Source: https://www.anwalt24.de/urteile/bsg/2014-08-06/b-11-al-16_13-r
Timestamp: 2017-11-23 08:11:40
Document Index: 287874639

Matched Legal Cases: ['§ 158', '§ 68', '§ 73', '§ 81', '§ 170', '§ 2', '§ 54', '§ 56', '§ 2', '§ 2', '§ 69', '§ 10', '§ 75', '§ 2', '§1', '§1', '§ 81', '§ 81', '§ 73', '§ 138', '§ 2']

BSG, 06.08.2014 - B 11 AL 16/13 R - Anspruch auf Gleichstellung mit einem schwerbehinderten Menschen im Schwerbehindertenrecht; Vorliegen einer konkreten Arbeitsplatzgefährdung | anwalt24.de
Urt. v. 06.08.2014, Az.: B 11 AL 16/13 R
Referenz: JurionRS 2014, 22276
Aktenzeichen: B 11 AL 16/13 R
LSG Baden-Württemberg - 09.08.2013 - AZ: L 12 AL 238/12
SG Reutlingen - 16.12.2011 - AZ: S 8 AL 1740/11
§ 158 Abs. 1 S. 3 SGB III
§ 68 Abs. 2 SGB IX
§ 73 Abs. 1 SGB IX
§ 81 Abs. 4 S. 1 Nr. 5 SGB IX
Az: B 11 AL 16/13 R
L 12 AL 238/12 (LSG Baden-Württemberg)
S 8 AL 1740/11 (SG Reutlingen)
Der 11. Senat des Bundessozialgerichts hat auf die mündliche Verhandlung vom 6. August 2014 durch den Richter Dr. L e i t h e r e r - Vorsitzender -, die Richter Dr. F i c h t e und M u t s c h l e r sowie die ehrenamtlichen Richter S c h e c h und Dr. H o e h l
Die Revision der Beklagten ist zurückzuweisen (§ 170 Abs 1 S 1 Sozialgerichtsgesetz [SGG]). Das Urteil des LSG verletzt nicht Bundesrecht; insbesondere ist die Auslegung und Anwendung des § 2 Abs 3 SGB IX im Ergebnis nicht zu beanstanden.
1. Gegenstand des Revisionsverfahrens ist der Bescheid der Beklagten vom 24.1.2011 in der Gestalt des Widerspruchsbescheids vom 6.5.2011, gegen den sich der Kläger mit der Anfechtungs- und Verpflichtungsklage (§ 54 Abs 1 S 1, § 56 SGG) wendet (zur Klageart vgl Bundessozialgericht [BSG] Urteil vom 1.3.2011 - B 7 AL 6/10 R - BSGE 108, 4 = SozR 4-3250 § 2 Nr 4 jeweils RdNr 9). Maßgeblicher Zeitpunkt für die Beurteilung eines Gleichstellungsbegehrens ist wegen der Rückwirkung auf den Zeitpunkt der Antragsstellung in erster Linie dieser Zeitpunkt. Allerdings müssen wegen des Zwecks der Regelung auch wesentliche Änderungen der Sach- und Rechtslage bis zur letzten mündlichen Verhandlung Berücksichtigung finden (vgl BSG Urteil vom 2.3.2000 - B 7 AL 46/99 R - BSGE 86, 10 = SozR 3-3870 § 2 Nr 1).
a) Bei einem behinderten Menschen muss wegen der Abstufung des GdB in Zehnerschritten (§ 69 Abs 1 S 4 SGB IX) ein GdB von 30 oder 40 festgestellt sein. Die BA ist im Rahmen des Verfahrens der Gleichstellung an den festgestellten GdB gebunden, obwohl sie weder am Verwaltungsverfahren noch am gerichtlichen Verfahren zur Höhe des GdB zu beteiligen ist (§§ 10, 12 Sozialgesetzbuch Zehntes Buch, § 75 SGG; so Luthe in jurisPK-SGB IX, § 2 RdNr 106). Die Feststellung des GdB durch die jeweils nach Landesrecht zuständige Behörde wirkt insoweit konstitutiv (vgl Bundesarbeitsgericht [BAG] Urteil vom 24.11.2005 - 2 AZR 514/04 - AP KSchG 1969 §1 Krankheit Nr 43 = EzA KSchG §1 Krankheit Nr 51; BAG Urteil vom 18.11.2008 - 9 AZR 643/07 - AP Nr 16 SGB IX § 81 = EzA SGB IX § 81 Nr 19).
Der Begriff des Arbeitsplatzes ist in § 73 Abs 1 SGB IX definiert. Danach sind Arbeitsplätze alle Stellen, auf denen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer usw beschäftigt werden. Der weite Arbeitsplatzbegriff des Abs 1 wird in Abs 3 der Vorschrift allerdings dahingehend eingeschränkt, dass es sich um einen solchen mit einem Arbeitszeitumfang von 18 Stunden pro Woche handeln muss. Der behinderte Mensch muss daher über eine Resterwerbsfähigkeit verfügen, die ihm die Ausübung einer Beschäftigung von mindestens 18 Stunden pro Woche ermöglicht (dies schließt wegen der 15-Stunden-Grenze des § 138 Abs 3 Sozialgesetzbuch Drittes Buch [SGB III] zugleich das Bestehen von Arbeitslosigkeit aus).
Die Geeignetheit des Arbeitsplatzes bestimmt sich individuell-konkret nach dem Eignungs- und Leistungspotential des behinderten Menschen (BSG Urteil vom 2.3.2000 -B7 AL 46/99 R - BSGE 86, 10 [BSG 02.03.2000 - B 7 AL 46/99 R] = SozR 3-3870 § 2 Nr 1, jeweils RdNr 16). Die BA und ggf die Gerichte haben die konkreten Behinderungen und ihre Auswirkungen auf die Eignung des behinderten Menschen für den konkreten Arbeitsplatz zu ermitteln. Danach haben sie zu entscheiden, ob der Arbeitsplatz entweder schon für sich betrachtet geeignet ist oder der Arbeitsplatz jedenfalls durch Umsetzung von Leistungen der Rehabilitationsträger oder des Arbeitgebers so gestaltet werden kann, dass der behinderte Mensch die Anforderungen des Arbeitsplatzes erfüllen kann, ohne seinen Gesundheitszustand zu verschlechtern.