Source: http://www.hensche.de/Streikrecht_Europa_einheitliche_Regelung_fuer_das_Streikrecht_in_Europa_durch_Monti-II.html
Timestamp: 2017-04-29 19:33:56
Document Index: 323126178

Matched Legal Cases: ['Art. 9', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.7']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/305
Mon­ti-II: Viel Lärm um nichts?
12.09.2012. Ge­mäß Art. 9 Abs.3 des Grund­ge­set­zes (GG) darf „je­der­mann“ zur Wah­rung und För­de­rung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen Ver­ei­ni­gun­gen bil­den, d.h. sich in Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­ver­ei­ni­gun­gen en­ga­gie­ren. We­sent­li­cher Teil die­ser Ko­ali­ti­ons­frei­heit ist das Recht, Ta­rif­ver­trä­ge zu schlie­ßen - und bei Ta­rif­ver­hand­lun­gen durch Ar­beits­kampf­maß­nah­men Druck auf die Ge­gen­sei­te aus­zu­üben. Da­mit ist die Streik­frei­heit in Deutsch­land ein Teil der grund­recht­lich ga­ran­tier­ten Ko­ali­ti­ons­frei­heit. Da sich der Ge­setz­ge­ber trotz vie­ler Ge­set­zes­vor­schlä­ge seit Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik nie an das po­li­tisch heik­le The­ma Streik (und Aus­sper­rung?) her­an­ge­wagt hat, sind die recht­li­chen Gren­zen des Streik­rechts bis heu­te nur durch Ge­richts­ent­schei­dun­gen her­aus­ge­ar­bei­tet. Wich­tig ist hier vor al­lem, dass ei­ne Ge­werk­schaft hin­ter Streiks steht und dass sie mit dem Streik die Ar­beit­ge­ber­sei­te zu ei­nem Ta­rif­ab­schluss zwin­gen will. Da­her sind rein po­li­ti­sche Streiks und Streiks von Be­am­ten in Deutsch­land ver­bo­ten. Ab­ge­se­hen von die­sen Gren­zen ent­schei­den die Ge­werk­schaf­ten aber selbst dar­über, wel­che („gro­ßen“ oder „klei­nen“) Zie­le sie er­strei­ken wol­len und ob ein Streik en­er­gisch und mit gro­ßem Auf­wand oder nur als kur­zer Warn­streik ge­führt wer­den soll.
Ins­be­son­de­re gibt es in Deutsch­land kei­ne Zwangs­sch­lich­tung von Ta­rif­kon­flik­ten, die Streiks er­set­zen könn­te oder auch „nur“ de­ren zwin­gen­de Vor­stu­fe wä­re. Und es darf sich auch kein Ar­beits­ge­richt an­ma­ßen zu ent­schei­den, ob ein Streik un­ter Be­rück­sich­ti­gung der Ta­rif­zie­le „an­ge­mes­sen“ ist oder nicht. Zwar wird in Recht­spre­chung und Li­te­ra­tur im­mer wie­der ge­sagt, dass die Recht­mä­ßig­keit ei­nes Streiks u.a. auch von sei­ner „Ver­hält­nis­mä­ßig­keit“ ab­hän­gen soll, doch fin­det ei­ne Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prü­fung bei ge­richt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen über die Zu­läs­sig­keit von Streik­maß­nah­men ge­ra­de nicht statt. Viel­mehr ist es ei­ne theo­re­ti­sche ju­ris­ti­sche Ex­trem­vor­stel­lung, dass ein Streik aus­nahms­wei­se ein­mal „of­fen­sicht­lich un­ver­hält­nis­mä­ßig“ sein könn­te, wenn er z.B. auf ei­ne ab­sicht­li­che wirt­schaft­li­che Zer­stö­rung des Ge­gen­spie­lers ge­rich­tet wä­re. So et­was kommt aber in der Pra­xis nie vor, denn Ge­werk­schaf­ten wol­len die Kuh ja mel­ken und nicht schlach­ten.
Bei Streiks mit grenz­über­schrei­ten­den Be­zü­gen ist je­doch nicht nur das in­ner­staat­li­che Recht, son­dern auch die Rechts­la­ge in der Eu­ro­päi­schen Uni­on (EU) zu be­ach­ten. Die - eben­falls durch Recht­spre­chung ge­präg­te - Si­tua­ti­on sieht da­bei völ­lig an­ders aus. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hat­te En­de 2007 in den Ur­tei­len „Vi­king-Li­ne“ (Ur­teil vom 11.12.2007, C-438/05) und „La­val“ (Ur­teil vom 18.12.2007, C-341/05) erst­mals deut­lich ent­schie­den, dass das Streik­recht zwar ein Grund­recht ist, je­doch in die Grund­prin­zi­pi­en der Dienst­leis­tungs- und Nie­der­las­sungs­frei­heit ein­greift (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/011 Streik­recht ver­sus Nie­der­las­sungs­frei­heit). Hin­ter­grund die­ser bei­den Ent­schei­dun­gen wa­ren Streiks, mit de­nen die Ar­beit­neh­mer ei­nes „rei­chen“ EU-Lan­des den Ein­satz „bil­li­ge­rer“ Ar­beits­kräf­te aus ei­nem är­me­ren EU-Land ab­weh­ren woll­ten. Die­se Streiks wa­ren so­mit ge­gen ei­ne der „Grund­frei­hei­ten“ in­ner­halb der EU ge­rich­tet, näm­lich ge­gen die grenz­über­schrei­ten­de Dienst­leis­tungs- und Nie­der­las­sungs­frei­heit. Und die­se hat für die EU-Kom­mis­si­on und den EuGH ei­ne sehr gro­ße Be­deu­tung.
In den o.g. bei­den Ent­schei­dun­gen hat der EuGH deut­lich ge­macht, dass ein Ein­griff in die grenz­über­schrei­ten­de Dienst­leis­tungs- und Nie­der­las­sungs­frei­heit in Form von Streiks nur dann mit dem EU-Recht ver­ein­bar ist, wenn mit dem Streik Zie­le ver­folgt wer­den, die mit dem Ver­trag über die Eu­ro­päi­sche Uni­on ver­ein­bar sind und die durch Grün­de des Ge­mein­wohls ge­recht­fer­tigt sind. Kon­kret muss es nach An­sicht des EuGH bei sol­chen Streiks z.B. dar­um ge­hen, Ar­beit­neh­mer vor ei­ner Ge­fähr­dung ih­rer Ar­beits­plät­ze oder ih­rer Ar­beits­be­din­gun­gen zu schüt­zen oder auch dar­um, Stö­run­gen auf dem Ar­beits­markt zu ver­hin­dern. Aber da­mit nicht ge­nug: Der im Streik lie­gen­de Ein­griff in die grenz­über­schrei­ten­de Dienst­leis­tungs- und Nie­der­las­sungs­frei­heit muss zu­dem ge­eig­net sein, das Ziel zu er­rei­chen, und darf nicht über das hin­aus­ge­hen, was zur Ziel­er­rei­chung er­for­der­lich ist. An­schei­nend geht der EuGH da­von aus, dass Streiks von der Art, wie sie den Ur­tei­len „Vi­king-Li­ne“ und „La­val“ zu­grun­de la­gen, nur recht­mä­ßig sein kön­nen, wenn sie ei­nen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits-Check be­ste­hen.
Ar­ti­kel 5 be­trifft dann das In­kraft­tre­ten der Ver­ord­nung. Ob es aber je­mals da­zu kom­men wird, ist der­zeit mehr als frag­lich. Gel­be Kar­te für „Mon­ti-II“ - Denk­zet­tel für EU-Kom­mis­si­on
Die Ver­ord­nung soll je­den­falls auf ei­ne nach­ran­gi­ge Hand­lungs­er­mäch­ti­gung ge­stützt wer­den, die zu be­son­de­ren Hür­den für das Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren führt. Hier­zu ge­hört, dass auf den Ent­wurf schon im Vor­feld - wie nun ge­sche­hen - be­son­ders hin­ge­wie­sen wer­den muss und er nur ein­stim­mig vom Rat der Eu­ro­päi­schen Uni­on (den Re­prä­sen­tan­ten der EU-Mit­glieds­staa­ten) mit Zu­stim­mung des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments (den Re­prä­sen­tan­ten der EU-Be­völ­ke­rung) an­ge­nom­men wer­den kann.Zu den­ken ge­ben soll­te der EU-Kom­mis­si­on da­bei die Re­ak­ti­on der na­tio­na­len Par­la­men­te. Erst­mals seit Ein­füh­rung des Pro­to­kolls über die An­wen­dung der Grund­sät­ze der Sub­si­dia­ri­tät und der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ha­ben mehr als ein Drit­tel der Par­la­men­te be­grün­de­te Be­den­ken ge­gen die Zu­stän­dig­keit der EU an­ge­mel­det. Un­ter ih­nen be­fin­det sich auch der deut­sche Bun­des­rat. Da­mit wur­de der Kom­mis­si­on die „Gel­be Kar­te“ ge­zeigt, d.h. sie ist nun ver­pflich­tet, den Ent­wurf zu über­prü­fen (Art.7 Abs.2 des Pro­to­kolls).
Nä­he­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier: Vor­schlag der EU-Kom­mis­si­on für ei­ne „Ver­ord­nung des Ra­tes über die Aus­übung des Rechts auf Durch­füh­rung kol­lek­ti­ver Maß­nah­men im Kon­text der Nie­der­las­sungs- und der Dienst­leis­tungs­frei­heit“ vom 21.03.2012 (COM(2012) 130 fi­nal)
10/025 Ist die Er­laub­nis von Flashmob-Streiks ver­fas­sungs­wid­rig?
05.01.2010. Mit Ur­teil vom 22.09.2009 (1 AZR 972/08) hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die Kla­ge des Han­dels­ver­bands Ber­lin-Bran­den­burg e.V. (HBB) ab­ge­wie­sen, mit der die­ser der Ge­werk­schaft ...