Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/rueckstaendiges-arbeitsentgelt-und-die-40-e-verzugspauschale-3142515
Timestamp: 2020-06-01 02:40:16
Document Index: 394871932

Matched Legal Cases: ['§ 12', '§ 288', '§ 288', '§ 288', '§ 12', '§ 12', '§ 288', '§ 288', 'Art. 6', '§ 12', '§ 288', '§ 12', '§ 288', '§ 12', '§ 288', '§ 280', '§ 286', '§ 12', '§ 12', '§ 12', '§ 12', 'EuG', 'BGH']

Rückständiges Arbeitsentgelt - und die 40,- € Verzugspauschale | Rechtslupe
Rückständiges Arbeitsentgelt - und die 40,- € Verzugspauschale
§ 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG ver­drängt nach sei­nem Norm­zweck den aus § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB fol­gen­den Anspruch des Arbeits­neh­mers auf Zah­lung einer Pau­scha­le in Höhe von 40, 00 €.
§ 288 Abs. 5 Satz 1 BGB ist an sich auch auf Arbeits­ver­hält­nis­se anwend­bar, weil der Arbeit­neh­mer als Gläu­bi­ger der Arbeits­ver­gü­tung Ver­brau­cher ist und der Arbeit­ge­ber als Schuld­ner Nicht­ver­brau­cher [1]. Dem Anspruch der Klä­ge­rin aus § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB steht jedoch § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG ent­ge­gen. Der Bun­des­ar­beits­ge­richt schließt sich inso­weit der Recht­spre­chung des Ach­ten Bun­des­ar­beits­ge­richts des Bun­des­ar­beits­ge­richts an [2].
§ 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG schließt nicht nur einen pro­zes­sua­len Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch, son­dern auch einen mate­ri­ell-recht­li­chen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch unab­hän­gig von sei­ner Anspruchs­grund­la­ge, und damit grund­sätz­lich auch einen Anspruch auf Erstat­tung vor- bzw. außer­ge­richt­li­cher Kos­ten aus [3]. Gemeint ist damit der Aus­schluss der Erstat­tungs­fä­hig­keit bestimm­ter Kos­ten­po­si­tio­nen [4]. Auch wenn die­ser Aus­schluss nicht all­um­fas­send ist [5], erfasst er doch die bei typi­sie­ren­der Betrach­tung letzt­lich wirt­schaft­lich bedeut­sa­men Kos­ten­po­si­tio­nen des eige­nen Zeit­ver­lus­tes der Par­tei und des Auf­wands für die Zuzie­hung eines Rechts­an­walts [6].
Der Anspruch nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB betrifft gera­de sol­che Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten. Hier­zu gehö­ren nach der Geset­zes­be­grün­dung ins­be­son­de­re sog. Bei­trei­bungs­kos­ten. Die­se umfas­sen ua. die Kos­ten, die durch die Beauf­tra­gung eines Rechts­an­walts oder eines Inkas­so­un­ter­neh­mens ent­ste­hen [7]. Die­ses Ver­ständ­nis vom Gegen­stand des § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB ist uni­ons­rechts­kon­form. Art. 6 der Richt­li­nie 2011/​7/​EU, deren Umset­zung die Neu­re­ge­lung der Ver­zugs­pau­scha­le dient [8], soll eine Ent­schä­di­gung für die dem Gläu­bi­ger ent­stan­de­nen Bei­trei­bungs­kos­ten gewähr­leis­ten, wenn Ver­zugs­zin­sen nach die­ser Richt­li­nie zu zah­len sind [9]. Wenn aber § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG die Erstat­tungs­fä­hig­keit der kau­sal bis zum Abschluss des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens ent­stan­de­nen, bei typi­sie­ren­der Betrach­tung wirt­schaft­lich bedeut­sa­men Kos­ten­po­si­tio­nen des eige­nen Zeit­ver­lus­tes der Par­tei und des Auf­wands für die Zuzie­hung eines Rechts­an­walts aus­schließt, betrifft er not­wen­dig auch die Ver­zugs­pau­scha­le nach § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB, die genau die­se Kos­ten pau­scha­liert. Dass § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG nur ein­zel­ne Kos­ten­po­si­tio­nen (Zeit­ver­säum­nis, Beauf­tra­gung eines Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten) betrifft, dage­gen aber zB nicht die Erstat­tung von der Par­tei ent­stan­de­nen Por­to- oder Rei­se­kos­ten aus­schließt und § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB auch sol­che Auf­wen­dun­gen nach­weis­un­ab­hän­gig abgel­ten soll, steht dem nicht ent­ge­gen [10]. Maß­ge­bend ist viel­mehr, dass bei­de Vor­schrif­ten im Wege einer gene­ra­li­sie­ren­den Betrach­tung die­sel­ben Kos­ten erfas­sen, die typi­scher­wei­se für die Rechts­ver­fol­gung ent­ste­hen. Dies sind aus­ge­hend vom Betrag von 40, 00 Euro nicht in ers­ter Linie Por­to- und Rei­se­kos­ten zum Anwalt vor Ort, son­dern Rechts­be­ra­ter­kos­ten und vor allem eige­ner Zeit­auf­wand. Gera­de die­se Kos­ten­po­si­tio­nen sind aber nach § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG nicht ersatz­fä­hig [11].
Der hier­ge­gen erho­be­ne Ein­wand [12], § 288 Abs. 5 Satz 1 BGB müs­se als nach­träg­li­che Rege­lung einer even­tu­ell vor­her bestehen­den Son­der­re­ge­lung vor­ge­hen (lex pos­te­rior dero­gat legi prio­ri), über­sieht, dass die­ser Grund­satz nur dann gilt, wenn sich aus den Norm­zwe­cken der bei­den Rege­lun­gen nichts ande­res ergibt. Dies ist – wie aus­ge­führt – indes der Fall. Hin­zu kommt, dass das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren und die Geset­zes­be­grün­dung kei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit den Aus­wir­kun­gen auf das Arbeits­recht erken­nen las­sen. Soweit es dort heißt, die Pau­scha­le umfas­se ua. die Kos­ten, die durch die Beauf­tra­gung eines Rechts­an­walts oder eines Inkas­so­un­ter­neh­mens ent­ste­hen, was der gel­ten­den Rechts­la­ge in Deutsch­land zum Ersatz von Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten ent­spre­che [7], trifft dies für das all­ge­mei­ne Zivil­recht zu. Dort sind Kos­ten, die dem Gläu­bi­ger durch die nach Ein­tritt des Ver­zugs erfolg­te Beauf­tra­gung eines Rechts­an­walts mit der For­de­rungs­durch­set­zung ent­ste­hen, ein in Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung begrün­de­ter Scha­den, des­sen Ersatz der Gläu­bi­ger gemäß § 280 Abs. 2 iVm. § 286 BGB ver­lan­gen kann [13]. Für arbeits­recht­li­che Strei­tig­kei­ten gilt dies aller­dings – wie dar­ge­legt – gera­de nicht. Das Schwei­gen des Gesetz­ge­bers zu den sich aus § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG erge­ben­den Beson­der­hei­ten der Erstat­tungs­fä­hig­keit von Bei­trei­bungs­kos­ten im Arbeits­recht und der all­ge­mei­ne Hin­weis auf die Erstat­tungs­fä­hig­keit der Bei­trei­bungs­kos­ten in all­ge­mei­nen zivil­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten deu­ten danach dar­auf hin, dass der Gesetz­ge­ber die Rechts­fol­gen des § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG gera­de nicht ändern woll­te. Ande­ren­falls hät­te sich eine nähe­re Befas­sung mit der beab­sich­tig­ten Ände­rung der Rechts­fol­gen des § 12a Abs. 1 Satz 1 ArbGG auf­ge­drängt.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 12. Dezem­ber 2018 – 5 AZR 588/​17
BAG 25.09.2018 – 8 AZR 26/​18, Rn.19 ff.[↩]
BAG 25.09.2018 – 8 AZR 26/​18, Rn. 23 ff.[↩]
vgl. BAG 25.09.2018 – 8 AZR 26/​18, Rn. 25 ff.; näher zum Umfang des Aus­schlus­ses Schleusener/​Kühn NZA 2008, 147[↩]
Ulri­ci juris­PR-ArbR 8/​2018 Anm. 7 zu C II 3[↩]
vgl. hier­zu BAG 17.08.2015 – 10 AZB 27/​15, Rn. 14; GK-ArbGG/­Schleu­se­ner Stand Novem­ber 2017 § 12a Rn.19 ff.[↩]
Lembke NZA 2016, 1501, 1502; Ulri­ci juris­PR-ArbR 8/​2018 Anm. 7 zu C II 3[↩]
BT-Drs. 18/​1309 S.19[↩][↩]
EuGH 13.09.2018 – C‑287/​17, Rn. 18[↩]
zutr. Ulri­ci juris­PR-ArbR 44/​2016 Anm. 2 zu C III 1[↩]
Ulri­ci juris­PR-ArbR 44/​2016 Anm. 2 zu C III 1[↩]
zuletzt ArbG Bre­men-Bre­mer­ha­ven 20.11.2018 – 6 Ca 6390/​17, zu II 3 b aa 5 der Grün­de mwN; Jes­gar­zew­ski BB 2018, 2876[↩]
BGH 18.01.2018 – III ZR 174/​17, Rn. 18[↩]