Source: https://www.proasyl.de/news/paukenschlag-aus-strassburg-egmr-macht-rueckzieher-beim-schutz-von-menschenrechten-an-der-grenze/
Timestamp: 2020-06-04 02:16:38
Document Index: 5782219

Matched Legal Cases: ['EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR']

Paukenschlag aus Straßburg: EGMR macht Rückzieher beim Schutz von Menschenrechten an der Grenze | PRO ASYL
Während die einen golfen, versuchen andere verzweifelt über den Grenzzaun in die spanische Exklave Melilla zu gelangen. Foto: José Palazon
Präzedenzurteil des EGMR
Spa­ni­ens Abschie­be­pra­xis an den Außen­gren­zen ver­letzt Men­schen­rech­te
Die Ein­schät­zun­gen zum am 13. Febru­ar 2020 ergan­ge­nen Urteil der Gro­ßen Kam­mer des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) in dem Fall N.D. und N.T gegen Spa­ni­en sind ein­deu­tig: Das Urteil sei »welt­fremd und geht an der har­ten Rea­li­tät vor­bei, der Flücht­lin­ge aus­ge­setzt sind« (SZ vom 13.02.2020). Die Orga­ni­sa­ti­on ECCHR, die u.a. die Klä­ger vor dem EGMR ver­tre­ten haben, befürch­ten sogar: »Ande­re Län­der wer­den die­se Ent­schei­dung als Blan­ko­scheck für bru­ta­le Push-Backs ver­ste­hen«.
Der Fall: Direkte Abschiebung nach Marokko
Ein­stim­mig hat­ten die Richter*innen der Gro­ßen Kam­mer in N.D. und N.T. ent­schie­den, die Kla­ge der zwei Män­ner aus Mali bzw. der Elfen­bein­küs­te abzu­wei­sen. Sie hat­ten im August 2014 mit über 70 wei­te­ren Per­so­nen ver­sucht, über die Grenz­zäu­ne von Marok­ko nach Melil­la auf spa­ni­schen Boden zu gelan­gen. Nach­dem sie über die Zäu­ne geklet­tert waren, wur­den sie beim Hin­un­ter­klet­tern umge­hend von der spa­ni­schen Guar­dia Civil fest­ge­nom­men – um sie sofort ohne jeg­li­che Prü­fung wie­der nach Marok­ko zurück­zu­schie­ben. Dort war­te­ten schon die marok­ka­ni­schen Sicher­heits­kräf­te, die die Schutz­su­chen­den ins Lan­des­in­ne­re ver­brach­ten. Die­ser soge­nann­te »Push-Back« ist auch durch Video­ma­te­ri­al ver­schie­de­ner Journalist*innen und Zeug*innen belegt.
Die Kammer-Entscheidung von 2017: Klarer Verstoß gegen das Verbot der Kollektivausweisung
Am 3. Okto­ber 2017 hat der EGMR zum ers­ten Mal in dem Fall ent­schie­den. Die Kam­mer, in der sie­ben Richter*innen ent­schei­den, gab den Klä­gern auf gan­zer Linie Recht. Der Gerichts­hof stell­te sowohl einen Ver­stoß gegen das Ver­bot der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung (Arti­kel 4 des Vier­ten Zusatz­pro­to­kolls der EMRK) als auch gegen das Recht auf wirk­sa­me Beschwer­de (Arti­kel 13 EMRK) fest. Denn zu kei­ner Zeit hat­ten die Betrof­fe­nen über­haupt die Mög­lich­keit, ein Ver­fah­ren ein­zu­lei­ten oder Rechts­schutz in Anspruch zu neh­men. Es wur­de nicht ein­mal ihre Iden­ti­tät geprüft, es konn­ten kei­ner­lei per­sön­li­chen Umstän­de vor­ge­bracht wer­den. Die lang­jäh­ri­ge Abschie­be­pra­xis der spa­ni­schen Behör­den wur­de damit vom EGMR als rechts­wid­rig beur­teilt.
Die »Push-Backs« von Melil­la sowie der wei­te­ren Enkla­ve Ceu­ta nach Marok­ko wur­den von Spa­ni­en der­weil sowohl 2018 als auch 2019 wei­ter fort­ge­setzt
Spa­ni­en ging gegen das Urteil in Beru­fung. Des­we­gen muss­te jetzt die Gro­ße Kam­mer des EGMR, bestehend aus 17 Richter*innen, erneut über den Fall ent­schei­den.
Die »Push-Backs« von Melil­la sowie der wei­te­ren Enkla­ve Ceu­ta nach Marok­ko wur­den von Spa­ni­en der­weil sowohl 2018 als auch 2019 wei­ter fort­ge­setzt.
Abschiebungen im Niemandsland
EGMR-Ver­fah­ren zum span. Grenz­zaun
Verbot der Kollektivausweisung – eigentlich eine klare Sache
Die Gro­ße Kam­mer beginnt in ihrer Begrün­dung zunächst mit eini­gen grund­sätz­li­chen Aus­füh­run­gen zum Ver­bot der Kol­lek­tiv­aus­wei­sun­gen und inwie­fern die­ses an der Land­gren­ze anwend­bar ist – denn die Fäl­le in denen bis­lang die Ver­let­zung die­ses Ver­bo­tes fest­ge­stellt wur­de, spiel­ten sich z. B. auf hoher See ab. Der EGMR legt prin­zi­pi­ell recht­li­che Begrif­fe »auto­nom« aus, also unab­hän­gig von der Bedeu­tung in den ver­schie­de­nen natio­na­len Rechts­ord­nun­gen.
Eine Ausweisung/Abschiebung ist »kol­lek­tiv«, wenn meh­re­re Men­schen als Grup­pe abge­scho­ben wer­den und es kei­ne indi­vi­du­el­le Prü­fung gab
Den Begriff der Ausweisung/Abschiebung (auf Eng­lisch »expul­si­on«) inter­pre­tie­ren die Richter*innen als jedes unfrei­wil­li­ge außer Lan­des Schaf­fen einer Per­son, unab­hän­gig davon, ob die Per­son sich recht­mä­ßig in dem Land auf­ge­hal­ten hat, ob sie ille­gal oder legal ein­ge­reist ist, ob die Per­son als Migrant*in oder als asyl­su­chend gilt und wie sie sich an der Gren­ze ver­hal­ten hat (Rn. 185). Eine Ausweisung/Abschiebung ist »kol­lek­tiv«, wenn meh­re­re Men­schen als Grup­pe abge­scho­ben wer­den und es kei­ne indi­vi­du­el­le Prü­fung gab, im Rah­men derer sie Grün­de vor­brin­gen konn­ten, die gegen ihre Abschie­bung spre­chen (Rn. 193).
Wären die Richter*innen allein bei die­ser bereits eta­blier­ten Recht­spre­chungs­li­nie geblie­ben, sie hät­ten – wie bereits die Richter*innen in der Kam­mer im Jahr 2017 – einen Ver­stoß des Ver­bots der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung fest­stel­len müs­sen. Denn die Klä­ger wur­den ohne jedes Ver­fah­ren direkt abge­scho­ben.
Freiwillige Entscheidung zur illegalen Einreise?!
Statt­des­sen prü­fen die Richter*innen, ob in Fäl­len, bei denen eine Grup­pe von Men­schen gleich­zei­tig ver­sucht eine Gren­ze zu über­que­ren und damit eine chao­ti­sche Situa­ti­on erzeugt, die schwie­rig zu kon­trol­lie­ren ist und die eine Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit dar­stellt, nicht die betrof­fe­ne Per­son selbst an der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung Schuld sei. Dafür ent­wi­ckel­ten sie fol­gen­den Test (Rn. 201):
Hat der Staat tat­säch­li­che und effek­ti­ve Mög­lich­kei­ten eines lega­len Zugangs ermög­licht, z.B. mit einem Grenz­ver­fah­ren?
Gab es zwin­gen­de Grün­de dafür, war­um die betrof­fe­ne Per­son die­se Zugangs­we­ge nicht genutzt hat und war dafür der Staat ver­ant­wort­lich?
