Source: https://studylibde.com/doc/7028366/kommunalpolitik-in-baden-w%C3%BCrttemberg-hans
Timestamp: 2019-05-22 05:45:51
Document Index: 193163612

Matched Legal Cases: ['Art. 28', 'Art. 28', '§ 24', '§ 44', '§ 42', '§ 39', '§ 33', '§ 43', '§ 43', '§ 45', '§ 50', '§ 25', '§ 64', '§ 67', '§ 21', 'Art. 21', '§ 21']

Kommunalpolitik in Baden-Württemberg Hans
Hrsg.: Siegfried Frech/Reinhold Weber
ie Kompetenz zur Ausgestaltung der Gemeindeordnungen überlässt
das Grundgesetz (GG) dem jeweiligen Landesgesetzgeber. Art. 28
Abs. 2 GG schreibt lediglich vor, dass die Länder den Gemeinden
kommunale Selbstverwaltung zu gewähren haben (institutionelle Garantie).
Das „Wie“ bleibt demgegenüber offen – abgesehen vom Erfordernis einer
demokratisch gewählten Volksvertretung (Art. 28 Abs. 1 GG). Diese Gestaltungsfreiheit ist von den einzelnen Ländern unterschiedlich wahrgenommen
worden: gemäß den jeweiligen heimischen Traditionen oder gemäß den
Vorstellungen der Besatzungsmacht nach 1945. An die Traditionen, die in
ihrem Gebiet vorgefunden wurden, haben die Gemeindeordnungen von
Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und – zumindest teilweise – RheinlandPfalz und des Saarlandes angeknüpft. Durch die (britische) Besatzungsmacht
bestimmt wurden die Gemeindeordnungen von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Schleswig-Holstein hat sich 1952 vom britischen System
abgewandt und ist zur preußischen Magistratsverfassung in den Städten und
zur Bürgermeisterverfassung in den Landgemeinden zurückgekehrt.
Jahrzehntelang bestimmten dann in der alten Bundesrepublik vier Typen
kommunaler Verfassungssysteme das Bild:
• Norddeutsche Ratsverfassung in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen
mit einem starken Rat und einer Doppelspitze aus Bürgermeister als
ehrenamtlichem Ratsvorsitzenden und Gemeinderepräsentanten sowie
aus dem Gemeindedirektor (bzw. Stadt- oder Oberstadtdirektor je nach
Gemeindegröße) als Verwaltungschef;
• Magistratsverfassung in Hessen und in den Städten Schleswig-Holsteins
mit einer förmlichen Gemeinderegierung (Magistrat);
• Süddeutsche Ratsverfassung in Baden-Württemberg und Bayern mit einem mächtigen volksgewählten Bürgermeister und
• Bürgermeisterverfassung in Rheinland-Pfalz, im Saarland und den Landgemeinden Schleswig-Holsteins, die sich von der Süddeutschen Ratsverfassung im Wesentlichen dadurch unterschied, dass hier die Bürgermeister vom Rat, nicht aber direkt von den Bürgern gewählt wurden.
Seit den 1990er Jahren hat sich das Bild gründlich verändert. In allen Flächenländern herrscht nunmehr ein kommunaler Verfassungstyp vor, der
sich am Vorbild der Süddeutschen Ratsverfassung orientiert. Hauptmerkmal
ist die Direktwahl des Bürgermeisters, der über umfangreiche Kompetenzen
verfügt. Denn es macht wenig Sinn, einen Bürgermeister vom Volk wählen
zu lassen, der wenig zu sagen hat: Der Bürger hat gewisse Erwartungen
gegenüber einem Amtsträger, den er selbst unmittelbar bestimmt. Lediglich
Hessen hat seine Magistratsverfassung beibehalten, trotz Direktwahl des
Bürgermeisters. Darin steckt ein gewisser Widerspruch: Die Volkswahl hebt
den Amtsträger hervor und belädt ihn programmatisch mit entsprechenden
Bürgererwartungen. Gleichzeitig aber bindet die Magistratsverfassung ihn
in ein Gremium Gleicher ein, das ihn überstimmen kann. Hessen ist offenbar vor einem abrupten Systemwechsel zurückgeschreckt und hat sich für
eine schrittweise Stärkung des Bürgermeisters entschieden, wie in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war.
Die Diskussion über die „beste“ Kommunalverfassung ist nahezu so alt
wie die rechtliche Verankerung der dargestellten Verfassungstypen selbst.
Doch Änderungen scheiterten regelmäßig an den Interessen von Amtsinhabern und Parteien, die sich zusammen mit den Verfassungstypen etabliert
hatten. Der Durchbruch wurde erzielt, als sich die Popularität der Volkswahl
des Bürgermeisters nicht mehr übersehen ließ: Bei der Volksabstimmung
über die Einführung der Direktwahl am 20. Januar 1991 in Hessen entschieden sich etwa 82 Prozent dafür. Von nun an bot sich dieses Thema für die
jeweilige Opposition in den Landtagen geradezu an. Hinzu kam, dass nach
der deutschen Vereinigung in den fünf neuen Ländern die Verankerung
direktdemokratischer Elemente wie Volkswahl des Bürgermeisters und Bürgerentscheid selbstverständlich war, da es nach allgemeiner Meinung die
Bürger selbst waren, die das Ende des Regimes („Wir sind das Volk!“) und
die deutsche Vereinigung („Wir sind ein Volk!“) herbeigezwungen hatten.
Wenn sich die Bürger in den neuen Ländern nach mehr als vierzig Jahren
Diktatur als reif für mehr Demokratie erwiesen hatten, konnte man diese
direkten Mitwirkungsrechte den Bürgern in den alten Bundesländern nach
mehr als vierzig Jahren Einübung in Demokratie kaum verweigern. Hinzu
kam, dass die Wissenschaft mit empirischen Studien zur Effektivität kommunaler Verfassungssysteme Argumentationshilfe leisten konnte. Dabei
kam der Typ der Süddeutschen Ratsverfassung mit seinem starken Bürgermeister und dessen direkter Rückkopplung an die Bürgerschaft besonders
gut weg. Jedes Land hat allerdings Modiﬁzierungen vorgenommen, so dass
ein völlig einheitlicher kommunaler Verfassungstyp nicht entstanden ist.
Die Abweichungen vom baden-württembergischen Modell machen deutlich,
dass Amtsinhaber und jeweils regierende Parteien ihre überkommenen
Machtpositionen nicht vollständig räumen wollten.
