Source: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_19860322_freedom-liberation_ge.html
Timestamp: 2017-04-28 06:19:02
Document Index: 16526780

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 3', '§ 3', 'Art. 12', 'Art. 5']

Donum Vitae - Instruktion über die christliche Freiheit und die Befreiung
ÜBER DIE CHRISTLICHE FREIHEIT UND DIE BEFREIUNG
»Die Wahrheit macht uns frei«
1. Bewußtsein von Freiheit und Menschenwürde, verbunden mit der Bejahung der unveräußerlichen Rechte der Person und der Völker, ist eines der hauptsächlichen Kennzeichen unserer Zeit. Nun erfordert die Freiheit aber Bedingungen wirtschaftlicher, sozialer, politischer und kultureller Art, die ihre volle Ausübung ermöglichen. Die lebhafte Wahrnehmung der Hindernisse, die sie in ihrer Entfaltung behindern und die die Menschenwürde verletzen, steht am Anfang der starken Sehnsucht nach Befreiung, die unsere Welt bewegt.
Die Kirche Christi macht sich diese Sehnsucht zu eigen, wobei sie jedoch stets ihr Urteilsvermögen im Licht des Evangeliums anwendet, das aus sich selbst bereits eine Botschaft der Freiheit und der Befreiung ist. Diese Sehnsucht drückt sich ja bisweilen in Theorie und Praxis in Formen aus, die nicht immer mit der Wahrheit des Menschen übereinstimmen, wie diese sich im Licht seiner Schöpfung und Erlösung zeigt. Deshalb hat es die Kongregation für die Glaubenslehre für notwendig befunden, auf »Abweichungen und Gefahren der Abweichung, die den Glauben und das christliche Leben zerstören«,1 aufmerksam zu machen. Weit davon entfernt, überholt zu sein, erscheinen diese Warnungen immer mehr angebracht und zutreffend.
Ziel der Instruktion
2. Die Instruktion »Libertatis nuntius« über einige Aspekte der »Theologie der Befreiung« kündete bereits die Absicht der Kongregation an, ein zweites Dokument zu veröffentlichen, das die grundlegenden Elemente der christlichen Lehre über Freiheit und Befreiung klar vorstellen soll. Die vorliegende Instruktion entspricht dieser Absicht. Zwischen den beiden Dokumenten gibt es eine organische Beziehung. Sie müssen jeweils im Licht des anderen gelesen werden.
Über ihr Thema, das zur Mitte der Botschaft des Evangeliums gehört, hat sich das Lehramt der Kirche bei zahlreichen Gelegenheiten ausgesprochen.2 Das jetzige Dokument beschränkt sich darauf, die grundlegenden theoretischen und praktischen Aspekte des Themas vorzulegen. Was ihre Anwendung auf die verschiedenen örtlichen Situationen betrifft, so kommt es den Ortskirchen in Gemeinschaft untereinander und mit dem Heiligen Stuhl zu, dafür direkt Sorge zu tragen.3
Das Thema der Freiheit und Befreiung hat eine offenkundige ökumenische Bedeutung. Es gehört in der Tat zum traditionellen Erbe der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. So kann das vorliegende Dokument eine Hilfe sein für das Zeugnis und Handeln aller Jünger Christi, die berufen sind, auf die großen Herausforderungen unserer Zeit zu antworten.
Die Wahrheit, die uns befreit
3. Jesu Wort: »Die Wahrheit wird euch frei machen« (Joh 8, 32) muß in diesem Bereich jede theologische Reflexion und jede pastorale Entscheidung erleuchten und leiten.
Diese Wahrheit, die von Gott kommt, hat ihre Mitte in Jesus Christus, dem Retter der Welt.4 Von ihm, der »der Weg, die Wahrheit und das Leben« ist (Joh
14, 6), empfängt die Kirche, was sie den Menschen anbietet. Aus dem Geheimnis des menschgewordenen ewigen Wortes und Erlösers der Welt schöpft sie die Wahrheit über den Vater und seine Liebe zu uns wie die Wahrheit über den Menschen und seine Freiheit.
Durch sein Kreuz und seine Auferstehung hat Christus unsere Erlösung gewirkt, eine Befreiung in ihrem tiefsten Sinne, weil sie uns befreit hat vom radikalsten Bösen, das heißt von der Sünde und der Macht des Todes. Wenn die Kirche, von ihrem Herrn belehrt, zum Vater betet: »Erlöse uns von dem Bösen«, dann bittet sie darum, daß das Geheimnis des Heils unser tägliches Leben machtvoll durchwirke. Sie weiß, daß das erlösende Kreuz wirklich der Sitz des Lichtes und des Lebens und die Mitte der Geschichte ist. Die Liebe, die die Kirche durchglüht, drängt sie, hier die Frohe Botschaft zu verkünden und deren lebenschaffende Früchte durch die Sakramente auszuteilen. Von Christus, dem Erlöser, gehen ihr Denken und Handeln aus, wenn sie angesichts der Dramen, die die Welt zerreißen, über Bedeutung und Wege der Befreiung und der wahren Freiheit nachdenkt.
Die Wahrheit, angefangen bei der Wahrheit über die Erlösung, die zum Herzen des Glaubensgeheimnisses gehört, ist so die Wurzel und der Maßstab der Freiheit, das Fundament und die Richtschnur allen befreienden Handelns.
Die Wahrheit, Bedingung der Freiheit
4. Sich der Fülle der Wahrheit zu öffnen, ist Pflicht für das Gewissen des Menschen; er muß sie suchen und bereit sein, sie anzunehmen, wenn sie sich ihm zeigt.
Nach der Weisung Christi, unseres Herrn,5 muß die Wahrheit des Evangeliums allen Menschen verkündet werden, und diese haben ein Recht darauf, daß sie ihnen vorgelegt wird. Ihre Verkündigung in der Kraft des Geistes geschieht unter voller Achtung der Freiheit eines jeden Menschen; sie schließt jede Form von Zwang und Druck aus.6
Der Heilige Geist führt die Kirche und die Jünger Jesu Christi »in die ganze Wahrheit« ein (Joh 16, 13). Er leitet den Lauf der Zeiten und «erneuert das Antlitz der Erde« (Ps 104, 30). Er ist bei der Reifung eines Gewissens, das die Würde der menschlichen Person besser achtet, zugegen.7 Der Heilige Geist ist an der Quelle von Mut, Kühnheit und Heroismus: »Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit« (2 Kor 3, 17).
DIE SITUATION DER FREIHEIT IN DER WELT VON HEUTE
I. Errungenschaften und Bedrohungen des modernen Befreiungsprozesses
Das Erbe des Christentums
5. Indem das Evangelium Jesu Christi dem Menschen seine Eigenschaft als freie Person offenbart hat, die berufen ist, in die Gemeinschaft mit Gott einzutreten, hat es bewirkt, daß bis dahin ungeahnte Tiefen der menschlichen Freiheit bewußt geworden sind.
Das Suchen nach Freiheit und die Sehnsucht nach Befreiung, die zu den herausragenden Zeichen der Zeit der heutigen Welt gehören, haben so im Erbe des Christentums ihre erste Wurzel. Das bleibt selbst dort wahr, wo sie abirrende Formen annehmen und dazu kommen, sich der christlichen Sicht vom Menschen und seiner Bestimmung entgegenzustellen. Ohne diese Verbindung mit dem Evangelium ist die Geschichte der letzten Jahrhunderte im Westen nicht zu verstehen.
Die moderne Epoche
6. Seit dem Beginn der Neuzeit, in der Renaissance, dachte man, die Rückkehr zur Antike in Philosophie und Naturwissenschaft müsse dem Menschen erlauben, durch Kenntnis und Beherrschung der Naturgesetze die Gedanken- und Handlungsfreiheit zu erringen.
Ausgehend von seiner Auslegung der Briefe des heiligen Paulus, wollte Luther seinerseits für die Befreiung vom Joch des Gesetzes kämpfen, das in seinen Augen durch die Kirche seiner Zeit erneut auferlegt worden war.
Besonders aber zur Zeit der Aufklärung und der Französischen Revolution hallt der Ruf nach der Freiheit mit aller Macht wider. Seitdem betrachten viele die vorangehende Geschichte wie einen unwiderstehlichen Prozeß der Befreiung, der zu einer Ära führen soll, wo der Mensch, endlich vollkommen frei, das Glück dieser Erde genießen werde.
Auf dem Weg zur Beherrschung der Natur
7. In der Perspektive einer solchen Fortschrittsideologie wollte der Mensch sich zum Beherrscher der Natur machen. Die Knechtschaft, in der er bisher gelebt hatte, beruhe auf Unwissenheit und Vorurteilen. Indem der Mensch der Natur ihre Geheimnisse entriß, machte er sie sich dienstbar. Die Eroberung der Freiheit stellte so das Ziel dar, das durch die Entwicklung von Wissenschaft und Technik erstrebt wurde. Die aufgewandten Bemühungen haben zu bemerkenswerten Erfolgen geführt. Wenn der Mensch auch nicht sicher vor Naturkatastrophen ist, so sind doch manche Bedrohungen durch die Natur beseitigt worden. Die tägliche Nahrung ist für eine wachsende Zahl von Menschen gewährleistet. Die Möglichkeiten von Transport und Handel begünstigen den Austausch von Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Arbeitskräften und technischen Kapazitäten, so daß ein Leben in Würde und ohne Elend für die Menschen mit guten Gründen in den Blick genommen werden kann.
Soziale und politische Errungenschaften
8. Die moderne Befreiungsbewegung hatte sich auf ein politisches und soziales Ziel festgelegt. Es sollte die Herrschaft des Menschen über den Menschen beendigen und die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen fördern. Es ist eine unleugbare Tatsache, daß auch hier positive Ergebnisse erreicht worden sind. Legale Sklaverei und Leibeigenschaft sind abgeschafft worden. Das Recht aller auf Kultur hat bedeutende Fortschritte gemacht. In zahlreichen Ländern anerkennt das Recht die Gleichheit zwischen Mann und Frau, die Teilhabe aller Bürger an der Ausübung politischer Macht und dieselben Rechte für alle. Der Rassismus ist als Widerspruch zu Gesetz und Gerechtigkeit verworfen. Die Ausformung der Menschenrechte bedeutet ein wacheres Gewissen für die Würde aller Menschen. Im Vergleich zu früheren Herrschaftssystemen ist der Zuwachs an Freiheit und Gleichheit in zahlreichen Gesellschaften unleugbar.
Freiheit des Denkens und des Wollens
9. Schließlich und vor allem sollte die moderne Befreiungsbewegung dem Menschen die innere Freiheit in Form von Gedanken- und Willensfreiheit bringen. Sie suchte den Menschen von Aberglaube und Urängsten zu befreien, die ebenfalls als Hindernisse seiner Entwicklung angesehen wurden. Sie nahm sich vor, ihm den Mut und die Kühnheit zu geben, sich seiner Vernunft zu bedienen, ohne daß ihn Furcht an den Grenzen des Unbekannten zurückhielte. So hat sich besonders in den Geschichts- und Humanwissenschaften eine neue Erkenntnis vom Menschen entwickelt, die ihm helfen soll, besser zu verstehen, was seine personale Entfaltung oder die grundlegenden Bedingungen für die Gestaltung des Gemeinwesens betrifft.
Zweideutigkeiten des modernen Befreiungsprozesses
10. Jeder kann feststellen, daß bei der Eroberung der Natur, bei den Errungenschaften des sozialen und politischen Lebens oder bei der Herrschaft des Menschen über sich selbst auf individueller wie kollektiver Ebene die verwirklichten Fortschritte nicht nur von den ehrgeizigen Zielen des Anfangs weit entfernt sind, sondern daß sogar neue Bedrohungen, neue Knechtschaften und neue Schrecken zur gleichen Zeit entstanden sind, da sich die moderne Befreiungsbewegung ausgebreitet hat. Es zeigt sich hier, daß tiefe Zweideutigkeiten über den Sinn der Freiheit selbst diese Bewegung seit Beginn von innen her gestört haben.
Der Mensch, bedroht durch seine Beherrschung der Natur 11. In dem Maße, wie sich der Mensch von den Bedrohungen der Natur befreite, erfuhr er eine wachsende Angst vor sich selbst. Indem sich die Technik immer mehr die Natur unterwirft, droht sie, die Grundlagen unserer eigenen Zukunft zu zerstören, so daß die Menschheit von heute zum Feind künftiger Generationen wird. Ist man nicht dabei, die Freiheit der Menschen von morgen zu zerstören, indem man die Kräfte der Natur mit blinder Gewalt zähmt? Welche Kräfte können den Menschen vor der Versklavung durch seine eigene Herrschaft schützen? Eine ganz neue Befähigung für Freiheit und Befreiung, die einen gänzlich neuen Prozeß der Befreiung erfordert, wird notwendig.
Gefahren der technologischen Macht
12. Die befreiende Kraft wissenschaftlicher Erkenntnisse nimmt Gestalt an in großen technischen Leistungen. Wer über Technologie verfügt, besitzt Macht über Erde und Menschen. Von dort her sind bis jetzt unbekannte Formen der Ungleichheit zwischen den Besitzern des Wissens und den einfachen Benutzern der Technik entstanden. Die neue technologische Macht ist mit der wirtschaftlichen Macht verbündet und trägt zu deren Konzentration bei. Im Innern der Völker wie zwischen den Völkern haben sich so Abhängigkeiten gebildet, die in den letzten zwanzig Jahren Anlaß für eine neue Forderung nach Befreiung gewesen sind. Wie kann man verhindern, daß technologische Macht zu einer Macht wird, die einzelne Gruppen von Menschen oder ganze Völker unterdrückt?
13. Was die sozialen und politischen Errungenschaften betrifft, so hängt eine der grundlegenden Zweideutigkeiten der Behauptung der Freiheit in der Zeit der Aufklärung mit der Auffassung vom Subjekt dieser Freiheit als einem Individuum zusammen, das sich selbst genügt und als Ziel die Befriedigung seines eigenen Interesses im Genuß der irdischen Güter hat. Die individualistische Ideologie, die von dieser Sicht des Menschen inspiriert war, hat die ungleiche Verteilung der Reichtümer zu Beginn des industriellen Zeitalters so sehr begünstigt, daß sich die Arbeiter vom Zugang zu den grundlegenden Gütern ausgeschlossen fanden, zu deren Produktion sie beigetragen und auf die sie ein Anrecht hatten. Machtvolle Bewegungen der Befreiung vom Elend, das die industrielle Gesellschaft enthielt, sind von hier ausgegangen.
Es hat nicht gefehlt an Christen, Laien und Priestern, die für eine gerechte Anerkennung der legitimen Rechte der Arbeiter gekämpft haben. Das Lehramt der Kirche hat wiederholt seine Stimme zugunsten dieses Anliegens erhoben.
Allzu oft aber hat der gerechte Anspruch der Arbeiterbewegung zu neuen Versklavungen geführt; denn sie inspirierte sich an Auffassungen, welche die transzendente Berufung der menschlichen Person verkannten und darum dem Menschen ein rein innerweltliches Ziel zuwiesen. Sie hat sich bisweilen an kollektivistischen Plänen orientiert, die ebenso schwere Ungerechtigkeiten erzeugen mußten, wie jene es waren, denen sie ein Ende zu setzen suchten.
Neue Formen der Unterdrückung 14. So hat unsere Epoche totalitäre Systeme und Formen der Tyrannei entstehen sehen, die in der Zeit vor dem technischen Aufschwung nicht möglich gewesen wären. Einerseits ist die technische Perfektion schon zum Völkermord verwendet worden, andererseits möchten Minoritäten durch die Anwendung des Terrorismus, der den Tod zahlreicher Unschuldiger verursacht, ganze Völker zu Fall bringen.
Heutzutage vermag die Kontrolle bis in das Innere der Einzelnen vorzudringen; und selbst die Abhängigkeiten, die durch die Fürsorgesysteme geschaffen werden, können Gefahren möglicher Unterdrückung darstellen. Eine falsche Befreiung von den Zwängen der Gesellschaft wird in der Hinwendung zur Droge gesucht, die viele Jugendliche in aller Welt in die Selbstzerstörung führt und ganze Familien in Angst und Schmerz versetzt.
Gefahr der totalen Zerstörung
15. Die Anerkennung einer Rechtsordnung als Garantie der Beziehungen innerhalb der großen Völkerfamilie wird immer schwächer. Wenn das Vertrauen in das Recht keinen hinreichenden Schutz mehr zu bieten scheint, sucht man Sicherheit und Frieden in wechselseitiger Bedrohung, die dann eine Gefahr wird für die ganze Menschheit. Die Kräfte, die der Entwicklung der Freiheit dienen müßten, führen so zu vermehrter Bedrohung. Die Todesmaschinen, die sich heute gegenüberstehen, sind in der Lage, alles menschliche Leben auf der Erde zu vernichten.
Neue Verhältnisse der Ungleichheit
16. Zwischen den Nationen, die Macht besitzen, und denen, die machtlos sind, sind neue Beziehungen der Ungleichheit und Unterdrückung entstanden. Das Verfolgen eigener Interessen scheint die Regel der internationalen Beziehungen zu sein, ohne daß man das Gemeinwohl der Menschheit in Betracht zieht.
Das innere Gleichgewicht der armen Nationen ist durch den Waffenimport zerbrochen, was bei ihnen zu einem Faktor der Entzweiung wird, der zur Herrschaft der einen Gruppe über die andere führt. Welche Kräfte könnten nun noch den systematischen Rückgriff auf Waffen verhindern und dem Recht seine Autorität zurückgeben?
Emanzipation der jungen Nationen
17. Im Zusammenhang solcher ungleicher Machtverhältnisse sind die Emanzipationsbewegungen der jungen und im allgemeinen armen Nationen, die bis vor kurzem noch unter kolonialer Herrschaft lebten, entstanden. Aber allzu oft wird das Volk von skrupellosen Regimen oder Tyranneien, die ungestraft die Menschenrechte verhöhnen, um seine mühsam errungene Unabhängigkeit gebracht. Das Volk, das man so zur Ohnmacht verdammt hat, wechselt lediglich seine Herren.
Es bleibt jedoch die Tatsache, daß eine der wichtigsten Erscheinungen unserer Zeit auf der Ebene ganzer Kontinente das erwachende Bewußtsein der Völker darstellt, die, gebeugt unter der Last jahrhundertelangen Elends, ein Leben in Würde und Gerechtigkeit ersehnen und bereit sind, für ihre Freiheit zu kämpfen.
Gott und die Moral, Hindernisse für die Befreiung
18. Bezüglich der modernen Bewegung der inneren Befreiung des Menschen muß man feststellen, daß das Bemühen, Verstand und Willen von ihren Beschränkungen zu befreien, bei einigen zur Meinung geführt hat, die Moral als solche stelle eine irrationale Beschränkung dar, die der Mensch, der entschlossen ist, sein eigener Herr zu werden, überwinden müsse.
Ja, für viele ist Gott selbst sogar die typische Entfremdung des Menschen. Zwischen der Bejahung Gottes und der menschlichen Freiheit gebe es eine grundsätzliche Unvereinbarkeit. Durch die Zurückweisung des Glaubens an Gott werde der Mensch erst wirklich frei.
Beängstigende Fragen
19. Hier liegt die Wurzel der Tragödien, die die moderne Geschichte der Freiheit begleiten. Warum kennt diese Geschichte, trotz ihrer großen Errungenschaften, die indes stets anfällig bleiben, so häufige Rückfälle in die Entfremdung, und warum sieht sie neue Abhängigkeiten entstehen? Warum enden Freiheitsbewegungen, die ungeheure Hoffnungen geweckt haben, in Regimen, für die die bürgerlichen Freiheiten,8 angefangen bei der ersten dieser Freiheiten, der Religionsfreiheit,9 den Hauptfeind darstellen?
Wenn sich der Mensch vom Sittengesetz befreien und von Gott unabhängig werden will, ist er weit davon entfernt, seine Freiheit zu gewinnen, vielmehr zerstört er sie. Wenn er dem Maßstab der Wahrheit entflieht, wird er zur Beute der Willkür; die brüderlichen Beziehungen unter den Menschen werden dann beseitigt, um dem Terror, dem Haß und der Angst Platz zu machen.
Weil die tiefgehende moderne Freiheitsbewegung mit verhängnisvollen Irrtümern über die Beschaffenheit des Menschen und seine Freiheit behaftet ist, bleibt sie zweideutig. Sie ist zugleich voller Verheißungen wahrer Freiheit und voller Drohungen tödlicher Knechtschaft.
II. Die Freiheit in der Erfahrung des Volkes Gottes
Kirche und Freiheit
20. Weil die Kirche diese verhängnisvolle Zweideutigkeit erkannte, hat sie durch ihr Lehramt im Verlauf der letzten Jahrhunderte ihre Stimme erhoben, um vor den Irrtümern zu warnen, durch die die Freiheitsbegeisterung Gefahr lief, zur bitteren Enttäuschung zu werden. Sie wurde zu jenem Zeitpunkt oft nicht verstanden. In zeitlichem Abstand ist es jetzt möglich, ihrer Beurteilung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Im Namen der Wahrheit vom Menschen, geschaffen als Gottes Ebenbild, hat sich die Kirche zu Wort gemeldet.10 Trotzdem klagt man sie an, durch sich selbst ein Hindernis auf dem Weg der Befreiung darzustellen. Ihr hierarchischer Aufbau stehe im Gegensatz zur Gleichheit; ihr Lehramt widerspreche der Freiheit des Denkens. Gewiß hat es Irrtümer in der Beurteilung oder schwerwiegende Unterlassungen gegeben, für die die Christen im Laufe der Jahrhunderte verantwortlich gewesen sind.11 Solche Einwände aber mißverstehen die wahre Natur der Dinge. Die Verschiedenheit der Charismen im Volke Gottes, die zum Dienst bestimmt sind, widerspricht durchaus nicht der gleichen Würde der Personen und ihrer gemeinsamen Berufung zur Heiligkeit.
Die Freiheit des Denkens als Bedingung für die Suche nach der Wahrheit in allen Bereichen des menschlichen Wissens bedeutet nicht, daß sich der menschliche Verstand dem Licht der göttlichen Offenbarung verschließen muß, deren Glaubensschatz Christus seiner Kirche anvertraut hat. Indem sich der geschaffene Verstand der göttlichen Wahrheit öffnet, erreicht er eine Blüte und Vollkommenheit, die eine überragende Form von Freiheit darstellen. Im übrigen hat das Zweite Vatikanische Konzil die berechtigte Autonomie der Wissenschaften12
wie auch des Handelns im politischen Raum13 voll anerkannt.
Die Freiheit der Kleinen und Armen
21. Einer der Hauptirrtümer, der seit der Zeit der Aufklärung den Befreiungsprozeß schwer belastet hat, hängt mit der weitverbreiteten Überzeugung zusammen, daß es die auf dem Gebiet der Wissenschaften, der Technik und der Wirtschaft erreichten Fortschritte seien, die als Grundlage für die Erringung der Freiheit dienen müßten. Dadurch verstand man nicht die Tiefendimension dieser Freiheit und ihrer Anforderungen.
Diese Wirklichkeit der Freiheit in ihrer ganzen Tiefe hat die Kirche immer erlebt, vor allem durch das Leben einer Gruppe von Gläubigen, besonders unter den Kleinen und Armen. Diese wissen in ihrem Glauben, daß sie Gegenstand der unendlichen Liebe Gottes sind. Jeder von ihnen kann sagen: »Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat« (Gal
2, 20b). Das ist ihre Würde, die kein Mächtiger ihnen rauben kann; das ist die in ihnen lebende befreiende Freude. Sie wissen, daß ihnen in gleicher Weise das Wort Jesu gilt: »Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe« (Joh 15, 15). Diese Teilhabe am Wissen Gottes ist ihre Emanzipation gegenüber den Herrschaftsansprüchen der Inhaber des Wissens: »Ihr alle besitzt das Wissen..., und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen« (1 Joh 2, 20b. 27b). So sind sie sich bewußt, Anteil zu haben an der höchsten Erkenntnis, zu der die Menschheit berufen ist.14 Sie wissen sich von Gott geliebt wie alle anderen und noch mehr als alle anderen. So leben sie in der Freiheit, die aus der Wahrheit und aus der Liebe kommt.
Schätze der Volksfrömmigkeit
22. Derselbe Glaubenssinn des Volkes Gottes, das in Verehrung und voller Hoffnung auf das Kreuz Jesu schaut, erkennt zugleich die Kraft, die im Geheimnis Christi, des Erlösers, enthalten ist. Man darf also die Formen, die die Volksfrömmigkeit annimmt, keineswegs geringschätzen oder sogar beseitigen wollen; im Gegenteil, man muß ihre ganze Bedeutung und alle ihre Aspekte aufzeigen und vertiefen.15 Hier liegt eine Tatsache von grundlegender theologischer und pastoraler Tragweite: Die Armen, die Gegenstand der besonderen Liebe Gottes sind, verstehen am besten und gleichsam instinktiv, daß die tiefste Befreiung, nämlich die von Sünde und Tod, durch das Sterben und Auferstehen Christi bewirkt wird.
Soteriologische und ethische Dimension der Befreiung
23. Die Macht dieser Befreiung durchdringt und verwandelt tief den Menschen und seine Geschichte in ihrer aktuellen Gegenwart und gibt ihm Lebenskraft für seine endgültige Zukunft. Der erste und grundlegende Sinn von Befreiung, der sich so zeigt, ist soteriologisch: Der Mensch ist befreit von der radikalen Versklavung durch das Böse und die Sünde.
In dieser Erfahrung des Heils entdeckt der Mensch den wahren Sinn seiner Freiheit, da doch Befreiung die Wiederherstellung der Freiheit ist. Sie ist auch Erziehung zur Freiheit, das heißt Erziehung zum richtigen Gebrauch der Freiheit. So kommt zur soteriologischen Dimension der Befreiung deren ethische Dimension hinzu.
Eine neue Phase der Freiheitsgeschichte
24. Der Glaubenssinn, der am Anfang einer tiefen Erfahrung von Befreiung und Freiheit steht, hat in unterschiedlichem Maße Kultur und Sitten der christlichen Völker geprägt.
Heutzutage aber ist es aufgrund der erschreckenden Herausforderungen, denen die Menschheit sich stellen muß, in einer ganz neuen Weise notwendig und dringend geworden, daß die Liebe Gottes und die Freiheit in Wahrheit und Gerechtigkeit die Beziehungen zwischen den Menschen und Völkern prägen und das Leben der Kulturen beseelen.
Denn wo die Wahrheit und die Liebe fehlen, endet der Befreiungsprozeß im Tod einer Freiheit, die jede Stütze verloren hat.
Eine neue Phase der Freiheitsgeschichte eröffnet sich vor unseren Augen. Die befreienden Möglichkeiten der Wissenschaft und der Technik, der Arbeit und der Wirtschaft sowie der Politik werden nur dann ihre Früchte bringen, wenn sie ihre Inspiration und ihren Maßstab aus der von Jesus Christus den Menschen geoffenbarten Wahrheit und Liebe nehmen, die stärker ist als das Leid.
Die Berufung des Menschen zur Freiheit und das Drama der Sünde
I. Erste Zugänge zur Freiheit
Eine spontane Antwort
25. Die spontane Antwort auf die Frage: »Was bedeutet es, frei zu sein?« lautet so: Frei ist derjenige, der nur das zu tun braucht, was er will, ohne durch äußeren Zwang daran gehindert zu sein, der sich also voller Unabhängigkeit erfreut. Das Gegenteil von Freiheit wäre also die Abhängigkeit unseres Willens von einem fremdem Willen. Aber weiß der Mensch immer, was er will? Kann er alles, was er will? Entspricht es der Natur des Menschen, sich auf das eigene Ich zu beschränken und sich vom Willen des anderen abzusondern? Oft ist das Wollen des Augenblicks nicht das wirkliche Wollen. Und im selben Menschen können einander widersprechende Willensakte vorkommen. Vor allem aber stößt der Mensch an die Grenzen seiner Natur: Er will mehr als er kann. Daher kommt das Hindernis, das sich seinem Willen entgegenstellt, nicht immer von außen, sondern auch von den Grenzens seines Seins her. Darum muß der Mensch lernen, den Willen mit seiner Natur in Einklang zu bringen; sonst läuft er Gefahr, sich zu zerstören.
Wahrheit und Gerechtigkeit, Kriterien für die Freiheit
26. Ferner ist jeder Mensch auf die anderen Menschen hingeordnet und bedarf ihrer Gemeinschaft. Nur indem er lernt, seinen Willen mit dem der anderen auf einen echten Wert hin zu vereinen, lernt er die rechte Ausrichtung seines Wollens. Die Übereinstimmung mit den Forderungen der Menschennatur läßt also den Willen selbst menschlich werden. Tatsächlich erfordert dieser das Kriterium der Wahrheit und eine richtige Beziehung zum Willen des anderen. Wahrheit und Gerechtigkeit sind also das Maß der echten Freiheit. Wenn sich der Mensch von diesem Fundament entfernt und sich selbst für Gott hält, verfällt er der Lüge und zerstört sich, anstatt sich zu verwirklichen.
Die Freiheit verwirklicht sich nicht in einer völligen Autarkie des eigenen Ichs und ohne Bezug auf die anderen; sie existiert wahrhaft nur dort, wo gegenseitige Bindungen, die von Wahrheit und Gerechtigkeit bestimmt sind, die Personen vereinen. Damit aber solche Bindungen möglich sind, muß jeder auch persönlich wahr sein.
Die Freiheit besteht nicht darin, etwas frei zu tun, gleich was es sei; sie ist Freiheit zum Guten, und nur darin liegt das Glück. Das Gute ist also ihr Ziel. Folglich wird der Mensch in dem Maße frei, wie er zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt und wie diese Erkenntnis - und nicht irgendwelche andere Kräfte - seinen Willen leitet. Die Befreiung zu einer Erkenntnis der Wahrheit, die allein den Willen führt, ist notwendige Bedingung für eine Freiheit, die diesen Namen verdient.
II. Freiheit und Befreiung
Geschöpfliche Freiheit
27. Mit anderen Worten, die Freiheit, die ihre eigenen Akte von innen her beherrscht und selbst bestimmt, hat eine unmittelbare Beziehung zur ethischen Ordnung. Sie findet ihren wahren Sinn in der Wahl des sittlich Guten. Sie erscheint somit als eine Befreiung gegenüber dem sittlich Bösen.
Durch sein freies Handeln muß der Mensch über die Güter, die mit den Forderungen seiner Natur und seiner göttlichen Berufung im Einklang stehen, nach dem höchsten Gut streben.
Indem er seine Freiheit gebraucht, entscheidet er über sich selbst und bildet sich selbst. In diesem Sinn ist der Mensch seine eigene Ursache. Aber er ist es als Geschöpf und Abbild Gottes. Dies ist die Wahrheit seines Seins, die im Gegensatz dazu zeigt, wie sehr die Theorien irren, die die Freiheit des Menschen oder seine »geschichtliche Praxis« herauszustellen glauben, wenn sie diese zum absoluten Prinzip seines Seins und Werdens machen. Diese Theorien sind Ausdruck des Atheismus oder tendieren in ihrer inneren Logik zum Atheismus. Der Indifferentismus und der fest entschlossene Agnostizismus gehen in dieselbe Richtung. Es ist das Abbild Gottes im Menschen, das die Freiheit und die Würde der menschlichen Person begründet.16
Der Appell des Schöpfers
28. Indem Gott den Menschen frei geschaffen hat, hat er ihm sein Bild und Gleichnis eingeprägt.17 Der Mensch vernimmt den Anruf seines Schöpfers in der Neigung und Sehnsucht seiner Natur nach dem Guten und noch deutlicher im Wort der Offenbarung, das auf vollkommene Weise in Christus verkündet worden ist. Es ist ihm somit geoffenbart, daß Gott ihn frei geschaffen hat, damit er durch die Gnade in Freundschaft mit ihm treten und an seinem Leben teilnehmen kann.
Teilhabe an einer Freiheit
29. Der Mensch hat seinen Ursprung nicht in seinem eigenen individuellen oder kollektiven Handeln, sondern in der Gabe Gottes, der ihn erschaffen hat. Das ist der erste Satz unseres Glaubensbekenntnisses, der von den höchsten Einsichten des menschlichen Geistes bekräftigt wird.
Die Freiheit des Menschen ist eine Freiheit der Teilhabe. Seine Fähigkeit, sich zu verwirklichen, wird durch seine Abhängigkeit von Gott keineswegs unterdrückt. Es ist gerade die Eigentümlichkeit des Atheismus, an einen unversöhnlichen Gegensatz zwischen der Ursächlichkeit einer göttlichen Freiheit und jener der Freiheit des Menschen zu glauben, als ob die Bejahung Gottes die Verneinung des Menschen bedeuten würde oder sein Eingreifen in die Geschichte die eigenen Bemühungen des Menschen zunichte machte. In Wirklichkeit ist es Gott und die Beziehung zu ihm, die der menschlichen Freiheit Sinn und Bestand geben.
Die freie Wahl des Menschen
30. Die Geschichte des Menschen entwickelt sich auf der Grundlage der Natur, die er von Gott empfangen hat, in der freien Verwirklichung der Ziele, auf die ihn die Neigungen seiner Natur und der göttlichen Gnade ausrichten und hinführen.
Aber die Freiheit des Menschen ist begrenzt und dem Irrtum unterworfen. Sein Verlangen kann sich auf ein Scheingut richten: Wenn er ein falsches Gut wählt, verfehlt er sich gegen die Berufung seiner Freiheit. Der Mensch verfügt durch seinen freien Willen über sich selbst: Er kann dies im positiven oder im zerstörerischen Sinn tun.
Wenn der Mensch dem göttlichen Gesetz gehorcht, das in sein Gewissen eingeprägt ist und unter Antrieb des Heiligen Geistes angenommen wird, übt er die wahre Herrschaft über sich aus und verwirklicht so seine königliche Berufung als Kind Gottes. »Indem er Gott dient, herrscht er«.18 Die wahre Freiheit ist »Dienst an der Gerechtigkeit«, während im Gegenteil die Wahl des Ungehorsams und des Bösen »Knechtschaft der Sünde« ist.19
Zeitliche Befreiung und Freiheit
31. Geht man von diesem Begriff der Freiheit aus, wird auch die Bedeutung des Begriffs von der irdischen Befreiung deutlicher: Es handelt sich hierbei um die Gesamtheit der Vorgänge, die darauf abzielen, die Bedingungen zu schaffen und zu garantieren, welche für die Verwirklichung einer wahrhaft menschlichen Freiheit erforderlich sind. Es ist also nicht die Befreiung, die durch sich selbst die Freiheit des Menschen bewirkt. Die Allgemeinheit, bestärkt auch durch die christliche Erfahrung, weiß, daß die Freiheit selbst unter einschränkenden Bedingungen nicht völlig ausgelöscht wird. Menschen, die schreckliche Zwangsmaßnahmen erdulden mußten, haben es dennoch vermocht, ihre Freiheit zu bekunden und zu ihrer Befreiung aufzubrechen. Ein erfolgreicher Befreiungsprozeß kann nur bessere Bedingungen für einen tatsächlichen Gebrauch der Freiheit schaffen. Dagegen ist eine Befreiung, die der persönlichen Freiheit derer, die für sie kämpfen, keine Rechnung trägt, schon im voraus zum Scheitern verurteilt.
III. Die Freiheit und die menschliche Gesellschaft
Die Menschenrechte und die »Freiheiten«
32. Gott hat den Menschen nicht als »einsames Wesen« geschaffen, sondern hat ihn als ein »soziales Wesen« gewollt.20 Das gesellschaftliche Leben ist deshalb dem Menschen nicht äußerlich: Er kann nur in Verbindung mit anderen wachsen und seine Berufung verwirklichen. Der Mensch gehört zu verschiedenen Gemeinschaften: der familiären, beruflichen und politischen Gemeinschaft; in ihrer Mitte muß er seine Freiheit verantwortungsvoll ausüben. Eine gerechte Sozialordnung bietet dem Menschen eine unersetzliche Hilfe für die Verwirklichung seiner freien Persönlichkeit. Dagegen ist eine ungerechte Sozialordnung eine Bedrohung und ein Hindernis, die sein Schicksal beeinträchtigen können.
Im sozialen Bereich bekundet und verwirklicht sich die Freiheit in Handlungen, Strukturen und Einrichtungen, dank deren die Menschen miteinander verkehren und ihr gemeinsames Leben gestalten. Die Entfaltung einer freien Persönlichkeit, die für jeden eine Pflicht und ein Recht ist, muß durch die Gesellschaft gefördert und darf von ihr nicht behindert werden.
Es geht hierbei um eine Forderung sittlicher Natur, die in der Aufstellung der
Menschenrechte ihren Ausdruck gefunden hat. Einige von ihnen haben zum Gegenstand, was man gemeinhin »die Freiheiten« nennt, das heißt bestimmte Weisen, jedem menschlichen Wesen seinen Charakter als Person zuzuerkennen, die für sich selbst und ihre transzendente Bestimmung verantwortlich ist, sowie die Unverletzlichkeit seines Gewissens.21
Soziale Dimensionen des Menschen und Herrlichkeit Gottes
33. Die soziale Dimension des Menschen hat noch eine andere Bedeutung: Nur die Vielfalt und die reiche Verschiedenheit der Menschen können etwas vom unendlichen Reichtum Gottes zum Ausdruck bringen. Schließlich ist diese Dimension dazu bestimmt, ihre volle Entfaltung im Leib Christi zu finden, der die Kirche ist. Aus diesem Grund bietet das gesellschaftliche Leben, in der Vielfalt seiner Formen und in dem Maß, wie es mit dem göttlichen Gesetz im Einklang steht, einen Widerschein der Herrlichkeit Gottes in der Welt.22
IV. Freiheit des Menschen und Beherrschung der Natur
Berufung des Menschen, die Natur zu »beherrschen«
34. Durch seine leibliche Dimension bedarf der Mensch für seine volle persönliche und gesellschaftliche Entfaltung der Kraftquellen der materiellen Welt. In dieser Berufung, die Erde zu beherrschen, indem er sie durch die Arbeit sich zu Diensten macht, kann man einen Zug vom Abbild Gottes erkennen.23 Doch ist das menschliche Handeln nicht »kreativ«; es findet eine materielle Natur vor, die wie dieses selbst in Gott, dem Schöpfer, ihren Ursprung hat und über die der Mensch zum »besonnenen und weisen Hüter«24 bestellt worden ist.
Der Mensch, Herr seines Tuns
35. Die technischen und wirtschaftlichen Veränderungen haben ihre Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben; zugleich beeinflussen sie in gewissem Maße auch das kulturelle und sogar das religiöse Leben. Indes bleibt der Mensch durch seine Freiheit Herr seines Handelns. Die großen und schnellen Umwandlungen in unserer heutigen Epoche stellen für ihn eine dramatische Herausforderung dar: nämlich durch seine Vernunft und Freiheit jene Kräfte zu beherrschen und zu kontrollieren, die er für die Verwirklichung der wahren menschlichen Ziele einsetzt.
Wissenschaftliche Entdeckungen und sittlicher Fortschritt
36. Es gehört also zum guten Gebrauch der Freiheit, dafür zu sorgen, daß die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, die Erforschung ihrer Anwendung, die Früchte der Arbeit und sogar die Strukturen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationen nicht Plänen untergeordnet werden, die sie ihrer menschlichen Zielsetzungen berauben und gegen den Menschen selber richten.
Wissenschaft und Technik stellen je für sich besondere Anforderungen. Sie erreichen indes ihre wahrhaft menschliche Bedeutung und ihren echt menschlichen Wert nur dadurch, daß sie den moralischen Prinzipien untergeordnet werden. Diese Forderungen müssen beachtet werden; ihnen aber eine absolute und maßgebliche Autonomie beimessen zu wollen, besagt, sich auf einen für die wahre Freiheit des Menschen gefährlichen Weg zu begeben.
V. Die Sünde, Quelle der Spaltung und der Unterdrückung
Die Sünde, Trennung von Gott
37. Gott ruft den Menschen zur Freiheit. Und dennoch führt dieser Wille fast immer zu Knechtschaft und Unterdrückung. Jeder Einsatz für die Befreiung und die Freiheit setzt voraus, daß man diesen dramatischen Widerspruch besonders aufgreift.
Die Sünde des Menschen, das heißt sein Bruch mit Gott, ist der entscheidende Grund für die Tragödien, die die Geschichte der Freiheit kennzeichnen. Um sie zu verstehen, müssen viele unserer Mitmenschen zuerst das Gespür für die Sünde wieder neu entdecken.
Im Freiheitswillen des Menschen verbirgt sich die Versuchung, seine eigene Natur zu verleugnen. Indem er alles wollen und können und somit vergessen möchte, daß er begrenzt ist und geschaffen, trachtet er danach, ein Gott zu sein. »Ihr werdet sein wie Gott« (Gen 3, 5). Diese Worte der Schlange offenbaren das Wesen der Versuchung des Menschen; sie schließt eine Verkehrung des Sinns seiner eigenen Freiheit ein. So geartet ist die tiefe Natur der Sünde: Der Mensch reißt sich von der Wahrheit los, indem er ihr seinen Willen überordnet. Dadurch daß er sich von Gott befreien und selbst Gott sein möchte, irrt er und zerstört er sich. Er entfremdet sich von sich selbst.
In diesem Willen, wie Gott zu sein und alles seinem eigenen Belieben zu unterstellen, verbirgt sich eine Verkehrung der Idee Gottes selbst. Gott ist Liebe und Wahrheit in der Fülle des sich gegenseitigen Schenkens der göttlichen Personen. Der Mensch ist dazu berufen, wie Gott zu sein, das ist wahr. Indes ist er Gott ähnlich nicht im willkürlichen Belieben, sondern in dem Maß, wie er anerkennt, daß Wahrheit und Liebe zugleich Ursprung und Ziel seiner Freiheit sind.
Die Sünde, Wurzel menschlicher Entfremdungen
38. Wenn der Mensch sündigt, belügt er sich selbst und entfernt sich von seiner Wahrheit. Wenn er die totale Autonomie und Unabhängigkeit sucht, leugnet er Gott und sich selbst. Die Entfremdung in der Beziehung zu seinem kreatürlichen Sein, das von Gott geliebt wird, ist die Wurzel aller anderen Entfremdungen.
Indem der Mensch Gott, seinen Ursprung und sein Ziel, leugnet oder zu leugnen versucht, verändert er zutiefst seine Ordnung und sein inneres Gleichgewicht und zugleich auch jene der Gesellschaft und sogar der sichtbaren Schöpfung.25
In diesem Zusammenhang mit der Sünde betrachtet die Heilige Schrift die Gesamtheit der Mißgeschicke, die den Menschen in seinem individuellen und gesellschaftlichen Leben treffen.
Sie zeigt, daß der ganze Lauf der Geschichte in einer geheimnisvollen Verbindung mit dem Handeln des Menschen steht, der von Anfang an seine Freiheit mißbraucht hat, indem er sich gegen Gott stellte und seine Ziele außerhalb von ihm zu erreichen suchte.26 In der Mühsal, die in Arbeit und Mutterschaft liegt, in der Herrschaft des Mannes über die Frau und im Tod zeigt die Genesis die Folgen dieser Ursünde auf. Die Menschen, die der göttlichen Gnade beraubt sind, haben somit eine gemeinsame sterbliche Natur geerbt, die unfähig ist, sich auf das Gute fest auszurichten, und die zur Begierde neigt.27
Götzendienst und Verwirrung
39. Der Götzendienst ist eine extreme Form der durch die Sünde verursachten Unordnung. Die Anbetung des lebendigen Gottes durch den Kult des Geschöpfes zu ersetzen, verfälscht die Beziehungen der Menschen untereinander und zieht verschiedene Formen der Unterdrückung nach sich.
Die schuldhafte Verleugnung Gottes entfesselt die Leidenschaften, verursacht ein gestörtes Gleichgewicht und Konflikte im Innern des Menschen. Von dort ergibt sich unausweichlich die Unordnung, die den Bereich der Familie und der Gesellschaft beeinträchtigt: sexuelle Freizügigkeit, Ungerechtigkeit, Mord. So beschreibt der Apostel Paulus die heidnische Welt, die durch die Selbstvergötterung in schlimme Verirrungen geraten ist, welche den einzelnen und die Gesellschaft zerstören.28
Schon vor ihm sahen die Propheten und die Weisen Israels in den Mißgeschicken des Volkes eine Züchtigung für seine Sünde des Götzendienstes und in ihrem »Herzen voller Bosheit« (Koh 9, 3)29 die Quelle für die radikale Knechtung des Menschen und für die Unterdrückungen, die er seinen Mitmenschen auferlegt.
Verachtung Gottes und Hinwendung zum Geschaffenen
40. Die christliche Tradition bei den Vätern und den Kirchenlehrern hat diese Lehre der Heiligen Schrift über die Bunde weiter entfaltet. Für sie ist die Sünde Verachtung Gottes (contemptus Dei). Darin einbegriffen ist der Wille, sich dem Abhängigkeitsverhältnis des Dieners gegenüber seinem Herrn oder vielmehr des Sohnes gegenüber seinem Vater zu entziehen. Durch die Sünde beabsichtigt der Mensch, sich von Gott zu befreien. In Wirklichkeit aber macht er sich zum Sklaven. Denn wenn er Gott zurückweist, zerstört er den Elan seiner Sehnsucht nach dem Unendlichen und seiner Berufung zur Teilnahme am göttlichen Leben. Deswegen ist sein Herz der Unruhe preisgegeben.
Der sündige Mensch, der sich weigert, Gott anzuhangen, wird notwendig dazu verleitet, sich auf eine trügerische und zerstörerische Weise an das Geschöpf zu klammern. In dieser Hinwendung zum Geschöpf (conversio ad creaturam)
konzentriert er sein ungestilltes Verlangen nach dem Unendlichen auf sich selbst. Die geschaffenen Dinge aber sind endlich; daher eilt sein Herz von einem zum anderen, immer auf der Suche nach einem Frieden, den es so nicht geben kann. In der Tat, wenn der Mensch den Geschöpfen unendliches Gewicht beimißt, verliert er den Sinn für sein geschöpfliches Sein. Er beansprucht stets seinen Mittelpunkt und seine Einheit in sich selber. Die ungeordnete Selbstliebe ist die Kehrseite der Verachtung Gottes. Der Mensch, der sich nur noch auf sich selbst stützen will, möchte sich selbst realisieren und sich mit seiner eigenen Immanenz begnügen.30
Der Atheismus, eine falsche Emanzipation von der Freiheit
41. Das wird besonders deutlich, wenn der Sünder meint, seine eigene Freiheit nicht behaupten zu können, ohne Gott ausdrücklich zu leugnen. Die Abhängigkeit des Geschöpfes von seinem Schöpfer oder des sittlichen Gewissens vom göttlichen Gesetz wären für ihn eine unerträgliche Knechtschaft. Der Atheismus ist daher in seinen Augen die richtige Form der Emanzipation und der Freiheit des Menschen, wogegen die Religion oder sogar die Anerkennung eines Sittengesetzes Entfremdungen darstellten. Der Mensch will also souverän über Gut und Böse oder über Werte entscheiden und gleichzeitig weist er mitunter die Idee von Gott und von der Sünde zurück. Durch diese verwegene Grenzüberschreitung beansprucht er also, erwachsen und frei zu werden, und fordert diese Emanzipation nicht nur für sich, sondern für die ganze Menschheit.
Sünde und Strukturen der Ungerechtigkeit
42. Nachdem der sündige Mensch sein eigener Mittelpunkt geworden ist trachtet er danach, sich zu behaupten und sein Verlangen nach dem Unendlichen zu stillen, indem er sich der Dinge bedient: Reichtum, Macht und Vergnügen, unter Mißachtung der anderen Menschen, die er unrechtmäßig ausbeutet und als Objekte oder Mittel behandelt. Deshalb trägt er auch für seinen Teil dazu bei, die Strukturen zur Ausbeutung und Versklavung zu schaffen, die er anderswo zu verurteilen vorgibt.
BEFREIUNG UND CHRISTLICHE FREIHEIT
Evangelium, Freiheit und Befreiung
43. Die menschliche Geschichte, die durch die Erfahrung der Sünde gekennzeichnet ist, würde uns in die Hoffnungslosigkeit führen, wenn Gott seine Schöpfung sich selbst überlassen hätte. Aber die göttlichen Verheißungen der Befreiung und ihre siegreiche Vollendung im Tod und in der Auferstehung Christi sind das Fundament der »freudigen Hoffnung«, aus der die christliche Gemeinde ihre Kraft für ein entschiedenes und wirksames Handeln im Dienst der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens schöpft. Das Evangelium ist eine Botschaft der Freiheit und eine Kraft zur Befreiung;31 sie erfüllt die Hoffnung Israels, die ihrerseits auf dem Wort der Propheten gründet. Dieses stützte sich auf das Handeln Jahwes, der Israel bereits aus Gnade in Abraham erwählt hatte,32 bevor er als »goel«,33 als Befreier, Erlöser und Retter seines Volkes, eingriff.
I. Die Befreiung im Alten Testament
Der Exodus und das befreiende Eingreifen Jahwes
44. Die befreiende Tat Jahwes im Alten Testament, die als Modell und Hinweis für alle anderen dient, ist der Exodus aus Ägypten, dem »Sklavenhaus«. Wenn Gott sein Volk einer harten wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Sklaverei entreißt, tut er dies, um es durch den Bundesschluß am Sinai zu »einem Reich von Priestern und einem heiligen Volk« (Ex 19, 6) zu machen. Gott will von freien Menschen angebetet werden. Alle weiteren Befreiungen des israelitischen Volkes zielen auf diese vollkommene Freiheit, die nur in der Gemeinschaft mit Gott zu finden ist.
Das wichtige und grundlegende Ereignis des Exodus hat deshalb eine zugleich religiöse und politische Bedeutung. Gott befreit sein Volk, gibt ihm Nachkommenschaft, ein Land, ein Gesetz, dies alles aber im Rahmen eines Bundes und für einen Bund. Den politischen Aspekt darf man nicht für sich isolieren; man muß ihn als inneren Bestandteil des wesentlich religiösen Planes betrachten, in dem er verankert ist.34
45. In seinem Heilsplan hat Gott Israel sein Gesetz gegeben. Es enthält neben den universal geltenden moralischen Geboten des Dekalogs auch kultische und zivile Normen, die das Leben des von Gott erwählten Volkes für sein Zeugnis unter den Völkern regeln sollten. In diesem gesamten Gesetzeswerk bildet die Liebe zu Gott, die über alles geht,35 und die Liebe zum Nächsten, die wie zu sich selbst sein soll,36 den Mittelpunkt. Aber auch die Gerechtigkeit, die die Beziehungen zwischen den Menschen regeln soll, und das Recht als deren juridischer Ausdruck sind ein sehr charakteristischer Wesenszug des biblischen Gesetzes. Die Gesetzesbücher und die Predigt der Propheten wie auch die Psalmen beziehen sich ständig auf das eine wie auf das andere, sehr oft auf beides zusammen.37 In diesem Kontext muß man die Sorge des biblischen Gesetzes für die Armen und Mittellosen, für die Witwen und Waisen anerkennen: Man schuldet ihnen Gerechtigkeit nach der Rechtsordnung des Gottesvolkes.38 Das Ideal und der Entwurf existieren also bereits in einer Gesellschaft, die ganz auf den Kult des Herrn ausgerichtet und auf die Gerechtigkeit und das Recht gegründet ist, die beide von der Liebe beseelt werden.
Die Lehre der Propheten
46. Die Propheten erinnern Israel ständig an diese Forderungen des Bundesgesetzes. Im verstockten Herzen des Menschen prangern sie die Quelle wiederholter Gesetzesübertretungen an und kündigen einen neuen Bund an, bei dem Gott ihre Herzen verwandeln und ihnen das Gesetz seines Geistes einschreiben wird.39
Bei der Ankündigung und Vorbereitung dieser neuen Zeit klagen die Propheten mit Nachdruck die Ungerechtigkeit an, die gegen die Armen begangen wird; für sie machen sie sich zu Sprechern Gottes. Jahwe ist die höchste Zuflucht der Kleinen und Unterdrückten, und der Messias wird den Auftrag haben, sie zu verteidigen.40
Die Lage des Armen ist eine Unrechtssituation, die dem Bund widerspricht. Deshalb schützt ihn das Bundesgesetz durch die Gebote, die die Haltung Gottes selbst widerspiegeln, als er Israel aus der Knechtschaft Ägyptens befreite.41 Die Ungerechtigkeit gegen die Kleinen und Armen ist eine schwere Sünde, die die Gemeinschaft mit Jahwe zerstört.
Die »Armen Jahwes«
47. Aus allen Formen von Armut, erlittener Ungerechtigkeit und Not lassen die »Gerechten« und die »Armen Jahwes« ihre Bitten in den Psalmen zu Ihm aufsteigen.42 Sie leiden in ihrem Herzen an der Knechtschaft, der das Volk »mit steifem Nacken« wegen seiner Sünden unterworfen ist. Sie erdulden Verfolgung, Martyrium und Tod, aber sie leben in der Hoffnung auf Befreiung. Ihr Vertrauen setzen sie vor allem auf Jahwe, dem sie ihre Sache anheimstellen.43
Die »Armen Jahwes« wissen, daß die Gemeinschaft mit Ihm44 das höchste Gut ist, worin der Mensch seine wahre Freiheit findet.45 Für sie ist der Verlust dieser Gemeinschaft das schlimmste Übel. Deshalb gewinnt ihr Kampf gegen die Ungerechtigkeit seinen tiefsten Sinn und seine Wirksamkeit aus ihrem Willen, von der Knechtschaft der Sünde befreit zu werden.
Auf der Schwelle zum Neuen Testament
48. Auf der Schwelle zum Neuen Testament bilden »die Armen Jahwes« die Anfänge eines »demütigen und armen Volkes«, das aus der Hoffnung auf die Befreiung Israels lebt.46
Indem Maria diese Hoffnung verkörpert, überschreitet sie die Schwelle des Alten Testamentes. Sie verkündet mit Freude den messianischen Anbruch und preist den Herrn, der sich anschickt, sein Volk zu befreien.47 In ihrem Lobpreis auf die göttliche Barmherzigkeit besingt die demütige Jungfrau, der sich das Volk der Armen spontan und mit so großem Vertrauen zuwendet, das Geheimnis des Heils und seine verwandelnde Kraft. Der Glaubenssinn, der bei den »Kleinen« so lebendig ist, versteht ohne weiteres den ganzen soteriologischen und ethischen Reichtum des Magnifikats.48
II Die christologische Bedeutung des Alten Testamentes
Im Lichte Christi
49. Der Exodus, der Bund, das Gesetz, die Stimme der Propheten und die Spiritualität der »Armen Jahwes« erreichen ihre volle Bedeutung erst in Christus.
Die Kirche liest das Alte Testament im Licht des für uns gestorbenen und auferstandenen Christus. Sie sieht ihr eigenes Vorbild im Volk Gottes des Alten Bundes, konkret verleiblicht in einer einzelnen Nation mit ihrer politischen und kulturellen Verfassung, die in den Schoß der Geschichte eingepflanzt wurde als Zeuge Jahwes vor dem Angesicht der Völker, bis die Zeiten der Vorbereitung und der Bilder erfüllt waren. In der durch Christus heraufgeführten Fülle der Zeit sind die Kinder Abrahams berufen worden, zusammen mit allen Völkern in die Kirche Christi einzutreten, um zusammen mit ihnen ein einziges geistiges und universales Gottesvolk zu bilden.49
III. Die christliche Befreiung
Verkündigung der Frohen Botschaft an die Armen
50. Jesus verkündet die Frohe Botschaft vom Gottesreich und ruft die Menschen zur Umkehr.50 »Den Armen wird das Evangelium verkündet« (Mt 11, 5): Indem Jesus dieses Prophetenwort aufnimmt,51 offenbart er sein messianisches Handeln für alle, die das Heil von Gott erwarten.
Der Gottessohn, der sich aus Liebe zu uns arm gemacht hat,52 will sogar in den Armen erkannt werden, in jenen, die leiden oder verfolgt werden:53 »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan« (Mt
25, 40).54
51. Christus hat uns aber vor allem durch die Kraft des Ostergeheimnisses befreit.55 Durch seinen vollkommenen Gehorsam am Kreuz und die Herrlichkeit seiner Auferstehung hat das Lamm Gottes die Sünde der Welt hinweggenommen und uns den Weg zur endgültigen Befreiung eröffnet.
Durch unseren Dienst und unsere Liebe, aber auch durch das Aufopfern unserer Prüfungen und Leiden nehmen wir teil an dem einen Erlösungsopfer Christi, indem wir, in der Erwartung der Auferstehung der Toten, an uns ergänzen, »was an den Leiden Christi noch fehlt für seinen Leib, die Kirche« (Kol 1, 24).
Gnade, Versöhnung und Freiheit
52. Die Mitte der christlichen Erfahrung der Freiheit liegt in der Rechtfertigung aufgrund der Gnade des Glaubens und der Sakramente der Kirche. Diese Gnade befreit uns von der Sünde und führt uns in die Gemeinschaft mit Gott. Durch den Tod und die Auferstehung Christi ist uns Vergebung angeboten. Die Erfahrung unserer Versöhnung mit dem Vater ist Frucht des Heiligen Geistes. Gott offenbart sich uns als Vater der Barmherzigkeit, vor den wir mit vollem Vertrauen hintreten können.
Wenn wir mit Ihm versöhnt sind56 und den Frieden Christi empfangen, den die Welt nicht geben kann,57 sind wir dazu berufen, unter allen Menschen Baumeister des Friedens58 zu sein.
In Christus können wir die Sünde besiegen, und der Tod trennt uns nicht mehr von Gott; er wird endgültig zerstört bei unserer Auferstehung, die der Auferstehung Jesu ähnlich sein wird.59 Der »Kosmos« selbst, dessen Mitte und Gipfel der Mensch ist, wartet darauf, »von der Sklaverei und Verlorenheit befreit zu werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes« (Röm 8, 21). Satan ist bereits jetzt zu Fall gebracht; der über die Macht des Todes verfügt, ist durch den Tod Christi der Machtlosigkeit unterworfen.60 Es sind Zeichen gegeben, die die zukünftige Herrlichkeit vorwegnehmen.
Kampf gegen die Knechtschaft der Sünde
53. Die Freiheit, die uns durch Christus im Heiligen Geist gebracht worden ist, hat uns die Fähigkeit zurückgegeben, die uns die Sünde geraubt hatte, nämlich Gott über alles zu lieben und in Gemeinschaft mit ihm zu leben.
Wir sind befreit von der ungeordneten Liebe zu uns selbst, der Quelle für die Mißachtung des Nächsten und für gewalttätige Beziehungen unter den Menschen.
Dennoch ist bis zur Wiederkunft des Auferstandenen in Herrlichkeit das Geheimnis des Bösen in der Welt noch immer am Werk. Der heilige Paulus erinnert uns daran: »Zur Freiheit hat uns Christus befreit« (Gal 5, 1). Man muß also durchhalten und kämpfen, um nicht von neuem unter das Joch der Knechtschaft zu geraten. Unsere Existenz ist ein geistiger Kampf für das Leben nach dem Evangelium und mit den Waffen Gottes.61 Aber wir haben die Kraft erhalten und die Gewißheit unseres Sieges über das Böse, ein Sieg der Liebe Christi, der nichts widerstehen kann.62
Der Geist und das Gesetz
54. Der heilige Paulus verkündet das Geschenk des neuen Gesetzes des Geistes im Gegensatz zum Gesetz des Fleisches oder der Begierde, das den Menschen zum Bösen hinzieht und ihn unfähig macht, das Gute zu wählen.63 Dieser Mangel an Harmonie und diese innere Schwäche heben zwar die Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen nicht auf, sie gefährden aber deren Einsatz für das Gute. Deshalb sagt der Apostel: »Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will« (Röm 7, 19). Er spricht also zu Recht von der »Knechtschaft der Sünde« und der »Sklaverei des Gesetzes«; denn das Gesetz, das der Sünder nicht verinnerlichen kann, erscheint ihm wie eine Unterdrückung.
Dennoch erkennt der heilige Paulus an, daß das Gesetz für den Menschen und den Christen seinen Wert behält, weil es »heilig, gerecht und gut« ist (Röm 7, 12).64 Er bestätigt von neuem den Dekalog, indem er ihn ganz in Beziehung setzt zur Liebe, seiner wahren Erfüllung.65 Überdies weiß er gut, daß die Entfaltung des sozialen Lebens einer rechtlichen Ordnung bedarf.66 Das Neue aber, das er verkündet, besteht darin, daß Gott uns seinen Sohn geschenkt hat, »damit die Forderung des Gesetzes durch uns erfüllt werde« (Röm 8, 4).
Unser Herr Jesus Christus selbst hat die Gebote des neuen Gesetzes in der Bergpredigt verkündigt; durch sein am Kreuz dargebrachtes Opfer und seine Auferstehung in Herrlichkeit hat er die Mächte der Sünde besiegt und uns die Gnade des Heiligen Geistes erwirkt, die die vollkommene Beobachtung des göttlichen Gesetzes möglich macht,67 sowie den Zugang zur Vergebung, wenn wir in die Sünde zurückfallen. Der Heilige Geist, der in unseren Herzen wohnt, ist die Quelle wahrer Freiheit.
Durch das Opfer Christi sind die kultischen Gebote des Alten Testamentes hinfällig geworden. Was die rechtlichen Normen des sozialen und politischen Lebens Israels betrifft, war sich die Kirche der apostolischen Zeit bewußt, daß sie daran nicht mehr gebunden war, insofern das Reich Gottes auf Erden anbrach. Dies hat die christliche Gemeinde erkennen lassen, daß die Gesetze und Handlungen der Autoritäten der verschiedenen Völker, obgleich legitim und gehorsamswürdig,68 jedoch niemals einen sakralen Charakter beanspruchen können, soweit sie sich aus diesen selbst herleiten. Im Licht des Evangeliums scheinen manche Gesetze und Strukturen das Zeichen der Sünde zu tragen und deren unterdrückenden Einfluß in der Gesellschaft zu verlängern.
IV. Das neue Gebot
Die Liebe, ein Geschenk des Heiligen Geistes
55. Die Gottesliebe, die in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, schließt die Nächstenliebe ein. Als Jesus an das erste Gebot erinnert, fügt er sofort hinzu: »Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten« (Mt 22, 39-40). Und der heilige Paulus sagt, daß die Liebe die vollkommene Erfüllung des Gesetzes ist.69
Die Nächstenliebe kennt keine Grenzen, sie erstreckt sich auch auf die Feinde und Verfolger. Die Vollkommenheit, welche der Jünger als Abbild der Vollkommenheit des himmlischen Vaters erstreben soll, liegt in der Barmherzigkeit.70 Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, daß die Liebe, wenn sie von Mitleid im Dienst am Nächsten erfüllt ist, die Vorurteile zerstört, die die ethnischen oder sozialen Gruppen gegeneinander richten.71 Die Briefe des heiligen Paulus zeigen in unerschöpflicher Fülle die Gesinnung an, die von christlicher Nächstenliebe getragen ist.72
56. Die christliche Liebe, ungeschuldet und allumfassend, stammt in ihrem Wesen aus der Liebe Christi, der sein Leben für uns hingegeben hat: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13, 34).73 Das ist das »neue Gebot« für die Jünger.
Im Licht dieses Gebotes erinnert der heilige Jakobus die Reichen streng an ihre Verpflichtung,74 und der heilige Johannes versichert, daß derjenige, der über die Reichtümer dieser Welt verfügt, sein Herz aber dem notleidenden Bruder verschließt, die Liebe Gottes, die in ihm wohnt, nicht haben kann.75 Die Bruderliebe ist der Prüfstein der Gottesliebe: »Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht« (1 Joh 4, 20). Der heilige Paulus unterstreicht nachdrücklich das Band, das zwischen der Teilnahme am Sakrament des Leibes und Blutes Christi und dem Teilen mit dem bedürftigen Bruder besteht.76
57. Die Liebe des Evangeliums und die Berufung zur Kindschaft Gottes, zu der alle Menschen berufen sind, haben die direkte und verpflichtende Forderung zur Folge, jedes menschliche Wesen in seinen Rechten auf Leben und Würde zu respektieren. Die Liebe zum Nächsten und der Wille zur Gerechtigkeit hängen eng zusammen. Liebe und Gerechtigkeit gegeneinander auszuspielen, hieße, beide zugleich zu entstellen. Aber noch mehr: Der Sinn für Barmherzigkeit vervollständigt den Gerechtigkeitssinn, weil er diesen daran hindert, sich in den Kreislauf der Vergeltung einzuschließen.
Die schlimmen Ungleichheiten und die Unterdrückungen aller Arten, die heute Millionen von Männern und Frauen treffen, stehen in offenem Widerspruch zum Evangelium Christi und können das Gewissen keines Christen gleichgültig lassen.
Vom Heiligen Geist geführt, geht die Kirche in Treue voran auf den Wegen jeder authentischen Befreiung. Ihre Glieder wissen um ihre eigenen Schwächen und ihren Rückstand bei dieser Suche. Eine große Zahl von Christen hat jedoch seit den Zeiten der Apostel ihre Kraft und ihr Leben für die Befreiung von jeder Form der Unterdrückung und für die Förderung der Menschenwürde eingesetzt. Die Erfahrung der Heiligen und das Beispiel so vieler Werke im Dienst am Nächsten sind Ansporn und Licht für die befreienden Initiativen, die heute gefordert sind.
V. Die Kirche, Gottesvolk des Neuen Bundes
Auf dem Weg zur Fülle der Freiheit
58. Das Gottesvolk des Neuen Bundes ist die Kirche Christi. Ihr Gesetz ist das Gebot der Liebe. Im Herzen ihrer Glieder wohnt der Geist Gottes wie in einem Tempel. Sie ist der Keim und der Anfang des Gottesreiches auf Erden, das seine Vollendung am Ende der Zeiten in der Auferstehung der Toten und der Erneuerung der ganzen Schöpfung erhalten wird.77
So im Besitz des Angeldes des Geistes78 wird das Gottesvolk zur Fülle der Freiheit geführt. Das neue Jerusalem, das wir mit Sehnsucht erwarten, wird zu Recht Stadt der Freiheit im tiefsten Sinne genannt.79 Dann »wird Gott alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen« (Offb
21, 4). Die Hoffnung ist die sichere Erwartung »des neuen Himmels und der neuen Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt« (2 Petr 3, 13).
Die endgültige Begegnung mit Christus
59. Die Verklärung der am Ziel ihrer Pilgerschaft angekommenen Kirche durch den auferstandenen Christus hebt keineswegs das persönliche Schicksal jedes einzelnen am Ziel seines eigenen Lebens auf. Jeder Mensch, der vor dem Gericht Christi würdig befunden wurde, weil er seinen freien Willen mit der Gnade Gottes gut gebraucht hat, wird die Glückseligkeit empfangen.80 Er wird Gott ähnlich sein; denn er wird Ihn schauen, wie Er ist.81 Das göttliche Geschenk der ewigen Seligkeit ist der höchste Grad der Freiheit, den man sich vorstellen kann.
Eschatologische Hoffnung und Einsatz für die zeitliche Befreiung
60. Diese Hoffnung schwächt nicht den Einsatz für den Fortschritt der irdischen Stadt sondern gibt ihm im Gegenteil Sinn und Kraft. Man muß freilich irdischen Fortschritt und Wachstum des Gottesreiches sorgfältig unterscheiden, da sie nicht derselben Ordnung angehören. Diese Unterscheidung bedeutet jedoch keine Trennung; denn die Berufung des Menschen zum ewigen Leben unterdrückt nicht, sondern bestärkt seine Aufgabe, die Energien und Mittel, die er vom Schöpfer empfangen hat, einzusetzen, um sein zeitliches Leben zu entwickeln.82
Durch den Geist des Herrn erleuchtet, vermag die Kirche unter den Zeichen der Zeit diejenigen zu erkennen, die Befreiung versprechen, und solche, die trügerisch und illusorisch sind. Sie mahnt den Menschen und die Gesellschaft, die Situationen von Sünde und Ungerechtigkeit zu überwinden und die Bedingungen einer wahren Freiheit zu schaffen. Sie ist sich bewußt, daß wir alle diese Güter - Menschenwürde, brüderliche Gemeinschaft, Freiheit -, die Frucht eines Bemühens nach dem Willen Gottes sind, »von jedem Makel gereinigt, erleuchtet und verherrlicht« wiederfinden werden, »wenn Christus dem Vater das ewige und allumfassende Reich übergeben wird«,83 das Reich der Freiheit.
Die wachsame und aktive Erwartung des Gottesreiches umfaßt schließlich auch die vollkommene Gerechtigkeit für die Lebenden und die Toten, für die Menschen aller Zeiten und aller Orte, die Jesus Christus als oberster Richter herstellen wird.84 Eine solche Verheißung, die alle menschlichen Möglichkeiten überschreitet, betrifft direkt unser Leben in dieser Welt. Denn eine wahre Gerechtigkeit muß sich auf alle beziehen und Antwort geben auf die unermeßliche Summe erduldeter Leiden durch alle Generationen hindurch. Ohne die Auferstehung der Toten und das Gericht des Herrn gibt es in Wirklichkeit keine Gerechtigkeit im vollen Sinn dieses Wortes. Die Verheißung der Auferstehung als ungeschuldetes Geschenk begegnet so der Sehnsucht nach wahrer Gerechtigkeit, die im menschlichen Herzen wohnt.
KAPITEL IV. DIE BEFREIENDE MISSION DER KIRCHE
Die Kirche und die Sorgen des Menschen
61. Die Kirche hat den festen Willen, auf die Sorgen des Menschen von heute zu antworten, der harten Unterdrückungen ausgesetzt ist und nach Freiheit verlangt. Das politische und wirtschaftliche Handeln der Gesellschaft gehört nicht direkt zu ihrer Sendung,85 Doch hat ihr der Herr das Wort der Wahrheit anvertraut, das fähig ist, die Gewissen zu erleuchten. Die göttliche Liebe, die ihr Leben ist, drängt sie zu wirklicher Solidarität mit jedem Menschen, der leidet. Wenn ihre Mitglieder dieser Sendung treu bleiben, wird der Heilige Geist, die Quelle der Freiheit, in ihnen wohnen, und sie werden Früchte der Gerechtigkeit und des Friedens in ihrer familiären, beruflichen und gesellschaftlichen Umgebung hervorbringen.
I. Für das umfassende Heil der Welt
Die Seligpreisungen und die Kraft des Evangeliums
62. Das Evangelium ist die Kraft des ewigen Lebens, die schon jetzt denen geschenkt wird, die es annehmen.86 Beim Hervorbringen der neuen Menschen87 dringt diese Kraft auch in die menschliche Gemeinschaft und ihre Geschichte ein und reinigt und belebt so deren Handlungen. Dadurch ist sie »Wurzel der Kultur«.88
Die Seligpreisungen, die Jesus verkündet hat, drücken die vollkommene Liebe des Evangeliums aus und wurden unaufhörlich die Geschichte der Kirche hindurch von zahlreichen Getauften und in herausragender Weise von den Heiligen gelebt.
Die Seligpreisungen, angefangen bei der ersten über die Armen, bilden ein Ganzes, das nicht getrennt werden darf vom Gesamt der Bergpredigt.89 Jesus als der neue Mose erklärt hier den Dekalog, das Gesetz des Bundes, indem er ihm seinen endgültigen und vollen Sinn gibt. Wenn die Seligpreisungen in ihrem gesamten Kontext gelesen und interpretiert werden, drücken sie den Geist des kommenden Gottesreiches aus. Aber im Licht der hiermit offenbarten endgültigen Bestimmung der menschlichen Geschichte treten zugleich die Grundlagen der Gerechtigkeit in der zeitlichen Ordnung klarer hervor.
Denn indem die Seligpreisungen das Vertrauen, das sich auf Gott stützt, die Hoffnung auf das ewige Leben, die Liebe zu Gerechtigkeit und Frieden, die Barmherzigkeit, die bis zur Vergebung und Wiederversöhnung geht, lehren, erlauben sie es, die zeitliche Ordnung in Beziehung zu einer transzendenten Ordnung zu setzen, die jener das wahre Maß gibt, ohne ihre Eigenständigkeit aufzuheben.
In ihrem Licht ist das notwendige Engagement für die irdischen Aufgaben im Dienst am Nächsten und an der menschlichen Gemeinschaft zugleich dringlich geboten und in seiner richtigen Perspektive gewahrt. Die Seligpreisungen bewahren vor der Vergötzung irdischer Güter und ungerechter Vorteile, deren zügellose Suche jene auslöst.90 Sie halten von utopischer und zerstörerischer Suche nach einer vollkommenen Welt ab; »denn die Gestalt dieser Welt vergeht« (1 Kor 7, 31).
Die Ankündigung des Heils
63. Das Wesen der Sendung der Kirche, entsprechend der Sendung Christi, besteht darin, zu evangelisieren und das Heil zu bringen.91 Sie schöpft ihren Elan aus der göttlichen Liebe. Die Evangelisierung besteht in der Verkündigung des Heils, dem Geschenk Gottes. Durch das Wort Gottes und die Sakramente wird der Mensch vor allem von der Macht der Sünde und des Bösen, die ihn niederdrücken, befreit und in die Liebesgemeinschaft mit Gott geführt. In der Nachfolge ihres Herrn, der »in die Welt gekommen ist, um die Sünder zu retten« (1 Tim 1, 15), will die Kirche das Heil aller Menschen.
Bei dieser ihrer Sendung lehrt die Kirche den Weg, dem der Mensch in dieser Welt folgen muß, um in das Reich Gottes zu gelangen. Ihre Lehre erstreckt sich folglich auf den gesamten moralischen Bereich und besonders auf die Gerechtigkeit, die die menschlichen Beziehungen ordnen muß. Das gehört zur Verkündigung des Evangeliums.
Die Liebe, die die Kirche antreibt, allen Menschen die gnadenhafte Teilhabe am göttlichen Leben zu vermitteln, läßt sie aber auch durch das wirksame Handeln ihrer Glieder das wahre zeitliche Wohl der Menschen verfolgen, ihren Nöten zu Hilfe kommen, für ihre Kultur sorgen und eine ganzheitliche Befreiung von all dem fördern, was die Entwicklung der menschlichen Person behindert. Die Kirche will das Wohl des Menschen in allen seinen Dimensionen, zuerst als Glied der Gottesstadt, dann als Bürger der irdischen Stadt.
Evangelisation und Förderung der Gerechtigkeit
64. Wenn sich die Kirche also für die Förderung der Gerechtigkeit in der menschlichen Gesellschaft ausspricht oder die gläubigen Laien ermutigt, dort ihrer Berufung entsprechend zu wirken, weicht sie nicht von ihrer Sendung ab. Sie ist jedoch darauf bedacht, daß diese Sendung nicht von der Sorge um die zeitliche Ordnung ganz aufgesogen oder auf sie reduziert wird. Deshalb hält sie mit großer Sorgfalt sowohl die Einheit wie die Unterscheidung von Evangelisation und menschlicher Förderung klar und fest aufrecht: die Einheit, weil sie das Wohl des ganzen Menschen sucht; die Unterscheidung, weil diese beiden Aufgaben aus verschiedenem Grunde zu ihrer Sendung gehören.
Evangelium und irdische Realität
65. Indem also die Kirche ihre eigene Zielrichtung verfolgt, richtet sie das Licht des Evangeliums auf die irdischen Realitäten, damit die menschliche Person von ihrem Elend geheilt und in ihrer Würde gehoben werde. Der Zusammenhalt der Gesellschaft in Gerechtigkeit und Frieden wird dadurch gefördert und verstärkt.92 Ebenso ist die Kirche ihrer Sendung treu, wenn sie die Irrwege, Sklavereien und Unterdrückungen anprangert, denen die Menschen zum Opfer fallen.
Sie ist ihrer Sendung treu, wenn sie sich den Versuchen widersetzt, eine Form gesellschaftlichen Lebens zu errichten, in der Gott abwesend ist, sei es aus bewußter Gegnerschaft, sei es durch schuldhaftes Übersehen.93
Sie ist schließlich ihrer Sendung treu, wenn sie politische Bewegungen beurteilt, die gegen Elend und Unterdrückung mit Theorien und praktischen Methoden kämpfen wollen, die dem Evangelium widersprechen und dem Menschen selbst entgegenstehen.94
Zweifellos bringt die Moral des Evangeliums dem Menschen mit der Kraft der Gnade auch neue Perspektiven und neue Anforderungen. Aber sie vervollkommnet und erhebt eine moralische Dimension, die bereits der menschlichen Natur angehört und um die sich die Kirche sorgt, weil sie weiß, daß dies ein Erbe ist, das allen Menschen gehört.
II. Die Liebe, die den Armen den Vorzug gibt
Jesus und die Armut
66. Christus, der reich war, wurde arm, um uns durch seine Armut reich zu machen.95 Der heilige Paulus spricht hier vom Geheimnis der Menschwerdung: Der ewige Sohn Gottes ist die sterbliche Menschennatur anzunehmen gekommen, um den Menschen aus dem Elend zu erretten, in das ihn die Sünde gestürzt hatte. Darüber hinaus hat Christus als Mensch einen Stand der Armut und Entbehrung gewählt,96 um zu zeigen, worin der wahre Reichtum besteht, den man suchen soll, nämlich die Lebensgemeinschaft mit Gott. Er lehrte den Verzicht auf die Reichtümer der Erde, damit wir Sehnsucht nach den Schätzen des Himmels haben.97 Die Apostel, die er erwählt hat, mußten auch selbst alles verlassen und sein Los teilen.98
Durch den Propheten als Messias der Armen99 angekündigt, hat er gerade unter diesen, den Niedrigen, den »Armen Jahwes«, die nach der Gerechtigkeit des Gottesreiches dürsteten, die Herzen gefunden, die ihn aufnahmen. Aber er wollte auch denen nahe sein, die, obwohl reich an irdischen Gütern, als »Zöllner und Sünder« von der Gemeinschaft ausgeschlossen waren; denn er war gekommen, um sie zur Bekehrung zu rufen.100
Eine solche Armut, geformt aus Verzicht, Gottvertrauen, Gelassenheit und Bereitschaft zum Teilen, hat Jesus seliggepriesen.
Jesus und die Armen 67. Jesus hat aber nicht nur die Gnade und den Frieden Gottes gebracht; er hat auch zahllose Kranke geheilt; er hatte Mitleid mit der Volksmenge, die nichts zu essen hatte, und hat sie gesättigt; zusammen mit den Jüngern, die ihm nachfolgten, hat er Almosen gegeben.101 Die Seligpreisung der Armut, die er verkündet hat, kann deshalb keineswegs bedeuten, daß die Christen die Armen übersehen dürften, denen das Notwendige für ein menschenwürdiges Leben in dieser Welt fehlt. Als Frucht und Folge der Sünde der Menschen und ihrer naturgegebenen Schwäche ist dieses Elend ein Übel, von dem die Menschen soweit wie möglich befreit werden müssen.
Die Liebe, die den Armen den Vorzug gibt
68. Unter seinen vielfältigen Formen - materielle Not, Unrecht und Unterdrückung, leibliche und seelische Krankheiten und schließlieh der Tod - ist das menschliche Elend das offenkundige Zeichen für den Zustand einer angeborenen Schwäche, in dem sich der Mensch nach der Ursünde befindet, sowie für die Notwendigkeit einer Heilung. Darum hat es das Mitleid Christi, des Erlösers, geweckt, der dieses Elend hat auf sich nehmen102 und sich mit den »geringsten seiner Brüder« (Mt 25, 40. 45) hat identifizieren wollen. Darum richtet sich auf alle, die davon bedrückt sind, auch eine vorrangige Liebe der Kirche, die seit ihren Anfängen, ungeachtet der Schwächen vieler ihrer Glieder, unaufhörlich dafür gewirkt hat, die Bedrückten zu stützen, zu verteidigen und zu befreien. Das hat sie getan durch zahllose Werke der Wohltätigkeit, die immer und überall unentbehrlich bleiben.103 Weiterhin hat sie sich durch ihre Soziallehre, auf deren Anwendung sie drängt, dafür eingesetzt, strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen, um Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben zu schaffen.
Durch die innere Freiheit vom Reichtum, die das Teilen möglich macht und das Himmelreich öffnet,104 bezeugen die Jünger Jesu in der Liebe zu den Armen und Elenden die Liebe des Vaters selbst, die sich im Erlöser offenbart. Diese Liebe kommt von Gott und geht zu Gott. Die Jünger Christi haben in den Gaben, die sie auf den Altar legen, stets eine Gabe gesehen, die Gott selbst dargebracht wird.
Indem die Kirche die Armen liebt, bezeugt sie die Würde des Menschen. Deutlich betont sie, daß der Mensch mehr gilt durch das, was er ist, als durch das, was er besitzt. Sie bezeugt, daß diese Würde nicht zerstört werden kann, wie auch immer die Situation des Elends, der Mißachtung, der Ablehnung und der Ohnmacht sein mag, in die ein Mensch geraten ist. Sie zeigt sich mit denjenigen solidarisch, die nichts zählen für eine Gesellschaft, von der sie geistig und manchmal sogar körperlich ausgestoßen sind. Insbesondere wendet sich die Kirche in mütterlicher Liebe denjenigen ihrer Kinder zu, die aufgrund ihrer menschlichen Bosheit niemals das Licht verbreiten, wie auch den alten Menschen, die einsam und verlassen sind.
Die Option, die den Armen den Vorzug gibt, ist weit davon entfernt, ein Zeichen von Partikularismus und Sektarismus zu sein; sie offenbart vielmehr, wie universell Sein und Sendung der Kirche sind. Diese Option schließt niemanden aus.
Das ist der Grund, warum die Kirche diese Option nicht mit Hilfe von einengenden soziologischen und ideologischen Kategorien zum Ausdruck bringen darf; sie würden aus dieser vorrangigen Zuwendung eine parteiische Wahl konfliktbetonter Art machen.
Kirchliche Basisgemeinschaften und andere christliche Gruppen
69. Als Zeugen dieser evangelischen Liebe sind die neuen kirchlichen Basisgemeinschaften oder andere Gruppen von Christen für die Kirche ein Motiv großer Hoffnung. Wenn sie wahrhaft in Einheit mit der Ortskirche und mit der Universalkirche leben, sind sie ein echter Ausdruck von Gemeinschaft und ein Mittel, um eine noch tiefere Gemeinschaft zu formen.105 Sie bleiben ihrer Sendung in dem Maße treu, als sie dafür Sorge tragen, ihre Mitglieder durch das Hören auf das Wort Gottes, durch die Treue zum Lehramt, zur hierarchischen Ordnung der Kirche und zum sakramentalen Leben auf den vollständigen christlichen Glauben hin zu erziehen. Unter dieser Bedingung wird ihre Erfahrung, die im Einsatz für Befreiung wurzelt, ein Reichtum für die ganze Kirche.
Die theologische Reflexion
70. In ähnlicher Weise kann eine theologische Reflexion, die sich aus einer partikulären Erfahrung entwickelt, einen sehr positiven Beitrag darstellen, insofern sie Aspekte des Wortes Gottes aufleuchten läßt, deren ganzer Reichtum bisher noch nicht vollständig erfaßt worden war. Damit aber diese Reflexion wirklich ein Lesen der Heiligen Schrift und nicht eine Projektion eines dort nicht enthaltenen Sinnes auf das Wort Gottes ist, wird der Theologe darauf bedacht sein, die Erfahrung, von der er ausgeht, im Licht der Erfahrung der Kirche selbst zu interpretieren. Diese Erfahrung der Kirche leuchtet in hervorragendem Maße und in all ihrer Reinheit im Leben der Heiligen auf. Es obliegt den Hirten der Kirche, in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri zu unterscheiden, was davon authentisch ist.
DIE SOZIALLEHRE DER KIRCHE
IM DIENST EINER CHRISTLICHEN PRAXIS DER BEFREIUNG
Die christliche Praxis der Befreiung
71. Die soteriologische Dimension der Befreiung darf nicht auf die sozialethische Dimension, die eine Folge daraus ist, eingeschränkt werden. Die von Christus bewirkte Befreiung bis in die Wurzel hinein, die dem Menschen die wahre Freiheit zurückgibt, weist ihm zugleich eine Aufgabe zu: eine christliche Lebensführung als Verwirklichung des Hauptgebotes der Liebe. Dies ist das oberste Prinzip der christlichen Sozialethik, die auf dem Evangelium und der gesamten Tradition von der apostolischen Zeit über die Epoche der Kirchenväter bis zu den jüngsten Verlautbarungen des Lehramtes gründet.
Die starken Herausforderungen unserer Zeit bilden einen dringenden Appell, diese auf das Handeln ausgerichtete Lehre nun auch wirklich in die Praxis umzusetzen.
I. Die Natur der Soziallehre der Kirche
Botschaft der Evangeliums und soziales Leben
72. Die soziale Unterweisung der Kirche ist entstanden aus der Begegnung der Botschaft des Evangeliums und ihrer Forderungen, wie sie im Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe und der Gerechtigkeit zusammengefaßt sind,106 mit den Problemen, die sich aus dem Leben der Gesellschaft ergeben. Indem man sich der Schätze der Weisheit und der Humanwissenschaften bediente, bildete sich so etwas wie eine Lehre, die den ethischen Aspekt jenes Lebens betrifft und die fachtechnischen Gesichtspunkte der Probleme berücksichtigt, aber immer nur, um sie unter moralischer Hinsicht zu beurteilen.
Da diese Unterweisung wesentlich auf das Handeln ausgerichtet ist, entwickelt sie sich entsprechend den wechselnden Umständen der Geschichte. Darum enthält sie neben fortwährend geltenden Prinzipien auch veränderliche Beurteilungen. Sie bildet kein geschlossenes System, sondern bleibt stets offen für neue Fragen, die sich ständig stellen; sie erfordert den Beitrag jeglicher Begabungen, Erfahrungen und Kompetenzen.
Als Garant der Würde des Menschen legt die Kirche durch ihre Soziallehre eine Summe von Reflexionsprinzipien, von Urteilskriterien107
sowie von Richtlinien für das konkrete Handeln108
dar, damit die tiefgreifenden Veränderungen, nach denen die Situationen von Elend und Ungerechtigkeit rufen, zustandekommen, und das in einer Weise, die dem wahren Wohl der Menschen dient.
73. Das Hauptgebot der Liebe führt zur vollen Anerkennung der Würde jedes einzelnen Menschen, weil er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist. Aus dieser Würde leiten sich natürliche Rechte und Pflichten ab. Im Licht der Ebenbildlichkeit mit Gott zeigt sich die Freiheit als wesentliche Eigenschaft der menschlichen Person in ihrer ganzen Tiefe. Die Personen sind die aktiven und verantwortlichen Subjekte des sozialen Lebens.109
Mit der Würde des Menschen als Fundament sind das Prinzip der Solidarität und das Prinzip der Subsidiarität eng verbunden.
Kraft des ersteren muß der Mensch mit seinesgleichen zum Gemeinwohl der Gesellschaft auf all ihren Ebenen beitragen.110 Daraus folgt, daß die Soziallehre der Kirche allen Formen eines sozialen oder politischen Individualismus entgegensteht.
Kraft des zweiten Prinzips dürfen weder der Staat noch irgendeine gesellschaftliche Macht die Initiative und Verantwortlichkeit der Personen und der Gemeinschaften der mittleren Ebene im Bereich, wo diese tätig werden können, ersetzen oder ihren notwendigen Freiheitsraum zerstören.111 Daraus folgt, daß die Soziallehre der Kirche allen Formen des Kollektivismus entgegensteht.
74. Die genannten Prinzipien begründen Kriterien zur Beurteilung der sozialen
Situationen, Strukturen und Systeme.
So zögert die Kirche nicht, Lebensbedingungen anzuprangern, die einen Verstoß gegen die Würde und Freiheit des Menschen darstellen.
Solche Kriterien erlauben es auch, den Wert von Strukturen zu beurteilen. Dabei handelt es sich um das Gesamt an Institutionen und Praktiken, welche die Menschen auf nationaler und internationaler Ebene bereits vorfinden oder sich schaffen und die das wirtschaftliche, soziale und politische Leben bestimmen und gestalten. Wenn auch in sich notwendig, tendieren diese oft dahin, zu erstarren und sich in Mechanismen zu verfestigen, die vom Willen der Menschen relativ unabhängig sind und folglich die gesellschaftliche Entwicklung lähmen oder verfälschen und Ungerechtigkeit erzeugen. Sie hängen jedoch stets von der Verantwortung des Menschen ab, der sie verändern kann, und nicht von einem angeblichen historischen Determinismus.
Wenn die Institutionen und Gesetze dem Naturgesetz entsprechen und auf das Gemeinwohl hingeordnet sind, garantieren sie die Freiheit der Personen und ihre Förderung. Man darf deshalb nicht sämtliche Aspekte des Gesetzes, die einen Zwang enthalten, und auch nicht die Festigkeit eines Rechtsstaates verurteilen, der diesen Namen verdient. Man kann wohl von Strukturen reden, die von der Sünde gekennzeichnet sind; aber man darf nicht die Strukturen als solche verurteilen.
Die Urteilskriterien betreffen auch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Systeme. Die Soziallehre der Kirche legt kein eigenes System vor, sondern erlaubt vor allem im Licht ihrer Grundprinzipien zu erkennen, inwieweit die bestehenden Systeme den Forderungen der Menschenwürde entsprechen oder nicht.
Vorrang der Personen vor der Strukturen
75. Gewiß, die Kirche ist sich der Vielschichtigkeit der Probleme bewußt, die sich der Gesellschart stellen, und kennt auch die Schwierigkeiten, angemessene Lösungen dafür zu finden. Doch ist sie der Meinung, man müsse zuerst an die geistigen und moralischen Fähigkeiten der Person appellieren und an die fortwährende Notwendigkeit innerer Bekehrung erinnern, wenn man wirtschaftliche und soziale Veränderungen erreichen will, die dem Menschen wahrhaft dienen.
Der Vorrang, der den Strukturen und der technischen Organisation vor den Personen und den Forderungen ihrer Würde eingeräumt wird, ist Ausdruck einer materialistischen Anthropologie; ein solcher Vorrang steht der Errichtung einer gerechten sozialen Ordnung entgegen.112
Der Vorrang, der der Freiheit und der Bekehrung des Herzens zuerkannt wird, hebt jedoch in keiner Weise die Notwendigkeit auf, ungerechte Strukturen zu verändern. Es ist deshalb vollauf berechtigt, daß diejenigen, die an der Unterdrückung durch die Besitzer des Reichtums oder der politischen Macht leiden, sich mit moralisch erlaubten Mitteln dafür einsetzen, Strukturen und Institutionen zu erlangen, in denen ihre Rechte wirklich respektiert werden.
Es bleibt jedoch wahr, daß Strukturen, die für das Wohl der Personen geschaffen worden sind, von sich allein her nicht in der Lage sind, dieses Wohl hervorzubringen und zu garantieren. Die Korruption, die in gewissen Ländern Führungskräfte und staatliche Verwaltung befallen hat und alles ehrliche soziale Leben zerstört, ist ein Beweis dafür. Die Rechtschaffenheit der Sitten ist Bedingung für die Gesundheit der Gesellschaft. Man muß sich also zugleich um die Bekehrung der Herzen und um die Verbesserung der Strukturen bemühen; denn die Sünde, die am Ursprung ungerechter Situationen steht, ist nach ihrer eigentlichen und primären Bedeutung ein Willensakt, der der Freiheit der Person entspringt. In einer abgeleiteten und sekundären Bedeutung bezieht sich Sünde auch auf die Strukturen; insofern kann man von »sozialer Sünde«113 sprechen.
Außerdem darf man beim Befreiungsprozeß nicht von der geschichtlichen Situation einer Nation absehen noch die kulturelle Identität des Volkes antasten. Folglich darf man solche Gruppen nicht passiv gewähren lassen und noch weniger aktiv unterstützen, die sich durch Gewalt oder Manipulation der öffentlichen Meinung des Staatsapparates bemächtigen und der Gesellschaft mißbräuchlich eine importierte Ideologie aufzwingen, die den wahren kulturellen Werten des Volkes widerspricht.114 Hierbei ist es angebracht, an die schwerwiegende politische Verantwortung der Intellektuellen zu erinnern,
Richtlinien für das konkrete Handeln
76. Die Grundprinzipien und Urteilskriterien führen zu Richtlinien für das konkrete Handeln: Weil das Gemeinwohl der menschlichen Gesellschaft im Dienst an den Personen steht, müssen Mittel und Wege des Handelns der Menschenwürde entsprechen und die Erziehung zur Freiheit fördern. Hier liegt ein sicheres Kriterium zum Urteilen und Handeln: Es gibt keine echte Befreiung, wenn nicht von Anfang an die Freiheitsrechte respektiert werden.
Der systematische Rückgriff auf Gewalt, der als angeblich notwendiger Weg zur Befreiung hingestellt wird, muß als eine zerstörerische Illusion angeprangert werden, die den Weg zu neuer Knechtschaft eröffnet. Mit gleichem Nachdruck wird man die von den Besitzenden gegenüber den Armen ausgeübte Gewalt, die Willkür der Polizei sowie jegliche Form von Gewalt, die in einem Regierungssystem selbst liegt, verurteilen. Für diese Bereiche muß man aus den tragischen Erfahrungen zu lernen verstehen, welche die Geschichte unseres Jahrhunderts gekannt hat und immer noch kennt. Man darf nicht länger die schuldhafte Tatenlosigkeit der staatlichen Autoritäten in Demokratien hinnehmen, wo die soziale Situation einer großen Zahl von Männern und Frauen weit davon entfernt ist, den Forderungen der verfassungsgemäß garantierten individuellen und sozialen Rechte zu entsprechen.
Ein Kampf für die Gerechtigkeit 77. Wenn die Kirche die Gründung und das Wirken von Vereinigungen, wie die Gewerkschaften, ermutigt, die für die Verteidigung der Rechte und legitimen Interessen der Arbeitnehmer und für die soziale Gerechtigkeit kämpfen, billigt sie damit nicht zugleich jene Theorie, die im Klassenkampf die innere Dynamik des sozialen Lebens erblickt. Die Handlungsweise, die sie befürwortet, ist nicht der Kampf einer Klasse gegen eine andere, um den Gegner auszuschalten; sie geht nicht aus von der absurden Bindung an ein angebliches Gesetz der Geschichte. Sie ist vielmehr ein ehrliches und überlegtes Ringen um soziale Gerechtigkeit und Solidarität.115 Der Christ wird stets den Weg des Dialogs und der Mitsprache bevorzugen.
Christus hat uns das Gebot der Feindesliebe gegeben.116 Befreiung im Geist des Evangeliums ist darum unvereinbar mit dem Haß gegen den anderen, sei es als Einzelperson oder als Gemeinschaft; der Haß gegen den Feind ist dabei mitgemeint.
78. Situationen schwerer Ungerechtigkeit erfordern gewiß den Mut zu tiefgreifenden Reformen und die Abschaffung ungerechtfertigter Privilegien. Diejenigen aber, die den Weg der Reformen verächtlich machen zugunsten des Mythos der Revolution, nähren nicht nur die Illusion, die Beseitigung einer ungerechten Situation reiche in sich bereits aus, um eine menschlichere Gesellschaft zu schaffen, sondern fördern sogar das Aufkommen von totalitären Regimen.117 Der Kampf gegen Ungerechtigkeiten hat nur dann einen Sinn, wenn er auf die Errichtung einer neuen sozialen und politischen Ordnung hinzielt, die den Forderungen der Gerechtigkeit entspricht. Davon müssen bereits die einzelnen Etappen ihrer Errichtung geprägt sein. Es gibt eben auch eine Moral der Mittel.118
Ein letzter Ausweg 79. Diese Prinzipien müssen insbesondere im Extremfall angewandt werden, in dem der bewaffnete Kampf - nach Aussage des Lehramtes - als letzter Ausweg gerechtfertigt sein könnte, um »einer eindeutigen und lange dauernden Gewaltherrschaft, die die Grundrechte der Person schwer verletzt und dem Gemeinwohl des Landes ernsten Schaden zufügt«,119 ein Ende zu setzen. Jedoch darf die konkrete Anwendung dieser Maßnahme erst nach einer sehr ernsten Analyse der gegebenen Situation ins Auge gefaßt werden. Infolge der beständigen Entwicklung der verwendeten Techniken und der zunehmenden Schwere der durch die Anwendung von Gewalt gegebenen Gefahren öffnet nämlich das, was man heute den »passiven Widerstand« nennt, einen Weg, der mit den Moralprinzipien mehr konform geht und nicht weniger erfolgversprechend ist.
Niemals kann man es billigen, weder von Seiten der tatsächlichen Machthaber noch von Seiten aufrührerischer Gruppen, wenn zu verbrecherischen Mitteln Zuflucht genommen wird, wie zu Repressalien gegen die Bevölkerung, zu Tortur, zu terroristischen Methoden oder zu der berechneten Provokation, daß es im Laufe von Volksversammlungen zu Todesopfern kommt. Haßerfüllte Verleumdungskampagnen, die jemanden seelisch und moralisch zugrunde richten können, sind gleichermaßen unzulässig.
Die Aufgabe der Laien
80. Es gehört nicht zur Aufgabe der Hirten der Kirche, bei der Errichtung einer politischen Ordnung und bei der Organisation des sozialen Lebens direkt einzugreifen. Diese Aufgabe erwächst aus der Berufung der Laien, die hierbei kraft eigener Initiative mit ihren Mitbürgern zusammenarbeiten.120 Bei der Erfüllung dieser Aufgabe müssen sie sich bewußt sein, daß das Ziel der Kirche die Ausbreitung des Reiches Christi ist, damit alle Menschen das Heil finden und die Welt durch sie wirklich auf Christus hingeordnet wird.121
Das Heilswerk zeigt sich so unauflöslich mit der Aufgabe verbunden, die Lebensbedingungen des Menschen in dieser Welt zu verbessern und zu heben.
Die Unterscheidung von übernatürlicher Heilsordnung und zeitlicher Ordnung des menschlichen Lebens muß innerhalb des einen Planes Gottes gesehen werden, alle Dinge in Christus zusammenzuführen. Darum muß sich der Laie, der zugleich Gläubiger und Bürger ist, in beiden Bereichen stets von seinem christlichen Gewissen leiten lassen.122
Das soziale Handeln, das eine Vielfalt von konkreten Wegen beinhalten kann, muß sich gleichwohl immer auf das Gemeinwohl richten und mit der Botschaft des Evangeliums und der Lehre der Kirche übereinstimmen. Man muß vermeiden, daß die Unterschiedlichkeit der Optionen dem Geist der Zusammenarbeit schadet, zur Lähmung der Anstrengungen führt und Verwirrung unter den Christen hervorruft.
Die aus der Soziallehre der Kirche empfangene Orientierung muß zum Erwerb der unerläßlichen fachtechnischen und wissenschaftlichen Kompetenzen anspornen. Ebenso regt sie dazu an, sich um die notwendige moralische Charakterbildung und ein vertieftes geistliches Leben zu bemühen. Wenn diese Lehre von Weisheit geprägte Grundsätze und Ratschläge bereitstellt, befreit sie doch nicht von der Erziehung auch zu politischer Klugheit, wie sie zur Leitung und Durchführung menschlicher Angelegenheiten nötig ist.
II. Forderungen aus dem Evangelium nach tiefgreifenden Veränderungen
Notwendigkeit einer kulturellen Veränderung
81. Eine noch nie dagewesene Herausforderung ist heute den Christen gestellt, die sich um die Verwirklichung der Zivilisation der Liebe bemühen, die das ganze ethisch-kulturelle Erbe des Evangeliums in sich zusammenfaßt. Diese Aufgabe verlangt eine neue Besinnung auf das, was das Verhältnis zwischen dem Hauptgebot der Liebe und der sozialen Ordnung in ihrer ganzen Vielschichtigkeit bildet.
Das direkte Ziel dieser tiefen Besinnung ist die Ausarbeitung und Einleitung von mutigen Aktionsprogrammen im Hinblick auf die gesellschaftlich-wirtschaftliche Befreiung von Millionen Männer und Frauen, deren Lage durch wirtschaftliche, soziale und politische Unterdrückung unerträglich geworden ist.
Diese Aktion muß mit einer großen Anstrengung in der Erziehung beginnen: Erziehung zur Zivilisation der Arbeit, Erziehung zur Solidarität, Zugang aller zur Kultur.
Das Evangelium der Arbeit
82. Das Leben Jesu von Nazaret, ein wirkliches »Evangelium der Arbeit«, bietet uns das lebendige Beispiel und das Prinzip für die radikale kulturelle Umwandlung, die unerläßlich ist, um die großen Probleme zu lösen, die unsere Zeit zu bewältigen hat. Derjenige, der Gott ist und uns in allem gleich geworden ist, hat sich während der längsten Zeit seines irdischen Lebens der Handarbeit gewidmet.123 Die Kultur, auf die unsere Epoche wartet, wird durch die volle Anerkennung der Würde der menschlichen Arbeit gekennzeichnet sein, die im Licht der Geheimnisse von Schöpfung und Erlösung in ihrem ganzen Adel und in ihrer Fruchtbarkeit aufleuchtet.124 Anerkannt als Ausdruck der Person, wird die Arbeit zum Quell für Sinngebung und schöpferische Kraft.
Eine wahre Zivilisation der Arbeit
83. Die Lösung für den größten Teil der sehr schwerwiegenden Probleme des Elends findet sich daher in der Förderung einer echten Zivilisation der Arbeit. Die Arbeit ist in gewisser Weise der Schlüssel zu der ganzen Sozialfrage.125
Es muß also vorrangig im Bereich der Arbeit eine Befreiungsaktion zur Freiheit unternommen werden. Weil die Beziehung zwischen der menschlichen Person und der Arbeit radikal und vital ist, üben die Formen und Weisen, wie dieses Verhältnis geregelt wird, einen positiven Einfluß aus für die Lösung einer Vielzahl von sozialen und politischen Problemen, die sich jedem Volk stellen. Gerechte Arbeitsverhältnisse werden ein System politischer Gemeinschaft vorzeichnen, das geeignet ist, die ganzheitliche Entwicklung jeder menschlichen Person zu fördern.
Wenn das System der Arbeitsbeziehungen, das von den unmittelbar Beteiligten, den Arbeitnehmern und Arbeitgebern, mit der unerläßlichen Hilfe der öffentlichen Hand geschaffen wird, es zustande bringt, eine Zivilisation der Arbeit hervorzubringen, so wird es in der Mentalität der Völker und bis in die institutionellen und politischen Grundlagen hinein eine tiefgreifende friedliche Revolution bewirken.
