Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/pocket-bikes-innergemeinschaftliche-lieferung-von-minimotorraedern-375665
Timestamp: 2020-08-11 15:52:21
Document Index: 269706013

Matched Legal Cases: ['§ 6', 'Art. 28', '§ 6', '§ 6', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', 'Art. 28', '§ 1', '§ 1', 'Art. 28', 'Art. 9', 'EuG', '§ 1', '§ 1', '§ 3', '§ 1', 'EuG', '§ 1', '§ 1', '§ 1']

Pocket-Bikes - Innergemeinschaftliche Lieferung von Minimotorrädern | Rechtslupe
Pocket-Bikes - Innergemeinschaftliche Lieferung von Minimotorrädern
Die Lie­fe­rung soge­nann­ter Pocket-Bikes – Motor­rä­der, Motor­rol­ler und Quads in Minia­tur­aus­ga­be – an Pri­vat­per­so­nen in das Gemein­schafts­ge­biet ist umsatz­steu­er­frei.
Die im vor­lie­gen­den Fall ver­trie­be­nen Pocket-Bikes wur­den in das übri­ge Gemein­schafts­ge­biet beför­dert oder ver­sen­det (§ 6a Abs. 1 Nr. 1 UStG) und unter­lie­gen dort gemäß Art. 28a Abs. 1 Buchst. b der Richt­li­nie 77/​388/​EWG sowie der natio­na­len Umset­zungs­norm in den jewei­li­gen Mit­glied­staa­ten der Umsatz­be­steue­rung (§ 6a Abs. 1 Nr. 3 UStG). Dass die Gegen­stän­de dort tat­säch­lich besteu­ert wer­den, ist nicht erfor­der­lich [1].
Das Erfor­der­nis einer tat­säch­li­chen Besteue­rung im Bestim­mungs­staat stün­de im Wider­spruch zur Richt­li­nie 77/​388/​EWG, die bewusst auf eine sol­che inne­re Ver­knüp­fung ver­zich­tet hat [2]. Die Gefahr von Steu­er­aus­fäl­len durch Nicht­be­steue­rung im Erwerb­staat steht daher der Steu­er­be­frei­ung nicht ent­ge­gen.
Bei den von der Klä­ge­rin ver­kauf­ten Pocket-Bikes han­delt es sich ‑ent­ge­gen der Ansicht des Finanz­ge­richt- auch um „neue Fahr­zeu­ge“ i.S. von § 6a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c i.V.m. § 1b UStG.
Als Fahr­zeug defi­niert § 1b Abs. 2 Nr. 1 UStG „motor­be­trie­be­ne Land­fahr­zeu­ge mit einem Hub­raum von mehr als 48 Kubik-zen­ti­me­tern oder einer Leis­tung von mehr als 7, 2 Kilo­watt“. Wie das Finanz­ge­richt auf S. 4 sei­nes Urteils fest­ge­stellt hat, lie­gen die­se tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen im Streit­fall vor.
Über die­se Vor­aus­set­zun­gen hin­aus­ge­hend ver­langt § 1b Abs. 2 Nr. 1 UStG bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung, dass die Land­fahr­zeu­ge „zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt“ sind [3]. Denn uni­ons­recht­li­che Grund­la­ge des § 1b UStG war im Streit­jahr Art. 28a Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG. Danach gel­ten als „Fahr­zeu­ge“ im Sin­ne die­ses Abschnitts u.a. „motor­be­trie­be­ne Land­fahr­zeu­ge mit einem Hub­raum von mehr als 48 Kubik­zen­ti­me­tern oder einer Leis­tung von mehr als 7, 2 Kilo­watt, die zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt sind (…)“.
Die­se Bestim­mung woll­te der natio­na­le Gesetz­ge­ber mit § 1b UStG umset­zen. Aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung soll § 1b Abs. 2 UStG auf Art. 28a Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie 77/​388/​EWG beru­hen [4].
Pocket-Bikes sind in die­sem Sin­ne zur Per­so­nen­be­för­de­rung bestimmt; sie die­nen dazu, Per­so­nen oder Güter von einem Ort zu einem ande­ren zu ver­brin­gen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­ge­richt sind Pocket-Bikes zur Per­so­nen­be­för­de­rung bestimmt. Dass dabei der sport­li­che Zweck im Vor­der­grund steht, ist unschäd­lich [5].
„Beför­dern“ ist die räum­li­che Fort­be­we­gung von Per­so­nen oder Gegen­stän­den, wobei die Art des Beför­de­rungs­mit­tels nicht von Bedeu­tung ist [6]. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten hat daher in sei­nem Hamann-Urteil [7] Segel­yach­ten auch dann als Beför­de­rungs­mit­tel i.S. von Art. 9 Abs. 2 Buchst. d der Richt­li­nie 77/​388/​EWG ange­se­hen, wenn sie zum Zweck der Aus­übung des Segel­sports genutzt wer­den. Im Ein­klang damit steht der Beschluss des XI. Bun­des­fi­nanz­hofs vom 08.11.2011 – XI B 58/​11 [8], wonach es sich auch bei Renn­sport­fahr­zeu­gen um Beför­de­rungs­mit­tel han­delt, da die­se zur Beför­de­rung von Per­so­nen kon­zi­piert und tat­säch­lich geeig­net sind.
Der Ein­be­zie­hung von Pocket-Bikes in den Anwen­dungs­be­reich der gesetz­li­chen Rege­lun­gen über den inner­ge­mein­schaft­li­chen Erwerb und die inner­ge­mein­schaft­li­che Lie­fe­rung neu­er Fahr­zeu­ge steht nicht ent­ge­gen, dass Grund für die Son­der­re­ge­lung die Befürch­tung meh­re­rer Mit­glied­staa­ten war, es kön­ne ‑wegen der sei­ner­zeit stark unter­schied­li­chen Steu­er­sät­ze in den Mit­glied­staa­ten- bei einer Besteue­rung im Ursprungs­land zu Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen und Steu­er­aus­fäl­len kom­men [9]. Auch wenn im Hin­blick auf den hohen Stück­wert von neu­en Fahr­zeu­gen und der damit ver­bun­de­nen beson­ders emp­find­li­chen Reak­tio­nen auf Steu­er­satz­un­ter­schie­de [10] beim Anwen­dungs­be­reich in ers­ter Linie an PKW gedacht wur­de [11], so hat eine Ein­schrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs auf der­ar­ti­ge Fahr­zeu­ge im Wort­laut des natio­na­len Rechts und des Uni­ons­rechts kei­nen Aus­druck gefun­den. Aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und –klar­heit sind viel­mehr alle Land­fahr­zeu­ge ab der gesetz­lich bestimm­ten Hub­raum­leis­tung ein­be­zo­gen wor­den, sofern die­se zur Per­so­nen- oder Güter­be­för­de­rung bestimmt sind. Dies steht einer dar­über hin­aus­ge­hen­den Ein­schrän­kung auf neue Fahr­zeu­ge mit hohem Stück­wert oder im Hin­blick auf etwai­ge Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen zwi­schen den Mit­glied­staa­ten ent­ge­gen.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. Febru­ar 14 – V R 21/​11
BFH, Urteil vom 08.11.2007 – V R 72/​05, BFHE 219, 422, BStBl II 2009, 55, unter II. 1.a[↩]
vgl. Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ‑EuGH- vom 27.09.2007 – C‑409/​04 Tele­os, Slg. 2007, I‑7797 Rdnr. 70[↩]
vgl. Abschn. 15c Satz 2 UStR 2005; Abschn. 1b.1 Satz 2 USt-AE; Sta­die in Rau/​Dürrwächter, Kom­men­tar zum Umsatz­steu­er­ge­setz, § 1b Rz 18[↩]
vgl. BT-Drs. 12/​2463 vom 27.04.1992, 25[↩]
vgl. Möß­lang in Sölch/​Ringleb, Umsatz­steu­er, § 1b UStG Rz 4; Sta­die in Rau/​Dürrwächter, Umsatz­steu­er­ge­setz, Stand April 2012, § 3a Rz 323; a.A. Ron­dorf in Schwarz/​Widmann/​Radeisen, § 1b Rz 27[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 08.09.2011 – V R 5/​10, BFHE 235, 481, BStBl II 2012, 620, Rz 14; vom 02.03.2011 – XI R 25/​09, BFHE 233, 348, BStBl II 2011, 737; vom 01.08.1996 – V R 58/​94, BFHE 181, 208, BStBl II 1997, 160, m.w.N.[↩]
EuGH, Urteil vom 15.03.1989 – 51/​88 [Hamann], Slg. 1989, 767 Rdnr.19[↩]
BFH/​NV 2012, 282[↩]
vgl. BT-Drs. 12/​2463, S.20; Möß­lang in Sölch/​Ringleb, a.a.O., § 1b Rz 1; Ron­dorf in Schwarz/​Widmann/​Radeisen, a.a.O., § 1b Rz 11; Wid­mann, Umsatz­steu­er-Rund­schau ‑UR- 1992, 249, 254[↩]
vgl. Rokos, UR 1992, 89, 96; Geor­gy, UR 1993, 8[↩]
Ron­dorf in Schwarz/​Widmann/​Radeisen, a.a.O., § 1b Rz 12[↩]
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