Source: https://kritisches-netzwerk.de/forum/das-grundgesetz-verbietet-die-vorlaeufige-ceta-anwendung
Timestamp: 2020-08-10 11:14:01
Document Index: 144358339

Matched Legal Cases: ['Art. 300', 'Art. 300', 'Art. 228', 'EuG', 'Art. 300', 'Art. 218', 'Art. 218', 'Art. 59']

Das Grundgesetz verbietet die vorläufige CETA-Anwendung | KRITISCHES NETZWERK
3. Juni 2016 - 15:20
Die vorläufige Anwendung durch die Exekutive setzt, da sie ähnliche Wirkungen entfaltet wie das ratifizierte Abkommen, eine verfassungsrechtliche Ermächtigung voraus. In der Weimarer Republik wurden dazu gesetzliche Ermächtigungen erteilt, der für Wirtschaftsabkommen vorsah, diese nur „im Falle eines dringenden wirtschaftlichen Bedürfnisses …vorläufig, jedoch längstens für die Dauer von drei Monaten anzuwenden.“ (Gesetze vom 10. 7. 26 und 14. 7. 27 – Krenzler, Seite 114). Für die BRD gibt es bisher wohl keine solche Ermächtigung (so Krenzler 1963). Ein von der Bundesregierung im Jahre 1953 eingebrachter Gesetzentwurf, der sich daran anlehnte, wurde später nicht vom Bundestag verabschiedet (Krenzler, S. 116 f).
Exkurs: In der Praxis des Schweizer Außenministeriums ist Voraussetzung der v.A. eine „besondere Dringlichkeit“, bedarf also in jedem Fall einer Begründung. Das Parlament hat ein Vetorecht (Praxisleitfaden für völkerrechtliche Verträge, Ausgabe 2015, Abschnitt III C c, Rdn. 53-55).
Die Exekutive der EU ist erst 1997 durch Art. 300 Abs. 2 des Vertrages von Amsterdam zur vorläufigen Anwendung ermächtigt worden. Die Neufassung diente u.a. der Vorbereitung der Osterweiterung der EU, und auch zu diesem Zweck der „Steigerung von Effizienz und Handlungsfähigkeit der EU durch Überprüfung ihrer Entscheidungsprozesse“ (Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Vertrag von Amsterdam, Bonn, 1998, S.7 und 9, Regelung in Art. 300 Abs. 2 des EG-Vertrages, der Art. 228 EU-Vertrag ersetzt). In der Kommentierung von Carl Otto Lenz, bis 1997 Generalanwalt am EuGH, war die vorläufige Anwendung auch deshalb unproblematisch, da sie „ein einseitiger Akt ist, der völkerrechtlich keine Bindungswirkungen auslöst“ (Lenz/Müller-Ibold, EU- und EG-Vertrag, 4. Auflage 2006, Bundesanzeiger Verlag, Rdn. 33 zu Art. 300 EGV). Die heutige Praxis, die eine Vereinbarung und keine einseitige Erklärung der vorläufigen Anwendung vorsieht, geht damit über die Intention der Vorschrift hinaus.
In Einzelfällen wurde allerdings auch früher von der vorläufigen Anwendung Gebrauch gemacht (Nettesheim/Lorenzmeier, Loseblatt-Kommentar, Rdn. 36 zu Art. 218 AEUV).
Sie ist auf eine kurze Geltungsdauer angelegt (vgl. Gesetzentwürfe 1926 und 1953, sowie Praxis in der Schweiz)
Die Praxis der Beschlüsse nach Art. 218 Abs. 5 AEUV, wie sie seit einigen Jahren von der EU praktiziert wird, entspricht nicht dem hergebrachten völkerrechtlichen Modell der vorläufigen Anwendung:
Die vorläufige Anwendung, die der Überbrückung der Ratifizierung in 28 Staaten dienen soll, was im Falle Südkorea beispielsweise fast 5 Jahre in Anspruch nahm, ist nicht auf kurze Dauer angelegt. Sie kann nicht sicherstellen, dass die vorläufige Anwendung keine irreversiblen Folgen nach sich zieht. Die wesentliche Voraussetzung, dass dieser vorläufige Zustand tatsächlich ein vorläufiger ist, nämlich die jederzeitige Rücknahmemöglichkeit, ist bereits wegen der komplizierten Herstellung einer qualifizierten Mehrheit nicht gegeben.
Abkommen wie TTIP und CETA sind jedoch auf „deep integration“ angelegt, d.h. auf eine langfristige Umgestaltung der Wirtschaftsverfassung und Gesellschaftsordnung. Dies sind (auch im Zeitraum des sog. vorläufigen Anwendung mögliche) Veränderungen, die sich später nicht ohne weiteres wieder korrigieren lassen dürften. Um trotzdem eine vorläufige Anwendung zu begründen, bedürfte es einer sorgfältigen Abwägung von Vor- und Nachteilen, die weit über den Hinweis auf die angebliche „Üblichkeit“ und einseitige Berücksichtigung der Beschleunigung des Verfahrens hinausgeht.
Da die BRD selbst Vertragspartner – für das gesamte Abkommen und nicht nur für einen Teil davon – ist, muß sie ihre Abwägung auch im Hinblick auf das GG durchführen. Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG läßt wiederum eine vorläufige Anwendung ohne Parlamentsbeteiligung nicht zu (Krenzler S. 143).
CETA – Der gefährliche Bruder von TTIP - Attac-Palaver 29.02.2016 (Dauer 1:23:41 Std.)
► Quelle: veröffentlicht auf dem Blog von Dr. Norbert Häring > http://norberthaering.de/ > Artikel vom 31.05.2016. Der Autor Wilfried Pürsten hat die Übernahme des Artikels ins KN authorisiert. Herzlichen Dank dafür.
Wilfried Pürsten ist pensionierter Verwaltungsjurist. Er war Referatsleiter beim Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred). Am 1. Mai 2002 erfolgte durch Zusammenlegung der Bundesaufsichtsämter für das Kreditwesen (BAKred), den Wertpapierhandel (BAWe) und das Versicherungswesen (BAV) die Gründung der heute bekannten Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Wilfried Pürsten ist in der Berliner Attac-Arbeitsgruppe "noTTIP" engagiert.
1. STOP TTIP, TISA und CETA! - Bündnis STOP TTIP München. Das Bündnis STOP TTIP München fordert den Abbruch der geheimen Verhandlungen zu den transatlantischen Freihandelsabkommen (TTIP, CETA, TiSA usw.) und eine demokratische, zukunftsfähige und faire Handelspolitik, die unter Einbeziehung der Öffentlichkeit entwickelt wird. > http://stop-ttip-muenchen.de/ .
2. Europäische Kommission (EU-Kommission). Grafikbearbeitung: Wilfried Kahrs (WiKa) - QPress.de .
CETA - Rechtsgutachten belegt Verfassungswidrigkeit von CETA - attac-Gutachten der Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano und Johan Horst - Okt. 2014 - 41 Seiten 523.33 KB
3. Juni 2016 - 17:46
EU faschistisch, korrupt, diktatorisch, antieuropäisch
Der Krimi um das sogenannte Freihandelsabkommen CETA geht weiter:
Schreibt man Wirtschaftsminister Gabriel an, weil er 2014 den Fraktionen im Bundestag in Bezug auf das sogenannte Freihandelsabkommen CETA versprochen hat, dass "ein Abschluss allein durch die EU" nicht in Frage käme, so bekommt man heute (27.05.2016) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Team Bürgerdialog BMWi Referat LB 3, Scharnhorststr. 34-37, 10115 Berlin, Tel. 030-186150, buergerdialog@bmwi.bund.de folgende Antwort:
"Über die vorläufige Anwendung von Teilen von CETA entscheiden die demokratisch gewählten Abgeordneten des Europäischen Parlaments und der EU-Handelsministerrat (und somit die Mitgliedstaaten). Das heißt: Ohne eine Zustimmung von Parlament und Rat kann CETA nicht vorläufig angewendet werden. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass das Europäische Parlament seine Verantwortung sehr ernst nimmt. Es hat bereits Abkommen abgelehnt, die seinen Ansprüchen nicht genügten."
