Source: https://hsl.hypotheses.org/1019
Timestamp: 2019-12-08 10:40:48
Document Index: 297306710

Matched Legal Cases: ['§ 175', '§ 175', '§175', '§175', '§175', '§175']

Erforschen, Aufarbeiten, Sichtbar machen – History | Sexuality | Law
Veröffentlicht am 12/11/2019 12/11/2019 von hsl
Helmut Kress, Tübingen 1962,
Helmut Kress wurde 1961 als 15-jähriger Lehrling an seinem Arbeitsplatz am Technischen Rathaus in Tübingen verhaftet, in Handschellen abgeführt und nach langen Verhören „wegen mehrfacher Unzucht“ verurteilt. Seine Strafe saß er im Jugendgefängnis Rottenburg/Neckar in Einzelhaft ab. Zum Zeitpunkt des Interviews im Oktober 2016 wusste Kress nicht, aufgrund welcher Hinweise er damals verhaftet wurde. Ausgelöst durch das Interview auf der Webseite fand der Tübinger Stadtarchivar Udo Rauch die Personalakte von Kress im Archiv der Stadt. Aus dieser geht hervor, dass es eine Anzeige seines Vorgesetzten, des damaligen Oberbürgermeisters Hans Gmelin (1911–1981) war, die zu seiner Verhaftung und späteren Verurteilung geführt hat.
Gmelin schrieb am 18. Oktober 1961 an das Amtsgericht Tübingen: „Das Städtische Personalamt hat in meinem Auftrag […] der Landes-Kriminal-Hauptstelle Tübingen einen Brief übergeben, der von dem beim Stadtplanungsamt beschäftigten Zeichnerlehrling Helmut Kress abgefasst und an Helmut S. adressiert war. Nach dem Inhalt des Briefes könnte eine strafbare Handlung gemäß § 175 StGB beabsichtigt gewesen sein.“[2]
Bei dem erwähnten Brief handelt es sich um einen nie abgeschickten Liebesbrief von Helmut Kress, den er in seiner Schreibtischschublade vergessen hatte. Wie dieser in die Hände der Stadtverwaltung gelangte, ist nicht bekannt.
Der Aktenfund im Stadtarchiv zeigt nicht nur, dass die Anzeige von Hans Gmelin – einem Juristen – auf einen vagen Verdacht hin erfolgte, er hatte auch eine aktuelle stadtpolitische Dimension. Gmelin stand zum Zeitpunkt der Interview-Veröffentlichung in Tübingen bereits wegen seiner früheren Aktivitäten im Nationalsozialismus als Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Bratislava in der Kritik. Diese war für die Deportation der slowakischen Juden verantwortlich gewesen. Bestrebungen zur Aberkennung seiner Ehrenbürgerwürde wurden durch diese neuen Informationen beschleunigt, und die Aberkennung folgte bald danach.
Das Projekt ist angesiedelt an der Abteilung Neuere Geschichte des Historischen Instituts der Universität Stuttgart. 2015 wurde mit dem ersten Modul zu Lebenswelten und Verfolgungsschicksalen homosexueller Männer begonnen. Finanziert wird es vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, das gerade die Finanzierung des zweiten Moduls zur Struktur der staatlichen Verfolgung und Repression nach §§ 175 und 175a und ihren Akteur_innen bewilligt hat. Geplant als drittes Modul ist die Erforschung der Lebenswelten von Lesben, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender und Intersexuellen.
Das Forschungsvorhaben ist auf Nachhaltigkeit angelegt. Das bedeutet, dass nach jedem der drei Jahre dauernden Module die jeweiligen Ergebnisse in einer Monografie veröffentlicht werden. Zum gerade abgelaufenen Modul I erscheint im Winter 2019/2020 Dr. Julia Noah Muniers umfangreiche Studie zu Lebenswelten und Verfolgungsschicksalen homosexueller Männer in Baden und Württemberg 1919 bis 1969. Die Studie bereitet erstmals gesichtetes Quellenmaterial auf und verweist auf viele bislang nicht bekannte Quellen auch in solchen Sammlungen, wo Bestände zu LSBTTIQ bislang nicht vermutet wurden.
Mit Hilfe der Public History wurden von Anfang an neue Möglichkeiten, Inhalte und Formen geschaffen, um das Forschungsprojekt einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln und einen Dialog zwischen Interessierten, der Community und der Wissenschaft zu ermöglichen. Zum Zeitpunkt 2015 war es das erste Forschungsvorhaben dieser Art an einer deutschen Universität und hat – insbesondere mit seinem Vermittlungs-Anspruch – Pilotcharakter, der inzwischen auch auf andere Bundesländer ausstrahlt.
Im Zentrum des Public History Moduls steht die Webseite www.lsbttiq-bw.de.
Diese wurde am 1. Oktober 2016 online gestellt und hat bis heute über 45.000 Zugriffe. Die Webseite dient als Informations- und Kommunikationsplattform. Thematisiert werden nicht nur die Geschichte homosexueller Männer, sondern auch Lebenswelten lesbischer Frauen, bi- und transsexueller, transgender und intersexueller Menschen. Auch Informationen zu „queer“ finden sich auf der Website. Somit bietet die Seite jetzt schon einen Resonanzraum für alle jene Lebenswelten, die im Projekt erst noch eingehender erforscht werden.
Die Webseite liefert einen Überblick über die LSBTTIQ-Geschichte in Baden, Württemberg und Hohenzollern, stellt exemplarisches Quellenmaterial vor und diskutiert methodische Fragen. Einen besonders berührenden Zugang zu dem Thema liefern die Interviews mit Zeitzeug_innen aus Baden-Württemberg. Drei Männer, eine Frau und die Tochter einer Transgender-Person im Alter von 70 bis 92 Jahren schildern in sehr eindrücklicher Form ihre eigenen Lebenswelten. Dabei kommen Diskriminierung und Ausgrenzung ebenso zur Sprache wie Selbstbewusstsein und Glück. Sie zeigen, dass die Interviewten als Akteur_innen die Landesgeschichte mitgestaltet haben bzw. immer noch mitgestalten.
Der interaktive Teil der Webseite lädt zum Mitmachen ein: Nutzer_innen können auf Personen oder Orte hinweisen, weitere Informationen geben, Quellenmaterial an das Projekt übergeben oder mit Hilfe der Kommentarfunktion diskutieren. Viele haben sich schon mit Hinweisen beteiligt und dadurch weitere Forschungen, Aktenfunde, Text-Beiträge, Veranstaltungen und neue Projekte ausgelöst.
Auslösung weiterer Forschungen
Die Geschehnisse um das Interview mit Helmut Kress sorgten in Tübingen für viel Furore und führten schließlich dazu, dass das Stadtarchiv Tübingen im Auftrag des Kulturamts der Stadt das Forschungsprojekt „Queer durch Tübingen. LSBTTIQ in Tübingen und Region vom Mittelalter bis heute“ entwickelte. Seit 2018 werden in den Sammlungen der Stadt und der Region entsprechende Bestände aufgespürt und 2021 in einer Ausstellung im Stadtmuseum präsentiert.
Die Interviews auf der Webseite des Forschungsvorhabens haben weitere Personen ermuntert, sich als Zeitzeug_in zur Verfügung zu stellen. Gemeldet haben sich u.a. eine Inter-Person aus einem Dorf auf der Schwäbischen Alb, die Tochter eines Richters eines Oberlandesgerichts, der im NS und in der BRD mit §§175 und 175a Fällen befasst war sowie ein 1964 nach §175 StGb verurteilter Mann aus Mannheim, der zu einer Therapie gezwungen wurde und geheiratet hat. Mit ihm konnte ein lebensgeschichtliches Interview geführt werden. Aufgrund der Interviews auf der Webseite, hatte sich ein Sponsor gemeldet, der ein Interview mit einem verurteilten Mann finanzieren wollte.
Das Projekt ist ein wichtiges Beispiel für eine inklusive Geschichtsschreibung. Es hat aber auch, wie das eingangs genannte Beispiel von Helmut Kress zeigt, große (tages) politische Relevanz. Das Projekt zeigt zudem wie produktiv ein gemeinsamer Dialog zwischen Wissenschaft, Archiven und Aktivist*innen sein kann.
Diesen Artikel zitieren: Karl-Heinz Steinle, “Erforschen, Aufarbeiten, Sichtbar machen”, in: History | Sexuality | Law, 08/11/2019, https://hsl.hypotheses.org/995, (abgerufen am: Datum).
[1] Berichte über Helmut Kress brachten u.a. der Spiegel, die FAZ, die Tageszeitung, das Schwäbische Tagblatt, das ZDF und KiKA. Siehe dazu auch ein Interview mit Heiko Maas mit „queer.de“.
[2] Stadtarchiv Tübingen, Bestand A515
Kategorien§175, Recht, Schwulenbewegung, Schwules Leben, Sexualität Schlagwörter§175, Karl-Heinz Steinle
Vorheriger BeitragZurück Why Images? The Role of Visual Media in Protest Movement Research
Nächster BeitragWeiter Call for Papers: Manufacturing Collectivity