Source: http://m.hensche.de/Tarifeinheit_Grundsatz_der_Tarifeinheit.html
Timestamp: 2017-09-26 09:15:57
Document Index: 367643640

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', 'Art.9', 'Art.9', 'Art.9']

Was besagt der Grundsatz der Tarifeinheit?
Ta­rif­verträge gel­ten un­mit­tel­bar und zwin­gend für die ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en (§ 4 Abs.1 Ta­rif­ver­trags­ge­setz - TVG).
Ar­beit­ge­ber,
die als Par­tei ei­nes Haus­ta­rif­ver­trags (Fir­men­ta­rif­ver­trags) an den Haus­ta­rif­ver­trag ge­bun­den sind, oder
die über die Mit­glied­schaft in ei­nem Ar­beit­ge­ber­ver­band an die Ver­bands­ta­rif­verträge ge­bun­den sind,
müssen auf­grund ih­rer Ta­rif­bin­dung je­den sei­ner­seits ta­rif­ge­bun­de­nen (= ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten) Ar­beit­neh­mer nach dem Ta­rif­ver­trag be­han­deln, den die Ge­werk­schaft aus­ge­han­delt hat, de­ren Mit­glied der Ar­beit­neh­mer ist.
Da Ar­beit­ge­ber oft an die Ta­rif­verträge meh­re­rer Ge­werk­schaf­ten ge­bun­den sind und weil die Ar­beit­neh­mer größerer Be­trie­be mit großer Wahr­schein­lich­keit in ver­schie­de­nen Ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­siert sind, kann § 4 Abs.1 TVG da­zu führen, dass in ei­nem Be­trieb für ver­schie­de­ne Ar­beits­verhält­nis­se bzw. ver­schie­de­ne Ar­beit­neh­mer(grup­pen) ver­schie­de­ne Ta­rif­verträge gel­ten.
Die­se Ta­rifp­lu­ra­lität wie­der­um hat ei­nen or­ga­ni­sa­to­ri­schen Mehr­auf­wand zur Fol­ge, ver­gli­chen mit der eher ein­fa­chen Si­tua­ti­on, in der die Per­so­nal­ver­wal­tung nur die Ta­rif­verträge ei­ner Ge­werk­schaft an­wen­den muss.
Um die Ar­beit­ge­ber hier zu ent­las­ten, wand­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) lan­ge Jah­re das Prin­zip der Ta­rif­ein­heit an. Die­sem Prin­zip zu­fol­ge soll­te nur ein Ta­rif­ver­trag für al­le Ar­beit­neh­mer­grup­pen ei­nes Be­triebs an­ge­wandt wer­den, auch wenn die­se in ver­schie­de­nen Ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­siert wa­ren.
Die Fra­ge, wel­cher Ta­rif­ver­trag die­se her­aus­ge­ho­be­ne Rol­le spie­len soll­te, wur­de be­ant­wor­tet, in­dem man sich den Ta­rif­ver­trag her­aus­such­te, der dem Be­trieb räum­lich, fach­lich und persönlich am nächs­ten stand und da­her den Ei­gen­ar­ten des Be­triebs am bes­ten ge­recht wur­de. Da­her ver­dräng­te der „spe­zi­el­le­re“ Ta­rif­ver­trag al­le an­de­ren.
Und da die großen, im Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) ver­tre­te­nen Ge­werk­schaf­ten auf­grund ih­rer vie­len Mit­glie­der und ih­rer jahr­zehn­te­lan­gen er­folg­rei­chen Ta­rif­pra­xis prak­tisch im­mer sol­che „spe­zi­el­le­ren“ Ta­rif­verträge vor­wei­sen konn­ten, muss­ten es die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten hin­neh­men, dass ih­re Ta­rif­verträge nicht an­ge­wandt wur­den.
Das Prin­zip der Ta­rif­ein­heit führt da­her im Er­geb­nis da­zu, dass die von klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten aus­ge­han­del­ten Ta­rif­verträge weit­ge­hend recht­lich wir­kungs­los blie­ben, ob­wohl § 4 Abs.1 TVG vor­schreibt, dass die Ta­rif­verträge für die bei­der­seits ta­rif­ge­bun­de­nen Ar­beits­ver­trags­par­tei­en un­mit­tel­bar und zwin­gend gel­ten.
Wann hat das Bundesarbeitsgericht den Grundsatz der Tarifeinheit aufgegeben und warum?
