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Timestamp: 2020-05-29 14:42:46
Document Index: 393630308

Matched Legal Cases: ['§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', 'Art. 20', 'Art. 3', 'Art. 6', 'Art. 1', '§ 44', '§ 33']

BVerfG, Beschluss v. 13.02.2008 - 2 BvL 1/06 - NWB Urteile
BVerfG v. 13.02.2008 - 2 BvL 1/06
BVerfG Beschluss v. 13.02.2008 - 2 BvL 1/06
1. Das Prinzip der Steuerfreiheit des Existenzminimums schützt nicht nur das sogenannte sächliche Existenzminimum. Auch Beiträge zu privaten Versicherungen für den Krankheits- und Pflegefall können Teil des einkommensteuerrechtlich zu verschonenden Existenzminimums sein. Für die Bemessung des existenznotwendigen Aufwands ist auf das sozialhilferechtlich gewährleistete Leistungsniveau als eine das Existenzminimum quantifizierende Vergleichsebene abzustellen.
2. § 10 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a i. V. mit § 10 Abs. 3 EStG in der für den Veranlagungszeitraum 1997 geltenden Fassung und alle nachfolgenden Fassungen einschließlich der zum 1. Januar 2005 durch das Alterseinkünftegesetz vom 5. Juli 2004 (BGBl I S. 1427) in Kraft getretenen Nachfolgevorschrift des § 10 Abs. 1 Nr. 3 Buchst. a i. V. mit § 10 Abs. 4 EStG sind mit dem Grundgesetz unvereinbar, soweit nach Maßgabe der Gründe der Sonderausgabenabzug die Beiträge zu einer privaten Krankheitskostenversicherung (Vollversicherung) und einer privaten Pflegepflichtversicherung nicht ausreichend erfasst, die dem Umfang nach erforderlich sind, um dem Steuerpflichtigen und seiner Familie eine sozialhilfegleiche Kranken- und Pflegeversorgung zu gewährleisten.
3. Der Gesetzgeber ist verpflichtet, spätestens mit Wirkung zum 1. Januar 2010 eine Neuregelung zu treffen. Bis zu diesem Zeitpunkt bleiben § 10 Abs. 3 EStG sowie die Nachfolgeregelungen, insbesondere § 10 Abs. 4 EStG i. d. F. des Artikel 1 Nr. 7 des Alterseinkünftegesetzes vom 5. Juli 2004 , zuletzt geändert durch Artikel 1 Nr. 5 des Jahressteuergesetzes 2008 vom 20. Dezember 2007 (BGBl I S. 3150) weiter anwendbar.
4. In Ermangelung einer Neuregelung sind ab dem Veranlagungszeitraum 2010 Beiträge zu einer privaten Krankheitskostenversicherung (Vollversicherung) und zur privaten Pflegepflichtversicherung bei der Einkommensteuer in vollem Umfang als Sonderausgaben abzugsfähig.
(Leitsätze 2 bis 4 nicht amtlich)
Gesetze: EStG § 10 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. aEStG § 10 Abs. 1 Nr. 3 Buchst. aEStG § 10 Abs. 3EStG § 10 Abs. 4GG Art. 20 Abs. 1GG Art. 3 Abs. 1GG Art. 6 Abs. 1GG Art. 1 Abs. 1
Instanzenzug: BFH, X R 20/04 vom 14.12.2005 BVerfG 2 BvL 1/06 (Verfahrensverlauf)
2002|3.068 €|1.040,00 €|2.835,00 €|126,29 €|344,25 €
2003|3.068 €|1.045,06 €|2.962,17 €|124,15 €|351,90 €
2004|3.068 €|1.040,72 €|2.975,96 €|124,42 €|355,78 €
aa) Die Finanzierungsvorschriften des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V) erlegen den Mitgliedern der gesetzlichen Krankenversicherungen Beiträge auf, die nicht allein der Absicherung ihres eigenen Krankheitsrisikos, sondern zugleich dem sozialen Ausgleich und der Umverteilung dienen. Insbesondere haben Beitragspflichtige mit hohem Einkommen und niedrigem Krankheitsrisiko auf diese Weise Solidarlasten zu tragen, die den im Übrigen gleich leistungsfähigen Steuerpflichtigen, die nicht Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherungen sind, nicht abverlangt werden (vgl. BVerfGE 113, 167 <215 ff.>). Neben der Entkopplung der Beitragshöhe vom versicherten Krankheitsrisiko ist auch das Leistungsniveau weitgehend unabhängig von der Höhe der gezahlten Beiträge. Allen Mitgliedern der gesetzlichen Krankenversicherungen wird unabhängig von der Höhe ihrer Beiträge ein im Wesentlichen identisches Versorgungsniveau gewährt. Lediglich das Krankengeld nach §§ 44 ff. SGB V knüpft der Höhe nach an das der Beitragsberechnung unterliegende Regelentgelt an, wobei zu berücksichtigen ist, dass der Anteil des Krankengeldes an den Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen zwischen 1995 und 2004 von 9,41% auf 6,37% abgesunken ist (vgl. Bundesministerium für Gesundheit, Kennzahlen und Faustformeln zur gesetzlichen Krankenversicherung, Tabelle KF06 vom 1. März 2007 ).
Andererseits kann aber vom Steuergesetzgeber angesichts der zahlreichen unterschiedlichen Variablen in den beiden Vorsorgesystemen, nach denen Vor- und Nachteile auf die Vielzahl der Versicherten verteilt werden, kein annähernd exaktes "Nachzeichnen" solcher unterschiedlichen Wirkungen verlangt werden. Es genügt vielmehr, dass der Gesetzgeber die unterschiedliche Minderung der subjektiven Leistungsfähigkeit durch Beiträge der Arbeitnehmer zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung und der Selbständigen zur privaten Kranken- und Pflegepflichtversicherung nicht willkürlich ignoriert.
OFD Frankfurt/M. 29.10.2008 - S 2221 A
BMF 20.6.2008 - S 0338
FG Rheinland-Pfalz 15.1.2020 - 1 K 2011/15
FG Rheinland-Pfalz 15.1.2020 - 1 K 1692/19
BVerwG 31.1.2019 - 2 C 35/17
LSG Sachsen 18.12.2018 - L 1 KR 19/14
BFH 13.3.2018 - X R 25/15
BSG 6.1.2011 - B 12 KR 50/10 B
BSG 18.2.2010 - B 4 AS 49/09 R
BSG 16.7.2008 - B 6 KA 39/07 R
BVerfG 25.2.2008 - 2 BvR 1852/03
BFH/NV-Beilage 2008 S. 228 Nr. 3
DStR 2008 S. 604 Nr. 13
EStB 2008 S. 162 Nr. 5
HFR 2008 S. 500 Nr. 5
NJW 2008 S. 1868 Nr. 26
NWB-Eilnachricht Nr. 14/2008 S. 1216
NWB-Eilnachricht Nr. 27/2008 S. 2511
SJ 2008 S. 20 Nr. 7
SJ 2008 S. 4 Nr. 8
StBW 2008 S. 1 Nr. 6
StBW 2008 S. 9 Nr. 8
AAAAC-75760
Sprang, Arbeitgeberzuschuss zur privaten Kranken- und Pflegeversicherung, NWB 41/2014 S. 3068
Grün, Neuerungen im BMF-Schreiben zur Behandlung von Vorsorgeaufwendungen und Altersbezügen, NWB 37/2013 S. 2914
Petrak/Karrenbrock, Erfolgreiche Nichtzulassungsbeschwerde: BFH lässt Revision bezüglich zumutbarer Eigenbelastung bei Krankheitskosten zu, NWB 27/2013 S. 2130
Track 26 | Arbeitslosenversicherung: BVerfG muss über volle Absetzbarkeit entscheiden, Steuern mobil 7/2012
Track 23-24 | Außergewöhnliche Belastungen: Zumutbare Belastung bei Krankheitskosten verfassungswidrig?, Steuern mobil 10/2011
Eine unzumutbare „zumutbare Belastung”?, NWBdirekt 32/2011 S. 869
Hilbertz, Eine unzumutbare „zumutbare Belastung”?, NWB 32/2011 S. 2692
Zumutbare Belastung gem. § 33 Abs. 3 EStG bei Krankheitskosten verfassungswidrig - Mustereinspruch, Mustereinspruch
Rechtsschutz bei Feststellung der Verfassungswidrigkeit einer Steuerrechtsnorm - Vereinbarkeit der „Pro futuro”-Rechtsprechung des BVerfG mit der Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten - Mustereinspruch, Mustereinspruch