Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kapitalanlagerecht/der-anlageberater-und-die-wirtschaftspresse-314647
Timestamp: 2019-11-11 20:37:12
Document Index: 356673412

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Der Anla­ge­be­ra­ter und die Wirt­schafts­pres­se | Rechtslupe
Der Anlageberater und die Wirtschaftspresse
Der Anla­ge­be­ra­ter und die Wirt­schafts­pres­se
Der Bun­des­ge­richts­hof hat neu­er­lich Stel­lung bezo­gen zur Pflicht des Anla­ge­be­ra­ters, die Wirt­schafts­pres­se im Hin­blick auf für die von ihm ver­trie­be­nen Anla­ge­pro­duk­te rele­van­te Pres­se­mit­tei­lun­gen zeit­nah durch­zu­se­hen.
Ein Anle­ger wird einen Anla­ge­be­ra­ter im All­ge­mei­nen hin­zu­zie­hen, wenn er selbst kei­ne aus­rei­chen­den wirt­schaft­li­chen Kennt­nis­se und kei­nen genü­gen­den Über­blick über wirt­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge hat. Er erwar­tet dann nicht nur die Mit­tei­lung von Tat­sa­chen, son­dern ins­be­son­de­re deren fach­kun­di­ge Bewer­tung und Beur­tei­lung. Häu­fig wünscht er eine auf sei­ne per­sön­li­chen Ver­hält­nis­se zuge­schnit­te­ne Bera­tung 1. Zum Ver­trags­schluss reicht es aus, wenn der Anle­ger die Diens­te des Bera­ters in Anspruch nimmt und die­ser mit sei­ner Tätig­keit beginnt 2.
Infor­ma­ti­ons­pflicht – Die vier Pflicht­zei­tun­gen
Bei einem Bera­tungs­ver­trag ist der Anla­ge­be­ra­ter zu mehr als nur zu einer Plau­si­bi­li­täts­prü­fung ver­pflich­tet. In Bezug auf das Anla­ge­ob­jekt hat sich die Bera­tung auf die­je­ni­gen Eigen­schaf­ten und Risi­ken zu bezie­hen, die für die jewei­li­ge Anla­ge­ent­schei­dung wesent­li­che Bedeu­tung haben oder haben kön­nen. Ein Anla­ge­be­ra­ter ist des­halb gehal­ten, eine Anla­ge, die er emp­feh­len will, mit übli­chem kri­ti­schem Sach­ver­stand zu prü­fen, oder den Anle­ger auf ein dies­be­züg­li­ches Unter­las­sen hin­zu­wei­sen. Ein Anla­ge­be­ra­ter, der sich in Bezug auf eine bestimm­te Anla­ge­ent­schei­dung als kom­pe­tent geriert, hat sich aktu­el­le Infor­ma­tio­nen über das Anla­ge­ob­jekt zu ver­schaf­fen, das er emp­feh­len will. Dazu gehört auch die Aus­wer­tung vor­han­de­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen in der Wirt­schafts­pres­se. Bei einer pri­va­ten Anlei­he muss danach über zeit­na­he und gehäuf­te nega­ti­ve Berich­te in
der Bör­sen­zei­tung,
der Finan­ci­al Times Deutsch­land,
dem Han­dels­blatt und
der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung
unter­rich­tet wer­den 3.
Zur Erfül­lung der Infor­ma­ti­ons­pflich­ten des Anla­ge­be­ra­ters über die von ihm emp­foh­le­ne Anla­ge gehört es grund­sätz­lich nicht, sämt­li­che Publi­ka­ti­ons­or­ga­ne vor­zu­hal­ten, in denen Arti­kel über die ange­bo­te­ne Anla­ge erschei­nen kön­nen. Viel­mehr kann der Anla­ge­be­ra­ter selbst ent­schei­den, wel­che Aus­wahl er trifft, solan­ge er nur über aus­rei­chen­de Infor­ma­ti­ons­quel­len ver­fügt 4. Nicht beein­flusst wird die Fra­ge der Pflicht­ver­let­zung durch eine unter­las­se­ne Auf­klä­rung über mit­tei­lungs­pflich­ti­ge Pres­se­mit­tei­lun­gen dadurch, ob sie auf einem Orga­ni­sa­ti­ons­man­gel beruht, weil z.B. das aus­zu­wer­ten­de Pres­se­er­zeug­nis gar nicht bezo­gen wird, oder die Wei­ter­ga­be der Infor­ma­ti­on an den Anle­ger schlicht ver­ges­sen wur­de 5.
Infor­ma­ti­ons­frist – Lesen inner­halb von maxi­mal drei Tagen
Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs reicht eine Kennt­nis­nah­me der Infor­ma­tio­nen des Han­dels­blatts (oder der ande­ren Pflicht­lek­tü­ren) erst nach einer Woche nicht aus. Ob die Durch­sicht die­ser Zei­tung noch am Erschei­nungs­tag erfor­der­lich ist, kann hier dahin­ste­hen. Jeden­falls nach Ablauf von drei Tagen war hier eine sol­che gebo­ten. Im All­ge­mei­nen kann der Anle­ger erwar­ten, dass sich sein Bera­ter aktu­el­le Infor­ma­tio­nen über das Anla­ge­pro­dukt beschafft und zeit­nah Berich­te in der Wirt­schafts­pres­se zur Kennt­nis nimmt ((vgl. BGH, Urteil vom 05.03.2009, aaO, Rn. 14; BGH, Urteil vom 07.10.2008, aaO, Rn. 25). Dabei ist wei­ter im Blick zu behal­ten, dass gera­de die Finanz-märk­te auf rele­van­te Infor­ma­tio­nen unmit­tel­bar reagie­ren und des­halb der Aktua­li­tät der Infor­ma­tio­nen beson­de­re Bedeu­tung zukommt.
Dar­über hin­aus ist die Erschei­nungs­wei­se des jewei­li­gen Pres­se­or­gans mit in die Beur­tei­lung ein­zu­be­zie­hen. Regel­mä­ßig darf davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass ein Pres­se­or­gan sei­nen Infor­ma­ti­ons­ge­halt in einer Aus­ga­be auf sein Erschei­nungs­in­ter­vall abge­stimmt hat, so dass es grund­sätz­lich zumut­bar ist, inner­halb des Erschei­nungs­in­ter­valls die jewei­li­ge Zeit­schrift bzw. Zei­tung zu lesen. Dabei sam­meln sich, was nicht außer Acht gelas­sen wer­den darf, bei Tages­zei­tun­gen schon nach weni­gen Tagen eine sol­che Fül­le von Infor­ma­tio­nen an, dass die­se nur noch ein­ge­schränkt zur Kennt­nis genom­men wer­den kön­nen. Des­halb ist für werk­täg­lich erschei­nen­de Pres­se­er­zeug­nis­se unter Berück­sich­ti­gung der berech­tig­ten Inter­es­sen des Anle­gers im Hin­blick auf eine Bera­tung auf­grund aktu­el­ler Infor­ma­tio­nen jeden­falls eine Kennt­nis­nah­me nach Ablauf von drei Tagen nicht mehr pflicht­ge­mäß. Dem Anla­ge­be­ra­ter wird durch die­se engen zeit­li­chen Vor­ga­ben nicht Unzu­mut­ba­res abver­langt. Es ver­steht sich, dass er die jewei­li­gen Pres­se­or­ga­ne nicht voll­stän­dig lesen muss. Es reicht viel­mehr aus, die­se auf rele­van­te Arti­kel zu den von ihm ange­bo­te­nen Anla­ge­pro­duk­ten durch­zu­se­hen und nur die­se Nach­rich­ten voll­stän­dig aus­zu­wer­ten
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Novem­ber 2009 – III ZR 302/​08
BGH, Urteil vom 13.05.1993 – III ZR 25/​92, NJW-RR 1993, 1114[↩]
BGH, Urteil vom 19. April 2007 – III ZR 75/​06, NJW-RR 2007, 1271, 1272 Rn. 10[↩]
BGH, Urteil vom 05.03.2009 – III ZR 302/​07, NJW-RR 2009, 687, 688 Rn. 13 f m.w.N.[↩]
BGH, Urteil vom 05.03.2009, aaO., Rn. 15; BGH, Urteil vom 07.10.2008 – XI ZR 89/​07, NJW 2008, 3700, 3702 Rn. 26[↩]
(vgl. BGH, Urteil vom 06.07.1993 – XI ZR 12/​93, NJW 1993, 2433, 2434, inso­weit in BGHZ 123, 126 nicht abge­druckt[↩]
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