Bis hierher wird der Bürger eingelullt. Doch dann geht es folgendermaßen weiter:
"Falls die EU-Kommission dem Rat (und somit den Mitgliedstaaten) vorschlagen wird, CETA vorläufig anzuwenden, wäre dies kein Novum. Die vorläufige Anwendung völkerrechtlicher Verträge der EU ist im EU-Verfassungsrecht vorgesehen und entspricht der üblichen, langjährigen Praxis der EU-Freihandelsabkommen. Sie bezieht sich immer nur auf diejenigen Teile des Abkommens, die eindeutig in der ausschließlichen EU-Zuständigkeit liegen und die Kompetenzen der Mitgliedstaaten nicht berühren. Eine Vorfestlegung für ein Inkrafttreten des gesamten Abkommens wird nicht getroffen."
Hier zeigt es sich, wie die Bürger über den Tisch gezogen werden sollen. Die EU hatte bisher nur das Verhandlungsmandat, jetzt tut man so, als ob es das Normalste auf der Welt wäre, wenn völkerrechtliche Verträge, also Verträge, die über dem nationalen Recht stehen, vorläufig angewandt werden. Da die EU eine regelrecht antidemokratische Einrichtung ist, können wir doch davon ausgehen, dass die EU-Kommission dem Ministerrat vorschlagen wird, CETA vorläufig anzuwenden. Das heißt: Jedes europäische Parlament wird von der Macht des Faktischen überrollt. Die Finanzelite hat dann ihr Ziel erreicht.
Und die Einlullerei wird in dem o.g. Schreiben fortgesetzt:
"Die Teile des Freihandelsabkommens, für die die Mitgliedstaaten zuständig sind, können erst nach dem erfolgreichen Abschluss der nationalen Ratifizierungsverfahren in Kraft treten. Das heißt: Das gesamte Abkommen kann erst dann vollständig in Kraft treten, wenn alle nationalen Parlamente der 28 EU-Mitgliedstaaten - auch Bundestag und Bundesrat in Deutschland - ihm zugestimmt haben. Stimmen Bundestag und Bundesrat dem Abkommen nicht zu, kommt es endgültig nicht zu Stande. Damit sind auch die Teile, die in die Kompetenz der EU fallen, nicht mehr anwendbar.
Die Investitionsschutzbestimmungen sind von der vorläufigen Anwendung ausgenommen, weil eben hier auch mitgliedstaatliche Kompetenzen betroffen sind. Damit wird der Teil, der politisch besonders kontrovers ist, ohne Zustimmung des Bundestages und Bundesrates zu CETA nicht zur Anwendung kommen."
Allein die Investitionsschutzbestimmungen haben in einem Handelsvertrag nichts zu suchen, das zeigen doch die bereits abgeschlossenen Schiedsgerichtsverfahren. Wenn Konzerne Staaten verklagen dürfen, führt das zu nichts anderem als zum Ausrauben der Bürger.
Wir dürfen uns jetzt schon darauf freuen, wie die Argumentationslinien sein werden, wenn Teile von CETA völkerrechtlich anerkannt sind und wieder aufgehoben werden sollen. Das wird ein gefundenes Fressen für die Konzerngerichtsbarkeit. Die EU ist und bleibt ein faschistisches Konstrukt, korrupt, diktatorisch und antieuropäisch.
1. NEIN zur EU-DIKTATUR. Dieses Motiv kann als Auto-Aufkleber in kleinen oder größeren Mengen bestellt werden bei > www.eu-diktatur.com/ .
2. European Union, Brand New Headquarters. "If people behaved like governments, you'd call the cops." (Kelvin Throop). Foto/Grafik: Peter Kurdulija, (orginally from Belgrade / Beograd, Serbia), is an amateur photographer from Lower Hutt, Wellington, New Zealand. Quelle: Flickr. Verbreitung mit CC-Lizenz Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).
3. "Die Verbindung hochkonzentrierter Unternehmensmacht mit einem autoritären Staat, der die politisch-ökonomische Elite auf Kosten des Volkes bedient, muss korrekterweise als ›Finanz-Faschismus‹ bezeichnet werden." (Robert Scheer, Financial Fascism, The Nation, 24.9.2008 ⇒ Artikel).