Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Berufung_des_Arbeitgebers_auf_rechtswidrig_erlangte_Erkenntnisse_im_Arbeitsgerichtsprozess_LAG_Sachsen-Anhalt_11Sa522-07.html
Timestamp: 2018-11-17 13:53:33
Document Index: 6747305

Matched Legal Cases: ['§ 6', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art.2', '§ 6', '§ 263', '§ 138', '§ 138']

Berufung des Arbeitgebers auf rechtswidrig erlangte Erkenntnisse im Arbeitsgerichtsprozess - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/114
Der Er­folg hei­ligt die Mit­tel: Für Vi­deo­über­wa­chun­gen ha­ben Ar­beits­rich­ter viel Ver­ständ­nis
04.11.2008. Man­che Dieb­stäh­le im Be­trieb wer­den nur auf­ge­deckt, in­dem der Ar­beit­ge­ber sei­ne Ar­beit­neh­mer mit Vi­deo­ka­me­ras über­wacht, oh­ne zu­vor dar­auf ge­mäß § 6b Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz (BDSG) hin­ge­wie­sen zu ha­ben.
Kün­digt er dann auf der Grund­la­ge die­ser In­for­ma­tio­nen frist­los, kann er die In­for­ma­tio­nen, die er durch die ver­bo­te­ne Vi­deo­über­wa­chung er­langt hat, nach An­sicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Sach­sen-An­halt im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess vor­tra­gen.
Nur wenn der Ar­beit­ge­ber die­sen Vor­trag des Ar­beit­ge­bers be­strei­tet, kann die Rechts­wid­rig­keit der Vi­deo­über­wa­chung zu ei­nem Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bot füh­ren, d.h. zum Ver­bot der Ver­wen­dung der Vi­deo­bän­der als Be­weis­mit­tel vor Ge­richt: LAG Sach­sen-An­halt, Ur­teil vom 15.04.2008, 11 Sa 522/07.
Kann der Ar­beit­ge­ber In­for­ma­tio­nen, die er durch ei­ne rechts­wid­ri­ge Übe­r­achung sei­ner Ar­beit­neh­mer er­langt hat, vor Ge­richt vor­tra­gen?
Der Streit­fall: Verkäufe­r­in betrügt beim Mit­ar­bei­ter­ein­kauf ih­ren Ar­beit­ge­ber - In­di­zi­en er­ge­ben sich aus ei­ner rechts­wid­ri­gen Vi­de­ober­wa­chung des Kas­sen­be­reichs
LAG Sach­sen-An­halt: Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bo­te sind kei­ne Ver­bo­te, vor Ge­richt Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen
Be­weis­mit­tel dürfen nur dann in ei­nen Pro­zess ein­geführt wer­den, wenn sie kei­nem so ge­nann­ten „Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bot“ un­ter­lie­gen. Ein sol­ches Ver­bot wird in der Re­gel an­ge­nom­men, wenn die Be­schaf­fung des Be­weis­mit­tels ge­gen gel­ten­des Recht ver­stieß.
So hat der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) ein Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bot bei­spiels­wei­se in ei­nem Fall an­ge­nom­men, bei dem während ei­nes Te­le­fon­gesprächs zwi­schen den späte­ren Par­tei­en des Rechts­streits ei­ne drit­te Per­son heim­lich auf der ei­nen Sei­te der Te­le­fon­lei­tung das Gespräch mithörte (BGH, Ur­teil vom 18.02.2003, XI ZR 165/02). Der Gesprächs­part­ner am an­de­ren En­de, der von dem heim­li­chen Mithörer nichts wuss­te, wur­de nach den Ausführun­gen des BGH in sei­nem Persönlich­keits­recht gemäß Art.2 Abs.1 Grund­ge­setz (GG) ver­letzt. Die Zeu­gen­aus­sa­ge des Mithörers durf­te da­her in dem Ver­fah­ren nicht berück­sich­tigt wer­den.
Die Kläge­rin er­hob da­ge­gen Kündi­gungs­schutz­kla­ge und ver­lor den Pro­zess in ers­ter In­stanz (Ar­beits­ge­richt Hal­ber­stadt, Ur­teil vom 29.08.2007, 3 Ca 431/07). Ih­rer Mei­nung nach ver­stieß die Vi­deoüber­wa­chung ge­gen § 6b Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz (BDSG), weil der Ar­beit­ge­ber auf die Über­wa­chungs­maßnah­me nicht aus­drück­lich hin­ge­wie­sen ha­be. Das Ar­beits­ge­richt folg­te die­ser Auf­fas­sung nicht. Der Ar­beit­ge­ber ha­be we­gen der er­heb­li­chen In­ven­tur­dif­fe­ren­zen die Vi­deoüber­wa­chung durchführen dürfen. Über die Be­ru­fung der Kläge­rin hat nun das LAG Sach­sen-An­halt ent­schie­den.
Das Ge­richt ver­wies dar­auf, dass ei­ne vorsätz­li­che Vermögensschädi­gung des Ar­beit­ge­bers oh­ne Rück­sicht auf den Um­fang der Schädi­gung stets an sich ge­eig­net sei, ei­ne Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. Der Vermögens­scha­den lie­ge hier in der Ent­wer­tung der Gut­schei­ne durch de­ren fal­sche Ver­wen­dung. Da der be­klag­te Ar­beit­ge­ber wis­se, dass nicht die auf den Gut­schei­nen an­ge­ge­be­nen Pro­duk­te ge­kauft wur­den, wäre er nämlich selbst we­gen Be­tru­ges (§ 263 Abs.1 Straf­ge­setz­buch - StGB) straf­bar, würde er die Gut­schei­ne gleich­wohl bei den Her­stel­ler­fir­men einlösen. Das Ge­richt ging we­gen der langjähri­gen Be­rufs­er­fah­rung der Kläge­rin auch da­von aus, dass sie vorsätz­lich ge­han­delt ha­be.
Die­sen Vor­trag des Be­klag­ten hat­te die Kläge­rin im Pro­zess nicht durch kon­kre­ten Ge­gen­vor­trag (d.h. „sub­stan­ti­iert“) be­strit­ten. Viel­mehr be­schränk­te sie sich im We­sent­li­chen dar­auf, die Vi­deo­auf­nah­me als rechts­wid­rig zu rügen, was ih­rer Mei­nung nach zur Un­ver­wert­bar­keit der Er­kennt­nis­se führe, die sich aus den Vi­deo­auf­zeich­nun­gen er­ga­ben.
Darüber hin­aus ar­gu­men­tiert das LAG, dem Schutz des Persönlich­keits­rechts der Ar­beit­neh­me­rin sei aus­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen, da sie - un­ter Ver­s­toß ge­gen die sie gemäß § 138 Abs.1 Zi­vil­pro­zess­ord­nung (ZPO) tref­fen­de pro­zes­sua­le Wahr­heits­pflicht! - be­rech­tigt sei, den wi­der­recht­lich er­lang­ten Tat­sa­chen­vor­trag zu be­strei­ten. Auf die­sem We­ge kämen die zu den Be­weis­ver­wer­tungs­ver­bo­ten ent­wi­ckel­ten Grundsätze letzt­end­lich zur An­wen­dung. Ma­che die Kläge­rin hier­von kei­nen Ge­brauch, so bedürfe es zum Schutz ih­res Persönlich­keits­rech­tes nicht des Ver­bots, die rechts­wid­rig er­lang­ten Er­kennt­nis­se über­haupt in den Pro­zess ein­zuführen.
Das LAG Sach­sen-An­halt wi­der­spricht mit die­ser Ent­schei­dung dem oben erwähn­ten Ur­teil des OLG Karls­ru­he (Ur­teil vom 25.02.2000, 10 U 221/99). Pro­ble­ma­tisch ist da­bei ins­be­son­de­re die The­se des LAG, bei rechts­wid­rig er­lang­ten Be­weis­mit­teln ha­be die be­trof­fe­ne Pro­zess­par­tei ein Recht zur Lüge im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren. Dies wi­der­spricht der ge­setz­lich an­ge­ord­ne­ten Wahr­heits­pflicht im Zi­vil­pro­zess (§ 138 Abs.1 ZPO).
In der Sa­che wur­de die Re­vi­si­on ein­ge­legt, die der­zeit beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) anhängig ist (2 AZR 485/08). Die Ent­schei­dung des LAG Sach­sen-An­halt steht und fällt mit der Ant­wort auf die Fra­ge, ob Er­kennt­nis­se, die durch rechts­wid­rig er­lang­te Mit­tel be­schafft wur­den, im Sin­ne ei­ner Fern­wir­kung den ge­sam­ten Pro­zess­vor­trag sper­ren oder le­dig­lich die Aus­wer­tung der rechts­wid­rig er­lang­ten Be­weis­mit­tel (hier: der Vi­de­obänder).
Soll­te das BAG dem Aus­gangs­punkt des LAG Sach­sen-An­halt fol­gen (kein Vor­trags­ver­wer­tungs­ver­bot), wäre im wei­te­ren zu ent­schei­den, ob der be­trof­fe­nen Pro­zess­par­tei, wie vom LAG Sach­sen-An­halt an­ge­nom­men, ein Recht zur Lüge zu­steht. Dass das BAG die­se Aus­sa­ge bestätigt, ist we­nig wahr­schein­lich.
Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den und das Ur­teil des LAG Sach­sen-An­halt im Er­geb­nis, aber mit teil­wei­se an­de­rer Be­gründung bestätigt. Das BAG-Ur­teil im Voll­text fin­den Sie hier: