Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/raub-und-die-finale-verknuepfung-zwischen-gewalt-und-wegnahme-2-3109969
Timestamp: 2020-07-14 04:15:12
Document Index: 309808404

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 249', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 16', 'BGH', 'BGH', '§ 249', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 249']

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung muss zwi­schen der Dro­hung mit oder dem Ein­satz von Gewalt und der Weg­nah­me beim Raub eine fina­le Ver­knüp­fung bestehen; Gewalt oder Dro­hung müs­sen das Mit­tel zur Ermög­li­chung der Weg­nah­me sein. An einer sol­chen Ver­knüp­fung fehlt es, wenn eine Nöti­gungs­hand­lung nicht zum Zwe­cke der Weg­nah­me vor­ge­nom­men wird, son­dern der Täter den Ent­schluss zur Weg­nah­me erst nach Abschluss die­ser Hand­lung fasst [1].
Des­halb genügt der Umstand, dass die Wir­kun­gen eines ohne Weg­nah­me­vor­satz ein­ge­setz­ten Nöti­gungs­mit­tels noch andau­ern und der Täter dies aus­nutzt, für die Annah­me eines Rau­bes nicht [2]. Auch das blo­ße Aus­nut­zen der Angst eines der Ein­wir­kung des Täters schutz­los aus­ge­lie­fer­ten Opfers vor Fort­füh­rung bis­lang nicht auf die Ermög­li­chung der Weg­nah­me von Sachen gerich­te­ter Gewalt­hand­lun­gen reicht – ohne aktu­el­le Dro­hung erneu­ter Gewalt­an­wen­dung – nicht aus [3].
Dem­nach ist der Straf­tat­be­stand des Rau­bes regel­mä­ßig dann gege­ben, wenn mit dem Nöti­gungs­mit­tel kör­per­li­cher Wider­stand über­wun­den oder auf­grund der Zwangs­wir­kung unter­las­sen und es hier­durch dem Täter ermög­licht wird, den Gewahr­sam zu bre­chen. Der Tat­be­stand ver­langt aller­dings nicht, dass der Ein­satz des Nöti­gungs­mit­tels objek­tiv erfor­der­lich ist oder die Weg­nah­me zumin­dest kau­sal för­dert [4]. Es genügt, dass aus Sicht des Täters der Ein­satz des Nöti­gungs­mit­tels not­wen­dig ist (Final­zu­sam­men­hang). Allein sei­ne Vor­stel­lung und sein Wil­le sind für den Final­zu­sam­men­hang maß­ge­bend [5].
Die­ser maß­geb­li­che Final­zu­sam­men­hang als sol­cher ist des­halb grund­sätz­lich unab­hän­gig von der räum­li­chen und zeit­li­chen Ein­ord­nung der Weg­nah­me­hand­lung in das zwei­ak­ti­ge Tat­ge­sche­hen eines Rau­bes [6].
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war war der "sub­jek­tiv­fi­na­le Kon­nex" gege­ben: Der Ange­klag­te han­del­te wäh­rend der Gewalt­an­wen­dung mit Zueig­nungs­ab­sicht; er woll­te gegen das Opfer Gewalt aus­üben, um nach der Gewalt­an­wen­dung unge­hin­dert Wert­ge­gen­stän­de aus der Woh­nung ent­wen­den zu kön­nen und er hat die Gewalt gegen das Opfer zu die­sem Zweck ver­übt. Aus sei­ner Sicht war die Anwen­dung von Gewalt erfor­der­lich, um den Gewahr­sam des Opfers zu bre­chen.
In der Recht­spre­chung ist als Rechts­fi­gur der uner­heb­li­chen Abwei­chung des tat­säch­li­chen vom vor­ge­stell­ten Kau­sal­ver­lauf aner­kannt, dass eine Diver­genz zwi­schen dem ein­ge­tre­te­nen und dem vom Täter gedach­ten Gesche­hens­ab­lauf im Rah­men der Prü­fung des Vor­sat­zes regel­mä­ßig dann unbe­acht­lich ist, wenn sie unwe­sent­lich ist, nament­lich weil bei­de Kau­sal­ver­läu­fe gleich­wer­tig sind [7].
Die­ser Gedan­ke gilt auch für Abwei­chun­gen des vor­ge­stell­ten Final­zu­sam­men­hangs von der tat­säch­li­chen Ver­knüp­fung von Nöti­gungs­hand­lung und Weg­nah­me. Abwei­chun­gen des tat­säch­li­chen vom vor­ge­stell­ten Final­ver­lauf sind für die recht­li­che Bewer­tung bedeu­tungs­los, wenn sie sich inner­halb der Gren­zen des nach all­ge­mei­ner Lebens­er­fah­rung Vor­aus­seh­ba­ren hal­ten und kei­ne ande­re Bewer­tung der Tat recht­fer­ti­gen [8].
Dem­nach ist es uner­heb­lich, ob sich das Opfer nach Abschluss der vom Täter zum Zweck der Dul­dung der Weg­nah­me ver­üb­ten Tat­hand­lung ent­schließt, die Weg­nah­me wegen des zuvor ange­wen­de­ten Nöti­gungs­mit­tels zu dul­den oder infol­ge des Ein­sat­zes des Nöti­gungs­mit­tels nicht mehr in der Lage ist, einen ent­spre­chen­den Wil­len zu bil­den und umzu­set­zen wie dies bei Bewusst­lo­sig­keit, schwe­ren Ver­let­zun­gen oder Fes­se­lung der Fall ist. Ergreift das Opfer vor der Weg­nah­me die Flucht, liegt in die­sem Ver­hal­ten die kon­klu­den­te Preis­ga­be sei­nes Eigen­tums. Aus Sicht des Opfers ist es gleich­gül­tig, ob das Dul­den der Weg­nah­me oder die Unmög­lich­keit Wider­stand zu leis­ten auf Fes­se­lung, Bewusst­lo­sig­keit oder ver­let­zungs­be­ding­ter Wehr­lo­sig­keit beruht [9]. Die je nach Kon­sti­tu­ti­on und Per­sön­lich­keit des Opfers unter­schied­li­chen Reak­tio­nen auf die Gewalt­hand­lung des Täters sind für das Fort­be­stehen eines Final­zu­sam­men­hangs ohne Rele­vanz.
Die­ses neben den Final­zu­sam­men­hang tre­ten­de eigen­stän­di­ge Merk­mal folgt aus der gegen­über einem Dieb­stahl erhöh­ten Straf­dro­hung bei Raub. Sie beruht auf dem wesent­lich höhe­ren Schuld- und Unrechts­ge­halt, der an den Ein­satz von qua­li­fi­zier­ten Nöti­gungs­mit­teln zur Her­bei­füh­rung des Gewahr­sams­bruchs beim Opfer anknüpft [10]. Aus der unrechts­stei­gern­den Funk­tio­na­li­sie­rung von Nöti­gungs­mit­teln für den Ein­griff in frem­des Eigen­tum folgt, dass der sub­jek­tiv­fi­nal auf "Weg­nah­me mit Gewalt gegen eine Per­son oder unter Anwen­dung von Dro­hun­gen mit gegen­wär­ti­ger Gefahr für Leib oder Leben" gerich­te­te Tatent­schluss sich auch tat­säch­lich in einer "Weg­nah­me mit Gewalt" oder "unter Anwen­dung von Dro­hun­gen" rea­li­sie­ren muss und die den Raub kon­sti­tu­ie­ren­den Ele­men­te der Nöti­gungs­hand­lung und der Weg­nah­me eine raub­spe­zi­fi­sche Ein­heit bil­den [11]. Sie dür­fen nicht iso­liert neben­ein­an­der­ste­hen, son­dern müs­sen das typi­sche Tat­bild eines Rau­bes erge­ben. Eine sol­che raub­spe­zi­fi­sche Ein­heit von qua­li­fi­zier­ter Nöti­gung und Weg­nah­me liegt regel­mä­ßig ledig­lich dann vor, wenn es zu einer – in der Vor­stel­lung des Täters nach­voll­zo­ge­nen – nöti­gungs­be­ding­ten Ein­schrän­kung der Dis­po­si­ti­ons­frei­heit des Gewahr­sams­in­ha­bers über das Tat­ob­jekt gekom­men ist [12].
