Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/mehrere-prozesse-arbeitgeber-3112594
Timestamp: 2020-01-26 08:59:53
Document Index: 210095471

Matched Legal Cases: ['§ 48', '§ 55', '§ 114', '§ 91', '§ 55', '§ 48', '§ 55', '§ 91', '§ 48', '§ 55', '§ 59', '§ 114', '§ 4', '§ 61', '§ 114', '§ 11', '§ 55', '§ 56', '§ 56', '§ 55']

Meh­re­re Pro­zes­se gegen den Arbeit­ge­ber – und die Pro­zess­kos­ten­hil­fe | Rechtslupe
Mehrere Prozesse gegen den Arbeitgeber - und die Prozesskostenhilfe
Meh­re­re Pro­zes­se gegen den Arbeit­ge­ber – und die Pro­zess­kos­ten­hil­fe
Bewil­ligt das Gericht einem Arbeit­neh­mer Pro­zess­kos­ten­hil­fe für meh­re­re Rechts­strei­tig­kei­ten (hier: Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und Zah­lungs­kla­ge) gegen sei­nen Arbeit­ge­ber, hat der bei­geord­ne­te Rechts­an­walt das Recht, sein Hono­rar für jeden Rechts­streit nach Maß­ga­be des dort fest­ge­setz­ten Streit­werts geson­dert zu for­dern.
Der Urkunds­be­am­te der Geschäfts­stel­le hat wegen § 48 RVG kei­ne Rechts­macht, im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach § 55 RVG den Ein­wand der nicht not­wen­di­gen Kos­ten­er­he­bung gel­tend zu machen und damit das Hono­rar des Rechts­an­walts auf die Kos­ten zu kür­zen, die bei gemein­sa­mer Rechts­ver­fol­gung in einem Rechts­streit ent­stan­den wären 1.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat mit sei­nen Beschlüs­sen vom 17.02.2011 2; und vom 08.09.2011 3 ent­schie­den, dass Pro­zess­kos­ten­hil­fe wegen Mut­wil­lig­keit im Sin­ne von § 114 ZPO zu ver­sa­gen ist, wenn statt der Erhe­bung einer zwei­ten Kla­ge auch die Erwei­te­rung einer bereits anhän­gi­gen Kla­ge in Betracht gekom­men wäre, da dies wegen der degres­si­ven Aus­ge­stal­tung der Anwalts­ho­no­ra­re in aller Regel kos­ten­güns­ti­ger wäre. Beur­tei­lungs­maß­stab sei inso­weit § 91 ZPO und der dort nie­der­ge­leg­te Grund­satz, dass Kos­ten nur zu erstat­ten sei­en, soweit ihre Ver­an­las­sung zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung not­wen­dig gewe­sen sei. Dem­entspre­chend sei die Erhe­bung einer zwei­ten Kla­ge mut­wil­lig, soweit dafür kein sach­lich trag­fä­hi­ger Anlass vor­lie­ge.
Die­se Recht­spre­chung ist in der Fol­ge­zeit dahin ver­stan­den wor­den, dass dem­nach der Urkunds­be­am­te der Geschäfts­stel­le kei­ne Rechts­macht hat, im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach § 55 RVG den Ein­wand der nicht not­wen­di­gen Kos­ten­er­he­bung gel­tend zu machen und damit das Hono­rar des Rechts­an­walts auf die Kos­ten zu kür­zen, die bei zweck­ent­spre­chen­der Rechts­ver­fol­gung ent­stan­den wären 4. Anknüp­fungs­punkt für die­se Fol­ge­rung ist § 48 Absatz 1 RVG. Nach die­ser Vor­schrift bestimmt sich der Ver­gü­tungs­an­spruch des bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts nach den Beschlüs­sen, durch die die Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt und der Rechts­an­walt bei­geord­net wor­den ist. Dar­aus fol­ge, dass dem Rechts­an­walt für bei­de Rechts­strei­tig­kei­ten das jeweils vol­le Hono­rar zuste­he, sofern der Par­tei ein­schrän­kungs­los für bei­de Rechts­strei­tig­kei­ten Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wor­den sei.
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern schließt sich die­sem Rechts­stand­punkt an. Es liegt in der Ver­ant­wor­tung des Rich­ters, der über den Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trag zu ent­schei­den hat, ob er die­sen wegen Mut­wil­lig­keit bezüg­lich der zwei­ten erho­be­nen Kla­ge ableh­nen muss. Er ist dafür zustän­dig, dar­über zu befin­den, ob es aus­rei­chen­de sach­li­che Grün­de dafür gibt, die ver­schie­de­nen Streit­ge­gen­stän­de in getrenn­ten Rechts­strei­tig­kei­ten vor Gericht zu ver­fol­gen. Gewährt er unein­ge­schränkt Pro­zess­kos­ten­hil­fe für bei­de Rechts­strei­tig­kei­ten, ist der Kos­ten­be­am­te an die­se Grund­ent­schei­dung gebun­den.
Der Urkunds­be­am­te der Geschäfts­stel­le bleibt auch nach die­sem Rechts­stand­punkt berech­tigt und ver­pflich­tet bei der Fest­set­zung der Kos­ten des bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts nach § 55 RVG zu prü­fen, ob die gel­tend gemach­ten Gebüh­ren und Aus­la­gen tat­säch­lich ent­stan­den sind und ob sich die gel­tend gemach­ten Kos­ten noch im Rah­men von § 91 ZPO hal­ten 5. Nach § 48 RVG ist die Prü­fung jedoch beschränkt durch die Vor­ga­ben aus dem Pro­zess­kos­ten­be­wil­li­gungs­be­schluss 6.
Soll­te die getrenn­te Pro­zess­füh­rung wegen der damit ver­bun­de­nen höhe­ren Kos­ten nicht im Inter­es­se der Par­tei gewe­sen sein, kann die­se auf eine Ver­bin­dung der Rechts­strei­tig­kei­ten hin­wir­ken oder sogleich zuvor schon alle Streit­ge­gen­stän­de in einer Kla­ge rechts­hän­gig machen. Man­gelt es an einer dahin­ge­hen­den Bera­tung durch die beauf­trag­te Rechts­an­wäl­tin, kann sich dar­aus gege­be­nen­falls eine Ein­wen­dung gegen den Hono­rar­an­spruch erge­ben. Allein der Umstand, dass der Gesetz­ge­ber der mit Pro­zess­kos­ten­hil­fe aus­ge­stat­te­ten Par­tei bei der Fest­set­zung der Ver­gü­tung ihres Rechts­an­walts nach § 55 f RVG kei­ne Betei­lig­ten­stel­lung ein­ge­räumt hat 7, recht­fer­tigt es aller­dings nicht, dass der Urkunds­be­am­te der Geschäfts­stel­le qua­si für­sorg­lich für die Par­tei selbst denk­ba­re Ein­wen­dun­gen gegen den Ver­gü­tungs­an­spruch gel­tend machen kann. Denn die­se Ein­wen­dun­gen kann die mit Pro­zess­kos­ten­hil­fe aus­ge­stat­te­te Par­tei gegen­über der Staats­kas­se immer noch gel­tend machen, sofern die­se zur Raten­zah­lung her­an­ge­zo­gen wer­den soll­te (§ 59 RVG) 8. Es steht in der Ent­schei­dungs­macht der Par­tei, ob sie die­se Ein­wen­dun­gen gel­tend machen will.
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Meck­len­burg-Vor­pom­mern lässt aus­drück­lich offen, ob dann, wenn eine sol­che Ein­wen­dung von der kla­gen­den Par­tei bei der Raten­fest­set­zung erho­ben wird, von den rich­ter­li­chen Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­schlüs­sen noch eine Bin­dungs­wir­kung aus­ge­hen kann.
Die Beschwer­de ist im vor­lie­gen­den Ein­zel­fall zusätz­lich auch des­halb begrün­det, weil die Ver­fol­gung der Zah­lungs­kla­ge und der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge in zwei getrenn­ten Rechts­strei­tig­kei­ten nicht mut­wil­lig im Sin­ne von § 114 ZPO war.
Dafür spricht zum einen das Inter­es­se der Klä­ge­rin an der zügi­gen Erlan­gung eines Titels in der Zah­lungs­kla­ge, für die bereits ein Güte­ter­min ange­setzt war. Wenn die Klä­ge­rin in die­sem Rechts­streit durch Kla­ge­er­wei­te­rung auch ihr Kün­di­gungs­schutz­be­geh­ren gel­tend gemacht hät­te, hät­te die Gefahr bestan­den, dass der Kam­mer­vor­sit­zen­de im Rah­men des ihm zuste­hen­den Ermes­sens den Güte­ter­min auf­ge­ho­ben und auf einen spä­te­ren Ter­min neu fest­ge­setzt hät­te, um die Güte­ver­hand­lung über alle Streit­ge­gen­stän­de durch­füh­ren zu kön­nen. Dass die­se Sor­ge im vor­lie­gen­den Fal­le nicht berech­tigt war, konn­te die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin nicht mit der not­wen­di­gen Sicher­heit vor­aus­se­hen.
Auch ein Zuwar­ten mit der Erhe­bung der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge bis nach dem Güte­ter­min in der Zah­lungs­kla­ge wäre im vor­lie­gen­den Fall nicht mög­lich gewe­sen, da damit die Kla­ge­frist von drei Wochen aus § 4 LSGchG nicht mehr ein­zu­hal­ten gewe­sen wäre.
Im Übri­gen spricht viel dafür, dass die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on (erst geht die Zah­lungs­kla­ge ein, dann folgt eine Kün­di­gung) in der Bewer­tung gene­rell von dem umge­kehr­ten Fall (erst wird Kün­di­gungs­schutz­kla­ge erho­ben, dann fol­gen Zah­lungs­be­geh­ren) unter­schie­den wer­den muss. Denn wenn bereits eine Kün­di­gung im Raum steht, drängt sich die Fra­ge nach den wei­te­ren Kon­se­quen­zen einer Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses auch bezüg­lich mög­li­cher noch offe­ner wei­te­rer Ansprü­che gera­de­zu auf, so dass es jeden­falls im Regel­fall sach­ge­recht erscheint, alle wei­te­ren Strei­tig­kei­ten durch Kla­ge­er­wei­te­rung im Kün­di­gungs­rechts­streit gel­tend zu machen. Im umge­kehr­ten Fal­le ist ein Inter­es­se der kla­gen­den Par­tei anzu­er­ken­nen, den zunächst allein anhän­gig gemach­ten Zah­lungs­an­spruch unbe­las­tet von wei­te­ren Strei­tig­kei­ten zwi­schen den Par­tei­en schnell einer gericht­li­chen Klä­rung zuzu­füh­ren.
Aber auch dann, wenn der kla­gen­de Arbeit­neh­mer kein Inter­es­se an einem schnel­len Titel mit sei­ner Zah­lungs­kla­ge hat, kann es gewich­ti­ge sach­li­che Grün­de für eine eigen­stän­di­ge Kla­ge­er­he­bung wegen einer Kün­di­gung geben. Denn das Arbeits­ge­richt ist gehal­ten, Bestands­schutz­strei­tig­kei­ten vor­ran­gig zu bear­bei­ten (§§ 61a, 64 Absatz 8 ArbGG). Die geson­der­te Erhe­bung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge wird daher "zumeist ange­bracht erschei­nen" 9.
Die­ser sach­li­che Gesichts­punkt trifft auch vor­lie­gend zu. Denn die gesetz­lich garan­tier­te beschleu­nig­te Bear­bei­tung der Bestands­schutz­strei­tig­keit wäre vor­lie­gend bei gemein­sa­mer Ver­hand­lung mit dem Zah­lungs­be­geh­ren gefähr­det gewe­sen, denn ange­sichts der unge­wöhn­li­chen Fall­kon­stel­la­ti­on mit den diver­sen von der Klä­ge­rin vor­ge­leg­ten schrift­li­chen Zusatz­ver­ein­ba­run­gen mit dem Vor­ar­beit­ge­ber und der dort ver­spro­che­nen unge­wöhn­lich hohen Ent­gelt­er­hö­hung ab Okto­ber 2013, konn­te und muss­te damit gerech­net wer­den, dass zur Ent­schei­dung über die Zah­lungs­kla­ge ohne eine ver­gleichs­wei­se Eini­gung eine Beweis­auf­nah­me erfor­der­lich gewor­den wäre.
Der Rechts­an­wäl­tin steht daher die Ver­gü­tung als bei­geord­ne­te Rechts­an­wäl­tin für bei­de Rechts­strei­tig­kei­ten zu.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Meck­len­burg ‑Vor­pom­mern, Beschluss vom 17. Mai 2016 – 2 Ta 21/​15 und 2 Ta 22/​15 – 2 Ta 21/​15 – 2 Ta 22/​15
Meh­re­re Pro­zes­se gegen den Arbeit­ge­ber – und die… Bewil­ligt das Gericht einem Arbeit­neh­mer Pro­zess­kos­ten­hil­fe für meh­re­re Rechts­strei­tig­kei­ten (hier: Kün­di­gungs­schutz­kla­ge und Zah­lungs­kla­ge) gegen sei­nen Arbeit­ge­ber, hat der bei­geord­ne­te Rechts­an­walt das Recht, sein Hono­rar für…
zutref­fend Ahrendt, juris­PR-ArbR 22/​2011 Anmer­kung 6; Hes­si­sches LAG 15.10.2012 – 13 Ta 3003/​12 sowie 2.11.2011 – 13 Ta 369/​11[↩]
6 AZB 3/​11 – BAGE 137, 145, NJW 2011, 1161, AP Nr. 14 zu § 114 ZPO[↩]
3 AZB 46/​10 – BAGE 139, 138, NJW 2011, 3260, AP Nr. 6 zu § 11a ArbGG 1979[↩]
vgl. ins­be­son­de­re Ahrendt, juris­PR-ArbR 22/​2011 Anmer­kung 6; dem fol­gend Hes­si­sches LAG 15.10.2012 – 13 Ta 3003/​12 sowie 2.11.2011 – 13 Ta 369/​11; anders aller­dings bei­spiels­wei­se OLG Koblenz 17.07.2014 – 7 WF 355/​14 – NJW-RR 2015, 388[↩]
vgl. nur Groß in Bera­tungs­hil­fe /​Prozesskostenhilfe /​Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe 12. Auf­la­ge 2014, § 55 RVG RNr. 17[↩]
Hes­si­sches LAG 21.06.2012 – 13 Ta 59/​12 – juris.de[↩]
LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern 24.11.2011 – 2 Ta 65/​11; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze § 56 RVG RNr. 4; Gerold/​Schmidt, Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz § 56 RVG RNr. 6[↩]
vgl. LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern 20.02.2012 – 5 Ta 37/​11; Gerold/​Schmidt, Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­setz § 55 RVG, RNr. 5[↩]
BAG 8.09.2011 aaO Rz. 18 am Ende; Hes­si­sches LAG 15.10.2012 aaO[↩]
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