Source: https://urteile-gesetze.de/rechtsprechung/b-8-so-19-10-r
Timestamp: 2019-09-19 06:58:38
Document Index: 351687706

Matched Legal Cases: ['§ 44', '§ 44', '§ 44', '§ 44', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 82', '§ 90', '§ 90', '§ 90', '§ 90', '§ 90', '§ 91', '§ 26', '§ 103', '§ 1', '§88', '§ 12', '§ 41', '§ 165', '§ 168', '§ 90', '§ 90', '§ 43', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 82', '§ 45', '§ 19', '§ 19', '§ 6', '§ 90', '§ 90', '§ 91', '§ 90', '§ 90', '§ 12', '§ 91', '§ 90', '§ 96', '§ 90', '§ 90', 'Art 15', '§ 1', '§ 90']

B 8 SO 19/10 R - Urteil BSG vom 25.08.2011
BSG 25.08.2011 - B 8 SO 19/10 R
vorgehend SG Fulda, 4. September 2006, Az: S 7 SO 1/06, Urteilvorgehend Hessisches Landessozialgericht, 21. Mai 2010, Az: L 7 SO 78/06, Urteil
§ 44 Abs 1 S 1 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 44 Abs 1 S 1 SGB 12 vom 24.03.2011
§ 44 Abs 1 S 2 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 44 Abs 1 S 2 SGB 12 vom 24.03.2011
§ 19 Abs 2 S 3 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 19 Abs 2 S 3 SGB 12 vom 20.04.2007
§ 19 Abs 2 S 2 SGB 12 vom 24.03.2011
§ 41 Abs 3 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 41 Abs 3 SGB 12 vom 02.12.2006
§ 41 Abs 4 SGB 12 vom 20.04.2007
§ 41 Abs 4 SGB 12 vom 24.03.2011
§ 45 Abs 1 S 1 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 45 Abs 1 S 2 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 45 Abs 1 S 1 SGB 12 vom 20.04.2007
§ 45 Abs 1 S 2 SGB 12 vom 20.04.2007
§ 45 Abs 1 S 3 Nr 1 SGB 12 vom 20.04.2007
§ 45 Abs 1 S 1 SGB 12 vom 24.09.2008
§ 45 Abs 1 S 2 SGB 12 vom 24.09.2008
§ 45 Abs 1 S 1 SGB 12 vom 03.08.2010
§ 45 Abs 1 S 2 SGB 12 vom 03.08.2010
§ 45 S 3 Nr 1 SGB 12 vom 03.08.2010
§ 82 Abs 1 SGB 12
§ 90 Abs 1 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 90 Abs 2 Nr 1 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 90 Abs 2 Nr 2 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 90 Abs 2 Nr 9 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 90 Abs 3 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 91 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 26 Abs 1 S 1 Nr 1 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 103 Abs 1 SGB 12 vom 27.12.2003
§ 1 BSHG§88Abs2DV 1988
§ 12 Abs 2 Nr 3 SGB 2
§ 41 Abs 1 S 4 SGB 2
§ 165 Abs 3 VVG vom 24.12.2003
§ 168 Abs 3 VVG 2008 vom 14.04.2010
Klage und Berufung sind erfolglos geblieben (Urteil des Sozialgerichts <SG> Fulda vom 4.9.2006; Urteil des Hessischen Landessozialgerichts vom 21.5.2010). Zur Begründung seiner Entscheidung hat das LSG ausgeführt, der Kläger könne seinen notwendigen Lebensunterhalt neben der zu berücksichtigenden Erwerbsminderungsrente durch die Verwertung der Lebensversicherung decken. Der Verwertung der Lebensversicherung stehe, soweit der Rückkaufswert über den Freibetrag in Höhe von 2600 Euro hinausgehe, § 90 Abs 2 SGB XII nicht entgegen, und sie bedeute für den Kläger auch keine Härte iS des § 90 Abs 3 SGB XII. Eine solche werde nicht durch die von dem Kläger behauptete Zweckbestimmung der Alterssicherung im Rahmen der Gewährung von Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung begründet, weil kein hierzu erforderlicher atypischer Lebenssachverhalt vorliege. Auch die Höhe des Rückkaufswertes im Verhältnis zu den eingezahlten Beiträgen rechtfertige nicht die Annahme einer Härte. Der Rückkaufswert zum 1.10.2005 bleibe um knapp 11 % hinter der Summe der eingezahlten Beiträge zurück. Der damit verbundene wirtschaftliche Verlust sei nicht offensichtlich unwirtschaftlich. Der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (BSG) zum Sozialgesetzbuch Zweites Buch - Grundsicherung für Arbeitsuchende - (SGB II) sei zu entnehmen, dass eine offensichtliche Unwirtschaftlichkeit noch nicht erreicht sei, wenn der Rückkaufswert um 12,9 % hinter den eingezahlten Beiträgen zurückbleibe. Ohnedies bestehe im Rahmen des SGB XII eine weiter gehende Verwertungsobliegenheit. Ob der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) zu folgen sei, wonach eine Härte selbst dann nicht vorliege, wenn der Rückkaufswert um mehr als die Hälfte hinter den eingezahlten Beiträgen zurückbleibe, könne offen bleiben. Soweit der Kläger mit dem Versicherungsunternehmen einen zivilrechtlich wirksamen Verwertungsausschluss vereinbart habe, rechtfertige dies nur eine darlehensweise Gewährung von Leistungen, die der Kläger indes ausdrücklich abgelehnt habe. Das danach einzusetzende Vermögen stehe der Annahme von Hilfebedürftigkeit entgegen, bis es verbraucht sei. Die Annahme eines fiktiven Vermögensverbrauchs sei mit der Rechtsnatur der Sozialhilfe nicht vereinbar.
Den tatsächlichen Feststellungen des LSG ist schon nicht zu entnehmen, ob der Kläger, der im maßgebenden Zeitraum die für eine Leistungsberechtigung erforderliche Altersgrenze nicht erreicht hat, dauerhaft voll erwerbsgemindert ist. Entsprechende Feststellungen sind auch nicht im Hinblick auf den Bezug der Erwerbsminderungsrente entbehrlich. Allein aus dem Leistungsbezug kann weder geschlossen werden, dass das Leistungsvermögen unter drei Stunden täglich gesunken ist (§ 43 Abs 2 Satz 2 SGB VI), noch dass die Erwerbsminderung auf Dauer besteht. Selbst wenn der Rentenversicherungsträger nach § 45 Abs 1 Satz 1 und 2 SGB XII (ursprünglich idF des Gesetzes vom 27.12.2003, aaO, und ab 1.1.2008 des Gesetzes vom 20.4.2007, aaO) bzw ab 1.1.2009 § 45 Satz 1 und 2 SGB XII (idF des Gesetzes zur Neuregelung des Wohngeldrechts und zur Änderung des Sozialgesetzbuches vom 24.9.2008 - BGBl I 1856 - und ab 1.1.2011 in der Fassung des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Organisation der Grundsicherung für Arbeitsuchende vom 3.8.2010 - BGBl I 1112) mit Bindungswirkung für den Sozialhilfeträger auf dessen Ersuchen die medizinischen Voraussetzungen einer Erwerbsminderung prüft oder - was ein Ersuchen des Rentenversicherungsträgers entbehrlich macht (§ 45 Abs 1 Satz 3 Nr 1 SGB XII bzw ab 1.1.2009 § 45 Satz 3 Nr 1 SGB XII) - schon im Rahmen eines Antrags auf Erwerbsminderungsrente entsprechende Feststellungen getroffen wurden, ist daran das Gericht nicht gebunden (BSGE 106, 62 ff RdNr 14 ff, insbesondere 16 = SozR 4-3500 § 82 Nr 6; Blüggel in juris PraxisKommentar SGB XII , § 45 SGB XII RdNr 40). Soweit Leistungen (allein) mangels Dauerhaftigkeit der Erwerbsminderung ausscheiden sollten, kommt bei Vorliegen der übrigen Voraussetzungen allerdings nachrangig (§ 19 Abs 2 Satz 3 bzw ab 1.1.2011 § 19 Abs 2 Satz 2 SGB XII) Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem Dritten Kapitel des SGB XII in Betracht (BSGE 104, 207 ff RdNr 16 = SozR 4-3530 § 6 Nr 1).
Ob diese Ansprüche im Sinne der gesetzlichen Regelung verwertbar sind, beurteilt sich unter rechtlichen und tatsächlichen Gesichtspunkten; der Vermögensinhaber muss über das Vermögen verfügen dürfen, aber auch verfügen können. Beide Aspekte verlangen darüber hinaus eine Berücksichtigung der zeitlichen Dimension, innerhalb der das Vermögen (voraussichtlich) verwertet werden kann (BSGE 100, 131 ff RdNr 15 = SozR 4-3500 § 90 Nr 3; Mecke in jurisPK-SGB XII, § 90 SGB XII RdNr 36 und § 91 SGB XII RdNr 11; Hohm in Schellhorn/Schellhorn/Hohm, SGB XII, 18. Aufl 2010, § 90 SGB XII RdNr 17; Brühl/Geiger in Lehr- und Praxiskommentar SGB XII § 90 SGB XII RdNr 10). Kann der Vermögensinhaber das Vermögen nicht in angemessener Zeit verwerten, verfügt er nicht über bereite Mittel (vgl auch zum SGB II BSG SozR 4-4200 § 12 Nr 12 RdNr 21 f). Feststellungen des LSG zu der Frage der Verwertbarkeit der Lebensversicherung fehlen. Das LSG ist wegen des vereinbarten Verwertungsausschlusses offensichtlich davon ausgegangen, dass die Lebensversicherung zwar nicht sofort verwertet werden kann, dies aber im Hinblick auf die Regelung des § 91 SGB XII nichts an ihrer Berücksichtigung ändert, sondern nur zu einer darlehensweisen Gewährung der Leistungen führt. Dem ist im Hinblick auf das genannte zeitliche Moment nur dann zu folgen, wenn eine Verwertung in absehbarer Zeit erfolgen kann.
Der Verwertbarkeit der Lebensversicherung wird allerdings - unabhängig in welcher Form sie erfolgt - durch § 90 Abs 2 Nr 9 SGB XII eine Grenze gesetzt. Danach darf die Sozialhilfe nicht vom Einsatz oder der Verwertung kleinerer Barbeträge oder sonstiger Geldwerte abhängig gemacht werden. Nach § 96 Abs 2 SGB XII kann das Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (, heute das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ) durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrats die Höhe der Barbeträge oder sonstigen Geldwerte im Sinne dieser Vorschrift bestimmen. Hiervon hat das BMGS mit der Verordnung zur Durchführung des § 90 Abs 2 Nr 9 des SGB XII (DV § 90 SGB XII; BGBl I 1988, 150, hier idF des Art 15 des Gesetzes zur Einordnung des Sozialhilferechts in das Sozialgesetzbuch vom 27.12.2003 - BGBl I 3022) Gebrauch gemacht und nach § 1 DV § 90 SGB XII Grundfreibeträge vorgesehen.