Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/die-nicht-bezahlte-pflegeversicherung-382290
Timestamp: 2020-05-25 00:20:19
Document Index: 24241666

Matched Legal Cases: ['§ 121', '§ 26', '§ 26', '§ 121', '§ 37', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 110', '§ 26', '§ 7', '§ 37', '§ 23', '§ 110', '§ 121']

Die nicht bezahlte Pflegeversicherung | Rechtslupe
Die nicht bezahlte Pflegeversicherung
Bei der Ord­nungs­wid­rig­keit gemäß § 121 Abs 1 Nr 6 SGB XI han­delt es sich um ein ech­tes Unter­las­sungs­de­likt, so dass dem Hand­lungs­pflich­ti­gen die Erfül­lung sei­ner gesetz­li­chen Pflich­ten mög­lich und zumut­bar sein muss 1.
Einem Betrof­fe­nen, der Anspruch auf Leis­tun­gen nach dem SGB II hat, ist es nach den Grund­sät­zen der "omis­sio libe­ra in cau­sa" vor­zu­wer­fen, wenn er den erfor­der­li­chen Antrag auf Über­nah­me der Auf­wen­dun­gen für eine ange­mes­se­ne pri­va­te Pfle­ge­ver­si­che­rung (§ 26 Abs 2 S 1, Abs 4 SGB II), der zu einer ent­spre­chen­den Zah­lung an das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men geführt hät­te (§ 26 Abs. 4 SGB II), bewusst nicht gestellt hat.
Es trifft zwar zu, dass es sich bei der Ord­nungs­wid­rig­keit gemäß § 121 Abs. 1 Nr. 6 SGB XI um ein ech­tes Unter­las­sungs­de­likt han­delt und dem Hand­lungs­pflich­ti­gen die Erfül­lung sei­ner gesetz­li­chen Pflich­ten mit­hin mög­lich und zumut­bar sein muss 2. Dar­aus folgt, dass einem Betrof­fe­nen das Unter­las­sen der Prä­mi­en­zah­lung nicht vor­ge­wor­fen wer­den kann, wenn er nicht zah­lungs­fä­hig ist 2. Dies ent­las­tet ihn jedoch dann nicht, wenn er, was hier das Amts­ge­richt ohne nähe­re Prü­fung erwägt, einen Anspruch auf Leis­tun­gen nach dem SGB II hat.
Dem Betrof­fe­nen wäre es in einem sol­chen Fall nach den Grund­sät­zen der "omis­sio libe­ra in cau­sa" vor­zu­wer­fen, dass er nicht recht­zei­tig den erfor­der­li­chen Antrag (§ 37 SGB II) auf Leis­tun­gen nach dem SGB II gestellt hat. Denn für Bezie­her von Arbeits­lo­sen­geld II, die in der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung weder ver­si­che­rungs­pflich­tig noch fami­li­en­ver­si­chert sind, wer­den für die Dau­er des Leis­tungs­be­zugs die Auf­wen­dun­gen für eine ange­mes­se­ne pri­va­te Pfle­ge­ver­si­che­rung im not­wen­di­gen Umfang über­nom­men (§ 26 Abs. 2 S. 1 SGB II). Der Zuschuss wird in einem sol­chen Fall direkt an das Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men – hier offen­bar die DKV Kran­ken­ver­si­che­rungs AG – gezahlt (§ 26 Abs. 4 SGB II).
Ein Betrof­fe­ner kann nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Braun­schweig nicht ein­wen­den, dass es ihm unzu­mut­bar sei, den Antrag zu stel­len, um die Zah­lung des Sozi­al­leis­tungs­trä­gers nach § 26 Abs. 4 SGB II zu ver­an­las­sen. Das Siche­rungs­sys­tem nach dem SGB II, in das der Antrag­stel­ler dadurch fak­tisch gezwun­gen wird, mag mit Restrik­tio­nen ver­bun­den sein 3. Die Inan­spruch­nah­me von Leis­tun­gen nach dem SGB II ist aber den­noch zumut­bar, weil nur so die regel­mä­ßi­ge Zah­lung von Bei­trä­gen an die pri­va­te Pfle­ge­ver­si­che­rung gesi­chert wer­den kann. Denn der Ver­si­che­rungs­ge­ber ist gemäß § 110 Abs. 4 SGB XI nicht berech­tigt, Bei­trags­rück­stän­den mit einer Kün­di­gung zu begeg­nen 4.
Die Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Urteils ist den­noch gebo­ten, weil es unter Dar­le­gungs­män­geln lei­det:
Da die pri­va­te Pfle­ge­ver­si­che­rung mit Abschluss eines Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges zustan­de kommt 5, ist zunächst der Ver­trags­schluss dar­zu­le­gen. Ent­spre­chen­de Fest­stel­lun­gen feh­len im ange­foch­te­nen Urteil. Wei­ter­hin geht das Amts­ge­richt in dem ange­foch­te­nen Urteil nicht dar­auf ein, wann die Bei­trä­ge nach dem Ver­si­che­rungs­ver­trag fäl­lig waren. Ob Fäl­lig­keit gege­ben ist, bestimmt sich nach den ver­trag­li­chen Rege­lun­gen 6. Es ist des­halb zu unter­su­chen, ob und wel­che ein­zel­nen Bei­trä­ge bis zum 8.09.fällig waren.
Schließ­lich bestimmt sich der Anspruch auf Gewäh­rung eines Bei­trags­zu­schus­ses zur pri­va­ten Pfle­ge­ver­si­che­rung nach § 26 Abs. 2 SGB II danach, ob ein Leis­tungs­an­spruch nach dem SGB II besteht 7. Ob dies der Fall ist, ins­be­son­de­re die Vor­aus­set­zun­gen des § 7 SGB II vor­lie­gen, lässt sich dem ange­foch­te­nen Urteil eben­falls nicht ent­neh­men. Das Urteil erschöpft sich viel­mehr in der Fest­stel­lung, dass der Betrof­fe­ne "zum Bei­spiel Arbeits­lo­sen­geld" in Anspruch neh­men kön­ne.
Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 3. Sep­tem­ber 2014 – 1 Ss (OwiZ) 1060/​14
Anschluss: OLG Bran­den­burg, Beschluss vom 30.04.2013, 53 Ss OWi 93/​13 8[↩]
OLG Bran­den­burg, Beschluss vom 30.04.2013, 53 Ss OWi 93/​13 8[↩][↩]
dazu: Löns in Löns/He­rold-Tews, SGB II, 2. Aufl., § 37 Rn. 4[↩]
vgl. zum Aus­schluss des Kün­di­gungs­rechts: BT Druck­sa­che 12/​5952, S. 49 sowie Gür­t­ner in Kas­se­ler Kom­men­tar zum Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, 82. Aufl., Rn. 24 ff.[↩]
Beck in juris­PK, SGB XI, § 23 Rn. 25; Beh­rend in juris­PK, SGB XI, § 110 Rn. 10[↩]
Gutz­ler in juris PK SGB XI § 121 Rn. 30[↩]
BSG, Urteil vom 18.01.2011 – B 4 AS 108/​10 R 13; LSG NRW, Beschluss vom 13.03.2013 – L19 AS 2091/​12 32[↩]
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