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Timestamp: 2019-07-15 20:18:31
Document Index: 22741979

Matched Legal Cases: ['§ 307', '§ 307', '§ 305', '§ 307', '§ 307', '§ 611', '§ 305', '§ 611', '§ 307', '§ 307', '§ 307']

LAG Düsseldorf, Urteil vom 29.07.2009, 2 Sa 470/09 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Düs­sel­dorf, Ur­teil vom 29.07.2009, 2 Sa 470/09
Schlagworte: Freiwilligkeitsvorbehalt, AGB, Weihnachtsgeld, Widerrufsvorbehalt
Aktenzeichen: 2 Sa 470/09
Weist ein Arbeitgeber in einem vorformulierten Arbeitsvertrag, der keine Zusage über die Leistung einer Sonderzahlung enthält, darauf hin, die Gewährung einer solchen begründe keinen Rechtsanspruch des Arbeitnehmers, benachteiligt ein klar und verständlich formulierter Freiwilligkeitsvorbehalt den Arbeitnehmer auch dann nicht unangemessen i.S.v. § 307 Abs. 1 BGB, wenn der Arbeitgeber diesen Vorbehalt mit einem Widerrufsvorbehalt kombiniert (in Anschluss an BAG 30.07.2008 - 10 AZR 606/07 - EzA § 307 BGB 2002 Nr. 38). Der Widerrufsvorbehalt dient in diesem Fall nur der Stützung des Freiwilligkeitsvorbehalts mit der Folge, dass eine betriebliche Übung nicht entstehen kann.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Mönchengladbach, Urteil vom 06.04.2009, 5 Ca 3995/08
5 Ca 3995/08 Ar­beits­ge­richt Mönchen­glad­bach
Verkündet am 29. Ju­li 2009
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte T. u.a.,
N. str. 19, H.,
die M. Pla­nung & Tech­no­lo­gie GmbH, ver­tre­ten durch die Her­ren Geschäftsführer Dipl.-Ing. D. M., Dipl.-Ing. W. S., Dr. W.
T., E.-L.-S.-Straße 5 - 7, L.,
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Q. Rechts­anwälte,
C. straße 26 - 28, N.,
hat die 2. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 29.07.2009
durch die Vi­ze­präsi­den­tin des Lan­des­ar­beits­ge­richts Gött­ling als Vor­sit­zen­de so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Gra­vi­us und Nor­bis­rath
Der Kläger trägt die Kos­ten des Rechts­streits. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über ein Weih­nachts­geld für das Jahr 2008.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 3.350,00 € brut­to nebst Zin­sen
in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins seit dem 01. 12.2008 zu zah­len.
I. Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann
zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ein An­spruch auf Zah­lung ei­ner Jah­res­son­der­vergütung und da­mit auch auf Zah­lung ei­nes Weih­nachts­gel­des auf­grund be­trieb­li­cher Übung (hier­zu näher BAG 20.06.2007 – 10 AZR 410/06 – NZA 2007, 1293, 1295; BAG 30.08.2008 – 10 AZR 606/07 – Rdz. 27, EzA
II. Im Streit­fall hat die Be­klag­te dem Kläger zwar je­den­falls in den Jah­ren
2005, 2006 und 2007, mit­hin drei­mal, Weih­nachts­geld ge­zahlt. Ei­ne be­trieb­li­che Übung ist den­noch nicht ent­stan­den. Die Leis­tung er­folg­te nämlich un­ter ei­nem rechts­wirk­sa­men Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt mit der Fol­ge, dass der Kläger auf die Zah­lung des Weih­nachts­gel­des auch in den nächs­ten Jah­ren nicht ver­trau­en konn­te.
a) Der bloße Hin­weis in ei­nem Ar­beits­ver­trag, dass die dort ge­nann­te
Son­der­vergütung „frei­wil­lig“ gewährt wird, bringt nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts al­ler­dings noch nicht
b) Den ge­nann­ten An­for­de­run­gen genügt der von den Par­tei­en ver­ein­bar­te
Vor­be­halt. Die Par­tei­en ha­ben sich nicht da­mit be­gnügt, die in Zif­fer 6 ge­nann­ten Son­der­leis­tun­gen als frei­wil­lig zu be­zeich­nen. Viel­mehr ha­ben sie aus­drück­lich ver­ein­bart, dass et­wai­ge Leis­tun­gen frei­wil­lig und „oh­ne je­de recht­li­che Ver­pflich­tung“ er­fol­gen. Da­mit ha­ben sie un­miss­verständ­lich klar­ge­stellt, dass ein An­spruch auf die­se Leis­tun­gen nicht be­ste­hen soll.
3. Der auch das Weih­nachts­geld be­tref­fen­de Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt im
Ar­beits­ver­trag vom 03.01.1996 ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers
a) Nach den von der Be­klag­ten nicht mit Ge­genrügen an­ge­grif­fe­nen
Fest­stel­lun­gen des Ar­beits­ge­richts han­delt es sich bei den un­ter der Über­schrift „Gra­ti­fi­ka­ti­on“ ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen um All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen i.S.v. § 305 Abs. 1 BGB. All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen sind nach ih­rem ob­jek­ti­ven In­halt und ty­pi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den, wo­bei nicht die Verständ­nismöglich­kei­ten des kon­kre­ten, son­dern die des durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders zu­grun­de zu le­gen sind (BAG 24.10.2007 – 10 AZR 825/06 – Rdz. 13, NZA 2008, 40, 41; BAG 19.03.2008 – 5 AZR 429/07 – Rdz. 23, NZA 2008, 757, 759). An­satz­punkt für die nicht am Wil­len der kon­kre­ten Ver­trags­part­ner zu ori­en­tie­ren­de Aus­le­gung all­ge­mei­ner Geschäfts­be­din­gun­gen ist in ers­ter Li­nie der Ver­trags­wort­laut. Ist der Wort­laut ei­nes For­mu­lar­ver­trags nicht ein­deu­tig, kommt es für die Aus­le­gung ent­schei­dend dar­auf an, wie der Ver­trags­text aus der Sicht der ty­pi­scher­wei­se an Geschäften die­ser Art be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se zu ver­ste­hen ist, wo­bei der Ver­trags­wil­le verständi­ger und red­li­cher Ver­trags­part­ner be­ach­tet wer­den muss (BAG 19.03.2008 – 5 AZR 429/07 – Rdz. 24, NZA 2008, 757, 759).
c) Un­ter Berück­sich­ti­gung die­ser Grundsätze verstößt die Re­ge­lung im
Ar­beits­ver­trag vom 03.01.1996, wo­nach die Zah­lung von Son­der­leis­tun­gen frei­wil­lig und oh­ne je­de recht­li­che Ver­pflich­tung er­folgt, nicht ge­gen das Trans­pa­renz­ge­bot des § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB. Der Wort­laut die­ser Ab­re­de ist für sich ge­nom­men ein­deu­tig. Er schließt ei­nen Rechts­an­spruch auf Son­der­leis­tun­gen und da­mit auch ei­nen Rechts­an­spruch auf Weih­nachts­geld aus. Die­se Re­ge­lung ist auch nicht des­halb un­klar und un­verständ­lich im Sin­ne von § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB, weil sie zu der in Zif­fer 6 Satz 2 des Ar­beits­ver­tra­ges ge­trof­fe­nen Re­ge­lung - „da­her je­der­zeit oh­ne War­nung ei­ner be­son­de­ren Frist wi­der­ruf­bar“ - in Wi­der­spruch steht.
bb. Die­se Grundsätze las­sen sich nicht oh­ne wei­te­res auf den Streit­fall
über­tra­gen. In dem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­te der Ar­beit­ge­ber dem Ar­beit­neh­mer die Zah­lung ei­ner Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on in Höhe ei­nes mo­nat­li­chen Brut­to­ent­gelts im Ar­beits­ver­trag aus­drück­lich zu­ge­sagt. Da­zu stand der Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt im Wi­der­spruch und die­ser wie­der­um im Wi­der­spruch zu dem wei­te­ren Wi­der­rufs­vor­be­halt, der den An­spruch der Ar­beit­neh­me­rin auf die Leis­tung be­kräftig­te.
