Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/grenzbetrag-fuer-die-bewilligung-von-kindergeld-320906
Timestamp: 2020-01-22 17:42:38
Document Index: 290497628

Matched Legal Cases: ['§ 32', 'Art. 3', 'Art. 6', 'Art. 6', '§ 32', 'Art. 20', '§ 32', '§ 32']

Grenz­be­trag für die Bewil­li­gung von Kin­der­geld | Rechtslupe
Grenz­be­trag für die Bewil­li­gung von Kin­der­geld
Die Rege­lung eines Grenz­be­tra­ges für das Ein­kom­men des Kin­des, bei des­sen Über­schrei­ten kein Kin­der­geld mehr bewil­ligt wird, ist nach einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht ver­fas­sungs­wid­rig.
In der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de bezog der Beschwer­de­füh­rer für sei­nen Sohn, der sich in den Jah­ren 2002 bis 2006 in Berufs­aus­bil­dung befand, Kin­der­geld. Die Fami­li­en­kas­se bewil­lig­te für das Jahr 2005 kein Kin­der­geld, da die Ein­künf­te und Bezü­ge des Soh­nes den maß­geb­li­chen Jah­res­grenz­be­trag in Höhe von 7.680 € um 4,34 € über­schrit­ten. Die dage­gen gerich­te­te Kla­ge des Beschwer­de­füh­rers blieb vor den Finanz­ge­rich­ten ohne Erfolg.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die hier­ge­gen erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Die Karls­ru­her Ver­fas­sungs­rich­ter sahen den Beschwer­de­füh­rer durch die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung sowie die gesetz­li­che Fest­le­gung des Grenz­be­trags in § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG nicht in sei­nen Grund­rech­ten aus Art. 3 Abs. 1 GG und Art. 6 Abs. 1 GG ver­letzt.
Art. 6 Abs. 1 GG gebie­tet, dass bei der Besteue­rung einer Fami­lie das Exis­tenz­mi­ni­mum sämt­li­cher Fami­li­en­mit­glie­der steu­er­frei blei­ben muss 1. Die von Ver­fas­sungs wegen zu berück­sich­ti­gen­den exis­tenz­si­chern­den Auf­wen­dun­gen müs­sen nach dem tat­säch­li­chen Bedarf – rea­li­täts­ge­recht – bemes­sen wer­den 2. Des­sen Unter­gren­ze ist durch die Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen kon­kre­ti­siert, die das im Sozi­al­staat aner­kann­te Exis­tenz­mi­ni­mum gewähr­leis­ten sol­len, ver­brauchs­be­zo­gen ermit­telt und auch regel­mä­ßig den ver­än­der­ten Lebens­ver­hält­nis­sen ange­passt wer­den. Min­des­tens das, was der Gesetz­ge­ber dem Bedürf­ti­gen zur Befrie­di­gung sei­nes exis­tenz­not­wen­di­gen Bedarfs aus öffent­li­chen Mit­teln zur Ver­fü­gung stellt, muss er auch dem Ein­kom­mens­be­zie­her von des­sen Erwerbs­be­zü­gen belas­sen 3.
Daher ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, wenn der Gesetz­ge­ber die Gewäh­rung des Kin­der­frei­be­trags bezie­hungs­wei­se des Kin­der­gelds davon abhän­gig macht, dass das Exis­tenz­mi­ni­mum des Kin­des nicht durch eige­ne Ein­künf­te und Bezü­ge gedeckt ist. Typi­sie­rend darf der Gesetz­ge­ber hier­bei von dem für erwach­se­ne Steu­er­pflich­ti­ge gel­ten­den Grund­frei­be­trag (§ 32a Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 EStG) aus­ge­hen. Zweck des Grund­frei­be­trags ist es, dem Steu­er­pflich­ti­gen das exis­tenz­not­wen­di­ge Ein­kom­men zu belas­sen 4. Der Grund­frei­be­trag liegt im Streit­jahr über den Leis­tun­gen in Form des Kin­der­frei­be­trags bezie­hungs­wei­se des Kin­der­gelds und über den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als nicht evi­dent unzu­rei­chend ange­se­he­nen staat­li­chen Sozi­al­hil­fe­leis­tun­gen 5, so dass das Kin­der­exis­tenz­mi­ni­mum in jedem Fall vor dem steu­er­li­chen Zugriff ver­schont wird. Mehr gebie­tet das Sozi­al­staats­prin­zip (Art. 20 Abs. 1 GG) nicht 6. Ins­be­son­de­re ist es nicht gebo­ten, das Exis­tenz­mi­ni­mum mehr­fach frei­zu­stel­len. Es genügt, wenn der Gesetz­ge­ber bei den betrof­fe­nen Steu­er­pflich­ti­gen das Exis­tenz­mi­ni­mum jeweils ein­mal von der Besteue­rung aus­nimmt. Der Beschwer­de­füh­rer hin­ge­gen erstrebt eine mehr­fa­che Ent­las­tung dadurch, dass neben dem Exis­tenz­mi­ni­mum sei­nes Kin­des durch den Grund­frei­be­trag zusätz­lich noch der Kin­der­frei­be­trag bezie­hungs­wei­se Kin­der­geld gewährt wer­den, obwohl das Kind mit sei­nen Ein­künf­ten selbst in Höhe des Grund­frei­be­trags ver­schont bleibt.
