Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Wartestandsregelung_ist_innerkirchliche_Angelegenheit_BVerfG_2BvR717-08.html
Timestamp: 2017-02-20 01:37:12
Document Index: 238945853

Matched Legal Cases: ['§ 91', '§ 90', 'Art.140', 'Art.137', 'Art.33', 'Art.3']

HENSCHE Arbeitsrecht: Die Versetzung eines Pfarrers in den Wartestand ist als innerkirchliche Angelegenheit kein Akt der staatlichen Gewalt
19.02.2009. Evan­ge­li­sche Pfar­rer wur­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren oft in den sog. War­te­stand ver­setzt. Im War­te­stand sind sie für kei­ne Kir­chen­ge­mein­de als Pfar­rer tä­tig, d.h. sie üben kei­ne seel­sor­ge­ri­sche Tä­tig­keit aus. Dies ge­schieht auf ge­setz­li­chen Grund­la­gen, die die evan­ge­li­schen Kir­chen selbst ge­schaf­fen ha­ben. Die­ses kir­chen­recht­li­che Ge­set­zes­recht und die dar­auf be­ru­hen­de Pra­xis der Ver­set­zung ei­nes Pfar­rers in den War­te­stand sind ei­ner Kon­trol­le durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) ent­zo­gen: BVerfG, Be­schluss vom 09.12.2008, 2 BvR 717/08.
Können Pfarrer im Wartestand vor die staatlichen Gerichte ziehen?
Nach dreijähri­gem War­te­stand wird der Pfar­rer so­dann nach § 91 Abs. 1 PfDG 1996 in den Ru­he­stand ver­setzt, falls er in­ner­halb die­ser Zeit kei­ne neue Pfarr­stel­le ge­fun­den hat. Der Be­trof­fe­ne hat so­mit nach Be­ginn des War­te­stan­des wei­te­re drei Jah­re Zeit, ei­ne an­der­wei­ti­ge Ver­wen­dung zu er­rei­chen. In den letz­ten Jah­ren wird die Ver­set­zung in den War­te­stand von Pfar­rer­ver­tre­tun­gen zu­neh­mend als un­ge­setz­lich, je­den­falls als un­ge­recht kri­ti­siert.
Zum ei­nen wird ein­ge­wandt, die In­sti­tu­ti­on des War­te­stands stam­me aus dem Dis­zi­pli­nar­recht, so dass die Ver­set­zung ei­nes Pfar­rers in den War­te­stand des­sen Ruf beschädi­ge, da all­ge­mein un­ter­stellt wer­de, er ha­be sich ei­ne gra­vie­ren­de Dienst­ver­feh­lung zu­schul­den kom­men las­sen. Zum an­de­ren wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Ab­be­ru­fun­gen und Ver­set­zun­gen in den War­te­stand zu­neh­mend häufig aus Gründen der Um­struk­tu­rie­rung bzw. Zu­sam­men­le­gung von Pfarr­stel­len vor­ge­nom­men würden. Dies wi­der­strei­te dem bis­lang gel­ten­den Prin­zip der le­bens­lan­gen An­stel­lung ei­nes Pfar­rers.
Der Streitfall: Ein Pfarrer der evangelischen Kirche im Rheinland liegt jahrelang im Streit mit seiner Kirche
Ein Pfar­rer der ev. Kir­che im Rhein­land wur­de we­gen nicht zu über­brücken­der Un­stim­mig­kei­ten mit der Ge­mein­de in den War­te­stand und später in den Ru­he­stand ver­setzt, was mit ei­ner er­heb­li­chen Her­ab­set­zung sei­ner Bezüge ver­bun­den war. Im Ver­lauf ei­nes länger an­dau­ern­den kir­chen­ge­richt­li­chen Streits wand­te er sich ge­gen ei­nen Be­schluss der Ver­wal­tungs­kam­mer der ev. Kir­che im Rhein­land vom 07.03.2008, ein Ur­teil der Ver­wal­tungs­kam­mer der ev. Kir­che im Rhein­land vom 17.08.2007, ei­nen Wi­der­spruchs­be­scheid des Lan­des­kir­chen­am­tes vom 24.10.2006, ei­nen Wi­der­spruchs­be­scheid des Kol­le­gi­ums des Lan­des­kir­chen­am­tes vom 15.08.2006, ei­nen Be­scheid der Ge­mein­sa­men Ver­sor­gungs­kas­se für Pfar­rer und Kir­chen­be­am­te vom 08.08.2006 so­wie ei­nen Be­scheid des Lan­des­kir­chen­am­tes vom 22.06.2006.
Karlsruhe: Die Versetzung eines Pfarrers in den Wartestand ist eine innerkirchliche Angelegenheit und kein Akt der staatlichen Gewalt
Ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist gemäß § 90 BVerfGG nur zulässig, wenn sie sich ge­gen Grund­rechts­ver­let­zun­gen durch die öffent­li­che Ge­walt rich­tet. Dar­un­ter fal­len aber nur Ak­te der Staats­ge­walt, nicht aber kirch­li­che Maßnah­men, so das BVerfG un­ter Hin­weis auf sei­ne bis­he­ri­ge ständi­ge Recht­spre­chung (vgl. BVerfG, Be­schluss vom 17.02.1965, 1 BvR 732/64). Das GG räumt den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten nämlich das Recht ein, ih­re An­ge­le­gen­hei­ten selbst in den Gren­zen des gel­ten­den Rechts zu ord­nen und zu ver­wal­ten. Da­her ver­lei­hen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten seel­sor­ge­ri­sche Ämter oh­ne Mit­wir­kung des Staa­tes auf der Grund­la­ge von Art.140 GG in Verb. mit Art.137 Abs.1 und Abs.3 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV). Der Staat er­kennt mit die­sen Vor­schrif­ten die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten als In­sti­tu­tio­nen mit dem Recht der Selbst­be­stim­mung an. Sie sei­en ih­rem We­sen nach un­abhängig vom Staat und lei­te­ten ih­re Ge­walt nicht vom Staat ab. Da­her be­steht nach der Recht­spre­chung des BVerfG kei­ne „Kir­chen­ho­heit“ des Staa­tes. Nur dann, wenn die Kir­chen ei­ne vom Staat ver­lie­he­ne Be­fug­nis ausüben oder wenn ih­re Maßnah­men den ih­nen zu­ge­wie­se­nen Be­reich über­schrei­ten und da­her in den staat­li­chen Be­reich hin­ein­rei­chen, üben die Kir­chen auch staat­li­che Ge­walt aus. In sol­chen Fällen ist ih­re Selbst­be­stim­mung be­schränkt. Die Ver­set­zung des Be­schwer­deführers in den War­te­stand so­wie später den Ru­he­stand und die da­mit ein­her­ge­hen­de Ein­kom­mens­min­de­rung gehört dem­zu­fol­ge nicht zu dem Be­reich, in dem der Staat den Kir­chen staat­li­che Auf­ga­ben über­tra­gen hat. Es han­delt sich viel­mehr um rein in­ner­kirch­li­che Strei­tig­keit. Die Aus­ge­stal­tung des Dienst- und Amts­rechts von Pfar­rern un­ter­liegt al­lein dem Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­chen, so das BVerfG.
Ob­wohl das BVerfG so­mit die Zulässig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­neint, führt es ergänzend aus, dass ei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de auch un­be­gründet wäre. Denn es liegt, so das BVerfG, we­der ein Ver­s­toß ge­gen Art.33 Abs. 5 GG noch ei­ne Ver­let­zung des Willkürver­bots (Art.3 Abs.1 GG) vor. Das Kir­chen­recht lässt dem be­trof­fe­nen Pfar­rer nach An­sicht des Ge­richts während der Dau­er ei­ner Ab­be­ru­fung und ei­nes War­te­stan­des aus­rei­chend Zeit, sich ei­ne neue Betäti­gungsmöglich­keit zu su­chen. Außer­dem wa­ren die Ab­be­ru­fung und die Ver­set­zung in den War­te­stand und ei­nen späte­ren Ru­he­stand hier im Streit­fall kei­ne willkürli­chen Maßnah­men, son­dern be­ruh­ten auf sach­li­chen Erwägun­gen. Fa­zit: Die Be­den­ken, die ge­gen die kir­chen­ge­setz­li­chen Rechts­grund­la­gen und die Pra­xis der Ver­set­zung in den War­te­stand ge­rich­tet sind, las­sen sich zwar nicht ver­fas­sungs­recht­lich un­ter­mau­ern, da hier rein in­ner­kirch­li­che Fra­gen berührt sind. Das heißt aber nicht, dass hier kein Re­form­be­darf bestünde. Es bleibt zu hof­fen, dass die Kir­chen­lei­tun­gen den Be­schluss des BVerfG vom 09.12.2008 nicht als Bestäti­gung ih­rer bis­he­ri­gen War­te­stand­pra­xis (miss-)in­ter­pre­tie­ren. Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Vor­gang fin­den Sie hier: