Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/der-steuerbescheid-rechtsschutzbeduerfnis-3127468
Timestamp: 2019-10-14 01:28:04
Document Index: 171018315

Matched Legal Cases: ['§ 119', '§ 133', '§ 151', '§ 172', '§ 164', '§ 132']

Der geän­der­te Steu­er­be­scheid – und das Rechts­schutz­be­dürf­nis des Finanz­am­tes | Rechtslupe
Der geänderte Steuerbescheid - und das Rechtsschutzbedürfnis des Finanzamtes
Der geän­der­te Steu­er­be­scheid – und das Rechts­schutz­be­dürf­nis des Finanz­am­tes
Ist unklar und strei­tig, ob das Ver­hal­ten des Finanz­am­tes zu einer Erle­di­gung des Rechts­streits zwi­schen den Instan­zen geführt hat, besteht ein Rechts­schutz­be­dürf­nis des im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren unter­le­ge­nen Finanz­amt für die Revi­si­on.
Zwar fehlt oder ent­fällt das Rechts­schutz­be­dürf­nis für ein Rechts­mit­tel des Finanz­am­tes, wenn es durch Erlass des begehr­ten Ver­wal­tungs­akts vor­be­halts­los dem vom Finanz­ge­richt als recht­mä­ßig beur­teil­ten Kla­ge­be­geh­ren ent­spricht 1.
Davon ist der Bun­des­fi­nanz­hof im hier ent­schie­de­nen Streit­fall aber nicht aus­ge­gan­gen:
Nach § 119 Abs. 1 AO muss ein Ver­wal­tungs­akt inhalt­lich hin­rei­chend bestimmt sein. Einem Ver­wal­tungs­akt muss der Rege­lungs­in­halt ein­deu­tig zu ent­neh­men sein 2. Ob die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, ist im Wege der Aus­le­gung unter Berück­sich­ti­gung der Aus­le­gungs­re­geln der §§ 133, 157 BGB zu ermit­teln. Ent­schei­dend sind der erklär­te Wil­le der Behör­de und der sich dar­aus erge­ben­de objek­ti­ve Erklä­rungs­in­halt der Rege­lung, wie ihn der Emp­fän­ger nach den ihm bekann­ten Umstän­den unter Berück­sich­ti­gung von Treu und Glau­ben ver­ste­hen konn­te 3. Zur Aus­le­gung ist das Revi­si­ons­ge­richt befugt, wenn die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt hier­zu aus­rei­chen 4.
Bei der Aus­le­gung der "Beschei­de" vom 19.01.2017 ist zu berück­sich­ti­gen, dass die­se erkenn­bar über­flüs­sig gewe­sen sind, denn eine Ver­pflich­tung des Finanz­amt zum Erlass eines Ver­wal­tungs­akts ergibt sich nur aus rechts­kräf­ti­gen oder vor­läu­fig voll­streck­ba­ren gericht­li­chen Ent­schei­dun­gen. Urtei­le auf Anfech­tungs- und Ver­pflich­tungs­kla­gen kön­nen aber nur wegen der Kos­ten für vor­läu­fig voll­streck­bar erklärt wer­den (§ 151 Abs. 3 FGO) 5.
Es ist letzt­lich offen­ge­blie­ben, in wel­cher Form das Finanz­amt eigent­lich tätig wer­den woll­te, weil sein Ver­hal­ten wider­sprüch­lich war. Das Finanz­amt hat zwar unter dem 19.01.2017 jeweils einen "Bescheid über Umsatz­steu­er" 2009 und 2010 erlas­sen und dabei zum Aus­druck gebracht, dass es sich um Ände­run­gen der Beschei­de vom 12.02.2013 (2009) bzw. 25.09.2013 (2010) nach § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO (2009) oder § 164 Abs. 2 AO (2010) han­deln soll­te. Den­noch ist unklar geblie­ben, ob es sich hier­bei um dem vom Finanz­ge­richt als recht­mä­ßig beur­teil­ten Kla­ge­be­geh­ren vor­be­halt­los ent­spre­chen­de Ver­wal­tungs­ak­te han­deln soll­te. Denn das Finanz­amt hat in den "Beschei­den" zugleich mit­ge­teilt, dass es sich um eine "Berech­nung … auf­grund des Urteils des Finanz­ge­richts vom 21.11.2016 … (und) ledig­lich um den Voll­zug des Urteils und um kei­ne Ent­schei­dung nach § 132 AO über die Rück­nah­me, Ände­rung oder Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Bescheids" han­deln soll­te. Auch die Rechts­be­helfs­be­leh­rung soll­te nicht für die­se Berech­nung gel­ten.
Ist ‑wie hier- unklar und strei­tig, ob das Ver­hal­ten des Finanz­amt zu einer Erle­di­gung des Rechts­streits zwi­schen den Instan­zen geführt hat, besteht ein Rechts­schutz­be­dürf­nis des im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren unter­le­ge­nen Finanz­amt für die Revi­si­on 6.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urtei­le vom 21. Juni 2017 – V R 3/​17
BFH, Beschlüs­se vom 30.12 2004 – XI R 80/​03, BFH/​NV 2005, 1572; vom 01.12 1993 – X R 99/​91, BFHE 173, 9, BSt­Bl II 1994, 305; vom 02.10.1992 – VI B 105/​91, BFHE 169, 20, BSt­Bl II 1993, 57; vom 17.11.1981 – VIII R 193/​80, BFHE 135, 21, BSt­Bl II 1982, 263[↩]
z.B. BFH, Urtei­le vom 26.11.2009 – III R 87/​07, BFHE 227, 466, BSt­Bl II 2010, 429; vom 22.08.2007 – II R 44/​05, BFHE 218, 494, BSt­Bl II 2009, 754[↩]
BFH, Urtei­le vom 27.10.2015 – VIII R 59/​13, BFH/​NV 2016, 726; vom 21.07.2011 – II R 6/​10, BFHE 234, 474, BSt­Bl II 2011, 906; vom 15.04.2010 – V R 11/​09, BFH/​NV 2010, 1830; vom 26.11.2009 – III R 67/​07, BFHE 228, 42, BSt­Bl II 2010, 476; in BFHE 227, 466, BSt­Bl II 2010, 429; vom 09.04.2008 – II R 31/​06, BFH/​NV 2008, 1435; in BFHE 218, 494, BSt­Bl II 2009, 754; vom 11.07.2006 – VIII R 10/​05, BFHE 214, 18, BSt­Bl II 2007, 96[↩]
z.B. BFH, Urteil in BFH/​NV 2016, 726[↩]
vgl. BFH, Beschluss in BFHE 173, 9, BSt­Bl II 1994, 305[↩]
vgl. BFH, Beschluss in BFHE 173, 9, BSt­Bl II 1994, 305; BFH-Zwi­schen­ur­teil vom 15.06.1983 – II R 30/​81, BFHE 138, 517, BSt­Bl II 1983, 680[↩]
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