Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Elektronische_Signaturkarte_Pflicht_zur_Nutzung_einer_elektronische_Signaturkarte_BAG_10AZR270-12.html
Timestamp: 2016-12-08 22:04:54
Document Index: 365648707

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 5', '§ 3', '§ 106', '§ 106', '§ 82', '§ 53', '§ 75', 'Art. 87', 'Art. 89', '§ 1', '§ 2', '§ 3', '§ 4', '§ 14', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 11', '§ 11', '§ 11', '§ 11', '§ 11', '§ 73', '§ 73', '§ 2', '§ 4', 'Art. 2', 'Art. 1', '§ 559', '§ 2', '§ 2', '§ 4', '§ 4', '§ 2', '§ 5', '§ 5', '§ 14', '§ 10', '§ 8', '§ 10', '§ 3', '§ 97']

HENSCHE Arbeitsrecht: 10 AZR 270/12
Ein Ar­beit­ge­ber kann von sei­nem Ar­beit­neh­mer die Be­an­tra­gung ei­ner qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Si­gna­tur und die Nut­zung ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te ver­lan­gen, wenn dies für die Er­brin­gung der ver­trag­lich ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung er­for­der­lich und dem Ar­beit­neh­mer zu­mut­bar ist.
Arbeitsgericht Stade, Urteil vom 22.2.2011 - 2 Ca 426/10Landesarbeitsgericht Niedersachsen, Urteil vom 12.9.2011 - 8 Sa 355/11
10 AZR 270/12 8 Sa 355/11Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am25. Sep­tem­ber 2013
hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 25. Sep­tem­ber 2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Mi­kosch, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rein­fel­der und - 2 -
Am 10. De­zem­ber 2003 be­schloss die Bun­des­re­gie­rung, die Ver­ga­be­ver­fah­ren al­ler Bun­des­behörden suk­zes­si­ve auf ein elek­tro­ni­sches Ver­ga­be­sys­tem um­zu­stel­len. Am 8./13. März 2006 schloss das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr, Bau und Stadt­ent­wick­lung (im Fol­gen­den: BMV­BS) mit dem bei ihm ge­bil­de­ten Haupt­per­so­nal­rat ei­ne „Dienst­ver­ein­ba­rung zur Nut­zung qua­li­fi­zier­ter di­gi­ta­ler Si­gna­tu­ren“ (DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren). - 3 - Mit Er­lass vom 11. De­zem­ber 2009 verfügte das BMV­BS, dass ab dem 1. Ja­nu­ar 2010 al­le Ver­ga­be­be­kannt­ma­chun­gen gemäß der Ver­din­gungs­ord­nung für Leis­tun­gen (VOL) und der Ver­din­gungs­ord­nung für frei­be­ruf­li­che Leis­tun­gen (VOF) über die elek­tro­ni­sche Ver­ga­be­platt­form des Bun­des zu er­stel­len und ent­spre­chend zu veröffent­li­chen sei­en. Vor­aus­set­zung für die Veröffent­li­chung von Ver­ga­be­un­ter­la­gen auf der elek­tro­ni­schen Ver­ga­be­platt-form des Bun­des ist ein qua­li­fi­zier­tes Zer­ti­fi­kat mit qua­li­fi­zier­ter elek­tro­ni­scher Si­gna­tur (im Fol­gen­den: elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te) nach dem Si­gna­tur­ge­setz (SigG), das nur natürli­chen Per­so­nen er­teilt wird (§ 2 Nr. 7 SigG). Die Aus­stel­lung ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te setzt vor­aus, dass der An­trag­stel­ler von dem Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter an­hand des Per­so­nal­aus­wei­ses oder gleich­wer­ti­ger Do­ku­men­te iden­ti­fi­ziert wor­den ist (§ 5 Abs. 1 SigG, § 3 Abs. 1 SigV).
Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, sie sei nicht ver­pflich­tet, ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te zu be­an­tra­gen und zu nut­zen. Ei­ne Nut­zung der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te durch sie sei nicht er­for­der­lich. Die Di­plom-In­ge­nieu­re, wel­che die Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen er­stell­ten, könn­ten die­se selbst auf der elek­tro­ni­schen Ver­ga­be­platt­form des Bun­des veröffent­li­chen. - 4 - Außer­dem ge­be es an­de­re Beschäftig­te im WSA, die be­reits über ei­ne Si­gna­tur­kar­te verfügten und da­her in der La­ge sei­en, die Veröffent­li­chun­gen vor­zu­neh­men. Ent­ge­gen den Vor­ga­ben der DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren sei die Kläge­rin im Um­gang mit der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te nicht ge­schult wor­den. Darüber hin­aus ver­let­ze die Wei­sung der Be­klag­ten das Recht der Kläge­rin auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung, weil sie ih­re persönli­chen Da­ten ge­gen ih­ren Wil­len ei­ner pri­va­ten Fir­ma mit­tei­len müsse. Sie ha­be Angst, dass mit ih­ren Da­ten Miss­brauch ge­trie­ben wer­de.
- 5 - I. Die Kla­ge ist mit dem in der Re­vi­si­on noch anhängi­gen Fest­stel­lungs­an­trag zulässig.
II. Die Kla­ge ist un­be­gründet. Die Wei­sung der Be­klag­ten ist wirk­sam. 1. Nach § 106 Satz 1 Ge­wO kann der Ar­beit­ge­ber In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung nach bil­li­gem Er­mes­sen näher be­stim­men, so­weit die­se Ar­beits­be­din­gun­gen nicht durch den Ar­beits­ver­trag, Be­stim­mun­gen ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung, ei­nes an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trags oder ge­setz­li­che Vor­schrif­ten fest­ge­legt sind.
- 6 - 29. Mai 1981 wur­de sie in die Vergütungs­grup­pe VII BAT höher­grup­piert und später in die EG 5 TVöD über­ge­lei­tet. Das Di­rek­ti­ons­recht des Ar­beit­ge­bers im öffent­li­chen Dienst er­streckt sich bei ei­ner Ver­trags­ge­stal­tung, die den ver­trag­li­chen Auf­ga­ben­be­reich al­lein durch ei­ne all­ge­mei­ne Tätig­keits­be­zeich­nung und die Nen­nung der Vergütungs­grup­pe be­schreibt, auf sol­che Tätig­kei­ten des all­ge­mein um­schrie­be­nen Auf­ga­ben­be­reichs, wel­che die Merk­ma­le der Vergütungs­grup­pe erfüllen, in die der Ar­beit­neh­mer ein­ge­stuft ist. Dem Ar­beit­neh­mer können an­de­re, dem all­ge­mein um­schrie­be­nen Auf­ga­ben­be­reich zu­zu­ord­nen­de Tätig­kei­ten nur zu­ge­wie­sen wer­den, so­weit sie den Merk­ma­len die­ser Vergütungs­grup­pe ent­spre­chen (st. Rspr., zu­letzt zB BAG 17. Au­gust 2011 - 10 AZR 322/10 - Rn. 15).
b) Die Veröffent­li­chung von Ver­ga­be­un­ter­la­gen gehört zum Auf­ga­ben­be­reich der Kläge­rin und ent­spricht den Merk­ma­len der Vergütungs­grup­pe VII BAT (nun­mehr EG 5 TVöD). Nach der Dienst­pos­ten­be­schrei­bung vom 12. Ju­ni 1996, die zwi­schen den Par­tei­en eben­so we­nig im Streit steht wie die Ein­grup­pie­rung selbst, gehört zu den Auf­ga­ben der Kläge­rin die Durchführung des in­ne­ren Diens­tes der Dienst­stel­le ein­sch­ließlich der Zu­sam­men­stel­lung von Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen. Zu den ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben im Zu­sam­men­hang mit Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen gehört nach der Ver­kehrs­an­schau­ung (vgl. ErfK/Preis 13. Aufl. § 106 Ge­wO Rn. 5) auch de­ren Veröffent­li­chung. Dem­ent­spre­chend hat die Kläge­rin be­reits in der Ver­gan­gen­heit re­gelmäßig Ver­ga­be­un­ter­la­gen - un­ter an­de­rem im In­tra­net - veröffent­licht. Der ge­for­der­te Ein­satz ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te verändert den Auf­ga­ben­be­reich der Kläge­rin nicht; le­dig­lich die Art und Wei­se der Veröffent­li­chung und die da­zu ge­nutz­ten Ar­beits­mit­tel wer­den tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen an­ge­passt. - 7 - 3. Die Wei­sung der Be­klag­ten ist un­ter Wah­rung der Mit­be­stim­mungs­rech­te nach dem BPers­VG er­folgt (vgl. zur Theo­rie der Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung im An­wen­dungs­be­reich des BPers­VG zu­letzt: BAG 22. Mai 2012 - 1 AZR 94/11 - Rn. 29). Der Haupt­per­so­nal­rat des BMV­BS (§ 82 Abs. 1, § 53 Abs. 1 BPers­VG) hat sei­ne Rech­te nach dem BPers­VG im Zu­sam­men­hang mit der Einführung qua­li­fi­zier­ter di­gi­ta­ler Si­gna­tu­ren (vgl. § 75 Abs. 3 Nr. 17 BPers­VG) durch den Ab­schluss der DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren aus­geübt.
a) Die Be­klag­te selbst er­hebt, ver­ar­bei­tet oder nutzt im Zu­sam­men­hang mit der Be­an­tra­gung des qua­li­fi­zier­ten Zer­ti­fi­kats mit qua­li­fi­zier­ter elek­tro­ni­scher Si­gna­tur und der Er­stel­lung der Si­gna­tur­kar­te kei­ne Da­ten iSd. Be­stim­mun­gen des BDSG. - 8 - aa) Zwar ist das WSA als Bun­des­behörde (vgl. Art. 87 Abs. 1 Satz 1, Art. 89 Abs. 2 GG) ei­ne öffent­li­che Stel­le iSd. § 1 Abs. 2 Nr. 1, § 2 Abs. 1 Satz 1 BDSG. Bei den Da­ten, wel­che die Kläge­rin im Rah­men der Be­an­tra­gung der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te mit­zu­tei­len hat, han­delt es sich auch um per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten iSd. § 3 Abs. 1 BDSG. In Be­zug auf die­se Da­ten ist das WSA je­doch nicht ver­ant­wort­li­che Stel­le iSd. BDSG.
(3) Das WSA ist dem­ge­genüber we­der in die Be­schaf­fung noch in die Ver­ar­bei­tung der Da­ten ein­ge­schal­tet. Viel­mehr wur­de die Kläge­rin auf­ge­for­dert, die elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te di­rekt beim Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter zu be­an­tra­gen (vgl. Schrei­ben vom 15. März 2010; DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren „An­trag­stel­lung durch den Beschäftig­ten“). Die­se Vor­ge­hens­wei­se ent­spricht dem Mo­dell des BDSG, wo­nach per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten grundsätz­lich beim Be­trof­fe­nen zu er­he­ben sind (§ 4 Abs. 2 Satz 1 BDSG), und den Vor­ga­ben des Si­gna­tur­ge­set­zes (§ 14 Abs. 1 SigG). Das WSA nutzt auch nicht die zur Aus­stel­lung der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te durch die T GmbH er­ho­be­nen Da­ten. Ein Nut­zen von Da­ten iSv. § 3 Abs. 5 BDSG liegt vor, wenn die Da­ten mit ei­ner be­stimm­ten Zweck­be­stim­mung aus­ge­wer­tet, zu­sam­men­ge­stellt, ab­ge­ru­fen - 9 - oder an­sons­ten ziel­ge­rich­tet zur Kennt­nis ge­nom­men wer­den sol­len (Go­la/Schome­rus BDSG § 3 Rn. 42; Go­la/Wron­ka Hand­buch zum Ar­beit­neh­mer­da­ten­schutz 5. Aufl. Rn. 911). Bei ei­nem Ein­satz der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te durch die Kläge­rin wer­den de­ren per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten durch das WSA nicht ziel­ge­rich­tet zur Kennt­nis ge­nom­men. Das WSA hat kei­nen Zu­griff auf die­se Da­ten.
bb) Zwi­schen dem WSA und dem Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter be­steht kein Auf­trags­verhält­nis iSd. § 3 Abs. 7, § 11 BDSG. Die Er­he­bung, Ver­ar­bei­tung und Nut­zung per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten im Auf­trag ist da­durch ge­kenn­zeich­net, dass sich ei­ne ver­ant­wort­li­che Stel­le ei­nes Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­mens be­dient, das le­dig­lich wei­sungs­ge­bun­den mit den Da­ten um­geht (Go­la/Schome­rus BDSG § 11 Rn. 3; Si­mi­tis/Pe­tri BDSG § 11 Rn. 20). Die ver­ant­wort­li­che Stel­le be­stimmt wei­ter­hin al­lein über die Er­he­bung, Ver­ar­bei­tung und Nut­zung der Da­ten und behält die un­ein­ge­schränk­te Verfügungs­ge­walt (Go­la/Wron­ka Hand­buch zum Ar­beit­neh­mer­da­ten­schutz Rn. 983; Wed­de in Däubler/Kle­be/Wed­de/Wei­chert BDSG 3. Aufl. § 11 Rn. 5). Der Be­reich der Auf­trags­da­ten­ver­ga­be wird ver­las­sen, so­bald dem Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men ei­ne ei­genständi­ge recht­li­che Zuständig­keit für die Auf­ga­be, de­ren Erfüllung die Da­ten­ver­ar­bei­tung oder -nut­zung dient, zu­ge­wie­sen wird (Go­la/Schome­rus BDSG § 11 Rn. 9). Nach den Vor­ga­ben des SigG ist der Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter al­lein für die Er­he­bung, Ver­ar­bei­tung und Nut­zung der per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten des An­trag­stel­lers ver­ant­wort­lich. Er ent­schei­det selbst über den Um­gang mit den von ihm er­ho­be­nen Da­ten und hat da­bei die zwin­gen­den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben ins­be­son­de­re des SigG zu be­ach­ten. Das WSA hat kei­nen Zu­griff auf und da­mit kei­ne Verfügungs­ge­walt über die Da­ten. Ihm ste­hen auch kei­ner­lei Kon­troll- oder Wei­sungs­rech­te im Hin­blick auf den Um­gang mit den Da­ten zu. - 10 - b) Ein Ver­s­toß ge­gen Be­stim­mun­gen des BDSG im Zu­sam­men­hang mit der Da­ten­er­he­bung durch die T GmbH als Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter ist nicht er­kenn­bar.
(2) Ei­ne sol­che Er­laub­nis ent­hal­ten die Be­stim­mun­gen der DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren. Da­nach wird je­der IT-Ar­beits­platz im Be­reich der elek­tro­ni­schen Ver­ga­be mit ei­nem Kar­ten­le­se­gerät und Chip­kar­ten nach den Re­ge­lun­gen des SigG aus­ge­stat­tet. Durch den je­wei­li­gen Beschäftig­ten persönlich er­folgt ei­ne ent­spre­chen­de An­trag­stel­lung beim Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter, die sei­ne zu­verlässi­ge Iden­ti­fi­zie­rung an­hand der Per­so­nal­aus­weis­da­ten er­for­dert. Un­ter die­se Dienst­ver­ein­ba­rung fällt auch die Kläge­rin; sie gilt un­mit­tel­bar und zwin­gend (§§ 73, 75 Abs. 3 Nr. 17 BPers­VG; We­ber in Ri­char­di/Dörner/We­ber Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht 4. Aufl. § 73 BPers­VG Rn. 21). Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Dienst­ver­ein­ba­rung ei­ne Her­ga­be der Da­ten an Drit­te ver­langt. Durch § 2 Nr. 7 SigG ist vor­ge­ge­ben, dass ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna- - 11 - tur­kar­te nur von ei­ner natürli­chen Per­son be­an­tragt wer­den kann und ih­re Aus­stel­lung durch Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter er­folgt (§ 4 f. SigG).
5. Die Wei­sung der Be­klag­ten ent­spricht bil­li­gem Er­mes­sen. - 12 - a) Ei­ne Leis­tungs­be­stim­mung ent­spricht bil­li­gem Er­mes­sen, wenn die we­sent­li­chen Umstände des Falls ab­ge­wo­gen und die bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen an­ge­mes­sen berück­sich­tigt wor­den sind (st. Rspr., zu­letzt zB BAG 29. Au­gust 2012 - 10 AZR 385/11 - Rn. 45; 12. Ok­to­ber 2011 - 10 AZR 746/10 - Rn. 26, BA­GE 139, 283). Das bei der Ausübung des Leis­tungs­be­stim­mungs­rechts zu wah­ren­de bil­li­ge Er­mes­sen wird in­halt­lich durch die Grund­rech­te des Ar­beit­neh­mers mit­be­stimmt. Kol­li­die­ren die­se mit dem Recht des Ar­beit­ge­bers, dem Ar­beit­neh­mer ei­ne von der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung ge­deck­te Tätig­keit zu­zu­wei­sen, sind die ge­gensätz­li­chen Rechts­po­si­tio­nen grund­rechts­kon­form aus­zu­glei­chen (vgl. BAG 24. Fe­bru­ar 2011 - 2 AZR 636/09 - Rn. 23 mwN, BA­GE 137, 164; 13. Au­gust 2010 - 1 AZR 173/09 - Rn. 10, BA­GE 135, 203). Da­bei sind die be­trof­fe­nen In­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers und des Ar­beit­ge­bers im Sin­ne ei­ner prak­ti­schen Kon­kor­danz so ab­zuwägen, dass die geschütz­ten Rechts­po­si­tio­nen für al­le Be­tei­lig­ten möglichst weit­ge­hend wirk­sam wer­den (BAG 23. Au­gust 2012 - 8 AZR 804/11 - Rn. 36; 24. Fe­bru­ar 2011 - 2 AZR 636/09 - aaO). Ob die Ent­schei­dung der Bil­lig­keit ent­spricht, un­ter­liegt der vol­len ge­richt­li­chen Kon­trol­le (BAG 26. Sep­tem­ber 2012 - 10 AZR 311/11 - Rn. 28; 12. Ok­to­ber 2011 - 10 AZR 746/10 - Rn. 46 mwN, aaO).
- 13 - öffent­li­cher Auf­träge sol­len er­heb­li­che Ein­spa­run­gen so­wohl bei den Kos­ten der Ver­ga­be als auch bei den Prei­sen für die be­schaff­ten Leis­tun­gen er­zielt wer­den. Die Einführung des elek­tro­ni­schen Ver­ga­be­sys­tems dient da­mit le­gi­ti­men Zwe­cken.
(2) Das ist hier der Fall. Die Di­plom-In­ge­nieu­re sind für die Er­stel­lung und den In­halt der Ver­ga­be­un­ter­la­gen ver­ant­wort­lich. An­ge­sichts ih­rer be­son­de­ren Aus­bil­dung und Qua­li­fi­ka­ti­on ist es nach­voll­zieh­bar und nicht zu be­an­stan­den, - 14 - wenn sich die Be­klag­te da­zu ent­schließt, sie nicht mit rein ad­mi­nis­tra­ti­ven Tätig­kei­ten wie der Veröffent­li­chung der Ver­ga­be­un­ter­la­gen zu be­trau­en, son­dern die­se Auf­ga­be von an­de­ren Beschäftig­ten er­le­di­gen zu las­sen. Dass an­de­re Beschäftig­te des WSA be­reits über ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te verfügen, lässt das Bedürf­nis für die Be­an­tra­gung und Nut­zung ei­ner elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te durch die Kläge­rin eben­falls nicht ent­fal­len. Ab­we­sen­heits­zei­ten ein­zel­ner Mit­ar­bei­ter (zB auf­grund von Krank­heit oder Ur­laub) können es er­for­der­lich ma­chen, dass meh­re­re Mit­ar­bei­ter über ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te verfügen. Nur so kann si­cher­ge­stellt wer­den, dass die Ver­ga­be­un­ter­la­gen un­abhängig von den je­weils in der Dienst­stel­le an­we­sen­den Beschäftig­ten zeit­nah veröffent­licht wer­den können. Es lag na­he, auch die Kläge­rin für die­se Tätig­keit her­an­zu­zie­hen, weil die Veröffent­li­chung von Ver­ga­be­un­ter­la­gen be­reits vor dem 1. Ja­nu­ar 2010 zu ih­rem Auf­ga­ben­ge­biet gehörte.
(1) Das in Art. 2 Abs. 1 iVm. Art. 1 Abs. 1 GG ver­an­ker­te Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung gewähr­leis­tet dem Ein­zel­nen die Be­fug­nis, grundsätz­lich selbst über die Preis­ga­be und Ver­wen­dung persönli­cher Da­ten zu be­stim­men und darüber zu ent­schei­den, wann und in­ner­halb wel­cher Gren­zen persönli­che Le­bens­sach­ver­hal­te of­fen­bart wer­den (BVerfG 15. De­zem­ber 1983 - 1 BvR 209/83, 1 BvR 269/83 ua. - zu C II 1 a der Gründe, BVerfGE 65, 1; 27. Fe­bru­ar 2008 - 1 BvR 370/07, 1 BvR 595/07 - Rn. 180, BVerfGE 120, 274). Wer nicht mit hin­rei­chen­der Si­cher­heit über­schau­en kann, wel­che ihn be­tref­fen­den In­for­ma­tio­nen in be­stimm­ten Be­rei­chen sei­ner so­zia­len Um­welt be­kannt sind, und wer das Wis­sen mögli­cher Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner nicht ei­ni­ger­maßen ab­zuschätzen ver­mag, kann in sei­ner Frei­heit we­sent­lich ge­hemmt wer­den, aus ei­ge­ner Selbst­be­stim­mung zu pla­nen oder zu ent­schei­den (BVerfG 4. April 2006 - 1 BvR 518/02 - Rn. 69, BVerfGE 115, 320). Da­bei kommt es nicht dar­auf an, ob es sich um Da­ten der Pri­vat- oder gar der In­tim­sphäre han­delt. Ein „be­lang­lo­ses“ Da­tum gibt es aus Sicht der Ver­fas­sung nicht (vgl. BVerfG 15. De­zem­ber 1983 - 1 BvR 209/83, 1 BvR 269/83 ua. - zu C II 2 - 15 -
(a) Die Veröffent­li­chung der Ver­ga­be­un­ter­la­gen durch die Kläge­rin ist oh­ne Ein­griff in ihr Recht auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung nicht möglich. Nach den für den Se­nat bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts (§ 559 Abs. 2 ZPO) ist für die Veröffent­li­chung von Ver­ga­be­un­ter­la­gen auf der elek­tro­ni­schen Ver­ga­be­platt­form des Bun­des der Ein­satz ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te un­ver­zicht­bar. Die­ser Ein­satz setzt wie­der­um zwin­gend vor­aus, dass die Kläge­rin selbst die Kar­te un­ter Mit­tei­lung ih­rer per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten beim Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter be­an­tragt hat. Gemäß § 2 Nr. 7 SigG kann ei­ne elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te nur von ei­ner natürli­chen Per­son be­an­tragt wer­den (vgl. Spind­ler/Schus­ter/Gram­lich Recht der elek­tro­ni­schen Me­di­en 2. Aufl. § 2 SigG Rn. 16). Die Be­an­tra­gung ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te für die ge­sam­te Dienst­stel­le oder auch nur für meh­re­re Beschäftig­te ist nicht möglich. Auch die Nut­zung ei­ner für ei­nen an­de­ren Beschäftig­ten aus­ge­stell­ten elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te durch die Kläge­rin kommt nicht in Be­tracht, weil die mit der Si­gna­tur­kar­te ver­bun­de­nen Rech­te nur von den je­wei­li­gen An­trag­stel­lern aus­geübt wer­den dürfen; dies legt die DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren („Rech­te und Pflich­ten“) aus­drück­lich fest. Im Übri­gen würde ei­ne sol­che Hand­ha­bung - 16 - dem Zweck der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te als si­che­rem Iden­ti­fi­zie­rungs­mit­tel des je­wei­li­gen Ab­sen­ders zu­wi­der­lau­fen.
