Source: https://de.slideshare.net/BertelsmannStiftung/studie-alleinerziehende-unter-druck
Timestamp: 2017-02-23 00:34:08
Document Index: 33034762

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 6', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art 6', '§ 1356', '§ 1606', '§ 1578', '§ 1372', '§ 1570', '§ 1615', '§ 1570', '§ 1570', 'BGH', '§ 1570', 'BGH', '§ 1570', 'BGH', '§ 1570', '§ 1570', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1570', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art 6', 'BGH', '§ 1606', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1570', 'BGH', '§ 1578', 'BGH', '§ 1570', '§ 1570', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1570', '§ 1571', '§ 1572', '§ 1576', 'BGH', 'BGH', '§ 1570', '§ 1609', '§ 1606', '§ 1356', '§ 1603', '§ 1612', '§ 32', 'Art. 1', 'Art. 6', 'Art. 6', '§ 9', 'Art. 6', 'Art. 6', '§ 9', '§ 1612', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1610', 'BGH', 'BGH']

Grafik: Hartz-IV-Quote von Paarhaus...
Kompetenzkarten für die Potenzialan...
Obwohl in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden, wächst eine Familienform seit Jahrzehnten beständig: die Ein-Eltern-Familie. 1,6 Millionen Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern gibt es derzeit, ein Viertel mehr als 1996. Das ist mittlerweile jede fünfte Familie. Die Politik berücksichtigt ihre Lebenssituation mit der besonderen Belastung durch Beruf, Erziehung und Haushalt jedoch zu wenig: Sowohl im Unterhaltsrecht als auch im Steuer- und Sozi-alrecht haben Reformen der vergangenen zehn Jahre den finanziellen Druck auf Alleinerziehende verschärft. Das belegt eine neue Studie der Juraprofessorin Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Mehr dazu unter: http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_120447.htm
Rechtliche Rahmenbedingungen, finanzielle Lage
und Reformbedarf
Zusammenfassung10
1.1	Gemeinsam oder allein erziehen
1.2	Empirische Fakten über Alleinerziehende
2.	Einkommen der Alleinerziehenden aus familienrechtlichen Unterhaltsansprüchen 24
2.1	Der Unterhaltsanspruch des betreuenden Elternteils nach Trennung und Scheidung
2.1.1 Unterhaltsrechtsreform von 2008
2.1.2 Rechtsprechung des BGH
2.2	Der Barunterhaltsanspruch des Kindes gegen den nicht betreuenden Elternteil
2.2.1 Exkurs: Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu den
2.2.2	Rechtsanspruch und Rechtswirklichkeit
2.4	Unterhaltsvorschussgesetz
3.	Das Einkommen von Alleinerziehenden aus Erwerbstätigkeit
3.1	Berücksichtigung des Alleinerziehens im Steuerrecht
3.2	Berücksichtigung des Alleinerziehens in der Sozialversicherung
3.3	Das Steuer- und Abgabensystem im internationalen Vergleich
4.	Alleinerziehende im SGB II
4.1	Rechtslage
4.2	Exkurs: Die Funktion niedriger Regelbedarfe für die Arbeitsmarktpolitik und die
Konsequenzen für andere Rechtsgebiete
4.3	Alleinerziehende in der Sozialleistungsfalle?
5.	Überwindung des Hartz-IV-Bezuges durch Wohngeld, Kinderzuschlag
sowie Unterhaltsvorschuss?
5.1	Der Kinderzuschlag nach § 6a BKGG
5.2	Wohngeld
5.3	Zusammenwirken von Kindergeld, Unterhaltsvorschuss, Kinderzuschlag
6.	Reformoptionen
Impressum90
Abbildung 1 Entwicklung der Anzahl der Familien sowie der alleinerziehenden
Familien von 1996 bis 2012
Abbildung 2 Erwerbstätigenquote alleinerziehender Frauen nach dem Alter der Kinder
in den Jahren 1996 und 2012
Abbildung 3 Hartz-IV-Quote von Paarhaushalten mit minderjährigen Kindern und
Alleinerziehenden-Haushalten mit minderjährigen Kindern – Quote in
Deutschland und den Bundesländern im Vergleich für das Jahr 2013
Tabelle 1	Arbeitszeiten und Art der Beschäftigung von alleinerziehenden Müttern
und Müttern in Paarfamilien im Vergleich im Jahr 2011
Abbildung 4 Die Belastung von Alleinerziehenden im unteren Einkommensbereich
(67% des Durchschnittseinkommens) mit Steuern und Sozialabgaben
abzüglich familienpolitischer Leistungen im europäischen Vergleich
Tabelle 2	Mehrbedarfszuschlag für Alleinerziehende im SGB II nach Alter und Zahl
In Deutschland ist jede fünfte Familie alleinerziehend. Bei nur einem Elternteil aufzuwachsen
ist für 2,2 Millionen Kinder Normalität – das sind rund 370.000 Kinder mehr als noch Mitte der
90er Jahre. Lebte damals nur etwa jedes neunte Kind in einer alleinerziehenden Familie, ist es
heute schon mehr als jedes sechste. Den meisten Alleinerziehenden gelingt es sehr gut, ihren
Lebensalltag zu bewältigen und den Spagat zwischen Erwerbstätigkeit, Kinder(n) und Haushalt
hinzubekommen. Viele stoßen angesichts der besonderen Herausforderungen, die diese Familienform zu bewältigen hat, aber auch an ihre Grenzen. Das ist angesichts der Rahmenbedingungen,
die ihnen unsere Gesellschaft bietet, auch kein Wunder.
Inzwischen wächst jedes zweite Kind, das in Deutschland auf Grundsicherungsleistungen angewiesen ist, in einer Ein-Eltern-Familie auf. Alleinerziehende leben fünfmal so oft im Hartz IV-Bezug
wie Paarfamilien – mit teilweise erheblichen Risiken für die Entwicklungs- und Bildungschancen
der Kinder. Auffällig ist dabei, dass Alleinerziehende (im Gegensatz zu Paarfamilien) in allen
Bundesländern besonders stark von Armut betroffen sind. Das weist darauf hin, dass bundesweit
geltende Rahmenbedingungen diese Problemlage herbeiführen. Hier setzt die Studie von Prof. Dr.
Anne Lenze an. Sie analysiert systematisch, unter welchen rechtlichen und familienpolitischen
Rahmenbedingungen Alleinerziehende ihren Alltag bewältigen. Dabei zeigt sich, dass viele Reformen in den vergangenen zehn Jahren dazu geführt haben, dass der finanzielle Druck gerade in
diesen Familien zugenommen hat.
Da ist zum Beispiel das Unterhaltsrecht, das Alleinerziehenden mit Kindern über drei Jahren
auferlegt, grundsätzlich in Vollzeit erwerbstätig zu sein, sofern es eine Betreuungsmöglichkeit für
ihr Kind gibt. Der vor Gericht festgesetzte Unterhalt für ein Kind reicht oft kaum aus, um das kindliche Existenzminimum zu decken, geschweige denn die steigenden Bedarfe für Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und soziokulturelle Teilhabe. In zwei Drittel der Fälle liegt der Barunterhalt
für Kinder unter dem kindlichen Existenzminimum. Und schließlich wird dieser Unterhalt dann
nur bei jedem zweiten Kind überhaupt vollständig und regelmäßig gezahlt. Die andere Hälfte der
Kinder erhält weniger oder gar keinen Barunterhalt. Wie es dazu kommt, dass der Unterhalt bei
so vielen Kindern offensichtlich nicht oder nur begrenzt ankommt, ist nicht hinreichend bekannt.
Hier besteht dringender Forschungs- und Aufklärungsbedarf. Denn eine Ersatzleistung in Form
des Unterhaltsvorschusses vom Staat gibt es für Alleinerziehende und ihre Kinder lediglich, wenn
das Kind unter zwölf Jahren ist – und dann auch nur insgesamt sechs Jahre lang.
Obwohl 70 Prozent der Alleinerziehenden erwerbstätig sind, darunter 45 Prozent in Vollzeit,
reicht in vielen Ein-Eltern-Familien das Einkommen nicht aus. Im Sozialrecht können sie dann
eine Vielzahl an Leistungen beantragen – sei es in Kombination oder alternativ zueinander. Kaum
nachvollziehbar sind dabei die unterschiedlichen Antragsformalitäten und die gegen­eitigen
Anrechnungsmodalitäten. Letztere setzen zudem in Verbindung mit den gerade für Allein­
erziehende im unteren und mittleren Einkommensbereich besonders hohen Belastungen durch
Steuern und Sozialversicherungsbeiträge Anreize gegen die Aufnahme oder Ausweitung einer
Erwerbstätigkeit – und halten Alleinerziehende in einer „Sozialleistungsfalle“. 39 Prozent aller
Alleinerziehenden leben von Hartz IV mit einer oft überdurchschnittlich langen Verweildauer, ein
Drittel davon sind „Aufstocker“. Dabei würden die allermeisten Alleinerziehenden laut Umfragen
trotz der ungünstigen Rahmenbedingungen gerne (mehr) arbeiten.
Reformen sind daher dringend notwendig. Scheinbar einfache Lösungen, die Kinderarmut nach
dem „Gießkannenprinzip“ bekämpfen wollen, greifen dabei allerdings zu kurz: Von einer all­
gemeinen Kindergelderhöhung profitieren gerade die bedürftigsten Kinder nicht, da das Kindergeld vollständig auf Grundsicherungsleistungen angerechnet wird. Auch der Kinderzuschlag,
der für Kinder prekär beschäftigter Eltern gedacht ist, kommt bislang viel zu selten bei Kindern
Alleinerziehender an. Welche notwendigen Maßnahmen tatsächlich die Lebenslage vieler alleinerziehender Eltern verbessern und damit auch Kinderarmut wirksam bekämpfen könnten, dafür
liefert die Studie wichtige Hinweise und Reformvorschläge. Denn mit einer gezielten Unterstützung Alleinerziehender und ihrer Kinder könnte die Politik die Hälfte aller Kinder, die von Hartz
IV leben, erreichen. Zu nennen ist hier z.B. eine Reform des Unterhaltsvorschusses. Bekämen
alle Kinder, für die kein bzw. zu wenig Barunterhalt gezahlt wird, unabhängig von ihrem Alter
und ohne zeitliche Begrenzung die Unterhaltsvorschuss-Leistung, so würde sich die finanzielle
Situation vieler Ein-Eltern-Familien erheblich verbessern. Zudem könnten Veränderungen des
Kinderzuschlags dazu führen, dass diese Leistung auch bei Alleinerziehenden ankommt. Dazu
müsste die bisherige Anrechnung von Unterhalt und Unterhaltsvorschuss als Einkommen des
Kindes entfallen.
Darüber hinaus sind in unserer Gesellschaft weitergehende Weichenstellungen notwendig, um
allen Kindern gutes Aufwachsen zu ermöglichen. Zunächst stellt sich dabei die Frage, welche
altersgerechten (Mindest-)Bedarfe Kinder haben, um an unserer Gesellschaft teilhaben und sich
gut in ihr entwickeln zu können und wie diese Bedarfe garantiert werden könnten. Hier müssten
Lösungen entwickelt werden, die die vielfältigen Lebensrealitäten von Familien berücksichtigen,
so dass keine Familienform benachteiligt wird.
Neben materieller Sicherheit brauchen Kinder für gutes Aufwachsen und faire Bildungschancen aber auch gemeinsame Zeit mit ihren Müttern und Vätern. Diese Erziehungsleistung und
Fürsorgearbeit von Eltern muss deshalb auch gesellschaftlich anerkannt werden. Im Falle der
Alleinerziehenden geschieht dies bislang weder im Unterhalts- noch im Steuer- und Sozialversicherungsrecht. Vielmehr suggerieren die Regelungen und die Rechtsprechung, wie die Studie
zeigt, dass Kindererziehung und Zeit für Familie „nebenbei“ erledigt werden kann. Das kann nicht
im Interesse unserer Kinder und der Gesellschaft sein.
Solche grundlegenden Reformen brauchen aber Zeit und politische Überzeugungsarbeit. Hier
wird die Bertelsmann Stiftung in den kommenden Monaten Vorschläge in die Diskussion einbringen. Darauf können die vielen Ein-Eltern-Familien aber nicht warten. Daher sind schnelle Reformschritte notwendig. Denn die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern sollten weder vom
sozio-ökonomischen Hintergrund noch vom Familienstand ihrer Eltern abhängen.
Anette Stein,
In Deutschland ist mittlerweile jede fünfte Familie alleinerziehend, in den allermeisten Fällen
sind dies alleinerziehende Mütter (90%). 2,2 Millionen Kinder wachsen in Ein-Eltern-Haushalten
auf – Tendenz steigend. Ein-Eltern-Familien sind die einzige Familienform, die Zuwachsraten verzeichnet. In vier von fünf Fällen ist es allerdings keine bewusste Entscheidung, die Verantwortung
für ein Kind alleine zu tragen. In den allermeisten Ein-Eltern-Familien ist eine Trennung der
Eltern der Grund des Alleinerziehens.
Viele Alleinerziehende meistern ihre alltäglichen Herausforderungen insgesamt gut, auch wenn
sie dabei oft an ihre Belastungsgrenzen stoßen oder darüber hinaus wachsen. Das verdient hohe
Anerkennung und Wertschätzung. Denn die Rahmenbedingungen, unter denen Alleinerziehende
ihren Familienalltag bewältigen müssen, sind alles andere als gut.
Beleg dafür sind die vielen Ein-Eltern-Familien, die im SGB II-Bezug leben. Rund 40 Prozent der
Alleinerziehenden sind auf staatliche Grundsicherungsleistungen angewiesen, um sich selbst
und ihre Kinder versorgen zu können. Bei den Paarfamilien sind es „nur“ sieben Prozent. Von
den etwa 1,9 Millionen Kindern unter 18 Jahren im SGB II-Bezug lebt die Hälfte (952.000) in
Alleinerziehenden-Haushalten. Kinderarmut in Deutschland ist damit zur Hälfte auf Kinder in
Ein-Eltern-Familien zurückzuführen. Dieser hohe Anteil ist – anders als die Armutsbetroffenheit
anderer Bevölkerungsgruppen – nicht rückläufig, sondern verweilt seit Jahren auf diesem extrem
hohen Niveau. Dabei sind alleinerziehende Mütter sogar häufiger Vollzeit erwerbstätig als Mütter
in Paarfamilien (45% im Vergleich zu 30%). Zudem ist das Armutsrisiko Alleinerziehender über
alle Bundesländer hinweg sehr hoch. Es liegt also nahe, dass die Ursachen auf rechtliche Rahmenbedingungen zurückzuführen sind.
