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Timestamp: 2020-07-07 23:21:46
Document Index: 304850502

Matched Legal Cases: ['§ 26', '§ 26', '§ 58', '§ 20', 'Art 4', '§ 88', '§ 20', '§ 58', 'Art. 12', '§ 26', '§ 26', 'Art. 88', '§ 26', '§ 26', 'Art. 6', '§ 26', '§ 26', 'Art. 7', '§ 26', 'Art. 4', '§ 26']

Rechtsprechung | Nds. Landesjustizportal - Dokument: VG Lüneburg 4. Kammer | 4 A 12/19 | Teilurteil | Datenschutzrechtliche Zulässigkeit eines Ortungssystems im Beschäftigungskontext | Langtext vorhanden
VG Lüneburg 4. Kammer, Teilurteil vom 19.03.2019, 4 A 12/19, ECLI:DE:VGLUENE:2019:0319.4A12.19.00
§ 26 Abs 1 S 1 BDSG, § 26 Abs 2 BDSG, § 58 Abs 2d EUV 2016/679, § 20 Abs 1 DSG ND 2018, Art 4 Nr 2 EUV 2016/67
den Bescheid der Beklagten vom 30.03.2017 abzuändern und die Feststellung zu Ziff. I. sowie die Anordnung zu Ziff. II.3 aufzuheben.
Die Klägerin wendet sich mit ihrer Klage zwar explizit auch gegen die Feststellung zu Ziff. I. des angefochtenen Bescheides. Ziff. I. kommt jedoch jedoch kein eigener Regelungscharakter mithin keine Verwaltungsaktqualität zu. Aufgrund der Tatsache, dass die Feststellung zu Ziff. I. nur die Grundlage für die unter Ziff. II.3. getroffene Anordnung darstellt (im Bescheid heißt es in der Begründung zu Ziff. II.3.: „Die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung der während ordnungsgemäßer betrieblicher Nutzung anfallenden Positionsdaten ist unzulässig (siehe oben)…“), ist das Rechtsschutzbegehren der Klägerin nach § 88 VwGO so zu verstehen, dass nur die angegriffene konkrete Anordnung einer gerichtlichen Überprüfung unterzogen werden soll. Soweit die zur Prüfung gestellte Anordnung unter Ziff. II.3. die Feststellung eines rechtlichen Verstoßes voraussetzt, erfolgt die Prüfung inzident.
Für die Beurteilung der Sach- und Rechtslage ist der Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung maßgeblich. Bei der datenschutzrechtlichen Anordnung der Beklagten, mit der der Klägerin aufgegeben wird, die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von Beschäftigungsdaten durch Ortungssysteme so zu gestalten, dass eine personenbezogene Ortung während der ordnungsgemäßen betrieblichen Nutzung der Fahrzeuge nicht erfolgt, handelt es sich (zukunftsorientiert) um einen Verwaltungsakt mit Dauerwirkung. Da bzgl. der Anordnung zu Ziff. II.3. auch kein Sofortvollzug angeordnet worden ist, kommt es für die Beurteilung, ob die getroffene Anordnung künftig ich Bestand haben kann, allein auf die aktuelle Rechtslage an. Maßgeblich sind daher die Verordnung (EU) 2016/679 (Datenschutz-Grundverordnung: DSGVO) und das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), beide in der ab dem 25.05.2018 geltenden Fassung, sowie das aktuelle NDSG.
Rechtsgrundlage der streitgegenständlichen Anordnung ist § 20 Abs. 1 NDSG i.V.m. § 58 Abs. 2 d) DSGVO. Danach steht der Aufsichtsbehörde die Befugnis zu, den Verantwortlichen oder den Auftragsverarbeiter anzuweisen, Verarbeitungsvorgänge gegebenenfalls auf bestimmte Weise innerhalb eines bestimmten Zeitraums in Einklang mit den Vorschriften des DSGVO zu bringen. Die Anordnungsbefugnis setzt somit das Vorliegen eines entsprechenden rechtlichen Verstoßes voraus
Erforderlich ist die Datenverarbeitung insbesondere, wenn der Arbeitgeber diese zur Erfüllung seiner – gegenüber dem Beschäftigten oder Dritten – bestehenden gesetzlichen Pflichten, für die Erfüllung seiner vertraglichen Pflichten oder zur Wahrnehmung seiner gesetzlichen oder vertraglichen Rechte benötigt. Für die Bestimmung der Erforderlichkeit kommt es auf die berechtigten Interessen und Zwecke des Arbeitgebers an Hierbei ist grds. in Rechnung zu stellen, dass dem Arbeitgeber die nach Art. 12 GG verbriefte unternehmerische Freiheit zusteht, zu entscheiden, wie er seinen Betrieb organisiert (vgl. BeckOK /Riesenhuber, 26. Ed. 1.11.2018, BDSG § 26 Rn. 114). Mit „Erforderlichkeit“ bezeichnet das Gesetz eine Abwägung der gegenläufigen Interessen. Klar jedoch ist, dass ungeeignete Mittel/Maßnahmen niemals erforderlich sind.
Die Klägerin hat zudem angegeben, dass zum Zeitpunkt des Erlasses der angefochtenen Verfügung 25 Beschäftigte die mit dem Ortungssystem ausgestatteten Fahrzeuge nutzten und diese auch namentlich benannt (Bl. 65 ff. d.A.). Mit Schreiben vom 07.11.2016 hatte die Klägerin angegeben, dass zum damaligen Zeitpunkt ca. 360 Mitarbeiter bei ihr beschäftigt seien. Selbst wenn man von dieser Zahl großzügig 100 Beschäftigte für den administrativen Bereich und die zuvor genannten 25 Beschäftigten abzieht, verblieben noch immer 235 Mitarbeiter die im Außendienst zur Erledigung von Reinigungsarbeiten eingesetzt werden. Bei diesen Mitarbeitern scheint aber seitens der Klägerin keine Notwendigkeit zu bestehen, deren Arbeitseinsatz über Ortungssysteme kontrollieren und koordinieren zu können. Auch dies wiederum stellt die Notwendigkeit der Einrichtung des Ortungssystems bei „nur“ 18 Fahrzeugen in Frage. Sofern man die Zahlen auf der aktuellen Homepage der Klägerin zugrunde legt, auf der es heißt, „… mittlerweile arbeiten rund 600 MA für die Unternehmensgruppe die täglich auf einer Fläche von ca. 40 Fußballfeldern für Sauberkeit sorgt“, scheint die Anzahl derjenigen, die im Außendienst tätig sind, noch ungleich höher zu sein.
Nach wie vor ist die Klägerin eine konkrete Darlegung, wie häufig sie solchen Daten tatsächlich zum Nachweis verwendet hat, schuldig geblieben. Die Pauschalausführungen auf Seite 2 bis 5 des Schriftsatzes vom 15.06.2017 zur Klagebegründung führen nicht weiter. Ein konkretes Bedürfnis der Klägerin, die Standort- und Zeitdaten der Fahrzeuge unter diesem Gesichtspunkt zu erheben und zu speichern, ist daher nicht erkennbar.
„§ 26 ist damit anwendbar, wenn der AG personenbezogene Daten des AN erhebt, speichert bzw. nutzt für Zwecke des BeschVerh. Nach bis 2018 bestehender Rechtslage war nicht vollständig geklärt ist, was hierunter zu verstehen ist. Nach einer sehr engen Auff. erschöpfen sich die Zwecke des BeschVerh. in der Erfüllung der beiderseitigen Hauptleistungspflichten des Arbeitsvertrags (Joussen NZA 2010, 254, 258; ders. NZA 2011 Beil. 1 S. 35, 40 f.; wohl a. Bissels/Meyer-Michaelis/Schiller DB 2016, 3042 für „Big Data“-Analysen im Personalbereich). Dem steht ein sehr weites Verständnis ggü., welches alle Datenerhebungen und -verarbeitungen einbeziehen möchte, die mit dem BeschVerh. in Zusammenhang stehen (Schmidt DuD 2010, 207, 209; Wybitul, HdB im Unternehmen, 2011, Anh. 3 S. 428). Einen Mittelweg beschreiten wohl Gola/Jaspers (RDV 2009, 212, 214; iE ebenso Zikesch/Reimer DuD 2010, 96, 98): Danach soll ein Rückgriff auf die allg. Erlaubnistatbestände zulässig sein, wenn die beabsichtigte Datenerhebung oder -verarbeitung der Erfüllung weiterer vom BeschVerh. unabhängiger Pflichten dient. Diese Problematik besteht unter der Geltung der DS-GVO fort, allerdings haben sich die rechtl. Beurteilungsmaßstäbe gewandelt. Entscheidend ist nun die Reichweite des Begriffs „Beschäftigungskontext“ iSd. Art. 88 I DS-GVO. Denn nur in diesem Rahmen dürfen die Mitgliedstaaten von den allg. Vorgaben der DS-GVO abweichen. Daher gibt dieser . Begriff Maß für die Reichweite des § 26. In der Sache ist der diff. Auff. der Vorzug zu geben: Dient der Datenumgang durch den AG der Erfüllung von Pflichten, die unabhängig vom BeschVerh. bestehen, erscheint es nicht gerechtfertigt, diesen an den strengeren Vorgaben des § 26 zu messen, auch wenn hierdurch mittelbar ANDaten betroffen sind. Insofern ist der Rückgriff auf die allg. Vorschr. der DS-GVO einschl. Art. 6 I UAbs. 1 lit. b DS-GVO zulässig und geboten.“
Für die Beurteilung der Freiwilligkeit sind insbesondere die im Beschäftigungsverhältnis bestehende Abhängigkeit der beschäftigten Person sowie die Umstände, unter denen die Einwilligung erteilt worden ist, zu berücksichtigen. Nach § 26 Abs. 2 S.2 BDSG kann Freiwilligkeit insbesondere dann vorliegen, wenn für die Beschäftigten ein rechtlicher oder wirtschaftlicher Vorteil erreicht wird. Dasselbe gilt, wenn Arbeitgeber und Beschäftigte gleichgelagerte Interessen verfolgen. Ferner setzt die Einwilligung nach § 26 Abs. 2 S.4 BDSG eine informierte Willensbekundung voraus, was erfordert, dass der Arbeitgeber die beschäftigte Person über den Zweck der Datenverarbeitung und über das Widerrufsrecht nach Art. 7 Abs. 3 DSGVO zuvor aufgeklärt hat. § 26 Abs. 2 BDSG knüpft insgesamt an Art. 4 Nr. 11 DSGVO an. Nach dieser Vorschrift ist als „Einwilligung” der betroffenen Person jede freiwillig für den bestimmten Fall, in informierter Weise und unmissverständlich abgegebene Willensbekundung in Form einer Erklärung oder einer sonstigen eindeutigen bestätigenden Handlung, mit der die betroffene Person zu verstehen gibt, dass sie mit der Verarbeitung der sie betreffenden personenbezogenen Daten einverstanden ist.
Die von der Klägerin vorgelegten schriftlichen Vereinbarungen (Bl. 67 ff. d.A.) zwischen ihr und den jeweiligen Beschäftigten, die jeweils beide Parteien unterzeichnet haben, beginnen alle mit dem Hinweis, dass die Firmenfahrzeuge mit GPS-Geräten ausgestattet sind und dass hierzu „nachfolgende Punkte“ vereinbart sind. Diese variieren, wie folgt:
Die von der Beklagten getroffene Anordnung ist geeignet, um die Datenverarbeitung künftig in Einklang mit dem Beschäftigten nach § 26 BDSG zu bringen. Weniger belastende, aber gleich geeignete Anordnungen sind nicht ersichtlich. Das Übermaßverbot wird ebenfalls gewahrt: Zum einen bleibt es der Klägerin selbst überlassen, auf welche Art und Weise sie eingesetzte Ortungssysteme so gestaltet, dass die Anordnung beachtet wird. Hier wird ihr die größtmögliche unternehmerische Freiheit belassen. Zum anderen ist von der Anordnung die Positionsbestimmung im Falle eines Fahrzeugdiebstahls ausdrücklich ausgenommen worden.
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