Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kapitalanlagerecht/die-anlageberatungstochter-der-sparkasse-345119
Timestamp: 2019-12-06 21:14:30
Document Index: 329602783

Matched Legal Cases: ['§ 1', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die Anla­ge­be­ra­tungs­toch­ter der Spar­kas­se | Rechtslupe
Ein selb­stän­di­ges Unter­neh­men der "Finanz­grup­pe" einer Spar­kas­se, das als 100%ige Toch­ter­ge­sell­schaft (GmbH) der Spar­kas­se haupt­säch­lich auf dem Gebiet der Anla­ge­be­ra­tung tätig ist, ist hin­sicht­lich der Ver­pflich­tung, sei­ne Kun­den unge­fragt über die von ihm bei der emp­foh­le­nen Anla­ge erwar­te­ten Pro­vi­sio­nen auf­zu­klä­ren, wie ein frei­er Anla­ge­be­ra­ter zu behan­deln 1.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein frei­er nicht bank­mä­ßig gebun­de­ner Anla­ge­be­ra­ter nicht ver­pflich­tet, den Anle­ger unge­fragt über den Umstand und die Höhe einer Pro­vi­si­on auf­zu­klä­ren. Für den Anle­ger liegt es bei einer Bera­tung durch einen frei­en Anla­ge­be­ra­ter auf der Hand, dass der Anla­ge­be­ra­ter von der kapi­tal­su­chen­den Anla­ge­ge­sell­schaft Ver­triebs­pro­vi­sio­nen erhält, die jeden­falls wirt­schaft­lich betrach­tet dem vom Anle­ger an die Anla­ge­ge­sell­schaft gezahl­ten Betrag ent­nom­men wer­den. Da der Anla­ge­be­ra­ter mit der Bera­tung als sol­cher sein Geld ver­die­nen muss, kann berech­tig­ter­wei­se nicht ange­nom­men wer­den, dass er die­se Leis­tung ins­ge­samt kos­ten­los erbringt. Die ver­trag­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen dem Kun­den und dem Anla­ge­be­ra­ter sind regel­mä­ßig nicht in eine dau­er­haf­te Geschäfts­be­zie­hung ein­ge­bet­tet, auf­grund deren der Anla­ge­be­ra­ter von sei­nem Kun­den Ent­gel­te oder Pro­vi­sio­nen erhält. Dass der Anla­ge­be­ra­ter sein Geld mit Leis­tun­gen von Sei­ten des Kapi­tal­su­chen­den ver­dient, wird dem Anle­ger beson­ders deut­lich vor Augen geführt, wenn er zusätz­lich zum Anla­ge­be­trag Ver­wal­tungs­ge­büh­ren und Aus­ga­be­auf­schlä­ge zah­len muss, die dem Kapi­tal­stock sei­ner Anla­ge nicht zugu­te­kom­men. Sind ein Agio oder Kos­ten für die Eigen­ka­pi­tal­be­schaf­fung offen aus­ge­wie­sen, so liegt für den Anle­ger klar erkenn­bar zuta­ge, dass aus die­sen Mit­teln auch Ver­triebs­pro­vi­sio­nen bezahlt wer­den, an denen sein Anla­ge­be­ra­ter par­ti­zi­piert. Unter die­sen Umstän­den besteht regel­mä­ßig kein schüt­zens­wer­tes Ver­trau­en des Anle­gers dar­auf, dass der Anla­ge­be­ra­ter kei­ne Leis­tun­gen des Kapi­tal­su­chen­den erhält; viel­mehr sind dem Anle­ger sowohl die Pro­vi­si­ons­ver­gü­tung des Bera­ters durch den Kapi­tal­su­chen­den als auch der damit (mög­li­cher­wei­se) ver­bun­de­ne Inter­es­sen­kon­flikt bewusst. Soweit es um die genaue Höhe der dem Anla­ge­be­ra­ter zukom­men­den Pro­vi­si­on geht, ist es bei gebo­te­ner Abwä­gung der gegen­über­ste­hen­den Inter­es­sen der Ver­trags­par­tei­en Sache des Anle­gers – dem gene­rell das Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se des Bera­ters bekannt ist , die­s­er­halb bei dem Anla­ge­be­ra­ter nach­zu­fra­gen 2.
Die unter­schied­li­che Beur­tei­lung der Pflich­ten der Bank als Anla­ge­be­ra­ter, die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auch unge­fragt über regel­mä­ßig umsatz­ab­hän­gi­ge Pro­vi­sio­nen auf­zu­klä­ren hat, die aus offen aus­ge­wie­se­nen Pro­vi­sio­nen wie z.B. Aus­ga­be­auf­schlä­gen und Ver­wal­tungs­ver­gü­tun­gen gezahlt wer­den 3, im Gegen­satz zu den frei­en, nicht bank­ge­bun­de­nen Anla­ge­be­ra­tern folgt aus der unter­schied­li­chen Erwar­tungs­hal­tung, die der Anle­ger bei gebo­te­ner typi­sie­ren­der Betrach­tungs­wei­se an sei­nen Anla­ge­be­ra­ter hat 4. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung der Auf­klä­rungs­be­dürf­tig­keit der Anle­ger zwi­schen einer Bera­tung durch eine Bank und auf der ande­ren Sei­te durch einen frei­en, nicht an eine Bank gebun­de­nen Anla­ge­be­ra­ter ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den 5.
Bei der gebo­te­nen typi­sie­ren­den Betrach­tungs­wei­se konn­te ein Anle­ger, der sich durch die Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft über Anla­ge­mög­lich­kei­ten bera­ten ließ, nicht berech­tig­ter­wei­se anneh­men, die Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft wür­de die­se Leis­tun­gen kos­ten­los erbrin­gen. Dabei ist in den Vor­der­grund zu stel­len, dass es sich bei der Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft um eine selb­stän­di­ge juris­ti­sche Per­son han­delt, die selbst kein Kre­dit­in­sti­tut ist und kei­ne "klas­si­schen" Bank­ge­schäf­te betreibt (vgl. § 1 Abs. 1 KWG). Sie ist, unge­ach­tet des Umstands, dass sie zur "Finanz­grup­pe der Spar­kas­se K. " gehört und kei­ne beson­de­ren Geschäfts­räu­me außer­halb der Spar­kas­se haben und ihr Kun­den­stamm im Wesent­li­chen aus Kun­den der Spar­kas­se bestehen mag, ein eigen­stän­di­ges Unter­neh­men, zu des­sen Haupt­tä­tig­keit – nicht anders als bei sons­ti­gen "frei­en" Anla­ge­be­ra­tern – die Bera­tung bei der Geld­an­la­ge gehört. Bei gebo­te­ner typi­sie­ren­der Betrach­tungs­wei­se ist einem Anle­ger bei einer Anla­ge­be­ra­tung bewusst, dass die Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft Pro­vi­sio­nen sei­tens der Kapi­tal­su­chen­den erhält, zumal sie kei­ne Ver­gü­tung für die Anla­ge­be­ra­tung selbst, die Ver­wal­tung von Kon­ten oder sons­ti­ge Dienst­leis­tun­gen sei­tens der Anle­ger erhält. Ein Anle­ger hat bei der Bera­tung durch die Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft damit kein schüt­zens­wer­tes Ver­trau­en dar­auf, dass die­se kein Geld sei­tens der Kapi­tal­su­chen­den für die Ver­mitt­lung des jewei­li­gen Anla­ge­pro­dukts erhält. Dass im Übri­gen die­se Zusam­men­hän­ge dem Anle­ger deut­lich vor Augen stan­den, wird im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall dadurch unter­stri­chen, dass über das – offen aus­ge­wie­se­ne – Agio ver­han­delt und zwi­schen den Par­tei­en eine Rück­erstat­tung von 60 % ver­ein­bart wur­de.
Soweit der Anle­ger dem­ge­gen­über gel­tend gemacht hat, dass er die Anla­ge­be­ra­tung für eine Abtei­lung der Spar­kas­se K. gehal­ten habe, steht dem sein eige­ner Sach­vor­trag ent­ge­gen, wonach er sich bei der Spar­kas­se K. als Haus­bank habe bera­ten las­sen wol­len, von die­ser aber an die Anla­ge­be­ra­tungs­toch­ter ver­wie­sen wor­den sei. Schon dies macht deut­lich, dass es sich bei der Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft aus der objek­ti­vier­ten Sicht eines durch­schnitt­li­chen Anle­gers nicht um eine Abtei­lung einer Bank oder Spar­kas­se han­delt. Dar­über hin­aus hat der Anle­ger am 4.12.2012 die Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on, den Zeich­nungs­schein und eine Erklä­rung dahin­ge­hend unter­zeich­net, dass die Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft das hier streit­ge­gen­ständ­li­che Anla­ge­pro­dukt nicht aktiv ver­trei­be. Aus allen Schrift­stü­cken ist unmit­tel­bar erkenn­bar, dass es sich bei der Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft um eine selb­stän­di­ge Gesell­schaft und nicht um eine Bank oder eine Abtei­lung einer sol­chen han­del­te.
Wenn dem Anle­ger das gene­rel­le Pro­vi­si­ons­in­ter­es­se der Anla­ge­be­ra­tungs­ge­sell­schaft bekannt sein muss­te, wäre es ihm unschwer mög­lich gewe­sen, so er Zwei­fel an einer anla­ge­ge­rech­ten Bera­tung gehabt hät­te, die kon­kre­te Höhe der Pro­vi­sio­nen vom Anla­ge­be­ra­ter zu erfra­gen. Von einem Anla­ge­be­ra­ter kann nicht ver­langt wer­den, dass er sei­ne Kun­den ohne Anlass oder Nach­fra­ge über die Höhe gege­be­nen­falls sämt­li­cher Pro­vi­sio­nen für die Ver­mitt­lung der in sei­nem Bera­tungs­pro­gramm ent­hal­te­nen Anla­gen auf­klärt 6.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Juli 2012 – III ZR 308/​11
Fort­füh­rung von BGH, Urtei­le vom 10.11.2011 – III ZR 245/​10, NJW-RR 2012, 372; 03.03.2011 – III ZR 170/​10, NJW-RR 2011, 913; und vom 15.04.2010 – III ZR 196/​09, BGHZ 185, 185[↩]
BGH, Urtei­le vom 10.11.2011 – III ZR 245/​10, NJW-RR 2012, 372 Rn. 11; 3.03.2011 – III ZR 170/​10, NJW-RR 2011, 913, Rn.20 f; vom 15.04.2010 – III ZR 196/​09, BGHZ 185, 185 Rn. 11 ff[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 19.07.2011 – XI ZR 191/​10, NJW 2011, 3229; vom 09.03.2011 – XI ZR 191/​10, NJW 2011, 3227 und vom 24.08.2011 – XI ZR 191/​10, NJW 2011, 3231[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 03.03.2011 aaO Rn. 18[↩]
vgl. BVerfG, NJW 2012, 443[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 15.04.2010 aaO Rn. 13; vom 03.03.2011 – III ZR 170/​10 aaO Rn. 21[↩]
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