Source: http://m.hensche.de/Krankheit_Attest_kann_schon_fuer_den_ersten_Krankheitstag_verlang_werden_LAG_Koeln_3Sa597-11_u.html
Timestamp: 2017-08-17 23:18:55
Document Index: 248419195

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 275', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 64', '§ 66', '§ 611', '§ 1004', '§ 5', '§ 5', '§ 9', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 98', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 75', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 106', '§ 5', '§ 106', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 64', '§ 72']

HENSCHE Arbeitsrecht: 3 Sa 597/11
Schlag­worte: Krankheit
Akten­zeichen: 3 Sa 597/11
Leit­sätze: Die Auf­for­de­rung des Ar­beit­ge­bers nach § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG be­darf we­der ei­ner Be­gründung des Ar­beit­ge­bers noch ei­nes Sach­ver­halts, der An­lass für ein rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers gibt.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Köln, Urteil vom 03.05.2011, 8 Ca 2519/11
Verkündet am 14. Sep­tem­ber 2011
hat die 3. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 14.09.2011 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Dr. K als Vor­sit­zen­den so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter S und Fr. R
1) Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Köln vom 03.05.2011 – 8 Ca 2519/11 – wird zurück­ge­wie­sen.
2) Die Kläge­rin hat die Kos­ten der Be­ru­fung zu tra­gen.
Die Par­tei­en strei­ten über die Be­rech­ti­gung ei­ner ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen
Die 1953 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist seit März 1982 bei der Be­klag­ten, ei­ner öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk­an­stalt, beschäftigt. Sie ist zu­letzt als ers­te Re­dak­teu­rin in der Pro­gramm­grup­pe „Ge­sell­schaft und Do­ku­men­ta­ti­on“ tätig. Ihr mo­nat­li­cher Brut­to­ver­dienst beträgt ca. 6.300 €. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det der Man­tel­ta­rif­ver­trag des W K (MTV) An­wen­dung.
Die Kläge­rin stell­te für den 30.11.2010 bei dem Lei­ter ih­res Pro­gramm­be­reichs ei­nen Dienst­rei­se­an­trag. Die­sem An­trag wur­de nicht ent­spro­chen. Nach­dem auch ei­ne noch­ma­li­ge Nach­fra­ge der Kläge­rin we­gen der Dienst­rei­se­ge­neh­mi­gung am 29.11.2010 ab­schlägig be­schie­den wur­de, mel­de­te sich die Kläge­rin am Tag der be­ab­sich­tig­ten Dienst­rei­se, dem 30.11.2010, krank. Die Be­klag­te for­der­te dar­auf­hin die Kläge­rin mit Schrei­ben vom 10.12.2010 auf, künf­tig am ers­ten Tag der Krank­mel­dung ein ärzt­li­ches At­test ein­zu­ho­len und vor­zu­le­gen. Das vor­ge­nann­te Schrei­ben hat fol­gen­den Wort­laut:
„Krank­schrei­bun­gen
Lie­be S,
ich möch­te kurz die Vorgänge der zurück lie­gen­den Wo­che re­ka­pi­tu­lie­ren.
Für Mitt­woch, den 30. No­vem­ber 2010 hat­test du ei­nen Dienst­rei­se­an­trag ge­stellt, dem ich nicht ent­spro­chen ha­be. Dies wur­de dir ver­tre­tungs­wei­se von S En­de der Vor­wo­che schrift­lich mit­ge­teilt. Noch am Mon­tag, den 29. No­vem­ber ließest du er­neut nach­fra­gen, ob die Rei­se für den Fol­ge­tag nicht doch ge­neh­migt wer­den könne (was ich nicht ge­tan ha­be). Am 30. No­vem­ber nun mel­de­test du dich krank. Ich bat um un­verzügli­che Lie­fe­rung ei­nes ärzt­li­chen At­tes­tes. Die­ses At­test, aus­ge­stellt am 1. De­zem­ber, ging mir am Fol­ge­tag zu, an dem du dich al­ler­dings auch be­reits wie­der ge­sund mel­de­test.
Die­se Abläufe erschüttern mein Ver­trau­en in die­se Krank­mel­dung.
Ich bit­te dich da­her, bei zukünf­ti­gen Krank­heitsfällen schon am ers­ten Tag der Krank­mel­dung ei­nen Arzt auf­zu­su­chen und ein ent­spre­chen­des At­test zu lie­fern.“
Mit Schrei­ben ih­res späte­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten teil­te die Kläge­rin der be­klag­ten Rund­funk­an­stalt mit, dass kei­ner­lei An­halts­punk­te für ei­nen Miss­brauchs­ver­dacht ge­ge­ben sei­en und ins­be­son­de­re kein Zu­sam­men­hang zwi­schen der Er­kran­kung und dem ab­ge­lehn­ten Dienst­rei­se­an­trag bestünde. Gleich­zei­tig for­der­te sie die Be­klag­te auf, das im Schrei­ben vom 10.12.2010 geäußer­te Ver­lan­gen nach­voll­zieh­bar zu be­gründen oder die­ses aus­drück­lich zurück­zu­neh­men. Die Be­klag­te wies ih­rer­seits mit Schrei­ben ih­res späte­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten dar­auf hin, dass die Auf­for­de­rung zur Vor­la­ge der ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung ab dem ers­ten Tag der Ar­beits­unfähig­keit nach ih­rer Auf­fas­sung kei­ner Be­gründung bedürfe. Die Kläge­rin er­kun­dig­te sich dar­auf­hin beim Be­triebs­arzt der Be­klag­ten per E-Mail da­nach, wie vie­le Mit­ar­bei­ter des Be­klag­ten ver­pflich­tet sei­en, am ers­ten Tag ih­rer Er­kran­kung ein ärzt­li­ches At­test vor­zu­le­gen und ob er das in ih­rem Fall für be­rech­tigt hal­te. Erläuternd heißt es in die­ser vom Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten der Kläge­rin vor­ge­leg­ten E-Mail wei­ter:
„... Ich bin ein­mal ein hal­bes Jahr we­gen ei­ner OP, war aber an­sons­ten in den ers­ten 30 Jah­ren mei­nes W-Le­bens so gut wie nie krank. Erst jetzt fan­ge ich an, auf Si­gna­le mei­nes Körpers in­ten­si­ver zu hören und ent­zie­he mich hin und wie­der den An­fein­dun­gen durch Aus­zei­ten. Ich ha­be mich früher oft in den W ge­schleppt, ob­wohl ich mich an­ders gefühlt ha­be. ...“
Mit ih­rer am 30.03.2011 beim Ar­beits­ge­richt Köln ein­ge­gan­ge­nen Kla­ge wen­det sich die Kläge­rin ge­gen die vor­ge­nann­te An­wei­sung der Be­klag­ten vom 10.12.2010.
Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, so­fern der Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer im Fall der Er­kran­kung früher als am vier­ten Tag die Vor­la­ge ei­ner ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung ver­lan­ge, bedürfe er hierfür ei­ner sach­li­chen Recht­fer­ti­gung, wie bei­spiels­wei­se ei­nes aus dem Vor­ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers oder aus Vor­er­kran­kun­gen her­zu­lei­ten­den Miss­brauchs­ver­dachts. Als Maßstab könne in­so­weit § 275 Abs.1a SGB V her­an­ge­zo­gen wer­den. Ei­ne sol­che sach­li­che Recht­fer­ti­gung sei bezüglich der streit­ge­genständ­li­chen An­wei­sung der Be­klag­ten nicht ge­ge­ben. Das Ver­hal­ten ge­genüber der Kläge­rin stel­le sich da­her als willkürlich dar und ver­let­ze das all­ge­mei­ne ar­beits­recht­li­che Schi­ka­ne­ver­bot.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ih­re An­wei­sung vom 10.12.2010, im Fal­le ei­ner Er­kran­kung be­reits am ers­ten Tag ein ärzt­li­ches At­test ein­zu­ho­len und vor­zu­le­gen, zu wi­der­ru­fen.
Sie hat sich auf ih­re be­reits vor­pro­zes­su­al dar­ge­leg­te Rechts­auf­fas­sung be­ru­fen.
Das Ar­beits­ge­richt hat mit Ur­teil vom 03.05.2011 die Kla­ge ab­ge­wie­sen und hat zur Be­gründung im we­sent­li­chen aus­geführt, dass der Ar­beit­ge­ber nach der ge­setz­li­chen Re­ge­lung in § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG auch oh­ne wei­te­re Be­gründung vom Ar­beit­neh­mer die Vor­la­ge ei­ner ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung vor dem vier­ten Tag der Ar­beits­unfähig­keit ver­lan­gen könne. We­gen der Be­gründung im Ein­zel­nen wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des vor­ge­nann­ten Ur­teils (Bl. 64 ff. d. A.) Be­zug ge­nom­men.
Ge­gen die­ses ihr am 12.05.2011 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Kläge­rin am 31.05.2011 Be­ru­fung ein­ge­legt und hat die­se am 27.06.2011 be­gründet.
Die Kläge­rin ist wei­ter­hin der Auf­fas­sung, dass nach dem Ge­set­zes­zweck das vor­zei­ti­ge Ver­lan­gen der ärzt­li­chen Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gung im­mer dann grei­fe, wenn vor­an­ge­gan­ge­ne Er­kran­kun­gen ei­nen Miss­brauchs­ver­dacht be­gründe­ten. Außer­dem müsse sich die streit­ge­genständ­li­che An­wei­sung der Be­klag­ten als ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Ein­zel­maßnah­me an der an­sons­ten be­ste­hen­den be­trieb­li­chen Übung, an dem an­zu­wen­den­den Ta­rif­ver­trag so­wie an all­ge­mei­nen Grundsätzen des Ar­beits­rechts mes­sen las­sen. Sch­ließlich könne ei­ne der­art gra­vie­ren­de Maßnah­me wie die streit­ge­genständ­li­che An­wei­sung der Be­klag­ten, die tie­fes Miss­trau­en ge­genüber der Kläge­rin zum Aus­druck brin­ge, nur ge­recht­fer­tigt sein, wenn das Ver­hal­ten der Kläge­rin in der Ver­gan­gen­heit die Ver­mu­tung na­he­le­ge, dass „Kurz­er­kran­kun­gen“ zur Nicht­leis­tung von Ar­beit miss­braucht würden, oder wenn die Kläge­rin ei­ner Mit­ar­bei­ter­grup­pe an­gehörte, bei der nach all­ge­mei­ner be­trieb­li­cher Übung aus na­he­lie­gen­den Gründen ärzt­li­che Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gun­gen ab dem ers­ten Tag ver­langt würden. Bei­des sei nicht der Fall.
Fer­ner be­haup­tet die Kläge­rin, es ge­be bei der Be­klag­ten ei­ne be­trieb­li­che Übung, die fest­le­ge, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen von ei­nem Ver­lan­gen nach § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG Ge­brauch ge­macht wer­de. Dies sei im­mer dann der Fall, wenn deut­li­che un­ter Drei­ta­ges­fehl­zei­ten auf­träten (z. B. je­de zwei­te Wo­che, im­mer Mon­tags, im­mer Frei­tags, im­mer an Brück­en­ta­gen, im­mer zu be­stimm­ten dis­po­nier­ten Diens­ten oder sons­ti­gen dis­po­nier­ten Ter­mi­nen, bei Sucht­kran­ken, wo­bei die Aufzählung si­cher nicht vollzählig sei).
Ins­ge­samt sei in der Per­son der Kläge­rin nicht die nach dem Ge­set­zes­zweck ver­folg­te In­ten­ti­on für die Schaf­fung ei­nes vom Ar­beit­ge­ber zu ver­an­las­sen­den Aus­nah­me­tat­be­stan­des im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG ge­ge­ben. Die An­wei­sung sei da­her letzt­lich willkürlich, dis­kri­mi­nie­rend und schi­kanös.
un­ter Abände­rung des Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Köln vom 03.05.2011 – 8 Ca 2519/11 – die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die der Kläge­rin er­teil­te An­wei­sung vom 10.12.2010, im Fal­le ei­ner Er­kran­kung be­reits ab dem ers­ten Tag ein ärzt­li­ches At­test ein­zu­ho­len und vor­zu­le­gen, zu wi­der­ru­fen.
Die Be­klag­te tritt der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung bei. Die Auf­for­de­rung nach § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG bedürfe we­der ei­ner Be­gründung noch ei­nes Sach­ver­halts, der in der Ver­gan­gen­heit Zwei­fel an ei­ner be­ste­hen­den Ar­beits­unfähig­keit be­gründet hätte. Un­abhängig da­von hätten im vor­lie­gen­den Fall aber auch hin­rei­chen­de Zwei­fel an dem Be­ste­hen ei­ner Ar­beits­unfähig­keit am 30.11.2010 be­stan­den.
Ergänzend trägt die Be­klag­te vor, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en in der Ver­gan­gen­heit nicht völlig un­be­las­tet ge­we­sen sei. So sei der Kläge­rin im Ju­li 2010 ei­ne Ab­mah­nung er­teilt wor­den, die im Rah­men ei­nes ge­richt­li­chen Ver­gleichs zum 01.07.2011 aus der Per­so­nal­ak­te der Kläge­rin ent­fernt wor­den sei. We­gen ei­ner wei­te­ren Er­mah­nung vom 29.04.2011 sei ein ar­beits­ge­richt­li­ches Ver­fah­ren anhängig. Im Übri­gen be­strei­tet die Be­klag­te die von der Kläge­rin be­haup­te­te be­trieb­li­che Übung. Es exis­tie­re ge­ra­de kei­ne ab­sch­ließen­de Re­ge­lung zur Hand­ha­bung des § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG. Nichts an­de­res ha­be auch der Be­triebs­arzt N ge­genüber der Kläge­rin zum Aus­druck ge­bracht.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stands wird auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie die Sit­zungs­nie­der­schrif­ten Be­zug ge­nom­men.
I. Die Be­ru­fung der Kläge­rin zulässig, weil sie statt­haft (§ 64 Abs. 1 und 2 ArbGG) so­wie form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den ist (§§ 66 Abs. 1, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG, 519, 520 ZPO).
II. Das Rechts­mit­tel hat je­doch in der Sa­che kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen. Die Kläge­rin hat ge­gen die Be­klag­te kei­nen An­spruch auf Wi­der­ruf der streit­ge­genständ­li­chen An­wei­sung vom 10.12.2010. So­wohl für ei­nen schuld­recht­li­chen An­spruch aus §§ 611, 242 BGB als auch ei­nen qua­si­ne­ga­to­ri­schen An­spruch aus ana­lo­ger An­wen­dung des § 1004 BGB fehlt es an der er­for­der­li­chen fort­dau­ern­den Rechts­be­ein­träch­ti­gung. Denn die Be­klag­te war zur Er­tei­lung der streit­ge­genständ­li­chen An­wei­sung be­rech­tigt.
1. Die Rechtmäßig­keit der An­wei­sung vom 10.12.2010 folgt aus § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG. Nach die­ser Vor­schrift ist der Ar­beit­ge­ber be­rech­tigt, vom Ar­beit­neh­mer die Vor­la­ge ei­ner ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung früher als nach drei Ka­len­der­ta­gen (§ 5 Abs. 1 Satz 2 EFZG) zu ver­lan­gen. Der MTV enthält in­so­fern kei­ne ab­wei­chen­de Re­ge­lung, son­dern wie­der­holt le­dig­lich in § 9 Abs. 2 MTV die Grund­re­ge­lung des § 5 Abs. 1 Satz 2 EFZG.
a. Die Auf­for­de­rung des Ar­beit­ge­bers nach § 5 Abs. 1 EFZG be­darf we­der ei­ner Be­gründung noch ei­nes Sach­ver­halts, der An­lass für ein rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers gibt (LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 13.10.2009 – 2 Sa 130/09, Beck­RS 2011, 66401;ErfK/Dörner, 11. Aufl., § 5 EFZG Rn. 12; Hand­buch, 13. Aufl., § 98 Rn. 120 f.; Ri­cken, in: Be­ckOK EFZG, § 5 Rn. 21; Feicht­in­ger/Malk­mus, EFZG, 2. Aufl., § 5 Rn. 21; Lep­ke, Kündi­gung bei Krank­heit, 13. Aufl., Rn. 540 f.). Das folgt aus dem in­so­weit ein­deu­ti­gen Norm­wort­laut und der Ge­set­zes­sys­te­ma­tik.
Ei­ner im Schrift­tum ähn­lich stark ver­tre­te­nen dif­fe­ren­zie­ren­den Mei­nung ist da­her nicht zu fol­gen. Nach die­ser Auf­fas­sung ist das Ver­lan­gen des Ar­beit­ge­bers auf bil­li­ges Er­mes­sen zu über­prüfen (so z. B.HWK/Schlie­mann, 4. Aufl., § 5 EFZG Rn. 36; Boecken, NZA 1999, 679; Schlach­ter, in: Münche­ner Hand­buch zum Ar­beits­recht, 3. Aufl., § 75 Rn. 20; Tre­ber, EFZG, 2. Aufl., § 5 Rn. 36; Vos­sen, in: Dorn­busch/Fi­scher­mei­er/Löwisch, Ar­beits­recht, 3. Aufl., § 5 EFZG Rn. 13; DLW/Dörner, Ar­beits­recht, 8. Aufl., B Rn. 1989; wohl auch Kütt­ner/Grie­se, Per­so­nal­buch, 18. Aufl., Ar­beits­unfähig­keit Rn. 11).
Die Ver­tre­ter die­ser Auf­fas­sung stel­len we­sent­lich auf den Wei­sung­s­cha­rak­ter der An­wei­sung nach § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG ab und un­ter­wer­fen die­se da­her den recht­li­chen Gren­zen des § 106 Ge­wO. Da­bei bleibt un­berück­sich­tigt, dass § 5 EFZG in­so­weit ei­ne spe­zi­el­le­re Re­ge­lung für den Be­reich der Nach­weis­pflicht in der Ent­gelt­fort­zah­lung dar­stellt, die un­ter Spe­zia­litäts­ge­sichts­punk­ten den all­ge­mei­nen Be­stim­mun­gen zum Wei­sungs­recht in § 106 Ge­wO vor­geht. Ei­ne Über­prüfung auf all­ge­mei­ne Bil­lig­keit hat da­her bei § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG ge­ra­de nicht zu er­fol­gen. Es bleibt al­lein bei den all­ge­mei­nen ge­setz­li­chen Schran­ken der Willkür und des Ver­bots dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­hal­tens.
b. Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen ist die An­wei­sung der Be­klag­ten vom 10.12.2010 aus Rechts­gründen nicht zu be­an­stan­den. An­halts­punk­te für ein willkürli­ches oder an­sons­ten ge­set­zes­wid­ri­ges Ver­hal­ten der Be­klag­ten sind nicht er­sicht­lich. Die Be­klag­te hat in der kurz­fris­tig nach Ab­leh­nung des Dienst­rei­se­an­trags der Kläge­rin auf­ge­tre­te­nen Er­kran­kung ei­nen hin­rei­chen­den An­lass für die An­wei­sung ge­se­hen. Bestäti­gung hat sie so­dann zusätz­lich in der kläger­seits vor­ge­leg­ten E-Mail-Kor­re­spon­denz der Kläge­rin mit dem Be­triebs­arzt N, in der die Kläge­rin da­von be­rich­tet, sie fan­ge an, auf Si­gna­le ih­res Körpers in­ten­si­ver zu hören und ent­zie­he sich hin und wie­der den An­fein­dun­gen durch Aus­zei­ten. In ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on han­delt die Be­klag­te je­den­falls nicht willkürlich oder rechts­miss­bräuch­lich, wenn sie die Vor­la­ge ei­ner ärzt­li­chen Be­schei­ni­gung ab dem ers­ten Krank­heits­tag ver­langt.
2. Die Rechtmäßig­keit der An­wei­sung schei­tert auch nicht am Vor­lie­gen ei­ner ge­gen­tei­li­gen be­trieb­li­chen Übung der Be­klag­ten. Für das Be­ste­hen ei­ner sol­chen be­trieb­li­chen Übung fehlt es be­reits an hin­rei­chen­dem Sach­vor­trag der Kläge­rin.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kläge­rin er­gibt sich ei­ne sol­che Übung nämlich nicht aus der Stel­lung­nah­me des Be­triebs­arz­tes in dem von ihr vor­ge­leg­ten E-Mail-Schrift­wech­sel. Dort hat der Be­triebs­arzt N le­dig­lich erklärt, dass „das In­stru­ment im­mer dann ein­ge­setzt wer­de, wenn deut­li­che Un­ter-Drei­ta­ges­fehl­zei­ten auf­träten, al­so z.B. bei ei­nem Feh­len je­de zwei­te Wo­che, im­mer mon­tags, im­mer frei­tags, im­mer an Brück­en­ta­gen, im­mer zu be­stimm­ten dis­po­nier­ten Diens­ten oder sons­ti­gen dis­po­nier­ten Ter­mi­nen so­wie bei Sucht­kran­ken“. Gleich­zei­tig hat er aber dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­se Aufzählung nicht vollzählig sei, er kei­ne In­for­ma­tio­nen über die An­zahl der Mit­ar­bei­ter ha­be, die ei­ne Auf­for­de­rung der Be­klag­ten nach § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG er­hal­ten hätten und er über die ar­beits­recht­li­che Sei­te kei­ne Aus­kunft ge­ben könne. Be­trach­tet man die­se Erklärung in ih­rer Ge­samt­heit und un­ter Berück­sich­ti­gung der wei­te­ren Umstände, so ist die­se für die Dar­le­gung ei­ner be­trieb­li­chen Übung da­hin, dass die Be­klag­te im­mer nur in den vom Be­triebs­arzt bei­spiel­haft ge­nann­ten Fällen von ih­rem Recht nach § 5 Abs. 1 Satz 3 EFZG Ge­brauch ma­che, of­fen­sicht­lich un­er­gie­big und un­zu­rei­chend. Hierfür hätte es viel­mehr kon­kre­ten Vor­trags der Kläge­rin be­durft, wie vie­le Ar­beit­neh­mer in der Ver­gan­gen­heit auf­grund wel­cher Umstände von der Be­klag­ten auf­ge­for­dert wur­den, ab dem ers­ten Krank­heits­tag ei­ne ärzt­li­che Be­schei­ni­gung vor­zu­le­gen. Hier­zu fehlt aber jeg­li­cher Vor­trag.
III. Als un­ter­lie­gen­de Par­tei ist die Kläge­rin gemäß §§ 64 Abs. 6 ArbGG, 97 Abs. 1 ZPO ver­pflich­tet, die Kos­ten der Be­ru­fung zu tra­gen.
Die Re­vi­si­ons­zu­las­sung be­ruht auf § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG.