Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/lohnsteuer/ablehnung-der-aenderung-der-lohnsteuerklasse-und-vorlaeufiger-rechtschutz-351319
Timestamp: 2020-01-25 16:41:10
Document Index: 95093674

Matched Legal Cases: ['§ 69', '§ 114', '§ 69', '§ 114', '§ 38', '§ 52', '§ 69', '§ 46', '§ 46', '§ 41', '§ 39', '§ 39', '§ 39', '§ 39', '§ 39', '§ 39', '§ 39', '§ 69', '§ 69']

Ableh­nung der Ände­rung der Lohn­steu­er­klas­se und vor­läu­fi­ger Recht­schutz | Rechtslupe
Ableh­nung der Ände­rung der Lohn­steu­er­klas­se und vor­läu­fi­ger Recht­schutz
Im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren ist vor­läu­fi­ger Rechts­schutz ent­we­der durch die Aus­set­zung oder Auf­he­bung der Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes nach § 69 FGO oder durch eine einst­wei­li­ge Anord­nung nach § 114 FGO zu gewäh­ren. Die Abgren­zung der bei­den Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten rich­tet sich danach, wel­che Kla­ge in einem Haupt­sa­che­ver­fah­ren zu erhe­ben wäre. Ist die zutref­fen­de Kla­ge­art die Anfech­tungs­kla­ge, wird vor­läu­fi­ger Rechts­schutz durch die Aus­set­zung oder Auf­he­bung der Voll­zie­hung gewährt (§ 69 FGO), bei Ver­pflich­tungs­kla­gen ist grund­sätz­lich eine einst­wei­li­ge Anord­nung (§ 114 FGO) zu bean­tra­gen 1.
Vor­lie­gend begehrt der Antrag­stel­ler die Ände­rung der für ihn auf sei­ner Lohn­steu­er­kar­te ein­ge­tra­ge­nen Steu­er­klas­se I in die Steu­er­klas­se III. Aus sei­ner Sicht ist die Ein­tra­gung der Steu­er­klas­se I feh­ler­haft, weil er als ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner –ent­ge­gen § 38b Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Buchst. a EStG– nicht ledig sei. Statt­haf­te Kla­ge­art ist nach herr­schen­der Mei­nung die Anfech­tungs­kla­ge 2.
Dem­entspre­chend ist vor­läu­fi­ger Rechts­schutz grund­sätz­lich im Wege der AdV zu gewäh­ren. Ins­be­son­de­re ist die Lohn­steu­er­kar­te –bzw. eine bis zur erst­ma­li­gen Anwen­dung der elek­tro­ni­schen Lohn­steu­er­ab­zugs­merk­ma­le (ELS­tAM) aus­ge­stell­te Beschei­ni­gung für den Lohn­steu­er­ab­zug (§ 52b Abs. 3 EStG)– ein voll­zieh­ba­rer Ver­wal­tungs­akt, da die auf ihr vor­ge­nom­me­nen Ein­tra­gun­gen die Grund­la­ge für den Lohn­steu­er­ab­zug bil­den. Durch den vor­läu­fi­gen Rechts­schutz im Wege der AdV wird des­halb ein –mög­li­cher­wei­se– über­höh­ter Lohn­steu­er­ab­zug unter­bun­den 3.
Durch die Ent­schei­dung im Ver­fah­ren des vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes darf das Ergeb­nis des schwe­ben­den Ver­fah­rens in der Haupt­sa­che nicht vor­weg­ge­nom­men wer­den, d.h. es dür­fen kei­ne voll­ende­ten Tat­sa­chen geschaf­fen wer­den 4. Soweit es um die Ein­tra­gung von Frei­be­trä­gen auf der Lohn­steu­er­kar­te geht, ist die Recht­spre­chung bis­lang der Auf­fas­sung, durch eine nur vor­läu­fi­ge Ein­tra­gung wer­de kei­ne Ent­schei­dung in der Sache selbst getrof­fen 5 und das Ergeb­nis der Haupt­sa­che des­halb recht­lich nicht vor­weg­ge­nom­men 6.
Der Bun­des­fi­nanz­hof lässt dahin­ste­hen, ob es allein durch die nur vor­läu­fi­ge Ein­tra­gung –vor­lie­gend einer güns­ti­ge­ren Lohn­steu­er­klas­se– nicht zur Vor­weg­nah­me der Haupt­sa­che kom­men kann 7. Inso­weit bestehen des­halb Beden­ken, weil eine Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che im Sin­ne einer "end­gül­tig" geän­der­ten Ein­tra­gung in einem Lohn­steu­er­ermä­ßi­gungs­ver­fah­ren regel­mä­ßig nicht getrof­fen wird. Da eine Ände­rung des Lohn­steu­er­ab­zugs nach der Über­mitt­lung oder Aus­schrei­bung der Lohn­steu­er­be­schei­ni­gung für den im März des Fol­ge­jah­res enden­den Lohn­zah­lungs­zeit­raum nicht mehr zuläs­sig ist, kann ein etwai­ger –z.B. durch eine unzu­tref­fen­de vor­läu­fi­ge Ein­tra­gung aus­ge­lös­ter– Feh­ler in die­sem Ver­fah­ren dann nicht mehr berich­tigt wer­den 8. Dem­entspre­chend tritt in der Haupt­sa­che regel­mä­ßig eine Erle­di­gung ein und es kommt allen­falls zur Fest­stel­lung, ob die Ableh­nung der begehr­ten Ein­tra­gung recht­mä­ßig oder rechts­wid­rig war 9.
