Source: https://sozialversicherung-kompetent.de/urteile/gesetzliche-unfallversicherung/868-anerkennung-berufskrankheit-nach-bk-3101-hepatitis-c.html?start=1
Timestamp: 2020-07-10 15:49:41
Document Index: 60420941

Matched Legal Cases: ['§ 87', '§ 153', '§ 143', '§ 9', '§ 2', '§ 9', '§ 9', '§ 2', '§ 9', '§ 9']

Anerkennung Berufskrankheit nach BK 3101, Hepatitis C - Seite 2 - Page #1
Die Berufung der Klägerin ist form- und fristgerecht eingelegt (§ 87 Abs. 1 Satz 2 i. V. m. § 153 Abs. 1 SGG, 151 SGG) und zulässig (§ 143 SGG). Die Berufung, mit der die Klägerin die Anerkennung einer Berufskrankheit nach Nr. 3101 der Anlage 1 zur BKV erstrebt, ist auch begründet. Die angefochtenen Bescheide der Beklagten sind rechtswidrig und verletzen die Klägerin in ihren Rechten. Die Voraussetzungen für die Anerkennung einer BK Nr. 3101 der Anlage 1 zur BKV liegen bei der Klägerin vor.
Nach § 9 Abs. 1 Satz 1 SGB VII sind Berufskrankheiten Krankheiten, die die Bundesregierung durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates als Berufskrankheiten bezeichnet und die Versicherte infolge einer den Versicherungsschutz nach den §§ 2, 3 oder 6 SGB VII begründenden Tätigkeit erleiden. Die Bundesregierung ist ermächtigt, in der Rechtsverordnung solche Krankheiten als Berufskrankheiten zu bezeichnen, die nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft durch besondere Einwirkungen verursacht sind, denen bestimmte Personengruppen durch ihre versicherte Tätigkeit in erheblich höherem Grade als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind. Auf Grund dieser Ermächtigung in § 9 Abs. 1 Satz 2 SGB VII hat die Bundesregierung die BKV vom 31. Oktober 1997 (BGBl. I, S. 2623) erlassen, in der die derzeit als Berufskrankheiten anerkannten Krankheiten aufgeführt sind.
Unter Nr. 3101 sind in der Anlage 1 zur BKV "Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war" erfasst. Die Voraussetzungen dieses Tatbestandes i. V. m. § 9 Abs. 1 SGB VII sind im vorliegenden Fall erfüllt.
Die Klägerin war bei der Plasmadienst GmbH, bei der sie im Zeitraum von Juni 1987 bis November 1992 als Krankenschwester in Teilzeit beschäftigt war, im Gesundheitsdienst tätig und nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 SGB VII versichert. Wesentlicher Inhalt des Begriffs Gesundheitsdienst, ist der Dienst zum Schutz, zur Erhaltung, Förderung oder Wiederherstellung der Gesundheit gefährdeter Menschen oder zur Pflege unheilbar Kranker oder Gebrechlicher (vgl. Bayerisches Landessozialgericht, Urteil vom 13. August 2013, Az.: L 3 U 262/12). Diese Voraussetzungen sind hier erfüllt, da die Plasmagewinnung bei der Plasmadienst GmbH zur Wiederherstellung der Gesundheit gefährdeter Menschen diente.
Hepatitis-C ist eine Infektionskrankheit i. S. d. Nr. 3101 der Anlage 1 zur BKV. Die Klägerin war auch "Einwirkungen" ausgesetzt, die im Falle der BK Nr. 3101 in einer besonders erhöhten Infektionsgefahr bestehen, welche aufgrund des Tätigkeitsprofils der Klägerin anzunehmen ist. Zudem ist der vom Gesetz als ausreichend erachtete mögliche Zusammenhang zwischen der erhöhten Infektionsgefahr und der Infektionskrankheit nicht ausgeschlossen.
Die Listen-BKen sind in der Regel dadurch gekennzeichnet, dass Versicherte über einen längeren Zeitraum schädigenden Einwirkungen ausgesetzt sind und erst diese längerfristige Belastung zu der Erkrankung führt. Bei der BK 3101 besteht hingegen die Besonderheit, dass die schädliche Einwirkung, also der Ansteckungsvorgang, bei dem die Krankheit übertragen wurde, ein einmaliges, punktuelles Ereignis darstellt, das häufig im Nachhinein nicht mehr ermittelt werden kann. Meistens sind verschiedene Infektionsquellen und Übertragungswege denkbar, ohne dass sich feststellen lässt, bei welcher Verrichtung es tatsächlich zu der Ansteckung gekommen ist. Gerade aus diesem Grund sind Infektionskrankheiten, deren auslösendes Ereignis - die einmalige Ansteckung - an sich eher die Voraussetzungen des Unfallbegriffs erfüllt, als BK bezeichnet worden (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris Rn. 18; BSG, Urteil vom 21. März 2006 - B 2 U 19/05 R - juris Rn. 15). Um den Nachweisschwierigkeiten zu begegnen, genügt bei der BK 3101 als "Einwirkungen" i. S. des § 9 Abs. 1 Satz 2 SGB VII, dass der Versicherte einer der versicherten Tätigkeit innewohnenden "Infektionsgefahr besonders ausgesetzt" war (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris).
Die besondere, über das normale Maß hinausgehenden Infektionsgefahr ist nicht Bestandteil eines Ursachenzusammenhanges zwischen versicherter Tätigkeit und Infektionskrankheit. Sie ersetzt vielmehr als eigenständiges Tatbestandsmerkmal die Einwirkungen und ist mit dem weiteren Tatbestandsmerkmal "Verrichtung einer versicherten Tätigkeit" durch einen wesentlichen Kausalzusammenhang, hingegen mit der "Erkrankung" nur durch die Möglichkeit eines Kausalzusammenhangs verbunden. Für die erhöhte Infektionsgefahr gelten damit hinsichtlich des Beweismaßstabes die Anforderungen, die ansonsten für das Tatbestandsmerkmal der Einwirkungen zu beachten sind. Sie muss im Vollbeweis vorliegen. Zwar setzt der Begriff der Gefahr eine Wahrscheinlichkeitsprognose voraus. Er charakterisiert einen Zustand, bei dem nach den objektiven Umständen der Eintritt eines Schadens als wahrscheinlich gelten kann. Allerdings ist zwischen der tatsächlichen Ebene, auf die sich die Wahrscheinlichkeitsprognose beziehen muss, und der rechtlichen Wertung, ob aufgrund der nachgewiesenen Tatsachen eine Schädigung möglich ist, zu unterscheiden (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris).
Die Übertragungsgefahr ist nach dem Übertragungsmodus der jeweiligen Infektionskrankheit sowie der Art, der Häufigkeit und der Dauer der vom Versicherten verrichteten gefährdenden Handlungen zu beurteilen. Ebenfalls zu beachten sind die individuellen Arbeitsvorgänge. Da für die Anerkennung der BK 3101 nicht eine schlichte Infektionsgefahr genügt, sondern eine (z. T. typisierend nach Tätigkeitsbereichen) besonders erhöhte Infektionsgefahr vorausgesetzt wird (§ 9 Abs. 1 Satz 2 Halbsatz 1 SGB VII) , kommt es darauf an, welche einzelnen Arbeitshandlungen im Hinblick auf den Übertragungsweg besonders gefährdend sind (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris).
