Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-verspaetete-zahlung-der-sozialversicherungsbeitraege-und-die-vermutete-zahlungseinstellung-368882
Timestamp: 2019-10-17 03:35:34
Document Index: 383940635

Matched Legal Cases: ['§ 133', '§ 286', '§ 286', '§ 17', '§ 133', '§ 130', '§ 266', '§ 130', '§ 133', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die ver­spä­te­te Zah­lung der Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge und die ver­mu­te­te Zah­lungs­ein­stel­lung | Rechtslupe
Tilgt der Schuld­ner Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge über einen Zeit­raum von zehn Mona­ten jeweils mit einer Ver­spä­tung von drei bis vier Wochen, kann das Tat­ge­richt zu der Wür­di­gung gelan­gen, dass der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger allein aus die­sem Umstand nicht auf eine Zah­lungs­ein­stel­lung des Schuld­ners schlie­ßen muss­te.
Die sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­merk­ma­le der Vor­satz­an­fech­tung (§ 133 Abs. 1 InsO) kön­nen – weil es sich um inne­re, dem Beweis nur ein­ge­schränkt zugäng­li­che Tat­sa­chen han­delt – meist nur mit­tel­bar aus objek­ti­ven Tat­sa­chen her­ge­lei­tet wer­den. Soweit dabei Rechts­be­grif­fe wie Zah­lungs­un­fä­hig­keit betrof­fen sind, muss deren Kennt­nis außer­dem oft aus der Kennt­nis von Anknüp­fungs­tat­sa­chen erschlos­sen wer­den. Dabei darf aber nicht über­se­hen wer­den, dass sol­che Tat­sa­chen nur mehr oder weni­ger gewich­ti­ge Beweis­an­zei­chen dar­stel­len, die eine Gesamt­wür­di­gung nicht ent­behr­lich machen und nicht sche­ma­tisch im Sin­ne einer vom ande­ren Teil zu wider­le­gen­den Ver­mu­tung ange­wandt wer­den dür­fen. Die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der Vor­satz­an­fech­tung hat der Tatrich­ter gemäß § 286 ZPO unter Wür­di­gung aller maß­geb­li­chen Umstän­de des Ein­zel­fal­les auf der Grund­la­ge des Gesamt­ergeb­nis­ses der Ver­hand­lung und einer etwai­gen Beweis­auf­nah­me zu prü­fen 1. Dabei beschränkt sich die revi­si­ons­recht­li­che Kon­trol­le dar­auf, ob sich der Tatrich­ter ent­spre­chend dem Gebot des § 286 ZPO mit dem Pro­zess­stoff umfas­send und wider­spruchs­frei aus­ein­an­der­ge­setzt hat, die Beweis­wür­di­gung also voll­stän­dig und recht­lich mög­lich ist und nicht gegen Denk­ge­set­ze und Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt 2.
Ein Schuld­ner, der zah­lungs­un­fä­hig ist und sei­ne Zah­lungs­un­fä­hig­keit kennt, han­delt in aller Regel mit Benach­tei­li­gungs­vor­satz, weil er weiß, dass sein Ver­mö­gen nicht aus­reicht, um sämt­li­che Gläu­bi­ger zu befrie­di­gen 3. Erkennt der Anfech­tungs­geg­ner die Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Schuld­ners, so ist er infol­ge der damit ver­bun­de­nen Schluss­fol­ge­rung, dass Leis­tun­gen aus des­sen Ver­mö­gen die Befrie­di­gungs­mög­lich­keit ande­rer Gläu­bi­ger ver­ei­teln oder zumin­dest erschwe­ren und ver­zö­gern, über den Benach­tei­li­gungs­vor­satz unter­rich­tet 4.
