Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/kindergeld-fuer-das-im-ausland-geborene-kind-331203
Timestamp: 2020-07-09 18:16:01
Document Index: 262478050

Matched Legal Cases: ['§ 62', '§ 63', '§ 63', '§ 62', '§ 32', '§ 32', '§ 8', '§ 7', '§ 8', '§ 63', '§ 62', '§ 96', '§ 118', '§ 63', '§ 62', '§ 1', '§ 1', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 63', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 63', '§ 63', '§ 63', '§ 8', '§ 1', '§ 63', '§ 63', '§ 63', '§ 8', '§ 1', '§ 8', '§ 30', '§ 63']

Kindergeld für das im Ausland geborene Kind | Rechtslupe
Kindergeld für das im Ausland geborene Kind
Kin­der­geld für das im Aus­land gebo­re­ne Kind
Wer über einen Wohn­sitz im Inland ver­fügt, hat gemäß § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG Anspruch auf Kin­der­geld für Kin­der i.S. des § 63 EStG. Nach § 63 Abs. 1 Satz 3 EStG wer­den indes Kin­der nicht berück­sich­tigt, die weder einen Wohn­sitz noch ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland, in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on oder in einem Staat haben, auf den das Abkom­men über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum Anwen­dung fin­det, und die auch nicht im Haus­halt eines Berech­tig­ten i.S. des § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a EStG leben. Das Exis­tenz­mi­ni­mum die­ser Kin­der wird nur durch die Frei­be­trä­ge nach § 32 Abs. 6 EStG von der Besteue­rung frei­ge­stellt, die kei­ne unbe­schränk­te Steu­er­pflicht des Kin­des vor­aus­set­zen (vgl. § 32 Abs. 1 und 6 EStG).
Die Fra­ge, ob eine natür­li­che Per­son im Inland einen Wohn­sitz hat, beur­teilt sich nach § 8 AO. Danach kommt es dar­auf an, ob die betref­fen­de Per­son im Inland eine Woh­nung unter Umstän­den inne­hat, die dar­auf schlie­ßen las­sen, dass sie die Woh­nung bei­be­hal­ten und benut­zen wird.
Die Begrün­dung eines Wohn­sit­zes erfolgt durch tat­säch­li­ches Han­deln [1], der blo­ße Wil­le des Steu­er­pflich­ti­gen ist dage­gen nicht ent­schei­dend [2]. Von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung ist viel­mehr die tat­säch­li­che Gestal­tung der Ver­hält­nis­se [3], d.h. der objek­ti­ve Zustand [4]. Im Gegen­satz zum bür­ger­li­chen Recht, nach dem Begrün­dung, Bei­be­hal­tung und Auf­ga­be des Wohn­sit­zes rechts­ge­schäft­li­che Wil­lens­er­klä­run­gen dar­stel­len (§§ 7, 8 BGB), genügt des­halb für den Bereich des Steu­er­rechts ein natür­li­cher Wil­le, den auch ein Geschäfts­un­fä­hi­ger haben kann; auf den Wil­len des gesetz­li­chen Ver­tre­ters kommt es nicht an [5].
Ob an einem bestimm­ten Ort ein Wohn­sitz besteht oder nicht, ist für jede Per­son –ins­be­son­de­re auch im Ver­hält­nis zwi­schen Eltern und ihren min­der­jäh­ri­gen Kin­dern– geson­dert zu prü­fen [6]. Des­halb ist auch die Fra­ge, ob ein Kind einen Wohn­sitz begrün­det –oder bei­be­hal­ten– hat, aus­schließ­lich nach den tat­säch­li­chen Gesichts­punk­ten zu beur­tei­len [7]. Auch ein Kind begrün­det des­halb erst dann einen Wohn­sitz, wenn es eine Woh­nung unter Umstän­den inne­hat, die auf das Bei­be­hal­ten und Benut­zen schlie­ßen las­sen.
