Source: http://familienbildung.info/grundlagen_gesetze_16kjhg.htm
Timestamp: 2019-05-23 10:49:31
Document Index: 98714031

Matched Legal Cases: ['§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 74', '§ 79', '§ 17', '§ 79', '§ 2', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 80', '§ 1631', '§ 16', '§ 16', '§ 1631', '§ 16', '§ 16', '§ 78', '§ 4', '§ 72', '§ 78', '§ 16', '§ 81', '§ 16', '§ 16', '§ 74', '§ 4', '§ 16', '§ 16', '§ 79', '§ 1', '§ 2', '§ 79', '§ 78', '§ 16', '§ 1', '§ 1', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 16', '§ 16', '§ 16', '§ 17', '§ 18', '§ 2', '§ 3', '§ 5', '§ 79', '§ 80', '§ 80', '§ 80', '§ 78', '§ 16', '§ 82']

§ 16 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG)
(1) Müttern, Vätern, anderen Erziehungsberechtigten und jungen Menschen sollen Leistungen der allgemeinen Förderung der Erziehung in der Familie angeboten werden. Sie sollen dazu beitragen, daß Mütter, Väter und andere Erziehungsberechtigte ihre Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen können. Sie sollen auch Wege aufzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können.
Angebote der Familienbildung, die auf Bedürfnisse und Interessen sowie auf Erfahrungen von Familien in unterschiedlichen Lebenslagen und Erziehungssituationen eingehen, die Familie zur Mitarbeit in Erziehungseinrichtungen und in Formen der Selbst und Nachbarschaftshilfe besser befähigen sowie junge Menschen auf Ehe, Partnerschaft und das Zusammenleben mit Kindern vorbereiten,
(3) Das Nähere über Inhalt und Umfang der Aufgaben regelt das Landesrecht
(§ 16 SGB VIII)
Aus Kommentaren zu § 16 KJHG
Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V. (2008)
Münder, J. u.a. – Kommentar zum § 16 KJHG (2006)
Wiesner, R. – Kommentar zum § 16 KJHG (2006)
Bayerisches Landesjugendamt - Familienbildung, Familienberatung, Familienerholung (1998)
Textor, Martin R. – Praxisfelder und Träger der Familienbildung (1997)
Textor, Martin R. – Probleme der Familienbildung (1997)
Textor, Martin R. – Ein System der Familienbildung (1997)
DJI – Familienbildung als Angebot der Jugendhilfe (1995)
Schäfer, Klaus – Aufgaben und Ziele der Familienbildung nach § 16 KJHG (1991)
Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V. - Familienbildung als Angebot der Jugendhilfe 2008
Gesellschaftlicher Wandel als Ansatzpunkt von Familienbildung
Auftrag und Rolle von Familienbildung
Konjunkturabhängigkeit der Förderung der Familienbildung
bei einer sachgerechten Jugendhilfeplanung als Pflichtaufgabe zu interpretieren
"Gesellschaftliche Rollenerwartungen vom Zusammenleben und Zusammenarbeiten der Geschlechter, Leitbilder vom Frau-Sein und Mann-Sein, Vorstellungen über die Elternrolle beeinflussen die Beziehungen von Frau und Mann, von Eltern und Kindern. Der gesellschaftliche Wandel dieser Vorstellungen (...), aber auch der konkrete Alltag, die sich zum Teil widersprechenden Interessen, Bedürfnisse und Wünsche der Beteiligten erfordern immer wieder eine erneutes Aushandeln der Zuständigkeiten, Absprachen über Entscheidungsbefugnisse, Klärungen von Pflichten und Rechte der Einzelnen. (...)
Die Lebensplanung und das Selbstverständnis von Frauen wird durch Veränderungen während des Familienzyklus und infolge von mangelhaften gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, gerade in den Bereichen Kinderbetreuung und Arbeitsmarkt, immer wieder in Frage gestellt. Familienbildung hat diese Problematik aufzugreifen, damit innerfamiliäre Belastungen, bedingt u.a. durch äußere Rahmenbedingungen, nicht zu Krisen und Konflikten im Zusammenleben oder zu dauerhaften Benachteiligungen für einzelne Familienmitglieder, insbesondere für Frauen und Kinder, führen." (Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V., 2008, S. 14f.)
