Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Allgemeinverbindlicherklaerung_Tarifvertrag_Sozialkassenverfahren_Baugewerbe_LAG_Berlin-Brandenburg_2BVL5001-14_2BVL5002-14_b.html
Timestamp: 2020-01-21 03:28:43
Document Index: 54355460

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 98', '§ 5', '§ 11', '§ 5', '§ 1', '§ 4', '§ 5', '§ 7', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 18', '§ 5', '§ 5', '§ 43', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 98', '§ 98', '§ 2', '§ 5', '§ 98', '§ 18', '§ 5', '§ 5', 'Art. 9', '§ 98', '§ 98', '§ 24', '§ 5', '§ 98', '§ 5', 'Art. 16', 'EuG', 'Art. 11', '§ 5', '§ 11', '§ 98', '§ 98', '§ 98', '§ 5', '§ 98', '§ 98', '§ 5', '§ 5', '§ 98', '§ 5', '§ 98', '§ 5', '§ 98', '§ 5', '§ 98', '§ 17', '§ 98', '§ 98', '§ 43', '§ 5', '§ 47', '§ 47', '§ 98', '§ 98', '§ 47', '§ 98', '§ 98', '§ 98', '§ 98', '§ 47', '§ 98', '§ 47', '§ 98', '§ 18', '§ 98', '§ 98', '§ 98', '§ 240', '§ 40', '§ 240', '§ 11', '§ 4', '§ 22', '§ 98', '§ 5', '§ 4', '§ 4', '§ 6', '§ 7', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 98', '§ 98', '§ 98', '§ 98', '§ 5', '§ 98', '§ 5', '§ 5', '§ 1', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 8', '§ 5', '§ 5', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 4', '§ 6', '§ 5', '§ 97', '§ 97', '§ 2', '§ 2', '§ 84', '§ 98', '§ 43', '§ 47', '§ 2', '§ 47', '§ 154', '§ 92', '§ 72']

hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 2. Kam­mer, auf die münd­li­che Anhörung vom 17. April 2015 durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Lan­des­ar­beits­ge­richts Dr. F. als Vor­sit­zen­den so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter G. und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin W. be­schlos­sen:
I. Un­ter Zurück­wei­sung der Anträge der Be­tei­lig­ten zu 1) bis 3) und 9) bis 24) wird fest­ge­stellt, dass die vom Be­tei­lig­ten zu 4) be­kannt ge­mach­ten All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen vom 15.05.2008 (Bun­des­an­zei­ger Nr. 104 vom 15.07.2008) und 25.06.2010 (Bun­des­an­zei­ger Nr. 97 vom 02.07.2010) der Ta­rif­verträge über das So­zi­al­kas­sen­ver­fah­ren vom 20.12.1999 in den Fas­sun­gen vom 20.08.2007 und 05.12.2007 ei­ner­seits und vom 18.12.2009 an­de­rer­seits wirk­sam sind.
II. Die Rechts­be­schwer­de wird für die Be­tei­lig­ten zu 1) bis 3) und 9) bis 24) zu­ge­las­sen.
Dr. F. G. W.
Die Be­tei­lig­ten strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung nach § 5 TVG a.F. Kon­kret wer­den von meh­re­ren be­tei­lig­ten An­trag­stel­lern die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen vom 15.05.2008 (Bun­des­an­zei­ger Nr. 104 vom 15.07.2008) und vom 25.06.2010 (Bun­des­an­zei­ger Nr. 97 vom 02.07.2010) der Ta­rif­verträge über das So­zi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be vom 20.12.1999 in den Fas­sun­gen vom 20.08.2007 und 05.12.2007 ei­ner­seits und vom 18.12.2009 an­de­rer­seits in ei­nem Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG n.F. als un­wirk­sam an­ge­se­hen.
Gemäß § 5 Abs. 1 Satz 1 TVG a.F. konn­te das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les (BMAS) kei­nen Ta­rif­ver­trag im Ein­ver­neh­men mit ei­nem aus je drei Ver­tre­tern der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­beit­ge­ber und der Ar­beit­neh­mer be­ste­hen­den Aus­schuss auf An­trag ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei für all­ge­mein­ver­bind­lich erklären, wenn „1. die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber nicht we­ni­ger als 50 v. H. der un­ter den Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­tra­ges fal­len­den Ar­beit­neh­mer beschäfti­gen und 2. die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung im öffent­li­chen In­ter­es­se ge­bo­ten er­scheint.“
Gemäß § 11 TVG a.F. und n.F. konn­te und kann das BMAS un­ter Mit­wir­kung der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tio­nen der Ar­beit­ge­ber und der Ar­beit­neh­mer die zur Durchführung des Ge­set­zes er­for­der­li­chen Ver­ord­nun­gen er­las­sen, ins­be­son­de­re über „…2. das Ver­fah­ren bei der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung von Ta­rif­verträgen und der Auf­he­bung von Ta­rif­ord­nun­gen und An­ord­nun­gen, die öffent­li­chen Be­kannt­ma­chun­gen bei der An­trag­stel­lung, der Erklärung und Be­en­di­gung der All­ge­mein­ver­bind­lich­keit und der Auf­he­bung von Ta­rif­ord­nun­gen und An­ord­nun­gen so­wie die hier­durch ent­ste­hen­den Kos­ten; 3. den in § 5 ge­nann­ten Aus­schuss.“
Nach der Ver­ord­nung zur Durchführung des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes (DVO-TVG) wird ein Ta­rif­aus­schuss gemäß §§ 1 – 3 DVO-TVG er­rich­tet, gemäß §§ 4 ff DVO-TVG wird das Ver­fah­ren über die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung und die Auf­he­bung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ge­re­gelt.
Auf An­trag der In­dus­trie­ge­werk­schaft Bau­en – Agrar-Um­welt (IG BAU) als ei­ner Ta­rif­ver­trags­par­tei des Bau­ge­wer­bes zu­gleich im Na­men und in Voll­macht der bei­den an­de­ren Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, des Haupt­ver­ban­des der Deut­schen Bau­in­dus­trie e.V. und des Zen­tral­ver­ban­des des Deut­schen Bau­ge­wer­bes e.V., vom 11.12.2007 (Ak­te des Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­ums zum Az. III a 3 – 31241-U-14b/62, im Fol­gen­den: 14b/62) und auf An­trag der IG BAU zu­gleich auch im Na­men und in Voll­macht der bei­den an­de­ren o. g. Ta­rif­ver­trags­par­tei­en vom 18.12.2009 (Az. III a 3 - 31241-U-14b/64, im Fol­gen­den: 14b/64) führ­te das BMAS un­ter Fest­set­zung und Ver­hand­lung der Ter­mi­ne der öffent­li­chen Aus­schuss­sit­zung die Ver­fah­ren nach der DVO-TVG für bei­de Anträge auf
All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung un­ter an­de­rem der Ta­rif­verträge über das So­zi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be (VTV-Bau) durch und kam nach dem Ver­merk vom 29.02.2008 (Bl. 115 ff. d. A. 14b/62 ) zur Auf­fas­sung, dass so­wohl nach den Zah­len des sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes, Fach­se­rie 4, Rei­he 5.1 „Beschäftig­te und Um­satz der Be­trie­be im Bau­ge­wer­be“ 2007 als auch nach den Zah­len auf­grund der An­ga­ben der Zu­satz­ver­sor­gungs­kas­se des Bau­ge­wer­bes (ZVK) selbst bei „ungüns­tigs­ten An­nah­men“ die „50 %-Re­la­ti­on“ des § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG a.F. erfüllt sei. Auf Bl. 116 heißt es: „Die An­zahl der von der ZVK ge­mel­de­ten Be­trie­be liegt über dem Wert der Sta­tis­tik. Der Un­ter­schied folgt dar­aus, dass die ZVK die Be­trie­be streng auf der Grund­la­ge des Gel­tungs­be­reichs der Bau-Ta­rif­verträge er­fasst. Die ZVK-Zahl ist da­her al­ler Vor­aus­sicht nach die ge­naue­re“. Auch das öffent­li­che In­ter­es­se für die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung des VTV Bau sei ge­ge­ben. Ge­gen ei­ne All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ab 01.01.2008 für den VTV-Bau i.d.F. vom 20.08.2007 und 05.12.2007 bestünden gemäß § 7 Satz 3 DVO-TVG kei­ne Be­den­ken. Das BMAS mach­te die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen im Bun­des­an­zei­ger (BAnz Nr. 104) vom 15.07.2008 be­kannt (Bl. 280 ff. in der Ak­te 14b/62).
Auch im Ver­fah­ren zum Az. 14b/64 auf All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung des Ta­rif­ver­tra­ges über das So­zi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be (VTV Bau) vom 18.12.2009 kam das BMAS zur 50 %-Re­la­ti­on des § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG. Al­ler­dings war die­se Vor­aus­set­zung nach den Zah­len der Sta­tis­ti­ken des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes nicht erfüllt. Nach der Wer­tung heißt es dort:
„IV. Wer­tung
Die Sta­tis­tik der Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes weist al­le in Bau-Be­trie­ben täti­gen Per­so­nen aus, u.a. auch In­ha­ber, Mit­in­ha­ber, selbstständi­ge Hand­wer­ker, Fa­mi­li­en­an­gehöri­ge und ge­ringfügig Beschäftig­te. Vom Gel­tungs­be­reich der Bau-Ta­rif­verträge wer­den je­doch im We­sent­li­chen ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer, so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge An­ge­stell­te und Aus­zu­bil­den­de er­fasst.
Die Sta­tis­tik der Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes enthält da­her ei­nen be­deu­tend größeren Per­so­nen­kreis, als er tatsächlich von den Ta­rif­verträgen des Bau­ge­wer­bes er­fasst wird.
Zu berück­sich­ti­gen ist, dass von der Sta­tis­tik des Sta­Bu im Be­reich der Bau­in­stal­la­ti­on und des sons­ti­gen Bau­ge­wer­bes nur Be­trie­be mit min­des­tens 10 täti­gen Per­so­nen er­fasst wer­den.
Im Ge­gen­satz zur ZVK wer­den er­folgt die Zu­ord­nung der Be­trie­be in der Sta­tis­tik des Sta­Bu nicht nach dem ar­beits­zeit­li­chen Über­wie­gen­s­prin­zip, son­dern nach dem wirt­schaft­li­chen Schwer­punkt der Be­trie­be.
Die ZVK ist auf­grund der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung der Ta­rif­verträge für das Bau­ge­wer­be ver­pflich­tet, al­le Be­trie­be die­ses Be­reichs mit ih­ren Beschäftig­ten zu er­fas­sen. Es be­steht da­her ein be­son­de­res Ei­gen­in­ter­es­se der ZVK, die Be­trie­be möglichst vollständig und um­fas­send zu er­fas­sen. Zu­dem ist je­der Ar­beit­ge­ber vor der Auf­nah­me bau­ge­werb­li­cher Tätig­kei­ten ver­pflich­tet, sich bei der für ihn zuständi­gen Kas­se zu mel­den (vgl. z.B. § 5 Abs. 1 des Ta­rif­ver­tra­ges über das So­zi­al­kas­sen­ver­fah­ren i.d.F. vom 18. De­zem­ber 2009).
