Source: https://www.jusmeum.de/urteil/vg_saarlouis/0413384c7f7c5cb15a4483366b778d47990bfa77f07ae38239ecd1619aa3adbd
Timestamp: 2018-08-15 05:46:54
Document Index: 35425785

Matched Legal Cases: ['§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', 'Art. 16', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 113', 'Art. 16', '§ 26', '§ 26', 'Art. 16', '§ 26', 'Art 16', '§ 26', 'Art 16', '§ 15', '§ 25', '§ 15', '§ 15', '§ 13', '§ 18', '§ 28', '§ 108', 'Art. 16', '§ 1', '§ 1', '§ 108', '§ 108', 'Art. 16', '§ 26', '§ 60', 'Art. 16', '§ 60', 'Art. 16', '§ 60', 'Art. 16', '§ 60', '§ 1', '§ 1', '§ 77', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', 'EuG', '§ 60', '§ 60', '§ 60', 'Art. 3', 'Art. 3', '§ 53', 'EGMR', 'EGMR', '§ 60', '§ 54', '§ 60', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 59', '§ 155', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60']

VG Saarlouis, 5 K 623/08: VG Saarlouis: politische verfolgung, bundesamt für migration, afghanistan, bewaffneter konflikt, gerichtshof der europäischen gemeinschaften, einreise, firma, chef, asylbewerber, abschiebung
Urteil des VG Saarlouis vom 26.11.2009, 5 K 623/08
5 K 623/08
VG Saarlouis: politische verfolgung, bundesamt für migration, afghanistan, bewaffneter konflikt, gerichtshof der europäischen gemeinschaften, einreise, firma, chef, asylbewerber, abschiebung
Politische verfolgung, Bundesamt für migration, Afghanistan, Bewaffneter konflikt, Gerichtshof der europäischen gemeinschaften, Einreise, Firma, Chef, Asylbewerber, Abschiebung
VG Saarlouis Urteil vom 26.11.2009, 5 K 623/08
Abschiebungsschutz für alleinstehenden afghanischen Staatsangehörigen ohne berufliche Qualifikation; Lage im Raum Kabul
2. Für alleinstehende afghanische Staatsangehörige, die in Afghanistan keine Familienangehörigen haben und die auch über keine besondere berufliche Qualifikation verfügen, besteht ein Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG, da es ihnen bei einer Rückkehr nicht möglich ist, das zum Leben Notwendige an Nahrungsmitteln zu sichern (im Anschluss an OVG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 06.05.2008 - 6 A 10749/07 - , OVG Schleswig-Holstein, Urteil vom 10.12.2008 - 2 LB 23/08 - und VGH Baden- Württemberg, Urteil vom 14.05.2009 - A 11 S 610/08 -).
Die Beklagte wird unter teilweiser Aufhebung des Bescheides des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 25.09.2007 verpflichtet, festzustellen, dass einer Abschiebung nach Afghanistan ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG entgegensteht. Die unter Ziffer 4. des Bescheides des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 25.09.2007 enthaltene Abschiebungsandrohung wird insoweit aufgehoben, als darin Afghanistan als Zielstaat bezeichnet worden ist.
Die außergerichtlichen Kosten des gerichtskostenfreien Verfahrens tragen der Kläger zu drei Vierteln und die Beklagte zu einem Viertel.
Der Kläger und die Beklagte dürfen die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung eines Betrages in Höhe der sich aus dem Kostenfestsetzungsbeschluss ergebenden Kostenschuld abwenden, sofern nicht der jeweilige Vollstreckungsgläubiger vor der Vollstreckung Sicherheit in derselben Höhe leistet.
Der Kläger ist afghanischer Staatsangehöriger tadschikischer Volkszugehörigkeit und begehrt die Anerkennung als Asylberechtigter und die Feststellung der Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 AufenthG sowie hilfsweise von Abschiebungshindernissen nach § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG.
Der Kläger meldete sich am 17.01.2007 beim PP Westhessen als Asylsuchender. Am 19.02.2007 beantragte er beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seine Anerkennung als Asylberechtigter. Zur Begründung verwies er auf einen Schriftsatz seiner Prozessbevollmächtigten vom 10.01.2007. In diesem ist im Wesentlichen ausgeführt, er habe in Afghanistan Verfolgungen durch die Taliban erlitten, weil er sich geweigert habe, Informationen weiterzugeben, die er als Arbeiter bei einer Firma, die für die ISAF in Kabul gearbeitet habe, erhalten habe. Deshalb sei er entführt worden und ihm sei sein rechtes Bein gebrochen worden.
Bei seiner Anhörung beim Bundesamt am 26.02.2007 gab der Kläger an, er sei am
05.01.2007 mit einer Maschine der Emirates Airlines von Peschawar nach Dubai geflogen. Nach einem einstündigen Aufenthalt sei er von dort nach Frankfurt geflogen. Der Abflug in Dubai sei um 01.30 Uhr gewesen und die Ankunft in Frankfurt um 18.30 Uhr Ortszeit. Sämtliche Dokumente habe eine pakistanische Familie bei sich gehabt. Er habe nicht einmal seinen Reisepass gesehen. Der Schlepper habe ihm auch auf Nachfrage nicht den Namen gesagt, den er geführt habe. Den Namen der pakistanischen Familie wisse er auch nicht. Sein Bruder sei von dem Schlepper vorher über seine Ankunft informiert worden. Er habe ihn in Frankfurt am Flughafen abgeholt und zunächst zu sich nach Hause gebracht. Bis zum 10.01. sei er bei ihm gewesen, danach seien sie gemeinsam zu seinem Rechtsanwalt gegangen. In Afghanistan habe er keine Verwandte mehr. Sein Vater sei von den Taliban getötet worden und seine Mutter 2004 in Pakistan an Krebs gestorben. Sein Bruder und seine Schwester lebten in Deutschland. Er habe sich von 1997 bis 2004 in Peschawar in Pakistan aufgehalten und sei dann nach Afghanistan zurückgekehrt.
Zu seinen Asylgründen gab der Kläger an, in seiner Wohnung in Kabul, die ihnen von der Firma zur Verfügung gestellt worden sei, habe er mit zwei Arbeitskollegen gelebt, die in der Firma als Wächter gearbeitet hätten. Am 01.10.2006 habe ihm einer der beiden Mitbewohner gesagt, dass er draußen vor der Tür einen an ihn - den Kläger - adressierten Brief gefunden habe. In dem Brief sei er zur Zusammenarbeit bzw. Spionagetätigkeit aufgefordert worden. Er habe den Brief zerrissen und weggeworfen. Am 10.10.2006 sei er zu Hause angerufen worden und man habe an ihn dieselbe Forderung gestellt wie zuvor in dem Brief. Sie hätten ihn aufgefordert, Informationen über den Tagesablauf in der Firma an sie weiterzugeben. Das habe er aber abgelehnt. Am 15.10.2006, als er in der Abenddämmerung auf dem Nachhauseweg gewesen sei, sei ihm von hinten der Mund zugehalten worden und er habe gleich das Bewusstsein verloren. Als er wieder zu sich gekommen sei, habe er sich in einem dunklen Raum befunden. Zwei Personen seien hereingekommen und hätten die zuvor gestellten Forderungen wiederholt. Er habe aber eine Zusammenarbeit mit ihnen weiterhin abgelehnt. Daraufhin hätten sie gesagt, er habe zwei Stunden Zeit, es sich zu überlegen, dann würden sie zurückkommen. Als sie wiedergekommen seien, hätten sie gefragt, ob er es sich überlegt hätte. Er habe gesagt, er würde nicht mit ihnen zusammenarbeiten, was sie sehr wütend gemacht habe. Sie hätten ihm Füße und Hände zusammengebunden und angefangen, ihn mit einem Stock zu schlagen. Sie hätten ihn so lange geschlagen, bis er an seinem rechten Bein einen unerträglich heftigen Schmerz gefühlt habe und in Ohmacht gefallen sei. Als er wieder zu sich gekommen sei, hätten sie gedroht, ihn so lange zu schlagen, bis er tot sei. Daraufhin habe er sich zur Zusammenarbeit mit ihnen bereit erklärt. Auf seine Bitte habe er von ihnen ein Glas Wasser bekommen. Als er es getrunken habe, habe er erneut das Bewusstsein verloren. Er wisse nicht, ob sie etwas in das Wasser getan hätten, auf jeden Fall sei er auf einer Mülldeponie erwacht. Sein Bein habe ihm noch immer sehr weh getan. Er habe diese Deponie gekannt, da sie etwa einen Kilometer von seiner Wohnung entfernt gewesen sei. Trotz der starken Schmerzen habe er es irgendwie geschafft, dorthin zu laufen. Von zu Hause aus habe er seinen Chef angerufen und ihm von dem Vorfall berichtet. Er habe mit einem der zwei Brüder telefoniert, die die Inhaber der Firma seien, bei der er gearbeitet habe. Dieser sei dann zu ihm gekommen und er habe ihm alles noch einmal genau erzählt. Dieser habe daraufhin gemeint, dass er - der Kläger - Afghanistan verlassen müsse, weil ein weiterer Aufenthalt sowohl für ihn als auch für die Firma gefährlich sei. Deshalb habe er ihn am selben Tag nach Peschawar fahren lassen, wo ihn der Fahrer in ein Krankenhaus gebracht habe, weil er noch immer sehr starke Schmerzen gehabt habe. Bei Röntgenaufnahmen habe man festgestellt, dass das rechte Bein zwei Mal gebrochen gewesen sei. Er habe einen Gipsverband bekommen und einen Monat stationär im Krankenhaus bleiben müssen. Die Ärzte hätten gesagt, dass er aber auch danach noch eine Zeitlang auf Krücken gehen müsse.
Nach 15 Tagen im Krankenhaus habe ihn sein Chef dort besucht. Er habe ihm gesagt, dass er weder in Afghanistan noch in Peschawar auf Dauer bleiben könne, weil er auch in Peschawar in Lebensgefahr sei. Er habe den Chef gebeten, für ihn die Ausreise zu seinem Bruder in Deutschland zu organisieren. Der Chef habe dann einen Schlepper gefunden. Dieser habe jedoch gemeint, dass er erst noch weiter gesund werden müsse, weil er mit den Krücken nicht ausreisen könne. Er habe dann geübt, ohne Krücken zu laufen. Der Schlepper habe ihn als Mitglied einer pakistanischen Familie nach Europa schicken wollen. Er sei dann mit dieser Familie zunächst nach Dubai und von dort aus weiter nach
Er sei dann mit dieser Familie zunächst nach Dubai und von dort aus weiter nach Deutschland geflogen. Er habe nach seiner Ausreise noch drei Mal mit seinem Chef telefoniert, der sich meistens nicht in Kabul, sondern in Dubai aufhalte. Über die Leute, die ihn entführt und misshandelt hätten, wisse er nichts. Sie hätten auch keine Andeutungen gemacht, für wen sie gehandelt hätten. Sie seien zudem die ganze Zeit vermummt gewesen. Von ihm sei gefordert worden, dass er Informationen weitergebe über die geltenden Vorschriften in der Wohnanlage in Kabul, in der die ISAF-Leute gewohnt hätten, über die Tagesabläufe insbesondere der ISAF-Leute, die dort ein- und ausgegangen seien, und auch über Materialtransporte, die er begleitet habe. Wie man gerade auf ihn gekommen sei, wisse er nicht genau. Er nehme an, weil er so oft dort ein- und ausgegangen sei, hätten sie ihn ausgesucht. Sie hätten angedeutet, dass sie sich über ihn informiert hätten. Sie hätten wohl schon gewusst, was er dort gemacht habe. Er habe gelegentlich als Dolmetscher gearbeitet und Transporte von Rohmaterial begleitet, weshalb er dort ein- und ausgegangen sei. Außerdem sei er als Begleiter für den Einsatz der Bauarbeiter verantwortlich gewesen. Er habe Englisch in Peschawar gelernt, wo er ein Jahr lang einen Sprachkurs besucht habe.
