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Timestamp: 2018-10-15 14:57:21
Document Index: 16928179

Matched Legal Cases: ['Art. 5', 'Art. 9', '§ 86', '§ 23', '§ 17', '§ 34', '§ 36', '§ 37', '§ 39', '§ 44', '§ 41', '§ 52', '§ 35', '§ 41', '§ 32']

Promotionsordnung und Wissenschaftsfreiheit – Kliomedia
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Dissertationen sind in Deutschland Pflichtpublikationen. Die Veröffentlichung ist untrennbarer Bestandteil der schriftlichen Promotionsleistung und Voraussetzung für den Vollzug der Promotion. Sie ist unverzichtbar, hat aber an der Promotionsleistung selbst keinen Anteil. Denn erst wenn alle Voraussetzungen erfüllt und alle Leistungen erbracht sind, steht sie an, eine Formalie.
Promotionsrecht und Wissenschaftsfreiheit
Promotionsrecht heißt das Recht, nach einer eigenen Promotionsordnung die Promotion zu vollziehen. Es ist den Universitäten vorbehalten, die sich darin von allen anderen „Hochschulen“ unterscheiden. Das Promotionsrecht ist die Manifestation der Wissenschaftsfreiheit, die im Grundgesetz („Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“, Art. 5, Abs. 3) und in der Landesverfassung von Rheinland-Pfalz („Die Kunst, die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei“, Art. 9) garantiert ist.
Das Hochschulgesetz des Landes überträgt die Aufgabe den Fachbereichen: „Der Fachbereich hat … 3. an Universitäten Promotionsordnungen zu erlassen, … 4. an Universitäten Promotionen nach Maßgabe der gemäß Nummer 3 erlassenen Ordnungen durchzuführen“ (§ 86, 3–4).
Es handelt sich hier um eine sog. „Errungenschaft“, die Bildungseinrichtungen betrifft, die viele Staatsformen überdauert haben. Das ist nicht die Verleihung des Promotionsrecht an die Fachbereiche. Denn man kann nicht verleihen, was man nicht hat.
In Trier haben die Fachbereiche entsprechend dem Landesrecht ihre jeweilige Promotionsordnung, in der die Veröffentlichung der Dissertation geregelt ist. Hier steht, dass es die Veröffentlichungspflicht gibt und wie sie erfüllt wird. Die Promotionsordnung des FB II vom 21. Juli 2003 regelt die Veröffentlichung im § 23 ( PromO FB II), die des FB III vom 6. Mai 1992 im § 17( PromO FB III), die des FB V vom 22. Juli 2002 in den §§ 34 bis 39 ( PromO FB V).
Die Promotionsordnungen der FB II und FB III wurden vom „Minister für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung“ genehmigt, die des FB V, Rechtswissenschaften, nicht. Wenn die FB II oder FB III eine neue Promotionsordnung erlassen, in der die alte für ungültig erklärt wird, dann gilt die neue, ob sie nun genehmigt ist oder nicht. Was hier „Genehmigung“ genannt wird, ist in Wahrheit keine. Die Juristen werden es wohl wissen.
Grundsätze der Kultusministerkonferenz (KMK)
Jeder kennt die Kultusministerkonferenz (KMK), die 1996 die „amtliche Rechtsschreibung“ erfunden und unter dem Tarnnamen „Rechtschreibreform“ eingeführt hat. Es ist ihr gelungen, mit dem Argument, Rechtschreibung sei unwichtig, sich selbst an die Stelle des Gesetzgebers zu setzen und den „Reformerlass“ in Bestandskraft wachsen zu lassen. Für die anlassfreie uneingeschränkte Speicherung der Daten aller deutschen Schüler wurde ihr 2006 der „Big Brother Award“ verliehen.
Am 29. April 1977 hat sie einen „Beschluss“ gefasst, der die Promotion betrifft und mit „Grundsätze zur Veröffentlichung der Dissertation“ überschrieben ist. Die letzte Änderung an dem Papier hat es am 30. Oktober 1997 gegeben, und in dieser Version ist es seither im Umlauf ( KMK-Grundsätze 1977/97).
Die folgenden Synopsen machen deutlich, dass die KMK-Grundsätze de facto Gesetzeskraft erlangt haben:
KMK-Grundsätze 1977/97
„Der Doktorand ist verpflichtet, eine wissenschaftliche Arbeit (Dissertation) schriftlich anzufertigen und das Ergebnis in angemessener Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit durch Vervielfältigung und Verbreitung zugänglich zu machen. Diese Verpflichtungen stellen eine Einheit im Sinne einer wissenschaftlichen Leistung dar.“
PromO FB II 2003
„Die Dissertation ist in der von den Berichterstatterinnen und Berichterstattern genehmigten Form in angemessener Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit durch Vervielfältigung und Verbreitung zugänglich zu machen. Vor der Veröffentlichung ist die Dissertation der ersten Berichterstatterin oder dem ersten Berichterstatter zur Genehmigung vorzulegen.“
PromO FB III 1992
„Die Dissertation ist in der von den Berichterstattern genehmigten Form in angemessener Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Vor der Veröffentlichung ist die Dissertation den Berichterstattern zur Genehmigung vorzulegen.“
PromO FB V 2002
„(1) Die Dissertation ist zu veröffentlichen. (2) Die Veröffentlichung bedarf der Genehmigung durch
den Dekan.“
Man stellt fest, dass das „in angemessener Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit durch Vervielfältigung und Verbreitung zugänglich zu machen“ (122 Anschläge) bei den Juristen auf „zu veröffentlichen“ (19 Anschläge) reduziert ist.
Es geht nicht darum, „Wissenschaftlern“ den Zugang zu irgendetwas zu gestatten, sondern um die Kulturtechnik des Veröffentlichens, die auch förmlicher Abschluss des Promotionsverfahrens ist. Die Veröffentlichung hat kein Maß, sondern sie erfolgt, sonst ist sie nicht existent. Wenn sie „in unangemessener Weise“ erfolgt ist, so muss sie aber doch erfolgt sein. Denn nur was da ist, kann den Mangel haben, nicht „in angemessener Weise“ herbeigeführt worden zu sein. Der Erfolgseintritt ist das empirische Kriterium, das Ursache und Wirkung trennt. Was danach eintritt, kann nicht Ursache sein und einen kausalen Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Dissertation bilden. Es kann vielleicht „zulässig“ sein, aber nicht „angemessen“ oder „zweckmäßig“.
„In angemessener Weise der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich gemacht ist die Dissertation dann, wenn der Verfasser neben dem für die Prüfungsakten (des Fachbereichs, der Fakultät) erforderlichen Exemplar für die Archivierung drei bis sechs Exemplare, die auf alterungsbeständigem holz- und säurefreiem Papier ausgedruckt und dauerhaft haltbar gebunden sein müssen, unentgeltlich an die Hochschulbibliothek abliefert und darüber hinaus die Verbreitung sicherstellt durch:
a) die Ablieferung weiterer Vervielfältigungen in den Geistes- und in den Gesellschaftswissenschaften höchstens 80 Exemplare, …, jeweils in Buch- oder Fotodruck, oder
b) den Nachweis der Veröffentlichung in einer Zeitschrift oder
c) den Nachweis einer Verbreitung über den Buchhandel durch einen gewerblichen Verleger mit einer Mindestauflage von 150 Exemplaren; … oder
d) die Ablieferung eines Mikrofiches und bis zu 50 weiteren Kopien oder
e) durch die Ablieferung einer elektronischen Version, deren Datenformat und deren Datenträger mit der Hochschulbibliothek abzustimmen sind.“
„(2) Die Dissertation ist als Buch, in einer wissenschaftlichen Zeitschrift, als vervielfältigtes Manuskript oder als Online-Dokument zu veröffentlichen.
(3) Die Doktorandin oder der Doktorand hat innerhalb von zwei Jahren nach der mündlichen Prüfung der Dekanin oder dem Dekan des Fachbereiches II abzuliefern
a) 80 Exemplare in Buchform (Druck und/oder Photoreproduktion) zum Zwecke der Verbreitung und Versendung durch die Universitätsbibliothek an Bibliotheken und andere interessierte Institutionen, oder
b) fünf Exemplare, wenn die Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erfolgt, oder
c) fünf Exemplare, wenn ein gewerblicher Verlag die Verbreitung über den Buchhandel übernimmt und eine Mindestauflage von 40 Exemplaren nachgewiesen wird, oder
d) fünf Exemplare in kopierfähiger Maschinenschrift zusammen mit der elektronischen Version, deren Datenformat und Datenträger mit der Universitätsbibliothek abzustimmen sind.“
„Die Verpflichtung ist erfüllt, wenn der Verfasser neben dem für die Prüfungsakten des Fachbereichs erforderlichen Exemplar [Hervorhebung im Original] unentgeltlich dem Fachbereich abliefert: entweder
1. 80 Exemplare in Buchform (Druck und/oder Photoreproduktion) zum Zwecke der Verbreitung oder
2. 6 Exemplare, wenn die Veröffentlichung in einer Zeitschrift erfolgt oder
3. 6 Exemplare, wenn eine ISB-Nummer erteilt ist und eine Mindestauflage von 150 Exemplaren nachgewiesen wird oder
4. 6 Exemplare in kopierfähiger Maschinenschrift zusammen mit der Erstkopie und die Ablieferung einer elektronischen Version, deren Datenformat und deren Datenträger mit der Universitätsbibliothek abzustimmen sind, oder
5. 3 Exemplare in kopierfähiger Maschinenschrift zusammen mit der Erstkopie und 50 weiteren Kopien in Form von Microfiches.“
„§ 36 Die Veröffentlichung erfolgt
a) als Buch in einem gewerblichen Verlag,
b) durch Abdruck in einer Zeitschrift,
c) durch Vervielfältigung des Manuskripts,
d) oder durch Anfertigung von Mikrofiches.“
„§ 37 Die Veröffentlichung der Dissertation als Buch in einem gewerblichen Verlag setzt voraus, dass es in einer Auflage von mindestens 150 Exemplaren erscheint und der Verlag die Verbreitung der Dissertation durch den Buchhandel übernimmt.
