Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/gesellschaftsrecht/die-abberufung-eines-vorstands-der-aufsichtsrat-als-streithelfer-356537
Timestamp: 2020-07-10 13:59:59
Document Index: 235687731

Matched Legal Cases: ['§ 71', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 112', '§ 108', '§ 256', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', 'BGH', 'BGH', '§ 112', '§ 112', '§ 112', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die Abberufung eines Vorstands - der Aufsichtsrat als Streithelfer | Rechtslupe
Der Bei­tritt eines Auf­sichts­rats­mit­glieds auf Sei­ten einer Akti­en­ge­sell­schaft im Rechts­streit der Akti­en­ge­sell­schaft mit einem Vor­stands­mit­glied über die Wirk­sam­keit oder den Inhalt des Abbe­ru­fungs­be­schlus­ses ist zuläs­sig.
Die Neben­in­ter­ven­ti­on war zuzu­las­sen. Ein Auf­sichts­rats­mit­glied hat ein recht­li­ches Inter­es­se dar­an, auf Sei­ten einer Akti­en­ge­sell­schaft im Rechts­streit der Akti­en­ge­sell­schaft mit einem Vor­stands­mit­glied über die Wirk­sam­keit oder den Inhalt des Abbe­ru­fungs­be­schlus­ses bei­zu­tre­ten (§ 71 Abs. 1, § 66 Abs. 1 ZPO).
Der Neben­in­ter­ve­ni­ent ist eine ande­re Per­son im Sin­ne des § 66 Abs. 1 ZPO.
Nach § 66 Abs. 1 ZPO setzt die Neben­in­ter­ven­ti­on einen zwi­schen ande­ren Per­so­nen anhän­gi­gen Rechts­streit vor­aus. Nach einer Auf­fas­sung in der Recht­spre­chung und im Schrift­tum ist der gesetz­li­che Ver­tre­ter einer Par­tei im Ver­hält­nis zu die­ser Par­tei kei­ne ande­re Per­son in die­sem Sin­ne und kann daher nicht Neben­in­ter­ve­ni­ent sein [1]. Nach ande­rer Auf­fas­sung kann die Neben­in­ter­ven­ti­on des gesetz­li­chen Ver­tre­ters im Rechts­streit und auf Sei­ten des Ver­tre­te­nen im Ein­zel­fall zuläs­sig sein, wenn der gesetz­li­che Ver­tre­ter ein eige­nes recht­li­ches Inter­es­se gel­tend machen kann [2]. Wel­che die­ser bei­den Mei­nun­gen den Vor­zug ver­dient, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Ein etwai­ger Aus­schluss des gesetz­li­chen Ver­tre­ters von der Neben­in­ter­ven­ti­on steht der Zulas­sung des Bei­tritts eines einel­nen Auf­sichts­rats­mit­glieds auf der Sei­te der beklag­ten Akti­en­ge­sell­schaft nicht ent­ge­gen. Denn das ein­zel­ne Auf­sichts­rats­mit­glied ist nicht gesetz­li­cher Ver­tre­ter in die­sem Sin­ne.
Eine Akti­en­ge­sell­schaft wird in einem Pro­zess mit einem Vor­stands­mit­glied auch nach des­sen Aus­schei­den gemäß § 112 AktG durch ihren Auf­sichts­rat als Organ ver­tre­ten [3] und nicht durch das ein­zel­ne Auf­sichts­rats­mit­glied.
Die in die­sem Zusam­men­hang erfor­der­li­che Wil­lens­bil­dung erfolgt durch aus­drück­li­chen Beschluss nach § 108 Abs. 1 AktG [4]. In die Ent­schei­dungs­be­fug­nis des Auf­sichts­rats fällt im Pas­siv­pro­zess mit dem Vor­stand etwa die Fra­ge, inwie­weit ein Anspruch im Rah­men der Dis­po­si­ti­ons­be­fug­nis der Gesell­schaft aner­kannt wer­den kann oder ob wie vor­lie­gend im Fal­le des Unter­lie­gens von einem Rechts­mit­tel Gebrauch gemacht wer­den soll. Der in einem hier­über gefass­ten Beschluss zum Aus­druck gekom­me­ne ein­heit­li­che oder mehr­heit­li­che Wil­le der abstim­men­den Auf­sichts­rats­mit­glie­der stellt den Wil­len des Auf­sichts­rats dar [5]. Die­ser Vor­gang ein­heit­li­cher Wil­lens­bil­dung kann durch das ein­zel­ne Auf­sichts­rats­mit­glied nicht ersetzt wer­den, weil es sei­nen Wil­len abwei­chend vom Auf­sichts­rat bil­den könn­te.
Der Neben­in­ter­ve­ni­ent hat auch ein recht­li­ches Inter­es­se am Bei­tritt.
