Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=IX%20ZB%20219/06
Timestamp: 2019-04-21 23:39:30
Document Index: 220363268

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BGH, 15.11.2007 - IX ZB 219/06 - dejure.org
Vertrauen des Rechtsanwalts auf das Befolgen einer konkreten Einzelanweisung an eine Büroangestellte; Umfang organisatorischer Pflichten zur Wahrung wichtiger Fristen
Zum Verschulden des Rechtsanwalts bei verspäteter Übermittlung eines fristwahrenden Schriftsatzes durch Büroangestellte
Anwaltsverschulden wegen Organisationsverschulden
Anforderungen an die Büroorganisation eines Rechtsanwalts hinsichtlich der Ausführung von Einzelanweisungen
Befolgung einer konkreten Einzelanweisung durch Büroangestellte
LG Berlin, 08.06.2006 - 8 O 289/05
KG, 13.09.2006 - 16 U 47/06
NJW 2008, 526
ZIP 2008, 96
MDR 2008, 295
FamRZ 2008, 401 (Ls.)
AnwBl 2008, 148
Ein Rechtsanwalt darf zwar grundsätzlich darauf vertrauen, dass eine Büroangestellte, die sich bisher als zuverlässig erwiesen hat, eine konkrete Einzelanweisung befolgt (st. Rspr., z.B. BGH, Beschl. v. 22. Juni 2004 - VI ZB 10/04, NJW-RR 2004, 1361, 1362;… v. 13. September 2006 - XII ZB 103/06, BGHReport 2006, 1493; v. 21. Dezember 2006 - IX ZB 309/04, AnwBl. 2007, 236;… v. 4. April 2007 - III ZB 85/06, NJW-RR 2007, 1430, 1431 Rn. 9; v. 15. November 2007 - IX ZB 219/06, NJW 2008, 526, 527 Rn. 10).
In einem solchen Fall bedeutet das Fehlen jeglicher Sicherung einen entscheidenden Organisationsmangel (…BGH, Beschl. v. 22. Juni 2004 a.a.O.;… v. 13. September 2006 a.a.O.;… v. 21. Dezember 2006 a.a.O.;… v. 4. April 2007 a.a.O. ; v. 15. November 2007 a.a.O. Rn. 11).
Eine besondere Vorkehrung mag ausnahmsweise entbehrlich sein, wenn die Bürokraft die unmissverständliche Weisung erhalten hat, einen Vorgang sogleich auszuführen (…BGH, Beschl. v. 22. Juni 2004 a.a.O.;… v. 4. April 2007 a.a.O.; v. 15. November 2007 a.a.O. Rn. 12).
Der Rechtsanwalt muss deshalb, wenn er nicht die sofortige Ausführung seiner Anweisung anordnet, durch allgemeine Weisung oder durch besonderen Auftrag Vorkehrungen gegen das Vergessen treffen (…BGH, Beschl. v. 4. April 2007 a.a.O.; v. 15. November 2007 a.a.O. Rn. 12).
Hierzu genügt es regelmäßig, wenn die Anweisung hinreichend klar und präzise ist und das Büropersonal aufgefordert wird, den Auftrag sofort vor allen anderen Aufgaben zu erledigen (vgl. BGH…, Beschluss vom 25. März 2009 - XII ZB 150/08, FamRZ 2009, 1132 Rn. 20;… Beschluss vom 2. April 2008 - XII ZB 189/07, aaO Rn. 14; Beschluss vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06, NJW 2008, 526 Rn. 12).
Der Rechtsanwalt muss, wenn er nicht die sofortige Ausführung seiner Anweisung anordnet, durch allgemeine Weisung oder besonderen Auftrag Vorkehrungen gegen das Vergessen treffen (vgl. BGH, Beschluss vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06, aaO;… Beschluss vom 4. April 2007 - III ZB 85/06, NJW-RR 2007, 1430 Rn. 9).
Zwar müssen, wenn die mündliche Anweisung einen wichtigen Vorgang wie etwa die Einreichung fristgebundener Schriftsätze betrifft, in der Kanzlei ausreichende organisatorische Vorkehrungen dagegen getroffen werden, dass die Anweisung (etwa im Drange der Geschäfte) in Vergessenheit gerät (vgl. BGH, Beschlüsse vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06, NJW 2008, 526 Rn. 11;… vom 4. April 2007 - III ZB 85/06, NJW-RR 2007, 1430 Rn. 9;… vom 2. April 2008 - XII ZB 190/07, juris Rn. 13 mwN;… vom 28. Oktober 2008 - VI ZB 43/08, aaO;… vom 8. Februar 2012 - XII ZB 165/11, aaO Rn. 31 mwN;… vom 20. März 2012 - VIII ZB 41/11, aaO Rn. 13;… vom 16. Mai 2012 - AnwZ (Brfg) 48/11, aaO Rn. 11 ff. ).