§ 39 (1) Der Doktorand hat der Bibliothek der Universität Trier unentgeltlich Exemplare seiner veröffentlichten Dissertation (Pflichtexemplare) abzuliefern. Die Dissertation muss eine vom ersten Berichterstatter genehmigte Zusammenfassung im Umfang von nicht mehr als einer Seite (DIN A 4) enthalten.
(2) Die Zahl der Pflichtexemplare beträgt
a) bei der Veröffentlichung als Buch in einem gewerblichen
Verlag 3 Exemplare,
b) bei der Veröffentlichung in einer Zeitschrift 3 Exemplare,
c) bei der Vervielfältigung des Manuskripts 150 Exemplare,
d) bei der Anfertigung von Mikrofiches 3 kopierfähige Manuskripte in Maschinenschrift und 151 Kopien einschließlich der Mutterkopie.
(3) Ist in den unter a) und b) genannten Fällen dem Doktoranden ein Druckkostenzuschuss aus öffentlichen Mitteln gewährt worden, so erhöht sich die Zahl der Pflichtexemplare auf 20.“
In den KMK-Grundsätzen wird behauptet, eine Veröffentlichung sei „angemessen“, wenn der Kandidat ein Exemplar für die Akten, drei bis sechs weitere für die Archivierung unentgeltlich abliefere, die auf säurefreiem und alterungsbeständigen Papier gedruckt und fest gebunden sein müssen. Das ist Unsinn: Eine Veröffentlichung ist existent, dann ist sie „angemessen“.
Erst wenn die Veröffentlichung erfolgt ist, können Exemplare „für die Akten“ oder „für die Archivierung“ abgeliefert werden. Wie soll das dann Bedingung sein? Außerdem sind gerade diese Exemplare der Öffentlichkeit ja entzogen, und es ist nicht bekannt, ob es sie überhaupt gibt und ob sie bezahlt oder einfach ohne Bezahlung genommen wurden. Das ist weder angemessen, noch hat es etwas mit der Veröffentlichung zu tun.
Wenn ein Papier frei von Lignin ist, der pH-Wert über 7,7 liegt und eine Alkalireserve vorhanden ist, genügt es der DIN 9706, aber es ist weder holzfrei noch dauerhaft säurefrei noch alterungsbeständig. Papier kann als organischer Werkstoff überhaupt nicht alterungsbeständig sein, und nur wenn es nach 100 Jahren noch nicht zerfallen ist, kann man sagen, dass es 100 Jahre hält.
Der Papierzerfall hat ein alarmierendes Ausmaß angenommen. Die Einführung der Alaunleimung durch Illig (1807) und vor allem des Holzschliffs durch Keller (1843) führte zur unaufhaltsamen Vernichtung des Schriftgutes bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach Dessauer sind von den etwa 152 Millionen Büchern in deutschen Bibliotheken 40 Millionen unmittelbar von der Zersetzung bedroht (Dessauer, Papierzerfall). Die Konservierung verursacht astronomische Kosten. Gesetzliche Regelungen können nicht durchgesetzt werden, und auch die Trierer Promotionsordnungen übernehmen das Papierproblem nicht in den Kriterienkatalog der Pflichtveröffentlichung. Es hat auch nichts darin zu suchen.