Die Durchseuchung des Arbeitsumfeldes auf der einen und die Übertragungsgefahr der versicherten Verrichtungen auf der anderen Seite stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. An den Grad der Durchseuchung können umso niedrigere Anforderungen gestellt werden, je gefährdender die spezifischen Arbeitsbedingungen sind. Je weniger hingegen die Arbeitsvorgänge mit dem Risiko der Infektion behaftet sind, umso mehr erlangt das Ausmaß der Durchseuchung an Bedeutung. Allerdings muss zumindest die Möglichkeit einer Infektion bestehen. Ist das nicht der Fall, weil z. B. trotz eines hohen Durchseuchungsgrades die Art der konkret ausgeübten Tätigkeit einen Infektionsvorgang ausschließt, ist für die Annahme einer Gefahr von vornherein kein Raum. Kommt indes eine Infektion in Betracht, ist im Wege einer Gesamtbetrachtung der Durchseuchung und der Übertragungsgefahr festzustellen, ob sich im Einzelfall eine Infektionsgefahr ergibt, die nicht nur geringfügig erhöht ist, sondern in besonderem Maße über der Infektionsgefahr in der Gesamtbevölkerung liegt. Dabei legt der Nachweis einer infizierten Kontaktperson bei gleichzeitiger übertragungsgefährdender Tätigkeit das Vorliegen einer besonders erhöhten Infektionsgefahr nahe. Zwingend ist dieser Schluss aber nicht (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris).
Die Klägerin war einem solchen besonders erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Der Grad der Durchseuchung bezüglich HCV-Antikörper in der Gesamtbevölkerung beträgt ca. 0,5 bis 0,7 % (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris; Schönberger/Mehrtens/Valentin, Arbeitsunfall und Berufskrankheit, S. 711). Unter den Plasmaspendern ist von einem Durchseuchungsgrad mit Hepatitis-C-Viren entsprechend dem Anteil der HCV-Infizierten in der Gesamtbevölkerung auszugehen. Dass unter den Plasmaspendern auch HCV positive Personen waren, kann nicht ausgeschlossen werden. Ausweislich des Gutachtens des Prof. Dr. GJ. (Gießen) konnten die Blutspender in der damaligen Zeit noch nicht auf Antikörper gegen das Hepatitis-C-Virus getestet werden. Auch Dr. GW. (Wartenberg) führte aus, im Zeitraum von 1987 bis 1992 seien noch nicht durchgehend Testverfahren für ein Spenderscreening im Hinblick auf eine HCV-Infektion zur Verfügung gestanden. Daher sprechen die von dem Sachverständigen Dr. GW. (Wartenberg) angeführten umfangreichen Untersuchungen bei den Plasmaspendern, aufgrund der Personen mit z. B. auffälligen Leberwerten nicht mehr herangezogen worden wären, nicht für einen geringeren Durchseuchungsgrad unter den Plasmaspendern als in der Gesamtbevölkerung. Insoweit ist das Gutachten des Dr. GW. (Wartenberg) auch in sich widersprüchlich, da der Sachverständige zuvor (insoweit inhaltlich übereinstimmend mit dem Sachverständigen Prof. Dr. K.) argumentiert hatte, chronische C-Hepatitiden könnten über einen längeren Zeitraum mit unauffälligen Leberwerten einhergehen. Die von Dr. GW. (Wartenberg) angeführte Tatsache, wonach es sich bei Plasmaspendern häufig um professionelle Spender handeln würde, da der minimale Spendenabstand ca. 1 Woche betrage und die Spende mit einer Aufwandsentschädigung vergütet werde, mit der sich z. B. Studenten ihr Studium finanzieren würden, spricht sogar eher für einen höheren Durchseuchungsgrad als in der Gesamtbevölkerung, da die Plasmaspende wegen der Vergütung auch für Risikopersonen wie z. B. Drogenabhängige attraktiv sein dürfte. Da ein höherer Durchseuchungsgrad mit HCV unter Plasmaspendern jedoch nicht belegt ist, ist von einem Durchseuchungsgrad mit HCV entsprechend dem Anteil der HCV Infizierten in der Gesamtbevölkerung auszugehen.
Die erforderliche besondere Infektionsgefahr lässt sich jedoch auf die Übertragungsgefahr bei den von der Klägerin ausgeübten Tätigkeiten zurückführen. Das HCV wird überwiegend parenteral (unter Umgehung des Magen-Darm-Traktes), sehr selten durch sexuelle oder Alltagskontakte übertragen. Prinzipiell ist die Infektion möglich durch Blut, Blutprodukte, Speichel, nicht jedoch durch Urin oder Stuhl. Bei Angehörigen der Heil- und Pflegeberufe erfolgt die Infektion überwiegend durch Blut und Blutprodukte, insbesondere Nadelstichverletzungen und ausgedehnten Haut- und Schleimhautkontakt. Das Risiko der Übertagung einer Hepatitis-C durch Verletzungen ist beim Klinikpersonal aber um ein vielfaches geringer als bei Hepatitis-B (vgl. Mehrtens/Brandenburg, Die Berufskrankheiten-Verordnung (BKV), Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war, Anhang 12.1, 13.1; Schönberger/Mehrtens/Valentin, S. 716, 718); daher kommen bei der HCV-Infektion als übertragungsgefährdend nur solche Tätigkeiten in Betracht, die erfahrungsgemäß mit der konkreten Gefahr von häufigen parenteralen Inokulationsereignissen im Sinne von Verletzungsereignissen verbunden sind, bei denen es zu einem erheblichen Blutaustausch kommt. Insbesondere ist die Nadelstichverletzung mit einer Hohlnadel ein geeigneter Übertragungsweg, der ein besonders hohes Übertragungsrisiko beinhaltet, da hier regelmäßig der Transfer relativ großer Mengen frischen Blutes möglich ist (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris). Das Infektionsrisiko bei einer Stichverletzung mit einer für einen nachweislich infektiösen Patienten gebrauchten Nadel beträgt ungefähr 3 % (Mehrtens/ Brandenburg, Die Berufskrankheiten-Verordnung (BKV), Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war, Anhang 13.1; Schönberger/Mehrtens/Valentin, S. 718).
Die Klägerin konnte zwar weder eine infizierte Kontaktperson benennen, noch konnte sie eine konkrete Nadelstichverletzung mit einem potentiell infektiösen Gegenstand im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der Plasmadienst GmbH darlegen und beweisen. Sowohl Prof. Dr. GJ. (Gießen) und Prof. Dr. H. als auch die Sachverständigen Prof. Dr. K. und Dr. GW. (Wartenberg) sind jedoch alle der Auffassung, dass der Vortrag der Klägerin, sie habe sich bei ihrer Tätigkeit bei der Plasmadienst GmbH hin und wieder verletzt, plausibel ist. Da es zu den Aufgaben der Klägerin gehörte, täglich mehrere Plasmaspender mit einer Butterfly-Verweilkanüle zu punktieren, ist es auch für den Senat nachvollziehbar, dass es hierbei hin und wieder zu Stichverletzungen kam. Bei den Butterfly-Verweilkanülen handelte es sich zudem um Hohlnadeln, in denen eine für eine HCV-Infektion ausreichende Menge Blut transportiert werden konnte. Die Annahme einer besonders erhöhten Infektionsgefahr im vorliegenden Fall steht auch nicht im Widerspruch zum Urteil des Senats vom 13. Juli 2010, Az.: L 3 U 5/03 – juris. Dieser Entscheidung lag ein Sachverhalt zu Grunde, bei dem die Klägerin als Altenpflegehelferin ausschließlich einer Person Insulinspritzen subkutan verabreichte. Im Unterschied zur hier verwendeten Butterfly-Verweilkanüle können Insulinspritzen aufgrund ihrer geringeren Kanülendicke weniger Blut übertragen. Hinzu kommt der Umstand, dass Insulinspritzen nur subkutan und nicht intravenös verabreicht werden, was die Menge des infektiösen Blutes, welches potentiell aus der Injektionswunde austritt, erheblich minimiert. Demgegenüber diente im hier vorliegenden Fall das Punktieren der Venen der Plasmaspender gerade der Entnahme von größeren Mengen Blut aus den Venen der Plasmaspender. Des Weiteren bestand auch an den durchgeschnittenen Verbindungsschläuchen zwischen Butterfly-Verweilkanüle und Blutbeutel und beim Umgang mit den zu Untersuchungszwecken abgenommenen geringeren Mengen Blut die Kontaktmöglichkeit zu potentiell infektiösem Blut nach einer bereits eingetretenen Verletzung. Den von der Klägerin vorgelegten Fotos kann entnommen werden, dass zumindest nicht immer Handschuhe bei der Tätigkeit getragen wurden. Die Plasmapherese im Übrigen lief automatisch ab.
