Source: https://de.scribd.com/document/395728737/8-7-2015-Leitfaden-Vernehmung-Mit-Karten-Erwachsene
Timestamp: 2020-07-11 12:42:02
Document Index: 213538252

Matched Legal Cases: ['OGH', '§ 111', '§ 136', '§ 52', '§ 140', '§ 114', '§ 69', '§ 136', '§ 136', '§ 52']

8.7.2015 Leitfaden Vernehmung Mit Karten Erwachsene
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Tatiana Hörnle
StPO Strafprozeßordnung Des Deutschen Reichs
Pks 1999
Linke Politik verteidigen. Zum Paragrafen 129. Broschüre
Ris - 13os2_14i -RIS - 13Os2_14i - Entscheidungstext - Justiz (OGH, OLG, LG, BG, OPMS, AUSL).pdf Entscheidungstext - Justiz (Ogh, Olg, Lg, Bg, Opms, Ausl)
Tipps Strafprozess
Michael Opielka Geminschaft in Geselleschaft
Leitfaden zur Vernehmung von Zeugen
und Beschuldigten mit Vernehmungskarten
Max Hermanutz und Jochen Schröder*
* beide Hochschule für Polizei Baden‐Württemberg
Dieser Leitfaden dient als Hilfsmittel für die Vernehmung von erwachsenen Zeugen und Beschuldigten. Die Anwendung dieser Struktur folgt dem typischen Ablauf einer Vernehmung und wird durch ein spezielles Kartenformat unterstützt.
Beginnend mit konkreten Beispielformulierungen für die Belehrung folgen bewährte praktikable Fragen, die entsprechend eines roten Fadens durch die Vernehmung leiten. Zusätzlich finden sich zu jeder Karte ergänzende Erläuterungen. Durch diese Methode können bei aussagewilligen Personen umfangreiche und qualitativ hochwertige Aussagen generiert werden. Diese ermöglichen die spätere Bewertung des Wahrheitsgehaltes der Aussagen.
Die gesamte Methodik der Befragung orientiert sich an neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Kartenform wurde gewählt, damit beispielsweise Polizeibeamte in der Lage sind, an jedem Ort und zu jeder Zeit eine Vernehmung durchfzuführen. Die vorgegebene Struktur trägt dazu bei, dass rechtliche Rahmenbedingungen eingehalten werden und die Verwertbarkeit der Aussagen vor Gericht erreicht wird. Im letzten Teil werden Fragen zu diesem Verfahren beantwortet sowie Hinweise zu weiterführender Literatur für den interessierten Leser gegeben.
This guideline serves as a tool for examinations of adult witnesses and suspects. The implementation of the given structure follows the typical course of an examination and is underpinned by a special format using cards. At first the guideline provides concrete example formulations for the instruction advising the person of his rights, followed by feasible questions that guide through the examination following a red thread. In addition to that supplementary explanation for each card is provided. With this method, people who are willing to testify can be led to extensive testimonies of high quality. This enables to subsequently evaluate the veracity of the testimony.
This special format was chosen so that police men are able to implement an examination at all times and locations. The given structure helps to stay within legal frameworks and to ensure the usability of testimonies in front of the court. The entire methodology of interrogation is based on recent scientific data. The second part of the guideline provides answers to questions concerning the procedure. Additional information about further literature for the interested reader is provided.
Vernehmung, Belehrung, Zeugen, Beschuldigte, Verhör, Wahrheitsfindung , Vernehmungskarten, Leitfaden
examination, instruction, witnesses, suspects, interrogation, establishment of the truth, cards of examination, guideline
Gute polizeiliche Vernehmungen sind notwendig, damit Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichte die Wahrheit herausfinden können. Wir haben versucht über Fachgrenzen hinweg den aktuellen Stand der Forschung für die Praxis nutzbar zu machen. Dazu haben wir eine strukturierte Methode mit Vernehmungskarten für die polizeiliche Praxis entwickelt (Adler & Hermanutz, 2010, 2013a).
Der vorliegende Leitfaden ist eine konkrete Hilfestellung zur Befragung von erwachsenen Zeugen und Beschuldigten. Diese praktische Anleitung unterstützt Sie bei der Formulierung von Fragen, die während einer Vernehmung auftreten können.
Der Leitfaden stellt eine Art Werkzeugkoffer zur Durchführung der gesamten Vernehmung dar. Wir gehen davon aus, dass auch das Ergebnis einer Vernehmung maßgeblich von dem verwendeten „Befragungswerkzeug“ und dem dafür erforderlichen Wissen abhängt.
Das richtige Werkzeug und das Wissen um seine Anwendung determinieren immer das Ergebnis einer jeden Aktion.
Dieser Leitfaden orientiert sich an aktuellen gesetzlichen Grundlagen (Stand Juni 2015).
Danken möchten wir allen, die uns unterstützt haben. Frau Laura Weigle danken wir für die kritische Durchsicht des Manuskripts.
Belehrung ‐ Zeuge
Belehrung – Beschuldigter
Nicht tatrelevantes Thema ‐ Freier Bericht
Vernehmung zum Tatgeschehen
Verhör – Widersprüche, Lücken in der Aussage
Verhör – konfrontierende Fragen
Oft gestellte Fragen zur Vernehmung
Warum mit Vernehmungskarten strukturiert vernehmen?
Warum mit einem neutralen Thema beginnen?
Kann ich auch nicht deutsch sprechende Personen mit dieser Methode vernehmen?
Muss ich nicht jede Person anders vernehmen?
Anhang: Karten zur Vernehmung zum Auschneiden
Der Leitfaden liefert im ersten Teil Beispielformulierungen auf den Karten ( kursiv gedruckt), sowie nebenstehend prägnante Informationen und Erklärungen zu jeder Karte. Er folgt dem typischen Verlauf einer Vernehmung und kann Seite für Seite auf dem Bildschirm oder in ausgedruckter Form verwendet werden. Darüber hinaus bietet sich die Möglichkeit, das reine Kartenformat im Anhang zu verwenden. Die Vernehmung gliedert sich in drei Abschnitte:
1. Themenneutraler Teil zur Vernehmung
2. Tatrelevante Vernehmung
3. Verhör zur Klärung aller Fragen und Vorhalte
Zu Beginn der Vernehmung steht immer die Belehrung des Zeugen oder des Beschuldigten. Anschließend wird eine aussagewillige Person kurz zu einem neutralen, nicht tatrelevanten Thema befragt, um sie an die Vernehmungssituation zu gewöhnen. Erst danach wird sie zu dem für das Ermittlungsverfahren relevanten Geschehen befragt. Zum Tatgeschehen werden weitgehend die gleichen offenen Fragen gestellt wie zum nicht tatrelevanten Thema.
Wichtige Merkmale der Vernehmung sind: offene Fragen, eine erneute Aufforderung zur Wiederholung der Aussage, die Umkehrung der Erzählreihenfolge sowie die visuelle und akustische
Fokussierung auf Einzelheiten beim Erzählen. Diese Fragen sollen der Steigerung der Erinnerungsleistung dienen und möglichst umfassende Antworten hervorrufen.
Beim Verhör folgen Verständnisfragen zu unklaren, bzw. Nachfragen zu unvollständigen Äußerungen. Bei Bedarf werden abschließend konfrontierende Fragen gestellt. In diesem Teil wird durch die Karten lediglich eine Struktur vorgegeben; die Inhalte ergeben sich aus dem konkreten Sachverhalt und den bisherigen Äußerungen der Aussageperson.
Mit dieser Vernehmungsmethode werden qualitativ verbesserte Aussagen generiert. Diese lassen darüber hinaus auch eine Bewertung des Wahrheitsgehaltes zu. Für die Beurteilung des Wahrheitsgehalts ist nach dem Bundesgerichtshof (Urteil vom 30.07.1999 – 1 StR 618/98 abgedruckt in NJW 1999, 2746 ff.) die Merkmalsorientierte Aussageanalyse anzuwenden, deren Anwendung in Hermanutz, Litzcke, Kroll und Adler (2011) dargestellt ist. Die Vernehmungsmethode wurde über mehrere Jahre hinweg stetig verbessert und evaluiert (Adler & Hermanutz, 2013b).
Es folgen Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen mit Literaturhinweisen zur strukturierten Vernehmung mit Karten.
1. Strukturierte Vernehmung von Beschuldigten
und Zeugen im strafrechtlichen Ermittlungs‐
3. Auflage – Stand: Juni 2015
Die rechtlichen Rahmenbedingungen Ihrer
Vernehmung müssen Sie vorab genau prüfen und
Belehrungen und spezielle Fragen müssen Sie an
Ihren konkreten Sachverhalt anpassen.
Die Karten umfassen n i c h t alle rechtlichen
Konstellationen, Beteiligungspflichten und
entsprechenden Belehrungen. Für spezielle
Konstellationen, die in Ihrem Bereich immer
wiederkehren, können Sie sich selbst Karten
erstellen (siehe Karten im Anhang 26/27).
Um die Lesbarkeit zu erhalten, wird in den Karten
häufig die männliche Form verwendet, diese
umfasst immer die weibliche mit und ist
geschlechtsneutral zu verstehen.
Adler, Hermanutz, Schröder– Vernehmungskarten ‐ 2015
2. Vernehmung planen und strukturieren –
Eigene mentale Vorbereitung auf die Vernehmung,
Eigensicherung, Einstellen auf die Aussageperson,
bei eigener Betroffenheit – Selbstkontrolle.
Aufbereitung der bisherigen Erkenntnisse. Planung
der Vernehmungsstruktur und Dokumentation.
Denken Sie immer an die Eigensicherung, also an:
• vorherige Gefahren‐ und Risikobeurteilung
• Durchsuchung vor der Vernehmung
• mögliche Fesselung
• Anwesenheit weiterer Beamter
• Sitzordnung
• Vorhandensein von Waffen und anderen
gefährlichen Gegenständen im
Adler, Hermanutz, Schröder‐ Vernehmungskarten – 2015
Erklärungen zu Karte 2:
Bevor die Vernehmung beginnt, sollten alle bisherigen Erkenntnisse aufbereitet werden. Wichtig ist insbesondere eine genaue Kenntnis des konkreten Sachverhaltes. Darüber hinaus sollten im Rahmen eines vernehmungstaktischen Konzepts folgende Aspekte geplant und vorbereitet werden:
• die Wahl des Vernehmungsortes
• die Wahl des Vernehmungszeitpunktes
• die Art der Vorladung und/oder Verbringung zum Vernehmungsort
• die Auswahl des/der Vernehmungsbeamten
• die Zulassung oder Ablehnung eines Rechts‐ anwalts bei der Vernehmung
• die Wahl des Protokollierungsmittels
• die Frage der Unterbrechung und ggf. erneuten Wiederaufnahme der Vernehmung
• die Wahl der Fragetechnik beim Verhör und damit einhergehend
• die Wahl eventueller spezieller Vernehmungs‐ methoden.
3 Fragen zur Person
Erhebung der Personalien.
Bei Beschuldigten zusätzlich Verneh‐
mung zur Person.
Bevor ich Sie jetzt weiter befrage, belehre ich Sie
als ………………
( Zeuge oder Beschuldigter)
Erkärung zu Karte 3:
Feststellung der Personalien gemäß § 111 OWiG.
Bei Beschuldigten Vernehmung zur Person (Fragen zu den persönlichichen Verhältnissen, Arbeit, Einkommen, etc.) gemäß § 136 Abs. 3 StPO.
4. Belehrung ‐ Zeuge
Herr Z, Sie sind uns als Zeuge des Vorfalls … am …
um …in … genannt worden. Als Zeuge haben Sie die
Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Andernfalls können
Sie sich strafbar machen, z.B. wenn Sie jemanden zu
Unrecht belasten, absichtlich die Bestrafung eines
Straftäters vereiteln, einem Straftäter Hilfe leisten,
um ihm die Vorteile der Tat zu sichern oder eine
Straftat vortäuschen.
Herr Z, haben Sie das verstanden?
Insbesondere folgende Normen sind zu beachten:
§§ 52, 55, 57, 58a, 68, 69, 81c, 163 (3), 406h StPO,
Opferentschädigungsgesetz, sowie
die (einschlägigen) Richtlinien für das Straf ‐ und
Bußgeld ‐Verfahren (RiStBV).
Adler, Hermanutz, Schröder‐ Vernehmungskarten ‐ 2015
Erklärung zu Karte 4:
• Die Belehrung sollte sachlich erfolgen. Erläuterungen sind meist notwendig, damit die Aussageperson alles versteht. Die juristischen Formulierungen sollten „übersetzt“ und anhand von Beipielen erläutert werden, dafür braucht man ausreichend Zeit. Vergewissern Sie sich, dass die Aussageperson die Belehrung verstanden hat.
• Man kann die Aussageperson sofort nach den Fragen zur Person belehren. Benötigt sie Zeit, um sich zunächst an die Situation zu gewöhnen und Nervosität abzubauen, darf in der Zeit vor der Belehrung in keinem Fall über den eigentlichen Inhalt der Vernehmung gesprochen werden.
• Den Zeitpunkt der Belehrung haben wir weit vorverlegt, um möglichen Missverständnis ‐ sen zu begegnen und eventuell Beweis‐ verwertungsverbote auszuschließen.
• Grundsätzlich ist es besser, keine „Vorgespräche“ oder „informatorischen Befragungen“ vor der Vernehmung durchzuführen, sofern dies nicht unbedingt erforderlich ist. Die Vernehmung beginnt mit der Belehrung.
5. Belehrung – Beschuldigter
Herr B, ich belehre Sie jetzt als Beschuldigten. Ihnen
wird vorgeworfen, eine Straftat begangen zu haben:
Sie sollen am Montag gegen 23:30 Uhr in der Bar
„Biermichel“, S‐Straße 15, D ‐Dorf, Herrn O. mit
einem Barhocker auf den Kopf geschlagen haben, so
dass dieser eine Platzwunde erlitt und im
Nach dem Gesetz steht es Ihnen frei, sich zu der
Beschuldigung zu äußern oder nicht zur Sache
auszusagen und Sie können jederzeit, auch schon vor
Ihrer Vernehmung, einen von Ihnen zu wählenden
Verteidiger befragen.
Außerdem können Sie zu Ihrer Entlastung einzelne
Beweiserhebungen beantragen [ggf. erklären] und
in einem Fall der notwendigen Verteidigung gemäß
den §§ 140, 141 der Strafprozessordnung,
insbesondere bei besonders schwerwiegenden
Tatvorwürfen, die Bestellung eines
Pflichtverteidigers beanspruchen.
Wie haben Sie sich entschieden?*
Entscheidung abwarten und dokumentieren.
Erklärung zu Karte 5:
• Evtl. Zusatz: Sollten Sie die deutsche Sprache nicht richtig sprechen oder verstehen können oder unter einer Hör ‐ oder Sprachbehinderung leiden, kann Ihnen zur Ausübung Ihrer strafprozessualen Rechte unentgeltlich ein Dolmetscher oder Übersetzer zur Verfügung gestellt werden.
• (*) Sollte sich der Beschuldigte entscheiden, jetzt und hier keine Angaben zu machen oder erst mit einem Rechtsanwalt sprechen zu wollen, ist die Vernehmung beendet.
• Darüber hinaus ergeben sich beim verhafteten Beschuldigten ggf. weitere Belehrungspflichten gem. § 114b StPO.
• Aktuelle Belehrungstexte finden Sie in unterschiedlichen Sprachen im Com puter gestützen Vorgangsbearbeitungssystem (ComVor), welches aktuell bei den Polizeien in Baden‐Württemberg, Brandenburg, Hamburg und Hessen genutzt wird.
6. Nicht tatrelevantes Thema ‐ Freier Bericht
Ich möchte von Ihnen wissen, was geschehen ist. Um
alles zu erfahren und richtig einschätzen zu können,
verwende ich eine Methode, bei der wir uns
zunächst über ein Thema unterhalten, das nichts mit
dem Geschehen am XX.XX.20XX (Tag des
Tatvorwurfs) zu tun hat.
Das Thema kann gemeinsam mit der Aussageperson
(dieser Begriff umfasst Zeugen und Beschuldigte)
Nicht tatrelevantes Thema festlegen:
Können Sie mir von Ihrem letzten Tankvorgang mit
Ihrem PKW erzählen? … vom Zeitpunkt als Sie bei
der Tankstelle angekommen sind bis zum Verlassen.
„Aufstehen bis zum Verlassen der Wohnung“
Ansonsten kann nach Einkaufen, Freizeitaktivitäten,
Erlebnissen in der Arbeit u.a. gefragt werden.
Erklärung zu Karte 6:
Allgemeine Hinweise zur Karte
• Diese Strategie wirft bei Vernehmern möglicherweise zunächst die Frage nach der Sinnhaftigkeit auf. Es werden z.B. Bedenken laut, dass sich die Aussageperson nicht ernst genommen fühlen könnte. Man tritt diesem Einwand entgegen, indem man der Aussageperson den geringen Zeitaufwand und das Vorgehen erläutert und die Vorteile aufzeigt.
• Durch die nicht tatrelevante Befragung kann sich die Aussageperson an die Fragen, den Ablauf und die erwartete Aussagegenauigkeit bei der Vernehmung gewöhnen. Insbesondere merkt sie, dass sie ungestört und unbeeinflusst einen umfassenden Bericht zum Sachverhalt abgeben kann.
• Es handelt sich um eine Vorbereitung für die Vernehmung zum polizeilich relevanten Sachverhalt.
• Die Befragung zum nicht tatrelevanten Thema dient als Training für die Aussageperson. Trainings verbessern die Qualität der Aussage in Bezug auf das tatrelevante Thema.
• Wird ein kooperatives Verhalten verweigert versucht man zum tatrelevanten Teil (ab Karte 13) zu befragen.
7. Nicht tatrelevantes Thema ‐ Freier Bericht
Ich war …. [Situation, z.B. Tanken] …. nicht dabei.
Können Sie mir bitte alles genau erzählen, damit ich
mir das vorstellen kann (alternativ: …damit ich mir
davon ein Bild machen kann ).
Bitte Aussageperson nicht unterbrechen!
Unterbricht die Aussageperson, kann sie zum
Fortsetzen ermuntert werden.
„Und wie ging es weiter?“, „Was fällt ihnen noch
dazu ein?“, „Ich verstehe“, „Und dann“, ….
Erklärung zu Karte 7:
• Der Beweiswert von freien Berichten ist sehr hoch, da suggestive Einflüsse vermieden werden können.
• Zurückversetzen in den erlebten Wahr ‐ nehmungskontext, also in die Situation, erleichert das Erinnern. Die Aussageperson wird aufgefordert, sich mental in den Kontext des Geschehens zurückzuversetzen, sowohl in den räumlichen Kontext, als auch in den eigenen psychischen Zustand.
Aussagepsychologische Aspekte:
• Man bekommt einen ersten Eindruck der individuellen Aussagetüchtigkeit, Aussage ‐ genauigkeit und Aussagekompetenz einer Person.