Man könnte fast den Verdacht erheben, dass die KMK-Kriterien in Wahrheit gar nicht dem genannten, sondern einem ganz anderen Zweck dienen. Obwohl die Bibliotheksexemplare offensichtlich für den Leihverkehr bestimmt sind, wird als Grund „für die Archivierung“ angegeben, was übrigens wie das Gegenteil von „für die Veröffentlichung“ klingt. Aber „rechtlich“ ist das schon in Ordnung, da die Nutzung durch die Universitätsbibliotheken gemäß UrhG erfolgt, das so etwas wie „Pflichtexemplare“ nicht kennt. Das wurde in obergerichtlichen Urteilen, zum Beispiel zum Kopienversand, bestätigt. Die zweckwidrige Nutzung von Pflicht- oder irgendwelchen Exemplaren wird nur durch die Promotionsordnungen ermöglicht.
Man stelle sich vor, der Kandidat veröffentlicht seine Dissertation wie vorgeschrieben, liefert der Bibliothek aber unbemerkt Exemplare mit einem ganz anderen Inhalt, um für die richtigen Exemplare nach Vollzug der Promotion jeweils 100 Euro zu verlangen? Will man ihm dann die Promotion rückwirkend aberkennen, weil die Dissertation zwar veröffentlicht wurde, dies aber ohne die nötige „Angemessenheit“, die darin besteht, dass auf seine Kosten Bücher für den Leihverkehr angeschafft werden? Nur die Kandidaten des FB V wären durch Attribute wie „wesentlich“ davor geschützt (§§ 44, 45 PromO).
Die Fachbereiche haben die Ablieferungspflicht aus den KMK-Grundsätzen übernommen, vielleicht weil sie in der Entlastung des Bibliotheksetats Vorteile für das Fach sehen. Sie sorgen auf diese Weise dafür, dass jeder, der ein Buch an die Bibliothek liefert, seine Bezahlung erhält, nur die eigenen Doktoranden nicht. Unter dem Vorwand, das hebe die „Angemessenheit“ der Veröffentlichung, bürdet man ihnen die Ablieferung von drei bis fünf Exemplaren auf. Diesen von der KMK vorgegebenen Rahmen, der völlig willkürlich festgelegt ist, schöpfen der FB II mit fünf, der FB III mit sechs, der FB V mit drei Exemplaren aus; hier wird aber die Bezuschussung aus öffentlichen Mitteln mit 20 Exemplaren bestraft.
Die Juristen haben eine klare Sprache und nennen nicht „angemessen“ oder „erforderlich“, was durch sachfremde Kriterien bestimmt wird. Die Vorschrift der Pflichtpublikation, die zulässigen Publikationsarten und die Ablieferungspflicht werden sauber getrennt. Als Ergebnis kommt allerdings dasselbe heraus.
Ermächtigung der KMK
Dies wirft die Frage nach der Ermächtigungsgrundlage der KMK auf. Es gibt keine. Die KMK ist noch nicht einmal rechtssatzungsfähig. Eigentlich müsste der Gesetzgeber eine Regelung durch Landesgesetz beschließen, und zwar sinnvollerweise im Hochschulgesetz. Und genau das tut er auch, indem er die Fachbereiche verpflichtet, eine Promotionsordnung zu erlassen. Von Tischvorlagen einer KMK steht hier nichts.
Es mag wichtige Kultusangelegenheiten geben, die eine länderübergreifende Regelung wünschenswert erscheinen lassen könnten. Auch dann kann es keine Zuständigkeit einer KMK geben. Denn wenn der Gesetzgeber in Gestalt des Landtages etwas nicht in Landesrecht übernimmt, muss man wohl davon ausgehen, dass er selbst es gar nicht für wünschenswert hält oder dass er es nicht versteht.
Abgesehen davon: Welche Dringlichkeit soll in der Frage der „Veröffentlichung der Doktorarbeit“ bestehen, solange das Promotionsverfahren an sich nicht länderübergreifend einheitlich (noch nicht einmal innerhalb des Landes oder innerhalb der Universität) geregelt ist? Gibt es vielleicht schwerwiegende Fehlentwicklungen im Veröffentlichungswesen? Diese letztere Frage muss leider mit ja beantwortet werden. Das ist allerding die Folge der KMK-Grundsätze.
Keine Änderung der KMK-Grundsätze seit 1997
Die KMK-Grundsätze entbehren nicht nur einer rechtlich haltbaren Grundlage, sondern wurden auch seit 1997 nicht mehr geändert, das war ein Jahr vor Gründung der Firma Google Inc.
Alle seither eingetretenen Veränderungen können somit nicht berücksichtigt sein, und das sind sehr bedeutende in allen Aspekten des Publizierens: „Netzpublikation“, „Digitalisierung“, „Digitaldruck“, „Urheberrecht“, „Leihverkehr“, „Einzel-ISBN“ (überhaupt die Durchsetzung der ISBN) sollen als Schlagworte genügen.
