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Timestamp: 2016-10-22 16:19:44
Document Index: 284544616

Matched Legal Cases: ['BGE', 'Art. 132', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

8C_32/2013 (19.06.2013)
8C_32/2013 � � Urteil vom 19. Juni 2013
Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau vom 15. November 2012.
Der 1954 geborene H.________ meldete sich im Juni 2008 nach einem operierten Plattenepithelkarzinom des linken Oberlappens mit adjuvanter Chemotherapie und Teilnahme an einer Impfstudie bei der Invalidenversicherung zum Leistungsbezug an. Die IV-Stelle des Kantons Aargau kl�rte die medizinischen und wirtschaftlichen Verh�ltnisse ab und holte bei der Academy A.________ des Spitals X.________ ein polydisziplin�res Gutachten (vom 25. Oktober 2011) ein, welches als Hauptdiagnose eine Cancer-related Fatigue mit Einschr�nkung der Arbeitsf�higkeit um 50 % ab 31. Juli 2009 in der angestammten T�tigkeit als Wirtschaftspr�fer festhielt. Seit Diagnosestellung des Karzinoms und f�r die Zeit der operativen und chemotherapeutischen Behandlungen bestand gem�ss den Gutachtern vom 23. April 2008 bis 30. Juli 2009 eine vollst�ndige Arbeitsunf�higkeit. Die IV-Stelle verneinte einen Rentenanspruch mit der Begr�ndung, da die Cancer-related Fatigue organisch nicht nachgewiesen werden k�nne, sei diese als syndromales Beschwerdebild rechtsprechungsgem�ss willentlich �berwindbar. Eine Ausnahme hiervon liege nicht vor, weshalb sie das Leistungsbegehren abwies (Verf�gung vom 15. Februar 2012).
Die dagegen gef�hrte Beschwerde hiess das Versicherungsgericht des Kantons Aargau, soweit es darauf eintrat, mit Entscheid vom 15. November 2012 gut und sprach dem Versicherten f�r die Zeit vom 1. April bis 31. Oktober 2009 eine ganze, und ab 1. November 2009 eine halbe Rente der Invalidenversicherung zu.
Die IV-Stelle des Kantons Aargau f�hrt Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten und beantragt die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids. Ferner ersucht sie um Erteilung der aufschiebenden Wirkung.
W�hrend H.________ auf Abweisung der Beschwerde schliesst, verzichten Vorinstanz und Bundesamt f�r Sozialversicherungen auf eine Vernehmlassung.
Mit Verf�gung vom 2. April 2013 erteilte das Bundesgericht der Beschwerde aufschiebende Wirkung.
1.2.�Im Rahmen der Invalidit�tsbemessung - namentlich bei der Ermittlung von Gesundheitsschaden, Arbeitsf�higkeit und Zumutbarkeitsprofil sowie bei der Festsetzung von Validen- und Invalideneinkommen - sind zwecks Abgrenzung der (f�r das Bundesgericht grunds�tzlich verbindlichen) Tatsachenfeststellungen von den (letztinstanzlich frei �berpr�fbaren) Rechtsanwendungsakten der Vorinstanz weiterhin die kognitionsrechtlichen Grunds�tze heranzuziehen, wie sie in BGE 132 V 393 E. 3 S. 397 ff. f�r die ab 1. Juli bis 31. Dezember 2006 g�ltig gewesene Fassung von Art. 132 des nunmehr aufgehobenen OG entwickelt wurden. Soweit die Beurteilung der Zumutbarkeit von Arbeitsleistungen auf die allgemeine Lebenserfahrung gest�tzt wird, geht es um eine Rechtsfrage; dazu geh�ren auch Folgerungen, die sich auf medizinische Empirie st�tzen, zum Beispiel die Vermutung, dass eine anhaltende somatoforme Schmerzst�rung oder ein vergleichbarer �tiologisch unklarer syndromaler Zustand mit zumutbarer Willensanstrengung �berwindbar sei (BGE 131 V 49 mit Hinweisen; SVR 2008 IV Nr. 8 S. 24, I 649/06 E. 3.2 am Ende). Im �brigen gilt in diesem Zusammenhang Folgendes: Zu den vom Bundesgericht nur eingeschr�nkt �berpr�fbaren Tatsachenfeststellungen z�hlt zun�chst, ob eine anhaltende somatoforme Schmerzst�rung (oder ein damit vergleichbarer syndromaler Zustand) vorliegt, und bejahendenfalls sodann, ob eine psychische Komorbidit�t oder weitere Umst�nde gegeben sind, welche die Schmerzbew�ltigung behindern. Als Rechtsfrage frei �berpr�fbar ist, ob eine festgestellte psychische Komorbidit�t hinreichend erheblich ist und ob einzelne oder mehrere der festgestellten weiteren Kriterien in gen�gender Intensit�t und Konstanz vorliegen, um gesamthaft den Schluss auf eine nicht mit zumutbarer Willensanstrengung �berwindbare Schmerzst�rung und somit auf eine invalidisierende Gesundheitssch�digung zu gestatten (SVR 2008 IV Nr. 23 S. 72, I 683/06 E. 2.2).
Der Geltungsbereich der zun�chst auf die somatoforme Schmerzst�rung (ICD-10 F45.4) bezogenen Rechtsprechung nach BGE 130 V 352 wurde sukzessive auf weitere pathogenetisch-�tiologisch unklare syndromale Beschwerdebilder ausgedehnt. Zun�chst wurde die Fibromyalgie (ICD-10 M79.0) unterstellt (BGE 132 V 65), sodann die dissoziative Sensibilit�ts- und Empfindungsst�rung (ICD-10 F44.6; SVR 2007 IV Nr. 45 S. 149, I 9/07 E. 4), das chronische M�digkeitssyndrom (CFS) und die Neurasthenie (SVR 2011 IV Nr. 26 S. 73, 9C_662/2009 E. 2.3; SVR 2011 IV Nr. 17 S. 44, 9C_98/2010 E. 2.2.2; Urteil I 70/07 vom 14. April 2008 E. 5), die Folgen von milden Verletzungen der Halswirbels�ule ("Schleudertrauma"; BGE 136 V 279) sowie die nichtorganische Hypersomnie (BGE 137 V 64).
3.1.�Die Beschwerde f�hrende IV-Stelle vertritt die Auffassung, die invalidisierende Wirkung des von den Gutachtern diagnostizierten Leidens einer tumorassoziierten Fatigue (Cancer-related Fatigue [CrF]) beurteile sich - entgegen den Erw�gungen der Vorinstanz - sinngem�ss nach der Rechtsprechung zu den anhaltenden somatoformen Schmerzst�rungen und sei im Lichte der dort herangezogenen Kriterien zu verneinen.
3.2.�Krebsbedingte Fatigue ist ein multidimensionales Syndrom, unter dem die Mehrheit der Krebspatientinnen und -patienten w�hrend der Therapie leidet. Die CrF kann viele Jahre nach Therapieabschluss andauern und wird durch physische, psychologische und auch soziale Faktoren beeinflusst. Alle Erkl�rungsmodelle zur Ursache und Entstehung von M�digkeits- und Ersch�pfungssyndromen gehen von komplexen und multikausalen Vorg�ngen aus. Bei der CrF k�nnen diese durch den Tumor bedingt oder Folge der Therapie, aber auch Ausdruck einer genetischen Disposition, begleitender somatischer oder psychischer Erkrankungen, wie auch verhaltens- oder umweltbedingter Faktoren sein. So besteht Evidenz f�r metabolische Ursachen, endokrinologische und neurophysiologische Ver�nderungen und Cytokine. Chemo- und radiotherapeutische Behandlungsschemata scheinen eine Rolle zu spielen, wobei der Toxizit�t der Behandlung selbst, wie auch der Akkumulation zerst�rter Tumorzellprodukte �tiologische Bedeutung zukommt. Diskutiert wird auch die These, dass die Energieanforderungen durch die Tumorerkrankung oder durch die Begleitsymptomatik einen Einfluss haben oder die m�glicherweise durch den Tumornekrosefaktor mitbedingte Verminderung der Skelettmuskelmasse eine Rolle spielen kann (Brummer/Fladung/Connemann, Tumorassoziierte Fatigue, Onkologische Welt 5/2011 S. 223 ff.; Heim/Feyer, Das tumorassoziierte Fatigue-Syndrom, Journal Onkologie 1/2011 S. 42-47). Es werden verschiedene pathophysiologische Faktoren diskutiert und bei der h�ufig stark verminderten k�rperlichen Leistungsf�higkeit als Ursachen vornehmlich Ver�nderungen in kortikalen und spinalen Zentren der Sensomotorik wie auch solche des muskul�ren Erregungs- und Energiestoffwechsels beschrieben (Horneber und andere, Tumor-assoziierte Fatigue, Epidemiologie, Pathogenese, Diagnostik und Therapie, Deutsches �rzteblatt, 109 9/2012 S. 161-171).
3.3.�Ursachen und Entstehung der CrF sind demnach nach derzeitigem Forschungsstand nicht ganz gekl�rt. Es besteht in der medizinischen Fachwelt aber Einigkeit dar�ber, dass sie komplex sind und, wie dargelegt, somatische, emotionale, kognitive und psychosoziale Faktoren zusammenspielen. Die CrF kann - auch wenn zugrunde liegende internistische oder psychiatrische Erkrankungen behandelt worden sind - in 30 bis 40 % noch l�ngere Zeit nach Therapieabschluss andauern. Diese (hier vorliegende) chronische Fatigue wird in Zusammenhang gebracht mit der Krankheitsverarbeitung oder langfristigen Anpassungsproblemen. Sie wird aber auch als m�gliche Sp�tfolge der Therapie im Bereich von St�rungen des Stoffwechsels oder der psychovegetativen Selbstregulation des K�rpers gesehen.
3.4.�Definitionsbedingt tritt diese Form der Fatigue zwingend in Zusammenhang mit einer Krebserkrankung auf. Ein Hinweis auf die Einordnung in die somatoformen St�rungen findet sich in der medizinischen Literatur nicht. Damit grenzt sich die tumorassoziierte Fatigue auch klar vom Chronic Fatigue Syndrome (CFS; ICD-10 G93.3) als eigenst�ndiges Krankheitsbild ab, wenngleich die CrF noch nicht als eigene Krankheitsentit�t Eingang in die ICD (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) gefunden hat. Es bestehen aber von der Fatigue-Coalition definierte Diagnosekriterien analog zu ICD-10-Kriterien (Heim/Feyer, a.a.O., S. 42).
Als Begleitsymptom onkologischer Erkrankungen und ihrer Therapie liegt der CrF zumindest mittelbar eine organische Ursache zugrunde, weshalb es sich mit der Vorinstanz nicht rechtfertigt, sozialversicherungsrechtlich auf die tumorassoziierte Fatigue die zum invalidisierenden Charakter somatoformer Schmerzst�rungen entwickelten Grunds�tze (BGE 130 V 352) analog anzuwenden.
Gegen die vorinstanzliche Feststellung, der Beschwerdegegner sei in seiner bisherigen T�tigkeit als Wirtschaftspr�fer bestm�glich eingegliedert, wendet die Beschwerdef�hrerin ebenso wenig etwas ein wie gegen den dementsprechend durch Prozentvergleich (zu dessen Zul�ssigkeit vgl. BGE 114 V 310 E. 3a S. 312; 104 V 135 E. 2b S. 137) ermittelten Invalidit�tsgrad, wobei sich das kantonale Gericht auf die Arbeitsf�higkeitssch�tzung gem�ss Gutachten vom 25. Oktober 2011 st�tzte. Damit bleibt es beim Anspruch auf eine ganze Rente f�r die Zeit vom 1. April bis 31. Oktober 2009 basierend auf einem Invalidit�tsgrad von 100 % und auf eine halbe Rente ab 1. November 2009 bei einem 50%igen Invalidit�tsgrad.