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Timestamp: 2020-06-03 12:30:21
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Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', '§ 839', '§ 96', 'BGH', '§ 543', '§ 96', '§ 97', '§ 96', '§ 97', '§ 96', 'BGH', 'BGH', '§ 368', '§ 368', '§ 368', '§ 368', '§ 96', '§ 96', '§ 96', '§ 18', '§ 96', '§ 839', '§ 96', '§ 96', '§ 87', 'BGH', '§ 96']

BGH, III ZR 35/05: Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 12.04.2006, III ZR 35/05
Aktenzeichen: III ZR 35/05
III ZR 35/05
BGB § 839 (A); SGB V §§ 96, 97
Zur haftungsrechtlichen Verantwortlichkeit der Kassen(zahn)ärztlichen Vereinigungen für die von ihnen bestellten Mitglieder der Zulassungs- und Berufungsausschüsse.
BGH, Beschluss vom 12. April 2006 - III ZR 35/05 - OLG München
Der III. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 12. April 2006 durch den
Die Beschwerde der Beklagten gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des 1. Zivilsenats des Oberlandesgerichts
München vom 27. Januar 2005 - 1 U 3681/01 - wird zurückgewiesen.
Die Beklagte hat die Kosten des Beschwerdeverfahrens aus einem Wert von 194.290,91 € zu tragen.
1Der Kläger, approbierter Arzt und Zahnarzt und seit 1977 Facharzt für
Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, war nach verschiedenen Tätigkeiten,
auch im Hochschulbereich, seit dem 1. Oktober 1990 in dem zuletzt genannten
Fachgebiet in Gemeinschaftspraxis mit einem anderen Arzt vertragsärztlich zugelassen. Er nimmt die beklagte Kassenzahnärztliche Vereinigung nach Amtshaftungsgrundsätzen auf Schadensersatz in Anspruch, weil der Zulassungsausschuss und der Berufungsausschuss seinen Antrag vom 15. Januar 1996,
ihn auch als Vertragszahnarzt zuzulassen, zurückgewiesen haben. Nachdem
das Bundessozialgericht zu verschiedenen Fallgestaltungen einer Doppelzulassung als Vertragsarzt und Vertragszahnarzt durch Urteile vom 17. November
1999 entschieden hatte (vgl. etwa das in BSGE 85, 145 abgedruckte Urteil),
wurde das vom Kläger eingeleitete sozialgerichtliche Verfahren durch eine Vereinbarung beendet, in der der Berufungsausschuss anerkannte, dass der Kläger zur vertragszahnärztlichen Tätigkeit hätte zugelassen werden müssen und
dass die ablehnenden Bescheide der Ausschüsse rechtswidrig gewesen seien.
2Das Landgericht hat die Klage abgewiesen, weil es ein Verschulden der
Mitglieder des Berufungsausschusses verneint hat. Das Berufungsgericht hat
demgegenüber die Klage dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt. Mit ihrer
Beschwerde begehrt die Beklagte die Zulassung der Revision.
3Die Voraussetzungen für eine Zulassung der Revision (§ 543 Abs. 2
ZPO) liegen nicht vor. Mit der Beschwerde werden keine Fragen aufgeworfen,
die in einem Revisionsverfahren geklärt werden müssten.
41. Das Berufungsgericht hält die Beklagte für die erhobenen Amtshaftungsansprüche für passivlegitimiert, wenn - wie hier - von keiner Seite die Einstimmigkeit der Entscheidung der Ausschüsse in Frage gestellt werde. Jedenfalls
unter diesen Voraussetzungen, deren Vorliegen die Beschwerde nicht in Zweifel
zieht, kann sich das Berufungsgericht auf eine seit langem geübte Rechtspraxis
beziehen, die keiner weiteren Bestätigung durch ein Revisionsverfahren bedarf.
5a) Nach § 96 Abs. 1, § 97 Abs. 1 SGB V (hier i.d.F. vom 21. Dezember
1992, BGBl. I S. 2266) errichten die Kassenärztlichen bzw. Kassenzahnärztlichen Vereinigungen und die Landesverbände der Krankenkassen sowie die
Verbände der Ersatzkassen zur Beschlussfassung und Entscheidung in Zulassungssachen einen Zulassungsausschuss und einen Berufungsausschuss. Die
Zulassungsausschüsse bestehen aus Vertretern der Ärzte und der Krankenkassen in gleicher Zahl. Die Vertreter der Ärzte werden von den Kassenärztlichen Vereinigungen, die der Krankenkassen von den Landesverbänden der
Krankenkassen und den Verbänden der Ersatzkassen bestellt. Die Mitglieder
führen ihr Amt als Ehrenamt und sind an Weisungen nicht gebunden. Die Ausschüsse beschließen mit einfacher Stimmenmehrheit, bei Stimmengleichheit gilt
ein Antrag als abgelehnt (§ 96 Abs. 2 SGB V). Bei den Berufungsausschüssen,
für die grundsätzlich dasselbe gilt, kommt ein Vorsitzender mit der Befähigung
zum Richteramt hinzu, über den sich die Beisitzer einigen oder der von der für
die Sozialversicherung zuständigen obersten Verwaltungsbehörde im Benehmen mit den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Landesverbänden der
Krankenkassen sowie den Verbänden der Ersatzkassen berufen wird (§ 97
Abs. 2 SGB V). Beide Ausschüsse sind damit Einrichtungen der gemeinsamen
Selbstverwaltung von Vertragsärzten bzw. Vertragszahnärzten und Krankenkassen (vgl. BSG SozR 3-2005 § 96 Nr. 1 Rn. 17), die - hoheitlich handelnd -
ihre Selbstverwaltungsaufgaben mit unmittelbarer Wirkung für die entsendenden Körperschaften wahrnehmen.
6b) Für den Bereich der Amtshaftung entscheidet der Senat die Frage
nach der haftpflichtigen Körperschaft in ständiger Rechtsprechung danach, welche Körperschaft dem Amtsträger das Amt, bei dessen Ausführung er fehlsam
gehandelt hat, anvertraut hat, wer - mit anderen Worten - dem Amtsträger die
Aufgabe, bei deren Wahrnehmung die Amtspflichtverletzung vorgekommen ist,
übertragen hat (vgl. BGHZ 99, 326, 330; 150, 172, 179). Versagt die Anknüpfung an die Anstellung, weil - wie im Streitfall - ein Dienstherr nicht vorhanden
ist, ist darauf abzustellen, wer dem Amtsträger die konkrete Aufgabe, bei deren
Erfüllung er gefehlt hat, anvertraut hat (vgl. BGHZ 99 aaO).
7Der oben geschilderten Aufgabenwahrnehmung von gemeinsamen Einrichtungen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen entspricht es, dass der
Senat und andere Gerichte schon früher eine haftungsrechtliche Verantwortlichkeit der beteiligten Körperschaften angenommen haben (vgl. Senatsurteil
vom 28. Februar 1963 - III ZR 157/61 - VersR 1963, 748, 749, 752; LG Frankfurt ÄM 1961, 757 f; OLG Frankfurt ÄM 1962, 902; LG Münster ÄM 1961,
2164 f; OLG Düsseldorf NJW-RR 1991, 475 f zur früheren Regelung in § 368b
RVO). Das ist auch der weitgehend vertretene Standpunkt im Schrifttum (vgl.