Aus Grün­den der Effek­ti­vi­tät des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes erach­tet der Bun­des­fi­nanz­hof in den strei­ti­gen Fäl­len der Steu­er­klas­sen­ein­tei­lung von ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern eine vor­läu­fi­ge Ein­tra­gung im Wege der AdV gleich­wohl grund­sätz­lich für gebo­ten. Ins­be­son­de­re wird eine AdV erst des Ein­kom­men­steu­er­be­scheids oft­mals an der gesetz­li­chen Vor­schrift des § 69 Abs. 3 Satz 4 i.V.m. Abs. 2 Satz 8 FGO schei­tern 10. Danach sind die Aus­set­zung und die Auf­he­bung der Voll­zie­hung grund­sätz­lich auf die fest­ge­setz­te Steu­er, ver­min­dert um die anzu­rech­nen­den Steu­er­ab­zugs­be­trä­ge, um die anzu­rech­nen­de Kör­per­schaft­steu­er und um die fest­ge­setz­ten Vor­aus­zah­lun­gen beschränkt, wenn die AdV nicht aus­nahms­wei­se zur Abwen­dung wesent­li­cher Nach­tei­le gebo­ten erscheint.
Es ist auch nicht zu befürch­ten, dass der mit einer "vor­läu­fi­gen" Ein­tra­gung der Steu­er­klas­se III erlang­te Vor­teil im Fal­le einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu Las­ten von ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern end­gül­tig nicht mehr kor­ri­giert wer­den könn­te. Denn kommt es nicht zu einer Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung, weil kein Fall des § 46 Abs. 2 Nr. 1 bis 7 EStG vor­liegt und auch kein Antrag auf Ver­an­la­gung gemäß § 46 Abs. 2 Nr. 8 EStG gestellt wird, wäre die zu wenig ein­be­hal­te­ne Lohn­steu­er von der Finanz­be­hör­de vom Arbeit­neh­mer nach­zu­for­dern (§ 41c Abs. 3 Satz 1 i.V.m. Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 und Abs. 4 Satz 2 EStG) 11.
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. Dezem­ber 2012 – III B 89/​12
stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschluss vom 23.04.2012 – III B 183/​11, BFH/​NV 2012, 1173, m.w.N.[↩]
Blümich/​Thürmer, § 39 EStG Rz 22; Fis­se­ne­wert in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 39 EStG Rz 5; Schmidt/​Krüger, EStG, 31. Aufl., § 39 Rz 10; Frot­scher in Frot­scher, EStG, Frei­burg 2011, § 39 Rz 28; Bar­ein in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, Kom­men­tar, § 39 Rz 58; Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG, § 39 Rz A 39; Büche­le, Deut­sches Steu­er­recht 1983, 435; a.A. noch BFH, Beschluss vom 21.01.1983 – VI B 98/​82; FG Düs­sel­dorf, Urtei­le vom 27.10.2011 – 14 K 1890/​11 E, EFG 2012, 746; und 14 K 2269/​11 L, EFG 2012, 1401[↩]
vgl. hier­zu Trz­as­ka­lik, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, a.a.O., § 39 Rz A 39 und A 43[↩]
Bir­ken­feld in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler –HHSp – , § 69 FGO Rz 354[↩]
BFH, Beschluss vom 08.12.1972 – VI B 39/​72, BFHE 107, 492, BSt­Bl II 1973, 245[↩]
BFH, Beschlüs­se vom 24.02.1987 – IX B 106/​86, BFHE 148, 533, BSt­Bl II 1987, 344; vom 29.04.1992 – VI B 152/​91, BFHE 167, 152, BSt­Bl II 1992, 752[↩]
eine sol­che Vor­weg­nah­me der Haupt­sa­che beja­hend Bir­ken­feld in HHSp, § 69 FGO Rz 357[↩]
vgl. hier­zu z.B. BFH, Beschluss vom 25.05.2012 – III B 166/​11, BFH/​NV 2012, 1605[↩]
hier­zu z.B. BFH, Beschluss vom 02.11.2000 – X R 156/​97, BFH/​NV 2001, 476[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se in BFH/​NV 2012, 1173; und vom 23.04.2012 – III B 187/​11, BFH/​NV 2012, 1328[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 24.09.1982 – VI R 64/​79, BFHE 136, 484, BSt­Bl II 1983, 60[↩]
AdVLohnsteuerklassevorläufiger Rechtsschutz