Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/3-promille-und-das-herabgesetzte-hemmungsvermoegen-3105806
Timestamp: 2020-01-23 23:53:16
Document Index: 32282837

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

3 Pro­mil­le – und das her­ab­ge­setz­te Hem­mungs­ver­mö­gen | Rechtslupe
3 Promille - und das herabgesetzte Hemmungsvermögen
Eine Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on von mehr als drei Pro­mil­le legt die Annah­me einer erheb­li­chen Her­ab­set­zung des Hem­mungs­ver­mö­gens zur Tat­zeit nahe.
Auch wenn davon aus­zu­ge­hen ist, dass es kei­nen gesi­cher­ten medi­zi­nisch­sta­tis­ti­schen Erfah­rungs­satz dar­über gibt, dass ohne Rück­sicht auf psy­cho­dia­gnos­ti­sche Beur­tei­lungs­kri­te­ri­en allein wegen einer bestimm­ten Blut­al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­on zur Tat­zeit in aller Regel vom Vor­lie­gen einer alko­hol­be­dingt erheb­lich ver­min­der­ten Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­gan­gen wer­den muss 1, ist der im Ein­zel­fall fest­zu­stel­len­de Wert doch immer­hin ein gewich­ti­ges Beweis­an­zei­chen für eine erheb­li­che alko­ho­li­sche Beein­flus­sung.
Dies gilt unbe­scha­det der Tat­sa­che, dass die Wir­kun­gen einer Alko­hol­auf­nah­me indi­vi­du­ell ver­schie­den sind 2.
Der Blut­al­ko­hol­ge­halt zeigt näm­lich immer­hin die wirk­sam auf­ge­nom­me­ne Alko­hol­men­ge an. Je höher die­ser Wert ist, umso näher liegt die Annah­me einer zumin­dest erheb­li­chen Ein­schrän­kung der Steue­rungs­fä­hig­keit.
Bei einer star­ken Alko­ho­li­sie­rung lässt sich eine erheb­lich ver­min­der­te Steue­rungs­fä­hig­keit nur aus­schlie­ßen, wenn gewich­ti­ge Anzei­chen dafür spre­chen, dass das Hem­mungs­ver­mö­gen des Täters zur Tat­zeit erhal­ten geblie­ben war 3.
Der Blut­al­ko­hol­ge­halt ist zwar kein allein maß­geb­li­ches, aber doch im Ein­zel­fall gewich­ti­ges Beweis­an­zei­chen 4. Es darf des­halb, soweit Fest­stel­lun­gen mög­lich sind, nicht offen gelas­sen wer­den. Die vom Gericht gebil­lig­te Vor­nah­me einer Rück­rech­nung des Blut­al­ko­hol­ge­halts durch den Sach­ver­stän­di­gen vom Zeit­punkt der Blut­pro­ben­ent­nah­me nur bis zu einem Zeit­punkt, der zehn Stun­den davor liegt, aber nach dem Ende des Tat­zeit­raums, ver­stößt gegen das Gebot, den Blut­al­ko­hol­ge­halt regel­mä­ßig fest­zu­stel­len.
Beden­ken des Land­ge­richts gegen die Aus­sa­ge­kraft einer Rück­rech­nung mit Maxi­mal­wer­ten über einen lan­gen Rück­rech­nungs­zeit­raum 5 hät­ten zumin­dest durch Kon­troll­rech­nun­gen mit Mini­mal- und Min­dest­wer­ten rela­ti­viert wer­den kön­nen, sodass der höchst­mög­li­che, der wahr­schein­li­che und der zumin­dest in Betracht zu zie­hen­de Blut­al­ko­hol­wert zu ermit­teln gewe­sen wären 6. Sol­che Kon­troll­rech­nun­gen hat das Land­ge­richt nicht in Betracht gezo­gen.
Hat die Straf­kam­mer den – nicht abschlie­ßend fest­ge­stell­ten – Blut­al­ko­hol­ge­halt der Ange­klag­ten zur Tat­zeit letzt­lich bei sei­ner Beweis­wür­di­gung außer Betracht gelas­sen, so hat sie eines der rele­van­ten Indi­zi­en, die für und gegen eine alko­hol­be­ding­te erheb­li­che Ver­min­de­rung des Hem­mungs­ver­mö­gens spre­chen kön­nen, zu Unrecht unbe­rück­sich­tigt gelas­sen.
Erfor­der­lich ist stets eine Gesamt­wür­di­gung der fest­stell­ba­ren Alko­hol­auf­nah­me einer­seits und der psy­cho­dia­gnos­ti­schen Kri­te­ri­en ande­rer­seits 7. Dabei sind aller­dings nur sol­che Umstän­de zu berück­sich­ti­gen, die aus­sa­ge­kräf­ti­ge Hin­wei­se dar­auf geben kön­nen, ob das Hem­mungs­ver­mö­gen des Täters bei der Bege­hung der Tat erhal­ten geblie­ben ist oder nicht 8.
Die Tat­sa­che, dass sich beson­ders trink­ge­wohn­te Per­so­nen trotz erheb­li­cher Alko­ho­li­sie­rung äußer­lich unauf­fäl­lig ver­hal­ten kön­nen, deu­tet an, dass man­che Umstän­de aus dem äuße­ren Gesche­hens­ab­lauf ohne Aus­sa­ge­kraft dafür sind, ob das Hem­mungs­ver­mö­gen des Täters bei der Bege­hung der Tat erheb­lich ein­ge­schränkt war oder nicht 3.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Okto­ber 2015 – 2 StR 115/​15
BGH, Urteil vom 29.04.1997 – 1 StR 511/​95, BGHSt 43, 66, 72 ff.; Beschluss vom 29.05.2012 – 1 StR 59/​12, BGHSt 57, 247, 250[↩]
Wendt/​Kröber in Körber/​Dölling/​Leygraf/​Saß [Hrsg.], Hand­buch der Foren­si­schen Psych­ia­trie, Bd. 2, 2010, S. 240, 249[↩]
BGH, Beschluss vom 02.07.2015 – 2 StR 146/​15, NJW 2015, 3525, 3526[↩][↩]
BGH, Beschluss vom 29.05.2012 – 1 StR 59/​12, BGHSt 57, 247, 252[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 09.08.1988 – 1 StR 231/​88, BGHSt 35, 308, 314[↩]
vgl. Graw/​Thieme in Dreßing/​Habermeyer [Hrsg.], Psych­ia­tri­sche Begut­ach­tung, 6. Aufl.2015, S. 213, 217[↩]
BGH, Beschluss vom 30.04.2015 – 2 StR 444/​14, NStZ 2015, 634[↩]
zu Kri­te­ri­en, die gegen und für eine erheb­li­che Beein­träch­ti­gung der Steue­rungs­fä­hig­keit spre­chen, Wendt/​Kröber aaO S. 256 f.[↩]
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