Source: http://swissblawg.ch/2016/10/4a2422016-vorgangige.html
Timestamp: 2017-11-21 02:48:36
Document Index: 83990164

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'BGer', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 32', 'Art. 6', 'Art. 6']

4A_242/2016: Vorgängige Zuständigkeitsvereinbarungen bzgl. Wahlrecht gemäss Art. 6 Abs. 3 ZPO unzulässig; Rechtsnatur der Stockwerkeigentümergemeinschaft; Parteibezeichnungen (amtl. Publ.) - swissblawg
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Roland Bachmann	• 30. Oktober 2016
Zivilprozess u. Schiedsgericht, Personen- u. Medienrecht, Vertrags- u. Handelsrecht, Sachenrecht, Gesellschaftsrecht
Die A. AG (Beklag­te, Beschwer­de­füh­re­rin) ver­pflich­te­te sich mit Total­un­ter­neh­mer­ver­trag gegen­über der R. AG zur Pla­nung, Erstel­lung und Über­ga­be von Woh­nun­gen auf drei Grund­stücken. Im Total­un­ter­neh­mer­ver­trag war fest­ge­hal­ten, in erster Instanz sei aus­schliess­lich das Han­dels­ge­richt des Kan­tons Zürich zustän­dig.
Die R. AG begrün­de­te an den drei Grund­stücken Stock­werk­ei­gen­tum und ver­kauf­te die Stock­werk­ein­hei­ten. In den Kauf­ver­trä­gen trat die R. AG ihre Män­gel­rech­te und Garan­tie­an­sprü­che gegen die Beklag­te an die Käu­fer­schaft ab, wobei aber die Garan­tie­an­sprü­che bezüg­lich der gemein­schaft­li­chen Tei­le an die Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft erfolg­te (Urteil 4A_242/2016 vom 5. Okto­ber 2016, E. 3.5).
Spä­ter wur­den Män­gel an den Fas­sa­den aller drei Häu­ser gerügt, die auch durch Nach­bes­se­rungs­ar­bei­ten nicht beho­ben wor­den sei­en. Beim Bezirks­ge­richt Zürich wur­de Kla­ge ein­ge­reicht. In der Kla­ge­schrift waren als “Klä­ger­schaft” die “Stock­werk­ei­gen­tü­mer­schaf­ten U., V.” und anschlie­ssend sieb­zehn natür­li­che Per­so­nen mit Vor- und Nach­na­men bezeich­net. Das Bezirks­ge­richt Zürich trat auf die Kla­ge nicht ein, da das Han­dels­ge­richt sach­lich zustän­dig sei. Der Beschluss führ­te als “Klä­ge­rin” die “Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft U., V.” auf.
Die kla­gen­de Par­tei reich­te dar­auf unter der­sel­ben Par­tei­be­zeich­nung wie in der ersten Kla­ge­schrift eine Kla­ge beim Han­dels­ge­richt des Kan­tons Zürich ein und erhob ande­rer­seits Beru­fung gegen den Beschluss des Bezirks­ge­richts Zürich, mit dem auf die erste Kla­ge nicht ein­ge­tre­ten wor­den war.
Das Han­dels­ge­richt Zürich trat auf die Kla­ge nicht ein, weil es das Bezirks­ge­richt Zürich als sach­lich zustän­dig erach­te­te. Das Ober­ge­richt änder­te sein Rubrum und nann­te anstel­le der “Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft U., V.” die ein­zel­nen Stock­werk­ei­gen­tü­mer. Es hiess die Beru­fung gut und erkann­te, dass das Bezirks­ge­richt Zürich für die Kla­ge sach­lich zustän­dig sei.
Die Beklag­te erhob Beschwer­de ans Bun­des­ge­richt und bean­trag­te, das Urteil des Ober­ge­richts Zürich sei kosten­fäl­lig auf­zu­he­ben. Das Bun­des­ge­richt wies die Beschwer­de ab.
Das Bun­des­ge­richt hat­te zu ent­schei­den, ob mit dem ober­ge­richt­li­chen Ent­scheid gegen Art. 6 Abs. 3 ZPO ver­sto­ssen wor­den war (E. 2.3). Nach die­ser Vor­schrift steht der kla­gen­den Par­tei die Wahl zwi­schen dem Han­dels­ge­richt und dem ordent­li­chen Gericht zu, wenn nur die Beklag­te im Han­dels­re­gi­ster oder in einem ver­gleich­ba­ren aus­län­di­schen Regi­ster ein­ge­tra­gen ist und die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für ein Ver­fah­ren vor Han­dels­ge­richt erfüllt sind.
Das Bun­des­ge­richt ver­nein­te eine Ver­let­zung von Art. 6 Abs. 3 ZPO und hielt im Wesent­li­chen fest, dass das Wahl­recht ein­sei­tig sei. Das Wahl­recht bestehe nur für die kla­gen­de Par­tei, die nicht im Han­dels­re­gi­ster ein­ge­tra­gen ist. Eine vor­gän­gi­ge Zustän­dig­keits­ver­ein­ba­rung sei nicht zuläs­sig, da sonst die kla­gen­de Par­tei, die nicht im Han­dels­ge­richt ein­ge­tra­gen ist, ihres Vor­teils wie­der beraubt wer­den könn­te, den ihr der Gesetz­ge­ber ein­räu­men woll­te. Dies wer­de im vor­lie­gen­den Fall beson­ders deut­lich, da die Zustän­dig­keits­ver­ein­ba­rung nicht ein­mal sel­ber von der kla­gen­den Par­tei ver­ein­bart wor­den sei, son­dern zwi­schen der Beklag­ten und der R. AG. Im Übri­gen sei­en ins­be­son­de­re auch die Gerichts­stän­de für Kla­gen aus Kon­su­men­ten­ver­trä­gen teil­zwin­gend (Art. 32 und 35 Abs. 1 lit. a ZPO). Gemäss Bun­des­ge­richt sei somit eine vor­gän­gi­ge Ver­ein­ba­rung über die sach­li­che Zustän­dig­keit auch im Anwen­dungs­be­reich von Art. 6 Abs. 3 ZPO unzu­läs­sig (zum Gan­zen E. 2.4).
Wei­ter stell­te das Bun­des­ge­richt fest, dass zur Iden­ti­fi­ka­ti­on einer Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft regel­mä­ssig die Anga­be ihres Namens und ihrer Adres­se genü­gen, auch wenn viel­fach deren Name und die For­mu­lie­rung “bestehend aus […]” ver­wen­det wird, um die Gemein­schaft durch Bekannt­ga­be ihrer Mit­glie­der noch näher zu umschrei­ben (E. 3.5). Für natür­li­che Per­so­nen genü­gen gemäss Bun­des­ge­richt regel­mä­ssig die Anga­be von Namen, Vor­na­me und Adres­se (E. 3.4).
Im vor­lie­gen­den Fall scha­de­te der kla­gen­den Par­tei nicht, dass sie sich als “Stock­werk­ei­gen­tü­mer­schaft” und nicht als Stock­werk­ei­gen­tü­mergemeinschaft bezeich­ne­te, obwohl im Gesetz nur der zwei­te Begriff Ver­wen­dung fin­det. Da kei­ne Gefahr einer Ver­wechs­lung bestand, konn­te die unkla­re Par­tei­be­zeich­nung von Amtes wegen berich­tigt wer­den (E. 3.5).
Wei­ter muss­te ent­schie­den wer­den, ob die kla­gen­de Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft par­tei- und pro­zess­fä­hig war. Das Bun­des­ge­richt bejah­te die Par­tei- und Pro­zess­fä­hig­keit der Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft und gestand ihr das Wahl­recht nach Art. 6 Abs. 3 ZPO zu, da sie nicht im Han­dels­re­gi­ster ein­ge­tra­gen war (E. 4 und 5).
Das Bun­des­ge­richt erkann­te ins­be­son­de­re, dass die Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft in gewis­ser Hin­sicht ver­selb­stän­digt ist, obwohl ihr kei­ne Rechts­per­sön­lich­keit zukommt. Sie ist nament­lich im Rah­men ihrer Ver­wal­tungs­tä­tig­keit zivil­recht­lich hand­lungs­fä­hig und kann pro­zes­su­al und voll­streckungs­recht­lich unter ihrem Namen kla­gen und Betrei­bun­gen ein­lei­ten sowie beklagt und betrie­ben wer­den. Ihr Gemein­schafts­ver­mö­gen ist als Son­der­ver­mö­gen im Rechts­ver­kehr ver­selb­stän­digt, obwohl es im Mit­ei­gen­tum der ein­zel­nen Stock­werk­ei­gen­tü­mer steht. Nicht zum Son­der­ver­mö­gen gehört aller­dings die Lie­gen­schaft, da sie nicht der Ver­wal­tung dient. Will die Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft in eige­nem Namen kla­gen, ist nebst der pro­zes­su­al erfor­der­li­chen Pro­zess­fä­hig­keit in mate­ri­el­ler Hin­sicht ihre Sach- bzw. Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on erfor­der­lich, d.h. ihre Rechts­zu­stän­dig­keit für den betref­fen­den Streit­ge­gen­stand (vgl. zum Gan­zen E. 5).
Da die kan­to­na­len Gerich­te die Fra­ge, inwie­weit der Stock­werk­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaft vor­lie­gend die Par­tei- und Pro­zess­fä­hig­keit zukommt, nicht beur­teilt hat­ten, war die Sache ans Bezirks­ge­richt zurück­zu­wei­sen. Somit blieb es beim ober­ge­richt­li­chen Rück­wei­sungs­ent­scheid, wes­halb die Beschwer­de abzu­wei­sen war (zum Gan­zen E. 5).