Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/prozesskostenhilfe-und-angestellte-anwaelte-320911
Timestamp: 2020-01-28 19:45:19
Document Index: 138461246

Matched Legal Cases: ['§ 242', '§ 311', '§ 122', '§ 122', '§ 278', '§ 249', '§ 242', '§ 257', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Pro­zess­kos­ten­hil­fe und ange­stell­te Anwäl­te | Rechtslupe
Ein bei einer Sozie­tät ange­stell­ter Rechts­an­walt, der ein Man­dat aqui­riert und dabei erken­nen kann, dass das Man­dat unter Inan­spruch­nah­me von Pro­zess­kos­ten­hil­fe geführt wer­den soll, hat auf den Gleich­lauf von Anwalts­man­dat und Anwalts­bei­ord­nung hin­zu­wir­ken.
In einem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit beauf­trag­te die Beklag­te eine Rechts­an­walts­so­zie­tät mit der Wahr­neh­mung ihrer Inter­es­sen in einem ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren. Der sei­ner­zeit bei der Sozie­tät ange­stell­te Rechts­an­walt G. erhob namens und im Auf­trag der Beklag­ten Kla­ge beim zustän­di­gen Ver­wal­tungs­ge­richt und bean­trag­te zugleich die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe. Die­se wur­de vom Ver­wal­tungs­ge­richt bewil­ligt und Rechts­an­walt G. bei­geord­net. Dann ende­te jedoch das Arbeits­ver­hält­nis des Rechts­an­walts G. bei der Sozie­tät. Die Beklag­te wünsch­te wei­ter­hin von Rechts­an­walt G. ver­tre­ten zu wer­den und kün­dig­te das Man­dat der Sozie­tät, wor­auf die­se nun­mehr ihren Ver­gü­tungs­an­spruch gegen die Beklag­te gel­tend mach­te. Der Bun­des­ge­richts­hof wies die Ver­gü­tungs­kla­ge jedoch ab:
Bestehen eines Ver­gü­tungs­an­spruchs
Die Sozie­tät hat aus dem Anwalts­ver­trag, wel­chen der sei­ner­zeit für die Sozie­tät han­deln­de Rechts­an­walt G. mit der Beklag­ten geschlos­sen hat, Anspruch auf Ver­gü­tung ent­spre­chend den Bestim­mun­gen des Rechts­an­walts­ver­gü­tungs­ge­set­zes. Rechts­an­walt G. hat den Anwalts­ver­trag nicht in eige­nem Namen geschlos­sen, son­dern namens und im Auf­trag der Sozie­tät. Die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe unter Bei­ord­nung von Rechts­an­walt G. änder­te dar­an nichts. Die öffent­lich-recht­li­che Bei­ord­nung lässt den zivil­recht­li­chen Man­dats­ver­trag unbe­rührt, hat also auf den schon bestehen­den Anwalts­ver­trag – wenn nicht aus­drück­lich etwas ande­res ver­ein­bart wird, was hier nicht der Fall war – kei­nen Ein­fluss 1.
Bera­tungs­feh­ler
Nach Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) ist die Sozie­tät jedoch gehin­dert, den Anspruch gegen die Beklag­te durch­zu­set­zen. Der Beklag­ten steht wegen Ver­schul­dens bei Ver­trags­schluss (§ 311 Abs. 2 Nr. 1 BGB) gegen den Klä­ger ein Anspruch auf Befrei­ung von des­sen Ver­gü­tungs­an­spruch zu.
Der für die Sozie­tät han­deln­de Rechts­an­walt G. war ver­pflich­tet, der Beklag­ten vor Über­nah­me des Man­dats die gebüh­ren­recht­li­chen Fol­gen einer Beauf­tra­gung der Sozie­tät einer­seits, nur des­je­ni­gen Mit­glieds der (oder Ange­stell­ten) der Sozie­tät, das schließ­lich im Wege der Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei-geord­net wer­den wür­de, ande­rer­seits zu erläu­tern. Nach dem revi­si­ons­recht­lich maß­geb­li­chen Sach­ver­halt stand bereits im Zeit­punkt der Auf­trags­er­tei­lung fest, dass Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­tragt und das Man­dat ent­spre­chend abge­rech­net wer­den soll­te. Gemäß § 122 Abs. 1 Nr. 3 ZPO kann der bei­geord­ne­te Rechts­an­walt Ansprü­che auf Ver­gü­tung gegen sei­ne Par­tei nicht gel­tend machen. Bei der Beauf­tra­gung der Sozie­tät – nicht nur des Rechts­an­walts G. – stell­te sich jedoch das Pro­blem, dass es bis zur Grund­satz­ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 17. Sep­tem­ber 2008 2 gän­gi­ger Pra­xis der Gerich­te ent­sprach, kei­ne Anwalts­so­zie­tä­ten, son­dern nur ein­zel­ne Anwäl­te bei­zu­ord­nen 3. Der Gebüh­ren­an­spruch der nicht bei­geord­ne­ten Sozie­tät unter­fiel nicht § 122 Abs. 1 Nr. 3 ZPO. Der für die Sozie­tät han­deln­de Rechts­an­walt G. hät­te die Beklag­te dar­auf hin­wei­sen müs­sen, dass sie trotz der Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe wei­ter­ge­hen­den Gebüh­ren­san­sprü­chen der Sozie­tät aus­ge­setzt sein konn­te.
Nach der Ver­mu­tung bera­tungs­ge­rech­ten Ver­hal­tens 4 hät­te die Beklag­te dann, wenn sie auf die­sen Umstand hin­ge­wie­sen wor­den wäre, nur Rechts­an­walt G. als den­je­ni­gen Rechts­an­walt beauf­tragt, des­sen Bei­ord­nung im Wege der Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei Gericht bean­tragt wer­den soll­te. Ein Anspruch der Sozie­tät gegen sie per­sön­lich wäre nicht ent­stan­den. Ob Rechts­an­walt G. im Ver­hält­nis zur Sozie­tät, sei­ner dama­li­gen Arbeit­ge­be­rin, arbeits­ver­trag­lich befugt war, Ver­trä­ge im eige­nen Namen abzu­schlie­ßen, ist für die Ent­schei­dung uner­heb­lich. Der Arbeits­ver­trag eines Rechts­an­walts kann die­sen nicht wirk­sam zu einem Ver­hal­ten ver­pflich­ten, das den Inter­es­sen der Man­dan­ten zuwi­der­läuft 5.
Die Pflicht, die Beklag­te auf die für sie nach­tei­li­gen Fol­gen eines Ver­trags­schlus­ses mit der Sozie­tät hin­zu­wei­sen und auf eine Beauf­tra­gung nur des­je­ni­gen Anwalts hin­zu­wir­ken, der schließ­lich bei­geord­net wer­den wür­de, traf die Sozie­tät als die Ver­trags­part­ne­rin der Beklag­ten. Das Ver­schul­den ihres Ange­stell­ten, wel­cher das Man­dat im Ein­ver­ständ­nis der Beklag­ten für sie bear­bei­te­te, ist ihr gemäß § 278 BGB zuzu­rech­nen 6.
Rechts­fol­ge der vor­ver­trag­li­chen Pflicht­ver­let­zung ist die Ver­pflich­tung zum Scha­dens­er­satz. Der Klä­ger als Rechts­nach­fol­ger der Sozie­tät ist ver­pflich­tet, den­je­ni­gen Zustand wie­der her­zu­stel­len, der bestün­de, wenn kein Ver­trag zwi­schen der Sozie­tät und der Beklag­ten geschlos­sen wor­den wäre (§ 249 Abs. 1 BGB).
Der Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) ver­bie­tet die Durch­set­zung eines Anspruchs, wenn der Gläu­bi­ger das Erlang­te wie­der an den Schuld­ner her­aus­zu­ge­ben hät­te (dolo agit, qui petit, quod sta­tim red­dit­urus est). Glei­ches gilt, wenn der Schuld­ner vom Gläu­bi­ger Befrei­ung von der Ver­bind­lich­keit ver­lan­gen kann (§ 257 BGB). Zahlt der Befrei­ungs­gläu­bi­ger die Schuld, von der er frei­zu­stel­len ist, erwirbt er einen Erstat­tungs­an­spruch gegen den Befrei­ungs­schuld­ner; sind Haupt­gläu­bi­ger und Befrei­ungs­schuld­ner iden­tisch, heißt das, dass der Haupt­gläu­bi­ger den erlang­ten Betrag ohne wei­te­res wie­der an den Schuld­ner zurück­zu­zah­len hät­te.
BGH, Urteil vom 15. Juli 2010 – IX ZR 227/​09
vgl. BGH, Urtei­le vom 23.09.2004 – IX ZR 137/​03, NJW-RR 2005, 494, 495; vom 17.09.2008 – IV ZR 343/​07, ZIP 2009, 147, 148[↩]
BGH, Urteil vom 17.09.2008 – IV ZR 343/​07, ZIP 2009, 147[↩]
vgl. Gan­ter AnwBl. 2007, 847 mit Nach­wei­sen in Fn. 8, Schultz, Fest­schrift für Gün­ter Hirsch S. 525, 533 f mit Nach­wei­sen in Fn. 43[↩]
BGHZ 123, 311, 314 ff; vgl. Gan­ter aaO S. 848[↩]
vgl. Gan­ter aaO S. 848[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 23.09.2004, aaO[↩]
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