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Timestamp: 2019-09-23 07:46:47
Document Index: 156654144

Matched Legal Cases: ['§ 20', '§ 20', '§ 20', '§ 19', 'BGH', '§ 19', '§ 19', 'BGH', '§ 20', '§ 20', '§ 20', '§ 20', 'BGH', '§ 20', 'BGH', '§ 20', 'BGH', '§ 20', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

OLG Frankfurt am Main, Urteil vom 13.02.2007, Az. 11 U 24/06 (Kart) - 11880.de - Bettinger Scheffelt Müller, Rechtsanwälte
OLG Frankfurt am Main, Urteil vom 13.02.2007, Az. 11 U 24/06 (Kart) – 11880.de
hat der 1. Kartellsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main (…) aufgrund der mündlichen Verhandlung vom 28.11.2006
Die Berufung der Klägerin gegen das Urteil des Landgerichts Frankfurt am Main vom 17.05.2006 – Az.: 2/6 O 547/05 – wird zurückgewiesen.
Die Beklagte ist die bundesweit zentrale Registrierungs- und Vergabestelle für SLDs unter der Top-Level-Domain (nachfolgend TLD) „.de“. Auf ihrer Website teilt die Beklagte mit, sie erfülle ohne Gewinnerzielungsabsicht zum Nutzen und Wohle aller am Internet Interessierten und in Übereinstimmung mit den international anerkannten Standards für den Betrieb einer ccTLD-Registrierungsstelle ihre Aufgabe in Deutschland (Bl. 97 d. A.).
Die Klägerin beantragte mit Schreiben vom 08.07.2005 die Registrierung der Domain „AAHHH.de“ als SLD. Die Beklagte lehnte dies unter Hinweis auf ihre Registrierungsrichtlinien ab. In den „DENIC-Domain-Richtlinien“ unter IV. heißt es:
„Eine Domain kann (ungeachtet der TLD.de) nur bestehen aus Ziffern (0 – 9), Bindestrichen, den Buchstaben A – Z und den weiteren Buchstaben, die in der Anlage aufgeführt sind. Sie muss wenigstens einen Buchstaben enthalten … “ (Bl. 105 d. A.).
Die Klägerin hat die Auffassung vertreten, die Beklagte sei als markbeherrschendes oder zumindest als marktstarkes Unternehmen im Sinne des § 20 GWB anzusehen. Die Beklagte verstoße dadurch, dass sie ihr (Klägerin) die gewünschte Domain AAHHO.de nicht zuteile, gegen das Diskriminierungsverbot des § 20 Abs. 1 GWB und behindere sie unbillig. Zugleich behandle die Beklagte sie ohne sachlichen Grund ungleich. Die Klägerin hat behauptet, die Registrierung einer reinen Ziffern-Domain könne keine Störung verursachen, die nicht genau so durch eine kombinierte Ziffern- und Buchstaben-Domain verursacht werden könne. Eine Verwechselung der IP-Nummern sei aufgrund der Verbesserung der technischen Gegebenheiten nicht mehr denkbar. Die Klägerin hat auf den Standard des RFC (Request for Comments) 1123 aus dem Jahre 1989 verwiesen, wonach in Abweichung des RFC 952 aus dem Jahre 1985 die Beschränkung für das erste Zeichen in einer Domain dahin erleichtert worden sei, dass entweder ein Buchstabe oder eine Ziffer erlaubt sei (Bl. 132 d. A.). Weiterhin hat die Klägerin darauf verwiesen, dass die generischen TLDs .com, .net, .org, .biz, .info und .eu die Verwendung reiner Zifferndomains zulassen und von den Länder-TLDs (ccTLDs) inzwischen beispielsweise Belgien, Luxemburg, Frankreich, Italien, Finnland, Portugal und Spanien ebenfalls reine Ziffern-TLDs registrierten. In Westeuropa würden – außer durch die Beklagte – lediglich in Österreich, Schweden, Norwegen und den Niederlanden derzeit keine solche Domains registriert. Im Übrigen bezieht sich die Klägerin dafür, dass die Verwechselung einer reinen Zifferndomain mit einer IP-Adresse tatsächlich nicht möglich sei, auf ein von ihr eingeholtes Gutachten von Herrn Prof. Dr. SV1 vom 20.09.2005 (Bl. 120 – 131 d. A.) nebst ergänzender Stellungnahme vom 06.03.2006 (Bl. 274 – 287 d. A.).
Weiter hat die Klägerin gemeint, dass die Beklagte sich selbst verpflichtet habe, die RFCs als internationale Standards einzuhalten. Die Beklagte diskriminiere sie (die Klägerin) gegenüber anderen Telefongesellschaften, für die die von diesen gewünschten SLDs registriert würden. Aus der Verweigerung der Zuweisung der Domain AAHHO.de entstünden ihr erhebliche Wettbewerbsnachteile, da sie – unstreitig – aufgrund ihrer Werbestrategie diese Ziffernkombination und nicht ihre Firmenbezeichnung werblich in den Mittelpunkt gestellt habe und daher ausschließlich mit der Ziffernkombination identifiziert werde. Da ihre Leistungen unter der Telefonnummer AAHHO ausschließlich auf den deutschen Markt bezogen seien, seien generische TLDs, wie z. B. .com oder .info, für sie keine zumutbaren Ausweichmöglichkeiten.
Die Beklagte hat ferner behauptet, dass bei der Registrierung einer lediglich aus einer Zahlenfolge bestehenden Domain die Gefahr bestehe, dass eine solche Domain mit der IP-Nummer eines am Internet teilnehmenden Rechners verwechselt werde und es in diesen Fällen zu fehlgeleiteten Informationen und anderen Störungen kommen könne. Daher sei durch den RFC 952 vom Oktober 1985 festgelegt worden, dass eine Domain nicht mit einer Ziffer beginnen dürfe. Nachdem der RFC 1123 diese Bestimmung gelockert habe, habe der RFC 1912 aus dem Jahr 1996 ausdrücklich festgehalten: „Labels may not be all numbers“, d. h., dass Domanis nicht allein aus Ziffern bestehen dürfen (Bl. 229 d. A.). Die Beklagte hat sich deshalb darauf berufen, dass rund ¾ der 240 ccTLDs reine Zifferndomains nicht erlauben.
Ferner hat die Klägerin erwidert, dass die von der Beklagten herangezogene RFC 1912 nicht bindend sei. Die Verwechselung einer SLD AAHHO mit einer IP-Adresse komme schon deshalb nicht in Betracht, weil die SLD durch die Endung .de eindeutig nicht dem Format einer IP-Adresse entspreche. Auch könne der Zusatz .de bei einer Abfrage nicht „verloren gehen“. Tatsächlich habe es auch seit dem Jahr 2000 keine Berichte mehr über Probleme mit reinen Zifferndomains gegeben. Selbst wenn eine solche Verwechselung aufträte, wäre das Resultat doch nur, dass ein Internetnutzer einmal eine falsche Adresse erreiche. Dies würde im Ergebnis einem „Verwählen“ beim Telefonieren gleichen.
Durch das angefochtene Urteil hat das Landgericht die Klage abgewiesen. Zur Begründung hat es ausgeführt, dass in der Nichteintragung der Domain AAHHO.de keine unbillige Behinderung oder Ungleichbehandlung der Klägerin liege. Zwar behandle die Beklagte die Klägerin insofern gegenüber anderen Telefongesellschaften ungleich, als sie die von diesen gewünschten SLDs, die nicht lediglich aus Ziffern bestehen, registriert habe. Diese Ungleichbehandlung sei jedoch sachlich gerechtfertigt. Für die Beurteilung des sachlichen Grundes sei im Einzelfall eine Interessenabwägung erforderlich. Dabei sei einerseits das Interesse der Klägerin zu berücksichtigen, unter einer SLD registriert zu werden, die einer Ziffernfolge entspreche, die von ihr umfangreich für Dienstleistungen verwendet und beworben werde, eine besondere Bekanntheit in Deutschland genieße und zu ihren Gunsten als Marke geschützt sei. Die von ihr unter der Ziffernfolge angebotene deutschsprachige nationale Telefonauskunft habe auch einen besonderen Bezug zum deutschen Markt, so dass ein besonderes Interesse an der Registrierung unter der TLD .de bestehe. Andererseits müsse der Beklagten ein unternehmerischer Spielraum hinsichtlich der Anmeldekriterien verbleiben, der nicht vollständig von Interessen der Anmelder überlagert werden dürfe. Zugunsten der Beklagten sei in Rechnung zu stellen, dass sie die Klägerin nicht willkürlich, sondern nach den auf alle Anmelder gleichmäßig angewandten Registrierungsbedingungen behandle. Damit sei es auch anderen Telefonanbietern, die in besonderem Maße mit den ihnen zugewiesenen Telefonnummern werben, nicht möglich, eine ausschließlich aus diesen Ziffern bestehende SLD zu registrieren. Zudem sei zu berücksichtigen, dass es der Klägerin möglich gewesen wäre, vor der Bewerbung ihrer Bezeichnung AAHHO in Deutschland zu klären, ob eine entsprechende Bezeichnung als SLD unter der TLD .de eingetragen werden könne. Außerdem versperre die Beklagte der Klägerin nicht gänzlich den Zugang zum Internet, wie die zahlreich vorhandenen Domains der Klägerin zeigten. Insbesondere stelle die Domain AAHHO.com trotz des Bezugs der von der Klägerin angebotenen Leistungen zum deutschen Markt für diese eine zwar nicht vollkommen gleichwertige, aber zumutbare Alternative dar. Daher könne nicht verlangt werden, dass die Beklagte eine zwingende technische Notwendigkeit jeder einzelnen Beschränkung der Registrierung nachweise. Vorliegend beruhten die Beschränkungen seitens der Beklagten auf vernünftigen, nachvollziehbaren Erwägungen. Für die Gefahr einer Verwechselung bei der Verwendung reiner Ziffern-Domains mit IP-Adressen könne sich die Beklagte auf die RCF 1912 berufen. Diese sei nicht deshalb unbeachtlich, weil es sich hierbei um eine Information für die Internetgemeinde handele, die keinerlei Internet-Standard spezifiziere. Die RCF 1912 beschreibe Fehler, die häufig im Zusammenhang mit dem Ablauf von DNS-Servern und den dort befindlichen Daten aufgetreten seien, und folgere daraus, dass reine Zifferndomains vermieden werden müssen bzw. sollen. Die Gefahr, dass bei der Verwendung reiner Ziffern-Domains Schwierigkeiten auftreten könnten, werde durch das von der Klägerin vorgelegte Privatgutachten nebst ergänzender Stellungnahme bestätigt. Denn auch der Gutachter stelle fest, dass noch einige DNS-Server mit einer Software liefen, die nicht den Spezifikationen der entsprechenden RFCs genüge. Damit seien derzeit tatsächlich Schwierigkeiten aufgrund der Verwendung von nur aus Ziffern bestehenden SLDs zu befürchten. Auch in seiner ergänzenden Stellungnahme habe der Gutachter festgestellt, dass es seit dem Jahr 2000 mit Ausnahme des „internen Microsoftproblems mit dem Active Directory 2000“ keine Problemberichte gebe. Hieraus sei zu schließen, dass derzeit noch Probleme entstehen, auch wenn der Sachverständige diese als gering einstufe. Dem Anliegen der Beklagten, eine möglichst reibungslose Nutzung des Internets zu ermöglichen, müsse bei der Interessenabwägung besonders Rechnung getragen werden. Dass die von dem Gutachter angegebenen Probleme auf der Gefahr der Verwechselung reiner Zifferndomains mit der IP-Adresse beruhten, werde durch die ergänzende Stellungnahme des Gutachters bestätigt. Nach dem in der Gutachtenergänzung wiedergegebenen Zitat von Dr. SV2 sei das Hauptproblem, dass bei Zifferndomains ein Host eine Nummer eher als IP-Adresse als einen Namen interpretieren könne. Für das Bestehen solcher technischer Probleme spreche schließlich auch, dass in verschiedenen europäischen Ländern derzeit SLDs aus reinen Ziffern unzulässig seien. Wegen der Feststellungen und der Begründung des angefochtenen Urteils im Einzelnen wird auf Bl. 418 – 426 d. A. verwiesen.
die Beklagte zu verurteilen, für sie (Klägerin) die Internetdomain „AAHHO.de“ zu registrieren und frei zu schalten.
Die Beklagte ist allerdings Normadressatin des § 20 GWB. Sie hat eine marktbeherrschende Stellung im Sinne von § 19 Abs. 2 Nr. 1 GWB, weil sie auf dem sachlich und räumlich relevanten Markt ohne Wettbewerber ist. Nach dem für die Abgrenzung des sachlich relevanten Marktes geltenden Bedarfsmarktkonzept sind auf Angebotsmärkten sämtliche Erzeugnisse gleichwertig, die sich nach ihren Eigenschaften, ihrem wirtschaftlichen Verwendungszweck und ihrer Preislage so nahe stehen, dass der verständige Verbraucher sie als für die Deckung eines bestimmten Bedarfs geeignet in berechtigter Weise abwägend miteinander vergleicht und als gegeneinander austauschbar ansieht. Aus Sicht desjenigen, der gewerblich Leistungen über das Internet bewerben oder anbieten will, sind die von der Beklagten verwaltete TLD .de und generische oder gar ausländische TLDs jedoch nicht in diesem Sinne austauschbar. Zwar können diese Anbieter in technisch gleichwertiger Weise grundsätzlich über jede registrierte Domain erreicht werden. Zutreffend hebt die Klägerin jedoch darauf ab, dass die von der Beklagten zugeteilten SDLs unter der TLD .de in der Bundesrepublik Deutschland in besonderem Maße populär sind. Dies folgt schon aus der Vielzahl der registrierten Domains (9,37 Millionen). Inländische Interessenten an den von der Klägerin angebotenen Leistungen werden deshalb nach aller Lebenserfahrung eher nach einer .de-Domain als nach einer sonstigen SLD suchen. Soweit die Beklagte dies bestreitet, kann dem deshalb nicht gefolgt werden. Dies wird ferner dadurch bestätigt, dass nicht nur die Klägerin und ihre Hauptkonkurrentin, die X AG, sondern zahlreiche größere Unternehmen neben Domains mit anderen ccTLDs und generischen TLDs zusätzlich SLDs mit der TLD. de halten. Insofern hat sich an der Feststellung des Senats in der Sache ambiente.de (NJW 2001, 376) auch nicht dadurch etwas geändert, dass generische TLDs, wie .com, in den letzten Jahren stärkere Zuwächse verzeichnet haben als die von der Beklagten verwaltete TLD. Diese Stellung hat die Beklagte auch auf dem räumlich relevanten Markt. Dies ist das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Maßgeblich ist dafür, ob in dem betreffenden Gebiet die Marktgegenseite tatsächliche räumliche Ausweichmöglichkeiten hat (BGH GRUR 2004, 255, 256 – Strom und Telefon I; Ruppelt in: Langen/Bunte, Handbuch des deutschen und europäischen Kartellrechts, 2. Aufl., § 19 Rdn. 25). Nach § 19 Abs. 2 Satz 3 GWB kann der räumlich relevante Markt weiter sein als der Geltungsbereich des GWB. Vorliegend ist dies jedoch nicht der Fall, da das Kriterium für die Abgrenzung des sachlich relevanten Marktes, nämlich die besondere Bedeutung der .de-Domain, im Wesentlichen auf die Bundesrepublik Deutschland beschränkt ist, für die sie gerade das Herkunftskennzeichen darstellt. Auf in anderen Staaten verfügbare ccTLDs können an .de-Domains Interessierte nicht in gleichwertiger Weise verwiesen werden.
Die Klägerin begehrt ferner eine Leistung in einem Geschäftsverkehr, der gleichartigen Unternehmen üblicherweise zugänglich ist. Gleichartige Unternehmen sind hier – worüber die Parteien nicht streiten – Telefonunternehmen, d. h. Unternehmen, die u. a. Daten und Informationen auf dem Gebiet der Telekommunikation anbieten. Bei der beanspruchten Registrierung einer nur aus Ziffern bestehenden SLD handelt es sich auch um einen üblicherweise zugänglichen Geschäftsverkehr. Ob ein Geschäftsverkehr üblicherweise zugänglich ist, bestimmt sich nicht nach der Geschäftspraxis des in Anspruch genommenen Unternehmens, sondern danach, was sich innerhalb der in Betracht kommenden Kreise in natürlicher wirtschaftlicher Entwicklung als allgemein geübt und angemessen empfunden herausgebildet hat (BGH GRUR 1993, 146, 147 – Stromeinspeisung; Schultz in: Langen/Bunte, a. a. O., § 20 Rn. 102). Dies kann auch dazu führen, dass das Unternehmen eine Leistung erbringen muss, die es bislang nicht in seinem Sortiment hat. Andernfalls würde man die Anwendbarkeit des § 20 GWB in die Disposition des Normadressaten stellen (vgl. auch Schultz, a. a. O., § 20 Rn. 103 f.). Um den Anwendungsbereich des § 20 Abs. 1 GWB nicht unangemessen zu verkürzen, ist bei der Auslegung des Tatbestandsmerkmals des üblicherweise zugänglichen Geschäftsverkehrs ein eher weiter Maßstab anzulegen (BGH GRUR 1968, 159 – Rinderbesamung II; Schultz, a. a. O., Rdnr. 106). Daher kann nicht darauf abgestellt werden, dass die Beklagte gemäß ihren Richtlinien SLDs, die lediglich aus Ziffern bestehen, nicht vergibt. Vielmehr ist der üblicherweise zugängliche Geschäftsverkehr in der Zuteilung von SLDs unter der TLD .de überhaupt zu sehen. Die Gründe, weshalb die Beklagte reine Zifferndomains nicht vergibt, sind dagegen bei der Frage des sachlichen Grundes bzw. der Interessenabwägung zu berücksichtigen.
Zu 1.): In dem von der Klägerin vorgelegten Gutachten von Prof. Dr. SV1 vom 20.09.2005 wird ausgeführt, dass die Ziffernfolge AAHHO keiner gültigen IP-Adresse entspreche, da diese ausschließlich als Folge von vier Dezimalstellen angegeben werden, die durch einen Punkt getrennt sind, und jede Dezimalzahl lediglich den Wert zwischen 0 und 255 annehmen könne. Die Beklagte hält dem ohne weiteren Widerspruch durch die Klägerin entgegen, dass IP-Nummern auch ohne trennende Punkte, somit als einheitliche Zahlen geschrieben werden könnten. Der Sachverständige Prof. Dr. SV1 hat hierzu weiterhin ausgeführt, soweit generell immer wieder von fehlerhaft arbeitenden Namens-Servern berichtet werde, seien die dafür ursächlichen Fehler jedoch unabhängig davon, ob eine reine Zifferndomain oder ein Domainname mit Buchstaben vorliege. Andererseits bestätigt der Sachverständige, dass noch einige DNS-Server mit Software laufen, die nicht den Spezifikationen der entsprechenden RFCs genügen (Bl. 128/129 d.A.), zum Beispiel alte Resolver-Software, die noch auf RFC 822 bzw. RFC 952 basiert, die damals keine reinen Zifferndomain-Namen erlaubten (zu nennen ist hier ferner der RFC 1034, Bl. 227 d. A.). Auch in der vom Sachverständigen zitierten, allerdings undatierten Äußerung des Netzwerk-Experten Dr. SV2 wird dies bestätigt („The main problem that may appear is that, when trying to resolve a numerical name, a host might interpret the number as an IP address rather than a name“). Als Grund gibt Dr. SV2 an, dass noch alte Einrichtungen bestehen, die nicht vollständig mit den gegenwärtigen Standards übereinstimmen: „As a result, compatibility problems may still exist with such systems“ (Bl. 282 d. A.). Auch wenn der RFC 1123, der reine Ziffern-Domains zulässt, bereits 1989 eingeführt wurde und damit alte Regelungen abgelöst worden sind, kann somit nicht ausgeschlossen werden, dass derartige veraltete Resolver-Software noch benutzt wird. Im Übrigen muss in Betracht gezogen werden, dass Resolver-Software nunmehr auf dem RFC 1912 basiert, der wiederum nur aus Ziffern bestehende Domains verbietet. Wenn damit auch nicht feststeht, ob tatsächlich noch an das Internet angeschlossene Server mit solcher, technisch veralteter Software arbeiten, muss die Möglichkeit doch weiterhin ernsthaft in Betracht gezogen werden. Dass die Beklagte keine seit 2000 aufgetretenen Fälle benennen kann, genügt nicht, um die Möglichkeit sicher auszuschließen. Dies reicht als Feststellung aus, da der Beklagten nicht auferlegt werden kann, alle angeschlossenen Server daraufhin zu überprüfen. Von einem Sachverständigengutachten ist keine weitergehende Klärung zu erwarten. Es fehlt schon an Anknüpfungstatsachen, weil nicht bekannt ist, in welchem Umfang derartige ungeeignete Software noch benutzt wird.
Zu 2.): Ferner wendet Prof. Dr. SV1 ein, der Domainname AAHHO.de entspreche durch die Endung .de eindeutig nicht dem Format einer IP-Adresse. Die Beklagte hält dem unwidersprochen entgegen, dass Domains in der Regel zugleich als sogenannte Hostnames verwendet werden, sodann aber gerade ohne die TLD .de geschrieben werden, so dass sie nicht mehr anhand dieses Zusatzes von einer IP-Nummer unterschieden werden können. Schließlich weist die Beklagte auch zu Recht darauf hin, dass in der Vergangenheit – wie erwähnt – Probleme aufgetreten sind, obwohl sich IP-Nummern und Domains schon immer durch die TLD unterschieden haben.
Ferner spricht der RFC 1912 für die Behauptung der Beklagten. Seine Aussage „Labels may not be all numbers, but may have a leading digit“ wird von der Beklagten zutreffend übersetzt: „Labels dürfen nicht allein aus Ziffern bestehen“. „May not“ bedeutet nicht, wie die Klägerin meint, „soll nicht“, sondern enthält ein striktes Verbot, das inhaltsgleich ist mit „must not“, lediglich in einer höflicheren Formulierung. Auf den Status dieses RFC im Verhältnis zum RFC 1123 kann es nicht ankommen. Entscheidend ist, dass sich der RFC 1912 auf berichtete Probleme mit der Erleichterung durch RFC 1123 stützt („some older hosts still reportedly have problems with the relaxation in [RFC 1123]“, Bl. 229 d.A.). Der RFC 1912 datiert zwar vom Februar 1996 und ist damit mehr als zehn Jahre alt. Offenbar hat es aber anschließend keinen RFC gegeben, die dies als überholt oder veraltet behandelt. Zwar besagt der RFC 2181 (Juli 1997) „Implementations of the DNS protocols must not place any restrictions on the labels that can be used“(Bl. 276/277 d.A.). Damit wird gefordert, dass Domain-Nameserver-Protokolle keine Beschränkungen bezüglich der Domains enthalten dürfen, dies schließt jedoch nicht aus, dass tatsächlich weiterhin Software benutzt wird, die dem nicht entspricht. Die Beklagte steht mit ihrer Befürchtung auch nicht allein. Nach dem unbestrittenen Vortrag der Beklagten wird dies von drei Vierteln aller ca. 240 ccTLDs ebenso gehandhabt. Es trifft zwar zu, dass andere Länder, die zunächst den Standpunkt der Beklagten eingenommen haben, inzwischen reine Ziffern-TLDs registrieren. Dies sowie die Registrierungspraxis bedeutender generischer TLDs beruht ersichtlich auf der Einschätzung, dass die Gefahr einer Verwechselung einer reinen Zifferndomain mit einer IP-Nummer als äußerst geringfügig eingeschätzt wird. Daraus lässt sich jedoch nicht herleiten, dass die Gefahr technisch auszuschließen ist.