Solche Vorkehrungen sind grundsätzlich nur dann entbehrlich, wenn die Bürokraft zugleich die unmissverständliche Weisung erhält, den von ihr zu erledigenden Vorgang sofort auszuführen (…BGH, Beschlüsse vom 4. April 2007 - III ZB 85/06, aaO; vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06, aaO Rn. 12;… vom 2. April 2008 - XII ZB 190/07, aaO Rn. 14; jeweils mwN).
Hierzu genügt es regelmäßig, wenn die Anweisung hinreichend klar und präzise ist und das Büropersonal aufgefordert wird, den Auftrag sofort vor allen anderen Aufgaben zu erledigen (BGH…, Beschluss vom 10. Februar 2016 - VII ZB 36/15 Rn. 12;… Beschluss vom 25. März 2009 - XII ZB 150/08, FamRZ 2009, 1132 Rn. 20;… Beschluss vom 2. April 2008 - XII ZB 189/07, NJW 2008, 2589 Rn. 14; Beschluss vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06, NJW 2008, 526 Rn. 12).
Unterbleibt dagegen die Anordnung der sofortigen Ausführung der Anweisung, muss der Rechtsanwalt Vorkehrungen zur Sicherstellung der ordnungsgemäßen Ausführung treffen (vgl. BGH…, Beschluss vom 10. Februar 2016 - VII ZB 36/15 Rn. 12; Beschluss vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06, aaO;… Beschluss vom 4. April 2007 - III ZB 85/06, NJW-RR 2007, 1430 Rn. 9).
Allerdings ist richtig, dass es nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs auf allgemeine organisatorische Regelungen nicht entscheidend ankommt, wenn im Einzelfall konkrete Anweisungen vorliegen, deren Befolgung die Fristwahrung sichergestellt hätte (BGH, Beschluss vom 11. Februar 2003 - VI ZB 38/02 - NJW-RR 2003, 935 = BB 2003, 707, 708; Senatsbeschluss vom 29. Juli 2004 - III ZB 27/04 - BGH-Report 2005, 44, 45 f.; BGH, Beschluss vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06 - NJW 2008, 526, 527 Rn. 10).
Mit den geltend gemachten Wiedereinsetzungsgründen sei (indirekt) dargetan, dass weder die Einzelanweisung der Rechtsanwältin die unmissverständliche Anordnung enthielt, das Faxen sogleich auszuführen, noch ausreichende organisatorische Vorkehrungen dagegen getroffen worden seien, dass die mündliche Einzelanweisung in Vergessenheit gerate (vgl. BGH, B.v. 15.11.2007 - IX ZB 219/06 - Juris Rn. 10 ff.).
Beinhaltet die Einzelanweisung aber nicht die unmissverständliche Anordnung, diesen Vorgang sogleich auszuführen, müssen ausreichende organisatorische Vorkehrungen dagegen getroffen sein, dass die mündliche Einzelanweisung in Vergessenheit gerät und dadurch die rechtzeitige Übermittlung eines fristwahrenden Schriftsatzes unterbleibt (vgl. BGH, B. v. 15.11.2007 - IX ZB 219/09 - NJW 2008, 526).
Nach der Entscheidung des BGH vom 15. Oktober 2007 (VI ZB 219/06 = NJW 2008, 526), auf die die Landesanwaltschaft Bayern in ihrer Stellungnahme zum Wiedereinsetzungsantrag hingewiesen hat, mag eine besondere Vorkehrung ausnahmsweise entbehrlich sein, wenn die Bürokraft die unmissverständliche Weisung erhalten hat, einen Vorgang sogleich auszuführen.
Wird nicht unmissverständlich die sofortige Versendung angeordnet, sondern der Kanzleikraft - wie hier - ein Spielraum von mehreren Stunden zur Erledigung der aufgetragenen Arbeit eingeräumt, bedeutet das Fehlen jeder Sicherung einen Organisationsmangel (…BGH, Beschlüsse vom 22. Juni 2004 - VI ZB 10/04 - NJW-RR 2004, 1361 , vom 4. April 2007 - III ZB 85/06 - NJW-RR 2007, 1430 Rn. 9 und vom 15. November 2007 - IX ZB 219/06 - NJW 2008, 526 Rn. 10 ff.).
In einer Anwaltskanzlei müssen jedoch ausreichende organisatorische Vorkehrungen dagegen getroffen sein, dass die mündliche Einzelanweisung über die Eintragung oder Einhaltung einer wichtigen Frist nicht in Vergessenheit gerät und die Fristeintragung oder rechtzeitige Übermittlung eines fristwahrenden Schriftsatzes unterbleibt (vgl. BGH, Beschl. v. 4. November 2003 - VI ZB 50/03, NJW 2004, 688, 689; v. 15. November 2007 - IX ZB 219/06, aaO Rn. 11).