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Timestamp: 2018-02-24 03:45:50
Document Index: 280123027

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 4', '§ 7', '§ 2', '§ 1']

Verfassungsrat - Entscheidung Nr. 2011-631 DC vom 9. Juni 2011
Entscheidung Nr. 2011-631 DC vom 9. Juni 2011
Einwanderungs-, Integrations- und Staatsangehörigkeitsgesetz
Der Verfassungsrat ist am 17. Mai 2011 gemäß Artikel 61 Absatz 2 der Verfassung bezüglich des Einwanderungs-, Integrations- und Staatsangehörigkeitsgesetzes angerufen worden von den Damen und Herren Senatoren Jean-Pierre BEL, Michèle ANDRÉ, Alain ANZIANI, David ASSOULINE, Bertrand AUBAN, Claude BÉRIT-DÉBAT, Marie-Christine BLANDIN, Maryvonne BLONDIN, Yannick BODIN, Nicole BONNEFOY, Yannick BOTREL, Didier BOULAUD, Alima BOUMEDIENE-THIERY, Martial BOURQUIN, Bernadette BOURZAI, Michel BOUTANT, Nicole BRICQ, Jean-Pierre CAFFET, Jean-Louis CARRÈRE, Françoise CARTRON, Bernard CAZEAU, Monique CERISIER-ben-GUIGA, Yves CHASTAN, Roland COURTEAU, Yves DAUDIGNY, Jean-Pierre DEMERLIAT, Christiane DEMONTÈS, Jean DESESSARD, Claude DOMEIZEL, Bernard FRIMAT, Charles GAUTIER, Serge GODARD, Didier GUILLAUME, Edmond HERVÉ, Ronan KERDRAON, Bariza KHIARI, Yves KRATTINGER, Serge LAGAUCHE, Jacky LE MENN, Raymonde LE TEXIER, Claudine LEPAGE, Jean-Jacques LOZACH, Roger MADEC, Marc MASSION, Rachel MAZUIR, Jean-Pierre MICHEL, Gérard MIQUEL, Jean-Jacques MIRASSOU, Renée NICOUX, François PATRIAT, Bernard PIRAS, Gisèle PRINTZ, Daniel RAOUL, François REBSAMEN, Daniel REINER, Thierry REPENTIN, Michel SERGENT, René-Pierre SIGNÉ, Jean-Pierre SUEUR, Simon SUTOUR, Catherine TASCA, Michel TESTON, René TEULADE, Richard YUNG, Nicole BORVO COHEN-SEAT, Eliane ASSASSI, Marie-France BEAUFILS, Evelyne DIDIER, Guy FISCHER, Thierry FOUCAUD, Brigitte GONTHIER-MAURIN, Robert HUE, Marie-Agnès LABARRE, Jack RALITE, Ivan RENAR, Odette TERRADE, Bernard VERA, Robert TROPEANO, Jean-Pierre CHEVÈNEMENT, Anne-Marie ESCOFFIER, Jacques MÉZARD, Jean-Michel BAYLET, Françoise LABORDE, Raymond VALL und Yvon COLLIN,
sowie am selben Tag von den Damen und Herren Abgeordneten Jean-Marc AYRAULT, Patricia ADAM, Sylvie ANDRIEUX, Jean-Paul BACQUET, Dominique BAERT, Gérard BAPT, Jacques BASCOU, Christian BATAILLE, Delphine BATHO, Marie-Noëlle BATTISTEL, Chantal BERTHELOT, Jean-Louis BIANCO, Gisèle BIÉMOURET, Serge BLISKO, Patrick BLOCHE, Jean-Michel BOUCHERON, Marie-Odile BOUILLÉ, Christophe BOUILLON, Monique BOULESTIN, Pierre BOURGUIGNON, Danielle BOUSQUET, François BROTTES, Alain CACHEUX, Jérôme CAHUZAC, Thierry CARCENAC, Christophe CARESCHE, Laurent CATHALA, Bernard CAZENEUVE, Guy CHAMBEFORT, Jean-Paul CHANTEGUET, Gérard CHARASSE, Alain CLAEYS, Jean-Michel CLÉMENT, Marie-Françoise CLERGEAU, Gilles COCQUEMPOT, Catherine COUTELLE, Pascale CROZON, Frédéric CUVILLIER, Claude DARCIAUX, Pascal DEGUILHEM, Michèle DELAUNAY, Bernard DEROSIER, Michel DESTOT, Julien DRAY, Tony DREYFUS, Jean-Pierre DUFAU, William DUMAS, Laurence DUMONT, Jean-Paul DUPRÉ, Yves DURAND, Olivier DUSSOPT, Christian ECKERT, Henri EMMANUELLI, Laurent FABIUS, Albert FACON, Martine FAURE, Hervé FÉRON, Aurélie FILIPPETTI, Pierre FORGUES, Valérie FOURNEYRON, Jean-Louis GAGNAIRE, Guillaume GAROT, Jean GAUBERT, Paul GIACOBBI, Jean-Patrick GILLE, Joël GIRAUD, Daniel GOLDBERG, Marc GOUA, Élisabeth GUIGOU, David HABIB, Danièle HOFFMAN-RISPAL, Sandrine HUREL, Monique IBORRA, Françoise IMBERT, Michel ISSINDOU, Serge JANQUIN, Henri JIBRAYEL, Régis JUANICO, Marietta KARAMANLI, Conchita LACUEY, Jérôme LAMBERT, François LAMY, Jack LANG, Colette LANGLADE, Jean LAUNAY, Jean-Yves LE BOUILLONNEC, Gilbert LE BRIS, Jean-Yves LE DÉAUT, Jean-Marie LE GUEN, Annick LE LOCH, Bruno LE ROUX, Marylise LEBRANCHU, Catherine LEMORTON, Annick LEPETIT, Bernard LESTERLIN, Serge LETCHIMY, Albert LIKUVALU, Jean MALLOT, Jacqueline MAQUET, Jeanny MARC, Jean-René MARSAC, Philippe MARTIN, Martine MARTINEL, Frédérique MASSAT, Didier MATHUS, Sandrine MAZETIER, Michel MÉNARD, Kléber MESQUIDA, Jean MICHEL, Pierre MOSCOVICI, Pierre-Alain MUET, Philippe NAUCHE, Henri NAYROU, Alain NÉRI, Dominique ORLIAC, Christian PAUL, George PAU-LANGEVIN, Germinal PEIRO, Jean-Luc PÉRAT, Marie-Françoise PÉROL-DUMONT, Sylvia PINEL, Martine PINVILLE, François PUPPONI, Catherine QUÉRÉ, Jean-Jack QUEYRANNE, Dominique RAIMBOURG, Marie-Line REYNAUD, Alain RODET, Marcel ROGEMONT, Bernard ROMAN, René ROUQUET, Michel SAINTE-MARIE, Michel SAPIN, Odile SAUGUES, Christophe SIRUGUE, Christiane TAUBIRA, Jean-Louis TOURAINE, Marisol TOURAINE, Philippe TOURTELIER, Jean-Jacques URVOAS, Daniel VAILLANT, Jacques VALAX, André VALLINI, Manuel VALLS, Michel VERGNIER, André VÉZINHET, Alain VIDALIES, Jean-Michel VILLAUMÉ, Jean-Claude VIOLLET, Philippe VUILQUE, Marie-Hélène AMIABLE, François ASENSI, Martine BILLARD, Alain BOCQUET, Patrick BRAOUEZEC, Jean-Pierre BRARD, Marie-George BUFFET, Jean-Jacques CANDELIER, André CHASSAIGNE, Jacques DESALLANGRE, Marc DOLEZ, Jacqueline FRAYSSE, André GERIN, Pierre GOSNAT, Jean-Paul LECOQ, Roland MUZEAU, Daniel PAUL, Jean-Claude SANDRIER, Michel VAXÈS, Yves COCHET, Noël MAMÈRE, François de RUGY, Anny POURSINOFF, Alfred MARIE-JEANNE und Huguette BELLO.