Entsprechend der Aufgabenstellung nach § 16 KJHG soll Familienbildung dazu beitragen, dass Mütter, Väter oder andere Erziehungsberechtigte ihre Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen können. So sollen nach § 16 Abs. 1 KJHG " 'Leistungen der allgemeinen Förderung der Erziehung in der Familie angeboten werden'. Unter dem Landesrechtsvorbehalt (KJHG § 16 Abs. 3) wird Familienbildung – wenn überhaupt nach dem KJHG – 'im Rahmen der verfügbaren Haushaltsmittel nach pflichtgemäßem Ermessen' (§ 74 Abs. 3) gefördert. In der Praxis bedeutet dies eine starke Abhängigkeit der Förderung der Familienbildung von der jeweiligen Haushaltslage des öffentlichen Jugendhilfeträgers und der Länderzuschüsse. Die Bedeutung präventiver Arbeit, wie sie Familienbildung darstellt, ist in Zeiten der Rezession politisch kaum vermittelbar, zumal die Effektivität präventiver Arbeit schwerer darstellbar und berechenbar ist. Die positiven Erfahrungen mit bereits vorliegenden präventiven Programmen (z.B. 'Premarital Relationship Enhancement Program'; (...) und evaluierten Förderprogrammen, wie EFFEKT, HIPPY, Opstapje, (...)) werden in diesem Zusammenhang allzu selten zu Kenntnis genommen. In der gegenwärtigen Finanzsituation von Bund, Ländern und Gemeinden wird Familienbildung tendenziell eher als 'Luxusgut' verstanden, das gegenüber anderen Pflichtaufgaben (der Jugendhilfe) nachrangig behandelt wird; gerade Angebots- und Programminnovationen haben in diesen Zeiten geringe Chancen in die Förderung aufgenommen zu werden.
Allerdings sind die Träger der öffentlichen Jugendhilfe verpflichtet, dafür Sorge zu tragen ('sollen gewährleisten'; § 79 Abs. 2), dass die für die Familienbildung erforderlichen Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung (§ 17, Abs. 1, Nr. 2 SGB I bzw. § 79, Abs. 2, Nr. 2 KJHG i.V.m. § 2, Abs. 2, Nr. 2 und § 16, Abs. 2, Nr. 1)." (Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V., 2008, S. 129 f)
(Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V. (Hg.), 2008, Familienbildung als Angebot der Jugendhilfe. Rechtliche Grundlagen. Familiale Problemlagen. Innovationen. Zweite, vollständig überarbeitete Auflage. Elmshorn und online unter www.bmfsfj.de)
Münder, Johannes. u.a. – Kommentar zum § 16 KJHG (2006)
Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung
Förderung von Familienbildung
§ 16 zentriert die "Angebote der Jugendhilfe auf die 'allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie'. Sein Ziel ist die (auch präventiv wirkende) Stärkung der Erziehungskraft der Familie. (...) Abs. 1 nennt als Adressaten nicht schlechthin Familie, sondern Mütter, Väter, andere Erziehungsberechtigte und junge Menschen". (...) Der Verzicht des Gesetzgebers auf einen engen Familienbegriff trägt den heute sehr unterschiedlichen familiären Konstellationen Rechnung, die die Lebenswirklichkeitvon Kindern in Familien bestimmen - eine Eingrenzung der Leistungen auf bestimmte Lebensformen ist daher nicht möglich (vgl. Münder, 2006, S. 269)
"Abs. 1 Satz 2 zielt darauf ab, die genannten Adressaten darin zu stärken, dass sie ihre Erziehungsverantwortung 'besser wahrnehmen können'. Damit sind Leistungen anzubieten, die sowohl zum Erziehungsverhalten informieren und im Sinne einer Beratung auch spezifische Hilfe und Unterstützung enthalten als auch Leistungen, die den strukturellen Rahmen des Erziehungshandelns verbessern helfen. Im Kern sind Angebote angesprochen zur
Entlastung der Erziehungsberechtigten von sie belastenden sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen
Vermittlung von Einsichten und Einüben neuer Verhaltensweisen,
Aktivierung von Selbsthilfekräften.
(...) Zur Voraussetzung der Wahrnehmung der Erziehungsverantwortung gehört auch die Verwirklichung des Auftrages von § 80 Abs. 2 Nr. 4, dass Familien die Aufgaben der Erziehung mit der Erwerbstätigkeit besser vereinbaren können." (Münder, 2006, S. 270)
"Abs. 1 Satz 3 ist mit dem Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung und zur Änderung des Kindesunterhaltsrechts vom 2. November 2000 neu aufgenommen worden. Gemäß des dabei ergänzten § 1631 Abs. 2 BGB haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Angebote zur Förderung der Erziehung sollen Eltern demzufolge auch befähigen, familiäre Konfliktsituationen gewaltfrei zu lösen". Um Familien frühzeitig notwendige Unterstützung und Hilfe gewähren zu können, sind offensiv gestaltete und niederschwellig orientierte Angebote der Familienbildung und-beratung unabdingbar. Familienbildung wird in Abs. 2 Nr. 1 ausdrücklich als Teil familienbezogener Leistungen ausgewiesen (Münder, 2006, S. 270 f.)
