Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bverwg/bverwg_1-D-5-02
Timestamp: 2019-11-18 21:18:39
Document Index: 395014802

Matched Legal Cases: ['§ 54', '§ 77', '§ 21', '§ 20', '§ 20', '§ 21', '§ 21', 'Art. 143', 'Art. 143', '§ 2', '§ 4', '§ 54', '§ 77', '§ 4', '§ 4', '§ 54', '§ 77', '§ 110', '§ 113', '§ 54', '§ 77']

BVerwG, 1 D 5.02: Berufliche Tätigkeit, Schuldfähigkeit, Notlage, Zustand
Urteil des BVerwG vom 23.10.2002, 1 D 5.02
Aktenzeichen: 1 D 5.02
Berufliche Tätigkeit, Schuldfähigkeit, Notlage, Zustand
BVerwG 1 D 5.02 BDiG IX VL 19/01
die Posthauptschaffnerin ... , ..., geboren am ...,
hat das Bundesverwaltungsgericht, 1. Disziplinarsenat, in der nichtöffentlichen Hauptverhandlung am 23. Oktober 2002, an der teilgenommen haben:
Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht A l b e r s ,
Richter am Bundesverwaltungsgericht M a y e r ,
Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. H. M ü l l e r ,
H ü b n e r Technischer Fernmeldebetriebsinspektor Peter und Postbetriebsassistent Gerhard S t e i l als ehrenamtliche Richter
Regierungsdirektor ... für den Bundesdisziplinaranwalt,
Rechtsanwalt ..., als Verteidiger,
Justizangestellte ... , als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle,
Auf die Berufung des Bundesdisziplinaranwalts wird das Urteil des Bundesdisziplinargerichts, Kammer IX - ... -, vom 27. November 2001 im Disziplinarmaß aufgehoben.
Die Posthauptschaffnerin ... wird aus dem Dienst entfernt.
Ihr wird ein Unterhaltsbeitrag in Höhe von 75 v.H. ihres erdienten Ruhegehalts auf die Dauer von 6 Monaten bewilligt.
1. In dem ordnungsgemäß eingeleiteten Disziplinarverfahren hat
der Bundesdisziplinaranwalt die Beamtin angeschuldigt, dadurch
ein Dienstvergehen begangen zu haben, dass sie
1. in den Monaten Februar und März 1999 in sieben Fällen
insgesamt etwa 160 DM aus Zustellertischen von Kollegen
entwendet habe;
2. am 1. April 1999 220 DM unterschlagen und, um dies zu
verdecken, einen Diebstahl gemeldet habe.
2. Das Bundesdisziplinargericht hat die Beamtin durch Urteil
vom 27. November 2001 in das Amt einer Postoberschaffnerin (Besoldungsgruppe A 3 Bundesbesoldungsgesetz) versetzt. Es hat
folgenden Sachverhalt festgestellt:
Als im Februar und März 1999 von Zustellern beim Zustellstützpunkt ... mehrere ihnen unerklärliche Minderbeträge an in ihren
Schubladen aufbewahrten dienstlichen Bargeldbeständen gemeldet
wurden, wurde am 3. Mai 1999 im Zustellersaal eine Videoanlage
installiert, um den vermuteten Täter zu ermitteln. Bei der Auswertung der Videobänder wurde festgestellt, dass sich die bei
diesem Zustellstützpunkt auch als Zustellerin beschäftigte Beamtin an zwei Schubladen anderer Zustellertische zu schaffen
gemacht hatte. Als sie daraufhin am 28. Juni 1999 zu der Angelegenheit befragt und ihr der Vorwurf des Diebstahls gemacht
wurde, gab sie zu, seit etwa 3 - 4 Monaten Bargeldbeträge aus
den Geldbörsen ihrer Zustellerkollegen entwendet zu haben, wobei sie sich immer an Schubladen zu schaffen gemacht habe, die
nicht abgeschlossen gewesen seien. Sie sprach auch davon, insgesamt etwa 380 DM entwendet zu haben, wovon allerdings 220 DM
auf ihren eigenen Bestand entfallen waren, für den sie am
1. April 1999 einen Diebstahl gemeldet und somit vorgetäuscht
hatte. Von diesen 220 DM stammten nur 10 DM aus dem eigentlichen eigenen Bargeldbestand, während 210 DM einem Kunden gehörten, für den sie Postwertzeichen hätte besorgen sollen. Nach
ihren nicht zu widerlegenden Angaben hatte sie aus den Geldbörsen der Kollegen niemals Einzelbeträge von mehr als 30 DM herausgenommen.
Die Beamtin hat diesen Sachverhalt zugegeben und sich vor allem
dahin eingelassen, sie sei schon vor ihrer Überführung etwa
fünf Jahre lang spielsüchtig gewesen und habe dadurch Schulden
von schließlich etwa 30 000 DM angehäuft. Das Geld habe sie
ausschließlich in Spielotheken verbraucht, während sie Spielbanken nicht aufgesucht habe. Manchmal habe sie nicht mehr aus
noch ein gewusst, weil sie sich teilweise nicht einmal mehr etwas zum Essen habe kaufen können. Sie habe dann keinen anderen
Ausweg mehr gesehen, als sich das nötige Bargeld durch die ihr
zur Last gelegten Diebstähle zu besorgen. Sie bedaure ihr Verhalten sehr. Sie habe unter einem sehr starken Druck gestanden,
weil sie ja gewusst habe, dass sie das Geld ihren Zustellerkollegen weggenommen gehabt habe.
Das Bundesdisziplinargericht hat die Handlungsweise der Beamtin
als vorsätzlichen Verstoß gegen die ihr obliegenden Pflichten
zur uneigennützigen Verwaltung ihres Amtes sowie zu achtungsund vertrauensgerechtem Verhalten (Dienstvergehen gemäß § 54
Satz 2 und 3, § 77 Abs. 1 Satz 1 BBG) gewertet, das wegen ihres
Gewichts und des Fehlens anerkannter Milderungsgründe eigentlich zur Entfernung aus dem Dienst hätte führen müssen. Von der
Verhängung der Höchstmaßnahme hat es jedoch abgesehen, weil die
Beamtin das dienstliche Fehlverhalten nach dem Gutachten des
Sachverständigen Dr. S. im Zustand verminderter Schuldfähigkeit
gemäß § 21 StGB begangen habe und sich nicht an staatlichem
Vermögen, sondern an Geldern eines privatisierten Unternehmens
vergriffen habe. Auch der Umstand, dass die Deutsche Post AG
keine Strafanzeige gegen die Beamtin erstattet habe, diese
vielmehr normal weiter beschäftige, so, als sei nichts geschehen, zeige, dass das Vertrauensverhältnis zu der Beamtin noch
nicht endgültig zerstört sei.
3. Mit seiner auf das Disziplinarmaß beschränkten Berufung
strebt der Bundesdisziplinaranwalt eine Entfernung der Beamtin
aus dem Dienst an. Die Urteilsbegründung widerspreche der
Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, soweit darin die
Tätigkeit der Beamtin in einem privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen als Grund für eine abweichende disziplinare Bewertung genommen werde. Entsprechendes gelte für die Abweichung
hinsichtlich der Anforderungen an den Schutz dienstlich anvertrauter Gelder. Das Vertrauensverhältnis zur Beamtin sei auch
bei der Unterschlagung von Unternehmensgeldern zerrüttet, wie
die Parallelwertung im Arbeitsrecht zeige, wonach einem Arbeitnehmer bei einem entsprechenden Verhalten fristlos gekündigt
Die Berufung hat Erfolg und führt zur Entfernung der Beamtin
aus dem Dienst.
Das vorliegende Disziplinarverfahren ist nach bisherigem Recht,
das heißt nach den Verfahrensregeln und Grundsätzen der Bundesdisziplinarordnung fortzuführen (vgl. z.B. Urteil vom 12. Juni
2002 - BVerwG 1 D 29.01 -).
1. Das Rechtsmittel ist auf das Disziplinarmaß beschränkt. Der
Senat ist daher an die Tat- und Schuldfeststellungen des Bundesdisziplinargerichts sowie an die vorgenommene disziplinarrechtliche Würdigung der festgestellten Pflichtverletzungen als
innerdienstliches Dienstvergehen gebunden. Er hat nur noch über
die angemessene Disziplinarmaßnahme zu befinden.
2. Das Bundesdisziplinargericht hat zutreffend festgestellt,
dass das Fehlverhalten der Beamtin sich nach den Grundsätzen
richtet, die für Zugriffsdelikte gelten.
Dies gilt auch für die 210 DM, deren Herkunft und Charakter
nach den Ausführungen des Bundesdisziplinargerichts im Vorermittlungsverfahren nicht näher geklärt worden seien. In den eigenen Sachverhaltsfeststellungen des Bundesdisziplinargerichts
heißt es dagegen eindeutig, die 210 DM hätten einem Kunden gehört, für den die Beamtin Postwertzeichen hätte besorgen sollen. Hierbei handelt es sich um Gelder, die einem Beamten wegen
seiner Amtsstellung anvertraut worden sind (vgl. Köhler/Ratz -
Mayer, BDG, 3. Aufl. 2002, B.II.10 Rn. 3).
Bei Zugriffsdelikten ist grundsätzlich die Verhängung der Maßnahme der Dienstentfernung geboten. Hiervon kann nur beim Vorliegen bestimmter, von der Rechtsprechung anerkannter Milderungsgründe abgesehen werden. Derartige Gründe liegen entgegen
der Auffassung des Bundesdisziplinargerichts nicht vor.
Im Ergebnis zutreffend hat die Vorinstanz den Milderungsgrund
der unverschuldeten, ausweglosen wirtschaftlichen Notlage nicht
anerkannt. Nach ständiger Rechtsprechung kann von der Höchstmaßnahme abgesehen werden, wenn die Beamtin in einer unverschuldeten, ausweglosen wirtschaftlichen Notlage gehandelt hat
und der Zugriff auf dienstlich erlangtes oder anvertrautes Geld
allein zu dem Zweck erfolgte, eine für die Beamtin und ihre Familie existenzielle Notlage abzuwehren oder zu mildern.
Eine derartige Notlage bestand am 1. April 1999, als die Beamtin die 210 DM zum Kauf von Postwertzeichen für einen Postkunden erhalten hatte, nicht. Die Beamtin hat sich in der Hauptverhandlung vor dem Senat dahin eingelassen, in der Monatsmitte
habe sie ihr Gehalt verspielt gehabt, das Geld sei weg gewesen
und sie habe sich nichts mehr zu essen kaufen können. Danach
verfügte sie am 1. April 1999 noch über eigenes Geld.
Im Übrigen kann sich die Beamtin auch deshalb nicht mit Erfolg
auf den Milderungsgrund berufen, weil diese nicht - zeitlich
begrenzt - in einer ausweglosen Konfliktsituation, auf die der
Milderungsgrund zugeschnitten ist, gehandelt hat. Die mildere
Bewertung des Fehlverhaltens hat ihren Grund darin, dass der
betroffene Beamte in einer Konfliktsituation versagt hat, in
der er keinen anderen Ausweg als den Zugriff auf dienstlich anvertrautes Geld oder Gut gesehen hat, um den notwendigen Lebensbedarf für sich und/oder seine Familie zu sichern. Eine
solche Konfliktsituation kann aber nur dann als Ursache des
Fehlverhaltens anerkannt werden und zu einer Milderung führen,
wenn es sich um ein vorübergehendes, zeitlich und zahlenmäßig
eng begrenztes Fehlverhalten gehandelt hat. Wiederholte Zugriffshandlungen über einen längeren Zeitraum, auch wenn sie
auf einen Zustand mit Krankheitswert (z.B. psychische Dauerbelastung, Alkoholabhängigkeit oder wie hier Spielsucht), zurückzuführen sein dürften, erfüllen diese Voraussetzungen nicht.
Ein solcher Fall ist hier gegeben. Die Beamtin hat über zwei
Monate hinweg in sieben Fällen Geld aus den Zustellertischen
ihrer Kollegen entwendet. Sie hat danach ihre kriminelle Hand-
lungsweise nicht von sich aus beendet, sondern nur deshalb,
weil sie durch die Auswertung von Videobändern überführt worden
ist. Bei dieser Sachlage ist Ursache ihres Fehlverhaltens nicht
mehr eine aus existenzieller Not geborene, vorübergehende Konfliktsituation, mit der die Beamtin nicht fertig geworden ist.
Vielmehr hat sie gezielt die Inanspruchnahme fremden Vermögens
eingesetzt, um damit über weitere "Einkünfte" neben ihrem sonstigen Einkommen, das zur Befriedigung ihrer finanziellen Bedürfnisse offensichtlich nicht ausgereicht hat, verfügen zu
können. Das Sich-Abfinden mit immer neuem Unrecht durch eine
rechtswidrige Dauerlösung darf sich nicht maßnahmemildernd auswirken. Ein derart auf Wiederholung angelegtes Fehlverhalten,
dessen Tragweite sich der oder die Betroffene in Phasen nachlassenden Suchtdranges bewusst werden muss, schließt - auch bei
einer Alkoholabhängigen oder Spielsüchtigen - die Anwendung des
Milderungsgrundes aus (vgl. Urteil vom 25. September 2001
- BVerwG 1 D 62.00 -, auch Urteil vom 22. Oktober 2002
- BVerwG 1 D 6.02 -).
Die Spielsucht der Beamtin als solche ist ebenfalls kein Milderungsgrund. Bei Zugriffsdelikten können Erkrankungen des Beamten für sich genommen nur dann zu seinen Gunsten berücksichtigt
werden, wenn sie Schuldunfähigkeit im Sinne von § 20 StGB herbeigeführt haben. Ist das nicht der Fall - wie hier -, kann von
der Höchstmaßnahme nur bei Vorliegen der Voraussetzungen anerkannter Milderungsgründe abgesehen werden. Der Senat hat beispielsweise keinen Grund gesehen, einen alkoholkranken Beamten
gegenüber Beamten, die an einer anderen Krankheit leiden, zu
privilegieren und die Alkoholkrankheit außerhalb der Anwendungsbereiche des § 20 StGB und der anerkannten Milderungsgründe selbständig mildernd zu berücksichtigen (Urteil vom
29. August 2001 - BVerwG 1 D 8.00 -). Dies gilt in gleicher
Weise für eine Spielsucht, sofern diese im Einzelfall überhaupt
pathologischer Art ist.
Der Milderungsgrund einer psychischen Ausnahmesituation lag
ebenfalls nicht vor. Er setzt ein schockbedingtes Versagen über
einen befristeten Zeitraum voraus. Ein schockauslösendes Ereignis ist nicht ersichtlich. Die Beamtin war bereits seit fünf
Jahren spielsüchtig.
Ein Absehen von der Höchstmaßnahme ist - entgegen der Auffassung der erstinstanzlichen Kammer - auch nicht deshalb gerechtfertigt, weil die Beamtin im Zustand verminderter Schuldfähigkeit auf Wirtschaftsgüter eines privaten Unternehmens zugegriffen hat, die nicht mehr der unmittelbaren Erfüllung hoheitlicher Aufgaben dienten.
Soweit sich die Kammer auf den Gesichtspunkt der verminderten
Schuldfähigkeit der Beamtin im Sinne von § 21 StGB bezieht,
vermag dies nach der ständigen Rechtsprechung des Senats eine
Milderung jedenfalls dann nicht zu rechtfertigen, wenn es sich
- wie hier - um die eigennützige Verletzung einer leicht einsehbaren Kernpflicht handelt. In einem solchen Fall muss im
Hinblick auf die als selbstverständlich geforderte und ständig
eingeübte korrekte Verhaltensweise von dem Beamten erwartet
werden, dass er auch bei alkoholbedingt erheblich verminderter
Einsichts- und/oder Steuerungsfähigkeit noch genügend Widerstandskraft gegen eine Verletzung dieser Pflicht im Dienst aufbietet (vgl. z.B. Urteil vom 29. August 2001, a.a.O.).
Die Rechtsprechung des Senats steht auch nicht im Gegensatz zur
Anwendung des § 21 StGB im Strafrecht, wo eine Strafmilderung
auch bei schwersten Straftaten in Betracht kommt. Denn im
Strafrecht wird ein gesellschaftliches Unwerturteil ausgesprochen, das an höhere Voraussetzungen geknüpft ist als ein Vertrauensverlust im Rahmen eines Beamtenverhältnisses. Daher ist
eine verminderte Schuldfähigkeit bei strafrechtlichen Sanktionen in weitergehendem Umfang zu berücksichtigen als im Disziplinarrecht. In einem durch eine Sonderrechtsbeziehung begründeten Vertrauensverhältnis, wie dem Beamtenverhältnis, führt die
Überschreitung bestimmter dienstspezifischer Schwellen durch
schuldhaft pflichtwidriges Verhalten regelmäßig zur Zerstörung
des Vertrauensverhältnisses, auch wenn dem im Rahmen des für
jedermann geltenden strafrechtlichen Sanktionensystems keine
derart hervorgehobene Bedeutung zukommt. Im allgemeinen Arbeitsrecht liegt die dort spezifische Schwelle deutlich niedriger, als dies nach der Rechtsprechung des Senats zum Disziplinarrecht der Fall ist.
Ein Beamter verliert das in ihn gesetzte Vertrauen seiner Vorgesetzten und der Allgemeinheit auch dann, wenn er - und sei es
im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit - auf ihm
dienstlich anvertraute Gelder des privatisierten Unternehmens
Deutsche Post AG zugreift. Der Rechtsstatus und die Pflichtenstellung der Postbeamten haben sich durch die Privatisierung
der ehemaligen Deutschen Bundespost Anfang des Jahres 1995
nicht geändert. Vielmehr bestimmt bereits Art. 143 b Abs. 3
Satz 1 GG, dass die Postbeamten "unter Wahrung ihrer Rechtsstellung" bei den privaten Unternehmen beschäftigt werden. In
Ausfüllung des verfassungsrechtlichen Regelungsauftrags gemäß
Art. 143 b Abs. 3 Satz 3 GG legt § 2 Abs. 3 Satz 2 PostPersRG
fest, dass auf die im unmittelbaren Bundesdienst verbleibenden
Postbeamten die für Bundesbeamte allgemein geltenden Vorschriften Anwendung finden, soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt
ist. Die im Bundesbeamtengesetz verankerten beamtenrechtlichen
Pflichten - hier: uneigennützige und gewissenhafte Amtsführung,
achtungs- und vertrauenswürdiges Verhalten und Befolgung
dienstlicher Anordnungen - wurden für die bei der Deutschen
Post AG beschäftigten Beamten gesetzlich nicht eingeschränkt.
Anders als im Falle einer Beurlaubung, z.B. nach § 4 Abs. 3
PostPersRG, wurde die Beamtin im vorliegenden Fall auch nicht
durch Einzelverfügung von einem Teil ihrer beamtenrechtlichen
Pflichten entbunden (zum Rechtsstatus beurlaubter Beamter vgl.
Urteil vom 12. Dezember 2001 - BVerwG 1 D 4.01 -; im Übrigen
vgl. Urteil vom 19. Februar 2002 - BVerwG 1 D 10.01 - Buchholz
232 § 54 Satz 2 BBG Nr. 27).
Die Pflichtverstöße der Beamtin waren, auch wenn sie das Vermögen der Deutschen Post AG schädigten, innerdienstlicher Natur
(§ 77 Abs. 1 Satz 1 BBG), wie die Vorinstanz zutreffend und
bindend festgestellt hat. Die berufliche Tätigkeit der Beamtin
bei der Aktiengesellschaft gilt als Dienst (§ 4 Abs. 1
PostPersRG). Insofern entspricht der Unrechtsgehalt eines Zugriffs auf Kundengelder oder diesen gleichgestellten Geldern
der Deutschen Post AG im Rahmen einer dienstlichen Tätigkeit im
Sinne von § 4 Abs. 1 PostPersRG dem Unrechtsgehalt eines
Zugriffs auf öffentliche Gelder im Rahmen einer Tätigkeit bei
einem öffentlichen Dienstherrn. In beiden Fällen verletzt ein
Beamter die ihm gesetzlich auferlegte Kernpflicht, sich nicht
an dienstlich anvertrauten Geldern zu vergreifen. Damit verliert er regelmäßig das in ihn gesetzte Vertrauen seiner Vorgesetzten und der Allgemeinheit.
Gegen einen Vertrauensverlust spricht nicht, dass die Deutsche
Post AG auf die Erstattung einer Strafanzeige gegen die Beamtin
verzichtete. Der Verzicht auf eine strafrechtliche Ahndung sagt
nichts über den eingetretenen Vertrauensverlust aus, denn im
einen Fall geht es um Strafverfolgungsinteressen, im anderen um
dienstliche Interessen. Im Übrigen erfolgte der Verzicht auf
eine Strafanzeige im vorliegenden Fall nicht etwa deshalb, weil
der konkret eingetretene Vermögens- oder Vertrauensschadens als
gering eingestuft worden wäre, sondern wegen der möglichen negativen Außenwirkung einer Anzeige für die Deutsche Post AG und
mit Rücksicht auf die psychische Konstitution der Beamtin.
Gleiches gilt für die Tatsache, dass die Deutsche Post AG die
Beamtin nicht suspendiert, sondern weiter beschäftigt hat. Es
ist ständige Rechtsprechung des Senats, dass sich die vorübergehende Weiterbeschäftigung eines Beamten nach Aufdeckung des
Dienstvergehens nicht maßnahmemildernd auswirkt, da die Frage
der weiteren Tragbarkeit eines Beamten von den Disziplinargerichten zu beurteilen ist und die Weiterbeschäftigung auf Gründen (z.B. betriebswirtschaftlicher Art) beruhen kann, die disziplinarrechtlich nicht von Bedeutung sind. Der eingetretene
Vertrauensverlust wird dadurch nicht nachträglich beseitigt
(vgl. z.B. Urteil vom 26. August 1997 - BVerwG 1 D 68.96 -
Buchholz 232 § 54 Satz 2 BBG Nr. 13). Im Übrigen ist vorliegend
ersichtlich, dass sowohl das Absehen von dem Verbot der Führung
der Dienstgeschäfte als auch von der vorläufigen Dienstenthebung aus wirtschaftlichen Gründen erfolgte. Dies hat der
Dienstherr am 30. Juni 1999 damit begründet, dass die Beamtin
sonst volle Bezüge ohne Arbeitsleistung bekäme und in der zuständigen Niederlassung bereits zwei Kollegen vorläufig des
Dienstes enthoben seien.
3. Ist danach die Entfernung der Beamtin aus dem Dienst unabweisbar, so konnte ihr gemäß § 77 Abs. 1 BDO der nach dem Gesetz höchstzulässige Unterhaltsbeitrag bewilligt werden. Eines
solchen Unterhaltsbeitrages ist die Beamtin nicht unwürdig und
unter Zugrundelegung ihrer gegenwärtigen finanziellen Verhältnisse in der zuerkannten Höhe auch bedürftig. Der Unterhaltsbeitrag dient dazu, der Beamtin den ihr durch Hinwegfall der
Dienstbezüge notwendig gewordenen Übergang in einen anderen Beruf oder eine andere Art der finanziellen Existenzsicherung zu
erleichtern. Diesem Zweck liegt die Erwartung zugrunde, dass
sich die Beamtin in ausreichendem Maße, d.h. fortlaufend, um
die Wiederaufnahme einer anderen Erwerbstätigkeit oder um eine
andere Art der Sicherung ihrer finanziellen Grundlagen bemüht.
Der Nachweis dieser fortlaufenden Bemühungen ist auch Voraussetzung einer etwaigen Weiterbewilligung des Unterhaltsbeitrags
gemäß § 110 Abs. 2 BDO.
4. Die Kostenentscheidung beruht auf § 113 ff. BDO.
Albers Mayer Müller
BBG § 54 Sätze 2 und 3, § 77 Abs. 1 Satz 1
Spielsüchtige Posthauptschaffnerin; Entwendung von Geld aus den Zustelltischen ihrer Kollegen; keine anerkannten Milderungsgründe (kein Handeln in einer vorübergehenden Konfliktsituation); Disziplinarmaß: Entfernung aus dem Dienst.
Urteil des 1. Disziplinarsenats vom 23. Oktober 2002 - BVerwG 1 D 5.02 -
I. BDiG, Kammer IX - ... -, vom 27.11.2001 - Az.: BDiG IX VL 19/01 -
1 D 5.02
Berufliche Tätigkeit, Schuldfähigkeit, Notlage, Zustand, Strafanzeige, Disziplinarverfahren, Unterhaltsbeitrag, Beamter, Postwertzeichen, Arbeitsrecht