Source: https://m.grin.com/document/192045
Timestamp: 2020-08-14 00:07:19
Document Index: 270235967

Matched Legal Cases: ['§ 129', '§ 66', '§ 66', '§ 62', '§ 129', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 61', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 67', '§ 63', '§ 66', '§ 63', '§ 66', '§ 67', '§ 67', '§ 66', '§ 66', '§ 67', '§ 63', '§ 64', '§ 2', '§129']

Soziale Arbeit gegen den Rest der Gesellschaft!? - GRIN
von Nina Herold (Autor)
2. Begriffsbestimmung „Sicherungsverwahrung“
3. Relevanz des Themas
4. Resozialisierung von Haftentlassenen der Sicherungsverwahrung
4.1 Begriffsbestimmung „Resozialisierung“
4.2 Notwendige Ausgestaltung der Resozialisierung anhand ausge- 8 wählter Theorien
4.4 Praktische Umsetzung der Resozialisierung
4.5 Stigmatisierung
Abbildungsverzeichinis
1. Strafgefangene in Sicherungsverwahrung von 2007 bis 2011
2. Prozentualer Anteil der Sicherungsverwahrten (Stichtag jeweils 31. März)
3. Familienstand von Sicherungsverwahrten und Strafgefangenen 2008
Auf Grund des Urteils des Bundesverfassungsgerichtes vom Mai 20111 gibt es derzeit einen Wandel in der Ausgestaltung der Sicherungsverwahrung. Die Justizvollzugsanstal­ten, in denen Sicherungsverwahrte untergebracht werden, müssen ihre Konzeption so ausgestalten, dass ein freiheitsorientierter und therapiegerichteter Vollzug [...]‘‘2 ge­währleistet wird. Auf diese Weise können die betroffenen Einrichtungen den durch die Unterbringung eingeschränkten Grundrechten sowie dem in § 129 StVollzG formulierten Ziel der Unterbringung gerecht werden. Dieses Ziel umfasst neben der Schutzfunktion der Bevölkerung auch eine Hilfestellung zur Eingliederung der Verwahrten in ein Leben in Freiheit.3 Durch dieses Urteil nähern sich die Justizvollzugsanstalten der Arbeitsweise Sozialtherapeutischer Anstalten an, in denen es (nicht nur für Sicherungsverwahrte) ein umfassendes Therapieangebot, beispielsweise durch Psychologen4 und Sozialarbeiter, gibt. Dies ermöglicht den Strafgefangenen sich mit ihrerTat intensiv auseinanderzusetzen und senkt, laut einer Studie der Martin-Luther-Universität in Halle, die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholungstat.5
Trotz der beschriebenen positiven Veränderung stellt sich die Frage, was mit den Perso­nen geschieht, die aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden. Diese Frage soll in meiner Bachelorarbeit behandelt werden, da die Soziale Arbeit im Bereich der Resoziali­sierung eine wichtige Funktion hat. Die Maßregelinsassen sind nach ihrer Entlassung ei­ner Vielzahl von Stressoren ausgesetzt, denen entgegengewirkt bzw. mit denen ein kon­struktiver Umgang ermöglicht werden muss, um ein straffreies Leben fördern zu können. Diese Stressoren ergeben sich beispielsweise aus finanziellen Schwierigkeiten, in Folge abgebrochener sozialer Beziehungen, durch Probleme bei der Arbeitsplatzsuche oder durch Stigmatisierung im Lebensumfeld.
Es soll genauer betrachtet werden, welche bisher noch nicht umfassend umgesetzten Aufgaben sich in diesem Arbeitsfeld ergeben. Dabei kann es sein, dass in dieser Arbeit Fragen auftauchen, die nicht abschließend beantwortet werden können. Dennoch erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Thematik, um Perspektiven und eventuell weitere Auf­gabengebiete für die Soziale Arbeit zu entwickeln und aufzuzeigen.
Für eine kurze thematische Einführung wird zunächst der Begriff der Sicherungsverwah­rung geklärt. Anschließend wird dargestellt, wie viele Personen von der Maßregel nach §§ 66 ff. StGB betroffen sind und wie sich die Anzahl entwickelt hat, um die Relevanz des gewählten Themas zu begründen. Der darauffolgende Hauptteil beschäftigt sich mit dem Begriff der Resozialisierung und seiner Vereinbarkeit mit der Sozialen Arbeit, ausgewähl­ten Theorien, die die Resozialisierung untermauern, den rechtlichen Rahmenbedingungen für die Resozialisierung Sicherungsverwahrter, den Bausteinen, die die praktische Umset­zung der Resozialisierung enthalten soll und der Stigmatisierung als besonderer Anknüp­fungspunkt Sozialer Arbeit. Im abschließenden Teil folgen eine Zusammenfassung und die Entwicklung von Perspektiven für die Soziale Arbeit.
