Source: https://www.jusmeum.de/urteil/vg_koeln/0eabcf515fc89a081baadde26ce9689af9a1227701a297ae0f12f796a7accf90
Timestamp: 2018-07-23 09:30:17
Document Index: 231698778

Matched Legal Cases: ['§ 80', '§ 80', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 45', '§ 46', '§ 45']

VG Köln, 19 L 72/09: VG Köln: aufschiebende wirkung, versetzung, personalakte, vollziehung, behandlung, empfehlung, verfügung, rechtswidrigkeit, wahrscheinlichkeit, diagnose
Urteil des VG Köln vom 21.04.2009, 19 L 72/09
19 L 72/09
VG Köln: aufschiebende wirkung, versetzung, personalakte, vollziehung, behandlung, empfehlung, verfügung, rechtswidrigkeit, wahrscheinlichkeit, diagnose
Aufschiebende wirkung, Versetzung, Personalakte, Vollziehung, Behandlung, Empfehlung, Verfügung, Rechtswidrigkeit, Wahrscheinlichkeit, Diagnose
Verwaltungsgericht Köln, 19 L 72/09
Spruchkörper: 19. K
Aktenzeichen: 19 L 72/09
Tenor: 1. Die aufschiebende Wirkung der Klage des Antragstellers vom 19. Januar 2009 (19 K 361/09) gegen die Zurruhesetzungsverfügung der Antragsgegnerin vom 19. Dezember 2008 wird wiederhergestellt.
Die Antragsgegnerin trägt die Kosten des Verfahrens
2. Der Wert des Streitgegenstandes wird auf 7.996,63 Euro festgesetzt.
Gründe Der am 19. Januar 2009 sinngemäß gestellte Antrag, 1
2die aufschiebende Wirkung der Klage des Antragstellers vom 19. Januar 2009 (19 K 361/09) gegen die Zurruhesetzungsverfügung der Stadt Köln vom 19. Dezember 2008 wiederherzustellen,
ist nach § 80 Abs. 5 Satz 1 2. Alt. VwGO zulässig und begründet. 3
4Die im Rahmen des § 80 Abs. 5 VwGO vorzunehmende Abwägung des Interesses des Antragstellers, vorläufig von der Vollziehung der angefochtenen Zurruhesetzungsverfügung verschont zu bleiben, gegenüber dem öffentlichen Interesse an ihrer sofortigen Vollziehung fällt zugunsten des Antragstellers aus. Die mit der Klage 19 K 361/09 angefochtene Zurruhesetzungsverfügung der Antragsgegnerin ist offensichtlich rechtswidrig. Sie leidet an schwerwiegenden materiellen Mängeln und wird daher im Klageverfahren voraussichtlich aufzuheben sein.
5Rechtsgrundlage für die gegenüber dem Antragsteller verfügte Versetzung in den Ruhestand sind §§ 45 ff. des Landesbeamtengesetzes (LBG). Nach § 45 Abs. 1 Satz 1 LBG ist der Beamte auf Lebenszeit in den Ruhestand zu versetzen, wenn er wegen seines körperlichen Zustands oder aus gesundheitlichen Gründen zur Erfüllung seiner Dienstpflicht dauernd unfähig (dienstunfähig) ist. Als dienstunfähig kann der Beamte nach § 45 Abs. 1 Satz 2 LBG auch dann angesehen werden, wenn er infolge Erkrankung innerhalb von sechs Monaten mehr als drei Monate keinen Dienst getan hat und keine Aussicht besteht, dass er innerhalb weiterer sechs Monate wieder voll
dienstfähig wird.
6Offensichtlich rechtswidrig ist die mit der Klage 19 K 361/09 angefochtene Versetzung in den Ruhestand, weil sie ohne auch nur ansatzweise ausreichende Aufklärung der tatsächlichen Voraussetzungen für eine solche Maßnahme ergangen ist. Die Annahme einer dauernden Dienstunfähigkeit darf nur auf hinreichend tragfähiger Grundlage erfolgen. Dies setzt in der Regel eine auf fachkundiger ärztlicher Einschätzung beruhende Vergewisserung über die bestehenden gesundheitlichen Einschränkungen nebst medizinisch begründeter Prognose für die absehbare Zukunft voraus. Auch wenn die ärztliche Begutachtung nicht das einzige und allein ausschlaggebende Beweismittel für die Beurteilung der Dienstunfähigkeit aus gesundheitlichen Gründen ist, so ist sie doch eine regelmäßig unerlässliche Grundlage dafür, weil nur der hierfür ausgebildete Arzt gesundheitliche Beeinträchtigungen sachkundig feststellen kann. Dies bedeutet zugleich, dass der eingeschaltete Amtsarzt in Krankheitsfällen, die nicht seinem Fachgebiet entspringen, ein entsprechendes Zusatzgutachten eines Facharztes einholen oder darlegen muss, dass er sich auf aussagekräftige Befundberichte der behandelnden Fachärzte stützen konnte. Die von der Amtsärztin Dr. B. -N. erstellte Bescheinigung vom 26. November 2008 erfüllt diese Anforderungen nicht. Diese amtsärztliche Stellungnahme beschränkt sich auf die Feststellung, dass es beim Antragsteller trotz intensiver ambulanter und stationärer therapeutischer Maßnahmen nicht zu einer vollständigen Stabilisierung im physisch-psychischen Bereich gekommen sei. Auch sei aufgrund der vom Antragsteller angegebenen weiteren ärztlichen Maßnahmen erneut mit krankheitsbedingten Ausfallzeiten zu rechnen. Schließlich sei schon aufgrund des Aktenstudiums der zurückliegenden 10 Jahre mit großer Wahrscheinlichkeit zu bejahen, dass zukünftig weiterhin mit hohen krankheitsbedingten Ausfällen zu rechnen sei, da die Dienstunfähigkeitszeiten trotz intensiver therapeutischer Maßnahmen und der immer wieder auftretenden gesundheitlichen Störungen sowohl im physischen als auch im psychischen Bereich nicht zur erwarteten Stabilität beigetragen hätten. Konkrete Diagnosen und Erläuterungen dazu, worin im Einzelnen die gesundheitlichen Störungen im physisch- psychischen Bereich liegen, enthält die amtsärztliche Stellungnahme nicht. Auch wird in keiner Weise mitgeteilt, auf welchen Grundlagen die jeweils angestellten Prognosen beruhen. Ein eventuell erforderliches aktuelles fachpsychiatrisches Zusatzgutachten hat die Amtsärztin nicht eingeholt. Ferner hat sie weder dargelegt noch ist es sonst ersichtlich, dass sie ihre Prognose auf ein vorangegangenes fachpsychiatrisches Zusatzgutachten aus Juli 2007 stützt und stützen kann. Ungeachtet dessen, dass weder Diagnosen noch Sonstiges aus dem Zusatzgutachtens von Juli 2007 aktenkundig sind, erscheint auch zweifelhaft, dass dieses Gutachten im November/Dezember 2008 noch hinreichend aktuell war. So wurde bereits mit amtsärztlicher Stellungnahme des Amtsarztes Dr. N1. vom 23. April 2008 (Bl. 758 der Personalakte) ausgeführt, dass „eine im Vorfeld bereits festgestellte und durch den Zusatzgutachter bestätigte Gesundheitsstörung" sich unter ambulanter Behandlung zwischenzeitlich gebessert habe. Auch ist zu berücksichtigen, dass der Antragsteller sich auf Empfehlung des Amtsarztes Dr. N1. in stationäre psychosomatische Behandlung begeben hatte (11. Juni bis 13. August 2008). Ob und warum spätere krankheitsbedingte Fehlzeiten des Antragsstellers während wie auch nach der (versuchten) stufenweisen Wiedereingliederung auf ein Andauern schon welcher vorher vorhandenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen schließen lässt, ergibt sich aus der amtsärztlichen Stellungnahme vom 26. November 2008 nicht. In Ermangelung der Mitteilung jedweder - über „Störungen im physisch-psychischen Bereich" hinausgehender - Diagnose sowohl in der amtsärztlichen Stellungnahme vom 26. November 2008 wie an irgendeiner anderen Stelle in der Personalakte ist letztlich
sogar unklar, ob es fachärztlicher Zusatzbegutachtungen überhaupt bedarf bzw. inwieweit die Amtsärztin die für eine eigenständige Begutachtung des vorliegenden Krankheitsbildes erforderliche Sachkunde besitzt.
7Eine nähere Aufklärung der bei dem Antragsteller vorliegenden gesundheitlichen Einschränkungen und ihrer Auswirkungen auf seine Dienstfähigkeit ist schließlich auch dann nicht verzichtbar, wenn die Zurruhesetzung zusätzlich auf den in § 45 Abs. 1 Satz 2 LBG geregelten Tatbestand der sogenannten „vermuteten Dienstunfähigkeit" gestützt würde. Die danach erforderliche Prognose, dass keine Aussicht besteht, dass der Beamte innerhalb weiterer sechs Monate wieder voll dienstfähig wird, lässt sich regelmäßig ebenfalls nur aufgrund aussagekräftiger ärztlicher Gutachten treffen.
Vgl. VG Köln, Beschluss vom 03.07.2008 - 19 L 211/08 - m.w.N.. 8
9Das Gleiche gilt auch für die Frage, ob sich die Zurruhesetzung durch Übertragung eines anderen Amtes derselben oder einer anderen Laufbahn vermeiden lässt (§ 45 Abs. 3 LBG) oder ob der Beamte seine Dienstpflichten unter Beibehaltung seines Amtes noch während mindestens der Hälfte der regelmäßigen Arbeitszeit erfüllen kann (begrenzte Dienstfähigkeit, § 46 LBG).
10Mit diesen Fragen setzt sich die angefochtene Verfügung überhaupt nicht auseinander, was ebenfalls zu ihrer Rechtswidrigkeit führt. Nach §§ 45 Abs. 3, 46 LBG „soll" von einer Versetzung in den Ruhestand wegen Dienstunfähigkeit abgesehen werden, wenn die genannten Voraussetzungen erfüllt sind. Sie sind mithin vor einer Zurruhesetzung zwingend zu prüfen. Dass dies erfolgt ist, ergibt sich nicht. Die Amtsärztin hat sich in ihrer Stellungnahme vom 26. November 2008 zu diesen Fragen in keiner Weise verhalten. Erwägungen hierzu finden sich auch nicht in der Personalakte.