Source: https://www.anwalt24.de/urteile/bfh/2015-02-25/xi-r-35_12
Timestamp: 2017-10-17 14:12:56
Document Index: 297493438

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 12', 'Art. 98', '§ 164', 'Art. 132', '§ 12', 'Art. 5', 'EuG', '§ 12', '§ 12', '§ 12', '§ 12', '§ 12', '§ 118', 'Art. 98']

BFH, 25.02.2015 - XI R 35/12 - Umsatzsteuerliche Behandlung einer Autorenlesung vor Publikum | anwalt24.de
Urt. v. 25.02.2015, Az.: XI R 35/12
Referenz: JurionRS 2015, 17375
Aktenzeichen: XI R 35/12
FG Köln - 30.08.2012 - AZ: 12 K 1967/11
UStG § 4 Nr. 20, § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a
MwStSystRL Art. 98 Abs. 2, Anhang III Kategorie 7 und 9
BFH/NV 2015, 1064-1066
BFH/PR 2015, 272
BStBl II 2015, 677-679
DStR 2015, 1304-1307
DStRE 2015, 826
DStZ 2015, 579-580
GStB 2015, 35
HFR 2015, 690-692
KÖSDI 2015, 19393
NJW 2016, 832
NWB 2015, 1818
NWB direkt 2015, 659
StBW 2015, 603
StBW 2015, 617
StuB 2015, 607
StX 2015, 393-394
UR 2015, 590-592
UStB 2015, 178-179
UVR 2015, 292-293
ZUM-RD 2016, 482-484
Die Klägerin und Revisionsbeklagte (Klägerin) ist Schriftstellerin und führte im Jahre 2008 (Streitjahr) Lesungen aus ihrem zuvor erschienenen Buch durch.
Die mit den Lesungen bewirkten Umsätze (brutto ... €) unterwarf sie in ihrer Umsatzsteuererklärung für das Streitjahr (ebenso wie ihre Umsätze aus den Buchverkäufen) dem ermäßigten Steuersatz (7 %). Aufgrund der Feststellungen einer Umsatzsteuer-Sonderprüfung gelangte der Beklagte und Revisionskläger (das Finanzamt —FA—) zu der Auffassung, dass die Umsätze aus den Lesungen dem Regelsteuersatz (19 %) unterlägen, und setzte die Umsatzsteuer für das Streitjahr mit nach § 164 Abs. 2 der Abgabenordnung geändertem Bescheid vom 21. September 2010 entsprechend fest. Den Einspruch der Klägerin wies das FA mit Einspruchsentscheidung vom 19. Mai 2011 als unbegründet zurück.
Eine Steuerbefreiung nach Art. 132 Abs. 1 Buchst. n der Richtlinie 2006/112/EG des Rates vom 28. November 2006 über das gemeinsame Mehrwertsteuersystem (MwStSystRL) scheidet ebenfalls aus, weil die Klägerin keine anerkannte Einrichtung im Sinne dieser Bestimmung ist (vgl. dazu z.B. Urteil des Bundesfinanzhofs —BFH— vom 18. Februar 2010 V R 28/08, BFHE 228, 474, BStBl II 2010, 876, [BFH 18.02.2010 - V R 28/08] Rz 25).
bb) Zweck der Steuerermäßigung ist, zugunsten der Besucher entsprechender Veranstaltungen eine Preiserhöhung zu vermeiden (vgl. BFH-Urteile vom 26. April 1995 XI R 20/94, BFHE 177, 548, BStBl II 1995, 519 [BFH 26.04.1995 - XI R 20/94]; vom 9. Oktober 2003 V R 86/01, BFH/NV 2004, 984).
cc) Seit der mit Wirkung vom 16. Dezember 2004 erfolgten Änderung des § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a UStG durch Art. 5 Nr. 8 des Gesetzes zur Umsetzung von EU-Richtlinien in nationales Steuerrecht und zur Änderung weiterer Vorschriften vom 9. Dezember 2004 (BGBl I 2004, 3310) kann offenbleiben, ob die Klägerin mit dem Abhalten der jeweiligen Lesung eine sonstige Leistung gegenüber einem Veranstalter oder eine sonstige Leistung als Veranstalterin gegenüber dem Publikum bewirkt hat (vgl. dazu Urteil des Gerichtshofs der Europäischen Union —EuGH— vom 23. Oktober 2003 C-109/02, Kommission/ Deutschland, Slg. 2003, I-12691, Rz 28; Klenk in Sölch/ Ringleb, Umsatzsteuer, § 12 Rz 250).
b) Der BFH versteht unter Theatervorführungen i.S. von § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a UStG nicht nur Aufführungen von Theaterstücken, Opern und Operetten, sondern auch Darbietungen der Pantomime und Tanzkunst, der Kleinkunst und des Varietés sowie Puppenspiele und Eisrevuen (vgl. BFH-Urteile in BFHE 177, 548, [BFH 26.04.1995 - XI R 20/94] BStBl II 1995, 519 [BFH 26.04.1995 - XI R 20/94]; in BFH/NV 2004, 984, [BFH 09.10.2003 - V R 86/01] unter II.1.a; vom 19. Oktober 2011 XI R 40/09, BFH/NV 2012, 798, Rz 33; vom 10. Januar 2013 V R 31/10, BFHE 240, 380, BStBl II 2013, 352, [BFH 10.01.2013 - V R 31/10] Rz 42; s.a. Abschn. 12.5. Abs. 2 Satz 5 des Umsatzsteuer-Anwendungserlasses —UStAE—). Begünstigt sind auch "Mischformen" von Sprech-, Musik- und Tanzdarbietungen, so dass eine Unterhaltungsshow in Gestalt einer Kampfkunstshow (sog. "Budo-Gala") ebenfalls eine Theatervorführung i.S. des § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a UStG sein kann (vgl. BFH-Urteile in BFH/NV 2004, 984, [BFH 09.10.2003 - V R 86/01] unter II.1.a und c, m.w.N.; in BFHE 240, 380, BStBl II 2013, 352, Rz 42). Das gilt auch für eine Feuerwerksveranstaltung mit Vorführung kreativer Kombinationen von Farb- und Klangelementen (vgl. BFH-Urteil vom 30. April 2014 XI R 34/12, BFHE 245, 409, BStBl II 2015, 166 [BFH 30.04.2014 - XI R 34/12]).
aa) Allerdings kann die Steuervergünstigung nur in Anspruch genommen werden, wenn eine Vorführung zumindest entweder als "theaterähnlich" oder als "konzertähnlich" einzustufen ist (vgl. z.B. BFH-Urteile vom 18. August 2005 V R 50/04, BFHE 211, 557, BStBl II 2006, 101, [BFH 18.08.2005 - V R 50/04] unter II.3.a; in BFHE 245, 409, BStBl II 2015, 166, [BFH 30.04.2014 - XI R 34/12] Rz 23) und dies der Hauptbestandteil der Veranstaltung ist (vgl. BFH-Urteile in BFHE 177, 548, [BFH 26.04.1995 - XI R 20/94] BStBl II 1995, 519 [BFH 26.04.1995 - XI R 20/94]; in BFHE 240, 380, [BFH 10.01.2013 - V R 31/10] BStBl II 2013, 352, [BFH 10.01.2013 - V R 31/10] Rz 43).
bb) "Theater" bezeichnet alle Formen szenischer Darstellung sowie die künstlerische Kommunikation zwischen Darstellern und Zuschauern (Brockhaus, Enzyklopädie, 21. Aufl.). Hierzu zu zählen ist als eine Form der "Kleinkunst" auch die "Rezitation", unter der der künstlerische Vortrag verstanden wird (Brockhaus, Enzyklopädie, a.a.O.). Deren Ziel ist es, literarische Werke mit Hilfe von Sprache hörbar zu machen, wobei Interpretationstechniken wie Atemtechnik, Stimmtechnik sowie Sprechtechnik von Bedeutung sind; der Vortragende transportiert mit Hilfe der Stimme, Sprache, Körperhaltung und Bewegung Emotionen und Gedanken zum Zuhörer (vgl. Urteil des FG Hamburg vom 28. Mai 2009 1 K 53/08, EFG 2009, 1878, rkr.). Diesem wird der Stoff in einer Form und auf einer Ebene näher gebracht, die eine Auseinandersetzung mit ihm erlaubt, zum Nachdenken anregt und unterhält (vgl. Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 31. Juli 2008 9 B 80/07, Höchstrichterliche Finanzrechtsprechung 2009, 313, Umsatzsteuer-Rundschau —UR— 2009, 25, Rz 7).
cc) Ebenso, wie das bloße Abspielen eines Tonträgers kein Konzert ist (BFH-Urteil in BFHE 211, 557, [BFH 18.08.2005 - V R 50/04] BStBl II 2006, 101, [BFH 18.08.2005 - V R 50/04] unter II.3.b), stellt das reine Vorlesen eines Autors aus seinem Buch vor Publikum weder eine Theatervorführung noch eine den Theatervorführungen vergleichbare Darbietung eines ausübenden Künstlers i.S. des § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. a UStG dar (vgl. Abschn. 12.7. Abs. 8 Satz 2 UStAE zu § 12 Abs. 2 Nr. 7 Buchst. c UStG). Auch eine Frage- oder Autogrammstunde ist keine begünstigte Veranstaltung.
c) Schließlich geht der Einwand des FA, die Theatervorführung müsse den eigentlichen Zweck der Veranstaltung ausmachen (vgl. z.B. BFH-Urteile in BFHE 177, 548, [BFH 26.04.1995 - XI R 20/94] BStBl II 1995, 519, [BFH 26.04.1995 - XI R 20/94] und in BFHE 240, 380, [BFH 10.01.2013 - V R 31/10] BStBl II 2013, 352 [BFH 10.01.2013 - V R 31/10]), ins Leere. Das FG hat weder festgestellt (§ 118 Abs. 2 FGO), dass die Klägerin neben ihren Darbietungen bei den Lesungen weitere selbständige Leistungen erbracht hätte, noch dass die Vermarktung ihres Werkes das prägende Element der Veranstaltungen gewesen sei.
Die Aufzählung in Art. 98 Abs. 2 i.V.m. Anhang III Kategorie 7 und 9 der MwStSystRL ergibt, dass die Richtlinie den EU-Mitgliedstaaten einen weiten Beurteilungsspielraum einräumt (vgl. BFH-Urteil in BFH/NV 2004, 984, [BFH 09.10.2003 - V R 86/01] unter II.2.).