Source: https://www.sifa-sibe.de/gesundheit/ethik-des-arbeitsschutzes/
Timestamp: 2020-07-09 17:59:10
Document Index: 31785287

Matched Legal Cases: ['Art. 1', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 12', 'Art. 12', 'Art. 7', 'Art. 10', 'Art. 8']

Ethik des Arbeitsschutzes. Jenseits von Gesetz, Messinstrument und Betriebsanweisung -
Ethik des Arbeits­schut­zes
Jenseits von Gesetz, Messinstrument und Betriebsanweisung
Abb. 2: Die möglicherweise erste Arbeitsschutzbestimmung steht in der Bibel.
Quelle: wikipedia Foto: Tomasz Sienicki
Abb. 3: Immanuel Kant (1724-1804) war ein deutscher Philosoph der Aufklärung. Sein Werk „Kritik der reinen Vernunft“ wird als Beginn der modernen Philosophie angesehen.
Abb. 5:Landgericht in Frankfurt am Main.
Quelle: wikipedia Foto: dontworry.
Abb. 4: Glashütte Eleonorenhain (heute Lenora) Böhmen, 1890, Kinderarbeit beim Eintragen
Quelle: wikipedia Urheber: unbekannt
Bei unse­rem tägli­chen Bemü­hen, Arbeits­plätze sicher und menschen­ge­recht zu gestal­ten, sind wir während der meis­ten Zeit mit vielen klei­ne­ren und größe­ren konkre­ten Proble­men beschäf­tigt. Auf der Stre­cke bleibt dabei in der Regel eine Reflek­tion und das Gewahr­wer­den des „tiefe­ren Sinns“ unse­rer Arbeit. Deshalb ein Blick über den Teller­rand.
Der Verpflich­tung, Arbeit­neh­mer vor mögli­chen Gefah­ren der Arbeit zu schüt­zen basiert in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land auf dem Grund­recht auf Leben und körper­li­che Unver­sehrt­heit. Hier­auf hat sich unsere Gesell­schaft im Arti­kel 2, Abs. 2 des Grund­ge­set­zes (GG) verstän­digt und dies wird trotz vieler ausein­an­der stre­ben­der Kräfte in unse­rem Staat von nieman­dem ernst­lich in Frage gestellt. Dabei basiert die Unver­letz­lich­keit der Person auf einer Sonder­stel­lung des Menschen, auf seiner „Würde“. Diese Würde ist unan­tast­bar (Art. 1, Abs. 1 GG) und nur dem Menschen eigen. Die Rechts­wir­kun­gen der EU-Arbeitsschutz-Rahmenrichtlinie 98 /391 EG bzw. des Arbeits­schutz­ge­set­zes können nur grei­fen, weil sie diesem Grund­satz nicht wider­spre­chen.
Wo kommt aber die Würde her? Das abend­län­di­sche Denken nährt sich aus vielen Strö­mun­gen, unter denen aber die jüdisch-christlichen und griechisch-römischen Tradi­ti­ons­li­nien die mäch­tigs­ten sind. Bereits am Anfang der Bibel wird unmiss­ver­ständ­lich fest­ge­stellt, dass Gott den Menschen zu seinem Abbild schuf. Diese Gottes­bild­schaft begrün­det damit die heraus­ra­gende Stel­lung des Menschen in dieser Welt und damit auch seine Würde. Klare Umgangs­re­geln setzen dieses Würde­kon­zept im Alten Testa­ment in die Tat um. Inter­es­san­ter­weise kommen die Grie­chen bei ähnli­cher Ausgangs­lage zu einem völlig ande­ren Ergeb­nis: Prome­theus schafft den Menschen als Abbild der Götter und die allwis­sende Pallas Athene haucht ihm den Geist ein. Daraus ergibt sich hier aber keine beson­dere Würde des Menschen und die antike Philo­so­phie tut sich mit der Menschen­würde schwer. Aris­to­te­les z. B. vertritt ein Würde­kon­zept, das an Leis­tung für die Gemein­schaft gebun­den ist, das aber nicht als Wert „an sich“ und unab­hän­gig von Verdienst, Anse­hen etc. grund­sätz­lich für alle Menschen gilt. Erst bei Cicero begeg­net uns mit seiner „Digni­tas“ ein Gedanke, der unse­ren Vorstel­lun­gen von Menschen­würde näher kommt.
