Source: http://docplayer.org/1564557-Internet-provider-haftung-ein-sonderfall.html
Timestamp: 2017-10-23 17:12:18
Document Index: 124597561

Matched Legal Cases: ['Art. 321', 'de lege ferenda', 'BGE', 'Art. 27', 'Art. 322', 'BGE', 'Art. 197', 'Art. 135', 'Art. 261', 'BGE', 'Art. 5', 'Art. 15', 'Art. 14', 'de lege ferenda', 'Art. 27', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 322', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 15', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 28', 'de lege lata', 'Art. 14', 'Art. 41', 'Art. 28', 'Art. 146', 'Art. 19', 'Art. 25', 'de lege ferenda', 'Art. 322', 'Art. 322', 'Art. 27']

Internet-Provider-Haftung ein Sonderfall? - PDF
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1 Sonderdruck aus: Tagungsband Recht aktuell 2006 Bern: Edition Weblaw 2006 Herausgeber: Peter Jung Aktuelle Entwicklungen im Haftungsrecht DAVID ROSENTHAL Internet-Provider-Haftung ein Sonderfall?
2 Beitragsübersicht Tagungsband Recht aktuell 2006 Aktuelle Entwicklungen im Haftpflichtrecht Prof. Dr. Peter Jung Herausgeber Tagungsband Recht aktuell Ordinarius für Privatrecht, Universität Basel. Prof. Dr. Thomas Kadner Graziano Ordinarius für Privatrecht an der Universität Genf, Direktor «Certificat de Droit Transnational» Vorwort des Herausgebers Entwicklungstendenzen im schweizerischen ausservertraglichen Haftungs- und Schadensrecht PD Dr. iur. Peter Loser Rechtsanwalt. Mitglied der Direktion der St.Galler Kantonalbank. Dr. iur. Hans-Peter Egli Bezirksrichter, Vorsitzender des Arbeitsgerichts Zürich. Die Vertrauenshaftung in der Praxis Prof. Dr. Walter Fellmann Rechtsanwalt und Notar in Luzern; nebenamtlicher Ordinarius an der Universität Luzern. Der besondere Haftungsmassstab von Art. 321e OR Markus Schmid Advokat, Dietrich Greuter Schmid, Basel. Haftung für fehlerhafte Rechtsberatung und Prozessführung Aspekte und Thesen der Arzthaftung Prof. Dr. Lukas Handschin Titularprofessor für Privatrecht, Universität Basel. Rechtsanwalt Schumacher Baur Hürlimann, Zürich. Prof. Dr. Hanspeter Dietzi Deputy Group General Counsel UBS AG, Basel/ Zürich; Titularprofessor, Universität Basel. Die Verantwortlichkeit der Gesellschaftsorgane auch für die Richtigkeit der Bilanz? David Rosenthal Konsulent für Informations- und Telekommunikationsrecht, Homburger Rechtsanwälte, Zürich. Haftungsfälle im Zusammenhang mit Bankdienstleistungen Dr. iur. Philippe Spitz Advokat, LL.M., Basel/Zürich, Lehrbeauftragter an der Universität Basel. Internet-Provider-Haftung ein Sonderfall? Prof. Dr. Thomas Sutter-Somm Ordinarius für Zivil- und Zivilprozessrecht, Dekan Jur. Fakultät, Universität Basel. Haftung für Wettbewerbshandlungen Prof. Dr. Franz Hasenböhler Rechtskonsulent KPMG Legal; em. Ordinarius für Privatrecht an der Universität Basel. Der Haftpflichtprozess im Lichte der neuesten Tendenzen der Vereinheitlichung des schweizerischen Zivilprozessrechts Haftungsfragen im Lichte der revidierten Versicherungsgesetzgebung
3 Peter Jung (Hrsg.), Tagungsband Recht aktuell 2006 (Aktuelle Entwicklungen im Haftpflichtrecht): Internet-Provider-Haftung ein Sonderfall? David Rosenthal dro Die Haftung von Access- und Hosting-Providern wirft zahlreiche Fragen auf, die durch unrealistische Vorstellungen über die Rolle und Eingriffsmöglichkeiten solcher Provider zu einer erheblichen Rechtsunsicherheit geführt haben. Für das Strafrecht wird diese nun durch die Schaffung eines Providerstrafrechts möglicherweise geklärt, auch wenn der Vorentwurf noch einiger Korrekturen bedarf. Klärungsbedarf besteht auch im Bereich der zivilrechtlichen Verantwortlichkeit. Zwar wäre schon mit den bestehenden Gesetzen eine sachgerechte Lösung einschliesslich einer Enthaftung der Access- Provider möglich, doch gibt die bisherige Diskussion und Rechtsentwicklung wenig Anlass zur Hoffnung. Die Erkenntnis, dass Dienstleistungen von Internet-Providern zwar missbraucht werden können, sie aber letztlich harmlose Alltagshandlungen sind und die Sorgfaltspflichten der Provider dementsprechend ausfallen müssen, hat sich zumindest im Bereich der zivilrechtlichen Haftung noch nicht etabliert. Inhaltsübersicht I. Einleitung A. Aktualität damals und heute B. Politischer Kontext II. Verantwortlichkeit im Strafrecht A. Ein Expertenstreit B. Begrenzter Leidensdruck und kaum Praxis C. Providerstrafrecht de lege ferenda 1. Vorschlag des Expertenberichts 2. Vorentwurf des Bundesrates 3. Keine Strafbarkeit für Access-Provider 4. Hosting-Provider strafbar nur nach Sonderdeliktsnorm a) Regel 1: Regelung gilt nur für das Bereithalten fremder Informationen b) Regel 2: Nichtverhindern der Inhalte wider besseren Wissens strafbar c) Regel 3: Nichtweiterleiten von Hinweisen auf Straftaten eigener Kunden strafbar d) Regel 4: Grundsätzlich sind alle strafbaren Handlungen erfasst 5. Starke Resonanz auf Vorentwurf, weiteres Vorgehen III. Verantwortlichkeit im Zivilrecht A. Ausgangslage 1. Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche dominieren 2. Gesetzgeberischer Handlungsbedarf? B. Voraussetzung der Haftung für Schadenersatz 1. Widerrechtlichkeit 2. Verschulden 3. Teilnahme, Kausalzusammenhang IV. Fazit I. Einleitung A. Aktualität damals und heute [Rz 1] In jedem Berufs- und Branchenzweig stellen sich mancherlei Fragen zur straf- und zivilrechtlichen Verantwortlichkeit seiner Akteure. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches und erregt im Normalfall auch nicht das Interesse eines breiteren Publikums. Das ist im Falle der Internet-Provider 1 allerdings nicht so: Die öffentliche Diskussion um die Verantwortlichkeit dieser Branche ist so alt wie die Branche selbst. Sie hat freilich nichts mit der Frage zu tun, ob ein Internet-Provider welche konkrete Rolle er auch hat seinen Vertragspflichten gegenüber seinen Kunden
4 nachkommt. Es geht nicht um Ausfälle von Internet-Zugängen, ebensowenig um Sabotage- oder Hacker-Angriffe, noch um vergessene Backups. Zu reden gibt nur eines: Die Verantwortlichkeit der Internet-Provider für die Handlungen ihrer Kunden und anderer Benutzer des Internets. [Rz 2] In der Schweiz setzte die Diskussion im Sommer 1998 erstmals richtig ein 2. Ausgelöst wurde sie von einem Schreiben der damaligen Bundespolizei an die «Internet Service Provider in der Schweiz». Die grossen und kleinen Anbieter von Internet-Zugängen wurden darauf aufmerksam gemacht, dass unter einer Reihe konkret aufgeführter Internet-Adressen Inhalte angeboten wurden, die eindeutig das Verbot der Rassendiskriminierung verletzten. Diese Angebote lagen notabene nicht auf den Servern der angeschriebenen Provider. Der einzige Tatbeitrag der Provider bestand darin, Zugang zum Internet zu verschaffen, über welches wiederum auf die fraglichen Websites zugegriffen werden konnte. Sollten die Provider den Zugang über ihre Systeme zu diesen Adressen nicht sperren, wie auch immer dies zu bewerkstelligen wäre, stünde «mit dem durch Sie gegebenenfalls ermöglichten Zugang zu den entsprechenden Sites eine strafbare Gehilfenschaft» zu den genannten Delikten in Frage, wurde den Providern beschieden 3. Verwiesen wurde dabei auf den als «Telekiosk»-Fall bekannten BGE 121 IV 109, in welchem der damalige Generaldirektor der Telecom PTT strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wurde, weil das von ihm geführte Unternehmen mit seiner Telekominfrastruktur kostenpflichtige Telefonsex-Angebote Dritter ohne die erforderlichen Jugendschutzmassnahmen ermöglichte. Der Brief der Bundespolizei an die Provider sollte den für eine Strafbarkeit erforderlichen Vorsatz schaffen. [Rz 3] Zu einer Verurteilung eines Internet-Providers kam es damals bekanntlich nicht. Statt dessen begannen die inzwischen unter öffentlichen Druck geratenen Strafverfolgungsbehörden mit den Internet-Providern zusammenzuarbeiten, um im Rahmen der technischen Möglichkeiten zumindest gegen jene Internet-Straftäter vorgehen zu können, die aus oder in der Schweiz agierten 4. [Rz 4] Seither flammt die Diskussion um die Verantwortlichkeit der Provider immer wieder auf, allerdings mit anderen Akzenten. Ein Beispiel vom November 2005 ist ein Schreiben der Schweizer Vertretung der International Federation of Producers of Phonograms and Videograms (IFPI), das an verschiedene Internet-Zugangsanbieter versandt wurde, deren Kunden 5 angeblich ohne Erlaubnis fremde Musikstücke im Internet über Tauschbörsen angeboten haben sollen. Die IFPI bat in ihren Schreiben die Internet-Provider nicht nur darum, die Identitäten dieser Kunden preiszugeben was diesen, wie die IFPI hätte wissen müssen, aufgrund des Datenschutzgesetzes und Fernmeldegeheimnisses verboten ist. Die IFPI drohte den Internet-Providern implizit auch mit Strafverfolgung und zivilrechtlichen Ansprüchen, sollten sie den fraglichen Kunden weiterhin erlauben, ihre Internet-Zugänge für das illegale Anbieten von Musik im Internet zu nutzen. Man wies darauf hin, «dass die Mitwirkung an von einem Dritten begangenen Verletzungen von Urheber- und verwandten Schutzrechten als Gehilfenschaft ebenfalls strafbar und schadenersatzpflichtig ist, sobald Sie trotz Kenntnis von den Rechtsverletzungen beziehungsweise des entsprechenden Verdachtes diese weiterhin durch die fortgesetzte Zurverfügungstellung Ihrer technischen Infrastruktur ermöglichten», schrieb die IFPI 6. Adressen ihrer Kunden geben Provider wie Bluewin der IFPI ohnehin nicht bekannt, leiten die Warnungen der IFPI aber inzwischen auch nicht mehr weiter 7. Nichtsdestotrotz verdeutlichen die Aktivitäten der IFPI, dass die Diskussion der straf- und zivilrechtlichen Verantwortlichkeit der Internet-Provider nach wie vor aktuell ist. Inwiefern sie praktische Relevanz hat, ist allerdings eine andere Frage, auf die noch einzugehen sein wird 8. B. Politischer Kontext [Rz 5] Die in der Schweiz seit Jahren geführte Diskussion kann nur verstehen, wer auch den politischen Kontext kennt. Dieser geht zurück auf die Anfänge der Internet-Euphorie ab Mitte der 90er-Jahre. Das Internet wurde damals in der Öffentlichkeit nicht als allzwecktaugliches Arbeits- und Unterhaltungsinstrument empfunden und schon gar nicht nüchtern als Telekommunikationsnetz betrachtet, was es in den Jahrzehnten zuvor immer schon gewesen war. Gesehen wurde es vor allem als Plattform für die unkontrollierte Informationsverbreitung, die dadurch auffiel, dass sie für die Verbreitung verbotener, ungewollter oder gefährlicher Inhalte benutzt wurde. Es war die Zeit, in der das Internet für Websites mit Neonazi-Parolen, Pornographie und Anleitungen zum Selberbau von Nagelbomben bekannt wurde. Da sich diese Phänomene im Internet scheinbar «grenzenlos» ausbreiten konnten, war es den an die Landesgrenzen gebundenen Strafverfolgungsbehörden damals scheinbar nicht möglich, dagegen anzukommen. Überdies herrschte die Auffassung, dass Strafverfolger bezüglich neuer Technologien, wie das damalige World Wide Web eine war, nicht über das nötige Know-how für eine effektive Strafverfolgung verfügten.
5 [Rz 6] So stellte sich bald ein Ohnmachtsgefühl ein. Straftäter konnten das Internet scheinbar frei für ihre Zwecke nutzen, ohne dass die nationalen Strafverfolgungsbehörden dem auch nur ansatzweise beikommen konnten. In den USA konnten Neonazis ihre Rassismusparolen im Schutz der Meinungsäusserungsfreiheit auf ihren Websites frei verbreiten (man erinnere sich an die vielzitierte «Zündel»-Website). Die Folge war absehbar: Wenn schon nicht die Urheber der Cyberspace-Straftaten zu ermitteln oder zu fassen waren, hiess es, sollten wenigstens jene zur Verantwortung gezogen werden, die (damals) mit dem Betrieb der erforderlichen Infrastruktur gutes Geld verdienten die Internet-Provider. Weil letztlich das Internet nichts anderes ist als ein Netz von zusammengeschalteten Netzwerken und jedes dieser Teilnetze von einem real existierenden Provider betrieben wird, lag es nahe, den Internet-Providern die Daumenschrauben anzusetzen. So wurde in Deutschland (zum Schluss allerdings erfolglos) der Chef des deutschen Ablegers eines der damals grossen Internet-Provider angeklagt, weil er den Zugang zu gewissen illegalen Inhalten auf einem Server der Muttergesellschaft in den USA nicht verhindert hatte 9. In der Schweiz fürchteten sich die Organe hiesiger Zugangsprovider derweil erklärtermassen davor, für irgendwelche strafbaren Inhalte irgendwo im Internet stellvertretend verantwortlich gemacht zu werden, weil sie als einzige aller an der Datenübertragung zum Benutzer irgendwie beteiligter Personen in der Schweiz ansässig waren und damit der hiesigen Strafhoheit unterstanden. [Rz 7] Weil es damals einerseits um öffentlichkeitswirksame Delikte wie Kinderpornographie oder Rassismus ging, die Internet-Provider vom Internet-Boom andererseits aber finanziell profitierten, hatten sie in der Öffentlichkeit immer wieder ein Legitimierungsproblem. Nichtsdestotrotz gab es (nicht nur in der Schweiz) erhebliche Proteste seitens der Provider sowie anderer Kreise, die kein «zensuriertes» Internet wollten, in welchem jeder Internet-Zugriff wie in Ländern wie China zuerst einen Provider-Filter durchlaufen müsste. Pikanterweise hatte die Musikindustrie eine solche Filterpflicht schon sehr früh verlangt. Demnach hätten Provider jeden Austausch von Musikdateien technisch unterbinden müssen, es sei denn, er stamme aus einer legalen Quelle. Dazu kam es richtigerweise nie, denn in der Öffentlichkeit ist mittlerweile ebenso erkannt worden, dass sich die Probleme des Internets durch eine Kriminalisierung der Internet-Zugangsprovider nicht lösen würden und ebenso nicht dadurch, ihnen die Verantwortung für jene Dinge zu übertragen, die auf ihren Datennetzen transportiert werden. Solche Regulierungsversuche hatte es im Übrigen schon im 19. Jahrhundert gegeben, als der Telegraph die Welt, wie heute das Internet, erobert hatte. Auch damals scheiterten solche Regulierungsversuche 10. [Rz 8] In der Europäischen Union wurde im Jahre 2000 im Rahmen der so genannten E-Commerce-Richtlinie 2000/31/ EG 11 («ECRL») das Prinzip festgeschrieben, dass Internet-Zugangsanbieter und andere reine «Durchleitungsanbieter» für die Inhalte der von ihnen übermittelten Informationen nicht verantwortlich gemacht werden können 12. Auch jene Provider, auf deren Rechnern fremde Inhalte gespeichert würden, wurden von einer Verantwortlichkeit ausgenommen, zumindest solange, als ihnen die rechtswidrige Tätigkeit nicht bekannt ist 13. Sobald sie dies aber ist, muss er sie entfernen oder den Zugang zu ihr sperren, wobei allerdings keine Pflicht besteht, die übermittelten oder gespeicherten Informationen zu überwachen oder aktiv nach rechtswidrigen Inhalten zu forschen 14. [Rz 9] In der Schweiz fehlen solche Bestimmungen, was im Jahre 2000 zu einer ständerätlichen Motion unter dem Titel «Netzwerkkriminalität» geführt hat 15. Diese wurde zwar offen formuliert, zielte jedoch darauf ab, in der Schweiz eine ähnliche Bestimmung wie in der bereits erwähnten E-Commerce-Richtlinie zu schaffen und somit letztlich für eine Klarstellung der (nicht weit zu fassenden) Verantwortlichkeit der Provider zu sorgen im Gegensatz zur EU aber stets mit Fokus auf das Strafrecht. Die Motion wurde 2001 in beiden Räten angenommen und in der Folge wurde von einer Expertengruppe ein Bericht ausgearbeitet, der im Juni 2003 dem Bundesrat vorgelegt und daraufhin veröffentlicht wurde («Expertenbericht») 16. Im Dezember 2004 erschien schliesslich ein Bericht des Bundesrates und zur Vernehmlassung ein Vorentwurf über eine neue Regelung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit der Provider und die Kompetenzen des Bundes bei der Verfolgung strafbarer Handlungen mittels elektronischer Kommunikationsnetze («Bericht zum Vorentwurf» und «Vorentwurf») 17. Der (weiter hinten erörterte) Vorentwurf lehnt sich stark an den Expertenbericht an 18. II. Verantwortlichkeit im Strafrecht A. Ein Expertenstreit
6 [Rz 10] Die strafrechtliche Verantwortlichkeit der Internet-Provider ist in der Schweiz seit je her umstritten. Ohne die diesbezügliche Diskussion im Einzelnen darlegen zu wollen 19, dreht sie sich im Wesentlichen um die Frage der Anwendbarkeit und Anwendung des Medienstrafrechts (Art. 27 StGB, Art. 322bis StGB) auf Internet-Provider, sowie um die Anwendung der allgemeinen Regeln des Strafrechts, insbesondere über die Gehilfenschaft, auf Internet-Provider. [Rz 11] Dabei ist es wichtig, die verschiedenen Erscheinungsformen des Internet-Providings auseinanderzuhalten. Typischerweise unterschieden wird dabei zwischen den Anbietern, die lediglich den Zugang ins Internet anbieten (so genannte Access-Provider), und denjenigen, die ihre Server-Infrastruktur für das Bereithalten von Inhalten zur Verfügung stellen (so genannte Hosting-Provider). Immer wieder ist auch vom «Content-Provider» die Rede, doch ist dieser Begriff insofern irreführend, als dass damit lediglich diejenige Person gemeint ist, von welcher der fragliche Inhalt stammt (also beispielsweise der Verfasser bzw. Urheber einer Website). Hingegen wird kaum vom Domain-Name-Service-Provider gesprochen, also jenem Provider, der sicherstellt, dass die Domain-Namen einer bestimmten «Endung» (sprich: Top- Level-Domain) im Internet für Internet-Adressen verwendet werden können. In der Diskussion der Provider- Verantwortlichkeit landläufig nicht unterschieden wird auch zwischen dem Access-Provider des Abrufers einer Information und dem Access-Provider, der es einem Straftäter überhaupt erst möglich macht, seinen eigenen Server mit strafbaren Inhalten ans Internet anzuschliessen. Die folgende Grafik zeigt das Verhältnis und die Position der verschiedenen Provider mit Bezug auf den Datenfluss im Internet. [Rz 12] Ausgehend von den beiden Formen des Access-Providers und des Hosting-Providers wurde auf verschiedene Weise versucht, die Strafbarkeit zu begründen oder aber abzulehnen. Das Bundesamt für Justiz und in der Folge das damalige Bundesamt für Polizeiwesen vertrat in einem vielzitierten Gutachten 20 bzw. Positionspapier 21 gegenüber den Providern eine sehr restriktive Haltung und sah im Wesentlichen auch eine Strafbarkeit des reinen Access-Providers (des Internet-Nutzers) für gegeben, sollten bekannte strafbare Inhalte nicht gesperrt werden 22. Dem widersprach mehr oder weniger ausnahmslos die damalige Schweizer Lehre als auch ein prominentes, von einem Provider-Interessensverband in Auftrag gegebenes Gegengutachten («VIT-Gutachten»), welches eine Strafbarkeit der Access-Provider ablehnt 23. [Rz 13] Zusätzlich kompliziert wurde die Diskussion durch den höchstrichterlichen Entscheid BGE 125 IV 206 aus dem Jahre 1999, der den Grundsatz in Frage stellt, wonach, was sich medial veröffentlichen lässt und sich in der Veröffentlichung erschöpft, ein Mediendelikt ist, auf welches das Medienstrafrecht zur Anwendung komme. Das Bundesgericht verwies in seiner Entscheidung ausdrücklich auf harte Pornographie (Art. 197 Ziff. 3 StGB), Gewaltdarstellungen (Art. 135 StGB) und das Leugnen von Völkermord (Art. 261bis Abs. 4 StGB), welche nicht zu den Mediendelikten zu zählen sind. [Rz 14] Während die Frage der territorialen Anwendbarkeit des Strafrechts auf Internet-Provider für vergleichsweise wenig Gesprächsstoff sorgte 24, wurde um so mehr darüber diskutiert, wie Internet-Provider im Falle einer Strafbarkeit mit deren praktischen Konsequenzen umgehen sollten: Welche Art Hinweise würden genügen, um zumindest einen Eventualvorsatz eines Internet-Providers zu begründen? Welche technischen Eingriffsmöglichkeiten seien für einen Access-Provider
7 möglich und zumutbar? Darf der Umstand, dass sich ein Internet-Provider ernsthaft mit der Bekämpfung von Straftaten im Internet auseinandersetzt, diesem letztlich ein höheres Strafbarkeitsrisiko eintragen, im Gegensatz zu einem Provider, der sich um Hinweise nicht kümmert? [Rz 15] Während in der öffentlichen Diskussion immer der Standpunkt vertreten wurde, eine Sperrung von Internet- Angeboten sei für einen Access-Provider nicht zumutbar, zeigten einzelne Provider, die um Strafverfolgung fürchteten, dass solche Sperrungen nichtsdestotrotz möglich waren. Das tatsächliche Problem war (und ist) jedoch nicht, ob es technische Möglichkeiten gibt, mit denen ein Access-Provider den Zugriff auf bestimmte Websites, Server, IP-Adressen oder Domain-Namen verhindern kann er kann es tun 25. Das tatsächliche Problem sind, abgesehen von der Problematik des Missbrauchspotentials 26, die Skalierbarkeit und die Nebenwirkungen. Wird ein Access-Provider dazu verpflichtet, den Zugang zu fünf rassistischen Websites zu sperren, folgen bald 50, 500 und illegale Angebote im Internet, die er ebenfalls sperren soll, weil auch sie entsprechende Gesetzesbestimmungen verletzen. Es ist nicht zu erwarten, das die Regeln, die für eine Strafbarkeit des Providers im Falle der Verletzung des Verbots der Rassendiskriminierung sorgen, im Falle anderer Delikte nicht ebenso oder ähnlich anwendbar sind, und an Delikten fehlt es im Internet wie in der «realen» Welt beileibe nicht. Im Bereich der zivilrechtlichen Haftung stellt ist dieses Ausuferungspotential noch sehr viel grösser, weil der Katalog der möglichen unerlaubten Handlungen gegenüber den auch strafbaren Handlungen sehr viel weiter geht. [Rz 16] Die Nebenwirkungen von Sperrungen sind ebenfalls nicht zu unterschätzen: Zwar gibt es heute technische Verfahren, mit denen beispielsweise für die Mehrheit der Internet-Benutzer der Zugriff auf bestimmte Domain-Namen verunmöglicht werden kann. Damit sind aber auch allfällige legale und erwünschte Angebote unter diesen Domain-Namen nicht mehr nutzbar. Dieser «Kollateralschaden» kann je nach Art der Sperrung unterschiedlich gross ausfallen und wirkt um so gewichtiger, als jene Content-Provider, deren Angebote gesperrt werden sollen, erfahrungsgemäss die ersten sein werden, die ihre Angebote unter neuen, von den Sperren noch nicht erfassten Adressen neu lancieren, die legitimen, von den Sperren miterfassten Angebote und Aktivitäten hingegen durch diese weiterhin beeinträchtigt werden. Aus diesen und weiteren Gründen hat sich inzwischen denn auch international die Ansicht durchgesetzt, dass es nicht sein kann, den Access-Provider stellvertretend für jene unerwünschten Erscheinungen verantwortlich zu machen, die das Internet zwangsläufig mit sich bringt und auf die auch ein Access-Provider keinen wirklichen Einfluss hat 27. B. Begrenzter Leidensdruck und kaum Praxis [Rz 17] In der Schweiz hielt sich der alltägliche Leidensdruck sowohl der Strafverfolger als auch der Internet-Provider ungeachtet der oben erwähnten Diskussion bisher in engen Grenzen. Dies wiederspiegelt sich in der Tatsache, dass es, anders als etwa in Deutschland, bisher kaum zu Praxis im Bereich der Verantwortlichkeit von Providern gekommen ist. Die wenigen tatsächlich existierenden Fälle beschränken sich auf strafrechtliche Aspekte. [Rz 18] Der vielzitierte Bundesgerichtsentscheid BGE 121 IV 109 («Telekiosk») ist in diesem Zusammenhang sicherlich der wichtigste Entscheid, auch wenn regelmässig darauf hingewiesen wird, dass seine Feststellungen nicht unbesehen auf Internet-Provider übertragen werden können 28. Jedenfalls hat das Bundesgericht nach der hier vertretenen Ansicht das fortgesetzte Zurverfügungstellen einer für eine Straftat benutzten Telekommunikationseinrichtung richtigerweise als aktives Tun 29 und nicht als Unterlassen qualifiziert: So kann ein Provider beispielsweise nicht mit einem Autovermieter verglichen werden, der seinem Kunden ein Fahrzeug überlässt und nach dessen Übergabe einstweilen keine weitere Leistung zu erbringen hat. Ein Hosting-Provider ist um beim Verkehr zu bleiben vielmehr mit einem Limousinenservice zu vergleichen, der seinem Kunden sein Fahrzeug mitsamt Fahrer überlässt: Befördert der Fahrer seinen Gast auch dann noch weiter, wenn dieser eine Bank ausraubt, wird dem mit Wissen und Willen freiwillig weiterarbeitenden Fahrer zweifellos nicht eine Unterlassungstat vorgeworfen, sondern ein aktives Fördern des Haupttäters bei dessen Raubzügen. Auch die Arbeit des Hosting-Providers beschränkt sich nicht auf das initiale Bereitstellen des Servers. Seine Haupttätigkeit liegt im aktiven Aufrechterhalten des Server-Betriebs und der darauf befindlichen Website seines Kunden, was sich auch schon an den regelmässigen Gebühren zeigt, die Hosting-Provider für ihre Dienstleistungen verlangen. [Rz 19] Ob die Streitfrage einer Strafbarkeit für aktives Tun oder durch Unterlassen von praktischer Relevanz ist, darf freilich bezweifelt werden, da sie letztlich dieselben Wertungsfragen aufwirft 30 : Schafft ein Internet-Provider ein gesellschaftlich unerwünschtes Risiko 31? Welche Sorgfaltspflichten werden von ihm erwartet? Erstere Frage ist zwar umstritten, muss aber m.e. mindestens beim Access-Provider mit einem Nein beantwortet werden: Wenn die heutige Gesellschaft das Internet wünscht, woran die Entwicklung der vergangenen Jahre wohl kaum Zweifel lässt, kann es nicht angehen, dass diejenigen, deren einzige Aufgabe darin besteht, eben jener Gesellschaft diese Infrastruktur
8 bereitzustellen, von derselben Gesellschaft deswegen als Gefahr betrachtet werden. Der Internet-Provider ist ein wertneutraler Dienstleistungserbringer. Der Strafgerichtspräsident Basel-Stadt im Entscheid «Lyrics Server» vom 31. Januar 2003 hat dies treffend formuliert 32 : «Das Zurverfügungstellen eines Internetzugangs ist dem Anschliessen eines Telefons ans Telefonnetz vergleichbar. Auch über das Telefon werden die verschiedensten Delikte begangen, ohne dass jemand auf die Idee kommen würde, das Zurverfügungstellen des Telefonanschlusses als gefährlich zu bezeichnen. In der Zurverfügungstellung des Internetzugangs kann deshalb unter keinen Umständen die Schaffung eines <unerlaubten> Risikos für strafrechtlich geschützte Rechtsgüter gesehen werden, die eine strafrechtliche Haftung aus Ingerenz rechtfertigen würde» 33. [Rz 20] Vertreter anderer Behörden haben die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Internet-Access-Providern anders beurteilt. So hat die Eidg. Spielbankenkommission im November 2000 über 200 Provider aufgefordert, den Zugriff auf 591 illegale Spielbanken zu sperren, dies gestützt auf Art. 5 des Spielbankengesetzes 34. Auf Proteste der Provider hin kamen beide Seiten ins Gespräch, und die Behörde erklärte den Vollzug der in ihrem ursprünglichen Schreiben geforderten Massnahmen als aufgeschoben. [Rz 21] Für Aufsehen sorgte auch die Affäre «Appel au peuple», in welcher eine Waadtländer Untersuchungsrichterin zahlreiche Internet-Access-Provider der Schweiz, gestützt auf eine besondere Bestimmung des dortigen Prozessrechts, mit einer Sperrverfügung betreffend ehrverletzender Websites bedachte, letztlich aber scheiterte 35. Immerhin ging das zuständige Gericht davon aus, dass eine Strafbarkeit der Access-Provider grundsätzlich möglich sei. Es sind allerdings keine Weiterungen in diesem Fall bekannt; die fraglichen Websites sind im Übrigen weiterhin abrufbar. [Rz 22] Die andere Streitfrage, der Umfang der Sorgfaltspflichten eines Internet-Providers, stellte sich in der Praxis bisher nicht. In den wenigen beurteilten Fällen wussten die Provider nach Ansicht der Gerichte genau, was sie taten und sie billigten es auch. Zu erwähnen ist etwa die «Mailbox»-Entscheidung des Zürcher Obergerichts vom 7. Dezember Sie betraf ein elektronisches Schwarzes Brett (ein so genanntes Bulletin-Board- oder Mailbox-System), das für Computerbenutzer nicht über das Internet zugänglich war, sondern über spezielle Einwahlnummern für Modems. Das System diente als für jedermann offene Online-Tauschbörse (damals war der Austausch von Musikdateien allerdings noch kein Thema). Wer etwas beziehen wollte, musste für je drei Dateien eine eigene Datei beisteuern wurden im Rahmen einer Polizeiaktion auf dem Rechner des Systems auch rund pornographische Dateien ermittelt; der Betreiber ein Student wurde wegen der Inhalte der von ihm unterhaltenen Tauschbörse schliesslich zu 600 Franken Busse verurteilt. Das Gericht ging davon aus, er habe bewusst jede Alterskontrolle unterlassen und so Jugendlichen ungehinderten Zugang zu pornographischem Material geboten. Dieses Material wurde zwar von Dritten in der Tauschbörse deponiert, vom Betreiber aber in entsprechende Unterverzeichnisse verschoben, womit für die Richter erwiesen war, dass der Betreiber über die fraglichen Inhalte im Bilde war und sie billigte. [Rz 23] Von einem vorsätzlichem Handeln ging auch das Strafgericht Basel-Landschaft aus, als es mit (nicht veröffentlichtem) Entscheid vom 16. Dezember 1999 einen Internet-Hosting-Provider zu einer Busse von 300 Franken wegen Gehilfenschaft zur Datenbeschädigung verurteilte. Der Provider hatte einem Italiener die Benutzung seines Servers erlaubt, was dieser wiederum zur Verbreitung einer Anleitung zum Virenbau benutzte. Den Umstand, dass solche Inhalte gemäss den Vertragsbestimmungen von Providern nicht erlaubt sind, liess das Gericht nicht gelten, ebensowenig das Argument, die Vireninformationen dienten der Virenbekämpfung, nicht der Datenbeschädigung: Der Provider sei ein Fachmann (auch in Sachen Viren) gewesen und habe gewusst, was sich über seinen Server abspielte. Damit habe er in Kauf genommen, dass die Anleitung auch für unzulässige Zwecke benutzt werden konnte. [Rz 24] Zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass ein Grund für das Fehlen von Praxis in diesem Bereich wohl darin zu suchen ist, dass Internet-Provider in der Schweiz in der Bekämpfung der Netzwerkkriminalität mit den Behörden gut kooperieren. Die in diesem Bereich aktiven Strafverfolgungsbehörden stellen der hiesigen Provider-Branche denn auch im Grossen und Ganzen ein sehr gutes Zeugnis aus; die Zusammenarbeit klappt gut, auch wenn die Provider ihrerseits an bestimmte gesetzliche Rahmenbedingungen, wie das Fernmeldegeheimnis, gebunden sind. [Rz 25] Immerhin bestehen mit dem Bundesgesetz über die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF 36 ) und einer entsprechenden Verordnung und Ausführungsvorschriften seit einigen Jahren relative klare Regeln für die Frage der Überwachung von Internet-Aktivitäten (auch wenn in der Praxis die Tarifansätze in diesem Bereich immer wieder für Gesprächsstoff sorgen). So sieht beispielsweise Art. 15 BÜPF vor, dass Internet-Provider bestimmte Randdaten der Internet-Nutzung ihrer Kunden während sechs Monaten aufbewahren müssen, um diese auch noch rückwirkend identifizieren zu können. In diesem Zusammenhang hält Art. 14 Abs. 4 BÜPF im Sinne einer Internet-«Sondervorschrift»
9 wiederum fest, dass, wenn «eine Straftat über das Internet begangen» wird, eine Internet-Anbieterin verpflichtet ist, der zuständigen Behörde «alle Angaben zu machen, die eine Identifikation des Urhebers oder der Urheberin ermöglichen.» Eine richterliche Genehmigung ist in diesem Fall nicht erforderlich. Dabei hat die Rekurskommission UVEK im Jahre 2004 entschieden, dass diese Regelung auch für dynamische Internet-Adressen gilt, also auch auf jene Internet-Nutzer anwendbar ist, die keinen festen Internet-Zugang haben, sondern sich via Telefonanschluss ins Internet einwählen 37. Diese Bestimmung gibt den Strafverfolgungsbehörden ein relativ wirksames Instrument in die Hand, mögliche Internet- Straftäter in der Schweiz zu ermitteln, auch wenn diese zunächst scheinbar anonym im Internet auftreten (zum Beispiel als Benutzer von Internet-Tauschbörsen). In der Regel genügt eine IP-Adresse und eine genaue Angabe von Datum und Zeit ihrer Nutzung, um anhand der von den verschiedenen Providern geführten Adress- und Verbindungsprotokolle den betreffenden Abonnenten zu ermitteln. [Rz 26] Bei der Identifikation von Internet-Benutzern für (reine) zivilrechtliche Ansprüche hilft dieses Verfahren allerdings nicht weiter. Hier sind Anspruchsberechtigte auf den Goodwill der Provider angewiesen, soweit sich diese in ihren allgemeinen Geschäftsbedingungen überhaupt das Recht vorbehalten, Kundendaten gegenüber Dritten mit schutzwürdigen Interessen offenzulegen. C. Providerstrafrecht de lege ferenda 1. Vorschlag des Expertenberichts [Rz 27] Der in der Folge der Motion «Netzwerkkriminalität» entstandene Expertenbericht 38 kam ob der zahlreichen Diskussionen und unterschiedlichen Standpunkte zum Schluss, dass keine klare, ausdrückliche Regelung der Verantwortlichkeit im Zusammenhang mit Internet-Inhalten besteht. Darum sei eine eindeutige Regelung im Gesetz angezeigt, so die Experten 39. Sie erarbeiteten einen Vorschlag mit den folgenden Zielen 40 : Der Autor und der Content-Provider für von ihnen ausgehende illegale Inhalte sollen strafrechtlich voll verantwortlich sein; Der Hosting-Provider soll beschränkt haften, d.h. im Wesentlichen nur, wenn er die mögliche und zumutbare Verhinderung der Nutzung deliktischer Informationen wider besseres Wissen unterlässt oder von Dritten erhaltene Hinweise auf solche Informationen nicht an die Strafverfolgungsbehörden weiterleitet. In diesem Rahmen strafrechtlich belangt werden können soll der Hosting-Provider, «der sich in der Schweiz befindet», auch wenn sich die Täterschaft im Ausland aufhält; Der Access-Provider soll für im Netz zirkulierende deliktische Inhalte nicht strafrechtlich verantwortlich sein. [Rz 28] Der Expertenbericht beschäftigte sich ausserdem mit Fragen der Strafverfolgung im Falle von strafbaren Internet- Inhalten. Auf diesen Themenkomplex wird hier nicht weiter eingegangen. 