Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/kommunalverfassungsbeschwerde-sachsen-anhalt-3127731
Timestamp: 2020-08-11 10:53:31
Document Index: 78936343

Matched Legal Cases: ['Art. 93', '§ 91', 'Art. 28', 'Art. 87', 'Art. 28', 'Art. 75', '§ 51', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 28', 'Art. 99', 'Art. 100', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 93', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', '§ 91', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 93', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 93', '§ 91', 'Art. 2', 'Art. 87', 'Art. 75', '§ 51', 'Art. 87', 'Art. 28', 'Art. 28', '§ 91', '§ 91', 'Art. 93', 'Art. 99', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 28', '§ 91']

Kommunalverfassungsbeschwerde - Sachsen-Anhalt und der Grundsatz der Subsidiarität | Rechtslupe
Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de – Sach­sen-Anhalt und der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät
Der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät der Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 BVerfGG fin­det kei­ne Anwen­dung, wenn die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung hin­ter dem Gewähr­leis­tungs­ni­veau des Art. 28 Abs. 2 GG zurück­bleibt.
In Sach­sen-Anhalt besteht nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kein gleich­wer­ti­ger ver­fas­sungs­recht­li­cher Schutz der gemeind­li­chen Selbst­ver­wal­tung. In der Aus­le­gung durch das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt bleibt die in Art. 87 Verf LSA gewähr­leis­te­te Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung in einem wesent­li­chen Gesichts­punkt hin­ter der Gewähr­leis­tung von Art. 28 Abs. 2 GG zurück, so dass auf Lan­des­ebe­ne inso­weit auch kein hin­rei­chen­der Rechts­schutz gegen eine Ver­let­zung der gemeind­li­chen Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie besteht.
In dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall erho­ben die beschwer­de­füh­ren­den Gemein­den im Janu­ar 2014 zusam­men mit über 50 ande­ren Gemein­den gemäß Art. 75 Nr. 7 Verf LSA, § 51 Abs. 1 des Geset­zes über das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt (Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz – VerfGG LSA) eine Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt, mit der sie meh­re­re Vor­schrif­ten des Ände­rungs­ge­set­zes zum Kin­der­för­de­rungs­ge­setz und ande­rer Geset­ze angrif­fen.
Die für eine Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt maß­geb­li­chen Bestim­mun­gen der Ver­fas­sung des Lan­des Sach­sen-Anhalt vom 16.07.1992 [1] lau­ten:
Arti­kel 2 Verf LSA – Grund­la­gen
(3) Die kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung wird gewähr­leis­tet.
Arti­kel 75 Verf LSA – Zustän­dig­kei­ten
Das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schei­det
7. über Ver­fas­sungs­be­schwer­den von Kom­mu­nen und Gemein­de­ver­bän­den wegen Ver­let­zung des Rechts auf Selbst­ver­wal­tung nach Arti­kel 2 Abs. 3 und Arti­kel 87 durch ein Lan­des­ge­setz, (…)
Arti­kel 87 Verf LSA – Kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung
(1) Die Kom­mu­nen (Gemein­den und Land­krei­se) und die Gemein­de­ver­bän­de ver­wal­ten ihre Ange­le­gen­hei­ten im Rah­men der Geset­ze in eige­ner Ver­ant­wor­tung.
(2) Die Kom­mu­nen sind berech­tigt und im Rah­men ihrer Leis­tungs­fä­hig­keit ver­pflich­tet, in ihrem Gebiet alle öffent­li­chen Auf­ga­ben selb­stän­dig wahr­zu­neh­men, soweit nicht bestimm­te Auf­ga­ben im öffent­li­chen Inter­es­se durch Gesetz ande­ren Stel­len über­tra­gen sind.
(3) Den Kom­mu­nen kön­nen durch Gesetz Pflicht­auf­ga­ben zur Erfül­lung in eige­ner Ver­ant­wor­tung zuge­wie­sen und staat­li­che Auf­ga­ben zur Erfül­lung nach Wei­sung über­tra­gen wer­den. Dabei ist gleich­zei­tig die Deckung der Kos­ten zu regeln. Führt die Auf­ga­ben­wahr­neh­mung zu einer Mehr­be­las­tung der Kom­mu­nen, ist ein ange­mes­se­ner Aus­gleich zu schaf­fen.