Ratsverfassung mit „Bürgermeistersuprematie“
„Hauptorgan der Gemeinde“ ist auch nach der Gemeindeordnung von Baden-Württemberg der Gemeinderat als Volksvertretung (§ 24 Abs. 1 Satz 1
GemO). Ihm kommen umfassende Zuständigkeiten zu, so dass das kommunale Verfassungssystem Baden-Württembergs als Ratsverfassung bezeichnet
werden kann. Zu beachten ist, dass der Gemeinderat kein Parlament, sondern ein Verwaltungsorgan ist. Er legt nicht nur Rechtsvorschriften (Satzungen) fest, wählt Führungspersonal und kontrolliert die Verwaltung (wie
das die Aufgabe von Parlamenten ist), sondern fällt Einzelfallentscheidungen, weist die Verwaltung an, stellt das gesamte Gemeindepersonal ein
(sofern diese Aufgabe nicht, bis zu einer gewissen Gehaltsgruppe etwa, dem
Bürgermeister übertragen wird).
Die Domänen des Bürgermeisters sind demgegenüber „die Geschäfte der
laufenden Verwaltung“ (§ 44 Abs. 2 GemO). Hinzu kommen Aufgaben, die
dem Bürgermeister von Gesetzes wegen ausdrücklich übertragen worden
sind. Zusätzlich kann der Gemeinderat an den Bürgermeister einzelne Aufgaben delegieren.
Diese Dominanz des Gemeinderates nach der Kompetenzverteilung durch
die Gemeindeordnung entspricht indessen nicht der kommunalen Verfassungswirklichkeit. Vielmehr ist hier die Stellung des Bürgermeisters so stark,
dass es sinnvoll erscheint, eher von einer „Ratsverfassung mit Bürgermeis11
tersuprematie“ in Baden-Württemberg zu sprechen.1 Die Gründe dafür sind
teilweise bereits in der Gemeindeordnung selbst angelegt. Es wäre jedoch
verfehlt, die Kompetenzverteilung isoliert zu betrachten. Gesetzmäßigkeiten
der Alltagspraxis kommen hinzu. Schließlich wirken sich auf die lokalen
Machtverhältnisse auch Traditionen, gesamtgesellschaftliche politische und
ökonomische Entwicklungen aus.
Die starke Stellung des Bürgermeisters
Die starke Stellung des Bürgermeisters in Baden-Württemberg beruht darauf,
dass er in seinem Amt und in seiner Person die drei zentralen Führungsfunktionen vereinigt (vgl. § 42 Abs. 1 GemO):
• Er ist stimmberechtigter Vorsitzender des Gemeinderates und aller seiner
• Er ist Chef einer monokratisch strukturierten Verwaltung, die auf ihn
zugespitzt ist. Selbst die vom Gemeinderat gewählten Beigeordneten sind
rechtlich Untergebene des Bürgermeisters.
• Er ist Vertreter der Gemeinde nach außen.
Als einziges Mitglied des Gemeinderates ist der Bürgermeister in allen Phasen des kommunalen Entscheidungsprozesses präsent, und zwar entscheidend: in der Phase der Entscheidungsvorbereitung, in der Phase der Vorberatung und rechtsgültigen Entscheidung im Gemeinderat und in der Phase
der Entscheidungsausführung.
Erstens: In der Phase der Entscheidungsvorbereitung erteilt der Bürgermeister Vorbereitungsaufträge an Mitglieder „seiner“ Verwaltung, die er
mit inhaltlichen Weisungen verbinden kann. Bevor dann Vorlagen an den
Gemeinderat gehen, trifft er die Alternativenauswahl. Sie kann so getroffen
werden, dass dem Rat nur ein einziger, als optimal bezeichneter Vorschlag
als Verwaltungsvorlage unterbreitet wird. Wünscht der Gemeinderat ausdrücklich Entscheidungsalternativen, kann der Verwaltungschef die Alter1 Hans Peter Biege/Georg Fabritius/H.-Jörg Siewert/Hans-Georg Wehling: Zwischen Persönlichkeitswahl und Parteientscheidung, Kronberg/Taunus 1978, S. 19.
nativenauswahl so treffen, dass neben dem von ihm bevorzugten Vorschlag
nur wenig realistische und mit vielen Nachteilen behaftete Alternativen
platziert werden. Zur Vorbereitung von Gemeinderatsbeschlüssen gehört
auch, dass der Bürgermeister kraft seiner Eigenschaft als Vertreter der Gemeinde Verhandlungen mit staatlichen Stellen und privaten Unternehmen
führt und zum Abschluss bringt, deren Ergebnisse vom Gemeinderat dann
nur noch als Ganzes angenommen oder abgelehnt werden können.
Zweitens: In der Phase der Vorberatung in den Ausschüssen und der rechtsgültigen Entscheidung im Gemeinderat (oder in seinen Beschließenden Ausschüssen; § 39 GemO) ist der Bürgermeister vollberechtigter Mitberater und
Mitentscheidender wie jedes andere Gemeinderatsmitglied auch, sogar mit
Stichentscheid. Hinzu kommt, dass der Bürgermeister Vorsitzender des Gemeinderates ist, mit dem Recht der Sitzungsleitung einschließlich der Möglichkeit, die Tagesordnung aufzustellen. Das Gleiche gilt für Beratende wie
Beschließende Ausschüsse. Seit der Novellierung der Gemeindeordnung im
Jahre 1975 kann jedoch ein „Ältestenrat“ gebildet werden, „der den Bürgermeister in Fragen der Tagesordnung und des Gangs der Verhandlungen des
Gemeinderates berät“ (§ 33a GemO; Hervorhebung H.-G. Wehling). Vorsitzender ist auch hier der Bürgermeister. Wer je selbst einmal Sitzungen vorbereitet und geleitet hat, weiß, dass die Aufstellung einer Tagesordnung und
die Leitung einer Sitzung Steuerungs-, wenn nicht gar Manipulationsmöglichkeiten bietet. So platziert man zum Beispiel wichtige Tagesordnungspunkte gerne an den Schluss, in der Hoffnung, dass die Sitzungsteilnehmer
sich bei den vorangegangenen weniger wichtigen Tagesordnungspunkten
müde diskutiert haben und sie inzwischen nach Hause drängen. Wer dann
einer Frage noch peinlich auf den Grund gehen will, wird nur allzu leicht
als Störenfried empfunden.
Gegen Beschlüsse des Gemeinderates, mit denen er nicht einverstanden
ist, kann der Bürgermeister nicht nur aus rechtlichen Bedenken Widerspruch
einlegen. Er kann es auch, „wenn er der Auffassung ist, dass sie für die Gemeinde nachteilig sind“ (§ 43 Abs. 2 GemO). Ein Widerspruch, der nicht aus
rechtlichen Bedenken erfolgt, hat allerdings nur aufschiebende Wirkung.
Die Gemeindeordnung von Baden-Württemberg räumt dem Bürgermeister
zudem das Recht ein, „anstelle des Gemeinderates“ zu entscheiden, und zwar
„in dringenden Angelegenheiten (...), deren Erledigung auch nicht bis zu
einer ohne Frist und formlos einberufenen Gemeinderatssitzung (...) aufge13
schoben werden kann“ (§ 43 Abs. 4 GemO). Zwar muss der Bürgermeister die
Gründe dafür und die „Art der Erledigung“ den Gemeinderäten „unverzüglich“ mitteilen, aber erst hinterher. Dann kann die Entscheidung bereits
rechtskräftig geworden und nicht mehr rückgängig zu machen sein.
