Source: http://m.hensche.de/Videoueberwachung_am_Arbeitsplatz_Geldentschaedigung_fuer_rechtswidrige_Videokontrolle_von_Arbeitnehmern_Hessisches_LAG_7Sa1586-09-u.html
Timestamp: 2016-12-06 00:47:10
Document Index: 235394674

Matched Legal Cases: ['§ 823', 'Art. 1', 'BGH', '§ 8', '§ 66', 'BGH', 'BGH', 'Art. 1', '§ 823', 'Art. 1', 'BGH', 'BGH', '§ 87', '§ 75', '§ 6', '§ 823', 'BGH', 'BGH', '§ 307', '§ 307', '§ 194', '§ 92', '§ 72']

HENSCHE Arbeitsrecht: 7 Sa 1586/09
Arbeitsgericht Wetzlar, Teilurteil vom 1.09.2009, 3 Ca 211/08
Ak­ten­zei­chen: 7 Sa 1586/09 (Ar­beits­ge­richt Wetz­lar: 3 Ca 211/08) Verkündet am: 25. Ok­to­ber 2010
gez.An­ge­stell­te
Be­klag­te und Be­ru­fungskläge­rin
Kläge­rin und Be­ru­fungs­be­klag­te
hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt, Kam­mer 7, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 09. Au­gust 2010
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt als Vor­sit­zen­denund dem eh­ren­amt­li­chen Rich­ter und dem eh­ren­amt­li­chen Rich­ter
Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Teil­ur­teil des Ar­beits­ge­richts Wetz­lar vom 01. Sep­tem­ber 2009 – 3 Ca 211/08 – teil­wei­se ab­geändert.
Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin ein Schmer­zens­geld von 7.000,00 EUR (in Wor­ten: Sie­ben­tau­send und 00/100 Eu­ro) zu zah­len. Im Übri­gen wird die Kla­ge auf Zah­lung ei­nes Schmer­zens­gel­des ab­ge­wie­sen.
Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens wer­den ge­gen­ein­an­der auf­ge­ho­ben.
Die Par­tei­en strei­ten in der Be­ru­fungs­in­stanz um ei­nen An­spruch der Kläge­rin auf Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung.
Die am 12. Ja­nu­ar 1986 ge­bo­re­ne Kläge­rin war auf der Grund­la­ge ei­nes An­stel­lungs­ver­tra­ges vom 2. Ja­nu­ar 2008 (Bl. 22f d.A.) bei der Be­klag­ten zu ei­nem Ge­halt von € 1.500,00 brut­to mo­nat­lich zuzüglich 1 % Um­satz­be­tei­li­gung als kaufmänni­sche An­ge­stell­te in der Nie­der­las­sung der Be­klag­ten in A beschäftigt. Ih­re Ar­beits­auf­ga­be be­stand dar­in, zu­sam­men mit ei­ner Ar­beits­kol­le­gin Zeit­ar­beit­neh­mer zu ver­mit­teln und de­ren Ar­beits­verhält­nis­se zu ver­wal­ten. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te durch Auf­he­bungs­ver­trag vom 29. Au­gust 2008 an die­sem Tag.
Spätes­tens ab dem 2. Ju­ni 2008 war an der hin­te­ren Rück­wand ge­genüber der Ein­gangstür des ca. 12 Me­ter lan­gen Büro­raums in 2 Me­ter Höhe ei­ne Vi­deo­ka­me­ra in­stal­liert. Dass die Ka­me­ra Bil­der auf­nahm, war durch ein Licht­si­gnal an der Ka­me­ra er­sicht­lich. In­wie­weit die durch die Ka­me­ra auf­ge­zeich­ne­ten Bil­der von der Zen­tra­le der Be­klag­ten in B aus oder ei­nem an­de­ren Ort, zum Bei­spiel dem Wohn­sitz der Geschäftsführe­rin der Be­klag­ten auf C, ein­ge­se­hen wer­den konn­ten, ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Un­strei­tig zeig­te der die Ka­me­ra vor Ort in­stal­lie­ren­de Mon­teur der Kläge­rin auf sei­nem Lap­top die von der Ka­me­ra auf­ge­nom­me­nen Bil­der, die nicht nur den Ein­gangs­be­reich zeig­ten, son­dern im Vor­der­grund den Ar­beits­platz der Kläge­rin und ih­rer Kol­le­gin. Zu die­sem Zeit­punkt soll der Mon­teur die Ka­me­ra in der Hand ge­hal­ten ha­ben.
Mit ih­rer am 13. Ok­to­ber 2008 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen, der Be­klag­ten am 17. Ok­to­ber 2008 zu­ge­stell­ten Kla­ge hat die Kläge­rin ne­ben wei­te­ren Ansprüchen ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch we­gen Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung gel­tend ge­macht.
Die Be­klag­te hat sich ge­gen die In­an­spruch­nah­me aus Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung mit fol­gen­den Ar­gu­men­ten ge­wandt:
1. Die Ka­me­ra ha­be nicht funk­tio­niert in dem Sin­ne, dass es nicht möglich ge­we­sen sei, von der Ka­me­ra auf­ge­nom­me­ne Bil­der auf ei­nem Mo­ni­tor in der Zen­tra­le der Be­klag­ten oder sonst wo an­zu­se­hen. - 4 -
2. Die Ka­me­ra sei auf­trags­gemäß auf den Ein­gangs­be­reich aus­ge­rich­tet ge­we­sen und ha­be kei­ne Bil­der vom Ar­beits­platz der Kläge­rin und ih­rer Ar­beits­kol­le­gin auf­ge­nom­men.
3. Die Be­klag­te ha­be mit gu­ten Ar­gu­men­ten auf Geschäftsführungs­ebe­ne ent­schie­den, dass hier ei­ne Ka­me­ra zum Schutz der Fir­men­in­ter­es­sen, al­ler­dings auch zum Schutz der Mit­ar­bei­ter in­stal­liert wird. In den vor­an­ge­gan­ge­nen Mo­na­ten ha­be es in ver­schie­de­nen Fi­lia­len der Be­klag­ten Pro­ble­me ge­ge­ben. Darüber hin­aus sei es so, dass in den Fi­lia­len der Be­klag­ten re­gelmäßig auch größere Geld­sum­men vor­han­den sei­en, um ge­ge­be­nen­falls Mit­ar­bei­ter aus­zu­zah­len, Fah­rern Geld zum Tan­ken zu ge­ben etc.
