Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/fortsetzungstermin-tuerkei-angeklagte-3135352
Timestamp: 2019-09-16 06:25:04
Document Index: 329087733

Matched Legal Cases: ['§ 338', '§ 230', '§ 231', '§ 231', '§ 231', '§ 338', 'BGH', 'BGH', '§ 231', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 338']

Die­ser abso­lu­te Revi­si­ons­grund nach § 338 Nr. 5 StPO setzt im Sin­ne eines unge­schrie­be­nen Merk­mals vor­aus, dass der Ange­klag­te an wesent­li­chen Tei­len der Haupt­ver­hand­lung nicht teil­ge­nom­men hat1.
Die Fort­set­zung der Haupt­ver­hand­lung gegen den Ange­klag­ten an die­sen Ter­mi­nen ver­stößt gegen § 230 Abs. 1 StPO. Danach fin­det gegen einen aus­ge­blie­be­nen Ange­klag­ten eine Haupt­ver­hand­lung nicht statt, es sei denn, dies ist nach § 231 Abs. 2 StPO aus­nahms­wei­se zuläs­sig. Nach die­ser Vor­schrift darf eine unter­bro­che­ne Haupt­ver­hand­lung ohne den Ange­klag­ten zu Ende geführt wer­den, wenn er eigen­mäch­tig fern­ge­blie­ben ist, d.h. ohne Recht­fer­ti­gungs­o­der Ent­schul­di­gungs­grün­de wis­sent­lich sei­ner Anwe­sen­heits­pflicht nicht genügt2.
Eigen­mäch­tig einem Fort­set­zungs­ter­min fern bleibt auch der Ange­klag­te, der sich schon vor dem ange­setz­ten Ter­min wis­sent­lich und ohne Recht­fer­ti­gungs­o­der Ent­schul­di­gungs­grund, d.h. ohne Not, in eine Lage begibt, die für ihn vor­her­seh­bar mit dem erheb­li­chen Risi­ko ver­bun­den ist, zum ange­setz­ten Ter­min an der Teil­nah­me der Haupt­ver­hand­lung gehin­dert zu sein. Dem eigen­mäch­ti­gen Aus­blei­ben im Sin­ne von § 231 Abs. 2 StPO steht es des­halb gleich, dass sich ein Ange­klag­ter nach der Ver­neh­mung zur Sache – vor­her gilt § 231a StPO – in einen sei­ne Ver­hand­lungs­fä­hig­keit aus­schlie­ßen­den Zustand ver­setzt3. Dem ist die Situa­ti­on ver­gleich­bar, dass ein Ange­klag­ter wäh­rend einer lau­fen­den Haupt­ver­hand­lung in Deutsch­land im Aus­land vor­sätz­lich eine Straf­tat von Gewicht begeht, bei deren Ent­de­ckung er mit sei­ner Ver­haf­tung rech­nen muss, oder wenn ein in Deutsch­land vor Gericht ste­hen­der Ange­klag­ter, der schon frü­her eine Straf­tat ent­spre­chen­den Gewichts im Aus­land began­gen hat, wegen der er – wie er weiß – auch mit sei­ner Ver­haf­tung im Land des Tat­orts rech­nen muss, sich wäh­rend des Laufs der gegen ihn gerich­te­ten Haupt­ver­hand­lung ohne Not in jenes Land und dort in eine Situa­ti­on mit hohem Ver­haf­tungs­ri­si­ko begibt4.
Eine damit ver­gleich­ba­re Situa­ti­on hat der Ange­klag­te im vor­lie­gen­den Fall nach frei­be­weis­li­cher Über­prü­fung5 nicht pro­vo­ziert, da er nicht damit rech­nen konn­te, in der Tür­kei in Gewahr­sam genom­men bzw. ver­haf­tet zu wer­den:
vgl. Schmitt in MeyerGoßner/​Schmitt, StPO, 61. Aufl., § 338 Rn. 36 mwN [↩]
BGH, Beschluss vom 19.11.2009 – 4 StR 276/​09, BGHR StPO § 231 Abs. 2 Abwe­sen­heit, eigen­mäch­ti­ge 16 Rn. 5; Urteil vom 30.11.1990 – 2 StR 44/​90, BGHSt 37, 249, 251 [↩]
BGH, Urteil vom 19.02.2002 – 1 StR 546/​01, NStZ 2002, 533, 535 Rn. 14 mwN [↩]
BGH, Beschluss vom 07.11.2007 – 1 StR 275/​07 Rn. 18, NStZ-RR 2008, 285 [↩]
BGH, Beschluss vom 06.06.2001 – 2 StR 194/​01, BGHR StPO § 338 Nr. 5 Ange­klag­ter 24 [↩]