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Timestamp: 2020-04-06 21:07:57
Document Index: 275986220

Matched Legal Cases: ['§ 251', '§ 251', '§ 38', '§ 55', '§ 53', '§ 83', '§ 1943', '§ 1975', '§ 55']

Erb­schaft­steu­er als Mas­se­ver­bind­lich­keit | Rechtslupe
Nach Eröff­nung eines Insol­venz­ver­fah­rens dür­fen Steu­er­be­schei­de, die Insol­venz­for­de­run­gen betref­fen, nicht mehr erge­hen. Das folgt aus dem in § 251 Abs. 2 Satz 1 AO nor­mier­ten Grund­satz, wonach Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis, die Insol­venz­for­de­run­gen sind, nach Insol­venz­eröff­nung nur nach den Vor­schrif­ten der Insol­venz­ord­nung gel­tend gemacht wer­den dür­fen 1. Die­se Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis sind zur Insol­venz­ta­bel­le anzu­mel­den und ‑im Fal­le des Bestrei­tens- durch Insol­venz­fest­stel­lungs­be­scheid nach § 251 Abs. 3 AO gegen­über dem Insol­venz­ver­wal­ter fest­zu­stel­len 2. Ein förm­li­cher Steu­er­be­scheid über einen Steu­er­an­spruch, der eine Insol­venz­for­de­rung betrifft, ist unwirk­sam 3.
Insol­venz­for­de­run­gen sind For­de­run­gen, die zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens begrün­det waren (vgl. § 38 InsO). Die Abgren­zung zwi­schen Insol­venz­for­de­run­gen und (sons­ti­gen) Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten rich­tet sich aus­schließ­lich nach dem Zeit­punkt der insol­venz­recht­li­chen Begrün­dung. Auf die steu­er­li­che Ent­ste­hung der For­de­rung und deren Fäl­lig­keit kommt es dage­gen nicht an 4.
Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten sind Ver­bind­lich­kei­ten, die durch Hand­lun­gen des Insol­venz­ver­wal­ters oder in ande­rer Wei­se durch die Ver­wal­tung, Ver­wer­tung und Ver­tei­lung der Insol­venz­mas­se begrün­det wer­den, ohne zu den Kos­ten des Insol­venz­ver­fah­rens zu gehö­ren (§ 55 Abs. 1 Nr. 1 InsO) 5. Die Ein­ord­nung einer For­de­rung als Mas­se­ver­bind­lich­keit dient der ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­fah­rens­ab­wick­lung und Ver­tei­lung der Insol­venz­mas­se 6. Dies recht­fer­tigt die Vor­weg­be­frie­di­gung der Mas­segläu­bi­ger nach § 53 InsO 7.
Ist der Schuld­ner vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens oder wäh­rend des Ver­fah­rens Erbe gewor­den, fällt der Nach­lass zunächst vor­läu­fig in die Insol­venz­mas­se 8. Die Annah­me oder Aus­schla­gung der Erb­schaft steht nicht dem Insol­venz­ver­wal­ter, son­dern aus­schließ­lich dem Schuld­ner zu (§ 83 Abs. 1 InsO). Hat der Insol­venz­schuld­ner die Erb­schaft aus­drück­lich ange­nom­men oder gilt die Erb­schaft nach Ablauf der Aus­schla­gungs­frist als ange­nom­men, kann er sie nach § 1943 BGB nicht mehr aus­schla­gen; es tritt hin­sicht­lich der Erb­schaft Voll­erwerb ein 9. Ab die­sem Zeit­punkt ist der Nach­lass end­gül­tig Bestand­teil der Insol­venz­mas­se 10. Die Nach­lass­gläu­bi­ger und die Eigen­gläu­bi­ger des Erben (Erben­gläu­bi­ger) sind aus der Insol­venz­mas­se zu befrie­di­gen, sofern nicht eine Tren­nung der Ver­mö­gens­mas­sen durch Insol­venz­ver­wal­ter, Erben oder Nach­lass­gläu­bi­ger her­bei­ge­führt wird, nament­lich durch Bean­tra­gung der Nach­lass­ver­wal­tung oder des Nach­lassin­sol­venz­ver­fah­rens, §§ 1975 ff. BGB 11.
Die vom Erben als Gesamt­rechts­nach­fol­ger auf­grund Erb­an­falls geschul­de­te Erb­schaft­steu­er ist eine Nach­lass­ver­bind­lich­keit. Sie erfüllt alle Vor­aus­set­zun­gen einer Erb­fall­schuld, denn sie ent­steht allein aus Anlass des Erb­falls und ohne Zutun des Erben 12. Uner­heb­lich ist, dass die Erb­schaft­steu­er gegen den Erben per­sön­lich und nicht gegen den Nach­lass als sol­chen fest­ge­setzt wird. Dadurch unter­schei­det sich die Erb­schaft­steu­er nicht von ande­ren Erb­fall­schul­den wie z.B. Beer­di­gungs­kos­ten, die in der Per­son des Erben ent­ste­hen und die im Fal­le der Nach­lassin­sol­venz eben­falls als Nach­lassin­sol­venz­for­de­run­gen gel­tend zu machen sind 13.
§ 55 Abs. 1 Nr. 1 Halb­satz 2 InsO erfor­dert kei­ne Rechts­hand­lung des Insol­venz­ver­wal­ters. Die Vor­schrift kann viel­mehr auch eine kraft Geset­zes ent­ste­hen­de Steu­er­schuld erfas­sen 14. So ist bei­spiels­wei­se die Ein­kom­men­steu­er­schuld, die dadurch begrün­det wird, dass der Gesell­schaf­ter einer Per­so­nen­ge­sell­schaft auf­grund der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über sein Ver­mö­gen aus der Gesell­schaft aus­schei­det und sich dabei ein Ver­äu­ße­rungs­ge­winn ergibt, eine Mas­se­ver­bind­lich­keit, obwohl der Insol­venz­ver­wal­ter inso­weit nicht tätig wird. Ent­schei­dend ist, dass die Betei­li­gung an der Per­so­nen­ge­sell­schaft im Zeit­punkt der Insol­venz­eröff­nung noch Teil der Insol­venz­mas­se ist und das anschlie­ßend ange­fal­le­ne Aus­ein­an­der­set­zungs­gut­ha­ben in die Insol­venz­mas­se fällt 15.
Die Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach die Nach­lass­gläu­bi­ger und die Eigen­gläu­bi­ger des Erben (Erben­gläu­bi­ger) aus der um den Nach­lass erwei­ter­ten Insol­venz­mas­se zu befrie­di­gen sind 11, steht der Annah­me, dass die Erb­schaft­steu­er als Mas­se­ver­bind­lich­keit gegen den Insol­venz­ver­wal­ter gel­tend zu machen ist, nicht ent­ge­gen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nicht ent­schie­den, dass die Nach­lass­gläu­bi­ger stets nur wie Insol­venz­gläu­bi­ger zu befrie­di­gen sind. Dies war auch nicht erfor­der­lich, weil der Erb­fall dort bereits vor der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens ein­ge­tre­ten war.
BFH, Urtei­le vom 18.12 2002 – I R 33/​01, BFHE 201, 392, BSt­Bl II 2003, 630, unter II. 1.; und vom 10.12 2008 – I R 41/​07, BFH/​NV 2009, 719, unter II. 2.a[↩]
vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 201, 392, BSt­Bl II 2003, 630, unter II. 1.; in BFH/​NV 2009, 719, unter II. 2.a; und vom 20.01.2016 – II R 34/​14, BFHE 252, 389, BSt­Bl II 2016, 482, Rz 23 f.[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 201, 392, BSt­Bl II 2003, 630, unter II. 1., m.w.N.[↩]
BFH, Urteil vom 16.05.2013 – IV R 23/​11, BFHE 241, 233, BSt­Bl II 2013, 759, Rz 18[↩]
BFH, Urteil in BFHE 241, 233, BSt­Bl II 2013, 759, Rz 18[↩]
BFH, Urteil in BFHE 252, 389, BSt­Bl II 2016, 482, Rz 12, m.w.N.[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 252, 389, BSt­Bl II 2016, 482, Rz 12, und OLG Sach­sen-Anhalt, Urteil vom 20.10.2006 – 10 U 33/​06, Zeit­schrift für Erbrecht und Ver­mö­gens­nach­fol­ge 2007, 381[↩]