Unter Bezugnahme auf das Verfassungsergänzungsgesetz Nr. 2009-403 vom 15. April 2009 zur Durchführung der Artikel 34-1, 39 und 44 der Verfassung;
Unter Bezugnahme auf die Verordnung (EG) 562/2006 des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 15. März 2006 über einen Gemeinschaftskodex für das Überschreiten der Grenzen durch Personen (Schengener Grenzkodex);
Unter Bezugnahme auf die Richtlinie 2008/115/EG des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger;
Unter Bezugnahme auf die Richtlinie 2009/50/EG des Rates vom 25. Mai 2009 über die Bedingungen für die Einreise und den Aufenthalt von Drittstaatsangehörigen zur Ausübung einer hochqualifizierten Beschäftigung;
Unter Bezugnahme auf die Richtlinie 2009/52/EG des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 18. Juni 2009 über Mindeststandards für Sanktionen und Maßnahmen gegen Arbeitgeber, die Drittstaatsangehörige ohne rechtmäßigen Aufenthalt beschäftigen;
Unter Bezugnahme auf die Entscheidung des Verfassungsrates Nr. 2003-484 DC vom 20. November 2003;
Unter Bezugnahme auf das Urteil des Kassationsgerichtshofes (Zweiter Zivilsenat) vom 18. Dezember 1996, Nr. 95-50096;
Unter Bezugnahme auf die Stellungnahme des Präsidenten der Nationalversammlung, eingetragen am 25. Mai 2011;
Unter Bezugnahme auf die Stellungnahme der Regierung, eingetragen am 27. Mai 2011;
Unter Bezugnahme auf die Entgegnung der antragstellenden Senatoren, eingetragen am 31. Mai 2011;
Unter Bezugnahme auf die Entgegnung der antragstellenden Abgeordneten, eingetragen am 31. Mai 2011;
1. In Erwägung dessen, dass die antragstellenden Senatoren und Abgeordneten dem Verfassungsrat das Einwanderungs-, Integrations- und Staatsangehörigkeitsgesetz zur Prüfung vorlegen; dass sie die Verfassungsmäßigkeit der Artikel 2, 4, 10, 12, 13, 16, 26, 33, 37, 40, 44, 47, 51, 56, 57, 58, 70, 94, 95 und 98 des Gesetzes in Frage stellen; dass die antragstellenden Abgeordneten darüber hinaus das gesamte Gesetzgebungsverfahren zu diesem Gesetz rügen; dass sie den Verfassungsrat ersuchen, er möge auch die Verfassungsmäßigkeit der Artikel 73 bis 88 des Gesetzes prüfen;
- ÜBER DAS GESETZGEBUNGSVERFAHREN:
2. In Erwägung dessen, dass die antragstellenden Abgeordneten erstens behaupten, dadurch, dass versäumt worden sei, eine Sitzung der Konferenz der Präsidenten binnen zehn Tagen nach Einbringung des Gesetzentwurfes und der begleitenden Umweltverträglichkeitsprüfung abzuhalten, sei die Möglichkeit, die Aufrichtigkeit besagter Umweltverträglichkeitsprüfung in Frage zu stellen, unterbunden worden; dass daher das Erfordernis der Aufrichtigkeit der parlamentarischen Debatten verletzt worden sei;
3. In Erwägung dessen, dass die Absätze 3 und 4 von Artikel 39 der Verfassung bestimmen: „ Ein Verfassungsergänzungsgesetz regelt die Bedingungen für die Vorlage der bei der Nationalversammlung oder dem Senat eingebrachten Gesetzentwürfe. – Die Gesetzentwürfe dürfen nicht auf die Tagesordnung gesetzt werden, wenn die Konferenz der Präsidenten der zuerst befassten Kammer feststellt, dass die im Verfassungsergänzungsgesetz festgelegten Bestimmungen verkannt wurden. Im Falle der Uneinigkeit zwischen der Konferenz der Präsidenten und der Regierung kann der Präsident der betreffenden Kammer oder der Premierminister den Verfassungsrat anrufen, der binnen acht Tagen entscheidet “; dass Artikel 8 Absatz 1 des oben genannten Verfassungsergänzungsgesetzes vom 15. April 2009 lautet: „ Gesetzentwürfe werden von einer Umweltverträglichkeitsprüfung begleitet. Das Gutachten zur Umweltverträglichkeitsprüfung wird einem Gesetzentwurf bereits bei der Übermittlung des Gesetzentwurfs an den Staatsrat beigefügt. Es wird gleichzeitig mit dem Gesetzentwurf beim Präsidium der zuerst mit dem Gesetzentwurf befassten Kammer eingereicht “; dass gemäß Artikel 9 Absatz 1 dieses Verfassungsergänzungsgesetzes die Konferenz der Präsidenten der Kammer, bei deren Präsidium der Gesetzentwurf eingebracht worden ist, über eine Frist von zehn Tagen verfügt, um festzustellen, ob die Vorschriften über Umweltverträglichkeitsprüfungen missachtet worden sind;
4. In Erwägung dessen, dass der Gesetzentwurf am 31. März 2010 beim Präsidium der Nationalversammlung eingebracht wurde; dass binnen der ab dem Zeitpunkt dieser Einbringung laufenden Frist von zehn Tagen, am 6. April 2010, eine Sitzung der Konferenz der Präsidenten abgehalten wurde; dass diese keinen Verstoß gegen die Bestimmungen über die Umweltverträglichkeitsprüfungen festgestellt hat; dass die Rüge, es sei versäumt worden, eine Sitzung der Konferenz der Präsidenten abzuhalten, in deren Rahmen die Umweltverträglichkeitsprüfung hätte bestritten werden können, in sachlicher Hinsicht nicht begründet ist;
5. In Erwägung dessen, dass die antragstellenden Abgeordneten zweitens ausführen, die Festlegung des Zeitrahmens für die parlamentarische Beratung in der ersten Lesung durch die Nationalversammlung auf dreißig Stunden sei unzureichend gewesen und habe in Verbindung mit der Tatsache, dass keine Verlängerung dieses Zeitrahmens nach Artikel 49 Absatz 12 der Geschäftsordnung der Nationalversammlung beschlossen worden sei, dazu geführt, dass – in Anbetracht des Umfangs der in den Ausschüssen vorgenommenen Änderungen und der während der Sitzung der Nationalversammlung eingebrachten Abänderungsanträge – das Erfordernis der Klarheit und der Aufrichtigkeit der parlamentarischen Debatten verletzt worden sei;
6. In Erwägung dessen, dass, zum einem, im vorliegenden Fall die Festlegung eines ursprünglichen Zeitrahmens für die parlamentarische Beratung auf dreißig Stunden in Bezug auf das Erfordernis der Klarheit und der Aufrichtigkeit der parlamentarischen Debatten nicht offensichtlich unverhältnismäßig war;
7. In Erwägung dessen, dass, zum anderen, es gemäß Artikel 49 der Geschäftsordnung der Nationalversammlung der Konferenz der Präsidenten obliegt, über die Einräumung einer zusätzlichen Redezeit zu entscheiden; dass aus den Beratungen hervorgeht, dass während der Sitzung dieser eigens zu diesem Zweck einberufenen Konferenz kein entsprechender Antrag auf zusätzliche Redezeit gestellt wurde, sodass die Konferenz auch nicht über eine Verlängerung der Redezeit entscheiden konnte; dass daher die auf einer Nicht-Einräumung zusätzlicher Redezeit gestützte Rüge verworfen werden muss;
8. In Erwägung dessen, dass die antragstellenden Abgeordneten drittens die Auffassung vertreten, die während der Prüfung – durch die Nationalversammlung – der vom paritätischen Vermittlungsausschuss ausgearbeiteten Vorlage erfolgte Verabschiedung eines Abänderungsantrages, welcher der Gewährleitung der Verfassungsmäßigkeit eines Artikels des Gesetzentwurfes dienen sollte, – und zwar ungeachtet der Zurückweisung eines insbesondere auf eine vermeintliche Verfassungswidrigkeit des Gesetzentwurfs gestützten Antrags auf Vorabablehnung – habe zu einer Missachtung des Grundsatzes der Aufrichtigkeit der parlamentarischen Debatten geführt;
9. In Erwägung dessen, dass sich auch aus dem Sinn des Artikels 45 der Verfassung, insbesondere dessen Absatzes 1 („ Jeder Gesetzentwurf oder Gesetzesvorschlag wird nacheinander in beiden Kammern des Parlamentes mit dem Ziel beraten, zur Verabschiedung einer übereinstimmenden Fassung zu gelangen “), ergibt, dass Hinzufügungen oder Änderungen, welche nach der ersten Lesung von Mitgliedern des Parlaments oder von der Regierung vorgeschlagen werden, einen direkten Bezug zu einer noch strittigen Vorschrift vorweisen müssen; dass dieser letztgenannten Bedingung jedoch nicht diejenigen Abänderungsvorschläge unterworfen sind, welche insbesondere dazu dienen, die Einhaltung der Verfassung zu gewährleisten; dass ungeachtet der Zurückweisung eines Antrags auf Vorabablehnung, die Annahme eines Abänderungsantrages zur Wahrung der Verfassung nicht gegen die verfassungsrechtlichen Vorgaben bezüglich des parlamentarischen Verfahrens verstößt; dass infolgedessen die Rüge, die Aufrichtigkeit der parlamentarischen Debatten sei missachtet worden, zurückgewiesen werden muss;
- ÜBER DEN ARTIKEL 2:
10. In Erwägung dessen, dass der Artikel 2 den Artikel 21-24 des Zivilgesetzbuches ändert, gemäß welchem die Einbürgerung durch die Assimilation in die französische Gemeinschaft bedingt ist; dass er besagten Artikel um einen weiteren Absatz ergänzt, welcher lautet: „ Nach Prüfung seiner Assimilation unterschreibt der Betroffene die Charta der Rechte und Pflichten eines französischen Bürgers. Diese durch ein Dekret nach Stellungnahme des Staatsrates bestätigte Charta führt die Grundsätze, Werte und wesentlichen Symbole der Französischen Republik auf “;
11. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller vortragen, diese Vorschrift verleihe dadurch, dass sie eine Bestätigung der Charta durch den Inhaber des Verordnungsrechts vorsieht, den Verwaltungsbehörden die Befugnis, im Bereich der Grundrechte und des Staatsangehörigkeitsrechts Vorschriften zu erlassen; dass damit die Zuständigkeit des Parlaments verkannt und „ das verfassungsrechtliche Erfordernis der Klarheit und der Verständlichkeit des Gesetzes“ verfehlt seien;
12. In Erwägung dessen, dass gemäß Artikel 34 der Verfassung „ die staatsbürgerlichen Rechte und die den Bürgern zur Ausübung ihrer Grundfreiheiten gewährten Grundrechte“, sowie das Staatsangehörigkeitsrecht durch Gesetz geregelt werden;
13. In Erwägung dessen, dass es dem Gesetzgeber obliegt, die Zuständigkeiten, die ihm die Verfassung, insbesondere ihr Artikel 34, überträgt, vollumfänglich auszuüben; dass die vollständige Ausübung dieser Zuständigkeiten, sowie das verfassungsrechtliche Ziel der Verständlichkeit und der Zugänglichkeit des Gesetzes, welches sich aus den Artikeln 4, 5, 6 und 16 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 ableitet, ihn verpflichten, hinreichend genaue Vorschriften zu erlassen und eine eindeutige Wortwahl zu verwenden; dass er in der Tat die Rechtssubjekte gegen eine verfassungswidrige Auslegung des Gesetzes und gegen die Gefahr willkürlicher Entscheidungen zu schützen hat, ohne dabei die Aufgabe, Vorschriften zu erlassen, deren Bestimmung von Verfassungs wegen nur dem Gesetz zusteht, auf Verwaltungsbehörden oder Gerichte abzuwälzen;
14. In Erwägung dessen, dass die angegriffene Vorschrift weder unklar noch mehrdeutig ist; dass sie lediglich einem Dekret nach Stellungnahme des Staatsrates die Aufgabe überträgt, eine Charta zu bestätigen, deren alleiniger Gegenstand darin besteht, die Grundsätze, Werte und wesentlichen Symbole der Französischen Republik“ aufzuführen; dass sie die Zuständigkeit, die in der Verfassung niedergelegten oder von dieser dem Regelungsbereich des Gesetzes zugewiesenen Normen zu definieren, nicht überträgt; dass die vorgebrachte Rüge daher in sachlicher Hinsicht nicht begründet ist;
15. In Erwägung dessen, dass der Artikel 2 nicht verfassungswidrig ist;
16. In Erwägung dessen, dass der § 6 von Abschnitt 1 des Kapitels III von Titel I b des Buches I des Zivilgesetzbuches Vorschriften enthält, welche bestimmten Arten des Erwerbs der französischen Staatsangehörigkeit gemein sind; dass der Artikel 4 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes diesen Paragraphen um einen Artikel 21-27-1 ergänzt, welcher bestimmt: „ Bei Erwerb der französischen Staatsangehörigkeit durch amtliche Verfügung oder durch Willenserklärung gibt der Neubürger bei der zuständigen Behörde an, welche Staatsangehörigkeit(en) er bereits besitzt, welche Staatsangehörigkeit(en) er neben der französischen Staatsbürgerschaft zu behalten und auf welche Staatsangehörigkeit(en) er zu verzichten gedenkt “;
17. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller behaupten, dieser Artikel führe eine Unterscheidung zwischen Kategorien von Franzosen ein, je nachdem ob sie ihre Staatsangehörigkeit durch Geburt oder auf einem anderen Wege erworben haben; dass im Übrigen die Pflicht des Neubürgers, anzugeben, welche Staatsangehörigkeit(en) er neben der französischen Staatsbürgerschaft behalten und auf welche er verzichten will, eine übermäßige Belastung für diesen Neubürger darstelle;
18. In Erwägung dessen, dass die angegriffene Bestimmung sich darauf beschränkt, vorzusehen, dass Personen, die durch Willenserklärung oder durch amtliche Verfügung die französische Staatsbürgerschaft erwerben, gegenüber den französischen Behörden angeben, ob sie eine weitere Staatsangehörigkeit behalten oder nicht; dass sie keine Ungleichbehandlung zwischen Personen französischer Staatsangehörigkeit begründet; dass sie auch gegen keine andere verfassungsrechtliche Vorgabe verstößt; dass die Vorschrift infolgedessen nicht verfassungswidrig ist;
19. In Erwägung dessen, dass der § 2 von Artikel 10 den Artikel L. 221-2 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ändert; dass dieser Artikel L. 221-2 die Definition der Wartezonen regelt; dass der Artikel 10 in den Artikel L. 221-2 einen zweiten Absatz einfügt, welcher lautet: „ Ist offensichtlich, dass eine Gruppe von mindestens zehn Ausländern außerhalb einer Grenzübergangsstelle gerade nach Frankreich eingereist ist, – entweder alle an derselben Stelle oder an mehreren Orten, die nicht mehr als zehn Kilometer auseinander liegen – erstreckt sich die Wartezone, in der die Betroffenen für eine Dauer von bis zu sechsundzwanzig Tagen bis zu einer Entscheidung über das weitere Verfahren festgehalten werden können, von dem oder den Ort(en), an dem / denen die betroffenen Personen aufgefunden wurden, bis zur nächstgelegenen Grenzübergangsstelle “;
20. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller behaupten, die ungenaue Formulierung dieser Vorschrift führe dazu „ möglicherweise das gesamte Staatsgebiet in eine Wartezone zu verwandeln“; dass die Vorschrift daher keine ausreichenden Gewährleistungen gegen willkürliche Maßnahmen biete, die effektive Ausübung des Asylrechts verletze und gegen den Grundsatz der Unteilbarkeit der Republik verstoße;
21. In Erwägung dessen, dass, erstens, die angegriffene Bestimmung den Zweck verfolgt, den Schwierigkeiten zu begegnen, die sich aus der Situation ergeben, wenn eine Gruppe von Menschen außerhalb eines Grenzüberganges gerade nach Frankreich eingereist ist; dass die Ausdehnung der Wartezone auf das Gebiet zwischen dem Ort, an dem die Betroffenen aufgegriffen wurden und der nächstgelegenen Grenzübergangsstelle dazu dient, die Anwendung der Vorschriften des Titels II von Buch II des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ausschließlich gegenüber jenen Ausländern zu ermöglichen, die zu der Gruppe gehören, deren Einreise die Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen über die Wartezonen begründet; dass diese Ausweitung keine Auswirkungen auf die gegenüber anderen Ausländern, die sich in dieser Zone aufhalten, ohne jedoch zu besagter Gruppe zu gehören, anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen hat; dass daher die Rügen, der Grundsatz der Unteilbarkeit der Republik sei verletzt und die wirksame Ausübung des Asylrechts beeinträchtigt, zurückgewiesen werden müssen;
22. In Erwägung dessen, dass, zweitens, die Identität aller Mitglieder der betreffenden Gruppe innerhalb des vom Gesetz festgelegten Bezirks, welcher nicht erweitert werden kann, festgestellt worden sein muss; dass die Grenzübergangsstellen gemäß dem Artikel 34 b) der oben genannten Verordnung des Europäischen Parlamentes und des Rates vom 15. März 2006 genau bestimmt und öffentlich bekannt gemacht sind; dass die Wartezone nur für eine Dauer von sechsundzwanzig Tagen eingerichtet wird, welche nicht verlängert oder wiederholt werden darf; dass die angegriffene Regelung nur dann – unter der Aufsicht des zuständigen Gerichts – angewandt werden darf, wenn offensichtlich ist, dass eine Gruppe von Ausländern gerade nach Frankreich eingereist ist; dass der Gesetzgeber unter diesen Bedingungen hinreichend genaue Vorschriften erlassen hat, welche geeignet sind, eine Gewährleistung gegen willkürliche Maßnahmen darzustellen;
23. In Erwägung dessen, dass der § 2 des Artikels 10 nicht verfassungswidrig ist;
- ÜBER DIE ARTIKEL 12 UND 57:
24. In Erwägung dessen, dass Artikel 12 den Artikel L. 222-3 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ergänzt; dass dieser Artikel L. 222-3 das Verfahren zur Prüfung eines Antrags, einen Ausländer weiterhin in der Wartezone festzuhalten, durch den Haftrichter regelt; dass der Artikel 12 den Artikel L. 222-3 um einen weiteren Absatz vervollständigt, welcher bestimmt: „ Ein vor der Anhörung bezüglich der ersten Verlängerung des Festhaltens in der Wartezone erfolgter Rechtsverstoß kann nicht im Rahmen der Anhörung bezüglich einer zweiten Verlängerung der Maßnahme gerügt werden. Diese Unzulässigkeit wird von Amts wegen festgestellt “; dass der Artikel 57 in das Gesetzbuch einen Artikel L. 552-8 einfügt, welcher die gleiche Unzulässigkeitsregelung im Rahmen der Verlängerung einer Verwaltungshaft vorsieht;
25. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller vortragen, die Unzulässigkeit, nach der ersten Anhörung bezüglich der Verlängerung des Festhaltens in der Wartezone oder der Verwaltungshaft einen Rechtsverstoß zu rügen, verkenne die Anforderungen von Artikel 66 der Verfassung, welcher fordert, dass die Justiz jederzeit ihrer Aufgabe als Hüterin der persönlichen Freiheit nachkommen könne; dass sie den Verfassungsrat daher ersuchen, die angegriffenen Vorschriften für verfassungswidrig zu erklären oder zumindest die Fälle vorzubehalten, in denen Rechtsverstöße nach der ersten Anhörung bekannt werden;
26. In Erwägung dessen, dass Artikel 16 der Erklärung von 1789 verkündet: „ Eine Gesellschaft, in der die Verbürgung der Rechte nicht gesichert und die Gewaltenteilung nicht festgelegt ist, hat keine Verfassung“; dass diese Vorschrift das Recht auf effektiven Rechtsschutz gewährleistet; dass des Weiteren eine geordnete Rechtspflege aufgrund der Artikel 12, 15 und 16 der Erklärung von 1789 ein verfassungsrechtliches Ziel darstellt;
27. In Erwägung dessen, dass die angegriffenen Vorschriften zum Gegenstand haben, sowohl in Bezug auf das Festhalten in der Wartezone als auch bezüglich der Verwaltungshaft, die Rechtsprechung des Kassationsgerichtshofs, gemäß welcher die Umstände der vorübergehenden Festnahme eines Ausländers nur im Zuge des gerichtlichen Verfahrens über den ersten Antrag auf Verlängerung der Inhafthaltung des Ausländers, nicht aber später vor dem mit einem erneuten Antrag auf Verlängerung befassten Richter angefochten werden können, zu sanktionieren und ihr allgemeine Geltung gegenüber allen Rechtsverstößen zu verleihen; dass es sich bei den Rechtsverstößen, die nach der ersten Anhörung zur Verlängerung der Maßnahme nicht mehr gerügt werden können, um diejenigen handelt, die im Rahmen dieser ersten Anhörung hätten geltend gemacht werden können; dass die angegriffenen Vorschriften, indem sie fordern, dass etwaige Rechtsverstöße bereits im Rahmen der ersten Anhörung durch den Haftrichter gerügt werden müssen, dem verfassungsrechtlichen Ziel einer geordneten Rechtspflege dienen, ohne dabei das Recht auf effektiven Rechtsschutz zu verletzen; dass die Artikel 12 und 57 daher nicht verfassungswidrig sind;
28. In Erwägung dessen, dass der Artikel 13 ebenfalls den Artikel L. 222-3 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländer, sowie über das Asylrecht ändert; dass Punkt 2o von Artikel 13 in den Artikel L. 222-3 einen Absatz 3 mit folgendem Wortlaut einfügt: „ Das Vorliegen angemessener Sicherheiten durch den Ausländer ist allein nicht ausreichend, eine Ablehnung der Verlängerung des Festhaltens des Ausländers in der Wartezone zu rechtfertigen “;
29. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller behaupten, dadurch, dass die angegriffene Vorschrift dem Haftrichter die Möglichkeit nehme, die Freilassung des betroffenen Ausländers ausschließlich unter Berücksichtigung der von diesem Ausländer vorgebrachten angemessenen Sicherheiten zu beschließen, das Amt des Richters in seiner Funktion als Hüter der Freiheit der Person verletzt sei; dass die Vorschrift darüber hinaus auch den Grundsatz verkenne, gemäß welchem freiheitsentziehende Maßnahmen lediglich eine Ausnahme bildeten und nicht zum Regelfall werden dürften;
30. In Erwägung dessen, dass laut Artikel L. 221-1 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht das Festhalten eines nach Frankreich eingereisten Ausländers in der Wartezone verfügt werden kann, wenn dieser Ausländer keine Einreiseerlaubnis besitzt oder er um Asyl ersucht; dass die angegriffene Norm daher, sofern sie vorsieht, dass der Beschluss, der einem Ausländer die Einreise nach Frankreich gestattet, nicht allein damit begründet werden darf, dass besagter Ausländer angemessene Sicherheiten in Frankreich bietet, gegen keine Vorschrift von Verfassungsrang verstößt; dass der Artikel 13 nicht verfassungswidrig ist;
- ÜBER DIE ARTIKEL 16 UND 58:
31. In Erwägung dessen, dass die Artikel 16 und 58 die bezüglich des Verfahrens zur Verlängerung des Festhaltens eines Ausländers in der Wartezone anwendbaren Artikel L. 222-5 und L. 222-6 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht, beziehungsweise den Artikel L. 552-10 desselben Gesetzbuches ändern, welcher das Verfahren zur Verlängerung einer Verwaltungshaft betrifft; dass sie für den Fall, dass der Haftrichter die Aufhebung des Festhaltens in der Wartezone oder der Verwaltungshaft anordnet, den Zeitraum, während dessen der Ausländer trotzdem weiterhin in Gewahrsam gehalten werden darf, damit der Oberstaatsanwalt die Möglichkeit hat, wenn er gegen diese Verfügung Berufung einlegt, den Ersten Präsidenten des Appellationsgerichtshofes anzurufen, um seiner Berufung aufschiebende Wirkung verleihen zu lassen, von vier auf sechs Stunden heraufsetzen;
32. In Erwägung dessen, dass diese Verlängerung der Frist von vier auf sechs Stunden, während derer eine Person, deren Freilassung vom Haftrichter angeordnet worden ist, weiterhin in Gewahrsam gehalten werden kann, nach Auffassung der Antragsteller gegen Artikel 66 der Verfassung verstößt;
33. In Erwägung dessen, dass der Verfassungsrat in seiner oben genannten Entscheidung vom 20. November 2003 die Vorschriften, aus denen die von den Artikeln 16 und 58 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes geänderten Bestimmungen hervorgegangen sind, für verfassungsgemäß erklärt hat; dass diese Artikel 16 und 58 aufgrund ihrer begrenzten Auswirkungen nicht als gegen die oben genannten verfassungsrechtlichen Vorgaben verstoßend angesehen werden können; dass die Artikel 16 und 58 infolgedessen nicht verfassungswidrig sind;
- ÜBER DIE ARTIKEL 26, 40 UND 70:
34. In Erwägung dessen, dass der Artikel 26 den ersten Satz von Punkt 11o des Artikels L. 313-11 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ändert; dass dieser Satz die automatische Erteilung einer zeitlich beschränkten Aufenthaltserlaubnis mit dem Vermerk „Privat- und Familienleben“ an Ausländer vorsieht, die ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort in Frankreich haben und deren Gesundheitszustand eine medizinische Betreuung erfordert, ohne die schwerste gesundheitliche Folgen zu befürchten wären; dass bei gegenwärtigem Wortlaut der Norm die Erteilung besagter Aufenthaltserlaubnis von der Unmöglichkeit für den betroffenen Ausländer abhängt, „ in seinem Heimatland eine wirksame und geeignete medizinische Behandlung“ zu erhalten; dass der Artikel 26 zum einen diese Voraussetzung durch eine andere ersetzt, nämlich das „Fehlen“ einer angemessenen Behandlung im Heimatland, und zum anderen den Fall einer „ außergewöhnlichen humanitären Notlage, welche von der zuständigen Behörde nach Stellungnahme des Leiters des regionalen Gesundheitsamtes gewürdigt wird “, vorbehält; dass der Artikel 40 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes, welcher den Artikel L. 511-4 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländer . sowie über das Asylrecht ändert, die Rechtsfolgen dieser Änderung für den Fall regelt, dass die Aufforderung, das französische Staatsgebiet zu verlassen, gegen einen schwerkranken Ausländer nicht verfügt werden kann; dass der Artikel 70, welcher die Artikel L. 521-3 und L. 532-4 desselben Gesetzbuches ändert, die Rechtsfolgen für die folgenden beiden Fälle regelt: erstens, dass ein schwerkranker Ausländer nur wegen „ Handlungen gegen die grundlegenden Interessen des Staates, Handlungen im Zusammenhang mit terroristischen Aktivitäten, oder Verhaltensweisen, die einen ausdrücklichen und vorsätzlichen Aufruf zu Diskriminierung, Hass oder Gewalt gegen eine bestimmte Person oder Personengruppe darstellen “, ausgewiesen werden kann, und zweitens, für den Fall, dass der schwerkranke Ausländer unter Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes steht, weil die gegen ihn erlassene Ausweisungsverfügung nicht vollstreckt werden kann;
35. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller die Ansicht vertreten, diese Vorschriften verstießen gegen das verfassungsrechtliche Ziel der Verständlichkeit und Zugänglichkeit des Gesetzes; dass sie insbesondere vortragen, die Ungenauigkeit des Begriffes der „ außergewöhnlichen humanitären Notlage“ werde zu divergierenden Auslegungen und damit zu einer Verletzung des Gleichheitssatzes führen; dass sie darüber hinaus behaupten, das Verfahren, auf dessen Grundlage der zuständigen Behörde die Würdigung dieses Begriffs obliegt, werde, durch seine Ungenauigkeit, zu Eingriffen in die ärztliche Schweigepflicht führen, welche das Recht auf Achtung der Privatsphäre verletzen;
36. In Erwägung dessen, dass der Gesetzgeber zum einen durch die Wahl des Begriffes des „Fehlen[s]“ an einer geeigneten Behandlung im Heimatland oder in dem Land, in das der Ausländer ausgewiesen wird, der Rechtsunsicherheit und den unterschiedlichen Auslegungen, die sich aufgrund der Würdigung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ergeben, unter denen der Betroffene in einem solchen Land eine „ wirksame und geeignete medizinische Behandlung“ erhalten konnte, ein Ende setzen wollte; dass der Gesetzgeber zum anderen, indem er den Fall einer außergewöhnlichen humanitären Notlage vorbehalten hat, die Berücksichtigung individueller Situationen zu ermöglichen gedachte, welche trotz geeigneter Behandlungsmöglichkeiten im Heimat- oder Aufnahmeland den Verbleib des Betroffenen in Frankreich rechtfertigen; dass er zu diesem Zweck die Beurteilung dieser individuellen Lage der zuständigen Behörde anvertraut hat, welche durch eine Stellungnahme des Leiters des regionalen Gesundheitsamtes über die Situation aufgeklärt wird, der seinerseits durch ein ärztliches Attest über diese Umstände unterrichtet wird; dass dabei die Informationen über den Gesundheitszustand des Betroffenen, die seinen Antrag stützen, nur vom Betroffenen selbst an die zuständige Behörde übermittelt werden können; dass die angegriffenen Vorschriften damit genau und unzweideutig sind; dass aus diesen Ausführungen folgt, dass die auf einer Verkennung des Ziels der Verständlichkeit und Zugänglichkeit des Gesetzes und einer Verletzung der Privatsphäre gestützten Rügen zurückgewiesen werden müssen; dass die Artikel 26, 40 und 70 nicht verfassungswidrig sind;
- ÜBER DEN ARTIKEL 33:
37. In Erwägung dessen, dass der Artikel 33 den ersten Absatz von Artikel L. 632-1 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ergänzt; dass „ wenn ein Ausländer eine Ehe eingegangen ist und dabei seinem Ehepartner seine Absichten verschwiegen hat“, ihm die Strafe von bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe und 15.000 Euro Geldstrafe droht, mit der eine Eheschließung oder die Anerkennung einer Vaterschaft geahndet wird, die einzig dem Zweck dient, für sich oder einen Dritten eine Aufenthaltserlaubnis oder Schutz gegen eine Ausweisung zu erwirken, oder für sich oder einen Dritten die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen;
38. In Erwägung dessen, dass diese Vorschrift nach Auffassung der Antragsteller eine verfassungswidrige Ungleichbehandlung zwischen Franzosen und Ausländern einführt;
39. In Erwägung dessen, dass Artikel 6 der Erklärung von 1789 bestimmt: „Das Gesetz [···] soll für alle gleich sein, mag es beschützen, mag es bestrafen“; dass das Gleichheitsgebot dem Gesetzgeber weder verbietet, verschiedene Sachverhalte verschieden zu regeln, noch aus Gründen des Allgemeininteresses vom Gleichheitssatz abzuweichen, solange in beiden Fällen die sich daraus ergebende Ungleichbehandlung in direktem Zusammenhang mit dem Zweck des Gesetzes steht, welches sie begründet;
40. In Erwägung dessen, dass der Gesetzgeber mit der Verabschiedung der angegriffenen Bestimmung lediglich bekräftigt hat, dass ein Ausländer sich strafbar macht, wenn er seinem Ehepartner, der ihn in gutem Glauben ehelicht, seine Absicht verheimlicht, die Ehe nur einzugehen, um eine Aufenthaltserlaubnis, Schutz gegen eine drohende Abschiebung, oder die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen; dass der Gesetzgeber keine Ungleichbehandlung eingeführt hat; dass infolgedessen die Rüge, der Gleichheitssatz sei verletzt, verworfen werden muss; dass der Artikel 33 nicht gegen die Verfassung verstößt;
- ÜBER DEN ARTIKEL 37:
41. In Erwägung dessen, dass der Artikel 37 die Vorschriften der oben genannten Richtlinie 2008/115/EG umsetzt; dass er zu diesem Zweck eine Neufassung des Artikels L. 511-1 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht vorsieht, welcher die Verfahren zur Ausweisung sich illegal im Land aufhaltender Ausländer regelt;
- Bezüglich des Fehlens einer Frist zur freiwilligen Ausreise:
42. In Erwägung dessen, dass der geänderte Artikel L. 511-1 in seinem § 2 näher bestimmt, dass ein Ausländer, nachdem ihm bekannt gegeben wurde, dass er das Staatsgebiet zu verlassen habe, über eine Frist von dreißig Tagen zur Ausreise verfügt, und die zuständige Behörde ihm ausnahmsweise und in Anbetracht seiner persönlichen Lage eine längere Frist für seine freiwillige Ausreise einräumen kann; dass dieselbe Vorschrift jedoch auch vorsieht, dass „die zuständige Behörde durch eine mit Gründen versehene Entscheidung verfügen [kann], dass der Ausländer unverzüglich das französische Staatsgebiet zu verlassen hat:
„1o wenn das Verhalten des Ausländers eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung darstellt,
„ 2o wenn der Antrag des Ausländers auf Erteilung oder Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis, seiner Bescheinigung über die Einreichung eines Antrags auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis oder seiner vorläufigen Aufenthaltserlaubnis mit der Begründung abschlägig beschieden wurde, der Antrag sei offenkundig unbegründet oder missbräuchlich,
„3o wenn die Gefahr besteht, dass sich der Ausländer seiner Pflicht zur Ausreise entzieht“;
43. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller vorbringen, der Gesetzgeber habe Vorschriften erlassen, die mit der umzusetzenden Richtlinie offensichtlich unvereinbar seien;
44. In Erwägung dessen, dass Artikel 88-1 Absatz 1 der Verfassung lautet: „ Die Republik wirkt an der Europäischen Union mit, die aus Staaten besteht, die sich in freier Entscheidung dazu entschlossen haben, einige ihrer Kompetenzen nach Maßgabe des Vertrages über die Europäische Union und des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union, in der Fassung durch den am 13. Dezember 2007 in Lissabon unterzeichneten Vertrag, gemeinsam wahrzunehmen “; dass damit die Umsetzung einer gemeinschaftsrechtlichen Richtlinie in innerstaatliches Recht aus einem verfassungsrechtlichen Gebot folgt;
45. In Erwägung dessen, dass es dem Verfassungsrat obliegt, wenn er gemäß den Voraussetzungen des Artikels 61 der Verfassung bezüglich eines Gesetzes angerufen wird, welches zum Ziel hat, eine Gemeinschaftsrichtlinie in nationales Recht umzusetzen, auf die Befolgung dieses Gebots zu achten; dass jedoch die von ihm zu diesem Zwecke ausgeübte Kontrolle einer zweifachen Beschränkung unterliegt; dass, erstens, die Umsetzung einer Richtlinie nicht gegen eine Bestimmung oder einen Grundsatz, in welchen die verfassungsrechtliche Identität Frankreichs zum Ausdruck kommt, verstoßen darf, es sei denn, der Verfassungsgesetzgeber hätte dem zugestimmt; dass, zweitens, der Verfassungsrat, welcher vor Verkündung des Gesetzes und innerhalb der von Artikel 61 der Verfassung gesetzten Frist zu entscheiden hat, den Gerichtshof der Europäischen Union nicht mit einer Vorlage nach Artikel 267 des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union anrufen kann; dass er daher eine gesetzliche Bestimmung nur dann als gegen Artikel 88-1 der Verfassung verstoßend erklären könnte, wenn sie offensichtlich mit der Richtlinie, deren Umsetzung das Ziel dieser Bestimmung ist, unvereinbar wäre; dass es in jedem Fall den ordentlichen Gerichten und den Verwaltungsgerichten obliegt, die Vereinbarkeit des Gesetzes mit den europarechtlichen Verpflichtungen Frankreichs zu prüfen und gegebenenfalls den Europäischen Gerichtshof im Wege einer Vorabentscheidung anzurufen;
46. In Erwägung dessen, dass die oben genannte Richtlinie 2008/115/EG in ihrem Artikel 7 § 4 bestimmt: „ Besteht Fluchtgefahr oder ist der Antrag auf einen Aufenthaltstitel als offensichtlich unbegründet oder missbräuchlich abgelehnt worden oder stellt die betreffende Person eine Gefahr für die öffentliche Ordnung, die öffentliche Sicherheit oder die nationale Sicherheit dar, so können die Mitgliedstaaten davon absehen, eine Frist für die freiwillige Ausreise zu gewähren, oder sie können eine Ausreisefrist von weniger als sieben Tagen einräumen “; dass Artikel 3 § 7 der Richtlinie den Begriff „Fluchtgefahr“ als „ das Vorliegen von Gründen im Einzelfall, die auf objektiven, gesetzlich festgelegten Kriterien beruhen und zu der Annahme Anlass geben, dass sich Drittstaatsangehörige einem Rückkehrverfahren durch Flucht entziehen könnten “ definiert;
47. In Erwägung dessen, dass die angegriffene Vorschrift die zuständige Behörde von der Pflicht befreit, dem Ausländer eine Frist zur freiwilligen Ausreise einzuräumen, wenn die Gefahr besteht, dass dieser sich seiner Ausreiseverpflichtung entzieht; dass diese Bestimmung vorsieht, dass, außer wenn besondere Umstände vorliegen, diese Gefahr in den folgenden Fällen als erwiesen gilt:
„ a) wenn ein Ausländer, der nicht belegen kann, legal in das französische Staatsgebiet eingereist zu sein, keine Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis beantragt hat;
„ b) wenn der Ausländer sich auch nach Ablauf seines Visums oder, wenn er keiner Visumspflicht unterworfen ist, nach Ablauf eines Zeitraumes von drei Monaten nach seiner Einreise nach Frankreich, weiterhin im französischen Staatsgebiet aufgehalten hat, ohne eine Aufenthaltserlaubnis zu beantragen;
„ c) wenn der Ausländer sich länger als einen Monat nach Ablauf seiner Aufenthaltserlaubnis, seiner Bescheinigung über die Einreichung eines Antrags auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis oder seiner vorläufigen Aufenthaltserlaubnis, und ohne einen Antrag zur Verlängerung derselben gestellt zu haben, weiterhin im französischen Staatsgebiet aufhält;
„d) wenn der Ausländer sich der Vollstreckung einer früheren Abschiebung entzogen hat;
„ e) wenn der Ausländer eine Aufenthaltserlaubnis, einen Ausweis oder Reisepapiere gefälscht hat oder unter einem anderen als seinem Namen hat ausstellen lassen;
„ f) wenn der Ausländer keine ausreichenden Sicherheiten vorbringt – insbesondere weil er keine gültigen Ausweis- oder Reisepapiere vorlegen kann –, er seinen ständigen und tatsächlichen Wohnsitz nicht angegeben hat, oder er sich früher bereits den Verpflichtungen nach Artikel L. 513-4, Artikel L. 552-4, L. 561-1 und L. 561-2 entzogen hat“ ;
48. In Erwägung dessen, dass die Einschätzung des Gesetzgebers, es bestehe, außer wenn besondere Umstände vorliegen, in den sechs vom § 2 des Artikels L. 511-1 aufgeführten Fällen die Gefahr, dass sich ein Ausländer der ihm auferlegten Verpflichtung, das Staatsgebiet zu verlassen, entzieht, auf objektiven Kriterien beruht, die nicht offensichtlich mit der Richtlinie, die das Gesetz umsetzen soll, unvereinbar sind; dass die angegriffenen Bestimmungen daher nicht gegen Artikel 88-1 der Verfassung verstoßen;
- Bezüglich des Wiedereinreiseverbots:
49. In Erwägung dessen, dass der geänderte Artikel L. 511-1 in seinem § III vorsieht, dass die zuständige Behörde eine Ausweisungsverfügung als begleitende Maßnahme auch ein Wiedereinreiseverbot enthalten kann;
50. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller behaupten, der Gesetzgeber habe den Artikel 8 der Erklärung von 1789, die Rechte der Verteidigung, den Grundsatz des rechtlichen Gehörs, sowie vierten Absatz der Präambel der Verfassung von 1946 verletzt, welcher festschreibt: „ Jedermann, der aufgrund seiner Tätigkeit für die Freiheit verfolgt wird, hat in den Gebieten der Republik Asylrecht“;
51. In Erwägung dessen, dass der Artikel L. 511-1 § III Absatz 7 bestimmt: „ Das Wiedereinreiseverbot und seine Dauer werden von der zuständigen Behörde verfügt, unter Berücksichtigung der Aufenthaltsdauer des Ausländers im französischen Staatsgebiet, der Art und Dauer seiner Verbindungen zu Frankreich, der Frage, ob er bereits einmal abgeschoben worden ist, sowie der Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, die die Anwesenheit des Betroffenen im französischen Staatsgebiet bedeuten könnte “; dass das Wiedereinreiseverbot von der zuständigen Behörde auch wieder aufgehoben werden kann; dass, außer im Fall besonderer, auf die Situation oder das Verhalten des Betroffenen zurückzuführende Umstände, diese Aufhebung von Rechts wegen erfolgt, wenn der Betroffene die in der Ausweisungsverfügung genannte Frist befolgt hat;
52. In Erwägung dessen, dass, erstens, das Wiedereinreiseverbot, welches eine Ausweisungsverfügung begleiten kann, eine polizeiliche Maßnahme und keine Strafe im Sinne des Artikels 8 der Erklärung von 1789 darstellt; dass infolgedessen die Rüge, welche eine Verletzung dieser Norm geltend macht, nicht durchgreift;
53. In Erwägung dessen, dass, zweitens, außer in den Fällen, in denen eine Strafmaßnahme verhängt wird, die verfassungsrechtlichen Normen und Grundsätze alleine nicht gebieten, der vollstreckbaren Entscheidung einer Behörde müsse ein Widerspruchsverfahren vorgeschaltet sein; dass daher die Rüge, die Rechte der Verteidigung und der Grundsatz des rechtlichen Gehörs seien verletzt, verworfen werden muss;
54. In Erwägung dessen, dass, drittens, der Antrag auf Aufhebung des Wiedereinreiseverbots nur zulässig ist, wenn der antragstellende Ausländer nachweist, dass er sich außerhalb Frankreichs aufhält; dass diese Voraussetzung das Asylrecht nicht verletzt, sofern die Einreiseverweigerung der Einreichung eines Asylantrags an der Grenze gemäß Artikel L, 213-2 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht nicht entgegensteht;
55. In Erwägung dessen, dass, viertens, die dergestalt eingeführte Maßnahme nicht offensichtlich mit dem Artikel 11 der umzusetzenden Richtlinie 2008/115/EG unvereinbar ist;
56. In Erwägung dessen, dass der Artikel 37 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes nicht verfassungswidrig ist;
- ÜBER DIE ARTIKEL 44, 47, 51 UND 56:
57. In Erwägung dessen, dass die Artikel 44, 47, 51 und 56 die Vorschriften der oben genannten Richtlinie 2008/115/EG umsetzen; dass sie zu diesem Zweck die Artikel L. 551-1, L. 561-1 bis L. 563-3, L. 552-1 und L. 552-7 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht neu fassen und die Artikel L. 552-4-1 und L. 562-1 bis L. 562-3 in dieses Gesetzbuch einfügen;
58. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller geltend machen, die Artikel 44 und 51 verstießen gegen den Artikel 9 der Erklärung von 1789 und den Artikel 66 der Verfassung, insofern sie eine Frist von fünf Tagen vorsehen, bevor der Haftrichter zwecks Verlängerung der Verwaltungshaft gegen einen Ausländer eingeschaltet werden muss; dass sie ebenfalls vortragen, der Artikel 44 – und auch der Artikel 47, insofern er den Artikel L. 561-2 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern neu fasst – verfehlten die Vorgaben der umzusetzenden Richtlinie; dass besagter Artikel 47 darüber hinaus die persönliche Freiheit oder zumindest das Grundrecht der Freizügigkeit verletze; dass sie ebenfalls rügen, der Artikel 56 verstoße gegen Artikel 9 der Erklärung von 1789, da er eine in Bezug auf den Schutz der persönlichen Freiheit nicht notwendige Härte vorsieht;
- Bezüglich der Rüge, die Vorgaben der Richtlinie seien verfehlt worden:
59. In Erwägung dessen, dass der Artikel 44 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes den Artikel L. 551-1 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern ändert; dass dieser Artikel in seiner nunmehr geänderten Fassung vorsieht, dass ein Ausländer, der das französische Staatsgebiet nicht umgehend verlassen kann, von den Behörden in Räumlichkeiten, die nicht den Justizvollzugsbehörden unterstehen, für eine Dauer von bis zu fünf Tagen festgehalten werden kann, außer wenn der Ausländer gemäß der Vorschrift des Artikels L. 561-2 unter Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes steht;
60. In Erwägung dessen, dass der Artikel 47 den Artikel L. 561-2 neu fasst: „ In den von Artikel L. 551-1 vorgesehenen Fällen kann die zuständige Behörde gegenüber einem Ausländer Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes anordnen, wenn eine vernünftige Aussicht auf die Vollstreckung der Ausweisungsverfügung besteht und der Ausländer angemessene Sicherheiten dafür bietet, die geeignet sind, der in Artikel L. 551-1 § II genannten Gefahr vorzubeugen, dass sich der Ausländer seiner Verpflichtung zur Ausreise entzieht. Die drei letzten Absätze von Artikel L. 561-1 sind anwendbar, vorbehaltlich der Höchstdauer der Aufsicht, die eine einmalig wiederholbare Dauer von fünfundvierzig Tagen nicht überschreiten darf “;
61. In Erwägung dessen, dass der Artikel 15 § 1 der Richtlinie 2008/115/EG bestimmt: „ Sofern in dem konkreten Fall keine anderen ausreichenden, jedoch weniger intensiven Zwangsmaßnahmen wirksam angewandt werden können, dürfen die Mitgliedstaaten Drittstaatsangehörige, gegen die ein Rückkehrverfahren anhängig ist, nur in Haft nehmen, um deren Rückkehr vorzubereiten und/oder die Abschiebung durchzuführen, und zwar insbesondere dann, wenn a) Fluchtgefahr besteht oder b) die betreffenden Drittstaatsangehörigen die Vorbereitung der Rückkehr oder das Abschiebungsverfahren umgehen oder behindern. – Die Haftdauer hat so kurz wie möglich zu sein und sich nur auf die Dauer der laufenden Abschiebungsvorkehrungen zu erstrecken, solange diese mit der gebotenen Sorgfalt durchgeführt werden “; dass gemäß diesen Bestimmungen Haft nur dann angeordnet werden kann, wenn die Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes keine hinreichende Maßnahme ist, um der Gefahr vorzubeugen, dass ein Ausländer einer gegen ihn verfügten Pflicht, das Staatsgebiet zu verlassen, nicht nachkommt;
62. In Erwägung dessen, dass die angegriffenen Bestimmungen der Artikel 44 und 47 nicht offenkundig mit dem Zweck der vom zur Prüfung vorgelegten Gesetz umgesetzten Richtlinie unvereinbar sind;
- Bezüglich der Rüge, die persönliche Freiheit sei verletzt:
63. In Erwägung dessen, dass Artikel 66 der Verfassung vorschreibt: „ Niemand darf willkürlich in Haft gehalten werden. – Die Justiz gewährleistet als Hüterin der persönlichen Freiheit die Einhaltung dieses Grundsatzes gemäß den gesetzlich festgelegten Voraussetzungen “; dass der Gesetzgeber im Rahmen seiner Zuständigkeit befugt ist, je nach Art und Anwendungsbereich des Eingriffs, den er in die persönliche Freiheit vorzunehmen gedenkt, verschiedene Modalitäten für das Einschreiten der Gerichte vorzusehen; dass die Freiheit der Person, deren Schutz gemäß Artikel 66 der Verfassung der Justiz obliegt, nur dann angemessen geschützt ist, wenn ein Gericht schnellstmöglich mit dem Fall befasst werden kann;
64. In Erwägung dessen, dass keine Vorschrift von Verfassungsrang Ausländern ein allgemeines und uneingeschränktes Einreise- und Aufenthaltsrecht im französischen Staatsgebiet einräumt; dass die Voraussetzungen für die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern durch Maßnahmen zur Gefahrenabwehr beschränkt werden können, die den Behörden erweiterte, auf besonderen Vorschriften beruhende Befugnisse übertragen; dass der Kampf gegen illegale Einwanderung Teil des verfassungsrechtlichen Gebotes der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung ist;
65. In Erwägung dessen, dass gemäß der französischen Auffassung der Gewaltenteilung, zu den wesentlichen, von den Gesetzen der Republik anerkannten Grundsätzen auch derjenige gehört, gemäß welchem – außer in den Fällen, die ihrem Wesen nach in den Zuständigkeitsbereich der ordentlichen Gerichtsbarkeit gehören – die Nichtigerklärung oder die Abänderung einer in Ausübung hoheitlicher Befugnisse beschlossenen Maßnahme der staatlichen Behörden, ihrer Bediensteten, der Gebietskörperschaften der Republik oder unter staatlicher Leitung oder Aufsicht gestellten öffentlichen Einrichtungen letztendlich in den Zuständigkeitsbereich der Verwaltungsgerichtsbarkeit fällt;
