Source: https://www.aussenwirtschaftslupe.de/internationale-frachtauftraege-deutsches-bussgeldrecht-und-verfall-des-frachtentgelts-6662
Timestamp: 2020-01-19 01:23:04
Document Index: 160785294

Matched Legal Cases: ['§ 29', '§ 32', '§ 29', '§ 29', '§ 29', '§ 73', '§ 29', '§ 1', '§ 31', '§ 69', '§ 5', '§ 29', '§ 29', '§ 29', '§ 29', '§ 29', '§ 29', '§ 29']

Internationale Frachtaufträge, deutsches Bußgeldrecht — und Verfall des Frachtentgelts | Außenwirtschaftslupe
Internationale Frachtaufträge, deutsches Bußgeldrecht - und Verfall des Frachtentgelts
Internationale Frachtaufträge, deutsches Bußgeldrecht — und Verfall des Frachtentgelts
Bei inter­na­tio­na­len Trans­por­ten darf nur der auf den inlän­di­schen Stre­cken­an­teil ent­fal­len­de Fracht­lohn­an­teil bei der Bestim­mung des Ver­falls­be­tra­ges im Rah­men von § 29a Abs. 1 und 2 OWiG her­an­ge­zo­gen wer­den. Die­ser Fracht­lohn­an­teil lässt sich ermit­teln, indem man die (geplan­te) Inlands­stre­cke durch die (geplan­te) Gesamt­fahr­stre­cke divi­diert und das Ergeb­nis mit dem Gesamt­fracht­lohn mul­ti­pli­ziert.
Der Ver­falls­be­tei­lig­te in dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig ent­schie­de­nen Fall ist Trans­port­un­ter­neh­mer und führ­te am 11.03.2014 einen Trans­port von Bethe­ny (Frank­reich) nach Mos­kau (Russ­land) durch. Hier­für wur­de eine in Polen zuge­las­se­ne Fahr­zeug­kom­bi­na­ti­on ein­ge­setzt, die auf­grund der Beschaf­fen­heit der Zug­ma­schi­ne und des damit gekop­pel­ten Sat­tel­auf­lie­gers zwangs­läu­fig die gemäß § 32 Abs. 2 StVZO höchst­zu­läs­si­ge Fahr­zeug­hö­he von 4, 00 m über­schrei­ten muss­te. Mit die­ser Fahr­zeug­kom­bi­na­ti­on befuhr der von dem Trans­port­un­ter­neh­mer für den Trans­port ein­ge­setz­te Fah­rer die Bun­des­au­to­bahn 2 in Fahrt­rich­tung Ber­lin. Bei einer bei Kilo­me­ter 180, 6 in der Gemar­kung Wen­de­burg vom Bun­des­amt für Güter­ver­kehr durch­ge­führ­ten Höhen­kon­trol­le wur­de eine Über­schrei­tung der höchst­zu­läs­si­gen Fahr­zeug­hö­he um 4 cm fest­ge­stellt. Für den Trans­port hat der Trans­port­un­ter­neh­mer ein Frach­t­ent­gelt in Höhe von ins­ge­samt 3.100, 00 € erhal­ten, wovon das Amts­ge­richt 1.800, 00 € für ver­fal­len erklärt hat. Die Berech­nung die­ses Betra­ges monier­te das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig:
Das Amts­ge­richt ist bei sei­ner Ent­schei­dung über die Höhe des für ver­fal­len erklär­ten Betra­ges rechts­feh­ler­haft davon aus­ge­gan­gen, dass – obwohl nur 713 km der 2707 km Gesamt­län­ge des hier in Rede ste­hen­den Trans­ports von Bethe­ny (Frank­reich) nach Mos­kau (Russ­land) auf inlän­di­sche Stra­ßen ent­fie­len – grund­sätz­lich das gesam­te Frach­t­ent­gelt in Höhe von 3.100, 00 Euro, wel­ches der Trans­port­un­ter­neh­mer für die Fahrt erhal­ten hat, gemäß § 29 a OWiG für ver­fal­len erklärt wer­den kön­ne.
§ 29 a Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 OWiG stellt nach der Ände­rung des Wort­lau­tes die­ser Vor­schrift durch das 5. AWStG­BÄndG1 auf das durch oder für mit Geld­bu­ße bewehr­ten Hand­lung (Tat) erlang­te „Etwas” ab und legt damit für die Bestim­mung der Höhe des Erlang­ten das sog. Brut­to­prin­zip zugrun­de2. Unter die gesetz­li­che For­mu­lie­rung „für eine mit Geld­bu­ße bedroh­te Hand­lung oder aus ihr etwas erlangt” las­sen sich sämt­li­che wirt­schaft­li­chen Wer­te fas­sen, die in irgend­ei­ner Pha­se des Tat­ab­laufs durch den Täter oder den Dritt­be­güns­tig­ten erlangt wur­den. All das, was der Täter oder der von ihm ver­tre­te­ne Drit­ter für die mit Geld­bu­ße bedroh­te Hand­lung oder aus ihr erlangt hat, soll ohne Abzug gewinn­min­dern­der Kos­ten abge­schöpft wer­den kön­nen3.
Aller­dings setzt die Ver­fall­an­ord­nung nach § 29 a OWiG – wie die straf­recht­li­che Ver­falls­an­ord­nung nach § 73 Abs. 1 S. 1 StGB – als unge­schrie­be­nes Tat­be­stands­merk­mal eine unmit­tel­ba­re Kau­sal­be­zie­hung zwi­schen der mit Geld­bu­ße bewehr­ten Hand­lung und dem aus die­ser oder für die­se erlang­ten Etwas, dem Vor­teil, vor­aus4. Das Abge­schöpf­te muss spie­gel­bild­lich dem erziel­ten Ver­mö­gens­vor­teil ent­spre­chen5. Um das Vor­lie­gen einer sol­chen unmit­tel­ba­ren Kau­sal­be­zie­hung fest­stel­len zu kön­nen, muss der Tatrich­ter zunächst das aus der Tat oder für die Tat Erlang­te genau bestim­men6. Erst in einem zwei­ten Schritt kann dann – ggf. unter Rück­griff auf die in § 29 a Abs. 3 OWiG gestat­te­te Schät­zung – der wert­mä­ßi­ge Umfang des Erlang­ten, und nur hier­für gilt das Brut­to­prin­zip7, bestimmt wer­den8.
Die mit einer Geld­bu­ße bedroh­te Hand­lung (§ 1 Abs. 2 OWiG) ist vor­lie­gend die Inbe­trieb­nah­me einer Fahr­zeug­kom­bi­na­ti­on unter Ver­stoß gegen die zuläs­si­gen Abmes­sun­gen des §§ 31 d Abs. 1, 32 Abs. 2 StVZO. Die räum­li­che Gel­tung die­ser Ord­nungs­wid­rig­keit gemäß § 69a Abs. 3 Nr. 2 StVZO ist auf das Gebiet Deutsch­lands beschränkt (§ 5 OWiG). Die mit einem Buß­geld bedroh­te Hand­lung als Anknüp­fungs­punkt für die Anord­nung des Ver­falls ist mit­hin nicht der Trans­port als sol­cher, son­dern nur die ver­bots­wid­ri­ge Inbe­trieb­nah­me der ver­wen­de­ten Fahr­zeug­kom­bi­na­ti­on auf deut­schen Stra­ßen. Die­se kon­kre­te Hand­lung ist vor­lie­gend nur ein Teil der vom Ver­falls­be­tei­lig­ten gegen­über sei­nem Ver­trags­part­ner ins­ge­samt zu erbrin­gen­den Trans­port­leis­tung, deren vor­ge­la­ger­te ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung einen Anspruch des Ver­falls­be­tei­lig­ten auf Zah­lung des aus­ge­han­del­ten Frach­t­ent­gel­tes begrün­det. Mit dem vor­ge­la­ger­ten Ver­trags­schluss hat der Ver­falls­be­tei­lig­te einen schuld­recht­li­chen Anspruch erlangt, der grund­sätz­lich aber nur durch­setz­bar ist, wenn auch der Gegen­an­spruch – Trans­port und Über­ga­be an den Emp­fän­ger – sei­ner­seits erfüllt ist, was einen Trans­port zum Kun­den vor­aus­setzt. Die mit dem Buß­geld bedroh­te Hand­lung ist damit con­di­tio sine qua non für den Erhalt des Frach­t­ent­gel­tes. Das Frach­t­ent­gelt ist als Geld­leis­tung jedoch teil­bar und lie­ße sich bei einem durch meh­re­re Län­der füh­ren­den Trans­port ver­trag­lich auch so aus­ge­stal­ten, dass für die in den jewei­li­gen Län­dern zurück­zu­le­gen­den Stre­cken­an­tei­le jeweils ein geson­der­tes Ent­gelt ver­ein­bart wird. Aus­ge­hend von die­sen Über­le­gun­gen hat der Ver­falls­be­tei­lig­te aus der buß­geld­be­währ­ten Hand­lung als unmit­tel­ba­ren Tat­vor­teil ledig­lich den Teil des Frach­t­ent­gel­tes gezo­gen, der auf den inlän­di­schen Stre­cken­an­teil ent­fällt. Der auf die aus­län­di­schen Teil­stre­cken ent­fal­len­de Fracht­lohn­an­teil ist dage­gen nur ein mit­tel­bar erlang­ter Ver­mö­gens­vor­teil und unter­liegt daher nicht dem Ver­fall. Die­se Sicht­wei­se bedeu­tet auch kei­ne Berück­sich­ti­gung eines recht­mä­ßi­gen hypo­the­ti­schen Kau­sal­ver­lau­fes bzw. die Auf­spal­tung der Fahrt in „lega­len Sockel” und eine „rechts­wid­ri­ge Spit­ze„9. Denn der auf aus­län­di­schen Stre­cken zurück­ge­leg­te Teil des Gesamt­trans­por­tes ist gera­de nicht Bestand­teil der hier maß­geb­li­chen buß­geld­be­droh­ten Hand­lung. Hin­zu kommt, dass, wür­de man den gesam­ten Fracht­lohn als dem Ver­fall unter­lie­gend anse­hen wol­len, dies – unter­stellt die durch­fah­re­nen aus­län­di­schen Staa­ten hät­ten ver­gleich­ba­re Buß­geld- und Ver­falls­vor­schrif­ten – dazu füh­ren könn­te, dass der Ver­falls­be­tei­lig­te den vol­len Fracht­lohn gleich mehr­fach abfüh­ren muss. Dies wür­de aber dem Zweck des § 29 a OWiG als eine prä­ven­tiv-ord­nen­den, kon­dik­ti­ons­ähn­li­chen Maß­nah­me ohne pöna­len Cha­rak­ter10 wider­spre­chen. Im Übri­gen wäre bei Zugrun­de­le­gung des gesam­ten Fracht­lohns auch zu prü­fen gewe­sen, ob inso­weit nicht bereits eine im Aus­land ergan­ge­ne Ver­falls­ent­schei­dung vor­liegt.
Da die Höhe des Frach­t­ent­gel­tes, wel­ches der Ver­falls­be­tei­lig­te für den Trans­port ins­ge­samt erhal­ten hat, bekannt ist, lässt sich der auf die Inlands­stre­cke ent­fal­len­de Teil als maxi­ma­ler Ver­falls­be­trag hier mit 816, 51 Euro berech­nen (= Inlands­stre­cke : Gesamt­stre­cke * Gesamt­fracht­lohn).
Das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig weicht mit sei­ner Bewer­tung, dass bei inter­na­tio­na­len Trans­por­ten nur der auf den inlän­di­schen Stre­cken­an­teil ent­fal­len­de Fracht­lohn­an­teil bei der Bestim­mung des Ver­falls­be­tra­ges im Rah­men von § 29 a Abs. 1 und 2 OWiG her­an­ge­zo­gen wer­den darf, nicht in einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge von der Recht­spre­chung ande­rer Ober­lan­des­ge­rich­te ab. Zwar hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in einer Ent­schei­dung vom 23.12 201411 die Auf­fas­sung ver­tre­ten, bei der Schät­zung des Ver­falls­be­tra­ges kön­ne auch eine in Polen zurück­ge­leg­te Fahr­stre­cke berück­sich­tigt wer­den. Aller­dings hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he über eine tat­säch­li­che Kon­stel­la­ti­on zu ent­schei­den, in der vom Tatrich­ter kei­ne Fest­stel­lun­gen zu dem tat­säch­lich erlang­ten Fracht­lohn hat­ten getrof­fen wer­den kön­nen, so dass es ledig­lich auf die Anga­be von Kal­ku­la­ti­ons- bzw. Schätz­grund­la­gen (§ 29 a Abs. 3 S. 1 OWiG) ankam. Das Ober­lan­des­ge­richt hat dage­gen zu über­prü­fen, ob der Tatrich­ter das tat­säch­lich von dem Ver­falls­be­tei­lig­ten aus dem Trans­port Erlang­te und des­sen Wert anhand des Maß­stabs von § 29a Abs. 2 i.V.m. Abs. 1 OWiG zutref­fend bestimmt hat.
Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig für Buß­geld­sa­chen, Beschluss vom 21. Dezem­ber 2015 — 1 Ss (Owi) 165⁄15
vgl. OLG Cel­le wis­tra 2011, 476; BayO­bLG wis­tra 2000, 395, 397; BayO­bLG NStZ-RR 1997, 339, 340; OLG Koblenz ZfSch 2007, 108 ff.; OLG Zwei­brü­cken NStZ-RR 2010, 256 f.; Gürt­ler in: Göh­ler, OWiG, 15. Aufl., 2009, § 29a Rn. 6 [↩]
vgl. OLG Cel­le a.a.O. [↩]
vgl. Gürt­ner, in: Göh­ler, OWiG, § 29 a Rn. 10 m.w.N. [↩]
vgl. OLG Cel­le a.a.O.; OLG Koblenz ZfSch 2007, 108, 111; OLG Zwei­brü­cken NStZ-RR 2010, 256, 257 [↩]
vgl. hier­zu u.a. OLG Karls­ru­he ZfSch 2013, 172; OLG Cel­le DAR 2011, 642 [↩]
vgl. Gürt­ler in Göh­ler, OWiG, 15. Auf­la­ge 2009, § 29 a Rn. 1 [↩]
OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 23.12.2014 — 2 (6) SsBs 601⁄14-AK 160⁄14 [↩]