Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/verfassungswidrige-verwaltungspraxis-bverfg-3121423
Timestamp: 2020-08-14 20:54:44
Document Index: 71262219

Matched Legal Cases: ['§ 75', 'Art. 1', 'Art.20', '§ 75', '§ 75', '§ 75', '§ 75', 'Art. 3']

Verfassungswidrige Verwaltungspraxis → BVerfG → Antragsflut → überlange Verfahrensdauer → egal. | Rechtslupe
Verfassungswidrige Verwaltungspraxis → BVerfG → Antragsflut → überlange Verfahrensdauer → egal.
Ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ver­wal­tungs­pra­xis → BVerfG → Antrags­flut → über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er → egal.
Ein Grund kann nur dann zurei­chend im Sin­ne des § 75 Satz 3 VwGO sein, wenn er mit der Rechts­ord­nung im Ein­klang steht [1] und im Licht der Wert­ent­schei­dun­gen des Grund­ge­set­zes, vor allem der Grund­rech­te, als zurei­chend ange­se­hen wer­den kann [2].
Die Über­las­tung der Behör­de durch eine „vor­über­ge­hen­de Antrags­flut“, bei­spiels­wei­se infol­ge einer Geset­zes­än­de­rung [3], wird als zurei­chen­der Grund aner­kannt, solan­ge die Über­las­tung nicht von län­ge­rer Dau­er ist und somit ein struk­tu­rel­les Orga­ni­sa­ti­ons­de­fi­zit vor­liegt [4].
Aller­dings kann hier nicht ohne Wei­te­res dar­auf abge­stellt wer­den, die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der jah­re­lang geüb­ten Ver­wal­tungs­pra­xis sei ange­sichts der frü­he­ren gefes­tig­ten fach­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung für die Behör­de nicht erkenn­bar und der Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, der die anschlie­ßen­de Antrags­flut betrof­fe­ner Bür­ger aus­lös­te, daher über­ra­schend gewe­sen. Da selbst für den Bür­ger eine stän­di­ge Recht­spre­chung nur bei Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Umstän­de einen Ver­trau­ens­tat­be­stand begrün­den kann [5], muss dies erst recht für eine Behör­de gel­ten, die gemäß Art. 1 Abs. 3 und Art.20 Abs. 3 GG ver­pflich­tet ist, das eige­ne Han­deln auf sei­ne Grund­rechts­kon­for­mi­tät hin zu jeder Zeit kri­tisch zu prü­fen und auch ver­meint­lich siche­re Über­zeu­gun­gen zur Dis­po­si­ti­on zu stel­len [6].
Gleich­wohl ist es in der­ar­ti­gen Fäl­len ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, wenn das Ver­wal­tungs­ge­richt der Behör­de zur Besei­ti­gung der grund­rechts­wid­ri­gen Zustän­de einen über die drei­mo­na­ti­ge Frist des § 75 Satz 3 VwGO hin­aus­ge­hen­den Über­gangs­zeit­raum zuge­steht und das Inter­es­se der Beschwer­de­füh­rer an einer zeit­na­hen Beschei­dung zurück­stellt.
Die hier aus dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts resul­tie­ren­den „orga­ni­sier­ten Mas­sen­an­trä­ge“ [7] stel­len ein sin­gu­lä­res Ereig­nis dar, das zu einer nur vor­über­ge­hen­den Über­las­tung des Zweck­ver­ban­des führ­te. Für ein struk­tu­rel­les Orga­ni­sa­ti­ons­de­fi­zit ist nichts erkenn­bar oder vor­ge­tra­gen. Unter die­sen Umstän­den kann der Ein­zel­ne mit Blick auf sei­ne Gemein­schafts­be­zo­gen­heit und Gemein­schafts­ge­bun­den­heit [8] nicht erwar­ten, dass zur Besei­ti­gung von Grund­rechts­ver­stö­ßen die nur begrenzt ver­füg­ba­ren öffent­li­chen Mit­tel über das ver­nünf­ti­ger­wei­se von der Gesell­schaft erwart­ba­re Maß hin­aus zum Aus­bau der für die Besei­ti­gung die­ses Ver­sto­ßes zustän­di­gen Behör­de ver­wen­det wer­den [9].
Das Gericht durf­te daher davon aus­ge­hen, dass der Zweck­ver­band die anhän­gi­gen Ver­fah­ren im nor­ma­len Geschäfts­be­trieb in zumut­ba­rer Zeit abschlie­ßen wer­de.
Hin­zu kommt, dass der Zweck­ver­band den Beschwer­de­füh­rern die Auf­he­bung der Beschei­de ange­kün­digt und sie damit nicht einem Zustand der Unge­wiss­heit aus­ge­setzt hat­te. Eine beson­de­re Dring­lich­keit oder unzu­mut­ba­re Här­te hat­ten die Beschwer­de­füh­rer nicht gel­tend gemacht. Hier­für ist jeden­falls in den Fäl­len, in denen der Zweck­ver­band die Voll­zie­hung der ange­foch­te­nen Beschei­de aus­ge­setzt hat­te, auch sonst nichts ersicht­lich.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 16. Janu­ar 2017 – 1 BvR 2406/​16
vgl. BVerwG, Beschluss vom 23.07.1991 – 3 C 56/​90, NVwZ 1991, S. 1180, 1181[↩]
vgl. Schen­ke, in: Kopp/​Schenke, VwGO, 22. Aufl.2016, § 75 Rn. 13[↩]
vgl. OVG Lüne­burg, Beschluss vom 30.01.1964 – V OVG B 28/​63, NJW 1964, S. 1637, 1638[↩]
vgl. OVG Ham­burg, Beschluss vom 01.09.1989 – Bs I 44/​89, NJW 1990, S. 1379, 1380; Thür­VerfGH, Beschluss vom 15.03.2001 – VerfGH 1/​00, LKV 2001, S. 462, 464; Ren­nert, in: Eyer­mann, VwGO, 14. Aufl.2014, § 75 Rn. 9; Dolde/​Porsch, in: Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, § 75 Rn. 8 [Juni 2016][↩]
vgl. BVerfGE 72, 302, 326; 122, 248, 277 f.; 131, 20, 42[↩]
vgl. auch BVerw­GE 126, 7, 12 Rn. 24[↩]
vgl. BVerfGE 87, 153, 180[↩]
vgl. BVerfGE 65, 1, 44 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 77, 84, 110 f.[↩]
Rück­bau­ver­fü­gung – aber die Nach­barn mach­ten es doch auch… Art. 3 Abs. 1 GG ver­pflich­tet die Bau­be­hör­de nicht, vor dem Erlass einer Rück­bau­ver­fü­gung gegen einen Grund­stücks­ei­gen­tü­mer alle Grund­stü­cke, auf denen Ver­stö­ße gegen die Fest­set­zun­gen…