Der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit ist nicht nur schlecht mit § 4 Abs.1 TVG zu ver­ein­ba­ren, son­dern passt eben­so schlecht zu dem Ko­ali­ti­ons­grund­recht von Ge­werk­schaf­ten und ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mern, d.h. zu Art.9 Abs.3 Satz 1 des Grund­ge­set­zes (GG).
Die­se recht­li­che Un­gleich­be­hand­lung be­nach­tei­ligt klei­ne­re Ge­werk­schaf­ten ge­genüber den eta­blier­ten Ge­werk­schaf­ten bei der Mit­glie­der­wer­bung und beim Aus­han­deln von Ta­rif­verträgen und schränkt da­her die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der Klei­ne­ren er­heb­lich ein. Da die­se Grund­recht­s­ein­schränkung nicht durch über­wie­gen­de trif­ti­ge Gründe des Ge­mein­wohls ge­recht­fer­tigt ist, liegt ei­ne Grund­rechts­ver­let­zung vor. Der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit wur­de da­her von vie­len ar­beits­recht­li­chen Au­to­ren als ver­fas­sungs­recht­lich un­zulässig kri­ti­siert.
In zwei Ent­schei­dun­gen aus dem Jah­re 2010 ist das BAG die­ser Kri­tik ge­folgt und hat den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit of­fi­zi­ell auf­ge­ge­ben (BAG, Be­schluss vom 27.01.2010, 4 AZR 549/08 (A), und BAG, Be­schluss vom 23.06.2010, 10 AS 3/10 -wir be­rich­te­ten darüber in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/134 Ab­schied vom Grund­satz der Ta­rif­ein­heit).
Welche Auswirkungen hat der Grundsatz der Tarifeinheit auf das Streikrecht kleinerer Gewerkschaften?
Gar kei­ne. Streiks sind nämlich wie erwähnt vom Ko­ali­ti­ons­grund­recht (Art.9 Abs.3 GG) ab­ge­deckt, d.h. das Strei­ken ist ei­ne Betäti­gung die­ses Grund­rechts mit dem Ziel, ei­nen Ta­rif­ver­trag ab­zu­sch­ließen.
Da­mit es aber über­haupt zu ver­schie­de­nen, für ei­nen Ar­beit­ge­ber glei­cher­maßen ver­bind­li­chen Ta­rif­verträge kommt, müssen auch die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten zunächst ein­mal strei­ken dürfen mit dem Ziel, die Ar­beit­ge­ber­sei­te zum Ta­rif­ab­schluss zu brin­gen. Denn oh­ne das Recht zum Streik sind Ta­rif­ver­hand­lun­gen, so das BAG in ständi­ger Recht­spre­chung, nicht viel mehr als "kol­lek­ti­ves Bet­teln".
Im we­sent­li­chen ist ein Streik nach der Recht­spre­chung rechtmäßig, wenn er als Mit­tel zum Zweck ei­ner ta­rif­ver­trag­li­chen Ei­ni­gung ein­ge­setzt wird. Im Ein­zel­nen müssen rechtmäßige Streiks
den Ab­schluss ei­nes (recht­li­che zulässi­gen) Ta­rif­ver­trags zum Ziel ha­ben, und
die Frie­dens­pflicht be­ach­ten, d.h. das Streik­ver­bot, das sich aus der Gel­tung noch lau­fen­der Ta­rif­verträge er­gibt.
Kann der Grundsatz der Tarifeinheit mit praktischen Problemen bei der Tarifanwendung gerechtfertigt werden?
In der po­li­ti­schen Dis­kus­si­on über den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit wird die Bei­be­hal­tung bzw. ge­setz­li­che Fest­schrei­bung die­ses Grund­sat­zes oft mit ei­nem prak­ti­schen Ar­gu­ment ge­recht­fer­tigt:
Stärkt der Grundsatz der Tarifeinheit die Solidarität unter den Arbeitnehmern?
Ein wei­te­res Ar­gu­ment pro Grund­satz der Ta­rif­ein­heit wird vom Deut­schen Ge­werk­schafts­bund (DGB) und sei­nen Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten vor­ge­bracht. Es lau­tet:
Verhindert der Grundsatz der Tarifeinheit zu häufige Streiks kleiner Gewerkschaften?
