Source: http://ivtf.de/home/wichtige-medizinische-grundlagen/behandlungsgrundlagen/
Timestamp: 2019-01-21 19:03:52
Document Index: 75055344

Matched Legal Cases: ['§ 27', '§116', '§ 5', '§ 10', '§ 1', '§ 8', '§ 9', '§1', 'Art 1', '§ 44', '§116']

Behandlungsgrundlagen - SHG Transidentität
Achtung von medizinischen Grundlagen bei der Behandlung von Transidentität
bei der Behandlung von Patienten entsprechend dem Krankheitsbild F64.0 werden oft unter Hinweis auf eine bestehende Mitwirkungspflicht Voraussetzungen von Patienten verlangt bzw. empfohlen, die weder medizinisch noch rechtlich abgesichert sind.
Deswegen erachtet es die Selbsthilfegruppe (SHG) als dringend notwendig, hier nicht nur Behandler und Entscheidungsträger zu sensibilisieren, sondern die Einhaltung schulmedizinischer Grundlagen der Humanmedizin einzufordern. Hiermit sollen Grundlagen in Erinnerung gerufen werden, die häufig aus verschiedenen Gründen nicht beachtet werden. Teilweise sind leider auch Willkür, Verweigerung und Inkompetenz erkennbar, wie unsere Akten belegen.
Entsprechend der Rechtsgrundlage des § 27 SGB V muss eine Notwendigkeit gegeben sein, um Krankheitsbeschwerden zu lindern. Grundanliegen der modernen Humanmedizin ist es, das bestehende Leid der Patienten durch eine Behandlung, Verzögerung oder gar Verweigerung, nicht zu verschlimmern bzw. dem Patienten kein neues Leid zuzufügen. Als Grundlage für jede Behandlung ist immer noch eine DIAGNOSE erforderlich, jedoch nicht, wie leider viel zu oft angewandt, die teilweise antiquierten Vorstellungen und Meinungen von Sachbearbeitern bei Krankenkassen, von Medizinern, Psychologen, „Experten„ des MDK oder von Richtern.
Aufgabe eines MDK ist es, als Fachaufsicht aus Gründen der Qualitätssicherung für die Krankenkassen zu prüfen, ob mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten zum Wohle des Patienten effizient umgegangen wird. Der MDK darf Empfehlungen geben!
Die Grundlage dieser Empfehlungen, die Standards of Care, basieren auf längst überholten Vorstellungen von „vermeintlichen Experten„. Es gibt inzwischen fünf verschiedene Standards auf dem deutschen Markt. Diese haben keinerlei bindenden, offiziellen oder gar gesetzlichen Charakter. Warum richten sich der MDK nicht nach Standards, die nicht derart realitätsfern sind? Wenn von den Krankenkassen diese „Empfehlungen„ an den Patienten weitergegeben werden, wird der Patient im Rahmen seiner Mitwirkungspflicht oft zu Dingen genötigt, die weder für eine Behandlung noch für eine Weiterbehandlung sozial-medizinisch oder rechtlich zulässig sind.
Mit welchem Recht wird uns unsere Selbstwahrnehmung in Abrede gestellt? Wir sind weder psychisch krank noch entmündigt. Wir sind in der Lage, über uns selbst zu bestimmen.
Hier möchte ich daran erinnern, dass nicht jeder Mensch, der sich krank fühlt, auch krank ist. Nicht jeder Mensch der sich gesund fühlt, ist gesund. Da es derzeit kein einziges schulmedizinisches Kriterium gibt, an dem sich Transidentität diagnostizieren lässt, ist somit die Selbstdiagnose des Patienten von tragender Bedeutung.
Es gibt zwar die Möglichkeit der Ausschlussdiagnostik, wie sie von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) gefordert wird. Diese ist aber wiederum durch oftmals überflüssige Begutachtungen und Therapien problembehaftet. Bei jeder Erkrankung ist ja bekannter Weise die Selbstdiagnose der Grund, einen Arzt aufzusuchen, die eigene Wahrnehmung darzulegen und, wenn der Mediziner es für erforderlich hält, eine Behandlung zu erhalten.
