Source: https://www.bag-urteil.com/15-12-2016-6-azr-430-15/
Timestamp: 2019-01-22 23:56:24
Document Index: 87007078

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 4', '§ 4', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 12', 'EuG', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 5', 'Art. 24', 'BGH', 'Art. 24', 'BGH', 'Art. 24', 'Art. 5', 'Art. 18', 'Art. 5', 'Art. 5', 'EuG', 'Art. 5', 'Art. 18', 'Art. 24', 'Art. 22', '§ 17', '§ 73', '§ 65', '§ 157', '§ 133', 'Art. 28', 'EuG', 'Art. 27', 'Art. 1', 'BGH', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 30', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 45', 'EuG', 'Art. 8', 'Art. 9', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 1', 'Art. 8', 'Art. 6', 'Art. 8', 'EuG', 'Art. 30', 'Art. 8', 'Art. 8', 'EuG', '§ 1', '§ 133', '§ 15', '§ 15', '§ 3', '§ 7', '§ 15', '§ 4', '§ 256', '§ 4', '§ 4', '§ 7', '§ 140', '§ 4', '§ 6', '§ 4', '§ 7', '§ 13', '§ 13', '§ 307', '§ 305', '§ 305', 'BGH', 'BGH', '§ 13', 'BGH', 'BGH', '§ 4', 'BGH', 'BGH']

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BAG – 6 AZR 430/15
NZA 2017, 502	ZTR 2017, 186
Ordentliche Kündigung eines durch „CRO-Vertrag“ begründeten Rechtsverhältnisses mit Auslandsberührung
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 15.12.2016, 6 AZR 430/15
Die Revision des Klägers gegen das Urteil des Landesarbeitsgerichts Baden-Württemberg – Kammern Mannheim – vom 17. Juni 2015 – 19 Sa 65/14 – wird zurückgewiesen.
6 AZR 430/15 > Rn 1
6 AZR 430/15 > Rn 2
6 AZR 430/15 > Rn 3
6 AZR 430/15 > Rn 4
6 AZR 430/15 > Rn 5
6 AZR 430/15 > Rn 6
Abweichend von §§ 1 und 2 des Vertrags wurde der Kläger zu keiner Zeit Mitglied der – nicht bestehenden – Geschäftsleitung oder Organ der Beklagten. Ihm oblag vor allem die Leitung und Anleitung der in Deutschland und in der Schweiz gebildeten Vertriebsteams. Den größten Teil seiner Arbeitszeit wandte der Kläger für die Vertriebsteams in Deutschland auf. Er unterlag den Weisungen des Verwaltungsrats der Beklagten und war in ihre Betriebsabläufe eingegliedert. Der Kläger wurde im Wesentlichen von dem an seiner Privatanschrift in Heidelberg eingerichteten Büro aus tätig. Dorthin kehrte er auch nach Reisen innerhalb und außerhalb Deutschlands – mit Ausnahme von höchstens fünf auswärtigen Übernachtungen – zurück. Die Anwendung ausschließlich deutschen Rechts ging auf den Wunsch des Klägers zurück.
6 AZR 430/15 > Rn 7
6 AZR 430/15 > Rn 8
6 AZR 430/15 > Rn 9
6 AZR 430/15 > Rn 10
6 AZR 430/15 > Rn 11
Mit seiner am 12. Dezember 2013 beim Arbeitsgericht eingegangenen Klage hat sich der Kläger ua. gegen die Kündigung vom 20. August 2013 gewandt. Er hat gemeint, dass die Kündigung „ins Leere gehe“, weil das Arbeitsverhältnis „bei der R AG“ gekündigt worden sei. Jedenfalls sei das Arbeitsverhältnis nicht schon zum 30. September 2013, sondern frühestens zum 31. März 2018 gekündigt worden. Der Arbeitsvertrag sei nicht befristet, sondern unbefristet mit einer vertraglichen Mindestdauer geschlossen worden. Der Vertrag sei deshalb nicht unkündbar, sondern mit einer Kündigungsfrist von zwölf Monaten ordentlich kündbar gewesen. Die Nichteinhaltung der zutreffenden Kündigungsfrist könne außerhalb der Klagefrist des § 4 Satz 1 KSchG geltend gemacht werden. Dem Kündigungsschreiben lasse sich durch Auslegung entnehmen, dass die Beklagte das Arbeitsverhältnis jedenfalls – aus betriebsbedingten Gründen – habe beenden und dabei die ordentliche Kündigungsfrist habe wahren wollen. Dem Kläger sei noch am Tag der Übergabe des Kündigungsschreibens durch das Verwaltungsratsmitglied F ausdrücklich zugesagt worden, dass die Kündigung für den Fall, dass die im Kündigungsschreiben genannte Kündigungsfrist unzutreffend sei, selbstverständlich mit der richtigen Frist gelten solle. Aus dem Fortbestand des Rechtsverhältnisses folge der Fortbestand der Vergütungsansprüche über den 30. September 2013 hinaus in Höhe von 18.333,33 Euro brutto pro Monat. Der Anspruch auf Erstattung der vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge ergebe sich aus einer mündlichen Zusage des Verwaltungsratsmitglieds Fr im Rahmen des Abschlusses des Arbeitsvertrags. Der Anspruch aus § 4 des Arbeitsvertrags, 4.900.000 Aktien der Muttergesellschaft zum Nominalwert zu zeichnen, sei nicht mit dem Anspruch auf Aktienerwerb zum Preis von 0,05 CHF zu vermengen.
6 AZR 430/15 > Rn 12
6 AZR 430/15 > Rn 13
6 AZR 430/15 > Rn 14
6 AZR 430/15 > Rn 15
6 AZR 430/15 > Rn 16
6 AZR 430/15 > Rn 17
6 AZR 430/15 > Rn 18
1. Die internationale Zuständigkeit der deutschen Gerichte ist eine auch in der Revisionsinstanz von Amts wegen zu prüfende Sachurteilsvoraussetzung (vgl. zB BAG 19. März 2014 – 5 AZR 252/12 (B) – Rn. 11, BAGE 147, 342; 20. September 2012 – 6 AZR 253/11 – Rn. 13, BAGE 143, 129; BGH 2. März 2010 – VI ZR 23/09 – Rn. 7, BGHZ 184, 313).
6 AZR 430/15 > Rn 19
2. Die internationale Zuständigkeit richtet sich für deutsche Gerichte ua. im Verhältnis zur Schweiz nach den Regelungen des Übereinkommens über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen vom 30. Oktober 2007 (Lugano-Übereinkommen – LugÜ). Das jetzige LugÜ vom 30. Oktober 2007, das das LugÜ vom 16. September 1988 abgelöst hat, ist für die Schweiz am 1. Januar 2011 in Kraft getreten. Die Klage ist am 12. Dezember 2013 anhängig und am 6. Januar 2014 rechtshängig geworden (vgl. BGH 16. Januar 2014 – IX ZR 194/13 – Rn. 6). Schon der Vertrag der Parteien datiert vom 15. Februar 2013, ist also nach Inkrafttreten des LugÜ für die Schweiz am 1. Januar 2011 geschlossen worden.
6 AZR 430/15 > Rn 20
3. Grundsätzlich folgt die internationale Zuständigkeit der örtlichen Zuständigkeit nach §§ 12 ff. ZPO. Die Regelungen des LugÜ sind jedoch vorrangig und verdrängen als spezielleres Recht die nationalen zivilprozessualen Bestimmungen, die ihnen widersprechen (vgl. BAG 8. Dezember 2010 – 10 AZR 562/08 – Rn. 15; zum LugÜ aF auch BAG 20. August 2003 – 5 AZR 45/03 – zu I der Gründe, BAGE 107, 178; zur EuGVVO BAG 24. September 2009 – 8 AZR 306/08 – Rn. 26, BAGE 132, 182).
6 AZR 430/15 > Rn 21
4. Der allgemeine Gerichtsstand des Beklagtenwohnsitzes nach Art. 2 Nr. 1 LugÜ begründet im Streitfall keine internationale Zuständigkeit der deutschen Gerichte, weil die Beklagte in der Schweiz ansässig ist. Nach Art. 3 Nr. 1 LugÜ kann sich die internationale Zuständigkeit der deutschen Gerichte daher nur aus den besonderen und ausschließlichen Zuständigkeiten sowie den Zuständigkeitsvereinbarungen der Art. 5 bis Art. 24 in Abschn. 2 bis Abschn. 7 des Titels I LugÜ ergeben (vgl. BGH 3. April 2014 – IX ZB 88/12 – Rn. 19).
6 AZR 430/15 > Rn 22
5. Das Landesarbeitsgericht hat zutreffend angenommen, dass die internationale Zuständigkeit der deutschen Gerichte jedenfalls nach Art. 24 LugÜ begründet worden ist, weil die Beklagte auf ihre mit Schriftsatz vom 7. Januar 2014 erhobene Rüge der internationalen Zuständigkeit durch Schriftsatz vom 18. März 2014 verzichtet oder sie zumindest zurückgenommen hat (vgl. BGH 15. September 2015 – VI ZR 480/14 – Rn. 19; 28. Juli 2015 – VI ZR 465/14 – Rn. 20). Damit hat sich die Beklagte rügelos auf die Klage vor den deutschen Arbeitsgerichten eingelassen (vgl. BAG 23. März 2016 – 5 AZR 767/14 – Rn. 14).
6 AZR 430/15 > Rn 23
6 AZR 430/15 > Rn 24
6 AZR 430/15 > Rn 25
6 AZR 430/15 > Rn 26
6 AZR 430/15 > Rn 27
cc) Der Senat hat ungeachtet der Eingangsformulierung des Art. 24 Satz 1 LugÜ, die voraussetzt, dass das Gericht eines Unterzeichnerstaats nicht bereits nach anderen Vorschriften des LugÜ international zuständig ist, nicht vorrangig zu prüfen, ob eine Zuständigkeit nach Art. 5 Nr. 1 oder Art. 18 f. LugÜ besteht (vgl. zu Art. 5 Nr. 1 Alt. 1 LugÜ aF: BAG 20. August 2003 – 5 AZR 45/03 – zu I bis III der Gründe, BAGE 107, 178; 29. Mai 2002 – 5 AZR 141/01 – zu I der Gründe, BAGE 101, 244; zu Art. 5 Nr. 1 des Brüsseler Übereinkommens vom 27. September 1968 idF vom 26. Mai 1989 zB auch EuGH 9. Januar 1997 – C-383/95 – [Rutten] Rn. 12 ff. mwN, Slg. 1997, I-57). Bei Art. 5 Nr. 1 oder Art. 18 f. LugÜ handelt es sich nicht um ausschließliche Zuständigkeiten iSv. Art. 24 Satz 2 Alt. 2 iVm. Art. 22 LugÜ. Das einseitige Verhalten der Beklagten durch rügelose und vorbehaltlose Einlassung hat die kompetenzrechtliche Bedeutung, dass sich die Beklagte der Rechtsprechung des ggf. international unzuständigen Staats unterwirft (vgl. Geimer IZPR 7. Aufl. Rn. 306, 645, 1111, 1816 f., 1857 ff.). Ob ein originärer Gerichtsstand besteht, kann in diesem Fall offenbleiben (vgl. BAG 23. März 2016 – 5 AZR 767/14 – Rn. 14).