Die Entwicklungen im Bereich „Netzpublikation“ können sogar direkt auf die KMK-Grundsätze zurückgeführt werden. Hat die KMK ihr Ziel 1997 erreicht, als nämlich die „elektronische Version, deren Datenformat und deren Datenträger mit der Hochschulbibliothek abzustimmen sind“, in der Welt war? Man kann nur staunen, was sich hieraus und übrigens auch im Bereich „Urheberrecht“ entwickelt hat.
Zwei Verbreitungsformen
Als die KMK-Grundsätze entstanden, gab es zwei Möglichkeiten der Veröffentlichung. Es gab die „Verbreitung über den Buchhandel durch einen gewerblichen Verleger“ mit zwei Publikationsarten und die sonstige Verbreitung mit zwei bis drei Publikationsarten. Das hat etwas mit der Meldung der lieferbaren Titel und der ISSN/ISBN zu tun.
Die zehnstellige ISBN wurde vom Buchhandel für eigene Zwecke entwickelt und setzte sich aufgrund ihrer Zweckmäßigkeit bis Ende der 1970er Jahre durch. Sie stand nur den gewerblichen Verlegern zur Verfügung, die im „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ (VlB) meldeten.
Die Hochschulschriften erhielten keine ISBN, wenn sie nicht im VlB gemeldet wurden. Im autonomen Meldewesen der Hochschulschriften im „Verzeichnis lieferbarer Hochschulschriften“ gab es keine ISBN, sondern nur einen Titelnachweis, durch den die Schrift per Fernleihe bestellt werden konnte. Sie konnte in gebundener Form, Mikroform und seit 1997 anscheinend auch in elektronischer Form zur Benutzung bestellt werden.
Buchhandel und gewerblicher Verleger
Seit den 1980er Jahren dient die ISBN nicht mehr nur dem Buchhandel, sondern hat sich allgemein durchgesetzt. Heute kann jeder eine „Einzel-ISBN“ mit VlB-Meldung für ein Jahr zum Mindestpreis von knapp 200 Euro inkl. MwSt. im Internet vorbestellen und in ein Buch drucken. (Andere melden mit diesem Budget 40 bis 50 Titel, und selbst das ist nicht gerade hergeschenkt.)
Schon in den 1970er Jahren hätte man besser nicht „Buchhandel“ und „Gewerbe“ gesagt, wenn „ISBN“ und „VlB“ gemeint sind. Das Tatbestandsmerkmal „gewerblich“ evoziert das Bild des geschäftsmäßig, privatwirtschaftlich und gewinnorientiert handelnden Verlegers. Das schließt alle Selbstverleger aus, zum Beispiel Institute, die eine Schriftenreihe herausgeben und geschäftsmäßig über den Buchhandel vertreiben.
Der Fachbereich III hat schon 1992 die ISBN eingeführt und den „gewerblichen Verleger“ gestrichen. So wurde dem „Verein Trierer historische Forschungen e. V.“ die Herausgabe der „Trierer historischen Forschungen“ ermöglicht. Zwischen 1980 und 1991 waren bereits 11 Dissertationen erschienen, darunter drei von späteren Ordinarien der mittelalterlichen Geschichte: Holbach, Matheus, Schmidt. Sie erfüllten die Kriterien nicht, als die Promotion vollzogen wurde, sondern erst Jahre danach. Sie waren und sind in ihrer „Angemessenheit“ aber über jeden Zweifel erhaben, genauso wie die nach 1992 in der Reihe veröffentlichten Dissertationen.
In den Fachbereichen II und V wird die ISBN nicht erwähnt, sondern die Kriterien „gewerblicher Verlag“, „Mindestauflage 40“, „Mindestauflage 150“.
Mindestauflage und Digitaldruck
Die Veröffentlichungsqualität hängt nicht von einer Mindestauflage ab. Die „Mindestauflage von 150 Exemplaren“ war vielleicht 1977 denkmöglich, 1997 war sie es schon nicht mehr, und heute ist sie offensichtlich „unangemessen“.
Im Offsetdruck kann eine solche Auflagenhöhe durch die hohen Fixkosten nicht unterschritten werden, viele Betriebe fordern sogar 200 Exemplare oder liefern bis zu 10 Prozent mehr als bestellt als sog. AGB-Exemplare. Man kann das auf Internetseiten wie zeitbuch.de, einem Angebot der Göttinger Druckerei Hubert & Co, leicht nachvollziehen.
