Source: https://www.bmb.gv.at/ministerium/rs/2001_44.html
Timestamp: 2017-02-25 09:10:34
Document Index: 162377149

Matched Legal Cases: ['§17', '§10', '§13', '§13', '§44', '§3', '§4']

Bundesministerium für Bildung - Grundsatzerlass zum Projektunterricht Wiederverlautbarung der aktualisierten Fassung
Rundschreiben des BMB
Grundsatzerlass zum Projektunterricht Wiederverlautbarung der aktualisierten Fassung
Geschäftszahl: 10.077/5-I/4a/2001 Sachbearbeiterin: MR Mag. Doris KÖLBL-TSCHULIKTel.: (+43)1/53120-4791Fax:
(+43)1/53120-4780doris.koelbl-tschulik@bmukk.gv.at
Verteiler: Landesschulräte (SSR für Wien)Direktionen der
ZentrallehranstaltenDirektionen der Pädagogischen und Berufspädagogischen
AkademienSachgebiet: Pädagogische AngelegenheitenInhalt: Projektunterricht: Definition,
Merkmale, Zielsetzungen, rechtliche Grundlagen;Anleitung zur praktischen
DurchführungGeltung: unbefristet Rundschreiben Nr. 44/2001 Grundsatzerlass zum Projektunterricht Die Entwicklung der Gesellschaft stellt auch an die Schule ständig neue Anforderungen. Mit wachsender Komplexität
werden künftige Erfordernisse der Bildungsarbeit immer weniger vorhersehbar. Dieser Tatsache wird auch bei der Neugestaltung von Lehrplänen Rechnung getragen: es gelten veränderte bzw.
reduzierte zentrale Vorgaben und mehr Autonomie am Standort. Die Schule muss zunehmend durch entsprechende
Unterrichtsmethoden die Entwicklung und Förderung von dynamischen Fähigkeiten und unterschiedlichen Begabungen
ermöglichen. Denn nur informierte, kompetente und motivierte Menschen werden den gesellschaftlichen Veränderungen
weltoffen und entwicklungsbereit gegenüberstehen. Daraus ergeben sich insbesondere die folgenden didaktischen Leitlinien. Didaktische Leitlinien * Differenzierung nach den individuellen Möglichkeiten, Ansprüchen und Bedürfnissen der Lernenden innerhalb der
Lerngruppe * Erkenntnisgewinn und Bewusstmachung von Zusammenhängen und Strukturen anhand von Beispielen (exemplarisches
Lernen) * Vermittlung der Fähigkeit selbstständig zu lernen und mit Wissen umzugehen (Lernen lernen, Anwenden lernen,
Vermitteln lernen) * Verbindung von theoretisch-begrifflichem Lernen und Lernen durch konkretes Handeln und Experimentieren Die durchgängige Verwirklichung dieser didaktischen Leitlinien im gesamten Unterrichtsgeschehen sowie die Nutzung
entsprechender schulischer Rahmenbedingungen bilden die Voraussetzung für die sinnvolle Integration von Projekten in
den Unterricht. Allgemeine Zielsetzungen Vorrangige Ziele des Projektunterrichts sind: * Selbstständiges Lernen und Handeln * Eigene Fähigkeiten und Bedürfnisse erkennen und weiterentwickeln * Handlungsbereitschaft entwickeln und Verantwortung übernehmen * Ein weltoffenes, gesellschaftlich-historisches Problembewusstsein ausbilden * Herausforderungen und Problemlagen erkennen, strukturieren und kreative Lösungsstrategien entwickeln * Kommunikative und kooperative Kompetenzen sowie Konfliktkultur entwickeln * Organisatorische Zusammenhänge begreifen und gestalten Merkmale von Projektunterricht Projektunterricht entspricht den allgemeinen Bildungsanliegen der Schule. Die Projektmethode versteht sich als
ein Weg zur Erreichung der Bildungsziele. Die angewandten Methoden des Unterrichts bzw. Lernens und die Formen der
Unterrichtsorganisation sollen einander konstruktiv ergänzen, bilden jedoch fallweise auch einen sinnvollen
methodischen Kontrast zueinander. Dies gibt dem Schüler / der Schülerin die Gelegenheit zu erkennen, welche Eigenart
oder Möglichkeiten der Problemlösung die verschiedenen Methoden bzw. Betrachtungs- und Verfahrensweisen jeweils
beinhalten. Projektunterricht wird als Zusammenwirken möglichst vieler nachstehender Merkmale verstanden: * Orientierung an den Interessen der Beteiligten Für die Auswahl des Projektthemas sind die Interessen der Schüler/innen und Lehrer/innen von entscheidender
Bedeutung. Die Themenwahl hängt dabei nicht nur vom Inhalt, sondern auch von den vorgesehenen Handlungsformen ab. In
vielen Fällen kann sogar die Form der Aktivität (z.B. Herstellen eines Films) Priorität bei der Entscheidung haben und
der behandelte Inhalt erst im Laufe der Arbeit „interessant“ werden. * Selbstorganisation und Selbstverantwortung Die Ziele des Projekts, Art und Methode des Lernens wie auch die Kriterien der Beurteilung werden gemeinsam
festgelegt. Lehrer/innen und Schüler/innen besorgen sich alle notwendigen Informationen und leiten daraus die
entsprechende Planung ab. Das Erlernen von Planungsstrategien, der Umgang mit Ressourcen und das Finden von
Möglichkeiten, erarbeitetes Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten anderen weiterzugeben, ebenso wie die
konstruktiv-kritische Einschätzung der eigenen und der Leistung anderer, sind explizite Lerninhalte und Lernziele. * Zielgerichtete Planung Für eine sinnvolle Projektdurchführung ist eine gemeinsame Festlegung von Lern- und Handlungszielen unabdingbar.
In gleicher Weise müssen auch die Art der geplanten Tätigkeiten, die Arbeitsformen, in denen gearbeitet werden soll,
die zur Verfügung stehende Zeit und die verschiedenen Verantwortlichkeiten besprochen, geplant und vereinbart werden. * Interdisziplinarität Im Mittelpunkt von Projektunterricht steht ein Thema, ein Problem, zu dessen Bearbeitung bzw. Lösung die
entsprechenden Fachdisziplinen herangezogen werden sollen. Projektunterricht soll mithelfen, „vernetztes Denken“ und
ganzheitliche Betrachtungsweisen zu erlernen. Die Aneignung dieser Fähigkeiten wird durch unterschiedliche
Problemsichten und interdisziplinäres Herangehen an ein Thema gefördert, kann jedoch auch in einem einzelnen
Unterrichtsgegenstand stattfinden. * Erwerb sozialer Kompetenzen Durch die gemeinsame Arbeit an einem Thema oder auch durch das Vorhaben, gemeinsam ein bestimmtes Ziel zu
erreichen, entsteht die Notwendigkeit, neue Kommunikationsformen zu erproben, um miteinander und voneinander lernen zu
können. Kommunikation und Kooperation, Konfliktlösungsstrategien, Koordination zwischen Gruppen, Umgang mit Kritik,
Beurteilung und Kontrolle etc. werden dadurch zu Lernfeldern. Soziale und sachliche Ziele stehen gleichberechtigt
nebeneinander. * Wirkung nach außen Projektunterricht versucht innerschulische und außerschulische Realitäten zu beeinflussen. Schülerinnen und
Schüler beteiligen sich aktiv an der Gestaltung des gesellschaftlichen Umfelds. * Rolle der Lehrer/innen Die Aufgaben des Lehrers / der Lehrerin liegen neben der fachlichen Kompetenz verstärkt in der Hilfestellung bei
der Strukturierung von Planungs- und Entscheidungsprozessen und der dazu notwendigen didaktischen und organisatorischen
Bedingungen, bei der Vermittlung arbeitsmethodischer Kompetenzen sowie der Bewusstmachung gruppendynamischer Prozesse
und der Unterstützung von Reflexionsprozessen. * Einbeziehung vieler Sinne Die sinnvolle Verbindung von körperlicher und geistiger Arbeit, von Erkenntnisgewinn und Anwendung im praktischen
Handeln sowie die Einbeziehung möglichst vieler Sinne stellen eine wichtige Qualität von Projektunterricht dar. Zentrale Phasen von Projektunterricht * Projektidee / Themenfindung Wichtig ist, dass das Interesse aller Beteiligten geweckt werden kann und genügend Zeit zur Verfügung steht,
damit sich Lehrer/innen und Schüler/innen gemeinsam auf ein Thema, das sie bearbeiten, oder auf ein Problem, das sie
lösen wollen, einigen können. * Zielformulierung und Planung Durch die Formulierung von Zielen werden auch die unterschiedlichen Interessen sichtbar, können Unterthemen
diskutiert und ein anzustrebendes Ergebnis festgelegt werden. Die vorhandenen Rahmenbedingungen und Ressourcen müssen
analysiert werden und in der Planung Berücksichtigung finden, die Verantwortlichkeiten für die einzelnen Teilbereiche
müssen festgelegt werden. * Vorbereitungszeit Diese Zeit dient der umfassenden Informationsbeschaffung, der Besorgung notwendiger Arbeitsmaterialien, der
Planung von Exkursionen, Diskussionen mit Fachleuten, Filmvorführungen u.ä. Im Zuge dieser Vorbereitungsarbeiten können
sich organisatorische oder inhaltliche Änderungen am Projektplan als notwendig erweisen. * Projektdurchführung In diesem Abschnitt wird die inhaltliche Hauptarbeit geleistet. Die geplanten Vorhaben werden von den
Schüler/innen in unterschiedlichen Sozialformen möglichst selbstständig durchgeführt, die Lehrer/innen stehen dabei als
koordinierende Berater/innen und Expert/innen und als „Konfliktmanager/innen“ zur Verfügung. Während dieser Zeit ist es
besonders wichtig, in (kurzen) Reflexionsphasen („Fixpunkten“) Erfahrungen und Zwischenergebnisse auszutauschen,
aufgetretene Probleme zu besprechen, koordinierende Maßnahmen zu setzen und den Verlauf des Projekts und die emotionale
Befindlichkeit der Projektmitarbeiter/innen zu überprüfen. * Projektpräsentation / Projektdokumentation Projektunterricht ist durch einen klar erkennbaren Abschluss gekennzeichnet. Dabei haben alle Beteiligten die
Gelegenheit, ihre Arbeitsergebnisse einander vorzustellen und wenn möglich einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu
machen. Entscheidend für die Wahl des Projektabschlusses muss sein, dass die Schüler/innen durch die Präsentation
Anerkennung und Kritik ihrer Arbeit erfahren und dass die Ergebnisse des Projekts kommunizierbar werden. Die
Dokumentation ist Teil des Projekts und eine wesentliche Grundlage für Präsentation, Öffentlichkeitsarbeit, Reflexion
und Evaluation. Sie sollte daher Informationen über alle wichtigen Ergebnisse, Stadien des Arbeitsprozesses und
Erfahrungen der Projektmitarbeiter/ innen liefern. * Projektevaluation Die Evaluation dient der Überprüfung der Projektergebnisse und der Weiterentwicklung der Qualität künftiger
Projekte. Grundlage für die Zielformulierungen in der Planungsphase sind die Fragestellungen: Was wollen wir zu welchem
Zweck und mit welchen Mitteln erreichen? Prozessbegleitend und am Ende des Projekts werden diese Ziele auf Basis der gesammelten Daten hinsichtlich ihrer
Erreichung bzw. Umsetzung systematisch bewertet. In den Phasen der Projektreflexion werden die Erfahrungen der Beteiligten und die laufenden Prozesse besprochen.
Die Projektreflexion ist ein unabdingbares Element der Evaluation. Sie erfolgt grundsätzlich durch die Akteur/innen
selbst; um die Gefahr „blinder Flecken“ in der eigenen Wahrnehmung zu vermeiden, ist es jedoch in manchen Bereichen der
Evaluation unerlässlich, auch eine Außensicht einzubeziehen („kritische Freund/innen“, Projektpartner/innen). Rechtliche Grundlagen und Bestimmungen Alle nachfolgenden rechtlichen Grundlagen zur Unterrichtsführung sind im Rahmen der praktischen
Handlungsanleitung zum Projekterlass („Tipps zur Umsetzung“) mit Zitaten von Gesetzestexten und Erlässen belegt. Unterrichtsarbeit Projektunterricht steht in Übereinstimmung mit den gesetzlich festgelegten Aufgaben der österreichischen Schule
und der Unterrichtsarbeit. * Schulunterrichtsgesetz
§17 (1) des SchUG schreibt unter anderem fest, dass der Lehrer / die Lehrerin den Lehrstoff des jeweiligen
Unterrichtsgegenstandes anschaulich und gegenwartsbezogen entsprechend dem Stand der Wissenschaft zu vermitteln hat.
Weiters hat die Lehrperson unter Berücksichtigung der Entwicklung der Schüler/innen und durch geeignete Methoden eine
gemeinsame Bildungswirkung aller Unterrichtsgegenstände anzustreben. Dabei sind die Schüler/innen zur Selbsttätigkeit
und zur Mitarbeit in der Gemeinschaft anzuleiten. * Lehrplanverordnung Projektunterricht ist verankert in den allgemeinen Bildungszielen, den allgemeinen und fachbezogenen didaktischen Grundsätzen, den Lehrplanbestimmungen der einzelnen Unterrichtsgegenstände, ) den Unterrichtsprinzipien Die Zielsetzungen der Unterrichtsprinzipien sind am besten durch das Zusammenwirken vieler oder aller
Unterrichtsgegenstände zu bewältigen. Für die konkrete Umsetzung bietet sich u.a. Projektunterricht besonders an. Zum
Teil sind die Unterrichtsprinzipien durch Grundsatzerlässe geregelt. Organisatorische Maßnahmen Um den Zielsetzungen von Projektunterricht gerecht zu werden, kann eine vorübergehende Veränderung der üblichen
schulischen Organisationsformen notwendig werden. Dazu gehören insbesondere die für die Dauer des Projekts
erforderliche Veränderung des Stundenplans (§10 SchUG), die Aufhebung des Klassenverbandes, die Mitwirkung
außerschulischer Personen und die Verlegung des Unterrichtes an einen Ort außerhalb der Schule. Letztere berührt nicht
das in der Schulveranstaltungenverordnung vorgesehene Kontingent an Schulveranstaltungen. Projektwochen (§13 SchUG) und schulbezogene Veranstaltungen (§13a SchUG) können ebenfalls den Projektunterricht
ergänzen bzw. auf ihm aufbauen. Die geplanten organisatorischen Belange des Unterrichtsprojekts sind mit der
Schulleitung abzustimmen. Darüber hinaus ist es zweckmäßig, bereits in der Planungsphase neben der Information der Lehrerkolleg/innen und
der Schulleitung auch die Zusammenarbeit mit den Eltern (Schulgemeinschaftsausschuss, Elternverein, Klassenforum,
Schulforum) und gegebenenfalls mit den Lehrberechtigten (für den Bereich der Berufsschulen) zu suchen. Aufsichtspflicht Die Aufsichtspflicht des Lehrers / der Lehrerin wird im Erlass des BMUK, ZI. 10.361/115-III/4/96 (MVBl. Nr.
109/1997) zusammenfassend und teilweise kommentierend dargestellt. Bei einer Verlegung des Projektunterrichts an einen
Ort außerhalb der Schule finden die in obzitiertem Erlass aufgenommenen Grundsätze Anwendung (siehe
Stichwortverzeichnis ? „Aufsichtspflicht“). Unter Beachtung der Aufsichtspflicht (welche unter Umständen ab der 9.
Schulstufe entfallen kann) und des Prinzips der Selbsttätigkeit der Schüler/innen ist dafür zu sorgen, dass * die Schüler/innen zur Projektdurchführung innerhalb eines bestimmten räumlich abgegrenzten Bereichs und
innerhalb eines genau festgesetzten Zeitraumes selbsttätig arbeiten, * die Schüler/innen vor etwaigen besonderen Gefahren gewarnt wurden, * die aufsichtsführenden Personen von den Schüler/innen jederzeit erreicht werden können (Festlegung eines
Treffpunktes), * bei der Festlegung des räumlich abgegrenzten Bereichs und des festgesetzten Zeitraumes auf die körperliche und
geistige Reife der Schüler/innen und mögliche Gefahren zu achten ist, * die Schüler/innen im Zuge des selbsttätigen Handelns in der Regel nicht einzeln, sondern zumindest paarweise
agieren. Bei Gewährleistung der Sicherheit für die Schüler/innen und wenn dies für die Aufgaben der Schule zweckmäßig
erscheint, kann die Beaufsichtigung der Schüler/innen auch durch andere geeignete Personen (z.B. Erziehungsberechtigte)
als durch die Lehrperson erfolgen (§44a SchUG). Leistungsfeststellung und Leistungsbeurteilung Leistungen (§3 und §4 der Leistungsbeurteilungsverordnung), die Schüler/innen im Rahmen des Projektunterrichtes
erbringen, haben in die Beurteilung einzufließen. Im Projektunterricht sind dieser ganzheitlichen Lernmethode adäquate
Formen der Leistungsbeurteilung (siehe Stichwortverzeichnis ? „Leistungsfeststellung“) anzustreben. Dies ist notwendig,
weil Projektunterricht auf einer Umgestaltung der Arbeitskooperation zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen sowie auf
der Ganzheitlichkeit von Lern- und Unterrichtsprozessen und auf themenbezogenem Arbeiten über Fächergrenzen hinaus
basiert. Download: Webseite des BMBWK www.bmbwk.gv.at - Bereich Bildung und Schulen Wien, 30. Juli 2001 Die Bundesministerin:GEHRER F.d.R.d.A.: Geändert am: 26.05.2014