Source: https://sexualrecht.de/2018/01/04/ich-bin-so-frei-der-ganz-legale-ausbruch-aus-dem-gefaengnis/
Timestamp: 2018-11-18 00:03:24
Document Index: 163140975

Matched Legal Cases: ['§ 303', '§ 121', '§ 334', '§ 240', '§ 223', '§ 113', '§ 224', '§ 239', '§ 242', '§ 246']

#Plötzensee: Der ganz legale Ausbruch aus dem Gefängnis | Kanzlei für Sexualrecht
#Plötzensee: Der ganz legale Ausbruch aus dem Gefängnis
Laut Gesetzgeber ist der Drang nach Freiheit ein völlig nachvollziehbares und natürliches menschliches Bedürfnis
Der Mensch will frei sein. Er will raus, und das nicht erst seit heute, es ist einfach ein menschliches Grundbedürfnis. Wir brauchen die Freiheit, so wie die Luft zum Atmen.
Dieser Drang nach Freiheit ist ein fester Bestandteil der menschlichen Natur. Es wird in jedem Alter und in jeder Lebenssituation fleißig abgehauen.
Dem Menschen seinen stets drängenden Freiheitsdrang zu verbieten wäre also, als würde man ihm das Atmen untersagen. Das ginge einfach zu weit. Das hat auch der Gesetzgeber bereits vor langer Zeit eingesehen, weshalb unsere Verfassung immerhin die sogenannte Freizügigkeit in Artikel 11 als eigenes Grundrecht gewährt.
Demnach darf der Mensch nur unter ganz bestimmten, durch das Gesetz geregelten Umständen seiner Freiheit beraubt werden. Und nicht zuletzt bestraft man die schlimmsten Verbrechen stets mit der sogenannten Freiheitsstrafe, umgangssprachlich auch “Knast” genannt.
Die sogenannte Strafhaft ist neben der Einweisung in die Psychiatrie zugleich auch der wichtigste Fall einer längerfristigen, durch das Gesetz ausdrücklich vorgesehenen Freiheitsberaubung.
Freiheit ist ein natürliches menschliches Bedürfnis
Was aber geschieht mit denjenigen, die durch Richterspruch zu einer Haftstrafe verurteilt wurden und die der Staat ganz legal und möglicherweise für lange Zeit ihrer Freiheit berauben will?
Die Verurteilten kommen in ein Gefängnis oder genauer gesagt: in eine Justizvollzugsanstalt. Und diese wird schwer bewacht.
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Denn der Staat zieht durchaus ernsthaft in Erwägung, dass gerade Menschen, die es womöglich mit dem Gesetz nicht immer so ganz genau genommen haben, in der Justizvollzugsanstalt in instinktive Verhaltensmuster verfallen und Opfer ihres ganz natürlichen Fluchtverhaltens werden.
Und das wird ihnen vom Gesetzgeber tatsächlich zugestanden: Flucht aus dem Gefängnis ist in Deutschland grundsätzlich straffrei. Ganz im Gegenteil zur Unfallflucht.
Laut Gesetzgeber ist der Drang nach Freiheit ein völlig nachvollziehbares und natürliches menschliches Bedürfnis und damit auch kein strafwürdiges Verhalten.
Nach dem Motto: Die Polizei fängt die Ganoven ein – die dürfen dann aber gerne auch wieder abhauen, ein ganz normales menschliches Bedürfnis. Klingt sogar eigentlich ganz nett, ein bisschen nach dem alten Kinderspiel Räuber und Gendarm.
Aber diesen Zahn muss ich Ihnen ganz schnell ziehen. Auch wenn die eigene Flucht nicht unter Strafe steht, sich bei ihr “garantiert” nicht strafbar zu machen ist eine hohe Kunst.
Nehmen wir Ma Dalton. Sie ist die Mama von vier Schurken, die ihr eins zu eins aus dem Gesicht geschnitten sind. In einem der unzähligen Lucky-Luke-Comics bringt Ma Dalton ihren Jungs einen selbstgebackenen Kuchen mit ins Gefängnis. Nach Besuchsende jedenfalls schleppen die vier Brüder die Leckerei in ihre gemeinsame Haftzelle. Dort hat Averell seinen großen Auftritt.
Er ist der älteste und dümmste, nach Auffassung der Mama aber hübscheste der vier identisch aussehenden Brüder. Averell beißt herzhaft in die Teigmasse, und, schwups, fehlt ihm ein Zahn.
Mamas Schönster hat nämlich auf eine Feile gebissen, die Mama wohl im Kuchen “vergessen” hat. Mit dieser rubbeln die vier Jungs nun die im Fenster angebrachten Gitterstäbe weg – und schon hat Ma Dalton für gute vierzig Seiten ihre Söhne wieder. Mehr werden es nicht, Lucky Luke weiß das zu verhindern.
Ausbrecher werden auch heute meistens wieder gefasst, das besagt schon die Statistik. Die bisherige Strafe muss dann weiter abgesessen werden, und es kommt meistens noch eine neue hinzu.
Der Weg zu einem erfolgreichen Ausbruch ist immer mit zahlreichen Strafbarkeitsfallen gepflastert
Die Flucht selbst bleibt zwar garantiert straflos, aber die wenigsten schaffen es, sich dabei nicht anderweitig strafbar zu machen. Der Weg zu einem erfolgreichen Ausbruch ist immer mit zahlreichen Strafbarkeitsfallen gepflastert.
Bei den Daltons haben wir es zunächst einmal mit einer Sachbeschädigung (§ 303 StGB) zu tun, schließlich haben die Gitterstäbe Vater Staat viel Geld gekostet. Und die sind nun hinüber. Glücklicherweise fallen die Strafen für Sachbeschädigungen in der Regel sehr niedrig aus. Das Risiko einer Bestrafung wäre die Chance auf eine erfolgreiche Flucht also schon mal wert.
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Das war’s aber leider noch nicht. Vier Ausbrecher sind eben manchmal drei zu viel. Die Jungs sind ja nicht voneinander unabhängig und jeder für sich alleine abgehauen. Nein, sie hatten sich extra dafür zusammengetan. Und sie sind gemeinsam “mit Gewalt” ausgebrochen, sonst gäbe es ja keine Sachbeschädigung.
Und schon kommt die sogenannte Gefangenenmeuterei (§ 121 StGB) ins Spiel. Wenn Gefangene sich nämlich “zusammenrotten”, um mit vereinten Kräften gemeinsam gewaltsam auszubrechen, dann gibt es dafür eine Freiheitsstrafe von mindestens drei Monaten.
Wobei es auch schnell deutlich mehr geben kann: Wenn einer der Jungs die Feile – ein “gefährliches Werkzeug” also – bei der Flucht mit sich führt, um sie im Bedarfsfall zu verwenden, dann gibt es bis zu zehn Jahre Haft.
Praxistipp: Führen Sie die Flucht aus dem Gefängnis also immer ganz alleine durch, weihen Sie niemanden in Ihren Plan ein. Das Rubbeln und Schmirgeln an den Gitterstäben dauert dann vielleicht länger.
Aber für den nicht ganz unwahrscheinlichen Fall, dass Sie später geschnappt werden, haben Sie dann wenigstens nur die Sachbeschädigung und damit keinen großen Ärger an der Backe. Und lassen Sie unbedingt die Feile liegen, wenn Sie fertiggeschmirgelt haben.
Flucht am “Tag der Offenen Tür
Aber auch wenn Sie sich ganz alleine aus dem Staub machen, irgendwelche begleitenden Straftaten werden sich bei Ihrer Flucht kaum vermeiden lassen. Zumindest die Tür oder das Fenster Ihrer Zelle müssen Sie beseitigen, und das geht ohne Gewalt häufig nicht.