Heute wird der Offsetdruck als „konventionelles Verfahren“ bezeichnet. Das „innovative Verfahren“ ist der Digitaldruck, der wesentlich geringere Auflagen erlaubt. Die Anfänge des Digitaldrucks waren sehr bescheiden. Weder Werkdruckpapier noch gestrichene Qualitätspapiere konnten verarbeitet werden, und die Buchbindequalität war nicht akzeptabel. Diesen Mängeln halfen ab 2002 Anbieter wie Bookstation, heute München, ab. Kartonierte Bände im Format 15 cm × 21 cm (DIN A5) konnten in kleiner Auflage von 40–150 Exemplaren zu vertretbarem Stückpreis über das Internet bestellt werden. Vor allem mit glatteren Werkdruckpapiersorten, wie Alsterdruck bläulich-weiß (ab 2004), wurde eine hohe Werkdruckqualität erzielt. Die Weiterverarbeitung erfolgte mit Polyurethan-Klebebindung (PUR), Umschläge wurden konventionell gedruckt und folienkaschiert bzw. cellophaniert (Achilles). Da keine Druckformen archiviert werden mussten, sondern nur die Daten, waren Nachdrucke sehr leicht möglich. Hier können 40 Exemplare zu einem vertretbaren Stückpreis hergestellt werden.
In Anbetracht der Tatsache, dass es bei „Book on demand“ überhaupt keine fortgedruckte Auflage mehr gibt, kann ein Kriterium Auflagenhöhe keine Berechtigung mehr haben!
Die „Vertragsnormen für wissenschaftliche Verlagswerke“, die zuletzt 2000 zwischen dem Deutschen Hochschulverband und dem Börsenverein des deutschen Buchhandels ausgehandelt wurden, sehen für den Fall, dass im Verlagsvertrag überhaupt noch eine Gesamtauflage vereinbart ist, „Teilauflagen“ vor ( Vertragsnormen, S. 23–24). Wenn im Verlagsvertrag die Begrenzung der Nutzungsrechte vereinbart werden soll, empfehlen sie eine solche nach Nutzungsdauer und nicht mehr über eine Gesamtauflage.
Verbreitung als Hochschulschrift ist entfallen
Das autonome Meldewesen in einem „Verzeichnis lieferbarer Hochschulschriften“ ist ebenso spurlos verschwunden wie das CIP-Verfahren und die wöchentlichen Berichte der Deutschen Bibliothek. Das alles wurde durch ISBN und VlB absorbiert. Eine von zwei „Verbreitungsarten“ ist vollständig weggefallen, somit gibt es nur noch eine einzige „Verbreitung“ schlechthin.
Wenn eine von zwei Verbreitungsarten entfällt, ist nicht eine neue Verbreitungsart legitimiert, nur weil sie so ähnlich heißt wie die weggefallene. Mit der autonomen Meldung der Hochschulschriften ist auch eine „Verbreitung als Hochschulschrift“ verschwunden. Es gibt nur noch eine einzige Verbreitung, die „über den Buchhandel“, die an ISBN/ISSN, VlB, DNB erkennbar ist. Die Promotionsordnungen erlauben übereinstimmend die unselbständige Publikation in einer Zeitschrift (ISSN) oder als Buch (ISBN).
Die alternative „Verbreitung als Hochschulschrift“ konnte auf drei Arten statthaben, als repromechanische Vervielfältigung, als Micro-fiches oder in elektronischer Form. Das sind „Versionen“ der im Leihverkehr verbreiteten Hochschulschrift, also „Versionen“ von etwas, das es nicht mehr gibt. Diese Publikationsarten können keine Existenzberechtigung mehr haben, es gibt sie nur noch dort, wo sie als zulässig deklariert sind.
Publikationsart Micro-fiches
Im Fachbereich II sind die Micro-fiches nicht mehr vorgesehen, wohl aber in den Fachbereichen III und V. Wissen heutige Doktoranden überhaupt noch, was das ist?
Im Fachbereich III „überträgt der Doktorand oder die Doktorandin der Universität Trier das Recht, weitere Kopien in Form von Microfiches von der Dissertation herzustellen und zu verbreiten“. Das neue Urheberrecht ermöglicht es ihm aber, diese Erklärung zu widerrufen und jede weitere Nutzung zu untersagen (§§ 41, 42 UrhG). Eine Verbreitung des Werkes ist hierdurch nicht gewährleistet.
