Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/sicherungsverwahrung-und-keine-vorlage-an-den-bgh-320777
Timestamp: 2020-04-10 04:05:19
Document Index: 70438465

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', '§ 121', '§ 2', 'EGMR', 'Art. 7', '§ 2', '§ 67', 'EGMR', 'Art. 7', '§ 2', 'EGMR']

Siche­rungs­ver­wah­rung – und kei­ne Vor­la­ge an den BGH | Rechtslupe
Siche­rungs­ver­wah­rung – und kei­ne Vor­la­ge an den BGH
Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat im Hin­blick auf die Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te erneut ent­schie­den, dass sich die gegen einen Siche­rungs­ver­wahr­ten vor dem 31.01.1998 ange­ord­ne­te, bereits mehr als zehn Jah­re voll­zo­ge­ne Siche­rungs­ver­wah­rung erle­digt hat.
Einer sofor­ti­gen Beschwer­de des Siche­rungs­ver­wahr­ten gegen die Fort­dau­er der Maß­re­gel hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he jetzt statt­ge­ge­ben und das Ein­tre­ten von Füh­rungs­auf­sicht fest­ge­stellt. Die Begrün­dung für die Unzu­läs­sig­keit der wei­te­ren Voll­stre­ckung der Siche­rungs­ver­wah­rung deckt sich mit den Grün­den in zwei am 15. Juli 2010 ent­schie­de­nen Fäl­len 1. Trotz die­ser von der Recht­spre­chung ande­rer Ober­lan­des­ge­rich­te abwei­chen­den Ent­schei­dung sei die Sache nicht dem Bun­des­ge­richts­hof vor­zu­le­gen.
Aller­dings trat am 30. Juli 2010 die neu ein­ge­führ­te Vor­schrift des § 121 Abs. 2 Nr. 3 GVG in Kraft, nach der ein Ober­lan­des­ge­richt, das bei der Beschwer­de­ent­schei­dung über die Fra­ge der Erle­di­gung der Siche­rungs­ver­wah­rung oder die Zuläs­sig­keit ihrer wei­te­ren Voll­stre­ckung von einer nach dem 01.01.2010 ergan­ge­nen Ent­schei­dung eines ande­ren Ober­lan­des­ge­richts oder von einer Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs abwei­chen will, die Sache dem Bun­des­ge­richts­hof zur Ent­schei­dung vor­zu­le­gen hat. Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat­te daher im Hin­blick auf bereits im Jah­re 2010 ergan­ge­ne, von der Recht­spre­chung des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he abwei­chen­de Ent­schei­dun­gen ande­rer Ober­lan­des­ge­rich­te zu prü­fen, ob nach der neu­en Vor­schrift eine Vor­la­ge der Sache an den Bun­des­ge­richts­hof gebo­ten war.
Dies hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ver­neint. Denn nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist eine Vor­la­ge unzu­läs­sig, wenn der Bun­des­ge­richts­hof die­sel­be Rechts­fra­ge bereits ent­schie­den hat und das Ober­lan­des­ge­richt eben­so ent­schei­den will. In einem sol­chen Fall sind nur die Ober­lan­des­ge­rich­te, die ihrer­seits von der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs abwei­chen wol­len, zur Vor­la­ge ver­pflich­tet. Vor­lie­gend hat der Bun­des­ge­richts­hof die Vor­schrift des § 2 Abs. 6 StGB mit Beschluss vom 12. Mai 2010 2 unter Berück­sich­ti­gung des Urteils des EGMR vom 17. Dezem­ber 2009 eben­so aus­ge­legt wie das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in sei­ner jet­zi­gen Ent­schei­dung. Der Bun­des­ge­richts­hof hat aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass Art. 7 EMRK eine ande­re Rege­lung im Sin­ne des § 2 Abs. 6 StGB dar­stellt, so dass für Ent­schei­dun­gen über die Siche­rungs­ver­wah­rung das Tat­zeit­recht maß­geb­lich ist. Auch wenn es dort um die Fra­ge der Anord­nung einer nach­träg­li­chen Siche­rungs­ver­wah­rung ging, wäh­rend das Ober­lan­des­ge­richt über die Fra­ge eines Rück­wir­kungs­ver­bots im Zusam­men­hang mit dem nach­träg­li­chen Ent­fal­len der Zehn­jah­res­frist des § 67 d Abs. 1 StGB in der bis zum 30.01.1998 gel­ten­den Fas­sung zu befin­den hat­te, habe der Bun­des­ge­richts­hof die­sel­be Rechts­fra­ge bereits ent­schie­den. Denn sowohl in dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen wie auch in dem dem Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he vor­lie­gen­den Fall gehe es um die Fra­ge, ob die Siche­rungs­ver­wah­rung in ihrer kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung in der Aus­le­gung durch den EGMR als Stra­fe zu wer­ten und des­halb Art. 7 EMRK für die­se Maß­re­gel als ande­re gesetz­li­che Rege­lung im Sin­ne des § 2 Abs. 6 StGB anzu­se­hen ist, die ein Rück­wir­kungs­ver­bot begrün­det. Ange­sichts der Ähn­lich­keit der Fall­ge­stal­tun­gen kön­ne die­se Fra­ge nur ein­heit­lich beant­wor­tet wer­den, zumal der Bun­des­ge­richts­hof die Rechts­fra­ge auf­grund einer Ent­schei­dung des EGMR ent­schie­den habe, die die dem Ober­lan­des­ge­richt vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on betraf.
Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 4. August 2010 – 2 Ws 227/​10
OLG Karls­ru­he, Beschlüs­se vom 15.07.2010 – 2 Ws 458/​09 und 2 Ws 44/​10[↩]