6 AZR 430/15 > Rn 28
II. Der Senat hat nach § 17a Abs. 5 GVG, § 73 Abs. 2, § 65 ArbGG nicht zu prüfen, ob der Rechtsweg zu den Gerichten für Arbeitssachen zulässig ist (vgl. BAG 25. April 2013 – 6 AZR 675/11 – Rn. 15). Mit Blick auf den Schriftsatz der Beklagten vom 18. März 2014 ist die Zulässigkeit des beschrittenen Rechtswegs in erster Instanz jedenfalls zuletzt nicht mehr gerügt worden (vgl. BAG 21. Januar 2003 – 9 AZR 695/01 – zu I der Gründe mwN, BAGE 104, 289).
6 AZR 430/15 > Rn 29
6 AZR 430/15 > Rn 30
6 AZR 430/15 > Rn 31
6 AZR 430/15 > Rn 32
1. Der Senat kann den Vertrag vom 15. Februar 2013 selbst auslegen. Er kann offenlassen, ob die Erklärungen hinsichtlich der Rechtswahl sog. atypische oder typische Willenserklärungen sind. Die Auslegung atypischer Erklärungen ist vorrangig Aufgabe des Tatsachengerichts (vgl. BAG 24. August 2016 – 5 AZR 129/16 – Rn. 20; 17. März 2016 – 6 AZR 92/15 – Rn. 32). Die Auslegung des Landesarbeitsgerichts kann in der Revisionsinstanz bei atypischen Willenserklärungen nur darauf überprüft werden, ob das Berufungsgericht Auslegungsregeln verletzt hat oder gegen Denkgesetze und Erfahrungssätze verstoßen, wesentliche Tatsachen unberücksichtigt gelassen oder eine gebotene Auslegung unterlassen hat (vgl. BAG 20. Januar 2016 – 6 AZR 601/14 – Rn. 20). Selbst wenn die Erklärungen als typische Willenserklärungen anzusehen sein sollten, wäre dem Landesarbeitsgericht jedoch kein Rechtsfehler unterlaufen. In diesem Fall wäre die Auslegung des Berufungsgerichts in vollem Umfang nachzuprüfen (vgl. BAG 17. März 2016 – 6 AZR 92/15 – aaO; 17. Januar 2008 – 2 AZR 902/06 – Rn. 37 mwN, BAGE 125, 274).
6 AZR 430/15 > Rn 33
2. Nach § 157 BGB sind Verträge so auszulegen, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern. Dabei ist nach § 133 BGB der wirkliche Wille des Erklärenden zu erforschen und nicht am buchstäblichen Sinn des Ausdrucks zu haften. Bei der Auslegung sind alle tatsächlichen Begleitumstände der Erklärung zu berücksichtigen, die für die Frage von Bedeutung sein können, welchen Willen der Erklärende bei seiner Erklärung gehabt hat und wie die Erklärung von ihrem Empfänger zu verstehen war (vgl. BAG 24. August 2016 – 5 AZR 129/16 – Rn. 22 mwN).
6 AZR 430/15 > Rn 34
6 AZR 430/15 > Rn 35
a) Um das anzuwendende Recht zu bestimmen, findet auf Verträge, die nach dem 17. Dezember 2009 geschlossen wurden, nach deren Art. 28 die Verordnung (EG) Nr. 593/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 17. Juni 2008 über das auf vertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht Anwendung (ABl. EU L 177 vom 4. Juli 2008 S. 6, ber. ABl. EU L 309 vom 24. November 2009 S. 87 – Rom I-VO; vgl. für Änderungen bereits zuvor geschlossener Verträge: EuGH 18. Oktober 2016 – C-135/15 – [Nikiforidis] Rn. 25 ff.; BAG 25. Februar 2015 – 5 AZR 962/13 (A) – Rn. 12 f., BAGE 151, 75). Sie löst die aufgehobenen Art. 27 ff. EGBGB ab (vgl. BAG 19. Dezember 2013 – 6 AZR 145/12 – Rn. 17).
6 AZR 430/15 > Rn 36
6 AZR 430/15 > Rn 37
6 AZR 430/15 > Rn 38
6 AZR 430/15 > Rn 39
c) Die Rom I-VO ist unabhängig davon anwendbar, ob das berufene Recht das eines Mitgliedstaats iSd. Art. 1 Abs. 4 Satz 1 Rom I-VO oder eines Drittstaats ist. Sie enthält allseitige Kollisionsnormen (BAG 23. März 2016 – 5 AZR 767/14 – Rn. 21).
6 AZR 430/15 > Rn 40
6 AZR 430/15 > Rn 41
6 AZR 430/15 > Rn 42
6 AZR 430/15 > Rn 43
(1) Als Indiz für eine konkludente Rechtswahl scheidet die Vertragssprache allerdings unabhängig davon aus, dass ihr allenfalls unterstützende Funktion zukommt (vgl. BAG 23. März 2016 – 5 AZR 767/14 – Rn. 25; 1. Juli 2010 – 2 AZR 270/09 – Rn. 29). Die deutsche Sprache wird sowohl am Sitz der Beklagten in Re als auch am Wohnsitz des Klägers in Heidelberg verwendet.
6 AZR 430/15 > Rn 44
(2) Auch der Ort des Vertragsschlusses kann lediglich unterstützend herangezogen werden (vgl. BAG 23. März 2016 – 5 AZR 767/14 – Rn. 26). Die vom Kläger in Heidelberg geleistete Unterschrift könnte die Anwendung deutschen Rechts nahelegen. Ob der Vertreter der Beklagten die Unterschrift in Deutschland oder in der Schweiz geleistet hat, ist jedoch weder festgestellt noch klar aus dem vom Landesarbeitsgericht in Bezug genommenen Inhalt der Akten ersichtlich.
6 AZR 430/15 > Rn 45
6 AZR 430/15 > Rn 46
(a) Die im Vertrag vereinbarte Währung für die Vergütung ist ein deutliches Indiz für eine konkludente Rechtswahl (vgl. BAG 23. März 2016 – 5 AZR 767/14 – Rn. 27; BGH 7. Dezember 2000 – VII ZR 404/99 – zu V 2 b der Gründe).
6 AZR 430/15 > Rn 47
(b) Schon im Verhalten der Parteien im Rechtsstreit liegt regelmäßig eine konkludente Rechtswahl, wenn sie sich ausschließlich auf Rechtsvorschriften eines bestimmten Staats beziehen (st. Rspr., vgl. BAG 23. März 2016 – 5 AZR 767/14 – Rn. 28; 19. März 2014 – 5 AZR 252/12 (B) – Rn. 20, BAGE 147, 342, jeweils mwN; kritisch Solomon ZVglRWiss 115 [2016], 586, 589 f.). Das gilt erst recht, wenn der Vertrag selbst lediglich deutsches Recht zitiert (vgl. BAG 19. März 2014 – 5 AZR 252/12 (B) – Rn. 21, aaO; 19. Dezember 2013 – 6 AZR 145/12 – Rn. 18; 1. Juli 2010 – 2 AZR 270/09 – Rn. 28; Schlachter ZVglRWiss 115 [2016], 610, 617 f.).
6 AZR 430/15 > Rn 48
6 AZR 430/15 > Rn 49
6 AZR 430/15 > Rn 50
6 AZR 430/15 > Rn 51
a) Nach Art. 8 Abs. 1 Satz 2 Rom I-VO darf die Rechtswahl bei Arbeitsverträgen und Arbeitsverhältnissen nicht dazu führen, dass dem Arbeitnehmer der Schutz entzogen wird, der ihm durch die zwingenden Bestimmungen des Rechts gewährt wird, das nach Art. 8 Abs. 2, Abs. 3 und Abs. 4 Rom I-VO mangels Rechtswahl anzuwenden wäre. Deshalb ist ein Günstigkeitsvergleich anzustellen zwischen den zwingenden Bestimmungen des objektiv anwendbaren Rechts, die dem Arbeitnehmer Schutz gewähren, und denen der gewählten Rechtsordnung (vgl. noch zu Art. 30 EGBGB: BAG 19. März 2014 – 5 AZR 252/12 (B) – Rn. 23, BAGE 147, 342; 13. November 2007 – 9 AZR 134/07 – Rn. 35, BAGE 125, 24; zu Art. 8 Abs. 1 Satz 2 Rom I-VO Schlachter ZVglRWiss 115 [2016], 610, 619).
6 AZR 430/15 > Rn 52
6 AZR 430/15 > Rn 53
6 AZR 430/15 > Rn 54
(1) Der Arbeitnehmerbegriff des Art. 8 Rom I-VO ist unter Berücksichtigung der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union zu Art. 45 AEUV autonom auszulegen (vgl. zu der Verordnung [EG] Nr. 44/2001 des Rates vom 22. Dezember 2000 über die gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in Zivil- und Handelssachen [ABl. EG L 12 vom 16. Januar 2001 S. 1] EuGH 10. September 2015 – C-47/14 – [Holterman Ferho Exploitatie] Rn. 41; zu Art. 8 Rom I-VO ErfK/Schlachter 17. Aufl. Art. 9 Rom I-VO Rn. 4 mwN; zum nötigen Gleichlauf von materiellem Recht und Prozessrecht bei der Auslegung des unionsrechtlichen Arbeitnehmerbegriffs Schlachter ZVglRWiss 115 [2016], 610, 615 f.). Danach besteht das wesentliche Merkmal eines Arbeitsverhältnisses darin, dass eine Person während einer bestimmten Zeit für eine andere Person nach deren Weisung Leistungen erbringt, für die sie als Gegenleistung eine Vergütung erhält (vgl. EuGH 10. September 2015 – C-47/14 – [Holterman Ferho Exploitatie] aaO). Das Unterordnungsverhältnis muss durch das nationale Gericht in jedem Einzelfall anhand aller Gesichtspunkte und aller Umstände, die die Beziehungen der Parteien kennzeichnen, geprüft werden (vgl. EuGH 10. September 2015 – C-47/14 – [Holterman Ferho Exploitatie] Rn. 46; 9. Juli 2015 – C-229/14 – [Balkaya] Rn. 37 mwN). Bei einem Geschäftsführer und Anteilseigner der Gesellschaft ist insbesondere zu untersuchen, ob er in der Lage war, auf die Willensbildung des Verwaltungsorgans der Gesellschaft Einfluss zu nehmen (vgl. EuGH 10. September 2015 – C-47/14 – [Holterman Ferho Exploitatie] Rn. 47).
6 AZR 430/15 > Rn 55
(2) Die Voraussetzungen der weisungsgebundenen Leistungserbringung gegen Vergütung und des Unterordnungsverhältnisses sind erfüllt. Nach den ungerügten Feststellungen des Landesarbeitsgerichts war der Kläger abweichend von §§ 1 und 2 des Vertrags vom 15. Februar 2013 zu keiner Zeit Mitglied der – nicht bestehenden – Geschäftsleitung oder Organ der Beklagten. Er unterlag den Weisungen ihres Verwaltungsrats und war in ihre Betriebsabläufe eingegliedert.
6 AZR 430/15 > Rn 56
bb) Der Begriff des „gewöhnlichen Arbeitsorts“ iSv. Art. 8 Abs. 2 Rom I-VO ist nach der Auslegung des Gerichtshofs der Europäischen Union zu Art. 6 Abs. 2 Buchst. a des Übereinkommens von Rom vom 19. Juni 1980 über das auf vertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht weit zu verstehen. Dieses Verständnis ist auch für Art. 8 Rom I-VO maßgeblich (vgl. EuGH 12. September 2013 – C-64/12 – [Schlecker] Rn. 36 ff.; noch zu Art. 30 EGBGB BAG 19. März 2014 – 5 AZR 252/12 (B) – Rn. 25, BAGE 147, 342).
6 AZR 430/15 > Rn 57
(1) Übt der Arbeitnehmer seine Tätigkeit in mehreren Vertragsstaaten aus, ist gewöhnlicher Arbeitsort der Ort, an dem oder von dem aus er seine berufliche Tätigkeit tatsächlich ausübt, und, in Ermangelung eines Mittelpunkts der Tätigkeit, der Ort, an dem er den größten Teil seiner Arbeit verrichtet. Erst wenn auch dann ein gewöhnlicher Arbeitsort in einem Staat nicht feststellbar ist, darf – im Einklang mit den jetzigen Kollisionsnormen in Art. 8 Rom I-VO – auf die „einstellende Niederlassung“ iSv. Art. 8 Abs. 3 Rom I-VO zurückgegriffen werden (vgl. EuGH 15. Dezember 2011 – C-384/10 – [Voogsgeerd] Rn. 26 ff., Slg. 2011, I-13275; 15. März 2011 – C-29/10 – [Koelzsch] Rn. 43 ff., Slg. 2011, I-1595; BAG 19. März 2014 – 5 AZR 252/12 (B) – Rn. 25, BAGE 147, 342).
6 AZR 430/15 > Rn 58
(2) Danach lag der Mittelpunkt der zu verrichtenden Tätigkeit des Klägers in der Bundesrepublik Deutschland. Der Kläger wandte den größten Teil seiner Arbeitszeit für die Vertriebsteams in Deutschland auf. Er wurde im Wesentlichen von dem an seiner Privatanschrift in Heidelberg eingerichteten Büro aus tätig. Dorthin kehrte er auch nach Reisen innerhalb und außerhalb Deutschlands – mit Ausnahme von höchstens fünf auswärtigen Übernachtungen – zurück. Diesen Vortrag hat die Beklagte zu Beginn des Rechtsstreits ohne tatsächliches Gegenvorbringen bestritten, ihr Bestreiten aber bereits in erster Instanz nicht aufrechterhalten. Damit sind das objektiv anwendbare Recht, das dem Arbeitnehmer Schutz gewährt, und die gewählte Rechtsordnung mit dem deutschen Recht identisch.
6 AZR 430/15 > Rn 59
6 AZR 430/15 > Rn 60
1. Der Kläger war Arbeitnehmer im Sinn des allgemeinen nationalen Arbeitnehmerbegriffs. Die Bezeichnung des Vertrags vom 15. Februar 2013 als CRO-Vertrag könnte zwar auf einen freien Dienstvertrag hindeuten (vgl. BAG 20. Oktober 2015 – 9 AZR 525/14 – Rn. 21). Die von §§ 1 und 2 des Arbeitsvertrags vorgesehene Mitgliedschaft in der Geschäftsleitung nahm der Kläger nach den unangegriffenen Feststellungen des Landesarbeitsgerichts jedoch nie auf. Das Vertragsverhältnis entsprach in seiner Durchführung den bislang von der Rechtsprechung entwickelten Kriterien eines Arbeitsverhältnisses. Der Kläger war aufgrund privatrechtlichen Vertrags im Dienst der Beklagten zur Leistung weisungsgebundener, fremdbestimmter Arbeit in persönlicher Abhängigkeit gegen Zahlung von Entgelt verpflichtet (vgl. BAG 8. September 2015 – 9 AZB 21/15 – Rn. 13 mwN). In einem solchen Fall kann die Bewertung einer Rechtsbeziehung nicht durch Vertragsbezeichnung abbedungen und der Geltungsbereich des Arbeitnehmerschutzes dadurch eingeschränkt werden (vgl. BAG 8. September 2015 – 9 AZB 21/15 – aaO). Widersprechen sich die Vereinbarung und die tatsächliche Durchführung, ist die Durchführung maßgeblich (vgl. BAG 20. September 2016 – 9 AZR 735/15 – Rn. 31; 18. März 2014 – 9 AZR 694/12 – Rn. 17).
6 AZR 430/15 > Rn 61
6 AZR 430/15 > Rn 62
a) Der Kläger kann sich nicht darauf berufen, die nur beschränkt revisible atypische Willenserklärung der Kündigung vom 20. August 2013 habe sein Arbeitsverhältnis mit der Beklagten nicht betroffen. Sie gehe gewissermaßen ins Leere, weil das Arbeitsverhältnis „bei der R AG“ gekündigt worden sei. Das Landesarbeitsgericht hat weder Auslegungsregeln verletzt noch gegen Denkgesetze oder Erfahrungssätze verstoßen, wesentliche Tatsachen unberücksichtigt gelassen oder eine gebotene Auslegung unterlassen (vgl. BAG 20. Januar 2016 – 6 AZR 601/14 – Rn. 20).
