Source: https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Bvwg/BVWGT_20180724_W134_2180154_1_00/BVWGT_20180724_W134_2180154_1_00.html
Timestamp: 2019-10-20 09:53:25
Document Index: 256856798

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 8', '§ 2', '§ 57', '§ 10', '§ 9', '§ 52', '§ 52', '§ 46', '§ 55', '§ 63', '§ 52', '§ 42', 'Art. 2', 'Art. 3', '§ 57', 'Art. 8', '§ 66', 'Art. 8']

W134 2180154-1
W134 2180154-1/12E
Das Bundesverwaltungsgericht erkennt durch den Richter Mag. Thomas Gruber als Einzelrichter über die Beschwerde von XXXX , geboren am XXXX , Staatsangehörigkeit Afghanistan, vertreten durch den Verein Menschenrechte Österreich, gegen den Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl vom 18.11.2017, Zahl 15-1076608405-150795928, nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung am 19.06.2018 zu Recht:
1. Der Beschwerdeführer (im Folgenden: "BF" genannt) stellte nach unrechtmäßiger Einreise in das österreichische Bundesgebiet am 05.07.2015 den gegenständlichen Antrag auf internationalen Schutz gemäß § 2 Abs. 1 Z 13 des Asylgesetzes 2005 (AsylG 2005), BGBl. I Nr. 100/2005 idF BGBl. I Nr. 24/2016.
2. Am 06.07.2016 fand vor einem Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes die niederschriftliche Erstbefragung des BF statt. Dabei führte er zunächst an, Angehöriger der Volksgruppe der Paschtunen und sunnitischer Moslem zu sein. Zu seinem Fluchtgrund befragt brachte der BF vor, dass in seiner Region bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen würden, weil der IS, die Taliban und die Regierung gegeneinander kämpfen würden. Die Taliban hätten ihn zwangsrekrutieren wollen. Er habe jedoch nicht mit den Taliban zusammenarbeiten und kämpfen wollen und sei deshalb von den Taliban mit dem Tode bedroht worden.
3. Am 05.07.2017 wurde der BF vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl, Regionaldirektion Tirol (im Folgenden: "BFA" genannt), im Asylverfahren niederschriftlich einvernommen. Dabei führte er zunächst an, in der Provinz Nangarhar geboren und aufgewachsen zu sein. Er habe 12 Jahre die Schule besucht und eine 3-monatige Ausbildung im Bereich Impfungen gemacht. Er sei Mitarbeiter in einer internationalen Organisation für Massenimpfungen gegen Polio gewesen. Zudem habe er seinem Vater auf der eigenen Landwirtschaft geholfen. Die finanzielle Situation sei gut, sein Vater besitze ein eigenes Haus, eine Landwirtschaft und arbeite als Sekretär in Jalalabad. Die Familie lebe nach wie vor in einem eigenen Haus in Nangarhar. Ihre wirtschaftliche Situation sei sehr gut und sie lebe in Sicherheit. Bei einer Rückkehr könne er wieder bei seiner Familie leben, wenn es die Fluchtgründe nicht gebe. Sein Vater habe ihn die Flucht finanziert.
Zu seinem Fluchtgrund befragt brachte der BF vor, dass er mit ein paar Schulkollegen am Weg in die Schule gewesen sei. Die Taliban hätten sie auf dem Schulweg angesprochen und gemeint, dass ihnen die Schule auch nichts nutze und sie daher nicht zur Schule gehen sollten. Sie sollen sich lieber den Taliban anschließen und ihnen helfen, da die Regierung nicht gut sei. Nach ein oder zwei Wochen habe er den ersten Drohbrief erhalten. Jeweils zwei oder drei Monate später, habe er noch zwei weitere Drohbriefe erhalten. Im letzten Drohbrief sei er mit dem Tode bedroht worden. Seine kleine Schwester habe ihm die Drohbriefe überbracht. Es sei in Afghanistan üblich, dass die Taliban die Menschen erst drei Mal schriftlich ermahnen und erst dann Gewalt anwenden würden. Er sei noch nie persönlich bedroht oder verfolgt worden.