Um den Umfang der Arbeit einzugrenzen, beschränkt sie sich lediglich auf das Erwachse­nenstrafrecht; das Jugendstrafrecht wird außer Acht gelassen.
Die Sicherungsverwahrung ist in den §§ 66 bis 67g StGB geregelt. Es handelt sich hier­bei, neben z.B. der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder der Füh­rungsaufsicht, um eine Maßregel der Besserung und Sicherung. All diese Maßregeln un­terliegen dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, der in § 62 StGB beschrieben ist.
Die Maßregel der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung tritt nach dem „regulären“ Verbüßen der Freiheitsstrafe ein und hat statt einem strafenden einen sichernden Charak­ter, da sie an der Gefahr des Täters anknüpft, die im Anschluss an die Freiheitsstrafe wei­terhin von ihm ausgeht. Ihr Zweck liegt also darin spezialpräventiv zukünftigen Straftaten entgegenzuwirken, indem der Täter gebessert und gesichert wird (§ 129 StVollzG). Es wird dabei im Interesse und zum Schutz der Gesellschaft gehandelt.
Neben der Sicherungsverwahrung nach § 66 StGB gibt es zusätzlich noch die Variante der vorbehaltenen Sicherungsverwahrung (§ 66a StGB) und der nachträglichen Siche­rungsverwahrung (66b StGB). Diese drei Möglichkeiten werden in den folgenden Ab­schnitten beschrieben.
Die Sicherungsverwahrung gemäß § 66 StGB wird zum Urteilszeitpunkt angeordnet. Vo­raussetzung dafür ist, dass der Betroffene wegen einer vorsätzlichen Straftat, die in § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB aufgeführt ist (z.B. Straftat gegen die körperliche Unver­sehrtheit), zu mindestens zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wird. Ebenso muss er we­gen vorheriger Taten, die unter § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB fallen, bereits zwei Mal zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt worden sein (§ 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 StGB). Dies verdeutlicht, dass es sich bei der Sicherungsverwahrung um eine „Ulti- ma Ratio“ handelt, die greift, wenn andere Maßnahmen nicht ausreichend Wirkung ge­zeigt haben.6 Eine weitere Voraussetzung ist, dass der Täter wegen einer der in § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB beinhalteten Taten vor dem Begehen der neuen Tat min­destens zwei Jahre Freiheitsstrafe verbüßt oder sich im Vollzug einer Maßregel gemäß § 61 StGB befunden hat (§ 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3). Darüber hinaus muss eine Gesamt­würdigung des Täters ergeben, dass er,,[...] infolge eines Hanges zu erheblichen Strafta­ten, namentlich zu solchen, durch welche die Opfer seelisch oder körperlich schwer ge­schädigt werden, zum Zeitpunkt der Verurteilung für die Allgemeinheit gefährlich ist.“7 Das Gericht kann die Maßregel der Sicherungsverwahrung nach § 66 Abs. 2 StGB ohne eine vorausgegangene Verurteilung anordnen, wenn der Betroffene drei Straftaten nach § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB begangen hat, die jeweils ein Jahr Freiheitsstrafe betragen hätten, er wegen dieser Taten zu mindestens drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wird und die Voraussetzung des Hangs nach § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB gegeben ist.
§ 66 Abs. 3 StGB beinhaltet, dass die Sicherungsverwahrung durch das Gericht angeord­net werden kann, wenn der Täter wegen einer der im selben Absatz beschriebenen Taten zu mindestens zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde und bereits vorher wegen einer oder mehrerer dieser Taten zu einer Freiheitsstrafe von mindestens drei Jahren verurteilt wurde. Dafür müssen die oben beschriebenen Voraussetzungen von § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 und 4 StGB erfüllt sein.