2. Vorentwurf des Bundesrates [Rz 29] Gestützt auf den Expertenbericht legte der Bundesrat im Oktober 2004 einen Bericht und Vorentwürfe über die Änderung des Strafgesetzbuches über die strafrechtliche Verantwortlichkeit der Provider und die Kompetenzen des Bundes bei der Verfolgung strafbarer Handlungen mittels elektronischer Kommunikationsnetze vor 41. Der Vorentwurf nimmt die Grundidee des Expertenvorschlags auf, liefert aber einen eigenen Entwurf für eine Regelung: (neuer Titel) 6. Strafbarkeit in elektronischen Kommunikationsnetzen und in Medien Artikel 27 VE-StGB Strafbarkeit in elektronischen Kommunikationsnetzen 1 Wird eine strafbare Handlung mittels Übertragung, Bereitstellen oder Bereithalten von Informationen in einem elektronischen Kommunikationsnetz begangen, so gelten die allgemeinen Bestimmungen dieses Gesetzes über Täterschaft und Teilnahme. Vorbehalten bleiben die nachfolgenden Bestimmungen:
10 2 Ist der Täter Autor oder Redaktor im Sinne von Artikel 27bis, so richtet sich die Strafbarkeit nach dieser Bestimmung. 3 Wer fremde Informationen zur Nutzung in einem elektronischen Kommunikationsnetz automatisiert bereithält, macht sich unter den Voraussetzungen von Artikel 322bis Ziffer 1 strafbar. Das Bereithalten eines Verzeichnisses, in welches fremde Informationen automatisiert aufgenommen werden, gilt als Bereithalten fremder Informationen. 4 Wer lediglich den Zugang zu einem elektronischen Kommunikationsnetz vermittelt, ist nicht strafbar. Eine automatische und kurzzeitige Speicherung fremder Informationen infolge Nutzerabfrage gilt als Zugangsvermittlung. Artikel 322 bis VE-StGB Nichtverhindern strafbarer Handlungen in elektronischen Kommunikationsnetzen und in Medien 1. Wer in einem elektronischen Kommunikationsnetz fremde Informationen automatisiert bereithält, mittels deren, wie er sicher weiss, eine strafbare Handlung begangen wird, und es unterlässt, die Nutzung dieser Informationen zu verhindern, obwohl es ihm technisch möglich und zumutbar ist, wird mit Gefängnis oder Busse bestraft. Wer in einem elektronischen Kommunikationsnetz fremde Informationen automatisiert bereithält, mittels deren eine strafbare Handlung begangen wird, und es unterlässt, von Dritten an ihn gerichtete und bei ihm eingegangene Hinweise auf solche Informationen an die Strafverfolgungsbehörden weiterzuleiten, wird mit Gefängnis oder Busse bestraft. Handelt es sich bei der strafbaren Handlung um ein Antragsdelikt, so wird die Tat nur verfolgt, wenn ein Antrag auf Verfolgung der strafbaren Handlung vorliegt. Ob mittels einer Information eine strafbare Handlung begangen wird, beurteilt sich nach schweizerischem Recht. Informationen im Sinne der Absätze 1 und 2 werden ungeachtet schweizerischer Strafhoheit gelöscht. 2. Wer als Verantwortlicher nach Artikel 27bis Absätze 2 und 3 eine Veröffentlichung, durch die eine strafbare Handlung begangen wird, vorsätzlich nicht verhindert, wird mit Gefängnis oder Busse bestraft. Handelt der Täter fahrlässig, so ist die Strafe Haft oder Busse. [Rz 30] Der Vorentwurf sollte neben dem geltenden Medienstrafrecht eine parallele Regelung für Provider schaffen, gewissermassen ein Providerstrafrecht. 3. Keine Strafbarkeit für Access-Provider [Rz 31] Der Vorentwurf sieht über einen neuen Art. 27 VE-StGB im allgemeinen Teil des StGB zunächst eine Sonderregelung vor, wonach eine Strafbarkeit reiner Access-Provider vollständig ausgeschlossen wird. Damit ist die allenthalben diskutierte Pflicht zur Sperrung von Websites mit strafbaren Inhalten oder die Filterung solcher vom Tisch. Dies gilt auch für Forderungen, wonach die Übertragung von unzulässigen Inhalten (z.b. Raubkopien) über das Internet generell zu unterbinden sei. Immerhin ist darauf hinzuweisen, dass in der EU im Zusammenhang mit der so genannten Durchsetzungsrichtlinie 2004/48/EG 42 ein Auskunftsanspruch von Rechteinhabern gegenüber Raubkopierern einerseits wie auch andererseits gegenüber Dritten, darunter auch Internet-Providern, vorgesehen ist. [Rz 32] Eine Frage bleibt beim Entwurf für ein Providerstrafrecht allerdings offen: Fällt auch der Access-Provider des Straftäters unter diese Regelung? Ist also auch jener straffrei, der einem Straftäter zur Vornahme seiner Delikte den Zugang zu einem elektronischen Kommunikationsnetz vermittelt? Diese Frage wird auch in der internationalen Diskussion kaum erörtert, weil der Begriff des Access-Providers nicht danach differenziert wird, ob dieser mit dem Täter in direkter vertraglicher Beziehung steht und erst die Erfüllung dieses Vertrags die Straftat ermöglicht oder aber, ob es sich um einen Access-Provider eines beliebigen Internet-Benutzers handelt. Im Falle des Access-Providers des Täters wäre es wohl angezeigt, eine vergleichbare Regelung wie im Falle eines Hosting-Providers anzuwenden, die allerdings darauf Rücksicht nehmen muss, dass der Access-Provider nicht in derselben Weise in die Verbreitung strafbarer Informationen eingreifen kann wie der Hosting-Provider, über dessen Server die Verbreitung erfolgt 43.
11 4. Hosting-Provider strafbar nur nach Sonderdeliktsnorm [Rz 33] Hosting-Provider werden in ihrer diesbezüglichen Funktion ebenfalls von einer Stafbarkeit nach den allgemeinen Regeln ausgenommen, mit Ausnahme im Falle der im neuen Art. 322bis VE-StGB definierten Sonderdelikte für Hosting- Provider. Mit anderen Worten sollen Hosting-Provider nicht mehr als Gehilfen der Haupttäter (d.h. der Content-Provider) haften sondern nach einer Sondernorm im Rahmen von dort definierten (echten) Unterlassungstatbeständen. Faktisch wird ihre Strafbarkeit gegenüber der heutigen Situation eingeschränkt 44. [Rz 34] Damit stellt sich im Übrigen auch die Frage der Akzessorietät zur Haupttat nicht mehr. Der Haupttäter braucht nach dem Konzept des Art. 322bis VE-StGB ohnehin nicht mehr verfolgt werden, damit der Provider strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann. Auch wenn nach den allgemeinen Regeln des Strafrechts eine bestimmte Tat in der Schweiz strafrechtlich nicht verfolgt werden könnte (etwa weil es an einer Strafhoheit für die Schweiz fehlt 45 ), würde der Hosting-Provider im Rahmen der in Art. 322bis VE-StGB definierten Delikte strafrechtlich belangt werden können, da die fraglichen Informationen ungeachtet der allgemeinen Grundsätze einer schweizerischen Strafhoheit nach schweizerischem Recht beurteilt werden sollen. [Rz 35] Der wohl unbeabsichtigte Nachteil einer solchen Lösung liegt darin, dass die Strafbarkeit eines Providers selbst dann bestehen würde, wenn das fragliche Internet-Angebot keinen Bezug zur Schweiz hat, sich ja möglicherweise nicht einmal auf einem Server in der Schweiz befinden muss, wenn der rechtliche Sitz des Providers als Anknüpfungskriterium für eine Strafhoheit genügen würde. Schwierigkeiten mit unvorhersehbaren Konsequenzen ergeben sich auch im Bereich von Delikten, die Immaterialgüterrechte betreffen, da diese nach hiesiger Auffassung dem Recht des Staates unterstehen müssen, für den deren Schutz beansprucht wird 46. [Rz 36] Die Folge ist, dass insbesondere international tätige Hosting-Provider aus den USA, die einen Standort für ihr internationales oder Europageschäft suchen, nicht mehr ohne zusätzliches Risiko die Schweiz als Standort wählen könnten. Eine Lösungsmöglichkeit wäre die Ergänzung der Bestimmung durch einen Vorbehalt, dass eine Strafbarkeit nur im Falle von Informationen gegeben sein kann, die (auch) speziell auf eine Nutzung in der Schweiz ausgerichtet sind. Damit könnte eine hiesige Strafbarkeit eines in der Schweiz domizilierten Betreibers einer Internet-Auktionsplattform für den chinesischen Markt ausgeschlossen werden (wie sie nach Art. 322bis VE-StGB jedoch denkbar wäre). [Rz 37] Der Vorentwurf stellt bezüglich Strafbarkeit von Hosting-Providern grob gesagt vier Regeln auf: a) Regel 1: Regelung gilt nur für das Bereithalten fremder Informationen [Rz 38] Nach der ersten Regel gilt der Ausschluss der Strafbarkeit des Providers nach den allgemeinen Regeln des Strafgesetzbuches nur soweit der Hosting-Provider fremde strafbare Informationen bereithält. Die Schwierigkeit der vorgeschlagenen Formulierung besteht darin, dass nicht nur auf die Fremdheit der Information abgestellt wird (was an sich genügen würde), sondern zusätzlich nur jene Provider von der herkömmlichen Strafbarkeit ausgenommen werden, welche diese Informationen «automatisiert» bereithalten. Obwohl diese Voraussetzung auf den ersten Blick einleuchten mag, wirft sie auf den zweiten Blick Fragen auf: Führt dieses Kriterium dazu, dass all jene Hosting-Provider von einer Haftungsbeschränkung ausgenommen wären, die von sich aus ohne Rechtspflicht automatisierte Inhaltskontrollen durchführen (z.b. durch eine Suche nach bestimmten, heiklen Stichwörtern) und die ihnen verdächtig erscheinenden Inhalte manuell auf offensichtliche Regelverstösse kontrollieren? Würde dieser Umstand dazu führen, dass nicht mehr von einem «automatisierten» Bereithalten gesprochen werden kann (was abzulehnen ist), würden verantwortungsbewusste Hosting-Provider benachteiligt, wogegen jene Hosting-Provider, die sich um die Inhalte auf ihren Servern überhaupt nicht kümmern wollen deswegen ein geringeres Strafbarkeitsrisiko eingehen. Dies kann nicht die Absicht des Gesetzgebers sein. [Rz 39] Deshalb sollte das Kriterium des «automatisierten» Bereithaltens ersatzlos gestrichen werden. Oder es sollte zumindest klargestellt werden, dass es das Entgegennehmen der fremden Information ist, das automatisiert ablaufen muss (die diesbezüglichen Ausführungen im Expertenbericht sind technisch nicht korrekt 47 ). Über den Begriff der