Der Annahme einer besonderen erhöhten Infektionsgefahr steht auch nicht entgegen, dass die Übertragungswahrscheinlichkeit nach einer Nadelstichverletzung mit einer für einen nachweislich infektiösen Patienten gebrauchten Nadel lediglich 3 % beträgt. Hiervon ausgehend kommt Prof. Dr. H. unter der Annahme von maximal 2 Stichverletzungen pro Beschäftigtem pro Jahr und einem Durchseuchungsgrad von 0,8 % unter den Plasmaspendern zu einem Risiko für eine HCV-Infektion der Klägerin im Zeitraum von 1987 bis 1992 von ca. 0,22 %. Die erhöhte Infektionsgefahr ergibt sich jedoch aus einem Vergleich mit der Gefahr, die in der Bevölkerung allgemein hinsichtlich einer Infektion besteht. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit einer Infektion durch den Stich einer kontaminierten Nadel noch so gering ist, kommt eine tätigkeitsbedingte erhöhte Infektionsgefahr in Betracht, wenn die Wahrscheinlichkeit einer Infektion in der Allgemeinbevölkerung noch geringer ist. Dies ist im Hinblick auf die Übertragungswege des HCV der Fall. Das Infektionsrisiko von Personen in der Allgemeinbevölkerung, die keiner Risikogruppe angehören, tendiert gegen Null. Dementsprechend ergibt sich aus dem Epidemiologischen Bulletin des Robert Koch Instituts 31/2014, dass im Jahr 2013 87 % der Neuinfizierten, bei denen belastbare Angaben zum Übertragungsweg vorlagen, sich beim intravenösen Drogengebrauch infiziert hatten. Der stochastisch-mathematische Ansatz des Prof. Dr. H. läuft darauf hinaus, die HCV-Infektion von der BK 3101 auszuschließen (so auch BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris).
Liegen eine durch die versicherte Tätigkeit bedingte besonders erhöhte Infektionsgefahr und die Infektionskrankheit vor, nimmt der Verordnungsgeber typisierend an, dass die Infektion während und wegen der Gefahrenlage erfolgte und die Krankheit wesentlich verursacht hat. Für diese Typisierung ist allerdings dann kein Raum, wenn eine Infektion während oder aufgrund der versicherten Verrichtungen und damit der unterstellte Ursachenzusammenhang ausgeschlossen ist. Zum einen darf die Inkubationszeit nicht gegen einen zeitlichen Zusammenhang der Krankheit mit der beruflichen Tätigkeit sprechen. Der Zeitpunkt der Infektion muss in den Zeitraum der Ausübung der gefährdenden Arbeitsvorgänge fallen. Zudem ist der Ursachenzusammenhang nicht gegeben, wenn ein anderes, dem privaten Lebensbereich zuzuordnendes Infektionsrisiko die Erkrankung verursacht hat (BSG, Urteil vom 2. April 2009 – B 2 U 30/07 R – juris). Kommen sowohl berufliche als auch außerberufliche Verrichtungen als Ansteckungsquelle in Betracht, von denen aber nur eine allein die Krankheit auslösen kann, muss entschieden werden, ob sich mit hinreichender Wahrscheinlichkeit eine der unter Versicherungsschutz stehenden Handlungen als Krankheitsursache identifizieren lässt. Eine im Rechtssinne hinreichende Wahrscheinlichkeit dafür ist gegeben, wenn der Möglichkeit einer beruflichen Verursachung nach sachgerechter Abwägung aller wesentlichen Umstände gegenüber den anderen in Frage kommenden Möglichkeiten ein deutliches Übergewicht zukommt, sodass darauf die richterliche Überzeugung gestützt werden kann (BSG, Urteil vom 21. März 2006 - B 2 U 19/05 R - juris Rn. 16; Bayerisches Landessozialgericht, Urteil vom 13. August 2013, Az.: L 3 U 262/12).
