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Timestamp: 2019-12-07 12:20:53
Document Index: 103720693

Matched Legal Cases: ['§ 64', '§ 26', '§ 380', '§ 41', '§ 38', '§ 69', '§ 64', '§ 17', '§ 377', '§ 69', '§ 64', '§ 47', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 266', '§ 14', '§ 823', '§ 266', '§ 64', '§ 64', '§ 266', '§ 46', '§ 153', '§ 823', '§ 266', '§ 823', '§ 64', '§ 64', '§ 92', '§ 266', '§ 823', '§ 64', '§ 92', '§ 380', '§ 64', 'BGH', '§ 19', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 43']

Geschäfts­füh­rer­haf­tung für gezahl­te Steu­ern und Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge | Rechtslupe
Geschäftsführerhaftung für gezahlte Steuern und Sozialversicherungsbeiträge
Der Geschäfts­füh­rer haf­tet nicht nach § 64 Satz 1 GmbHG, wenn er nach Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe rück­stän­di­ge Umsatz- und Lohn­steu­ern an das Finanz­amt und rück­stän­di­ge Arbeit­neh­mer­an­tei­le zur Sozi­al­ver­si­che­rung an die Ein­zugs­stel­le zahlt.
Zah­lung von Umsatz­steu­er und Lohn­steu­er
Zah­lung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen
Zah­lung von Umsatz­steu­er und Lohn­steu­er[↑]
Wenn der Geschäfts­füh­rer einer GmbH – auch nach Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe – fäl­li­ge Umsatz­steu­er und Umsatz­steu­er­vor­aus­zah­lun­gen, eben­so wie ein­be­hal­te­ne Lohn­steu­er, nicht an das Finanz­amt abführt, begeht er eine mit einer Geld­bu­ße bedroh­te Ord­nungs­wid­rig­keit nach § 26b UStG oder § 380 AO i.V.m. § 41a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, § 38 Abs. 3 Satz 1 EStG und setzt sich außer­dem der per­sön­li­chen Haf­tung gemäß §§ 69, 34 Abs. 1 AO aus 1. Die dadurch bewirk­te Pflich­ten­kol­li­si­on hat den Bun­des­ge­richts­hof bewo­gen, die Zah­lung von Umsatz- oder Lohn­steu­er als mit der Sorg­falt eines ordent­li­chen Geschäfts­manns ver­ein­bar anzu­se­hen 2.
Die­se Recht­spre­chung bezieht sich nicht nur auf lau­fen­de, erst nach Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe fäl­lig wer­den­de Steu­er­for­de­run­gen, son­dern auch auf Steu­er­rück­stän­de. Zwar erfüllt der Geschäfts­füh­rer schon mit der Nicht­ab­füh­rung der lau­fen­den Steu­er den Tat­be­stand der Ord­nungs­wid­rig­keit und macht sich per­sön­lich ersatz­pflich­tig. Den­noch besteht der Inter­es­sen­kon­flikt zwi­schen der Befol­gung der Mas­se­si­che­rungs­pflicht aus § 64 Satz 1 GmbHG und der Erfül­lung der steu­er­li­chen Abfüh­rungs­pflicht fort. Zum einen ist die frei­wil­li­ge Nach­zah­lung der Steu­er ein Umstand, der bei der Ver­hän­gung und Bemes­sung der Geld­bu­ße jeden­falls nach § 17 Abs. 3, 4 OWiG, § 377 Abs. 2 AO zuguns­ten des Geschäfts­füh­rers zu berück­sich­ti­gen ist. Zum ande­ren ent­fällt mit der Nach­zah­lung auch die per­sön­li­che Haf­tung des Geschäfts­füh­rers nach §§ 69, 34 Abs. 1 AO. Bei die­ser Sach- und Rechts­la­ge kann es dem Geschäfts­füh­rer nicht zuge­mu­tet wer­den, wegen des Zah­lungs­ver­bots aus § 64 Satz 1 GmbHG auf die Mög­lich­keit zu ver­zich­ten, die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ein­stel­lung des Ord­nungs­wid­rig­keits­ver­fah­rens nach § 47 OWiG oder jeden­falls für die Ver­hän­gung einer gerin­ge­ren Geld­bu­ße zu schaf­fen und sich von der per­sön­li­chen Haf­tung für die Steu­er­schuld zu befrei­en.
Auch kann die­se Fall­ge­stal­tung nicht damit ver­gli­chen wer­den, dass einem Ver­tre­tungs­or­gan eine bereits abge­schlos­se­ne uner­laub­te Hand­lung zur Last fällt und es nun ver­sucht, durch Zah­lung aus dem Gesell­schafts­ver­mö­gen den Scha­den wie­der­gut­zu­ma­chen. Die Nicht­ab­füh­rung der Steu­er ist ein Dau­er­de­likt, das bei Fäl­lig­keit zwar voll­endet, aber erst bei Erlö­schen der Abfüh­rungs­pflicht been­det ist 3. Daher geht es bei der nach­träg­li­chen Abfüh­rung der Steu­er nicht nur um Scha­dens­wie­der­gut­ma­chung, son­dern um die Erfül­lung der mit einer Geld­bu­ße bewehr­ten Pflicht.
Zah­lung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen[↑]
Bei der Zah­lung der Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge dif­fe­ren­ziert der Bun­des­ge­richts­hof dage­gen: Hat es sich bei den vom Geschäfts­füh­rer gezahl­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen um Arbeit­neh­mer­an­tei­le gehan­delt, beseht inso­weit kei­ne Haf­tung des Geschäfts­füh­rers. Waren es dage­gen Arbeit­ge­ber­an­tei­le, ist der Geschäfts­füh­rer nach § 64 Satz 1 GmbHG zur Erstat­tung ver­pflich­tet.
Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs han­delt ein Geschäfts­füh­rer einer GmbH grund­sätz­lich mit der Sorg­falt eines ordent­li­chen Geschäfts­manns im Sin­ne des § 64 Satz 2 GmbHG und haf­tet des­halb nicht nach § 64 Satz 1 GmbHG, wenn er nach Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe fäl­li­ge Arbeit­neh­mer­an­tei­le zur Sozi­al­ver­si­che­rung an die zustän­di­ge Ein­zugs­stel­le zahlt 4. Denn es kann ihm mit Blick auf die Ein­heit der Rechts­ord­nung nicht ange­son­nen wer­den, die­se Zah­lung im Inter­es­se einer gleich­mä­ßi­gen und rang­ge­rech­ten Befrie­di­gung der Gesell­schafts­gläu­bi­ger in einem nach­fol­gen­den Insol­venz­ver­fah­ren zu unter­las­sen und sich dadurch nach § 266a Abs. 1, § 14 Abs. 1 Nr. 1 StGB straf­bar und nach § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 266a StGB scha­dens­er­satz­pflich­tig zu machen. Inso­weit gel­ten die glei­chen Erwä­gun­gen wie zu den Steu­er­for­de­run­gen.
Das gilt auch für die Fra­ge, ob von der Pri­vi­le­gie­rung nur die lau­fen­den, erst nach Ein­tritt der Insol­venz­rei­fe fäl­lig wer­den­den Arbeit­neh­mer­bei­trä­ge oder auch die Bei­trags­rück­stän­de erfasst wer­den. Der Geschäfts­füh­rer kann auch die Rück­stän­de zah­len, ohne sich der Haf­tung aus § 64 Satz 1 GmbHG aus­zu­set­zen. Es kann dem Geschäfts­füh­rer nicht zuge­mu­tet wer­den, wegen des Zah­lungs­ver­bots aus § 64 Satz 1 GmbHG auf die Mög­lich­keit zu ver­zich­ten, sich Straf­frei­heit nach § 266a Abs. 6 Satz 1, 2 StGB oder jeden­falls eine Straf­mil­de­rung nach § 46 Abs. 2 Satz 2 a.E. StGB oder eine Ein­stel­lung des Ermitt­lungs­ver­fah­rens wegen Gering­fü­gig­keit nach §§ 153, 153a StPO zu ver­die­nen und sich von dem Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 823 Abs. 2 BGB zu befrei­en.
Aller­dings ist zu beach­ten, dass eine Zah­lung an die Ein­zugs­stel­le der Sorg­falt eines ordent­li­chen Geschäfts­manns wider­spricht, wenn sie zur Til­gung von Arbeit­ge­ber­an­tei­len zur Sozi­al­ver­si­che­rung geleis­tet wird. Denn nur das Vor­ent­hal­ten von Arbeit­neh­mer­bei­trä­gen ist in § 266a StGB unter Stra­fe gestellt und begrün­det eine Scha­dens­er­satz­pflicht nach § 823 Abs. 2 BGB. Hin­sicht­lich der Arbeit­ge­ber­an­tei­le fehlt es des­halb an einem Inter­es­sen­kon­flikt und damit an einem Grund, den Anwen­dungs­be­reich des Zah­lungs­ver­bots aus § 64 Satz 1 GmbHG ein­zu­schrän­ken 5.
Für einen Ver­trau­ens­schutz wegen einer zuvor gegen­tei­li­gen Recht­spre­chung besteht kein Anlass. Aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs hat sich auch vor der Ent­schei­dung vom 8. Juni 2009 6 kein Anhalts­punkt für eine Pri­vi­le­gie­rung der Zah­lung von Arbeit­ge­ber­an­tei­len erge­ben. Die durch das Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 14. Mai 2007 voll­zo­ge­ne Recht­spre­chungs­än­de­rung betrifft allein die Fra­ge, ob der Anwen­dungs­be­reich der § 64 Satz 1, 2 GmbHG, § 92 Abs. 2 Satz 1, 2 AktG bei einer Zah­lung von Arbeit­neh­mer­an­tei­len zur Sozi­al­ver­si­che­rung wegen der Straf­an­dro­hung in § 266a StGB und der delik­ti­schen Scha­dens­er­satz­haf­tung aus § 823 Abs. 2 BGB ein­zu­schrän­ken ist 7. Dass eine Zah­lung von Arbeit­ge­ber­an­tei­len zur Sozi­al­ver­si­che­rung nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs mit der Sorg­falt eines ordent­li­chen Geschäfts­manns i.S. der § 64 Satz 2 GmbHG, § 92 Abs. 2 Satz 2 AktG ver­ein­bar sei, wur­de seit Inkraft­tre­ten der Insol­venz­ord­nung zu kei­ner Zeit ernst­haft ange­nom­men 8.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Janu­ar 2011 – II ZR 196/​09
vgl. BFH, Urteil vom 27.02.2007 – VII R 67/​05, ZIP 2007, 1604 Rn. 16 ff.; Beschluss vom 04.07.2007 – VII B 268/​06, BFH/​NV 2007, 2059 Tz. 6; Urteil vom 23.09.2008 – VII R 27/​07, ZIP 2009, 122, jeweils zur Lohn­steu­er; KG, Beschluss vom 22.09.1997 – 2 Ss 250/​97; Sen­ge in Erbs/​Kohlhaas, Straf­recht­li­che Neben­ge­set­ze, Stand: Juni 2004, § 380 AO Rn. 3 ff., jeweils zum Buß­geld­tat­be­stand; Haas in Baumbach/​Hueck, GmbHG, 19. Aufl., § 64 Rn. 77[↩]
BGH, Urtei­le vom 14.05.2007 – II ZR 48/​06, ZIP 2007, 1265 Rn. 11 f.; und vom 29.09.2008 – II ZR 162/​07, ZIP 2008, 2220 Rn. 10[↩]
vgl. KG, Beschluss vom 22.09.1997 – 2 Ss 250/​97; Göhler/​Gürtler, OWiG, 15. Aufl., Rn. 17 vor § 19[↩]
BGH, Urtei­le vom 14.05.2007 – II ZR 48/​06, ZIP 2007, 1265 Rn. 11 f.; und vom 02.06.2008 – II ZR 27/​07, ZIP 2008, 1275 Rn. 6[↩]
BGH, Urteil vom 08.06.2009 – II ZR 147/​08, ZIP 2009, 1468 Rn. 6 f.[↩]
BGH, Urteil vom 14.05.2007- II ZR 48/​06, ZIP 2007, 1265 Rn. 11 f.; eben­so Urtei­le vom 08.01.2001 – II ZR 88/​99, BGHZ 146, 264, 274 f.; und vom 18.04.2005 – II ZR 61/​03, ZIP 2005, 1026, 1029; Beschluss vom 09.08.2005 – 5 StR 67/​05, ZIP 2005, 1678[↩]
sie­he etwa Streit/​Bürg, DB 2008, 742, 744; Klein­diek in Lutter/​Hom­mel­hoff, GmbHG, 17. Aufl., § 43 Rn. 82 ff.[↩]
ArbeitgeberanteileArbeitnehmeranteilGeschäftsführerhaftungGmbHInsolvenzreifeLohnsteuerLohnsteuerhaftungSozialversicherungsbeitragUmsatzsteuer-VorauszahlungUmsatzsteuerhaftung