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Timestamp: 2020-08-08 21:24:59
Document Index: 245759440

Matched Legal Cases: ['§ 199', '§ 199', '§ 199', '§ 199', 'BGH', 'BGH', '§ 199', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Verjährungsbeginn - und die Frage der Kenntnis | Rechtslupe
Verjährungsbeginn - und die Frage der Kenntnis
Der Begriff der Kennt­nis im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB ist von einer abso­lu­ten Gewiss­heit abzu­gren­zen [1]. Wenn eine Per­son eine inhalt­lich zutref­fen­de Infor­ma­ti­on aus einer ver­läss­li­chen Quel­le erhält, hat sie Kennt­nis hier­von.
Die Über­prü­fung der Infor­ma­ti­on, sowie die hier­für erfor­der­li­che Zeit blei­ben außer Betracht, da sie allen­falls der Beschaf­fung von Beweis­mit­teln die­nen. Dar­auf kommt es für die Fra­ge der Zumut­bar­keit der Kla­ge­er­he­bung und somit für den Frist­be­ginn nicht an [2].
Gro­be Fahr­läs­sig­keit im Sin­ne von § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB setzt einen objek­tiv schwer­wie­gen­den und sub­jek­tiv nicht ent­schuld­ba­ren Ver­stoß gegen die Anfor­de­run­gen der im Ver­kehr erfor­der­li­chen Sorg­falt vor­aus. Grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis liegt dem­nach nur vor, wenn dem Gläu­bi­ger die Kennt­nis des­halb fehlt, weil er ganz nahe­lie­gen­de Über­le­gun­gen nicht ange­stellt und nicht beach­tet hat, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen. Ihm muss per­sön­lich ein schwe­rer Oblie­gen­heits­ver­stoß in sei­ner eige­nen Ange­le­gen­heit der Anspruchs­ver­fol­gung („Ver­schul­den gegen sich selbst“) vor­ge­wor­fen wer­den kön­nen, weil sich ihm die den Anspruch begrün­den­den Umstän­de förm­lich auf­ge­drängt haben, er davor aber letzt­lich die Augen ver­schlos­sen hat. Hier­bei trifft den Gläu­bi­ger gene­rell kei­ne Oblie­gen­heit, im Inter­es­se des Schuld­ners an einem mög­lichst früh­zei­ti­gen Beginn der Ver­jäh­rungs­frist Nach­for­schun­gen zu betrei­ben; viel­mehr muss das Unter­las­sen von Ermitt­lun­gen nach Lage des Fal­les als gera­de­zu unver­ständ­lich erschei­nen, um ein grob fahr­läs­si­ges Ver­schul­den des Gläu­bi­gers beja­hen zu kön­nen [3].
Die Oblie­gen­heit des Gläu­bi­gers, sich über die anspruchs­be­grün­den­den Umstän­de Kennt­nis zu ver­schaf­fen, beinhal­tet eine Orga­ni­sa­ti­ons, Prü­fungs- und Nach­for­schungs­kom­po­nen­te. Im Rah­men sei­ner Orga­ni­sa­ti­ons­ob­lie­gen­heit hat der Gläu­bi­ger einen geeig­ne­ten Rah­men zu schaf­fen, um sei­ne For­de­run­gen zu ver­wal­ten [4].
Maß­geb­lich für die Fra­ge des Ver­jäh­rungs­be­ginns ist, ob dem Gläu­bi­ger auf­grund der ihm bekann­ten – oder der grob fahr­läs­sig unbe­kannt geblie­be­nen – Tat­sa­chen zuge­mu­tet wer­den kann, zur Durch­set­zung sei­nes Anspruchs gegen eine bestimm­te Per­son aus­sichts­reich, wenn auch nicht risi­ko­los, Kla­ge – und sei es nur in Form einer Fest­stel­lungs­kla­ge – zu erhe­ben [5]. Hier­bei ist weder not­wen­dig, dass der Geschä­dig­te alle Ein­zel­um­stän­de kennt, die für die Beur­tei­lung mög­li­cher­wei­se Bedeu­tung haben, noch muss er bereits hin­rei­chend siche­re Beweis­mit­tel in der Hand haben, um einen Rechts­streit im Wesent­li­chen risi­ko­los füh­ren zu kön­nen. Auch kommt es – abge­se­hen von Aus­nah­me­fäl­len – nicht auf eine zutref­fen­de recht­li­che Wür­di­gung an. Viel­mehr genügt aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit und Bil­lig­keit im Grund­satz die Kennt­nis der den Ersatz­an­spruch begrün­den­den tat­säch­li­chen Umstän­de [6]. Nur im Ein­zel­fall kann Rechtsun­kennt­nis bei unsi­che­rer und zwei­fel­haf­ter Rechts­la­ge den Ver­jäh­rungs­be­ginn hin­aus­schie­ben, wenn es sich um eine so unüber­sicht­li­che oder zwei­fel­haf­te Rechts­la­ge han­delt, dass sie selbst ein rechts­kun­di­ger Drit­ter nicht zuver­läs­sig ein­zu­schät­zen ver­mag [7].
Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 8. Mai 2013 – 9 U 166/​12
Stau­din­ger-Peter­s/­Ja­co­by, BGB, Bear­bei­tung 2009, § 199, Rn. 71; Mün­che­ner Kom­men­tar-Gro­the, BGB, 6. Auf­la­ge, § 199, Rn. 27[↩]
BGH, Urteil vom 03.06.2008 – XI ZR 319/​06[↩]
BGH, Urteil vom 28.02.2012, Az. VI ZR 9/​11, Rz. 17 nach juris[↩]
Mün­che­ner Kom­men­tar-Gro­the, BGB, 6. Aufl., § 199, Rn. 28[↩]
BGH, Urteil vom 10.11.2009, Az. VI ZR 247/​08, NJW-RR 2010, 681, Rz. 14 nach juris[↩]
BGH, Urteil vom 03.06.2008, XI ZR 319/​06, NJW 2008, 2576 Rn. 27, zitiert nach juris[↩]
BGH, Urteil vom 23.09.2008, Az. XI ZR 263/​07, Rz. 14 nach juris m.w.N.; Urteil vom 18.12 2008, Az. III ZR 132/​08, NJW 2009, 984, Rz. 14 nach juris[↩]
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