4. Mit dem angefochtenen Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl wurde der Antrag des BF auf internationalen Schutz gemäß § 3 Abs. 1 iVm. § 2 Abs. 1 Z 13 AsylG bezüglich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten (Spruchpunkt I.) und gemäß § 8 Abs. 1 iVm. § 2 Abs. 1 Z 13 AsylG bezüglich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan (Spruchpunkt II.) abgewiesen. Dem BF wurde gemäß §§ 57 und 55 AsylG ein Aufenthaltstitel aus berücksichtigungswürdigen Gründen nicht erteilt. Gemäß § 10 Abs. 1 Z 3 AsylG iVm § 9 BFA-VG wurde gegen ihn eine Rückkehrentscheidung gemäß § 52 Abs. 2 Z 2 FPG erlassen und weiters gemäß § 52 Abs. 9 FPG festgestellt, dass die Abschiebung des BF gemäß § 46 FPG nach Afghanistan zulässig sei. Weiters wurde in Spruchpunkt IV. ausgeführt, dass die Frist für die freiwillige Ausreise des BF gemäß § 55 Abs. 1 bis 3 FPG zwei Wochen ab Rechtskraft der Rückkehrentscheidung betrage.
Die Abweisung des Antrages auf internationalen Schutz begründete das BFA im Wesentlichen damit, dass das Vorbringen des BF detailarm, knapp und widersprüchlich gewesen sei. Der BF habe nicht genau angeben können, von wie vielen Personen er auf dem Schulweg angesprochen worden sei. Bei den 3 Drohbriefen handle es sich um Totalfälschungen. Diese seien in Afghanistan käuflich erwerblich. In den Drohbriefen vom 21.01.2014, 21.03.2014 und 09.02.2015 werde Mula Mohammad Omar Mojahed als Anführer der Taliban bezeichnet. Dieser sei jedoch bereits im Jahr 2013 verstorben und seinem Nachfolger sei der Titel erst im Jahr 2015 verliehen worden. Aufgrund dieses offensichtlichen Fehlers in den drei Drohbriefen sei davon auszugehen, dass es sich bei den Briefen um Totalfälschungen handle. Der BF habe die Drohbriefe entweder selbst verfasst oder diese verfassen lassen. Zudem habe der Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid angegeben, dass die Taliban keine Drohbriefe versenden würden, dies sei nicht ihr Stil. Der BF habe nicht glaubhaft machen können, dass seitens der Taliban Interesse an ihm bestehe. Seine Familie lebe nach wie vor unbehelligt in Afghanistan. Es sei davon auszugehen, dass der BF aus wirtschaftlichen Gründen geflohen sei. Eine Rückkehr nach Afghanistan sei dem BF zumutbar.
5. Mit Verfahrensanordnung gemäß § 63 Abs. 2 AVG, BGBl. Nr. 51/1991 idF BGBl. I Nr. 161/2013, (in der Folge: AVG) vom 19.11.2017 wurde dem BF gemäß § 52 Abs. 1 BFA-VG der Verein Menschenrechte Österreich als Rechtsberater für das Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht zur Seite gestellt.
6. Gegen den oben genannten Bescheid richtet sich die im Wege seiner Rechtsvertretung am 13.12.2017 erhobene Beschwerde gegen den gegenständlichen Bescheid, welche fristgerecht beim BFA einlangte. In dieser wird u.a. ausgeführt, dass die Angaben des BF nicht widersprüchlich gewesen seien. Der BF habe tatsächlich Drohbriefe erhalten. Der Tod von Mullah Omar sei erst im Juli 2015 publik geworden. Bis dahin hätten die Taliban sein Ableben verschwiegen und in seinem Namen weitergearbeitet. Daher seien die Drohbriefe im Namen des ehemaligen Führers ausgestellt worden. Der Vorwurf der Vorlage von Totalfälschungen sei daher nicht haltbar. Die Taliban würden den BF überall finden können. Die Sicherheitslage in Nangarhar sei volatil. Außerhalb von Nangarhar verfüge der BF über kein soziales Netzwerk. Der BF pflege einen westlichen Lebensstil.
7. Die gegenständliche Beschwerde und die bezughabenden Verwaltungsakten wurden dem Bundesverwaltungsgericht am 14.12.2017 vom BFA vorgelegt.
8. Dem BF wurde das Länderinformationsblatt der Staatendokumentation, Stand 02.03.2017 (zuletzt aktualisiert am 30.01.2018), das Ländergutachten des allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen Mag. Karl Mahringer vom 05.03.2017 sowie die Aktualisierung vom 15.05.2017 im Rahmen des Parteiengehörs mit Schreiben vom 27.03.2018 zur Kenntnis gebracht.
9. Das Bundesverwaltungsgericht führte in der gegenständlichen Rechtssache am 19.06.2018 eine öffentliche mündliche Verhandlung durch, an der der bevollmächtigten Vertretung des BF persönlich teilnahm. Der BF ist trotz ordnungsgemäßer Ladung nicht erschienen. Es wurde gemäß § 42 Abs 4 AVG eine Verhandlung in Abwesenheit des BF durchgeführt.
10. Am 26.06.2018 teilte die Rechtsberaterin des BF mit, dass der BF, laut Auskunft der zuständigen Betreuerin der Tiroler Sozialen Dienste GmbH, den Verhandlungstermin mit einem Arzttermin verwechselt habe. Der BF habe dafür bisher keine Nachweise erbracht.
Der BF wurde am 01.01.1991 geboren. Er ist afghanischer Staatsangehöriger, sunnitischer Moslem und gehört der Volksgruppe der Paschtunen an. Die Muttersprache des BF ist Paschtu. Der BF stammt aus Nangarahr und besuchte dort 12 Jahre die Schule. Der BF absolvierte eine 3-monatige Ausbildung im Bereich Impfungen. Er war Mitarbeiter in einer internationalen Organisation für Massenimpfungen gegen Polio. Zudem half er seinem Vater auf der eigenen Landwirtschaft. Die finanzielle Situation der Familie ist gut. Sein Vater besitzt eine Landwirtschaft und arbeitet als Sekretär in Jalalabad. Die Familie lebt nach wie vor in einem eigenen Haus in Nangarhar. Der Vater des BF hat dem BF die Flucht finanziert.
Der BF ist strafrechtlich unbescholten, jung, gesund und arbeitsfähig.
Es kann nicht festgestellt werden, dass der BF seinen Herkunftsstaat aus wohlbegründeter Furcht, vor den Taliban oder einer anderen konkreten individuellen Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen Gesinnung verlassen hat oder nach einer allfälligen Rückkehr mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit asylrelevante Übergriffe zu befürchten hätte.
Es kann auch nicht festgestellt werden, dass der BF auf Grund seines in Österreich ausgeübten westlichen Lebensstils (selbstbestimmtes Leben, westlicher Kleidungsstil und westliches Frauenbild) in Afghanistan psychischer und/oder physischer Gewalt ausgesetzt wäre.
Im Zeitraum 1.9.2015 - 31.5.2016 wurden in der Provinz Nangarhar 1.901 sicherheitsrelevante Vorfälle registriert (EASO 11.2016).
Die Feststellungen zur Staatsangehörigkeit und zur Herkunft des BF, zu seiner Volksgruppenzugehörigkeit, zu seinem Gesundheitszustand, sowie zu seiner familiären Situation in Afghanistan und in Österreich ergeben sich aus dem diesbezüglich glaubwürdigen Vorbringen und vorgelegten Unterlagen des BF im Rahmen der Einvernahme vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl ("BFA").
Dass der BF strafgerichtlich unbescholten ist, Leistungen aus der Grundversorgung in Anspruch nimmt, und in Österreich keiner legalen Beschäftigung nachgeht, ergibt sich aus der Einsichtnahme ins österreichische Strafregister und ins Grundversorgungssystem.
Die Länderfeststellungen gründen insbesondere auf dem Länderinformationsblatt des BFA, Stand 02.03.2017 (zuletzt aktualisiert am 30.01.2018), dem Gutachten des allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Sachverständigen Mag. Karl Mahringer (im Folgenden: "Mahringer" oder der "Sachverständige" genannt) vom 05.03.2017, zuletzt aktualisiert am 15.05.2017 (im Folgenden: "GA Mahringer" genannt) und den jeweils angeführten Länderberichten angesehener staatlicher und nichtstaatlicher Einrichtungen. Angesichts der Seriosität der Quellen und der Plausibilität ihrer Aussagen besteht kein Grund, an der Richtigkeit der Angaben zu zweifeln, sodass sie den Feststellungen zur Situation in Afghanistan zugrunde gelegt werden konnten. Als allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Afghanistan kommt den Aussagen von Mahringer besondere Glaubwürdigkeit zu.
Dass der BF nicht aus einem asylrelevanten Grund verfolgt wird ergibt sich aus seinem Vorbringen vor dem BFA. Der BF brachte vor, dass er und ein paar Mitschüler auf dem Schulweg von den Taliban angesprochen worden seien. Die Taliban hätten zu ihnen gesagt, dass sie nicht die Schule besuchen, sondern sich lieber den Taliban anschließen sollten. Die Taliban seien auf den BF aufmerksam geworden, weil er zur Schule gegangen und jung gewesen sei. Ein oder zwei Wochen später habe er den ersten Drohbrief erhalten. Die beiden anderen Drohbriefe habe er in einem Abstand von jeweils 2 bis 3 Monaten erhalten. Seine Schwester habe die Drohbriefe nachhause gebracht. Er sei noch nie persönlich bedroht worden. Es mag durchaus sein, dass die Taliban versuchen jungen Burschen die Schule auszureden, sie zu einer Zusammenarbeit zu überreden und für ihren Kampf zu gewinnen, nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit konnte jedoch festgestellt werden, dass diese Rekrutierung durch die Taliban im Fall des BF zwangsweise erfolgte. Die Taliban hätten den BF gleich mitnehmen können, bzw. hätten die Taliban ein halbes Jahr Zeit gehabt, den BF zwangsweise mitzunehmen. Derartige Versuche seitens der Taliban hat es nach Angaben des BF jedoch nicht gegeben. Es ist daher vielmehr davon auszugehen, dass die Taliban versucht haben den BF und seine Freunde zu einer freiwilligen Zusammenarbeit zu überreden. Wie die belangte Behörde schon richtig feststellte, sind Drohbriefe und diverse andere Dokumente in Afghanistan käuflich erwerblich, die Echtheit der Drohbriefe konnte nicht festgestellt werden. Aus diesem Grund konnte auch durch Vorlage der drei Drohbriefe eine Verfolgung durch die Taliban, nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit festgestellt werden.
Zu den Feststellungen hinsichtlich der dem BF nicht drohenden Gewalt auf Grund seines westlichen Lebensstils ist Folgendes auszuführen:
Auf Grund der Kürze des Aufenthalts des BF ist nach Ansicht des erkennenden Gerichts nicht davon auszugehen, dass der BF eine westliche Lebenseinstellung in einer ihn in Afghanistan exponierenden Intensität übernommen hat.
Der BF konnte nach Ansicht des erkennenden Gerichts vor dem Hintergrund der o.a. Länderfeststellungen nicht hinreichend konkret darlegen eine westliche Lebenseinstellung in einer solchen Weise übernommen zu haben, dass ihm im Herkunftsstaat bereits aus diesem Grund psychische bzw. physische Gewalthandlungen drohen würden.
Zur behaupteten Gruppenverfolgung der Afghanen mit einem westlichen Lebensstil wird auf die Ausführungen zur rechtlichen Beurteilung verwiesen.
Dass der BF bei einer allfälligen Rückkehr nach Kabul, Mazar-e Sharif oder Herat nicht mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit in eine existenzbedrohende Notlage geraten würde, ergibt sich aus einer Zusammenschau der wiedergegebenen Länderberichte zu Kabul, Mazar-e Sharif und Herat, welche durch das GA Mahringer bestätigt werden und den festgestellten persönlichen Umständen und familiären (finanziellen) Verhältnissen des BF. Bei dem BF handelt es sich um einen arbeitsfähigen jungen und gesunden Mann, bei dem die grundsätzliche Teilnahmemöglichkeit am Erwerbsleben vorausgesetzt werden kann. Der BF hat, wie der BF in dem Verfahren vor dem BFA und dem BVwG vorbrachte, insgesamt 12 Jahre die Schule besucht. In Afghanistan arbeitete der BF als Mitarbeiter in einer japanischen Hilfsorganisation bei Massenimpfungen gegen Polio und auf der eigenen Landwirtschaft seines Vaters. Mit diesem Bildungsstand ist es dem BF den Länderberichten zufolge durchaus möglich, zumindest Hilfstätigkeiten in Städten, wie Kabul, Mazar-e Sharif oder Herat, zu verrichten. Der BF beherrscht Dari, eine der Landessprachen und ist durch seine Mutter mit den kulturellen Gepflogenheiten seines Herkunftsstaates vertraut. Zudem lebt die Familie des BF nach Angaben des BF nach wie vor in Nangarhar, in guten finanziellen Verhältnissen und könnte den BF daher finanziell unterstützen. Der Vater des BF hat eine eigene Landwirtschaft und arbeitet zusätzlich noch als Sekretär in Jalalabad. Es ist nicht ersichtlich warum eine räumliche Trennung es der Familie unmöglich machen sollte den BF zu unterstützen. Der BF gab auch an wieder bei seiner Familie wohnen zu können, wenn es seine Fluchtgründe nicht mehr gebe. Es ist daher kein Grund ersichtlich, weshalb es dem BF nach etwaigen anfänglichen Schwierigkeiten bzw. einer Eingewöhnungsphase nicht möglich sein sollte, bei seiner Rückkehr nach Afghanistan, ein im Vergleich zu seinen Landsleuten "relativ normales" Leben zu führen. Zudem gehört der BF keinem Personenkreis an, von dem anzunehmen ist, dass er sich in Bezug auf die individuelle Versorgungslage qualifiziert schutzbedürftiger darstellt als die übrige Bevölkerung, die ebenfalls für ihre Existenzsicherung aufkommen kann. Auch in sonstiger Hinsicht ist der BF nicht schlechter gestellt ist als seine Landsleute, daher ist nicht davon auszugehen, dass dem BF bei einer Rückkehr nach Afghanistan unbilligen Härten treffen werden.
Im gegenständlichen Fall ist die belangte Behörde ihrer Ermittlungspflicht durch detaillierte Befragung nachgekommen und ist dem angefochtenen Bescheid ein umfassendes Ermittlungsverfahren vorangegangen. Daher ergeben sich für die in der Beschwerde behauptete Mangelhaftigkeit des Verfahrens aus der Sicht des Bundesverwaltungsgerichtes keinerlei Anhaltspunkte, weshalb in Abwesenheit des BF verhandelt werden konnte. Der Sachverhalt wurde nach Durchführung eines ordnungsgemäßen Ermittlungsverfahrens unter schlüssiger Beweiswürdigung des BFA festgestellt und der Beschwerde konnten keine neuen Sachverhaltselemente entnommen werden, welche geeignet wären, die von der belangten Behörde getroffenen Entscheidung in Frage zu stellen.
Wie bereits im Rahmen der Beweiswürdigung angemerkt, hat der BF kein glaubhaftes Fluchtvorbringen erstattet. Der BF konnte nicht glaubhaft darlegen, dass eine Verfolgung durch die Taliban stattgefunden hat.
Soweit der BF im Rahmen der Beschwerde vorbrachte aufgrund seiner westlichen Geisteshaltung bzw seinen Aktivitäten in Österreich, in seinem Herkunftsstaat Verfolgung fürchten zu müssen, ist es ihm nicht gelungen, eine konkret und gezielt gegen seine Person gerichtete Verfolgung maßgeblicher Intensität, die ihre Ursache in einem der GFK genannten Gründe hätte, glaubhaft zu machen. Aus den vorhandenen Länderberichten sowie dem notorischen Amtswissen ist nicht ableitbar, dass alleine eine westliche Geisteshaltung bei Männern bereits mit maßgeblicher Wahrscheinlichkeit eine Verfolgung asylrelevanter Intensität auslösen würde; die entfernte Möglichkeit einer Verfolgung genügt dafür nicht (so z.B. VwGH 10.11.2015, Ra 2015/19/0185, mwN).
Selbst wenn es dem BF nicht zumutbar ist nach Nangarhar zurückzukehren - wovon das Gericht jedoch nicht ausgeht, da wie der BF selbst ausführte die Familie des BF in Sicherheit und wirtschaftlich guter Lage in Nangarhar leben kann - bleibt zu prüfen, ob der Beschwerdeführer aufgrund der dortigen allgemeinen Gegebenheiten und seiner persönlichen Umstände auf eine Region des Landes - nämlich die Hauptstadt Kabul, Mazar-e Sharif oder Herat - verwiesen werden kann:
Wie festgestellt, ist der BF jung, mobil, gesund sowie anpassungs- und arbeitsfähig. Vor seiner Ausreise konnte der BF in Afghanistan seine Existenz durch seine Tätigkeit in einer japanischen Hilfsorganisation als Mitarbeiter bei Massenimpfungen gegen Polio und auf der Landwirtschaft seines Vaters sichern. Zudem hat der BF insgesamt 12 Jahre die Schule besucht. Der BF ist durch seine Eltern mit den kulturellen Gepflogenheiten seines Herkunftsstaates und der Sprache vertraut. Es ist daher nicht von vornherein erkennbar, dass der BF bei der Rückkehr nach Afghanistan nur alleine aus dem Grund, dass er über mangelnde Ortskenntnisse in der Großstadt Kabul verfügt, in eine Situation ernsthafter individueller Bedrohung des Lebens käme (vgl. VwGH 19.06.2017, Ra 2017/19/0095). Die Möglichkeit einer schwierigen Lebenssituation für den Asylwerber im Fall seiner Rückführung in den Herkunftsstaat, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, primär gestützt auf mangelnde tragfähige Beziehungen und/oder fehlende Ortskenntnisse in Großstädten, so auch eine schwierige Situation bei der Wohnraum,-oder Arbeitsplatzsuche, reicht nach der Judikatur des VwGH explizit nicht aus, um die Voraussetzungen zur Erlangung von subsidiärem Schutz glaubhaft zu machen (VwGH 25.04.2017, Zl. Ra 2017/01/0016; 19.06.2017, Zl. Ra 2017/19/0095; jüngst VwGH 08.08.2017, Zl. Ra 2017/19/0118VwGH 10.08.2017, Zl. Ra 2016/20/0389; vgl. VwGH 20.09.2017, Zl. Ra 2017/19/0205 mit Iran-Bezug). Der BF könnte zudem auf die finanzielle Unterstützung durch seine in Nangarhar lebende Familie zurückgreifen. Es ist auch nicht ersichtlich, weshalb eine räumliche Trennung die Angehörigen des BF außer Stande setzen sollte, ihn finanziell zu unterstützen. Der BF verfügt daher in Kabul über genügend Rückhalt in Form von finanzieller Unterstützung durch seine Familie. Außerdem kann der BF durch die Inanspruchnahme von Rückkehrhilfe zumindest übergangsweise in Kabul das Auslangen finden. Deshalb ist auch nicht zu befürchten, dass er bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr und noch bevor er in der Lage wäre, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen, in eine existenzbedrohende bzw. wirtschaftlich ausweglose Lage geraten könnte. Seine Existenz könnte er dort mit Hilfs- und Gelegenheitsarbeiten sichern, wobei ihm seine lange Schulbildung und seine Berufserfahrung in der Landwirtschaft und im medizinischen Bereich durch seine Tätigkeit als Helfer bei Impfungen zu Gute kommt. Es gibt somit keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass der BF in Ansehung existentieller Grundbedürfnisse (z.B. Nahrung, Unterkunft) einer ausweglosen bzw. existenzbedrohenden Situation ausgesetzt wäre. Unter Berücksichtigung der Länderberichte und der persönlichen Situation des Beschwerdeführers ist in einer Gesamtbetrachtung nicht zu erkennen, dass er im Fall seiner Abschiebung nach Afghanistan und einer Ansiedlung in der Stadt Kabul in eine ausweglose Lebenssituation geraten und real Gefahr laufen würde, eine Verletzung seiner durch Art. 2 EMRK, Art. 3 EMRK oder der durch die Protokolle Nr. 6 oder Nr. 13 zur Konvention geschützten Rechte zu erleiden. Die Prüfung der maßgeblichen Kriterien führt im konkreten Fall zu dem Ergebnis, dass dem Beschwerdeführer eine Ansiedlung in der Stadt Kabul möglich und auch zumutbar ist.
Der BF befindet sich erst seit Juli 2015 im Bundesgebiet und sein Aufenthalt ist nicht geduldet. Er ist nicht Zeuge oder Opfer von strafbaren Handlungen und auch kein Opfer von Gewalt. Die Voraussetzungen für die amtswegige Erteilung eines Aufenthaltstitels gemäß § 57 AsylG 2005 liegen daher nicht vor, wobei dies weder im Verfahren noch in der Beschwerde auch nur behauptet wurde.
Der BF ist zum Aufenthalt in Österreich nur auf Grund eines Antrages auf internationalen Schutz, der sich als nicht begründet erwiesen hat, berechtigt gewesen. Anhaltspunkte dafür, dass ihm ein nicht auf asylrechtliche Bestimmungen gestütztes Aufenthaltsrecht zukäme, sind nicht ersichtlich. Darüber hinaus sind keine Hinweise für eine ausreichend intensive Beziehung zu allfälligen in Österreich aufhältigen Familienangehörigen oder ihm sonst besonders nahestehende Personen hervorgekommen, zumal die Kernfamilie des BF in Afghanistan lebt.
Im Hinblick auf die Zeitspanne, seit der sich der BF in Österreich aufhält (Juli 2015), kann selbst unter Miteinbeziehung integrativer Merkmale - wie etwa einfache Deutschkenntnisse- eine von Art. 8 EMRK geschützte "Aufenthaltsverfestigung" noch nicht angenommen werden (vgl. VwGH 26.06.2007, Zl. 2007/01/0479, wonach ein dreijähriger Aufenthalt "jedenfalls" nicht ausreichte, um daraus eine rechtlich relevante Bindung zum Aufenthaltsstaat abzuleiten; vgl. auch VwGH 20.12.2007, Zl. 2007/21/0437, zu § 66 Abs. 1 FPG, wonach der 6-jährigen Aufenthaltsdauer eines Fremden im Bundesgebiet, der Unbescholtenheit, eine feste soziale Integration, gute Deutschkenntnisse sowie einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, jedoch keine Familienangehörigen geltend machen konnte, in einer Interessensabwägung keine derartige "verdichtete Integration" zugestanden wurde, da der Aufenthalt "letztlich nur auf einem unbegründeten Asylantrag fußte"; ähnlich auch VwGH 25.02.2010, Zl. 2010/18/0026; VwGH 30.04.2009, Zl. 2009/21/0086; VwGH 08.07.2009, Zl. 2008/21/0533; VwGH 08.03.2005, 2004/18/0354). Somit kann nicht festgestellt werden, dass dem subjektiven Interesse des BF am Verbleib im Inland Vorzug gegenüber dem maßgeblichen öffentlichen an der Einhaltung der die Einreise und den Aufenthalt von Fremden regelnden Vorschriften, denen aus der Sicht des Schutzes und der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung (Art. 8 Abs. 2 EMRK) ein hoher Stellenwert zukommt (vgl. VwGH 22.01.2013, Zl. 2011/18/0036; VwGH 10.05.2011, Zl. 2011/18/0100; VwGH 22.03.2011, Zl. 2007/18/0628; VwGH 26.11.2009, Zl. 2007/18/0305), zu geben ist.
Im Übrigen bewirkt der Umstand, dass der BF in Österreich nicht straffällig geworden ist, keine Erhöhung des Gewichtes der Schutzwürdigkeit von persönlichen Interessen an einem Aufenthalt in Österreich, da das Fehlen ausreichender Unterhaltsmittel und die Begehung von Straftaten eigene Gründe für die Erlassung von aufenthaltsbeendenden Maßnahmen darstellen (VwGH 24.07.2002, 2002/18/0112).
ECLI:AT:BVWG:2018:W134.2180154.1.00