"Familienbildung wird als institutionelle Jugendhilfeleistung von Einrichtungen (i.d.R. Familienbildungsstätten) mit einem sehr geringen Anteil von hauptamtlichen Fachkräften geleistet. Die Finanzierung der Familienbildung bleibt - trotz objektiver Rechtsverpflichtung (...) - deutlich hinter den Erwartungen zurück. Sie ist - im Unterschied zu anderen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe - äußerst heterogen, da die Länder und Gemeinden sich höchst verschieden an der Förderung beteiligen. In eineigen Ländern findet eine direkte Förderung der Träger bzw. Einrichtungen statt." (Münder, 2006, S. 271 f.).
(Münder, Johannes. et al, 2006, Frankfurter Kommentar zum SGB VIII; 5., vollständig überarbeitete Auflage. Weinheim und München)
Wiesner, Reinhard – Kommentar zum § 16 KJHG (2006)
Perspektivenwechsel in den familienfördernden Leistungen
Zielsetzung der familienfördernden Angebote
"Der Zielsetzung des KJHG entsprechend, die präventive Funktion der Kinder- und Jugendhilfe stärker gesetzlich auszugestalten, widmet das Gesetz den die Familien stützenden, fördernden und entlastenden Leistungen (im Vorfeld der Hilfen zur Erziehung) einen eigenen Abschnitt. Mit der Betonung der Förderung von Familien in ihren spezifischen Lebenssituationen war ein Perspektivenwechsel verknüpft: Nicht mehr die Betonung von Defiziten und Korrekturen der familialen Erziehung (Defizitorientierung) ist Ansatz- und Richtpunkt für die Tätigkeit der Jugendhilfe, sondern die Entwicklung von Fähigkeiten, Strategien und Ressourcen für eine eigenständige Lebensführung, der Aufbau von Kompetenzen für eine eigenverantwortliche Partizipation am gesellschaftlichen Leben ('Ressourcenorientierung' und 'Empowerment')." (Wiesner, 2006, S. 237)
"Dem präventiven, familienunterstützenden Charakter des Gesetzes entsprechend verpflichtet die Vorschrift (gemeint ist § 16 KJHG, die Verf.) die Träger der öffentlichen Jugendhilfe zur Bereitstellung von Angeboten zur allgemeinen Förderung der Erziehung in der Familie vor und sieht dafür informierende, aufklärende, übende und entlastende Formen vor." (Wiesner 2006, S. 238 f.)
"Abs. 2 Nr. 1 weist die Familienbildung ausdrücklich als Angebot der Jugendhilfe aus" (...) und "beschreibt im Sinne einer Rahmenvorschrift die Begriffsinhalte von Familienbildung, ohne zu einer alle Aspekte umfassenden Begriffsdefinition zu kommen. Hier wird Familienbildung verstanden als ein eigenständiger, mit anderen Arbeitsfeldern der Jugendhilfe verbundener Bereich, in dem der Familie als ganzer und ihren Mitgliedern unter Berücksichtigung der familiären Bedürfnisse, Interessen und Erfahrungen in ihren jeweiligen Aufgaben und Positionen angeboten werde, um die Lernprozesse in der Familie zu unterstützen. Dadurch sollen Handlungskompetenzen zur Gestaltung des familiären Zusammenlebens erweitert werden, um Probleme eigenständig angehen zu können." (Wiesner, R., 2006, S. 241)
"Dem Ziel einer Vermeidung von Kriminalisierung entsprechend hat der Gesetzgeber - korrespondierend zum Gewaltverbot im BGB (§ 1631 BGB: Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung, Anmerkung der Verf.) - in Abs. 1 die allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie ausdrücklich um solche Angebote ergänzt, die Eltern einen gewaltfreien Umgang mit ihren Kindern in Konflikt- und Krisensituationen ermöglichen." (Wiesner, R., 2006, S. 244) Eine zentrale Voraussetzung für die Realisierung einer gewaltfreien Erziehung sind spezifische Elternbildungsangebote, die Eltern alternative Wege für die Regel- und Grenzsetzung gegenüber ihren Kindern auch in herausfordernden Situationen aufzeigen. "Information und Beratung dürfen sich nicht auf akute erzieherische Konfliktlagen beschränken, sondern müssen auch bei der Erziehung im Alltag angeboten werden." (Wiesner, R., 2006, S. 241)
(Wiesner, Reinhard., 2006, SGB VIII Kinder- und Jugendhilfe Kommentar. 3. Auflage. München)
Aufgabe und Ziel von Jugendhilfe
"Das gesamte Kinder- und Jugendhilferecht ist an der Aufgabe orientiert, vorrangig die Erziehung junger Menschen in der Familie zu unterstützen und zu ergänzen. Die Stärkung der Erziehungskraft der Familie ist damit prioritäres Ziel aller Leistungsangebote.
