Source: https://studylibde.com/doc/1891031/schuldrecht-at---von--mit-und-f%C3%BCr-peter-felix-schuster
Timestamp: 2018-12-18 14:01:08
Document Index: 70967945

Matched Legal Cases: ['§ 313', '§ 313', '§ 490', '§ 528', '§ 321', '§ 275', '§ 157', '§ 313', '§ 313', '§ 313', '§ 313', '§ 313', '§ 313', '§ 313', '§ 119', '§ 122', '§ 199', '§ 313', '§ 535', '§ 119', '§ 536', '§ 275', '§ 313', '§ 313', '§ 433', '§ 275', '§ 275', '§ 275', '§ 313', '§ 273', '§ 313', '§ 275', '§ 157', '§ 242', '§ 275', '§ 242', '§ 275', '§ 242', '§ 313', '§ 242', '§ 39', '§ 7', '§ 242', '§ 157', '§ 242', '§ 242', '§ 138', '§ 242', '§ 273', '§ 242', '§ 242', '§ 242', '§ 242', '§ 226', '§ 162', '§ 393', '§ 124', '§ 162', '§ 254', '§ 242', '§266', '§ 294', '§ 266', '§ 242', '§ 266', '§ 266', '§7', '§ 271', '§ 294', '§ 242', '§ 4', '§ 242', 'BGH', '§ 242', '§ 242', '§ 242', '§ 242']

Schuldrecht AT - von, mit und für Peter Felix Schuster
bedurfte ausführlicher Begründung. Jetzt steht der § 313
zwar im Gesetz, aber dennoch sollte diesbezüglich nichts
Schuldrecht AT – Wegfall der anderes gelten.
Zunächst gehen vertragliche Vereinbarungen vor. Wenn
Geschäftsgrundlage, Treu und die Parteien also eine auflösende Bedingung vereinbart
hatten oder ein Rücktrittsrecht, so muss eine VertragslöGlauben∗
sung darauf gestützt werden. Geschäftsgrundlage kann nur
Kurzeinführung mit Fällen und Lösungen sein, was nicht ausdrücklich Vertragsinhalt geworden ist.
Dann gibt es Spezialnormen, die die Anwendung des
§ 313 ausschließen. Viele Musterbeispiele dessen, was
im Vertrag den Vorstellungen der Parteien zuwiderlaufen
P ETER H UBER/F LORIAN FAUST, Schuldrechtsmodernisierung – Einkann, sind nämlich gesetzlich geregelt. So regelt § 490
führung in das neue Recht. München: Verlag C. H. Beck, 2002.
für das Gelddarlehen den Fall, dass sie die VermögensOTHMAR JAUERNIG, Bürgerliches Gesetzbuch – Kommentar.
verhältnisse des Darlehensnehmers wesentlich verschlech11. Auflage, München: Verlag C. H. Beck, 2004.
D IRK L OOSCHELDERS, Schuldrecht Allgemeiner Teil. 3. Auflage, Köln, tern. Nach § 528 kann der Schenker das Geschenk zurückBerlin, Bonn, München: Heymanns, 2005.
fordern, wenn er selbst verarmt. Andere SondervorschrifD IETER M EDICUS, Bürgerliches Recht. 20. Auflage, Köln, Berlin, Bonn, ten enthalten die §§ 321, 519, 527, 530, 593, 594e, 650,
München: Heymanns, 2004.
651j, 723, 775 und 779.2
OTTO PALANDT (B EGR .), Bürgerliches Gesetzbuch mit Einführungsgesetz – Kommentar. 65. Auflage, München: Verlag C. H. Beck, 2006.
A. Störung (Wegfall) der Geschäftsgrundlage
Geschäftsgrundlage . . . . . . . . . . . . . . . .
Änderung/Irrtum . . . . . . . . . . . . . . . . .
Rechtsfolgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Abgrenzung von der praktischen Unmöglichkeit, § 275
Abs. 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Lesen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
B. Treu und Glauben – Grundsätzliches
Auslegungs- und Ergänzungsfunktion (§§ 157, 242) . . .
Korrekturfunktion (Abänderung der vertraglichen Leistungspflicht) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Schrankenfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Achtung, Giftschrank! Schwerster Eingriff in
den Grundsatz „pacta sunt servanda“! Vor dem
SMG war anerkannt, dass ein Berufen auf den „Wegfall
der Geschäftsgrundlage“ als gesetzlich nicht geregeltes
Rechtsinstitut einen erhöhten Begründungsaufwand erfordere. Nur weil die Geschäftsgrundlage (im § 313) nun
Einzug ins Gesetz gehalten hat, soll sich das aber nicht
ändern! Also: Vor Kindern unzugänglich aufbewahren,
nicht einnehmen, Kontakt mit den Augen vermeiden und
mit extremer Vorsicht benutzen!
Nachdem nun die Schutzbrillen aufgesetzt wurden, hier
die Voraussetzungen, die wie gesagt möglichst eng auszulegen sind.
Beim Vertragsschluss haben die Parteien für gewöhnlich
ein bestimmtes Bild vom Leben, vom Universum und dem
ganzen Rest. Zumindest aber vom Vertrag und seinen Zielen. Wenn die Vorstellungen sich als unzutreffend herausstellen oder sich ändern, ist das normalerweise das Risiko der jeweiligen Partei, sofern sie nicht vertraglich festgelegt wurden. Das erfordert der Grundsatz „pacta sunt
servanda“. Nur wenn sich radikale Veränderungen ergeben, können Korrekturen über die sog. Störung der Geschäftsgrundlage (früher: Wegfall der Geschäftsgrundlage)
nach § 313 eingreifen. Der BGB-Gesetzgeber kannte das
Rechtsinstitut der „clausula rebus sic stantibus“ (Die in
jedem Vertrag ungeschriebene Klausel, „solange die Dinge so bleiben“) schon, aber nahm es aber bewusst nicht ins
BGB auf, um die Vertragsautonomie zu stärken.
Zunächst muss eine Geschäftsgrundlage vorliegen. Diese
„Grundlage des Vertrags“ wird vom BGB nicht definiert,
sondern als bekannt vorausgesetzt. Man kann aber im Anschluss an die Ausführungen von M EDICUS3 zum alten
Recht vom einem realen, einem hypothetischen und einem
normativen Element ausgehen.
Die Störung der Geschäftsgrundlage ist höchst subsidiär.
Früher war sie ein Instrument des Richterrechts, das aus
allen möglichen Grundsätzen mit juristischen Finessen für
den äußersten Notfall vorgesehen war. Ihre Anwendung
• Hat mindestens eine Partei den fraglichen Punkt vorausgesetzt „reales Element“?
• War der Punkt für diese Partei so wichtig, dass sie den
Vertrag nicht oder nicht so abgeschlossen hätte, wenn
sie die Richtigkeit ihrer Voraussetzung (oder Erwartung) als fraglich erkannt hätte („hypothetisches Element“)?
§§ ohne Gesetzesbezeichnung sind solche des BGB. Erstellt
mit einem LATEX 2ε -Textsatzsystem unter Mac OS X. Homepage:
http://www.peterfelixschuster.de/jura.htm
L OOSCHELDERS, SAT S. Rn. 772.
L OOSCHELDERS, SAT S. Rn. 773.
M EDICUS, BR S. Rn. 165a.
Schuldrecht AT – Wegfall der Geschäftsgrundlage, Treu und Glauben
• Unzumutbarkeit: Hätte sich die andere Partei redlicherweise (Treu und Glauben unter Berücksichtigung
der vertraglichen oder gesetzlichen Risikoverteilung)
auf die Berücksichtigung dieses Umstands einlassen
müssen („normatives Element“)?
Auch hier sind (wie beim Irrtum) Motivirrtümer
i einer Partei außen vor. Der Brautvater, der seiner
Tochter Wäsche für ihre Aussteuer kauft kann also weder den Kaufvertrag anfechten noch aus § 313 vorgehen,
wenn die Hochzeit platzt! Das gilt auch dann, wenn der
Verkäufer von dem Zweck weiß.
Die Geschäftsgrundlage kann nur den Vertrag betreffen („kleine Geschäftsgrundlage“) oder aus grundlegenden Umwälzungen sozialer, politischer oder wirtschaftlichen Verhältnissen resultieren („große Geschäftsgrundlage“), sofern sie irgendwie ins Vertragsverhältnis einwirken.4 Man kann nach neuem Recht auch zwischen der subjektiven (Vorstellungen der Parteien) und der objektiven
Geschäftsgrundlage (tatsächliche Verhältnisse) unterscheiden.
Vorrangig hat der Anspruchsteller Anspruch auf eine Vertragsanpassung an die neuen Gegebenheiten. Die Anpassung tritt also nicht automatisch ein. Die Anpassung geht
auf das, worauf sich die andere Partei redlicherweise hätte
einlassen müssen. Prozessual sind hier zwei Schritte nötig:
Zuerst muss auf Anpassung des Vertrags geklagt werden.
Nach der Anpassung erst kann aus dem „neuen“ Vertrag
vorgegangen werden. Das wird in der Stufenklage verbunden.
Ist eine solche Anpassung nicht möglich oder einer Seite unzumutbar, kommt je nach Vertragstyp entweder ein
Rücktritts- oder Kündigungsrecht nach § 313 Abs. 3 in
Betracht. Das ist insbesondere dann einschlägig, wenn
auch bei Kenntnis der Wirklichkeit bzw. dem anderen Verlauf der Geschehnisse der Vertrag nicht mit anderem Inhalt, sondern gar nicht geschlossen worden wäre.10
i. Störung der Geschäftsgrundlage § 313
b) Keine Spezialnorm
2. Schwerwiegende Änderung oder wesentlicher
Irrtum über die Umstände
Die Umstände der Geschäftsgrundlage müssen sich seit
Vertragsschluss schwerwiegend verändert haben, § 313
Abs. 1. Der benachteiligten Partei muss die Erfüllung nach
Treu und Glauben unzumutbar geworden sein. Das ist eine Formel, in der gleich zwei Unsicherheitsmomente enthalten sind.5 Hier spielt insbesondere die schon oben erwähnte Risikoverteilung eine Rolle. So trägt der Mieter
nach der Vorstellung des BGB das Verwendungsrisiko:
Kann er nichts mit der Mietsache anfangen, ist das seine Sache; hier sind die Hürden für die Annahme einer
SGG sehr hoch. Ebenso trägt der Verkäufer meist das Risiko einer Geldentwertung und (sofern er es übernommen
hat) das Beschaffungsrisiko. Notwendig ist also eine penible Vertragsauslegung. Unzumutbarkeit ist letztendlich
zu verneinen, wenn der veränderte Umstand in den Risikobereich der benachteiligten Partei fällt.6 Jedoch wird auch
dieses Risiko nur in Grenzen zugewiesen. Werden diese
äußersten Grenzen (!) überschritten, kann trotzdem Unzumutbarkeit vorliegen.7
Oder die Annahmen der Parteien (subjektive Geschäftsgrundlage) stimmten schon bei Vertragsschluss nicht,
§ 313 Abs. 2. Das ist zum einen der Fall, wenn ein gemeinschaftlicher Irrtum vorliegt. Hier ist von der Irrtumsanfechtung abzugrenzen, die als Spezialgesetz vorgeht. Nach
h. M. betreffen die §§ 119 ff. nur den einseitigen Irrtum,
da bei einem beidseitigen die Schadensersatzregelung des
§ 122 zugunsten des (vom Zufall bestimmten) Anfechtungsgegners unangebracht ist.8 Vor allem ist aber auch
der wichtigere beiderseitige (nach §§ 199 ff. unbeachtliche) Motivirrtum umfasst.9 Es können aber auch einseitige
Fehlvorstellungen einer Partei umfasst sein, welche die andere widerspruchslos hingenommen hat. Bloße Motivirrtümer sind allerdings nicht umfasst.
c) Ist der Punkt Vertragsinhalt geworden (Auslegung!)? Dann keine Geschäftsgrundlage!
1. Hat den Punkt mindestens eine Partei vorausgesetzt? („reales Element“)
2. Punkt so wichtig für diese Partei, dass sie den Vertrag bei Zweifeln darüber nicht so abgeschlossen
hätte („hypothetisches Element“)
3. Unzumutbarkeit: Andere Partei hätte sich redlicherweise darauf einlassen müssen („normatives
Element“)
4. Rechtsfolge(n):
a) Vertragsanpassung
b) Rücktrittsrecht, wenn eine Anpassung nicht
möglich oder einem Teil nicht zumutbar wäre, § 313 Abs. 3
Fall 1, „Ungekrönter Häuptling“: Der unbeugsame
Gallier A möchte nach der Eroberung Roms dem Triumphzug seines Häuptlings M durch Rom gerne von einem Fensterplatz am Forum Romanum zusehen. Zu diesem Zweck
mietet er ein Zimmer mit Blick aufs Forum für den Tag
des Zuges an. Der Vermieter Varus (V) verlangt angesichts
L OOSCHELDERS, SAT S. Rn. 778 f..
M EDICUS, BR S. Rn. 166.
6 L OOSCHELDERS , SAT S. Rn. 782.
7 L OOSCHELDERS , SAT S. Rn. 783.
8 L OOSCHELDERS , SAT S. Rn. 775; a. M. M EDICUS , BR S. Rn. 162
(mit dem hörenswerten Argument, dass gar nicht so zufällig ist, wer anficht: dies wird die benachteiligte Partei sein); H UBER/FAUST–Huber,
Schuldrechtsmod. S. Rn9/8.
9 M EDICUS , BR S. Rn. 162.
10 M EDICUS , BR S. Rn. 170.
der hohen Nachfrage wegen des Spektakels seitens aller
unbesiegbaren Dorfbewohner den hohen Preis von 2000
Sesterzen ($). Ein Kündigungsrecht soll den Parteien nicht
zustehen. Dann bricht sich der Schildträger S des M ein
Bein, weil die Häuptlingsgattin G mit auf dem Schild getragen werden wollte, oder – wie er sagt – ihm der Himmel
auf den Kopf gefallen sei. Der Triumphzug wird abgeblasen. A hat nun kein Interesse mehr an dem Fensterplatz
und teilt dies dem Varus mit der Bemerkung mit, er werde
auch nicht das Geld zahlen. V verlangt trotzdem Zahlung
unter Bereitstellung des Zimmers. Anmerkung: Noch vor
Vertragsschluss wurde in Rom das BGB heutiger Fassung
eingeführt. (sog. „Krönungszugfall“).
Heizöl (15 Mio. Liter). König und Ludwig vereinbaren
einen Festpreis von 40 Euro je 100 l. Zu diesem Zeitpunkt
beträgt der Einkaufspreis 28 Euro für 100 l. Durch kriegerische Auseinandersetzungen im Nahen Osten steigt der
Preis ab Januar enorm an und erreicht im Juni einen Preis
von 170 Euro pro 100 l. Ludwig versucht vergebens den
König zu einer Preisanpassung zu bewegen. Im Juni will
Ludwig für die restlichen 10 Mio. Liter, die noch zu liefern
sind, einen Preis von 120 Euro je 100 l. Dies entspricht
dem durchschnittlichen Händlerbezugspreis. Falls König
sich nicht darauf einlasse, könne er an dem Vertrag nicht
festhalten, da er ansonsten wirtschaftlich ruiniert sei.
Kann König dennoch Lieferung zum ursprünglichen
Preis verlangen?
Anspruch des V gegen A aus § 535 Abs. 2?
1. Vertragsschluss 3
2. Ausschluss durch Anfechtung?
a) Anfechtungserklärung 3
b) Anfechtungsgrund? § 119 Abs. 2? Triumphzug ist keine Eigenschaft der Sache (Wohnung) 7
3. Ausschluss durch § 536 – Minderung? 7 Hier kein Gebrauch vereinbart.11 Außerdem noch keine Übergabe der Mietsache.
4. Ausschluss durch Unmöglichkeit, § 275 Abs. 1? Die Durchführung
des Triumphzuges war nicht geschuldet. 7
5. Ausschluss durch Rücktritt?
a) Rücktrittserklärung 3
b) Rücktrittsgrund, § 313?
aa) Anwendbarkeit 3
bb) Geschäftsgrundlage: Triumphzug wurde Grundlage
des hohen Preises. Wurde aber nicht Vertragsinhalt.
cc) Hypothetischer Kausalverlauf, hypothetischer Parteiwille: A hätte den Vertrag auch nicht abgeschlossen,
wenn er vom Absagen gewusst hätte.
dd) Hätte V redlicherweise diesen Umstand bei der Mietzinsbildung berücksichtigen müssen; ist umgekehrt A
noch zumutbar, den erhöhten Preis zu zahlen? Hier ist
eine Abwägung nach Treu und Glauben erforderlich.
Dabei ist insbesondere die Risikoverteilung zwischen
den Parteien zu berücksichtigen. Diese kann sich u.a.
auch in der Höhe der Gegenleistung niederschlagen.
Grundsätzlich trägt zwar der Mieter das Risiko der
Nutzbarkeit der Mietsache für seine Zwecke (sofern
sie nicht durch Mängel beeinträchtigt ist). Hier war
aber der Preis gerade wegen des Triumphzuges erhöht.
ee) Eigentlich hätte jetzt A gegen V einen Anspruch auf
Anpassung des Vertrags. Aber da er an dem Fensterplatz nun gar kein Interesse mehr hat, wäre eigentlich
nur eine Miete von 0 $ angemessen, was für V unzumutbar ist; eine höhere Miete wäre wohl für A unzumutbar. Auch zu einem normalen Mietzins hätte er
(sofern er kein Hotel betreibt) die Wohnung wohl gar
nicht vermietet. Zudem wurde oben festgestellt, dass
die Parteien, hätten sie die Änderung der Lage vorhergesehen, wohl gar keinen Vertrag geschlossen hätten. Der Regelungszweck der Aufrechterhaltung des
Vertrags, wenn auch unter Anpassung, ist geringer zu
werten, wenn der Vertrag dann nicht geschlossen worden wäre. § 313 Abs. 3: Also gibt es ein Rücktrittsrecht.
Anspruch K gg. L aus § 433 Abs. 1
1. Anspruch entstanden 3
Nach Unmöglichkeit? Ein Fall des § 275 Abs. 1 liegt nicht vor
3. § 275 Abs. 2? nach dem Willen des Gesetzgebers soll dies allerdings nur die sog. praktische Unmöglichkeit (Schulbeispiel: Ring
im See) betreffen; die sog. wirtschaftliche Unmöglichkeit soll nicht
erfasst werden. Hier wird nur der Aufwand des Schuldners in Verhältnis mit dem Interesse des Gläubigers gesetzt; die Interessen des
Schuldners sind nicht relevant. Hier: der Aufwand des Schuldners
ist enorm gestiegen; parallel ist aber das Interesse des Ludwig gestiegen, da auch er nun ein gesteigertes Interesse daran hat, das
Öl zum vereinbarten Preis zu bekommen – beide Positionen stehen also nicht in einem groben Missverhältnis. Der Anspruch ist
also nicht nach Unmöglichkeit untergegangen und kann auch nicht
durch die Einrede nach § 275 Abs. 2 verweigert werden
4. Anspruch auf Vertragsanpassung, § 313. (Könnte dem K nach
§ 273 entgegengehalten werden) Hätte Ludwig einen Anspruch auf
Vertragsanpassung, könnte er bis dahin die Lieferung zum bisherigen Preis unter dem Gesichtspunkt der Arglisteinrede verweigern.
Hier könnte ein Fall der Äquivalenzstörung vorliegen12
a) Es müssen sich nach Vertragsschluss Umstände schwerwiegend verändert haben. Was „Umstände“ sind, definiert das
Gesetz nicht; man wird daher alle tatsächlichen und rechtlichen Gegebenheiten darunter verstehen müssen. In dem
Preisniveau von 28 ¤ infolge der Friedenszeit liegt eine
derartige Gegebenheit. Schwerwiegende Veränderung: man
könnte einwenden, dass Ludwig sich rechtzeitig hätte eindecken können; solche Gesichtspunkte sollen jedoch erst
bei der Abwägung, ob das Festhalten am Vertrag zumutbar
ist, eine Rolle spielen. Keine einzelfallbezogene Abwägung:
steigen die Beschaffungspreise um mehr als 100% ist von
einer schwerwiegenden Änderung auszugehen
b) Diese Umstände dürfen nicht Inhalt des Vertrags geworden
c) Die Parteien müssen, wenn sie die Änderung vorausgesehen hätten, den Vertrag nicht oder nicht mit diesem Inhalt
geschlossen haben. Ludwig hätte dann den Vertrag so nicht
d) Das Festhalten am unveränderten Vertrag muss für den
einen Teil unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls, insbesondere der vertraglichen oder gesetzlichen
Risikoverteilung, unzumutbar sein. Abwägungsfrage: zu bedenken sind, dass Ludwig sich rechtzeitig – als die ersten
Preissteigerungen erkennbar waren – hätte eindecken können. Auch ist immer zu bedenken, dass § 313 eine Ausnahme zu dem Grundsatz „pacta sunt servanda“ darstellt – an
sich sind Beschaffungskosten ein Risiko des Schuldners. Allerdings muss der Schuldner nicht jedes Risiko tragen: bei
c) Ergebnis: Rücktritt 3
6. Ergebnis: Kein Anspruch
Fall 2, „Teures Öl“: Kurt König (K) bestellt bei Lieferant Leo Ludwig im Dezember seinen Jahresbedarf an
Anders M EDICUS, BR S. Rn. 160.
Dazu genauer L OOSCHELDERS, SAT S. Rn. 788 ff..
außergewöhnlichen Preissteigerungen kann man ihm nicht
alleine das Risiko aufbürden. Daher könnte man sagen, dass
hier ein so außergewöhnlicher Fall der Preissteigerung vorliegt, dass dem Ludwig das Festhalten nicht zugemutet werden kann. Hier liegt der Fall jedoch insoweit anderes, als
dass bereits Anfang des Jahres für jeden erkennbar war, dass
die Preise schnell steigen werden. Da Ludwig es hier verpasst hat, sich rechtzeitig darum zu kümmern, dass er seinen Vertrag erfüllen kann, muss er sich am Vertrag festhalten lassen. Hinzu kommt, dass auch König darauf vertraut
hat; er konnte davon ausgehen, dass Ludwig sich rechtzeitig
5. Ergebnis: Eine Anpassung kommt nicht in Betracht, König kann
weiterhin auf Lieferung bestehen
IV. Abgrenzung von der praktischen Unmöglichkeit,
§ 275 Abs. 2
Also keine vorschnelle Anwendung! Auch wenn Ergebnisse auf den ersten Blick „ungerecht“ erscheinen mögen,
steht hinter ihnen oft eine feine Interessenabwägung des
Gesetzgebers oder die Normen wurden schon zuvor falsch
angewendet. Zudem wurden sind viele Spezialvorschriften Ausflüsse des Treu und Glauben Prinzips und müssen
vorrangig angewendet werden. Auf keinen Fall vorschnell
die eigenen Wertungen über die Leerformel von Treu und
Glauben einfließen lassen, sondern nur anerkannte Fallgruppen verwenden!
Die Fallgruppen des Grundsatzes von Treu und Glauben
lassen sich seinen Funktionen zuordnen:
I. Auslegungs- und Ergänzungsfunktion (§§ 157, 242)
Die Vertragsparteien sind verpflichtet, sich so zu verhalten,
Der ursprünglich wichtigste Fall des (damals noch) Weg- dass das Vertragsziel möglichst erreicht (und gesichert)
falls der Geschäftsgrundlage gehörte die Geldentwertung. wird, müssen also ein Verhalten unterlassen, dass den
Aber der Fall, dass den Schuldner auf einmal etwas we- Vertragszweck vereiteln würde (Leistungstreuepflicht).
sentlich mehr kostet, als er bei Vertragsschluss angenom- Über § 242 werden auch über Vetragsende hinaus bestemen hatte, wird auch von § 275 Abs. 2 geregelt. Fraglich hende Rücksichtnahmepflichten begründet.
So wurde § 242 immer herangezogen, um Nebenpflichist also, wann welche Norm anzuwenden ist.
der Parteien zu begründen. Heute übernimmt zum Teil
§ 275 Abs. 2 behandelt den Fall, dass das Gläubigerin§
Abs. 2 diese Aufgabe.
teresse in etwa gleich bleibt, der Schuldneraufwand aber
§ 242 soll vom Wortlaut her („der Schuldner hat
im Verhältnis dazu stark ansteigt: Wenn der Ring in den
...“) auch die Art und Weise der Leistung
See fällt, würde der Ersatzring den Gläubiger immer noch
Schuldner soll seine Verpflichtung nicht
(wie im ursprünglichen Kaufvertrag) 200 ¤ kosten, der
des Vertrages, sondern gemäß seiSchuldner müsste aber einige 100.000 ¤ aufwenden, um
(Larenz). So ist dem Schuldihn wiederzubeschaffen.
„Unzeit“,
also etwa mitten in der
§ 313 ist hingegen für Fälle ausgerichtet, in denen beides
(Gläubigerinteresse und Schuldneraufwand) in gleichem
HandelsbräuMaße ansteigt: Wenn die Inflation so galloppiert, dass ein
Ei 1 Mio. Mark kostet, kostet ein Ersatz-Ei den Gläubiger woanders auch 1 Mio. Mark, so dass sein Gläubigerin- Wertvorstellungen. So ging man im privaten Bereich mit
teresse in gleichem Maße ansteigt wie der Schuldnerauf- § 242 gegen die „wilde Ehe“ vor.
• L OOSCHELDERS, SAT § 39
• M EDICUS, BR § 7 (später vielleicht mal)
Der Grundsatz von Treu und Glauben ist ein unbestimmter Rechtsbegriff, der in verschiedenen Normen des BGB
auftaucht, etwa § 242 und § 157. Der Geltungsbereich geht
jedoch weit über das BGB hinaus, er beeinflusst auch die
Anwendung anderen und auch allgemeineren Rechts. Bei
der Anwendung ist zu beachten, dass § 242 in gewisser
Weise die Kapitulation des positiven Rechts bedeutet. Alle
Definitionen von Treu und Glauben sind ihrerseits ebenso
wenig subsumptionsfähig: Treue ist eine auf Zuverlässigkeit, Aufrichtigkeit und Rücksichtnahme beruhende innere und äußere Haltung (Treue als Rechtstugend der Verlässlichkeit, des Worthaltens und der Loyalität13 ), Glauben ist das Vertrauen der Gegenseite auf diese Haltung;14
die Veranschaulichung („nach dem Anstandsgefühl aller
billig und gerecht Denkenden“) führt ebensowenig weiter.
II. Korrekturfunktion (Abänderung der vertraglichen
Leistungspflicht)
Früher fielen die Fälle des Wegfalls der Geschäftsgrundlage unter § 242. Heute kann bei Sittenverstoß, der die
Schwelle des § 138 noch nicht überschreitet, der § 242 eingreifen. Das muss nicht zwingend zur völligen Nichtigkeit
des Rechtsgeschäfts führen, sondern etwa nur zur Korrektur.16
III. Schrankenfunktion
Dazu zählen unzulässige Rechtsausübung, Widersprüchliches Verhalten
Arglisteinwand (lat. Dolo agit/facit, qui petit, quod statim redditurus est, „Pflicht zur alsbaldigen Rückgewähr“).
Wer fordert, was er sofort darauf wieder zurückgeben
müsste, handelt arglistig und wird nicht gehört. Ausprägungen sind § 273, 387. Beispiel: Grundbuchberichtung
kann nicht verlangen, wer demjenigen, zugunsten dessen
13 JAUERNIG –Mansel, BGB § 242 Rn. 3.
14 PALANDT –Heinrichs, BGB65 § 242 Rn. 3.
15 JAUERNIG –Mansel,
16 JAUERNIG –Mansel,
BGB § 242 Rn. 27.
BGB § 242 Rn. 13.
ein Recht eingetragen ist, schuldrechtlich zur Bestellung
dieses Rechts verpflichtet wäre.17
Widersprüchliches Verhalten: Lat. (venire contra factum proprium). Wer durch ihm zurechenbares Verhalten
schutzwürdiges Vertrauen bei der Gegenseite hervorgerufen hat, darf sich dazu nicht in Widerspruch setzen. Jemand beruft sich bei einem Gerichtsverfahren, das nacheinander vor zwei Gerichten ausgetragen wird, das jeweils
andere sei zuständig. Weitere wichtige Anwendungsgebiete: Verwirkung von eigenen und Erwirkung von Ansprüchen. Ein Recht ist verwirkt, wenn es der Berechtigte über
einen längeren Zeitpunkt nicht geltend gemacht hat, obwohl er dazu in der Lage war (Zeitmoment) und sich der
Verpflichtete wegen des Gesamtverhaltens des Berechtigten darauf einrichten durfte und auch eingerichtet hat, dass
dieser auch künftig sein Recht nicht geltend mache (Umstandsmoment).18
Schikaneverbot: Fehlen eines schutzwürdigen Eigeninteresses. Beharren auf formellen Rechtspositionen. Unverhältnismäßigkeit der Rechtsausübung (Geringfügigkeit):
Wegen einer kleinen Pflichtverletzung wird etwa ein
tiefgreifendes Gestaltungsrecht wahrgenommen, ein Anspruch geltend gemacht oder dessen Erfüllung verweigert.
(etwa: Die Versicherung verweigert eine Leistung, weil der
Versicherungsnehmer geringfügig mit der Prämienzahlung
in Verzug ist) Eine Ausprägung ist § 226, der aber wegen
des restriktiven Tatbestands keinen praktischen Anwendungsbereich haben dürfte.
Ausnutzen unredlich erworbener Rechte: Lat. (exceptio doli specialis), etwa eines (bekanntermaßen) unrichtigen Urteils. Eine gesetzliche Ausprägung ist der
§ 162 Abs. 2 (treuwidriges Herbeiführen der Bedingung).
In eine ähnliche (wenn auch nicht dieselbe) Richtung geht
das Aufrechnungsverbot des § 393. Beispiel: Vorgehen aus
einem durch arglistige Täuschung zustande gekommenen
Vertrags, wenn die Frist nach § 124 abgelaufen ist.
Ähnlich zu beurteilen ist auch die Vereitelung von
Rechten der Gegenpartei. Die gesetzliche Ausprägung
ist der § 162 Abs. 1 (treuwidriges Vereiteln des Bedingungseintritts: der Vorbehaltsverkäufer nimmt etwa die
letzte Rate nicht an). Ein Vertragsteil verhindert etwa die
Beurkundung eines formbedürftigen Vertrags („ich werde
mich schon dran halten“), um sich hinterher auf den Formmangel zu berufen.19
Verletzung eigener Pflichten und Obliegenheiten:
Lat. tu quoque. Verletzt der Gläubiger seinerseits Pflichten, muss er zurückhaltend sein mit der Geltendmachung
von Rechten aus Pflichtverletzungen der Gegenseite, ganz
verzichten muss er aber auf Rechtsdurchsetzung nicht.20
Eine Ausprägung ist das Mitverschulden nach § 254.
Zudem entfalten Grundrechte mittelbare Drittwirkung
über die Generalklauseln des BGB, also auch den § 242.
Fall 3, „Rechenschwacher Gallier“: Wie Fall 1. Der
Triumphzug findet statt. A will die 2.000 Sesterzen am Tag
drauf bei Varus vorbeibringen. Als er dort ist, stellt sich
heraus, dass A sich verzählt hatte und versehentlich eine Sesterze zu wenig dabei hat. Varus, der wegen der Eroberung Roms schlecht gelaunt ist, verweigert deshalb mit
Hinweis auf §266 die Annahme. Ist er im Annahmeverzug?
Annahmeverzug des V?
1. Die Leistung war zulässig und dem A möglich.
2. A müsste die Leistung tatsächlich angeboten haben, § 294. A hat
nur eine Teilleistung tatsächlich angeboten. Dazu ist er nach § 266
nicht berechtigt. Dieser Einwand kann dem Varus jedoch nach dem
Grundsatz von Treu und Glauben (§ 242) verwehrt sein. Der § 266
soll ihn vor Aufwand (und der Belästigung) schützen, der mit der
mehrfachen Annahme von Teilleistungen verbunden ist. Hier wäre
der zusätzliche Aufwand für Varus minimal. Hingegen müsste A
weiter die Gefahr des zufälligen Untergangs (von 2500 $) tragen.
Hier fehlt dem Varus also ein schutzwürdiges Eigeninteresse. Das
Verhalten des Varus ist schikanös sowie unverhältnismäßig und daher unbeachtlich.
3. Varus hat die Leistung nicht angenommen. Vielleicht durfte er dies
aber nach § 266 BGB. Dieser Einwand wurde ihm aber abgeschnitten, s.o.
4. Varus ist also im Annahmeverzug
Abwandlung. Die Sesterzen sind vollzählig. Die Idee,
den Varus zu bezahlen, kommt dem A jedoch ausgerechnet um zwei Uhr nachts nach den Saufseeligkeiten zur Feier des Triumphzuges. Wieder verweigert ein verschlafener
Varus die Annahme. Ist er im Annahmeverzug? (Beide frei
nach Brox/Walker ASR §7 sowie Goscinny/Uderzo
1. Die Leistung war zulässig (Erfüllbarkeit nach § 271 meint den Zeitpunkt, ab dem geleistet werden darf, nicht die Uhrzeit der Leistung
danach) und dem A möglich.
2. A müsste die Leistung tatsächlich angeboten haben, § 294. Das erfordert, dass die Leistung wie geschuldet am rechten Ort, zur rechten Zeit und in der richtigen Art und Weise so angeboten wird,
dass der Gläubiger nur die Hand auszustrecken und zuzugreifen
braucht. Das könnte hier aufgrund der Uhrzeit zu anzuzweifeln
sein. Der § 242, der die Leistungsmodalitäten regeln soll, gebietet
bei der Leistungserbringung Rücksicht auf die Gegenseite. Etwa
verbietet er die Leistung zur Unzeit, also normalerweise nachts.
Ausnahmen können sich aus der Beziehung der Parteien zueinander ergeben (etwa zwei Nachtschwestern oder Bergarbeiter auf
Nachtschicht). A hat die Leistung also nicht ordnungsgemäß angeboten.
3. Varus ist nicht im Annahmeverzug.
• L OOSCHELDERS, SAT § 4
• JAUERNIG–Mansel, BGB § 242
BGH NJW 1974, 1651; JAUERNIG–Mansel, BGB § 242 Rn. 39.
BGB § 242 Rn. 53.
BGB § 242 Rn. 46.
JAUERNIG–Mansel, BGB § 242 Rn. 47.
18 JAUERNIG –Mansel,
19 JAUERNIG –Mansel,
Anpassung von Pflichten
Hardware-Service für Bankfilialen auf veränderte Hardware
1 - Informatik