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Timestamp: 2017-11-20 09:43:45
Document Index: 309442042

Matched Legal Cases: ['§ 37', '§ 33', '§ 33', '§ 1684', '§ 37', '§ 1630']

Einladung der Kinderkommission des Bundestages zum 'Recht des Kindes auf Familie' | Kinderschutz | Moses Online
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Einladung der Kinderkommission des Bundestages zum 'Recht des Kindes auf Familie'
Personen / Institutionen: Henrike Hopp Kinderkommission des Deutschen Bundestages Renate Schusch
08.03.2015, letzte Aktualisierung am 27.11.2015
Als Sachverständige zur Frage von Kindern in Pflegefamilien wurden Renate Schusch Vorsitzende Aktivverbund e.V. und Henrike Hopp, Ehrenvorsitzende des Aktivverbundes, am 4. März 2015 von der Kinderkommission des Bundestages eingeladen.
In der Einladung der Kinderkommission hieß es: "Die Kinderkommission möchte im Rahmen einer öffentlichen Sitzung ein Expertengespräch zu dem Thema "Artikel 3 UN-Kinderrechtskonvention - Wohl des Kindes, Recht auf Familie" durchführen. Dazu laden wir Sie als Sachverständige in die Sitzung am 4.März ein".
Auf Nachfrage der Vorsitzenden der Kinderkommission Susann Rüthrich wurden nachfolgende kurze Zusammenfassung von Henrike Hopp vorgetragen:
Das Pflegekinderwesen ist eine Antwort der Gesellschaft – des Staates – auf die Bedürfnisse und den Schutz von Kindern.
Was ist die Besonderheit von Pflegekindern?
Sie sind nicht als Pflegekinder geboren, sondern dazu gemacht worden.
Sie leben in einer ‚anderen‘ Familie und nicht mit ihren Eltern zusammen.
Pflegekinder sind eine Gruppe von Kindern, die aufgrund ihrer Lebenserfahrungen in ihren Ursprungsfamilien nicht mehr dort leben sollten.
Pflegekinder haben Erfahrungen von schwerer Vernachlässigung, von Gewalt, von sexuellem Missbrauch, von Trennungen. Studien zeigen, dass diese Erfahrungen 70% der Kinder traumatisiert haben.
Bevor Kinder in Pflegefamilien kamen, wurde mindestens eine andere Form der Hilfe zur Erziehung der Familie gewährt, die aber nicht den erhofften Erfolg zeigte.
Pflegekinder werden überwiegend als Säuglinge, Kleinkinder oder Kindergartenkinder in Pflegefamilien vermittelt und leben daher in einer für die Entwicklung eines Menschen bedeutsamen Zeit dort.
Pflegekinder kommen in Pflegefamilien, weil 'Familien' ihre Bedürfnisse nach Nähe, Verlässlichkeit, Struktur, Bindung, Zugehörigkeit und Alltagsnormalität am besten erfüllen können.
Pflegekinder haben aufgrund ihrer Vorerfahrungen häufig geistige, körperliche und besonders emotionale Beeinträchtigungen und brauchen sichere Lebensumstände und Zeit zur Nachreifung.
Statistisch gesehen leben Pflegekinder über 5 Jahre in ihren Pflegefamilien, Kinder mit Vormündern (also nach Sorgerechtsentzug) statistisch gesehen knapp 7 Jahre.
Faktisch gesehen bedeutet Pflegekindschaft in Deutschland also eine „auf Dauer angelegte Lebensform“ (§ 37 SGB VIII).
Die Hälfte aller ca. 65.000 Pflegekinder haben einen Vormund/Pfleger.
Etwa 5-10 % aller Pflegekinder (regional sehr unterschiedlich) leben in einer besonderen Familienpflege für entwicklungsbeeinträchtigte Kinder (§ 33 Satz 2 SGB VIII).
Pflegekinder und ihre Pflegefamilien leben in Rahmenbedingungen, die in ihrer Qualität von Beratung und Betreuung und ihrer Interpretation der Rechtslage sehr unterschiedlich sind, da die Jugendämter als eigenständige kommunale Träger 'ihre' Form der Pflegekinderhilfe entwickeln können.
Die Arbeit im Rahmen der Pflegekinderhilfe ist ein Bereich sozialpädgogischen Handelns der Respekt, Empathie, Fingerspitzengefühl, Können und Wissen im hohen Maße verlangt. Die Pflegekinderhilfe ist ein hoch emotionales Feld, welches Haltung und oft auch Mut verlangt wenn es gelingen soll, dass die Beteiligten – Pflegekind, Herkunftseltern, Pflegeeltern, Vormund, Berater, Therapeuten, Schule, - zum Wohle des Kindes agieren können. Die Fachkräfte der öffentlichen und freien Träger brauchen dazu machbare Rahmenbedingungen und überschaubare Betreuungszahlen.