Bei Menschen mit pränataler (vorgeburtlicher) Transidentität wird aber oft diese Selbstwahrnehmung in Abrede gestellt oder der Mensch als psychisch krank deklariert. Wir können im beruflichen oder gesellschaftlichen Leben hohe Verantwortung für viele tausend Menschen und viele Millionen € an Technik tragen, z.B. bei der Polizei, als Zugführer von U- und S-Bahn, ICE- oder Busfahrer, als Krankenschwester auf Frühchen- oder Kinderstationen, als Kran-, LKW- oder Schiffsführer! Wenn wir aber für uns selbst Verantwortung übernehmen wollen, wird uns dieses Recht abgesprochen und andere maßen sich an, über uns zu entscheiden.
Symptome, die hirnorganisch manifestiert sind, können Außenstehende nur schwer erfassen. Chronische Schmerzpatienten haben oft dasselbe Problem, dennoch wird ihr Schmerz nicht in Frage gestellt und bestmöglich behandelt.
Patienten mit HIV oder Krebs, einer Amputation, Querschnittslähmung, einem künstlichen Darmausgang, Erblindung oder künstlichem Hüft- oder Kniegelenk bekommen langwierige kostenintensive Behandlungen, auch wenn für Außenstehende die Erkrankung nicht sichtbar ist. An dieser Stelle möchte ich drei Leitsätze der modernen Schulmedizin in Erinnerung rufen:
Mit der Anerkennung als Krankheit durch die Ergänzung des §116b Abs.3 SGB V vom 16.03.2004 unter
haben für die Behandlung entsprechend dem Krankheitsbild F64.0 dieselben Grundlagen zu gelten, wie für jede andere behandlungsbedürftige Erkrankung auch.
Eine gesellschaftliche und rechtliche Integration ist darüber hinaus ohne medizinische Behandlung nur eingeschränkt möglich. Patienten, die aus verschiedensten Gründen eine hormonelle Behandlung nicht wünschen, werden oft als Fetischtranssexuelle oder Transvestiten diskriminiert. Selbiges geschieht, wenn weiterführende geschlechtsangleichende Maßnahmen (nicht nur die genitale geschlechtsangleichende OP) erst Jahre später erfolgen sollen. Operative Weiterbehandlungen zur Umsetzung körperangleichender Maßnahmen, die zeitverzögert von Patienten oft erst nach Jahren gewünscht werden, resultieren aus dem Umstand der Rücksichtnahme auf das familiäre, soziale oder berufliche Umfeld, bzw. aus der Kenntnis über den Stand der medizinischen Möglichkeiten und Risiken. Dennoch entspricht auch dies dem Krankheitsbild F64.0, in dem es heißt:
Es besteht der Wunsch, als Angehöriger des anderen anatomischen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden. …Es besteht der Wunsch nach hormoneller und chirurgischer Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht anzugleichen.
Auch bei anderen Erkrankungen hat der Patient den Wunsch nach Behandlung, anderenfalls würde er wohl keinen Arzt aufsuchen. Das anatomisch andere Geschlecht ist nicht unser bevorzugtes Geschlecht, sondern es entspricht unserem biologischen Geschlecht, das sich aus der Diskrepanz zwischen eigenem Körper und gesellschaftlichen wie kulturellen Normen definiert und somit zum Krankheitsbild manifestiert.
Da die moderne Humanmedizin meistens Symptome behandelt und selten Ursachen, ist eine kompetente Behandlung auf der Basis des biologischen Geschlechtes eines Menschen schwierig. Hier sollte sich jeder doch einmal die Fragen stellen: warum bin ich Mann oder Frau? Was bedeutet es für mich, Mann oder Frau zu sein? Was macht Mann- oder Frau-Sein aus?
Viele werden das nicht beantworten können oder meinen, dass der Genitalbereich (Fortpflanzungsorgan) das sogenannte Geschlecht eines Menschen widerspiegelt. Das Kerngeschlecht ist wesentlich komplizierter und unterliegt medizinischem wie wissenschaftlichem Wissen.
Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, was Geschlecht eigentlich ist. In der wissenschaftlichen Fachliteratur steht „Ein Mann ist ein Mann, weil ein Mann ein Mann ist. Eine Frau ist eine Frau weil eine Frau eine Frau ist.„ Um dies zu komplettieren möchte ich die Frage stellen, welches Geschlecht ist denn ausschlaggebend für einen Menschen – das psychische, das hormonelle, das chromosomale, das körperliche, das sozialisierte, das rechtlich dokumentierte oder das genitale Geschlecht?
Die Psyche macht aus einem Menschen das, was er ist. Da die Psyche von Außenstehenden nicht zu erkennen ist, können diese auch nicht bewerten, ob ein Mensch mit seiner rechtlichen Dokumentation und mit seinem genitalen Geschlecht identisch ist. Daraus resultiert oftmals die Arroganz von Medizinern und Psychologen, sich für Experten zu halten. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass weder Jahrzehnte Berufserfahrung noch fachpsychiatrische Ausbildung oder eine Professur ein Garant für Kompetenz sind. Auch ein Patient ist aufgrund der Erfahrungen mit seiner Erkrankung irgendwann ein Experte. Leider erkennen viele Patienten erst spät, dass bei diesem Krankheitsbild Behandlungen empfohlen oder sogar gefordert werden, die nur unnötig die Solidargemeinschaft belasten. Wer psychotherapeutische Hilfe benötigt, muss natürlich auch die Möglichkeit dazu haben. Menschen mit Transidentität sind aber nicht psychotherapiebedürftiger als die „Normalbevölkerung„.
Hier eine generelle begleitende oder tiefenpsychologische Behandlung unter dem Deckmantel der Mitwirkungspflicht zu verlangen, obwohl der Patient dies für sich nicht für notwendig erachtet, widerspricht nicht nur wissenschaftlichen Erhebungen, sondern verstößt ganz klar gegen die Charta von Nürnberg, in der es heißt:
Transidentität ist derzeit durch kein einziges Kriterium der modernen Schulmedizin zu diagnostizieren. Wenn nach Ausschlussdiagnostik psychische Erkrankungen (z.B. Schizophrenie) und chromosomale Anomalien (Intersexualität) nicht vorliegen, bleibt als Grundlage der Diagnose das sichere Gefühl des Patienten. Dies hat nichts mit Auslotung konservativer Lösungsversuche zu tun, sondern entspricht der Selbstwahrnehmung des Patienten und der Therapieresistenz einer vorgeburtlichen Prägung, die bei vielen Experten als ursächlich gilt. In neueren Erhebungen der Sexualforschung wird hier von einer hirnorganischen Basis gesprochen, die als eine Sonderform der Intersexualität (Q99.1) gesehen werden kann.
Die Annahme der Schulmedizin, dass hier eine „Geschlechtsidentitätsstörung„ vorliegt oder wie der Leiter des Instituts für Sexualmedizin an der Charité Berlin, Prof. Beier, oft meint „Fetischtranssexualismus„ feststellen zu können, entspricht wohl mehr persönlichen Sichtweisen als fachlich fundierten Grundlagen. Auch die Darlegung, dass ein an sich gesunder Körper durch operative Behandlung zur Geschlechtsangleichung verstümmelt wird, spiegelt die fehlende fachliche Kompetenz zu diesem Krankheitsbild wider. Sicher sind gesellschaftliche und kulturelle Normen dafür mit verantwortlich.
Da sich aber dieses Empfinden niemand ausgesucht hat und auch keine Fehlentwicklung im Elternhaus oder Kleinkindalter hierfür verantwortlich ist, sollten Behandler und Entscheidungsträger begreifen, dass nicht der Mensch, der zu seinem biologischen Geschlecht steht und entsprechend leben möchte, die meisten Kosten verursacht, sondern die vielen tausend Menschen, die aus vielfältigsten Gründen nicht in der Lage sind, zu ihren eigenen Empfindungen mit allen Konsequenzen zu stehen.
Die Verordnung von Medikamenten und damit die Behandlung von Patienten obliegt der Therapiehoheit des behandelnden Arztes. Wenn dieser ein Attest oder Gutachten möchte, um sich für seine Behandlung abzusichern, hat er dazu das Recht (Diagnose). Wir haben aber auch das Recht, den Arzt zu wechseln, wenn uns die vom Arzt auferlegten Anforderungen für eine Behandlung widerstreben (Recht auf freie Arztwahl).
Leider werden oft von unwissenden Psychologen, Ärzten und Sexualmedizinern für diese Behandlung Meinungen vermittelt, die medizinisch nicht belegt oder bewiesen sind.
So meinte bei einer Expertenrunde Herr C. Ahlers, Dipl.-Psych., Wissenschaftler und klinischer Mitarbeiter am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité, dass für eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung wenigstens 6 Monate Psychotherapie vorangestellt werden sollten und körperverändernde Maßnahmen vor Erreichen der Volljährigkeit nicht angezeigt seien. Wer also unter 18 Jahre alt ist, kann somit nicht an Transidentität leiden?! Damit wird den Mediziner-Kollegen jegliche Fachkompetenz abgesprochen. Nur gut, dass die Berufsgruppe der Endokrinologen, Gynäkologen oder Urologen nicht anwesend waren.
Die derzeit von Fachmedizinern verordneten Medikationen gehen doch sehr weit auseinander. Bei transidentischen Frauen sind 3 – 4 mg Östrogen ausreichend, um einen Hormonspiegel im weiblichen Normalbereich 90 – 200 pg/ml zu bewirken, wobei nicht verschwiegen werden soll, dass Labore unterschiedliche Referenzwerte verwenden. Wenn notwendig oder vom Patienten gewünscht können 5 -10 mg Antiandrogene (Testosteronblocker) die Feminisierung positiv unterstützen ohne den Körper übermäßig zu belasten.
Epilation mit IPL / LASER
Gerade bei Menschen mit Mann zu Frau Transidentität, ist die Bartepilation ein schwerwiegendes Problem. Auch dies ist ein Bestandteil geschlechtsangleichender Maßnahmen, da bei einer Frau mit Bartschatten nun wirklich nicht von einer Linderung des Leidens die Rede sein kann, was sicherlich leicht nachvollziehbar ist.
Eine dauerhafte Haarentfernung mit Laser oder IPL ist keine, wie von vielen Krankenkassen irrtümlich angenommen, außervertragliche Leistung, vordergründiger kosmetischer Aspekt oder eine Maßnahme der persönlichen Lebensgestaltung (GOÄ Ziffern 2440A-441,2885A). Jedoch ist die Methode zu bewerten im Hinblick auf Effizienz, Wirtschaftlichkeit und Minimierung des Risikos von dauerhaften Folgeschäden (z. B. Vernarbungen im Gesicht) im Vergleich zu einer Nadelepilation. Da auch Behandlungsmethoden einem Fortschritt unterliegen und dieser vom Landessozialgericht Schleswig – Holstein (Az.: L 5 KR 99/04) erkannt und begründet wurde, ist das Ignorieren dieser Gegebenheiten in keiner Weise nachvollziehbar.
Da offenbar der medizinische Fortschritt bei der Behandlung von Patienten für viele Krankenkassen von untergeordneter Wichtigkeit ist und Bürokratie und überholte Ansichten das Maß aller Dinge zu sein scheinen, wird dem Grundanliegen der Schulmedizin, durch eine Behandlung das bestehende Leiden eines Patienten zu lindern, bzw. dem Patienten kein neues Leid zuzufügen, natürlich nicht Rechnung getragen werden können.
Auch die höchstrichterliche Feststellung, dass eine Behandlung selbst dann zu erbringen ist, wenn ihre Zweckmäßigkeit nicht allgemein anerkannt ist (vgl. BSG vom 22.07.1981 3 RK 50/79 = BSGE 52, 70, 74), scheint die Krankenkassen nicht zu veranlassen, menschliche Kompetenz erkennen zu lassen. An den Kosten kann es ja wohl nicht liegen, denn eine Nadelepilation ist wesentlich teurer als eine dauerhafte Haarentfernung mit Laser oder IPL.
Eine gute Fachkraft kann mit der Nadel etwa 300 – 350 Haare pro Stunde behandeln. Bei zwei Behandlungen wöchentlich, mehr ist aus Regenerationsgründen der Haut kaum realisierbar, ergibt sich bei normalem Bart eine Behandlungszeit von ca. 300 – 400 h.
Bei günstigsten Voraussetzungen sind eine Behandlungsdauer mit Nadelepilation von drei bis vier Jahren und Kosten von ca. 17.000 – 20.000 Euro zu veranschlagen. Eine Behandlung mit Laser hingegen umfasst ca. 12-20 Behandlungen die in vier- bis sechswöchigem Abstand eine Behandlungsdauer von ca. 18-30 Monaten und Kosten von maximal 4000.- Euro ergeben. Hier darf aber nicht vergessen werden, dass bei den meisten Patienten bereits nach 5-8 Behandlungen schon eine wesentliche Verbesserung zu erkennen ist, was natürlich auch zu einer Linderung des Leidens führt. Somit ergibt sich durch eine effizientere Behandlungsmethode eine geringere Belastung der Solidargemeinschaft von mindestens 80%.
Es gibt hinreichende Beispiele dafür, dass körperliche Erkrankungen auf psychische Belastungen zurückzuführen sind, auch wenn der Patient dies für sich selbst nicht als schwerwiegend einstuft. Dass dies oft anders ist, wissen wir aber erst, wenn wir dazu stehen und nach oft wenigen Wochen Hormonbehandlung sich andere Krankheitsbilder verbessern, nicht mehr behandlungsbedürftig sind oder wir einfach ausgeglichener, zugänglicher und nicht selten wieder leistungsfähiger sind. Da Transidentität therapieresistent ist, kann dieses Krankheitsbild nicht therapiert werden. Kompetente Psychologen werden dafür auch keine Zeit verschwenden. Therapeutische Hilfe sollte hingegen, wenn wir das möchten, bei psychischen Belastungen, die durch körperliche Änderungen oder gesellschaftliche Sichtweisen leider immer noch an der Tagesordnung sind, angeboten und genutzt werden. Therapien gegen unseren Willen haben keine positive Wirkung und belasten zudem die Solidargemeinschaft in nicht unerheblichem Maße unnötig.
Operative geschlechtsangleichende Maßnahmen
Wenn durch einen Facharzt eine als medizinisch indizierte Weiterbehandlung mit der Zielstellung der Geschlechtsangleichung von den Krankenkassen oder dem MDK abgelehnt wird, bedeutet dieses im Umkehrschluss, dass die bereits erfolgte Behandlung eine medizinische Fehlbehandlung war. Hier hätte der Patient Anrecht auf Schadenersatz entsprechend § 5 SGB I. Eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung ohne medizinische Indikation (Diagnose) erfüllt darüber hinaus den Straftatbestand der „schweren Körperverletzung„. Auch ein Leben in körperlicher Uneindeutigkeit, wenn der Patient dies nicht wünscht, widerspricht dem Recht auf psychische Unversehrtheit und Linderung seines Leidens.
Dieses wird allgemein als „Behinderung„ angesehen und berechtigt nicht nur zur Anerkennung als Schwerbehinderung (meistens 50%) sondern eröffnet auch Möglichkeiten entsprechend § 10 SGB I:
„Menschen, die körperlich, geistig oder seelisch behindert sind oder denen eine solche Behinderung droht, haben, unabhängig von der Ursache der Behinderung, zur Förderung ihrer Selbstbestimmung und gleichberechtigten Teilnahme ein Recht auf Hilfe, die notwendig ist, um … ihnen einen ihrer Neigungen und Fähigkeiten entsprechenden Platz im Arbeitsleben zu sichern…„
Es darf auch nicht vergessen werden, dass geschlechtsangleichende Behandlungen bei Beamten und Selbstzahlern wesentlich effizienter erfolgen (GA-Op nach 4-10 Monaten auch im Ausland) als bei gesetzlich Versicherten. Verantwortlich dafür sind Kostenträger und MDK gleichermaßen, obwohl gesetzlich versicherte Patienten nicht anders unter ihrer Realität leiden als Beamte. Demnach scheint wenig Interesse vorzuliegen, körperangleichende Behandlungen unter dem Aspekt von finanzieller und medizinischer Effizienz zu gewährleisten. Nicht Menschen, die eine Behandlung wünschen, verursachen die meisten Kosten, sondern die, die eine Krankheit ignorieren.
Stimmband- und Kehlkopf-OP, Logopädie
Auch dieser Punkt ist Bestandteil der Behandlungsgrundlage F64.0. Gerade bei transidentischen Frauen ist die Stimme oder der Kehlkopf nicht selten ein Handikap, welches nicht nur tägliche Rechtfertigungen nach sich zieht, sondern auch ganz erheblich den Leidensdruck verstärkt. Über Atemtechnik und Artikulationsübungen lässt sich einiges ändern. Es funktioniert aber meist nur mit intensivem Training.
Für die operative Seite wird zuerst ein Stimmstatus erhoben, um die Möglichkeiten darzustellen.
Stimmbandverkürzung oder Kehlkopfabhobelung sind Möglichkeiten, die gut überlegt sein wollen. Die Risiken sind nicht unerheblich und die Stimmlage lässt sich, wie bekannt, nicht mehr ändern. Es ist bestenfalls möglich, die Tiefen etwas zu „entgraten„. Hier sind die Grenzen des Machbaren aber zu messen, sodass ein Unterschied zu Vorher genau erfasst werden kann. Das Stimmvolumen erreicht aber in keinem Fall mehr die Möglichkeiten wie vor einer Stimmbandverkürzung.
Da der Busen unbestritten nicht nur für die „Männerwelt„ ein wichtiges Attribut der Weiblichkeit darstellt und die meisten Patientinnen nicht über Körbchengröße A oder B hinauskommen, wobei durch den meist größeren Brustkorb dies ohnehin als unscheinbarer wahrgenommen wird, ist auch dieses ein Bestandteil geschlechtsangleichender Maßnahmen, die ja entsprechend F64.0 das Ziel haben, dem Erscheinungsbild des anatomisch anderen Geschlechtes zu entsprechen.
Das Tragen von Silikon-Einlagen oder Push-Up-BHs ist keine wirkliche Alternative im Berufsleben, bei Freizeit oder Sport.
Auch wenn ca.80% aller Frauen mit ihrem Busen unzufrieden sind (zu groß, zu klein, zu unförmig), sollte er bei Frauen mit ursprünglich männlichem Körperbau doch eindeutig der persönlichen Wahrnehmung entsprechen, um dem Leidensdruck effizient entgegen zu wirken.
Der Unterschied zwischen Unterbrustweite und Brustumfang ist bei Körbchengröße A =12cm, bei B=15cm und bei C=18cm. Gerade die Silhouette eines weiblichen Körpers vermittelt im Alltag genau die Wahrnehmung als Frau, die eine seelische Entlastung bewirkt und für uns sehr wichtig ist.
Vornamensänderung nach § 1 TSG
Oft wird von Patienten für eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen eine Vornamensänderung auf Grundlage der Gutachten des MDK verlangt.
Die Änderung der rechtlichen Dokumentation ist die persönliche Angelegenheit jedes Menschen. Das Sozialgericht Potsdam hat eindeutig dargelegt, dass eine Vornamensänderung nicht für eine medizinische Behandlung herangezogen werden darf (Az: S 7 KR 174/03, http://www.ivtf.de, Erstinfo Seite 57). Wird ein Antrag nach § 8 TSG mit Vorentscheid nach § 9 TSG gestellt, erfolgt eine Vornamensänderung erst mit Erfüllen der Voraussetzungen für die Personenstandsänderung, ungeachtet der verfassungswidrigen Gesetzesregelungen durch den Gesetzgeber.
Seit 01. November 2007 können auch ausländische Mitbürger mit Aufenthaltsrecht in Deutschland, die im Heimatland keine Möglichkeit einer Vornamensänderung haben, den Vornamen in Deutschland nach §1 TSG ändern lassen.
Sollten dennoch Krankenkassen auf einem TSG-Verfahren bestehen, ebenso wie auf Gutachten jeglicher Art, fällt dieses unter die Mitwirkungspflicht des Patienten, so dass wir für das TSG-Verfahren und geforderte Gutachten eine Kostenübernahme beantragen können.
Eine rechtliche Grundlage für einen Alltagstest gibt es nicht. Ungeachtet dessen, ob pränatal (vorgeburtlich) männliche oder weibliche Prägung vorliegt. Ohne körperliche Angleichung an das jeweilige anatomisch andere Geschlecht würden wir gezwungen werden, uns in der Öffentlichkeit und im Berufsleben lächerlich zu machen. Ein körperlich als Frau geborener Mensch in Hemd, Hosen, mit kurzen Haaren und ungeschminkt leidet in der Öffentlichkeit weniger durch das äußere Erscheinungsbild als vielmehr unter den eigenen körperlichen Gegebenheiten.
Ein körperlich als Mann geborener Mensch in Bluse und Rock oder Kleid, setzt sich nicht nur durch sein anatomisches Erscheinungsbild der Lächerlichkeit aus. Die Erzeugung oder Verstärkung des Leidensdrucks einer Erkrankung kann einerseits eine Behandlung negativ beeinflussen und andererseits dem Recht auf Selbstbestimmung und Achtung der Menschenwürde (Art 1 u. 2 GG) nicht gerecht werden.
Wie sollte so ein „Alltagstest„ aussehen, und wie kann der Patient diesen nachweisen? Sich so zu empfinden ist das eine. Es aber auch leben zu können ist etwas ganz anderes. Auch wenn wir dieses wollen, muss es doch uns überlassen bleiben, in welcher Art und Weise und über welchen Zeitraum wir einen sozialen Wechsel vollziehen.
Viele Patienten vollziehen das für sich „von heute auf morgen„ oder dezenter in wenigen Wochen oder Monaten. Nicht selten wird der soziale Wechsel in der Öffentlichkeit erst vollzogen, wenn die Wirkung von Hormonen nicht mehr zu verbergen ist. Darüber hinaus haben wir ja oftmals über Jahrzehnte einen „Alltagstest„ hinter uns, allerdings in der dem Genitalbereich entsprechenden Zuordnung, um den Erwartungen der Familie und der Gesellschaft zu entsprechen. Dieses erzeugt bei vielen Betroffenen nicht selten seit der Kindheit Verhaltensauffälligkeiten und Leidensdruck, auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt mit Begrifflichkeiten und Krankheitsbildern wenig anfangen konnten. Äußerlichkeiten machen aus einem Menschen nicht weniger Mann oder Frau als er es von seinen Empfindungen her ist.
Körperliche Untersuchung für Gutachten
Welche Erkenntnisse sollen eigentlich die äußerliche Betrachtung und fotografische Dokumentation eines entblößten Menschen für ein Gutachten erbringen?
Eine körperliche Untersuchung, wie sie Gutachter oft verlangen, ist unzulässig, da sie die Privat- und Intimsphäre eines Menschen verletzt. Dazu ist nur der behandelnde Arzt oder ein Arzt unseres Vertrauens berechtigt. Weder der MDK, noch Gutachter für die Vornamensänderung erfüllen in der Regel diese Voraussetzungen. Auskunftsverlangen über Vorerkrankungen, die nicht unmittelbar die aktuelle Behandlung betreffen, sind ebenfalls unzulässig. Auch psychiatrische Gutachten setzen die Annahme oder die Gewissheit einer psychischen Erkrankung voraus. Sind also derartige Erkrankungen nicht aktenkundig und zeigt der Patient keine psychischen Auffälligkeiten, sind derartige Gutachten medizinisch nicht abgesichert und ethisch verwerflich.
Bei Ablehnung der Widersprüche durch die Krankenkassen ist innerhalb einer Frist von vier Wochen Klage beim Sozialgericht einzureichen. Die Begründung der Klage kann ohne Beantragung einer Fristverlängerung binnen 4 Wochen nachgereicht werden.
Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, § 44 Abs.1 SGB X zur Anwendung zu bringen (Rücknahme und Überprüfung der letzten Entscheidung).
Dies ist auch bei Aufhebung des Widerspruchsbescheides der Krankenkassen möglich und somit laufen dann wieder normale Fristen. Diese Möglichkeit besteht 1 Jahr nach der letzten Entscheidung der Krankenkassen. Auch Privatgutachten können wir einreichen. Sie müssen vom Gericht berücksichtigt werden.
Entscheidungen des BSG aus den Jahren 1987 bzw. 93 werden oft als Rechtfertigung für eine Auslotung aller konservativen Lösungsversuche von KK und MDK herangezogen. Diese Entscheidungen basierten auf der Grundlage einer „Heilbehandlung mit Krankheitswert„.
Leider rechtfertigen Sozialgerichte ihre Entscheidungen nach wie vor mit diesen überholten Feststellungen des BSG. Mit der Anerkennung als Krankheit ist die Behandlung von Patienten mit Transidentität auch durch die Gerichte neu zu bewerten.
Es war ein Versuch, Behandlungsempfehlungen zu erarbeiten. Diese wurden im wesentlichen aus den USA übernommen. Dargelegte Empfehlungen haben jedoch keinerlei bindenden, offiziellen oder gar gesetzlichen Charakter. Eine Versicherungskammer hat somit zu Recht 1999 in Bayern festgestellt, dass Standards und Studien keine rechtliche Relevanz haben und im Sinne der schulmedizinischen Grundlagen die Krankenkassen zur Kostenübernahme verurteilt. Leider sind Sozialgerichte bezüglich medizinischer Behandlungen noch genauso unwissend und oft überfordert wie vor 10 Jahren. Die SoC spiegeln selbst 1997 die zu dieser Zeit vorherrschenden Meinungen zur Transidentität wieder („… weitgehend ungeklärt …. psychosexuelle Entwicklungsstörung …„).
Seit nunmehr über 15 Jahren wird von kompetenten Ärzten und Fachleuten die hirnorganische Prägung als wahrscheinlichste Ursache angesehen, die nicht zu ändern ist, auch nicht durch eine wie auch immer geartete Therapie (Therapieresistenz). Untermauert wird diese Annahme auch dadurch, dass keine „Heilung„ im medizinischen Sinne bekannt ist.
Zusammenfassend fordern wir die Achtung von Menschenwürde und Selbstbestimmung,sowie die Umsetzung medizinischer und psychologischer Gegebenheiten zur bestmöglichen Erreichung der Angleichung an das anatomisch andere Geschlecht durch körperangleichende Maßnahmen.
Die Krankenkasse hat bereits mit der Übernahme der Kosten für die hormonelle Behandlung den Umstand der Transidentität akzeptiert. Sie kann sich somit nicht auf einen fehlenden Krankheitswert berufen. Es ist daher auch treuwidrig, einerseits die Kosten für eine lebenslange Hormontherapie zu tragen und in weiteren Einwendungen vorzubringen, bei deren Behandlung kein Krankheitswert oder Leidensdruck bestünde. Da Transidentität seit 2004 als Krankheit anerkannt ist (§116 Abs.3 SGB V), stellen Behandlungen zur Geschlechtsangleichung an das anatomisch andere Geschlecht eine notwendige Heilbehandlung dar, zu der jegliche Maßnahmen gehören, die ein Fortbestehen in der Ursprünglichen männlichen oder weiblichen Wahrnehmung verhindern. Im Weiteren ist diese Akzeptanz auch darin belegt, dass lebenslang bestehende Erkrankungen, wie Transidentität, zu Zuzahlungen von einem Prozent berechtigen.
Eine Änderung der Lebensumstände erfahren auch Patienten, die an HIV oder Krebs erkranken, eine Amputation erleiden, querschnittsgelähmt sind, einen künstlichen Darmausgang besitzen, erblinden, künstliche Hüft- oder Kniegelenke erhalten oder chronische Schmerzen haben. Patienten mit diesen Krankheiten müssen nicht unsinnige Voraussetzungen und Erfahrungen mit ihrer Erkrankung im Alltag erleben, um eine Behandlung mit der Zielstellung, ihre Leiden zu lindern, erhalten zu können.
Sachbearbeiter, Gutachter, Ärzte, Psychologen, Gerichte und Justiz sollten sich für ihre Arbeit unsere Erläuterungen verinnerlichen und stets im Bewusstsein wach halten.
Bei den Darlegungen dieses Schreibens sind wir dankenswerter Weise von anerkannten Wissenschaftlern, Medizinern, Gutachtern und Psychologen unterstützt worden:
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. habil. Kurt Seikowski, Psychologischer Psychotherapeut an der Uni Leipzig und Vorsitzender der Gesellschaft für Sexualwissenschaft e.V.
Priv.-Doz. Dr. med. Sven Diederich, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie am Endokrinologikum Berlin Friedrichstraße Ecke Jägerstraße
Dipl.-Psych. Wolfgang Baer, Konstanze Fakih, Liliane Gierth, Sieglinde Bast
Dipl.-Theologin und Heilpraktikerin Dagmar Harmsen
Mitarbeiter der SHG:
Martina Jäger, Dipl.-BetrW (FH) Regierungsinspektorin i.R.
Martina Stübner, Baufacharbeiterin, z.Z. Berufskraftfahrerin
Justine Wodtke, Systemanalytikerin, Unternehmensberaterin
Susanne Kescoecze, Dipl. Ing. (FH) Druck & Medientechnik