Drittens: In der Phase der Entscheidungsausführung ist der Bürgermeister als Chef der Verwaltung wieder allein zuständig. Da mit zunehmender
Kompliziertheit der zu regelnden Materien immer weniger in der formalen
Entscheidungsphase vorweg programmiert werden kann, bleibt in der Ausführungsphase vielfach ein erheblicher Ermessensspielraum für die Verwaltung und ihren Chef, den Bürgermeister.
Als Fazit bleibt festzuhalten, dass der Gemeinderat zwar Hauptverwaltungsorgan der Gemeinde ist, aber nur in der Phase der rechtsgültigen
Entscheidung innerhalb des dreiphasigen Entscheidungsprozesses formal
beteiligt ist. Der Bürgermeister hingegen hat an allen drei Phasen bestimmenden Anteil.
Die „höhere Weihe“ der Volkswahl
Im Geltungsbereich der Süddeutschen Ratsverfassung wird der Bürgermeister seit eh und je unmittelbar von den Gemeindebürgern gewählt (vgl. §§ 45
bis 47 GemO). Diese Volkswahl des Bürgermeisters ist ein echtes Plebiszit,
eine Abstimmung über Personen. Und sie wird von den Wählern auch so
wahrgenommen. Auch jene Wähler, denen die Parteizugehörigkeit der Kandidaten als Orientierung gilt, handeln in dem Bewusstsein, über das politische Geschick einer Person zu beﬁnden.
Plebiszite verleihen dem jeweiligen Amtsinhaber im allgemeinen Verständnis eine höhere Weihe und damit mehr Macht: Der so Gewählte fühlt
sich „höher legitimiert“ als die einzelnen Mitglieder des Gemeinderats
und wird auch so angesehen. Der Bürgermeister kann sich auch darauf
berufen, dass er mehr Stimmen als jedes Gemeinderatsmitglied erhalten
hat, mehr als die Hälfte der Stimmen, bei Wiederwahl sogar nicht selten
„Traummehrheiten“, die bis über 90 Prozent gehen können. Entsprechend
kann er vor dem Gemeinderat seinen Durchsetzungsanspruch begründen.
Geschwächt werden kann ein solcher Wahlsieg allenfalls durch eine nied14
rige Wahlbeteiligung. Die „kritische Grenze“ dürfte hier zwischen 20 und
30 Prozent liegen.
Durch den Wahlmodus ist der volksgewählte Bürgermeister in seiner
politischen Existenz vom Gemeinderat unabhängig. Unterstrichen wird
diese Unabhängigkeit in Baden-Württemberg noch dadurch, dass seine
Amtszeit (acht Jahre) – anders als in anderen Ländern – unabhängig von der
des Gemeinderates (fünf Jahre) ist. Das bedeutet für den Bürgermeister auch
Unabhängigkeit von den Wahlkampferfordernissen (s)einer Partei.
Der Bürgermeister als Geldbeschaffer
Finanziell leben die Gemeinden von eigenen Steuereinnahmen, von Finanzzuweisungen des Landes, des Bundes und zum Teil auch von der Europäischen Union (EU) sowie von Einnahmen, denen eine konkrete Gegenleistung
gegenübersteht (Verwaltungsgebühren, Erschließungsgebühren, Eintrittsgelder, Mieteinnahmen, Verkäufe von Grundstücken, Holz u. a.). Im Schnitt,
der jedoch erhebliche Abweichungen kennt, ist jede dieser drei Einnahmearten zu je einem Drittel an den Gemeindeeinnahmen beteiligt. Ihr Wert
ist nicht zuletzt dadurch bestimmt, in welchem Ausmaß die Einnahmehöhe
durch die Kommunalpolitik beeinﬂusst werden kann (wie „selbstverwaltungsfreundlich“ die Einnahmequellen sind).
Eine der wichtigsten Einnahmequellen stellt die Gewerbesteuer dar, die
vom Ertrag der am Ort ansässigen Unternehmen zu zahlen ist. Das bedeutet
auch: Die Gemeinde muss sich um die Ansiedlung von Unternehmen bemühen
und diese dann auch entsprechend „pﬂegen“. Hier kommt es auf das Gespür,
die Kontaktfähigkeit, das Verhandlungsgeschick des Bürgermeisters an sowie
auf die Fähigkeit, die erforderlichen Genehmigungsverfahren, Grundstückskäufe und Ähnliches effektiv und vor allem auch schnell durchzuführen.
Zudem wird der Bürgermeister versuchen, für konkrete Vorhaben in der
Gemeinde – zum Beispiel bei der Ortssanierung – Geld von „außen“ zu bekommen, von Land, Bund oder gar von der EU. Es handelt sich hierbei um
projektgebundene Finanzzuweisungen, im Gegensatz zu allgemeinen Zuweisungen, die ohne Bedingungen gewährt werden, damit die Gemeinden
ihre Aufgaben erfüllen können. Voraussetzung ist, dass der Bürgermeister
das Angebot überschaut. Dazu bedarf es eines umfassenden Informationssystems, was eben auch heißt: eines persönlichen Kontaktgeﬂechts. Nur so
ist es möglich, frühzeitig jene Töpfe aufzuspüren, aus denen Geld zu holen
ist. Das setzt wiederum auch voraus, dass der Bürgermeister rechtzeitig
bezuschussungsfähige Pläne präsentieren kann. Da die Mittel durchweg
knapp sind, gilt hier das „Windhundprinzip“: Wer zuerst kommt, mahlt
zuerst. Dazu braucht man eine schnell und gut arbeitende Verwaltung sowie
beizeiten Informationen über die Zuschusskriterien. Somit ist der Bürgermeister also auch hier derjenige, der die Gemeinde vertritt, für sie handelt
und damit für die Gemeindeﬁnanzen, für Arbeitsplätze und das Infrastrukturangebot seiner Gemeinde sorgen kann.
Für den Gemeinderat besteht dann nur die Möglichkeit, anzunehmen
oder abzulehnen, was bei der Finanzknappheit der Gemeinden oft keine
echte Wahlmöglichkeit darstellt. Bei den zweckgebundenen Finanzzuweisungen sind die Folgen noch viel weitgehender: Da diese nur gegeben werden, wenn die Gemeinde selbst einen Eigenanteil aufbringt, wird durch die
Annahme solcher Finanzzuweisungen der ﬁnanzielle Entscheidungsspielraum der Gemeinde und damit des Gemeinderats beschnitten.
Die „Profis“ und die „Feierabendpolitiker“
Der Bürgermeister als Verwaltungschef hat gegenüber den Mitgliedern des
Gemeinderates zwei Vorzüge, deren Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann:
1. Er ist hauptamtlich für die Kommunalpolitik da, er steht also als „Proﬁ“
den „Feierabendpolitikern“ des Gemeinderates gegenüber.
2. Er verfügt über einen Apparat von „Proﬁs“, der ihm zuarbeitet oder entsprechend seinen Anweisungen in seinem Namen handelt. Je komplexer
ein System, je größer also eine Gemeinde und je komplizierter die Aufgabenfülle und Aufgabenverschränkung wird, desto entscheidender wird
die Verfügungsgewalt über den Apparat.
Proﬁ-Dasein und Verfügung über einen Apparat erlauben dem Bürgermeister einen Informationsvorsprung gegenüber dem Gemeinderat. Zudem bie16
ten sie ihm Möglichkeiten, die weit über den Informationsvorsprung hinausgehen.
Hauptamtlichkeit und die Verfügung über einen Apparat sind Vorteile,
die nicht nur für den Bürgermeister gelten. Auch die Beigeordneten (in
Gemeinden ab 10 000 Einwohnern) sind die Nutznießer: Die Macht des
Bürgermeisters und der Beigeordneten samt der ihnen unterstehenden
Amtsleiter verdichtet sich für den Gemeinderat zur „Macht der Verwaltung“,
der gegenüber sich das einzelne Gemeinderatsmitglied gelegentlich ziemlich hilﬂos vorkommen kann. Doch diese Verwaltung ist nicht durchweg
ein Monolith, eine geschlossen dastehende Macht. Die Regel ist, dass zumindest die größeren Fraktionen „ihren“ Beigeordneten haben, wie das ja auch
die Gemeindeordnung nahelegt (§ 50 Abs. 2): „Sieht die Hauptsatzung mehrere Beigeordnete vor, sollen die Parteien und Wählervereinigungen gemäß
ihren Vorschlägen nach dem Verhältnis ihrer Sitze im Gemeinderat berücksichtigt werden.“ Diese Beigeordneten sind die Ansprechpartner der Fraktionen, sind jeweils „ihr Mann“ (seltener: „ihre Frau“) in der Verwaltung, an
den man sich um Unterstützung wendet und der vorzeitig Informationen
herauslässt. Sie sind sichtbarer Ausdruck der Allparteienregierung auf dem
Rathaus, der das Gegenüber von Regierung und Opposition zumindest in
formaler Hinsicht fremd ist. Auch wenn diese herausgehobene Stellung die
Beigeordneten nicht von ihrer Loyalität gegenüber ihrem Bürgermeister
entbindet, kann dieses System dafür sorgen, dass die Macht des Bürgermeisters nicht in den Himmel wächst. Sind die Dezernenten der Gemeinde keine Karrierebeamten, sondern politisch bestellte Beigeordnete, dann kann
aus der formal monokratischen Verwaltung – wo letztlich alles auf das
Kommando des Bürgermeisters hört – zu einem Teil wenigstens eine kollegiale Stadtregierung werden, in der sich Bürgermeister und Beigeordnete
gegenseitig kontrollieren, im Sinne eines machtbegrenzenden Verwaltungspluralismus. Das gilt vornehmlich für die größeren Städte.
Machtfülle und Wahlmodus sind von erheblichem Einﬂuss darauf, wer
Bürgermeister wird. Das ist das Ergebnis mehrerer empirischer Untersu17
chungen.2 Die Machtfülle, die sich als Gestaltungsspielraum und Unabhängigkeit darstellt, übt eine erhebliche Anziehungskraft auf starke und eigenwillige Persönlichkeiten aus. Und ihre Chance, tatsächlich auch gewählt zu
werden, ist groß.
Unter den Bedingungen der Wahl des Verwaltungschefs durch den Gemeinderat war das Amt des Bürgermeisters vielfach die letzte Sprosse einer kommunalpolitischen Karriereleiter innerhalb einer Partei. Die Bevölkerung hingegen wünscht zumeist einen Bürgermeister, der möglichst parteipolitisch
unabhängig ist und als Bürgermeister „aller“ Bürger „über den Parteien“ steht.
Er soll in erster Linie ein erfahrener Verwaltungsfachmann sein. Entsprechend
sieht der Bürgermeister unter den Bedingungen der Volkswahl aus. Zwar ist
es mit zunehmender Gemeindegröße schwerer, ohne die organisatorische und
ﬁnanzielle Unterstützung einer Partei – oder aber auch mehrerer Parteien und
Wählervereinigungen – Bürgermeister zu werden, doch müssen die Parteien
den Unabhängigkeitsvorstellungen der Bürger Rechnung tragen. Allerdings
sind hier noch Unterschiede zwischen Baden und Württemberg festzustellen:
In Württemberg trifft man durchweg auf den („unpolitischen“) Fachbürgermeister, in Baden gelegentlich noch auf den „politischen“ Bürgermeister.
Einmal im Amt, kann der Job des Bürgermeisters eine Lebensstellung
sein, vorausgesetzt man ist fachlich gut, unbestechlich, unabhängig, bürgernah und weiß, wie es mit der Gemeinde weitergehen soll. Die Bürger
sind zwar kritischer und anspruchsvoller, wohl auch schwieriger geworden.
So sind seit der Gemeindereform 1975 bis heute rund 180 Bürgermeister
nicht wiedergewählt worden. Doch angesichts der Gesamtzahl von Bürgermeisterwahlen sind das weniger als fünf Prozent, die gegen ihren Willen
ihr Amt verloren haben.3
Frauen sind im Kommen
Von Bürgermeistern in der männlichen Form zu sprechen, ist in BadenWürttemberg leider nur allzu berechtigt: In den 1 101 Gemeinden (ohne
2 Rolf-Richard Grauhan: Politische Verwaltung, Freiburg i. Br. 1970; Hans-Georg Wehling/
H.-Jörg Siewert: Der Bürgermeister in Baden-Württemberg, Stuttgart, 2. Auﬂ. 1987.
3 Timm Kern: Warum werden Bürgermeister abgewählt?, Stuttgart, 2. Auﬂ. 2008.
den Gutsbezirk Münsingen als „gemeindefreies Gebiet“) gibt es Anfang 2009
nur 35 hauptamtliche (Ober-)Bürgermeisterinnen. Zehn davon sind Oberbürgermeisterinnen. Bei insgesamt 100 Oberbürgermeistern sind das immerhin zehn Prozent, gegenüber 3,3 Prozent hauptamtlichen Bürgermeisterinnen insgesamt. Sechs weitere beﬁnden sich nicht mehr im Amt. Wenn
man bedenkt, dass bis zur Wahl von Beate Weber in Heidelberg 1990 BadenWürttemberg überhaupt keine hauptamtliche Bürgermeisterin gekannt
hat, ist das immerhin ein Anstieg von null auf 41 innerhalb von 18 Jahren!
Vom Sozialproﬁl unterscheiden sich die Bürgermeisterinnen wenig von
ihren männlichen Kollegen, sind jedoch eher älter ins Amt gekommen und
öfter alleinstehend. Auffällig ist auch, dass sie häuﬁger einen bisherigen
Amtsinhaber verdrängt haben (wohl weil kein männlicher Kandidat es gewagt hat, gegen den Amtsinhaber zu kandidieren). Bei neun der insgesamt
41 gewählten Bürgermeisterinnen war das der Fall (= 22 Prozent).
Übersehen werden sollte aber nicht, dass in den Rathäusern – sprich: in
den Kommunalverwaltungen – längst Frauen dominieren, manchmal sogar
mit einer Zweidrittelmehrheit, und das nicht nur in den unteren Chargen.
Auch Amtsleiter und deren Stellvertreter sind zunehmend Frauen. Darin
spiegelt sich auch, dass an den Fachhochschulen für öffentliche Verwaltung
in Kehl und Ludwigsburg rund zwei Drittel der Studierenden Frauen sind,
möglicherweise auch eine Folge davon, dass den Eltern ein solches Studium,
für das das Land bislang eine Unterhaltsentschädigung zahlt, für die Töchter besonders attraktiv erscheint. Provozierend formuliert: Für die Söhne
zahlt die Familie das Jurastudium, die Töchter werden auf die Fachhochschule geschickt. Für die Kommunalverwaltung ist das durchaus vorteilhaft,
sind die Frauen doch überdurchschnittlich qualiﬁziert.
Für das Amt des Bürgermeisters bedeutet das, dass hier ein großes und
qualiﬁziertes Reservoir zur Verfügung steht, gut und praxisnah an der
Fachhochschule ausgebildet, mit Erfahrungen, die in der Kommunalverwaltung gesammelt werden. Auch wenn gegenwärtig die Zahl der Bürgermeisterinnen im Land immer noch zu gering ist: Änderungen sind absehbar. Bislang liegt es zudem weniger an den Wählerinnen und Wählern,
sondern eher daran, dass sich immer noch zu wenig qualiﬁzierte Kandidatinnen bewerben, da Familie und Beruf in diesem Amt nur sehr schwer
unter einen Hut zu bringen sind. Denn so attraktiv die Gestaltungsmöglichkeiten des Bürgermeisters hierzulande sind, mit dem Verzicht an Frei19
zeit und Privatheit ist der Preis dafür besonders hoch. Das schreckt Frauen
mehr ab als Männer.
Wie stark ist der Gemeinderat?
Zugespitzt ließe sich sagen: Die Stärke des Bürgermeisters ist die Schwäche
des Gemeinderates – und umgekehrt. Das Dasein als „Feierabendpolitiker”
beeinträchtigt nicht nur die Problemverarbeitungskapazität der Gemeinderatsmitglieder. Auch ihre Kontrolltätigkeit gegenüber der Verwaltung,
die ja eigentlich nicht viel mehr als der verlängerte Arm und die ausführende Hand des Gemeinderates sein soll, wird dadurch eingeschränkt. Das
gilt umso mehr, je größer die Gemeinde ist. Denn es besteht ein, wenn auch
verständliches, Paradox: Je größer die Gemeinde, desto mehr Aufgaben hat
sie zu erfüllen, desto umfangreicher auch die Verwaltung. Mit zunehmender
Größe jedoch nimmt, relativ gesehen, die Zahl der Gemeinderatsmitglieder
ab: In der kleinsten Gemeindegrößenklasse bis 1 000 Einwohner entfällt auf
125 Einwohner ein Gemeinderatsmitglied, in Gemeinden mit mehr als
400 000 Einwohnern kommt ein Gemeinderatssitz auf 6 666 und mehr
Einwohner (vgl. § 25 Abs. 2 GemO). In der Landeshauptstadt Stuttgart, mit
593 034 Einwohnern (Stand vom 1.1.2009) auch die größte Stadt des Landes,
sind es 10 000 Einwohner pro Ratsmandat. Entsprechend verschlechtert
sich trotz Aufgabenzuwachses das Zahlenverhältnis zwischen Kontrollierenden und Kontrollierten mit zunehmender Ortsgröße.
Zwar darf nicht übersehen werden, dass sich die Zahl der Kontrolleure
durch die Einrichtung von Bezirksbeiräten (möglich in Gemeinden über
100 000 Einwohnern; vgl. §§ 64 bis 66 GemO) bzw. von Ortschaftsräten in
räumlich getrennten Ortsteilen (vgl. §§ 67 bis 73 GemO) erhöhen kann.
Mag auch sein, dass die Qualiﬁkation der Gemeinderäte mit zunehmender
Ortsgröße zunimmt. Das skizzierte Bild vom Kontrollproblem wird dadurch jedoch nur zum Teil korrigiert. In kleineren Gemeinden gibt es
durchaus die Kontrolle durch die Öffentlichkeit, in größeren Gemeinden
sind vor allem die Massenmedien, insbesondere die Lokalpresse, gefordert.
Darüber hinaus funktioniert durchaus auch eine verwaltungsinterne
Der Trumpf in der Hand der Gemeinderäte ist ihre beherrschende Position
in der Phase der rechtsgültigen Entscheidung innerhalb des kommunalen
Entscheidungsprozesses. Denn auch ein starker Bürgermeister braucht
Mehrheiten im Rat. So wird er frühzeitig zumindest die Meinungsführer in
den Fraktionen in seine Überlegungen einbeziehen und zusammen mit
ihnen Vorentscheidungen treffen, um seinen Vorlagen den Erfolg zu sichern.
Zum Zweck solcher Konsensbildung existieren vielerorts informelle Gremien. Darüber hinaus sind alle Ratsmitglieder einerseits wichtige Ansprechpartner für die Bürger und andererseits Informationsquellen für den Bürgermeister, der ohne ihren Rat und ihre Hinweise auf Interessen und
Stimmungen in der Bevölkerung allzu leicht die „Bodenhaftung“ verlieren
könnte – mit dem Risiko der Nichtwiederwahl.
Das durchlässige Kommunalwahlsystem begünstigt
Das baden-württembergische Kommunalwahlsystem zeichnet sich dadurch
aus, dass es ungewöhnlich durchlässig ist für die Wünsche und Vorstellungen der Wähler: Sie können bei den Wahlen zum Gemeinderat nach Belieben
Kandidaten von einer Liste auf eine andere übertragen (panaschieren) und
den Kandidaten jeweils bis zu drei Stimmen geben (kumulieren). Von dieser
Möglichkeit wird ausgiebig Gebrauch gemacht. Die Auswahl erfolgt ausgesprochen personenorientiert. Gewählt wird, wen man kennt und wer etwas
gilt. Erwartet wird, dass Kandidaten und Mandatsträger gegenüber der eigenen Partei distanziert auftreten. Eine zu enge parteipolitische Ausrichtung, die sich beispielsweise in Parteiämtern niederschlägt, wird demgegenüber vom Wähler nicht honoriert. So konnte aufgezeigt werden, dass
proﬁlierte Parteipolitiker in „feindlichen“ Milieus schlechter und dass populäre parteipolitische Außenseiter wesentlich besser abschnitten als ihre
Parteiliste im Durchschnitt.4 Vom Kumulieren und Panaschieren proﬁtieren
4 Berthold Löfﬂer/Walter Rogg: Determinanten kommunalen Wahlverhaltens in BadenWürttemberg, dargestellt am Beispiel der Stadt Ravensburg, Dissertation an der Universität Tübingen 1985; vgl. auch Berthold Löfﬂer/Walter Rogg: Kommunalwahlen und
kommunales Wahlverhalten, in: Theodor Pﬁzer/Hans-Georg Wehling (Hrsg.): Kommunalpolitik in Baden-Württemberg, Stuttgart, 3. Auﬂ. 2000, S. 109–136.