Heinemann/Liebold, Kassenarztrecht, Bd. I, 4. Aufl., Stand Februar 1968,
§ 368b RVO, S. I 15b und I 15c; Hess/Venter, Das Gesetz über Kassenarztrecht, 1955, § 368b Anm. I 2; Jantz/Prange, Das gesamte Kassenarztrecht,
Stand IX.1955, C II § 368b Anm. I; aus neuerer Zeit zu §§ 96, 97 SGB V Hencke, in: Peters, Handbuch der Krankenversicherung Teil II - Sozialgesetzbuch V, 19. Aufl. Stand August 2004, § 96 SGB V Rn. 11; Liebold/Zalewski,
Kassenarztrecht, Bd. I, 5. Aufl. Stand Mai 1992, § 96 SGB V Anm. 13; Plagemann/Plagemann, Münchener Anwaltshandbuch Sozialrecht, 2. Aufl. 2005,
§ 18 Rn. 39; Schallen, Zulassungsordnung für Vertragsärzte, Vertragszahnärzte, Medizinische Versorgungszentren, Psychotherapeuten, 4. Aufl. 2004
Rn. 903; Schneider, Handbuch des Kassenarztrechts, 1994, Rn. 926; Wiegand,
in: GKV-Komm SGB V, Stand Oktober 1994, § 96 Rn. 6; Zimmerling, in: juris
PK-BGB, 2. Aufl. 2004, § 839 Rn. 329; wohl auch Heinze, in: Bley/Gitter/Gurgel
u.a., SGB Sozialversicherung Gesamtkommentar, Stand Juni 1994, § 96
SGB V Anm. 4). Dass insoweit eine andere Haftungsüberleitung angebracht
wäre, wobei aufgrund der gesetzlichen Ausgestaltung der §§ 96 ff SGB V eigentlich nur an die Bundesrepublik Deutschland zu denken wäre, wird - soweit
ersichtlich - nicht in Betracht gezogen und entspräche auch nicht dem der gesetzlichen Regelung zugrunde liegenden Gedanken der Selbstverwaltung von
Vertragsärzten und Krankenkassen. Der Senat hat ferner angenommen, dass
die Haftung für ein amtspflichtwidriges Verhalten von Mitgliedern des Bewertungsausschusses (§ 87 SGB V) auf die entsendenden Körperschaften überzuleiten ist (BGHZ 150, 172, 180).
8c) Soweit die Beschwerde darauf aufmerksam macht, die Mitglieder der
Zulassungsausschüsse seien - anders als diejenigen des Bewertungsausschusses - nach § 96 Abs. 2 Satz 5 SGB V nicht an Weisungen gebunden, berührt dieser Gesichtspunkt die haftungsrechtliche Zuordnung nicht. Zwar mag
die haftungsrechtliche Zuordnung des Verhaltens von Ausschussmitgliedern,
die - wie beim Bewertungsausschuss - Weisungen unterliegen, zur entsendenden Körperschaft augenfälliger sein. Demgegenüber wird dem einzelnen Ausschussmitglied, das von Weisungen unabhängig ist, eine größere sachliche Unabhängigkeit und - damit einhergehend - eine stärkere Verantwortlichkeit zugemessen. Das ändert aber - ebenso wenig wie bei der haftungsrechtlichen
Verantwortlichkeit des Staates für seine Gerichte - nichts an der haftungsrechtlichen Zuordnung: hier ist die Tätigkeit in die Selbstverwaltung der im Gesundheitswesen errichteten Körperschaften eingebettet, die den Mitgliedern der
Ausschüsse diese Aufgabe anvertraut haben (vgl. hierzu Senatsurteil vom
31. Januar 1991 - III ZR 184/89 - NVwZ 1992, 298 f) und darum der Haftung
näher stehen als der Staat, der lediglich durch seine Gesetzgebung den äußeren Rahmen geschaffen hat.
92. Auch im Übrigen lässt die angefochtene Entscheidung keine zulassungsbegründenden Rechtsfehler erkennen.
LG München I, Entscheidung vom 09.05.2001 - 9 O 13384/00 -
OLG München, Entscheidung vom 27.01.2005 - 1 U 3681/01 -
Bundesrepublik deutschland, Stand, Beschwerde, Verantwortlichkeit, Aufgabe, Körperschaft, Handbuch, Sozialversicherung, Gesundheitswesen, Amt