Dies bedeu­tet natür­lich nicht, dass den anti­ken Gesell­schaf­ten ethi­sches, also mora­li­sches Handeln fremd war. Aris­to­te­les prägte den Begriff, aber schon vorher dach­ten die Gelehr­ten darüber nach, wie in welchen Situa­tio­nen zu handeln war. Viele philo­so­phi­sche „Schu­len“ – wie etwa die Stoa – zeig­ten einen hohen ethi­schen Anspruch, und gerade diese Denk­rich­tung unter­schied nicht zwischen den Stän­den oder der Stel­lung von Perso­nen. Dies hatte aber offen­sicht­lich keine Auswir­kun­gen auf die nega­ti­ven Begleit­erschei­nun­gen der Arbeit. Jeden­falls spot­ten römi­sche Schrift­stel­ler über Haltungs­schä­den bei Schnei­dern, berufs­be­ding­ten Augen­krank­hei­ten u. a [1]. Nicht gerade ein Hinweis auf ein hohes ethi­sches Bewusst­sein bzgl. der Arbeit.
An diesem Zustand hat sich im Laufe der Jahr­hun­derte fast nichts geän­dert. Die Gesell­schaf­ten der Antike, des frühen und hohen Mittel­al­ters haben kaum nennens­werte Anstren­gun­gen in Punkto Gleich­be­hand­lung aufgrund einer beson­de­ren Würde aller Menschen im Allge­mei­nen und mit Bezug zur Arbeit im Spezi­el­len gemacht.
In unse­rem moder­nen Sinne entwi­ckelte sich die philo­so­phi­sche Konstruk­tion der Menschen­würde erst in der begin­nen­den Neuzeit. Im Zeit­al­ter des Huma­nis­mus, der kirch­li­chen Refor­men, der protes­tan­ti­schen Refor­ma­tion und im Zuge der Aufklä­rung entwi­ckeln große Denker eine zuneh­mend komple­xere und tiefere Sicht auf die Frage der Würde aller Menschen. Genannt seien beispiel­haft Thomas Hobbes, John Locke, Samuel Pufen­dorf, Imma­nuel Kant. Dabei kommt es zu einer wich­ti­gen Ergän­zung, denn der Menschen­würde als ideelle Anschau­ung wird der Gedanke eines konkre­ten (und ggf. einklag­ba­ren) allge­mei­nen Menschen­rech­tes an die Seite gestellt.
Dabei handelt es sich um ein sog. subjek­ti­ves Recht, d. h. es ist nicht aus einer höhe­ren Instanz begründ­bar. Zumin­dest nicht, wenn man den Gedan­ken­weg der Aufklä­rer im 18. Jahr­hun­dert geht, die hierin ein nicht näher zu defi­nie­ren­des „Natur­recht“ außer­halb theo­lo­gi­scher Begrün­dun­gen sahen, das auf alle Menschen, egal welcher Rasse, welchen Geschlechts, Bildungs­stands, welcher Einkom­mens­ver­hält­nisse, Arbeits­si­tua­tion usw. zutref­fend ist. Nach christ­li­cher Auffas­sung wären aller­dings die allen Menschen zuste­hen­den Rechte durch Gott gege­ben, hätten also einen Urhe­ber.
Dass in den anfäng­li­chen Formu­lie­run­gen der Menschen­rechte durch­aus noch die Beto­nung der gött­li­chen Gabe erfolgte, zeigen die ersten Worte der ameri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1776, in der das erste Mal die Menschen­würde als Staats­ziel formu­liert wurde:
„Wir halten diese Wahr­hei­ten für ausge­macht, dass alle Menschen gleich erschaf­fen wurden, dass sie von ihrem Schöp­fer mit gewis­sen unver­äu­ßer­li­chen Rech­ten begabt wurden, worun­ter Leben, Frei­heit und das Stre­ben nach Glück­se­lig­keit sind. Dass zur Versi­che­rung dieser Rechte Regie­run­gen unter den Menschen einge­führt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwil­li­gung der Regier­ten herlei­ten“. [2]
Für die reale Praxis spielt aller­dings die Unter­schei­dung zwischen theo­lo­gi­schen und säku­la­ren Begrün­dun­gen keine entschei­dende Rolle. Allein durch die Menschen­rechte und darauf aufbau­ende Spezi­al­re­ge­lun­gen kann die Würde des Menschen als sonst rein intel­lek­tu­el­les Konstrukt konkre­ti­siert und für den einzel­nen Menschen gesi­chert werden.