Womit wir wieder bei Sachbeschädigung wären. Eine Ausnahme könnte für den “Tag der offenen Tür” gelten. Den gibt es lustigerweise in einigen deutschen Justizvollzugsanstalten tatsächlich, aber meistens ist die Tür nur von außen offen.
Für freie Bürger, damit die auch mal einen “Blick in die Unfreiheit” werfen können. Die Veranstaltung dient also weniger den Inhaftierten, nützt Ihnen selbst also erst mal wenig, wenn Sie nicht rein-, sondern rauswollen.
Schauen wir uns doch mal die Alternativen an: Wollen Sie garantiert nichts kaputt machen, könnten Sie einen der freundlichen Justizvollzugsbeamten höflich bitten, Ihnen Auslass zu gewähren.
Solch entgegenkommende Beamte mag es durchaus geben, aber die kosten was. Wir reden hier von Bestechung (§ 334 StGB), und die ist auch strafrechtlich gesehen nicht ganz billig. Da geht nichts unter drei Monaten Freiheitsstrafe.
Alternativ könnten Sie den Beamten statt mit Geld und guten Worten gewaltsam zu Ihrem Fluchthelfer machen. Dann reden wir von Nötigung (§ 240 StGB), vielleicht auch von Körperverletzung (§ 223 StGB) oder Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte (§ 113 StGB).
Auch das alles ist strafbar. Anders als bei der Bestechung sieht das Gesetz hier aber immerhin sogar die Möglichkeit einer Geld- statt einer Freiheitsstrafe vor.
Soll heißen, der Flüchtige fährt zumindest in der Theorie tatsächlich besser, wenn er den Beamten nicht mit reinzieht, sondern ihm lieber eins überzieht. Schon nett, wie der Staat die körperliche Unversehrtheit seiner Diener hinten anstellt.
Die filmreifste Flucht-Alternative ist also nicht immer die beste
Wie gesagt, in der Theorie. Denn es sieht sehr schnell anders aus, wenn der Staatsdiener mehr als nur ein blaues Auge davonträgt oder man irgendwelche improvisierten Waffen als Hilfsmittel verwendet. Und wie Sie einen ausgebildeten Justizvollzugsbeamten ohne Waffe, Geld und ohne ihn zu verletzen dazu bringen wollen, Ihnen beim Ausbruch zu helfen, müssen Sie mir erst mal zeigen.
Schnell kann dann statt einer einfachen auch eine sogenannte gefährliche Körperverletzung (§ 224 StGB) vorliegen. Und bei der steigt der Täter mit einer Mindestfreiheitsstrafe von sechs Monaten ein.
Anstatt den Beamten zu bequatschen oder zu hauen, könnten Sie ihn aber auch mit einem dramatischen Aufritt zum Handeln zwingen: Sie schnappen sich einen Mithäftling und halten ihm eine Knarre an den Kopf.
So machen Sie sich allerdings der Geiselnahme (§ 239b StGB) strafbar, und da geht nichts mehr unter fünf Jahren Freiheitsstrafe! Die filmreifste Alternative ist also nicht immer die beste.
Im Falle Ihrer Inhaftierung sollten Sie also die verschiedenen Ausbruchsmethoden in Ruhe gegeneinander abwägen. Zeit hat man ja. Es schadet auch nicht, sich vorher noch mal mit der aktuellen Gesetzeslage vertraut zu machen.
Ein Blick ins Gesetz spart viel Geschwätz, und Gesetzbücher hat der Staat einem mehr oder weniger gesetzestreuen Knacki stets zur Lektüre zur Verfügung zu stellen.
Praxistipp: Sehen Sie die einzige Chance zu einer Flucht aus dem Gefängnis in der Mithilfe eines Mitarbeiters der Justizvollzugsanstalt, sichern Sie sich frühzeitig dessen Vertrauen.
Wenden Sie gegen ihn Gewalt an oder wollen Sie ihn gar bezahlen, machen Sie sich schnell strafbar. Eine Möglichkeit wäre, ihn sexuell gefügig zu machen, damit er Ihnen auch ohne Bezahlung (wobei man hier streiten könnte, was “Bezahlung” genau meint) die Tür nach draußen öffnet.
Sollte es Ihnen jedenfalls am Ende tatsächlich gelingen, den Knast gänzlich straflos zu verlassen, lauern potenziell neue Gefahren. Schauen Sie doch danach einfach mal kurz an sich herunter: Diese blauen Klamotten, die Sie noch anhaben, die gehören nicht Ihnen! Man könnte Ihnen also Diebstahl (§ 242 StGB) oder zumindest Unterschlagung (§ 246 StGB) vorwerfen.
Sie sehen: Immer ist also was. Der, der sich alleine und ohne Straftaten auf die Flucht begibt, sollte sich deshalb vorher überlegen, es vielleicht nackig zu tun – wobei die Jahreszeit und die aktuell herrschende Temperatur draußen berücksichtigt werden sollten.
Aber Vorsicht: Wenn Sie ein Mann sind, wartet im Zweifel schon das nächste Strafgesetz auf Sie, denn Exhibitionismus ist strafbar. {..} Sie könnten, sofern Sie ein Mann sind, als Kompromiss nur eine Anstaltsunterhose tragen, dann fiele ein Exhibitionismus weg.
Und mit Blick auf den geringen Wert einer einzelnen Unterhose könnte das Verfahren wegen Diebstahl aufgrund Geringwertigkeit des Tatobjekts eingestellt werden. Vielleicht arbeiten Sie aber auch mit anderen Häftlingen in der hausinternen Schneiderei. Dann könnte es Ihnen gelingen, sich heimlich das Nötigste selbst zu schneidern. Vielleicht ja einen praktischen Hosenanzug.
Praxistipp: Besitzen Sie in Ihrer Zelle keine eigene Kleidung, machen Sie sich nackig, bevor Sie Ihren Ausbruch begehen. Sehen Sie aber zu – und dieser Tipp gilt nur für Männer –, Ihr Gemächt zu bedecken, mit etwas, das Ihnen gehört.
Mit einem Buch vielleicht. Bedecken Sie mit diesem Buch immer dann Ihre Blöße, wenn Sie jemandem begegnen. Wenn Sie niemand sieht – zum Beispiel später in Ihrem Versteck –, können Sie das Buch auch lesen, ohne es vor Ihr Gemächt zu halten. Denn ohne Zeugen natürlich auch kein Exhibitionismus.
Fliehen ist lebensgefährlich
Aber vielleicht überlegen Sie es sich noch mal, wenn ich Ihnen folgende Frage stelle: Hängen Sie am Leben? Warum will ich das wissen? Darum: Um einen Ausbruch zu wagen, sollten Sie persönlich besser an einem Punkt angekommen sein, an dem Sie Ihr Leben für, sagen wir, disponibel halten. Sie könnten es bei Ihrer Flucht nämlich verlieren.
Ja, Sie haben richtig gelesen. Wird vom Gesetzgeber nämlich einerseits großmütig der Freiheitsdrang des Menschen in Ehren gehalten, so hatte er diese hehre Gesinnung im nächsten Moment vermutlich nicht mehr auf dem Schirm – jedenfalls zum Zeitpunkt der Verabschiedung der sogenannten Strafvollzugsgesetze. Dort steht nämlich, dass Ausbrecher auf der Flucht angeschossen werden dürfen!
Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch Garantiert nicht strafbar – Wie Sie ganz legal schwarzfahren, Drogen konsumieren und aus dem Gefängnis ausbrechen
01.03.2017, 256 S.
ISBN: 978-3-426-78899-8
http://www.huffingtonpost.de/entry/gefangene-ausbrechen-gefaengnis_de_5a4d0e66e4b06d1621bc81c8?utm_hp_ref=de-politik
2018-01-08T23:50:22+00:00	Von Dr. Stevens|