Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/gemeinsames-sorgerecht-kommunikationsstoerungen-3113395
Timestamp: 2020-07-10 13:50:20
Document Index: 277232100

Matched Legal Cases: ['§ 1628', '§ 1687', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1671', 'BGH', 'BGH']

Gemeinsames Sorgerecht - und die Kommunikationsstörungen der Eltern | Rechtslupe
Gemeinsames Sorgerecht - und die Kommunikationsstörungen der Eltern
Gemein­sa­mes Sor­ge­recht – und die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stö­run­gen der Eltern
Bei der Ent­schei­dung über die Anord­nung oder Auf­he­bung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge ist auch zu berück­sich­ti­gen, wenn es im Ver­hält­nis der Eltern an einer Grund­la­ge für ein Zusam­men­wir­ken im Sin­ne des Kin­des­wohls fehlt. Ein nach­hal­ti­ger und tief­grei­fen­der Eltern­kon­flikt kann zur Fol­ge haben, dass die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge dem Kin­des­wohl wider­spricht.
Das Vor­lie­gen eines Eltern­kon­flikts oder die Ableh­nung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge durch die Mut­ter spre­chen für sich genom­men aller­dings noch nicht gegen die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge [1]. Allein die Ver­wei­ge­rungs­hal­tung eines Eltern­teils ist kein ent­schei­den­der Gesichts­punkt dafür, dass die Bei­be­hal­tung oder Über­tra­gung der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge dem Kin­des­wohl wider­spricht [2]. Dass Eltern in Ein­zel­fra­gen ver­schie­de­ner Mei­nung sind und ihre Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten im Ein­zel­fall strei­tig aus­ge­tra­gen haben, genügt eben­falls nicht, um die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge abzu­leh­nen. Es gehört zur Nor­ma­li­tät im Eltern-Kind-Ver­hält­nis, dass sich in Ein­zel­fra­gen die für das Kind bes­te Lösung erst aus Kon­tro­ver­sen her­aus­bil­det [3]. Hier­durch kön­nen sogar mehr Argu­men­te abge­wo­gen wer­den als bei Allein­ent­schei­dun­gen und so dem Kin­des­wohl bes­ser ent­spre­chen­de Ergeb­nis­se erreicht wer­den [4]. Ins­be­son­de­re sieht das Gesetz für ein­zel­ne kon­tro­vers dis­ku­tier­te und von den Eltern nicht lös­ba­re Fra­gen mit § 1628 BGB ein geeig­ne­tes Instru­men­ta­ri­um vor.
Die gemein­sa­me Aus­übung der Eltern­ver­ant­wor­tung setzt aller­dings ein Min­dest­maß an Über­ein­stim­mung in wesent­li­chen Berei­chen der elter­li­chen Sor­ge und ins­ge­samt eine trag­fä­hi­ge sozia­le Bezie­hung zwi­schen den Eltern vor­aus [5].
Die gemein­sa­me elter­li­che Sor­ge ist daher nicht anzu­ord­nen, wenn eine schwer­wie­gen­de und nach­hal­ti­ge Stö­rung auf der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­ne der Eltern vor­liegt, die befürch­ten lässt, dass den Eltern eine gemein­sa­me Ent­schei­dungs­fin­dung nicht mög­lich sein wird und das Kind folg­lich erheb­lich belas­tet wür­de, wür­de man die Eltern zwin­gen, die Sor­ge gemein­sam zu tra­gen [6]. Maß­geb­lich ist, wel­che Aus­wir­kun­gen die man­geln­de Eini­gungs­fä­hig­keit der Eltern bei einer Gesamt­be­ur­tei­lung der Ver­hält­nis­se auf die Ent­wick­lung und das Wohl des Kin­des haben wird [7]. Die Gefahr einer erheb­li­chen Belas­tung des Kin­des kann sich im Ein­zel­fall auch aus der Nach­hal­tig­keit und der Schwe­re des Eltern­kon­flikts erge­ben.
Eine voll­stän­di­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung der Eltern muss aller­dings nicht gege­ben sein [8]. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Eltern ist bereits dann schwer und nach­hal­tig gestört, wenn sie zwar mit­ein­an­der in Kon­takt tre­ten, hier­bei aber regel­mä­ßig nicht in der Lage sind, sich in der gebo­te­nen Wei­se sach­lich über die Belan­ge des Kin­des aus­zu­tau­schen und auf die­sem Wege zu einer gemein­sa­men Ent­schei­dung zu gelan­gen. Dann ist zu prü­fen, ob hier­durch eine erheb­li­che Belas­tung des Kin­des zu befürch­ten ist.
Ent­ge­gen einer in der Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Mei­nung [9] muss die Belas­tung des Kin­des nicht bereits tat­säch­lich bestehen. Es genügt die begrün­de­te Befürch­tung, dass es zu einer sol­chen Belas­tung kommt [10].
Dafür genügt die begrün­de­te Besorg­nis, dass die Eltern auch in Zukunft nicht in der Lage sein wer­den, ihre Strei­tig­kei­ten in wesent­li­chen Berei­chen der elter­li­chen Sor­ge kon­struk­tiv und ohne gericht­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen bei­zu­le­gen. Denn ein fort­ge­setz­ter destruk­ti­ver Eltern­streit führt für ein Kind zwangs­läu­fig zu erheb­li­chen Belas­tun­gen [11]. Not­wen­dig ist hier­für die Ein­schät­zung im Ein­zel­fall, ob der Eltern­kon­flikt so nach­hal­tig und so tief­grei­fend ist, dass gemein­sa­me, dem Kin­des­wohl dien­li­che Ent­schei­dun­gen der Eltern in den wesent­li­chen Belan­gen der elter­li­chen Sor­ge auch für die Zukunft nicht gewähr­leis­tet sind [12].
Eben­falls nicht erfor­der­lich ist die teil­wei­se gefor­der­te zusätz­li­che Fest­stel­lung einer güns­ti­gen Pro­gno­se der Allein­sor­ge eines Eltern­teils dahin­ge­hend, dass die Eltern auf­grund der gericht­li­chen Ent­schei­dung für die Allein­sor­ge ihren Streit nicht fort­set­zen wer­den [13]. In die Abwä­gung ist viel­mehr ein­zu­be­zie­hen, ob durch die Allein­sor­ge die Kon­flikt­fel­der zwi­schen den Eltern ein­ge­grenzt wer­den, was für sich genom­men bereits dem Kin­des­wohl dien­lich sein kann [14], wäh­rend bereits das Risi­ko, dass das Kind durch die Begrün­dung der gemein­sa­men Sor­ge ver­stärkt dem fort­dau­ern­den Kon­flikt der Eltern aus­ge­setzt wird, dem Kin­des­wohl ent­ge­gen­ste­hen kann [15].
Zu den wesent­li­chen Berei­chen der elter­li­chen Sor­ge, für die ein Min­dest­maß an Ver­stän­di­gungs­mög­lich­kei­ten gefor­dert wer­den muss, gehö­ren alle nach § 1687 Abs. 1 Satz 1 BGB gemein­sam zu tref­fen­den Ent­schei­dun­gen, zu denen ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts auch die Grund­ent­schei­dun­gen über den per­sön­li­chen Umgang des Kin­des mit dem nicht betreu­en­den Eltern­teil zäh­len [16]. Die Art und Wei­se, wie die Eltern inso­weit in der Lage zu gemein­sa­men Ent­schei­dun­gen sind, kann bei der Gesamt­ab­wä­gung nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben.
vgl. OLG Köln NJW-RR 2008, 1319, 1320[↩]
OLG Karls­ru­he Beschluss vom 02.04.2015 – 18 UF 253/​14 16[↩]
vgl. BT-Drs. 17/​11048 S. 17; KG FamRZ 2011, 1659[↩]
BGH, Beschluss vom 12.12 2007 – XII ZB 158/​05 , FamRZ 2008, 592 Rn. 11 mwN; BT-Drs. 17/​11048 S. 17 mwN[↩]
OLG Schles­wig FamRZ 2014, 1374, 1375; KG FamRZ 2014, 1375; OLG Koblenz FamRZ 2014, 319; BT-Drs. 17/​11048 S. 17; vgl. auch OLG Stutt­gart [11. ZS] FamRZ 2015, 674; OLG Bran­den­burg [2. FamS] FamRZ 2014, 1856; OLG Köln NJW-RR 2008, 1319, 1320; Schil­ling NJW 2007, 3233, 3238[↩]
BGH, Beschluss vom 29.09.1999 – XII ZB 3/​99 , FamRZ 1999, 1646, 1648[↩]
a.A. OLG Bran­den­burg [4. FamS] FamRZ 2016, 240, 243[↩]
OLG Bran­den­burg [4. FamS] FamRZ 2016, 240, 243; OLG Cel­le [10. ZS] FamRZ 2014, 857; OLG Stutt­gart [16. ZS] FamRZ 2014, 1715, 1716[↩]
OLG Cel­le [15. ZS] FamRZ 2016, 385, 386; vgl. auch BGH, Beschluss vom 15.11.2007 – XII ZB 136/​04 , FamRZ 2008, 251 Rn. 24[↩]
BGH, Beschluss vom 12.12 2007 – XII ZB 158/​05 , FamRZ 2008, 592 Rn. 15; Göd­de ZfJ 2004, 201, 207, 209; vgl. auch BGH, Beschluss vom 15.11.2007 – XII ZB 136/​04 , FamRZ 2008, 251 Rn. 24[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 15.11.2007 – XII ZB 136/​04 , FamRZ 2008, 251 Rn. 23[↩]
a.A. OLG Bran­den­burg [4. FamS] FamRZ 2016, 240, 243 und FamRZ 2015, 760, 762[↩]
vgl. Staudinger/​Coester BGB [2016] § 1671 Rn. 137[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 15.11.2007 – XII ZB 136/​04 , FamRZ 2008, 251 Rn. 24[↩]
BGH, Beschluss vom 12.12 2007 – XII ZB 158/​05 , FamRZ 2008, 592 Rn. 12 mwN; Schil­ling NJW 2007, 3233, 3234[↩]
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