Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/kindergeld-hartz-iv-3127202?pk_campaign=feed&amp;pk_kwd=kindergeld-hartz-iv
Timestamp: 2019-10-19 22:56:11
Document Index: 284842325

Matched Legal Cases: ['Art. 68', '§ 65', 'Art. 11', '§ 7', 'Art. 70', '§ 62', 'Art. 68', '§ 65', 'Art. 68', 'Art. 76', 'Art. 4', 'Art. 68', 'Art. 5', 'Art. 68', '§ 7', 'Art. 70', '§ 149', 'Art. 11', 'Art. 65', 'Art. 65', 'Art. 65', '§ 7']

Kin­der­geld bei Hartz IV-Bezug – und der im EU-Aus­land arbei­ten­de Eltern­teil | Rechtslupe
Das Säch­si­sche Finanz­ge­richt gab der Kla­ge der Mut­ter statt 1, da zum einen der Kinds­va­ter nach dem vom Finanz­ge­richt über­prüf­ba­ren fran­zö­si­schen Recht kei­nen Anspruch auf Kin­der­geld gehabt habe. Zudem wür­de selbst ein Kin­der­geld­an­spruch des Vaters nach fran­zö­si­schem Recht den Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld nach Art. 68 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit, der § 65 EStG vor­geht, nicht aus­schlie­ßen. Der Bun­des­fi­nanz­hof hob nun jedoch das finanz­ge­richt­li­che Urteil auf und wies die Kla­ge ab:
Des Wei­te­ren ent­schied der BFH, dass das Arbeits­lo­sen­geld II als Leis­tung zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts für Arbeit­su­chen­de nach dem SGB II kei­ne Leis­tung bei Arbeits­lo­sig­keit im Sin­ne der euro­pa­recht­li­chen Bestim­mung ist (Art. 11 Abs. 2, Abs. 3 Buchst. c der VO Nr. 883/​2004). Das Arbeits­lo­sen­geld II hat kei­ne an einen bis­he­ri­gen Ver­dienst anknüp­fen­de Ent­gel­ter­satz­funk­ti­on. Der Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II erhält sei­ne Leis­tung nicht auf­grund oder infol­ge sei­ner vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung. Anspruchs­vor­aus­set­zung sind nur die Anfor­de­run­gen des § 7 Abs. 1 SGB II (Alters­gren­ze, Erwerbs­fä­hig­keit, Hil­fe­be­dürf­tig­keit und gewöhn­li­cher Auf­ent­halt in Deutsch­land). Das Arbeits­lo­sen­geld II ist daher eine bei­trags­un­ab­hän­gi­ge Geld­leis­tung i.S. des Art. 70 der VO Nr. 883/​2004.
Ist der per­sön­li­che und sach­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 eröff­net, dann rich­tet sich die Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach den §§ 62 ff. EStG und die Anspruchs­kon­kur­renz zwi­schen dem deut­schen Kin­der­geld­an­spruch und der aus­län­di­schen Fami­li­en­leis­tung nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004. Die­se Prio­ri­täts­re­ge­lung ist gegen­über § 65 EStG grund­sätz­lich vor­ran­gig 2.
Beschei­ni­gun­gen einer Behör­de im EU-Aus­land über das Bestehen von Ansprü­chen auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen sind für inlän­di­sche Behör­den und Gerich­te, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist, bin­dend. Bei der Prü­fung, ob ein dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­rer Anspruch auf aus­län­di­sche Fami­li­en­leis­tun­gen besteht, wird schon seit der Vor­gän­ger­re­ge­lung zu Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 (Art. 76 der VO Nr. 1408/​71) in allen Mit­glied­staa­ten der EU der Vor­druck E 411 ver­wen­det 6. Er dient der Über­prü­fung, ob ein Zusam­men­tref­fen von Fami­li­en­leis­tun­gen vor­liegt. Der Grund­satz der ver­trau­ens­vol­len Zusam­men­ar­beit nach Art. 4 Abs. 3 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on ver­pflich­tet den aus­stel­len­den Trä­ger, den Sach­ver­halt, der für den Inhalt sei­ner Erklä­rung nach sei­nen eige­nen Rechts­vor­schrif­ten maß­ge­bend ist, ord­nungs­ge­mäß zu beur­tei­len und damit die Rich­tig­keit der in der Beschei­ni­gung auf­ge­führ­ten Anga­ben zu gewähr­leis­ten 7. Damit ver­folgt der Vor­druck E 411 auch den Zweck, die Trä­ger der Mit­glied­staa­ten, die die Anwend­bar­keit der in Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 getrof­fe­nen Koor­di­nie­rungs­re­ge­lung über­prü­fen, von der Ver­pflich­tung und Berech­ti­gung zu ent­he­ben, die Fra­ge nach dem tat­säch­li­chen Bestehen eines mate­ri­el­len Anspruchs im ande­ren Mit­glied­staat zu beant­wor­ten. Jede ande­re Lösung wür­de den Grund­satz, dass ein Zusam­men­tref­fen von Fami­li­en­leis­tun­gen glei­cher Art ver­hin­dert wer­den soll, beein­träch­ti­gen 8. Solan­ge daher eine Beschei­ni­gung E 411 nicht zurück­ge­zo­gen oder für ungül­tig erklärt wird (vgl. Art. 5 Abs. 2 bis 4 der VO Nr. 987/​2009), hat der zustän­di­ge Trä­ger des Mit­glied­staats, der nach Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 über­prüft, ob neben dem inlän­di­schen Kin­der­geld­an­spruch ein ver­gleich­ba­rer aus­län­di­scher Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen besteht, den Inhalt der Bestä­ti­gung zu beach­ten 9.
Der Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II erhält sei­ne Leis­tung aber ‑im Gegen­satz zum Arbeits­lo­sen­geld I nach dem SGB III- nicht auf­grund oder infol­ge sei­ner vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung. Vor­aus­set­zun­gen für sei­nen Leis­tungs­an­spruch sind ledig­lich, dass er die Anfor­de­run­gen des § 7 Abs. 1 SGB II erfüllt (Alters­gren­ze, Erwerbs­fä­hig­keit, Hil­fe­be­dürf­tig­keit und gewöhn­li­cher Auf­ent­halt in Deutsch­land). Ein Zusam­men­hang mit einer vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung besteht nicht. Das Arbeits­lo­sen­geld II ist viel­mehr eine beson­de­re bei­trags­un­ab­hän­gi­ge Geld­leis­tung i.S. des Art. 70 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Anhang X zur VO Nr. 883/​2004, Deutsch­land Buchst. b 11. Man­gels Bezug zu einer frü­he­ren Erwerbs­tä­tig­keit hat das Arbeits­lo­sen­geld II kei­ne an den bis­he­ri­gen Ver­dienst anknüp­fen­de Ent­gel­ter­satz­funk­ti­on 12.
Dar­über hin­aus ergibt sich auch aus der Bemes­sungs­grund­la­ge für das Arbeits­lo­sen­geld I (§§ 149 ff. SGB III), dass die­ses auf einen Ent­gel­ter­satz für eine vor­he­ri­ge Beschäf­ti­gung gerich­tet ist. Inso­weit wird das Arbeits­lo­sen­geld I infol­ge oder auf­grund einer Beschäf­ti­gung gezahlt. Damit stellt das Arbeits­lo­sen­geld II ‑ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Säch­si­schen Finanz­ge­richt- auch kei­ne Leis­tung i.S. des Art. 11 Abs. 3 Buchst. c der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 dar. Dar­über hin­aus setzt Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 ein Aus­ein­an­der­fal­len von Wohn­staat und (vor­he­ri­gem) Beschäf­ti­gungs­staat in der Per­son des Arbeits­lo­sen vor­aus 13. Der in Art. 65 der VO Nr. 883/​2004 gere­gel­te Fall liegt im Streit­fall nicht vor.
BFH, Urteil vom 04.02.2016 – III R 9/​15, BFHE 253, 139, BSt­Bl II 2017, 121, Rz 17, m.w.N.[↩]
BFH, Urtei­le vom 13.06.2013 – III R 63/​11, BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 22; vom 13.06.2013 – III R 10/​11, BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 25[↩]
BFH, Urtei­le in BFHE 241, 562, BSt­Bl II 2014, 706, Rz 26, und in BFHE 242, 34, BSt­Bl II 2014, 711, Rz 23[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 26.07.2012 – III R 97/​08, BFHE 238, 120, BSt­Bl II 2013, 24, Rz 16; vgl. BSG, Urtei­le vom 18.01.2011 B 4 AS 14/​10 R, BSGE 107, 206, Rz 15; vom 16.12 2015 B AS 15/​14 R, Sozi­al­recht 4 – 4200 § 7 Nr. 48, Rz 35[↩]