Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Gleichbehandlung_bei_Sonderzahlungen_Bundesarbeitsgericht_10AZR570-06.html
Timestamp: 2017-07-22 16:43:57
Document Index: 285690394

Matched Legal Cases: ['§ 612', '§ 611', '§ 611', '§ 242', '§ 611', '§ 242', '§ 242']

HENSCHE Arbeitsrecht: 10 AZR 570/06
Arbeitsgericht Herford, Urteil vom 28.10.2004 - 3 Ca 406/04Landesarbeitsgericht, Hamm Urteil vom 2.2.2006 - 8 Sa 476/05
10 AZR 570/06 8 Sa 476/05Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am26. Sep­tem­ber 2007
hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 26. Sep­tem­ber 2007 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Frei­tag, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Mar­quardt, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Si­mon und Großmann für Recht er­kannt: - 2 - 1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 2. Fe­bru­ar 2006 - 8 Sa 476/05 - wird zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über ein Weih­nachts­geld für das Jahr 2003. Die Kläge­rin ist seit länge­rem als ge­werb­li­che Ar­beit­neh­me­rin bei der Be­klag­ten beschäftigt. Die nicht ta­rif­ge­bun­de­ne Be­klag­te stellt mit ca. 450 Mit­ar­bei­tern Kunst­stoff-Pro­duk­te für den Be­reich Pkw-Aus­stat­tung her. Die­se hat­te in der Ver­gan­gen­heit ein frei­wil­li­ges Weih­nachts­geld ge­zahlt. Im Sep­tem­ber 2000 schlos­sen die Be­klag­te und der Be­triebs­rat ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung „Grundsätze zur Son­der­zah­lung Weih­nachts­geld“. Dar­in war ua. ver­ein­bart, dass das jähr­li­che Weih­nachts­geld in ei­ner Band­brei­te von 30 % bis 100 % ei­nes durch­schnitt­li­chen Mo­nats­brut­to­ver­diens­tes lie­ge und nach der Zahl von Krank­heits­ta­gen ge­staf­felt wer­de, wo­bei bei über 15 Krank­heits­ta­gen nur 30 % des Mo­nats­brut­tos zu zah­len war. Die­se Be­triebs­ver­ein­ba­rung kündig­te die Be­klag­te am 25. Sep­tem­ber 2001 zum nächst­zulässi­gen Ter­min.
Im Jahr 2002 wur­de das Weih­nachts­geld ent­spre­chend der gekündig­ten Be­triebs­ver­ein­ba­rung letzt­ma­lig ge­zahlt. An­fang Fe­bru­ar 2003 bot die Be­klag­te den­je­ni­gen Mit­ar­bei­tern, wel­che die neu­en Ar­beits­verträge un­ter­schrie­ben hat­ten, ei­ne Zu­satz­ver­ein­ba­rung zum Ar­beits­ver­trag an, die al­le Empfänger - bis auf ei­nen - an­nah- - 3 - men. Die Kläge­rin und die übri­gen Ar­beit­neh­mer, die die neu­en Ar­beits­verträge nicht un­ter­schrie­ben hat­ten, er­hiel­ten die­ses An­ge­bot nicht. Der Zu­satz lau­tet:
- Lang­zeit­kran­ke über 6 Mo­na­te er­hal­ten einWeih­nachts­geld in Höhe von 30 % ei­nes Mo­nats­brut­to-Grund­loh­nes, das an­tei­lig je nach Dau­er
Ein­trit­teDie un­ter Punkt 1 ge­nann­te Re­ge­lung gilt nicht für Mit­ar­bei­ter, die zum Stich­tag 31.10. des lau­fen­den Jah­res noch nicht über 24 Ka­len­der­mo­na­te im Un­ter­neh­men tätig ge­we­sen sind. An­ge­bro­che­ne Mo­na­te wer­den nicht berück­sich­tigt.Für die­se Mit­ar­bei­ter gilt fol­gen­de Re­ge­lung: Ist der Mit­ar­bei­ter zum Stich­tag 31.10.
We­ni­ger als 6 Mo­na­te im Be­trieb kein An­spruchAb 6 - 12 Mo­na­te im Be­trieb 20 % ei­nes Mo­nats­brut­tos als Weih­nachts­geld, an­tei­ligAb 13 - 24 Mo­na­te 30 % ei­nes Mo­nats­brut­tos,
- Aus­trit­teSteht der Mit­ar­bei­ter zum Stich­tag 31.10. in ei­nem durch den Ar­beit­neh­mer bzw. durch den Ar­beit­ge­ber be­triebs­be­dingt gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis, so hat er ei­nen Weih­nachts­geld­an­spruch in Höhe von 30 %, un­abhängig evtl. Fehl­zei­ten. Schei­det der Mit­ar­bei­ter vor dem Stich­tag 31.10. aus dem Un­ter­neh­men aus bzw. steht er zu - 5 - die­sem Stich­tag in ei­nem ver­hal­tens- bzw. per­so­nen­be­dingt gekündig­ten Ar­beits­verhält­nis, verfällt sein An­spruch auf Weih­nachts­geld.
