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Timestamp: 2016-10-23 18:00:30
Document Index: 373175820

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 36']

U 69/99 (19.07.2001)
U 69/99 Vr
Bundesrichter Sch�n, Bundesrichterin Widmer und Bundesrichter Ursprung;
B.________, 1951, Beschwerdef�hrer, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Rudolf Strehler, Dorfstrasse 21, 8356 Ettenhausen,
A.- Der 1951 geborene B.________ war seit 1982 als Rollenschneider bei der Firma X.________ AG angestellt und auf Grund dieses Arbeitsverh�ltnisses bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen Unf�lle versichert. Am 31. Oktober 1994 geriet er am Arbeitsplatz mit der linken Hand zwischen zwei Walzen und zog sich dabei eine ausgedehnte Weichteilverletzung mit Abl�sung eines grossen Hautlappens an der Handinnenfl�che zu.
Er wurde gleichentags in der Chirurgischen Klinik des Spitals Y.________ operiert (Wundd�bridement, Sp�lung, Revision, Drainage). Nachdem die SUVA in der Folge die gesetzlichen Versicherungsleistungen (Heilbehandlung und Taggeld auf der Basis einer gestaffelten Zunahme der Arbeitsf�higkeit) erbracht hatte, stellte sie diese mit Verf�gung vom 11. April 1997 auf den 1. Mai 1997 ein und verneinte einen Anspruch von B.________ auf eine Invalidenrente oder eine Integrit�tsentsch�digung. Auf Grund der organischen Unfallfolgen k�nne der Versicherte am angestammten Arbeitsplatz wieder eine volle Leistung erbringen; die Kausalit�t einer allf�llig vorliegenden psychischen Fehlverarbeitung werde ausdr�cklich verneint.
Auf Einsprache hin ordnete die SUVA eine spezial�rztliche Untersuchung durch den Chirurgen Dr. S.________ vom anstaltseigenen �rzteteam Unfallmedizin an. Gest�tzt u.a. auf dessen Gutachten vom 26. September 1997 hielt sie an ihrem leistungsablehnenden Standpunkt fest (Einspracheentscheid vom 2. April 1998).
B.- Das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau wies die dagegen erhobene Beschwerde mit Entscheid vom 9. Dezember 1998 ab.
C.- B.________ f�hrt Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit dem Antrag, es seien ihm "mit Wirkung ab 13. Januar 1997 die gesetzlichen Leistungen (Taggeld, ev. Invalidenrente, Heilbehandlung) auf der Basis einer Arbeitsunf�higkeit bzw. Invalidit�t von mindestens 75 % zu entrichten"; ferner sei ihm "eine Integrit�tsentsch�digung nach Massgabe eines zu erstellenden Gutachtens auszurichten".
Vorinstanz und SUVA schliessen auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde, w�hrend sich das Bundesamt f�r Sozialversicherung hiezu nicht hat vernehmen lassen.
1.- Die Vorinstanz hat zutreffend dargelegt, dass die Leistungspflicht der Unfallversicherung nach Art. 6 UVG zun�chst einen nat�rlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidit�t, Tod) voraussetzt (BGE 119 V 337 Erw. 1, 118 V 289 Erw. 1b). Richtig wiedergegeben hat sie auch die Rechtsprechung zum �berdies erforderlichen ad�quaten Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und der in der Folge eingetretenen psychischen Fehlentwicklung mit Einschr�nkung der Arbeits- und Erwerbsf�higkeit (BGE 115 V 133). Darauf kann verwiesen werden.
2.- Dr. S.________ vom SUVA-�rzteteam Unfallmedizin kam in seinem Gutachten vom 26. September 1997 zum Schluss, dass beim Beschwerdef�hrer keine organischen Unfallrestfolgen mehr vorl�gen, sondern dass die vollst�ndige Schonung und zeitweise Vernachl�ssigung der linken oberen Extremit�t Ausdruck einer psychogenen Funktionsst�rung sei. Die objektiven Befunde an der linken Hand mit Verstreichung der Hautf�ltelung am Handr�cken und �ber den dorsalen Bereichen der Finger sowie auch die Temperaturverminderung seien Folgen dieser Schonung und Vernachl�ssigung mit Herabh�ngenlassen der ganzen oberen linken Extremit�t, was zum einen rein hydrostatisch zu einem Auspressen intravasaler Fl�ssigkeit in den Extrazellul�rraum f�hre und zum andern durch die fehlende Muskelpumpe bei Nichtgebrauch der Muskulatur den ven�sen R�ckfluss vermindere; dies trage auch zur �demneigung bei. Was die Kraftlosigkeit in der linken Hand betreffe, sei diese auf Grund der erhobenen Befunde nicht Folge einer organisch begr�ndbaren Muskelatrophie, sondern ebenfalls durch das Nichtaktivieren der Muskulatur bedingt. Damit werde jedoch dem Versicherten nicht ein willk�rliches Fehlverhalten unterstellt. Vielmehr sei das Verhalten des Beschwerdef�hrers Ausdruck seiner psychogenen St�rung. Zum gleichen Ergebnis gelangten die �rzte des Zentrums f�r Medizinische Begutachtung (ZMB), welche in ihrer - mit der Verwaltungsgerichtsbeschwerde eingereichten - Expertise zuhanden der IV-Stelle des Kantons Thurgau vom 13. Oktober 1998 eine anhaltende somatoforme Schmerzst�rung mit Halbseitensymptomatik, funktioneller Einarmigkeit und leichter depressiver Entwicklung bei narzisstischer Pers�nlichkeit diagnostizierten. Eine Arbeitsunf�higkeit bestehe somit wegen der funktionellen Einarmigkeit aus psychogenen Gr�nden.
Auf Grund dieser Gutachten ist letztinstanzlich unter s�mtlichen Verfahrensbeteiligten zu Recht unbestritten, dass im Zeitpunkt des Einspracheentscheids vom 2. April 1998 l�ngst keine somatischen Restfolgen des am 31. Oktober 1994 erlittenen Unfalls mehr vorlagen. Ebenfalls nicht streitig ist, dass zwischen dem versicherten Unfallereignis und den psychogenen St�rungen des Beschwerdef�hrers eine nat�rliche Kausalit�t besteht. Streitig und anhand der in BGE 115 V 133 entwickelten Grunds�tze zu pr�fen ist hingegen die Ad�quanz des Kausalzusammenhanges.
3.- a) Entgegen der in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vertretenen Auffassung und in �bereinstimmung mit der Vorinstanz ist der vom Beschwerdef�hrer erlittene Arbeitsunfall auf Grund des augenf�lligen Geschehensablaufs - insbesondere unter Ber�cksichtigung der nicht sehr schweren Handverletzungen (Sehnen, Nerven, Arterien und begleitende Venen blieben intakt) - dem Bereich der mittelschweren Unf�lle und innerhalb dieses Rahmens klarerweise nicht den schwereren F�llen zuzuordnen. F�r die Bejahung der ad�quaten Kausalit�t w�re daher erforderlich, dass zumindest ein einzelnes unfallbezogenes Kriterium in besonders ausgepr�gter Weise erf�llt ist oder dass die praxisgem�ss zu ber�cksichtigenden Merkmale in geh�ufter oder auffallender Weise gegeben sind (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb, 409 Erw. 5c/bb).
b) aa) Der Beschwerdef�hrer macht geltend, er habe w�hrend des Unfallereignisses unter Todesangst gelitten. Dass er das gesamte Unfallgeschehen subjektiv als bedrohlich erlebte, ist denn auch durchaus nachvollziehbar. Denn seine Arbeitskollegen vermochten, nachdem er den Stoppknopf der Rollenschneidemaschine noch selber bet�tigen konnte, seine zwischen Antriebs- und Verbindungswalze eingeklemmte Hand offenbar w�hrend mehrerer Minuten nicht zu befreien. Im Lichte der hier einzunehmenden objektivierten Betrachtungsweise kann jedoch nicht von besonders dramatischen Begleitumst�nden oder einer besonderen Eindr�cklichkeit des Unfalls im Sinne der Rechtsprechung (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa) gesprochen werden. Der in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde erhobene Einwand, wonach "Gesch�digte aus dem moslemischen Kulturkreis f�r k�rperliche Verletzungen besonders sensibilisiert sind", �ndert daran nichts. Das Merkmal der Schwere oder der besonderen Art der erlittenen Verletzungen ist ebenfalls nicht erf�llt. Auch eine �rztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert h�tte, liegt unbestrittenermassen nicht vor. Um die �brigen unfallbezogenen Kriterien abschliessend beurteilen zu k�nnen, sind im Folgenden die nach dem Unfall durchgef�hrten Heilbehandlungsmassnahmen sowie die Entwicklung des Gesundheitszustandes und der Arbeitsf�higkeit des Versicherten n�her zu beleuchten.
bb) Wie bereits erw�hnt, wurde der Beschwerdef�hrer am Unfalltag im Spital Y.________ operiert. In der Folge trat in der linken Hand eine Sudeck-Dystrophie auf. Ab M�rz 1995 �bte der Versicherte bei der bisherigen Arbeitgeberfirma wieder im Umfange von 25 % eine leichtere T�tigkeit aus, wobei die Pr�senzzeit am Arbeitsplatz in den folgenden Monaten auf sechs Stunden gesteigert wurde. Dr. A.________, leitender Arzt der Handchirurgie am Spital Y.________, erw�hnt in seinem Bericht vom 20. Juli 1995 erstmals eine allgemein starke M�digkeit des Versicherten und Beschwerden im Schultergelenk links. Im Arztbericht vom 26. Oktober 1995 f�hrte er ferner aus, der Versicherte sei - nahezu ein Jahr nach dem Unfall - alles andere als beschwerdefrei ("bei Belastungen nach wie vor Schmerzen im Handballenbereich �ber Thenar und Hohlhand bis Hypothenar, Ausstrahlung in den ganzen Arm, Schulter, Nacken"). Vom 24. Januar bis 28. Februar 1996 hielt sich der Versicherte zur Durchf�hrung intensiver Physio- und Ergotherapie in der Rehabilitationsklinik auf, wo im Rahmen eines handchirurgischen Konsiliums vom 29. Januar 1996 festgehalten wurde, die angegebenen Beschwerden seien weder durch die prim�re Sch�digung noch durch den heutigen Befund objektiv erkl�rbar; es best�nden Hinweise f�r eine Symptomausweitung (u.a. v�lliger Ausschluss der rechten [recte: linken] Hand trotz objektiv recht guter Funktion). Im Austrittsbericht vom 6. M�rz 1996 hielten die untersuchenden �rzte fest, die Hinweise f�r eine Symptomausweitung h�tten sich w�hrend der Hospitalisation vermindert: Es blieben die "neurologisch nicht dermatombezogenen und nicht anatomischen Gegebenheiten zuordenbaren Sensibilit�tsst�rungen in der linken oberen Extremit�t". Die v�llige funktionelle Schonung der linken Hand sei jedoch recht bald nach Therapiebeginn nicht mehr festzustellen gewesen. Im Bericht �ber die kreis�rztliche Untersuchung vom 22. M�rz 1996 wurde ausgef�hrt, der im Austrittsbericht der Rehabilitationsklinik angedeutete R�ckgang der Symptomausweitung gelte - zumindest bei der heutigen Untersuchung - "gar nicht mehr". Der Beschwerdef�hrer pr�sentiere nun ein "tutto-fa-male-Syndrom" im ganzen oberen linken Quadranten und bewege nun auch das Schultergelenk und den Ellbogen nur noch rudiment�r. Daneben klage er �ber unertr�gliche Hemikranie links sowie abnorme M�digkeit. Die sehr diffusen und ungenauen Schmerzangaben wiesen zusammen mit der offensichtlichen Verdeutlichungstendenz auf eine erhebliche psychogene Komponente hin. Dem Untersuchungsbericht des Kreisarztes Dr. J.________ vom 24. Mai 1996 zufolge bestand eine "massivste psychische Komponente mit Vernachl�ssigung des linken Armes mit konsekutiver Dystrophie". Ab Mitte 1996 war der Versicherte wieder vollzeitig im bisherigen Betrieb besch�ftigt, erbrachte jedoch bei einer im Vergleich zur urspr�nglichen T�tigkeit leichteren Arbeit eine Leistung von weniger als 40 % (Abkl�rung am Arbeitsplatz vom 10. Juli 1996).
cc) Aus vorstehender Darlegung ergibt sich, dass insofern nicht von einer ungew�hnlich langen Dauer der �rztlichen Behandlung gesprochen werden kann, als diese etwa ein Jahr nach dem Unfallereignis vom 31. Oktober 1994 in immer st�rkerem Masse durch die psychogene Fehlverarbeitung bestimmt wurde und sich - wenn �berhaupt noch - immer weniger gegen prim�re Unfallfolgen richtete. Dieselben �berlegungen gelten auch im Hinblick auf die Dauer der physisch bedingten Arbeitsunf�higkeit. Aus rein somatischer Sicht h�tte der Beschwerdef�hrer wohl rund ein Jahr nach dem Unfall wieder zu einer vollst�ndigen Leistungsf�higkeit am angestammten Arbeitsplatz zur�ckgefunden. Unter diesem Blickwinkel sind auch die unfallbezogenen Kriterien des schwierigen Heilungsverlaufs oder erheblicher Komplikationen und der k�rperlichen Dauerschmerzen zu verneinen. Die praxisgem�ss vorzunehmende Gesamtw�rdigung f�hrt nach dem Gesagten klarerweise zur Verneinung des ad�quaten Kausalzusammenhangs.
4.- Soweit der Beschwerdef�hrer schliesslich unter Hinweis auf Art. 36 Abs. 2 UVG geltend macht, der vorinstanzliche Entscheid sei "aber auch aus einem weitern (...) Grund aufzuheben", ist ihm entgegenzuhalten, dass auch die Ausrichtung gek�rzter Invalidenrenten und Integrit�tsentsch�digungen eine ad�quate Kausalit�t zwischen Unfallereignis und eingetretenem Gesundheitsschaden voraussetzt.
III. Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau und dem Bundesamt f�r Sozialversicherung zugestellt.