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Timestamp: 2019-10-24 02:59:12
Document Index: 43560539

Matched Legal Cases: ['Art. 6', '§ 1626', '§ 1631', '§ 1631', '§ 1666', '§ 1631', '§1', '§1']

Vernachlässigung von Kindern. Ursachen, Verlauf und ...
von Karin Gellert (Autor)
Diplomarbeit 2006 78 Seiten
2 Vernachlässigung und deren Abgrenzung zu anderen Formen der Gewalt an Kindern
2.1 Vernachlässigung von Kindern
2.1.2 Gesellschaftliche Maßstäbe
2.2 Andere Formen der Gewalt an Kindern
3 Die Formen und Erscheinung der Vernachlässigung
3.1 Erzieherische Ebene
3.2 Emotionale Ebene
3.3 körperliche Ebene
4 Bindungen des Kindes
4.1 Bindungstheorie
4.2 Bedeutung für das Kind
5 Verlauf und Folgen von Vernachlässigung im Kindesalter
5.1 Nahrungsentzug
5.2 Zuwendungsentzug
5.3 Hygienemangel
6 Mögliche Ursachen und Risikofaktoren der Vernachlässigung
6.1 Elterliche und familiäre Faktoren
6.1.1 Vernachlässigungserfahrungen in der eigenen Kindheit
6.1.2 Chronische Erkrankungen
6.1.3 Defizite und fehlende Ressourcen
6.1.4 Sucht
6.2 Mögliche gesellschaftliche Ursachen
6.2.1 Armut
6.2.2 Soziale Randständigkeit
6.3 Risikofaktoren des Kindes
6.3.1 Alter
6.3.2 Verhalten und Defizite
6.3.3 Erkrankungen
7 Erkennen von Kindesvernachlässigung
7.1.1 Am Kind
7.1.2 Von Vernachlässigungsfamilien
7.2 Medizinische Befunde
7.3 Umfeld
7.3.1 Sozialer Kreis
7.3.2 Fachkompetenter Kreis
8 Rechtliche Interventionsmöglichkeiten
8.1 Materielle Hilfen
8.2 Hilfeplanung
8.3 Ambulante Hilfen
8.4 Anrufung des Gerichtes
8.5 Inobhutnahme und Fremdunterbringung
9 Exkursion Vernachlässigungsfall
10 Aspekte zum fachlich - methodischem Vorgehen im Hilfeprozess
10.1 Garantenstellung am Beispiel Osnabrück
10.2 Prinzipien der Hilfe
10.3 Umgang mit Meldungen und meldenden Personen
10.4 Kontaktaufnahme und Erstgespräch mit der Familie
10.5 Systemische Methoden
10.6 Erhebungsbögen als Hilfsmittel
In den IKK-Nachrichten 2/2001 berichtet Muthke (S. 2) von einer Untersuchung, nach der 5-10% aller Kinder in Deutschland vernachlässigt werden. Folglich sind etwa 250.000-500.000 Kinder unter sieben Jahren von Vernachlässigung betroffen. Die Zahlen machen deutlich wie brisant und aktuell das Thema ist, zumal sie nach einer Untersuchung[1] der technischen Universität Berlin über 65 % der vom Jugendamt mitgewirkten vormundschaftlichen oder familiengerichtlichen Verfahren ausmachen. Diese Arbeit soll sich mit der Vernachlässigung von Kindern in den ersten Lebensjahren im familiären Kontext beschäftigen. Durch seinen schleichenden und unspektakulären Verlauf ist die Vernachlässigung selten in den Medien zu finden. Nur wenn es zu einem extremen Ende wie dem Tod des Kindes kommt, wird davon berichtet. Das führt zu dem Eindruck, das Vernachlässigung nur durch eine lebensbedrohliche Unterversorgung eines Säuglings oder Kleinkindes gegeben ist. Die Folge davon ist demnach das Verhungern oder Verdursten des Kindes. Jedoch ist nicht nur Nahrungsentzug als Kindesvernachlässigung zu sehen. Im Laufe dieser Arbeit wird ersichtlich werden, dass eine Vielzahl von Unterlassung zu dem Phänomen Kindesvernachlässigung zählen. Die Abgeschirmtheit der eigenen Wohnung ist eine ideale Bedingung für unbemerkte Vernachlässigungen, daher wird sich diese Arbeit mit Kindesvernachlässigung in den ersten Lebensjahren innerhalb eines familiären Kontext beschäftigen. Auch wenn die Vernachlässigung von Kindern nicht ausschließlich durch die Eltern stattfindet, soll zur Vereinfachung von „den Eltern“ die Rede sein. Zumal dies die Hauptzielgruppe ist bei der Erforschung von Vernachlässigung, dessen Ursachen und deren Folgen für das Kind. Jedoch gibt es wenige Studien zu dem Thema. Insbesondere die Langzeitfolgen für vernachlässigte Kinder sind bisher nur unzureichend erforscht worden. Hingegen scheint die Literatur insgesamt langsam auf diesem Gebiet zu zunehmen, wenngleich hauptsächlich in Aufsätze und Sammlungen. Hierbei ist auffällig, das kaum verschiedene Auffassungen über Ursachen und Folgen der Vernachlässigung unter den Autoren zu finden sind. Dies hat den Nachteil, dass solch komplexe Verhaltensmuster wie sie eine Vernachlässigung darstellt oder auslöst nur von einigen Blickwinkeln erfasst werden und dadurch eventuell nicht vollständig verstanden werden. Ein Verständnis für die besonderen Problematiken von Vernachlässigungsfamilien ist allerdings für den fachkompetenten Umgang und eine effektive Hilfe für die Beteiligten unerlässlich. Ansonsten ist eine vorurteilsfreie Zusammenarbeit und Lösungsfindung nicht möglich. Methodische Ansätze, die der Familie die Freiheit lässt ihre Problematiken selbstständig zu erfassen und zu bearbeiten, bekommen dabei einen besonderen Stellenwert. Wenngleich auch zentrierende und bündelnde Verfahren ihre Vorteile habe, gerade in der Findung und Kontrolle von Maßnahmen. Die Arbeit ist daher darauf aufgebaut, das ein Grundverständnis für die Erscheinungsformen und Auswirkungen der Vernachlässigung sowie für die dem zugrunde liegenden Bedingungen entsteht. Auf diese Weise kann ein angemessenes Fallverständnis hinsichtlich der Kindesvernachlässigung und der Vernachlässigungsfamilien entwickelt werden. Die im Laufe der Ausarbeitung aufgeführten Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten sollen einen Eindruck von der praktischen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe unter Berücksichtigung der gesetzlichen Grundlagen geben. Die benutzte männliche Form der Berufsbezeichnungen soll der Überschaubarkeit und dem flüssigem Lesen dienen und keinesfalls Unterschiede bezüglich der Arbeitsmethode von Männern und Frauen implizieren.
Die Vernachlässigung bildet nur eine von mehreren Misshandlungsformen. Jedoch weist Mutke (2/2001, S. 2) darauf hin, dass die unterschiedlichen Formen sich oftmals überschneiden, so dass eine klare Trennung der einzelnen Kategorien nicht immer möglich ist. Dornes (2005, S. 99) verweist auf empirische Untersuchungen, die zeigen, dass Vernachlässigung auch mit anderen Misshandlungsformen einhergeht. Jedoch ist bei den misshandelnden Eltern durchaus ein Schwerpunkt bei der Misshandlungsform zu erkennen, der sich wie ein roter Faden durch die Erziehung zieht, auch wenn diese Eltern im „Bedarfsfall“ mitunter zu anderen Formen der Gewalt zurückgreifen.
Nach Engfer (2004, S.4) ist eine Vernachlässigung dann gegeben, wenn Kinder durch ihre Eltern unzureichend vor Gefahren und gefährlichen Substanzen geschützt werden, keine altersgerechte Förderung erfahren, mangelhaft ernährt und versorgt und/oder gesundheitlich unterversorgt werden. Eltern die emotional nicht verfügbar sind, ihr Kind abwerten, ignorieren und ihm negative Eigenschaften zuschreiben bezeichnet Egle (2005, S. 79) ebenfalls als vernachlässigend. Überforderungen und Überbehüten sind Verhaltensweisen, die aufgrund ihres hemmenden Einflusses auf die kindliche Entwicklung, als Vernachlässigung gewertet werden können. Kalscheuer und Schone (2002, S.159) zeigen die Vernachlässigung von Kindern etwas weniger differenziert auf und beschreiben sie als eine über einen längeren Zeitraum ausbleibende Versorgung der materiellen, emotionalen oder kognitiven Bedürfnisse des Kindes. Eine passive Haltung der Eltern zu dem Kind ist demnach charakteristisch für Vernachlässigungen. Als Ursache dafür wird Unwissenheit, Überforderung und/oder Unfähigkeit der Eltern genannt. Hingegen bezeichnet Brinkmann (2002, S. 65) die Vernachlässigung als eine Wahrnehmungsstörung der Eltern gegenüber ihrem Kind. Aufgrund verschiedener Faktoren verschiebt sich das Bild, das sie sich von dem Kind machen, und es ist ihnen nicht möglich die Bedürfnisse ihres Kindes[2] zu erkennen oder adäquat darauf zu reagieren. Die Eltern erkennen die Vernachlässigung nicht als solches und sind der Ansicht, dass alles was sie tun, oder nicht tun, ausreichend für ihr Kind ist. Christian und Cox (2004, S. 18) sprechen hingegen von absichtlichen Unterlassungen fürsorglichen Handelns. Davon geht auch der Gesetzgeber bei Gesetzesentwürfen zum Schutze des Kindes aus.
Zuerst muss im Zusammenhang mit Gewalt gegen Kindern und deren rechtlichen Zuwiderhandlungen der Art. 6 Abs. 2 GG genannt werden. Hier wird deutlich, dass die Eltern nicht nur das Recht sondern auch die Pflicht haben, ihre Kinder zu erziehen. § 1626 Abs. 1 BGB benennt ebenfalls das elterliche Recht aber auch wieder deren Pflicht sich um ihr Kind zu sorgen und zu kümmern. In Abs. 2 wird zudem auf die sich, mit zunehmendem Alter, verändernden Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kindes hingewiesen. Den Eltern obliegt es demnach, diese zu erkennen und zu berücksichtigen, damit sich das Kind weiter entwickeln kann. Sie sollen ihr Kind als respektiertes Mitglied der Familie zu Fragen, die es betreffen, hören und entsprechend der kindlichen Entwicklung damit umgehen. Auch in § 1631 Abs.1 BGB ist neben dem Recht auch von der elterlichen Pflicht die Rede, wodurch die Sorge um das Kind nochmals konkretisiert und besonders die Punkte der Pflege, der Erziehung und der Beaufsichtigung des Kindes sowie das Aufenthaltbestimmungsrecht für das Kind hervorhebt. Somit werden an dieser Stelle die verschiedenen Bereiche benannt, in denen Eltern ihrem Kind gegenüber gerecht werden müssen. Der Gesetzgeber spricht zwar von Rechten und Pflichten, hat allerdings zum 1.7.1998 die elterlichen Pflichten vor deren Rechte gestellt, womit die elterlichen Verpflichtungen dem Kinde gegenüber eindeutig vorrangig sind. Insbesondere verbietet § 1631 Abs. 2 körperliche Bestrafungen und seelische Verletzungen des Kindes sowie entwürdigende Maßnahmen, d.h. Kinder haben das Recht, gewaltfrei erzogen zu werden. Eine Überprüfung- oder Entscheidungsmöglichkeit über tatsächliche Erziehungsmaßnahmen richtet sich nach den Merkmalen des § 1666 BGB, da § 1631 BGB keine Folgenorm enthält. Als letztes soll noch §1 Abs.1 SGB VIII im Zusammenhang mit den gesetzlichen Tatbeständen von Vernachlässigung genannt werden. Hier wird erneut darauf verwiesen, dass die Förderung seiner Entwicklung ein Recht jeden jungen Menschens darstellt, ebenso dessen Erziehung zum gesellschaftsfähigen Menschen. §1 Abs. 2 SGB VIII greift dieses nochmals auf und verdeutlicht erneut die Verpflichtung der Eltern dem Kinde gegenüber. In diesem Zusammenhang wird auch das Wächteramt des Staates genannt. Die genannten Gesetze, machen eine Vernachlässigung unrechtmäßig, da sie die Eltern zu Handlungen verpflichten, die eine Vernachlässigung verhindern. Doch wurde bei den Formulierungen dieser Gesetze vorausgesetzt, dass die Eltern um die Bedürfnisse und Fähigkeiten ihrer Kinder Bescheid wissen und auch adäquat auf diese eingehen können. Es liegt also viel im Ermessen der Eltern, was eine den Entwicklungen und Bedürfnissen angebrachte Erziehung und Pflege des Kindes ausmacht.
Gemäß Engfer (2005, S. 5) ist maßgebend für die Definition von Vernachlässigung die von der Gesellschaft als angemessene, gerade noch tolerierte oder auch geforderte Erziehungsstile. Jedoch unterliegt eine Definition immer einer subjektiven Bewertung, die historischen und kulturellen Veränderungen unterworfen ist. Daher ist eine Begriffsbildung von Vernachlässigung nicht als absolut zu sehen, sondern als ein Ergebnis der momentanen gesellschaftlichen Normen und Überzeugungen. Doch selbst diese gehen in der Praxis auseinander. Gerade im Grenzgebiet zwischen liebevoller und absoluter Achtung des Kindes einerseits und Mord und Totschlag andererseits finden sich Uneinigkeiten, was noch toleriert wird und was bereits verachtet wird oder sogar sträflich genannt wird[3]. Bender und Lösel (2005, S. 98) erkannten zudem, dass diese Grenzgebiete durch politische oder legislative Maßnahmen direkt oder indirekt beeinflusst werden. Die Einführung von Gesetzen zum Schutze der körperlichen Unversehrtheit bewirkte einen erkennbaren Wandel in der gesellschaftlichen Tolerierung erzieherischer Maßnahmen . Bei einer Beurteilung über vernachlässigende Verhaltensweisen muß die kindliche Entwicklung und Sichtweise eine Rolle spielen. Hinzu kommt, dass eine Handlung bei älteren Kindern zu keinem größeren Schaden führt, bei Jüngeren dagegen schwerwiegende Schäden zurückbleiben können. Kindesvernachlässigung ist also keine konkrete Tatsache, sondern ein Geschehen im alltäglichen Leben und ist geprägt von situativen Aktionen, die erst im gesamten Kontext gesehen werden müssen, um gedeutet werden zu können[4].
Da es bei Vernachlässigungen meistens nicht nur zu den gerade Genannten Geschehen kommt, sondern mit anderen Misshandlungsformen am Kind einhergeht, müssen auch diese genannt werden.
Die Ablehnung von Kindern ist gemäß Esser (2002, S.104-106) der Vernachlässigung sehr ähnlich. Ähnlich wie bei der Vernachlässigung werden die vom Kind ausgehenden Signale wenig sensitiv und reaktiv von den Eltern aufgenommen. Wobei bei Vernachlässigung vor allem die kommunikative Ebene vernachlässigt wird und bei der Ablehnung vor allem die Interaktion zwischen den Eltern und dem Kind gestört ist .
Grob umrissen lässt sich sagen, dass die Erziehung und die Versorgung bei Ablehnung eher als hart und bei der Vernachlässigung vielmehr als mangelhaft beschrieben werden kann.
Die körperliche Misshandlung kennzeichnen Runyan und Eckenrode (2004, S. 3) als Handlungen, bei denen das Kind verletzt wird oder werden kann. Kommt es hierbei zum Tode des Kindes, liegen vorwiegend Verletzungen in den Bereichen des Kopfes und der Organe des, meist unter 2 Jahren alten, Kindes vor. Multiple Verletzungen in unterschiedlichen Heilungsphasen an ungewöhnlichen Körperstellen sehen Runyan und Eckenrode (2004, S. 11-12) als Hinweise auf Körperliche Gewaltanwendungen an. Ebenso kann auch die Lage und Form von Hämatomen eine Möglichkeit sein, körperliche Misshandlungen nachzuweisen. Eine weitere, ziemlich häufig anzutreffende Unterart ist das „Shaken-Baby-Syndrom“. Damit ist das massive Schütteln des Säuglings oder Kleinkindes gemeint. Das dadurch entstehende Schädeltrauma kann entweder den Tod zur Folge haben oder erhebliche Langzeitfolgen in Form von Erblindung, Gehirnlähmung oder verlangsamte Intelligenzentwicklung. Das dabei vor allem die Väter als Täter genannt werden, liegt wahrscheinlich weniger an einer tatsächlichen erhöhten Gewaltanwendung der Väter im Vergleich zu den Müttern, sondern vielmehr an deren höheren Kräftepotenzial. Der Vater setzt im Allgemeinen mehr Kraft zum Schütteln des Kindes ein und verletzt das Kind daher auch wesentlich schwerer.
Der sexuelle Missbrauch beinhaltet Handlungen, wodurch das Kind zur sexuellen Befriedigung missbraucht wird[5]. Runyan und Eckenrode (2004, S. 12) stellen fest, dass betroffene Kinder meist mit anderen Symptomen als den tatsächlichen Folgen eines Missbrauchs dem Arzt vorgestellt werden. Selbst bei Genitalverletzungen oder stark sexualisiertes Verhalten ist es dem Arzt nicht immer möglich einen sexuellen Missbrauch nachzuweisen da dafür exakte Kenntnisse über die spezifischen Verhaltensmuster und körperlichen Befunde des Kindes vorhanden sein müssen. Dies kann jedoch eine Ermittlung rechtfertigen.
Seelische Misshandlung beschreibt Trube-Becker (1982, S. 21-22) als ein Unterlassen der Eltern dem Kind eine altersangemessene entwicklungsfördernde Umwelt zu gewähren. Handlungen, die das Kind emotional schädigen zählen ebenfalls dazu. Das können Erniedrigungen, Bedrohung, zum Sündenbock machen, Verspotten oder ähnliche, nicht körperliche, feindliche oder herabwürdigende Handlungen sein. Des weiteren wird in diesem Zusammenhang Stundenlanges Autofahren, während dessen dem Kind keine Möglichkeit gegeben wird sich ausreichend zu bewegen als seelische Misshandlung bezeichnet. Zusammenfassend kennzeichnen Runyan und Eckenrode (2004, S. 19) die seelischen Misshandlung als eine die Gesamtentwicklung des Kindes beeinträchtigende Handlungsreihe. Die Folgen davon können eine Veränderung des Verhaltens, der körperlichen Verfassung und der Beziehung zum sozialen Umfeld sein.
Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom wird von Christian und Cox (2004, S. 18-19) als eine Erkrankung der Eltern bzw. eines Elternteiles beschrieben. Hierbei erfindet oder erzeugt das an dem Syndrom erkrankte Elternteil Symptome an dem Kind, um auf diesem Weg Aufmerksamkeit zu erhalten. Die Symptome können z.B. durch wiederholtes Ersticken des Kindes, absichtliches Zuführen von Substanzen oder Überdosierungen von Medikamenten herbeigeführt werden.
Vernachlässigung hat viele Gesichter und kann auf erzieherischer, emotionaler oder körperlicher Ebene stattfinden. Blum-Maurice (2002, S.113) sieht das Vernachlässigungsgeschehen sowohl auf einer Ebene begrenzt als auch über mehrere Ebenen verwoben. Die Grenzen zu den einzelnen Ebenen jedoch sind nach Ansicht von Engfer (2005, S. 7) nicht klar zu umreißen, sondern verwischen und gehen ineinander über. Für ein umfassendes Grundverständnis ist es allerdings erforderlich, sie einzeln zu betrachten.
Grenzen zu setzen gibt Kindern Halt und Struktur. Sie brauchen diese Disziplin, wie Blum-Maurice (2002, S.114) schildert, genauso wie angebrachten Lob und Tadel. Und die Beaufsichtigung von Kindern und Säuglingen ist entsprechend Engfer (2005, S. 5) ausgesprochen wichtig für die Unversehrtheit ihres Körpers. Kinder in jungem Alter können Gefahren und ihre Auswirkungen nicht abwägen und einschätzen. Bei Säuglingen wird die Gefahr durch unzureichende Beaufsichtigung noch durch ihre mangelnde Körperbeherrschung verstärkt. Daher sind Unfälle bei Kleinkindern und Säuglingen sehr hoch und stellt wahrscheinlich die häufigste Form der Vernachlässigung dar. Bei älteren Kindern ist häufiger eine Parentifizierung durch die Eltern zu finden. Dies ist an sich eine natürliche Prozedur, in deren Verlauf sich das Kind als wertvoll und gebend erleben und sich verantwortungsvoll in einer zukünftigen Lebensrolle ausprobieren kann. Als pathologisch definieren Bürgin und Rost (2005, S. 262) dies erst mit der Übernahme von Funktionen und Aufgaben eines oder beider Elternteile, die nicht mit der kindlichen Realitätsrolle vereinbar ist. So kann ein Kind nicht eine „gute Mutter“ für seine Mutter sein. Ein falsches Selbstbild des Kindes ist oft die Folge davon, so dass seine Eigenständigkeitsentwicklung geopfert wird um die Eltern zu versorgen und zu erziehen. Auch die fehlende Anerkennung und Wertschätzung des persönlichen Einsatzes des Kindes in seiner parentifizierten Rolle sind als pathologisch zu sehen. Das Kind erfährt, dass es zwar gebraucht wird, aber ganz egal wie sehr es sich auch anstrengt und bemüht erfährt es dabei keine Anerkennung seiner Leistungen. Dies kann zu einer depressiven Verstimmung mit dem Gefühl der Vergeblichkeit führen. Die Eltern missbrauchen ihr Kind durch dessen Instrumentalisierung zur Befriedigung der elterlichen Bedürfnisse auf Kosten seiner kindlichen Bedürfnisse.
In der Misshandlung durch Parentifizierung und Rollenumkehr erkennt Egle (2005, S. 78-79) auch eine emotionale Gewalt, die vor allem bei Eltern zu finden ist, die sich in einer depressiven Phase befinden oder unter psychischen Erkrankungen leiden. Durch Ignorieren des Kindes, sowie dessen Ablehnung und Abwertung sowie durch negative Attributration, wird die kindliche Individualität übergangen und dessen Emotionen missachtet. Emotionale Unerreichbarkeit der Eltern, Widersprüchliche oder der Entwicklung des Kindes nicht angemessene Verhaltensweisen wie Über- oder Unterforderungen, gegensätzliche Anforderungen oder mangelnder Schutz vor negativen Erfahrungen sowie inadäquate Erziehungspraktiken zur Erlernung von Sozialkompetenzen, wie sie das Bestechen beispielsweise darstellt, zählt Engfer (2005, S. 6-7) ebenfalls zu der emotionalen Vernachlässigung. Zusammenfassend lassen sich alle bisher aufgeführten Spielarten der emotionalen Vernachlässigung auf vier Haupt- oder auch Grunddimensionen verteilen. Erstens die Ablehnung und Abwertung des Kindes durch Wort oder (Nicht-) Tat, zweitens die falsche bzw. fehlende Förderung der kindlichen Kompetenzen. Die dritte und vierte Dimension wären die Bedrohung des Kindes und dessen Isolierung zur sozialen Umwelt. Die Vernachlässigung auf einer dieser Dimensionen ist allerdings nicht einfach zu erkennen. Die Grenzen zwischen tolerier- und akzeptierbaren Praktiken und einem schädigenden Verhalten sind nur schwer erkennbar und es ist unklar, ab welcher Dauer oder Intensität solche Methoden dem Kind schaden. Zudem haben das Alter des Kindes und erlernte Verarbeitungsstrategien Einfluss auf den Grad der Schädigung. Die bisherige kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes sind weitere Aspekte für die möglichen Auswirkungen des elterlichen Verhaltens. Daher kann einerseits ein in seine Umgebung sozial sehr eingebundenes Kind einschneidend auf soziale Isolation oder verbale Abwertung reagieren, während andererseits ein Kind, das stark auf seinen inneren sozialen Kreis fixiert ist, durch emotionale Unerreichbarkeit der Eltern empfindlich getroffen wird.
Unterernährung sowie fehlende Hygiene sind die von Blum-Maurice (2002, S. 114) als am häufigsten vorkommenden genannten körperlichen Vernachlässigungen. Die in diesem Zusammenhang häufig fehlende medizinische Versorgung von Erkrankungen können im Extremfall sogar zum Tod des Kindes führen. Cantwell (2002, S. 516-519) weist darauf hin, dass vorsorgliche medizinische Untersuchungen und Impfungen gerade bei Kindern sehr wichtig sind, um eventuelle Defizite oder Auffälligkeiten frühzeitig entdecken und entgegenwirken zu können oder sie vor den oftmals schwerwiegenden Folgen einer ansteckenden Krankheit zu schützen. Eltern, die ihren Kindern dies vorenthalten riskieren damit die Gesundheit oder sogar das Leben ihres Kindes. Dies ist auch gefährdet, wenn Kinder die zu ihrem Wohlergehen benötige Nahrung und Flüssigkeit nicht in ausreichender Menge mehrmals am Tag erhalten. Dabei muss die Zusammensetzung und der Nährwert dem jeweiligen Bedarf des Kindes nach Alter und Besonderheiten, wie es beispielsweise eine Allergie darstellt, angepasst sein. Gerade bei Krankheiten ist der Körper des Kindes anfälliger und geschwächt und benötigt eine besondere Ernährung und, insbesondere bei Fieber, sehr viel Flüssigkeit, um nicht auszutrocknen.
