Source: https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2009/06/rs20090610_1bvr082508.html
Timestamp: 2018-08-15 04:07:32
Document Index: 371259570

Matched Legal Cases: ['§ 193', '§ 12', '§ 53', 'Art. 9', '§ 193', 'Art. 11', '§ 204', 'Art. 11', '§ 203', 'Art. 11', '§ 206', 'Art. 11', '§ 12', 'Art. 44', '§ 12', 'Art. 44', 'Art. 11', '§ 12', 'Art. 44', '§ 12', 'Art. 44', '§ 12', 'Art. 44', '§ 8', 'Art. 45', '§ 12', '§ 21', '§ 53', '§ 193', '§ 12']

Bundesverfassungsgericht - Entscheidungen - § 193 Abs 5 S 1 VVG () und § 12 Abs 1b S 1 VAG () sind verfassungskonform auszulegen - Kein Kontrahierungszwang im Basistarif für kleinere private Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit bei Nichtmitgliedern
StartseiteEntscheidungen Beschluss vom 10. Juni 2009 - 1 BvR 825/08
zum Beschluss des Ersten Senats vom 10. Juni 2009
- 1 BvR 825/08 -
Der Kontrahierungszwang für Krankenversicherungen nach Einführung des Basistarifs durch die Gesundheitsreform 2007 greift bei kleineren Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit im Sinne von § 53 VAG in die Vereinigungsfreiheit des Art. 9 Abs. 1 GG ein. Der Kontrahierungszwang besteht deswegen nur gegenüber Antragstellern aus ihrem nach der Satzung vorgesehenen Mitgliederkreis.
1. des L... VVaG,
2. des M... VVaG,
Adenauerallee 8a, 53113 Bonn -
gegen a) § 193 Abs. 5 des Gesetzes über den Versicherungsvertrag (Versicherungsvertragsgesetz - VVG), eingefügt durch Art. 11 Abs. 1 des Gesetzes zur Reform des Versicherungsvertragsrechts (VVG-ReformG) vom 23. November 2007 (BGBl I S. 2631),
b) § 204 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 in Verbindung mit Satz 3 VVG, eingefügt durch Art. 11 Abs. 1 VVG-ReformG,
c) § 203 Abs. 1 Satz 2 VVG, eingefügt durch Art. 11 Abs. 1 VVG-ReformG,
d) § 206 Abs. 1 Satz 1 VVG, eingefügt durch Art. 11 Abs. 1 VVG-ReformG,
e) § 12 Abs. 1a, 1c des Gesetzes über die Beaufsichtigung der Versicherungsunternehmen (Versicherungsaufsichtsgesetz - VAG), eingefügt durch Art. 44 Nr. 5 Buchstabe b des Gesetzes zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz - GKV-WSG) vom 26. März 2007 (BGBl I S. 378),
f) § 12 Abs. 1b VAG, eingefügt durch Art. 44 Nr. 5 Buchstabe b GKV-WSG, geändert durch Art. 11 Abs. 2 VVG-ReformG,
g) § 12 Abs. 1d VAG, eingefügt durch Art. 44 Nr. 5 Buchstabe c GKV-WSG,
h) § 12 Abs. 4b VAG, eingefügt durch Art. 44 Nr. 5 Buchstabe d GKV-WSG,
i) § 12g VAG, eingefügt durch Art. 44 Nr. 7 GKV-WSG,
j) § 8 Abs. 1 Nr. 6, 7 der Verordnung über die versicherungsmathematischen Methoden zur Prämienkalkulation und zur Berechnung der Alterungsrückstellung in der privaten Krankenversicherung (Kalkulationsverordnung - KalV), geändert beziehungsweise eingefügt durch Art. 45 Nr. 3 GKV-WSG
„Der Versicherer ist verpflichtet,
Versicherung im Basistarif nach § 12 Abs. 1a des Versicherungsaufsichtsgesetzes zu gewähren. ...“
Bei den Beschwerdeführern handelt es sich um kleinere Versicherungsvereine, die ihren Mitgliedern Krankenkostenvollversicherungen und bestimmte Zusatzversicherungen anbieten. Sie müssen diese Versicherungen stets im Rahmen eines Mitgliedschaftsverhältnisses abschließen, denn Versicherungsgeschäfte ohne Mitgliedschaft, die § 21 Abs. 2 VAG den größeren Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit gestattet, sind ihnen nicht erlaubt; § 53 Abs. 1 Satz 2 VAG bestimmt dazu ausdrücklich: „Versicherungen gegen festes Entgelt, ohne dass der Versicherungsnehmer Mitglied wird, dürfen nicht übernommen werden.“
Zwar differenzieren § 193 Abs. 5 Satz 1 VVG und § 12 Abs. 1b Satz 1 VAG nicht zwischen kleineren und größeren Versicherungsgesellschaften im Sinne des Versicherungsaufsichtsgesetzes, sondern stellen unterschiedslos auf „den Versicherer“ ab, der verpflichtet wird, dem berechtigten Personenkreis Versicherung im Basistarif zu gewähren. Allein der Wortlaut schließt jedoch eine Auslegung nicht aus, nach der der Kontrahierungszwang im Basistarif für die kleineren Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit nicht in vollem Umfang gilt. Maßgebend für den Inhalt einer Norm ist der in ihr zum Ausdruck kommende objektivierte Wille des Gesetzgebers, so wie er sich aus dem Wortlaut der Vorschrift und dem Sinnzusammenhang ergibt. Zur Erfassung des Sinnes der Norm sind alle Auslegungskriterien, insbesondere die Stellung der Einzelnorm im Gesetz sowie der Zweck der Regelung heranzuziehen. Dabei können gerade die systematische Stellung einer Vorschrift im Gesetz und ihr sachlich-logischer Zusammenhang mit anderen Vorschriften diesen Sinn und Zweck freilegen (vgl. BVerfGE 48, 246 <256> m.w.N.).
ECLI:DE:BVerfG:2009:rs20090610.1bvr082508
BVerfG, Beschluss des Ersten Senats vom 10. Juni 2009
- 1 BvR 825/08 - Rn. (1-54),
http://www.bverfg.de/e/rs20090610_1bvr082508.html
Nr. 78/2009 vom 14. Juli 2009
BVerfGE 124, 26 - 43