6 AZR 430/15 > Rn 63
aa) Dem Kläger ist darin zuzustimmen, dass der Inhalt einer Kündigungserklärung hinreichend bestimmbar sein muss (vgl. zB BAG 10. April 2014 – 2 AZR 647/13 – Rn. 16 f.; 20. Juni 2013 – 6 AZR 805/11 – Rn. 17, BAGE 145, 249; 15. Mai 2013 – 5 AZR 130/12 – Rn. 20). Die Kündigung muss als empfangsbedürftige Willenserklärung so bestimmt sein, dass der Empfänger Klarheit über die Absichten des Kündigenden erlangt (vgl. BAG 20. Januar 2016 – 6 AZR 782/14 – Rn. 15). Nach § 133 BGB kommt es darauf an, wie der Kündigungsempfänger die Erklärung unter Würdigung der ihm bekannten Umstände nach Treu und Glauben und unter Berücksichtigung der Verkehrssitte auffassen muss.
6 AZR 430/15 > Rn 64
6 AZR 430/15 > Rn 65
6 AZR 430/15 > Rn 66
c) Das Berufungsgericht hat – wie auch der Kläger selbst – ohne Verstoß gegen Auslegungsgrundsätze angenommen, dass die Kündigung nicht schon deshalb unwirksam ist, weil der Vertrag vom 15. Februar 2013 wegen § 15 Abs. 3 TzBfG nicht ordentlich gekündigt werden konnte. Die Kündigung verstößt nicht gegen diese Norm. Nach dem Vertragstext sollte „der Vertrag“ am 1. April 2013 beginnen und zunächst auf die Dauer von fünf Jahren geschlossen werden/mit Ablauf des 31. März 2018 enden, ohne dass es einer Kündigung bedurfte. Damit wurde jedoch kein befristetes, ohne Abrede nach § 15 Abs. 3 TzBfG nicht ordentlich kündbares Arbeitsverhältnis begründet. § 3 Abs. 1 Satz 2 des Arbeitsvertrags bestimmt, dass sich die Geltungsdauer des Vertrags um weitere 36 Monate verlängert, wenn er nicht mit einer Frist von zwölf Monaten vor Ablauf von einer der Vertragsparteien gekündigt wird. Das Landesarbeitsgericht hat daraus zutreffend gefolgert, dass die Parteien ein unbefristetes Arbeitsverhältnis mit einer Mindestdauer von fünf Jahren vereinbaren wollten, das sich zunächst um 36 Monate und danach jeweils um ein weiteres Jahr verlängern sollte, wenn es nicht mit einer Frist von zwölf Monaten gekündigt wurde. Die Wirksamkeitsfiktion des § 7 Halbs. 1 KSchG tritt deshalb nicht schon wegen der versäumten Klagefrist und eines Verstoßes gegen § 15 Abs. 3 TzBfG ein.
6 AZR 430/15 > Rn 67
6 AZR 430/15 > Rn 68
aa) Nach § 4 Satz 1 KSchG muss ein Arbeitnehmer, der die Rechtsunwirksamkeit einer Kündigung geltend machen will, innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung Klage beim Arbeitsgericht auf Feststellung erheben, dass das Arbeitsverhältnis durch die Kündigung nicht aufgelöst ist. Die Klagefrist gilt auch in der Wartezeit (vgl. BAG 28. Juni 2007 – 6 AZR 873/06 – Rn. 11, BAGE 123, 209; 9. Februar 2006 – 6 AZR 283/05 – Rn. 16 ff., BAGE 117, 68). Eine fristgerecht erhobene allgemeine Feststellungsklage iSv. § 256 Abs. 1 ZPO, wie sie der Kläger mit dem Antrag zu 1. erhoben hat, wahrt die Frist des § 4 Satz 1 KSchG zwar jedenfalls dann, wenn der Arbeitnehmer bis zum Schluss der mündlichen Verhandlung erster Instanz auf sie bezogen einen punktuellen Kündigungsschutzantrag stellt (vgl. BAG 26. September 2013 – 2 AZR 682/12 – Rn. 34, BAGE 146, 161). Die Klage ist hier aber erst am 12. Dezember 2013 beim Arbeitsgericht eingegangen.
6 AZR 430/15 > Rn 69
6 AZR 430/15 > Rn 70
(1) Der Arbeitnehmer muss mit der fristgebundenen Klage des § 4 Satz 1 KSchG geltend machen, dass die objektiv richtige Kündigungsfrist einer ordentlichen Kündigung nicht gewahrt ist, wenn die Kündigung unwirksam ist, weil die Kündigungsfrist nicht eingehalten ist. Das ist der Fall, wenn sich die mit zu kurzer Frist erklärte Kündigung nicht als Kündigung mit der rechtlich gebotenen Frist auslegen lässt. Die mit zu kurzer Frist erklärte Kündigung gilt nach § 7 Halbs. 1 KSchG als rechtswirksam, wenn sie nach § 140 BGB in ein anderes Rechtsgeschäft umgedeutet werden müsste, also in eine Kündigung mit zutreffender Frist. Sie beendet das Arbeitsverhältnis zum „falschen Termin“, wenn die zu kurze Kündigungsfrist nicht als anderer Rechtsunwirksamkeitsgrund binnen drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung im Klageweg nach § 4 Satz 1 oder § 6 Satz 1 KSchG geltend gemacht worden ist (vgl. BAG 15. Mai 2013 – 5 AZR 130/12 – Rn. 15 mwN zum Streitstand im Schrifttum; 9. September 2010 – 2 AZR 714/08 – Rn. 12, BAGE 135, 278; 1. September 2010 – 5 AZR 700/09 – Rn. 20, BAGE 135, 255).
6 AZR 430/15 > Rn 71
(2) Die Auslegung der atypischen Kündigungserklärung durch das Landesarbeitsgericht (vgl. BAG 15. Mai 2013 – 5 AZR 130/12 – Rn. 18) lässt keinen Rechtsfehler erkennen.
6 AZR 430/15 > Rn 72
6 AZR 430/15 > Rn 73
(b) Die Auslegung der Kündigungserklärung durch das Landesarbeitsgericht wird ferner dadurch gestützt, dass die Kündigung vom 20. August 2013 nicht hilfsweise zum nächstzulässigen Termin erklärt wurde (vgl. dazu BAG 20. Januar 2016 – 6 AZR 782/14 – Rn. 16; 10. April 2014 – 2 AZR 647/13 – Rn. 17; 20. Juni 2013 – 6 AZR 805/11 – Rn. 15, BAGE 145, 249). Für den Kläger als Kündigungsempfänger bestand nach dem Text der Erklärung daher kein Anhaltspunkt dafür, dass die Beklagte trotz der angegebenen Kündigungsfrist von vier Wochen und des genannten Kündigungstermins am 30. September 2013 in jedem Fall die zutreffende Kündigungsfrist wahren wollte.
6 AZR 430/15 > Rn 74
6 AZR 430/15 > Rn 75
6 AZR 430/15 > Rn 76
(bb) Selbst wenn der Kläger – wie von ihm behauptet und von der Beklagten bestritten – nach Erhalt der Kündigung auf eine Mindestlaufzeit von fünf Jahren hingewiesen haben sollte, hat das Landesarbeitsgericht rechtsfehlerfrei angenommen, daraus ergebe sich nicht, dass die Beklagte im Zeitpunkt der Übergabe der Kündigung die nach dem Arbeitsvertrag richtige Frist habe einhalten wollen. Bei der Auslegung einer Kündigung ist zwar nicht allein auf ihren Wortlaut abzustellen. Zu würdigen sind auch alle Begleitumstände, die dem Erklärungsempfänger bekannt waren und für die Frage erheblich sein können, welchen Willen der Erklärende bei Abgabe der Kündigungserklärung hatte (vgl. BAG 10. April 2014 – 2 AZR 647/13 – Rn. 15; 20. Juni 2013 – 6 AZR 805/11 – Rn. 14, BAGE 145, 249). Entscheidend ist aber, dass für den Kündigungsempfänger bei Zugang der Erklärung erkennbar sein muss, wann das Arbeitsverhältnis nach dem Willen des Kündigenden bei Abgabe der Erklärung enden sollte (vgl. BAG 10. April 2014 – 2 AZR 647/13 – Rn. 16; 20. Juni 2013 – 6 AZR 805/11 – aaO). Das Landesarbeitsgericht ist deshalb zu Recht davon ausgegangen, dass die nach der Behauptung des Klägers erst nach Zugang der Kündigung und ihrer Durchsicht aufgrund seiner Intervention bewirkte Änderung im Willen des Verwaltungsratsmitglieds F die Kündigungsfrist und den Kündigungstermin allenfalls mithilfe einer Umdeutung hätte ändern können. Im Fall einer umzudeutenden Kündigung muss die Klagefrist des § 4 Satz 1 KSchG gewahrt werden, um zu verhindern, dass die Kündigung nach § 7 Halbs. 1 KSchG wirksam wird (vgl. BAG 15. Mai 2013 – 5 AZR 130/12 – Rn. 15; 1. September 2010 – 5 AZR 700/09 – Rn. 20, BAGE 135, 255). Die Klagefrist ist hier nicht eingehalten.
6 AZR 430/15 > Rn 77
III. Da der Kläger Arbeitnehmer war, fällt der Hilfsantrag zu 2., der auf zeitlich beschränkte Feststellung des Fortbestands eines – freien – Dienstverhältnisses gerichtet ist, nicht zur Entscheidung des Senats an.
6 AZR 430/15 > Rn 78
6 AZR 430/15 > Rn 79
6 AZR 430/15 > Rn 80
6 AZR 430/15 > Rn 81
6 AZR 430/15 > Rn 82
a) Es kann dahinstehen, ob es sich bei den zu den Fragen der Schriftform getroffenen Regelungen in § 13 des Arbeitsvertrags um Allgemeine Geschäftsbedingungen handelt. Ihre Auslegung durch das Landesarbeitsgericht unterliegt im Revisionsverfahren einer umfassenden Überprüfung, während atypische Willenserklärungen nur beschränkt revisibel sind (vgl. BAG 25. Oktober 2012 – 2 AZR 845/11 – Rn. 19 mwN). Die Auslegung von § 13 des Arbeitsvertrags durch das Landesarbeitsgericht hält auch einer uneingeschränkten Überprüfung stand.
6 AZR 430/15 > Rn 83
b) Von einer nicht individuell ausgehandelten qualifizierten Schriftformklausel kann durch Individualabsprache abgewichen werden, unabhängig davon, ob die Klausel nach § 307 BGB wirksam ist. Der Vorrang der Individualabrede (§ 305b BGB) gilt auch gegenüber einer nach §§ 305 ff. BGB angemessenen Schriftformklausel (vgl. BGH 21. September 2005 – XII ZR 312/02 – zu 2 a der Gründe, BGHZ 164, 133). Das bringt § 13 Abs. 2 Satz 2 des Arbeitsvertrags zum Ausdruck. Die vereinbarte Schriftform kann formlos, ausdrücklich oder durch konkludentes Verhalten abbedungen werden. Entscheidend ist, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer das formlos Vereinbarte übereinstimmend wollen, selbst wenn sie nicht an die Formvorschrift gedacht haben (vgl. BAG 19. Dezember 2007 – 5 AZR 1008/06 – Rn. 20 mwN).
6 AZR 430/15 > Rn 84
6 AZR 430/15 > Rn 85
aa) Die Behauptung des Klägers als wahr unterstellt, sagte das Verwaltungsratsmitglied Fr im Rahmen des Abschlusses des Arbeitsvertrags die Erstattung der vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge zu. Ein Mitglied des Verwaltungsrats der Beklagten und der Kläger hatten über diesen Regelungsgegenstand nach der Behauptung des Klägers also gesprochen (vgl. BAG 24. August 2016 – 5 AZR 129/16 – Rn. 24).
6 AZR 430/15 > Rn 86
bb) Die unterlassene Anpassung des vorformulierten Vertragstexts an diese behauptete Abrede führt hier nach der nicht zu beanstandenden Auslegung des Landesarbeitsgerichts aber dazu, dass die Beklagte bei Abschluss des schriftlichen Vertrags – für den Kläger erkennbar – keine entsprechende Absprache treffen wollte. Es bestehen hinreichende Anhaltspunkte dafür, dass die Beklagte mit dem schriftlichen Arbeitsvertrag von der behaupteten Zusage des Verwaltungsratsmitglieds Fr abrücken wollte (vgl. für den umgekehrten Fall: BAG 24. August 2016 – 5 AZR 129/16 – Rn. 28; BGH 23. Januar 2013 – VIII ZR 47/12 – Rn. 22). Das Landesarbeitsgericht hat den behaupteten Sachverhalt vollständig zugrunde gelegt. Weiteres tatsächliches Vorbringen ist insoweit nicht zu erwarten (vgl. BAG 24. August 2016 – 5 AZR 129/16 – Rn. 20).
6 AZR 430/15 > Rn 87
6 AZR 430/15 > Rn 88
(a) Individuelle Vereinbarungen bringen den Parteiwillen regelmäßig stärker zur Geltung als abstrakt-generelle Geschäftsbedingungen. Es kommt für den Anwendungsbereich einer Allgemeinen Geschäftsbedingung daher auf die Reichweite und damit die Auslegung der Individualvereinbarung an und nicht umgekehrt. Aus dem Umstand, dass eine Allgemeine Geschäftsbedingung nicht geändert worden ist, kann keine einschränkende Auslegung einer Individualvereinbarung hergeleitet werden, wenn die konkreten Umstände des Einzelfalls für eine weiter gehende Auslegung sprechen (vgl. BGH 23. Januar 2013 – VIII ZR 47/12 – Rn. 22).
6 AZR 430/15 > Rn 89
6 AZR 430/15 > Rn 90
(2) Aus dem Verhalten der Parteien nach Vertragsschluss ergibt sich nichts anderes. Das Verhalten der Parteien nach Vertragsschluss ist zwar ein bedeutsames Indiz für die Ermittlung des tatsächlichen Willens und Verständnisses bei Vertragsschluss (vgl. BAG 24. August 2016 – 5 AZR 129/16 – Rn. 27 mwN). Die Beklagte erstattete nach Vertragsschluss aber lediglich Zuschüsse in Höhe von 50 % der vom Kläger entrichteten Beiträge zu einer privaten Kranken- und Pflegeversicherung bis einschließlich Juni 2013 und für September 2013, dh. 246,37 Euro und 13,93 Euro. Sie rechnete auch nur diese Summen für April bis September 2013 ab. Der Kläger verlangt mit der Klage, über die der Senat zu befinden hat, Erstattungsleistungen in Höhe weiterer 50 % der Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung, die die Beklagte weder abrechnete noch leistete.
6 AZR 430/15 > Rn 91
6 AZR 430/15 > Rn 92
6 AZR 430/15 > Rn 93
6 AZR 430/15 > Rn 94
6 AZR 430/15 > Rn 95
b) Das Landesarbeitsgericht hat daraus auch bei unbeschränkter Überprüfung zutreffend geschlossen, dass unter „zeichnen“ der entgeltliche Erwerb zum Nominalwert – von 0,01 CHF – zu verstehen ist. Ein solcher Nennwert ist nicht ungewöhnlich (vgl. den deckungsgleichen Nominalwert, der der Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 15. September 2015 [- VI ZR 485/14 – Rn. 2] zugrunde lag).
6 AZR 430/15 > Rn 96
aa) Der Wortlaut der Vereinbarung in § 4 Abs. 2 Satz 1 des Arbeitsvertrags räumt dem Kläger lediglich das Recht ein, die Namensaktien zum Nominalwert zu zeichnen. Das Landesarbeitsgericht hat aus dem Zeichnungsrecht und dem Zusatz „zum Nominalwert“ ohne Rechtsfehler geschlossen, die Ausübung des Zeichnungsrechts setze eine Gegenleistung des Klägers voraus. Aus der Verbindung der Begriffe des Zeichnungsrechts und des Nominalwerts geht hervor, dass es sich bei den vinkulierten Namensaktien um Wertpapiere handelt (vgl. BGH 30. Oktober 2014 – III ZR 493/13 – Rn. 34 ff.). Ihr Erwerb vollzieht sich typischerweise gegen Entgelt (vgl. zB BGH 5. April 2016 – II ZR 268/14 – Rn. 2; 15. September 2015 – VI ZR 485/14 – Rn. 2).
6 AZR 430/15 > Rn 97
6 AZR 430/15 > Rn 98
6 AZR 430/15 > Rn 99
Auslandsberührung,
CRO-Vertrag,
NZA 2017, 502
ZTR 2017, 186
Das Urteil BAG – 6 AZR 430/15 wird zitiert in: