Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/bindungswirkung-rechtskraeftiger-urteile-des-finanzgerichts-399648
Timestamp: 2020-08-07 01:00:01
Document Index: 155741780

Matched Legal Cases: ['§ 110', '§ 17', '§ 116', '§ 96', '§ 100', '§ 110', '§ 100', '§ 68', '§ 127', '§ 100', '§ 110', '§ 110', '§ 110', '§ 110', '§ 110', '§ 41', '§ 113', '§ 100']

Bindungswirkung rechtskräftiger Urteile des Finanzgerichts | Rechtslupe
Bin­dungs­wir­kung rechts­kräf­ti­ger Urtei­le des Finanz­ge­richts
Nach § 110 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 FGO bin­den rechts­kräf­ti­ge Urtei­le die Betei­lig­ten, soweit über den Streit­ge­gen­stand ent­schie­den wur­de. Dem­ge­mäß sind auch die Gerich­te in einem spä­te­ren Kla­ge­ver­fah­ren an das rechts­kräf­ti­ge Urteil gebun­den, soweit die Ent­schei­dungs­ge­gen­stän­de des alten und des neu­en Kla­ge­ver­fah­rens iden­tisch sind [1].
Der Streit­ge­gen­stand wird durch den Kla­ge­an­spruch und den Kla­ge­grund bestimmt, also durch den gel­tend gemach­ten mate­ri­ell-recht­li­chen Anspruch und durch den ihm zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halt [2]. Für die Bin­dungs­wir­kung kommt es auf den vom Gericht sei­ner Ent­schei­dung tat­säch­lich zugrun­de geleg­ten Sach­ver­halt und auf die hier­zu ange­stell­ten recht­li­chen Erwä­gun­gen an (Ent­schei­dungs­ge­gen­stand). Zwar wächst nur der Tenor der gericht­li­chen Ent­schei­dung in Rechts­kraft und erzeugt eine Bin­dungs­wir­kung, die Ent­schei­dungs­grün­de geben aber Auf­schluss dar­über, wie weit die mate­ri­el­le Rechts­kraft reicht.
Weist das Finanz­ge­richt die Kla­ge gegen einen Steu­er­be­scheid ab, so umfasst die Rechts­kraft der Ent­schei­dung die Fest­stel­lung, dass der Bescheid weder nich­tig noch rechts­wid­rig ist [3]. Dies gilt nur dann nicht, wenn eine Anfech­tungs­kla­ge wegen Unzu­läs­sig­keit oder feh­len­der Rechts­ver­let­zung des Klä­gers abge­wie­sen wird [4]. Die Nich­tig­keits­fest­stel­lungs­kla­ge ist daher wegen Iden­ti­tät des Streit­ge­gen­stands unzu­läs­sig, wenn der Klä­ger bereits eine Anfech­tungs­kla­ge erho­ben hat [5].
Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall bin­det das rechts­kräf­ti­ge Erst­ur­teil die Betei­lig­ten mit der Fol­ge, dass sich jede neue Ent­schei­dung über die bereits rechts­kräf­tig fest­ge­stell­te Rechts­fol­ge ver­bie­tet. Zwi­schen dem dem Erst­ur­teil zugrun­de lie­gen­den Ent­schei­dungs­ge­gen­stand und dem hie­si­gen Streit­ge­gen­stand ist Iden­ti­tät gege­ben.
Das Erst­ur­teil befass­te sich mit der Fra­ge, ob die im Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 2004 fest­ge­setz­te Steu­er recht­mä­ßig war. Ins­be­son­de­re ging es um die Höhe eines Ver­lus­tes nach § 17 EStG. Das Finanz­ge­richt hat einen Ver­lust nur in Höhe von Z EUR als rich­tig ange­se­hen und die­ses im Tenor ein­deu­tig fest­ge­stellt und die Kla­ge im Übri­gen abge­wie­sen. Das Erst­ur­teil des Finanz­ge­richts ist durch den ableh­nen­den Beschluss des Bun­des­fi­nanz­hofs [6] über die Beschwer­de wegen Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on rechts­kräf­tig gewor­den (§ 116 Abs. 5 Satz 3 FGO). Das Finanz­ge­richt hat in sei­nem Erst­ur­teil mit der Ent­schei­dung zur Sache kon­klu­dent auch über die Wirk­sam­keit der Steu­er­fest­set­zung im Übri­gen ent­schie­den, denn die Begren­zung des § 96 Abs. 1 Satz 2 FGO, wonach das Gericht nicht mehr zuspre­chen darf, als der Klä­ger mit der Kla­ge begehrt, gilt dann nicht, wenn der Bescheid ins­ge­samt unwirk­sam ist [7]. Dar­an ändert auch der Umstand nichts, dass das Finanz­ge­richt in sei­nem Erst­ur­teil den ange­foch­te­nen Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 2004 nicht selbst geän­dert hat, son­dern ledig­lich nach § 100 Abs. 2 Satz 2 FGO durch Anga­be der zu Unrecht berück­sich­tig­ten tat­säch­li­chen Umstän­de bestimmt hat, wie die rich­tig zu ermit­teln­de Steu­er zu berech­nen ist. Bestimmt ein Gericht in Anwen­dung die­ser Vor­schrift die Ände­rung eines Geld­leis­tungs­ver­wal­tungs­ak­tes durch Anga­be der zu Unrecht berück­sich­tig­ten oder nicht berück­sich­tig­ten tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Ver­hält­nis­se, so erwach­sen auch die in den Ent­schei­dungs­grün­den und im Tenor ent­hal­te­nen Vor­ga­ben („Deter­mi­nan­ten“) für die Neu­be­rech­nung des Geld­be­tra­ges, soweit sie nicht mit Rechts­mit­teln ange­grif­fen wer­den, in Rechts­kraft [8].
Die Neu­be­rech­nung hat das Finanz­amt ent­spre­chend der im Erst­ur­teil bestimm­ten Fak­to­ren vor­ge­nom­men und den im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ange­foch­te­nen Ein­kom­men­steu­er­be­scheid 2004 vom 01.10.2013 erlas­sen. Die­ser wur­de zwar nicht ent­spre­chend § 110 Abs. 2 Satz 3 Halb­satz 2 FGO nach Rechts­kraft des Erst­ur­teils (Zurück­wei­sung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de), son­dern schon am 1.10.2013 erlas­sen. Dabei kann dahin­ste­hen, ob die­ser unter Ver­let­zung des § 100 Abs. 2 Satz 3 Halb­satz 2 FGO ver­früht erlas­se­ne Ein­kom­men­steu­er­än­de­rungs­be­scheid ent­spre­chend § 68 FGO i.V.m. § 127 FGO Gegen­stand des unzu­läs­si­gen Beschwer­de­ver­fah­rens gewor­den ist [9]. Jeden­falls bedeu­tet die Rechts­kraft des Erst­ur­teils, dass die­ser Bescheid nur inso­weit über­prüft wer­den kann, als die Rechts­kraft des vor­an­ge­gan­gen Urteils einer sol­chen Prü­fung nicht ent­ge­gen­steht [10]. Die Über­prü­fung eines mit einem Rechts­be­helf ange­foch­te­nen Bescheids i.S. des § 100 Abs. 2 Satz 3 Halb­satz 2 FGO ist daher ange­sichts des vor­an­ge­gan­ge­nen Urteils dar­auf beschränkt, ob das Finanz­amt die in jenem Urteil ent­hal­te­nen Vor­ga­ben rech­ne­risch zutref­fend umge­setzt hat oder ob seit Erge­hen des Urteils Umstän­de ein­ge­tre­ten sind, die nach den inso­weit ein­schlä­gi­gen Ände­rungs­vor­schrif­ten der Abga­ben­ord­nung eine Ände­rung des Ver­wal­tungs­akts gebie­ten [11].
Sol­che Umstän­de haben die Klä­ger aber weder im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren noch im Beschwer­de­ver­fah­ren gel­tend gemacht. Gegen­über dem Erst­ur­teil hat sich nur die recht­li­che Begrün­dung des klä­ge­ri­schen Begeh­rens geän­dert, die nun­mehr die Auf­he­bung des Ein­kom­men­steu­er­be­scheids auf­grund Nich­tig­keit begeh­ren. Dar­aus resul­tiert aber kein ‑im Ver­gleich zum Erst­ur­teil- ande­rer Streit­ge­gen­stand. Im Rah­men der nach Erlass des Erst­ur­teils spä­ter erho­be­nen Nich­tig­keits­fest­stel­lungs­kla­ge 4 K 2807/​14 AO müss­te das Gericht viel­mehr noch­mals über die glei­che Fra­ge, näm­lich die Recht­mä­ßig­keit des Ein­kom­men­steu­er­be­scheids 2004 und damit auch über die Wirk­sam­keit der Steu­er­fest­set­zung, ent­schei­den.
Einer noch­ma­li­gen gericht­li­chen Über­prü­fung des geän­der­ten Ein­kom­men­steu­er­be­scheids 2004 steht daher die Rechts­kraft des inso­weit einen iden­ti­schen Ent­schei­dungs­ge­gen­stand betref­fen­den Erst­ur­teils nach § 110 Abs. 1 FGO ent­ge­gen [12].
Aus § 110 Abs. 2 FGO, wonach die Vor­schrif­ten der Abga­ben­ord­nung und ande­rer Steu­er­ge­set­ze u.a. über die Ände­rung von Ver­wal­tungs­ak­ten unbe­rührt blei­ben, soweit sich aus § 110 Abs. 1 Satz 1 FGO nichts ande­res ergibt, folgt nichts Abwei­chen­des. Denn § 110 Abs. 2 FGO ist im Sin­ne eines Vor­rangs der Rechts­kraft gegen­über den Ände­rungs­vor­schrif­ten aus­zu­le­gen [13]. Der bean­trag­ten Ände­rung des Ein­kom­men­steu­er­be­scheids 2004 steht die Rechts­kraft­wir­kung eines frü­he­ren Urteils (Erst­ur­teil) ent­ge­gen, wenn die­ses ‑wie hier- den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betrifft.
Dass die Vor­ent­schei­dung letzt­lich auf einem Ver­fah­rens­man­gel beruht, weil das Finanz­ge­richt zu Unrecht durch Sachur­teil statt durch Pro­zes­s­ur­teil ent­schie­den hat [14], ist im vor­lie­gen­den Fall ohne Bedeu­tung. Denn das Rechts­mit­tel der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ist bereits unzu­läs­sig.
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 3. Sep­tem­ber 2015 – III B 39/​15
BFH, Beschluss vom 30.05.2012 – III B 239/​11, BFH/​NV 2012, 1470, Rz 29[↩]
BFH, Beschluss vom 25.10.2012 – XI B 48/​12, BFH/​NV 2013, 230, Rz 11; Lan­ge in HHSp, § 110 FGO Rz 48 und 35 f.[↩]
BFH, Beschluss vom 27.08.2014 – XI B 32/​14, Rz 17 bis Rz 19, m.w.N.; vgl. BVerwG, Beschluss vom 07.01.2013 – 8 B 57/​12[↩]
BVerwG, Urteil vom 07.08.2008 – 7 C 7/​08, BVerw­GE 131, 346, unter 1.[↩]
Stein­hauff in HHSp, § 41 FGO Rz 219[↩]
BFH, Beschluss vom 03.04.2014 – IX B 131/​13[↩]
BFH, Beschluss vom 19.06.2001 – X B 18/​01, BFH/​NV 2001, 1582, unter II.[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 03.06.2010 9 C 4/​09, BVerw­GE 137, 105, Rz 16, zu § 113 Abs. 2 Satz 2 VwGO[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 29.10.2004 – XI B 213/​02, BFH/​NV 2005, 566, unter II. 2.a[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 04.05.2011 – I R 67/​10, BFH/​NV 2012, 6, Rz 12[↩]
Lan­ge in HHSp, § 100 FGO Rz 97[↩]
vgl. z.B. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 1470, unter Rz 30, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil vom 12.01.2012 – IV R 3/​11, BFH/​NV 2012, 779, Rz 14[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 18.11.2014 – V B 54/​14, BFH/​NV 2015, 223, Rz 9; vom 27.06.2014 – IV B 12/​14, BFH/​NV 2014, 1507, Rz 2[↩]
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