Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=WM%201985,%20195
Timestamp: 2019-08-18 16:23:37
Document Index: 25767624

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 161', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 53', '§ 53', '§ 47', '§ 47', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 138', '§ 140', 'BGH', 'BGH', '§ 7', '§ 121', '§ 122', 'BGH', 'BGH', '§ 709', '§ 119', '§ 705', '§ 119']

BGH, 05.11.1984 - II ZR 111/84 - dejure.org
https://dejure.org/1984,456
BGH, 05.11.1984 - II ZR 111/84 (https://dejure.org/1984,456)
BGH, Entscheidung vom 05.11.1984 - II ZR 111/84 (https://dejure.org/1984,456)
BGH, Entscheidung vom 05. November 1984 - II ZR 111/84 (https://dejure.org/1984,456)
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Beitritt zu einer Publikumsgesellschaft - Gewährung eines verzinslichen Darlehens neben der Kommanditeinlage - Mehrheitsbeschluss der Gesellschafterversammlung über Zinsverzicht der Kommanditisten - Auslegung als Änderung des Gesellschaftsvertrages - Zuständigkeit der Gesellschafterversammlung für Fragen des Gesellschafterdarlehen und deren Verzinsung - Charakter haftenden Eigenkapitals - Zustimmungsverpflichtung der Kommanditisten auf Grund gesellschaftlicher Treuepflicht - Angespannte finanzielle Lage - Drohender wirtschaftlicher Zusammenbruch - Verlust der Einlagen
Wirksamkeit einer durch qualifizierten Mehrheitsbeschluß herbeigeführten Aufhebung der Kapitaleinlagenverzinsung in einer Publikumsgesellschaft bei Zustimmungspflicht der überstimmten Kommanditisten
NJW 1985, 974
ZIP 1985, 407
MDR 1985, 912
WM 1985, 195
BB 1985, 420
Die Entscheidung des Senats, nach der den Kommanditisten einer Publikums-Kommanditgesellschaft der vorübergehende Verzicht auf die Zahlung von Zinsen im Interesse der Erhaltung des Unternehmens zugemutet werden kann, steht dem vorliegenden Fall sehr nahe (BGH, NJW 1985, 974 = LM § 161 HGB Nr. 89 = ZIP 1985, 407).
Eine - auch über die ausdrücklichen vertraglichen Regelungen hinausgehende - Treuepflicht des einzelnen Gesellschafters kann auch in der Publikumsgesellschaft dadurch begründet werden, dass die Gesellschaft in eine unhaltbare wirtschaftliche Schieflage mit drohender Zahlungsunfähigkeit geraten ist, welche die Ergreifung von dringenden Maßnahmen zur Abwendung einer Insolvenzgefahr notwendig macht (BGH, Urt. v. 05.11.1984 - II ZR 111/84, WM 1985, 195 Tz. 11 - 12).
Besteht im konkreten Fall eine Zustimmungspflicht, ist dem die Zustimmung verweigernden Gesellschafter die Berufung auf die Unwirksamkeit des Beschlusses verwehrt (…u.a. BGH, Urt. v. 28.05.1979 - II ZR 172/78, DB 1979, 1836 Tz. 23) und werden die nicht oder pflichtwidrig abgegebenen Stimmen so behandelt, als ob sie entsprechend der bestehenden Verpflichtung abgegeben worden wären (BGH, Urt. v. 05.11.1984 - II ZR 111/84, WM 1985, 195 Tz. 9).
So muss ein Gesellschafter einem Zinsverzicht zustimmen, wenn diese Änderung der gesellschaftsvertraglichen Vereinbarungen erforderlich wird, um das Unternehmen zu erhalten (BGH, Urteil vom 5. November 1984 - II ZR 111/84, NJW 1985, 974 f;… vom 19. November 1984, aaO).
Eine Zustimmungsfiktion kommt nur dann in Betracht, wenn die fehlende Zustimmung einen Gesellschafterbeschluss betrifft, der notwendig ist, um die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft zu erhalten oder ihre werbende Tätigkeit fortzusetzen, der also für die Gesellschaft von existentieller Bedeutung ist (BGH, Urteile vom 29. September 1986 - II ZR 285/85 - WM 1986, 1556, 1557 und vom 5. November 1984 - II ZR 111/84 - NJW 1985, 974).
Besteht aufgrund der Treupflicht eine Verpflichtung zur Zustimmung, so muss auf Abgabe der Zustimmung geklagt werden; sie lässt sich nicht als abgegeben unterstellen (siehe dazu nur: BGH, Urt. v. 5.11.1984, II ZR 111/84, Rdn. 9;… Priester in Scholz, GmbHG, 11. Auflage 2015, § 53 Rdn. 98 und Zöllner in Baumbach/Hueck, GmbHG, 20. Auflage 2013, § 53 Rdn. 85, Anh § 47 Rdn. 192, § 47 Rdn. 111).
Die Treuepflicht kann einem Gesellschafter vielmehr gebieten, einer Anpassung des Gesellschaftsvertrages an veränderte Verhältnisse zuzustimmen, die mit Rücksicht auf das Gesellschaftsverhältnis, insbesondere zur Erhaltung des Geschaffenen, dringend geboten und den Gesellschaftern unter Berücksichtigung ihrer eigenen schutzwerten Belange zumutbar ist (BGHZ 44, 40, 41 [BGH 10.06.1965 - II ZR 6/63]; 64, 253, 258 [BGH 28.04.1975 - II ZR 16/73]; Sen. Urt. v. 5. November 1984 - II ZR 111/84, WM 1985, 195, 196).
So hat der erkennende Senat eine Zustimmungspflicht beispielsweise angenommen zum vorzeitigen Ausscheiden eines in persönliche Zahlungsschwierigkeiten geratenen Gesellschafters (…Urt. v. 26. Januar 1961 - II ZR 240/59, LM Nr. 8 zu § 138 HGB), zur Ausschließungsklage nach § 140 HGB bei Vorliegen eines wichtigen Grundes in der Person eines Gesellschafters auch ohne eine entsprechende gesellschaftsvertragliche Regelung (BGHZ 64, 253, 256 ff.) [BGH 28.04.1975 - II ZR 16/73], zur vorübergehenden Aufhebung der aus dem Gesellschaftsvertrage einer Publikumsgesellschaft folgenden Verpflichtung, die Gesellschafterdarlehen zu verzinsen, um dadurch den Konkurs der Gesellschaft zu vermeiden (Urt. v. 5. November 1984 aaO), und zur Änderung der Nachfolgeklauseln nach der Scheidung der Ehe der einer Kommanditgesellschaft angehörenden Eheleute (…Urt. v. 18. März 1974 - II ZR 80/72, WM 1974, 831, 833).
Zwar kann die Verfügung über einen nach Feststellung des Bilanzgewinnes (§ 7 Abs. 2 des Gesellschaftsvertrages) bereits entstandenen Gewinnanspruch und ein bereits entstandenes Entnahmerecht eines Gesellschafters (…Baumbach/Hopt-Hopt, HGB , § 121 HGB , Rn. 3;… § 122 HGB , Rn. 4; BGH…, Urteil vom 06.04.1981, II ZR 186/80, juris, Rn. 9, 10) nur mit Zustimmung des Gesellschafters erfolgen und ist die Gesellschafterversammlung nicht befugt, ohne die Zustimmung des betroffenen Gesellschafters den bereits entstandenen Rechtsanspruch rückwirkend zu beseitigen (BGH, Urteil vom 05.11.1984, II ZR 111/84, juris, Rn. 9).
Diese Legitimation kann sich, wenn nicht schon der Gesellschaftsvertrag eine im voraus erteilte ("antizipierte") Zustimmung zu ganz bestimmten, mit Stimmenmehrheit möglichen Vertragsänderungen enthält, wobei an dieser Stelle nicht über den Grad der erforderlichen Konkretisierung einer solchen Ermächtigung zu befinden ist (…vgl. dazu MüKo/Ulmer aaO. § 709 Rdn. 77 ff.;… Schlegelberger/Martens, HGB 5. Aufl. § 119 Rdn. 24 ff., 28, jew. m.w.N.; siehe ferner Löffler, NJW 1989, 2656 [BVerfG 14.03.1989 - 1 BvR 1003/82] mit umfangr. Nachw. zum Diskussionsstand), aus der Verpflichtung des Gesellschafters ergeben, die in Frage stehende Maßnahme aus dem Gesichtspunkt seiner Treuepflicht im Gesellschaftsinteresse hinzunehmen (…Sen.Urt. v. 19. November 1984 aaO.; v. 5. November 1984 - II ZR 111/84, WM 1985, 195, 196;… vgl. auch MüKo/Ulmer aaO. § 705 Rdn. 188 ff., 190 ff.;… Schlegelberger/Martens aaO. § 119 Rdn. 45 ff. und die dortigen Nachw.).
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