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Timestamp: 2020-08-06 13:38:11
Document Index: 330063971

Matched Legal Cases: ['§ 195', '§ 199', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 199']

Pflichtverletzungen in der Anlageberatung - und die Verjährung | Rechtslupe
Wird der Scha­dens­er­satz­an­spruch eines Anle­gers auf ver­schie­de­ne Auf­klä­rungs- oder Bera­tungs­feh­ler gestützt, beginnt die Ver­jäh­rung nicht ein­heit­lich, wenn bezüg­lich eines Feh­lers bezie­hungs­wei­se Umstands Kennt­nis oder grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis vor­liegt. Viel­mehr ist jede Pflicht­ver­let­zung ver­jäh­rungs­recht­lich selb­stän­dig zu behan­deln [1].
Bei der ein­ge­schränk­ten Fun­gi­bi­li­tät einer Kom­man­dit­be­tei­li­gung an einem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds und der feh­len­den Eig­nung der Betei­li­gung zur Alters­vor­sor­ge han­delt es sich um von­ein­an­der abgrenz­ba­re Gesichts­punk­te, die Gegen­stand eigen­stän­di­ger Auf­klä­rungs- und Bera­tungs­pflich­ten sein kön­nen, die ver­jäh­rungs­recht­lich selb­stän­dig zu behan­deln sind [2].
Die regel­mä­ßi­ge Ver­jäh­rungs­frist beginnt nach §§ 195, 199 Abs. 1 BGB mit dem Schluss des Jah­res, in dem der Anspruch ent­stan­den ist und der Gläu­bi­ger von den den Anspruch begrün­den­den Umstän­den und der Per­son des Schuld­ners Kennt­nis erlangt oder ohne gro­be Fahr­läs­sig­keit erlan­gen müss­te. Gro­be Fahr­läs­sig­keit setzt dabei einen objek­tiv schwer­wie­gen­den und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß gegen die Anfor­de­run­gen der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt vor­aus. Grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB liegt dem­nach nur vor, wenn dem Gläu­bi­ger die Kennt­nis des­halb fehlt, weil er ganz nahe lie­gen­de Über­le­gun­gen nicht ange­stellt und nicht beach­tet hat, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen. Ihm muss per­sön­lich ein schwe­rer Oblie­gen­heits­ver­stoß in sei­ner eige­nen Ange­le­gen­heit der Anspruchs­ver­fol­gung („Ver­schul­den gegen sich selbst“) vor­ge­wor­fen wer­den kön­nen, weil sich ihm die den Anspruch begrün­den­den Umstän­de förm­lich auf­ge­drängt haben, er davor aber letzt­lich die Augen ver­schlos­sen hat [3].
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs beginnt die Ver­jäh­rung nicht ein­heit­lich, wenn ein Scha­dens­er­satz­an­spruch auf meh­re­re ver­schie­de­ne Auf­klä­rungs­feh­ler gestützt wird und wenn bezüg­lich (nur) eines Feh­lers Kennt­nis oder grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis vor­liegt [4].
Die Auf­fas­sung, nach der vor­lie­gend nicht ver­schie­de­ne Auf­klä­rungs- und Bera­tungs­feh­ler anzu­neh­men sind, son­dern nur ein – über­grei­fen­der – Bera­tungs­feh­ler der feh­len­den Mit­tei­lung von Risi­ken und des Ver­kaufs der Anla­ge als geeig­net für eine Alters­vor­sor­ge, ist mit die­sen Grund­sät­zen nicht zu ver­ein­ba­ren. Der Vor­wurf der feh­ler­haf­ten Auf­klä­rung über die Eig­nung der Anla­ge zur Alters­vor­sor­ge einer­seits und der Vor­wurf der unter­blie­be­nen Auf­klä­rung über die ein­ge­schränk­te Fun­gi­bi­li­tät der Betei­li­gung ande­rer­seits las­sen sich nicht zu einer Ein­heit zusam­men­fas­sen und inso­weit als unselb­stän­di­ge Bestand­tei­le einer ein­zi­gen Pflicht­ver­let­zung cha­rak­te­ri­sie­ren [5].
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist grund­sätz­lich auch bei Anla­gen, die der Alters­vor­sor­ge die­nen, über eine in Erman­ge­lung eines ent­spre­chen­den Markts ein­ge­schränk­te Fun­gi­bi­li­tät von Antei­len an geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds auf­zu­klä­ren. Die prak­tisch feh­len­de Aus­sicht, eine Kom­man­dit­be­tei­li­gung an einem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds zu ange­mes­se­nen Kon­di­tio­nen ver­kau­fen zu kön­nen, ist ein Umstand, der für den durch­schnitt­li­chen Anle­ger für sei­ne Anla­ge­ent­schei­dung von erheb­li­cher Bedeu­tung ist. Die Bedin­gun­gen, zu denen ein Anle­ger auch auf lang­fris­tig fest­ge­leg­tes Geld vor­zei­tig zurück­grei­fen kann, sind typi­scher­wei­se ein wesent­li­ches Ele­ment sei­ner Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dung. Dies gilt auch für Anla­gen, die der Alters­si­che­rung die­nen sol­len. Auch in die­sen Fäl­len kann ein vor­zei­ti­ges Bedürf­nis ent­ste­hen, die fest­ge­leg­ten Ver­mö­gens­wer­te liqui­de zu machen, wie etwa bei Arbeits­lo­sig­keit, Kurz­ar­beit, krank­heits­be­ding­tem Ver­lust der Erwerbs­fä­hig­keit oder auch nur einer Ände­rung der Anla­ge­zie­le [6].
