Source: https://www.haufe.de/steuern/rechtsprechung/EuGH-Vorlage-zu-den-Anforderungen-an-eine-zum-Vorsteuerabzug-berechtigende-Rechnung_166_365824.html?ecmId=19328&ecmUid=3759124&chorid=00511434&newsletter=news%252FPortal-Newsletter%252FSteuern%252F53%252F00511434%252F2016-07-11%252FTop-News-EuGH-Vorlage-zu-den-Anforderungen-an-eine-zum-Vorsteuerabzug-berechtigende-Rechnung
Timestamp: 2019-03-25 16:58:17
Document Index: 313152603

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 267', 'Art. 126']

Anforderungen an eine zum Vorsteuerabzug berechtigende Rechnung | Steuern | Haufe
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany Genügt in der Anschrift der Briefkastensitz?
K betreibt einen Kfz-Handel. In den Streitjahren (2009 - 2011) kaufte er Fahrzeuge von Z. Z hatte in 2006 sein Unternehmen nach R (Inland) verlegt und dort Räumlichkeiten angemietet. Ob es sich dabei um einen Raum oder nur um den Teil eines Raumes handelte, ist streitig. Unstreitig unterhielt Z dort jedenfalls kein Autohaus, sondern nur ein Büro, von dem aus er seine Fahrzeuge im Onlinehandel vertrieb. Die Fahrzeuge wurden K z.T. an öffentlichen Plätzen übergeben. In dem Büro kam lediglich die Post an, wurde dort sortiert und bearbeitet. Dort wurden auch die Akten geführt. Am Gebäude befand sich lediglich ein Firmenschild.
Der BFH hegt jedoch Zweifel, ob diese Auslegung des nationalen Rechts mit der Rechtsprechung des EuGH übereinstimmt. Der EuGH hat in einem Fall das Vorliegen der formellen Rechnungsvoraussetzungen bejaht, obwohl an der im Handelsregister (und wohl auch in der Rechnung) als Gesellschaftssitz bezeichneten Anschrift eine wirtschaftliche Tätigkeit gar nicht möglich war (EuGH, Urteil v. 22.10.2015, C-277/14, "PPUH Stehcemp"). Daraus lässt sich möglicherweise folgern, dass es für den Vorsteuerabzug nicht auf das Vorliegen aller formellen Rechnungsvoraussetzungen ankommt oder zumindest keine Anschrift vorausgesetzt wird, unter der wirtschaftliche Tätigkeiten entfaltet werden.
Der BFH hat auch Zweifel daran, ob die Anforderungen, die er nach nationalem Recht an die Gewährung des Vorsteuerabzugs aus Vertrauensschutzgründen stellt, mit der Auffassung des EuGH in Einklang stehen. Denn aus dem Urteil "PPUH Stehcemp" lässt sich möglicherweise ableiten, dass der Vorsteuerabzug aus Vertrauensschutzgesichtspunkten bereits dann zu gewähren ist, wenn der Unternehmer weder wusste noch wissen konnte, dass der betreffende Umsatz in eine vom Lieferer begangene Steuerhinterziehung einbezogen war oder dass bei einem vorausgehenden oder nachfolgenden Umsatz Mehrwertsteuer hinterzogen wurde. Der BFH geht dagegen - enger - davon aus, dass der Unternehmer gutgläubig gewesen sein muss und außerstande war, das Fehlen der formellen Rechnungsanforderungen zu erkennen (BFH, Urteil v. 8.10.2008, V R 63/07, BFH/NV 2009 S. 1473).
Die EuGH-Vorlage lässt die Tendenz in eine großzügigere Richtung erkennen. Das ergibt sich wohl auch aus der weiteren EuGH-Vorlage in einem Parallelfall (BFH, Beschluss v. 6.4.2016, XI R 20/14). Denn der XI. Senat führt dort aus, es sei möglicherweise nicht entscheidend, ob unter der angegebenen Adresse eine wirtschaftliche Tätigkeit ausgeübt wird. Im Übrigen reicht es - für den Leistungsempfänger - aus, wenn in der Rechnung das Postfach oder die Großkundenadresse angegeben wird (Abschn. 14.5 Abs. 2 Satz 3 UStAE). Die Vorlagepflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV trifft den BFH bereits dann, wenn er die Anwendung der Unionsrechtsnorm (Art. 126 Nr. 5 MwStSystRL, betr. Rechnungsangaben) als zweifelhaft ansieht. Er muss nicht von der Europarechtswidrigkeit überzeugt sein.
Was ist eigentlich unter der wirtschaftlichen Tätigkeit eines online-Autohändlers zu verstehen? Dazu genügt ein Briefkasten, ein Handy und eine Parkbank. Ist es nun sinnvoll, statt des Briefkastens "Schlossgarten diverse Rastplätze" anzugeben?
Mon Jul 11 16:18:38 CEST 2016Mon Jul 11 16:18:38 CEST 2016