Source: https://steigerlegal.ch/2019/05/23/protonmail-echtzeit-ueberwachung/
Timestamp: 2019-08-20 11:43:10
Document Index: 373587089

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 26', 'Art. 27', 'Art. 26', 'Art. 22', 'Art. 19', 'Art. 279', 'Art. 279', 'Art. 26', 'Art. 27', 'Art. 174']

ProtonMail bietet freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen | Steiger Legal
ProtonMail bietet freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen
23. Mai 2019 • Rechtsanwalt Martin Steiger
Are you looking for an English translation? An inofficial English translation of this article is available thanks to an anonymous reader: ProtonMail voluntarily offers Assistance for Real-Time Surveillance.
Der E-Mail-Dienst ProtonMail mit Sitz in der Schweiz bietet Hand für Echtzeit-Überwachungen: Freiwillig!
Diese Erkenntnis geht auf Staatsanwalt Stephan Walder zurück, der im Kanton Zürich das Kompetenzzentrum Cybercrime leitet:
Am 10. Mai 2019 hielt Walder an einer Weiterbildungsveranstaltung über die Digitalisierung des Straf- und Strafprozessrechts einen Vortrag über die Möglichkeiten und Grenzen der Strafverfolgung. Beiläufig erwähnte Walder als positives Beispiel, dass ProtonMail freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen bietet. Eigentlich hatte Staatsanwalt Walder vermutet, dafür einen Bundesgerichtsentscheid erwirken zu müssen.
Hinweis: Staatsanwalt Walder hat mich kontaktiert, denn er sei falsch zitiert worden. Dafür habe ich allerdings keinerlei Anhaltspunkte. Mehr dazu im Nachtrag.
ProtonMail wich der Frage, wieso freiwillig Echtzeit-Überwachungen durchgeführt werden, auf Twitter mehrfach aus. ProtonMail betonte stattdessen, die Inhalte der Kommunikation könnten infolge Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nicht überwacht werden.
Werbung von ProtonMail: Vertrauen dank Standort in der Schweiz?
ProtonMail wirbt offensiv mit Datenschutz und Verschlüsselung. Vertrauen soll damit erweckt werden, dass ProtonMail von CERN-Mitarbeitern im Kanton Genf gegründet wurde und den Standort in der Schweiz hat.
ProtonMail behauptet, es seien «alle Benutzerdaten durch das strenge Schweizer Datenschutzgesetz geschützt». ProtonMail behauptet weiter, man sei vom Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF) und der Verordnung über die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (VÜPF) ausgenommen.
Das Bundesgesetz über den Datenschutz (DSG) ist für hängige Strafverfahren und damit für laufende Überwachungsmassnahmen nicht anwendbar (Art. 2 Abs. 2 lit. c DSG). Abgesehen davon ist das heutige Datenschutzrecht in der Schweiz nicht streng, sondern weitgehend ein Papiertiger und hinkt der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union (EU) in fast jeder Hinsicht hinterher. Die laufende DSG-Revision kommt nicht voran.
Das BÜPF gilt ausdrücklich für Anbieterinnen abgeleiteter Kommunikationsdienste (AAKD), das heisst für «Anbieterinnen von Diensten, die sich auf Fernmeldedienste stützen und eine Einweg- oder Mehrwegkommunikation ermöglichen» (Art. 2 lit. c BÜPF). Das BÜPF wurde per 1. März 2018 insbesondere mit dem Ziel revidiert, Internet-Dienste wie beispielsweise E-Mail-Anbieter, Instant Messaging-Dienste und VPN-Anbieter überwachen zu können. Das BÜPF sieht nicht vor, dass Internet-Dienste ausgenommen sind.
BÜPF: Überwachungspflichten für ProtonMail
ProtonMail als Anbieter abgeleiteter Kommunikationsdienste
ProtonMail ist ein Anbieter abgeleiteter Kommunikationsdienste (AAKD). ProtonMail muss deshalb «eine Überwachung betreffend der Daten, welche die überwachte Person unter Verwendung abgeleiteter Kommunikationsdienste übermittelt oder speichert, durch den Dienst oder durch die von diesem beauftragten Personen dulden» und zu diesem Zweck unverzüglich «Zugang zu [seinen] Anlagen gewähren» sowie «die für die Überwachung notwendigen Auskünfte erteilen» (Art. 27. Abs. 1 BÜPF). ProtonMail muss ausserdem die «zur Verfügung stehenden Randdaten des Fernmeldeverkehrs der überwachten Person liefern» (Art. 27 Abs. 2 BÜPF).
ProtonMail ist nicht zur Überwachung in Echtzeit verpflichtet.
ProtonMail muss staatliche Überwachungsmassnahmen dulden und dafür Auskunft erteilen sowie Zugang gewähren. Metadaten beziehungsweise Randdaten, die vorhanden sind, müssen geliefert werden. Hingegen ist ProtonMail als Anbieter abgeleiteter Kommunikationsdienste erst einmal nicht zur Überwachung in Echtzeit verpflichtet. Diese Pflicht sieht Art. 26 Abs. 4 BÜPF grundsätzlich nur für Anbieterinnen von Fernmeldediensten wie beispielsweise Swisscom oder UPC vor.
Anbieterinnen abgeleiteter Kommunikationsdienste, die «Dienstleistungen von grosser wirtschaftlicher Bedeutung oder für eine grosse Benutzerschaft anbieten,» können allerdings ganz oder teilweise den Überwachungspflichten für Anbieterinnen von Fernmeldediensten unterstellt werden (Art. 27 Abs. 3 BÜPF). Der zuständige Dienst Überwachung Post- und Fernmeldeverkehr (Dienst ÜPF) verfügt solche weitergehenden Überwachungspflichten insbesondere, wenn in den letzten 12 Monaten Überwachungsaufträge zu 10 verschiedenen Zielen gezählt wurden.
Momentan gibt es keine Anhaltspunkte, dass ProtonMail ein Anbieter abgeleiteter Kommunikationsdienste mit erweiterten Überwachungspflichten ist. ProtonMail müsste nicht freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen bieten.
ProtonMail als Anbieter von Fernmeldediensten?
ProtonMail argumentiert, man sei gar kein Anbieter abgeleiteter Kommunikationsdienste, sondern ein Fernmeldedienstanbieter (FDA) und zwar mit reduzierten Überwachungspflichten (Art. 26 Abs. 6 BÜPF). Fernmeldedienstanbieter können beim Dienst ÜPF um reduzierte Überwachungspflichten ersuchen, wenn ihr Jahresumsatz in der Schweiz weniger als 100 Millionen Franken beträgt und in den letzten 12 Monaten weniger als 10 Überwachungsaufträge zu verschiedenen Zielen gezählt wurden.
«Die vom Dienst ÜPF vorgenommene Uminterpretation des Begriffs der Fernmeldedienste im BÜPF &lbrack;…&rbrack; ist &lbrack;…&rbrack; offensichtlich rechtswidrig.»
Gemäss Botschaft zum BÜPF ist klar, dass reine E-Mail-Anbieter als AAKD gelten. Der Dienst ÜPF vertritt allerdings eine Neuinterpretation der Definition von «Fernmeldedienstanbieter», wie sein Merkblatt «Abgrenzung zwischen Fernmeldedienstanbieterinnen und Anbieterinnen abgeleiteter Kommunikationsdienste» zeigt.
Der Dienst ÜPF behauptet in diesem Merkblatt, E-Mail sei ein Over-the-Top (OTT)-Dienst, der von Fernmeldedienstanbietern erbracht werde. Simon Schlauri, Anwaltskollege und Professor an der Universität Zürich, findet dafür deutliche Worte (mit Hervorhebung):
«Diese Neuinterpretation widerspricht deutlich den […] Absichten des Gesetzgebers beim Erlass des neuen BÜPF. […] OTT-Dienste dem Regime für normale Fernmeldedienste zu unterstellen, hiesse, die klare Kompetenzordnung des BÜPF bereits mit dem Inkrafttreten des Gesetzes bereits wieder über den Haufen zu werfen.
Eine derartige Neuinterpretation von Begriffen widerspräche zudem der jahrzehntealten Bundesgerichtspraxis, der historischen Auslegung zumindest in der ersten Zeit nach dem Inkrafttreten erhebliches Gewicht zu verleihen. […] Die vom Dienst ÜPF vorgenommene Uminterpretation des Begriffs der Fernmeldedienste im BÜPF und die damit einhergehende eigenmächtige Ausweitung der Pflichten von Anbieterinnen von OTT-Diensten ist damit offensichtlich rechtswidrig.»
Der Bundesrat unterstützt die Neuinterpretation durch den Dienst ÜPF, wie sich seiner Stellungnahme auf die Interpellation 19.3267 von Nationalrat Beat Flach wenig überraschend entnehmen lässt. Die Stellungnahme liest sich, als hätte sie der Dienst ÜPF selbst verfasst. ProtonMail wird in der Interpellation nicht ausdrücklich erwähnt.
Auch als Fernmeldedienstanbieter mit reduzierten Überwachungspflichten müsste ProtonMail nicht freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen bieten. Gleichzeitig müssen Fernmeldedienstanbieter ohne reduzierte Überwachungspflichten aber ihre Nutzer identifizieren (Identifikationspflicht, Art. 22 Abs. 2 BÜPF i.V.m. Art. 19 Abs. 1 VÜPF). Ausserdem bestünde jederzeit die Gefahr, dass ProtonMail zu einem Fernmeldedienstanbieter mit allen Überwachungspflichten einschliesslich Vorratsdatenspeicherung hochgestuft wird.
Echtzeit-Überwachungen: Transparenz bei ProtonMail
ProtonMail behauptet fälschlicherweise, vom BÜPF ausgenommen zu sein, wirbt zu Unrecht mit dem «strengen Schweizer Datenschutzgesetz» und verharmlost den Überwachungsstaat in der Schweiz. ProtonMail gehört aber zu den wenigen Internet-Unternehmen in der Schweiz mit einem Transparenzbericht.
ProtonMail verharmlost den Überwachungsstaat in der Schweiz.
In diesem Transparenzbericht erwähnt ProtonMail ausdrücklich die Möglichkeit von Echtzeit-Überwachungen («ProtonMail may also be obligated to monitor the IP addresses which are being used to access the ProtonMail accounts which are engaged in criminal activities»). Ausserdem erwähnt ProtonMail einen aktuellen Fall von Echtzeit-Überwachung:
«In April 2019, at the request of the Swiss judiciary in a case of clear criminal conduct, we enabled IP logging against a specific user account which is engaged in illegal activities which contravene Swiss law. Pursuant to Swiss law, the user in question will also be notified and afforded the opportunity to defend against this in court before the data can be used in criminal proceedings.»
Wenn ProtonMail dabei von einem «case of clear criminal conduct» und von «illegal activities which contravene Swiss law» schreibt, wird die Unschuldsvermutung gegenüber den überwachten beschuldigten Personen verletzt.
Solche Personen werden selbstverständlich nicht von ProtonMail über laufende Echtzeit-Überwachungsmassnahmen informiert. Sie erhalten erst nachträglich eine Mitteilung der zuständigen Staatsanwaltschaft (Art. 279 Abs. 1 StPO), sofern keine Ausnahme greift (Art. 279 Abs. 2 StPO).
Metadaten: Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen?
ProtonMail behauptet, die Inhalte von E-Mails seien durch Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt. Gleichzeitig bestätigt ProtonMail, dass Metadaten beziehungsweise Randdaten geliefert werden («Metadata can always be handed over in a criminal investigation»).
«We kill people based on metadata.»
Michael Hayden, NSA
Man mag ProtonMail glauben, dass Inhalte von E-Mails zum heutigen Zeitpunkt nicht überwacht werden können. Hingegen bietet ProtonMail freiwillig Hand für die Echtzeit-Überwachung von Metadaten wie IP-Adressen. Solche Metadaten sind auch der Absender und Empfänger sowie der Betreff von einzelnen E-Mails. Weitere Metadaten sind das Datum und die Zeit sowie die Länge von E-Mails. Es kann überwacht werden, wer wann wem mit welchem Betreff und in welchem Umgang eine E-Mail gesendet hat.
Wer ProtonMail glaubt und sich damit tröstet, die E-Mail-Inhalte seien verschlüsselt, unterschätzt die Aussagekraft von Metadaten. Um es mit Worten der amerikanischen National Security Agency (NSA) zu sagen:
«Metadata absolutely tells you everything about somebody’s life. If you have enough metadata, you don’t really need content. […] We kill people based on metadata.»
Die Bedeutung von Metadaten zeigten die Enthüllungen von Whistleblower Edward Snowden, wie der Journalist Glen Greenwald in seinem Buch über die globale Überwachung schrieb:
«[…] Wie in Europa sollen die US-amerikanischen Bürger_innen beruhigt werden mit der Aussage, das Sammeln von Metadaten stelle ‹keine Überwachung dar›, da ‹keine Inhalte der Kommunikation erfasst werden› […]. Für Greenwald ist diese Aussage ‹unredlich› […]. Denn: ‹Sie verschleiert die Tatsache, dass gerade die Überwachung von Metadaten mindestens einen genauso starken – und oft sogar stärkeren – Eingriff in die Privatsphäre darstellt wie das Abfangen von Inhalten› […]. Damit sei die Regierung in der Lage, von den Bürger_innen ein verblüffend umfassendes Bild der Lebensweise, ihrer Verbindungen und Kontakte, ihrer Aktivitäten samt einiger der intimsten und privatesten Informationen zu erstellen.»
«What Is Metadata and Why You Should Care»
Überwachungsstaat Schweiz: Wieviel Vertrauen verdient ProtonMail?
Glaubt man der Werbung von ProtonMail, ist der E-Mail-Dienst nicht vom Überwachungsstaat in der Schweiz betroffen und profitiert vom «strengen Schweizer Datenschutzgesetz».
ProtonMail hat den Sitz in der Schweiz und damit in einem Überwachungsstaat, der Schritt für Schritt ausgebaut wird.
ProtonMail erweckt gezielt den Eindruck, ein geeignetes Angebot für Nutzer zu sein, die einen vertrauenswürdigen E-Mail-Dienst mit Datenschutz und Verschlüsselung suchen. Sogar das Cliché mit dem Datenbunker in den Alpen lässt ProtonMail nicht aus («ProtonMail befindet sich in einer ehemaligen militärischen Kommandozentrale tief in den Schweizer Alpen.») und selbstverständlich wird die Neutralität der Schweiz erwähnt.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. ProtonMail hat den Sitz in der Schweiz und damit in einem Überwachungsstaat, der Schritt für Schritt ausgebaut wird:
Das revidierte Bundesgesetz betreffend die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (BÜPF) richtet sich insbesondere gegen Internet-Dienste wie ProtonMail.
Mit dem neuen Nachrichtendienstgesetz (NDG) unterliegt die Nutzung von ProtonMail der anlasslosen und verdachtsunabhängigen Massenüberwachung mittels Kabelaufklärung und vielen anderen Überwachungsmassnahmen.
Das Datenschutzrecht in der Schweiz ist ein Papiertiger oder bei Überwachungsmassnahmen von Geheimdiensten, Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften gar nicht anwendbar.
Überwachungsmassnahmen in der Schweiz werden durch die Geheimjustiz der Zwangsmassnahmengerichte (ZMG) genehmigt und es gibt keine wirksame Aufsicht über die Sicherheitsbehörden.
ProtonMail unterliegt – soweit ersichtlich – noch nicht den erweiterten Überwachungspflichten gemäss BÜPF. Dennoch bietet ProtonMail freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen gemäss Art. 26 Abs. 4 BÜPF.
Inhalte sind von den Echtzeit-Überwachungen allenfalls nicht betroffen, aber Metadaten sind genauso aussagekräftig oder sogar aussagekräftiger. Und wer garantiert, dass ProtonMail nicht früher oder später dafür sorgt, dass Inhalte überwacht werden können, zum Beispiel beim Verschlüsseln für die «Zero-Access Encryption», wo ProtonMail alle E-Mails erst einmal im Klartext erhält?
Jeder Nutzer von ProtonMail (oder ProtonVPN) muss selbst entscheiden, ob der Dienst vertrauenswürdig ist. Die Differenz zwischen Werbung und Wirklichkeit spricht zumindest gegen einen Vertrauensvorschuss für ProtonMail.
Bild: Pixabay / stevepb, Public Domain-ähnlich.
Staatsanwalt Walder vom Kompetenzzentrum Cybercrime hat mich kontaktiert, denn er sei falsch zitiert worden. Er habe an der erwähnten Veranstaltung nicht gesagt, ProtonMail gäbe freiwillig Echtzeitdaten heraus. Er habe ProtonMail lediglich als potenziellen Anbieter von abgeleiteten Kommunikationsdiensten (AAKD) bezeichnet.
Ich hatte die erwähnte Veranstaltung live vertwittert, auch den lehrreichen Vortrag von Staatsanwalt Walder. Die Aussage, ProtonMail sei ein (potenzieller) AAKD, wäre zu banal gewesen, um erwähnt zu werden. Der Hinweis hingegen, ProtonMail biete freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen, war spektakulär und wurde von mir entsprechend vertwittert. Im Transparenzbericht verweist ProtonMail wie erwähnt selbst auf mindestens eine Echtzeit-Überwachung.
ProtonMail hat – am heutigen 29. Mai 2019 am Abend – auf meinen Artikel mit einem Blogbeitrag unter dem Titel «Response to false statements on surveillance made by Martin Steiger» reagiert. (Eigentlich stammt mein Artikel vom 23. Mai 2019 und nicht on «earlier today», wie ProtonMail schreibt.)
ProtonMail behauptet, mein Artikel sei «factually incorrect» und betont in erster Linie, es sei nicht zutreffend, dass man freiwillig Hand für Echtzeit-Überwachungen bietet. Auf die vielen weiteren Punkte in meinem Beitrag geht ProtonMail nicht im Einzelnen ein.
Ich habe keinen Anlass zu glauben, dass mein Äusserungen nicht zutreffend sind. ProtonMail zielt auf den Überbringer schlechter Nachrichten anstatt Transparenz über die traurige Realität im schweizerischen Überwachungsstaat zu schaffen.
ProtonMail verweist im Wesentlichen auf meinen Nachtrag, wo ich darauf hinweise, dass mich der betreffende Staatsanwalt kontaktierte, denn er sei falsch zitiert worden. Leider «vergisst» ProtonMail, meinen Nachtrag vollständig zu zitieren und zeigt einen unvollständigen Screenshot. ProtonMail zitiert nur den Teil mit der Behauptung des Staatsanwaltes, nicht aber meine Antwort darauf. Auch behauptet ProtonMail, der Nachtrag sei «hidden at the bottom of Mr. Steiger’s article», obwohl gleich am Anfang im Artikel auf den Nachtrag verwiesen wird.
In einer direkten E-Mail an mich hat die Rechtsabteilung von ProtonMail inzwischen bestätigt, dass man glaubt, Echtzeit-Überwachungen durchführen zu müssen. Der Chefjurist von ProtonMail argumentiert nun plötzlich, ProtonMail sei doch ein Anbieter abgeleiteter Kommunikationsdienste und die Duldung von Überwachung durch den Dienst ÜPF gemäss Art. 27 Abs. 1 BÜPF sei eine Verpflichtung für Echtzeit-Überwachungen. Im Übrigen droht ProtonMail mit rechtlichen Schritten wegen Verleumdung gemäss Art. 174 des Strafgesetzbuches (StGB).
Das BÜPF sieht – wie oben erwähnt – weder für Anbieterinnen abgeleiteter Kommunikationsdienste ohne erweiterte Überwachungspflichten noch für Fernmeldedienstanbieterinnen mit reduzierten Überwachungspflichten eine Pflicht zur Echtzeit-Überwachung vor. ProtonMail behauptete bislang – wie ebenfalls oben erwähnt – ein Fernmeldedienstanbieter mit reduzierten Überwachungspflichten zu sein. In beiden Fällen wäre ProtonMail nicht verpflichtet, Hand für Echtzeit-Überwachungen zu bieten, das heisst ProtonMail führt solche Echtzeit-Überwachungen freiwillig durch.
ProtonMail argumentiert einmal mehr uneinheitlich und widersprüchlich. Es gilt weiterhin: Jeder Nutzer von ProtonMail (oder ProtonVPN) muss selbst entscheiden, ob der Dienst vertrauenswürdig ist.
Danke für diesen sehr interessanten und gut verständlich geschriebenen Beitrag.
@Boris Lewandowski:
23. Mai 2019 um 16:02 Uhr
Jetzt noch auf englisch und das Ding wäre Morgen auf Reddit und Hacker News zu Oberst ;)
Man kann nicht alles liefern. Wer mag, darf den Text gerne auf Englisch übersetzen …
Interessanter Beitrag, auch als Laie gut verständlich. Merci vielmals!
29. Mai 2019 um 14:50 Uhr
Inzwischen gibt es eine inoffizielle englische Übersetzung:
https://steigerlegal.ch/2019/0.....veillance/
23. Mai 2019 um 20:56 Uhr
Was sind sichere Alternativen zu Protonmail? Hushmail aus Kanada? Oder Unseen aus Island?
24. Mai 2019 um 08:52 Uhr
Leider kann ich keine Empfehlungen für (andere) E-Mail-Anbieter abgeben. Ich empfehle darauf zu achten, dass man keinen E-Mail-Anbieter verwendet, der sachlich falsch («strenges Schweizer Datenschutzgesetz», technisch unsinnig («Military grade encryption») oder zumindest ambivalent kommuniziert («grundsätzlich», «standardmässig» usw.).
Mailbox.org wirkt sehr kompetent.
Sehr interessant und zugleich enttäuschend. Als Alternative zu gmail bin ich dennoch zufrieden mit Protonmail. Ich will gar nicht erst wissen was Google alles speichert.
Wie schätzt Du die Sach- und Rechtslage in Bezug auf Threema und Tresorit ein?
@Michael Seidlitz:
Die Rechtslage ist identisch. Aber Threema und Tresorit kommunizieren nüchtern und erzählen keinen Quatsch, siehe beispielsweise https://threema.ch/de/transparencyreport.
Fragen, die man direkt stellt, werden von Threema und Tresorit nicht ambivalent oder ausweichend beantwortet. Auch gibt es keine Anhaltspunkte, dass diese beiden Anbieter freiwillig zu Echtzeit-Überwachungen Hand bieten. ProtonMail hingegen betont die enge Zusammenarbeit mit den Überwachungsbehörden.
14. Juni 2019 um 09:14 Uhr
vielen Dank für Deine Antwort, die ich leider erst jetzt in meinem Urlaub sehe.
Eduard Keller sagt:
28. Mai 2019 um 03:55 Uhr
Zu Ihrem fundierten und exzellenten Artikel über ProtonMail kann ich Ihnen nur gratulieren. Auch John McAfee ist übrigens Ihrer Meinung (https://i.imgur.com/jSA15Pf.jpg).
Sie haben den Nagel in allen abgehandelten Punkten voll auf den Kopf getroffen. Sehr interessant waren auch die Ausführungen über Staatsanwalt Walder vom „Kompetenzzentrum Cybercrime“ (Präsentation leider nicht auf Website verfügbar).
Mit Ihrem Artikel haben Sie sich wohl kaum neue Freunde geschaffen und sind einigen Leuten zünftig auf die Füsse getreten. Die ProtonMail-„Plebbit“-Community hat sich enorm über den Artikel aufgeregt. Dafür haben Sie mit dem mutigen Artikel Ihrer Glaubwürdigkeit einen kräftigen Auftrieb gegeben.
Schade haben Sie den Artikel nicht gleich in Englisch geschrieben. Eine Uebersetzung mit Google ist ein wenig holprig und nicht so elegant.
Jetzt warten wir noch auf die bereits diskutierte Registrationspflicht für E-Mails sowie das Verbot von Verschlüsselungssoftware oder wenigsten diverser Algorithmen (z.B. Camellia). Wird alles noch kommen.
29. Mai 2019 um 14:54 Uhr
@Eduard Keller:
30. Mai 2019 um 09:42 Uhr
ich hab das der Protonmail schon vor zwei Jahren gesagt, dass sie mit ihrer Schweiz-Werbung viel vorsichtiger sein sollten, dass die revidierten Gesetze viele Unklarheiten und Probleme für Services wie Protonmail bereithalten, in vielen Punkten sogar schlechter sind als EU und USA.
Ich glaube Protonmail ist inzwischen in einer echten Zwickmühle und kommuniziert deshalb nicht mehr ganz offen.
Das mit den „freiwilligen“ Echtzeitdaten ist ziemlich sicher ein Missverständnis. Protonmail hat hier doch auf eine Behördenanfrage reagiert. Aus Sicht von Protonmail war das nicht „freiwillig“. Vielleicht hätten sie das verweigern können/dürfen, aber vielleicht war der Fall so klar, dass sie die Behörden nicht provozieren wollten.
30. Mai 2019 um 19:11 Uhr
Genau, ProtonMail glaubt, Hand für Echtzeit-Überwachungen bieten zu müssen (siehe dazu Nachtrag 2).
