Source: https://www.rechtsdepesche.de/organisationsfehler-als-grobe-behandlungsfehler/
Timestamp: 2019-03-24 11:43:28
Document Index: 85903421

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', '§280', '§ 241', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Organisationsfehler als grobe Behandlungsfehler | Rechtsdepesche
AnzeigeDer abgeheftete Befund Organisationsfehler als grobe Behandlungsfehler
HDI / 27. Februar 2019 / Lesezeit ~ 2 Min.
Auch ärztliche Organisationsfehler können als grobe Behandlungsfehler gewertet werden.© Ginasanders | Dreamstime.com [Dreamstime RF]
In einem aktuellen Fall wurde auf Wunsch des Patienten durch seinen Hausarzt eine Laboruntersuchung durchgeführt. Die Laborwerte wiesen einen erhöhten PSA-Wert auf. Der PSA-Wert (prostataspezifisches Antigen) ist der empfindlichste Parameter in der Diagnostik des Prostatakarzinoms. Nach Eingang der Untersuchungsergebnisse beim Hausarzt erfolgte weder ein Gespräch mit dem Patienten, noch wurden diesem die Laborwerte ausgehändigt. Hierdurch wurde dem Patienten ein deutlich erhöhter PSA-Wert nicht mitgeteilt. Auch erfolgte im weiteren Verlauf anlässlich weiterer Vorstellungstermine keine Reaktion auf den erhöhten Wert. Erst drei Jahre später wurde ein Prostatakarzinom diagnostiziert. Das Karzinom hatte sich bereits ausgedehnt. Die Prognose ist aufgrund der Tumorausdehnung als schlecht zu bewerten. Der Patient macht umfangreiche Schmerzensgeld- und Schadenersatzansprüche geltend.
Ein grober Behandlungsfehler liegt vor, wenn gegen bewährte ärztliche Behandlungsregeln bzw. gesicherte medizinische Erkenntnisse in einer Weise verstoßen wird, dass der Fehler aus objektiver Sicht nicht mehr verständlich erscheint, weil er einem Arzt schlechterdings nicht unterlaufen darf (BGH, Urteil vom 19.06.2001, Az.: VI ZR 286/00). Der Arzt ist schon aus dem Behandlungsvertrag heraus verpflichtet, ihm zur Kenntnis gelangte Diagnosen und Befunde mitzuteilen. Dies gilt nach der Rechtsprechung umso mehr, wenn es sich um schwerwiegende und behandlungs- oder abklärungsbedürftige Befunde und Diagnosen handelt und der Arzt als Hausarzt in einer Langzeitbetreuung und damit auch als interdisziplinärer Koordinator tätig ist.
Jüngst bestätigte der Bundesgerichtshof (BGH) in einer Entscheidung vom 26.06.2018 (BGH VI ZR 285/17) dass ein Arzt auch dann den Patienten über Befunde zu informieren hat, wenn diese erst nach Beendigung eines Behandlungsvertrages dem Arzt zur Kenntnis gelangen. Den Arzt trifft insofern auch eine aus dem Behandlungsvertrag nachwirkende Schutz- und Fürsorgepflicht (§280 Abs. 1, § 241 Abs. 2 BGB; BGH VI ZR 285/17). Der Arzt, der eine solche Information bekommt, muss den Informationsfluss aufrechterhalten. Er kann sich auch nicht mit dem Argument exkulpieren, dass ein solcher Fehler unter den gegebenen Umständen des Praxisalltags passieren könne. Der BGH wertete auch diesen Fall der unterbliebenen Information des Patienten als groben Behandlungsfehler (BGH VI ZR 285/17).
Autor: Rechtsanwalt und Fachanwalt für Medizinrecht Jürgen Hersch, HDI Kundenservice AG, Köln
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