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Timestamp: 2016-10-24 03:33:05
Document Index: 317196768

Matched Legal Cases: ['Art. 132', 'Art. 6', 'Art. 4', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 4', 'Art. 65', 'Art. 66', 'Art. 68']

8C_30/2007 (20.09.2007)
8C_30/2007
Vaudoise Allgemeine Versicherungsgesellschaft, Place de Milan, 1007 Lausanne,
Dr. Ruedi Portmann, Z�richstrasse 9, 6004 Luzern.
Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Luzern vom 22. Januar 2007.
Die 1978 geborene W.________ war seit Februar 2002 f�r die Firma X.________ AG t�tig und in dieser Eigenschaft bei der Vaudoise Versicherungen (nachstehend: Vaudoise) gegen Unf�lle versichert. Im Dezember 2004 weilte sie in Thailand in den Ferien. Am 26. Dezember 2004, als das grosse Seebeben (Tsunami) im Indischen Ozean eine Flutwelle ausl�ste und weite K�stengebiete schwer in Mitleidenschaft zog, befand sie sich auf einem Schiff, das sie zu einem Schnorchelplatz h�tte bringen sollen. W�hrend der vorzeitigen R�ckkehr ans Ufer und sp�ter auch an Land erlebte sie das ganze Ausmass der Naturkatastrophe. Beim Sprung von einem Betonklotz verletzte sie sich zudem das rechte Knie. In der Schweiz begab sich die Versicherte wegen Kniebeschwerden und psychischen Problemen in �rztliche Behandlung. Frau Dr. med. F.________ diagnostizierte gem�ss Zeugnis vom 9. Februar 2005 ein posttraumatisches Syndrom und psychosa reactiva, verordnete Akupunktur, Hypnose und psychiatrische Betreuung und attestierte eine vollst�ndige Arbeitsunf�higkeit bis voraussichtlich 16. Februar 2005. Ab dem 24. Februar 2005 wurde W.________ von Frau lic. phil. A.________ psychotherapeutisch betreut, welche im Bericht vom 27. Mai 2005 die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsst�rung (ICD-10 F43.1) best�tigte. Dr. med. T.________, FMH f�r Innere Medizin, bescheinigte im Zeugnis vom 9. August 2005 eine Arbeitsunf�higkeit bis 31. August 2005. Die Behandlung der Kniebeschwerden konnte laut Bericht des Orthop�den Dr. med. U.________ vom 22. Juni 2005 im M�rz 2005 abgeschlossen werden.
Mit Verf�gung vom 22. April 2005 verneinte die Vaudoise das Vorliegen eines Unfalls und lehnte - mit Ausnahme der �bernahme der Heilbehandlung f�r die Knieverletzung - den Anspruch auf Versicherungsleistungen ab. Daran hielt sie mit Einspracheentscheid vom 11. November 2005 fest.
Die dagegen erhobene Beschwerde hiess das Verwaltungsgericht des Kantons Luzern mit Entscheid vom 22. Januar 2007 gut und wies die Sache an die Vaudoise zur�ck, damit sie �ber die gesetzlichen Leistungen verf�ge.
Mit Beschwerde beantragt die Vaudoise, der vorinstanzliche Entscheid sei aufzuheben, und ihr Einspracheentscheid vom 11. November 2005 sei zu best�tigen.
W.________ l�sst auf Abweisung der Beschwerde schliessen. Das Bundesamt f�r Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.
1.1 Weil die angefochtene Entscheidung nach dem Datum des Inkrafttretens des Bundesgesetzes �ber das Bundesgericht (BGG; SR 173.110), dem 1. Januar 2007 (AS 2006 1243), ergangen ist, untersteht die Beschwerde dem neuen Recht (Art. 132 Abs. 1 BGG).
2.1 Der Unfallversicherer hat im Einspracheentscheid vom 11. November 2005, auf welchen das kantonale Gericht in diesem Punkt ausdr�cklich verweist, die Bestimmungen �ber den Unfallbegriff (Art. 6 Abs. 1 UVG, Art. 4 ATSG) sowie die Voraussetzungen, unter welchen ein Schreckereignis den Unfallbegriff erf�llt (BGE 129 V 177 E. 2.1 S. 179, welche Rechtsprechung nach dem Inkrafttreten des ATSG am 1. Januar 2003 weiterhin G�ltigkeit hat, vgl. RKUV 2004 Nr. U 530 S. 576, U 123/04), zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.
2.2 Rechtsprechung und Lehre haben schreckbedingte pl�tzliche Einfl�sse auf die Psyche seit jeher als Einwirkung auf den menschlichen K�rper (im Sinne des geltenden Unfallbegriffes) anerkannt und f�r ihre unfallversicherungsrechtliche Behandlung besondere Regeln entwickelt. Danach setzt die Annahme eines Unfalles voraus, dass es sich um ein aussergew�hnliches Schreckereignis, verbunden mit einem entsprechenden psychischen Schock, handelt; die seelische Einwirkung muss durch einen gewaltsamen, in der unmittelbaren Gegenwart der versicherten Person sich abspielenden Vorfall ausgel�st werden und in ihrer �berraschenden Heftigkeit geeignet sein, auch bei einem gesunden Menschen durch St�rung des seelischen Gleichgewichts typische Angst- und Schreckwirkungen hervorzurufen. In j�ngerer Zeit wurde diese Rechtsprechung best�tigt und dahingehend pr�zisiert, dass auch bei Schreckereignissen nicht nur die Reaktion eines (psychisch) gesunden Menschen als Vergleichsgr�sse dienen kann, sondern in diesem Zusammenhang ebenfalls auf eine "weite Bandbreite" von Versicherten abzustellen ist. Zugleich hat es dabei relativierend, unter Bezugnahme auf den massgeblichen Unfallbegriff, betont, dass sich das Begriffsmerkmal der Ungew�hnlichkeit definitionsgem�ss nicht auf die Wirkung des �usseren Faktors, sondern nur auf diesen selber bezieht, weshalb nicht von Belang sein k�nne, wenn der �ussere Faktor allenfalls schwerwiegende, unerwartete Folgen nach sich zog (BGE 129 V 177 E. 2.1 S. 179 mit Hinweisen).
2.3 Zu erg�nzen ist, dass die Leistungspflicht eines Unfallversicherers voraussetzt, dass zwischen dem Schreckereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidit�t, Tod) ein nat�rlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des nat�rlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umst�nde, ohne deren Vorhandensein der Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist f�r die Bejahung des nat�rlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher St�rungen ist; es gen�gt, dass das sch�digende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die k�rperliche oder geistige Integrit�t der versicherten Person beeintr�chtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche St�rung entfiele (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen).
2.4 Die weiter vorausgesetzte Ad�quanz des Kausalzusammenhangs zwischen einem Schreckereignis ohne k�rperliche Verletzungen und den nachfolgend aufgetretenen psychischen St�rungen beurteilt sich nach der allgemeinen Formel (gew�hnlicher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung). Diese Rechtsprechung tr�gt der Tatsache Rechnung, dass bei Schreckereignissen - anders als im Rahmen �blicher Unf�lle - die psychische Stresssituation im Vordergrund steht, wogegen dem somatischen Geschehen keine (entscheidende) Bedeutung beigemessen werden kann. Aus diesem Grund ist die (analoge) Anwendung der in BGE 115 V 133 entwickelten Ad�quanzkriterien ebenso ungeeignet wie diejenige der so genannten Schleudertraumapraxis (BGE 117 V 359; vgl. BGE 129 V 177 E. 4.2 S. 184). Nicht anders verh�lt es sich, wenn die versicherte Person zwar k�rperlich verletzt wird, die somatischen Beeintr�chtigungen indessen lediglich von untergeordneter Bedeutung sind und im Vergleich zum erlittenen psychischen Stress in den Hintergrund treten. Denn auch in solchen F�llen kommt dem somatischen Geschehen keine wesentliche Bedeutung zu. Mithin hat die Beurteilung der Ad�quanz zwischen Schreckereignissen, bei welchen die versicherte Person zwar (auch) k�rperliche Beeintr�chtigungen davontr�gt, Letztere indessen nicht entscheidend ins Gewicht fallen, und psychischen Sch�den nach der allgemeinen Ad�quanzformel (gew�hnlicher Lauf der Dinge und allgemeine Lebenserfahrung) zu erfolgen (Urteile U 2/05 vom 4. August 2005, U 390/04 vom 14. April 2005).
2.5 An den ad�quaten Kausalzusammenhang zwischen psychischen Beschwerden und so genannten Schreckereignissen werden - im Hinblick auf ihre schwere Kontrollierbarkeit - hohe Anforderungen gestellt. Nach der Rechtsprechung besteht die �bliche und einigermassen typische Reaktion auf solche Ereignisse erfahrungsgem�ss darin, dass zwar eine Traumatisierung stattfindet, diese aber vom Opfer in aller Regel innerhalb einiger Wochen oder Monate �berwunden wird (BGE 129 V 177; Urteile U 2/05 vom 4. August 2005 und U 390/04 vom 14. April 2005; vgl. auch David Weiss, Die Qualifikation eines Schreckereignisses als Unfall nach Art. 4 ATSG, in: SZS 2007 S. 56).
