Source: http://cannabis-med.org/german/acm-mitteilungen/ww_de_db_cannabis_artikel.php?id=212
Timestamp: 2020-07-12 23:45:08
Document Index: 220831196

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 11', '§ 14', '§ 11', '§ 46', 'Art 2', '§ 9']

ACM-Mitteilungen vom 02. Juli 2016
Erste Lesung des Gesetzes zur Kostenerstattung von Cannabis-basierten Medikamenten und zur Verschreibungsfähigkeit von Cannabisblüten am 7. Juli 2016 im Bundestag
Presseschau: Schriftliche Urteilsbegründung liegt vor (Ärztezeitung)
Presseschau: Cannabis im Eigenanbau ausnahmsweise erlaubnisfähig (Kanzlei Menschen und Rechte)
Presseschau: Medizinisches Cannabis: Der Arzt erhält die Therapiehoheit (Deutsches Ärzteblatt)
Presseschau: Hoher Bedarf wird erwartet (taz)
Presseschau: Heilkraut Hanf (Tagesspiegel)
Bionorica bezeichnet Patienten, die in den USA medizinisches Cannabis verwenden dürfen, als Freizeitkonsumenten
Presseschau: Patienten bei Cannabis-Anwendung nicht im Stich lassen (ptext.net)
Presseschau: Patienten bei Cannabis-Anwendung nicht im Stich lassen (ABDA)
Presseschau: Cannabis bleibt was für den Einzelfall (Deutsche Apotheker Zeitung)
Presseschau: Als Rezepturarznei zum Inhalieren oder Trinken (Ärztezeitung)
Presseschau: Crowdfunding für Cannabis als Medizin erzielt 20.000 $ (PresseBox)
Presseschau: Grün ist die Hoffnung (Spiegel.de)
nachdem sich der Bundesrat am 17. Juni 2016 zum Gesetzentwurf der Bundesregierung vom 4. Mai 2016 geäußert hatte, ist nun am 7. Juli 2016 die erste Lesung des Gesetzes im Bundestag vorgesehen. Dazu hat die Bundesregierung einen leicht modifizierten Gesetzentwurf (Drucksache 18/8965) vorgelegt.
Als die größte Bremse für die Verschreibung von Cannabis-basierten Medikamenten (Dronabinol, Sativex, Nabilon, Cannabisextrakte und Cannabisblüten) durch Ärztinnen und Ärzte zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen könnte sich ein bisher wenig beachtetes Problem erweisen: es ist nicht beabsichtigt, Cannabis-basierte Medikamente als Praxisbesonderheit einzustufen (siehe Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen).
Nach der Antwort dieser Kleinen Anfrage durch das Bundesministerium für Gesundheit vom 24. Juni 2016 vor (Bundestagsdrucksache 18/8775). verfügten am 14. Juni 2016 769 Patientinnen und Patienten über eine Ausnahmeerlaubnis zur Verwendung von Cannabisblüten aus der Apotheke. Interessant sind auch die Ausführungen zu den Diagnosen der Erlaubnisinhaber. Zudem enthält die Antwort der Bundesregierung Hinweise auf Pläne zum Anbau von Cannabis in Deutschland, zum Thema Praxisbesonderheit sowie zur Teilnahme von Patienten, die Cannabisprodukte aus medizinischen Gründen verwenden, am Straßenverkehr.
Die Weigerung der Bundesregierung, die medizinische Verwendung von Cannabis-basierten Medikamenten als Praxisbesonderheit einzustufen, wird vermutlich dazu führen, dass Ärzte diese Medikamente nicht in dem notwendigen Umfang zu Lasten der Krankenkassen verschreiben werden, weil sie darauf achten müssen, ihr Arzneimittelbudget nicht zu überschreiten. Das ist mehr als nur ein Schönheitsfehler des geplanten Gesetzes.
Auf den letzten Seiten enthält der Gesetzentwurf der Bundesregierung die Stellungnahme des Bundesrates (Seiten 29-31)und die Gegenäußerung der Bundesregierung zur Stellungnahme des Bundesrates (Seiten 32-33).