§ 16 SGB VIII beschreibt Angebote der Familienbildung, der Beratung in Fragen der Erziehung und Entwicklung junger Menschen sowie Angebote der Familienfreizeit und -erholung als namentliche Leistungen zur Förderung der Erziehung in der Familie. Dabei ist das Tätigwerden der Jugendhilfe in erster Linie auf das Kindeswohl ausgerichtet, was untrennbar mit der Unterstützung der Erziehungsberechtigten verknüpft ist.
Der Auftrag der Jugendhilfe, Familien bei Übernahme von Erziehungsverantwortung zu unterstützen, zu begleiten und zu beraten bedeutet auch, dass die Bedingungen, unter denen Familie in unserer Gesellschaft gelebt wird, Berücksichtigung finden. Familien erleben mangelndes Interesse und Engagement seitens der Gesellschaft für ihre Belange, nehmen wirtschaftliche Nachteile, Karriereknicks, ungenügende Kinderbetreuungsstrukturen und vieles mehr in Kauf. Der Familienalltag ist weitgehend von den Erfordernissen der Arbeitswelt geprägt.
Es muss Ziel der Jugendhilfe sein, die Gesellschaft für Familienfragen zu sensibilisieren und Familien darin zu bestärken, mit ihren Interessen und Belangen an die Öffentlichkeit zu treten, für sich und ihre Kinder eine Lobby zu schaffen.
Die Übernahme von Verantwortung für ein Kind sollte für Eltern bedeuten, mit größerer Aufmerksamkeit und Sensibilität gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu erkennen und darauf zu reagieren, eigene Einstellungen und Positionen zu hinterfragen, auf Fragen und Ängste der Kinder zu antworten. Jugendhilfe kann dabei unterstützen."
(Bayerisches Landesjugendamt, 1998, Familienbildung, Familienberatung, Familienerholung in: Mitteilungsblatt des Bayerischen Landesjugendamtes, BLJA Mitteilungsblatt 2/1998 www.blja.bayern.de)
Vielzahl von Trägern
"Die ersten Worte von Absatz 1 (§ 16) verdeutlichen die Zielgruppen: 'Mütter' und 'Väter', einschließlich Väter nichtehelich geborener Kinder und Adoptiveltern, 'andere Erziehungsberechtigte' wie nichteheliche Lebenspartner oder Stiefeltern sowie 'junge Menschen', also Personen im Alter von 0 bis unter 27 Jahren. Die ihnen anzubietenden Leistungen sollen dazu beitragen, dass sie 'ihre Erziehungsverantwortung besser wahrnehmen können'. Die Angebote werden an keinerlei Voraussetzungen und Bedingungen geknüpft. So ist offensichtlich, dass Familien generell in ihrer Funktion als Erziehungsinstanz gestärkt werden sollen - also unabhängig von der Familienform, der Schichtzugehörigkeit, dem Vorhandensein einer Problemlage oder eines erzieherischen Bedarfs. Hier wird deutlich, wie wichtig die Prävention im Kinder- und Jugendhilfegesetz genommen wird.
Besondere präventive Programme zur Ehevorbereitung, zur Ehebereicherung oder zum Elterntraining: Sie wurden zumeist von Wissenschaftlern entwickelt und evaluiert. Anhand eines Leitfadens werden besondere Fertigkeiten und Grundhaltungen vermittelt. Die Breitenwirkung dieser Programme ist jedoch eher gering, da sie nur selten angeboten werden und zumeist recht kostspielig sind."
(alle Hervorhebungen durch die Redakteurinnen dieser Seite)
(Textor, Martin R., 1997, Familienbildung: Situation, Träger, Perspektiven, SGB VIII online Handbuch, www.sgbviii.de)
Zusammenarbeit mit freien Trägern
kaum erreichte Zielgruppen
Arbeitsgemeinschaften nach § 78 SGB VIII
Zusammenschlüsse der Anbieter auf kommunaler, Landes- und Bundesebene
Zusammenarbeit auch außerhalb von Arbeitsgemeinschaften
"Auf die Träger der öffentlichen Jugendhilfe kommt (...) die Aufgabe zu, in Zusammenarbeit mit den freien Trägern und all den anderen Anbietern das System der Familienbildung weiterzuentwickeln und bedarfsgerecht auszugestalten. Dieses System sollte Angebote (1) für alle Phasen und Übergänge im Familienzyklus, (2) zur besseren Erfüllung aller Familienfunktionen, (3) für alle Familienformen einschließlich nichtehelicher Lebensgemeinschaften sowie (4) für Familien mit besonderen Belastungen umfassen und die Vorbereitung auf Partnerschaft, Ehe und das Zusammenleben mit Kindern angemessen berücksichtigen.' (Textor, Martin R., 1996 a, S. 102). Zugleich muss sichergestellt werden, dass bisher kaum erreichte Zielgruppen wie Väter, unterprivilegierte oder ausländische Familien, Aussiedler, Familien in bevölkerungsarmen Regionen u.a. ausreichend berücksichtigt werden, dass es genügend Angebote für seltenere Familienformen wie Alleinerziehende, Pflege- und Adoptivfamilien oder für Familien mit besonderen Belastungen (Arbeitslosigkeit, Behinderung, Krankheit, Drogensucht, Alkoholismus usw.) gibt. Auch sollen die Träger der Jugendhilfe genügend Mittel für Familienbildungsmaßnahmen zur Verfügung stellen (vgl. §§ 4 Abs. 3, 74 SGB VIII).Ferner sollte die Fortbildung der hier tätigen Fachkräfte, nebenamtlichen Mitarbeitern und Laien verstärkt gefördert werden (vgl. §§ 72 Abs. 3, 74 Abs. 6 SGB VIII).
Die Ausgestaltung eines solchen Systems sollte aber möglichst Arbeitsgemeinschaften nach § 78 SGB VIII überlassen werden. Hier können Träger der öffentlichen und freien Jugendhilfe – möglichst gemeinsam mit Vertretern von Familien- und Erwachsenenbildungsstätten, Kindertageseinrichtungen, Schulen, Familienselbsthilfe, Beratungsstellen usw. – Maßnahmen nach § 16 SGB VIII planen, weiterentwickeln und aufeinander abstimmen. Letztlich wäre es sinnvoll, wenn der Arbeitsauftrag so erweitert würde, dass alle Angebote der Familienbildung berücksichtigt werden können.
Durch solche Arbeitsgemeinschaften – aber auch durch die Mitarbeit in Jugendhilfeausschüssen sowie durch Zusammenschlüsse der Anbieter auf kommunaler, Landes- und Bundesebene – kann der Einfluss der Träger von Familienbildungsmaßnahmen auf die 'Geldgeber' verstärkt werden. Dies ist in einer Zeit zunehmender finanzieller Engpässe in der Sozialpolitik und abnehmender Kinderzahlen besonders wichtig. Letztlich gilt immer der Spruch 'gemeinsam ist man stärker'. Zugleich kann dadurch verhindert werden, dass die verschiedenen Anbieter so sehr miteinander konkurrieren, dass dies zu ihrem eigenen Schaden und dem der Familien ist. Ferner soll für eine Zusammenarbeit auch außerhalb von Arbeitsgemeinschaften plädiert werden. Sie ermöglicht die Planung von Familienbildungsveranstaltungen, für die ein einzelner Anbieter nie genügend Teilnehmer zusammen bekäme oder die für ihn alleine zu kostspielig wären. Durch solche 'Kooperationsveranstaltungen' kann auch dem prognostizierten Rückgang der durchschnittlichen Teilnehmerzahlen und den damit verbundenen sinkenden Einnahmen entgegnet werden. Einige Beispiele:
Pflegekinderdienste und Adoptionsvermittlungsstellen sind vielerorts unterbesetzt, so dass sie kaum intensivere Nachbetreuungsmaßnahmen anbieten können. Eine Familienbildungsstätte bzw. Volkshochschule könnte für sie einen Kurs für Pflege- und Adoptiveltern durchführen. Beide Seiten – vor allem aber die Teilnehmer – profitieren: Die Vermittlungsstellen erfüllen ihren gesetzlichen Auftrag besser, die Bildungseinrichtungen erreichen eine neue Zielgruppe. Werben alle Vermittlungsstellen in den umliegenden Landkreisen für den Kurs, kommen genügend Teilnehmer zusammen. Die Kosten sind sehr viel geringer – auch weil auf diese Weise eine Förderung nach Erwachsenenbildungsgesetzen möglich ist –, als wenn die Pflegekinderdienste selbst die Veranstaltungen durchführen würden.
Durch die Zusammenarbeit von Familienbildungsstätten, Erwachsenenbildungswerken und Jugendämtern auf der einen sowie Kindertagesstätten und Schulen auf der anderen Seite könnten Familienbildungsmaßnahmen direkt in diesen Einrichtungen angeboten werden. Auf solche Weise könnten potentiell alle Eltern mit Kindern ab drei Jahren erreicht werden (und nicht nur Mittelschichtmütter). Während Kindertagesstätten für eine derartige Kooperation relativ offen sein dürften und als Jugendhilfeeinrichtungen auch leichter von Jugendämtern oder Trägern der freien Jugendhilfe beeinflusst werden können, sind Schulen in der Regel abgeneigt. Die Jugendämter und Obersten Landesjugendbehörden, zu deren Aufgaben auch die Zusammenarbeit mit Schulen gehört (§ 81 Nr. 1 SGB VIII), könnten hier auf kommunaler und Landesebene die Initiative ergreifen.
Aus der Formulierung in § 16 Abs. 2 Nr. 1 SGB VIII, dass durch Familienbildung Familien zur Mitarbeit in Formen der Selbst- und Nachbarschaftshilfe befähigt werden sollen, ergibt sich automatisch die Forderung nach Zusammenarbeit von Familien- und Erwachsenenbildungsstätten mit der Familienselbsthilfe. Auf diese Weise könnte ein anderes Problem von Selbsthilfeangeboten gemildert werden, nämlich die unzureichende Ausbildung und (Weiter-)Qualifizierung ehrenamtlicher Mitarbeiter."
Textor, Martin R., 1997, Familienbildung: Situation, Träger, Perspektiven, SGB VIII online Handbuch, www.sgbviii.de)
"Zumeist werden nur Frauen erreicht, die außerdem überwiegend aus der Mittelschicht stammen. So bleibt die Praxis hinter den Zielvorgaben des § 16 Abs. 2 Nr. 1 SGB VIII zurück. Zugleich wird die von Jugendhilfe und Familienforschung propagierte Systemtheorie ignoriert, die eine Einbeziehung aller Familienmitglieder ratsam erscheinen lässt.
Alle Anbieter klagen über finanzielle Engpässe, die zum einen durch stagnierende oder zurückgehende Zuschüsse und zum anderen durch deren erst kurzfristig bekannt gegebene Höhe bedingt werden, da die Förderung zum Teil von den im jeweiligen Jahr verfügbaren Haushaltsmitteln abhängt und insbesondere die Träger der öffentlichen Jugendhilfe einen großen Ermessensspielraum haben (vgl. § 74 Abs. 3 SGB VIII). Vor allem alle Formen der Familienselbsthilfe leiden unter ihrer schlechten finanziellen Absicherung bzw. begrenzten Förderung durch Bund, Länder und Kommunen – entgegen § 4 Abs. 3 SGB VIII und letztlich auch im Widerspruch zum Subsidiaritätsprinzip.
Viele Mitarbeiter im Bereich der Familienbildung sind Honorarkräfte, die nebenberuflich oder während ihrer Familienphase tätig sind. Sie haben überwiegend keine pädagogische Ausbildung und erhalten nur selten die Möglichkeit, an Fortbildungsveranstaltungen (z.B. über Erwachsenenbildung oder Arbeit mit Kleinkindern) teilzunehmen oder gar eine Supervision zu erfahren. Aber auch Erzieherinnen und andere Fachkräfte beklagen immer wieder, dass sie für Familienbildung nicht ausgebildet wurden. Auch mangele es an Fortbildungs- und Supervisionsangeboten in diesem Bereich. Und in der Familienselbsthilfe sind in der Regel nur Laien aktiv."
Bestandsaufnahme zur institutionellen Familienbildung (Resümée)
Eine Arbeitsgruppe von Vertretern der Familienbildung, der Jugendhilfe und des DJI legt hier eine Bestandsaufnahme zur institutionellen Familienbildung vor und entwickelt anhand gegenwärtiger Wandlungstendenzen von Familien die Weiterentwicklung der Aufgaben von Familienbildung und Familienselbsthilfe als Aufgaben der Jugendhilfe nach § 16 KJHG. Die Zusammenfassung dieser Analyse wurde vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge als Empfehlung verabschiedet (veröffentlicht in Heft 6, 1995 des Nachrichtendienstes des Deutschen Vereins).
