Source: https://www.finanztip.de/lebensversicherung/widerspruchsrecht-lv/
Timestamp: 2018-02-24 08:12:54
Document Index: 290198278

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 5', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Lebensversicherung widerrufen - Beiträge zurückfordern - Rückabwicklung, Widerruf, Widerspruch, BGH-Urteil, Muster, Widerrufsbelehrung - Finanztip
StartVersicherungVorsorgeÜberblick LebensversicherungWiderspruch bei Lebensversicherung
So fordern Sie Ihre Beiträge zurück
Ein erfolgreicher Widerspruch oder Rücktritt führt zur Rückabwicklung. Versicherte bekommen die eingezahlten Beiträge zurück und erhalten auch noch Zinsen. Der Versicherer darf unter Umständen bestimmte Posten davon abziehen.
Haben Sie Ihren Vertrag bereits gekündigt und einen Rückkaufswert erhalten, können Sie noch immer widersprechen und die Rückabwicklung verlangen.
Prüfen Sie, ob Sie eine Widerspruchsbelehrung erhalten haben und ob sie korrekt ist. Einige spezialisierte Anwälte bieten an, Verträge kostenlos zu überprüfen. Sie können sich auch an die Verbraucherzentrale Hamburg wenden.
Ermitteln Sie die Rendite Ihres Vertrags mit unserem Rechner, denn nicht immer lohnt sich ein Widerspruch.
Berechnen Sie mit einem kostenlosen Online-Rechner, wie viel Geld Sie zurückbekommen.
Für den Widerspruch können Sie unser Musterschreiben nutzen.
Akzeptiert die Versicherung Ihren Widerspruch nicht, können Sie sich an den Ombudsmann wenden.
Im Falle eines Vergleichs oder einer Niederlage vor Gericht müssen Sie mit Kosten rechnen, sofern Sie keine Rechtsschutzversicherung haben.
Unser Tipp: Bleiben Sie zum Thema Lebensversicherung immer auf dem Laufenden - mit unserem kostenlosen Newsletter!
Fast jeder deutsche Haushalt hat sie: eine Lebensversicherung. Und das, obwohl die Renditeentwicklungen der meisten Lebensversicherungen weit hinter dem zurückbleiben, was dem Kunden beim Abschluss vorgerechnet wurde. Schuld daran sind die hohen Abschlusskosten und die schlechten Anlagerenditen, die viele Versicherer in den vergangenen Jahren erwirtschaftet haben.
Etwa die Hälfte der Lebens- und Rentenversicherungen halten die Kunden nicht bis zum vertraglich vorgesehenen Termin durch. Bisher gab es für unzufriedene Besitzer einer Lebensversicherung nur die Möglichkeit zu kündigen, wovon wir wegen der hohen Abschläge aber abraten. Besser war es, die Lebensversicherung zu verkaufen oder zu beleihen. Inzwischen gibt es aber eine weitere Option: den nachträglichen Widerspruch, der dann zur Rückabwicklung des Vertrags führt.
Widersprechen ist günstiger als kündigen
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in mehreren Urteilen entschieden, dass etliche Lebensversicherungskunden ihren alten Verträgen noch widersprechen können. Hat die Versicherung damals gar nicht oder fehlerhaft über das Widerspruchsrecht belehrt, steht dem Versicherten auch heute oft dieses Recht noch zu. Es ist nicht, wie eigentlich gesetzlich vorgesehen, erloschen (Urteil vom 7. Mai 2014, Az. IV ZR 76/11, Urteile vom 29. Juli 2015, Az. IV ZR 384/14, IV ZR 448/14).
Anders als bei den fehlerhaften Widerrufsbelehrungen bei Baufinanzierungen hat der Gesetzgeber bei Lebens- und Rentenversicherungen keine Frist eingeführt, zu der das Widerspruchsrecht im Falle eines Fehlers erlischt.
Besonders interessant für den Kunden: Bei einem Widerspruch muss der Versicherer regelmäßig wesentlich mehr zurückzahlen als im Fall einer Kündigung. Laut Allianz können in Deutschland von den BGH-Urteilen bis zu 108 Millionen Versicherungsverträge betroffen sein. Für diese Verträge haben Versicherungskunden Prämien von rund 400 Milliarden Euro gezahlt.
Falscher Rückkaufswert
Bei Lebens- und Rentenversicherungen aus den Jahren zwischen 1994 und 2007 gab es außerdem teils unwirksame Klauseln zur Berechnung des Rückkaufswerts. Wer seine Police gekündigt oder beitragsfrei gestellt hat, kann unter Umständen Geld nachfordern.
Diese Verträge sind betroffen
Es geht grundsätzlich um Lebens- und Rentenversicherungs-Verträge, die zwischen dem 29. Juli 1994 und dem 31. Dezember 2007 nach dem sogenannten Policen-Modell abgeschlossen wurden. Das bedeutet: Hat der Versicherer vor oder bei der Antragstellung nicht bereits alle erforderlichen Verbraucherinformationen erteilt, liegt ein Vertragsschluss nach dem Policen-Modell vor. Der Versicherer hätte nach Vertragsschluss alle Unterlagen zusenden und ordnungsgemäß über das Widerspruchsrecht belehren müssen, damit die Widerspruchsfrist zu laufen beginnt.
Lebens- und Rentenversicherungsverträge - Es spielt keine Rolle, ob es sich um einen fondsgebundenen Vertrag oder einen Vertrag ohne Fondsanlage handelt. Insbesondere auch Riester-Rentenversicherungen (auch Förderrenten genannt) und Rürup-Rentenversicherungen (auch Basisrentenversicherungen genannt) aus dem obigen Zeitraum fallen unter die Regelung.
Nicht betroffen sind dagegen beispielsweise Riester-Fondssparpläne oder Riester-Banksparpläne, da diese über eine Bank und nicht über eine Versicherung laufen.
Berufsunfähigkeitsversicherungen und Risikolebensversicherungen - Bei diesen Verträgen dürfte ein Widerspruch nur in Ausnahmefällen infrage kommen. Zum einen stellen diese Versicherungen in der Regel einen wichtigen Schutz dar, den Sie behalten sollten. Zum anderen werden nur geringe Beträge angespart. Wenn Sie aber der Meinung sind, dass Ihre Berufsunfähigkeitsversicherung für Sie nachteilig oder ungeeignet ist und Sie vielleicht einen Neuvertrag zu besseren Bedingungen abschließen könnten, dann sollten Sie diese Möglichkeit prüfen. Gleiches gilt bei der Risikolebensversicherung.
Laufende, gekündigte und abgelaufene Verträge - Versicherte können sowohl noch laufende Verträge, als auch bereits gekündigte oder regulär abgelaufene Versicherungen durch einen Widerspruch rückabwickeln lassen.
Verträge nach dem Antragsmodell - Wer schon beim Antrag alle Versicherungsbedingungen und Verbraucherinformationen bekommen hat, hat seinen Vertrag nach dem sogenannten Antragsmodell abgeschlossen. Dabei gibt es statt eines Widerspruchsrechts ein Rücktrittsrecht. Rechtlich ist das etwas anderes, im Ergebnis ist der Versicherungsnehmer aber gleichgestellt. Auch von diesen Verträgen können viele Versicherte nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs noch heute zurücktreten. Entscheidend ist, ob der Versicherer den Verbraucher unzureichend belehrt hat. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Belehrung drucktechnisch nicht hervorgehoben war. Wegen dieses Formmangels beginnt die Rücktrittsfrist von 30 Tagen nicht zu laufen (BGH, Urteil vom 17. Dezember 2014, Az. IV ZR 260/11, Urteil vom 25. Januar 2017, Az. IV ZR 173/15). Es besteht ein ewiges Rücktrittsrecht.
Bei Lebens- und Rentenversicherungen, die Kunden zwischen dem 29. Juli 1994 und dem 31. Dezember 2007 abgeschlossen haben, gab es eine Besonderheit.
Ein Vertrag galt auch dann als abgeschlossen, wenn der Versicherer dem Versicherungsnehmer den Versicherungsschein, die Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) oder eine Verbraucherinformation erst übersandte, nachdem der Kunde den Antrag gestellt hatte. Der Versicherte hatte dann ein Widerspruchsrecht von 14 Tagen; bei Lebensversicherungen betrug die Widerspruchsfrist ab dem 8. Dezember 2004 sogar 30 Tage. Sie begann jedoch erst, wenn dem Versicherten die Vertragsunterlagen vollständig vorlagen und er bei Aushändigung des Versicherungsschs schriftich und deutlich über das Widerspruchsrecht, den Fristbeginn und die Dauer belehrt worden war. Auch wenn Versicherer nicht oder nicht ordentlich belehrt hatte, erlosch das Widerspruchsrecht ein Jahr nach Zahlung der ersten Versicherungsprämie (§ 5a Absatz 2 Satz 4 VVG a.F.). Diese Jahresfrist gilt nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs nicht mehr. Der Versicherte hat ein sogenanntes ewiges Widerspruchsrecht, sofern ihn der Versicherer nicht ordentlich belehrt hat.
Wer keine Widerspruchsbelehrung oder nur unvollständige Unterlagen erhalten hat, der kann also auch heute noch seinem alten Vertrag widersprechen und bekommt seine eingezahlten Beiträge größtenteils wieder zurück – zuzüglich einer guten Verzinsung. Das gilt auch für alle, bei denen die Widerspruchsbelehrung nicht korrekt formuliert ist.
Die Chancen für Versicherungsnehmer stehen gut, denn nach einer Erhebung der Verbraucherzentrale Hamburg sind mehr als 60 Prozent der Widerspruchsbelehrungen aus dieser Zeit fehlerhaft und damit unwirksam.
Typische Fehler in den Widerspruchsbelehrungen
Dass der Versicherer tatsächlich vergessen hat, Ihnen eine Widerspruchsbelehrung zuzuschicken, ist ziemlich unwahrscheinlich. Aber der Blick in die Unterlagen kann sich trotzdem lohnen. Im Übrigen steht der Versicherer in der Beweislast: Wenn Sie der Meinung sind, keine Widerspruchsbelehrung bekommen zu haben, muss der Versicherer nachweisen, dass das doch der Fall war.
Wahrscheinlicher ist, dass die Ihnen zugeschickte Widerspruchsbelehrung nicht korrekt formuliert ist und einen der folgenden Fehler enthält:
In der Widerspruchsbelehrung steht nicht, dass es ausreicht, den Widerspruch innerhalb der 30-Tage-Frist (14 Tage bei Verträgen mit Abschlussdatum vor dem 8. Dezember 2004) abzusenden. Der Widerspruch muss nämlich nicht innerhalb der Frist beim Versicherer eingehen, sondern nur rechtzeitig abgesendet werden.
Sofern der Vertrag 2002 oder später abgeschlossen wurde, muss in der Widerspruchsbelehrung ausdrücklich auf die Textform, nicht auf die Schriftform des Widerspruchs hingewiesen werden. Das bedeutet, dass seit 2002 auch eine E-Mail als Widerspruch ausreicht (BGH, Urteil vom 14. Oktober 2015, Az. IV ZR 211/14).
Die Widerspruchsbelehrung muss sich deutlich vom übrigen Text abheben und darf nicht ohne Hervorhebung in den Versicherungsbedingungen stehen (BGH, Urteil vom 24. Februar 2016, Az. IV ZR 512/14).
Wer einen solchen Fehler in der Widerspruchsbelehrung findet, hat gute Chancen, den Vertrag rückabwickeln zu können.
Kostenlose Online-Rechner nutzen
Um einen ersten Eindruck davon zu bekommen, was Sie im Fall eines Widerspruchs oder Rücktritts zurückbekommen, können Sie Online-Rechner nutzen. Wir haben den Rückabwicklungswert eines konkreten Lebensversicherungsvertrags aus dem Jahr 2004 mit sechs verschiedenen Rechnern berechnet. Die Spanne zwischen dem niedrigsten Ergebnis und dem höchsten Wert reichte von 20.100 Euro bis 23.400 Euro. Der Unterschied belief sich also auf etwa 3.300 Euro.
Verbraucherzentrale Hamburg: Sie müssen zwölf Fragen zu Ihrem Vertrag beantworten, um Ihren voraussichtlichen Rückzahlungsanspruch zu ermitteln. Können Sie eine Frage nicht beantworten, fehlen Ihnen Unterlagen oder sind Sie unsicher, bekommen Sie kein Ergebnis. Der entsprechende Rückkaufswert wird nicht abgefragt. In unserer konkreten Fall-Abfrage ergab der Rechner einen Rückabwicklungsanspruch von 21.500 Euro. Mit diesem Wert vergleicht das Tool aber weder den Rückkaufswert noch die eingezahlten Beiträge. Das würde aber verdeutlichen, was der Versicherte bei einem Widerspruch tatsächlich rausholen könnte. ·
Gansel Rechtsanwälte: Je genauer Sie die Vertragsdetails angeben, desto genauer ist das Ergebnis. Sie können aber auch den Rückabwicklungswert berechnen lassen, falls Sie bestimmte Informationen gerade nicht zur Hand haben. Auf der einen Seite ermöglicht das auch Interessierten, ohne alle Angaben ein Ergebnis zu bekommen; auf der anderen Seite kann dadurch das Ergebnis ungenau und vielleicht irreführend sein. Der Rechner differenziert nicht nach einzelnen Versicherungsgesellschaften. Sie bekommen eine Spanne angezeigt, wie viel Euro Sie mindestens und höchstens erzielen können. Bei der Eingabe unseres Beispiels, errechnete der Gansel-Rechner die bisher eingezahlte Summe sowie einen Rückabwicklungsanspruch zwischen 20.100 Euro und 22.500 Euro.
Rechtsanwaltskanzlei Kraus Ghendler Ruvinskij: Dort können Sie derzeit für 22 Versicherer den Rückabwicklungswert berechnen lassen. Bei diesen Unternehmen greift die Kanzlei auf die Nettorenditen aus den Geschäftsberichten der jeweiligen Jahre zurück. Es wird weder nach einer zusätzlichen Absicherung einer Berufsunfähigkeit noch nach einem Todesfallschutz gefragt. Das Tool berechnete für unser Beispiel einen Wert von rund 9.200 Euro zusätzlich zum Rückkaufswert, den wir eingegeben hatten. Addiert man diesen Betrag hinzu, ergibt sich ein Rückabwicklungswert von 23.400 Euro.
Dr. Lehnen & Sinnig Rechtsanwälte: Der Rechner gibt eher einen groben Überblick, da mit einer allgemeinen Durchschnittsverzinsung gerechnet wird. Zwischen den einzelnen Versicherern differenziert der Rechner nicht. Nach einer zusätzlichen Absicherung der Berufsunfähigkeit wird nicht gefragt. Der Rechner ergab einen Rückabwicklungsanspruch von 22.800 Euro.
Werdermann/von Rüden Rechtsanwälte: Nach der Beantwortung von zwölf Fragen bekommt der Nutzer einen ungefähren Rückabwicklungswert. In unserer konkreten Fall-Abfrage ergab der Rechner einen Rückabwicklungsanspruch von circa 21.500 Euro. Mit diesem Wert vergleicht das Tool aber keinen Rückkaufswert und auch nicht die eingezahlten Beiträge. Das würde aber verdeutlichen, was der Versicherte bei einem Widerspruch tatsächlich rausholen könnte.
Hahn Rechtsanwälte: Der Rechner gilt für alle Versicherungsgesellschaften und differenziert danach, ob eine BU-Zusatzversicherung enthalten ist. Er rechnet mit dem GDV-Durchschnittszinssatz. Bei der Eingabe unseres Beispiels ermittelte der Rechner einen voraussichtlichen Rückabwicklungsanspruch von 23.050 Euro. Ohne die Eingabe von Kontaktdaten erhalten Sie allerdings kein Ergebnis. Dazu müssen Sie Ihre E-Mail-Adresse angeben und bekommen dann per E-Mail innerhalb von zwei Minuten das Ergebnis der Berechnung. Der Rechner ermittelt weder die eingezahlten Beiträge noch vergleicht er den Rückkaufswert mit dem Rückabwicklungsanspruch.
Zulässige und unzulässige Abzüge bei der Rückabwicklung
Das darf der Versicherer abziehen
Rückkaufswert Von den geleisteten Beiträgen darf die Versicherung einen bereits gezahlten Rückkaufswert abziehen, sofern der Versicherte den Vertrag bereits beendet hatte.
Risikoanteile Der Versicherer darf die sogenannten Risikoanteile abziehen. Das sind die Kosten, die für den Versicherungsschutz anfallen, den Sie während der Laufzeit des Vertrags hatten. Das kann ein Todesfallschutz und ein Schutz bei Berufsunfähigkeit sein.
Steuern Als Vermögensvorteil darf die Versicherung die abgeführte Kapitalertragssteuer nebst Solidaritätszuschlag als Vermögensvorteil gegenrechnen.
Fondsverluste Versicherer darf bei einer fondsgebundenen Lebensversicherung anrechnen, falls die Fonds Verluste erwirtschaftet haben (BGH, 11. November 2015, Az. ZR 513/14).
Nach einem anderen Urteil darf der Versicherer nur Fondsverluste im Bagatellbereich abziehen (LG Gießen, 14. März 2017, Az. 2 O 450/16, nicht rechtskräftig).
Das darf der Versicherer nicht abziehen
Abschlusskosten Abschlusskosten darf der Versicherer bei einem Widerspruch nicht abziehen (BGH, Urteil vom 29. Juli 2015, Az. IV ZR 448/14).
Verwaltungskosten Verwaltungskosten muss der Versicherer erstatten (BGH, Urteil vom 29. Juli 2015, Az. IV ZR 448/14).
Ratenzahlungszuschlag Auch ihn darf der Versicherer im Falle eines wirksamen Widerspruchs nicht auf den Kunden umlegen.
Wie viel tatsächlich für Sie bei einem Widerspruch herauskommt, hängt von Ihrem Vertrag ab. Als Beispiele haben wir zwei konkrete Fälle dargestellt, die gerichtlich so entschieden wurden.
