Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/keine-immunitaet-fuer-die-in-deutschland-gelegene-griechische-schule-367159
Timestamp: 2020-08-08 18:19:01
Document Index: 54085416

Matched Legal Cases: ['§ 20', 'Art. 25', '§ 20', 'Art. 33', 'EuG', 'Art.19', 'EuG', 'Art. 18', 'Art.19', 'EuG', 'Art. 27', 'Art. 28', 'Art. 27', 'EuG']

Keine Immunität für die in Deutschland gelegene griechische Schule | Rechtslupe
Ein an einer grie­chi­schen Schu­le in Deutsch­land täti­ger Leh­rer kann im Streit­fall die deut­schen Arbeits­ge­rich­te anru­fen, ohne dass sich die grie­chi­sche Schu­le (bzw. Grie­chen­land als der Schul­trä­ger) auf die Staa­ten­im­mu­ni­tät beru­fen kann.
Nach § 20 Abs. 2 GVG iVm. dem All­ge­mei­nen Völ­ker­ge­wohn­heits­recht als Bestand­teil des Bun­des­rechts (Art. 25 GG) sind Staa­ten der Gerichts­bar­keit ande­rer Staa­ten inso­weit nicht unter­wor­fen, wie ihre hoheit­li­che Tätig­keit von einem Rechts­streit betrof­fen ist. Es ist mit dem Prin­zip der sou­ve­rä­nen Gleich­heit von Staa­ten und dem dar­aus abge­lei­te­ten Rechts­prin­zip, dass Staa­ten nicht über­ein­an­der zu Gericht sit­zen, nicht zu ver­ein­ba­ren, dass ein deut­sches Gericht hoheit­li­ches Han­deln eines ande­ren Staa­tes recht­lich über­prüft [1].
Die Abgren­zung zwi­schen hoheit­li­cher und nicht-hoheit­li­cher Staats­tä­tig­keit rich­tet sich nach dem recht­li­chen Cha­rak­ter des kon­kre­ten staat­li­chen Han­delns oder des ent­stan­de­nen Rechts­ver­hält­nis­ses. Es kommt dar­auf an, ob der aus­län­di­sche Staat in Aus­übung der ihm zuste­hen­den Hoheits­ge­walt oder wie eine Pri­vat­per­son tätig gewor­den ist. Geht es – wie hier – um eine Strei­tig­keit aus einem Arbeits­ver­hält­nis, ist maß­ge­bend, ob die dem Arbeit­neh­mer über­tra­ge­nen Auf­ga­ben ihrer Art nach hoheit­lich oder nicht-hoheit­lich sind. Ent­schei­dend sind der Inhalt der aus­ge­üb­ten Tätig­keit [2] sowie ihr – bestehen­der oder nicht bestehen­der – Zusam­men­hang mit den diplo­ma­ti­schen und kon­su­la­ri­schen Auf­ga­ben [3].
Man­gels völ­ker­recht­li­cher Unter­schei­dungs­merk­ma­le ist die­se Abgren­zung grund­sätz­lich nach dem Recht am Sitz des ent­schei­den­den Gerichts vor­zu­neh­men. Unge­ach­tet sei­ner ist stets hoheit­lich nur das staat­li­che Han­deln, das dem Kern­be­reich der Staats­ge­walt zuzu­rech­nen ist. Zu ihm gehö­ren die Betä­ti­gung der aus­wär­ti­gen und mili­tä­ri­schen Gewalt, die Gesetz­ge­bung, die Aus­übung der Poli­zei­ge­walt und die Rechts­pfle­ge [4].
Danach ist Grie­chen­land im Streit­fall nicht wegen sei­ner Immu­ni­tät von der deut­schen Gerichts­bar­keit befreit. Der Leh­rer nimmt kei­ne hoheit­li­chen Auf­ga­ben wahr.
Die Tätig­keit des Leh­rers gehört nicht zum Kern­be­reich der Staats­ge­walt. Die Beur­tei­lung, ob es sich um den­noch hoheit­li­che Tätig­keit han­delt, rich­tet sich daher nach dem Recht der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.
Die Tätig­keit des Leh­rers nicht des­halb hoheit­lich, weil die Unter­hal­tung des Schul­we­sens – sowohl nach grie­chi­schem als auch nach deut­schem Recht – eine staat­li­che Auf­ga­be ist. Der Staat han­delt bei Wahr­neh­mung sei­ner viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben nicht stets und not­wen­dig hoheit­lich. Die Cha­rak­te­ri­sie­rung einer Auf­ga­be als staat­li­che ist des­halb für die Abgren­zung von hoheit­li­chem und nicht-hoheit­li­chem Han­deln nicht maß­ge­bend [5]. Es kommt viel­mehr auf die dem Arbeit­neh­mer über­tra­ge­ne Tätig­keit an. Die­se ist bei Leh­rern an einer all­ge­mein­bil­den­den staat­li­chen oder staat­lich aner­kann­ten Schu­le nicht iSv. § 20 Abs. 2 GVG hoheit­lich geprägt. Die Tätig­keit von Leh­rern an einer sol­chen Schu­le ist nicht Aus­druck der Sou­ve­rä­ni­tät des Staa­tes nach innen oder außen in einem für die­se Bestim­mung maß­ge­ben­den Sin­ne. Sie steht in kei­nem funk­tio­na­len Zusam­men­hang mit diplo­ma­ti­schen oder kon­su­la­ri­schen Auf­ga­ben und ist auch nicht die Aus­übung einer hoheits­recht­li­chen Befug­nis, die mit Blick auf Art. 33 Abs. 4 GG in der Regel Beam­ten zu über­tra­gen wäre [6].
Die deut­schen Gerich­te sind auch inter­na­tio­nal zustän­dig.
Die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit rich­tet sich nach der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 des Rates vom 22.12.2000 über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen (EuGV­VO). Der für ihre Anwen­dung erfor­der­li­che Aus­lands­be­zug [7] ist gege­ben. Die Beklag­te ist ein aus­län­di­scher Staat ohne „Sitz“ im Inland iSv. Art.19 EuGV­VO [8].
Nach Art. 18 Abs. 1, Art.19 Nr. 2 Buchst. a EuGV­VO kann ein Arbeit­ge­ber, der sei­nen Wohn­sitz in einem Mit­glied­staat hat, an dem Ort in einem ande­ren Mit­glied­staat ver­klagt wer­den, an dem der Arbeit­neh­mer gewöhn­lich sei­ne Arbeit ver­rich­tet. Die­ser Ort – der gewöhn­li­che Arbeits­ort – liegt im Streit­fall in Düs­sel­dorf.
Die Bestim­mung des auf das Arbeits­ver­hält­nis der Par­tei­en anwend­ba­ren mate­ri­el­len Rechts ist nach Art. 27 ff. EGBGB (aF) vor­zu­neh­men. Die Ver­ord­nung (EG) Nr. 593/​2008 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 17.06.2008 über das auf ver­trag­li­che Schuld­ver­hält­nis­se anzu­wen­den­de Recht (Rom I‑VO) fin­det gem. ihrem Art. 28 auf den Streit­fall noch kei­ne Anwen­dung. Der Arbeits­ver­trag der Par­tei­en wur­de vor dem 17.12.2009 geschlos­sen.
Nach Art. 27 Abs. 1 Satz 1 EGBGB (aF) unter­liegt ein Ver­trag dem von den Par­tei­en gewähl­ten Recht. Die Rechts­wahl muss nicht aus­drück­lich erfol­gen. Sie kann sich auch aus den Bestim­mun­gen des Ver­trags oder aus den Umstän­den des Falls erge­ben. Bei Arbeits­ver­trä­gen kön­nen Gerichts­stands­klau­seln, die Ver­ein­ba­rung eines für bei­de Par­tei­en gemein­sa­men Erfül­lungs­orts oder die Bezug­nah­me auf Tarif­ver­trä­ge typi­sche Hin­wei­se auf eine still­schwei­gen­de Rechts­wahl ent­hal­ten [9].
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urtei­le vom 25. April 2013 – 2 AZR 960/​11, 2 AZR 46/​12, 2 AZR 76/​12, 2 AZR 80/​12, 2 AZR 110/​12 und 2 AZR 238/​12
vgl. BVerfG 6.12.2006 – 2 BvM 9/​03, Rn. 34, BVerfGE 117, 141; BAG 10.04.2013 – 5 AZR 78/​12; 14.02.2013 – 3 AZB 5/​12, Rn. 14 mwN[↩]
BAG 10.04.2013 – 5 AZR 78/​12; 14.02.2013 – 3 AZB 5/​12, Rn. 17, jeweils mwN[↩]
BAG 10.04.2013 – 5 AZR 78/​12; 14.02.2013 – 3 AZB 5/​12, Rn. 15 f. mwN[↩]
vgl. BAG 14.02.2013 – 3 AZB 5/​12, Rn. 15[↩]
vgl. BVerfG 19.09.2007 – 2 BvF 3/​02, Rn. 63 ff., BVerfGE 119, 247; BAG 10.04.2013 – 5 AZR 78/​12; 14.02.2013 – 3 AZB 5/​12, Rn. 20[↩]
vgl. dazu EuGH 17.11.2011 – C‑327/​10 [Lind­ner] Rn. 29; BAG 13.12.2012 – 6 AZR 752/​11, Rn. 21[↩]
vgl. BAG 10.04.2013 – 5 AZR 78/​12[↩]
vgl. BAG 1.07.2010 – 2 AZR 270/​09, Rn. 28; 13.11.2007 – 9 AZR 134/​07, Rn. 32, BAGE 125, 24[↩]
Kün­di­gungs­schutz für Bot­schafts­per­so­nal in Deutsch­land Die deut­schen Gerich­te sind für Kün­di­gungs­schutz­ver­fah­ren von Bot­schafts­per­so­nal jeden­falls dann zustän­dig und haben den Rechts­streit regel­mä­ßig auch auf der Grund­la­ge deut­schen Kün­di­gungs­schutz­rechts zu ent­schei­den, wenn…