(c) Der Schutz der per­so­nen­be­zo­ge­nen Da­ten der Kläge­rin wird durch Vor­schrif­ten des Si­gna­tur­ge­set­zes und der Si­gna­tur­ver­ord­nung si­cher­ge­stellt. Ei­nen Zer­ti­fi­zie­rungs­dienst darf da­nach nur an­bie­ten, wer die für den Be­trieb - 17 - er­for­der­li­che Zu­verlässig­keit und Fach­kun­de nach­weist (§ 4 Abs. 2 Satz 1 SigG) und der zuständi­gen Behörde ein Si­cher­heits­kon­zept vor­ge­legt hat, in dem die Maßnah­men zur Erfüllung der Si­cher­heits­an­for­de­run­gen nach dem SigG und der SigV im Ein­zel­nen auf­ge­zeigt wer­den (§ 4 Abs. 2 Satz 4 SigG, § 2 SigV). Der Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter hat für die Ausübung der Zer­ti­fi­zie­rungstätig­keit zu­verlässi­ges Per­so­nal und zu­verlässi­ge Pro­duk­te für elek­tro­ni­sche Si­gna­tu­ren ein­zu­set­zen (§ 5 Abs. 5 SigG, § 5 Abs. 3 SigV). Die Da­ten ei­nes An­trag­stel­lers dürfen nur un­mit­tel­bar bei die­sem selbst und grundsätz­lich nur für Zwe­cke ei­ner elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te er­ho­ben wer­den (§ 14 Abs. 1 Satz 1 SigG). Der Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ter hat das Si­cher­heits­kon­zept ein­sch­ließlich et­wai­ger Ände­run­gen, die Un­ter­la­gen zur Fach­kun­de der im Be­trieb täti­gen Per­so­nen und die ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen mit den An­trag­stel­lern zu do­ku­men­tie­ren (§ 10 Abs. 1 SigG, § 8 SigV). Dem An­trag­stel­ler ist auf Ver­lan­gen je­der­zeit Ein­blick in die ihn be­tref­fen­den Da­ten zu gewähren (§ 10 Abs. 2 SigG).
(d) An­ge­sichts der Si­cher­heits­vor­keh­run­gen be­ste­hen kei­ne An­halts­punk­te für die Befürch­tung der Kläge­rin, mit ih­ren Da­ten könn­te Miss­brauch ge­trie­ben wer­den. Kon­kre­te Tat­sa­chen, die auf die Möglich­keit ei­nes Miss­brauchs hin­deu­ten, hat die Kläge­rin nicht vor­ge­tra­gen. Die Be­klag­te hat die Be­den­ken der Kläge­rin den­noch auf­ge­grif­fen und sich bei der gemäß § 3 SigG zuständi­gen - 18 -
ff) So­weit die Wei­sung die Ver­pflich­tung der Kläge­rin be­inhal­tet, die elek­tro­ni­sche Si­gna­tur­kar­te bei der Veröffent­li­chung der Ver­ga­be­un­ter­la­gen zu nut­zen, be­geg­net sie eben­falls kei­nen Be­den­ken. Be­son­de­re, spe­zi­ell mit der dienst­li­chen Nut­zung der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te für sie ver­bun­de­ne Ge­fah­ren be­nennt die Kläge­rin nicht. Die Kläge­rin hat nach den Be­stim­mun­gen der DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren ei­nen Schu­lungs­an­spruch ge­genüber der Be­klag­ten; die Dienst­ver­ein­ba­rung legt be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen zur si­che­ren Nut­zung durch die Beschäftig­ten fest. Den In­ter­es­sen der Kläge­rin wird zu­dem durch ei­ne Haf­tungs­frei­stel­lung Rech­nung ge­tra­gen: Nach der DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren stellt das BMV­BS die Beschäftig­ten von et­wai­gen Haf­tungs­ansprüchen des Zer­ti­fi­zie­rungs­diens­te­an­bie­ters oder an­de­rer Drit­ter frei, die im Zu­sam­men­hang mit ei­ner feh­ler­haf­ten Nut­zung der Si­gna­tur­kar­te zu dienst­li­chen Zwe­cken er­ho­ben wer­den können. Die DV Di­gi­ta­le Si­gna­tu­ren („An­wen­dung“) stellt schließlich klar, dass auf­grund des Ein­sat­zes der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te beim Ar­beit­ge­ber ge­won­ne­ne Da­ten nicht zur Leis­tungs- und Ver­hal­tens­kon­trol­le ver­wen­det wer­den dürfen. Ei­ne Nut­zung der elek­tro­ni­schen Si­gna­tur­kar­te - 19 - über den dienst­li­chen Ein­satz hin­aus, ins­be­son­de­re zu pri­va­ten Zwe­cken, wird von der Kläge­rin nicht ver­langt.
III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. Mi­kosch W. Rein­fel­der Mest­werdt
Si­mon A. Ef­fen­ber­ger	m.hensche.de
zur Übersicht 10 AZR 270/12 Kontakt