Im Ablauf einer Pflegekindschaft gibt es ‚Kritische Punkte‘, bei denen das Kindeswohl des Pflegekindes in besonderer Weise beachtet werden muss:
Bereitschaftspflege: 50% der Kinder gehen zurück in ihre Herkunftsfamilien. Bei Sorgerechtsverfahren oder Überlastung der Fachkräfte bleiben Kinder häufig zu lange in der Bereitschaftspflege.
Befristete Vollzeitpflege: § 33 SGB VIII ist in der Praxis kaum zu finden. Sie bedeutet, dass es eine klare Rückkehroption in einem bestimmten Zeitraum gibt und fordert daher engste Zusammenarbeit aller Beteiligten, (wenn es positive und förderliche Bindungen des Kindes an seine Eltern gibt, die erhalten bleiben können).
Unbefristete Vollzeitpflege (Dauerpflege)
Entscheidung der Dauerhaftigkeit
Aus Sicht des Kindes muss hier nach einem für das Kind vertretbaren Zeitraum eine klare Perspektive her. Das Kind braucht Sicherheit und Klarheit – Warteschleifen machen es irre. Wenn das Kind die Pflegefamilie als Familie nutzen können soll, dann muss es auch die Chance dazu bekommen - und dazu braucht es klare und sicherheitsgebende Entscheidungen der für das Kind agierenden Erwachsenen, die dann auch an einem Strang ziehen müssen.
Dazu bedarf es besonders der Begleitung der Herkunftsfamilie.
Beratung, Betreuung, Unterstützung
Das Pflegekind und die Pflegefamilie haben Anspruch auf Betreuung und Beratung. Die Praxis in der Bundesrepublik zeigt hier sehr unterschiedlichen Standards. Notwendig sind darüber hinaus häufig ergänzende Hilfen, die zusätzliches Geld kosten.
Während der Unterbringung des Kindes in der Pflegefamilie ist wiederum die Begleitung der Herkunftsfamilie sehr notwendig.
§ 1684 BGB erläutert das Recht des Kindes auf Umgang mit seinen Eltern, das Kind hat jedoch keine Pflicht. Ich möchte auch auf die Wohlverhaltensklausel des Absatz 2 hinweisen. Wenn gute sozialpädagogische Arbeit (Vorbereitung, Begleitung etc.) und psychologische Hilfe das Kind vor Angst und Verwirrung nicht schützen kann, dann muss es kindeswohlorientierte Lösungen geben.
Übergreifende Überlegungen zum Wohl eines Pflegekindes
Das Pflegekind braucht einen unabhängigen Vormund.
Kindern mit Behinderungen in Pflegefamilien müssen besonders betrachtet werden.
Für seel. Behinderung besteht die Zuständigkeit des SGB VIII, für körperlich und geistig behinderte Kinder die Zuständigkeit des SGB XII. Es gibt gute Lösungen in Städten, die sowohl für SGB VIII als auch für SGB XII zuständig sind. Es entstehen jedoch Probleme dort, wo unterschiedliche Behörden zuständig sind.
Dazu gibt es den Beratungsanspruch aller Pflegepersonen durch das Jugendamt und bei Unterbringung im SGB XII das Erfordernis Pflegeerlaubnis.
Neue Verwirrung entsteht durch das geplante Bundesteilhabegesetz, welches nur für behinderte erwachsene Menschen zuständig sein wird.
Wird es die 'Große Lösung' für die Kinder geben? (Siehe SPD-Stellungnahme [Link?]).
Häufig entstehen Probleme beim Übergang vom Jugendlichen ins Erwachsenenalter. Daher ist besonderes Augenmerk auf die Hilfe für junge Volljährige zu legen.
Es ist erforderlich, dass Rahmenbedingungen bundesweit verbindlich und gleich sind.
Der Grundgedanke des § 37 SGB VIII sollte ins BGB übernommen werden - als Kontinuitätssicherung für das Pflegekind. Der § 1630 Abs. 4 BGB (Möglichkeit des Verbleibensantrag) ist dafür nicht ausreichend.
Zu der Stellungnahme gab es dann von den Kommissionsmitgliedern einige Nachfragen. Die Dringlichkeit einer Lösung für die Kinder mit Behinderungen in Pflegefamilien wurde gesehen.
Aus unserer Sicht gab uns die Einladung erst einmal die Möglichkeit, einen kurzen Einblick in das Leben von Pflegekindern in Pflegefamilien zu vermitteln. Nun hoffen wir darauf, dass das Thema noch weiterhin interessant für die Kinderkommission bleibt und vertiefende Informationen und Gespräche möglich sein werden.
Henrike Hopp, Renate Schusch