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Timestamp: 2020-08-06 12:49:52
Document Index: 152453475

Matched Legal Cases: ['§ 233', '§ 85', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Fristgebundene Schriftsätze - und die Postlaufzeiten beim Poststreik | Rechtslupe
Ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter kann bei einem auf bestimm­te Gebie­te des Dienst­leis­tungs­be­reichs der Deut­schen Post AG beschränk­ten Post­streik auf die Ein­hal­tung der für den Nor­mal­fall gel­ten­den Post­lauf­zei­ten ver­trau­en, wenn er von der Deut­schen Post AG die Aus­kunft erhält, dass für den geplan­ten Sen­dungs­ver­lauf einer Post­sen­dung streik­be­ding­te Beein­träch­ti­gun­gen nicht bekannt sind und die Post­be­för­de­rung von dem Ver­sand- zum Emp­fangs­ort nor­mal läuft.
Erreicht der klä­ge­ri­sche Schrift­satz gleich­wohl erst nach Frist­ab­lauf das Gericht, war Klä­ger ohne sein Ver­schul­den ver­hin­dert, die Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung ein­zu­hal­ten (§ 233 Abs. 1 ZPO). Ein ihm ihm gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten lässt sich in die­sem Fall nicht begrün­den.
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, des Bun­des­ge­richts­hofs und der ande­ren Obers­ten Gerichts­hö­fe dür­fen dem Bür­ger Ver­zö­ge­run­gen der Brief­be­för­de­rung oder der Brief­zu­stel­lung durch die Deut­sche Post AG nicht als Ver­schul­den ange­rech­net wer­den [1]. Er darf viel­mehr grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass im Bun­des­ge­biet werk­tags auf­ge­ge­be­ne Post­sen­dun­gen am fol­gen­den Werk­tag aus­ge­lie­fert wer­den [2].
Den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten einer Par­tei trifft daher im Regel­fall kein Ver­schul­den an dem ver­spä­te­ten Zugang eines Schrift­sat­zes, wenn er ver­an­lasst, dass die­ser so recht­zei­tig in den Brief­kas­ten ein­ge­wor­fen wird, dass er nach den nor­ma­len Post­lauf­zei­ten frist­ge­recht bei dem Gericht hät­te ein­ge­hen müs­sen. Er ist dann nicht gehal­ten, sich vor Frist­ab­lauf durch Rück­fra­ge bei der Geschäfts­stel­le des Gerichts von einem recht­zei­ti­gen Ein­gang zu über­zeu­gen [3]. Das gilt auch, wenn es vor Fei­er­ta­gen (hier: Pfingst­wo­chen­en­de) zu einer beson­de­ren Bean­spru­chung der Leis­tungs­fä­hig­keit der Post kom­men kann [4].
Anders liegt es, wenn dem Post­kun­den beson­de­re Umstän­de bekannt sind, die zu einer Ver­län­ge­rung der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten füh­ren kön­nen. Eine sol­che Aus­nah­me­si­tua­ti­on, in der das Ver­trau­en in die Ein­hal­tung der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten erschüt­tert sein kann, ist der Post­streik. Wird die Post bestreikt und wählt ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter für die Beför­de­rung eines frist­ge­bun­de­nen Schrift­stücks gleich­wohl den Post­weg, obwohl siche­re Über­mitt­lungs­we­ge (Ein­wurf in den Gerichts­brief­kas­ten am Ort; Benut­zung eines Tele­fax­ge­räts) zumut­bar sind, tref­fen ihn gestei­ger­te Sorg­falts­an­for­de­run­gen.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te, der wäh­rend eines Post­streiks einen frist­ge­bun­de­nen Schrift­satz über den Post­weg ver­sen­det, ver­pflich­tet, sich durch Nach­fra­ge bei Gericht über des­sen recht­zei­ti­gen Ein­gang zu ver­ge­wis­sern. Unter­lässt er dies, ist die Frist­ver­säum­nis nicht unver­schul­det [5].
Ist der Post­streik aller­dings auf bestimm­te Gebie­te des Dienst­leis­tungs­be­reichs der Deut­schen Post AG beschränkt, kann ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter sei­nen gestei­ger­ten Sorg­falts­pflich­ten auch dadurch nach­kom­men, dass er eine von der Deut­schen Post AG zur Ver­fü­gung gestell­te Aus­kunfts­mög­lich­keit nutzt, aus der sich ergibt, ob der für sei­ne Sen­dung vor­ge­se­he­ne kon­kre­te Sen­dungs­ver­lauf von dem Streik betrof­fen ist. Erhält er auf eine sol­che Nach­fra­ge die Aus­kunft, dass für den geplan­ten Sen­dungs­ver­lauf der Post­sen­dung streik­be­ding­te Beein­träch­ti­gun­gen nicht bekannt sind und die Post­be­för­de­rung von dem Ver­sand- zum Emp­fangs­ort nor­mal läuft, kann er auch wäh­rend eines Post­streiks auf die Ein­hal­tung der für den Nor­mal­fall gel­ten­den Post­lauf­zei­ten ver­trau­en. Der Pro­zess­be­voll­mäch­ti­ge ist dann nicht ver­pflich­tet, bei Gericht nach dem Ein­gang des Schrift­sat­zes zu fra­gen. Denn mit die­ser Aus­kunft erklärt die Deut­sche Post AG, trotz des Post­streiks die nor­ma­len Post­lauf­zei­ten ein­zu­hal­ten. Maß­geb­lich ist dabei der Zeit­punkt des Ein­wurfs der Post­sen­dung in den Brief­kas­ten [6]. Erweist sich die Aus­kunft auf­grund nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ner oder bekannt­ge­wor­de­ner Ereig­nis­se als nicht zutref­fend und geht ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz nicht frist­ge­recht ein, darf der Par­tei dies im Rah­men der Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht als Ver­schul­den ange­las­tet wer­den.