Ganz offensichtlich gelingt es bisher nicht, Alleinerziehende und ihre Kinder passgenau zu unterstützen. Dabei sind die Probleme und Notlagen dieser Familienform seit Jahren bekannt und werden vielfach diskutiert. Aber in den letzten 10 Jahren haben Reformen in verschiedenen Rechtsbereichen nicht zu besseren Lebensbedingungen von Ein-Eltern-Familien beigetragen. Vielmehr
haben sie zu einer Verschärfung der Problemlagen geführt. Das wird in der Studie ausführlich
dargelegt. Die Befunde sollen hier kurz zusammengefasst werden:
Seit der Unterhaltsrechtsreform im Jahr 2008 haben geschiedene Alleinerziehende mit Kindern
über drei Jahren in der Regel keinen Anspruch mehr darauf, dass ihr Ex-Partner ihnen Betreuungsunterhalt zahlt. Wenn das jüngste Kind drei Jahre alt ist und grundsätzlich eine Kinderbetreuung zur Verfügung steht, wird von geschiedenen Müttern eine Vollzeiterwerbstätigkeit
erwartet. Die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist eindeutig und lässt wenig Spielraum
für andere Entscheidungen. Auch wenn mehrere Kinder zu versorgen sind oder wenn beson-
dere Belastungen vorliegen, hält der BGH eine Vollzeiterwerbstätigkeit generell für zumutbar.
Aussicht auf Unterhalt für sich selbst haben die betroffenen Alleinerziehenden nur dann, wenn
nachweislich keine Betreuungsmöglichkeiten vorhanden sind oder Kinder aus gesundheitlichen
oder psychischen Gründen eine persönliche Betreuung durch den Elternteil benötigen. Betreuung,
Erziehung und Bildung von Kindern kann und muss nach dieser Rechtsprechung „nebenbei“ am
Abend und am Wochenende erledigt werden. Hinzu kommt, dass lediglich die Verfügbarkeit von
Betreuungsmöglichkeiten, nicht aber die Qualität der vorhandenen Bildungs- und Betreuungsangebote eine Rolle spielt. Diese ist aber für die Entwicklung und die Teilhabechancen von Kindern
Barunterhalt für das Kind
Für die materielle Situation von Ein-Eltern-Familien spielt der Barunterhalt für das Kind eine
wichtige Rolle. Der Idee nach ist der Elternteil, der nicht mit dem Kind lebt, hierfür zuständig. Der
Kindesunterhalt ist aber systematisch zu niedrig angesetzt, da er nur das sächliche Existenzminimum des Kindes abdeckt, nicht aber die steigenden Aufwendungen, die für Freizeitgestaltung,
kulturell-soziale Teilhabe und Persönlichkeitsentwicklung anfallen. Erst die neuere Rechtsprechung des BGH hat diese Kosten überhaupt „entdeckt“. Das Gericht geht davon aus, dass beide
Elternteile die Kosten für „soziokulturelle“ Bedarfe nun entsprechend ihrer Einkommensverhältnisse anteilig decken müssen. Die vorliegende Studie schlägt jedoch vor, dass der barunterhaltspflichtige Elternteil diese Kosten allein zu tragen hat, um das Prinzip der Gleichwertigkeit von
„Bar- und Naturalunterhalt“ zu wahren.
Zudem klaffen im Fall des Barunterhalts für Kinder Rechtsanspruch und Rechtswirklichkeit weit
auseinander. Untersuchungen zeigen, dass nur in einem Drittel der Fälle Unterhaltszahlungen
vereinbart wurden, die dem kindlichen Existenzminimum entsprachen – zwei Drittel der vereinbarten Zahlungen lagen darunter. Die tatsächlichen Zahlungen wichen wiederum erheblich
von den festgelegten Beträgen ab: Nur die Hälfte der Kinder erhielt den Unterhalt in voller Höhe.
26 Prozent erhielten ihn teilweise und 24 Prozent gar nicht (EVS 2008, Allensbach-Umfrage
2008). Aktuellere und kontinuierlich erhobene Daten zu diesem Phänomen liegen leider nicht
vor – hier besteht dringender Forschungsbedarf.
Wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nachweislich nicht zahlt, so können Alleinerziehende
staatliche Unterstützung in Form des Unterhaltsvorschusses beantragen. Der Unterhaltsvorschuss ist damit eine Leistung, die sich speziell auf Kinder in Ein-Eltern-Familien bezieht und
bedarfsunabhängig gewährt wird. Alleinerziehende erhalten 133 Euro für Kinder bis einschließlich fünf Jahre bzw. 180 Euro für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Der Staat kann diese
Zahlungen vom Unterhaltspflichtigen zurückfordern. Seit dem Jahr 2008 wird auf den Unterhaltsvorschuss allerdings das volle Kindergeld angerechnet. Dies erscheint rechtssystematisch nicht
überzeugend, denn beim Kindesunterhalt des nicht betreuenden Elternteils wird nur das hälftige
Kindergeld angerechnet.
2012 haben rund eine halbe Million Kinder Unterhaltsvorschussleistungen in Anspruch genommen – bezogen auf die insgesamt 2,2 Millionen minderjährige Kinder in Alleinerziehenden-Haushalten ist das ein enorm hoher Anteil. Problematisch ist, dass diese Leistung nur maximal 6 Jahre
und nur bis zum 12. Geburtstag gewährt wird – viele Kinder haben also gar keinen Anspruch oder
haben ihren Anspruch schon „ausgeschöpft“. Aus gleichheitsrechtlichen Aspekten ist nicht nachvollziehbar, warum der Staat diese speziell für Kinder in Ein-Eltern-Familien konzipierte Leistung
nicht allen Kindern und Jugendlichen gewährt, für die kein Unterhalt gezahlt wird. So hat eine
14-Jährige keinen Anspruch, ein Fünfjähriger jedoch schon. Ein Siebenjähriger, dessen Eltern sich
in seinem ersten Lebensjahr getrennt haben, hat seinen Anspruch schon ausgeschöpft, während
ein anderer Siebenjähriger, dessen Eltern später getrennte Wege gegangen sind, im selben Alter
den Unterhaltsvorschuss noch beziehen kann.
Dem Staat gelingt es in vier von fünf Fällen nicht, sich den Unterhaltsvorschuss von den eigentlich
unterhaltspflichtigen Elternteilen zurückzuholen: 2009 lag die Rückholquote bei lediglich 20,3
Prozent. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Kommunen dieses Geld eintreiben
müssen, das dann aber den Ländern und nicht ihnen selbst zufließen würde. Es könnte jedoch
auch sein, dass aufgrund zunehmender atypischer Beschäftigung und der Ausweitung des Niedriglohnsektors tatsächlich immer weniger Personen dazu in der Lage sind, ihr eigenes und darüber hinaus noch das Existenzminimum eines oder mehrerer Kinder zu erwirtschaften. Auch hier
besteht dringender Forschungsbedarf, warum so viele Unterhaltspflichtige ihren Verpflichtungen
nicht nachkommen (können).
Steuerrecht und Sozialversicherungssystem
Seit der Abschaffung des Haushaltsfreibetrags für Alleinerziehende Ende des Jahres 2003 werden
Alleinerziehende – insbesondere in den unteren Einkommensbereichen – fast so besteuert wie
Singles, obwohl sie mit ihrem Einkommen auch ihre Kinder versorgen. Sie können zwar den
Kinderfreibetrag geltend machen, dieser wirkt sich jedoch vor allem in den höheren Einkommensbereichen aus. Seit 2004 wird Alleinerziehenden zwar der Entlastungsbetrag in Höhe von
1.308 Euro gewährt, der in der Steuerklasse II eingearbeitet ist. Seine Wirkung wird allerdings
gemeinhin erheblich überschätzt. Vor allem im niedrigen und mittleren Einkommensbereich sind
die dadurch entstehenden Entlastungen nur gering.
Anders als im Steuerrecht werden Kinder bei der Beitragserhebung zur Sozialversicherung gar
nicht berücksichtigt, so dass Alleinerziehende ebenso hohe Beiträge zahlen wie Alleinlebende
– und das obwohl ihre Kinder später die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungssysteme
überhaupt erst aufrecht erhalten werden. Alleinerziehende müssen – wie andere Eltern auch
– auf das Existenzminimum ihrer Kinder Beiträge zahlen. Ihre Erziehungsleistung wird in den
Systemen nicht oder nicht ausreichend anerkannt. Zudem steigen die Sozialversicherungsbeiträge nicht progressiv, sondern werden als proportionaler Anteil des Einkommens bis zu einer
Beitragsbemessungsgrenze erhoben. Da die meisten Alleinerziehenden unterdurchschnittlich bis
durchschnittlich verdienen, werden sie anteilig besonders stark durch Sozialabgaben belastet.
Die auch im internationalen Vergleich hohen Belastungen durch Steuern und Sozialabgaben in
Deutschland machen es Alleinerziehenden in den unteren und mittleren Einkommensbereichen
schwer, mit ihrem selbst erwirtschafteten Einkommen ihre Kinder auskömmlich zu versorgen.
Der Mehrbedarfszuschlag in der Grundsicherung des SGB II ist eine der wenigen Leistungen, die
die besondere Lebenssituation dieser Familienform berücksichtigt. Je nach Alter und Anzahl der
Kinder variiert er – für ein Kind bis sieben Jahre beträgt er z.B. 140,76 Euro, ist das Kind über
sieben Jahre alt, lediglich 46,92 Euro, für drei Kinder unabhängig vom Alter insgesamt wiederum
140,76 Euro. Hinzu kommen die Regelbedarfe für Kinder, die 229 Euro bis zum sechsten, 261
Euro bis zum 14. und 296 Euro bis zum 18. Geburtstag betragen. Das Kindergeld wird darauf
vollständig angerechnet – Alleinerziehende (und auch Familien) im Grundsicherungsbezug profitieren daher nicht von Kindergelderhöhungen.
Zu den Leistungen des SGB II gehört auch die Arbeitsvermittlung. Hier lässt sich nachweisen, dass
SGB II Leistungen beziehende Mütter bevorzugt in Ein-Euro-Jobs oder in geringfügige Beschäftigung vermittelt werden. Dabei weisen Untersuchungen darauf hin, dass gerade Alleinerziehende
nach einer versicherungspflichtigen Tätigkeit suchen und dafür auch zu vielen Konzessionen
Neben oder alternativ zu den SGB II Leistungen können Alleinerziehende eine Vielfalt an weiteren
Sozialleistungen (Kinderzuschlag, Wohngeld, Unterhaltsvorschuss) beantragen. Diese müssen sie
bei unterschiedlichen Stellen, mit unterschiedlichen Fristen und Formularen beantragen. Die
Vielzahl an Maßnahmen und vor allem die gegenseitigen Anrechnungsmodalitäten und Wechselwirkungen der Leistungen untereinander sind für die Betroffenen selbst und in vielen Fällen auch
für die zuständigen Behörden kaum zu durchschauen und schwer nachvollziehbar.
Darüber hinaus kann der Sozialleistungs-Mix – auch vor dem Hintergrund der Wirkungen des
Steuer- und Abgabensystems – den Mehrbedarfszuschlag des SGB II nur selten kompensieren.
Das führt dazu, dass es vielen Alleinerziehenden nicht gelingt, durch eigene Erwerbsanstrengungen in Kombination mit einzelnen Sozialleistungen den SBG II-Bezug zu verlassen. Sie finden sich
und ihre Familie oft in einer „Sozialleistungsfalle“ wieder.
Was ist zu tun, um alleinerziehende Familien wirksam zu unterstützen und Kindern wie Eltern
das Erleben von Armut zu ersparen? Zuallererst muss die Erziehungs- und Bildungsarbeit Alleinerziehender anerkannt und wertgeschätzt werden. Was alleinerziehende Mütter und Väter im
Alltag an Herausforderungen bewältigen, um für ihre Kinder da zu sein und sie bestmöglich zu
unterstützen, verdient Respekt und gezielte Unterstützung.
Darüber hinaus wäre eine alters- und bedarfsgerechte Sicherung des Existenzminimums für Kinder in unserer Gesellschaft ein Schritt, der tatsächlich jedem Kind faire Bildungs- und Teilhabechancen eröffnen könnte. Gerade bei Ein-Eltern-Familien hätte dies erhebliche Auswirkungen auf
Bis diese grundlegenderen Reformen angegangen werden, dürfte jedoch noch einige Zeit verstreichen und viel politische Überzeugungsarbeit nötig sein. Solange können die alleinerziehenden
Familien nicht warten. Daher sollten möglichst schnell folgende Reformwege eingeschlagen werden:
Beim Betreuungsunterhalt für den Elternteil, der mit dem Kind überwiegend zusammenlebt,
sollte die derzeitige Rechtsprechung des BGH in Frage gestellt werden. Kinder brauchen Zeit
mit ihren Eltern und solche Fürsorge erledigt sich nicht so nebenbei. Eine Vollzeiterwerbstätigkeit von alleinerziehenden Müttern und Vätern mit dreijährigen Kindern ist selbst mit einem
Kita-Platz oftmals eine große Herausforderung, insbesondere wenn schwierige Familien­
phasen (wie Trennungen) bewältigt werden müssen, Kinder besondere Aufmerksamkeit und
Unterstützung benötigen oder mehrere Kinder versorgt werden.
Mit Blick auf den Kindesunterhalt sollte der Grundsatz der Gleichwertigkeit von Bar- und
Naturalunterhalt erhalten bleiben. Die Höhe des Barunterhalts sollte das gesamte Existenzminimum der Kinder decken, auch jene Aufwendungen für die Persönlichkeitsentwicklung, die
Freizeitgestaltung und die außerhäusliche Betreuung. Die Bildungs- und Erziehungsleistungen
desjenigen Elternteils, bei dem das Kind lebt, sollten wieder stärker berücksichtigt werden.
Der zunehmenden Entlastung der barunterhaltspflichtigen Elternteile von den Kosten der
Erziehung der Kinder ist entgegenzutreten. Es besteht dringender Forschungsbedarf, warum
Kindesunterhaltsleistungen regelmäßig nicht das kindliche Existenzminimum abdecken, zu oft
nicht oder nicht in vereinbarter Höhe gezahlt werden.
Beim Unterhaltsvorschuss müssen die gleichheitsrechtlich bedenklichen Regelungen zu
Bezugsdauer und Altersgrenzen wegfallen. Es sollte keine Ausfalls- und Übergangsleistungen
mehr sein, sondern allen betroffenen Kindern zur Verfügung stehen. Dadurch könnte gezielt
die Situation von Kindern, für die kein Unterhalt gezahlt wird, verbessert werden. Zudem darf
das Kindergeld – wie im Unterhaltsrecht – nur noch hälftig und nicht vollständig abgezogen
werden. Die gegenwärtige Verpflichtung, den Leistungsanspruch auf Unterhaltvorschuss bei
Bezug von Leistungen des SGB II vorrangig zu beantragen, sollte aufgehoben werden. Der
Anspruch sollte „aufgespart“ werden können für die Zeiten, in denen die Alleinerziehenden
ihren Lebensunterhalt mit eigenem Einkommen bestreiten können.
Die besondere Lebenssituation alleinerziehender Mütter und Väter müsste im Steuerrecht
verstärkt berücksichtigt werden, z.B. in Form einer Erhöhung des Entlastungsbetrages für
In der gesetzlichen Sozialversicherung sollte das Existenzminimum von Kindern bei der Beitragserhebung freigestellt werden.
Im Sozialrecht muss das Leistungsgeflecht aus Grundsicherung, Mehrbedarfszuschlag, Kinderzuschlag, Wohngeld, Unterhaltsvorschuss, etc. vereinfacht werden. Einerseits sind die
derzeitigen Regelungen für die Betroffenen kaum nachvollziehbar und oft mit einem hohen
bürokratischen Aufwand verbunden. Andererseits tragen das Zusammenspiel dieser Fördermöglichkeiten und die unterschiedlichen Anrechnungsmodalitäten dazu bei, dass gerade
Alleinerziehende in der „Sozialleistungsfalle“ gefangen sind und dem SGB II Bezug nicht entkommen, obwohl das ihr erklärtes Ziel ist.
Beim Kinderzuschlag werden Unterhaltszahlungen und Unterhaltsvorschuss als Einkommen des
Kindes angerechnet, so dass er für Alleinerziehende eine geringe Relevanz hat. Daher wird dieses
Instrument, das gezielt einen Weg aus dem SGB II-Bezug ermöglichen soll, von Alleinerziehenden selten in Anspruch genommen. Bei anstehenden Reformen des Kinderzuschlags sollte daher
eine Auszahlung des Mehrbedarfszuschlags im Rahmen des Kinderzuschlags ermöglicht werden.
Die Alleinerziehenden gesetzlich eingeräumte Möglichkeit, auf Leistungen des SGB II zu verzichten, um mit Kinderzuschlag und Wohngeld unabhängig von SGB II zu werden, ist kontraproduktiv und sollte abgeschafft werden. Hier wird eine Bedarfsunterdeckung von Ein-ElternFamilien bewusst in Kauf genommen.
In den Jobcentern sollten Alleinerziehende gezielt in qualifizierte Beschäftigung oder Weiterbildung vermittelt werden, die mit ihren besonderen Fürsorgeverpflichtungen vereinbar sind.
Bei Unterstützungsangeboten sollte die Lebenssituation von Alleinerziehenden berücksichtigt
werden. Dies betrifft zum einen Angebotszeiten und die Art der Angebote, aber auch die Notwendigkeit, Hilfe aus einer Hand bereitzustellen und bestehende Problemlagen und -bündel
umfassend und nachhaltig anzugehen.
Alleinerziehende wirksam zu unterstützen ist eine der drängenden Aufgaben der Familienpolitik. Im Interesse der 2,2 Millionen Kinder und ihrer Mütter und Väter ist es unerlässlich, diese
Familienform besser bei der Bewältigung ihrer besonderen Lebenslage zu unterstützen und ihre
Leistung wertzuschätzen.
Diese Studie untersucht verschiedene Rechtsgebiete, die die ökonomische Situation von Alleinerziehenden beeinflussen. Dabei folgt der Aufbau der Untersuchung den gängigen Möglichkeiten
der Existenzsicherung für Alleinerziehende:
Einführend werden die Besonderheiten des Alleinerziehens im Gegensatz zur Situation
zusammenlebender Eltern herausgearbeitet und empirische Daten zur gegenwärtigen Lage
der Alleinerziehenden aufbereitet (Abschnitt 1). Die rechtliche Untersuchung beginnt mit dem
zivilrechtlichen Unterhaltsrecht. Zunächst wird der Betreuungsunterhalt des alleinerziehenden
Elternteils nach Trennung und Scheidung betrachtet. In diesem Rechtsgebiet haben durch die
Unterhaltsreform von 2008 enorme Veränderungen stattgefunden. Der getrennt lebende Elternteil muss sich seitdem nur noch in eng begrenzten Ausnahmefällen an dem Unterhalt desjenigen
Elternteils beteiligen, der mit dem Kind lebt und es versorgt (Abschnitt 2.1). Anschließend wird
der Barunterhalt des Kindes untersucht, denn die Unterhaltszahlungen des anderen Elternteils
für das Kind sind ein wesentlicher Teil des Haushaltseinkommens Alleinerziehender (Abschnitt
2.2). Um eine Vorstellung von der Rechtswirklichkeit zu erhalten, wird bereits in diesem Zusammenhang auf eine sozialrechtliche Regelung eingegangen, das Unterhaltsvorschussgesetz, mit
dem der Staat für einen begrenzten Zeitraum den Mindestunterhalt für ein Kind übernimmt, wenn
der eigentlich verpflichtete Elternteil den Unterhalt nicht erbringt (Abschnitt 2.3).
In Abschnitt 3 werden die Bedingungen des Steuer- und Abgabensystems untersucht, unter
denen Alleinerziehende ihr Erwerbseinkommen erzielen. Während das Konzept der Alleinverdiener-Ehe und der Zuverdienerinnen-Ehe im Steuerrecht und im Sozialversicherungsrecht
berücksichtigt wird, gilt dies kaum für die Lebensform des Alleinerziehens (Abschnitt 3.1). Die
finanziellen Wirkungen des steuerlichen Entlastungsbetrags für Alleinerziehende sind verschwindend gering (Abschnitt 3.2). Im Abgabenrecht der Sozialversicherung wird das Existenzminimum
der Kinder mit Beiträgen belastet, was sich besonders nachteilig für alleinerziehende Geringverdienerinnen auswirkt (Abschnitt 3.3).
Im internationalen Vergleich kann aufgezeigt werden, dass das deutsche Recht die Erwerbseinkommen der Alleinerziehenden besonders stark belastet (Abschnitt 3.4). Dies macht es zumindest
den gering und durchschnittlich qualifizierten Alleinerziehenden schwer, ihren Lebensunterhalt
durch eigene Erwerbsarbeit sicherzustellen. Deshalb bleibt für knapp 40 Prozent aller Alleinerziehenden nur die Grundsicherung des SGB II („Hartz IV“). Hier wiederum findet sich mit dem
Mehrbedarfszuschlag für Alleinerziehende eine der wenigen Bestimmungen, die die besondere
Situation dieser Familienform berücksichtigt (Abschnitt 4).
Im letzten Teil der Untersuchung werden die sozialrechtlichen Regelungen analysiert, die nach dem
Konzept des Gesetzgebers dazu dienen sollen, Familien mit geringen Erwerbseinkünften – also
auch viele Alleinerziehende – zu befähigen, eine existenzsichernde Erwerbsarbeit aufzunehmen
und den SGB-II-Bezug zu verlassen. Dazu zählen der Unterhaltsvorschuss, der Kinderzuschlag
und das Wohngeld. Es kann gezeigt werden, dass dieses Ziel im Falle der Alleinerziehenden
durch einen zum Teil kaum zu überblickenden und erst recht nicht nachvollziehbaren gegenseitigen Anrechnungsreigen verfehlt wird (Abschnitt 5). Abschließend werden Lösungsvorschläge
erarbeitet, die zwischen vordringlichen und – einen entsprechenden politischen Willen vorausgesetzt – schnell zu verwirklichenden Maßnahmen und längerfristigen Reformen unterscheiden,
die ein erheblich größeres Umverteilungspotential hätten, dafür aber auch über die Familien von
Alleinerziehenden hinaus allen Familien mit geringem Einkommen zu Gute kämen (Abschnitt 6).
1.1 Gemeinsam oder allein erziehen
Bis auf einige wenige Ausnahmen ist Alleinerziehen keine bewusst gewählte Lebensform. In den
meisten Fällen haben die Eltern eines Kindes dieses zunächst gemeinsam erzogen. Am Anfang
wollten sich zwei Erwachsene die Verantwortung für ein Kind teilen, unabhängig davon, ob sie
verheiratet waren oder nicht. Das gemeinsame Erziehen erfolgt häufig in einer geschlechtsspezifischen, arbeitsteiligen Weise. Obwohl es auch Paare gibt, die sich sowohl die Erwerbsarbeit
als auch die Erziehung egalitär teilen, ist die (noch) vorherrschende elterliche Arbeitsteilung
eine, in der der Vater hauptsächlich das Erwerbseinkommen erzielt, während die Mutter zeitliche Abstriche an ihrer Erwerbsarbeit vornimmt, um die Pflege- und Erziehungsarbeit für das
Kind zu übernehmen. Obwohl die Erwerbsquote von Frauen kontinuierlich steigt, ist dies vor
allem auf die Zunahme von geringfügiger und Teilzeitbeschäftigung zurückzuführen. Die in
Vollzeitbeschäftigung umgerechnete Beschäftigungsquote ist in den letzten Jahren unter den
EU-Durchschnitt gefallen. Die Arbeitszeiten der Frauen (Vollzeit und Teilzeit zusammen) sind die
zweitkürzesten in Europa, bei den Teilzeitbeschäftigten sogar die kürzesten (Sell 2009: 101, 104).
Man mag dies bedauern, aber aktuell gibt es (noch) keinen bedeutsamen Trend hin zur egalitären
Vollberufstätigen-Ehe, auch wenn die Politik dies als neues Leitbild auszugeben scheint. Zwar
kehren Frauen nach der Geburt eines Kindes etwas eher ins Berufsleben zurück, zumindest wenn
sie eine gute berufliche Qualifikation haben. Jedoch sind es immer noch in erster Linie die Mütter,
die ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Kindererziehung einschränken und die 70 bis 80 Prozent
der gesamten Hausarbeit verrichten (Allmendinger/Haarbrücker 2013).
Verfassungsrechtlich ist diese Entscheidung zumindest im Fall der zusammenlebenden Eltern
diesen überlassen (Art 6 II GG). Das Zivilrecht postuliert bei Ehepaaren die Gleichwertigkeit von
Erwerbsarbeit und Haushaltsführung (§ 1356 BGB) und bei Eltern die Gleichwertigkeit von Barunterhalt und Naturalunterhalt (§ 1606 III S. 2 BGB). Sowohl das geltende Steuerrecht als auch das
Sozialversicherungsrecht unterstützen dieses Ehekonzept: Das Ehegattensplitting geht von der
Erwerbs- und Wirtschaftsgemeinschaft aus und behandelt das eheliche Einkommen so, als wäre
es von beiden Ehegatten je zur Hälfte erwirtschaftet worden. Auf die Hälfte des gemeinsamen
Einkommens wird der Steuertarif angelegt und das Ergebnis verdoppelt. Der sog. Splittingeffekt
ist umso höher je größer der Einkommensunterschied zwischen den Ehegatten ist. Weiterhin sind
unterhaltsabhängige Ehegatten und Kinder in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert,
ohne dass zusätzlich Beiträge anfallen wie in der privaten Krankenversicherung. Die Hinterbliebenen eines Versicherten sind außerdem in der gesetzlichen Rentenversicherung gegen den
Todesfall des Verdieners der Familie abgesichert. Für den Fall der Scheidung sorgt der Zugewinnund der Versorgungsausgleich dafür, dass zumindest rückwirkend ein Ausgleich zwischen den
Ehegatten hinsichtlich der in der Ehe erworbenen Rentenanwartschaften (§ 1578 ff. BGB) und des
erwirtschafteten Vermögens (§ 1372 ff. BGB) vorgenommen wird.
Weitere ökonomische Vorteile, die dem gemeinsamen Erziehen immanent sind, sind die SynergieEffekte des gemeinsamen Wirtschaftens und der familiären Arbeitsteilung: In der überwiegenden
Mehrheit der Familien konzentriert sich ein Elternteil voll auf das Erzielen von Einkommen und
unterstützt den anderen Elternteil in der Erziehung der Kinder, während dieser sich vorwiegend
um Haushalt und Kindererziehung kümmert und mit zunehmendem Alter der Kinder seine
Erwerbstätigkeit erhöht. Das bedeutet, dass im Fall von zusammen lebenden Eltern etwa eineinhalb Einkommen und das Potential von eineinhalb Erziehenden zusammenkommen.
Nach einer Trennung oder Scheidung erhöhen sich die Kosten der Haushaltsführung für die
getrennt lebenden Elternteile:1 Es sind nun in der Regel zwei Wohnungen zu finanzieren, wobei
in jeder nach Möglichkeit ein Zimmer für das Kind vorgehalten wird, und Haushaltsgeräte sowie
eventuell ein Auto werden doppelt benötigt. Zudem entstehen möglicherweise zusätzliche Kosten
für den Umgang mit dem Kind. Auch die steuer- und sozialrechtlichen Regelungen, die die bestehende Ehe unterstützen, fallen abrupt weg: Am unmittelbarsten macht sich dies in den neuen
Steuerklassen für beide Elternteile bemerkbar, die nach der Trennung mehr oder weniger wie
Alleinstehende besteuert werden.2 Nach der Scheidung muss sich der betreuende Elternteil auf
eigene Kosten in der Kranken- und Pflegeversicherung versichern.3
Aber auch der zusätzliche Aufwand für Betreuung und Erziehung im Fall getrennt lebender Eltern ist
nicht zu unterschätzen: Für jeden Arztbesuch und für jede abendliche Unternehmung muss – zumindest bei kleinen Kindern – eine Kinderbetreuung organisiert und bezahlt werden. Konnte vorher die
Unterstützung in schulischen Angelegenheiten zwischen den Eltern geteilt werden, so muss nun in
manchen Fällen eine Nachhilfe bezahlt werden. Das Hinbringen und Abholen zum Kindergarten,
eventuell auch zur Schule oder zu den nachmittäglichen Aktivitäten, muss von einem Elternteil allein
organisiert werden. Je mehr der getrenntlebende Elternteil im Rahmen des Sorge- und Umgangsrecht
in den Alltag des Kindes einbezogen ist, desto einfacher ist dies zu bewerkstelligen. So wünschenswert dies auch im Interesse des Kindes wäre, so stellt dies häufig nicht die Realität dar.
