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Timestamp: 2016-12-08 05:03:07
Document Index: 304168297

Matched Legal Cases: ['§ 92', '§ 139', '§35', '§35', '§35', '§ 35', '§ 35', '§2']

Pressekonferenz: Innovationsreport 2014 (Kurzfassung) - LiveSlideToggle navigationBUSINESSEDUCATIONTECHNOLOGYTRAVELMORE TOPICSSign upSign in HomeNews & PoliticsPressekonferenz: Innovationsreport 2014 (Kurzfassung) of 183Pressekonferenz: Innovationsreport 2014 (Kurzfassung) Techniker Krankenkasse Pressestelle
Kurzfassung des Innovationsreports 2014, der auf einer Pressekonferenz am 2. April 2014 in Berlin vorgestellt wurde. Mit dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) hat der Gesetzgeber die Hersteller von Arzneimitteln verpflichtet, aufzuzeigen, ob ihre neuen Präparate im Vergleich zu bestehenden Alternativen einen Zusatznutzen besitzen. Allerdings liegen zum Zeitpunkt der Bewertung bzw. der Markteinführung oftmals noch keine ausreichenden Erkenntnisse darüber vor, welchen therapeutischen Fortschritt die Medikamente im realen Versorgungsalltag darstellen. Hier gibt der Innovationsreport 2014 Orientierung. Bereits zum zweiten Mal haben Wissenschaftler der Universität Bremen ausgewählte Arzneimittel bewertet, um echte von falschen Innovationen zu trennen.
Außerdem befasst sich der diesjährige Report mit dem Thema "Individualisierte" bzw. "Stratifizierte Medizin". Welche Chancen, welche Risiken bieten zum Beispiel Biomarkertests? Und was bedeuten die Ergebnisse für die Patienten und deren Therapie? Dieses Dokument kann für redaktionelle Zwecke und mit dem Hinweis "Quelle: Techniker Krankenkasse" honorarfrei verwendet werden. Eine Nutzung zu Werbezwecken ist ausgeschlossen.
News & Politics Source: www.slideshare.net Transcripts - Pressekonferenz: Innovationsreport 2014 (Kurzfassung)
Eine Analyse von Evidenz und Effizienz (Kurzfassung)
Auswertungsergebnisse von Routinedaten der Techniker Krankenkasse
aus den Jahren 2011 und 2012
Unter Mitarbeit von Angela Fritsch, Michaela Dollhopf, Frieda Höfel,
Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig
(Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft
(AkdÄ); Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und
Anschrift der Verfasser: Universität Bremen, Zentrum für Sozialpolitik (ZeS), Unicom-
Gebäude, Mary-Somerville-Str. 5, 28359 Bremen
Umfangreichere Literaturquellen sowie eine ausführliche Beschreibung der Methodik finden
sich in der Langfassung dieses Reports.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde an manchen Stellen auf die Nennung beider
geschlechtsspezifischer Formen verzichtet. Im Allgemeinen ist aber das jeweils andere
Geschlecht ebenfalls gemeint.
Vorwort zum Innovationsreport 2014 ............................................. 3
Zweites Vorwort zum Innovationsreport 2014 ................................ 5
1 Von neuen und alten Arzneimitteln ........................................... 9
2 Zielsetzung ................................................................................ 25
3 Neue Arzneimittel des Jahres 2011 – Versorgungsanalyse ........ 27
4 Kurzbewertungen der neuen Wirkstoffe ................................... 34
4.1 Abirateron ...........................................................................34
4.2 Apixaban .............................................................................36
4.3 Belatacept ...........................................................................38
4.4 Belimumab ..........................................................................40
4.5 Boceprevir ...........................................................................42
4.6 Cabazitaxel ..........................................................................44
4.7 Collagenase (aus Clostridium histolyticum) ........................46
4.8 Dexamfetamin ....................................................................48
4.9 Eribulin ................................................................................50
4.10 Fampridin ............................................................................52
4.11 Fingolimod ..........................................................................54
4.12 Ipilimumab ..........................................................................56
4.13 Linagliptin ............................................................................58
4.14 Nabiximols (Cannabis-Extrakt) ............................................60
4.15 Pirfenidon ...........................................................................62
4.16 Pitavastatin .........................................................................64
4.17 Retigabin .............................................................................66
4.18 Tafamidis .............................................................................68
4.19 Telaprevir ............................................................................70
4.20 Ticagrelor ............................................................................72
5 Diskussion ................................................................................. 75
6 Bestandsmarktarzneimittel-Bewertungen................................. 84
6.1 Ezetimib + Simvastatin (Inegy®) ..........................................84
6.2 Oxycodon + Naloxon (Targin®) ............................................86
6.3 Pregabalin (Lyrica®) .............................................................88
7 Stratifizierende Medizin: Potenziale und Grenzen ..................... 91
7.1 Begriffsbestimmungen ........................................................91
7.2 Biomarker............................................................................95
7.3 Gendiagnostik aus der Apotheke ..................................... 103
7.4 Wie gut ist ein diagnostischer Test? ................................ 109
7.5 Möglichkeiten und Grenzen einer biomarker-basierten
Medizin ............................................................................ 117
7.6 Vemurafenib .................................................................... 128
8 Keypoints ................................................................................ 131
Literaturverzeichnis ...................................................................... 135
Anhang: Nutzenbewertungs-News zu neuen Arzneimitteln .......... 151
Eylea® (Wirkstoff: Aflibercept) ................................................... 152
Forxiga® (Wirkstoff: Dapagliflozin) ............................................. 154
Eliquis® (Wirkstoff: Apixaban) .................................................... 156
Zytiga® (Wirkstoff: Abirateron) .................................................. 158
Zaltrap® (Wirkstoff: Aflibercept) ................................................ 160
Lyxumia® (Wirkstoff: Lixisenatid) ............................................... 162
Perjeta® (Wirkstoff: Pertuzumab) .............................................. 164
Gliptine ...................................................................................... 166
Stribild® (HIV-Vierfachkombination) .......................................... 172
Iclusig® (Wirkstoff: Ponatinib) .................................................... 174
Imnovid® (Wirkstoff: Pomalidomid) ........................................... 176
Xtandi® (Wirkstoff: Enzalutamid) ............................................... 178
Im Januar 2011 trat das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) in
Kraft. Schon damals war klar, dass dieses Gesetz große Veränderungen für
die Pharmaindustrie und die Gesetzliche Krankenversicherung mit sich
bringen wird. Und so bleibt das Thema "Frühe Nutzenbewertung" von
Arzneimitteln also auch im vierten AMNOG-Jahr ein gesundheitspolitischer
Gleich zu Beginn der Regierungszeit der Großen Koalition gab es die
letzten Änderungen, indem von einem generellen Bestandsmarktaufruf
abgesehen, der Herstellerrabatt erhöht und das Preismoratorium ver-längert
wurde. Dadurch entfällt für den Bestandsmarkt allerdings die
Orientierungsfunktion der Nutzenbewertung. Gleichwohl weist der Aufruf
des Bestandsmarktes verschiedene Schwierigkeiten auf und würde sich
über einen sehr langen Zeitraum erstrecken. Die finanziellen Wirkungen
könnten also nicht kurzfristig und wahrscheinlich auch nicht im vollen
Umfang erzielt werden. In Abwägung dieser Vor- und Nachteile ist die
vorgesehene Regelung sicherlich ein pragmatischer Weg. Ergänzend
sollten alle Beteiligten an einer konsequenten Anwendung zum Beispiel
der Festbetragsregelungen für Mittel des Bestandsmarktes arbeiten, um
hier finanzielle Potentiale zu heben. Im Sinne einer guten Arzneimittelver-sorgung
sollten die durch den Wegfall des Bestandsmarktaufrufs fehlende
Information aber durch andere Instrumente ersetzt werden. Dies kann
zum Beispiel der Innovationsreport leisten, den wir bereits im zweiten Jahr
unterstützen. Er wurde vom Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) an der
Universität Bremen erstellt und beinhaltet unter anderem eine struk-turierte
Nachdem im letzten Jahr hauptsächlich Prä-AMNOG-Wirkstoffe betrachtet
wurden, liefert der Innovationsreport 2014 eine Bewertung zu 20 neuen
Präparaten aus dem Jahr 2011. Auf Basis der Zulassungsstudien und
weiterer vorliegenden Studien wurden wie im Vorjahresreport drei
Dimensionen analysiert: das Vorliegen einer verfügbaren Therapie-alternative
bei Zulassung, der nachgewiesene Zusatznutzen und die Ver-
gleichskosten. Ergänzt wird dies durch Versorgungsanalysen auf Grundlage
Weitere Bestandteile des aktuellen Berichts sind ein Rückblick auf die im
letzten Innovationsreport besprochenen Wirkstoffe sowie ein Kapitel zum
Bestandsmarkt. Hier wurden drei Präparate analysiert, die für die TK eine
besondere Kostenrelevanz haben bzw. ursprünglich vom G-BA für den
Bestandsmarktaufruf ausgewählt waren.
Abschließend widmet sich der Report in einem Sonderkapitel dem Thema
Stratifizierte Medizin. Dieser Begriff wird mit Fortschritt und mit großen
Erwartungen verknüpft. Hier ist es besonders wichtig, Ärztinnen und
Ärzten sowie Patientinnen und Patienten Informationen und Orientierung
zu geben. Der Innovationsreport möchte Potential und aktuelle Grenzen
der stratifizierenden Medizin aufzeigen. Hierzu ist es wichtig, als
Grundlage sowohl Begriffsbestimmungen aber auch Gütekriterien diag-nostischer
Tests sachlich zu erläutern. Dies gilt umso mehr für solche
Tests, die in Apotheken frei erhältlich sind. Der Innovationsreport be-wertet
die Evidenz ausgewählter Tests.
Einen weiteren Schwerpunkt des Sonderkapitels stratifizierende Medizin
bilden Biomarker. Diese finden vermehrt Anwendung als "companion
diagnostics", d.h. um festzustellen, ob eine bestimmte Therapie für einen
Patienten geeignet ist. So sind bereits 27 Arzneimittel zugelassen, deren
Anwendung direkt an die Analyse eines bestimmten Biomarkers geknüpft
ist. Der Innovationsreport 2014 beschreibt die Chancen aber auch Ge-fahren
der "companion diagnostics" in Abhängigkeit des zugrunde-liegenden
Studiendesigns. Das Feld der stratifizierten Medizin eröffnet
sicherlich große Chancen für die medizinische Versorgung. Diese gilt es zu
nutzen. Gleichzeitig müssen Fragen der Ethik, zu der Begrenztheit der
Tests oder auch den Kosten beantwortet werden. Zum Beispiel: Ist trotz
negativem Biomarker eine neue Therapie vielleicht doch sinnvoll? Wie
präzise ist das Testergebnis? Welche Kosten sind gerechtfertigt?
Deshalb brauchen wir weitere Forschung und Studien zu diesem Bereich.
Und die Betroffenen, Ärzte wie Patienten, brauchen Orientierung. Hier
nützliche Informationen zu geben, ist das Ziel des Innovationsreports
Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission
der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ)
Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG), das am
01.01.2011 in Kraft trat, verfolgte zwei wichtige Ziele: zum Ersten sowohl
die Bewertung des Zusatznutzens neuer Arzneimittel, wie sie auch in
diesem Report vorgenommen wird, als auch von Arzneimitteln, die vor
dem 1. Januar 2011 zugelassen wurden (sog. Bestandsmarkt), zum Zweiten
die Vereinbarung eines Erstattungsbetrags für neue oder bereits zugelas-sene
Arzneimittel zwischen GKV-Spitzenverband und pharmazeutischem
Unternehmer (pU). Infolge dieses Gesetzes basiert in Deutschland – wie
bereits seit einigen Jahren in anderen europäischen Ländern – der Preis
eines neuen Arzneimittels auf der Bewertung seines therapeutischen
Zusatznutzens. Die bisherigen Erfahrungen mit der „frühen Nutzen-bewertung“
von mehr als 60 neuen Arzneimitteln zeigen, dass weder ein
neuartiges Wirkprinzip oder eine innovative biochemische Struktur des
Wirkstoffs noch der Nachweis der Wirksamkeit und Sicherheit im Rahmen
der Zulassung garantieren, dass dieser Wirkstoff zu einem für Patienten
relevanten Zusatznutzen führt und somit auch einen therapeutischen
Mit dem vom Bundestag am 20. Februar verabschiedeten 14. Gesetz zur
Änderung des SGB V und der Zustimmung des Bundesrates am 14. März
2014 wird nach Inkrafttreten des Gesetzes am 1. April 2014 die Nutzen-bewertung
von Arzneimitteln im Bestandsmarkt aufgehoben. Begründet
wird diese Gesetzesänderung mit einem deutlich zu hohen methodischen
und administrativen Aufwand, aber auch mit einer großen Planungs-unsicherheit
für pU, ob und ggf. wann ihre Produkte des Bestandsmarktes
einer Bewertung des Zusatznutzens unterzogen werden. Zahlreiche Insti-tutionen
des Gesundheitswesens, darunter auch die Bundesärztekammer
und AkdÄ, haben die Aufgabe der Nutzenbewertung von Arzneimitteln im
Bestandsmarkt scharf kritisiert, da sich unter den häufig verordneten,
kostenintensiven, patentgeschützten Arzneimitteln zahlreiche Scheininno-vationen
(sog. Analog- oder „Me-too“-Präparate) befinden, deren Ver-ordnung
von pU mit theoretischen Gründen, nur selten aber mit guter Evi-denz
aus klinischen Studien beworben wird. Diese Aussage wird auch be-
kräftigt durch die Ergebnisse der bereits im Juni 2012 veranlassten Be-wertung
der Wirkstoffgruppe der Gliptine zur Behandlung des Diabetes
mellitus Typ 2. Nur für zwei Wirkstoffe ergaben sich Hinweise auf einen
geringen Zusatznutzen gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie,
der sich zudem auf einige wenige Indikationssegmente beschränkte. Be-denkt
man, dass Gliptine gegenüber der Vergleichstherapie etwa zehnfach
teurer sind und ihre Verordnungszahlen in den letzten Jahren außer-ordentlich
zugenommen haben, wird die potenzielle Bedeutung der
Nutzenbewertung des Bestandsmarktes für die Kostenentwicklung im
Gesundheitssystem deutlich. Auch die teilweise bereits begonnene
Nutzenbewertung von weiteren Wirkstoffen des Bestandsmarktes, die der
G-BA in 2013 aufgerufen hatte – beispielsweise teure Analogpräparate im
Schmerzmittelbereich, wie Tapentadol oder das Kombinationspräparat
Oxycodon-Naloxon (Targin®), das Osteoporosemittel Denosumab und
neue orale Antikoagulantien, wie Dabigatran und Rivaroxaban – hätte
höchstwahrscheinlich keinen oder bestenfalls nur einen geringen Zusatz-nutzen
dieser Wirkstoffe gegenüber der jeweiligen Standardtherapie
ergeben. Für die Notwendigkeit der Nutzenbewertung von Arzneimitteln
im Bestandsmarkt sprechen auch die im hier vorgelegten Innovations-report
zu Recht kritisch beurteilten Arzneimittel Inegy®, Lyrica® und
Targin®. Allein für das letztgenannte, teure Analogpräparat, das in einigen
anderen europäischen Ländern wegen fehlendem therapeutischen Zusatz-nutzen
nur eingeschränkt oder gar nicht erstattet wird, besteht bei ad-äquater
Substitution laut Arzneiverordnungs-Report 2013 ein Einspar-potenzial
von etwa 100 Mio. € (Schwabe & Paffrath, 2013).
Der jetzt leider beendete gesamte Bestandsmarktaufruf bedeutet nicht
nur, dass erhebliche Einsparmöglichkeiten bei umsatzstarken Analogprä-paraten
nicht realisiert werden, sondern auch, dass das im Koalitions-papier
anvisierte Ziel einer qualitativ hochwertigen und wirtschaftlichen
Arzneimittelversorgung verfehlt wird. Detaillierte Informationen zu mög-licherweise
unzweckmäßigen Bestandsmarktprodukten, die sich aus der
unabhängigen Bewertung des Zusatznutzens ergeben, werden nicht mehr
geliefert. Die dem G-BA zur Verfügung stehenden anderen Instrumente zur
Nutzenbewertung der vor dem 1. Januar 2011 zugelassenen Arzneimittel
(z.B. § 92 in Verbindung mit § 139a Abs. 3 Nr. 5 SGB V) können diesen Ver-lust
kaum kompensieren.
Neben den oben genannten Bestandsmarktprodukten und den im Jahr
2011 in den Markt eingeführten Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen, für
die bereits eine frühe Nutzenbewertung entsprechend dem AMNOG
durchgeführt wurde, thematisiert der vorliegende Innovationsreport in
einem Sonderkapitel die „personalisierte Medizin“. Diese neue Strategie in
der Diagnostik und Therapie von Krankheiten sollte jedoch besser als
stratifizierende Medizin bezeichnet werden, da sie anhand von Bio-markern
Subgruppen von Patientinnen und Patienten identifiziert, bei
denen neue Wirkstoffe gut oder nur wenig wirksam sind. Neue Arznei-mittel,
deren Einsatz mit der Untersuchung eines spezifischen, häufig
molekulargenetischen Markers verknüpft ist, werden vor allem im Bereich
der Onkologie in zunehmendem Umfang in den Markt eingeführt. Dabei
soll durch Biomarker individualisiert für jede Patientin und jeden Patienten
das höchstmögliche Maß an therapeutischer Wirksamkeit erzielt werden –
möglichst bei gleichzeitiger Minimierung der Nebenwirkungen. Dem brei-ten
Einsatz einer Biomarker-basierten, stratifizierenden Medizin stehen je-doch
derzeit noch zahlreiche Hindernisse im Weg. Hierzu zählen in erster
Linie die frühzeitige Identifizierung geeigneter prädiktiver Biomarker, mög-lichst
bereits in der präklinischen Forschung, und deren Validierung in pro-spektiven
randomisierten kontrollierten Studien. Verhindert werden muss
unbedingt, dass neue Arzneimittel in Verbindung mit unzureichend ge-prüften,
kostenintensiven diagnostischen Verfahren vorschnell in die Ver-sorgung
eingeführt werden. Neben den medizinischen Herausforderungen
der stratifizierenden Medizin müssen in Zukunft aber auch gesundheits-politische,
medizinethische und rechtliche Aspekte genetischer Unter-suchungen
in einem breiten gesellschaftlichen und interdisziplinären Dis-kurs
angesprochen werden. Dabei ist besondere Aufmerksamkeit zu wid-men
der Aus- und Weiterbildung von Ärzten auf dem Gebiet der Mole-kulargenetik
und Systembiologie, aber auch der Information von
Patientinnen und Patienten über die noch vorhandene Unsicherheit sowie
häufig fehlende Evidenz zum Nutzen diagnostischer und therapeutischer
Maßnahmen der stratifizierenden Medizin, insbesondere auch in der
Onkologie. Eine bessere Medizin, orientiert an den Wünschen und Bedürf-nissen
des individuellen Patienten, darf keinesfalls aus dem Blick verloren
werden durch eine Überbewertung spezifischer biologischer beziehungs-weise
molekularer Krankheitsfaktoren.
Für neue Arzneimittel muss seit dem 01. Januar 2011, dem Tag des
Inkrafttretens des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG), die
Frage beantwortet werden: Welchen (Zusatz-)Nutzen haben neue Arznei-mittel
für die Patientinnen und Patienten und was dürfen sie kosten? In
allen großen Arzneimittelmärkten der Industrieländer steht diese Frage im
Mittelpunkt und führt dazu, dass der Nutzen im Rahmen einer Frühbe-wertung
beurteilt wird und es zu Preisverhandlungen über diese neuen
Arzneimittel kommt. Während in Deutschland vor dem Jahre 2011 die
pharmazeutischen Hersteller selbst den Preis nach den jeweiligen Markt-gegebenheiten,
Wettbewerbs- und Konkurrenzgesichtspunkten festsetzen
konnten, verhandeln nun die jeweiligen Pharmaunternehmen mit dem
Spitzenverband Bund über einen angemessenen Preis, der sich an den
verfügbaren Marktalternativen, den therapeutischen Vergleichsmöglich-keiten
sowie am Ausmaß des Zusatznutzens orientiert. Zuvor kam der
Apothekenverkaufspreis allein dadurch zustande, dass zu dem vom
Hersteller festgesetzten Abgabepreis „ab Fabriktor“ gesetzlich geregelte
Aufschläge des Großhandels, der Apotheken und der Mehrwertsteuer
dazu addiert wurden. Nun ist der Herstellerabgabepreis im Bereich der
Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) Verhandlungsbasis geworden,
verbunden mit der Verpflichtung für die Hersteller, den Nutzen des neuen
Arzneimittels im Vergleich zu einer etablierten und evidenzbasierten
verfügbaren Vergleichstherapie sowie vor allem den patientenorientierten
Zusatznutzen gegenüber dieser Therapie darzustellen und durch Studien
zu belegen. In den bis dato durchgeführten Bewertungsverfahren konnten
die Unternehmer nicht in jedem Fall die geforderten Vergleiche mit einer
in Deutschland etablierten Standardtherapie anbieten, ein solches
Problem wird immer wieder, teilweise auch berechtigt, diskutiert. Von
dieser Problematik war das Diabetesmittel Forxiga® (Wirkstoff:
Dapagliflozin) des britischen Herstellers AstraZeneca betroffen, nachdem
die Zulassungsstudien bei der Nutzenbewertung nicht berücksichtigt
werden konnten – es fehlten Daten zur Langzeittherapie, die üblicher-weise
in Zulassungsstudien nicht erhoben, aber in der patientenorien-tierten
Nutzen- und schon gar Zusatznutzenbewertung mit Recht gefordert
werden. Allzu oft fallen nämlich als wirksam zugelassene Arzneimittel in
der Langzeitanwendung durch bisher nicht bekannte, zumindest nicht
veröffentlichte Nebenwirkungen auf, die den Patientinnen und Patienten
eher geschadet als genutzt haben. Die nun vorgelegten Zulassungsstudien
sind allerdings zum Teil vor mehr als zehn Jahren geplant und begonnen
worden, der damalige Standard der Vergleichstherapie muss dem heutigen
nicht mehr entsprechen. Daher befindet sich der Prozess der
Nutzenbewertung ohne Zweifel in einer gewissen zeitlichen Übergangs-phase,
in der sich Hersteller auf die nun gesetzlich verankerten Anfor-derungen
einstellen müssen. Hinzu kommt, dass nicht in allen euro-päischen
Ländern gleiche Bewertungsverfahren durchgeführt werden,
sodass Hersteller sich durchaus mit unterschiedlichen Anforderungen
konfrontiert sehen. Das verbindende Glied und die auch international
akzeptierte Herangehensweise ist allerdings in allen Ländern die An-wendung
der Methodik der evidenzbasierten Medizin, nach der das
bestverfügbare aktuelle Wissen die Basis aller Entscheidungen sein muss.
Daher wird auch der pharmazeutischen Industrie empfohlen, schon vor
der Zulassung das Gespräch mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA)
zu führen, der letztlich die Entscheidung über den Grad des Nutzens
der jeweiligen Arzneimittel trifft, auf der Basis einer Frühbewertung durch
(IQWiG). Auf diese Weise können dann die später im AMNOG-Prozess
relevanten Studieninhalte schon rechtzeitig geplant werden.
In der Zwischenzeit wurden vom G-BA in 67 Fällen Nutzenbewertungen
durchgeführt (Stand: 25.02.2014), in mehr als der Hälfte der Fälle wurde
den neuen Arzneimitteln ein mehr oder weniger großer Zusatznutzen
bestätigt. Die Einsparungen für die GKV lagen bei rund 180 Mio. Euro bis
zum Dezember 2013, da die, bezogen auf die Forderungen der Hersteller,
ausgehandelten Rabatte für die Abgabepreis zwischen 0 und 70 Prozent
lagen (Deutscher Bundestag, 2013a). Im Mittel konnten Rabatte von 16
Prozent als Verhandlungsergebnis zwischen den Herstellern und dem Spit-zenverband
Bezüglich der verhandelten Preise gibt es allerdings Unstimmigkeiten dar-über,
ob die ursprünglichen von den Herstellern geforderten Listenpreise
oder die effektiven Preise mit Rabattabschlag veröffentlicht werden sollen,
weil sie als Bezugspreise für Wirtschaftlichkeitsprüfungen bei Ärzten und
Zuzahlungen für die Patientinnen und Patienten herangezogen werden
sollen. Diese Preistransparenz im Hinblick auf die effektiven Preise ist aller-dings
von den Herstellern nicht gewünscht, da der deutsche Hersteller-abgabepreis
(„Listenpreis“) nach wie vor als europäischer Referenzpreis
für Preisregelungen in anderen Gesundheitssystemen gelten soll. Der
schon im Zusammenhang mit dem ausgehandelten Rabatt verminderte
effektive Preis würde daher das Preisniveau für Verhandlungen im Ausland
deutlich schwächen – eine Vision, die den pharmazeutischen Herstellern
nicht recht sein kann. Es wird jedoch allgemein davon ausgegangen, dass
ein Wechsel von der „Rabatt-“ zur „Preislogik“ nicht mehr aufzuhalten sein
wird. Derartige Überlegungen dürfen aber nicht dazu führen, die Strategie
der GKV nach mehr Preistransparenz auszusetzen.
Das AMNOG hat vor allem Auswirkungen auf die Strukturqualität des an-gebotenen
Arzneimittelmarktes. Laut Sozialgesetzbuch V, das die Grund-regeln
der Finanzierung und der Anwendung von Krankenleistungen fest-legt,
ist der Arzt verpflichtet, den Patienten nach dem allgemeinen Stand
der medizinischen Erkenntnis und unter Berücksichtigung des medizi-nischen
Fortschritts zu behandeln. Das 5. Sozialgesetzbuch (SGB V) fordert
damit eine medizinische Versorgung auf Grundlage der evidenzbasierten
Medizin. Grundlage der medizinischen Expertise sind Bewertungen des
Arzneimittelnutzens durch klinische Studien und Studien aus der Ver-sorgungsforschung.
Die Bezugsquelle für Information zum Nutzen und zur
Unbedenklichkeit der Arzneimittel und ihrer Anwendung (Kombinations-bzw.
Monotherapie, Dosierung, Indikation) sind zahlreich, basieren aber
häufig nicht unbedingt auf einer unabhängigen Evaluierung, stattdessen
z.B. auf Marketinginterventionen durch Pharmareferenten. Neben medi-zinischen
Entscheidungsfaktoren rücken angesichts der Kosten der neuen
z.T. extrem teuren Arzneimitteltherapien zunehmend ökonomisch orien-tierte
Kosten-Nutzen-Abwägungen in den Entscheidungskontext, z.B. ein
beschränktes Krankenhausbudget oder potenzielle Regressforderungen.
Die Entwicklung von neuen Arzneimitteln, besonders biotechnologischer
Produkte, zur Behandlung von Krebs, Multipler Sklerose, Rheumatoider
Arthritis, Psoriasis oder auch Diabetes, stellt für die pharmazeutische
Industrie durch die zunehmende Zahl an Patientinnen und Patienten einen
attraktiven Wachstumsmarkt dar. In den letzten Jahren kam es daher zu
einer Neuorientierung der Produktsparten von pharmazeutischen Unter-nehmen
(pU) durch Fusionen und Ankäufe kleiner biotechnologischer
Unternehmen mit Expertise im Bereich der biotechnologisch hergestellten
Arzneimittel. Die oben genannten Indikationsbereiche, vor allem auch die
Onkologie, sind für die pharmazeutische Industrie wichtige Wachstums-märkte
und zeigen weltweit einen auffällig hohen Umsatz – dement-sprechend
müssen für die Zukunft erhebliche Steigerungen bei den Aus-gaben
der Krankenkassen erwartet werden. Diese gesteigerten Therapie-kosten
stellen für die Krankenkassen eine finanzielle Herausforderung dar,
der durch eine Anpassung oder auch Erweiterung der regulatorischen
Möglichkeiten, die mit dem SGB V für die medizinische Versorgung im
Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung gegeben sind, entsprochen
werden muss. Der AMNOG-Prozess ist eine solche regulatorische Inter-vention.
Das Ziel lautet: „Money for Value and Value for Money“.
Innerhalb ihres Lebenszyklus werden Arzneimittel in unterschiedlichen
Entscheidungskontexten nach eigens dafür festgelegten Kriterien bewer-tet.
Bevor Arzneimittel in der medizinischen Versorgung angewendet wer-den
können und die Frage aufkommt, welche Leitlinien für die Arznei-mittelanwendung
gelten bzw. unter welchen Bedingungen die Arznei-mittel
erstattet werden sollen, erfolgt die Arzneimittelentwicklung im Rah-men
von experimentellen, präklinischen und klinischen Studien zur Sicher-heit
und Wirkung, sowie klinischen Prüfungen zur Wirksamkeit und Unbe-denklichkeit
in den klinischen Anwendungsgebieten. Erst wenn im Rahmen
dieser Studien die pharmazeutische Qualität, Wirksamkeit (Efficacy) und
Unbedenklichkeit nachgewiesen werden kann, gelangen die Arzneimittel
auf den Markt. Für eine Marktzulassung muss eine positive Nutzen-Risiko-
Bilanz belegt werden, sowie mindestens eine Nicht-Unterlegenheit (Non-
Inferiority) verglichen mit etablierten Therapien – sofern für das Anwen-dungsgebiet
vorhanden – gezeigt werden. Der Nachweis der Arzneimittel-wirksamkeit
und des positiven Nutzen-Risiko-Profils durch Non-Inferiority-
Studien für die Zulassungsentscheidungen unterscheidet sich vom sozial-rechtlich
relevanten Nachweis der Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen
und darüber hinaus vom Nachweis eines therapeutischen Zusatznutzens
und der Kosteneffektivität nach §35 SGB V. In §35b SGB V ist der Pati-entennutzen
definiert als Verbesserung des Gesundheitszustandes, Ver-kürzung
der Krankheitsdauer, Verlängerung der Lebensdauer, Verringe-rung
der Nebenwirkungen sowie als Verbesserung der Lebensqualität. Bei
der wirtschaftlichen Bewertung zählt auch die Angemessenheit und
Zumutbarkeit einer Kostenübernahme durch die Versichertengemein-schaft.
Zum Zeitpunkt der Zulassung eines Arzneimittels kann dieser
Zusatznutzen nach §35b SGB V eines Arzneimittels häufig noch nicht
bewertet werden. Diese Unsicherheit geht zum einen auf Schwierigkeiten
beim Design der klinischen Studien, z.B. der Definition patientenrelevanter
Endpunkte, und zum anderen auf grundsätzliche Unterschiede zurück, die
zwischen den Bedingungen klinischer Studien und der Alltagsanwendung
(u.a. durch die Auswahl der Patienten) bestehen.
Daher kann es bei neuen Arzneimitteln aus den genannten Indikations-bereichen,
insbesondere aber im Bereich der Onkologie, schwierig sein,
eine für Patientinnen und Patienten, Hersteller und Krankenkassen
zufriedenstellende Lösung für die therapeutische Bewertung von Medika-menten
mit zum Zeitpunkt ihrer Zulassung noch unsicherem therapeu-tischen
Nutzen zu treffen. Bevor aber ein Nutzen nicht ausreichend sicher
nachgewiesen werden kann, ist die Festsetzung eines Erstattungspreises
nicht sinnvoll. Schließlich stellt es eher den Regelfall dar, dass zum
Zeitpunkt der Zulassung noch keine ausreichenden Daten über den
therapeutischen Wert eines Mittels im medizinischen Versorgungsalltag
(Effectiveness) und damit für eine Nutzen-Kosten-Bewertung von neuen
und patentgeschützten Arzneimitteln vorliegen. Solche Daten sind aber als
Grundlage für eine allgemeingültige Festsetzung der Erstattung durch die
GKV Voraussetzung. Die in den klinischen Studien an eher ausgesuchten
Patientinnen und Patienten dokumentierte Wirksamkeit (Efficacy) als
Voraussetzung für die Zulassung bietet keine hinreichende Basis für eine
patientenorientierte Nutzenbewertung (Glaeske, 2012).
Im SGB V ist diese Problemkonstellation im § 35b berücksichtigt worden.
Dort heißt es, dass der G-BA als Entscheidungsgremium Versorgungs-studien
vom Hersteller nachfordern kann, wenn im Rahmen der Früh-bewertung
keine ausreichend validen Aussagen über Nutzen und Zusatz-nutzen
möglich erscheinen. Unabhängig davon, dass der Begriff „Versor-gungsstudien“
nicht unbedingt den wissenschaftlichen Anspruch der Stu-dien
in der Versorgungsforschung widerspiegelt, die sicherlich mit diesem
Prozedere angesprochen wird, ist dies ein Verfahren, das nach etwa drei
Jahren zu einer erneuten Bewertung des Arzneimittels herangezogen
werden soll – die „Frühbewertung“ wird um eine „Spätbewertung“ also
immer dann ergänzt, wenn bei bestimmten Arzneimitteln bei der Zulas-sung
noch zu wenig Daten darüber vorliegen, in welchem Ausmaß das
neue Arzneimittel zur Verringerung der Mortalität, der Morbiditäts-belastung
und der Nebenwirkungen sowie zur Verbesserung der Lebens-
qualität beiträgt (siehe die Anforderungen zum Patientennutzen nach
§ 35b SGB V).
Über all diesen Überlegungen „schwebt“ letztlich das Problem der Be-stimmung
des Innovationsgrades eines neuen Arzneimittels. Dabei ist zu
unterscheiden nach den Kategorien
• der wirklichen therapeutischen Innovationen, die tatsächlich ei-nen
Behandlungsfortschritt für die Patientinnen und Patienten
mit sich bringen (gemessen an „harten“ Endpunkten wie z.B. Ver-längerung
der Überlebenszeit; Surrogatparameter wie progressi-onsfreies
Überleben sollten allenfalls in exakt definierten Aus-nahmen
zur Anwendung kommen),
• der technologischen Innovationen, die einen Anwendungsvorteil
für die Patientinnen und Patienten bedeuten (z.B. die Anwendung
neuer Applikationsformen wie Pflaster, retardierte Zubereitungen
oder Sprays, mit denen die Adhärenz bei der Therapie verbessert
werden kann) und
• der „ökonomischen Innovationen“ (auch kommerzielle Innovatio-nen),
die nur als neue und patentgeschützte Mittel angeboten
werden, um lukrativ in einem sich stürmisch entwickelnden Indi-kationsbereich
beteiligt sein zu können (z.B. sog. Me-too-Produk-te
im Bereich der Arzneimittel zur Behandlung von Hypertonie
oder Hypercholesterinämie).
Wenn es um die Quantifizierung der Anzahl von innovativen Arzneimitteln
geht, weichen die Ergebnisse in Publikationen durchaus voreinander ab. So
zeigt die in Deutschland oft zitierte Übersicht von Fricke & Schwabe (2013)
für das Jahr 2012 insgesamt 22 neue Wirkstoffe auf, die in der GKV ein-gesetzt
wurden. Davon werden 8 als „therapeutisch innovativ“ bewertet
(36%), 5 weisen Verbesserungen auf (23%), der größte Anteil (41%) wird
aber als „fraglich innovativ“ klassifiziert. Die Auswertungen seit dem Jahr
1997 zeigen, dass von insgesamt 459 neu in den GKV-Markt eingeführten
Arzneimitteln 187 als therapeutisch fortschrittlich beurteilt werden (41%),
97 Mitteln wird noch ein „technologischer Vorteil“ gegenüber schon im
Markt befindlichen Mitteln attestiert (21%), während bei den restlichen
Arzneimitteln kein Vorteil in der Patientenversorgung gesehen wird (38%).
Mehr als ein Drittel aller neuen Arzneimittel gehörten daher eher in die
Kategorie Me-too oder „Scheininnovation“, mit denen die Therapie zwar
teurer, für die Patientinnen und Patienten aber nicht besser wurde.
Dass in anderen Ländern die Innovationsrate deutlich kritischer gesehen
wird, soll ein Blick auf die Ergebnisse der Auswertung in der französischen
Zeitschrift Prescrire zeigen (Prescrire International, 2013) (Tabelle 1).
Danach liegt der Innovationsgrad neuer Mittel, die in den vergangenen
Jahren in den Arzneimittelmarkt eingeführt wurden, deutlich niedriger als
in der oben zitierten Übersicht von Fricke und Schwabe, hier gab es 2012
wie seit 2008 nicht ein einziges Mal die Bestbewertung „Bravo“ (= großer
therapeutischer Fortschritt in einem Indikationsbereich, für den es zuvor
keine geeignete Therapie gab) und nur einmal die zweitbeste Bewertung
„A real advance“ (relevante therapeutische Innovation, aber mit gewissen
Limitationen), und zwar für Boceprevir zur Behandlung der chronischen
Hepatitis C. Über zwei Drittel der insgesamt 82 neuen Wirkstoffe und
Wirkstoffe mit neuen Indikationsgebieten war nach der Prescrire-Bewer-tung
entweder „Nothing new“ im Sinne eines Me-too (n = 42, 51 %) oder
sogar „Not acceptable“ (n = 15, 18 %), weil es Hinweise gibt, dass der
Schaden einen Nutzen überwiegt.
Tabelle 1: Bewertungen neuer Arzneimittel (und Arzneimittel mit neuen
Indikationen) im Arzneimittel-Bulletin PRESCRIRE von 2003-2012 (Prescrire
Seit 1982 findet eine Bewertung des Innovationsgrades von neu
eingeführten Arzneimitteln (mit neuen Wirkstoffen) nach den Kriterien von
Fricke und Klaus statt. Diese Bewertung geht von pharmakologischen
Kriterien aus und bewertet vorrangig die Neuartigkeit der Wirkungs-mechanismen
der Arzneistoffe (Fricke & Beck, 2013). Das dabei
verwendete Klassifikationsschema teilt neue Arzneimittel wie folgt ein:
A. Innovative Struktur oder neuartiges Wirkprinzip mit therapeu-tischer
B. Verbesserung pharmakodynamischer oder pharmakokinetischer
Eigenschaften bereits bekannter Wirkprinzipien.
C. Analogpräparat mit keinen oder nur marginalen Unterschieden zu
bereits eingeführten Präparaten.
D. Nicht ausreichend gesichertes Wirkprinzip oder unklarer thera-peutischer
Diese Bewertung orientiert sich an der jeweils aktuellen Marktsituation im
betreffenden Anwendungsgebiet und basiert auf den publizierten
Ergebnissen der Pharmakologie-Studien und klinischen (Zulassungs-)
Studien. Nach Angaben der Autoren liegt das Hauptaugenmerk auf dem
angestrebten therapeutischen Effekt. In diesem Zusammenhang sind auch
Doppelbewertungen möglich (wie z.B. A/C), wenn das Wirkprinzip neuartig
ist, ohne dass das neue Arzneimittel jedoch therapeutische Überlegenheit
gegenüber bereits verfügbaren Arzneimitteln zeigt. Diese Klassifikation
findet auch Verwendung bei der Beschreibung neuer Arzneimittel im
jährlich erscheinenden Arzneiverordnungs-Report (Schwabe & Paffrath,
Kriterien für die Beurteilung von Arzneimittelinnovationen nach der
Auch die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) hat sich mit der
Thematik beschäftigt und unter Mitarbeit der Arbeitsgemeinschaft für
Pharmazeutische Verfahrenstechnik (APV e.V.) ein Positionspapier erar-beitet
(DPhG, 2005), in dem ebenfalls Kriterien für die Beurteilung von
Arzneimittelinnovationen vorgestellt werden. Die DPhG unterscheidet in
die drei Kategorien „Sprunginnovation“, „Schrittinnovation“ und „Schein-innovation“.
Als „Sprunginnovationen“ gelten danach Arzneistoffe, die
ohne Orientierung an bereits bekannten Wirkstoffen völlig neu entwickelt
wurden und als erste Vertreter einer neuen Stoffklasse einen bedeutenden
therapeutischen Fortschritt markieren. „Schrittinnovationen“ sind durch
eine schrittweise Optimierung bekannter Wirkstoffe gekennzeichnet, wel-che
aber im Gegensatz zu den „Scheininnovationen“ auch therapeutische
Verbesserungen mit sich bringen. Die DPhG versteht nicht nur neue Wirk-stoffe
als Innovationen, sondern auch neue Arzneiformen. Als mögliche
Kriterien zur Einordnung werden Stoffkriterien (z.B. chemische Struktur),
pharmakodynamische Kriterien (z.B. Selektivität für Zielstrukturen im
Körper), pharmakokinetische Kriterien (z.B. Bioverfügbarkeit im Körper),
pharmazeutisch-technologische Kriterien (z.B. Art der Anwendung, Stabi-lität)
oder Interaktionskriterien (z.B. Wechselwirkungen mit anderen Arz-neimitteln)
genannt. Die DPhG vertritt die Auffassung, dass ein therapeu-tischer
Mehrwert zum Zeitpunkt der Markteinführung meist noch nicht gut
abschätzbar ist. Die Apotheker-Fachzeitschrift Pharmazeutische Zeitung
(PZ) bewertet in ihren Übersichtsartikeln zu neuen Arzneimitteln auf der
Basis dieser DPhG-Kriterien (Schubert-Zsilavecz & Ude, 2010).
Auch in der Fachzeitschrift arznei-telegramm (A.T.I., 2012) bzw. in dem aus
der gleichen Redaktion stammenden Arzneimittelkursbuch (AKB, trans-parenz-
telegramm) (A.K.B., 2010) finden Bewertungen neuer Arzneimittel
statt, wobei sich im AKB letztlich auch Bewertungen zu allen verfügbaren
relevanten Wirkstoffen finden, die also nicht nur auf den Innovationsgrad
Hier wird wie folgt unterschieden:
• Mittel der Wahl: Arzneistoffe oder Stoffkombinationen, die nach
dem Stand der therapeutischen Kenntnis aufgrund von Wirk-samkeit,
Sicherheit und Erprobungsgrad als erste Wahl gelten und
als Standardtherapeutika gewertet werden können.
• Mittel der Reserve: Arzneimittel, die erst eingesetzt werden soll-ten,
wenn Mittel der Wahl versagen oder nicht anwendbar er-scheinen.
Zum Teil wird auch mit „Mittel der letzten Reserve“
bewertet, wenn sämtliche andere Mittel versagen oder nicht an-wendbar
• Variante ohne besonderen Stellenwert: Molekülvarianten oder
Arzneimittel des gleichen Wirktyps, bei denen hinsichtlich Wirk-samkeit
oder Sicherheit kein klinisch relevanter Vorteil gegenüber
erprobten Bezugssubstanzen erkannt werden kann.
• Umstrittenes Therapieprinzip: Arzneimittel, bei denen das Aus-maß
des therapeutischen Nutzens kontrovers beurteilt wird oder
deren dokumentierter Nutzen durch besondere Risiken in Frage
• Zweifelhaftes Therapieprinzip: Arzneimittel, deren Stellenwert
und therapeutischer Nutzen im Rahmen einer rationalen Arznei-mitteltherapie
nicht hinreichend belegt erscheint.
• Überholtes Therapieprinzip: Arzneimittel, deren therapeutischer
Stellenwert durch besser wirksame oder besser verträgliche thera-peutische
Strategien in Frage gestellt wird.
Die Stiftung Warentest nimmt in ihrem „Handbuch Medikamente“ (Stiftung
Warentest, 2008) ebenfalls Arzneimittelbewertungen vor, basierend auf
der veröffentlichten wissenschaftlichen Fachliteratur (Standardliteratur so-wie
veröffentlichte geeignete Studien). Wie auch beim Arzneimittel-kursbuch
aus der arznei-telegramm-Redaktion werden im „Handbuch
Medikamente“ sämtliche (relevanten) Medikamente auf dem deutschen
Arzneimittelmarkt – und nicht nur neue Wirkstoffe – einer Bewertung
unterzogen. Die Bewertung beruht hierbei auf vier Stufen:
• Geeignet: Medikamente mit nachgewiesener therapeutischer
Wirksamkeit für das jeweilige Krankheitsbild, mit positivem
Nutzen-Risiko-Verhältnis und hohem Erprobungsgrad.
• Auch geeignet: Medikamente, deren therapeutische Wirksamkeit
ebenfalls nachgewiesen ist, die aber noch nicht so lange erprobt
sind wie die als „geeignet“ bewerteten.
• Mit Einschränkung geeignet: Medikamente, die zwar thera-peutisch
wirksam sind, die aber im Vergleich zu „geeigneten“
Medikamenten mit einem höheren Risiko z.B. für bestimmte
unerwünschte Wirkungen verbunden sind oder Medikamente,
deren therapeutische Wirksamkeit nicht ausreichend nachge-wiesen
ist oder deren therapeutische Wirksamkeit geringer ist als
die der besser bewerteten Medikamente.
• Wenig geeignet: Medikamente, deren therapeutische Wirksam-keit
nicht ausreichend belegt ist, die nicht ausreichend dosiert
sind, die ein ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen oder
Medikamente mit mehr als einem Wirkstoff, wenn sich die Wirk-stoffe
nicht sinnvoll ergänzen oder keinen therapeutischen
(Zusatz-)Nutzen aufweisen.
Nach dieser Methodik fallen neue Arzneimittel mit nachgewiesener
therapeutischer Wirksamkeit vorrangig in die Kategorie „auch geeignet“,
da hier der Erprobungsgrad naturgemäß eher gering ausfällt.
Im Mai 2013 hatte die Firma Novartis vor dem Landessozialgericht
Brandenburg dagegen geklagt, dass bereits auf dem Markt befindliche
Arzneimittel auch einer Nutzenbewertungsprüfung nach dem AMNOG
unterzogen werden dürften. Novartis hatte aber eine Niederlage erlitten.
Der Weg war demnach frei, auch solche Arzneimittel, die schon vor dem
Inkrafttreten des AMNOG am 1.1.2011 angeboten wurden, nachträglich im
Rahmen einer Nutzen- und Kosten-Nutzen-Bewertung zu prüfen. Dies war
schon immer das von der Politik verfolgte Ziel, denn nur mit der Bewer-tung
neu eingeführter Mittel hätte man mit dem AMNOG die von der
Politik versprochenen Einsparpotenziale nie erreichen können. Mit den
neuen Arzneimitteln wurden bisher nämlich nur 180 Millionen Euro ein-gespart.
Das angestrebte Ziel von 2 Milliarden Euro ist nur zu erreichen,
wenn auch ältere und umsatzstarke Arzneimittel mit einem fehlenden
evidenzbasierten Nutzen zu in diesem Zusammenhang vertretbaren Kos-ten
zurückgestutzt werden. Viele Arzneimittel waren auch in Gefahr, sofort
in eine preisgünstige Festbetragsgruppe mit älteren bewährten Generika
einsortiert zu werden – Mittel wie Lyrica®, Inegy®, Targin® und andere
bekannte Produkte verursachen noch immer hunderte Millionen Euro-Aus-gaben
für die GKV – gegenüber anderen Arzneimitteln mit bewährten und
kostengünstigen Wirkstoffen ist hier aber kein wirklicher patienten-orientierter
Zusatznutzen zu erkennen. Durch eine konsequente Nutzen-bewertung
des Bestandsmarktes hätte das angestrebte Einsparvolumen
erreicht werden können, schließlich zeigte der erste Versuch des G-BA mit
den Nachbewertungen durchaus eine Ansammlung von wichtigen und
umsatzstarken Arzneimitteln. Dazu gehörten Mittel mit den Wirkstoffen
Tapentadol, Denosumab, Rivaroxaban, Exenatid, Duloxetin oder Tocili-zumab,
um nur einige Beispiele zu nennen mit einem Umsatzvolumen von
insgesamt 700 Millionen Euro und einem Einsparpotenzial von rund 300
bis 400 Millionen Euro. Diese Nutzenbewertung des Bestandsmarktes war
übrigens ausdrücklicher Wille des Gesetzgebers, getragen von der letzten
Bundesregierung CDU/CSU und FDP.
Mit der Koalitionsvereinbarung der CDU/CSU/SPD wurde die Bestands-marktprüfung
allerdings abgeschafft, das 14. SGB V Änderungsgesetz hat
diesen Schritt gesetzlich verankert. Die neue Regierung kam zu der Über-zeugung,
dass die rechtlichen Probleme der Bestandsmarktprüfung nur
schwer zu lösen und dass langdauernde gerichtliche Auseinanderset-
zungen mit den Firmen wahrscheinlich gewesen wären (Probleme der
Indikationsbegrenzung und Wettbewerbsverzerrung bei Nicht-Einbe-ziehung
aller Arzneimittel einer bestimmten Indikation). Es ist stattdessen
ein allgemeiner Rabatt von 7 % auf verschreibungspflichtige Arzneimittel
vorgesehen (ausgenommen davon sind die Generika), zudem soll das
Preismoratorium verlängert werden, nach dem die Arzneimittelpreise
auch weiterhin zum Stand 1. August 2009 „eingefroren“ bleiben (Deut-scher
Bundestag, 2013b).
Die Konsequenz aus dieser Regelung: Es werden auch weiterhin unnötige
und nicht sinnvoll kombinierte Arzneimittel zu hohen Preisen die GKV
belasten. Die AMNOG-Prüfung hätte nämlich deutlich gemacht, dass viele
Arzneimittel seit Jahren ungerechtfertigt hohe Profite für die Pharma-hersteller
Vielfach wird argumentiert, dass der vom AMNOG nicht geprüfte
Bestandsmarkt ein „Auslaufmodell“ sei, das nur noch einige Zeit die Aus-gaben
der GKV belasten würde. Für diesen Optimismus gibt es nur eine
bedingte Begründung. Zwar ist es richtig, dass für viele Me-too-Produkte
und Scheininnovationen in absehbarer Zeit die Patente auslaufen, es hat
sich aber immer wieder gezeigt, dass umsatz- und gewinnträchtige Arznei-mittel
anschließend als Generika weitervermarktet werden – die GKV wird
daher die unnötigen Wirkstoffe, die ohne ausreichende Evidenz seit vielen
Jahren angeboten werden, auch weiterhin bezahlen müssen. Unter den
ausgabenstärksten Arzneimitteln bei der TK (Tabelle 2) gibt es einige ty-pische
Beispiele, an denen das Bestandsmarktproblem gezeigt werden
Das Antikonvulsivum Lyrica® (Wirkstoff: Pregabalin) liegt in der TK im Jahr
2012 mit 23,1 Mio. Euro Umsatz auf Rang 10 der Top-Liste nach
Bruttoausgaben (Tabelle 2). Für Pregabalin konnten Vorteile bisher nicht
eindeutig belegt werden. Deutliche Preisunterschiede zu vergleichbaren
Arzneimitteln mit den Wirkstoffen Gabapentin (Tagesdosierungskosten
4,29 Euro zu 2,07 Euro) oder Carbamazepin (4,29 Euro zu 0,55 Euro)
(Schwabe & Paffrath, 2013) machen hier eine Diskussion über Effektivität
und Effizienz dringend erforderlich. Wegen der unklaren Nutzensituation
wurde Lyrica® auch in die Me-too-Liste der KV Nordrhein aufgenommen.
Der Lipidsenker Inegy® (Wirkstoffe: Simvastatin + Ezetimib) liegt in der TK
im Jahr 2012 mit 14,3 Mio. Euro Umsatz auf Rang 29 der Top-Liste nach
Bruttoausgaben (Tabelle 2). Auch rund zehn Jahre nach Markteinführung
liegen keine überzeugenden Belege für einen patientenrelevanten
Zusatznutzen gegenüber der Monotherapie mit Simvastatin vor. Die
Tagesdosierungskosten von Inegy® liegen deutlich höher als die von
Simvastatin-Monopräparaten (1,87 Euro zu 0,21 Euro) (Schwabe &
Paffrath, 2013). Auch im Bereich der Opioid-Arzneimittel zur Behandlung
starker Schmerzen gibt es umsatzstarke Arzneimittel, bei denen ebenfalls
fraglich ist, ob der G-BA ihnen im Rahmen der AMNOG-Bewertung einen
patientenrelevanten Zusatznutzen zugesprochen hätte. Es handelt sich um
die Oxycodon/Naloxon-Kombination Targin® und um das Monopräparat
Palexia® retard (Tapentadol). Targin® lag in den TK-Daten mit 9,0 Mio.
Euro Umsatz auf Rang 48 in der Top-Liste nach Bruttoausgaben, Palexia®
retard mit 3,8 Mio. Euro auf Rang 157. Der Wirkstoff Tapentadol wurde
bereits im letzten Innovationsreport bewertet (Windt et al., 2013). Zwar
zeigten sich Hinweise auf weniger Nebenwirkungen im Magen-Darm-
Bereich im Vergleich zu Oxycodon (Merker et al., 2012), insgesamt reicht
die Studienlage jedoch nicht aus, um den therapeutischen Stellenwert von
Tapentadol adäquat zu bestimmen. Gegenüber der Leitsubstanz Morphin
verteuert das neue Opioid die Therapie erheblich: Die Tagesdosierungs-kosten
liegen bei 10,92 Euro im Vergleich zu durchschnittlichen 3,02 Euro
bei Morphin-Präparaten (Schwabe & Paffrath, 2013). Insbesondere bei
Targin® ist offen, inwiefern diese Fixkombination, die hinsichtlich der
Opioid-Nebenwirkung Obstipation Vorteile bieten soll, einer Opioid-therapie
mit standardgemäßer prophylaktischer Anwendung von Abführ-mitteln
überlegen ist. Targin® ist mit Tagesdosierungs-Nettokosten in
Höhe von 9,65 Euro ebenfalls deutlich teurer als z.B. Oxycodon allein
(Oxycodon beta: 5,29 Euro) (Schwabe & Paffrath, 2013).
Bei keinem dieser vier genannten Mittel ist zu erwarten, dass sie in einem
AMNOG-Verfahren einen patientenorientierten Zusatznutzen zeigen
könnten. Die Ausgaben von insgesamt rund 50 Mio. Euro könnten um
mindestens zwei Drittel reduziert werden, wenn der Preis für diese Mittel
etwa durch eine Einordnung in eine Festbetragsgruppe deutlich sinken
würde. Für die gesamte GKV käme es zu Einsparungen allein bei diesen
vier Produkten von rund 400 Mio. Euro, für die TK von rund 35 Mio. Euro.
Schon allein dieses Einsparpotenzial übersteigt damit das bisher durch das
AMNOG-Verfahren erreichte Einsparvolumen von 180 Mio. Euro für die
gesamte GKV um ein Vielfaches.
Wirkstoff Anwendungs-gebiet
Bruttoausga-ben
Verord-nungen
Versi-cherte
Adalimumab Rheuma u.a. 78.486.341 17.795 5.006
2 Copaxone
MS 50.505.560 33.220 3.472
Etanercept Rheuma u.a. 48.570.195 12.781 3.447
4 Avonex
MS 40.835.435 11.699 2.403
5 Rebif (Merck) Interferon
MS 40.827.635 20.598 2.490
6 Glivec
Imatinib Krebs 28.584.418 4.073 839
7 Truvada
Infliximab Rheuma u.a. 25.402.083 7.780 1.518
Asthma/COPD 24.778.628 177.883 79.387
11 Clexane
Enoxaparin Thrombo-embolien
(Sanofi A.)
Levothyroxin Schilddrüsen-unterfunktion
13 Betaferon
MS 21.226.951 5.698 1.403
Omeprazol Magen-beschwerden
15 Tysabri
Natalizumab MS 19.677.555 8.344 936
Simvastatin Cholesterin-senkung
COPD 18.070.904 123.561 39.177
20 Revlimid
Lenalidomid Myelom 17.385.867 2.389 422
21 Gilenya
Fingolimod MS 17.000.392 7.313 832
22 Zytiga
Abirateron Prostatakrebs 16.537.855 3.036 602
23 Atripla
24 Advate
Octocog alfa Hämophilie 15.497.567 11.886 88
Pantoprazol Magen-beschwerden
26 Novorapid
28 Viani (GSK) Salmeterol,
Asthma/COPD 14.408.151 140.502 57.683
29 Inegy (MSD) Simvastatin,
30 Neulasta
Pegfilgrastim Neutropenie 14.105.971 8.733 2.661
Tabelle 2: Top 30 der umsatzstärksten Arzneimittel im Jahr 2012 (TK)
Die Bestandsmarktprüfung hätte also eine wichtige Möglichkeit dafür
geboten, das Rationalisierungspotenzial in unserem Arzneimittelmarkt
sichtbar zu machen. Viele Arzneimittel mit schon lange bekanntem zwei-felhaftem
Nutzen werden uns daher (leider) weiter begleiten, sie werden
weiterhin zu den profitablen Produkten der jeweiligen Hersteller gehören
– und nach dem Patentablauf werden Generikahersteller weiter daran ver-dienen.
Die Forderung nach einer evidenzbasierten und gleichzeitig
wirtschaftlichen Arzneimitteltherapie, wie sie im SGB V (§§2, 12, 70)
gefordert wird, ist jedenfalls mit diesen Mitteln nicht zu erreichen. Eine
alternative Möglichkeit bestünde allerdings darin, die Festbetrags-regelungen
für die Mittel im Bestandsmarkt offensiv anzuwenden, um die
bestehenden Rationalisierungspotenziale zu nutzen.
Die Ziele des vorliegenden Innovationsreports sind zum einen, neue
Arzneimittel anhand der aktuellen Studienlage nach den Kriterien der
Evidenz-basierten Medizin zu bewerten, und zum anderen, auf der Basis
von Daten der Techniker Krankenkasse (TK) Verordnungscharakteristika
dieser Arzneimittel nach der Markteinführung darzustellen. Es sollen also
die Evidenz zu und die Versorgung mit Arzneimittelneuheiten abgebildet
werden, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie die neuen Mittel
verordnet werden und wie sie sich im Arzneimittelmarkt behaupten. Nach-dem
im ersten Innovationsreport aus dem Jahr 2013 schwerpunktmäßig
die neuen Wirkstoffe des Jahres 2010, also dem Jahr vor Einführung der
AMNOG-Nutzenbewertung, analysiert wurden, stehen nun die neuen
Wirkstoffe des Jahres 2011 im Mittelpunkt. Zur Bewertung werden auch
Studien berücksichtigt, deren Ergebnisse erst nach Markteinführung
publiziert worden sind. Ebenso finden neue Erkenntnisse zu Sicherheits-risiken
Beachtung, die zum Zeitpunkt der Zulassung sowie der AMNOG-Nutzenbewertung
noch nicht bekannt gewesen sind. Unsere Bewertungen
werden durch Auswertungen von Routinedaten der TK der Jahre 2011 und
2012 ergänzt, um Einsichten in das Versorgungsgeschehen zu gewinnen.
Im Rückblick auf die im Innovationsreport 2013 behandelten Arzneimittel
(neue Wirkstoffe des Jahres 2010) wird auch gezeigt, wie diese sich im
Markt weiterentwickelt haben und ob neue Risiken aufgetreten sind, die
die Therapiesicherheit gefährden können. Da es aus unserer Sicht auch
wichtig ist, den Bestandsmarkt mit in die Bewertung einzubeziehen,
werden drei marktrelevante Arzneimittel beispielhaft beurteilt.
Abschließend widmen wir uns in einem Sonderkapitel dem Thema „per-sonalisierte
Medizin“. Dort wird näher erläutert, warum es sinnvoller und
präziser wäre, von stratifizierender oder Biomarker-basierter Medizin zu
sprechen. Zunehmend werden Arzneimittel zugelassen, deren Einsatz an
den Nachweis eines molekularbiologischen Markers gebunden ist. Der
heutige Stellenwert einer solchen stratifizierenden Medizin wird im dies-jährigen
Innovationsreport dargestellt. In diesem Zusammenhang muss
kritisch auf Gentests hingewiesen werden, die freiverkäuflich in Apotheken
oder im Internet erhältlich sind und mit denen die Therapiewirksamkeit
und -sicherheit erhöht werden soll. Auch hier wird der Frage nachge-gangen,
ob sie wirklich von Nutzen sind und für den routinemäßigen Ein-satz
empfohlen werden können.
3 Neue Arzneimittel des Jahres 2011 – Versorgungsanalyse
Im Jahr 2011 wurden 23 neue Wirkstoffe in den Markt eingeführt (Epo-prostenol,
Regadenoson, Dexmedetomidin im Folgenden nicht berück-sichtigt,
Linagliptin ohne Markteinführung). Damit war das Niveau ver-gleichbar
sowohl mit dem Vorjahr als auch mit dem Folgejahr, aber nied-riger
als in den Jahren 2006-2010 (jeweils zwischen 27 und 36 neue Wirk-stoffe)
(Abbildung 1). Basierend auf der Klassifikation nach Fricke/Klaus zur
Bewertung des Innovationsgrades vergaben die Autoren des Arznei-verordnungs-
Report (Schwabe & Paffrath, 2012) 14-mal ein „A“ für inno-vative
Substanzen. Damit wurde zumindest nach dieser Klassifizierung
häufiger ein hoher Innovationsgrad erreicht als im Vorjahr (nur fünfmal
„A“), wobei es sich sechsmal um eine Doppelbewertung wie A/C oder A/D
handelte (pharmakologisch innovativ = neuartiges Wirkprinzip, aber gleich-zeitig
keine ausreichenden Belege für eine therapeutische Wirksamkeit).
Abbildung 1: Markteinführung von Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen mit der
Anzahl innovativer und verbesserter Wirkstoffe im Zeitraum 1995-2012 (eigene
Darstellung nach Schwabe & Paffrath, 2013)
Auch die Pharmazeutische Zeitung (PZ) wertete die Hälfte der 20 im Re-port
untersuchten neuen Wirkstoffe vorläufig als „Sprunginnovationen“,
sechs waren immerhin „Schrittinnovationen“ und vier waren „Analogprä-parate“,
also Nachahmer bekannter Wirkstoffe ohne zusätzliche Vorteile
(Tabelle 3). Bei dieser Einordnung spielt es ebenfalls eine Rolle, ob ein
völlig neuer Wirkmechanismus vorliegt. Anders fällt das Ergebnis aus,
wenn man die ausschließlich auf Nutzen-Schaden-Relationen und dem
darausfolgenden therapeutischen Stellenwert basierenden Bewertungen
des arznei-telegramms (a-t) bzw. des Arzneimittelkursbuch (aus dem glei-chen
Verlag) zu Rate zieht: Hier wurde bei den neuen Arzneimitteln des
Jahres 2011 kein einziges als „Mittel der Wahl“ bezeichnet, immerhin
sechsmal lautete die Bewertung „Mittel der Reserve“, und zwar bei
Abirateron, Boceprevir, Collagenase, Fingolimod, Telaprevir und Ticagrelor
(Tabelle 3). Fünfmal hieß es aber auch wenig schmeichelhaft „umstrittenes
Therapieprinzip“, und zwar bei Dexamfetamin, Fampridin, Ipilimumab,
Nabiximols und Pirfenidon. Im Jahr 2011 startete nach den Vorgaben des
Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) auch die frühe Nutzen-bewertung
durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) bei neu in
den Markt eingeführten Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen, neuen Wirk-stoffkombination
sowie bei Indikationserweiterungen. Seitdem gibt es in
Deutschland erstmals eine Kopplung von (Zusatz-)Nutzen und dem
Erstattungspreis in der GKV, der im Anschluss an den Beschluss zum
Zusatznutzen zwischen Hersteller und GKV-Spitzenverband ausgehandelt
wird. Bei den neuen Arzneimitteln (mit neuen Wirkstoffen) des Jahres
2011, die in diesem Innovationsreport thematisiert wurden, konstatierte
der G-BA immerhin viermal die zweitbeste Bewertung („beträchtlicher
Zusatznutzen“), zumindest bei einem Teil der zugelassenen Anwendungs-gebiete.
Dies war der Fall bei Abirateron zur Prostatakrebs-Behandlung,
Belimumab zur Lupus-Therapie, Ipilimumab zur Melanom-Behandlung und
Ticagrelor zur Therapie des akuten Koronarsyndroms. Einschränkend
kommt hinzu, dass es sich bis auf Ticagrelor (bei der Indikation instabile
Angina pectoris oder Herzinfarkt ohne typische EKG-Veränderungen) nicht
um Belege für einen Zusatznutzen, sondern lediglich um Hinweise oder
Anhaltspunkte handelte. Bei weiteren sechs der insgesamt 20 neuen
Wirkstoffe, die im vorliegenden Innovationsreport bewertet wurden, fand
der G-BA immerhin noch Hinweise oder Anhaltspunkte für einen geringen
Zusatznutzen. Das Beispiel Ipilimumab zeigt, dass es auch bei aus-schließlicher
Bewertung des Patientennutzens bei der AMNOG- und der
a-t-Bewertung zu sehr unterschiedlichen Einordnungen kommen kann
Insgesamt erhielten von den neuen Arzneimitteln des Jahres 2011 mit Pir-fenidon
zur Behandlung der idiopathischen Lungenfibrose und Tafamidis
zur Behandlung einer Transthyretin-Amyloidose zwei Wirkstoffe den
Orphan Drug-Status. Orphan Drugs („Arzneimittel-Waisen“) sind Arznei-mittel
zur Behandlung seltener Krankheiten. Hierzulande gilt eine Krank-heit
als selten, wenn weniger als 40.000 Menschen (< 5:10.000 Einwohner)
an ihr leiden. Im Jahr zuvor waren es sieben Orphan Drugs. Bei Orphan
Drugs gilt gemäß rechtlicher Rahmenbedingungen der Zusatznutzen als
belegt und der G-BA bewertet lediglich das Ausmaß eines Zusatznutzens.
Eine „vollständige“ Nutzenbewertung wird erst durchgeführt, wenn der
Umsatz des entsprechenden Arzneimittels in einem Jahr die Schwelle von
50 Millionen Euro übersteigt. Unter den neuen Arzneimitteln des Jahres
2011 befinden sich drei gentechnisch bzw. biotechnologisch hergestellte
Wirkstoffe („Biologicals“): Belatacept zur Verhinderung von Transplantat-
Abstoßungen, Belimumab zur Lupus-Behandlung und Ipilimumab zur Be-handlung
fortgeschrittener bzw. metastasierter Formen des schwarzen
Hautkrebs (malignes Melanom). Solche Spezialpräparate gewinnen zu-nehmend
an Marktbedeutung und auch, wenn sie oftmals nur für wenige
Patientinnen und Patienten verordnet werden, können sie ein Kranken-versicherungssystem
aufgrund häufig sehr hoher Arzneimittelpreise ex-trem
Der Umsatz der neuen Arzneimittel des Jahres 2011 lag in der untersuch-ten
Population der TK-Versicherten bei 74 Millionen Euro (gemessen für
das Jahr 2012). Verglichen mit den neuen Arzneimitteln im Jahr 2010
handelt es sich damit um einen relativ „teuren Jahrgang“, zumal auch
weniger Packungen (n = 49,2 Tsd.) dieser neuen Arzneimittel als bei den
Vorjahresinnovationen verordnet wurden (n = 68,9 Tsd.). Diese ge-nerierten
seinerzeit einen Umsatz von 16,3 Mio. Euro (gemessen für das
Jahr 2011). Lag der durchschnittliche Preis pro Packung damals bei rund
242 Euro (Windt et al., 2013), waren es nun rund 1.504 Euro. Verant-wortlich
dafür sind verhältnismäßig teure Medikamente z.B. zur Behand-lung
von Multipler Sklerose (MS), wie Fingolimod (Gilenya®) (Rang 1 nach
Umsatz bei den neuen Arzneimitteln) oder zur Behandlung von Krebs-erkrankungen
wie z.B. das Prostatakrebsmedikement Abirateron (Zytiga®)
(Rang 2 nach Umsatz) oder Ipilimumab (Yervoy®) (Rang 5 nach Umsatz) zur
Therapie des malignen Melanoms (Tabelle 4). Das im Jahr 2012 am
häufigsten verordnete neue Arzneimittel des Jahres 2011 war mit 16 Tsd.
verschriebenen Packungen Fampridin, das wie die ebenfalls neuen
Wirkstoffe Fingolimod und Nabiximols (Cannabis-Extrakt), für eine MS-Indikation
zugelassen ist. Auf Platz 2 nach Verordnungen rangiert der Ge-rinnungshemmer
Ticagrelor (Brilique®), welcher bereits im vergangenen
Innovationsreport thematisiert wurde und sich als das Arzneimittel mit
dem größten Nutzen erwies.
Erklärungen zu Tabelle 3 auf der folgenden Seite: NBW = Nutzenbewertung, a-t = arznei-telegramm,
AKB = Arzneimittelkursbuch, PZ = Pharmazeutische Zeitung, *)Vorläufige Bewertung, Abkür-zungen
bei AMNOG-NBW: B = Beleg für Zusatznutzen mit dem Ausmaß…, H = Hinweis auf Zusatznutzen mit
dem Ausmaß…, Anhaltspunkt für Zusatznutzen mit dem Ausmaß…, 1) Patienten mit metastasiertem
kastrationsresistentem Prostatakrebs, die für eine Docetaxel-Behandlung nicht mehr in Frage kommen
oder Patienten mit mildem Verlauf, bei denen eine Chemotherapie noch nicht notwendig ist, 2) Patienten
mit metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakrebs, die für eine Docetaxel-Behandlung noch in Frage
kommen, 3) Patienten mit Hüftgelenksersatz-OP, 4) Patienten mit Kniegelenksersatz-OP, 5) Patienten mit
nicht-valvulärem Vorhofflimmern, 6) Patienten, die für eine Docetaxel-Chemotherapie nicht mehr in Frage
kommen, 7) Bei Patienten, die noch für eine Docetaxel-Chemotherapie in Frage kommen, 8) Brustkrebs-
Patientinnen, die nicht mehr für eine Anthrazyklin/Taxan-Therapie in Frage kommen, 9) Brustkrebs-
Patientinnen, die noch für eine Anthrazyklin/Taxan-Therapie in Frage kommen, 10) Patienten mit hochak-tiver
schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (MS) mit oder ohne Interferon-Vorbehandlung, 11)
Patienten mit rasch fortschreitender schubförmig-remittierender Multipler Sklerose (MS), 12) Bei Patien-ten
mit instabiler Angina pectoris oder Herzinfarkt ohne EKG-Veränderungen (NSTEMI), 13) Patienten mit
Herzinfarkt mit EKG-Veränderungen (STEMI), 14) Ausnahme gegenüber Punkt 12: Bei Patienten im Alter
von mind. 75 Jahren, die für Prasugrel+ASS nicht in Frage kommen oder bei Patienten mit TIA oder ischä-mischem
Schlaganfall in der Vergangenheit.
Fricke-
a-t/AKB-Bewertung PZ-Bewertung
Abirateron Prostatakrebs Beträchtlich1,H/Nicht belegt2 A Mittel der Reserve Sprunginnovation*
Apixaban Thromboembolie-prophylaxe
Gering3,H/ Nicht belegt4/
Gering5,H
Belatacept Transplantationsmedizin GeringH A - Schrittinnovation*
Belimumab Systemischer Lupus BeträchtlichH A - Sprunginnovation*
Boceprevir Hepatitis C Nicht quantifizierbarH A Mittel der Reserve Sprunginnovation*
Cabazitaxel Prostatakrebs Gering6,H/ Nicht belegt7 B/C - Analogpräparat*
Collagenase Morbus Dupuytren Nicht belegt A Mittel der Reserve Sprunginnovation*
Eribulin Brustkrebs Gering8,A / Geringer9,A B - Schrittinnovation*
Fingolimod Multiple Sklerose Nicht belegt10 / Gering11,A A/D Mittel der Reserve Sprunginnovation*
Ipilimumab Melanom (Hautkrebs) BeträchtlichH A Umstrittenes
Nabiximols Multiple Sklerose GeringA A/D Umstrittenes
(Nicht quantifizierbar)
Pitavastatin Fettstoffwechselstörungen Nicht belegt C Variante Analogpräparat*
Telaprevir Hepatitis C Nicht quantifizierbarH A Mittel der Reserve Sprunginnovation*
Ticagrelor Akutes Koronarsyndrom Beträchtlich12,B/ Nicht belegt13/
Nicht quantifizierbar14,A
B Mittel der Reserve Schrittinnovation*
Tabelle 3: Übersicht der neuen Arzneimittel mit neuen Wirkstoffen des Jahres 2011
*) Linagliptin (Trajenta®) wurde nicht in den Markt eingeführt und fehlt daher in dieser Tabelle, **) Daten nach
IMS Health (2013) (ohne Re-Importe)
Tabelle 4: Top-Liste der neuen Arzneimittel des Jahres 2011 – nach Umsatz im
Jahr 2012 (TK und gesamter Apothekenmarkt Deutschlands)
Techniker Krankenkasse Deutschland gesamt**
änd. zum
(Gilenya®) 17.091,1 +159% 7,4 95.794,9 51,8
2 Abirateron
(Zytiga®) 16.600,0 +526% 3,1 133.926,3 30,4
3 Telaprevir
(Incivo®) 12.716,4 +242% 1,4 108.075,8 14,7
4 Fampridin
(Fampyra®) 7.840,9 +610% 16,0 48.983,3 133,2
5 Ipilimumab
(Yervoy®) 4.601,3 +297% 0,3 9.826,0 0,9
6 Boceprevir
(Victrelis®) 3.723,2 +281% 1,0 35.252,8 11,4
(Jevtana®) 3.058,7 +29% 0,6 9.677,8 2,2
8 Pirfenidon
(Esbriet®) 2.239,8 +707% 0,9 20.680,6 9,7
9 Ticagrelor
(Brilique®) 2.015,0 +442% 12,7 21.284,3 184,4
10 Eribulin
(Halaven®) 1.497,2 +167% 2,0 3.033,2 4,7
11 Nabiximols
(Sativex®) 948,9 +171% 1,6 6.618,5 14,3
12 Tafamidis
(Vyndaqel®) 899,3 +>999% <0,1 3.642,0 0,2
13 Belimumab
(Benlysta®) 481,4 +388% 0,8 1.889,2 4,1
14 Retigabin
(Trobalt®) 80,8 +35% 0,4 765,2 5,1
15 Collagenase
(Xiapex®) 60,8 +107% 0,1 262,2 0,3
16 Dexamfetamin
(Attentin®) 54,5 +>999% 0,8 412,1 9,6
17 Belatacept
(Nulojix®) 38,4 +>999% <0,1 200,7 0,1
18 Apixaban
(Eliquis®) 25,6 +872% 0,2 292,3 3,6
19 Pitavastatin
(Livazo®) 0,1 -36% <0,1 11,3 0,3
Etwa 0,1 % (n = 9.635) der TK-Versicherten erhielten im Jahr 2012 ein
Arzneimittel, das im Laufe des Vorjahres in den Markt eingeführt wurde
(Tabelle 7). Die Vorjahresinnovationen des letzten Innovationsreportes be-kamen
mehr als doppelt so viele Versicherte verordnet (Windt et al.,
2013). Auf Bundeslandebene zeigten sich hinsichtlich der Verordnungsprä-valenz
bei den Neueinführungen regionale Differenzen: Die Bundesländer
mit einer höheren Häufigkeit von Innovationsverschreibungen bilden eine
Achse vom Nordwesten (Niedersachsen) zum südlichen Osten (Sachsen),
während Bayern, Hamburg und die nordöstlichen Bundesländer die
niedrigsten Verordnungsprävalenzen aufweisen (Abbildung 2). Die Gründe
für solche Differenzen sind im Einzelnen nicht klar, aus früheren
Untersuchungen sind insbesondere Ost-West-Unterschiede mit kosten-intensiverer
Verordnung in den Neuen Bundesländern bekannt (Häussler
Nur bei drei Wirkstoffen lag die Verordnungsprävalenz bei über 10 je
100.000 Versicherte, und zwar beim Gerinnungshemmer Ticagrelor sowie
bei den MS-Medikamenten Fampridin und Fingolimod, und dies, obwohl
MS mit etwa 140.000 Betroffenen in Deutschland (Pugliatti et al., 2006)
nicht als häufige Erkrankung zu bezeichnen ist. Bei sechs der 20 untersuch-ten
neuen Wirkstoffe lag die Verordnungsprävalenz sogar unter 1 je
100.000 Versicherte (Belatacept, Belimumab, Collagenase, Ipilimumab,
Pitavastatin, Tafamidis). Im Falle von Linagliptin verzichtete der Hersteller
Boehringer Ingelheim hierzulande auf eine Markteinführung, nachdem der
G-BA keinen Zusatznutzen festgestellt hatte.
Im Mittel waren TK-Versicherte mit der Verordnung eines neuen Arznei-mittels
56,7 Jahre alt (Vorjahresinnovationen: 64,9 Jahre) und bei einem
Frauenanteil von lediglich 39,0 % eher männlich (Vorjahresinnovationen:
41,2 %) (Tabelle 7). Die Wirkstoffe Abirateron (Indikation: Prostatakrebs),
Belatacept (Indikation: Nierentransplantation), Cabazitaxel (Indikation:
Prostatakrebs) und Tafamidis (Indikation: TTR-Amyloidose) wurde aus-schließlich
für Männer verordnet, Eribulin (Indikation: Brustkrebs) aus-schließlich
4 Kurzbewertungen der neuen Wirkstoffe
Handelsname: Zytiga® Hersteller: Janssen-Cilag
Indikation: Prostatakrebs (metastasiert) Markteinführung: Okt. 2011
Der Androgen-Biosynthese-Hemmstoff Abirateron ist zugelassen zur Be-handlung
des metastasierten, kastrationsresistenten Prostatakarzinoms
bei erwachsenen Männern und stellt sowohl für Patienten, bei denen eine
Chemotherapie noch nicht klinisch indiziert ist, als auch für Patienten, für
die nach einer ersten Docetaxel-Behandlung eine weitere nicht in Frage
kommt, eine mögliche Therapieoption dar (Janssen-Cilag, 2013a). So
könnten gerade die Patienten profitieren, für die bislang nur ein „aktives
Überwachen“ bis zum Fortschreiten der Erkrankung und der Zunahme von
Beschwerden als Therapieoption bestand. Harte Endpunkte wie die Le-benserwartung
oder die Krankheitsfolgen konnten erheblich verbessert
werden (de Bono et al., 2011; Ryan et al., 2013). Ein weiterer Vorteil ist,
dass das Medikament geschluckt werden kann und es nicht wie bei
Für Patienten, für die eine erneute Behandlung mit Docetaxel nicht mehr
in Frage kommt, stellte der Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) im Ver-gleich
mit bestmöglicher unterstützender Behandlung (BSC) einen Hinweis
für einen beträchtlichen Zusatznutzen von Abirateronacetat fest. Für
Patienten, die eine Docetaxel-Re-Therapie erhalten könnten, wurde der
Zusatznutzen gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie dagegen
als nicht belegt eingestuft. Der G-BA sah außerdem einen Hinweis für
einen beträchtlichen Zusatznutzen für Patienten, bei denen eine
Chemotherapie noch nicht klinisch indiziert ist (G-BA, 2012a; G-BA, 2013a).
Therapieoption in
frühen Krank-heitsstadien
bei Therapie-versagen
Ve rbesserung
harter End-punkte
Krankheitsfolge
Erläuterung der Farben: Verfügbare Therapien: rot = weitere Therapieoption,
gelb = Subgruppen-Novität, grün = Solist; (Zusatz-)Nutzen: rot = keine Verbesserung oder
schlechte Nutzen/Schaden-Relation, gelb = teilweise Verbesserungen, grün = Verbesserung
harter Endpunkte; Kosten: rot = teurer als bestehende Therapien, gelb = ungefähr gleich bzw.
teils/teils, grün = günstiger als bestehende Therapien
Die Jahrestherapiekosten von Abirateron liegen – in Abhängigkeit vom
Anwendungsgebiet – zwischen 50.491,39 € (Abirateron + Prednisolon) und
51.975,38 € (Abirateron + Prednisolon + Histrelin) (Stand Lauer-Taxe
Indikation: Prophylaxe (Embolien) Markteinführung: Juni 2011
Der orale Faktor-Xa-Inhibitor Apixaban, zugelassen zur Prophylaxe venöser
Thromboembolien nach elektiven Hüft- oder Kniegelenksersatzopera-tionen
sowie zur Prophylaxe von Schlaganfällen und systemischen Em-bolien
bei Erwachsenen mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern (Bristol-
Myers Squibb & Pfizer, 2013a; Bristol-Myers Squibb & Pfizer, 2013b), kann
für solche Patienten eine wertvolle Option darstellen, bei denen Vitamin-
K-Antagonisten wie Phenprocoumon nicht Frage kommen. Gründe hierfür
sind etwa eine schwierige INR-Einstellung unter Vitamin-K-Antagonisten,
Unverträglichkeiten, Kontraindikationen oder Wechselwirkungen von Vita-min-
K-Antagonisten mit notwendigen anderen Arzneimitteln aufgrund
bestehender Komorbidität. Jedoch ist Vorsicht geboten bei Patientinnen
und Patienten mit Nieren- bzw. Leberinsuffizienz, im höheren Alter und
bzw. oder mit geringem Körpergewicht sowie mit hohem Blutungsrisiko,
da für Apixaban kein spezifisches Antidot zur Verfügung steht. So kann
auch bei schweren Blutungen oder zwingend erforderlicher Operation die
Wirkung des neuen Arzneimittels nicht gezielt aufgehoben werden, daher
ist auch die potenzielle Lebensgefahr bei fehlerhafter Verordnung oder
Einnahme zu beachten. Die Sicherheit ist in der breiten Anwendung noch
Für Patienten mit Hüftgelenksersatz konstatierte der G-BA einen Hinweis
für einen geringen Zusatznutzen gegenüber der zweckmäßigen Ver-gleichstherapie.
Dagegen wurde für Patienten mit elektiver Kniegelenks-ersatzoperation
kein Beleg für einen Zusatznutzen festgestellt. Einen Hin-weis
für einen geringen Zusatznutzen sah der G-BA in der Prophylaxe von
Schlaganfällen und systemischen Embolien bei Erwachsenen mit nicht-valvulärem
Vorhofflimmern (G-BA, 2012b; G-BA, 2013b).
Fällen deutlich
unklares Nutzen-
Schaden-Potenzial bei
derzeitiger Datenlage
Die (Jahres-)Therapiekosten von Apixaban liegen – abhängig vom Indika-tionsgebiet
und der Anwendungsdauer– zwischen 31,20 € und 1.045,25 €
(Stand Lauer-Taxe 15.02.2014).
4.3 Belatacept
Handelsname: Nulojix® Hersteller: Bristol-Myers Squibb
Indikation: Nierentransplantation Markteinführung: Juli 2011
ATC-Code: L04AA28 DDD: 12,5 mg
Das Biologikum Belatacept gehört zur pharmakotherapeutischen Gruppe
der Immunsuppressiva und ist in Kombination mit Corticoiden und Myco-phenolsäure
zur Prophylaxe einer Transplantatabstoßung bei den
Patienten indiziert, die eine Nierentransplantation erhalten haben (Bristol-
Myers Squibb, 2013c). Trotz häufigerem Auftreten von Abstoßungs-reaktionen
war das Transplantatüberleben unter Belatacept vergleichbar
mit dem unter Ciclosporin (Vinceti et al., 2010; Durrbach et al., 2010). Die
von den Calcineurinantagonisten wie Ciclosporin bekannten nephro-toxische
Spätschäden, treten bei diesem neuen Wirkstoff nicht auf. Da
Belatacept jedoch gegen ein Regime getestet wurde, das derzeit nicht
mehr die erste Wahl der Initialtherapie nach Nierentransplantation ist
(Türk et al., 2010), sind weitere Daten zur Langzeitprognose notwendig,
um seinen Stellenwert besser beurteilen zu können.
Die Nutzenbewertung von Nulojix® durch den Gemeinsamen Bundesaus-schuss
ergab hinsichtlich der Prophylaxe einer Transplantatabstoßung bei
Erwachsenen, die eine Nierentransplantation erhalten haben, gegenüber
der zweckmäßigen Vergleichstherapie einen Hinweis für einen geringen
Zusatznutzen und zwar unabhängig davon, ob die Patienten ein Trans-plantat
eines Spenders nach Standardkriterien (SCD) oder mit erweiterten
Kriterien (ECD) erhielten. Die zweckmäßige Vergleichstherapie war jeweils
Ciclosporin in Kombination mit Corticosteroiden und Mycophenolatmofetil
(G-BA, 2012c).
häufiger, jedoch ver-gleichbares
Trans-plantatüberleben,
A keine Bewertung
Die Jahrestherapiekosten vom Belatacept-Regime belaufen sich auf
16.765,48 € (Belatacept + Mycophenolatmofetil + Prednisolon) (Stand
Lauer-Taxe 15.02.2014).
4.4 Belimumab
Handelsname: Benlysta® Hersteller: GSK
Indikation: Systemischer Lupus Markteinführung: Juli 2011
ATC-Code: L04AA26 DDD: 25 mg
Der monoklonale Antikörper Belimumab ist ein selektiver immunsuppres-siver
Wirkstoff, der zur Behandlung des systemischen Lupus erythe-matodes
(SLE) eingesetzt wird (GSK, 2013a). Belimumab ist das erste
Biologikum für die Behandlung von Patienten, die trotz Standardbehand-lung
einen aktiven SLE aufweisen. Der Wirkstoff hat in zwei klinischen
Studien einen signifikanten Effekt auf die SLE zeigen können, allerdings
wurden hierbei nur Patienten mit nicht lebensgefährlicher Erkrankung ein-geschlossen
(Navarra et al., 2011; Furie et al., 2011). So liegen keine aus-reichenden
Daten für diejenigen Patienten vor, die eine schwere Lupus-
Nierenentzündung oder Nervenbeteiligung aufweisen. Aufgrund des Wirk-mechanismus
ist unter der Behandlung mit Belimumab das Risiko für
schwere Infektionen erhöht. Schon zum Zeitpunkt der Zulassung von
Benlysta® war eine im Vergleich zu Placebo erhöhte Inzidenz von Über-empfindlichkeitsreaktionen
bekannt. Daher sind seit der Zulassung ent-sprechende
Informationen und Warnhinweise in der Fachinformation
Im Rahmen der frühen Nutzenbewertung sah der G-BA gegenüber der
zweckmäßigen Vergleichstherapie einen Hinweis für einen beträchtlichen
Zusatznutzen (G-BA, 2012d).
als Zusatztherapie
verteuert es die
zur Standard-behandlung
Outcomes, sehr schwere
UAW möglich
Die Jahrestherapiekosten von Belimumab liegen im ersten Jahr bei
17.477,40 € und ab dem zweiten Jahr bei 15.147,08 € als Add-On-Therapie
4.5 Boceprevir
Handelsname: Victrelis® Hersteller: MSD
Indikation: Chron. Hepatitis C Markteinführung: September 2011
ATC-Code: J05AE12 DDD: 2.400mg
Boceprevir ist ein Inhibitor der viralen NS3-Protease und indiziert zur Be-handlung
der chronischen Hepatitis C (CHC)-Infektion vom Genotyp 1 in
Kombination mit PegInterferon alfa und Ribavirin bei erwachsenen Patien-ten
(MSD, 2013). Sowohl bei der Erstbehandlung wie auch bei der Re-
Therapie konnte sich in den Vergleichsstudien durch den Zusatz das „dau-erhafte
virologische Ansprechen“ als ausreichend valide eingeschätzter
Surrogatmarker für einen nicht erhobenen patientenrelevanten Endpunkt
(Auftreten von Leberkrebs als Folgekomplikation) verbessern (Poordad et
al., 2011; Bacon et al, 2011). Aussagen darüber, wie viele Fälle von Leber-karzinomen
durch den Zusatz von Boceprevir verhindert werden, ließen
sich anhand der vorliegenden Daten nicht treffen. Auch muss das Risiko
einer viralen Resistenzentwicklung beachtet werden, ebenso nimmt die
Komplexität der Behandlung durch mögliche Nebenwirkungen sowie Arz-neimittelinteraktionen
(beispielsweise bei gleichzeitiger Anwendung von
HIV-Therapeutika) zu.
Die Nutzenbewertung durch den G-BA ergab einen Hinweis auf einen
Zusatznutzen von Boceprevir gegenüber der zweckmäßigen Vergleichsthe-rapie,
allerdings ohne quantifizierbares Ausmaß (G-BA, 2012e).
als Add-on-Therapie
alleinige Gabe der
Standardkombina-tionstherapie
Standardtherapie,
neue Option für
der Raten des viro-logischen
Ansprechens,
Verbesserung patien-tenrelevanter
Die Jahrestherapiekosten von Boceprevir inklusive Ribavirin und
PegInterferon liegen abhängig vom Indikationsgebiet zwischen 31.015,31 €
und 55.433,64 € (Stand Lauer-Taxe 15.02.2014).
4.6 Cabazitaxel
Handelsname: Jevtana® Hersteller: Sanofi-Aventis
Indikation: Prostatakrebs Markteinführung: April 2011
ATC-Code: L01CD04 DDD: 2,14 mg
Cabazitaxel zählt wie Docetaxel und Paclitaxel zu den Taxanen und ist für
die Zweitlinienchemotherapie des metastasierten hormonrefraktären
Prostatakarzinoms zugelassen (Sanofi-Aventis, 2013). Im Vergleich zu
Mitoxantron zeigt der neue Wirkstoff bei Patienten mit Krankheitsprogres-sion
ein um 2,4 Monate verlängertes Gesamtüberleben (de Bono et al.,
2010). Demgegenüber stehen die derzeit unter Cabazitaxel häufiger auf-tretenden
schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen (Sanofi-Aventis,
2013). Aus diesem Grund kann derzeit nicht beurteilt werden, inwieweit
das neue Arzneimittel gegenüber den bisher eingesetzten Taxanen ein
wirklicher Fortschritt ist. Auch können keine Aussagen über eine mögliche
Verbesserung der Lebensqualität getroffen werden, da keine Ergebnisse
Die G-BA-Nutzenbewertung wurde für zwei unterschiedliche Patienten-gruppen
durchgeführt. Die erste Gruppe waren Patienten mit hormonre-fraktärem
metastasiertem Prostatakarzinom, die während oder nach einer
Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient sind und für die eine er-neute
Behandlung mit Docetaxel nicht mehr infrage kommt. Ausmaß und
Wahrscheinlichkeit des Zusatznutzens gegenüber BSC gaben einen Hin-weis
für einen geringen Zusatznutzen. Die zweite Gruppe bildeten die
Patienten mit hormonrefraktärem metastasiertem Prostatakarzinom, die
nach einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient sind, grundsätz-lich
aber noch für eine adäquate Docetaxel-haltige Chemotherapie infrage
kommen. Da allerdings die erforderlichen Nachweise nicht vollständig
vorgelegt werden konnten, konstatierte der Gemeinsame Bundesaus-schuss
den Zusatznutzen im Verhältnis zur zweckmäßigen Vergleichsthe-rapie
als nicht belegt (G-BA, 2012z).
Gesamtüberlebenszeit,
Schmerzen, aber
schwerwiegende UAW
B/C keine Bewertung
Die Therapiekosten (Jahresdurchschnittsverbrauch) von Cabazitaxel be-laufen
sich derzeit auf 83.956,38 € inklusive Prednisolon (Stand Lauer-Taxe
4.7 Collagenase (aus Clostridium histolyticum)
Handelsname: Xiapex® Hersteller: Pfizer
Indikation: Morbus Dupuytren Markteinführung: Mai 2011
ATC-Code: M09AB02 DDD: 0,9 mg
Als erste injizierbare Therapieoption enthält Xiapex® mikrobielle
Collagenase aus Clostridium histolyticum. Dabei sind Collagenasen Enzy-me,
die unter physiologischen Bedingungen Collagen hydrolysieren und
dadurch abbauen können. Im Februar 2011 erteilte die Europäische Arz-neimittelagentur
für Xiapex® die Zulassung zur Behandlung einer
Dupuytren’schen Kontraktur bei Patienten mit einem tastbaren Strang
(EMA, 2013b). Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine gutartige
Fibromatose der Handinnenfläche mit krankhafter Collagenbildung. Zwar
konnte in den Studien ein klinisch relevanter Nutzen im Vergleich zu Pla-cebo
aufgezeigt werden (EMA, 2013b, Hurst et al., 2009), allerdings fehlen
Langzeitdaten vor allem im Hinblick auf die Rückfallrate, mögliche Kompli-kationen
und die (bestehende) Funktionsfähigkeit der Hand. So wurde
unter der Therapie von schwerwiegenden unerwünschten Nebenwirkun-gen
wie Sehnenruptur, Tendinitis sowie einem komplexen regionalen
Schmerzsyndrom berichtet (EMA, 2013b). Sollte ein operatives Verfahren
aufgrund von Begleitmedikation und bzw. oder Komorbidität nicht in Frage
kommen, könnte die Injektion eine Therapiealternative darstellen. Jedoch
fehlen auch hier wieder direkte Vergleiche mit operativen Verfahren oder
perkutaner Durchtrennung mittels Nadelfasziotomie.
Nach der frühen Nutzenbewertung des G-BA gilt ein Zusatznutzen gegen-über
der zweckmäßigen Vergleichstherapie als nicht belegt (G-BA, 2012f).
Im Mai 2012 wurde die mikrobielle Collagenase vom Markt genommen.
Kostenanalyse nicht
möglich aufgrund
Vertriebs in
4.8 Dexamfetamin
Handelsname: Attentin® Hersteller: Medice
Indikation: ADHS Markteinführung: Dez. 2011
ATC-Code: N06BA02 DDD: 15 mg
Darreichungsform: Tablette (Betäubungsmittel)
Dexamfetamin ist das wirksame Enantiomer des Amphetamins. Das Be-täubungsmittel
findet seine Anwendung in der Behandlung der therapiere-fraktären
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (kurz: ADHS) bei
Kindern und Jugendlichen ab sechs Jahren (Medice, 2012). Dexamfetamin
stellt in der ADHS-Behandlung nach Methylphenidat und Atomoxetin eher
ein Mittel der dritten Wahl dar und birgt zahlreiche Nebenwirkungen
(Medice, 2012; DGKJP, 2006). Zum einen kann es durch seine anorektische
Wirkung zu Appetitverlust und Gewichtsabnahme kommen, zum anderen
werden durch den Wirkstoff Herz-Kreislauf-Parameter wie Bluthochdruck
und Herzfrequenz beeinflusst. Unter der Therapie können außerdem
psychiatrische Erkrankungen zum ersten Mal ausgelöst beziehungsweise
vorhandene verstärkt werden. Bei Komedikation muss – im Gegensatz zu
Methylphenidat – auf mögliche Wechselwirkungen aufgrund der Verstoff-wechselung
über das CYP2D6-Enzym geachtet werden. Sicherheit und
Wirksamkeit der Langzeitanwendung wurden bislang nicht untersucht, zu
beachten ist allerdings das hohe Abhängigkeitspotenzial von Amphetami-nen.
Eine Langzeitanwendung sollte aus diesem Grund vermieden und
behandlungsfreie Zeitabschnitte eingeplant werden. Nach längerer Ein-nahme
ist eine ausschleichende Therapie nötig, da ein abruptes Absetzen
zu starker Müdigkeit und zu Depressionen führen kann (Medice, 2012). Da
es sich bislang um eine unretardierte Arzneiform handelt, kann eine Mehr-fachgabe
notwendig sein, was bei Adhärenzproblemen zu einer ungenü-genden
Therapie führen kann. Generell weist Dexamfetamin keine Vorteile
gegenüber den bereits etablierten Substanzen auf.
Bei Dexamfetamin handelt es sich um keinen neuen Wirkstoff. Aus diesem
Grund fand keine Bewertung des Zusatznutzens durch den Gemeinsamen
Bundesausschuss statt.
(Mittel der 1. Wahl)
C Umstrittenes Therapieprinzip
Die Therapiekosten (durchschnittlicher Jahresverbrauch) von Dexamfe-tamin
liegen derzeit bei 1.474,53 € (Stand Lauer 15.02.2014).
4.9 Eribulin
Handelsname: Halaven® Hersteller: Eisai
Indikation: Brustkrebs (metastasiert) Markteinführung: Mai 2011
ATC-Code: L01XX41 DDD: 0,21 mg
Das antineoplastische Arzneimittel Eribulin wurde als Monotherapie für
die Behandlung von Patienten mit lokal fortgeschrittenem oder metasta-siertem
Brustkrebs zugelassen (Eisai, 2013). Im Vergleich zu einer Therapie
nach Wahl des Arztes führte die Behandlung mit Eribulin zu einer Verlän-gerung
des Gesamtüberlebens von Patientinnen mit metastasiertem
Brustkrebs um 2,5 Monate (Cortes et al., 2011). So könnte der neue Wirk-stoff
eine Behandlungsoption für die Frauen sein, die bislang als austhera-piert
galten. Allerdings relativiert sich der Vorteil in Anbetracht der höhe-ren
Toxizität. Auch wurden keine Daten zur Lebensqualität erhoben. Eben-so
wenig wurde die Abhängigkeit der Wirksamkeit vom Rezeptorstatus
Der G-BA wählte für die Bewertung von Eribulin als zweckmäßige Ver-gleichstherapie
eine Monotherapie mit Capecitabin oder Vinorelbin für
Patientinnen, die nicht mehr mit Taxanen oder Anthrazyklinen behandelt
werden können, oder eine erneute Anthrazyklin- oder Taxan-haltige Be-handlung
für infrage kommende Patientinnen. Für die erste Patientinnen-gruppe
lautete das Gesamturteil: „Anhaltspunkt für einen geringen Zu-satznutzen“.
Bei Patientinnen, die noch mit Anthrazyklinen oder Taxanen
behandelt werden können, wurden hingegen keine positiven Effekte ge-funden.
Hier gibt es einen Anhaltspunkt für einen, im Verhältnis zur
zweckmäßigen Vergleichstherapie, geringeren Nutzen (G-BA, 2012g).
überwiegend teurer
als zweckmäßige
für bislang
„austherapierte“
Gesamtüberlebens,
jedoch höhere Toxizität
B keine Bewertung
Die derzeitigen Therapiekosten (gerechnet pro Patient und Jahr) für
Eribulin belaufen sich auf 39.310,12 € (Stand Lauer-Taxe 15.02.2014).
4.10 Fampridin
Handelsname: Fampyra® Hersteller: Biogen Idec
Indikation: Multiple Sklerose Markteinführung: Sept. 2011
ATC-Code: N07XX07 DDD: 20 mg
Der Kaliumkanalblocker Fampridin ist indiziert zur Behandlung von er-wachsenen
Patienten, die unter Multipler Sklerose mit Gehbehinderung
(EDS 4-7) leiden (Biogen Idec, 2013). Sowohl Fampridin als auch das Deri-vat
Amifampridin werden seit den 1990er Jahren als individuelle Rezeptu-ren
bei neuromuskulären Erkrankungen ohne Zulassung eingesetzt (AkdÄ,
2012b). In klinischen Studien konnte bei einigen Patientinnen und Patien-ten
eine Verbesserung der Gehgeschwindigkeit dokumentiert werden
(Goodman et al., 2009; Goodman et al., 2010). Da dieser Effekt allerdings
nur über eine kurze Gehstrecke von 7,6 Metern gemessen wurde, kann
bislang keine Aussage darüber getroffen werden, ob diese Wirkung ebenso
über eine längere Strecke anhält. Auch über Aussagen zur Gehqualität
liegen keine validen Daten vor. Mangels geeigneter Studien ist unklar,
welche Vor- und Nachteile eine Therapie mit Fampridin im Vergleich zu
Krankengymnastik bei gleichzeitiger optimierter Behandlung mit Stan-dardmedikamenten
Die Zulassung für Fampridin wurde unter der Voraussetzung erteilt, dass
die Anwendung zunächst auf zwei Wochen beschränkt bleibt und die The-rapie
nur bei einem erzielten Erfolg fortgeführt werden darf (Biogen Idec,
Der Gemeinsame Bundesausschuss sah den Zusatznutzen im Verhältnis
zur zweckmäßigen Vergleichstherapie als nicht belegt, da die erforderli-chen
Nachweise nicht vollständig vorgelegt worden waren (G-BA, 2012h).
(Langzeit-)Nutzen im
Physiotherapie unklar
vergleichbar mit der
Versorgungsober-grenze
Solist als
A/D Umstrittenes Therapieprinzip
Bei zweimal täglicher Einnahme liegen die Jahrestherapiekosten für
Fampridin derzeit bei 2.825,49 € (Stand Lauer-Taxe 15.02.2014).
4.11 Fingolimod
Handelsname: Gilenya® Hersteller: Novartis
Indikation: Multiple Sklerose Markteinführung: April 2011
ATC-Code: L04AA27 DDD: 0,5 mg
Seit März 2011 ist Fingolimod, ein Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptor-
Modulator, als erste „Kapsel gegen MS“ für Patientinnen und Patienten
mit hochaktiver schubförmiger Multipler Sklerose zugelassen, bei denen
die Standardbehandlung mit Interferon-beta nicht ausreichend wirkt oder
aber bei denen die Krankheit besonders rasch und schwer verläuft (Novar-tis,
2013). Klinisch gesehen konnte Fingolimod die Schubrate zwar besser
senken als die Standardtherapie, gleichzeitig zeigten sich jedoch auch
Hinweise auf erhebliche unerwünschte Wirkungen (Kappos et al., 2010;
Cohen et al., 2010). Aufgrund seines Risikoprofils (darunter tödlich verlau-fende
Infektionen; Novartis, 2012a-d) ist der neue Wirkstoff allerdings nur
für bestimmte Patientengruppen zugelassen. Hinsichtlich der Einnahme
stellt die perorale Arzneiform einen Fortschritt für die Patienten dar, da sie
die Therapieadhärenz fördern könnte.
Patientinnen und Patienten mit rasch fortschreitendem und schwerem
Krankheitsverlauf leiden bei Einnahme von Fingolimod weniger unter grip-peähnlichen
Symptomen als unter Beta-Interferonen. In der Gesamtschau
dieses Vorteils einerseits und der unsicheren Datenlage andererseits sah
der G-BA einen Anhaltspunkt für einen geringen Zusatznutzen von
Fingolimod. Für die beiden weiteren Patientengruppen, Patienten mit
hochaktiver RRMS, die bereits eine vollständige Vorbehandlung mit Inter-feron-
beta 1a erhalten hatten, sowie RRMS-Patienten ohne eine vollstän-dige
Interferon-Vorbehandlung, fand der G-BA keine verwertbaren Daten
(Zusatznutzen nicht belegt) (G-BA, 2012i).
Therapieoption,
dem Vorteil der
nur bei rasch
fortschreitender MS
Hinweise auf bessere
gegenüber Beta-
A/D Mittel der Reserve
Die Kosten für eine Jahrestherapie mit Fingolimod belaufen sich derzeit
auf 21.779,42 € (Stand Lauer-Taxe 15.02.2014).Related Documents
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