Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Betriebsrat_keine_Anhoerung_zu_Kuendigung_vor_konstituierender_Sitzung_LAG_Duesseldorf_12Sa336-09.html
Timestamp: 2017-09-25 09:35:54
Document Index: 104182819

Matched Legal Cases: ['§ 29', '§ 26', '§ 26', '§ 102', '§ 102', '§ 102', '§ 102', '§ 26', '§ 21', '§ 29', '§ 102']

HENSCHE Arbeitsrecht: Betriebsrat - keine Anhörung zu Kündigung vor konstituierender Sitzung
Be­triebs­rat - kei­ne An­hö­rung zu Kün­di­gung vor kon­sti­tu­ie­ren­der Sit­zung
LAG Düs­sel­dorf: kei­ne Be­triebs­rats­an­hö­rung zu Kün­di­gung vor kon­sti­tu­tie­ren­der Sit­zung: Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 24.06.2009, 12 Sa 336/09
01.09.2009. Der Be­triebs­rat muss vor je­der Kün­di­gung an­ge­hört wer­den. Das ist ei­nes der wich­tigs­ten Rech­te im Rah­men der Mit­be­stim­mung in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten.
Frag­lich ist al­ler­dings, ob der Be­triebs­rat be­reits in der Zeit zwi­schen sei­ner Wahl und der ers­ten ("kon­sti­tu­ie­ren­den") Sit­zung zu ei­ner vom Ar­beit­ge­ber be­ab­sich­tig­ten Kün­di­gung an­ge­hört wer­den muss.
Die­se Fra­ge ist durch das Ge­setz nicht klar be­ant­wor­tet. Jetzt hat­te je­doch das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düs­sel­dorf die Mög­lich­keit, sich da­zu zu äu­ßern: LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 24.06.2009, 12 Sa 336/09.
Betriebsrat: Mitbestimmung in personellen Angelegenheiten vor konstituierender Sitzung?
Ist ein Be­triebs­rat neu gewählt, ist der Wahl­lei­ter gemäß § 29 Abs.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) ver­pflich­tet, die Mit­glie­der des neu gewähl­ten Be­triebs­rats vor Ab­lauf ei­ner Wo­che nach dem Wahl­tag ein­zu­be­ru­fen, da­mit sie ih­rer aus § 26 Abs.1 Be­trVG fol­gen­den Pflicht nach­kom­men, ei­nen Vor­sit­zen­den zu wählen.
Die­se erst­ma­li­ge Sit­zung des frisch gewähl­ten Be­triebs­rats heißt „kon­sti­tu­ie­rend“, da sich der Be­triebs­rat erst durch die Wahl ei­nes Vor­sit­zen­den als hand­lungsfähi­ges Gre­mi­um bil­det bzw. „kon­sti­tu­iert“. Oh­ne ei­nen Vor­sit­zen­den gibt es für den Ar­beit­ge­ber nämlich kei­nen zur An­nah­me von Erklärun­gen be­fug­ten An­sprech­part­ner, da die­se Auf­ga­be eben dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den zu­ge­wie­sen ist (§ 26 Abs.2 Be­trVG).
Zwi­schen der Wahl des Be­triebs­rats bzw. dem Wahl­tag und der ers­ten bzw. kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des Be­triebs­rats kann da­her ei­ne ge­wis­se Zeit ver­strei­chen. Möch­te der Ar­beit­ge­ber während die­ser Zeit ei­ne Kündi­gung aus­spre­chen, kann er das dafür gemäß § 102 Be­trVG vor­ge­schrie­be­ne Ver­fah­ren der Anhörung des Be­triebs­rats nicht oh­ne wei­te­res durchführen, da er ja noch nicht weiß, wer zum Vor­sit­zen­den gewählt wer­den wird. Falls es über­haupt zu ei­ner sol­chen Wahl kommt, die ja aus wel­chen Gründen auch im­mer - ent­ge­gen dem Ge­setz - un­ter­blei­ben kann.
Die Fra­ge, ob der Be­triebs­rat in der Zeit zwi­schen sei­ner Wahl und der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung vor ei­ner vom Ar­beit­ge­ber be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung an­gehört wer­den muss und da­mit ei­nes sei­ner wich­tigs­ten Rech­te im Rah­men der Mit­be­stim­mung in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten wahr­neh­men kann, ist durch das Ge­setz nicht klar be­ant­wor­tet. Un­ter Ar­beits­recht­lern ge­hen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der. Zu die­ser Fra­ge hat sich in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil das LAG Düssel­dorf geäußert (Ur­teil vom 24.06.2009, 12 Sa 336/09).
Fristlose Kündigung wegen Unterschlagung ohne Betriebsratsanhörung
Die Ar­beit­neh­mer des Be­triebs wähl­ten am 19.06.2008 erst­mals ei­nen sie­benköpfi­gen Be­triebs­rat. Am 20.06.2008 er­hielt der Ar­beit­ge­ber ei­ne Ab­schrift der Wahl­nie­der­schrift. Der Be­triebs­rat trat erst­mals zu ei­ner („kon­sti­tu­ie­ren­den“) Sit­zung am 26.06.2008 zu­sam­men.
In der Zwi­schen­zeit, nämlich am 23.08.2008, er­fuhr der Ar­beit­ge­ber, dass ein Ar­beit­neh­mer und sein Kom­pli­ze, der Be­triebs­lei­ter Herr K., seit Jah­ren mit Hil­fe fin­gier­ter Kun­den­gut­schrif­ten Kas­sen­aus­zah­lun­gen an sich ver­an­lass­ten bzw. ver­ein­nahm­ten. Der Ar­beit­neh­mer be­zif­fer­te die­se zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers getätig­ten ba­ren „Ent­nah­men“ auf ins­ge­samt 138.840,42 EUR, d.h. er gab die­se sys­te­ma­ti­schen Un­ter­schla­gun­gen im Prin­zip zu. Al­ler­dings ver­tei­dig­te er sich mit der Be­haup­tung, die Beträge „meis­tens“ an den Be­triebs­lei­ter wei­ter­ge­lei­tet zu ha­ben.
Wei­ter­hin räum­te der Ar­beit­neh­mer ein, mehr­fach sei­nen Pri­vat­wa­gen und den sei­ner Ehe­frau an der fir­men­ei­ge­nen Tank­an­la­ge be­tankt zu ha­ben so­wie aus dem Be­trieb Ar­ti­kel wie Toi­let­ten­pa­pier und Küchen­rol­len mit­ge­nom­men zu ha­ben.
Sch­ließlich warf der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer vor, er ha­be auf Fir­men­kos­ten bei Lie­fe­ran­ten lie­fer­scheinmäßig an­ders aus­ge­wie­se­ne, je­doch für ihn und den Be­triebs­lei­ter Herrn K. pri­vat be­stimm­te Wa­ren im Wert von 77.008.00 EUR be­stellt zu ha­ben. Zu der Be­stel­lung der Fer­ra­ri-Rei­fen trägt der Ar­beit­neh­mer vor, vom Be­triebs­lei­ter Herrn K. an­ge­wie­sen wor­den zu sein, die Rei­fen für des­sen Pri­vat­fahr­zeug zu be­stel­len.
Auf­grund die­ser Umstände erklärte der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer mit Schrei­ben vom 23.06.2008, das die­sem am Fol­ge­tag zu­ging, die frist­lo­se Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Ei­ne Anhörung des Be­triebs­rats gemäß § 102 Be­trVG nahm der Ar­beit­ge­ber nicht vor.
Der Ar­beit­neh­mer er­hob ge­gen die Kündi­gung vor dem Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal Kündi­gungs­schutz­kla­ge mit dem Ar­gu­ment, die Kündi­gung sei auf­grund nicht vor­ge­nom­me­ner Anhörung des Be­triebs­rats gemäß § 102 Abs.1 Satz 3 Be­trVG un­wirk­sam. Das Ar­beits­ge­richt Wup­per­tal wies die Kla­ge ab, da es der An­sicht war, dass der Ar­beit­ge­ber zwi­schen der Wahl des Be­triebs­rats und der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung am 26.06.2008 nicht zu ei­ner Anhörung ver­pflich­tet ge­we­sen sei. Hier­ge­gen leg­te der Ar­beit­neh­mer Be­ru­fung zum LAG Düssel­dorf ein.
LAG Düsseldorf: Neu gewählter Betriebsrat ist erst nach erster Sitzung im Amt
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf bestätig­te das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Wup­per­tal, d.h. es wies die Be­ru­fung des gekündig­ten Ar­beit­neh­mers zurück.
Zur Be­gründung heißt es, der Ar­beit­ge­ber sei zwi­schen Wahl und ers­ter Sit­zung des Be­triebs­rats nicht zur Anhörung gemäß § 102 Be­trVG ver­pflich­tet. Bis zu sei­ner Kon­sti­tu­ie­rung sei der Be­triebs­rats nämlich nicht funk­ti­onsfähig. Denn oh­ne ei­nen Vor­sit­zen­den und ei­nen Ver­tre­ter ge­be es kei­nen Ab­sen­der und Adres­sa­ten von Erklärun­gen gemäß § 26 Abs. 2 Be­trVG. Die den Ar­beit­ge­ber tref­fen­de Ob­lie­gen­heit, das Gre­mi­um als Gan­zes zu un­ter­rich­ten, stößt nach An­sicht des LAG auf unüber­wind­li­che recht­li­che und prak­ti­sche Pro­ble­me.
Zwar ent­steht dann, wie das LAG einräumt, in der Zeit zwi­schen Amts­be­ginn (§ 21 Satz 2 Be­trVG) und kon­sti­tu­ie­ren­der Sit­zung (§ 29 Abs. 1 Be­trVG) ei­ne Lücke im ge­setz­li­chen Kündi­gungs­schutz, doch sei die­se „sys­tem­im­ma­nent“ und da­her hin­zu­neh­men. Prak­tisch ge­se­hen kann die Schutzlücke nach Auf­fas­sung des LAG auch er­heb­lich ver­rin­gert wer­den, in­dem der Wahl­vor­stand die kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung un­mit­tel­bar nach der Be­kannt­ga­be des Wahl­er­geb­nis­ses an­be­raumt.
Je­den­falls gehört es, so das Ge­richt, zur „Sphäre des Be­triebs­rats bzw. Wahl­vor­stan­des“, recht­zei­tig für ei­nen funk­ti­onsfähi­gen Be­triebs­rat zu sor­gen. Dem Ar­beit­ge­ber möch­te das Ge­richt da­her im Er­geb­nis da­her nicht un­ter Be­ru­fung auf das Be­trVG ab­ver­lan­gen, die Kon­sti­tu­ie­rung des Be­triebs­rats ab­zu­war­ten, um die­sen vor ei­ner be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung an­zuhören.
Auf­grund der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der hier ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge ließ das LAG Düssel­dorf die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu.
Fa­zit: Bei der erst­ma­li­gen Wahl ei­nes Be­triebs­rats ist der Ar­beit­ge­ber nicht schon ab Be­kannt­ga­be des Wahl­er­geb­nis­ses, son­dern erst mit Kon­sti­tu­ie­rung des Be­triebs­rats da­zu ver­pflich­tet, die­sen zu ei­ner ge­plan­ten Kündi­gung gemäß § 102 Be­trVG an­zuhören.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 24.06.2009, 12 Sa 336/09
Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Web­site)