Die An­ga­ben der ZVK wer­den auch durch die ak­tu­ell vor­lie­gen­de Un­ter­su­chung des Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen In­sti­tuts (WSI) gestützt. Da­nach er­gibt sich im ge­sam­ten Bau­ge­wer­be ei­ne Ta­rif­bin­dung in West­deutsch­land von 75 %, in Ost­deutsch­land von 48 % (vgl. Ta­bel­le 1 der An­la­ge 2). Die Er­geb­nis­se lie­gen nur für das ge­sam­te Bau­ge­wer­be vor. Da kei­ne Hin­wei­se vor­lie­gen, dass die Ta­rif­bin­dung im Bau­haupt­ge­wer­be (und da­mit in den zur All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung be­an­trag­ten Gel­tungs­be­reich der Ta­rif­verträge) von der Ta­rif­bin­dung im Bau­ne­ben­ge­wer­be ab­weicht und das Bau­haupt­ge­wer­be zu­dem ei­nen we­sent­li­chen An­teil des ge­sam­ten Bau­ge­wer­bes aus­macht, kann da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Er­geb­nis­se des WSI auch re­präsen­ta­tiv für die Ta­rif­bin­dung im Bau­haupt­ge­wer­be sind.
Die An­ga­ben der ZVK sind da­her in der Ge­samt­be­trach­tung und auf­grund ih­rer be­son­de­ren Sachnähe zum Nach­weis der sog 50 %-Klau­sel ge­eig­net.
Mit ei­ner Ta­rif­bin­dung von 63,99 % ist die Vor­aus­set­zung des § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG erfüllt.“
(sie­he Bl. 120 R bis 121 d. A. 14b/64).
Im Ver­merk vom 02.02.2010 wur­de auch das öffent­li­che In­ter­es­se im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 TVG be­jaht. Der Ta­rif­aus­schuss befürwor­te­te in sei­ner Sit­zung vom 10.02.2010 die All­ge­mein­ver­bind­lich­keit (vgl. Bl. 138 ff. d. A. 14b/64). Das BMAS mach­te die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung im Bun­des­an­zei­ger Nr. 97 vom 02.07.2010, S. 2278 be­kannt (Bl. 229 d. A. 14b/64).
In der Fol­ge­zeit klag­te die ZVK bzw. die Ur­laubs­kas­se des Bau­ge­wer­bes (ULAK) un­ter Be­zug­nah­me auf die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen von 2008 und 2010 ge­gen un­ter­schied­li­che Bau­un­ter­neh­men. Ins­be­son­de­re für ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer sind gemäß § 18 VTV Bau so­wohl in der älte­ren als auch in der jünge­ren Fas­sung zur Auf­brin­gung von Mit­teln für die ta­rif­lich fest­ge­leg­ten Leis­tun­gen Ur­laubs- und Be­rufs­bil­dungs­ver­fah­ren als So­zi­al­kas­sen­bei­trag be­stimm­te
pro­zen­tua­le Beträge von 16,6 % bis 25,8 % der Brut­to­lohn­sum­me an die ta­rif­lich be­stimm­te Ein­zugs­stel­le (ZVK bzw. ULAK) durch die Un­ter­neh­men zu zah­len.
In ei­nem der­ar­ti­gen Bei­trags­ein­zugs­ver­fah­ren prüfte die 18. Kam­mer des LAG Hes­sen zum Az. 18 Sa 619/13 die mögli­che Un­wirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen des VTV Bau vom 25.06.2010 bzw. 15.05.2008. Die Kam­mer zog die o. g. Ak­ten des BMAS über die Prüfung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen bei und hol­te hin­sicht­lich der 50 %-Re­la­ti­on Auskünf­te zu der Zahl der Ar­beit­neh­mer in den ta­rif­ge­bun­de­nen Be­trie­ben (sog. Klei­ne Zahl) so­wie der un­ter den Gel­tungs­be­reich des VTV Bau fal­len­den Ar­beit­neh­mer ge­samt (sog. Große Zahl) von der ZVK und den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ein. Das Ge­richt prüfte die Zah­len an­hand der im In­ter­net zugäng­li­chen Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes, der Agen­tur für Ar­beit und der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft Bau und kam nach ei­ge­ner Be­rech­nung da­zu, dass die Zah­len der ZVK zur sog. „Großen Zahl“ be­zo­gen auf die je­wei­li­gen Stich­ta­ge im Sep­tem­ber 2007 und 2009 be­last­bar, ins­be­son­de­re nicht zu nied­rig an­ge­setzt wa­ren. Auch die in den Ver­fah­ren der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen 2008 und 2010 her­an­ge­zo­ge­nen sog. „Klei­nen Zahl“ der Ar­beit­neh­mer in den ta­rif­ge­bun­de­nen Be­trie­ben er­schien der 18. Kam­mer des LAG Hes­sen be­last­bar, so dass im Er­geb­nis die 50 %-Re­la­ti­on des § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG a.F. be­jaht wur­de. Auch das öffent­li­che In­ter­es­se im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 TVG a.F. sei ge­ge­ben.
Mit Schlus­s­ur­teil vom 02.07.2014 wies da­her die 18. Kam­mer des LAG Hes­sen die Be­ru­fung ei­nes Un­ter­neh­mens, wel­ches auch An­trag­stel­le­rin im hie­si­gen Ver­fah­ren zu 3) ist, ge­gen ein kla­ge­ab­wei­sen­des Ur­teil der ers­ten In­stanz auf Bei­trags­zah­lung an die ULAK zurück und ließ die Re­vi­si­on ge­gen die­ses Ur­teil zu (vgl. das Ur­teil in den bei­ge­zo­ge­nen Ak­ten des LAG Hes­sen Bl. 439 ff.). Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin, die Be­tei­lig­te zu 3) im hie­si­gen Ver­fah­ren, Re­vi­si­on ein. Die­se wird zum Az. 10 AZR 600/14 beim Bun­des­ar­beits­ge­richt geführt.
Un­ter­des­sen be­gehr­ten u.a. zwei wei­te­re An­trag­stel­ler im hie­si­gen Ver­fah­ren (Be­tei­lig­te zu 20) und 21) vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ver­tre­ten durch das BMAS, im Rah­men ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge nach § 43 VG­GO u.a. fest­zu­stel­len, dass die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen (AVE) von 2008 und 2010 un­wirk­sam sei­en.
Mit dem Ta­rif­au­to­no­miestärkungs­ge­setz vom 11.08.2014 (Bun­des­ge­setz­blatt I, S. 1348) änder­te der Ge­setz­ge­ber § 5 TVG. Die 50 %-Re­la­ti­on in § 5 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 1 TVG ent­fiel. Gemäß § 5 Abs. 1 a TVG kann nun­mehr das BMAS ei­nen Ta­rif­ver­trag über ei­ne ge­mein­sa­me Ein­rich­tung zur Si­che­rung ih­rer Funk­ti­onsfähig­keit im Ein­ver­neh­men mit dem Ta­rif­aus­schuss auf ge­mein­sa­men An­trag der Ver­trags­par­tei­en für all­ge­mein­ver­bind­lich erklären, wenn der Ta­rif­ver­trag die Ein­zie­hung von Beiträgen und die Gewährung von Leis­tun­gen durch ei­ne ge­mein­sa­me Ein­rich­tung mit fol­gen­den Ge­genständen re­gelt:
1. den Er­ho­lungs­ur­laub, ein Ur­laubs­geld oder ein zusätz­li­ches Ur­laubs­geld,
2. ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung im Sin­ne des Be­triebs­ren­ten­ge­set­zes,
3. die Vergütung der Aus­zu­bil­den­den oder die Aus­bil­dung in über­be­trieb­li­chen Bil­dungsstätten…
Gleich­zei­tig ist durch das Ta­rif­au­to­no­miestärkungs­ge­setz § 98 ArbGG geändert wor­den. Ab 16.08.2014 prüft nun­mehr gemäß § 98 ArbGG auf An­trag das Lan­des­ar­beits­ge­richt, in des­sen Be­zirk die Behörde ih­ren Sitz hat, die den Ta­rif­ver­trag für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt hat, im Be­schluss­ver­fah­ren nach § 2 a Abs. 1 Nr. 5 ArbGG, ob die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung wirk­sam oder un­wirk­sam ist. Der rechts­kräfti­ge Be­schluss wirkt für und ge­gen je­der­mann. Ei­ne Über­g­angs­vor­schrift für al­te Ver­fah­ren nach § 5 TVG a.F. ist im Ta­rif­au­to­no­miestärkungs­ge­setz nicht ent­hal­ten.
Mit An­trag vom 03.09.2014 hat der Be­tei­lig­te zu 1), mit An­trag vom 04.09.2014 die Be­tei­lig­te zu 2) und mit An­trag vom 11.09.2014 die Be­tei­lig­te zu 3) ver­langt, fest­zu­stel­len, dass die an­ge­ge­be­nen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen vom 15.05.2008 und 25.06.2010 un­wirk­sam sei­en. Al­le Be­tei­lig­ten wer­den von der ZVK bzw. ULAK auf Bei­trags­zah­lung auf­grund des all­ge­mein­ver­bind­li­chen VTV Bau in An­spruch ge­nom­men, hin­sicht­lich der Be­tei­lig­ten zu 1) und 2) ist mitt­ler­wei­le der Bei­trags­pro­zess gemäß § 98 Abs. 6 ArbGG rechts­kräftig aus­ge­setzt wor­den (Ver­fah­ren des LAG Hes­sen zum Az. 10 Sa 505/13 und 10 Sa 675/13).
Mit An­trag vom 22.09.2014 ha­ben die Be­tei­lig­ten zu 9) und 10) be­an­tragt fest­zu­stel­len, dass die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen vom 15.05.2008 und 25.06.2010 un­wirk­sam sei­en, mit Anträgen vom 24.09.2014 der Be­tei­lig­te zu 11), dass die AVE vom 15.05.2008 und 25.06.2010 un­wirk­sam sei­en, mit Anträgen vom 24.09.2014 der Be­tei­lig­te zu 12), dass u.a. die AVE vom 15.05.2008 und 25.06.2010 un­wirk­sam sei­en, mit An­trag vom 08.10.2014 der Be­tei­lig­te zu 13) fest­zu­stel­len, dass u.a. die AVE vom 15.05.2008 und vom 25.06.2010 un­wirk­sam sei­en und schließlich mit An­trag vom 22.09.2014 der Be­tei­lig­te zu 14) mit glei­chen Anträgen.
Die Be­tei­lig­ten zu 9) bis 14) sind eben­falls Un­ter­neh­men, die von der ZVK bzw. der ULAK auf Zah­lung von Beiträgen nach dem VTV Bau für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum in An­spruch ge­nom­men wer­den. Die Be­tei­lig­te zu 10) ist mitt­ler­wei­le in­sol­vent. Im In­sol­venz­ver­fah­ren zum Az. 11 In 1343/14 ist Rechts­an­walt Dr. D. H. zum In­sol­venz­ver­wal­ter be­stellt wor­den (vgl. Be­schluss vom 26.01.2015 Bl. 1026 d. A.).
Mit An­trag vom 29.09.2014 hat die Be­tei­lig­te zu 15) u.a. die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der AVE von 2008 und 2010 be­an­tragt. Die Be­tei­lig­te zu 15) ist ei­ne Be­ra­tungs­ge­sell­schaft für das Bau­we­sen und hat sich nach ih­rem Vor­trag von 18 Bau­un­ter­neh­men Ansprüche auf Rück­zah­lung von nach § 18 VTV Bau ge­zahl­ten Beiträgen ab­tre­ten las­sen.
