Source: http://www.hensche.de/Keine_Entschaedigung_fuer_Scheinbewerber_EuGH_C-423_15_Nils_Kratzer_28_07_2016.html
Timestamp: 2016-12-04 08:10:11
Document Index: 75850610

Matched Legal Cases: ['EuG', '§ 1', '§ 2', '§ 6', '§ 7', '§ 11', '§ 15', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.3', 'Art.14', '§ 6']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/243
Be­wer­bung oder Schein­be­wer­bung?
02.08.2016. Es gibt nicht vie­le AGG-Hop­per, aber es gibt sie: Schein-Be­wer­ber, die sich auf ei­ne Stel­len­an­zei­ge nur "be­wer­ben", um ei­ne Ab­sa­ge zu er­hal­ten. Denn wenn die Stel­len­an­zei­ge dis­kri­mi­nie­rend for­mu­liert ist, ste­hen die Chan­cen für den ab­ge­lehn­ten "Be­wer­ber" nicht schlecht, durch ei­ne (miss­bräuch­li­che) Ent­schä­di­gungs­kla­ge letzt­lich ei­ne Gel­dent­schä­di­gung zu er­gat­tern.
Schutz durch die Richt­li­nie 2000/78/EG und die Richt­li­nie 2006/54/EG auch für Schein­be­wer­ber?
Der Streit­fall: Rechts­an­walt Nils Krat­zer ge­gen R+V Ver­si­che­run­gen
EuGH: Ein Be­wer­ber, der sich nur mit dem Ziel ei­ner Entschädi­gung be­wirbt, kann sich nicht auf die Richt­li­ni­en 2000/78/EG und 2006/54/EG be­ru­fen und han­delt miss­bräuch­lich
Schutz durch die Richt­li­nie 2000/78/EG und die Richt­li­nie 2006/54/EG auch für Schein­be­wer­ber? Nach dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) sind Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters, des Ge­schlechts oder der eth­ni­schen Her­kunft bei Stel­len­be­set­zun­gen ver­bo­ten. Das er­gibt sich aus § 1 AGG in Verb. mit § 2 Abs.1 Nr.1, § 6 Abs.1 Satz 2 und § 7 Abs.1 AGG. Ar­beit­ge­ber, die sich dar­an nicht hal­ten und ent­ge­gen § 11 AGG ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Stel­len­an­zei­ge auf­ge­ben, müssen da­mit rech­nen, von ab­ge­lehn­ten Be­wer­bern gemäß § 15 AGG auf Zah­lung ei­ner Gel­dentschädi­gung ver­klagt zu wer­den. Und da ei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Stel­le­an­zei­ge ("er­fah­re­ner Kraft­fah­rer", "jun­ge Verkäufe­r­in") ein In­diz dafür ist, dass ein ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber aus dis­kri­mi­nie­ren­den Gründen ab­ge­lehnt wur­de, ha­ben sol­che Kla­gen gu­te Er­folgs­aus­sich­ten.
Es fragt sich da­her, ob die Recht­spre­chung der deut­schen Ar­beits­ge­rich­te, die Schein­be­wer­bern den Schutz durch das AGG ab­spricht, mit den o.g. bei­den Richt­li­ni­en ver­ein­bar ist. Die­se Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im letz­ten Som­mer auf­ge­wor­fen und ei­ne ent­spre­chen­de An­fra­ge an den EuGH ge­rich­tet: BAG, Be­schluss vom 18.06.2015, 8 AZR 848/13 (A). Vor ei­ni­gen Ta­gen hat der Ge­richts­hof die An­fra­ge be­ant­wor­tet.
Der Streit­fall: Rechts­an­walt Nils Krat­zer ge­gen R+V Ver­si­che­run­gen Im Streit­fall hat­te der am 11.05.1973 ge­bo­re­ne Münch­ner An­walt Nils Krat­zer die R+V All­ge­mei­ne Ver­si­che­rung AG ver­klagt. Herr Krat­zer, der seit 2002 über­wie­gend als selbständi­ger An­walt tätig war, hat­te sich viel­fach ver­geb­lich auf Stel­len­an­zei­gen be­wor­ben und als­dann auf Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung ge­klagt, d.h. er war so­zu­sa­gen "spe­zia­li­siert" auf das Dis­kri­mi­nie­rungs­recht. Mit sei­nen Kla­gen hat­te er teil­wei­se Er­folg, so im Ja­nu­ar 2013 vor dem BAG (BAG, Ur­teil vom 24.01.2013, 8 AZR 429/11, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/017 Stel­len­aus­schrei­bung für "Hoch­schul­ab­sol­ven­ten / Young Pro­fes­sio­nals" dis­kri­mi­niert älte­re Be­wer­ber).
Das Ar­beits­ge­richt Wies­ba­den (Ur­teil vom 20.01.2011, 5 Ca 2491/09) und das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) wie­sen die Kla­ge ab (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 18.03.2013, 7 Sa 1257/12). Der Fall lan­de­te beim BAG, das zu der An­sicht kam, dass sich Herr Krat­zer nicht ernst­haft bzw. nur des­halb be­wor­ben hat­te, um ei­ne Entschädi­gung zu er­lan­gen. Denn der Hin­weis auf sei­ne "Führungs­er­fah­rung" pass­te über­haupt nicht zu der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le als Trainee, so das BAG. Hin­zu kam die Ab­leh­nung ei­nes persönli­chen Gesprächs.
EuGH: Ein Be­wer­ber, der sich nur mit dem Ziel ei­ner Entschädi­gung be­wirbt, kann sich nicht auf die Richt­li­ni­en 2000/78/EG und 2006/54/EG be­ru­fen und han­delt miss­bräuch­lich Der EuGH bestätig­te die deut­sche Recht­spre­chung zur nicht ernst­ge­mein­ten Be­wer­bung. Bei ei­ner Per­son wie im Aus­gangs­ver­fah­ren sei "of­fen­sicht­lich, dass sie die Stel­le, um die sie sich be­wirbt, gar nicht er­hal­ten will. Da­her kann sie sich nicht auf den durch die Richt­li­ni­en 2000/78 und 2006/54 gewähr­ten Schutz be­ru­fen" (Ur­teil, Rn.35)
Der Ge­richts­hof macht da­mit die vom BAG ge­trof­fe­ne Un­ter­schei­dung zwi­schen der vor­ran­gi­gen Fra­ge nach dem ob­jek­ti­ven Schutz­ge­halt der o.g. Richt­li­ni­en­ar­ti­kel und der nach­ge­ord­ne­ten Fra­ge ei­ner mögli­cher­wei­se miss­bräuch­li­chen Be­ru­fung auf die­sen Schutz­ge­halt
Fa­zit: Das EuGH-Ur­teil stärkt den deut­schen Ar­beits­ge­rich­ten den Rücken in ih­rem Bemühen, bei Entschädi­gungs­kla­gen ge­nau zu über­prüfen, ob der Streit­fall durch ei­ne ernst­ge­mein­te oder durch ei­ne Schein­be­wer­bung ent­stan­den ist. Auf­grund des EuGH-Ur­teil steht fest, dass AGG-Hop­per we­der durch Art.3 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2000/78/EG noch durch Art.14 Abs.1 Buch­sta­be a) Richt­li­nie 2006/54/EG geschützt sind. Wer sich nicht ernst­haft be­wirbt, ist rich­ti­ger An­sicht nach von vorn­her­ein kein "Be­wer­ber" im Sin­ne von § 6 Abs.1 Satz 2 AGG. Je­den­falls aber han­delt er treu­wid­rig, so dass er sich letzt­lich nicht auf die­se Vor­schrift und den Dis­kri­mi­nie­rungs­schutz nach dem AGG be­ru­fen kann.
Hand­buch Ar­beits­recht: Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te - Ge­schlecht Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/358 Dis­kri­mi­nie­rung und Eig­nung des Be­wer­bers