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Timestamp: 2017-01-21 06:15:44
Document Index: 55679310

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 823', 'Art. 6', '§ 1', '§ 4', '§1361']

Gender Mainstream Gutachten von Prof. Dr. Dr. Michael Bock
Gender Mainstream Geschlechterforschung
- Gender Mainstream Geschlechterforschung - Professor Dr. Dr. Michael Bock - Aktiv gegen Frauen-Gewalt _______________-----------------------------------------------_________________
Professor Dr. Dr. Michael Bock Gutachten vom Freitag, 15. Juni 2001 Angefertigt anläßlich der öffentlichen Anhörung im Rechtsausschuß des Deutschen Bundestages am Mittwoch, dem 20. Juni 2001 Gesamtergebnis:
Ich empfehle dem Deutschen
Bundestag nachdrücklich, den Gesetzesentwurf der
Bundesregierung insgesamt abzulehnen („abschließende
Stellungnahme“).
Zur Zielsetzung des Entwurfs
Neue rechtliche Instrumente
1.2. Bedarfsdiagnose der Bundesregierung
1.3. Bestehende rechtliche Instrumente und
Gewalt zwischen Partnern
Verteilung zwischen den Geschlechtern
2.1.2. Wechselseitigkeit der Gewalt
2.1.4. Vor- und Nachteile des meist eingesetzten
2.3. Gewalt gegen Senioren
3.2. Längerfristige Effekte
3.2.2. Gewalt gegen Kinder, Senioren und Männer
3.2.3. Intergenerationelle „Spirale“ der
PAS und allgemeine Trennungsfolgen bei Kindern
4.2. Psychosoziale Kosten bei Männern
4.3. Langfristige demographische Effekte
Mißbrauchsmöglichkeiten
Die Kombination aus unbestimmten Rechtsbegriffen und
gesellschaftlichem „Klima“
5.2. Anreiz durch Nebeneffekte
Krisenintervention ist durch polizeirechtliche Instrumente gewährleistet
6.2. Grob unrichtige Einschätzung der tatsächlichen
6.3. Rechtsstaatlichen Verluste ohne präventive
1. Zur Zielsetzung des Entwurfs
1.1. Neue rechtliche Instrumente
Der Entwurf der Bundesregierung eines sogenannten
Gewaltschutzgesetzes (GewSchGes)[1]
enthält eine Reihe von rechtlichen Instrumenten, die gegenüber der
bestehenden Gesetzeslage, aber auch im Vergleich mit sonstigen (zivil)rechtlichen
Grundsätzen einschneidende Veränderungen bedeuten. § 1 hat im wesentlichen
klarstellende Funktion im Vergleich zu §§ 823, 1004 BGB. Die wichtigsten
Neuerungen betreffen dagegen die Wohnungszuweisung:
Erweiterung des Schutzbereichs von der Ehe auf die häusliche
Gemeinschaft.[2]
Schutz der bloßen Bedrohung und das Genügen
einer unbilligen Härte zur Überlassung der Wohnung
Verzicht auf die Gefahr künftiger Beeinträchtigungen
Beweislastumkehr mit hohen Hürden bei Rückkehr
Erleichterung des einstweiligen Rechtsschutzes durch die
Möglichkeit der Vollstreckung durch unmittelbaren Zwang und ohne
Bundesregierung räumt offen ein, daß diese Änderungen vor allem in ihrer
Kombination mit der bisherigen Systematik des Zivilrechts in Widerspruch
stehen. In der Tat wird in die Art. 6, 11, 14 und 19 Abs. 4 GG massiv
eingegriffen. Wie weit, wird das Bundesverfassungsgericht zu entscheiden
1.2. Bedarfsdiagnose der
Gerechtfertigt werden diese massiven Eingriffe von der
Bundesregierung durch die Diagnose einer außerordentlichen Bedarfslage. Sie
begründet ihre Gesetzesinitiative damit, daß (Entwurf, S. 1)
Die bestehenden Instrumente zum Schutz vor häuslicher
Gewalt nicht ausreichen, insbesondere und gerade wegen der rechtlichen
Schutz- und Verteidigungsmöglichkeiten der beschuldigten Person, sowie daß
Vor allem Frauen und Kinder Opfer häuslicher Gewalt sind
und in besonderer Weise des wirksamen Schutzes bedürfen.
Trotz formell weitgehend geschlechtsneutraler Formulierungen
ist der Entwurf daher in der Begründung und in dem besonderen Arrangement
rechtlicher Instrumente gewollt geschlechtsspezifisch ausgelegt.
Bestätigt wird dies auch dadurch, daß die Bundesregierung diese
Gesetzesinitiative ausdrücklich in den Zusammenhang ihres „Aktionsplanes
gegen Gewalt gegen Frauen“ rückt (Entwurf, S. 11, Spalte 1; S. 24 Spalte
2). Neben den gesetzlichen Änderungen soll sich vor allem auch das
gesellschaftliche „Klima“ (ebenda) in diesem Bereich in der Weise ändern,
daß Gewalt gegen Frauen allseits geächtet und wirksam bekämpft wird.
Wenn es aber nichts anderes als eine empirische
Bedarfsdiagnose ist, welche die äußerst problematischen rechtlichen
Regelungen ausnahmsweise rechtfertigen soll, so bedeutet dies, daß der
gesamte Entwurf mit der empirischen Tragfähigkeit der von der Bundesregierung
gemachten Behauptungen über Umfang und Opfer häuslicher Gewalt sowie mit der
Begründet­heit der Erwartungen über Verbesserungen, die das neue Recht
bringen soll, steht und fällt.
1.3. Bestehende rechtliche
Instrumente und gesellschaftliche Änderungen
Die sexuelle Selbstbestimmung der Frau wurde durch das
Gesetz 33. Strafrechtsänderungsgesetz vom 5.7.97 (BGBl. I, 1607)
strafrechtlich wirksamer geschützt als bisher.
Ob Kinder durch das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der
Erziehung und des Kindesunterhaltsrechts vom 2. 11. 2000 (BGBl. I. 1479)
wirksamer geschützt werden, bleibt abzuwarten.
Zur Beurteilung der bestehenden Lage ist jedoch insbesondere
darauf hinzuweisen, daß ganz unabhängig von den geplanten zivilrechtlichen
Änderungen auf polizeirechtlicher Grundlage schon jetzt unter der
Bezeichnung „rote Karte“ wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung häuslicher
Gewalt praktiziert werden. Die Erfolgsmeldungen, wonach wieder so und so
vielen Männern die „rote Karte“ gezeigt wurde[3],
Was die von der Bundesregierung geforderte Änderung des
gesellschaftlichen „Klimas“ betrifft, so sei nur darauf verwiesen, daß
schon jetzt in zahllosen Initiativen der einschlägigen Länderministerien,
der kommunalen Präventionsräte oder auch rein privater oder kirchlicher
Vereine (etwa Fußballvereine) das Thema „häusliche Gewalt“ in der von
der Bundesregierung gewünschten Weise bearbeitet wird. Bezüglich der Ächtung
männlicher Gewalt und der Entfernung von tatsächlich oder vermeintlich
gewalttätigen Männern aus ihren Wohnungen hat sich also gerade seit der Zeit
der Abfassung des Entwurfs der Bundesregierung die Lage drastisch verändert
und zwar in der von der Bundesregierung gewünschten Form. Die Zeiten, in
denen Polizei und Gerichte in Fällen häuslicher Gewalt abgewiegelt oder nur
sehr zögerlich reagiert haben, gehören längst der Vergangenheit an.
Ähnliche Effekte sind auch bei der ebenfalls im Fluß
befindlichen Auslegung und Anwendung der bestehenden zivilrechtlichen und
strafrechtlichen Vorschriften[4]
zu beobachten und hätten abgewartet werden können.
2. Erfahrungswissenschaftliche
2.1. Gewalt zwischen Partnern
2.1.1. Verteilung zwischen den
Entgegen den Annahmen der Bundesregierung ist die Gewalt
zwischen Partnern im wesentlichen zwischen Frauen und Männern gleich
verteilt. Sichtbar wird dies, wenn die bei häuslicher Gewalt unbedingt
erforderlichen Dunkelfeldstudien herangezogen werden. Eine solche
Untersuchung des KFN von 1992, die vom BMFSFJ selbst herausgegeben wurde, bestätigt
diesen in einer Vielzahl empirischer Untersuchungen in anderen Ländern
festgestellten Befund, indem sie bei schwerer physischer Gewalt Opferzahlen
von 214.000 Männern und 246.000 Frauen pro Jahr angibt.[5]
Der Bundesregierung ist wohl dieser Befund - wie überhaupt
der internationale Forschungsstand – nicht gegenwärtig, obwohl die Studie
unter den Arbeiten zitiert ist, die von der Bundesregierung als Grundlage
ihres Entwurfes angeführt werden (Entwurf, S. 10, Spalte 2). Sie ist auch in
Zukunft nicht an einer Erforschung der Zahlenverhältnisse und Ursachen häuslicher
Gewalt interessiert. Eine neue Studie, die angekündigt wird (ebenda) soll
sich ausdrücklich nur mit „Ausmaß, Hintergründen und Folgen von männlicher
Gewalt gegen Frauen“ befassen.
Inzwischen liegen sekundäranalytische Arbeiten vor[6],
in denen die entsprechenden Studien methodisch hinterfragt, kritisch gewürdigt
und bezüglich der Haupttendenz der Ergebnisse zusammengefaßt werden. Der
britische Wissenschaftler John Archer[7]
kommt dabei zu folgenden Befunden.
a. Aggressives Verhalten
Aggressives Verhalten legen Frauen und Männer nahezu gleich
häufig an den Tag, Frauen sogar etwas mehr (bei einer Gesamtberechnung ca 52%
der Fälle). Dieser Befund erwies sich als erstaunlich stabil. Meßmethoden,
Art und Größe der Stichproben sowie einige sonstige Unterschiede der in die
Analyse einbezogenen insgesamt 82 Untersuchungen bewirkten nur vergleichsweise
geringe Abweichungen von diesem Gesamtbefund.[8]
b. Wahrgenommene
Bei den wahrgenommenen Verletzungen gibt es ein leichtes Übergewicht
für die Frauen (bei einer Gesamtberechnung 62% der Fälle). Diese Befunde
sind nicht ganz so gut gesichert, weil nicht alle Studien hierzu Angaben
enthalten, doch ist auch hier die Gesamttendenz eindeutig.[9]
Ein weiterer wichtiger Befund aus den entsprechenden
Untersuchungen ist der, daß in den meisten Fällen die Gewalt von beiden
Partnern wechselseitig ausgeübt wird.[10]
Diese Befunde kontrastieren auffällig nicht nur mit den
Annahmen der Bundesregierung, sondern mit einer Reihe von anderen
Untersuchungen, die als „klinische“ Studien oder als „Kriminalitätsstudien“
bezeichnet werden. In diesen Studien werden – wie auch in den amtlichen
Kriminalstatistiken – bei insgesamt erheblich geringeren Fallzahlen regelmäßig
deutlich höhere Quoten für Männer als Täter und Frauen als Opfer häuslicher
Gewalt berichtet.[11]
Die Mehrzahl der Studien, auf die sich die Bundesregierung stützt (Entwurf,
S. 10, Spalte 2), sind solche Studien.
Der Grund für die unterschiedlichen Befunde liegt darin, daß
es sich bei den zuletzt genannten Studien um Arbeiten mit ausgelesenen
Fällen handelt, und zwar mit den Fällen, in denen tatsächliche oder
angebliche Gewalterfahrungen öffentlich gemacht wurden: bei den
Strafverfolgungsbehörden, bei Ärzten oder Krankenhäusern, in sozialen und
caritativen Einrichtungen. Es sind diese und nur diese Fälle, auf denen das
Wissen und die Erfahrung von juristischen und nichtjuristischen Expertinnen
und Experten beruht, die in diesem Bereich arbeiten. Die von den o. g. Autoren
(vgl. FN 6) zusätzlich analysierten Studien sind hingegen repräsentative
oder epidemiologische Studien, in denen häusliche Gewalt unabhängig davon
gemessen wird, ob sie öffentlich gemacht wird oder nicht. Diese Studien
enthalten also unausgelesene Daten.
Will man sich über das gesamte Ausmaß und
die geschlechtsspezifische Verteilung häuslicher Gewalt ein
realistisches Bild machen, muß man natürlich auf unausgelesene Daten zurückgreifen.
Will man nur sehen, welcher Ausschnitt öffentlich „bearbeitet“
wird, genügen die ausgelesenen Daten. Die meisten Menschen, die als
Expertinnen und Experten gelten, sind deshalb nicht Experten für häusliche
Gewalt, sondern für den Ausschnitt der öffentlich werdenden häuslichen
Die Unterschiede in den geschlechtsspezifischen Quoten häuslicher
Gewalt, die zwischen diesen Typen von Studien bestehen, erklären sich vor
allem dadurch, daß a) Frauen und Männer aufgrund von Rollenverständnissen
objektiv gleiches Verhalten unterschiedlich wahrnehmen und bewerten, und daß
b) das „outing“ für Frauen in jeder Hinsicht ein Gewinn ist, für Männer
hingegen eine Katastrophe. Man glaubt ihnen nicht, sie werden ausgelacht, bei
„Experten“ beiderlei Geschlechts und vor Gericht, weil schon jetzt (und
durch die Kampagne der Bundesregierung in Zukunft verstärkt) die objektiv
unzutreffende Vorstellung verbreitet ist, häusliche Gewalt sei männliche
Gewalt. Männer fürchten diese Art der sekundären Viktimisierung und den
Verlust einer achtbaren männlichen Identität vor sich selbst und ihren
Bezugspersonen. Für Frauen hingegen gibt es eine sozial anerkannte
Opferrolle. Durch das „outing“ können Sie ihre materielle, psychische,
soziale und rechtliche Lage verbessern und deshalb wählen sie den Weg in die
Öffentlichkeit, zu den „Experten“ und zu den Gerichten.
Diese Zusammenhänge sind längst bekannt und ergeben sich
aus einer langjährigen intensiven Forschungstradition insbesondere, aber
nicht nur in den Vereinigten Staaten. Um so weniger ist verständlich, wieso
die Bundesregierung mit keinem Wort darauf eingeht.
2.1.4. Vor- und Nachteile des meist
eingesetzten Meßinstruments
Die Befunde, die im wesentlichen eine Gleichverteilung der
Gewalt zwischen Frauen und Männern ergaben, waren von Anfang an heftiger
Kritik ausgesetzt, weil sie gängigen Stereotypen widersprachen und eine
Politik in Frage stellten, die häusliche Gewalt nicht als ein Problem beider
Geschlechter, sondern nur als eines von Männern ansah.
Die Kritik richtete sich dabei insbesondere auf das Meßinstrument,
mit dem in den meisten dieser Studien operiert wurde, die sogenannte Conflict
Tactics Scale (CTS), die von Murray Straus, der im übrigen die Bemühungen
der Frauenbewegung gegen häusliche Gewalt offen unterstützt, und seinen
Mitarbeitern entwickelt worden war. Diese Skala enthält Verhaltensweisen, die
im Falle von Konflikten eingesetzt werden, vom einfachen Schubsen über Beißen,
Treten und Schlagen bis hin zur Drohung mit oder dem tatsächlichen Einsatz
Der folgende Fragenkatalog ist beispielhaft für die Übertragung
dieser Methode ins Deutsche durch das Kriminologische Forschungsinstitut
Niedersachsens (KFN):
oder Haushaltsmitglieder haben bei Streit oder Auseinandersetzung
mit einem Gegenstand nach mir geworfen
mich hart angepackt oder gestoßen
mir eine runtergehauen
Subskala "physische Gewalt" insgesamt
mich mit der Faust geschlagen, getreten oder gebissen
mich mit einem Gegenstand geschlagen oder zu schlagen versucht
mich geprügelt, zusammengeschlagen
mich gewürgt
mir absichtlich Verbrennungen oder Verbrühungen beigefügt.
mich mit einer Waffe, z. B. einem Messer oder einer Schußwaffe
eine Waffe, z. B. ein Messer oder einen Schußwaffe gegen mich
Subskala "schwere physische
Gegen dieses Meßinstrument wurden vor allem 4 Einwände[12]
Die Kategorisierung der CTS sei grundsätzlich
ungeeignet, die entsprechenden Phänomene zu erfassen. Dieser Einwand
kann schon dadurch als widerlegt gelten, daß die Studien, die nicht die
CTS sondern andere Instrumente verwenden, zu denselben Resultaten kommen.
Frauen würden diese Verhaltensweisen nur zu ihrer
Verteidigung einsetzen und dies berücksichtige die CTS nicht. Der
Einwand ist widerlegt, denn einschlägige Studien zur „inititation“
ergeben ebenfalls eine Gleichverteilung zwischen den Geschlechtern.
Die CTS berücksichtige den „Kontext“ der
psychischen, sozialen und ökonomischen Lage nicht. Dies ist insofern
richtig, als die CTS nur den Kontext des Konflikts sichtbar macht. Es
fehlt an Studien, die sowohl in der Auswahl der Fälle repräsentativ als
auch in der Methodik qualitativ sind. So lange es diese Studien aber nicht
gibt, ist das vorhandene Material die beste Informationsquelle und es ist
auch nicht ersichtlich, wieso der „Kontext“ zu anderen Resultaten führen
Die CTS berücksichtige nicht das Ausmaß der
hervorgerufenen Verletzungen. Hierzu ist zu sagen, daß es durchaus
Studien und eine CTS2 gibt, die dies tun. Nach der Analyse von Archer[13]
sind, wie schon oben (2.1.1.b) erwähnt, Frauen mit 62% davon häufiger
betroffen. Mit der Variable „injury“ oder der Meinung, etwas müsse
medizinisch versorgt werden, bewegt man sich allerdings schon wieder im
Bereich des subjektiven Befindens, der Bewertung von Erlebnissen, der
Einschätzung von Zuständen, die von Rollenverständnissen und
Selbstdefinitionen abhängig sind.
Im übrigen sind auch nach den
Verhaltensbefunden z. B. das Schlagen mit Gegenständen oder der Einsatz von
Messern in etwa gleich verteilt und es ist nicht einzusehen, wieso ein Messer
bei Männern weniger verletzend wirken soll als bei Frauen. Eine gesonderte
Betrachtung der Opfer von Tötungsdelikten in Partnerschaften zeigt, daß Männer,
wenn nicht in gleichem, so doch in erheblichem Umfang Opfer werden, und zwar
ebenfalls nicht verstärkt infolge weiblicher Selbstverteidigung.[14]
dieser Meßprobleme bezüglich der Folgen von aggressiven Verhaltensweisen
zeigen die Ergebnisse jedenfalls deutlich, daß man nicht mehr an dem Befund
vorbeigehen kann, daß Männer nicht nur in mindestens gleich großem Umfang
Opfer aggressiven Verhaltens von Frauen werden, sondern auch in einem
relevanten Maß durch Frauen Verletzungen erleiden oder von ihnen getötet
Die unbestrittene Stärke der CTS besteht in ihrer
strikten Begrenzung auf das Verhalten. Sie mißt insofern das, was sich in
Partnerschaften tatsächlich abspielt.[15]
Schon bei der Messung von Verletzungen ist dies teilweise anders, erst recht,
wenn gefragt wird, ob man sich in seiner Sicherheit bedroht fühle oder ob das
entsprechende Verhalten „kriminell“ sei.
2.2. Kindesmißhandlung
Die Bundesregierung ist insofern richtig informiert, als sie
darauf hinweist, daß vor allem Kinder Opfer häuslicher Gewalt sind. Dies ist
in der Tat in einem erschreckenden Ausmaß der Fall. Das BMFSFJ geht in seiner
Pressemitteilung vom 08.11.2000 von 1.400.000 Fällen von Kindesmißhandlung
pro Jahr aus, das sind insgesamt 11% der entsprechenden Altersgruppe. Die
Bundesregierung informiert jedoch nicht über das Faktum, daß die Täter
keineswegs mehrheitlich Männer sind. „Der Deutsche Kinderschutzbund geht
davon aus, dass die Kindesmisshandlung kein Delikt ist, das überwiegend Vätern
zuzuordnen ist. Gerade die Vernachlässigung ist eher den Müttern
zuzuschreiben“, meinte jedenfalls Hildegard Wester, MdB, in ihrer
Eigenschaft als Sprecherin der AG Familie, Frauen, Senioren und Jugend der
SPD-Bundestagsfraktion in einer Antwort vom 3.2.2000 auf eine entsprechende
briefliche Anfrage.
Mangels aussagekräftiger deutscher Studien, die auch bezüglich
Kindern als Opfer häuslicher Gewalt nicht geplant sind, muß man wiederum in
die USA schauen, um sich über Größenordnungen zu informieren. Nach
Erhebungen (neben polizeilichen Daten auch Zahlen der mit Kinderschutz befaßten
Institutionen) des staatlichen National Clearinghouse on Child Abuse and
Neglect Information (NCCAN) mit dem sogenannten „Harm“-Standard, der die
direkt sichtbaren Mißhandlungen erfaßt, wurden 65% der Opfer von Frauen, 54%
von Männern mißhandelt. Waren es die leiblichen Eltern, so gingen die Mißhandlungen
in 75% der Fälle von den Müttern und in 46% der Fälle von den Vätern aus.
Bei getrenntem Ausweis der körperlichen Misshandlungen waren es 60% der Mütter
und 40% der Väter. Interessant sind vor allem auch die Befunde (allerdings
mit dem sogenannten „Endangerment-Standard“ gemessen), daß das Risiko für
alle Arten von Misshandlung bei Alleinerziehenden dramatisch steigt[16]
Angesichts dieser Befunde – selbst wenn sie für die Bundesrepublik
Deutschland leicht anders ausfallen sollten – bleibt es rätselhaft, wieso
Kindern im Gesetzesentwurf kein eigenes Antragsrecht eingeräumt worden ist[17]
und wieso die Bundesregierung der Auffassung ist, häusliche Gewalt ginge
nahezu ausschließlich von Männern aus. Das Argument, Frauen seien auch mit
der Erziehung häufiger befaßt, mag ebenso richtig sein wie der Umstand, daß
oft Überforderung der Grund für Kindesmisshandlung ist. Nur ändert sich
dadurch an den Fakten und am Interventionsbedarf nichts. Zu oft hat die
Bundesregierung betont, für Gewalt an Kindern gebe es keine Entschuldigung.
Nach der Opferbefragung des KFN von 1992 (vgl. FN 5) waren
in einem Jahr mindestens 340.000 ältere Menschen Opfer eines Gewaltdeliktes
einer nahestehenden Person. Werden nur die Fälle schwerer Gewalt betrachtet,
so waren 172.000 alte Menschen pro Jahr Gewaltopfer, von denen wiederum
120.000 mehrfach attackiert wurden. Bei den Tätern dominierten die Partner
(80 % der Gewalttaten), was deutlich über der Quote bei den 20-59-jährigen
liegt (71%). Aus einer repräsentativen Untersuchung aus Boston[18]
wird von nahezu dreimal so hohen Prävalenzraten von physischen
Gewalterfahrungen von Männern gegenüber Frauen (37/1000 im Vergleich zu
13/1000, S. 54) berichtet. Allerdings seien bei Männern die Verletzungen
tendenziell leichter[19].
Wieder ist also eindeutig zu konstatieren, daß Männer in erheblichem Umfang
Opfer werden und daß Frauen im Vergleich zu Männern mindestens in gleichem,
wenn nicht in höherem Maß Täterinnen sind.[20]
Und wieder ist die Begründung, dies liege an der häufigeren Befaßtheit der
Frauen mit häuslicher Pflege und am problematischen „Kontext“, ebenso
richtig wie angesichts der sonstigen apodiktischen Äußerungen über die Ächtung
und Bekämpfung von Gewalt wenig überzeugend.
3. Präventive Effekte
3.1. Krisenintervention
Das Gewaltschutzgesetzes sieht vorläufigen Rechtsschutz mit
niedrigen Tatbestandsvoraussetzungen und unmittelbarem Zwang bei der
Vollstreckung vor. Daran ist zu ersehen, daß es sich im Grunde um ein
Instrument der Gefahrenabwehr handelt, wie sie jetzt schon wirksam nach den
Polizeigesetzen der Länder („rote Karte“) gehandhabt werden kann.
Ausdrücklich festgehalten werden muß jedoch: Wegen der
bestehenden – objektiv unzutreffenden (s. o. 2.1) und gleichwohl durch
Kampagnen der Bundesregierung weiter beförderten – „Normalitätsvorstellungen“
über häusliche Gewalt als männliche Gewalt weisen sowohl die bestehende
polizeirechtliche Gefahrenabwehr als auch die geplanten zivilrechtlichen Maßnahmen
massive Defizite auf, weil gegenüber Frauen ein präventiver
Bedarf regelmäßig verneint wird, obwohl sie in mindestens der Hälfte aller
Fälle die Störerinnen bzw. Täterinnen sind. Senioren sind im Entwurf überhaupt
nicht erwähnt, obwohl gerade bei ihnen als Folge ihrer tatsächlichen Lage
oft eine besondere Verletzlichkeit besteht, die im übrigen auch gerade bei
den Schwächsten das Antragsrecht nach dem Gewaltschutzgesetz ins Leere laufen
läßt. Kindern wurde bewußt ein Antragsrecht vorenthalten.
3.2.1. Gewalt gegen Frauen
Das Gewaltschutzgesetz sichert der Frau mittelfristig die
Wohnung zu, zumal es angesichts der geplanten und als solche gewollten
Beweiserschwernisse kaum Möglichkeiten für Männer geben wird, die einmal
geschaffenen Fakten wieder zu ändern. Sonstige Maßnahmen sind ausdrücklich
vorbehalten, denn der Katalog von § 1 Abs. 1 ist nicht abschließend. Darin
mag man bei isolierter Betrachtung der Lage der betreffenden Frauen einen
mittelfristig gewaltpräventiven Effekt sehen.
3.2.2. Gewalt gegen Kinder,
Senioren und Männer
Verneint werden muß ein solcher in Bezug auf Männer,
Kinder und Senioren, die Opfer von Frauengewalt werden. Dies bedeutet, daß
mindestens die Hälfte der Opfer häuslicher Gewalt weiterhin ohne jeden
Schutz bleiben wird und zwar dauerhaft, weil weder irgendwelche Forschungen über
ihre Situation noch irgendwelche sozialen Hilfsmaßnahmen geplant sind.
3.2.3. Intergenerationelle
„Spirale“ der Gewalt
Verneint werden muß auch jede Verbesserung im Bereich der
nachhaltigen Gewaltprävention, die sich auf die Weitergabe der Muster gewalttätigen
Verhaltens über die Generationen hinweg bezieht. Hierzu muß noch einmal auf
den Befund hingewiesen werden, daß die Gewalt in den meisten Partnerschaften
wechselseitig ausgeübt wird (s. o. 2.1.2). Nach einer längeren oder kürzeren
Vorgeschichte verbaler und psychischer Demütigungen und Verletzungen wird die
Grenze zur Gewalt überschritten, die dann wechselseitig weiter eskaliert. An
diesen Verhaltensmustern von Frauen und Männern läßt sich nachhaltig nur
etwas verändern, wenn die gemeinsame „Geschichte“ dieser konfliktreichen
Beziehung auch gemeinsam bearbeitet wird.
