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Timestamp: 2019-04-20 05:13:41
Document Index: 167114346

Matched Legal Cases: ['§ 175', '§ 175', '§ 316', '§ 328', '§ 289', '§ 315', '§ 37', '§ 37', '§ 131', '§ 15']

AKADEMIE ONLINE – Grundlagen der Unternehmenspublizität
Grundlagen der Unternehmenspublizität
Unternehmenspublizität wandelte sich in den letzten Jahren von einer stark dem Rechnungswesen verhafteten Veröffentlichung von Bilanzdaten zu einem Reporting, das vielschichtigen Adressatengruppen finanzielle und nicht finanzielle Informationen möglichst zielgruppenadäquat bereitstellt. Dieser Beitrag bietet einen Überblick über den aktuellen Stand der Unternehmenspublizität von Kapitalgesellschaften und zeigt Zielgruppen und ihren Informationsbedarf sowie konkrete Anforderungen an Publizität und deren Erfüllung durch gängige Publizitätsinstrumente auf.
Die Publizitätsanforderungen, denen sich Unternehmen heute in ihrem externen Reporting gegenübersehen, weiteten sich in den letzten Jahren stark aus. Einerseits stieg der Umfang der aufgrund gesetzlicher und anderer Verpflichtungen zu publizierenden Informationen, andererseits müssen Unternehmen auf den steigenden Wettbewerbsdruck um Finanzierungen am Kapitalmarkt reagieren. In immer größerem Umfang fließen so nicht finanzielle Informationen in die externe Berichterstattung ein.
Dieser Beitrag betrachtet zunächst die Informationsbedürfnisse unterschiedlicher Adressatengruppen, die bei der Ausgestaltung der Publizität zu berücksichtigen sind. Darauf aufbauend werden Anforderungen an Unternehmenspublizität als Konkretisierung des Adressatennutzens spezifiziert und deren Erfüllung durch gängige Publizitätsinstrumente für deutsche Kapitalgesellschaften betrachtet.
Adressatengruppen der Publizität und ihre Informationsbedürfnisse
Neben den unmittelbar am Kapitalmarkt agierenden Investoren, Informationsmittlern und Fremdkapitalgebern sind andere nicht kapitalmarktorientierte Stakeholder wie Gläubiger, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Wettbewerber usw. wichtige Zielgruppen der Unternehmenspublizität.1 Da sich Publizität praktisch nicht auf einzelne Adressatengruppen fokussieren lässt, beeinflusst sie zwangsläufig simultan den Informationsstand aller Stakeholder. Unternehmen müssen daher beispielsweise zwischen der potenziell kapitalkostensenkenden Information von Investoren und unerwünschter operative und strategische Kosten verursachender Preisgabe von Informationen gegenüber Wettbewerbern abwägen.
Informationsmittler
Informationsmittler ermöglichen eine effiziente Informationsverarbeitung am Kapitalmarkt. Investmentanalysten analysieren, gewichten und interpretieren öffentlich verfügbare Informationen über Unternehmen und unterstützen so die Informationsverarbeitung der Kapitalmarktteilnehmer. Für Fundamentalanalysen stellt Unternehmenspublizität wichtige Informationen bereit, hat aber für die technische Analyse keine praktische Bedeutung.
Bei Ratingagenturen steht anders als bei Investmentanalysten häufig die Fremdkapitalbewertung im Vordergrund. Im Unterschied zu den oft viele Seiten umfassenden Studien von Investmentanalysten werden Ratings meist auf einer ordinalen Skala mit fünf bis zehn Ausprägungen abgebildet. Auch für Ratings sind vielfältige Informationen wie Branchen-, Umfeld-, operative und finanzielle Größen von Bedeutung, so dass sich vielfältige Berührungspunkte mit der Unternehmenspublizität ergeben.
Schließlich bewerten auch für die Wirtschaftspresse tätige Journalisten Firmen unter Nutzung von Informationen aus der Unternehmenspublizität. Sie richten ihre Analyse dabei aus Marketinggesichtspunkten stärker an aktuellen Ereignissen und Informationen aus.
