Source: https://www.bibb.de/datenreport/de/2015/30798.php
Timestamp: 2019-08-26 00:49:30
Document Index: 342449605

Matched Legal Cases: ['§ 66', '§ 42', '§ 64', '§ 66', '§ 42', '§ 66', '§ 42', '§ 64', '§ 100', '§ 104', '§ 122']

Datenreport / A4.4 Berufsstrukturelle Entwicklungen in der dualen Berufsausbildung
Im folgenden Kapitel werden berufsstrukturelle Entwicklungen innerhalb der dualen Berufsausbildung (nach BBiG und HwO) analysiert, wie sie im Rahmen von Dauerbeobachtungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) auf Basis der Berufsbildungsstatistik durchgeführt werden.102 Derartige Strukturentwicklungen sind zur Beurteilung der Entwicklungsperspektiven des dualen Systems von Interesse (vgl. Uhly/Troltsch 2009) und ermöglichen eine Abschätzung von Chancen für unterschiedliche Gruppen von Jugendlichen.103
Das Kapitel beschäftigt sich mit folgenden Berufsgruppierungen: Produktions- und Dienstleistungsberufe, technische Ausbildungsberufe, neue Ausbildungsberufe, zweijährige Ausbildungsberufe und Berufe nach Ausbildungsregelungen für Menschen mit Behinderung. Basis für die Analysen bildet die Berufsbildungsstatistik (Erhebung zum 31. Dezember vgl.in Kapitel A4.2), die sich besonders für die Betrachtung langfristiger Entwicklungen eignet. Außerdem erfasst die Berufsbildungsstatistik Merkmale, wie bspw. die allgemeinbildenden Schulabschlüsse der Auszubildenden, die mit den Daten zur Berufsstruktur verknüpft werden können. Es werden allerdings nicht – wie in Kapitel A4.2 – die Bestandszahlen verwendet, da hier die Berufe je nach Ausbildungsdauer unterschiedlich stark vertreten sind (zweijährige Ausbildungsberufe sind i. d. R. unterrepräsentiert, dreieinhalbjährige eher überrepräsentiert). Aus diesem Grund werden die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge als Basis herangezogen (vgl.in Kapitel A4.3). Die Neuabschlusszahlen haben in diesem Kontext überdies den Vorteil, dass hiermit aktuelle Entwicklungen deutlicher nachgezeichnet werden können als mit den Bestandszahlen.
Im Berichtsjahr 2012 wurde die Berufsbildungsstatistik auf die Klassifikation der Berufe (KldB) 2010 der Bundesagentur für Arbeit umgestellt. Die Erhebungsberufe werden seither mit einer Berufskennziffer nach der „Klassifikation der Berufe 2010 (KldB 2010) der Bundesagentur für Arbeit (BA)“ gemeldet, die die bislang verwendete KldB 1992 des Statistischen Bundesamtes ablöst (http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Grundlagen/Klassifikation-der-Berufe/KldB2010/KldB2010-Nav.html).
Zum Zwecke der Fortführung der berufsstrukturellen Analysen in diesem Kapitel wurde die Gliederung nach Produktions- und Dienstleistungsberufen weiterhin auf Basis der Klassifikation der Berufe (KldB) des Jahres 1992 (Statistisches Bundesamt 1992) vorgenommen. Die oberste Gliederungseinheit unterscheidet neben der Kategorie „sonstige Arbeitskräfte“ 5 „Berufsbereiche“. Entsprechend der Konzeption des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB)104 werden in Anlehnung an Bells Konzept eines quartären Sektors (Informationsgesellschaft) nicht die 3 Bereiche Landwirtschaft, Produktion und Dienstleistung unterschieden, sondern die Produktionsberufe (Landwirtschaft, Bergbau und Fertigungsberufe) von den primären und sekundären Dienstleistungsberufen abgegrenzt (vgl. Wolff 1990, S. 64).
