Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Gehalt_Nachtzuschlag_Tarifvertrag_stillschweigende_Regelung_LAG_Berlin-Brandenburg_10Sa276-10-u.html
Timestamp: 2020-07-02 11:24:05
Document Index: 290088422

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 5', '§ 5', '§ 3', '§ 7', 'Art. 9']

24 Ca 10178/08
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 16. April 2010
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt W.-M. als Vor­sit­zen­den so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herr R. und Herr W.
Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 14. Ja­nu­ar 2010 - 24 Ca 10178/08 - wird zurück­ge­wie­sen.
Die Kläge­rin trägt die Kos­ten der Be­ru­fung.
Der Streit­wert für das Be­ru­fungs­ver­fah­ren wird auf 4.680,00 EUR fest­ge­setzt.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin 403,73 EUR nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab Rechtshängig­keit zu zah­len;
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin wei­te­re 497,26 EUR nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab Rechtshängig­keit zu zah­len;
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin wei­te­re 22,48 EUR nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab Rechtshängig­keit zu zah­len;
fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, ab dem 1. Fe­bru­ar 2009 für die von der Kläge­rin ge­leis­te­te Nacht­ar­beit wahl­wei­se ei­nen Nacht­ar­beits­zu­schlag in Höhe von 25% des Ta­rif­loh­nes für je­de zwi­schen 23:00 Uhr und 06:00 Uhr ge­leis­te­te Ar­beits­stun­de zu zah­len oder der Kläge­rin für während der Nacht­zeit ge­leis­te­te Ar­beits­stun­den fünf be­zahl­te freie Ta­ge jähr­lich zu gewähren.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin 923,47 EUR nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab Rechtshängig­keit auf 403,77 EUR, 497, 26 EUR und 22,48 EUR zu zah­len oder der Kläge­rin fünf freie Ta­ge zu gewähr­leis­ten;
fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, ab dem 1. Fe­bru­ar 2009 für die von der Kläge­rin ge­leis­te­te Nacht­ar­beit wahl­wei­se ei­nen Nacht­ar­beits­zu­schlag in Höhe von 25% des Ta­rif­loh­nes für je­de zwi­schen 23:00 Uhr und 06:00 Uhr ge­leis­te­te Ar­beits­stun­de zu zah­len oder der Kläge­rin für je­weils 90 zwi­schen 23:00 Uhr und 06:00 Uhr ge­leis­te­te Ar­beits­stun­den ei­nen frei­en Tag zu gewähren.
In der Sa­che ist je­doch kei­ne an­de­re Be­ur­tei­lung als in ers­ter In­stanz ge­recht­fer­tigt. Die Be­ru­fung ist un­be­gründet und da­her zurück­zu­wei­sen.
So­wohl im Er­geb­nis wie auch in der Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt zu Recht die Kla­ge ab­ge­wie­sen.
Zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt die Zulässig­keit des Fest­stel­lungs­an­trags an­ge­nom­men, da da­mit ei­ne dau­er­haf­te Klärung der un­ter­schied­li­chen An­sich­ten der Par­tei­en über die Ansprüche der Kläge­rin auf Nacht­zu­schläge zu er­war­ten ist. Die Kläge­rin hat ein recht­li­ches In­ter­es­se an der Fest­stel­lung der Zah­lungs­pflicht der Be­klag­ten. Die Fest­stel­lungs­kla­ge ist nicht we­gen Vor­rangs der Leis­tungs­kla­ge un­zulässig. Der Vor­rang der Leis­tungs­kla­ge gilt nicht un­ein­ge­schränkt. Ei­ne Fest­stel­lungs­kla­ge ist zulässig, wenn mit ihr ei­ne sach­ge­rech­te, ein­fa­che Er­le­di­gung der auf­ge­tre­te­nen Streit­punk­te zu er­rei­chen ist und pro­zess­wirt­schaft­li­che Über­le­gun­gen ge­gen ei­nen Zwang zur Leis­tungs­kla­ge spre­chen (BAG, Ur­teil vom 16. De­zem­ber 2008 - 9 AZR 985/07).
Eben­falls zu­tref­fend hat das Ar­beits­ge­richt un­ter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des 1. Se­na­tes des Bun­des­ar­beits­ge­richts (Be­schluss vom 26. Au­gust 1997 - 1 ABR 16/97) an­ge­nom­men, dass Ta­rif­verträge auch ei­ne still­schwei­gen­de Aus­gleichs­re­ge­lung im Sin­ne des § 6 Abs. 5 Arb­ZG be­inhal­ten können. In der Ent­schei­dung vom 26. Au­gust 1997 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt aus­geführt:
Aus­drück­li­che [ta­rif­li­che] Be­stim­mun­gen feh­len in­so­weit; hierüber be­steht zwi­schen den Be­tei­lig­ten kein Streit. Der BMTV hat auch nicht still­schwei­gend den Aus­gleich für Nacht­ar­beit ge­re­gelt, et­wa durch die Be­stim­mun­gen über Ur­laub, über Ar­beits­be­reit­schafts- und Ka­bi­nen­zei­ten oder über die Grund­vergütung. Der Ar­beit­ge­be­rin ist al­ler­dings zu­zu­ge­ben - in Übe­rein­stim­mung mit der wohl herr­schen­den Mei­nung im Schrift­tum (Dob­be­r­ahn, Das neue Ar­beits­zeit­ge­setz in der Pra­xis, 2. Aufl., Rz 91; Kra­e­ge­loh, Ar­beits­zeit­ge­setz, § 6 Rz 10; Rog­gen­dorff, Ar­beits­zeit­ge­setz, § 6 Rz 40; Zmarz­lik/Anz­in­ger, Ar­beits­zeit­ge­setz, § 6 Rz 57) -, dass ei­ne sol­che Aus­gleichs­re­ge­lung auch still­schwei­gend er­fol­gen kann. In den Aus­schuss­be­ra­tun­gen zum Ar­beits­zeit­ge­setz wur­de die For­mu­lie­rung des § 6 Abs. 5 Arb­ZG mit dem erklärten Zweck geändert, klar­zu­stel­len, dass auch be­reits be­ste­hen­de Ta­rif­verträge, in de­nen z.B. bran­chen­spe­zi­fi­sche Nacht­ar­beit bei der Grun­dent­gelt­fin­dung berück­sich­tigt war, als Aus­gleichs­re­ge­lun­gen i.S.d. Vor­schrift in Be­tracht kom­men (Aus­schuss­be­richt BT-Drucks. 12/6990 S. 43).
Den all­ge­mei­nen ta­rif­li­chen Ar­beits­be­din­gun­gen kann nur dann ei­ne still­schwei­gen­de Aus­gleichs­re­ge­lung i.S. die­ser Vor­schrift ent­nom­men wer­den, wenn ent­we­der der Ta­rif­ver­trag selbst ent­spre­chen­de Hin­wei­se enthält, oder wenn sich aus der Ta­rif­ge­schich­te oder aus Be­son­der­hei­ten des Gel­tungs­be­reichs An­halts­punk­te dafür er­ge­ben. So wird im Schrift­tum zu­tref­fend dar­auf hin­ge­wie­sen, dass bei ei­ner spe­zi­ell für Nachtwäch­ter gel­ten­den ta­rif­li­chen Ent­gelt­re­ge­lung da­von aus­zu­ge­hen ist, die Be­las­tun­gen der Nacht­ar­beit sei­en be­reits im Grun­dent­gelt berück­sich­tigt (Neu­mann/Biebl, Ar­beits­zeit­ge­setz, 12. Aufl., § 6 Rz 25). In ei­nem der­ar­ti­gen Fall ständi­ger und fast aus­sch­ließli­cher Nacht­ar­beit al­ler be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer mag ei­ne Auf­spal­tung der Vergütung in Grund­lohn und Nacht­zu­schlag geküns­telt wir­ken. Es kann je­doch nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Verhält­nis­se im Güter­fern­ver­kehr ver­gleich­bar wären. Er fin­det kei­nes­wegs aus­sch­ließlich nachts statt. Es gibt nicht ein­mal An­halts­punk­te dafür, dass dies über­wie­gend der Fall wäre. Zwar wird es zu­tref­fen, dass vie­le Fern­fah­rer auch nachts ein­ge­setzt wer­den. Das be­deu­tet aber nicht, dass hier­durch al­le in - we­nigs­tens annähernd - glei­cher Wei­se be­las­tet wer­den. Viel­mehr ist da­von aus­zu­ge­hen, dass man­che Fern­fah­rer viel Nacht­ar­beit zu leis­ten ha­ben, an­de­re we­ni­ger oder gar kei­ne. An­ge­sichts des­sen fehlt je­de Grund­la­ge für die An­nah­me, die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en hätten die­se Be­las­tun­gen mit dem Grund­lohn ab­gel­ten wol­len.
Wie das Ar­beits­ge­richt zu­tref­fend aus­geführt hat, war den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en bei Ab­schluss des ErgTV SiZ/Ost be­wusst, dass Nacht­ar­beit im Be­trieb der Be­klag­ten anfällt und grundsätz­lich Nacht­zu­schläge als Aus­gleich zu gewähren sind. An­ders kann § 5 Zif­fer 1.1 und die di­rekt nach­fol­gen­de Zif­fer 1.2 des § 5 nach An­sicht der Kam­mer nicht ver­stan­den wer­den. Wenn die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en hier zwi­schen Ar­beit­neh­mern im sta­ti­onären Dienst und Ar­beit­neh­mern im Fahr­dienst un­ter­schei­den, ist da­von aus­zu­ge­hen, dass sie bei der Aufzählung der Vergütungs­be­stand­tei­le für die­se bei­den Grup­pen ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung zur Un­ter­schei­dung ge­trof­fen ha­ben, den Ar­beit­neh­mern im sta­ti­onären Dienst ne­ben dem Ta­ri­fent­gelt nicht nur Fei­er­tags- und Mehr­ar­beits­zu­schläge, son­dern auch noch Nacht­zu­schläge zu gewähren, den Ar­beit­neh­mern im Fahr­dienst je­doch ne­ben dem Ta­ri­fent­gelt und ei­nem um­satz­abhängi­gen Pro­vi­si­ons­lohn nur Fei­er­tags- und Mehr­ar­beits­zu­schläge. Be­kräftigt wird die­ses Er­geb­nis durch die Re­ge­lung in § 3 Zif­fer 4.3 des ErgTV SiZ/Ost. Denn in die­ser Vor­schrift ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en un­ter der Über­schrift „Nacht­ar­beit“ Re­ge­lun­gen zum Um­fang der Nacht­ar­beit und die dafür be­ste­hen­den Aus­gleichs­leis­tun­gen ge­trof­fen. Zu­gleich ha­ben sie aber fest­ge­legt, dass die­se Re­ge­lung nur für „sta­ti­onär beschäftig­te Ar­beit­neh­mer/in­nen“ gel­te. Da der Ta­rif­ver­trag an zahl­rei­chen an­de­ren Stel­len je­weils zwi­schen dem sta­ti­onären Per­so­nal und dem Fahr­per­so­nal bzw. Ar­beit­neh­mern im Fahr­dienst un­ter­schei­det, kann nicht an­ge­nom­men wer­den, dass die Ar­beit­neh­mer im Fahr­dienst ver­se­hent­lich in der ta­rif­li­chen Re­ge­lung ver­ges­sen wor­den sind.
Dass den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en be­wusst war, dass es die Tätig­keit der Nacht­s­te­war­des­sen gab, zeigt sich dar­an, dass bei den Tätig­keits­bei­spie­len in § 7 zur Ta­rif­grup­pe 5 ne­ben der Tätig­keit als „Kell­ner/in/Ste­ward/ess“ un­ter an­de­rem auch die Tätig­keit als „Schlaf­wa­gen­schaff­ner/in /Nacht­s­te­ward/ess“ auf­geführt ist. Da es sich um ei­nen Ta­rif­ver­trag spe­zi­ell für die Rechts­vorgänge­rin der Be­klag­ten und dort noch wie­der spe­zi­ell um ei­nen Ta­rif­ver­trag für den Ser­vice im Zug han­del­te, war nach An­sicht der Kam­mer da­von aus­zu­ge­hen, dass den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auch die Ein­zel­hei­ten der vor­ge­nann­ten Tätig­kei­ten be­kannt wa­ren. Hin­zu kommt, dass die Be­klag­te und die Ge­werk­schaft NGG im Er­geb­nis der Ver­hand­lun­gen zur Über­lei­tung der Ar­beits­verhält­nis­se der Ar­beit­neh­mer/in­nen der M. AG SIZ Nacht­ver­kehr zur DB R. GmbH im Jah­re 2002 im Zu­sam­men­hang mit der Verlänge­rung der tägli­chen Ar­beits­zeit im Fahr­dienst fest­ge­hal­ten ha­ben, dass es im Fahr­dienst re­gelmäßig ei­nen ho­hen An­teil an Ar­beits­be­reit­schaft (rei­ne Ser­vice­zeit ge­genüber den Rei­sen­den) ge­be.
Da­mit enthält der ErgTV SiZ/Ost selbst eben­so wie die „Ta­rif­ge­schich­te“ im Zu­sam­men­hang mit der Über­lei­tung der Ar­beits­verhält­nis­se von der M. AG zur Be­klag­ten hin­rei­chend An­halts­punk­te dafür, dass der Nacht­zu­schlag für Nacht­s­te­war­des­sen in dem Ta­ri­fent­gelt ent­hal­ten sein soll­te.
Dass die­ser im Ta­ri­fent­gelt ent­hal­te­ne Nacht­zu­schlag un­an­ge­mes­sen nied­rig wäre, kann bei ei­nem von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en an­ge­nom­me­nen „re­gelmäßig ho­hen An­teil an Ar­beits­be­reit­schaft“ nicht fest­ge­stellt wer­den. Da­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die ge­richt­li­che Kon­trol­le von Ta­rif­be­stim­mun­gen durch die von Art. 9 Abs. 3 GG gewähr­leis­te­te Ta­rif­au­to­no­mie be­grenzt wird. Den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en steht als selbständi­gen Grund­recht­strägern ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve zu, so­weit es um die Be­ur­tei­lung des tatsächli­chen Re­ge­lungs­be­darfs im Hin­blick auf die be­trof­fe­nen In­ter­es­sen und die Rechts­fol­gen geht. Sie sind nicht da­zu ver­pflich­tet, die zweckmäßigs­te, vernünf­tigs­te oder ge­rech­tes­te Lösung zu wählen. Es genügt, wenn es für die ge­trof­fe­ne Re­ge­lung ei­nen sach­lich ver­tret­ba­ren Grund gibt (BAG, Ur­teil vom 16. De­zem­ber 2008 - 9 AZR 985/07). Die­ser ist nach ob­jek­ti­ven Kri­te­ri­en zu be­stim­men (BAG, Ur­teil vom 16. Au­gust 2005 - 9 AZR 378/04). Die den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zu­ste­hen­den Be­ur­tei­lungs- und Ge­stal­tungs­spielräume schließen Ty­pi­sie­run­gen und Pau­scha­lie­run­gen ein. Die mit die­sen häufig ver­bun­de­nen Härten müssen im In­ter­es­se der Rechts­si­cher­heit hin­ge­nom­men wer­den.
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