Source: http://m.hensche.de/Mitbestimmung_Europarecht_EuGH_begrenzt_Wirkungen_des_europaeischen_Arbeitsrechts_EuGH_C-176-12_AMS_u.html
Timestamp: 2016-12-10 02:58:28
Document Index: 90133783

Matched Legal Cases: ['Art.27', 'Art. 27', 'Art. 267', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 4', 'Art. 11', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 11', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 3', 'Art. 27', 'Art. 21', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 27', 'Art. 27']

HENSCHE Arbeitsrecht: C-176/12
Europarecht, Betriebliche Mitbestimmung, Betriebsverfassung, Gewerkschaft
C-176/12
Art.27 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on ist für sich ge­nom­men oder in Ver­bin­dung mit den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 11. März 2002 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­mer in der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft da­hin aus­zu­le­gen, dass er, wenn ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung zur Um­set­zung die­ser Richt­li­nie, wie Art. L. 1111-3 des französi­schen Ar­beits­ge­setz­buchs, mit dem Uni­ons­recht un­ver­ein­bar ist, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten nicht gel­tend ge­macht wer­den kann, um die­se na­tio­na­le Be­stim­mung un­an­ge­wen­det zu las­sen.
15. Ja­nu­ar 2014(*)
„So­zi­al­po­li­tik – Richt­li­nie 2002/14/EG – Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on – Art. 27 – An­knüpfung an be­stimm­te Schwel­len­wer­te für die Beschäftig­ten­zahl bei der Ein­set­zung von Per­so­nal­ver­tre­tungs­or­ga­nen – Be­rech­nung der Schwel­len­wer­te – Dem Uni­ons­recht ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lung – Rol­le des na­tio­na­len Ge­richts“
In der Rechts­sa­che C‑176/12
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht von der Cour de cas­sa­ti­on (Frank­reich) mit Ent­schei­dung vom 11. April 2012, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 16. April 2012, in dem Ver­fah­ren
As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le
Uni­on lo­ca­le des syn­di­cats CGT,
Hi­chem La­bou­bi,
Uni­on dépar­te­men­ta­le CGT des Bou­ches-du-Rhône,
Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail (CGT)
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, des Vi­ze­präsi­den­ten K. Lena­erts, der Kam­mer­präsi­den­tin R. Sil­va de La­pu­er­ta, der Kam­mer­präsi­den­ten M. Ilešič und M. Saf­jan so­wie der Rich­ter J. Ma­le­n­ovský, E. Le­vits (Be­richt­er­stat­ter), J.‑C. Bo­ni­chot, A. Ara­b­ad­jiev, der Rich­te­rin C. Toa­der, des Rich­ters D. Šváby und der Rich­te­rin­nen M. Ber­ger und A. Prechal,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 23. April 2013,
– der Uni­on lo­ca­le des syn­di­cats CGT, von Herrn La­bou­bi, der Uni­on dépar­te­men­ta­le CGT des Bou­ches-du-Rhône und der Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail (CGT), ver­tre­ten durch H. Di­dier und F. Pi­net, avo­cats,
– der französi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch N. Rouam, G. de Ber­gues und J. Ros­si als Be­vollmäch­tig­te,
– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch K. Pe­ter­sen als Be­vollmäch­tig­te,
– der nie­derländi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. No­ort und C. Wis­sels als Be­vollmäch­tig­te,
– der pol­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch J. Fal­dy­ga, A. Si­wek, B. Ma­jc­zy­na und M. Sz­pu­nar als Be­vollmäch­tig­te,
– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch J. En­e­gren, D. Mar­tin und G. Ro­zet als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 18. Ju­li 2013
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 27 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta) so­wie der Richt­li­nie 2002/14/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 11. März 2002 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­mer in der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft (ABl. L 80, S. 29).
Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le (im Fol­gen­den: AMS) ei­ner­seits und der Uni­on lo­ca­le des syn­di­cats CGT, Herrn La­bou­bi, der Uni­on dépar­te­men­ta­le CGT des Bou­ches-du-Rhône und der Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail (CGT) an­de­rer­seits über die Ein­set­zung von Per­so­nal­ver­tre­tungs­or­ga­nen bei der AMS durch den zuständi­gen Ge­werk­schafts­orts­ver­band. Recht­li­cher Rah­men
Art. 27 der Char­ta lau­tet: „Für die Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer oder ih­re Ver­tre­ter muss auf den ge­eig­ne­ten Ebe­nen ei­ne recht­zei­ti­ge Un­ter­rich­tung und Anhörung in den Fällen und un­ter den Vor­aus­set­zun­gen gewähr­leis­tet sein, die nach dem Uni­ons­recht und den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind.“
Art. 1 („Ge­gen­stand und Grundsätze“) der Richt­li­nie 2002/14 be­stimmt: „(1) Ziel die­ser Richt­li­nie ist die Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens mit Min­dest­vor­schrif­ten für das Recht auf Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­mer von in der Ge­mein­schaft ansässi­gen Un­ter­neh­men oder Be­trie­ben.
(2) Die Mo­da­litäten der Un­ter­rich­tung und Anhörung wer­den gemäß den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und den in den ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten gel­ten­den Prak­ti­ken im Be­reich der Ar­beits­be­zie­hun­gen so ge­stal­tet und an­ge­wandt, dass ih­re Wirk­sam­keit gewähr­leis­tet ist.
Art. 2 („Be­griffs­be­stim­mun­gen“) der Richt­li­nie lau­tet: „Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­zeich­net der Aus­druck
d) ‚Ar­beit­neh­mer‘ ei­ne Per­son, die in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat als Ar­beit­neh­mer auf­grund des ein­zel­staat­li­chen Ar­beits­rechts und ent­spre­chend den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten geschützt ist. …“
Art. 3 („An­wen­dungs­be­reich“) der Richt­li­nie sieht in Abs. 1 vor: „Die­se Richt­li­nie gilt je nach Ent­schei­dung der Mit­glied­staa­ten:
a) für Un­ter­neh­men mit min­des­tens 50 Ar­beit­neh­mern in ei­nem Mit­glied­staat oder
b) für Be­trie­be mit min­des­tens 20 Ar­beit­neh­mern in ei­nem Mit­glied­staat.
Die Mit­glied­staa­ten be­stim­men, nach wel­cher Me­tho­de die Schwel­len­wer­te für die Beschäftig­ten­zahl er­rech­net wer­den.“
Art. 4 („Mo­da­litäten der Un­ter­rich­tung und Anhörung“) der Richt­li­nie 2002/14 sieht in Abs. 1 vor: „Im Ein­klang mit den in Ar­ti­kel 1 dar­ge­leg­ten Grundsätzen und un­be­scha­det et­wai­ger gel­ten­der ein­zel­staat­li­cher Be­stim­mun­gen und/oder Ge­pflo­gen­hei­ten, die für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ger sind, be­stim­men die Mit­glied­staa­ten ent­spre­chend die­sem Ar­ti­kel im Ein­zel­nen, wie das Recht auf Un­ter­rich­tung und Anhörung auf der ge­eig­ne­ten Ebe­ne wahr­ge­nom­men wird.“
Art. 11 der Richt­li­nie 2002/14 be­stimmt, dass die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten er­las­sen müssen, um den Ver­pflich­tun­gen aus die­ser Richt­li­nie spätes­tens zum 23. März 2005 nach­zu­kom­men, oder si­cher­stel­len, dass die So­zi­al­part­ner bis zu die­sem Zeit­punkt die­se Be­stim­mun­gen einführen; da­bei ha­ben die Mit­glied­staa­ten al­le not­wen­di­gen Maßnah­men zu tref­fen, um je­der­zeit gewähr­leis­ten zu können, dass die in der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Er­geb­nis­se er­reicht wer­den. Französi­sches Recht
Nach Art. L. 2312‑1 des französi­schen Ar­beits­ge­setz­buchs (Code du tra­vail) müssen bei al­len Be­trie­ben mit min­des­tens elf Beschäftig­ten Be­leg­schafts­ver­tre­ter gewählt wer­den.
So­bald ein Un­ter­neh­men oder ein Be­trieb min­des­tens 50 Beschäftig­te auf­weist, er­nen­nen die Ge­werk­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen gemäß den Art. L. 2142‑1‑1 und L. 2143‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs ei­nen Ge­werk­schafts­ver­tre­ter und set­zen nach Art. L. 2322‑1 des Ar­beits­ge­setz­buchs ei­nen Be­triebs­rat ein.
Art. L. 1111‑2 des Ar­beits­ge­setz­buchs be­stimmt: „Für die Um­set­zung der Be­stim­mun­gen des Ar­beits­ge­setz­buchs wird die Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens wie folgt be­rech­net:
1°Ar­beit­neh­mer mit ei­nem un­be­fris­te­ten Voll­zeit­ar­beits­ver­trag und Heim­ar­bei­ter wer­den bei der Beschäftig­ten­zahl voll berück­sich­tigt;
2°Be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer, Ge­le­gen­heits­ar­bei­ter und dem Un­ter­neh­men von ei­nem ex­ter­nen Un­ter­neh­men über­las­se­ne Ar­beit­neh­mer, die in den Geschäftsräum­en des nut­zen­den Un­ter­neh­mens an­we­send sind und dort min­des­tens seit ei­nem Jahr ar­bei­ten, so­wie Zeit­ar­bei­ter wer­den bei der Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens ent­spre­chend der Zeit ih­rer An­we­sen­heit während der letz­ten zwölf Mo­na­te an­tei­lig berück­sich­tigt. Be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer und von ei­nem ex­ter­nen Un­ter­neh­men über­las­se­ne Ar­beit­neh­mer ein­sch­ließlich Zeit­ar­bei­ter sind je­doch von der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl aus­ge­schlos­sen, wenn sie ei­nen ab­we­sen­den Ar­beit­neh­mer oder ei­nen Ar­beit­neh­mer, des­sen Ver­trag ins­be­son­de­re we­gen Mut­ter­schafts­ur­laubs, Ad­op­ti­ons­ur­laubs oder Er­zie­hungs­ur­laubs aus­ge­setzt ist, er­set­zen;
3°In Teil­zeit beschäftig­te Ar­beit­neh­mer wer­den un­abhängig von der Na­tur ih­res Ar­beits­ver­trags da­durch berück­sich­tigt, dass die Ge­samt­sum­me der in ih­ren Ar­beits­verträgen ge­nann­ten Ar­beits­stun­den durch die ge­setz­li­che oder die ta­rif­lich ver­ein­bar­te Ar­beits­zeit ge­teilt wird.“
Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs be­stimmt: „Bei der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens nicht berück­sich­tigt wer­den:
1º) Lehr­lin­ge;
2º) im Rah­men ei­nes Beschäfti­gungs­in­itia­tiv­ver­trags Beschäftig­te während der Lauf­zeit der Kon­ven­ti­on gemäß Art. L. 5134‑66;
3º) (auf­ge­ho­ben);
4º) im Rah­men ei­nes beschäfti­gungs­be­glei­ten­den Ver­trags Beschäftig­te während der Lauf­zeit der Kon­ven­ti­on gemäß Art. L. 5134‑19‑1;
5º) (auf­ge­ho­ben);
6º) im Rah­men ei­nes Be­rufs­bil­dungs­ver­trags Beschäftig­te bis zum ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen En­de bei ei­nem be­fris­te­ten Ver­trag oder bis zum En­de der Be­rufs­bil­dungs­maßnah­me bei ei­nem un­be­fris­te­ten Ver­trag.
Je­doch wer­den die­se Beschäftig­ten für die An­wen­dung der Rechts­vor­schrif­ten in Be­zug auf die Ta­ri­fie­rung des Ri­si­kos von Ar­beits­unfällen und Be­rufs­krank­hei­ten berück­sich­tigt.“
Die AMS ist ei­ne Ver­ei­ni­gung gemäß dem Ge­setz vom 1. Ju­li 1901 über den Gründungs­ver­trag von Ver­ei­ni­gun­gen. Sie be­tei­ligt sich an der Durchführung von Maßnah­men der so­zia­len Me­dia­ti­on und der Kri­mi­na­litätspräven­ti­on in der Stadt Mar­seil­le (Frank­reich). Ei­ne wei­te­re Auf­ga­be ist die be­ruf­li­che Wie­der­ein­glie­de­rung von Ar­beits­lo­sen oder Per­so­nen, die aus so­zia­len oder be­ruf­li­chen Gründen Schwie­rig­kei­ten ha­ben, ei­nen Ar­beits­platz zu fin­den. Ih­nen bie­tet die AMS an, über ei­ne in­di­vi­du­el­le Be­rufs­bil­dungs­maßnah­me ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung im Be­reich der so­zia­len Me­dia­ti­on zu er­wer­ben.
Am 4. Ju­ni 2010 er­nann­te die Uni­on dépar­te­men­ta­le CGT des Bou­ches-du-Rhône Herrn La­bou­bi zum Ver­tre­ter der in­ner­halb der AMS ge­schaf­fe­nen Ge­werk­schafts­sek­ti­on.