Mit An­trag vom 13.10.2014 hat die Be­tei­lig­te zu 16) die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der AVE 2008 und 2010 be­gehrt. Sie be­haup­tet, dass sie von den So­zi­al­part­nern des Bau­ge­wer­bes mit Schrei­ben vom 19.09.2010 die Erklärung be­gehrt hat­te, dass sie nicht so­zi­al­kas­sen­pflich­tig sei. Die­se Erklärung hätten die So­zi­al­kas­sen („SO­KA“) nicht ab­ge­ge­ben, da­her sei sie ak­tiv­le­gi­ti­miert. Mit glei­chem Vor­trag be­gehrt die An­trag­stel­le­rin zu 17) die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit u.a. der AVE 2008 und 2010.
Mit Anträgen vom 11.11.2014 und 28.11.2014 hat die Be­tei­lig­te zu 18) u.a. die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der AVE vom 25.06.2010 be­gehrt und be­haup­tet, dass die von der ULAK auf Zah­lung von Beiträgen auch für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum in An­spruch ge­nom­men wer­de und die 50 % -Re­la­ti­on des § 5 Abs. 1 Satz Ziff 1 TVG a.F. nicht zu­tref­fend sei.
Mit Anträgen vom 13.11.2014 hat die Be­tei­lig­te zu 19) u. a. die Fest­stel­lung be­gehrt, dass die AVE von 2008 und 2010 un­wirk­sam sei­en. Sie wer­de von ULAK bzw. ZVK für die Bei­trags­zah­lun­gen in An­spruch ge­nom­men, die Zah­le­nermitt­lung des BMAS sei nicht ord­nungs­gemäß er­folgt, so dass sich für die be­trof­fe­nen Zeiträume der an­ge­ge­be­nen AVEs die Un­wirk­sam­keit we­gen der fal­schen 50 %-Re­la­ti­on er­ge­be. Auch be­ste­he kein öffent­li­ches In­ter­es­se.
Mit An­trag vom 22.10.2014 ha­ben die Be­tei­lig­ten zu 22) und 23) u.a. die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der AVE 2008 be­gehrt und be­tont, dass von der ULAK u.a. für die Zeit von Ja­nu­ar bis De­zem­ber 2009 auf Zah­lung von Beiträgen in An­spruch ge­nom­men würden und die Vor­aus­set­zun­gen des § 5 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 1 TVG a.F. nicht vorlägen.
Der Be­tei­lig­te zu 20) ist der Zen­tral­ver­band der Deut­schen Elek­tro- und In­for­ma­ti­ons­tech­ni­schen Hand­wer­ke (ZVEH). Er be­gehrt mit sei­nem An­trag vom 26.02.2015 die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der AVE 2008 und 2010 und macht um­fang­rei­che Ausführun­gen zur Er­mitt­lung der 50 %-Re­la­ti­on, der Grund­rech­te­char­ta der EU und der Un­wirk­sam­keit der AVE we­gen feh­len­der Ta­rif­zuständig­keit und Ta­riffähig­keit. Er hat Tei­le der Ak­te des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens VG Ber­lin zum Az. VG 4 A 83.07 und VG 4 253.12 zu den Ak­ten ge­reicht, in dem auch ei­ne Be­weis­auf­nah­me über die 50 %-Re­la­ti­on statt­ge­fun­den hat (vgl. die An­la­gen ZVEH 6 und 7, Bl. 1162, 1174 d. A.). Das Ver­fah­ren vor dem VG Ber­lin un­ter Be­tei­li­gung der Be­tei­lig­ten zu 20) und 21) ist er­le­digt. Er be­haup­tet, in sei­nen Rech­ten aus Art. 9 Abs. 3 GG be­trof­fen zu sein, da ein Be­trieb Mit­glied sei­nes Ver­ban­des sein könne, gleich­zei­tig für ihn aber die Ta­rif­verträge des Bau­ge­wer­bes, al­so auch der VTV Bau in dem hier streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum gel­tend würde.
Die Be­tei­lig­te zu 21) ist Mit­glied des Be­tei­lig­ten zu 20) und macht mit ih­rem An­trag vom 26.02.2015 die Un­wirk­sam­keit der AVE 2008 und 2010 gel­tend, weil sie für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum auf Bei­trags­zah­lun­gen in An­spruch ge­nom­men wer­de.
Die Be­tei­lig­te zu 24) wird von der ULAK bzw. der ZVK vor dem Ar­beits­ge­richt Wies­ba­den auf Bei­trags­zah­lun­gen in An­spruch ge­nom­men, wo­bei der vor­lie­gend strei­ti­ge Zeit­raum mit­ent­hal­ten ist. Auch sie be­gehrt die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der AVE 2008 und 2010 und meint, dass die 50 %- Re­la­ti­on nicht zu­tref­fend er­mit­telt wor­den sei.
Die er­ken­nen­de Kam­mer hat als wei­te­re Be­tei­lig­te das BMAS (Be­tei­lig­te zu 4) gemäß § 98 Abs. 3 Satz 3 ArbGG n.F. so­wie die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des VTV Bau (Be­tei­lig­te zu 6] – 8] ) so­wie die ULAK (Be­tei­lig­ter zu 5)) gemäß § 98 Abs. 6 Satz 2 ArbGG n.F. be­tei­ligt.
Die Be­tei­lig­ten, die die Un­wirk­sam­keit der AVE von 2008 und 2010 fest­ge­stellt ha­ben wol­len, bemängeln u.a. be­reits das Ver­fah­ren vor den All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen und hal­ten die­se teil­wei­se des­halb für un­wirk­sam, weil ent­ge­gen § 24 Abs. 2 VwVfG ein Abwägungs­aus­fall statt­ge­fun­den ha­be, den die Ge­rich­te nicht nachträglich durch ei­ge­ne Er­mitt­lun­gen ins­be­son­de­re zur 50 %-Re­la­ti­on nach­bes­sern dürf­ten. Auch wenn man nicht die­ser Auf­fas­sung sei, müsse das Ge­richt aber von sich aus al­le greif­ba­ren Er­kennt­nis­quel­len ausschöpfen und da­mit das ver­wert­ba­re sta­tis­ti­sche Ma­te­ri­al des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes, der Sta­tis­ti­schen Lan­desämter, der Bun­des­an­stalt für Ar­beit, der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten, der Kran­ken­kas­sen, des Hand­werks, der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mern, der In­nun­gen, Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­verbände. Fer­ner exis­tier­ten Gut­ach­ten, die ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der sog. „Großen Zahl“ (al­so der Ar­beit­neh­mer, die gemäß § 5 Abs. 1 Ziff. 1 TVG un­ter den Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­tra­ges fie­len) auf ein Viel­fa­ches der von dem Be­tei­lig­ten zu 4) an­ge­nom­me­nen „Großen Zahl“ kämen. Da­mit wäre die 50 %-Re­la­ti­on selbst bei An­nah­me der von dem Be­tei­lig­ten zu 4) er­mit­tel­ten sog. „Klei­nen Zahl“ von ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bern beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern bei wei­tem nicht er­reicht.
Selbst wenn das Ge­richt dem nicht folg­te, müss­te es selbst ein Sach­verständi­gen­gut­ach­ten zur 50 %-Re­la­ti­on in Auf­trag ge­ben. Je­den­falls dürfe es sich nicht auf Er­mitt­lun­gen be­zie­hen, die das LAG Hes­sen im Ver­fah­re­nen 18 Sa 619/13 bzw. 10 AZR 600/14 vor dem BAG zu den hier strei­ti­gen AVE von 2008 und 2010 durch­geführt ha­be.
Der zu­grun­de lie­gen­de VTV Bau ha­be nicht für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wer­den dürfen, da die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en (die Be­tei­lig­ten zu 6] bis 8]) teil­wei­se we­der ta­riffähig noch ta­rif­zuständig sei­en. Sei ein Ta­rif­ver­trag des­halb un­wirk­sam, durf­te die­ser nicht für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärt wer­den. Auch dies ha­be das Ge­richt im Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG zu prüfen.
Die AVE von 2008 und 2009 er­schie­nen auch im öffent­li­chen In­ter­es­se nicht ge­bo­ten gemäß § 5 Abs. 1 Satz Ziff. 2 TVG, da die AVEs ge­gen die Grund­rech­te­char­ta ver­stießen, ins­be­son­de­re ge­gen Art. 16 EU-Grund­rech­te-Char­ta, wo­nach die un­ter­neh­me­ri­sche Frei­heit geschützt wer­de. Ins­be­son­de­re in Hin­blick auf die Ent­schei­dung des EuGH vom 18.07.2013 – C 426/11 – Alemo-
Her­ron - ) würde das Grund­recht ei­nes Un­ter­neh­mens ver­letzt, wenn es an ei­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung ge­bun­den wer­de, auf de­ren Ver­hand­lung es kei­nen Ein­fluss ausüben konn­te. Die AVE ver­s­toße ge­gen Art. 11 der EM­RK. Im Übri­gen bestünde ge­ne­rell kein öffent­li­ches In­ter­es­se an der All­ge­mein­ver­bind­lich­keit der So­zi­al­kas­sen­ta­rif­verträge. Ei­ne Fluk­tua­ti­on im Bau­ge­wer­be sei nicht höher als et­wa in der Land­wirt­schaft oder im Ho­tel- und Gaststätten­ge­wer­be, in de­nen es kei­ne der­ar­ti­gen Kas­sen und da­mit Abführungs­pflich­ten der Un­ter­neh­men ge­be.
Die Be­tei­lig­ten zu 1) bis 3), 9), 11) – 24) be­an­tra­gen,
fest­zu­stel­len, dass die vom Be­tei­lig­ten zu 4) be­kannt ge­mach­ten All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen vom 15.05.2008 (Bun­des­an­zei­ger Nr. 104 vom 15.07.2008) und 25.06.2010 (Bun­des­an­zei­ger Nr. 97 vom 02.07.2010) der Ta­rif­verträge über das So­zi­al­kas­sen­ver­fah­ren vom 20.12.1999 in den Fas­sun­gen vom 20.08.2007 und 05.12.2007 ei­ner­seits und vom 18.12.2009 an­de­rer­seits un­wirk­sam sind.
Die Be­tei­lig­te zu 5) be­an­tragt,
fest­zu­stel­len, dass die nach § 5 des Ta­rif­ver­trags­ge­set­zes aus­ge­spro­che­nen All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen des Ta­rif­ver­tra­ges über das So­zi­al­kas­sen­ver­fah­ren im Bau­ge­wer­be vom 15.05.2008 und vom 25.06.2010 wirk­sam sind.
Der In­sol­venz­ver­wal­ter der in­sol­ven­ten ehe­ma­li­gen An­trag­stel­le­rin zu 10) ist trotz La­dung nicht er­schie­nen und hat kei­nen An­trag ge­stellt.
Die Be­tei­lig­ten zu 4), 6), 7) und 8) be­an­tra­gen,
die Anträge auf Erklärung der Un­wirk­sam­keit der AVE-Erklärun­gen 2008 und 2010 zurück­zu­wei­sen.
Die Be­tei­lig­ten zu 4) bis 8) ver­tei­di­gen die AVE von 2008 und 2010. Das er­for­der­li­che Ver­fah­ren nach § 11 TVG i.V.m. DVO-TVG sei für bei­de All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen ord­nungs­gemäß durch­geführt wor­den. Nach den da­nach er­mit­tel­ten Zah­len sei das 50 %-Quo­rum erfüllt. Das öffent­li­che In­ter­es­se sei ge­ge­ben. Die von den übri­gen Be­tei­lig­ten an­geführ­ten Zah­len auf­grund von Sta­tis­ti­ken an­de­rer Or­ga­ni­sa­tio­nen wie der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten, der Kran­ken­kas­sen, des Hand­werks etc. sei nicht über­trag­bar oder um­re­chen­bar auf die hier maßge­ben­den Zah­len für den Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­tra­ges. Dies sei bei­spiels­wei­se in ei­nem Be­weis­ver­fah­ren vor dem LAG Hes­sen zum Az. 12 Sa 1002/12 selbst von der Bun­des­agen­tur für Ar­beit aus­geführt wor­den (vgl. da­zu die Ko­pie aus dem Ver­fah­ren Bl. 1078 f.d. A.).
Wenn man aber schon ei­ne Über­prüfung der Zah­len des Be­tei­lig­ten zu 4) vor­neh­me, dann wäre dem LAG Hes­sen im an­ge­spro­che­nen Ver­fah­ren 18 Sa 619/13 zu fol­gen, auch wenn die dor­ti­gen Zah­len teil­wei­se un­rich­tig zu Las­ten der Be­tei­lig­ten zu 5) aus­fie­len.
We­gen der wei­te­ren Ausführun­gen der Be­tei­lig­ten wird auf die zwi­schen den Be­tei­lig­ten ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten vom 27.02.2015 (Bl. 1095 – 1100 d. A.) so­wie 17.04.2015 (Bl. 1385 – 1386 d. A.) ver­wie­sen.
Das Ge­richt hat so­wohl die Ver­wal­tungs­ak­ten des Be­tei­lig­ten zu 4) bei­ge­zo­gen als auch die Ak­ten des LAG Hes­sen bzw. des BAG zum dem Az. 18 Sa 619/13 und 10 AZR 600/14.
Die Anträge der Be­tei­lig­ten zu 1) bis 3) und 9) bis 24) sind zum größten Teil zulässig, aber nicht be­gründet und da­her zurück­zu­wei­sen. Der An­trag der Be­tei­lig­ten zu 5) ist zulässig und be­gründet. Es war gemäß § 98 Abs. 4 Abs. 3 ArbGG fest­zu­stel­len, dass die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen 2008 und 2010 wirk­sam sind.
1. Das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ist für das hie­si­ge erst­in­stanz­li­che Ver­fah­ren ört­lich und sach­lich zuständig gemäß § 98 Abs 2 ArbGG n.F. Bei­de All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen sind durch die Be­tei­lig­ten zu 4) erklärt wor­den. Die­se hat ih­ren ers­ten Sitz in Ber­lin (vgl. zu­tref­fend GK-ArbGG-Ah­rendt; § 98 Rdz.19; Forst, RdA 2015, 25, 34 Fn. 84; Maul-Sar­t­ori, NZA 2014, 1305, 1308 in Fn. 36).
2. Die 2. Kam­mer des LAG Ber­lin-Bran­den­burg ist nach dem Be­schluss des Präsi­di­ums des LAG Ber­lin-Bran­den­burg vom 10.09.2014 (PB 14/14) so­wohl für die AVE 2008 und 2010 zuständig. Bei­de Anträge wur­den in ei­nem Ver­fah­ren an­ge­grif­fen (zunächst durch die Be­tei­lig­te zu 1] ) und nicht ge­trennt.
3. Dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ist auch die erst­in­stanz­li­che Wirk­sam­keitsprüfung der AVE 2008 und 2010 auf Grund­la­ge des § 5 TVG a.F. vom Ge­setz­ge­ber gemäß § 98 ArbGG n.F. zu­ge­schrie­ben wor­den, ob­wohl zum Zeit­punkt der Wirk­sam­keits­erklärung kei­ne Zuständig­keit des LAG be­stand, mit dem neu­en § 98 ArbGG zeit­gleich mit dem Ta­rif­au­to­no­miestärkungs­ge­setz vom 11.08.2014 auch § 5 TVG geändert wur­de und nun­mehr ei­ne 50 %-Re­la­ti­on nicht mehr tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zung des § 5 TVG n.F. ist und der Ge­setz­ge­ber ei­ne Über­g­angs­vor­schrift nicht vor­ge­se­hen hat.
Zwar könn­te man dar­aus fol­gern, dass die Lan­des­ar­beits­ge­rich­te ab dem 16.08.2014 in neu­en Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG erst­in­stanz­lich nur für die Über­prüfung der AVE nach neu­em Recht, al­so auf der Grund­la­ge des § 5 TVG n.F. zuständig sind. Da­ge­gen spre­chen
zunächst auch nicht die Ent­schei­dun­gen des BAG vom 07.01.2015 – 10 AZB 109/14 – ( NZA 2015, 237 ) und 10.09.2014 – 10 AZR 939/13 - ( NZA 2014, 1282 ), wo­nach der neue § 98 Abs. 6 ArbGG ei­ne An­wen­dung die­ser Vor­schrift nach der Ge­set­zes­be­gründung auch auf anhängi­ge Ver­fah­ren ver­langt. Denn die­se Ent­schei­dun­gen be­tref­fen nur anhängi­ge Ver­fah­ren auf der Grund­la­ge des § 5 TVG a.F., vor­lie­gend geht es je­doch um ein neu­es Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG, für wel­ches zeit­gleich durch das­sel­be Ar­ti­kel­ge­setz (Ta­rif­au­to­no­miestärkungs­ge­setz) der maßgeb­li­che § 5 TVG eben­falls geändert wur­de.
Den­noch ist auch hier die Ge­set­zes­be­gründung und der Sinn und Zweck der Norm im Ge­samt­zu­sam­men­hang der Re­ge­lung zu be­ach­ten. Denn nach der Ge­set­zes­be­gründung soll­te sich die Neu­re­ge­lung des § 98 Abs. 6 ArbGG auf­grund der all­ge­mei­nen Grundsätze des Pro­zess­rechts auch auf be­reits anhängi­ge Ver­fah­ren er­stre­cken und le­dig­lich § 17 GVG un­berührt blei­ben (BT-Drucks. 18/1558, S. 46). Da­durch soll­te si­cher­ge­stellt wer­den, dass fort­an nur noch die auf­grund ih­rer Be­fas­sung mit Fra­gen des Ar­beits- und Ta­rif­rechts be­son­ders sach­na­hen Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen über die Wirk­sam­keit der AVE ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges oder ei­ner Rechts­ver­ord­nung in ei­nem Be­schluss­ver­fah­ren mit in­ter-om­nes-Wir­kung zu ent­schei­den hätten (BT-Drucks. 18/1558, S. 44). Die ef­fek­ti­ve Durch­set­zung die­ses ge­setz­ge­be­ri­schen Ziels wird nur er­reicht, wenn auch be­reits anhängi­ge Ver­fah­ren von der Neu­re­ge­lung er­fasst wer­den (vgl. BAG 07.01.2015 a.a.O., Rdz. 12; BAG 10.09.2014 – 10 AZR 959/13 – NZA 2014, 1282, 1285). Wenn aber be­reits anhängi­ge Ver­fah­ren im Hin­blick auf die Prüfung der Wirk­sam­keit der AVE gemäß § 98 Abs. 6 ArbGG aus­ge­setzt wer­den können, muss sich die Wirk­sam­keitsprüfung auch auf die AVE er­stre­cken, die nach al­tem Recht erklärt wor­den sind.
4. Dies gilt je­den­falls, so­weit der Streit­ge­gen­stand nicht mit dem Ge­gen­stand des Ver­fah­rens nach § 98 ArbGG iden­tisch ist (BAG Be­schluss vom 20.08.2014 – 10 AZN 573/14 – Beck­RS 2014, 72610 Rn. 2; BAG 10.09.2014 – 10 AZR 959/13 – a.a.O., 1285). Dies ist hier der Fall: Auch wenn die Be­tei­lig­ten zu 20) und 21) im Ver­wal­tungs­ver­fah­ren vor dem VG Ber­lin zu den Ak­ten­zei­chen VG 4 A 83.07 und VG 4 253.12 auch die Wirk­sam­keit der AVE 2008 und 2010 in Fra­ge ge­stellt ha­ben, han­del­te es sich bei die­sen Ver­fah­ren um ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge nach § 43 Vw­GO (vgl. BVerwG 28.01.2010 – 8 C 38/09 – zi­tiert nach ju­ris; BVerwG 18.09.2014 – 8 W 35.14, zi­tiert nach ju­ris), die in ih­rer Ent­schei­dung nicht in­ter-om­nes, son­dern nur in­ter-par­tes gilt (BVerwG 18.09.2014, a. a. O., Rn. 7).
5. Das LAG prüft die Wirk­sam­keit der auf­grund der al­ten Fas­sung des § 5 TVG er­gan­ge­nen AVE 2008 und 2010, ob­wohl die Be­tei­lig­ten nicht ana­log § 47 Abs. 2 Vw­GO bin­nen Jah­res­frist ge­gen die Wirk­sam­keit der AVE den Rechts­weg be­strit­ten ha­ben. Zwar hat der Ge­setz­ge­ber aus­drück­lich in der Ge­set­zes­be­gründung § 47 Abs. 2 Vw­GO als
Vor­bild für den neu­en § 98 ArbGG ge­nannt (BT-Drucks. 18/1558, S. 45; vgl. auch Maul-Sar­t­ori, a. a. O., S. 1310, ErfK/Koch, 15. Aufl., § 98 Rz. 1), ei­ne Re­ge­lung wie in § 47 Abs. 2 Satz 1 Vw­GO, wo­nach „den An­trag je­de natürli­che oder ju­ris­ti­sche Per­son … in­ner­halb ei­nes Jah­res nach Be­kannt­ma­chung der Rechts­vor­schrift stel­len“ kann, fehlt dem neu­en § 98 ArbGG, oh­ne dass dies - an­ders als bei der Fra­ge der sach­li­chen Zuständig­keit für al­te anhängi­ge Ver­fah­ren - in der Ge­set­zes­be­gründung auch nur an­satz­wei­se an­ge­spro­chen bzw. pro­ble­ma­ti­siert wor­den ist, so dass die er­ken­nen­de Kam­mer an den Wort­laut des § 98 ArbGG ge­bun­den ist.
6. Die Be­tei­lig­ten zu 1 bis 3, 5, 9 bis 14, 18 bis 24 sind an­trags­be­rech­tigt, die übri­gen Be­tei­lig­ten nicht.
Die Be­tei­lig­ten zu 2, 3 und 5 sind gemäß § 98 Abs. 6 Satz 2 ArbGG an­trags­be­fugt, da in­so­weit rechts­kräfti­ge Aus­set­zungs­be­schlüsse der Kam­mer 10 des LAG Hes­sen vor­lie­gen (vgl. die Ver­fah­ren 10 Sa 505/13 und 10 Sa 675/13).
An­trags­be­fugt sind aber auch die Be­tei­lig­ten zu 1, 9 bis 14, 18 bis 19, 21 bis 24. Gemäß § 98 Abs. 1 ArbGG kann das Ver­fah­ren auf An­trag je­der natürli­chen oder ju­ris­ti­schen Per­son ein­ge­lei­tet wer­den, die nach Be­kannt­ma­chung der AVE gel­tend macht, durch die AVE in ih­ren Rech­ten ver­letzt zu sein oder in ab­seh­ba­rer Zeit ver­letzt zu wer­den. Der Ge­setz­ge­ber hat sich mit die­ser Fas­sung an die An­trags­fas­sung des § 47 Abs. 2 Vw­GO an­ge­lehnt (vgl. ErfK/Koch, a. a. O., Rz. 1; Be­ckOK – ArbGG –Poe­che, § 98 Rz. 3). Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts zu § 47 Abs. 2 VW­GO ist es aus­rei­chend aber auch er­for­der­lich, dass der An­trag­stel­ler hin­rei­chend sub­stan­ti­iert Tat­sa­chen vorträgt, die es zu­min­dest möglich er­schei­nen las­sen, dass er durch die Fest­set­zung et­wa in ei­ner Sat­zung in sei­nen sub­jek­ti­ven Rech­ten ver­letzt wird. Über­tra­gen auf das Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG be­deu­tet dies, dass es aus­reicht, dass die Be­tei­lig­te zu 5 als Ein­zugs­stel­le für den VTV-Bau im Rah­men ei­nes Ver­fah­rens von ei­ner ju­ris­ti­schen oder natürli­chen Per­son Beiträge nach § 18 VTV-Bau for­dert. Dies ist bei den An­trag­stel­lern zu 1), 9) bis 14), 18) bis 19) und 21) bis 24) der Fall. Es kommt da­bei ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­tei­lig­ten zu 5) nicht dar­auf an, ob die Un­ter­neh­men in die­sen Ver­fah­ren oder auch vor­lie­gend ar­gu­men­tie­ren, dass sie nicht dem Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­tra­ges auf­grund ih­rer kon­kre­ten Tätig­keit un­ter­fal­len. Es wäre wi­dersprüchlich und würde un­ter Ver­let­zung von Ar­ti­kel 19 Abs. 4 GG ei­ne Be­schränkung des Pro­zess­rechts be­deu­ten, wenn die in An­spruch ge­nom­me­nen Un­ter­neh­men nur auf das In­di­vi­du­al­ver­fah­ren ver­wie­sen wären, aber nicht selbst grundsätz­lich nach § 98 Abs. 1 ArbGG kla­gen dürf­ten, ob die AVE als Grund­la­ge ih­rer In­an­spruch­nah­me wirk­sam oder un­wirk­sam ist.
Der Be­tei­lig­te zu 20) ist eben­falls an­trags­be­fugt nach § 98 Abs. 1 ArbGG. Denn der zu 20) be­tei­lig­te Ar­beit­ge­ber­ver­band kann ei­ne Ver­let­zung sei­ner durch Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG geschütz­ten Rechts­po­si­ti­on gel­tend ma­chen, wenn die AVE wie vor­lie­gend sei­ne Rechts­po­si­ti­on als Ver­band tan­giert, der zu­min­dest teil­wei­se im Gel­tungs­be­reich der AVE je­den­falls nach der Be­haup­tung des Be­tei­lig­ten zu 5 (sie­he auch oben zu II. 6 b d. Gr.) tätig wird.
Die An­trags­be­fug­nis fehlt da­ge­gen der Be­tei­lig­ten zu 15). Un­abhängig da­von, dass die­se Be­ra­tungs­ge­sell­schaft nicht ein­mal die Ab­tre­tungs­erklärun­gen der Ze­den­ten für (wel­che?) Streit­zeiträume ein­ge­reicht hat, die von den hier strei­ti­gen AVE 2008 und 2010 um­fasst sind, sind der­ar­ti­ge Be­ra­tungs­un­ter­neh­men vom Sinn und Zweck des § 98 Abs. 1 ArbGG nicht um­fasst. Die Be­tei­lig­te zu 15) ist nicht (pas­siv) durch die AVE ver­letzt oder wird in ih­ren Rech­ten ver­letzt wer­den, sie hat sich selbst ak­tiv – je­den­falls nach ih­rer Be­haup­tung – die­se Po­si­ti­on ge­schaf­fen, um ge­gen die AVE vor­ge­hen zu können.
Ähn­li­ches gilt für die Be­tei­lig­ten zu 16) und 17), die nicht von dem Be­tei­lig­ten zu 5) in An­spruch ge­nom­men wer­den, son­dern ak­tiv von dem Be­tei­lig­ten zu 5) for­dern, dass er nicht ge­gen sie vor­ge­hen wird.
7. Das Ver­fah­ren ge­gen die Be­tei­lig­te zu 10) bzw. ge­gen den In­sol­venz­ver­wal­ter über das Vermögen der Be­tei­lig­ten zu 10) ist nicht gemäß § 240 ZPO un­ter­bro­chen. Be­schluss­ver­fah­ren be­tref­fen die In­sol­venz­mas­se, so­fern in ih­nen nicht vermögens­recht­li­che Ansprüche et­wa gemäß § 40 Be­trVG ver­langt wer­den, nicht (un­mit­tel­bar) im Sin­ne von § 240 ZPO (BAG, Be­schluss vom 03.04.2012 – 7 ABN 7/12 – zu I. d. Gr.; LAG Hamm, Be­schluss vom 12.04.2013 – 13 TaBV 64/12 – zi­tiert nach ju­ris, zu B I d. Gr., Rz. 48 mit wei­te­ren Nach­wei­sen). Der In­sol­venz­ver­wal­ter tritt da­her in die ma­te­ri­ell-recht­li­che und ver­fah­rens­recht­li­che Rechts­po­si­ti­on der In­sol­venz­schuld­ne­rin ein.
8. a) Die AVE 2008 und 2010 sind for­mell wirk­sam gemäß § 11 TVG in Ver­bin­dung mit §§ 4 ff. der DVO-TVG vom 16.01.1989, BGBl. I, 76, zu­letzt geändert durch Ar­ti­kel 1 der Ver­ord­nung vom 11.03.2014, BGBl. I, 263. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung ins­be­son­de­re der Be­tei­lig­ten zu 20) und 21) ist nicht das VwVfG und ins­be­son­de­re sind nicht die §§ 22 ff. VwVfG her­an­zu­zie­hen. Es ver­bleibt auch für die neue Prüfung im Rah­men des § 98 ArbGG bei den durch die oben ge­nann­ten Nor­men vor­ge­ge­be­nen und aus­ge­stal­te­ten Ver­fah­ren (zu­tref­fend BAG, Be­schluss vom 07.01.2015, a. a. O., Rz. 20, NZA 2015, 237, 239). Denn
die AVE ist nach ständi­ger Recht­spre­chung kein Ver­wal­tungs­akt oder ei­ne Rechts­ver­ord­nung, son­dern ein Rechts­set­zungs­akt ei­ge­ner Art zwi­schen au­to­no­mer Re­ge­lung und staat­li­cher Recht­set­zung, der sei­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­ge in Ar­ti­kel 9 Abs. 3 GG fin­det und durch die Nor­men des § 5 TVG bzw. der §§ 4 ff. DVO-TVG aus­ge­stal­tet wird (vgl. nur BVerwG 28.01.2010 – 8 C 38/09 -, zi­tiert nach ju­ris; BVerfG 24.05.1977 – 2 BvL 11/74 – BverfGE 44, 322 ff.).
Die­se Ver­fah­rens­nor­men sind ein­ge­hal­ten wor­den: Nach den von der er­ken­nen­den Kam­mer bei­ge­zo­ge­nen Ver­fah­rens­ak­ten, die auch Be­stand­tei­le der von der Kam­mer bei­ge­zo­ge­nen Ak­ten des LAG Hes­sen im Ver­fah­ren 18 Sa 619/13 sind und außer­dem Be­stand­tei­le des Schrift­sat­zes der Be­tei­lig­ten zu 19) sind, hat der Be­tei­lig­te zu 4) den An­trag auf All­ge­mein­ver­bind­lich­keit, der von IG Bau für bei­de AVE 2008 und 2010 auch im Na­men und in Voll­macht der an­de­ren Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ge­stellt wur­de, gemäß § 4 DVO-TVG im Bun­des­an­zei­ger be­kannt ge­macht (Bun­des­an­zei­ger Nr. 239 vom 20.12.2007, S. 8315 bzw. Bun­des­an­zei­ger Nr. 197 vom 30.12.2009, S. 4495) und gemäß § 6 DVO-TVG den Ta­rif­aus­schuss zur Ver­hand­lung ein­ge­la­den. Die­se Ver­hand­lung fand am 03.03.2008 (AVE 2008) bzw. 10.02.2010 (AVE 2010) un­ter dem Vor­sitz von Herrn Mi­nis­te­ri­al­rat W. bzw. von Frau Mi­nis­te­ri­al­di­ri­gen­tin L. (AVE 2010) des Be­tei­lig­ten zu 4) statt (vgl. die Teil­neh­mer­lis­te Bl. 136 d. A. 14 b/62 bzw. die Teil­neh­mer­lis­te Bl. 139 ff. d. A. 14 b/64 über die Sit­zung des Ta­rif­aus­schus­ses). In die­sem Rah­men wur­den auch Be­den­ken ge­gen die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung von Be­tei­lig­ten erörtert (vgl. Bl. 155 d. A. 14 b/62 bzw. Bl. 139 ff. d. A. 14 b/64). So­dann wur­de im Ein­ver­neh­men mit dem Ta­rif­aus­schuss die All­ge­mein­ver­bind­lich­keit vom 15.05.2008 erklärt und der Zeit­punkt des Be­ginns fest­ge­setzt, hier der 01.01.2008. Die­ser Ter­min lag gemäß § 7 DVO-TVG nicht vor dem Tag der Be­kannt­ma­chung des An­tra­ges (sie­he oben). Ähn­li­ches gilt für die AVE 2010: Der Be­schluss des Ta­rif­aus­schus­ses zur Be­gründung der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung stammt vom 10.02.2010 (Bl. 138 d. A. 14 b/64), die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung wur­de am 25.06.2010 (Bl. 168 ff. d. A. 14 b/64) erklärt.
Die AVE 2010 ist auch nicht des­we­gen un­wirk­sam, weil das Säch­si­sche Staats­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft, Ar­beit und Ver­kehr mit Schrei­ben vom 19.01.2010 ge­be­ten hat­te, „im Zwei­fel auf die ge­plan­te All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung zu ver­zich­ten“. Zwar kann die obers­te Ar­beits­behörde ei­nes Lan­des Ein­spruch ge­gen die be­an­trag­te All­ge­mein­ver­bind­lich­keit er­he­ben gemäß § 5 Abs. 3 TVG. In die­sem Fall kann das BMAS dem An­trag nur mit Zu­stim­mung der Bun­des­re­gie­rung statt­ge­ben. Um ei­nen sol­chen „Ein­spruch“ im Sin­ne von § 5 Abs. 3 TVG han­delt es sich je­doch nicht. Wie der Ver­merk vom 02.02.2010 auf Sei­te 3 Bl. 136 d. A. 14 b/64 rich­tig ausführt, ist das Schrei­ben des Säch­si­schen Staats­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft, Ar­beit und Ver­kehr nur ei­ne An­re­gung, je­doch kein
Ein­spruch im Sin­ne von § 5 Abs. 3 TVG. Die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen er­folg­ten auch schrift­lich. So­wohl im Ver­fah­ren für die AVE 2008 als auch für die AVE 2010 er­folg­te die Un­ter­schrift von Herrn Mi­nis­te­ri­al­rat W. (Bl. 188 d. A. AVE 2008 bzw. Bl. 237 R. d. A. AVE 2010), im Bun­des­an­zei­ger heißt es dann je­weils „im Auf­trag W.“.
9. Die AVE 2008 und 2010 sind aber auch ma­te­ri­ell wirk­sam.
Frag­lich ist da­bei al­len­falls der Prüfungs­maßstab bzw. die Prüfungs­in­ten­sität durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt im neu­en Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG. Nach den Ent­schei­dun­gen des BAG in den Aus­set­zungs­ver­fah­ren nach § 98 Abs. 6 ArbGG gilt Fol­gen­des:
Be­reits nach bis­he­ri­ger Rechts­la­ge war die Wirk­sam­keit der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung ei­nes Ta­rif­ver­trags durch die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen grundsätz­lich von Amts we­gen zu prüfen, so­weit es ent­schei­dungs­er­heb­lich auf die­se an­kam. § 98 ArbGG hat an die­ser grundsätz­li­chen Prüfung nichts geändert. Mit Einführung die­ser Norm ist le­dig­lich ein Ver­fah­ren ge­schaf­fen wor­den, in dem in An­wen­dung des Amts­er­mitt­lungs­grund­sat­zes im Be­schluss­ver­fah­ren mit in­ter-om­nes-Wir­kung die Wirk­sam­keit ei­ner AVE oder ent­spre­chen­den Rechts­ver­ord­nung ei­ner ab­sch­ließen­den ge­richt­li­chen Über­prüfung un­ter­zo­gen wird. Führt die Prüfung im Aus­gangs­ver­fah­ren da­her zu dem Er­geb­nis, dass ernst­haf­te Zwei­fel, d. h. sol­che von er­heb­li­chem Ge­wicht, an der Wirk­sam­keit ei­ner AVE oder ei­ner ent­spre­chen­den Rechts­ver­ord­nung be­ste­hen, kann das Ge­richt die­se Fra­ge le­dig­lich nicht mehr selbst ab­sch­ließend ent­schei­den, son­dern hat das Ver­fah­ren nach § 98 Abs. 6 ArbGG aus­zu­set­zen, wenn es auf die­se Fra­ge ent­schei­dungs­er­heb­lich an­kommt. Ei­ne Über­prüfung von Amts we­gen be­deu­tet aber nicht, dass die Ge­rich­te ver­pflich­tet sind, von sich aus das Vor­lie­gen al­ler Vor­aus­set­zun­gen der AVE zu über­prüfen. Viel­mehr ist grundsätz­lich da­von aus­zu­ge­hen, dass das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ar­beit und So­zia­les und die obers­ten Ar­beits­behörden der Länder die AVE ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges nur un­ter Be­ach­tung der ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen vor­neh­men. Hier­an hat sich durch das Ta­rif­au­to­no­miestärkungs­ge­setz nichts geändert. Der ers­te An­schein spricht des­halb auch wei­ter­hin für die Rechtmäßig­keit ei­ner All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung. Es genügt da­her nicht, wenn die Pro­zess­par­tei­en die ma­te­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der AVE pau­schal be­strei­ten. Er­for­der­lich ist viel­mehr ent­we­der ein sub­stan­zi­el­ler Par­tei­vor­trag, der ge­eig­net ist, ernst­haf­te Zwei­fel am Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen nach § 5 Abs. 1 TVG auf­kom­men zu las­sen, oder das Vor­lie­gen ent­spre­chen­der ge­richts­be­kann­ter Tat­sa­chen. Nur dann kommt die Prüfung ei­ner Aus­set­zung in Be­tracht. Be­steht hin­ge­gen zwi­schen den Par­tei­en über die Wirk­sam­keit der AVE kein Streit und sind auch von Amts we­gen kei­ne sol­chen Zwei­fel ge­recht­fer­tigt, be­steht kei­ne Ver­an­las­sung zu de­ren Über­prüfung (vgl. nur
BAG 07.01.2015 – 10 AZB 109/14 – NZA 2015, 237 Rz. 18 bis 19 mit wei­te­ren Nach­wei­sen aus der Recht­spre­chung).
Folgt man die­sen Ausführun­gen auch für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren nach § 98 Abs. 1 ArbGG, spricht auch im Amts­er­mitt­lungs­ver­fah­ren zunächst der ers­te An­schein für die Rechtmäßig­keit der bei­den All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen von 2008 und 2010.
Im Ge­gen­satz zum LAG Hes­sen in der Ent­schei­dung vom 02.07.2014 zum Ak­ten­zei­chen 18 Sa 619/13 hat die er­ken­nen­de Kam­mer auch kei­ne ernst­haf­ten Zwei­fel am Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen nach § 5 Abs. 1 TVG. Wie das LAG Hes­sen auf Sei­te 15 un­ter II 1 a und b der Gründe zu­tref­fend aus­geführt hat, setzt ei­ne AVE nach § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG vor­aus, dass die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­ber min­des­tens 50 % der un­ter den räum­li­chen, fach­li­chen und persönli­chen Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­trags fal­len­den Ar­beit­neh­mer beschäftigt. Zur Über­prüfung des mit­tel­ba­ren Or­ga­ni­sa­ti­ons­gra­des sind da­nach min­des­tens fol­gen­de Da­ten er­for­der­lich:
• Die Zahl der Ar­beit­neh­mer, für die der VTV nach § 1 räum­lich, be­trieb­lich und persönlich an­wend­bar ist („Große Zahl“)
• die Ge­samt­zahl der­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer, wel­che von ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bern („Klei­ne Zahl“) beschäftigt wer­den.
Nach Mei­nung des LAG Hes­sen sei die „große Zahl“ in bei­den Ver­fah­ren durch die ZVK er­mit­telt und von den An­trag­stel­lern dem BMAS mit­ge­teilt wor­den. Die „Klei­ne Zahl“ ha­be auf Er­he­bun­gen be­ruht, wel­che die bei­den Ar­beit­ge­ber­verbände in ih­ren Mit­glieds­verbänden ver­an­lasst hätten. Das BMAS ha­be die „Klei­ne Zahl“ über­prüft, in­dem es die An­ga­ben der ein­zel­nen Mit­glieds­verbände an­hand de­ren Ant­wort­schrei­ben auf Über­tra­gungs- und Ad­di­ti­ons­feh­ler kon­trol­liert ha­be. In Be­zug auf die „Große Zahl“ ha­be das BMAS nicht fest­ge­stellt, ob die ZVK die­sen Wert zu­tref­fend er­mit­telt ha­be. Die Über­prüfung ha­be sich dar­auf be­schränkt, ob der von der ZVK an­ge­ge­be­ne Wert in Re­la­ti­on zu der von die­ser mit­ge­teil­ten Zahl von Bau­be­trie­ben und der Zahl der Mit­glieds­be­trie­be von den bei­den Ar­beit­ge­ber­verbänden ei­nen mit­tel­ba­ren Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad von mehr als 50 % bestätigt ha­be. Außer­dem ha­be das BMAS die „Große Zahl“ nach An­ga­ben der ZVK mit der Zahl der Beschäftig­ten nach den Da­ten des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts ver­gli­chen, wel­ches die­ses jähr­lich für das Bau­ge­wer­be veröffent­licht. Da­bei sei das BMAS bei dem Ver­fah­ren der AVE 2008 zu dem Er­geb­nis ge­kom­men, dass ein Quo­rum von 52,25 % nach der „Großen Zahl“ des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes erfüllt wer­de, ob­wohl die­ser Wert (660.861 Ar­beit­neh­mer) über dem Wert der
ZVK ge­le­gen ha­be (516.733 Ar­beit­neh­mer). In dem Ver­fah­ren der AVE 2010 ha­be das BMAS auf der Grund­la­ge der Ar­beit­neh­mer­zahl nach den Da­ten des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts (678.324 Ar­beit­neh­mer) nur ein Quo­rum von 48,54 % er­mit­telt und des­halb die von der ZVK mit­ge­teil­ten Zahl der Ar­beit­neh­mer (514.526) her­an­ge­zo­gen, was zu der Fest­stel­lung ei­nes mit­tel­ba­ren Or­ga­ni­sa­ti­ons­grads von 63,99 % geführt ha­be.
Den­noch hat die er­ken­nen­de Kam­mer im Ge­gen­satz zur 18. Kam­mer des LAG Hes­sen kei­ne ernst­haf­ten Zwei­fel an der Rich­tig­keit der „Großen Zahl“. Denn der Be­tei­lig­te zu 4) hat auch im Ver­fah­ren 14 b/62 zur AVE 2008 im Ver­merk klar­ge­stellt, dass nicht et­wa die Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes die ge­naue­ren sind, son­dern „vor­aus­sicht­lich die der ZVK“. Dies läge dar­an, dass die ZVK die Be­trie­be streng auf der Grund­la­ge des Gel­tungs­be­reichs der Bau­ta­rif­verträge er­fas­se. Der Be­tei­lig­te zu 4 hat nicht et­wa für die AVE 2008 die Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts als ge­naue­re an­ge­zo­gen und für die AVE 2010 die der ZVK, son­dern hat für die AVE selbst bei „Zu­grun­de­le­gung der je­weils ungüns­tigs­ten Wer­te“ (Bl. 117 d. A. 14 b/62) die 50 %-Re­la­ti­on be­rech­net.
Die Kam­mer folgt dem Be­tei­lig­ten zu 4) dar­in, dass die Zah­len der ZVK die vor­aus­sicht­lich ge­nau­es­ten sind aus fol­gen­den Erwägun­gen:
§ 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG a. F. ist dann erfüllt, wenn … der „un­ter den Gel­tungs­be­reich des Ta­rif­ver­trags fal­len­den Ar­beit­neh­mer …“ beschäftigt würden. Nur die ZVK bzw. die ULAK als ta­rif­lich vor­ge­se­he­ne Ein­zugs­stel­le hat nicht nur ein ho­hes Ei­gen­in­ter­es­se dar­an, al­le Be­trie­be möglichst ge­nau und um­fas­send zu er­mit­teln, sie wer­tet auch al­le geführ­ten Ver­fah­ren in ar­beits­ge­richt­li­chen Pro­zes­sen da­nach aus, ob Be­trie­be un­ter den Gel­tungs­be­reich des VTV-Bau fal­len oder nicht. Dies führt re­gelmäßig da­zu, dass die Durch­schnitts­zah­len für das ent­spre­chen­de Jahr der un­ter den Gel­tungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mer („Große Zahl“) nach dem Geschäfts­be­richt der So­zi­al­kas­sen stets ge­rin­ger sind als die im Sep­tem­ber, ei­nem Mo­nat von ho­her Beschäfti­gungs­zahl im Bau­be­reich, von der ZVK er­mit­tel­ten Zah­len (vgl. da­zu die im Ver­fah­ren 18 Sa 619/13 er­mit­tel­ten Geschäfts­be­rich­te für die Jah­re 2006 bis 2009 Bl. 406 R – 425 d.A. 18 Sa 619/13 LAG Hes­sen). Würde man ent­ge­gen der Pra­xis des Bet. zu 4) die Jah­res­durch­schnitts­wer­te der ZVK bzw. der ULAK ver­wen­den, wäre die 50%-Re­la­ti­on bei wei­tem über­schrit­ten für bei­de AVE.