• Ein Vergleich mit der Aussage zum tatrelevanten Teil wird möglich und dient damit später auch der Beurteilung, inwieweit eine Aussage als glaubhaft eingestuft werden kann.
• Es ist wichtig, dass bei der Befragung ausreichend Zeit für die Antwort eingeräumt wird. Gesprächspausen sind nicht untypisch und sollten ausgehalten werden.
8. Nicht tatrelevantes Thema ‐ Erneute
Das habe ich jetzt soweit verstanden. Um es mir
genau vorstellen zu können, erzählen Sie mir noch
einmal alles, was Ihnen dazu einfällt. Teilen Sie mir
bitte auch die Dinge mit, die Sie vorher vielleicht
weggelassen hatten .
Der Aussageperson wird ein neutrales Feedback
„ Das habe ich jetzt verstanden “
Erklärung zu Karte 8:
• Um Aussagepersonen nochmals zu helfen, sich besser zu erinnern, kann man sie anhalten, sich in die Originalsituation zurückzuversetzen.
• Der freie Bericht wird in Anlehnung an das Kognitive Interview (Geiselman et al., 1985) ein zweites Mal angefordert (alle Einfälle berichten). Dies macht der Aussageperson deutlich, dass möglichst viele Informationen von ihr erwartet werden und sie macht die Erfahrung, dass ihre eigene Erinnerungsleistung verbessert wird.
Aussagepsychologische Aspekte
• Durch die Aufforderung erfährt die Aussageperson, wie wichtig auch scheinbar unbedeutende Dinge für den Befragenden sind und dass eine möglichst genaue Beschreibung erwartet wird.
Zwischenmenschliche Aspekte
• Der Aussageperson wird signalisiert, dass man Interesse an ihrer Aussage hat. Das signalisiert Wertschätzung und schafft Vertrauen und Sicherheit.
9. Nicht tatrelevantes Thema – Reihenfolge
Lassen Sie die Situation (z.B. das Verlassen der
Tankstelle) noch einmal vor Ihrem inneren Auge
ablaufen. Schildern Sie mir bitte die Situation in
umgekehrter Reihenfolge .
Beginnen Sie mit dem Verlassen der Tankstelle bis
zum Einfahren in die Tankstelle.
Erklärung zu Karte 9:
• Die Aussageperson wird gebeten, die Ereignisse in unterschiedlichen Reihenfolgen zu berichten. Durch diese Technik sollen möglichst verschiedene Zugriffspfade zu den abgespeicherten Informationen erschlossen werden.
• Der Vernehmende sollte sich an den natürlichen Erinnerungsprozess der Aussageperson anpassen und sie nicht durch Zwischenfragen unterbrechen.
• Manche Aussagepersonen sind nicht in der Lage, einen Sachverhalt in umgekehrter Reihenfolge zu erzählen, in diesem Fall sollte die Karte 9 übersprungen werden.
• Die Bildsymbole (Filmklappe) dienen zur schnelleren Orientierung für die Vernehmenden.
10. Nicht ta t relevantes The m a – Ort
Wie hat die Umgebung aus g esehen?
Wie hat es d ort ausgesehen ?
Die Bildsym bole dienen zur schnelleren Ori e ntierung
für die Vern e hmenden.
Adler, Herm anutz, Schröder‐ V ernehmungskarte n ‐ 2015
Erklärung zu Karte 10:
• Die Erinnerung wird hier gezielt auf die visuelle Wahrnehmung der Örtlichkeit gelenkt.
• Zurückversetzen: Wir erleben alles durch unsere fünf Sinne: wir sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen. Wir speichern Informationen so ab, wie wir sie wahrgenommen haben: Wir können gedanklich Bilder sehen, Gehörtes, Gerüche oder Geschmack wieder empfinden und Gefühle wiedererleben. Erinnerte Sinnesempfindungen können bei der Rekonstruktion des Kontextes und damit bei der Erinnerung des gesamten Geschehens eine entscheidene Rolle spielen.
• Durch den gezielten Fokus auf den Ort des
Geschehens werden Informationen erinnert.
• Auch wenn die Aussageperson neben der Beschreibung der Örtlichkeit noch weitere Informationen liefert, sollte sie nicht unterbrochen werden.
11. Nicht ta t relevantes The m a – Personen
Waren weite re Personen da b ei?
Wenn die An twort ja lautet:
Welche Pers o nen waren da b ei ?
Wen haben Sie gesehen? Wer hat Sie g esehen?
Beschreiben Sie die Person.
Erklärung zu Karte 11:
• Die Beschreibung von Personen ist bei der späteren Befragung zum tatrelevanten Thema sehr wichtig, da hier Rückschlüsse auf Täter, Zeugen, etc. getroffen werden können.
• Personenwahrnehmungen eignen sich dazu, Erinnerungen unterschiedlicher Wahr ‐ nehmungskanäle zu aktivieren.
• Vertraute Personen können besser beschrieben werden als fremde Personen.
12. Nicht ta t relevantes The m a – Gespräche
Wurde etwa s gesprochen?
Was wurde g esprochen?
Erklärung zu Karte 12:
• Bei der Frage nach Gesprächen ergeben sich neben bloßen Inhalten auch Hinweise zu Sprache, Dialekt und der Art und Weise, wie gesprochen wurde (z.B. Schreien, Flüstern etc.).
• Wir erleben alles durch unsere fünf Sinne:
wir sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen. Wir speichern Informationen so wie wir sie wahrgenommen haben: Wir können gedanklich Bilder sehen, durch das Gehörte, Gerüche oder an Geschmack wieder erinnern und Gefühle wiedererleben.
• Oft werden Aussagen in wörtlicher Rede
wiedergegeben. Das sollte
Vernehmungsniederschrift auch
13. Vernehmung zum Tatgeschehen – Freier Bericht
Sie haben jetzt die Art der Fragestellungen
kennengelernt und Sie machen das sehr gut .
Lassen Sie uns jetzt über das Geschehen in der Bar
am …. (Tatgeschehen) reden .
Erklärung zu Karte 13:
• Nach Abschluss der Befragung zum nicht tatrelevanten Thema erfolgt nun die Überleitung zum Tatgeschehen.
• Der Bericht über das Tatgeschehen weist die gleiche Struktur und den gleichen Ablauf auf, wie die Vernehmung zum nicht tatrelevanten Geschehen.
Zwischenmenschliche Aspekte • Die Aussageperson hat den Ablauf der Vernehmung kennen gelernt, dadurch entsteht ein Gefühl der Sicherheit, was sich positiv auf das Ergebnis und ihre Selbstwirksamkeits ‐ erfahrung auswirken kann.
14. Tatgeschehen ‐ Freier Bericht
Erzählen Sie mir bitte, was an diesem Abend
(weiträumig um Tatzeitpunkt herum) passiert ist,
damit ich mir davon ein Bild machen kann.
Versuchen Sie sich in die Situation zu versetzen.
Keine Unterbrechungen! Etwaige Fragen, die sich
während des Berichts ergeben, werden während
des Berichts notiert und erst im Verhör (ab Karte 20)
wird nachgefragt.
Erklärung zu Karte 14:
• Wie oben bereits angeführt, hat der freie Bericht einen sehr hohen Beweiswert. Die Aussageperson hat die Möglichkeit, die Geschehnisse aus ihrer Sicht und ohne Beeinflussung zu erzählen.
• Wird die Aussageperson durch Nachfragen des Vernehmungsbeamten zu früh unterbrochen, so dass sie keine Möglichkeit zum freien Bericht hat, führt dies meist dazu, dass sie in der Folge nur noch auf die konkreten Fragen des Vernehmungsbeamten antwortet. Dadurch können wichtige Informationen verloren gehen.
15. Tatgeschehen ‐ erneute Aufforderung
weggelassen hatten.
Erklärung zu Karte 15:
• Ausreichend Zeit und die erneute Aufforderung, alles zu erzählen, führen in der Regel zu besserer Erinnerung und weiteren Informationen.
• Nachdem die stark präsenten Informationen geschildert wurden, ist es nun wichtig, dass der Fokus auf weitere Informationen gelenkt wird, die aus Sicht der Aussageperson vielleicht zunächst nicht so relevant sind.
• Hat eine Aussageperson schon bei der ersten Aufforderung zum freien Bericht bei Karte 14 umfangreiche Angaben gemacht, könnte eine nochmalige zweite Aufforderung überflüssig erscheinen. Unsere Erfahrungen zeigen allerdings, dass auch in solchen Fällen zusätzliche Erinnerungen generiert werden können.
16. Tatgeschehen – Reihenfolge umkehren
Lassen Sie die Situation xy (Tatgeschehen) noch
einmal vor Ihrem inneren Auge ablaufen. Schildern
Sie mir bitte die Situation in umgekehrter
Also alles vom Ende des Vorfalls (z.B. als die Polizei
kam) bis zum Anfang .
Erklärung zu Karte 16:
• Das Abrufen der gespeicherten Informationen in umgekehrter Reihenfolge erfordert bei der Aussageperson eine hohe Konzentration. Häufig können durch diese Technik weitere Informationen erlangt werden.
• Manche Aussagepersonen sind nicht in der Lage einen Sachverhalt in umgekehrter Reihenfolge zu erzählen, in diesem Fall sollte die Karte 16 übersprungen werden.
17. Tatgesc h ehen – Ort
Erklärung zu Karte 17:
• Nach dem freien Bericht beginnt hier nun die strukturierte Befragung, da der Fokus zunächst auf die Örtlichkeit, dann auf die Personen und am Ende auf die Gespräche gelenkt wird.
• Es werden einzelne Sinneskanäle gesondert thematisiert, wie z.B. die Umgebung, Gespräche oder beteiligte Personen. Für jeden dieser Schritte haben wir eine Karteikarte erstellt, die zur schnelleren Orientierung mit einfachen Grafiken unterlegt ist. Besonderer Wert wurde auf die möglichst suggestionsfreie Formulierung und die universelle Einsatzmöglichkeit gelegt.
• Durch den Fokus auf die Örtlichkeit können unbewusst abgespeicherte Informationen abgerufen werden.
18. Tatgesc h ehen – Person e n
Waren weite re Personen da b ei ?
Wenn die An twort „ ja“ laut e t:
Erklärung zu Karte 18:
• Auch hier ist es wichtig, Details zum Aussehen der Personen, wie beispielsweise Kleidung, Haare, Hautfarbe etc., zu erhalten. Diese Details sollten aber erst am Ende (ab Karte 20) abgefragt werden, sofern sie nicht von der Aussageperson bereits angeführt wurden.
• Im Regelfall können vertraute Personen sehr gut beschrieben werden.
• Auch hier sollte die Aussageperson aufgefordert werden, das bereits Berichtete zu ergänzen.
19. Tatgesc h ehen – Gespräc he
Wurde etwa s gesprochen ?
Erklärung zu Karte 19:
• Hinweise zu Sprache, Dialekt und der Art und Weise, wie gesprochen wurde (z.B. Schreien, Flüstern etc.) sollten erst ab Karte 20 erfragt werden, sofern sie die Aussageperson nicht bereits von sich aus gegeben hat.
20. Verhör – Widersprüche, Lücken in der Aussage
Die Fragen ergeben sich aus der Aussage. Die
während des Berichts notierten Fragen werden jetzt
gestellt. Widersprüche und Lücken innerhalb des
Berichts der Aussageperson sind durch Fragen zu
klären. Woher hat die Aussageperson ihre
Sie haben von einer Bedienung mit dem Namen
Melanie gesprochen. Können Sie mir die genauen
Personalien geben?
Wo im Zimmer standen Sie ?
Sie haben bereits gesagt, dass B Alkohol getrunken
hat. Was hat er genau getrunken?
Erklärung zu Karte 20:
Allgemeine Hinweise zur Karte ‐ Verhör (Karte 20 –
Nachdem die Aussageperson ihren freien Bericht abgegeben hat, ist das Verhör durchzuführen (vgl. § 69 StPO). Die Fragen des Verhörs ergeben sich aus verschiedenen Bereichen.
Zunächst sind alle Ungenauigkeiten innerhalb der Aussage der Aussageperson zu klären und etwaige Widersprüche oder Lücken zu überprüfen. Die Fragen wurden während des Berichts notiert und erst jetzt wird nachgefragt.
Jeder Vernehmer sollte sich bei der Abhandlung der Fragen darüber bewusst sein, dass ein einseitiges Befragungsverhalten, den eigenen Erwartungen über den relevanten Sachverhalt entsprechend, Einfluss auf das Verhalten der Aussageperson haben kann (Erwartungseffekt).
Aussagen können in Richtung der Voreinstellung des Vernehmers abgeändert werden und es kann zu Gedächtnisverfälschungen kommen.
Erwartungseffekte sind nicht zu unterschätzen, sie können zu Irrtümern und sogar falschen Geständnissen führen.
21. Verhör – Alle Fragen klären
Die ergänzenden Fragen ergeben sich aus der im
Raum stehenden Straftat. Wichtig ist, dass alle
objektiven und subjektiven Tatbestandsmerkmale,
die Rechtswidrigkeits‐ und Schuldelemente mit
entsprechenden Tatsachen abgedeckt werden,
damit geprüft werden kann, ob der Sachverhalt
unter eine Strafvorschrift subsumiert werden kann.
Es sind also die Punkte abzufragen, die bisher nicht
von der Aussageperson berichtet wurden, aber für
die rechtliche Beurteilung wichtig sind:
An Beschuldigten:
Wollten Sie das Handy, das Sie an sich genommen
haben, für sich behalten? ….
An Zeugen bei Betrugstatbestand:
Sie haben die … für 250 € gekauft, wie viel war das
Handy wert? Für welchen Preis erhalten Sie es im
Handel? (Schadensberechnung)
Erklärung zu Karte 21:
Alles, was der objektive und subjektive Tatbestand, sowie die Rechtswidrigkeit und Schuldelemente des StGBs erfordern, ist mit entsprechenden Aussagen zu unterlegen (Karte
Hier sind z.B. die Tatbestandsmerkmale einer Straftat herauszuarbeiten.
Ergänzende Fragen ergeben sich aus dem konkreten Sachverhalt.
Wichtig ist es, alle relevanten Bereiche mit entsprechenden Aussagen abzudecken.
Bei den Fragen sollten möglichst Begriffe benutzt werden, die von der Aussageperson im freien Bericht gebraucht wurden.
Um suggestive Frageformen zu vermeiden kann es nützlich sein, alle möglichen Fragen im Voraus schriftlich zu formulieren.
22. Verhör – konfrontierende Fragen
Die konfrontierenden Fragen ergeben sich aus den
Aussagen anderer Personen, vorliegenden
objektiven Fakten und objektiven Gegebenheiten
(z.B. Naturgesetzen).
Die Aussageperson wird damit konfrontiert.
Es dürfen keine falschen Tatsachen behauptet
werden (§ 136a StPO).
Sebastian Sauer sagt: Sie hätten es an dem Abend
auf Streit angelegt. Was sagen Sie dazu?
Die Auswertung der Verletzungsfolgen hat ergeben,
dass der Schlag von hinten geführt wurde, nicht von
vorn, wie Sie angegeben haben. Was sagen Sie
Erklärung zu Karte 22:
• Mit Hilfe von weiteren („konfrontierenden“) Fragen werden etwaige Widersprüche zu Aussagen anderer Personen oder zu objektiven Beweisergebnissen geklärt. Hierbei sind auch Plausibilitätserwägungen heranzuziehen. Die Aussageperson wird mit etwas konfrontiert, daher der Begriff „konfrontierende Fragen“. Wichtig ist hierbei, dass an keiner Stelle falsche Tatsachen behauptet werden dürfen (§ 136a StPO). Ein entsprechender Verweis findet sich auf mehreren Karten. • Im „Verhör“ kann auf verschiedene Vernehmungsmethoden, wie beispielsweise die Festlegemethode, Überzeugungsmethode, Überraschungsmethode (vgl. Bender, Nack & Treuer, 2014, 305ff.) zurückgegriffen werden.
23. Verhör – konfrontierende Fragen
Weitere Fragemöglichkeiten ergeben sich aus
möglichen Untersuchungsmethoden (z.B.
Fingerabdrücke, DNA ‐Spuren). Die Aussageperson
wird darauf hingewiesen, dass hier auch noch
Ergebnisse gewonnen werden könnten und sie wird
mit diesen konfrontiert.
Wir prüfen gerade, ob … Fingerspuren an … sind.
Wenn wir Ihre Fingerabdrücke auf … finden, wie
könnten Sie sich das erklären?
Erklärung zu Karte 23:
Es sollten soweit wie möglich offene Fragen gestellt werden.
Hier sollte deutlich werden, dass die befragende Person alles verstehen möchte, was die Aussageperson erzählt.
24. Abschließende Frage
Die Aussageperson sollte die Möglichkeit haben, zu
ergänzen, was ihr noch wichtig erscheint.
Erklärung zu Karte 24:
• Die Aussageperson sollte nach der Vernehmung alle für sie relevanten Fragen stellen können.
• Wichtig wäre es, sie über den weiteren Verlauf des Ermittlungsverfahrens zu informieren.
• Die Erreichbarkeit für Nachfragen soll gewährleistet werden.
Durch die Analyse der internationalen historischen Entwicklung von Vernehmungsmethoden (Hermanutz & Litzcke, 2012, 117ff.) gelang eine Zusammenführung (u.a. in Deutschland Berresheim & Weber, 2003) von strukturierten Vernehmungsmethoden. Damit wurden verbesserte Vernehmungsprotokolle und bessere Vernehmungsergebnisse erzielt. Um die positiven Effekte für den Vernehmungsablauf und die vereinfachte Anwendung für den Vernehmenden zu erhalten, haben wir die gesamten Fragen zur Vernehmung auf Karten übertragen. Diese Karten haben wir mehrfach im Rahmen von Seminaren und Studien (Hermanutz & Adler, 2013) getestet. Unsere Ergebnisse waren durchweg positiv. Die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten fanden sich mit der Methodik als „Strukturgeber“ zurecht, die Texte wurden rasch verinnerlicht und aus dem Gedächtnis heraus formuliert.
Es zeigte sich, dass die Vernehmungskarten praktikabel sind und die erzielten Aussagen mit Hilfe der Aussageanalyse als glaubhaft oder nicht glaubhaft eingeschätzt werden können. Demgegenüber haben wir eine Vergleichsgruppe von Polizeibeamten die Vernehmung so
durchführen lassen, wie sie es bisher in der Praxis getan haben. Die gewonnenen Aussagen waren für eine Glaubhaftigkeitseinschätzung oft nicht brauchbar; die Trefferquote zwischen wahren und unwahren Aussagen zu unterscheiden lag im Zufallsbereich (Hermanutz, Adler & Schröder, 2011).
Bedenken wie „zu großer Zeitaufwand“, „Einschränkung der Spontanität“ werden durch die praktische Anwendung weitgehend entkräftet (Hermanutz & Adler, 2012). Alle Ergebnisse sprechen für die Anwendung dieser strukturierten Methode mit Karten. Sie liefert bessere Ergebnisse als jene Methoden, die bisher in der Praxis Anwendung fanden. Etwaige Nachteile konnten wir nicht feststellen.
