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Timestamp: 2019-08-19 17:01:15
Document Index: 181711582

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 4', '§ 2', '§ 15', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 2', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Der Enhancement-Begriff
Wenn es in aktuellen Diskussionen und Zeitungsmeldungen um Doping im Leistungssport, Schönheitsoperationen und die Einnahme von Ritalin durch Personen,
die nicht an einer Aufmerksamkeitsdefizits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, sondern lediglich ihre Gedächtnis- und Lernleistung verbessern möchten, geht,
so ist ein Themenbereich angesprochen, der als „Enhancement“ bezeichnet wird.
Bevor eine juristische und insbesondere rechtsphilosophische Auseinandersetzung
mit diesem medizinischen Eingriff möglich sein kann, ist zuvorderst dieser Begriff
genau zu bestimmen. Erforderlich ist dies insbesondere, da juristische Regelungen,
wofür vorliegende Arbeit im Hinblick auf genetische Enhancements ein Leitfaden
sein soll, und die in ihnen verwendeten regulatorische Begriffe definitorische Klarheit voraussetzen.
I. Allgemeine Wortbedeutung
Das Wort Enhancement bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „Verbesserung“ oder
„Steigerung“.8 Oft werden auch die Begriffe „genetic doping“9, „Melioration“10,
„positive Eugenik“11 oder „wunscherfüllende Medizin“ beziehungsweise „Wunschmedizin“12 verwendet. Um den Unterschied zur bloßen Therapie zu betonen, könnte man auch von „Optimierung“ sprechen. Dem allgemeinen Sprachgebrauch zufolge handelt es sich bei Enhancement um die Verstärkung einer Eigenschaft in
Oxford Dictionary of English, Eintrag „enhancement“: „an increase or improvement in quality,
value, or extent“; ähnlich auch Pschyrembel, Eintrag „Enhancement“, S. 522 („Erhöhung“, „Verstärkung“); drze, Enhancement, S. 15.
9 Bayertz, The Normative Status of the Human Genome, S. 175; beziehungsweise „Gendoping“,
so auch Eberbach, MedR 2008, 325 (331); Pawlenka, Der Künstliche Mensch, „Gen-Doping“ und
die Naturalisierung der Leistung im Sport, S. 119.
10 Lenk, Therapie und Enhancement, S. 30.
11 Zoglauer, Konstruiertes Leben, S. 104.
12 Eberbach, MedR 2008, 325.
8 L. I. L. Welling, Genetisches Enhancement,
DOI 10.1007/978-3-642-53992-3_2, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014
qualitativer oder quantitativer Hinsicht. Die Konnotation ist somit eine grundsätzlich neutrale, wenn nicht sogar positive.13
II. Enhancement als Gegenbegriff zur Therapie
In dem aktuellen juristischen und ethischen Diskurs wird der Begriff des Enhancements vorrangig in Abgrenzung und als Gegenbegriff zur Therapie verwendet,14
sodass beide Begriffe in einem definitorischen Zusammenhang stehen. Dadurch
wird deutlich, dass mittels des Enhancements nicht Ziele erreicht werden sollen,
die medizinisch indiziert wären,15 sinnbildlich gesprochen also eine Pflicht wären,
sondern vielmehr die Kür darstellen. Während Therapien sich gegen Krankheiten
richtende Eingriffe sind, betrifft das Enhancement gesunde Systeme und „normale“ Eigenschaften und strebt nach deren Verbesserung.16 Was „normal“ ist, lässt
sich, etwa mit Daniels‘ Ansatz des „species-typical normal functioning“, daran
messen, was es dazu bedarf, ein funktionsfähiger und umfassender Teilnehmer sozialen Zusammenspiels zu sein. Dabei bedarf es jedoch einer vorsichtigen Unterscheidung dessen, was biomedizinisch und objektiv-wertfrei betrachtet faktische
Voraussetzung einer funktionalen Einheit mit speziestypischen Fähigkeiten ist, und
Wertvorstellungen, welche die Grenze zwischen den naturwissenschaftlich klar abgrenzbaren Polen von Gesundheit und Krankheit in die eine oder andere Richtung
zu verschieben suchen. Ob Homosexualität oder Masturbation eine Krankheit darstellt, lässt sich anhand erstgenannter Kriterien ebenso deutlich verneinen wie sich
Erkrankungen diagnostizieren lassen.17
Dem entspricht auch der Ansatz, dass unter den Begriff „Enhancement“ somit
Eingriffe fallen, die nicht notwendigerweise medizinisch kontraindiziert sind, zu
deren Durchführung der betreffende Arzt aber aufgrund seines Berufsstandes nicht
verpflichtet ist und deren Zweck außerhalb medizinischer Zielsetzungen liegt.18
Im bioethischen Diskurs wird in einer weiteren Variante der definitorischen
Differenzierung zwischen Enhancement und Therapie ersteres auch verglichen mit
einer sinnlosen Therapie ( futile treatment). Auch hierauf habe der Patient kein rollenbedingtes Recht, während sich der Arzt, der eine solche Therapie durchführen
möchte, einem besonderen Rechtfertigungszwang ausgesetzt sehe. Angesprochen
von dieser Definition ist somit ein breites Feld von Aspekten, die im Kontext eines
gesetzlichen Regelungsversuchs zu berücksichtigen sind. Beispielhaft sind hier zu
Lenk, Therapie und Enhancement, S. 27.
Allhoff, Journal of Evolution & Technology 18, 10.
15 Beck, MedR 2006, 95 (96); Juengst, What Does Enhancement Mean?, S. 31 f.; Lenk, Therapie
und Enhancement, S. 27.
16 Juengst, What Does Enhancement Mean?, S. 31 ff., 35 ff.; Allhoff, Journal of Evolution &
Technology 18(1), 10.
17 Buchanan/Brock/Daniels/Wikler, From Chance to Choice, S. 74, 119, 121 f., 126 f.
18 Juengst, What Does Enhancement Mean?, S. 29, 44.
13 14 II. Enhancement als Gegenbegriff zur Therapie 9
nennen die Rolle der medizinischen Profession in der Gesellschaft, die Rahmensetzung im Hinblick auf erforderliche biomedizinische Forschung sowie Fragen der
Finanzierung. Allerdings wird bei diesem Vergleich ein gewichtiger Umstand außer
Acht gelassen: Während sinnlose Therapien keine Wirkung haben, zu nichts führen
und somit überflüssig sind, führen Enhancement-Maßnahmen qua definitionem zu
einer Verbesserung.19
Auch im Recht werden die Begriffe des Enhancements, der Krankheit und Gesundheit diskutiert,20 wobei der Inhalt in den jeweiligen Rechtsgebieten in Abhängigkeit von Entstehungsgeschichte und Zweck der anzuwendenden Norm durchaus
ein unterschiedlicher sein kann.21 So definierte der BGH im Zusammenhang mit
dem Arzneimittelrecht eine Krankheit als „jede, also auch eine nur unerhebliche
oder vorübergehende Störung der normalen Beschaffenheit oder der normalen Tätigkeit des Körpers, die geheilt werden kann.“22 Gestützt wurde dieses sehr weite
Begriffsverständnis auf die Überlegung, dass im Zusammenhang hiermit die Einordnung von Substanzen als Arzneimittel steht. Hierunter seien zum Schutz der Bevölkerung vor unsachgemäßer Herstellung, nicht fachmännischer Verbreitung und
falscher Einnahme von Medikamenten angemessen viele Substanzen zu fassen, was
sich über eine weite Auslegung des Krankheits-Begriffs erreichen ließe.23 Enger
hingegen ist der Krankheitsbegriff des Sozialrechts. Hiernach ist Krankheit ein „regelwidrige[r] Körper- und Geisteszustand, der therapeutische Maßnahmen gebietet
oder in Arbeitsunfähigkeit wahrnehmbar zutage tritt.“24 Gleiches gilt grundsätzlich
auch im Arbeitsrecht. Hier ist der Begriff aber insofern enger, als dass zusätzlich
noch Arbeitsunfähigkeit vorliegen muss. Andererseits umfasst er auch psychische
Leiden.25 Wie weitreichend die Bedeutung der Unterscheidung zwischen Krankheit und Gesundheit, zwischen Therapie und Enhancement ist, lässt sich auch im
Steuerrecht beobachten. Gemäß § 4 Nr. 14 UStG sind Ärzte von der Umsatzsteuer
befreit. Die Befreiung von der Gewerbesteuer ergibt sich aus den § 2 I GewStG,
§§ 15 I Nr. 1, II, 18 I Nr. 1 S. 1 und 2 EStG. Dass diese Normen hinsichtlich einer
Schönheitsoperation nicht privilegierend eingreifen, wenn diese nicht medizinisch
indiziert ist, hat die Rechtsprechung bereits festgestellt.26 Ob ähnliches gilt, wenn
sie keine heilende, sondern eine verbessernde Tätigkeit ausüben, bleibt zu diskutieren.27
Juengst, What Does Enhancement Mean?, S. 29 f.
Beck, MedR 2006, 95 (96).
21 BGH, Urteil vom 19.12.1980, I ZR 157/78, NJW 1981, 1316 (1317).
22 BGH, Urteil vom 21.03.1958, 2 StR 393/57, NJW 1958, 916 (918).
23 Vergleiche BGH, Urteil vom 21.03.1958, 2 StR 393/57, NJW 1958, 916 (917 f.).
24 Laufs/Uhlenbruck-Laufs, Handbuch des Arztrechts, § 2 Rdnr. 11.
25 Beck, MedR 2006, 95 (97).
26 BFH, Urteil vom 15.07.2004, V R 27/03, BFHE 206, 471.
27 Beck, MedR 2006, 95 (97).
19 20 10
1. Weitere Konzeptionen des Enhancement-Begriffes
Neben dieser wohl gängigsten Herangehensweise findet man in der Literatur zahlreiche weitere Interpretationen des Enhancement-Begriffes, die im Folgenden zunächst knapp erläutert werden sollen, bevor aus noch anzuführenden Gründen näher
auf diejenige Definition eingegangen wird, die sich an der Abgrenzung zur Therapie
Enhancement wird so zum Teil auch als Gegenbegriff zur Errungenschaft und
Natürlichkeit angesehen. Enhancement sei von anderen verbessernden Handlungen
dadurch abzugrenzen, dass bei ihm künstliche, eben nicht natürliche Mittel verwendet werden. Eine besondere Begründungsleistung ist mit dem Hinweis auf einen besonderen Wert der Natürlichkeit jedoch nicht erbracht; dass das Natürliche um seiner selbst willen bevorzugt werden soll, ist abseits „erhebliche[r] metaphysische[r]
Beweislasten“ kaum zu argumentieren.28
Des Weiteren wird Enhancement zu Maßnahmen konventioneller Leistungssteigerung bisweilen anhand dessen abgegrenzt, ob die verwendeten Mittel körpereigene oder körperfremde sind: Enhancement erfordere Interventionen in den menschlichen Körper von außen, ihre Wirkung beruhe nicht auf körpereigenen Prozessen.
Auch dies scheint jedoch nur wenig zu einem stichfesten Begriffsverständnis beizutragen. Schließlich rufen zahlreiche von außen in den Körper eingebrachte, diesem
fremde Stoffe körpereigene Reaktionen hervor oder verstärken diese. Eine scharfe
Trennung zu – dem konventionellen Verständnis nach – therapeutischen Maßnahmen ist anhand dieser Distinktion nicht möglich.29
Darüber hinaus wird hieran kritisiert, dass persönliche Verbesserungen durch
Disziplin und Anstrengungen zu erreichen und sich zu verdienen sind. Ihr Wert werde jedoch durch verbessernde biomedizinische Eingriffe gemindert, weswegen diese einen Betrug an gesellschaftlichen Praktiken darstellten. Aufgrund seiner Künstlichkeit sei Enhancement daher abzulehnen. Es stelle eine pharmakologische und
daher unlautere Abkürzung dar, die die Natürlichkeit des Menschen und seiner natürlichen Leistung beziehungsweise Leistungsfähigkeit nicht in Demut akzeptiere,
sondern die wahre Natur der verbesserten Person verdecke. In verwerflicher Weise
würde man sich dazu aufschwingen, Gott zu spielen. Auch wenn das Individuum
noch Urheber seiner Leistung ist (denn schließlich hat nicht das Ritalin eine Prüfung
absolviert, sondern die Person, die dieses Medikament eingenommen hat, um etwa
die Nacht hindurch lernen zu können), so habe es den Erfolg der Leistung nicht verdient. Im Hinblick auf Klausuren oder Examina würde deren Zweck, nämlich die
Leistungsüberprüfung und der Leistungsvergleich, gar konterkariert. Enhancement
wird darüber hinaus auch als Pervertierung der Medizin verstanden. Relevanz erlangt diese Definition zumeist im Hinblick auf gesellschaftliche Vorurteile, die sich
etwa gegen bestimmte äußerliche, zum Teil ethnische Merkmale richten. So werden
Träger dieser Merkmale zuweilen dazu veranlasst, beispielsweise ihre dunkele Haut
28 29 Ach, Enhancement, S. 108.