Aus den vor­ste­hen­den Zusam­men­hän­gen wird deut­lich, dass über die ein­ge­schränk­te Fun­gi­bi­li­tät einer Betei­li­gung nicht wegen der Bedeu­tung der Fun­gi­bi­li­tät für die Eig­nung der Anla­ge zur Alters­si­che­rung, son­dern trotz des Alters­si­che­rungs­zwecks der Anla­ge auf­zu­klä­ren ist. Die Fun­gi­bi­li­tät der Betei­li­gung gewinnt für den Anle­ger gera­de dann an Bedeu­tung, wenn er von sei­nem bis­he­ri­gen Anla­ge­ziel der Alters­si­che­rung abwei­chen und die Betei­li­gung vor­zei­tig ver­wer­ten will. Dar­aus folgt, dass die unter­blie­be­ne Auf­klä­rung über die ein­ge­schränk­te Fun­gi­bi­li­tät kei­nen hin­rei­chen­den inhalt­li­chen Bezug zu einer eben­falls unter­blie­be­nen oder feh­ler­haf­ten Auf­klä­rung über die man­geln­de Eig­nung der Anla­ge zur Alters­si­che­rung auf­weist, der bei­de Auf­klä­rungs­feh­ler zu einem ein­heit­li­chen Bera­tungs­feh­ler zusam­men­zu­fas­sen ver­mag. Es han­delt sich bei der Eig­nung zur Alters­si­che­rung und der Fun­gi­bi­li­tät viel­mehr um von­ein­an­der abgrenz­ba­re Gesichts­punk­te, die Gegen­stand eigen­stän­di­ger Auf­klä­rungs- und Bera­tungs­pflich­ten sein kön­nen, die ver­jäh­rungs­recht­lich selb­stän­dig zu behan­deln sind [7]. Die gegen­tei­li­ge „Gesamt­be­trach­tung“ des Beru­fungs­ge­richts läuft im Ergeb­nis auf eine unzu­läs­si­ge Aus­höh­lung der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hin­aus. Die von ihm fest­ge­stell­te Ver­jäh­rung eines auf die feh­ler­haf­te Auf­klä­rung über die man­geln­de Eig­nung der Anla­ge zur Alters­vor­sor­ge gestütz­ten Anspruchs des Klä­gers führt nicht zur Ver­jäh­rung von Ansprü­chen, die mit der unter­blie­be­nen Auf­klä­rung über die ein­ge­schränk­te Fun­gi­bi­li­tät der Betei­li­gung begrün­det wer­den.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Juli 2015 – III ZR 149/​14
Bestä­ti­gung von BGH, Urtei­le vom 24.03.2011 – III ZR 81/​10, WM 2011, 874; und vom 22.09.2011 – III ZR 186/​10, NJW-RR 2012, 111[↩]
Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 24.03.2011 – III ZR 81/​10, WM 2011, 874[↩]
vgl. nur BGH, Urtei­le vom 22.09.2011 – III ZR 186/​10, NJW-RR 2012, 111 Rn. 8; und vom 22.07.2010 – III ZR 203/​09, WM 2010, 1690 Rn. 12, jeweils mwN[↩]
BGH, Urtei­le vom 19.11.2009 – III ZR 169/​08, BKR 2010, 118 Rn. 15; vom 22.07.2010 aaO Rn. 13 mwN; vom 24.03.2011 – III ZR 81/​10, WM 2011, 874 Rn. 11 ff mwN; und vom 22.09.2011 aaO Rn. 9[↩]
zur unzu­läs­si­gen Zusam­men­fas­sung meh­re­rer auf­klä­rungs­pflich­ti­ger Aspek­te einer Anla­ge unter dem Ober­be­griff der „Sicher­heit der Anla­ge“ vgl. BGH, Urteil vom 24.03.2011 aaO Rn. 13[↩]
BGH, Urtei­le vom 18.01.2007 – III ZR 44/​06, WM 2007, 542 Rn. 17; und vom 19.11.2009 aaO Rn.20[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 24.03.2011 aaO Rn. 11, 13[↩]
Die „blind“ unter­zeich­ne­te Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on Ob grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis i.S.d. § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB vor­liegt, wenn ein Kapi­tal­an­le­ger eine Risi­ko­hin­wei­se ent­hal­ten­de Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on „blind“ unter­zeich­net, muss der Tatrich­ter…
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