Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/alterssicherung-landwirte-hofabgabepflicht-3132906
Timestamp: 2020-07-10 07:40:42
Document Index: 396435718

Matched Legal Cases: ['Art. 14', '§ 11', '§ 21', '§ 11', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 43', '§ 1', '§ 3', '§ 3', '§ 11', '§ 11', '§ 11', '§ 12', '§ 13', '§ 14', '§ 21', '§ 21', '§ 21', 'Art. 7', 'Art. 4', '§ 21', '§ 1', '§ 1', '§ 43', '§ 12', '§ 1', '§ 1', '§ 21', '§ 21', '§ 43', '§ 12', '§ 1', '§ 21', '§ 21', 'Art. 3', '§ 21', '§ 21', '§ 68', '§ 32', '§ 78', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', '§ 11', '§ 11', 'Art. 14', '§ 11', 'Art. 14', '§ 11', '§ 21', '§ 1', 'Art. 14', 'Art. 14', '§ 11', 'Art. 14', '§ 117', '§ 11', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', 'Art. 14', '§ 21', '§ 21', '§ 21', 'Art. 3', 'Art. 14', 'Art. 3', 'Art. 6', 'Art. 3', '§ 3', '§ 1', '§ 21', 'Art. 6', 'Art. 3', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 3', '§ 70', '§ 21', 'Art. 6', '§ 1353', 'Art. 2', '§ 11', '§ 11', 'Art. 17', 'Art. 14', '§ 21', 'Art. 7', 'Art. 4', 'Art. 6', 'Art. 3', '§ 11', '§ 11', '§ 95', '§ 93', '§ 2', '§ 2', '§ 93', '§ 2', '§ 93', '§ 2']

Alterssicherung der Landwirte - und die Hofabgabepflicht | Rechtslupe
Die Kop­pe­lung einer Alters­ren­te an die Abga­be eines land­wirt­schaft­li­chen Hofs greift fak­tisch in die Eigen­tums­frei­heit des Art. 14 GG ein.
Die Pflicht zur Hof­ab­ga­be wird ver­fas­sungs­wid­rig, wenn die­se in unzu­mut­ba­rer Wei­se Ein­künf­te ent­zieht, die zur Ergän­zung einer als Teil­si­che­rung aus­ge­stal­te­ten Ren­te not­wen­dig sind.
Die Gewäh­rung einer Ren­te an den einen Ehe­part­ner darf nicht von der Ent­schei­dung des ande­ren Ehe­part­ners über die Abga­be des Hofs abhän­gig gemacht wer­den.
Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten des Geset­zes über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te (ALG) für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt, den Ver­fas­sungs­be­schwer­den eines Land­wir­tes [1] und der Ehe­frau eines Land­wir­tes [2] statt­ge­ge­ben und die Ver­fah­ren unter Auf­he­bung der fach­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­so­zi­al­ge­richts [3] und des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Nord­rhein-West­fa­len [4] an das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Nord­rhein-West­fa­len zurück­ver­wie­sen.
§ 11 Absatz 1 Num­mer 3 des Geset­zes über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te in der Fas­sung des Arti­kels 17 Num­mer 6 des Geset­zes zur Anpas­sung der Regel­al­ters­gren­ze an die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung und zur Stär­kung der Finan­zie­rungs­grund­la­gen der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (RV-Alters­gren­zen­an­pas­sungs­ge­setz) vom 20.04.2007 [5] ist mit Arti­kel 14 Absatz 1 des Grund­ge­set­zes und in Ver­bin­dung mit § 21 Absatz 9 Satz 4 des Geset­zes über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te in der Fas­sung des Arti­kels 7 Num­mer 1a des Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung des Vier­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch und ande­rer Geset­ze vom 05.08.2010 [6] und in der Fas­sung des Arti­kels 4 Num­mer 5 des Geset­zes zur Neu­ord­nung der Orga­ni­sa­ti­on der land­wirt­schaft­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung (LSV-Neu­ord­nungs­ge­setz – LSV-NOG) vom 12.04.2012 [7] mit Arti­kel 6 Absatz 1 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 3 Absatz 2 des Grund­ge­set­zes unver­ein­bar.
Gesetz­li­che Rege­lung der land­wirt­schaft­li­chen Alters­si­che­rung
Die Pflicht zur Hof­ab­ga­be als Ein­griff in die Eigen­tums­frei­heit
Die Hof­ab­ga­be­pflicht als Ren­ten­vor­aus­set­zung für den Ehe­gat­ten
Die Hof­ab­ga­be­pflicht und die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit
Fol­gen der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 11 Abs. 1 No. 3 ALG
Gesetz­li­che Rege­lung der land­wirt­schaft­li­chen Alters­si­che­rung[↑]
Die Alters­si­che­rung der Land­wir­te ist die berufs­stän­di­sche Alters­vor­sor­ge der Land­wir­tin­nen und Land­wir­te in Deutsch­land. Sie ist Teil der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung. Gesetz­li­che Grund­la­ge ist das Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te (ALG) vom 29.07.1994 [8]. Gegen­über ande­ren ren­ten­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Rege­lun­gen ist die das Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te prä­gen­de Beson­der­heit die Not­wen­dig­keit der Hof­ab­ga­be als eine der Vor­aus­set­zun­gen eines Ren­ten­an­spruchs.
Nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te sind Land­wir­te (§ 1 Abs. 1 Nr. 1 ALG) und mit­ar­bei­ten­de Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge (§ 1 Abs. 1 Nr. 2 ALG) ver­si­che­rungs­pflich­tig. Land­wirt ist, wer als Unter­neh­mer ein auf Boden­be­wirt­schaf­tung beru­hen­des Unter­neh­men betreibt, das die Min­dest­grö­ße nach § 1 Abs. 5 ALG erreicht (§ 1 Abs. 2 Satz 1 ALG).
Der Ehe­gat­te eines Land­wirts gilt als Land­wirt, wenn bei­de Ehe­gat­ten nicht dau­ernd getrennt leben und der Ehe­gat­te nicht voll erwerbs­ge­min­dert nach § 43 Abs. 2 SGB VI ist; dabei ist die jewei­li­ge Arbeits­markt­la­ge nicht zu berück­sich­ti­gen (§ 1 Abs. 3 Satz 1 ALG).
Nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te ist auf Antrag bei Vor­lie­gen einer der in § 3 Abs. 1 ALG genann­ten Vor­aus­set­zun­gen eine Befrei­ung von der Ver­si­che­rungs­pflicht mög­lich. In der Pra­xis ist vor allem die Mög­lich­keit der Befrei­ung von Bedeu­tung, wenn der Land­wirt regel­mä­ßig Arbeits­ent­gelt, Arbeits­ein­kom­men, ver­gleich­ba­res Ein­kom­men oder Erwerbs­er­satz­ein­kom­men bezieht, das ohne Berück­sich­ti­gung des Arbeits­ein­kom­mens aus Land- und Forst­wirt­schaft jähr­lich 4.800 Euro über­schrei­tet (§ 3 Abs. 1 Nr. 1 ALG).
Die Vor­aus­set­zun­gen eines Anspruchs auf Regel­al­ters­ren­te erge­ben sich aus § 11 ALG.
§ 11 Regel­al­ters­ren­te
(1) Land­wir­te haben Anspruch auf Regel­al­ters­ren­te, wenn
sie die Regel­al­ters­gren­ze erreicht haben,
sie die War­te­zeit von 15 Jah­ren erfüllt haben und
das Unter­neh­men der Land­wirt­schaft abge­ge­ben ist.
(2) Mit­ar­bei­ten­de Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge haben Anspruch auf Regel­al­ters­ren­te, wenn sie
die Regel­al­ters­gren­ze erreicht haben,
die War­te­zeit von 15 Jah­ren erfüllt haben und
nicht Land­wirt sind.
(3) Die Regel­al­ters­gren­ze wird mit Voll­endung des 67. Lebens­jah­res erreicht.
Von der Abga­be des Unter­neh­mens der Land­wirt­schaft (§ 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG) ist auch ein Anspruch auf vor­zei­ti­ge Alters­ren­te (§ 12 Abs. 1 und 2 ALG), auf Ren­te wegen Erwerbs­min­de­rung (§ 13 Abs. 1 Nr. 4 ALG) und auf Wit­wen- oder Wit­wer­ren­te (§ 14 Abs. 1 Nr. 1 ALG) abhän­gig.