Dar­an könn­te es dann feh­len, wenn ein durch die Nöti­gung her­vor­ge­ru­fe­nes Ver­hal­ten des Opfers nach Abschluss der qua­li­fi­zier­ten Nöti­gungs­hand­lung weder objek­tiv noch nach der Täter­vor­stel­lung ein not­wen­di­ges Zwi­schen­ziel zur Begrün­dung des Gewahr­sams ist [13].
Nicht gefor­dert für den raub­spe­zi­fi­schen Zusam­men­hang ist, dass der Ort der Nöti­gungs­hand­lung und der Weg­nah­me­hand­lung iden­tisch sind oder ein bestimm­tes Maß an zeit­li­cher oder ört­li­cher Dif­fe­renz zwi­schen Nöti­gung und Weg­nah­me nicht über­schrit­ten wer­den darf [14]. Es ent­schei­den jeweils die Umstän­de des Ein­zel­falls.
vgl. BGH, Urtei­le vom 22.09.1983 – 4 StR 376/​83, BGHSt 32, 88, 92; und vom 20.04.1995 – 4 StR 27/​95, BGHSt 41, 123, 124; Beschlüs­se vom 16.01.2003 – 4 StR 422/​02, NStZ 2003, 431, 432; vom 21.03.2006 – 3 StR 3/​06, NStZ 2006, 508; vom 24.02.2009 – 5 StR 39/​09, NStZ 2009, 325; vom 25.09.2012 – 2 StR 340/​12, NStZ-RR 2013, 45, 46; und vom 18.02.2014 – 5 StR 41/​14, NStZ 2015, 156[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.06.2001 – 3 StR 176/​01; vom 21.03.2006 – 3 StR 3/​06, NStZ 2006, 508; vom 24.02.2009 – 5 StR 39/​09, NStZ 2009, 325; und vom 25.09.2012 – 2 StR 340/​12, NStZ-RR 2013, 45[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 08.05.2013 – 2 StR 558/​12, NStZ 2013, 648; Beschlüs­se vom 25.02.2014 – 4 StR 544/​13, NStZ 2014, 269; und vom 18.02.2014 – 5 StR 41/​14, NStZ 156, 157[↩]
BGH, Urtei­le vom 21.05.1953 – 4 StR 787/​52, BGHSt 4, 210, 211; und vom 19.04.1963 – 4 StR 92/​63, BGHSt 18, 329, 331[↩]
BGH, Urtei­le vom 19.04.1963 – 4 StR 92/​63, BGHSt 18, 329, 331; und vom 06.10.1992 – 1 StR 554/​92, NStZ 1993, 79; Beschluss vom 28.04.1989 – 4 StR 184/​89, StV 1990, 159, 160[↩]
vgl. Albrecht, Die Struk­tur des Raub­tat­be­stan­des (§ 249 Abs. 1 StGB), 2011, S. 103[↩]
BGH, Urtei­le vom 21.04.1955 – 4 StB 552/​54, BGHSt 7, 325, 329; vom 09.10.1969 – 2 StR 376/​69, BGHSt 23, 133, 135; und vom 10.04.2002 – 5 StR 613/​01, NStZ 2002, 475, 476; Beschluss vom 11.07.1991 – 1 StR 357/​91, BGHSt 38, 32, 34, Fischer, StGB, 63. Aufl., § 16 Rn. 7[↩]
vgl. ent­spre­chend zum "Kau­sal­ver­lauf", BGH, Beschluss vom 11.07.1991 – 1 StR 357/​91, BGHSt 38, 32, 34[↩]
Fischer, StGB, 63. Aufl., § 249 Rn. 12b; vgl. Albrecht, aaO, S. 147 "Schwä­chung der … Ver­tei­di­gungs­fä­hig­keit oder bereit­schaft des Opfers als Nöti­gungs­er­folg"[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 25.03.2009 – 5 StR 31/​09, BGHSt 53, 234, 236; Streng GA 2010, 671, 675[↩]
vgl. Streng, aaO, S. 675[↩]
vgl. Albrecht, aaO, S. 134 und S. 141[↩]
vgl. Albrecht, aaO, S. 127[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 15.12 1983 – 4 StR 640/​83, bei Holtz, MDR 1984, 276 und Beschluss vom 13.10.2005 – 5 StR 366/​05, NStZ 2006, 38; Münch­Komm-StGB/­San­der, 2. Aufl., § 249, Rn. 27[↩]
NötigungRaubWegnahme