Source: https://m.grin.com/document/67093
Timestamp: 2020-06-01 13:55:42
Document Index: 49796488

Matched Legal Cases: ['§4', '§4', '§4', '§5', '§5', '§5', '§4', '§6', '§6', '§4']

2.1. Eigenschaften des Naturzustandes
2.2. Eigenschaften des Naturrechts
2.3. Durchsetzung des Naturrechts im Naturzustand
3. Probleme des Naturzustandes
John Locke beschreibt zu Beginn des zweiten Teils seiner „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ den Zustand der Menschheit bevor sie in den organisierten Gesellschaftszustand übergeht, um durch die Untersuchung der ursprünglichen Rechte und Eigenschaften politische Gewalt zu erklären. Durch die schon im Naturzustand vorhandenen Rechte des Menschen, folgt auch für den Gesellschaftszustand eine Staatsform, die diese Rechte anerkennt. Die Probleme des Naturzustandes sollen durch den Staat behoben werden. Durch eine genaue Analyse des Naturzustandes lässt sich also, wie von Locke intendiert, viel über Staatsform und Rechte des Menschen im Staat ablesen.
Der Mensch befindet sich im vorgesellschaftlichen Naturzustand laut Locke in einem Status der Gleichheit und Freiheit.
Die erste Eigenschaft der Menschen im Naturzustand, die Gleichheit, bezieht er zunächst auf "Macht und Rechtsprechung"[1]. Sie ergibt sich daraus, dass alle Menschen von Natur aus in Rang und Gattung ebenbürtig sind. Locke erweitert den Begriff, indem er die Gleichheit auch auf den "Gebrauch derselben Fähigkeiten"(§4, S.202) und den "Genuss derselben Vorteile der Natur"(§4, S.202) bezieht. Die einzige Rechtfertigung von dieser natürlichen Gleichheit abzuweichen und Über- oder Unterordnung einzuführen, sieht Locke in einer "deutlichen Willensäußerung"(§4, S.202) Gottes, die dies befiehlt.
Um das Postulat der Gleichheit weiter zu legitimieren, beruft sich Locke schließlich auf den Theologen Hooker, der diese von den christlichen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ableitet (Vgl. §5, S.202). Man kann die Kernaussage Hookers in einer einfachen Volksweisheit zusammenfassen: Was du nicht willst, was man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu. Dieses Gleichgewicht von Geben und Nehmen bezieht Hooker auf immaterielle Werte, wie zum Beispiel die Liebe. Zusätzlich verwendet er aber auch Begriffe, die durchaus die materielle Gleichheit umfassen. "Gutes empfangen" und "Wünsche erfüllen" (§5, S.202) soll jeder so wie er es für sich selber wünschen würde, denn: "gleiche Dinge [müssen] auch notwendigerweise das gleiche Maß haben".(§5, S.202)
Die Annahme der Gleichheit wird von Locke zwar plausibel beschrieben, aber nicht konkret belegt. Locke beobachtet die Gleichheit aller Menschen nicht nur bei ihrer Geburt, sondern leitet aus dieser Gleichheit bei der Geburt auch lebenslange Konsequenzen ab. Die Menschen sollen dieselben Vorteile genießen und dieselben Fähigkeiten gebrauchen können. Das bedeutet schlussendlich, dass jegliche Ungleichheit auch des Besitzes, der ja Garant für den Genuss der meisten Vorteile ist, nicht dem natürlichen Zustand des Menschen entspricht. Dies jedoch widerspricht Lockes liberaler Eigentumstheorie, die besagt, dass Eigentumsunterschiede rechtens sind, da Eigentum durch Arbeit entsteht. Die ungleichen Bedingungen von Geburt an führen aber meist dazu, dass auch Arbeit die Unterschiede im Besitz nicht ausgleichen kann.
Die These, dass alle Menschen in der Summe ihrer Begabungen mit den gleichen Fähigkeiten ausgestattet sind (Vgl. §4, S.202), scheint jedoch zumindestens streitbar, wenn auch das Gegenteil nicht nachgewiesen werden kann.
Schließlich wendet sich Locke von jeder Art von Unterwerfung oder Unterordnung ab, solange diese nicht von Gott befohlen ist. Da diese Willensäußerung Gottes aber meines Wissens fehlt und auch Locke hier keine nennt, ist die Gleichheit universell gültig und jede Unterordnung unrecht. Daraus folgt, dass die Gleichheit auch im Gesellschaftszustand, der auf den Naturzustand folgt, erhalten werden muss.
So hat Locke einen sehr absoluten Gleichheitsanspruch an die Menschheit, dessen Realisierung auch zu Lockes Zeiten utopisch scheint. Wie wichtig ihm aber die Forderung nach Gleichheit ist, ist an der ausführlichen Begründung derselben und der Berufung auf einen anderen anerkannten Theoretiker erkennbar.
Zweiter Grundsatz des Naturzustandes ist die Freiheit, die sich auf die eigene Person und den eigenen Besitz erstreckt. Die Freiheit ist, laut Locke, nicht kontrollierbar (Vgl. §6, S.203). Sie unterscheidet sich von der "Zügellosigkeit" (§6, S.203) durch einige Einschränkungen: So darf der Mensch weder sich selbst, noch seinen Mitmenschen irgendeinen Schaden zufügen, außer wenn es zu einem höherstehenden Ziel als der Selbsterhaltung geschieht. Dass dieses höherstehende Ziel in der Bestrafung von Verbrechen besteht, wird von Locke im folgenden Absatz erklärt.
[1] John Locke bearbeitet von Walter Euchner, 2000: Zwei Abhandlungen über die Regierung. Frankfurt am Main: Suhrkamp. §4, S.201.
Alle folgenden Zitate stammen aus eben genannter Quelle und werden der Einfachheit halber nur mit Seiten- und Paragraphenangabe belegt.
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