Schei­det der Mit­ar­bei­ter nach Zah­lung ei­nes Weih­nachts­gel­des bis zum 31.03. des Fol­ge­jah­res aus, ist er ver­pflich­tet, den 30 % ei­nes Mo­nats­brut­to-Ge­hal­tes über­stei­gen­den Be­trag zurück­zu­zah­len....“
Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, das Weih­nachts­geld 2003 ste­he ihr aus dem ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu. Das Weih­nachts­geld aus­sch­ließlich Mit­ar­bei­tern zu­zu­bil­li­gen, die der nach­tei­li­gen Ver­tragsände­rung zu­ge­stimmt hätten, sei ei­ne sach­lich un­zulässi­ge Dif­fe­ren­zie­rung. In­so­weit ha­be die Be­klag­te das Maßre­ge­lungs­ver­bot nach § 612a BGB ver­letzt. We­gen der Wei­ge­rung, ih­ren Ar­beits­ver­trag zu ändern, dürfe die Be­klag­te sie nicht be­nach­tei­li­gen. Sie sei ge­nau­so zu stel­len, wie die Ar­beit­neh­mer, die die neu­en Be­din­gun­gen ak­zep­tiert - 6 - hätten. Es kom­me im Er­geb­nis nicht dar­auf an, dass sie in die­sem Fall bes­ser stünde, als die Ar­beit­neh­mer, die die neu­en Ar­beits­verträge mit ge­rin­ge­rem Ent­gelt un­ter-schrie­ben hätten. Ei­ne Maßre­ge­lung könne auch dar­in lie­gen, dass der Ar­beit­ge­ber den Adres­sa­ten­kreis ei­ner frei­wil­li­gen Leis­tung um die­je­ni­gen Mit­ar­bei­ter ver­rin­ge­re, die zu­vor in zulässi­ger Wei­se ih­re ver­trag­li­chen Rech­te aus­geübt hätten.
Die Kläge­rin hat be­an­tragt, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 479,23 Eu­ro nebst 5 % Zin­sen über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 1. Ja­nu­ar 2004 zu zah­len.
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist un­be­gründet. - 7 - Die Kläge­rin hat ei­nen An­spruch auf das ver­lang­te Weih­nachts­geld für das Jahr 2003.
- 8 - der Ar­beit­ge­ber auf Grund ei­ner abs­trak­ten Re­ge­lung ei­ne frei­wil­li­ge Leis­tung nach ei­nem er­kenn­bar ge­ne­ra­li­sie­ren­den Prin­zip und legt er gemäß dem mit der Leis­tung ver­folg­ten Zweck die An­spruchs­vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tung fest, darf er ein­zel­ne Ar­beit­neh­mer von der Leis­tung nur aus­neh­men, wenn dies sach­li­chen Kri­te­ri­en ent­spricht. Ar­beit­neh­mer wer­den dann nicht sach­fremd be­nach­tei­ligt, wenn sich nach dem Zweck der Leis­tung Gründe er­ge­ben, die es un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände recht­fer­ti­gen, die­sen Ar­beit­neh­mern die den an­de­ren Ar­beit­neh­mern gewähr­te Leis­tung vor­zu­ent­hal­ten. Die Zweck­be­stim­mung ei­ner Son­der­zah­lung er­gibt sich vor­ran­gig aus ih­ren tatsächli­chen und recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, wo­bei die Be­zeich­nung nicht al­lein maßgeb­lich ist. Ist die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung nach dem Zweck der Leis­tung nicht ge­recht­fer­tigt, kann der be­nach­tei­lig­te Ar­beit­neh­mer ver­lan­gen, nach Maßga­be der begüns­tig­ten Ar­beit­neh­mer be­han­delt zu wer­den (st. Rspr. des BAG, zu­letzt 28. März 2007 - 10 AZR 261/06 - AP BGB § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on Nr. 265 = EzA BGB 2002 § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on, Prämie Nr. 21 mwN).
Selbst wenn nicht die Be­klag­te die Grup­pen ge­bil­det hätte, son­dern sie „vor­ge­fun­den“ hätte, stell­te doch die An­knüpfung hier­an bei der Leis­tungs­gewährung ei­ne ei­genständi­ge Grup­pen­bil­dung dar (BAG 14. März 2007 - 5 AZR 420/06 - Rn. 23, NZA 2007, 862). Da­mit sind die Re­ge­lun­gen am Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zu mes­sen. - 9 - b) Gründe, die es nach dem Zweck der Leis­tung un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände recht­fer­ti­gen, der ei­nen Ar­beit­neh­mer­grup­pe die der an­de­ren Ar­beit­neh­mer­grup­pe gewähr­te Leis­tung vor­zu­ent­hal­ten, be­ste­hen nicht.
- 10 - zier­te Be­hand­lung der ver­schie­de­nen Grup­pen. In dem dort ent­schie­de­nen Sach­ver­halt ging es dem Ar­beit­ge­ber aus­sch­ließlich um den Aus­gleich von Vergütungs­nach­tei­len. Wei­te­re Zwe­cke wur­den nicht ver­folgt. Ver­gleich­bar da­mit könn­te der vor­lie­gen­de Fall nur dann sein, wenn die Be­klag­te die Son­der­leis­tung an kei­ne wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen ge­bun­den hätte als an das un­ter­schied­li­che Ent­gelt. Des­halb ste­hen auch die Ent­schei­dun­gen des Se­nats vom 30. März 1994 (- 10 AZR 681/92 - AP BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 113 = EzA BGB § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on, Prämie Nr. 110) und vom 19. April 1995 (- 10 AZR 344/94 - AP BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 124 = EzA BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 63) dem An­spruch der Kläge­rin nicht ent­ge­gen. Zwar hat­te der Se­nat in bei­den Fällen er­kannt, dass die Zah­lung ei­ner höhe­ren Weih­nachts­gra­ti­fi­ka­ti­on an ei­ne Grup­pe von Ar­beit­neh­mern, die im Ent­gelt­be­reich ge­genüber an­de­ren Ar­beit­neh­mern be­nach­tei­ligt war, nicht ge­gen den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ver­s­toße. Al­ler­dings lag der erst­ge­nann­ten Ent­schei­dung zu­grun­de, dass an­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer ei­ne Auf­sto­ckung des Weih­nachts­gel­des auf ein vol­les Brut­to­mo­nats­ge­halt er­hiel­ten, während die ge­werb­li­chen Ar­beit­neh­mer über die ta­rif­lich vor­ge­se­he­ne Son­der­zah­lung hin­aus nur noch ein frei­wil­li­ges Weih­nachts­geld von 850,00 DM, je­doch im Ge­gen­satz zu den An­ge­stell­ten er­heb­li­che über­ta­rif­li­che Zu­la­gen be­ka­men. Es kann da­hin­ste­hen, ob die­se Un­ter­schei­dung noch auf­recht­zu­er­hal­ten wäre. Je­den­falls aber wur­de die ei­ne Grup­pe nicht von vorn­her­ein und vollständig von der Son­der­leis­tung aus­ge­nom­men, so dass ihr Zweck je­den­falls teil­wei­se bei bei­den Grup­pen zum Tra­gen kam und le­dig­lich in der Höhe dif­fe­ren­ziert wur­de. Die Ent­schei­dung vom 19. April 1995 (- 10 AZR 344/94 - aaO) be­an­stan­de­te nicht, dass Zei­tungs­zu­stel­ler im Hin­blick auf das in der Weih­nachts­zeit von den Abon­nen­ten zu er­war­ten­de Trink­geld ein Weih­nachts­geld, das an die In­nen­dienst­mit­ar­bei­ter ge­zahlt wur­de, nicht er­hiel­ten. Hier wur­den al­so un­ter­schied­li­che, aber letzt­lich ein­ma­li­ge Leis­tun­gen ge­genüber­ge­stellt und für gleich­wer­tig be­fun­den. Den Ent­schei­dun­gen ist nicht zu ent­neh­men, wel­che wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen an die Gewährung der zusätz­li­chen Leis­tun­gen ge­bun­den wa­ren, aus de­nen sich wei­te­re Zwe­cke hätten er­mit­teln las­sen, so dass nicht da­von aus­zu­ge­hen ist, dass An­we­sen­heit und Be­triebs­treue so wie im vor­lie­gen­den Fall we­sent­li­che Zwe­cke der Leis­tun­gen wa­ren.
- 11 - 4. Die Be­klag­te hat die Höhe der gel­tend ge­mach­ten For­de­rung nicht be­an­stan­det.
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