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Timestamp: 2018-11-14 09:18:24
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Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Forum Gesundheitspolitik: Wellness, Gesundheit als Lifestyle
Wo Gesundheit suggeriert wird, muss welche drin sein: Werbung für "bekömmlichen" Wein endgültig auch in Deutschland unzulässig
Mit einem am 14. Februar 2013 veröffentlichten Urteil schloss sich das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig einer zuvor vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) nach europäischem Recht gefällten Entscheidung an, und erklärte die Weinwerbung mit dem Prädikat "bekömmlich" auch in Deutschland verbindlich für unzulässig.
Damit unterlag endgültig eine Winzergenossenschaft aus Rheinland-Pfalz, die ihre Weine unter der Bezeichnung "Edition Mild bekömmlich" mit dem Zusatz "sanfte Säure" vermarktet hatte. Auf dem Etikett hieß es: "Zum milden Genuss wird er durch Anwendung unseres besonderen (..) Schonverfahrens zur biologischen Säurereduzierung."
Sowohl die zuständige Behörde, zwei bundesrepublikanische gerichtliche Instanzen und schließlich der EuGH waren der Ansicht, der normale Verbraucher verstehe unter dem Prädikat "bekömmlich" einen Hinweis auf die besondere Magenverträglichkeit dieser Weine und damit eine gesundheitsbezogene Angabe. Damit verstoße die Werbung gegen die so genannte Health-Claims-Verordnung über die Verwendung nährwert- und gesundheitsbezogener Angaben bei Lebensmitteln (Nr. 1924/2006), die bei alkoholischen Getränken mit einem höheren Alkoholgehalt als 1,2 Volumenprozent generell unzulässig sei.
In der Mitteilung über das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wird der weitere Rechtsweg bis zum EuGH so zusammengefasst: "Auf die Revision der Klägerin legte das Bundesverwaltungsgericht dem Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) im Jahr 2010 mehrere Fragen zur Auslegung des Begriffs der gesundheitsbezogenen Angabe vor (Pressemitteilung Nr. 82/2010 vom 23. September 2010). Mit Urteil vom 6. September 2012 (Rs. C-544/10) hat der EuGH entschieden, dass eine Bezeichnung wie "bekömmlich" verbunden mit dem Hinweis auf einen reduzierten Gehalt eines Stoffes, der von einer Vielzahl von Verbrauchern als nachteilig angesehen wird, eine gesundheitsbezogene Angabe im Sinne der Verordnung darstellt. Der EuGH hat ferner festgestellt, dass das ausnahmslose Verbot, eine solche Angabe bei der Vermarktung von Wein zu verwenden, mit den durch die Unionsrechtsordnung geschützten Grundrechten der Berufsfreiheit und der unternehmerischen Freiheit vereinbar ist."
Und: "Auf dieser Grundlage hat das Bundesverwaltungsgericht nunmehr die Revision zurückgewiesen (Aktenzeichen 3 C 23.12) und die Entscheidungen der Vorinstanzen bestätigt."
Die Pressemitteilung 9/2013 des Bundesverwaltungsgerichts vom 14. Februar 2013 steht kostenlos zur Verfügung. Und auch das schriftliche Urteil ist komplett kostenlos erhältlich.
Das komplette Urteil des EuGH vom 6. September 2012 kann kostenlos heruntergeladen werden.
Die Health Claims-Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel (ABl. L 404, S. 9) in der zuletzt durch die Verordnung (EU) Nr. 116/2010 der Kommission vom 9. Februar 2010 (ABl. L 37, S. 16) geänderten Fassung hat eigentlich anders als EU-Richtlinien unmittelbare Geltung in allen EU-Mitgliedsländern.
Zur Konkretisierung der Health Claimsverordnung setzte die EU-Kommission am 16. Mai 2012 eine weitere Verordnung, nämlich die Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel als Angaben über die Reduzierung eines Krankheitsrisikos sowie die Entwicklung und die Gesundheit von Kindern in Kraft. Darin finden sich auf 40 Seiten, die aus rund 44.000 eingereichten oder recherchierten durch Experten extrahierten gesundheitsbezogenen Angaben, die in der EU uneingeschränkt oder mit präzisen zusätzlichen Angaben zu Werbezwecken benutzt werden dürfen.
Mit Sicherheit ist zu erwarten, dass auf der Basis dieser Verordnung, unabhängig davon, wie verlässlich und vollständig sie ist, auch künftig Werbeaussagen mit gesundheitsbezogenen Angaben insbesondere von Unternehmen der Gesundheitswirtschaft untersagt werden können.