Dass es für die Klä­ger auf­grund von »racial pro­filing« durch die marok­ka­ni­sche Poli­zei nicht mög­lich gewe­sen wäre, so nah an die Gren­ze zu kom­men, wischen die Richter*innen mit dem Argu­ment bei­sei­te, dass Spa­ni­ens Ver­ant­wor­tung dafür nicht belegt wur­de
Zahl­rei­che Berich­te, u.a. vom UNHCR und dem Men­schen­rechts­kom­mis­sar des Euro­pa­ra­tes, bezeug­ten in dem Ver­fah­ren, dass es einen sol­chen tat­säch­li­chen Zugang für Men­schen aus Sub-Saha­ra Afri­ka nicht gab. Doch den Richter*innen reicht, dass es eine gesetz­li­che Grund­la­ge für Bot­schafts­ver­fah­ren gab und dass es zum Zeit­punkt des Vor­falls ver­ein­zel­te Fäl­le von Asyl­an­trä­gen an dem frag­li­chen Grenz­über­gang gab. Dass es für die Klä­ger auf­grund von »racial pro­filing« durch die marok­ka­ni­sche Poli­zei nicht mög­lich gewe­sen wäre, so nah an die Gren­ze zu kom­men, wischen die Richter*innen mit dem Argu­ment bei­sei­te, dass nicht belegt wur­de, dass dies Spa­ni­ens Ver­ant­wor­tung sei.
Ceuta, Melilla, Ungarn
Tran­sit­zo­nen an den Gren­zen in der Pra­xis
Auf­grund die­ser Ver­ken­nung der Rea­li­tät an der Gren­ze kom­men die Richter*innen dann zum fol­gen­den Schluss: die Klä­ger hät­ten sich selbst in Gefahr gebracht in dem sie ver­sucht hat­ten, über den Grenz­zaun nach Spa­ni­en zu gelan­gen, anstatt einen der angeb­lich zur Ver­fü­gung ste­hen­den lega­len Ein­rei­se­we­ge zu nut­zen. Des­we­gen sei es auch ihre Schuld, dass es kei­ne indi­vi­du­el­le Prü­fung in ihren Fäl­len gege­ben hät­te (Rn. 231).
Der Kampf um die Menschenrechte geht weiter
Die Ent­schei­dung der Gro­ßen Kam­mer des EGMR in N.D und N.T ist ohne Fra­ge eine gro­ße Ent­täu­schung und ein Rück­schritt in der bis­lang meist pro­gres­si­ven Rol­le des Gerichts­hofs bei der Fra­ge des Schut­zes von Men­schen­rech­ten an der Außen­gren­ze.
Bei der Ver­ein­bar­keit mit dem inter­na­tio­na­len Recht zählt nicht nur das Ver­bot der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung nach der EMRK, son­dern auch das Ver­bot der Fol­ter, wel­ches neben der EMRK auch in ande­ren inter­na­tio­na­len Ver­trä­gen ver­brieft ist
Das lenkt zum einen den Blick auf ande­re Men­schen­rechts­in­sti­tu­tio­nen: Der UN-Kin­der­rech­teaus­schuss hat­te in einem ähn­lich gela­ger­ten Fall eines unbe­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen aus Mali im Febru­ar 2019 die­se Form der direk­ten Abschie­bung von Melil­la nach Marok­ko ver­ur­teilt, u.a. als Ver­stoß gegen das auch in der Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on ent­hal­te­ne Ver­bot der Fol­ter. In Spa­ni­en haben Ent­schei­dun­gen der UN-Men­schen­rechts­aus­schüs­se bin­den­de Wir­kung. Ent­spre­chend soll­te auch das spa­ni­sche Ver­fas­sungs­ge­richt die­se Ent­schei­dung im Rah­men eines lau­fen­den Ver­fah­rens zu der spa­ni­schen Geset­zes­vor­schrift, die die »Push-Backs« ver­meint­lich erlaubt, berück­sich­ti­gen. Das Ver­fah­ren wur­de bis zur EGMR-Ent­schei­dung aus­ge­setzt, doch zählt bei der Ver­ein­bar­keit mit dem inter­na­tio­na­len Recht nicht nur das Ver­bot der Kol­lek­tiv­aus­wei­sung nach der EMRK, son­dern auch das Ver­bot der Fol­ter, wel­ches neben der EMRK auch in ande­ren inter­na­tio­na­len Ver­trä­gen ver­brieft ist. Viel­leicht wer­den die »Push-Backs« nach Marok­ko also bald doch noch recht­lich gestoppt.
Zum ande­ren aber darf auch der Weg nach Straß­burg nicht auf­ge­ge­ben wer­den: Das letz­te Wort zu »Push-Backs« an euro­päi­schen Gren­zen ist noch lan­ge nicht gespro­chen. Der Kampf für die Ach­tung der Men­schen­rech­te aller Men­schen geht wei­ter.