Auf der Basis der Berufskennziffern (KldB 1992) werden Produktions- von primären und sekundären Dienstleistungsberufen in diesem Kapitel wie folgt unterschieden:
III Fertigungsberufe ohne Berufsgruppe 52 „Warenprüfer/Versandfertigmacher“
Berufsgruppe 52 „Warenprüfer/Versandfertigmacher“
aus V Dienstleistungsberufe: Berufsgruppen 69 und 70 (Dienstleistungskaufleute), 75 und 76 (Berufe in der Unternehmensleitung, -beratung und -prüfung), 774–776 (Fachinformatiker/ -in und Mathematisch-technischer Softwareentwickler/Mathematisch-technische Softwareentwicklerin), 7791 (IT-Kaufleute), 82–89 (Schriftwerkschaffende, -ordnende und künstlerische Berufe; Gesundheitsdienstberufe; Sozial- und Erziehungsberufe)105
Eine vollständige Liste der Produktions- und Dienstleistungsberufe findet sich unter http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a21_dazubi_berufsliste-p-dl_2013.pdf.
Als sekundäre Dienstleistungstätigkeiten werden Tätigkeiten zusammengefasst, die auch als „Kopf-“ oder „Wissensarbeit“ bezeichnet werden; es handelt sich um Berufe mit den Tätigkeitsschwerpunkten Forschen, Entwickeln, Organisieren, Managen, Betreuen, Pflegen, Beraten, Lehren und Publizieren (vgl. Kupka/Biersack 2005). Unter die primären Dienstleistungsberufe fallen Berufe mit den Tätigkeitsschwerpunkten: Handels- und Bürotätigkeiten sowie allgemeine Dienste wie Reinigen, Bewirten, Lagern, Transportieren. Aufgrund von Plausibilitätsüberlegungen, Analysen auf Basis der Berufsbildungsstatistik (Uhly 2007 a) und Analysen der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2006 (Hall 2007), die eine Modifikation der Berufszuordnung ergeben haben, weicht die Abgrenzung teilweise von der IAB-Einteilung106 ab (vgl. Uhly/Troltsch 2009). Diese Berufsgruppe entspricht nicht der Berufsgruppe der wissensintensiven Berufe nach Tiemann (2010), der sowohl unter den Dienstleistungsberufen als auch den Produktionsberufen wissensintensive Berufe abgrenzt.
Der Dienstleistungssektor hat seit den 1980er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland zunehmend die dominierende Rolle im Beschäftigungssystem übernommen (vgl. Walden 2007). Diese Entwicklung ist auch bei den Dienstleistungsberufen der dualen Berufsausbildung zu beobachten. So steigt seit Mitte der 1990er-Jahre der Anteil der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in den Dienstleistungsberufen nahezu stetig und erreichte im Berichtsjahr 2013 mit 59,5 % den höchsten Anteilswert Tabelle A4.4-1. Auch wenn die absoluten Zahlen bei den Neuabschlüssen in den Dienstleistungsberufen zuletzt zwischen 2011 und 2013 deutlich rückläufig waren (absolut: -21.903/relativ: -6,5 %), stieg der relative Anteil dennoch an, da die Neuabschlüsse bei den Produktionsberufen noch stärker zurückgingen (absolut: -18.021/relativ: -7,8 %). Damit lag der Dienstleistungsanteil in der dualen Berufsausbildung zwar immer noch unter dem auf dem Arbeitsmarkt, auf dem im Jahr 2013 beinahe drei Viertel der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich (73,8 %) tätig waren. Nichtsdestotrotz zeigt auch die berufsstrukturelle Entwicklung in der dualen Berufsausbildung deutlich hin zur Dienstleistungs- und Wissensökonomie (vgl. Walden 2007), wobei primäre Dienstleistungsberufe im dualen System besonders stark vertreten sind. Unter den insgesamt 10 am stärksten besetzten Ausbildungsberufen im dualen System finden sich 5 primäre Dienstleistungsberufe, 2 sekundäre Dienstleistungsberufe und 3 Produktionsberufe.107
Im Berichtsjahr 2013 wurden im dualen System 313.062 neue Ausbildungsverträge in Dienstleistungsberufen abgeschlossen, 215.382 Ausbildungsverträge davon in primären und 97.680 in sekundären Dienstleistungsberufen. Auch wenn der Anteil der Neuabschlüsse in sekundären Dienstleistungsberufen mit 18,6 % aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge noch vergleichsweise gering ist, so zeigt sich seit Mitte der 2000er-Jahre ein stetiger Anstieg (2005: 16,0 %).
Entsprechend der Entwicklung bei den Dienstleistungsanteilen ist langfristig die Zahl der Neuabschlüsse in den Produktionsberufen zurückgegangen. 1993 machte diese Berufsgruppe mit 272.907 Verträgen noch fast die Hälfte aller Neuabschlüsse im dualen System aus (47,8 %). Im Berichtsjahr 2013 waren es mehr als ein Fünftel weniger (-22,0 %). Es wurden nur noch 212.835 Verträge abgeschlossen, was einem Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von 4,6 % entspricht. Insgesamt liegt der Anteil an Produktionsberufen an allen Neuabschlüssen im Jahr 2013 bei 40,5 % Tabelle A4.4-1.
Tabelle A 4.4-1: Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in Produktions- und Dienstleistungsberufen, Bundesgebiet 1980 und 1993 bis 20131, 2, 3
Bei einer geschlechtsspezifischen Betrachtung zeigt sich, dass Frauen im Jahr 2013 in den Dienstleistungsberufen (Frauenanteil: 59,4 %) überrepräsentiert waren. Gleiches galt noch ausgeprägter für den Männeranteil in den Produktionsberufen (Männeranteil: 87,7 %). Betrachtet man die Entwicklung in den letzten rd. 20 Jahren, wird deutlich, dass die Tertiarisierung nicht zum Nachteil der Männer verlaufen ist. Vielmehr ist der Männeranteil zwischen 1993 und 2013 in den Dienstleistungsberufen von 28,3 % auf 40,6 % gestiegen. Ähnlich gestaltet sich die Entwicklung bei einer genaueren Betrachtung der sekundären Dienstleistungsberufe. Langfristig ist hier bei den Frauen die Neuabschlusszahl rückläufig, bei den Männern ist dagegen eine deutliche Zunahme zu beobachten (Männeranteil 1993: 28,0 % vs. 2013: 39,2 %) Schaubild A4.4-1. Insgesamt haben sich also in den vergangenen Jahren bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Bereich der Dienstleistungsberufe die Anteilsverhältnisse deutlich zugunsten der Männer verschoben. Eine vergleichbare Entwicklung einer Anteilsverschiebung ist bei den Produktionsberufen nicht zu erkennen. Der Männeranteil ist hier in den letzten Jahren nahezu unverändert hoch (Männeranteil 1993: 88,4 % vs. 2013: 87,7 %).
Schaubild A 4.4-1: Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in Produktions- und Dienstleistungsberufen nach Geschlecht, Bundesgebiet 1993 bis 20131
Von 1980 bis zur Mitte der 1990er-Jahre war der Anteil der Neuabschlüsse in den technischen Ausbildungsberufen im dualen System stark zurückgegangen. Im weiteren Verlauf zeigte die Modernisierung der dualen Berufsausbildung Mitte der 1990er-Jahre – insbesondere bei den Technikberufen – Erfolge, sodass bis zum Jahr 2001 steigende Anteile bei den technischen Ausbildungsberufen zu verzeichnen waren.
Die rückläufige Entwicklung bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen seit Beginn bis Mitte der 2000er-Jahre zeigte sich auch bei den Technikberufen. Dieser erneute Einbruch der Neuabschlusszahlen betraf die technischen Ausbildungsberufe sogar noch stärker als die dualen Ausbildungsberufe insgesamt (vgl. Uhly 2005 und 2007 b). Nach einem Anstieg von 2006 bis 2008 waren die Neuabschlusszahlen in den Technikberufen in den darauffolgenden Jahren 2009 und 2010 erneut rückläufig. Im Jahr 2011 kam es dann zu einem starken Anstieg, auf den allerdings in den Jahren 2012 und 2013 ein deutlicher Rückgang folgte.108
Hier wird eine breiter gefasste Abgrenzung von technischen Ausbildungsberufen als die des Berufsbereichs IV der Klassifikation der Berufe des Statistischen Bundesamtes (KldB 1992) herangezogen, denn diese ist eng begrenzt auf Ingenieure, Chemiker, Physiker, Mathematiker sowie Techniker und technische Sonderfachkräfte. Technische Berufe des Berufsbereichs der Fertigungsberufe sind dort nicht enthalten. Auch in der Fachliteratur findet sich keine konkrete Definition der technischen Berufe des gewerblich-technischen Bereichs. Die hier verwendete Berufsauswahl basiert auf der im Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit des Jahres 2002 (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2003, S. 12 ff.) zugrunde gelegten Abgrenzung (vgl. auch Troltsch 2004), die in 2 Einzelstudien (Uhly 2005 und 2007 b) fortgeführt wurde. Technische Ausbildungsberufe sind demnach solche, deren Tätigkeits- und Kenntnisprofile hohe Technikanteile (z. B. hohe Anteile von Überwachen, Steuern von Maschinen, Anlagen, technischen Prozessen etc.) ergeben haben.
Eine vollständige Liste der technischen Ausbildungsberufe findet sich unter http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a21_dazubi_berufsliste-t_2013.pdf.
Im Berichtsjahr 2013 wurden 138.675 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in technischen Ausbildungsberufen gemeldet und damit deutlich weniger als in den Vorjahren (2011: 145.686; 2012: 144.861). Da diese Entwicklung aber nicht allein bei den technischen Ausbildungsberufen zu beobachten war, sondern auch – sogar noch stärker – bei der Gesamtzahl aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge, hat die Bedeutung der technischen Ausbildungsberufe – gemessen über die relativen Anteile – in dieser Zeit zugenommen. Das bedeutet: Obwohl die Zahl der Neuabschlüsse in technischen Berufen von 2012 zu 2013 um 4,3 % zurückgegangen war, ist der Anteilswert für technische Ausbildungsberufe bezogen auf alle neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Jahr 2013 auf dem Höchstwert der letzten 20 Jahre von 26,4 % verblieben Tabelle A4.4-2.
Unverändert blieb allerdings im Jahr 2013 auch der in den technischen Ausbildungsberufen niedrige Frauenanteil, der seit 1993 zwischen 10 % und 12 % schwankt (2013: 11,9 %). Damit konnte der Frauenanteil in dieser Berufsgruppe trotz vielfältiger Maßnahmen zur Förderung der Ausbildung von Frauen in technischen Berufen nicht erhöht werden (vgl. hierzu auch Uhly 2007 b, S. 22 ff.). Insgesamt scheinen hierfür individuelle Gründe, z. B. Berufswahlentscheidungen, aber auch betriebliche Gründe wie geschlechtsspezifisches Rekrutierungsverhalten eine Rolle zu spielen (Beicht/Walden 2014 a).
Tabelle A 4.4-2: Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in technischen Ausbildungsberufen, Bundesgebiet 1980 und 1993 bis 20131, 2, 3
Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit den seit 1996 neu geschaffenen dualen Ausbildungsberufen. Durch die Neuordnung von Ausbildungsberufen wurde seit 1996 die Modernisierung der dualen Berufsausbildung intensiviert. Diese Entwicklung wurde durch eine „Diskussion um die qualifikatorischen Konsequenzen aus den Entwicklungen in strategisch bedeutsamen Technologien, dem Sprung von der Industrie- zur Informations- und Wissensgesellschaft, der Globalisierung des Wirtschaftens und der damit verbundenen Umgestaltung der Arbeitsorganisation“ (Bundesinstitut für Berufsbildung 1998, S. 1) angestoßen. Im Jahr 1999 haben sich die Sozialpartner auf eine Fortführung dieser Modernisierungsoffensive geeinigt (Arbeitsgruppe Aus- und Weiterbildung 1999; Bundesministerium für Bildung und Forschung 2002, S. 26 ff.).
Von 1996 bis 2013 wurden 84 Ausbildungsberufe neu geschaffen. In diesen Berufen wurden im Jahr 2013 insgesamt 62.085 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen, was einem prozentualen Anteil von 11,8 % an allen Neuabschlüssen entspricht Tabelle A4.4-3 Internet. Am stärksten besetzt war der 1997 neu eingeführte Beruf Fachinformatiker/ -in mit 10.356 Neuabschlüssen, gefolgt von dem aus 1998 stammenden Beruf Mechatroniker/ -in mit 7.560 Neuabschlüssen. Mit etwas Abstand folgen die Ausbildungsberufe Automobilkaufmann/ -kauffrau aus 1998 (3.873 Neuabschlüsse), Maschinen- und Anlagenführer/ -in aus 2004 (3.351 Neuabschlüsse), Mediengestalter/ -in für Digital- und Printmedien aus 1998 (3.330 Neuabschlüsse) sowie der Technische Produktdesigner/die Technische Produktdesignerin aus 2005 (2.667 Neuabschlüsse).