Zwar tei­len min­der­jäh­ri­ge Kin­der grund­sätz­lich den Wohn­sitz ihrer Eltern, weil sie über ihre Haus­halts­zu­ge­hö­rig­keit eine abge­lei­te­te Nut­zungs­mög­lich­keit besit­zen und damit zugleich die elter­li­che Woh­nung i.S. des § 8 AO inne­ha­ben [8]. Dies ist jedoch nicht zwin­gend der Fall, son­dern hängt wie­der­um maß­geb­lich von den objek­ti­ven Umstän­den des Ein­zel­falls ab. So führt ins­be­son­de­re ein mehr­jäh­ri­ger Schul­be­such im Aus­land, für den das Kind vor Ort bei Ver­wand­ten unter­ge­bracht ist, regel­mä­ßig dazu, dass das Kind die elter­li­che Woh­nung im Inland nicht wei­ter­hin unter Umstän­den inne­hat, die dar­auf hin­wei­sen, dass die Woh­nung bei­be­hal­ten und als sol­che genutzt wer­den soll und wird [9]. Auch tei­len min­der­jäh­ri­ge Kin­der nicht stets –gleich­sam auto­ma­tisch– sämt­li­che Wohn­sit­ze ihrer Eltern, wenn die­se über meh­re­re Wohn­sit­ze ver­fü­gen [10]. Dies ergibt sich bereits aus der Unter­schei­dung im EStG zwi­schen dem Wohn­sitz des Kin­des (§ 63 Abs. 1 Satz 3 EStG) und dem des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten (§ 62 Abs. 1 EStG) als Vor­aus­set­zung für den Kin­der­geld­an­spruch, so dass der Wohn­sitz von Kind und Eltern durch­aus aus­ein­an­der­fal­len kann.
Soweit Recht­spre­chung [11] und Lite­ra­tur [12] davon aus­ge­hen, dass über das Rechts­in­sti­tut des Fami­li­en­wohn­sit­zes das "Inne­ha­ben einer Woh­nung" durch einen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­mit­telt wer­den kann, so gilt dies unein­ge­schränkt nur für das "Bei­be­hal­ten" eines bereits vor­han­de­nen Wohn­sit­zes. Dage­gen kann ein im Aus­land leben­der Ange­hö­ri­ger im Inland grund­sätz­lich kei­nen Wohn­sitz begrün­den, ohne sich hier auf­ge­hal­ten zu haben [13].
Wird ein Kind im Aus­land gebo­ren, so bil­li­gen Ver­wal­tung [14] sowie Tei­le der Lite­ra­tur [15] dem Kind aller­dings unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen aus­nahms­wei­se einen Wohn­sitz im Inland bereits ab sei­ner Geburt zu [16], sofern sich die Mut­ter nur kurz­fris­tig [17], ledig­lich vor­über­ge­hend zum Zeit­punkt der Geburt [18] bzw. ledig­lich zur Ent­bin­dung vor­über­ge­hend [19] im Aus­land auf­ge­hal­ten hat und das Kind als­bald [17] bzw. inner­halb ange­mes­se­ner Zeit [20] nach Deutsch­land gebracht wird.
Auch der Bun­des­fi­nanz­hof hält es unter sol­chen Umstän­den für mög­lich, dass ein im Aus­land gebo­re­nes Kind bereits von Geburt an den inlän­di­schen (Familien-)Wohnsitz teilt. Kann das Kind den Wohn­sitz der Eltern im Inland indes aus tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Grün­den nicht nur kurz­fris­tig nicht auf­su­chen, kann es dort (zunächst) auch kei­nen eige­nen Wohn­sitz begrün­den [21]. Ins­ge­samt muss die tat­säch­li­che Gestal­tung dafür spre­chen, dass das Kind bereits mit sei­ner Geburt im Aus­land sei­nen Wohn­sitz in der elter­li­chen Woh­nung im Inland begrün­det, weil es die­se über sei­ne Eltern inne­hat und Umstän­de vor­lie­gen, die auf eine Nut­zung der Woh­nung auch durch das Kind schlie­ßen las­sen. Dies ist letzt­lich eine Fra­ge der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de des Ein­zel­fal­les (§ 96 Abs. 1 FGO), die einer revi­si­ons­recht­li­chen Prü­fung im Hin­blick auf § 118 Abs. 2 FGO regel­mä­ßig ent­zo­gen ist [22].
Die Anknüp­fung an den Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt des Kin­des als Aus­prä­gung des Ter­ri­to­ria­li­täts­prin­zips ist sach­ge­recht und ver­fas­sungs­ge­mäß [23]. Auch die Dif­fe­ren­zie­rung in § 63 Abs. 1 Satz 3 EStG ist nicht zu bean­stan­den. Sie unter­schei­det in ver­fas­sungs­recht­lich ver­tret­ba­rer Wei­se danach, ob ein Kind, das weder einen Wohn­sitz noch sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land oder in einem EU/E­WR-Staat hat, zum Haus­halt eines erwei­tert unbe­schränkt Steu­er­pflich­ti­gen (§ 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. a i.V.m. § 1 Abs. 2 EStG) gehört [24].