Al­le an­de­ren von den Be­tei­lig­ten ge­nann­ten Zah­len und Sta­tis­ti­ken an­de­rer Or­ga­ni­sa­tio­nen sind nicht auf den Gel­tungs­be­reich des VTV-Bau ab­ge­stimmt. Sie sind auch nach ei­ner Be­weis­auf­nah­me so­wohl im Ver­wal­tungs­ge­richts­pro­zess des VG Ber­lin der Be­tei­lig­ten zu 20) und 21) (vgl. die An­la­gen ZVEH zum Schrift­satz der Be­tei­lig­ten zu 20 und 21, An­la­ge 7)
als auch im Ver­fah­ren 12 Sa 1002/12 des LAG Hes­sen (vgl. Bl. 1078 f. d. A.) nicht über­trag­bar. Da­nach führt die Bun­des­agen­tur für Ar­beit aus:
Die in der veröffent­lich­ten Beschäftig­ten-Sta­tis­tik vor­ge­nom­me­ne Ad­di­ti­on berück­sich­tigt da­bei eben so we­nig wie die vor­ge­nom­me­ne Un­ter­glie­de­rung die ta­rif­recht­li­chen Ab­gren­zungs­as­pek­te der je­wei­li­gen Gel­tungs­be­rei­che der für all­ge­mein­ver­bind­lich erklärten Ta­rif­verträge (wie z. B. Bau­haupt­ge­wer­be, Dach­de­cker, Land­schaftsgärt­ner und Gerüstbau­er).
In der Beschäftig­ten-Sta­tis­tik der Bun­des­agen­tur wird da­her die An­zahl der Beschäftig­ten durch die nicht­de­ckungs­glei­che Zu­ord­nung Wirt­schafts­be­reich – Ta­rif­gel­tungs­be­reich ver­mengt, so dass ei­ne ta­rif­spe­zi­fi­sche, trenn­schar­fe Ab­bil­dung, z. B. der Beschäftig­ten­zah­len im Gel­tungs­be­reich BRTV Bau nicht möglich ist. In wel­chem Um­fang es ggf. ei­ne ge­mein­sa­me Schnitt­men­ge gibt oder wel­che kon­kre­ten Ab­wei­chun­gen vor­lie­gen, kann die Bun­des­agen­tur nicht be­ur­tei­len.
Dies ent­spricht der Stel­lung­nah­me des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes im Ver­fah­ren VG 4 A 83.07. Dort erklärt Herr Dr. H. H. für das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt auf die Fra­ge 4
Wenn die Fra­gen 2 oder 3 zu ver­nei­nen sind: Sind Sie in der La­ge, die von Ih­nen er­ho­be­nen Da­ten auf den be­trieb­li­chen und persönli­chen An­wen­dungs­be­reich der Ta­rif­verträge um­zu­rech­nen? Ermögli­chen Ih­re Da­ten es, die hier benötig­te Zahl zu schätzen? Können Sie an­ge­ben, wie vie­le Ar­beit­neh­mer zu den je­weils ge­nann­ten Ta­gen (15. Mai 2008/25. Ju­ni 2010 bzw. 1. Ok­to­ber 2007/1. Ja­nu­ar 2010) zwar un­ter den Gel­tungs­be­reich der Ta­rif­verträge fie­len, aber in­fol­ge der Ein­schränkungs­klau­seln der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen nicht von Ih­nen er­fasst wur­den?“
„Dem zuständi­gen Fach­be­reich lie­gen kei­ne An­ga­ben da­zu vor, wie vie­le Ar­beit­neh­mer nach be­stimm­ten Ta­rif­verträgen vergütet wer­den. Viel­mehr wird nach­ge­wie­sen, wie vie­le Ar­beit­neh­mer im je­wei­li­gen Bau­be­trieb tätig sind. Ob über­haupt nach Ta­rif ent­lohnt wird, geht so­mit aus un­se­ren Da­ten eben­falls nicht her­vor. Des­halb ist ei­ne Um­rech­nung auf den be­trieb­li­chen und persönli­chen An­wen­dungs­be­reich der Ta­rif­verträge nicht möglich.“
10. Selbst wenn man dem nicht folg­te, son­dern wie das LAG Hes­sen meint, dass er­heb­li­che Zwei­fel an dem Zah­len­ma­te­ri­al des Be­tei­lig­ten zu 4) zu bei­den AVE 2008 und 2010 bestünden, muss die er­ken­nen­de Kam­mer nicht ei­ne ei­ge­ne neu­er­li­che Er­mitt­lung der Zah­len vor­neh­men. Dies hat das LAG Hes­sen in dem ge­nann­ten Ver­fah­ren für die hier strei­ti­gen AVE 2008 und 2010 be­reits im We­ge der Amts­er­mitt­lung ge­tan. Es hat nicht nur die Zah­len des Be­tei­lig­ten zu 4) ei­ner kri­ti­schen Würdi­gung un­ter­zo­gen, son­dern auch die Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts her­an­ge­zo­gen. Da­bei ist es wie der Be­tei­lig­te zu 4) und die er­ken­nen­de Kam­mer oben zu II.9 der Gründe zu der Er­kennt­nis ge­langt, dass die
ZVK die je­weils für den 30.09.2007 und den 30.09.2009 er­mit­tel­te „Große Zahl“ sorgfältig er­mit­telt ha­be und die von der Recht­spre­chung ge­for­der­te Ausschöpfung al­ler greif­ba­ren Er­kennt­nis­quel­len und des Da­ten­ma­te­ri­als z. B. der Kran­ken­kas­sen, der Kam­mern, der In­nun­gen, der Agen­tur für Ar­beit und der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten selbst vor­ge­nom­men ha­be (vgl. Sei­te 26 des Ur­teils). Das LAG Hes­sen hat wie die er­ken­nen­de Kam­mer be­fun­den, dass die Zah­len der ZVK nicht „im Ei­gen­in­ter­es­se“ er­sicht­lich zu nied­rig an­ge­setzt wur­den. Viel­mehr hat es nach Aus­wer­tung der Zah­len der Win­ter­b­auförde­rung und der Zahl der in den Geschäfts­be­rich­ten der So­Ka Bau ge­mel­de­ten Ar­beit­neh­mern er­kannt, dass die von der ZVK zum Stich­tag 30. Sep­tem­ber er­mit­tel­ten Zah­len eher höher aus­fal­len als im Jah­res­durch­schnitt. Dem folgt die er­ken­nen­de Kam­mer un­ter Hin­weis auf die in bei­den Ter­mi­nen mit den Be­tei­lig­ten erörter­te Ak­te und das Ur­teil des LAG Hes­sen vom 2.07.2014.
11. Glei­ches gilt für die von dem Be­tei­lig­ten zu 4 er­mit­tel­ten so­ge­nann­ten „Klei­nen Zahl“. Bei­de Ar­beit­ge­ber­verbände (die Be­tei­lig­ten zu 6) und 7)) ha­ben zum sel­ben Stich­tag (30.09.2007 und 30.09.2009) durch stan­dar­di­sier­te An­fra­gen bei den Mit­glieds­be­trie­ben er­mit­telt, wie vie­le Ar­beit­neh­mer in den ta­rif­ge­bun­de­nen Mit­glieds­be­trie­ben beschäftigt wur­den. Die­se Fra­gebögen la­gen dem Ta­rif­aus­schuss so­wohl für die AVE 2008 und für die AVE 2010 vor. Zu­tref­fen­der­wei­se hat das LAG Hes­sen auf Sei­te 39 des Ur­teils vom 02.07.2014 aus­geführt, dass die im Ver­fah­ren der AVE 2008 und der AVE 2010 je­weils ver­wen­de­te „Klei­ne Zahl“ nach Prüfung zulässig er­mit­telt und be­last­bar er­schei­ne. Die Rich­tig­keit der Über­tra­gung und der Ad­di­ti­on sei­en je­weils kon­trol­liert wor­den. In­so­weit sei nur an­zu­mer­ken, dass der An­trag stel­len­den IG Bau in ih­rem Schrei­ben vom 18.12.2009 im Ver­fah­ren für die AVE 2010 bei der „Klei­nen Zahl“ ein Zah­len­dre­her un­ter­lau­fen sei. Der HDB ha­be 91.732 ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer mit­ge­teilt, der ZDB 237.551, die Sum­me dar­aus sei­en 329.283 ge­werb­li­che Ar­beit­neh­mer, nicht 329.238, wie fälsch­lich mit­ge­teilt wor­den sei. Die­ser Schreib­feh­ler sei im Ver­fah­ren je­doch fort­geführt und nicht kor­ri­giert wor­den.
Ei­ne Verfälschung der „Klei­nen Zahl“ durch Dop­pel­mit­glied­schaf­ten, wie von den Un­ter­neh­men befürch­tet, könne wei­test­ge­hend aus­ge­schlos­sen wer­den. So­weit ge­mein­sa­me bau­ge­werb­li­che und bau­in­dus­tri­el­le Lan­des­verbände (Dop­pel­ver­band) exis­tier­ten, er­fol­ge die Zu­ord­nung der Ar­beit­neh­mer durch den Ver­band selbst, Dop­pelzählun­gen sei­en aus­ge­schlos­sen. So­weit im Übri­gen da­von aus­zu­ge­hen sei, dass größere Un­ter­neh­men mit ih­ren Be­trie­ben oder Be­triebs­tei­len so­wohl Mit­glied im ZDB als auch im HDB sei­en, dürfe an­ge­nom­men wer­den, dass durch die Un­ter­neh­men selbst ei­ne Auf­tei­lung der Ar­beit­neh­mer er­fol­ge, da sonst dop­pel­te Ver­bands­beiträge zu zah­len wären.
Dies sei von bei­den Verbänden so ge­schil­dert wor­den. Sch­ließlich las­se sich aus den er­teil­ten Auskünf­ten und den in den Ver­fah­rens­ak­ten vor­lie­gen­den Rück­laufbögen der Mit­glieds­verbände fol­gern, dass den Zah­len­an­ga­ben über­wie­gend kei­ne ech­te Zählung der ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer zu­grun­de läge, son­dern ei­ne Be­rech­nung der An­zahl der ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer aus den Beiträgen, wel­che die ta­rif­ge­bun­de­nen Mit­glieds­un­ter­neh­men zu ent­rich­ten hätten. Da die Mit­glieds­beiträge aus den Brut­tolöhnen er­rech­net würden, sei die Fol­ge­rung zulässig, dass auch die „Klei­ne Zahl“ ten­den­zi­ell zu nied­rig sei, da über die mit­ge­teil­ten Brut­tolöhne auch die Ver­an­la­gung ge­steu­ert wer­den könne. Ei­ne Berück­sich­ti­gung von Ar­beit­neh­mern aus mögli­chen OT-Mit­glieds­be­trie­ben könne we­gen der not­wen­dig an­de­ren Bei­trags­struk­tur bei ei­ner OT-Mit­glied­schaft aus­ge­schlos­sen wer­den. Es sei nicht er­sicht­lich, dass die Zahl der bei ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beit­ge­bern beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer an ei­ner an­de­ren Stel­le und mit höhe­rer Ge­nau­ig­keit ab­ge­fragt wer­den könn­te als bei den Dach­or­ga­ni­sa­tio­nen der Verbände des Bau­ge­wer­bes und der Bau­in­dus­trie.
12. Da­mit konn­ten auch nach den Er­mitt­lun­gen des LAG Hes­sen zu Zah­len­dre­hern fol­gen­de Zah­len zur Über­prüfung des Quo­rums von 50 % mit­tel­ba­rer Ta­rif­bin­dung im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 TVG ver­wen­det wer­den:
"Klei­ne Zahl" Sept. 07:
345.302 Sept. 09:
"Große Zahl"
ZVK-Bau Sept. 07:
516.773 Sept. 09:
514.626
Nach­be­rech­nung
Ju­ni 07:
578.524 Ju­ni 09:
Wenn man die­se vom LAG Hes­sen er­mit­tel­ten Zah­len, die höher aus­fal­len als die von der ZVK er­mit­tel­ten, mit ei­nem Zu­schlag von 10 % be­denkt, liegt das Quo­rum noch über 50 % (sie­he die Ta­bel­le im Ur­teil des LAG Hes­sen, Sei­te 42 bis 43).
