Source: https://bgb.kommentar.de/Buch-4/Abschnitt-1/Titel-7/Untertitel-2/Kapitel-2/Ausbildung-Fortbildung-oder-Umschulung?search=1575
Timestamp: 2020-07-15 00:41:46
Document Index: 63435362

Matched Legal Cases: ['§ 1575', '§ 1575', '§ 1575', '§ 1575', '§ 1578', '§ 1575', '§ 1575', '§ 1573', '§ 1575', '§ 1615', 'BGH', '§ 1575', '§ 1575', '§ 1574', '§ 1575', '§ 1573', '§ 1573', '§ 1578', 'BGH', 'BGH']

Kommentierung zu § 1575 BGB –Ausbildung, Fortbildung oder Umschulung– im frei verfügbaren Gesetzeskommentar zum BGB
Stand: 11.07.2020 (Gesetz) ; 02.07.2020 (Kommentierung)
von Göler (Hrsg.) / Karin Meyer-Götz / § 1575
§ 1575 BGB betrifft den Ausbildungsunterhalt. Dabei kann ein geschiedener Ehegatte dann Unterhalt verlangen, wenn er in Erwartung der Ehe oder während der Ehe eine Schul- oder Berufsausbildung nicht angenommen oder abgebrochen hat, wenn er diese oder eine entsprechende Ausbildung sobald wie möglich aufnimmt, um eine angemessene Erwerbstätigkeit zu erlangen und wenn der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung zu erwarten ist.
2Sinn und Zweck der Vorschrift ist der Ausgleich ehebedingter Ausbildungsnachteile und die Sicherung der wirtschaftlichen Selbstständigkeit des unterhaltsberechtigten Ehegatten.
Der Unterhalt nach § 1575 BGB hat heutzutage nur noch wenig praktische Bedeutung, da die Mehrheit der Ehepartner zum Zeitpunkt der Heirat ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben.
3Der Unterhalt wegen Ausbildung, Fortbildung oder Umschulung dient in erster Linie dem Ausgleich ehebedingter Nachteile. Der unterhaltsberechtigte Ehegatte soll in die Lage versetzt werden, seinen eigenen Unterhalt nachhaltig zu sichern und wirtschaftliche Selbstständigkeit zu erlangen.
4Der Höhe nach bemisst sich der Unterhaltsanspruch nach den ehelichen Lebensverhältnissen und deckt darüber hinaus sowohl den Mehrbedarf hinsichtlich der Ausbildung-, Weiterbildung- und Umschulungskosten ab und umfasst weiterhin den Krankheitsvorsorgeunterhalt, § 1578 Abs. 1, 2 BGB.
Eigene Einkünfte des Unterhaltsberechtigten können auf dessen Bedarf angerechnet werden, soweit es sich dabei um zumutbare Einkünfte handelt.OLG Düsseldorf BeckRS 2014, 09554 Dagegen ist bei überobligatorischen Einkünften nur der unterhaltsrelevante Teil auf den Bedarf anzurechnen. Ob und inwieweit Einkünfte des Unterhaltsberechtigten auf dessen Bedarf anzurechnen sind, ist im Einzelfall zu entscheiden. Öffentlich-rechtliche Förderleistungen wie BAföG sind immer bedarfsmindernd zu berücksichtigen.
5Der Unterhalt ist zeitlich auf die Dauer der Ausbildung, Fortbildung oder Umschulung begrenzt. Bei einem Studium ist die Regelstudienzeit maßgebend. Dabei sind ehebedingte Verzögerung, z.B. wegen Betreuung eines gemeinschaftlichen Kindes, zu berücksichtigen, wenn sie die Ausbildungszeit verlängern, § 1575 Abs. 1 S. 2 BGB. Nach dem Abschluss der Maßnahme ist dem Unterhaltsberechtigten eine angemessene Frist zur Arbeitsplatzsuche zuzugestehen, während derer der Unterhaltsanspruch weiter bestehen bleibt. Die Rechtsprechung hält dabei einen Zeitraum von mindestens drei Monaten für angemessen.OLG Düsseldorf FamRZ 1987, 708
6Scheitert die Ausbildung, Weiterbildung oder Umschulung ohne Verschulden des Unterhaltsberechtigten, erlischt der Unterhaltsanspruch nach § 1575 BGB. Stattdessen entsteht ein Anspruch auf Anschlussunterhalt wegen Erwerbslosigkeit, und zwar im Rahmen des bisherigen Ausbildungsstandes des Unterhaltsberechtigten gemäß § 1573 BGB.OLG Hamm FamRZ 1983, 181
Der Unterhaltsanspruch nach § 1575 BGB existiert nur in der Form des nachehelichen Unterhalts. Eine analoge Anwendung auf die nichteheliche Mutter im Rahmen des § 1615l BGB sieht das Gesetz nicht vor.