12 «Fremdheit» der Information sind jene Hosting-Provider, die sich die Inhalte zum Beispiel im Rahmen einer vorgängigen, redaktionellen Kontrolle zu eigen gemacht haben und damit auch Content-Provider sind, bereits von einer Haftungsprivilegierung ausgeschlossen. [Rz 40] Klarheit sollte in der einen oder anderen Weise auch über die Behandlung von elektronischen Marktplätzen, die Angebote von Dritten in ihre Datenbanken bzw. in ihre Handelsplattformen aufnehmen, geschaffen werden 48. Die Betreiber dieser Infrastrukturen werden im Gegensatz zu Suchmaschinen nicht ausdrücklich erwähnt, fallen aber, soweit es nur um den Betrieb der Handelsinfrastruktur geht, richtigerweise ebenfalls unter den Begriff des Hosting- Providers 49. Die Betreiber von solchen Online-Marktplätzen bieten zwar eine äusserlich einheitlich gestaltete Umgebung an, doch der Inhalt der Kauf- und Verkaufsangebote stammt letztlich von Dritten und zielt auf einen Kaufvertrag mit einem anderen Dritten; der Betreiber der Plattform stellt lediglich die Infrastruktur hierfür zur Verfügung, ist also selbst nicht Partei der Transaktion (aber immerhin meist mit einer vom Transaktionsvolumen abhängigen Gebühr daran beteiligt). Wie die Expertenkommission schon für klassische Suchmaschinen erkannt hat 50, wäre auch der Betrieb von Online- Marktplätzen nicht mehr möglich, wenn von einer Kontrollpflicht der verzeichneten Angebote ausgegangen werden müsste, zumal bei bekannteren Marktplätzen Dritte jeden Tag Hunderte von neuen Produkteangeboten aufschalten (im Vergleich dazu: Für die Zahl von rund 300 neuen Domain-Namen pro Tag in der Schweiz hat der Gesetzgeber eine Kontrollpflicht eines Domain-Namen-Providers bereits ausdrücklich verneint 51 ). b) Regel 2: Nichtverhindern der Inhalte wider besseren Wissens strafbar [Rz 41] Der Vorentwurf sieht vor, dass ein Hosting-Provider strafbar wird, wenn er den Zugang zu fremder Information auf seiner Infrastruktur im Rahmen des technisch Möglichen und Zumutbaren nicht sperrt oder die Information entfernt, sobald er «sicher weiss», dass damit eine strafbare Handlung begangen wird. [Rz 42] Mit dieser Regelung sollte, so die Idee, die Strafbarkeit des Hosting-Providers auf jene Fälle beschränkt werden, in denen ein Provider mit direktem Vorsatz handelt bzw. nicht handelt. Doch die zahlreichen Reaktionen auf die Formulierung des Vorentwurfs zeigen, dass dieses Begriffsverständnis keineswegs klar ist und der Begriff des «sicheren Wissens» letztlich mehr Fragen aufwirft, als er löst vor allem dann, wenn «sicheres Wissen» nicht erst dann vorliegen soll, wenn dem Provider der Entscheid einer zuständigen richterlichen Behörde vorliegt, welche den konkreten Fall beurteilt hat. Letztlich wird es bei dieser Formulierung um jene Fälle gehen, in denen der Provider wider besseren Wissens um das Vorliegen einer Straftat nichts tut, um die Verbreitung der Inhalte zu verhindern. [Rz 43] Ein solches Verständnis löst freilich nicht die Frage, welche Sorgfaltspflichten ein Hosting-Provider hat, um ein solches Wissen zu erlangen, sollte eine solche Sorgfaltspflicht überhaupt bestehen. Muss der Provider eine interne oder externe Rechtsabteilung unterhalten, um Hinweise auf fragwürdige Inhalte und Zufallsfunde zu beurteilen? Die Antwort muss ein klares Nein sein. Es kann nicht die Aufgabe eines Providers sein, dessen Rolle die Bereitstellung einer technischen Infrastruktur ist, auch noch über die rechtliche Zulässigkeit von Internet-Inhalten zu befinden. Zudem wird aus strafrechtlicher Sicht das Verschulden einer Person ohnehin nach deren subjektivem Wissen und Willen beurteilt. Es ist in diesem Zusammenhang allerdings nicht ganz klar, wie sich das Unternehmensstrafrecht 52 auf solche Fälle auswirkt. So könnte argumentiert werden, dass im Falle eines Providers zwar kein Organ und auch kein Mitarbeiter strafrechtlich verantwortlich werden, stattdessen aber das Unternehmen bestraft wird, wenn es wegen mangelhafter Organisation nicht möglich ist, diejenige natürliche Person zu ermitteln, die sich mit dem fraglichen Inhalt und der Würdigung eines Hinweises auseinandergesetzt hat, wenn davon ausgegangen wird, dass ein eingegangener Hinweis klar und eindeutig war. [Rz 44] Die eigentliche Problematik der Bestimmung von Art. 322bis VE-StGB liegt jedoch an einem anderen Punkt: Derjenige Provider, der tatsächlich eine Rechtsabteilung hat oder einen Inhalt einer juristischen Prüfung unterzieht, geht dadurch ein Strafbarkeitsrisiko ein, das er ansonsten nicht hätte. Wiederum setzt der Vorentwurf also den falschen Anreiz: Es wird derjenige durch eine Haftungsprivilegierung belohnt, der den «Kopf in den Sand steckt» und derjenige einem Strafbarkeitsrisiko ausgesetzt, der sich bemüht hat, einen umstrittenen Inhalt auf seine Rechtmässigkeit zu überprüfen, ihm der Richter aber nicht glaubt, wenn er im Prozess behauptet, er habe einen bestimmten Inhalt nicht als strafbar erachtet. Der vorsichtige Provider wird somit auch in Zweifelsfällen eine Sperrung veranlassen, was sicherlich nicht Sinn der Sache sein kann. Eine solche Sperrung kann überdies zu einer zivilrechtlichen Verantwortlichkeit des Providers aus Verletzung des Hosting-Vertrags mit seinem Kunden führen 53.
13 [Rz 45] Das Problem wird dadurch noch verschärft, dass in der Praxis die von der Öffentlichkeit diskutierten Delikte wie (Kinder-)Pornographie oder Rassendiskriminierung eine untergeordnete Rolle spielen. Viel häufiger sind Hinweise auf betrügerische Aktivitäten oder Verletzungen geistigen Eigentums. In diesen Fällen ist der Entscheid über die Frage der Widerrechtlichkeit eines Inhalts oder einer Handlung noch viel schwieriger und den Hosting-Providern oft nicht zuzumuten. Dieser Entscheid ist nur entsprechend geschulten Behörden oder privaten Rechtsexperten und nur in Zusammenarbeit mit den Rechteinhabern möglich. Die hierfür nötigen Ermittlungs- und Abklärungsarbeiten können einem Provider jedoch kaum sinnvollerweise übertragen werden, auch wenn er über eine eigene Rechtsabteilung verfügen sollte. Die Beurteilung von Straftaten und darum geht es hier letztlich ist nicht die Aufgabe eines Hosting-Providers. [Rz 46] In diesem Zusammenhang ist vertreten worden, dass «sicheres Wissen» nur erlangen kann, wer einen Hinweis aus «zuverlässiger Quelle» erhält 54. Dieses Argument verkennt die Wirkungsweise von Art. 322bis VE-StGB: Entgegen dem Vorschlag einer Minderheit der Expertenkommission ist das Vorliegen eines Hinweises aus einer zuverlässigen Quelle keine Voraussetzung der Strafbarkeit. Denn Art. 322bis VE-StGB verlangt lediglich ein sicheres Wissen des Providers (bzw. des fraglichen Organs). Das erfordert eine rechtliche Qualifikation des Sachverhalts seitens des Providers und nicht etwa seitens einer Behörde. Sicheres Wissen kann der Provider in diesem Sinne auch ohne jeglichen Hinweis erlangen, etwa wenn er zufälligerweise auf kinderpornographische Inhalte stösst. Liegt ein Hinweis vor, der einen Sachverhalt ausreichend klar und glaubwürdig dargelegt und ist die darin vertretene rechtliche Qualifikation dieses Sachverhalts ebenfalls schlüssig und glaubwürdig, so mag das ebenfalls dazu führen, dass der Provider von einer Straftat ausgeht. Zwingend ist dieser Schluss aber nicht. Richtig ist wohl nur, dass je höher die Zuverlässigkeit der Quelle ist, je eher ein Gericht annehmen wird, dass ein Provider sicheres Wissen hatte vor allem dann, wenn er selbst nicht in der Lage war, eine juristische Einschätzung vorzunehmen. Wenn jedoch ein Provider über einen eigenen Rechtsdienst mit entsprechendem Know-how verfügt, wird er möglicherweise selbst den Hinweis einer an sich zuverlässigen Quelle kritisch hinterfragen, möglicherweise zu einer anderen Beurteilung kommen und somit nach Art. 322bis VE-StGB mangels direktem Vorsatz nicht mehr strafbar sein. [Rz 47] Hinzu kommt, dass selbst der Begriff der zuverlässigen Quelle nicht viel weiterhilft. Als zuverlässige Quelle gelten im Allgemeinen die Strafverfolgungsbehörden, die einen Provider im Zuge ihrer Ermittlungen über auf seinem Server befindliche Inhalte aufklären. Sie sind jedoch im Provider-Alltag die Ausnahme. Häufig sind Mitteilungen irgendwelcher Internet-Benutzer oder eigene Kunden, die auf bestimmte, ihnen problematisch erscheinende Inhalte stossen und die Beschwerdestelle des Providers informieren, die aber in vielen Fällen entweder keine klare Beurteilung zulassen (weil Informationen fehlen), nicht von einem Kunden des Providers stammen (und somit ausserhalb seiner Wirkungssphäre liegen) oder klarerweise kein strafrechtlich relevantes Delikt darstellen. Eine weitere Kategorie von Hinweisen stammt von den durch einen Inhalt verletzten Personen bzw. deren Rechtsvertretern, die mit entsprechenden Abmahnschreiben an die Provider gelangen. Letztere pauschal ebenfalls als «zuverlässige Quelle» zu bezeichnen, dürfte sicherlich nicht richtig sein, denn letztlich handelt es sich um die Behauptung einer Partei, die im Rahmen einer Abmahnung (von etwaigen standesrechtlichen Pflichten des Verfassers abgesehen) gegenüber dem Provider weder der Objektivität noch der Vollständigkeit und Wahrheit verpflichtet ist. Es wird wesentlich darauf ankommen, wie qualifiziert der Hinweis bzw. die Anspruchsberechtigung des Dritten dokumentiert ist und wie offensichtlich die strafrechtliche Relevanz der behaupteten Drittrechtsverletzung vor diesem Hintergrund erscheint 55. [Rz 48] Vor dem Hintergrund all dieser Überlegungen stellt sich somit die Frage, ob das äussert subjektive Element des «sicheren Wissens» tatsächlich ein geeignetes Element zur Anknüpfung einer Sperrpflicht eines Hosting-Providers darstellt. Nach der hier vertretenen Ansicht wäre eine objektive Anknüpfung nicht nur «gerechter», sondern auch praktischer: So könnte das Vorliegen sicheren Wissens beim Provider verzichtet und stattdessen verlangt werden, dass dem Provider eine Mitteilung einer zuständigen Behörde vorliegt, die ihrerseits erklärt, über «sicheren Wissens» bezüglich der Strafbarkeit zu verfügen 56. So wäre die «heisse Kartoffel» dort, wo sie hingehört: Es käme nicht mehr auf die rechtliche Qualifikation des Providers an, sondern jene einer Behörde, zu deren Aufgabe die vorläufige Beurteilung eines Sachverhalts gehört und deren sie auch wesentlich besser gewachsen ist als ein Provider, dessen Hauptgeschäft der Betrieb einer technischen Infrastruktur ist. Dem Missbrauch wäre dadurch wenigstens teilweise vorgebeugt, dass sich die Behörde schriftlich darauf festlegen müsste, dass im konkreten Fall «sicher» eine Straftat vorliegt, was sie aus Haftungsgründen nur tun wird, wenn sie tatsächlich dieser Überzeugung ist. [Rz 49] Beachtung verdient schliesslich das Wissen um den Inhalt, mittels welchem eine strafbare Handlung begangen wird. Selbst wenn die juristische Qualifikation der damit begangenen Straftat keine Zweifel offenlässt, setzt die Strafbarkeit des Providers immer auch voraus, dass er um den fraglichen Inhalt und dessen Lokalisierung im konkreten Einzelfall weiss. Hat der Provider viele Inhalte auf seinem System, kann es freilich ein erhebliches praktisches Problem