Dage­gen, dass der Gesetz­ge­ber die Grenz­be­trags­re­ge­lung des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG geset­zes­tech­nisch als Frei­gren­ze und nicht als Frei­be­trags­re­ge­lung aus­ge­stal­tet hat, bestehen kei­ne Beden­ken. Dies folgt aus der Typi­sie­rungs- und Pau­scha­lie­rungs­be­fug­nis des Gesetz­ge­bers, denn die­se Rege­lung ver­ein­facht den Voll­zug der betrof­fe­nen Norm durch die Finanz­ver­wal­tung erheb­lich 7. Bei einer glei­ten­den Über­gangs­re­ge­lung durch einen Frei­be­trag ergä­be sich näm­lich ein erheb­li­cher Ver­wal­tungs­mehr­auf­wand, da bei Ein­künf­ten und Bezü­gen des Kin­des über dem Grenz­be­trag jeweils deren genaue Höhe fest­ge­stellt und bei der Berech­nung des ver­blei­ben­den Kin­der­geld­an­spruchs der Eltern mit deren indi­vi­du­el­len Steu­er­satz umge­rech­net wer­den müss­te 8.
Maß­geb­lich kann in ver­fas­sungs­recht­li­cher Hin­sicht allein sein, dass beim Aus­schluss der Gewäh­rung von Kin­der­geld bezie­hungs­wei­se eines Kin­der­frei­be­trags das Exis­tenz­mi­ni­mum des Kin­des hin­rei­chend berück­sich­tigt wur­de 9. Dies ist durch die Rege­lung des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG gewähr­leis­tet. Da der Gesetz­ge­ber die­se von Ver­fas­sungs wegen gebo­te­ne Vor­ga­be beach­tet hat, liegt die Ent­schei­dung für eine Frei­gren­ze oder einen Frei­be­trag zur Ver­mei­dung von Mehr­fach­be­güns­ti­gun­gen in sei­nem Ermes­sen.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 27. Juli 2010 – 2 BvR 2122/​09
vgl. BVerfGE 82, 198, 207; 99, 246, 259 f.[↩]
vgl. BVerfGE 66, 214, 223; 68, 143, 153; 82, 60, 88[↩]
vgl. BVerfGE 87, 153, 171; 91, 93, 111; 99, 246, 260[↩]
BVerfGE 87, 153, 179[↩]
vgl. BVerfG, Urteil vom 09.02.2010 – 1 BvL 1/​09, 1 BvL 3/​09, 1 BvL 4/​09, BGBl I S. 193[↩]
vgl. BVerfGE 99, 246, 259[↩]
vgl. inso­weit auch BVerfG, Beschluss vom 02.08.1990 – 1 BvR 1431/​86[↩]
so zutref­fend BFH, Urteil vom 21.07.2000 – VI R 153/​99, BSt­Bl II 2000, S. 566 = BFHE 192, 316, und nun­mehr stRspr; sie­he aus jüngs­ter Zeit BFH, Beschluss vom 31.07.2009 – III B 178/​07, BFH/​NV 2009, S. 1809[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 02.08.1990 – 1 BvR 1431/​86[↩]