Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/karlsruhe-und-die-neuregelungen-zur-medizinischen-hochschule-hannover-3203079
Timestamp: 2020-07-13 09:44:58
Document Index: 13724189

Matched Legal Cases: ['§ 63', '§ 63', '§ 63', 'Art. 1', 'Art. 5', '§ 93', '§ 93', '§ 90', '§ 93', 'Art. 5', '§ 93', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 12', 'Art. 2', 'Art.20', 'Art. 5', 'Art. 5', '§ 63', '§ 63', '§ 63', '§ 63', '§ 1', '§ 41', '§ 16', '§ 16', '§ 37', '§ 41', '§ 63', '§ 63', '§ 63', '§ 41', '§ 44', '§ 63', '§ 63', '§ 41', '§ 1', '§ 41', '§ 26', '§ 26', '§ 42', '§ 3', '§ 17', '§ 16', '§ 16', '§ 41', '§ 9', '§ 43', '§ 41', '§ 41', '§ 40', '§ 63', '§ 40', '§ 63', '§ 40', '§ 63', '§ 63', '§ 48', '§ 63', '§ 16', '§ 63', '§ 63', '§ 38', '§ 63', '§ 38', '§ 63', '§ 38', '§ 63', '§ 48', '§ 16', '§ 38', '§ 63']

Karlsruhe - und die Neuregelungen zur Medizinischen Hochschule Hannover | Rechtslupe
Karlsruhe - und die Neuregelungen zur Medizinischen Hochschule Hannover
Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die gesetz­li­chen Neu­re­ge­lun­gen im Nie­der­säch­si­schen Lan­des­recht zur Medi­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver in Arti­kel 1 Num­mer 37, § 63e Absatz 2 Num­mern 2, 3, Absatz 3 und 4 Satz 1 Num­mern 1, 2, 4 und Satz 2 des Nie­der­säch­si­schen Geset­zes zur Stär­kung der Betei­li­gungs­kul­tur inner­halb der Hoch­schu­len vom 15.12.2015 ohne Erfolg.
Mit dem Gesetz zur Stär­kung der Betei­li­gungs­kul­tur inner­halb der Hoch­schu­len vom 15.12.2015 [1] hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [2] reagiert, wonach das stark unter­neh­me­risch ange­leg­te Gesamt­ge­fü­ge die Wis­sen­schafts­frei­heit auch ange­sichts der Beson­der­hei­ten medi­zi­ni­scher Hoch­schu­len nicht wahr­te [3]. Der Beschwer­de­füh­rer, ein an der Med­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver täti­ger Pro­fes­sor, ist der­sel­be wie im ers­ten Ver­fah­ren zur MHH; er gehört dem Senat als Ver­tre­ter der Grup­pe der Hoch­schul­leh­ren­den an.
Die hier ange­grif­fe­nen Neu­re­ge­lun­gen betref­fen die Ver­tei­lung der Ent­schei­dungs­kom­pe­ten­zen zwi­schen Senat und Vor­stand in § 63e des Nie­der­säch­si­schen Hoch­schul­ge­set­zes (NHG) in der Fas­sung vom 26.02.2007, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 11.09.2019 [4]. § 63e NHG war mit dem Nie­der­säch­si­schen Hoch­schul­ge­setz vom 26.02.2007 [5] geschaf­fen wor­den und wur­de durch Art. 1 Nr. 37 des Geset­zes zur Stär­kung der Betei­li­gungs­kul­tur inner­halb der Hoch­schu­len vom 15.12 2015 [6] zum 1.01.2016 – und spä­ter noch­mals – geän­dert; die letz­te Ände­rung in 2019 ist für das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren nicht von Bedeu­tung.
Der Beschwer­de­füh­rer rügt die Ver­let­zung von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG, da noch immer eine struk­tu­rel­le Gefähr­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit vor­lie­ge. Für zen­tra­le Ent­schei­dun­gen der Lei­tung der MHH sei wei­ter­hin nur das Beneh­men mit dem Senat vor­ge­se­hen. Das sei kein hin­rei­chen­der Schutz vor wis­sen­schafts­i­nad­äqua­ten Ent­schei­dun­gen. Der Vor­stand habe weit­rei­chen­de Befug­nis­se, ohne dass der Senat wis­sen­schafts­i­nad­äqua­te Struk­tur­ent­schei­dun­gen ver­hin­dern kön­ne. Die Mög­lich­keit der Abwahl von Vor­stands­mit­glie­dern sei defi­zi­tär, da eine Mehr­heit von Drei­vier­tel der Mit­glie­der des Senats vor­ge­se­hen sei.
