Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/zustimmungserfordernis-des-betriebsrats-zur-kuendigung-310328
Timestamp: 2020-08-10 12:49:25
Document Index: 359237583

Matched Legal Cases: ['§ 102', '§ 1', '§ 3', '§ 102', '§ 102', '§ 102', 'Art. 9', '§ 9', '§ 9', '§ 99', '§ 95', '§ 1']

Zustimmungserfordernis des Betriebsrats zur Kündigung | Rechtslupe
Für eine ein­zel­ver­trag­li­che Erwei­te­rung des dem Betriebs­rat nach dem Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz vor Aus­spruch von Kün­di­gun­gen zuste­hen­den Betei­li­gungs­rechts fehlt es nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts an der erfor­der­li­chen gesetz­li­chen Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge.
Die Vor­schrif­ten des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes, die dem Betriebs­rat Mit­wir­kungs­rech­te ein­räu­men, sind Orga­ni­sa­ti­ons­nor­men, die in einem aus­dif­fe­ren­zier­ten Sys­tem die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Betriebs­rats grund­sätz­lich abschlie­ßend regeln. Ein­grif­fe in die­ses Sys­tem bedür­fen daher einer gesetz­li­chen Grund­la­ge. Dar­an fehlt es für ein­zel­ver­trag­li­che Erwei­te­run­gen des dem Betriebs­rat vor Aus­spruch von Kün­di­gun­gen zuste­hen­den Betei­li­gungs­rechts [1].
§ 102 Abs. 6 BetrVG eröff­net ledig­lich den Betriebs­part­nern die Mög­lich­keit, durch Betriebs­ver­ein­ba­rung fest­zu­le­gen, dass Kün­di­gun­gen der Zustim­mung des Betriebs­rats bedür­fen und dass bei Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die Berech­ti­gung der Nicht­er­tei­lung der Zustim­mung die Eini­gungs­stel­le ent­schei­det. Soweit nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts das Erfor­der­nis der Zustim­mung des Betriebs­rats zur Kün­di­gung auch in einem Tarif­ver­trag ver­ein­bart wer­den kann, fin­det sich die Rechts­grund­la­ge für einen sol­chen Ein­griff der Tarif­ver­trags­par­tei­en in die Betriebs­ver­fas­sung in § 1 Abs. 1, § 3 Abs. 2 TVG [2].
Es folgt aus dem ein­sei­tig zwin­gen­den Cha­rak­ter der Mit­be­stim­mungs­re­ge­lun­gen des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes [3] nicht, dass eine Erwei­te­rung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Betriebs­rats durch Arbeits­ver­trag mög­lich sein müs­se. Die Arbeits­ver­trags­par­tei­en sind recht­lich nicht befugt, das Ver­hält­nis der Betriebs­part­ner unter­ein­an­der zu regeln, unab­hän­gig davon, ob die Mit­be­stim­mungs­rech­te des Betriebs­rats beschränkt oder erwei­tert wer­den sol­len. Eine der­ar­ti­ge Befug­nis wider­sprä­che dem Sys­tem der Betriebs­ver­fas­sung, die im All­ge­mei­nen bipo­lar auf Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat bezo­gen ist [4]. Ein­zel­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­run­gen über die Erwei­te­rung der Mit­be­stim­mungs­rech­te des Betriebs­rats kön­nen zu einer unter­schied­li­chen Mit­be­stim­mungs­in­ten­si­tät in Bezug auf ver­schie­de­ne Arbeit­neh­mer oder Arbeit­neh­mer­grup­pen füh­ren. Der Betriebs­rat hat jedoch neben den Inter­es­sen des ein­zel­nen Arbeit­neh­mers auch die Inter­es­sen der gesam­ten Beleg­schaft zu ver­tre­ten [5]. Dies wäre ihm erschwert, wenn die Mit­be­stim­mungs­rech­te von den Arbeits­ver­trags­par­tei­en auf ein­zel­ne Arbeit­neh­mer zuge­schnit­ten wer­den könn­ten. § 102 Abs. 6 BetrVG will ledig­lich die Pra­xis der Betriebs­part­ner gesetz­lich bil­li­gen, dem Betriebs­rat durch frei­wil­li­ge Betriebs­ver­ein­ba­run­gen ein vol­les Mit­be­stim­mungs­recht bei Kün­di­gun­gen ein­zu­räu­men [6]. Dass auch ein­zel­ne Arbeit­neh­mer Ein­fluss auf das recht­li­che Ver­hält­nis der Betriebs­part­ner zuein­an­der neh­men kön­nen sol­len, ergibt sich dar­aus gera­de nicht.
Etwas ande­res folgt auch nicht dar­aus, dass die Arbeits­ver­trags­par­tei­en zu Guns­ten des Arbeit­neh­mers von den Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes abwei­chen kön­nen [7]. Der­ar­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen wir­ken allein im Ver­hält­nis zwi­schen den Ver­trags­par­tei­en auf indi­vi­du­al-ver­trag­li­cher Ebe­ne. Ein­zel­ver­trag­li­che Erwei­te­run­gen der Betei­li­gungs­rech­te des Betriebs­rats sol­len ihre Wir­kung dage­gen auf kol­lek­tiv-recht­li­cher Ebe­ne ent­fal­ten. Sie sol­len den indi­vi­du­el­len Kün­di­gungs­schutz auf der kol­lek­ti­ven Ebe­ne ver­fah­rens­mä­ßig absi­chern, indem sie die Betei­li­gungs­rech­te des Betriebs­rats über § 102 BetrVG hin­aus durch eine zusätz­li­che ver­fah­rens­mä­ßi­ge Hür­de ver­stär­ken [8]. Sol­che ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen wider­spre­chen dem Sys­tem des Betriebs­ver­fas­sungs­rechts.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 23. April 2009 – 6 AZR 263/​08
LAG Hamm 27. Okto­ber 1975 – 5 Sa 755/​75 – ARST 1978, 127; KR/​Etzel 8. Aufl. § 102 BetrVG Rn. 243a; Rieb­le AuR 1993, 39, 40; offen­ge­las­sen von BAG 14. Febru­ar 1978 – 1 AZR 76/​76 – BAGE 30, 50, 57 sowie Kon­zen Gemein­sa­me Anmer­kung zu BAG AP GG Art. 9 Arbeits­kampf Nr. 57 – 59 zu I; vgl. all­ge­mein zur rechts­ge­schäft­li­chen Begrün­dung eines Zustim­mungs­er­for­der­nis­ses für Kün­di­gun­gen auch BAG 10. Novem­ber 1994 – 2 AZR 207/​94 – zu II 1 der Grün­de, AP KSchG 1969 § 9 Nr. 24 = EzA KSchG § 9 nF Nr. 43[↩]
BAG 10. Febru­ar 1988 – 1 ABR 70/​86 – BAGE 57, 317, 323 ff.; 21. Juni 2000 – 4 AZR 379/​99 – BAGE 95, 124, 129[↩]
vgl. BAG 10. Febru­ar 1988 – 1 ABR 70/​86 – BAGE 57, 317, 325[↩]
Richar­di in Richardi,Betriebsverfassungsgesetz 11. Aufl. Einl. Rn. 87[↩]
vgl. BAG 17. Juni 2008 – 1 ABR 38/​07 – Rn. 29, AP BetrVG 1972 § 99 Ver­set­zung Nr. 47 = EzA BetrVG 2001 § 95 Nr. 8[↩]
Ent­wurf eines Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes vom 29. Janu­ar 1971 BT-Drucks. VI 1786 S. 52[↩]
vgl. nur v. Hoy­nin­gen-Hue­n­e/­Linck KSchG 14. Aufl. § 1 Rn. 11[↩]
vgl. zu einer ent­spre­chen­den tarif­ver­trag­li­chen Rege­lung BAG 21. Juni 2000 – 4 AZR 379/​99 – BAGE 95, 124[↩]
1%-RegelungBetriebsratKündigungLebensversicherungMitbestimmungRVG