Ein gewöhn­li­cher Auf­ent­halt im Inland kann eben­falls nicht bereits ab Geburt ange­nom­men wer­den, wenn das Kind sich nicht in Deutsch­land auf­hält. "Auf­hal­ten" erfor­dert bereits nach dem Wort­laut die kör­per­li­che Anwe­sen­heit an einem bestimm­ten Ort. Dar­aus folgt, dass die erst­ma­li­ge Begrün­dung eines gewöhn­li­chen Auf­ent­halts an einem bestimm­ten Ort stets die dor­ti­ge kör­per­li­che Anwe­sen­heit der natür­li­chen Per­son vor­aus­setzt [25].
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 7. April 2011 – III R 77/​09
Michel in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 1 Rz 79[↩]
Kru­se in Tipke/​Kru­se, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 8 AO Rz 12[↩]
Klein/​Gersch, AO, 10. Aufl., § 8 Rz 5, m.w.N.[↩]
Musil in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler –HHSp – , § 8 AO Rz 11[↩]
BFH, Urteil vom 22.04.1994 III R 22/​92, BFHE 174, 523, BStBl II 1994, 887[↩]
Buciek in Beermann/​Gosch, AO § 8 Rz 9[↩]
Grei­te in Korn, § 63 EStG Rz 15[↩]
BFH, Beschluss vom 20.12.2001 – VI B 123/​00; Buciek, a.a.O., AO § 8 Rz 21[↩]
hier­zu z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 174, 523, BStBl II 1994, 887; vom 27.04.1995 – III R 57/​93, BFH/​NV 1995, 967; vom 23.11.2000 – VI R 165/​99, BFHE 193, 569, BStBl II 2001, 279; und VI R 107/​99, BFHE 193, 558, BStBl II 2001, 294[↩]
BFH, Beschlüs­se vom 15.05.2009 – III B 209/​08, BFH/​NV 2009, 1630; und vom 27.08.2010 – III B 30/​09, BFH/​NV 2010, 2272; a.A. FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 18.11.2008 – 8 K 37/​07, EFG 2009, 420[↩]
z.B. BFH, Urteil vom 11.04.1984 I R 230/​80, m.w.N.[↩]
z.B. Buciek, a.a.O., AO § 8 Rz 22 und 30[↩]
BFH, Urteil vom 03.03.1978 – VI R 195/​75, BFHE 124, 530, BStBl II 1978, 372; FG Ham­burg, Urteil vom 15.04.1994 – V 61/​92, EFG 1994, 730; Buciek, a.a.O., AO § 8 Rz 31, jeweils für Ehe­gat­ten[↩]
Dienst­an­wei­sung zur Durch­füh­rung des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs –DA-FamEStG– 63.06.1 Abs. 3 Satz 1, BStBl I 2009, 1033[↩]
Felix, in: Kirchhof/​Söhn/​Mel­ling­hoff, EStG, § 63 Rz G 6; dies. in Kirch­hof, EStG, 10. Aufl., § 63 Rz 4; Blümich/​Trei­ber, § 63 EStG Rz 38; Buciek, a.a.O., AO § 8 Rz 33 Fn 10[↩]
zwei­felnd Schmidt/​Heinicke, EStG, 30. Aufl., § 1 Rz 24[↩]
Buciek, a.a.O.[↩][↩]
Felix, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, a.a.O., § 63 Rz G 6; Trei­ber, a.a.O., § 63 EStG Rz 38[↩]
DA-FamEStG, a.a.O.; Felix in Kirch­hof, a.a.O., § 63 Rz 4[↩]
DA-FamEStG, Felix und Trei­ber, jeweils a.a.O.[↩]
eben­so Buciek, a.a.O., AO § 8 Rz 49, "Kin­der"; s. auch Lehner/​Waldhoff, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, a.a.O., § 1 Rz B 130; Musil in HHSp, § 8 AO Rz 39; BSG, Urteil vom 14.04.1983 – 10 RKg 15/​82, zum wort­glei­chen § 30 Abs. 3 SGB I; a.A. FG Baden-Würt­tem­berg in EFG 2009, 420[↩]
z.B. BFH, Urtei­le vom 30.08.1989 – I R 215/​85, BFHE 158, 118, BStBl II 1989, 956; vom 09.05.2000 – VIII R 77/​97, BFHE 192, 445, BStBl II 2000, 660; und vom 20.11.2008 – III R 53/​05, BFH/​NV 2009, 564[↩]
z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 193, 569, BStBl II 2001, 279; und vom 26.02.2002 – VIII R 85/​98, BFH/​NV 2002, 912[↩]
BFH, Beschluss in BFH/​NV 2009, 1630; Pust in Littmann/​Bitz/​Pust, a.a.O., § 63 Rz 72[↩]
BFH, Urteil vom 18.07.1990 – I R 109/​88, BFHE 161, 482[↩]
gewöhnlicher AufenthaltKindergeldWohnsitz