insbesondere die Freien Wähler, die das „Prinzip der besten Köpfe“ pﬂegen,
nach dem Motto: „Die Person ist das Programm“, und denen es ihrem eigenen Selbstverständnis nach darum geht, sachgerechte Lösungen vor Ort zu
treffen, unabhängig von übergeordneten Parteiprogrammen.5
Den „Listenmachern“ von Parteien und Wählervereinigungen sind die
Wählerpräferenzen bekannt – und sie richten sich danach: Erfolgreiche
Listen sind solche, die die speziellen Wählervorlieben bereits im Vorhinein
berücksichtigen. Der Effekt des Wahlsystems wirkt sich also doppelt aus:
bei der Wahl selbst wie schon bei der Kandidatenaufstellung zuvor.
Unpolitische Auswahlkriterien haben einen eher unpolitischen Gemeinderat zur Folge (nicht nur, aber vor allem im Sinne von Parteipolitik). Die
parteipolitische Loyalität im Gemeinderat ist eher gering, die Kooperationsbereitschaft mit dem Bürgermeister und über die Parteigrenzen hinweg ist
groß. In gewisser Weise ist das funktional, wenn man bedenkt, dass die Zahl
der Gruppierungen in den Räten hoch ist. Die Gemeinden bleiben damit
„regierbar“. Diese eher sachorientierte Einstellung der Ratsmitglieder erlaubt
es den Bürgermeistern, über die Parteigrenzen hinweg eigene Mehrheiten
für ihre Vorhaben zustande zu bringen. Das ist von zentraler Bedeutung, wenn
man in Betracht zieht, dass ungefähr jeder zweite Bürgermeister in BadenWürttemberg parteilos ist und immer wieder auch ein Bürgermeister sogar
einer Minderheitspartei am Ort angehört. Mit zunehmender Ortsgröße nimmt
die Parteipolitik im Rathaus allerdings zu. Es bestehen aber auch in Großstädten, bislang wenigstens, erkennbare Unterschiede zu den entsprechenden
Gemeinden in anderen deutschen Ländern. Selbst Stuttgart hat Gemeinderatsmitglieder, die acht verschiedenen Gruppierungen angehören.
Entsprechend den unpolitischen Auswahlkriterien der Wähler, die das kommunale Wahlsystem ziemlich ungehindert durchlässt, sieht die Zusammensetzung der Gemeinderäte in Baden-Württemberg aus. Nicht zufällig stellen
die Freien Wähler nach den Wahlen von 2004 mit 42,2 Prozent den höchsten
Anteil der kommunalen Mandatsträger (CDU 30,7 %; SPD 14,1 %; Grüne 2,8 %;
FDP 1,4 %; hinzukommen 8,6 % sonstige freie Listen einschließlich gemeinsame Listen). In diesen Mandatszahlen spiegelt sich wider, dass Baden-Württemberg ein Land der kleineren und mittleren Gemeinden ist, in denen – bezogen
5 Oliver Stortz: Das Prinzip der besten Köpfe. Die Freien Wähler in Baden-Württemberg.
Unveröffentlichte Magisterarbeit an der Universität Tübingen, 2008.
auf die Zahl der Einwohner – mehr Mandate zu vergeben sind als in den größeren Gemeinden. Und je kleiner die Gemeinde, desto größer die Chancen der
Freien Wähler, die – jedenfalls mehr als die Parteien – von der lokalen Verwurzelung und Bekanntheit ihrer Kandidaten leben. Selbst in Stuttgart stellen die
Freien Wähler noch sechs von sechzig Ratsmitgliedern.
Nicht nur im Hinblick auf ihr Verhältnis zu den Parteien sind Gemeinderäte in Baden-Württemberg weitgehend Honoratiorenversammlungen
(und das umso mehr, je kleiner die Gemeinde ist).6 Das heißt: Vorherrschend
sind die Selbstständigen mit lokalem Kundenkreis wie Kauﬂeute, Handwerker, Rechtsanwälte, Ärzte, Apotheker, Beamte und Angestellte, Lehrer eingeschlossen. Durchweg gehören die Ratsmitglieder zu den Besserverdienenden. Ein Großteil verfügt nicht nur über das eigene Heim, sondern auch
über weiteren Grundbesitz. Auffällig ist ferner eine lange Wohndauer in
der Gemeinde. Die Mehrheit ist dort sogar aufgewachsen.
Zum lokalen Honoratiorendasein, das einen für den Gemeinderat wählbar macht, gehören also die lokalen Verwurzelung, der lokale Arbeitsplatz,
der Grundbesitz, das hohe Einkommen, aber nicht unbedingt das Studiertsein, auf jeden Fall aber die Verankerung im lokalen Vereinswesen. Auf der
anderen Seite bedeutet das die Untervertretung von Arbeitern, jungen Menschen, nicht zuletzt auch von Frauen.
Auch in den Räten immer noch zu wenig Frauen
Nicht nur im Amt des Bürgermeisters, sondern auch bei kommunalen Mandatsträgern sind Frauen immer noch unterrepräsentiert, obwohl sie in
Baden-Württemberg rund 52 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen.
Zwar ist die Zahl weiblicher Mandatsträger über die letzten zwei Jahrzehnte ständig angestiegen, beträgt aber nach der Kommunalwahl von 2004
immer noch nur 21 Prozent (vgl. Übersicht). Dabei steigt der Frauenanteil
an den Mandaten mit der Gemeindegröße an, sowohl bei den letzten wie
6 Helmut Köser: Der Gemeinderat in Baden-Württemberg. Sozialproﬁl, Rekrutierung,
Politikverständnis, in: Theodor Pﬁzer/Hans-Georg Wehling (Hrsg.): Kommunalpolitik
in Baden-Württemberg, Stuttgart, 3. Auﬂ. 2000, S. 153–171.
auch bei den vorhergehenden Wahlen. Spitzenreiter sind die großen Städte
einschließlich Stuttgart und vor allem die Universitätsstädte.