Eine Ehebedingtheit ist für den Anspruch nicht erforderlich, solange der Abbruch der Ausbildung während der Ehezeit erfolgte.
7Der Unterhaltsberechtigte hat einen Anspruch auf Ausbildungsunterhalt, wenn er in Erwartung der Ehe oder während der Ehe eine Ausbildung nicht angetreten oder abgebrochen hat und die Aufnahme der Ausbildung nach der Scheidung erforderlich ist, um den Unterhalt des Berechtigten nachhaltig zu sichern.
8Der Begriff der Ausbildung umfasst ein festes Anstellungsverhältnis zu einem Ausbilder unter Umsetzung eines bestimmten Ausbildungsplans.
a) Verhältnis zur öffentlich-rechtlichen Ausbildungsförderung
12Der Unterhaltsberechtigte kann neben den Ansprüchen gegen den geschiedenen Ehegatten auch Leistungen zur Ausbildungsförderung nach dem BAföG oder dem SGB II (AFG) beanspruchen, soweit die jeweiligen Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu ist der unterhaltsberechtigte Ehegatte sogar verpflichtet,OLG Koblenz BeckRS 2015, 127148 obgleich umstritten ist, ob dies auch bei darlehensweise gewährter Förderung gilt,Dagegen BGH FamRZ 1980, 126: dafür MüKoBGB/Maurer § 1575 Rn. 22
b) Verhältnis zu anderen Unterhaltsansprüchen
13Neben dem Anspruch auf Ausbildungsunterhalt gemäß § 1575 Abs. 1 BGB zum Ausgleich ehebedingter Nachteile existiert ein weiterer Anspruch auf Ausbildungsunterhalt gemäß §§ 1574 Abs. 3, 1573 Abs. 1 BGB zur Aufnahme einer angemessenen Erwerbstätigkeit. Beide Ansprüche können unabhängig voreinander bestehen, wobei zu beachten ist, dass während der Ausbildung im Rahmen des § 1575 BGB keine Erwerbsobliegenheit für den Unterhaltsberechtigten besteht.
Findet der Unterhaltsberechtigte nach dem Abschluss der Ausbildung keinen Arbeitsplatz, kann gemäß § 1573 BGB ein Anschlussunterhalt in Form des Erwerbslosigkeitsunterhalts geltend gemacht werden. Daneben kann gemäß §§ 1573 Abs. 1, 1574 Abs. 3 BGB ein weiterer Anspruch auf Ausbildungsunterhalt bestehen, wenn der Unterhaltsberechtigte ohne zusätzliche Ausbildung keine angemessene Erwerbstätigkeit ausüben kann.
14Die Höhe des Unterhalts kann gemäß § 1578b Abs. 1 BGB herabgesetzt werden, und zwar auf den angemessenen Lebensbedarf des geschiedenen unterhaltsberechtigten Ehegatten, den er ohne die Ehe erreicht hätte.BGH NJW 2010, 3653 Die Untergrenze bildet dabei jedoch immer der jeweils geltende Selbstbehalt eines nicht Erwerbstätigen.
15Die Darlegungs-und Beweislast für die Notwendigkeit der Ausbildung, Fortbildung oder Umschulung trägt der Unterhaltsberechtigte. Er ist weiterhin beweispflichtig dahingehend, dass mit Abschluss der Maßnahme eine realistische Chance auf einen Arbeitsplatz besteht.BGH FamRZ 1987, 601
16Der Unterhaltsanspruch ist zeitlich auf die Dauer der Ausbildung bzw. Maßnahme (Fortbildung/Umschulung) begrenzt. Ehebedingte Verzögerungen, z.B. aufgrund der Betreuung eines gemeinschaftlichen Kindes, sind dabei zu berücksichtigen und vom Unterhaltsanspruch gedeckt.OLG Düsseldorf, zitiert nach BeckRS 2014, 09554 Der Unterhaltsanspruch besteht auch über die Ausbildung hinaus, während der Unterhaltsberechtigte eine Arbeitsstelle sucht. Die Dauer hängt dabei vom jeweiligen Einzelfall ab, wird aber mindestens einen Zeitraum von 3 Monaten abdecken müssen.OLG Düsseldorf FamRZ 1987, 708
17Der Unterhaltsberechtigte ist weiterhin verpflichtet, den Unterhaltsverpflichteten über den Ablauf und den jeweiligen Stand der Ausbildung zu informieren. Dabei sind ggf. auf Nachfrage entsprechende Bescheinigungen und Belege vorzulegen.Borth FPR 2008, 341