Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/erkennbarer-beratungsbedarf-rentenversicherung-3132765
Timestamp: 2020-07-14 11:18:02
Document Index: 299400753

Matched Legal Cases: ['§ 14', '§ 41', '§ 839', 'Art. 34', '§ 14', '§ 2', '§ 17']

Erkennbarer Beratungsbedarf zur Rentenversicherung - und die Beratungspflicht des Sozialhilfeträgers | Rechtslupe
Wel­che Anfor­de­run­gen sind an die Bera­tungs­pflicht des Trä­gers der Sozi­al­hil­fe gemäß § 14 Satz 1 SGB I zu stel­len, wenn bei Bean­tra­gung von lau­fen­den Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung wegen Erwerbs­min­de­rung (§§ 41 ff SGB XII) ein drin­gen­der ren­ten­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Bera­tungs­be­darf erkenn­bar ist? Mit die­ser Fra­ge hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall nahm der schwer­be­hin­der­te Klä­ger den beklag­ten Land­kreis als Sozi­al­hil­fe­trä­ger unter dem Gesichts­punkt der Amts­pflicht­ver­let­zung (§ 839 Abs. 1 Satz 1 BGB i.V.m. Art. 34 Satz 1 GG) wegen feh­ler­haf­ter Bera­tung auf Scha­dens­er­satz in Anspruch.
Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Dres­den hat der auf Zah­lung von 50.322,61 € nebst Zin­sen gerich­te­ten Kla­ge statt­ge­ge­ben [1]. Auf die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung des Beklag­ten hat dage­gen das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den unter Abän­de­rung des erst­in­stanz­li­chen Urteils die Kla­ge abge­wie­sen [2]. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auf die Revi­si­on des Klä­gers das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an einen ande­ren Senat des Ober­lan­des­ge­richts Dres­den zurück­ver­wie­sen:
Soweit das Beru­fungs­ge­richt eine Amts­pflicht­ver­let­zung des Beklag­ten im Zusam­men­hang mit den ihm nach § 14 Satz 1 SGB I oblie­gen­den beson­de­ren sozi­al­recht­li­chen Bera­tungs- und Betreu­ungs­pflich­ten ver­neint hat, hält dies einer recht­li­chen Über­prü­fung nicht stand. Unter den gege­be­nen Umstän­den war anläss­lich der Bean­tra­gung von Leis­tun­gen der Grund­si­che­rung zumin­dest ein Hin­weis von­sei­ten des Beklag­ten not­wen­dig, dass auch ein Anspruch des Klä­gers auf Gewäh­rung einer Erwerbs­un­fä­hig­keits­ren­te in Betracht kam und des­halb eine Bera­tung durch den zustän­di­gen Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger gebo­ten war.
Ist anläss­lich eines Kon­takts des Bür­gers mit einem ande­ren Sozi­al­leis­tungs­trä­ger für die­sen ein zwin­gen­der ren­ten­ver­si­che­rungs­recht­li­cher Bera­tungs­be­darf ein­deu­tig erkenn­bar, so besteht für den aktu­ell ange­gan­ge­nen Leis­tungs­trä­ger auch ohne ein ent­spre­chen­des Bera­tungs­be­geh­ren zumin­dest die Pflicht, dem Bür­ger nahe­zu­le­gen, sich (auch) von dem Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger bera­ten zu las­sen (vgl. § 2 Abs. 2 Halb­satz 2, § 17 Abs. 1 SGB I).
Auf der Grund­la­ge der von den Vor­in­stan­zen getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen bestand im vor­lie­gen­den Fall ein drin­gen­der Bera­tungs­be­darf in einer wich­ti­gen ren­ten­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Fra­ge. Dies war für die Grund­si­che­rungs­be­hör­de bezie­hungs­wei­se das Sozi­al­amt des Beklag­ten ohne wei­te­re Ermitt­lun­gen ein­deu­tig erkenn­bar. Der zu 100 % schwer­be­hin­der­te Klä­ger hat­te nach dem Besuch einer För­der­schu­le für geis­tig Behin­der­te berufs­bil­den­de Maß­nah­men erfolg­reich absol­viert und war anschlie­ßend in einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen tätig (ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäf­ti­gung). Er war jedoch auf Grund sei­ner Behin­de­rung außer­stan­de, sei­nen not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt aus eige­nen Mit­teln (Ein­kom­men, Ver­mö­gen) zu bestrei­ten. In einer sol­chen Situa­ti­on muss­te ein mit Fra­gen der Grund­si­che­rung bei Erwerbs­min­de­rung befass­ter Sach­be­ar­bei­ter des Sozi­al­amts mit Blick auf die Ver­zah­nung und Ver­knüp­fung der Sozi­al­leis­tungs­sys­te­me in Erwä­gung zie­hen, dass bereits vor Errei­chen der Regel­al­ters­gren­ze ein gesetz­li­cher Ren­ten­an­spruch wegen Erwerbs­un­fä­hig­keit bestehen konn­te. Es war des­halb ein Hin­weis auf die Not­wen­dig­keit einer Bera­tung durch den zustän­di­gen Ren­ten­ver­si­che­rungs­trä­ger gebo­ten.