Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/versicherungsrecht/kein-basistarif-bei-allen-krankenversicherern-311555
Timestamp: 2020-01-29 05:37:55
Document Index: 279719148

Matched Legal Cases: ['Art. 9', '§ 193', '§ 12', 'Art. 9', '§ 193', '§ 12', '§ 206', 'Art. 9']

Kein Basis­ta­rif bei allen Kran­ken­ver­si­che­rern | Rechtslupe
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat vor einem Monat ent­schie­den 1 ent­schie­den, dass die von den pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen ange­grif­fe­nen Vor­schrif­ten des GKV-WSG und des VVG-ReformG grund­sätz­lich mit der Ver­fas­sung im Ein­klang ste­hen. Dane­ben waren noch Ver­fas­sungs­be­schwer­den von zwei klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Gegen­sei­tig­keit anhän­gig, die aus­schließ­lich eine bestimm­te Berufs­grup­pe, näm­lich Pries­ter, ver­si­chern. Die­se Ver­fas­sungs­be­schwer­den wur­den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt mit der Maß­ga­be zurück­ge­wie­sen, dass der Kon­tra­hie­rungs­zwang für den Basis­ta­rif durch die Gesund­heits­re­form 2007 bei die­sen klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Gegen­sei­tig­keit in die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit (Art. 9 Abs. 1 GG) ein­greift und ein sol­cher daher nur gegen­über Auf­nah­me­be­wer­bern besteht, wel­che die sat­zungs­mä­ßi­gen Vor­aus­set­zun­gen des Ver­eins für eine Mit­glied­schaft erfül­len.
Bei den Beschwer­de­füh­rern han­delt es um klei­ne­re Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Gegen­sei­tig­keit, die ihren Mit­glie­dern Kran­ken­kos­ten­voll­ver­si­che­run­gen und bestimm­te Zusatz­ver­si­che­run­gen anbie­ten. Sie sind ver­pflich­tet, die Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge stets im Rah­men eines Mit­glied­schafts­ver­hält­nis­ses abzu­schlie­ßen. Ver­si­che­rungs­ge­schäf­te ohne Mit­glied­schaft, die den grö­ße­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Gegen­sei­tig­keit gestat­tet sind, sind ihnen gesetz­lich unter­sagt. Die bei­den Beschwer­de­füh­rer wand­ten sich mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die neu­ge­schaf­fe­nen Vor­schrif­ten des Geset­zes zur Stär­kung des Wett­be­werbs in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (GKV-Wett­be­werbs­stär­kungs­ge­setz – GKV-WSG) vom 26. März 2007 und des Geset­zes zur Reform des Ver­si­che­rungs­ver­trags­rechts (VVG-ReformG) vom 23. Novem­ber 2007. Sie rüg­ten vor allem, dass die Vor­schrif­ten über den Kon­tra­hie­rungs­zwang im Basis­ta­rif für sie ein fak­ti­sches Ver­bot der rei­nen Stan­des­ver­si­che­rung dar­stell­ten. Auch in dem abso­lu­ten Kün­di­gungs­ver­bot für alle Kran­ken­kos­ten­voll­ver­si­che­run­gen sahen sie eine Ver­let­zung ihrer Ver­ei­ni­gungs­frei­heit.
Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zu Grun­de: § 193 Abs. 5 Satz 1 VVG und § 12 Abs. 1b Satz 1 VAG sind ver­fas­sungs­kon­form so aus­zu­le­gen, dass ein Antrag­stel­ler nur dann im Basis­ta­rif auf­ge­nom­men wer­den muss, soweit er zum sat­zungs­mä­ßi­gen Mit­glie­der­kreis des jewei­li­gen klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­eins zählt.
Anders als bei den gro­ßen Pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rern, stellt die Pflicht zur Gewäh­rung von Ver­si­che­rungs­schutz im Basis­ta­rif für klei­ne­re Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne, die im Gegen­satz zu den gro­ßen Ver­si­che­rungs­ver­ei­nen auf Gegen­sei­tig­keit nur Mitglieder‑, aber kei­ne Ver­trags­ge­schäf­te füh­ren dür­fen, einen Ein­griff in deren Recht auf Ver­ei­ni­gungs­frei­heit (Art. 9 Abs. 1 GG) dar. Eine von die­sem Grund­recht
ange­lei­te­te ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung ergibt jedoch, dass der Kon­tra­hie­rungs­zwang im Basis­ta­rif nicht in vol­lem Umfang für klei­ne­re
Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Gegen­sei­tig­keit gilt, so dass ein Ver­stoß gegen die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit im Ergeb­nis nicht vor­liegt.