Im Insol­venz­an­fech­tungs­pro­zess ist die Erstel­lung einer Liqui­di­täts­bi­lanz nicht erfor­der­lich, wenn auf ande­re Wei­se fest­ge­stellt wer­den kann, ob der Schuld­ner einen wesent­li­chen Teil sei­ner fäl­li­gen Ver­bind­lich­kei­ten nicht bezah­len konn­te. Hat der Schuld­ner sei­ne Zah­lun­gen ein­ge­stellt, begrün­det dies auch für die Insol­venz­an­fech­tung gemäß § 17 Abs. 2 Satz 2 InsO die gesetz­li­che Ver­mu­tung der Zah­lungs­un­fä­hig­keit 5. Kennt der Gläu­bi­ger die Zah­lungs­ein­stel­lung, ist auf­grund die­ser gesetz­li­chen Ver­mu­tung auch sei­ne Kennt­nis der Zah­lungs­un­fä­hig­keit anzu­neh­men. Der Kennt­nis der Zah­lungs­un­fä­hig­keit steht auch im Rah­men des § 133 Abs. 1 InsO 6 die Kennt­nis von Umstän­den gleich, die zwin­gend auf die Zah­lungs­un­fä­hig­keit schlie­ßen las­sen (§ 130 Abs. 2 InsO). Dies ist anzu­neh­men, wenn der Anfech­tungs­geg­ner die tat­säch­li­chen Umstän­de kennt, aus denen bei zutref­fen­der recht­li­cher Bewer­tung die Zah­lungs­un­fä­hig­keit zwei­fels­frei folgt 7.
Die Kennt­nis der Ein­zugs­stel­le von der Liqui­di­täts­la­ge der Schuld­ne­rin beschränk­te sich auf den Umstand, dass die­se über eine Dau­er von zehn Mona­ten die geschul­de­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge jeweils um drei bis vier Wochen ver­spä­tet gezahlt hat­te. Zwar bil­det die Nicht­be­glei­chung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen infol­ge ihrer Straf­be­wehrt­heit (§ 266a StGB) ein Beweis­an­zei­chen, das den Schluss auf eine Zah­lungs­ein­stel­lung gestat­ten kann 8. In Fäl­len einer ver­spä­te­ten Zah­lung wird ange­nom­men, dass erst eine mehr­mo­na­ti­ge Nicht­ab­füh­rung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen eine Zah­lungs­ein­stel­lung umfas­send glaub­haft macht 9. Eine sol­che Gestal­tung war vor­lie­gend nicht gege­ben, weil die Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge ledig­lich mit einer Ver­zö­ge­rung von jeweils drei bis vier Wochen begli­chen wur­den.
Das Beweis­an­zei­chen ist im vor­lie­gen­den Fall über­dies auch des­halb als nicht sehr schwer­wie­gend zu gewich­ten, weil die Zah­lungs­rück­stän­de ange­sichts von Beträ­gen zwi­schen 1.300 € und 2.300 € mit Rück­sicht auf den Umfang des Geschäfts­be­triebs der Schuld­ne­rin und ihre von dem Klä­ger mit­ge­teil­ten Gesamt­ver­bind­lich­kei­ten von mehr als 390.000 € kei­ne beson­ders hohen Sum­men erreich­ten. Auch wenn die Schuld­ne­rin zur Til­gung der Rück­stän­de eine Frist von drei bis vier Wochen benö­tig­te und damit den für eine Kre­dit­be­schaf­fung eröff­ne­ten Zeit­raum über­schrit­ten hat­te, konn­te aus Sicht der Ein­zugs­stel­le wegen der gerin­gen Höhe der Ver­bind­lich­kei­ten eine nur gering­fü­gi­ge Liqui­di­täts­lü­cke vor­lie­gen 10. Der Ein­zugs­stel­le muss­te sich, weil die Bei­trags­for­de­run­gen ein­schließ­lich der Säum­nis­zu­schlä­ge und Mahn­ge­büh­ren voll­stän­dig erfüllt wur­den, auch nicht zwin­gend der Schluss auf­drän­gen, dass Ver­bind­lich­kei­ten ande­rer Gläu­bi­ger unbe­gli­chen blie­ben. Da der Ein­zugs­stel­le wei­te­re auf eine Zah­lungs­ein­stel­lung hin­deu­ten­de Beweis­an­zei­chen nicht geläu­fig waren 11, konn­te das Beru­fungs­ge­richt in tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung zu der Bewer­tung gelan­gen, dass sie die Zah­lungs­un­fä­hig­keit und damit der Benach­tei­li­gungs­vor­satz der Schuld­ne­rin nicht erkannt hat­te.
Eine Kennt­nis der Ein­zugs­stel­le von einer etwai­gen (dro­hen­den) Zah­lungs­un­fä­hig­keit der Schuld­ne­rin oder von Umstän­den, die zwin­gend auf die (dro­hen­de) Zah­lungs­un­fä­hig­keit hät­ten schlie­ßen las­sen (§ 130 Abs. 2, § 133 Abs. 1 Satz 2 InsO), ergibt sich aus dem vom Beru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt eben­falls nicht. Für die Ein­zugs­stel­le waren auch unter Berück­sich­ti­gung ihrer eige­nen, ver­spä­tet begli­che­nen For­de­run­gen kei­ne trag­fä­hi­gen Anhalts­punk­te ersicht­lich, dass sich die Schuld­ne­rin in exis­ten­zi­el­len wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten befand. Von den wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen der Schuld­ne­rin hat­te sie kei­ne Kennt­nis; ins­be­son­de­re wuss­te sie nicht, dass die Schuld­ne­rin auch ande­ren Gläu­bi­gern gegen­über Schul­den hat­te, die nicht pünkt­lich begli­chen wur­den 12.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Novem­ber 2013 – IX ZR 49/​13
BGH, Urteil vom 13.08.2009 – IX ZR 159/​06, WM 2009, 1943 Rn. 8; vom 01.07.2010 – IX ZR 70/​08, WM 2010, 1756 Rn. 9; vom 26.04.2012 – IX ZR 74/​11, BGHZ 193, 129 Rn.20; vom 10.01.2013 – IX ZR 28/​12, NZI 2013, 253 Rn. 27[↩]
BGH, Urteil vom 16.04.2013 – VI ZR 44/​12, VersR 2013, 1045 Rn. 13[↩]
BGH, Urteil vom 26.04.2012, aaO Rn. 17[↩]
BGH, Urteil vom 06.12.2012 – IX ZR 3/​12, WM 2013, 174 Rn.20[↩]
BGH, Urteil vom 08.10.2009 – IX ZR 173/​07, WM 2009, 2229 Rn. 10[↩]
BGH, Urteil vom 19.02.2009 – IX ZR 62/​08, BGHZ 180, 63 Rn. 13[↩]
BGH, Urteil vom 30.06.2011 – IX ZR 134/​10, WM 2011, 1429 Rn. 15 mwN; vom 25.10.2012 – IX ZR 117/​11, WM 2012, 2251 Rn. 30[↩]
BGH, Urteil vom 20.11.2001 – IX ZR 48/​01, BGHZ 149, 178, 187; vom 10.07.2003 – IX ZR 89/​02, WM 2003, 1776, 1778; vom 13.06.2006 – IX ZB 238/​05, WM 2006, 1631 Rn. 6; Beschluss vom 24.04.2008 – II ZR 51/​07, ZIn­sO 2008, 1019 Rn. 2[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 20.11.2001, aaO S. 187; vom 24.05.2005 – IX ZR 123/​04, BGHZ 163, 134, 142; vom 11.02.2010 – IX ZR 104/​07, WM 2010, 711 Rn. 43; vom 30.06.2011 – IX ZR 134/​10, WM 2011, 1429 Rn. 12; vom 14.06.2012 – IX ZR 145/​09, WM 2012, 1401 Rn. 32[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 30.06.2011, aaO Rn. 18[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 07.05.2013 – IX ZR 113/​10, WM 2013, 1361 Rn. 10[↩]
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