cc. Der Streit­fall liegt an­ders. Die Be­klag­te hat dem Kläger im Ar­beits­ver­trag
kei­ne Son­der­zah­lung zu­ge­sagt. Sie hat viel­mehr dar­auf hin­ge­wie­sen, dass et­wai­ge künf­ti­ge Zah­lun­gen kei­ne Rechts­pflicht be­gründen. Da­mit konn­te der Kläger von vorn­her­ein nicht dar­auf ver­trau­en, dass die Be­klag­te sich durch die wie­der­hol­te Zah­lung des Weih­nachts­gel­des bin­den woll­te. Der Hin­weis auf die Wi­der­ruf­bar­keit der Leis­tung oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Frist dien­te – aus­ge­hend von dem Verständ­nis ei­nes verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­ners - nur der Stützung des Frei­wil­lig­keits­vor­be­halts (vgl. BAG 10.05.1995 – 10 AZR 648/94 – EzA § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on, Prämie Nr. 125; LAG Düssel­dorf 30.11.2005 – 12 Sa 1210/05 – LA­GE § 305c BGB 2002 Nr. 3; LAG Düssel­dorf 31.01.2006 – 6 Sa 1441/05 - LA­GE § 611 BGB Gra­ti­fi­ka­ti­on Nr. 6). Dies er­gibt sich deut­lich aus dem Wort­laut der Re­ge­lung un­ter Zif­fer 6 Satz 2 des Ar­beits­ver­tra­ges, wo­nach die Leis­tun­gen „da­her....wi­der­ruf­bar“ sind. Die Be­zug­nah­me auf Satz 1 durch den Zu­satz „da­her“ und die dort ge­re­gel­te Frei­wil­lig­keit der Zah­lung zeigt, dass die Wi­der­ruf­bar­keit der Son­der­zah­lung aus de­ren Frei­wil­lig­keit ab­ge­lei­tet wird. Die Par­tei­en ha­ben da­mit kei­nen Wi­der­rufs­vor­be­halt im rechts­tech­ni­schen Sin­ne ver­ein­bart. Die­ser würde das Be­ste­hen ei­nes An­spruchs vor­aus­set­zen. Sie sind viel­mehr auch im Rah­men der ge­re­gel­ten Wi­der­ruf­bar­keit da­von aus­ge­gan­gen, es be­ste­he kein An­spruch auf die Leis­tung. Mit der Wi­der­ruf­bar­keit ha­ben sie letzt­lich nur die Ein­stel­lung der Zah­lung ge­meint. Für die­ses Verständ­nis spricht auch die ver­trag­lich vor­ge­se­he­ne Nicht­ein­hal­tung ei­ner Frist („oh­ne War­nung ei­ner Frist“ - ge­meint
4. Der klar und verständ­lich for­mu­lier­te Frei­wil­lig­keits­vor­be­halt, der je­den
Rechts­an­spruch für die Zu­kunft aus­sch­ließt, hält auch der Kon­trol­le nach § 307 Abs. 2 Nr. 1 BGB stand (vgl. BAG 30.07.2008 – 10 AZR 606/07 – EzA § 307 BGB 2002 Nr. 38; BAG 18.03.2009 – 10 AZR 289/08 – Rdz. 21, EzA § 307 BGB 2002 Nr. 43).
III. Auf ei­ne ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung we­gen Un­wirk­sam­keit des
Frei­wil­lig­keits­vor­be­halts kam es da­nach nicht an. Es konn­te des­halb da­hin­ge­stellt blei­ben, ob ei­ne sol­che über­haupt möglich wäre. Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts spricht viel dafür, dass ei­ne ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung aus­schei­det, wenn der Ar­beit­ge­ber nicht den Ver­such ge­macht hat, die un­wirk­sa­me Ver­trags­klau­sel mit den Mit­teln des Ver­trags­rechts in­ner­halb der vom Ge­setz­ge­ber ein­geräum­ten Über­g­angs­frist bis zum 1. Ja­nu­ar 2003 wirk­sam zu ge­stal­ten (BAG 11.02.2009 – 10 AZR 222/08 – ju­ris).
gez:. Gra­vi­us
gez.: Nor­bis­rath
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