Source: https://www.hensche.de/ruecktritt-vom-nachvertraglichen-wettbewerbsverbot-bag-10-azr-392-17.html
Timestamp: 2019-06-16 00:50:29
Document Index: 198769893

Matched Legal Cases: ['§ 74', '§ 74', '§ 323', '§ 346', '§ 74', '§ 286', '§ 323', '§ 320', '§ 74']

Rücktritt vom nachvertraglichen Wettbewerbsverbot - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 18/032
Bei Ver­zug des Ar­beit­ge­bers mit der Ka­ren­zent­schä­di­gung kön­nen Ar­beit­neh­mer nach er­folg­lo­ser Nach­frist­set­zung vom Wett­be­werbs­ver­bot zu­rück­tre­ten: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.01.2018, 10 AZR 392/17
05.02.2018. Die Ver­ein­ba­rung ei­nes nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bo­tes ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) ein ge­gen­sei­ti­ger Ver­trag, das heißt Leis­tung und Ge­gen­leis­tung ste­hen ein­an­der ge­gen­über wie z.B. bei ei­nem Kauf- oder Ar­beits­ver­trag.
Die Leis­tung des Ar­beit­neh­mers beim Wett­be­werbs­ver­bot be­steht da­bei in ei­nem Un­ter­las­sen, näm­lich in ei­ner (oh­ne das Wett­be­werbs­ver­bot zu­läs­si­gen) Tä­tig­keit für ei­nen Wett­be­wer­ber sei­nes Ex-Ar­beit­ge­bers. Die Ge­gen­leis­tung des Ex-Ar­beit­ge­bers be­steht in Geld, näm­lich in der sog. Ka­ren­zent­schä­di­gung.
Am Mitt­woch letz­ter Wo­che hat das BAG klar­ge­stellt, dass der Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­ver­zug das Recht zum Rück­tritt von ei­nem Wett­be­werbs­ver­bot hat: BAG, Ur­teil vom 31.01.2018,10 AZR 392/17 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).
Was können Ar­beit­neh­mer tun, wenn sich ihr Ex-Ar­beit­ge­ber nicht an ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot hält, d.h. die Ka­ren­zentschädi­gung nicht zahlt?
Im Streit: Ar­beit­ge­ber gerät mit der Ka­ren­zentschädi­gung in Ver­zug, wor­auf­hin der Ar­beit­neh­mer nach Nach­frist­set­zung vom Wett­be­werbs­ver­bot zurück­tritt
BAG: Bei Ver­zug des Ar­beit­ge­bers mit der Ka­ren­zentschädi­gung kann der Ar­beit­neh­mer nach er­folg­lo­ser Nach­frist­set­zung vom Wett­be­werbs­ver­bot zurück­tre­ten
Die Ver­ein­ba­rung ei­ner Ka­ren­zentschädi­gung in der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Min­desthöhe ist not­wen­dig für die Wirk­sam­keit ei­nes nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bots.
Ver­spricht der Ar­beit­ge­ber nämlich gar kei­ne Ka­ren­zentschädi­gung, ist das Wett­be­werbs­ver­bot nach der Recht­spre­chung von vorn­her­ein nich­tig.
Ist der Ar­beit­ge­ber da­ge­gen „nur“ zu knau­se­rig und ver­spricht zwar ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung, al­ler­dings un­ter­halb der in § 74 Abs.2 Han­dels­ge­setz­buch (HGB) vor­ge­schrie­be­nen Min­desthöhe von 50 Pro­zent der „zu­letzt be­zo­ge­nen ver­tragsmäßigen Leis­tun­gen“, so ist das Wett­be­werbs­ver­bot un­ver­bind­lich. In die­sem Fall hat der Ar­beit­neh­mer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses die Wahl, ob er sich an das Wett­be­werbs­ver­bot hält (dann muss er mit der un­ter­ge­setz­li­chen Ka­ren­zentschädi­gung zu­frie­den sein) oder ob er zur Kon­kur­renz geht (dann natürlich oh­ne Ka­ren­zentschädi­gung).
In bei­den Fällen ist das Wett­be­werbs­ver­bot aus Ar­beit­ge­ber­sicht recht­lich wert­los, denn das Ab­wan­dern des Ar­beit­neh­mers zur Kon­kur­renz nach sei­nem Aus­schei­den lässt sich da­mit nicht ver­hin­dern. Ar­beit­ge­ber soll­ten da­her bei der ver­trag­li­chen Aus­ge­stal­tung ei­nes Wett­be­werbs­ver­bots beim The­ma Ka­ren­zentschädi­gung nicht trick­sen, denn an­dern­falls kann der Ar­beit­neh­mer nach sei­nem Aus­schei­den tun, was er will.
Das hat das BAG im letz­ten Jahr er­neut bestätigt und klar­ge­stellt, dass ein Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Ka­ren­zentschädi­gung aus Gründen des Ar­beit­neh­mer­schut­zes auch dann nich­tig ist, wenn der Ver­trag ei­ne sal­va­to­ri­sche Klau­sel enthält (BAG, Ur­teil vom 22.03.2017, 10 AZR 448/15, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/086 Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Entschädi­gung, aber mit sal­va­to­ri­scher Klau­sel?).
In der Ent­schei­dung von letz­ter Wo­che ging es um die Fra­ge, ob sich der Ar­beit­neh­mer bei be­harr­li­cher Zah­lungs­ver­wei­ge­rung sei­nes Ex-Ar­beit­ge­bers per Rück­tritts­erklärung von ei­nem Wett­be­werbs­ver­bot lösen kann.
Ge­klagt hat­te ein tech­ni­scher An­ge­stell­ter mit ei­nem Brut­to­mo­nats­ver­dienst von zu­letzt 6.747,20 EUR, der mit sei­nem Ar­beit­ge­ber ein (ver­bind­li­ches) drei­mo­na­ti­ges Wett­be­werbs­ver­bot ver­ein­bart hat­te. Als Ka­ren­zentschädi­gung wa­ren 50 Pro­zent sei­ner mo­nat­lich zu­letzt er­hal­te­nen durch­schnitt­li­chen Bezüge ver­ein­bart. Ent­spre­chend der ge­setz­li­chen Re­ge­lung (§ 74b Abs.1 HGB) war ver­ein­bart, dass die Ka­ren­zentschädi­gung am Schluss des je­wei­li­gen Mo­nats fällig sein soll­te.
Nach­dem der Ar­beit­neh­mer zum 31.01.2016 gekündigt und den Be­trieb ver­las­sen hat­te, ver­lang­te er pünkt­lich am 01.03.2016 per E-Mail die Ka­ren­zentschädi­gung für Fe­bru­ar 2016, und zwar un­ter Frist­set­zung bis zum 04.03.2016, denn der Ar­beit­ge­ber hat­te bis da­hin nichts ge­zahlt.
Nach­dem der Ar­beit­ge­ber die Frist oh­ne Zah­lung hat­te ver­strei­chen las­sen, erklärte der Ar­beit­neh­mer mit ei­ner wei­te­ren E-Mail vom 08.03.2016 u.a. fol­gen­des:
„Be­zug­neh­mend auf Ih­re E-Mail vom 1. März 2016 so­wie das Te­le­fo­nat mit Herrn B. möch­te ich Ih­nen mit­tei­len, dass ich mich ab so­fort nicht mehr an das Wett­be­werbs­ver­bot ge­bun­den fühle.“
Später be­reu­te den Ar­beit­neh­mer die­se Erklärung, denn er woll­te sie im Nach­hin­ein als „Trotz­re­ak­ti­on“ ver­stan­den wis­sen. Dem­ent­spre­chend klag­te er die Ka­ren­zentschädi­gung für die vol­len drei Mo­na­te des ver­ein­bar­ten Wett­be­werbs­ver­bots (Fe­bru­ar bis April 2016) ein, d.h. (6.747,20 : 2 x 3 Mo­na­te =) 10.120,80 EUR.
Das Ar­beits­ge­richt Würz­burg gab der Kla­ge statt (Ur­teil vom 31.10.2016, 6 Ca 498/16). Da­ge­gen be­wer­te­te das für die Be­ru­fung zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg die E-Mail vom 08.03.2016 als wirk­sa­me Rück­tritts­erklärung und war der Mei­nung, dass das Wett­be­werbs­ver­bot in­fol­ge des Rück­tritts, d.h. mit Ab­lauf des 08.03.2016, sein En­de ge­fun­den hat­te.
Dem­ent­spre­chend ver­ur­teil­te das LAG den Ar­beit­ge­ber zu ei­ner Teil­zah­lung in Höhe der Ka­ren­zentschädi­gung von 3.373,60 EUR für Fe­bru­ar 2016 und von wei­te­ren 870,60 EUR für die acht Ta­ge vom 01.03. bis zum 08.03.2016 (LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 24.05.2017, 4 Sa 564/16).
Das BAG seg­ne­te die Ent­schei­dung des LAG Nürn­berg ab und wies die Re­vi­si­on des Ar­beit­neh­mers zurück, der sich dem­ent­spre­chend mit ei­ner an­tei­li­gen Ka­ren­zentschädi­gung zu­frie­den ge­ben muss. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:
Da ein nach­ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot ein ge­gen­sei­ti­ger Ver­trag ist, sind die all­ge­mei­nen ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen über den Rück­tritt, d.h. die §§ 323 ff. Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB), auf Wett­be­werbs­ver­bo­te an­zu­wen­den. Die Ka­ren­zentschädi­gung ist ei­ne Ge­gen­leis­tung für die Un­ter­las­sung von Kon­kur­renz. Er­bringt ei­ne Ver­trags­par­tei ih­re Leis­tung nicht, kann die an­de­re Ver­trags­par­tei da­her vom Wett­be­werbs­ver­bot zurück­tre­ten, wenn die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für den Rück­tritt vor­lie­gen, so die Er­fur­ter Rich­ter.
Der Ar­beit­ge­ber hat­te hier im Streit­fall die ver­ein­bar­te Ka­ren­zentschädi­gung nicht ge­zahlt, wes­halb der Ar­beit­neh­mer ein Recht zum Rück­tritt hat­te. Das Rück­tritts­recht hat­te er auch mit sei­ner E-Mail vom 08.03.2016 aus­geübt, d.h. da­mit sei­nen Rück­tritt erklärt. Die­se In­ter­pre­ta­ti­on der E-Mail vom 08.03.2016 durch das LAG Nürn­berg war in Ord­nung, so das BAG.
Ergänzend stellt das BAG klar, dass ein Rück­tritt von ei­nem nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bot ab­wei­chend von der all­ge­mei­nen ge­setz­li­chen Vor­schrift über den Rück­tritt (§ 346 Abs.1 BGB) das Wett­be­werbs­ver­bot nicht von An­fang an („ex tunc“) un­wirk­sam macht, son­dern erst für die Zeit nach der Rück­tritts­erklärung („ex nunc“).
Fa­zit: Ar­beit­ge­ber, die ein Ab­wan­dern ih­rer Ex-Ar­beit­neh­mer zur Kon­kur­renz ver­hin­dern wol­len, soll­ten die mo­nat­lich im Nach­hin­ein fälli­ge Ka­ren­zentschädi­gung pünkt­lich zah­len.
Denn in­fol­ge der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Fällig­keit der Ka­ren­zentschädi­gung am Mo­nats­schluss (§ 74b Abs.1 HGB) kommt der Ar­beit­ge­ber au­to­ma­tisch, d.h. oh­ne Mah­nung des Ar­beit­neh­mers in Ver­zug, wenn er die­sen Fällig­keits­ter­min ver­strei­chen lässt (§ 286 Abs.2 Nr.1 BGB). Da­her kann die Nach­frist­set­zung des Ar­beit­neh­mers gemäß § 323 Abs.1 BGB ei­ne recht kur­ze Frist von we­ni­gen Ta­gen ent­hal­ten. Im Er­geb­nis sind die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen Rück­tritt des Ar­beit­neh­mers vom Wett­be­werbs­ver­bot bei unpünkt­li­cher Zah­lung durch den Ar­beit­ge­ber ziem­lich schnell erfüllt.
Kei­ne gu­te Idee wäre es übri­gens für be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer, an­statt den Rück­tritt vom Wett­be­werbs­ver­bot zu erklären ein (ver­meint­li­ches) Zurück­be­hal­tungs­recht aus­zuüben. Das BAG hat nämlich be­reits vor vie­len Jah­ren ent­schie­den, dass ei­ne sol­che Re­ak­ti­on auf verzöger­te Zah­lung der Ka­ren­zentschädi­gung nicht zulässig ist (BAG, Ur­teil vom 05.10.1982, 3 AZR 451/80, Rn.23).
Denn ob­wohl ein Wett­be­werbs­ver­bot ein ge­gen­sei­ti­ger Ver­trag ist, steht dem Ar­beit­neh­mer das Zurück­be­hal­tungs­recht aus § 320 BGB bei verzöger­ter Entschädi­gungs­zah­lung nicht zu, weil der Ar­beit­neh­mer da­mit, so das BAG, sei­ne Leis­tung (die Un­ter­las­sung) nicht nur ein­be­hal­ten, son­dern zu­min­dest zeit­wei­lig und punk­tu­ell unmöglich ma­chen würde.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.01.2018, 10 AZR 392/17 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts)
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 31.01.2018, 10 AZR 392/17
Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg, Ur­teil vom 24.05.2017, 4 Sa 564/16
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 22.03.2017, 10 AZR 448/15
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 05.10.1982, 3 AZR 451/80
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/086 Wett­be­werbs­ver­bot oh­ne Entschädi­gung, aber mit sal­va­to­ri­scher Klau­sel?
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/243 Vor­ver­trag über künf­ti­ges Wett­be­werbs­ver­bot ist oh­ne Zeit­gren­ze un­ver­bind­lich
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/087 Entschädi­gung bei über­schießen­dem Wett­be­werbs­ver­bot
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 06/07 Wirk­sa­mes Wett­be­werbs­ver­bot bei pau­scha­lem Ver­weis auf HGB
10/243 Vor­ver­trag über künf­ti­ges Wett­be­werbs­ver­bot ist oh­ne Zeit­gren­ze un­verb...
13.12.2010. Auf nach­ver­trag­li­che Wett­be­werbs­ver­bo­te kann sich der Ar­beit­neh­mer bei sei­ner Be­rufs­pla­nung ein­stel­len. Das al­ler­dings nicht, wenn ein be­ding­tes Wett­be­werbs­ver­bot ver­ein­bart ist: ...
10/087 Ent­schä­di­gung bei über­schie­ßen­dem Wett­be­werbs­ver­bot
06.05.2010. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat ent­schie­den, dass ein Ar­beit­neh­mer, der nur den ver­bind­li­chen Teil ei­nes teil­wei­se un­ver­bind­li­chen Wett­be­werbs­ver­bots ein­hält, An­spruch auf Zah­lung ...
06/07 BAG: Ka­renz­ab­re­de auch bei pau­scha­lem Ver­weis auf HGB
30.06.2006. Auch ein pau­scha­ler Ver­weis auf die §§ 74 ff. HGB ge­nügt als Ver­ein­ba­rung ei­ner Ka­ren­zent­schä­di­gung und führt da­mit zur Wirk­sam­keit des Wett­be­werbs­ver­bots, und zwar auch bei ...