Source: http://www.hensche.de/EuGH_Betriebsuebergang_im_Konzern_beherrschende_Stellung_des_Veraeusserers_EuGH_C-458-12_06.03.2014_Amatori_gg_Telecom_Italia.html
Timestamp: 2020-07-11 23:43:11
Document Index: 676249

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 613', '§ 613', '§ 613']

EuGH zum Betriebsübergang im Konzern - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/364
Ver­bie­tet das Eu­ro­pa­recht die ge­setz­li­che Über­lei­tung von Ar­beits­verhält­nis­sen von ei­ner Kon­zern­mut­ter auf ei­ne Kon­zern­toch­ter, wenn gar kein über­g­angsfähi­ger Be­trieb vor­liegt?
Der Fall Lo­ren­zo Ama­to­ri und Kol­le­gen ge­gen Tele­com Ita­lia: Die Tele­com zau­bert ei­ne Spar­te "IT Ope­ra­ti­ons" aus dem Hut und bringt sie als Sach­ein­la­ge in ei­ne Toch­ter­ge­sell­schaft ein
EuGH: Auch wenn kein Be­triebsüber­gang im Sin­ne der Richt­li­nie 2001/23/EG vor­liegt, können die Mit­glieds­staa­ten in ähn­li­chen Fällen Ar­beits­verhält­nis­se auf ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber über­ge­hen las­sen
Das ist aus Ar­beit­neh­mer­sicht schon ein­mal gut. Noch bes­ser ist es al­ler­dings, die­sen "Schutz" gar nicht in An­spruch neh­men zu müssen, je­den­falls dann, wenn es um ei­nen Wech­sel von ei­ner Kon­zern­mut­ter auf ei­ne Toch­ter­ge­sell­schaft geht. Bleibt man bei der Mut­ter­ge­sell­schaft, ist man dort nämlich al­le­mal bes­ser auf­ge­ho­ben als bei ei­ner Toch­ter.
Frag­lich ist, ob die Richt­li­nie 2001/23/EG an die­ser Stel­le Gren­zen für ei­ne ju­ris­tisch au­to­ma­ti­sche und da­mit den Ar­beit­neh­mern auf­ge­zwun­ge­ne Über­lei­tung von Ar­beits­verhält­nis­sen enthält. An­ders ge­sagt: Würde es ge­gen die Richt­li­nie ver­s­toßen, den Ar­beit­neh­mern kraft ge­setz­li­cher Re­ge­lung auch dann ei­nen neu­en Ar­beit­ge­ber vor die Na­se zu set­zen, wenn gar kei­ne über­g­angsfähi­ge be­trieb­li­che Ein­heit be­stand und/oder wenn die Über­lei­tung fragwürdig ist, weil die veräußern­de Kon­zern­mut­ter vor wie nach dem an­geb­li­chen "Über­gang" der Lei­tungs­macht das Sa­gen hat?
Das Tri­bu­na­le di Tren­to hielt es für möglich, dass nach den ita­lie­ni­schen Ge­set­zes­vor­schrif­ten über den Be­triebsüber­gang ein Ar­beit­ge­ber­wech­sel statt­ge­fun­den hat­te, hielt das aber für eu­ro­pa­recht­lich be­denk­lich. Da­her frag­te es den EuGH, ob die Richt­li­nie 2001/23/EG ei­nem au­to­ma­ti­schen Ar­beit­ge­ber­wech­sel oh­ne Ein­verständ­nis der Ar­beit­neh­mer ent­ge­gen­steht,
falls es vor dem (an­geb­li­chen) "Be­triebsüber­gang" gar kei­ne funk­tio­nell selbständi­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit ge­ge­ben hat, und/oder
Der EuGH be­ant­wor­te­te bei­de Vor­la­ge­fra­gen des Tri­bu­na­le di Tren­to im Sin­ne der Tele­com Ita­lia.
Wenn es vor ei­nem un­ter­neh­me­ri­schen Zu­sam­men­schluss kei­ne funk­tio­nell selbständi­ge wirt­schaft­li­che Ein­heit, d.h. kei­nen Be­trieb oder Be­triebs­teil im Sin­ne der Richt­li­nie 2001/23/EG gab, und wenn in­fol­ge­des­sen kein Be­triebsüber­gang im Sin­ne die­ser Richt­li­nie vor­liegt, dann schreibt die Richt­li­nie den Mit­glieds­staa­ten eben nichts vor. Sie ver­bie­tet es da­her den Mit­glieds­staa­ten nicht, die Ar­beit­neh­mer auch in sol­chen Fällen durch ei­ne au­to­ma­ti­sche ge­setz­li­che Über­lei­tung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se zu "schützen".
Das EuGH-Ur­teil bestätigt, dass die Richt­li­nie 2001/23/EG kei­ne Grund­la­ge für die Möglich­keit ei­nes Wi­der­spruchs der Ar­beit­neh­mer ge­gen die Über­lei­tung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se auf den Be­triebs­er­wer­ber enthält. Die nach deut­schen Recht be­ste­hen­de Wi­der­spruchsmöglich­keit (§ 613a Abs.6 BGB) geht da­her über die Vor­ga­ben des EU-Rechts hin­aus.
Und so­gar dort, wo § 613a BGB nicht gilt wie bei ge­setz­li­chen Über­lei­tun­gen von Ar­beits­verhält­nis­sen, lässt sich dem deut­schen Ver­fas­sungs­recht ein Ve­to­recht der Ar­beit­neh­mer ge­genüber ei­nem ih­nen auf­ge­zwun­ge­nen Ar­beit­ge­ber­wech­sel ent­neh­men, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) vor ei­ni­gen Jah­ren ent­schie­den hat (BVerfG, Be­schluss vom 25.01.2011, 1 BvR 1741/09 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/108 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt: Wi­der­spruchs­recht auch bei Pri­va­ti­sie­rung auf­grund Ge­set­zes).
Fa­zit: Hätte sich der ita­lie­ni­sche Vor­la­ge­fall in Deutsch­land ab­ge­spielt, hätten die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ein­fach der Über­lei­tung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se auf die Toch­ter­ge­sell­schaft wi­der­spre­chen können und wären da­durch bei ih­rem bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber, der Mut­ter­ge­sell­schaft ge­blie­ben.
Trotz des Wi­der­spruchs­rechts lohnt es sich aus Ar­beit­neh­mer­sicht, das Vor­lie­gen ei­nes vom Ar­beit­ge­ber be­haup­te­ten Be­triebsüber­gangs an­walt­lich über­prüfen zu las­sen, wenn man mit ihm nicht ein­ver­stan­den ist. Denn wenn gar kein über­g­angsfähi­ger Be­trieb oder Be­triebs­teil exis­tiert, ist § 613a Abs.1 BGB nicht an­wend­bar, und dann muss ein Wi­der­spruch ge­gen die ar­beit­ge­ber­sei­tig be­haup­te­te Über­lei­tung des Ar­beits­verhält­nis­ses nur vor­sorg­lich erklärt wer­den. Das stärkt die Ver­hand­lungs­po­si­ti­on des Ar­beit­neh­mers, wenn der Ar­beit­ge­ber im wei­te­ren Ver­lauf ei­ne be­triebs­be­ding­te Kündi­gung aus­spricht, weil er in­fol­ge ei­nes - an­geb­li­chen - Be­triebsüber­gangs kei­ne Beschäfti­gungsmöglich­kei­ten mehr sieht.
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 19/192 Be­triebsüber­gang zwecks Li­qui­da­ti­on