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Timestamp: 2019-05-23 05:24:41
Document Index: 93083701

Matched Legal Cases: ['Art. 95', 'Art. 106', 'Art. 106', 'Art. 97', 'Art. 105', 'BGE', 'in fine', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

8C_421/2011 - 2011-09-26 - Unfallversicherung - Unfallversicherung (Kausalzusammenhang)
F.________, geboren 1973, ist geschieden und Vater von drei Kindern (geboren 1999, 2004 und 2009). Er arbeitete als Serviceangestellter in der Brasserie X.________ und war in dieser Eigenschaft bei der Basler Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend: Basler oder Beschwerdegegnerin) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Am .... Oktober 2006 war er als Lenker seines Kleinbusses auf der Autobahn A1 bei starkem Regen von Bern in Richtung Lausanne zusammen mit seiner Freundin, seinen Kindern und der Mutter seiner Freundin unterwegs zum Gottesdienst in der portugiesischen Kirche von Lausanne, als er bei einer Geschwindigkeit von etwa 100 km/h die Beherrschung über sein Fahrzeug verlor, dieses auf die Seite kippte, gegen die Mittelleitplanke und von dort zurück an die rechte Fahrbahnbegrenzung prallte, wobei das Fahrzeug schliesslich wieder auf den Rädern zum Stehen kam. Beim Eintreffen des Rettungsdienstes am Unfallort litt der Versicherte an einem epileptischen Anfall mit Bewusstseinsverlust. Alle Insassen wurden mit drei Ambulanzfahrzeugen ins Hôpital Z.________ verbracht, wo der Versicherte während drei Tagen stationär überwacht und untersucht wurde, bevor er am 3. Oktober 2006 "en bon état
général" aus dem Spital an seinen Wohnort nach Hause entlassen werden konnte. Bei der polizeilichen Befragung im Hôpital Z.________ drei Stunden nach dem Unfall klagte er über Rückenbeschwerden. Gleichzeitig erwähnte er, dass er bereits vor ungefähr zehn Jahren einen epileptischen Anfall erlitten habe. Laut Bericht der neurochirurgischen Abteilung des Hôpitals Z.________ vom 6. Oktober 2006 diagnostizierten die Fachärzte abschliessend ein Schädelhirntrauma (SHT) mit rechts temporalem Kontusionsherd, eine epileptische Krise und eine offene Wunde am linken Daumen. Sie verneinten ausdrücklich sensitiv-motorische Beeinträchtigungen an allen vier Extremitäten und attestierten eine volle Arbeitsunfähigkeit für die Dauer von zwei Wochen. Die Basler übernahm in der Folge die Heilbehandlung und richtete ein Taggeld aus. Die Magnetresonanzuntersuchung des Neurocraniums vom 20. Oktober 2006 zeigte eine "altersentsprechend normale Darstellung des Cerebrums und des Craniums [sowie] insbesondere keine Hinweise auf frische oder alte Einblutungen, Ischämien oder Raumforderungen" und auch sonst keine pathologischen Befunde. Nach umfangreichen medizinischen Abklärungen und einem vierwöchigen stationären Aufenthalt des Versicherten in der RehaClinic
W.________ zur interdisziplinären, ganzheitlich orientierten Rehabilitation stellte die Basler gestützt auf das polydisziplinäre Gutachten der Medizinischen Abklärungsstelle des Spitals Q.________ vom 24. Oktober 2008 (nachfolgend: MEDAS-Gutachten) und die interdisziplinäre Expertise des Instituts Y.________ vom 10. Juli 2009 sämtliche Versicherungsleistungen rückwirkend per 30. März 2009 ein, verneinte den adäquaten Kausalzusammenhang der ab 1. April 2009 anhaltend geklagten Beschwerden zum Unfall vom .... Oktober 2006 und verzichtete auf eine Rückforderung der über den folgenlosen Fallabschluss hinaus erbrachten Leistungen (Verfügung vom 3. November 2009). Auf Einsprache des Versicherten hin hielt die Basler an der Leistungsterminierung fest (Einspracheentscheid vom 24. Juni 2010).
Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten kann wegen Rechtsverletzung gemäss Art. 95 f . BGG erhoben werden. Das Bundesgericht wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106 Abs. 1 BGG). Es kann die Verletzung von Grundrechten und von kantonalem und interkantonalem Recht nur insofern prüfen, als eine solche Rüge in der Beschwerde vorgebracht und begründet worden ist (Art. 106 Abs. 2 BGG). Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen der Militär- oder Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden (Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG).
grosse Schwierigkeiten bereiten würde (BGE 134 V 109 E. 6.2.1 S. 116 f. in fine; vgl. zum Ganzen auch BGE 127 V 102 E. 5b/bb S. 103 und SVR 2007 UV Nr. 8 S. 27, U 277/04 E. 2, je mit Hinweisen). Korrekt sind schliesslich auch die vorinstanzlichen Ausführungen zu dem im Sozialversicherungsrecht bei der Beantwortung von Tatfragen üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen). Darauf wird verwiesen.
5.2 Der Versicherte erhebt zu Recht gegen die volle Beweiskraft des Gutachtens des Instituts Y.________ keine Einwände. Vielmehr leitet er aus dem psychiatrischen Teilgutachten des Instituts Y.________ ab, dass seine "Lebensqualität [...], allenfalls auch die Arbeitsfähigkeit", durch ein hausärztliches Case-Management mit "polydisziplinär ambulanter Optimierung der Schmerztherapie" und Ausbau der antidepressiven Medikation noch hätte verbessert werden können. Gemäss Hauptgutachten des Instituts Y.________ steht zumindest fest, dass "aus somatischer Sicht [...] Heilbehandlungen im Zusammenhang mit dem Unfall vom .... Oktober 2006 nicht mehr notwendig sind." Die Aussagen der Gutachter des Instituts Y.________ sprechen dagegen, dass eine Fortsetzung der ärztlichen Behandlung über den 1. April 2009 hinaus angezeigt war, geschweige denn noch eine namhafte Besserung im Sinne von BGE 134 V 109 E. 4.3 S. 115 erwarten liess. Letzteres wird durch die übrigen medizinischen Akten (vgl. IV-Akten) ebenfalls nicht gestützt. Nach dem Unfall waren während der gut zweieinhalbjährigen Heilbehandlungsdauer nicht nur verschiedene Case-Manager mit der Führung des Heilungsprozesses befasst, sondern gelangten auch polydisziplinäre schmerztherapeutische
Massnahmen sowie einzelne der mit psychiatrischem Teilgutachten des Instituts Y.________ vorgeschlagenen Psychopharmaka in unterschiedlicher Dosierung zur Anwendung, ohne dass damit eine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes hätte erreicht werden können. Dies wäre denn auch mit Blick auf die seit dem Unfall verstrichene Zeit und den Umstand, dass die bis dahin durchgeführten Behandlungen keine wesentliche Besserung bewirkt hatten, als unwahrscheinlich zu betrachten (vgl. BGE 8C_100/2011 vom 1. Juni 2011 E. 2.3.2), weshalb der per 1. April 2009 verfügte Heilbehandlungsabschluss nicht zu beanstanden ist.
7.3.1 Dem ausführlichen Polizeirapport ist - entgegen den aktenkundig in medizinischen Berichten wiederholt verzeichneten anamnestisch Angaben des Beschwerdeführers - nicht zu entnehmen, dass sich sein Fahrzeug angeblich zweimal "überschlagen" habe. Die Fotos vom Unfallauto lassen denn auch nicht auf diese Darstellung des Unfallherganges schliessen. Nach der polizeilich protokollierten Aussage der Lebenspartnerin des Versicherten und einer Zeugin stürzte der Kleinbus zunächst auf die rechte Seite, schleuderte auf dieser Seite liegend gegen die Mittelleitplanke und von dort wieder zurück, prallte gegen einen "regard en béton" am rechten Rand der Fahrbahn, kippte dabei wieder auf die Räder und kam in dieser Lage zum Stillstand. Es handelte sich um einen Selbstunfall. Eine Kollision mit einem anderen Fahrzeug fand nicht statt. Alle Insassen waren angegurtet und keiner zog sich nennenswerte, äusserlich sichtbare Verletzungen oder gar Frakturen zu. Den vom Beschwerdeführer herangezogenen Urteilen lagen Sachverhalte zugrunde, welche nach dem Gesagten nicht mit dem hier zu beurteilenden Unfall zu vergleichen sind. Von besonders dramatischen Begleitumständen oder einer besonderen Eindrücklichkeit des Ereignisses (BGE 134 V 109 E. 10.2.1
S. 127) kann somit nicht die Rede sein.
7.3.3 Gemäss der im Hôpital Z.________ anlässlich der medizinischen Erstversorgung erhobenen Anamnese schloss der Beschwerdeführer Kopf-, Thorax- und Bauchschmerzen sowie Schmerzen an den Extremitäten aus. Ebenso bestanden keine Atemprobleme. Die Halswirbelsäule war weder in der Beweglichkeit eingeschränkt noch schmerzhaft. Äusserlich sichtbar war einzig eine in der Folge komplikationslos verheilende offene Wunde am linken Daumen. Die Anzeichen eines rechts temporalen Kontusionsherdes ohne Raumforderung und ohne sonstige Besonderheiten im Bereich des Kopfes, welche auf dem am Unfalltag erstellten Schädel-CT sichtbar waren, konnten bereits anlässlich der MRI-Untersuchung vom 20. Oktober 2006 nicht mehr festgestellt werden. Schon die 48 Stunden nach dem ersten Schädel-CT noch im Hôpital Z.________ durchgeführte CT-Kontrolluntersuchung zeigte keine Komplikationen, sondern Hinweise auf eine Besserung des Zustandes. Nach dem .... Oktober 2006 traten aktenkundig keine neuen epileptischen Anfälle mehr auf. Trotz widersprüchlicher anamnestischer Angaben hatte der Versicherte schon vor dem Unfall vom .... Oktober 2006 mindestens einen epileptischen Anfall erlitten. Abgesehen von einzelnen, der zum typischen bunten Beschwerdebild gehörenden
gesundheitlichen Beeinträchtigungen, sind während der dreitägigen Hospitalisation im Hôpital Z.________ keine unfallbedingte Gesundheitsstörungen aufgetreten, welche das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen erfüllen würden. So "eindrücklich [...] die Liste der Befunde gemäss Gutachten des Instituts Y.________" vom 10. Juli 2009 nach Auffassung des Beschwerdeführers auch sein mag, so bescheiden waren die unmittelbaren gesundheitlichen Unfallfolgen, welche anlässlich der sorgfältigen und umfassenden fachärztlichen Abklärung während der Erstversorgung im Hôpital Z.________ hatten festgestellt werden können. Sollte der Versicherte nach dem Umkippen des Kleinbusses auf die rechte Seite im weiteren Verlauf des Schleuderns zu seinen Kindern im hinteren Teil des Fahrzeuges geschaut haben, kann darin zwar eine besondere Körperhaltung erblickt werden, ohne dass diese jedoch in der kritischen Phase während und unmittelbar nach dem Unfall dessen gesundheitliche Folgen erschwert hätte. Auch das Kriterium der Schwere oder besondere Art der erlittenen Verletzung (BGE 134 V 109 E. 10.2.2 S. 127 f.) ist demnach zu verneinen.
7.3.5 Gleiches gilt für das Kriterium der erheblichen Arbeitsunfähigkeit (BGE 134 V 109 E. 10.2.7 S. 129 f.). Bereits am 3. Oktober 2006 konnte der Beschwerdeführer in gutem Allgemeinzustand aus dem Spital an seinen Wohnort nach Hause entlassen werden. Die Ärzte des Hôpital Z.________ attestierten ihm für die Zeit nach dem Spitalaufenthalt noch eine Arbeitsunfähigkeit für die Dauer von zwei Wochen, wonach der behandelnde Arzt die Situation neu beurteilen müsse. Als ihm der ab 11. Oktober 2006 nachbehandelnde Dr. med. R.________ ab 19. Oktober 2006 wieder eine volle Arbeitsfähigkeit attestierte, wechselte der Versicherte den Arzt. Auch ein Teilzeitarbeitsversuch im März 2007 misslang sofort (Bericht des Dr. med. C.________ vom 16. November 2007). Nach dem Austritt aus der RehaClinic in W.________ am 7. Mai 2007 wurde ein therapeutischer Arbeitsversuch mit einem Pensum von 30% Ende Juli 2007 wiederum durch ein erneutes Arbeitsunfähigkeitsattest eines neu konsultierten Arztes (Dr. med. B.________) abgebrochen. Danach löste der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Beschwerdeführer per 30. September 2007 auf. Prof. Dr. med. M.________, Leiter der Poliklinik des Spitals Q.________, hielt in seinem Bericht vom 6. Dezember 2007
ausdrücklich fest, dass er den Beschwerdeführer über die erhobenen Befunde orientiert habe. "Insbesondere habe [er] ihm erklärt, dass sich sein Zustand ohne wirklich aktive Mitarbeit von seiner Seite verschlimmern werde, und dass er es in der Hand habe, durch ein aktives Bewegungstraining seine Schmerzen zu lindern." Gemäss MEDAS-Gutachten war dem Versicherten bereits seit Anfang 2007 wieder die Ausübung einer angepassten Tätigkeit (ohne repetitives Drehen des Kopfes und ohne Heben von über acht Kilogramm schweren Lasten mit Gelegenheit des Körperpositionswechsels spätestens nach 45 Minuten) zumutbar. Zwar ist erkennbar, dass der Beschwerdeführer vereinzelte Arbeitsversuche unternommen hatte, doch steht fest, dass ihm bei entsprechender Motivation spätestens ab Sommer 2007 eine erwerbliche Verwertung der ihm verbleibenden Leistungsfähigkeit zumutbar gewesen wäre. Es sind jedoch keine Anhaltspunkte dafür ersichtlich, dass sich der Versicherte nach dem Verlust der angestammten Arbeitsstelle ab 1. Oktober 2007 um zumutbare Arbeit bemüht hätte. Ob unter den gegebenen Umständen eine "erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen" (BGE 134 V 109 E. 10.2.7 S. 129 f.) im Sinne des hier zu prüfenden Adäquanzkriteriums
bejaht werden kann, braucht nicht entschieden zu werden, läge es doch nicht in ausgeprägter Form vor (Urteil 8C_53/2011 vom 30. Mai 2011 E. 4.1.5).
Entscheid : 8C_421/2011
Publiziert : 07. Oktober 2011
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115-V-133 • 117-V-359 • 117-V-369 • 127-V-102 • 129-V-177 • 134-V-109 • 136-V-295
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