Die AMS wi­der­sprach die­ser Er­nen­nung. Sie ist der An­sicht, dass sie we­ni­ger als elf und erst recht we­ni­ger als 50 Beschäftig­te ha­be und da­her nach der ein­schlägi­gen na­tio­na­len Re­ge­lung nicht ver­pflich­tet sei, Maßnah­men im Hin­blick auf die Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung, wie die Wahl ei­nes Per­so­nal­ver­tre­ters, zu er­grei­fen.
Um zu er­mit­teln, ob die Ver­ei­ni­gung die­se Schwel­len­wer­te von elf oder 50 Beschäftig­ten er­rei­che, blie­ben bei der Be­rech­nung ih­rer Beschäftig­ten­zahl nach Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs nämlich Lehr­lin­ge, im Rah­men ei­nes Beschäfti­gungs­in­itia­tiv­ver­trags oder ei­nes beschäfti­gungs­be­glei­ten­den Ver­trags so­wie im Rah­men ei­nes Be­rufs­bil­dungs­ver­trags beschäftig­te Ar­beit­neh­mer (im Fol­gen­den: Ar­beit­neh­mer, die im Rah­men ei­nes be­zu­schuss­ten Ver­trags beschäftigt sind) un­berück­sich­tigt.
Das Tri­bu­nal d’in­stan­ce de Mar­seil­le, bei dem ei­ne Kla­ge der AMS auf Nich­ti­gerklärung der Er­nen­nung von Herrn La­bou­bi zum Ver­tre­ter der CGT‑Ge­werk­schafts­sek­ti­on und ei­ne Wi­der­kla­ge die­ser Ge­werk­schaft, der AMS auf­zu­ge­ben, Wah­len zur Ein­set­zung von Per­so­nal­ver­tre­tungs­or­ga­nen durch­zuführen, anhängig war, über­mit­tel­te der Cour de cas­sa­ti­on ei­ne vor­ran­gi­ge Fra­ge nach der Ver­fas­sungsmäßig­keit von Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs.
Die Cour de cas­sa­ti­on leg­te die­se Fra­ge dem Con­seil con­sti­tu­ti­on­nel vor. Die­ser stell­te am 29. April 2011 fest, dass Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs ver­fas­sungs­gemäß sei.
Vor dem Tri­bu­nal d’in­stan­ce de Mar­seil­le mach­ten Herr La­bou­bi und die Uni­on lo­ca­le des syn­di­cats CGT des Quar­tiers Nord – de­nen sich die Uni­on dépar­te­men­ta­le CGT des Bou­ches-du-Rhône und die CGT frei­wil­lig an­schlos­sen – gel­tend, dass Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs gleich­wohl we­der mit dem Uni­ons­recht noch mit den in­ter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen der Französi­schen Re­pu­blik ver­ein­bar sei.
Mit ei­ner neu­en Ent­schei­dung vom 7. Ju­li 2011 folg­te das Tri­bu­nal d’in­stan­ce de Mar­seil­le die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on und schloss ei­ne An­wen­dung der Be­stim­mun­gen des Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs aus, da die­se nicht mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar sei­en. Dem­ent­spre­chend erklärte es die Er­nen­nung von Herrn La­bou­bi zum Ver­tre­ter der Ge­werk­schafts­sek­ti­on mit der Fest­stel­lung für gültig, dass die Beschäftig­ten­zahl der frag­li­chen Ver­ei­ni­gung oh­ne ei­ne An­wen­dung der Aus­schluss­be­stim­mun­gen in Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs den Schwel­len­wert von 50 Beschäftig­ten weit über­schrei­te.
Ge­gen die­ses Ur­teil leg­te die AMS Rechts­mit­tel bei der Cour de cas­sa­ti­on ein.
Un­ter die­sen Umständen hat die Cour de cas­sa­ti­on das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt: 1. Kann das in Art. 27 der Char­ta an­er­kann­te und durch die Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14 kon­kre­ti­sier­te Grund­recht auf Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­mer in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten gel­tend ge­macht wer­den, um die Rechtmäßig­keit ei­ner na­tio­na­len Maßnah­me zur Um­set­zung die­ser Richt­li­nie über­prüfen zu las­sen?
2. Wenn ja, sind die­se Be­stim­mun­gen da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len ge­setz­li­chen Vor­schrift ent­ge­gen­ste­hen, die bei der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens, ins­be­son­de­re zur Be­stim­mung der ge­setz­li­chen Schwel­len­wer­te für die Ein­set­zung von Per­so­nal­ver­tre­tungs­or­ga­nen, Ar­beit­neh­mer un­berück­sich­tigt lässt, die im Rah­men ei­nes be­zu­schuss­ten Ver­trags beschäftigt sind?
Das vor­le­gen­de Ge­richt möch­te mit sei­nen Fra­gen, die zu­sam­men zu be­han­deln sind, im We­sent­li­chen wis­sen, ob Art. 27 der Char­ta für sich ge­nom­men oder in Ver­bin­dung mit den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er, wenn ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung zur Um­set­zung die­ser Richt­li­nie, wie Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs, mit dem Uni­ons­recht un­ver­ein­bar ist, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten gel­tend ge­macht wer­den kann, um die­se na­tio­na­le Be­stim­mung un­an­ge­wen­det zu las­sen.
Hier­zu ist ers­tens fest­zu­stel­len, dass der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den hat, dass, da die Richt­li­nie 2002/14 in Art. 2 Buchst. d den Per­so­nen­kreis de­fi­niert hat, der bei der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens zu berück­sich­ti­gen ist, die Mit­glied­staa­ten nicht ei­ne be­stimm­te Grup­pe von Per­so­nen, die ursprüng­lich zu die­sem Kreis gehörte, bei die­ser Be­rech­nung un­berück­sich­tigt las­sen dürfen (vgl. Ur­teil vom 18. Ja­nu­ar 2007, Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., C‑385/05, Slg. 2007, I‑611, Rn. 34).
Ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge, die bei der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl ei­nes Un­ter­neh­mens ei­ne be­stimm­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern un­berück­sich­tigt lässt, hat nämlich zur Fol­ge, dass be­stimm­te Ar­beit­ge­ber von den in der Richt­li­nie 2002/14 vor­ge­se­he­nen Ver­pflich­tun­gen aus­ge­nom­men und ih­ren Ar­beit­neh­mern die von die­ser Richt­li­nie zu­er­kann­ten Rech­te vor­ent­hal­ten wer­den. Sie ist da­her ge­eig­net, die­se Rech­te aus­zuhöhlen, und nimmt so die­ser Richt­li­nie ih­re prak­ti­sche Wirk­sam­keit (vgl. Ur­teil Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., Rn. 38).
Zwar ent­spricht es ständi­ger Recht­spre­chung, dass die von der französi­schen Re­gie­rung im Aus­gangs­ver­fah­ren vor­ge­brach­te Förde­rung der Beschäfti­gung ein le­gi­ti­mes Ziel der So­zi­al­po­li­tik dar­stellt und dass die Mit­glied­staa­ten bei der Wahl der zur Ver­wirk­li­chung ih­rer so­zi­al­po­li­ti­schen Zie­le ge­eig­ne­ten Maßnah­men über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum verfügen (vgl. Ur­teil Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., Rn. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Je­doch darf die­ser Er­mes­sens­spiel­raum, über den die Mit­glied­staa­ten im Be­reich der So­zi­al­po­li­tik verfügen, nicht da­zu führen, dass ein tra­gen­der Grund­satz des Uni­ons­rechts oder ei­ne Vor­schrift des Uni­ons­rechts aus­gehöhlt wird (vgl. Ur­teil Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., Rn. 29).
Ei­ne Aus­le­gung der Richt­li­nie 2002/14, wo­nach de­ren Art. 3 Abs. 1 es den Mit­glied­staa­ten er­laubt, bei der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens aus Gründen wie den von der französi­schen Re­gie­rung im Aus­gangs­ver­fah­ren vor­ge­brach­ten ei­ne be­stimm­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern nicht zu berück­sich­ti­gen, wäre mit Art. 11 die­ser Richt­li­nie, der vor­sieht, dass die Mit­glied­staa­ten al­le not­wen­di­gen Maßnah­men zu tref­fen ha­ben, um gewähr­leis­ten zu können, dass die in der Richt­li­nie 2002/14 vor­ge­schrie­be­nen Er­geb­nis­se er­reicht wer­den, in­so­fern un­ver­ein­bar, als da­mit im­pli­ziert würde, dass es den Mit­glied­staa­ten er­laubt wäre, sich die­ser klar und ein­deu­tig durch das Uni­ons­recht fest­ge­leg­ten Er­geb­nis­pflicht zu ent­zie­hen (vgl. Ur­teil Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., Rn. 40 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Nach al­le­dem ist da­her fest­zu­stel­len, dass Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2002/14 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung wie Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs ent­ge­gen­steht, die bei der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens zur Er­mitt­lung der ge­setz­li­chen Schwel­len­wer­te für die Ein­set­zung von Per­so­nal­ver­tre­tungs­or­ga­nen Ar­beit­neh­mer un­berück­sich­tigt lässt, die im Rah­men ei­nes be­zu­schuss­ten Ver­trags beschäftigt sind.
Zwei­tens ist zu prüfen, ob die Richt­li­nie 2002/14, ins­be­son­de­re Art. 3 Abs. 1, die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, um un­mit­tel­ba­re Wir­kung zu ent­fal­ten, und ob sich die Be­klag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens, falls dies der Fall sein soll­te, ge­genüber der AMS dar­auf be­ru­fen können.
In­so­weit ist dar­an zu er­in­nern, dass sich der Ein­zel­ne nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs in all den Fällen, in de­nen die Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie in­halt­lich un­be­dingt und hin­rei­chend ge­nau sind, vor na­tio­na­len Ge­rich­ten ge­genüber dem Staat auf die­se Be­stim­mun­gen be­ru­fen kann, wenn die­ser die Richt­li­nie nicht frist­gemäß oder nur un­zuläng­lich in das na­tio­na­le Recht um­ge­setzt hat (vgl. Ur­teil vom 5. Ok­to­ber 2004, Pfeif­fer u. a., C‑397/01 bis C‑403/01, Slg. 2004, I‑8835, Rn. 103 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Im vor­lie­gen­den Fall sieht Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2002/14 vor, dass es Sa­che der Mit­glied­staa­ten ist, zu be­stim­men, nach wel­cher Me­tho­de die Schwel­len­wer­te für die Beschäftig­ten­zahl er­rech­net wer­den.
Art. 3 Abs.1 der Richt­li­nie 2002/14 lässt den Mit­glied­staa­ten zwar ei­nen be­stimm­ten Ge­stal­tungs­spiel­raum beim Er­lass der für die Um­set­zung der Richt­li­nie er­for­der­li­chen Maßnah­men, doch be­ein­träch­tigt dies nicht die Ge­nau­ig­keit und Un­be­dingt­heit der in die­sem Ar­ti­kel vor­ge­se­he­nen Ver­pflich­tung, al­le Ar­beit­neh­mer zu berück­sich­ti­gen.
Der Ge­richts­hof hat nämlich, wie in Rn. 24 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, be­reits fest­ge­stellt, dass die Mit­glied­staa­ten, da die Richt­li­nie 2002/14 den Per­so­nen­kreis de­fi­niert hat, der bei die­ser Be­rech­nung zu berück­sich­ti­gen ist, nicht ei­ne be­stimm­te Grup­pe von Per­so­nen, die ursprüng­lich zu die­sem Kreis gehörte, bei die­ser Be­rech­nung un­berück­sich­tigt las­sen dürfen. Die­se Richt­li­nie schreibt den Mit­glied­staa­ten zwar nicht vor, auf wel­che Wei­se sie die in ih­ren An­wen­dungs­be­reich fal­len­den Ar­beit­neh­mer bei der Be­rech­nung der Schwel­len­wer­te für die Beschäftig­ten­zahl berück­sich­ti­gen müssen, wohl aber, dass sie sie berück­sich­ti­gen müssen (vgl. Ur­teil Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., Rn. 34).
Aus die­ser Recht­spre­chung zu Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2002/14 (vgl. Ur­teil Confédéra­ti­on généra­le du tra­vail u. a., Rn. 40) folgt, dass die­se Be­stim­mung die Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, um un­mit­tel­ba­re Wir­kung zu ent­fal­ten.
Je­doch kann nach ständi­ger Recht­spre­chung so­gar ei­ne kla­re, ge­naue und un­be­ding­te Richt­li­ni­en­be­stim­mung, mit der dem Ein­zel­nen Rech­te gewährt oder Ver­pflich­tun­gen auf­er­legt wer­den sol­len, im Rah­men ei­nes Rechts­streits, in dem sich aus­sch­ließlich Pri­va­te ge­genüber­ste­hen, nicht als sol­che An­wen­dung fin­den (vgl. Ur­tei­le Pfeif­fer u. a., Rn. 109, und vom 19. Ja­nu­ar 2010, Kücükde­ve­ci, C‑555/07, Slg. 2010, I‑365, Rn. 46).
Hier­zu ist in Rn. 13 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt wor­den, dass die AMS ei­ne Ver­ei­ni­gung pri­va­ten Rechts ist, auch wenn sie ei­ne so­zia­le Ziel­set­zung hat. Dar­aus er­gibt sich, dass sich die Be­klag­ten des Aus­gangs­ver­fah­rens auf­grund der Rechts­na­tur der AMS die­ser Ver­ei­ni­gung ge­genüber nicht auf die Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14 als sol­che be­ru­fen können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil des Ge­richts­hofs vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rn. 42).
Gleich­wohl hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass ein na­tio­na­les Ge­richt, bei dem ein Rechts­streit zwi­schen Pri­vat­per­so­nen anhängig ist, bei der An­wen­dung der Be­stim­mun­gen des in­ner­staat­li­chen Rechts, die zur Um­set­zung der in ei­ner Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Ver­pflich­tun­gen er­las­sen wor­den sind, das ge­sam­te na­tio­na­le Recht berück­sich­ti­gen und es so weit wie möglich an­hand des Wort­lauts und des Zwe­ckes der Richt­li­nie aus­le­gen muss, um zu ei­nem Er­geb­nis zu ge­lan­gen, das mit dem von der Richt­li­nie ver­folg­ten Ziel ver­ein­bar ist (vgl. Ur­tei­le vom 4. Ju­li 2006, Aden­eler u. a., C-212/04, Slg. 2006, I‑6057, Rn. 111, so­wie Pfeif­fer u. a., Rn. 119, und Do­m­in­guez, Rn. 27).
Der Ge­richts­hof hat je­doch fest­ge­stellt, dass der Grund­satz der uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts be­stimm­ten Schran­ken un­ter­liegt. So fin­det die Ver­pflich­tung des na­tio­na­len Rich­ters, bei der Aus­le­gung und An­wen­dung der ein­schlägi­gen Vor­schrif­ten des in­ner­staat­li­chen Rechts den In­halt ei­ner Richt­li­nie her­an­zu­zie­hen, in den all­ge­mei­nen Rechts­grundsätzen ih­re Schran­ken und darf nicht als Grund­la­ge für ei­ne Aus­le­gung con­tra le­gem des na­tio­na­len Rechts die­nen (vgl. Ur­tei­le vom 15. April 2008, Im­pact, C‑268/06, Slg. 2008, I‑2483, Rn. 100, und Do­m­in­guez, Rn. 25).
Aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung er­gibt sich, dass die Cour de Cas­sa­ti­on meint, im Aus­gangs­ver­fah­ren ei­ner sol­chen Schran­ke ge­genüber­zu­ste­hen, so dass Art. L. 1111‑3 des Code du tra­vail ei­ner mit der Richt­li­nie 2002/14 ver­ein­ba­ren Aus­le­gung nicht zugäng­lich sei.
Un­ter die­sen Umständen ist drit­tens zu prüfen, ob der Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens mit dem der Rechts­sa­che Kücükde­ve­ci zu­grun­de lie­gen­den ver­gleich­bar ist, so dass Art. 27 der Char­ta für sich ge­nom­men oder in Ver­bin­dung mit den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14 in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten gel­tend ge­macht wer­den kann, um ge­ge­be­nen­falls die An­wen­dung der nicht richt­li­ni­en­kon­for­men na­tio­na­len Be­stim­mung aus­zu­sch­ließen.
Im Hin­blick auf Art. 27 der Char­ta als sol­chem ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung die in der Uni­ons­rechts­ord­nung ga­ran­tier­ten Grund­rech­te in al­len uni­ons­recht­lich ge­re­gel­ten Fall­ge­stal­tun­gen An­wen­dung fin­den (vgl. Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2013, Åker­berg Frans­son, C‑617/10, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rn. 19).
Da die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung die Um­set­zung der Richt­li­nie 2002/14 dar­stellt, fin­det Art. 27 der Char­ta auf die vor­lie­gen­de Rechts­sa­che An­wen­dung.
Wei­ter ist fest­zu­stel­len, dass Art. 27 („Recht auf Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer im Un­ter­neh­men“) der Char­ta be­stimmt, dass für die Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer auf ver­schie­de­nen Ebe­nen ei­ne Un­ter­rich­tung und Anhörung in den Fällen und un­ter den Vor­aus­set­zun­gen gewähr­leis­tet sein muss, die nach dem Uni­ons­recht und den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind.
Aus dem Wort­laut von Art. 27 der Char­ta geht so­mit klar her­vor, dass er, da­mit er sei­ne vol­le Wirk­sam­keit ent­fal­tet, durch Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts oder des na­tio­na­len Rechts kon­kre­ti­siert wer­den muss.
Das in Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2002/14 ent­hal­te­ne und an die Mit­glied­staa­ten ge­rich­te­te Ver­bot, bei der Be­rech­nung der Beschäftig­ten­zahl des Un­ter­neh­mens ei­ne be­stimm­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern, die ursprüng­lich zu dem Kreis der bei die­ser Be­rech­nung zu berück­sich­ti­gen­den Per­so­nen gehörte, aus­zu­sch­ließen, lässt sich nämlich als un­mit­tel­bar an­wend­ba­re Rechts­norm we­der aus dem Wort­laut des Art. 27 der Char­ta noch aus den Erläute­run­gen zu die­sem Ar­ti­kel her­lei­ten.
In die­sem Zu­sam­men­hang ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich die Umstände des Aus­gangs­ver­fah­rens von de­nen un­ter­schei­den, die zum Ur­teil Kücükde­ve­ci geführt ha­ben, da das in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta nie­der­ge­leg­te Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, um das es in je­ner Rechts­sa­che ging, schon für sich al­lein dem Ein­zel­nen ein sub­jek­ti­ves Recht ver­leiht, das er als sol­ches gel­tend ma­chen kann.
Dem­nach kann Art. 27 der Char­ta als sol­cher in ei­nem Rechts­streit wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht gel­tend ge­macht wer­den, um zu der Schluss­fol­ge­rung zu ge­lan­gen, dass die mit der Richt­li­nie 2002/14 nicht kon­for­me na­tio­na­le Be­stim­mung un­an­ge­wen­det zu las­sen ist.
Die­se Fest­stel­lung kann nicht da­durch ent­kräftet wer­den, dass Art. 27 der Char­ta im Zu­sam­men­hang mit den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14 be­trach­tet wird. Da die­ser Ar­ti­kel nämlich für sich al­lein nicht aus­reicht, um dem Ein­zel­nen ein Recht zu ver­lei­hen, das die­ser als sol­ches gel­tend ma­chen kann, kann bei ei­ner sol­chen Zu­sam­men­schau nichts an­de­res gel­ten.
Die durch die Un­ver­ein­bar­keit des na­tio­na­len Rechts mit dem Uni­ons­recht geschädig­te Par­tei kann sich je­doch auf die mit dem Ur­teil vom 19. No­vem­ber 1991, Fran­co­vich u. a. (C‑6/90 und C‑9/90, Slg. 1991, I‑5357), be­gründe­te Recht­spre­chung be­ru­fen, um ge­ge­be­nen­falls Er­satz des ent­stan­de­nen Scha­dens zu er­lan­gen (vgl. Ur­teil Do­m­in­guez, Rn. 43)
Aus al­le­dem er­gibt sich, dass Art. 27 der Char­ta für sich ge­nom­men oder in Ver­bin­dung mit den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er, wenn ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung zur Um­set­zung die­ser Richt­li­nie, wie Art. L. 1111‑3 des Ar­beits­ge­setz­buchs, mit dem Uni­ons­recht un­ver­ein­bar ist, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten nicht gel­tend ge­macht wer­den kann, um die­se na­tio­na­le Be­stim­mung un­an­ge­wen­det zu las­sen. Kos­ten
Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig. Aus die­sen Gründen hat der Ge­richts­hof (Große Kam­mer) für Recht er­kannt: Art. 27 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on ist für sich ge­nom­men oder in Ver­bin­dung mit den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2002/14/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 11. März 2002 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Un­ter­rich­tung und Anhörung der Ar­beit­neh­mer in der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft da­hin aus­zu­le­gen, dass er, wenn ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung zur Um­set­zung die­ser Richt­li­nie, wie Art. L. 1111‑3 des französi­schen Ar­beits­ge­setz­buchs, mit dem Uni­ons­recht un­ver­ein­bar ist, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten nicht gel­tend ge­macht wer­den kann, um die­se na­tio­na­le Be­stim­mung un­an­ge­wen­det zu las­sen.
Un­ter­schrif­ten * Ver­fah­rens­spra­che: Französisch.
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