Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BSG&Datum=16.05.2012&Aktenzeichen=B%204%20AS%20166%2F11%20R
Timestamp: 2019-03-23 17:30:07
Document Index: 122531890

Matched Legal Cases: ['§ 37', '§ 37', '§ 41', '§ 7', '§ 7', '§ 18', '§ 7', '§ 103', '§ 7', '§ 137', '§ 37', '§ 37', '§ 37', '§ 37', '§ 27', '§ 37', '§ 37', '§ 31', '§ 7', '§ 2', '§ 37']

BSG, 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R - dejure.org
Grundsicherung für Arbeitsuchende - Antragserfordernis - Antrag auf Zustimmung zur Ortsabwesenheit umfasst nicht Antrag auf Leistungen nach SGB 2 für neuen Bewilligungszeitraum
Grundsicherung für Arbeitsuchende; Antragserfordernis; Antrag auf Zustimmung zur Ortsabwesenheit umfasst nicht Antrag auf Leistungen nach SGB 2 für neuen Bewilligungszeitraum; Anforderungen an eine Nachsichtgewährung
§ 37 Abs 1 SGB 2 vom 24.12.2003, § 37 Abs 2 S 1 SGB 2 vom 24.12.2003, § 41 Abs 1 S 4 SGB 2, § 7 Abs 4a SGB 2 vom 20.07.2006, § 7 Abs 4a SGB 2 vom 13.05.2011
Hartz IV: Auch aus der Türkei muss ein neuer Antrag gestellt werden
Zustimmung des Grundsicherungsträgers zur Ortsabwesenheit ändert nichts am Antragserfordernis Beitrag Nr. 251998 vom 10.09.2012
SG Detmold, 27.05.2010 - S 18 (22) AS 3/09
NZS 2012, 952
Anders als im Sozialhilferecht (§ 18 SGB XII) ist für den Zeitpunkt des Leistungsbeginns im SGB II jedoch nicht die Kenntnis der Hilfebedürftigkeit durch die Leistungsträger ausreichend, sondern es bedarf des konstitutiven Akts des Antrags desjenigen, der Leistungen nach dem SGB II begehrt (BT-Drucks 15/1516, S 62; s auch BSG vom 16.5.2012 - B 4 AS 166/11 R - SozR 4-4200 § 7 Nr. 31 RdNr 15) .
Grundrechte des Klägers seien nicht verletzt (…unter Hinweis auf BSG Urteil vom 10.8. 2000 - B 11 AL 101/99 R - BSGE 87, 46 = SozR 3-4100 § 103 Nr. 23; Bayerisches LSG vom 3.3. 2009 - L 11 AS 23/09 NZB; BSG Urteil vom 16.5. 2012 - B 4 AS 166/11 R - SozR 4-4200 § 7 Nr. 31).
Er ist auf die Vornahme einer zulässigen Amts- bzw Rechtshandlung zur Herstellung desjenigen Zustandes gerichtet, der bestehen würde, wenn der Sozialleistungsträger die ihm aus dem Sozialrechtsverhältnis erwachsenden Nebenpflichten ordnungsgemäß wahrgenommen hätte (…vgl zB BSGE 65, 21, 26 = SozR 4100 § 137 Nr. 12 S 16, jeweils mwN; zuletzt BSG Urteil vom 16.5.2012 - B 4 AS 166/11 R - juris RdNr 27, zur Veröffentlichung in SozR 4 vorgesehen) .
Mit der Willenserklärung des Antragstellenden muss lediglich zum Ausdruck gebracht werden, dass Leistungen vom Träger der Grundsicherung für Arbeitsuchende begehrt werden (BSG, Urteile vom 24.04.2015 - B 4 AS 22/14 R -, vom 02.04.2014 - B 4 AS 29/13 R vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R und vom 28.10.2009 - B 14 AS 56/08 R).Mit seiner E-Mail hat der Kläger hinreichend deutlich zum Ausdruck gebracht, dass er für sich und seine Familienangehörigen Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts begehrt.
Nach Auffassung des Senats gilt dies auch für einen Antrag nach § 37 SGB II und zwar unabhängig davon, ob dieser im Hinblick auf die Regelung des § 37 Abs. 2 S. 2 SGB II nunmehr als fristgebundener Antrag zu werten ist (ablehnend für § 37 Abs. 1 SGB II a.F.: BSG, Urteil vom 16.05.2015 - B 4 AS 166/11 R - m.w.N., wonach § 37 SGB II keine gesetzliche Frist setzt, sondern lediglich das Verhältnis zwischen Antragstellung und Leistungsbeginn regelt. Die Antragstellung selbst sei nicht an eine Frist gebunden und der Ausschluss der Leistungsgewährung vor dem Tag der Antragstellung stelle keine der Wiedereinsetzung nach § 27 Abs. 1 SGB X zugängliche materiell - rechtliche Ausschlussfrist dar).
Die Vorschrift des § 37 SGB II gilt unabhängig davon, ob es sich um einen Erst- oder aber einen Folgeantrag für weitere Bewilligungsabschnitte handelt (vgl. BSG Urteil vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R = juris Rn 13; BSG Urteil vom 18.01.2011 - B 4 AS 99/10 R = juris Rn 15 ff.; Beschluss des Senats vom 17.04.2009 - L 19 B 63/09 AS = juris Rn 5; vgl. auch LSG NRW Urteil vom 11.05.2010 - L 6 AS 40/09 = juris Rn 17 f. m.w.N.).
Da § 37 Abs. 2 Satz 1 SGB II keine Fristenregelung enthält, kommt auch keine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen unverschuldeter Verhinderung an einer früheren Antragstellung in Betracht (vgl. dazu BSG Urteil vom 16.05.2012- B 4 AS 166/11 R = juris Rn 32; BSG Urteil vom 18.01.2011 - B 4 AS 99/10 R = juris Rn 23; Beschluss des Senats vom 17.04.2009 - L 19 B 63/09 AS = juris Rn 6 m.w.N.; LSG NRW Urteil vom 11.05.2010 - L 6 AS 40/09 = juris Rn 23; LSG Baden-Württemberg Urteil vom 26.03.2010 - L 12 AS 1857/09 = juris Rn 21).
Der Beklagte hat die Klägerin in seinen Bewilligungsbescheiden sowie in einem Schreiben vom 09.02.2011 ausdrücklich auf das das erneute Antragserfordernis hingewiesen, weswegen auch die Voraussetzungen für einen sozialrechtlichen Herstellungsanspruch nicht vorliegen (vgl. dazu BSG Urteil vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R = juris Rn 26 ff.; BSG Urteil vom 18.01.2011 - B 4 AS 99/10 R = juris Rn 24; Beschluss des Senats vom 17.04.2009 - L 19 B 63/09 AS = juris Rn 6 m.w.N.; LSG NRW Urteil vom 11.05.2010 - L 6 AS 40/09 = juris Rn 23; LSG Baden-Württemberg Urteil vom 26.03.2010 - L 12 AS 1857/09 = juris Rn 23).
Schließlich kommt eine Bewilligung von Leistungen für Zeiten vor der Antragstellung auch unter Berücksichtigung der vom Bundessozialgericht auf Grundlage des Grundsatzes von Treu und Glauben entwickelten sog. Nachsichtgewährung (vgl. jüngst BSG Urteil 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R = juris Rn 33 unter Bezugnahme auf BSG Urteil vom 28.04.1983 - 12 RK 14/82 = juris Rn 11; BSG Urteil vom 27.9.1983 - 12 RK 7/82 = juris Rn 16 f.; BSG Urteil vom 24.11.2005 - B 12 RA 9/03 R = juris Rn 19) nicht in Betracht.
Nach dieser Rechtsprechung kann es der Verwaltung in bestimmten Fällen als treuwidrig und damit als rechtswidrig verwehrt sein, sich auf ein Fristversäumnis zu berufen (BSG Urteil vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R = juris Rn 33), so etwa dann, wenn an einen geringfügigen Verstoß weittragende und offensichtlich unangemessene Rechtsfolgen geknüpft werden oder der Rechtsausübung kein schutzwürdiges Eigeninteresse zugrunde liegt (BSG Urteil vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R = juris Rn 33).
Stellt ein Antragsteller nach dem SGB II einen zunächst wirksam gestellten Antrag unter eine Bedingung - hier, dass der Grundsicherungsträger eine Verarbeitung seiner Daten mittels EDV unterlasse - so macht dies den Antrag jedenfalls insofern unwirksam, als dieser seine Türöffnerfunktion (vgl. BSG Urteil vom 16.5.2012 - B 4 AS 166/11 R m.w.N.) nicht weiter erfüllen kann.
Da der Antragsteller weiterhin einer Verarbeitung seiner Daten nicht zustimmt, sondern u.a. verlangt, dass "der Datenschutzbeauftragte des Bundes die Richtigkeit zwingend bestätigt" - ein Verlangen, für das es keine Rechtsgrundlage gibt -, macht der Antragsteller die Bearbeitung seines Antrags, der grundsätzlich das Verwaltungsverfahren einleitet, in dem der Leistungsträger das Bestehen des Leistungsanspruchs ab diesem Zeitpunkt zu prüfen und zu bescheiden hat (sog. "Türöffnerfunktion", BSG…, Urteil vom 22. März 2010 - B 4 AS 62/09 R - juris Rn. 14; BSG…, Urteil vom 18. Januar 2011 - B 4 AS 99/10 R - juris Rn. 17; BSG, Urteil vom 16. Mai 2012 - B 4 AS 166/11 R, juris Rn. 15), von der Erfüllung einer Bedingung abhängig.
Genau wie die Absenkung der Geldleistung wegen des Eintritts einer Sanktion nach § 31 SGB II hat § 7 Abs. 4a SGB II den Sinn, dem Grundsatz des "Forderns" in § 2 SGB II Nachdruck zu verleihen (BSG Urteil vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R).
Das Antragserfordernis gilt vielmehr auch im Fortzahlungsfall (vgl. BSG…, Urteil vom 18. Januar 2011 - B 4 AS 99/10 R - juris, Rn. 15; Urteil vom 16. Mai 2012 - B 4 AS 166/11 R - juris, Rn. 15; zu den Voraussetzungen eines sozialrechtlichen Herstellungsan-spruchs in diesem Zusammenhang vgl. BSG, Urteil vom 18. Januar 2011 - B 4 AS 29/10 R - juris).
Soweit der Beklagte im Hinblick auf die Beendigung eines solchen Verwaltungsverfahrens (im engeren Sinn) durch Erlass eines Verwaltungsakts meint, aus der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts ergebe sich der Verbrauch eines Antrags auf Leistungen nach dem SGB II durch Bewilligung oder Ablehnung (vgl. BSG, Urteil vom 16. Mai 2012 - B 4 AS 166/11 R - juris, Rn. 17), folgt auch der Senat dieser Rechtsprechung.
Die Erreichbarkeit sei nicht leistungsbegründend (BSG, Urteil vom 16. Mai 2012 - B 4 AS 166/11 R;… Hauck/Noftz, a.a.O., Rn. 259).
Dies belegt auch der Sinn und Zweck der Vorschrift (BSG, Urteil vom 16. Mai 2012, B 4 AS 166/11 R, Rn. 22).".
Zwar hat die Stellung eines Antrags für die Gewährung von Leistungen nach dem SGB II nach § 37 SGB II hinsichtlich des Beginns der Leistung konstitutive Bedeutung (vgl. BSG Urteil vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R, Rn 16 ff).
Als beantragt sind dementsprechend alle Leistungen anzusehen, die nach Lage des Falles ernsthaft in Betracht kommen (vgl. zur Auslegung von Anträgen nach dem Meistbegünstigungsgrundsatz: BSG Urteil vom 16.05.2012 - B 4 AS 166/11 R, Rn 18).
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