Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/massenentlassung-und-das-erforderliche-konsultationsverfahren-3128644
Timestamp: 2020-06-01 13:29:08
Document Index: 308422473

Matched Legal Cases: ['§ 102', '§ 21', '§ 17', '§ 85', '§ 102', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', 'EuG', '§ 87']

Massenentlassung - und das erforderliche Konsultationsverfahren | Rechtslupe
Massenentlassung - und das erforderliche Konsultationsverfahren
Bei der Anhö­rung des Betriebs­rats nach § 102 Abs. 1 i.V.m. § 21b BetrVG han­delt es sich auch dann nicht um eine unzu­läs­si­ge Anhö­rung "auf Vor­rat", wenn vor Aus­spruch der Kün­di­gung auch noch die Ver­fah­ren gemäß § 17 KSchG und ggf. nach §§ 85 ff. SGB IX zu durch­lau­fen waren [1].
Im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te die Arbeit­ge­be­rin ihren Kün­di­gungs­ent­schluss abschlie­ßend gefasst. Der Betriebs­rat soll­te sich nicht bloß gut­ach­ter­lich zu einem fik­ti­ven Sach­ver­halt äußern. Der mit­ge­teil­te Kün­di­gungs­sach­ver­halt bedurf­te bei Miss­erfolg des Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­rens kei­ner Neu­be­wer­tung [2]. Eine ande­re Fra­ge ist es, ob die Arbeit­ge­be­rin den Betriebs­rat erneut gemäß § 102 BetrVG hät­te anhö­ren müs­sen, wenn sie sich – wie nicht – auf­grund der Kon­sul­ta­tio­nen (oder der Ein­wän­de des Inte­gra­ti­ons­amts) ent­schlos­sen hät­te, den Betrieb teil­wei­se wie­der auf­zu­neh­men und dem­entspre­chend ledig­lich einen Teil der ver­blie­be­nen Arbeits­ver­hält­nis­se zu kün­di­gen [3].
Die Arbeit­ge­be­rin hat­te im vor­lie­gen­den Streit­fall auch das gemäß § 17 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 KSchG für die erneu­te Kün­di­gung erfor­der­li­che Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren nach § 17 Abs. 2 KSchG kor­rekt durch­lau­fen.
Die Arbeit­ge­be­rin hat das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren recht­zei­tig ord­nungs­ge­mäß ein­ge­lei­tet. Sie hat den Betriebs­rat voll­stän­dig unter­rich­tet und ihn zu Bera­tun­gen auf­ge­for­dert. Ins­be­son­de­re hat sie ihm die "Grün­de für die geplan­ten Ent­las­sun­gen" iSv. § 17 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 KSchG mit­ge­teilt. Hier­für reich­te die Anga­be, dass nicht beab­sich­tigt sei, den still­ge­leg­ten Betrieb wie­der auf­zu­neh­men. Die Über­mitt­lung des Unter­rich­tungs­schrei­bens vom 10.06.2015 durch Tele­fax genüg­te den in § 17 Abs. 2 Satz 1 KSchG bestimm­ten Forman­for­de­run­gen. Zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen wird inso­weit auf die vom Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 22.09.2016 gege­be­ne Begrün­dung ver­wie­sen [4].
Die Arbeit­ge­be­rin hat mit dem Betriebs­rat aus­rei­chend gemäß § 17 Abs. 2 Satz 2 KSchG bera­ten. Dabei kann zuguns­ten der kla­gen­den Par­tei unter­stellt wer­den, dass zumin­dest ein ande­res Unter­neh­men unmit­tel­bar oder mit­tel­bar einen beherr­schen­den Ein­fluss auf die Arbeit­ge­be­rin aus­üben konn­te [5] und die­se nicht allein dar­über ent­schei­den konn­te, ob und ggf. unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen sie ihren Betrieb wie­der auf­nimmt und sich um neue Auf­trä­ge – sei es von inner­halb, sei es von außer­halb der sog. W‑Gruppe – bemüht.
Die Arbeit­ge­be­rin hat es nicht bei der Mit­tei­lung belas­sen, es sol­le – vor­be­halt­lich bes­se­rer Erkennt­nis auf­grund von Vor­schlä­gen des Betriebs­rats – bei der erfolg­ten Still­le­gung ver­blei­ben. Sie hat die­se Absicht in dem die Kon­sul­ta­tio­nen ein­lei­ten­den Schrei­ben vom 10.06.2015 und der zur Grund­la­ge der Bera­tun­gen gemach­ten Power-Point-Prä­sen­ta­ti­on vom 23.06.2015 ins­be­son­de­re mit zu hohen Per­so­nal­kos­ten begrün­det und zugleich einen Weg gewie­sen, den Betrieb wie­der auf­zu­neh­men. Hier­zu müss­ten die Ver­gü­tun­gen rechts­si­cher und zeit­nah auf das Niveau des Flä­chen­ta­rif­ver­trags abge­senkt wer­den. Damit wur­de die Ein­schät­zung des maß­geb­li­chen Ent­schei­dungs­trä­gers – wer auch immer dies gewe­sen sein soll­te – erneu­ert, die im Betrieb der Arbeit­ge­be­rin anfal­len­den Per­so­nal­kos­ten sei­en zu hoch, wes­halb eine Betriebs­fort­füh­rung nicht in Betracht kom­me [6].
Vor die­sem Hin­ter­grund hät­te der Betriebs­rat ent­we­der ver­su­chen kön­nen, ein ander­wei­ti­ges Ein­spar­po­ten­zi­al auf­zu­zei­gen, oder sich ernst­haft auf das ihm von der Arbeit­ge­be­rin eröff­ne­te Sze­na­rio ein­las­sen müs­sen. Letz­tes hat er nicht dadurch getan, dass er dar­auf beharrt hat, ihm müs­se die "kon­zern­in­ter­ne Kal­ku­la­ti­on" der Auf­trä­ge der Flug­ge­sell­schaf­ten eröff­net wer­den. Damit war nicht etwa das Signal ver­bun­den, der Betriebs­rat wer­de sich ggf. für die aus Sicht der Arbeit­ge­be­rin erfor­der­li­che Absen­kung der Per­so­nal­kos­ten ein­set­zen. Viel­mehr konn­te die Arbeit­ge­be­rin ange­sichts der im Ver­hand­lungs­ter­min am 24.06.2015 abge­ge­be­nen Erklä­run­gen davon aus­ge­hen, der Betriebs­rat wol­le aus­schließ­lich Argu­men­te gegen eine, zumin­dest nen­nens­wer­te – Ver­gü­tungs­ab­sen­kung sam­meln, näm­lich auf der Grund­la­ge kon­kre­ter Zah­len ein­wen­den kön­nen, die "Kon­zern­spit­ze" möge in ihren Gewinn­erwar­tun­gen zuguns­ten der Mit­ar­bei­ter der Arbeit­ge­be­rin "zurück­ste­cken".
Dar­auf muss­te die Arbeit­ge­be­rin sich nicht ein­las­sen. Die Frei­heit des Arbeit­ge­bers oder eines hin­ter ihm ste­hen­den Drit­ten, zu ent­schei­den, ob und zu wel­chem Zeit­punkt Mas­sen­ent­las­sun­gen erfol­gen sol­len, wird durch die Richt­li­nie 98/​59/​EG des Rates vom 20.07.1998 zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen [7], deren Umset­zung § 17 Abs. 2 KSchG dient, nicht beschränkt. Die MERL bezweckt nur eine Teil­har­mo­ni­sie­rung. Sie über­lässt es dem natio­na­len Recht, die mate­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen fest­zu­le­gen, unter denen der Arbeit­ge­ber gege­be­nen­falls Mas­sen­ent­las­sun­gen vor­neh­men kann oder nicht [8]. Des­halb kann eine über das nach dem Kün­di­gungs­schutz­ge­setz vor­ge­se­he­ne Maß hin­aus­ge­hen­de Kon­trol­le der unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung nicht mit­tel­bar über das Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren erzwun­gen wer­den. Das gilt unab­hän­gig davon, ob die Ent­schei­dung "aus frei­en Stü­cken" von dem Ver­trags­ar­beit­ge­ber getrof­fen oder ob sie ihm von einem beherr­schen­den Unter­neh­men "dik­tiert" wird.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26. Okto­ber 2017 – 2 AZR 298/​16
zu letz­tem BAG 23.10.2008 – 2 AZR 163/​07, Rn. 32[↩]
BAG 17.03.2016 – 2 AZR 182/​15, Rn. 17, 21, BAGE 154, 303[↩]
dazu BAG 22.09.2016 – 2 AZR 700/​15, Rn. 33[↩]
BAG 22.09.2016 – 2 AZR 276/​16, Rn. 38, 40 und 41 bis 47, BAGE 157, 1[↩]
so bereits aus­drück­lich BAG 22.09.2016 – 2 AZR 276/​16, Rn. 54, BAGE 157, 1[↩]
so bereits BAG 22.09.2016 – 2 AZR 276/​16, Rn. 53, BAGE 157, 1[↩]
MERL, ABl. EG L 225 vom 12.08.1998 S. 16[↩]
EuGH 21.12 2016 – C‑201/​15 – [AGET Ira­klis] Rn. 29 ff.[↩]
Das ver­letz­te Mit­be­stim­mungs­recht – und der… Ver­letzt der Arbeit­ge­ber das Mit­be­stim­mungs­recht nach § 87 Abs 1 Nr 2 BetrVG, ent­spricht es dem nega­to­ri­schen Rechts­schutz zur Siche­rung des Mit­be­stim­mungs­rechts, den Arbeit­ge­ber als…
KonsultationsverfahrenMassenentlassung