Source: https://www.rechtslupe.de/beruf/zustellung-von-anwalt-zu-anwalt-und-die-verweigerung-der-mitwirkung-3101644
Timestamp: 2020-08-07 12:53:22
Document Index: 311063716

Matched Legal Cases: ['§ 113', '§ 14', '§ 14', '§ 195', '§ 14', '§ 12', '§ 59', '§ 59', '§ 195', '§ 195', '§ 59', '§ 59', '§ 59', '§ 195', '§ 14', '§ 59', '§ 59', '§ 59', '§ 12', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 43', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 195', '§ 195', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 195', '§ 174', '§ 195', '§ 174', '§ 113', '§ 7']

Zustellung von Anwalt zu Anwalt - und die Verweigerung der Mitwirkung | Rechtslupe
Bei der Zustel­lung von Anwalt zu Anwalt begeht ein Rechts­an­walt­durch die Ver­wei­ge­rung der Aus­stel­lung eines Emp­fangs­be­kennt­nis­ses kei­ne ahn­d­ba­re Berufs­pflicht­ver­let­zung gemäß § 113 Abs. 1 BRAO i.V.m. § 14 Satz 1 BORA.
Nach soweit ersicht­lich all­ge­mei­ner Ansicht im Schrift­tum bean­sprucht aller­dings die in § 14 Satz 1 BORA bezeich­ne­te Pflicht zur Annah­me des zuzu­stel­len­den Schrift­stücks und zur unver­züg­li­chen Ertei­lung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses für alle ord­nungs­ge­mä­ßen Zustel­lun­gen Gel­tung, bezieht mit­hin Zustel­lun­gen von Anwalt zu Anwalt gemäß § 195 ZPO ein [1].
Dies folgt aus dem inso­weit kei­ne Ein­schrän­kung ent­hal­ten­den Wort­laut der Vor­schrift und ent­spricht dem Wil­len der Sat­zungs­ge­be­rin, der auch in der sys­te­ma­ti­schen Stel­lung der Norm im Drit­ten Abschnitt der Berufs­ord­nung („Beson­de­re Berufs­pflich­ten bei der Annah­me, Wahr­neh­mung und Been­di­gung des Man­dats“), nicht also in deren Vier­tem Abschnitt („Beson­de­re Berufs­pflich­ten gegen­über Gerich­ten und Behör­den“) zum Aus­druck kommt [2]. Die Sat­zungs­ver­samm­lung hat in § 14 BORA die vor­mals in §§ 12, 27 der Richt­li­ni­en des anwalt­li­chen Stan­des­rechts getrennt nor­mier­ten Berufs­pflich­ten bei Zustel­lun­gen in einer Rege­lung zusam­men­ge­fasst [3].
§ 59b Abs. 2 BRAO ent­hält jedoch kei­ne den Grund­sät­zen des Vor­be­halts sowie des Vor­rangs des Geset­zes genü­gen­de Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge für die Schaf­fung einer Berufs­pflicht des Rechts­an­walts, an einer Zustel­lung von Anwalt zu Anwalt mit­zu­wir­ken.
Ent­ge­gen der im Schrift­tum ganz herr­schen­den Mei­nung [4] ist die erfor­der­li­che Ermäch­ti­gung nicht in § 59b Abs. 2 Nr. 6 Buchst. b BRAO zu fin­den. Die Vor­schrift regelt aus­weis­lich ihrer Ein­gangs­for­mel „die beson­de­ren Berufs­pflich­ten gegen­über Gerich­ten und Behör­den“, zu denen der geg­ne­ri­sche Anwalt nicht gehört. Der Anwalt tritt im Rah­men des § 195 ZPO auch nicht etwa als deren „ver­län­ger­ter Arm“ an die Stel­le des Gerichts oder einer Behör­de. Zweck des § 195 ZPO ist es, für Par­tei­er­klä­run­gen eine ver­ein­fach­te, zeit­spa­ren­de und kos­ten­güns­ti­ge Form der Zustel­lung zu ermög­li­chen [5]. Die Zustel­lung ist dem Rechts­an­walt als unab­hän­gi­gem Organ der Rechts­pfle­ge anver­traut [6]. Er wird dadurch aber nicht zum Sach­wal­ter eines Gerichts oder einer Behör­de. Viel­mehr bleibt er Ver­tre­ter sei­ner Par­tei [7].
Teil­wei­se wird gel­tend gemacht, es habe bei Schaf­fung des § 59b BRAO ein Wil­le des für das Berufs­recht der Rechts­an­wäl­te inner­halb der Bun­des­re­gie­rung feder­füh­ren­den Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Jus­tiz [8] und dem fol­gend des Gesetz­ge­bers bestan­den, eine auf Mit­wir­kung bei sämt­li­chen Zustel­lun­gen zie­len­de Berufs­pflicht auf § 59b Abs. 2 Nr. 6 Buchst. b BRAO zu stüt­zen. Abge­se­hen davon, dass sich der Geset­zes­be­grün­dung hier­zu nichts ent­neh­men lässt [9], hät­te ein sol­cher Wil­le indes­sen im Gesetz kei­nen Nie­der­schlag gefun­den. Denn der Anwen­dungs­be­reich die­ser Bestim­mung ist nach dem Wort­laut und Wort­sinn ihrer Ein­gangs­for­mel ein­deu­tig auf gericht­li­che und behörd­li­che Zustel­lun­gen beschränkt. Die Rege­lung könn­te des­halb nicht durch Geset­zes­in­ter­pre­ta­ti­on im Sin­ne eines so gear­te­ten etwai­gen Wil­lens des his­to­ri­schen Gesetz­ge­bers kor­ri­gie­rend erwei­tert wer­den.
Auch die die kol­le­gia­len Pflich­ten der Rechts­an­wäl­te betref­fen­de Vor­schrift des § 59b Abs. 2 Nr. 8 BRAO bie­tet kei­ne hin­rei­chen­de Rechts­grund­la­ge.
Eröff­nen Ermäch­ti­gungs­nor­men einer auto­no­men Kör­per­schaft Rege­lungs­spiel­räu­me für Berufs­pflich­ten, die sich über den Berufs­stand hin­aus aus­wir­ken, so rei­chen sie nur so weit, wie der Gesetz­ge­ber ersicht­lich selbst zu einer sol­chen Rechts­ge­stal­tung den Weg berei­tet [10]. Sol­len die durch die Zivil­pro­zess­ord­nung aus­ge­form­ten Hand­lungs­spiel­räu­me der Pro­zess­par­tei­en im Wege des Sat­zungs­rechts ein­ge­schränkt wer­den, so bedarf es dem­nach erkenn­ba­rer gesetz­ge­be­ri­scher Ent­schei­dun­gen in der Ermäch­ti­gungs­norm, andern­falls sowohl der Grund­satz des Vor­be­halts des Geset­zes als auch der des Vor­rangs des Geset­zes ver­letzt sein kön­nen [11].
Die Schaf­fung einer Berufs­pflicht zur Mit­wir­kung an der Zustel­lung von Anwalt zu Anwalt hät­te einer ein­deu­ti­gen Ermäch­ti­gung durch den Gesetz­ge­ber bedurft, weil sie pro­zes­sua­le Hand­lungs­spiel­räu­me im vor­ge­nann­ten Sinn ein­engt. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ver­pflich­tet näm­lich § 195 ZPO den Anwalt, an den zuge­stellt wer­den soll, nicht zu einer Mit­wir­kung an der Zustel­lung; er emp­fängt die zuge­stell­te Urkun­de viel­mehr nur als Ver­tre­ter sei­ner Par­tei und ist nicht gehin­dert, die Annah­me der Urkun­de und die Aus­stel­lung des Emp­fangs­be­kennt­nis­ses zu ver­wei­gern, ohne dass hier­an pro­zes­sua­le Nach­tei­le geknüpft wären [12]. Dem­ge­gen­über ord­net § 14 Satz 1 BORA für den Rechts­an­walt die Berufs­pflicht an, an der Zustel­lung mit­zu­wir­ken; dies gilt selbst dann, wenn dies wie vor­lie­gend einen Nach­teil für sei­nen Man­dan­ten mit sich bringt und so die pri­mä­ren Ver­pflich­tun­gen aus dem Man­dan­ten­ver­trag zurück­drängt [13].
Die damit not­wen­di­ge aus­drück­li­che und kla­re gesetz­li­che Grund­la­ge [14] kann dem Wort­laut des § 59 Abs. 2 Nr. 8 BRAO nicht ansatz­wei­se ent­nom­men wer­den. Sie wäre aber vor dem Hin­ter­grund der Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum anwalt­li­chen Stan­des­recht aus dem Jahr 1987 [15] und ange­sichts des­sen, dass § 59b Abs. 2 Nr. 6 Buchst. b BRAO eine sol­che Rege­lung für gericht­li­che und behörd­li­che Zustel­lun­gen trifft, zwin­gend zu erwar­ten gewe­sen [16]. Hin­zu kommt, dass dem Gesetz­ge­ber bei Schaf­fung des § 59b BRAO die zwi­schen behörd­li­chen sowie gericht­li­chen Zustel­lun­gen einer­seits und Zustel­lun­gen von Anwalt zu Anwalt ande­rer­seits dif­fe­ren­zie­ren­den Bestim­mun­gen in §§ 12, 27 der vor­ma­li­gen Richt­li­ni­en des anwalt­li­chen Stan­des­rechts vor Augen stan­den. Auch dies hät­te ihm die Not­wen­dig­keit aus­drück­li­cher Erstre­ckung der Ermäch­ti­gung auf anwalt­li­che Zustel­lun­gen anzei­gen müs­sen.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Okto­ber 2015 – AnwSt ® 4/​15
vgl. Böhn­lein in Feuerich/​Weyland, BRAO, 8. Aufl., § 14 BORA Rn. 1; Prüt­ting in Henssler/Pru?tting, BRAO, 4. Aufl., § 14 BORA Rn. 3; Zuck in Gaier/​Wolf/​Göcken, Anwalt­li­ches Berufs­recht, 2. Aufl., § 14 BORA/​§ 43 BRAO Rn. 1 f.; Schar­mer in Har­tung, Berufs- und Fach­an­walts­ord­nung, 5. Aufl., § 14 BORA Rn. 11[↩]
vgl. Stei­ner, BRAK-Mitt.2014, 294, 296 mwN[↩]
vgl. Zuck, aaO, § 14 BORA Rn. 2; Stei­ner, aaO[↩]
vgl. Böhn­lein aaO § 14 BORA Rn. 1; Prüt­ting aaO § 14 BORA Rn. 1; Zuck aaO § 14 BORA Rn. 1; Schar­mer aaO § 14 BORA Rn. 3; Stei­ner aaO S. 297[↩]
vgl. z.B. Zöller/​Stöber, ZPO, 30. Aufl., § 195 Rn. 1[↩]
vgl. Münch­Komm- ZPO/​Häublein, 4. Aufl., § 195 Rn. 1[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 07.07.1959 – VIII ZR 111/​58, BGHZ 30, 299, 305[↩]
dazu Stei­ner aaO S. 297 mwN[↩]
vgl. den Ent­wurf eines Geset­zes zur Neu­ord­nung des Berufs­rechts der Rechts­an­wäl­te und der Patent­an­wäl­te, BT-Drs. 12/​4993, S. 35[↩]
vgl. BVerfGE 38, 373, 381 ff.; 101, 312, 323[↩]
BVerfGE 101, 312, 324, 328 f. mwN[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 07.07.1959 – VIII ZR 111/​58 aaO S. 305 f. mwN; Münch­Komm- ZPO/​Häublein aaO § 195 Rn. 7 i.V.m. § 174 Rn. 12; Zöller/​Stöber aaO § 195 Rn. 7 i.V.m. § 174 Rn. 6[↩]
vgl. BVerfGE 101, 312, 328 f.[↩]
vgl. BVerfGE 101, 312, 328[↩]
BVerfGE 76, 171; 76, 196[↩]
vgl. auch BVerfGE 101, 312, 329[↩]
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