§ 21 ALG nor­miert, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Unter­neh­men der Land­wirt­schaft abge­ge­ben ist oder als abge­ge­ben gilt. Seit sei­nem Inkraft­tre­ten am 1.01.1995 wur­de § 21 ALG mehr­fach geän­dert. In den vor­lie­gen­den Ver­fah­ren sind die Ent­schei­dun­gen des Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers in den Jah­ren 2010 bis 2012 und die fach­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen in den Jah­ren 2012 bis 2014 ergan­gen. Maß­geb­lich ist des­halb § 21 ALG in der Fas­sung des Art. 7 Nr. 1a des Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung des Vier­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch und ande­rer Geset­ze vom 05.08.2010 [9] und in der Fas­sung des Art. 4 Nr. 5 des Geset­zes zur Neu­ord­nung der Orga­ni­sa­ti­on der land­wirt­schaft­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung (LSV-Neu­ord­nungs­ge­setz – LSV-NOG) vom 12.04.2012 [10]. Die­ser lau­tet in der Fas­sung von 2010:
§ 21 Abga­be des Unter­neh­mens
(1) Ein Unter­neh­men der Land­wirt­schaft ist abge­ge­ben, wenn das Eigen­tum an den land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen mit Aus­nah­me still­ge­leg­ter Flä­chen an einen Drit­ten über­ge­gan­gen ist.
(2) 1 Ein Unter­neh­men der Land­wirt­schaft gilt als abge­ge­ben, wenn
die land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen ver­pach­tet sind,
die­se mit einem Nieß­brauch zuguns­ten Drit­ter belas­tet sind oder
in ähn­li­cher Wei­se die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung auf eige­nes Risi­ko auf län­ge­re Dau­er unmög­lich gemacht ist.
(3) 1 Ein Unter­neh­men der Bin­nen­fi­sche­rei ist abge­ge­ben, wenn der Unter­neh­mer mit sei­nem Unter­neh­men das Fische­rei­aus­übungs­recht auf­gibt. 2 Ein Unter­neh­men der Imke­rei und Wan­der­schä­fe­rei ist abge­ge­ben, wenn der Unter­neh­mer das Unter­neh­men auf­gibt, über­eig­net oder die Nut­zung für einen Zeit­raum von min­des­tens neun Jah­ren schrift­lich über­tra­gen hat. 3 Für die Über­tra­gung der Nut­zung gilt Absatz 2 Satz 3 ent­spre­chend.
(4) 1 Der Abga­be steht es gleich, wenn die land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen still­ge­legt sind. 2 Flä­chen gel­ten als still­ge­legt, wenn die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung ruht und nicht die Vor­aus­set­zun­gen der Absät­ze 1 und 2 vor­lie­gen.
(5) 1 Das Unter­neh­men gilt auch dann als abge­ge­ben, wenn
die land­wirt­schaft­lich genutz­te Flä­che ganz oder teil­wei­se erst­mals auf­ge­fors­tet wor­den ist,
die Grö­ße der auf­ge­fors­te­ten Flä­che und die gewähl­te Baum­art und Pflan­zen­zahl eine ord­nungs­mä­ßi­ge forst­wirt­schaft­li­che Nut­zung als Hoch­wald zuläßt,
die Erst­auf­fors­tung agrar- oder infra­struk­tu­rel­len Zie­len sowie den bun­des- oder lan­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten ent­spricht und lan­des­kul­tu­rell unbe­denk­lich ist,
durch die Erst­auf­fors­tung die Nut­zung der angren­zen­den Flä­chen nicht unzu­mut­bar beein­träch­tigt wird und
der Wirt­schafts­wert der erst­auf­ge­fors­te­ten Flä­che ein­schließ­lich des nicht abge­ge­be­nen Teils des Unter­neh­mens das Ein­fa­che der Min­dest­grö­ße nicht erreicht.
(6) 1 Eine land­wirt­schaft­lich genutz­te Flä­che, die Eigen­tum des Land­wirts ist, gilt fer­ner als abge­ge­ben, wenn eine Ermäch­ti­gung zur Land­ver­äu­ße­rung und Land­ver­pach­tung ent­spre­chend den in den Absät­zen 1 und 2 genann­ten Vor­aus­set­zun­gen zum orts­üb­li­chen, ange­mes­se­nen Preis erteilt ist. 2 (…)
(7) 1 Ein Unter­neh­men der Land­wirt­schaft gilt auch dann als abge­ge­ben, wenn der Wirt­schafts­wert des nicht abge­ge­be­nen Teils des Unter­neh­mens ohne Berück­sich­ti­gung erst­auf­ge­fors­te­ter Flä­chen 25 vom Hun­dert der nach § 1 Abs. 5 fest­ge­leg­ten Min­dest­grö­ße nicht über­schrei­tet und der Wirt­schafts­wert des nicht abge­ge­be­nen Teils des Unter­neh­mens ein­schließ­lich erst­auf­ge­fors­te­ter Flä­chen das Ein­fa­che der Min­dest­grö­ße nicht erreicht. 2 Satz 1 gilt ent­spre­chend für ein Unter­neh­men der Imke­rei, der Bin­nen­fi­sche­rei und der Wan­der­schä­fe­rei. 3
(9) 1 Gibt ein Land­wirt nach § 1 Abs. 2 land­wirt­schaft­lich genutz­te Flä­chen an den Ehe­gat­ten ab, gel­ten die Vor­aus­set­zun­gen der Abga­be des Unter­neh­mens nur als erfüllt, wenn der die Flä­chen abge­ben­de Ehe­gat­te aus dem Unter­neh­men aus­ge­schie­den ist und
unab­hän­gig von der jewei­li­gen Arbeits­markt­la­ge voll erwerbs­ge­min­dert nach § 43 Abs. 2 des Sechs­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ist oder
der über­neh­men­de Ehe­gat­te ein Lebens­al­ter erreicht hat, ab dem er eine Alters­ren­te vor­zei­tig nach § 12 Abs. 1 in Anspruch neh­men kann.
2 Satz 1 gilt nur solan­ge, bis auch der über­neh­men­de Ehe­gat­te die Regel­al­ters­gren­ze erreicht hat oder erwerbs­ge­min­dert nach den Vor­schrif­ten des Sechs­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ist. 3 Gilt einer der Ehe­gat­ten unbe­scha­det sei­ner Erwerbs­fä­hig­keit als Land­wirt nach § 1 Abs. 3, gilt für die­sen Ehe­gat­ten die Abga­be als erfolgt, wenn er
die Regel­al­ters­gren­ze erreicht hat und vor die­sem Zeit­punkt für 60 Kalen­der­mo­na­te unun­ter­bro­chen als Land­wirt nach § 1 Abs. 3 galt.
4 Satz 2 gilt ent­spre­chend.
Nr. 5 des Geset­zes zur Neu­ord­nung der Orga­ni­sa­ti­on der land­wirt­schaft­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung (LSV-Neu­ord­nungs­ge­setz – LSV-NOG) vom 12.04.2012 [10] hat, um den Ver­än­de­run­gen in der Land­wirt­schaft Rech­nung zu tra­gen, die Hof­ab­ga­be als Vor­aus­set­zung für den Bezug einer Ren­te aus der Alters­si­che­rung der Land­wir­te modi­fi­ziert [11]. Ins­be­son­de­re die Abga­be zwi­schen Ehe­gat­ten in § 21 Abs. 9 ALG wur­de durch den Ver­zicht auf eine Alters­gren­ze erleich­tert [12]. § 21 Abs. 9 ALG hat­te nun­mehr fol­gen­den Wort­laut:
(9) 1 Gibt ein Ehe­gat­te land­wirt­schaft­lich genutz­te Flä­chen an den ande­ren Ehe­gat­ten ab, gel­ten die Vor­aus­set­zun­gen der Abga­be des Unter­neh­mens als erfüllt, wenn er
unab­hän­gig von der jewei­li­gen Arbeits­markt­la­ge voll erwerbs­ge­min­dert nach § 43 Absatz 2 des Sechs­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ist,
die Regel­al­ters­gren­ze erreicht hat oder
die Vor­aus­set­zun­gen für den Bezug einer vor­zei­ti­gen Alters­ren­te nach § 12 Absatz 2 erfüllt.
2 Die Abga­be wirkt nur so lan­ge, bis auch der über­neh­men­de Ehe­gat­te die Regel­al­ters­gren­ze erreicht hat oder erwerbs­ge­min­dert nach den Vor­schrif­ten des Sechs­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch ist. 3 Für den ande­ren Ehe­gat­ten gilt die Abga­be als erfolgt, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des Sat­zes 1 erfüllt sind. 4 Satz 2 gilt ent­spre­chend.
Der – wie die beschwer­de­füh­ren­de Ehe­frau in dem Ver­fah­ren 1 BvR 97/​14 – gemäß § 1 Abs. 3 Satz 1 ALG ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te des Land­wirts hat­te nach der bis zum 31.12 2015 gel­ten­den ein­fach­ge­setz­li­chen Rechts­la­ge zwar auch ohne die Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens einen Ren­ten­an­spruch. Die­ser war jedoch auf­grund der nach § 21 Abs. 9 Satz 4 ALG ange­ord­ne­ten ent­spre­chen­den Anwend­bar­keit des § 21 Abs. 9 Satz 2 ALG bis zu dem Zeit­punkt begrenzt, zu dem der ande­re Ehe­gat­te, also der eigent­li­che Land­wirt, die Regel­al­ters­gren­ze erreicht hat­te oder voll erwerbs­ge­min­dert wur­de. Ab die­sem Zeit­punkt war der Ren­ten­an­spruch des mit­ver­si­cher­ten Ehe­gat­ten von der Hof­ab­ga­be durch den ande­ren Ehe­gat­ten, dem eigent­li­chen Land­wirt, abhän­gig.
Mit Wir­kung zum 1.01.2016 änder­te Art. 3 Nr. 3 d)) des Geset­zes zur Ände­rung des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch und wei­te­rer Vor­schrif­ten vom 21.12 2015 [13] Absatz 9 des § 21 ALG. Die­ser hat seit dem 1.01.2016 fol­gen­den Wort­laut:
2 Für den ande­ren Ehe­gat­ten gilt die Abga­be als erfolgt, wenn die Vor­aus­set­zun­gen des Sat­zes 1 erfüllt sind.
Durch die Strei­chung der bis­he­ri­gen Sät­ze 2 und 4 des § 21 Abs. 9 ALG wur­den für den mit­ver­si­cher­ten Ehe­gat­ten eines Land­wirts die Vor­aus­set­zun­gen für die Inan­spruch­nah­me der Ren­te erleich­tert. Der Ren­ten­an­spruch des mit­ver­si­cher­ten Ehe­gat­ten ist nun nicht mehr von der Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens durch den ande­ren Ehe­gat­ten abhän­gig.
Die Alters­si­che­rung der Land­wir­te wird durch Bei­trä­ge, durch Bei­trags­zu­schüs­se und durch eine Defi­zit­de­ckung des Bun­des finan­ziert. Es wird ein ein­heit­li­cher Bei­trag erho­ben (§ 68 ALG). Im Jahr 2016 betrug der monat­li­che Bei­trag in den alten Bun­des­län­dern 236 Euro und im Bei­tritts­ge­biet 206 Euro [14]. Der Bei­trag ist im Jahr 2017 auf monat­lich 241 Euro bezie­hungs­wei­se auf 216 Euro gestie­gen [15]. Ein­kom­mens­schwä­che­re Land­wir­te erhal­ten einen Zuschuss (§ 32 Abs. 1 ALG). Der Bund trägt den Unter­schieds­be­trag zwi­schen den Ein­nah­men und den Aus­ga­ben der Alters­si­che­rung der Land­wir­te eines Kalen­der­jah­res (§ 78 ALG). Der Bun­des­zu­schuss betrug im Jahr 2016 rund 2, 2 Mrd. Euro, womit etwa 79 % der Aus­ga­ben der Alters­si­che­rung der Land­wir­te durch Steu­er­mit­tel finan­ziert wur­den [16].
Die Pflicht zur Hof­ab­ga­be als Ein­griff in die Eigen­tums­frei­heit[↑]
Die Pflicht zur Hof­ab­ga­be als Vor­aus­set­zung eines Ren­ten­an­spruchs nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te erweist sich als Ein­griff in die grund­recht­lich geschütz­te Eigen­tums­frei­heit (Art. 14 Abs. 1 GG). Die­ser Ein­griff ist nur nach den sich aus den wei­te­ren Ent­schei­dungs­grün­den erge­ben­den Maß­ga­ben gerecht­fer­tigt.
Das nach Art. 14 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­te Eigen­tum ist von beson­de­rer Bedeu­tung für den sozia­len Rechts­staat [17]. Der Eigen­tums­ga­ran­tie kommt im Gefü­ge der Grund­rech­te ins­be­son­de­re die Auf­ga­be zu, dem Trä­ger des Grund­rechts einen Frei­heits­raum im ver­mö­gens­recht­li­chen Bereich zu sichern. Das ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­te Eigen­tum ist durch Pri­vat­nüt­zig­keit und grund­sätz­li­che Ver­fü­gungs­be­fug­nis des Eigen­tü­mers über den Eigen­tums­ge­gen­stand gekenn­zeich­net [18]. Es soll als Grund­la­ge pri­va­ter Initia­ti­ve und in eigen­ver­ant­wort­li­chem pri­va­tem Inter­es­se von Nut­zen sein [19]. Dabei genießt es einen beson­ders aus­ge­präg­ten Schutz, soweit es um die Siche­rung der per­sön­li­chen Frei­heit des Ein­zel­nen geht [20]. Zugleich soll der Gebrauch des Eigen­tums dem Wohl der All­ge­mein­heit die­nen (Art. 14 Abs. 2 GG) [21].
Vom Schutz des Eigen­tums nach Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG umfasst ist das zivil­recht­li­che Sach­ei­gen­tum, des­sen Besitz und die Mög­lich­keit, es zu nut­zen [22]. In den vor­lie­gen­den Ver­fah­ren kann sich jedoch nur der Beschwer­de­füh­rer in dem Ver­fah­ren 1 BvR 2392/​14 auf das durch Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG geschütz­te Eigen­tum an dem land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men beru­fen. Die Beschwer­de­füh­re­rin in dem Ver­fah­ren 1 BvR 97/​14 ist selbst nicht Eigen­tü­me­rin des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens. Allein­ei­gen­tü­mer des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens ist ihr Ehe­gat­te.
Abs. 1 GG schützt auch Ren­ten­an­sprü­che und Ren­ten­an­wart­schaf­ten [23]. Für Ren­ten­an­sprü­che und Ren­ten­an­wart­schaf­ten, die im Gel­tungs­be­reich des Grund­ge­set­zes erwor­ben wor­den sind, ist der Eigen­tums­schutz seit lan­gem aner­kannt. Die gesetz­lich begrün­de­ten ren­ten­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Posi­tio­nen erfül­len eine sozia­le Funk­ti­on, deren Schutz gera­de Auf­ga­be der Eigen­tums­ga­ran­tie ist, und wei­sen die kon­sti­tu­ti­ven Merk­ma­le des Eigen­tums im Sin­ne des Art. 14 GG auf [24]. Ren­ten­an­sprü­che und Ren­ten­an­wart­schaf­ten tra­gen als ver­mö­gens­wer­te Güter die wesent­li­chen Merk­ma­le ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Eigen­tums. Sie sind pri­va­ten Rechts­trä­gern aus­schließ­lich zuge­ord­net und zu ihrem per­sön­li­chen Nut­zen bestimmt. Auch kön­nen die­se im Rah­men der recht­li­chen Aus­ge­stal­tung wie Eigen­tü­mer dar­über ver­fü­gen. Ihr Umfang wird durch die per­sön­li­che Leis­tung der Ver­si­cher­ten mit­be­stimmt, wie sie vor allem in den Bei­trags­zah­lun­gen Aus­druck fin­det. Die Berech­ti­gung steht also im Zusam­men­hang mit einer eige­nen Leis­tung, die als beson­de­rer Schutz­grund für die Eigen­tums­po­si­ti­on aner­kannt ist. Sie beruht damit nicht allein auf einem Anspruch, den der Staat in Erfül­lung einer Für­sor­ge­pflicht ein­räumt und der man­gels einer Leis­tung des Begüns­tig­ten nicht am Eigen­tums­schutz teil­nimmt [25].
In durch Art. 14 Abs. 1 GG geschütz­te Ren­ten­an­wart­schaf­ten oder Ren­ten­an­sprü­che wird nicht ein­ge­grif­fen. Die Kop­pe­lung des Ren­ten­an­spruchs nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te an die Abga­be des Unter­neh­mens der Land­wirt­schaft (§ 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG) ist dem­ge­gen­über ein Ein­griff in das Sach­ei­gen­tum des Beschwer­de­füh­rers im Ver­fah­ren 1 BvR 2392/​14.
Durch die Sta­tu­ie­rung der Hof­ab­ga­be als Vor­aus­set­zung eines Ren­ten­an­spruchs nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te (§ 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG) wird nicht in die durch Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG geschütz­te Ren­ten­an­wart­schaf­ten oder Ren­ten­an­sprü­che der Beschwer­de­füh­rer ein­ge­grif­fen. Denn § 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG schafft erst die Vor­aus­set­zun­gen für die Ent­ste­hung von Anwart­schaf­ten und Ansprü­chen auf eine Regel­al­ters­ren­te im Bereich der Alters­si­che­rung der Land­wir­te und kann somit in Bezug auf die­se Rechts­po­si­tio­nen Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG nicht ver­let­zen [26].
Hin­ge­gen liegt ein Ein­griff in das Sach­ei­gen­tum des Beschwer­de­füh­rers [27] in dem Ver­fah­ren 1 BvR 2392/​14 an dem land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men vor. Denn ein Grund­rechts­ein­griff kann nicht nur in einem rechts­för­mi­gen Vor­gang lie­gen, der unmit­tel­bar und gezielt durch ein vom Staat ver­füg­tes, erfor­der­li­chen­falls zwangs­wei­ses durch­zu­set­zen­des Gebot oder Ver­bot, also impe­ra­tiv, zu einer Ver­kür­zung grund­recht­li­cher Frei­hei­ten führt [28]. Als Beein­träch­ti­gung eines Grund­rechts kön­nen viel­mehr staat­li­che Maß­nah­men anzu­se­hen sein, die mit­tel­bar fak­tisch eine ein­griffs­glei­che Wir­kung ent­fal­ten [29].
Eine sol­che mit­tel­bar fak­ti­sche Wir­kung ent­fal­tet die Hof­ab­ga­be­klau­sel. Zwar wird durch das Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te dem Land­wirt bei Erfül­lung der wei­te­ren Ren­ten­vor­aus­set­zun­gen gemäß § 11 Abs. 1 ALG (Errei­chen der Regel­al­ters­gren­ze und Erfül­len der War­te­zeit) nicht durch ein staat­li­ches Han­deln das Eigen­tum an sei­nem land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men ent­zo­gen. Ein Ren­ten­an­spruch steht dem Land­wirt aber nur dann zu, wenn er das land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men ent­spre­chend einer der in § 21 ALG genann­ten Alter­na­ti­ven abgibt. Inso­fern wird auf den Land­wirt ein mit­tel­ba­rer fak­ti­scher Druck zur Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens erzeugt. Der Land­wirt kann sich zwar nach wie vor frei ent­schei­den, ob er das land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men abgibt oder wei­ter­führt; aber nur im Fal­le der Abga­be erhält er eine Ren­te. Nur wenn eine Ren­te bewil­ligt wird, war es jedoch für den Land­wirt letzt­end­lich wirt­schaft­lich sinn­voll, jahr­zehn­te­lang Bei­trä­ge zur Alters­si­che­rung der Land­wir­te zu leis­ten. Bei der Nicht­ab­ga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens erhält er für die­se Bei­trags­leis­tung kei­ne Gegen­leis­tung. Die geleis­te­ten Bei­trä­ge gehen voll­stän­dig ver­lo­ren. Ein Anspruch auf Rück­zah­lung der Bei­trä­ge hat der­je­ni­ge Land­wirt, der kei­ne Ren­te in Anspruch nimmt, nicht. Die Wir­kung des Ver­lus­tes der geleis­te­ten Bei­trä­ge bei der Nicht­ab­ga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens wird dadurch ver­stärkt, dass der Land­wirt nicht frei ent­schei­den kann, ob er Bei­trä­ge zur land­wirt­schaft­li­chen Alters­si­che­rung leis­tet. Denn als Land­wirt ist er gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 ALG grund­sätz­lich in der land­wirt­schaft­li­chen Alters­si­che­rung ver­si­che­rungs- und bei­trags­pflich­tig.
Schon man­gels einer Güter­be­schaf­fung zuguns­ten des Staa­tes oder eines Drit­ten zum Wohl der All­ge­mein­heit [30] liegt hier­in kei­ne Ent­eig­nung, son­dern eine Inhalts- und Schran­ken­be­stim­mung im Sin­ne des Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG.
Die­se Inhalts- und Schran­ken­be­stim­mung ist nur nach den fol­gen­den Maß­ga­ben gerecht­fer­tigt.
Nach Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG wer­den Inhalt und Schran­ken des Eigen­tums durch Gesetz bestimmt. Ein sol­ches Gesetz ist § 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG, wonach ein Anspruch auf eine Regel­al­ters­ren­te nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te nur dann besteht, wenn das Unter­neh­men der Land­wirt­schaft abge­ge­ben ist. Bei der Bestim­mung von Inhalt und Schran­ken des Eigen­tums unter­liegt der Gesetz­ge­ber beson­de­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Schran­ken [31]. Der Ein­griff im Rah­men der Inhalts- und Schran­ken­be­stim­mung in die durch Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG geschütz­ten Rech­te muss durch Grün­de des öffent­li­chen Inter­es­ses unter Beach­tung des Grund­sat­zes der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit gerecht­fer­tigt sein [32].
Einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Recht­fer­ti­gung des Ein­griffs steht hier nicht bereits ein Ver­stoß des Gesetz­ge­bers gegen eine ihm oblie­gen­de Pflicht ent­ge­gen, die wei­te­re Ent­wick­lung sei­ner Gesetz­ge­bung zu beob­ach­ten und zu revi­die­ren, falls sich erweist, dass die der Gesetz­ge­bung zugrun­de lie­gen­den Annah­men unzu­tref­fend sind.
Aus dem Grund­ge­setz ergibt sich kei­ne all­ge­mei­ne, den Gesetz­ge­ber tref­fen­de Beob­ach­tungs- und Nach­bes­se­rungs­pflicht, deren Ver­let­zung selb­stän­dig im Rah­men einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gerügt wer­den kann. Für die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines Hoheits­ak­tes kommt es allein auf die objek­ti­ve Ver­fas­sungs­rechts­la­ge an. Nach­bes­se­rungs­pflich­tig ist der Gesetz­ge­ber, sofern die Ände­rung einer zunächst ver­fas­sungs­kon­form getrof­fe­nen Rege­lung erfor­der­lich ist, um die­se unter ver­än­der­ten tat­säch­li­chen Bedin­gun­gen oder ange­sichts ver­än­der­ter Erkennt­nis­la­gen mit der Ver­fas­sung in Ein­klang zu hal­ten [33]. Der Gesetz­ge­ber hat aber kei­ne neben den nor­mier­ten Anfor­de­run­gen an das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren bestehen­de Ver­fah­rens­pflicht zu erfül­len, die für sich genom­men jus­ti­tia­bel wäre. Er schul­det ledig­lich das ver­fas­sungs­kon­for­me Ergeb­nis [34].
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den ver­ken­nen dem­nach den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stab, soweit sie bereits aus einer Ver­let­zung von Beob­ach­tungs­pflich­ten die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Hof­ab­ga­be­klau­sel zu begrün­den suchen.
Auch die von den Beschwer­de­füh­rern gel­tend gemach­ten Voll­zugs­de­fi­zi­te ste­hen einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Recht­fer­ti­gung nicht ent­ge­gen. Die Beschwer­de­füh­rer haben inso­fern aus­ge­führt, 30 bis 40% der Hof­ab­ga­ben wür­den nur zum Schein durch­ge­führt, weil der abge­ben­de land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­mer in die­sen Fäl­len wei­ter­hin auf dem Hof tätig sei und das unter­neh­me­ri­sche Risi­ko nicht auf einen Nach­fol­ger über­tra­gen wer­de. Inso­fern beach­ten die Beschwer­de­füh­rer jedoch nicht hin­rei­chend, dass das Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te dem abge­ben­den Land­wirt grund­sätz­lich nicht ver­bie­tet, wei­ter in dem land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men tätig zu wer­den. Ent­schei­dend für den Voll­zug der Hof­ab­ga­be ist der Über­gang des unter­neh­me­ri­schen Risi­kos. Nur eine Schein­über­tra­gung die­ses unter­neh­me­ri­schen Risi­kos wür­de den Sinn der Hof­ab­ga­be nicht erfül­len und wäre nach § 117 Abs. 1 BGB aber auch nich­tig. Eine ledig­lich schein­ba­re Über­tra­gung die­ses Risi­kos im vor­ge­tra­ge­nen Umfang ist jedoch nicht erkenn­bar. Im Übri­gen ver­letzt eine gesetz­li­che Rege­lung, gegen die in der Pra­xis in ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­se ver­sto­ßen wird, nur dann auch selbst das Grund­ge­setz, wenn die ver­fas­sungs­wid­ri­ge Pra­xis auf die Vor­schrift selbst zurück­zu­füh­ren, also Aus­druck eines struk­tur­be­ding­ten, zu die­ser Pra­xis füh­ren­den nor­ma­ti­ven Rege­lungs­de­fi­zits ist [35].
Die Hof­ab­ga­be als Vor­aus­set­zung eines Ren­ten­an­spruchs nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te ent­spricht jedoch nur mit fol­gen­den Maß­ga­ben dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip.
Nach dem Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip muss der Ein­griff zur Errei­chung eines legi­ti­men Ein­griffs­ziels geeig­net sein und darf nicht wei­ter gehen, als es die Gemein­wohl­be­lan­ge erfor­dern; fer­ner müs­sen Ein­griffs­zweck und Ein­griffs­in­ten­si­tät in einem ange­mes­se­nen Ver­hält­nis ste­hen [36].
Der Gesetz­ge­ber ver­folgt mit der Hof­ab­ga­be­klau­sel meh­re­re legi­ti­me, agrar­struk­tu­rel­le Zie­le:
Ein Ziel ist die För­de­rung der früh­zei­ti­gen Hof­über­ga­be an Jün­ge­re, um hier­durch eine Sen­kung des durch­schnitt­li­chen Lebens­al­ters der Betriebs­lei­te­rin­nen oder Betriebs­lei­ter zu bewir­ken. Die Hof­ab­ga­be­klau­sel will somit einen Bei­trag zur Über­ga­be von land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men zu einem wirt­schaft­lich sinn­vol­len Zeit­punkt an jün­ge­re Kräf­te leis­ten [37]. Das Bun­de­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les hat in sei­ner Stel­lung­nah­me aus­ge­führt, nach einem EU-Struk­tur­ver­gleich aus dem Jahr 2013 sei­en 6 % der Betriebs­lei­ter von land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men in der Euro­päi­schen Uni­on jün­ger als 35 Jah­re und 31 % älter als 65 Jah­re. In Deutsch­land sei­en dage­gen 6, 8 % jün­ger als 35 Jah­re und 6, 5 % älter als 65 Jah­re. Nach Ansicht des Bun­des der Deut­schen Land­ju­gend (BDL) e.V. sichert die Hof­ab­ga­be­klau­sel die Zukunft des land­wirt­schaft­li­chen Nach­wuch­ses, da die Über­nah­me von unter­neh­me­ri­scher Ver­ant­wor­tung bereits in jun­gen Jah­ren Vor­aus­set­zung dafür sei, dass Jung­land­wir­te ihre Betrie­be erfolg­reich ent­wi­ckeln und die Ein­kom­mens­dis­pa­ri­tät im Ver­gleich zu ande­ren Beru­fen abbau­en könn­ten.
Im Wei­te­ren hat die Hof­ab­ga­be­ver­pflich­tung nach den Aus­füh­run­gen des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozia­les eine wich­ti­ge Funk­ti­on für den Boden­markt. Dies deckt sich mit der Stel­lung­nah­me der Arbeits­ge­mein­schaft bäu­er­li­cher Land­wirt­schaft (AbL) e.V., wonach die Nach­fra­ge nach land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen deut­lich höher sei als die Anzahl der infol­ge der Hof­ab­ga­be­klau­sel frei wer­den­den Flä­chen. Bestä­tigt wer­de dies durch den star­ken Anstieg der Pacht­prei­se in den letz­ten zehn Jah­ren.
Dar­über hin­aus ver­folgt die Hof­ab­ga­be­klau­sel das Ziel der Ver­bes­se­rung der Betriebs­struk­tur durch die Schaf­fung grö­ße­rer Ent­wick­lungs­chan­cen für Wachs­tums­be­trie­be. Die­se kön­nen ihren Auf­sto­ckungs­be­darf aus den frei wer­den­den land­wirt­schaft­li­chen Nutz­flä­chen frü­her befrie­di­gen, als dies ohne ein Abga­beer­for­der­nis mög­lich wäre [38].
Alle drei Zie­le sind legi­tim. Zur Errei­chung die­ser Zie­le ist die Hof­ab­ga­be­klau­sel nicht von vorn­her­ein untaug­lich [39]. Ver­fas­sungs­recht­lich genügt für die Eig­nung der Rege­lung die Mög­lich­keit, dass der erstreb­te Erfolg geför­dert wer­den kann, dass also die Mög­lich­keit der Zweck­er­rei­chung besteht [40].
Das Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te hat zwar gemäß § 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG die Hof­ab­ga­be ledig­lich als Vor­aus­set­zung eines Ren­ten­an­spruchs nor­miert; eine Pflicht zur Hof­ab­ga­be besteht nicht. Die feh­len­de Durch­setz­bar­keit steht jedoch der Geeig­net­heit des Geset­zes nicht ent­ge­gen. Im Fall der Nicht­ab­ga­be des Unter­neh­mens ent­fällt die Gegen­leis­tung in Form einer Ren­te für jah­re­lan­ge Bei­trags­leis­tun­gen. Der Land­wirt unter­liegt einem fak­ti­schen Zwang zur Hof­ab­ga­be; die Norm ist geeig­net, die­ses Ziel zu för­dern.
Das Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te för­dert unmit­tel­bar nur die Abga­be und nicht die nach dem Geset­zes­zweck eigent­lich ange­streb­te Über­ga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens als Vor­aus­set­zung eines Anspruchs auf Regel­al­ters­ren­te. Die­je­ni­gen For­men, in denen die Hof­ab­ga­be voll­zo­gen wer­den kann, sind in § 21 ALG nor­miert. Dem­nach ist nach dem Grund­tat­be­stand des § 21 Abs. 1 ALG ein Unter­neh­men der Land­wirt­schaft abge­ge­ben, wenn das Eigen­tum an den land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen mit Aus­nah­me still­ge­leg­ter Flä­chen an einen Drit­ten über­ge­gan­gen ist. Einem Eigen­tums­über­gang gleich­ge­stellt ist nach § 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 ALG die Ver­pach­tung der genutz­ten Flä­chen über einen Zeit­raum von min­des­tens neun Jah­ren. Nach § 21 Abs. 4 Satz 1 ALG steht es einer Abga­be gleich, wenn die land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen still­ge­legt sind. In die­sen For­men kann allein die Ein­stel­lung der land­wirt­schaft­li­chen Tätig­keit die Vor­aus­set­zung der Hof­ab­ga­be erfül­len. Nach den Aus­füh­run­gen des Deut­schen Bau­ern­ver­bands, des Thü­nen-Insti­tuts für Länd­li­che Räu­me und des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozia­les erfolgt die Hof­ab­ga­be aber zu 80 % in Form der Eigen­tums­über­tra­gung oder Ver­pach­tung (31 % Ver­pach­tung an Drit­te, 25 % Eigen­tums­über­tra­gung inner­halb der Fami­lie und 24 % Ver­pach­tung inner­halb der Fami­lie). Die tat­säch­li­che Vor­ge­hens­wei­se ent­spricht der Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers, denn nach den Aus­füh­run­gen des Bun­de­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozia­les ist die Alters­si­che­rung der Land­wir­te nur als eine Teil­si­che­rung kon­zi­piert, die auf ihre Ergän­zung durch die Ein­nah­men infol­ge des Ver­kaufs oder der Ver­pach­tung des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens ange­legt ist. Die­je­ni­gen zuläs­si­gen For­men der Hof­ab­ga­be, die nicht zu einer Nut­zung der land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen durch einen Drit­ten füh­ren – Her­bei­füh­ren der Unmög­lich­keit der land­wirt­schaft­li­chen Nut­zung (§ 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 ALG), Still­le­gung (§ 21 Abs. 4 Satz 1) und Auf­fors­tung (§ 21 Abs. 5 Satz 1 ALG), sind als Aus­nah­me­tat­be­stän­de vor­ge­se­hen. Sie wer­den in der Pra­xis zurück­hal­tend gehand­habt. Damit ist die Norm ins­ge­samt geeig­net, das Ziel einer Über­tra­gung von Höfen zu errei­chen.