Sch­ließlich wird der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit in der po­li­ti­schen Dis­kus­si­on oft in Zu­sam­men­hang mit Streiks klei­ner Ge­werk­schaf­ten ge­bracht. Die­ses Ar­gu­ment lau­tet:
Die­ses Ar­gu­ment ist al­ler­dings von vorn­her­ein nicht schlüssig. Denn wie erwähnt, be­schränkt der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit als sol­cher nicht das Strei­k­reicht klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten, son­dern führt "nur" da­zu, dass de­ren (er­streik­te) Ta­rif­verträge nicht an­wen­det wer­den.
Außer­dem lässt sich bis­lang nicht be­le­gen, dass die Auf­ga­be des Grund­sat­zes der Ta­rif­ein­heit durch das BAG im Jah­re 2010 fak­tisch zu ver­mehr­ten Streiks geführt hätte. Zu die­sem Er­geb­nis kommt ei­ne 2011 vor­ge­stell­te wis­sen­schaft­li­che Stu­die des Rhei­nisch-Westfäli­schen In­sti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (RWI), die im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirt­schaft und Tech­no­lo­gie (BM­Wi) die Aus­wir­kun­gen un­ter­such­te, die die Ta­rifp­lu­ra­lität auf das deut­sche Ta­rif­ver­trags­sys­tem und auf die Häufig­keit von Ar­beitskämp­fen hat. Das Fa­zit die­ser Stu­die lau­tet (S.33):
Muss der Staat etwas gegen Dauer-Tarifverhandlungen und Dauer-Streiks kleiner Gewerkschaften unternehmen?
Wenn "klei­ne" Be­rufs­grup­pen wie die Lokführer, Pi­lo­ten, Flug­lot­sen oder Kran­ken­hausärz­te strei­ken, können man­che Po­li­ti­ker und Jour­na­lis­ten der Ver­su­chung nicht wi­der­ste­hen, ei­ne Be­schränkung des Streik­recht klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten zu for­dern. Be­gründet wird die­se For­de­rung mit fol­gen­dem Ar­gu­ment:
Die­ses Ar­gu­ment ist aber we­nig plau­si­bel, denn klei­ne Ge­werk­schaf­ten müssen eben­so wie große zu­se­hen, dass sie mit ih­ren For­de­run­gen ih­re Mit­glie­der mo­bi­li­sie­ren und die öffent­li­che Mei­nung für sich ge­win­nen können.
Zu weit­ge­hen­de For­de­run­gen und/oder ei­ne zu kom­pro­miss­lo­se Hal­tung in Ta­rif­ver­hand­lun­gen stoßen bald auf Un­verständ­nis bei Mit­glie­dern und in der Öffent­lich­keit. Kei­ne Ge­werk­schaft kann es sich er­lau­ben, länger zu strei­ken als nötig, und un­rea­lis­ti­sche For­de­run­gen führen auf die Dau­er zu ta­rif­po­li­ti­schen Miss­er­fol­gen und letzt­lich zu Mit­glie­der­schwund.
Muss der Staat Streiks kleiner Funktionseliten in Verkehrs- und Versorgungsbetrieben beschränken?
Ein wei­te­res Ar­gu­ment, mit dem ei­ne Be­gren­zung des Streik­rechts klei­ner Spar­ten­ge­werk­schaf­ten be­gründet wird, lau­tet:
Die­ses Ar­gu­ment ist zwar prin­zi­pi­ell rich­tig, darf aber nicht über­be­wer­tet wer­den. Denn Streiks sind in Deutsch­land sel­ten, und wenn es ein­mal zu Streiks kommt, dau­ern sie meist nur we­ni­ge Ta­ge. Die ty­pi­sche Streik­form in Deutsch­land ist der Warn­streik, d.h. das kur­ze Mus­kel­spiel der Ge­werk­schaf­ten.
In Frank­reich, Eng­land oder Ita­li­en ist das an­ders. Dort fal­len nicht nur ins­ge­samt pro Jahr und Ar­beit­neh­mer mehr Ar­beits­stun­den als in Deutsch­land auf­grund von Streiks aus, son­dern auch die Ver­bis­sen­heit, mit der ge­streikt wird, ist größer: Müll­wer­ker in Frank­reich strei­ken not­falls wo­chen­lang, was in Deutsch­land un­denk­bar wäre.
Ab­ge­se­hen da­von be­las­ten Streiks ge­gen Un­ter­neh­men der "Da­seins­vor­sor­ge" die All­ge­mein­heit nicht da­durch stärker, dass sie von klei­nen statt von großen Ge­werk­schaf­ten geführt wer­den. Ob die "große" DGB-Ge­werk­schaft ver.di die Bus­fah­rer zum Streik auf­ruft oder die "klei­ne" Lokführer­ge­werk­schaft GDL die Lokführer: Für die am Streik nicht be­tei­lig­ten Fahrgäste sind die ne­ga­ti­ven Ef­fek­te die­sel­ben.
Natürlich sind Streiks von Bus­fah­rern, Lokführern, Pi­lo­ten oder Flug­lot­sen lästig für al­le die­je­ni­gen, die ge­ra­de auf die be­streik­ten Ver­kehrs­mit­tel an­ge­wie­sen sind. Das heißt aber noch lan­ge nicht, dass sol­che Streiks mit kri­mi­nel­len Ma­chen­schaf­ten ver­gli­chen wer­den könn­ten, wie es das Ge­re­de von der „Gei­sel­haft“ sug­ge­riert, in die die Strei­ken­den an­geb­lich die All­ge­mein­heit neh­men würden.
Der im März 2012 un­ter dem Ein­druck des Flug­lot­sen­streiks er­stell­te, von den Ju­ra-Pro­fes­so­ren Fran­zen, Thüsing und Wald­hoff vor­ge­leg­te Ge­set­zes­ent­wurf zum „Ar­beits­kampf in der Da­seins­vor­sor­ge“ (vom 19.03.2012) wird da­her ei­ne Außen­sei­ter­mei­nung blei­ben.
Wer fordert eine gesetzliche Festschreibung des Grundsatzes der Tarifeinheit?
Als Re­ak­ti­on auf die Kehrt­wen­de des BAG beim The­ma Ta­rif­ein­heit im Jah­re 2010 mach­ten der DGB und die Bun­des­ver­ei­ni­gung Deut­scher Ar­beit­ge­ber­verbände (BDA) vorüber­ge­hend ge­mein­sa­me Sa­che. Sie schlu­gen nämlich in ei­nem ge­mein­sam ver­fass­ten po­li­ti­schen Po­si­ti­ons­pa­pier vor, den Grund­satz der Ta­rif­ein­heit ge­setz­lich fest­zu­schrei­ben.
Die­se Vor­schläge gin­gen über die bis­he­ri­ge BAG-Recht­spre­chung hin­aus, d.h. sie woll­ten die Rech­te klei­ne­rer Ge­werk­schaf­ten noch stärker be­schränken als das BAG in sei­ner al­ten Recht­spre­chung (BDA, DGB: Funk­ti­onsfähig­keit der Ta­rif­au­to­no­mie si­chern - Ta­rif­ein­heit ge­setz­lich re­geln). Nach­dem die­se An­tis­t­reik­po­li­tik in ei­ge­nen Rei­hen auf Kri­tik stieß, ließen die DGB-Ge­werk­schaf­ten das Pro­jekt Mit­te 2011 fal­len (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/114 BDA-DGB-Ge­set­zes­in­itia­ti­ve zur Ta­rif­ein­heit be­en­det).
Kaum hat­te der DGB zurück­ge­ru­dert, presch­te die SPD vor und nahm den Streik der Vor­feld-Mit­ar­bei­ter des Frank­fur­ter Flug­ha­fens zum An­lass, An­fang März 2012 ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung zur Ta­rif­ein­heit zu for­dern (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/095 SPD schlägt Ge­set­zes­in­itia­ti­ve ge­gen die Zer­split­te­rung der Ta­ri­fland­schaft vor).
Ei­ne kurz dar­auf ab­ge­hal­te­ne Aus­spra­che im Deut­schen Bun­des­tag mach­te al­ler­dings deut­lich, dass die SPD mit die­ser For­de­rung po­li­tisch ziem­lich al­lein da­steht. Denn al­le an­de­ren Frak­tio­nen si­gna­li­sier­ten, dass sie der SPD in die­ser Fra­ge nicht fol­gen würden (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/103 Streit um Ta­rif­ein­heit).