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. (§ 93a Abs. 2 BVerfGG). Ihr kom­me, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung zu (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be a BVerfGG), und ihre Annah­me sei auch nicht zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG):
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung [7]. Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be sind geklärt [8].
Die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist auch nicht zur Durch­set­zung des Grund­rechts der Wis­sen­schafts­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG). Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat kei­ne Aus­sicht auf Erfolg [9], denn sie ist nicht begrün­det. Die Neu­re­ge­lun­gen zur Orga­ni­sa­ti­on ver­let­zen nach der erfor­der­li­chen Gesamt­wür­di­gung im Ergeb­nis nicht die Anfor­de­run­gen an den Schutz der Wis­sen­schafts­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG. Der Gesetz­ge­ber hat von dem ihm zuste­hen­den Gestal­tungs­spiel­raum im Hoch­schul­recht in ver­fas­sungs­recht­lich ver­tret­ba­rer Wei­se Gebrauch gemacht.
Abs. 3 Satz 1 GG ver­pflich­tet den Staat zu Schutz und För­de­rung wis­sen­schaft­li­cher Betä­ti­gung und garan­tiert den in der Wis­sen­schaft Täti­gen zugleich die Teil­ha­be am Wis­sen­schafts­be­trieb. Die­se Mit­wir­kung ist kein Selbst­zweck, son­dern dient dem Schutz vor wis­sen­schafts­i­nad­äqua­ten Ent­schei­dun­gen [10]; im Kern wis­sen­schaft­li­che Ent­schei­dun­gen sind der Wis­sen­schaft selbst über­las­sen. Der Staat muss danach für funk­ti­ons­fä­hi­ge Insti­tu­tio­nen eines frei­en uni­ver­si­tä­ren Wis­sen­schafts­be­triebs sor­gen und sicher­stel­len, dass das Grund­recht der frei­en wis­sen­schaft­li­chen Betä­ti­gung so weit unan­ge­tas­tet bleibt, wie das unter Berück­sich­ti­gung der ande­ren legi­ti­men Auf­ga­ben der Wis­sen­schafts­ein­rich­tun­gen und der Grund­rech­te der ver­schie­de­nen Betei­lig­ten mög­lich ist [11].
Zur Orga­ni­sa­ti­on der Wis­sen­schafts­frei­heit bedarf es eines Gesamt­ge­fü­ges, in dem Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se und Mit­wir­kungs­rech­te, Ein­fluss­nah­me, Infor­ma­ti­on und Kon­trol­le durch die wis­sen­schaft­lich Täti­gen so beschaf­fen sind, dass Gefah­ren für die Frei­heit von Leh­re und For­schung ver­mie­den wer­den [12]. Dies ist ins­be­son­de­re nach dem Gewicht der Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se zwi­schen kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­ga­nen und Lei­tungs­or­ga­nen zu bewer­ten. Zwar genießt kei­nes von bei­den pau­schal einen Vor­rang. Je mehr, je grund­le­gen­der und je sub­stan­ti­el­ler jedoch wis­sen­schafts­re­le­van­te per­so­nel­le und sach­li­che Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se dem kol­le­gia­len Selbst­ver­wal­tungs­or­gan ent­zo­gen und einem Lei­tungs­or­gan zuge­wie­sen wer­den, des­to stär­ker muss im Gegen­zug die Mit­wir­kung des Selbst­ver­wal­tungs­or­gans an der Bestel­lung und Abbe­ru­fung die­ses Lei­tungs­or­gans und an des­sen Ent­schei­dun­gen aus­ge­stal­tet sein, damit Gefah­ren für die Frei­heit von Leh­re und For­schung ver­mie­den wer­den [13]. Wis­sen­schafts­re­le­van­te Ent­schei­dun­gen betref­fen inso­fern nicht nur kon­kre­te For­schungs­vor­ha­ben oder Lehr­an­ge­bo­te, son­dern auch die Pla­nung der wei­te­ren Ent­wick­lung einer Ein­rich­tung und die Ord­nun­gen, die für die Orga­ni­sa­ti­on gel­ten sol­len; dazu gehö­ren alle den Wis­sen­schafts­be­trieb prä­gen­den Ent­schei­dun­gen über die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur und den Haus­halt [14].
Der Gesetz­ge­ber muss im hoch­schul­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Gestal­tungs­spiel­raum zudem die wei­te­ren Auf­ga­ben der Hoch­schu­len berück­sich­ti­gen [15] und die­se im Sin­ne prak­ti­scher Kon­kor­danz aller grund­recht­lich geschütz­ten Belan­ge [16] in einen Aus­gleich brin­gen. Inso­fern müs­sen die Orga­ni­sa­ti­ons­an­for­de­run­gen für medi­zi­ni­sche Fakul­tä­ten und Hoch­schu­len nicht nur die Wis­sen­schafts­frei­heit aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG [17] und die Auf­ga­ben der Berufs­aus­bil­dung nach Art. 12 Abs. 1 GG, son­dern auch den Schutz der Gesund­heit nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 GG berück­sich­ti­gen [18].
Das Ver­fah­ren zur Aus­wahl der Hoch­schul­lei­tung sowie die Wahl selbst müs­sen eben­falls mit Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG im Ein­klang ste­hen [19]. Das Grund­recht der Wis­sen­schafts­frei­heit wird nicht ver­letzt, wenn der Staat an der Ent­schei­dung über die Beset­zung von Hoch­schul­lei­tun­gen betei­ligt ist [20]. Doch muss auch hier ein hin­rei­chen­der Ein­fluss der Trä­ger der Wis­sen­schafts­frei­heit gewahrt wer­den [21]. Aus Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG folgt inso­fern kein Anspruch, über die Hoch­schul­lei­tung aus­schließ­lich selbst zu bestim­men [22], aber ein Mit­ent­schei­dungs­recht. Der Gesetz­ge­ber darf im Übri­gen bei einer Neu­be­stel­lung eines Lei­tungs­or­gans berück­sich­ti­gen, ob das Ver­tre­tungs­or­gan aka­de­mi­scher Selbst­ver­wal­tung vor­her mit­ge­wirkt hat [23]; eine Abwahl muss wie­der­um umso selbst­be­stimm­ter sein, je höher Aus­maß und Gewicht der Lei­tungs­be­fug­nis­se sind [24].
Das durch die hier ange­grif­fe­nen Nor­men gepräg­te Gesamt­ge­fü­ge der Orga­ni­sa­ti­on der MHH genügt die­sen Anfor­de­run­gen. Der Gesetz­ge­ber hat dem Vor­stand der Hoch­schu­le zwar weit­rei­chen­de wis­sen­schafts­re­le­van­te Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se über­tra­gen (aa), und der Gesetz­ge­bungs- und Bera­tungs­dienst des Nie­der­säch­si­schen Land­tags hat­te des­halb inso­weit zutref­fend auf ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken hin­ge­wie­sen [25]. Die Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se des aka­de­mi­schen Senats sind im Gesamt­ge­fü­ge aber so aus­ge­stal­tet, dass jeden­falls ein maß­geb­li­cher Ein­fluss auf Wahl und Abwahl des Vor­stands als Lei­tung der Hoch­schu­le gesi­chert ist (bb).
Der Gesetz­ge­ber hat die Mit­wir­kung des Senats als Kol­le­gi­al­or­gan der wis­sen­schaft­lich Täti­gen an Ent­schei­dun­gen des Vor­stands mit der hier in Rede ste­hen­den Neu­re­ge­lung zumin­dest teil­wei­se gestärkt.
Nach den ange­grif­fe­nen Rege­lun­gen ist der gesam­te Vor­stand als Lei­tung der MHH nach § 63e Abs. 2 Nr. 2 NHG n.F. zustän­dig für die Errich­tung, Ände­rung, Zusam­men­le­gung und Auf­he­bung von Orga­ni­sa­ti­ons­ein­hei­ten sowie die Fest­le­gung ihrer Auf­ga­ben und Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren. Das sind Ent­schei­dun­gen über For­schung und Leh­re [26] auch dann, wenn sie res­sort­über­grei­fend fal­len, weil sie zum Bei­spiel die Kran­ken­ver­sor­gung betref­fen.
An die­sen Ent­schei­dun­gen des Vor­stands wirkt der aka­de­mi­sche Senat der MHH nach § 63e Abs. 3 Satz 1 NHG n.F. nur im Wege des Beneh­mens mit. So kann der Senat wis­sen­schafts­re­le­van­te Orga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen im Sin­ne des § 63e Abs. 2 Nr. 2 NHG n.F. nicht ver­hin­dern, denn dafür wäre ein Ein­ver­neh­men erfor­der­lich [27]. Ein Ein­ver­neh­men for­dert der Gesetz­ge­ber nach § 63e Abs. 4 Satz 2 NHG n.F. nur in bestimm­ten, in Satz 1 Nr. 1 bis 5 benann­ten, dem für For­schung und Leh­re zustän­di­gen Vor­stands­mit­glied zuge­wie­se­nen Fra­gen der Orga­ni­sa­ti­on und Wei­ter­ent­wick­lung von For­schung und Leh­re, nach Satz 2 aber nur in "Ange­le­gen­hei­ten" von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung. Für Orga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen nach Abs. 2 Nr. 2 woll­te der Gesetz­ge­ber aus­drück­lich kein Ein­ver­neh­men des Senats. Er sah jedoch die Ände­run­gen der Krea­ti­ons­rech­te des Senats zur Fin­dung, Bestel­lung und Ent­las­sung des Vor­stands als geeig­net an, etwai­ge Mit­wir­kungs­de­fi­zi­te des Senats aus­zu­glei­chen [28].
Das ist im Ergeb­nis nicht zu bean­stan­den. Nach § 1 Abs. 3 Satz 1, § 41 Abs. 2 Satz 1 NHG n.F. ist jede Ziel­ver­ein­ba­rung zwin­gend ("auf­grund") an die Ent­wick­lungs­pla­nung der Hoch­schu­le gebun­den [29]. Der Abschluss von Ziel­ver­ein­ba­run­gen ist jetzt nicht mehr ohne gül­ti­ge Ent­wick­lungs­pla­nung und damit nicht mehr ohne den Senat mög­lich [30]. Das sichert den Ein­fluss der wis­sen­schaft­lich Täti­gen durch ihre Ver­tre­tung im Senat [31], wo die Grup­pe der Hoch­schul­leh­ren­den nach § 16 Abs. 3 Satz 1 NHG die Mehr­heit der Stim­men hat und Ent­schei­dun­gen zur For­schung zwin­gend die­se Mehr­heit benö­ti­gen (§ 16 Abs. 3 Satz 2 NHG).
Dem steht nicht ent­ge­gen, dass der Vor­stand die Ent­wick­lungs­pla­nung vor­be­rei­tet (§ 37 Abs. 1 Satz 2 NHG n.F.) und sein Ein­ver­neh­men mit der Ent­wick­lungs­pla­nung (§ 41 Abs. 2 Satz 1, § 63e Abs. 2 Nr. 1 NHG n.F.) erklä­ren muss. So kann der Vor­stand die Ent­wick­lungs­pla­nung zwar blo­ckie­ren. Das könn­te der Gesetz­ge­ber auch anders regeln. Doch for­dert der Schutz vor struk­tu­rel­len Gefähr­dun­gen der Wis­sen­schafts­frei­heit in der Hoch­schul­or­ga­ni­sa­ti­on kein Allein­ent­schei­dungs­recht des Kol­le­gi­al­or­gans, son­dern nur des­sen gehalt­vol­le Mit­wir­kung. Ver­fas­sungs­recht­lich ist ent­schei­dend, dass der Senat sei­ne Befug­nis tat­säch­lich zur Teil­ha­be an der Ent­wick­lungs­pla­nung nut­zen kann [31]. Das ist hier mit der Bin­dungs­re­ge­lung der Fall.
An Ent­schei­dun­gen des Vor­stands­mit­glieds für For­schung und Leh­re nach § 63e Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 NHG für die Orga­ni­sa­ti­on und Wei­ter­ent­wick­lung von For­schung und Leh­re ist ein Ein­ver­neh­men des Senats vor­ge­ge­ben. Dies gilt nach § 63e Abs. 4 Satz 2 NHG n.F. wie­der­um nur für Ent­schei­dun­gen von grund­sätz­li­cher Bedeu­tung. Das ent­spricht den Zustän­dig­keits­re­geln für Senat und Fakul­täts­rat in § 41 Abs. 2 Satz 2 und § 44 Abs. 1 Satz 1 NHG. Danach haben alle Ent­schei­dun­gen, die For­schung und Leh­re nicht nur punk­tu­ell im Ein­zel­fall betref­fen, son­dern finan­zi­el­le oder hoch­schul- oder fakul­täts­po­li­ti­sche Trag­wei­te haben und ins­be­son­de­re Orga­ni­sa­ti­ons­ent­schei­dun­gen grund­sätz­li­che Bedeu­tung und müs­sen im Ein­ver­neh­men mit dem Senat getrof­fen wer­den.
Des­glei­chen sind die – ein­deu­tig wis­sen­schafts­re­le­van­ten [32] – Befug­nis­se des Vor­stands zur Auf­tei­lung der für For­schung und Leh­re bestimm­ten Res­sour­cen (§ 63e Abs. 4 Satz 1 Nr. 2, 4 NHG) bei grund­sätz­li­cher Bedeu­tung an ein Ein­ver­neh­men des Senats gebun­den. Was über punk­tu­el­le Ent­schei­dun­gen im Ein­zel­fall hin­aus­geht, bedarf damit des Ein­ver­neh­mens mit dem Senat. Zudem ist die Ent­schei­dung des Vor­stands­mit­glieds für For­schung und Leh­re nach § 63a Abs. 3 Satz 1 NHG n.F. dar­an gebun­den, dass Mit­tel für For­schung und Leh­re zweck­ent­spre­chend ver­wen­det wer­den und allen wis­sen­schaft­lich Täti­gen eine Min­dest­aus­stat­tung gesi­chert wer­den muss [33].
Die zwar gestärk­te, aber wei­ter­hin rela­tiv gerin­ge Mit­wir­kung des aka­de­mi­schen Kol­le­gi­al­gre­mi­ums an ein­deu­tig wis­sen­schafts­re­le­van­ten Lei­tungs­ent­schei­dun­gen ist im Gesamt­ge­fü­ge der Orga­ni­sa­ti­on zu bewer­ten. Sie wird hier durch Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se des Senats selbst sowie durch sei­nen Ein­fluss auf die Krea­ti­on des Vor­stands ergänzt. Damit ist ins­ge­samt kei­ne struk­tu­rel­le Gefähr­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit gege­ben.
Der Gesetz­ge­ber hat dem aka­de­mi­schen Senat der MHH durch­aus gewich­ti­ge Befug­nis­se zuge­wie­sen.
Der Senat kann in der MHH über die Ent­wick­lungs­pla­nung ent­schei­den (§ 41 Abs. 2 Satz 1 NHG n.F.). Sie bestimmt nach § 1 Abs. 3 Satz 2 NHG die Ent­wick­lungs- und Leis­tungs­zie­le der Hoch­schu­le in ihren Grund­zü­gen. Damit ist sie zwar auf gro­be Zie­le beschränkt und darf nicht auf die ope­ra­ti­ve Tätig­keit der Lei­tung über­grei­fen [34], bin­det den Vor­stand aber. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Ent­wick­lungs­pla­nung im Ein­ver­neh­men mit dem Vor­stand erfol­gen muss (§ 41 Abs. 2 Satz 1 NHG n.F.).
Der Senat hat zudem erheb­li­chen Ein­fluss auf Beru­fun­gen (§ 26 Abs. 2 Satz 7, Abs. 4 Satz 2, § 26 Abs. 8 Satz 1 NHG n.F.). Das schützt die aktu­ell wis­sen­schaft­lich Täti­gen zwar nicht gegen frei­heits­ge­fähr­den­de Ent­schei­dun­gen des Vor­stands zu ihrer For­schung und Leh­re, ist aber für die Ent­wick­lung der Hoch­schu­le von zen­tra­ler Bedeu­tung. Dane­ben ste­hen Befug­nis­se in Fra­gen der Gleich­be­rech­ti­gung und des Daten­schut­zes (§ 42 Abs. 1 Satz 6, Abs. 5 Satz 3, § 3 Abs. 1 Satz 3, § 17 Abs. 1, 2 Satz 2 NHG n.F.).
Der Senat ist wei­ter zustän­dig für Ent­schei­dun­gen über die Mit­wir­kung der Mit­glie­der der Hoch­schu­le an der Selbst­ver­wal­tung (§ 16 Abs. 2 Satz 3, 7 NHG), Sta­tus und Rech­te der Ange­hö­ri­gen der Hoch­schu­le (§ 16 Abs. 4 NHG), die Zusam­men­set­zung des Senats (§ 41 Abs. 4 Satz 2 NHG), die Ver­tre­tung der Pro­mo­vie­ren­den (§ 9 Abs. 4 Satz 2 NHG n.F.) und die Fest­le­gung der Amts­zeit der Stu­di­en­de­ka­nin oder des Stu­di­en­de­kans und die Frei­stel­lung von deren Auf­ga­ben als Pro­fes­so­rin oder Pro­fes­sor (§ 43 Abs. 3 Satz 4, 5 NHG). Auch inso­weit haben die wis­sen­schaft­lich Täti­gen also Ein­fluss.
Zu berück­sich­ti­gen ist im Gesamt­ge­fü­ge schließ­lich die Rechen­schafts­pflicht des Vor­stands sowie das Infor­ma­ti­ons­recht des Senats und sein Recht zu Stel­lung­nah­men (§ 41 Abs. 2 Satz 3, Abs. 3 Satz 1, § 41 Abs. 2 Satz 2 NHG), da sie eine Kon­trol­le der Tätig­keit des Vor­stands ermög­li­chen.
Neben den Sach­ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen hat der Gesetz­ge­ber dem Senat gewich­ti­ge Befug­nis­se bei der Wahl und Abwahl des Vor­stands zuge­wie­sen.
Für eine Abwahl von Vor­stands­mit­glie­dern ist – anders als nach der ver­fas­sungs­ge­richt­lich bean­stan­de­ten Vor­gän­ger­re­ge­lung [35] – kein wich­ti­ger Grund mehr erfor­der­lich. Es genügt aller­dings wei­ter­hin erst eine Mehr­heit von drei Vier­teln der Stim­men im Senat (§ 40 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 63c Abs. 2 NHG n.F.) [36]. Die­se Drei­vier­tel­mehr­heit ist eine hohe Hür­de. Doch ist eine sol­che Hür­de auch zu recht­fer­ti­gen [37]. Sie schützt die Per­son und die Insti­tu­ti­on vor leicht­fer­ti­gen Ent­schei­dun­gen.
Die Befug­nis­se des Senats wer­den auch nicht dadurch ein­ge­schränkt, dass an der Abwahl eines Vor­stands­mit­glieds der Hoch­schul­rat betei­ligt ist [38]. Der Hoch­schul­rat muss den Vor­schlag, ein Vor­stands­mit­glied zu ent­las­sen, bestä­ti­gen (§ 40 Satz 2 i.V.m. § 63c Abs. 2 NHG n.F.). Nach einer gemein­sa­men Sit­zung von Senat und Hoch­schul­rat darf der Senat jedoch im Regel­fall abschlie­ßend ent­schei­den (§ 40 Satz 3, 4 i.V.m. § 63c Abs. 2 NHG n.F.) [39]. Die Son­der­re­ge­lung für die Ent­las­sung des Vor­stands für Kran­ken­ver­sor­gung, wonach der Hoch­schul­rat die Ent­las­sung zwin­gend bestä­ti­gen muss (§ 63c Abs. 2 NHG n.F.), lässt sich recht­fer­ti­gen, um den beson­de­ren Belan­gen des Kran­ken­ver­sor­gungs­auf­trags Rech­nung zu tra­gen [40].
Das Mit­wir­kungs­recht des Senats wird auch nicht dadurch unzu­läs­sig beschränkt, dass für die Ent­las­sung der Vor­stands­mit­glie­der nach § 48 Abs. 1 NHG das Fach­mi­nis­te­ri­um zustän­dig ist. Es darf der Ent­las­sung nur wider­spre­chen, wenn recht­lich trag­fä­hi­ge Grün­de vor­lie­gen, die­se also von einem die Wis­sen­schaft als Bereich auto­no­mer Ver­ant­wor­tung ach­ten­den, ent­spre­chend gewich­ti­gen öffent­li­chen Inter­es­se getra­gen sind [41].
Im Gesamt­ge­fü­ge sind auch die geän­der­ten Vor­ga­ben zu den Fin­dungs­kom­mis­sio­nen für die Vor­stands­mit­glie­der [42] zu berück­sich­ti­gen.
Die Fin­dungs­kom­mis­si­on für das Vor­stands­mit­glied, das nach § 63b Satz 4 Nr. 1 NHG für For­schung und Leh­re zustän­dig ist und als Prä­si­dent oder Prä­si­den­tin wirkt, gibt den Senats­mit­glie­dern die Hälf­te der Stim­men (Anla­ge 1 Nr. 1 NHG n.F.). Das sind zwar nicht zwin­gend die Hoch­schul­leh­ren­den, doch kann die Wahl auch nicht gegen den Wil­len die­ser Grup­pe erfol­gen, da sie nach § 16 Abs. 3 Satz 1 NHG im Senat die Mehr­heit der Stim­men hat. Damit ist sicher­ge­stellt, dass für das Wis­sen­schafts­res­sort kei­ne Per­son vor­ge­schla­gen wer­den kann, die nicht das Ver­trau­en der wis­sen­schaft­lich Täti­gen genießt [43].
Der Fin­dungs­kom­mis­si­on für das Vor­stands­mit­glied, das nach § 63b Satz 4 Nr. 3 NHG für Wirt­schafts­füh­rung und Admi­nis­tra­ti­on zustän­dig ist, gehö­ren vier Mit­glie­der an. Sie wer­den nach Anla­ge 1 Nr. 3 Buchst. a NHG n.F. vom Senat aus sei­ner Mit­te gewählt. Sie kön­nen eine Ent­schei­dung ver­hin­dern, da sie in der Kom­mis­si­on die Hälf­te der Stim­men haben. Damit kom­men die Belan­ge der Wis­sen­schaft auch hier aus­rei­chend zur Gel­tung [44].
In der Fin­dungs­kom­mis­si­on für das Vor­stands­mit­glied, das nach § 63b Satz 4 Nr. 2 NHG für die Kran­ken­ver­sor­gung zustän­dig ist, muss auf­grund der Ver­zah­nung der Kran­ken­ver­sor­gung mit der For­schung und Leh­re ein Ein­fluss der wis­sen­schaft­lich Täti­gen vor­han­den sein, jedoch nicht aus­schlag­ge­bend [45].
Schließ­lich sind die Vor­ga­ben zur Wahl der Vor­stands­mit­glie­der als Lei­tung der Hoch­schu­le von Bedeu­tung.
Nach den neu­en Rege­lun­gen schlägt der Senat eine Per­son vor (§ 38 Abs. 2 Satz 1 i.V.m. § 63c Abs. 1 Satz 1 NHG n.F.). Der Hoch­schul­rat hat nach § 38 Abs. 2 Satz 4, 6 in Ver­bin­dung mit § 63c Abs. 1 Satz 1 NHG n.F. ein Recht zur gemein­sa­men Erör­te­rung mit dem Senat und zur Stel­lung­nah­me. Das Fach­mi­nis­te­ri­um bestellt das Vor­stands­mit­glied nach § 38 Abs. 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit § 63c Abs. 1 Satz 1, § 48 Abs. 1 NHG.
Damit kommt den wis­sen­schaft­lich Täti­gen bei der Wahl des Vor­stands aus­schlag­ge­ben­der Ein­fluss zu. Für den Vor­schlag des Senats hat die Grup­pe der Hoch­schul­leh­ren­den die Stimm­mehr­heit (§ 16 Abs. 3 Satz 1 NHG). Die­ser Ein­fluss wird durch die Betei­li­gung von Hoch­schul­rat und Fach­mi­nis­te­ri­um nicht ent­wer­tet. Der Hoch­schul­rat han­delt nicht rechts­ver­bind­lich, und das Fach­mi­nis­te­ri­um ist recht­lich gebun­den [41].
Auch auf eine Bestel­lung der Vor­stands­mit­glie­der für eine wei­te­re Amts­zeit hat die Wis­sen­schaft selbst erheb­li­chen Ein­fluss. Sie ist nach § 38 Abs. 4 Satz 4 in Ver­bin­dung mit § 63c Abs. 1 Satz 5 NHG n.F. nur mit Zustim­mung von Senat und Hoch­schul­rat mög­lich. Gegen den Wil­len der Mehr­heit im Senat kann sie damit nicht erfol­gen.
Ins­ge­samt hat der Gesetz­ge­ber damit ein Gesamt­ge­fü­ge geschaf­fen, das eine struk­tu­rel­le Gefähr­dung der Wis­sen­schafts­frei­heit nicht erken­nen lässt.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. März 2020 – 1 BvR 2862/​16
Nds. GVBl S. 384[↩]
BVerfG, Beschluss vom 24.06.2014 – 1 BvR 3217/​07[↩]
BVerfGE 136, 338[↩]
Nds. GVBl S. 261[↩]
Nds. GVBl S. 69[↩]
Nds. GVBl S. 384, 388[↩]
vgl. BVerfGE 90, 22, 24 f.; 96, 245, 248[↩]
spe­zi­ell zur MHH: BVerfGE 136, 338; zeit­lich nach­fol­gend auch BVerfGE 139, 148[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 362 f. Rn. 56 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 362 Rn. 55 m.w.N.; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 363 Rn. 57; 139, 148, 182 f. Rn. 68 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 111, 333, 356 f.; 127, 87, 117 f.; 136, 338, 365 f. Rn. 60 ff.; 139, 148, 183 Rn. 68[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 364 Rn. 58 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 368 Rn. 65 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 366 f. Rn. 62 f.[↩]
vgl. BVerfGE 57, 70, 98 ff.; 136, 338, 362 Rn. 55, 366 Rn. 61[↩]
vgl. BVerfGE 111, 333, 363; 127, 87, 128 f.; 139, 148, 183 Rn. 68[↩]
vgl. BVerfGE 111, 333, 362 f.; zuletzt BVerfGE 139, 148, 182 f. Rn. 68 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 111, 333, 362 f.; 127, 87, 117, 129; 136, 338, 365 Rn. 60[↩]
vgl. BVerfGE 111, 333, 365; 127, 87, 129[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 378 Rn. 88[↩]
vgl. BVerfGE 127, 87, 130 f.; 136, 338, 365 Rn. 60[↩]
vgl. LTDrucks 17/​4810, S. 16 f.[↩]
vgl. BVerfGE 35, 79, 123; 136, 338, 370 Rn. 69[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 373 f. Rn. 76[↩]
vgl. LTDrucks 17/​4810, S. 16[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 369 f. Rn. 68[↩]
vgl. LTDrucks 17/​3949, S. 23 f.[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 370 Rn. 68[↩][↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 371 Rn. 71, 374 Rn. 77[↩]
vgl. BVerfGE 43, 242, 285; 127, 87, 125; stRspr[↩]
vgl. LTDrucks 14/​4142, S. 2[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 380 f. Rn. 95[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 370 Rn. 69 mit Ver­weis auf BVerfGE 35, 79, 132 f.[↩]
vgl. BVerfGE 111, 333, 364[↩]
vgl. inso­weit BVerfGE 136, 338, 379 Rn. 93[↩]
dazu LTDrucks 17/​3949, S. 23[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 380 Rn. 94[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 377 Rn. 83[↩][↩]
vgl. LTDrucks 17/​4810, S. 14 f.[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 378 Rn. 85[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 378 Rn. 87[↩]
vgl. BVerfGE 136, 338, 378 Rn. 86[↩]
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