Source: https://geschichte-bewusst-sein.de/planspiele/
Timestamp: 2020-07-11 22:44:17
Document Index: 63294692

Matched Legal Cases: ['EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR']

Ein Angebot von Bernd Grafe-Ulke, Stiftung niedersächsische Gedenkstätten
Hier werden drei unterschiedliche Planspiele vorgestellt: Inhalt, Ablauf, Vorbereitung und Zielgruppen. Die Planspiele können von Multiplikator_innen gebucht bzw. selbst durchgeführt werden.
Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte – Fallsimulationen
Insel Camp Human Rights – ICH
Die Fahrt der Exodus 1947
Startseite / Planspiele
Planspiele sind eine handlungsorientierte Methode für Jugendliche und Erwachsene in der historisch-politischen Bildungsarbeit. Interaktives und handlungsorientiertes Lernen anhand kleiner Ausschnitte komplexer historischer oder aktueller politischer Themen stehen dabei im Vordergrund.
Entlang von Rollenbeschreibungen werden die der Realität nachempfundenen Situationen durch die Teilnehmenden selbst gestaltet und erlebt: Sie müssen und können selbst entscheiden und handeln.
Ziel ist es, die Einsicht in die Vielschichtigkeit des jeweiligen Themenkomplexes zu gewähren, Multiperspektivität zu zeigen und die Urteilsfähigkeit zu schärfen und zu stärken.
Planspielseminar EGMR in Kooperation mit Teilnehmer_innen der VHS-Celle, 2013. Foto: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten
Zielsetzung des Planspiels „Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte – Fallsimualtionen“ ist es, dass sich die Teilnehmenden „spielend“ und handlungsorientiert mit der Europäischen Konvention für Menschenrechte, der Funktionsweise des Gerichtshofs wie auch konkreten Fällen von Menschenrechtsverletzungen auseinander setzen. Dabei erfahren sie, wie Menschen durch eine individuelle Beschwerde vor dem EGMR die Verletzung ihrer Menschenrechte anprangern und deren Einhaltung einfordern können. Für die Planspielseminare wurden zwei Fälle ausgearbeitet, die sich an realen Klagen aus den letzten Jahren gegen die Bundesrepublik Deutschland orientieren. Für die Fallsimulationen wurden die Namen der Beschwerde führenden Personen und Institutionen geändert.
Das Planspiel kann an einem Seminartag (sieben Zeitstunden) oder auch an zwei halben Tagen durchgeführt werden.
Zielgruppen des Seminars sind Multiplikator_innen der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit, die mit Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten. Anhand der Fälle des Planspiels können unterschiedliche Themen und Artikel der Europäischen Konvention für Menschenrechte behandelt werden.
Fall 1: Frau Jung versus Deutschland
Dieser Fall wurde vor dem EGMR verhandelt und medial in Deutschland unter dem Titel „Whistleblower-Prozess“ bekannt. Im Kern geht es darum, ob Frau Jung in ihrer Meinungsäußerungsfreiheit und ihrem Recht auf ein faires Verfahren beschränkt wurde. Frau Jung hatte ihrem Arbeitgeber, einer Pflegeeinrichtung, mit rechtlichen Schritten gedroht, falls sich an den dortigen Arbeits- und Pflegebedingungen nichts ändere. Daraufhin wurde ihr fristgerecht gekündigt, was aus ihrer Sicht bedeutete, sie mundtot zu machen.
Themen, die bei diesem Fall auch mit diskutiert werden, sind: menschliche Würde in der Altenpflege und anderen Institutionen, Persönlichkeitsrechte, Loyalitätspflicht und Meinungsäußerungsfreiheit in Institutionen, Organisationen und Unternehmen, Gesundheitswesen, Altenpflege, gesellschaftliche Bedeutung der Thematik etc.
Weiterführende Informationen zu diesem Fall, dessen Umsetzung im Planspiel und zum Ablauf des Seminars finden Sie hier.
Für die Fallsimulation wurden die Namen von Personen geändert.
Fall 2: FAIR-Deutschland e.V. versus Deutschland
Dieser Fall wurde vor dem EGMR verhandelt und hatte medial in Deutschland bereits starke Aufmerksamkeit erregt. Dabei geht es um den Vergleich des Leids von Tieren mit dem von Menschen. In Aufsehen erregenden Bildern wird die Situation von Tieren in Massentierhaltung und die von Menschen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern einander gegenüber gestellt. For Animals in Responsibility (FAIR) möchte damit für den Tierschutz, für vegane Ernährung und gegen Massentierhaltung protestieren. Diese provokante Werbung wird FAIR-Deutschland durch eine einstweilige Verfügung des Amtsgerichts Stuttgarts und die Urteile nachfolgender Gerichte verweigert. Im Kern geht es darum, ob FAIR-Deutschland e.V. in seiner Meinungsäußerungsfreiheit und seinem Recht auf ein faires Verfahren beschränkt worden ist.
Themen, die bei diesem Fall diskutiert werden, sind: Menschenwürde, Geschichte des Nationalsozialismus, Persönlichkeitsrechte, Tierschutz, Vergleiche mit dem Holocaust.
Für die Fallsimulation wurden die Namen von Personen und Institutionen geändert.
Fall 3: Exklusive Bildung in Kultland
Im vorliegenden Fall handelt es sich bei den Beschwerdeführer_innen (Bf) um 140 Staatsangehörige (38 Familien) aus Kultland, die alle der Gruppe der Roma angehören. 98 der Bf sind Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 15 Jahren. Die restlichen 42 der Bf sind ihre Eltern bzw. ihre Vormünder. Die Familie Inamas ist Teil der Gruppe der Beschwerdefüher_innen. Deshalb wird beim EGMR (im Planspiel) der Fall unter dem Titel Inamas u.a. gegen Kultland. Die Bf beklagen sich über die Bedingungen der Schulbildung in den Schuljahren 2008/2009 und 2009/2010. Sie seien nach rein ethnischen Kriterien in einer Schule untergebracht worden, in der ausschließlich Roma unterrichtet würden. In dieser Schule sei aufgrund vieler Mängel ein effektiver Unterricht nicht möglich. Zudem sei die „Exklusivität“ bzw. Exklusion nicht lernförderlich. Sie sehen sich diskriminiert und in ihrem Recht auf Bildung eingeschränkt.
Der Sachverhalt zum Planspiel „Exklusive Bildung in Kultland“ orientiert sich an einer realen Beschwerde gegen ein EU-Land. Für das Planspiel wurden fiktive Namen für die Beschwerdeführer_innen (Bf) sowie das Land gewählt.
Themen, die bei diesem Fall diskutiert werden, sind: Verbot der Diskriminierung, Recht auf Bildung, Situation von Sinti und Roma in Europa und Deutschland, Kontinuitäten/Diskontinuitäten einer verfolgten Minderheit, Grund- und Menschenrechte
Fall 4: Herkunftsstaat – ganz sicher?
Bei den Beschwerdeführer_innen (Bf) handelt es sich in diesem Fall um 35 mazedonische Staatsangehörige (8 Familien) die alle der Gruppe der Roma angehören. 19 der Bf sind Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 17 Jahren. Die restlichen 16 Personen sind ihre Eltern.
Alle Bf lebten bis 2014 bereits zwischen acht und zehn Jahren in verschiedenen Städten Norddeutschlands. Sie hatten im Zeitraum von 2004 bis 2006 Asylanträge gestellt, da sich die Bf in Ihrem Land systematisch diskriminiert, verfolgt und erniedrigt behandelt fühlten. Alle Anträge wurden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zwischen 2006 und 2008 abgelehnt. Auf der Grundlage des „Gesetz(es) zur Einstufung weiterer Staaten als sichere Herkunftsstaaten…“ (2014) wurden keine weiteren Duldungen mehr gewährt. Die meisten der Bf reisten „freiwillig aus“ bzw. wurden abgeschoben. Bei einigen Personen/ Familienmitgliedern wurde die Abschiebung wegen individueller Gründe ausgesetzt.
Die Ausführungen zum Planspiel „Herkunftsstaat – ganz sicher?“ orientieren sich an Situationen, die Menschen real erleben sowie an ähnlichen Beschwerden, die beim EGMR eingingen. Der Fall ist fiktiv, wurde aber von Rechtsexperten auf Plausibilität geprüft. Es ist also denkbar, dass eine entsprechende Beschwerde gegen Deutschland oder ein anderes EU-Land eingereicht wird.
Themen, die bei diesem Fall diskutiert werden, sind: Verbot der Diskriminierung, Recht auf Bildung, Recht auf Privat- und Familienleben, Verbot der unmenschlichen und erniedrigenden Behandlung, Anerkennung von Verfolgung, Kumulative Diskriminierung und Verletzung von Menschenrechen, Situation von Sinti und Roma in Europa und Deutschland, Wirkung des „Gesetz zur Einstufung weiterer Staaten als sichere Herkunftsstaaten…“ von 2014, Kontinuitäten/Diskontinuitäten einer verfolgten Minderheit
Seminartag „Planspiel EGMR“ auf Anfrage
Materialien zum Planspiel EGMR je Fall:
– 50,00 € für Nutzung im Rahmen gewerblicher / freiberuflicher Bildung
– 25,00 € ermäßigt für Nutzung im Rahmen öffentlicher / staatlicher Bildung
Gegenstand des Plan-Rollenspiels „Insel Camp Human Rights – ICH“ ist eine fiktive Zeitreise in das Jahr 2018. Die Teilnehmer_innen befinden sich dann in der Spielsituation eines von der UNESCO und anderen Organisationen konzipierten und umgesetzten sozialen und menschenrechtspolitischen Projektes – dem „Insel Camp Humanrights – ICH“. Weltweit gibt es 20 davon, es nehmen jeweils 25-50 Menschen teil und sie verbringen bis zu einem Jahr zusammen. Im Rahmen des Plan-Rollenspiels werden sie dieses Zusammenleben gemeinsam entwickeln und sich mit grundlegenden Fragen auseinandersetzen: Wie werden Entscheidungen getroffen? Welche Rechte und Freiheiten sind wichtig und auch welche Regeln und Pflichten sollen gemeinsam gelten?
Grundsätzliche Zielsetzung des Plan-Rollenspiels ist es, dass sich die Teilnehmenden in der fiktiven Situation des Insel Camps Human Rights (ICH) „spielend“ und handlungsorientiert mit Fragen und der Bedeutung von Grundfreiheiten, Grundrechten und Menschenrechten auseinandersetzen und diese, ohne diese inhaltlich konkret kennen zu müssen, gemeinsam ansatzweise „erfinden“ oder „entdecken“.
Die Teilnehmenden entwickeln ihre eigenen Rollen auf der Basis von Rollenvorschlägen. Durch die Artikulation der Interessen und Bedürfnisse im ICH üben die Teilnehmenden Kompetenzen, die für eine gelingende Diskussions-, Dialog- und Streitkultur wichtig sind. Dabei ergeben sich durch die Rollenübernahmen wichtige Perspektivwechsel. Durch Aktionskarten werden verschiedene Aufgaben, Entscheidungs- und Konfliktsituationen in das ICH eingebracht und müssen gelöst werden. Dabei wird im Verlauf deutlich, dass Grundrechte, Grundfreiheiten und gemeinsame Regeln für den Prozess der Aushandlung und Lösung bei unterschiedlichen Interessen, also für das ganze normale Zusammenleben, von zentraler Bedeutung sind.
Weiterführende Informationen zu diesem Plan-Rollenspiel, dessen Umsetzung und zum Ablauf des Seminars finden Sie hier.
Beim Seminar zum Planspiel „Die Fahrt der Exodus 1947“ handelt es sich um eine zweitägige Veranstaltung, die sich an Jugendliche (ab der 9. Klasse) und Erwachsene gleichermaßen richtet. Das Seminar wurde im Rahmen des Projekts „Entrechtung als Lebenserfahrung“ von Anja Schade konzipiert.
Das Planspiel veranschaulicht die Fahrt des Schiffes „Exodus 1947“, das etwa 4500 europäische Jüdinnen und Juden im Jahr 1947 mithilfe der jüdischen Untergrundorganisation Hagana illegal nach Palästina bringen sollte. Die Einreise der Passagiere wurde jedoch von der britischen Marine – die Briten hatten das Mandat über Palästina – verhindert. Anstatt im ersehnten Heiligen Land Fuß fassen zu können, wurden die jüdischen Emigrant_innen unter Zwang nach Hamburg gebracht und von dort auf die Lager „Pöppendorf“ und „Am Stau“ verteilt.
Materialien für das Planspiel „Die Fahrt der Exodus 1947“, 2014. Foto: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten
Der erste Tag des Planspiels „Die Fahrt der Exodus 1947“ ist einer ausführlichen Einführung in die Thematik „Displaced Persons“ und speziell der Geschichte des DP-Camps Bergen-Belsen gewidmet. Am zweiten Tag findet das Planspiel statt.
Empfehlenswert wäre ein vorangehender Besuch der Gedenkstätte Bergen-Belsen, um der vielschichtigen Historie des Ortes, insbesondere als Kriegsgefangenen- und Konzentrationslager, gerecht werden und sich während des Seminars auf die Geschichte des DP-Camps konzentrieren zu können.
Das Seminar bedarf nicht zwangsläufig einer Vorbereitung. Es bietet sich jedoch bei diesem Planspiel an, sich im Vorfeld mit dem Thema Migration auseinanderzusetzen. Hierfür steht eine Handreichung zur Verfügung. Dort werden exemplarisch zwei Methodenbeispiele für einen Einstieg in das Thema vorgestellt.
Das PDF zur Handreichung finden Sie hier.
Die insgesamt sechs an historischen Fakten orientierten Stationen vermitteln den Teilnehmenden anschaulich und interaktiv die Situation der jüdischen Displaced Persons nach dem Zweiten Weltkrieg und zeigen auf, vor welchen Anforderungen die Überlebenden bei ihrer Suche nach einer neuen Heimat standen. Der Schwerpunkt liegt neben dem Aufzeigen historischer Ereignisse auf der Darstellung von Herausforderungen und Schwierigkeiten während eines Migrationsprozesses. Dabei spielen Themen wie Entwurzelung, Sprache und Verständigung, Umgang mit Unsicherheit sowie die Frage nach eigenen Handlungsoptionen eine maßgebliche Rolle.
Ein PDF mit weiteren Informationen zum Planspiel „Die Fahrt der Exodus“ finden Sie hier.
Christian Geißler-Jagodzinski: Simulationsspiele
Bernd Grafe-Ulke: Planspiele „Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR)“ und „Insel Camp Humanrights (ICH)“, siehe Planspieldatenbank der Bundeszentrale für politische Bildung
Stefan Rappenglück: Bildung wirkt – aber wie? Das Beispiel Simulation in der politischen Bildung
Anja Schade: „Die Fahrt der Exodus 1947“
Bernd Grafe-Ulke: Das Gewissen Europas? Simulation von Fällen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, in: Detlef Dechant/Stefan Rappenglück (Hg.): Planspiele in der politischen Bildung, Wochenschau Verlag / Schwalbach im Taunus 2016 (i.V.)
Bernd-Grafe-Ulke
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