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Timestamp: 2017-09-21 01:36:58
Document Index: 21872226

Matched Legal Cases: ['§ 79', '§ 353', 'BGH', 'BGH', '§ 84', '§ 84', 'Art 103', '§ 264', '§ 84', '§ 84', '§ 84', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 206', '§ 59', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 206', '§ 260', '§ 261', '§ 261', '§ 79', '§ 59', 'BGH', '§ 206', '§ 267', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 18']

OLG Köln: Besitz von Amphetamin-Überraschungsei und Drogenfahrt können prozessual eine Tat sein | Verkehrsrecht Blog
OLG Köln: Besitz von Amphetamin-Überraschungsei und Drogenfahrt kön­nen pro­zes­su­al ei­ne Tat sein
8. Mai 2017 — Alexander Gratz — Keine Kommentare ↓
Gegen den Betroffenen wur­de we­gen fahr­läs­si­gen Führens ei­nes Kraftfahrzeugs un­ter Wirkung ei­nes be­rau­schen­den Mittels ei­ne Geldbuße und ein Fahrverbot ver­hängt, da er am 31.07.2015 sei­nen Pkw un­ter Amphetamin-Einfluss führ­te. Dies wur­de im Rahmen ei­ner all­ge­mei­nen Verkehrskontrolle fest­ge­stellt, bei der auch ein mit Amphetamin ge­füll­tes Überraschungsei ge­fun­den wur­de. Durch ein wei­te­res, rechts­kräf­ti­ges Urteil wur­de er au­ßer­dem we­gen un­er­laub­ten Besitzes von Betäubungsmitteln zu ei­ner Geldstrafe ver­ur­teilt, wo­bei die­se Tat eben­falls am 31.07.2015 be­gan­gen wur­de. Gegen das Bußgeldurteil hat der Betroffene Rechtsbeschwerde ein­ge­legt. Diese hat­te beim OLG Köln auch Erfolg: Es sei nach den im Freibeweisverfahren ge­trof­fe­nen Feststellungen der­zeit un­klar, ob das Strafurteil pro­zes­su­al die­sel­be Tat be­trifft, was da­zu füh­ren wür­de, dass die Verkehrsordnungswidrigkeit nicht mehr ver­folgt wer­den kann. Beim Zusammentreffen von Betäubungsmittelbesitz und Führen ei­nes Kraftfahrzeugs un­ter dem Einfluss be­rau­schen­der Mittel sei von zwei Taten im pro­zes­sua­len Sinne nur aus­zu­ge­hen, wenn bei­de oh­ne in­ne­re Beziehung zu­ein­an­der ste­hen, der Drogenbesitz gleich­sam nur “bei Gelegenheit” der Fahrt statt­fin­det. Ein in­ne­rer Zusammenhang kön­ne be­stehen, wenn die Fahrt den Zweck ver­folgt, den Drogenbesitz auf­recht­zu­er­hal­ten bzw. ab­zu­si­chern. Das sei et­wa dann der Fall, wenn mit der Fahrt ge­ra­de der Transport der Betäubungsmittel be­zweckt wird. Aus der bei­ge­zo­ge­nen Strafakte ha­be sich nur er­ge­ben, dass die straf­recht­li­che Verurteilung auf Grund des Besitzes des Überraschungseis er­folg­te. Die wei­te­ren Umstände der Fahrt sei­en in der Akte nicht do­ku­men­tiert. Diese müs­se das Amtsgericht da­her in ei­ner neu­en Verhandlung klä­ren (OLG Köln, Beschluss vom 21.02.2017 - 1 RBs 361/16).
Das an­ge­foch­te­ne Urteil wird mit sei­nen Feststellungen auf­ge­ho­ben.
Die Sache wird zu er­neu­ter Verhandlung und Entscheidung - auch über die Kosten der Rechtsbeschwerde - an das Amtsgericht Kerpen zu­rück­ver­wie­sen.
Das Amtsgericht Kerpen hat den Betroffenen durch das an­ge­foch­te­ne Urteil we­gen fahr­läs­si­gen Führens ei­nes Kraftfahrzeugs un­ter Wirkung ei­nes be­rau­schen­den Mittels zu der Geldbuße von 500,- EUR ver­ur­teilt und ihm - ver­bun­den mit der Zubilligung ei­ner Abgabefrist - für die Dauer von ei­nem Monat ver­bo­ten, Kraftfahrzeuge je­der Art im Straßenverkehr zu füh­ren. Zum Tatgeschehen hat es fest­ge­stellt, dass der Betroffene am 31. Juli 2015 sei­nen PKW un­ter dem Einfluss von Amphetamin führ­te. Ausweislich der Urteilsgründe ist der Betroffene im Rahmen ei­ner all­ge­mei­nen Verkehrskontrolle an­ge­hal­ten wor­den; hier­bei ist ein mit Amphetamin ge­füll­tes Überraschungsei auf­ge­fun­den wor­den.
Durch Urteil gleich­falls des Amtsgerichts Kerpen vom 25. Januar 2016, das am 2. Februar 2016 Rechtskraft er­langt hat, ist der Betroffene we­gen un­er­laub­ten Besitzes von Betäubungsmitteln zu der Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 40,- EUR ver­ur­teilt wor­den. Aus dem zu­ge­las­se­nen Anklagesatz, auf den die Urteilsgründe Bezug neh­men, er­gibt sich, dass die Tat gleich­falls am 31. Juli 2015 be­gan­gen wor­den ist.
Die Rechtsbeschwerde des Betroffenen rügt die Verletzung ma­te­ri­el­len Rechts.
Die ge­mäß § 79 Abs. 1 S. 1 Ziff. 1 und 2 OWiG statt­haf­te, Zulässigkeitsbedenken auch im Übrigen nicht un­ter­lie­gen­de Rechtsbeschwerde hat (vor­läu­fi­gen) Erfolg, in­dem sie ge­mäß §§ 353 StPO, 79 Abs. 3 S. 1 OWiG zur Aufhebung des an­ge­foch­te­nen Urteils und Zurückverweisung an die Vorinstanz führt. Das Amtsgericht hat - was be­reits auf die er­ho­be­ne Sachrüge be­acht­lich ist (vgl. BGH NStZ 2010, 160; BGH NStZ 1999, 38) - die Erörterung der Frage un­ter­las­sen, ob der Verurteilung des Betroffenen das dau­ern­de Verfahrenshindernis des Strafklageverbrauchs ent­ge­gen­steht.
1. a) aa) Gemäß § 84 Abs. 1 OWiG kann ei­ne Tat nicht mehr als Ordnungswidrigkeit ver­folgt wer­den, wenn be­reits ei­ne rechts­kräf­ti­ge, die­se als Straftat ahn­den­de ge­richt­li­che Entscheidung vor­liegt. Der Tatbegriff des § 84 Abs. 1 OWiG deckt sich mit dem­je­ni­gen der Art 103 Abs. 3 GG, § 264 StPO (vgl. Göhler, OWiG, 16. Auflage 2012, § 84 Rz. 5; KK-OWiG-Lutz 4. Auflage 2014, § 84 Rz. 1; Rebmann/Roth/Herrmann, OWiG, § 84 Rz. 15). “Tat” im Sinne die­ser Bestimmungen ist ein “kon­kre­tes Vorkommnis”, ein ein­heit­li­cher ge­schicht­li­cher Vorgang, der sich von an­de­ren ähn­li­chen oder gleich­ar­ti­gen un­ter­schei­det. Zu die­sem Vorgang ge­hört das ge­sam­te Verhalten des Täters, so­weit es nach na­tür­li­cher Lebensauffassung ei­nen ein­heit­li­chen Lebensvorgang dar­stellt. Zwischen den ein­zel­nen Verhaltensweisen des Täters muss ei­ne “in­ne­re Verknüpfung” be­stehen, der­ge­stalt, dass ih­re ge­trenn­te Aburteilung in ver­schie­de­nen erst­in­stanz­li­chen Verfahren als un­na­tür­li­che Aufspaltung ei­nes ein­heit­li­chen Lebensvorgangs emp­fun­den wür­de. Dabei kommt es auf die Umstände des Einzelfalles an (so ins­ge­samt SenE v. 17.02.2017 - III-1 RVs 294/16; SenE v. 28.06.2016 - III-1RBs 181/16; Senat NZV 2005, 210 m. w. N.).
bb) Nach die­sen Maßstäben geht die Rechtsprechung in den Fällen des Zusammentreffens von Betäubungsmittelbesitz und Führen ei­nes Kraftfahrzeugs un­ter dem Einfluss be­rau­schen­der Mittel vom Vorliegen zwei­er Taten im pro­zes­sua­len Sinne dann aus, wenn bei­de oh­ne in­ne­re Beziehung zu­ein­an­der ste­hen, der Drogenbesitz gleich­sam nur “bei Gelegenheit” der Fahrt statt­fin­det (BGH NStZ 2004, 694 = StV 2005, 256; SenE v. 09.05.2014 - III-1 RVs 49/14; SenE v. 09.02.2007 - 83 Ss 1/07 -; OLG Hamm NStZ-RR 2010, 154; KG NStZ-RR 2012, 155 = NZV 2012, 305; OLG Braunschweig Urt. v. 10.10.2014 - 1 Ss 52/14 bei Juris Tz. 21; zust. König/Seitz DAR 2012, 362). Ein in­ne­rer Zusammenhang zwi­schen dem Führen ei­nes Kraftfahrzeuges un­ter der Wirkung be­rau­schen­der Mittel bei gleich­zei­ti­gem Mitsichführen von Betäubungsmitteln wird in­des­sen an­ge­nom­men, wenn die Fahrt den Zweck ver­folgt, den Drogenbesitz auf­recht­zu­er­hal­ten bzw. ab­zu­si­chern, al­so da­zu dient, die Betäubungsmittel zu trans­por­tie­ren, zu fi­nan­zie­ren, an ei­nen si­che­ren Ort zu brin­gen, sie zu ver­ste­cken oder dem staat­li­chen Zugriff zu ent­zie­hen. Maßgeblich ist dem­nach ei­ne Finalbeziehung von Fahrt und Drogenbesitz (vgl. BGH NStZ 2012, 709; BGH DAR 2012, 390; BGH NStZ 2009, 705; BGH NStZ 2004, 694 = StV 2005, 256; SenE v. 28.06.2016 - III-1 RBs 181/16; SenE v. 09.05.2014 - III-1 RVs 49/14 -; s. zum Verhältnis von BtM-Delikt und Fahren oh­ne Fahrerlaubnis SenE v. 14.02.2017 - III-1 RVs 294/16 m. w. N.).
Eine dies­be­züg­li­che Erörterung dräng­te sich hier je­den­falls des­we­gen auf, weil die Zeugin M. aus­weis­lich der Urteilsgründe an­ge­ge­ben hat­te, bei der Kontrolle des Betroffenen sei in des­sen Auto ein mit Amphetamin ge­füll­tes Überraschungsei auf­ge­fun­den; in­so­weit sei - wie dies im Übrigen gän­gi­ger Praxis ent­spricht - ei­ne ge­son­der­te Strafanzeige ge­fer­tigt wor­den.
b) aa) Ein Ordnungswidrigkeitenverfahren darf grund­sätz­lich nur durch­ge­führt wer­den, wenn fest­steht, dass die er­for­der­li­chen Prozessvoraussetzungen vor­lie­gen und Prozesshindernisse nicht ent­ge­gen­ste­hen. Daher be­steht - im Sinne von §§ 206a, 260 Abs. 3 StPO - je­den­falls das Verfahrenshindernis des Strafklageverbrauchs im­mer schon dann, wenn es mög­li­cher­wei­se vor­liegt (BayObLG JR 1969, 32; Göhler, a.a.O., Vor § 59 Rz. 48 m. N.). Hierüber kann in­des­sen erst nach Ausschöpfung al­ler Erkenntnismöglichkeiten ent­schie­den wer­den (vgl. für das Strafverfahren: BGH NStZ 2010, 160; BGH BeckRS 2002 30248031; BayObLG NJW 1968, 2118, das von “end­gül­ti­ger” Ungewissheit spricht; SenE v. 14.02.2017 - III-1 RVs 294/16 s. a. BGH NStZ 1992, 142). Auch bei dem - je­den­falls struk­tur­glei­chen, wenn nicht gar un­mit­tel­bar an­wend­ba­ren - Satz “in du­bio pro reo” (da­zu vgl. Löwe/Rosenberg-StPO-Stuckenberg, a.a.O., § 206a Rz. 37 ff.; zusf. Radtke/Hohmann, StPO, § 260 Rz. 42) han­delt es sich um ei­ne Entscheidungsregel, die erst nach voll­stän­dig durch­ge­führ­ter Beweisaufnahme zur Anwendung ge­lan­gen kann (Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 59. Auflage 2016, § 261 Rz. 26; HK-StPO-Julius, 5. Auflage 2012, § 261 Rz. 17 je mit Nachw.).
bb) Freilich ist das Vorliegen der Verfahrensvoraussetzungen und das Fehlen von Prozesshindernissen in je­der Lage des Verfahrens - al­so auch vom Rechtsbeschwerdegerichtgericht, so­weit es auf­grund ei­nes zu­läs­si­gen Rechtsmittels mit der Sache be­fasst wird - grund­sätz­lich nach den Regeln des Freibeweises zu prü­fen ist (s. SenE v. 27.11.2012 - III-1 RVs 192/12 m. w. N.; KK-OWiG-Senge, a.a.O., § 79 Rz. 99, 102; Göhler a.a.O., Vor § 59 Rz. 47). Vor die­sem Hintergrund hat der Senat die den Vorwurf des Betäubungsmittelbesitzes am 31. Juli 2015 be­tref­fen­den Akten 181 Js 900/15 StA Köln bei­ge­zo­gen und aus­ge­wer­tet. Diese ge­ben in­des­sen eben­so we­nig Aufschluss über die nach dem zu­vor Dargestellten hier maß­geb­li­chen Umstände der Fahrt des Betroffenen wie die Akten des vor­lie­gen­den Verfahrens. Sie be­schrän­ken sich viel­mehr auf ei­ne Angabe des Auffindeorts des mit Betäubungsmitteln ge­füll­ten Überraschungseis (nach dem Aktenvermerk der Zeugin M. vom 4. August 2015 - im Unterschied zu ih­ren in den Urteilsgründen wi­der­ge­ge­be­nen Angaben -: in der rech­ten Hosentasche der Arbeitskleidung des Betroffenen), der für sich ge­nom­men ge­ra­de nicht aus­sa­ge­kräf­tig ist.
cc) Weitergehende Erkenntnismöglichkeiten be­stehen im Rechtsbeschwerdeverfahren nicht; de­ren Ausschöpfung muss viel­mehr ei­ner er­neu­ten ta­trich­ter­li­chen Hauptverhandlung vor­be­hal­ten blei­ben. Das ent­spricht der in Rechtsprechung und Literatur ver­brei­te­ten Annahme, dass es in Fällen wie dem vor­lie­gen­den, in wel­chen es für die Frage des Bestehens ei­nes Verfahrenshindernisses auf den ge­nau­en Tathergang an­kommt, die ent­spre­chen­den Feststellungen den Regeln des Strengbeweises un­ter­lie­gen (BGHSt 46, 349 - bei Juris Tz. 10; SenE v. 18.08.1987 - Ss 293/87; Löwe/Rosenberg-StPO-Stuckenberg, 26. Auflage 2008, § 206a Rz. 64 aE; s. a. SK-StPO-Velten, 5. Auflage 2016, § 267 Rz. 64 f.). Dabei wird zu be­ach­ten sein, dass das Tatgericht schon grund­sätz­lich nicht ge­hal­ten ist, zu Gunsten ei­nes Angeklagten Sachverhaltsvarianten zu un­ter­stel­len, für de­ren Vorliegen das Beweisergebnis kei­ne kon­kre­ten tat­säch­li­chen Anhaltspunkte er­bracht hat (BGH NJW 2003, 2179 m. w. Nachw.; BGH NStZ 2009, 285). Dieser Grundsatz gilt auch im Zusammenhang mit der Feststellung der tat­säch­li­chen Voraussetzungen ei­nes Verfahrenshindernisses. Insofern rei­chen bloß theo­re­ti­sche, nur denk­ge­setz­lich mög­li­che Zweifel nicht aus; sie müs­sen sich viel­mehr auf kon­kre­te tat­säch­li­che Umstände grün­den und - nach Ausschöpfung al­ler Erkenntnismöglichkeiten - un­über­wind­bar sein (BGHSt 46, 349 - bei Juris Tz. 9; BGH NStZ 2010, 160).
2. Für die er­neu­te Hauptverhandlung sieht sich der Senat noch zu dem Hinweis ver­an­lasst, dass die Urteilsgründe kei­nen Aufschluss dar­über ge­ben, wor­auf die Feststellung be­ruht, der Betroffene sei der­zeit ar­beits­los. Sollte sich dies (er­neut) er­wei­sen, wird - im Verurteilungsfalle - bei der Bemessung der Rechtsfolgen in ers­ter Linie an die Gewährung von Zahlungserleichterungen ge­mäß § 18 OWiG zu den­ken sein.
OLG Braunschweig: Führen ei­nes Kfz un­ter Drogeneinfluss und Betäubungsmittelbesitz sind pro­zes­su­al selb­stän­dig
Tags: Amphetamin, Betäubungsmittel, Drogen, ne bis in idem, OLG Köln, OWi, prozessuale Tat, StPO, Strafklageverbrauch, StVG. Permalink