Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Wiedereinstellungsanspruch_aus_der_Menscherechtskonvention_LAG_Duesseldorf_11Sa1484-13_u.html
Timestamp: 2018-03-22 02:06:35
Document Index: 127966976

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 580', '§ 35', '§ 586', '§ 580', '§ 35', '§ 580', 'Art. 41', '§ 35', '§ 580', '§ 23', '§ 23', 'Art 8', 'Art. 8', '§ 4', '§ 66', '§ 520', '§ 64', 'Art. 12', '§ 242', '§ 1', 'Art. 12', 'Art. 2', '§ 69', 'Art 8', 'Art. 59', 'Art. 93', '§ 90', 'Art. 53', 'Art. 42', 'Art. 44', 'Art. 46', 'Art. 34', '§ 31', 'Art. 46', '§ 180', 'Art. 5', 'Art. 8', 'EGMR', '§ 16', '§ 13', 'Art. 41', 'Art. 20', 'Art. 59', 'Art. 19', 'Art. 20', 'Art. 34', 'EGMR', 'Art. 36', 'Art. 8', 'Art. 41', 'EGMR', 'Art. 8', 'Art. 5', '§ 1', '§ 1', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 41', '§ 1', '§ 64']

HENSCHE Arbeitsrecht: 11 Sa 1484/13
Schlag­worte: Kündigung: Kirche, Ehebruch, Kündigung: Ehebruch, Wiedereinstellung
Akten­zeichen: 11 Sa 1484/13
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Essen, Urteil vom 22.11.2013, 5 Ca 2480/13
1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 22.11.2013 - 5 Ca 2480/13 - wird zurück­ge­wie­sen.
2. Die Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens hat der Kläger zu tra­gen.
Der Kläger ver­langt von der Be­klag­ten die Wie­der­ein­stel­lung und Beschäfti­gung als Kir­chen­mu­si­ker.
Der am 02.01.1957 ge­bo­re­ne Kläger ist ka­tho­li­scher Kir­chen­mu­si­ker und war nach dem kir­chen­mu­si­ka­li­schen A-Ex­amen seit dem 15.11.1983 bei der be­klag­ten ka­tho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de St. M. in F. als A-Kir­chen­mu­si­ker (Or­ga­nist und Chor­lei­ter) beschäftigt. Seit dem 01.01.1985 war ihm außer­dem die Auf­ga­be ei­nes De­ka­nats­kir­chen­mu­si­kers des De­ka­nats F.-S. über­tra­gen wor­den.
Im Jah­re 1994 trenn­ten sich der Kläger und sei­ne Ehe­frau, die zwei ge­mein­sa­me Kin­der ha­ben, ein­ver­nehm­lich und teil­ten dies im Ja­nu­ar 1995 der be­klag­ten Kir­chen­ge­mein­de mit. Mit Schrei­ben vom 15.07.1997 hat die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis des Klägers zum 31.03.1998 frist­ge­recht gekündigt. Der Kläger hat die­se Kündi­gung vor­dem Ar­beits­ge­richt Es­sen un­ter dem Ak­ten­zei­chen 6 Ca 2708/97 an­ge­grif­fen. Zur Be­gründung hat die Be­klag­te in dem Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren vor­ge­tra­gen, der noch ver­hei­ra­te­te Kläger un­ter­hal­te ei­ne außer­ehe­li­che Be­zie­hung zu Frau Rechts­anwältin N., die sei­ne da­ma­li­ge und jet­zi­ge Pro­zess­be­vollmäch­tig­te ist. Seit En­de 1997 ha­ben der Kläger und Frau N. ei­ne ge­mein­sa­me Toch­ter. So­wohl den Kündi­gungs­vor­wurf, ein außer­ehe­li­ches Verhält­nis ein­ge­gan­gen zu sein, als auch die Va­ter­schaft des von Frau N. ge­bo­re­nen Kin­des hat der Kläger zunächst in Ab­re­de ge­stellt. Nach Aus­spruch der Kündi­gung be­an­trag­te die Ehe­frau des Klägers die Schei­dung. Die Ehe wur­de im Au­gust 1998 ge­schie­den.
Das Ar­beits­ge­richt Es­sen hat der Kündi­gungs­schutz­kla­ge mit Ur­teil vom 09.12.1997 - 6 Ca 2708/97 statt­ge­ge­ben und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt, dass ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung des Klägers auch un­ter Berück­sich­ti­gung der ka­tho­li­schen Glau­bens­leh­re noch nicht den An­for­de­run­gen des § 1 Abs. 1 KSchG genüge, weil dem Kläger un­ter Berück­sich­ti­gung von Ar­ti­kel 5 Abs. 1 S. 2 der Grund­ord­nung der Ka­tho­li­schen Kir­che für den kirch­li­chen Dienst im Rah­men kirch­li­cher Ar­beits­verhält­nis­se (GrO) ei­ne Ab­mah­nung hätte er­teilt wer­den müssen. Ge­gen die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Es­sen hat die Be­klag­te un­ter dem Ak­ten­zei­chen 7 Sa 425/98 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf Be­ru­fung ein­ge­legt.
Am 22.12.1997 sprach die Be­klag­te ei­ne zwei­te Kündi­gung zum 30.06.1998 aus. Mit Ur­teil vom 04.12.1998 - 6 Ca 3127/98 wies das Ar­beits­ge­richt Es­sen die Kla­ge des Klägers ge­gen die­se Kündi­gung ab. Der Kläger hat ge­gen die­se Ent­schei­dung bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf un­ter dem Ak­ten­zei­chen 10 Sa 234/99 Be­ru­fung ein­ge­legt.
Mit Ur­teil vom 13.08.1998 - 7 Sa 425/98 wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 09.12.1997 zurück. Es folg­te im We­sent­li­chen den Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts und wies dar­auf hin, dass die Ar­beits­ge­rich­te bei der An­wen­dung der ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten zum Kündi­gungs­recht an die Vor­ga­ben der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten ge­bun­den sei­en, so­weit die­se Vor­ga­ben den an­er­kann­ten Maßstäben der ver­fass­ten Kir­che Rech­nung trügen und sich die Ge­rich­te durch die An­wen­dung die­ser Vor­ga­ben nicht in Wi­der­spruch zu den Grund­prin­zi­pi­en der Rechts­ord­nung begäben, wo­bei die Ar­beits­ge­rich­te je­doch
si­cher­zu­stel­len hätten, dass die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten nicht in Ein­z­elfällen un­an­nehm­ba­re An­for­de­run­gen an die Loya­lität ih­rer Ar­beit­neh­mer stell­ten. Der Rich­tig­keit der Be­haup­tung der Be­klag­ten, der Kläger sei ei­ne dau­er­haf­te Ver­bin­dung mit Frau N. ein­ge­gan­gen, wor­in ei­ne schwe­re sitt­li­che Ver­feh­lung im Sin­ne von Ar­ti­kel 5 Abs. 2 1. Alt. a. E. der GrO lie­gen könn­te, brau­che je­doch strei­tent­schei­dend nicht nach­ge­gan­gen zu wer­den, weil die Par­tei­ver­neh­mung des Klägers nicht er­bracht ha­be, dass ent­spre­chend Ar­ti­kel 5 Abs. 1 S. 1 der GrO in ei­nem Gespräch mit ihm ver­sucht wor­den sei, dar­auf hin­zu­wir­ken, dass er die - nach Mei­nung der Be­klag­ten be­ste­hen­de - Be­zie­hung zu Frau N. abbräche.
Am 31.05.1999 hat der Kläger in der münd­li­chen Ver­hand­lung des vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf un­ter dem Ak­ten­zei­chen 10 Sa 234/99 geführ­ten zwei­ten Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens nach­fol­gen­de ge­richt­lich pro­to­kol­lier­te Erklärung ab­ge­ge­ben:
Der Kläger erklärt, er ha­be ein Lie­bes­verhält­nis mit der Kläger­ver­tre­te­rin ge­habt. Er ent­schul­di­ge sich in al­ler Form beim De­chan­ten und den Mit­glie­dern des Gre­mi­ums und erklärt wei­ter, so­fern ver­langt, wer­de er sich tren­nen. Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Tren­nung be­ste­hen be­reits. Die Kläger­ver­tre­te­rin hat ei­ne Woh­nung an­ge­mie­tet.
Die­se Erklärung ist dem 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts durch das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf mit­ge­teilt wor­den.
Mit Ur­teil vom 12.08.1999 - 2 AZR 712/98 hat der 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf auf­ge­ho­ben und die Sa­che zur an­der­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf zurück­ver­wie­sen. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Schluss­fol­ge­rung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf, ein Gespräch mit dem Kläger ha­be nicht statt­ge­fun­den, sei feh­ler­haft, weil das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf zu Un­recht da­von ab­ge­se­hen ha­be, auch ei­ne Ver­neh­mung des Kir­chen­vor­stands­vor­sit­zen­den durch­zuführen, um fest­zu­stel­len, ob die­ser ver­sucht ha­be, den Kläger zu ei­ner Be­en­di­gung sei­ner außer­ehe­li­chen Be­zie­hung zu be­we­gen.
Mit dem nach der Zurück­ver­wei­sung er­gan­ge­nen streit­ge­genständ­li­chen Ur­teil vom 03.02.2000 - 7 Sa 425/98 hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf oh­ne Zu­las­sung der Re­vi­si­on der Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Es­sen statt­ge­ge­ben, die Kündi­gungs­schutz­kla­ge des Klägers ab­ge­wie­sen und zur Be­gründung im We­sent­li­chen aus­geführt, nach Ver­neh­mung des Kir­chen­vor­stands­vor­sit­zen­den ste­he zur Über­zeu­gung der Be­ru­fungs­kam­mer fest, dass die Be­klag­te das Pro­ze­de­re des Ar­ti­kels 5 Abs. 1 der GrO ein­ge­hal­ten ha­be. Da der Kläger un­miss­verständ­lich zu er­ken­nen ge­ge­ben ha­be, dass er an der Le­bens­ge­mein­schaft mit Frau N. fest­hal­ten wol­le, ha­be die Be­klag­te an­ge­sichts des be­harr­li­chen Stand­punkts des Klägers in Be­zug auf sei­ne neue Be­zie­hung zu Recht an­neh­men können, dass ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung überflüssig ge­we­sen sei. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf hat des Wei­te­ren
aus­geführt, es ver­ken­ne die Kon­se­quen­zen der ge­gen den Kläger aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung nicht. Die­ser wer­de zwar sei­nen Be­ruf wahr­schein­lich nicht mehr ausführen und sei­nen Un­ter­halts­pflich­ten nicht mehr in dem bis­he­ri­gen Um­fang nach­kom­men können. Die Be­klag­te könne den Kläger aber nicht mehr wei­ter­beschäfti­gen, oh­ne dass sie jeg­li­che Glaubwürdig­keit hin­sicht­lich der Ver­bind­lich­keit der Sit­ten­ge­set­ze ver­lie­ren würde. In die­sem Zu­sam­men­hang müsse berück­sich­tigt wer­den, dass die Tätig­keit des Klägers ei­ne große Nähe zu dem Verkündungs­auf­trag der Kir­che auf­wei­se. Die In­ter­es­sen der Be­klag­ten würden die In­ter­es­sen des Klägers des­we­gen deut­lich
über­wie­gen.
Mit Be­schluss vom 29.05.2000 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Be­schwer­de des Klägers ge­gen die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on als un­zulässig ver­wor­fen.
Da­ge­gen hat der Kläger ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt, wel­che bei dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt un­ter dem Ak­ten­zei­chen 2 BvR 356/00 geführt wor­den ist. Da über die­se noch nicht ent­schie­den war, ist hin­sicht­lich des vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf über die zwei­te Kündi­gung vom 22.12.1997 geführ­ten Be­ru­fungs­ver­fah­rens 10 Sa 234/99 in der dor­ti­gen münd­li­chen Ver­hand­lung vom 17.08.2000 das Ru­hen des Ver­fah­rens an­ge­ord­net wor­den.
Am 08.07.2002 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Be­schwer­de des Klägers ge­gen die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on man­gels hin­rei­chen­der Aus­sicht auf Er­folg nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men, weil die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken be­geg­ne.
Auf­grund des Ar­ti­kels 34 der Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (EM­RK) hat der Kläger ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te am 11.01.2003 ei­ne In­di­vi­du­al­be­schwer­de er­ho­ben. In die­sem Ver­fah­ren hat er vor­ge­tra­gen, durch die Ab­leh­nung der Ar­beits­ge­rich­te, die von der Be­klag­ten aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung auf­zu­he­ben, sei Ar­ti­kel 8 EM­RK ver­letzt wor­den. Ar­ti­kel 8 EM­RK lau­tet wie folgt:
Ar­ti­kel 8 - Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens
"(1) Je­der­mann hat An­spruch auf Ach­tung sei­nes Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens, sei­ner Woh­nung und sei­nes Brief­ver­kehrs.
(2) Der Ein­griff ei­ner öffent­li­chen Behörde in die Ausübung die­ses Rechts ist nur statt­haft, in­so­weit die­ser Ein­griff ge­setz­lich vor­ge­se­hen ist und ei­ne Maßnah­me dar­stellt, die in ei­ner de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft für die na­tio­na­le Si­cher­heit, die öffent­li­che Ru­he und Ord­nung, das wirt­schaft­li­che Wohl des Lan­des, die Ver­tei­di­gung der Ord­nung und zur Ver­hin­de­rung von straf­ba­ren Hand­lun­gen, zum Schutz der Ge­sund­heit und der Mo­ral oder zum Schutz der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer not­wen­dig ist."
Auf­grund die­ser Be­schwer­de des Klägers hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te mit Ur­teil vom 23.09.2010 Fol­gen­des ent­schie­den:
3. Er ent­schei­det, dass die Fra­ge der An­wen­dung von Ar­ti­kel 41 der Kon­ven­ti­on noch 23 nicht spruch­reif ist; und in­fol­ge­des­sen
a) behält er sich die Be­ur­tei­lung die­ser Fra­ge vor;
b) for­dert er die Re­gie­rung und den Be­schwer­deführer (Kläger) auf, ihn von je­der Ei­ni­gung, die sie mögli­cher­wei­se er­zie­len, in­ner­halb von drei Mo­na­ten ab dem Zeit­punkt die­ses Ur­teils zu un­ter­rich­ten;
Ar­ti­kel 41 EM­RK - Ge­rech­te Entschädi­gung - lau­tet:
"Stellt der Ge­richts­hof fest, dass die­se Kon­ven­ti­on oder die Pro­to­kol­le da­zu ver­letzt wor­den sind, und ge­stat­tet das in­ner­staat­li­che Recht der Ho­hen Ver­trags­par­tei nur ei­ne un­voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung für die Fol­gen die­ser Ver­let­zung, so spricht der Ge­richts­hof der ver­letz­ten Par­tei ei­ne ge­rech­te Entschädi­gung zu, wenn dies not­wen­dig ist."
In den Gründen sei­ner Ent­schei­dung hat der Ge­richts­hof zunächst un­ter­stri­chen, dass Deutsch­land durch die Ein­rich­tung ei­nes Ar­beits­ge­richts­sys­tems so­wie ei­nes Ver­fas­sungs­ge­richts, das dafür zuständig sei, die Ent­schei­dun­gen der Ar­beits­ge­rich­te zu kon­trol­lie­ren, sei­ne Schutz­pflicht ge­genüber den Rechts­su­chen­den im ar­beits­ge­richt­li­chen Be­reich, ei­nem Be­reich, in dem die Rechts­strei­tig­kei­ten ganz all­ge­mein die Rech­te der Be­trof­fe­nen aus Ar­ti­kel 8 EM­RK berühr­ten, grundsätz­lich erfüllt ha­be. Al­ler­dings sei­en die Ar­beits­ge­rich­te in ih­ren Fol­ge­run­gen we­der auf das tatsächli­che Fa­mi­li­en­le­ben des Klägers noch auf den da­mit gewähr­ten Rechts­schutz ein­ge­gan­gen. Die In­ter­es­sen des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers sei­en nicht mit dem nach Ar­ti­kel 8 der EM­RK zu­ge­si­cher­ten Recht des Klägers auf Ach­tung sei­nes Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­bens, son­dern nur mit sei­nem In­ter­es­se auf Wah­rung sei­nes Ar­beits­plat­zes ab­ge­wo­gen wor­den. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ha­be die Fra­ge der Nähe der vom Kläger aus­geübten Tätig­keit zum Verkündungs­auf­trag der Kir­che nicht ge­prüft, son­dern ha­be - oh­ne ei­ne wei­te­re Nach­prüfung vor­zu­neh­men - den Stand­punkt des kirch­li­chen Ar­beit­ge­bers über­nom­men. Der Ge­richts­hof hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass bei der Abwägung der im Spiel be­find­li­chen kon­kur­rie­ren­den Rech­te und In­ter­es­sen ei­ne ein­ge­hen­de Prüfung nötig ge­we­sen wäre und ist zu dem Er­geb­nis ge­kom­men, die Ar­beits­ge­rich­te hätten nicht hinläng­lich dar­ge­legt, war­um die In­ter­es­sen der Be­klag­ten die­je­ni­gen des Klägers bei wei­tem über­trof­fen ha­ben. Dar­aus hat der Ge­richts­hof ge­fol­gert, dass der deut­sche Staat dem Kläger nicht den not­wen­di­gen Schutz gewährt hat und so­mit der Ar­ti­kel 8 EM­RK ver­letzt sei. Un­ter den ge­ge­be­nen Umständen sei die An­wen­dung des Ar­ti­kels 41 EM­RK noch nicht spruch­reif.
Mit Schrei­ben sei­ner Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten vom 29.09.2010 hat der Kläger die Be­klag­te außer­ge­richt­lich da­zu auf­ge­for­dert, an­zu­er­ken­nen, dass das Ar­beits­verhält­nis zu ihm durch die Kündi­gung vom 15.07.1997 nicht auf­gelöst wor­den ist. Die Be­klag­te hat dies mit Schrei­ben vom 01.10.2010 ab­ge­lehnt.
Mit am 18.10.2010 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf ein­ge­gan­ge­ner Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge hat der Kläger die Wie­der­auf­nah­me des bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf un­ter dem Ak­ten­zei­chen 7 Sa 425/98 geführ­ten Be­ru­fungs­ver­fah­rens und die Auf­he­bung des in die­sem Ver­fah­ren er­gan­ge­nen rechts­kräfti­gen Ur­teils vom 03.02.2000 be­gehrt. Hilfs­wei­se für den Fall der Un­zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge hat er be­an­tragt, das Ar­beits­verhält­nis auf der Grund­la­ge des Ar­beits­ver­tra­ges von 1983 in sei­ner zu­letzt be­ste­hen­den Fas­sung ein­sch­ließlich des De­ka­nats­kan­to­ren­ver­tra­ges mit ei­nem Beschäfti­gungs­um­fang von 100 % im We­ge der Wie­der­ein­stel­lung ab dem 23.09.2010 fort­zu­set­zen. Er hat gel­tend ge­macht, das rechts­kräfti­ge Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 03.02.2000 be­ru­he auf ei­ner fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung. Da­mit lie­ge der Re­sti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 8 ZPO vor. § 35 EG­Z­PO ste­he dem nicht ent­ge­gen. So­weit da­nach der be­zeich­ne­te Wie­der­auf­nah­me­grund nur auf Ver­fah­ren an­wend­bar sei, die seit dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen wor­den sei­en, sei die­se Vor­aus­set­zung erfüllt. Ab­zu­stel­len sei in­so­weit nicht auf den rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Aus­gangs­ver­fah­rens, son­dern auf die Ent­schei­dung im Be­schwer­de­ver­fah­ren vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te. Das ge­bie­te die kon­ven­ti­ons- und ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung der Über­g­angs­vor­schrift. Auch der Grund­satz der Ef­fek­ti­vität des Uni­ons­rechts ver­lan­ge ei­ne wirk­sa­me Um­set­zung der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs. Im Streit­fall sei die­se nur durch ei­ne Wie­der­auf­nah­me des Kündi­gungs­rechts­streits zu er­rei­chen. Die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge sei auch nicht mit Blick auf die fünfjähri­ge Aus­schluss­frist des § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO un­zulässig. Die­se Be­stim­mung sei - falls sie über­haupt auf den Re­sti­tu­ti­ons­grund der Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung An­wen­dung fin­de - so aus­zu­le­gen, dass die Frist erst mit der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs zu lau­fen be­gin­ne.
Mit Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 04.05.2011 - 7 Sa 1427/10 ist die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge des Klägers mit der Be­gründung als un­zulässig ver­wor­fen wor­den, dass der durch das Zwei­te Ge­setz zur Mo­der­ni­sie­rung der Jus­tiz (2. JuMoG) neu ein­geführ­te Re­sti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 8 ZPO gemäß der Über­lei­tungs­vor­schrift des § 35 EG­Z­PO nur auf Ver­fah­ren an­zu­wen­den ist, die nach dem In­kraft­tre­ten des § 580 Nr. 8 ZPO und da­mit nach dem 31.12.2006 rechts­kräftig ent­schie­den wor­den sind. Hin­sicht­lich des hilfs­wei­se ge­stell­ten Wie­der­ein­stel­lungs­an­tra­ges hat es ent­schie­den, dass die­ser we­gen der Un­zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge ge­gen­stands­los sei, da nur im Fal­le ei­ner Zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge das Ver­fah­ren in die al­te Pro­zess­la­ge und da­mit in das Be­ru­fungs­ver­fah­ren zurück­ver­setzt wird, so dass nur in die­sem Fal­le ei­ne Kla­geände­rung oder -er­wei­te­rung durch das Stel­len ei­nes Hilfs­an­tra­ges möglich ge­we­sen wäre.
Mit wei­te­rem Ur­teil vom 28.06.2012 hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te dem Kläger gemäß Art. 41 EM­RK ei­ne Entschädi­gung von 40.000 € we­gen des ma­te­ri­el­len und im­ma­te­ri­el­len Scha­dens und wei­te­re 7.600 € für Kos­ten und Aus­la­gen zuzüglich der Beträge, die als Steu­er mögli­cher­wei­se bei dem Be­schwer­deführer an­fal­len können, zu­ge­spro­chen.
Mit Ur­teil vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11, wel­ches dem Kläger am 29.04.2013 zu­ge­stellt wor­den ist, hat der 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 04.05.2011 - 7 Sa 1427/10 über die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge bestätigt. Zu­gleich hat er je­doch un­ter IV. 2. b) dd) (4) der Ent­schei­dungs­gründe auf Nach­fol­gen­des hin­ge­wie­sen:
Im Übri­gen folgt aus der Stich­tags­re­ge­lung des § 35 EG­Z­PO und der Nicht­gel­tung von § 580 Nr. 8 ZPO für vor dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­ne Aus­gangs­ver­fah­ren nicht, dass die fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung für die Rechts­be­zie­hung der an ei­nem sol­chen Aus­gangs­ver­fah­ren be­tei­lig­ten Par­tei­en in je­der Hin­sicht fol­gen­los blei­ben müss­te. So kann das vom Ge­richts­hof an­ge­nom­me­ne Abwägungs­de­fi­zit in Fällen wie dem vor­lie­gen­den un­ter Umständen im Rah­men ei­nes Wie­der­ein­stel­lungs­be­geh­rens des Ar­beit­neh­mers Be­deu­tung ge­win­nen. Ei­nem sol­chen An­trag stünde die ma­te­ri­el­le Rechts­kraft der im Kündi­gungs­schutz­pro­zess er­gan­ge­nen kla­ge­ab­wei­sen­den Ent­schei­dung nicht ent­ge­gen. Zwar steht ih­ret­we­gen mit Bin­dungs­wir­kung zwi­schen den Par­tei­en fest, dass über den in der Kündi­gung mit­ge­teil­ten Ter­min hin­aus kein Ar­beits­verhält­nis zwi­schen ih­nen be­stan­den hat (BAG 23. Ok­to­ber 2008 - 2 AZR 131/07 - Rn. 18 mwN, AP KSchG 1969 § 23 Nr. 43 = EzA KSchG § 23 Nr. 33). Das schließt ei­ne Ver­ur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers zu ei­ner Wie­der­ein­stel­lung aber nicht aus. Ob es sich da­bei um ei­ne Sach­la­ge han­delt, bei der die deut­schen Ge­rich­te, wenn nicht über die res iu­di­ca­ta, so doch über ei­nen Ge­gen­stand zu ent­schei­den ha­ben, zu dem der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ei­nen Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß fest­ge­stellt hat (vgl. BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 b bb der Gründe, BVerfGE 111, 307), kann nicht für al­le denk­ba­ren Fall­ge­stal­tun­gen im Vor­hin­ein be­ant­wor­tet wer­den. Es er­scheint je­den­falls nicht aus­ge­schlos­sen, im Rah­men ei­nes beim dafür zuständi­gen Ge­richt an­ge­brach­ten Wie­der­ein­stel­lungs­an­trags dem Be­stre­ben, der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung auch in na­tu­ra ab­zu­hel­fen, an­ge­mes­sen Rech­nung tra­gen zu können.
Ge­gen die­se Ent­schei­dung hat der Kläger ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt, wel­che bei dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt un­ter dem Ak­ten­zei­chen 1 BvR 1595/13 geführt wird.
Nach die­ser Ent­schei­dung des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11 hat die Be­klag­te die Fort­set­zung des Be­ru­fungs­ver­fah­rens Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf 10 Sa 234/99 über die Kündi­gung vom 22.12.1997 be­an­tragt, mit wel­cher das Ar­beits­verhält­nis zum 30.06.1998 gekündigt wor­den war. Dar­auf­hin hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf mit Ur­teil vom 27.05.2013 - 7 Sa 109/13 die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 08.12.1998 - 6 Ca 3127/98 mit der Be­gründung zurück­ge­wie­sen, dass be­reits we­gen des rechts­kräfti­gen Ur­teils des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 03.02.2000 - 7 Sa 425/98 fest­ste­he, dass bei Zu­gang der Kündi­gung vom 22.12.1997 schon kein Ar­beits­verhält­nis mehr zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten be­stan­den hat.
Mit am 02.09.2013 bei dem Ar­beits­ge­richt Es­sen ein­ge­gan­ge­ner Kla­ge ver­langt der Kläger sei­ne Wie­der­ein­stel­lung und Beschäfti­gung zu den bis­he­ri­gen ver­trag­li­chen Be­din­gun­gen ab dem 23.09.2010, hilfs­wei­se ab der Zu­stel­lung der Wie­der­ein­stel­lungs­kla­ge.
Der Kläger hat ge­meint, dass sich sein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch dar­aus er­ge­be, dass die Ver­let­zung sei­nes Pri­vat­le­bens gemäß Art 8 EM­RK an­daue­re, da die Vor­aus­set­zun­gen sei­ner fak­ti­schen Fa­mi­lie fort­bestünden und er sei­nen Be­ruf als Kir­chen­mu­si­ker der­zeit nur ne­ben­amt­lich ausüben könne. In­so­weit hat er dar­auf ver­wie­sen, dass das Kind sei­ner Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten nun 16 Jah­re alt ist und zur Schu­le geht. Sei­nen Be­ruf könne er nicht haupt­amt­lich und trotz sei­ner Aus­bil­dung als A-Kir­chen­mu­si­ker le­dig­lich als C-Kir­chen­mu­si­ker ausüben, weil er als Ka­tho­lik nach den Grundsätzen der evan­ge­li­schen Kir­che bei die­ser nur un­terhälf­tig ein­ge­setzt wer­den könne und auch nur als C-Kir­chen­mu­si­ker ent­lohnt wer­den könne. Wäre er kon­ver­tiert, hätte er zwar ei­ne Plan­stel­le mit ei­ner Ar­beits­zeit von 75 % als A-Kir­chen­mu­si­ker er­hal­ten können. Dies kom­me für ihn aber nicht in Be­tracht, denn er wol­le ka­tho­lisch blei­ben.
Die wei­ter be­ste­hen­de Ver­let­zung des Art. 8 EM­RK sei zu be­sei­ti­gen. Der Kläger ver­weist in­so­weit auf die Ausführun­gen des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes in sei­nem Ur­teil vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11 un­ter IV. 2. b) dd) (4) der Ent­schei­dungs­gründe und das dort von dem 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes in Be­zug ge­nom­me­ne Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 14.10.2004 - 2 BvR 1481/04 zu C. I. 3. b) bb) der dor­ti­gen Ent­schei­dungs­gründe. Hier sei ein Weg auf­ge­wie­sen wor­den, wie pro­zes­su­al die an­dau­ern­de Men­schen­rechts­ver­let­zung kor­ri­giert wer­de könne. Vor­lie­gend müsse dies durch sei­ne Wie­der­ein­stel­lung ge­sche­hen, wel­che nicht nur bei ei­ner tatsächli­chen Verände­rung der Verhält­nis­se nach dem Zu­gang der Kündi­gung möglich sei, son­dern auch dann, wenn sich die recht­li­che Be­wer­tung verändert ha­be.
Bei der Be­klag­ten be­ste­he auch wei­ter­hin ein Bedürf­nis für sei­ne Beschäfti­gung. Auf­grund des Zu­sam­men­schlus­ses der be­klag­ten Kir­chen­ge­mein­de mit meh­re­ren an­de­ren Ge­mein­den, bei de­nen eben­falls Mes­sen und lit­ur­gi­sche Fei­ern statt­fin­den, sei die Be­klag­te fort­lau­fend ge­zwun­gen, für sich über­schnei­den­de Or­gel­diens­te Ho­no­rar­kräfte als Ver­tre­tung zu beschäfti­gen. Auch sei die Ur­laubs- und
Krank­heits­ver­tre­tung nicht gewähr­leis­tet. Die Be­klag­te könne sei­ne Beschäfti­gung auch wirt­schaft­lich leis­ten, denn das Bis­tum re­fi­nan­zie­re die Per­so­nal­kos­ten sämt­li­cher Mit­ar­bei­ter der Be­klag­ten. Wenn die Be­klag­te ihn bei dem Bis­tum als Per­so­nal­zu­gang an­mel­det, würde sie die an­fal­len­den Kos­ten durch das Bis­tum er­stat­tet er­hal­ten und ih­ren ei­ge­nen Vermögens­haus­halt nicht be­las­ten. Das Bis­tum würde sei­nen Fall oh­ne­hin mit ei­ni­ger Auf­merk­sam­keit ver­fol­gen und ha­be Dis­po­si­tio­nen für je­den denk­ba­ren Fall ge­trof­fen.
Der Be­klag­ten sei auch klar ge­we­sen, dass er im Fal­le ei­ner er­folg­rei­chen Kla­ge vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te wei­ter zu beschäfti­gen sei, denn die Be­klag­te hat­te es hin­ge­nom­men, dass die von ihm je­weils bei dem Ar­beits­ge­richt zur Ver­mei­dung des Ein­tritts der Verjährung ein­ge­reich­ten An­nah­me­ver­zugs­kla­gen über ei­nen Zeit­raum von 10 Jah­ren we­gen der vor­greif­li­chen Rechts­fra­gen im­mer ru­hend ge­stellt wor­den sind.
1.die be­klag­te Kir­chen­ge­mein­de zu ver­ur­tei­len, mit ihm ei­nen KA­VO-Ar­beits­ver­trag zu den Be­din­gun­gen des Ar­beits­ver­tra­ges vom 15.11.1983 in sei­ner zu­letzt be­ste­hen­den Fas­sung ein­sch­ließlich des De­ka­nats­kan­to­ren­ver­tra­ges (100 % BU, EG 10 Stu­fe 6) ab dem 23.09.2010 - hilfs­wei­se ab Zu­stel­lung die­ser Kla­ge - ab­zu­sch­ließen,
2.die be­klag­te Kir­chen­ge­mein­de zu ver­ur­tei­len, ihn zu den Be­din­gun­gen des zu Zif­fer 1 be­an­trag­ten Ar­beits­ver­tra­ges als Kir­chen­mu­si­ker zu beschäfti­gen.
Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dass ei­ne Wie­der­ein­stel­lung des Klägers be­reits dar­an schei­te­re, dass über die zwei­te Kündi­gung des Klägers vom 22.12.1997, die zum 30.06.1998 aus­ge­spro­chen wor­den war, das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf mit Ur­teil vom 27.03.2013 - 7 Sa 109/13 rechts­kräftig ent­schie­den hat, dass die­se das Ar­beits­verhält­nis be­en­det hat. Dies schließe ei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch in der Zeit nach dem 30.06.1998 aus.
Auch sei­en die all­ge­mei­nen Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Wie­der­ein­stel­lungs­an­spru­ches schon nicht erfüllt. Nach dem Zu­gang der Kündi­gung vom 15.07.1997 hätten sich die tatsächli­chen Verhält­nis­se nicht geändert. Fer­ner sei­en die für den Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch nun an­geführ­ten Ge­sichts­punk­te nicht in­ner­halb der Kündi­gungs­frist ein­ge­tre­ten. Nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist müsse der Rechts­si­cher­heit der Vor­rang ein­geräumt wer­den. In­so­weit hat die Be­klag­te zusätz­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie nach der Kündi­gung des Klägers Dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen ha­be und ei­nen neu­en Or­ga­nis­ten ein­ge­stellt ha­be. Dies führe da­zu, dass die Wie­der­ein­stel­lung des Klägers unmöglich sei und des­we­gen sein An­spruch ab­zu­wei­sen sei.
Auch se­he der von dem 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 22.11.2012 un­ter IV. 2. b) dd) (4) ge­ge­be­ne Hin­weis le­dig­lich die Möglich­keit ei­ner Wie­der­ein­stel­lung vor, oh­ne näher auf­zu­zei­gen, wor­in die­se Möglich­keit be­ste­hen soll. Über­dies ha­be der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te le­dig­lich ent­schie­den, dass die In­ter­es­sen­abwägung feh­ler­haft ge­we­sen sei. Würde die­se er­neut durch­geführt wer­den, ha­be sie wie­der­um die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zur Fol­ge.
Der Zu­sam­men­schluss von meh­re­ren Kir­chen­ge­mein­den un­ter ih­rem Dach ermögli­che die Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers eben­falls nicht. Auf­grund fis­ka­li­scher Vor­ga­ben durch das Bis­tum Es­sen ha­be ihr Kir­chen­vor­stand schon vor lan­ger Zeit ent­schie­den, dass die Kir­chen­mu­sik in sämt­li­chen Kir­chen nur durch zwei haupt­amt­li­che Kir­chen­mu­si­ker er­bracht wer­den soll und die­se von als Aus­hil­fen beschäftig­ten Or­ga­nis­ten un­terstützt wer­den. Es sei un­zu­tref­fend, dass sie bei dem Bis­tum ein­fach Schlüssel­zu­wei­sun­gen zur De­ckung zusätz­li­cher Per­so­nal­kos­ten be­an­tra­gen könne, um die Kos­ten ei­ner Wie­der­ein­stel­lung des Klägers zu fi­nan­zie­ren.
Der Kläger hat er­wi­dert, dass das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 27.03.2013 - 7 Sa 109/13 sei­nem Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch nicht ent­ge­gen­ste­he. Zwar sei sei­ne Kla­ge ge­gen die Kündi­gung vom 22.12.1997 rechts­kräftig ab­ge­wie­sen wor­den. Dies be­ru­he aber le­dig­lich dar­auf, dass be­reits die ers­te Kündi­gung vom 15.07.1997 das Ar­beits­verhält­nis zum 31.03.1998 be­en­det hat­te. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be nicht fest­ge­stellt, ob mit der zwei­ten Kündi­gung ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in­halt­lich hätte be­wirkt wer­den können. In dem Kla­ge­ver­fah­ren über sei­ne Wie­der­ein­stel­lung müsse dies eben­falls nicht ge­prüft wer­den, denn der Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch sei auf die Zu­kunft ge­rich­tet und set­ze le­dig­lich vor­aus, dass das Ar­beits­verhält­nis durch ei­ne Kündi­gung rechts­kräftig be­en­det wor­den ist.
Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen und dies im We­sent­lich wie folgt be­gründet:
Ei­ne Wie­der­ein­stel­lung des Klägers schei­de nach den bis­her von der Recht­spre­chung her­aus­ge­ar­bei­te­ten Vor­aus­set­zun­gen des all­ge­mei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spru­ches aus, denn der Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch sei als Kor­rek­tiv dafür ent­wi­ckelt wor­den, dass für die Fra­ge der Wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung es auf den Zeit­punkt des Aus­spru­ches der Kündi­gung an­kom­me und Verände­run­gen, die während des Lau­fes der Kündi­gungs­frist oder un­mit­tel­bar da­nach ein­tre­ten und die ei­ne an­de­re Be­wer­tung der Kündi­gung zur Fol­ge ha­ben, über ei­ne Wie­der­ein­stel­lung zu berück­sich­ti­gen sei­en. Im Fal­le des Klägers ha­be sich der Kündi­gungs­sach­ver­halt aber nicht während des Lau­fes der Kündi­gungs­frist geändert. Auch un­mit­tel­bar nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist sei kei­ne Verände­rung ein­ge­tre­ten.
Ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch er­ge­be sich auch nicht aus der Ent­schei­dung des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11, denn das Bun­des­ar­beits­ge­richt sa­ge hier le­dig­lich, dass ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen sei. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt las­se da­mit völlig of­fen, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch im Fal­le der fort­dau­ern­den Ver­let­zung der Kon­ven­ti­on ge­ge­ben sein könne. Würde ein sol­cher An­spruch al­ler­dings an­ge­nom­men wer­den, hätte er ein Hin­weg­set­zen über jeg­li­che Gren­zen zur Fol­ge, wel­che die Recht­spre­chung bis­her für den Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch ge­zo­gen ha­be. Dem dürf­ten je­den­falls die Ge­sichts­punk­te der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit ent­ge­gen­ste­hen. Ins­be­son­de­re im Fal­le des Klägers würden letz­te­re Ge­sichts­punk­te sei­ne Wie­der­ein­stel­lung aus­sch­ließen, denn seit der rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 03.02.2000 - 7 Sa 425/98 über die Kündi­gung vom 12.09.1997 sind bis zu der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes für Men­schen­rech­te vom 23.09.2010 12,5 Jah­re ver­stri­chen. In die­sem Zeit­raum ha­be der Ar­beit­ge­ber längst Dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen, so dass er nicht mehr da­mit rech­nen müsse, ver­pflich­tet zu sein, den gekündig­ten Ar­beit­neh­mer wie­der­ein­zu­stel­len.
Ge­gen das ihm am 13.12.2013 zu­ge­stell­te Ur­teil hat der Kläger mit ei­nem am 23.12.2013 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se zu­gleich mit dem­sel­ben Schrift­satz be­gründet:
Er weist dar­auf hin, dass er sei­ne Wie­der­ein­stel­lung nicht auf den all­ge­mei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch stütze, son­dern viel­mehr ei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch sui ge­ne­ris gel­tend ma­che, der sich aus der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes für Men­schen­rech­te vom 23.09.2010, der Ent­schei­dung des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11 und dem Be­schluss des 2. Se­na­tes des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 14.10.2004 - 2 BvR 1481/04 er­ge­be. Für sei­ne Wie­der­ein­stel­lung sei des­we­gen zu prüfen, ob sich un­ter Berück­sich­ti­gung der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes vom 23.09.2010 un­ter Zu­grun­de­le­gung der von die­sem ver­wen­de­ten Kri­te­ri­en die Kündi­gung we­gen der Ver­let­zung der Kon­ven­ti­on als Fehl­einschätzung er­wie­sen hat und der Be­klag­ten sei­ne Wie­der­ein­stel­lung un­ter Abwägung der Umstände des Ein­zel­falls zu­mut­bar ist. Für letz­te­res spie­le ei­ne maßge­ben­de Rol­le, dass die Be­klag­te mit sei­ner Kündi­gung ein ho­hes Ri­si­ko ein­ge­gan­gen sei, da sie erst­ma­lig über den sei­ner­zeit eta­blier­ten Kündi­gungs­grund der Wie­der­ver­hei­ra­tung hin­aus­ge­gan­gen sei und mit dem Kündi­gungs­grund des Ehe­bruchs und der Bi­ga­mie ei­nen völlig neu­en Kündi­gungs­grund ha­be schaf­fen wol­len.
Oh­ne Be­deu­tung sei, ob zwi­schen­zeit­lich von der Be­klag­ten an­de­re Per­so­nal­dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen wor­den sei­en, da dies we­gen des Zeit­ab­lau­fes selbst­verständ­lich sei. Da­von ab­ge­se­hen könne er je­doch bei der Be­klag­ten sinn­voll beschäftigt wer­den. Zum ei­nem ha­be die­se in­so­weit nur un­sub­stan­ti­iert er­wi­dert. Zum an­de­rem könne nach der Ent­schei­dung des 7. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 13.03.2013 - 7 AZR 334/11 ei­ner Ver­ur­tei­lung zur Wie­der­ein­stel­lung nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass ei­ne tatsächli­che Beschäfti­gung nicht möglich sei, denn auch in die­sem Fall sei die Ab­ga­be der für die Wie­der­ein­stel­lung er­for­der­li­chen Wil­lens­erklärung dem Ar­beit­ge­ber möglich. Le­dig­lich dem Beschäfti­gungs­an­spruch könne mit dem Ein­wand der Unmöglich­keit be­geg­net wer­den.
Sei­nem Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch ste­he nicht ent­ge­gen, dass sei­ne Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge nicht er­folg­reich ge­we­sen ist, denn im Ge­gen­satz zu die­ser wir­ke die Wie­der­ein­stel­lung nicht ex tunc, son­dern le­dig­lich ex nunc. Er ha­be ge­genüber der Be­klag­ten nie ei­nen Zwei­fel dar­an ge­las­sen, dass er ei­ne Wie­der­ein­stel­lung gel­tend ma­chen wird, wenn er sei­nen Ar­beits­platz nicht im We­ge der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge zurück­be­kommt. Dies er­ge­be sich dar­aus, dass er nach der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes für Men­schen­rech­te vom 23.09.2010 be­reits am 29.09.2010 die Be­klag­te da­zu auf­ge­for­dert hat, an­zu­er­ken­nen, dass ihr Ar­beits­verhält­nis mit ihm durch die Kündi­gung vom 15.07.1997 nicht auf­gelöst wor­den ist. Zusätz­lich ha­be die Be­klag­te dies auch dar­aus er­ken­nen können, dass er mit der vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf un­ter dem Ak­ten­zei­chen 7 Sa 1427/10 er­ho­be­nen Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge als Hilfs­an­trag auch ei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­trag mit Wir­kung zum 23.09.2010 gel­tend ge­macht hat.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 22.11.2013 - 5 Ca 2480/13 ab­zuändern und
1. die be­klag­te Kir­chen­ge­mein­de zu ver­ur­tei­len, sein An­ge­bot auf Ab­schluss ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges auf der Grund­la­ge der kirch­li­chen Ar­beits- und Vergütungs­ord­nung (KA­VO) zu den Be­din­gun­gen des Ar­beits­ver­tra­ges vom 15.11.1983 in sei­ner zu­letzt be­ste­hen­den Fas­sung ein­sch­ließlich des De­ka­nats­kan­to­ren­ver­tra­ges (100 % BU, EG 10 Stu­fe 6) ab dem 23.09.2010 und hilfs­wei­se ab Zu­stel­lung der Wie­der­ein­stel­lungs­kla­ge an­zu­neh­men.
2. die be­klag­te Kir­chen­ge­mein­de zu ver­ur­tei­len, ihn zu den Be­din­gun­gen des zu Zif­fer 1 be­an­trag­ten Ar­beits­ver­tra­ges als Kir­chen­mu­si­ker tatsächlich zu beschäfti­gen.
Sie ver­tei­digt das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts und trägt im Hin­blick auf die Be­ru­fungs­be­gründung ergänzend wie folgt vor:
Sie meint, dass der Kläger sei­ne Wie­der­ein­stel­lung nicht auf die Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes vom 23.09.2010 stützen könne, denn hier ist nicht sie, son­dern die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die be­klag­te Par­tei ge­we­sen. Auf­grund der Ver­ur­tei­lung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zur Zah­lung ei­ner Entschädi­gung an den Kläger sei zu er­ken­nen, dass die Ziel­rich­tung des Ver­fah­rens vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof nicht sei, ei­ne na­tio­na­le Ge­richts­ent­schei­dung um­zu­keh­ren. Auch der Ent­schei­dung des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11 könne Ge­gen­tei­li­ges nicht ent­nom­men wer­den. Glei­ches gel­te für den Be­schluss des 2. Se­na­tes des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 14.10.2004 - 2 BvR 1481/04.
Sch­ließlich schei­te­re der Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch des Klägers auch dar­an, dass er die­sen viel zu spät gel­tend ge­macht ha­be. Spätes­tens mit der am 29.04.2013 er­folg­ten Zu­stel­lung des Ur­teils des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11 hätte er die Wie­der­ein­stel­lung gel­tend ma­chen müssen. Sei­ne Kla­ge vom 30.08.2013 ha­be die ana­log auf den Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch an­zu­wen­den­de Frist des § 4 KSchG nicht ein­ge­hal­ten.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­hal­tes so­wie des wi­der­strei­ten­den Sach­vor­tra­ges und der un­ter­schied­li­chen Rechts­auf­fas­sun­gen der Par­tei­en wird auf den In­halt der zwi­schen den Par­tei­en in bei­den Rechtszügen ge­wech­sel­ten Schriftsätze so­wie die zu den Ak­ten ge­reich­ten Un­ter­la­gen und die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten Be­zug ge­nom­men.
Sie ist nach Maßga­be der §§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 ArbGG i.V.m. § 520 ZPO form- und frist­gemäß ein­ge­legt und be­gründet wor­den. Sie ist auch statt­haft im Sin­ne des § 64 Abs. 1, 2 ArbGG
In der Sa­che konn­te die Be­ru­fung hin­ge­gen kei­nen Er­folg ha­ben, denn das Ar­beits­ge­richt hat zu­tref­fend ent­schie­den, dass der Kläger von der Be­klag­ten we­der zum 23.09.2010 noch zu dem Zeit­punkt der Zu­stel­lung der Kla­ge­schrift vom 30.08.2013 wie­der­ein­zu­stel­len ist.
1. Der An­spruch des Klägers schei­tert zwar nicht be­reits dar­an, dass in sei­nem Fall die Vor­aus­set­zun­gen des all­ge­mei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spru­ches nicht ge­ge­ben sind.
a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet sein, ei­nen Ar­beit­neh­mer, des­sen Ar­beits­verhält­nis er wirk­sam gekündigt hat, wie­der ein­zu­stel­len, wenn sich in der Zeit zwi­schen dem Aus­spruch der Kündi­gung und
dem Ab­lauf der Kündi­gungs­frist der Kündi­gungs­sach­ver­halt geändert hat. Der Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch fin­det sei­ne Grund­la­ge in ei­ner ver­trag­li­chen, den Vor­ga­ben des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes und der staat­li­chen Schutz­pflicht aus Art. 12 Abs. 1 GG Rech­nung tra­gen­den, letzt­lich auf § 242 BGB be­ru­hen­den ar­beits­ver­trag­li­chen Ne­ben­pflicht des Ar­beit­ge­bers. Der Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch ent­spricht dem durch § 1 KSchG in­ten­dier­ten Be­stands­schutz und stellt ein not­wen­di­ges Kor­rek­tiv für die Fälle dar, in de­nen die Kündi­gung auf Grund des maßgeb­li­chen Prüfungs­zeit­punkts ih­res Aus­spruchs zwar wirk­sam ist, die aus­schlag­ge­ben­den Umstände sich aber noch während der Kündi­gungs­frist ent­ge­gen der im Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung an­ge­stell­ten Pro­gno­se nachträglich ändern. Ein Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch be­steht grundsätz­lich nicht, wenn sich die für die Kündi­gung maßgeb­li­chen Umstände erst nach Ab­lauf der Kündi­gungs­frist ändern, da mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses auch die In­ter­es­sen­wah­rungs­pflich­ten en­den. Nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­ste­hen nur noch nach­ver­trag­li­che Pflich­ten, die al­len­falls in be­son­de­ren Aus­nah­mefällen ge­eig­net sind, ei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch zu be­gründen (vgl. BAG vom 16.05.2007 - 7 AZR 621/06; BAG vom 09.11.2006 - 2 AZR 509/05 in DB 2007,
861; BAG vom 04.05.2006 - 8 AZR 299/05 in NZA 2006, 1096; BAG vom 28.06.2000 - 7 AZR 904/98 in NZA 2000, 1097).
Im Rah­men des Wie­der­ein­stel­lungs­an­spru­ches ist zusätz­lich zu be­ach­ten, dass dem durch Art. 12 GG geschütz­ten In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an dem Er­halt des Ar­beits­plat­zes das je­den­falls durch Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­te In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers ge­genüber­steht, nicht zu ei­nem Ver­trag mit ei­nem Ar­beit­neh­mer ge­zwun­gen zu wer­den, den er nicht wei­ter beschäfti­gen will. Das sich hier­nach stel­len­de Pro­blem der prak­ti­schen Kon­kor­danz zwei­er kol­li­die­ren­der Grund­rechts­po­si­tio­nen kann durch ei­ne die kon­kre­ten Umstände berück­sich­ti­gen­de Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen gelöst wer­den (vgl. BAG vom 28.06.2000 - 7 AZR 904/08 a.a.O.). In­so­weit sind auch be­rech­tig­te In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers zu be­ach­ten, die der Ein­stel­lung des Ar­beit­neh­mers ent­ge­gen­ste­hen können (vgl. BAG vom 16.02.2012 - 8 AZR 693/10 in NZA-RR 2012, 465; BAG vom 09.11.2006 - 2 AZR 509/05 a.a.O.; BAG vom 04.05.2006 - 8 AZR 299/05 a.a.O.; BAG vom 28.06.2000 - 7 AZR 904/98 a.a.O.). Sol­che ent­ge­gen­ste­hen­den be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers können ins­be­son­de­re dann be­ste­hen, wenn er be­reits an­der­wei­ti­ge Dis­po­si­tio­nen ge­trof­fen hat. Dies ist dann der Fall, wenn der Ar­beit­ge­ber den frei ge­wor­de­nen Ar­beits­platz schon wie­der mit ei­nem an­de­ren Ar­beit­neh­mer be­setzt hat (vgl. BAG vom 16.05.2007 - 7 AZR 621/06).
b) Nach die­sen Grundsätzen ist das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend zu dem Er­geb­nis ge­kom­men, dass die Vor­aus­set­zun­gen des all­ge­mei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spru­ches hier nicht ge­ge­ben sind. Die Be­ru­fungs­kam­mer schließt sich den zu­tref­fen­den und sorgfälti­gen Gründen der Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Es­sen vom 22.11.2013 in­so­weit in vol­lem Um­fang an und macht sich die­se gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG zu Ei­gen.
2. Der Kläger kann für sein Be­geh­ren je­doch we­gen der durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te mit Ur­teil vom 23.09.2010 fest­ge­stell­ten Ver­let­zung des Art 8 EM­RK ei­nen Wie­der­ein­stel­lungs­an­spruch sui ge­ne­ris anführen, des­sen Vor­aus­set­zun­gen in sei­nem Fall zu prüfen sind.
a) Be­steht ein Ver­s­toß ge­gen die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on fort, kann ein An­spruch auf Be­sei­ti­gung des kon­ven­ti­ons­wid­ri­gen Zu­stan­des ge­ge­ben sein, der von dem 2. Se­na­tes des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes in sei­nem Be­schluss vom 14.10.2004 (vgl. BVerfG vom 14.10.2004 - 2 BvR 1481/04 in NJW 2004, 3407) im We­sent­li­chen wie folgt her­ge­lei­tet wird:
"Die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und ih­re Zu­satz­pro­to­kol­le sind völker­recht­li­che Verträge. Der Bun­des­ge­setz­ge­ber hat den ge­nann­ten Übe­r­ein­kom­men je­weils mit förm­li­chem Ge­setz gemäß Art. 59 Abs. 2 GG zu­ge­stimmt (Ge­setz über die Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten vom 7. Au­gust 1952, BGBl II S. 685; die Kon­ven­ti­on ist gemäß der Be­kannt­ma­chung vom 15. De­zem­ber 1953, BGBl 1954 II S. 14 am 3. Sep­tem­ber 1953 für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Kraft ge­tre­ten; Neu­be­kannt­ma­chung der Kon­ven­ti­on in der Fas­sung des 11. Zu­satz­pro­to­kolls in BGBl 2002 II S. 1054). Da­mit hat er sie in das deut­sche Recht trans­for­miert und ei­nen ent­spre­chen­den Rechts­an­wen­dungs­be­fehl er­teilt. In­ner­halb der deut­schen Rechts­ord­nung ste­hen die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und ih­re Zu­satz­pro­to­kol­le - so­weit sie für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Kraft ge­tre­ten sind - im Ran­ge ei­nes Bun­des­ge­set­zes (vgl. BVerfGE 74, 358 <70>; 82, 106 <120>)."
Die­se Rang­zu­wei­sung führt da­zu, dass deut­sche Ge­rich­te die Kon­ven­ti­on wie an­de­res Ge­set­zes­recht des Bun­des im Rah­men me­tho­disch ver­tret­ba­rer Aus­le­gung zu be­ach­ten und an­zu­wen­den ha­ben. Die Gewähr­leis­tun­gen der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und ih­rer Zu­satz­pro­to­kol­le sind al­ler­dings in der deut­schen Rechts­ord­nung auf Grund die­ses Ran­ges in der Nor­men­hier­ar­chie kein un­mit­tel­ba­rer ver­fas­sungs­recht­li­cher Prüfungs­maßstab (vgl. Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG). Ein Be­schwer­deführer kann in­so­fern vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht un­mit­tel­bar die Ver­let­zung ei­nes in der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ent­hal­te­nen Men­schen­rechts mit ei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de rügen (vgl. BVerfGE 74, 102 <128> m.w.N.; Be­schluss der 1. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 1. März 2004 - 2 BvR 1570/03 -, Eu­GRZ 2004, S. 317 <318>). Die Gewähr­leis­tun­gen der Kon­ven­ti­on be­ein­flus­sen je­doch die Aus­le­gung der Grund­rech­te und rechts­staat­li­chen Grundsätze des Grund­ge­set­zes. Der Kon­ven­ti­ons­text und die Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te die­nen auf der Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts als Aus­le­gungs­hil­fen für die Be­stim­mung von In­halt und Reich­wei­te von Grund­rech­ten und rechts­staat­li­chen Grundsätzen des
Grund­ge­set­zes, so­fern dies nicht zu ei­ner - von der Kon­ven­ti­on selbst nicht ge­woll­ten (vgl. Art. 53 EM­RK) - Ein­schränkung oder Min­de­rung des Grund­rechts­schut­zes nach dem Grund­ge­setz führt (vgl. BVerfGE 74, 358 <370>; 83, 119 <128>; Be­schluss der 3. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 20. De­zem­ber 2000 - 2 BvR 591/00 -, NJW 2001, S. 2245 ff.).
Ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung für das Kon­ven­ti­ons­recht als Völker­ver­trags­recht ha­ben die Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te, weil sich in ih­nen der ak­tu­el­le Ent­wick­lungs­stand der Kon­ven­ti­on und ih­rer Pro­to­kol­le wi­der­spie­gelt. Das Kon­ven­ti­ons­recht selbst misst den Sach­ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs un­ter­schied­li­che Rechts­wir­kun­gen zu. Nach Art. 42 und Art. 44 EM­RK wer­den die Ur­tei­le des Ge­richts­hofs endgültig und er­wach­sen da­mit in for­mel­le Rechts­kraft. Die Ver­trags­par­tei­en ha­ben sich durch Art. 46 EM­RK ver­pflich­tet, in al­len Rechts­sa­chen, in de­nen sie Par­tei sind, das endgülti­ge Ur­teil des Ge­richts­hofs zu be­fol­gen. Aus die­ser Vor­schrift folgt, dass die Ur­tei­le des Ge­richts­hofs für die an dem Ver­fah­ren be­tei­lig­ten Par­tei­en ver­bind­lich sind und da­mit auch be­grenz­te ma­te­ri­el­le Rechts­kraft ha­ben (vgl. H.-J. Cre­mer, in: Gro­te/Mar­auhn <Hrsg.>, Kon­kor­d­anz­kom­men­tar, 2004, Ent­schei­dung und Ent­schei­dungs­wir­kung, Rn. 56 f. m.w.N.).
Die ma­te­ri­el­le Rechts­kraft im In­di­vi­du­al­be­schwer­de­ver­fah­ren nach Art. 34 EM­RK ist durch die per­so­nel­len, sach­li­chen und zeit­li­chen Gren­zen des Streit­ge­gen­stan­des be­grenzt (vgl. Be­schluss des Zwei­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts <Vor­prüfungs­aus­schuss> vom 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - Pa­kel­li, Eu­GRZ 1985, S. 654 <656>; sie­he auch E. Klein, Bin­ding ef­fect of ECHR judgments, Fest­schrift für Ryss­dal, 2000, S. 705 <706 ff.>). Das Kon­ven­ti­ons­recht verfügt in­so­weit nicht über ei­ne § 31 Abs. 1 BVerfGG ver­gleich­ba­re Vor­schrift, wo­nach al­le Ver­fas­sungs­or­ga­ne des Bun­des und der Länder so­wie al­le Ge­rich­te und Behörden an die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ge­bun­den sind. Art. 46 Abs. 1 EM­RK spricht nur ei­ne Bin­dung der be­tei­lig­ten Ver­trags­par­tei an das endgülti­ge Ur­teil in Be­zug auf ei­nen be­stimm­ten Streit­ge­gen­stand aus (res iu­di­ca­ta).
Aus der Fest­stel­lung ei­ner Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung folgt zunächst, dass die Ver­trags­par­tei nicht mehr die An­sicht ver­tre­ten kann, ihr Han­deln sei kon­ven­ti­ons­gemäß ge­we­sen (vgl. Fro­wein, in: Isen­see/Kirch­hof <Hrsg.>, Hand­buch des Staats­rechts, Bd. VII, 1992, § 180 Rn. 14). Die Ent­schei­dung ver­pflich­tet die be­trof­fe­ne Ver­trags­par­tei in Be­zug auf den Streit­ge­gen­stand im Grund­satz fer­ner da­zu, den oh­ne die fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung be­ste­hen­den Zu­stand nach Möglich­keit wie­der­her­zu­stel­len (vgl. Polak­ie­wicz, a.a.O., S. 97 ff.; zu den Möglich­kei­ten, das Ziel ei­ner re­sti­tu­tio in in­te­grum zu er­rei­chen, sie­he die Emp­feh­lung des Mi­nis­ter­ko­mi­tees des Eu­ro­pa­ra­tes Nr. R <2000> 2 vom 19. Ja­nu­ar 2000). Dau­ert die fest­ge­stell­te Ver­let­zung noch an - et­wa im Fall der fort­dau­ern­den In­haf­tie­rung un­ter Ver­s­toß ge­gen Art. 5 EM­RK oder ei­nes Ein­griffs in das Pri­vat- und Fa­mi­li­en­le­ben un­ter Ver­s­toß ge­gen Art. 8 EM­RK -, so ist die Ver­trags­par­tei ver­pflich­tet, die­sen Zu­stand zu be­en­den (vgl. jüngst EGMR, No. 71503/01, Ur­teil vom 8. April 2004, Zif­fer 198 - As­sa­nid­ze , Eu­GRZ 2004, S. 268 <275>; sie­he auch Breu­er, Eu­GRZ 2004, S. 257 <259>; Gra­ben­war­ter, Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, 2003, § 16 Rn. 3; Polak­ie­wicz, a.a.O., S. 63 ff.; Vil­li­ger, Hand­buch der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, 1999, § 13 Rn. 233). In­so­weit würde die Ver­trags­par­tei durch die Nicht­be­en­di­gung oder Wie­der­ho­lung ih­res als kon­ven­ti­ons­wid­rig fest­ge­stell­ten Ver­hal­tens ge­genüber dem Be­schwer­deführer er­neut die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­let­zen (vgl. E. Klein, Bin­ding ef­fect of ECHR judgments, Fest­schrift für Ryss­dal, 2000, S. 705 <708>). Al­ler­dings ist da­bei zu berück­sich­ti­gen, dass die Ent­schei­dungs­wir­kung nur auf die res iu­di­ca­ta be­zo­gen ist und sich bis zu ei­nem er­neu­ten na­tio­na­len Ver­fah­ren un­ter Be­tei­li­gung des Be­schwer­deführers die Sach- und Rechts­la­ge ent­schei­dend ändern kann.
Dass die Kon­ven­ti­on al­ler­dings der be­trof­fe­nen Ver­trags­par­tei im Hin­blick auf die Kor­rek­tur be­reits ge­trof­fe­ner, rechts­kräfti­ger Ent­schei­dun­gen Spiel­raum einräumt, zeigt sich dar­in, dass dem Be­schwer­deführer durch den Ge­richts­hof ei­ne "ge­rech­te Entschädi­gung" in Geld zu­ge­spro­chen wer­den kann, wenn das in­ner­staat­li­che Recht der be­trof­fe­nen Ver­trags­par­tei nur ei­ne un­voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung ge­stat­tet (vgl. Art. 41 EM­RK).
Die Rechts­wir­kung ei­ner Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs rich­tet sich nach den völker­recht­li­chen Grundsätzen zunächst auf die Ver­trags­par­tei als sol­che. Die Kon­ven­ti­on verhält sich grundsätz­lich in­dif­fe­rent zur in­ner­staat­li­chen Rechts­ord­nung und soll an­ders als das Recht ei­ner su­pra­na­tio­na­len Or­ga­ni­sa­ti­on nicht in die staat­li­che Rechts­ord­nung un­mit­tel­bar ein­grei­fen. In­ner­staat­lich wer­den durch ent­spre­chen­de
Kon­ven­ti­ons­be­stim­mun­gen in Ver­bin­dung mit dem Zu­stim­mungs­ge­setz so­wie durch rechts­staat­li­che An­for­de­run­gen (Art. 20 Abs. 3, Art. 59 Abs. 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 19 Abs. 4 GG) al­le Träger der deut­schen öffent­li­chen Ge­walt grundsätz­lich an die Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs ge­bun­den.
Die Bin­dungs­wir­kung von Ent­schei­dun­gen des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te hängt von dem je­wei­li­gen Zuständig­keits­be­reich der staat­li­chen Or­ga­ne und des ein­schlägi­gen Rechts ab. Ver­wal­tungs­behörden und Ge­rich­te können sich nicht un­ter Be­ru­fung auf ei­ne Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te von der rechts­staat­li­chen Kom­pe­tenz­ord­nung und der Bin­dung an Ge­setz und Recht (Art. 20 Abs. 3 GG) lösen. Zur Bin­dung an Ge­setz und Recht gehört aber auch die Berück­sich­ti­gung der Gewähr­leis­tun­gen der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und der Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs im Rah­men me­tho­disch ver­tret­ba­rer Ge­set­zes­aus­le­gung. So­wohl die feh­len­de Aus­ein­an­der­set­zung mit ei­ner Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs als auch de­ren ge­gen vor­ran­gi­ges Recht ver­s­toßen­de sche­ma­ti­sche "Voll­stre­ckung" können des­halb ge­gen Grund­rech­te in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip ver­s­toßen.
Die über das Zu­stim­mungs­ge­setz aus­gelöste Pflicht zur Berück­sich­ti­gung der Gewähr­leis­tun­gen der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und der Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs er­for­dert zu­min­dest, dass die ent­spre­chen­den Tex­te und Ju­di­ka­te zur Kennt­nis ge­nom­men wer­den und in den Wil­lens­bil­dungs­pro­zess des zu ei­ner Ent­schei­dung be­ru­fe­nen Ge­richts, der zuständi­gen Behörde oder des Ge­setz­ge­bers ein­fließen. Das na­tio­na­le Recht ist un­abhängig von dem Zeit­punkt sei­nes In­kraft­tre­tens nach Möglich­keit im Ein­klang mit dem Völker­recht aus­zu­le­gen (vgl. BVerfGE 74, 358 <370>).
Sind für die Be­ur­tei­lung ei­nes Sach­ver­halts Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs ein­schlägig, so sind grundsätz­lich die vom Ge­richts­hof in sei­ner Abwägung berück­sich­tig­ten As­pek­te auch in die ver­fas­sungs­recht­li­che Würdi­gung, na­ment­lich die Verhält­nismäßig­keitsprüfung ein­zu­be­zie­hen, und es hat ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit den vom Ge­richts­hof ge­fun­de­nen Abwägungs­er­geb­nis­sen statt­zu­fin­den (vgl. Be­schluss der 1. Kam­mer des Zwei­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 1. März 2004 - 2 BvR 1570/03 -, Eu­GRZ 2004 S. 317 <319>).
Hat der Ge­richts­hof in ei­nem kon­kre­ten Be­schwer­de­ver­fah­ren un­ter Be­tei­li­gung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ei­nen Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß fest­ge­stellt und dau­ert die­ser Ver­s­toß an, so ist die Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs im in­ner­staat­li­chen Be­reich zu berück­sich­ti­gen, das heißt die zuständi­gen Behörden oder Ge­rich­te müssen sich mit der Ent­schei­dung er­kenn­bar aus­ein­an­der set­zen und ge­ge­be­nen­falls nach­voll­zieh­bar be­gründen, war­um sie der völker­recht­li­chen Rechts­auf­fas­sung gleich­wohl nicht fol­gen. Ge­ra­de in Fällen, in de­nen staat­li­che Ge­rich­te wie im Pri­vat­recht mehr­po­li­ge Grund­rechts­verhält­nis­se aus­zu­ge­stal­ten ha­ben, kommt es re­gelmäßig auf sen­si­ble Abwägun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen sub­jek­ti­ven Rechts­po­si­tio­nen an, die bei ei­ner Ände­rung der Sub­jek­te des Rechts­streits oder durch ei­ne Ände­rung der tatsächli­chen oder recht­li­chen Verhält­nis­se im Er­geb­nis an­ders aus­fal­len können. Es kann in­so­fern zu ver­fas­sungs­recht­li­chen Pro­ble­men führen, wenn ei­ner der Grund­recht­sträger im Kon­flikt mit ei­nem an­de­ren ei­nen für ihn güns­ti­gen Ur­teils­spruch des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land er­strei­tet und deut­sche Ge­rich­te die­se Ent­schei­dung sche­ma­tisch auf das Pri­vat­rechts­verhält­nis an­wen­den, mit der Fol­ge, dass der in­so­fern "un­ter­le­ge­ne" und mögli­cher­wei­se nicht im Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof be­tei­lig­te Grund­recht­sträger gar nicht mehr als Ver­fah­rens­sub­jekt wirk­sam in Er­schei­nung tre­ten könn­te.
Bei ei­nem Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß durch Ge­richts­ent­schei­dun­gen ver­pflich­ten we­der die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on noch das Grund­ge­setz da­zu, ei­nem Ur­teil des Ge­richts­hofs, in dem fest­ge­stellt wird, dass die Ent­schei­dung ei­nes deut­schen Ge­richts un­ter Ver­let­zung der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on zu­stan­de ge­kom­men sei, ei­ne die Rechts­kraft die­ser Ent­schei­dung be­sei­ti­gen­de Wir­kung bei­zu­mes­sen (vgl. Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Eu­GRZ 1985, S. 654). Dar­aus ist frei­lich nicht der Schluss zu zie­hen, dass Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs von deut­schen Ge­rich­ten nicht berück­sich­tigt wer­den müss­ten.
Letzt­end­lich ist aus­schlag­ge­bend, ob ein Ge­richt im Rah­men des gel­ten­den Ver­fah­rens­rechts die Möglich­keit zu ei­ner wei­te­ren Ent­schei­dung hat, bei der es das ein­schlägi­ge Ur­teil des Ge­richts­hofs berück­sich­ti­gen kann. In sol­chen Fall­kon­stel­la­tio­nen wäre es nicht hin­nehm­bar, den Be­schwer­deführer le­dig­lich auf ei­ne Entschädi­gung in Geld zu ver­wei­sen, ob­wohl ei­ne Re­sti­tu­ti­on we­der an tatsächli­chen noch an recht­li­chen Gründen schei­tern würde.
Bei der Berück­sich­ti­gung von Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs ha­ben die staat­li­chen Or­ga­ne die Aus­wir­kun­gen auf die na­tio­na­le Rechts­ord­nung in ih­re Rechts­an­wen­dung ein­zu­be­zie­hen. Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn es sich um ein in sei­nen Rechts­fol­gen aus­ba­lan­cier­tes Teil­sys­tem des in­ner­staat­li­chen Rechts han­delt, das ver­schie­de­ne Grund­rechts­po­si­tio­nen mit­ein­an­der zum Aus­gleich brin­gen will.
Das In­di­vi­du­al­be­schwer­de­ver­fah­ren nach Art. 34 EM­RK vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ist dar­auf aus­ge­rich­tet, kon­kre­te Ein­z­elfälle am Maßstab der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on und ih­rer Zu­satz­pro­to­kol­le im zwei­sei­ti­gen Verhält­nis zwi­schen Be­schwer­deführer und Ver­trags­par­tei zu ent­schei­den. Die Ent­schei­dun­gen des Ge­richts­hofs können auf durch ei­ne dif­fe­ren­zier­te Ka­su­is­tik ge­form­te na­tio­na­le Teil­rechts­sys­te­me tref­fen. In der deut­schen Rechts­ord­nung kann dies ins­be­son­de­re im Fa­mi­li­en- und Ausländer­recht so­wie im Recht zum Schutz der Persönlich­keit ein­tre­ten (sie­he da­zu jüngst EGMR, No. 59320/00, Ur­teil vom 24. Ju­ni 2004 - von Han­no­ver ge­gen Deutsch­land, Eu­GRZ 2004, S. 404 ff.), in de­nen wi­der­strei­ten­de Grund­rechts­po­si­tio­nen durch die Bil­dung von Fall­grup­pen und ab­ge­stuf­ten Rechts­fol­gen zu ei­nem Aus­gleich ge­bracht wer­den. Es ist die Auf­ga­be der na­tio­na­len Ge­rich­te, ei­ne Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te in den be­trof­fe­nen Teil­rechts­be­reich der na­tio­na­len Rechts­ord­nung ein­zu­pas­sen, weil es we­der der völker­ver­trag­li­chen Grund­la­ge noch dem Wil­len des Ge­richts­hofs ent­spre­chen kann, mit sei­nen Ent­schei­dun­gen ge­ge­be­nen­falls not­wen­di­ge An­pas­sun­gen in­ner­halb ei­ner na­tio­na­len Teil­rechts­ord­nung un­mit­tel­bar selbst vor­zu­neh­men.
Bei der in­so­weit er­for­der­li­chen wer­ten­den Berück­sich­ti­gung durch die na­tio­na­len Ge­rich­te kann auch dem Um­stand Rech­nung ge­tra­gen wer­den, dass das In­di­vi­du­al­be­schwer­de­ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof, ins­be­son­de­re bei zi­vil­recht­li­chen Aus­gangs­ver­fah­ren, die be­tei­lig­ten Rechts­po­si­tio­nen und In­ter­es­sen mögli­cher­wei­se nicht vollständig ab­bil­det. Ver­fah­rens­be­tei­lig­te vor dem Ge­richts­hof ist ne­ben dem
Be­schwer­deführer nur die be­trof­fe­ne Ver­trags­par­tei; die Möglich­keit ei­ner Be­tei­li­gung Drit­ter an dem Be­schwer­de­ver­fah­ren (vgl. Art. 36 Abs. 2 EM­RK) ist kein in­sti­tu­tio­nel­les Äqui­va­lent für die Rech­te und Pflich­ten als Pro­zess­par­tei oder wei­te­rer Be­tei­lig­ter im na­tio­na­len Aus­gangs­ver­fah­ren.
Auch auf der Ebe­ne des Bun­des­rechts ge­nießt die Kon­ven­ti­on nicht au­to­ma­tisch Vor­rang vor an­de­rem Bun­des­recht, zu­mal wenn es in die­sem Zu­sam­men­hang nicht be­reits Ge­gen­stand der Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs war.
b) Nach die­sen Grundsätzen ist im Rah­men des von dem Kläger gel­tend ge­mach­ten Wie­der­ein­stel­lungs­an­spru­ches die von dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te fest­ge­stell­te Ver­let­zung des Art. 8 EM­RK in der Wei­se zu be­ach­ten, dass sie möglichst be­sei­tigt wird (vgl. BVerfG vom 14.10.2004 - 2 BvR 1481/04 a.a.O.).
Dies be­deu­tet aber nicht, dass der durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te fest­ge­stell­te Ver­s­toß ge­gen die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on sche­ma­tisch auf den zwi­schen dem Kläger und der Be­klag­ten geführ­ten Rechts­streit über sei­ne Wie­der­ein­stel­lung zu über­tra­gen ist (vgl. BVerfG vom 14.10.2004 - 2 BvR1481/04 a.a.O.). Art. 41 EM­RK eröff­net in­so­weit ei­nen ge­wis­sen Spiel­raum, denn er lässt ei­ne ge­rech­te Entschädi­gung in Geld zu, wenn das in­ner­staat­li­che Recht dem Be­schwer­deführer nur ei­ne un­voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung ermöglicht. Ins­be­son­de­re in den Fällen, wo die be­klag­te Par­tei an dem Ver­fah­ren vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hoff für Men­schen­rech­te - wie hier - nicht be­tei­ligt ge­we­sen ist und des­we­gen ih­re Grund­rech­te dort nicht selbst hat vor­brin­gen können, ist ei­ne au­to­ma­ti­sche Über­tra­gung der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes für Men­schen­rech­te auf das zwi­schen dem Be­schwer­deführer und der be­klag­ten Par­tei be­ste­hen­de Pri­vat­rechts­verhält­nis nicht oh­ne wei­te­res möglich, da auch die sub­jek­ti­ven Rech­te und Grund­rech­te der vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te nicht be­tei­lig­ten Par­tei ih­re Berück­sich­ti­gung fin­den müssen (vgl. BVerfG vom 14.10.2004 - 2 BvR1481/04 a.a.O.).
Die Be­klag­te war an dem Ver­fah­ren vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te nicht be­tei­ligt ge­we­sen und hat­te dort ih­re Grund­rech­te des­we­gen nicht selbst vor­tra­gen können. Die Be­klag­te kann für sich in­so­weit in An­spruch neh­men, dass sie gemäß Ar­ti­kel 140 GG in Ver­bin­dung mit den Ar­ti­keln 136 bis 139 und Ar­ti­kel 141 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung ih­re An­ge­le­gen­hei­ten in den Schran­ken des für al­le gel­ten­den Ge­set­zes nach Maßga­be des Ar­ti­kel 137 Abs. 3 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung nach ih­rem Selbst­verständ­nis re­geln kann. Dies be­deu­tet, dass die Ver­fas­sungs­ga­ran­tie den Kir­chen ein Selbst­be­stim­mungs­recht gewähr­leis­tet und dass die­se bei der ar­beits­ver­trag­li­chen Ge­stal­tung des kirch­li­chen Diens­tes das Leit­bild ei­ner christ­li­chen Dienst­ge­mein­schaft zu­grun­de le­gen können und die Ver­bind­lich­keit kirch­li­cher Grund­pflich­ten be­stim­men können. Dies ist bei der An­wen­dung des Kündi­gungs­schutz­rech­tes auf Kündi­gun­gen von Ar­beits­verhält­nis­sen we­gen der Ver­let­zung der sich dar­aus für die Ar­beit­neh­mer er­ge­ben­den Loya­litätsob­lie­gen­hei­ten aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Gründen zu berück­sich­ti­gen (vgl. BVerfG vom 04.06.1985 - 2 BvR 1703/83, 2 BvR 1718/83, 2 BvR 856/84 in NJW 1986, 367).
Hin­zu kommt, dass die Be­klag­te ne­ben ih­rem kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­recht auch den Grund­satz der Rechts­si­cher­heit für sich in An­spruch neh­men kann. Die­ser ist nicht nur zen­tra­ler Be­stand­teil der deut­schen Rechts­ord­nung. Er ge­nießt auch den Schutz der
Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schutz für Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (vgl. BAG vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11 in NZA-RR 2014, 91; BVerfG vom 08.10.1992 - 1 BvR 1262/92 in NJW 1993, 1125; EGMR vom 18.09.2007 - 52336/99 in Kir­chE 50, 160-179). Er
kann ei­ne Be­gren­zung der Ver­pflich­tun­gen der Kon­ven­ti­ons­staa­ten aus ei­nem Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes für Men­schen­rech­te recht­fer­ti­gen (vgl. BAG vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11 a.a.O.). Gerät im Ein­zel­fall der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit mit dem
Ge­bot der ma­te­ri­el­len Ge­rech­tig­keit in Wi­der­streit, so ist es Sa­che der Recht­spre­chung, das je­wei­li­ge Ge­wicht, das die­sen Prin­zi­pi­en in der zu re­geln­den Kon­stel­la­ti­on zu­kommt, zu be­mes­sen und darüber zu be­fin­den, wel­chem der Vor­zug ge­ge­ben wer­den muss. Bei über­wie­gen­dem In­ter­es­se der Rechts­si­cher­heit und des Rechts­frie­dens darf die Rechts­ord­nung in Kauf neh­men, dass ei­ne ma­te­ri­ell un­rich­ti­ge Ent­schei­dung für den frag­li­chen Ein­zel­fall endgültig Be­stand hat (vgl. BAG vom 22.11.2012 - 2 AZR 570/11a.a.O.; BVerfG vom 30.04.2003 - 1 PB­vU 1/02 in BVerfGE 107, 395; BVerfG vom 08.10.1992 - 1 BvR 1262/92 a.a.O.).
c) We­gen des lan­gen Zeit­ab­lau­fes zwi­schen der mit der Kündi­gung vom 15.07.1997 zum 102 31.03.1998 aus­ge­spro­che­nen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses und der erst mit Ur­teil vom 23.09.2010 fest­ge­stell­ten Ver­let­zung des Art. 8 EM­RK durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te über­wiegt hier im Rah­men der Abwägung der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit.
Nach dem Ab­lauf der Kündi­gungs­frist bis zu der Ent­schei­dung des Eu­ropäischen Ge­richts­ho­fes für Men­schen­rech­te wa­ren 12,5 Jah­re ver­stri­chen. Nach ei­ner Zeit­dau­er von mehr als ei­nem Jahr­zehnt war es der Be­klag­ten nicht mehr zu­mut­bar, mit dem Kläger wie­der ein Ar­beits­verhält­nis ein­ge­hen zu müssen.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers konn­te im Rah­men der Abwägung nicht zu Las­ten der Be­klag­ten berück­sich­tigt wer­den, dass sie sei­ner­zeit mit der Kündi­gung vom 15.07.1997 ei­nen ris­kan­ten Weg ein­ge­schla­gen ha­ben soll, weil sie erst­ma­lig über den sei­ner­zeit eta­blier­ten Kündi­gungs­grund der Wie­der­ver­hei­ra­tung hin­aus­ge­gan­gen sei und mit dem Kündi­gungs­grund des Ehe­bruchs und der Bi­ga­mie ei­nen völlig neu­en Kündi­gungs­grund ha­be schaf­fen wol­len. Die­ser Auf­fas­sung des Klägers steht das Ur­teil des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­rich­tes vom 16.09.1999 - 2 AZR 712/98 ent­ge­gen, mit wel­chem die­ser im Fal­le des Klägers un­ter II. 5. b) der Ent­schei­dungs­gründe fest­ge­stellt hat, dass die Auf­nah­me ei­ner neu­en ge­schlecht­li­chen Be­zie­hung ei­ne schwer­wie­gen­de sitt­li­che Ver­feh­lung im Sin­ne von Art. 5 Abs. 2 1. Alt. der GrO dar­stellt und da­mit als Kündi­gungs­grund im Sin­ne von § 1 Abs. 2 KSchG ge­eig­net ist.
Der 2. Se­nat hat hier ins­be­son­de­re aus­geführt, dass die Rechts­an­sicht des Klägers, aus dem Be­reich des Zu­sam­men­le­bens zwi­schen Mann und Frau sei al­lein die Wie­der­hei­rat, al­so der Ab­schluss ei­ner nach dem Glau­bens­verständ­nis und der Rechts­ord­nung der Kir­che ungülti­gen Ehe als schwer­wie­gen­de persönli­che sitt­li­che Ver­feh­lung an­zu­se­hen, sich we­der der Grund­ord­nung, die all­ge­mein auf die von ei­ner Mit­ar­bei­te­rin oder ei­nem Mit­ar­bei­ter zu erfüllen­den Ob­lie­gen­hei­ten ab­stellt, noch den von dem Kläger zi­tier­ten kir­chen­recht­li­chen Vor­schrif­ten oder den ge­nann­ten Bei­spielsfällen ent­neh­men lässt.
Zusätz­lich hat der 2. Se­nat her­vor­ge­ho­ben, dass er be­reits in sei­nem Ur­teil vom 24.04.1997 - 2 AZR 268/96 in NZA 1998, dar­auf hin­ge­wie­sen hat, dass nach ka­tho­li­schem Kir­chen­recht der Ehe­bruch je­den­falls als schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten zu be­trach­ten ist. Des Wei­te­ren hat der 2. Se­nat be­tont, dass der Kläger sich auf ei­ne Gleich­be­hand­lung mit den kirch­li­chen Ar­beit­neh­mern, de­nen nach sei­nem Vor­brin­gen bei ei­nem ähn­li­chen Fehl­ver­hal­ten nicht so­fort gekündigt wor­den sei, nicht be­ru­fen könne, da er auf­grund sei­ner Stel­lung als Mit­ar­bei­ter im lit­ur­gi­schen Dienst schon von sei­ner Tätig­keit her mit den von ihm be­nann­ten kirch­li­chen Mit­ar­bei­tern nicht ver­gleich­bar sei.
Der 2. Se­nat hat­te da­mit den Kündi­gungs­sach­ver­halt, wel­cher dem Kläger vor­ge­wor­fen wur­de, in vol­lem Um­fang als ei­nen für ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung gemäß § 1 Abs. 2 KSchG ge­eig­ne­ten Sach­ver­halt an­ge­se­hen. Nach der zwei­ten Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 03.02.2000 - 7 Sa 425/98, mit wel­cher die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 31.03.1998 fest­ge­stellt wor­den ist, durf­te sich die Be­klag­te we­gen der von dem 2. Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts geäußer­ten Rechts­auf­fas­sung dar­auf ver­las­sen, dass die von ihr aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung zu ei­ner dau­er­haf­ten und auch ei­ne Wie­der­ein­stel­lung des Klägers aus­sch­ließen­den Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­se geführt hat. Bestätigt wur­de die Be­klag­te in ih­rer An­nah­me da­durch, dass mit Be­schluss vom 29.05.2000 ei­ne Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Klägers ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­rich­tes Düssel­dorf vom 03.02.2000 - 7 Sa 425/98 durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt zurück­ge­wie­sen wor­den war und das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt am 08.07.2002 die Be­schwer­de des Klägers ge­gen die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on man­gels hin­rei­chen­der Aus­sicht auf Er­folg nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men hat, da die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken be­geg­ne.
Ge­gen das Ver­trau­en der Be­klag­ten in ei­ne dau­er­haf­te Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers spricht nicht, dass die­se über ein Jahr­zehnt es hin­ge­nom­men hat, dass die von dem Kläger zwecks Ver­mei­dung der Verjährung ein­ge­reich­ten An­nah­me­ver­zugs­kla­gen je­weils ru­hend ge­stellt wor­den sind. Der Kläger hat zwar be­haup­tet, dass die Be­klag­te da­bei als si­cher da­von aus­ge­gan­gen sei, dass sie ihn im Fal­le ei­nes er­folg­rei­chen Ver­fah­rens vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te wei­ter­beschäfti­gen müsse. Die Be­klag­te muss­te nach dem Ur­teil des 2. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 16.09.1999 - 2 AZR 712/98, des Be­schlus­ses des Bun­des­ar­beits­ge­richts über die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­rich­tes Düssel­dorf vom 03.02.2000 - 7 Sa 425/98 und der am 08.07.2002 er­folg­ten Nicht­an­nah­me sei­ner Be­schwer­de bei dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aber nicht da­von aus­ge­hen, dass der Kläger vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te über­haupt er­folg­reich sein wird.
Zwar hat der Kläger die lan­ge Ver­fah­rens­dau­er vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hoff für Men­schen­rech­te nicht zu ver­ant­wor­ten. Dies gilt je­doch glei­cher­maßen für die Be­klag­te, zu­mal sie an dem Ver­fah­ren vor dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te nicht ein­mal be­tei­ligt ge­we­sen war.
Auch ist da­von aus­zu­ge­hen, dass den Kläger die ge­gen Art. 8 EM­RK ver­s­toßen­de Kündi­gung vom 15.07.1997 wei­ter­hin hart trifft, da er sei­nen Be­ruf in der bei der Be­klag­ten aus­geübten Form als A-Kir­chen­mu­si­ker in Voll­zeit nicht ausüben kann. Dies ver­mag je­doch das durch den lan­gen Zeit­ab­lauf bei der Be­klag­ten im Rah­men der Rechts­si­cher­heit eben­falls zu berück­sich­ti­gen­de Ver­trau­en in ein dau­er­haf­tes En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses oh­ne Wie­der­ein­stel­lung nicht zu ver­drängen, denn der Ver­s­toß ge­gen Art. 8 EM­RK wird auf Sei­ten des Klägers - wenn auch nicht aus­ge­gli­chen - so doch zu­min­dest da­durch ab­ge­mil­dert, dass ihm gemäß Art. 41 EM­RK ei­ne Entschädi­gung in Höhe von 40.000 € zu­ge­spro­chen wor­den ist. Nach ei­ner Beschäfti­gungs­dau­er des Klägers vom 15.11.1983 bis zum 31.03.1998 un­ter­schrei­tet die­se Ab­fin­dung nicht die übli­chen Höhe, wie sie auch von § 1a Abs. 2 KSchG vor­ge­se­hen ist.
Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf §§ 64 Abs. 6 ArbGG, 525, 97 Abs. 1 ZPO. Da­nach hat die in vol­lem Um­fang un­ter­lie­gen­de Par­tei die ge­sam­ten Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen.
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