Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/richterablehnung-wegen-befangenheit-319072
Timestamp: 2020-04-04 17:46:22
Document Index: 149150497

Matched Legal Cases: ['Art. 101', 'Art. 101', 'Art. 101', 'Art. 101', 'Art. 101', '§ 192']

Rich­terab­leh­nung wegen Befan­gen­heit | Rechtslupe
Rich­terab­leh­nung wegen Befan­gen­heit
Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG garan­tiert auch, dass der Recht­su­chen­de im Ein­zel­fall vor einem Rich­ter steht, der unab­hän­gig und unpar­tei­lich ist und der die Gewähr für Neu­tra­li­tät und Distanz gegen­über den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten bie­tet. Der Gesetz­ge­ber hat des­halb in mate­ri­el­ler Hin­sicht Vor­sor­ge dafür zu tref­fen, dass die Rich­ter­bank im Ein­zel­fall nicht mit Rich­tern besetzt ist, die dem zur Ent­schei­dung anste­hen­den Streit­fall nicht mit der erfor­der­li­chen pro­fes­sio­nel­len Distanz eines Unbe­tei­lig­ten und Neu­tra­len gegen­über­ste­hen. Die mate­ri­el­len Anfor­de­run­gen der Ver­fas­sungs­ga­ran­tie ver­pflich­ten den Gesetz­ge­ber dazu, Rege­lun­gen vor­zu­se­hen, die es ermög­li­chen, einen Rich­ter, der im Ein­zel­fall nicht die Gewähr der Unpar­tei­lich­keit bie­tet, von der Aus­übung sei­nes Amtes aus­zu­schlie­ßen 1.
Eine „Ent­zie­hung“ des gesetz­li­chen Rich­ters im Sin­ne von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG durch die Recht­spre­chung, der die Anwen­dung der Zustän­dig­keits­re­geln und die Hand­ha­bung des Ableh­nungs­rechts im Ein­zel­fall obliegt, kann nicht in jeder feh­ler­haf­ten Rechts­an­wen­dung gese­hen wer­den; andern­falls müss­te jede feh­ler­haf­te Hand­ha­bung des ein­fa­chen Rechts zugleich als Ver­fas­sungs­ver­stoß gel­ten 2. Die Gren­zen zum Ver­fas­sungs­ver­stoß sind aber jeden­falls dann über­schrit­ten, wenn die Aus­le­gung einer Ver­fah­rens­norm oder ihre Hand­ha­bung im Ein­zel­fall will­kür­lich oder offen­sicht­lich unhalt­bar sind oder wenn die rich­ter­li­che Ent­schei­dung Bedeu­tung und Trag­wei­te der Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG grund­le­gend ver­kennt 3. Ob die Ent­schei­dung eines Gerichts auf Will­kür, also auf einem Fall gro­ber Miss­ach­tung oder gro­ber Fehl­an­wen­dung des Geset­zes­rechts 4 beruht oder ob sie dar­auf hin­deu­tet, dass ein Gericht Bedeu­tung und Trag­wei­te der Ver­fas­sungs­ga­ran­tie des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG grund­le­gend ver­kennt, kann nur ange­sichts der jewei­li­gen Umstän­de des Ein­zel­falls beur­teilt wer­den 5.
Nach die­sen Maß­stä­ben begeg­net die Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Es ist im Hin­blick auf das Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ins­be­son­de­re unbe­denk­lich, wenn die Fach­ge­rich­te davon aus­ge­hen, dass die Besorg­nis der Befan­gen­heit regel­mä­ßig nicht durch recht­li­che Hin­wei­se oder Anre­gun­gen begrün­det wer­den kann, wenn nicht aus­nahms­wei­se unsach­li­che Erwä­gun­gen erkenn­bar sind, wobei es aller­dings nicht auf die Rich­tig­keit der zugrun­de­lie­gen­den Rechts­an­sicht ankommt 6. Ent­spre­chend ist es nicht zu bean­stan­den, dass das Lan­des­so­zi­al­ge­richt in der deut­li­chen Äuße­rung des abge­lehn­ten Rich­ters über die Erfolgs­aus­sich­ten der Kla­ge des Beschwer­de­füh­rers kei­nen die Besorg­nis der Befan­gen­heit recht­fer­ti­gen­den Umstand gese­hen hat. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die sozi­al­ge­richt­li­che Ver­fah­rens­ord­nung in § 192 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGG selbst vor­sieht, dass dem Betrof­fe­nen die unter Umstän­den aus der Aus­sichts­lo­sig­keit sei­nes Kla­ge­be­geh­rens resul­tie­ren­de Miss­bräuch­lich­keit der Rechts­ver­fol­gung dar­ge­legt wer­den kann.
Eben­so führt auch eine etwai­ge unrich­ti­ge Hand­ha­bung des Ver­fah­rens­rechts für sich genom­men nicht zur begrün­de­ten Besorg­nis der Befan­gen­heit eines Rich­ters 7. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass sich in der Ver­fah­rens­wei­se des Rich­ters eine unsach­li­che oder gar von Will­kür gepräg­te Ein­stel­lung äußert 8, wobei selbst mit der Fest­stel­lung eines objek­ti­ven Ver­sto­ßes gegen das Will­kür­ver­bot nicht zugleich die Fest­stel­lung ver­bun­den sein muss, dass ein Betrof­fe­ner bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung Anlass habe, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Unpar­tei­lich­keit des abge­lehn­ten Rich­ters zu zwei­feln 7. Dass das Lan­des­so­zi­al­ge­richt einen sol­chen Anlass zu Zwei­feln an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Unpar­tei­lich­keit des abge­lehn­ten Rich­ters nicht fest­stel­len konn­te, ist sei­ner­seits von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat sich ins­be­son­de­re mit dem Vor­wurf des Beschwer­de­füh­rers, dass er in dem Erör­te­rungs­ter­min vor dem Sozi­al­ge­richt nicht aus­rei­chend zu Wort gekom­men sei und dass die Grün­de sei­nes Befan­gen­heits­an­tra­ges nicht in die Nie­der­schrift des Ter­mins auf­ge­nom­men wur­den, aus­ein­an­der­ge­setzt und ist zu einem jeden­falls ver­tret­ba­ren Ergeb­nis gekom­men.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Mai 2010 – 1 BvR 96/​10
Beweis­wür­di­gung und Erör­te­rungs­man­gel Das Revi­si­ons­ge­richt muss es grund­sätz­lich hin­neh­men, wenn der Tatrich­ter Zwei­fel an der Täter­schaft des Ange­klag­ten nicht zu über­win­den ver­mag. Dies gilt nicht nur im Fal­le…
vgl. BVerfGE 21, 139, 145 f.; 30, 149, 153; 82, 286, 298; 89, 28, 36; BVerfGK 5, 269, 279 f.; 12, 139, 143[↩]
vgl. BVerfGE 82, 286, 299; BVerfGK 5, 269, 280; 12, 139, 143[↩]
vgl. BVerfGE 82, 286, 299, m.w.N.; BVerfGK 5, 269, 280; 12, 139, 143 f.[↩]
vgl. BVerfGE 29, 45, 49; 82, 159, 197; BVerfGK 5, 269, 280; 12, 139, 143 f.[↩]
vgl. BVerfGK 5, 269, 280; 12, 139, 144; BVerfG, Beschluss vom 24.02.2009 – 1 BvR 165/​09, NVwZ 2009, 581, 582[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.02.2009 – 1 BvR 165/​09, NVwZ 2009, 581, 584; BVerfG, Beschluss vom 24.02.2009 – 1 BvR 182/​09[↩]
vgl. BVerfGK 12, 139, 145[↩][↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.02.2009 – 1 BvR 165/​09, NVwZ 2009, 581, 583[↩]
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