Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BVerfG&Datum=27.01.1992&Aktenzeichen=2%20BvR%20658%2F90
Timestamp: 2018-06-21 00:18:18
Document Index: 161885879

Matched Legal Cases: ['Art. 104', '§ 163', '§ 163', '§ 163', '§ 163', '§ 26', '§ 163', '§ 163']

BVerfG, 27.01.1992 - 2 BvR 658/90 - dejure.org
Art. 104 GG, §§ 163b Abs. 1 Satz 2, 163c StPO, weiteres Festhalten einer Person durch die Polizei ist verfassungswidrig, wenn sich die beabsichtigte Personalienfeststellung auch an Ort und Stelle vornehmen läßt, Gründe Praktikabilität kommen nicht in Betracht
Festhalten - Identifizierung - Ausweis - Lichtbildausweis
LG München I, 20.03.1990 - 1 T 2953/90
NJW 1992, 2879 (Ls.)
NVwZ 1992, 767
StV 1992, 210
Das Anhalten nach § 163 b Abs. 1 Satz 1 StPO zur Befragung nach Namen und Anschrift und die sofortige Personalienüberprüfung an Ort und Stelle ist noch kein Festhalten i.S.d. § 163 b Abs. 1 Satz 2 StGB, welches an weitere Voraussetzungen gebunden wäre (zum Ganzen: Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg, Urteil vom 14. Dezember 2010 - 1 S 338/10 -, juris;… KK-Griesbaum, StPO, 6. Aufl., § 163 b Rdnr. 12 f. m.w.N.; BVerfG [2. Kammer], Beschluss vom 27. Januar 1992 - 2 BvR 658/90 - NVwZ 1992, 767 f.).
Ein Festhalten aus reinen Praktikabilitätserwägungen vermag schon die Erforderlichkeit der Maßnahme nicht zu begründen und dürfte im Übrigen auch auf die Abwägung im Rahmen der Prüfung der Verhältnismäßigkeit einer derartigen Maßnahme keinen Einfluss haben (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 27. Januar 1992 - 2 BvR 658/90 -, NVwZ 1992, S. 767 ).
Die Vorlage eines gültigen Personalausweises oder Passes genügt in jedem Fall, sofern keine konkreten Anhaltspunkte für dessen Fälschung, Verfälschung oder sonstige Unstimmigkeiten wie etwa der Verdacht des unrechtmäßigen Besitzes vorliegen (…vgl. Rachor in Lisken/Denninger, a.a.O., F Rn. 373;… Wolf/Stephan/Deger, a.a.O., § 26 Rn. 26;… KK-Griesbaum, StPO, 6. Aufl., § 163 b Rn. 13 m.w.N.; BVerfG , Beschl. v. 27.01.1992 - 2 BvR 658/90 - a.a.O.).
Etwaige erforderliche weitere Identitätsangaben, wie Geburtsdatum und Geburtsort hätte man daraufhin leicht auf anderem Wege und ohne das Strafverfahren nachhaltig tangierende Verzögerung (vgl. insoweit: BVerfG NVwZ 1992, 767, 768; OLG Hamm NJW 1978, 231 LS) z. B. aus dem Melderegister ermitteln können.
Darüber hinaus erfordert er, daß die Identitätsfeststellung auf andere Weise nicht möglich ist und stellt damit grundsätzlich auch hier sicher, daß ein Eingriff in die persönliche Freiheit nur in Fällen erfolgt, in denen er zur Feststellung der Identität unerläßlich ist (vgl. BVerfG, NVwZ 1992, 767, 768).
Gesichtspunkte der "Praktikabilität und Nachprüfbarkeit" (so etwa BSG…, Urteil vom 7. Dezember 2004 - B 2 U 43/03 R, juris, Rn. 21; LSG Bayern…, Urteil vom 24. Juli 2012 - L 17 U 185/11, juris, Rn. 22) sind nicht geeignet, Grundrechtseingriffe zu rechtfertigen (…vgl. BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 8. März 2011 - 1 BvR 47/05, juris, Rn. 23; BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 27. Januar 1992 - 2 BvR 658/90, juris, Rn. 20).
Vor diesem Hintergrund hätte es zur Durchführung einer Maßnahme nach § 163 b StPO eines weiteren Festhaltens des Beschwerdeführers und eines Verbringens auf die Polizeidienststelle nicht bedurft (vgl. Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 27. Januar 1992 - 2 BvR 658/90 -, NVwZ 1992, S. 767, 768).