Source: https://stiftung-kinderheim-harkerode.de/handlungsleitfaden/
Timestamp: 2018-12-13 23:45:05
Document Index: 357844122

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 8', '§ 3', '§ 3', '§ 4', '§ 8']

Stiftung Kinderheim Harkerode — HANDLUNGSLEITFADEN
• Handlungsleitfaden
Handlungsleitfaden zum Umgang mit besonderen Vorkommnissen
Praxisorientierte Handreichung der Stiftung Kinderheim Harkerode
Die Stiftung Kinderheim Harkerode ist ein Freier Träger der Jugendhilfe und Leistungserbringer nach §§ 2, Abs. 2, 4 und 6 des Sozialgesetzbuchs Achtes Buch – Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII). Die Arbeit der Stiftung unterliegt weiterhin den Regeln des Bundeskinderschutzgesetzes (BKiSchG).
Mit der Aufnahme ihrer Tätigkeit am 1. Januar 2017 hat sich die Stiftung verpflichtet, auf der Grundlage des § 8b BKiSchG einen Handlungsleitfaden für den Umgang mit besonderen Vorkommnissen zu entwickeln und in ihrer praktischen Arbeit einzusetzen. Prävention und Früherkennung, Transparenz, Dokumentation und Gefahrenbeseitigung sowie das Beschwerdemanagement sind die wichtigsten Themen des Handlungsleitfadens. Dazu definiert das Gesetz eine Reihe von rechtlichen Eckpunkten. Sie betreffen insbesondere die folgenden Bereiche:
Schutz des Kindes vor körperlicher, geistiger und seelischer Gewalt (das Erkennen von Gewalt, angemessenes Reagieren und Agieren, das Beratungsrecht)
Schutz durch die staatliche Gemeinschaft (das Zusammenspiel des Wächteramtes mit den Trägern der Freien Jugendhilfe)
Früherkennung von Gefahrensituationen (objektive und subjektive Faktoren)
Koordinierung und Vernetzung professioneller Hilfen (interne und externe Netzwerkstrukturen)
Besonderheiten des § 3, Abs. 2 des Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG), hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Ämtern, Behörden und Beratungsstellen
Beachtung der §§ 3 und 8 Schwangerschaftskonfliktgesetz (SchKG)
Beratung und Übermittlung von Informationen bei Kindeswohlgefährdung nach § 4 KKG (Abs. 1, 6., Abs. 2 Beratungsrecht, Befugnisse nach Abs. 3).
Mit dem rechtlichen Rahmen wollte der Gesetzgeber dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche vor Risiken für ihr leibliches, geistiges und seelisches Wohl geschützt werden. Gefahren sollen früh erkannt und beseitigt werden.
Der hier vorgelegte Handlungsleitfaden nimmt diese Intentionen auf. Er hält sich an die Bestimmungen des Ausführungsgesetzes zum Kinder- und Jugendhilfegesetz des Landes Sachsen-Anhalt (AG KJHG LSA) sowie an die Grundsatzvereinbarung der Stiftung mit dem Jugendamt des Landkreis Mansfeld Südharz, dem örtlichen Träger der Jugendhilfe. Dabei berücksichtigt der Leitfaden neben dem mit dem KJHG LSA definierten rechtlichen Rahmen insbesondere die Empfehlungen des Leitfadens für Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher in Sachsen-Anhalt zu Früherkennung, Handlungsmöglichkeiten und Kooperation.
Ziel, Hintergrund und Verständnis des Handlungsleitfadens
Der Handlungsleitfaden möchten den Mitarbeiter*innen der Stiftung Kinderheim Harkerode, die in der Jugend- und Jugendsozialarbeit, im Besonderen im Kinder- und Jugendschutz, sowie in der ambulanten und stationären Erziehungshilfe tätig sind, eine praktische Orientierung für ein sachgerechtes Verhalten bei besonderen Vorkommnissen bieten.
Der Begriff besondere Vorkommnisse bezeichnet dabei Fälle von Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die in den Einrichtungen und im Rahmen der Dienste der Stiftung Kinderheim Harkerode betreut werden. Die Stiftung definiert Gewalt als gewaltsame körperliche und/oder seelische Schädigungen, die zu Verletzungen und Entwicklungsverzögerungen führen können und somit das Wohl und die Rechte eines jungen Menschen beeinträchtigen oder bedrohen. Zentrale Fragen sind: Wie erkenne ich als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter der Stiftung Kinderheim Harkerode solche besonderen Vorkommnisse? Welche Schritte unternehme ich, um die Vorkommnisse abzustellen und aufzuklären? Wie können diese Schritte dokumentiert werden? Und schließlich: wie sollte ein internes und externes Beschwerdemanagement aussehen?
Der Leitfaden wird im Dialog mit den Mitarbeiter*innen der Stiftung Kinderheim Harkerode fortgeschrieben; er wird dabei den Bedingungen in den einzelnen Leistungsbereichen angepasst. Eine Abstimmung mit dem Jugendamt Mansfeld-Südharz und anderen relevanten, externen Institutionen ist angestrebt.
Besondere Vorkommnissen im Überblick
Die im Folgenden zusammengefasst dargestellten Verfahren sind für die Mitarbeiter*innen der Stiftung verbindlich.
3.1 Schwere Unfälle (einschließlich Unfälle mit Lebensgefahr)
Eventuell „Erste Hilfe“- Versorgung
Information an Rettungsdienst (Notruf: 112),
Information an die pädagogische Leitung
3.2 Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Sittlichkeitsdelikte
Information an pädagogische Leitung,
Bei unmittelbarer Gesundheitsschädigung: Rettungsdienst (Notruf: 112) und Polizei (Notruf: 110)
Gegebenenfalls: Erste Hilfe- Versorgung
3.3 Körperliche Übergriffe, körperliche Gewalt gegen Mitarbeiter*innen
Bei akuter Gefahrensituation, die von der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter allein nicht zu bewältigen ist: Notruf wählen (Polizei: 110), pädagogische Leitung hinzuziehen;
Gegebenenfalls Unterstützung durch einen zusätzlichen Kollegen anfordern.
3.4 Verdacht auf akuten Drogenmissbrauch
Pädagogische Leitung informieren
Polizei und Ordnungsamt einbeziehen
Sicherung des Verzichts des/der Jugendlichen auf weiteren Drogenkonsum (ggf. ärztliche Aufsicht organisieren).
3.5 Entführungsversuch, Entführung
Information an Polizei (Notruf: 110),
Information an pädagogische Leitung
3.6 Feuer, Explosion, katastrophenähnliche Ereignisse, die eine anderweitige Unterbringung einer einzelnen oder mehrerer betreuter Personen erforderlich machen
Evakuierung der Einrichtung
Information an Rettungsdienst (Notruf: 112), Feuerwehr (Notruf: 112), Polizei (Notruf: 110),
Information Stiftungsleitung
3.7 Extrem besorgniserregende Erkrankungen
Information an pädagogische Leitung /Geschäftsleitung
Rettungsdienst/Medizinische Versorgung
3.8 Tod, Freitod oder Freitodversuch
Sofortige Information an Rettungsdienst (Notruf: 112) und Polizei (Notruf: 110),
Information an die Geschäftsleitung
Die Präventionsmaßnahmen der Stiftung Kinderheim Harkerode stehen im Einklang mit den Empfehlungen des Deutschen Bundesjugendring und umfassen folgende, wesentliche Maßnahmen:
Systematische, regelmäßige Sensibilisierung der Mitarbeiter*innen durch die Stiftungsleitung. Sie erörtert die Problematik der besonderen Vorkommnisse.
Verbindliche Aufnahme des Themenfeldes in die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Schaffung struktureller Rahmenbedingungen, um Übergriffe auf die betreuten jungen Menschen zu verhindern beziehungsweise sie schnellstmöglich aufzudecken und abzustellen. Zu den Rahmenbedingungen gehören regelmäßige Kontakte zur örtlichen Polizei.
Wohnbereichsleiter*innen und die Geschäftsleitung sind gehalten, die praktischen Verhaltensregeln und –normen laufend zu überprüfen und weiter zu entwickeln.
Die Teilnahme an Mitarbeiterbelehrung und Selbstverpflichtungserklärungen zu den Fragen der besonderen Vorkommnisse sind Teil des Arbeitsvertrages der pädagogischen Mitarbeiter*innen.
Vertrauenspersonen sind zu nominieren, die im Konfliktfall um Rat und Tat gebeten werden können..
Auffälligkeiten im Alltag des Kindes können Anhaltspunkte für mögliche körperliche und/oder seelische Schädigungen geben. Spezifische Beobachtungen sind sorgfältig zu dokumentieren, um verwertbare Unterlagen für die Prävention und Früherkennung zu schaffen. Der Leitfaden für Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher in Sachsen-Anhalt zu Früherkennung, Handlungsmöglichkeiten und Kooperation enthält als Anhang 2 eine nützliche Dokumentationshilfe für den eigenen Gebrauch.
Transparenz, Dokumentation, Gefahrenbeseitigung
Fragen des Kinderschutzes sind personengebunden in die Hilfeplan-Gespräche und Entwicklungsberichte aufzunehmen. Die Erzieherinnen und Erzieher der Stiftung Kinderheim Harkerode sind verpflichtet, am Evaluationsverfahren zum Kinderschutz teilzunehmen. Evaluationen werden von der/dem Kinderschutzbeauftragten der Stiftung ausgeführt.
Der sachgerechte Umgang mit Fragen der Kindeswohlgefährdungen erfordert eine besondere, schriftliche Dokumentation. Sowohl aus fachlicher Verantwortung als auch zum Schutz der Betreuer*innen im Falle einer justiziellen Aufarbeitung eines Falles ist es notwendig, den Vorgang schriftlich zu dokumentieren. Die Erzieherinnen und Erzieher verpflichten sich zu diesem Verfahren.
Das Mitwirkungs- und Beschwerdemanagement der Stiftung Kinderheim Harkerode ist prozesshaft gestaltet, wobei die Aufsicht über den Prozessverlauf vom Verlauf selbst zu trennen ist. Grundsätzlich sind alle am System Beteiligten in das Management einzubeziehen. Es gelten die rechtlichen Vorgaben des § 8a SGB VIII.
Mitwirkung bei der Betreuung und Selbstbestimmung der betreuten jungen Menschen sind Kernelemente der Jugendarbeit. Inhaltlich sind in das System des Beschwerdemanagements die folgenden Aspekte einzubinden:
Die Grundhaltung der Erziehenden in ihrer Persönlichkeit und Fachlichkeit, Berufung, sowie ihrem Verständnis von Demokratie und Kinderschutz
Besonderheiten hinsichtlich der Strukturen der Erziehungs- und Arbeitsbereiche sowie Ziele der Erziehung und Zielgruppe (Altersstruktur und Dynamik)
Vorhandene und zu modifizierende Regeln und Normen der Arbeitsbereiche (Gruppen- und Hausordnung)
Beteiligungen externer Beobachter/Hilfeplan-Beteiligter.
Im Rahmen des Mitwirkungs- und Beschwerdemanagements wird den betreuten jungen Menschen die Möglichkeit gegeben, sich an Vertrauenspersonen innerhalb und außerhalb der Stiftung Kinderheim Harkerode zu wenden. Das Ziel ist, sicherzustellen, dass alle – aus ihrer Sicht bestehenden – Missstände oder Unregelmäßigkeiten ohne Probleme angesprochen werden können. Gleichzeitig erhalten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung die Möglichkeit, sich an Vertrauens- oder/und Kinderschutzbeauftragte zu wenden.
Verantwortungsbereiche, praktische Umsetzung
Zur praktischen Umsetzung des Handlungsleitfadens hat die Stiftung Kinderheim Harkerode folgende Verantwortungsbereiche festgelegt:
7.1 Wohnbereichsleiter / Kinderschutzbeauftragte
Wohnbereichsleiter*innen und Kinderschutzbeauftrage sind innerhalb ihrer Teams fachlich kompetente Ansprechpartner*innen. Sie stellen den Schutz der jungen Menschen professionell und organisatorisch sicher. Im Falle einer sich anbahnenden oder eingetretenen Verletzung von Kindeswohl leiten sie die notwendigen Maßnahmen unverzüglich ein und setzen die Einrichtungsleitung in Kenntnis.
Wohnbereichsleiter*innen und Kinderschutzbeauftrage sind berechtigt,
Bei Abwesenheit der Einrichtungsleitung
Bei versäumter Reaktion der Einrichtungsleitung oder
Bei zu erwartender Missachtung der Hinweise auf sich anbahnende oder eingetretene Verletzung von Kindeswohl
den Stiftungsvorstand, das Landesverwaltungsamt oder/und den Träger der örtlichen Jugendhilfe über Unregelmäßigkeiten oder besondere Vorkommnisse zu informieren.
7.2 Mitarbeiter im Fachdienst
Mitarbeiter*innen im Fachdienst sind alle Kolleg*innen in Wohnbereichen und Diensten, die einen anerkannten Abschluss als sozialpädagogische Fachkraft besitzen. Sie verfügen über umfassende Kenntnis der Grundsätze des Kinderschutzes. Darüber hinaus sind sie mit den Verfahrensweisen für besondere Vorkommnisse vertraut, die in diesem Leitfaden festgelegt sind und die sich aus BKiSchG und KKG ergeben. Neben der regulären Erziehungsarbeit sind sie daher in der Lage
Auffälligkeiten zu erkennen, Gegenmaßnahmen einzuleiten und über Umfang und Intensität der Auffälligkeiten zu informieren,
Gefahrlagen zu vermeiden, zu verhindern und abzubauen
Generell präventiv tätig zu sein sowie
An der Organisation und Arbeit des Beschwerdemanagements auf konstruktive Weise mitzuwirken.
Wegen ihrer besonderen Nähe und Vertrauensstellung zu den betreuten Kindern und Jugendlichen sind sie für Prävention und Abwehrmaßnahmen besonders wichtig.
7.3 Sonstige Mitarbeiter*innen und Honorarkräfte
Sonstige Mitarbeiter*innen und Honorarkräften, die in der Regel keinen pädagogischen Abschluss besitzen, sollten über Erfahrungen im Kinderschutz verfügen und die Sensibilität des Themas kennen. Entsprechend ihrem Einsatzgebiet sind sie in den Prozess der Umsetzung des Leitfadens einzubinden. Sie nehmen an Teamberatungen und/oder Gesprächen mit Fachkräften teil.
Schlussbemerkungen, weiterführende Hinweise
Die pädagogische Leitung der Stiftung Kinderheim Harkerode zeichnet für Anleitung der Teams und Fortschreibung des Leitfadens verantwortlich. Die Teams beraten einen Maßnahme-Katalog wohnbereichsintern. Er ist an die Bedingungen des Hauses, das Alter der Kinder und das pädagogische Konzept angepasst. Seine Anwendung wird regelmäßig praktisch geübt. Die Familienberatungsstelle, Hebammen und der soziale Dienst des Jugendamtes werden in die Fortschreibung einbezogen. Maßnahmen zum Brand- und Katastrophenschutz werden mit dem zuständigen Amt abgesprochen und in den Leitfaden aufgenommen.
Harkerode, den 9. April 2018