Alle Formen von Therapie oder Mediation werden jedoch von
vornherein im Keim erstickt oder ganz unmöglich, wenn, wie jetzt geplant,
einem der beiden Konfliktpartner, nämlich der Frau, ein Instrumentarium in
die Hand gegeben wird, mittels dessen sie nicht nur völlig risiko­los und
wirksam den „störenden“ Partner enteignen und loswerden, sondern vor
allem eine einseitige Rollenverteilung zwischen einem bösen Täter und einem
guten Opfer rechtlich und sozial verbindlich machen kann. Dies aber bewirkt
nichts als eine verständliche Verhärtung auf seiten des zu unrecht als
allein schuldig stigmatisierten Mannes und zu einer Verdrängung oder
Verharmlosung des eigenen Anteils an der Gewaltgeschichte auf seiten der
allein als Opfer umsorgten Frau.
Sind Kinder vorhanden, so werden sie bei ihren Eltern keine
Verhaltensänderung erleben, die eventuell noch die schon durch
Gewalterlebnisse angerichteten Schäden kompensieren könnten. Gehen die
beiden gewalttätigen Partner neue Partnerschaften ein, wiederholen sich
dieselben Mechanismen, weil durch die Maßnahmen des Gewaltschutzgesetzes nur
Siegerinnen und Verlierer produziert werden, aber keine in Lernprozessen
gewachsenen Partner. Dieses Fehlen von Lernprozessen betrifft natürlich auch
die Gewalt gegen Kinder, und zwar gerade auch dann, wenn sie, wie üblich, bei
den Müttern bleiben, die sie ohnehin und als Alleinerziehende erst recht häufiger
mißhandeln (s. o. 2.2) und sich in ihrem Verhalten bestärkt fühlen können,
nachdem der vermeintliche Störenfried identifiziert und beseitigt ist.
Wenn überhaupt, so ist bei den flankierenden Maßnahmen,
beispielhaft seien hier die nach dem Berliner Vorbild so genannten
„Interventionsprojekte“ erwähnt, eine „Täterarbeit“ vorgesehen, bei
der Männer und nur sie sich mit den Mustern ihres gewalttätigen Verhaltens
auseinanderzusetzen haben, d. h. aber notabene: nicht partnerschaftsbezogen,
sondern als einseitiges soziales Training, während für Frauen als Täterinnen
nicht einmal diese Art von Maßnahmen vorgesehen ist.
4. Schädliche Folgen
Die Bundesregierung verneint pauschal die Entstehung von
Kosten durch das Gewaltschutzgesetz (Entwurf, S. 2). Es wird im Gegenteil
darauf hingewiesen, daß sich Kosten für die krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit
reduzieren würden (ebenda). Wenn man diese Art von „Kosten“ oder
„Einsparungen“ erwähnt, müssen allerdings auch noch andere Posten in die
Rechnung eingestellt werden.
4.1. PAS und allgemeine
Trennungsfolgen bei Kindern
Nach einer Langzeituntersuchung von Napp-Peters[21]
werden ca. 80 % (87 von 109) der nicht sorgeberechtigten Elternteile nach
einer Trennung ausgegrenzt. Dabei gibt es verschiedene Formen der Ausgrenzung:
von Umgangsbehinderungen bis zu PAS, der radikalsten Form der
Ausgrenzung. Häufiger als unter körperlichen Misshandlungen haben Kinder
unter dieser Induzierten Kind-Elternteil Entfremdung (englisch Parental
Alienation Syndrom PAS) bei Trennungen der Eltern zu leiden.
PAS bedeutet die kompromisslose Zuwendung eines Kindes zu einem, - dem
guten, geliebten - Elternteil und die ebenso kompromisslose Abwendung vom
anderen - dem bösen, gehassten - Elternteil im Kontext von Sorge- und
Umgangsrechts-Konflikten der Eltern.[22]
Ziel eines Elternteils (zu 85% sind dies die Mütter) ist die vollständige
Ausgrenzung des anderen Elternteils mit verheerenden Folgen für die Kinder.[23]
Das neue Gewaltschutzgesetz stellt den ausgrenzenden Müttern ein erheblich
einfacheres Werkzeug zur Trennung der Kinder von den Vätern zur Verfügung.
Die bekannten Rituale der Umgangsvereitelung werden um die falsche
Gewaltbeschuldigung erweitert werden.
der Voraussetzung, daß durch die leichte Handhabung des Instrumentariums des
Gewaltschutzgesetzes ohnehin die Zahl der Trennungen zunehmen wird, sind auch
die sonst allgemein bekannten Folgen von Trennungen für Kinder in Anschlag zu
bringen,[24]
darunter insbesondere auch die neuerdings wieder stark diskutierte Problematik
„vaterlos“ aufwachsender Kinder.[25]
Die negativen psychosozialen Folgen von Trennung und
Scheidung sind bekannt. Dies gilt vor allem für die häufigen Fälle, in
denen ein Partner ausgegrenzt wird, ein Ergebnis, das in Fällen, in denen ein
Verfahren nach dem Gewaltschutzgesetz durchgeführt wird, die Regel sein dürfte
und nahezu ausschließlich Männer betreffen wird. „Das oft geäußerte
Vorurteil: ‚Eine Scheidung trifft den Mann härter‘, wird durch unsere
Ergebnisse bestätigt, zumindest was die nichtsorgeberechtigten Väter...betrifft.“[26] Wie
auch immer man die Trennungs- und Scheidungsfolgen methodisch zuverlässig
(sie sind wohl insgesamt in der Vergangenheit etwas überschätzt worden)
beurteilen mag,[27]
ist durch das Gewaltschutzgesetz erstens sowieso eine erhöhte Zahl von
Trennungen oder Scheidungen zu erwarten und zweitens werden die Modalitäten
so sein, daß die speziellen Befunde von Napp-Peters über die massiven
psychosozialen Folgen bei ausgegrenzten Partnern einschlägig sind.[28]
4.3. Langfristige demographische
In den letzten Wochen und Monaten sind vermehrt die Folgen
der negativen demographischen Entwicklung in Deutschland diskutiert und in
Verbindung mit familienpolitischen Argumenten gebracht worden. Neben monetären
Anreizen (z. B. Kindergeld) werden Möglichkeiten diskutiert, für Frauen
bessere Angebote zur Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie zu machen.
Ein Baustein soll auch die von der Bundesregierung angestoßene Väterkampagne
sein. Das Gewaltschutzgesetz setzt hier starke negative Anreize. Das ständige
Risiko, unverschuldet in seiner materiellen und sozialen Existenz vernichtet
zu werden, dürfte die Motivation von Männern in großem Umfang beeinträchtigen,
Familien zu gründen und Kinder zu wollen.
5. Mißbrauchsmöglichkeiten
5.1. Die Kombination aus unbestimmten
Rechtsbegriffen und gesellschaftlichem „Klima“
Das Gewaltschutzgesetz bietet einen nahezu lückenlosen
Schutz für die risikolose Entfernung einer gewalttätigen Person. Dafür
sorgt eine Kombination aus materiell-rechtlichen und Verfahrens- bzw.
Vollstreckungsvorschriften. Komplettiert wird dieses Arrangement rechtlicher
Vorschriften jedoch erst durch die – objektiv falschen - Normalitätsvorstellungen
bei allen Personen und Institutionen, die das neue Recht und seine
flankierenden Maßnahmen implementieren sollen, denn die neuen Vorschriften
enthalten in großem Umfang unbestimmte Rechtsbegriffe, die nur bei
entsprechender Auslegung zu den gewünschten Ergebnissen führen (häusliche
Gemeinschaft, unbillige Härte, Glaubhaftigkeit einer Drohung, Schwierigkeit
eines Beweises zukünftigen gewaltfreien Verhaltens usw.).
Aus diesem Grund legt die Bundesregierung so großen Wert
auf die Veränderung des gesellschaftlichen „Klimas“ durch Kampagnen wie
den „Aktionsplan gegen Gewalt gegen Frauen“ (s. o. 1.2). Es soll noch mehr
„Stimmung“ gemacht werden im Land, die einen subtilen politischen und
medialen Druck auf die Entscheidungsträger ausüben soll. Wer sich dem Druck
verweigert, die entsprechenden Begriffe wunschgemäß auszulegen, setzt sich
dem Verdacht aus, nicht wirkungsvoll gegen Männergewalt vorgehen zu wollen.
Der Vorwurf der heimlichen Komplizenschaft ist schnell erhoben, ein Ruf
ruiniert, eine Karrierechance verspielt, Wählerstimmen verloren.
Die ganze Wucht dieses Arrangements richtet sich jedoch
umgekehrt gegen denjenigen, der sich zurecht gegen die Vorwürfe wehren möchte,
die gegen ihn erhoben werden. Und eben dies lädt zum Mißbrauch mit falschen
Beschuldigungen ein. Es gibt kaum ernsthafte Möglichkeiten, sich gegen
falsche Vorwürfe und die aufgrund dieser falschen Vorwürfe eingeleiteten Maßnahmen
zu schützen. Dies zu verhindern war ja gerade das erklärte Ziel der
Bundesregierung. Wie zum Exempel verweist sie (in der Sache präjudizierend)
auf den Umstand, daß es sehr schwer sein dürfte, den Beweis anzutreten, daß
in Zukunft nicht mehr mit gewalttätigem Verhalten zu rechnen sei (Entwurf, S.
19, Spalte 1). Dem ist zuzustimmen, allerdings mit dem Zusatz: vor allem unter
den Bedingungen einer entgegenstehenden Kampagne (Entwurf S. 24, Spalte 2).
Und beweist nicht jede Form von Leugnen oder gar Widerstand die
Uneinsichtigkeit und andauernde Gefährlichkeit des „Täters“, die noch
wirksamere Kontrollmaßnahmen gegen ihn nahelegt, wie etwa den bereits
vorgesehen Einsatz des Strafrechts nach § 4 GewSchGes-E, so lange, bis der
„Täter“ wirklich im Gefängnis, auf der Straße, in der Sucht oder nach
erfolgreichem Suizid auf dem Friedhof gelandet ist?[29]
Damit sind die Mißbrauchsmöglichkeiten jedoch nicht vollständig
angesprochen. Wenn in einer konfliktreichen Partnerbeziehung erst einmal das
Recht die sonstige Kommunikation ersetzt hat, wird die Phantasie der
Beteiligten und ihrer Anwälte beflügelt, die insgesamt bestehenden Möglichkeiten
auszureizen. Die Abwicklung der Trennung erhält eine Eigendynamik. Die Maßnahmen,
welche infolge einer für die Frau risikolosen Beschuldigung wegen Gewalt oder
Gewaltdrohung ergriffen werden, schaffen Anknüpfungs­tatsachen für weitere
Felder der streitigen Auseinandersetzung.
Ein unmittelbare, schon im Gewaltschutzgesetz vorgesehene
Folge ist die Verfügung über die Wohnung, auch wenn sie dem Partner gehört
oder von ihm gemietet ist.
Mittelbar verbessert sich dadurch aber auch die Ausgangslage
für die materiellen Fragen bei Trennung und Scheidung, etwa wenn es um die
Unterhaltsansprüche geht. Dabei muß es gar nicht der tatsächliche Einsatz
des Instrumentariums des Gewaltschutzgesetzes sein, es genügt schon die
Drohung, man könne ggf. dieses Instrumentarium einsetzen und die Folgen seien
ja bekannt. Das reicht dafür, daß Männer Zugeständnisse machen und auf
Rechtspositionen verzichten, nur um der völligen Existenzvernichtung zu
entgehen, die ein konsequentes diesbezügliches Vorgehen bedeuten würde.
Ähnliches gilt, wenn Kinder da sind, für die nicht allein
materiellen Fragen des Sorgerechts und des Umgangsrechts (hierzu schon ausdrücklich
Entwurf, S. 24), für die ein Verfahren nach dem Gewaltschutzgesetz, egal mit
welchem Ausgang, eine negative Präjudizwirkung entfalten wird, so daß
wiederum schon die Drohung mit einem solchen Verfahren seine Wirkung auf den
Mann nicht verfehlen wird. Wie die Gerichte in diesen Dingen schon jetzt
entscheiden, ist bekannt. Das Gewaltschutzgesetz wird eine zusätzliche und
sehr elegante Möglichkeit bieten, Väter von ihren Kindern fernzuhalten und
sie ihnen dauerhaft zu entfremden.
Leider sind alle diese Mechanismen nicht neu. Die Zahl der
streitigen Trennungs- und Scheidungsverfahren, in denen der Vorwurf des
sexuellen Mißbrauchs der Kinder durch den Vater erhoben wird, steigt.[30]
Und aliquid semper häret, auch wenn sich der Vorwurf irgendwann als unbegründet
herausstellt, wenn längst die Weichen gestellt sind. Die Fälle, in denen nur
mit einem solchen Vorwurf gedroht wird, kennen wir nicht. Mit dem
Gewaltschutzgesetz jedenfalls wird nach dem dunklen Kapitel des Mißbrauchs
mit dem Mißbrauch eines neues Kapitel mit dem Mißbrauch des Gewaltvorwurfs
6.1. Krisenintervention ist durch
polizeirechtliche Instrumente gewährleistet
Sofern ein Bedarf an verbesserter Krisenintervention überhaupt
bejaht wird, wird ihm durch die Vorschriften zur Gefahrenabwehr in den
Polizeigesetzen der Länder ausreichend Rechnung getragen. Es gibt inzwischen
eine klare Tendenz, die bestehenden polizeirechtlichen Instrumentarien auch in
den Fällen häuslicher Gewalt vermehrt einzusetzen. Gesetzesänderungen durch
die Länder sind unbenommen. Es handelt sich um Gefahrenabwehr und diese gehört
von der ganzen Systematik unserer Rechtsordnung in das Öffentliche Recht und
nicht in das Zivilrecht. Dies war ja auch die Linie der österreichischen Lösung.
6.2. Grob unrichtige Einschätzung
der tatsächlichen Lage
Für die wesentlich weiter gehenden Eingriffe des
Gewaltschutzgesetzes entwirft die Bundesregierung ein geschlechtsspezifisches
Bedrohungsszenario, das einer erfahrungswissenschaftlichen Prüfung in keiner
Weise stand hält. Die Behauptung, häusliche Gewalt ginge fast ausschließlich
von Männern aus, ist sowohl bezüglich der Gewalt zwischen Partnern als auch
bezüglich der Gewalt gegen Kinder und Senioren grob falsch. Im Bereich des
Schutzes von Kindern, Senioren und Männern sind dagegen die eigentlichen
Defizite bei der Bekämpfung häuslicher Gewalt zu verorten, während für
Frauen wegen der bisher und zukünftig ausschließlichen Beachtung dieser
Opfergruppe bereits eine Vielzahl von Hilfs- und Beratungsstellen mit nicht
unerheblichen finanziellen Mitteln zur Verfügung steht.
6.3. Rechtsstaatlichen Verluste ohne
präventive Gewinne
Darüber hinaus sind die Maßnahmen des Gewaltschutzgesetzes
rechtsstaatlich äußerst bedenklich und für den Mißbrauch geradezu
geschaffen. Diesen Mängeln stehen nicht einmal präventive Effekte gegenüber.
Zunächst bleibt mindestens die Hälfte der Opfer weiterhin schutzlos.
Obendrein wirken die Maßnahmen des Gewaltschutzgesetzes kontraproduktiv in
Bezug auf alle nachhaltigen Verhaltensänderungen der Beteiligten, weil sie
die Voraussetzungen der erforderlichen gemeinsamen Therapie oder Mediation
Das Gewaltschutzgesetz geht von einem Feindbild „Mann“
aus, das empirisch nicht haltbar ist. Es fördert nicht den konstruktiven
Dialog der Geschlechter, sondern ist ausschließlich auf Enteignung,
Entmachtung, Ausgrenzung und Bestrafung von Männern gerichtet. Sein Ziel ist
nicht, häusliche Gewalt zu bekämpfen, sondern nur Männergewalt. Geschützt
werden sollen nicht alle in häuslicher Gemeinschaft lebenden Menschen oder
gar Ehe und Familie, sondern nur Frauen. Mit diesem Grundtenor wird das Gesetz
auf jede Art von Lebenspartnerschaft eine zersetzende Wirkung ausüben und
damit nicht nur die demographische Entwicklung negativ beeinflussen sondern
auch die Lebensqualität der Bürger und die gesellschaftliche Integration.
Ich empfehle daher dem Deutschen Bundestag nachdrücklich,
den Gesetzesentwurf der Bundesregierung insgesamt abzulehnen.
Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode, Drucksache 14/5429 vom 05.03.2001, im
folgenden zitert als „Entwurf“.
Schon §1361b stellt eine Ausnahmevorschrift für Ehegatten dar, die mit der
besonderen Bedeutung der Wohnungssituation für Ehegatten zusammenhängt
(einerseits Pflicht zur ehelichen Lebensgemeinschaft, andererseits
Getrenntleben als Voraussetzung der Scheidung) und sich daher nicht auf „häusliche
Gemeinschaften“ übertragen läßt.
Beispielhaft sei eine Pressemeldung des Innenministeriums Baden-Württemberg vom
15.01.2001 genannt, in der unter folgender Überschrift über die Preise für
Projekte gegen häusliche Gewalt berichtet wird „Über 200 ‚Rote Karten‘
für gewalttätige Ehemänner“
Vgl. hierzu Bannenberg, Britta u. a.: Mediation bei Gewaltstraftaten in
Paarbeziehungen; Baden-Baden 1999
Wetzels, Peter u.a.: Kriminalität im Leben alter Menschen, BMFSFJ 1995, S.
Gemünden, Jürgen: Gewalt gegen Männer in heterosexuellen
Intimpartnerschaften. Ein Vergleich mit dem Thema Gewalt gegen Frauen auf der
Basis einer kritischen Auswertung empirischer Untersuchungen; Marburg 1996; Fiebert,
M. S.: References examining assaults by women on their spouses/partners.
An annotated bibliography; in: Dank, B. M. & Refinette, R. (Eds.): Sexual
harassment and sexual consent; New Brunswick 1997, Vol. 1, S. 273-286; Straus,
Murray A.: The controversy over domestic violence. A methodological,
theoretical, and sociology of science analysis; in: Arriaga X. B. & Oskamp
S. (Eds.): Violence in intimate relationsships, Thousand Oaks, CA: Sage 1999,
S. 17-44; Archer, John: Sex differences in aggression between
heterosexual partners: A meta-analytic review; Psychological Bulletin 2000, S.
Von den in Fußnote 6 genannten Autoren hat allein John Archer den Versuch
einer echten empirischen Meta-Analyse unternommen. Für den aktuellen
„Stand“ der Forschung ist diese Arbeit daher am repräsentativsten.
Archer (wie FN 6), Tabellen 3 und 6 auf S. 657 und 660
Archer (wie FN 6), Tabellen 4, 5 und 7 auf S. 658, 659 und 661
Nachweise bei Archer (wie FN 6), S. 653f.
Zahlreiche Nachweise in der in FN 6 zitierten Literatur.
Ausführliche methodische Diskussionen dieser Fragen in den in FN 6 zitierten
Vgl. oben unter 2.1.1.b
Straus verweist auf Studien in den USA, nach denen Frauen immerhin im Verhältnis
von 3 zu 5 ihre Partner töten (Physical assaults by women partners: A major
social problem; in: Walsh, M. R. (Ed.): Women, men an gender: Ongoing debates;
New Haven: Yale University Press 1997, S. 210-221, dort S. 213. Ähnliche
Zahlen weist auch die Polizeiliche Kriminalstatistik der Bundesrepublik von
1999 in der Tabelle 92 aus, in der Opfer von Tötungsdelikten nach Geschlecht
und Beziehung zum Tatverdächtigen gesondert ausgewiesen werden. Faßt man die
Zahlen aus den Kategorien „Verwandtschaft“ und „Bekanntschaft“
zusammen, so zeigt sich, daß Männer sogar häufiger Opfer von Tötungsdelikten
in Beziehungen werden als Frauen (1.120 zu 951, eigene Berechnung unter Berücksichtigung
von Mord, Totschlag, Körperverletzung mit Todesfolge und fahrlässiger Tötung).