(4) Das Land sichert durch sei­ne Auf­sicht, dass die Geset­ze beach­tet und die nach Absatz 3 über­tra­ge­nen Auf­ga­ben wei­sungs­ge­mäß aus­ge­führt wer­den.
(5) Ande­re Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts kön­nen für die Wahr­neh­mung bestimm­ter öffent­li­cher Auf­ga­ben gegen­über ihren Mit­glie­dern durch Gesetz oder auf Grund eines Geset­zes gebil­det wer­den.
(1) Kom­mu­nen und Gemein­de­ver­bän­de kön­nen die Ver­fas­sungs­be­schwer­de mit der Behaup­tung erhe­ben, durch ein Lan­des­ge­setz in ihrem Recht auf Selbst­ver­wal­tung nach Arti­kel 2 Abs. 3 und Arti­kel 87 der Ver­fas­sung des Lan­des Sach­sen-Anhalt ver­letzt zu sein.
Der Zuläs­sig­keit der Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de sach­sen-anhal­ti­ni­scher Gemein­den steht deren Sub­si­dia­ri­tät gemäß Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 Satz 2 BVerfGG nicht ent­ge­gen. Zwar ist eine Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen Lan­des­ge­set­ze unzu­läs­sig, soweit eine sol­che auch beim Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt erho­ben wer­den kann, Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 Satz 2 BVerfGG. Der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät der Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 BVerfGG fin­det jedoch kei­ne Anwen­dung, soweit die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung hin­ter dem Gewähr­leis­tungs­ni­veau des Art. 28 Abs. 2 GG zurück­bleibt. Dies ist hier der Fall.
Das Grund­ge­setz eröff­net den Kom­mu­nen bei legis­la­ti­ven Ein­grif­fen in ihr durch Art. 28 Abs. 2 GG garan­tier­tes Selbst­ver­wal­tungs­recht den Weg zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 BVerfGG). Die­se Zustän­dig­keit besteht aller­dings nur, soweit die betrof­fe­nen Kom­mu­nen nicht Beschwer­de zum Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt erhe­ben kön­nen. Der den Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­ten damit zukom­men­de prin­zi­pi­el­le Vor­rang bei der Gewäh­rung von Rechts­schutz gegen Ein­grif­fe in die Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung ist Aus­druck der den Län­dern zukom­men­den Ver­fas­sungs­au­to­no­mie.
Nach Art. 28 Abs. 1 Satz 1 GG genie­ßen die Län­der Ver­fas­sungs­au­to­no­mie. Soweit das Grund­ge­setz nicht beson­de­re Anfor­de­run­gen sta­tu­iert, kön­nen sie ihr Ver­fas­sungs­recht und ihre Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit nach eige­nem Ermes­sen ord­nen [2]. Sie kön­nen in ihre Ver­fas­sung nicht nur Staats­fun­da­men­tal­nor­men auf­neh­men, die das Grund­ge­setz nicht kennt, son­dern auch Staats­fun­da­men­tal­nor­men, die mit den ent­spre­chen­den Staats­fun­da­men­tal­nor­men der Bun­des­ver­fas­sung nicht über­ein­stim­men [3]. Sie sind auch weit­ge­hend frei in der Ent­schei­dung, ob sie Rege­lun­gen, die das Grund­ge­setz ent­hält, in ihre Lan­des­ver­fas­sun­gen über­neh­men oder nicht. Auf­grund ihrer Ver­fas­sungs­au­to­no­mie sind sie nicht ver­pflich­tet, in ihren Ver­fas­sun­gen bestimm­te Rege­lun­gen vor­zu­se­hen. Sie sind nicht ein­mal ver­pflich­tet, sich über­haupt eine for­mel­le Ver­fas­sung zu geben [4].
Ins­be­son­de­re der Bereich der Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit der Län­der soll vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mög­lichst unan­ge­tas­tet blei­ben [5]. Die Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit soll nicht in grö­ße­re Abhän­gig­keit gebracht wer­den, als es nach dem Bun­des­ver­fas­sungs­recht unver­meid­bar ist [5]. Dies bedeu­tet, dass die Län­der – abge­se­hen von den Fäl­len der Art. 99 und Art. 100 Abs. 3 GG – durch eine eige­ne Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit über die Ver­ein­bar­keit von Lan­des­ge­set­zen mit der Lan­des­ver­fas­sung ent­schei­den und die­se grund­sätz­lich ohne (inhalt­li­che) Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­le­gen kön­nen [6]. Dar­aus folgt zugleich, dass für die Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te – unbe­scha­det spe­zi­fi­scher Anfor­de­run­gen an die Wirk­sam­keit lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­cher Bestim­mun­gen im Ein­zel­fall – aus­schließ­lich die Lan­des­ver­fas­sung den Maß­stab ihrer Ent­schei­dungs­fin­dung bil­det [7].
Gren­zen der Ver­fas­sungs­au­to­no­mie der Län­der erge­ben sich aus zwin­gen­den Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes. Die Lan­des­ver­fas­sun­gen müs­sen die­se zwar nicht selbst repe­ti­tiv auf­neh­men, dür­fen ihnen aber auch nicht zuwi­der- oder sie unter­lau­fen [8].
Zu den für die Län­der zwin­gen­den Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes gehört auch Art. 28 Abs. 2 GG. In stän­di­ger Recht­spre­chung hat nicht nur das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt Bestim­mun­gen des Lan­des­rechts unmit­tel­bar am Maß­stab des Art. 28 Abs. 2 GG gemes­sen [9]. Dass die Bestim­mun­gen des Lan­des­rechts ein­schließ­lich der Lan­des­ver­fas­sung im Ein­klang mit Art. 28 Abs. 2 GG ste­hen müs­sen, ent­spricht auch der Recht­spre­chung der Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te [10] und der über­wie­gen­den Auf­fas­sung im Schrift­tum [11]. Das Lan­des­recht darf daher kei­ne Rege­lun­gen ent­hal­ten, die mit Art. 28 Abs. 2 GG nicht ver­ein­bar sind. Aus der Sicht des Grund­ge­set­zes macht es dabei kei­nen Unter­schied, ob es sich um ein ein­fa­ches Lan­des­ge­setz oder eine Rege­lung der Lan­des­ver­fas­sung han­delt. Auch Letz­te­re darf dem Grund­ge­setz nicht wider­spre­chen. Blei­ben die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tun­gen hin­ge­gen hin­ter der Garan­tie des Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG zurück, ver­stie­ße ein mit die­ser Garan­tie unver­ein­ba­res Lan­des­ge­setz zwar nicht gegen die Lan­des­ver­fas­sung; das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt könn­te einen ent­spre­chen­den Ver­stoß auch nicht fest­stel­len. An der Unver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz ändert dies indes nichts.
Vor die­sem Hin­ter­grund fin­det der Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät der Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 BVerfGG kei­ne Anwen­dung, wenn die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung hin­ter dem Gewähr­leis­tungs­ni­veau des Art. 28 Abs. 2 GG zurück­bleibt. Der Vor­rang der Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit reicht nur so weit, wie die Lan­des­ver­fas­sung den Garan­tie­ge­halt von Art. 28 Abs. 2 GG auch im Wesent­li­chen abdeckt und sei­ne Wah­rung von der Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit über­prüft wer­den kann. Die Sub­si­dia­ri­täts­klau­sel greift daher zum einen nicht ein, wenn der lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Rechts­schutz hin­ter dem durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gewähr­ten Rechts­schutz zurück­bleibt und kei­ne Über­prü­fung unter­ge­setz­li­cher Nor­men zulässt. Der Sub­si­dia­ri­täts­grund­satz steht der Zuläs­sig­keit einer Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de zum andern dann nicht ent­ge­gen, wenn die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung hin­sicht­lich ihres mate­ri­el­len Gewähr­leis­tungs­ge­halts den aus Art. 28 Abs. 2 GG fol­gen­den Gewähr­leis­tungs­um­fang nicht erreicht.
Durch Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 BVerfGG soll eine mög­lichst umfas­sen­de ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­trol­le von gesetz­li­chen Gestal­tun­gen des kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tungs­rechts gewähr­leis­tet wer­den [12]. Eine Zustän­dig­keit des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist daher nicht nur gege­ben, wenn das Lan­des­recht über­haupt kei­ne Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de vor­sieht, son­dern auch dann, wenn der zuläs­si­ge Ver­fah­rens­ge­gen­stand durch das Lan­des­recht enger gefasst wird als dies gemäß Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 BVerfGG der Fall ist [13]. Gemein­den und Gemein­de­ver­bän­de kön­nen eine nach Lan­des­recht nicht angreif­ba­re Norm dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt daher zur Prü­fung stel­len, wenn die­se nach Bun­des­recht „Gesetz“ [14] und damit zuläs­si­ger Beschwer­de­ge­gen­stand der Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de ist [15]. Die Kom­mu­nen könn­ten einen dem Bun­des­recht gleich­wer­ti­gen Rechts­schutz sonst nicht erlan­gen [16].
Eine sol­che Aus­le­gung der Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 BVerfGG beein­träch­tigt nicht die Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit der Län­der als Teil ihrer Ver­fas­sungs­au­to­no­mie. Deren Vor­rang reicht nur soweit wie die Kom­mu­nen im Land einen der bun­des­recht­li­chen Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de gleich­wer­ti­gen Rechts­schutz erlan­gen kön­nen [17]. Ein ein­ge­schränk­ter lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­cher Rechts­schutz begrün­det dage­gen die Reser­ve­zu­stän­dig­keit des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [18].
An einem gleich­wer­ti­gen Schutz der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung fehlt es auch dann, wenn die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung in der Sache erkenn­bar hin­ter den Anfor­de­run­gen des Art. 28 Abs. 2 GG zurück­bleibt. Das ist jeden­falls der Fall, wenn die Lan­des­ver­fas­sung wesent­li­che Gewähr­leis­tun­gen von Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG nicht ent­hält. Eine ein­ge­schränk­te Gewähr­leis­tung der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung auf Ebe­ne der Lan­des­ver­fas­sung nimmt das Grund­ge­setz zwar hin; es ver­zich­tet jedoch nicht auf die Durch­set­zung sei­ner eige­nen Anfor­de­run­gen an die Garan­tie kom­mu­na­ler Selbst­ver­wal­tung.
Schon der Wort­laut des Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG („wegen Ver­let­zung des Rechts auf Selbst­ver­wal­tung nach Art. 28“) deu­tet dar­auf hin, dass im – dann vor­ran­gi­gen – Ver­fah­ren vor dem Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt zumin­dest eine Art. 28 Abs. 2 GG ver­gleich­ba­re Garan­tie Maß­stab sein muss. Art. 28 Abs. 2 GG will bestimm­te Min­dest­stan­dards an bür­ger­schaft­li­cher Selbst­be­stim­mung in ganz Deutsch­land ein­heit­lich garan­tie­ren und tat­säch­lich gewähr­leis­ten. Ohne sei­ne unmit­tel­ba­re Gel­tung in den Län­dern wäre dies nicht zu errei­chen [19]. Inso­weit han­delt es sich bei Art. 28 Abs. 2 GG um ein unmit­tel­bar anwend­ba­res, von der ein­zel­nen Kom­mu­ne im Rah­men ihrer sub­jek­ti­ven Rechts­stel­lungs­ga­ran­tie indi­vi­du­ell ein­klag­ba­res Recht [20]. Soll die­se Garan­tie nicht leer­lau­fen, so müs­sen die Kom­mu­nen, wenn nicht wegen einer ver­gleich­ba­ren lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gewähr­leis­tung Zugang zu einem Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt besteht, eine Ver­let­zung ihrer Rech­te vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt rügen kön­nen.