ProtonMail hat – aus meiner Sicht seit Jahren – das Problem, dass es eine erhebliche Differenz zwischen einem wesentlichen Teil der Kommunikation und der Realität im schweizerischen Überwachungsstaat gibt. Wer es wissen wollte, konnte das schon lange wissen.
Ich denke das ist im Moment wirklich etwas Interpretationssache. Protonmail ist der *weltweit* grösste Anbieter für verschlüsselte Email, „der Dienst“ oder sonstwer könnte die jederzeit strenger einstufen oder hat das vielleicht auch schon gemacht oder angedroht.
Protonmail schreibt ja auch, dass es derzeit unterschiedliche Interpretationen des Gesetzes gibt zwischen Protonmail, „der Dienst“, Bundesrat, und Dr. Steiger, und Protonmail kämpft ja zur Zeit vor Gericht für eine eindeutige Definition.
Das Gesetz ist ein Elend, zusammengeschustert von politischen Dilettanten und Lobbyisten des Überwachungsstaates.
Ich denke in diesem speziellen, etwas unklaren Punkt darf man Protonmail im Moment nicht zu hart kritisieren. Ich erkenne bei denen auch keine täuschenden Absichten etc. Aber das grundsätzliche Problem von Protonmail bleibt, und es wird sicher nicht besser.
Protonmail will einfach kein Anbieter für Darknet-Waffenschieber etc. sein, sonst wäre der Laden in einem Jahr dicht.
Die Macher von Protonmail sind relativ jung und international, sie kennen die dunkle Geschichte des proto-totalitären P26-BuPo-Cincera-Fichenstaates Schweiz nicht wirklich.
ProtonMail bleibt in der Kommunikation leider immer im Allgemeinen. ProtonMail unterlässt es, sich auf Gesetzesbestimmungen und Verfahren zu beziehen. ProtonMail schafft es nicht einmal, einfachste Fragen zu beantworten:
https://twitter.com/martinstei.....7465645062
Exemplarisch für die Kommunikation von ProtonMail ist, dass ich persönlich angegriffen werde anstatt dass ProtonMail meinen Beitrag Punkt für Punkt abhandelt. Dort, wo sich ProtonMail auf meinen Beitrag bezieht, wird irreführend kommuniziert. Und so weiter …
Springare sagt:
1. Juni 2019 um 09:57 Uhr
Wenn man davon ausgeht, dass es so ist, wie Sie schreiben: Gibt es denn ueberhaupt noch irgendwelche *wirklich* sicheren E-Mail-Anbieter (in Bezug auf die Privatsphaere), die es auch erlauben, seine eigene Domain zu hosten?
Posteo macht für mich einen guten Eindruck, allerdings lassen sich dort keine eigenen Domains hosten.
1. Juni 2019 um 17:27 Uhr
@Springare:
Ihre Frage lässt sich nur beantworten, wenn klar ist, was Sie unter «Sicherheit» verstehen. Es gibt nicht die Sicherheit.
Wenn Sie mit «Privatsphäre» den Datenschutz meinen, so ist ein E-Mail-Anbieter in einem Land mit einem griffigen Datenschutzrecht eine gute Wahl. Den «Gold-Standard» setzt heute die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und vermutlich, bissige Aufsichtsbehörden gibt es beispielsweise in Deutschland und Frankreich. Aber Vorsicht, auch diese Staaten sind Überwachungsstaaten …
Dr. Katherine Horton sagt:
Ich kann bestätigen, dass die Wahrung der Privatssphäre bei Protonmail Lug und Betrug sind. Ich arbeite an Staatskriminalität u.a. der Schweiz und mir haben Cyber-Stalker, die auf Einzelpersonen angesetzt werden, um Terrorkampagnen durchzuführen, ganze Passagen aus meiner Privatkorrespondenz zwischen zwei Protonmail Konten zitiert. Dadurch wusste ich sofort, dass es sich bei Protonmail um genau das Gegenteil handelt. Es ist ein Überwachungstool, und nicht nur das, die Daten werden an Staatsterroristen im Geheimdienst und deren riesiges Degenerierten Netzwerk weitergegeben um die saugblödesten Terrorkampagnen durchzuführen und anhand der Privatkorrespondenz Menschen zu erniedrigen.
@Katherine Horton:
Sind Sie sicher, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt? Wieso sind Sie sicher, dass ProtonMail den Zugang auf Ihre erwähnte Privatkorrespondenz ermöglicht hatte?