Allerdings sind die Kategorien „Verwandtschaft“ und „Bekanntschaft“
nicht genau identisch mit den Beziehungen, die im Entwurf unter „häuslicher
Gemeinschaft“ erfaßt werden und außerdem bleibt das Geschlecht des Tatverdächtigen
unberücksichtigt. Insofern sind diese Zahlen zwar nicht „punktgenau“ auf
die anstehende Frage bezogen, zeigen aber doch das erhebliche Opferrisiko von
Männern in Verwandtschaft und Beziehungen.
Vgl. hierzu mit Nachdruck noch einmal Archer, John: Sex differences in
physical agression to partners: A reply to Frieze (2000), O’Leary (2000),
and White, Smith, Koss, and Figueredo (2000); Psychological Bulletin 2000, S.
697-702, dort S. 699
Quelle: http://www.calib.com/nccanch/pubs/statinfo/nis3.cfm
Vgl. aus der ersten Lesung des Gewaltschutzgesetzes am 8. März 2001 nur
folgende Zitate: "Ich kann es ... nicht verantworten, Kindern und
Jugendlichen einen Rechtsanspruch vorzugaukeln, der überhaupt nicht
justiziabel ist. Sie haben praktisch kein Recht." (Ingrid Fischbach
MdB, CDU/CSU); "Sachsen-Anhalt hatte ... den Vorschlag unterbreitet,
den minderjährigen Kindern ein eigenes Antragsrecht einzuräumen. Diese
Anregung ist in den Gesetzentwurf bedauerlicherweise nicht aufgenommen
worden." (Karin Schubert, Justizministerin Sachsen-Anhalt).
Pillemer, Karl; Finkelhor, David: The prevalence of elder abuse: A random
sample survey; The Gerontologist 1988, S. 51-58
Dies ergab sich aus nachträglichen Befragungen, in denen es darum ging, wie
die damaligen Gewalterfahrungen und –folgen eingeschätzt und bewertet
wurden, etwa ob man „very upset“ war. Keineswegs messen also diese Befunde
die objektive Schwere der Verletzungen, sondern die subjektive Bewertung
dieser Schwere, die im übrigen, so die Autoren, für die größere
Bereitschaft von Frauen spreche, sich an „protective agencies“ zu wenden
„which, in turn, become the source for statistics on elder abuse“ (S. 56).
P. Wetzels und W. Greve (Alte Menschen als Opfer innerfamiliärer Gewalt –
Ergebnisse einer kriminologischen Dunkelfeldstudie; Zeitschrift für
Gerontologie und Geriatrie 1996, S. 191-200) teilen aufgrund ihrer
Literaturstudien sehr vorsichtig mit, „daß Männer teilweise höhere
Viktimisierungsraten aufwiesen als Frauen“ (S. 194) sowie daß bei der
KFN-Studie 94 Frauen und 73 Männer über 60 Jahre Opfer waren. Ohne Zahlen zu
nennen, gehen A. Niederfranke und W. Greve (Bedrohung durch Gewalt im Alter,
Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 1996, S. 169-175) davon aus, daß
„überwiegend Frauen“ die Täterinnen sind, allerdings seien Opfer „zum
überwiegenden Teil auch Frauen, zumindest was die schwerwiegenderen Formen
der Gewalt anbelangt, auch wenn Männer in Pflegesituationen von Partnergewalt
überproportional betroffen sind“ (S. 173). Ähnlich äußern sich auch
Margret Dieck (Gewaltanwendung gegen alte Menschen: Ist die Beachtung des
Tabus wichtiger als Aufklärung, Prävention, Hilfe? Nachrichtendienst des
Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge 1993, S. 393ff.,
dort S. 395) sowie Ursula Schneider (Gewalt gegen alte Menschen in Familien
und Heimen; in: Schwind/Kube/Kühne (Hrsg.): Kriminologie an der Schwelle zum
21. Jahrhundert. Festschrift für Hans-Joachim Schneider, Berlin/New York
1998, S. 379-398, dort S. 383f.).
Familien nach der Scheidung, 1995, S. 27, Tabelle 1
Vgl. etwa Ursula O.-Kodjoe; Peter Koepel: The Parental Alienation Syndrome
(PAS); Der Amtsvormund 1998/ Verlag: Deutsches Institut für
Vormundschaftswesen e.V., S. 9-16; Dum, Christian T.: Familienkriege – die
Entfremdung von Kindern (Übersetzung von „Family wars: The alienation of
children“ von Peggie Ward und J. Campbell Harvey), Zeitschrift für
Jugendrecht 1998, S. 237-245
Wolfgang Klenner: Rituale der Umgangsvereitelung bei getrenntlebenden oder
geschiedenen Eltern. Eine psychologische Studie zur elterlichen Verantwortung;
Zeitschrift für das gesamte Familienrecht 1995, S. 1529 ff.
Werner Hilweg, Elisabeth Ullmann: Kindheit und Trauma. Trennung, Mißbrauch,
Krieg; Göttingen 1997, vgl. die Literaturzusammenstellung auf S. 51
Horst Petri: Das Drama der Vaterentbehrung. Chaos der Gefühle - Kräfte der
Heilung; Herder: Freiburg, Basel, Wien 1999
Napp-Peters (wie FN 21), S. 126; vgl. auch Jordan, Peter: The effects of
marital separation on men; Journal of Divorce 1988, S. 57-75.
Astrid Riehl-Emde: Ehescheidung und ihre Folgen. Bericht über
Forschungsliteratur; Familiendynamik. Interdisziplinäre Zeitschrift für
systemorientierte Praxis und Forschung 1992, S. 415-432
Napp-Peters (wie FN 21), S. 126f. Aus Australien – zu anderen Ländern
liegen mir leider keine vergleichbaren Angaben vor – werden (1998) für Männer
rund 12 mal höhere Prävalenzraten für Suizid nach Scheidung angegeben als für
Frauen (134.1/100.000 gegenüber 11.1/100.000; Australien Institute for
Health and Welfare). Die ohnehin höhere Suizidrate von Männern erhöht sich
also noch einmal drastisch im Falle von Scheidung.
Zu diesen Fällen Napp-Peters (wie FN 21), S. 127
Rösner, Sigrid; Schade, Burkhard: Der Verdacht auf sexuellen Mißbrauch von
Kindern in familiengerichtlichen Verfahren; Zeitschrift für das ganze
Familienrecht 1993, S. 1133-1139
Dr. Dr. Michael Bock
Wirtschaftswissenschaften der
Lehrstuhl für Kriminologie, Jugendstrafrecht, Strafvollzug und
mainstreaming Die offizielle Homepage
Senioren *** Frauen *** und Jugend (*** wo bleiben Männer *** ??? ) gehören Männer nicht zur Familie...? oder werden Männer in der heutigen Familien- und Frauenpolitik grundsätzlich ausgegrenzt und diskriminiert...? Um die Gleichberechtigung und Gleichstellung auch
für Männer zu verwirklichen
beantrage ich die Umbenennung dieses Bundesministeriums in Bundesministerium
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