Der Brief, den er erhalten hatte, sei anonym gewesen. In ihm habe nichts dazu gestanden, wie ein Kontakt für die Übermittlung der Informationen zustande kommen sollte. Auch bei dem Telefonat sei nicht über das Wie der Informationsübermittlung gesprochen worden Er habe vorher aufgelegt. Als er unter dem Druck der Misshandlungen einer Zusammenarbeit doch zugestimmt habe, habe es zur Informationsübermittlung nur geheißen, sie würden ihn wieder anrufen. Seine beiden Mitbewohner seien nicht zu einer Zusammenarbeit mit solchen Leuten aufgefordert worden. Es seien nur zwei ältere Männer gewesen, die als Wachleute tätig gewesen seien, der eine nachts, der andere tagsüber. Sein Dienstausweis von der Firma sei ihm zusammen mit dem Personalausweis von seinen Entführern abgenommen worden. Sie hätten gewusst, dass er den Ausweis als verloren melden und dann einen neuen ausgestellt bekommen würde. Was sie mit seinen Ausweisen machen wollten, wisse er nicht. Sein Chef habe Krankenhaus und Ausreise bezahlt. Er - der Kläger - habe 4.000 Dollar gespart gehabt, wobei sein Chef von seinem Monatslohn in Höhe von 400 Dollar einen Teil zurückgehalten und für ihn gespart habe. Von diesem Geld seien der Krankenhausaufenthalt und seine Ausreise finanziert worden. Außerdem habe der Chef noch Geld draufgelegt. Die Höhe der Gesamtkosten kenne er nicht. Die ISAF selbst wisse nichts von der Sache mit seiner Entführung, aber bei der Firma könne man alles bestätigen.
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lehnte mit Bescheid vom 25.09.2007 den Asylantrag ab und stellte fest, dass die Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 AufenthG und Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG nicht vorlägen. Gleichzeitig wurde dem Kläger die Abschiebung nach Afghanistan angedroht, sollte er die im Bescheid genannte Ausreisefrist nicht einhalten.
Zur Begründung ist in dem Bescheid im Wesentlichen ausgeführt, der Kläger könne sich Grund seiner zu unterstellenden Einreise aus einem sicheren Drittstaat nicht auf Art. 16 a Abs. 1 GG berufen. Er sei nicht imstande, durch Unterlagen oder andere Gegenstände konkrete Anhaltspunkte dafür zu liefern, dass er ohne Kontakt zu einem sicheren Drittstaat eingereist sei.
Es bestehe auch kein Anspruch auf Zuerkennung von Flüchtlingsschutz i.S. des § 60 Abs. 1 AufenthG, da er keine asylrelevante Verfolgung glaubhaft gemacht habe. Die von ihm geltend gemachte Verfolgungsgeschichte sei viel zu vage und vordergründig sowie zu ungereimt und widersprüchlich, um überzeugend sein zu können. Abschiebungsverbote gemäß § 60 Abs. 2 bis 7 AufenthG lägen ebenfalls nicht vor. Insbesondere bestehe keine extreme Gefahrenlage, die zur Feststellung eines Abschiebungsverbotes i.S. des § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG führen würde. Nach der vorliegenden Auskunftslage sei davon auszugehen, dass Kabul für Rückkehrer ausreichend sicher sei. Dort sei auch eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wohnraum gesichert.
Der Bescheid wurde am 26.09.2007 per Einschreiben an die Prozessbevollmächtigten des Klägers abgesandt.
Am 12.10.2007 hat der Kläger Klage vor dem Verwaltungsgericht erhoben. Zur Begründung führt er ergänzend aus, in Afghanistan habe er keine nahe Verwandte mehr.
Er habe in Deutschland einen Bruder und eine Schwester. Einen Beruf habe er nicht erlernt und seit 2004 habe er in Kabul bei der Firma "Rebuild Construction Organisation", einer Baufirma, gearbeitet. Diese Firma habe im Auftrag der ISAF gearbeitet. Dort habe er als Dolmetscher für Englisch und auch im Bereich des Baumaterialientransports gearbeitet. Er sei von Peschawar aus nach Frankfurt geflogen. Auf dem Flughafen in Frankfurt habe ihn sein Bruder abgeholt. Es sei nicht nachvollziehbar, wieso die Angaben zu seinem Verfolgungsschicksal nicht glaubhaft seien sollten. Er habe einen Sachverhalt geschildert, wie er sich jeden Tag in Afghanistan abspiele bzw. abspielen könne. Er habe sich mehrfach geweigert mit dieser Organisation zusammen zu arbeiten, sodass es durchaus denkbar sei, dass diese Personen ihm einen kräftigen Denkzettel verpassen wollten. Dass dabei die Verletzungen übertrieben worden seien, liege in der Natur der Sache. Nach Berichten des UNHCR seien Personen, die mit internationalen Organisationen als Dolmetscher oder der Gleichen zusammenarbeiteten, als besonders gefährdet anzusehen. Alleinstehende arbeitsfähige männliche afghanische Staatsangehörige, die nach Afghanistan zurückkehren müssten, hätten keinerlei Erwerbsmöglichkeiten, wenn sie nicht über besondere professionelle Qualifikationen verfügten. Die Arbeitslosigkeit im Lande sei so hoch, dass keine Chance auf eine Stelle bestehe.
die Beklagte unter Aufhebung des Bescheides vom 25.09.2007 zu verpflichten, ihn als Asylberechtigten anzuerkennen und festzustellen, dass hinsichtlich einer Abschiebung nach Afghanistan die Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 AufenthG vorliegen,
festzustellen, dass einer Abschiebung nach Afghanistan Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2, 3 und 7 Satz 2 AufenthG entgegenstehen,
festzustellen, dass einer Abschiebung nach Afghanistan Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 AufenthG entgegenstehen.
Das Gericht hat den Kläger zu seinem Verfolgungsschicksal informatorisch angehört; hinsichtlich des Ergebnisses wird auf die Niederschrift der Sitzung vom 26. November 2009 Bezug genommen.
Wegen des Sachverhalts im Einzelnen wird Bezug genommen auf die Gerichtsakte und die beigezogenen Verwaltungsunterlagen der Beklagten, deren Inhalt ebenso wie die in der Anlage zur Sitzungsniederschrift bezeichneten Teile der Dokumentation Afghanistan zum Gegenstand der mündlichen Verhandlung gemacht wurde.
Die Klage hat Erfolg, soweit der Kläger die Feststellung eines Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG hinsichtlich Afghanistans begehrt. Insoweit ist der Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 25.09.2007 rechtswidrig und einschließlich
Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 25.09.2007 rechtswidrig und einschließlich der zugehörigen Abschiebungsandrohung aufzuheben. Im Übrigen ist der angefochtene ablehnende Bescheid der Beklagten vom 25.09.2007 rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten (§ 113 Abs. 5 Satz 1 VwGO).
1. Der Kläger hat keinen Anspruch auf Anerkennung als Asylberechtigter gemäß Art. 16 a Abs. 1 GG. Das Asylbegehren des Klägers scheitert bereits an § 26 a Abs. 1 AsylVfG. Gemäß § 26 a Abs. 1 AsylVfG wird nicht als Asylberechtigter anerkannt, wer aus einem Drittstaat im Sinne von Art. 16 a Abs. 2 Satz 1 GG (sicherer Drittstaat) eingereist ist. Da nach § 26 a Abs. 2 AsylVfG in Verbindung mit der Anlage I des Asylverfahrensgesetzes alle an die Bundesrepublik Deutschland angrenzenden Länder sichere Drittstaaten sind, setzt die Asylanerkennung mithin voraus, dass sich der Schutzsuchende auf dem Luft- oder Seeweg "aus" einem anderen Land als einem Anrainerstaat "über" einen solchen oder "an ihm vorbei" ins Bundesgebiet begeben hat. Dass dem im Einzelfall so war, gehört zu den tatbestandsmäßigen Voraussetzungen der Asylanerkennung, die im Prozess zur Überzeugung des Richters feststehen müssen. Der Asylantragsteller trägt die Darlegungsund Beweislast dafür, dass er ohne Kontakt zu einem sicheren Drittstaat im Sinne von Art 16 a Abs. 2 GG und § 26 a AsylVfG in das Bundesgebiet eingereist ist.
Vgl. BVerwG, Urteil vom 29.06.1999 - 9 C 36.98 - BVerwGE 109, 174 = DÖV 1999, 957 = InfAuslR 1999, 526 = EzAR 208 Nr. 14 = NVwZ 2000, 81 = DVBl 2000, 414 = Buchholz 11 Art 16a GG Nr. 12; OVG des Saarlandes, Beschluss vom 07.12.1998 - 9 Q 184/98 - m.w.N.; Hessischer VGH, Beschluss vom 18.05.1999 - 9 UZ 969/99.A - ESVGH 49, 316 = InfAuslR 1998, 479; OVG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 13.01.1998 - 25 A 5687/97.A - NVwZ-Beilage 1998, 86 und Beschluss vom 18.04.2008 - 19 A 1861/07.A - zit. nach juris; Bayerischer VGH, Beschluss vom 13.11.1997 - 27 B 96.34341 - InfAuslR 1998, 82 und Urteil vom 27.11.2003 - 15 B 99.32190 – zit. nach juris; Niedersächsisches OVG, Urteil vom 20.08.2002 - 11 LB 44/02 - zit. nach juris.
Der Kläger konnte dem Gericht nicht die Überzeugungsgewissheit vermitteln, auf dem Luftweg aus einem anderen Land als einem Anrainerstaat in die Bundesrepublik Deutschland eingereist zu sein. Der Kläger hat keine Umstände vorgetragen, aus denen sich der hinreichend sichere Schluss ziehen lassen kann, er sei am 05.01.2007 auf dem Luftweg von Peschawar aus in die Bundesrepublik Deutschland eingereist. Der Kläger konnte insbesondere weder beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge noch im gerichtlichen Verfahren auf seinen Namen lautende Reiseunterlagen oder Personalpapiere vorlegen. Es treffen den Asylbewerber aber hinsichtlich seiner Einreise allgemeine und im Asylverfahrensgesetz geregelte besondere verfahrensrechtliche Mitwirkungspflichten in Form von Darlegungs- und Handlungspflichten. So ist der Asylbewerber gehalten, die erforderlichen Angaben über seinen Reiseweg zu machen (§ 15 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1 und § 25 Abs. 1 Satz 1 und 2 AsylVfG) und seinen Pass vorzulegen (§ 15 Abs. 2 Nr. 4 AsylVfG). Bei einer Einreise auf dem Luftweg hat er seinen Flugschein und etwaige sonstige Unterlagen über seinen Reiseweg vom Herkunftsland nach Deutschland vorzulegen (§ 15 Abs. 2 Nr. 5 und Abs. 3 Nr. 3 und 4 AsylVfG). Ist der Asylbewerber nicht im Besitz der erforderlichen Einreisepapiere, hat er an der Grenze bzw. bei der Grenzbehörde auf dem Flughafen um Asyl nachzusuchen (§ 13 Abs. 3 Satz 1, §§ 18 f. AsylVfG). Kommt der Asylbewerber diesen Mitwirkungspflichten nach und legt er insbesondere seinen Pass mit den entsprechenden Einstempelungen sowie seinen Flugschein vor, wird in aller Regel ohne weiteres festgestellt werden können, dass er auf dem Luftweg eingereist ist. Entsprechende Obliegenheiten treffen den Asylbewerber natürlich auch bei der Einreise auf dem Seeweg. Der Asylbewerber hat bei den in die eigene Sphäre fallenden Umständen - weil naturgemäß nur er sie offenbaren kann und dies ausschließlich in seinem Interesse liegt - in sich stimmige, glaubhafte und lückenlose Angaben zu machen
vgl. BVerwG, Urteile vom 22.03.1983 - 9 C 68.81 - Buchholz 402.24 § 28 AuslG Nr. 44, und vom
08.05.1984 - 9 C 141.83 - EZAR 630 Nr. 13
und diese, soweit sie außerhalb des eigentlichen Verfolgungsgeschehens liegen, auch nachzuweisen
vgl. zur Angabe über die Staatsangehörigkeit - BVerwG, Urteil vom 24.04.1990 - 9 C 4.89 - InfAuslR 1990, 238.
Von der Wahrheit der Behauptungen des Ausländers über die in seine Sphäre fallenden Umstände muss das Gericht - bei Angabe über die Staatsangehörigkeit nicht anders als bei der behaupteten Einreise auf dem See- oder Luftweg - gemäß § 108 Abs. 1 VwGO die volle Überzeugungsgewissheit erlangen und darf demzufolge nur einen von ihm als festgestellten, nicht einen lediglich für wahrscheinlich gehaltenen Sachverhalt unter Art. 16 a Abs. 1 GG subsumieren
Vgl. grundsätzlich zur Überzeugungsbildung im Asylprozess BVerwG, Urteile vom 16.04.1985 - 9 C 109.84 - BVerwGE 71, 180 = DVBl 1985, 956 = InfAuslR 1985, 244 = Buchholz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 32 = NVwZ 1985, 658, und vom 12.11.1985 - 9 C 27.85 - InfAuslR 1986, 79 = Buchholz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 41 = EZAR 630 Nr. 23.
Auch wenn die Vorlage von Reiseunterlagen für die Überzeugungsgewissheit des Tatsachengerichts über die Einreise ohne Kontakt zu einem sicheren Drittstaat nicht zwingend ist, kommt ihr doch als Beweisanzeichen zentrale Bedeutung zu. Sollte es dem Asylbewerber, aus welchen Gründen auch immer, unmöglich sein, irgendwelche Reiseunterlagen vorzulegen, so ist auch der Umstand besonders zu berücksichtigen, ob er sich unmittelbar nach seiner Einreise bei den deutschen Behörden gemeldet hat. Insbesondere ist zu berücksichtigen, ob er sich unmittelbar am Ort der Einreise meldet oder einem davon entfernt liegenden Ort. Auch ist zu beachten, ob er sich in engem zeitlichen Zusammenhang mit seiner Einreise meldet oder erst eine erhebliche Zeit später. Welche Beweis- und Erkenntnismittel neben den persönlichen Angaben für die Überzeugungsbildung heranzuziehen und welche prozessual gebotenen Möglichkeiten der Sachverhaltsaufklärung auszuschöpfen sind, ist der Überprüfung im Einzelfall vorbehalten. Ohne Einschränkung gilt, dass die Erschwerung der Sachverhaltsaufklärung hinsichtlich der Einreise ebenso wie beweisvereitelndes und beweisvernichtendes Verhalten des Asylbewerbers vom Tatrichter im Rahmen des § 108 Abs. 1 VwGO zu würdigen ist und - je nach den Umständen des Einzelfalles, insbesondere wenn der Asylbewerber die Nichterfüllung seiner Obliegenheiten zu vertreten hat - auch negative Schlussfolgerungen hinsichtlich der Wahrheit der rechtserheblichen Tatsache erlaubt.
Vgl. BVerwG, Urteile vom 26.04.1960 - II C 68.58 - BVerwGE 10, 270 = NJW 1960, 2114 = DVBl 1961, 515 = Buchholz 310 § 108 VwGO Nr. 5 und vom 29.06.1999, a.a.O.; Bayerischer VGH, Beschluss vom 19.02.1998 - 27 B 96.34202 - InfAuslR 1998, 248 = EzAR 208 Nr. 13; OVG Sachsen-Anhalt, Beschluss vom 20.08.1996 - A 4 S 81/96 - NVwZ-Beilage 1996 Nr. 11, 85 = InfAuslR 1996, 420 = EzAR 208 Nr. 9.
Es ist insbesondere offensichtlich, dass das Gericht gerade in den Fällen, in denen der Asylbewerber die Weggabe wichtiger Beweismittel behauptet, also in den Fällen einer selbst geschaffenen Beweisnot, das Vorbringen besonders kritisch und sorgfältig zu prüfen hat. Den Asylsuchenden trifft insoweit zwar keine Beweisführungspflicht. Das Gericht kann aber bei der Feststellung des Reisewegs die behauptete Weggabe von Beweismitteln wie bei einer Beweisvereitelung zu Lasten des Asylbewerbers würdigen. Bleibt der Einreiseweg unaufklärbar, trägt der Asylbewerber die materielle Beweislast für seine Behauptung, ohne Berührung eines sicheren Drittstaats nach Art. 16 a Abs. 2 GG, § 26 a AsylVfG auf dem Luft- oder Seeweg nach Deutschland eingereist zu sein.
Ebenso: VGH Kassel, Beschluss vom 18.05.1999, a.a.O. m.w.N. zur nahezu einhelligen Rechtsprechung der Oberverwaltungsgerichte; vgl. auch BVerwG, Urteil vom 29.06.1999, a.a.O..
Vorliegend konnte das Gericht nicht die erforderliche Überzeugungsgewissheit erlangen, dass der Kläger nicht über einen sicheren Drittstaat in die Bundesrepublik Deutschland eingereist ist. Denn der Kläger hat keine auf seinen Namen lautende Reiseunterlagen vorlegen können und sich auch nicht unmittelbar nach seiner Einreise in die Bundesrepublik Deutschland bei den deutschen Behörden gemeldet. So behauptet der Kläger, er sei am 06.01.2007 am Frankfurter Flughafen angekommen. Er hat sich jedoch nicht unmittelbar nach seiner Einreise in Frankfurt bei den Behörden gemeldet, sondern erst 17.01.2007 beim PP Westhessen. Damit hat aber der Kläger selbst einen Nachweis für die von ihm behauptete Einreise auf dem Luftweg über den Frankfurter Flughafen wenn nicht vereitelt so doch zumindest erheblich erschwert. Die vom Kläger gemachten Angaben zu den Umständen seines Fluges, insbesondere zur Fluggesellschaft, der Flugdauer und der Zwischenlandung in Dubai, sind unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt, nicht geeignet, einen Beweis für die Einreise des Klägers auf dem Luftweg zu erbringen. Denn derartige Angaben können ohne weiteres aus allgemein zugänglichen Informationsmitteln, wie z.B. dem Internet, oder den Erzählungen anderer Reisender erfahren werden. Ein Nachweis dafür, dass der Betreffende tatsächlich diesen Flug benutzt, wird damit nicht geführt. Der Kläger konnte auch nicht angegeben unter welchem Namen er gereist. Er konnte noch nicht einmal den Namen der pakistanischen Familien nennen, mit der er angeblich von Peschawar nach Frankfurt geflogen ist. Eine Aussage des Bruders des Klägers ist ebenfalls nicht geeignet, Beweis dafür zu führen, dass der Kläger auf dem Luftweg eingereist ist, weshalb es dessen Einvernahme als Zeuge nicht bedurfte. Denn nach den Angaben des Klägers hat dieser ihn erst auf dem Flughafen in Frankfurt abgeholt. Der Bruder könnte daher allenfalls bestätigen, dass sich der Kläger auf dem Flughafen Frankfurt aufgehalten hat, nicht jedoch, dass er dorthin mit dem Flugzeug gekommen ist und aus welchem Land.
2. Das Begehren des Klägers auf Anerkennung als Asylberechtigter ist, ebenso wie das Begehren auf Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. 1 AufenthG, außerdem auch deshalb unbegründet, weil er nicht glaubhaft gemacht hat, dass ihm mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit in Afghanistan eine politische Verfolgung droht.
Art. 16 a Abs. 1 GG und § 60 Abs. 1 AufenthG sind dabei deckungsgleich, soweit es die Verfolgungshandlung, das geschützte Rechtsgut und den politischen Charakter der Verfolgung betrifft, und sie führen auch hinsichtlich der Frage, ob die Gefahr politischer Verfolgung droht, zu keinen unterschiedlichen Ergebnissen.
Eine politische Verfolgung i.S. Art. 16 a Abs. 1 GG bzw. des § 60 Abs. 1 AufenthG liegt vor, wenn der Verfolgte in Anknüpfung an asylerhebliche Merkmale gezielte Rechtsverletzungen zu erwarten hat, die ihn ihrer Intensität nach aus der übergreifenden Friedensordnung der staatlichen Einheit ausgrenzen. Eine Verfolgung aufgrund asylerheblicher Merkmale ist gegeben bei Verfolgungsmaßnahmen wegen der politischen Überzeugung, der Rasse, der Religion, der Nationalität, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder anderer sein Anderssein prägender, für den Verfolgten unverfügbarer Merkmale.
Schutz nach Art. 16 a Abs. 1 GG bzw. § 60 Abs. 1 AufenthG kann freilich nur derjenige beanspruchen, der politische Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit zu erwarten hat. Die Beachtlichkeit persönlicher Gefährdung hängt dabei nicht allein vom Grad der Wahrscheinlichkeit ab, mit der eine Verfolgung zu erwarten ist. Sie wird auch von der Erwägung beeinflusst, ob dem Asylsuchenden das verbleibende Risiko einer Rückkehr angesichts der Schwere möglicher Eingriffe zuzumuten ist. Einem bereits in der Vergangenheit von Verfolgungsmaßnahmen Betroffenen ist danach die Rückkehr in den Verfolgerstaat nur dann zuzumuten, wenn er von künftiger politischer Verfolgung hinreichend sicher ist, d. h. eine politische Verfolgung für die Zukunft mit hinreichender Sicherheit auszuschließen ist. Die Feststellung, ob politische Verfolgung mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit droht, erfordert eine auf absehbare Zeit ausgerichtete Prognose. Dabei führt eine Vorverfolgung, die mit der befürchteten Verfolgung in keinem inneren Zusammenhang steht, nicht zur Anwendung des herabgestuften Wahrscheinlichkeitsmaßstabes.
Vgl. BVerwG, Urteile vom 25.09.1984 - 9 C 17.84 - BVerwGE 70, 169 = InfAuslR 1985, 51 = Buchholz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 26, vom 05.07.1994 - 9 C 1.94 - InfAuslR 1995, 24 = Buchholz 402.25 § 1 AsylVfg Nr. 173 = NVwZ 1995, 391 = EzAR 202 Nr. 24 = DVBl 1995, 565 und vom 19.01.2009 - 10 C 52.07 - BVerwGE 133, 55 = NVwZ 2009, 982 = Buchholz 451.902 Europ. Ausl.u Asylrecht Nr. 26.
Das individuelle Vorbringen des Klägers rechtfertigt nicht die Annahme, dass er seine Heimat wegen bereits erlittener oder unmittelbar bevorstehender politischer Verfolgung verlassen oder sich in einer latenten Gefährdungslage befunden hat.
So ist bereits die vom Kläger vorgetragene Verfolgungsgeschichte nicht glaubhaft. Zur Begründung wird insoweit zunächst auf die zutreffenden Ausführungen im Bescheid des Bundesamtes für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge vom 25.09.2007 Bezug genommen (§ 77 Abs. 2 AsylVfG). Auch das Gericht ist zur Überzeugung gelangt, dass der Vortrag des Klägers zu der ihm angeblich zum Zeitpunkt seiner Ausreise in Afghanistan drohenden Verfolgung unglaubhaft ist. So ist es nicht glaubhaft, dass der Kläger mit einem zweifach gebrochenen Bein über einen Kilometer nach Hause gelaufen ist. Weiter ist kaum nachvollziehbar, dass ausgerechnet der Kläger, der lediglich als Dolmetscher für eine Baufirma gearbeitet hat, die ihrerseits für die ISAF gearbeitet hat, ausgesucht wurde, um Informationen über die ISAF zu erlangen. Denn es gibt mit Sicherheit Personen, die über deutliche bessere Informationen über die ISAF verfügen als der Kläger und deshalb viel eher als Zielperson für eine Entführung in Frage kommen. Schließlich ist auch nicht nachvollziehbar, warum der Chef der Firma, bei der der Kläger gearbeitet hat, seine Ausreise organisieren und sogar noch eigenes Geld für die Bezahlung des Schleppers ausgeben sollte. Denn aus dem Vortrag des Klägers ergeben sich keine Anhaltspunkte dafür, dass dieser Chef eine besonders enge Beziehung zum Kläger gehabt hätte, so dass er nicht nur dessen Ausreise nach Pakistan und die dortige Behandlung veranlasste, sondern sogar dessen Weiterreise nach Deutschland organisierte und teilweise bezahlte. Unter Zugrundelegung aller dieser Umstände kann nur der Schluss gezogen werden, dass der Vortrag des Klägers zu seiner Verfolgungsgeschichte nicht der Wahrheit entspricht.
Aber auch wenn man die Angaben des Klägers für glaubhaft hält, ergeben sich daraus keine Anhaltspunkte für eine asylrelevante politische Verfolgung. Unabhängig davon, dass die Misshandlungen des Klägers nicht von einer staatlichen Stelle, sondern von privaten Personen ausgingen, deren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe nach den Angaben des Klägers nicht festgestellt werden kann, fehlt es bei der vorgetragenen Verfolgung an der Anknüpfung an ein asylerhebliches Merkmal. Denn die Tätigkeit bei einem Wirtschaftsunternehmen, auch wenn dies zur Erlangung besonderer Erkenntnisse führt, stellt kein solches asylerhebliches Merkmal i.S. der dargelegten Rechtsprechung dar. Im Übrigen kann im Hinblick darauf, dass der Kläger keine Angaben zur Gruppe machen kann, die ihn entführt haben soll, auch nicht festgestellt werden, dass es politische Gründe für das Erpressen von Informationen vom Kläger gab. Vielmehr ist es im Hinblick auf die in Afghanistan herrschende Kriminalität (vgl. Auswärtiges Amt, Lagebericht vom 03.02.2009) auch durchaus ein krimineller Hintergrund denkbar. Daher scheidet sowohl eine Anerkennung als Asylberechtigter als auch eine Feststellung der Voraussetzungen des § 60 Abs. 1 AufenthG aus.
3. Es liegen auch keine Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 2 und 3 AufenthG vor. Es ist nichts dafür vorgetragen oder ansonsten ersichtlich, dass dem Kläger im Falle seiner Abschiebung nach Afghanistan die konkrete Gefahr der Folter (§ 60 Abs. 2 AufenthG) oder der Todesstrafe (§ 60 Abs. 3 AufenthG) droht.
4. Ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG besteht ebenfalls nicht. Nach dieser Vorschrift ist von der Abschiebung eines Ausländers in einen anderen Staat abzusehen, wenn er dort als Angehöriger der Zivilbevölkerung einer erheblichen individuellen Gefahr für Leib oder Leben im Rahmen eines internationalen oder
innerstaatlichen bewaffneten Konflikts ausgesetzt ist. Offen kann vorliegend bleiben, ob die in Afghanistan herrschenden Auseinandersetzungen zwischen der ISAF und der afghanischen Armee auf der einen Seite sowie der Taliban auf der anderen Seite landesweit oder zumindest in einigen Gebieten die Grenze zu einem bewaffneten Konflikt überschritten haben. Dies wird in der Rechtsprechung zum Beispiel für die Provinz Paktia bejaht.
Vgl. Hessischer VGH, Urteil vom 11.12.2008 - 8 A 611/08.A - DÖV 2009, 338 (Ls.).
Ob ein entsprechender bewaffneter Konflikt auch in Kabul besteht, wo der Kläger herstammt, kann letztlich dahin gestellt bleiben. Denn auch wenn dort ein bewaffneter Konflikt herrschen sollte, folgt daraus noch nicht automatisch, dass der Kläger einen Anspruch auf die Feststellung eines Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG hat. Vielmehr ist weitere Voraussetzung, dass der den bestehenden bewaffneten Konflikt kennzeichnende Grad willkürlicher Gewalt ein so hohes Niveau erreicht, dass stichhaltige Gründe für die Annahme bestehen, dass eine Zivilperson bei einer Rückkehr in das betreffende Land oder gegebenenfalls in die betroffene Region allein durch ihre Anwesenheit im Gebiet dieses Landes oder dieser Region tatsächlich Gefahr liefe, einer solchen Bedrohung ausgesetzt zu sein.
Vgl. Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften, Urteil vom 17.02.2009 - C-465/07 - EuGRZ 2009, 111 = InfAuslR 2009, 138 = NVwZ 2009, 705; BVerwG, Urteil vom 14.07.2009 - 10 C 9.08 – zit. nach juris.
Hiervon kann jedoch nach der bestehenden Auskunftslage für Kabul nicht ausgegangen werden. Insoweit ist zu berücksichtigen, dass im Großraum Kabul ca. 2,8 Mio. Menschen leben (vgl. Dokumentation des BAMF, Zur Sicherheitslage in ausgewählten Provinzen). Stellt man diese Anzahl von Bewohnern in Verhältnis zu den bekannt gewordenen sicherheitsrelevanten Ereignissen, so kann nicht davon ausgegangen werden, dass für jeden Bewohner des Großraumes Kabul eine erhebliche individuelle Gefahr für Leib oder Leben besteht. Gerade auch der Fall des Klägers belegt dies, da er nach seiner Rückkehr aus Pakistan im Jahr 2004 bis zu seiner Ausreise 2006 von den Auseinandersetzungen in Afghanistan in keiner Weise berührt worden ist.
Daher ist von auszugehen, dass zumindest im Großraum Kabul keine relevante Gefahr i.S. des § 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG besteht.
Vgl. auch Auswärtiges Amt, Lagebericht vom 03.02.2009.
5. Auch aus der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 04.11.1950 (BGBl. 1952 II, S. 686) ergibt sich nichts zugunsten des Klägers, was im Rahmen des § 60 Abs. 5 AufenthG zu berücksichtigen wäre. Voraussetzung für die Annahme von Abschiebungshindernissen i.S. des § 60 Abs. 5 AufenthG i.V.m. Art. 3 EMRK wäre, dass gerade dem Kläger in seiner Person eine Gefährdung i.S. des Art. 3 EMRK bei einer Rückkehr nach Afghanistan drohen würde und dass die Verfolgung vom Staat ausgeht oder dem Staat zumindest zurechenbar ist.
Vgl. zur wortgleichen Vorgängerregelung des § 53 Abs. 4 AuslG, BVerwG, Urteil vom 17.10.1995 - 9 C 15.95 - BVerwGE 99, 331; vom 15.04.1997 - 9 C 38/96 - BVerwGE 104, 265 = NVwZ 1997, 1127 unter Auseinandersetzung mit dem Urteil des EGMR vom 17.12.1996, InfAuslR 1997, 341 und Urteil vom 02.09.1997 - 9 C 40.96 - BVerwGE 105, 187 = NVwZ 1999, 311 unter Auseinandersetzung mit den Urteilen des EGMR vom 29.04.1997 - 11/1996/630/813 - und vom 02.05.1997 - 146/1996/767/964 -.
Wie der Kläger vorgetragen hat, gingen die ihm nach seinem Vortrag zugestoßenen
Nachstellungen jedoch nicht vom Staat, sondern von ihm unbekannten Dritten aus.
6. Der Kläger hat aber einen Anspruch auf Feststellung eines Abschiebungsverbotes gemäß § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG hinsichtlich Afghanistans.
Vgl. BVerwG, Beschluss vom 19.12.2000 - 1 B 165.00 - Buchholz 402.240 § 54 AuslG Nr. 2; vgl. zur auf das nationale Abschiebeverbot in § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG beschränkten Sperrwirkung: BVerwG, Urteil vom 24.06.2008, Az. 10 C 43.07 - BVerwGE 131, 198 = NVwZ 2008, 1241 = InfAuslR 2008, 474 = Buchholz 451.902 Europ. Ausl.- u Asylrecht Nr. 22 = EzAR-NF 69 Nr. 4.
Vgl. BVerwG, Urteile vom 17.10.1995 - 9 C 9.95 - BVerwGE 99, 324 = DVBl 1996, 203 = NVwZ 1996, 199 = DÖV 1996, 250 = Buchholz 402.240 § 53 AuslG 1990 Nr. 1 = InfAuslR 1996, 149 = EzAR 046 Nr. 6, vom 08.12.1998 - 9 C 4.98 - BVerwGE 108, 77 = DVBl 1999, 549 = NVwZ 1999, 666 = InfAuslR 1999, 266 = DÖV 1999, 607 = Buchholz 402.240 § 53 AuslG 1990 Nr. 13, vom 21.09.1999 - 9 C 9.99 - Buchholz 402.240 § 53 AuslG Nr. 22 und vom 17.10.2006 - 1 C 18.05 - BVerwGE 127, 33 = DVBl 2007, 254 = NVwZ 2007, 712 = EzAR-NF 51 Nr. 16 = Buchholz 402.242 § 60 Abs. 2 ff. AufenthG Nr. 21.
Diese Voraussetzungen sind im Falle des Klägers zu bejahen. Es muss davon ausgegangen, dass er auf Grund der in Afghanistan herrschenden Versorgungslage mit hinreichender Wahrscheinlichkeit nicht in der Lage wäre, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen und deshalb in eine Gefahrenlage i.S. der o.a. Rechtsprechung kommen würde.
Die Kammer folgt insoweit der Rechtsprechung des OVG Rheinland-Pfalz (Urteil vom 06.05.2008 - 6 A 10749/07 -), des OVG Schleswig-Holstein (Urteil vom 10.12.2008 - 2 LB 23/08 – zit. nach juris) und des VGH Baden-Württemberg (Urteil vom 14.05.2009 - A 11 S 610/08 – zit. nach juris), dass zurückkehrende afghanische Staatsangehörige, die bei einer Rückkehr nach Afghanistan auf keinerlei Rückhalt in familiären Strukturen zurückgreifen können und die über keine besondere berufliche Qualifikation verfügen, das zum Leben Notwendige an Nahrungsmitteln nicht aus eigener Kraft sichern können und ihnen deshalb Abschiebungsschutz nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG zuzubilligen ist (a.A. z.B. Sächsisches OVG, Urteil vom 23.08.2006 - A 1 B 58/06 – AuAS 2007, 5 und Hessischer VGH, Urteil vom 07.02.2008 - 8 UE 1913/06.A – zit. nach juris.)
Da der Kläger nach seinen glaubhaften Angaben weder über Familienangehörige in Afghanistan noch über eine besondere berufliche Qualifikation verfügt, muss unter Zugrundelegung der Ausführungen des Auswärtigen Amtes im Lagebericht vom
03.02.2009 zur Situation der Rückkehrer in Afghanistan, von Dr. Danesch in seinem Gutachten an den Hessischen VGH vom 03.12.2008 sowie von Dr. Glatzer an das OVG Rheinland-Pfalz vom 31.01.2008 davon ausgegangen werden, dass er bei einer Rückkehr innerhalb kürzester Zeit in eine Situation kommen würde, die auf Grund der fehlenden Erwerbsmöglichkeiten zu einer Mangelversorgung mit Nahrungsmitteln und damit der Gefahr des Hungertodes führen würde.
7. Im Hinblick darauf, dass ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG besteht, ist auch die in der Abschiebungsandrohung enthaltene Zielstaatsbezeichnung nach § 59 Abs. 3 AufenthG rechtswidrig und deshalb aufzuheben.
Die Kostenentscheidung folgt aus den §§ 155 Abs. 1 Satz 1 VwGO, 83 b AsylVfG. Insoweit ist zu berücksichtigen, dass der Kläger seine Anerkennung als Asylberechtigten und die Flüchtlingsanerkennung nach § 60 Abs. 1 AufenthG sowie hilfsweise die Feststellung eines europarechtlichen Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 2, 3 und 7 Satz 2 AufenthG und weiter hilfsweise die Feststellung eines nationalen Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 5, Abs. 7 Satz 1 AufenthG beantragt hat. Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass das sog. europarechtliche Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 2, 3 und 7 Satz 2 AufenthG (1. Hilfsantrag) dem Schutzsuchenden regelmäßig weitergehende Rechte vermittelt als die Feststellung eines nationalen Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 5, Abs. 7 Satz 1 AufenthG (2. Hilfsantrag),
vgl. insoweit BVerwG, Urteil vom 24.06.2008 – 10 C 43.07 – BVerwGE 131, 198 = AuAS 2008, 245 = NVwZ 2008, 1241 = InfAuslR 2008, 474 = ZAR 2009, 35 = Buchholz 451.902 Europ. Ausl.- u Asylrecht Nr. 22 = EzAR-NF 69 Nr. 4
Vgl. auch 2. Kammer des VG des Saarlandes, Beschluss vom 02.10.2009 - 2 K 270/09 - juris.