Source: https://www.vdaa.de/Entgeltfortzahlung-nach-Arbeitsunfaehigkeit-durch-Hundebis/
Timestamp: 2019-05-26 21:28:44
Document Index: 281843230

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 90', '§ 3', '§ 3']

Ent­gelt­fort­zah­lung nach Arbeits­un­fä­hig­keit durch Hun­de­biss | Verband deutscher ArbeitsrechtsAnwälte e.V.
Ent­gelt­fort­zah­lung nach Arbeits­un­fä­hig­keit durch Hun­de­biss
(Stutt­gart) Ein Arbeit­neh­mer führt eine Arbeits­un­fä­hig­keit nicht schuld­haft im Sin­ne von § 3 EFZG her­bei, wenn er als Hun­de­be­sit­zer in eine Hun­der­au­fe­rei ein­greift, um sei­nen Hund aus einer Not­la­ge zu befrei­en, und hier­bei Biss­ver­let­zun­gen erlei­det, die zu einer Arbeits­un­fä­hig­keit füh­ren.
Dar­auf ver­weist der Stutt­gar­ter Fach­an­walt für Arbeits­recht Micha­el Henn, Prä­si­dent des VdAA — Ver­band deut­scher Arbeits­rechts­An­wäl­te e. V. mit Sitz in Stutt­gart unter Hin­weis auf das am 19.02.2010 ver­öf­fent­lich­te Urteil des Arbeits­ge­richts (ArbG) Frei­burg vom 13.01.2010, Az.: 2 Ca 215/09.
In dem Fall arbei­tet der Klä­ger seit 2007 für die Beklag­te als Fah­rer mit einer Brut­to­mo­nats­ver­gü­tung von 1.400,00 EUR. Am 19.06.2009 besuch­te die­ser in sei­ner Frei­zeit ein Ver­eins­fest. Beglei­tet wur­de der Klä­ger dabei von sei­nem Hund „Bar­ry“, einer 8 Jah­re alten Ber­ner­sen­nen­mi­schung. Noch bevor das Fest begann, wur­de der Hund des Klä­gers unver­mit­telt von einer frei­lau­fen­den Dog­ge ange­grif­fen. Die Dog­ge ver­biss sich in den Hund des Klä­gers und hielt die­sen schließ­lich hän­gend in ihrem Maul. In die­ser Situa­ti­on griff der Klä­ger ein und befrei­te sei­nen Hund. Dabei biss die Dog­ge den Klä­ger in die lin­ke Hand und ver­letz­te ihn. Der Klä­ger ließ zunächst die Wun­den sei­nes Hun­des tier­ärzt­lich ver­sor­gen. Anschlie­ßend begab er sich selbst in ärzt­li­che Behand­lung. Der behan­deln­de Arzt beschei­nig­te ihm für den Zeit­raum vom 19.06.2009 — 18.07.2009 Arbeits­un­fä­hig­keit.
Der Klä­ger erhielt für den Monat Juli 2009 eine Net­to­ver­gü­tung von 368,22 EUR. Ent­gelt­fort­zah­lung für den Zeit­raum 01. bis 18.07.2009 leis­te­te sei­ne Arbeit­ge­be­rin, die Beklag­te, nicht. Statt­des­sen erhielt der Klä­ger von sei­ner Kran­ken­kas­se 476,46 EUR Kran­ken­geld für die­sen Zeit­raum. Die Arbeit­ge­be­rin ist der Ansicht, der Klä­ger habe die Biss­ver­let­zung durch die Dog­ge selbst ver­schul­det. Im Wis­sen um die Gefähr­lich­keit einer Dog­ge habe er ver­sucht sei­nen Hund aus dem Maul der Dog­ge zu befrei­en. Somit habe der Klä­ger sei­ne Ver­let­zung selbst ver­schul­det. Der Klä­ger war hin­ge­gen der Ansicht, dass die durch den Hun­de­biss her­rüh­ren­de Arbeits­un­fä­hig­keit nicht auf sein Ver­schul­den zurück­zu­füh­ren sei.
So sah es nun auch das Arbeits­ge­richt Frei­burg, betont Henn, und ver­ur­teil­te Arbeit­ge­be­rin zur Nach­zah­lung der aus­ste­hen­den Bezü­ge.
Den Klä­ger tref­fe hier an sei­ner Arbeits­un­fä­hig­keit kein Ver­schul­den im Sin­ne von § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG. Schuld­haft im Sin­ne von § 3 Abs. 1 S. 1 EFZG han­de­le ein Arbeit­neh­mer dann, der gröb­lich gegen das von einem ver­stän­di­gen Men­schen im eige­nen Inter­es­se zu erwar­ten­de Ver­hal­ten ver­sto­ße.
Im vor­lie­gen­den Fall sei unstrei­tig, dass eine Dog­ge den Hund des Klä­gers angrif­fen habe. Wei­ter sei unstrei­tig, dass im wei­te­ren Fort­gang der Rau­fe­rei die angrei­fen­de Dog­ge den Hund des Klä­gers im Nacken­be­reich biss und die­sen hän­gend im Maul hielt, wes­halb sich der Klä­ger zum Ein­grei­fen ent­schloss. Somit befand sich der Klä­ger in einer Not­la­ge: greift er in die Rau­fe­rei ein, ris­kiert er, selbst gebis­sen zu wer­den. Greift er nicht, müss­te er eine wei­te­re Ver­let­zun­gen sei­nes Hun­des, und damit sei­nes Sach­ei­gen­tums (§ 90a BGB), sehen­den Auges hin­neh­men. Somit hat sich der Klä­ger gera­de nicht „ohne Not“, son­dern viel­mehr wegen der bestehen­den, aber von ihm nicht ver­schul­de­ten, Not­la­ge der Gefahr aus­ge­setzt, die sich durch den Hun­de­biss auch rea­li­siert habe.
In Fäl­len, in denen in der Recht­spre­chung ein Ver­schul­den im Sin­ne von § 3 EFZG ange­nom­men wur­de, war eine ande­re mög­li­che Hand­lungs­al­ter­na­ti­ve klar erkenn­bar:
Wer z. B. eine Schlä­ge­rei pro­vo­ziert, anstatt sich fried­lich zu ver­hal­ten, han­delt schuld­haft (vgl. etwa LAG Hamm, 24.09.2003, 18 Sa 785/03, NZA-RR 2004, 68).
Strei­chelt ein Arbeit­neh­mer z. B. einen Hund, obwohl er vom Hun­de­hal­ter davor gewarnt und auf die Bis­sig­keit des Hun­des hin­ge­wie­sen wor­den war, han­delt schuld­haft im Sin­ne von § 3 EFZG (vgl. ArbG Wetz­lar, Urteil vom 04.04.1995, 1 Ca 589/94, JURIS).
In bei­den geschil­der­ten Fäl­len lag jeweils eine ver­nünf­ti­ge und zumut­ba­re Hand­lungs­al­ter­na­ti­ve offen zu Tage, die nicht zum Scha­den geführt hät­te.
Hin­ge­gen kön­ne im vor­lie­gen­den Fal­le dem Klä­ger kei­ne ver­nünf­ti­ge und zumut­ba­re Hand­lungs­al­ter­na­ti­ve auf­ge­zeigt wer­den: auf­grund der gegen­wär­ti­gen Not­si­tua­ti­on war weder das Abwar­ten noch das zu Hil­fe holen Drit­ter dien­lich oder zumut­bar. Wer in einer der­ar­ti­gen Not­la­ge ver­su­che, schlim­me­re Beschä­di­gun­gen sei­nes Eigen­tums abzu­weh­ren, han­de­le nicht gröb­lich gegen das von einem ver­stän­di­gen Men­schen im eige­nen Inter­es­se zu erwar­ten­de Ver­hal­ten.