Nationales und internationales Gemeinwohl
84. Eine solche Kultur der Arbeit wird eine bestimmte Zahl wesentlicher Werte voraussetzen und verwirklichen müssen. Sie wird anerkennen, daß die Person des Arbeiters Prinzip, Subjekt und Ziel der Arbeit ist. Sie wird den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital und die universelle Bestimmung der materiellen Güter betonen. Sie wird vom Geist einer Solidarität beseelt sein, die nicht nur Rechte beinhaltet, die einzufordern sind, sondern auch Pflichten, die es zu erfüllen gilt. Sie wird die Mitbeteiligung einschließen, die danach trachtet, das nationale und internationale Gemeinwohl zu fördern und nicht nur die individuellen oder die Gruppeninteressen zu verteidigen. Sie wird sich die Methode des friedlichen Vergleichs und des freimütigen und entschiedenen Dialoges zu eigen machen.
Als Folge werden die politischen Autoritäten eher befähigt, unter Achtung der legitimen Freiheiten der einzelnen, der Familien und der subsidiären Gruppen zu wirken, indem sie so die erforderlichen Bedingungen dafür schaffen, daß der Mensch sein wahres und ganzheitliches Wohl, einschließlich seines geistigen Zieles, erreicht.126
Der Wert der menschlichen Arbeit
85. Eine Kultur, die die hervorragende Würde des Arbeiters anerkennt, wird die subjektive Dimension der Arbeit besonders herausstellen.127 Der Wert jeder menschlichen Arbeit hängt nicht an erster Stelle von der Art der geleisteten Arbeit ab; er hat sein Fundament in der Tatsache, daß der Handelnde eine Person ist.128 Es handelt sich hier um ein ethisches Kriterium, dessen Forderungen keinem entgehen sollten.
Daher hat jeder Mensch ein Recht auf Arbeit, das praktisch anerkannt werden muß durch wirksame Anstrengungen, um das dramatische Problem der Arbeitslosigkeit zu lösen. Die Tatsache, daß diese weite Teile der Bevölkerung und besonders der Jugend in einer Randexistenz hält, ist unerträglich. Deswegen ist die Schaffung von Arbeitsplätzen eine vorrangige soziale Aufgabe, die sich den einzelnen und der Privatinitiative, aber gleichermaßen auch dem Staat verpflichtend stellt. In der Regel hat dieser letztere hier wie anderswo eine subsidiäre Funktion; er kann aber oft auch aufgefordert werden, direkt zu intervenieren, wie im Fall von internationalen Vereinbarungen zwischen verschiedenen Staaten. Solche Vereinbarungen müssen auch das Recht der Emigranten und ihrer Familien achten.129
Förderung der Mitbeteiligung
86. Der Arbeitslohn, der nicht als einfache Ware verstanden werden kann muß es dem Arbeiter und seiner Familie ermöglichen, zu einem wahrhaft menschlichen Lebensniveau im materiellen, sozialen, kulturellen und geistigen Bereich Zugang zu erhalten. Es ist die Würde der Person, die das Kriterium zur Beurteilung der Arbeit bildet, und nicht umgekehrt. Wie immer die Arbeit geartet ist, der Arbeiter muß sie als Ausdruck seiner Persönlichkeit leben können. Von daher ergibt sich die Forderung nach einer Mitbeteiligung, die - weit über eine Teilnahme an den Früchten der Arbeit hinaus - auf der Ebene der Planung, der Initiativen und der Verantwortlichkeiten eine wirklich gemeinschaftliche Dimension einbringen sollte.130
Vorrang der Arbeit von dem Kapital
87. Der Vorrang der Arbeit vor dem Kapital macht es für die Unternehmer zu einem Gebot der Gerechtigkeit, vor der Steigerung des Profits das Wohl der Arbeiter zu beachten. Sie haben die sittliche Pflicht, kein unproduktives Kapital anzuhäufen und bei den Investitionen vor allem das Gemeinwohl vor Augen zu haben. Das verlangt, daß man vorrangig die Sicherung der bestehenden oder die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen in der Produktion wirklicher Nutzgüter sucht.
Das Recht auf Privateigentum kann nicht ohne die Verpflichtung für das Gemeinwohl verstanden werden. Es ist dem höheren Prinzip von der universellen Bestimmung der Güter untergeordnet.131
88. Diese Lehre muß zu Reformen anregen, bevor es zu spät ist. Der Zugang aller zu den Gütern, die für ein menschliches, persönliches und familiäres Leben, das diesen Namen verdient, notwendig sind, ist eine Hauptforderung der sozialen Gerechtigkeit.
Sie muß sowohl im Bereich der Industriearbeit wie in ganz besonderer Weise in dem der Landarbeit verwirklicht werden.132 In der Tat machen ja die Landbewohner, vor allem in der Dritten Welt, den überwiegenden Teil der Armen aus.133
III. Förderung der Solidarität
Eine neue Solidarität
89. Die Solidarität ist eine direkte Forderung der menschlichen und übernatürlichen Brüderlichkeit. Die schwerwiegenden sozialwirtschaftlichen Probleme, die sich heute stellen, können nur gelöst werden, wenn man neue Allianzen der Solidarität bildet: Solidarität der Armen untereinander; Solidarität mit den Armen, zu der die Reichen aufgefordert sind, Solidarität der Arbeiter und mit den Arbeitern. Die Institutionen und die sozialen Vereinigungen auf verschiedenen Ebenen, sowie auch der Staat, müssen sich an einer allgemeinen Bewegung der Solidarität beteiligen. Wenn die Kirche dazu aufruft, dann weiß sie, daß auch sie selbst in ganz besonderer Weise davon betroffen ist.
Die universelle Bestimmung der Güter
90. Das Prinzip der universellen Bestimmung der Güter, verbunden mit dem der menschlichen und übernatürlichen Brüderlichkeit, schreibt den reichsten Ländern ihre Verpflichtungen gegenüber den armen Ländern vor. Es sind Pflichten der Solidarität in der Hilfe für die Entwicklungsländer, der sozialen Gerechtigkeit für eine konkrete Überprüfung der Handelsbeziehungen zwischen Nord und Süd und für die Förderung einer menschlicheren Welt für alle, wo jeder geben und empfangen kann, und wo der Fortschritt der einen kein Hindernis für die Entwicklung der anderen noch ein Vorwand zu deren Beherrschung ist.134
Hilfe für die Entwicklung
91. Die internationale Solidarität ist eine Forderung der sittlichen Ordnung. Sie verpflichtet nicht allein im Fall extremer Not, sondern auch für die Hilfe zu einer echten Entwicklung. Es geht hier um ein gemeinsames Werk, das aufeinander abgestimmte und beständige Anstrengungen verlangt, um konkrete praktische Lösungen zu finden, aber auch, um bei den Menschen unserer Zeit eine neue Mentalität zu schaffen. Der Frieden der Welt hängt zu einem großen Teil davon ab.135
IV. Kulturelle und erzieherische Aufgaben
Recht auf Bildung und Kultur
92. Die der Gerechtigkeit widersprechenden Ungleichheiten im Besitz und im Gebrauch der materiellen Guter werden begleitet und noch vergrößert durch die ebenfalls völlig ungerechten Ungleichheiten im Zugang zur Kultur. Jeder Mensch hat ein Anrecht auf Kultur. Sie ist die spezifische Form einer echt menschlichen Existenz, zu der man Zugang erhält durch die Entfaltung seiner Erkenntnisfähigkeiten, seiner sittlichen Tugenden, seiner Kontaktfähigkeiten mit seinesgleichen, seiner Begabungen zur Herstellung von Nutzgütern und Kunstwerken. Von daher ergibt sich die Forderung nach einer Förderung und Verbreitung der Erziehung, auf die jeder ein unveräußerliches Recht hat. Die erste Bedingung dafür ist die Beseitigung des Analphabetismus.136
Achtung der kulturellen Freiheit
93. Das Recht eines jeden Menschen auf Kultur ist nicht gewährleistet, wenn nicht die kulturelle Freiheit geachtet wird. Zu oft ist die Kultur in Ideologie entartet, und die Erziehung wurde in ein Instrument zum Nutzen der politischen oder wirtschaftlichen Macht verwandelt. Es liegt nicht in der Zuständigkeit der öffentlichen Autorität, die Kultur zu bestimmen. Ihre Aufgabe ist es, das kulturelle Leben aller zu fördern und zu schützen, einschließlich das der Minoritäten.137
Die Erziehungsaufgabe der Familie
94. Die Aufgabe der Erziehung steht grundsätzlich und vorrangig der Familie zu. Die Funktion des Staates ist subsidiär: Er hat zu garantieren, zu schützen, zu fördern und zu ergänzen. Wenn der Staat das Erziehungsmonopol beansprucht, so überschreitet er seine Rechte und verletzt die Gerechtigkeit. Den Eltern steht das Recht zu, die Schule zu wählen, in die sie ihre Kinder schicken möchten, und entsprechend ihrer eigenen Überzeugungen Bildungsstätten zu schaffen und zu unterhalten. Der Staat kann sich nicht ohne Ungerechtigkeit damit begnügen, die sogenannten Privatschulen nur zu tolerieren. Diese leisten einen öffentlichen Dienst und haben folglich das Recht, auch finanziell unterstützt zu werden.138
»Die Freiheiten« und die Mitbeteiligung
95. Die Erziehung, die den Zugang zur Kultur erschließt, ist auch Erziehung zu einem verantwortlichen Gebrauch der Freiheit. Deshalb gibt es eine echte Entwicklung nur in einem sozialen und politischen System, das die Freiheiten achtet und sie durch die Mitbeteiligung aller fördert. Eine solche Beteiligung kann verschiedene Formen annehmen; sie ist notwendig, um einen echten Pluralismus in den Institutionen und bei den sozialen Initiativen zu gewährleisten. Sie sichert, besonders durch eine wirkliche staatliche Gewaltenteilung, die Ausübung der Menschenrechte und schützt sie gleichermaßen gegen mögliche Mißbräuche von seiten der öffentlichen Gewalt. Von dieser Mitbeteiligung am sozialen und politischen Leben darf niemand wegen Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, wegen seiner sozialen Stellung, wegen Sprache oder Religion ausgeschlossen werden.139 Das Volk am Rande des kulturellen, sozialen und politischen Lebens zu halten, bildet in vielen Nationen eine der schreiendsten Ungerechtigkeiten in unserer Zeit.
Wenn die öffentlichen Autoritäten die Ausübung der Freiheiten regeln, sollen sie die Erfordernisse der öffentlichen Ordnung und der Sicherheit nicht als Vorwand nehmen, um die Freiheiten systematisch zu beschränken. Weder das angebliche Prinzip der »nationalen Sicherheit« noch eine rein wirtschaftliche Sicht oder eine totalitäre Auffassung des sozialen Lebens dürfen die Oberhand gewinnen gegenüber dem Wert der Freiheit und ihrer Rechte.140
Die Herausforderung der Inkulturation
96. Der Glaube ist eine inspirierende Kraft für Urteilskriterien, Grundwerte, Denkrichtungen und Lebensmodelle, die für die menschliche Gemeinschaft als solche gültig sind.141 Deshalb zeigt die Kirche, die aufmerksam auf die Ängste unserer Zeit achtet, die Wege zu einer Kultur, in der die Arbeit in ihrer vollen menschlichen Dimension anerkannt wird und wo jedes menschliche Wesen die Möglichkeit findet, sich als Person zu verwirklichen. Sie tut dies kraft ihrer missionarischen Öffnung auf das ganzheitliche Heil der Welt, in Achtung vor der Identität jedes Volkes und jeder Nation.
Die Kirche, eine Gemeinschaft, die Verschiedenheit und Einheit in sich verbindet, übernimmt durch ihre Anwesenheit auf der ganzen Welt aus jeder Kultur, was sie an Positivem darin findet. Dennoch ist Inkulturation nicht einfach äußere Anpassung; sie ist eine innere Umwandlung der wahren kulturellen Werte durch ihre Eingliederung in das Christentum und durch die Einwurzelung des Christentums in den verschiedenen menschlichen Kulturen.142 Die Trennung zwischen Evangelium und Kultur ist ein Drama, das die angeführten Probleme auf traurige Weise veranschaulichen. Eine hochherzige Anstrengung in der Evangelisierung der Kulturen ist daher dringlich gefordert. Diese werden in ihrer Begegnung mit dem Christentum von innen her erneuert. Diese Begegnung aber setzt voraus, daß das Evangelium wirklich verkündet wird.143 Vom II. Vatikanischen Konzil erleuchtet, möchte sich die Kirche mit allen Kräften dafür einsetzen, um einen machtvollen befreienden Elan hervorzurufen.
Der Gesang des Magnificat
97. Selig, die geglaubt hat... (Lk 1, 45). Auf den Gruß Elisabets anwortet die Muttergottes, indem sie ihr Herz in den Gesang des Magnificat
ausbrechen läßt. Sie zeigt uns, daß das Volk Gottes durch Glauben und im Glauben gemäß ihrem Beispiel befähigt wird, das Geheimnis des Heilsplans in Worten auszudrücken und in seinem Leben umzusetzen wie auch seine befreienden Dimensionen auf der Ebene der individuellen und der sozialen Existenz. Im Licht des Glaubens versteht man nämlich, wie sehr die Heilsgeschichte die Geschichte der Befreiung vom Bösen in seiner radikalsten Form sowie die Einführung der Menschheit in die wahre Freiheit der Kinder Gottes ist. Ganz von Gott abhängig und durch ihren Glauben ganz auf ihn hingeordnet, ist Maria an der Seite ihres Sohnes das vollkommenste Bild der Freiheit und der Befreiung der Menschheit und des Kosmos. Auf Maria muß die Kirche, deren Mutter und Vorbild sie ist, schauen, um den Sinn ihrer Sendung in ihrem vollen Umfang zu verstehen.
Es ist äußerst bemerkenswert, daß der Glaubenssinn der Armen zur selben Zeit, da er das Geheimnis des erlösenden Kreuzes klar erkennt, sie zu einer starken Liebe und zu einem unumstößlichen Vertrauen zur Mutter des Sohnes Gottes führt, die in zahlreichen Heiligtümern verehrt wird.
Der »sensus fidei« des Volkes Gottes
98. Die Hirten und alle - Priester und Laien, Ordensmänner und Ordensfrauen -, die sich oft unter sehr schweren Bedingungen für die Evangelisierung und die menschliche Förderung einsetzen, müssen voller Hoffnung sein, wenn sie daran denken, welch außergewöhnliche Kraftquellen der Heiligkeit im lebendigen Glauben des Volkes Gottes enthalten sind. Man muß sich darum bemühen, daß diese Reichtümer des Glaubenssinnes sich voll entfalten und reiche Früchte bringen können. Man muß durch eine tiefe Betrachtung des Heilsplans, wie er sich vor der Gottesmutter im Magnificat ausbreitet, dem Glauben der Armen helfen, sich klar auszudrücken und sich im Leben zu verwirklichen. Hier liegt eine ehrenvolle kirchliche Aufgabe, die auf den Theologen wartet. Daher ist eine Theologie der Freiheit und der Befreiung, als treues Echo des Magnificat Mariens, das im Gedächtnis der Kirche bewahrt wird, eine Forderung unserer Zeit. Es wäre aber eine schlimme Verkehrung, wollte man sich der Energien der Volksfrömmigkeit bemächtigen, um sie auf ein Projekt rein irdischer Befreiung umzuleiten, das sich sehr schnell als eine Illusion und als Ursache neuer Versklavungen offenbaren würde. Die also den Ideologien der Welt und der angeblichen Notwendigkeit der Gewalt nachgeben, werden der kühnen und mutigen Hoffnung untreu, wie sie der Hymnus auf Gottes Barmherzigkeit preist, den uns die Gottesmutter lehrt.
Die Dimensionen einer echten Befreiung
99. Der Glaubenssinn erkennt die ganze Tiefe der Befreiung, die durch den Erlöser gewirkt worden ist. Er hat uns vom radikalsten Übel, der Sünde und der Macht des Todes, befreit, um die Freiheit zu sich selbst zu bringen und ihr den Weg zu weisen. Dieser Weg ist vorgezeichnet durch das Hauptgebot, das Gebot der Liebe.
Die Befreiung in ihrer ersten Bedeutung ist soteriologisch; sie setzt sich fort in einer konkreten befreienden Aufgabe, in einer ethischen Forderung. Hier hat die Soziallehre der Kirche ihren Platz, die die christliche Praxis auf der gesellschaftlichen Ebene erleuchtet.
Der Christ ist aufgerufen, nach der Wahrheit zu handeln144 und sich somit für die Verwirklichung der »Zivilisation der Liebe« einzusetzen, von der Paul VI. gesprochen hat.145 Das vorliegende Dokument hat, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einige Richtungen aufgezeigt, wo tiefgreifende Reformen dringlich notwendig sind.
Die vorrangige Aufgabe, die den Erfolg aller anderen bedingt, ist erzieherischer Natur. Die Liebe, die den Einsatz leitet, muß fortan zu neuen Formen der Solidarität führen. Zu diesen Aufgaben, die sich mit besonderer Dringlichkeit dem christlichen Gewissen stellen, sind alle Menschen guten Willens aufgerufen.
Die Wahrheit des Heilsgeheimnisses ist am Werk im Heute der Geschichte, um die erlöste Menschheit zur Vollkommenheit des Reiches Gottes zu führen, das den notwendigen Anstrengungen zur Befreiung im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereich ihre wahre Bedeutung gibt und sie davor bewahrt, in neue Abhängigkeiten zu fallen.