Jeder sechste Niederländer hat schon medizinische Selbsttests gemacht zur Diagnose von Diabetes oder Cholesterin
Wenn es derzeit schon möglich ist, die eigenen 23 Chromosomenpaare gegen eine Gebühr von 1000 Dollar entschlüsseln und auf Erbkrankheiten analysieren zu lassen (vgl. "23andMe" - Eine Google-Firma verkauft an Privatpersonen jetzt Analysen ihrer Erbanlagen), dann kann nicht überraschen, dass auch die Verkaufszahlen für persönlich durchführbare medizinisch-diagnostische Selbsttests deutlich zunehmen. Jeder sechste Niederländer, so hat eine Umfrage jetzt festgestellt, hat bereits Erfahrungen mit solchen Untersuchungen, die ohne Einschaltung eines Arztes Diabetes oder Allergien erkennen sollen, einen zu hohen Cholesterinspiegel oder Infektionen.
Im Rahmen einer Internet-Befragung, an der sich im Herbst 2006 knapp 8.000 niederländische Männer und Frauen im Alter von 12-94 Jahren beteiligten (Durchschnittsalter: 37), wollte ein Forschungsteam der Universität Maastricht der Frage nachgehen, wie stark solche Tests heute verbreitet sind und von welchen Bevölkerungsgruppen sie häufiger genutzt werden. Unterschieden werden verschiedene Formen von Selbsttests, die auch auf dem Fragebogen erläutert sind. Am häufigsten sind solche, die man in der Apotheke kauft oder im Internet bestellt, zuhause durchführt und dort auch das Ergebnis ablesen kann, sowie auch Tests, die man in bestimmten Einrichtungen (in der Apotheke oder Klinik ebenso wie im Supermarkt) durchführt und dort entweder sofort das Resultat erfährt oder per Post zugeschickt bekommt.
Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung waren:
• 63% hatten schon von solchen Tests zuvor gehört, 28% schon einmal eine Nutzung in Betracht gezogen, 16% sie schon einmal persönlich genutzt.
• Bei den Nutzern war die durchschnittliche Zahl der schon einmal verwendeten Selbsttests 2,1.
• Die am häufigsten von den Nutzern verwendeten Tests waren: Diabetes (39% der Nutzer), Cholesterin (34%), weiblicher Eisprung (15%), Allergien (12%), Harntrakt-Infektionen (12%), HIV-Infektion (11%), Anämie (11%), Menopause / weibliche Fruchtbarkeit (10%).
• Im Rahmen einer multivariaten Analyse, also unter Einbezug einer Vielzahl gesundheitlicher und soziodemografischer Einflussfaktoren, zeigte sich dann, dass folgende Gruppen bzw. Merkmale besonders häufig in Zusammenhang standen mit der Nutzung medizinischer Selbsttests: Body Mass Index über 30, wenig körperliche Bewegung, eher fettreiche Ernährung, regelmäßige Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und Vitaminen, Sympathie für homöopathische Medizin, Vorliegen einer chronischen Erkrankung, eher schlechte Selbsteinstufung des Gesundheitszustands.
• Im Hinblick auf das Alter, Geschlecht oder Bildungsniveau zeigten sich keine signifikanten Einflüsse.
Damit entsteht der Eindruck einer eher kranken (u.U. auch nur "kränkelnden", also gegenüber Krankheiten und Beschwerden überdurchschnittlich sensiblen) Bevölkerungsgruppe, deren Gesundheitsverhalten eher riskant ist und die daher bemüht ist, durch Selbsttests mehr Gewissheit zu erlangen über weitere Erkrankungsrisiken.
Inwieweit die Verwendung von Selbsttests in gesundheitlicher und therapeutischer Hinsicht eine sinnvolle oder eher problematische Maßnahme ist, lässt sich aus den Daten der Befragung leider nicht exakt ablesen. Bei jedem vierten Befragungsteilnehmer wiesen die Befunde auf eine Erkrankung oder einen Risikofaktor hin, und 75% dieser Gruppe ging dann zum Arzt, 25% unterließen dies. Bei jenen mit negativem Testergebnis gingen lediglich 9% zum Arzt. Um diese Zahlen bewerten zu können, wäre es allerdings nötig, die Fehler-Anfälligkeit der einzelnen Verfahren genauer zu kennen.