Karriere der Arbeit
Die Umset­zung oder Einhal­tung von Rech­ten im Allge­mei­nen und der Menschen­rechte im Spezi­el­len erfor­dert aber eine Über­tra­gung auf die tatsäch­li­che Lebens­si­tua­tion der Menschen. Das gilt auch für den Bereich mensch­li­cher Arbeit, die jedoch über lange Zeit­räume keinen hohen Stel­len­wert besaß, da sie eben nicht von jenen Perso­nen ausge­führt wurde, die ggf. über die Würde des Menschen nach­dach­ten.
Viel klarer als alle Beispiele aus der Geschichte zeigt die Wort­her­kunft (Etymo­lo­gie) der Begriffe für Arbeit, welchen Stel­len­wert diese Tätig­keit einmal hatte. Unser Wort „Arbeit“ kommt aus dem althoch­deut­schen Begriff „Arba“ und bezeich­net eigent­lich den Knecht. Ähnlich im Latei­ni­schen, wo Labora (engl. Labour) vom Ursprung her „leiden“ bedeu­tet. Das Altgrie­chi­sche „Ponos“ ist Mühe, Last, Pein, das fran­zö­si­sche Travail geht auf den Begriff für Foltern zurück und das russi­sche „Rabota“, von „Rab“ bezeich­net eigent­lich einen Skla­ven [3]. Arbeit wurde einst nur von Skla­ven, Knech­ten und ande­ren Perso­nen nied­ri­gen Stan­des ausge­führt, während dieje­ni­gen, die etwas zu bestim­men hatten, Staats­ge­schäfte betrie­ben, „edlem“ Kriegs­werk obla­gen – oder philo­so­phier­ten. Warum sollte man sich also ggf. Gedan­ken über die Tätig­keit der Recht­lo­sen, der Leib­ei­ge­nen, von Kriegs­ge­fan­ge­nen etc. machen?
Eine Ausnahme stellt das alte Israel dar. Das ist inso­fern wich­tig, da die spätere Wert­schät­zung der Arbeit auch auf christ­li­che Anschau­un­gen zurück­geht, die hier ihre Wurzeln haben. Im Alten Testa­ment finden wir Sätze wie „Lässige Hand macht arm; aber der Flei­ßi­gen Hand macht reich“ oder „Wer sein Land bebaut, wird mit Brot gesät­tigt werden; wer aber nich­ti­gen Dingen nach­jagt, ist unver­stän­dig“ (Sprü­che 10, 4 und 12,11). Diese und ähnli­che Ausdrü­cke erin­nern an unsere eige­nen klei­nen Merk­sätze wie „Morgen­stund hat Gold im Mund“, „Früher Vogel fängt den Wurm“, usw.
Den Menschen des Alten Testa­ments war Arbeit kein Makel, ja wahr­schein­lich gera­dezu eine Voraus­set­zung für ein gott­ge­fäl­li­ges Leben: „Ein treuer Mann hat viel Segen; wer aber hastig ist, reich zu werden, wird nicht schuld­los sein“ (Spr. 28, 20). Es verwun­dert deshalb nicht, dass das Alte Testa­ment Rege­lun­gen zum Schutz des arbei­ten­den Menschen, der Knechte und Mägde, enthält (siehe Kasten 1). Die Bedin­gun­gen waren sicher rauer als heute, Arbeit stellte aber keinen rechts­freien Raum dar. Gleich­be­hand­lung vor dem Gesetz und Verant­wor­tun­gen waren klar beschrie­ben. Dage­gen war z. B. nach römi­schem Recht die Verlet­zung oder der Tod eines Skla­ven durch Dritte eine Sach­be­schä­di­gung, die gegen­über dem Besit­zer des Skla­ven (nicht etwa dem Skla­ven) entschä­di­gungs­pflich­tig war.
In diesem Zusam­men­hang wird gerne immer eine Stelle zitiert, die mögli­cher­weise die erste Arbeits­schutz­be­stim­mung ist: „Wenn du ein neues Haus baust, so mache eine Lehne darum auf deinem Dache, auf dass du nicht Blut auf dein Haus ladest, wenn jemand herab­fiele.“ (5. Mose 22.8, Luther­bi­bel 1912)
Da die Dächer im vorde­ren Orient und im Mittel­meer­raum häufig als Arbeits­platz genutzt wurden und noch werden, schützt diese Bestim­mung durch­aus vor Unfäl­len bei der Arbeit. Es handelt sich aber um einen allge­mei­nen Perso­nen­schutz, da das Gebot natür­lich auch für die Haus­be­woh­ner und jegli­che Nutzung des Gebäu­des gilt. Wich­ti­ger erscheint mir aber, dass hier eine klare Verant­wort­lich­keit fest­ge­legt wurde: Wer ein Gewerk errich­tet, soll es so ausfüh­ren, dass keine Unfälle passie­ren, weder in der Frei­zeit noch bei der Arbeit. Dadurch wird – modern gespro­chen – erst­mals die Pflicht des Arbeit­ge­bers zu Schutz­maß­nah­men fest­ge­schrie­ben.
Die hohe Rolle der Arbeit findet sich immer wieder an verschie­de­nen Stel­len der christ­li­chen Tradi­tion. Das berühmte „Ora et Labora“ der mönchi­schen Lebens­welt setzt die (harte) Arbeit auf eine glei­che Ebene wie das Gebet. Da ist kein „drüber“ und „drun­ter“, sondern ein „sowohl als auch“. Letzt­end­lich ist es Luther, der den christ­li­chen Stand­punkt des Wertes der Arbeit erschal­len lässt, wenn er fanfa­ren­ar­tig verkün­det: „…so höre, was deine Arbeit ist: Sie ist die heiligste Sache, durch die Gott erfreut wird und durch die Er den Seinen Segen schen­ken und geben will“ [4]. Arbeit ist hier nicht mehr etwas Nied­ri­ges, sondern „Gottes­dienst mit ande­ren Mitteln“.
Diese hier ange­deu­tete theo­lo­gisch begrün­dete Wert­schät­zung der Arbeit setzte sich vor allem in den protes­tan­tisch oder pietis­tisch gesinn­ten Ländern [5] durch. Paral­lel dazu gelan­gen aber auch die philo­so­phi­schen Denker zu der Erkennt­nis, dass Arbeit eine mensch­li­che Daseins- und Berech­ti­gungs­form und eine moral­phi­lo­so­phisch sitt­li­che Pflicht darstellt. Arbeit wird als eine der wich­tigs­ten mensch­li­chen Fakto­ren gewür­digt. Fried­rich Engels gar stellt fest: „Sie ist die erste Grund­be­din­gung alles mensch­li­chen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewis­sem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaf­fen.“ [5]
Das heißt aber nicht unbe­dingt, dass Arbeit immer „schme­cken“ muss, wie ein bekann­tes Zitat von Imma­nuel Kant belegt: „Warum ist die Arbeit die beste Art, sein Leben zu genie­ßen? Weil sie beschwer­li­che (an sich unan­ge­nehme und nur durch den Erfolg ergöt­zende) Beschäf­ti­gung ist und die Ruhe, durch das bloße Verschwin­den einer langen Beschwerde, zur fühl­ba­ren Lust, dem Froh­sinn wird, da sie sonst nichts Genieß­ba­res sein würde.“[7]
Die mit der Neuzeit aufkei­mende und sich dann durch­set­zende Hoch­schät­zung der Arbeit lässt sich aber weder aus christ­li­chen Tradi­ti­ons­li­nien noch aus philo­so­phi­schen Syste­men allein erklä­ren, sondern hat ihren wesent­li­chen Grund vor allem in einer völli­gen Neuori­en­tie­rung der gesell­schaft­li­chen Verhält­nisse. Mit Unter­gang der feuda­len mittel­al­ter­li­chen Struk­tur, dem zuneh­men­den Aufblü­hen der Städte, der Auswei­tung von Hand­werk, Handel und Geld­ver­kehr und nicht zuletzt auch durch die Entde­ckun­gen und Erobe­run­gen in Über­see, hatten sich die alten Konzepte über­lebt.
Außer­dem gewann die Arbeit auch dadurch an Bedeu­tung, dass sie in einem gewis­sen Grade Standes- und Rang­un­ter­schiede aufzu­he­ben vermochte. Sie durch­drang zunächst in den Städ­ten des Spät­mit­tel­al­ters und der Renais­sance, später im Rahmen der indus­tri­el­len Revo­lu­tion und des Früh- und Hoch­ka­pi­ta­lis­mus alle Gesell­schafts­be­rei­che, machte die einen reich und führte – auf der Kehr­seite – die ande­ren ins Elend.
Insbe­son­dere das 19. Jahr­hun­dert ist durch einen tiefen Riss zwischen Anspruch und Wirk­lich­keit gekenn­zeich­net. Während auf der einen Seite hehre Ideale die Menschen­würde hoch­hiel­ten, kam es auf der ande­ren Seite z. B. in den Indus­trie­re­gio­nen von England, Frank­reich, Deutsch­land zu menschen­un­wür­digs­ten Arbeits­be­din­gun­gen. Dem Inter­es­sier­ten sei an dieser Stelle die Lektüre des Romans „Germi­nal“ von Emile Zola oder der Bericht „Die Lage der arbei­ten­den Klasse in England“ von Fried­rich Engels empfoh­len.
In dieser Lage entstan­den die ersten Arbeits­schutz­re­ge­lun­gen, wie z. B. die preu­ßi­sche Gewer­be­ord­nung, die Grün­dung der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten usw. Dabei stan­den aller­dings meist keine ethi­schen, sondern natio­nale oder wirt­schaft­li­che Motive im Vorder­grund. Als im März 1839 mit dem Preu­ßi­schen Regu­la­tiv die Kinder­ar­beit verbo­ten und Jugend­li­chen­ar­beit einge­schränkt wurde, stan­den nicht der Geist von John Locke oder Jean-Jaques Rous­seau Pate, sondern schlicht die Fest­stel­lung, dass die jungen Erwach­se­nen nicht mehr zum Mili­tär­dienst taug­ten.
Erst nach einem langen Prozess gelang der Anschluss der Arbeits­welt an die ethi­schen Forde­run­gen der Menschen­würde und der Menschen­rechte. In der (aus sich heraus nicht rechts­bin­den­den) Erklä­rung der Menschen­rechte als auch im Inter­na­tio­na­len Pakt über wirt­schaft­li­che, soziale und kultu­relle Rechte von 1966 wurden die Aspekte der Arbeits­welt und des Arbeits­schut­zes aufge­nom­men.
Dieser so genannte UN-Sozialpakt wurde von fast allen Staa­ten der Erde rati­fi­ziert und stellt dementspre­chend eine bindende Rechts­quelle dar. Spätes­tens seit diesem Zeit­punkt sind sichere und gesunde Arbeits­plätze als Teil der Menschen­rechte inter­na­tio­nal kodi­fi­ziert. Die wich­tigs­ten stich­wort­ar­ti­gen Hinweise, was in dem inter­na­tio­na­len Pakt zum Thema Arbeit gere­gelt ist, finden Sie im Kasten 2.
Selbst­be­sin­nung
Was heißt das jetzt für uns? Sollen wir Arbeits­schutz­ak­teure alle zu „Berufs­ethi­kern“ werden? Sicher nicht. Ethik ist die Philo­so­phie vom rich­ti­gen Handeln und Wollen, was aller­dings „rich­tig“ ist, muss bestimmt werden und kann sich im Rahmen gesell­schaft­li­cher Entwick­lun­gen verän­dern.
