Source: http://www.frag-einen-anwalt.de/forum_topic.asp?topic_id=54483
Timestamp: 2013-05-20 06:07:47
Document Index: 90136917

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', '§ 831', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 2']

Skiunfall und Verdacht auf Dysfunktion der Bindung: Haftung? Schadensersatz
www.frag-einen-anwalt.de » Schadensersatz » Skiunfall und Verdacht auf Dysfunktion der...
| 21.01.2009 19:00 | Preis: ***,00 € |
Schadensersatz Beantwortet von Rechtsanwalt Marco Liebmann
Betrifft einen Skiunfall ohne Beteiligung dritter. Schilderung des Hergangs:
Sehr gute Skifahrerin fährt auf einem Verbindungsweg eine Schussstrecke mit hoher Geschwindigkeit (ca. 50-60 km/h). Sie verkantet den (bei einem örtlichen Sportgeschäft geliehenen) Ski bei einem Sprung. Der rechte Ski löst dabei aus. Es kommt zum Sturz. Der linke Ski respektive die Bindung löst jedoch nicht aus. Es kommt zu einem Torsionsbruch des linken Schienbeins. An der Unfallstelle fällt auf, dass das linke Fersenteil aus der Grundplatte des Skis herausgerissen ist und zwar in der Stellung "geschlossen" (wurde vor Ort fotodokumentiert).
Verdacht: Materialfehler, Fehlfunktion der Bindung.
Begründung: Es liegt ein Torsionsbruch des Schienbeins vor, was einen Rotationsmechanismus der Kräfteeinwirkung beweist. Aussagen der Fahrerin, dass der Ski hinundhergeschlagen habe und zuletzt sich voll gedreht habe, ohne auszulösen, bestätigen dies. Der Sturz ist bei hoher Geschwindigkeit passiert, was auch hohe Kräfte für den Auslösemechanismus (Seit- und Axialmechanismus!) der vorderen Backen der Bindung bedingt. Dass höchste Kräfte gewirkt haben müssen, wird ersichtlich aus der Tatsache, dass das Fersenteil aus der Grundplatte gerissen wurde. In dieser Konstellation hätte folglich die Bindung auslösen müssen. (Anmerkung: die Autoren sind Ärzte, u.a. für Chirurgie, bzgl. Einschätzung der Fraktur und wirkende Kräfte und Kraftvektoren). Verhalten des Vermieters (Sportgeschäft):
Nach Überprüfung und Abgleich der persönlichen Daten (Alter, Größe, Gewicht, Fahrkönnen) und der Einstellwerte an der Bindung, die nachweislich von allen Beteiligten als korrekt nachvollzogen wurden, bot der Vermieter an, die Ski an die Herstellerfirma zu Begutachtung auf Vorliegen eines technischen Defekts einzuschicken.
1. Wie kann grundsätzlich vorgegangen werden? 2. Was ist schnell zu tun, um eine nachträgliche Beweisführung nicht zu verschleiern (Unfall liegt 1 Woche zurück)?
3. Der Unfall ereignete sich in der Schweiz? Was wäre im Falle eines Streitfalls zu beachten?
4. Sollte sich ein Materialfehler/Dysfunktion der Bindung herausstellen, wer haftet?
21.01.2009 | 21:11
Grundsätzlich sollten Sie Schadensersatzansprüche zunächst außergerichtlich gegenüber dem Sportgeschäft als auch gegenüber dem Hersteller geltend machen. Auf Grund der Auslandsberührung und der abschließenden Frage zur Höhe des Schadensersatzanspruchs empfiehlt sich in jedem Fall einen Rechtsanwalt zu Rate zu ziehen. Sie sollten versuchen eine Anerkennung der Haftung dem Grunde nach zu erreichen.
Eine sichere Beweisführung dürfte nur ein unabhängiges Sachverständigengutachten bringen. Da Sie die Ski wohl nicht mehr in Ihrem Besitz haben, dürfte eine Beweisführung hinsichtlich Gutachten schwierig werden. Eine erste Beweissicherung ist jedoch durch die Fotodokumentation erfolgt. Bei einem Schadensfall kann der andere Teil zur Mitwirkung an der Beweissicherung verpflichtet sein (BGH NJW 1998, 79, 81; BGH vom 29.6.2006, I ZR 176/03, BeckRS 2006, 10566), so dass bei Beweisverschleierung ggf. eine Beweislastumkehr in Betracht kommt.
Die Frage des Gerichtsstandes richtet sich nicht ausschließlich nach dem Ort an dem der Unfall geschah.
Sofern sich Hersteller oder Sportgeschäft in Deutschland befinden, kann eine Klage in Deutschland erhoben werden.
Sofern der Rechtsstreit in der Schweiz geführt werden müsste, empfiehlt es sich einen schweizer Kollegen zu beauftragen, bzw. einen deutschen Rechtsanwalt mit Kenntnissen des Schweizer Rechtssystems.
Grundsätzlich haftet der Hersteller eines Endproduktes nur für Fehler, die in seiner Sphäre auftreten; er ist dagegen wegen deren fehlender Stellung als Verrichtungsgehilfe nicht nach § 831 Abs. 1 BGB für seine Zulieferer verantwortlich.
Stattdessen treffen den Hersteller umfangreiche eigene Organisations- und Kontrollpflichten an der Schnittstelle zum Zulieferer. So haftet der Hersteller für Montage- oder Verarbeitungsfehler, die in seinem eigenen Fertigungsbereich auftreten (BGH NJW 1975, 1827, 1828; VersR 1960, 855, 856; OLG Dresden VersR 1998, 59, 60; MünchKommBGB/ Wagner Rn 558, 584; Staudinger/Hager F Rn 27). Für Materialfehler von Vorprodukten, die von Zulieferern bezogen werden, ist der Hersteller jedoch nur verantwortlich, wenn diese entweder nach seinen eigenen Vorgaben gefertigt wurden wenn er nur eine unzureichende Kontrolle des Wareneingangs vorgenommen (BGHZ 116, 104, 112 f = NJW 1992, 1039; BGH VersR 1960, 855, 856; NJW 1972, 559, 560; OLG Oldenburg NJW-RR 2005, 1338, 1338 = NZV 2006, 38; OLG Dresden VersR 1998, 59, 60; Fuchs JZ 1994, 533, 534) oder die generelle Eignung des Materials (OLG Köln NJW-RR 1990, 414) sowie die Zuverlässigkeit der Zulieferer nicht überprüft hat.
Im übrigen haftet der Vermieter der Ski, da diesen die Verkehrssicherungspflicht, nämlich die ordnungsgemäße Funktion der Ski inklusive Bindung trifft.
Inwiefern eine vertragliche Haftungsfreistellung des Sportgeschäfts aus dem Mietvertrag in Betracht kommt, lässt sich diesseits ohne Kenntnis des Mietvertrages bzw. der AGB nicht abschließend beurteilen.
Rechtsanwalt Marco Liebmann Hauptstraße 8, 18510 Abtshagen Tel: 038327 / 459821, Fax: 038327 / 459822 E-Mail: post@kanzleimarcoliebmann.de Informationen nach § 2 DL-InfoV unter: http://www.kanzleimarcoliebmann.de Nachfrage vom Fragesteller	22.01.2009 | 12:54
besten dank für Ihre schnelle und hilfreiche Antwort. Ich hätte noch eine weitere Frage:
Was können wir akut tun, um eine mögliche Beweisführung noch zu ermöglichen bzw. einer möglichen Verschleierung dieser entgegenzuwirken? Macht es sind, bspw. noch nachträglich Anzeige zu erstatten? Oder mit einem einfachen formlosen Schreiben das Sportgeschäft auf die Absicht eines Schadensersatzanspruchs aufmerksam zu machen und darin zu bitten, die Beweisstücke entsprechend zu behandeln? Können wir das -falls sinnvoll- zunächst auch selbst machen, bis wir einen geeigneten schweizer Anwalt gefunden und beauftragt haben?
Über eine Antwort dazu - bitte wenn möglich unter Berücksichtigung schweizer Besonderheiten - wären wir Ihnen sehr dankbar und verbleiben mit besten Grüßen
22.01.2009 | 22:00
Sie sollten auf jeden Fall gegenüber dem Sportgeschäft Schadensersatzansprüche geltend machen, in dem Sie zunächst mit einem einfachen formlosen Schreiben dieses auffordern, den Schaden dem Grunde nach anzuerkennen, da zum jetzigen Zeitpunkt die Schadenshöhe noch nicht feststehen dürfte.
Sie sollten zugleich das Sportgeschäft auffordern, die beschädigten Ski auszusondern und zu Beweiszwecken zu verwahren, bzw. auffordern diese an Sie herauszugeben, wobei ich letzteres wohl für nicht erfolgversprechend halte.
Da ich aber zugegebener Maßen mit dem schweizerischen Rechtssystem nicht so tiefgreifend vertraut bin würde ich dieses Vorgehen dennoch zunächst vorschlagen.
2009-01-23 | 20:19
"Sehr schnelle Beantwortung. Sehr präzise und zugleich verständliche Antworten. Sehr gut fanden wir, dass Herr Liebmann auch kein Problem hatte, seine Grenzen zu erwähnen (Stichwort: Besonderheiten des Schweizer Rechts). Alles in allem hat er wichtige rechtsanwaltliche Ersthilfe geleistet."
Sehr schnelle Beantwortung. Sehr präzise und zugleich verständliche Antworten. Sehr gut fanden wir, dass Herr Liebmann auch kein Problem hatte, seine Grenzen zu erwähnen (Stichwort: Besonderheiten des Schweizer Rechts). Alles in allem hat er wichtige rechtsanwaltliche Ersthilfe geleistet.
Schaden durch Beifahrer, Haftung?Auto Garantie / Sachmängelhaftung?Verdacht auf Versicherungsbetrugebay - nach Ersteigerung Verdacht auf Hehlerware - Schadenersatz bei Ersatzbeschaffunvortäuschen falscher verdächtigung
Skiunfall und Verdacht auf Dysfunktion der Bindung: Haftung? Schadensersatz © QNC 2013 Haftungsausschluss