Source: https://www.staudinger-bgb.de/auftrags-und-geschaeftsbesorgungsrecht/
Timestamp: 2020-07-14 19:59:24
Document Index: 48385219

Matched Legal Cases: ['§ 675', '§ 675', '§ 662', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 675', '§ 662', '§ 662']

Auftrags- und Geschäftsbesorgungsrecht - Staudinger : Staudinger
Auftrags- und Geschäftsbesorgungsrecht
von Staudinger BGB Online | 3. April 2017 | 0 Kommentare
Im Jahr 2016 waren nach Daten des Statistischen Bundesamtes fast 75% der im Inland Erwerbstätigen im tertiären Sektor beschäftigt, nur rund 24% im sekundären Sektor und die verbleibenden 1% im primären Sektor. Der Anteil des tertiären Sektors ist seit 1950 vom Ausgangswert 32,5% nahezu durchgängig gestiegen. Die Bruttowertschöpfung von Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, produzierendem Gewerbe und Baugewerbe zusammen machte im vergangenen Jahr weniger als ein Drittel aller Wirtschaftsbereiche aus. Es bedarf keines vertiefteren Blickes in die Welt der Statistik, um das Offensichtliche belegen zu können: Dienstleistungen sind in unserer Wirtschaftsordnung omnipräsent, sie haben ihr im Laufe der Jahrzehnte ein neues Gesicht gegeben.
Mit dem Aufstieg des tertiären Sektors verbindet sich zugleich ein Bedeutungszuwachs jener Gebiete des Privatrechts, welche die Erbringung von Dienstleistungen im weitesten Sinne adressieren. Im Fokus stand und steht hierbei das Geschäftsbesorgungsrecht des BGB, das mit seiner Ankernorm des § 675 BGB nur einen verblüffend knappen textlichen Niederschlag im Gesetzestext gefunden hat. Diese Zurückhaltung des Gesetzgebers mag in Teilen der geringen wirtschaftlichen Bedeutung des Geschäftsbesorgungsrechts im ausgehenden 19. Jahrhundert geschuldet sein, lässt sich aber auch auf eine ausgeprägte Uneinigkeit auf Seiten der Wissenschaft und der Gesetzesverfasser bezüglich der dogmatischen Einordnung der Geschäftsbesorgung zurückführen. Der schlichte Verweis in § 675 Abs. 1 BGB auf weite Teile des Auftragsrechts verlangt dabei dem Rechtsanwender erhöhte Kenntnisse und Sorgfaltsanforderungen ab.
Die im Februar 2017 nunmehr als selbständiger Band erschienene Neubearbeitung des Auftrags- und Geschäftsbesorgungsrechts im Großkommentar von Staudinger berücksichtigt in ihren Vorbemerkungen nicht nur die historischen, entwicklungsgeschichtlichen wie dogmatischen Grundlagen des Rechtsgebiets (Vorbem 3 ff und 9 ff zu §§ 662), sondern wendet sich zugleich in einem Besonderen Teil einer alphabetisch sortierten Vielzahl an einzelnen Geschäftsbesorgungsverträgen zu: Zwischen A wie Agent oder Anlageberatungsvertrag und Z wie Zulieferverträge tummeln sich unter anderem der Anwaltsvertrag (§ 675 Rn B 163), zahlreiche Vertriebsverträge (Belieferungs- [§ 675 Rn B 221], Fachhändler- [§ 675 Rn B 222], Franchise- [§ 675 Rn B 232 ff] und Handelsvertretervertrag [§ 675 Rn B 216 ff), der Steuerberatungsvertrag (§ 675 Rn B 196), der Managementvertrag (§ 675 Rn B 142), der Mediaagenturvertrag (§ 675 Rn B 157a) und der Leasingvertrag (§ 675 Rn B 124).
Erstmalige Berücksichtigung haben die Gesetzesänderungen zu §§ 675 Abs. 3, 675a, 675b BGB (Vorbem 1 ff zu §§ 662 ff) und die Einführung der Rom I-Verordnung (Vorbem 143 ff zu §§ 662 ff) gefunden. Zudem wurden zahlreiche neuere Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Rechtsanwalts-, Steuerberatungs-, Anlageberatungs- und Anlagevermittlungsverträge eingearbeitet.
Der Band bemüht sich dabei in guter Staudinger-Tradition als monographischer Kommentar um eine analytische Stoffdurchdringung und systematische Materialaufbereitung sowie um eigenständige Lösungsvorschläge mit ausführlichen Begründungen. Es hat sich somit Einiges getan zwischen dem korporativen nationalen Liberalismus des Kaiserreichs und unserer europäisch-integrierten, sozial-marktwirtschaftlichen und postmodern-digitalen Dienstleistungsgesellschaft. Die Staudinger-Neubearbeitung 2017 des Auftrags- und Geschäftsbesorgungsrechts von Michael Martinek und Sebastian Omlor übersetzt diese tatsächlichen Umwälzungen in unsere Privatrechtsordnung.