Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/schriftliche-prozessvollmacht-391786
Timestamp: 2020-08-10 11:52:15
Document Index: 101562527

Matched Legal Cases: ['§ 62', '§ 62', '§ 62', '§ 62', '§ 62', '§ 62', '§ 3', '§ 62', '§ 124', '§ 145', '§ 62']

Schriftliche Prozessvollmacht | Rechtslupe
Nach § 62 Abs. 2 FGO kön­nen sich die Betei­lig­ten u.a. durch einen Rechts­an­walt ver­tre­ten las­sen. Die Bevoll­mäch­ti­gung ist durch eine schrift­li­che Voll­macht nach­zu­wei­sen (§ 62 Abs. 6 Satz 1 FGO). Das Gericht hat den Man­gel der Voll­macht von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen, wenn nicht als Bevoll­mäch­tig­ter eine in § 62 Abs. 2 Satz 1 FGO bezeich­ne­te Per­son oder Gesell­schaft auf­tritt (§ 62 Abs. 6 Satz 4 FGO).
Aus § 62 Abs. 6 Satz 4 FGO folgt nicht zwin­gend, dass das Feh­len der Pro­zess­voll­macht bei Auf­tre­ten einer in § 62 Abs. 2 Satz 1 FGO bezeich­ne­ten Per­son oder Gesell­schaft unbe­acht­lich ist. Viel­mehr ist in einem sol­chen Fall nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen dar­über zu ent­schei­den, ob die Vor­la­ge einer Voll­macht für not­wen­dig erach­tet wird oder nicht [1]. Danach kann eine Voll­macht bei begrün­de­ten Zwei­feln an der Bevoll­mäch­ti­gung ange­for­dert wer­den [2]. Für die Annah­me der­ar­ti­ger Zwei­fel an einer Bevoll­mäch­ti­gung, die bei dem Auf­tre­ten von Per­so­nen i.S. von § 3 Nr. 1 bis 3 StBerG die Anfor­de­rung einer Voll­macht recht­fer­ti­gen kön­nen, müs­sen jedoch kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür vor­lie­gen, dass die in § 62 Abs. 6 Satz 4 FGO genann­te Per­son oder Gesell­schaft tat­säch­lich nicht oder nicht wirk­sam bevoll­mäch­tigt ist [3]. Da die Anfor­de­rung der Voll­macht kei­nen stren­gen Aus­nah­me­cha­rak­ter hat, darf der Nach­weis der Voll­macht ver­langt wer­den, sofern ‑zumin­dest gerin­ge- Zwei­fel bestehen [4].
Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall ent­hal­ten sowohl das Auf­for­de­rungs­schrei­ben des Finanz­ge­richts als auch die Ent­schei­dungs­grün­de des finanz­ge­richt­li­chen Urteils Erwä­gun­gen, die geeig­net sind, Zwei­fel an der Bevoll­mäch­ti­gung der Rechts­an­wäl­te – X und Y zu recht­fer­ti­gen: Das Finanz­amt hat­te am 24.09.2012 einen Umsatz­steu­er-Jah­res­be­scheid 2010 erlas­sen, gegen den die Z‑Ltd. im Namen des Klä­gers Kla­ge erhob. Damit waren für das Streit­jahr 2010 zwei Rechts­strei­tig­kei­ten anhän­gig, in denen es um die­sel­ben mate­ri­ell-recht­li­chen Fra­gen ging und die zuein­an­der in viel­fäl­ti­ger Bezie­hung ste­hen:
Die Jah­res­steu­er­fest­set­zung nimmt mate­ri­ell-recht­lich den Inhalt der Steu­er­fest­set­zun­gen für die Vor­anmel­dungs­zeit­räu­me in sich auf, sodass die Umsatz­steu­er-Vor­aus­zah­lungs­be­schei­de ihre Wirk­sam­keit ver­lie­ren [5]. Das mate­ri­el­le Ergeb­nis der im Kalen­der­jahr posi­tiv oder nega­tiv ent­stan­de­nen Umsatz­steu­er wird für die Zukunft aus­schließ­lich mit dem Jah­res­um­satz­steu­er­be­scheid fest­ge­stellt [6]. Die Umsatz­steu­er-Vor­anmel­dun­gen haben eine nur vor­läu­fi­ge Wir­kung. Dies zeigt sich dar­an, dass die­se kei­ner mate­ri­el­len Bestands­kraft in dem Sin­ne fähig sind, dass ‑mit gegen­über dem Jah­res­steu­er­be­scheid durch­setz­ba­rer Ver­bind­lich­keit- über das Bestehen einer Umsatz­steu­er­schuld ent­schie­den wird [7] mit Hin­weis auf die BFH, Urtei­le vom 29.11.1984 – V R 146/​83 [8] sowie vom 01.10.1992 – V R 81/​89 [9]. Das end­gül­ti­ge mate­ri­ell-recht­li­che Schick­sal der Vor­aus­zah­lungs­schuld hängt daher grund­sätz­lich von der Fest­set­zung der Jah­res­um­satz­steu­er ab [10]. In ver­fah­rens­recht­li­cher Hin­sicht bewirkt die Fest­set­zung der Jah­res­um­satz­steu­er, dass sich die Steu­er­fest­set­zun­gen für Vor­anmel­dungs­zeit­räu­me auf­grund von Vor­anmel­dun­gen oder Vor­aus­zah­lungs­be­schei­den nach § 124 Abs. 2 der Abga­ben­ord­nung auf ande­re Wei­se erle­di­gen [11].
Auch wenn es einem Steu­er­pflich­ti­gen unbe­nom­men ist und bleibt, in der­ar­ti­gen Fäl­len zwei Ver­tre­ter mit der Wahr­neh­mung sei­ner Inter­es­sen zu beauf­tra­gen, ent­sprä­che dies nicht dem Regel­fall. Die auf­ge­zeig­ten Beson­der­hei­ten geben viel­mehr Anlass zur Nach­fra­ge und Prü­fung des Finanz­ge­richt, ob tat­säch­lich der Aus­nah­me­fall einer dop­pel­ten Bevoll­mäch­ti­gung vor­liegt.
Dem kann der Klä­ger nicht ent­ge­gen­hal­ten, dass das Finanz­ge­richt von einer kol­le­gia­len Zusam­men­ar­beit des Rechts­an­walts – X mit der Z‑Ltd. gewusst und die­ser zahl­rei­che Ver­fah­ren der Z‑Ltd. nach deren Zurück­wei­sung als Bevoll­mäch­tig­te über­nom­men habe. Denn es ist weder vor­ge­tra­gen noch für den Bun­des­fi­nanz­hof ersicht­lich, dass die Z‑Ltd. im Rechts­streit wegen Umsatz­steu­er 2010 vom Finanz­ge­richt zurück­ge­wie­sen wur­de.
Kommt das Gericht ‑wie im Streit­fall- zu dem Ergeb­nis, dass die Vor­la­ge der Voll­macht nicht ver­zicht­bar ist, so ist der von dem voll­macht­lo­sen Ver­tre­ter ein­ge­leg­te Rechts­be­helf als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen [12].
Soweit der Klä­ger rügt, dass die Kos­ten des Rechts­streits zu Unrecht auch der Rechts­an­wäl­tin Y auf­er­legt wur­den, ist die Beschwer­de gemäß § 145 FGO unzu­läs­sig. Hier­nach ist die Anfech­tung der Ent­schei­dung über die Kos­ten unzu­läs­sig, wenn nicht ein Rechts­mit­tel gegen die Haupt­sa­che­ent­schei­dung ein­ge­legt wird bzw. wenn die­ses ‑wie im Streit­fall- unzu­läs­sig ist [13].
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. Febru­ar 2015 – V B 107/​14
BFH, Beschluss vom 15.04.2010 – V B 7/​09, BFH/​NV 2010, 1830[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 11.02.2003 – VII R 18/​02, BFHE 201, 409, BStBl II 2003, 606, m.w.N.[↩]
BFH, Beschluss vom 07.05.2014 – II B 117/​13, BFH/​NV 2014, 1232, m.w.N.[↩]
BFH, Beschluss vom 24.06.2008 – IV B 83/​07, BFH/​NV 2008, 1856, unter Hin­weis auf die Geset­zes­ma­te­ria­li­en zu § 62 FGO in BT-Drs. 14/​4061, S. 7 f., unter III.B. zu Nr. 3[↩]
vgl. z.B. BFH, Urteil vom 19.05.2005 – V R 31/​03, BFHE 210, 167, BStBl II 2005, 671; BFH, Beschluss vom 16.12 2009 – V B 23/​08, BFH/​NV 2010, 1866[↩]
BFH, Beschluss vom 22.08.1995 – VII B 107/​95, BFHE 178, 532, BStBl II 1995, 916, 917; BFH, Urteil vom 21.02.1991 – V R 130/​86, BFHE 163, 408, BStBl II 1991, 465, 466[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 15.06.1999 – VII R 3/​97, BFHE 189, 14, BStBl II 2000, 46 ff., 51, unter 2.b ddd[↩]
BFHE 143, 101, BStBl II 1985, 370[↩]
BFHE 169, 117, BStBl II 1993, 120[↩]
BFH, Urteil in BFHE 189, 14, BStBl II 2000, 46 ff., 51, unter 2.b ddd[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 07.07.2011 – V R 42/​09, BFHE 234, 519, BStBl II 2014, 76, m.w.N.[↩]
BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2010, 1830; und vom 11.11.2009 – I B 153/​09, BFH/​NV 2010, 904[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 24.11.2011 – IV B 85/​10, BFH/​NV 2012, 585; und vom 19.12 2007 – X B 89/​07, BFH/​NV 2008, 599[↩]
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