Tab. 1 Gewählte Gemeinderätinnen in Baden-Württemberg (in %)
Auffällig ist, dass die Anteile der Frauen an den Mandaten je nach Partei oder
Gruppierung sehr unterschiedlich ausfallen: Die höchsten Anteile weisen
Grüne (44,6 %) und SPD (30,0 %) auf, geringere dagegen die Freien Wähler
(20,1 %), die FDP (17,8%) und die CDU (17 %). Das Gutachten von Infratest Burke,
vom baden-württembergischen Ministerium für Familie, Frauen, Weiterbildung und Kunst in Auftrag gegeben, leitet aus solchen Befunden die Schlussfolgerung ab: „Offenbar muss die eher konservative Wählerschaft von CDU
und Wählervereinigungen sehr deutliche Signale ihrer Parteien erhalten, um
den politischen Willen zu einer Erhöhung des Frauenanteils zu realisieren
und darauf positiv zu reagieren.“7
Solche Signale sind nach Meinung des Gutachtens dann gegeben, wenn
Frauen auf guten Listenplätzen vertreten sind. Eigene Frauenlisten haben insofern durchaus einen positiven Einﬂuss, weil sich dadurch die anderen Parteien und Gruppierungen herausgefordert fühlen. So ist der Erfolg der Frauenlisten nicht allein an ihrer Zahl – rund fünfzig bei den Kommunalwahlen
2004 mit einem Mandatsanteil von 0,5 Prozent – zu messen. Denn um die
mögliche Konkurrenz beizeiten abzuwehren, bemühen sich die anderen Gruppierungen am Ort, Frauen verstärkt und gut platziert aufzustellen.
7 Infratest Burke: Erfolg von Frauen bei Kommunalwahlen in Baden-Württemberg. Untersuchung im Auftrag des Ministeriums für Familie, Frauen, Weiterbildung und Kunst
Baden-Württemberg, Stuttgart 1995, S. 70 f.
Zumindest in den Gemeinden ab 50 000 Einwohnern wird man nicht mehr
ohne weiteres davon sprechen können, dass Frauen in der Kommunalpolitik
eigentlich nicht dazugehören. Hier könnte sich das baden-württembergische
kommunale Wahlsystem positiv bemerkbar gemacht haben, das es erlaubt,
einen öffentlichen Bewusstseinswandel zügig und ziemlich ungeﬁltert in
Mandate zu verwandeln. Die Frauen ihrerseits können nicht zuletzt auch
in kleinen Gemeinden einiges dazu beitragen, dass die Zusammensetzung
der Räte sich noch mehr zu ihren Gunsten ändert, indem sie gezielt den
Männern Konkurrenz machen, etwa durch Frauenlisten in welcher Form
auch immer. Das Wahlsystem bietet die Hand dazu.
Der prozentuale Anteil in den Gemeinderäten sagt jedoch nicht genügend über die tatsächliche Rolle von Frauen im kommunalen Entscheidungsprozess aus. Es scheint immer noch so, dass Frauen selten gewichtige
Funktionen innerhalb der Ratshierarchien einnehmen. Auch im informellen Entscheidungsprozess scheinen sie weniger präsent zu sein, in den
„Tabakskollegien”, „Nachsitzungen” und den „Pinkelpausen des Entscheidungsprozesses” (wie der Soziologe Niklas Luhmann das drastisch und
zutreffend genannt hat).
Kooperation und Konsens statt Konfrontation
Nicht nur bei der Bestellung der Verwaltungsspitze (Beigeordnete) durch
den Gemeinderat, bei der alle Gruppierungen im Rat entsprechend ihrer
Stärke ein Zugriffsrecht haben, gilt hierzulande das Gesetz der Allparteienkoalition. Auch sonst zeichnet eher Kooperation denn Konfrontation den
Verlauf der öffentlichen Gemeinderatssitzungen aus, wie die Kommunalpolitik insgesamt. Die meisten Abstimmungen erfolgen nahezu einstimmig.
Es gibt nur wenige Bereiche der Kommunalpolitik, die auch für den Außenstehenden sichtbar kontrovers sind. Dazu gehören Personalentscheidungen,
Festsetzung der Höhe der Gewerbesteuer, gelegentlich auch Zuschüsse an
freie Einrichtungen und Vereine. Ansonsten werden strittige Fragen zumeist
vorab geklärt und in informellen Gesprächen, auch in nichtöffentlichen
Sitzungen einvernehmlich geregelt. Für den Besucher wirken deshalb Gemeinderatssitzungen vielfach langweilig. Auch aus der Lokalpresse ist nicht
immer genug über Streitpunkte zu erfahren, die nicht in der öffentlichen
Gemeinderatssitzung aufgetreten sind.
Darin hebt sich Baden-Württemberg deutlich ab von der kommunalpolitischen Realität anderer Länder, in denen sich der Gemeinderat eher als
„Kommunalparlament“ begreift und nur allzu gerne „Bundestag im Kleinen“ spielt, mit Regierung und Opposition, mit förmlichen Koalitionsverträgen und einem harten Debattenstil. Dieser speziﬁsch baden-württembergische Zuschnitt von Kommunalpolitik ist sicherlich eine Folge der seit
langem bewährten Kommunalverfassung, die die Kooperation belohnt, die
Konfrontation eher bestraft; mit der Direktwahl des Bürgermeisters, unabhängig von den Ratswahlen und nur aufgrund einer individuellen Bewerbung; mit Kumulieren und Panaschieren, das es in Baden-Württemberg seit
Jahrzehnten gibt, und mit dem Bürger und Parteien gleichermaßen umzugehen gelernt haben. Hinzu kommen Besonderheiten der politischen Kultur
Baden-Württembergs.8
Der Verband Region Stuttgart
Um die Probleme im Umland der Stadt Stuttgart mit rund zwanzig Prozent
der Gesamteinwohnerschaft des Landes besser in den Griff zu bekommen
– namentlich was Siedlungsentwicklung, Infrastruktur einschließlich
Verkehr, Umweltschutz und Wirtschaftsförderung angeht –; um eine bessere Kooperation, Koordination und Bündelung der Kräfte zu erreichen;
letztlich auch um die Region Stuttgart im internationalen Wettbewerb zu
stärken, hat der Landesgesetzgeber 1994 den Verband Region Stuttgart
geschaffen. Er besteht aus der Stadt Stuttgart, 179 weiteren Gemeinden
und fünf Landkreisen (Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg,
Rems-Murr-Kreis).
Hauptorgan ist die achtzigköpﬁge Regionalversammlung, die unmittelbar
von der Bevölkerung in der Region gewählt wird, zusammen mit den Ge-
8 Hans-Georg Wehling: Politische Kultur, Wahlverhalten und Parteiensystem in BadenWürttemberg, in: Michael Eilfort (Hrsg.): Parteien in Baden-Württemberg, Stuttgart
2003, S. 199–216.
meinderäten und Kreistagen. Auffallend jedoch ist, dass der Landesgesetzgeber hier vom Modell der baden-württembergischen Kommunalverfassung
abgewichen ist: Zum einen ist das System „zweiköpﬁg”, bestehend aus dem
ehrenamtlichen Präsidenten der Regionalversammlung als dem Verbandsvorsitzenden und Repräsentanten der Region einerseits, dem hauptamtlichen Regionaldirektor als Leiter der Geschäftsstelle des Verbandes und
Rechtsvertreter andererseits. Beide werden von der Regionalversammlung
gewählt (der Regionaldirektor wie ein Bürgermeister auf acht Jahre). Zum
andern werden die Mitglieder der Regionalversammlung aufgrund starrer
Listen gewählt, also ohne die Möglichkeit zu kumulieren und zu panaschieren. Einen solchen Regionalverband, der nicht nur Planungsaufgaben hat
(wie die anderen elf Regionalverbände des Landes), sondern auch Planungen
umsetzt und Träger von Verbandseinrichtungen ist (wie zum Beispiel der
S-Bahn), gibt es in Baden-Württemberg nur für die Region Stuttgart – bislang
jedenfalls, wie die einen hoffen und die anderen befürchten.
Aufgrund von Ausgleichsmandaten kann die Regionalversammlung mehr
als die gesetzlich vorgeschriebene Mitgliederzahl umfassen. Nach der Regionalwahl vom 13. Juni 2004 hat die neue Regionalversammlung insgesamt
93 Mitglieder. Über eine starke Stellung in der Regionalversammlung verfügen als Mitglieder die kommunalen Wahlbeamten (Oberbürgermeister,
Bürgermeister und Landräte) sowie die Mandatsträger aus den Gemeinderäten und Kreistagen des Verbandsgebietes. Hinzu kommen Landtagsabgeordnete, die auch für die Regionalversammlung ein Mandat errungen haben.
Einerseits will man mitreden, wenn es um Belange der gesamten Region
geht, die auch Gemeinden und Landkreise bis ins Detail betreffen. Vielleicht
will man auf diese Weise andererseits auch verhindern, dass der Verband
allzu mächtig wird und die kommunale Autonomie einschränkt. Dazu gehört, dass man die Höhe der Umlagen für die Finanzierung der Region in
Grenzen hält. Natürlich kann die Kumulation von Mandaten auch die eigene Position zusätzlich absichern.
Der Bürger tritt in der Kommunalpolitik nicht nur
bei Wahlen auf
Der Bürger rangiert in der Gemeindeordnung von Baden-Württemberg, der
Anordnung nach, vor Gemeinderat und Bürgermeister. Damit wird zum
Ausdruck gebracht, dass die kommunalen Institutionen für den Bürger da
sind, sich nur legitimieren können unter Berufung auf ihn, auf seinen
Auftrag und auf die Leistungen, die für ihn erbracht werden.
Die baden-württembergische Gemeindeordnung billigt der Bürgerschaft
eine aktive Rolle zu, und zwar über die Wahl von Gemeinderat und Bürgermeister hinaus. So kann sie an die Stelle des Gemeinderats treten und an
seiner statt eine Angelegenheit endgültig entscheiden (§ 21 Abs. 1 und 2
GemO). Ein solcher Bürgerentscheid kann einmal vom Gemeinderat selbst
herbeigeführt werden (Ratsbegehren), zum andern von einer qualiﬁzierten
Minderheit von Bürgern gegen den Willen des Gemeinderats erzwungen
werden (Bürgerbegehren, Art. 21 Abs. 3 und 4 GemO). Bürgerentscheid und
Bürgerbegehren als Elemente direkter Demokratie gibt es in Baden-Württemberg seit Verabschiedung der Gemeindeordnung am 25. Juli 1955. Über
Jahrzehnte hinweg gab es dieses Instrument direkter Demokratie ausschließlich in Baden-Württemberg. Inzwischen haben im Laufe des Reformprozesses alle Länder Bürgerbegehren und Bürgerentscheid eingeführt, und zwar
weniger restriktiv, als es das Vorbild zunächst war. Mit der Novellierung der
Gemeindeordnung vom 28. Juli 2005 sind auch in Baden-Württemberg die
Möglichkeiten erweitert und das Quorum gesenkt worden (§ 21 GemO).
Somit sind nunmehr Bürgerentscheide grundsätzlich in allen Angelegenheiten möglich, für die der Gemeinderat zuständig ist. Erhalten blieb
jedoch ein Negativkatalog. Darin sind insbesondere alle Angelegenheiten
aufgelistet, die mit dem Haushalt der Gemeinde zu tun haben. Neu hinzugekommen sind Bauleitpläne und örtliche Bauvorschriften. Wichtig ist vor
allem, dass das Quorum für einen erfolgreichen Bürgerentscheid von 30 auf
25 Prozent herabgesetzt worden ist. Das heißt, für einen erfolgreichen Entscheid genügt die Mehrheit der Abstimmenden nicht, wenn sie nicht zugleich mindestens 25 Prozent der Abstimmungsberechtigten ausmacht.
Die Zahl der erfolgreichen Bürgerentscheide war in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt deshalb so gering, weil das zuvor geltende Quorum von 30
Prozent nicht erreicht worden ist. Auffallend war dabei, dass Ratsbegehren
deutlich höhere Erfolgschancen aufwiesen als Bürgerentscheide aufgrund
von Bürgerbegehren. Auch wenn die Zahl von erfolgreichen Bürgerentscheiden (137 in den Jahren 1976 bis 2006) insgesamt gering ist, so sollte doch
ihr prophylaktisches Potenzial nicht übersehen werden: Allein die Existenz
des Instruments zwingt den Rat zu mehr Bürgernähe und zu „besseren“
Entscheidungen. Die Möglichkeit von Bürgerbegehren und Bürgerentscheid
kann somit als Instrument zur Qualitätssicherung von Kommunalpolitik
Abschließend bleibt festzuhalten: In kommunalpolitischen Angelegenheiten hat der Bürger in Baden-Württemberg ziemlich viel Macht:
• Er entscheidet unmittelbar, wer Bürgermeister wird.
• Er hat, mittels Panaschieren und Kumulieren, einen starken Einﬂuss
darauf, wer in den Gemeinderat kommt.
• Er kann, mit Hilfe von Bürgerbegehren und Bürgerentscheid, den Gemeinderat in seiner Entscheidung notfalls „zurückpfeifen”.
Damit sind die Voraussetzungen für eine erfolgreiche und bürgernahe Kommunalpolitik in Baden-Württemberg nicht schlecht.
Pressemitteilung der Landespsychotherapeutenkammer BW
pressemitteilung - Akademie Schloss Rotenfels
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Anzahl der Tiere, die zu wissenschaftlichen Zwecken 2014 in den
gesellschaft im wandel - Landeszentrale für politische Bildung
DOC der Pressemeldung - Dr.-Rudolf-Eberle
BADEN-WÜRTTEMBERG: RAUM UND GRENZEN - lpb
Medienmitteilung der Gemeinderatssitzung vom 12.01.2016
1939 Geboren in Tübingen 1953 – 1956 Kunstschlosserlehre bei G