Die klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne haben bestim­mungs­ge­mäß einen sach­lich, ört­lich oder per­so­nal eng begrenz­ten Wir­kungs­kreis. Die per­so­na­le Kom­po­nen­te des klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­eins wird ins­be­son­de­re bei den Beschwer­de­füh­rern deut­lich, die aus­schließ­lich eine bestimm­te, in Beruf und Glau­ben ver­bun­de­ne Berufs­grup­pe ver­si­chern. In die­sem Fall wird häu­fig nicht allein der wirt­schaft­li­che Aspekt, son­dern auch der spe­zi­el­le Soli­dar­ge­dan­ke eines bestimm­ten Kol­lek­tivs für die Ent­schei­dung über die Mit­glied­schaft maß­geb­lich sein.
Die Vor­schrif­ten über den Kon­tra­hie­rungs­zwang grei­fen in die Ver­ei­ni­gungs­frei­heit des­halb ein, weil die klei­ne­ren Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Gegen­sei­tig­keit nicht mehr frei dar­in sind, nur nach Maß­ga­be ihrer Sat­zung über die Auf­nah­me neu­er Mit­glie­der zu ent­schei­den, son­dern auch Per­so­nen als Mit­glie­der auf­neh­men müs­sen, wel­che die Vor­aus­set­zun­gen des § 193 Abs. 5 Satz 1 VVG erfül­len. Durch den Kon­tra­hie­rungs­zwang im Basis­ta­rif wür­den den Beschwer­de­füh­rern trotz ihrer per­so­nal aus­ge­stal­te­ten Struk­tur Per­so­nen als Mit­glie­der auf­ge­zwun­gen, die mit dem bis­her ver­si­cher­ten Per­so­nen­kreis in kei­ner Bezie­hung mehr ste­hen. Das gesetz­ge­be­ri­sche Ziel des GKV-Wett­be­werbs­stär­kungs­ge­set­zes, einen aus­rei­chen­den Ver­si­che­rungs­schutz für alle der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung zuge­wie­se­nen Per­so­nen sicher­zu­stel­len, wird aber bereits durch die gro­ßen Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne auf Gegen­sei­tig­keit und Akti­en­ge­sell­schaf­ten gewähr­leis­tet, die den Markt fast voll­stän­dig abde­cken. Eine ande­re Betrach­tungs­wei­se ist auch nicht des­halb gebo­ten, weil die Beschwer­de­füh­rer einen unge­recht­fer­tig­ten Wett­be­werbs­vor­teil erlan­gen wür­den. Denn sie neh­men am Risi­ko­aus­gleich im Basis­ta­rif nach § 12 g VAG in glei­cher Wei­se wie die gro­ßen Unter­neh­men teil. Da ein klei­ner Ver­si­che­rungs­ver­ein nur unter engen Vor­aus­set­zun­gen zuge­las­sen wer­den kann, wird auch kein Anreiz zur Grün­dung klei­ner Ver­si­che­rungs­ver­ei­ne geschaf­fen, um dem Kon­tra­hie­rungs­zwang im Basis­ta­rif zu ent­ge­hen.
Soweit das für alle sub­sti­tu­ti­ven Kran­ken­voll­ver­si­che­run­gen gel­ten­de abso­lu­te Kün­di­gungs­ver­bot des § 206 Abs. 1 Satz 1 VVG ange­grif­fen wird, berührt die Vor­schrift zwar den Schutz­be­reich der Ver­ei­ni­gungs­frei­heit (Art. 9 Abs. 1 GG), die­ser Ein­griff ist aber aus Grün­den des gemei­nen Wohls gerecht­fer­tigt. Das Kün­di­gungs­ver­bot erfüllt den legi­ti­men Zweck, den Ver­lust des Ver­si­che­rungs­schut­zes zu ver­hin­dern und damit die Voll­funk­tio­na­li­tät der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­run­gen für den ihnen zuge­wie­se­nen Per­so­nen­kreis sicher­zu­stel­len und den mit der Kün­di­gung des Ver­si­che­rungs­ver­trags ver­bun­de­nen Ver­lust der Alters­rück­stel­lung zu ver­hin­dern. Ob in Aus­nah­me­fäl­len aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den eine Durch­bre­chung des abso­lu­ten Kün­di­gungs­ver­bots gebo­ten sein kann, konn­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hier dahin­ste­hen las­sen.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 10. Juni 2009 – 1 BvR 825/​08 und 1 BvR 831/​08
BVerfG, Urteil vom 10. Juni 2009 – 1 BvR 706/​08, 1 BvR 814/​08, 1 BvR 819/​08, 1 BvR 832/​08 und 1 BvR 837/​08[↩]
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