Der vom Verordnungsgeber unterstellte Ursachenzusammenhang zwischen der mit der Tätigkeit der Klägerin verbundenen erhöhten Infektionsgefahr, ihrer HCV-Infektion und ihrer Krankheit ist nicht ausgeschlossen. Neben der berufsbedingten Infektionsgefahr haben keine anderen Ansteckungsrisiken bestanden, die eine außerberufliche Infektion als wahrscheinlicher erscheinen lassen würden als eine Infektion im Rahmen der Tätigkeit bei der Plasmadienst GmbH. Hiervon ist der Senat aufgrund des nachvollziehbaren, schlüssigen und in sich stimmigen Sachverständigengutachtens des Prof. Dr. K. überzeugt. Ausweislich des Gutachtens des Prof. Dr. K. und auch des Gutachtens des Prof. Dr. GJ. (Gießen) können im Fall der Klägerin Risikofaktoren für eine HCV-Infektion, wie Erythrozytenkonzentratgabe, eine Trombozytenkonzentratgabe, eine Immunglobulingabe, Akkupunktur, Tattoos oder Drogenkonsum ausgeschlossen werden.
Eine Infektion mit HCV in der Kindheit in Moldawien, z. B. bei Impfungen, ist ausweislich des Gutachtens des Prof. Dr. K. grundsätzlich möglich und kann weder bewiesen noch ausgeschlossen werden. Jedoch sei eine Infektion in der Kindheit in Moldawien unwahrscheinlich. Am wahrscheinlichsten sei eine Infektion im Rahmen der Tätigkeit bei der Plasmadienst GmbH. Dieser Einschätzung schließt sich der Senat an. Die Prävalenz für eine HCV-Infektion ist nach Einschätzung des Prof. Dr. H. und nach Einschätzung beider Sachverständiger in Moldawien zwar im Vergleich zu Deutschland höher, dies begründet aber noch keine allgemeine Annahme, dass eine Infektion im Kindesalter bei der Klägerin als wahrscheinlich anzusehen ist. Weitere Indizien für eine HCV-Infektion im Kindesalter, wie eine bekannte HCV-Infektion der Eltern, eine akute ikterische Hepatitis im Kindesalter oder die Durchführung von Operationen bzw. längere Krankenhausaufenthalte in Moldawien liegen nicht vor. Nachvollziehbar ist auch, dass die Wahrscheinlichkeit für einen bereits fortgeschrittenen Leberschaden bei einer Infektion in der Kindheit und einer dann zwischen 31 und 47 Jahre andauernden Infektion als erhöht anzusehen ist. Das geringe Fibrosestadium der Leber bei der Leberpunktion im Jahr 2005 würde, so Prof. Dr. K., eine Infektion im Kindesalter unwahrscheinlich machen. Den Unterlagen des Dr. J. Senior aus dem Jahr 1981 würden sich keine dahingehenden Anhaltspunkte entnehmen lassen, dass bei der Klägerin bereits damals eine Lebererkrankung vorgelegen habe. Diesen Unterlagen könne lediglich entnommen werden, dass es um eine weitere Abklärung abdomineller Beschwerden mit der Frage nach einer Hepatosplenomegalie ging. Die weiteren Unterlagen vom 12. Februar 1987 hätten normale Werte für SGP-Transaminase und Gamma GT gezeigt. Dies mache nicht nur eine im Kindes- oder Jugendalter in Moldawien aquirierte Hepatitis-C sondern auch das Vorliegen einer chronischen Hepatitis-C vor Beginn der Tätigkeit der Klägerin bei der Plasmadienst GmbH höchst unwahrscheinlich. Eine Hepatosplenomegalie sei kein Befund einer chronischen Hepatitis-C mit niedrigem Fibrosestadium. Erst bei Vorliegen einer Leberzirrhose aufgrund einer Hepatitis-C Virusinfektion komme es zu einer Milzvergrößerung. Da bei der Klägerin im Zeitpunkt der Begutachtung noch ein niedriges Fibrosestadium vorgelegen habe, könne im Jahr 1981 kein histologischer Befund vorgelegen haben, der eine Splenomegalie erkläre. Die bei der Klägerin vorliegende Milzgröße sei damals wie im Zeitpunkt der Begutachtung als konstitutionell zu werden und stehe nicht im Zusammenhang mit der chronischen Hepatitis-C. Die Transaminasen bei chronischer Hepatitis-C würden über die Jahre und Jahrzehnte nur in gering bis maximal mäßigem Ausmaß fluktuieren. Die Leberwerte der Klägerin seien deutlich erhöht und würden sich deutlich von den 1987 gemessenen Werten unterscheiden. Anhand des Verlaufs der Leberwerte sei eindeutig nicht von einer Infektion vor 1987 auszugehen. Hiermit übereinstimmend führte auch der Sachverständige Dr. GW. (Wartenberg) aus, die im Jahr 1981 in den Unterlagen des früheren Hausarztes dokumentierte Oberbauchsymptomatik erscheine ihm als viel zu unspezifisch um hieraus Rückschlüsse auf eine bereits bestehende chronische Hepatitis ziehen zu können.