4. Die Kläge­rin und ih­re Ar­beits­kol­le­gin hätten ge­genüber dem Kom­man­di­tis­ten und Zeu­gen D zu kei­nem Zeit­punkt Ein­spruch ge­gen die In­stal­la­ti­on der Ka­me­ra er­ho­ben und dar­um ge­be­ten, die Ka­me­ra zu de­instal­lie­ren. Tatsächlich ha­be es le­dig­lich anläss­lich ei­ner Schu­lung am 18. Au­gust 2008 die Si­tua­ti­on ge­ge­ben, in der die bei­den Kläge­rin­nen den Zeu­gen D ge­fragt hätten, wel­chen Zweck die Ka­me­ra ha­be. Hier­auf ha­be der Zeu­ge erklärt, dass die Ka­me­ra der ei­ge­nen persönli­chen Si­cher­heit und der Ab­schre­ckung die­nen würde. Im Rah­men die­ser Erklärung ha­be der Zeu­ge den Kläge­rin­nen an­ge­bo­ten, sich doch bei den an­de­ren Nie­der­las­sun­gen zu er­kun­di­gen, was dort für Vorfälle ein­ge­tre­ten wären. Mit die­ser Erklärung hätten sich die Kläge­rin­nen zu­frie­den­ge­ge­ben und den Zeu­gen zu kei­nem wei­te­ren Zeit­punkt noch ein­mal auf die Ka­me­ra an­ge­spro­chen.
Die Kläge­rin hat hier­zu vor­ge­tra­gen:
1. Sie be­strei­te, dass die Ka­me­ra nicht funk­tio­niert ha­be. Die Kläge­rin hält die­se Ein­las­sung im Übri­gen je­doch auch für recht­lich ir­re­le­vant.
2. Die Ka­me­ra sei auch auf ih­ren Ar­beits­platz ge­rich­tet ge­we­sen. Da die Ent­fer­nung zwi­schen Ein­gangs­be­reich und in­stal­lier­ter Über­wa­chungs­ka­me­ra doch sehr groß ge­we­sen sei und dem­ent­spre­chend die Ka­me­ra­auf­nah­me nur im Hin­ter­grund, al­so ent­fernt, zei­gen konn­te, wer die Räum­lich­keit be­tritt, hätten die Kläge­rin und ih­re Ar­beits­kol­le­gin vor­ge­schla­gen, die Über­wa­chungs­ka­me­ra an­der­wei­tig zu in­stal­lie­ren, da­mit ihr Ar­beits­platz nicht ständig über­wacht wer­de. Da­zu hätte sich
äußerst gut ei­ner der bei­den Wand­vorsprünge et­wa mit­tig im Raum an­ge­bo­ten. Die Kläge­rin und ih­re Ar­beits­kol­le­gin hätten während der In­stal­la­ti­on der Ka­me­ra den Mit­ar­bei­ter der in­stal­lie­ren­den Fir­ma dar­auf auf­merk­sam ge­macht, dass doch an ei­nem der bei­den Wand­vorsprünge die Über­wa­chungs­ka­me­ra in­stal­liert wer­den könne. Die Aufhängung an die­ser Stel­le sei von dem Mit­ar­bei­ter der in­stal­lie­ren­den Fir­ma mit den Wor­ten ab­ge­lehnt wor­den, dass er die strik­te An­wei­sung ha­be, die Ka­me­ra dort ein­zu­rich­ten, wo sie auf­gehängt wor­den sei.
3. Die Be­klag­te ha­be im Übri­gen kein be­rech­tig­tes In­ter­es­se an der In­stal­la­ti­on der Vi­deo­ka­me­ra zur Über­wa­chung der Ein­gangstür. Die Kläge­rin hat dar­auf ver­wie­sen, dass die Ein­gangstür im ge­sam­ten Be­reich zur Straße hin ei­ne Schau­fens­ter­front auf­wei­se.
4. Sie ha­be sich eben­so wie auch ih­re Ar­beits­kol­le­gin ge­genüber ih­rem un­mit­tel­ba­ren Vor­ge­setz­ten, dem Nie­der­las­sungs­lei­ter E, wie­der­holt ge­gen die In­stal­la­ti­on der Vi­deo­ka­me­ra ge­wandt.
Un­strei­tig ha­ben die Kläge­rin und ih­re Ar­beits­kol­le­gin die Ka­me­ra En­de Au­gust 2008 mit ei­nem Tuch verhängt. Dar­auf­hin wur­den bei­de Ar­beit­neh­me­rin­nen am 28. oder 29. Au­gust 2008 durch den Nie­der­las­sungs­lei­ter E von der Ar­beit frei­ge­stellt. Bei­de er­hiel­ten das An­ge­bot auf Ab­schluss ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges.
Das Ar­beits­ge­richt hat zu fol­gen­den Be­haup­tun­gen Be­weis er­ho­ben:
1. Die in den Fir­menräum­en der Be­klag­ten in A in­stal­lier­te Ka­me­ra ha­be nur den Ein­gangs­be­reich ab­de­cken sol­len.2. Es ha­be zu kei­nem Zeit­punkt ei­ne Ver­bin­dung der Ka­me­ra mit der Zen­tra­le ge­ge­ben.3. Der Zeu­ge E ha­be die Kläge­rin am 29. Au­gust 2008 da­zu auf­ge­for­dert, die Ka­me­ra nicht zu verhängen.4. Der Zeu­ge E ha­be die Kläge­rin am 19. Au­gust 2008 un­ter An­rech­nung auf Rest­ur­laubs­ansprüche frei­ge­stellt.
Die Be­weis­auf­nah­me er­folg­te durch Ver­neh­mung des Zeu­gen F (Pro­jekt­lei­ter der die Ka­me­ra in­stal­lie­ren­den Fir­ma), des Zeu­gen G (Mit­ar­bei­ter der die Ka­me­ra - 6 -
in­stal­lie­ren­den Fir­ma), des Zeu­gen E und der Ar­beits­kol­le­gin der Kläge­rin, der Zeu­gin H. We­gen des In­halts der Zeu­gen­aus­sa­gen wird auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 28. Ju­li 2009 (Bl. 142-145 d.A.) ver­wie­sen.
Das Ar­beits­ge­richt hat mit Teil­ur­teil vom 1. Sep­tem­ber 2009 der Kla­ge auf Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung teil­wei­se in Höhe von 15.000,00 € statt­ge­ge­ben. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens der Par­tei­en, der dort ge­stell­ten Anträge so­wie der Erwägun­gen des Ar­beits­ge­rich­tes wird auf die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung Be­zug ge­nom­men.
Ge­gen die­ses Ur­teil hat die Be­klag­te in­ner­halb der zur Nie­der­schrift über die Be­ru­fungs­ver­hand­lung vom 09. Au­gust 2010 fest­ge­stell­ten und dort er­sicht­li­chen Fris­ten Be­ru­fung ein­ge­legt.
Die Be­klag­te äußert die Mei­nung, das Ar­beits­ge­richt ha­be der Kläge­rin ei­nen Schmer­zens­geld­an­spruch zu­ge­spro­chen, der zum ei­nen dem Grun­de nach nicht be­ste­he, zum an­de­ren al­ler­dings in der Höhe in kei­ner Wei­se nach­voll­zieh­bar sei. Das Ar­beits­ge­richt ha­be die Vor­aus­set­zun­gen des Schmer­zens­geld­an­spru­ches nach § 823 Abs. 2 BGB iVm Art. 1 und 2 GG falsch an­ge­wandt. Zwar führe das Ar­beits­ge­richt zu Recht aus, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des BGH bei ei­ner schwer­wie­gen­den Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung auch ein Er­satz des im­ma­te­ri­el­len Scha­dens durch Zah­lung ei­nes Schmer­zens­gel­des be­ste­hen kann. Ei­nen sol­chen schwer­wie­gen­den Ein­griff in das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht ha­be das Ar­beits­ge­richt je­doch nicht fest­zu­stel­len ver­mocht, je­den­falls ha­be es kei­ne Ausführun­gen hier­zu in das Ur­teil auf­ge­nom­men. Tatsächlich lie­ge ei­ne sol­che schwer­wie­gen­de Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts der Kläge­rin auch in kei­nem Fal­le vor. Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me ste­he fest, dass die in­stal­lier­te Ka­me­ra of­fen in­stal­liert war, kei­ne Bil­der an den Ser­ver der Be­klag­ten nach B oder sonst wo­hin über­tra­gen ha­be und auf den Ein­gangs­be­reich ge­rich­tet ge­we­sen sei. Zu­dem ha­be die Kläge­rin in dem Schrift­satz vom 9. Fe­bru­ar 2009 (auf S. 10) bestätigt, dass sie ge­wusst ha­be, dass die Über­wa­chungs­ka­me­ra nicht in Be­trieb ist.
Das Ar­beits­ge­richt ge­he wohl da­von aus – so die Ausführun­gen der Be­klag­ten -, dass es zur Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts aus­rei­che, wenn der Ar­beit­neh­mer da­mit rech­nen muss, am Ar­beits­platz dau­er­haft über­wacht zu wer­den.
Vor­lie­gend ha­be die Kläge­rin al­ler­dings da­mit zu kei­nem Zeit­punkt rech­nen müssen. Hin­zu­tre­ten müsse zu der rein sub­jek­ti­ven Auf­fas­sung des ver­meint­li­chen Geschädig­ten auch ein ob­jek­ti­ver, dem ver­meint­li­chen Schädi­ger zu­re­chen­ba­rer An­halts­punkt. Hier­an feh­le es. Die Be­klag­te ha­be dar­ge­legt, dass sie die ausführen­de Fir­ma be­auf­tragt hat­te, den Ein­gangs-/Be­spre­chungs­be­reich zu über­wa­chen. Es man­ge­le auch am Ver­schul­den der Be­klag­ten. Das Ar­beits­ge­richt ha­be hier­zu kei­ne Ausführun­gen ge­macht. Die Be­klag­te tref­fe an der von der Kläge­rin ge­ge­be­nen­falls rein sub­jek­tiv gefühl­ten Persönlich­keits­be­ein­träch­ti­gung kein Ver­schul­den. Es könne in­so­weit auch nicht un­berück­sich­tigt blei­ben, dass die Be­klag­te der die Vi­deo­ka­me­ra in­stal­lie­ren­den Fir­ma den Auf­trag er­teilt ha­be, nicht die Ar­beitsplätze, son­dern aus­sch­ließlich den Ein­gangs­be­reich zu er­fas­sen.
Die Be­klag­te meint wei­ter, die Ver­let­zung des Persönlich­keits­rechts sei je­den­falls nicht rechts­wid­rig. Es bestünden Recht­fer­ti­gungs­gründe und die Kläge­rin ha­be in die Ka­me­raüber­wa­chung ein­ge­wil­ligt. Die Rechts­wid­rig­keit bei Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts müsse durch ei­ne be­son­de­re Wer­tung im Sin­ne ei­ner Güter- und In­ter­es­sen­abwägung fest­ge­stellt wer­den. Da­bei kom­me es ins­be­son­de­re dar­auf an, ob das scha­den­sursächli­che Ver­hal­ten als sol­ches ge­gen Ge­bo­te der ge­sell­schaft­li­chen Rück­sicht­nah­me ver­s­toße. Zu berück­sich­ti­gen sei, dass es in der Ver­gan­gen­heit in ver­schie­de­nen Nie­der­las­sun­gen zu Überg­rif­fen auf Ar­beit­neh­mer ge­kom­men sei.
Die Be­klag­te ver­weist wei­ter dar­auf, dass sie in den Nie­der­las­sun­gen re­gelmäßig höhe­re Geld­beträge vorrätig hal­te für Fahrt­kos­ten und ge­ge­be­nen­falls Vorschüsse, zu zah­len an die Leih­ar­beit­neh­mer. Wenn ei­ne Bank ein be­gründe­tes In­ter­es­se dar­an ha­be, den Schal­ter­raum durch Ka­me­ras zu si­chern, müsse dies auch für die Be­klag­te gel­ten. Im Rah­men der Güter- und In­ter­es­sen­abwägung sei wei­ter zu berück­sich­ti­gen, dass der Kläge­rin of­fen­sicht­lich zeit­nah mit­ge­teilt wor­den sei, dass die Ka­me­ras nicht funk­tio­nie­ren.
Sch­ließlich ha­be das Ar­beits­ge­richt auch ver­kannt, dass die Kläge­rin of­fen­sicht­lich in die In­stal­la­ti­on der Ka­me­ra ein­ge­wil­ligt ha­be. Ei­ne Ein­wil­li­gung könne nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung auch kon­klu­dent bzw. still­schwei­gend erklärt wer­den. Die Kläge­rin ha­be kon­klu­dent ein­ge­wil­ligt, weil sie es un­ter­las­sen ha­be, ge­genüber der Geschäftsführung oder ih­rem di­rek­ten Vor­ge­setz­ten mit­zu­tei­len, dass sie mit der In­stal­la­ti­on der Ka­me­ra nicht ein­ver­stan­den ist. Die Kläge­rin ha­be sich nicht mit der kla­ren Auf­for­de­rung an die
Be­klag­te ge­wandt, die Ka­me­ra nicht zu in­stal­lie­ren. Hier­in lie­ge auch ein Mit­ver­schul­den der Kläge­rin am Scha­den­s­ein­tritt. Die Be­klag­te ha­be da­von aus­ge­hen müssen, dass die Kläge­rin im ei­ge­nen In­ter­es­se die In­stal­la­ti­on der Ka­me­ra wünsche. Die Be­klag­te bemängelt auch ei­ne feh­len­de In­di­vi­dua­li­sie­rung des Schmer­zens­gel­des. Das Ar­beits­ge­richt ha­be so­wohl der Kläge­rin, als auch der Kol­le­gin Schmer­zens­geld in glei­cher Höhe zu­ge­spro­chen. Die Kläge­rin ha­be auch zu den sie in­di­vi­du­ell be­tref­fen­den Be­ein­träch­ti­gun­gen nichts vor­ge­tra­gen. Die Be­klag­te ist der Mei­nung, das Schmer­zens­geld dürfe kei­nen Sank­ti­ons­cha­rak­ter ha­ben. Sie nimmt im Übri­gen Be­zug auf an­de­re Scha­dens­er­satz­be­rei­che und meint, die dort von der Rechts­spre­chung zu­ge­spro­che­nen Schmer­zens­geld­beträge zeig­ten, dass der vom Ar­beits­ge­richt zu­ge­spro­che­ne Be­trag über­zo­gen sei. Sie meint, dass wei­ter der Ver­schul­dens­maßstab und der Um­stand, dass die Ka­me­ra of­fen in­stal­liert wur­de, bei der Be­mes­sung des Schmer­zens­gel­des zu berück­sich­ti­gen sei. Wei­ter sei das Brut­to­mo­nats­ent­gelt als Maßstab für die Schmer­zens­geld­be­rech­nung her­an­zu­zie­hen.
un­ter Abände­rung des am 1. Sep­tem­ber 2009 verkünde­ten Teil­ur­teils des Ar­beits­ge­richts Wetz­lar zum Ak­ten­zei­chen 3 Ca 211/08 das Ur­teil auf­zu­he­ben und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
Die Kläge­rin bit­tet um Zurück­wei­sung der Be­ru­fung und ver­tei­digt das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­trags.
We­gen des wei­te­ren Vor­trags der Par­tei­en in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf die Be­ru­fungs­be­gründung vom 09. De­zem­ber 2009 (Bl. 297 - 320 d.A.) und den wei­te­ren Schrift­satz der Be­klag­ten vom 16. März 2010 (Bl. 352 - 355 d.A.) so­wie die Be­ru­fungs­be­ant­wor­tung vom 19. Fe­bru­ar 2010 (Bl. 336 - 344 d.A.) ver­wie­sen.
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Teil-Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Wetz­lar vom 1. Sep­tem­ber 2009 – 3 Ca 211/08 – ist gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 lit. b ArbGG statt­haft. Sie ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt so­wie recht­zei­tig und ord­nungs­gemäß be­gründet wor­den (§§ 66 Abs. 1 ArbGG, 519, 520 ZPO). Das Be­ru­fungs­ge­richt geht da­bei in Aus­le­gung des An­tra­ges der Be­klag­ten in der Be­ru­fungs­in­stanz da­von aus, dass das Teil-Ur­teil des Ar­beits­ge­rich­tes nur hin­sicht­lich der Ver­ur­tei­lung der Be­klag­ten zur Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung an die Kläge­rin in Höhe von € 15.000,00 an­ge­grif­fen wor­den ist.
In der Sa­che ist die Be­ru­fung der Be­klag­ten teil­wei­se be­gründet. Das Be­ru­fungs­ge­richt folgt dem Ar­beits­ge­richt dar­in, dass der Kläge­rin auf­grund Ver­let­zung ih­res all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rech­tes durch die Be­klag­te dem Grun­de nach ein Schmer­zens­geld­an­spruch zu­steht. Das Be­ru­fungs­ge­richt folgt dem Ar­beits­ge­richt je­doch nicht im Hin­blick auf die Höhe des der Kläge­rin zu­ge­spro­che­nen Schmer­zens­geld­an­spru­ches. Viel­mehr ist ein Schmer­zens­geld­an­spruch in Höhe von € 7.000,00 an­ge­mes­sen.
Da­bei folgt die Be­ru­fungs­kam­mer in je­der Hin­sicht der 6. Kam­mer des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts, die in der Par­al­lel­sa­che 6 Sa 1587/09 durch Ur­teil vom 14. Ju­li 2010 über die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen die Kol­le­gin der Kläge­rin ent­schie­den und in den Ur­teils­gründen fol­gen­des aus­geführt hat:
„Ein An­spruch auf Gel­dentschädi­gung we­gen Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rech­tes setzt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes für Zi­vil­sa­chen (BGH, Ur­teil vom 05.10.2004 – VI ZR 255/03 – NJW 2005, 215ff.) vor­aus, dass ei­ne schwer­wie­gen­de Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rech­tes vor­liegt, bei wel­cher die Be­ein­träch­ti­gung nach der Art der Ver­let­zung nicht in an­de­rer Wei­se durch Ge­nug­tu­ung, Un­ter­las­sung, Ge­gen­dar­stel­lung oder Wi­der­ruf be­frie­di­gend aus­ge­gli­chen wer­den kann. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und der BGH se­hen den An­spruch auf ei­ne Gel­dentschädi­gung we­gen ei­ner Ver­let­zung des Persönlich­keits­rech­tes als ein Recht an, das auf den Schutz­auf­trag aus Art. 1 und 2 Abs. 1 GG zurück­geht. Der An­spruch wird aus § 823 Abs. 1 BGB iVm Art. 1 und 2 GG her­ge­lei­tet (vgl. BGH, Ur­teil vom 05.10.2004 – VI ZR 255/03 – a.a.O. un­ter II.1 der Gründe). Nach der - 10 -
Recht­spre­chung des BGH be­gründet ei­ne Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts ei­nen An­spruch auf ei­ne Gel­dentschädi­gung, wenn es sich um ei­nen schwer­wie­gen­den Ein­griff han­delt und die Be­ein­träch­ti­gung nicht in an­de­rer Wei­se be­frie­di­gend aus­ge­gli­chen wer­den kann. Das hängt ins­be­son­de­re von der Be­deu­tung und Trag­wei­te des Ein­griffs, fer­ner vom An­lass und Be­weg­grund des Han­deln­den, so­wie von dem Grad des Ver­schul­dens ab. Da­bei zählt zum all­ge­mei­nen Persönlich­keits­recht auch das Recht am ei­ge­nen Bild. Es gehört zum Selbst­be­stim­mungs­recht ei­nes je­den Men­schen, darüber zu ent-schei­den, ob Film­auf­nah­men von ihm ge­macht und mögli­cher­wei­se ge­gen ihn ver­wen­det wer­den dürfen. Das Recht am ei­ge­nen Bild ist nicht auf be­stimm­te Ört­lich­kei­ten be­schränkt. So un­terfällt nicht erst die Ver­wer­tung, son­dern be­reits die Her­stel­lung von Ab­bil­dun­gen dem Schutz des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts (vgl. BAG, Be­schluss vom 29.06.2004 – 1 ABR 21/03 – AP Nr. 41 zu § 87 Be­trVG 1972 Über­wa­chung un­ter I.2b der Gründe und BAG, Be­schluss vom 26.08.2008 – 1 ABR 16/07 – AP Nr. 54 zu § 75 Be­trVG 1972 un­ter II.2a der Gründe). Ei­ne wie­der­hol­te und hartnäcki­ge Ver­let­zung des Rechts am ei­ge­nen Bild, die um des wirt­schaft­li­chen Vor­teils wil­len er­folgt, kann sich als schwe­re, ei­nen An­spruch auf Gel­dentschädi­gung recht­fer­ti­gen­de Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts des Be­trof­fe­nen dar­stel­len. Da­bei reicht es nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch aus, wenn der Ar­beit­neh­mer, oh­ne dass die Vi­deo­ka­me­ra tatsächlich Auf­zeich­nun­gen er­zeugt, al­lein durch die Un­ge­wiss­heit darüber, ob die sicht­bar an­ge­brach­te Vi­deo­ka­me­ra auf­zeich­net oder nicht, ei­nem ständi­gen An­pas­sungs­druck aus­ge­setzt ist (vgl. BAG, Be­schluss vom 29.06.2004 – 1 ABR 21/03 – a.a.O. un­ter II.1 der Gründe). Das Bun­des­ar­beits­ge­richt nimmt hier auf das Volkszählungs­ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 15. De­zem­ber 1983 – 1 BvR 209/83 (BVerfGE 65, 1, 42 un­ter C II.1a der Gründe) Be­zug und führt aus, dass das als Teil des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts gewähr­leis­te­te Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung un­ter den Be­din­gun­gen der au­to­ma­ti­schen Da­ten­ver­ar­bei­tun­gen in be­son­de­rem Maße des Schut­zes be­darf. Das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht sei vor al­lem des­halb be­son­ders gefähr­det, weil mit die­ser Tech­nik In­for­ma­tio­nen über be­stimm­te Per­so­nen grundsätz­lich un­be­grenzt spei­cher­bar und je­der­zeit ab­ruf­bar sind und mit an­de­ren Da­ten­samm­lun­gen zu ei­nem Persönlich­keits­bild zu­sam­men­gefügt wer­den können, oh­ne dass der Be­trof­fe­ne des­sen Rich­tig­keit und Ver­wen­dung zu­rei­chend kon­trol­lie­ren kann. Die­se tech­ni­schen Möglich­kei­ten sei­en ge­eig­net, bei den be­trof­fe­nen Per­so­nen ei­nen psy­chi­schen An­pas­sungs­druck zu er­zeu­gen, durch den sie in ih­rer Frei­heit, aus ei­ge­ner Selbst­be­stim­mung zu pla­nen und zu ent­schei­den, we­sent­lich ge­hemmt wer­den. "Wer un­si­cher ist, ob ab­wei­chen­de Ver­hal­tens­wei­sen je­der­zeit no­tiert oder als In­for­ma­ti­on dau­er­haft ge­spei­chert, ver­wen­det oder wei­ter­ge­ge­ben wer­den, wird ver­su­chen, nicht durch sol­che Ver­hal­tens­wei­sen auf­zu­fal­len". Die da­mit ver­bun­de­nen Ein­schränkun­gen der in­di­vi­du­el­len Ent­wick­lungs­chan­cen des ein­zel­nen be­ein­träch­ti­gen zu­gleich auch das Ge­mein­wohl, "weil Selbst­be­stim­mung ei­ne ele­men­ta­re Funk­ti­ons­be­din­gung ei­nes auf Hand­lungsfähig­keit und Mit­wir­kungsfähig­keit sei­ner Bürger be­gründe­ten frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Ge­mein­we­sens" ist (so das BAG im An­schluss an das BVerfG). Dem folgt das Be­ru­fungs­ge­richt voll und ganz.
Da außer­halb des Kern­be­reichs pri­va­ter Le­bens­ge­stal­tung das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht al­ler­dings nur in den Schran­ken der ver­fas­sungsmäßigen Ord­nung ga­ran­tiert ist (vgl. BAG, Be­schluss vom 29.06.2004 – 1 ABR 21/03 - a.a.O. un­ter I.2c der Gründe und BAG, Be­schluss vom 26.08.2008 – 1 ABR 16/07 – a.a.O. un­ter II.2b der Gründe), kann es Be­schränkun­gen durch die recht­lich geschütz­ten Be­lan­ge an­de­rer Grund­recht­sträger er­fah­ren. Der Ein­griff muss aber, - 11 -
so­fern er nicht durch ei­ne aus­drück­li­che ge­setz­li­che Re­ge­lung ge­stat­tet ist, durch schutzwürdi­ge Be­lan­ge an­de­rer Grund­recht­sträger, z.B. des Ar­beit­ge­bers, ge­recht­fer­tigt sein. Bei ei­ner Kol­li­si­on des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts mit den schutzwürdi­gen In­ter­es­sen des Ar­beit­gerbers ist ei­ne Güter­abwägung un­ter Berück­sich­ti­gung der Umstände des Ein­zel­falls er­for­der­lich. Das zulässi­ge Maß ei­ner Be­schränkung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts be­stimmt sich nach dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit. Da­bei muss die vom Ar­beit­ge­ber ge­trof­fe­ne Maßnah­me – hier das An­brin­gen von Vi­deoüber­wa­chungs­ka­me­ras – ge­eig­net, er­for­der­lich und un­ter Berück­sich­ti­gung der gewähr­leis­te­ten Frei­heits­rech­te an­ge­mes­sen sein, um den er­streb­ten Zweck zu er­rei­chen. Ge­setz­lich er­laubt ist ei­ne Vi­deoüber­wa­chung nicht. Ei­ne Recht­fer­ti­gung folgt ins­be­son­de­re nicht aus § 6b Abs. 1 BDSG. die Vor­schrift re­gelt nur die Be­ob­ach­tung öffent­lich zugäng­li­cher Räume und fin­det auf Vi­deoüber­wa­chung am Ar­beits­platz je­den­falls dann kei­ne An­wen­dung, wenn die­ser nicht öffent­lich zugäng­lich ist. Öffent­lich zugäng­lich sind nur sol­che Räume, die ih­rem Zweck nach da­zu be­stimmt sind, von ei­ner un­be­stimm­ten Zahl oder nach nur all­ge­mei­nen Merk­ma­len be­stimm­ten Per­so­nen be­tre­ten und geschützt zu wer­den. Die Ge­set­zes­be­gründung nennt bei­spiels­wei­se Bahn­stei­ge, Aus­stel­lungsräume ei­nes Mu­se­ums, Ver­kaufsräume und Schal­ter­hal­len. Nicht öffent­lich zugäng­lich sind dem­ge­genüber Räume, die nur von ei­nem be­stimm­ten Per­so­nen­kreis be­tre­ten wer­den dürfen.
Un­ter Zu­grun­de­le­gung die­ser Maßstäbe ist fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht der Kläge­rin ver­letzt hat. Ver­letzt ist das Recht der Kläge­rin am ei­ge­nen Bild als Teil des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts bzw. das Recht der Kläge­rin auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung als Teil des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts. Un­er­heb­lich dafür ist, ob die von der Vi­deo­ka­me­ra emp­fan­ge­nen Licht­si­gna­le über ein Vi­deo­si­gnal oder ein Com­pu­ter­si­gnal auf ei­nem Mo­ni­tor oder Auf­zeich­nungs­gerät der Be­klag­ten in der Haupt­ver­wal­tung oder auf C als Bild tatsächlich auf­ge­zeich­net wur­den. Es reicht für die Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rech­tes der Kläge­rin in­so­weit aus, dass sie un­ter ei­nem ständi­gen Über­wa­chungs­druck stand. Die­ser Über­wa­chungs­druck be­stand schon auf­grund des Vor­han­den­seins der Vi­deo­ka­me­ra, die auch funk­tio­niert hat, was durch ein Licht­si­gnal an der Ka­me­ra für die Kläge­rin an­ge­zeigt wur­de bzw. was sich für die Kläge­rin auch dar­aus er­schloss, dass der die Ka­me­ra in­stal­lie­ren­de Mon­teur auf sei­nem Lap­top de­mons­triert hat, dass über die Vi­deo­ka­me­ra Bil­der auf­ge­nom­men wer­den können. Für das Be­ru­fungs­ge­richt steht wei­ter auch fest, dass der Kläge­rin nicht mit­ge­teilt wor­den ist, dass die Vi­deo­ka­me­ra in dem Sin­ne nicht funk­tio­niert, als die Be­klag­te kei­ne Bil­der emp­fan­gen kann. Die Be­klag­te un­ter­stellt ei­ne sol­che Mit­tei­lung auf­grund der schriftsätz­li­chen Ein­las­sung der Kläge­rin im vor­lie­gen­den Pro­zess im Schrift­satz des Kläger­ver­tre­ters vom 9. Fe­bru­ar 2009. Die­ser Schrift­satz stellt je­doch die Re­plik auf den Schrift­satz der Be­klag­ten vom 10. De­zem­ber 2008 dar, in dem die Be­klag­te be­haup­te­te, dass die Ka­me­ra nicht funk­tio­nier­te. Die Kläge­rin hat in ih­rer schriftsätz­li­chen Äußerung le­dig­lich rhe­to­risch zur Stützung ih­rer recht­li­chen Ar­gu­men­ta­ti­on die­se Be­haup­tung der Be­klag­ten auf­ge­grif­fen. Die Be­klag­te selbst hat nicht vor­ge­tra­gen, wann und wer der Kläger erklärt ha­be, dass und in wel­cher Wei­se die Vi­deo­ka­me­ra nicht funk­tio­niert. Hier­zu wäre die Be­klag­te als die­je­ni­ge Par­tei, die über die­se Wahr­neh­mun­gen verfügt, aber un­schwer in der La­ge. Außer­dem hat der Zeu­ge F in sei­ner Ver­neh­mung vor dem Ar­beits­ge­richt bestätigt, dass auf dem Rech­ner in der Fi­lia­le in A die von der Vi­deo­ka­me­ra auf­ge­nom­me­nen Licht­si­gna­le in Form von auf­ge­nom­me­nen Bil­dern sicht­bar ge­macht wer­den konn­ten. Über den Rech­ner in A
hätte die Be­klag­te die­se Bil­der al­so auch auf ei­ne Auf­zeich­nungs­gerät über­tra­gen und ein­se­hen können.
Der ständi­ge Über­wa­chungs­druck der Kläge­rin als Ver­let­zung ih­res all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rech­tes entfällt auch nicht da­durch, dass die Be­klag­te die Ka­me­ra aus­sch­ließlich auf den Ein­gangs- und Be­spre­chungs­be­reich aus­ge­rich­tet wis­sen woll­te. Zwar bestätigt der Zeu­ge F in sei­ner Aus­sa­ge vor dem Ar­beits­ge­richt, dass die Ka­mer­a­po­si­ti­on so war, dass der Zoom auf den Ein­gangs­be­reich ge­rich­tet war, dass al­ler­dings der Nei­gungs­win­kel der Vi­deo­ka­me­ra ver­stell­bar war und da­mit auch an­de­re Be­rei­che hätten er­fasst wer­den können. Des­sen un­ge­ach­tet ist nicht er­sicht­lich, wor­aus die Kläge­rin hätte ent­neh­men können – ent­we­der auf­grund des An­brin­gungs­or­tes der Ka­me­ra oder auf­grund sons­ti­ger Umstände -, dass ihr Ar­beits­be­reich in kei­ner Wei­se von der Vi­deo­ka­me­raüber­wa­chung er­fasst wer­den kann. Dies hätte zum Bei­spiel durch die Auf­zeich­nung der auf­ge­nom­me­nen Bil­der auf ei­nen für die Kläge­rin ein­seh­ba­ren Mo­ni­tor ge­sche­hen können. Hätte die Kläge­rin auf­grund der Bil­der auf die­sem Mo­ni­tor er­ken­nen können, dass aus­sch­ließlich der Ein­gangs­be­reich und der Be­spre­chungs­be­reich von der Ka­me­ra auf­ge­zeich­net wer­den, wäre der An­pas­sungs­druck ent­fal­len. So be­stand er al­lein auf­grund der an­ge­brach­ten Ka­me­ra, die für die Kläge­rin er­kenn­bar auf­zeich­ne­te, fort. Ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten trifft die­se an der Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts der Kläge­rin auch ein Ver­schul­den. Die Be­klag­te hat die In­stal­la­ti­on der Vi­deo­ka­me­ra ver­an­lasst. Sie hat da­bei nicht dafür Sor­ge ge­tra­gen, dass die Ar­beit­neh­mer er­ken­nen können, dass ihr Ar­beits­be­reich von die­ser Vi­deo­ka­me­ra nicht er­fasst wird. Wie be­reits aus­geführt, hätte dies zum Bei­spiel durch das In­stal­lie­ren ei­nes Mo­ni­tors ge­sche­hen können, in dem die Ar­beit­neh­mer je­der­zeit hätten er­ken­nen können, was über die Vi­deo­ka­me­ra auf­ge­nom­men wird. Da­bei hat die Be­klag­te, wenn nicht vorsätz­lich, so doch zu­min­dest grob fahrlässig ge­han­delt. Die Be­klag­te hat da­bei zu­min­dest vorsätz­lich in­so­weit ge­han­delt, als auch bei be­wuss­ter Aus­rich­tung der Ka­me­ra auf den Be­spre­chungs­be­reich die Kläge­rin, so­fern sie sich im Be­spre­chungs­be­reich zur Erfüllung ih­rer Ar­beits­leis­tung auf­ge­hal­ten hat, über­wacht wird.
Die Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts er­folg­te vor­lie­gend auch rechts­wid­rig. Ei­ne Be­schränkung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts der Kläge­rin war durch schützens­wer­te Be­lan­ge der Be­klag­ten nicht ge­recht­fer­tigt. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob die An­brin­gung der Vi­deo­ka­me­ra al­lein zur Ab­schre­ckung von Überg­rif­fen von un­zu­frie­de­nen Leih­ar­beit­neh­mern bzw. zur Ab­schre­ckung von Überfällen durch Dro­gen­abhängi­ge (so die von der Be­klag­ten ge­schil­der­ten Vorfälle) ge­eig­net und er­for­der­lich war. Die An­brin­gung der Vi­deo­ka­me­ra un­ter In­k­auf­nah­me, dass auch die Ar­beit­neh­mer sich ei­nem ständi­gen Über­wa­chungs­druck aus­ge­setzt sa­hen, war je­den­falls un­verhält­nismäßig im en­ge­ren Sin­ne. Sie setz­te die Kläge­rin als un­verdäch­ti­ge Drit­te ei­nem Dau­erüber­wa­chungs­druck aus. Die Rechts­wid­rig­keit des Ver­hal­tens der Be­klag­ten schei­tert auch nicht des­halb, weil die Kläge­rin in die Über­wa­chung ein­ge­wil­ligt hat. Die Be­klag­te als in­so­weit dar­le­gungs- und be­weis­be­las­te­te Par­tei (vgl. Pa­landt, Kom­men­tar zum Bürger­li­chen Ge­setz, 68. Aufl., § 823 Rn. 80) hat ei­ne ex­pli­zi­te oder kon­klu­den­te Ein­wil­li­gung nicht dar­ge­legt. Die Be­klag­te hat in­so­weit nur un­ter Be­weis­an­tritt vor­ge­tra­gen, dass die Kläge­rin ge­genüber dem Zeu­gen D bzw. ge­genüber der Geschäfts­lei­tung kei­nen Ein­spruch ge­gen die Ka­me­ra er­ho­ben ha­be und nicht dar­um ge­be­ten ha­be, die Ka­me­ra zu de­instal­lie­ren. Ge­gen ei­ne Ein­wil­li­gung der Kläge­rin spricht schon, dass die­se noch am 18. Au­gust 2008 anläss­lich ei­ner Schu­lung bei dem Zeu­gen D nach dem Zweck der Ka­me­ra ge­fragt hat. Außer­dem sag­te die Zeu­gin Fi­scher in der Be­weis­auf­nah­me vor dem - 13 -
Ar­beits­ge­richt vom 28. Ju­li 2009 aus, dass die Kläge­rin und die Zeu­gin den Nie­der­las­sungs­lei­ter E öfter auf die Ka­me­ra an­ge­spro­chen hätten und ihm ge­sagt hätten, dass man sich da­bei nicht wohl fühle.
Es muss im Streit­fall auch ei­ne schwer­wie­gen­de Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts be­jaht wer­den. Es hat nämlich ei­ne wie­der­hol­te und hartnäcki­ge Ver­let­zung des Rech­tes der Kläge­rin am ei­ge­nen Bild bzw. auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung statt­ge­fun­den. Dies, ob­wohl die Be­klag­te auf­grund des Ur­teils des Ar­beits­ge­rich­tes B vom 4. Ju­ni 2008 be­reits in Kennt­nis da­von ge­setzt war, dass die An­brin­gung ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra mit dem all­ge­mei­nen Persönlich­keits­recht des Ar­beit­neh­mers un­ver­ein­bar ist. Die Schwe­re der Ver­let­zung des Persönlich­keits­rechts, die auch maßge­bend für die Höhe der Entschädi­gung ist, be­ur­teilt sich nach Art, Be­deu­tung und Trag­wei­te (Tie­fe und Nach­wir­kung) des Ein­griffs, An­lass und Be­weg­grund des Han­deln­den so­wie dem Grad sei­nes Ver­schul­dens und die Qua­lität des durch das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht geschütz­ten Be­reichs (vgl. BGH, Ur­teil vom 05.10.2004 – VI ZR 255/03 – a.a.O.). Das Be­ru­fungs­ge­richt schließt sich in­so­weit der Wer­tung des Ar­beits­ge­richts B an, dass die Be­klag­te we­der die dor­ti­ge Kla­ge, noch den Aus­gang des dor­ti­gen Ver­fah­rens zum An­lass ge­nom­men hat, die Vi­deo­ka­me­ra zu­min­dest vorüber­ge­hend zu de­instal­lie­ren. Die Be­klag­te nimmt im Ge­gen­teil die Verhängung der Ka­me­ra zum An­lass, die Kläge­rin von der Ar­beits­leis­tung frei­zu­stel­len und ih­rer Kol­le­gin ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag an­zu­bie­ten. Die Be­klag­te hat die Ver­let­zung des Persönlich­keits­rech­tes der Kläge­rin da­mit wie­der­holt und in hartnäcki­ger Wei­se be­gan­gen.
Die Zu­bil­li­gung ei­ner Gel­dentschädi­gung im Fal­le ei­ner schwe­ren Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung be­ruht auf dem Ge­dan­ken, dass oh­ne ei­nen sol­chen An­spruch Ver­let­zun­gen der Würde und Eh­re des Men­schen häufig oh­ne Sank­ti­on blie­ben mit der Fol­ge, dass der Rechts­schutz der Persönlich­keit verkümmern würde. Bei die­ser Entschädi­gung steht – an­ders als beim Schmer­zens­geld – re­gelmäßig der Ge­sichts­punkt der Ge­nug­tu­ung des Op­fers im Vor­der­grund. Außer­dem soll sie der Präven­ti­on die­nen (vgl. BGH, Ur­teil vom 05.10.2004 – VI ZR 255/03 - a.a.O. un­ter II.1 der Gründe). Da­bei wer­den nach der ständi­gen Recht­spre­chung auch des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes (vgl. BVerfGE 34, 269, 293) auch pöna­le Ele­men­te als mit dem im­ma­tie­rel­len Scha­dens­er­satz­an­spruch ver­ein­bar an­ge­se­hen. Un­ter Be­ach­tung die­ser Ge­sichts­punk­te, ei­ner­seits dem Op­fer ei­ne Ge­nug­tu­ung zu ver­schaf­fen und an­de­rer­seits zu ei­ner Präven­ti­on bei­zu­tra­gen, er­scheint un­ter wei­te­rer Berück­sich­ti­gung der Be­deu­tung und Trag­wei­te des Ein­griffs, des An­las­ses und Be­weg­grun­des des Han­deln­den so­wie des Gra­des des Ver­schul­dens des Schädi­gers ei­ne Gel­dentschädi­gung in Höhe von € 7.000,00 ge­bo­ten. Ein Mit­ver­schul­den der Kläge­rin, wel­ches zum Aus­schluss bzw. zur Min­de­rung der Gel­dentschädi­gung führen könn­te, be­steht nicht. Nach der Aus­sa­ge der Zeu­gin Fi­scher ha­ben sich die Kläge­rin und die Zeu­gin sehr wohl ge­gen die Vi­deo­ka­me­ra ge­wandt. Dies wird auch durch das un­strei­ti­ge Gespräch anläss­lich der Schu­lung am 18. Au­gust 2008 zwi­schen der Kläge­rin und der Zeu­gin ei­ner­seits und dem Zeu­gen D an­de­rer­seits bestätigt, wo die Kläge­rin nach dem Zweck der Über­wa­chungs­ka­me­ra frag­te. Die Be­klag­te be­durf­te auch nicht des Hin­wei­ses der Ar­beit­neh­me­rin­nen, um hin­sicht­lich ei­ner mögli­chen Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung durch An­brin­gung der Vi­deo­ka­me­ra am 2. Ju­ni 2008 ein Pro­blem­be­wusst­sein zu ent­wi­ckeln. Das be­reits ge­nann­te Ver­fah­ren vor dem Ar­beits­ge­richt B, das schon am 4. Ju­ni 2008 mit ei­nem auf Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung von € 25.000,00 lau­ten­den Ur­teil en­de­te, hätte für die Be­klag­te An­lass ge­nug zur Über­prüfung ih­res Ver­hal­tens sein können. - 14 -
Der An­spruch ist nicht we­gen Nicht­ein­hal­tung der ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Aus­schluss­frist er­lo­schen. Die im For­mu­lar­ar­beits­ver­trag der Par­tei­en ver­ein­bar­te Aus­schluss­frist ist nach § 307 Abs. 1 BGB un­wirk­sam. Nach herr­schen­der Mei­nung verstößt die Aus­schluss­frist von we­ni­ger als drei Mo­na­ten ge­gen § 307 BGB (Er­fur­ter Kom­men­tar zum Ar­beits­recht, 8. Aufl., §§ 194-218, Rn. 46 m.w.N.).
Die­ser Be­gründung schließt sich die er­ken­nen­de 7. Kam­mer in vol­lem Um­fang an und macht sie sich zu ei­gen. Ei­ne Wie­der­ho­lung der wie­der­ge­ge­be­nen Gründe erübrigt sich da­her.
So­weit sich die 6. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts auf die Aus­sa­ge der Kläge­rin die­ses Ver­fah­rens als Zeu­gin im Rah­men der Be­weis­auf­nah­me vom 28. Ju­li 2009 be­ru­fen hat, kann dies hier in ent­spre­chen­der Wei­se für die Be­kun­dun­gen der Zeu­gin H, der Kol­le­gin der Kläge­rin, gel­ten. Denn die­se hat im Rah­men ih­rer Aus­sa­ge eben­so wie die Kläge­rin im Par­al­lel­ver­fah­ren glaub­haft bestätigt, dass bei­de Ar­beit­neh­me­rin­nen die Her­ren D und E auf die in­stal­lier­te Ka­me­ra an­ge­spro­chen ha­ben.
Sch­ließlich be­steht auch kein An­lass, bezüglich der Höhe der zu­ge­spro­che­nen Gel­dentschädi­gung von den Fest­stel­lun­gen der 6. Kam­mer ab­zu­wei­chen, denn die Persönlich­keits­rechts­ver­let­zung der Kläge­rin ent­sprach so­wohl hin­sicht­lich der Dau­er als auch hin­sicht­lich der In­ten­sität ge­nau der­je­ni­gen bei der Kol­le­gin H der Kläge­rin.
Da die Par­tei­en im Be­ru­fungs­ver­fah­ren teil­wei­se ob­sieg­ten, teil­wei­se un­ter­la­gen, wa­ren die Kos­ten ge­gen­ein­an­der auf­zu­he­ben, § 92 Abs. 1 Satz 1 ZPO. Über die Kos­ten des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens wird das Ar­beits­ge­richt im Rah­men des Schlus­s­ur­teils zu ent­schei­den ha­ben.
Für die Zu­las­sung des Rechts­mit­tels der Re­vi­si­on gemäß § 72 Abs. 2 ArbGG be­stand kei­ne ge­setz­lich be­gründ­ba­re Ver­an­las­sung.
---	m.hensche.de
zur Übersicht 7 Sa 1586/09 Kontakt