Source: http://books.openedition.org/chbeck/1151
Timestamp: 2018-04-21 19:49:13
Document Index: 391626968

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 4', '§ 5', '§ 6', '§ 7', '§ 8', '§ 9', '§ 10', '§ 11', '§ 12', '§ 13']

Risikomanagement beim Weinkauf - Einleitung - C.H.Beck
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1Die moderne Rechtsvergleichung hat seit langem erkannt, dass die Rechtsnorm in ihrer kodifizierten Form nur eine Teilinformation über das Rechtssystem eines Staates bietet. Die traditionelle Rechtsvergleichung begnügte sich mit dem Studium der verschiedenen Zivilgesetzbücher; die neuere Forschung geht hingegen davon aus, dass Elemente jenseits der Kodifikation auf das jeweilige Rechtssystem ebenfalls starke Einflüsse aus üben und seinen Charakter weitgehend prägen (K. Zweigert/H. Kötz, Einführung in die Rechtsvergleichung auf dem Gebiete des Privatrechts, Tübingen 1996, 10ff.). In der neueren Forschung stehen also nicht mehr die Privatrechtskodifikationen im Mittelpunkt. Es wird vielmehr von„ Rechtskulturen“ gesprochen (P. Legrand, Fragments on law-as-culture, Deventer 1999, 5f.; H. Heiss, ZVglRWiss 100, 2001, 396ff.). Im Rechtsleben sei das „gesetzte Recht“ durch mehrere Faktoren gefärbt, etwa durch den Stil der Rechtsfindung, den Stand der Juristenausbildung, durch die allgemeine kulturelle Umgebung, „legal transfer“ oder die handelsübliche Praxis. Der bekannte Vergleich mit einem Wörterbuch zeigt pausibel den Unterschied zwischen Theorie und Praxis: „A dictionary is full of obsolete, archaic words, alternative forms, unused and common words, all jumbled together. Only the person who actually speaks the language is a sage guide to usage... The dictionary gives some hints, but not enough ...Similarly, for legal systems: they are very different in real life, from the way they appear in formal texts. Study of legal culture must begin with the living law“ (L. M. Friedman, Some Thoughts on Comparative Legal Culture, in: Comparative Law and Private International Law, hg. Von D. S. Clark, Berlin 1990, 53).
2Diese Erkenntnisse der modernen Rechtsvergleichung fanden bisher kaum Eingang in die historische Disziplin. In der antiken Rechtsgeschichte gab es zwar immer wieder vereinzelte Versuche, das reiche Material der graeco-ägyptischen Papyri bei der Erklärung römischer Rechtsquellen mit heranzuziehen (Ludwig Mitteis, Leopold Wenger, Dieter Nörr), bei zentralen Themen der Privatrechtsdogmatik wird aber immer noch fast ausschließlich das Quellenmaterial des Corpus Iuris Civilis berücksichtigt. Die Entscheidungen der klassischen römischen Juristen werden meistens als „Rechtsnormen“ aufgefasst; dabei werden entscheidende Komponenten der Rechtskultur konsequent ausgeblendet. Es wird weiters übersehen, dass das Imperium Romanum eine wirtschaftliche Einheit bildete. Der gemeinsame wirtschaftliche Hintergrund hat auch das Rechtsleben stark geprägt. Privatrechtliche Urkunden in griechischer Sprache wurden nicht nur in Ägypten, sondern auch im Westen, z.B. in Puteoli angefertigt: Die gängigen Vertragsformulare (mit ihren verkehrsüblichen Haftungs- und Gefahrtragungsregeln) zirkulierten im gesamten Mittelmeerraum.
3Die vorliegende Arbeit sucht einen neuen Zugang zum Verständnis der antiken Quellen. Es wird versucht, die oben geschilderten Überlegungen bei der Erklärung eines zentralen Instituts des Kaufrechts, der Gefahrtragung, zu berücksichtigen. In der römischrechtlichen Terminologie wird die Gefahr mit dem technischen Wort periculum erfasst; in der modernen Dogmatik versteht man darunter den zufälligen Untergang oder die zufällige Verschlechterung des Vertragsobjekts. Es ist herrschende Lehre, dass im römischen Kaufrecht die Hauptregel periculum est emptoris gegolten hat. Eine rasche Musterung der Entscheidungen unter D. 18,6 ergibt jedoch, dass hier das Risiko viel häufiger dem Verkäufer als dem Käufer zugewiesen wird. Das dadurch gestörte Bild einer geschlossenen, exakt erfassbaren Dogmatik wurde in Schrifttum mit Hilfe der „Perfektionslehre“ geglättet (Paulus, D. 18,6,8 pr.): Der Käufer trage die Gefahr nicht sogleich ab Kaufabschluss, sondern erst ab der Perfektion des Vertrags. Es handelt sich um eine elegante dogmatische Konstruktion, die in modernen Lehrbüchern propagiert wird, aber nur in auffallend wenigen antiken Quellen zum Tragen kommt.
4Konfrontiert man das Grundprinzip des periculum est emptoris mit den konkreten Entscheidungen der klassischen Juristen, ist man gezwungen, einen umfangreichen Katalog von Ausnahmen zu akzeptieren: Die Gefahr gehe nicht mit Vertragsschluss über, wenn die Perfektion des Rechtsgeschäfts erst später erfolge. Das sei der Fall, wenn der Kauf aufschiebend bedingt oder befristet ist, wenn die Ware erst aus einem Vorrat auszusondern ist, wenn sie der Billigung des Käufers vorbehalten bleibt, wenn der Preis erst durch Messen, Wägen, Zählen zu errechnen ist; ferner wenn die Ware erst herzustellen oder nicht frei von Mängeln oder fremdem Besitz ist (Kaser, RPR I2 552f.).
5Die herrschende Lehre spricht also von einer einheitlichen, allgemein geltenden Hauptregel der Gefahrtragung beim Kauf, die jedoch in zahlreichen Sachverhalten, die man nur kasuistisch bestimmt werden könne, nicht zur Geltung komme. Ein „einheitliches Konzept“, das so viele Ausnahmefälle braucht, macht einen schwerfälligen Eindruck. Die allgemeine Geltung des periculum emptoris wurde deshalb bereits von einigen Autoren vorsichtig in Zweifel gezogen. Bereits Wolfgang Kunkel äußerte Skepsis und fragte zu Recht, ob es sinnvoll sei, neben so vielen Ausnahmen überhaupt noch von einer allgemeinen Regel zu sprechen (Jörs/Kunkel/Wenger, RR 228f.). Ernst Rabel hat sogar empfohlen, die Problematik ausschließlich kasuistisch zu erfassen und dabei auf eine Hauptregel ganz zu verzichten: „Schließlich bewegt sich das echte Material durchwegs in einer Kasuistik, die zwar nicht nur ganz enge Tatbestände behandelt, aber den Blick bloß auf einzelne Gruppen von Fällen richtet ... Die aufgeführten einzelnen Entscheidungen der Römer sind jeweils durch ihre besonderen Voraussetzungen bedingt, und eine einheitliche ‚omne periculum’ umfassende Lehre hat es eben nicht gegeben“ (Rabel, Gefahrtragung 554, 559).
6Die oben kurz geschilderten Spannungen und Zweifel haben in der jüngeren Forschung kaum Spuren hinterlassen. Wolfgang Ernst hat ein neues Modell empfohlen, das den Widerspruch zwischen Hauptregel und Ausnahmen beseitigen könne; er hat dabei die Schlüsselrolle der Perfektion des Kaufes weitgehend ausgeblendet (Ernst, Periculum 218ff.). Neuerdings hat Martin Pennitz versucht, die Gefahrtragung beim Kauf aus dem „aktionenrechtlichen Denken“ der Römer zu erklären (Pennitz, Periculum74ff.,356ff.); er beschränkt sich dabei bewusst auf die Juristenschriften.
7In der vorliegenden Arbeit möchte ich von den Dokumenten der Alltagspraxis, deren sozialen und wirtschaftlichen Kontext ausgehend, zu einem neuen Verständnis des periculum gelangen. Kann man der Rechtauffassung der antiken Juristen näher kommen, wenn man die Belege sammelt, sortiert und interpretiert, welche die Anfragenden (aus welcher Reichshälfte immer) einem Ulpian, Paulus, Gaius oder Scaevola vorgelegt haben könnten? Wie könnte das technische Wort periculum verstanden werden, wenn die Definition nicht nur nach den systematisierenden Versuchen der Juristen, sondern vor allem aus der Praxis, den handelsüblichen Vertragsformularen versucht wird?
8Die vorliegende Abhandlung versucht also einen neuen Zugang zur Interpretation der Entscheidungen der klassischen Juristen zu finden. Die Kompilatoren haben der Rechtsfigur der Gefahrtragung in den Digesten einen eigenen Titel gewidmet: D.18,6 De periculo et commodo rei venditae. In der Erörterung des periculum (sowohl bei der klassischen römischen Juristen als auch bei den Kompilatoren) scheint die Kasuistik der Weinfälle eine entscheidende Rolle gespielt zu haben: Der Digestentitel 18,6 umfasst in der Ausgabe von Mommsen/Krüger 239 Zeilen, wovon 122 den Weinkauf zum Gegenstand haben. Dieses Phänomen gab den Anstoß zur Wahl meiners Themas: Auf den Spuren von Ernst Rabel soll ein einziger Kauftyp, der Kauf von Wein, eingehend untersucht werden. Die herausragende Stellung des Weinkaufs in D. 18,6 spricht dafür, hierin ein Paradigma zu sehen. Es ist zu erwarten, dass die dabei gewonnenen Ergebnisse auch zu einer allgemeinen Gefahrtragungslehre Neues beitragen können.
9Die bunte Vielfalt der überlieferten Sachverhalte eröffnet neue Wege in der Forschung. Die meisten Autoren, die sich mit dem Thema bisher beschäftigt haben, blieben im kühlen und eleganten Arbeitszimmer der feinen Juristen Roms und versuchten deren systematisierende Ansätze weiter zu entwickeln. Ich möchte hingegen die Türen öffnen und den Rechtshistoriker anregen, sich unter das Volk zu mischen und auch die hitzigen Märkte und dumpfen Notarstuben aufzusuchen.
10Die Untersuchung wird deshalb auf einer tieferen Ebene einsetzen als gewohnt: Die Sammlung des Materials wird bewusst auf die Dokumente der Alltagspraxis zurückgreifen. Diese dürften Informationen gespeichert haben, die einem römischen Juristen im 2. Jahrhundert noch Selbstverständliches bedeuteten, dem modernen Forscher aber bisher verdeckt blieben. Das Spannungsfeld zwischen gelebtem und gesetztem Recht (in Rom ist darunter richtiger die Rechtswissenschaft zu verstehen) soll wahrgenommen und aufgelöst werden. Die wohlbekannten und seit Generationen bearbeiteten Quellen können, in ihrem konsequent aufgedeckten sozialwirtschaftlichen Kontext interpretiert, gewiss noch Neues aussagen.
11Das Thema wird in drei Kapiteln untersucht: Das erste konzentriert sich auf den technologischen Hintergrund. Es werden die kritischen Punkte der Weinbereitung dargestellt, die zu juristisch relevanten Mängeln führen können, Weingüter, Kellerwirtschaft, Qualität (§§ 1–3). § 4 führt den Leser in die Methoden der antiken Buchführung ein. Die Verwaltung des Weines und die diversen Abrechnungen können über den Zeitpunkt der Lieferungen und über die Zahlungsmodalitäten Auskunft geben. Das zweite Kapitel untersucht die Vereinbarungsmodelle, die bei der Vermarktung des Weines nach dem Zeugnis der Alltagsdokumente am häufigsten verwendet wurden: Catos Versteigerungsformular (§ 5), Arrhalkauf in den Papyri (§ 6) und in der Praxis Roms (§ 7), Lieferungskauf in den Papyri aus dem römischen Ägypten (§ 8) und in den Juristenschriften (§ 9). Das dritte Kapitel fasst die Tendenzen im Risikomanagement zusammen: Dabei soll als neuer Ansatz die „Gefahrtragung“ im klassischen Sinne von einem „vertragsspezifischen Risiko“ konsequent getrennt werden (§ 10).§ 11 beschreibt die Rechtswirkungen der degustatio in den relevanten Kaufmodellen und entwirft die neue dogmatische Definition dieser Rechtsfigur. § 12 interpretiert die mensura in demselben Sinne. § 13 setzt sich mit dem traditionellen Verständnis von aversion venire auseinander und bietet eine neue Erklärung der umstrittenen Stelle Ulp. D. 18,6,4,1–2.
12Zu den wichtigsten Quellen werden Übersetzungen in deutscher Sprache angeboten, die sich zum Teil stark an die Ausgabe von O. Behrends/R. Knütel/B. Kupisch/H. H. Seiler, Corpus Iuris Civilis (Text und Übersetzung), Bd. I–IV, Heidelberg1995–2005, anlehnen.
13Schließlich möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass der Mittelmeerraum in der Antike eine politische und wirtschaftliche Einheit bildete. Die technologischen Kenntnisse über Weinbau und Weinbereitung, die Erfahrungen mit den juristischen Raffinessen der Vermarktung wurden mit dem Wein von Provinz zu Provinz weiter tradiert. Diese kulturelle Zirkulation ist nicht nur beim Wein, sondern auch in anderen Lebensverhältnissen greifbar. Das berechtigt uns dazu, die reizvolle Möglichkeit zu nutzen, die das reiche Papyrusmaterial bietet. Diese unschätzbaren Zeugnisse eines facettenreichen Rechtslebens wirken auf den Forscher, der sich hierauf einlässt, geradezu provokant. In der Hoffnung, mit meinen Ausführungen eine „ausgewogene Balance zwischen interdisziplinärer Hilfe und vorsichtigem Dilettantismus“ (Nörr, Fides Punica 539f.) zu finden, sollen die Möglichkeiten genützt werden, die von der historischen Rechtsvergleichung zur Untersuchung quellenarmer oder kontroverser Themen angeboten werden.
JAKAB, Éva. Einleitung In : Risikomanagement beim Weinkauf : Periculum und Praxis im Imperium Romanum [en ligne]. München : C.H.Beck, 2009 (généré le 21 avril 2018). Disponible sur Internet : <http://books.openedition.org/chbeck/1151>. ISBN : 9782821846487. DOI : 10.4000/books.chbeck.1151.
Jakab, É. 2009. Einleitung. In Risikomanagement beim Weinkauf : Periculum und Praxis im Imperium Romanum. C.H.Beck. doi :10.4000/books.chbeck.1151
Jakab, Éva. “Einleitung”. Risikomanagement beim Weinkauf : Periculum und Praxis im Imperium Romanum. By Jakab. München : C.H.Beck, 2009. (pp. 1-4) Web. <http://books.openedition.org/chbeck/1151>.
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