Source: http://knife-blog.com/2017/10/vergleichstest-multitools-%C2%A742a-konform/
Timestamp: 2017-12-12 23:52:10
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Vergleichstest Multitools in §42a WaffG konformer Bauweise - Knife-Blog Vergleichstest Multitools in §42a WaffG konformer Bauweise - Knife-Blog
Als Urvater des „Multitools“ gilt das legendäre „PST” (Pocket Survival Tool) der US-Firma Leatherman. Aus diesem rudimentären Klappwerkzeug von Tim Leatherman ist eine ganze Produktsparte mit Umsätzen im oberen dreistelligen Millionenbereich entstanden. Viele Anbieter drängeln sich heute auf dem Markt der Taschenwerkzeuge, die Spanne reicht von einfachen Qualitäten chinesischer Kopisten bis zu Edelversionen aus Titan und Spezialstählen. Das Marktsegment Multitools ist mittlerweile so groß geworden, dass selbst die Angebote einzelner Hersteller nur schwer überschaubar sind.
Leatherman unterteilt seine Multifunktionswerkzeuge heute in sechs Gruppen: Outdoor, Alltag, Heimwerker, Professionell, Notfall und Tactical. Bei anderen Herstellern ist das Angebot übersichtlicher: die Homepage von Victorinox weist derzeit dreizehn Multitools auf. Bei Gerber kann der Käufer zwischen gut zwei Dutzend unterschiedlich ausgestatteten Werkzeugen wählen. Das deutsche Waffengesetz schränkt die Vielfalt jedoch massiv durch ein unsinniges Führverbot ein.
Exkurs: Multitools und das deutsche Waffengesetz
Das Mitführen eines Multitools mit einer Klinge, die sich einhändig öffnen und verriegeln lässt, stellt nach dem Waffengesetz (§42a, Abs. 1, Nr. 3 WaffG) eine Ordnungswidrigkeit dar. Es droht neben der Sicherstellung des Werkzeuges ein zusätzliches Bußgeld. Der zu zahlende Betrag kann nach einer Umfrage von Knife-Blog sehr unterschiedlich ausfallen und lag in vergleichbaren Fällen zwischen 25 Euro und 200 Euro. Je nach Wert des Multitools kann sich zum Ärger mit den Behörden also ein erheblicher finanzieller Verlust einstellen.
Deliktzahlen für Verbrechen mit Multitools liegen laut Bundeskriminalamt nicht vor. Auch die kriminalistische Logik spricht gegen Multitools als Tatwerkzeuge. Straftäter rüsten sich gemeinhin mit geeigneteren Gegenständen aus. Das Fehlen von Sachargumenten ändert am Trageverbot allerdings nichts. Letztlich ist das Führverbot für Multifunktionswerkzeuge eine kleinliche Gängelei des Staates, für die es außer einer technischen Nähe zu Einhandmessern keine nachvollziehbare Begründung gibt. Jeder Bürger muss für sich selbst entscheiden, ob er das Risiko eingeht, (heimlich) ein nicht konformes Multifunktionswerkzeug in der Öffentlichkeit zu führen oder zugriffsbereit im Auto zu transportieren.
Das Swiss Tool X von Victorinox glänzt mit hoher Qualität und vielen Funktionen.
Vergleichstest Multitools: Swiss Tool X von Victorinox
Victorinox hat sich vom Hersteller des berühmten Schweizer Taschenmessers zu einem Mischkonzern entwickelt, der unter seinem Namen neben Messern für Haushalt- und Hosentasche auch Koffer, Uhren und Brieftaschen vertreibt. Zwei Sparten bei Victorinox befassen sich mit Multitools: die „Swiss Tool“ genannten Multifunktionswerkzeuge für Handwerker und DYIer („Do-it-yourselfer“, Heimwerker) sowie speziell ausgestattete „Sport-Tools“ für Golfer oder Radfahrer.
Das Swiss Tool wird in mehreren Varianten hergestellt. Die beiden Hauptlinien „X“ und „XC“ unterscheiden sich minimal bei der Werkzeugausstattung aber deutlich beim Gewicht, denn mit 323 Gramm ist das stabile „X“ rund 80 Gramm schwerer als die Variante mit dem Kürzel „XC“. Als brünierte Version wird das Multitool unter der Bezeichnung „XBS“ angeboten.
Stellvertretend für alle Multitools von Victorinox repräsentiert das mit 28 Funktionen ausgestattete Swiss Tools X den Schweizer Hersteller. Das Konstruktionsprinzip orientiert sich an der Urform des Multitools: durch Umklappen zweier Griffe entsteht eine Kombizange und in beiden Griffhälften verbergen sich zahlreiche Werkzeuge. Diese sind einzeln ausklappbar und verriegeln in geöffneter Position automatisch.
Zu den Werkzeugen gehören auch eine 66 Millimeter lange Klinge und eine 70 Millimeter lange Säge. Beide lassen sich bei allen Swiss Tool Modellen nur zweihändig öffnen, so dass sich kein Führverbot nach §42a WaffG ergibt. Die Werkzeugausstattung des Swiss Tool X ist mit 28 Funktionen ausgesprochen üppig. Während Kapselheber, Schraubendreher und Dosenöffner noch zur „Multitool-Standardausrüstung“ gehören, kann man das Werkzeugangebot des Swiss Tool X insgesamt als Alleinstellungsmerkmal bezeichnen. Zwei Sägen für Holz und Metall, ein stabiles Hebelwerkzeug („Pry Bar“) sowie die große Schere schaffen ein Einsatzspektrum, das viele andere Multifunktionswerkzeuge nicht abdecken.
Die Material- und Verarbeitungsqualität des Victorinox Swiss Tool kann überzeugen. Alle Werkzeuge sind ausgesprochen stabil, vor allem mit Schere und Zange können die Schweizer punkten. Der Rahmen aus Edelstahl ist schwer aber stabil. Bei der Handhabung bestätigt sich der Eindruck von Stabilität und Zuverlässigkeit, alle Werkzeug sind zur Bewältigung der zugedachten Aufgaben gut geeignet. Das Swiss Tool wirkt wertig und gibt in Sachen Qualität keinen Anlass zur Kritik. Zum Lieferumfang gehört eine Gürteltasche aus Nylon; bei manchen Angeboten liegt eine Tasche aus Leder bei. Eine Angabe zum verwendeten Klingenstahl sucht man allerdings vergeblich. Wie nahezu alle Hersteller von Multitools verwendet auch Victorinox keinen hochwertigen Messerstahl für die Klinge.
Das Swiss Tool X liegt im oberen Preisbereich für Multitools. Der Listenpreis von 156,- Euro wird im Internethandel deutlich unterboten. Die Preisrecherche zeigt mehrere Angebote um 110 Euro. Sogar eine Gürteltasche aus Leder ist im Preis enthalten. Das Preis-Leistungs-Verhältnis des Swiss Tool X ist absolut in Ordnung..
Beim Gerber MP 600 wird die Kombizange nach vorn herausgeschoben.
Vergleichstest Multitools: Gerber MP 600
Mattschwarz kommt das Gerber MP 600 optisch mit einer taktischen Note daher. Tatsächlich ist es aber ein Multitool für Handwerker und DIYer. Das Konstruktionsprinzip unterscheidet sich in einem Punkt deutlich vom Swiss Tool: die Zange lässt sich aus den Griffen nach vorn herausschieben; die Griffe selbst werden nicht umgeklappt. Dadurch kann die Zange einhändig bedient werden, während alle Werkzeuge in den Griffschalen untergebracht sind und nur zweihändig geöffnet werden können.
Das Ausklappen eines Werkzeuges, zum Beispiel der 54 Millimeter langen Messerklinge, benötigt insgesamt drei Schritte: Zange ausfahren, Klinge ausklappen; Zange wieder einfahren. Auch beim Gerber MP 600 verriegeln alle Werkzeuge automatisch. Das Einfahren der Zange im dritten Schritt ist optional, wenn man einen geschlossenen und verriegelten Griff wünscht.
Die Bedienung klingt umständlich, ist in der Praxis aber durchaus praktikabel. Wer möchte, kann beim Arbeiten mit Klinge, Säge oder Schraubendreher die Zange auch im ausgefahrenen Zustand belassen. Das ist Geschmackssache. Die Werkzeugausstattung des Gerber MP 600 ist sinnvoll und praxisorientiert, kommt aber an den Umfang des Swiss Tool nicht heran. Schraubendreher in drei Größen und Größe 2 für Kreuzschlitzschrauben, Kombizange, Drahtschneider, Kapselheber, Dosenöffner, Säge, Feile und Messer sind die wesentlichen Werkzeuge des Gerber Tools.
Auf der Innenseite der Zange befinden sich zwei Backen, mit denen sich Metallhülsen auf Kabel pressen lassen. Das „Crimpen“ ist in der Luftfahrt, im Motorsport und gelegentlich im Anlagenbau üblich, wird aber grundsätzlich mit genormten Werkzeugen durchgeführt. Die kann das Crimping Tools des Gerber MP 600 nur rudimentär ersetzen. Eine Öse lässt sich wie jedes andere Werkzeug ausklappen und arretieren. Sie dient der Befestigung eines Lanyards oder sichert das Werkzeug gegen Herunterfallen.
Ab etwa 70 Euro ist das schwarze Gerber MP 600 inklusive Nylontasche bei deutschen Internethändlern erhältlich. Das Preis-Leistungs-Verhältnis geht in Ordnung. Man erhält ein solides Multitool mit einer Standardauswahl gängiger Werkzeuge. Am Bedienkonzept werden sich die Geister scheiden. Manche werden die einhändig öffnende Zange als positives Merkmal werten, andere werden Tools mit umklappbaren Griffen den Vorzug geben.
Das Leatherman Rebar besitzt die kleinste Werkzeugausstattung, ist dafür aber klein und verhältnismäßig leicht.
Vergleichstest Multitools: Leatherman Rebar
Last but not least ein später Nachkomme vom Urvater aller Multifunktionswerkzeuge: das Leatherman Rebar. Von den drei hier getesteten §42a WaffG konformen Multitools ist das Rebar nach seinen äußeren Abmessungen das Kleinste und auch das Leichteste. Die Bauart entspricht dem Swiss Tool X, zum Öffnen werden beide Griffe umgeklappt. Auch beim Rebar wird dadurch eine Kombizange freigelegt, deren Backen aber deutlich schmaler und filigraner ausfallen wie bei den anderen beiden Tools.
Dafür ist ein Drahtschneider mit zwei Klingen integriert. In dieser Disziplin kann das Rebar mit der besten Schneidleistung glänzen. Wie das Gerber MP 600 ist auch das Rebar komplett in Schwarz gehalten. Die Beschichtung ist allerdings weniger abriebfest als beim Konkurrenten, so dass sich sehr schnell der typische „Used Look“ einstellt. Leatherman warnt Käufer, dass die Beschichtung anfangs abfärben kann und empfiehlt ein neues Werkzeug zunächst gründlich mit Waffenöl zu reinigen.
Gut gelöst hat Leatherman die Bedienung der beiden Klingen. Beide sind an je einer Griffseite untergebracht und lassen sich durch eine Aussparung im Griff komfortabel mit dem Daumen öffnen. Das geht erheblich leichter als mit den kleinen Fingerkerben beim Swiss Tool X oder dem Tool von Gerber. Auch die Größe beider Werkzeuge des nur 100 Millimeter langen Leatherman Rebar überrascht positiv: jeweils 60 Millimeter nutzbare Länge weisen beide Klingen auf. Leatherman ist der einzige Hersteller der den verwendeten Klingenstahl benennt: AISI 420HC.
Siebzehn weitere Tools sind mit an Bord. Darunter sind mehrere Schraubendreher, Flaschenöffner, Feile, Zange, Säge, Drahtschneider und ein Kapselheber. Mit dieser Ausstattung kann das Rebar viele Alltagsaufgaben bewältigen. Das Ausklappen der Zange einen höheren Kraftaufwand als bei den Konkurrenten, dafür lassen sich die Tools leichter aus den Griffen ausklappen. In der Praxis macht das Leatherman Rebar eine gute Figur, trotzdem wirkt es weniger solide und wertig als das Tool von Victorinox und fällt in diesem Punkt auch hinter das Gerber MP 600 zurück.