Erst im Kontext einer Werte­dis­kus­sion bekommt Ethik und ethi­sches Handeln seinen Sinn. Diese Werte sind für unsere moderne und globale Gesell­schaft in dem Konzept der Menschen­würde und der Formu­lie­rung der Menschen­rechte fest­ge­legt und in den wesent­li­chen Eckpunk­ten in unsere Verfas­sung einge­flos­sen. Ethi­sches Handeln findet also immer dann statt, wenn in irgend­ei­ner Weise diesen Werten Genüge getan wird bzw. dazu beigetra­gen wird. Hierzu gehört es ganz klar auch, Menschen vor allen Gefah­ren durch die Arbeit so weit es geht zu schüt­zen. Das ist der „prak­ti­sche“ Teil der Ethik, denn was nützt es, über Menschen­rechte und Ethik zu philo­so­phie­ren, dem aber keine Taten folgen zu lassen?
Das gilt für Arbeit­ge­ber, die in der Verant­wor­tung für ihre Arbeit­neh­mer stehen. Das gilt aber auch für Spezia­lis­ten, die dem Arbeit­ge­ber helfen, diese ethi­schen Forde­run­gen umzu­set­zen. Ethi­sche Normen (wie z. B. die Menschen­würde) defi­nie­ren nämlich nicht nur Rechte, sondern auch Pflich­ten. Bereits Kant hat klar gesagt, dass ethi­sches Handeln dann seinen höchs­ten Wert erhält, wenn es als Pflicht, also unab­hän­gig von Sympa­thie, persön­li­chen Einstel­lun­gen, Situa­tion usw. ausge­übt wird.
Dabei spielt es aller­dings nur eine unter­ge­ord­nete Rolle, ob die Ergeb­nisse wirk­lich dem Ange­streb­ten entspre­chen, denn nicht alles ist steu­er­bar oder erreich­bar. Ethisch handeln wir nach Kant bereits dann, wenn unser Wollen auf das Gute ausge­rich­tet ist: „Es ist über­all nichts in der Welt, ja über­haupt auch außer dersel­ben zu denken möglich, was ohne Einschrän­kung für gut könnte gehal­ten werden, als allein ein guter Wille“ (Grund­le­gung zur Meta­phy­sik der Sitten). Ethik ist also weni­ger eine Frage des Ergeb­nis­ses unse­res Handelns als viel­mehr eine Einstel­lung, eine Grund­hal­tung, ein Charak­ter­zug oder doch wenigs­tens ein Bemü­hen.
Im Lichte dieses Werte­kon­sen­ses ist die Verwei­ge­rung von Schutz­maß­nah­men oder das „Nicht-Ernst-Nehmen“ des Arbeits­schut­zes zutiefst unmo­ra­lisch, stellt eben kein „Kava­liers­de­likt“ dar und kann daher auch nicht tole­riert werden. Über­all und welt­weit: Es ist auch unmo­ra­lisch, im eige­nen Land zwar die höchs­ten Arbeits­schutz­stan­dards zu haben, große Teile der Produk­tion aber in ande­ren Ländern durch zum Beispiel Kinder­ar­beit bei eben nicht menschen­wür­di­gen Arbeits­be­din­gun­gen ferti­gen zu lassen.
Deshalb soll­ten wir Arbeits­schutz­ex­per­ten uns klar machen, in welchem Rahmen wir unsere Arbeit tun. Wir arbei­ten nicht für den Gesetz­ge­ber, wir arbei­ten auch nicht für unse­ren jewei­li­gen Arbeit­ge­ber oder Kunden, sondern wir arbei­ten für die Menschen. Unsere tägli­che Arbeit, so klein und unschein­bar sie schei­nen mag, ist eben diese prak­ti­sche Ethik, die Menschen­würde in konkrete Schritte umsetzt. Aus dieser Perspek­tive betrachte ich meine Arbeit als eine Aufgabe, die weit über den „Brot­job“ hinaus­reicht. Aber nicht immer machen wir uns das gegen­wär­tig. Daher wünsche ich uns allen, dass wir im Neuen Jahr in der tägli­chen konkre­ten Arbeit und in dem gele­gent­li­chen „Wust“ an Anfor­de­run­gen nicht diesen weiten Blick verlie­ren und dass wir den Mut aufbrin­gen dies bei Bedarf auch auszu­drü­cken.
