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Timestamp: 2016-10-22 00:13:22
Document Index: 333190599

Matched Legal Cases: ['Art. 1', 'Art. 7', 'Art. 28', 'Art. 3', 'Art. 30', 'Art. 1', 'Art. 7', 'Art. 9', 'Art. 33', 'Art. 16', 'Art. 17', 'Art. 18', 'Art. 19', 'Art. 20', 'Art. 11', 'Art. 12', 'Art. 16', 'Art. 24', 'Art. 33', 'Art. 1', 'Art. 2', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 2', 'Art. 5', 'Art. 102', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 102', 'Art. 65', 'BGE', 'Art. 4', 'Art. 3', 'Art. 72', 'Art. 5', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 18', 'Art. 9', 'Art. 10', 'Art. 10', 'Art. 65', 'Art. 65', 'Art. 10', 'Art. 11', 'Art. 11', 'Art. 11', 'Art. 12', 'Art. 3', 'Art. 67', 'Art. 6', 'Art. 8', 'Art. 13', 'Art. 9', 'Art. 14', 'Art. 15', 'Art. 16', 'Art. 16', 'Art. 16', 'Art. 6', 'Art. 5', 'Art. 16', 'Art. 17', 'EGMR']

⭐Botschaft betreffend das Zweite Zusatzprotokoll zum Europäischen Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen
Botschaft betreffend das Zweite Zusatzprotokoll zum Europäischen Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen
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Gert Flater
1 Botschaft betreffend das Zweite Zusatzprotokoll zum Europäischen Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen vom 26. März 2003 Sehr geehrte Herren Präsidenten, sehr geehrte Damen und Herren, mit dieser Botschaft unterbreiten wir Ihnen, mit dem Antrag auf Zustimmung, den Entwurf eines Bundesbeschlusses zum Zweiten Zusatzprotokoll vom 8. November 2001 zum Europäischen Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen. Wir versichern Sie, sehr geehrte Herren Präsidenten, sehr geehrte Damen und Herren, unserer vorzüglichen Hochachtung. 26. März 2003 Im Namen des Schweizerischen Bundesrates Der Bundespräsident: Pascal Couchepin Die Bundeskanzlerin: Annemarie Huber-Hotz2 Übersicht Das Übereinkommen des Europarates vom 20. April 1959 über die Rechtshilfe in Strafsachen ist seit dem 12. Juni 1962 in Kraft (anwendbar für die Schweiz seit dem 20. März 1967) wurde das Übereinkommen durch ein erstes Zusatzprotokoll ergänzt, das die Rechtshilfe bei Fiskaldelikten ermöglicht. Die Schweiz hat dieses Zusatzabkommen neben Liechtenstein und acht anderen Staaten nicht ratifiziert. Das Übereinkommen von 1959 vermag den modernen Formen der Kriminalität nicht mehr ganz zu genügen. Die Globalisierung der Märkte und die Entwicklung der Technologie wirken sich auch auf die internationale Kriminalität aus. Dies bedingt eine Anpassung der Rechtshilfeinstrumente an die neuen Verhältnisse. Damit die Staaten wirkungsvoll gegen die internationale Kriminalität vorgehen können, braucht es griffige Rechtshilfebestimmungen, die den neuen Anforderungen der Praxis gerecht werden. Aus diesen Gründen hat der Europarat ein Zweites Zusatzprotokoll ausgearbeitet, das auch weitgehend die in der Zwischenzeit im EU-Raum geschaffenen Rechtshilfebestimmungen berücksichtigt, die im EU Rechtshilfeübereinkommen vom 29. Mai 2000 und im Schengener Durchführungsübereinkommen vom 19. Juni 1990 enthalten sind. Viele im Vergleich zum Übereinkommen von 1959 neuen Bestimmungen lehnen sich denn auch an diese beiden Abkommen an (z.b. die Einvernahme per Video- und Telefonkonferenz, die Informationsübermittlung ohne Ersuchen, die Rückgabe von Deliktsgut, die grenzüberschreitende Observation, die kontrollierte Lieferung, die verdeckte Ermittlung, die gemeinsamen Ermittlungsgruppen oder die strafrechtliche und zivilrechtliche Verantwortlichkeit bei Beamten). Formell gliedert sich das Zweite Zusatzprotokoll in drei Kapitel. Das erste Kapitel enthält die Bestimmungen, welche einzelne Artikel des Übereinkommens von 1959 ersetzen oder ergänzen (Art. 1 6). Im zweiten Kapitel finden sich Bestimmungen, die neu sind (Art. 7 29). Das dritte Kapitel umfasst die üblichen Schlussbestimmungen (Art ). Materiell ändert das Zweite Zusatzprotokoll am Kerngehalt des Übereinkommens von 1959 nichts. Die Vorbehalte und Erklärungen behalten ihre Gültigkeit, sofern sie nicht zurückgezogen werden. Diese Klausel ermöglicht der Schweiz, die Rechtshilfe auch unter dem neuen Zusatzprotokoll an den Grundsatz der doppelten Strafbarkeit und der Spezialität zu koppeln. Die Schweiz hat das Zweite Zusatzprotokoll, an dessen Ausarbeitung sie aktiv mitgewirkt hat, am 15. Februar 2002 unterzeichnet. Damit wurde das neue Zusatzprotokoll bisher von 21 Staaten unterzeichnet. Es kann in Kraft gesetzt werden, sobald drei Ratifikationen vorliegen. Mit der Ratifikation dieses Instrumentes betritt die Schweiz kein Neuland, weil zahlreiche Regelungen in bilateralen Verträgen mit den Nachbarstaaten vereinbart wurden oder auf Bestimmungen im Rechtshilfegesetz vom 20. März 1981 (IRSG; SR 351.1) zurückgehen. Zusammen mit den im EU-Raum geschaffenen Übereinkommen bildet das Zweite Zusatzprotokoll des Europarates eine fortschrittliche Grundlage für die internationale Zusammenarbeit in Strafsachen in Europa. 32683 Botschaft 1 Allgemeiner Teil 1.1 Ausgangslage Europäisches Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen Das Europäische Übereinkommen vom 20. April über die Rechtshilfe in Strafsachen (ETS Nr. 30, nachfolgend «Übereinkommen» genannt) ist das erste völkerrechtliche Instrument, das eine Kodifikation der Rechtshilferegeln darstellt, die sich im Laufe der Zeit auf Grund internationaler Übung herausgebildet hatten. Vor diesem Übereinkommen gab es vereinzelte Rechtshilferegeln in bilateralen Auslieferungsverträgen. Die Schweiz ist dem Übereinkommen am 20. Dezember 1966 beigetreten. Heute gehören dem Übereinkommen alle Mitgliedstaaten des Europarates (mit Ausnahme von Andorra, Aserbaidschan, Bosnien-Herzegowina und San Marino) sowie Israel 2 an. Das Übereinkommen wurde 1978 durch ein erstes Zusatzprotokoll (ETS Nr. 99) ergänzt, das insbesondere eine Rechtshilfeverpflichtung bei Fiskaldelikten einführte. Dieses erste Zusatzprotokoll hat die Schweiz unterzeichnet, aber nicht ratifiziert 3. Das Parlament hatte das Zusatzprotokoll 1985 mit dem Vorbehalt genehmigt, das Kapitel über die Rechtshilfe in Fiskalsachen werde nicht angenommen (NR ; SR ). In der Folge verzichtete der Bundesrat 4 auf die Ratifikation, weil dieser Vorbehalt das Zusatzprotokoll praktisch seiner Substanz entleert und in der Praxis zu Anwendungsschwierigkeiten geführt hätte Notwendigkeit eines Zweiten Zusatzprotokolls Das Übereinkommen von 1959 vermag den modernen Formen der Kriminalität nicht mehr ganz zu genügen. Die Globalisierung der Märkte und die Entwicklung der Technologie wirken sich auch auf die internationale Kriminalität aus. Dies bedingt eine Anpassung der Rechtshilfeinstrumente an die neuen politischen, sozialen und kriminalistischen Verhältnisse. Damit die Staaten wirkungsvoll gegen die internationale Kriminalität vorgehen können, braucht es griffige Rechtshilfebestimmungen, die den neuen Anforderungen der Praxis gerecht werden. Der Expertenausschuss im Europarat, der regelmässig die Anwendung der europäischen Strafrechtsinstrumente auf die Praxistauglichkeit überprüft (Comité d experts 1 SR Das Übereinkommen steht auch Nichtmitgliedstaaten des Europarates offen (Art. 28). 3 Neben der Schweiz haben neun Staaten das Zusatzprotokoll von 1978 nicht ratifiziert: Andorra, Armenien, Aserbaidschan, Bosnien-Herzegowina, Georgien, Liechtenstein, Malta, San Marino und Serbien-Montenegro. 4 Siehe dazu Botschaft des Bundesrates zum ersten Zusatzprotokoll (BBl 1983 IV 121). 5 Die Schweiz hätte jede Rechtshilfe in Fiskalsachen (Steuerhinterziehung und Abgabebetrug) verweigern müssen, obwohl sie in der Praxis gestützt auf Art. 3 Abs. 3 IRSG bei Abgabebetrug Rechtshilfe gewährt. 32694 sur le fonctionnement des Conventions européennes dans le domaine pénal), kam Ende 1995 zum Schluss, dass für die Lösung der anstehenden Rechtshilfeprobleme ein Zweites Zusatzprotokoll zum Übereinkommen notwendig sei. Bei der Erarbeitung des neuen Instrumentes berücksichtigte der Expertenausschuss die Entwicklungen in der Europäischen Union, die parallel zum Europarat ein Rechtshilfeübereinkommen für die EU-Staaten vorbereitete. Im Frühjahr 2001 lag ein Textentwurf vor, an dem die Schweiz aktiv mitgearbeitet hatte. Der Lenkungsausschuss für Strafrechtsfragen (Comité Directeur pour les Problèmes Criminels) genehmigte den Entwurf des Zweiten Zusatzprotokolls im Juni 2001 mit zwei Änderungen: Es wurde neu eine Bestimmung über den Zeugenschutz eingeführt, und die Datenschutzregelung wurde mit einer Vorbehaltsmöglichkeit ergänzt. Am 19. September 2001 verabschiedete das Ministerkomitee das Zweite Zusatzprotokoll zum Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen (ETS Nr. 182, nachfolgend «Zweites Zusatzprotokoll» genannt) und legte es zur Unterzeichnung auf. In vielen Punkten lehnt sich das Zweite Zusatzprotokoll an Regelungen an, die im EU-Rechtshilfeübereinkommen vom 29. Mai (nachfolgend «EU-Übereinkommen») und im Schengener Durchführungsübereinkommen vom 19. Juni enthalten sind. Einige dieser Regelungen finden sich auch in bilateralen Verträgen, welche die Schweiz mit den Nachbarstaaten auf den Gebieten der Rechtshilfe in Strafsachen und der polizeilichen und justiziellen Zusammenarbeit abgeschlossen hat Stand der Unterzeichnungen und Ratifikationen Das Zweite Zusatzprotokoll wurde am 8. November 2001 für die Staaten, die dem Übereinkommen beigetreten sind oder es unterzeichnet haben, zur Unterzeichnung aufgelegt. Einundzwanzig Staaten haben das Instrument bisher unterzeichnet 9 ; zwei Staaten (Albanien und Dänemark) haben es ratifiziert. Das Zweite Zusatzprotokoll tritt am ersten Tag des Monats in Kraft, der auf einen Zeitabschnitt von drei Monaten nach Hinterlegung der dritten Ratifikations-, Annahme- oder Genehmigungsurkunde folgt (Art. 30 Abs. 2). 6 Übereinkommen vom 29. Mai 2000 über die Rechtshilfe in Strafsachen zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften [ABl.] C 197 vom , S. 3). 7 Übereinkommen vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985 betreffend den schrittweisen Abbau der Kontrollen an den gemeinsamen Grenzen (ABl. L 239 vom , S. 19). 8 Siehe dazu Ziff Albanien, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Irland, Island, Malta, Mazedonien, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Ukraine, Zypern und Schweiz (Stand 31. März 2003). 32705 2 Besonderer Teil 2.1 Genereller Kommentar zum Zweiten Zusatzprotokoll Das Zweite Zusatzprotokoll will die Zusammenarbeit zwischen den Vertragsstaaten im Bereich der Rechtshilfe in Strafsachen verbessern. Zu diesem Zweck enthält das Zweite Zusatzprotokoll Bestimmungen, welche die geltende Regelung im Übereinkommen ergänzen. Andere Bestimmungen dienen der Vereinfachung und Straffung des Rechtshilfeverfahrens. Das Zweite Zusatzprotokoll ändert am Kerngehalt des Übereinkommens nichts. Es ergänzt das Übereinkommen (und das erste Zusatzprotokoll von 1978) mit dem Zweck, die Anwendung dieser beiden Instrumente zu erleichtern. Das Zweite Zusatzprotokoll schafft insbesondere keine Rechtshilfeverpflichtung für Fiskaldelikte. Das Zweite Zusatzprotokoll gliedert sich in drei Kapitel. Das erste Kapitel enthält die Bestimmungen, welche einzelne Artikel des Übereinkommens ersetzen oder ergänzen (Art. 1 6). Im zweiten Kapitel finden sich die Bestimmungen, die im Verhältnis zum Übereinkommen neu sind (Art. 7 29). Das dritte Kapitel umfasst die Schlussbestimmungen (Art ). Eine wesentliche Neuerung im ersten Kapitel ist die in Artikel 1 Absatz 3 vorgesehene Ausdehnung der Rechtshilfe auf Zuwiderhandlungen, die durch Verwaltungsbehörden geahndet werden können. Zahlreiche Bestimmungen im zweiten Kapitel, die teilweise auf Anregung der Schweiz aufgenommen wurden, sind dem EU-Übereinkommen vom 29. Mai 2000 und dem Schengener Durchführungsübereinkommen vom 19. Juni 1990 nachgebildet. Einige Bestimmungen wurden wörtlich übernommen. Dies gilt insbesondere für die Einvernahme per Video- und Telefonkonferenz, die Informationsübermittlung ohne Ersuchen, die Rückgabe des Deliktsguts, die zeitweilige Überstellung inhaftierter Personen in die ersuchte Vertragspartei (Art. 9 13) sowie die grenzüberschreitende Observation, die kontrollierte Lieferung, die verdeckte Ermittlung, die gemeinsamen Ermittlungsgruppen sowie die strafrechtliche und zivilrechtliche Verantwortlichkeit bei Beamten (Art ). Diese Bestimmungen stellen für die Schweiz kein Neuland dar, da sie bereits in bilateralen Verträgen mit den Nachbarstaaten auf den Gebieten der Rechtshilfe in Strafsachen und der polizeilichen und justiziellen Zusammenarbeit Eingang gefunden haben 10 oder auf Regelungen im Rechtshilfegesetz (IRSG) 11 zurückgehen, die von der Schweiz bereits angewendet werden 12. Bei fünf Artikeln sind Vorbehalte möglich (Art. 33 Abs. 2). Sie beschränken sich auf die Bestimmungen über die postalische Zustellung von Verfahrensurkunden (Art. 16), die grenzüberschreitende Observation (Art. 17), die kontrollierte Lieferung (Art. 18), die verdeckte Ermittlung (Art. 19) und die gemeinsamen Ermittlungsgruppen (Art. 20) 13. Von Bedeutung ist zudem, dass die Vorbehalte und Erklärungen zum Übereinkommen weiterhin Gültigkeit haben, ausser ein Staat verzichtet ausdrücklich darauf 10 Siehe dazu Ziff SR Dazu gehören die Artikel über den Informationsaustausch ohne Ersuchen (Art. 11), die Rückgabe von Deliktsgut (Art. 12), die postalische Zustellung von Verfahrensurkunden (Art. 16) und die vorläufigen Massnahmen (Art. 24). 13 Siehe dazu Ziff6 (Art. 33 Abs. 1). Diese Klausel ermöglicht der Schweiz, ihre Rechtshilfepolitik beizubehalten. Sie kann die Rechtshilfeleistung auch unter dem Zweiten Zusatzprotokoll an den Grundsatz der doppelten Strafbarkeit und der Spezialität knüpfen. 2.2 Kommentar zu den einzelnen Bestimmungen des Zweiten Zusatzprotokolls Im Folgenden werden nur die wichtigsten Bestimmungen eingehend kommentiert Kapitel I Art. 1 Geltungsbereich Diese Bestimmung ergänzt Artikel 1 des Übereinkommens in dreifacher Hinsicht. In Absatz 1 wird der Satzteil «und innerhalb kürzester Frist» eingefügt. Dieser Zusatz untermauert den wichtigen und dringenden Charakter der internationalen Rechtshilfe. Er verpflichtet den ersuchten Staat, Rechtshilfeersuchen analog zu Artikel 17a IRSG beförderlich zu erledigen. Aus dieser Bestimmung kann indessen keine Verpflichtung abgeleitet werden, dass der ersuchte Staat das Rechtshilfeersuchen innerhalb einer vom ersuchenden Staat vorgegebenen Frist erledigen muss. Absatz 3 dehnt den Geltungsbereich des Übereinkommens es ist auf hängige Strafverfahren vor einer Justizbehörde beschränkt auf strafbare Handlungen aus, die von einer Verwaltungsbehörde untersucht werden. Die Bestimmung will alle Verfahren wegen strafbarer Handlungen abdecken, unabhängig davon, ob sie einen Straftatbestand oder einen Übertretungstatbestand zum Gegenstand haben. Die Formulierung, die sich an Artikel 49 Buchstabe a des Schengener Durchführungsübereinkommens anlehnt, trägt dem Umstand Rechnung, dass dieselbe strafbare Handlung in einzelnen Staaten von einer Strafbehörde und in anderen Staaten von einer Verwaltungsbehörde geahndet werden kann (z.b. Strassenverkehrsübertretungen). Die geltende Regelung führte in der Praxis zu unbefriedigenden Lösungen, weil gewisse Staaten unter dem Übereinkommen beispielsweise für Strassenverkehrsdelikte Rechtshilfe gewährten und andere Staaten eine Zusammenarbeit mit dem Argument ablehnten, es handle sich um kein Strafverfahren vor Justizbehörden. Bei Wirtschaftsdelikten hat sich gezeigt, dass häufig spezialisierte Verwaltungsbehörden an Stelle der klassischen Ermittlungsbehörden die Voruntersuchungen führen. Mit dem neuen Absatz 3, der als Kann-Vorschrift formuliert ist, erhalten die Verwaltungsbehörden, die eine strafbare Handlung verfolgen, künftig die Möglichkeit, einen anderen Staat um Rechtshilfe zu ersuchen. Es ist dabei unerheblich, ob das Verfahren in der ersten Phase in die Zuständigkeit einer Verwaltungsbehörde oder einer Strafverfolgungsbehörde fällt. Ausschlaggebend ist, dass in einer späteren Phase ein Strafgericht angerufen werden kann, wobei dieses Gericht nicht ausschliesslich in Strafsachen zuständig sein muss. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts ist die Voraussetzung für eine Zusammenarbeit mit einer Verwaltungsbehörde gegeben, wenn sie strafbare Handlungen ermitteln und nach Abschluss der 32727 Untersuchung die Eröffnung eines Gerichtsverfahrens beantragen kann, das zu einer strafrechtlichen Verurteilung führen kann 14. Die Ausdehnung der Rechtshilfe auf Verwaltungsbehörden lässt keine allgemeine Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit Steuerbehörden entstehen, z.b. bei Steuerhinterziehungsverfahren. Die Verweigerungsgründe in Artikel 2 des Übereinkommens bleiben bestehen. Demnach kann die Rechtshilfe auch unter dem Zweiten Zusatzprotokoll bei fiskalisch strafbaren Handlungen abgelehnt werden (Art. 2 Bst. a des Übereinkommens). Die Schweiz kann somit die Rechtshilfe weiterhin verweigern, wenn dem Rechtshilfeersuchen ein reiner Steuerhinterziehungstatbestand zu Grunde liegt. Die Rechtshilfe ist hingegen bei Abgabebetrug nach Artikel 3 Absatz 3 IRSG möglich. Ein weiteres Argument, das gegen eine Rechtshilfeverpflichtung der Schweiz gegenüber ausländischen Steuerbehörden spricht, liegt im Spezialitätsvorbehalt der Schweiz: Der ersuchende Staat darf die auf dem Rechtshilfeweg erhaltenen Informationen und Beweismittel ohne vorgängige Zustimmung der Schweiz nur zur Verfolgung eines rechtshilfefähigen Delikts verwenden 15. Dieser Vorbehalt schliesst eine Verwendung der Vollzugsakten aus der Schweiz zu fiskalischen Zwecken aus. Die Bestimmung hat auf den Grundsatz der doppelten Strafbarkeit keinen Einfluss. Aus der Bestimmung kann insbesondere nicht abgeleitet werden, dass einer Verwaltungsbehörde Rechtshilfe gewährt werden muss, die prozessualen Zwang erfordert (z.b. Aufhebung des Bankgeheimnisses). Ob einer Verwaltungsbehörde, die unter den Geltungsbereich des Zweiten Zusatzprotokolls fällt, im Rahmen eines Rechtshilfeverfahrens rechtlich geschützte Informationen herausgegeben werden dürfen, bestimmt sich nach Artikel 5 des Übereinkommens. Die Schweiz ordnet Zwangsmassnahmen nur an, wenn die dem Ersuchen zu Grunde liegende Handlung in beiden Staaten strafbar ist, d.h. eine gemeinrechtliche Strafnorm verletzt. Fehlt die beidseitige Strafbarkeit, so sind Zwangsmassnahmen auch unter dem Zweiten Zusatzprotokoll nicht möglich 16. Für die Schweiz ist die Regelung in Absatz 3 nicht neu. Sie findet sich in den Zusatzverträgen mit den Nachbarstaaten 17 zum Übereinkommen und entspricht der Philosophie von Artikel 1 Absatz 3 IRSG. Absatz 4 erweitert den Anwendungsbereich des Übereinkommens auf Strafverfahren gegen juristische Personen. Die Tatsache, dass nach dem Recht des ersuchten Staates eine strafrechtliche Verantwortlichkeit juristischer Personen im Rahmen des Verwaltungs- oder Strafrechts nicht vorgesehen ist, darf nicht mehr als alleinige Begründung für die Ablehnung eines Rechtshilfeersuchens geltend gemacht werden. Für die Schweiz bietet diese Bestimmung insofern keine besondere Schwierigkeit, als der Bundesrat dem Parlament im Rahmen der Revision des Allgemeinen Teils 14 BGE vom 28. April A.361/1966 (Rechtshilfe an die italienische Börsenaufsichtsbehörde); BGE 121 II 153 und BGE 118 Ib 457 (Rechtshilfe an die französische Börsenaufsichtsbehörde). 15 Erklärung der Schweiz zu Art. 2 Bst. b und c des Übereinkommens (SR ). 16 Erklärung der Schweiz zu Art. 5 Abs. 1 des Übereinkommens (SR ). 17 Vgl. Art. I Bst. a des Zusatzvertrags mit Deutschland vom 13. Nov (SR ), Art. I des Zusatzvertrags mit Österreich vom 13. Juni 1972 (SR ), Art. I Abs. 1 des Zusatzvertrags mit Frankreich vom 28. Okt (SR ), Art. II Abs. 1 des Zusatzvertrags mit Italien vom 10. Sept (BBl ). 32738 des Strafgesetzbuches eine neue Strafnorm zur Unternehmenshaftung unterbreitet hat (Art. 102 E-StGB). Nach dem Entwurf des Bundesrates macht sich ein Unternehmen strafbar, wenn durch den Betrieb dieses Unternehmens eine Straftat verübt wird und der eigentliche Täter nicht ermittelt werden kann, weil die Organisation des Unternehmens mangelhaft ist 18. Das Parlament hat den bundesrätlichen Vorschlag dahingehend geändert, dass in bestimmten Fällen eine primäre Verantwortlichkeit des Unternehmens besteht 19. Im Übrigen konnte die Schweiz bis anhin in solchen Fällen gestützt auf die strafrechtliche Verantwortlichkeit der Organe eines Unternehmens Rechtshilfe gewähren. Damit Artikel 1 in der Praxis greift, sind die Staaten eingeladen, eine Liste der Justiz- und Verwaltungsbehörden zu erstellen, welche die oben beschriebenen Kriterien des Zweiten Zusatzprotokolls erfüllen. Wir verweisen dazu auf die Artikel 6 und 27. Art. 2 Anwesenheit von Behörden der ersuchenden Vertragspartei Artikel 2 sieht vor, dass am ausländischen Verfahren beteiligte Personen bei der Ausführung des Rechtshilfeersuchens teilnehmen können, wenn der ersuchende Staat die Anwesenheit dieser Personen im Interesse des Verfahrens verlangt. Dieser Zusatz, mit dem Artikel 4 des Übereinkommens ergänzt wird, dient dazu, den Vollzug eines Rechtshilfeersuchens zu erleichtern und Ergänzungsersuchen so weit wie möglich zu verhindern. Eine analoge Bestimmung findet sich in Artikel 65a IRSG. Es versteht sich, dass die Teilnahme der am ausländischen Prozess beteiligten Personen nicht dazu führen darf, dass diese Personen während des Vollzugs des Rechtshilfeersuchens vorzeitig Zugriff auf Tatsachen aus dem Geheimbereich erhalten. Die zuständige schweizerische Rechtshilfebehörde muss die nötigen Vorkehrungen treffen, damit in dieser Phase des Verfahrens keine Informationen aus dem Geheimbereich herausgeben werden 20. Der Entscheid über die Anwesenheit ausländischer Behörden hat in Form einer anfechtbaren Zwischenverfügung zu erfolgen 21. Art. 3 Zeitweilige Überstellung in Haft gehaltener Personen in das Hoheitsgebiet der ersuchenden Vertragspartei Diese Bestimmung ersetzt Artikel 11 des Übereinkommens, der in der Praxis zu Anwendungsproblemen führte. Nach dem geltenden Wortlaut von Artikel 11 (des Übereinkommens) können Personen, die im ersuchten Staat inhaftiert sind, dem ersuchenden Staat nur in zwei Fallkonstellationen zugeführt werden: Der ersuchende Staat benötigt die Person entweder als Zeuge oder zur Gegenüberstellung in einem Strafverfahren. Es zeigte sich, dass dieser Anwendungsbereich zu eng ist. Die Bestimmung deckt insbesondere den Fall nicht ab, dass die inhaftierte Person im er- 18 Botschaft des Bundesrates vom 21. Sept zur Änderung des Schweizerischen Strafgesetzbuches (Allgemeine Bestimmungen, Einführung und Anwendung des Gesetzes) und des Militärstrafgesetzes sowie zu einem Bundesgesetz über das Jugendstrafrecht, Ziff. 217 (BBl ff.). 19 Der Ständerat hat am 19. Sept alle Differenzen zu Art. 102 E-StGB bereinigt (AB 2001 S 514 ff.). Das Parlament hat die neue Strafbestimmung in der Schlussabstimmung vom verabschiedet (BBl ). 20 Art. 65a Abs. 3 IRSG; Botschaft des Bundesrates vom 29. März 1995 betreffend die Änderung des Rechtshilfegesetzes, Ziff. 241 (BBl 1995 III 22). 21 BGE vom 23. Juni A.157/9 suchenden Staat erscheinen muss, um sich dort für Taten zu verantworten, für die sie strafrechtlich verfolgt wird. Wird dieser Person die Anwesenheit im ersuchenden Staat nicht ermöglicht, so hemmt dies unter Umständen das Strafverfahren, weil die Person beispielsweise zu den Anklagepunkten nicht angehört werden kann. Aus diesem Grund drängte sich eine Bestimmung auf, die weiter gefasst ist als der geltende Text. Die in Absatz 1 vorgesehene Formulierung «zu Ermittlungszwecken» trägt diesem Bedürfnis der Praxis Rechnung. Um Abgrenzungsschwierigkeiten mit der Auslieferung zu vermeiden, wird die Zuführung inhaftierter Personen zwecks Aburteilung ausdrücklich ausgeschlossen. Die Auslieferung, die eine Übergabe der Person im Hinblick auf einen Strafentscheid oder die Vollstreckung einer Strafe bezweckt, wird von der Bestimmung nicht abgedeckt. Die Zuführung inhaftierter Personen nach Artikel 3 beschränkt sich auf die Verfahrensphase vor dem Urteil 22. Die Bestimmung ist sowohl auf Staatsangehörige wie auch auf Nicht-Staatsangehörige der Vertragsparteien anwendbar. Aus diesem Grund darf der ersuchende Staat, dem eine Person zugeführt wird, die Bürgerin dieses Staates ist, die Rückführung in den ersuchten Staat nicht wegen der Staatsangehörigkeit der Person verweigern. Hat eine Person ihrer Zuführung in den ersuchenden Staat zugestimmt, so gilt das auch für die Rückführung in den ersuchten Staat. Art. 4 Übermittlungswege Die neu formulierte Bestimmung über die Übermittlungswege enthält im Verhältnis zur geltenden Regelung zwei Ergänzungen in Bezug auf den Geschäftsweg und die Form der Übermittlung. Nach Absatz 1 können künftig Rechtshilfeersuchen direkt der zuständigen Justizbehörde im ersuchten Staat geschickt und auf demselben Weg zurückgeleitet werden. Die Ersuchen müssen nicht mehr über die Justizministerien übermittelt werden. Der Geschäftsweg über die Justizministerien bleibt jedoch weiterhin offen. Die Möglichkeit des direkten Verkehrs besteht auch für die Rechtshilfeersuchen der Verwaltungsbehörden nach Artikel 1 Absatz 3 (Abs. 3). Für Ersuchen um kontrollierte Lieferung und verdeckte Ermittlung sowie für Ersuchen um Strafregisterauszüge besteht ebenfalls die Möglichkeit des direkten Geschäftsweges (Abs. 4 6). Von der direkten Übermittlung ausgeschlossen bleiben die Ersuchen um die Zuführung inhaftierter Personen nach Artikel 11 des Übereinkommens und Artikel 13 des Zweiten Zusatzprotokolls (Abs. 2). In dringenden Fällen ist der Übermittlungsweg über die Internationale Kriminalpolizeiliche Organisation (Interpol) vorbehalten (Abs. 7). Um die Wirksamkeit in der Praxis zu verstärken, kann die Bestimmung Gegenstand von Erklärungen sein (Abs. 8). Der direkte Geschäftsverkehr stellt für die Schweiz keine Neuheit dar. Er wurde mit den Nachbarstaaten in den Zusatzverträgen zum Übereinkommen vereinbart Wird eine inhaftierte Person der Schweiz nach Art. 3 vorübergehend zugeführt, so ist der ausländische Haftbefehl auch in der Schweiz wirksam (Art. 72 IRSG). 23 Vgl. Art. VIII des Zusatzvertrags mit Deutschland vom 13. Nov (SR ), Art. IX des Zusatzvertrags mit Österreich mit 13. Juni 1972 (SR ), Art. XIV des Zusatzvertrags mit Frankreich vom 28. Okt (SR ), Art. XVII Abs. 1 des Zusatzvertrags mit Italien vom 10. Sept (BBl ). 327510 Nach Absatz 9 kann bei der Übermittlung der Rechtshilfeersuchen oder Mitteilungen unter bestimmten Voraussetzungen auf die modernen Telekommunikationsmittel zurückgegriffen werden. Diese Form der Übermittlung (z.b. Telefax, ) setzt indessen voraus, dass die ersuchende Behörde auf Verlangen der ersuchten Behörde jederzeit das Original des Ersuchens oder des übermittelten Schriftstücks sowie einen schriftlichen Nachweis der Übermittlung liefern kann. Eine weitere Schranke besteht darin, dass jeder Staat eine Erklärung abgeben kann, unter welchen Bedingungen er auf elektronischem Weg oder durch andere Telekommunikationsmittel übermittelte Ersuchen und Mitteilungen zulässt. Diese Erklärung ist jederzeit möglich. Für die Schweiz drängt sich vorderhand keine Erklärung auf, weil die Bestimmung nicht verpflichtend ist und genügend flexibel ausgestaltet ist, damit die Schweiz im Einzelfall das Original des Rechtshilfeersuchens auf dem ordentlichen Weg verlangen kann. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, den Ausgang der Gesetzesvorlage über die elektronische Signatur abzuwarten, die in Vorbereitung ist 24. Art. 5 Kosten Die geltende Kostenregelung in Artikel 20 des Übereinkommens wurde durch eine neue, umfassendere Bestimmung ersetzt. Artikel 5 hält am Grundsatz der Unentgeltlichkeit der Rechtshilfe fest. Von diesem Grundsatz wird indessen in Absatz 1 abgewichen, und zwar bei Kosten, die im Zusammenhang mit dem Beizug von Sachverständigen (Bst. a) oder der Zuführung inhaftierter Personen stehen (Bst. b) oder die vom Umfang her erheblich und ausserordentlich sind, d.h. den üblichen Rahmen sprengen (Bst. c). Dies kann beispielsweise zutreffen, wenn ein Rechtshilfeersuchen nach den Prozessvorschriften des ersuchenden Staates ausgeführt werden muss, die der ersuchte Staat in seinem Verfahren nicht kennt (z.b. Kreuzverhör). Denkbar sind auch Auslagen, die dem ersuchten Staat mit der Lagerung eines beschlagnahmten Kunstgegenstandes oder einer aufwändigen Telefonüberwachung entstehen. In all diesen Fällen kann der ersuchte Staat vom ersuchenden Staat eine Rückerstattung der Kosten verlangen. Nach Absatz 2 muss der ersuchende Staat auch sämtliche Kosten im Zusammenhang mit der Videokonferenz tragen, es sei denn, es werde eine andere Kostenregelung vereinbart. Absatz 3 hält die Parteien an, sich bei erheblichen und ausserordentlichen Kosten nach Absatz 1 vorgängig über die Zahlungsmodalitäten abzusprechen. 24 Der Bundesrat hat am 3. Juli 2001 die Botschaft zu einem Bundesgesetz über Zertifizierungsdienste im Bereich der elektronischen Signatur verabschiedet (BBl ). Mit der Gleichstellung von elektronischer Signatur und eigenhändiger Unterschrift will der Bundesrat den elektronischen Geschäftsverkehr fördern. 327611 2.2.2 Kapitel II Art. 7 Aufgeschobene Erledigung von Ersuchen Diese Bestimmung ergänzt Artikel 19 des Übereinkommens in dem Sinn, dass neben der Verweigerung der Rechtshilfe neu auch ein Aufschub der Rechtshilfe und eine teilweise oder mit Bedingungen versehene Erledigung des Ersuchens möglich ist. Absatz 1 räumt den Staaten die Möglichkeit ein, die Rechtshilfe aufzuschieben, wenn der Vollzug des Ersuchens negative Auswirkungen auf ein laufendes innerstaatliches Strafverfahren haben könnte. Die Absätze 2 und 3 regeln, wie bei der Ablehnung oder beim Aufschub der Rechtshilfe vorzugehen ist: Der ersuchte Staat muss seinen Entscheid auf Ablehnung oder Aufschub der Rechtshilfe begründen und mit dem ersuchenden Staat abklären, ob und unter welchen Bedingungen Rechtshilfe allenfalls möglich wäre. Vorlage für diese Bestimmung war Artikel 27 des Europarat-Übereinkommens über die Cyber-Kriminalität 25 (ETS Nr. 185). Art. 8 Verfahren Im Übereinkommen (Art. 3) gilt der Grundsatz, dass die Rechtshilfeersuchen nach den Prozessvorschriften des ersuchten Staates erledigt werden. Artikel 8 weicht diesen Grundsatz auf. Er sieht vor, dass der ersuchte Staat bei der Erledigung eines Rechtshilfeersuchens in bestimmten Fällen die Modalitäten des ausländischen Prozessrechts berücksichtigen muss. Sinn dieser Bestimmung ist es, die Verwendung der im Rahmen der Rechtshilfe gewonnenen Erkenntnisse als Beweismittel im ersuchenden Staat zu erleichtern. Die Begriffe «Formvorschriften» und «Verfahren» sind in einem weiten Sinn zu verstehen. Der Anwendung des ausländischen Prozessrechts sind Schranken gesetzt: Die vom ersuchenden Staat verlangten Formvorschriften müssen sich auf eine innerstaatliche Rechtsbestimmung abstützen und dürfen den Grundprinzipien des Rechts des ersuchten Staates nicht zuwiderlaufen. Zudem kommt die Bestimmung nur insofern zum Tragen, als das Zweite Zusatzprotokoll nicht ausdrücklich vorsieht, dass ein Ersuchen nach dem Recht des ersuchten Staates erledigt werden muss. Dies trifft beispielsweise bei der kontrollierten Lieferung zu (Art. 18 Abs. 3). Die Anwendung des ausländischen Prozessrechts ist in Artikel 65 IRSG bereits vorgesehen. Art. 9 Einvernahme per Videokonferenz Dieser Artikel entspricht weitgehend Artikel 10 des EU-Übereinkommens 26. Die Entwicklung der neuen Technologien ermöglicht es Personen und Behörden, über eine direkte Videoverbindung mit Personen in einem anderen Land zu kommunizieren. Artikel 9 schafft die Grundlage für die Inanspruchnahme dieses Verfahrens, das der Überwindung von Schwierigkeiten dient, die sich in Strafverfahren ergeben 25 Die Schweiz hat das Übereinkommen am 23. Nov unterzeichnet. 26 Art. 10 des Übereinkommens: ABl. C 197 vom , S. 8; Erläuternder Bericht zu Art. 10: ABl. C 379 vom , S12 können, wenn sich eine Person in einem Staat aufhält und ihr Erscheinen zu einer Einvernahme in einem anderen Staat nicht zweckmässig oder nicht möglich ist. Der Artikel enthält Regeln in Bezug auf das Ersuchen um Einvernahme per Videokonferenz und die Durchführung einer solchen Einvernahme. Die Regelung gilt generell für Einvernahmen von Sachverständigen und Zeugen, kann jedoch unter bestimmten Voraussetzungen nach Absatz 8 auch auf Einvernahmen beschuldigter und verdächtiger Personen Anwendung finden. Zu den wichtigsten Verfahrensregeln gehört, dass die Einvernahme per Videokonferenz im ersuchten Staat nicht gegen rechtsstaatliche Grundsätze verstossen darf (Abs. 2) und dass die elementaren Verfahrensrechte gewährleistet sind (Abs. 5). Mit diesen Leitplanken und dem Verweis in der Präambel auf die Konvention vom 4. November zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) soll sichergestellt werden, dass das Verfahren der Einvernahme per Videokonferenz die Menschenrechte respektieren muss. In Absatz 1 ist der Grundsatz niedergelegt, wonach ein Staat im Rahmen eines Strafverfahrens ein Ersuchen um Einvernahme per Videokonferenz in Bezug auf eine Person, die sich in einem anderen Vertragsstaat befindet, stellen kann. Voraussetzung für ein derartiges Ersuchen ist, dass die Justizbehörden des ersuchenden Staates die Einvernahme der betreffenden Person als Zeuge oder Sachverständiger verlangen kann und es nicht zweckmässig oder nicht möglich ist, dass die Person sich zum Zwecke der Einvernahme in diesen Staat begibt. Nicht zweckmässig ist dies beispielsweise in Fällen, in denen der Zeuge besonders jung oder alt oder aber in schlechtem Gesundheitszustand ist; nicht möglich ist dies z.b. in Fällen, in denen der Zeuge bei einem Erscheinen im ersuchenden Vertragsstaat einer ernsten Gefahr ausgesetzt wäre. Gemäss Absatz 2 ist der ersuchte Staat verpflichtet, einem Ersuchen um Einvernahme per Videokonferenz stattzugeben, sofern die Einvernahme in dem betreffenden Einzelfall nicht den Grundprinzipien seiner Rechtsordnung zuwiderläuft und er über die technischen Vorrichtungen verfügt, die eine derartige Einvernahme ermöglichen. Die Bezugnahme auf die Grundprinzipien seiner Rechtsordnung bedeutet, dass ein Ersuchen nicht mit der alleinigen Begründung abgelehnt werden kann, dass die Einvernahme von Zeugen und Sachverständigen per Videokonferenz nach dem Recht des ersuchten Staats nicht vorgesehen ist oder dass eine oder mehrere Detailvoraussetzungen für eine Einvernahme per Videokonferenz nach seinem innerstaatlichen Recht nicht erfüllt sind. Sind die entsprechenden technischen Vorrichtungen nicht vorhanden, so kann der ersuchende Staat mit Zustimmung des ersuchten Staats eine adäquate technische Ausrüstung zur Verfügung stellen, welche die Durchführung der Einvernahme möglich macht. Absatz 3 erwähnt die Informationen, die Ersuchen nach Artikel 9 beizufügen sind und schreibt unter anderem vor, dass in einem Ersuchen dargelegt werden muss, warum das persönliche Erscheinen der Person, die Gegenstand des Ersuchens ist, im ersuchenden Staat nicht zweckmässig oder nicht möglich ist. Die Einschätzung dieser Umstände obliegt dem ersuchenden Staat. Er muss jedoch im Ersuchen begründen, weshalb die Anhörung nicht im ersuchenden Staat stattfinden kann. Denkbar ist dies in Fällen, in denen sich die betreffende Person ins Ausland abgesetzt hat, weil sie im ersuchenden Staat eine Strafverfolgung riskiert. 27 SR13 Gemäss Absatz 4 hat die Justizbehörde des ersuchten Staats die betreffende Person vorzuladen. Mit dieser Bestimmung soll gewährleistet werden, dass geeignete Schritte unternommen werden können, um das persönliche Erscheinen der betreffenden Person zum Zwecke der Einvernahme sicherzustellen. Im Gegensatz zu Absatz 8, der sich auf die beschuldigte und verdächtige Person bezieht, ist es nicht erforderlich, dass der Zeuge oder Sachverständige seine Zustimmung zur Einvernahme per Videokonferenz gibt. Absatz 5 enthält die Vorschriften, die im Falle einer Einvernahme per Videokonferenz einzuhalten sind. So sind gemäss Buchstabe a die Anwesenheit und im Bedarfsfall auch das Tätigwerden einer Justizbehörde des ersuchten Staates vorgeschrieben. Damit soll insbesondere sichergestellt werden, dass bei der Einvernahme nicht gegen die Grundprinzipien der Rechtsordnung dieses Staates verstossen wird. Der ersuchte Staat muss alle notwendigen Vorkehrungen treffen, damit seine Rechtsvorschriften bei der Einvernahme eingehalten werden, und bei Missachtung seiner Rechtsgrundsätze sofort einschreiten. Gemäss Buchstabe b sind Massnahmen zum Schutz der einzuvernehmenden Person, erforderlichenfalls zwischen den jeweiligen zuständigen Behörden, zu vereinbaren. Darunter kann auch die Anwendung allfälliger Rechtsvorschriften des ersuchenden Staats über den Schutz von einzuvernehmenden Personen fallen. Gemäss Buchstabe c werden Einvernahmen unmittelbar von den Justizbehörden des ersuchenden Staats oder unter deren Leitung nach den innerstaatlichen Rechtsvorschriften dieses Staates durchgeführt. Unbeschadet des Buchstabens e darf die per Videokonferenz einzuvernehmende Person nicht über weniger Rechte verfügen, als sie hätte, wenn sie an einer Einvernahme im ersuchenden Staat teilnähme. Unter Buchstabe d wird zudem verlangt, dass der ersuchte Staat der einzuvernehmenden Person einen Dolmetscher zur Verfügung stellt, wenn dies notwendig ist und vom ersuchenden Staat oder von der einzuvernehmenden Person gewünscht wird. Buchstabe e enthält eine Schutzklausel für die einzuvernehmende Person: Sie kann ein Zeugnisverweigerungsrecht geltend machen, das ihr nach dem Recht des ersuchten oder des ersuchenden Staats zustünde. Wird ein derartiges Recht geltend gemacht, so obliegt der Entscheid der Justizbehörde, welche die Einvernahme durchführt. Die Justizbehörde des ersuchten Staates muss in jedem Fall die notwendigen Massnahmen ergreifen, damit die Einvernahme im Einklang mit den Grundprinzipien ihrer Rechtsordnung durchgeführt wird. Es empfiehlt sich, dass sich die Justizbehörden der beiden Staaten im Falle der Geltendmachung eines Zeugnisverweigerungsrechts gegenseitig konsultieren. Gemäss Absatz 6 hat die Justizbehörde des ersuchten Staates ein Protokoll über die Einvernahme per Videokonferenz zu erstellen und dieses dem ersuchenden Staat zu übermitteln. Im Absatz wird im Einzelnen aufgeführt, welche Angaben in das Protokoll aufzunehmen sind. Diese Angaben beziehen sich indessen nicht auf den Inhalt der Einvernahme. Die Vertragsstaaten können vorbehaltlich ihrer innerstaatlichen Rechtsvorschriften besondere Vereinbarungen hinsichtlich des Protokolls treffen, wenn es darum geht, den Schutz der an der Einvernahme teilnehmenden Personen sicherzustellen. Es ist beispielsweise denkbar, dass sich die betroffenen Staaten darauf einigen, die Namen bestimmter Personen, die bei der Einvernahme im ersuchten 327914 Staat anwesend waren, im Protokoll nicht erscheinen zu lassen. In diesem Fall sollten jedoch die Funktionen der Personen angegeben werden. Nach Absatz 7 muss der Staat, in dem sich die einvernommene Person aufhält, für den Fall, dass diese im Laufe einer Einvernahme per Videokonferenz die Aussage verweigert oder falsch aussagt, die Möglichkeit haben, mit dieser Person in derselben Weise zu verfahren wie bei einer Einvernahme im Rahmen seiner innerstaatlichen Verfahren. Dies ergibt sich daraus, dass die Aussagepflicht bei einer Einvernahme per Videokonferenz aus dem Recht des ersuchten Staats erwächst. Mit diesem Absatz soll insbesondere sichergestellt werden, dass ein Zeuge, der seiner Verpflichtung auszusagen nicht nachkommt, ähnliche Folgen zu gewärtigen hat wie in einem innerstaatlichen Verfahren ohne Rückgriff auf eine Videokonferenz. In Fällen, in denen die Aussage verweigert oder falsch ausgesagt wird, werden sich der ersuchende und der ersuchte Staat in der Regel gegenseitig unterrichten und so bald wie möglich die Informationen zur Verfügung stellen müssen, die erforderlich sind, damit der ersuchte Staat adäquate Massnahmen gegen den Zeugen oder Sachverständigen unternehmen kann. Gemäss Absatz 8 können die Vertragsstaaten die Videokonferenz auch auf Einvernahmen von beschuldigten oder verdächtigen Personen ausdehnen. Jedem Staat steht es frei, ob er die Erledigung von Ersuchen, die sich auf derartige Einvernahmen beziehen, bewilligt oder nicht. Die Einvernahme einer beschuldigten oder verdächtigen Person per Videokonferenz setzt drei Bedingungen voraus. Erstens: Die ersuchende und die ersuchte Justizbehörde sind mit dieser Einvernahmemethode einverstanden und haben sich über die Modalitäten geeinigt. Zweitens: Die getroffene Vereinbarung steht im Einklang mit den innerstaatlichen Rechtsvorschriften der beiden Staaten sowie mit den einschlägigen internationalen Verträgen (z.b. EMRK). Drittens: Die beschuldigte oder verdächtige Person hat ihre Zustimmung gegeben. Nur bei Vorliegen dieser Voraussetzungen kann eine beschuldigte oder verdächtige Person per Videokonferenz einvernommen werden. Jeder Vertragsstaat kann gemäss Absatz 9 eine an den Generalsekretär des Europarates gerichtete Erklärung abgeben, wonach er die Einvernahme per Videokonferenz im Falle einer beschuldigten oder verdächtigen Person nicht anwendet. Für die Schweiz drängt sich eine solche Erklärung nicht auf. Sie wäre angesichts der wachsenden internationalen Kriminalität rechtspolitisch auch kaum angezeigt, weil der Einvernahme mittels Videokonferenz vor allem bei komplexen Fällen künftig immer grössere Bedeutung zukommen dürfte. Eine analoge Bestimmung hat die Schweiz bereits mit Italien vereinbart 28. Die Einvernahme per Videokonferenz ist im Schweizer Prozessrecht in dieser Form nicht ausdrücklich vorgesehen. Das Rechtshilfegesetz erlaubt zwar bereits heute, bei der Beschaffung von Beweismitteln Formen zu verwenden, die das schweizerische Recht nicht kennt, sofern sie mit dem schweizerischen Recht vereinbar sind und den Beteiligten daraus keine wesentlichen Nachteile erwachsen (Art. 65 IRSG). Zudem kann eine Zeugeneinvernahme in Anwesenheit ausländischer Prozessbeteiligter erfolgen (Art. 65a IRSG). Die Regelung über die Videokonferenz ergänzt das geltende Recht insofern, als der Zeuge oder Sachverständige zur Videokonferenz erscheinen muss, wenn seine Einvernahme im ersuchenden Staat nicht zweckmässig oder möglich ist, und die Verfahrensherrschaft bei dieser Einvernahmemethode bei der ersu- 28 Siehe dazu Art. VI des Zusatzvertrags mit Italien vom 10. Sept (BBl ). 328015 chenden Behörde liegt. In diesem Bereich schafft Artikel 9 einheitliches Recht, das von den staatlichen Behörden unmittelbar angewendet werden kann. Wir verweisen dazu auf Ziffer Art. 10 Einvernahme per Telefonkonferenz Dieser Artikel trägt dem Umstand Rechnung, dass Einvernahmen per Telefonkonferenz eine weitere Möglichkeit für den Einsatz der modernen Telekommunikationsmittel im Rahmen der Rechtshilfe darstellen. Derartige Einvernahmen können besonders dann zweckmässig sein, wenn beispielsweise eine Zeugenaussage in einer Routineangelegenheit erforderlich ist. Sie können unkompliziert und kostengünstig arrangiert und durchgeführt werden. Vorlage für die Bestimmung war Artikel 11 des EU-Übereinkommens 29. Artikel 10 schafft einen allgemeinen Rahmen für Ersuchen um Einvernahme per Telefonkonferenz. Er unterscheidet sich von der in Artikel 9 vorgesehenen Einvernahme per Videokonferenz insofern, als die Bestimmung nur auf die Einvernahme von Zeugen und Sachverständigen anwendbar ist. Die Einvernahme per Telefonkonferenz kann zudem nur durchgeführt werden, wenn der Zeuge oder Sachverständige seine Zustimmung hierzu erteilt (Abs. 2). Diese Art der Einvernahme muss ferner im Recht des ersuchenden Staates vorgesehen sein (Abs. 1) und darf den allgemeinen Rechtsgrundsätzen im ersuchten Staat nicht zuwiderlaufen (Abs. 3). Aus diesem Grund war es im Unterschied zu Artikel 9 nicht nötig, die Einvernahme an die Bedingung zu knüpfen, dass das persönliche Erscheinen der einzuvernehmenden Person im ersuchenden Staat nicht zweckmässig oder nicht möglich ist. Nichts in Artikel 10 steht der Praxis in einigen Vertragsstaaten entgegen, die darin besteht, dass eine Person vom Ausland aus, gegebenenfalls in einem Konsulat, ohne Unterstützung des Staats, in dem sie sich befindet, als Zeuge per Telefon einvernommen wird. Absatz 1 ermöglicht Ersuchen um Unterstützung zum Zwecke der Einvernahme per Telefonkonferenz in Fällen, in denen sich eine Person, die als Zeuge oder Sachverständiger in einem Vertragsstaat einvernommen werden soll, in einem anderen Vertragsstaat befindet. Ein Ersuchen setzt voraus, dass die Einvernahme von den Justizbehörden des ersuchenden Staats durchgeführt wird und nach dem Recht dieses Staates zulässig ist. Gemäss Absatz 2 ist Voraussetzung, dass die betreffende Person ihrer Einvernahme per Telefonkonferenz zustimmt. Gemäss Absatz 3 ist der ersuchte Staat verpflichtet, einem Ersuchen stattzugeben, sofern es den Grundprinzipien seiner Rechtsordnung nicht zuwiderläuft. Absatz 5 sieht vor, dass sich der ersuchende und der ersuchte Staat über die praktischen Modalitäten der Einvernahme einigen. Ungeachtet dieser Vereinbarung kann der ersuchte Staat gestützt auf Absatz 6 verlangen, dass bei der Einvernahme die in Artikel 9 Absätze 5 und 7 vorgesehenen Regeln greifen, soweit diese anwendbar sind. 29 Art. 11 des Übereinkommens: ABl. C 197 vom , S. 9; Erläuternder Bericht zu Art. 11: ABl. C 379 vom , S16 Das schweizerische Verfahrensrecht sieht die Einvernahme per Telefonkonferenz nicht vor. Da dies eine Grundvoraussetzung für ein Ersuchen ist, kann die Schweiz diese Art der Einvernahme vom Ausland nicht verlangen. Ist die Schweiz ersuchter Staat, so wird die zuständige Rechtshilfebehörde in Anlehnung an Artikel 65 IRSG zu entscheiden haben, welche Folge sie dem Ersuchen gibt. Art. 11 Ohne Ersuchen übermittelte Informationen Die Erfahrungen mit dem Europarat-Übereinkommen vom 8. November über Geldwäscherei sowie Ermittlung, Beschlagnahme und Einziehung von Erträgen aus Straftaten (ETS Nr. 141) haben gezeigt, dass im Kampf gegen die internationale Kriminalität ein rascher Informationsaustausch über die Tathandlungen und Tatorte notwendig ist. Die strafrechtliche Erfassung muss in diesen Fällen so früh als möglich einsetzen. Es kann daher nützlich sein, wenn ein Staat Informationen, die er im Rahmen seiner Ermittlungen erlangt hat, einem anderen Staat zugänglich macht. Mit Artikel 11 wird der im Bereich der Geldwäscherei vorgesehene Informationsaustausch zu einer generellen Vorschrift, die auf alle Straftaten anwendbar ist. Die Bestimmung gibt den Strafverfolgungsbehörden die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen ohne Vorliegen eines Rechtshilfeersuchens Auskünfte zu übermitteln, die sie in einem eigenen Verfahren erhoben haben und die für eine ausländische Strafverfolgungsbehörde von Interesse sein könnten. In die gleiche Stossrichtung geht Artikel 67a IRSG. Absatz 1 umschreibt die Voraussetzungen, unter denen die unaufgeforderte Übermittlung von Auskünften ausserhalb eines Rechtshilfeverfahrens zulässig ist. Es handelt sich um eine Kann-Vorschrift. Der Informationsaustausch geschieht nach Massgabe des innerstaatlichen Rechts. Gemäss Absatz 2 kann die Verwendung der übermittelten Auskünfte von Bedingungen abhängig gemacht werden, die im Recht der übermittelnden Behörde vorgesehen sind 31 ; ist dies der Fall, so ist die empfangende Behörde nach Absatz 3 an diese Bedingungen gebunden. Absatz 4 räumt jedem Vertragsstaat die Möglichkeit ein, zu erklären, nicht an die Bedingungen gebunden zu sein, die der übermittelnde Staat nach Absatz 2 festlegt, sofern er nicht vorgängig über die Art dieser Informationen unterrichtet worden ist und deren Übermittlung zustimmt. Die Vorbehaltsmöglichkeit trägt dem Umstand Rechnung, dass einige Staaten auf Grund ihres Prozessrechts nicht in der Lage sind, Bedingungen einzuhalten, die an die Informationsübermittlung gebunden sind (z.b. beschränkte Verwendung der Informationen im Empfangsstaat). Art. 12 Rückgabe Das Übereinkommen (Art. 3) lässt die Herausgabe von Gegenständen nur zu Beweiszwecken zu. Artikel 12 erweitert die Herausgabe auf das Deliktsgut. Künftig können im ersuchten Staat beschlagnahmte Gegenstände, die aus einer strafbaren Handlung herrühren, auch zur Rückerstattung an den rechtmässigen Eigentümer 30 SR ; Art Eine schweizerische Strafverfolgungsbehörde kann z.b. verlangen, dass die ausländische Behörde die übermittelten Bankinformationen einzig dazu verwendet, ein Rechtshilfeersuchen an die Schweiz zu stellen (Art. 67a Abs. 5 IRSG). 328217 herausgegeben werden. Die Herausgabe setzt voraus, dass die Ansprüche von Personen, die Rechte an den beschlagnahmten Gegenständen gutgläubig erworben haben, vorgängig befriedigt werden. Der Begriff «Gegenstände» ist in einem weiten Sinn zu verstehen. Er umfasst beispielsweise auch die Vermögenswerte, wie dies in Artikel 74a IRSG vorgesehen ist. Gemäss Absatz 1 kann der ersuchte Staat einem derartigen Ersuchen stattgeben; er ist jedoch dazu nicht verpflichtet. Der ersuchte Staat kann beispielsweise ein Ersuchen ablehnen, wenn er die verlangten Gegenstände in einem nationalen Verfahren als Beweismittel benötigt. Die Bestimmung zielt nicht auf eine Änderung der innerstaatlichen Rechtsvorschriften über die Einziehung ab. Sie sollte zudem nur in den Fällen zur Anwendung kommen, in denen kein Zweifel darüber besteht, wer der rechtmässige Eigentümer der verlangten Gegenstände ist. Nach dem Übereinkommen (Art. 6 Abs. 2) kann der ersuchte Staat auf die Rückgabe der Gegenstände verzichten, die er dem ersuchenden Staat zu Beweiszwecken übermittelt. Der Verzicht ist vor oder nach der Herausgabe möglich. Absatz 2 präzisiert die Bestimmung des Übereinkommens dahingehend, dass der ersuchte Staat von der Verzichtsmöglichkeit Gebrauch machen kann, um die Rückgabe der Gegenstände an ihren rechtmässigen Eigentümer zu ermöglichen. Wie in Absatz 1 setzt auch dies voraus, dass eindeutig feststeht, wer der Eigentümer der Gegenstände ist, und dass die Rechte gutgläubiger Dritter unbeschadet bleiben. Absatz 3 stellt klar, dass der ersuchte Staat keine Sicherheitsrechte oder Ansprüche geltend machen kann, die er auf Grund steuerlicher oder zollrechtlicher Vorschriften an den herauszugebenden Gegenständen haben könnte, wenn er vor der Herausgabe auf die Rückgabe der Gegenstände verzichtet hat. Nach Absatz 4 hindert der Verzicht auf die Rückgabe der Gegenstände den ersuchten Staat nicht daran, Steuern oder Abgaben zu erheben, die ihm der rechtmässige Eigentümer der Gegenstände schuldet. Eine analoge Bestimmung hat die Schweiz in bilateralen Verträgen mit Frankreich und Italien vereinbart 32. Sie lehnt sich an das EU-Übereinkommen (Art. 8) an. Art. 13 Zeitweilige Überstellung in Haft gehaltener Personen in das Hoheitsgebiet der ersuchten Vertragspartei Artikel 11 des Übereinkommens und Artikel 3 des Zweiten Zusatzprotokolls regeln den klassischen Fall der Zuführung von Häftlingen: Eine Person ist im ersuchten Staat in Haft und soll vorübergehend dem ersuchenden Staat zugeführt werden, um dort an Ermittlungshandlungen teilzunehmen. Artikel 13 befasst sich mit dem umgekehrten Fall, dass eine Person im ersuchenden Staat inhaftiert ist und dem ersuchten Staat vorübergehend zugeführt werden soll. Diese Fallkonstellation kann sich in der Praxis stellen, wenn der ersuchende Staat ein Rechtshilfeersuchen stellt und die dort inhaftierte Person aus verfahrensrechtlichen Gründen beim Vollzug des Rechtshilfeersuchens im ersuchten Staat anwesend sein muss. Dient z.b. ein Rechtshilfeersuchen dazu, den Tathergang zu rekonstruieren, so kann eine Rechtshilfehandlung im ersuchten Staat oft nur durch die Überstellung einer im ersuchenden Staat inhaftierten Person erfolgreich durchgeführt werden. 32 Vgl. Art. VI des Zusatzvertrags mit Frankreich vom 28. Okt (SR ) und Art. VIII des Zusatzvertrags mit Italien vom 10. Sept (BBl ). 328318 Gemäss Absatz 1 bedarf die Überstellung der inhaftierten Person einer Absprache zwischen den zuständigen Behörden des ersuchenden und des ersuchten Staates. Absatz 2 hält fest, dass sich die betroffenen Behörden auf die Einzelheiten der Überstellung und den Zeitpunkt der Rücküberstellung der Person in den ersuchenden Staat einigen müssen. Absatz 3 trägt der Tatsache Rechnung, dass die Überstellung von der Zustimmung der inhaftierten Person abhängig gemacht werden kann. Ist nach dem innerstaatlichen Recht des ersuchenden Staates die Zustimmung der betroffenen Person notwendig, so muss diese dem ersuchten Staat im Original oder in Kopie unverzüglich zukommen. Die Absätze 4 und 5 enthalten die rechtliche Grundlage, damit die zugeführte Person im ersuchten Staat in Haft gehalten werden kann und die dort verbrachte Haftzeit auf die Haftdauer der betroffenen Person im ersuchenden Staat angerechnet werden kann. Die Bestimmung entspricht der Regelung in Artikel 11 Absatz 3 des Übereinkommens. Absatz 7 gibt den Staaten die Möglichkeit, eine Erklärung abzugeben, unter welchen Umständen sie die Zustimmung der inhaftierten Person verlangen. Für die Schweiz drängt sich in diesem Punkt keine Erklärung auf. Nach Artikel 70 IRSG kann die Schweiz einer ausländischen Behörde Personen, die in der Schweiz in Haft sind, grundsätzlich gegen deren Willen zuführen. Eine Ausnahme besteht für die im Ausland nicht angeschuldigten Personen sowie für Schweizer Bürgerinnen und Bürger. Auf ihre Zustimmung kann aber verzichtet werden, wenn die Überstellung dem Vollzug eines schweizerischen Rechtshilfeersuchens dient. Gestützt auf diese Rechtslage erübrigt sich eine Erklärung der Schweiz zu Artikel 13, der genau diesen Fall abdecken will. Die Bestimmung findet sich auch in den bilateralen Verträgen mit Frankreich und Italien 33. Sie lehnt sich auch an das EU-Übereinkommen (Art. 9) an. Art. 14 Persönliches Erscheinen überstellter verurteilter Personen Bei der Anwendung des Europarat-Übereinkommens vom 21. März über die Überstellung verurteilter Personen (ETS Nr. 112) stellte sich heraus, dass keine Bestimmung den Fall abdeckt, dass die verurteilte Person im Heimatstaat die ausländische Strafe verbüsst und im Urteilsstaat ein Revisionsverfahren eröffnet wird, bei dem die verurteilte Person anwesend sein sollte. Mit Artikel 14 soll diese Lücke geschlossen werden. Er bestimmt, dass für das persönliche Erscheinen der verurteilten und überstellten Person im Urteilsstaat zwecks Revision des Urteils die Bestimmungen über die zeitweilige Überstellung und die Immunität nach den Artikeln 11 und 12 des Übereinkommens sinngemäss zur Anwendung kommen. Es versteht sich, dass die überstellte Person im Urteilsstaat für die Handlungen, die dem Revisionsurteil zugrunde liegen, keinen Immunitätsschutz geniesst. 33 Vgl. Art. XII des Zusatzvertrags mit Frankreich vom 28. Okt (SR ) und Art. XIV des Zusatzvertrags mit Italien vom 10. Sept (BBl ). 34 SR19 Artikel 14 liegt der Gedanke zugrunde, dass das Revisionsverfahren hauptsächlich im Interesse der überstellten Person liegt. Daher sollte die Bestimmung nicht zur Anwendung kommen, wenn sich die überstellte Person einer Zuführung in den Urteilsstaat widersetzt. Art. 15 Sprache der zuzustellenden Verfahrensurkunden und Gerichtsentscheidungen Artikel 15 befasst sich mit den Zustellungsersuchen nach den Artikeln 7 ff. des Übereinkommens und Artikel 3 des ersten Zusatzprotokolls von 1978 (von der Schweiz nicht ratifiziert). Er ist in Verbindung mit Artikel 16 des Übereinkommens zu verstehen, der jede Vertragspartei ermächtigt, eine Übersetzung der Ersuchen und der beigefügten Schriftstücke zu verlangen. Nach der von der Schweiz abgegebenen Erklärung müssen ausländische Rechtshilfeersuchen und die Beilagen in eine der drei Amtssprachen übersetzt werden. Ausgenommen von der Übersetzungspflicht sind die Ersuchen um Zustellung einer Vorladung 35. Andere Staaten haben zu diesem Punkt keine Erklärung abgegeben. Artikel 15 will aus Gründen der Rechtssicherheit eine einheitliche Regelung statuieren. Diese trägt vor allem dem Umstand Rechnung, dass ein Rechtsstaat die elementaren Verfahrensrechte gewährleisten muss. Dazu gehört, dass die angeklagte Person in einer ihr verständlichen Sprache über die Art und den Grund der gegen sie erhobenen Anklagepunkte informiert wird 36. Die in Artikel 15 verankerte Regelung gilt für sämtliche Zustellungsersuchen und Zustellungsformen (Abs. 1). Sie ist auch im Zusammenhang mit der postalischen Zustellung (Art. 16) von Bedeutung. Es gilt der Grundsatz, dass die Zustellungsakten (Verfahrensurkunden, Gerichtsentscheide usw.) in der Originalsprache zugestellt werden (Abs. 2). Dieser Grundsatz wird in zwei Fällen durchbrochen: Die Behörde, die das Dokument verfasst hat, muss das zuzustellende Dokument oder zumindest den wesentlichen Inhalt in die Sprache übersetzen, die der Empfänger versteht, wenn die Behörde Anhaltspunkte dafür hat, dass der Empfänger der Zustellungsakten nur dieser Sprache kundig ist (Abs. 3). Erfolgt die Zustellung über die Behörden des ersuchten Staates, so muss die ausstellende Behörde eine kurze Information über den Inhalt der Zustellungsakten in der Sprache oder einer der Sprachen des ersuchten Staates liefern (Abs. 4). Diese Regelung gilt nur für die Zustellungsakten. Für die Zustellungsersuchen sind weiterhin Artikel 16 des Übereinkommens bzw. die Erklärungen der einzelnen Staaten massgebend. Art. 16 Zustellung auf dem Postweg Zweck dieses Artikels ist es, die Zustellung von Prozessakten und Verfahrensurkunden an Empfänger, die sich in einem anderen Staat befinden, zu vereinfachen. Zustellungsersuchen können die Rechtshilfebehörden stark belasten, weil der Zeitund Arbeitsaufwand bei der Übermittlung eingehender und ausgehender Zustel- 35 Erklärung der Schweiz zu Art. 16 Abs. 2 des Übereinkommens (SR ). 36 Art. 6 Abs. 3 Bst. a EMRK (SR 0.101). 328520 lungsersuchen oft in keinem vernünftigen Verhältnis zur Schwere der strafbaren Handlungen stehen. Die Bestimmung dient dazu, die Rechtshilfebehörden von Bagatellgeschäften zu entlasten (z.b. Zustellung von Parkbussen oder Bussentscheiden wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen). Absatz 1 gibt den Strafverfolgungsbehörden der Vertragsparteien die Möglichkeit, Verfahrensurkunden und Gerichtsentscheide im Zusammenhang mit einer strafbaren Handlung dem Empfänger direkt auf dem Postweg zuzustellen. Die Absätze 2 4 dienen dem Rechtsschutz des Empfängers. Sie übertragen der Behörde, die das zuzustellende Dokument ausgestellt hat, folgende Verpflichtungen: Die ausstellende Behörde muss dem Zustellungsdokument eine kurze Information beifügen, aus der hervorgeht, wo und wie sich der Empfänger über seine Pflichten und Rechte belehren lassen kann (Abs. 2). Der Empfänger sollte insbesondere darauf hingewiesen werden, welche Folgen mit der Nichtbeachtung des Zustellungsdokuments verbunden sind. Handelt es sich um eine Vorladung als Zeuge oder Sachverständiger, so sollte die Information einen Vermerk enthalten, ob die vorgeladene Person Anrecht auf einen Vorschuss zur Deckung der Reise- und Aufenthaltskosten hat. Wird der Empfänger als Angeklagter vorgeladen, so sollte er darüber informiert werden, unter welchen Voraussetzungen er einen Rechtsbeistand beanspruchen kann (Abs. 3). Hat die ausstellende Behörde Anhaltspunkte dafür, dass der Empfänger wegen fehlender Sprachkenntnisse den Inhalt des Zustellungsdokuments und die mitgelieferte Information nicht versteht, so muss der wesentliche Inhalt der Schriftstücke in die Sprache übersetzt werden, deren der Empfänger kundig ist (Abs. 4). Diese Regelung lehnt sich an das EU-Übereinkommen (Art. 5) an. Für die Schweiz ist die direkte Postzustellung nicht neu. Sie ist im IRSG ausdrücklich vorgesehen und wurde mit verschiedenen Nachbarstaaten vereinbart (s. Ziff zu Art. 16). Art. 17 Grenzüberschreitende Observation Dieser Artikel lehnt sich fast vollständig an Artikel 40 des Schengener Durchführungsübereinkommens 37 an, wobei der Anwendungsbereich auf Personen ausgedehnt wurde, von denen ernsthaft anzunehmen ist, dass sie zur Identifizierung oder Auffindung der gesuchten Person führen können (Abs. 1). Ferner wurde der Deliktskatalog um den Menschenschmuggel und den sexuellen Missbrauch von Kindern erweitert (Abs. 6). Unter Observation ist eine länger andauernde heimliche Beobachtung von Personen durch Polizeibehörden zu verstehen, wobei ein Kontakt zwischen der observierten Person und dem observierenden Beamten nicht beabsichtigt ist. Nach Absatz 1 sind Beamte einer Vertragspartei, die im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens in ihrem Land eine Person observieren, die im Verdacht steht, an einer auslieferungsfähigen Straftat beteiligt zu sein, oder eine Person, bei der ernsthaft an- 37 Übereinkommen vom 19. Juni 1990 zur Durchführung des Übereinkommens von Schengen vom 14. Juni 1985 betreffend den schrittweisen Abbau der Kontrollen an den gemeinsamen Grenzen: ABl. L 239 vom , S Mehr anzeigen
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