An der Einschätzung einer HCV-Infektion in Moldawien als unwahrscheinlich ändert sich auch nichts aufgrund der hohen Prävalenz für eine HCV Infektion bei der allgemeinen Wohnbevölkerung in Moldawien. Im Hinblick auf die Übertragungswege des HCV ist auch in einem Land mit einer hohen Prävalenz für eine HCV-Infektion bei der Wohnbevölkerung eine Infektion für solche Personen unwahrscheinlich, die keinen Kontakt zu Blut oder Blutprodukten hatten. Aus der Aussage des Dr. GW. (Wartenberg), die Wahrscheinlichkeit des Vorliegens einer HCV-Infektion bei der Klägerin bereits bei ihrer Auswanderung aus Moldawien sei mit ca. 2 % einzuschätzen, ergibt sich zudem im Umkehrschluss, dass die Wahrscheinlichkeit einer erst nach der Auswanderung der Klägerin erfolgten Infektion 98 % beträgt.
Auch stellt die Tatsache, dass bei der Klägerin der Genotyp I b des HCV vorliegt, kein Indiz für eine in Moldawien erfolgte HCV-Infektion dar. Zwar ist nach den Stellungnahmen des Prof. Dr. H. der Genotyp I b der in Moldawien bei 85 bis 95 % der Erkrankungen festgestellte Typ des HCV, während in Deutschland der Genotyp I b nur für 50 % der HCV-Infektionen verantwortlich ist. Daraus folgt aber auch, dass für jede zweite in Deutschland erfolgte HCV-Infektion ebenfalls der Genotyp I b verantwortlich ist.
Nachvollziehbar ist zwar die Einschätzung des Dr. GW. (Wartenberg), wonach die Tatsache, dass sowohl der Ehemann als auch die Kinder der Versicherten, welche beide vor 1987 geboren seien, nicht infiziert seien, ohne Aussagekraft sei. Sowohl eine sexuelle Übertragung als auch eine Übertragung von der Mutter zum Kind ist ein eher seltenes Ereignis (Mehrtens/ Brandenburg, Die Berufskrankheiten-Verordnung (BKV), Infektionskrankheiten, wenn der Versicherte im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war, Anhang 12.1, 13.1; Schönberger/Mehrtens/Valentin, S. 716, 718). Allerdings dürfte diese Tatsache in der Gesamtschau doch ein Indiz gegen eine bereits in der Kindheit aquirierte HCV-Infektion der Klägerin darstellen.
Aufgrund des geringen Fibrosestadiums und der geringen entzündlichen Aktivität (vgl. hierzu das Gutachten des Prof. Dr. GJ. (Gießen)) ist die MdE ab Dezember 2004 mit 20 v.H. zu bewerten. Ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung der leukozytoklastischen Vaskulitis im Juli 2006 als extrahepatische Krankheitsmanifestation mit Therapiebedürftigkeit besteht eine MdE von 30 (vgl. zur Höhe der MdE Schönberger/Mehrtens/Valentin, S. 729).