Zu beobachten ist, dass unmittelbar nach Inkrafttreten der neuen Ausbildungsordnungen die Neuabschlusszahlen in der Regel vergleichsweise niedrig sind. Im weiteren Verlauf entwickeln sie sich dann in den einzelnen Berufen z. T. sehr unterschiedlich Tabelle A4.4-3 Internet. Beispielsweise wurden im Beruf Fachinformatiker/ -in bei der Einführung 1997 zunächst 1.779 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen, im Berichtsjahr 2001 waren es jedoch bereits 10.506 Verträge. In den folgenden Jahren waren die Neuabschlusszahlen in diesem Beruf massiven Schwankungen unterworfen, haben sich in den Jahren 2012 und 2013 aber auf dem hohen Niveau von 2001 eingependelt. Beim Beruf Mechatroniker/ -in sind die Neuabschlusszahlen hingegen ohne derart starke Schwankungen relativ kontinuierlich seit der Einführung des Berufs im Jahr 1998 von 1.311 auf 7.560 Verträge im Berichtsjahr 2013 gestiegen. Dennoch waren auch hier – wie in vielen anderen Berufen auch – die Einflüsse der wirtschaftlichen Krisensituation um die Jahre 2009 und 2010 erkennbar. Andere Berufe wie z. B. der 1997 eingeführten Berufe Fertigungsmechaniker/ -in wiesen nach einer ersten Phase des Vertragszuwachses über viele Jahre wieder rückläufige Neuabschlusszahlen auf.
Insgesamt bleibt ein Großteil der neuen Ausbildungsberufe auch nach einigen Jahren vergleichsweise gering besetzt. Diese Konzentration auf wenige Ausbildungsberufe ist jedoch kein Spezifikum der neuen Ausbildungsberufe, sondern im gesamten System der dualen Berufsausbildung zu beobachten. So findet sich im Jahr 2013 in den 20 am stärksten besetzten Berufen mehr als die Hälfte (53,2 %) aller Jugendlichen mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag.
Die Anzahl der zweijährigen Ausbildungsberufe wurde seit den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts durch Aufhebung, Integration oder Umwandlung in dreijährige Berufe deutlich reduziert. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde allerdings wieder verstärkt versucht, über zweijährige109 („theoriegeminderte“) Ausbildungsberufe ein zusätzliches Ausbildungsplatzangebot zu schaffen und insbesondere die Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche mit schlechten Startchancen zu verbessern (Kath 2005; Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005). Das Potenzial dieser Berufe zur Verbesserung der Chancen von Jugendlichen wurde allerdings in der bildungspolitischen Debatte der letzten Jahre kontrovers diskutiert (vgl. Uhly/Kroll/Krekel 2011, S. 5 f.).
Im Berichtsjahr 2013 wurden in den staatlich anerkannten Ausbildungsberufen (bzw. Ausbildungsberufen in Erprobung) mit einer Ausbildungsdauer von maximal 24 Monaten insgesamt 45.120 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Damit war der Anteil der Neuabschlüsse in zweijährigen Ausbildungsberufen an allen Neuabschlüssen mit 8,7 % erneut rückläufig (2012: 9,2 %). Dieser Trend ist seit dem Jahr 2010 zu beobachten, in dem der Anteil bundesweit noch bei 9,6 % lag Tabelle A4.4-4.110 Im Vergleich dazu lag der Anteil zweijähriger Ausbildung in den alten Ländern in den 1980er-Jahren mit 13,7 % noch deutlich höher. Mit dem Wegfall von sogenannten gestuften Ausbildungen in den Elektroberufen im Jahr 1987 war deren Anteil bis Mitte der 1990er-Jahre auf rund 3 % gesunken.
In Westdeutschland fiel der Anteil der zweijährigen Ausbildungsberufe mit 8,4 % auch im Jahr 2013 wieder deutlich geringer aus als in Ostdeutschland mit 11,2 %. Allerdings kam es hier in den letzten Jahren zu einer Annährung. Während der Anteil zweijähriger Berufe in Westdeutschland seit 2009 (8,5 %) kaum verändert ist, kommt es in Ostdeutschland in diesem Zeitraum zu einem stetigen Anteilsrückgang von insgesamt beinahe 3 Prozentpunkten (2009: 14,1 % vs. 2013: 11,2 %). Ein Grund für diesen Rückgang könnte sein, dass gerade in Ostdeutschland zweijährige Ausbildungsgänge häufig überwiegend öffentlich finanziert wurden (vgl. Uhly/Kroll/Krekel 2011). Da im Rahmen der Ausbildungsplatzprogramme Ost seit Beginn der 1990er-Jahre außerbetriebliche Ausbildungsplatzprogramme für „marktbenachteiligte“ Jugendliche zum Kernstück der Ausbildungsförderung in Ostdeutschland gehören (Berger/Braun/Drinkhut/Schöngen 2007; Berger 2007), ist die regional unterschiedlich starke Ausprägung überwiegend öffentlich finanzierter Stellen nicht überraschend. Aber obwohl der Anteil außerbetrieblicher Förderangebote in den neuen Bundesländern nach wie vor hoch ist, ist die Bereitstellung solcher Plätze in den letzten Jahren rückläufig.
Der Ausbildungsberuf Verkäufer/ -in ist mit 24.993 Neuabschlüssen auch im Jahr 2013 der am stärksten besetzte zweijährige Beruf. Über die Hälfte (55,4 %) aller Neuabschlüsse in zweijährigen Berufen wurden in diesem Beruf abgeschlossen. Es folgen mit großem Abstand die Berufe Fachlagerist/ -in (5.718 Neuabschlüsse), Maschinen- und Anlagenführer/ -in (3.351 Neuabschlüsse), Fachkraft im Gastgewerbe (2.280 Neuabschlüsse) und Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen (1.407 Neuabschlüsse).
Nahezu alle Jugendlichen, die im Jahr 2013 in einem zweijährigen Ausbildungsberuf einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben, befanden sich in einem Beruf, dessen Ausbildungsordnung die Möglichkeit der Anrechnung der Ausbildung in einem i. d. R. drei- bzw. dreieinhalbjährigen Ausbildungsberuf vorsieht.111 Allerdings erfasst die Berufsbildungsstatistik nicht, ob die Ausbildung nach Abschluss der zweijährigen Berufsausbildung auch wirklich fortgeführt wird. Um echte Ausbildungsverläufe zu ermitteln, wäre eine feste Personennummer notwendig. Seit dem Berichtsjahr 2008 wird aber die Zahl der Anschlussverträge ermittelt.112 Setzt man die Zahl der Anschlussverträge mit den Absolventinnen und Absolventen einer zweijährigen Ausbildung in Beziehung, erhält man näherungsweise den Anteil derer, die eine zweijährige Ausbildung in einem dualen Ausbildungsberuf fortführen. Für das Jahr waren dies rd. ein Viertel der Absolventinnen und Absolventen einer zweijährigen Ausbildung. Weiterführende Analysen zu zweijährigen Berufe auf Basis der Berufsbildungsstatistik sowie der BIBB-Erhebung über neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30. September für das Berichtsjahr 2009 ergaben, dass der Fortführungsanteil innerhalb der einzelnen zweijährigen Berufe deutlich variiert, jedoch in keinem Beruf über 50 % liegt.
Analysen zu den Strukturmerkmalen der Auszubildenden haben gezeigt, dass sich in zweijährigen Berufen überwiegend Auszubildende mit niedrigeren Schulabschlüssen – und damit die primäre Zielgruppe – befinden. Dies sind häufig Jugendliche, denen der Übergang in eine drei- bzw. dreieinhalbjährige Ausbildung nicht ohne Weiteres gelingt und denen der Einstieg ins berufliche Leben über eine theoriegeminderte zweijährige Ausbildung ermöglicht werden soll. Hinsichtlich der Potenziale zweijähriger Berufe zur Verbesserung der Chancen auf einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss für Jugendliche mit geringeren Bildungsvoraussetzungen kann man auf Basis der Berufsbildungsstatistik keine Schlussfolgerung ziehen. Allerdings konnte festgestellt werden, dass der Ausbildungserfolg ungünstiger ausfällt als in den übrigen dualen Ausbildungsberufen. Eine systematische Aufbereitung der Daten zu den zweijährigen Ausbildungsberufen findet man in Uhly/Kroll/Krekel (2011). Der Beitrag enthält umfassendes Datenmaterial in tiefer regionaler und beruflicher Gliederung.
Tabelle A 4.4-4: Anteil der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in zweijährigen Ausbildungsberufen an allen Neuabschlüssen, Westdeutschland, Ostdeutschland und Bundesgebiet 1993 bis 20131, 2, 3
In Berufen für Menschen mit Behinderung (§ 66 BBiG und § 42m HwO) wurden im Jahr 2013 insgesamt 10.224 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen. Gegenüber dem Vorjahr kam es somit nur zu einem leichten Rückgang um 156 Neuabschlüsse (-1,5 %). Der Anteil an allen Neuabschlüssen lag bundesweit bei 2,0 % und damit leicht über dem Anteilswert des Vorjahres (2012: 1,9 %).
Auch hier zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. Verglichen mit Westdeutschland liegt der Anteil der Neuabschlüsse in den Berufen für Menschen mit Behinderung in Ostdeutschland im gesamten Beobachtungszeitraum mehr als doppelt so hoch, in einigen Berichtsjahren sogar mehr als dreimal so hoch wie in Westdeutschland (so z. B. im Jahr 2002 – Westdeutschland: 1,7 % vs. Ostdeutschland: 5,3 %) Tabelle A4.4-5.
Im Regelfall sollen „behinderte Menschen … in anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet werden“ (§ 64 BBiG). Nur wenn aufgrund der Behinderung eine Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf nicht infrage kommt, sollen Menschen mit Behinderung nach besonderen Regelungen ausgebildet werden. Bei diesen Ausbildungsberufen handelt es sich um Berufe mit speziellen Ausbildungsregelungen der zuständigen Stellen (§ 66 BBiG bzw. § 42m HwO) (vgl. Kapitel D1.1).
Auch wenn diese Ausbildungsregelungen ausschließlich für Menschen mit Behinderung vorgesehen sind, legen die zwischenzeitliche Bedeutungszunahme dieser Berufe sowie die erheblichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland die Vermutung nahe, dass solche Regelungen auch als Problemlösungsstrategien dienen, um Jugendliche trotz Ausbildungsplatzmangel mit Ausbildungsplätzen zu versorgen. Schon lange bekannt ist dieses Vorgehen auch bei Maßnahmen und Ausnahmeregelungen für Benachteiligte oder Lernbeeinträchtigte (vgl. Ulrich 1998).
Tabelle A 4.4-5: Anteil der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Berufen für Menschen mit Behinderung, Bundesgebiet, West- und Ostdeutschland 1993 bis 2013, in % der Neuabschlüsse1, 2
Tabelle A 4.4-6: Staatlich anerkannte Ausbildungsberufe und Ausbildungsregelungen der zuständigen Stellen für Menschen mit Behinderung (§ 66 BBiG/§ 42m HwO) nach Art der Förderung, Berichtsjahr 2013
Im Rahmen dieser Thematik ist zu beachten, dass die tatsächliche Ausbildungssituation von Menschen mit Behinderung im dualen System auf Basis der Berufsbildungsstatistik nicht abgebildet werden kann, denn ein personenbezogenes Merkmal zu einer vorliegenden Behinderung von Auszubildenden ist in dieser Erhebung nicht vorhanden. Es können lediglich berufsbezogene Betrachtungen erfolgen oder Ausbildungsverhältnisse ausgewertet werden, die im ersten Jahr der Ausbildung eine spezielle Art der Förderung erfahren. Will man diese Angaben als Einschätzung für den Personenkreis der Auszubildenden mit Behinderung verwenden, stellen sich folgende Probleme: Die Angaben zu Verträgen, die nach Kammerregelungen der zuständigen Stellen für Menschen mit Behinderung abgeschlossen wurden, decken nicht alle Verträge behinderter Menschen im dualen System ab. Denn Menschen mit Behinderung besetzen auch – und dies in nicht geringem Maße – staatlich anerkannte Ausbildungsberufe. Das BBiG sieht dies sogar als Regelfall vor (§ 64 BBiG). Dass dies auch gängige Praxis ist, wird dadurch belegt, dass im Berichtsjahr 2013 rund 2.430 Ausbildungsverhältnisse in staatlich anerkannten Berufen außerbetrieblich „nach §§ 100 Nr. 3, 235 a und 236 SGB III (außerbetriebliche Ausbildung für Menschen mit Behinderung – Reha)“ (vgl. Kapitel D1.1) gefördert wurden Tabelle A4.4-6. Stark besetzte Berufe waren hier: Verkäufer/ -in, Bürokaufmann/ -kauffrau, Fachlagerist/ -in oder Kaufmann/Kauffrau für Bürokommunikation.
Ein weiteres Problem bei der Beschreibung der Ausbildungssituation von Menschen mit Behinderung im dualen System ist, dass auch die statistischen Angaben zur Art der Förderung nicht ausreichend sind, um den Personenkreis der Menschen mit Behinderung abzubilden. Denn nicht alle Ausbildungsverhältnisse von Auszubildenden mit Behinderung werden öffentlich gefördert. So waren mehr als ein Drittel (37,2 %) der Verträge, die unter die Kammerregelung der zuständigen Stellen fielen, überwiegend betrieblich finanziert. Um wirklich belastbare Aussagen zur Situation von Auszubildenden mit Behinderung im dualen System treffen zu können, erscheint die Durchführung gesonderter Stichprobenerhebungen sinnvoll (vgl. Gericke/Flemming 2013).
Dieses Kapitel ist eine Fortschreibung des Kapitels A4.4 von Naomi Gericke im Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2014.
Siehe Berufsgliederung des IAB: http://bisds.infosys.iab.de/bisds/erlaeuterungen.htm
3 Ausbildungsberufe für Menschen mit Behinderung werden trotz einer Berufs­kennziffer entsprechend den sekundären Dienstleistungsberufen aufgrund der Tätigkeitsbeschreibungen den primären Dienstleistungsberufen zugeordnet (Assistent/ -in in sozialen Einrichtungen, Fachhelfer/ -in für personale Dienst­leistungen und Fachkraft für Medien- und Informationsdienste).
Dienstleistungskaufleute werden dort den primären Dienstleistungsberufen zugerechnet. Außerdem werden in der Zuordnung des IAB die Berufe der Körperpflege (Friseur/ -in und Kosmetiker/ -in) unter den sekundären und Datenverarbeitungsfachleute/Informatiker unter den primären Dienstleistungsberufen erfasst.
Primäre Dienstleistungsberufe: Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel, Verkäufer/ -in, Industriekaufmann/ -kauffrau, Bürokaufmann/ -kauffrau, Kaufmann/Kauffrau im Groß- und Außenhandel
Sekundäre Dienstleistungsberufe: Medizinische/ -r Fachangestellte/ -r, Bankkaufmann/ -kauffrauProduktionsberufe: Kraftfahrzeugmechatroniker/ -in, Industriemechaniker/ -in, Elektroniker/ -in
Zur vollständigen Zeitreihe ab 1993 bis 2008 vgl. BIBB-Datenreport 2010, Kapitel A5.4.
Innerhalb des dualen Systems machen die dreijährigen Ausbildungsberufe den größten Anteil aus (vgl. Kapitel A4.1.2). Neben den zweijährigen Ausbildungsberufen bestehen – insbesondere im Bereich der Metall- und Elektroberufe – auch Ausbildungsberufe, deren Ausbildungsordnungen eine Ausbildungsdauer von 42 Monaten vorsehen (dreieinhalbjährige Ausbildungsberufe). Das BIBB hat auch zu den dreieinhalbjährigen Ausbildungsberufen Sonderanalysen auf Basis verschiedener Statistiken und Erhebungen durchgeführt (vgl. Frank/Walden 2012).
Nicht einbezogen sind die dualen Berufe für Menschen mit Behinderung und die Neuabschlüsse des Ausbildungsberufs Teilezurichter/ -in, obwohl für diesen in der Praxis auch Fortführungsregelungen bestehen, z. B. das 1999 entwickelte Projekt Südwestmetall gemeinsam mit der Arbeitsagentur, dem DGB, der Industrie- und Handelskammer und der Jugendhilfe Ortenau e. V. (siehe www.suedwestmetall.de/swm/web.nsf/id/pa_fb_ausbildung.html). Für den aus dem Jahr 1939 stammenden Beruf liegt jedoch keine bundeseinheitliche Ausbildungsordnung vor. Es handelt sich hierbei um einen Beruf nach § 104 Absatz 1 BBiG bzw. § 122 Absatz 4 HwO
Sie wird als Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in potenziellen Fortführungsberufen mit einer entsprechend kürzeren Vertragsdauer und dem Vorliegen einer vorherigen abgeschlossenen dualen Berufsausbildung der Auszubildenden berechnet. Der ermittelte Wert kann lediglich als Höchstwert betrachtet werden und dabei eine Überschätzung darstellen (vgl. Uhly 2011). Zu den unterschiedlichen Arten von Neuabschlüssen vgl. Kapitel A4.3.