Zur Anzahl der Erlaubnisinhaber: Seite 2
„Am 14. Juni 2016 verfügten insgesamt 779 Patientinnen und Patienten über eine Ausnahmeerlaubnis des BfArM nach § 3 Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) zum Erwerb von Cannabis zur Anwendung im Rahmen einer medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie. Von diesen Ausnahmeerlaubnissen wurden 744 für den Erwerb von Cannabisblüten und 45 für den Erwerb von Cannabisextrakt erteilt. Zehn Patientinnen und Patienten wurde sowohl die Erlaubnis für den Erwerb von Cannabisblüten als auch für Cannabisextrakt erteilt.“
Zur Zahl der Personen, denen Cannabis-basierte Medikamente verschrieben wurden: Seite 3
„Im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung betrug die Zahl der Verordnungen für das Fertigarzneimittel Sativex im Jahr 2015 knapp 22 000. Dronabinol und Nabilon können bisher grundsätzlich in der vertragsärztlichen Versorgung nicht erstattet werden. Daneben liegen der Bundesregierung Angaben über die Anzahl der Verordnungen von Dronabinol, Nabilon und Sativex in Krankenhäusern nicht vor.“
Zur Entwicklung der Anzahl der Erlaubnisinhaber: Seiten 3 und 4
„Von Anfang 2011 bis zum 14. Juni 2016 haben insgesamt 1 190 Patientinnen und Patienten einen Antrag auf Erteilung einer Ausnahmeerlaubnis nach § 3 Absatz 2 BtMG zum Erwerb von Cannabis zur Anwendung im Rahmen einer medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie beim BfArM gestellt. Diese schlüsseln sich unter Berücksichtigung der anschließenden Erläuterungen wie folgt auf:
• 2011: 60 Anträge, 38 Erlaubnisse erteilt, 11 Erlaubnisanträge abgelehnt.
• 2012: 90 Anträge, 61 Erlaubnisse erteilt, acht Erlaubnisanträge abgelehnt.
• 2013: 173 Anträge, 110 Erlaubnisse erteilt, 19 Erlaubnisanträge abgelehnt.
• 2014: 241 Anträge, 168 Erlaubnisse erteilt, 24 Erlaubnisanträge abgelehnt.
• 2015: 434 Anträge, 315 Erlaubnisse erteilt, 12 Erlaubnisanträge abgelehnt.
• Januar 2016: 38 Anträge, 25 Erlaubnisse erteilt, keine Ablehnung.
• Februar 2016: 30 Anträge, 14 Erlaubnisse erteilt, zwei Erlaubnisanträge abgelehnt.
• März 2016: 36 Anträge, 16 Erlaubnisse erteilt, ein Erlaubnisantrag abgelehnt.
• April 2016: 44 Anträge, 21 Erlaubnisse erteilt, keine Ablehnung.
• Mai 2016: 32 Anträge, neun Erlaubnisse erteilt, keine Ablehnung.
• Juni 2016 (Sachstand: 14. Juni 2016): 12 Anträge, bisher keine Erlaubnis erteilt, keine Ablehnung.
Derzeit befindet sich noch eine größere Zahl von Anträgen in Bearbeitung, weil Antragstellerinnen und Antragsteller erforderliche und nachgeforderte Unterlagen noch nicht vorgelegt haben oder die Anträge erst kürzlich eingegangen sind. Zu berücksichtigen ist auch, dass Anträge zurückgenommen wurden.“
Zu den Erkrankungen von Erlaubnisinhabern: Seite 4
„Die den Ausnahmeerlaubnissen nach § 3 Absatz 2 BtMG zugrunde liegenden Krankheitsbilder sind nach Maßgabe der Angaben in den Antragsunterlagen vielfältig. Insoweit führen einige Patientinnen und Patienten eine Selbsttherapie mit Cannabis wegen mehrerer Diagnosen durch. Die Hauptdiagnosegruppen und die zugehörigen Prozentanteile der Patientinnen und Patienten stellen sich gegenwärtig wie folgt dar:
• Schmerz (einschließlich schmerzhafte Spastik bei multipler Sklerose): ca. 62 Prozent,
• ADHS: ca. 12 Prozent
• Tourette-Syndrom: ca. 4 Prozent,
• Epilepsie: ca. 3,5 Prozent,
• Sonstige Neurologie: ca. 0,5 Prozent,
• Depression: ca. 6 Prozent,
• Sonstige Psychiatrie: ca. 3 Prozent,
• Darmerkrankungen: ca. 4 Prozent,
• Inappetenz/Kachexie: ca. 4,5 Prozent,
• Lungenerkrankungen: ca. 0,5 Prozent.“
Zur Begleitforschung durch die Bundesregierung: Seite 8
Zum Vergabeverfahren für den Eigenanbau in Deutschland: Seite 10
„Der Gesetzentwurf sieht ein Vergabeverfahren durch das BfArM vor. Erst danach steht fest, zu welchem Abgabepreis Cannabis abgegeben werden kann.“
Zur Frage einer möglichen Praxisbesonderheit: Seite 10
„Für die Erstattung von Cannabisarzneimitteln sieht der Gesetzentwurf keine besonderen Regelungen im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeitsprüfungen vor. Die Wirtschaftlichkeitsprüfungen verordneter Leistungen wurden mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz, das in seinen wesentlichen Teilen im Juli 2015 in Kraft getreten ist, in die Verantwortung der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Landesverbände der Krankenkassen gegeben. Ab dem 1. Januar 2017 werden die Prüfvereinbarungen auf dieser Ebene für die Prüfung maßgeblich sein. Eine Gefahr für die Versorgung mit Cannabis als Medizin besteht dadurch nicht.“
Die Bundesregierung möchte also Medikamente auf Cannabisbasis nicht als Praxisbesonderheit einstufen. Das bedeutet, dass diese im Gegensatz zu anderen teuren Arzneimitteln beim Arzneimittelbudget der Ärzte berücksichtigt werden. Das hat zur Folge, dass viele Ärzte Cannabisblüten und Cannabis-basierte Arzneimittel vermutlich nur selten und nicht in dem erforderlichen Umfang verschreiben werden, weil die Präparate zu teuer sind. Ärzte müssen innerhalb ihres Praxisbudgets haushalten und können nicht oft teure Medikamente verschreiben. Es sei denn, diese Medikamente sind vom Praxisbudget ausgenommen, wie beispielsweise bestimmte Medikamente gegen Rheuma. Damit müssen die Krankenkassen zwar formal die Kosten dieser Medikamente unter bestimmten Voraussetzungen erstatten. In der Praxis könnte sich diese Regelung jedoch– vermutlich nicht unbeabsichtigt – als weitgehend unwirksam erweisen.
Zum möglichen Entzug der Führerscheins bei der Verwendung von Cannabisblüten: Seite 12
„Die Entscheidung über die Erteilung, Überprüfung oder Entziehung einer Fahrerlaubnis ist eine Frage des Einzelfalls und richtet sich grundsätzlich nach § 11 und § 14 der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV). Werden etwa im Rahmen einer polizeilichen Kontrolle Tatsachen bekannt, die Bedenken gegen die Fahreignung begründen, kann die Fahrerlaubnisbehörde unter den in den §§ 11 und 14 FeV genannten Voraussetzung auch die Beibringung eines medizinisch-psychologischen Gutachtens anordnen. Die Frage der Fahreignung hängt dabei insbesondere von der Höhe der Medikation, der Art und der bestimmungsgemäßen Einnahme der Medikation ab. Erweist sich die Inhaberin oder der Inhaber einer Fahrerlaubnis dabei als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen, hat die Fahrerlaubnisbehörde gemäß § 46 FeV die Fahrerlaubnis zu entziehen. Zu den bußgeldrechtlichen und strafrechtlichen Vorgaben betreffend den Entzug der Fahrerlaubnis wird im Übrigen auf die Antwort zu Frage 21a verwiesen.“
Gegenwärtig können wir von einigen – keineswegs von den meisten – Führerscheinstellen und MPU-Stellen eine regelrechte Hexenjagd auf Patienten mit einer Ausnahmeerlaubnis für die Verwendung von Cannabisblüten feststellen. Mit zum Teil abenteuerlich anmutenden pseudowissenschaftlichen Begründungen erhalten Erlaubnisinhaber ihren Führerschein nicht zurück oder verlieren diesen. „Wir haben kürzlich erfahren, dass in Israel Daten erhoben wurden, nach denen Menschen, die Cannabisblüten aus medizinischen Gründen verwenden, kein erhöhtes Unfallrisiko aufweisen“, erklärte Dr. Franjo Grotenhermen. „Wir werden die deutschen Behörden in geeigneter Weise auf diese Erkenntnisse hinweisen und können dann nur hoffen, dass in diesem Bereich die zuletzt vermisste Sachlichkeit zurückkehrt. Wir hoffen und erwarten, dass Cannabisblüten mit ihrer Verschreibungsfähigkeit durch das neue Gesetz von allen Führerscheinstellen und Begutachtungsstellen als Arzneimittel nach der Fahrerlaubnisverordnung akzeptiert werden. Alles andere wäre Willkür.“
Seit kurzem liegt die schriftliche Urteilsbegründung des Bundesverwaltungsgerichts zum Eigenanbau vor BVerwG 3 C 10.14. Die Ärztezeitung berichtete.
Gegenwärtig überlegt die Bundesopiumstelle, wie das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, nach dem Michael F. Cannabis für medizinische Zwecke selbst anbauen darf, umgesetzt werden soll. Dies wird auch Auswirkungen auf Anträge anderer Patienten auf den Eigenanbau von Cannabisblüten haben. Die ACM steht mit allen Beteiligten im Kontakt und wird demnächst Vorschläge unterbreiten, wie Patienten, die einen Eigenanbau anstreben, die Forderungen der Bundesopiumstelle in dieser Frage erfüllen können, beispielsweise hinsichtlich der eigenen Sachkunde beim Cannabisanbau oder hinsichtlich der Frage der optimalen Entsorgung überschüssigen Pflanzenmaterials. Anwalt Dr. Tolmein, SCM-Mitglieder und ACM-Vorstand machen sich dazu Gedanken. Die ACM rät Antragstellern vor überstürzten Alleingängen ab.
Zu seinem wegweisenden Grundsatzurteil zum Eigenanbau von Cannabis hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig jetzt seine schriftlichen Gründe vorgelegt.
Seine Wohnung habe der Patient zudem so abgesichert, dass Unbefugte nicht auf die Cannabispflanzen zugreifen können. Der MS-Kranke selbst habe jahrelange Erfahrungen in der Cannabis-Eigentherapie hinsichtlich Wirksamkeit und Dosierung. Anbau und Therapie stünden zudem unter ärztlicher Kontrolle.
Hier einige Gedanken zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts des Anwalts des Klägers, Dr. Oliver Tolmein.
Damit ist das oberste deutsche Verwaltungsgericht der Revision des Klägers gefolgt, der von der Kanzlei Menschen und Rechte vertreten wird. Zwar hatten auch die Vorinstanzen, das VG Köln und das OVG NRW, dem Kläger, der 2000 seinen ersten Antrag auf Erteilung einer Genehmigung zum Eigenanbau gestellt hatte, teilweise recht gegeben. Sie hatten entschieden, dass die Versagung der Erlaubnis zum Eigenanbau in dieser Form keinen Bestand haben konnte. Die Richterinnen und Richter der Tatsacheninstanzen waren aber der Auffassung, dass die Beklagte noch die Möglichkeit haben würde, ihr Ermessen auszuüben und deswegen nur verurteilt werden könnte, ermessensfehlerfrei zu entscheiden. Dagegen erkannte der 3. Senat des Bundesverwaltungsgerichts an, dass im konkreten Fall des an Multipler Sklerose mit schweren Ataxien erkrankten Klägers die Erteilung der Ausnahmeerlaubnis zum Eigenanbau von Cannabis wegen der von Art 2 Absatz 2 Satz 1 GG geforderten Achtung vor der körperlichen Unversehrtheit rechtlich zwingend vorgezeichnet ist, so dass das der Behörde eröffnete Ermessen „auf Null“ reduziert ist. Deswegen wurden die Urteile der Vorinstanzen entsprechend abgeändert. Die Die Revision der Beklagten, die darauf zielte den Eigenanbau ganz versagen zu dürfen wurde, abgewiesen.
Keine wichtige Rolle in dem Verfahren spielte der Gesetzentwurf mit dem Bundesgesundheitsminister Gröhe ermöglichen will, dass Ärztinnen und Ärzte Patienten Cannabis zu Lasten der GKV verordnen können. Das lag vor allem daran, dass der Gesetzentwurf an der konkreten Situation der Patienten in der nächsten Zeit nichts verändern wird: derzeit ist offen wann und mit welchen Regelungen er genau verabschiedet werden wird. Nach der Verabschiedung wird es zudem einige Zeit dauern, bis eine ausreichende Menge standardisierten Cannabis‘ zur Verfügung steht. Das Bundesverwaltungsgericht hat in seiner Entscheidung darauf hingewiesen, dass das BfArM die Möglichkeit hat, Nebenbestimmungen zur Eigenanbauerlaubnis zu erlassen. Diese Kompetenz ergibt sich aus § 9 Abs 2 Nr. 1 BtmG. Diese Nebenbestimmungen können sich vor allem auf die Sicherheit des Anbaus oder die Menge beziehen. Auch hier muss die BfArM aber die Rechtsauffassung des Gerichts berücksichtigen (und darf daher keine unangemessenen Auflagen erteilen, die den Eigenanbau faktisch unmöglich machen). Auch wenn die Entscheidung des BVerwG eine Einzelfallentscheidung ist, sind die dort erläuterten Grundsätze auch in anderen Verfahren zu beachten. Sie wird also eine Entscheidung sein, auf die sich Betroffene beziehen können, solange das erforderlich ist, weil sie Cannabis nicht zu Lastender GKV verordnet bekommen können. Insofern wird die aktuelle Entscheidung des BfArM vermutlich die Weiterentwicklung, Beratung und Verabschiedung des Gesetzentwurfes von Bundesgesundheitsminister Gröhe befördern.
Das Deutsche Ärzteblatt unterstreicht in seinem Titel eines Artikels über das geplante Gesetz der Bundesregierung seinen Kern. Zukünftig werden Ärzte und nicht eine Behörde darüber entscheiden, ob Patienten mit Cannabisblüten behandelt werden sollen oder nicht. Das ist wichtig, auch wenn die zuständige Behörde ihre Arbeit gut gemacht hat.
Patienten, die von ihrem Arzt aus medizinischen Gründen Cannabis verordnet bekommen, sollten bei der Anwendung des Rezepturarzneimittels „nicht im Stich gelassen werden“. Sie brauchten eine eindeutige Gebrauchsanweisung auf dem Rezept inklusive der notwendigen Hilfsmittel. Das forderte Andreas Kiefer, Präsident der Bundes¬apothekerkammer (BAK), gestern bei einem Symposium der BAK zum Thema „Cannabis als Arzneimittel – Fakten und Herausforderungen“ in Berlin.
Hintergrund ist der Kabinettsgesetzentwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium(BMG) mit dem die Verkehrs- und Verschreibungsfähigkeit von weiteren Arzneimitteln auf Cannabisbasis sowie Medizinalhanf (Cannabisblüten und -extrakte) hergestellt werden soll („Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“). Patienten soll damit nach ärztlicher Indikation der Zugang zu Cannabis in pharmazeu¬tischer Qualität oder Rezepturarzneimitteln mit Dronabinol (teilsynthetisches THC) ermöglicht werden.
Eine beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) angesiedelte „Cannabisagentur“ soll sich um Anbau und Vertrieb kümmern. Darüber hinaus sieht der Gesetzentwurf vor, dass Patienten bei therapeutischer Notwendigkeit diese Arzneimittel von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstattet bekommen. Auch eine beglei¬tende anonymisierte Erhebung soll durchgeführt werden.
Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes wird im April 2017 gerechnet. Doch schon jetzt erhal¬ten die Apotheken „extrem viele Anfragen“ zu Cannabis auf Rezept, berichtete Kiefer. „Wir klären unsere Kunden dann darüber auf, dass Cannabis kein Wundermittel ist, sondern ein Element einer rationalen Pharmakotherapie sein kann.“
„Ohne Rezepturvorschriften ist keine korrekte Dosierung für den Patienten möglich“, betonte der BAK-Präsident. Das Rauchen von Cannabis als Joint sei extrem problema¬tisch, denn die Dosis, die im Blut ankommt, sei stark uneinheitlich. Möglich sei aber die Inhalation von Cannabisblüten oder -extrakten mit einem Verdampfer oder auch die perorale Gabe. Die Kommission Deutscher Arzneimittel-Codex/Neues Rezeptur-Formularium (DAC/NRF) arbeitet zurzeit an Rezepturvorschriften, die eine pharmazeu¬tisch korrekte Anwendung und Dosierung von Cannabisblüten und -extrakten ermög¬lichen. Im Juni wurde zudem gerade eine DAC-Monographie „Cannabisblüten“ ver¬öffent¬licht. Diese Monographien bündeln das pharmazeutische Wissen zu dem jeweiligen Wirkstoff.
„Schmerzpatienten wird auch jetzt kein Wundermittel vorenthalten“, sagte Michael Schäfer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft. Doch der Professor an der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Charité Campus Virchow Klinikumin Berlin, erlebt auch eine starke Zunahme an Patientenfragen nach medizinischem Cannabis. „Cannabis ist nur für Patienten geeignet, bei denen andere Medikamente keine ausreichende Linderung zeigen, die austherapiert sind“, erklärte Schäfer. Dies belegten systematische Übersichtsarbeiten, die auf die mangelnde Studienlage und Evidenz in der Anwendung von Cannabis zur Behandlung von Schmerzen, bei Spastizität, in der Palliativmedizin oder begleitend in der Krebstherapie hinweisen.
Die TAZ weist darauf hin, dass in Ländern mit einer Gesetzgebung, die die medizinische Verwendung von Cannabis erlaubt, wie beispielsweise Kanada und Israel, die Anzahl der medizinischen Cannabisnutzer in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Dies kann auch für Deutschland erwartet werden.
www.taz.de/!5315482/">Hoher Bedarf wird erwartet
Es ist noch nicht einmal beschlossen, wird aber schon detailreich diskutiert: Ab 2017 sollen Schwerkranke Cannabis zu Behandlungszwecken auf Kosten der Krankenkassen erhalten können. Das sieht ein Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) vor, der Anfang Mai vom Kabinett beschlossen worden war. Welche praktischen Herausforderungen sich daraus für Apotheker, Ärzte und Patienten ergeben, war am Dienstag Thema eines Symposiums der Bundesapothekerkammer (BAK).
Der Tagesspiegel nutzte den Aufhänger Cannabis als Medizin in der Fernsehsendung Lindenstraße, um über den aktuellen Gesetzentwurf zu berichten.
Das pharmazeutische Unternehmen Bionorica, das in Deutschland Dronabinol herstellt und verkauft, wird in einem Artikel der Ärztezeitung ausführlich zum geplanten Gesetz der Bundesregierung zitiert.
Das Unternehmen behauptet, dass der überwiegende Teil des medizinischen Cannabis in den USA „eher dem Freizeitkonsum zuzurechnen ist“. Zudem seien in Deutschland die „durchschnittlichen Therapiekosten von Dronabinol mehr als die Hälfte günstiger“ als die Versorgung mit Cannabisblüten.
„Solche Äußerungen sind wenig hilfreich. Die Diffamierung von Patienten, die in den USA Cannabisblüten aus medizinischen Gründen verwenden, als Freizeitkonsumenten ist unsachlich“, erklärt Dr. Franjo Grotenhermen. „Die Situation in verschiedenen Staaten der USA ist unterschiedlich. Zum Teil sind die Gesetze sehr restriktiv. Kalifornische Verhältnisse sind die Ausnahme und nicht die Regel. Eine solche Äußerung im Zusammenhang mit der deutschen Gesetzgebung ist darüber hinaus völlig verfehlt. Auch die Aussage zu den Therapiekosten zeugt von Unkenntnis von dem, was in der ärztlichen Praxis tatsächlich passiert. Das sage ich als jemand, der viel Erfahrung mit der Verschreibung von Dronabinol, Sativex und der Begleitung von Patienten mit einer Ausnahmeerlaubnis für die Verwendung von Cannabisblüten hat. Patienten, die hohe Dronabinol-Tagesdosen von 50 mg, 100 mg oder mehr benötigen, können unmöglich mit reinem Dronabinol behandelt werden, sondern benötigen aus Kostengründen Cannabisblüten. Diese überflüssigen Aussagen von Bionorica können sich für das Unternehmen nur als Bumerang erweisen.“
Hier ein einfaches Rezept zur Herstellung von Dronabinolöl: Man nehme 5 g zerkleinerte Cannabisblüten der Sorte Bedrocan mit einem THC-Gehalt von 22 %, also insgesamt 5 x 220 mg Dronabinol. Man gebe diese Blüten in 100 ml Olivenöl (oder ein anderes Speiseöl) und erhitze das Öl eine Stunde lang im kochenden Wasserbad auf 100 Grad Celsius. Danach Pflanzenteile abseien, und das Öl in eine Tropfflasche aus der Apotheke abfüllen. Man erhält damit zum Preis von etwa 80 EURo einen Cannabisextrakt mit etwa 1000 mg Dronabinol, das in der Apotheke etwa 800 EURo kosten würde.
Wenn Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) Recht behält, werden schwerkranke Patienten spätestens im Frühjahr 2017 die Möglichkeit haben, Cannabis vom Arzt auf Kassenrezept (BtM-Rezept) verordnet zu bekommen. Denn spätestens zu diesem Zeitpunkt, hat Gröhe jedenfalls im Mai postuliert, wird das Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften in Kraft treten.
Mehrere Beiträge der vergangenen zwei Wochen berichteten über ein Symposium der Bundesapothekerkammer zum geplanten Gesetz.
Patienten, die aus medizinischen Gründen Cannabis brauchen, dürfen bei der Anwendung des Arzneimittels nicht im Stich gelassen werden. Das ist eine zentrale Botschaft des Symposiums "Cannabis als Arzneimittel - Fakten und Herausforderungen", das die Bundesapothekerkammer heute in Berlin veranstaltet hat. "Wenn Cannabis von Ärzten verordnet und von Apothekern als Rezepturarzneimittel abgegeben wird, dann brauchen die Patienten auch eine eindeutige Gebrauchsanweisung inklusive der notwendigen Hilfsmittel", sagte Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer.
"Das Rauchen von Cannabis als 'Joint' ist problematisch, denn die Dosis, die im Blut ankommt, ist nicht reproduzierbar. Dadurch macht sich jeder Patient selbst zum Versuchskaninchen, und das jedes Mal wieder. Das ist mit einer modernen und wissenschaftlich fundierten Arzneimitteltherapie unvereinbar", sagte Kiefer. Er ist auch Vorsitzender der Kommission Deutscher Arzneimittelcodex/ Neues Rezepturformularium (DAC/NRF). "Wir arbeiten an Rezepturvorschriften, die eine pharmazeutisch korrekte Anwendung und Dosierung von Cannabisblüten und -extrakten ermöglichen."
Die Bundesapothekerkammer macht Vorschläge zur Einnahme von Cannabisprodukten, die zum Teil eher auf theoretischen Überlegungen als auf praktischen Erfahrungen beruhen. Die ACM wird auf der Grundlage der Erfahrungen von Ärzten und Patienten zu gegebener Zeit ebenfalls Vorschläge machen.
Mit einer These, die in den kommenden Jahren wahrscheinlich durch Patienten und Ärzte widerlegt wird, betitelt die Deutsche Apotheker Zeitung einen Beitrag über das Symposium der Bundesapothekerkammer. Die These, nach der Cannabis etwas über den Einzelfall ist, galt in Israel und Kanada wie gegenwärtig in Deutschland nur einige Jahre, bevor das Potenzial der Pflanze und ihrer Inhaltsstoffe vollständig von der Bevölkerung und den im Gesundheitswesen Beschäftigten erkannt wurde.
Der Leiter der Bundesopiumstelle, Dr. Cremer-Schaeffer wies beim Symposion der Bundesapothekerkammer darauf hin, dass die gegenwärtige Zahl von Patienten mit einer Ausnahmeerlaubnis keine Ausnahme mehr darstelle.
Das derzeit als Kabinettsentwurf vorliegende "Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften" zielt darauf ab, Cannabis-Präparate bei "schwerwiegenden" Erkrankungen regulär verschreibungsfähig zu machen, sofern keine Alternative verfügbar ist.
Das zweimonatige Crowdfunding für die Medical Cannabis Declaration (MCD) erzielte etwa 20.000 US-Dollar. Das stellt eine gute Grundlage dar, um das Projekt weiter fortzuentwickeln. Die Forderung der MCD zielt darauf ab, dass alle Patienten, die eine Behandlung mit Cannabis benötigen, unabhängig von Wohnort bzw. Land ein Anrecht auf einen entsprechenden Zugang bekommen.
Medical Cannabis Declaration (MCD) finanziert Videos, Online-Kurse, Pressemitteilungen und eine neue Homepage in mehreren Sprachen durch Crowdfunding auf Indiegogo
Von Ärzten und Patienten gemeinsam gegründet, arbeitet die Medical Cannabis Declaration (MCD) eng mit anderen internationalen Verbänden, Fachleuten und Patientenvereinigungen zusammen, um ein weltweites Netzwerk von Fürsprechern von Cannabis als Arzneimittel aufzubauen. Der gemeinnützige Verein macht Informationen zu medizinischen Anwendungen von Cannabis frei zugänglich und tritt für das Recht von Patienten auf Zugang zu diesem Naturheilmittel ein.
MCD dankt den 130 Unterstützern für 20.000 $ Spenden und dem nova-Institut für das professionelle Management der Kampagne. Mit dem erreichten Budget wurden unmittelbar zwei Videos zu Cannabis als Medizin und sechs kostenlose Online-Kurse in mehreren Sprachen finanziert, alles Bestandteil der Bemühungen des Vereins, Cannabis als Medizin in all seinen Facetten näher zu beleuchten. Zusätzlich wurden neun Pressemitteilungen zu Themen wie „Wie wirkt Cannabis als Medizin?“, „Cannabis tötet Krebszellen ohne gesunde Zellen zu schädigen“, „Cannabis hilft bei psychischen Erkrankungen“ und „Cannabis im Einsatz gegen seltene Krankheiten“ veröffentlicht.
Alle Inhalte sind auf der Webseite des Vereins frei zugänglich. Die Crowdfunding-Kampagne lief vom 19. April bis 18. Juni; weitere Spenden sind willkommen und können direkt auf der Webseite getätigt werden. Die Gelder werden zum weiteren Ausbau der Informationskampagne zu Cannabis als Medizin sowie zum Ausbau des Kontaktnetzwerks des Vereins für medizinische Fachleute und Patienten verwendet. Medical Cannabisi Declaration
Cannabis wird erfolgreich zur Behandlung von Multiple Sklerose, Appetitlosigkeit und Übelkeit während Chemotherapie, Epilepsie, chronischen Schmerzerkrankungen, schwerer Depression, posttraumatischer Belastungsstörung oder chronischen Entzündungskrankheiten eingesetzt. Ein Ziel der Aufklärungs-Kampagne besteht darin, Patienten einen besseren Zugang zu Cannabis als Medizin zu ermöglichen. Nur etwa zehn von 200 Ländern auf dieser Welt ermöglichen ihren Bürgern eine medizinische Nutzung von Cannabis. Weitere 20 Länder haben gesetzliche Grundlagen, die Cannabis-basierte Medikamente in Sonderfällen ermöglichen und in über 150 Ländern gibt es weiterhin keinen legalen Zugang zu dieser Medizin.
Besonderer Dank gilt den Platinum-Spender der Crowdfunding-Kampagne Dr Bronner’s (USA), dem Gold-Spender MH medical hemp (Deutschland) und den Silber-Spendern Canah (Rumänien), CBDepot.eu (Slowakei), Green Snake Hemp Juice (Deutschland) und HempConsult (Deutschland).Weitere Spender sind sehr willkommen.
Der Spiegel berichtet in der neuesten Ausgabe auf vier Seiten über das ökonomische Interesse an dem Markt für medizinisches Cannabis in Deutschland. Wir können hier nur die ersten Absätze des Artikels dokumentieren.
Rechts¬an¬walt Scholz: „Es geht um eine Art Men¬schen¬recht“
Die Reifen knirschen auf dem Schotter, als Jürgen Scholz vor dem verlassenen Hof hält, der einmal seine Zukunft werden soll. „Muckelig hier, oder?“, ruft er und springt aus dem Auto, läuft durch die Scheune, an der alten Steinmauer vorbei und bleibt schließlich zwischen Wacholderbüschen und Disteln auf einem breiten Acker stehen. „Das ist es also“, sagt Scholz, atmet tief ein und breitet die Arme aus.
Es ist ein perfekter, ein abgeschiedener Ort. Auf dem Feld zur Rechten hat ein Bauer Kohl angepflanzt, zur Linken säumen Kiefern den Weg. Und wenn alles so kommt, wie es kommen soll, dann wird in einem Glashaus in der Mitte bald etwas wachsen, was in diesem Land ganz legal noch auf keinem Feld wuchs: Marihuana. Auf diesem Acker, irgendwo im Umland von Hannover, plant Scholz eine Cannabisplantage. Bei dieser ungefähren Ortsangabe muss es erst einmal bleiben. Scholz hat darum gebeten. Man wisse ja nie, sagt er. Wie die Nachbarn so ticken. Und wie der Heimatverein reagiert. An Cannabisbauern muss man sich hierzulande noch gewöhnen.
Das Interesse sei „total breit“, wie Hanflobbyisten sagen, und das gilt vor allem für die Unternehmer. Agrarexperten und Ärztekooperativen, Pharmaunternehmen und Legalisierungsaktivisten wollen in den Cannabisanbau einsteigen. Im Bundesgesundheitsministerium häufen sich die Anrufe ambitionierter Hobbyzüchter, die wissen wollen, wie viel sie denn nun für ihr Grünzeug aus liebevollem Heimanbau verlangen dürfen und wo sie die Ware abliefern können. Selten hat ein Gesetz so viele Fantasien geweckt.(…)