Die­ses Ver­ständ­nis wird auch durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrif­ten über die Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de gestützt. Mit dem Wort „soweit“ in § 91 Satz 2 BVerfGG soll­te nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers eine Ein­schrän­kung for­mu­liert wer­den, die Kom­pe­ten­zen zwi­schen den Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­ten und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf­teilt. Damit soll­te jedoch kei­ne Ver­kür­zung der Mög­lich­keit effek­ti­ven Rechts­schut­zes für die Gemein­den und Gemein­de­ver­bän­de hin­sicht­lich des durch Art. 28 Abs. 2 GG ver­bürg­ten Min­dest­stan­dards ein­her­ge­hen [21].
Soweit eine prin­zi­pi­el­le Gleich­wer­tig­keit der Garan­tien kom­mu­na­ler Selbst­ver­wal­tung auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne gege­ben ist, kön­nen Ent­schei­dun­gen der Lan­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht am Maß­stab von Art. 28 Abs. 2 GG über­prüft wer­den. Die Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG eröff­net nicht den Weg zu deren mit­tel­ba­rer Kon­trol­le [22].
Gleich­wer­tig­keit der Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tien setzt vor­aus, dass der lan­des­recht­li­che Schutz ver­gleich­bar umfas­send und effek­tiv ist. Der Schutz durch die Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit muss wirk­sam und funk­ti­ons­ad­äquat sein [23].
Jeden­falls in Fäl­len, in denen der lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung in der auto­ri­ta­ti­ven Aus­le­gung des Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richts wesent­li­che Gewähr­leis­tungs­in­hal­te von Art. 28 Abs. 2 GG feh­len, steht die Eröff­nung der Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt der­je­ni­gen zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt inso­weit nicht ent­ge­gen.
Wesent­li­che Gewähr­leis­tungs­in­hal­te von Art. 28 Abs. 2 GG sind sol­che, die nicht hin­weg­ge­dacht wer­den kön­nen, ohne dass die insti­tu­tio­nel­le Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung sub­stan­ti­ell ver­än­dert wür­de. Dazu gehö­ren unter ande­rem die Gewähr­leis­tung eines eige­nen Auf­ga­ben­be­reichs der Gemein­den sowie die Eigen­ver­ant­wort­lich­keit der Auf­ga­ben­er­fül­lung [24]. Zu den grund­le­gen­den Struk­tur­ele­men­ten von Art. 28 Abs. 2 GG gehört zudem die Eigen­stän­dig­keit der Gemein­den auch und gera­de gegen­über den Land­krei­sen [25]. Fer­ner ist das durch Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG sta­tu­ier­te ver­fas­sungs­recht­li­che Auf­ga­ben­ver­tei­lungs­prin­zip hin­sicht­lich aller Ange­le­gen­hei­ten der ört­li­chen Gemein­schaft zuguns­ten der Gemein­den hier­her zu rech­nen [26], das auch der zustän­dig­keits­ver­tei­len­de Gesetz­ge­ber zu beach­ten hat [27] sowie die für die Ent­zie­hung einer sol­chen Ange­le­gen­heit gel­ten­den stren­gen Recht­fer­ti­gungs­an­for­de­run­gen [28].
Zwar steht es den Län­dern somit frei zu bestim­men, inwie­fern sie die kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung durch eine lan­des­recht­li­che Garan­tie absi­chern, ob deren Ver­let­zung mit einer Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt gerügt wer­den kann und wel­cher Prü­fungs­um­fang dem Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt dabei auf­er­legt wird. Bleibt das so bestimm­te Schutz­ni­veau jedoch der­art hin­ter den Gewähr­leis­tun­gen des Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG zurück, dass wesent­li­che Gewähr­leis­tungs­in­hal­te des Art. 28 Abs. 2 GG nicht exis­tie­ren oder ein­ge­klagt wer­den kön­nen, greift die Sub­si­dia­ri­täts­klau­sel des Art. 93 Abs. 1 Nr. 4b GG, § 91 Satz 2 BVerfGG nicht ein.
Hier­nach steht das Sub­si­dia­ri­täts­er­for­der­nis der Zuläs­sig­keit der Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ent­ge­gen. Vor­lie­gend besteht zwar die Mög­lich­keit, das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt wegen Ver­let­zung des Rechts auf Selbst­ver­wal­tung nach Art. 2 Abs. 3 und Art. 87 Verf LSA anzu­ru­fen (Art. 75 Nr. 7 Verf LSA, § 51 Abs. 1 VerfGG LSA), was die beschwer­de­füh­ren­den Gemein­den auch getan haben. Nach der inso­weit bin­den­den Aus­le­gung der Ver­fas­sung des Lan­des Sach­sen-Anhalt, wie sie das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt in sei­nem Urteil vom 20.10.2015 – LVG 2/​14 – vor­ge­nom­men hat, unter­schei­det die lan­des­ver­fas­sungs­recht­li­che Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung jedoch nicht zwi­schen Gemein­den und Land­krei­sen. Bei­de wer­den in den ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen viel­mehr unter dem Begriff „Kom­mu­nen“ zusam­men­ge­fasst [29]. Die Ver­fas­sung des Lan­des Sach­sen-Anhalt kennt danach auch kein ver­fas­sungs­recht­li­ches Auf­ga­ben­ver­tei­lungs­prin­zip hin­sicht­lich der Ange­le­gen­hei­ten der ört­li­chen Gemein­schaft, das der Gesetz­ge­ber zu beach­ten hat und aus dem sich ein prin­zi­pi­el­ler Vor­rang der Gemein­de- vor der Kreis­ebe­ne ablei­ten lässt, der auch bei kom­mu­nal­recht­li­chen Zustän­dig­keits- und Ver­fah­rens­re­ge­lun­gen Berück­sich­ti­gung ver­langt [30].
In Sach­sen-Anhalt besteht somit kein gleich­wer­ti­ger ver­fas­sungs­recht­li­cher Schutz der gemeind­li­chen Selbst­ver­wal­tung. In der Aus­le­gung durch das Lan­des­ver­fas­sungs­ge­richt bleibt die in Art. 87 Verf LSA gewähr­leis­te­te Garan­tie der kom­mu­na­len Selbst­ver­wal­tung in einem wesent­li­chen Gesichts­punkt hin­ter der Gewähr­leis­tung von Art. 28 Abs. 2 GG zurück, so dass auf Lan­des­ebe­ne inso­weit auch kein hin­rei­chen­der Rechts­schutz gegen eine Ver­let­zung der gemeind­li­chen Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie besteht.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 21. Novem­ber 2017 – 2 BvR 2177/​16
GVBl LSA 1992 S. 600, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 05.12 2014, GVBl LSA S. 494[↩]
vgl. BVerfGE 4, 178, 189; 36, 342, 361; 60, 175, 207 f.; 96, 345, 368 f.; 103, 332, 350[↩]
vgl. BVerfGE 36, 342, 361[↩]
vgl. Drei­er, in: ders., GG, Bd. 2, 3. Aufl.2015, Art. 28 Rn. 43, m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 36, 342, 357; 41, 88, 119; 60, 175, 209; 96, 231, 242; 107, 1, 10[↩][↩]
vgl. BVerfGE 41, 88, 119; 97, 298, 314[↩]
vgl. BVerfGE 103, 332, 350 f.; Beth­ge, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/­Klein/­Be­th­ge, § 91 Rn. 80 ff., Janu­ar 2017; Lechner/​Zuck, BVerfGG, 7. Aufl.2015, § 91 Rn. 38; vgl. zu den Fäl­len des Art. 93 Abs. 1 Nr. 5, Art. 99 GG: BVerfGE 6, 376, 382; 64, 301, 317; 69, 112, 117; 120, 82, 101[↩]
vgl. BVerfGE 103, 332, 347 f.; 139, 321, 361 ff. Rn. 123 ff.[↩]
zuletzt BVerfGE 138, 1, 16 ff. Rn. 43 ff.[↩]
vgl. BremStGH, Ent­schei­dung vom 04.07.1953 – St 1/​1953, BremStGHE 1, 42, 44; NdsStGH, Urteil vom 15.02.1973 – StGH 2/​72 und 3/​72, DVBl 1973, S. 310, 311 f.; LVerfG Bbg, Urteil vom 19.05.1994 – VfgBbg 9/​93, LVerfGE 2, 93, 101 f.; vgl. auch Thür­VerfGH, Urteil vom 18.12 1996 – 2/​95 und 6/​95, LVerfGE 5, 391, 409[↩]
vgl. Tettinger/​Schwarz, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 2, 6. Aufl.2010, Art. 28 Abs. 2 Rn. 136, 141; Drei­er, in: ders., GG, Bd. 2, Art. 28 Rn. 83; Nier­haus, in: Sachs, GG, 7. Aufl.2014, Art. 28 Rn. 39; Meh­de, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 28 Abs. 2 Rn. 1, 48, Novem­ber 2012[↩]
BVerfGE 107, 1, 9[↩]
vgl. BVerfGE 107, 1, 9[↩]
vgl. BVerfGE 71, 25, 34; 76, 107, 114; 137, 108, 137 Rn. 63; BVerfG, Beschluss vom 22.08.2016 – 2 BvR 2953/​14 18[↩]
vgl. BVerfGE 107, 1, 9 f.[↩]
vgl. BVerfGE 107, 1, 10[↩]
vgl. BVerfGE 107, 1, 10 f.[↩]
vgl. BVerfGE 107, 1, 11; aus der Kam­mer­recht­spre­chung BVerfG, Beschlüs­se vom 14.10.2013 – 2 BvR 1961/​13 u.a. 4; und vom 25.06.2007 – 2 BvR 635/​07 3[↩]
vgl. BremStGH, Ent­schei­dung vom 04.07.1953 – St 1/​1953, BremStGHE 1, 42, 44; NdsStGH, Urteil vom 15.02.1973 – StGH 2/​72 und 3/​72, DVBl 1973, S. 310, 311 f.; LVerfG Bbg, Urteil vom 19.05.1994 – VfgBbg 9/​93, LVerfGE 2, 93, 101 f.; Thür­VerfGH, Urteil vom 18.12 1996 – 2/​95 und 6/​95, LVerfGE 5, 391, 409; Tettinger/​Schwarz, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 2, Art. 28 Abs. 2 Rn. 136, 141; Drei­er, in: ders., GG, Bd. 2, Art. 28 Rn. 83; Nier­haus, in: Sachs, GG, Art. 28 Rn. 39; Meh­de, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 28 Abs. 2 Rn. 1, 48, Novem­ber 2012[↩]
vgl. BVerfGE 23, 353, 372 f.; 26, 228, 244; 76, 107, 119; 83, 363, 393; 137, 108, 155 Rn. 109[↩]
vgl. Rede­bei­trag des Abge­ord­ne­ten Dr. Arndt (SPD) zu Tages­ord­nungs­punkt 11 der 16. Sit­zung des Deut­schen Bun­des­ta­ges vom 01.02.1951 – Drit­te Bera­tung des Ent­wurfs eines Geset­zes über das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz, Ple­nar­pro­to­koll vom 01.02.1951, S. 4413 f.[↩]
Benda/​Klein, Ver­fas­sungs­pro­zess­recht, 3. Aufl.2012, Rn. 654[↩]
vgl. Benda/​Klein, Ver­fas­sungs­pro­zess­recht, 3. Aufl.2012, Rn. 654; Beth­ge, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/­Klein/­Be­th­ge, § 91 Rn. 87, Janu­ar 2017[↩]
vgl. BVerfGE 138, 1, 18 Rn. 52[↩]
vgl. BVerfGE 21, 117, 128 f.; 23, 353, 365; 79, 127, 150[↩]
BVerfGE 79, 127, 150 f.; 83, 363, 383; 91, 228, 236; 110, 370, 400; 137, 108, 156 f. Rn. 114; 138, 1, 19 Rn. 54 ff.[↩]
vgl. BVerfGE 79, 127, 150 ff.; 107, 1, 12; 110, 370, 399 ff.; 137, 108, 156 f. Rn. 114; 138, 1, 15 Rn. 41[↩]
vgl. BVerfGE 138, 1, 19 Rn. 54[↩]
LVerfG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 20.10.2015, DVBl 2015, S. 1535, 1538 f.[↩]
LVerfG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 20.10.2015, a.a.O.[↩]
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