Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/verbrauchssteuern/kirchlicher-schultraegerwechsel-und-die-grunderwerbsteuerbefreiung-3202263
Timestamp: 2020-03-31 02:00:39
Document Index: 151997620

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 23', 'Art. 7', '§ 13', '§ 13', '§ 13', '§ 2', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 6', 'BGH', 'BGH']

Kirch­li­cher Schul­trä­ger­wech­sel – und die Grund­er­werb­steu­er­be­frei­ung | Rechtslupe
Kirchlicher Schulträgerwechsel - und die Grunderwerbsteuerbefreiung
Das Prü­fungs- und Zeug­nis­recht einer staat­lich aner­kann­ten Ersatz­schu­le ist öffent­lich-recht­li­cher Natur. Geht mit der Trä­ger­schaft an einer staat­lich aner­kann­ten Ersatz­schu­le auch das Prü­fungs- und Zeug­nis­recht über, han­delt es sich um den Über­gang öffent­lich-recht­li­cher Auf­ga­ben i.S. des § 4 Nr. 1 GrEStG.
Nach § 4 Nr. 1 GrEStG ist von der Besteue­rung aus­ge­nom­men der Erwerb eines Grund­stücks durch eine juris­ti­sche Per­son öffent­li­chen Rechts, wenn das Grund­stück aus Anlass des Über­gangs von öffent­lich-recht­li­chen Auf­ga­ben oder aus Anlass von Grenz­än­de­run­gen von der einen auf die ande­re juris­ti­sche Per­son über­geht und nicht über­wie­gend einem Betrieb gewerb­li­cher Art dient. Es ist zwi­schen den Betei­lig­ten zu Recht nicht strei­tig, dass E und die Klä­ge­rin als Ver­äu­ße­rer und Erwer­ber juris­ti­sche Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts sind 1 und dass die Grund­stü­cke und das Erb­bau­recht nicht über­wie­gend einem Betrieb gewerb­li­cher Art die­nen.
Der Erwerb erfolg­te aber auch aus Anlass des Über­gangs von öffent­lich-recht­li­chen Auf­ga­ben. Ein sol­cher Über­gang liegt vor, wenn die über­neh­men­de juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts eben die Funk­tio­nen wahr­nimmt, wel­che bis­her die über­ge­ben­de juris­ti­sche Per­son wahr­ge­nom­men hat 2.
Es bedarf im Streit­fall kei­ner abschlie­ßen­den Ent­schei­dung, inwie­weit das Merk­mal "öffent­lich-recht­li­che Auf­ga­be" in wei­tem Ver­ständ­nis auch Auf­ga­ben umfas­sen kann, die zwar zum öffent­li­chen Auf­ga­ben­spek­trum des Staa­tes gehö­ren, aber auch in pri­vat­recht­li­chem Rechts­kleid erfüllt wer­den kön­nen. Seit jeher gehört jeden­falls die hoheit­li­che Tätig­keit zu den öffent­lich-recht­li­chen Auf­ga­ben i.S. des frü­he­ren § 4 Abs. 1 Nr. 5 GrEStG 1940 3 und des heu­ti­gen § 4 Nr. 1 GrEStG 4. Die­se liegt vor, wenn die Betei­lig­ten zuein­an­der in einem hoheit­li­chen Ver­hält­nis der Über- und Unter­ord­nung ste­hen und sich der Trä­ger hoheit­li­cher Gewalt der beson­de­ren Rechts­sät­ze des öffent­li­chen Rechts bedient 5 oder wenn die das Rechts­ver­hält­nis beherr­schen­den Rechts­nor­men über­wie­gend den Inter­es­sen der All­ge­mein­heit die­nen, wenn sie sich nur an Hoheits­trä­ger wen­den oder wenn der Sach­ver­halt einem Son­der­recht der Trä­ger öffent­li­cher Auf­ga­ben unter­wor­fen ist und nicht Rechts­sät­zen, die für jeder­mann gel­ten 6.
Die Trä­ger­schaft einer Pri­vat­schu­le, die als staat­lich aner­kann­te Ersatz­schu­le über das Recht ver­fügt, staat­lich aner­kann­te Prü­fun­gen abzu­neh­men und Zeug­nis­se aus­zu­stel­len, besitzt einen par­ti­ell öffent­lich-recht­li­chen Cha­rak­ter in die­sem Sin­ne.
Zwar ist dem Finanz­amt inso­weit zuzu­stim­men, als die Errich­tung von pri­va­ten Schu­len sich zunächst als Aus­übung eines ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Rechts aus Art. 7 Abs. 4 GG und als Insti­tuts­ga­ran­tie für die pri­va­ten Schu­len im Gegen­satz zu einem staat­li­chen Schul­mo­no­pol dar­stellt 7.
Es besteht jedoch kei­ne Staats­frei­heit. Zum einen steht das gesam­te Schul­we­sen nach Art. 7 Abs. 1 GG unter der Auf­sicht des Staa­tes. Zum ande­ren bedür­fen pri­va­te Schu­len als Ersatz für öffent­li­che Schu­len der Geneh­mi­gung des Staa­tes und unter­ste­hen den Lan­des­ge­set­zen (Art. 7 Abs. 4 Sät­ze 2 bis 4 GG). Ersatz­schu­len sind Pri­vat­schu­len, die nach dem mit ihrer Errich­tung ver­folg­ten Gesamt­zweck als Ersatz für eine in dem Land vor­han­de­ne oder grund­sätz­lich vor­ge­se­he­ne öffent­li­che Schu­le die­nen sol­len 8. Auf Lan­des­ebe­ne bestehen ähn­li­che Rege­lun­gen (Art. 23, 26 der Ver­fas­sung des Frei­staats Thü­rin­gen).
Die Befug­nis­se, mit öffent­lich-recht­li­cher Außen­wir­kung den Bil­dungs­grad der Schü­ler fest­zu­stel­len, öffent­lich-recht­li­che Zugangs­be­rech­ti­gun­gen zu ver­mit­teln oder Berech­ti­gun­gen zur Füh­rung einer Berufs­be­zeich­nung zu ertei­len, sind hoheit­li­che Funk­tio­nen, die im Wege der Belei­hung über­tra­gen wer­den müs­sen 9. Eine ver­blie­be­ne staat­li­che Auf­sicht ändert hier­an nichts. Die­se Befug­nis­se erge­ben sich aller­dings nicht bereits aus dem Recht aus Art. 7 Abs. 4 Satz 2 GG, eine Ersatz­schu­le zu betrei­ben, son­dern sind geson­dert zu ver­lei­hen. Ein­zel­hei­ten hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber zu regeln 10. Dies ist für den Frei­staat Thü­rin­gen in Gestalt des Thü­rin­ger Schul­ge­set­zes (Thür­SchulG) i.d.F. der Bekannt­ma­chung vom 30.04.2003 11 sowie des Thü­rin­ger Geset­zes über Schu­len in frei­er Trä­ger­schaft (Thür­SchfTG) i.d.F. der Bekannt­ma­chung vom 05.03.2003, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 08.07.2009 12 gesche­hen.
Nach Thü­rin­ger Lan­des­recht ist für die staat­lich aner­kann­ten Ersatz­schu­len das Prü­fungs- und Zeug­nis­recht ver­lie­hen, das dem Schul­trä­ger zuzu­rech­nen ist.
Nach § 13 Abs. 1 Satz 1 Thür­SchulG sind die Schu­len des Frei­staats Thü­rin­gen staat­li­che Schu­len oder Schu­len in frei­er Trä­ger­schaft. Wäh­rend ers­te­re gemäß § 13 Abs. 1 Satz 2 Thür­SchulG nicht rechts­fä­hi­ge Anstal­ten des öffent­li­chen Rechts sind, wer­den Schu­len in frei­er Trä­ger­schaft gemäß § 13 Abs. 1 Satz 3 Thür­SchulG i.V.m. § 2 Abs. 1 Satz 1 Thür­SchfTG von natür­li­chen Per­so­nen oder juris­ti­schen Per­so­nen des pri­va­ten oder des öffent­li­chen Rechts (außer Gebiets­kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts) errich­tet und betrie­ben. Das bedeu­tet, dass die Schu­le selbst nicht ihr eige­ner Rechts­trä­ger ist.
Nach § 4 Abs. 1 Satz 1 Thür­SchfTG sind Ersatz­schu­len sol­che Schu­len in frei­er Trä­ger­schaft, die in ihren Bil­dungs- und Erzie­hungs­zie­len den staat­li­chen Schu­len ent­spre­chen, die in Thü­rin­gen bestehen oder grund­sätz­lich vor­ge­se­hen sind. Sie bedür­fen nach § 4 Abs. 2 Thür­SchfTG der Geneh­mi­gung. Die­se ver­leiht der Schu­le nicht nur gemäß § 4 Abs. 3 Satz 1 Thür­SchfTG das Recht, Schü­ler zur Erfül­lung ihrer Schul­pflicht auf­zu­neh­men. Bie­tet sie außer­dem die Gewähr dafür, dau­ernd die Geneh­mi­gungs­vor­aus­set­zun­gen zu erfül­len, kann ihr nach § 10 Abs. 1 Satz 1 Thür­SchfTG auf Antrag die Eigen­schaft einer staat­lich aner­kann­ten Ersatz­schu­le ver­lie­hen wer­den. Mit der Aner­ken­nung erhält nach § 10 Abs. 3 Thür­SchfTG die Ersatz­schu­le das Recht, nach den für die ent­spre­chen­den staat­li­chen Schu­len gel­ten­den Vor­schrif­ten und unter einem durch das staat­li­che Schul­amt bestell­ten Vor­sit­zen­den der Prü­fungs­kom­mis­si­on Prü­fun­gen abzu­hal­ten und Zeug­nis­se zu ertei­len, die die glei­chen Berech­ti­gun­gen ver­lei­hen wie die der staat­li­chen Schu­len. Die­ses Recht ist jeden­falls im vor­lie­gen­den Kon­text man­gels Rechts­trä­ger­ei­gen­schaft der Schu­le trotz der schul­be­zo­ge­nen For­mu­lie­rung des § 10 Thür­SchfTG dem Schul­trä­ger zuzu­rech­nen. Fol­ge­rich­tig erlischt nach § 6 Abs. 3 Thür­SchfTG die Geneh­mi­gung der Ersatz­schu­le im Fal­le des Trä­ger­wech­sels, wenn nicht der Trä­ger­wech­sel zuvor aus­drück­lich geneh­migt wur­de.
Nach die­sen Maß­stä­ben sind die Grund­stü­cke in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall aus Anlass des Über­gangs von öffent­lich-recht­li­chen Auf­ga­ben von der einen auf die ande­re juris­ti­sche Per­son über­ge­gan­gen. Die Grund­stücks­ge­schäf­te beruh­ten auf dem durch­ge­führ­ten Über­gang der Schul­trä­ger­schaft und dem damit ver­bun­de­nen Über­gang des mit hoheit­li­chem Cha­rak­ter aus­ge­stat­te­ten Prü­fungs- und Zeug­nis­rechts.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. Novem­ber 2019 – II R 40/​16
zu dem Erfor­der­nis der juris­ti­schen Per­son des öffent­li­chen Rechts auf bei­den Sei­ten des Erwerbs­ge­schäfts vgl. BFH, Urteil vom 09.11.2016 – II R 12/​15, BFHE 255, 540, BSt­Bl II 2017, 211[↩]
BFH, Urteil vom 01.09.2011 – II R 16/​10, BFHE 235, 182, BSt­Bl II 2012, 148, Rz 12[↩]
RGBl I 1940, 585[↩]
dazu im Ein­zel­nen BFH, Urteil in BFHE 255, 540, BSt­Bl II 2017, 211, Rz 19[↩]
GmS-OBG, Beschluss vom 29.12.1987 – GmS-OGB 1/​86, BGHZ 102, 280, unter III. 1.[↩]
GmS-OBG, Beschluss vom 10.07.1989 – GmS-OGB 1/​88, BGHZ 108, 284, unter 3.[↩]
vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 14.11.1969 – 1 BvL 24/​64, BVerfGE 27, 195, unter D.I. 1.[↩]
BVerfG, Beschluss in BVerfGE 27, 195, unter D.I. 2.a[↩]
vgl. grund­le­gend BVerwG, Urteil vom 18.10.1963 – VII C 45.62, BVerw­GE 17, 41; BFH, Urteil vom 16.05.1975 – III R 54/​74, BFHE 116, 176, BSt­Bl II 1975, 746, unter 5.a der Ent­schei­dungs­grün­de[↩]
BVerfG, Beschluss in BVerfGE 27, 195, unter D.I. 2.a, b, 3.[↩]
GVBl 2003, 238[↩]
GVBl 2009, 592[↩]
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