Publikationsart „elektronische Version“ (1997)
Am 30. Oktober 1997 kam die „elektronische Version, deren Datenformat und deren Datenträger mit der Universitätsbibliothek abzustimmen sind“. Damit endeten die Bemühungen der KMK. Während der Fachbereich II daraus die „Online-Publikation“ gemacht hat, lässt der Fachbereich III den Wortlaut von 1997 unverändert. Der Fachbereich V lässt gar keine „elektronische Version“ zu.
Fragt man nach der Bedeutung der „elektronischen Version“ im Jahr 1997, stellt man fest, dass es sich um die Version einer gemeldeten Hochschulschrift handelt, die im Leihverkehr beschafft werden konnte, als Ersatz für das gebundene Exemplar oder die Mikroform.
Die „Online-Publikation“ des FB II und die „Netzpublikation“ sind ebenfalls „elektronisch“, das heißt existieren als Datei. Sie sind aber nicht mehr Versionen neben anderen in einem System der Verbreitung von Hochschulschriften.
Wenn man sich die „Netzpublikationen“ von heute ansieht, stellt man schnell fest, dass sie selbst im Netz nicht auffindbar sind, da es hier nur um „richtige“ Publikationen (mit ISSN/ISBN) geht. Die „Netzpublikationen“ werden auch nicht in anderen „Netzpublikationen“ besprochen wie „ H-Soz-u-Kult“. Hier werden nur „richtige“ Bücher rezensiert (dafür ist H-Soz-u-Kult jedenfalls wichtig).
Die ISSN/ISBN steht der Verbreitung auf „elektronischem“ Weg nicht entgegen, da das Werk zusätzlich als „E-book“ bei Amazon, Google oder auf der eigenen Seite angeboten werden kann, allerdings nur für den Bruchteil des Preises. Verlässliche Referenz bleibt ausschließlich das Bibliotheksexemplar, bevorzugt in körperlicher Form, die jederzeit in Frankfurt oder Leipzig eingesehen werden kann.
ISBN/ISSN, VlB, DNB
Wenn ein Buch über eine ISBN/ISSN verfügt, im „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ gemeldet ist und als Pflichstück in der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt und Leipzig, vorliegt, ist es als veröffentlicht anzusehen.
Wenn es eines dieser Kriterien mangelt, muss die Veröffentlichungsqualität bestritten werden. Trierer Verlage müssen noch ein „Pflichtexemplar“ an die Stadtbibliothek Trier abliefern. Ohne ISBN/ISSN handelt es sich um graue Literatur.
Eine sinnvolle Regelung zur Veröffentlichung wäre:
„Die Dissertation ist in gedruckter Form zu veröffentlichen. Die Auflagen der Berichterstatter sind zu erfüllen. Die Veröffentlichung wird durch ISBN/ISSN, Meldung im VlB und Eingang der beiden Pflichtexemplare in der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt und Leipzig, nachgewiesen.“
Benachteiligung der Verlagspublikation
Die angesehenste Publikationsart ist die, in denen die Lehrstuhlinhaber publiziert haben, die selbständige Verlagspublikation mit ISBN. Im Fachbereich III wird die Verlagspublikation gegenüber der elektronischen Version in Gestalt der „Netzpublikation“ erheblich benachteiligt. Ist das überhaupt vom Fachbereich so gewünscht?
Wie kann es sein, dass die „Veröffentlichung“ als Pdf-Datei auf dem Bibliotheksserver kostenlos erfolgt? Das ist nicht kostenlos, sondern verschlingt Unsummen. Wenn der Bibliotheksetat nicht unbegrenzt ist, geht sie außerdem zu Lasten anderer, der eigentlichen Aufgaben.
Die Zugänglichkeit der Dissertationen wird nicht verbessert, da diese urheberrechtlichen Schutz genießen und somit ohne Erlaubnis des Urhebers nur in den Grenzen der §§ 52a, 52b, 53, 53a UrhG („wissenschaftliche Nutzung“) verbreitet werden dürfen. Unter Beachtung enger Fristen kann der Urheber sein Werk unbegrenzt zurückrufen, muss hierbei aber die Kosten ersetzen, im vorliegenden Fall also 0 € ( § 35 Abs. 2 VerlG, §§ 41, 42 UrhG).
Die Verlagspublikation ist außer mit der Mindestauflage von 150 Exemplaren mit sieben „Pflichtexemplaren“ belastet, zu denen noch drei weitere kommen. Diese landen mehrheitlich im Leihverkehr der Bibliothek. Das hat zur Folge, dass die „angemessenste“ Publikationsform überhaupt mit erheblichen Kosten belastet ist und die Kandidaten gegenüber den anderen Publikationsformen benachteiligt sind.
