Source: http://m.hensche.de/Urlaub_Dauerkrankheit_Urlaub_bei_Dauerkrankheit_verfaellt_nach_15_Monaten_BAG_9AZR353-10.html
Timestamp: 2017-02-25 04:57:12
Document Index: 217799929

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 7', 'Art.7', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 7']

HENSCHE Arbeitsrecht: Urlaub bei Dauerkrankheit verfällt nach 15 Monaten
07.08.2012. Im All­ge­mei­nen ver­fällt der ge­setz­li­che Ur­laub er­satz­los, wenn er nicht bis zum Jah­res­en­de ge­nom­men wird. Das gilt aber nach der Recht­spre­chung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) und des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) nicht für den Ur­laub, den Ar­beit­neh­mer we­gen ei­ner Er­kran­kung nicht neh­men konn­ten. Al­ler­dings darf das „An­spa­ren“ von Ur­laubs­an­sprü­chen bei lan­ger Er­kran­kung zeit­lich be­grenzt wer­den. Das ent­schied der EuGH En­de 2011 in ei­nem Fall, in dem es um ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Ver­falls­frist von 15 Mo­na­ten (ge­rech­net ab dem En­de des Ur­laubs­jah­res) ging. Ei­ne sol­che zeit­li­che Be­gren­zung des Ur­laubs­schut­zes in Krank­heits­fäl­len hielt der EuGH für eu­ro­pa­recht­lich zu­läs­sig (EuGH, Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schul­te). Wie die­se eu­ro­pa­recht­li­che Be­gren­zung des Schut­zes er­krank­ter Ar­beit­neh­mer in Deutsch­land um­ge­setzt wer­den könn­te, ist seit die­sem Ur­teil um­strit­ten. Denn das Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) ent­hält ei­ne sol­che Spe­ziel­re­ge­lung für Krank­heits­fäl­le nicht. Trotz­dem hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem Grund­satz­ur­teil vom heu­ti­gen Ta­ge zu­guns­ten der Ar­beit­ge­ber­sei­te ent­schie­den, dass der in Krank­heits­fäl­len "an­ge­spar­te" Ur­laub all­ge­mein, d.h. auch oh­ne ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Re­ge­lung, 15 Mo­na­te nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res ver­fällt, d.h. zum 31. März des über­nächs­ten Jah­res: BAG, Ur­teil vom 07.08.2012, 9 AZR 353/10.
Gibt es eine allgemeine Grenze für das Ansammeln von Urlaub bei langer Krankheit?
Sei­nen Ur­laub muss man im lau­fen­den Ka­len­der­jahr neh­men. Das schreibt § 7 Abs.3 BUrlG vor. Und auch in den ge­setz­lich ge­re­gel­ten Aus­nah­mefällen ei­ner Über­tra­gung des Ur­laubs verfällt der Ur­laub zum 31. März im Fol­ge­jahr, wenn er nicht bis da­hin ge­nom­men wur­de. Hin­ter die­sen Re­ge­lun­gen steht aber Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG. Er schreibt für al­le Ar­beit­neh­mer, auch die lan­ge er­krank­ten, ei­nen Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen vor. Die­se Richt­li­nie ver­bie­tet nach Auf­fas­sung des EuGH, dass Ur­laub in­fol­ge ei­ner lan­gen Krank­heit verfällt (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff). Das BAG setz­te die­ses EuGH-Ur­teil durch ei­ne Um­in­ter­pre­ta­ti­on von § 7 Abs.3 BUrlG in deut­sches Recht um (BAG, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07). Seit­dem gilt der 31. März des Fol­ge­jah­res nicht mehr als zeit­li­ches Ra­sier­mes­ser für den Vor­jah­res­ur­laub, den er­krank­te Ar­beit­neh­mer we­gen ih­rer Krank­heit nicht neh­men konn­ten. Und dem­ent­spre­chend sieht es seit­dem so aus, als könn­ten langjährig er­krank­te Ar­beit­neh­mer "end­los" Ur­laub an­sam­meln.
Der Streitfall: Lange erkrankte Arbeitnehmerin bezieht Erwerbsunfähigkeitsrente und möchte für vier Jahre und drei Monate Urlaubsabgeltung
Da der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) auf das Ar­beits­verhält­nis an­zu­wen­den war, ruh­te das Ar­beits­verhält­nis während des Ren­ten­be­zugs. Außer­dem sieht der TVöD vor, dass während ei­nes sol­chen Ru­hens der Ur­laub (ein­sch­ließlich ei­nes et­wai­gen ta­rif­li­chen Zu­satz­ur­laubs) für je­den Ka­len­der­mo­nat des Ru­hens um ein Zwölf­tel gekürzt wird. Die Ar­beit­neh­me­rin ver­lang­te für die Jah­re 2005 bis 2009 Ab­gel­tung von ins­ge­samt 149 Ur­laubs­ta­gen, im­mer­hin 18.841,05 EUR brut­to. Das Ar­beits­ge­richt Frei­burg (Ur­teil vom 21.07.2009, 7 Ca 198/09) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg ga­ben der Kla­ge über­wie­gend statt: Sie ver­ur­teil­ten den Ar­beit­ge­ber zur Ab­gel­tung des ge­setz­li­chen Er­ho­lungs­ur­laubs von 20 Ta­gen pro Jahr und des fünftägi­gen Zu­satz­ur­laubs für schwer­be­hin­der­te Men­schen, d.h. zur Zah­lung ei­ner Ur­laubs­ab­gel­tung von 13.403,70 EUR brut­to (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom Ur­teil vom 29.04.2010, 11 Sa 64/09).
BAG: Der Urlaub langzeitig erkrankter Arbeitnehmer verfällt generell 15 Monate nach dem Urlaubsjahr, d.h. zum 31. März des übernächsten Jahres
Fa­zit: Die Li­nie des BAG ist da­mit klar. Der Ar­beit­neh­mer kann lan­ge Jah­re krank sein und/oder ei­ne Ren­te we­gen Er­werbs­min­de­rung be­zie­hen (so dass sein Ar­beits­verhält­nis "ruht"): Er er­wirbt für je­des Jahr der Krank­heit bzw. des Ren­ten­be­zugs sei­nen vol­len ge­setz­li­chen Ur­laubs­an­spruch so­wie sei­nen Zu­satz­ur­laub als Schwer­be­hin­der­ter. Die­se Ansprüche ge­hen aber ziem­lich rasch wie­der un­ter, nämlich zum 31. März des übernächs­ten Jah­res. Da­mit gilt nach der Recht­spre­chung des BAG ei­ne all­ge­mei­ne "ge­setz­li­che" 15-Mo­nats-Gren­ze für das An­sam­meln von Ur­laubs­ansprüchen bei lan­ger Krank­heit. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:
Bewertung: Ur­laub bei Dau­er­krank­heit ver­fällt nach 15 Mo­na­ten