Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Betriebsrentenanpassung_im_Konzern_BAG_3AZR727-07.html
Timestamp: 2018-02-23 22:39:25
Document Index: 176958361

Matched Legal Cases: ['§ 16', '§ 16', '§ 17', '§ 16', '§ 17', '§ 7']

HENSCHE Arbeitsrecht: Betriebsrentenanpassung beim Tochteruntenehmen bei Insolvenz der Konzernmutter
Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung beim Toch­ter­un­te­neh­men bei In­sol­venz der Kon­zern­mut­ter
Ei­ne schlech­te wirt­schaft­li­che La­ge der Mut­ter­ge­sell­schaft oder des Ge­samt­kon­zerns kann bei An­pas­sung der Be­triebs­ren­te in ei­nem Toch­ter­un­ter­neh­men "durch­schla­gen": Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.02.2009, 3 AZR 727/07
13.03.2009. Ar­beit­ge­ber kön­nen die nach dem Ge­setz al­le drei Jah­re zu prü­fen­de Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung ver­wei­gern, wenn ih­re wirt­schaft­li­che La­ge so schlecht ist, dass ei­ne Er­hö­hung der Be­triebs­ren­ten nicht mach­bar ist.
Nach ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) kann es bei der Be­ur­tei­lung der wirt­schaft­li­chen La­ge ei­nes Kon­zern-Toch­ter­un­ter­neh­mens aus­nahms­wei­se auch auf die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Kon­zern­mut­ter an­kom­men.
Vor­aus­set­zung da­für ist, dass am An­pas­sungs­stich­tag kon­kre­te An­halts­punk­te da­für be­ste­hen, dass in den nächs­ten drei Jah­ren die im Kon­zern be­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me (hier: In­sol­venz der Kon­zern­mut­ter) auf das Toch­ter­un­ter­neh­men „durch­schla­gen“: BAG, Ur­teil vom 10.02.2009, 3 AZR 727/07.
Welche Auswirkungen hat die Insolvenz der Konzernmutter für die Betriebsrentner eines Tochterunternehmens?
Beschäftig­te er­wer­ben bei aus­rei­chen­der Beschäfti­gungs­dau­er im Lau­fe ih­res Be­rufs­le­bens ei­nen mehr oder we­ni­ger ho­hen An­spruch auf Zah­lung ei­ner ge­setz­li­chen Ren­te. Möch­te ein Ar­beit­neh­mer nach sei­ner Be­ren­tung ein höhe­res Ein­kom­men als die ihm ge­setz­lich zu­ste­hen­de Ren­te er­hal­ten, muss er zusätz­lich an­der­wei­tig Vor­sor­ge tref­fen. Ne­ben dem Ab­schluss ei­ner pri­va­ten Al­ters­vor­sor­ge, die der Ar­beit­neh­mer sel­ber fi­nan­ziert, können Ar­beit­ge­ber frei­wil­lig ei­ne be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung an­bie­ten.
Sagt ein Ar­beit­ge­ber ei­ne sol­che Be­triebs­ren­te zu, ist er zur Ein­hal­tung die­ser Zu­sa­ge ver­pflich­tet. Die Be­triebs­ren­te ist im Be­triebs­ren­ten­ge­setz (Be­trAVG) ge­re­gelt.
Kenn­zeich­nend für Ren­ten­leis­tun­gen und da­mit auch Zah­lun­gen ei­ner Be­triebs­ren­te ist, dass zwi­schen der Ver­ein­ba­rung der Ren­te, meist bei Ein­tritt des Ar­beit­neh­mers in den Be­trieb, und der Aus­zah­lung der Ren­te bei Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters ein sehr lan­ger Zeit­raum liegt. Auch die mo­nat­li­chen Ren­ten­zah­lun­gen können sich über Jahr­zehn­te er­stre­cken.
Dies birgt das Pro­blem, dass auf­grund der In­fla­ti­ons­ra­te der ursprüng­lich ver­ein­bar­te mo­nat­lich zu zah­len­de Be­trag im Aus­zah­lungs­zeit­punkt mitt­ler­wei­le er­heb­lich we­ni­ger wert ist.
Des­halb re­gelt § 16 Be­trAVG, dass der Ar­beit­ge­ber da­zu ver­pflich­tet ist, al­le drei Jah­re ei­ne An­pas­sung der lau­fen­den Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung zu prüfen und hierüber "nach bil­li­gem Er­mes­sen" zu ent­schei­den. Da das Ge­setz den kon­kre­ten In­halt die­ser An­pas­sungs­prüfungs­pflicht mit die­ser Re­ge­lung nur va­ge um­reißt, fin­det sich in § 16 Abs.2 Be­trAVG ei­ne Art Ober­gren­ze. Da­nach gilt die An­pas­sungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers als erfüllt, wenn die von ihm be­wil­lig­te An­pas­sung nicht ge­rin­ger ist als der An­stieg des Ver­brau­cher­preis­in­de­xes für Deutsch­land oder der Net­tolöhne ver­gleich­ba­rer Ar­beit­neh­mer­grup­pen des Un­ter­neh­mens im Prüfungs­zeit­raum.
Bei der Prüfung müssen die Be­lan­ge der Be­triebs­rent­ner und die wirt­schaft­li­che La­ge des Ar­beit­ge­bers berück­sich­tigt wer­den. Da­bei kann frag­lich sein, ob tatsächlich im­mer nur auf die wirt­schaft­li­che La­ge des Ar­beit­ge­bers ab­zu­stel­len ist. Pro­ble­ma­tisch ist dies im­mer dann, wenn der Ar­beit­ge­ber von ei­ner Kon­zer­mut­ter in fi­nan­zi­el­ler Abhängig­keit steht.
In Fällen, in de­nen die wirt­schaft­li­che Verhält­nis­se der Kon­zern­mut­ter bes­ser als die des von ihm in fi­nan­zi­el­ler Abhängig­keit ste­hen­den Ar­beit­ge­bers sind, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen auch die wirt­schaft­li­chen Verhält­nis­se der Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft berück­sich­tigt. Das vor­lie­gen­de Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts beschäftigt sich mit dem um­ge­kehr­ten Fall (BAG, Ur­teil vom 10.02.2009, 3 AZR 727/07).
Der Fall des BAG: Die Konzermutter ist bereits sanierungsbedürftig, während ein Tochterunternehmen noch gut dasteht und Betriebsrenten anpassen könnte
Der 1928 ge­bo­re­ne Kläger war bis 1990 bei der Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten beschäftigt. Seit­dem er­hielt er ei­ne Be­triebs­ren­te, die nach mehr­ma­li­ger An­pas­sung zu­letzt mo­nat­lich et­was über 8.000 EUR be­trug. Die Be­klag­te ist Teil ei­nes Kon­zerns, die von ei­ner Hol­ding GmbH (Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft) geführt wird.
Der Kläger be­gehr­te ge­genüber der Be­klag­ten im Jahr 2006 ver­geb­lich die An­pas­sung sei­ner Ren­te zum 01.01.2006. Ei­ne Sub­stanz­er­hal­tungs­ana­ly­se er­gab, dass die wirt­schaft­li­che La­ge die An­pas­sung der Ren­te für die Be­klag­te zu­ließ. Da­ge­gen be­stand bei der Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft zu kei­nem Zeit­punkt ei­ne wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on, die die An­pas­sung der Ren­te zu­ließ.
Der Kläger ist der An­sicht, die Be­klag­te ha­be zum Ja­nu­ar 2003 die Ren­ten­leis­tung zu­min­dest in Höhe der Teue­rungs­ra­te um mo­nat­lich 423,64 EUR an­he­ben müssen.
Das Ar­beits­ge­richt So­lin­gen gab der Kla­ge statt (Ur­teil vom 28.03.2007, 3 Ca 949/06 lev). Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf kam mit Ur­teil vom 22.08.2007 (4 Sa 1097/07) zu dem­sel­ben Er­geb­nis und wies die Be­ru­fung der Be­klag­ten zurück. Es kom­me al­lein auf die wirt­schaft­li­che La­ge bei der Be­klag­ten an.
Hier­ge­gen leg­te die Be­klag­te Re­vi­si­on beim Bun­des­ar­beits­ge­richt ein. Während des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens ha­ben so­wohl die Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft als auch die Be­klag­te In­sol­venz an­ge­mel­det.
BAG: Eine schlechte wirtschaftliche Lage der Muttergesellschaft oder des Gesamtkonzerns kann bei Anpassung der Betriebsrente in einem Tochterunternehmen "durchschlagen"
Das BAG hob das Be­ru­fungs­ur­teil auf und wies die Kla­ge an das LAG zurück. Der­zeit liegt nur die Pres­se­mel­dung des BAG vor.
Grundsätz­lich teilt das BAG die Auf­fas­sung der Vor­in­stan­zen, es kom­me für die An­pas­sung der Be­triebs­ren­te nur auf die wirt­schaft­li­che La­ge beim Ar­beit­ge­ber, al­so der Be­klag­ten, an. Das LAG hat­te ar­gu­men­tiert, dass ei­ne Berück­sich­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Si­tua­ti­on der Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft zu Las­ten des Klägers ge­gen das Be­trAVG ver­stieße. Denn gemäß § 17 Abs. 3 S. 3 Be­trAVG dürfe von der Re­ge­lung des § 16 Be­trAVG aus­drück­lich nicht zu Las­ten des Ar­beit­neh­mers ab­ge­wi­chen wer­den. Des­we­gen könne die Recht­spre­chung des BAG, dass die wirt­schaft­li­che La­ge der Kon­zer­no­ber­ge­sell­schaft zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers berück­sich­tigt wer­den könne, im vor­lie­gen­den ge­gen­tei­li­gen Fall ge­ra­de nicht gel­ten.
Das BAG ver­trat je­doch die Auf­fas­sung, auf ei­ne schlech­te wirt­schaft­li­che La­ge des Ober­kon­zerns könne es im Aus­nah­me­fall doch an­kom­men, wenn am An­pas­sungs­stich­tag aus­rei­chend kon­kre­te An­halts­punk­te dafür bestünden, dass in den kom­men­den drei Jah­ren die im Kon­zern be­ste­hen­den Schwie­rig­kei­ten auf das Toch­ter­un­ter­neh­men „durch­schla­gen“.
Ob dies vor­lie­gend der Fall sei, sei des­halb durch das LAG fest­zu­stel­len.
Fa­zit: Das Ur­teil des BAG steht nicht im Wi­der­spruch zu der Re­ge­lung des § 17 Be­trAVG. Denn das BAG stellt nicht et­wa auf die wirt­schaft­lich schlech­te­re Si­tua­ti­on der Ober­kon­zern­ge­sell­schaft ab, son­dern wei­ter­hin auf die des Ar­beit­ge­bers.
Die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on der Kon­zern­mut­ter wird vom BAG nur als An­halts­punkt dafür ge­nom­men, dass der Ar­beit­ge­ber sel­ber in ei­ne schwie­ri­ge wirt­schaft­li­che La­ge gerät. Dies ist plau­si­bel, da es hier um Fälle geht, in de­nen der Ar­beit­ge­ber als Kon­zern­toch­ter in fi­nan­zi­el­ler Abhängig­keit zur Mut­ter­ge­sell­schaft steht.
Ei­ne In­sol­venz bei der Be­klag­ten be­deu­tet übri­gens nicht, dass der Kläger sei­ne bis­he­ri­ge Be­triebs­ren­te nicht mehr erhält. Der Pen­si­ons­si­che­rungs­ver­ein (PSV) mit Sitz in Köln springt in die­sem Fall für den in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­ber ein (§ 7 Be­trAVG).
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.02.2009, 3 AZR 727/07
Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, Ur­teil vom 22.08.2007, 4 Sa 1097/07
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 07/65 Be­triebs­ren­ten­an­pas­sung bei Un­ter­neh­mens­ver­schmel­zung