Nach die­sen Grund­sät­zen hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers die ihm für die Ver­sen­dung der Beru­fungs­schrift wäh­rend des Post­streiks 2015 oblie­gen­den gestei­ger­ten Sorg­falts­pflich­ten erfüllt.
Für den Post­streik 2015 hat die Deut­sche Post AG im Inter­net das Por­tal www.deutschepost.de/streikinfos ein­ge­rich­tet, auf dem ein Post­kun­de mit dem Tool „Post­leit­zah­len­su­che“ prü­fen konn­te, ob sei­ne Sen­dung von dem Streik betrof­fen war. Auf einem Ser­vice-Info­blatt hat die Deut­sche Post AG zudem erklärt, dass in den Berei­chen, die nicht bestreikt wür­den, die Zustel­lung nor­mal lau­fe. Die auf eine sol­che Post­leit­zah­len­su­che hin erteil­te Aus­kunft betrifft zwar nicht eine indi­vi­du­ell bezeich­ne­te Post­sen­dung. Sie erfasst aber, anders als das Beru­fungs­ge­richt meint, den geplan­ten Ver­sen­dungs­ver­lauf von dem abge­frag­ten Ver­sand- zum abge­frag­ten Emp­fangs­ort. Sie beschränkt sich nicht auf die Lee­rung des Brief­kas­tens, son­dern erfasst auch die geplan­te Beför­de­rung und Ver­tei­lung der Post. Eine Par­tei kann des­halb im Zeit­punkt des Ein­wurfs ihrer Sen­dung in den Brief­kas­ten auf die Ein­hal­tung der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten ver­trau­en, wenn sie auf dem Por­tal www.deutschepost.de/streikinfos der Deut­schen Post AG mit­tels des Tools „Post­leit­zah­len­su­che“ unter Ein­ga­be der Post­lauf­zei­ten von Ver­sand- und Emp­fangs­ort aktu­ell prüft, ob der kon­kre­te Sen­dungs­ver­lauf ihrer Post­sen­dung von dem Post­streik betrof­fen ist, und die Aus­kunft erhält, dass an den jewei­li­gen Orten streik­be­ding­te Beein­träch­ti­gun­gen nicht bekannt sind und die Zustel­lung nor­mal läuft.
Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hat am 22.05.2015 etwa zwei Stun­den nach Ein­wurf der Beru­fungs­schrift in den Brief­kas­ten das von der Deut­schen Post AG im Inter­net zur Ver­fü­gung gestell­te Infor­ma­ti­ons­por­tal genutzt und sich unter Ein­ga­be der für sei­ne geplan­te Sen­dung maß­geb­li­chen Post­leit­zah­len erkun­digt, ob es für den geplan­ten Sen­dungs­ver­lauf von Ver­sand- und Emp­fangs­ort zu streik­be­ding­ten Beein­träch­ti­gun­gen kommt. Er hat die Aus­kunft erhal­ten, dass dies nicht der Fall sei. Dabei han­delt es sich um eine aktu­el­le Aus­kunft in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chen Zusam­men­hang mit dem Ein­wurf der Sen­dung in den Brief­kas­ten. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers konn­te auf ihrer Grund­la­ge auf die Ein­hal­tung der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten und somit auf den recht­zei­ti­gen Ein­gang der Beru­fungs­schrift vor Ablauf der Beru­fungs­frist am 28.05.2015 ver­trau­en. Er war trotz des bevor­ste­hen­den ver­län­ger­ten Pfingst­wo­chen­en­des nicht gehal­ten, sich durch Nach­fra­ge Gewiss­heit über den Ein­gang des Schrift­stücks bei Gericht zu ver­schaf­fen.
Damit lagen die Vor­aus­set­zun­gen für die bean­trag­te Wie­der­ein­set­zung hier vor.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Febru­ar 2016 – V ZB 126/​15
BVerfG, NJW 2003, 1516; 2001, 1566; 1995, 1210, 1211; BGH, Beschluss vom 13.05.2004 – V ZB 62/​03, NJW-RR 2004, 1217, 1218; jeweils mwN[↩]
BVerfGE 79, 372, 375 f.; NJW 1992, 38; BGH, Beschluss vom 30.09.2003 – VI ZB 60/​02, VersR 2004, 354, 355; Beschluss vom 03.12 2009 – IX ZB 238/​08 10[↩]
vgl. BVerfG, NJW 1995, 1210, 1211; BGH, Urteil vom 09.12 1992 – VIII ZB 30/​92, NJW 1993, 1332, 1333[↩]
BGH, Beschluss vom 09.12 1992 – VIII ZB 30/​92, NJW 1993, 1332, 1333; Beschluss vom 25.01.1993 – II ZB 18/​92, NJW 1993, 1333, 1334; vgl. auch BAG, NJW 1993, 1333, 1334 sowie BVerfG, NJW 1995, 1210, 1211[↩]
vgl. dazu BVerfG, NJW 1995, 1210, 1211[↩]