Selbst wenn man die – nach Auf­fas­sung der Kam­mer zu­tref­fend zu­grun­de ge­leg­ten – Zah­len der ZVK um 20 % erhöhen würde, ergäbe sich noch ein Quo­rum von mehr als 55 % für die AVE 2008 und ein Quo­rum von mehr als 53 % für die AVE 2010. Das würde be­deu­ten, dass die ZVK, die ein ho­hes Ei­gen­in­ter­es­se an den er­mit­tel­ten Bau­ar­beits­verhält­nis­sen hat, je­des fünf­te Ar­beits­verhält­nis nicht er­fasst hätte. Dies ist an­ge­sichts auch der Er­fah­rung der er­ken­nen­den Kam­mer zum Vor­trag der ZVK in den In­di­vi­du­al­ver­fah­ren und den da­bei mit­ge­teil­ten und be­nutz­ten Er­kennt­nis­quel­len rea­litäts­fern.
Die Kam­mer brauch­te da­her auch kein Sach­verständi­gen­gut­ach­ten über die 50%-Re­la­ti­on für die AVE 2008 und 2010 ein­zu­ho­len. Un­abhängig da­von, dass ins­be­son­de­re der Vor­trag der Bet. zu 19) nicht er­ken­nen lässt, dass der von die­ser be­auf­trag­te Pri­vat­gut­ach­ter für die hier streit­re­le­van­ten AVE 2008 und 2010 „Klei­ne Zahl“ und „Große Zahl“ rich­tig ge­se­hen und be­wer­tet hat ( vgl. die Aus­sa­gen des Gut­ach­ters Herrn B. Bl. 612 ff d.A., ins­be­son­de­re Bl. 613 un­ten : „Es wer­den …aus­sch­ließlich die Zah­len der ZVK für die „klei­ne Zahl“ ver­wen­det.“ ; dar­auf wird für die AVE 2008 und 2010 ver­wie­sen und dies noch­mals wie­der­holt, Bl. 614 f. d.A. ; dies ist schlicht falsch, da die Zah­len der ZVK nur und stets für die Er­mitt­lung der sog. „Großen Zahl“ ver­wen­det wer­den und wur­den ) , ist so­wohl der Vor­trag der Bet. zu 19) als auch der der Bet. zu 20) und 21) nicht ge­eig­net, sub­stan­ti­ell der von den Bet. zu 20) und 21) selbst vor­ge­leg­ten Be­weis­auf­nah­men im Ver­fah­ren vor dem VG Ber­lin zu wi­der­spre­chen, dass die Zah­len an­de­rer Or­ga­ni­sa­tio­nen, Ämter, Kas­sen und Verbände zur „Großen Zahl“ auf den Gel­tungs­be­reich des VTV-Bau um­ge­rech­net wer­den können.
13. Ein öffent­li­ches In­ter­es­se gemäß § 5 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 TVG für die Erklärung der AVE 2008 und AVE 2010 kann nicht ver­neint wer­den.
Das öffent­li­che In­ter­es­se an ei­ner AVE ist stets ge­ge­ben, wenn da­mit ein an­er­kann­tes In­ter­es­se des Ge­setz­ge­bers nach­voll­zo­gen wird. Der dem Mi­nis­te­ri­um ein­geräum­te Be­ur­tei­lungs­spiel­raum ist weit. Ei­ne ge­richt­li­che Über­prüfung kommt nur in­so­weit in Be­tracht, als der Behörde we­sent­li­che Feh­ler vor­zu­wer­fen sind (vgl. nur LAG Hes­sen, a. a. O., S. 43 mit wei­te­ren Nach­wei­sen aus der Recht­spre­chung des BAG so­wie des Schrift­tums).
We­sent­li­che Feh­ler sind nach die­sem Maßstab nicht fest­stell­bar. Die Ent­schei­dung des Mi­nis­te­ri­ums, ei­nen Ver­fah­rens­ta­rif­ver­trag für all­ge­mein­ver­bind­lich zu erklären, der Zwangs­beiträge für das Aus­bil­dungs­we­sen und ei­ne Zu­satz­ren­te an­ord­net, liegt in­ner­halb die­ses Er­mes­sens. Auch die Fortführung des be­son­de­ren ta­rif­li­chen Ur­laubs­re­gimes nach § 8 BRTV Bau in Ver­bin­dung mit den VTV wird vom wei­ten Be­ur­tei­lungs­er­mes­sen ge­deckt. Es kann of­fen­blei­ben, wel­chen Um­fang un­terjähri­ge Beschäfti­gungs­verhält­nis­se in der Bau­bran­che noch ha­ben (zu­tref­fend: LAG Hes­sen, a. a. O., S. 43 f.).
Es sind auch kei­ne Verstöße ge­gen sons­ti­ges höher­ran­gi­ges Recht, ins­be­son­de­re Eu­ro­pa­recht er­sicht­lich. Wie das LAG Ber­lin-Bran­den­burg in sei­ner Ent­schei­dung vom
13.11.2014 – 14 Sa 1543/13 – zu­tref­fend ent­schie­den hat, ist we­der § 5 TVG a. F. ver­fas­sungs­wid­rig (vgl. nur die Nach­wei­se aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des BAG auf Sei­te 15 des Ur­teils, un­ter B II 2 a d. Gr.) noch sind es die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen (sie­he die wei­te­ren Ausführun­gen des LAG un­ter B II 2 a aa bis ee d. Gr., S. 16 – 18 des Ur­teils). Wie das LAG wei­ter­hin zu­tref­fend ausführt (auf Sei­te 19 bis 20 des Ur­teils) ver­s­toßen auch we­der § 5 Abs. 4 TVG, der VTV noch die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärun­gen ge­gen die Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on.
Ent­ge­gen ins­be­son­de­re der Auf­fas­sung der Be­tei­lig­ten zu 20) und 21) liegt auch kei­ne Ab­wei­chung zur Ent­schei­dung des EuGH vom 18.07.2013 – C–426/11 – Alemo-Her­ron – NZA 2013, 835 ff., vor, wo­nach das Un­ter­neh­mens­grund­recht ver­letzt sein kann, wenn das Un­ter­neh­men an ei­ne ta­rif­li­che Re­ge­lung ge­bun­den würde, auf de­ren Zu­stan­de­kom­men es kei­nen Ein­fluss ausüben konn­te.
Es kann da­bei da­hin­ste­hen, ob die Aus­sa­gen des EuGH zur Wirk­sam­keit von Kol­lek­tiv­verträgen auf­grund ei­ner dy­na­mi­schen Be­zug­nah­me­klau­sel anläss­lich ei­nes Be­triebsüber­gangs von ei­nem öffent­lich-recht­li­chen Un­ter­neh­men auf ein pri­vat-recht­li­ches im bri­ti­schen Recht auf die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on über­trag­bar sind. Selbst wenn man dies un­ter­stell­te, liegt kein Ver­s­toß ge­gen die Grundsätze der Ent­schei­dung des EuGH vom 18.07.2013 vor. Der EuGH hat in Rz. 34 f. aus­geführt, dass es im Sin­ne der Wer­tung des Grund­rechts aus Ar­ti­kel 16 EU-Char­ta möglich sein muss, an den Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen der Norm, an die der Er­wer­ber ei­nes Be­trie­bes dy­na­misch ge­bun­den sein soll, mit­zu­wir­ken. Ge­ra­de dies ist den be­tei­lig­ten Un­ter­neh­men und Verbänden im Vor­feld ei­ner AVE durch die §§ 4 ff. DVO-TVG ein­geräumt und im vor­lie­gen­den Fall durch ein – hier nicht be­tei­lig­tes – An­waltsbüro hin­sicht­lich der AVE 2008 auch wahr­ge­nom­men wor­den. § 6 Abs. 3 DVO-TVG re­gelt in Ver­bin­dung mit § 5 Abs. 2 TVG, dass vor der Ent­schei­dung über den An­trag Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern, die von der All­ge­mein­ver­bind­li­cherklärung be­trof­fen wer­den würden, den am Aus­gang des Ver­fah­rens in­ter­es­sier­ten Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen der Ar­beit­ge­ber so­wie den obers­ten Ar­beits­behörden der Länder, auf de­ren Be­reich sich der Ta­rif­ver­trag er­streckt, Ge­le­gen­heit zur schrift­li­chen Stel­lung­nah­me so­wie zur Äußerung in ei­ner münd­li­chen und öffent­li­chen Ver­hand­lung zu ge­ben ist. Dies ist hier er­folgt, wie oben un­ter II.8 der Gründe aus­geführt.
14. So­weit die Bet. ins­be­son­de­re zu 20) und 21) gel­tend ma­chen, dass durch den VTV-Bau die Ta­rif­zuständig­keit der verbände über­schrit­ten wur­de, recht­fer­tigt dies we­der ei­ne Aus­set­zung des Ver­fah­rens nach § 97 Abs. 5 ArbGG noch ist ei­ne In­zi­dent­prüfung
vor­zu­neh­men ( vgl. auch LAG Hes­sen, a.a.O., S. 44 des Ur­teils un­ter II 3 b der Gründe ). Viel­mehr sind die Be­tei­lig­ten auf das Ver­fah­ren nach § 97 ArbGG zu ver­wei­sen.
Da das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren ein Be­schluss­ver­fah­ren ist gemäß § 2 a Abs. 1 Ziff. 5 ArbGG, ist es kos­ten­frei, weil Gebühren und Aus­la­gen gemäß § 2 Abs. 2 GKG nicht er­ho­ben wer­den (vgl. nur die Nach­wei­se bei GMP/Mat­thes/Spin­ner, ArbGG, 8. Aufl., § 84 Rz. 31 ff. mit wei­te­ren Nach­wei­sen). Dies begüns­tigt im Ver­fah­ren nach § 98 ArbGG trotz der hier mit­tel­bar be­trof­fe­nen In­di­vi­du­al­ver­fah­ren der ULAK auf Bei­trags­zah­lun­gen ge­gen ein­zel­ne Un­ter­neh­men in mehr­fa­cher Mil­lio­nenhöhe pro be­trof­fe­ner AVE ent­ge­gen der bis­he­ri­gen ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Kos­ten­pra­xis in ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge nach § 43 bzw. § 47 Vw­GO Pri­va­te zu Las­ten des Staa­tes, wenn Ers­te­re wie vor­lie­gend nicht ob­sie­gen. An­ders als in den Be­schluss­ver­fah­ren im Be­triebs­ver­fas­sungs­recht be­steht dafür kein An­lass. Die Kam­mer sieht je­doch an­ge­sichts des kla­ren Ge­set­zes­wort­lauts des § 2 a Abs. 1 Ziff. 5 ArbGG und der feh­len­den ab­wei­chen­den Kos­ten­re­ge­lung trotz des in der Ge­set­zes­be­gründung ge­nann­ten Vor­bilds des Ver­fah­rens nach § 47 Abs. 2 Vw­GO kei­ne Möglich­keit ei­ner ent­spre­chen­den An­wen­dung von § 154 Abs. 3 Vw­GO.
Die Rechts­be­schwer­de war für die un­ter­le­ge­nen Be­tei­lig­ten gemäß § 92 in Ver­bin­dung mit § 72 Abs. 2 Zif­fer 1 ArbGG zu­zu­las­sen.
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