Beispiel 1: Rückabwicklung einer Lebensversicherung
Prämienzahlungen 14.023,38 €
abzgl. ausgezahlter Betrag 12.486,35 €
abzgl. bezahlter Steuern 24,53 €
abzgl. Risikoanteil 229,51 €
zu erstattende Summe 1.282,99 EUR
Quelle: OLG Karlsruhe (Urteil vom 19. Januar 2016, Az. 12 U 116/15 (Erstattung ohne Nutzungsersatz))
Beispiel 2: Rückabwicklung einer Lebensversicherung mit BU-Anteil
Prämienzahlungen 33.841,79 €
abzgl. ausgezahlter Betrag 21.588,70 €
abzgl. Risikoanteil BU 3.609,16 €
abzgl. Risikoanteil Todesfall 1.816,46 €
zu erstattende Summe 6.827,47 €
zzgl. Nutzungsersatz 1.668,15 €
Quelle: BGH (Urteil vom 29. Juli 2015, Az. IV ZR 384/14, Vorinstanz OLG Köln, Urteil vom 5. September 2014, Az. 20 U 77/14)
Wann lohnt sich der Widerspruch?
Ob sich der Widerspruch lohnt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Grundsätzlich gilt:
Je jünger der Vertrag ist, desto eher lohnt sich ein Widerspruch
Dies betrifft vor allem die Verträge aus den Jahren 2005 bis 2007. Denn diese Verträge haben zum einen nicht mehr das Privileg, in der Auszahlung steuerfrei zu sein. Zum anderen liegt die Anfangsphase, in der die Abschlusskosten abgezogen wurden, noch nicht so lange zurück. Daher liegt in den vielen Fällen der aktuelle Vertragswert unter den eingezahlten Beiträgen, selbst wenn man die Risikobeiträge für den Versicherungsschutz berücksichtigt. Aber auch die zahlreichen 2004 mit dem Steuervorteil abgeschlossenen Lebens- und Rentenversicherungen leiden meist noch unter den abgezogenen Abschlusskosten.
Bei einem Riester-Vertrag kommt es auf den aktuellen Vertragswert an
Falls Sie einen Riester-Vertrag rückabwickeln lassen, werden der Police sowohl die Zulagen als auch die Steuerrückzahlungen abgezogen, die Sie über die Jahre erhalten haben. Sie müssen also aufpassen, wenn Sie den aktuellen Vertragswert mit den eingezahlten Beiträgen vergleichen. Dennoch kann es sich unter Umständen auch bei einer Riester-Rentenversicherung lohnen, für diese nachträglich einen Widerspruch durchzusetzen. Denn auch dabei sind in der Regel hohe Abschlusskosten angefallen.
Bei älteren Verträgen ist Vorsicht geboten
Gerade bei Verträgen aus den 1990er Jahren sollten Sie vorsichtig mit einem Widerspruch sein. Oft haben sich diese Verträge trotz der hohen Abschlusskosten schon vernünftig entwickelt. Zudem genießen sie das Privileg einer steuerfreien Auszahlung, das es heute nicht mehr gibt. Klassische Kapitallebensversicherungen aus dieser Zeit haben außerdem eine hohe Verzinsung im Vergleich zu heute. Überschlagen Sie die Rendite mit unserem Rechner.
Der Widerspruch lohnt besonders bei geringem Risikoanteil
Je weniger zusätzlichen Versicherungsschutz Sie vereinbart haben, desto eher lohnt sich der Widerspruch. Das gilt etwa, wenn Sie eine niedrige oder gar keine Todesfallsumme in Ihrer Police haben und keinen Berufsunfähigkeits- oder Unfallschutz.
Überlegen Sie genau bei einem Berufsunfähigkeits-Zusatz
Ganz vorsichtig sollten Sie sein, wenn Ihr Vertrag mit einer echten Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung kombiniert ist, Sie also im Falle einer Berufsunfähigkeit eine monatliche Rente ausbezahlt bekommen. Wie schon oben angesprochen, ist diese Zusatzversicherung wahrscheinlich wichtig für Sie. Sie sollten nur in Ausnahmefällen widersprechen. In vielen Fällen ist es besser, den Beitrag zur Hauptversicherung, also den Sparanteil, zu reduzieren.
So kommen Sie aus Ihrem Vertrag raus
Am besten gehen Sie nach den folgenden vier Schritten vor.
Schritt 1: Überprüfen Sie die Belehrung
Überprüfen Sie die Widerspruchsbelehrung Ihres Versicherers auf Fehler. Wurde die Belehrung drucktechnisch hervorgehoben oder findet sie sich im Fließtext der Vertragsbedingungen? Steht in der Fristbelehrung, dass der Widerspruch spätestens 14 beziehungsweise 30 Tage nach Vertragsabschluss bei der Versicherung eingehen muss? Das wäre falsch, denn es reicht das Datum der Absendung. Steht in der Belehrung, dass Sie nur schriftlich widersprechen dürfen? Bei Verträgen ab 2002 ist das auch falsch, denn die sogenannte Textform ist ausreichend, also auch ein Widerspruch per E-Mail.
Finden Sie nicht alle Vertragsunterlagen, sollten Sie auf den Versicherer zugehen und sich die fehlenden Dokumente zuschicken lassen.
Sie können sich an spezialisierte Anwälte wenden, die eine kostenlose Ersteinschätzung anbieten. Wir empfehlen die Kanzleien Mayer & Mayer Rechtsanwälte, Justus Rechtsanwälte, Bornemann-von Loeben, Sommerberg LLP, Dr. Stoll & Sauer, Witt Rechtsanwälte, Werdermann von Rüden, Decker & Böse, Kraus Ghendler Ruvinskij, Hahn Rechtsanwälte oder Gansel Rechtsanwälte. Eine andere Variante ist die Verbraucherzentrale Hamburg, die für das Überprüfen der Unterlagen 85 Euro verlangt.
Schritt 2: Lassen Sie die Rückabwicklung bei Widerspruch berechnen und bewerten
Sie sollten sich genau durchrechnen und bewerten lassen, ob sich bei Ihrem Vertrag ein Widerspruch lohnt. Die Bewertung ist nicht ganz leicht. Es gibt einige Rechner, mit denen Sie sich einen ersten Überblick über einen Rückabwicklungswert verschaffen können.
Schritt 3: Erklären Sie den Widerspruch
Lohnt sich der Widerspruch bei Ihrem Vertrag, sollten Sie widersprechen. Sie können dazu unseren Musterwiderspruch verwenden. Sie sollten ihn als Einwurf-Einschreiben versenden, damit Sie einen Beweis in der Hand halten.
Schritt 4: Schalten Sie den Ombudsmann oder einen Anwalt ein
Rechnen Sie damit, dass der Versicherer nicht klein beigibt. Die Marktwächter der Verbraucherzentralen haben festgestellt, dass viele Versicherungsunternehmen die Rechtslage ignorieren und die Rückabwicklung ablehnen.
Ombudsmann - Sie können sich kostenlos an den Versicherungsombudsmann wenden und überprüfen lassen, ob der Versicherer zu Unrecht Ihren Widerspruch abgelehnt hat. Im Jahr 2015 hat die Schlichtungsstelle bereits viele Beschwerden zugunsten der Verbraucher entschieden.
Rechtsanwalt - Sollten Sie auf Granit beißen, können Sie Ihren Anspruch von einem Fachanwalt für Versicherungsrecht durchsetzen lassen. Entweder es gelingt dem Anwalt, sich gütlich mit dem Versicherer zu einigen, oder Sie ziehen vor Gericht. Sofern Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, sollten Sie abklären, ob sie die Kosten einer Klage übernimmt.
Diese Anwälte sind spezialisiert auf solche Widersprüche
Die folgenden Kanzleien haben bereits mindestens ein Urteil gegen eine Versicherung auf Rückabwicklung des Vertrages erstritten oder mindestens zehn außergerichtliche Einigungen erzielt. Allerdings zahlen Versicherer oft auch nach anwaltlicher Aufforderung ohne Vergleich. Derzeit bieten alle genannten Rechtsanwälte eine kostenlose Erstberatung. Warum wir diese Experten empfehlen und wie wir sie ausgewählt haben, lesen Sie am Ende dieses Artikels.
Mayer & Mayer Rechtsanwälte, Freiburg
Erfolge gegen Clerical Medical, Vienna Life und Prisma Life
viel Erfahrung (150 geprüfte Verträge, 7 Urteile und 81 Vergleiche)
kostenlose Prüfung der Belehrung
Bearbeitungszeit von 3 Tagen
Bornemann-von Loeben, Heidelberg
Erfolge gegen Prisma Life, Clerical Medical und Liberty Europe
viel Erfahrung (50 geprüfte Verträge, 6 Urteile und 17 Vergleiche)
kostenlose Prüfung der Vertragsunterlagen
Bearbeitungszeit von 5 Tagen
Fachanwalt für Versicherungsrecht (Rechtsanwalt Süss)
Justus Rechtsanwälte, Berlin
Erfolge gegen Prisma Life, Celerical Medical MLP AG Heidelberger
viel Erfahrung (100 geprüfte Verträge, 4 Urteile und 20 Vergleiche)
Bearbeitungszeit von 7 Tagen
Sommerberg LLP, Bremen
Urteile gegen Aachen Münchener und Prisma Life
viel Erfahrung (90 geprüfte Verträge, 2 Urteile und mehrere Vergleiche)
AachenMünchener, HDI, Clerical Medical, Vienna Life, Prisma Life u.a.
viel Erfahrung (mehr als 300 geprüfte Verträge, 1 Urteil und 11 Vergleiche)
Ersteinschätzung per E-Mail
Dr. Stoll & Sauer, Lahr
Urteil gegen Standard Life
viel Erfahrung (426 geprüfte Verträge, 1 Urteil und 5 Vergleiche)
Fachanwältin für Versicherungsrecht (Rechtsanwältin Busam)
Witt Rechtsanwälte, München
Erfolge gegen Standard Life, Swiss Life, LV 1871 u.a.
viel Erfahrung (etwa 1.000 geprüfte Verträge und etwa 60 Vergleiche)
Werdermann/von Rüden, Berlin
über 240 geprüfte Verträge
kostenloser Online-Rechner zur Berechnung des Rückabwicklungswerts
viel Erfahrung (etwa 240 geprüfte Verträge und mehr als 50 Vergleiche)
Decker & Böse Rechtsanwälte, Köln
Erfolge gegen Aachen Münchener, Allianz, LV 1871 u.a.
viel Erfahrung (etwa 400 geprüfte Verträge und 48 Vergleiche)
Bearbeitungszeit von 2 Tagen
Kraus Ghendler Ruvinskij, Köln
Erfolge gegen Nürnberger, Allianz, Skandia u.a.
viel Erfahrung (mehr als 200 geprüfte Verträge und mehr als 20 Vergleiche)
Anwaltsbüro47 - Rupp Zipp Meyer Wank
Erfolge gegen Aachen Münchener, Standard Life und andere
viel Erfahrung (700 geprüfte Verträge und 15 Vergleiche)
schriftliche Auswertung mit Musterschreiben
Bearbeitungszeit von 2-7 Tagen
Fachanwalt für Versicherungsrecht (Rechtsanwältin Wank)
Erfolge gegen Standard Life, Aachen Münchener, Heidelberger Leben u.a.
viel Erfahrung (mehr als 200 geprüfte Verträge und 10 Vergleiche)
telefonische Erstberatung oder schriftliche Ersteinschätzung
Fachanwältin für Versicherungsrecht (Rechtsanwältin Jana Meister)
Das bieten Dienstleister in diesem Bereich
Es gibt zwei Arten von Dienstleistern, die sich auf den Widerspruch von Lebensversicherungen spezialisiert haben: einerseits die klassischen Versicherungsberater, die außergerichtlich Rechtsdienstleistungen erbringen dürfen, und andererseits weitere Dienstleister.
Versicherungsberater dürfen außergerichtlich die Rechte von Versicherungsnehmern bei der Rückabwicklung von Lebensversicherungen vertreten. Dabei müssen sie wie Rechtsanwälte nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz abrechnen. Der folgende Versicherungsberater verfügt über viel Erfahrung und ist eine empfehlenswerte Alternative zu einem Rechtsanwalt.
Kanzlei für Versicherungsanalysen (Lülsdorf), Köln
Erfolge gegen Aachen Münchener, Standard Life u.a.
viel Erfahrung (etwa 900 geprüfte Verträge und rund 140 außergerichtliche Erfolge)
Bearbeitungszeit von 2 bis 3 Tagen
Aber auch andere Dienstleister tummeln sich auf diesem Feld. Die Marktwächter Finanzen von den Verbraucherzentralen warnen vor Dienstleistern, die Verbrauchern Unterstützung bei der Rückabwicklung von Lebens- und Rentenversicherungsverträgen anbieten. Die Hilfestellung sei zu teuer und bringe für den Verbraucher keinen Mehrwert.
Finanztip hat sich einige dieser Dienstleister näher angesehen. Wir haben dazu vier Unternehmen angeschrieben und ihnen einen entsprechenden Fragebogen zugesandt: Facto Financial Services, Revokat, SMWB Strategien mit Weitblick, Helpcheck und Claimright. Zwei Dienstleister haben uns geantwortet, einer davon bietet seinen Service allerdings nicht mehr an.
Das Unternehmen aus Düsseldorf bietet sowohl einen kostenlosen als auch einen kostenpflichtigen Servicevertrag an. Im ersten Schritt können Interessierte ihre Unterlagen prüfen lassen. Nach Durchsicht der Unterlagen teilt der Dienstleister dem Verbraucher mit, ob er die Möglichkeit hat, den Vertrag rückabzuwickeln und welche Erfolgsaussichten bestehen. Das ist praktisch und eine kostenlose Dienstleistung von Helpcheck.
Will der Verbraucher seine Rechte gegenüber der Versicherung durchsetzen, kann er Helpcheck in einem weiteren Schritt kostenpflichtig beauftragen, die Forderungshöhe mit Nutzungsersatz zu berechnen und sich um die gesamte Kommunikation mit dem kooperierenden Anwalt zu kümmern. Der übernimmt allerdings grundsätzlich nur dann, wenn der Verbraucher eine Rechtsschutzversicherung hat, die den streitigen Fall auch abdeckt. Bei Erfolg verbleiben 25 Prozent zuzüglich Mehrwertsteuer von der Differenz zwischen dem von der Versicherung errechneten Rückkaufswert und der dann tatsächlich anerkannten Forderung bei Helpcheck.
Beispiel: Der Rückkaufswert beläuft sich auf 28.000 Euro. Die nach Beauftragung von Helpcheck und einem Anwalt erstrittene Summe beträgt 51.000 Euro. Helpcheck verlangt in diesem Fall 29,75 Prozent inklusive Mehrwertsteuer von der Differenz, also von 23.000 Euro. Helpcheck bekommt dann also insgesamt 6.842,50 Euro.
Bekommt der Verbraucher keinen Rechtsschutz, entscheidet der Dienstleister, ob er ein weiteres Vorgehen ohne zusätzliche Kosten anbietet. Ist der Anwalt dann erfolgreich, behält Helpcheck ebenfalls ein Viertel der erstrittenen Summe zuzüglich Mehrwertsteuer ein.
Auch andere Rechtsdienstleister, etwa die Fluggasthelferportale, arbeiten mit einer ähnlichen erfolgsabhängigen Vergütung. Gerade für jemanden ohne Rechtsschutzversicherung kann das eine gute Sache sein, da auf ihn auch dann keine Gerichts- und Anwaltskosten zukommen, wenn der Fall etwa vor Gericht verloren geht. Wer eine Rechtsschutzversicherung hat, für den übernimmt die Versicherung die Prozesskosten, falls der Anwalt verliert.
Die Dienstleistung von Helpcheck bieten auch spezialisierte Anwälte, allerdings ohne dass Verbraucher einen Teil der Rückabwicklungssumme abgeben müssten. Verbraucher mit Rechtsschutzversicherung können sich daher die Service-Gebühr sparen und sich gleich an einen spezialisierten Anwalt wenden, der die genaue Forderungshöhe selbst berechnet oder damit einen Sachverständigen beauftragt.
So haben wir die Rechtsanwälte ausgewählt
Im Juni 2016 haben wir mehr als 20 Rechtsanwaltskanzleien zum Thema „fehlerhafte Widerspruchsbelehrung bei Lebens- und Rentenversicherungsverträgen“ angeschrieben, die auf diesen Bereich spezialisiert sind und erfolgreich Mandanten außergerichtlich oder gerichtlich gegenüber einer Versicherung vertreten haben. Dabei haben wir uns auf die Kanzleien beschränkt, die bei einer Google-Suche am 10. Juni 2016 auf den ersten drei Seiten zu den Begriffen „Widerspruch Lebensversicherung Rechtsanwalt“ angezeigt wurden oder sich im Vorfeld schon an uns gewandt hatten.
Zur Prüfung haben wir den Kanzleien einen Fragebogen geschickt. Dieser enthielt Fragen zu den Kosten und zur Form einer Erstberatung. Wir haben uns nach erstrittenen Urteilen und abgeschlossenen Vergleichen erkundigt. Anfang April und Juli 2017 haben wir weitere Fragebögen ausgewertet, die uns Rechtsanwälte oder Versicherungsberater mit zeitlichem Abstand nach der ersten Untersuchung übermittelt haben.
Über die tatsächliche Beratungsqualität können wir keine Aussage treffen, da wir sie nicht überprüfen können. Voraussetzung für unsere Empfehlung ist vielmehr grundsätzlich, dass die Kanzlei mindestens ein Urteil oder zehn Vergleiche vorweisen kann. Für den Verbraucher positiv ist aus unserer Sicht, wenn er eine kostenlose Ersteinschätzung bekommt. Dies ist derzeit bei fast allen Anwälten aus unserer Empfehlungsliste der Fall.
Unter der Kanzleien, die eine kostenlose Erstberatung anbieten, stehen diejenigen ganz oben, die auch Prozesserfahrung haben und bereits ein erfolgreiches Urteil vorweisen können. Darauf folgen in absteigender Reihenfolge weitere Kanzleien entsprechend der Anzahl der für Verbraucher erfolgreichen Vergleiche. Auch wenn sich daraus keine Erkenntnis über die tatsächliche Qualität der Beratung ableiten lässt, bewerten wir es als positiv, sofern sich der bearbeitende Jurist als Fachanwalt auf Versicherungsrecht spezialisiert hat.
Die Untersuchungen sind abgeschlossen. Weitere Anwaltskanzleien können wir nicht berücksichtigen.
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