3.1 Dass es sich beim Seebeben, wie es sich am 26. Dezember 2004 im Indischen Ozean zugetragen und zu einer der gr�ssten bekannten Flutkatastrophen gef�hrt hat, um ein Geschehen ganz besonderer Art handelte, welches von den Betroffenen zudem nicht eingeordnet werden konnte, steht ausser Zweifel. Dieses dramatische und heftige Elementarereignis war wegen der damit verbundenen Todesgefahr bei von der Flutwelle unmittelbar betroffenen Personen grunds�tzlich geeignet, eine St�rung des psychischen Gleichgewichts zu bewirken und die Psyche zumindest vor�bergehend nachhaltig zu beeinflussen (vgl. auch Judith Petermann B�ttler, Opfer des Seebebens in S�dostasien: Unfall oder Krankheit ?, in: Schweizerische �rztezeitung, 2005, S. 398).
3.2 Die Beschwerdegegnerin hat auf Ersuchen der Beschwerdef�hrerin vom 28. Februar 2005 ihre Erlebnisse vom 26. Dezember 2004 in einem undatierten, beim Unfallversicherer am 8. M�rz 2005 eingegangenen Bericht aufgezeichnet. Dabei gab sie im Wesentlichen an, sie habe sich zusammen mit anderen Leuten auf einem Tauchboot befunden, als die erste Flutwelle die K�ste erreicht habe. Da das Meer sehr aufgew�hlt gewesen sei und es den Leuten schlecht geworden sei, habe die Mannschaft beschlossen, umzukehren. Angesichts des starken Wellengangs, der heftigen Str�mung und der herumtreibenden Gegenst�nde sei es �usserst schwierig gewesen, �berhaupt ans Ufer zu gelangen, wo das Pier wie fast alles andere auch, weggesp�lt worden sei. �ber einen Fischkutter, welcher noch an einem Betonklotz befestigt gewesen sei, habe sie schliesslich an Land gelangen k�nnen, wobei sie sich beim Sprung vom einzust�rzen drohenden Betonklotz das rechte Knie verletzt habe. Weil der Weg zum Hotel unpassierbar gewesen sei, aber auch aus Angst vor neuen Wellen, habe sie sich daraufhin ins Landesinnere begeben, wo sie die Nacht auf einem H�gel verbracht habe, bevor sie am darauffolgenden Tag von der Armee zu einer Sammelstelle gefahren worden sei.
3.3 Die Vorinstanz hat gest�tzt auf die im Einspracheentscheid vom 11. November 2005 umfassend wiedergegebene Darstellung der Ereignisse, wie sie sich laut Beschwerdegegnerin am 26. und 27. Dezember 2004 zugetragen haben, erwogen, die Versicherte habe zwar die grosse Flutwelle, welche auf dem Land die bekannte Katastrophe ausgel�st habe, nicht unmittelbar erlebt. Aus ihrer glaubhaften Schilderung gehe jedoch hervor, dass die Gefahr noch nicht vorbei gewesen sei, als sie sich der K�ste gen�hert habe. Sie habe gesehen, wie sich das Meer zu einem seitw�rts fliessenden Strom entwickelt habe und panische Angst erlebt, als umgekehrte Schiffe, Metallteile, B�ume und andere Gegenst�nde auf ihr Boot zugetrieben seien, welches nur dank sehr viel Gl�ck davon nicht erfasst worden sei. Anschliessend seien sie auf ein gr�sseres Schiff zugetrieben, das nicht weggeschwemmt worden sei und �ber welches sie mittels einer m�hsamen und gef�hrlichen Kletterei schliesslich habe an Land gelangen k�nnen. Halte man sich die von der Versicherten ausf�hrlich geschilderte Situation auf dem Wasser bis zum Erreichen der K�ste vor Augen, enthalte diese die verschiedensten aussergew�hnlichen Schreckmomente, welche die Leute auf dem Boot denn auch in gr�sste Angstzust�nde versetzt h�tten. Objektiv betrachtet habe sich die Versicherte w�hrend dieser Zeit in Lebensgefahr befunden.
4.1 Die Beschwerdef�hrerin bestreitet das Vorliegen eines Unfalls. Zur Begr�ndung macht sie geltend, die Versicherte habe nicht die Flutwelle selber, sondern nur deren Folgen miterlebt. Es verhalte sich damit gleich wie im Fall jener Mutter, welche den einem T�tungsdelikt zum Opfer gefallenen Sohn aufgefunden habe, mit Bezug auf welches Ereignis im Urteil U 24/98 vom 29. Oktober 1999 (RKUV 2000 Nr. U 365 S. 89) der Unfallbegriff ebenfalls abgesprochen worden sei.
4.2 Dieser Betrachtungsweise kann nicht gefolgt werden. Vielmehr gilt es, in �bereinstimmung mit der Vorinstanz, das Ereignis in seiner Gesamtheit zu w�rdigen (vgl. RKUV 2005 Nr. U 542 S. 144, U 46/04). Dabei muss sich die sch�digende �ussere Einwirkung, um noch als pl�tzlich erfolgt gelten zu k�nnen, nicht auf einen blossen kurzen Augenblick beschr�nken. Vielmehr gen�gt es, dass es sich um einen einmaligen Vorfall handelt, der sich in einem relativ kurzen, bestimmt abgegrenzten Zeitraum vollzieht (EVGE 1939 S. 102 E. 5 S. 118). Zwar hat die Beschwerdegegnerin die erste Flutwelle, welche an Land grosse Verw�stungen angerichtet hat, nicht unmittelbar gesehen. Sie befand sich zu dieser Zeit auf dem Meer, welches seltsame Wellen und einen seitw�rts treibenden Sog entwickelte. Das Ufer konnte sie in der Folge angesichts der auf dem Wasser treibenden Gegenst�nde und der v�llig ver�nderten K�ste nur unter dramatischen Umst�nden und unter Lebensgefahr erreichen. Zumindest bis zu jenem Zeitpunkt war sie einem massiven psychischen Druck ausgesetzt. An Land angekommen, war die Gefahr aufgrund der Warnungen vor neuen Flutwellen zudem f�r die Versicherte noch nicht vor�ber. Hinzu kommt, dass vor dem 26. Dezember 2004 praktisch niemand wusste, was ein Tsunami ist, wie er verl�uft und wie lange er anh�lt. Unter diesen Umst�nden stellen die Geschehnisse, wie sie die Versicherte unmittelbar erlebt hat und die damit verbundenen seelischen Eindr�cke einen einheitlichen, einmaligen Vorfall dar, der als aussergew�hnliches Schreckereignis im Sinne der Rechtsprechung und damit als Unfall zu werten ist.
Das kantonale Gericht hat sich zur Frage des nat�rlichen Kausalzusammenhangs zwischen dem Schreckereignis und den psychischen Problemen der Beschwerdegegnerin nicht ausdr�cklich ge�ussert, diesen jedoch stillschweigend bejaht. Aufgrund der medizinischen Unterlagen ist in der Tat davon auszugehen, dass die Versicherte durch das Ereignis vom 26. Dezember 2004 eine gesundheitliche Beeintr�chtigung im Sinne einer posttraumatischen Belastungsst�rung (ICD-10 F43.1) erlitten hat. In der Beschwerde wird nichts vorgebracht, das geeignet w�re, zu einer anderen Betrachtungsweise zu f�hren.
Das kantonale Gericht ging sodann davon aus, das am 26. Dezember 2004 von der Versicherten Erlebte sei geeignet, bei jedem gesunden Menschen das seelische Gleichgewicht zu st�ren. Dem ist beizupflichten. Beurteilt nach dem gew�hnlichen Lauf der Dinge und der allgemeinen Lebenserfahrung ist das Ereignis angesichts der dramatischen Umst�nde und latenten Lebensgefahr, in der sich die Beschwerdegegnerin befand, geeignet, einen nachhaltigen psychischen Gesundheitsschaden zu verursachen.
F�r das Verfahren vor Bundesgericht sind von der unterliegenden Beschwerdef�hrerin Gerichtskosten zu erheben (Art. 65 und Art. 66 Abs. 1 BGG). Der obsiegenden Beschwerdegegnerin steht eine Parteientsch�digung zu (Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG).
Die Beschwerdef�hrerin hat der Beschwerdegegnerin f�r das Verfahren vor dem Bundesgericht eine Parteientsch�digung von Fr. 1500.- (einschliesslich Mehrwertsteuer) zu bezahlen.