Source: https://www.bstbk.de/de/presse/stellungnahmen/archiv/20161116_stellungnahme_bstbk/index.html
Timestamp: 2019-02-23 11:18:33
Document Index: 249234339

Matched Legal Cases: ['§ 147', '§ 41', '§ 6', '§ 6', '§ 33', 'Art. 238', '§ 23', '§ 23', '§ 19', 'Art. 281', 'Art. 286']

Stellungnahme der Bundessteuerberaterkammer zum Regierungsentwurf eines Zweiten Gesetzes zur Entlastung insbesondere der mittelständischen Wirtschaft von Bürokratie (Bürokratieentlastungsgesetz II)
die Bundessteuerberaterkammer unterstützt die Bemühungen, die Steuerpflichtigen von entbehrlichen bürokratischen Pflichten zu entlasten. Besondere Bedeutung kommt dabei auch der Beachtung der „One in, one out“-Regel zu, um ein immer weiteres Anwachsen von Bürokratie zu vermeiden. Im Bereich des Steuerrechts werden die aktuellen Bemühungen zur Verbesserung der Transparenz und der Bekämpfung von Gewinnverlagerungen und Steuerhinterziehung dazu führen, dass Unternehmen mit zahlreichen neuen Dokumentationspflichten belastet werden. Aufgrund der internationalen Absprachen ist dieser Aufbau neuer Bürokratie leider nicht von der „One in, one out“ -Regel betroffen. Umso wünschenswerter wäre es, die Steuerpflichtigen an anderer Stelle von bestehenden Dokumentationspflichten zu entlasten. Dabei ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl der Steuerpflichtigen steuerehrlich ist und nicht wegen des Fehlverhaltens einzelner übermäßig belastet werden sollte.
Die Nachbesserung einmal eingeführter Regelungen ist stets problematisch. Dies zeigt sich auch an der im vorliegenden Gesetzentwurf vorgeschlagenen Änderung der Fälligkeit der Gesamtsozialversicherungsbeiträge. Eine echte bürokratische Entlastung der Unternehmen bzw. der Steuerberaterkanzleien brächte allein die Rückkehr zur alten Fälligkeitsregel.
Artikel 2: Änderung der Abgabenordnung
Aufbewahrungspflicht von Lieferscheinen nach § 147 Abs. 3 AO
Ein Entfall der Aufbewahrungspflicht von empfangenen Lieferscheinen, die keine Buchungsbelege sind, könnte nach Auffassung der Bundessteuerberaterkammer nur ein erster Schritt in eine umfassende Befassung mit den verschiedenen Aufbewahrungsfristen und -regelungen darstellen. Die Regelung der Aufbewahrungspflichten ist insgesamt unübersichtlich. Dies führt in der Praxis oft dazu, dass zur Sicherheit eher mehr aufbewahrt wird als eigentlich nötig.
Ob die Bedenken des Bundesrates in seiner Stellungnahme zum Gesetzentwurf (Drs. 437/16) im Hinblick auf die Überprüfbarkeit von Bargeschäften nicht durch die Neuregelungen durch das im Entwurf vorliegende Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen sowie Entwurf einer technischen Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zu entkräften sind, sollte zumindest noch einmal diskutiert werden.
Artikel 4: Änderung des Einkommensteuergesetzes
Grenze für die vierteljährliche Abgabe von Lohnsteuer-Anmeldungen in § 41a Abs. 2 Satz 2 EStG
Die vorgesehene Anhebung von 4.000,00 € auf 5.000,00 € als den Betrag, ab dem eine vierteljährliche statt einer monatlichen Abgabe von Lohnsteuer-Anmeldungen möglich ist, sehen wir als einen Schritt in die richtige Richtung.
Entlastet werden sollen laut Begründung zum Gesetzentwurf Betriebe mit ein oder zwei Arbeitnehmern. Die Lohnsumme, auf die eine Lohnsteuer von 5.000,00 € entsteht, liegt aktuell bei rund 34.850,00 € (Lohnsteuer-Tabellen, Steuerklasse I und IV). Bei zwei vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmern dürften diese – bei einer vereinfachten Beispielrechnung – nicht einmal den Mindestlohn verdienen, um die Grenze nicht zu überschreiten (8,50 € x 40 Arbeitsstunden pro Woche x 52 Wochen = 17.680,00 €, bei zwei Arbeitnehmern 35.360,00 €).