Die Beschwer­de­füh­rer bestrei­ten die Kau­sa­li­tät zwi­schen dem bereits in der Land­wirt­schaft erfolg­ten Struk­tur­wan­del und der Hof­ab­ga­be­klau­sel. Der Struk­tur­wan­del in der Land­wirt­schaft sei nicht durch die Hof­ab­ga­be­klau­sel bedingt, son­dern durch ande­re Ent­wick­lun­gen, wie zum Bei­spiel den euro­pa­po­li­ti­schen Para­dig­men­wech­sel von einer eher pro­tek­tio­nis­ti­schen Agrar­po­li­tik zu einer stär­ker an Umwelt- und Qua­li­täts­zie­len aus­ge­rich­te­ten Agrar­po­li­tik. Die struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen beruh­ten auf dem Fort­schritt neu­er Tech­no­lo­gien und auf Inter­na­tio­na­li­sie­rungs- und Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­sen. Ver­fas­sungs­recht­lich ist jedoch eine Mit­ur­säch­lich­keit der Hof­ab­ga­be­klau­sel für den Struk­tur­wan­del in der Land­wirt­schaft aus­rei­chend. Die Aus­wer­tung einer Stich­pro­be bezüg­lich des Abga­be­ver­hal­tens des Ren­ten­zu­gangs in der Alters­si­che­rung der Land­wir­te im Jahr 2011 hat die posi­ti­ven agrar­struk­tu­rel­len Effek­te der Hof­ab­ga­be­klau­sel bestä­tigt, wonach wachs­tums­wil­li­ge Betrie­be land­wirt­schaft­li­che Flä­chen über­neh­men oder pach­ten kön­nen; einer nach­fol­gen­den Betriebs­lei­ter­ge­nera­ti­on sei die vol­le unter­neh­me­ri­sche Ver­ant­wor­tung über­tra­gen wor­den [38].
Der Gesetz­ge­ber durf­te davon aus­ge­hen, dass die Hof­ab­ga­be­klau­sel erfor­der­lich ist. Die Erfor­der­lich­keit ist erst dann zu ver­nei­nen, wenn ein sach­lich gleich­wer­ti­ges, zwei­fels­frei gleich wirk­sa­mes, die Grund­rechts­be­rech­tig­ten weni­ger beein­träch­ti­gen­des Mit­tel zur Ver­fü­gung steht, um den mit dem Gesetz ver­folg­ten Zweck zu errei­chen [41]. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft nicht, ob der Gesetz­ge­ber die bes­te Lösung für die hin­ter einem Gesetz ste­hen­den Pro­ble­me gefun­den hat, denn er ver­fügt über einen Beur­tei­lungs- und Pro­gno­se­spiel­raum [42]. Als mil­de­res Mit­tel wird zwar die Ein­füh­rung einer Ren­te mit Abschlag für die­je­ni­gen Land­wir­te dis­ku­tiert, die mit Aus­nah­me der Hof­ab­ga­be alle Vor­aus­set­zun­gen für die Bewil­li­gung einer Ren­te erfül­len [43].
Die Ver­pflich­tung zur Hof­ab­ga­be ist jedoch nicht in allen Fäl­len zumut­bar. Eine Gesamt­ab­wä­gung zwi­schen der Schwe­re des Ein­griffs einer­seits und dem Gewicht und der Dring­lich­keit der ihn recht­fer­ti­gen­den Grün­de ande­rer­seits muss die Gren­ze der Zumut­bar­keit wah­ren. Die Rege­lung darf die Betrof­fe­nen nicht über­mä­ßig belas­ten [44].
Die Beschwer­de­füh­rer haben vor­ge­bracht, die mit der Hof­ab­ga­be­klau­sel ver­folg­ten agrar­struk­tu­rel­len Zweck­set­zun­gen stün­den der sozia­len Absi­che­rungs­funk­ti­on des Geset­zes über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te ent­ge­gen.
Das Hof­ab­ga­beer­for­der­nis führt bei einer nicht unbe­trächt­li­chen Anzahl von Land­wir­ten und in fast der Hälf­te der Fäl­le auch bei deren Ehe­gat­ten dazu, dass kei­ne Ren­te nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te bezo­gen wird [45]. Die Hof­ab­ga­be­pflicht als Vor­aus­set­zung eines Ren­ten­an­spruchs erzeugt einen mit­tel­ba­ren fak­ti­schen Zwang zur Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens, der in das durch Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG geschütz­te Sach­ei­gen­tum der Land­wir­te ein­greift. Im Ergeb­nis ver­liert der Land­wirt bei Nicht­ab­ga­be völ­lig sei­ne Ren­te oder sei­nen Hof, obwohl er bei­de in der Regel zur Alters­si­che­rung benö­tigt. Die Hof­ab­ga­be­pflicht belas­tet ihn im Alter schwer.
Das Erfor­der­nis der Hof­ab­ga­be als Vor­aus­set­zung eines Ren­ten­an­spruchs nach dem Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te wahrt des­we­gen in fol­gen­den Kon­stel­la­tio­nen nicht mehr die Gren­ze der Zumut­bar­keit, weil das Gesetz über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te kei­ne Här­te­fall­re­ge­lung für die Hof­ab­ga­be vor­sieht.
Här­te­fäl­le ent­ste­hen vor­nehm­lich, wenn der abga­be­wil­li­ge Land­wirt kei­nen zur Hof­über­nah­me berei­ten Nach­fol­ger fin­det. In die­sem Fall kann der land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­mer die Hof­ab­ga­be nur in einer der For­men voll­zie­hen, die nicht mit einer Ein­kom­mens­er­zie­lung ver­bun­den sind, also durch Unmög­lich­ma­chung der land­wirt­schaft­li­chen Nut­zung, Still­le­gung, Auf­ga­be des Fische­rei­aus­übungs­rechts, Auf­ga­be des Unter­neh­mens der Imke­rei oder Wan­der­schä­fe­rei oder Auf­fors­tung. Dann feh­len ein Kauf­preis oder Pacht­zins zur Siche­rung des Alters und die Hof­ab­ga­be­pflicht wird unzu­mut­bar.
Här­te­fäl­le ent­ste­hen aber auch dann, wenn das land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men zwar abge­ge­ben wer­den könn­te, dies jedoch nicht zu Ein­künf­ten des Land­wirts füh­ren wür­de, mit Hil­fe derer er sei­nen Lebens­un­ter­halt in Ergän­zung der Ren­te sicher­stel­len kann. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les hat in sei­ner Stel­lung­nah­me den Cha­rak­ter der Alters­si­che­rung der Land­wir­te als blo­ße Teil­si­che­rung betont, die auf eine Ergän­zung durch Alten­teil­leis­tun­gen und Ein­nah­men aus der Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens ange­legt ist. In der über­wie­gen­den Anzahl der Fäl­le wird die Hof­ab­ga­be durch eine Eigen­tums­über­tra­gung (§ 21 Abs. 1 ALG) oder durch die Ver­pach­tung der land­wirt­schaft­lich genutz­ten Flä­chen (§ 21 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ALG) voll­zo­gen. Hier­durch erzielt der abge­ben­de land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­mer Ein­künf­te, die zur Siche­rung sei­nes Lebens­un­ter­halts bei­tra­gen könn­ten. Eine sol­che Ein­kom­mens­er­zie­lung ist aber in den­je­ni­gen Fäl­len nicht gege­ben, in denen sich nie­mand fin­det, der den Hof zu Kon­di­tio­nen kau­fen oder pach­ten wür­de, die in einer Gesamt­schau mit wei­te­ren Ein­künf­ten des abge­ben­den land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mers aus­rei­chend sind, um einen ange­mes­se­nen Lebens­un­ter­halt sicher­zu­stel­len. In die­sen Fäl­len wird die Pflicht zur Hof­ab­ga­be unzu­mut­bar, denn der abge­ben­de Land­wirt wird zur Erlan­gung der Ren­te gezwun­gen, sei­ne ande­re Finanz­quel­le für das Alter auf­zu­ge­ben oder zu redu­zie­ren, obwohl sei­ne Ren­te nur als Teil­si­che­rung ange­legt ist und die Ein­künf­te aus dem abge­ge­be­nen Hof dies nicht ange­mes­sen ergän­zen.
Ins­ge­samt ist die ange­grif­fe­ne Rege­lung infol­ge der mit den vor­lie­gen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht ange­grif­fe­nen Ände­rung des § 21 Abs. 9 ALG zum 1.01.2016 durch Art. 3 Nr. 3 d)) des Geset­zes zur Ände­rung des Zwölf­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch und wei­te­rer Vor­schrif­ten vom 21.12 2015 [46] unzu­mut­bar gewor­den, weil sie inzwi­schen tat­säch­lich nur noch eine klei­ne Grup­pe von Land­wir­ten erfasst und ihnen damit im Ver­gleich zu ande­ren Land­wir­ten eine unan­ge­mes­se­ne Last zumu­tet. Der Gesetz­ge­ber ist bei der inhalt­li­chen Fest­le­gung von Eigen­tü­mer­be­fug­nis­sen und ‑pflich­ten nach Art. 14 Abs. 1 GG auch an den Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG gebun­den [47].
Dem wird die Rege­lung nach der Geset­zes­än­de­rung nicht mehr gerecht. Die Neu­re­ge­lung hat die Hof­ab­ga­be unter Ehe­gat­ten erleich­tert. Zwar erhält auch der­je­ni­ge Ehe­gat­te, der von dem ande­ren Ehe­gat­ten das land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men über­nom­men hat, wei­ter­hin nur eine Ren­te, wenn er den Hof abgibt. Die ent­schei­den­de Ände­rung seit dem 1.01.2016 ist aber, dass eine Nicht­ab­ga­be des Unter­neh­mens nur noch den Ren­ten­an­spruch des­je­ni­gen Ehe­gat­tens, der das land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men über­nom­men hat, ent­fal­len lässt; auf die Ren­te des abge­ben­den Ehe­gat­tens hin­ge­gen kei­nen Ein­fluss mehr hat. Damit ist der Gesetz­ge­ber zwar einer nach Art. 6 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 3 Abs. 2 GG unzu­läs­si­gen Benach­tei­li­gung des einen Ehe­gat­ten ent­ge­gen­ge­tre­ten, hat jedoch ein neu­es ver­fas­sungs­recht­li­ches Pro­blem geschaf­fen.
Die Abga­be unter Ehe­gat­ten ist vor allem von Vor­teil, wenn der über­neh­men­de Ehe­gat­te von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der Land­wirt­schaft­li­chen Alters­kas­se befreit ist (§ 3 ALG). Dann kann das land­wirt­schaft­li­che Unter­neh­men wei­ter bewirt­schaf­tet wer­den, ohne dass die sank­tio­nie­ren­de Wir­kung der Hof­ab­ga­be­re­ge­lung ein­tritt. Nach den Aus­füh­run­gen des Thü­nen-Insti­tuts für Länd­li­che Räu­me waren vor der Geset­zes­än­de­rung 61 % der land­wirt­schaft­li­chen Betrie­be von der Hof­ab­ga­be­klau­sel betrof­fen. Wegen der Erwei­te­rung der Abga­be­mög­lich­kei­ten unter Ehe­gat­ten erfasst sie nun­mehr nur noch 21 % der Land­wir­te völ­lig, näm­lich allein­ste­hen­de Land­wir­te, und 15 % teil­wei­se, vor allem im Fall von Betriebs­lei­ter­ehe­paa­ren, die bei­de ver­si­che­rungs­pflich­tig sind. Es ist nicht zumut­bar, dass hier eine Min­der­heit von der­zeit noch 36 % der Land­wir­te unter gewich­ti­gen Ein­grif­fen in das Eigen­tums­grund­recht für agrar­po­li­ti­sche Zie­le einer zukunfts­fä­hi­gen Land­wirt­schafts­struk­tur in Anspruch genom­men wer­den, obwohl sie die­sen Zie­len nicht näher­ste­hen als ande­re. Dies wird der Gesetz­ge­ber bei einer Neu­re­ge­lung berück­sich­ti­gen müs­sen.
Die Hof­ab­ga­be­pflicht als Ren­ten­vor­aus­set­zung für den Ehe­gat­ten[↑]
Die Ehe­gat­tin eines Land­wirts gilt selbst als Land­wir­tin nach § 1 Abs. 3 Satz 1 ALG. Ihr dadurch begrün­de­ter eige­ner Ren­ten­an­spruch ist nach § 21 Abs. 9 Satz 4 ALG davon abhän­gig, dass ihr Ehe­gat­te sei­ner­seits den Hof abgibt, sobald er selbst die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ren­te erfüllt. Die Abhän­gig­keit des Ren­ten­an­spruchs von der Hof­ab­ga­be durch den ande­ren Ehe­gat­ten ver­letzt Art. 6 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 3 Abs. 2 GG.
Nach Art. 6 Abs. 1 GG ste­hen Ehe und Fami­lie unter dem beson­de­ren Schutz der staat­li­chen Ord­nung. Es ist des­halb dem Gesetz­ge­ber jede an die Exis­tenz der Ehe anknüp­fen­de Benach­tei­li­gung unter­sagt [48]. Ver­fas­sungs­recht­lich geschützt ist nach Art. 6 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 3 Abs. 2 GG eine Ehe, in der die Ehe­leu­te in einer gleich­be­rech­tig­ten Part­ner­schaft zuein­an­der ste­hen [49] und in der die Ehe­gat­ten ihre per­sön­li­che und wirt­schaft­li­che Lebens­füh­rung in gemein­sa­mer Ver­ant­wor­tung bestim­men [50]. Das schließt eine ein­sei­ti­ge Domi­nanz eines Ehe­part­ners bei der Gestal­tung von Rechts­ver­hält­nis­sen aus [49]. Der Gesetz­ge­ber darf eine sol­che Domi­nanz nicht durch sein eige­nes Gesetz recht­lich begrün­den. Das gilt vor allem für die Aus­ge­stal­tung von Pflicht­ver­si­che­run­gen, für die der mit­ver­si­cher­te, spä­ter ren­ten­be­rech­tig­te Ehe­gat­te die Bei­trä­ge selbst zu tra­gen hat (§ 70 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ALG). § 21 Abs. 9 Satz 4 ALG ver­lässt die von Art. 6 Abs. 1 GG geschütz­te Bestim­mung der wirt­schaft­li­chen Lebens­füh­rung in gemein­sa­mer Ver­ant­wor­tung bei­der Ehe­part­ner und gibt sie – trotz ein­fach­ge­setz­lich vor­ge­se­he­ner Pflich­ten zur Ver­stän­di­gung und zum Zusam­men­wir­ken in der Ehe – in die ein­sei­ti­ge Bestim­mungs­ge­walt eines der Ehe­part­ner.
Eine beson­de­re ver­fas­sungs­recht­li­che Recht­fer­ti­gung für die hier bewirk­te Abhän­gig­keit von der Ent­schei­dung des Ehe­gat­ten über die Abga­be des Hofes ist nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re trägt der Hin­weis auf einen ein­fach­ge­setz­li­chen Anspruch gegen den ande­ren Ehe­gat­ten nach § 1353 Abs. 1 Satz 2 BGB, der gege­be­nen­falls eine Pflicht zur Abga­be des land­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­mens zum Gegen­stand hat [51], nichts zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Recht­fer­ti­gung bei.
Die Hof­ab­ga­be­pflicht und die all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit[↑]
Die Beschwer­de­füh­rer haben auch die Ver­let­zung ihrer all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit (Art. 2 Abs. 1 GG) gerügt. Da jedoch der Schutz­be­reich ande­rer spe­zi­el­le­rer Frei­heits­rech­te betrof­fen ist, ist die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Hof­ab­ga­be­klau­sel nicht mehr an der all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit zu prü­fen [52].
Fol­gen der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 11 Abs. 1 No. 3 ALG[↑]
§ 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG in der Fas­sung des Art. 17 Nr. 6 des Geset­zes zur Anpas­sung der Regel­al­ters­gren­ze an die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung und zur Stär­kung der Finan­zie­rungs­grund­la­gen der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung (RV-Alters­gren­zen­an­pas­sungs­ge­setz) vom 20.04.2007 [53] ist in den sich aus den Ent­schei­dungs­grün­den erge­ben­den Umfang mit Art. 14 Abs. 1 GG und in Ver­bin­dung mit § 21 Abs. 9 Satz 4 ALG in der Fas­sung des Art. 7 Nr. 1a des Drit­ten Geset­zes zur Ände­rung des Vier­ten Buches Sozi­al­ge­setz­buch und ande­rer Geset­ze vom 05.08.2010 [9] und in der Fas­sung des Art. 4 Nr. 5 des Geset­zes zur Neu­ord­nung der Orga­ni­sa­ti­on der land­wirt­schaft­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung (LSV-Neu­ord­nungs­ge­setz – LSV-NOG) vom 12.04.2012 [10] mit Art. 6 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 3 Abs. 2 GG unver­ein­bar und damit unan­wend­bar.
§ 11 Abs. 1 Nr. 3 ALG wird ins­ge­samt für unan­wend­bar erklärt, weil es dem Gesetz­ge­ber obliegt, die Fäl­le einer Unzu­mut­bar­keit der Hof­ab­ga­be näher zu bestim­men. § 11 Abs. 1 Nrn. 1 und 2 ALG blei­ben hin­ge­gen wei­ter anwend­bar. Von einer Nich­tig­erklä­rung (§ 95 Abs. 3 Satz 2 BVerfGG) wird abge­se­hen, weil der Gesetz­ge­ber ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten hat, die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit zu behe­ben.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Mai 2018 – 1 BvR 97/​14 – 1 BvR 97/​14 – 1 BvR 2392/​14
BVerfG – 1 BvR 2392/​14[↩]
BVerfG – 1 BvR 97/​14[↩]
BSG, Beschlüs­se vom 20.05.2014 – B 10 LW 5/​14 B; und vom 04.09.2013 – B 10 LW 5/​13 B[↩]
LSG NRW, Urtei­le vom 26.09.2012 – L 8 LW 5/​12; und vom 29.11.2013 – L 8 LW 14/​12[↩]
BGBl. I Sei­te 554, 569[↩]
BGBl. I Sei­te 1127, 1132[↩]
BGBl. I Sei­te 579, 589 f.[↩]
BGBl I S. 1890[↩]
BGBl I S. 1127, 1132[↩][↩]
BGBl I S. 579, 589 f.[↩][↩][↩]
BT-Drs. 17/​7916, S. 28[↩]
BT-Drs. 17/​7916, S. 30[↩]
BGBl I S. 2557, 2561[↩]
vgl. Bekannt­ma­chung der Bei­trä­ge und Bei­trags­zu­schüs­se in der Alters­si­che­rung der Land­wir­te für das Jahr 2016 vom 30.11.2015, BGBl I S. 2140[↩]
Bekannt­ma­chung der Bei­trä­ge und Bei­trags­zu­schüs­se in der Alters­si­che­rung der Land­wir­te für das Jahr 2017 vom 28.11.2016, BGBl I S. 2717[↩]
vgl. Lage­be­richt der Bun­des­re­gie­rung über die Alters­si­che­rung der Land­wir­te 2017, BT-Drs.19/100, S. 8[↩]
vgl. BVerfGE 14, 263, 277; 143, 246, 323 Rn. 216[↩]
vgl. BVerfGE 31, 229, 240; 50, 290, 339; 52, 1, 30; 100, 226, 241; 102, 1, 15; 143, 246, 323 Rn. 216; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 100, 226, 241[↩]
vgl. BVerfGE 50, 290, 340; 143, 246, 323 Rn. 216[↩]
vgl. BVerfGE 134, 242, 290 f. Rn. 167 f.; 143, 246, 323 Rn. 216[↩]
vgl. BVerfGE 97, 350, 370; 101, 54, 75; 105, 17, 30; 110, 141, 173; 143, 246, 327 Rn. 228[↩]
vgl. BVerfGE 53, 257, 290; 58, 81, 109[↩]
vgl. BVerfGE 53, 257, 290; 100, 1, 32[↩]
vgl. BVerfGE 69, 272, 300 f.; 100, 1, 32 f.; stRspr[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss des Drei­er-Aus­schus­ses nach § 93a BVerfGG vom 18.12 1981 – 1 BvR 943/​81 – SozR 5850 § 2 Nr. 8 zur bezüg­lich der Hof­ab­ga­be wort­glei­chen Vor­gän­ger­vor­schrift des § 2 des Geset­zes über eine Alters­hil­fe für Land­wir­te[↩]
anders noch BVerfG, Beschluss des Drei­er-Aus­schus­ses nach § 93a BVerfGG vom 30.05.1980 – 1 BvR 313/​80 – SozR 5850 § 2 Nr. 6[↩]
vgl. BVerfGE 105, 279, 299 f.[↩]
vgl. BVerfGE 143, 246, 332 f. Rn. 243[↩]
vgl. BVerfGE 83, 201, 212; 102, 1, 16; 143, 246, 342 Rn. 269[↩]
vgl. BVerfGE 31, 275, 290; 70, 191, 201 f.; 143, 246, 342 Rn. 269[↩]
vgl. BVerfGE 132, 334, 358[↩]
vgl. BVerfGE 132, 134, 162 f. Rn. 70; 137, 34, 73 Rn. 77; 143, 246, 343 ff. Rn. 273 ff.[↩]
vgl. BVerfGE 133, 168, 233 f. Rn. 118[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss des Drei­er-Aus­schus­ses nach § 93a BVerfGG vom 18.12 1981 – 1 BvR 943/​81 – SozR 5850 § 2 Nr. 8[↩]
vgl. Mehl, Agrar­struk­tu­rel­le Wir­kun­gen der Hof­ab­ga­be­klau­sel, in: SdL 1/​2013, S. 5, 17[↩][↩]
vgl. BVerfGE 90, 145, 172; 126, 112, 144; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 81, 70, 90 f.; 100, 313, 375; 116, 202, 225; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 100, 271, 286; 102, 197, 218; 103, 293, 308; 116, 202, 225[↩]
vgl. Mehl, Agrar­struk­tu­rel­le Wir­kun­gen der Hof­ab­ga­be­klau­sel, in: SdL 1/​2013, S. 5, 38 f.[↩]
vgl. BVerfGE 83, 1, 19; 126, 112, 152 f.; stRspr[↩]
vgl. Mehl, Agrar­struk­tu­rel­le Wir­kun­gen der Hof­ab­ga­be­klau­sel, in: SdL 1/​2013, S. 5, 35[↩]
BGBl I S. 2557[↩]
vgl. BVerfGE 143, 246, 373 Rn. 348; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 82, 60, 80[↩]
vgl. BVerfGE 103, 89, 101[↩][↩]
vgl. BVerfGE 105, 1, 10[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 01.03.2004 – 1 BvR 2099/​03 19[↩]
vgl. BVerfGE 83, 182, 194; 89, 1, 13; 116, 202, 221[↩]
BGBl I S. 554, 569[↩]
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