Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/landgericht-oder-arbeitsgericht-oder-die-verweisung-im-pkh-verfahren-3143573
Timestamp: 2019-05-24 00:55:48
Document Index: 61475512

Matched Legal Cases: ['§ 36', '§ 17', '§ 36', '§ 17', '§ 36', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 281', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 127', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Landgericht oder Arbeitsgericht? – oder: die Verweisung im PKH-Verfahren | Rechtslupe
Bei negativen Kompetenzkonflikten zwischen Gerichten verschiedener Gerichtszweige ist § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO entsprechend anwendbar. Obwohl ein nach § 17a GVG ergangener und unanfechtbar gewordener Beschluss, mit dem ein Gericht den beschrittenen Rechtsweg für unzulässig erklärt und den Rechtsstreit an ein anderes Gericht verwiesen hat, nach dem Gesetz keiner weiteren Überprüfung unterliegt, ist eine regelmäßig deklaratorische Zuständigkeitsbestimmung entsprechend § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO im Interesse einer funktionierenden Rechtspflege und der Rechtssicherheit geboten, wenn es innerhalb eines Verfahrens zu Zweifeln über die Bindungswirkung der Verweisung kommt und deshalb keines der in Frage kommenden Gerichte bereit ist, die Sache zu bearbeiten, oder die Verfahrensweise eines Gerichts die Annahme rechtfertigt, dass der Rechtsstreit von diesem nicht prozessordnungsgemäß gefördert werden wird, obwohl er gemäß § 17b Abs. 1 GVG vor ihm anhängig ist1.
Sofern zwei Gerichte unterschiedlicher Rechtswege ihre Zuständigkeit verneint haben, obliegt die Bestimmung des zuständigen Gerichts demjenigen obersten Gerichtshof des Bundes, der zuerst darum angegangen wird2.
Der Zulässigkeit steht nicht entgegen, dass die vorangegangenen 6 Entscheidungen über die Zuständigkeit im Rahmen eines Prozesskostenhilfeverfahrens ergangen sind. § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO ermöglicht die Entscheidung eines negativen Kompetenzkonflikts auch im Verfahren wegen der Gewährung von Prozesskostenhilfe vor Rechtshängigkeit der Hauptsache, sofern das Verfahren wie hier durch Mitteilung der Antragsschrift an den Gegner in Gang gesetzt worden ist3.
Ein nach § 17a GVG ergangener Beschluss, mit dem ein Gericht den 8 zu ihm beschrittenen Rechtsweg für unzulässig erklärt und den Rechtsstreit an das Gericht eines anderen Rechtswegs verwiesen hat, ist einer weiteren Überprüfung entzogen, sobald er unanfechtbar geworden ist. Ist das zulässige Rechtsmittel nicht eingelegt worden oder ist es erfolglos geblieben oder zurückgenommen worden, ist die Verweisung für das Gericht, an das der Rechtsstreit verwiesen worden ist, hinsichtlich des Rechtswegs gemäß § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG bindend4.
Im Prozesskostenhilfeverfahren sind die Rechtsmittelmöglichkeiten eingeschränkt. Beschwerde kann grundsätzlich nur die am Prozesskostenhilfeverfahren beteiligte Partei einlegen5. Dies ist stets der Antragsteller, der Prozesskostenhilfe begehrt. Hingegen steht dem Antragsgegner im Prozesskostenhilfeverfahren im Allgemeinen kein Beschwerderecht zu. Der Gegner ist nicht Partei des Prozesskostenhilfeverfahrens; die in diesem Verfahren ergehenden Entscheidungen beeinträchtigen ihn regelmäßig nicht in seinen Rechten. Er wird durch die Gewährung von Prozesskostenhilfe nicht beschwert. Dies gilt auch für Entscheidungen über die der Prozesskostenhilfeentscheidung vorgelagerte Frage, welches Gericht für die Entscheidung über das Prozesskostenhilfegesuch zuständig ist6.
Hat die Antragstellerin kein Rechtsmittel eingelegt, ist die Verweisung damit unanfechtbar geworden.
Dies gilt auch, obwohl die Anwendung von § 17a GVG im Prozesskostenhilfeverfahren unzulässig ist7. Landgericht und Arbeitsgericht haben im vorliegenden Fall ihre Entscheidungen wenn auch irrtümlich ausdrücklich auf § 17a GVG gestützt. Auch fehlerhafte Verweisungsbeschlüsse sind gemäß § 17a Abs. 3 GVG bindend. Diese Bindungswirkung gilt zwar nur für das Verfahren über die Gewährung der beantragten Prozesskostenhilfe, nicht auch für ein darauffolgendes Hauptsacheverfahren. Sie stünde auch einer Versagung der Prozesskostenhilfe wegen fehlender sachlicher Zuständigkeit nicht entgegen. Auf Grund der Bindungswirkung ist es dem Arbeitsgericht jedoch verwehrt, die Rechtswegzuständigkeit im Rahmen der Entscheidung über das Prozesskostenhilfegesuch abweichend zu beurteilen. Es hat deshalb inhaltlich über das Gesuch zu befinden und darf die Erfolgsaussichten der beabsichtigten Klage nicht wegen fehlender Rechtswegzuständigkeit verneinen, unabhängig davon, ob die Auffassung des Landgerichts zutreffend ist8.
Der Bundesgerichtshof hat bislang offenlassen können, ob Ausnahmefälle denkbar sind, in denen die bindende Wirkung einer rechtskräftigen Verweisung zu verneinen ist.
Diese Frage bedarf auch im Streitfall keiner Entscheidung. Eine Durchbrechung der Bindungswirkung kommt allenfalls bei, wie es das Bundesverwaltungsgericht formuliert hat9, “extremen Verstößen” gegen die den Rechtsweg und seine Bestimmung regelnden materiellund verfahrensrechtlichen Vorschriften in Betracht10. In der Sache befindet sich der Rechtsstreit aber noch im Verfahrensstadium der Bewilligung von Prozesskostenhilfe. Da die Bindungswirkung des Verweisungsbeschlusses nur für das Verfahren über die Gewährung der beantragten Prozesskostenhilfe gilt und nicht auch für ein darauffolgendes Hauptsacheverfahren, liegt im Streitfall jedenfalls kein “extremer Verstoß” gegen die den Rechtsweg und seine Bestimmung regelnden materiellund verfahrensrechtlichen Vorschriften vor.
Bundesgerichtshof, Beschluss vom 16. April 2019 –
Aufhebung eines Verweisungsbeschlusses Ein Verweisungsbeschluss (§ 281 ZPO) kann durch das verweisende Amtsgericht jedenfalls dann wieder aufgehoben werden, wenn die Akten noch nicht dem "angewiesenen" Amtsgericht vorgelegen haben. Soweit in Rechtsprechung und Literatur die im Ausgangspunkt wohl weitgehend…
Beweiswürdigung nach Richterwechsel Das Gericht darf eine Beweiswürdigung auch dann vornehmen, wenn die Zusammensetzung des Gerichts zwischen Beweisaufnahme und Entscheidung gewechselt hat, soweit insoweit nur das Aktenkundige berücksichtigt wird. Das gilt auch im Falle eines Wechsels des Entscheidungskörpers…
BGH, Beschluss vom 24.10.2017 – X ARZ 326/17, NJW-RR 2018, 250 Rn. 7; Beschluss vom 11.07.2017 – X ARZ 76/17, WM 2017, 1755 Rn. 4; Beschluss vom 29.04.2014 – X ARZ 172/14, NJW 2014, 2125 Rn. 5; Beschluss vom 14.05.2013 – X ARZ 167/13, MDR 2013, 1242 Rn. 5 mwN [↩]
BGH, NJW-RR 2018, 250 Rn. 8; NJW 2014, 2125 Rn. 7 mwN [↩]
BGH, Beschluss vom 30.07.2009 – Xa ARZ 167/09, NJW-RR 2010, 209 Rn. 7 [↩]
BGH, WM 2017, 1755 Rn. 8; NJW 2014, 2125 Rn. 9; MDR 2013, 1242 Rn. 9 [↩]
Zöller/Geimer, ZPO, 32. Aufl., § 127 Rn. 12 [↩]
BGH, Beschluss vom 25.02.2016 – IX ZR 61/15, NJW 2016, 1520 Rn. 6 [↩]
vgl. BGH, NJW-RR 2018, 250 Rn. 13; NJW 2016, 1520 Rn. 8 ff. [↩]
BGH, NJW-RR 2010, 209 Rn. 15; Beschluss vom 26.07.2001 – X ARZ 132/01, NJW 2001, 3633; BAG, Beschluss vom 27.10.1992 5 AS 5/92, NJW 1993, 751, 752 [↩]
BVerwG, Beschluss vom 08.11.1994 9 AV 1/94, NVwZ 1995, 372 [↩]
BGH, NJW-RR 2018, 250 Rn.19; NJW 2014, 2125 Rn. 13 mwN [↩]
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