Ach, Enhancement, S. 108 f.
II. Enhancement als Gegenbegriff zur Therapie 11
zu bleichen oder eine Schönheitsoperation vornehmen zu lassen. Die Verabreichung
von Wachstumsmitteln an Kinder zur Verbesserung ihres sozialen Status ist nur ein
weiteres Beispiel. Kritik wird hieran insbesondere deswegen geäußert, weil es sich
hierbei um soziale Probleme handelt, die per definitionem in der gesellschaftlichen
Gruppe, aber keinesfalls im betroffenen Individuum liegen. Jede Maßnahme, die an
diesem ansetzt und seinen sozialen Status zu verbessern sucht, sei, so wird kritisiert,
somit eine Schuldzuweisung an das Opfer. Sie würde die Situation der betroffenen
Personen darüber hinaus nur verschlechtern, indem sie die gesellschaftlichen Vorurteile perpetuiert und so gar eine Komplizenschaft begründet.30
Diese Versuche einer Definition des Enhancement sprechen allesamt zentrale
Punkte in der ethischen und juristischen Debatte um dessen Zulässigkeit an. Schwierigkeiten bereiten sie jedoch hinsichtlich der für einen gesetzlichen Regelungsentwurf notwendigen Bestimmtheit des Begriffes. Deutlich wird dies insbesondere im
Hinblick auf die „Medikalisierung gesellschaftlicher Probleme“31. Während einige
Merkmale wie die Körpergröße, Schnelligkeit oder Sprungkraft naturwissenschaftlich messbar sind, können hingegen auch Eigenschaften betroffen sein, die dies nicht
sind oder die noch nicht einmal in einem größeren Sinnzusammenhang verstanden
werden können. Juengst führt beispielsweise Loyalität, Führungskraft, Verantwortung, Aggressivität und Altruismus auf. All diese Charakteristika betreffen unsere
Mitmenschen und deren Beurteilung. Sie stellen, so Juengst, die „Maschinerie des
sozialen Gedeihens“ dar und können ohne Bezug zu einem gesellschaftlichen Umfeld weder erkannt noch kultiviert oder bewertet werden.32 Der Umstand, dass diese
Eigenschaften also nicht messbar sind, führt zu einer definitorischen Unsicherheit,
die ein gesetzlicher Ordnungsbegriff nicht aufweisen sollte. Des Weiteren lassen
sich die angesprochenen Kriterien zwar nutzbar machen für eine private Entscheidung, aber können kaum Wegweiser für öffentliche Richtlinien sein. Insbesondere
gilt dies für religiös motivierte Argumente, wie im Verlaufe dieser Arbeit an anderer
Stelle noch zu zeigen sein wird. Auch die Abgrenzung zwischen Natürlichem und
Unnatürlichem vermag nicht zu überzeugen. Unsere zivilisierte Lebenswelt ist keineswegs mehr naturbelassen. Unentwegt intervenieren wir in natürlich-biologische
Abläufe, setzen Zahnkronen ein, benutzen Prothesen zur Substitution verlorener
Glieder und bedienen uns Medikamenten zur schnelleren Genesung oder zur Familienplanung. Natürlich ist all dies nicht. Aber nichts davon stellt eine Maßnahme
dar, die den Körper über sein ursprüngliches Maß hinaus verbessern würde. Von
einem Enhancement kann daher keine Rede sein, die bloße (Un-) Natürlichkeit ist
somit kein taugliches Abgrenzungskriterium. Auch die weiteren genannten Aspekte
sind wenig zielführend in der Frage, was genau unter „Enhancement“ zu verstehen
ist. Angesprochen sind damit vielmehr Folgen, zu denen bestimmte biomedizinische Maßnahmen führen könnten.
In meiner Arbeit möchte ich daher den Enhancementbegriff zugrunde legen, der
sich aus einer Differenzierung zwischen diesem und dem Therapiebegriff ergibt.
Juengst, What Does Enhancement Mean?, S. 41 ff.
Juengst, What Does Enhancement Mean?, S. 42.
32 Juengst, What Does Enhancement Mean?, S. 43.
30 31 12
Dieser erscheint nach den bisherigen Ausführungen als dasjenige Begriffsverständnis, welches die Grenze medizinischer Kompetenz zu ziehen vermag und die Grenze der medizinischen Pflicht darstellt. Daraus könnte folgen, dass es Ärzten unter
Umständen erlaubt ist, Enhancement-Eingriffe durchzuführen. Sie könnten sie aber
auch verweigern, und zwar gleich aus welchem subjektiven, das heißt gegebenenfalls auch religiös motivierten Grund, denn dieser bedarf nicht der Gültigkeit und
Einsichtigkeit gegenüber allen Adressaten eines Enhancements regelnden Gesetzes.
2. Der Therapie-Begriff
Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, den Begriff der Therapie näher zu beleuchten. Seinen Ursprung hat dieser in der griechischen Sprache. Therapeia bedeutet hier so viel wie Aufwartung oder Dienst, das heißt, der Begriff weist ursprünglich keinerlei expliziten Bezug zu medizinischem oder heilendem Handeln auf.33
Neben der Verwendung für die Bezeichnung von Kriegsdiensten34 und religiöser
Verehrung35, benennt dieser Begriff aber auch medizinische Dienste36. Therapeia
ist somit eine Dienstleistung des Arztes am Patienten, die sich nicht auf nur heilende
Handlungen beschränkt.
a) Der Therapie-Begriff in der Antike
Dieses weite Begriffsverständnis schlägt sich auch im antiken Therapiebegriff nieder. Hierbei wurden drei Arten von Behandlungen unterschieden37:
Die Diätetik (διαιτητική) bezog sich nicht nur auf die Ernährung, sondern umfasste die gesamte Lebensweise, so auch die Lebensführung, die auf die unterschiedlichen Konstitutionen der Patienten abgestimmt wurde, sowie die Auswirkungen
des Klimas oder der örtlichen Gegebenheiten.38 Die Pharmazeutik (φαρμακευτική,
φαρμακεία) hatte, wie sich aus der Bedeutung des Verbes pharmakao (leiden unter
den Folgen von Drogen oder Zauberformeln) ergebe, so Lenk, einen schamanischen
oder magischen Einfluss.39 Die Chirurgie (χειρουργία) als die Handarbeit der Medizin stellt die ultima ratio dar. Schon aus dem Hippokratischen Eid ergibt sich, dass
die Chirurgen als eine besondere Gruppe außerhalb der allgemeinen Ärzteschaft
Lenk, Therapie und Enhancement, S. 32.
Homer, Odyssee, 13. Gesang, Zeile 265.
35 Platon, Der Staat, 427b.
36 Plato, Protagoras, 354a6; Aristoteles, Politik, 1287a40.
37 Plato, Protagoras 354a6.
38 Vergleiche Lenk, Therapie und Enhancement, S. 32.
39 Lenk, Therapie und Enhancement, S. 32.
33 34 II. Enhancement als Gegenbegriff zur Therapie 13
besonderen Standesschutz genossen.40 So lautet der Eid: „Auch werde ich den Blasenstein nicht operieren, sondern es denen überlassen, deren Gewerbe dies ist.“41
Ziel der Therapie im antiken Sinne war dabei nicht nur die Heilung von Krankheiten, sondern auch die Erhaltung der Gesundheit. So schreibt Aristoteles in seiner
Nikomachischen Ethik: „Da es nun viele Arten des Handels, Herstellungswissens
(technē) und der Wissenschaft (epistēmē) gibt, gibt es auch viele Ziele; so ist das
Ziel der Medizin die Gesundheit […].“42 Der antike Therapiebegriff war gesundheitsorientiert. Auch heute gibt es sogenannte salutogenetische Ansätze der Medizin.
b) Der moderne Therapie-Begriff
Im Gegensatz dazu ist die moderne Schulmedizin eher pathotroper Natur im Sinne Walther Ch. Zimmerlis.43 Die Fokussierung von Therapieansätzen findet somit
weniger auf die zu erhaltende oder herzustellende Gesundheit statt, wie es bei sich
am antiken Therapiebegriff orientierenden, salutogenetischen Ansätzen der Fall ist.
