Source: https://www.jusmeum.de/urteil/vg_gelsenkirchen/0d11512bb1b1e7a7358ed764ac5e0865d2da193075c60efab246dcdd0fe36e05
Timestamp: 2018-12-15 18:18:50
Document Index: 137917946

Matched Legal Cases: ['§ 19', '§ 166', '§ 114', 'Art. 3', 'Art. 19', '§ 3', '§ 19', '§ 27', '§ 117', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 27', '§ 19', '§ 27', '§ 34', '§ 31', '§ 19', '§ 27', '§ 19', '§ 33', '§ 19']

VG Gelsenkirchen, 19 K 1192/06: VG Gelsenkirchen: körperliche behinderung, geistige behinderung, unterbringung, trennung, haus, defizit, form, geeignetheit, jugendhilfe, zusammenleben
Urteil des VG Gelsenkirchen vom 30.08.2006, 19 K 1192/06
19 K 1192/06
VG Gelsenkirchen: körperliche behinderung, geistige behinderung, unterbringung, trennung, haus, defizit, form, geeignetheit, jugendhilfe, zusammenleben
Körperliche behinderung, Geistige behinderung, Unterbringung, Trennung, Haus, Defizit, Form, Geeignetheit, Jugendhilfe, Zusammenleben
Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, 19 K 1192/06
Aktenzeichen: 19 K 1192/06
Schlagworte: gemeinsame Wohnformen, Hilfe zur Erziehung, geistige Behinderung
Normen: § 19 SGB VIII
Tenor: Der Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe unter Beiordnung von Rechtsanwalt I. aus X. wird abgelehnt.
Das Prozesskostenhilfegesuch ist abzulehnen, weil die Klage mit dem Antrag, 2
den Bescheid des Beklagten vom 19. Januar 2006 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 14. März 2006 aufzuheben und den Beklagten zu verpflichten, die Kosten der Unterbringung in der Einrichtung St. K. - Haus in X. ab dem 1. November 2005 zu übernehmen,
4nicht die hinreichende Aussicht auf Erfolg hat, wie es nach § 166 der Verwaltungsgerichtsordnung - VwGO - i.V.m. § 114 der Zivilprozessordnung - ZPO - erforderlich ist.
5Hinreichende Aussicht auf Erfolg bedeutet bei einer an Art. 3 Abs. 1 und Art. 19 Abs. 4 des Grundgesetzes - GG - orientierten Auslegung einerseits, dass Prozesskostenhilfe nicht erst und nur dann bewilligt werden darf, wenn der Erfolg der beabsichtigten Rechtsverfolgung gewiss ist, andererseits aber auch, dass Prozesskostenhilfe versagt werden darf, wenn ein Erfolg in der Hauptsache zwar nicht schlechthin ausgeschlossen, die Erfolgschance aber nur eine entfernte ist.
6Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen (OVG NRW), Beschluss vom 30. März 2000 - 22 E 500/98 -.
Die vorliegende Verpflichtungsklage ist aller Voraussicht nach unbegründet. Die ablehnenden Verwaltungsakte des Beklagten in Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 14. März 2006 sind rechtmäßig und verletzen die Klägerin nicht in ihren Rechten (§ 3
113 Abs. 5 Satz 1 VwGO). Die Klägerin hatte nach derzeitigem Kenntnisstand zum maßgeblichen Zeitpunkt des Erlasses des Widerspruchsbescheides keinen Anspruch gegen den Beklagten auf Übernahme der Kosten der Unterbringung in der Einrichtung St. K. - Haus in X. .
8Zunächst kann die Klägerin sich nicht auf einen - fortwirkenden - Bewilligungsbescheid aus dem Jahre 2001 berufen, da dieser Verwaltungsakt mit Bescheid vom 3. Juni 2005 in Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 29. Juli 2005 aufgehoben und die Hilfe zum Ende des Monats Oktober 2005 eingestellt worden ist. Die Rechtmäßigkeit dieser Hilfeeinstellung ist - entgegen der Ansicht der Prozessbevollmächtigten der Klägerin - nicht mehr zu überprüfen, da sie bestandskräftig geworden ist. Die gegen die Einstellungs- und Widerspruchsentscheidung erhobenen Klagen (19 K 2842/05 und 19 K 3923/05) waren auf die Feststellung beschränkt, dass die Hinzuziehung eines Bevollmächtigten für das Vorverfahren erforderlich war. Sie betrafen nicht die Regelung in der Sache.
9Soweit die Klägerin über ihre Betreuerin unter dem 24. Oktober 2005 neuerlich die gemeinsame Unterbringung mit ihrem Sohn in der Einrichtung St. K. -Haus in X. beantragt hat, dürften die materiellen Voraussetzungen der allein in Betracht kommenden Anspruchsgrundlage des § 19 Sozialgesetzbuch Achtes Buch Kinder- und Jugendhilfe - SGB VIII - nicht erfüllt sein. Ggf. konkurrierende Ansprüche auf Hilfe zur Erziehung gemäß § 27 SGB VIII kommen hier schon deshalb nicht in Betracht, da die Klägerin insoweit mangels Sorgeberechtigung für das Kind nicht aktivlegitimiert ist.
10Zur Begründung nimmt die Kammer Bezug auf die zutreffenden Ausführungen in den angefochtenen Bescheiden (§ 117 Abs. 5 VwGO). Zu ergänzen ist Folgendes:
11Nach § 19 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII sollen Mütter oder Väter, die allein für ein Kind unter sechs Jahren zu sorgen haben oder tatsächlich sorgen, gemeinsam mit dem Kind in einer geeigneten Wohnform betreut werden, wenn und solange sie auf Grund ihrer Persönlichkeitsentwicklung dieser Form der Unterstützung bei der Pflege und Erziehung des Kindes bedürfen. § 19 SGB VIII zielt auf den Personenkreis von Vätern/Müttern mit schwerwiegenden persönlichen, familiären, sozialen und/oder emotionalen Schwierigkeiten, die zu einem eigenverantwortlichen selbständigen Leben gemeinsam mit dem Kind noch nicht in der Lage sind und die den beschützenden Rahmen einer auf ihre individuelle Situation abgestimmten Hilfe in einer Einrichtung oder sonstigen Wohnform benötigen.
12Wiesener/Mörsberger/Oberloskamp/Struck, SGB VIII, Kinder- und Jugendhilfe, 3. Aufl. 2006, § 19 Rn. 1 u. 15.
13Die Hilfe nach § 19 SGB VIII ist persönlichkeitsindiziert, d.h. die Mutter oder der Vater ist aus in ihrer/seiner Person liegenden Gründen nicht in der Lage, das Kind zu erziehen. In Rede steht damit ein Defizit gerade als Erzieherpersönlichkeit.
Kunkel, in: LPK-SGB VIII, 3. Aufl. 2006, § 19 Rn. 3. 14
15Das von § 19 SGB VIII vorausgesetzte Persönlichkeitsdefizit der Mutter oder des Vaters kann auch auf eine seelische, geistige oder körperliche Behinderung zurückgehen. Das spezifisch jugendhilferechtliche Ziel der Behebung oder Milderung dieses Persönlichkeitsdefizits besteht nämlich darin, eine der Entstehung eines
Erziehungsdefizits beim Kind vorbeugende Art des Zusammenlebens zu unterstützen und sicherzustellen.
16Vgl. OVG NRW, Beschluss vom 30. November 2000 - 22 B 762/00 -, ZfSH/SGB 2002, 28; Beschluss vom 13. Dezember 2000 - 22 B 424/00 - ausdrücklich auch für den Fall einer „drogenindizierten Psychose".
17Zu dem - vorliegend bei der Klägerin aufgrund geistiger Behinderung wohl gegebenen - Persönlichkeitsdefizit des Erziehers hinzutreten muss ein potenzielles Erziehungsdefizit des Kindes im Sinne einer abstrakten Gefahr für seine Entwicklung. Im Unterschied zum Erziehungsdefizit des § 27 SGB VIII darf bei § 19 SGB VIII noch keine Auffälligkeit oder Störung beim Kind vorliegen. Wäre dies der Fall müsste Hilfe nach § 27 i.V.m. § 34 oder § 31 SGB VIII geleistet werden. Das Persönlichkeitsdefizit des Erziehers muss kausal für das Erziehungsdefizit des Kindes sein.
Kunkel, a.a.O., § 19 Rn. 3. 18
19Schließlich ist Tatbestandsvoraussetzung, dass gerade die Betreuung in der gemeinsamen Wohnform geeignet und erforderlich ist, das doppelte Defizit zu beseitigen. Das ist nicht der Fall, wenn eine stationäre Hilfe zur Erziehung nach §§ 27, 33 oder 34 SGB VIII als ebenso geeignet in Betracht kommt.
Kunkel, a.a.O., § 19 Rn. 3. 20
21Vorliegend dürfte zum einen das Erziehungsdefizit beim Sohn der Klägerin bereits konkret eingetreten und auf das Erzieherdefizit der Mutter zurückzuführen sein. Zum anderen ist nicht dargetan, dass gerade die (gemeinsame) Betreuung in der bisherigen Einrichtung geeignet ist, um das aus der Behinderung der Mutter resultierende Erziehungsdefizit beim Kind zu beseitigen. Dies hat die Kammer bereits in den vom Vormund des Kindes veranlassten Eil- und Hauptsacheverfahren ausgeführt (vgl. Beschlüsse vom 21.12.2005 - 19 L 1713/05 - und Urteil vom 19.05.2006 - 19 K 3780/05 - ).
22Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass es sich bei der Entscheidung über die Notwendigkeit und Geeignetheit der Hilfe um das Ergebnis eines kooperativen pädagogischen Entscheidungsprozesses unter Mitwirkung des Hilfe Suchenden und mehrerer Fachkräfte handelt, welches nicht den Anspruch objektiver Richtigkeit erhebt, jedoch eine angemessene Lösung zur Bewältigung der festgestellten Belastungssituation enthält, die fachlich vertretbar und nachvollziehbar sein muss; die verwaltungsgerichtliche Überprüfung hat sich dabei darauf zu beschränken, ob allgemein gültige fachliche Maßstäbe beachtet worden, keine sachfremden Erwägungen eingeflossen und die Leistungsadressaten in umfassender Weise beteiligt worden sind.
BVerwG, Urteil vom 24. Juni 1999 - 5 C 24.98 -, BVerwGE 109, 155 = FEVS 51, 152. 23
24Unter Berücksichtigung der nur eingeschränkten Überprüfungsmöglichkeit durch die Verwaltungsgerichte ist in Würdigung der auch aus dem Verfahren 19 L 1713/05 bekannten Umstände nicht erkennbar, dass die von der Klägerin gewünschte Hilfe im St. K. -Haus in X. gegenwärtig geeignet ist. Selbst die Vormünderin des Kindes anerkennt Verhaltensauffälligkeiten bei ihrem Mündel und bestreitet lediglich
unsubstantiiert das Zusammenleben mit der geistig behinderten Mutter als Ursache hierfür. Damit können indes nicht die Zweifel an der (fortbestehenden) Geeignetheit der gemeinsamen Unterbringung, wie sie insbesondere durch die sozialpädiatrische Begutachtung des Kindes durch das N. -Hospital in X. aufgeworfen und zur Grundlage des gegenüber der Klägerin ergangenen Aufhebungsbescheides vom 3. Juni 2005 gemacht worden sind, entkräftet werden. Daraus ergibt sich nachvollziehbar das Hilfeangebot des Beklagten gemäß § 33 SGB VIII, in der näheren Umgebung der Mutter eine Pflegefamilie für E. zu suchen.
Da Entwicklungsauffälligkeiten und -störungen in der Person des Kindes der Klägerin bedingen, dass nur noch Hilfe zur Erziehung in Betracht kommen kann, 25
vgl. Kunkel, a.a.O. § 19 Rn. 16, 26
27liegt es bei ihr, den naheliegenden Verdacht einer Ursachenkette zwischen der geistigen Behinderung der Kindesmutter und der Entwicklungsstörung beim Sohn auszuräumen. Dies ist aber nicht geschehen. So hat die Vormünderin des Kindes bislang von einem Besuch beim Kinderpsychologen abgesehen. Die statt dessen von ihr veranlasste sog. qualifizierte Alltagsbeobachtung ändert daran nichts: Denn nach dem einschlägigen Bericht vom 15. September 2005 sind „die offensichtlichen Schwierigkeiten und Belastungen mit dem traumatischen Erleben, die eine Trennung der Kinder von Eltern unweigerlich auslöst, abzuwägen". Eine eindeutige Schlussfolgerung vermeidet die Sozialarbeiterin; sie lässt allerdings nicht im Unklaren, dass Veränderungen im Beziehungsgeflecht zwischen Mutter und Sohn, mindestens eine räumliche Trennung im Alltag der Einrichtung und die weitere Entlastung der Mutter von Erziehungsaufgaben, unumgänglich sein dürften. Der Hinweis auf die Schwierigkeit der Mutter, aggressive Affekte zu regulieren, wobei grundsätzlich Übergänge zu Misshandlungen nicht auszuschließen seien, wirft insoweit allerdings die Frage auf, ob das ausreicht. Die Klägerin hat insoweit keine nachvollziehbare Antwort gegeben, was zu ihren Lasten geht.
28In diesem Zusammenhang ist endlich zu berücksichtigen, dass auch die Betreuerin der Klägerin schon im Rahmen der Widerspruchsanhörung am 25. Juli 2005 zur Situation in der Einrichtung angegeben hat, dass die Mutter lediglich die emotionale Versorgung sicherstellen könne und alles andere, d.h. Betreuung, Versorgung und Erziehung, schon jetzt von Dritten sichergestellt werde. Dabei sehe die emotionale Zuwendung so aus, dass die Mutter sich „wie eine Glucke" an ihr Kind klammere und es kaum loslassen könne. Aus diesem Grund komme eine langsame und vorsichtige Trennung bzw. Loslösung von Mutter und Kind nicht in Frage, da jene das nicht nachvollziehen könnte. Damit wird der mutterbezogene Ansatz der Betreuerin deutlich, die eine weitere gemeinsame Unterbringung offenbar primär deshalb wünscht, weil dadurch der Verbleib der Mutter in der Außenwohngruppe gesichert werden kann.
29Insofern wird übersehen, dass sich die Defizite des Kindes derart verselbständigt haben, dass sie gegenüber der Erzieherpersönlichkeitsstörung der Mutter in den Vordergrund getreten sind. Das belegt die Stellungnahme des St. K. -Hauses vom 2. März 2006, in der neben anderen, nicht näher beschriebenen Auffälligkeiten des Kindes massive Probleme bei der Akzeptanz von Regeln und Grenzen beschrieben werden. Die Bearbeitung dieser Defizite bedürfe unbedingt einer intensiven professionellen Begleitung. Von der Mutter des Kindes ist in diesem Zusammenhang nur insofern noch die Rede, als zu ihr eine zur Zeit stabile emotionale Beziehung bestehe. Es ist daher
wenig plausibel, warum eine Trennung von der Mutter im Falle der Vermittlung in eine Pflegefamilie die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit des Kindes für die Zukunft nachhaltig negativ beeinflussen würde, obwohl das bisherige Zusammenleben mit der Klägerin und die geleistete intensive pädagogische Arbeit der Fachkräfte des St. K. - Hauses nicht verhindert haben, dass es zu den erheblichen Persönlichkeitsstörungen des Kindes gekommen ist. Vor diesem Hintergrund ist das Ansinnen des Beklagten, Hilfe zur Erziehung in Form von Vollzeitpflege in einer Pflegefamilie in der Nähe des Einrichtungsortes der Klägerin in Erwägung zu ziehen, jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, auch wenn sich die hierfür antragsberechtigte Vormünderin des Kindes offenbar dagegen sperrt.