Source: https://www.briefedition.alfred-escher.ch/briefe/B7925/
Timestamp: 2019-02-22 04:07:02
Document Index: 47270534

Matched Legal Cases: ['Art. 12', 'Art. 31', 'Art. 33', 'Art. 13', 'Art. 1', 'Art. 13', 'Art. 13', 'Art. 14', 'Art. 13']

Brief Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Montag, 26. April 1869
AES B7925 | SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_011
Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, Bellinzona, Montag, 26. April 1869
Ich telegr. Dir diesen Vormittag 10 Uhr: «Eröffnung der Cenere Linie gleichzeitig mit Gothard Tunnel ist zugegeben. Wenn Deine Zustimmung zu neuen Artikeln 13 & 14 erhalte, wäre Abrede mit Staatsrath fertig. Beförderliche Antwort.» Ohne längeren Widerstand gaben heute früh in der 4ten Konferenz die Herren Staatsräthe meinen auf Deine bestimmten Instruktionen basirten Vorstellungen Gehör, daß doch wegen der Cenere Linie es sein Verbleiben dabei haben möchte, daß die Arbeiten für dieselbe jedenfalls so zeitig begonnen werden müssen, daß die Betriebseröffnung auf derselben spätestens mit derjenigen durch den Gothardtunnel zu erfolgen habe. Das 3te Lemma des Dir übersendeten Art. 12 würde also so lauten: «Quant aux travaux de la ligne Bellinzona–Lugano | la société s'oblige de les commencer assez à tems à fin qu'au plus tard cette lignée soit livrée à la circulation en même tems que le grand Tunnel.»
Zum Gewicht Deiner Gründe & des eventuell zuzugebenden neuen Art. 31 (oder Art. 33 in der neuen Art. 13 & 14) konnte ich glüklicher Weise beifügen, daß die Herren Lavizzari & Veladini, welche ich gestern in Lugano gesprochen, mir bestimmt erklärt haben, daß sie die bezügl. Bedenken unsererseits in Bezug auf die Ausführung der Cenere Linie wohl begreifen & man billiger Weise sich mit gleichzeitiger Eröffnung der Cenere Linie & des Gothardtunnels zu begnügen habe. Also sind neu Art. 1. & 12. gemäs Deinen Telegrammen verfaßt & bleiben nun nur noch die neuen Art. 13 & 14 festzusezen übrig, bezüglich welcher ich Dir vorgestern einläßlich geschrieben | habe. Alles in's Auge gefaßt & den gerechten allseitigen Begehren Tessin's Rechnung tragend erachte ich zu möglichst unbeanstandeter Behandlung der Konzession im Gr. Rathe diese Vorschriften als gut & nöthig. Und da sie Zeit genug gewähren, um nöthigenfalls die äusserste Konsequenz der Erbauung auch der Cenere Linie ablehnen zu können, gleich wie auch nach voller Vorbereitung & Ueberlegung dieselbe anzunehmen, so hoffe ich, daß von Dir die in diesen Artikeln enthaltene beidseitige Sicherung & Beruhigung gewährt werden könne. So weit wäre wenigstens die Vorarbeit mit dem Staatsrath dann fertig. Ob dann die zu bestellende Kommission des Gr. Rathes weitere Verhandlungen mit uns veranlassen wird, müssen wir gewärtigen. Wenn die genannten beiden Herren in Lugano sich sehr entgegenkommend zeigten | in Bezug auf die Cenere Linie, so waren sie dagegen unruhig & mißtrauisch wegen der bisherigen Unterlassung der Unterhandlungen betreffend Chiasso – Camerlata, besorgend daß die in der daherigen Concession enthaltenen Fristen versäumt & die Million Subsidien verwirkt werden möchten. Zugleich fügten sie bei, daß eben nur unter der Bedingung man für die Cenere Linie mehr Zeit gewähren könne, wenn Lugano – Camerlata in gegebener Zeit gemacht & dadurch in einer Richtung dem betreffenden Landestheil vorläufig geholfen werde. Sie wiederholten, selbst zu Unterhandlungen mit der oberital. Eisenbahndirektion bereit zu sein, wenn es dem Gotth. Comité nicht möglich sein sollte, alsbald dieselben zu beginnen & baten dringend zu Förderung der Sache & zu Beschwichtigung des daherigen Mißtrauens, nicht länger zu zögern. Ich erwiederte, was ich nach Deiner Auskunft | sagen & anknüpfen konnte, hatte aber wie auch schon hier das Gefühl, dießfalls weniger Eindruk machen & Vertrauen erweken zu können, als es mir in anderen Punkten möglich geworden zu sein scheint. Da dieser Punkt vielleicht wieder zur Sprache gelangt & je nach Umständen uns weitere Schwierigkeiten bereiten kann, so bitte ich ihm jede mögliche Aufmerksamkeit zu widmen & mich in den Stand zu sezen, vertrauenerwekende Erklärungen oder Aufschlüsse geben zu können. Die Leute sehen Herrn Feer, so will es mir scheinen, als ein ihnen vorgespiegeltes Nebelbild an & glauben an dessen rechtzeitige Mission nicht, da er noch nicht leibhaftig auf der Bühne erschienen. – Von den Luganeser Herren vernahm ich, daß fortwährend Bereitwilligkeit in Lugano & Como walte, sich mit je ca 400,000 Fr in Aktien für Lugano– Chiasso zu betheiligen & daß v. | Mailand fr. 200,000 als Subvention gewärtiget werden dürfen. Ferner seien die an den ausgeführten Bahnbauten Betheiligten bereit, den Werth der betreff. Arbeiten unpartheiisch abschäzen zu lassen & das Ergebniß in 20% baar, 30% in Obligationen & 50% in Aktien anzunehmen. Ich füge diese Punkte zu gutfindender Notiz bei. Beide Männer, Lavizzari & Veladini, haben einen ziemlich günstigen Eindruk auf mich gemacht. Battaglini war leider abwesend, ich vernahm aber, daß er morgen oder übermorgen hieher kommen werde & bin ich froh, mit ihm über die Sachlage mich austauschen zu können. Wenn nur das Geschäft jezt einen günstigen & raschen Verlauf nähme | so wäre ich wohl zufrieden, obgleich ich wegen längeren Ausbleibens bereits beschwichtigend habe nach Hause berichten müssen. –
So weit geschrieben erhielt ich dieser Nachmittag Dein heutiges Telegramm, welches sich mit Art. 13 & 14 nach der Dir übersendeten Redaktion einverstanden erklärt. Wir verfügten uns alsbald zum Staatsrath in der frohen Hoffnung, daß wir nun einig seien & die Konzession an den Gr. Rath gehen könne. Da verlangte Franchini plözlich, daß Art. 14 so gefaßt werde, daß die Konzession v. Tessin erloschen erklärt werden könne auch wenn das Stük Camerlata Chiasso nicht bewilligt & nicht rechtzeitig gemacht sei. Wir bestritten natürlich diese unbillige, ja ungereimte Forderung | weil deren Erfüllung nicht in der Macht des Comité resp. der Gesellsch. & der Schweiz liege & hoben überdieß nachdrüklich hervor, daß es undenkbar erscheine, fragl. kleine Stük in den Unterhandlungen nicht zu erhalten & da ich das Komité ungemein für Bewilligung desselben sich verwenden müsse, weil das Stük Lugano Bellinzona über den Cenere jedenfalls mit der Gotthardlinie hergestellt werden müsse. Im äussersten Fall aber sei es doch nicht erlaubt, Alles zu verweigern, wenn das Ausland dem Kant. Tessin nicht sofort Alles, wozu es mitzuwirken habe, gewähren wollte. Also den Kanton Tessin, die Schweiz & das Hauptunternehmen zu strafen, sei eine unannehmbare Zumuthung. Ich redete v. der Leber weg, erklärend, daß mir ein solches Vorgehen des Kantons Tessin als absurd vorkommen würde.|
Die übrigen anwesenden Staatsräthe erklärten sich mit uns einverstanden, auch Demarchi, dem Theil jenseits des Cenere angehörend; während Franchini endlich bemerkte, der Staatsrath möge nun den Entwurf gemäs unseren Art. 13 & 14 abgehen lassen; er behalte sich weitere Ueberlegung vor & Morosini stimmte ihm bei. Dieses Benehmen läßt vermuthen, daß die Schwierigkeiten noch nicht beendigt seien; was am Ende dahinter stekt, weiß ich für einmal nicht. Die hierseitigen Staatsräthe sind allerdings befriedigt & beruhigt & finden die Forderung Franchini's zu weit gehend & die Interessen des Kantons im Allgemeinen gefährdend. Allein die Herren sind unter einander so zahm & schonend, daß das Intrigenspiel nur um so keker weiter sich zu entwikeln | sich veranlaßt sehen kann. Auffallend ist dabei, daß die Herren Lavizzari & Veladini in Lugano keinen Zweifel haben über die Bewilligung & rechtzeitige Herstellung v. Camerlata Chiasso, während die Staatsräthe Franchini & Morosini v. Zweifeln stark erfüllt zu sein sich darstellen. Ob & wie hier Besorgnisse wegen der Cittiglio Linie mitspielen, vermag ich mir nicht ganz klar zu machen. Immerhin muß ich Dich aber bitten, mir so rasch als möglich Auskunft & Rath zu geben über Deine Auffassung der daherigen Verhältnisse, damit ich bei ferneren bezüglichen Erörterungen möglichst klar & sicher mich benehmen kann. Also der Staatsrath läßt nun den Entwurf wie wir zugestimmt haben, an den Gr. Rath gehen. |
Wir sind nun noch unentschieden, ob wir die Eingabe für eine Subvention sofort an den Gr. Rath gelangen lassen sollen zu gleichzeitiger Behandlung mit der Konzession oder erst nach Erledigung derselben. Du Coster meint, wie er gestern infolge Rüksprache mit Freunden es sich zurecht gelegt habe, daß es klüger sei, eins nach dem andern behandeln zu lassen & somit einstweilen die Subventionseingabe zurükzuhalten. Ich konnte ihm bis jezt nicht beistimmen & werde weiter darüber mit ihm mich austauschen. Da das Begleitschreiben des Gothard Comite z. Konzessionsentwurf das Gesuch um Subvention enthält, so ist ja der Gr. Rath schon veranlaßt, sich darüber auszusprechen & es daher nöthig, die Gründe sofort zu eröffnen, welche unserseits das Gesuch zu unterstüzen geeignet sind. Oder wir | müssen den Gr. Rath ersuchen, dieses Gesuch später zu behandeln & dann unsere Gründe anzuhören. Das klingt sonderbar um so mehr, als ja die beiden Punkte, Konzession & Subvention – so vielfach konnex sind, daß eine Trennung kaum uns. Stellung & uns. Gesuch zu stärken vermag. Vielmehr dürfte für Ertheilung der Konzess. um so mehr Gewicht sich ergeben, wenn der Gr. Rath in der Frage der Subvention uns nicht entgegenkommen wollte. Habe die Güte, mir darüber alsbald telegr. Deine Weisung zu sagen, damit am Mitwoch (28 dieß) ich mich zur Eingabe oder einstweiligen Rükhaltung entschliesse.
Endlich theile ich Dir noch mit, v. Präsident Bazzi vertraulich vernommen zu haben, | daß Fell mit Schreiben v. 23 dieß aus Turin folgendes Gesuch an den Staatsrath zu Handen des Gr. Raths richtet: «De vouloir bien m'accorder le privilège exclusif de l'emploi de ce système à rail central, dans le canton du Tessin à la condition que moyennant le payement. D'un droit à déterminer je m'engagerai à céder aux compagnies qui pourront devenir concessionaires de chemin de fer sur le territoire du canton le droit d'emplacer ce système dans le canton et de faire construire des machines et autres pièces de matériel dans les différents pays où des brevets ont été obtenu par moi.» Im Schreiben heißt es unter Anderem: Les droits de brevet fixé sont fr. 7500 par Kilomètre de chemin de fer à rail central. |
Obgleich kein Gesez im Kanton für Ertheilung eines solchen brevet bestehe, hofft Fell doch, daß ihm mit Rüksicht auf die durch sein System dem Publikum erwachsenden Vortheile werde entsprochen werden.
Dem Schreiben Fell's lagen bei ein persönliches vertraul. Briefchen des gewes. schweiz. Consul's Brochi in Turin an Präsident Bazzi, Herrn Fell empfehlend, – ein Schreiben des Advokaten Goffi in Turin an Brochi, denselben um Uebermittlung des Ansuchens Fell's an die Behörde v. Tessin ersuchend und ein Schreiben Fell's an Goffi (seinen Vertreter), denselben um Besorgung des Ansuchens bei Tessin angehend. Zu diesem lezteren Schreiben erklärt sich Fell bereit, | de payer une indemnité large an den Kant. Tessin im Falle der Bewilligung seines Gesuchs. – Da ich nicht glaube, daß für die Gotthard unternehmung von provisorischer oder dauernder Anwendung des Systems Fell die Rede sein werde, so kann ich der Eingabe Fell's v. uns. Standpunkt aus für einmal kein Gewicht beilegen, ersuche Dich aber, mir Deine Ansicht über die allfällige Bedeutung dieses Schritts mitzutheilen, wenn Du denselben irgend erheblich erachten solltest. Wir werden schon vernehmen, ob & wie die Sache hier aufgefaßt & allfällig verfolgt wird. Die indemnité large klingt etwas verdächtig! – Der Teufel ist in diesem Land immer ab der Kette! – troz der Masse v. Pfaffen! |
Vom Stande der Dinge in der Hauptsache gebe ich Dir telegr. Kenntniß & gewärtige Deine Nachrichten & Weisungen. Sei herzlich gegrüßt von Deinem
Bellinzona 26. 4. 69.
Samuel Friedrich Siegfried an Alfred Escher, 24. April 1869
Zitiervorschlag: Jung Joseph (Hrsg.), Digitale Briefedition Alfred Escher, Launch Juli 2015 (laufend aktualisiert), Zürich: Alfred Escher-Stiftung. https://briefedition.alfred-escher.ch/briefe/B7925/