Eine zweite Möglichkeit, die in § 66 Abs. 3 Satz 2 StGB beschrieben ist, besagt, dass die Sicherungsverwahrung neben der Strafe auch bei Ersttätern angeordnet werden kann, bei denen keine vorhergehende Freiheitsentziehung oder Verurteilung vorliegt. Vorausset­zung dafür ist, dass die Person zwei der in § 66 Abs. 3 Satz 1 StGB beschriebenen Taten begangen hat, die mit mindestens zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden wären, und sie aufgrund einer oder mehrerer dieser Taten zu mindestens drei Jahren Freiheits­strafe verurteilt wird. Ebenso müssen die Voraussetzungen des § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB gegeben sein.
Die im Urteil vorbehaltene Sicherungsverwahrung gemäß § 66a StGB kann durch das Gericht bei zwei unterschiedlichen Konstellationen ausgesprochen werden. Die erste wird durch Abs. 1 definiert und kann eintreten, wenn eine Straftat nach § 66 Abs. 3 Satz 1 StGB begangen wurde und die Voraussetzungen nach § 66 Abs. 3 StGB zutreffen, aber die Gefährlichkeit des Straftäters nach § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 nicht hinreichend feststell­bar ist.
Die zweite Konstellation ist in Abs. 2 definiert und kann eintreten, wenn eine Person zu einer mindestens fünfjährigen Freiheitsstrafe wegen einer unter Nr. 1 beschriebenen Tat verurteilt wird, die Voraussetzungen des § 66 StGB jedoch nicht erfüllt sind und eine Ge­fährlichkeit des Täters wahrscheinlich ist.
Die nachträgliche Anordnung der Sicherungsverwahrung nach § 66b StGB kann durch das Gericht im Anschluss an die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus laut § 67d Abs. 6 StGB erfolgen. Voraussetzung dafür ist, dass die Ursache der Unter­bringung nach § 63 StGB Straftaten des § 66 Abs. 3 Satz 1 StGB waren, oder dass der Täter ,,[...] wegen einer oder mehrerer solcher Taten, die er vor der zur Unterbringung nach § 63 führenden Tat begangen hat, schon einmal zu einer Freiheitsstrafe von mindes­tens drei Jahren verurteilt oder in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wor­den war [,..].“8 Zusätzlich muss, ähnlich wie in § 66 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 StGB beschrieben, unter Berücksichtigung seiner Entwicklung während des Strafvollzugs, weiterhin eine Ge­fahr vom Täter ausgehen.
Die Dauer der Sicherungsverwahrung ist nicht vorgegeben. Gemäß § 67d Abs. 2 StGB wird sie aufgehoben und zur Bewährung ausgesetzt, wenn durch die Entwicklung des Delinquenten zu erwarten ist, dass er nach seiner Entlassung keine weiteren Straftaten begehen wird. Abs. 3 besagt, dass die Sicherungsverwahrung beendet wird, wenn zehn Jahre vollzogen wurden und von keiner weiteren Gefahr des Täters ausgegangen werden kann. In § 67e StGB ist festgesetzt, dass das Gericht von Beginn der Unterbringung an im Abstand von maximal zwei Jahren überprüfen muss, ob die Sicherungsverwahrung zur Bewährung ausgesetzt oder für erledigt erklärt werden muss.
Laut einer Erhebung von Axel Dessecker im Auftrag der Kriminologischen Zentralstelle e.V., bei der im Jahr 2009 die ehemaligen und die in demselben Jahr entlassenen Siche­rungsverwahrten befragt wurden, waren fast die Hälfte der Ehemaligen für eine Dauer von weniger als fünf Jahren in der Maßregel untergebracht und ein Fünftel zwischen fünf und zehn Jahren. Die Hälfte der Entlassenen hatte mehr als sieben Jahre im Maßregelvollzug der Sicherungsverwahrung verbracht. Insgesamt war die Aufenthaltsdauer in der Maßre­gel schwankend, 2009 lag sie zwischen acht Tagen und 19 Jahren.9
Die Relevanz des Themas soll in diesem Abschnitt mit Hilfe unterschiedlicher Statistiken dargestellt werden. Sie ergibt sich aus der Anzahl der von Sicherungsverwahrung betrof­fenen Personen, sowie der Anzahl derjenigen, die aus der Maßregel entlassen wurden.
