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Timestamp: 2020-08-12 17:54:57
Document Index: 59454329

Matched Legal Cases: ['Art. 5', '§ 33', '§ 33', '§ 101', '§ 101', 'Art. 100', 'Art. 25', 'Art. 100', 'Art. 6', '§ 33', 'Art. 6', '§ 125', '§ 33', 'Art.19', '§ 119', 'EuG', 'Art. 25', 'Art. 273', 'Art. 273', 'EGMR']

Die Bankfiliale im Ausland - und ihre Anzeigepflicht gegenüber dem Finanzamt | BankenBote
Die Bankfiliale im Ausland - und ihre Anzeigepflicht gegenüber dem Finanzamt
3. Februar 2017 VerbraucherBote Sparen & Anlage
Die Ein­be­zie­hung juris­ti­scher Per­so­nen in den Schutz­be­reich mate­ri­el­ler Grund­rech­te ist nur dann gerecht­fer­tigt, wenn deren Bil­dung und Betä­ti­gung Aus­druck frei­er Ent­fal­tung pri­va­ter natür­li­cher Per­so­nen ist 19. Bei juris­ti­schen Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts ist dies der Fall, soweit sie von den ihnen durch die Rechts­ord­nung über­tra­ge­nen Auf­ga­ben her unmit­tel­bar einem bestimm­ten grund­recht­lich geschütz­ten Lebens­be­reich zuge­ord­net sind 20, wie z.B. bei öffent­lich-recht-lichen Rund­funk­an­stal­ten hin­sicht­lich des Grund­rechts der Rund­funk­frei­heit des Art. 5 Abs. 1 GG 21. Dage­gen macht allei­ne der Umstand, dass eine juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts Auf­ga­ben im Inter­es­se der All­ge­mein­heit wahr­nimmt, sie nicht zur grund-rechts­ge­schütz­ten „Sach­wal­te­rin” des Ein­zel­nen bei der Wahr-neh­mung sei­ner Grund­rech­te. Ver­lässt die juris­ti­sche Per­son des öffent­li­chen Rechts den Bereich der Wahr­neh­mung öffent-licher Auf­ga­ben, so besteht noch weni­ger Grund, sie als „Sach-wal­te­rin” des pri­va­ten Ein­zel­nen anzu­se­hen 22.
Zur Ein­ho­lung einer ent­spre­chen­den Zustim­mung der Bank­kun­den bestand vor allem des­halb Anlass, weil das BMF bereits mit Schrei­ben vom 13.06.2000 25 und vom 21.03.2001 26 auf die Rechts­auf­fas­sung der Finanz­ver­wal-tung zur Erstre­ckung der Anzei­ge­pflicht nach § 33 Abs. 1 ErbStG auch auf die bei einer aus­län­di­schen Zweig­stel­le eines inlän­di­schen Kre­dit­in­sti­tuts geführ­ten Kon­ten und Depots hin-gewie­sen hat­te. Hat eine Bank trotz der bekann­ten Rechts­auf-fas­sung der Finanz­ver­wal­tung kei­ne Vor­sor­ge dafür getrof­fen, die Anzei­ge­pflicht ohne Ver­let­zung des in Öster­reich gel­ten­den Bank­ge­heim­nis­ses erfül­len zu kön­nen, und kei­ne Ent­bin­dung von der Ver­pflich­tung zur Wah­rung des Bank­ge­heim­nis­ses bei den Kun­den ein­ge­holt, kann sie sich nicht dar­auf beru­fen, dass die Anzei­gen nach § 33 Abs. 1 ErbStG in Öster­reich mög­li­cher­wei­se straf­bar sei­en. Aus die­sem Grund ist nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob die Anzei­gen tat­säch­lich nach öster­rei­chi­schem Recht (§ 101 BWG Öster­reich) straf­bar sind oder die Vor­aus­set­zun­gen hier­für nicht vor­lie­gen, weil § 101 BWG Öster­reich für die Straf­bar­keit erfor­dert, dass Tat­sa­chen des Bank­ge­heim­nis­ses offen­bart oder ver­wer­tet wer­den, um sich oder einem ande­ren einen Ver­mö­gens­vor­teil zu ver­schaf­fen oder um einem ande­ren einen Nach­teil zuzu­fü­gen.
Gegen­stand einer Vor­la­ge nach Art. 100 Abs. 2 GG sind die Fra­gen, ob eine Regel des Völ­ker­rechts Bestand­teil des Bun­des­rechts ist und ob sie unmit­tel­bar Rech­te und Pflich­ten für den Ein­zel­nen erzeugt. Nach der Recht­spre­chung des BVerfG sind über den Wort­laut hin­aus auch Fra­gen statt­haft, die sich nicht auf die Exis­tenz, son­dern nur auf die Trag­wei­te einer Völ­ker­rechts­re­gel bezie­hen; die Bedeu­tung, die Art. 25 GG den all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts bei­misst, for­dert eine ein­heit­li­che Recht­spre­chung auch über ihre Trag­wei­te 34. Das Ver­fah­ren nach Art. 100 Abs. 2 GG kann auch der Aus­le­gung und Kon­kre­ti­sie­rung all­ge­mei­ner Regeln des Völ­ker­rechts mit ihrer regel­mä­ßig gerin­gen Rege­lungs­dich­te die­nen. Dabei behält das Veri­fi­ka­ti­ons­ver­fah­ren aller­dings den Cha­rak­ter einer Zwi­schen­ent­schei­dung 35.
Die Anwen­dung einer all­ge­mei­nen Regel des Völ­ker­rechts auf den kon­kre­ten Fall bleibt jedoch stets Auf­ga­be des Aus­gangs­ge­richts 36. Den Fach­ge­rich­ten ist es nicht ver­wehrt, Völ­ker­recht aus­zu­le­gen und anzu­wen­den, soweit es kei­ne Zwei­fel an dem Bestehen oder der Trag­wei­te einer all­ge­mei­nen Regel des Völ­ker­rechts gibt 37.
Es kann dahin­ste­hen, ob die­ses Recht auch einer Anstalt des öffent­li­chen Rechts zusteht. Denn Art. 6 EMRK fin­det nach stän­di­ger Recht­spre­chung sowohl des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te als auch des Bun­des­fi­nanz­hofs wegen des öffent­lich-recht­li­chen Cha­rak­ters der Besteue­rung im Steu­er­pro­zess kei­ne Anwen­dung 38. Ent­spre­chen­des gilt, wenn die Steu­er­fahn­dungs­stel­le eines Finanz­amts ein Kre­dit­in­sti­tut zur Anzei­ge nach § 33 Abs. 1 ErbStG auf­for­dert. Inso­weit liegt eine öffent­lich-recht­li­che Ver­pflich­tung vor, die nicht in den Anwen­dungs­be­reich des Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK fällt.
Ein Ver­wal­tungs­akt, der die Bege­hung einer rechts­wid­ri­gen Tat ver­langt, die einen Straf- oder Buß­geld­tat­be­stand ver­wirk­licht, oder der gegen die guten Sit­ten ver­stößt, ist nich­tig (§ 125 Abs. 2 Nrn. 3 und 4 AO). Die Nich­tig­keits­fol­ge tritt ein, wenn das durch den Ver­wal­tungs­akt ange­ord­ne­te Ver­hal­ten im Inland straf­bar wäre. Eine mög­li­che Straf­bar­keit der von einem inlän­di­schen Steu­er­pflich­ti­gen ange­for­der­ten Aus­kunft nach aus­län­di­schem Recht führt dage­gen nicht zur Nich­tig­keit des Aus­kunfts­ver­lan­gens. Der deut­sche Gesetz­ge­ber muss etwai­ge Aus­wir­kun­gen eines nach aus­län­di­schen Vor­schrif­ten straf­be­wehr­ten Aus­kunfts­ver­bots nicht berück­sich­ti­gen 39. Dem­zu­fol­ge ist die Auf­for­de­rung an ein inlän­di­sches Kre­dit­in­sti­tut, die Anzei­ge­pflicht nach § 33 Abs. 1 ErbStG zu erfül­len, rechts­wirk­sam, selbst wenn durch die Ertei­lung der Aus­kunft mög­li­cher­wei­se straf­be­wehr­te Vor­schrif­ten eines aus­län­di­schen Staa­tes ver­letzt wer­den.
Abs. 4 Satz 1 GG garan­tiert den effek­ti­ven Zugang zum Gericht. Das Grund­recht gewährt einen Anspruch auf eine mög­lichst wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le in allen von der jewei­li­gen Pro­zess­ord­nung zur Ver­fü­gung gestell­ten Instan­zen 40. Die­se Ver­fah­rens­ge­währ­leis­tung beschränkt sich nicht auf die theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, die Gerich­te gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt anzu­ru­fen; sie gibt dem Bür­ger dar­über hin­aus einen sub­stan­ti­el­len Anspruch auf eine mög­lichst wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le 41. Art.19 Abs. 4 GG ver­bie­tet zwar kei­nes­wegs die Errich­tung jeder Schran­ke vor dem Zugang zum Gericht. Die dem Gesetz­ge­ber oblie­gen­de nor­ma­ti­ve Aus­ge­stal­tung des Rechts­wegs muss aber das Ziel die­ser Gewähr­leis­tung ‑den wir­kungs­vol­len Rechts­schutz- ver­fol­gen; sie muss im Hin­blick dar­auf geeig­net und ange­mes­sen sowie für den Recht­su­chen­den zumut­bar sein 42. Das muss auch der Rich­ter bei der Aus­le­gung die­ser Nor­men beach­ten; er darf den Betei­lig­ten den Zugang zu den in den Ver­fah­rens­ord­nun­gen ein­ge­räum­ten Instan­zen nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwe­ren 42.
Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör beinhal­tet das Recht der Betei­lig­ten, sich zur Sache zu äußern, und für das Gericht die Pflicht, ent­schei­dungs­er­heb­li­ches Vor­brin­gen zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Aller­dings bedeu­tet die Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nicht, dass das Gericht sich den recht­li­chen Ansich­ten des Klä­gers anschlie­ßen müss­te. Viel­mehr darf es Vor­brin­gen der Betei­lig­ten aus for­mel­len und mate­ri­el­len Grün­den unbe­ach­tet las­sen 43.
Die Ver­mu­tung des § 119 Nr. 3 FGO, nach der ein Urteil stets auf der Ver­let­zung von Bun­des­recht beru­hend anzu­se­hen ist, wenn einem Betei­lig­ten das recht­li­che Gehör ver­sagt war, gilt nicht, wenn der gerüg­te Ver­stoß ‑wie hier der Fall- nur ein­zel­ne Fest­stel­lun­gen bzw. recht­li­che Gesichts­punk­te betrifft, auf die es aus der Sicht des Revi­si­ons­ge­richts unter kei­nem recht­li­chen Gesichts­punkt ankommt 44.
vgl. BFH, Urteil vom 31.05.2006 – II R 66/​04, BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49, m.w.N.[↩]
vgl. gleich lau­ten­de Erlas­se der obers­ten Finanz­be­hör­den der Län­der vom 21.09.2001, BStBl I 2001, 665; vom 18.06.2003, BStBl I 2003, 392; vom 12.03.2015, BStBl I 2015, 225[↩]
BFH, Urteil in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49, unter Hin­weis auf das Urteil des BVerfG vom 09.03.2004 2 BvL 17/​02, BVerfGE 110, 94, BStBl II 2005, 56[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – II R 15/​12, BFHE 241, 211, BStBl II 2014, 225, Rz 34, m.w.N.[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49, unter II. 2.c aa[↩]
EuGH, Urteil Kommission/​Belgien vom 05.02.2015 – C‑317/​14, EU:C:2015:63, Rz 22[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49, unter II. 1.b, m.w.N.[↩]
BMF, Schrei­ben vom 13.06.2000, DB 2000, 2350[↩][↩]
Schles­wig-Hol­stei­ni­sches FG, Beschluss vom 17.09.2015 5 – V 242/​14, Zeit­schrift für Wett- und Glücks­spiel­recht 2015, 491; Rojahn, in: v. Münch/​Kunig, GGK, 6. Aufl., 2012, Rz 35 zu Art. 25[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49, unter II. 1.c bb, m.w.N.[↩][↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 16.04.1980 – I R 75/​78, BFHE 133, 19, BStBl II 1981, 492, zu einer inlän­di­schen GmbH wegen Offen­le­gung der Ver­hält­nis­se ihrer Schwei­zer Mut­ter­ge­sell­schaft ent­ge­gen Art. 273 des Schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­buchs; vom 16.04.1986 – I R 32/​84, BFHE 147, 14, BStBl II 1986, 736, zu einem inlän­di­schen Anteils­eig­ner wegen Anfor­de­rung von Bilan­zen und Erfolgs­rech­nun­gen einer schwei­ze­ri­schen AG ent­ge­gen Art. 273 des Schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­buchs, unter Hin­weis auf United Sta­tes of Ame­ri­ca v. Vet­co Inc., U.S. Court of Appeals, 9th Cir­cuit, 5−11−81, U.S. Tax Cases 81–1, Nr.9428, Com­mer­ce Clea­ring House, und in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49, unter II. 2.c bb[↩]
vgl. BFH, Urteil in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49, unter II. 2.c bb[↩]
vgl. EGMR, Urtei­le vom 12.07.2001 44759/​98, NJW 2002, 3453; und vom 13.01.2005 62023/​00, Euro­päi­sche Grund­rech­te-Zeit­schrift 2005, 234; BFH, Urtei­le vom 15.07.2015 – II R 31/​14, BFH/​NV 2015, 1697, Rz 10; und vom 27.04.2016 – X R 1/​15, BFHE 253, 306, BStBl II 2016, 840, Rz 31; BFH, Beschluss vom 01.03.2016 – I B 32/​15, BFH/​NV 2016, 1141, Rz 10[↩]
vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 133, 19, BStBl II 1981, 492; in BFHE 147, 14, BStBl II 1986, 736; in BFHE 215, 520, BStBl II 2007, 49[↩]