Quelle: Gaby Ronda et al: Use of diagnostic self-tests on body materials among Internet users in the Netherlands: prevalence and correlates of use; BMC Public Health 2009, 9:100doi:10.1186/1471-2458-9-100
• Vorläufige PDF-Datei mit Volltext der Studie
• kurzes Abstract der Studie
Gerd Marstedt, 21.4.09
Die neue Gesundheits-Ideologie - Eine Analyse der Botschaften in der Zeitschrift "Men's Health"
"Healthismus" nannte der Wissenschaftler Hagen Kühn in seiner Buchveröffentlichung im Jahr 1993 eine US-amerikanische Ideologie, die seinerzeit in Deutschland noch großes Befremden hervorrief, inzwischen aber über den Teich herübergeschwappt ist und zunehmend auch hier an Bedeutung gewinnt. Angesprochen war eine bei vielen jüngeren und erfolgsorientierten Amerikanern verbreitete Lebensorientierung, die alle Bereiche des täglichen Lebens unter die Maxime "Gesundheit" unterordnete. Ernährung und Trinkgewohnheiten, Sexualität und Partnerschaft, Verhalten in der Freizeit und im Beruf, Umgang mit Stress und Gesundheitsbeschwerden: In allen diesen Bereichen erkennt der Anhänger des Healthismus potentielle Gesundheitsrisiken und weiß, welche Verhaltensweisen gesundheitsschädlich und welche gesundheitsförderlich sind.
Männer-Zeitschriften wie "Men's Health" oder "For Him" sind seither bedeutsame Multiplikatoren der neuen Gesundheits-Ideologie. Eine jetzt in der Zeitschrift "Social Science & Medicine" veröffentlichte Studie hat die Artikel aller Hefte der Zeitschrift "Men's Health" aus den Jahrgängen 2003 und 2004 jetzt einmal einer kritischen Analyse unterzogen und überprüft, welche expliziten und welche eher verborgenen Botschaften über das Thema "Gesundheit" dort verbreitet werden. In der sehr detaillierten Analyse unterschiedlicher Rubriken und Artikel der Zeitschrift werden anhand vieler Textbeispiele und Zitate folgende Tendenzen hervorgehoben:
• Medikalisierung des Alltags und Individualisierung von Risiken: Dies beschreibt weitgehend, was in der Literatur auch unter "Healthismus" geführt wird, eine "Aufblähung" des Gesundheitsbegriffs und das Vordringen gesundheitlicher Verhaltensratschläge bis in die kleinsten Poren des Alltags. Als Beispiel hierfür wird etwa ein Artikel zitiert, der präzise beschreibt, dass es für das Alltagsverhalten "Kaffee trinken" bessere und schlechtere Varianten gibt. Gesünder und auch für die geistige Fitness am Arbeitsplatz besser ist es danach, häufiger kleinere Portionen Kaffee (oder Tee) als nur einige Male größere Mengen zu trinken. Oder: Um den Jetlag nach einem Flug möglichst in Grenzen zu halten werden wissenschaftliche Befunde darüber vorgestellt, welche Ernährung an den Tagen vor dem Flug besonders günstig ist. Das Spektrum der hier angeführten Verhaltensratschläge betrifft den Beruf ebenso wie Freizeit, Sex und Partnerschaft.
• Die allgegenwärtige Bedrohung durch Gesundheitsrisiken: Als ein Beispiel für diese in vielen Artikeln und Kolumnen verborgene Botschaft wird ein Bericht zitiert, der mit Schlagzeile beginnt "Sie könnten tot umfallen, während Sie dies lesen." Der Artikel berichtet dann über einen fiktiven, kerngesunden Leser von MH, dessen Blutdruck, Cholesterin- und sonstigen Funktionswerte sich gerade eben erst bei einer ärztlichen Untersuchung als völlig in Ordnung erwiesen haben. Nichtsdestotrotz könnte es ihm widerfahren, dass er in Kürze einen Herzinfarkt oder Schlaganfall oder ein anderes Krankheitsschicksal erleidet. Berichtet wird dann über einen neu entdeckten medizinischen Test, der sehr viel präziser als übliche Methoden das Erkrankungsrisiko bestimmt. Die Botschaft ist für den Autor der Studie eindeutig: Die Präsentation stets neu entdeckter Risiken dient einerseits dazu, eine "gesunde Lebensweise" noch stärker als Verhaltensvorschrift zu verankern, zum anderen dazu, jede nur verfügbare (und insbesondere neu auf den Markt gekommene) Methode der Früherkennung zu nutzen.