Bis zum Jahr 2010 stieg die Anzahl der nach §§ 66 ff. StGB in Sicherungsverwahrung untergebrachten Personen kontinuierlich an (siehe Abbildung 1). In diesem Jahr befanden sich 109 Gefangene mehr in der Sicherungsverwahrung als drei Jahre zuvor. Auch ge­messen an den Zahlen aller Strafgefangenen in Deutschland fand die Sicherungsverwah­rung im Jahr 2010 mit 0,86 Prozent ihren Höhepunkt (siehe Abbildung 2). Im Jahr 2011 waren bereits 37 Personen weniger in der Sicherungsverwahrung untergebracht als im Jahr zuvor, was 0,68 Prozent der gesamten Inhaftierten Deutschlands entsprach.
Bei den genannten Zahlen ist zu beachten, dass die Anzahl der Sicherungsverwahrten nicht mit der,,[...] tatsächlichen Personenzahl, denen die Freiheit aufgrund einer Anord­nung gemäß §§ 66 ff. StGB entzogen wird, übereinstimmt.“10 Der Grund dafür ist zum einen, dass hierbei lediglich Personen erfasst sind, die sich vor dem Erhebungsstichtag, dem 31. März, im Maßregelvollzug befanden. Zum anderen, dass diejenigen, [...] die vor diesem Stichtag gemäß § 67a Abs. 2 Satz 1 StGB aus der Sicherungsverwahrung in ein psychiatrisches Krankenhaus (§ 63 StGB) oder eine Erziehungsanstalt (§ 64 StGB) über­wiesen wurden [...f11 nicht mehr als Sicherungsverwahrte erfasst werden, obwohl sie es in formeller Hinsicht weiterhin sind.12
Abbildung 2: Prozentualer Anteil der Sicherungsverwahrten (Stichtagjeweils 31. März)13
In einer Studie von Axel Dessecker für die Kriminologische Zentralstelle14 e.V. von 2010 wird ersichtlich, dass im Jahr2007 aus der Sicherungsverwahrung 16 Personen entlassen wurden; ein Jahr später waren es 17 Personen und im Jahr 2009 handelte es sich um 25.15 Prozentual verglichen mit der Gesamtanzahl an Insassen dieser Maßregel waren das im Jahr 2007 3,86 Prozent, ein Jahr später 3,9 und im Jahr 2009 5,25.
Durch die Neuordnung des Rechts der Sicherungsverwahrung vom 22. Dezember 2010 werden circa 70 bis 160 der sogenannten „Altfälle“, die nach dem bisherigen Recht verur­teilt wurden und deren jeweilige Deliktart in der neuen Gesetzesformulierung nicht mehr inbegriffen ist, aus der Maßregel entlassen.16 Dies könnte die Entlassungszahlen in Zu­kunft erhöhen, insofern die betroffenen Personen nicht nach dem neuen Therapieunter­bringungsgesetz (ThUG) in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht werden.17
Aus den aufgeführten Zahlen lässt sich erkennen, dass der Anteil von Sicherungsver­wahrten gemessen an allen Strafgefangenen in Deutschland nur sehr gering ist. Ebenso wurden bisher jährlich nur wenige aus dieser Maßregel entlassen. Dennoch ist es für die Soziale Arbeit von Nöten sich mit diesen Personen auseinanderzusetzen, da auch sie nach ihrer Entlassung die Möglichkeit zur Reintegration benötigen, wobei sie sich einigen Schwierigkeiten stellen müssen, welche sich vor allem durch den langen Haftaufenthalt, die Schwere der begangenen Tat und vorhergehenden Erfahrungen gescheiterter Reso­zialisierung ergeben. Nur so kann es gelingen ihrer Gefährlichkeit nachhaltig entgegen­zuwirken und einen (erneuten) Rückfall zu vermeiden.
Die Resozialisierung stellt laut § 2 StVollzG das Ziel sowie auch die Aufgabe des Straf­vollzugs dar. Für Personen, die sich im Maßregelvollzug der Sicherungsverwahrung be­finden, ist dieses Ziel der Unterbringung zudem in §129 Satz 2 StVollzG bestimmt.