"Das KJHG zielt in seiner Bestimmung von § 16 KJHG auf die Förderung der Erziehung in der Familie; die Sicherstellung eines bedarfsorientierten Angebots (§ 79 KJHG) ist aber bislang nicht gegeben. Insbesondere ergeben sich aus den unterschiedlichen Förderungsweisen nach den Erwachsenen- bzw. Weiterbildungsgesetzen einzelner Länder Einschränkungen: in den Arbeitsformen, in Planungsunsicherheiten aufgrund der jährlichen Abhängigkeit von den verfügbaren Haushaltsmitteln etc.
Die Forderungen zum weiteren Ausbau von Familienbildung bzw. Familienselbsthilfe zielen auf ihre stärkere institutionelle Verankerung in der Jugendhilfe und ihren Gremien, die Sicherung des Fortbildungsbedarfs, die Durchführung von Forschungsvorhaben."
(DJI (Hg.), 1995) Familienbildung als Angebot der Jugendhilfe, www.dji.de)
Kontext zu den Grundzielen und Grundbedingungen des KJHG (§§ 1, 9, 16, 17, 18)
Grundlagen für die Ausgestaltung der Förderung (§§ 2-5 SGB VIII))
Gesamtverantwortung (§ 79 SGB VIII)
Verpflichtung des örtlichen Trägers zur Planung (§§ 78, 80, 82)
"§ 16 KJHG ordnet die Familie als Teil der Leistungen zur Förderung der Erziehung in der Familie ein und normiert die zentralen Aufgaben und Ziele:
sie hat die Bedürfnisse und Interessen der Familie zu berücksichtigen;
sie muß die Erfahrungen der Familie auf der Grundlage ihrer unterschiedlichen Lebenslagen und Erziehungssituationen einbeziehen;
sie soll Familien zur Mitarbeit in Erziehungseinrichtungen gewinnen und dabei Formen der Selbst- und Nachbarschaftshilfe stärken helfen;
sie soll junge Menschen auf Ehe, Partnerschaft und auf das Zusammenleben mit Kindern vorbereiten.
Diese Ziele und Aufgaben aber müssen im Kontext zu den Grundzielen und Grundbedingungen des KJHG gesehen werden. Insbesondere geht es hier um die Regelungen in den §§ 1 und 9 KJHG. Ergänzend zu der Aufgabenerweiterung der Jugendhilfe insgesamt wie in § 1 vorgesehen, müssen auch die Grundrichtungen der Erziehung der Eltern (§ 9 Nr. 1), die unterschiedlichen kulturellen Bedingungen (§ 9 Nr. 2) und die geschlechtsspezifischen Besonderheiten (§ 9 Nr. 3) bei der Ausgestaltung der Familienbildung einbezogen werden.
Für die Auslegung des § 16 kann dies nur bedeuten, daß dies in offensiver Weise geschehen muß, damit Familienbildung ihren Platz behaupten und ihre Angebote interessengerecht weiterentwickeln kann.
Familienbildung muß sich aber auch im Kontext zu den Aufgaben der Beratung in allgemeinen Fragen der Erziehung und Entwicklung junger Menschen (§ 16 Abs. 2 Nr. 2) und der Familienfreizeit und -erholung (§ 16 Abs. 2 Nr. 3) sehen. Zwischen diesen Bereichen besteht häufig ein enger inhaltlicher Zusammenhang, sie können daher nicht starr voneinander getrennt werden. In dem Sinn eines erweiterten Bildungsverständnisses ist Familienbildung auch Beratung und Hilfe und hat somit auch einen Sachzusammenhang mit der Trennungs- und Scheidungsberatung (§ 17) und der mit der Beratung und Unterstützung bei der Ausübung der Personensorge für Alleinerziehende (§ 18). Das bedeutet nicht, daß Familienbildung nunmehr die Hilfeform auch direkt anbieten kann; vielmehr heißt das, daß in der unmittelbaren Durchführung von Bildungsmaßnahmen immer auch Fragen der allgemeinen Lebensbewältigung – also auch Fragen, die diesen Hilfebereichen zufallen – auftauchen und z.T. wenigstens beantwortet werden müssen. Allerdings wird die Familienbildung hier sehr genau ihre Kompetenz beachten und von der notwendigen Hilfe abgrenzen müssen." (Schäfer, 1991, S. 7)
"Grundlagen für die Ausgestaltung der Förderung sind (…) auch die allgemeinen Rahmenbedingungen die das KJHG setzt. Es ordnet zum einen in § 2 die Angebote der Familienbildung als eine Leistung der Jugendhilfe und setzt sie damit mit den anderen Leistungen der Jugendhilfe nach dem KJHG gleich, zum andern bestimmt es in den §§ 3 und 4 die Verpflichtung zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit und regelt sogar einen gewissen Vorrang der Träger der freien Jugendhilfe bei der Wahrnehmung der Ausgestaltung der Leistungen entsprechend dem Grundsatz der Subsidiarität und normiert ein Wunsch- und Wahlrecht der Eltern bzw. der Erziehungsberechtigten bei der Auswahl der Angebote und der Träger (§ 5). Gerade letztere Normierung zielt auf die Sicherung der Vielfalt der Wertorientierung, d.h. der Pluralität der Träger der Jugendhilfe ab." (Schäfer, K., 1991, S. 10f.)
"Bezogen auf die Zurverfügungstellung entsprechender Einrichtungen und Leistungen sowie der damit verbundenen Förderung kommt der Gesamtverantwortung bzw. der Gewährleistungsverpflichtung des örtlichen Trägers – des Jugendamtes – eine zentrale Rolle zu. Der § 79 ist hier eine zentrale Norm. Sie haben nach Abs. 2 die Gewährleistungspflicht dafür, daß die zur Erfüllung der Aufgaben nach dem KJHG die erforderlichen und geeigneten Einrichtungen, Dienste und Veranstaltungen den verschiedenen Grundrichtungen der Erziehung entsprechend rechtzeitig und ausreichend zur Verfügung stehen.
Rechtzeitig heißt, daß die notwendigen Hilfeformen und Förderungsangebote vorgehalten werden müssen; d.h. es muss eine Infrastruktur vorhanden sein;
Geeignet heißt: es müssen die Angebote vorhanden sein, die zur Bewältigung der Aufgabe die vermeintlich richtigen sind, sie müssen aber auch fachlich kompetent angeboten werden;
Erforderlich heißt: es muß geprüft werden, ob die Angebotsstruktur auch mit dem objektiven Bedarf, der sich aus den Problemen und Interessen der Kinder und ihren Familien ergibt, übereinstimmt.
Ausreichend heißt, daß sich das vorzuhaltende Angebot auch messen lassen muß, einmal mit den Grundbedingungen wie z.B. Subsidiarität, Pluralität, der geschlechtsspezifischen Besonderheiten, der kulturellen Differenzierungen sowie andererseits auch an der notwendigen Vielfalt und Fachlichkeit.
Im Zusammenhang hiermit ist auf die Verpflichtung des örtlichen Trägers zur Planung (§ 80) hinzuweisen. Planung heißt in diesem Zusammenhang, unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Interessen der jungen Menschen und ihrer Familien die entsprechenden Angebote bedarfsorientiert zu entwickeln und Förderperspektiven festzulegen. Damit wird die Jugendhilfeplanung zu einem entscheidenden Instrument für die Ausgestaltung der Hilfe- und Angebotsformen der örtlichen Jugendhilfe. Sie ist damit auch zentrale Grundlage für Förderungsentscheidungen." (Schäfer, K., 1991, S. 11 f.)
Die Jugendämter haben die anerkannten freien Träger der Jugendhilfe frühzeitig an Planungsprozessen zu beteiligen (§ 80 Abs. 3).
Wesentliches Beteiligungsinstrument hierfür ist, neben dem Jugendhilfeausschuß (§ 80), die Arbeitsgemeinschaften nach § 78 KJHG. (vgl. Schäfer, K., 1991, S. 12)
"Untersucht man die Absicht der Länder bei der Installierung von Ausführungsgesetzen genauer, fällt auf, dass trotz des gegebenen Landesrechtsvorbehaltes in § 16 und einer unbestreitbar bestehenden Regelungsnotwendigkeit (so weist auch eine Stellungnahme ihrer Organisation auf die kontraproduktiven Förderrichtlinien hin – 7. Jugendbericht) kaum Bereitschaft besteht, gesetzliche Absicherungen vorzunehmen (…) Nach § 82 kommt dem Land als Oberste Landesjugendbehörde sowohl eine Anregungs- wie eine Förderungsfunktion zu. Auch hat es die Jugendämter bei der Bewältigung der Aufgaben zu unterstützen und bei der Sicherung eines gleichmäßigen Angebotes zu helfen." (Schäfer, K., 1991, S. 12 f.)
(Schäfer, Klaus., 1991, Aspekte zum neuen KJHG unter Berücksichtigung der Länderausführungsgesetze für die Arbeit der Familienbildungsstätten. In: Bundesarbeitsgemeinschaft Familienbildung und Beratung e.V, 1991, Tagungsdokumentation, das Profil der Familienbildung in den 90ern zwischen Gesetzesauftrag, neue Konkurrenten und Sozial-Sponsoring. Elmshorn, S. 7f.)