• Die Verantwortung des Individuums für sein eigenes Wohlergehen: Die in diesem Kontext präsentierten Botschaften spiegeln sehr eindeutig die neo-liberalen Tendenzen der Ökonomie wider, verlagert auf die Ebene des individuellen Gesundheitsverhaltens. Vorgestellt werden hier Textpassagen, in denen zunächst deutlich gemacht wird: Stress, Unglücklichsein, Gesundheitsbeschwerden, Depressionen sind nicht naturgegebene und schicksalhafte Zustände, sondern selbst produziert und damit auch veränderbar. Einem ekligen Chef kann man ebenso entrinnen wie einer stets nörgelnden Partnerin oder häufigem Sodbrennen und Kopfschmerzen. Und als Hilfe dazu wird eine Vielzahl von Tipps und Tricks verraten: Mal kräftig auf der Autobahn aufs Gaspedal treten, wenn man sich übermäßig geärgert hat. In einer faden sexuellen Beziehung auch mal einen Seitensprung riskieren - wozu einige Internet-Links gezeigt werden. Und immer wieder: Gesund leben.
Als Fazit der Studie hebt der Wissenschaftler Paul Crawshaw hervor, "dass Zeitschriftentexte wie die aus Men's Health neue individualisierte Konzepte des Gesundheitsverhaltens vertreten und neo-liberale Strategien der Gesundheitsversorgung propagieren, die von gesunden männlichen Bürgern ausgehen, die willens und in der Lage sind, Verantwortung für ihr eigenes Wohlergehen zu übernehmen."
Ein kostenloses Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Governing the healthy male citizen: Men, masculinity and popular health in Men's Health magazine (Social Science & Medicine, Artice in Press, Available online 12 July 2007)
(Der weitaus interessantere Volltext mit vielen Literatur-Hinweisen zum gleichen Thema ist leider kostenpflichtig bzw. setzt ein Abo bei Science Direct voraus)
Gerd Marstedt, 17.7.2007
Eine immer populärere Denkformel: Fast Food + Nahrungsergänzungsmittel = gesunde Ernährung
Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpillen werden immer beliebter. Eine jetzt von TNS Healthcare, einem Institut für Gesundheitsforschung und Meinungsbefragung, durchgeführte Studie hat gezeigt, dass Besucher von Fitness-Studios überdurchschnittlich oft Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Befragt wurden rund 16.000 Personen im Alter von 14 bis 90 Jahren nach ihren sportlichen Aktivitäten und der Einnahme von Vitaminen und ähnlichen Produkten. Dabei gaben 15% der Frauen und 14% der Männer an, in den vergangenen drei Monaten ein Fitness-Studio besucht zu haben. In dieser Gruppe nehmen etwa 50% Vitamine ein, 38% Mineralstoffe und Spurenelemente. Dieser Anteil ist rund zehn Prozentpunkte höher als bei den Nicht-Besuchern (28%). Besonders auffällige Unterschiede gibt es bei den Präparaten, die zur Leistungssteigerung und zum Muskelaufbau genutzt werden. Während diese Produkte in der Bevölkerung von ein bis drei Prozent in den letzten drei Monaten konsumiert wurden, ist der Anteil unter den Fitness-Studio Besuchern deutlich höher. vgl. die Pressemitteilung von TNS Healthcare: "Besucher von Fitness-Studios nehmen ein 10- bis 15-faches an Nahrungsergänzungsmitteln ein"
Bereits 2006 hatte eine andere Umfrage gezeigt: "Jeder dritte Deutsche greift zu Nahrungsergänzungen in Form von Pillen, Kapseln oder Pulvern - so das Ergebnis einer Forsa-Studie. Besonders bei jungen, sportlichen und gestressten Menschen mit ausgeprägtem Gesundheitsbewusstsein und höherem Bildungsstand liegen die Erzeugnisse im Trend. Für die Industrie hat sich damit ein großer Markt eröffnet, der auf mindestens 1 Mrd. Euro Jahresumsatz allein mit Vitamin- und Mineralstoffpräparaten in Deutschland geschätzt wird." vgl. Das Geschäft mit den gesunden Kapseln - Der Markt der Nahrungsergänzungsmittel
Das Geschäft mit den in Drogerien, Apotheken und Supermärkten verkauften Pillen und Pülverchen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Rund 1,4 Milliarden Euro gaben deutsche Verbraucher von Oktober 2005 bis September 2006 für Nahrungsergänzungsmittel und verwandte Produkte aus. Dies berichtete Ralf Voigt, Marketing Manager beim Marktforschungsinstitut IMS-Health GmbH auf der 7. Euroforum Jahrestagung Nahrungsergänzungsmittel in Frankfurt. Am häufigsten gefragt waren Mittel zur Hustenlinderung, ergänzende Mineralstoffe, Multivitaminpräparate und Vitamin-C-Pillen. vgl. Nahrungsergänzungsmittel: Tops und Flops
Der gesundheitliche Nutzen der Nahrungsergänzungsmittel und Vitamintabletten ist überaus fraglich. So stellte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fest, dass bei Nahrungsergänzungsmitteln auf der Basis von Gemüse- und Obstextrakten in der Regel der wissenschaftliche Nachweis der behaupteten gesundheitlichen Wirkungen fehlt. Häufig werden Befunde über gesundheitliche Positiveffekte durch den Verzehr von Obst und Gemüse schlicht übertragen auf synthetische Produkte. Der Nachweis einer gesundheitlich relevanten Wirkung muss jedoch für das einzelne Nahrungsergänzungspräparat erbracht werden, weil ansonsten der Verbraucher irregeführt und getäuscht wird. (DGE-Stellungnahme zu "Gemüse- und Obstprodukten" als Nahrungsergänzungsmittel)
Gerd Marstedt, 8.7.2007
Übersichtsstudie zeigt: Keine einzige Diät hilft auch langfristig zur Gewichtsabnahme
Erst im März 2007 hatte eine in der renommierten Zeitschrift "JAMA" veröffentlichte Studie gezeigt, dass die sogenannte "Atkins"-Diät anscheinend überaus erfolgreich ist, um überflüssige Pfunde zu verlieren. Nun hält eine Veröffentlichung dagegen, die die Ergebnisse von 31 Langzeit-Untersuchungen noch einmal neu zusammengefasst hat. Berücksichtigt wurden dabei nur Diät-Studien, die zumindest zwei Jahre lang den Erfolg des Abspeckens kontrolliert hatten. Ergebnis: Betrachtet nicht kurzfristige Effekte, sondern langfristige Wirkungen über einen Zeitraum von 2-5 Jahren, dann ist keine einzige wissenschaftliche untersuchte Diät in der Lage, eine dauerhafte Gewichtsabnahme zu erzielen.
Vier verschiedene Diäten waren in einer Studie von Forschern der kalifornischen Stanford-Universität getestet worden. Dabei zeigte sich, dass die sogenannte Atkins-Diät, die eine Einnahme von Proteinen empfiehlt und zur Meidung von Kohlehydraten rät, bessere Ergebnisse als andere Methoden erzielt. Jedenfalls zeigte sich nach einem Zeitraum von zwölf Monaten bei den 311 übergewichtigen Teilnehmerinnen im Alter von 20 bis 50 Jahren, dass diese mit Abstand am meisten abgenommen hatten, nämlich im Durchschnitt 4,7 kg. Im Vergleich dazu war der Gewichtsverlust mit den übrigen Diät-Formen deutlich geringer. Mit der Zone-Diät (ungesättigte Fettsäuren, komplexe Kohlenhydrate), der Ornish-Diät (wenig Fett) oder der LEARN-Diät (fettarm und kohlenhydratreich) verloren die Teilnehmer nur etwa 1,6 - 2,6 kg. Deutlich wurden aus der Veröffentlichung der Studie aber bereits zwei methodische Schwachstellen: Zum einen befolgte sehr viele Frauen während des einjährigen Versuchs die vorgeschriebene Diät nicht mehr und stiegen aus. Zum anderen wurde der Effekt nicht objektiv geprüft, sondern nur anhand der telefonisch übermittelten Angaben der Teilnehmerinnen.
Ein Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Comparison of the Atkins, Zone, Ornish, and LEARN Diets for Change in Weight and Related Risk Factors Among Overweight Premenopausal Women (JAMA. 2007;297:969-977)
Eine jetzt in der April-Ausgabe der Zeitschrift "American Psychologist", dem Fachblatt der American Psychological Association, veröffentlichte Studie hat nun gezeigt: Auch die Atkins-Diät ist, ebenso wie eine Vielzahl anderer bekannter Methoden zur Gewichtsabnahme langfristig wirkungslos. In der Übersichtsarbeit wurden insgesamt 31 schon veröffentlichte Studien ausgewertet. Berücksichtigt wurden dabei nur methodisch fundierte Studien, die auch einen längeren Beobachtungszeitraum von zwei bis fünf Jahren aufwiesen. "Zu Beginn einer Diät. in den ersten sechs Monaten, kann man durchaus 5-10% des Körpergewichtes verlieren", erklärte Traci Mann, Hauptautorin der Studie in einer Pressemitteilung der University of California, Los Angeles. "Danach zeigt sich jedoch nur noch bei einer kleinen Gruppe von Diät-Teilnehmern, dass sie dieses Gewicht halten können. Die große Mehrheit jedoch nimmt nach diesem Zeitraum wieder zu. Ein erheblicher Teil, je nach Studie ein Drittel bis zwei Drittel, nimmt sogar so stark zu, dass das Körpergewicht höher ist als vor Beginn der Diät."
Dass in Zeitschriften immer wieder über wissenschaftlich belegte Erfolge von Diäten berichtet wird, liegt nach Meinung der Forscher sehr stark an methodischen Defiziten dieser Studien. Drei Mängel heben sie besonders hervor: Erstens gehen viele Studien von den Aussagen der Teilnehmer aus und nicht von objektiven Gewichtsmessungen. Bei solchen Aussagen besteht jedoch die Tendenz, das eigene Verhalten auch als erfolgreich zu bewerten und nicht zu sagen: "Die Diät hat nichts gebracht." Zum zweiten berücksichtigen viele Studien bei den Endergebnissen jene Teilnehmer nicht, die vorzeitig die Diät abgebrochen haben. Bei vielen von den Wissenschaftlern näher analysierten Studien lag die Teilnehmerquote am Schluss weit unter 50%. Bei Abbrechern ist jedoch zu vermuten, dass sie ganz überwiegend wieder an Gewicht zugenommen und deshalb aufgehört haben, was die Ergebnisse natürlich massiv verfälscht. Und zum dritten schließlich laufen viele Studien nur über einen sehr kurzen Beobachtungszeitraum, in dem tatsächlich Gewichtsverluste zu beobachten sind. Dieser Erfolg hält jedoch nicht mehrere Jahre an.
Häufige Gewichtsverluste durch Diäten und anschließende Gewichtszunahmen, so die Forscher, sind nicht nur auf lange Sicht betrachtet unnütz, sondern sogar gesundheitsriskant. Es gibt Hinweise, dass solche ständigen Änderungen des Körpergewichts auch ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes und veränderte Immunfunktionen mit sich bringen. Anstelle von Diäten empfehlen die Wissenschaftler daher, die tägliche Kalorienmenge ein wenig einzuschränken und regelmäßig Sport zu treiben oder anderweitig körperlich in Bewegung zu bleiben.
Der Aufsatz erscheint in der April-Ausgabe der Zeitschrift American Psychologist
Eine Pressemitteilung der University of California (Los Angeles) mit den wichtigsten Ergebnissen ist hier zu finden. Dieting Does Not Work, Researchers Report
Gerd Marstedt, 6.4.2007
Hohe Gesundheitsrisiken bei Schlankheitsmitteln aus dem Internet
Schlankheitsmittel, die über das Internet bezogen werden, sind nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest überwiegend gesundheitsgefährlich. 13 der 16 getesteten Mittel bekamen von der Verbraucherorganisation schlechte Noten, da sie riskante Stoffe enthalten, die zu Schlaflosigkeit, Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck oder Abhängigkeit führen können. Überdies war die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe meist falsch oder gar nicht mitgeteilt, bei einigen Mitteln war die Information nur in asiatischen oder kyrillischen Schriftzeichen angegeben, so dass Nutzer gar nicht mitbekommen, welchen Gesundheitsrisiken sie sich aussetzen.
Die Stiftung Warentest untersuchte 16 Schlankheitsmittel aus dem Internet. Ergebnis: 13 Mittel enthalten riskante Inhaltsstoffe, die die Gesundheit stark gefährden. Dazu zählen etwa Appetitzügler wie Sibutramin und das früher als Potenzmittel eingesetzte Yohimbin. Einige der Mittel enthielten auch Ephedrin. Dieser Stoff hat eine aufputschende Wirkung und kann süchtig machen. Daher ist er in Deutschland verschreibungspflichtig.
Im Rahmen der Untersuchung führte Stiftung Warentest auch eine Online-Umfrage durch. Insgesamt beteiligten sich 5828 Besucher von Stiftung Warentest online. 3.031 davon konnten ausgewertet werden. Der überwiegende Teil der Befragten waren Frauen, nur ein Viertel Männer. Von den 3.000 Teilnehmern hatten 14 Prozent bereits Mittel mit gefährlichen oder riskanten Inhaltsstoffen wie die im Test ausprobiert. Viele berichteten von erheblichen Nebenwirkungen. Mehr als jeder Zweite der Befragten gab an, schon einmal die im Test berücksichtigten oder ähnliche Mittel benutzt zu haben. Ganz oben auf der Liste stehen dabei Fatburner, gefolgt von Appetitzüglern, Quell- und Entwässerungsmitteln sowie Abführmitteln. Rund 23 Prozent der Befragten spielten ernsthaft mit dem Gedanken, entsprechende Mittel einzunehmen. Die meisten Nutzer holen sich ihre Schlankheitsmittel in Apotheken und Drogerien, doch auch Mittel aus dem Internet gewinnen zunehmend an Bedeutung. Rund 14 Prozent der Befragten gaben an, bereits Schlankheitspillen- und Pülverchen aus dem Internet eingenommen zu haben.
Auch Teilnehmer der Umfrage machten Erfahrungen mit unerwünschten Nebenwirkungen. Das war bei fast einem Viertel der Befragten, die Schlankheitsmittel einnahmen, der Fall. Herzrasen, Unruhe, Schweißausbrüche, Niedergeschlagenheit, aber auch Zittern und Kreislaufprobleme gehörten hier zu den Nebenwirkungen. Viele Nutzer fühlten sich durch diese Wirkungen so sehr beeinträchtigt, dass sie die Mittel absetzten. Fatal: Die Hälfte der Mittelnutzer gab an, von den Nebenwirkungen nichts gewusst zu haben. Etwa ein Drittel nahm die Nebenwirkungen aber in Kauf: Diese Nutzer wussten von möglichen Beschwerden, nahmen die Mittel aber trotzdem ein.
Während der Einnahme von Schlankheitsmitteln verloren nur etwa ein Drittel der Mittelnutzer zwischen einem und fünf Kilogramm an Gewicht, andere zwischen sechs und zehn Kilogramm. Doch bei einem weiteren Drittel der Nutzer zeigten die eingenommenen Schlankheitsmittel keinerlei Wirkung. Die Gewichtsreduktion war hier gleich Null. Und drei Prozent nahmen sogar zu. Von Dauer war die erhoffte Wirkung der Schlankheitsmittel nicht. Fast die Hälfte der Personen, die überhaupt mit Hilfe von Pillen und Pülverchen abnahm, legte kurze Zeit nach Absetzen der Mittel wieder zu. Fazit der Stiftung: Ohne eine dauerhafte Umstellung der Lebensgewohnheiten, mehr Sport und einer gesünderen Ernährung können die Pfunde nur kurzfristig purzeln. Wunder sollte sich also niemand von Schlankheitspillen erwarten. Sie bergen zudem oft erhebliche Nebenwirkungen, die die Gesundheit nachhaltig schädigen können.
• Schlankheitsmittel - Krank statt schlank
• Testkompass: Die getesteten Schlankheitsmittel im Überblick
Für jedes sechste Mädchen ist eine Schönheitsoperation zumindest denkbar
Die Hälfte der 14-17jährigen Mädchen in Deutschland findet sich zumindest ansatz- oder zeitweise "zu dick" (50%), dieser Anteil ist doppelt so hoch wie bei Jungen (26%). Das gängige, extrem schlanke mitteleuropäische Schönheitsideal beeinflusst Mädchen offenbar sehr viel stärker als männliche Jugendliche. Eine Reihe von Mädchen würden sogar eine Operation in Betracht ziehen, um ihren Körper zu verschönern. Der Aussage "Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich eine Schönheitsoperation machen lassen" stimmen immerhin 7 Prozent "vollständig" und 10 Prozent "ziemlich" zu. Zwar ist umgekehrt die Ablehnungsquote für plastische Chirurgie überaus hoch (Mädchen 50%, Jungen 72%). Gleichwohl erscheint es auch der Direktorin der BZgA, Frau Dr. Elisabeth Pott, problematisch, dass immerhin jedem sechsten Mädchen ein medizinischer Eingriff aus rein ästhetischen Gründen zumindest denkbar erscheint: "Hier muss verstärkt Aufklärungsarbeit geleistet werden, wir bieten deshalb Jugendlichen zum Thema Körper und Schönheitsideale Informationen in unserem Internetauftritt loveline an.
Das Befragungsergebnis stammt aus einer repräsentativen EMNID-Studie im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), deren erste Auswertungsergebnisse nun vorliegen. 2500 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren wurden im Rahmen der Studie "Jugendsexualität 2005" erstmals zu ihrem subjektiven Körperempfinden und ihrem Körperbewusstsein befragt. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass die Beschäftigung mit dem eigenen Körper für beide Geschlechter sehr wichtig ist: Drei von vier Mädchen und mehr als die Hälfte der Jungen "stylen" sich gern, nur für 6 Prozent der Mädchen und 16 Prozent der Jungen hat dies kaum oder gar keine Bedeutung.
"Die Atmosphäre im Elternhaus hat einen wichtigen Einfluss auf das Körperbewusstsein Jugendlicher und eine positive Einstellung zum eigenen Körper", betont die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. "Mädchen und Jungen, die sich von ihren Eltern angenommen fühlen und zu Hause eine gute Vertrauensbasis haben, entwickeln ein besseres Verhältnis zu ihrem Körper. So zeigen die Studienergebnisse, dass die Hälfte der Mädchen und 65 Prozent der Jungen mit einem guten Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern sich in ihrem Körper wohl fühlen. Demgegenüber trifft das bei einer geringerem Vertrauensbasis nur noch für 37 Prozent der Mädchen und 55 Prozent der Jungen zu."
Die Ergebnisse der Befragung sind veröffentlicht und zum Download verfügbar im Themenheft "Körper" der Reihe "FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung" der BZgA. Das Heft enthält darüber hinaus Berichte zu den Themen Verbreitung von Tattoos, Piercings und anderen Eingriffen zur Körpergestaltung, Analysen der Medienwirkungsforschung zu umstrittenen TV-Formaten wie "Germany´s next Supermodel", Beitrag zum Körperbewusstsein von Mädchen und Jungen, Jugendkulturen und Körpersprache, Psychogene Ess-Störungen, Einfluss von Hormonen auf den weiblichen Körper und aktueller wissenschaftlicher Forschungsstand zum Einsatz von Hormonersatztherapien.
Gesundheit als Lifestyle: Marktanalysen und Hintergrunddaten des FOCUS
Nach dem theoretischen Modell des russischen Professors für Wirtschaft, Nikolai Kondratieff, kommt es alle 30 bis 50 Jahre zu einer Basisinnovation, die dann einen neuen sog. Kondratieff-Zyklus einleitet. Nach Dampfmaschine und Baumwolle und zuletzt Informationstechnik und Computer wird als nächster Zyklus der Schwerpunkt "individuelle und kollektive Gesundheit" prognostiziert. Schon jetzt verzeichnet die Gesundheitswirtschaft mächtige Wachstumsraten. Damit ist weniger der große Markt der Selbstmedikation angesprochen, als vielmehr jene Produkt-Palette, die im Gefolge der Präventions-Bemühungen unserer Gesellschaft für den Bürger Hilfe sein sollen für eine gesundsheitsbewußte Lebensweise: Fitness-Studios und Heimtrainer, Wellness-Hotels und Saunas, Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel, cholesterinfreie Nahrungsmittel und Energie-Drinks.
Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, wenn der "Gesundheitsmarkt" ausführlichen Analysen unterzogen wird. Das Magazin FOCUS bietet zwei relativ ausführliche Studien, die nicht nur für Produzenten im Gesundheitsmarkt von Interesse sind, sondern anhand vieler statistischer Daten und Umfrage-Ergebnisse verdeutlichen, in welchem Maße in unserer Gesellschaft Gesundheit, Fitness und Wellness boomen. Beide Studien: "Der Markt für Fitness und Wellness" (56 Seiten) und "Der Markt der Gesundheit" (43 Seiten) sind bei FOCUS online als PDF-Dateien kostenlos herunterzuladen, vorher muss man sich lediglich registrieren.
PDF-Dateien von FOCUS Media Line: Der Markt für Fitness und Wellness, Der Markt der Gesundheit
Gerd Marstedt, 12.8.2005