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Timestamp: 2016-09-26 08:48:43
Document Index: 249863640

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 64', '§ 65', '§ 2', '§ 16', '§ 23', '§ 19', '§ 16', '§ 23', '§ 19', '§ 23', '§ 19', '§ 53', '§ 53', '§ 23']

Fall des Monats: Urheberrecht für Fortgeschrittene - lo-recht
KurzantwortSowohl bei einer Orientierung an Illustrationen auf Bucheinbänden, in Büchern usw. als auch bei einer Inspiration durch die textliche Beschreibung von Figuren in einem Roman können sich rechtliche Schwierigkeiten ergeben, wenn hierauf basierende Zeichnungen von Schülerinnen und Schülern im Internet zum Abruf bereitgestellt werden. Denn das Urheberrechtsgesetz erlaubt die Verwertung - etwa das öffentliche Zugänglichmachen im Internet - neu geschaffener Werke nur, wenn es sich nicht um eine Bearbeitung eines bereits bestehenden Werkes handelt. Der Begriff der Bearbeitung wird dabei von der Rechtsprechung sehr weit verstanden und eine Bearbeitung erst dann nicht mehr angenommen, wenn die individuellen Züge des älteren Werkes hinter dem neuen Werk verblassen. Gerade bei einer Inspiration durch bestehende Illustrationen ist dies aber nur sehr schwer zu realisieren. Entsprechendes gilt, wenn Figuren in einem Roman exakt beschrieben werden und hierauf basierend Zeichnungen erstellt werden. Aus Rechtssicherheitsgründen bleibt daher in der Regel nur die Nachfrage beim Rechteinhaber.
Urheberrechtliche AusgangssituationRechte an den Buchillustrationen
Die Illustrationen auf den Bucheinbänden der Romane und in den Büchern sind als Werke der bildenden Kunst nach UrhG § 2 urheberrechtlich geschützt. Rechteinhaber sind die Zeichner der Illustrationen (= Urheber) sowie der die Romane herausgebende Verlag. Letzteres ergibt sich daraus, dass ein Verlag in der Regel Illustrationen für seine Bucheinbände und Bücher in Auftrag gibt und sich hieran die ausschließlichen Nutzungsrechte einräumen lässt. Dieser Schutz läuft erst nach einer Frist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers aus (vergleiche §§ UrhG § 64, UrhG § 65 UrhG), was daher in diesem Sachverhalt keine Rolle spielt.
Rechte an den Romanen
Weiterhin ist vorliegend zu bedenken, dass auch die Romane von Astrid Lindgren selbst als Schriftwerke nach UrhG § 2 urheberrechtlich geschützt sind. Rechteinhaber sind Astrid Lindgren (= Urheberin) beziehungsweise ihre Erben sowie die herausgegebenden Verlage (die Romane werden in den verschiedenen Ländern von verschiedenen Verlagen herausgegeben; in Deutschland ist dies der Verlag Friedrich Oetinger). Letztere haben wiederum ein ausschließliches Nutzungsrecht von der Autorin und / oder deren schwedischem "Heimatverlag" eingeräumt bekommen. Das Urheberrecht - und damit auch das Nutzungsrecht - an Astrid Lingrens Büchern ist noch nicht erloschen, da seit ihrem Tod am 28. Februar 2002 bei Weitem noch keine 70 Jahre vergangen sind. Konsequenzen
Als Konsequenz aus der eben getroffenen Feststellung ergibt sich, dass jede urheberrechtlich relevante Verwertungshandlung sowohl in Bezug auf die Illustrationen als auch die Romane in der Regel einer Zustimmung der Rechteinhaber bedarf. Vorliegend von besonderem Interesse sind das Vervielfältigungsrecht (UrhG § 16),das Bearbeitungsrecht (§ 23 UrhG) unddas Recht der öffentlichen Zugänglichmachung (§ 19 UrhG).Das Abpausen der Buchillustrationen durch die Schülerinnen und Schüler wäre eine Vervielfältigung nach UrhG § 16, da es insoweit nur darauf ankommt, dass eine Kopie erstellt wird. In welcher Zahl und in welchem Verfahren dies geschieht ist unerheblich. Selbst wenn die Illustrationen nicht 1:1 abgepaust würden, sondern zum Beispiel fotokopiert und verkleinert würden, käme man zu keiner anderen rechtlichen Bewertung. Denn eine bloße Änderung der Größenverhältnisse stellt nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs keine eigenschöpferische Leistung dar.
Soweit Frau Gutwill plant, die Schülerinnen und Schüler frei zeichnen, sich dabei aber an den Illustrationen der Bucheinbände orientieren zu lassen, ist zu bedenken, dass Bearbeitungen eines fremden Werkes nach § 23 UrhG ebenfalls nur mit Einwilligung des Rechteinhabers verwertet, also zum Beispiel im Internet auf einer Webseite zum Abruf bereitgestellt werden dürfen (= öffentliches Zugänglichmachen nach § 19a UrhG).
Das selbe gilt im Ausgangspunkt auch, wenn die Orientierung nicht an den Illustrationen, sondern an der Beschreibung der Figuren im Roman erfolgt. Denn selbst bei einem Dimensionenwechsel (Beschreibung einer Romanfigur wird in eine Zeichnung umgesetzt) ist nicht von vornherein ausgeschlossen, dass eine Bearbeitung nach § 23 UrhG vorliegt.
Zusammenfassend ist somit zunächst festzuhalten, dass das Abpausen der Bucheinbände in das Vervielfältigungsrecht der Rechteinhaber eingreifen würde und eine Orientierung an den Illustrationen beziehungsweise den Figurbeschreibungen in den Romanen das Bearbeitungsrecht berühren würde mit der Folge, dass das Einstellen der entsprechenden Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler auf eine Webseite (= öffentliches Zugänglichmachen nach § 19a UrhG) in der Regel nur mit Zustimmung der Rechteinhaber möglich wäre. Hieran ändert sich im Übrigen auch nichts durch die Vorschrift des § 53 Absatz 2 UrhG, die im gewissen Rahmen Vervielfältigungen für den Schulgebrauch ohne Einwilligung des Rechteinhabers gestattet. Denn nach dieser Vorschrift erlaubte Kopien dürfen nach § 53 Absatz 6 Satz 1 UrhG insbesondere nicht öffentlich zugänglich gemacht werden.
Abgrenzung zwischen freier Benutzung und unfreier BearbeitungBei der freien Benutzung darf das fremde Werk lediglich als Anregung dienen, das heißt es dürfen keine wesentlichen Züge des Originalwerkes übernommen werden.
Verblassens-Formel
Wann ein fremdes Werk im Sinne einer freien Benutzung nur als Anregung dient, bestimmt die Rechtsprechung, und hier insbesondere der Bundesgerichtshof, nach der so genannten "Verblassens-Formel": eine freie Benutzung liegt demnach vor, wenn die dem geschützten älteren Werk entnommenen individuellen Züge gegenüber der Eigenart des neu geschaffenen Werkes verblassen. Das ist dann der Fall, wenn das fremde Werk in nicht mehr relevantem Umfang benutzt wird. Hierzu ist zu vergleichen, ob und inwieweit die geschützten individuellen Elemente des fremden Werkes sich auch in dem eigenen Werk widerspiegeln. Maßgeblich sind nur Übereinstimmungen
Bei dem Vergleich nach der Verblassens-Formel kommt es lediglich auf die Übereinstimmungen der beiden Werke an, nicht jedoch auf deren Verschiedenheiten. Die Tatsache, dass das neu geschaffene Werk über die entlehnten Elemente hinaus gehende selbständige und urheberrechtlich geschützte Teile enthält, reicht daher für die Annahme einer freien Benutzung allein noch nicht aus. Entscheidend ist vielmehr, dass nicht zu viele Elemente des "Ursprungswerkes" in dem neu geschaffenen Werk zu finden sind. Grad der Individualität
Je deutlicher also der individuelle Charakter des entlehnten Werkes ist, desto weniger wird dieses Werk gegenüber dem neuen Werk verblassen. Auch umgekehrt gilt jedoch: je stärker die Individualität des neuen Werkes ist, desto eher wird das entlehnte Werk verblassen. Strenger Maßstab
Insgesamt legt die Rechtsprechung bei der Frage der Einordnung als freie Benutzung einen strengen Maßstab an. Einem Urheber soll zwar einerseits nicht die für ihn unentbehrliche Möglichkeit genommen werden, Anregungen aus existierenden Werken zu entnehmen, andererseits soll er sich nicht auf diese Weise eigenes persönliches Schaffen ersparen.
Was die Orientierung an den Buchillustrationen angeht, haben in den neu geschaffenen Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler aufgrund des eben Gesagten keine Charakteristika des Originals (Gesichtszüge, Größe, Kleidung usw.) zu erscheinen. Insoweit dürfte es aber schwierig werden, "eigene Wege" zu gehen und eigenständige Figuren zu zeichnen. Letztlich würde vermutlich etwa eine Pippi Langstrumpf immer der Pippi Langstrumpf auf dem Buchcover so sehr ähneln, dass von einem "Verblassen" nicht ausgegangen werden kann. Insoweit kann daher nur der Rat gegeben werden, sich nicht an Buchillustrationen zu orientieren.
Inspiration durch die Figurenbeschreibung im Roman?
Damit bleibt als Ausweg nur noch die "Inspiration" durch die Beschreibung der Figuren im Roman selbst. Dabei gilt nach herrschender Meinung der Grundsatz, dass Zeichnungen zu einem Text wegen ihrer anderen Ausdrucksform in der Regel freie Benutzungen sind, weil die beiden Ausdrucksformen Text und Bild so unterschiedlich sind, dass ein Verblassen des benutzen Werkes anzunehmen ist. Allerdings gibt es Stimmen in der Rechtsliteratur, die diesen Grundsatz gleich wieder einschränken und eine unfreie Benutzung nach § 23 UrhG annehmen, wenn im Text Attribute einer Figur exakt beschrieben sind und hieran angelehnt Zeichnungen erstellt werden.
Ein Beispiel für eine exakte, und daher als Inspiration problematische Beschreibung ist die Beschreibung von Pippi Langstrumpf im ersten Kapitel des Buches ("Pippi zieht in die Villa Kunterbunt ein"). Hier wird das Aussehen der Figur wie folgt genau umschrieben: "Ihr Haar hatte dieselbe Farbe wie eine Möhre und war in zwei feste Zöpfe geflochten, die gerade vom Kopf abstanden. Ihre Nase hatte dieselbe Form wie eine ganz kleine Kartoffel und war völlig von Sommersprossen übersät. Unter der Nase saß ein wirklich riesig breiter Mund mit gesunden weißen Zähnen. Ihr Kleid war auch ziemlich merkwürdig. Pippi hatte es selbst genäht. Es war wunderschön gelb; aber weil der Stoff nicht gereicht hatte, war es zu kurz, und so guckte eine blaue Hose mit weißen Punkten darunter hervor. An ihren langen dünnen Beinen hatte sie ein Paar lange Strümpfe, einen geringelten und einen schwarzen. Und dann trug sie ein Paar schwarze Schuhe, die genau doppelt so groß waren wie ihre Füße." (Lindgren, Astrid: Pippi Langstrumpf, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2007, Seite 12ff.)
Folgt man der genannten strengen Ansicht in der Rechtsliteratur, ist in dem Beispiel die Erstellung von Zeichnungen wohl als unfreie Benutzung zu qualifizieren, da in dem Roman das Aussehen und die Kleidung der Figur Pippi Langstrumpf genau beschrieben wird und hierauf basierend die Zeichnungen erstellt würden. Etwas anderes könnte aber möglicherweise gelten, wenn die Figur der Pippi Langstrumpf in einen anderen Kontext gestellt wird (zum Beispiel Pippi ist inzwischen erwachsen und soll als erwachsene Person gezeichnet werden). Insoweit hatte das Landgericht München (Urteil vom 24.5.2007, Aktenzeichen 7 O 6358/07) aber erst kürzlich in einem ähnlich gelagerten Fall die Frage offen gelassen, ob von Kindern gemalte Figuren, die auf einer Romanvorlage basieren, als unfreie Bearbeitung anzusehen sind. Im konkreten Fall ging es indirekt um die Frage, ob eine Freundin für Pumuckl gezeichnet werden darf. Den Andeutungen des Gerichts ist zu entnehmen, dass schon dies problematisch sein kann, weil auch die Fortentwicklung einer Geschichte die Rechte des Urhebers des literarischen Werkes berührt. Die Zulässigkeit von Zeichnungen, basierend auf Romanbeschreibungen, ist daher stark Einzelfallabhängig, wobei zur Zeit nicht einmal Juristen mit Sicherheit sagen können, was insoweit erlaubt ist und was nicht.
FazitSomit ist festzuhalten, dass sowohl die Orientierung an bestehenden Illustrationen als auch die Erstellung von Zeichnungen nach den Beschreibungen der Figuren in den Romanen mit erheblichen rechtlichen Risiken verbunden ist beziehungsweise sein kann. Damit bleibt als Ausweg im Ergebnis nur die Nachfrage beim Verlag. Verweigert dieser seine Zustimmung, sollte auf eine Zugänglichmachung der von den Schülerinnen und Schüler erstellten Zeichnungen im Internet sicherheitshalber verzichtet werden.