Doch nicht nur bei geborenen Kindern, sondern bereits vor der Geburt kann eine Vernachlässigung am Kind, oder zutreffender gesagt, am Fötus stattfinden. Bei dem Suchtverhalten schwangerer Frauen wird durch die von der Mutter konsumierte Droge das ungeborene Kind körperlich geschädigt.. Durch dieses Verhalten der Mutter wird deutlich, dass sie die Bedürfnisse und Gefahren für das Kind niedriger ansiedelt als ihr eigenes Bedürfnis nach der Droge. Medizinische Vernachlässigungen innerhalb der Schwangerschaft können ebenfalls negative Folgen für das Kind haben. So kann das Fehlen von Medikamenten und Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft zu Defiziten und Störungen beim Fötus bzw. Kind führen. Bei einer Geburt an einem ungeeigneten Ort wie eine Toilette oder Hinterhof kann aufgrund fehlender professioneller Kontrolle während der Geburt und mangelnder Erstversorgung des Kindes ebenfalls von einer Vernachlässigung dessen körperlichen Unversehrtheit gesprochen werden.
Einen großen Stellenwert bei der Erfassung von Vernachlässigungen schreibt Strauß (2005, S. 105 – 115) der Bindungstheorie zu. Zusammenhänge zwischen Bindungsqualität, Verhalten des Kindes und dessen Bewältigungsstrategien können demnach Vernachlässigungen aufzeigen.
Nach Brisch (2000, S. 91) beinhaltet die von John Bowlby aufgestellte Bindungstheorie, dass ein Säugling in den ersten Lebensjahren eine starke emotionale Bindung zu einer Person, der Bindungsperson, entwickelt. Diese sucht er bei Gefahr oder Schmerz, mit dem Vertrauen, dass sie ihn vor Bedrohungen schützt und ihm Sicherheit gibt. Eine im ersten Lebensjahr aufgebaute Bindung bleibt für den Rest des gesamten Lebens erhalten. Ziegenhain (2/2001, S.6-7) spricht dieser sozial-emotionale Bindung eine positive Beeinflussung durch ausgeglichene Verhältnisse von Sicherheits- und Bindungsbedürfnissen einerseits und den Erkundungs- und Autonomiebedürfnissen andererseits zu. Normalerweise regulieren sich diese Bedürfnisse selber und erlauben es dem Kind mit Interesse dem Neuen gegenüberzustehen, gesichert durch die Gewissheit bei Unsicherheit oder Angst von der Bindungsperson Sicherheit und Schutz zu erhalten. Ist dieses Verhältnis zwischen Forschungsdrang und Sicherheitsbedürfnis gegeben, spricht man von einer sicheren Bindung. Das dafür zugrunde liegende zuverlässige und feinfühlige Verhalten der Bindungsperson ist nicht nur unerlässlich für eine sichere Bindung sondern auch Vorrausetzung für soziale Kompetenzen und einer annehmenden Persönlichkeitsentwicklung. Das Gegenstück dazu ist die unsichere Bindung. Die unsichere Bindung wird in unsicher-ambivalente und unsicher-vermeidende Bindungen unterteilt. Bei Bezugspersonen, die ihr Verhalten und ihren Umgang mit dem Kind unberechenbar und unvorhersehbar von feinfühligem, nicht-feinfühligem und ärgerlichem Verhalten wechseln, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Kinder eine unsichere-ambivalente Bindung aufbauen. Durch die inkonsistente Interaktionserfahrung wird es dem Säugling oder Kind schwer gemacht, verlässliche Erwartungen im Zusammenhang mit der Bezugsperson zu entwickeln. Das Sicherheitsgefühl, dass bei Gefahr oder anderen negativen Situationen die Bezugsperson Schutz gibt, ist in diesem Fall nicht gegeben. Widersprüchliche Gefühle in dem Kind, ausgelöst durch diese Unsicherheiten, sorgen dafür, dass es gegenüber der Bezugsperson zwischen sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen wechselt. Dies bedeutet eine große emotionale Anstrengung für das Kind und bringt eine starke Abhängigkeit von der Bezugsperson mit sich, erklärbar durch ein immerwährendes kindliches Überprüfen deren Reaktionen. Werden Kinder oder Säuglinge von ihrer Bezugsperson vor allem mit Zurückweisung, Ignoranz oder gar Feindseligkeit behandelt, entwickeln sie meist eine unsicher-vermeidende Bindung. Dies bedeutet für das Kind einen kontinuierlichen inneren Konflikt: Genau die Person, von der es Sicherheit und Geborgenheit erhofft, verhält sich zurückweisend und aggressiv. Das Kind erfährt zudem meist noch, dass sich diese Reaktionen noch verstärken, wenn es seine Gefühle äußert. Es versucht daher alles zu vermeiden, was zu starken Emotionen führen könnte und unterdrückt sogar die eigenen Bedürfnisse, oder drosselt sie zumindest stark. Dadurch hoffen sie, dem Gefühl der Zurückweisung durch die Bezugsperson zu entgehen, was offensichtlich als schwerwiegender empfunden wird. Es baut sich ein Nähe-Entfernungskompromiss auf, mit dem das Kind die größtmögliche Nähe zu der Bezugsperson sucht, ohne ihr so Nahe zu sein, dass es eine Zurückweisung zu befürchten hätte. Eine weitere Erscheinungsform ist der vermeidende Typ, der sich vor allem bei hoch unsicheren Bindungen entwickelt. Die Bezugsperson reagiert gar nicht oder nur sehr gering auf das Kind und ist emotional extrem zurückgezogen. Das Kind reagiert hierauf nicht nur mit einer Vermeidung der eigenen Emotionen sondern mit einer Unterdrückung oder Vermeidung der gesamten Kommunikation.
Die Bindung zu einer Bezugsperson und die damit verbundenen Schutzfunktionen beschreibt Brisch (2000, S. 91) als überlebenswichtig für ein Neugeborenes oder noch überwiegend unselbstständiges Kleinkind. Sie verspricht dem Kind zuverlässigen Schutz und Hilfe, einen sicheren Hafen, der dafür sorgt, dass das Kind sich sicher und geborgen fühlt. Aus diesem Gefühl der Geborgenheit heraus kann es die Welt erforschen und erkunden. Ziegenhain (2/2001, S.6-7) sieht die Bindungsqualität und die damit gemachten Erfahrungen als prägend für die Vorstellungen des Kindes über sich selber und andere Personen. Daraus resultiert das Verhalten des Kindes gegenüber anderen Menschen und neuen Erfahrungen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Kind, das seine Beziehungsperson als emotional verfügbar, zuverlässig und sicher erfährt, sich selber als kompetent und liebenswert erlebt. Wohingegen ein Kind, das seine Bezugsperson als unzureichend schützend, wenig emotional zugänglich und schlimmstenfalls als unzureichend körperlich fürsorglich erfährt, sich selber auch als negativ und nicht akzeptiert wahrnimmt. Dadurch nehmen sie andere Menschen als aggressiv und feindselig wahr und reagieren ihrerseits auf andere abwehrend und bedrohlich. Doch trotz der negativen Auswirkungen sind auch unsichere Bindungen äußerst intensiv, so dass Kinder auch dann eine lebenslange Bindung zu ihren Eltern aufbauen und erhalten, wenn diese nicht in der Lage sind, ihre Kinder adäquat zu versorgen. Durch eine, bei der hochunsicheren Bindung fehlenden, Unterstützung und Hilfe zur Regulierung der eigenen Gefühle und der sozialen sowie kognitiven Entwicklung, sind vernachlässigte Kinder des vermeidenden Typs völlig auf sich alleine gestellt. Daher entwickeln sie sich gerade im ersten Lebensjahr in diesen Bereichen nur verzögert und reagieren sehr passiv auf ihre Umwelt. Mit zunehmendem Alter entwickeln viele Kinder dann Strategien mit ihrer unzuverlässigen Bezugsperson umzugehen. Sie zeigen Gefühle, die zwar für die Situation positiv sind, die aber nicht ihren tatsächlichen Empfindungen entsprechen. Beispielsweise lächeln sie, obwohl sie wütend sind. Mitunter versucht das Kind durch Albernheiten die Aufmerksamkeit der Bezugsperson zu erlangen. Auch durch ein liebevolles und fürsorgliches Verhalten der betreffenden Person gegenüber, wird um Aufmerksamkeit gebuhlt. Im Extremfall kann dieses Verhalten zur Übernahme einer Mutterrolle führen. Sie stellen somit ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um die der anderen zu erkennen und zu erfüllen, in der Hoffnung, dadurch deren Aufmerksamkeit zu erhalten. Selbstzweifel und innere Unzufriedenheit sind die Folge der andauernden Verleugnung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Gemäß Egle (2005, S.81-83) haben Untersuchungen mit Tieren belegt, dass es eine enge Verbindung zwischen frühen Bindungsstörungen und persönlichen Stressbewältigungsstrategien gibt. Bindungsstörungen haben demnach eine lebenslange Auswirkung auf die Stressresistenz des Individuums. Doch eine Funktionseinschränkung des Stressverarbeitungssystems wirken sich erheblich auf die physische und psycho-soziale Verletzbarkeit aus.
Neben den akuten und lebensgefährlichen Folgen einer Vernachlässigung stellen Langzeitfolgen eine erhebliche Gefahr für die kindliche Unversehrtheit dar. Diese können sich je nach Vernachlässigungsart unterschiedlich auf das Kind auswirken. Allerdings gilt für alle Bereiche der in Jacobi (2005, S.18) veröffentlichte Grundsatz, dass die Folgen von Vernachlässigung um so gravierender sind, je jünger das Kind ist und je länger die Vernachlässigung andauert. Bender und Lösel (2005, S.90) bemerken, dass je jünger das Kind ist, umso empfindsamer und anfälliger ist das kindliche Gehirn für Störungen. Daher kann mangelnde Fürsorge das kindliche Gehirn biochemisch, strukturell und funktional verändern. Eine präventive Funktion geben Egle und Hardt (2005, S. 21) Schutzfaktoren, die dafür sorgen können, dass das Kind sich trotz aller hemmenden Einflüsse gut und lebenskompetent entwickelt. Solche Schutzfaktoren finden sich in dem Bereich der Persönlichkeit des Kindes, in dem familiären Zusammenhalt (wobei hier auch die äußere Familie wie Tante, Onkel, Großvater oder Großmutter gemeint ist) und externe Unterstützungen, die das Kind fördern und unterstützen. Diese Faktoren können dem Kind bei der Bewältigung von Vernachlässigungsfolgen helfen. Dies geschieht durch die Reduzierung von Folgeerscheinungen, durch Veränderungen oder Abschwächung von Risikofaktoren, Entwicklung und Förderung des kindlichen Selbstwertgefühles oder Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen.
Die Vernachlässigung ist hierbei auf die Menge oder auf die falsche Zusammensetzung der gegebenen Nahrung zurückzuführen. Als Folge einer chronisch einseitigen Ernährung oder auch einer dauerhaften Unterernährung von Kindern nennt Jacobi (2005, S. 47-49) vor allem schwerste Rachitis. Ebenfalls ist aus diesem Bericht zu entnehmen, dass vor allem bei einem Eiweiß- und Vitamin-B Mangel in den ersten Lebensmonaten bei den Kindern ein wesentlich geringerer Intelligenz-Quotient zu erwarten ist. Trube-Becker (1982, S. 25) weist darauf hin, dass durch zu lange einseitige Nahrungsaufnahme Anämien entstehen, die ihrerseits zu schweren Erkrankungen bis hin zu Behinderungen führen können. In einer falschen bzw. ungenügenden Ernährung erkennt Engfer (2005, S. 5) gravierende Folgen in der Ausbildung einer Routine beim Trinken, Essen und Verdauung. Das macht sich sowohl im körperlichen Verhalten, wie auch bei der kognitiven Entwicklung bemerkbar. Beispielsweise koten und nässen Kinder ein, obwohl diese vom Alter her ihre Ausscheidungsorgane steuern können müssten und Niestroj (2005, S.149) beschreibt eine schwere Ernährungsstörung in Form von beständiger Angst nicht genügend Essen zu erhalten und verhungern zu müssen. Diese Angst wird hervorgerufen durch die immer wieder erlebte Erfahrung, dass es bei Hunger nicht selbstverständlich ist Essen zu erhalten. Selbst in Umgebungen, in denen diese Gefahr nicht reell besteht, beispielsweise bei einer Unterbringung bei Pflegeeltern, können diese Ängste nicht abgelegt werden. Eine weitere mögliche Form der Essstörung ist die Unfähigkeit bestimmte Nahrungsmittel zu essen. Hervorgerufen wird dies durch Erinnerungen in der es zum Beispiel dieses Nahrungsmittel nur verdorben oder ungenießbar gab. Kindler (2006, Punkt 24) schließt die Möglichkeit nicht aus, dass Mangel- oder Fehlernährung in der Kindheit zu dauerhaften Veränderungen im Stoffwechsel führen, die bei einer später reicheren Ernährung Stoffwechselerkrankungen und Fettsucht auslösen können. Bei schwerer Vernachlässigung der körperlichen Bedürfnisse ist ein geringeres Gehirnwachstum sowie ein herabgesetzter Stoffwechsel in einigen Gehirnbereichen zu erkennen. Dies könnte die kognitiven Einschränkungen erklären, die im Zusammenhang mit Vernachlässigung zu beobachten sind. Trube-Becker (1982, S. 103) beschreibt den Verlauf einer Unterernährung als einen langsamen Prozess, bei dem meist kleine, für den kindlichen Körper völlig ungenügende Nahrungsmengen gegeben werden. Dadurch ergibt sich eine gewisse Anpassung des Körpers an die geringe Nahrungsmenge und der damit verbundenen niedrigen Kalorienzufuhr, so dass der Stoffwechsel sich verlangsamt. Als weitere Maßnahme greift der Körper auf Fettreserven und die Muskulatur zurück. Erst nach einigen Wochen der chronischen Unterernährung verringert sich dann auch das Längenwachstum. Schließlich gibt der Körper auf und es kommt zu der schlimmsten Folge von Vernachlässigung, dem Kollabieren des Körpers und dem Tod des Kindes. Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern gibt Wolff (2002, S. 71) zu bedenken, dass das Risiko des Verhungerns sehr hoch ist, da sie aufgrund ihrer Entwicklung hochgradig abhängig von der Nahrungsgabe durch die Eltern sind.
[1] Im Zeitraum vom 1.4.96 bis 30.9.99 durchgeführtes Forschungsprojekt „Formelle und informelle Verfahren zur Sicherung des Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz“, nachzulesen in Mutke (2/2001, S.2-4).
[2] Die kindlichen Bedürfnisse umfassen unter anderem die eigene Gesundheit, angemessene Unterkunft, Ernährung, Bildung und Unterstützung für die emotionale sowie Kognitive Entwicklung (Christian, Cindy W.; Cox, Matthew, 2004, S. 18).
[3] Kindesmisshandlung Erkennen und Helfen, 9. Auflage, Druckerei Wagner, Siebenlehn, 2000, S. 22-23
[4] Kindesmisshandlung Erkennen und Helfen, 9. Auflage, Druckerei Wagner, Siebenlehn, 2000, S. 24-25
[5] Kindesmisshandlung Erkennen und Helfen, 9. Auflage, Druckerei Wagner, Siebenlehn, 2000, S. 29
9783638558853
9783656447313
v62684
Vernachlässigung Kindern Ursachen Verlauf Interventionsmöglichkeiten Sozialen Arbeit
Karin Gellert (Autor)
Vernachlässigung von Kindern. Handlungsmöglichkeiten in der sozialen Arbeit