Der moderne Therapiebegriff ist vielmehr ein engerer, sich auf die Heilung (manifester) Krankheiten beschränkender.44 Entsprechend bemüht Zimmerli den Medizinerspruch „‚Gesund‘ gibt’s nicht, es gibt nur ‚unvollständig abgeklärt‘.“ So stellt er
weiter fest, dass die Bedeutung von Krankheit und Gesundheit in dem jeweiligen
kulturellen Zusammenhang festgelegt wird. In unserer Kultur begreifen wir Gesundheit ex negativo über unsere definitorische Kompetenz bezüglich pathogener
Umstände.45
Derart ausgehend vom Krankheitsbegriff könnte man als Enhancement also mit
Fuchs solche Maßnahmen betrachten, die einen Eingriff in den menschlichen Körper darstellen, der gerade nicht eine Krankheit heilen soll.46
Diese Feststellung führt jedoch nur zu scheinbarer Klarheit, stellt sich doch die
dieser Differenzierung zugrunde liegende Frage, was Gesundheit und was Krankheit ist. Sowohl der Therapie- wie auch der Enhancementbegriff sind definitorisch
somit von der Konzeption von Krankheit und Gesundheit abhängig, wobei im
Rahmen einer konkreten Begriffsbestimmung nur ein weiteres Hindernis darin besteht, dass auch interdisziplinär keine Einigkeit erreicht ist.47 So begreift der Medizintheoretiker Gesundheit als das intakte Funktionieren der Organe, während der
Evolutionsbiologe darunter die adäquate Adaption an die Umwelt auffasst und der
Medizinsoziologe nach den individuellen und gesellschaftlichen Faktoren von GeLenk, Therapie und Enhancement, S. 32 f.
Zitiert nach Müri, Der Arzt im Altertum, S. 9.
42 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch 1– I, 1094a.
43 Zimmerli, Gesundheit als offenes System, S. 5 ff.
44 Lenk, Therapie und Enhancement, S. 34.
45 Zimmerli, Gesundheit als offenes System, S. 5.
46 Fuchs, Lexikon der Bioethik, Band 1, Eintrag „Enhancement“, S. 604.
47 Vergleiche auch Boorse, Philosophy & Public Affairs 1975, S. 50.
40 41 14
sundheit und deren Bedeutung für die Lebensqualität fragt. Philosophisch ließe sich
auch fragen, an welchen Zielen und Präferenzen Gesundheit und ihre Erreichbarkeit
gemessen werden sollten. Darüber hinaus wird unterschiedlich beurteilt, ob Gesundheit ein Status, der Begriff somit ein rein deskriptiver, oder eine Norm und der
Begriff entsprechend ein präskriptiver ist. Versucht man ein umfassendes Verständnis von Gesundheit und Krankheit zu erarbeiten, so scheinen insbesondere, aber
nicht ausschließlich, die im Folgenden zu erörternden drei Aspekte von Bedeutung
zu sein, wobei diese keinesfalls isoliert zu betrachten sind, sondern interagieren:48
aa) Die objektive Beurteilung von Gesundheit und Krankheit
Ein bedeutendes Beispiel für eine Beurteilung von Krankheit und Gesundheit, die
sich ausschließlich an objektiven Faktoren ausrichtet, ist in Boorses biostatischem
Ansatz zu finden. Boorse argumentiert, Gesundheit sei medizinisch definiert als
die Abwesenheit von Krankheit und somit ein vollkommen wertneutraler Begriff:
„If diseases are deviations from the species biological design, their recognition is
a matter of natural science, not evaluative decision.“49 Dabei versteht er die Abwesenheit von Krankheit als das normale Funktionieren des Organismus, wobei sich
die Normalität nach dem statistischen Mittelwert beurteilen lässt und ein Funktionieren dann zu bejahen ist, wenn biologisch zugewiesene Funktionen erfüllt werden.50 Krankheit ist demnach biologische Dysfunktionalität, eine Negativabweichung der humanen Artnatur, die für alle Menschen gleich ist und sich anhand dessen bestimmen lässt, was sich empirisch als arttypisch herausgebildet hat, also der
statistischen Normalität entspricht.51 Ebenso begreift auch Karl Eduard Rothschuh
einen Menschen dann als krank, wenn dieser „wegen des Verlustes des abgestimmten Zusammenwirkens der physischen oder psychischen oder psycho-physischen
Funktionsglieder des Organismus [und hier geht Rothschuh über den Boorse’schen
Begriff hinaus] subjektiv (oder – und) klinischen (oder – und) sozial hilfsbedürftig
wird.“52
Boorse differenziert weiter zwischen theoretischer und praktischer Gesundheit.
Ersteres soll hiernach gegeben sein, wenn keinerlei zu behandelnde Krankheit im
Sinne einer im Vergleich vom Normalmaß negativ abweichenden Funktionsstörung
( disease) bei der betreffenden Person vorliegt. Von letzterem ist hingegen die Rede,
wenn die Situation der betreffenden Person von subjektivem Wohlbefinden, d. h. im
Duktus Boorses der Abwesenheit von illness geprägt ist.53 Jemand, der sich theoLenk, Therapie und Enhancement, S. 35 ff.
Boorse, Philosophy of Science 1977, S. 543.
50 Boorse, Philosophy of Science 1977, S. 542; siehe auch Boorse, Philosophy & Public Affairs
1975, S. 50.
51 Lanzerath/Honnefelder, Krankheitsbegriff und ärztliche Anwendung der Humangenetik, S. 54;
vergleiche auch Engelhardt/Wildes, Encyclopedia of Bioethics, Eintrag „Health and Disease – Philosophical Perspectives, S. 1101.
52 Rothschuh, Der Krankheitsbegriff, S. 417.
53 Boorse, Philosophy of Science 1977, S. 542.
48 49 II. Enhancement als Gegenbegriff zur Therapie 15
retischer Gesundheit erfreut, leidet somit unter keinen nachweisbaren Krankheiten.
Über sein subjektives Wohlbefinden sagt dies jedoch nichts aus. Der praktisch Gesunde hingegen fühlt sich gesund, auch wenn er dies vielleicht gar nicht ist, sondern
zum Beispiel eine bislang unentdeckte Krankheit hat.54
Kritik hieran betraf insbesondere die Frage nach der Normalität im Zusammenhang mit der Tatsache, dass nicht jede Abweichung vom statistischen Mittel zugleich auch eine krankhafte Erscheinung zu sein braucht.55 Als zusagend erscheint
an dieser Betrachtungsweise jedoch die naturwissenschaftliche Objektivität und
damit verbundene „beruhigende[…] Sachlichkeit“56.
Auch die Rechtsprechung richtet sich bei der Definition von Krankheit beziehungsweise bei der Negativdefinition von Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit nach objektiven Kriterien. Hiernach sei Krankheit „unabhängig von den subjektiven Vorstellungen (des Betreffenden) […] ein objektiv nach ärztlichem Urteil
bestehender anormaler Körper- und Geisteszustand“57, „eine nicht unerhebliche
und nicht nur vorübergehende Abweichung von der Norm […], die geeignet ist,
das Wohlbefinden zu beeinträchtigen“58 oder setze „einen anormalen körperlichen,
geistigen oder seelischen Zustand voraus, der den Betroffenen in der Ausübung
normaler psychischer oder körperlicher Funktionen derart beeinträchtigt, dass er
nach herrschender Auffassung einer medizinischen Betreuung bedarf.“59 Subjektive Vorstellungen des Betroffenen seien, so Eberbach, demzufolge nicht ausschlaggebend für die Frage des Vorliegens einer Krankheit, sondern könnten höchstens ein
Anlass zum Arztbesuch sein. Anders verhielte es sich hingegen beim Enhancement
als Wunscherfüllung. Hier sind subjektive Vorstellungen sowohl Motiv als auch
Ziel der Konsultation des Arztes.60
bb) Die Beurteilung von Gesundheit und Krankheit aus subjektiver Sicht
Auf das subjektive Befinden stellt prominent die Weltgesundheitsorganisation
(World Health Organization, WHO) ab, wenn sie definiert, Gesundheit sei „a state
of complete physical, mental, and social well-being and not merely the absence
of disease and infirmity“.61 Kritikpunkte werden hierbei weniger in der Tatsache
Lenk, Therapie und Enhancement, S. 37.
Lenk, Therapie und Enhancement, S. 38; diese Problematik thematisierte auch Boorse selbst in
Philosophy & Public Affairs 1975, S. 50 ff.
56 Lenk, Therapie und Enhancement, S. 37.
57 BGH, Urteil vom 17.12.1986, IVa ZR 78/85, NJW 1987, 703.
58 BGH, Beschluss vom 21.04.1958, 2 StR 393/57, BGHSt 11, 304 (315) = NJW 1958, 916.
59 BFH, Urteil vom 10.05.2007, III R 47/05, NJW 2007, 3596.
60 Eberbach, MedR 2008, 325 (326).
61 World Health Organization, Preamble to the Constitution; deutsch: „Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur des Freiseins von Krankheit und
Gebrechen“: Lanzerath/Honnefelder, Krankheitsbegriff und ärztliche Anwendung der Humangenetik, S. 52; Pschyrembel, Eintrag „Gesundheit“, S. 685.
54 55 16
gesehen, dass Gesundheit anhand von primär subjektiven Kriterien wie dem Wohlbefinden – terminologisch handelt es sich nach Boorse um die Bestimmung von
praktischer Gesundheit, da die Existenz von physischen Funktionsstörungen gänzlich ausgeblendet wird62 – definiert wird, sondern vielmehr in dem Umstand, dass
sie hier eine maximalistische, neben physischen auch soziale und ökonomische
Gesichtspunkte einbeziehende Ausrichtung erfährt, geht es hiernach doch um ein
vollständiges Wohlsein.63 Resultat wäre, so wendet Illich ein, eine Utopie, die die
anthropologische Notwendigkeit von Krankheit und Tod leugnet und eine jenseitige
Erlösungsvorstellung im diesseitigen Leben sucht.64
Häufig wird diese rein subjektive Betrachtungsweise aber auch um objektive Aspekte, nach Boorse solche der theoretischen Gesundheit, ergänzt.65 Culver und Gert
stellen in diesem Sinne nicht ausschließlich darauf ab, dass jemand einen Mangel
an Wohlbefinden aufweist, sondern beziehen auch das Risiko, zukünftig ein Leiden
zu entwickeln, und somit den Status der theoretischen Gesundheit im Sinne Boorses, mit ein. Hiernach ist eine Person krank „if and only if he has a condition, other
than his rational beliefs and desires, such that he is suffering, or at increased risk of
suffering, an evil (death, pain, disability, loss of freedom or opportunity, or loss of
pleasure) in the absence of a distinct sustaining cause.“66
cc) Der relationale Aspekt von Gesundheit und Krankheit
Die relationale Blickweise auf die Begriffe von Gesundheit und Krankheit betont,
dass beides nicht isoliert anhand einer bloßen Untersuchung des Patienten betrachtet
werden kann, sondern dass dabei auch externe Umstände und Einflüsse Berücksichtigung finden müssen.67 Solche Kriterien könnten zum Beispiel sein: die Lebensgeschichte der betroffenen Person, ihre Lebensbedingungen, das Angebot von und der
Zugang zu medizinischen Ressourcen und Leistungen, der Stand des medizinischen
Wissens und der entsprechenden Möglichkeiten, das Selbstverständnis der mit dem
Fall befassten Ärzte sowie die in der betreffenden Gesellschaft vorherrschenden
Vorstellungen von der Rolle der Ärzteschaft. Wie gravierend diese Umstände divergieren können, belegen allein schon nüchterne Zahlen, die aufschlussreich dafür
sein mögen, in welchem Umfang die Bevölkerung in den Genuss medizinischer
Versorgung kommen kann: So wurden in der Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum um 1990 jährlich etwa 12.000 Mediziner aus der Ausbildung entlassen. Hierzulande kam zu diesem Zeitpunkt auf 200 bis 300 der insgesamt etwa 80 Mio. Einwohner ein Arzt. Thailand, ein Land mit zu dem Zeitpunkt gut 50 Mio. Einwohnern,
Lenk, Therapie und Enhancement, S. 38.
So etwa Lanzerath/Honnefelder, Krankheitsbegriff und ärztliche Anwendung der Humangenetik, S. 52 f.; Höffe, Lexikon der Ethik, Eintrag „Krankheit“, S. 168 hält die Gesundheitsdefinition
der WHO für zu anspruchsvoll und zu subjektiv.
64 Illich, Die Enteignung der Gesundheit, S. 53–59.
65 Lenk, Therapie und Enhancement, S. 38 f.
66 Culver/Gert, Philosophy in Medicine, S. 81.
67 Lenk, Therapie und Enhancement, S. 39.
62 63 http://www.springer.com/978-3-642-53991-6