Source: https://www.jura.uni-hannover.de/fileadmin/fakultaet/Institute/KI/Meier/KrimRep2014/kapitel1.html
Timestamp: 2017-09-23 00:18:27
Document Index: 261761264

Matched Legal Cases: ['§ 12', '§ 211', '§ 177', '§ 242', '§ 29', '§ 173', 'EGMR', '§ 823', '§ 12']

Kapitel 1 - KrimRep2014
Womit befasst sich die Kriminologie? ★
Kriminologie ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kriminalität als sozialem Phänomen. Wesentlicher Bezugspunkt der Kriminologie ist das Strafrecht, das die Grenzen der allgemeinen Handlungsfreiheit markiert, die von jedermann eingehalten werden müssen, damit das gedeihliche Zusammenleben in der Gesellschaft funktioniert. Die Kriminologie beschäftigt sich mit den Hintergründen und Ursachen von strafbarem Verhalten, den Folgen, die das strafbare Verhalten für das Opfer und die Gesellschaft hat, sowie mit der Reaktion auf das Bekanntwerden strafbarer Handlungen. Zum Gegenstandsbereich der Kriminologie zählen des Weiteren:
die Viktimologie, d.h. die Beschäftigung mit den Folgen, die kriminelles Verhalten für die Opfer hat, sowie mit der Rolle des Opfers bei der Tatgenese,
die Kriminalprognose, d.h. die Beschäftigung mit der in der Zukunft zu erwartenden Entwicklung von kriminellem Verhalten.
die Kriminalprävention, d.h. die Beschäftigung mit den Bemühungen zur Zurückdrängung und Verhinderung von kriminellem Verhalten.
Die Kriminologie ist eine eigenständige empirische Wissenschaft.
Stellen Sie die Eigenständigkeit der Kriminologie heraus, indem Sie sie von anderen Disziplinen abgrenzen, insbesondere von der Strafrechtswissenschaft, der Kriminalpolitik und der Kriminalistik. ★★
Wesentliches Kennzeichen der Kriminologie ist der empirische, d.h. erfahrungswissenschaftlich geprägte Zugang zum Verbrechen und seiner Kontrolle.
Das Strafrecht ist demgegenüber eine normative Wissenschaft, die sich mit den rechtlichen Voraussetzungen beschäftigt, unter denen Strafe verhängt und vollstreckt werden darf. Im Zentrum der Strafrechtswissenschaft stehen die Auslegung der Normen und die Subsumtion von Sachverhalten. Die Kriminologie als empirische Wissenschaft untersucht demgegenüber beobachtbare soziale Phänomene; Tatsachen werden erhoben, beschrieben und erklärt.
Die Kriminalpolitik steht für einen Teilbereich der Politikwissenschaften. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie die Strafrechtsordnung zu verändern ist, um den inneren Frieden in der Gesellschaft für die Zukunft weiter zu gewährleisten. Ausgangspunkt kriminalpolitischer Überlegungen und Entscheidungen sind (idealerweise) das kriminologische Tatsachenwissen über die Kriminalitätswirklichkeit sowie mögliche kriminologische Erklärungen. Die Kriminologie liefert die erfahrungswissenschaftliche Grundlage der Kriminalpolitik. Die Kriminalpolitik kann aber auch selbst zum Gegenstand kriminologischer Analysen werden, wenn die Prozesse analysiert werden, die zur Kriminalisierung oder Entkriminalisierung einzelner Verhaltensweisen führen.>>>
Am schwierigsten gestaltet sich die Abgrenzung zur Kriminalistik. Der Begriff bezeichnet diejenige Wissenschaft, die sich mit der praktischen Kriminalitätsbekämpfung beschäftigt. Auch sie bedient sich erfahrungswissenschaftlicher Methoden, ihr Gegenstand ist jedoch begrenzt; es geht um die möglichst effektive Aufklärung und künftige Verhinderung von Straftaten einschließlich der Fahndung nach Personen und Sachen; Kriminaltechnik und Kriminaltaktik spielen dabei eine große Rolle. Der Gegenstandsbereich der Kriminologie geht weit darüber hinaus. Die Kriminalistik befasst sich also lediglich mit einem Teilaspekt kriminologischer Erkenntnisinteressen.
Welche weiteren Wissenschaftsbereiche (außer den in der vorangegangenen Frage angesprochenen) beschäftigen sich mit Straffälligkeit und den Folgen strafbaren Verhaltens? Was folgt hieraus für die Kriminologie? ★★
Auch in anderen Wissenschaftsbereichen werden die Voraussetzungen und Folgen strafbaren, gemeinschädlichen Verhaltens untersucht; hervorzuheben sind etwa Psychologie, Psychiatrie, Neuropsychologie, Soziologie und Ökonomie.
Dem wissenschaftlichen Anspruch, einen Bestand an empirisch gesichertem Wissen zu erarbeiten, kann die Kriminologie nur dann gerecht werden, wenn sie die in anderen Wissenschaftsdisziplinen gesammelten Erfahrungen aufgreift und bei der eigenen Forschung berücksichtigt. Dazu nutzt die Kriminologie auch die in anderen Wissenschaftsbereichen entwickelten Forschungsmethoden, um ihren Gegenstand empirisch zu erfassen, und entwickelt diese Methoden im Rahmen eigener Forschung fort. Die Kriminologie steht damit sowohl hinsichtlich ihres Gegenstands als auch methodisch in engem Bezug zu anderen Wissenschaftsdisziplinen.
Sie ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die durch die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen ihren eigenen Gegenstand adäquat zu erfassen sucht.
So viele abstrakte Definitionen, machen wir es einmal praktisch! Mit Kriminologie befassen sich in Deutschland zahlreiche Forschungseinrichtungen, etwa das KFN in Hannover. Recherchieren Sie, was sich hinter dieser Abkürzung verbirgt, und überlegen Sie, wofür eine derartige Einrichtung benötigt wird. ★
Sehen Sie sich die Internetseite des KFN an. Dort werden die gestellten Fragen ausführlich beantwortet. Unter dem Stichwort „Über das KFN“ finden Sie auch Ausführungen zu der Frage „Warum brauchen wir ein KFN?“. Interessant für Studierende sind neben den Forschungsberichten des KFN insbesondere auch die gelegentlich angebotenen Praktika und Stellenangebote für studentische Hilfskräfte.
In der Kriminologie spielt der Begriff des Verbrechens eine große Rolle. Worin besteht die Problematik des Begriffs für die Kriminologie? ★★★
Es ist in der Kriminologie (anders als im Strafrecht, vgl. § 12 Abs. 1 StGB) nicht vorgegeben, was unter dem Begriff des „Verbrechens“ zu verstehen ist, vielmehr gibt es unterschiedliche Ansätze für die Definition des Begriffs.
Mit dem Begriff des „Verbrechens“ (lateinisch „crimen“; englisch „crime“) nimmt die Kriminologie zunächst auf die normativen Wertungen des Strafrechts Bezug. „Verbrechen“, kann man sagen, ist jedes mit Strafe bedrohte Verhalten, also z.B. Mord (vgl. § 211 StGB), Vergewaltigung (§ 177 StGB), Diebstahl (§ 242 StGB). Dieser formelle Verbrechensbegriff führt in der Regel zu klar definierten Kriminalitätsphänomenen und ist vergleichsweise leicht zu handhaben. Sein Nachteil besteht darin, dass sich die Kriminologie mit ihm definitorisch in die Abhängigkeit der normativen Wertungen des Strafrechts begibt; die Kriminologie unterliegt dem Willen des Gesetzgebers, der – orientiert an den herrschenden sozialen Wertungen – darüber entscheidet, ob und wann ein Verhalten mit Strafe bedroht und damit ein legitimer Gegenstand der Kriminologie ist. Die Kriminologie definiert ihren wissenschaftlichen Gegenstand nicht selbst.
Für die Kriminologie stellt sich deshalb die Frage, ob es einen materiellen, vom Gesetzgeber unabhängigen Begriff des Verbrechens gibt, der ihr wissenschaftlich einen eigenständigen Zugang zu den für wesentlich gehaltenen Fragestellungen ermöglicht. Beispiel: Der Gesetzgeber bedroht nur den Besitz von Betäubungsmitteln, nicht aber auch den Besitz von Alkohol mit Strafe (§ 29 Abs. 1 Nr. 3 BtMG). Aber ist nicht auch der Besitz (und Konsum) von Alkohol problematisch? Führt nicht auch der Alkoholkonsum häufig zu Straftaten und Abhängigkeitserkrankungen, die die Allgemeinheit schädigen? Sollte sich die Kriminologie deshalb nicht auch mit den Folgen des Alkoholkonsums beschäftigen? Wie ließe sich das begründen?
Um den Verbrechensbegriff materiell – also unabhängig vom formellen Gesetz – zu definieren, sind unterschiedliche Anknüpfungspunkte denkbar. Naturrechtliche Argumentationsmuster können eine Rolle spielen, man kann auf den aus der Strafrechtswissenschaft bekannten Begriff des Rechtsguts abstellen oder man kann auch versuchen, den Verbrechensbegriff ausgehend von seinen sozialen Funktionen her zu bestimmen. Das Problem bei diesen Vorgehensweisen ist jedoch, dass es für die materielle Definition von „Verbrechen“ keinen eindeutigen und allgemeingültigen Maßstab gibt; auch materielle Definitionen sind abhängig von Raum und Zeit sowie gesellschaftlichen Einflüssen. Um es am Beispiel des Alkoholkonsums deutlich zu machen: Ob der Alkoholkonsum in einer Gesellschaft als „Problem“ angesehen wird, lässt sich nicht für alle Gesellschaften und alle Zeiten in derselben Weise beantworten, sondern wird wesentlich von Tradition und Kultur (Religion) bestimmt.
Festzuhalten bleibt: Einen Verbrechensbegriff ohne normative – wenn auch nicht notwendig strafrechtliche – Wertung kann es nicht geben. Der Begriff „Verbrechen“ enthält immer ein abwertendes, negatives Urteil über menschliches Verhalten, das aus dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext heraus begründet wird.
Ist der Inzest von zwei erwachsenen Geschwistern im kriminologischen Sinn ein Verbrechen? ★★★★
Wenn man den formellen Verbrechensbegriff zugrunde legt, ist die Frage eindeutig zu bejahen: Der Inzest unter erwachsenen Geschwistern ist eine Straftat nach § 173 Abs. 2 Satz 2 StGB.
Fragt man dagegen nach einer materiellen Begründung, fällt die Antwort schwer. Warum sollte der einverständliche Geschlechtsverkehr zweier erwachsener Menschen verboten sein? Geht es beim Inzest nicht um eine Form der privaten, intimen Lebensgestaltung, die dem Zugriff der öffentlichen Kontrolle entzogen ist? Welche gesellschaftlichen Interessen werden hierdurch berührt?
Denkbar sind zwei Anknüpfungspunkte für die Argumentation. Der Inzest könnte deshalb als Verbrechen im kriminologischen Sinn anzusehen sein, weil bei Kindern, die aus einer inzestuösen Beziehung hervorgehen, ein erhöhtes Risiko erblicher Schädigungen bestehen kann. Wenn dies so ist, könnte sich hieraus ein gesellschaftliches Interesse am Verbot ableiten lassen. Ob dies so ist, müsste allerdings zunächst empirisch geklärt werden; insoweit steht derzeit lediglich die – vom Bundesverfassungsgericht für die Begründung der Strafdrohung als ausreichend erachtete – Einschätzung des Gesetzgebers im Raum, dass ein derartiges Risiko bestehen könnte.
Der Inzest könnte aber auch deshalb als Verbrechen anzusehen sein, weil es bei Inzestverbindungen zwischen Geschwistern zu schwer verkraftbaren Überschneidungen von Verwandtschaftsverhältnissen und sozialen Rollenverteilungen kommen kann, die sich in unterschiedlichen psychosozialen Beeinträchtigungen niederschlagen können. In diesem Fall könnte der Inzest familien- und sozialschädigende Wirkungen haben, die das gesellschaftliche Interesse am Verbot legitimieren könnten. Auch insoweit gilt jedoch, dass derartige Auswirkungen keineswegs sicher sind, sondern vom Gesetzgeber lediglich unterstellt werden. >>>
Nimmt man die Prämisse ernst, dass die Einordnung eines Verhaltens als Verbrechen argumentativ begründbar sein muss, dürfte sich der Inzest beim heutigen Erkenntnisstand kriminologisch kaum als „Verbrechen“ einordnen lassen. Hiergegen spricht auch, dass der Inzest keineswegs in allen europäischen Ländern mit Strafe bedroht wird, sondern in vielen Ländern straflos ist. Die Feststellung, dass der Inzest kein „Verbrechen“ ist, schließt es dabei jedoch nicht aus, dass die in der Gesellschaft geführte Diskussion über das Inzestverbot und die zur Aufrechterhaltung der Strafnorm vorgebrachten Argumente zu einem eigenständigen Gegenstand kriminologischer Analysen gemacht werden können.
BVerfG v. 26.2.2008 – 2 BvR 392/07 –; BVerfGE 120, 224; EGMR v. 12.4.2012 – 43547/08 –, NJW 2013, 215. Vgl. hierzu auch die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zum Inzestverbot.
Was sind die Unterschiede zwischen den Begriffen Verbrechen, Kriminalität, Delinquenz und abweichendes Verhalten? Können Sie Beispiele bilden? ★★
Gemeinsam ist allen Begriffen, dass sie versuchen, den Gegenstandsbereich der Kriminologie adäquat zu erfassen. Mit dem Begriff des „Verbrechens“ werden diejenigen Verhaltensweisen bezeichnet, die das gedeihliche Zusammenleben in der Gesellschaft in erheblicher Weise beeinträchtigen und die deshalb bei Strafe verboten sind. Dies ist auch der Ausgangspunkt für den Begriff der „Kriminalität“. Während der Begriff des Verbrechens jedoch vorwiegend zur Bezeichnung von individuellem strafnormverletzenden Verhalten verstanden wird, dient der Kriminalitätsbegriff demgegenüber zur Kennzeichnung von strafbarem Verhalten als einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen („Anstieg der Jugendkriminalität“; „Ausländerkriminalität gesunken?“).
Der Begriff der „Delinquenz“ weist über das Strafrecht hinaus und ist sprachlich weniger negativ besetzt als die Begriffe Verbrechen und Kriminalität. Delinquenz stammt aus der anglo-amerikanischen Kriminologie (delinquency) und wird vor allem im Zusammenhang mit dem Fehlverhalten Jugendlicher verwendet. Dabei ist die Begriffsverwendung nicht ganz einheitlich. Zum einen wird mit „Delinquenz“ in bewusster Abgrenzung zur „Kriminalität“ dasjenige Verhalten bezeichnet, das von den Strafverfolgungsorganen nicht registriert worden ist. Zum anderen wird „Delinquenz“ begrifflich von den Strafbarkeitsvoraussetzungen abgelöst und auch auf solche Verhaltensweisen bezogen, die sich im Vorfeld der Kriminalität bewegen (z.B. Schuleschwänzen, Alkoholmissbrauch, Prostitution; „status offences“ in der anglo-amerikanischen Terminologie). Zur Bezeichnung von individuellem Fehlverhalten wird der Begriff „Delikt“ verwendet. Jurastudierende kennen diesen Begriff aus dem Kontext der „deliktischen Haftung“ nach §§ 823 ff. BGB. >>>
Die Begriffe „abweichendes Verhalten“ und „Devianz“ beziehen sich auf alle Verhaltensweisen, die von den in der Gesellschaft geltenden Normen abweichen. Erfasst sind damit nicht nur Verstöße gegen Strafrechtsnormen, sondern auch Verstöße gegen andere Rechtsnormen sowie Verstöße gegen soziale Normen, also gegen gesetzlich nicht normierte Verhaltenserwartungen, die das gesellschaftliche Zusammenleben strukturieren (z.B. das Falschparken [vgl. §§ 12, 49 Abs. 1 Nr. 12 StVO] oder das Vordrängeln in einer Schlange.
Warum kann der Begriff des Verbrechens als „normatives Konstrukt“ bezeichnet werden? ★★
Der Begriff des „normativen Konstrukts“ bringt zum Ausdruck, das die begriffliche (sprachliche, kriminologische, rechtliche …) Einordnung eines Verhaltens das Ergebnis eines Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesses ist, durch den das mit dem Begriff Gemeinte erst geschaffen („konstruiert“) wird. Verbrechen haben zwar immer auch eine ontologische Seite, d.h. es gibt immer einen konkreten Tatsachensachverhalt, der dem Beweis zugänglich ist. Beispiel: Ein Gegenstand wird entwendet oder ein Mensch wird erschossen. Ob es sich bei dem betreffenden Vorgang aber um ein „Verbrechen“ handelt, lässt sich erst feststellen, wenn der gesamte Sachverhalt aufgeklärt und bewertet worden ist. Jurastudierende würden also etwa fragen: Handelte es sich bei dem entwendeten Gegenstand um eine „fremde“ Sache, so dass der Vorgang ein „Diebstahl“ ist? Lag eine Notwehrsituation vor, so dass es eine gerechtfertigte Tötungshandlung war? Die Einordnung eines Sachverhalts als „Verbrechen“ setzt immer die Interpretation des Sachverhalts durch den Betrachter voraus.
Welche Erkenntnisinteressen verfolgt die Kriminologie? ★
Die Kriminologie versucht, über die Gewinnung, Sicherung und Interpretation von Daten über strafnormverletzendes Verhalten, seine Hintergründe und Folgen einen festen Bestand an empirisch gesichertem Erfahrungswissen über ihren Gegenstandsbereich zu erlangen. Dabei stellt das Interesse an kriminologischer Datensammlung keinen Selbstzweck dar; vielmehr betreffen die erhobenen Daten immer soziale Probleme („Verbrechen“), an deren Verhinderung oder zumindest Zurückdrängung ein gesellschaftliches Interesse besteht. Mit ihren auf Erfahrungswissen gegründeten Erkenntnissen kann die Kriminologie einen Beitrag zur Prognose und Prävention und damit letztlich auch zur Entwicklung einer empirisch fundierten Kriminalpolitik leisten.