Vor diesem Hintergrund erscheint die Entlastungswirkung für die Arbeitgeber eher marginal. Es sollte geprüft werden, ob unter Berücksichtigung der vorgesehenen Anhebung des Mindestlohns nicht eine weitere Anhebung des Grenzbetrags sinnvoll wäre.
Zusätzlicher Vorschlag: Anhebung der Grenze für geringwertige Wirtschaftsgüter in § 6 Abs. 2 Satz 1 EStG
Bereits anlässlich des ersten Bürokratieabbaugesetzes hat die Bundessteuerberaterkammer mit Schreiben vom 15. Juni 2015 dringend für eine Anhebung der Betragsgrenze für geringwertige Wirtschaftsgüter (GWG) plädiert.
Eine solche Anhebung ist mehr als überfällig, da der Betrag bereits seit 1965, also seit nunmehr 51 Jahren, mit 410,00 €, vormals 800,00 DM, unverändert geblieben ist. Die damals mit der Einführung der GWG-Grenze bezweckte Vereinfachung für die Unternehmen wird bereits seit langem nicht mehr erreicht.
Eine deutliche Anhebung dieses Betrags, etwa auf 1.000,00 €, wäre nicht mehr als eine Anpassung des Betrags an die zwischenzeitliche Inflation und würde für viele kleine und mittlere Unternehmen die Notwendigkeit entfallen lassen, aufwändige Berechnungen anzustellen, um das Wahlrecht zwischen der Sofortabschreibung und der Einstellung in einen Sammelposten ausüben zu können. Bei einer ausreichenden Anhebung der GWG-Grenze könnte vielmehr u. E. § 6 Abs. 2a EStG wieder entfallen, mit dem die Sammelpostenmethode eingeführt wurde. Eine weitere Entlastung von Bürokratie könnte darüber hinaus erreicht werden, wenn der Wert von 150,00 €, ab dem Wirtschaftsgüter in ein besonderes, laufend zu führendes Verzeichnis aufzunehmen sind, ebenfalls angehoben würde.
Eine Anhebung der GWG-Grenze lässt sich u. E. auch nicht mit zu erwartenden Einnahmeausfällen begründen, da sich in der Gesamtbetrachtung lediglich eine zeitliche Verschiebung ergibt. Durch die Sofortabschreibung fällt der Gewinn direkt im Jahr der Anschaffung des Wirtschaftsgutes geringer aus, da die Anschaffungskosten nicht auf die Jahre der betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauer verteilt als Betriebsausgaben abgezogen werden, sondern in einer Summe zu Beginn der Nutzung. Dadurch zunächst im Vergleich zum Status Quo entstehende Steuermindereinnahmen wären heute, bei weiterhin wachsenden Steuerreinnahmen besser verkraftbar, als in späteren Jahren, wenn konjunktur- oder demografiebedingte geringere Steuereinnahmen zu erwarten sind.
Es zeigt sich am Fall der über 51 Jahre hinweg nicht angepassten GWG-Grenze exemplarisch die Problematik von betragsmäßig im Gesetz festgelegten Vereinfachungs- oder Pauschalierungsregelungen. Im Rahmen der weiter fortzuführenden Bemühungen um einen Abbau von Bürokratie sollten die entsprechenden Normen regelmäßig überprüft und an die aktuellen Entwicklungen (Inflation, Mindestlohn etc.) angepasst werden, um nicht erst einen Handlungsstau wie bei den GWG und damit verbundene Befürchtungen um nicht verkraftbare Einnahmenausfälle entstehen zu lassen.
Artikel 5: Änderung der Umsatzsteuer-Durchführungsverordnung
Anhebung der Kleinbetragsgrenze in § 33 UStDV
Das Umsatzsteuergesetz normiert umfangreiche Pflichtangaben für die Erstellung von Rechnungen. Erleichterungen gelten für sog. Kleinbetragsrechnungen, deren Gesamtrechnungsbetrag 150,00 € nicht übersteigt. Eine Anhebung der Grenze für Kleinbetragsrechnungen auf 300,00 € hatte die Bundessteuerberaterkammer bereits in ihrer Stellungnahme vom 9. September 2014 zum Referentenentwurf für ein Gesetz zur Anpassung der Abgabenordnung an den Zollkodex der Union und zur Änderung weiterer steuerlicher Vorschriften gegenüber dem Bundesministerium der Finanzen angeregt.
Die vorgesehene Anhebung auf 200,00 € befürworten wir nachdrücklich, regen jedoch an, eine weitergehende Anhebung zu prüfen. Europarechtlich ist eine Erhöhung auf 400,00 € möglich (siehe Art. 238 Abs. 1a MwStSystRL). Österreich hat die Kleinbetragsgrenze zum 1. März 2014 auf 400,00 € angehoben.
Artikel 9: Änderung des Sozialgesetzbuchs Viertes Buch (IV) – Gemeinsame Vorschrif-
ten für die Sozialversicherung
Fälligkeit der Gesamtsozialversicherungsbeiträge nach § 23 Abs. 1 SGB IV
Der vorliegende Gesetzentwurf des Bürokratieentlastungsgesetzes sieht in § 23 SGB IV auch eine Änderung der seit dem 1. Januar 2006 geltenden Fälligkeitslösung für Sozialversicherungsbeiträge vor. Auch wenn die jetzt vorgesehene Übernahme der „vereinfachten Lösung“ im SGB IV nach den Feststellungen des Statistischen Bundesamts (DESTATIS) im Abschlussbericht des Nationalen Normenkontrollrats ein Entlastungsvolumen von rund 64 Mio. € bringen soll, brächte aus Sicht der Bundessteuerberaterkammer eine echte bürokratische Entlastung der Unternehmen bzw. der Steuerberaterkanzleien allein die Rückkehr zur alten Fälligkeitsregel. Sinnvoll wäre es weiter, eine einheitliche Fälligkeitsregel in der Lohnabrechnung – also für Sozialversicherung einerseits und im Lohnsteuerrecht andererseits – zu schaffen. Diese Auffassung findet sich auch – wie nachfolgend noch eingehender erläutert – als „Ergebnisse der Befragung der Steuerberater“ unter 5.4. im Abschlussbericht von DESTATIS.
Schon vor der Einführung der vorgezogenen Fälligkeitsregelung hatte sich die Bundessteu­erberaterkammer im laufenden Gesetzgebungsverfahren gegen die Vorverlegung ausge­sprochen. Die 72. Bundeskammerversammlung, das höchste Organ des steuerberatenden Berufs, hatte mit Resolution vom 14. November 2005 den Gesetzgeber aufgefordert, das Gesetz zur Änderung des Vierten und Sechsten Buchs Sozialgesetzbuch vom 3. August 2005 wieder aufzuheben, soweit damit die Fälligkeit der Sozialversicherungsbeiträge ab dem 1. Januar 2006 vorgezogen werden sollte, und einen Korrekturvorschlag dahingehend unter­breitet, dass Beiträge erst am fünften Bankarbeitstag des Folgemonats fällig werden.
Die Bundessteuerberaterkammer hat sich deshalb in der Vergangenheit stets aufs Neue gegenüber Politik und Verwaltung für die Rückgängigmachung der vorgezogenen Fälligkeit des Gesamtsozialversicherungsbeitrags und für eine Vereinheitlichung eingesetzt.
Vor diesem Hintergrund hat die Bundessteuerberaterkammer die im Auftrag des Nationalen Normenkontrollrats von DESTATIS im Jahr 2015/2016 durchgeführte äußerst umfangreiche Befragung begrüßt und folglich auch unterstützt. Die Bundessteuerberaterkammer hat eine Reihe von Steuerberatern als Interviewpartner benannt. Die Ergebnisse der Befragung der Steuerberater spiegeln die Auffassung des Berufsstands hinsichtlich der Vorverlegung der Fälligkeit wider.
