Source: http://www.hensche.de/Betriebsuebergang_und_Betriebsfuehrungsvertrag_LAG_Berlin-Brandenburg_15Sa108_16_03.08.2016_20.10.html
Timestamp: 2017-05-28 18:33:47
Document Index: 75289646

Matched Legal Cases: ['§ 613', '§ 613', 'EuG', '§ 613', '§ 613', 'EuG']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/245
Be­triebsüber­gang auf ei­ne Be­triebsführungs­ge­sell­schaft, die die Geschäfte im Na­men und auf Rech­nung des bis­he­ri­gen In­ha­bers führt?
Der Streit­fall: Be­triebsführungs­ge­sell­schaft über­nimmt die Ar­beit­ge­ber­stel­lung un­ter Be­ru­fung auf § 613a BGB, wird aber im Na­men der In­ha­ber­ge­sell­schaft tätig
LAG Ber­lin-Bran­den­burg: Han­delt ei­ne Be­triebsführungs­ge­sell­schaft im Na­men und für Rech­nung der Träger­ge­sell­schaft, liegt kein Be­triebsüber­gang vor Be­triebsüber­gang auf ei­ne Be­triebsführungs­ge­sell­schaft, die die Geschäfte im Na­men und auf Rech­nung des bis­he­ri­gen In­ha­bers führt? Geht ein Be­trieb oder Be­triebs­teil durch Ver­trag auf ei­nen an­de­ren In­ha­ber über, so tritt die­ser gemäß § 613a Abs.1 Satz 1 BGB in die Rech­te und Pflich­ten aus den im Zeit­punkt des Über­gangs be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­sen ein. Der Er­wer­ber wird au­to­ma­tisch, d.h. kraft Ge­set­zes, Ar­beit­ge­ber der im Be­trieb beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer.
Da die­se recht­li­che Re­ge­lung zum Schutz der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zwin­gend ist, d.h. ver­trag­lich nicht ab­geändert wer­den kann, be­steht oft Streit darüber, ob die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­nes sol­chen Be­triebsüber­gangs ge­ge­ben sind oder nicht. Lei­der de­fi­niert das Ge­setz nicht, was un­ter ei­nem Be­triebsüber­gang zu ver­ste­hen ist. Die Ar­beits­ge­rich­te prüfen da­her nach ent­spre­chen­den Vor­ga­ben des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH), ob es im Ein­zel­fall ei­ne „wirt­schaft­li­che Ein­heit“ gab und ob die­se Ein­heit un­ter Bei­be­hal­tung ih­rer "Iden­tität" vom al­ten auf den neu­en In­ha­ber über­ge­gan­gen ist. Wich­tig sind da­bei fol­gen­de Umstände, die den Cha­rak­ter des Be­triebs und des mögli­chen Über­gangs aus­ma­chen:
Über­nah­me der Haupt­be­leg­schaft? Über­nah­me der Kund­schaft und Fort­set­zung der Kun­den­be­zie­hun­gen?
Über ei­nen sol­chen Fall hat­te vor kur­zem das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg zu ent­schei­den: LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 11.05.2016, 15 Sa 108/16. Der Streit­fall: Be­triebsführungs­ge­sell­schaft über­nimmt die Ar­beit­ge­ber­stel­lung un­ter Be­ru­fung auf § 613a BGB, wird aber im Na­men der In­ha­ber­ge­sell­schaft tätig Ein Her­stel­ler von Fens­terbänken und Türen mit drei Stand­or­ten in Deutsch­land hat­te im März 2011 die Führung sei­ner drei Be­trie­be auf ei­ne Schwes­ter­ge­sell­schaft über­tra­gen, da­bei aber sämt­li­che Im­mo­bi­li­en, Pro­duk­ti­ons­mit­tel und Pa­ten­te be­hal­ten. Die Auf­ga­be der Schwes­ter­ge­sell­schaft be­stand gemäß ei­nem Be­triebsführungs­ver­trag im We­sent­li­chen dar­in, ge­gen ge­ringfügi­ge Be­zah­lung die Ar­beits­verhält­nis­se fort­zuführen. Im Übri­gen muss­te die Schwes­ter- bzw. Be­triebsführungs­ge­sell­schaft al­le Geschäfte im Na­men und auf Rech­nung der In­ha­ber­ge­sell­schaft führen.
Nach­dem sich der Rauch der ju­ris­ti­schen Schlacht­getümmels ver­zo­gen hat­te, stell­ten die ver­dutz­ten Ber­li­ner Ar­beit­neh­mer im Som­mer 2015 fest, dass die Pro­duk­ti­on von Fens­terbänken und Türen an den an­de­ren bei­den Stand­or­ten wei­ter be­trie­ben wur­de, und zwar im Na­men ih­res ursprüng­li­chen Ar­beit­ge­bers. Dar­auf­hin tra­ten ei­ni­ge der Be­trof­fe­nen, un­ter ih­nen ein seit 1980 beschäftig­ter Be­triebs­elek­tri­ker und Be­triebs­rats­mit­glied, an ih­ren ursprüng­li­chen Ar­beit­ge­ber her­an und for­der­ten ihn auf, das Fort­be­ste­hen ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se zu bestäti­gen.
Der Ar­beit­ge­ber re­agier­te nervös und er­hob ei­ne ne­ga­ti­ve Fest­stel­lungs­kla­ge, d.h. er be­gehr­te die ge­richt­li­che Fest­stel­lung, dass zwi­schen ihm und dem Be­triebs­elek­tri­ker seit En­de März 2011 kein Ar­beits­verhält­nis mehr be­stand bzw. be­steht. Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin gab der Kla­ge statt (Ur­teil vom 18.11.2015, 39 Ca 8638/15). LAG Ber­lin-Bran­den­burg: Han­delt ei­ne Be­triebsführungs­ge­sell­schaft im Na­men und für Rech­nung der Träger­ge­sell­schaft, liegt kein Be­triebsüber­gang vor Vor dem LAG zog der Ar­beit­ge­ber den Kürze­ren, d.h. das LAG wies die Kla­ge ab. Be­gründung des Ge­richts: Der an­geb­li­che Be­triebsüber­gang per En­de März 2011 war gar kei­ner, denn der an­geb­li­che Be­triebs­er­wer­ber war nie In­ha­ber des Be­triebs ge­wor­den.
Fa­zit: Tritt ei­ne Be­triebsführungs­ge­sell­schaft gar nicht als Be­triebs­in­ha­ber auf, kann ein Be­triebsführungs­ver­trag kei­ne Grund­la­ge für ei­nen Be­triebsüber­gang sein. An­ders ist es dann, wenn der Be­triebsführungs­ver­trag die Be­triebsführungs­ge­sell­schaft da­zu ermäch­tigt, den Be­trieb im ei­ge­nen Na­men zu führen. Dann al­ler­dings müssen die be­tei­lig­ten Ar­beit­ge­ber die Ar­beit­neh­mer dar­auf hin­wei­sen, dass sie künf­tig für ei­nen "Ha­be­nichts" ar­bei­ten sol­len, der in wirt­schaft­li­cher Abhängig­keit von der In­ha­ber­ge­sell­schaft letzt­lich nur Ma­nage­ment­auf­ga­ben wahr­nimmt. Ar­beit­neh­mern ist in ei­nem sol­chen Fall da­zu zu ra­ten, zu­sam­men mit ei­nem An­walt oder ei­nem ge­werk­schaft­li­chen Rechts­se­kretär zu über­le­gen, ob sie dem Über­gang ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se gemäß § 613a Abs.6 BGB wi­der­spre­chen soll­ten.
Hand­buch Ar­beits­recht: Be­triebsüber­gang Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/378 Feh­ler­haf­te In­for­ma­ti­on zum Be­triebsüber­gang und Wi­der­spruchs­recht
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Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/034 Be­triebs­teilüber­gang auch bei Ver­lust der or­ga­ni­sa­to­ri­schen Selbständig­keit Letzte Überarbeitung: 27. Januar 2017