1. Nach einem Vorle­sungs­skript der Univer­si­tät Pader­born, WS 2002 / 2003; Inter­net: http://groups.uni-paderborn.de/medama/Kapitel/Article_geschichte_des_arbeitsschutzes.pdf
2. Zitiert nach Wiki­pe­dia: Stich­wort „Ameri­ka­ni­sche Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung“
3. Nach einem Vortrag von Prof. Dr. D. Winde­muth (IAG Dres­den) bei der BAD – Exper­ten­ta­gung „Die Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung: Einfluss­fak­tor für wirt­schaft­li­chen Erfolg, Bonn, 4. 5. 2010
4. Zitiert nach Barth, H.-M., Die Theo­lo­gie Martin Luthers. Güters­loh, 2009, S 439
5. Max Weber: Die protes­tan­ti­sche Ethik und der „Geist“ des Kapi­ta­lis­mus. Archiv für Sozi­al­wis­sen­schaft und Sozi­al­po­li­tik 20 (1904), 1 – 54 und 21 (1905). 1– 110
6. Dialek­tik der Natur, Dietz-Verlag Berlin 1962, S 444
7. Kant, Anthro­po­lo­gie, I,2,60Es soll einer­lei Recht unter euch sein, dem Fremd­ling wie dem Einhei­mi­schen; denn ich bin der HERR, euer Gott (3. Mose, 24,22).
Theo­lo­gisch begrün­dete „Arbeit­neh­mer­rechte“ im Alten Testa­ment:
So du einen hebräi­schen Knecht kaufst, der soll dir sechs Jahre dienen; im sieben­ten Jahr soll er frei ausge­hen umsonst (2. Mose 21,2)
Wer seinen Knecht oder seine Magd schlägt mit einem Stabe, dass sie ster­ben unter seinen Händen, der soll darum gestraft werden (2. Mose 21,20)
Wenn jemand seinen Knecht oder seine Magd in ein Auge schlägt und verderbt es, der soll sie frei loslas­sen um das Auge. Desglei­chen, wenn er seinem Knecht oder seiner Magd einen Zahn ausschlägt, soll er sie frei loslas­sen um den Zahn. (2. Mose 21, 26+27)
Es soll des Tage­löh­ners Lohn nicht bei dir blei­ben bis an den Morgen (3. Mose 19,13)
Aber am sieben­ten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun noch dein Sohn noch deine Toch­ter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Ochse noch dein Esel noch all dein Vieh noch dein Fremd­ling, der in deinen Toren ist, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhe wie du. (5. Mose 5,14)
Bei reli­giö­sen Festen: …und sollst fröh­lich sein auf deinem Fest, du und dein Sohn, deine Toch­ter, dein Knecht, deine Magd, der Levit, der Fremd­ling, der Waise und die Witwe, die in deinem Tor sind. (5. Mose 16, 11 +14)
Säku­lar begrün­dete Arbeit­neh­mer­rechte nach dem UN-Sozialpakt von 1966
Recht auf Arbeit allge­mein (Arti­kel 6 (1))
Ange­mes­se­ner Lohn, glei­ches Entgelt für gleich­wer­tige Arbeit (Art. 7 (a i))
Keine ungüns­ti­ge­ren Arbeits­be­din­gun­gen für Frauen und glei­ches Entgelt bei glei­cher Arbeit (Art. 7 (a i)
Sichere und gesunde Arbeits­be­din­gun­gen (Art. 7 (b))
Verbes­se­rung alle Aspekte der Arbeits­hy­giene (Art. 12 (b))
Vorbeu­gung, Behand­lung und Bekämp­fung von Berufs­krank­hei­ten (Art. 12 ©)
Arbeits­pau­sen, Begren­zung der Arbeits­zeit, bezahl­ter Urlaub und gesetz­li­che Feier­tage (Art. 7 (d))
Bezahl­ter Mutter­schafts­ur­laub (Art. 10 (2))
Streik­recht allge­mein (Art. 8 (1d))
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