14 bereiten, die fraglichen Inhalte zu ermitteln, wenn diesbezüglich keine spezifischen Hinweise vorliegen oder die Inhalte sich verändern oder verschieben. Richtigerweise kann sich eine Strafbarkeit des Providers nach Art. 322bis VE-StGB nur bezüglich eines konkreten, bereits lokalisierten Einzelinhalts ergeben. Das Wissen darum, dass sich ein bestimmter Inhalt irgendwo auf dem System befindet, darf aber nicht genügen. Gesetzgebungstechnisch kann dies über das vorgesehene Kriterium der «Zumutbarkeit» einer Massnahme zur Verhinderung der Nutzung erfasst werden (das «sichere Wissen» bezieht sich auf das Begehen der Straftat), doch lässt der Vorentwurf diesen heiklen Punkt letztlich offen. Sinnvoll wäre daher festzuhalten, dass der Provider nicht nur sicheres Wissen bezüglich der Strafbarkeit hat, sondern auch konkrete Kenntnis der Information im Einzelfall. [Rz 50] Wie weitgehende Massnahmen einem Hosting-Provider von der Praxis im Ausland bezüglich der Lokalisierung unerlaubter Angebote zugemutet werden, zeigt allerdings ein Entscheid des BGH 57. Er hatte eine Unterlassungsklage gegen die Betreiberin einer grossen Internet-Auktionsplattform zu beurteilen, über deren Plattform auch gefälschte Rolex- Uhren vertrieben wurden. Der BGH hielt fest, dass es in der Vergangenheit zu mehreren klar erkennbaren Markenverletzungen gekommen sei. Die Betreiberin müsse diese Fälle zum Anlass nehmen, Angebote von Rolex-Uhren einer besonderen Prüfung zu unterziehen, befand der BGH 58. Eine solche Konsequenz ginge im Falle von Art. 322bis VE- StGB zweifellos zu weit, würde doch durch die Hintertür eine Pflicht des Hosting-Providers zur Überwachung der Inhalte der eigenen Kunden eingeführt. Eine solche trifft den Hosting-Provider aber nicht, wie auch der Bericht zum Vorentwurf explizit festhält 59. c) Regel 3: Nichtweiterleiten von Hinweisen auf Straftaten eigener Kunden strafbar [Rz 51] Der Vorentwurf des Bundesrates sieht in Ergänzung zur limitierten Sperrpflicht in Art. 322bis VE-StGB eine Pflicht zur Weiterleitung von Hinweisen auf Straftaten eigener Kunden vor. Der Gedanke hinter dieser Regelung ist, dass jener Provider, der sich nicht mit Hinweisen auseinandersetzen will bzw. solche ignoriert und somit auch bei klarer Rechtslage keinen direkten Vorsatz hat, wenigstens den Strafverfolgungsbehörden die Verfolgung der Straftat ermöglichen soll. [Rz 52] Was in der Theorie sinnvoll und nachvollziehbar erscheint (jedenfalls sinnvoller als eine von den Providern finanzierte und privat geführte gemeinsame Meldestelle, wie dies teilweise im Ausland vorgesehen ist), ist in der Praxis jedoch untauglich und wird sowohl von Providern als auch von Strafverfolgern abgelehnt. Hauptgrund ist die mangelnde Effektivität und die kontraproduktiven Folgen der Massnahme. Die Pflicht zur Weiterleitung von Hinweisen soll offenbar für sämtliche, bei einem Provider eingehenden Hinweise gelten, gleichgültig ihrer Herkunft, und gleichgültig, welche Art von Straftat sie betreffen 60. Dies wird zahlenmässig dazu führen, dass die zuständigen Behörden damit rechnen müssen, von Schweizer Providern jeden Tag Hunderte von Hinweisen zu erhalten. Der Bundesrat geht in seinem Begleitbericht selbst davon aus, dass «ein vorsichtiger Hosting-Provider sämtliche eingehenden Hinweise an die Strafverfolgungsbehörden weiterleiten wird» 61. Gedient ist damit freilich niemandem, schon gar nicht der Bekämpfung der Netzwerkkriminalität: Die Strafverfolgungsbehörden müssten ihre Kapazitäten im Wesentlichen damit vergeuden, aus der Flut der Beschwerden jene wenigen Hinweise herauszufiltern, denen sich in Anbetracht der beschränkten Mittel tatsächlich nachzugehen lohnt und bei denen eine Strafverfolgung in der Schweiz auch tatsächlich möglich ist. [Rz 53] Wie die praktische Erfahrung der Vergangenheit zeigt, besteht denn auch überhaupt keine Notwendigkeit, die Provider unter Strafandrohung zur Weiterleitung von Hinweisen zu verpflichten. Das Problem der Netzwerkkriminalität besteht nicht darin, dass die Behörden nicht rechtzeitig von Delikten im Internet erfahren hierzu genügen die bestehenden Kanäle, inklusive der sehr erfolgreich operierenden Koordinationsstelle für Internet-Kriminalität KOBIK, die ein Meldeformular für Online-Hinweise betreibt 62. Das Problem besteht bei in der Schweiz verübten Delikten darin, bei den (in der Regel kantonalen) zuständigen Stellen über genügend Ressourcen zu verfügen, welche die Hinweise rasch genug auswerten und in Kooperation mit dem fraglichen Provider die nötigen Massnahmen zur Sicherung der Beweise und zur Verfolgung der Straftäter einleiten können. An Hinweisen fehlt es nicht, ebensowenig an der Kooperationsbereitschaft der Internet-Provider. [Rz 54] Hinzu kommt, dass die Weiterleitungspflicht viele Fragen offenlässt. Müssen jegliche Hinweise weitergeleitet werden oder nur solche, die über einen bestimmten Kanal beim Provider eintreffen? Müssen die Hinweise in einem speziellen Format weitergeleitet werden und wer trägt hierfür die Kosten oder genügt es, alle eingehenden s unverändert weiterzuleiten? Wem müssen die s weitergeleitet werden einer Stelle des Bundes oder aber den
15 Kantonen, die in den meisten Fällen zuständig sein werden? Müssen alle Hinweise auf irgendwelche möglicherweise strafbaren Inhalte weitergeleitet werden oder nur solche, die in qualifizierter Form auf eine Straftat hinweisen? Muss der Provider die Hinweise auf ihre Plausibilität überprüfen? Antworten darauf gibt es bisher keine. [Rz 55] Unklar ist auch, wie sich eine Weiterleitungspflicht auf das Verhältnis zum eigenen Kunden auswirken würde, würde die vorgeschlagene Regelung doch den Hosting-Provider faktisch dazu verpflichten, im Falle eines Hinweises durch einen Dritten auch wenn dieser falsch ist seine eigenen Kunden bei den Strafverfolgungsbehörden zu «denunzieren». [Rz 56] Besonders paradox wird die Situation im Falle von konzerninternen Hosting-Providern. Zu denken ist etwa an einen Konzern, der seine Informatik-Aktivitäten an eine eigene Tochtergesellschaft ausgelagert hat, die für eine Konzerngesellschaft eine Website betreibt und damit ein Hosting-Provider wäre 63. Würde dieses interne Service-Center zum Beispiel das Abmahnschreiben eines Konkurrenten zugesandt erhalten, wonach die Aussagen auf der Website des Konzerns einen (auch strafbaren) Verstoss gegen die Preisbekanntgabeverordnung darstellen, so müsste sich der Konzern quasi selbst «anzeigen». Leitet das Service-Center das Abmahnschreiben des Konkurrenten nicht an die Strafverfolgungsbehörden weiter, könnte es je nach Fortgang des Verfahrens wegen Verstosses gegen Art. 322bis VE- StGB zur Verantwortung gezogen werden. Das wäre eine absurde Situation. d) Regel 4: Grundsätzlich sind alle strafbaren Handlungen erfasst [Rz 57] Bei alledem ist zu beachten, dass Art. 322bis VE-StGB nicht zwischen Delikten verschiedener Schwere unterscheidet. Eine Strafbarkeit des Providers soll zwar im Falle von Antragsdelikten ausgeschlossen werden, falls kein Antrag auf Verfolgung der Handlung erfolgt. Diese scheinbare Einschränkung ist jedoch in Wirklichkeit keine: Der Provider wird regelmässig lange vor Ablauf der üblicherweise geltenden Antragsfrist von drei Monaten 64 über eine Sperrung einer Information bzw. Weiterleitung eines Hinweises entscheiden müssen. Wartet er einen etwaigen Antrag ab, wird er strafbar, sollte sich der Verletzte doch noch zu einem Antrag durchringen, weil damit die Voraussetzungen seiner Strafbarkeit rückwirkend erfüllt sind. Eine sinnvolle Beschränkung des für eine Strafbarkeit des Providers in Frage kommenden Deliktskatalogs erscheint daher unumgänglich. 5. Starke Resonanz auf Vorentwurf, weiteres Vorgehen [Rz 58] Der Vorentwurf hatte eine aussergewöhnlich starke Resonanz: Mit rund 100 Vernehmlassungseingaben lag die Vorlage nur wenig unter der Anzahl Stellungnahmen zum Vorentwurf für eine Revision des allgemeinen Teils des Strafgesetzbuches. Im Grundsatz wurde dabei der Handlungsbedarf bestätigt und eine Sonderregelung der Providerverantwortlichkeit begrüsst. Die Stellungnahmen fielen teilweise sehr unterschiedlich aus. Auch Extrempositionen fehlten nicht: Der Branchenverband «Swiss Interactive Media and Software Association» (SIMSA) 65 verlangte neben der Straflosigkeit der Access-Provider zusätzlich auch eine vollständige Straflosigkeit der Hosting-Provider, da sie wie die Access-Provider eine unabdingbare Funktion beim Austausch von Informationen über elektronische Kommunikationsnetze wahrnehmen würden 66. Stattdessen wurde vorgeschlagen, Domain-Namen-Registrare (wie z.b. die SWITCH) in die Pflicht zu nehmen 67. [Rz 59] Zum Zeitpunkt dieses Beitrags waren die Vernehmlassungsergebnisse noch nicht offiziell bekannt. Diverse Vernehmlasser äusserten sich allerdings schon öffentlich oder inoffiziell im Vorfeld zu ihrer Position zum Vorentwurf. Während in der Vernehmlassung zahlreiche Stimmen die Straflosigkeit der Access-Provider begrüssten, wurden die beiden Sonderdelikte für Hosting-Provider deutlich als zu weit gefasst und unpraktikabel kritisiert. Es wurde die Beschränkung auf ausgewählte Straftaten verlangt (z.b. Offizialdelikte), ebenso die Beschränkung auf Fälle, in denen die Strafverfolgungsbehörden einen Provider auf die Strafbarkeit eines Angebots hinweisen. Die Weiterleitungspflicht wurde aus den vorgängig bereits genannten Gründen als kontraproduktiv und angesichts der guten Kooperation zwischen Providern und Strafverfolgungsbehörden auch als unnötig gewertet. [Rz 60] Eine weitere Hauptkritik richtete sich gegen den Umstand, dass der Bundesrat bewusst von einer Regelung der zivilrechtlichen Verantwortlichkeit von Providern absah und nur einen Vorschlag für eine strafrechtliche Regelung vorbrachte. Der Expertenbericht bestätigte auch in diesem Bereich einen Handlungsbedarf aufgrund einer unklaren Rechtslage 68, auch wenn die Motion «Netzwerkkriminalität» die Prioritäten unstreitig im Bereich des Strafrechts setzte.