66. In Erwägung dessen, dass die Inhaftnahme eines Ausländers, der nicht umgehend das Staatsgebiet verlassen kann, den aus Artikel 66 der Verfassung folgenden Grundsatz achten muss, gemäß welchem die Freiheit der Person nicht durch eine nicht notwendige Härte eingeschränkt werden darf; dass es dem Gesetzgeber obliegt, auf der einen Seite die zum Schutz verfassungsrechtlicher Rechte und Grundsätze unerlässliche Verhinderung von Angriffen auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung, sowie die Anforderungen einer wirksamen Rechtspflege, und auf der anderen Seite die Ausübung der von der Verfassung verbürgten Rechte und Freiheiten miteinander in Einklang zu bringen; dass zu diesen Rechten und Freiheiten das Grundrecht der Freizügigkeit und das Recht auf Achtung der Privatsphäre, welche von den Artikeln 2 und 4 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 geschützt werden, ebenso gehören wie die persönliche Freiheit, deren Schutz gemäß Artikel 66 der Verfassung der Justiz obliegt; dass die Eingriffe in diese Freiheitsrechte im Hinblick auf das verfolgte Schutzziel angemessen, notwendig und verhältnismäßig sein müssen;
67. In Erwägung dessen, dass Artikel 34 der Verfassung bestimmt, dass es in den Zuständigkeitsbereich des Gesetzes fällt, die den Staatsbürgern zur Ausübung ihrer Grundrechte gewährten grundlegenden Garantien zu regeln; dass es dem Gesetzgeber jederzeit freisteht, im Rahmen seiner Zuständigkeit, neue Regelungen, deren Zweckmäßigkeit er beurteilt, zu erlassen, bestehende Gesetze zu ändern oder sie aufzuheben und gegebenenfalls durch neue zu ersetzen, sofern er bei der Ausübung dieser Befugnis Vorgaben von Verfassungsrang nicht die gesetzlichen Gewährleistungen entzieht;
- Betreffend die vom geänderten Artikel L. 562-1 vorgesehene Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes:
68. In Erwägung dessen, dass der angegriffene Artikel vorsieht, dass die zuständige Behörde gegenüber einem Ausländer, der in Räumlichkeiten, die nicht den Justizvollzugsbehörden unterstehen, festgehalten werden könnte, Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes anordnen kann, wenn eine vernünftige Aussicht auf die Vollstreckung der Ausweisungsverfügung besteht und der Ausländer angemessene Sicherheiten bietet; dass diese Maßnahme keinen Entzug der persönlichen Freiheit zur Folge hat, und die Rüge, Artikel 66 der Verfassung sei verletzt, daher nicht durchgreift;
- Betreffend die Verlängerung der Haftdauer über einen Zeitraum von fünf Tagen hinaus:
69. In Erwägung dessen, dass gemäß den Artikeln 44 und 51 zum einen ein Ausländer, der das französische Staatsgebiet nicht umgehend verlassen kann, von der zuständigen Behörde für eine Dauer von fünf Tagen in Haft genommen werden kann, und zum anderen die Frist, nach deren Ablauf der Haftrichter zwecks Verlängerung der Maßnahme angerufen werden muss, von achtundvierzig Stunden auf fünf Tage heraufgesetzt wird; dass der Haftrichter binnen vierundzwanzig Stunden nach seiner Anrufung entscheidet;
70. In Erwägung dessen, dass des Weiteren – wie Artikel L. 554-1 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht, der nicht geändert wurde, bekräftigt – ein Ausländer nur solange festgehalten werden darf, wie dies für seine Abschiebung unbedingt geboten ist, wobei die Behörde mit der gebotenen Sorgfalt zu handeln hat;
71. In Erwägung dessen, dass die Artikel 48 ff. des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes auch das Verwaltungsprozessrecht im Bereich der Abschiebung von Ausländern ändern; dass das Gesetz hier insbesondere vorsieht, dass der Betroffene vor dem Verwaltungsgericht Klage mit dem Ziel der Nichtigerklärung der Ausweisungsverfügung, beziehungsweise Klage gegen diese Verfügung begleitende Rechtsakte erheben kann, nämlich gegen den Beschluss bezüglich des Aufenthaltes des Ausländers, den abschlägigen Bescheid über die Einräumung einer Frist zur freiwilligen Ausreise, den Beschluss über das Zielland, sowie das Wiedereinreiseverbot nach Frankreich; dass der Ausländer, wenn er in Haft genommen wird, nicht nur gegen die Ausweisungsverfügung vorgehen, sondern binnen achtundvierzig Stunden nachdem ihm die entsprechende Entscheidung bekanntgegeben worden ist, auch die Nichtigerklärung des Abschiebehaftbefehls begehren kann; dass die Entscheidung des Verwaltungsgerichts binnen zweiundsiebzig Stunden nach seiner Anrufung ergeht; dass der Betroffene im Falle der Nichtigerklärung der Maßnahme freigelassen wird; dass gleiches ebenfalls gilt, wenn die Verpflichtung, das französische Staatsgebiet zu verlassen, oder der Bescheid, welcher die Einräumung einer Frist zur freiwilligen Ausreise zurückweist, für ungültig erklärt wird;
72. In Erwägung dessen, dass der Gesetzgeber, unter Wahrung der Kompetenzverteilung zwischen den Gerichtszweigen, wollte, dass das Verwaltungsgericht zügig die Rechtmäßigkeit der behördlichen Maßnahmen bezüglich der Abschiebung des Ausländern prüft, bevor die ordentlichen Gerichte mit dem Fall befasst werden; dass der Gesetzgeber mit dieser Ausgestaltung des Verfahrens die vorrangige Prüfung der Rechtmäßigkeit derartiger Maßnahmen sicherstellen und, im Interesse einer geordneten Rechtspflege, einen effektiveren Ablauf von Verfahren zur Abschiebung von Ausländern, die sich illegal im Land aufhalten, ermöglichen wollte; dass er mit der Regelung, nach der die ordentlichen Gerichte zwecks Verlängerung der Abschiebehaft erst nach einer Frist von fünf Tagen nach Erlass des Haftbefehls angerufen werden können, den Schutz der persönlichen Freiheit auf der einen, und die verfassungsrechtlichen Ziele einer geordneten Rechtspflege und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung auf der anderen Seite auf eine Art und Weise miteinander in Einklang gebracht hat, die nicht unverhältnismäßig ist;
73. In Erwägung dessen, dass, wenn der Ausländer nach Beendigung eines Polizeigewahrsams in Verwaltungshaft genommen wurde, der verfassungsrechtliche Schutz der Freiheit der Person gebietet, dass die Dauer des Polizeigewahrsams bei der Festlegung der Frist, vor deren Ablauf ein Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit dem Fall befasst werden muss, berücksichtigt wird; dass im Falle einer Verlängerung des Polizeigewahrsams durch den Oberstaatsanwalt, die Dauer des Polizeigewahrsams bis zu achtundvierzig Stunden betragen darf; dass die angegriffenen Bestimmungen jedoch nicht dazu führen dürfen, dass ein festgenommener Ausländer einem Richter erst nach Ablauf von sieben Tagen nach Beginn des Polizeigewahrsams vorgeführt wird, andernfalls wäre Artikel 66 der Verfassung verletzt; dass die Artikel 44 und 51 unter diesem Vorbehalt nicht verfassungswidrig sind;
- Betreffend die Verlängerung der Haft bis zu einer Höchstdauer von fünfundvierzig Tagen:
74. In Erwägung dessen, dass gemäß Artikel 56 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes, welcher den Artikel L. 552-7 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ändert, der Haftrichter angerufen werden kann, wenn seit dem Ablauf der in Artikel L. 552-1 genannten Frist von fünf Tagen zwanzig Tage vergangen sind, wenn unbedingte Dringlichkeit oder eine besonders schwere Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung besteht, oder wenn die Abschiebung nicht durchgeführt werden kann, weil die Reisepapiere des Betroffenen verlorengegangen sind oder zerstört wurden, der Betroffene seine Identität nicht angeben will, oder der Betroffene seine Abschiebung absichtlich verzögert; dass, wenn der Richter eine Verlängerung der Abschiebehaft anordnet, diese Verlängerung ab dem Zeitpunkt des Ablaufs der Frist von zwanzig Tagen beginnt und für weitere zwanzig Tage läuft;
75. In Erwägung dessen, dass die angegriffenen Bestimmungen die weiter oben genannten Vorschriften nicht ändern, gemäß welchen ein Ausländer nur solange festgehalten werden darf, wie dies für seine Abschiebung unbedingt geboten ist, wobei die Behörden mit der gebotenen Sorgfalt zu handeln haben; dass – wie der Verfassungsrat in seiner oben genannten Entscheidung vom 20. November 2003 (Erwägung 66) bereits ausgeführt hat – die Justiz jederzeit die Möglichkeit hat, von Amts wegen oder auf einen Antrag des Ausländers hin die Fortdauer der Haft zu unterbrechen, wenn rechtliche oder tatsächliche Gründe dies rechtfertigen; dass die vorgetragenen Rügen unter diesem Vorbehalt zurückgewiesen werden müssen;
- Betreffend die Verlängerung der Haft bis zu einer Höchstdauer von achtzehn Monaten:
76. In Erwägung dessen, dass die angegriffenen Bestimmungen des vierten Absatzes von Artikel 56 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes den vierten Absatz von Artikel L. 552-7 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ändern und eine Verlängerung der Verwaltungshaft gegen einen Ausländer auf insgesamt bis zu achtzehn Monaten erlauben; dass eine solche Maßnahme gegenüber Ausländern anwendbar ist, gegen die wegen terroristischer Handlungen gemäß Titel II von Buch IV des Strafgesetzbuches ein Aufenthaltsverbot verhängt oder deren Abschiebung wegen Handlungen im Zusammenhang mit strafrechtlich festgestellten terroristischen Aktivitäten angeordnet wurde; dass die Höchstdauer der Haft zunächst sechs Monate beträgt; dass sie nur dann verlängert werden kann, wenn eine vernünftige Aussicht auf Vollstreckung der Abschiebung besteht und eine Verfügung von Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes keine hinreichende Überwachung des Ausländers erlauben würde; dass diese Bestimmungen, indem sie eine Verlängerung der Verwaltungshaft um weitere zwölf Monate erlauben, „ wenn, trotz der Sorgfalt der Behörden, die Abschiebung wegen mangelnder Zusammenarbeit des Ausländers oder wegen Verzögerungen bezüglich der Erlangung der erforderlichen Reisepapiere von dem für den Ausländer zuständigen Konsulat nicht durchgeführt werden kann “, einen Eingriff in die persönliche Freiheit vorsehen, der Artikel 66 der Verfassung verletzt; dass infolgedessen der vierte Absatz von Artikel L. 552-7 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht für verfassungswidrig erklärt werden muss;
