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Timestamp: 2019-04-22 13:10:02
Document Index: 145342577

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 66', '§ 66', 'Art. 316', 'Art. 316', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', 'Art. 316', 'Art. 316', '§ 66', '§ 35', 'Art. 103', '§ 2', 'Art. 316', '§ 66', 'BGH', '§ 176', 'BGH', '§ 246', '§ 66', '§ 66', '§ 301']

BGH, 5 StR 563/13: Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 11.03.2014, 5 StR 563/13
5 StR 563/13
Sicherungsverwahrung, Wohnung, Inhaftierung, Vertrauensschutz, Unvereinbarkeit, Pädophilie, Absicht, Rechtsstaatsprinzip, Unterbringung, Prostitution
BGH, Urteil vom 11. März 2014 – 5 StR 563/13 LG Cottbus –
Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat aufgrund der Hauptverhandlung
vom 18. Februar und 11. März 2014, an der teilgenommen haben:
in der Sitzung vom 11. März 2014 für Recht erkannt:
Landgerichts Cottbus vom 17. Juli 2013 aufgehoben
a) mit den zugehörigen Feststellungen, soweit von der Anordnung der Sicherungsverwahrung abgesehen worden ist,
b) zugunsten des Angeklagten im gesamten Strafausspruch.
1Das Landgericht hat den Angeklagten wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in zwei Fällen, jeweils in Tateinheit mit Verstoß gegen
Weisungen während der Führungsaufsicht, sowie wegen Verstoßes gegen
Weisungen während der Führungsaufsicht in 19 weiteren Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten verurteilt; wegen der
Missbrauchstaten hat es Einzelfreiheitsstrafen von drei Jahren sowie von neun
Monaten für tat- und schuldangemessen erachtet. Die vom Generalbundesanwalt vertretene, soweit sie zum Nachteil des Angeklagten geführt wird, wirksam
auf die Nichtanordnung der Sicherungsverwahrung beschränkte und auf die
Sachrüge gestützte Revision der Staatsanwaltschaft hat Erfolg.
3a) Der im Zeitpunkt der Hauptverhandlung 63-jährige Angeklagte, der bereits in den Jahren 2000 und 2007 jeweils wegen mehrerer Fälle des schweren
sexuellen Missbrauchs von Kindern zu mehrjährigen Gesamtfreiheitsstrafen
verurteilt worden war, besuchte Ende Mai 2012 den gesondert verfolgten
R. , den er während seiner Inhaftierung kennengelernt hatte. In der Wohnung des R. hielt sich der 13-jährige C. auf. Der Angeklagte und
R. vereinbarten, dass der Angeklagte gegen Zahlung von 50 Euro mit
C. sexuellen Kontakt aufnehmen könne. Der Geschädigte war damit einverstanden. Im Beisein des R. führte der Angeklagte bei dem Geschädigten
den Oralverkehr durch und veranlasste ihn, bei dem Angeklagten den Analverkehr auszuüben. Während dieser sexuellen Handlungen masturbierte R.
vor dem Geschädigten. Anschließend onanierte der Angeklagte vor dem Geschädigten bis zum Samenerguss. Danach gab der Angeklagte R. 50 Euro,
wovon 30 Euro für den Geschädigten bestimmt waren (Tat 1).
4Im Sommer 2012 unterhielt der Angeklagte über Skype Kontakt zu R.
und dem zwölf Jahre alten Geschädigten L. , der sich in der
Wohnung des R. aufhielt. Bei der Übertragung onanierte der Angeklagte
vor R. und dem Geschädigten (Tat 2).
6Entgegen dieser Weisung unterhielt der Angeklagte darüber hinaus Kontakte zu dem 13-jährigen W. , der ihm von Ende 2011 bis Sommer 2012 an 19 Tagen bei Problemen mit seinem Computer und dem Internet
half (Taten 3 bis 21).
7b) Sachverständig beraten hat das Landgericht festgestellt, dass bei dem
Angeklagten eine Pädophilie vorliege, wobei sein „sexueller Hang“ Jungen gelte, die bereits sekundäre Geschlechtsmerkmale aufweisen. Die pädophile sexuelle Ausrichtung sei indes für den Angeklagten, der in der Vergangenheit
zeitweise in Lebenspartnerschaften, teils mit Männern, teils mit Frauen, gelebt
hatte, „nur eine von mehreren Varianten der für ihn attraktiven sexuellen Betätigung, wobei seine sexuelle Appetenz breit ausgerichtet“ sei (UA S. 6, 8). Bei
Begehung seiner Taten sei der Angeklagte weder in seiner Einsichts- noch in
seiner Steuerungsfähigkeit gemindert gewesen. Er habe vielmehr günstige und
relativ sicher erscheinende Gelegenheiten abwarten können, die er dann wiederholt zu sexuellen Handlungen ausgenutzt habe.
82. Das Urteil ist hinsichtlich des Absehens von der Anordnung der Sicherungsverwahrung aufzuheben.
9 Bei beiden Taten handelte der Angeklagte entgegen einer ihm im Rahmen der Führungsaufsicht erteilten Kontaktverbotsweisung.
a) Die Strafkammer hat die Verhängung einer Sicherungsverwahrung
gegen den Angeklagten, „der deutlich Merkmale eines Hangtäters aufweist“,
nicht „konkret erwogen“, weil sie anhand der ihr „zugänglichen Gesetzestexte“
davon ausgegangen ist, dass nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 4. Mai 2011, die den § 66 StGB „für verfassungswidrig und nichtig
erklärt“ habe, und nach Ablauf der bis zum 31. Mai 2013 geltenden Übergangsfrist „bislang noch keine neue Regelung durch den Gesetzgeber getroffen wor-
den sei“ (UA S. 11). Sie hat dabei übersehen, dass am 1. Juni 2013 das „Gesetz zur bundesrechtlichen Umsetzung des Abstandsgebotes im Recht der Sicherungsverwahrung“ vom 5. Dezember 2012 (BGBl. I 2425) in Kraft getreten
ist, durch das das genannte Urteil des Bundesverfassungsgerichts
(BVerfGE 128, 326) umgesetzt wurde. Für die abgeurteilten Tatzeiträume ist
danach – mit der nachfolgend unter c) aa) dargestellten Einschränkung – § 66
StGB in der Fassung des „Gesetzes zur Neuordnung des Rechts der Sicherungsverwahrung und zu begleitenden Regelungen“ vom 22. Dezember 2010
(BGBl. I 2300) anzuwenden (Art. 316e Abs. 1 Satz 1, Art. 316f Abs. 2 Satz 1
EGStGB).
10b) Ungeachtet der fehlenden Angabe von Tatzeiten, Einzelstrafen und
Haftzeiten aus den beiden genannten Vorverurteilungen sind jedenfalls die formellen Voraussetzungen des § 66 Abs. 3 Satz 1 StGB gegeben; möglicherweise liegen sogar diejenigen des § 66 Abs. 1 StGB vor. Nach den Ausführungen des Landgerichts ist es darüber hinaus – wenngleich die beschwerdeführende Staatsanwaltschaft nicht auf Anordnung von Sicherungsverwahrung
angetragen hat – möglich, dass auch die materiellen Voraussetzungen des § 66
Abs. 1 Nr. 4 StGB erfüllt sind.
11c) Auch die aufgrund der Weitergeltungsanordnung des Bundesverfassungsgerichts (aaO) nach Ansicht des Senats – im Einklang mit der vom Verteidiger in der Revisionshauptverhandlung vertretenen Auffassung – im vorliegenden „Altfall“ weiterhin vorzunehmende „strikte Verhältnismäßigkeitsprüfung"
(nachfolgend aa)) steht der Anordnung der Sicherungsverwahrung hier nicht
von vornherein entgegen (nachfolgend bb)).
12aa) Die am 1. Juni 2013 in Kraft getretene Neuregelung enthält überaus
kompliziert ausgestaltete Übergangsvorschriften (vgl. Fischer, StGB, 61. Aufl.,
§ 66 Rn. 17; Jehle in SSW-StGB, 2. Aufl., § 66 Rn. 5, 52). Hiernach sind für die
abgeurteilten Tatzeiträume gemäß Art. 316f Abs. 2 Satz 1 EGStGB „die bis zum
31. Mai 2013 geltenden Vorschriften über die Sicherungsverwahrung“ (nach
Maßgabe der hier nicht einschlägigen Sätze 2 bis 4) anzuwenden. Gemäß
Art. 316e Abs. 1 Satz 1 EGStGB handelt es sich um § 66 StGB in der Fassung
des „Gesetzes zur Neuordnung des Rechts der Sicherungsverwahrung und zu
begleitenden Regelungen“ vom 22. Dezember 2010 (BGBl. I 2300). Diese Vorschrift war zur Tatzeit nur mit der Maßgabe „strikter Verhältnismäßigkeit“ anzuwenden, die das Bundesverfassungsgericht in dem genannten Urteil (aaO,
S. 406, Rn. 172) gemäß § 35 BVerfGG wegen ihrer Unvereinbarkeit mit dem
Grundgesetz infolge Verletzung des Abstandsgebotes einschränkend verlangt
13Indem der Gesetzgeber in der Übergangsvorschrift ausdrücklich auf die
bisherigen Vorschriften abgestellt hat, hat er – freilich entgegen seiner erklärten
Absicht (vgl. Beschlussempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses des
Deutschen Bundestages vom 7. November 2012, BT-Drucks. 17/11388 S. 24;
entsprechend wohl schon der Gesetzentwurf der Bundesregierung,
BT-Drucks. 17/9874 S. 12) – die zur Tatzeit geltende Rechtslage fortgeschrieben, damit aber auch die Einschränkung aufgrund der Weitergeltungsanordnung des Bundesverfassungsgerichts. Der Wortlaut der Übergangsvorschrift
muss, da er die bisherige Rechtslage hervorhebt, vom Normadressaten nach
Auffassung des Senats im Sinne eines solchen Vertrauensschutzes verstanden
werden (so auch Renzikowski, NJW 2013, 1638, 1642; abweichend Jehle, aaO
Rn. 54; Zimmermann, HRRS 2013, 164, 170). Dass der Gesetzgeber in den
Folgesätzen weitergehende ausdrückliche Fortschreibungen vom Bundesverfassungsgericht vorgegebener Einschränkungen für Fälle besonderen Vertrauensschutzes vorgenommen hat (BVerfG, aaO Rn. 173; vgl. dazu den Gesetzentwurf der Bundesregierung, aaO; Zimmermann, aaO, S. 166), rechtfertigt an-
gesichts des rückbezogenen Wortlauts der Regelung des ersten Satzes trotz
des entsprechenden Willens des Gesetzgebers nicht, die Einschränkung des
Bundesverfassungsgerichts für sonstige vor Inkrafttreten der Neuregelung begangene Taten als überwunden zu verstehen.
14Zu einem so weit gehenden Vertrauensschutz wäre der Gesetzgeber
nach Art. 103 Abs. 2 GG zwar nicht verpflichtet gewesen, womöglich auch nicht
nach dem Rechtsstaatsgebot des Grundgesetzes (vgl. § 2 Abs. 6 StGB). Eine
vertrauensschützende Fortgeltungsanordnung, wie sie der Senat dem Wortlaut
des Art. 316f Abs. 2 Satz 1 EGStGB entnimmt, ist indes unbedenklich und
rechtsstaatlich ausgewogen. Andernfalls müssten nämlich Täter, die – wie der
Angeklagte – ihre Anlasstat vor Inkrafttreten der Neuregelung begangen haben,
eine Rechtsverschärfung gegenüber der Rechtslage zur Tatzeit hinnehmen,
ohne dass diese im Sinne des Opferschutzes, an dem die vom Bundesverfassungsgericht verlangte einschränkende Maßgabe strikter Verhältnismäßigkeit
sich orientiert, unerlässlich wäre; dies würde insbesondere auch in Fällen wie
dem vorliegenden gelten, die nicht bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes zur
Umsetzung des Abstandsgebotes am 1. Juni 2013 tatgerichtlich abgeurteilt
worden sind, obgleich dies ohne weiteres möglich gewesen wäre (hier: Tatzeit
bis Sommer 2012; Inhaftierung des Angeklagten im November 2012; Anklage
im Februar 2013). Soweit der Senat bislang die Fortgeltung des vom Bundesverfassungsgericht für die Weitergeltung des § 66 StGB verlangten Maßstabes
strikter Verhältnismäßigkeit aufgrund im Rechtsstaatsprinzip verankerten Vertrauensschutzes nur in Fällen verlangt hat, in denen – anders als hier – ein tatgerichtliches Urteil bereits vor Inkrafttreten dieses Gesetzes ergangen war
(BGH, Urteile vom 23. April 2013 – 5 StR 610 und 617/12 – und 12. Juni 2013
– 5 StR 129/13, NStZ 2013, 522 und 524), brauchte er ein weitergehendes vertrauensschützendes Verständnis von der Übergangsvorschrift nicht zu erwägen.
15bb) Bei „strikter Verhältnismäßigkeitsprüfung" scheidet die Anordnung
der Sicherungsverwahrung im vorliegenden Fall – entgegen der Auffassung der
Verteidigung in der Revisionshauptverhandlung – nicht von vornherein aus.
16Zumindest Taten des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern gemäß § 176a Abs. 1 Nr. 1 StGB, wie sie der Angeklagte wiederholt begangen
hat, sind im Hinblick auf die für die Tatopfer oftmals gewichtigen psychischen
Auswirkungen und die hohe Strafdrohung unabhängig von körperlicher Gewaltanwendung – unter Berücksichtigung der Umstände des Einzelfalls – grundsätzlich als schwere Sexualstraftaten im Sinne der Maßgabe des Bundesverfassungsgerichts zu werten (vgl. BGH, Urteile vom 23. April 2013
– 5 StR 617/12 und vom 19. Februar 2013 – 1 StR 275/12, jeweils
NStZ-RR 2014, 43). Allerdings werden bei der tatgerichtlichen Wertung das
fortgeschrittene Lebensalter des Angeklagten und seine nicht auf Kinder fixierten sexuellen Neigungen zu bedenken sein sowie der Umstand, dass die einzige schwerwiegende abgeurteilte Tat des Angeklagten zum Nachteil eines bereits 13-jährigen Jungen verübt wurde, der ohne Zwangseinwirkung bereit war,
entsprechende Sexualpraktiken gegen Entgelt hinzunehmen. Freilich gebietet
die letztgenannte Besonderheit auch vor dem Hintergrund der mit Hilfe des
Sachverständigen konkret festgestellten Neigungen des Angeklagten, günstige
„Gelegenheiten“ auszunutzen, bei denen die jeweiligen Geschädigten die sexuellen Handlungen bereitwillig ausführen ließen (UA S. 8), mit Blick auf Opferschutzgesichtspunkte für sich genommen noch nicht die Annahme eines Ausnahmefalles. Immerhin bleibt zu beachten, dass gerade „wahrlose“ Kinder, die
von ihren Familien und ihrem sonstigen sozialen Nahraum ersichtlich keinen
ausreichenden Schutz erfahren und deshalb anfällig dafür sind, Opfer sexuellen
Missbrauchs zu werden, auf den Schutz des Strafrechts vor schweren sexuellen Übergriffen angewiesen sind. Der Umstand, dass der Angeklagte sich die
Bereitschaft des Jungen zur Hinnahme sexueller Handlungen durch Geldzah-
lungen erkaufte, kann zudem ein frühes Abgleiten des Geschädigten in die
Prostitution und einen sozial randständigen Lebensstil begünstigen.
17d) Das nunmehr zur Entscheidung berufene Tatgericht wird unter Hinzuziehung eines Sachverständigen (§ 246a Abs. 1 Satz 1 StPO) die Voraussetzungen des § 66 StGB – unter der Einschränkung strikter Verhältnismäßigkeit –
zu prüfen, für den Fall des § 66 Abs. 3 Satz 1 StGB darüber hinaus die gebotene Ermessensentscheidung zu treffen haben. Dem Antrag des Generalbundesanwalts folgend hebt der Senat zugunsten des Angeklagten den gesamten
Strafausspruch auf (§ 301 StPO), da nicht sicher auszuschließen ist, dass er
milder ausgefallen wäre, wenn das Tatgericht die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung angeordnet hätte.