wei­sen und die Man­dan­tin über die Erfolgs­aus­sich­ten einer Beru­fung auf­zu­klä­ren.
Die­se Pflicht­ver­let­zun­gen haben den von der Man­dan­tin behaup­te­ten Scha­den kau­sal ver­ur­sacht.
Soweit die Ent­schei­dung des Gerichts im Vor­pro­zess falsch ist, ent­las­tet dies den Rechts­an­walt nicht. Ver­säum­nis­se des Gerichts schlie­ßen die Ver­ant­wor­tung des Rechts­an­walts für eige­nes Ver­se­hen grund­sätz­lich nicht aus. Dies gilt auch dann, wenn der Feh­ler – wie im Streit­fall – dar­in liegt, dass das Gericht die Rechts­prü­fung feh­ler­haft durch­ge­führt hat 11. Ins­be­son­de­re ent­fällt der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang nicht, wenn der Anwalt ein Fehl­ver­ständ­nis des Gerichts nicht besei­tigt, obwohl ihm dies leicht mög­lich gewe­sen wäre 12, oder wenn die Fehl­ent­schei­dung maß­geb­lich auf Pro­ble­men beruht, deren Auf­tre­ten der Anwalt durch sach­ge­mä­ßes Arbei­ten gera­de hät­te ver­mei­den sol­len 13. Das Gericht hat sich im Vor­pro­zess mit der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung zur Aus­le­gung von All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen nicht befasst; es hat sie offen­sicht­lich über­se­hen. Bei pflicht­ge­mä­ßem Vor­ge­hen des Rechs­an­walts hät­te die­ser hier­auf hin­wei­sen müs­sen und so die Pro­ble­me einer fal­schen Aus­le­gung der AVB ver­mei­den kön­nen.
Der Rechts­an­walt haf­tet dem Grun­de nach auch für die Fol­gen des von der Man­dan­tin abge­ge­be­nen Aner­kennt­nis­ses. Zwar hat die Man­dan­tin das Aner­kennt­nis auf­grund eines eige­nen Wil­lens­ent­schlus­ses – und nach Behaup­tung des Rechs­an­walts erst nach Been­di­gung des Man­dats – abge­ge­ben. Jedoch haf­tet ein Anwalt trotz mit­wir­ken­der Hand­lun­gen des Man­dan­ten, wenn der Anwalt den Man­dan­ten durch sei­nen Bera­tungs­feh­ler in eine ungüns­ti­ge Situa­ti­on gegen­über dem Geg­ner gebracht hat; ent­schließt sich der Man­dant in einer sol­chen Lage, dem Begeh­ren des Geg­ners nach­zu­ge­ben und es nicht auf einen Pro­zess ankom­men zu las­sen, han­delt es sich im All­ge­mei­nen um einen nor­ma­len Gesche­hens­ab­lauf, der die Zurech­nung bestehen lässt 14.
Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im Streit­fall erfüllt. Das Aner­kennt­nis der Man­dan­tin gegen­über dem Ver­si­che­rer beruht wesent­lich dar­auf, dass die Klä­ge­rin den Vor­pro­zess ver­lo­ren hat und das Gericht des Vor­pro­zes­ses dabei ange­nom­men hat, dass der Zeit­wert­scha­den grund­sätz­lich kei­ne Bau­neben­kos­ten umfas­se. Die­se – fal­sche – Ent­schei­dung hat der Rechts­an­walt auf­grund der pflicht­wid­rig unzu­rei­chen­den Bera­tung und Ver­tre­tung der Man­dan­tin im Vor­pro­zess und der fal­schen Bera­tung über die Erfolgs­aus­sich­ten einer Beru­fung mit­zu­ver­ant­wor­ten. Die Man­dan­tin hat­te danach kei­ne Anhalts­punk­te dafür, den vom Ver­si­che­rer gel­tend gemach­ten Berei­che­rungs­an­spruch in Zwei­fel zu zie­hen. Ange­sichts die­ser Umstän­de han­delt es sich beim Aner­kennt­nis nicht um eine unge­wöhn­li­che oder gänz­lich unan­ge­mes­se­ne Reak­ti­on der Man­dan­tin, so dass der Rechts­an­walt hier­für haf­tet.
vgl. D. Fischer in Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 4. Aufl., § 6 Rn. 18 mwN[↩]
BGH, Urteil vom 24.05.2005 – IX ZR 276/​03, WM 2005, 1902, 1903 unter III. 1. mwN[↩]
BGH, Urteil vom 02.04.1998 – IX ZR 107/​97, WM 1998, 1542, 1545[↩]
BGH, Urteil vom 15.11.2007 – IX ZR 44/​04, BGHZ 174, 205 Rn. 15; vom 17.09.2009 – IX ZR 74/​08, WM 2009, 2138 Rn. 7; vom 10.12 2015 – IX ZR 272/​14, WM 2016, 180 Rn. 8[↩]
BGH, Urteil vom 25.06.1974 – VI ZR 18/​73, NJW 1974, 1865, 1866; vom 10.12 2015, aaO[↩]
BGH, Urteil vom 18.12 2008 – IX ZR 179/​07, WM 2009, 324 Rn. 13 f; vom 11.04.2013 – IX ZR 94/​10, WM 2013, 1426 Rn. 4[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.12 2008, aaO[↩]
BGH, Urteil vom 24.03.1988 – IX ZR 114/​87, NJW 1988, 3013, 3016; vom 18.12 2008, aaO; vom 11.04.2013, aaO[↩]
BGH, Urteil vom 24.05.2007 – IX ZR 142/​05, WM 2007, 1425 Rn. 12[↩]
OLG Ros­tock, Urteil vom 26.03.2014 – 1 U 152/​11[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 10.12 2015 – IX ZR 272/​14, WM 2016, 180 Rn. 8 mwN[↩]
BGH, Urteil vom 17.09.2009 – IX ZR 74/​08, WM 2009, 2138 Rn. 18[↩]
BGH, Urteil vom 15.11.2007 – IX ZR 44/​04, BGHZ 174, 205 Rn. 15[↩]
BGH, Urteil vom 13.03.2003 – IX ZR 181/​99, NJW-RR 2003, 850, 855 f unter V.04.b.[↩]
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