Source: https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/irrtum-ueber-unerlaubte-rechtsdienstleistung
Timestamp: 2020-08-12 01:16:10
Document Index: 73149371

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Irrtum über unerlaubte Rechtsdienstleistung
RechtsdienstleistungsgesetzVerbotsirrtum
Sonstiges Bürgerliches RechtWertpapier-, Bank- und Börsenrecht, WährungsrechtBerufsrecht der Rechtsanwälte und NotareStrafrechtStrafprozessrecht und OWi
Der Bundesgerichtshof hat am 10.12.2019 entschieden, dass der Irrtum über die Notwendigkeit einer Registrierung nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz (RDG) ein Rechtsirrtum und kein vorsatzausschließender Tatbestandsirrtum ist. Die Haftung sei dann nur ausgeschlossen, so die Richter, wenn dieser Irrtum unvermeidbar war.
Anlagemodell beruht auf Einziehung und Verwertung von Finanzprodukten
Die Klägerin war Geschädigte einer fehlgeschlagenen Kapitalanlage. Die Beklagten vertrieben in Deutschland ein Anlagemodell, wonach sie sich unter anderem Lebensversicherungen von den Kunden abtreten ließen, sie kündigten, deren Rückkaufswert bei sich anlegten, und nach einer bestimmten Laufzeit eine den Rückkaufswert weit übersteigende Summe an die Kunden auszahlten. Ihre Aktiengesellschaft war nicht nach dem RDG registriert, weil die Beklagten irrig davon ausgingen, dass sie keinerlei Erlaubnis benötigten.
Geschädigte beruft sich auf Schutzcharakter des RDG
Die Klägerin trat sämtliche Rechte aus einer Lebensversicherung ab. Noch vor Ablauf der Vertragslaufzeit wurde die Gesellschaft liquidiert, ohne dass eine Auszahlung an die Klägerin erfolgte. Sie verlangte Schadensersatz und berief sich auf den Schutzcharakter des RDG. Die Vorinstanzen sahen keinen Vorsatz der Beklagten, da diese im Hinblick auf die Registrierungspflicht einem vorsatzausschließenden Tatbestandsirrtum unterlegen hätten.
Registrierungspflicht nach RDG keine Tatsache
Demgegenüber stellte der BGH fest, dass die Beklagten gewusst hätten, dass sie eine Inkassodienstleistung nach dem RDG betrieben. Damit seien ihnen alle tatsächlichen Umstände bekannt gewesen, die eine Registrierungspflicht begründeten. Es liege allenfalls ein Verbotsirrtum, also ein Irrtum über rechtliche Gegebenheiten, vor. Dieser könne die Beklagten nur im Falle der Unvermeidbarkeit entlasten. Zur Klärung dieser Frage verwies der BGH die Sache unter Hinweis auf die Beweislast der Beklagten zurück.
zu BGH, Urteil vom 10.12.2019 - VI ZR 71/19
Redaktion beck-aktuell, 15. Jun 2020.
BGH, Leistungsansprüche aus einer Berufshaftpflichtversicherung für Rechtsanwälte, BeckRS 2020, 10627
BGH, Schadensersatz wegen Erbringung unerlaubter Rechtsdienstleistungen, NJW-RR 2019, 1524
BGH, Verbotsirrtum bei unerlaubten Bankgeschäften und Rechtsdienstleistungen, NJW-RR 2018, 1250
KG, Unvermeidbarer Verbotsirrtum bei unerlaubten Bankgeschäften und Rechtsdienstleistungen, BeckRS 2018, 38224
BGH, Kein vorsatzausschließender Verbotsirrtum allein wegen erfolgter anwaltlicher Beratung, NJW 2017, 2463
BGH: Streit um Reichweite anwaltlicher Berufshaftpflichtversicherung, Meldung vom 03.06.2020, becklink 2016487