Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/gabelstaplerunfall-im-baumarkt-330220
Timestamp: 2020-07-04 03:28:14
Document Index: 79511784

Matched Legal Cases: ['§ 105', '§ 106', '§ 106', '§ 106', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Gabelstaplerunfall im Baumarkt | Rechtslupe
Gabel­stap­ler­un­fall im Bau­markt
Ver­ur­sacht ein Arbeit­neh­mer einen Unfall, bei dem ein Kol­le­ge zuscha­den kommt, haf­tet er die­sem auf Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld für die Ver­let­zung außer bei einem Wege­un­fall nur, wenn er den Unfall vor­sätz­lich her­bei­ge­führt hat, § 105 SGB VII. Die­ser Haf­tungs­aus­schluss gilt gemäß§ 106 SGB VII auch zwi­schen den Arbeit­neh­mern ver­schie­de­ner Unter­neh­men, soweit die­se in einer gemein­sa­men Betriebs­stät­te arbei­ten.
Der Mit­ar­bei­ter eines Bau­markts, der gekauf­te Ware mit einem Gabel­stap­ler aus dem Lager in den Bereich der Lade­zo­ne trans­por­tiert und dort zur Ver­la­dung durch den Käu­fer bereit stellt, ver­rich­tet sei­ne Tätig­keit nicht not­wen­di­ger­wei­se auf einer "gemein­sa­men Betriebs­stät­te" mit dem Arbeit­neh­mer des Käu­fers, der die Ware mit einem Trans­port­fahr­zeug abho­len soll.
Der Haf­tungs­aus­schluss gemäß § 106 Abs. 3 Fall 3 SGB VII ist in einem sol­chen Fall mit­hin zu ver­nei­nen, weil die Par­tei­en nicht auf einer "gemein­sa­men Betriebs­stät­te" tätig gewe­sen sind.
Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des erken­nen­den Bun­des­ge­richts­hofs erfasst der Begriff der "gemein­sa­men Betriebs­stät­te" betrieb­li­che Akti­vi­tä­ten von Ver­si­cher­ten meh­re­rer Unter­neh­men, die bewusst und gewollt bei ein­zel­nen Maß­nah­men inein­an­der grei­fen, mit­ein­an­der ver­knüpft sind, sich ergän­zen oder unter­stüt­zen, wobei es aus­reicht, dass die gegen­sei­ti­ge Ver­stän­di­gung still­schwei­gend durch blo­ßes Tun erfolgt. Erfor­der­lich ist ein bewuss­tes Mit­ein­an­der im Betriebs­ab­lauf, das sich zumin­dest tat­säch­lich als ein auf­ein­an­der bezo­ge­nes betrieb­li­ches Zusam­men­wir­ken meh­re­rer Unter­neh­men dar­stellt. Die Tätig­keit der Mit­wir­ken­den muss im fak­ti­schen Mit­ein­an­der der Betei­lig­ten auf­ein­an­der bezo­gen, mit­ein­an­der ver­knüpft oder auf gegen­sei­ti­ge Ergän­zung oder Unter­stüt­zung aus­ge­rich­tet sein [1]. § 106 Abs. 3 Fall 3 SGB VII ist nicht schon dann anwend­bar, wenn Ver­si­cher­te zwei­er Unter­neh­men auf der­sel­ben Betriebs­stät­te auf­ein­an­der­tref­fen. Eine "gemein­sa­me" Betriebs­stät­te ist nach all­ge­mei­nem Ver­ständ­nis mehr als "die­sel­be" Betriebs­stät­te; das blo­ße Zusam­men­tref­fen von Risi­ko­sphä­ren meh­re­rer Unter­neh­men erfüllt den Tat­be­stand der Norm nicht. Par­al­le­le Tätig­kei­ten, die sich bezie­hungs­los neben­ein­an­der voll­zie­hen, genü­gen eben­so wenig wie eine blo­ße Arbeits­be­rüh­rung. Erfor­der­lich ist viel­mehr eine gewis­se Ver­bin­dung zwi­schen den Tätig­kei­ten als sol­chen in der kon­kre­ten Unfall­si­tua­ti­on, die eine Bewer­tung als "gemein­sa­me" Betriebs­stät­te recht­fer­tigt [2].
Das Bestehen einer "gemein­sa­men Betriebs­stät­te" kann im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall zwar nicht mit der Begrün­dung abge­lehnt wer­den, dass zwi­schen den Arbeit­ge­bern der Par­tei­en ledig­lich ein Kauf­ver­trag geschlos­sen wor­den sei und die bei des­sen Erfül­lung erbrach­te Lade­hil­fe des Ver­käu­fers kei­ne "gemein­sa­me Betriebs­stät­te" begrün­den kön­ne. Die ver­trag­li­chen oder sons­ti­gen Bezie­hun­gen, die zu dem Tätig­wer­den der Arbeit­neh­mer der ver­schie­de­nen Unter­neh­men geführt haben, spie­len für die Beur­tei­lung, ob eine gemein­sa­me Betriebs­stät­te vor­liegt, kei­ne Rol­le. Der Haf­tungs­aus­schluss knüpft allei­ne an die oben dar­ge­stell­ten Merk­ma­le an und ist (allei­ne) im Hin­blick auf die zwi­schen den Arbeit­neh­mern bestehen­de Gefah­ren­ge­mein­schaft gerecht­fer­tigt [3].
Aller­dings hat in der beschrie­be­nen Fall­kon­stel­la­ti­on nicht die für eine "gemein­sa­me Betriebs­stät­te" typi­sche Gefahr bestan­den, dass sich die Betei­lig­ten bei den ver­si­cher­ten Tätig­kei­ten "ablauf­be­dingt in die Que­re kom­men" [4]. Es ist zu beach­ten, dass sich die Beur­tei­lung, ob eine "gemein­sa­me Betriebs­stät­te" vor­lag, auf kon­kre­te Arbeits­vor­gän­ge bezie­hen muss [5].
Im hier vom BGH ent­schie­de­nen Streit­fall ist bezo­gen auf den Unfall­zeit­punkt noch kein auf­ein­an­der bezo­ge­nes betrieb­li­ches Zusam­men­wir­ken meh­re­rer Unter­neh­men fest­zu­stel­len, bei dem die Tätig­keit der Mit­wir­ken­den im fak­ti­schen Mit­ein­an­der der Betei­lig­ten auf­ein­an­der bezo­gen, mit­ein­an­der ver­knüpft oder auf gegen­sei­ti­ge Ergän­zung oder Unter­stüt­zung aus­ge­rich­tet war und sich die Betei­lig­ten bei den ver­si­cher­ten Tätig­kei­ten ablauf­be­dingt in die Que­re kom­men konn­ten. Nach den Fest­stel­lun­gen hat­te der Beklag­te den Gabel­stap­ler mit den zu ver­la­den­den Säcken aus dem Lager her­an­ge­fah­ren und ca. zwei Meter von dem Klein­trans­por­ter ent­fernt abge­stellt. Dabei han­del­te es sich ledig­lich um die Bereit­stel­lung der Ware zur Abho­lung durch den Klä­ger. Ein etwai­ges auf den Lade­vor­gang bezo­ge­nes Zusam­men­wir­ken der Par­tei­en hat­te bis zu die­sem Zeit­punkt noch nicht begon­nen.
Die von dem Beklag­ten behaup­te­te Abspra­che, dem Klä­ger beim Ver­la­den der Ware zu hel­fen, hat sich auf den vor­lie­gen­den Unfall­ver­lauf nicht aus­ge­wirkt. Dass bereits das Her­an­fah­ren der Ware und das Abstel­len des Gabel­stap­lers auf einer Abspra­che der Par­tei­en beruht habe, macht der Klä­ger nicht gel­tend.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Mai 2011 – VI ZR 152/​10
vgl. BGH, Urtei­le vom 17.10.2000 – VI ZR 67/​00, BGHZ 145, 331, 336; vom 24.06.2003 – VI ZR 434/​01, BGHZ 155, 205, 207 f.; vom 16.12. 2003 – VI ZR 103/​03, BGHZ 157, 213, 216 f.; vom 17.06.2008 – VI ZR 257/​06, BGHZ 177, 97 Rn. 19; vom 01.02.2011 – VI ZR 227/​09, VersR 2011, 500 Rn. 7 jeweils mwN[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 23.01.2001 – VI ZR 70/​00, VersR 2001, 372, 373; vom 14.09. 2004 – VI ZR 32/​04, VersR 2004, 1604 f.; vom 08.06.2010 – VI ZR 147/​09, VersR 2010, 1190 Rn. 14.; vom 01.02.2011 – VI ZR 227/​09, aaO[↩]
vgl. dazu BGH, Urteil vom 16.12. 2003 – VI ZR 103/​03, aaO S. 218 mwN[↩]
vgl. dazu BGH, Urteil vom 16.12.2003 – VI ZR 103/​03, aaO S. 217[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 01.02.2011 – VI ZR 227/​09, aaO Rn. 7, 9[↩]
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