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Timestamp: 2020-08-08 03:41:59
Document Index: 70874251

Matched Legal Cases: ['§ 11', '§ 2', '§ 3', '§ 3', '§ 10', '§ 2', '§ 10', '§ 2', '§ 2']

Liquidity at Risk - Eine Methodik zur Ermittlung des - GRIN
von Sören Schramm (Autor)
2 Das Liquiditätsrisiko in Kreditinstituten
2.1 Aufsichtsrechtliche Anforderungen
2.1.1 Kreditwesengesetz
2.1.2 Liquiditätsverordnung
2.1.3 Vorgaben durch die MaRisk
2.2 Definition und Systematisierung des Liquiditätsrisikos
2.2.1 Begriffsbestimmung sowie Abgrenzung des bankbezogenen vom objektbezogenen Liquiditätsrisikos
2.2.2 Originäres und derivatives Liquiditätsrisiko
2.2.3 Dispositives und strukturelles Liquiditätsrisiko
2.3 Das Konzept des Liquidity at Risk
2.3.1 Begriffliche Einordnung
2.3.2 Die Berechnung des Liquidity at Risk beruhend auf dem VaR-Ansatz
2.3.3 Die Ermittlung des Liquidity at Risk basierend auf der POT-Methode
3 Beurteilung des Liquidity at Risk Konzepts
3.1 Statistische Berechnungsschemata
3.1.1 Der LaR beruhend auf dem VaR-Ansatz
3.1.2 Der LaR basierend auf der POT-Methode
3.2 Das Konzept in der Praxis
3.3 Entwicklungen im Management des Liquiditätsrisikos
Mit der Novellierung des Basel II Akkords und des Inkrafttretens der Ma-Risk für die deutschen Kreditinstitute trat das Thema Risikomanagement in den letzten Jahren immer weiter in den Vordergrund. Insbesondere für die Ermittlung des Liquiditätsrisikos stellte sich die Frage, wie und ob eine ge-samtbankübergreifende Lösung aussehen bzw. gefunden werden kann. Die von den MaRisk geforderten quantitativen Verfahren zur Ermittlung des Liquiditätsrisikos erlebten durch die jüngsten Ereignisse auf den internatio-nalen Finanzmärkten eine deutliche Aufwertung. Vielen Finanzinstituten wurde plötzlich vor Augen geführt, dass (Interbanken-) Liquidität ein knap-pes Gut ist, welches es genauso zu beobachten und zu managen gilt, wie die Marktpreis- oder Adressausfallrisiken.
Da die quantitativen Ansätze zur Ermittlung des Liquiditätsrisikos im Ver-gleich zu den Methoden der Berechnung der Marktpreis- oder Adressaus-fallrisiken derzeit nicht so fortgeschritten sind, ist es das Ziel dieser Semi-nararbeit, einen fortgeschrittenen quantitativen Ansatz näher zu betrachten. Dazu soll im zweiten Kapitel zunächst das Liquiditätsrisiko unter aufsichts-rechtlichen Aspekten betrachtet, im weiteren Fortgang des Abschnitts näher systematisiert sowie im dritten Unterabschnitt das Liquidity at Risk (LaR) Konzept anhand zweier Ansätze vorgestellt werden. Das dritte Kapitel ist der kritischen Auseinandersetzung mit dem vorgestellten LaR Konzept ge-widmet. Dabei sollen vor allem die modelltheoretischen Prämissen hinter-fragt, die Praxistauglichkeit beurteilt sowie weitere Entwicklungen im Ma­nagement der Liquiditätsrisiken vorgestellt werden.
Das Liquiditätsrisiko ist in den aufsichtsrechtlichen Bestimmungen des KWG im Vergleich zu den anderen Risikokategorien weniger umfangreich beschrieben. Im Gesetz über das Kreditwesen findet sich zum Thema Liqui-dität ein einzelner Paragraph ± der § 11 KWG. Dieser verweist in seiner Ausführung im Absatz 1 Satz 1 darauf, dass die Institute ihre Mittel so anle- gen müssen, dass jederzeit eine ausreichende Zahlungsbereitschaft (Liquidi-tät) gewährleistet ist. Des Weiteren ist darin der Hinweis zu finden, dass weitere Ausführungen in einer Rechtsverordnung zu finden sind; gemeint ist die Liquiditätsverordnung (LiqV).
Die Liquiditätsverordnung ist der Rechtsnachfolger des Grundsatzes II der bis 31.12.2006 Bestand hatte. Grundgedanke ist, dass ein Institut jederzeit über genügend Zahlungsmittel verfügen muss, um seine kurzfristigen Zah-lungsverpflichtungen erfüllen zu können. Das Institut verfügt laut § 2 LiqV dann über eine ausreichende Liquidität, wenn die innerhalb eines Monats verfügbaren Zahlungsmittel die in dieser Zeit fällig werdenden Zahlungs-verpflichtungen nicht unterschreiten. Der Quotient aus Zahlungsmitteln und Zahlungsverpflichtungen muss dabei mindestens 1,0 betragen und darf an keinem Bankarbeitstag unterschritten werden. Für alle weiter entfernt lie-genden Zeiträume sind Beobachtungskennzahlen zu ermitteln, die jedoch keine Mindestquotienten erreichen müssen.1
In den §§ 3 bis 8 LiqV ist definiert, wie die Höhe und Fälligkeit von Zah-lungsmitteln und -verpflichtungen für die verschiedenen zahlungswirksa-men bilanziellen und außerbilanziellen Geschäftsarten zu bestimmen sind. Die Regelungen in den §§ 3 bis 7 LiqV folgen denen des bisherigen Grund-satz II. Neu ist die in § 10 LiqV geschaffene Möglichkeit, anstelle der Vor-gaben der §§ 2 bis 8 eigene Liquiditätsmess- und -steuerungsverfahren an-wenden zu können. Die LiqV folgt damit der Systematik der Solvabilitäts-verordnung, welche den Instituten die Möglichkeit einräumt, eigene Risiko-steuerungsmodelle verwenden zu dürfen. Die Öffnungsklausel des § 10 LiqV ermöglicht somit den größeren KI ihr Liquiditätsrisiko, welches durch die Vorgaben der §§ 2 bis 8 LiqV nur ungenau dargestellt würde, mit einem eigenen Modell zu ermitteln. Dieses muss jedoch vorher von den Aufsichts-behörden anerkannt werden.
Durch die in den letzten beiden Jahrzehnten starke Zunahme der bilanziellen und außerbilanziellen Finanzprodukte sowie der Internationalsierung der Finanzmärkte sollte das Management der Liquiditätsrisiken nunmehr auch fortgeschrittene Messansätze berücksichtigen, um die Risikosituation der Banken adäquat abbilden zu können. Das bankbezogene Liquiditätsrisiko erfährt in den MaRisk neben den anderen wesentlichen Risikoarten eine tiefergehende vor allem aber qualitativere Betrachtung als es im KWG oder in der LiqV der Fall ist. Die MaRisk machen für den Bereich der Liquidi-tätsrisiken unter anderem folgende Vorgaben:2
- Sicherstellung einer jederzeitigen Erfüllung von Zahlungsverpflich-tungen,
- Gewährleistung einer ausreichenden Diversifikation der Vermögens-und Kapitalstruktur,
- Erstellen einer Liquiditätsübersicht für einen geeigneten Zeitraum,
- regelmäßige Durchführung von angemessenen Szenariobetrachtun-gen bei der Erstellung der Liquiditätsübersicht
- laufende Überprüfung der Möglichkeiten zur Deckung eines auftre-tenden Liquiditätsbedarfs, wobei insbesondere auf den Liquiditäts-grad der Vermögenswerte abzustellen ist,
- Erstellung einer Notfallplanung im Falle eines Liquiditätsengpasses,
- regelmäßige Berichterstattung an die Geschäftsleitung über die Li-quiditätssituation,
Nachdem die Liquiditätsrisiken nicht nur auf Einzelrisikoebene zu betrach-ten sind, müssen geeignete Controllinginstrumente gefunden werden, die das Liquiditätsrisiko in die Gesamtbanksteuerung integrieren. Des Weiteren ist es auch von der Geschäftsleitung in der Risikostrategie der jeweiligen Bank zu berücksichtigen.
2.2.1 Begriffsbestimmung sowie Abgrenzung des bankbezogenen vom ob-
jektbezogenen Liquiditätsrisikos
Das Liquiditätsrisiko ist neben den anderen Risiken einer Bank3 ein sehr
bedeutendes, da aufgrund der Fristen- und Losgrößentransformation der Banken die sofortige Auszahlung aller Verbindlichkeiten an die Gläubiger nicht möglich ist. Insofern birgt das Bankgeschäft das stete Risiko, dass die Gläubiger ihre Einlagen zurfickerhalten wollen und das Kreditinstitut (KI), bei nicht ausreichender Liquidität bzw. Refinanzierungsmöglichkeit, sofort zahlungsunfähig wird. Die Liquidität respektive die Steuerung des Liquidi-tatsrisikos nimmt somit eine Sonderstellung ein, da es „eine strenge Neben-bedingung"4 ffir das wirtschaftliche Bestehen ist, „die im Eigeninteresse der Institute dringend zu beachten ist."5
Bei der Steuerung des Liquiditätsrisikos besteht somit die Gefahr negativer Abweichungen zwischen tatsächlichen Ein- und Auszahlungen auf der einen und erwarteten Ein- und Auszahlungen auf der anderen Seite.6 Zu jedem Zeitpunkt muss die Bedingung
gelten. Sofern die tatsächlichen und erwarteten Einzahlungen die Differenz aus Auszahlungen und Kassenbestand unterschreitet, besteht ein Liquiditäts-risiko, welches in der einschlägigen Fachliteratur als bankbezogenes Liqui-ditätsrisiko bezeichnet wird. Im Gegensatz dazu bezeichnet das objektbezo-gene Liquiditätsrisiko die Risiken, die in der unterschiedlichen Liquidität von Märkten und Produkten liegen.7
Ein weiterer Systematisierungsansatz besteht darin, dass das Liquiditätsrisi-ko zum einen originär und zum anderen derivativ, also abgeleitet aus einer anderen Risikokategorie, entstehen kann. Dem originären Liquiditätsrisiko werden gemäß Schierenbeck et al. (2008) das Terminrisiko, das Abrufrisiko sowie das Liquiditätsspannungsrisiko zugeordnet. Anhang 2 gibt einen Überblick fiber den Zusammenhang zwischen originärem und derivativen Liquiditätsrisiko sowie den weiteren Risikokategorien.
Das dispositive Liquiditätsrisiko unterscheidet sich vom strukturellen im
betrachteten Zeitraum. Dabei bezieht sich das dispositive Liquiditätsrisiko auf die Steuerung der Liquidität und der daraus erwachsenden Risiken in einem kurzfristigen Zeitraum von einem bis zu 365 Tagen. Bei der Betrach-tung des dispositiven Liquiditätsrisikos geht es in erster Linie darum, die jederzeitige Zahlungsfähigkeit gemäß §§ 2 bis 8 LiqV zu gewährleisten.8 Das strukturelle Liquiditätsrisiko bezeichnet die in und außerhalb der Bilanz liegenden längerfristigen Laufzeitungleichgewichte zwischen Aktiv- und Passivpositionen. Es weist somit auf ein langfristig zu managendes Risiko hin, welches z. B. durch Szenarioanalysen oder hypothetische Liquiditätsab-laufbilanzentwicklungen via Monte-Carlo-Simulation bestimmt werden kann.9
Der LaR beschreibt „den erwarteten Auszahlungsfiberschuss aus allen auto-nomen Zahlungen einer Bank während eines Geschäftstages, der mit einer vorgegebenen Wahrscheinlichkeit nicht fiber schritten wird."10
Der LaR stellt somit eine Risikomaßzahl dar, die „im Rahmen der kurzfris-tigen Liquiditätssteuerung von Banken"11 genutzt wird. Der LaR ist anders als der VaR (z.B. bei Marktpreisrisiken von Aktien) keine Maßzahl, die die Ertragsebene der Bank tangiert. Vielmehr soll der maximale Zahlungsmit-telbedarf, also eine Volumengröße in Euro, statistisch geschätzt werden. In diesem Zusammenhang soll daraufhin gewiesen werden, dass der LaR nicht mit dem Liquidity Value at Risk (L-VaR) verwechselt werden darf. Letzterer wird für die Ermittlung der bonitätsbedingten Veränderungen des Barwertes von Vermögenspositionen eingesetzt.
Datengrundlage des LaR bilden die autonomen Zahlungsströme des KI. Dies sind solche Zahlungsströme, die vom Treasury selbst nicht beeinflusst werden können (= autonom) und einen Einfluss auf die Liquiditätssituation der Bank haben. Diese autonomen Zahlungsströme sind für die Vergangen-heit des KI zu identifizieren, da sie die Datengrundlage für die Berechnung bilden.
1 Vgl. Anhang 1 ± Ermittlung der Liquiditätskennzahl gem. LiqV.
2 Vgl. BaFin 2007, S. 45-46.
3 Damit sind das Marktpreisrisiko, das Adressenausfallrisiko und die operationellen Risi-ken gemeint.
4 Hannemann, R.; Schneider, A.; Hanenberg, L. 2008, S. 95.
5 Hannemann, R.; Schneider, A.; Hanenberg, L. 2008, S. 95.
6 Vgl. Krumnow, J.; Gramlich, L.; Lange, T. A.; Dewner, T. M. 2002, S. 887.
7 Vgl. Schierenbeck, H.; Lister, M.; Kirmße, St. 2008, S.512.
8 Vgl. Ramke, T. 2008, S. 257.
9 Vgl. Schierenbeck, H.; Lister, M.; Kirmße, St. 2008, S.518.
10 Zeranski, S. 2005, S. 91.
11 Wolke, T. 2008, S. 188.
9783640507351
9783640507511
v140503
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