Soziale Randgruppen, vor allem Straftäter, sollen mit Hilfe von Maßnahmen innerhalb und außerhalb des Strafvollzugs in die Gesellschaft (wieder-)eingegliedert werden. Vorherr­schende negative Eigenschaften, die in der Sozialisation begründet sind, sollen durch Maßnahmen, wie beispielsweise Therapieangebote, behoben werden, um eine wiederhol­te Straffälligkeit oder anderes abweichendes Verhalten zu vermeiden und ein verantwor­tungsvolles Leben in Freiheit zu fördern. Bei der Resozialisierung wird die Ursache der Straftat vorwiegend in der mangelnden gesellschaftlichen Integration gesehen anstatt im Individuum. Resozialisierung stellt folglich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar. Die Gesellschaft muss einen Teil der Verantwortung tragen, um nicht nur Integration, sondern Teilhabe im Sinne von Inklusion zu ermöglichen.18
Betrachtet man die Definition der Sozialen Arbeit, so wird erkennbar, dass sie sehr gut mit der Resozialisierung vereinbar ist. Sie ,,[...] fördert den sozialen Wandel und die Lösung von Problemen in zwischenmenschlichen Beziehungen, und sie befähigt die Menschen, in freier Entscheidung ihr Leben besser zu gestalten.“19
Für die Resozialisierung bedeutet dies, dass die Soziale Arbeit sich (auf individueller, poli­tischer und gesellschaftlicher Ebene) für die Partizipation ihrer Klienten einsetzt, um eine Basis zu schaffen auf der freie Entscheidungen getroffen werden können, da keine Aus­grenzungsprozesse stattfinden. Ebenso arbeitet sie mit straffällig gewordenen Menschen, zum Beispiel an ihren Verhaltensweisen, Einstellungen oder der Erweiterung ihrer Hand­lungskompetenzen bzw. -optionen, um sie zu befähigen und ihnen die Rückkehr in die Freiheit zu ermöglichen. Die Teilnahme an den Resozialisierungsangeboten der Sozialen Arbeit ist in der Regel freiwillig, was vor dem Hintergrund eines selbstbestimmten Lebens durchaus sinnvoll ist. Daraus ergibt sich als weitere Aufgabe für die Sozialarbeiter die Strafgefangenen zur Teilnahme zu motivieren und Resignation entgegenzuwirken, indem beispielsweise Perspektiven aufgezeigt werden.
4.2 Notwendige Ausgestaltung der Resozialisierung anhand ausgewählter Theorien
In der Sozialen Arbeit und ihren Bezugswissenschaften gibt es eine Vielzahl an Theorien, mit denen die notwendige Ausgestaltung der Resozialisierung zum Abbau der in der Ein­leitung skizzierten Stressoren begründet werden kann. All diese theoretischen Ansätze aufzugreifen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, daher werden hier nur die Sys­temtheorie, die soziale Unterstützungstheorie, die Arbeitsform Gemeinwesenarbeit und zwei ausgewählte Kriminalitätstheorien beschrieben.
Die Systemtheorie nach Peter Lüssi ist ein ganzheitlicher Ansatz. Es wird davon ausge­gangen, dass jeder Mensch sich in unterschiedlichen Systemen bewegt, in denen er ver­schiedene Rollen einnimmt. In der systemischen Arbeit soll daher nicht nur der Siche­rungsverwahrte betrachtet werden, sondern die gesamten Systeme, denen er angehört und die in Wechselwirkung miteinander stehen. Dadurch soll im Rahmen der Resozialisie- rung über die Arbeit mit dem Maßregelinsassen, beispielsweise in Form von Therapie, hinaus auch mit weiteren wichtigen Systemangehörigen, wie z.B. Familienmitgliedern und der Öffentlichkeit gearbeitet werden. Ursachen, die zur Straffälligkeit geführt haben, wer­den dabei nicht ausschließlich beim Täter, sondern ebenfalls in seinen Beziehungen ge­sucht. Es kann beispielsweise sein, dass einzelne seiner Systeme nicht miteinander har­monieren oder ein System sich dysfunktional verhält.20 Diese Aspekte sind wichtige An­knüpfungspunkte für die Resozialisierung, um einen nachhaltigen Erfolg zu schaffen, der zu dem Klienten mit seinen Rollen in den unterschiedlichen Systemen passt. Die Res­sourcen des Maßregelinsassen, die in seinem Alltag in Freiheit vorhanden waren, sollen erhalten bzw. wiederhergestellt und Dysfunktionen abgebaut werden. Um dies zu errei­chen muss der umfassende Auftrag Sozialer Arbeit bereits während des Maßregelvoll­zugs beginnen und auch nach der Entlassung eine durchgehende Betreuung und Unter­stützung im Alltag gewährleisten.