En­de Ju­ni 2014 veröffent­lich­te das Ar­beits­mi­nis­te­ri­um so­dann ein Eck­punk­te­pa­pier zum The­ma Ta­rif­ein­heit, das der Vor­be­rei­tung ei­ner Ge­set­zesände­rung dient den Ko­ali­ti­ons­ver­trag in die­sem Punkt um­set­zen soll. Ziel ist die Auflösung von "Ta­rifp­lu­ra­litäten". Da­zu sind fol­gen­de künf­ti­ge Re­ge­lun­gen vor­ge­se­hen:
Wenn die be­tei­lig­ten Ge­werk­schaf­ten ih­re Zuständig­kei­ten nicht ab­stim­men und wenn es nicht zu in­halts­glei­chen Ta­rif­verträgen ver­schie­de­ner Ge­werk­schaf­ten kommt (sog. An­schluss­ta­rif­verträge), dann soll das Ne­ben­ein­an­der ver­schie­de­ner Ta­rif­verträge durch An­wen­dung des Mehr­heits­prin­zips auf­gelöst wer­den, d.h. es kommt nur der Ta­rif­ver­trag der­je­ni­gen Ge­werk­schaft zur An­wen­dung, die im Be­trieb mehr Mit­glie­der hat (Mehr­heits­ge­werk­schaft).
Dies schließt, so das Eck­punk­te­pa­pier, "in­so­weit auch ei­ne Er­stre­ckung der Frie­dens­pflicht aus dem Ta­rif­ver­trag der Mehr­heits­ge­werk­schaft auf die Min­der­heits­ge­werk­schaft ein".
Wäre die gesetzliche Einführung des Grundsatzes der Tarifeinheit verfassungsgemäß?
Nein, das wäre sie aus den oben be­reits ge­nann­ten Gründen nicht.
Die Nicht­an­wen­dung le­gal zu­stan­de ge­kom­me­ner Ta­rif­verträge klei­ner, aber so­zi­al mäch­ti­ger, streik­be­rei­ter und da­her "ech­ter" Ge­werk­schaf­ten auf­grund ei­ner recht­li­chen Be­vor­zu­gung größerer Ge­werk­schaf­ten schränkt die Ko­ali­ti­ons­frei­heit der klei­nen Ge­werk­schaf­ten da­her ein, und zwar ein ei­ner ex­trem weit­ge­hen­den Wei­se. Letzt­lich de­gra­diert der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit die klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten zu so­zi­al­po­li­ti­schen De­bat­tier­clubs.
Über­wie­gen­de Gründe des Ge­mein­wohls, die ei­nen so weit­ge­hen­den Grund­rechts­ein­griff recht­fer­ti­gen würden, sind nicht vor­han­den. Ar­beit­ge­ber, die auf­grund ab­wei­chen­der Ge­werk­schafts­zu­gehörig­kei­ten ih­rer Ar­beit­neh­mer gleich­zei­tig ver­schie­de­ne Ta­rif­verträge an­wen­den müssen, ste­hen da­durch zwar vor ge­wis­sen prak­ti­schen Pro­ble­men, doch sind die­se Pro­ble­me of­fen­sicht­lich nicht so gra­vie­rend, dass sie die Ta­rif­unmündig­keit klei­ner Ge­werk­schaf­ten recht­fer­ti­gen könn­ten.
Wären Einschränkungen der Streikfreiheit kleiner Gewerkschaften verfassungsgemäß?
Nein, sol­che Ein­schränkun­gen wären ver­fas­sungs­wid­rig, weil sei das durch Art.9 Abs.3 Satz 1 GG ga­ran­tier­te Streik­recht der von sol­chen Ein­schränkun­gen be­trof­fe­nen klei­nen Ge­werk­schaf­ten ver­let­zen würden.
Ein sol­ches Streik­ge­setz müss­te aber ein­heit­lich für al­le Ge­werk­schaf­ten gel­ten und dürf­te sich nicht ge­zielt ge­gen "klei­ne" Spar­ten- bzw. Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten rich­ten.
So wäre es zum Bei­spiel ver­fas­sungs­wid­rig, den DGB-Ge­werk­schaf­ten Streiks (wie bis­her) auch dann oh­ne Ein­schränkun­gen zu er­lau­ben, wenn sich die­se ge­gen Un­ter­neh­men der "Da­seins­vor­sor­ge" rich­ten (d.h. ge­gen Ver­kehrs­un­ter­neh­men, Kran­kenhäuser, En­er­gie­ver­sor­ger, Schu­len), klei­ne­ren Ge­werk­schaf­ten sol­che Streiks aber zu un­ter­sa­gen.
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