Ob damit ein sachlicher Grund die Ungleichbehandlung rechtfertigt, ist aufgrund einer umfassenden, einzelfallbezogenen Interessenabwägung zu entscheiden. Dabei muss von dem Grundsatz ausgegangen werden, dass auch der Normadressat des § 20 Abs. 1 und 2 GWB sein unternehmerisches Verhalten so ausgestalten kann, wie er es für wirtschaftlich richtig und sinnvoll hält (BGH GRUR 2003, 893 – Schülertransporte; Schultz, a. a. O., § 20 Rdn. 123), wobei allerdings willkürliches Verhalten nicht privilegiert sein darf. Ferner muss die den Wettbewerb beschränkende Maßnahme des Normadressaten objektiv sachgemäß und angemessen sein (BGH Betriebsberater 1979, 1678, 1679 – Vermittlungsprovision für Flugpassagen II; Markert in: Immenga/Mestmäcker, GWB, 3. Aufl., § 20 Rdn. 142), was in erster Linie die Beachtung des Verhältnismäßigkeitsprinzips und damit die Wahl des mildesten Mittels erfordert. Wägt man die Interessen der Klägerin gegenüber denjenigen der Beklagten ab, so erscheinen die Belange der Klägerin auch unter Berücksichtigung der auf die Freiheit des Wettbewerbs gerichteten Zielsetzung des GWB nicht ausreichend, um der Beklagten eine Änderung ihrer Praxis abzuverlangen. Letztlich wird die Klägerin lediglich in einem, wenn auch nicht unerheblichen Bereich ihrer Möglichkeiten eingeschränkt, von Interessenten erreicht zu werden. Da aber zahlreiche andere Zugangsmöglichkeiten bestehen, mögen diese auch für die Klägerin nicht den Wert einer .de-Domain haben, ist ihr der Verzicht auf die beanspruchte SLD eher zuzumuten als der Beklagten die Registrierung einer Domain AAHHO.de. Die Erwägung der Beklagten, mit der sie die Registrierung ablehnt, geht von der tatsächlich bestehenden Gefahr einer Verwechselung aus. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Verwechselung und eines erheblichen Schadens kann zwar als sehr gering eingestuft werden. Dass eine Störung des Internetverkehrs nur von geringer Wahrscheinlichkeit ist und auch deren Auswirkungen derzeit nicht konkret dargestellt werden können, verhilft der Klägerin jedoch nicht zum Erfolg. Der Beklagten ist zuzubilligen, dass sie nur SLDs vergibt, die eine solche Störung vollkommen ausschließen. Es kann zudem nicht außer Acht bleiben, dass infolge der Zulassung einer reinen Ziffern-SLD im Falle der Klägerin mit zahlreichen Ziffern-Registrierungswünschen anderer Internet-Teilnehmer zu rechnen ist. Die Beklagten müsste dann jeweils prüfen, inwieweit die gewünschte Ziffernfolge größere technische Probleme hervorrufen könnte als im Streitfall. Dies würde die an sich von der Beklagten angestrebte effektive, schnelle und preiswerte Registrierung (vgl. BGH GRUR 2001, 1038, 1040 – ambiente.de) mit zusätzlichem, nicht unerheblichem Aufwand belasten. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die Beklagte ihre Aufgabe im Interesse sämtlicher Internet-Nutzer und damit zugleich im öffentlichen Interesse wahrnimmt (BGH a. a. O. – ambiente.de). Dem Interesse der Beklagten an einer effektiven Vergabepraxis gebührt deshalb grundsätzlich der Vorrang (BGH a. a. O., S. 1041 – ambiente.de). Dabei kann offen bleiben, ob zu Ungunsten der Klägerin auch zu berücksichtigen ist, dass sie sich überhaupt in ihrer Marketingstrategie dazu entschlossen hat, ihre Rufnummer in den Vordergrund zu stellen, obwohl sie wusste oder zumindest hätte wissen müssen, dass gerade die Beklagte eine SLD AAHHO.de nicht registrieren wird. Ein milderes Mittel als der völlige Ausschluss reiner Zifferndomains ist der Beklagten nicht möglich, insbesondere kommt auch die probeweise Zulassung der begehrten Domain nicht in Frage. Zum einen müsste die Beklagte – wie erwähnt – aus Gründen der Gleichbehandlung auch weiteren Registrierungsanträgen dieser Art stattgeben mit der Folge zahlreicher, aber nur zum Teil parallel laufender Erprobungen. Zum anderen werden die befürchteten Fehlfunktionen nicht immer offenbar, so dass der Verlauf der Erprobung nicht zuverlässig feststellbar wäre.