Wenn man die kostengünstigste Variante bei Auflage 40 heranzieht und pro Exemplar Herstellung und Meldung 20 € veranschlagt, beträgt die Belastung mit 3 „Pflichtstücken“ plus 7 „Pflichtexemplaren“ schon 200 €. Wenn man eine Arbeit in den „Trierer historischen Forschungen“ betrachtet, zum Beispiel die von Marzena Kessler, Das städtische Bauwesen in Trier am Ende des Mittelalters (1370–1520), Trier 2015 (Trierer historische Forschungen 69), die mit hohem Aufwand in jeder Hinsicht hergestellt wurde, wird die Mehrbelastung kaum mehr tragbar.
Da solche Arbeiten sehr häufig benutzt, aber immer weniger angeschafft wird, bleibt die Autorin auf dem Löwenanteil der Kosten sitzen. Das Buch kostet daher 74 €, für welchen Preis es in vier Jahren 100–120mal verkauft wird. Die Autorin kann die „Pflichtexemplare“ wie auch die „Belegexemplare“ mit 60 Prozent Nachlass, also für 29,60 € beziehen, auch die sonstigen Exemplare für Hinz und Kunz fließen in die Kostenrechnung ein, im vorliegenden Fall waren das 20 Exemplare, also 600 €.
Wenn man davon ausgeht, dass die 40 Exemplare verkauft werden, um die Kosten wenigstens teilweise einzuspielen, werden die „Pflichtexemplare“ der verkäuflichen Auflage entzogen. Und nicht nur das, sie verhindern auch noch die Bestellung zum Beispiel durch die UB Bonn. Denn das Trierer Exemplar wird bei Bedarf im Fernleihverkehr dorthin gebracht, mit dem Lastwagen.
Hier entsteht eine merkliche Schieflage zu Ungunsten der eigentlichen Veröffentlichungsart, die so kaum gewünscht sein kann. Wenn es früher gerechtfertigt gewesen sein mag, dass der Doktorand Freiexemplare dem Leihverkehr zur Verfügung stellt, so ist daraus heute eine erhebliche Mehrbelastung geworden, die nur ihn trifft.
Es gibt noch eine weitere Schieflage. Jeder Verfasser eines urheberrechtlich geschützten Werkes erhält eine Bezahlung, wenn sein Werk von einer Bibliothek angeschafft wird, um im Leihverkehr benutzt zu werden. Nur der Doktorand erhält keine. Wieso eigentlich? Weil er sich nicht wehren kann? Für die Veröffentlichungsqualität ist das völlig unerheblich. Man könnte auch paraphrasieren: „… wenn er seinen Solidaritätbeitrag an die Hochschulbibliothek abgeführt hat“. Das neue Urheberrecht schreibt die angemessene Vergütung des Urhebers für jede Nutzung vor (§ 32 UrhG), zu ergänzen: „… nur nicht für Dissertationen“.
Zweifel an der Zulässigkeit der „Netzpublikation“
Die Promotionsordnung des FB III kann wohl kaum die Zulässigkeit der „Netzpublikation“ in der heutigen Form begründen. Es ist nicht die Kompetenz an die Universitätsbibliothek übertragen worden, über die „Angemessenheit“ der Veröffentlichung geisteswissenschaftlicher Dissertationen zu befinden.
Ein unschöner Nebeneffekt der „Netzpublikation“ ist die Zerstörung des wissenschaftlichen Verlagswesens, das durch die ISBN starken Auftrieb erhalten hatte. Dieses ist inzwischen mit Hilfe des neuen Urheberrechts weitgehend beseitigt. Was nicht als angebliche „Pflichtexemplare“ einfach beschlagnahmt wird, wird halt so digitalisiert. Dies und der Kopienversand sowie der Fernleihverkehr führen dazu, dass Bücher, die viel Geld kosten, einfach benutzt werden ohne Kostenbeteiligung. Es gilt: „Keinmal anschaffen, unbegrenzt benutzen.“ Cui bono?
Bei der „Netzpublikation“ sind Fragen wie der Schutz vor nachträglicher Veränderung zu klären. Wichtig ist auch die Wahrnehmung der eigentlichen Bibliotheksaufgaben, zum Beispiel bei der Sammlung und Bereitstellung wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Nach welchen Maßgaben werden Pflichtpublikationen „ausgesondert“, wie zum Beispiel die des Dr. Helmut Kohl, die man heute ohne besondere Genehmigung nicht mehr einsehen kann. Wann genau verfällt ein Werk dieser „Aussonderung“ und was ist das überhaupt?
Bis diese oder andere Fragen geklärt sind, ist die Buchveröffentlichung mit ISBN/ISSN allein akzeptabel.