Source: http://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Leiharbeit_Weiterbeschaeftigung_BAG_7ABR89-08.html
Timestamp: 2020-08-09 03:27:48
Document Index: 387935158

Matched Legal Cases: ['§ 83', '§ 559', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78', '§ 78']

BAG, Beschluss vom 17.02.2010, 7 ABR 89/08 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Be­schluss vom 17.02.2010, 7 ABR 89/08
Schlagworte: Jugend- und Auszubildendenvertretung, Arbeitnehmerüberlassung, Leiharbeit
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bochum, Beschluss vom 6.07.2007, 1 BV 6/07
hat der Sieb­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Anhörung vom 17. Fe­bru­ar 2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Lin­sen­mai­er, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Kiel, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmidt so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Vor­bau und Zwis­ler für Recht er­kannt:
durch, wel­ches un­ter an­de­rem be­inhal­te­te, Aus­zu­bil­den­de der Ab­schluss­jahrgänge 2006 und 2007 nicht zu über­neh­men. Die Ar­beit­ge­be­rin war bemüht, die­sen Aus­zu­bil­den­den nach der Be­rufs­aus­bil­dung den Ab­schluss ei­nes un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags mit der Fir­ma A zu ermögli­chen. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men wur­den die Aus­zu­bil­den­den, die seit An­fang 2006 ih­re Ab­schluss­prüfung be­stan­den hat­ten, bei der Ar­beit­ge­be­rin im We­ge der Ar­beit­neh­merüber­las­sung als Leih­ar­beit­neh­mer ein­ge­setzt. Die Be­tei­lig­te zu 2. be­warb sich nicht bei der Fir­ma A.
Die Be­tei­lig­te zu 2. hat be­an­tragt, den An­trag ab­zu­wei­sen. Sie hat die
1. Nach § 83 Abs. 3 ArbGG sind in ei­nem Be­schluss­ver­fah­ren ne­ben dem
An­trag­stel­ler, dem Ar­beit­ge­ber und den Ar­beit­neh­mern die­je­ni­gen Stel­len an­zuhören, die nach dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz oder den an­de­ren in der Norm ge­nann­ten Ge­set­zen im ein­zel­nen Fall be­tei­ligt sind. Als Be­tei­lig­te in An­ge­le­gen­hei­ten des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes ist je­de Stel­le an­zu­se­hen, die durch die be­gehr­te Ent­schei­dung in ih­rer be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­stel­lung un­mit­tel­bar be­trof­fen ist (BAG 18. April 2007 - 7 ABR 30/06 - Rn. 15 mwN, BA­GE 122, 96). Dies hat das Ge­richt von Amts we­gen auch noch in der Rechts­be­schwer­de­instanz zu be­ach­ten (BAG 2. Ok­to­ber 2007 - 1 ABR 79/06 - Rn. 10, EzA ZPO 2002 § 559 Nr. 1).
2. Die G GmbH ist in ih­rer be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­stel­lung
nicht (mehr) be­trof­fen. Von ei­nem Auflösungs­ver­fah­ren nach § 78a Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Be­trVG hängt die per­so­nel­le Zu­sam­men­set­zung der im Be­trieb ge­bil­de­ten Ju­gend- und Aus­zu­bil­den­den­ver­tre­tung ab (BAG 25. Fe­bru­ar 2009 - 7 ABR 61/07 - Rn. 14, DB 2009, 1473). Der von der Ar­beit­ge­be­rin und der G GmbH in B vor­mals ge­mein­sam geführ­te Be­trieb ist aber, wie die Be­tei­lig­ten im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren übe­rein­stim­mend an­ge­ge­ben ha­ben, mitt­ler­wei­le auf­gelöst und wird nur von der Ar­beit­ge­be­rin fort­geführt.
das in § 78a Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Be­trVG vor­ge­se­he­ne Ver­fah­ren hat der Ver­trags­ar­beit­ge­ber die Möglich­keit, sich bei Vor­lie­gen der dort ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen aus dem ge­setz­lich be­gründe­ten Ar­beits­verhält­nis zu lösen. Der Streit geht al­lein um die Auf­recht­er­hal­tung der ver­trags­recht­li­chen Bin­dung zwi­schen den ehe­ma­li­gen Par­tei­en des Be­rufs­aus­bil­dungs­verhält­nis­ses (vgl. BAG 25. Fe­bru­ar 2009 - 7 ABR 61/07 - Rn. 10 ff., DB 2009, 1473). Dies sind vor­lie­gend die zu 1. be­tei­lig­te Ar­beit­ge­be­rin und die Be­tei­lig­te zu 2.
b) Der Ar­beit­ge­ber kann gemäß § 78a Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 Be­trVG die
tech­ni­schen Vor­ga­ben und der Per­so­nal­pla­nung des Ar­beit­ge­bers, der darüber ent­schei­det, wel­che Ar­bei­ten im Be­trieb ver­rich­tet wer­den sol­len und wie vie­le Ar­beit­neh­mer da­mit beschäftigt wer­den. Oh­ne Be­deu­tung ist da­her, ob Ar­beits­auf­ga­ben vor­han­den sind, mit de­ren Ver­rich­tung ein Ar­beit­neh­mer be­traut wer­den könn­te. Der Ar­beit­ge­ber ist nicht ver­pflich­tet, durch or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maßnah­men Ar­beitsplätze neu zu schaf­fen, um die Wei­ter­beschäfti­gung zu gewähr­leis­ten. Von Miss­brauchsfällen ab­ge­se­hen ist der Ar­beit­ge­ber grundsätz­lich auch nicht ge­hin­dert, durch ei­ne Verände­rung der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on Ar­beitsplätze weg­fal­len zu las­sen. Ist hin­ge­gen im Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Aus­bil­dungs­verhält­nis­ses ein frei­er Ar­beits­platz vor­han­den, hat bei der Prüfung der Un­zu­mut­bar­keit ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung ein künf­ti­ger Weg­fall von Ar­beitsplätzen un­berück­sich­tigt zu blei­ben (BAG 25. Fe­bru­ar 2009 - 7 ABR 61/07 - Rn. 18 mwN, DB 2009, 1473).
die Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers, künf­tig für die Er­le­di­gung der Ar­beits­men­ge Leih­ar­beit­neh­mer ein­zu­set­zen, die An­zahl der im Be­trieb ein­ge­rich­te­ten Ar­beitsplätze und da­mit auch der Beschäfti­gungs­be­darf nicht ändert (BAG 25. Fe­bru­ar 2009 - 7 ABR 61/07 - Rn. 19 mwN, DB 2009, 1473).
bar­ten Be­en­di­gung des Aus­bil­dungs­verhält­nis­ses frei ge­wor­de­nen Ar­beits­platz be­setzt hat und die so­for­ti­ge Neu­be­set­zung nicht durch drin­gen­de be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se ge­bo­ten war (BAG 25. Fe­bru­ar 2009 - 7 ABR 61/07 - Rn. 20 mwN, DB 2009, 1473; 16. Ju­li 2008 - 7 ABR 13/07 - Rn. 24, AP Be­trVG 1972 § 78a Nr. 50 = EzA Be­trVG 2001 § 78a Nr. 4).
Über­stun­den ge­leis­tet wur­den und die Ar­beit­ge­be­rin die Bit­te der Be­tei­lig­ten zu 2. auf Frei­stel­lung von der Dau­er­nacht­schicht ab­ge­lehnt hat. Es un­ter­liegt der un­ter­neh­me­ri­schen Frei­heit des Ar­beit­ge­bers zu ent­schei­den, ob durch Ab­bau von Über­stun­den oder Mo­di­fi­ka­tio­nen bei den Schicht­ein­tei­lun­gen ein Ar­beits­platz ge­schaf­fen wer­den soll oder nicht. Auch die von der Be­tei­lig­ten zu 2. kon­kret be­nann­ten Stel­len hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend für un­er­heb­lich ge­hal­ten. Bei die­sen Stel­len fehlt es un­ge­ach­tet der Fra­ge, wann sie zu be­set­zen wa­ren, an jeg­li­chen An­halts­punk­ten, dass es sich um aus­bil­dungs­adäqua­te Ar­beitsplätze han­delt.
(2) Ge­gen die Un­zu­mut­bar­keit der Wei­ter­beschäfti­gung spricht nicht der
Ein­satz der Be­tei­lig­ten zu 2. in der Fer­ti­gungs­mon­ta­ge. Wie die Be­tei­lig­ten im Anhörungs­ter­min vor dem Se­nat übe­rein­stim­mend klar­ge­stellt ha­ben, han­delt es sich bei dem Ar­beits­platz „2. Sitz­rei­he ver­schrau­ben“ nicht um ei­nen aus­bil­dungs­adäqua­ten Ar­beits­platz. Nur wenn die tatsächli­che Beschäfti­gung im gemäß § 78a Abs. 2 Satz 1 Be­trVG be­gründe­ten Ar­beits­verhält­nis aus­bil­dungs­ge­recht wäre, könn­te dies ge­gen die An­nah­me ei­ner Un­zu­mut­bar­keit der Wei­ter­beschäfti­gung spre­chen. Der Ar­beit­ge­ber wäre in­so­weit ge­hal­ten näher zu erklären, war­um die Wei­ter­beschäfti­gung den­noch nicht zu­mut­bar sein soll.
(3) Rechts­feh­ler­haft ist da­ge­gen die An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts,
dass die Beschäfti­gung von Leih­ar­beit­neh­mern im Werk B für die Be­ur­tei­lung der Un­zu­mut­bar­keit iSd. § 78a Abs. 4 Satz 1 Be­trVG oh­ne Be­deu­tung sei. Zwar steht - ent­ge­gen der wohl von der Be­tei­lig­ten zu 2. ver­tre­te­nen Auf­fas­sung - nicht jed­we­de Beschäfti­gung von Leih­ar­beit­neh­mern der Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses nach § 78a Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Be­trVG ent­ge­gen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hätte aber dem zur Beschäfti­gung von Leih­ar­beit­neh­mern ge­hal­te­nen Vor­trag nach­ge­hen und ins­be­son­de­re aufklären müssen, ob in dem maßgeb­li­chen Drei-Mo­nats-Zeit­raum des § 78a Abs. 2 Satz 1 Be­trVG im Aus­bil­dungs­be­trieb Ar­beitsplätze mit Leih­ar­beit­neh­mern be­setzt wa­ren, auf de­nen die Be­tei­lig­te zu 2. mit ih­rer in der Be­rufs­aus­bil­dung er­wor­be­nen be­ruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on hätte beschäftigt wer­den können und die nach den Vor­ga­ben der Ar­beit­ge­be­rin nicht nur vorüber­ge­hend zur Verfügung stan­den. Dies muss das
Lan­des­ar­beits­ge­richt nach der Zurück­ver­wei­sung fest­stel­len. Soll­te ein aus­bil­dungs­ge­rech­ter, dau­er­haf­ter Ar­beits­platz im maßgeb­li­chen Zeit­raum mit ei­nem Leih­ar­beit­neh­mer be­setzt ge­we­sen sein, wäre auch auf­zuklären, ob zur Zeit der Be­en­di­gung des Aus­bil­dungs­verhält­nis­ses be­rech­tig­te be­trieb­li­che Be­lan­ge der Ar­beit­ge­be­rin gleich­wohl ge­gen die Zu­mut­bar­keit der Wei­ter­beschäfti­gung der Be­tei­lig­ten zu 2. spra­chen.
be­din­gun­gen ist gleich­falls be­triebs­be­zo­gen. Hat der Aus­zu­bil­den­de sei­ne Be­reit­schaft zu ei­ner an­der­wei­ti­gen Beschäfti­gung im Aus­bil­dungs­be­trieb erklärt, muss der Ar­beit­ge­ber prüfen, ob ihm die­se möglich und zu­mut­bar ist. Un­terlässt er die Prüfung oder ver­neint er zu Un­recht die Möglich­keit und die Zu­mut­bar­keit, so kann das nach § 78a Abs. 2 Be­trVG ent­stan­de­ne, auf die aus­bil­dungs­ge­rech­te Beschäfti­gung ge­rich­te­te Ar­beits­verhält­nis nicht nach § 78a Abs. 4 Be­trVG auf­gelöst wer­den, ob­wohl ei­ne voll­zei­ti­ge Beschäfti­gungsmöglich­keit in ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis im Aus­bil­dungs­be­ruf nicht be­steht. Der Ar­beit­ge­ber ist dann dar­auf ver­wie­sen, die not­wen­di­gen Ände­run­gen der Ver­trags­be­din­gun­gen durch in­di­vi­du­al­recht­li­che Maßnah­men durch­zu­set­zen (BAG 15. No­vem­ber 2006 - 7 ABR 15/06 - Rn. 42 mwN, BA­GE 120, 205).
er sich im an­sch­ließen­den Ver­fah­ren nach § 78a Abs. 4 Be­trVG nicht dar­auf be­ru­fen, dem Ar­beit­ge­ber sei die Beschäfti­gung zu­mut­bar (BAG 15. No­vem­ber 2006 - 7 ABR 15/06 - Rn. 43 f. mwN, BA­GE 120, 205).
Vor­bau M. Zwis­ler
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