Eine vor uns liegende Aufgabe
100. Es ist wahr, daß angesichts der Größe und der Vielschichtigkeit der Aufgabe, die den persönlichen Einsatz bis zum Heroismus verlangen kann, viele durch Mutlosigkeit, durch Skeptizismus oder durch verzweifelte Abenteuer versucht werden. Eine ungeheuere Herausforderung ist der göttlichen und menschlichen Hoffnung gestellt. Die hochgemute Jungfrau des Magnificat, die die Kirche und die Menschheit mit ihrem Gebet umfängt, ist die feste Stütze unserer Hoffnung. In ihr betrachten wir ja den Sieg der göttlichen Liebe, die kein Hindernis aufzuhalten vermag, und entdecken, zu welch hoher Freiheit Gott die Demütigen erhebt. Auf dem von ihr vorgezeichneten Weg muß der Glaube, der in der Liebe wirksam wird, kraftvoll voranschreiten.146
Papst Johannes Paul II. hat in einer dem unterzeichneten Präfekten gewährten Audienz die vorliegende Instruktion, die in der ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und ihre Veröffentlichung angeordnet.
Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, den 22. März 1986, am Hochfest der Verkündigung des Herrn.
1 Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion über einige Aspekte der »Theologie der Befreiung« (Libertatis nuntius), Vorwort: AAS 76 (1984), 876-877.
2 Vgl. die Pastoralkonstitution Gaudium et spes und die Erklärung Dignitatis humanae des II. Vatikanischen Konzils, die Enzykliken Mater et Magistra, Pacem in terris, Populorum progressio, Redemptor hominis und Laborem exercens, die Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi und Reconciliatio et poenitentia, den Papstbrief
Octogesima adveniens. Johannes Paul II. hat dieses Thema behandelt in seiner Eröffnungsansprache auf der III. Konferenz des Lateinamerikanischen Episkopats in Puebla: AAS 71 (1979), 187-205. Bei anderen Gelegenheiten ist er darauf zurückgekommen. Ebenso ist das Thema auf der Bischofssynode der Jahre 1971 und 1974 behandelt worden. Die Bischofskonferenzen Lateinamerikas haben es zum direkten Gegenstand ihrer Beratungen gemacht. Es hat auch die Aufmerksamkeit anderer Episkopate auf sich gezogen, wie zum Beispiel des französischen Episkopates: Libération des hommes et salut en Jesus-Christ, 1975. 3 Vgl. PAUL VI., Papstbrief Octogesima adveniens, 1-4: AAS 63 (1971), 401-404.
4 Vgl. Joh 4, 42; 1 Joh 4, 14.
5 Vgl. Mt 28, 18-20; Mk 16, 15. 6 Vgl. Konzilserklärung Dignitatis humanae, 19.
7 Vgl. PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi 78-80:
AAS 68 (1976), 70-75; Konzilserklärung Dignitatis humanae, 3; JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptor hominis, 12: AAS 71 (1979), 278-281.
8 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, XI, 10: AAS 76 (1984), 905-906.
9 Vgl. JJOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptor hominis, 17: AAS 71 (1979), 296-297; Erklärung vom 10. März 1984 beim 5. Kolloqium der Juristen: L’Osservatore Romano vom 11. März 1984, S. 8.
10 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, XI, 5: AAS 76 (1984), 904; JOHANNES PAUL II, Eröffnungsansprache von Puebla: AAS 71 (1979), 189.
11 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 36.
12 Vgl. ebenda.
13 Vgl. a.a.O., 41.
14 Vgl. Mt 11, 25; Lk 10, 21.
15 Vgl. PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 48: AAS 68 (1976), 37-38.
16 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, VII, 9; VIII, 1-9: AAS 76 (1984), 892; 894-895.
17 Vgl. Gen 1, 26.
18 JOHANNES PAUL II, Enzyklika Redemptor hominis, 21: AAS 71 (1979), 316.
19 Vgl. Röm 6, 6; 7, 23.
20 Vgl. Gen 2, 18. 23: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt« - »Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch«. Diese Worte der Heiligen Schrift haben nicht nur eine Bedeutung für die Beziehung von Mann und Frau; ihre Tragweite ist umfassender. Vgl. Lev 19, 18.
21 Vgl. JOHANNES XXIII., Enzyklika Pacem in terris, 5-15: AAS 55 (1963), 259-265; JOHANNES PAUL II., Brief an K. Waldheim, Generalsekretär der Vereinten Nationen, zum 30. Jahrestag der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte«: AAS 71 (1979), 122; Ansprache vor der UNO-Vollversammlung, 9: AAS 71 (1979), 1149.
22 Vgl. AUGUSTINUS, Ad Macedonium, II, 7-17 (PL 33, 669-673; CSEL 44, 43-447).
23 Vgl. Gen 1, 27-28.
24 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptor hominis, 15: AAS 71 (1979), 286.
25 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 13, § 1.
26 Vgl.
JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Reconciliatio et poenitentia, 13: AAS 77 (1985), 208-211.
27 Vgl. Gen 3, 16-19: Röm 5, 12; 7, 14-21; PAUL VI, Credo des Gottesvolkes, 30. Juni 1968, 16: AAS 60 (1968), 439.
28 Vgl. Röm 1, 18-32.
29 Vgl. Jer 5, 23; 7, 24; 17, 9; 18, 12.
30 Vgl. AUGUSTINUS, De Civitate Dei, XIV, 28 (PL 41, 435; CSEL 40/2, 56-57; CCL 14/2, 451-452).
31 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, Vorwort: AAS 76 (1984), 876.
32 Vgl. Gen 12, 1-3.
33 Vgl. Jes 41, 14; Jer 50, 34. »Goel«: Dieses Wort enthält die Idee eines verwandtschaftlichen Bandes zwischen dem, der befreit, und dem, der befreit wird; vgl. Lev 25, 25. 41-49; Rut 3, 12; 4, 1. »Padah« bedeutet »für sich erwerben«; vgl. Ex 13, 13; Dtn 9, 26; 15, 15; Ps 130, 7-8.
34 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, IV, 3: AAS 76 (1984), 882.
35 Vgl. Dtn 6,5.
36 Vgl. Lev 19, 18.
37 Vgl. Dtn 1, 16-17; 16, 18-20; Jer 22, 3-15; 23, 5; Ps 33, 5; 72, 1; 99, 4.
38 Vgl. Ex 22, 20-23; Dtn 24, 10-22.
39 Vgl. Jer 31, 31; Ex 36, 25-27.
40 Vgl. Jes 11, 1-5; Ps 72, 4. 12-14; Instruktion Libertatis nuntius, IV, 6: AAS 76 (1984), 883.
41 Vgl. Ex 23, 9; Dtn 24, 17-22.
42 Vgl. Ps 25; 31; 35; 55; Instruktion Libertatis nuntius, IV, 5: AAS 76 (1984), 883.
43 Vgl. Jer 11, 20; 20, 12.
44 Vgl. Ps 73, 26-28.
45 Vgl. Ps 16; 62; 84.
46 Zef 3, 12-20; vgl. Instruktion Libertatis nuntius, IV, 5: AAS 76 (1984), 883.
47 Vgl. Lk 1, 46-55.
48 Vgl. PAUL VI., Apostolisches Schreiben Marialis cultus, 37: AAS
66 (1974), 148-149.
49 Vgl. Apg 2, 39; Röm 10, 12; 15, 7-12; Eph 2, 14-18.
50 Vgl. Mk 1, 15.
51 Vgl. Jes 61, 9.
52 Vgl. 2 Kor 8, 9.
53 Vgl. Mt 25, 31-46; Apg 9, 4-5.
54 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, IV, 9: AAS 76 (1984), 884.
55 Vgl. JOHANNES PAUL II., Eröffnungsansprache von Puebla, I, 5: AAS 71 (1979), 191.
56 Vgl. Röm 5, 10; 2 Kor 5, 18-20.
57 Vgl. Joh 14, 27.
58 Vgl. Mt 5, 9; Röm 12, 18; Hebr 12, 14.
59 Vgl. 1 Kor 15, 26.
60 Vgl. Joh 12, 31; Hebr 2, 14-15.
61 Vgl. Eph 6, 11-17.
62 Vgl. Röm 8, 37-39.
63 Vgl. Röm 8, 2.
64 Vgl. 1 Tim 1, 8.
65 Vgl. Röm 13, 8-10.
66 Vgl. Röm 13, 1-7.
67 Vgl. Röm 8, 2-4.
68 Vgl. Röm 13, 1.
69 Vgl. Röm 13, 8-10; Gal 15, 13-14.
70 Vgl. Mt 5, 43-48; Lk 6, 27-28.
71 Vgl. Lk 10, 25-37.
72 Vgl. z. B. 1 Thess 2, 7-12; Phil 2, 1-4; Gal 2, 12-20; 1 Kor 13, 4-7; 2 Joh 12; 3 Joh 14; Joh 1-5. 35-36; Mk 6, 34; Mt 9, 36; 18, 21 f.
73 Vgl. Joh 15, 12-13; 1 Joh 3, 16.
74 Vgl. Jak 5, 1-4.
75 Vgl. 1 Joh 3, 17.
76 Vgl. 1 Kor 11, 17-34; Instruktion Libertatis nuntius, IV, 11: AAS 76 (1984), 884. Der heilige Paulus selbst organisierte eine Sammlung für die »Armen unter den Heiligen in Jerusalem« (Röm 15, 26).
77 Vgl. Röm 8, 11-21.
78 Vgl. 2 Kor 1, 22.
79 Vgl. Gal 4, 26.
80 Vgl. 1 Kor 13, 12; 2 Kor 5, 10.
81 Vgl. 1 Joh 3, 2.
82 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 39, § 2.
83 Ebenda, 39, § 3.
84 Vgl. Mt 24, 29-44. 46; Apg 10, 42; 2 Kor 5, 10.
85 Vgl. Pastoralkonstitution
Gaudium et spes, 42, § 2.
86 Vgl. Joh 17, 3.
87 Vgl. Röm 6, 4; 2 Kor 5, 17; Kol 3, 9-11.
88 Vgl. PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 18. 20: AAS 68 (1976), 17. 19.
89 Vgl. Mt 5, 3.
90 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 37.
91 Vgl. Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 17; Dekret Ad gentes, 1; PAUL VI., Apostolisches Scheiben Evangelii nuntiandi, 14:
AAS 68 (1976), 13.
92 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 40, § 3.
93 Vgl. JOHANNES PAUL II, Apostolisches Schreiben Reconciliatio et poenitentia, 14: AAS 77 (1985), 211-212.
94 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, XI, 10: AAS 76 (1984), 901.
95 Vgl. 2 Kor 8, 9.
96 Vgl. Lk 2, 7; 9, 58.
97 Vgl. Mt 6, 19-20. 24-34; 19, 21.
98 Vgl. Lk 5, 11. 28. Mt 19, 27.
99 Vgl. Jes 11, 4; 61, 1; Lk 4, 18.
100 Vgl. Mk 2, 13-17; Lk 19, 1-10.
101 Vgl. Mt 8, 16; 14, 13-21; Joh 13, 29.
102 Vgl. Mt 8, 17.
103 Vgl. PAUL VI., Enzyklika Populorum progressio, 12. 46: AAS 59 (1967), 262-263. 280; Dokument der III. Konferenz des Lateinamerikanischen Episkopates in Puebla, 476.
104 Vgl. Apg 2, 44-45.
105 Außerordentliche Bischofssynode 1985, Schlußbericht, II, C, 6: L’Osservatore Romano vom 10. Dezember 1985, S. 7; PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 58: AAS 68 (1976), 46-49; JOHANNES PAUL II., Mensagem às comunidades de base, am 10. Juli 1980 in Manaus übergeben.
106 Vgl. Mt 22, 37-40; Röm 13, 8-10.
107 Vgl. PAUL VI., Papstbrief Octogesima aiveniens, 4: AAS 63 (1971), 403-404; JOHANNES PAUL II., Eröffnungsansprache von Puebla, III, 7: AAS 71 (1979), 203.
108 Vgl. JOHANNES XXIII., Enzyklika Mater et Magistra, 235: AAS 53 (1961), 461.
109 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 25.
110 Vgl. JOHANNES XXIII., Enzyklika Mater et Magistra, 132-133: AAS
53 (1961), 437.
111 Vgl. Pius XI., Enzyklika Quadragesimo anno, 79-80: AAS 23 (1931), 203; JOHANNES XXIII., Enzyklika Mater et Magistra, 138: AAS
53 (1961), 439; Enzyklika Pacem in terris, 74: AAS 55 (1963), 294-295.
112 Vgl. PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, XI, 9: AAS
76 (1984), 901.
113 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Reconciliatio et poenitentia, 16: AAS 77 (1985), 213-217.
114 Vgl. PAUL VI., Papstbrief Octogesima adveniens, 25: AAS 73 (1971), 419-420.
115 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981), 629-632; Instruktion Libertatis nuntius, VII, 8; VIII, 5-9; XI, 11-14: AAS 76 (1984), 891-892; 894-895; 901-902.
116 Vgl. Mt 5, 44; Lk 6, 27-28. 35.
117 Vgl. Instruktion Libertatis nuntius, XI, 10: AAS 76 (1984), 905-906.
118 Vgl. Dokument der III. Konferenz des Lateinamerikanischen Episkopates in Puebla, 533-534; JOHANNES PAUL II., Homilie in Drogheda, 30. September 1979: AAS 71 (1979), 1076-1085.
119 PAUL VI., Enzyklika Populorum progressio, 31: AAS 59 (1967), 272-273; vgl. PIUS XI., Enzyklika Nos es muy conocida: AAS 29 (1937), 208-209.
120 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 76, § 3; Dekret Apostolicam actuositatem, 7.
121 Vgl. a. a. O., 20.
122 Vgl. a. a. O., 5.
123 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Laborem exercens, 6: AAS 73 (1983), 589-592.
124 Vgl. a. a. O., Kap. V: ebenda, 637-647.
125 Vgl. a.a.O., 3: ebenda, 583-584; Ansprache in Loreto vom 10. Mai 1985: AAS 77 (1985), 967-969.
126 Vgl. PAUL VI., Papstbrief Octogesima adveniens, 46: AAS 63 (1971), 633-635.
127 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Laborem exercens, 6: AAS 73 (1981), 589-592.
128 Vgl. ebenda.
129 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio
46: AAS 74 (1982), 137-139; Enzyklika Laborem exercens, 23: AAS 73 (1981), 635-637; HEILIGER STUHL, Charta der Familienrechte, Art. 12: L’Osservatore Romano vom 25. November 1983.
130 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 68; JOHANNES PAUL II., Enzyklika Laborem exercens, 15: AAS 73 (1981), 616-618; Ansprache vom 3. Iuli 1980: L’Osservatore Romano vom 5. Juli 1980, S. 1-2.
131 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 69: JOHANNES PAUL II., Enzyklika Laborem exercens, 12. 14: AAS 73 (1981), 605-608. 612-616.
132 Vgl. PIUS XI., Enzyklika Quadragesimo anno, 72: AAS 23 (1931), 200; JOHANNES PAUL II., Enzyklika Laborem exercens, 19: AAS
73 (1981), 625-629.
133 Vgl. Dokument der II. Konferenz des Lateinamerikanischen Episkopates in Medellìn, Gerechtigkeit, I. 9; Dokument der III. Konferenz des Lateinamerikanischen Episkopates in Puebla, 31. 35.
134 Vgl. JOHANNES XXIII., Enzyklika Mater et Magistra, 163: AAS 53 (1961), 443; PAUL VI., Enzyklika Populorum progressio, 51: AAS 59 (1967), 282; JOHANNES PAUL II., Ansprache an das Diplomatische Korps vom 11. Januar 1986: L’Osservatore Romano vom 12. Januar 1986, S. 4-5.
135 Vgl. PAUL VI., Enzyklika Populorum progressio, 55: AAS 59
(1967), 284.
136 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 60; JOHANNES PAUL II., Ansprache vor der UNESCO vom 2. Juni 1980, 8: AAS 72 (1980), 739-740.
137 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 59.
138 Vgl. Konzilserklärung Gravissimum educationis, 3. 6; PIUS XI., Enzyklika Divini illius Magistri, 29. 38. 66: AAS 22 (1930), 59. 63. 68; HEILIGER STUHL, Charta der Familienrechte, Art. 5: L’Osservatore Romano vom 25. November 1983.
139 Vgl. Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 29; JOHANNES XXIII., Enzyklika Pacem in terris, 73-74. 79: AAS 55 (1963), 294-296.
140 Vgl. Konzilserklärung Dignitatis humanae, 7; Pastoralkonstitution
Gaudium et spes, 5.
141 Vgl. PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 19: AAS 68 (1976), 18.
142 Vgl. Außerordentliche Bischofssynode 1985, Schlußbericht, II, D, 4:
L’Osservatore Romano vom 10. Dezember 1985, S. 7.
143 Vgl. PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 20: AAS 68 (1976), 18-19.
144 Vgl. Joh 3, 21.
145 Vgl. PAUL VI., Generalaudienz vom 31. Dezember 1975: L’Osservatore Romano, 1. Januar 1976, S. 1. JOHANNES PAUL II hat diese Idee wieder aufgegriffen in der Ansprache »Meeting per l'amicizia dei popoli« vom 29. August 1982: L’Osservatore Romano, 30-31. August 1982. Die lateinamerikanischen Bischöfe haben dies gleicherweise zur Sprache gebracht in der Botschaft an die Völker Lateinamerikas, 8 und in dem Dokument von Puebla, 1188. 1192.
146 Vgl. Gal 5, 6.