Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Maennliche_Erzieher_im_Maedcheninternat_LAG_Rheinland-Pfalz_2Sa51_08.html
Timestamp: 2016-10-24 15:52:30
Document Index: 186596081

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 7', '§ 11', '§ 8', '§ 8']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/088
Für wel­che Ar­beits­auf­ga­ben ist das Ge­schlecht heu­te noch not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung?
Darf der Be­trei­ber ei­nes Mädchen­in­ter­nats für ei­ne Er­zie­her­stel­le nur Frau­en su­chen?
Der Streit­fall: In ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung wird für ein Mädchen­in­ter­nat ei­ne "Er­zie­he­rin" ge­sucht
LAG Rhein­land-Pfalz: Da die Mädchen auch in Schlaf- und Waschräum­en be­treut wer­den müssen, darf das In­ter­nat männ­li­che Be­wer­ber aus­sch­ließen
Darf der Be­trei­ber ei­nes Mädchen­in­ter­nats für ei­ne Er­zie­her­stel­le nur Frau­en su­chen? Die Vor­schrif­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) ver­bie­ten un­ter an­de­rem Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen des Ge­schlechts (§ 1 AGG), ins­be­son­de­re bei der Ein­stel­lung von Ar­beit­neh­mern (§ 2 AGG, § 7 AGG). Zu be­set­zen­de Ar­beitsplätze müssen da­her grundsätz­lich ge­schlechts­neu­tral aus­ge­schrie­ben wer­den (§ 11 AGG), da an­sons­ten be­reits die Aus­schrei­bug ei­ne ver­bo­te­ne Be­nach­tei­li­gung dar­stellt. Da­ge­gen ist ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts bei der Ein­stel­lung von Ar­beit­neh­mern und bei der Stel­len­aus­schrei­bung aus­nahms­wei­se zulässig, wenn das Ge­schlecht we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern der Zweck rechtmäßig und die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist (§ 8 Abs.1 AGG).
All­ge­mein an­er­kannt ist da­bei im Prin­zip, dass von ei­ner �we­sent­li­chen und ent­schei­den­den be­ruf­li­che An­for­de­rung� nur dann die Re­de sein kann, wenn das vom Ar­beit­ge­ber bei der Ein­stel­lung erwünsch­te bzw. zur Ein­stel­lungs­be­din­gung ge­mach­te Ge­schlecht un­ver­zicht­bar für die Ausübung der Tätig­keit ist, da man an­sons­ten in der Ge­fahr wäre, al­le �vernünf­ti­gen� Sach­gründe von Ar­beit­ge­bern für die Be­vor­zu­gung des ei­nen oder an­de­ren Ge­schlechts recht­lich ab­zu­seg­nen. Und ge­nau das soll nicht pas­sie­ren, da das recht­li­che Ver­bot der ge­schlechts­be­zo­ge­nen Dis­kri­mi­nie­rung an­sons­ten kei­ne Verände­run­gen im Ar­beits­le­ben be­wir­ken würde. Fak­tisch oder recht­lich un­ver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung ist das ei­ne oder an­de­re Ge­schlecht im­mer dann, wenn der Ein­satz ei­nes Be­wer­bers mit dem �fal­schen� Ge­schlecht aus tatsächli­chen oder recht­li­chen Gründen unmöglich wäre. Fälle die­ser Art (männ­li­che Ani­mier­da­me, weib­li­cher Spie­ler ei­ner Männ­er­fußball­mann­schaft) sind zwar ein­deu­tig, dafür aber lei­der eher sel­ten.
Strei­tig und in der Be­wer­tung hei­kel sind da­ge­gen die weit­aus häufi­ge­ren Fälle, in de­nen be­stimm­te, ziem­lich kla­re �Vor­lie­ben� der Kun­den des Ar­beit­ge­bers be­ste­hen, die zum Bei­spiel in der Oper nun ein­mal ger­ne ei­ne Frau als Be­set­zung der weib­li­chen Haupt­rol­le se­hen würden oder et­wa (jun­ge) Männer und kei­ne (älte­ren) Frau­en bei der Präsen­ta­ti­on ei­ner Her­ren­mo­de­kol­lek­ti­on.
Auf der ei­nen Sei­te ist in sol­chen Fällen zwar be­greif­lich, dass und war­um der Ar­beit­ge­ber sehr ger­ne ei­nen Be­wer­ber mit dem �pas­sen­den� Ge­schlecht ha­ben möch­te. An­de­rer­seits bleibt stets die Ge­fahr, dass die ge­ge­be­nen (oder nur be­haup­te­ten?) �cust­o­m­er pre­fe­ren­ces� zu ei­ner dau­er­haf­ten Ver­fes­ti­gung ge­schlechts­be­zo­ge­ner Vor­ur­tei­le führen, d.h. ge­nau zu der Art von Be­nach­tei­li­gung, die das AGG ab­bau­en möch­te.
Der Streit­fall: In ei­ner Stel­len­aus­schrei­bung wird für ein Mädchen­in­ter­nat ei­ne "Er­zie­he­rin" ge­sucht Der Kläger, ein Di­plom-So­zi­alpädago­ge, be­warb sich im Mai 2007 um die öffent­lich aus­ge­schrie­ben Stel­le ei­ner Er­zie­he­rin in ei­nem vom Land Rhein­land-Pfalz ge­tra­ge­nen Mädchen­in­ter­nat. In der nicht ge­schlechts­neu­tral ge­hal­te­nen Stel­len­aus­schrei­bung hieß es un­ter an­de­rem:
�Wir su­chen ei­ne Er­zie­he­rin/Sport­leh­re­rin/So­zi­alpädago­gin, die be­reit ist, Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung zu über­neh­men und das sport­li­che so­wie das Frei­zeit­an­ge­bot für un­se­re In­ter­natsschüle­rin­nen und -schüler (Bas­ket­ball, Vol­ley­ball, Bad­min­ton, Gym­nas­tik, Tanz, Out­door-Sport­ar­ten) durch­zuführen und zu ergänzen. Die Schu­le verfügt über ei­ne Sport­hal­le, ein Schwimm­bad und ei­nen Sport­platz."
LAG Rhein­land-Pfalz: Da die Mädchen auch in Schlaf- und Waschräum­en be­treut wer­den müssen, darf das In­ter­nat männ­li­che Be­wer­ber aus­sch­ließen Das LAG Rhein­land-Pfalz hob das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Trier auf, d.h. es ent­schied zu­guns­ten des be­klag­ten Lan­des. Zur Be­gründung heißt es:
Fa­zit: Dem LAG Rhein­land-Pfalz ist im Er­geb­nis und in der Be­gründung zu­zu­stim­men. Führt das An­stands- oder Scham­gefühl der vom ein­zu­stel­len­den Ar­beit­neh­mer zu be­treu­en­den Kun­den des Ar­beit­ge­bers da­zu, dass die­se die Be­treu­ung durch ei­nen ge­gen­ge­schlecht­li­chen An­sprech­part­ner nicht oder nur wi­der­wil­lig ak­zep­tie­ren würden, darf der Ar­beit­ge­ber bei der Ein­stel­lung Be­wer­ber mit dem �nicht pas­sen­den� Ge­schlecht un­berück­sich­tigt las­sen bzw. be­nach­tei­li­gen. Das ist kei­ne ver­bo­te­ne ge­schlechts­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­rung, denn da­zu be­rech­tigt § 8 AGG. So kann der Be­trei­ber ei­nes Da­men­mo­de­geschäftes männ­li­che Be­wer­ber je­den­falls dann bei der Be­set­zung von Verkäufer­stel­len zurück­wei­sen, wenn es um den Ver­kauf von Un­ter- oder Ba­dewäsche geht. Um­ge­kehrt kann auch ein Si­cher­heits­un­ter­neh­men Mit­ar­bei­ter, die aus­sch­ließlich bei der Per­so­nen­kon­trol­le männ­li­cher �Kun­den� ein­ge­setzt wer­den sol­len, un­ter Berück­sich­ti­gung ih­res Ge­schlechts auswählen, d.h. Be­wer­be­rin­nen aus­sch­ließen.