Die Theorie der Sozialen Unterstützung aus der Klinischen Sozialarbeit nennt das Ziel, dass der Klient ein soziales Immunsystem entwickelt. Das bedeutet, dass der Klient in der Lage ist mit seinem sozialen Umfeld umzugehen. Zu diesem sozialen Umfeld gehören vor allem Familienangehörige, Freunde oder andere Vertrauenspersonen, sowie Personen, mit denen der Klient alltäglich in Kontakt steht. Dadurch soll seine allgemeine Gesundheit verbessert werden.
Dabei gibt es fünf unterschiedliche Formen von Unterstützung: die emotionale Unterstüt­zung, welche z.B. Wertschätzung und Förderung des Selbstwertgefühls beinhaltet; die Unterstützung durch positiven sozialen Kontakt, was den Zugang zu Bezugspersonen des Klienten bedeutet; die instrumentelle Unterstützung, welche sich in konkreten Hilfen zur Lebensbewältigung zeigt; die informationelle Unterstützung, welche den Zugang zu wich­tigen und verständlichen Informationen gewährt; und die Bewertungs- und Einschät­zungsunterstützung, wodurch der Klient Situationen umbewerten und Einschätzungen treffen kann.
Wird diese soziale Unterstützung wahrgenommen, erlebt der Betroffene weniger Stress, da er die jeweilige Situation nicht als Hürde wahrnimmt, und in der Lage ist Belastungen (mit dem Wissen, dass auf andere Personen zurückgegriffen werden kann oder mit der konkreten Hilfe anderer) besser zu bewältigen.21
Setzt man diese Theorie in Bezug zur Resozialisierung, dann bedeutet dies, dass der Sicherungsverwahrte einerseits unterstützt werden muss, um zu erkennen, welches so­ziale Umfeld er hat und welche Formen der Unterstützung darin vorhanden sind.
1 vgl. Bundesverfassungsgericht, URL: http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/ rs20110504_2bvr236509.html (Zugriff am 18.02.2012)
2 BVerfG, 2 BvR 2365/09 vom 4.5.2011, Absatz-Nr. 101
3 vgl. Arloth 2011, S. 476
4 In dieser Arbeit wird auf Grund der Übersichtlichkeit und des besseren Verständnisses bei den er­wähnten Personengruppen lediglich die männliche Form verwendet (z.B. Psychologen statt Psy­chologinnen). Die weibliche Form ist dabei immer mit einbegriffen.
5 vgl. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, URL: http://bussmann.jura.uni-halle.de/sotha/ (Zugriff am 18.02.2012)
6 vgl. Bartsch 2010, S. 55 f.
7 Rössner / Best 2011, S. 622
8 Rössner / Best 2011, S. 647
9 vgl. Dessecker2011, S. 28 f., URL: http://www.krimz.de/fileadmin/dateiablage/forschung/texte/LF _SV_2009.pdf (Zugriff am 18.02.2012)
10 Bartsch 2010, S. 154
11 Bartsch 2010, S. 154
12 vgl. Bartsch 2010, S. 154
13 vgl. Statista, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/75094/umfrage/strafgefangene-in- sicherungsverwahrung/ (Zugriff am 18.02.2012)
14 vgl. Statistisches Bundesamt, URL: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/ Internet/DE/Content/Publikationen/Fachveroeffentlichungen/Rechtspflege/StrafverfolgungVollzug /Strafvollzug2100410117004,property=file.pdf (Zugriff am 18.02.2012)
15 vgl. Dessecker, S. 32, URL: http://www.krimz.de/fileadmin/dateiablage/forschung/texte/LF_SV_ 2009.pdf (Zugriff am 18.02.2012)
16 vgl. Lehrstuhl Dünkel, URL: http://www.rsf.uni-greifswald.de/duenkel/publikationen/internet/ greifswalder-appell/print.html (Zugriff am 18.02.2012)
17 vgl. Bundesgerichtshof, URL: http://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/
BibliothekGesetzesmaterialien/17_wp/Sicherungsverwahrung/bgbl.pdf;jsessionid=40ACEC63C 57DD2505A19DA022FBAE6E6.2_cid136?__ blob=publicationFile (Zugriff am 01.12.2011)
18 vgl. Brockhaus 2006, S. 39
19 Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit, S. 1, URL: www.dbsh.de/internationale.pdf (Zugriff am 18.02.2012)
20 vgl. Lüssi 2008, S. 65 ff.
21 vgl. Pauls 2007, S. 103 ff.
9783656177302
9783656178309
v192045
Sicherungsverwahrung Resozialisierung Soziale Arbeit Gesellschaft