Der Listenpreis für das Leatherman Rebar beträgt in Deutschland etwa 95,- Euro. Zurzeit wird es auf der Homepage von Leatherman Deutschland zum Sonderpreis von knapp 75,- Euro angeboten. Bei manchen Internethändlern kann der Preis sogar noch niedriger ausfallen. Zum Lieferumfang gehört ein Holster aus schwarzem Nylon. Ein Lederholster ist beim Hersteller für einen Aufpreis von 19,- Euro verfügbar.
Tool / Daten
Länge	 115 mm	 125 mm	 100 mm
Breite	 35 mm	 38 mm	 30 mm
Gewicht	 337 g	 245 g	 190 g
Klinge, glatt	 Ja	 60 mm	 60 mm
Klinge, Wellenschliff	 -	 60 mm	 60 mm
Säge für Holz	 Ja	 -	 Ja
Säge für Metall	 Ja	 -	 -
Dosenöffner	 Ja	 Ja	 Ja
Kapselheber	 Ja	 Ja	 Ja
Feile Holz / Metall	 Ja / Ja	 -	 Ja / Ja
Kombizange	 Ja	 Ja	 Ja
Drahtschneider	 hart und weich	 Ja	 Ja
Schraubendreher	 4 Größen	 3 Größen	 2 Größen
Kreuzschlitzdreher	 1 Größe	 1 Größe	 1 Größe
Meissel	 Ja	 -	 -
Prybar (Hebel)	 Ja	 -	 -
Massband cm / inch	 Ja / Ja	 Ja / Ja	 Ja
Stech-Reib-Ahle	 Ja	 -	 -
Drahtabisolierer	 Ja	 -	 Ja
Lanyardhole	 Ja	 Ja	 Ja
Vergleichstest Multitools: Fazit
Welches der drei Multitools ist das Beste? Ein Sieger über alle Disziplinen lässt sich nicht ausmachen. Alle drei Tools bringen praxistaugliche Werkzeuge mit. Kein Tool hat in der technischen Prüfung versagt oder Mängel bei der Handhabung gezeigt. Viele Unterschiede in der Bedienung sind keine objektiv vergleichbaren Eigenschaften, sondern repräsentieren lediglich unterschiedliche Philosophien. Alle drei sind selbst bei enger Auslegung §42a WaffG konform und können bedenkenlos in der Öffentlichkeit geführt werden.
Das Swiss Tool von Victorinox ist der größte, schwerste und teuerste Kandidat im Testfeld. Dafür ist es stabiler als die Konkurrenz, wirkt wertiger und man kann den Schweizern die beste Verarbeitungsqualität attestieren. Es besitzt die höchste Zahl von Funktionen und eine ausgezeichnet verarbeitete Ledertasche. Dafür zerrt es spürbar am Gürtel und ist ungefähr doppelt so teuer wie ein Leatherman Rebar.
Die Stärken des Gerber MP 600 liegen in seiner soliden Ausführung und dem speziellen Bedienkonzept. Die einhändig zu öffnende Zange kann bei bestimmten Anwendungen einen Vorteil in der Handhabung darstellen. Die Werkzeuge sind solide und praxistauglich. Bei Gewicht und Abmessungen liegt es zwischen beiden Konkurrenten.
Das Leatherman Rebar ist kleiner und leichter als die Konkurrenz, dafür sind seine Tools (Kapselheber, Schraubendreher etc.) nicht so stabil wie bei Gerber und Victorinox. Größe und Gewicht machen es zu einem unauffälligen aber nützlichen Begleiter im Alltag. Als preisgünstigster Kandidat im Testfeld wird es vor allem Käufer ansprechen, die ein Multitool eher selten nutzen und hohen Wert auf Mobilität legen.
Bei allen drei Multitools ist zu kritisieren, dass keine zeitgemäßen, hochwertigen Klingenstähle eingesetzt sind. Der Preis für eine Klinge aus S30V, N690 oder wenigstens D2 würde den Preis kaum merklich nach oben treiben. Hier besteht Verbesserungspotenzial!
Vergleichstest Multitools – einen Sieger gibt es nicht, der Geschmack des Anwenders und sein Geldbeutel entscheiden.
Bezugsquelle Gerber: Wolfster Online Shop
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