Ein ver­fah­rens­recht­lich unter Ver­let­zung zwin­gen­den Geset­zes- oder Sat­zungs­rechts zustan­de gekom­me­ner oder ein inhalt­lich gegen der­ar­ti­ges Recht ver­sto­ßen­der Beschluss des Auf­sichts­rats ist nich­tig und die­se Nich­tig­keit kann mit der gegen die Gesell­schaft gerich­te­ten Fest­stel­lungs­kla­ge nach § 256 Abs. 1 ZPO gel­tend gemacht wer­den [6]. Der Bun­des­ge­richts­hof bejaht ein recht­li­ches Inter­es­se der ein­zel­nen Auf­sichts­rats­mit­glie­der an der Fest­stel­lung, dass die im Auf­sichts­rat gefass­ten Beschlüs­se unwirk­sam sind, so dass die­se berech­tigt sind, die Nich­tig­keit von Auf­sichts­rats­be­schlüs­sen auf dem Kla­ge­we­ge fest­stel­len zu las­sen. Die­ses Inter­es­se beruht auf der Organ­stel­lung der Auf­sichts­rats­mit­glie­der und der sich dar­aus erge­ben­den gemein­sa­men Ver­ant­wor­tung für die Recht­mä­ßig­keit der von ihnen gefass­ten Beschlüs­se [7].
In glei­cher Wei­se, wie das Auf­sichts­rats­mit­glied ein recht­li­ches Inter­es­se dar­an haben kann, fest­stel­len zu las­sen, dass ein Auf­sichts­rats­be­schluss nich­tig ist, folgt aus sei­ner Ver­ant­wor­tung für die Recht­mä­ßig­keit der vom Auf­sichts­rat gefass­ten Beschlüs­se auch ein Inter­es­se an der Ver­tei­di­gung eines von ihm für recht­mä­ßig gehal­te­nen Auf­sichts­rats­be­schlus­ses, hier in Form eines Abbe­ru­fungs­be­schlus­ses, wenn der Vor­stand des­sen Wirk­sam­keit in Fra­ge stellt. Denn hier­durch wird unmit­tel­bar in sei­nen Ver­ant­wor­tungs­be­reich ein­ge­grif­fen. In einem Rechts­streit über die vom Vor­stand gegen die Gesell­schaft erho­be­ne Kla­ge auf Fest­stel­lung der Nich­tig­keit des Abbe­ru­fungs­be­schlus­ses ist das Auf­sichts­rats­mit­glied daher berech­tigt, der Gesell­schaft als Neben­in­ter­ve­ni­ent bei­zu­tre­ten.
Nichts ande­res gilt im vor­lie­gen­den Fall, in dem die Klä­ger gel­tend machen, ein Abbe­ru­fungs­be­schluss sei gar nicht gefasst wor­den. Das aus der gemein­sa­men Ver­ant­wor­tung der Auf­sichts­rats­mit­glie­der für die Recht­mä­ßig­keit der von ihnen gefass­ten Beschlüs­se her­ge­lei­te­te Fest­stel­lungs­in­ter­es­se erstreckt sich auf die Fra­ge, ob und mit wel­chem Inhalt ein Auf­sichts­rats­be­schluss gefasst wor­den ist. Um die­sem Inter­es­se auch im Rechts­streit des Vor­stands mit der Akti­en­ge­sell­schaft Gel­tung zu ver­schaf­fen, ist das Auf­sichts­rats­mit­glied berech­tigt, dem Rechts­streit auf der Sei­te der Gesell­schaft bei­zu­tre­ten.
Bun­des­ge­richts­hof, Zwi­schen­ur­teil vom 29. Janu­ar 2013 – II ZB 1/​11
OLG Hamm, FamRZ 1994, 386; Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes, 4. Aufl., § 66 Rn. 4; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 29. Aufl., § 66 Rn. 7; Musielak/​Weth, ZPO, 9. Aufl., § 66 Rn. 4; Gehr­lein in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 4. Aufl., § 66 Rn. 4; Thomas/​Putzo/​Hüßtege, ZPO, 33. Aufl., § 66 Rn. 3; Saenger/​Bendtsen, ZPO, 5. Aufl., § 66 Rn. 4; vgl. OLG Mün­chen, ZIP 2008, 2173[↩]
so OLG Karls­ru­he, FamRZ 1998, 485; OLG Hamm, NZG 1999, 597; Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 22. Aufl., § 66 Rn. 8; Wieczorek/​Schütze/​Mansel, ZPO, 3. Aufl., § 66 Rn. 23[↩]
BGH, Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 282/​07, ZIP 2009, 717 Rn. 7; Urteil vom 16.10.2006 – II ZR 7/​05, ZIP 2006, 2213 Rn. 5; Urteil vom 22.04.1991 – II ZR 151/​90, ZIP 1991, 796; Urteil vom 09.10.1986 – II ZR 284/​85, ZIP 1986, 1381, 1382[↩]
BGH, Urteil vom 16.02.2009 – II ZR 282/​07, ZIP 2009, 717 Rn. 12; Grigoleit/​Tomasic in Gri­go­leit, AktG, § 112 Rn. 9, 10; Spind­ler in Spindler/​Stilz, AktG, 2. Aufl., § 112 Rn. 26; Münch­Komm-Akt­G/Ha­ber­sack, 3. Aufl., § 112 Rn. 21[↩]
BGH, Urteil vom 06.04.1964 – II ZR 75/​62, BGHZ 41, 282, 286[↩]
BGH, Urteil vom 17.07.2012 – II ZR 55/​11, ZIP 2012, 1750 Rn. 10; Urteil vom 21.04.1997 – II ZR 175/​95, BGHZ 135, 244, 247[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2012 – II ZR 55/​11, ZIP 2012, 1750 Rn. 12; Urteil vom 21.04.1997 – II ZR 175/​95, BGHZ 135, 244, 248 ff.[↩]