Insgesamt beeinflussen Informationsmittler das Handeln von Investoren stark, so dass sie eine bedeutende, wenn nicht die zentrale Adressatengruppe der Unternehmenspublizität darstellen.2
Die Gesamtheit institutioneller Investoren umfasst Versicherungen, Pensions- und Unterstützungskassen sowie Investmentfonds, die keine eigenen Finanzmittel, sondern eigenverantwortlich die ihrer Kunden und Versicherten investieren.
Die Bedeutung institutioneller Investoren steigt seit den 1990er-Jahren zu Lasten anderer Kapitalanleger, wie Abb. 1 illustriert. Da institutionelle Investoren als besonders aktive, intensiv mit dem Unternehmen kommunizierende Kapitalmarktteilnehmer gelten, erhöhten sich zeitgleich die Anforderungen an Unternehmenspublizität.
Venture-Capital-Gesellschaften finanzieren jungen Unternehmen Eigenkapital. Häufig wird dabei gleichzeitig Management-Know-how transferiert, so dass Venture-Capital-Gesellschaften unproblematisch Zugang zu Unternehmensinformationen haben und kaum besondere Anforderungen an die Unternehmenspublizität äußern. Erst durch die Realisierung bestimmter Exit-Strategien konkretisieren sich die Publizitätsanforderungen, wobei insbesondere im Zuge eines Initial Public Offering die Unternehmenspublizität umfassend umgestaltet werden muss.
Privatanleger sind am Kapitalmarkt aktive natürliche Personen. Sie sind insbesondere in sich entwickelnden Kapitalmärkten von besonderer Bedeutung. Viele Unternehmen schätzen Privatanleger, da sie Anteile länger halten als institutionelle Investoren und so kursstabilisierend wirken. Privatanleger werden im Rahmen der Unternehmenspublizität meist nicht direkt angesprochen, da wirtschaftliche Gründe einer personalisierten Kommunikation entgegenstehen.
Am Kapitalmarkt investierende Unternehmen und Banken verfolgen neben dem Wertsteigerungsprimat auch wertschöpfungsbezogene Ziele, wie Kreditrisikoreduktion, Absicherung von Produktionsverflechtungen und Schutz vor feindlichen Übernahmen. Die historisch als „Deutschland AG“ bekannte wechselseitige Verflechtung deutscher Unternehmen nimmt seit den 1990er-Jahren ab, so dass der Anteil der von Unternehmen und Banken gehaltenen Aktien langsam sinkt, wie Abb. 1 zeigt.
Die Informationsbedürfnisse von Unternehmen und Banken als Aktionäre unterscheiden sich nicht stark von denen institutioneller Investoren mit professionellem Portfoliomanagement. Sie sind allerdings grundlegend verschieden von den Ansprüchen der Privatanleger, die oft stärker aufbereitete, weniger detaillierte Informationen bevorzugen.
Während Investoren Unternehmen residualgewinnberechtigtes Eigenkapital zur Verfügung stellen, erwarten Fremdkapitalgeber die vereinbarungsgemäße Rückzahlung ihrer Forderungen. Sie sind daher primär an Informationen über die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens, also zur Wahrscheinlichkeit einer Unternehmensgefährdung und weniger an Prognosen über künftige Wertsteigerungen interessiert.
Unternehmenspublizität stellt auch für die heterogene Gruppe nicht kapitalmarktorientierter Stakeholder Informationen bereit. Neben den klassischen Anspruchsgruppen (Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter, Management, Staat, allgemeine Öffentlichkeit) sind auch Wettbewerber wichtige Adressaten von Unternehmenspublizität. Sie sind in stärkerem Umfang auch an nicht finanziellen und Umfeldinformationen interessiert.
Die Bedeutung einzelner Adressatengruppen hängt dabei von diversen Kontextfaktoren wie Unternehmensgröße, Branche, Finanzierungsform, Standort, Eigentümerstruktur u. a. ab. Für viele KMU sind beispielsweise Fremdkapitalgeber und andere regionale Stakeholder bedeutende Adressaten.
Die unterschiedlichen Adressatenbedürfnisse sind mit geeigneten Publizitätsinstrumenten zu bedienen. Vor dem Hintergrund direkter und indirekter Publizitätskosten gilt es auch, die jeweiligen Inhalte zu optimieren. Der folgende Abschnitt leitet die dazu erforderlichen konkretisierten Zielsetzungen ab.
Anforderungen an Unternehmenspublizität
Das Fundamentalziel der Unternehmenspublizität – Kommunikation von unternehmensbezogenen Informationen an externe Adressaten – führt direkt zur Forderung nach Adressatennützlichkeit. In der Literatur werden dazu verschiedene Anforderungen formuliert.3
Die häufig allgemein geforderte Relevanz von Informationen ist nicht hinreichend konkret, da sie, wie im vorangegangenen Abschnitt erläutert, hochgradig zielgruppenspezifisch ist. Zweckmäßiger wird daher die primäre Adressatengruppe für jedes Publizitätsinstrument betrachtet. Relevanz stellt dann praktisch auf den Umfang der instrumentspezifischen Publizität ab, da Instrumente mit bevorzugt irrelevanten Inhalten wenig wahrscheinlich sind. Dabei wird sowohl der Inhalt der Publizität als auch eine quantitative Abgrenzung des Umfangs der Publizität angesprochen.
Die von verschiedenen Autorengruppen geforderte Vergleichbarkeit von Informationen zwischen Unternehmen ist nur durch eine externe Normierung der Berichtsinhalte durch Gesetzgeber, Standard-Setter und Branchenverbände erreichbar, so dass Vergleichbarkeit eine Teilmenge des Formalisierungsgrades ist. Daneben wird auch der Umfang verpflichtender (und damit der potenzielle Umfang freiwilliger) Publizität entscheidend durch den Formalisierungsgrad geprägt, so dass Vergleichbarkeit und Publizitätspflichten als Elemente des Formalisierungsgrades zu berücksichtigen sind.
Eine weitere wichtige Anforderung ist Zeitnähe, also der Abstand zwischen dem Eintritt eines Sachverhalts und der Berichterstattung darüber. Zeitnähe wird wesentlich durch die Publizitätsfrequenz, also die Häufigkeit der Berichterstattung beeinflusst. So kann bei jährlicher Publizitätsfrequenz gelegentlich der zeitliche Abstand zwischen Eintritt eines Sachverhalts und der Berichterstattung nicht unter ein Jahr verkürzt werden.
Als Korrektiv für den Adressatennutzen fungiert das Wirtschaftlichkeitsgebot. Wirtschaftlichkeit als Differenz von generiertem Nutzen (der teilweise beim Adressaten anfällt) und Kosten (die beim Unternehmen anfallen) ist dabei offensichtlich addressatenspezifisch. Dabei sind direkte und indirekte Publizitätskosten zu unterscheiden. Erstere fallen durch die Nutzung konkreter Publizitätsinstrumente an. Letztere sind betragsmäßig wesentlich größer und resultieren aus reduzierter Wettbewerbsfähigkeit, möglichen Gerichtsstreitigkeiten und politischen Kosten, wenn Informationen zum Nachteil des publizierenden Unternehmens genutzt werden.
Der folgende Abschnitt zeigt, wie gängige Publizitätsinstrumente die Anforderungen an Unternehmenspublizität erfüllen. Eine tabellarische Zusammenfassung findet sich in Abb. 5.
Eignung von Instrumenten der Unternehmenspublizität
Das für die Unternehmenspublizität genutzte Instrumentarium ist vielschichtig und reicht von jährlich erstellten umfangreichen Geschäftsberichten bis zu kurzen Ad-hoc-Meldungen und Telefonkonferenzen. Abb. 2 unterscheidet obligatorische und fakultative Kommunikationsinstrumente, wobei obligatorische auch freiwillig publizierte Inhalte enthalten können. Interaktionsinstrumente ermöglichen einen Dialog zwischen Unternehmen und Adressat(en), der Informationsinstrumenten fehlt.
