Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bverwg/bverwg_4-B-1-04
Timestamp: 2019-06-26 16:21:16
Document Index: 360635373

Matched Legal Cases: ['§ 15', '§ 34', '§ 15', '§ 34', '§ 132', '§ 86', '§ 133', '§ 132']

BVerwG, 4 B 1.04: Gaststätte, Genehmigung, Kreis, Erfahrung
Urteil des BVerwG vom 26.01.2004, 4 B 1.04
4 B 1.04
Gaststätte, Genehmigung, Kreis, Erfahrung
Gaststätte, Genehmigung, Kreis, Erfahrung, Beweisantrag, Rüge, Augenschein, Anwendungsbereich, Unzumutbarkeit, Ausnahme
BVerwG 4 B 1.04 VGH 3 S 2298/02
hat der 4. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 26. Januar 2004 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. P a e t o w und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. R o j a h n und G a t z
Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Baden- Württemberg vom 17. Oktober 2003 wird zurückgewiesen.
Der Kläger trägt die Kosten des Beschwerdeverfahrens mit Ausnahme der außergerichtlichen Kosten der Beilgeladenen, die diese selbst tragen.
Die von der Beschwerde aufgeworfene Frage, ob im Anwendungsbereich des städtebaulichen Rücksichtnahmegebots (§ 15 Abs. 1 Satz 2 BauNVO, § 34 Abs. 1
BauGB) die Außenbewirtschaftung eines zur Genehmigung gestellten Gaststättenvorhabens ausnahmsweise die Unzulässigkeit des Vorhabens zu begründen vermag,
führt nicht zu einer über den vorliegenden Streitfall hinausreichenden, in verallgemeinerungsfähiger Weise zu klärenden Rechtsfrage. Welche Anforderungen sich
unter dem Gesichtspunkt der nachbarlichen Rücksichtnahme im Einzelnen ergeben,
hängt maßgeblich davon ab, was einerseits dem Rücksichtnahmebegünstigten und
andererseits dem Rücksichtnahmeverpflichteten nach Lage der Dinge zuzumuten ist.
Die Antwort auf diese Frage beurteilt sich naturgemäß nach der jeweiligen Situation
der benachbarten Grundstücke. Das in § 15 Abs. 1 Satz 2 BauNVO und § 34 Abs. 1
BauGB konkretisierte Rücksichtnahmegebot verlangt eine einzelfallbezogene Sichtweise (vgl. BVerwG, Urteil vom 23. September 1999 - BVerwG 4 C 6.98 - BVerwGE
109, 314 <321> stRspr). Die Zumutbarkeitskriterien sind also je nach Lage des Einzelfalls situationsbezogen zu ermitteln und zu gewichten. Dieser Ansatz liegt auch
dem Berufungsurteil zugrunde, da es nach einer zusammenfassenden Interessenabwägung die Unzumutbarkeit der Gaststätte des Klägers infolge ihrer betrieblichen
und lagemäßigen Besonderheiten bejaht.
Aus den vorstehenden Gründen ist auch die weitere von der Beschwerde aufgeworfene Frage, ob im Rahmen der Interessenabwägung im Hinblick auf die Zumutbarkeit
eines Vorhabens auch der Zusammenhang des Vorhabens mit anderen zulässigen
Nutzungen im fraglichen Gebiet zu berücksichtigen sei, einer rechtsgrundsätzlichen
Klärung nicht zugänglich. Das in die Form von Grundsatzrügen gekleidete Beschwerdevorbringen greift einzelfallbezogen die vorinstanzliche Sachverhaltswürdigung und Rechtsanwendung an. Eine derartige Entscheidungskritik ist nicht geeignet, die grundsätzliche Bedeutung einer Rechtssache im Sinne von § 132 Abs. 2
Nr. 1 VwGO darzulegen.
2. Das Berufungsurteil leidet nicht unter den mit der Beschwerde geltend gemachten
Verfahrensfehlern.
Das Berufungsgericht hat seine Pflicht zur Aufklärung des entscheidungserheblichen
Sachverhalts (§ 86 Abs. 1 Satz 1 VwGO) nicht verletzt. Es hat das Baugrundstück
und dessen nähere Umgebung in Augenschein genommen. Nicht beweisbedürftig ist
grundsätzlich das Tatsachenmaterial, welches das Gericht auf Grund eigenen Wissens seiner Entscheidung zugrunde legen kann. Dazu gehören allgemeinkundige
und damit offenkundige Tatsachen sowie solche Tatsachen, die sich auf die richterliche Erfahrung stützen lassen. Zum Kreis dieser Tatsachen zählen auch die vom Berufungsgericht berücksichtigten Lärmimmissionen einer Gaststätte mit großem Einzugsbereich, die in beträchtlichem Umfang Besucherverkehr mit Kraftfahrzeugen
anzieht. Das gilt insbesondere für die im Berufungsurteil herausgestellten spezifischen Lärmauswirkungen einer Gaststätte mit Außenbewirtschaftung unter den hier
gegebenen tatsächlichen Umständen. Insoweit beruht das Berufungsurteil auf der
gebotenen konkretisierenden Betrachtungsweise. Im Übrigen genügt die Aufklärungsrüge nicht den Darlegungsanforderungen des § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO, weil
sie nicht darlegt, dass sich dem Berufungsgericht auch ohne ausdrücklichen Beweisantrag angesichts der festgestellten tatsächlichen Besonderheiten im Streitfall
(insbesondere die geringe Straßenbreite und die Ausrichtung der Fenster auf dem
Wohngrundstück der Beigeladenen zu 1 bis 3 zur Gaststätte des Klägers hin) weitere
Ermittlungen hinsichtlich der zu erwartenden Lärmimmissionen aufdrängen mussten
(vgl. zu den Anforderungen an die Schlüssigkeit einer Aufklärungsrüge BVerwG,
Beschluss vom 19. August 1997 - BVerwG 7 B 261.97 - NJW 1997, 3328 - mit weiteren Nachweisen).
Der Umstand, dass das Berufungsgericht der Berufung des Klägers auch nicht teilweise stattgegeben hat, begründet ebenfalls keine Verfahrensfehler im Sinne von
§ 132 Abs. 2 Nr. 3 VwGO. Voraussetzung für eine nur teilweise Aufhebung einer
Baugenehmigung, die Nachbarrechte verletzt, ist die Teilbarkeit der Baugenehmigung. Teilbarkeit scheidet aus, wenn der das Gebot der nachbarlichen Rücksichtnahme verletzende Teil der Genehmigung mit den übrigen Teilen der Genehmigung
in einem untrennbaren inneren Zusammenhang steht. Die teilweise Aufhebung einer
(teilbaren) Baugenehmigung scheidet ferner aus, wenn sie vom Bauantragsteller
nicht gewollt wäre und es deshalb an einem entsprechenden Bauantrag fehlte. Dies
zu würdigen, ist Aufgabe der Tatsachengerichte. Das Berufungsurteil beruht offensichtlich auf der Annahme, dass die Voraussetzungen der Teilbarkeit im vorliegenden
Fall nicht vorliegen. Die Beschwerde zeigt nicht substantiiert auf, dass das Berufungsgericht angesichts besonderer Umstände des vorliegenden Falles und/oder mit
Rücksicht auf das Vorbringen des anwaltlich vertretenen Klägers Anlass hatte, der
Frage der Teilbarkeit der streitbefangenen Baugenehmigung weiter nachzugehen.
Die Rüge der Beschwerde, das Berufungsurteil verletze insoweit den Grundsatz der
Verhältnismäßigkeit, betrifft die Anwendung des materiellen Rechts und zeigt keinen
Verfahrensfehler auf.