Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Urlaubsabgeltung_vererblich_EuGH_C-118-13_Bollacke_u.html
Timestamp: 2019-05-19 08:34:05
Document Index: 314512649

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art.7', 'Art. 267', 'Art. 7', 'Art.7', 'Art. 15', 'Art. 17', 'Art. 7', '§ 7', '§ 1922', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art.7', '§ 1']

EuGH, Urteil vom 12.06.2014, C-118/13 - Bollacke - HENSCHE Arbeitsrecht
EuGH, Ur­teil vom 12.06.2014, C-118/13 - Bol­la­cke
Schlagworte: Urlaubsabgeltung: Vererblichkeit, Urlaub: Tod des Arbeitnehmers
Leitsätze: Art.7 der Richtlinie 2003/88/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4. November 2003 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung ist dahin auszulegen, dass er einzelstaatlichen Rechtsvorschriften oder Gepflogenheiten wie den im Ausgangsverfahren fraglichen entgegensteht, wonach der Anspruch auf bezahlten Jahresurlaub ohne Begründung eines Abgeltungsanspruchs für nicht genommenen Urlaub untergeht, wenn das Arbeitsverhältnis durch den Tod des Arbeitnehmers endet. Eine solche Abgeltung kann nicht davon abhängen, dass der Betroffene im Vorfeld einen Antrag gestellt hat.
Vorinstanzen: Landesarbeitsgericht Hamm, Beschluss vom 14.02.2013, 16 Sa 1511/12
12. Ju­ni 2014(*)
„Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen – So­zi­al­po­li­tik – Richt­li­nie 2003/88/EG – Ar­beits­zeit­ge­stal­tung – Be­zahl­ter Jah­res­ur­laub – Ab­gel­tung im To­des­fall“
In der Rechts­sa­che C-118/13
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 14. Fe­bru­ar 2013, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 14. März 2013, in dem Ver­fah­ren
Gülay Bol­la­cke
un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, des Rich­ters E. Le­vits (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­te­rin M. Ber­ger so­wie der Rich­ter S. Ro­din und F. Bilt­gen,
Ge­ne­ral­an­walt: M. Wa­the­let,
Kanz­ler: A. Ca­lot Es­co­bar,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens,
- der K + K Klaas & Kock B.V. & Co. KG, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt M. Sch­ei­er,
- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,
- der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Wolff und V. Pas­ternak Jørgen­sen als Be­vollmäch­tig­te,
- der un­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Fehér, K. Szíjjártó und K. Molnár als Be­vollmäch­tig­te,
- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch L. Chris­tie als Be­vollmäch­tig­ten im Bei­stand von E. Di­xon, Bar­ris­ter,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek und F. Schatz als Be­vollmäch­tig­te,
auf­grund des nach Anhörung des Ge­ne­ral­an­walts er­gan­ge­nen Be­schlus­ses, oh­ne Schluss­anträge über die Rechts­sa­che zu ent­schei­den,
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. L 299, S. 9).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Bol­la­cke und dem ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber ih­res ver­stor­be­nen Ehe­gat­ten, der K + K Klaas & Kock B.V. & Co. KG (im Fol­gen­den: K + K), über den An­spruch der Be­trof­fe­nen auf Ab­gel­tung des von Herrn Bol­la­cke bis zu sei­nem Tod nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs.
3 Art.7 („Jah­res­ur­laub“) der Richt­li­nie 2003/88 lau­tet:
4 Art. 15 („Güns­ti­ge­re Vor­schrif­ten“) die­ser Richt­li­nie be­stimmt:
5 Nach Art. 17 der Richt­li­nie 2003/88 können die Mit­glied­staa­ten von be­stimm­ten Vor­schrif­ten die­ser Richt­li­nie ab­wei­chen. Ei­ne Ab­wei­chung von Art. 7 der Richt­li­nie wird je­doch nicht zu­ge­las­sen.
Deut­sches Recht
6 § 7 Abs. 4 des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes vom 8. Ja­nu­ar 1963 (BGBl. 1963 S. 2) in der Fas­sung vom 7. Mai 2002 (BGBl. 2002 I S. 1529) sieht vor:
„Kann der Ur­laub we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht mehr gewährt wer­den, so ist er ab­zu­gel­ten.“
7 Nach § 1922 Abs. 1 des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs geht mit dem Tod ei­ner Per­son (Erb­fall) de­ren Vermögen (Erb­schaft) als Gan­zes auf ei­ne oder meh­re­re Per­so­nen (Er­ben) über.
Aus­gangs­rechts­streit und Vor­la­ge­fra­gen
8 Frau Bol­la­cke ist die Al­lein­er­bin ih­res ver­stor­be­nen Ehe­gat­ten, der vom 1. Au­gust 1998 bis zu sei­nem Tod am 19. No­vem­ber 2010 bei K + K beschäftigt war.
9 Herr Bol­la­cke war seit dem Jahr 2009 schwer er­krankt. In je­nem Jahr war er acht Mo­na­te ar­beits­unfähig. Ar­beits­unfähig­keit be­stand auch vom 11. Ok­to­ber 2010 bis zu sei­nem Tod.
10 Zum Zeit­punkt sei­nes To­des hat­te Herr Bol­la­cke un­strei­tig An­spruch auf min­des­tens 140,5 of­fe­ne Ta­ge Jah­res­ur­laub.
11 Mit Schrei­ben vom 31. Ja­nu­ar 2011 mach­te Frau Bol­la­cke ge­genüber K + K Ab­gel­tungs­ansprüche für die­se nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs­ta­ge gel­tend. K + K wies die For­de­rung mit der Be­gründung zurück, dass Zwei­fel dar­an bestünden, dass es sich um ei­nen ver­erb­ba­ren An­spruch hand­le.
12 Das im ers­ten Rechts­zug ent­schei­den­de Ge­richt, vor das Frau Bol­la­cke die­se For­de­rung brach­te, wies die Kla­ge mit der Be­gründung ab, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ein An­spruch auf Ab­gel­tung des bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses durch den Tod des Ar­beit­neh­mers nicht ent­ste­he. Im Ver­fah­ren über die Be­ru­fung ge­gen die­se Ent­schei­dung stellt sich das vor­le­gen­de Ge­richt die Fra­ge, ob an die­ser in­ner­staat­li­chen Recht­spre­chung in An­se­hung der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 fest­ge­hal­ten wer­den kann.
13 Un­ter die­sen Umständen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. Ist Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, wo­nach der An­spruch auf be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub beim Tod des Ar­beit­neh­mers in sei­ner Ge­samt­heit un­ter­geht, nämlich ne­ben dem nicht mehr zu ver­wirk­li­chen­den An­spruch auf Frei­stel­lung von der Ar­beits­pflicht auch der An­spruch auf Zah­lung des Ur­laubs­ent­gelts?
2. Ist Art. 7 Abs. 2der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass der An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung des be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laubs bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in der Wei­se an die Per­son des Ar­beit­neh­mers ge­bun­den ist, dass die­ser An­spruch nur ihm zu­steht, da­mit er die mit der Gewährung des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs ver­bun­de­nen Zwe­cke der Er­ho­lung und Frei­zeit auch zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt ver­wirk­li­chen kann?
3. Ist Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet ist, dem Ar­beit­neh­mer im Hin­blick auf den Schutz der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit der Ar­beit­neh­mer bei der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung Ur­laub bis zum Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res oder spätes­tens bis zum Ab­lauf ei­nes für das Ar­beits­verhält­nis maßgeb­li­chen Über­tra­gungs­zeit­raums auch tatsächlich zu gewähren, oh­ne dass es dar­auf an­kommt, ob der Ar­beit­neh­mer ei­nen Ur­laubs­an­trag ge­stellt hat?
Mit sei­nen zu­sam­men zu prüfen­den drei Fra­gen möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, wo­nach der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub oh­ne Be­gründung ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub un­ter­geht, wenn das Ar­beits­verhält­nis durch den Tod des Ar­beit­neh­mers en­det, und ob be­ja­hen­den­falls ei­ne sol­che Ab­gel­tung da­von abhängt, dass der Be­trof­fe­ne im Vor­feld ei­nen An­trag ge­stellt hat.
15 Zunächst ist an die ständi­ge Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu er­in­nern, wo­nach der An­spruch je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen ist, von dem nicht ab­ge­wi­chen wer­den darf und den die zuständi­gen na­tio­na­len Stel­len nur in den Gren­zen um­set­zen dürfen, die in der durch die Richt­li­nie 2003/88 ko­di­fi­zier­ten Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23. No­vem­ber 1993 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. L 307, S. 18) selbst aus­drück­lich ge­zo­gen wer­den (vgl. Ur­tei­le Schultz-Hoff u. a., C-50/06 und C-520/06, EU:C:2009:18, Rn. 22, KHS, C-214/10, EU:C:2011:761, Rn. 23, und Do­m­in­guez, C-282/10, EU:C:2012:33, Rn. 16).
16 Außer­dem ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass zum ei­nen Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht zu den Vor­schrif­ten gehört, von de­nen die Richt­li­nie aus­drück­lich Ab­wei­chun­gen zulässt (vgl. Ur­teil Schultz-Hoff u. a., EU:C:2009:18, Rn. 24), und dass zum an­de­ren die­se Richt­li­nie die Ansprüche auf Jah­res­ur­laub und auf Be­zah­lung während des Ur­laubs als zwei As­pek­te ei­nes ein­zi­gen An­spruchs be­han­delt.
17 Sch­ließlich hat der Ge­richts­hof be­reits fest­ge­stellt, dass der Ar­beit­neh­mer, wenn das Ar­beits­verhält­nis ge­en­det hat und es des­halb nicht mehr möglich ist, tatsächlich be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, nach Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 An­spruch auf ei­ne Vergütung hat, um zu ver­hin­dern, dass ihm we­gen die­ser Unmöglich­keit je­der Ge­nuss des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, selbst in fi­nan­zi­el­ler Form, vor­ent­hal­ten wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Schultz-Hoff u. a., EU:C:2009:18, Rn. 56, so­wie Nei­del, C-337/10, EU:C:2012:263, Rn. 29).
18 Der Ge­richts­hof hat da­her be­fun­den, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung ge­zahlt wird, wenn der Ar­beit­neh­mer während des ge­sam­ten Be­zugs­zeit­raums und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von krank­ge­schrie­ben bzw. im Krank­heits­ur­laub war und des­halb sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht wahr­neh­men konn­te (Ur­teil Schultz-Hoff u. a., EU:C:2009:18, Rn. 62).
19 Im Licht die­ser Recht­spre­chung ist zu prüfen, ob in dem Fall, dass das Er­eig­nis, das zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses geführt hat, der Tod des Ar­beit­neh­mers ist, ein sol­ches Er­eig­nis ei­ne Um­wand­lung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in ei­nen An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Vergütung ver­hin­dern kann.
20 Da­zu ist fest­zu­stel­len, dass der An­spruch auf Jah­res­ur­laub nur ei­nen der bei­den As­pek­te ei­nes we­sent­li­chen Grund­sat­zes des So­zi­al­rechts der Uni­on dar­stellt und dass die­ser Grund­satz auch den An­spruch auf Be­zah­lung um­fasst (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Schultz-Hoff u. a., EU:C:2009:18, Rn. 60 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
21 Der vom Uni­ons­ge­setz­ge­ber u. a. in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­wen­de­te Be­griff des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs be­deu­tet nämlich, dass für die Dau­er des Jah­res­ur­laubs im Sin­ne die­ser Vor­schrift das Ent­gelt für den Ar­beit­neh­mer bei­zu­be­hal­ten ist. Mit an­de­ren Wor­ten muss der Ar­beit­neh­mer in die­ser Ru­he- und Ent­span­nungs­zeit das gewöhn­li­che Ent­gelt wei­ter­be­zie­hen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le Ro­bin­son-Stee­le u. a., C-131/04 und C-257/04, EU:C:2006:177, Rn. 50, Schultz-Hoff u. a., EU:C:2009:18, Rn. 58, und Lock, C-539/12, EU:C:2014:351, Rn. 16).
22 Um si­cher­zu­stel­len, dass die­ses im Uni­ons­recht ver­an­ker­te grund­le­gen­de Ar­beit­neh­mer­recht be­ach­tet wird, darf der Ge­richts­hof Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 nicht auf Kos­ten der Rech­te, die dem Ar­beit­neh­mer nach die­ser Richt­li­nie zu­ste­hen, re­strik­tiv aus­le­gen (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­teil Hei­mann und Tolt­schin, C´-229/11 und C-230/11, EU:C:2012:693, Rn. 23 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung, so­wie Be­schluss Bran­des, C-415/12, EU:C:2013:398, Rn. 29 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
23 So­dann stellt Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 in sei­ner Aus­le­gung durch den Ge­richts­hof, wie von der un­ga­ri­schen Re­gie­rung in ih­ren Erklärun­gen vor­ge­bracht, für die Eröff­nung des An­spruchs auf fi­nan­zi­el­le Vergütung kei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung auf als die­je­ni­ge, dass zum ei­nen das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist und dass zum an­de­ren der Ar­beit­neh­mer nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men hat, auf den er bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch hat­te.
24 Sch­ließlich er­weist sich ein fi­nan­zi­el­ler Aus­gleich, wenn das Ar­beits­verhält­nis durch den Tod des Ar­beit­neh­mers ge­en­det hat, als un­erläss­lich, um die prak­ti­sche Wirk­sam­keit des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub si­cher­zu­stel­len, der dem Ar­beit­neh­mer nach der Richt­li­nie 2003/88 zu­steht.
25 Würde nämlich die Pflicht zur Aus­zah­lung von Jah­res­ur­laubs­ansprüchen mit der durch den Tod des Ar­beit­neh­mers be­ding­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses en­den, so hätte die­ser Um­stand zur Fol­ge, dass ein unwägba­res, we­der vom Ar­beit­neh­mer noch vom Ar­beit­ge­ber be­herrsch­ba­res Vor­komm­nis rück­wir­kend zum vollständi­gen Ver­lust des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub selbst, wie er in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­an­kert ist, führen würde.
26 Aus al­len die­sen Gründen kann Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 so­mit nicht da­hin aus­ge­legt wer­den, dass der be­sag­te An­spruch durch den Tod des Ar­beit­neh­mers un­ter­ge­hen kann.
27 Da Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 für die Eröff­nung des An­spruchs auf fi­nan­zi­el­le Vergütung außer der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne wei­te­re Vor­aus­set­zung auf­stellt, kann ei­ne sol­che Vergütung außer­dem nicht da­von abhängig ge­macht wer­den, dass im Vor­feld ein ent­spre­chen­der An­trag ge­stellt wur­de.
28 Zum ei­nen nämlich be­steht die­ser An­spruch un­mit­tel­bar kraft der Richt­li­nie 2003/88, oh­ne dass der be­tref­fen­de Ar­beit­neh­mer in­so­weit tätig wer­den müss­te, und zum an­de­ren kann die­ser An­spruch nicht von an­de­ren Vor­aus­set­zun­gen als den in der Richt­li­nie aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen abhängen, so dass der Um­stand, dass der Ar­beit­neh­mer ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung nach Art. 7 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie nicht im Vor­feld be­an­tragt hat, völlig un­er­heb­lich ist.
29 Dar­aus folgt zum ei­nen, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht da­hin aus­ge­legt wer­den kann, dass der Tod des Ar­beit­neh­mers, der das Ar­beits­verhält­nis be­en­det, den Ar­beit­ge­ber des ver­stor­be­nen Ar­beit­neh­mers der Zah­lung der fi­nan­zi­el­len Vergütung ent­hebt, die Letz­te­rem nor­ma­ler­wei­se für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu­ge­stan­den hätte, und zum an­de­ren, dass ei­ne sol­che Vergütung nicht da­von abhängig ge­macht wer­den kann, dass im Vor­feld ein ent­spre­chen­der An­trag ge­stellt wur­de.
30 Nach al­le­dem ist auf die zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­leg­ten Fra­gen zu ant­wor­ten, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, wo­nach der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub oh­ne Be­gründung ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub un­ter­geht, wenn das Ar­beits­verhält­nis durch den Tod des Ar­beit­neh­mers en­det. Ei­ne sol­che Ab­gel­tung kann nicht da­von abhängen, dass der Be­trof­fe­ne im Vor­feld ei­nen An­trag ge­stellt hat.
31 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Ers­te Kam­mer) für Recht er­kannt:
Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie den im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, wo­nach der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub oh­ne Be­gründung ei­nes Ab­gel­tungs­an­spruchs für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub un­ter­geht, wenn das Ar­beits­verhält­nis durch den Tod des Ar­beit­neh­mers en­det. Ei­ne sol­che Ab­gel­tung kann nicht da­von abhängen, dass der Be­trof­fe­ne im Vor­feld ei­nen An­trag ge­stellt hat.
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07/18 Bun­des­ar­beits­ge­richt ur­teilt zu Ver­erb­lich­keit von Ab­fin­dun­gen.
15.06.2012. Manch­mal lie­gen zwi­schen ei­ner or­dent­li­chen frist­ge­mä­ßen Kün­di­gung mit Ab­fin­dungs­an­ge­bot ge­mäß § 1a Kün­di­gungs­schutz­ge­setz (KSchG) und dem Ab­lauf der Kün­di­gungs­frist vie­le Mo­na­te. ...