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Timestamp: 2020-05-29 21:02:19
Document Index: 193655749

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 18', '§ 21', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Das "Vander Elst-Visum" für einen drittstaatsangehörigen Arbeitnehmer | Rechtslupe
Das "Vander Elst-Visum" für einen drittstaatsangehörigen Arbeitnehmer
Die Ertei­lung eines Visums an einen dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Arbeit­neh­mer nach § 6 Abs. 3, § 18 Auf­en­thG i.V.m. § 21 BeschV und den Grund­sät­zen der Van­der Elst-Recht­spre­chung des EuGH (sog. "Van­der Elst-Visum") kommt nur zur Erbrin­gung einer Dienst­leis­tung durch ein Unter­neh­men mit Sitz in einem ande­ren Mit­glied­staat der EU in Betracht.
Der Anwen­dungs­be­reich der Dienst­leis­tungs­frei­heit ist in der Recht­spre­chung des EuGH – auch für die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on – hin­rei­chend geklärt.
In Anwen­dung die­ser vom EuGH auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze zur Abgren­zung der Dienst­leis­tungs- von der Nie­der­las­sungs­frei­heit ist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 13 in der Vor­in­stanz zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass der lau­fen­den Pro­duk­ti­on von Beton­fer­tig­tei­len durch die pol­ni­sche Arbeit­ge­be­rin in Deutsch­land der Cha­rak­ter einer vor­über­ge­hen­den Dienst­leis­tung fehlt und die geplan­te Ent­sen­dung des (hier:) ukrai­ni­schen Arbeit­neh­mers damit nicht von der Dienst­leis­tungs­frei­heit gedeckt war. Dabei hat es – ent­ge­gen der Aus­füh­run­gen in der Beschwer­de – nicht ledig­lich auf die Gesamt­dau­er der Werk­ver­trä­ge abge­stellt, son­dern die uni­ons­recht­lich den Gerich­ten der Mit­glied­staa­ten belas­se­ne Gesamt­be­trach­tung vor­ge­nom­men. In die­se hat es ein­ge­stellt, dass die pol­ni­sche Arbeit­ge­be­rin im Rah­men der immer wie­der für zwei Jah­re abge­schlos­se­nen Ver­trä­ge mit einer Beleg­schaft von 50 bis 60 Arbeit­neh­mern, dar­un­ter mit einem Anteil von 10 bis 15 % Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge, die tur­nus­mä­ßig aus­ge­tauscht wür­den, in einem abge­grenz­ten Bereich und einer sepa­ra­ten Werk­hal­le auf dem Gelän­de der B. B. GmbH & Co. KG unter der Kon­trol­le von drei bis vier eige­nen Vor­ar­bei­tern Beton­fer­tig­tei­le her­stel­le und dabei Arbeit­neh­mer der deut­schen Fir­ma nur für unter­stüt­zen­de Arbei­ten (tech­ni­sche Diens­te, Hilfs­diens­te, Zulie­fe­rung, Qua­li­täts­kon­trol­len), nicht aber in der eigent­li­chen Pro­duk­ti­on zum Ein­satz kämen. Für die Unter­brin­gung der Arbeit­neh­mer habe die pol­ni­sche Arbeit­ge­be­rin ein Hotel (Wohn­heim) ange­mie­tet. Die Arbeit­neh­mer wür­den je nach Arbeits­an­fall in Deutsch­land oder dem Werk der pol­ni­schen Arbeit­ge­be­rin in Polen ein­ge­setzt und hin und her geschickt. Die­se Umstän­de habe der Geschäfts­füh­rer der pol­ni­schen Arbeit­ge­be­rin in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg zutref­fend mit den Wor­ten beschrie­ben, dass man eigent­lich sei­ne Arbeit in zwei Wer­ken füh­re. Für eine ver­fes­tig­te und kon­ti­nu­ier­li­che Tätig­keit in Deutsch­land spre­che fer­ner die Gestal­tung der Werk­ver­trä­ge, die immer wie­der für zwei Jah­re geschlos­sen wür­den und kei­ne abgrenz­ba­ren Pro­jek­te zum Gegen­stand hät­ten, son­dern die lau­fen­de Pro­duk­ti­on von Beton­fer­tig­tei­len, begrenzt ledig­lich durch die vom zeit­li­chen Rah­men der ein­zel­nen Ver­trä­ge bestimm­te men­gen­mä­ßi­ge Beschrän­kung. Zudem füge sich die beab­sich­tig­te Ent­sen­dung des ukrai­ni­schen Arbeit­neh­mers ein in ein län­ger­fris­tig ange­leg­tes Rota­ti­ons­sys­tem von Arbeit­neh­mern zur Unter­stüt­zung der Pro­duk­ti­ons­stät­te in Deutsch­land. Die Tätig­keit der pol­ni­sche Arbeit­ge­be­rin für die deut­sche GmbH & Co. KG daue­re nach den Anga­ben des Geschäfts­füh­rers der pol­ni­schen Arbeit­ge­be­rin vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt seit min­des­tens 2009 an. Aus der von der pol­ni­sche Arbeit­ge­be­rin vor­ge­leg­ten Über­sicht über die seit 2012 an ukrai­ni­sche Arbeit­neh­mer der pol­ni­schen Arbeit­ge­be­rin erteil­ten Visa nach Van­der Elst erge­be sich, dass die pol­ni­sche Arbeit­ge­be­rin kon­ti­nu­ier­lich und durch­ge­hend Arbeit­neh­mer stets an die B. B. GmbH & Co. KG ent­sen­de, um in deren Werk Beton­fer­tig­tei­le her­zu­stel­len. Die­sen Umstän­den hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in der Gesamt­schau eine vom Anwen­dungs­be­reich des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs nicht mehr erfass­te ver­fes­tig­te und auf Dau­er ange­leg­te Zufüh­rung von Arbeits­kräf­ten zuguns­ten der Pro­duk­ti­ons­stät­te in Deutsch­land ent­nom­men.
Dass die Sach­ver­hal­te, die den vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg 13 zitier­ten EuGH, Ent­schei­dun­gen zugrun­de lagen, mit der hier vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung nicht iden­tisch waren, begrün­det ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beschwer­de kei­ne Vor­la­ge­pflicht. Denn die vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg her­an­ge­zo­ge­nen Aus­füh­run­gen des EuGH zur Abgren­zung der Dienst­leis­tungs- von der Nie­der­las­sungs­frei­heit sind abs­trakt-gene­rel­ler Art und beru­hen – wie sich aus den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen ergibt – auf einer seit Jah­ren gefes­tig­ten Recht­spre­chung. Zudem weist der EuGH selbst dar­auf hin, dass die Prü­fung, ob eine wirt­schaft­li­che Tätig­keit hier­nach den für eine Dienst­leis­tung erfor­der­li­chen vor­über­ge­hen­den Cha­rak­ter auf­weist, den natio­na­len Gerich­ten obliegt, die den Sach­ver­halt unter Berück­sich­ti­gung der Beson­der­hei­ten des Ein­zel­falls dahin­ge­hend zu wür­di­gen haben, ob ein Unter­neh­men in Anwen­dung der vom EuGH auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze in einem Mit­glied­staat über eine Infra­struk­tur ver­fügt, auf­grund derer es als in die­sem Mit­glied­staat nie­der­ge­las­sen anzu­se­hen ist 14. Vor die­sem Hin­ter­grund wirft der vor­lie­gen­de Fall kei­ne uni­ons­recht­li­chen Zwei­fels­fra­gen zum Anwen­dungs­be­reich der Dienst­leis­tungs­frei­heit auf, son­dern betrifft ledig­lich die den natio­na­len Gerich­ten vor­be­hal­te­ne Prü­fung der vom EuGH auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze auf einen kon­kre­ten Ein­zel­fall.
Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 20. Juni 2019 – 1 B 10.19
vgl. EuGH, Urteil vom 30.11.1995 – C‑55/​94, Rn. 22; s.a. Urtei­le vom 12.12 1996 – C‑3/​95 [ECLI:EU:C:1996:487], Rei­se­bü­ro Broe­de, Rn.19; vom 11.12 2003 – C‑215/​01 [ECLI:EU:C:2003:662], Schnit­zer, Rn. 26; und vom 11.03.2010 – C‑384/​08 [ECLI:EU:C:2010:133], Atta­na­sio, Rn. 39[↩]
EuGH, Urtei­le vom 11.10.2007 – C‑451/​05, , Rn. 59; und vom 08.09.2010 – C‑316/​07, – C‑358/​07 bis – C‑360/​07, – C‑409/​07 und – C‑410/​07 [ECLI:EU:C:2010:504], Stoß u.a., Rn. 59[↩]
EuGH, Urtei­le vom 13.02.2003 – C‑131/​01 [ECLI:EU:C:2003:96], Kommission/​Italien, Rn. 23; und vom 11.12 2003 – C‑215/​01, Rn. 27[↩]
EuGH, Urtei­le vom 29.04.2004 – C‑171/​02 [ECLI:EU:C:2004:270], Kommission/​Portugal, Rn. 25; vom 10.05.2012 – C‑357/​10 bis 359/​10 [ECLI:EU:C:2012:283], Duo­mo Gpa u.a., Rn. 31; und vom 19.07.2012 – C‑470/​11 [ECLI:EU:C:2012:505], SIA Garkalns, Rn. 27[↩]
OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 09.11.2018 – OVG 6 B 10.17[↩][↩]
DienstleistungsfreiheitVander Elst-Visum