Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-erstinstanzliche-zeugenaussage-und-ihre-wuerdigung-durch-das-berufungsgericht-3140025
Timestamp: 2019-09-15 07:46:33
Document Index: 166886742

Matched Legal Cases: ['Art. 103', '§ 529', '§ 286', '§ 398', '§ 398', '§ 286', 'BGH', '§ 529', '§ 529', 'BGH', 'BGH']

Die erst­in­stanz­li­che Zeu­gen­aus­sa­ge – und ihre Wür­di­gung durch das Beru­fungs­ge­richt | Rechtslupe
Geschieht dies gleich­wohl, liegt hier­in eine Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör im Sin­ne des Art. 103 Abs. 1 GG1.
Das Beru­fungs­ge­richt hat nach § 529 Abs.1 Nr. 1 ZPO sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung die vom Gericht des ers­ten Rechts­zugs fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen zu Grun­de zu legen, soweit nicht kon­kre­te Anhalts­punk­te Zwei­fel an der Rich­tig­keit oder Voll­stän­dig­keit der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fest­stel­lun­gen begrün­den und des­halb eine erneu­te Fest­stel­lung gebie­ten. Zu den in die­sem Sin­ne bin­dend fest­ge­stell­ten Tat­sa­chen gehö­ren auch wer­ten­de Fest­stel­lun­gen, näm­lich Tat­sa­chen, hin­sicht­lich derer das erst­in­stanz­li­che Gericht auf Grund einer frei­en Beweis­wür­di­gung gemäß § 286 ZPO ent­schie­den hat, dass sie wahr oder unwahr sind2.
Hat das Beru­fungs­ge­richt Zwei­fel an der Rich­tig­keit der Fest­stel­lun­gen des erst­in­stanz­li­chen Gerichts, die etwa auf Ver­fah­rens­feh­ler oder auch dar­auf grün­den kön­nen, dass der Inhalt einer pro­to­kol­lier­ten Zeu­gen­aus­sa­ge nach Ein­schät­zung des Beru­fungs­ge­richts nicht umfas­send gewür­digt wur­de3, sind erneu­te Fest­stel­lun­gen zu tref­fen. Sie kön­nen gemäß § 398 Abs. 1 ZPO die wie­der­hol­te Ver­neh­mung eines Zeu­gen umfas­sen. Eines Beweis­an­tra­ges bedarf es hier­für nicht.
Grund­sätz­lich steht es zwar im Ermes­sen des Beru­fungs­ge­richts, ob es Zeu­gen, die in der Vor­in­stanz bereits ver­nom­men wor­den sind, nach § 398 Abs. 1 ZPO erneut ver­nimmt. Das Beru­fungs­ge­richt ist jedoch zur noch­ma­li­gen Ver­neh­mung der Zeu­gen ver­pflich­tet, wenn es die pro­to­kol­lier­ten Zeu­gen­aus­sa­gen anders ver­ste­hen oder wür­di­gen will als die Vor­in­stanz. Eine erneu­te Ver­neh­mung kann in die­sem Fall allen­falls dann unter­blei­ben, wenn sich das Beru­fungs­ge­richt auf sol­che Umstän­de stützt, die weder die Urteils­fä­hig­keit noch das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen oder die Wahr­heits­lie­be des Zeu­gen noch die Voll­stän­dig­keit oder Wider­spruchs­frei­heit sei­ner Aus­sa­ge betref­fen4.
Das Land­ge­richt hat­te die Zeu­gen­aus­sa­ge sei­ner Ent­schei­dung in Über­ein­stim­mung mit § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO zugrun­de gelegt. Dar­an war es nicht etwa dadurch gehin­dert, dass der Zeu­ge von den Beklag­ten benannt wor­den war. Die vom Land­ge­richt für maß­ge­bend erach­te­ten Anga­ben des Zeu­gen wider­spra­chen auch nicht dem Vor­brin­gen des Klä­gers. Viel­mehr ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs davon aus­zu­ge­hen, dass sich eine Par­tei die bei einer Beweis­auf­nah­me zuta­ge tre­ten­den Umstän­de, soweit sie ihre Rechts­po­si­ti­on zu stüt­zen geeig­net sind, hilfs­wei­se zu eigen macht, ohne dass es einer aus­drück­li­chen Erklä­rung bedarf5. Über­dies hat sich der Klä­ger in der Beru­fungs­er­wi­de­rung aus­drück­lich auf die in Rede ste­hen­den Anga­ben des Zeu­gen P. und deren Wür­di­gung durch das Land­ge­richt beru­fen.
vgl. BGH, Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 3/​09, NJW-RR 2009, 1291 Rn. 4; Beschluss vom 19.02.2013 – II ZR 119/​11 5; Beschluss vom 23.07.2013 – II ZR 28/​12 3; Beschluss vom 15.04.2014 – II ZR 61/​13 4; Beschluss vom 23.10.2018 – VIII ZR 61/​18 8 f.; Beschluss vom 07.11.2018 – IV ZR 189/​17 8 [↩]
Alt­ham­mer in Stein/​Jonas, ZPO, 23. Aufl., § 529 Rn. 4 mwN [↩]
vgl. Zöller/​Heßler, ZPO, 32. Aufl., § 529 Rn. 7 [↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 21.06.2011 – II ZR 103/​10, WM 2011, 1533 Rn. 7; Beschluss vom 19.02.2013 – II ZR 119/​11 6; Beschluss vom 23.07.2013 – II ZR 28/​12 4; Beschluss vom 15.04.2014 – II ZR 61/​13 5; Beschluss vom 18.10.2017 – I ZR 255/​16, TranspR 2018, 312 Rn. 9; Beschluss vom 23.10.2018 – VIII ZR 61/​18 9; Beschluss vom 07.11.2018 – IV ZR 189/​17 8 [↩]
BGH, Urteil vom 26.07.2005 – X ZR 109/​03, WM 2006, 1124, 1127; Beschluss vom 26.01.2012 – IX ZB 51/​10 4, jew. mwN [↩]