1	2	3	Vgl. zu den Auswirkungen einer Trennung auf Einkommenssituation und Bedarf der beteiligten Familienmitglieder (Ott/
Schürmann/Werding 2012:141).
Die Auswirkungen der Steuerklasse II für den kinderbetreuenden Elternteil werden regelmäßig überschätzt, vgl. Pkt. 3.1 der
War der geschiedene Ehegatte gesetzlich versichert, so kann der betreuende Elternteil, sofern er nicht eigenständig über eine
eigene versicherungspflichtige Beschäftigung versichert ist, innerhalb von drei Monaten nach Rechtskraft der Scheidung bei
der gesetzlichen Krankenversicherung des geschiedenen Ehegatten eine freiwillige Mitgliedschaft beantragen. Besonders
teuer wird es, wenn der geschiedene Ehegatte als Beamter beihilfeberechtigt war, weil die Beihilfeberechtigung des unterhaltsabhängigen Ehegatten mit der Scheidung endet und er sich zu 100 Prozent selbst privat versichern muss.
Hinzu kommt beim Übergang vom gemeinsamen Erziehen zum Alleinerziehen, dass die Trennung der Eltern in der Regel emotional für alle Beteiligten sehr belastend ist und es neben einem
finanziellen zunächst auch zu einem psychischen Einbruch kommt. Eltern können in einer Übergangsphase von einigen Monaten oder auch Jahren aufgrund eigener emotionaler Verstrickungen
häufig nicht so feinfühlig wie prinzipiell gewünscht auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen
(Becker-Stoll 2010: 77, 80). Neue Sorge- und Umgangsarrangements müssen erst gefunden und
eingeübt werden. Zahllose Streitigkeiten vor den Familiengerichten insbesondere um Fragen des
Umgangs zeugen davon, dass die wenigsten Eltern problemlos von der Paar- auf die Elternebene
wechseln können (Eschelbach/Trunk 2012: 33ff.). Alleinerziehende und ihre Kinder brauchen
nach der Trennung der Familie eine rechtlich und finanziell geschützte Übergangszeit, um sich zu
orientieren und eine neue familiäre Stabilität zu entwickeln (Heiderhoff 2012: 1604f.).
1.2 Empirische Fakten über Alleinerziehende
In Deutschland lebten 2012 rund 1,6 Millionen Alleinerziehende mit 2,2 Millionen minderjährigen Kindern (Statistisches Bundesamt 2013). Zum größten Teil sind dies alleinerziehende Mütter.
Nur einer von zehn Alleinerziehenden ist männlich, ihr Anteil ist in den letzten Jahren sogar leicht
gefallen (BMAS 2013: 10). Bei insgesamt 8,1 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern ist
somit knapp jede fünfte Familie alleinerziehend. Ihr Anteil an der Bevölkerung ist seit Mitte der
90er Jahre spürbar gewachsen. Während 2012 infolge des demografischen Alterungsprozesses
in Deutschland insgesamt rund 1,37 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern weniger
lebten als 1996, gab es bei den Alleinerziehenden im selben Zeitraum einen Anstieg um 303.000
Haushalte (ebd., siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Entwicklung der Anzahl der Familien sowie der alleinerziehenden Familien von 1996 bis 2012
-1.368.000
9.429.000
+303.000
Quelle: Jurczyk/Klinkhardt (2014).
Alleinerziehende leben generell seltener in ländlichen und kleinstädtischen Räumen und häufiger
in den Großstädten, die durch ihre dichtere Infrastruktur bessere Bedingungen zur Bewältigung
ihrer Lebenslage bieten. Darum verzeichnen die Stadtstaaten systematisch höhere Anteile Alleinerziehender als die Flächenländer. Alleinerziehen ist für die Mehrheit kein bewusster Lebensentwurf. In mehr als vier von fünf Fällen hat eine Trennung vom Lebens- oder Ehepartner den
Status alleinerziehend begründet (Ott u.a. 2011: 16). Geschiedene und verwitwete Frauen haben
im Durchschnitt ältere Kinder, während jüngere Kinder vor allem bei ledigen Alleinerziehenden
leben (Rainer u.a. 2013: 211). Die Altersverteilung der Kinder in Ein-Eltern-Familien ergibt, dass
fast ein Drittel der alleinerziehenden Mütter Kinder betreuen, die noch nicht in die Grundschule
gehen. 20,6 Prozent der alleinerziehenden Frauen haben Kinder im Alter zwischen sechs und
neun Jahren, 29,9 Prozent zwischen zehn und 14 Jahren und 18,5 Prozent leben mit Jugendlichen
im Alter von 15 bis 17 Jahren (BMAS 2013: 16). 2010 sorgten 58 Prozent der Mütter für ein Kind,
32 Prozent für zwei Kinder und rund 10 Prozent für drei und mehr Kinder.4 Alleinerziehen ist für
einen Teil der Eltern eine vorübergehende Phase: Ein Viertel der Alleinerziehenden verlässt in
den ersten drei Jahren diesen Status – vor allem durch Eingehen einer neuen Partnerschaft. Nach
fünf Jahren hat ein weiteres Viertel der Mütter den Status gewechselt. Die Hälfte der Frauen, die
alleinerziehend werden, ist dies auch nach acht Jahren noch (Ott u.a. 2011: 13).
Das Einkommensarmutsrisiko5 betrug bei Alleinerziehenden im Jahr 2011 nach den Ergebnissen
des Mikrozensus 42,3 Prozent. Paare mit einem Kind hatten ein entsprechendes Armutsrisiko
von 10 Prozent, Paare mit zwei Kindern von 11,2 Prozent und Paare mit drei und mehr Kindern
von 23 Prozent. In allen Untersuchungen lässt sich nachweisen, dass sich das Armutsrisiko für
Alleinerziehende seit 2005 erhöht hat, während das Risiko für Paare mit Kindern gesunken ist
(BT-Drucksache 17/14518: 8).6 Nach den Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP), das die
längste veröffentlichte Zahlenreihe aufweist, erhöhte sich die Armutsrisikoquote für Alleinerziehende von 34,7 Prozent im Jahr 1998 auf 40,1 Prozent im Jahr 2010 (ebd.: 9).
Dies ist umso bemerkenswerter als im gleichen Zeitraum die Erwerbstätigenquote alleinerziehender Frauen erheblich gestiegen ist. Der Anteil der erwerbstätigen Alleinerziehenden mit Kindern
unter drei Jahren erhöhte sich zwar lediglich von 39,7 Prozent im Jahr 1996 auf 40,9 Prozent
im Jahr 2012. Die Erwerbstätigenquote alleinerziehender Frauen mit Kindern im Alter von drei
bis sechs Jahren stieg jedoch von 52,3 Prozent im Jahr 1996 auf 62,0 Prozent im Jahr 2012.
Alleinerziehende mit Kindern im Alter von sechs bis unter zehn Jahren arbeiteten 1996 zu 65,1
Prozent und im Jahr 2012 zu 72,5 Prozent. Diejenigen mit Kindern im Alter von zehn bis unter
15 Jahren waren 1996 zu 74,0 Prozent und im Jahr 2012 zu 80,1 Prozent berufstätig. Alleinerziehende mit Kindern von 15 bis 18 Jahren gingen im Jahr 1996 zu 76,2 Prozent und im Jahr 2012
4	5	6	Bei den alleinerziehenden Vätern sorgten dagegen 63 Prozent für ein Kind, 29 Prozent für 2 Kinder und 8 Prozent für drei
und mehr Kinder (BMFSFJ 2012: 7).
Die Armutsrisikoschwelle wurde nach EU-Standard bei 60 Prozent des bedarfsgewichteten Medianeinkommens angesetzt.
Unabhängig davon, ob der Vergleich auf den Daten von EVS, EU-SILC, SOEP oder Mikrozensus basierte.
zu 80,9 Prozent einer Erwerbsarbeit nach (siehe Abbildung 2). 2012 übten rund 45 Prozent der
Alleinerziehenden eine Vollzeittätigkeit aus, hingegen nur 30 Prozent der Mütter in Paarfamilien
(BT-Drucksache 17/14518: 10).
Abbildung 2: Erwerbstätigenquote alleinerziehender Frauen nach dem Alter der Kinder in den Jahren
1996 und 2012
39,7 40,9
Quelle: Eigene Darstellung nach Bundestags-Drucksache 17/14518: 10.
Von den 1,87 Millionen Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren im Hartz-IV-Bezug leben
952.000, also etwa die Hälfte, in Alleinerziehenden-Haushalten (Bundesagentur für Arbeit 2013).
Kinderarmut ist damit zur Hälfte auf die Armut von Alleinerziehenden zurückzuführen (Martens
2012: 2). Auffällig ist auch die vergleichsweise gleichmäßige regionale Verteilung der Einkommensarmut von Alleinerziehenden. Diese scheint weniger abhängig vom wirtschaftlichen Umfeld
zu sein als dies für andere Haushaltskonstellationen zutrifft. Alleinerziehende sind im höchsten
Maße armutsgefährdet, unabhängig davon, ob sie in Baden-Württemberg oder in MecklenburgVorpommern wohnen (siehe Abbildung 3).
Abbildung 3: Hartz-IV-Quote von Paarhaushalten mit minderjährigen Kindern und
Alleinerziehenden-Haushalten mit minderjährigen Kindern –
Quote in Deutschland und den Bundesländern im Vergleich für das Jahr 2013
Baden-Württemberg 3,4
Paarhaushalte mit minderjährigen Kindern im Hartz-IV-Bezug
Alleinerziehenden-Haushalte mit minderjährigen Kindern im Hartz-IV-Bezug
Quelle: Bundesagentur für Arbeit (2014; Daten für September 2013), eigene Darstellung.
Dies ist auch der Grund dafür, dass im Verlauf dieser Untersuchung die strukturellen Ursachen der
Armutslage von Alleinerziehenden in den Vordergrund gestellt werden. Denn die Verschärfung
des Armutsrisikos für Alleinerziehende lässt sich einerseits mit Verschlechterungen der Rechtslage im Unterhaltsrecht, im Steuerrecht und im Unterhaltsvorschussgesetz erklären. Andererseits
ist zu beobachten, dass im selben Zeitraum eine Ausweitung des Niedriglohnsektors erfolgte, in
dem besonders viele Frauen beschäftigt sind (IAB 2013).
2. Einkommen der Alleinerziehenden aus familienrechtlichen Unterhaltsansprüchen
2. Einkommen der Alleinerziehenden
aus familienrechtlichen Unterhaltsansprüchen
2.1	Der Unterhaltsanspruch des betreuenden Elternteils nach Trennung
Die Situation von Kindern nach Trennung und Scheidung der Eltern wird maßgeblich von der
Erwerbstätigkeit des alleinerziehenden Elternteils bestimmt. Einerseits spielt dabei eine Rolle,
inwiefern Arbeitsmarkt und (frühkindliche) Bildungsinstitutionen so gestaltet sind, dass Alleinerziehende eine Berufstätigkeit aufnehmen können, mit der sie ihren Lebensunterhalt und den des/
der Kindes/er bestreiten können. Andererseits sind die Bedingungen des Aufwachsens für Kinder
alleinerziehender Väter und Mütter dadurch geprägt, wie stark der betreuende Elternteil durch
Erwerbstätigkeit zeitlich und psychisch belastet ist. Dies rückt die Frage in den Vordergrund, wie
lange und in welchem Ausmaß der Elternteil, der nicht mit dem Kind zusammenlebt, sich an den
Unterhaltskosten des betreuenden Elternteils beteiligen soll. Zusammenlebende Elternteile teilen
sich die Opportunitätskosten, die dadurch entstehen, dass regelmäßig Erwerbstätigkeit zugunsten
der Kindererziehung reduziert wird, durch gemeinschaftlichen Konsumverzicht.
Es ist nicht abwegig, dass die Kosten eines reduzierten Erwerbseinkommens wegen der Erziehung
und Betreuung gemeinsamer Kinder auch nach einer Trennung und Scheidung weiterhin unter
den Eltern aufgeteilt werden. So sah es das bis Dezember 2007 geltende nacheheliche Unterhaltsrecht vor, das die Unterhaltsschuldner, in der Regel die Männer, über einen langen Zeitraum nach
der Trennung verpflichtete, für den Unterhalt der Mütter aufzukommen, die die gemeinsamen
Kinder betreuten. Die Rechtsprechung hatte zu § 1570 BGB in der bis zum 31.12.2007 geltenden
Fassung7 ein Altersphasenmodell entwickelt, wonach bis zum Alter eines Kindes von acht Jahren
bzw. bis zum Ende der Grundschulzeit keine Erwerbsobliegenheit des betreuenden Elternteils
bestand. Zwischen dem elften und 15. Lebensjahr wurde grundsätzlich eine Teilzeittätigkeit für
zumutbar erachtet und spätestens ab Vollendung des 16. Lebensjahres wurde angenommen, dass
die Kinderbetreuung einer Erwerbstätigkeit nicht entgegenstand.
Für nichtverheiratete Mütter war der Rechtsanspruch gegen den Vater auf Unterhalt wegen der
Betreuung des gemeinsamen Kindes erst 1970 eingeführt und über die Jahre schrittweise verbessert worden (§ 1615 l BGB). Seit 1995 hatten nicht verheiratete Mütter gegen den Vater des
Kindes grundsätzlich einen Anspruch auf Betreuungsunterhalt bis zum dritten Lebensjahr des
Kindes (BT-Drucksache 13/1850: 24), ab 1998 konnte dieser bei grober Unbilligkeit in Bezug auf
die Belange des Kindes im Ausnahmefall auch über diesen Zeitraum hinaus verlängert werden
(BT-Drucksache 13/4899:89).
7	§ 1570 in der bis 31.12.2007 geltender Fassung: „Ein geschiedener Ehegatte kann von dem anderen Unterhalt verlangen,
solange und soweit von ihm wegen der Pflege oder Erziehung eines gemeinschaftlichen Kindes eine Erwerbstätigkeit nicht
erwartet werden kann“.
Mit Entscheidung vom 28. Februar 20078 hatte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) die
Ungleichbehandlung von ehelichen und nichtehelichen Kindern hinsichtlich der Dauer der
persönlichen Betreuung durch einen Elternteil nach Trennung und Scheidung für mit dem
Grundgesetz unvereinbar erklärt.9 Entgegen der Auffassung der im Gerichtsverfahren befragten
Institutionen und der vorherrschenden Meinung in der Literatur hat das BVerfG in der längeren
persönlichen Betreuung eines Kindes durch einen (ehemals) verheirateten Elternteil eine Benachteiligung nichtehelicher Kinder gesehen, die von der nicht verheirateten Mutter lediglich 3 Jahre
persönlich betreut werden konnten.10 Statt es bei der Feststellung der Ungleichbehandlung zu
belassen und es dem Gesetzgeber zu übergeben, eine neue Lösung für alle Kinder zu finden,
beschrieb das BVerfG die Regelung des Dreijahreszeitraum für nicht eheliche Kinder als die sachlich überzeugendere Regelung, mit der der Gesetzgeber die Interessen sowohl des betreuenden
als auch des unterhaltspflichtigen Elternteils sowie des Kindes berücksichtigt und sie in einen
Ausgleich gebracht habe.11
Grundsätzlich wäre es nach der Entscheidung des BVerfG zur Gleichbehandlung von ehelichen
und nichtehelichen Kindern möglich gewesen, im Hinblick auf die Dauer der persönlichen
Betreuung durch einen Elternteil nach Trennung und Scheidung eine Angleichung auf mittlerem
Niveau vorzunehmen. Auf diesem Wege hätten auch Aspekte des Kindeswohls gerade für einen
begrenzten Zeitraum nach der Trennung der Eltern verstärkt zum Tragen kommen können (Wellenhofer 2007: 1282; Lenze 2009: 1724ff.; Becker-Stoll 2010: 77ff.). Da das BVerfG in der längeren
persönlichen Betreuung der ehelichen Kinder eine Schlechterstellung der nichtehelichen Kinder
gesehen hatte,12 hätte es sogar nahegelegen, die vorteilhafte Rechtslage auf diese zu übertragen
bzw. einen am Kindeswohl orientierten Mittelwert zu wählen. Die große Koalition des Jahres 2007
hat jedoch die verfassungsgerichtliche Steilvorlage angenommen und in sehr kurzer Zeit einen
bereits fertigen Gesetzentwurf grundlegend verändert und das nacheheliche Unterhaltsrecht
weitestgehend an die Regelung für nichtverheiratete Eltern angepasst.13 Unabhängig davon, ob
Eltern zuvor verheiratet waren, haben betreuende Elternteile gegen den unterhaltspflichtigen
Elternteil „mindestens“ bis zum dritten Geburtstag des jüngsten Kindes einen Anspruch auf
§ 1570 BGB (1) Ein geschiedener Ehegatte kann von dem anderen wegen der Pflege oder Erziehung
eines gemeinschaftlichen Kindes für mindestens drei Jahre nach der Geburt Unterhalt verlangen. Die
Dauer des Unterhaltsanspruchs verlängert sich, solange und soweit dies der Billigkeit entspricht.
8	9	10	11	12	13	BVerfG, Beschluss vom 28.2.2007 – 1 BvL 9/04 – (abzurufen unter: www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen.html ).
Vgl. zur Entstehungsgeschichte Wellenhofer 2007: 1282 ff.
BVerfG, Beschluss vom 28.2.2007 – 1 BvL 9/04 – Rz. 31-39, 47, FamRZ 2007, S. 965 ff.; vgl. auch Born (2007: 973).
BVerfG, Beschluss vom 28.2.2007 – 1 BvL 9/04 – Rz. 73.
BVerfG, Beschluss vom 28.2.2007 – 1 BvL 9/04 – Rz. 50.
In der Gesetzesbegründung zeigten sich alle Parteien von der CDU bis zu den Linken in seltener Einhelligkeit „erfreut“ über
die gefundene Lösung (BT-Drucksache 1680: 6).
Dabei sind die Belange des Kindes und die bestehenden Möglichkeiten der Kinderbetreuung zu
berücksichtigen. (2) Die Dauer des Unterhaltsanspruchs verlängert sich darüber hinaus, wenn dies
unter Berücksichtigung der Gestaltung von Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit in der Ehe sowie der
Dauer der Ehe der Billigkeit entspricht.
Die Regelung enthält eine Reihe von unbestimmten Rechtsbegriffen, wonach im Einzelfall primär
kindbezogene oder auch elternbezogene Gründe einen weitergehenden Betreuungsunterhaltsanspruch des betreuenden Elternteils auslösen können (Schürmann 2012: 224). Bemerkenswert ist
die vollkommene Offenheit und Unbestimmtheit der Norm im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit
der zu regelnden Lebenssachverhalte: Das einzige, einfach zu bestimmende Datum ist der dritte
Geburtstag des jüngsten Kindes. Es bleibt unklar, wie die Rechtslage zu beurteilen ist, wenn
mehrere Kinder zu betreuen sind. Geregelt wird auch nicht, ob und unter welchen Umständen von
dem betreuenden Elternteil eine vollschichtige Erwerbstätigkeit zu erwarten ist. Die Auslegung
der unbestimmten Rechtsbegriffe oblag den Gerichten, hier insbesondere dem BGH, der für eine
Rechtsvereinheitlichung zu sorgen hat.
Die Entscheidungen der Amtsgerichte und Oberlandesgerichte waren zunächst dadurch geprägt,
die besondere Situation alleinerziehender Elternteile nach Trennung und Scheidung zu berücksichtigen und die Barunterhaltspflichtigen weiterhin in einem begrenzten Rahmen an den Lebensunterhaltskosten erziehender Elternteile zu beteiligen. In der Regel wurde alleinerziehenden
Elternteilen eine über 30 Wochenstunden hinausgehende Erwerbstätigkeit nicht zugemutet. So
führte das OLG Frankfurt aus, dass Kinder im Grundschulalter eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung
benötigten. Es sei auch ein gesellschaftlicher Wandel zu berücksichtigen, wonach „erwartet werde,
dass sich die Eltern intensiv mit ihren Kindern beschäftigen und sie förderten“. Deswegen könne
bis zur Beendigung der Grundschulzeit die Ausübung einer vollschichtigen Erwerbstätigkeit
regelmäßig nicht erwartet werden.14
Ebenso das OLG Schleswig, das es im Fall eines sechsjährigen Erstklässlers als „selbstverständlich“ erachtet hatte, dass das Kind über den Besuch des Horts an zwei Nachmittagen bis
15.00 Uhr hinaus der persönlichen Betreuung durch einen Elternteil bedürfe. Der berufstätige
und betreuende und „damit doppelt belastete Elternteil“ müsse das Kind umfassend versorgen
und ihn gerade bei einer Betreuung in öffentlichen Einrichtungen noch in erheblichem Umfang
persönliche Zuwendung und Zuspruch geben.15
Das Kammergericht Berlin war der Meinung, dass Kinder von ihren Eltern Liebe, Rücksicht,
Wärme, Zuwendung, Geduld, Anerkennung und nicht zuletzt Förderung erwarten dürften. Diese
Leistungen könne weder ein Hort noch eine sonstige Fremdbetreuung ausreichend vermitteln,
weil die persönliche, emotionale und genetisch beeinflusste Beziehung nicht die gleiche sei bzw.
14	15	OLG Frankfurt, in: FamRZ 2011: 1210.
OLG Schleswig, in: FamRZ 2011: 793.
weil sich das Kind die Bezugsperson im Hort mit vielen anderen Kindern teilen müsse. Eine
Hortbetreuung werde dem Fördergrundsatz nicht gerecht, weil gerade die Grundschulen in Berlin
ihren Ausbildungspflichten nicht mehr in ausreichendem Maße nachkämen.16 Das OLG Karlsruhe
hatte argumentiert, dass das derzeitige Schulsystem in Baden-Württemberg mit dem G8-Zug die
Förderung des Kindes im wesentlichen Umfang den Eltern überlasse und es abgelehnt, alleine
erziehenden Elternteilen eine vollschichtige Erwerbsobliegenheit aufzuerlegen.17
Entgegen der Auffassung der Oberlandesgerichte, der in der Gesetzesbegründung18 und den
Generalklauseln des § 1570 BGB angelegten Öffnungen, hat der BGH in einer Reihe von Leit­
entscheidungen eine sehr restriktive Auslegung vorgenommen. In seiner ersten Leitentscheidung vom 18.3.200919 wies das Gericht darauf hin, dass der Gesetzgeber den nachehelichen
Betreuungsunterhalt grundlegend umgestaltet habe. Er habe einen auf drei Jahre befristeten
Basisunterhalt eingeführt, der nur aus Gründen der Billigkeit verlängert werden könne. Zugleich
habe der Gesetzgeber dem betreuenden Elternteil die Darlegungs- und Beweislast für die Voraussetzungen der Verlängerung des Betreuungsunterhalts auferlegt.
Die im Rahmen von § 1570 BGB zu berücksichtigenden kindbezogenen Verlängerungsgründe
seien wegen ihres verfassungsrechtlichen Gewichtes des Kindeswohls stets vorrangig zu prüfen
und entfalteten im Rahmen der Billigkeitsentscheidung das stärkste Gewicht. Der BGH
stellte klar, dass der Gesetzgeber mit der Neugestaltung des nachehelichen Betreuungsunterhalts
in § 1570 BGB für Kinder ab Vollendung des dritten Lebensjahres den Vorrang der persönlichen
Betreuung gegenüber anderen kindgerechten Betreuungsmöglichkeiten aufgegeben habe.
Die Obliegenheit zur Inanspruchnahme einer kindgerechten Betreuungsmöglichkeit finde erst
dort ihre Grenzen, wo die Betreuung nicht mehr mit dem Kindeswohl vereinbar ist, was jedenfalls
bei öffentlichen Betreuungseinrichtungen wie Kindergärten, Kindertagesstätten oder Kinderhorten regelmäßig nicht der Fall sei. In dem Umfang, in dem das Kind nach Vollendung des dritten
Lebensjahres eine solche Einrichtung besuche oder unter Berücksichtigung der individuellen Verhältnisse besuchen könnte, könne sich der betreuende Elternteil also nicht mehr auf die Notwendigkeit einer persönlichen Betreuung des Kindes berufen. Versuche der Oberlandesgerichte, auch
nach neuer Rechtslage an das frühere Altersphasenmodell anzuknüpfen und eine Verlängerung
des Betreuungsunterhalts allein vom Kindesalter abhängig zu machen, seien im Hinblick auf den
eindeutigen Willen des Gesetzgebers nicht haltbar.20
16	17	18	19	20	Kammergericht Berlin, in: FamRZ 2010: 1881.
OLG Karlsruhe, in: FamRZ 2010:, 1050.
So wird in der Gesetzesbegründung z.B. ausgeführt, dass die Neuregelung keineswegs einen abrupten, übergangslosen
Wechsel von der elterlichen Betreuung zu einer Vollzeiterwerbstätigkeit verlange, sondern im Interesse des Kindeswohls
vielmehr auch künftig ein gestufter, an den Kriterien des § 1570 BGB orientierter Übergang möglich sei (BT-Drucksache
16/6980: 9).
BGH vom 18.3.2009 - XII ZR 74/08- in: FamRZ 2009, S. 770 ff. Die meisten der Leitsätze waren jedoch schon in einer Entscheidung des BGH vom 16.7.2008 - XII ZR 109/05 - angelegt, die zum Betreuungsunterhalt einer nichtverheirateten Mutter
ergangen war, BGH, in FamRZ 2008: 1739 ff.
BGH vom 18.3.2009, in: FamRZ 2009: 773.
Soweit die Betreuung des Kindes auf andere Weise sichergestellt oder in einer kindgerechten
Einrichtung möglich sei, könnten einer Erwerbsobliegenheit des betreuenden Elternteils auch
elternbezogene Gründe entgegenstehen, die jedoch erst nachrangig zu prüfen seien. Die
Umstände gewönnen durch das Vertrauen des unterhaltsberechtigten Ehegatten bei längerer
Ehedauer oder bei Aufgabe der Erwerbstätigkeit zur Erziehung des gemeinsamen Kindes weiter
an Bedeutung. Die ausgeübte oder verlangte Erwerbstätigkeit dürfe neben dem nach der Erziehung und Betreuung in Tageseinrichtungen verbleibenden Anteil an der Betreuung nicht zu einer
überobligationsmäßigen Belastung des betreuenden Elternteils führen,21 die ihrerseits wiederum negative Auswirkungen auf das Kindeswohl entfalten könnte. Denn selbst wenn ein Kind
ganztags in einer kindgerechten Einrichtung betreut und erzogen werde, was dem betreuenden
Elternteil grundsätzlich die Möglichkeit zu einer Vollzeittätigkeit einräumen würde, könne sich
bei Rückkehr in die Familienwohnung ein weiterer Betreuungsbedarf ergeben, dessen Umfang
im Einzelfall unterschiedlich ausfallen könne. Dies müsse jedoch von dem Elternteil im Einzelfall
bewiesen werden.22
In den Entscheidungen des BGH hat sich aber gezeigt, dass der Gesichtspunkt der überobligatorischen Belastung alleinerziehender Elternteile praktisch keine Bedeutung erlangt hat. Wenn
eine ganztägige Betreuung der Kinder zur Verfügung stand, wurde grundsätzlich eine Pflicht
des betreuenden Elternteils zur vollschichtigen Erwerbstätigkeit angenommen. Danach wurde
der Mutter eines siebenjährigen Schulkindes, dessen Betreuung in einem Hort bis 16.00 Uhr
gesichert war, eine Vollzeit-Tätigkeit als Lehrerin zugemutet.23 Dasselbe galt für die Mutter eines
achtjährigen Jungen, die als Rechtsanwalts- und Notargehilfin arbeitete, weil die Betreuung in
einem Hort grundsätzlich bis 18.00 Uhr möglich war.24
Aber auch schwierige familiäre Bedingungen erfuhren keine andere Einschätzung: Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern im Alter von 13 und 15 Jahren, von denen das älteste Kind
am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) erkrankt war, konnte nach Auffassung des BGH
vollschichtig arbeiten. Die Mutter hatte hierzu vorgetragen, dass der Sohn Konzentrationsschwierigkeiten habe, sich nicht organisieren könne und keine Eigeninitiative entwickle. Ihm müsse
eine Tagesstruktur vorgegeben werden, er müsse zu den Hausaufgaben angeleitet und dabei
überwacht werden. Auch zu der erforderlichen täglichen Medikamenteneinnahme müsse er angehalten werden. Die Mutter war bereits 25 bis 30 Stunden in der Woche erwerbstätig. Dazu meinte
der BGH, dass ein sich aus der Erkrankung des Kindes ergebender erhöhter Betreuungsbedarf
nicht zwingend durch den betreuenden Elternteil selbst zu erbringen sei; es müsse vielmehr
geprüft werden, ob die erforderliche Betreuung durch eine entsprechende Betreuungseinrichtung
21	22	23	24	So schon BGH vom 16. Juli 2008 - XII ZR 109/05 – in: FamRZ 2008: 1739, 1748 f.
BGH vom 18.3.2009, in: FamRZ 2009: 774.
BGH vom 15.9.2010 – XII ZR 20/09 – in: FamRZ 2010: 1880, 1883.
erbracht werden könne.25 Auch im Fall eines neunjährigen Kindes, das zuvor über zwei Jahre in
einer Pflegefamilie gelebt hatte, hielt es der BGH nicht für überzeugend, dass das OLG Düsseldorf
der Mutter nur eine Halbtagstätigkeit zugemutet hatte. Dabei hatte das OLG argumentiert, dass
im Interesse des Kindes ein besonders behutsamer Übergang zu einer vollschichtigen Erwerbstätigkeit geboten sei, um das Kind und die Mutter nicht zu überfordern. Der BGH kritisierte, dass
das OLG nicht konkret festgestellt habe, inwiefern der Wechsel von der Pflegefamilie zur Mutter
für die relevante Zeit ab Februar 2008 eine persönliche Betreuung durch die Mutter erforderlich
gemacht habe.26
Auch bei der Anerkennung elternbezogener Gründe, wonach eine Verlängerung des Betreuungsunterhalts gegeben sei, wenn es „unter Berücksichtigung der Gestaltung von Kinderbetreuung
und Erwerbstätigkeit in der Ehe sowie der Dauer der Ehe der Billigkeit entspricht“, ist der BGH
sehr zurückhaltend. In dem entschiedenen Fall waren die Eheleute zu Beginn der Familienplanung beide als Ärzte im Praktikum gestartet. Die Ehefrau hatte nach der Geburt von drei
Söhnen jeweils „pausiert“, wie es im Urteil heißt, und dann in Teilzeit weitergearbeitet. Als die
Ehe nach 18 Jahren geschieden wurde, waren die Kinder 16, 15 und elf Jahre alt, die Mutter
noch in der Facharztausbildung und der Vater als Leitender Arzt tätig. Obwohl die Mutter in
diesem Fall eindeutig Nachteile aus der ehelichen Arbeitsteilung davongetragen hatte, die nach
den Billigkeitsgesichtspunkten des § 1570 Abs. 2 BGB einen Betreuungsunterhalt hätten auslösen
müssen, feilschten die Parteien im Verfahren lange um die Frage, ob es für den jüngeren Sohn
nicht doch Nachmittagsangebote an der Schule gebe und ob die Kinder von der Mutter wirklich
zum Tennistraining gefahren werden müssten.27
In der Entscheidung des BGH vom 18.4.2012 kam erstmalig der Gesichtspunkt der sog. „über­
obligationsmäßigen Belastung“ zum Tragen. Zum Zeitpunkt der Entscheidung des OLG Schleswig
waren die drei, von der Mutter betreuten Söhne 17, 15 und zwölf Jahre alt. Die Kinder kamen am
frühen Nachmittag nach Hause, eine nachschulische Betreuung stand aufgrund der ländlichen
Lage des Wohnorts definitiv nicht zur Verfügung. Die Söhne übten nachmittags sportliche Aktivitäten aus, zu denen die Mutter sie – aufgrund fehlenden öffentlichen Nahverkehrs – fahren
musste. Der BGH bestätigte die Entscheidung des OLG Schleswig, das der Mutter eine Erwerbsobliegenheit von „nur“ 30 Wochenstunden auferlegt hatte. Im vorliegenden Fall falle auch der
Gesichtspunkt der überobligationsmäßigen Belastung der Mutter ins Gewicht. Denn es sei zu
beachten, dass diese mit einer Erwerbstätigkeit von 30 Wochenstunden neben der Betreuung
von drei Kindern trotz des Alters der Kinder erheblich belastet sei.28 Ob mit dieser Entscheidung
25	26	27	28	BGH, vom 6.5.2009 – XII ZR 114/08 – in: FamRZ 2009: 1124, 1127. Zu Recht stellt Helmut Borth in seiner Urteilsanmerkung
die Frage, ob generell alle Aufgaben der Erziehung und Betreuung undifferenziert auf Dritte übertragen werden müssen oder
ob aus dem in Art 6 Abs. 1 GG geregelten Elternrecht insbesondere in Bezug auf bestehende Entwicklungs- und Persönlichkeitsdefizite die persönliche Betreuung vor einer Drittbetreuung Vorrang hat. Bei der Prüfung, ob eine überobligationsmäßige Belastung für den betreuenden Elternteil besteht, gehe der BBGH nicht auf die hauswirtschaftlichen Aufgaben eines
Elternteils ein, die ebenfalls Gegenstand des Naturalunterhalts gem. § 1606 III S. 2 BGB seien (2009: 1129).
BGH vom 15.6.2011 – XII ZR 94/09 – in: FamRZ 2011: 1375, 1377.
BGH 21.4.2010 – XII ZR 134/08 – Rz. 46 – in: FamR 2010: 1050 ff.
BGH vom 18.4.2012 XII ZR 65/10 – in: FamRZ 2012: 1868 ff.
eine Kehrtwende eingeleitet ist, ist jedoch fraglich, da sie auf der Grundlage erging, dass eine
Betreuung nach der Schule unzweifelhaft nicht zur Verfügung stand.29 In den wenigen seither
veröffentlichten Entscheidungen der Oberlandesgerichte ist jedoch zu beobachten, dass die neue
„Öffnung“ des BGH aufgegriffen wird.30 So führt das OLG Frankfurt aus: „Selbst vor dem Hintergrund der sehr restriktiven Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs seit der o.g. Entscheidung
vom 18.03.2009 … ist jedenfalls dann noch Raum für Betreuungsunterhalt gemäß § 1570 Abs.
1 und Abs. 2 BGB, wenn die erziehungsberechtigte Person – wie hier – vorträgt, dass sie neben
einer Teilzeittätigkeit noch erhebliche Betreuungsleistungen für mehrere Kinder zu erbringen hat,
weil die Fremdbetreuung der Kinder nicht ganztägig gewährleistet ist, und ihr auch eine ungleiche
Lastenverteilung droht“.31
Ein weiterer Versuch, die als ungerecht empfundene Linie des BGH aufzuweichen, wurde im
Kontext einer am 1.3.2013 in Kraft getretenen Änderung des § 1578b BGB unternommen.32 Die
Vorschrift sieht gem. Satz 1 ein Prüfungsgebot der Herabsetzung des Unterhaltsanspruchs vor,
wenn eine an den ehelichen Lebensverhältnissen orientierte Bemessung des Unterhaltsanspruchs
unbillig wäre. Satz 2 benennt hierzu zwei Billigkeitskriterien, indem neben dem Eintreten eines
ehebedingten (kausalen) Nachteils auch die Dauer der Ehe als weiterer Billigkeitsgesichtspunkt
ausdrücklich benannt wird. Satz 3 definiert in der Neufassung ausschließlich die Sachverhalte,
die zu einem ehebedingten Nachteil führen können: Das sind die Dauer der Pflege oder Erziehung
eines gemeinschaftlichen Kindes sowie die Gestaltung von Haushaltsführung und Erwerbstätigkeit. Monika Hütter, Richterin am OLG Stuttgart, hat hierzu eine radikale Position vorgetragen,
wonach die Kinderbetreuung durch einen geschiedenen Ehegatten immer als ehebedingter
Nachteil zu bewerten ist und damit ein Unterhaltsanspruch die Regel ist (Hütter 2013: 413f.).
Dass sich dies durchsetzen wird, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich, da dies die gesamte
Rechtsprechung des BGH zu § 1570 BGB konterkarieren würde.
Von der Entscheidung des BVerfG über den Gesetzgeber des Unterhaltsänderungsgesetzes bis
hin zur Auslegung des neuen § 1570 BGB durch den BGH hat sich der Druck auf eine Erwerbsbeteiligung von betreuenden Elternteilen erheblich verschärft.33 Jegliche Rechtssicherheit darüber,
in welchen Konstellationen ein betreuender Elternteil über den dritten Geburtstag des jüngsten
29	30	31	32	33	So auch Bettina Heiderhoff (2012: 1604, 1605). Für eine Rechtsprechungsänderung spricht sich Helmut Borth (2013: 961)
Betreuungsunterhalt für eine nicht verheiratete Mutter auch über den dritten Geburtstages des Kindes hinaus, weil dieses
an einer unheilbaren Krankheit litt (OLG Celle vom 21.11.2012 15 UF 91/12) und Bewilligung von Verfahrenskostenhilfe
für eine Mutter von zwei Kindern (OLG Frankfurt vom 19.4.2013 – 6 WF 55/13) jedes Mal mit Hinweis auf die Passagen in
dem BGH-Urteil vom 18.4.2012.
OLG Frankfurt vom 19.4.2013 – 6 WF 55/13 – Rz. 3.
BT-Drucksache 17/11885 vom 12.12.2012: 5 ff. und BT-Drucksache 16/1830: 19. Vgl. außerdem Borth (2013a: 165ff.).
So weit, dass die Bundesverfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt, die in dem Verfahren seinerzeit Berichterstatterin war, 2010 in den Medien die Hoffnung äußerte, „dass die Gerichte bei ihren anzustellenden Billigkeitserwägungen Vertrauensschutz bieten und dem Nachteil hinreichend Rechnung tragen, der in den schlechten Arbeitsmarktchancen aufgrund
langjährigen Hausfrauendaseins liegt“ (FAZ 25.3.2010, S. 8).
Kindes hinaus von dem anderen Elternteil für sich selbst Unterhalt beanspruchen kann, ist
verschwunden. Der Gesetzgeber hat durch eine große Zahl von unbestimmten Rechtsbegriffen
die Ausgestaltung des nachehelichen Betreuungsunterhalts den Gerichten überlassen.34 Hier
ist es der BGH als oberstes Bundesgericht, der die Definitionshoheit besitzt und für Rechtsvereinheitlichung sorgt. Die Oberlandesgerichte, die als Tatsacheninstanzen noch näher mit den
Lebenssachverhalten getrennt lebender Familien vertraut sind, waren in der Mehrheit bemüht,
die strukturelle Überforderung von berufstätigen Alleinerziehenden zu begrenzen.35 Sie haben
versucht, den Anspruch des Kindes auf persönliche Zuwendung durch den betreuenden Elternteil
zu ermöglichen und den barunterhaltspflichtigen Elternteil an den Opportunitätskosten des kindererziehenden Elternteils in Maßen zu beteiligen. Dabei wurde eine Erwerbsobliegenheit über
eine vollzeitnahe Beschäftigung von 25 bis 30 Wochenstunden hinaus regelmäßig verneint. Dies
hat den BGH jedoch durchweg nicht überzeugt (Viefhues 2011: 1212). Wenn eine ganztägige
Betreuung eines Kindes im Kindergarten oder Hort im konkreten Fall möglich war, wurde eine
Pflicht zur vollschichtigen Erwerbstätigkeit unterstellt. Nur im Fall von alleinerziehenden Elternteilen mit drei Kindern erlangte in einem zuletzt entschiedenen Fall der Gesichtspunkt einer
überobligationsmäßigen Belastung der Mutter Bedeutung, die allerdings auch schon 30 Stunden
die Woche erwerbstätig war.36
Damit legt der BGH das Gesetz einseitig zu Lasten kinderbetreuender Elternteile aus und schöpft
die in den unbestimmten Rechtsbegriffen angelegten, aber auch in der Gesetzesbegründung eingeräumten Möglichkeiten der Verlängerung des Betreuungsunterhalts über den Dreijahreszeitraum
hinaus nicht aus. Die Ergebnisse der Bindungsforschung, der Pädagogik oder der Soziologie sucht
man in der Gesetzesbegründung und der Rechtsprechung des BGH vergeblich. Das ist insoweit
ungewöhnlich, als es sich bei der Auslegung des „Kindeswohls“ um einen Begriff handelt, der
regelmäßig auf die Erkenntnisse anderer Disziplinen angewiesen ist. Es spricht einiges dafür,
dass je länger ein Kind am Tag in Institutionen betreut wird, umso stärker die Eltern gefordert
sind, sich dem Kind mit Ruhe und Geduld zu widmen, um ein familiäres Kraftfeld und einen
Ruhepol zu schaffen, in dem sich das Kind trotz seiner außerhäuslichen Aktivität beheimatet fühlt
(Lenze 2008: 47ff.). Familie wird zu einer „alltäglichen Herstellungsleistung“ (Jurczyk 2004: 147,
153), wenn sich Eltern und Kinder große Teile des Tages außerhalb des Hauses aufhalten. Wenn
ein Kind viele Stunden am Tag eine zusätzliche Betreuung erfährt, so ist dies nach Erkenntnissen
entwicklungspsychologischer Studien für die kindliche Entwicklung nur dann förderlich, wenn
das gesamte Zeitbudget für die täglich verbleibenden Interaktionen in der Familie nicht zu knapp
ausfällt oder nicht durch Alltagsprobleme übermäßig belastet wird (Ahnert 2005: 30f.). Dies muss
34	35	36	Hier besteht eine Parallele zur Gesetzgebung des SGB II, was dort nachweislich zu einer enormen Zunahme der Klagehäufigkeit geführt hat.
Bettina Heiderhoff beobachtet, dass sich die Oberlandesgerichte mit der Linie des BGH schwer tun und dass sie „weiterhin
erkennbar anders urteilen“ (2012: 1604).
Neben dem Unterhaltsanspruch wegen Betreuung gemeinsamer Kinder (§ 1570 BGB) existieren noch weitere Unterhaltstatbestände, z.B. wegen Alter (§ 1571 BGB), Krankheit und Gebrechen (§ 1572 BGB) oder aus Billigkeitsgründen (§ 1576 BGB).
Eine lange Ehedauer kann auch gegen eine Begrenzung oder Befristung des Unterhalts schützen. Vgl. hierzu (Borth 2013a
165 ff.).
umso mehr gelten, wenn ein Elternteil die Erziehung größtenteils allein leistet (Dormann/Spangenberg 2012: 931, 933) sowie in der Trennungsphase, die für alle Beteiligten enorm belastend
ist (Becker-Stoll 2010: 77, 80).
Vermutlich werden die Oberlandesgerichte in Einzelfällen versuchen, die strukturelle Belastung
der Alleinerziehenden durch die Heranziehung der Barunterhaltspflichtigen zum Betreuungsunterhalt zu entschärfen. Dies gelingt jedoch in vielen Fällen nur durch eine Pathologisierung der
Kinder, indem behandelnde Ärzte oder psychologische Gutachter attestieren müssen, dass Kinder
durch die Trennung emotional besonders belastet sind oder aus anderen psychischen Gründen
einer persönlichen Betreuung durch den Elternteil in den Nachmittagsstunden bedürfen.
Die Konsequenz dieser Rechtsprechung ist es jedoch, dass jegliche Rechtssicherheit für betreuende Elternteile nach Trennung und Scheidung verloren gegangen ist (Gernhardt 2010: 61, 63).
Da jeder Fall individuell entschieden werden muss, können Alleinerziehende nach Trennung
und Scheidung nicht voraussehen, ob sich der andere Elternteil über den Basisunterhalt hinaus
an seinem Unterhalt beteiligen muss. Jahrelange Gerichtsverfahren sind vorgezeichnet, da ein
Unterhaltsschuldner aufgrund der restriktiven BGH-Rechtsprechung eine Verpflichtung zum
Betreuungsunterhalt nicht ohne weiteres hinnehmen wird. In der Rechtsprechung der Oberlandesgerichte spiegelt sich der Widerstand der Gerichte (Heiderhoff 2012: 1606) gegen ein Gesetz, das
aufgrund der erheblichen Asymmetrie zwischen den Geschlechtern im Rahmen der herrschenden
ehelichen Arbeitsteilung zu einem echten Nachteil für Frauen nach der Trennung führt (Sell 2009:
101, 105).
In der Rechtsprechung des BGH drückt sich zudem eine Entwertung der Erziehung und Betreuung
von Kindern aus. Diese muss größtenteils öffentlichen Einrichtungen überantwortet werden; der
Rest kann von dem alleinerziehenden Elternteil neben einer Vollerwerbstätigkeit in der Freizeit
nebenbei „erledigt“ werden. Um den barunterhaltspflichtigen Elternteil von den Opportunitätskosten der Kindererziehung zu entlasten, muss diese in ihrem Stellenwert bis zur Unkenntlichkeit
minimiert werden. Die weitere Entlassung des nicht betreuenden Elternteils aus der (finanziellen)
Verantwortung ist jedoch nicht hinzunehmen.
Willekens arbeitet eine inhaltliche Begründung von Solidaritätspflichten heraus: Er betont das
öffentliche Interesse daran, dass die Bedingungen, unter denen Kinder versorgt und erzogen
werden, so günstig wie möglich zu gestalten sind. Folglich sollten denjenigen, die die Sorgearbeit
auf sich nehmen, dadurch keine allzu großen Nachteile in anderen Bereichen des Lebens entstehen. Nur unter solchen Bedingungen sei zu erwarten, dass Menschen auf Dauer dazu bereit
seien, mit ausreichendem Engagement die Verantwortung für Kinder auf sich zu nehmen. Damit
seien Schutzmaßnahmen für die betreuenden Elternteile gleichzeitig Schutzmaßnahmen für die
Kinder.37
37	Vgl. zur Neubegründung der familiären Unterhaltspflichten Willekens (2007: 143ff.).
Da Alleinerziehende nach Trennung und Scheidung eher mit älteren Kindern zusammenleben
(BMAS 2013: 16), wird der Betreuungsunterhalt nach § 1570 BGB zu einer Ausnahmeerscheinung. Die Folgen für eine ungleiche Aufteilung der Familien- und Erwerbsarbeit während der Zeit,
als die Familie noch zusammenlebte, trägt allein die Person, die zugunsten der Kinderbetreuung
die eigene Erwerbsarbeit aufgegeben oder eingeschränkt hat – in der Regel die Frau. Der Partner
kann nicht nur die Erwerbstätigkeit auf gewohntem Niveau fortsetzen, sondern ist auch nicht
durch die zeitliche und kräftemäßige Einschränkung durch die Betreuung und Erziehung der
Kinder belastet. Der vielversprechende Begriff von der „überobligationsmäßigen Belastung des
betreuenden Elternteils“ meint entsprechend nicht die „normale Doppelbelastung“ von alleinerziehenden, berufstätigen Elternteilen, sondern ist allenfalls den Alleinerziehenden mit drei
und mehr Kindern vorbehalten – einer in Deutschland selteneren Konstellation (lediglich 9% der
Alleinerziehenden).
Die ökonomische Situation der Haushalte Alleinerziehender wird weiterhin maßgeblich davon
mitbestimmt, inwieweit sich die barunterhaltspflichtigen Elternteile an dem Unterhalt der Kinder
beteiligen (siehe nächster Abschnitt). Mit der Verschärfung der Erwerbsobliegenheit alleinerziehender Elternteile nach Trennung und Scheidung war eine Rangfolgenänderung in § 1609 BGB
einhergegangen. Danach sind nunmehr zunächst die Unterhaltsansprüche von minderjährigen
Kindern vorrangig zu bedienen. Erst im zweiten Rang folgen Elternteile, die wegen der Betreuung eines Kindes unterhaltsberechtigt sind. Der Gesetzgeber wollte damit erreichen, dass die
„Zahl minderjähriger Sozialhilfeempfänger reduziert“ wird (BT-Drucksache 16/1830: 1, 13). Er
versprach sich davon allerdings keine Entlastung der öffentlichen Haushalte, weil die Einsparungen beim Sozialgeld für Kinder dadurch kompensiert werden, dass die auf den zweiten Rang
verwiesenen kinderbetreuenden Elternteile vermehrt auf (ergänzende) staatliche Sozialleistungen angewiesen sein würden: „Beide Effekte gleichen sich voraussichtlich aus und bleiben im
Ergebnis kostenneutral“ (BT-Drucksache 16/1830: 16).
2.2 er Barunterhaltsanspruch des Kindes gegen den nicht betreuenden	D
Eine wichtige Einkommensquelle für den Haushalt eines alleinerziehenden Elternteils ist der
Kindesunterhalt, den der nicht mit dem Kind lebende Elternteil zahlt. Gemäß § 1606 Abs. 3
Satz 2 BGB erfüllt der Elternteil, der ein minderjähriges Kind betreut, seine Verpflichtung zum
Unterhalt des Kindes beizutragen, in der Regel durch die Pflege und Erziehung des Kindes. Der
betreuende Elternteil sollte daher nicht noch zusätzlich zum Barunterhalt des Kindes beitragen.
Dies entspricht dem Grundsatz der Gleichwertigkeit von Bar- und Naturalunterhalt.38 Ausnahmen
von der Regel gelten,
38	Ähnlich wie der § 1356 BGB, der die Gleichwertigkeit von Erwerbsarbeit und Haushaltsführung für die bestehende Ehe regelt
(vgl. Lenze 1988: 154 ff.).
wenn der Barunterhaltspflichtige gem. § 1603 Abs. 2 BGB nicht leistungsfähig ist,
wenn sein eigener angemessener Unterhalt gefährdet wäre, während dies für den betreuenden
Elternteil trotz teilweiser Übernahme des Barunterhalts für das Kind nicht gelten würde,
wenn der betreuende Elternteil ein mindestens doppelt so hohes Einkommen hat wie der
eigentlich Barunterhaltspflichtige oder
wenn Eltern sich im sog. Wechselmodell Pflege und Erziehung des Kindes strikt egalitär teilen.39
Damit sieht es nur auf den ersten Blick so aus, als ob im Regelfall der Elternteil, der nicht mit dem
Kind lebt, die gesamten materiellen Kosten für ein Kind trägt, während der andere Elternteil seine
Unterhaltspflicht durch die tägliche Haushaltsführung und Erziehung erbringt. Dies ist so jedoch
aus verschiedenen Gründen nicht zutreffend.
Zunächst ist festzustellen, dass die Barunterhaltspflicht des nicht betreuenden Elternteils sich
nur auf das sächliche Existenzminimum des Kindes erstreckt. Gemäß § 1612a BGB heißt es in
Abs. 1 Satz 1 und 2: „Ein minderjähriges Kind kann von einem Elternteil, mit dem es nicht in
einem Haushalt zusammenlebt, den Unterhalt als Prozentsatz des jeweiligen Mindestunterhalts
verlangen. Der Mindestunterhalt richtet sich nach dem doppelten Freibetrag für das sächliche
Existenzminimum eines Kindes (Kinderfreibetrag) nach § 32 Abs. 6 Satz 1 des Einkommensteuergesetzes“.
2.2.1 Exkurs: ie Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts
zu den Kinderfreibeträgen
Die Kinderfreibeträge gehen zurück auf die Rechtsprechung des BVerfG zur Freistellung des Existenzminimums von Kindern im Steuerrecht seit Anfang der 90er Jahre. Mittlerweile sind die Kinderfreibeträge
nicht nur Ausdruck einer verfassungsgerechten Besteuerung, sondern werden als Maßstab auch im
Unterhalts- und Sozialrecht zugrunde gelegt. Obwohl die Kinderfreibeträge politisch umstritten sind,
sind sie Ausgangspunkt sozialpolitischer Reformen, mit dem Ziel sie entweder weiterzuentwickeln oder
(teilweise) abzuschaffen.
Gegenstand der ersten Grundsatzentscheidung des BVerfG vom 25.09.1990 war eine Regelung des
Bundeskindergeldgesetzes (BKGG), die bei Überschreiten gewisser Einkommensgrenzen eine stufenweise Reduzierung des Kindergeldes auf einen Sockelbetrag vorsah (BVerfGE 82: 60 ff.). Das Gericht
formulierte als Ausgangspunkt der verfassungsrechtlichen Beurteilung den Grundsatz, dass der Staat
gem. Art. 1 Abs. 1 GG (Menschenwürde) in Verbindung mit dem Sozialstaatsprinzip das Einkommen
eines Steuerpflichtigen insoweit steuerfrei belassen muss, als es zur Schaffung der Mindestvorausset-
39	Vgl. die Übersicht über die Rechtsprechung von Scheiwe (2010: 125, 129 ff.).
zungen für ein menschenwürdiges Dasein benötigt wird. Aus Art. 6 Abs. 1 GG ergebe sich ferner, dass
bei der Besteuerung einer Familie das Existenzminimum sämtlicher Familienmitglieder steuerfrei bleiben
müsse (BVerfGE 82: 60, 84).
Verfassungsrechtliches Neuland betrat das BVerfG mit der Einführung des Begriffs der horizontalen
Steuergerechtigkeit von Eltern und Kinderlosen auf allen Einkommensstufen: Werde die Besteuerung für
Kinderlose und Steuerpflichtige mit Kindern nach einem einheitlichen Tarif vorgenommen, so würden die
letzteren gegenüber den ersteren benachteiligt, wenn von ihrem Einkommen der Unterhaltsaufwand für
Kinder nicht wenigstens in Höhe des Existenzminimums abgezogen werde. Denn sie würden dadurch im
Ergebnis einer höheren Steuerbelastung unterworfen als kinderlose Ehepaare oder Alleinstehende. Bei
gleichem Ausgangseinkommen trügen sie die gleiche Steuerlast wie Kinderlose, obwohl ihr Einkommen
in Höhe des Existenzminimums der Kinder gebunden sei und ihnen nicht zur freien Verwendung zur
Verfügung stehe (BVerfGE 82: 60, 91).
Die Grundsätze des BVerfG zur horizontalen Steuergerechtigkeit in Bezug auf das sächliche Existenzminimum von unterhaltsabhängigen Kindern sind in der Rechtswissenschaft weitestgehend auf
Zustimmung gestoßen (Ross 1990: 612) – zum großen Teil waren sie schon lange vorher gefordert
worden (Zeidler 1985: 1, 6). Die Zuweisung der Erziehungs- und Unterhaltskosten für Kinder in den
steuerlich nicht berücksichtigungsfähigen Bereich privater Lebenshaltung und individuellen Konsums
war auch schon vor der Grundsatzentscheidung als „krasser und asozialer Individualismus“ bezeichnet worden (Böckenförde 1986: 335f.). Die progressive Wirkung der Kinderfreibeträge begegnet in der
Steuer­echtswissenschaft keiner ernsthaften Kritik.40 Diese entstammt eher der politischen Debatte,
wonach dem Staat jedes Kind gleich viel wert sein sollte (vgl. Matthäus-Meier 1988: 252ff.).
In einer weiteren Grundsatzentscheidung vom 10.11.1998 ergänzte das BVerfG das sächliche Existenzminimum noch um einen Betreuungs- und Erziehungsbedarf von Kindern, der die steuerliche Leistungsfähigkeit von Eltern einschränkt und in den steuerlichen Freibeträgen zu berücksichtigen sei. Der
Entscheidung lag die Frage zugrunde, ob der bis dahin nur für Alleinerziehende mögliche Abzug von
nachgewiesenen Kinderbetreuungskosten wegen Erwerbstätigkeit sowie der Haushaltsfreibetrag für
Alleinerziehende auch verheirateten Eltern zusteht. Zentraler Prüfungsmaßstab war deshalb in diesem
Fall Art. 6 Abs. 1 GG, der es verbietet, Ehe und Familien gegenüber anderen Lebens- und Erziehungs­
gemeinschaften zu benachteiligen.
Das Gericht stellte fest, dass über den existentiellen Sachbedarf des Kindes und die nachgewiesenen
außerhäuslichen Betreuungskosten hinaus ein genereller Betreuungsbedarf zukünftig als weiterer
Bestandteil des kindbedingten Existenzminimums von der Besteuerung verschont bleiben müsse. Steuer­
pflichtige mit Kindern seien wegen ihrer Betreuungspflichten, die sie entweder persönlich durch den
40	Zum Diskussionstand vor der Entscheidung BVerfGE 82: 60, vergleiche Pezzer (1989:219ff.), auch Ross (1990: 611, 612),
aber auch schon instruktiv Böckenförde (1986: 335, 336 f.) und Lang (2005: § 9 Rz 69).
Verzicht auf eine (Voll-)Erwerbstätigkeit selber erbringen oder indem sie Dritte für die Betreuung ihrer
Kinder bezahlen, im Vergleich zu kinderlosen Steuerpflichtigen eingeschränkt steuerlich leistungsfähig.
Wie die Eltern den Betreuungsbedarf ausfüllten, obliege ihrer Wahlfreiheit. Als Abwehrrecht aus Art. 6
Abs. 1 GG stehe ihnen die Entscheidung über die Art und Weise zu, wie sie das eheliche und familiäre
Zusammenleben gestalten und die Kinderbetreuung ausüben. Art. 6 Abs. 1 GG enthalte darüber hinaus
einen besonderen Gleichheitssatz dahingehend, Ehe und Familie nicht gegenüber anderen Lebens- und
Erziehungsgemeinschaften zu benachteiligen. Steuerpflichtige mit Kindern seien wegen ihrer Betreuungspflichten, die entweder ihre Arbeitskraft oder ihre Zahlungsfähigkeit beanspruchten, im Vergleich
zu Steuerpflichtigen ohne Kinder steuerlich grundsätzlich weniger leistungsfähig (BVerfGE 99: 216,
233). Der generelle Betreuungsbedarf ist in der Literatur scharf kritisiert worden. Gegen ihn werden vor
allem steuersystematische Argumente ins Feld geführt: Die Einkommensteuer frage nicht danach, was
jemand an Einkommen erzielen könne, sondern danach, was jemand an Einkommen erzielt hat (sog.
„Ist-Leistungsfähigkeit“) (Birk/Wernsmann 2001: 221; Tipke 2000: 487f.; Althammer 2002: 67, 75). Die
Berücksichtigung eines „aufwandlosen Freibetrages“ stelle eine vom BVerfG offensichtlich als sozial­
politisch erwünscht angesehene Lenkungsnorm dar, die das Leistungsfähigkeitsprinzip durchbreche
(Sacksofsky 2000: 1896, 1899; Schön 1999: 1677, 1680; Seer/Wendt 2000: 1904, 1907). Eine Minderung der Bemessungsgrundlage, die nicht auf typischerweise anfallendem Aufwand beruhe, würde
zu erheblichen gleichheitsrechtlichen Problemen führen, da die Betreuungs- und Erziehungsleistung
der Eltern umso stärker honoriert werde, je höher das Einkommen der Eltern ausfalle. Während dies
bei finanziellem Aufwand systemgerecht und verfassungsrechtlich geboten sei, verhalte sich dies bei
sozialen Förderleistungen des Staates anders – und um eine solche handele es sich, wenn ein etwaiger
Erwerbsverzicht von Eltern steuerlich anerkannt werde (Birk/Wernsmann 2001: 223; Schön 1999: 1680;
Lang 2005: § 9 Rz. 95f.).
Neben dem sächlichen Existenzminimum des Kindes und dem zusätzlich steuerlich zu berücksichtigenden Betreuungsbedarf arbeitete das BVerfG außerdem die typischen Kosten eines kindbedingten
Erziehungsbedarfes heraus. Dieser umfasse die Aufwendungen der Eltern, die dem Kind die persönliche Entfaltung, seine Entwicklung zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit ermöglichen.
Dieser Erziehungsbedarf sei bislang steuerrechtlich unter der falschen Bezeichnung des “kindbedingten
Zusatzbedarfes“ im Haushaltsfreibetrag bei alleinerziehenden Elternteilen erfasst, der „diesen Bedarf
des Kindes im rechnerischen Ergebnis“ abdecke, gleichheitswidrig aber den verheirateten Eltern nicht zu
Gute komme. Exemplarisch zählte das BVerfG die Mitgliedschaft in Vereinen sowie sonstige Formen der
Begegnung mit anderen Kindern oder Jugendlichen außerhalb des häuslichen Bereichs auf, ferner das
Erlernen und Erproben moderner Kommunikationstechniken, der Zugang zu Kultur- und Sprachfertigkeit,
die verantwortliche Nutzung der Freizeit und die Gestaltung der Ferien (BVerfGE 99: 216, 242).
Mit dem “Gesetz zur Familienförderung (Familienfördergesetz)“ vom 22.12.1999 wurde der Kinderfreibetrag durch einen „Betreuungsfreibetrag“ ergänzt, der seit 1.1.2002 in einen allgemeinen Betreuungs-,
Erziehungs- und Ausbildungsfreibetrag (BEA) eingegangen ist. Seit 2010 beträgt der Kinderfreibetrag
7.008 Euro, davon entfallen auf das sächliche Existenzminimum 4.368 Euro, auf den BEA 2.640 Euro.
Für das Jahr 2014 soll das sächliche Existenzminimum um 72 Euro auf insgesamt 4.400 Euro erhöht
Der Freibetrag für Betreuung, Erziehung und Ausbildung (BEA-Freibetrag) ist bis heute umstritten. Im
Unterhaltsrecht (siehe Abschnitt 2.2) und bei der Unterhaltsvorschuss-Leistung (siehe Abschnitt 2.4)
wird er nicht berücksichtigt. Im Grundsicherungsrecht sind mit dem Bildungs- und Teilhabepaket zwar
ähnliche Positionen abgedeckt worden, diese sind mit dem BEA-Freibetrag aber weder inhaltlich noch
der Höhe nach abgestimmt (siehe Abschnitt 4.2). Seine weitere Zukunft scheint ungewiss: Während die
CDU den Kinderfreibetrag perspektivisch auf den der Erwachsenen erhöhen möchte, was nur über die
Erhöhung des BEA-Freibetrages gehen könnte, da das sächliche Existenzminimum an die Entwicklung
der Regelbedarfe des Grundsicherungsrechts gebunden ist, möchten SPD und Grüne ihn grundsätzlich
Der Haupteinwand gegen den BEA-Freibetrag ist nach wie vor, dass Besserverdienende stärker profitieren als Gering- und Durchschnittsverdiener vom Kindergeld. Dem Staat müsse aber jedes Kind gleich viel
wert sein. Es wird vorgetragen, dass der BEA nicht zwingend im Einkommensteuerrecht zu berücksichtigen sei, weil er systemwidrig sei und gegen den Gleichheitssatz verstoße (Wieland 2011). Außerdem
wird die Auffassung vertreten, dass er in dem Maße überflüssig werde, wie der Staat zunehmend Betreuungsangebote für Kleinkinder und Ganztagsschulen zur Verfügung stelle (Dohmen/Himpele 2006).
Für die Beibehaltung des Freibetrages für Betreuung, Erziehung und Ausbildung spricht dagegen, dass
erst mit ihm eine realistische Abbildung der durchschnittlichen Kosten eines Kindes gegeben ist. Denn
mit den gestiegenen gesellschaftlichen Ansprüchen an die Förderung von Kindern sind in den letzten
Jahren die Aufwendungen, die über das rein sächliche Existenzminimum von Kindern hinausgehen,
enorm gestiegen. Erst ihre steuerliche Anerkennung gewährleistet eine horizontale Gleichbehandlung
von Eltern und Kinderlosen. Die dadurch verletzte sozialstaatliche, vertikale Gerechtigkeit – reiche Eltern
profitieren mehr als arme – ist Folge eines progressiven Steuertarifs, der seinerseits wiederum Ausdruck
des Sozialstaatsprinzips ist. Dies könnte jedoch „geheilt“ werden, indem die Höhe des Kinderfreibetrages
zum Maßstab genommen wird für sozialstaatliche Leistungen, die der Staat Kindern aus einkommensschwachen Haushalten zukommen lassen muss. Nicht umsonst orientieren sich große Reformvorhaben
wie die Kindergrundsicherung an den steuerrechtlichen Kinderfreibeträgen (siehe Abschnitt 6).
Auf der Grundlage der Rechtsprechung des BVerfG zum steuerlichen Existenzminimum eines
Kindes, das aus drei Teilen besteht – dem sächlichen Bedarf sowie dem Betreuungs- und dem
Erziehungsbedarf – wird deutlich, dass im Unterhaltsrecht nur der sächliche Bedarf eines Kindes
berücksichtigt wird. Der Barunterhaltspflichtige ist gem. § 1612a BGB verpflichtet, dem Kind als
Mindestbedarf den Freibetrag für das sächliche Existenzminimum im Steuerrecht als Unterhalt zu
zahlen. Wird das sächliche Existenzminimum in Höhe von 4.368 Euro durch 12 Monate geteilt, so
ergibt dies einen Betrag von 364 Euro. Wird hiervon weiterhin das dem barunterhaltspflichtigen
Elternteil zustehende hälftige Kindergeld (184 Euro) in Höhe von 92 Euro abgezogen, kommt man
laut der „Düsseldorfer Tabelle“41 in der untersten Einkommensstufe eines Unterhaltspflichtigen
auf den Mindestunterhalt für ein sechs bis elf Jahre altes Kind in Höhe von 272 Euro. Die Unterhaltsbeträge für die höheren Einkommensstufen bauen prozentual auf dem Mindestunterhalt
auf. Diese Regelung hat jedoch zur Folge, dass die übrigen materiellen Aufwendungen, die der
Betreuungs- und Erziehungsfreibetrag für Kinder im Steuerrecht abdecken soll, im Barunterhalt
für das Kind nicht erfasst sind. Die Kosten für die außerhäusliche Betreuung, aber auch die
allgemeinen Kosten der persönlichen Entwicklung des Kindes sind in den letzten Jahrzehnten
durch eine zunehmend verplante Kindheit enorm gestiegen. Ehemals kostenlose oder preiswerte
Freizeitaktivitäten haben sich verteuert: So wurde z.B. aus dem städtischen Freibad mit günstigen
Jahreskarten für die gesamte Familie das privatisierte Spaßbad, das Klettern auf Bäumen wird
heute in der Kletterhalle oder den Klettergärten absolviert.
Der BGH hat zwischenzeitlich die Problematik der ungedeckten Bedarfe erkannt. In seiner Entscheidung vom 26.11.2008 führt er aus, dass sich seit dem zum 1.1.2008 in Kraft getretenen
Unterhaltsänderungsgesetz die Barunterhaltspflicht des nicht betreuenden Elternteils an dem
Doppelten des sächlichen Existenzminimums des Kindes im Steuerrecht orientiere. Dieses wiederum sei dem Sozialhilferecht entnommen. Damit müsse sich die Frage, was von dem Barunterhalt
abgedeckt und was eventuell noch zusätzlich zu leisten sei, an dem orientieren, was der notwendige Lebensbedarf im SGB XII enthalte. Da das sächliche Existenzminimum den Kindergartenbeitrag nicht enthalte, sei dieser als Mehrbedarf von beiden Elternteilen entsprechend ihren
Erwerbs- und Vermögensverhältnisse anteilig zu tragen.42 Dies gelte auch für höhere, oberhalb
des Mindestunterhalts liegende Unterhaltsbeträge, weil diese den sächlichen Bedarf eines Kindes
„auf höherem Niveau“ deckten, aber keinen „wesensverschiedenen Aufwand“ abdeckten.43
Positiv an dieser Rechtsprechung ist die Erkenntnis, dass wichtige Teile des Existenzminimums
des Kindes von den Barunterhaltszahlungen des anderen Elternteils nicht erfasst sind.44 Dies
fiel aber erst auf, nachdem der Kindesunterhalt seit 2008 an das Steuerrecht angebunden wurde
(BT-Drucksache 16/1830: 26 ff.). Seien es die Kosten von Kindergarten und Hort, der Nachhilfe
und anderer schulbedingter Zusatzaufwendungen, die Mitgliedsbeiträge für den Sportverein, der
Musikunterricht, die Fahrkarte für das Schülermonatsticket, die Kosten für die Ferienfreizeit etc. –
dies alles ist im Barunterhalt nicht enthalten. Fraglich ist allerdings, ob diese Kosten anteilig auch
41	42	43	44	Die Düsseldorfer Tabelle ist die bekannteste Tabelle eines Oberlandesgerichtes, die Richtlinien für die Unterhaltsrechtsprechung zur Verfügung stellt.
BGH vom 5.3.2008 – XII ZR 150/05 – in: FamRZ 2008: 1152; dazu ausführlich Viefhues (2008: 284); BGH vom 26.11.2008
– XII ZR 65/07 FamRZ 2009: 962. Viefhues (2010: § 1610 Rz 164 ff.), BGH vom 4.5.2011 XII ZR 70/09 – in: FamRZ 2011:
BGH vom 26.11.2008 - XII ZR 65/07 – Rz. 21 ff, 25 – in: FamRZ 2008: 962.
Dies ist bestätigt worden durch die Entscheidung des BVerfG vom 9.2.2010, mit der der Gesetzgeber verpflichtet wurde, im
Grundsicherungsrecht des SGB II und SGB XII zusätzlich zu dem Lebensunterhalt von Kindern und Jugendlichen die Kosten rund
um den Schulbesuch und die Aufwendungen für die Persönlichkeitsentwicklung zusätzlich zu decken (BVerfG vom 9.2.2010).
Grafik: Hartz-IV-Quote von Paarhaushalten mit minderjährigen Kindern und Alle...