Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F01-06-2006-I_470-2005
Timestamp: 2016-10-28 04:50:56
Document Index: 82867709

Matched Legal Cases: ['Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 4', 'Art. 28', 'Art. 28', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

I 470/05 (01.06.2006)
I 470/05
K.________, 1956, Beschwerdef�hrerin, vertreten durch Rechtsanwalt Marco Untern�hrer, Sempacherstrasse 6 (Schillerhof), 6003 Luzern,
K.________, geboren 1956, allein erziehende Mutter von zwei Kindern, meldete sich am 10. September 2003 unter Hinweis auf psychische Beschwerden (Depressionen, �berlastung) bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle Nidwalden holte Berichte des Hausarztes Dr. med. G.________, Innere Medizin FMH, vom 19. Oktober 2003 sowie des behandelnden Psychiaters Dr. med. W.________, Psychiatrie-Team, vom 4. November 2003 ein und kl�rte die Einschr�nkungen im Haushalt ab (Bericht vom 8. Januar 2004). Mit Verf�gung vom 25. M�rz 2004 und Einspracheentscheid vom 27. Juli 2004 lehnte sie den Anspruch auf eine Invalidenrente mangels rentenbegr�ndender Invalidit�t ab (Gesamtinvalidit�tsgrad 3 %).
Die dagegen erhobene Beschwerde wies das Versicherungsgericht des Kantons Nidwalden mit Entscheid vom 14. April 2005 ab.
K.________ l�sst Verwaltungsgerichtsbeschwerde f�hren mit dem Antrag, unter Aufhebung des angefochtenen Entscheides seien ihr r�ckwirkend die gesetzlichen Leistungen zuzusprechen. Des Weiteren ersucht sie um unentgeltliche Verbeist�ndung.
Nachdem die Beschwerdef�hrerin einen in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde in Aussicht gestellten neuen psychiatrischen Bericht des Dr. med. A.________ sowie ein neues �rztliches Zeugnis des Dr. med. S.________ ins Recht gelegt hatte, er�ffnete das Eidgen�ssische Versicherungsgericht einen zweiten Schriftenwechsel. Die Parteien halten an ihrem Standpunkt fest; die IV-Stelle macht insbesondere geltend, dass die nachgereichten �rztlichen Stellungnahmen nicht zu ber�cksichtigen seien.
Das kantonale Gericht hat die gesetzlichen Bestimmungen und Grunds�tze zu den Begriffen der Erwerbsunf�higkeit (Art. 7 ATSG) und der Invalidit�t (Art. 8 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG), zum Anspruch auf eine Invalidenrente (Art. 28 Abs. 1 IVG), zur Invalidit�tsbemessung bei Teilerwerbst�tigen nach der gemischten Methode (Art. 28 Abs. 2ter IVG), zur Aufgabe des Arztes im Rahmen der Invalidit�tsbemessung (BGE 125 V 261 Erw. 4 mit Hinweisen; vgl. auch AHI 2002 S. 70 Erw. 4b/cc) sowie zum Beweiswert von medizinischen Berichten (BGE 125 V 352 Erw. 3, 122 V 160 Erw. 1c mit Hinweisen) zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.
Verwaltung und Vorinstanz haben sich bez�glich der Arbeitsf�higkeit der Beschwerdef�hrerin auf den Bericht des Dr. med. W.________ vom 4. November 2003 gest�tzt. Der Psychiater stellte die Diagnose einer �ngstlichen (vermeidenden) Pers�nlichkeitsst�rung mit Beeintr�chtigungsgef�hlen und schleichender depressiver Entwicklung (ICD F 60.6). Nach seiner Einsch�tzung - die ihm nach eigenen Angaben nicht leicht gefallen war - bestand seit zwei Jahren eine Arbeitsunf�higkeit von 30 %. In �bereinstimmung mit der Versicherten gehe er davon aus, dass sie mit ihren zwei Kindern mit durchschnittlichem Erziehungsaufwand und ohne weiteren Pflichten mit einem Pensum von 70 % erwerbst�tig sein k�nnte. Die Beschwerdef�hrerin arbeitete damals zu 50 % als Sekret�rin. Sie klagte �ber rasche Erm�dung, Gef�hle der �berforderung und Beeintr�chtigung, fehlende M�glichkeiten einer aktiven Freizeitgestaltung, fehlende Kontaktm�glichkeiten, Ein- und Durchschlafst�rungen und damit ein Erholungsdefizit. Trotz Trennung und Scheidung vor �ber zehn Jahren stand sie noch immer in Konflikt mit ihrem fr�heren Ehemann, unter anderem aus finanziellen Gr�nden, die in der Folge auch zu Problemen mit dem Sozialamt f�hrten. Ihre j�ngere, 1989 geborene Tochter litt an einer Entwicklungsst�rung, die eine psychiatrische Abkl�rung erforderlich machte. Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass Dr. med. W.________ in einem fr�heren Bericht vom 17. Juni 2003 davon ausgegangen war, die Versicherte sei in einer ausserh�uslichen T�tigkeit zu nicht mehr als 50 % arbeitsf�hig, welche Einsch�tzung auch der Hausarzt Dr. med. G.________ in seinem Bericht vom 19. Oktober 2003 �bernommen hatte.
In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird vorgebracht, dass Dr. med. W.________ eine falsche Diagnose gestellt und die Versicherte falsch behandelt habe. Tats�chlich leide sie an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivit�ts-St�rung (ADHS), wie der nunmehr behandelnde Psychiater festgestellt habe. Die Beschwerdef�hrerin beruft sich dabei zun�chst auf ein �rztliches Zeugnis ihres neuen Hausarztes Dr. med. S.________, Allgemeine Medizin FMH, vom 20. Juni 2005. Daraus geht hervor, dass sie sich erstmals am 10. Dezember 2004 wegen Ellbogen- und Schulterbeschwerden in seine Behandlung begeben hat. Dr. med. S.________ f�hrt aus, er habe die bisherigen Einsch�tzungen und psychiatrischen Therapien als nicht ad�quat erachtet und die Versicherte deshalb an Dr. med. A.________, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie FMH, �berwiesen. Dieser stellte, wie nun auch seinem nachgereichten, undatierten Bericht zu entnehmen ist, die Diagnose einer "einfachen Aufmerksamkeits- und Aktivit�tsst�rung (F 90.0) mit besonderer Betroffenheit in der Konzentrationsf�higkeit und der Desorganisation". Die St�rung bestehe seit der Kindheit und habe eine Dauerkrise ausgel�st, insbesondere im sozialen Bereich. Die Versicherte leide zudem unter einer leichten depressiven Episode (F 32.0), welche als Komplikation zu werten sei, sowie an Insomnie, was h�ufig als physiologische Besonderheit bei ADHS-Betroffenen festzustellen sei. Nach Ansicht des Dr. med. S.________ war die Beschwerdef�hrerin zu 100 % arbeitsunf�hig (Bericht vom 20. Juni 2005); er ging jedoch in seiner Stellungnahme vom 12. September 2005 davon aus, dass die Versicherte die Erwerbst�tigkeit zu einem sp�teren Zeitpunkt wieder aufnehmen k�nne, wobei dieser sich heute ebenso wenig festlegen lasse wie der Grad der "Erwerbsf�higkeit".
Nach der medizinischen Aktenlage besteht kein Zweifel daran, dass die Beschwerdef�hrerin durch die nunmehr diagnostizierte Aufmerksamkeits- und Aktivit�tsst�rung beziehungsweise die leichte depressive Episode beeintr�chtigt ist. Dass jedoch eine Invalidisierung vorliegt, die �ber das vom vormaligen Psychiater Dr. med. W.________ �berzeugend gesch�tzte und auch von Verwaltung und Vorinstanz als massgeblich erachtete Ausmass von 30 % hinausgeht (oben Erw�gung 2), kann nicht angenommen werden. Zun�chst ist festzuhalten, dass die beiden Fach�rzte zwar unterschiedliche Diagnosen stellen, in den Befunden jedoch weitgehend �bereinstimmen. Des Weiteren hat der aktuell behandelnde Psychiater Dr. med. A.________ keine Arbeitsunf�higkeit attestiert. Vielmehr erw�hnt er ausdr�cklich, das Defizit wirke sich insbesondere im sozialen Bereich aus. Damit kann aus seinem Bericht nicht abgeleitet werden, dass die Beschwerdef�hrerin keinerlei Erwerbst�tigkeit mehr zu verrichten verm�chte, wie sie geltend macht. Der Hausarzt Dr. med. S.________ geht zwar von einer 100 %igen Arbeitsunf�higkeit allein wegen des ADHS aus (Bericht vom 20. Juni 2005). Er erl�utert jedoch nicht, inwiefern die Beschwerdef�hrerin durch die gesundheitliche St�rung konkret und weshalb in diesem Ausmass beeintr�chtigt ist, und seine Einsch�tzung ist auch anhand der fach�rztlichen Stellungnahme des Dr. med. A.________ nicht nachvollziehbar, sodass darauf nicht abgestellt werden kann (BGE 125 V 352 Erw. 3a). Zu erg�nzen ist in diesem Zusammenhang, dass die Beschwerdef�hrerin Dr. med. S.________ wegen Ellbogen- und Schulterbeschwerden erstmals am 10. Dezember 2004, also fast ein halbes Jahr nach Erlass des Einspracheentscheides vom 27. Juli 2004, aufgesucht hat, weshalb diese gesundheitlichen Probleme hier nicht zu ber�cksichtigen sind (BGE 129 V 4 Erw. 1.2 mit Hinweis). Damit ist eine leidensbedingte Arbeitsunf�higkeit, die �ber das von Verwaltung und Vorinstanz angenommene Mass hinausgeht, nicht ausgewiesen, wobei sich weitere Abkl�rungen er�brigen.
Zufolge Gew�hrung der unentgeltlichen Verbeist�ndung wird Rechtsanwalt Marco Untern�hrer f�r das Verfahren vor dem Eidgen�ssischen Versicherungsgericht aus der Gerichtskasse eine Parteientsch�digung von Fr. 2'500.- (einschliesslich Mehrwertsteuer) ausgerichtet.
Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Nidwalden, Abteilung Versicherungsgericht, der Ausgleichskasse des Kantons Nidwalden und dem Bundesamt f�r Sozialversicherung zugestellt.