- Bezüglich der Rüge, das Grundrecht der Freizügigkeit sei verletzt:
77. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller behaupten, Artikel L. 561-2 in der Fassung durch Artikel 47 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes verletze das Grundrecht der Freizügigkeit;
78. In Erwägung dessen, dass es dem Gesetzgeber obliegt, auf der einen Seite die Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, und auf der anderen Seite die Achtung der allen sich auf dem Gebiet der Republik aufhaltenden Menschen zustehenden Rechte und Freiheiten miteinander in Einklang zu bringen; dass zu diesen Rechten und Freiheiten das Grundrecht der Freizügigkeit gehört;
79. In Erwägung dessen, dass die von der angegriffenen Vorschrift vorgesehene Polizeiaufsicht mit Anweisung eines Aufenthaltsortes anstelle einer Abschiebehaft in Räumlichkeiten, die nicht den Justizvollzugsbehörden unterstehen, erfolgt; dass eine solche Maßnahme, die unter der Aufsicht der Verwaltungsgerichte ergeht, welche die Erforderlichkeit der Maßnahme prüfen, keinen unverhältnismäßigen Eingriff in das Grundrecht der Freizügigkeit darstellt;
80. In Erwägung dessen, dass die Artikel 44, 51 und 56 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes, sowie der Artikel L. 561-2 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht, mit Ausnahme des letzten Satzes des vierten Absatzes von Artikel L. 552-7 des besagten Gesetzbuches und unter den in den Erwägungen 73 und 75 zum Ausdruck gebrachten Vorbehalten verfassungsgemäß sind;
- ÜBER DIE ARTIKEL 73 BIS 88:
81. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller keine spezifischen Rügen gegen diese Artikel vorbringen; dass für den Verfassungsrat kein Anlass besteht, diese Artikel von Amts wegen zu prüfen;
- ÜBER DEN ARTIKEL 94:
82. In Erwägung dessen, dass der Artikel 94 die in Artikel L. 624-1 Absatz 1 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht gegenüber Ausländern, die ihren Verpflichtungen im Rahmen einer Abschiebung nicht nachkommen, vorgesehene Strafandrohung von drei Jahren Freiheitsstrafe auf Ausländer ausdehnt, die ihren Verpflichtungen im Rahmen einer Abschiebung nicht Folge leisten;
83. In Erwägung dessen, dass diese neuen Bestimmungen nach Auffassung der Antragsteller die Umsetzung der Artikel 15 und 16 der Richtlinie 2008/115/EG offenkundig verfehlen, da sie Ausländer bestrafen, die ihren Verpflichtungen im Rahmen einer Abschiebung nicht Folge leisten; dass sie darauf hinweisen, der Gerichtshof der Europäischen Union habe entschieden, diese Richtlinie stehe einer Regelung entgegen, welche die Verhängung einer Freiheitsstrafe gegen Drittstaatsangehörige ohne rechtmäßigen Aufenthalt aus dem einzigen Grund vorsieht, dass besagter Ausländer entgegen einer Aufforderung, das Staatsgebiet des betreffenden Landes binnen einer festgelegten Frist zu verlassen, ohne rechtmäßigen Grund in diesem Staat verbleibt;
84. In Erwägung dessen, dass die angegriffenen Bestimmungen nicht zum Gegenstand haben, die Richtlinie 2008/115/EG umzusetzen; dass die Rüge, Artikel 88-1 der Verfassung sei verletzt, daher nicht durchgreift;
85. In Erwägung dessen, dass der Artikel 94 des zur Prüfung vorgelegten Gesetzes nicht verfassungswidrig ist;
- ÜBER DEN ARTIKEL 95:
86. In Erwägung dessen, dass der Punkt 2o von Artikel 95 den Artikel L. 731-2 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht um einen Absatz mit folgendem Wortlaut ergänzt: „ Die Gewährung von Prozesskostenhilfe kann im Rahmen einer Klage gegen eine Entscheidung, mit der die Nationale Asylbehörde einen Antrag auf eine erneute Prüfung des Falles des Antragstellers zurückweist, nicht beantragt werden, wenn der Kläger anlässlich seines ursprünglichen Antrags von der Asylbehörde und dem Nationalen Gerichtshof für Asylsachen gehört und dabei von einem im Rahmen der Prozesskostenhilfe bestellten Rechtsbeistand unterstützt wurde “;
87. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller vortragen, die Verweigerung der Prozesskostenhilfe anlässlich einer erneuten Prüfung eines Asylantrags verletze das Recht auf effektiven Rechtsschutz; dass sie hinzufügen, diese Verweigerung sei auch mit der Richtlinie 2005/85/EG des Rates vom 1. Dezember 2005 über Mindestnormen für Verfahren in den Mitgliedstaaten zur Zuerkennung und Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft offensichtlich unvereinbar;
88. In Erwägung dessen, dass Prozesskostenhilfe von jedem Ausländer beantragt werden kann, der erstmalig einen Asylantrags stellt; dass gleiches im Falle einer erneuten Prüfung des Antrages gilt, sofern dem Ausländer nicht bereits bei der Einreichung seines ursprünglichen Antrages Prozesskostenhilfe gewährt wurde; dass die angegriffene Vorschrift, welche sicherstellt, dass der Ausländer mindestens einmal vom Nationalen Gerichtshof für Asylsachen im Beisein eines Rechtsanwalts angehört wird, das Recht auf effektiven Rechtsschutz durch ein Gericht nicht verletzt;
89. In Erwägung dessen, dass die angegriffene Bestimmung nicht zum Gegenstand hat, die Richtlinie 2008/115/EG umzusetzen; dass die Rüge, Artikel 88-1 der Verfassung sei verletzt, daher nicht durchgreift;
90. In Erwägung dessen, dass der Artikel 95 nicht gegen die Verfassung verstößt;
- ÜBERDEN ARTIKEL 98:
91. In Erwägung dessen, dass der Artikel 98 den Artikel L. 733-1 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht ergänzt; dass er dem Nationalen Gerichtshof für Asylsachen erlaubt, audiovisuelle Kommunikationsmittel in Anspruch zu nehmen, um Antragsteller anzuhören, die zur Stützung ihrer Klage eine Stellungnahme vorzubringen wünschen; das diese Vorschrift insbesondere besagt: „Weigert sich ein Kläger, der sich in Frankreich (ohne die Überseegebiete) aufhält, mittels eines audiovisuellen Kommunikationsmittels angehört zu werden, wird er auf seinen Antrag hin zum Gericht geladen“;
92. In Erwägung dessen, dass die Antragsteller der Auffassung sind, diese Vorschrift verstoße gegen den Gleichheitssatz sowie das Recht auf ein faires Verfahren, weil sie nur denjenigen Personen, die sich in Frankreich (ohne die Überseegebiete) aufhalten, das Recht einräumt, zu verlangen, in den Räumlichkeiten des Gerichts angehört zu werden;
93. In Erwägung dessen, dass, erstens, der Gesetzgeber durch die Einräumung der Möglichkeit, eine Verhandlung auch mittels eines audiovisuellen Kommunikationsmediums durchzuführen, zu einer geordneten Rechtspflege und zu einer sinnvollen Verwendung von Staatsgeldern beitragen wollte; dass er vorgesehen hat, dass der verwendete Sitzungssaal dafür besonders eingerichtet, der Öffentlichkeit zugänglich und in Räumlichkeiten gelegen sein muss, die dem Justizministerium unterstehen; dass die Verhandlung live stattfinden und die Vertraulichkeit der Übertragung wahren soll; dass der Betroffene Anspruch auf vollständige Einsichtnahme in seine Akte hat; dass, wenn der Betroffene von einem Rechtsanwalt unterstützt wird, dieser physisch bei ihm anwesend ist; dass ein Protokoll oder eine Aufnahme des Verhandlungsablaufs in Bild und Ton, oder nur Ton erstellt wird; dass aus all diesen Vorkehrungen folgt, dass die angegriffenen Bestimmungen ausreichend dafür Sorge tragen, dass ein faires Verfahren stattfindet;
94. In Erwägung dessen, dass, zweitens, der Nationale Gerichtshof für Asylsachen, der für alle Asylfälle innerhalb des Gebietes der Republik zuständig ist, seinen Sitz im französischen Staatsgebiet hat; dass unter diesen Umständen die Ungleichbehandlung zwischen denjenigen Personen, die sich in Frankreich (ohne die Überseegebiete) aufhalten, und denjenigen, die dies nicht tun, nicht gegen das Gleichheitsgebot verstößt;
95. In Erwägung dessen, dass der Artikel 98 des zur Prüfung vorgelegten Gesetz nicht verfassungswidrig ist;
96. In Erwägung dessen, dass für den Verfassungsrat kein Anlass besteht, von Amts wegen weiteren Fragen, welche die Verfassungsmäßigkeit des vorgelegten Gesetzes betreffen, nachzugehen,
Artikel 1 – In Artikel 56 des Einwanderungs-, Integrations- und Staatsangehörigkeitsgesetzes wird der letzte Satz des Absatzes 4 von Artikel L. 552-7 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht für verfassungswidrig erklärt.
Artikel 2 – Unter den in den Erwägungen 73 und 75 zum Ausdruck gebrachten Vorbehalten werden die Artikel 44 und 51, sowie der übrige Wortlaut des Artikels 56 für verfassungsgemäß erklärt.
Artikel 3 – Folgende Vorschriften desselben Gesetzes werden ebenfalls für verfassungsgemäß erklärt:
- die Artikel 2, 4, 12, 13, 16, 26, 33, 40, 57, 58, 70, 73 bis 88, 94, 95 und 98;
- der § II von Artikel 10;
- in Artikel 47, der Artikel L. 561-2 des Gesetzbuches über die Einreise und den Aufenthalt von Ausländern, sowie über das Asylrecht.