Hinsichtlich der Dokumentation der Vernehmung empfehlen wir die Aufnahme auf Tonträger oder Video mit anschließender Verschriftung.
Zu Beginn einer Vernehmung muss der Vernehmende zunächst einen Eindruck von der Aussagefähigkeit der Aussageperson erhalten. In dieser Phase ist zunächst eine „Beziehung “ zur Aussageperson aufzubauen. Die Aussageperson soll sich an die Vernehmungssituation gewöhnen und evtl. Nervosität abbauen. Das gelingt nicht unter
Zeitdruck. Am besten funktioniert dies bei für die Aussageperson neutralen, oder gar positiv besetzten wahren Themen. Es können kurze aktuelle Ereignisse und Erlebnisse der Aussageperson aus Sport, Musik, Film oder Tagesgeschehen sein.
Wichtig ist, dass sich der Vernehmende auf die Aussageperson einstellt, nicht umgekehrt. Die Aussageperson muss erkennen, dass man Interesse an ihr hat und von ihr möglichst viel wissen möchte (alle Erinnerungen berichten). Sie braucht Raum, um sich artikulieren zu können. Unsere Probanden haben sich durch die Befragung zum nicht tatrelevanten Thema an die Methode der Befragung gewöhnt. Sie wussten, was auf sie zukommt. Also beispielsweise auch, dass sie Teile in umgekehrter Reihenfolge berichten sollten. Diese Gewöhnungs‐ und Übungsphase ist wichtig, da Aussagepersonen anfangs eine bestimmte Erwartung an eine Vernehmung haben und eher kurz antworteten. Dies trifft sowohl auf die im Rahmen unserer Studien durchgeführten Vernehmungen, also auch auf reale Vernehmungen zu (Hermanutz & Adler,
Dieser ersten Phase der Vernehmung kommt eine entscheidende Bedeutung für den weiteren Verlauf der Vernehmung zu, da die Aussageperson dadurch gelernt hat, wie sie berichten soll.
Teilweise bestehen Bedenken, dass sich die Aussageperson eventuell nicht ernstgenommen fühlt oder keine Aussage machen will. Bei aussagewilligen Personen kann dem durch eine Erläuterung der Methode begegnet werden. Wird ein kooperatives Verhalten verweigert, versucht man direkt zum tatrelevanten Teil (ab Karte 13) zu befragen.
Wahrheitsfindung durch die Möglichkeit eines intraindividuellen Vergleichs von zwei Aussagen.
Es konnte gezeigt werden, dass die Aufdeckung von Wahrheit und Lüge mithilfe eines intraindividuellen Vergleichs von nicht tatrelevanten (wahren) und tatrelevanten Aussagen effektiver gelingt. Wenn ein Vergleich eines tatrelevanten Berichts mit einer Baseline erfolgt, ist das Urteil besser. Dies geht aus der Metaanalyse von Bond und DePaulo (2006) und unserer Studie (Hermanutz, Adler & Ruppin, 2009) hervor.
Ziel sollte es sein, die Vernehmungskarten auch bei nicht deutschsprechenden Personen zu verwenden. Hierfür benötigen Sie Übersetzungen der Vernehmungskarten, die Sie bei den Autoren
anfordern können. Eine Übersetzung der Karten in die türkische und russische Sprache liegt vor. Übersetzungen in andere Sprachen werden folgen.
Der Vorteil bei einer Vernehmung mit übersetzten Karten ist, dass der Dolmetscher die Fragen schriftlich vor sich hat. Der Vernehmer hat die Karten auf Deutsch und liest diese vor, der Dolmetscher hat die Karten in der entsprechenden Fremdsprache und stellt der Aussageperson die bereits korrekt übersetzte Frage. Anschließend übersetzt er die Antwort. Er kann sich dann besser auf die Übersetzung der Antworten konzentrieren. Der Vernehmer bestimmt dann die nächste Frage. Auch der Vernehmungsbeamte weiß immer genau, welcher Teil gerade gefragt bzw. übersetzt wird.
Die strukturierte Vernehmung mit Vernehmungs‐ karten eignet sich bei kooperativen Aussagepersonen sowohl für Zeugen ‐, als auch für Beschuldigtenvernehmungen.
Bei nicht kooperativen oder eindeutig lügenden Aussagepersonen hingegen sind im Einzelfall andere Vernehmungsmethoden vorzuziehen (z.B. Überzeugungsmethode, Überraschungsmethode).
Bei traumatisierten Opfern oder geistig Behinderten und psychisch kranken Menschen sind deren
besondere Bedürfnisse und Eigenheiten zu berücksichtigen. Für die Befragung von Kindern liegt von Hermanutz, Hahn und Jordan (2015) ein Leitfaden zur strukturierten Anhörung von Kindern im forensischen Kontext vor. http://serwiss.bib.hs ‐
hannover.de/frontdoor/index/index/docId/589
Ein großer Vorteil des Leitfadens ist es, dass er als Strukturgeber fungiert. Damit hat jeder Befrager die Möglichkeit, seinen persönlichen Stil selbst zu entfalten. Die Beispielformulierungen sind Vorschläge, die an den jeweiligen Einzelfall angepasst werden können. Alle Probleme bei Vernehmungen von Zeugen und Beschuldigten sind damit nicht aus der Welt zu schaffen. Weitere Forschungsanstrengungen sind notwendig, um die Anwendbarkeit in der Praxis zu optimieren.
Uns ist bewusst, dass wir nur die notwendigsten theoretischen Aspekte, die im Zusammenhang mit Vernehmungen stehen, angesprochen haben. Dem interessierten Leser empfehlen wir ein vertiefendes Literaturstudium bespielsweise bei Hermanutz, Litzcke, Kroll & Adler (2011) oder Hermanutz und Litzcke (2012). Dort finden Sie Ausführungen zu Rechtsfragen, Erinnerungshilfen, zur Protokollierung von Aussagen, zur Einschätzung der Glaubhaftigkeit, zur Gestaltung der Befragungsatmosphäre, zu
weiteren theoretischen und praktischen Aspekten und darüberhinaus mehr als 300 Quellenangaben zum Thema.
Wenn Sie Anregungen haben oder uns ein Feedback geben möchten, wenden Sie sich gerne jederzeit an uns!
Adler, F. & Hermanutz, M. (2010). Strukturiert vernehmen mit Vernehmungskarten. Kriminalistik , 64, 8 – 9, 499 – 511.
Adler, F., & Hermanutz, M. (2013a). Strukturiert vernehmen mit Vernehmungskarten. Kriminalistik , 5, 298 – 306.
Adler, F. & Hermanutz, M. (2013b). Vernehmen lehren und lernen. Stuttgart: Boorberg.
Bender, R., Nack, A. & Treuer, W. (2014). Tatsachenfeststellung vor Gericht . Auflage 4. München: C.H. Beck.
Berresheim, A. & Weber, A. (2003). Die strukturierte Zeugenvernehmung und ihre Wirksamkeit. Kriminalistik, 57(12), 757 ‐770 .
Bond, C.F., & DePaulo B.M. (2006). Accuracy of deception judgments. Personality and Social Psychology Review, 10, 214 ‐ 234.
Geiselman, R.E., Fisher, R.P., Mac Kinnon, D.P. & Holland, H.L. (1985). Enhancement of eyewitness
memory with the cognitive interview. American Journal of Psychology, 99, 385‐401.
Hermanutz, M., Adler, F., & Ruppin, U. (2009). Unterscheidung von »Wahrheit« und »Lüge« durch Berücksichtigung einer Baseline in Vernehmungen. Polizei & Wissenschaft, 1, 37‐ 57.
Hermanutz, M. & Adler, F. (2011). Wahrheitssuche ‐ strukturierte Vernehmung und merkmalsorientierte Aussageanalyse . Polizei & Wissenschaft , 1, 2 – 13.
Hermanutz, M., Litzcke, S.M., Kroll, O., & Adler, F. (2011). Polizeiliche Vernehmung und Glaubhaftigkeit. Trainingsleitfaden. Auflage 3. Stuttgart: Boorberg.
Hermanutz, M., Adler, F., & Schröder, J. (2011). Forschungs‐ und Anwendungsbereiche von Vernehmungsstrategien und Aussageanalyse in der polizeilichen Ermittlung. Kriminalistik, 65, 1, 43 ‐ 47.
Hermanutz, M. & Litzcke, S. (2012). Vernehmung und Glaubhaftigkeit – Grundbegriffe. In M. Hermanutz & S. Litzcke (Hrsg.), Vernehmung in Theorie und Praxis. Wahrheit – Irrtum – Lüge. Stuttgart: Boorberg.
Hermanutz, M., & Adler, F. (2012). Fragen und Antworten zur strukturierten Vernehmung mit Vernehmungskarten. Kriminalistik, 6, 363 ‐367.
Hermanutz, M., Hahn, J. & Jordan, L. (2015). Leitfaden zur strukturierten Anhörung von Kindern
im forensischen Kontext. http://serwiss.bib.hs ‐
Artkämper, H. & Schilling, K. (2014). Vernehmungen:
Taktik, Psychologie (3. Aufl.). Hilden: Verlag dt. Polizeiliteratur.
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Habschick, K. (2012). Erfolgreich Vernehmen. Heidelberg: Kriminalistik‐Verlag.
Hermanutz, Max; Prof. Dr. rer. soc.; Diplom Psychologe, Hochschule für Polizei Baden‐ Württemberg. E ‐Mail: MaxHermanutz@hfpol ‐bw.de
Schröder, Jochen; Kriminaldirektor, Kriminalwissen ‐ schaftliche Fakultät, Hochschule für Polizei Baden‐ Württemberg.
E ‐Mail: JochenSchroeder@hfpol ‐bw.de
Strukturierte Vernehmung von Beschuldigten und Zeugen im strafrechtlichen Ermittlungsverfahren
3. Auflage – Stand: 15. Juni 2015
Adler, Hermanutz, Schröder– Vernehmungskarten
Belehrungen und Fragen müssen Sie an Ihren konkreten Sachverhalt anpassen.
Die Karten umfassen n i c h t alle rechtlichen Konstellationen, Beteiligungspflichten und entsprechenden
Belehrungen. Für spezielle Konstellationen, die in Ihrem Bereich immer wiederkehren, können Sie sich selbst
Karten erstellen (siehe Karten 26/27). Um die Lesbarkeit zu erhalten, wird in den Karten häufig die
männliche Form verwendet, diese umfasst immer die weibliche mit und ist geschlechtsneutral zu verstehen.
Rechtliche Rahmenbedingungen Ihrer Vernehmung müssen Sie vorab genau prüfen und einhalten.
Adler, Hermanutz, Schröder ‐ Vernehmungskarten ‐ 2015
Vernehmung strukturieren – Übersicht
Strukturieren – Planen
Eigene mentale Vorbereitung, Eigensicherung, Einstellen auf Aussageperson, ggf. Selbstkontrolle Aufbereitung der bisherigen Erkenntnisse Planung der Vernehmungsstruktur
Dokumentation der Vernehmung planen
Erhebung der Personalien
Gesprächseröffnung – Kontakt herstellen Neutrales, nicht tatrelevantes Thema
6 ‐12
Mehrfach zu freiem Bericht motivieren
Befragungstechniken beim Verhör beachten
Widersprüche und Lücken in Aussage klären
Alle Fragen klären
Konfrontation mit anderen Beweismitteln
Abschließende offene Frage
13 ‐19
20 ‐23
Entlassen der Aussageperson
Karten für eigene Notizen
Zusatzinformationen, Literaturhinweise
26 ‐27
Bei Beschuldigten zusätzlich Vernehmung zur Person.
Bevor ich Sie jetzt weiter befrage, belehre ich Sie als ……………… (Zeuge oder Beschuldigter)
Belehrung – Zeuge
Herr Z, Sie sind uns als Zeuge des Vorfalls … am … um …in … genannt worden. Als Zeuge haben Sie die Pflicht, die Wahrheit zu sagen. Andernfalls können Sie sich strafbar machen, z.B. wenn Sie jemanden zu Unrecht belasten, absichtlich die Bestrafung eines Straftäters vereiteln, einem Straftäter Hilfe leisten, um ihm die Vorteile der Tat zu sichern oder eine Straftat vortäuschen.
Insbesondere folgende Normen sind zu beachten: §§ 52, 55, 57,58a, 68, 69, 81c, 163 (3), 406h StPO,
Opferentschädigungsgesetz, sowie die (einschlägigen) Richtlinien für das Straf‐ und Bußgeld‐ Verfahren
(RiStBV).