Der Geschäftsbericht ist das zentrale Instrument der Unternehmenspublizität. Er unterliegt keinen gesetzlichen Aufstellungs- und Offenlegungspflichten, wird aber zur Erfüllung verschiedener gesetzlicher Informationserfordernisse (z. B. § 175f. AktG) genutzt. Er ist damit ein universelles Mittel zur Befriedigung der Informationsbedürfnisse vieler Adressaten. Seine zunehmende Beliebtheit spiegelt sich auch im steigenden Umfang wider.4
Der Geschäftsbericht beinhaltet fast immer die Elemente Jahres-/Konzernabschluss und Bestätigungsvermerk, Lagebericht, Bericht des Aufsichtsrates und ggf. den Vorschlag des Vorstands für die Gewinnverwendung gem. § 175 (2) AktG. Von diesem (quasi-)obligatorischen Teil unterliegen der Jahres-/Konzernabschluss und Lagebericht (mit Ausnahme des Einzelabschlusses kleiner Kapitalgesellschaften) praktisch der Prüfungspflicht (§ 316 i. V. m. § 328 HGB).
Im fakultativen Teil sind Unternehmen nur durch das Verbot unrichtiger und verschleiernder Darstellung beschränkt. So kann der Geschäftsbericht viele weitere Informationen wie Bilanzanalysen, Informationen über Produkte, Märkte, Investitionen, Forschung und Entwicklung, Mitarbeiter, Umfeldsituation usw. enthalten (einige dieser Informationen müssen gem. § 289 HGB im Lagebericht zumindest angesprochen werden).
Abb. 3 fasst diese Geschäftsberichtselemente zusammen.
In Abhängigkeit vom Rechnungslegungsstandard und den Erleichterungen für bestimmte Unternehmen beinhaltet ein Jahres- bzw. Konzernabschluss Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Anhang, Kapitalfluss- und Eigenkapitalveränderungsrechnung sowie Segmentbericht.
Für deutsche Unternehmen haben Jahres- bzw. Konzernabschlüsse sowohl nach nationalen Gepflogenheiten (HGB/DRS) als auch nach IAS/IFRS eine große Bedeutung. Für kapitalmarktorientierte Unternehmen ist der HGB-Konzernabschluss bedeutungslos, da sie IAS-/IFRS-Konzernabschlüsse erstellen müssen, die gem. § 315a (1) HGB grundsätzlich nationale Konzernabschlüsse ersetzen. Einzelabschlüsse müssen hingegen nach wie vor auf Basis deutscher Rechnungslegungsnormen erstellt und publiziert werden.
Der Jahresabschluss einer Kapitalgesellschaft ist i. d. R. binnen dreier Monate nach Geschäftsjahresschluss aufzustellen, der Konzernabschluss i. d. R. binnen fünf (bei den meisten kapitalmarktorientierten Unternehmen binnen vier) Monaten. Die Erleichterungen für kleine Kapitalgesellschaften können kapitalmarktorientierte Unternehmen nicht in Anspruch nehmen.
Der Jahres- und Konzernabschluss nach deutschem Recht ist stark durch das aus dem Gläubigerschutz abgeleitete Vorsichtsprinzip und dessen Konkretisierung im Realisations- und Imparitätsprinzip bestimmt. In letzter Zeit hinzugetretene ergänzende Rechenwerke (z. B. Kapitalfluss-, Eigenkapitalveränderungsrechnung und Segmentberichterstattung) bedienen demgegenüber in stärkerem Maße (mutmaßliche) Informationsinteressen von Investoren und Informationsmittlern. Auch die Neuerungen durch das BilMoG berücksichtigen teilweise verstärkt diese Informationsinteressen und dokumentieren eine langsame Anpassung deutscher Rechnungslegung an veränderte Adressateninteressen.
Der Lagebericht verdichtet, erläutert und ergänzt das Zahlenwerk des Abschlusses, damit Adressaten die wirtschaftliche Lage des Unternehmens beurteilen können.
Das HGB verpflichtet große Kapitalgesellschaften zur Erstellung eines Lageberichts (und alle Konzerne zur Erstellung eines Konzernlageberichts). Die Fristen für die Erstellung und Veröffentlichung entsprechen denen des Jahresabschlusses. Nach IAS/IFRS ist ein expliziter Lagebericht derzeit nicht geregelt.
Der Lagebericht soll einen Risiko-, Nachtrags-, Prognose-, Zweigniederlassungs-, Vergütungs-, Forschungs-, Entwicklungs- und Wissensbericht (intellectual capital statement) umfassen, um Geschäftsverlauf und -ergebnis so darzustellen, dass ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild vermittelt wird. Neben wichtigen finanziellen sind auch nicht finanzielle Aspekte wie Umwelt- und Arbeitnehmerbelange aufzunehmen. Börsennotierte Gesellschaften müssen zusätzlich detaillierte Informationen zum Eigenkapital wie Stimmrechtsbeschränkungen etc. aufnehmen. In der Praxis wird der Lagebericht oft um weitere Informationen erweitert und so zu einem umfassenden Value Reporting ausgebaut.
Der Lagebericht ist daher ein wichtiges Instrument der freiwilligen Unternehmenspublizität, da hier vielfältige, auch zukunftsgerichtete Informationen eingebunden werden können.
Im Bericht des Aufsichtsrats sollen Aktiengesellschaften unter anderem über die Zusammenarbeit von Aufsichtsrat und Vorstand, die Geschäftsführungsüberwachung und Aufsichtsratsaktivitäten berichten.
Vorstand und Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft müssen einen Gewinnverwendungsvorschlag erstellen. Die Hauptversammlung hat das letztendliche Entscheidungsrecht über die Gewinnverwendung. Abweichungen sind im Abschluss des Folgejahres zu berücksichtigen.
Die Prüfung von Abschluss und Lagebericht soll untersuchen, ob Rechnungslegungsvorschriften korrekt angewendet wurden, nicht aber Managementfähigkeiten oder betriebswirtschaftliche Entscheidungen in Frage stellen. Über das Ergebnis erstellt der Abschlussprüfer einen nicht öffentlichen Prüfungsbericht und einen offenzulegenden Bestätigungsvermerk.
Der Geschäftsbericht ist ein umfassendes Publizitätsinstrument, das neben einer detaillierten, retrospektiven Darstellung der finanziellen Unternehmensentwicklung umfangreiche nicht finanzielle Informationen zu operativen, strategischen und zukunftsorientierten Sachverhalten umfassen kann. Er bedient in unterschiedlichem Maße die Informationsinteressen aller Publizitätsadressaten, wie die in Abb. 4 zusammengefassten Ergebnisse einer Befragung aller deutschen kapitalmarktorientierten Unternehmen (vgl. Grüning, 2011) zeigen. Aufgrund des jährlichen Berichtszyklus kann der Geschäftsbericht kaum zeitnah ausgestaltet werden. Ein weiterer Nachteil sind seine erheblichen Kosten (Mittelwert 250.000 € bis 2 Mio. € ohne „Inhouse-Kosten“), die ihn zum teuersten Publizitätsinstrument machen.5
Kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen „Halbjahresfinanzberichte“ (§ 37w WpHG) binnen zwei Monaten nach Halbjahresende und in jedem Halbjahr eine „Zwischenmitteilung“ (§ 37x WpHG) veröffentlichen. Börsenordnungen können für bestimmte Unternehmen weitere Publizitätspflichten vorsehen. Ein Zwischenbericht besteht aus verkürztem Abschluss und Lagebericht. Er ist nicht prüfungspflichtig.
Die börsenrechtlichen Normen werden im DRS 16 konkretisiert. Für Konzerne, die nach IAS/IFRS bilanzieren, sind dabei nur die Regularien zum Zwischenlagebericht relevant, da beide Abschlüsse nach einheitlichen Bilanzierungsgrundsätzen zu erstellen sind. Nach IAS 34 muss ein Zwischenbericht – in vollständiger oder zusammengefasster Form – neben Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung eine Eigenkapitalveränderungs- und Kapitalflussrechnung sowie erläuternde Angaben enthalten.
Der Zwischenlagebericht umfasst unter anderem bedeutende Ereignisse im Berichtszeitraum und ihre Auswirkungen auf die Unternehmenslage, einen Prognose-, Chancen- und Risikobericht sowie Angaben zu wesentlichen Geschäften mit nahestehenden Personen, so dass die Erläuterungspflichten denen des Lageberichts vergleichbar sind.
Zwischenberichte beinhalten damit bei deutlich geringerem Umfang6 im Wesentlichen die gleichen Elemente wie Geschäftsberichte, wobei verschiedene Vereinfachungen zulässig sind und einige Bestandteile (z. B. Bericht des Aufsichtsrates, Gewinnverwendungsvorschlag) für die unterjährige Berichterstattung nicht gebräuchlich oder nicht zielführend sind.
Der Zwischenbericht ist somit ein an alle Adressatengruppen gerichtetes Publizitätsinstrument, in das umfangreiche ergänzende finanzielle und nicht finanzielle Informationen aufgenommen werden können. Im Vergleich zum Geschäftsbericht ist es im Zwischenbericht aufgrund der halb-/vierteljährlichen Berichtszyklen möglich, wesentlich zeitnähere Informationen zu geringeren Kosten zu publizieren.7
Die Hauptversammlung ist ein Interaktionsinstrument, das de jure exklusiv auf Aktionäre ausgerichtet ist, aber meist auf ein breites Medieninteresse stößt. Für private Kleinanleger, die den größten Teil der Teilnehmer stellen, ist die Hauptversammlung neben dem Geschäftsbericht die wichtigste Informationsquelle.
Das weitreichende Auskunftsrecht der Aktionäre über Angelegenheiten der Gesellschaft (§ 131 AktG), das nur auf Hauptversammlungen ausgeübt werden kann, ist für die Unternehmenspublizität von besonderer Bedeutung. Der Vorstand muss (auf Verlangen) sachgerechte Informationen über praktisch alle Gesellschaftsangelegenheiten geben. Das Informationsrecht umfasst nicht nur Zahlen, Fakten und Ereignisse, sondern auch Ziele und Planungen. Nur in wenigen Ausnahmefällen steht dem Vorstand ein Auskunftsverweigerungsrecht zu.
Die Hauptversammlung zeichnet sich damit einerseits durch eine sehr hohe Zeitnähe für einige Informationen aus, bietet andererseits aber aufgrund des meist jährlichen Turnus i. d. R. kaum Vorteile gegenüber dem Geschäftsbericht. Hauptversammlungen sind teuer; so fielen bei der Deutschen Bank 1999 etwa 12 Mio. € an.8 Seit einigen Jahren wird auch mit neuen telemedialen Hauptversammlungsformen experimentiert.9
Kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen Informationen über nicht öffentlich bekannte Umstände, deren Bekanntwerden den Börsenpreis erheblich beeinflussen könnte („Insiderinformationen“), unverzüglich veröffentlichen (§ 15 WpHG). Die Ad-hoc-Publizität ist damit ein sehr zeitnahes Publizitätsinstrument. Sie richtet sich primär an institutionelle Investoren und Informationsmittler, die den Kapitalmarkt permanent und professionell beobachten. Bei breitem möglichen Informationsumfang ist die Ad-hoc-Publizität mit Kosten von 1.000 € bis 1.500 € pro Jahr ein vergleichsweise preiswertes Publizitätsinstrument.10
Analystenkonferenzen versorgen Investmentanalysten gezielt mit Unternehmensinformationen, sind also adressatenspezifisch. Viele Unternehmen veranstalten solche Konferenzen regelmäßig (z. B. nach Vorlage des Jahresabschlusses) und zu gegebenen Anlässen (z. B. im Zusammenhang mit Akquisitionen). Meist startet eine Konferenz mit einem etwa halbstündigen Unternehmensvortrag, dem eine mehrstündige Diskussion („Grilling“) folgt. Eine inhaltliche Begrenzung der Fragen besteht weder de jure noch de facto. Für die Zeitnähe der bereitgestellten Informationen gelten die Ausführungen zur Hauptversammlung entsprechend. Aufgrund der Insider-Regelungen des WpHG werden häufig alle kurserheblichen Informationen in einer Ad-hoc-Mitteilung vor Beginn einer solchen Konferenz veröffentlicht.11
Internetpublizität
In geringem Umfang dient das Internet schon heute als Medium für Pflichtveröffentlichungen (Jährliches Dokument, Emissionsprospekt, Erklärung zum Corporate-Governance-Kodex, evtl. Unternehmenskalender). Eine Webseite gehört derzeit aber eher zum guten Ton und ist ein wichtiges Element der freiwilligen Investor-Relations-Arbeit. Das Internet stellt momentan von multimedialen Inhalten abgesehen einen ergänzenden Distributionsweg dar, der keine zusätzlichen Inhalte beiträgt, aber eine stärkere, schnellere und kostengünstigere Penetration der Adressatengruppen ermöglicht. Weiterentwicklungspotenzial zu einem eigenständigen Publizitätsinstrument könnte einerseits in der standardisierten Berichterstattung mittels Extensible Business Reporting Language (XBRL)12 und Online-Zugriff auf operative Unternehmensdatenbanken mit Hilfe von Real-Time Business Reporting Technology (RBRT) liegen.13
Sonstige Instrumente der Unternehmenspublizität
In geringem Umfang nutzen Unternehmen auch Aktionärszeitschriften und -briefe, Finanzanzeigen und Fact Books sowie die Interaktionsinstrumente Roadshows, One-on-Ones, Telefonkonferenzen, aber auch Pressekonferenzen, Investorentage und Aktionärsmessen zur Unternehmenskommunikation.
Abb. 5 fasst zusammen, wie Publizitätsinstrumente die diskutierten Anforderungen erfüllen.
Heute herrscht breiter Konsens, dass durch professionelle Publizität die Liquidität am Kapitalmarkt steigt und Refinanzierungskosten reduziert werden können. Dabei gilt es, die direkten und insbesondere indirekten Publizitätskosten (z. B. Wettbewerbsnachteile) gegen sinkende Refinanzierungskosten abzuwiegen und den Mix von adressaten-spezifischen Berichtsinhalten und Publizitätsinstrumenten bei der Zielgruppenansprache zu koordinieren. Dieser Beitrag zeigte einen Überblick über die verschiedenen von deutschen kapitalmarktorientierten Unternehmen verwendeten Instrumente der Unternehmenspublizität und analysierte, inwieweit diese Instrumente die Anforderungen unterschiedlicher Adressaten erfüllen.
1 Vgl. zu Adressatentheorien Coenenberg/Haller/Schultze, 2009, S. 1219ff.
2 Vgl. Diehl/Loistl/Rehkugler, 1998, S. 7f.
3 Vgl. z. B. Kötzle/Niggemann, 2001, S. 640; Diehl/Loistl/Rehkugler, 1998, S. 14ff.; Fischer, 2002, S. 161.
4 1937: zwischen 0,5 und 11 Seiten, 2006: zwischen 174 und 451 Normseiten.
5 Vgl. Gazdar/Piwinger, 2005, S. 325.
6 2006: 14 bis 114 Normseiten.
7 Etwa 50.000 €; vgl. Kriwitz/Melzer, 2001, S. 56.
8 Vgl. Wohlwend, 2001, S. 107.
9 Vgl. z. B. die Beiträge in Zetsche, 2002.
10 Vgl. Kriwitz/Melzer, 2001, S. 56.
11 Vgl. Diehl/Loistl/Rehkugler, 1998, S. 73.
12 Vgl. z. B. Grüning, 2004, S. 509ff.
13 Vgl. z. B. Alles u. a., 2006, S. 137ff.
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Gazdar, K./Piwinger, M., Protokoll und Präsentation – Rollen des Geschäftsberichts, in: Kirchhoff, K. R./Piwinger, M. (Hrsg.), Praxishandbuch Investor Relations, Wiesbaden 2005, S. 325–334.
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Wohlwend, C., Die Hauptversammlung im Wandel der Kommunikationsformen, Frankfurt/Main 2001.
Zetsche, D. (Hrsg.), Die virtuelle Hauptversammlung, Berlin 2002.
Schlagwörter: Adressatennutzens, Adressdatengruppen, externe Reporting, Geschäftsbericht, Informationsbedürfnisse, Informationsinstrumente, Informationsstande, institutioneller Investoren, Interaktionsinstrumente, Investitionsanalyse, Privatanleger, Publizitätsanforderungen, Publizitätsinstrumente, Publizitätskosten, Raitingagenturen, Stakeholder, Unternehmenspublizität, Venture-Capital-Gesellschaften