16 [Rz 61] Ob das Gesetzgebungsprojekt für ein Providerstrafrecht nach dem Vorentwurf weiter verfolgt wird und falls ja, in welcher Weise, war zum Zeitpunkt dieses Beitrags noch nicht klar. Ein Entscheid des Bundesrates wird im ersten Halbjahr 2006 erwartet. Wird das Projekt fortgesetzt, wäre mit neuen Regelungen jedoch nicht vor 2009 zu rechnen. III. Verantwortlichkeit im Zivilrecht A. Ausgangslage 1. Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche dominieren [Rz 62] Die zivilrechtliche Verantwortlichkeit der Access- und Hosting-Provider ist in der Schweiz bisher weitgehend ungeklärt. Praxis fehlt, und auch in der Lehre wurde diese Fragestellung bisher kaum diskutiert 69. Die Ursache dafür dürfte zum einen darin liegen, dass die Diskussion um die Verantwortlichkeit von Providern über viele Jahre eine strafrechtliche war. Anlass der Diskussion waren vor allem abstrakte Gefährdungsdelikte, die zwar eine strafrechtliche aber keine zivilrechtliche Seite hatten und sich somit die Frage nach einer zivilrechtlichen Haftung nie stellte. [Rz 63] Das hat sich inzwischen geändert. Im Internet stellen Verletzungen privater Rechtsgüter den Regelfall dar, wobei die Verletzung von Immaterialgüterrechten, unlauteres Verhalten (z.b. Spamming), Vermögensdelikte (z.b. Betrug, Sabotageakte und Hacking) und die Verletzung von Persönlichkeitsrechten dominieren. Dabei geht es den Verletzten in der Mehrheit der Fälle lediglich darum, eine weitere Verletzung zu unterbinden. Schadenersatzforderungen sind selten. Entsprechend dürfte die Motivation im zivilrechtlichen Vorgehen gegen Provider auch nicht in deren «deep pockets» zur Befriedigung von finanziellen Ausfällen liegen, wie vielleicht vermutet werden könnte, sondern in der Tatsache, dass der Hosting- oder Access-Provider des Verletzers diesem bezüglich der Tat am nächsten steht und über ein Vorgehen gegen seinen Provider der Verletzer am einfachsten zumindest vorläufig «gestoppt» werden kann. [Rz 64] Die zivilrechtliche Haftung des Providers wird mit anderen Worten primär als Druckmittel für Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche ins Feld geführt (inwieweit solche auch gegenüber einem Access-Provider bestehen, sei an dieser Stelle nicht erörtert). Das erklärt auch, warum die Frage der zivilrechtlichen Sorgfaltspflicht eines Providers in der Lehre und Praxis bisher kaum eine nähere Erörterung erfuhr: Geht es um Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche, kommt es nicht auf ein Verschulden an, und würde ein Access- oder Hosting-Provider umgehend aktiv, wenn er auf eine bestimmte unerlaubte Handlung eines Kunden aufmerksam gemacht worden ist, wäre das für eine Schadenersatzpflicht erforderliche Verschulden mangels einer Kontroll- und Überwachungspflicht ohnehin nicht nachzuweisen. [Rz 65] In solchen Fällen stellt sich primär die Frage, welche technisch möglichen und zumutbaren Möglichkeiten ein Access- und Hosting-Provider hat, um eine an sich unbestrittene Rechtsverletzung auch in Zukunft zu verhindern bzw. nicht mehr weiter zu unterstützen. In der Schweiz ist auch diese Frage im Zusammenhang mit zivilrechtlichen Rechtsverletzungen bisher nicht erörtert worden; den Normalfall des Beseitigungsanspruchs eine bereits bestehende Website mit einzelnen, klar identifizierten Seiten mit rechtswidrigem Inhalt kann ein Hosting-Provider durch einfaches Löschen der bezeichneten Dateien vom Server bewältigen. [Rz 66] Weitaus problematischer wird es, wenn sich ein Provider mit einem Unterlassungsanspruch bezüglich eines zukünftigen, noch nicht bestehenden unerlaubten Inhalts konfrontiert sieht. Einen solchen Fall hatte der deutsche Bundesgerichtshof im bereits erwähnten Entscheid «Rolex v. ricardo.de» zu beurteilen. Der BGH kam zum Schluss, dass die Betreiberin eines Online-Marktplatzes Angebote für Rolex-Uhren «einer besonderen Prüfung» zu unterziehen habe, weil es auf ihrer Plattform in der Vergangenheit bereits zu «klar erkennbaren Markenverletzungen» bezüglich solcher Uhren gekommen ist 70. Welche technischen Möglichkeiten die Betreiberin hierfür hat, war strittig und blieb letztlich offen. Der BGH wies jedoch auf die Möglichkeit einer Software hin, die Verdachtsfälle anhand niedriger Preise und Wörter wie «Nachbildung» oder «Replika» ermitteln könne. Verallgemeinert würde dies bedeuten, dass, wenn erst einmal aufgrund einer konkreten Rechtsverletzung ein Unterlassungsanspruch gegeben ist, sich gestützt darauf, nach Ansicht des BGH, auch eine Pflicht begründen lässt, mit geeigneten Massnahmen, wie etwa ein vorgezogenes Filterverfahren, jede weitere solche Rechtsverletzung zu verhindern.
17 [Rz 67] Dieser Entscheid des BGH geht klar zu weit, denn in letzter Konsequenz führt er zu genau jener allgemeinen Kontroll- und Überwachungspflicht eines Hosting-Providers, die heute aus Gründen der Zumutbarkeit, Praktikabilität und Kosten rundweg abgelehnt wird. Art. 15 der E-Commerce-Richtlinie hält diesbezüglich für die EU sogar ausdrücklich fest, dass Providern keine allgemeine Verpflichtung auferlegt werden darf, «die von ihnen übermittelten oder gespeicherten Information zu überwachen oder aktiv nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen». Diese Lösung scheint offenbar auch nach Ansicht des Bundesrates eine sachgerechte Lösung zu sein 71. Zwar enthält die E-Commerce-Richtlinie bezüglich des Haftungsprivilegs für Hosting-Provider einen Vorbehalt im Falle von Unterlassungsund Beseitigungsansprüchen 72, doch kann sich jener Vorbehalt richtigerweise nur auf einen konkreten, bereits identifizierten Sachverhalt beziehen und nicht auf eine unbestimmte Anzahl von Verletzungen, die lediglich nach ihrer Art bestimmt sind, wie aus dem BGH-Urteil geschlossen werden könnte. Alles andere hätte zur Konsequenz, dass eine Pflicht des Hosting-Providers zur laufenden Überwachung sämtlicher Aktivitäten seiner Kunden gewissermassen durch die Hintertüre wieder eingeführt wird, denn anders liesse sich dem Anspruch des BGH nicht beikommen. Hier besteht eine akute Ausuferungsgefahr auf dem Buckel der Hosting-Provider: Wenn die Betreiberin der Auktionsplattform im vorgängig erwähnten Fall des BGH eine Überwachungspflicht betreffend Rolex-Uhren trifft, lässt sich eine solche letztlich auch für jede andere Marke begründen, von welcher Fälschungen im Umlauf sind. Der gesamte Kontrollaufwand des Providers würde ins Unermessliche steigen, ohne dass dieser unzumutbare Gesamtaufwand dem einzelnen Markeninhaber entgegengehalten werden könnte, weil der jeweilige, die einzelne Marke betreffende Einzelaufwand für sich betrachtet nicht unzumutbar erscheinen mag. [Rz 68] Vernünftigerweise kann sich daher auch ein Beseitigungs- und Unterlassungsanspruch nur auf einen konkreten Einzelfall einer unerlaubten Handlung beziehen und nicht auf Wiederholungstaten. Schaltet der Verletzer im besagten Online-Marktplatz, dessen Rolex-Angebot von der Betreiberin entfernt worden ist, einen Monat später ein neues Angebot für eine gefälschte Rolex-Uhr auf, so muss richtigerweise verlangt werden, dass der Rechteinhaber hiegegen erneut einschreitet und Beseitigung dieses einen Angebots verlangt. Ein Verstoss gegen einen Unterlassungsanspruch liegt erst dann vor, wenn der Provider ein gesperrtes Angebot wieder entsperrt bzw. die Sperre bezüglich dieses Angebots nicht mehr weiter aufrechterhält. Eine Neubuchung des Angebots durch den Verletzer, selbst mit identischem Inhalt und durch die identische Person, wäre nicht mehr erfasst, zumindest dann nicht, wenn der Provider solche Angebote zunächst automatisiert entgegennimmt. [Rz 69] Der Umstand, dass Hosting-Provider aus eigenem Antrieb teilweise gewisse Filtermechanismen einsetzen, ändert an der Frage der Zumutbarkeit im Übrigen nichts. Denn letztlich geht es um die Frage der Sorgfaltspflicht eines Hosting- Providers bei der Durchführung seiner Dienstleistung. Deren Verletzung ist es auch, die den Hosting-Provider haften lässt, sollte er im Rahmen der Beseitigung bzw. Verhinderung einer Rechtsverletzung nicht die erforderliche Sorgfalt walten lassen. Ist nun ein Hosting-Provider von sich aus sorgfältiger als es ein vernünftiger Hosting-Provider üblicherweise ist, darf ihm daraus nicht eine weitergehendere, zivilrechtliche Haftung erwachsen. Erforderlich ist auch hier ein objektiver Sorgfaltsmassstab. 2. Gesetzgeberischer Handlungsbedarf? [Rz 70] Der Bundesrat hat es in seinem Bericht zum Vorentwurf klar abgelehnt, die zivilrechtliche Verantwortlichkeit einer vergleichbaren Regelung wie im Strafrecht zu unterziehen oder sie sonstwie zu klären: Mit einer zivilrechtlichen Haftungsbeschränkung würde das Verhalten von Providern im Zusammenhang mit unerlaubten Angeboten in bisher nicht gekanntem Ausmass «entschuldigt», heisst es im Bericht 73. Diese Aussage ist verfehlt: Es geht keineswegs um eine Entschuldigung, denn sie würde eine generelle «Schuld» der Provider an Netzwerkdelikten voraussetzen. Dass eine solche nicht gegeben ist, ist unbestritten und mit ein Grund, warum die strafrechtliche Haftung von Access-Providern nicht nur eingeschränkt, sondern vollständig ausgeschlossen wird. [Rz 71] Wenn mit Verweis auf Rechtsunsicherheit im strafrechtlichen Bereich zu Recht eine entsprechende Klärung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit gefordert wird, so gilt dies auch für die zivilrechtliche Verantwortlichkeit. Sie geht in den meisten Fällen Hand in Hand mit der Frage der Strafbarkeit und stellt sich im privatrechtlichen Bereich sogar noch vordringlicher, da eine zivilrechtliche Haftung keinen Vorsatz erfordert und somit häufiger greift. Wenn der Bericht zum Vorentwurf 74 eine zivilrechtliche Haftungsregelung für Provider mit dem Hinweis ablehnt, der Gesetzgeber habe sich anders als im Strafrecht gegen ein Medienzivilrecht ausgesprochen, so ist das nicht korrekt. Das Recht auf Gegendarstellung in Art. 28g ZGB wurde zu eben dem Zweck eingeführt, zivilrechtliche Prozesse im Medienbereich zu
18 vermeiden. Ähnliche Regelungen sind auch für Provider denkbar und im Ausland bereits Realität 75. Das Datenschutzrecht enthält genauso Haftungsprivilegien für Medien wie das Urheberrecht 76. Auch die Haftung von Domain-Namen-Providern hat der Gesetzgeber faktisch bereits beschränkt 77. [Rz 72] Das andere Argument des Berichts zum Vorentwurf, das Zivilrecht sei weder lückenhaft noch unklar, geht ebenfalls am Ziel vorbei. Das Zivilrecht ist deshalb lückenhaft, weil es zur Verantwortlichkeit von Providern (unbestrittenermassen) keine Ausführungen macht, obwohl solche geboten wären. Weil dem so ist, kommen wie dies auch im Strafrecht beim Fehlen einer Sonderregelung der Fall ist die herkömmlichen Regeln über die Gehilfenschaft zur Anwendung. Der Grund für die Notwendigkeit einer Klarstellung im Strafrecht ist derselbe; hier wie dort geht es darum festzuhalten, welches Verhalten von Access- und Hosting-Providern erwartet wird. Wenn der Gesetzgeber mit dem vorliegenden Revisionsentwurf klar zum Ausdruck bringt, dass er diese Frage nicht einzelnen Richtern überlassen will, ist nicht ersichtlich, warum er diese Frage nur für das Strafrecht beantworten sollte, nicht aber für das Zivilrecht bzw. worin der Unterschied liegen soll die Rechtsunsicherheit besteht in beiden Bereichen in gleicher Weise (im strafrechtlichen Bereich ist das Haftungsrisiko des Providers de lege lata sogar geringer als im zivilrechtlichen Bereich 78 ). Dementsprechend wurde die Frage in anderen Rechtsordnungen für beide Bereiche parallel geregelt 79. Wird im Gegensatz dazu ein Schweigen des hiesigen Gesetzgebers bezüglich einer Haftungssonderregelung für Provider als «qualifiziert» interpretiert (wofür die Materialien bisher sprechen), muss damit gerechnet werden, dass eine Revision, die für eine Haftungsbeschränkung nur im Strafgesetzbuch sorgt, dahingehend interpretiert wird, dass der Gesetzgeber im Bereich der zivilrechtlichen Sorgfaltspflichten der Provider von einem höheren Standard ausgehen möchte als im Strafrecht. Dies kann nicht im Sinne des Gesetzgebers sein. [Rz 73] Die Problematik liegt somit nicht darin, dass aufgrund der bestehenden gesetzlichen Grundlage eine sachgerechte Verantwortlichkeit von Providern nicht möglich wäre. Es wäre auch auf Basis des bestehenden schweizerischen Zivil- wie auch Strafrechts durchaus möglich gewesen, die Verantwortlichkeit von Access-Providern für ihre Durchleitung von Daten auszuschliessen 80. Es wäre aufgrund der bestehenden Gesetzeslage ebenso möglich gewesen, die Haftung von Hosting- Providern durch Auslegung der entsprechenden Gesetzesbestimmungen dahingehend einzuschränken, dass diese nur im Falle vorausgehender, konkreter und qualifizierter Hinweise eintreten kann 81. Doch die konkret geführte Diskussion dieser Themen hat aufgrund der Internet-Euphorie von Anfang an am erforderlichen Realitätsbezug gelitten und drängte den Provider allzu rasch in die Rolle des Sündenbocks und Richters in einer Person. Erst dies hat zu einer Rechtsunsicherheit geführt, die zum Teil durch wenig vorausschauende Urteile im In- und Ausland noch verstärkt worden ist. [Rz 74] Wie wichtig Rechtssicherheit für Internet-Provider ist, hat der Gesetzgeber im Bereich der Domain-Namen, wo eine ähnliche Diskussion ebenfalls stattgefunden hatte, bereits erkannt und bestätigt: Die Adressierungselementeverordnung 82 hält heute ausdrücklich fest, dass die Betreiberin des Domain-Namen-Registers nicht überprüfen muss, ob ein bei ihr angemeldeter Domain-Name Markenrechte verletzt (Art. 14f Abs. 2 AEFV). Damit ist nicht nur ihre strafrechtliche, sondern auch ihre zivilrechtliche Haftung im Fall einer Registrierung eines Markenrechte verletzenden Domain-Namens ausgeschlossen. Der Verletzte hat sich an den Domain-Namen-Inhaber zu wenden. [Rz 75] Eine solche, über den vom Vorentwurf adressierten strafrechtlichen Bereich hinaus gehende Rechtssicherheit gilt es nun auch für Provider von anderen Dienstleistungen als Domain-Namen herzustellen. Zumindest aber sollte auf die eine oder andere Weise klarzustellen, dass für Provider im Bereich des Zivilrechts zweifellos keine strengeren Sorgfaltspflichten bestehen als im Strafrecht. Dass es bisher zu keinen relevanten Praxisentscheiden über die zivilrechtliche Verantwortlichkeit von Access- und Hosting-Providern gekommen ist und daher der Leidensdruck auf allen Seiten nicht sehr gross erscheinen mag, steht zu dieser Forderung nicht im Widerspruch. Ist es doch die Rechtsunsicherheit, welche einerseits Verletzte dazu bewegt, an sich berechtigte Ansprüche gegenüber Providern nicht durchzusetzen und andererseits Provider dazu veranlasst, Druckversuchen von tatsächlich oder vermeintlich verletzten Personen zum Nachteil ihrer Kundschaft nachzugeben, ohne dass dazu eine Rechtspflicht bestünde. Solche Auswirkungen einer Rechtsunsicherheit können zweifellos nicht im Sinne des Gesetzgebers sein. Seine Aufgabe ist es, möglichst klare Verhaltensrichtlinien und Verantwortlichkeiten zu definieren. Bei Lichte betrachtet ist der Handlungsbedarf im Strafrecht denn auch nicht markant anders zu beurteilen als im Zivilrecht. Ein Provider wird die Folgen einer zivilrechtlichen Verantwortlichkeit für eine unerlaubte Handlung jedenfalls kaum als weniger schwerwiegend betrachten als die strafrechtlichen, die letztlich (vorwiegend) einzelne Verantwortliche treffen 83. Ganz im Gegenteil: Nicht nur die Höhe etwaiger finanzieller Verbindlichkeiten, sondern auch die Wahrscheinlichkeit deren Eintritts ist aufgrund des im Zivilrecht fehlenden Vorsatzerfordernisses höher.
19 B. Voraussetzung der Haftung für Schadenersatz [Rz 76] Die nachfolgenden Ausführungen behandeln einige ausgewählte Aspekte der zivilrechtlichen Haftung eines Access- oder Hosting-Providers. Wie schon im heute geltenden Strafrecht bestehen die grössten Unsicherheiten im Bereich der Verantwortlichkeit von Access-Providern. Folgende Darstellung soll den hiesigen Stand der Verantwortlichkeit von Internet-Providern im Vergleich verdeutlichen: [Rz 77] Soll ein Provider für einen durch ein rechtswidriges Angebot im Internet entstandenen Schaden haften, liefert regelmässig Art. 41 OR die entsprechende Anspruchsgrundlage (allenfalls in Verbindung mit entsprechenden Spezialgesetzen, wie das Urheberrechtsgesetz). Die «Providerhaftung» ist somit eine Verschuldenshaftung, die nach den klassischen Voraussetzungen (Schaden, Kausalzusammenhang, Widerrechtlichkeit, Verschulden) beurteilt wird. [Rz 78] Immer wieder diskutiert wird die Frage, ob sich ein Access- oder Hosting-Provider einer Verantwortlichkeit als Gehilfe durch positives Tun (im Sinne einer fortgesetzten Bereitstellung seiner Infrastruktur) aussetzt (wie hier vertreten) oder aber eine Unterlassungstat begeht, indem er gegen bestimmte Aktivitäten nicht einschreitet 84. Diese Frage soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden, da sie primär dogmatischer Natur ist und in der Regel keine Auswirkungen auf das Ergebnis der Beurteilung der Verantwortlichkeit des Providers hat. Entscheidend ist letztlich in beiden Fällen der Sorgfaltsmassstab, nach welchem das Verhalten eines Providers beurteilt wird 85. In technischer Hinsicht ist darauf hinzuweisen, dass sich die Dienstleistung eines Providers allerdings nicht darin erschöpft, zu Beginn der Vertragsbeziehung mit dem Kunden eine Handlung vorzunehmen (z.b. Bereitstellung von Speicherplatz für eine Website, Bereitstellen einer Einwählnummer), sondern laufende Aktivitäten erforderlich sind, um seine Dienstleistung aufrecht zu erhalten Widerrechtlichkeit [Rz 79] Das Kriterium der Widerrechtlichkeit eines bestimmten Verhaltens bereitet im Zusammenhang mit der Beurteilung der zivilrechtlichen Verantwortlichkeit eines Acccess- und Hosting-Providers für einen Fremdinhalt in der Regel keine Schwierigkeiten. Ein schädigendes Verhalten ist widerrechtlich, wenn gegen eine Norm verstossen wird, welche ein absolutes Recht des Geschädigten schützt (so genanntes Erfolgsunrecht) oder wenn eine besondere Schutznorm verletzt wird, deren Zweck im Schutz von Schäden der eingetretenen Art besteht (so genanntes Verhaltensunrecht) 87. Relevante Verhaltensnormen finden sich in der gesamten Rechtsordnung, einschliesslich des Strafrechts 88. [Rz 80] Im Bereich der Provider-Haftung ergibt sich die Widerrechtlichkeit in den klassischen Fällen der Verletzung von geistigem Eigentum, der Persönlichkeitsverletzungen, des unlauteren Wettbewerbs oder der Vermögensdelikte (wie Betrug) aus den einschlägigen Schutznormen der entsprechenden Spezialgesetze (wie das Urheberrechtsgesetz 89, das Markenschutzgesetz 90, das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb 91 oder das Datenschutzgesetz 92 ), dem Persönlichkeitsschutz gemäss Art. 28 ff. ZGB und dem Strafgesetzbuch, insbesondere dem Vermögensstrafrecht (z.b. Art. 146 StGB) (wobei nachfolgend zusammenfassend jeweils immer nur von einer «unerlaubten Handlung» die Rede sein wird, die ein Verletzer bzw. Schädiger begeht).
20 [Rz 81] In einzelnen Fällen sind Schwierigkeiten in der Herleitung einer Widerrechtlichkeit natürlich denkbar. Sie können sich im Bereich des Geistigen Eigentums zum Beispiel dort ergeben, wo die Monopolrechte eines Rechteinhabers durch die entsprechenden Gesetze beschränkt werden oder vertragliche Grenzen bestehen, so etwa im Fall von Downloads raubkopierter Inhalte aus dem Internet (im Rahmen von Art. 19 Abs. 1 URG zulässig) oder im Fall der Verwendung urheberrechtlich geschützter Werke, die durch das Zitatrecht (Art. 25 URG) geschützt werden. [Rz 82] Hinzuweisen ist ferner darauf, dass nach bundesgerichtlicher Rechtsprechung im Fall einer Konstruktion einer (unechten) Unterlassungstat eine Verletzung allein des Gefahrensatzes, sollten die Aktivitäten eines Internet-Providers überhaupt als Schaffung einer Gefahrenquelle qualifiziert werden, für sich noch keine Rechtswidrigkeit begründet 93 ; es muss auch eine entsprechende Schutznorm bzw. ein absolutes Recht verletzt werden. [Rz 83] Als besondere Schutznorm erscheint, de lege ferenda, auch der vom Bundesrat in seinem Vorentwurf vorgeschlagene Art. 322bis VE-StGB, der den Provider bei «sicherem Wissen» zur Verhinderung eines strafbaren Internet-Angebots bzw. zur Weiterleitung von Hinweisen an die Behörden verpflichtet. Aus heutiger Sicht dürfte diese Schutznorm für zivilrechtliche Schadenersatzansprüche jedoch von beschränkter praktischer Relevanz sein 94 : Zur Annahme der Rechtswidrigkeit durch Nichtverhinderung eines strafbaren Internet-Angebots gestützt auf einen solchen Art. 322bis VE-StGB müsste auch das subjektive Tatbestandselement des «sicheren Wissens» erfüllt sein, was eine Haftung für fahrlässiges Verhalten faktisch ausschliesst. Diese Hürde wird ein Geschädigter bei der Durchsetzung von Schadenersatzansprüchen allerdings in jenen Fällen umgehen können, indem sich eine Ersatzpflicht des Providers bereits aus der Teilnahme des Providers an der unerlaubten Handlung des Kunden des Providers ergibt, denn der in Art. 27 VE-StGB vorgeschlagene Ausschluss der Regeln der Teilnahme im Falle eines Hosting-Providers gilt für das Zivilrecht nicht Verschulden [Rz 84] In den meisten Fällen wird sich die Schadenshaftung des Providers für rechtswidrige Internet-Inhalte an der Frage des Verschuldens des Providers entscheiden. Dies ist auch im Strafrecht so 96. Die Erleichterung für den Geschädigten im Zivilrecht besteht darin, dass fahrlässiges Verhalten genügt 97. Die zivilrechtliche Haftung kann somit erheblich weiter gehen als die strafrechtliche. [Rz 85] Verschulden setzt voraus, dass der Schädiger hier also der Provider die mögliche Verursachung einer Schädigung eines Dritten durch sein Verhalten erkennt oder erkennen kann 98. Umstritten ist, ob der Schädiger neben der Möglichkeit des Schadens auch die Rechtswidrigkeit des herbeigeführten Erfolges bzw. seines Verhaltens voraussehen können muss 99. Dies wird dort von entscheidender Bedeutung sein, wo ein Provider die Rechtswidrigkeit der Verwendung eines Internet-Inhalts weder aus dem Inhalt selbst noch den ihm vorliegenden Informationen mit der erforderlichen Gewissheit erkennen kann. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn ein Dritter behauptet, der Inhalt einer Website oder die Tätigkeit eines Kunden des Providers verletze seine Urheberrechte. [Rz 86] In der bisherigen strafrechtlichen Praxis zur Verantwortlickeit von Hosting-Providern 100 gingen die Gerichte aufgrund der Fakten jeweils von einem vorsätzlichen Handeln des Providers aus: Es konnte nach Überzeugung der Richter nachgewiesen werden, dass sie wussten, worum es ging und zumindest in Kauf nahmen, dass ihr Handeln das Bereithalten der rechtswidrigen Inhalte eine Ursache für den Erfolg setzen würde. Ist ein Bewusstsein der Rechtswidrigkeit nicht erforderlich und entfällt somit auch das Element der Missbilligung 101, ist leider abzusehen, dass (auch) die Zivilgerichte in Fällen klarer, dem Provider bekannter Rechtsverletzungen mit absehbarer Schadensfolge durch seine eigenen Kunden von vorsätzlichem Handeln ausgehen werden. [Rz 87] Dies ist deshalb nicht sachgerecht, weil ein kommerzieller Provider ungeachtet der Polemik der öffentlichen Diskussion um deren Haftung in aller Regel nicht will, dass durch sein Verhalten einem Dritten Schaden entsteht, weil er damit letztlich gegen seine eigenen kommerziellen Interessen handelt: Zwar wird immer wieder ins Feld geführt, ein Hosting-Provider, der rechtswidrige fremde Inhalte bereithält, verdiene an diesen Inhalten, sei deshalb an ihnen interessiert und nehme damit letztlich auch den durch sie verursachten Schadenin Kauf. Diese Argumentation verkennt aber, dass ein kommerzieller Hosting-Provider im heutigen, hart umkämpften Markt angesichts tiefer Margen nur dann profitiert, wenn ihm sein Kunde keine besonderen Umstände verursacht und seine Kundschaft grundsätzlich auch keine unerlaubten Angebote betreibt. Ein kommerzieller Provider wird die Umtriebe, die ihm durch rechtswidrige Angebote eines
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