Die befragten Steuerberater haben sich in dieser Untersuchung (siehe S. 70 ff.) zur „ Fälligkeit von Sozialversicherungsbeiträgen“ vom Juni 2016 für keines der genannten Alternativmodelle, also weder für das Vorschussmodell, noch für das Vormonatsmodell und auch nicht für die Ausweitung der erleichterten Beitragsberechnung (siehe Ranking, S. 78), ausgesprochen. Jedes dieser Modelle hätte nach Ansicht der befragten Steuerberater, aber auch aus Sicht ihrer Mandanten verschiedene Nachteile bzw. Schwierigkeiten. Eine „Verschlimmbesserung“ wurde nicht befürwortet. Die Steuerberater haben sich auch in dieser Untersuchung für die Rückkehr zur Regelung vor dem 1. Januar 2006 ausgesprochen.
Auch die durch den vorliegenden Entwurf umgesetzte Alternativregelung, das sog. erleichterte Beitragsberechnungsverfahren auf alle Betriebe auszuweiten, wird von den teilnehmenden Steuerberatern kritisch gesehen. Insbesondere werden die Arbeitsprozesse nicht grundsätzlich verändert, da diese bereits jetzt den aktuellen Fälligkeitsregelungen entsprechen. Auch die Alternativregelung lässt für diejenigen Mandanten, für die keine Spitzenabrechnung erstellt werden kann, keine vollständige Abrechnung zu. Die Mandanten können auch weiterhin zum Fälligkeitstermin keine abschließenden Angaben machen. Korrekturen bzw. Abgleiche im Folgemonat und Probleme in der Abstimmung mit der Finanzbuchhaltung bleiben weiterhin bestehen. Die Alternativregelung – ohne die bisherigen Einschränkungen beim Mitarbeiterwechsel oder bei variablen Entgeltbestandteilen – führt zum Teil zu einer Legalisierung der bereits gängigen Praxis in den Steuerberaterkanzleien.
Ergänzender Vorschlag: Änderung des Umsatzsteuergesetzes
Die Bundessteuerberaterkammer bedauert sehr, dass die im Referentenentwurf noch vorgesehene Anhebung der Grenzen für die Kleinunternehmereigenschaft i. S. d. § 19 UStG im Regierungsentwurf nicht mehr enthalten ist und plädiert dafür, diese Regelung wieder aufzunehmen.
Nach Art. 281 ff. MwStSystRL können Mitgliedstaaten nationale Sonderregelungen in Form von Steuerbefreiungen für Kleinunternehmer erlassen. Nach der derzeitigen deutschen Regelung ist ein im Inland ansässiger Unternehmer mit einem Umsatz von bis zu 17.500,00 € im vorangegangenen Kalenderjahr und voraussichtlich keinem höheren Umsatz als 50.000,00 € im laufenden Kalenderjahr von der Umsatzsteuer befreit. In den meisten europäischen Staaten liegt der Betrag für die Kleinunternehmerregelung deutlich höher, trotz des teilweise niedrigeren Preisniveaus. Mit Blick auf den internationalen Bereich sollten etwaige Wettbewerbsverzerrungen daher ggf. zu Lasten Deutschlands vorliegen und beseitigt werden. Auf nationaler Ebene ist darauf hinzuweisen, dass die Kleinunternehmerregelung lediglich eine optionale Regelung darstellt, auf die auch verzichtet werden kann.
Mitgliedstaaten sind gem. Art. 286 MwStSystRL ermächtigt, die Kleinunternehmergrenze zur Wahrung des realen Wertes anzuheben. Seit Einführung der derzeit gültigen Grenzen für die deutsche Kleinunternehmerregelung sind mehr als 10 Jahre vergangen und Preissteigerungen eingetreten. Im Lichte unserer obigen Ausführungen zu den GWG halten wir es für geboten, diese Grenze nun anzuheben. Diese Anhebung würde dazu beitragen, dem ursprünglichen Gedanken der Vereinfachung in Bagatellfällen weiterhin Geltung zu verschaffen und den Bürokratieaufwand für viele kleinere Unternehmen sowie auch für die Finanzverwaltung spürbar zu verringern.
Diese Stellungnahme als PDF speichern (PDF 262,33 KB)