Source: http://www.haerlein.de/wichtig-zu-wissen-fur-pflichtteilsberechtigte-des-erblassers-die-von-dem-erben-den-pflichtteil-verlangen-konnen/
Timestamp: 2018-10-17 13:45:56
Document Index: 335218194

Matched Legal Cases: ['§ 2303', 'BGH', '§ 2311', '§ 2315', '§ 2325', '§ 2330', '§ 2325', '§ 2326', '§ 2327', '§ 2325', '§ 516', 'BGH', '§ 2325', 'BGH', '§ 2314', '§ 2325', '§ 2314', '§ 260', '§ 2314', '§ 2314', '§ 2314', '§ 2314', '§ 2314', '§ 2314', '§ 254', '§ 260', '§ 2306', '§ 1944', 'BGH', '§ 2329']

Wichtig zu wissen für Pflichtteilsberechtigte des Erblassers, die von dem Erben den Pflichtteil verlangen (können) - Haerlein
Wichtig zu wissen für Pflichtteilsberechtigte des Erblassers, die von dem Erben den Pflichtteil verlangen (können)
Der Pflichtteil, den nach §§ 2303, 2309 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) Pflichtteilsberechtigte des Erblassers,
die durch Verfügung von Todes wegen vom Erblasser von der Erbfolge ausgeschlossen sind,
von dem Erben verlangen können,
ist ein Geldanspruch,
der der Höhe nach in der Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils besteht.
Da Pflichtteilsberechtigte wirtschaftlich so zu stellen sind,
als sei der Nachlassbestand beim Tod des Erblassers in Geld umgesetzt worden (Bundesgerichtshof (BGH), Urteil vom 10.11.2010 – IV ZR 51/09 – und Beschluss vom 25.11.2010 – IV ZR 124/09 –),
berechnen sich Pflichtteilsansprüche gemäß § 2311 Abs.1 BGB grundsätzlich
nach dem realen Bestand des Nachlasses
zum Zeitpunkt des Erbfalls,
wobei, wenn der Pflichtteilsberechtigte vom Erblasser Zuwendungen erhalten hat, die er sich gemäß § 2315 BGB auf den Pflichtteilsanspruch anrechnen lassen muss, ausschließlich bei der Bestimmung der Höhe des Pflichtteilsanspruchs der Wert dieser Zuwendungen dem Nachlass zunächst hinzuzurechnen und von dem daraus errechneten Anspruch wieder abzuziehen ist.
Eine Berücksichtigung von Schenkungen an Dritte, die der Erblasser noch zu seinen Lebzeiten gemacht hat (fiktiver Nachlass), ist nach dem Gesetz nur unter den Voraussetzungen des § 2325 BGB beim Pflichtteilsergänzungsanspruch vorgesehen.
Allein der Umstand, dass eine Zuwendung im Wege vorweggenommener Erbfolge erfolgt ist, führt nicht dazu, dass der geschenkte Gegenstand noch dem realen Nachlass zugerechnet wird und beim Pflichtteilsanspruch berücksichtigt werden kann.
Als Ergänzung des Pflichtteils kann,
sofern der Erblasser Dritten eine Schenkung gemacht und
es sich bei dieser nicht um eine Anstandsschenkung nach § 2330 BGB gehandelt hat,
ein Pflichtteilsberechtigter nach § 2325 BGB, auch im Fall des § 2326 BGB, den Betrag verlangen,
um den sich der Pflichtteil erhöht,
wenn der verschenkte Gegenstand dem Nachlass hinzugerechnet wird,
für den Wert des verschenkten Gegenstands maßgebend ist,
bei einer verbrauchbaren Sache, der Wert zur Zeit der Schenkung und
bei einem anderen Gegenstand (wie einem Grundstück),
der Wert zur Zeit des Erbfalls,
falls jedoch der Wert zur Zeit der Schenkung geringer war, nur dieser geringere Wert,
von diesem Wert berücksichtigt werden, bei Leistung der Schenkung
innerhalb des ersten Jahres vor dem Erbfall 100% sowie
innerhalb jeden weiteren Jahres vor dem Erbfall jeweils ein Zehntel weniger, also im zweiten Jahr vor dem Erbfall nur noch 90 %, im dritten Jahr vor dem Erbfall nur noch 80 % usw.,
so dass also bei Schenkungen, die mehr als 10 Jahre vor dem Erbfall, bei Schenkungen an den Ehegatten mehr als 10 Jahre vor der Auflösung der Ehe (Scheidung) geleistet wurden, kein Pflichtteilsergänzungsanspruch mehr besteht
sich Ergänzungsberechtigte Eigengeschenke gemäß § 2327 BGB anrechnen lassen müssen.
Eine, einen Pflichtteilsergänzungsanspruch gemäß § 2325 BGB begründende Schenkung im Sinne von § 516 BGB liegt vor, bei einer Zuwendung,
die den Empfänger aus dem Vermögen des Gebers bereichert und
bei der beide Teile darüber einig sind, dass sie unentgeltlich erfolgt.
Dabei ist die unbenannte Zuwendung unter Ehegatten einer Schenkung in diesem Sinne auch unabhängig von einer Einigung über ihre Unentgeltlichkeit gleichgestellt.
Eine ergänzungspflichtige Schenkung kann danach angenommen werden, wenn der ohne wirtschaftlichen Gegenwert erfolgte Vermögensabfluss beim Erblasser
zu einer materiell-rechtlichen, dauerhaften und
nicht nur vorübergehenden oder formalen Vermögensmehrung des Empfängers geführt hat (BGH, Urteil vom 14.03.2018 – IV ZR 170/16 –).
Für den Beginn der (obigen) Zehnjahresfrist ist abzustellen, auf den Eintritt des Leistungserfolges,
bei Grundstücken also auf die Umschreibung im Grundbuch,
wobei dieser Leistungserfolg erst dann vorliegt, wenn der Erblasser
nicht nur seine Rechtsstellung als Eigentümer endgültig aufgegeben,
sondern auch darauf verzichtet hat, den verschenkten Gegenstand - sei es aufgrund vorbehaltener dinglicher Rechte oder durch Vereinbarung schuldrechtlicher Ansprüche - im Wesentlichen weiterhin zu nutzen.
Gehindert ist der Fristbeginn für die Zehnjahresfrist bei einer Schenkung danach, solange ein Erblasser, der seine Rechtsstellung formal aufgegeben hat,
wirtschaftlich weiterhin im „Genuss" des verschenkten Gegenstandes bleibt,
den „Genuss" des verschenkten Gegenstandes nach der Schenkung also nicht auch tatsächlich entbehren muss.
Wird bei einer Schenkung daher der Nießbrauch uneingeschränkt vorbehalten, ist der „Genuss" des verschenkten Gegenstandes nicht aufgegeben worden.
Ob auch dann, wenn sich der Erblasser bei der Schenkung eines Grundstücks ein Wohnungsrecht an diesem oder Teilen daran vorbehält,
wie ein Nießbrauch den Fristbeginn des § 2325 Abs. 3 BGB hindert,
lässt sich nicht abstrakt beantworten.
Maßgebend hierfür, ob dies der Fall ist oder nicht, sind die Umstände des Einzelfalles, anhand derer beurteilt werden muss, ob der Erblasser den verschenkten Gegenstand auch nach Vertragsschluss noch im Wesentlichen weiterhin nutzen konnte (BGH, Urteil vom 29.06.2016 – IV ZR 474/15 –).
Zur Berechnung seines Pflichtteils- sowie seines Pflichtteilsergänzungsanspruchs kann der Pflichtteilberechtigte vom Erben u.a. verlangen,
nach § 2314 Abs. 1 S. 1 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) Auskunft über
den Bestand des Nachlasses durch Vorlage eines geordneten Bestandsverzeichnisses über die zum Zeitpunkt des Erbfalls
vorhandenen Nachlassgegenstände,
Forderungen (Aktiva) und
Nachlassverbindlichkeiten (Erblasser- und Erbfallschulden),
die ausgleichspflichtigen Zuwendungen des Erblassers und
die einen Pflichtteilsergänzungsanspruch gemäß § 2325 BGB begründenden Schenkungen, die der Erblasser in den letzten zehn Jahren vor dem Erbfall gemacht hat sowie wann diese jeweils gemacht worden sind,
nach § 2314 Abs. 1 S. 2 BGB seine Zuziehung bei der Aufnahme des nach § 260 BGB vorzulegenden Bestandsverzeichnisses und dass der Wert der Nachlassgegenstände ermittelt
nach § 2314 Abs. 1 S. 3 BGB, dass das Bestandsverzeichnis durch die zuständige Behörde oder durch einen zuständigen Beamten oder Notar aufgenommen wird,
wobei die Kosten hierfür gemäß § 2314 Abs. 2 BGB dem Nachlass zur Last fallen.
Der Auskunftsanspruch nach § 2314 Abs. 1 Satz 1 BGB und der Anspruch auf Bestandsverzeichnisaufnahme durch die zuständige Behörde oder durch einen zuständigen Beamten oder Notar nach § 2314 Abs. 1 Satz 3 BGB bilden dabei einen einheitlichen Anspruch.
Der Wertermittlungsanspruch nach § 2314 Abs. 1 S. 2 BGB steht im Gegensatz dazu selbstständig neben dem Anspruch auf Auskunft nach § 2314 Abs. 1 S. 1 BGB und ist vom Pflichtteilsberechtigten ggf. neben dem Auskunftsanspruch gesondert geltend zu machen (Oberlandesgericht (OLG) München, Urteil vom 08.03.2017 – 20 U 3806/16 –).
Kommt der Erbe seiner Verpflichtung auf Auskunftserteilung nicht nach kann der Pflichtteilsberechtigte Stufenklage nach § 254 Zivilprozessordnung (ZPO) erheben auf
eidesstattliche Versicherung, dass der Bestand des Nachlasses nach bestem Wissen so vollständig angegeben worden ist, als er - der Erbe - dazu imstande ist (§ 260 Abs. 2 BGB) und
(zunächst unbeziffert) Zahlung des Pflichtteils aus dem Betrag, der sich aus der zu erteilenden Auskunft errechnet (vgl. hierzu auch OLG Karlsruhe, Urteil vom 09.12.2014 – 8 U 187/13 –).
Den Pflichtteil verlangen kann ein
vom Erblasser als Erbe eingesetzter
Pflichtteilsberechtigter dann, wenn er
durch die Einsetzung eines Nacherben (selbst oder eines anderen), die Ernennung eines Testamentsvollstreckers oder eine Teilungsanordnung beschränkt oder
mit einem Vermächtnis oder einer Auflage beschwert ist,
und er in einem solchen Fall den Erbteil ausschlägt (vgl. § 2306 BGB), wobei
die Ausschlagungsfrist in diesem Fall nach § 1944 BGB erst beginnt, wenn der Pflichtteilsberechtigte von der Beschränkung oder der Beschwerung Kenntnis erlangt (vgl. hierzu auch BGH, Beschluss vom 05.07.2006 – IV ZB 39/05 – und Urteil vom 29.06.2016 – IV ZR 387/15 –).
Hat ein Pflichtteilsberechtigter wegen einer Schenkung einen Pflichtteilsergänzungsanspruch und ist der Erbe selbst zur Ergänzung des Pflichtteiles nicht verpflichtet,
etwa weil kein ausreichender oder nur ein verschuldeter Nachlass vorhanden ist,
kann der Pflichtteilsberechtigte nach § 2329 BGB von dem Beschenkten die Herausgabe des Geschenks zum Zwecke der Befriedigung wegen des fehlenden Betrags nach den Vorschriften über die Herausgabe einer ungerechtfertigten Bereicherung fordern, wobei
der Beschenkte die Herausgabe durch Zahlung des fehlenden Betrags abwenden kann.