Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Restitutionsklage_festgestellter_Konventionsverstoss_BAG_2AZR570_11.html
Timestamp: 2016-12-11 00:16:07
Document Index: 387708213

Matched Legal Cases: ['Art. 5', 'Art. 5', '§ 35', '§ 586', '§ 580', '§ 580', '§ 580', 'Art. 10', '§ 35', '§ 35', 'Art. 6', '§ 580', '§ 35', '§ 580', '§ 19', '§ 705', '§ 580', '§ 580', '§ 35', '§ 580', '§ 580', '§ 35', '§ 35', '§ 580', '§ 322', '§ 4', 'Art. 35', 'Art. 44', 'Art. 46', '§ 580', '§ 580', '§ 580', '§ 580', '§ 580', '§ 35', 'Art. 41', 'Art. 41', 'Art. 46', 'EGMR', 'Art. 44', 'Art. 19', 'Art. 46', '§ 35', 'Art. 41', 'EGMR', '§ 35', 'Art. 36', '§ 23', 'Art. 6', 'Art. 52', 'Art. 46', 'Art. 6', 'EuG', 'Art. 267']

HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 570/11
Landesarbeitsgericht Düsseldorf - 7 Sa 1427/10
2 AZR 570/11 7 Sa 1427/10Lan­des­ar­beits­ge­richtDüssel­dorf Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am22. No­vem­ber 2012
hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 22. No­vem­ber 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am - 2 - Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft, die Rich­te­rin­nen am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ber­ger und Dr. Rinck so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kri­chel und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Nie­le­bock für Recht er­kannt:
- 3 - dass die­se - wie nach Art. 5 Abs. 1 der maßge­ben­den Grund­ord­nung ge­bo­ten - vor der Kündi­gung ver­sucht ha­be, den Kläger zur Be­en­di­gung sei­nes außer­ehe­li­chen Verhält­nis­ses zu be­we­gen. Nach­dem das zweit­in­stanz­li­che Ur­teil auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt we­gen ei­nes Ver­fah­rens­man­gels auf­ge­ho­ben wor­den war, wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Kla­ge nach neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung mit Ur­teil vom 3. Fe­bru­ar 2000 ab. Zur Be­gründung führ­te es aus, nach Ver­neh­mung des Vor­sit­zen­den der Be­klag­ten ste­he fest, dass die­se das Ver­fah­ren nach Art. 5 der Grund­ord­nung ein­ge­hal­ten ha­be. Die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de des Klägers wur­de am 29. Mai 2000 durch Be­schluss des Bun­des­ar­beits­ge­richts als un­zulässig ver­wor­fen. Am 8. Ju­li 2002 be­schloss das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Klägers nicht zur Ent­schei­dung an­zu­neh­men.
Der Kläger hat be­an­tragt, das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 3. Fe­bru­ar 2000 - 7 Sa 425/98 - auf­zu­he­ben und sei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge mit dem dort ge­stell­ten An­trag statt­zu­ge­ben;
Die Be­klag­te hat - sinn­gemäß - be­an­tragt, die Kla­ge als un­zulässig zu ver­wer­fen, hilfs­wei­se ab­zu­wei­sen. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge sei so­wohl mit Blick auf § 35 EG­Z­PO als auch nach § 586 Abs. 2 Satz 2 ZPO aF un­zulässig. Bei­de Re­ge­lun­gen knüpften an die Rechts­kraft des - 5 - Ur­teils im Aus­gangs­ver­fah­ren an. Ein an­de­res Norm­verständ­nis sei aus­ge­schlos­sen.
- 6 - le­dig­lich er­rei­chen, dass die Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge für zulässig erklärt wird. In die­sem Fall wäre das Ver­fah­ren über die an­gekündig­ten Sach­anträge vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt fort­zu­set­zen.
2. Zur Zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge gehört die Dar­le­gung ei­nes ge­setz­li­chen Re­sti­tu­ti­ons­grun­des (BAG 29. Sep­tem­ber 2011 - 2 AZR 674/10 - Rn. 18, EzA ZPO 2002 § 580 Nr. 2; 20. Ju­ni 1958 - 2 AZR 231/55 - zu II 1 c der Gründe, BA­GE 6, 95). Der Re­sti­tu­ti­onskläger muss, um die­ser An­for­de­rung zu genügen, ei­nen An­fech­tungs­grund iSv. § 580 ZPO nach­voll­zieh­bar be­haup­ten. Die­se Vor­aus­set­zung ist im Streit­fall nicht erfüllt. Der Kläger be­ruft sich aus­sch­ließlich auf ei­ne durch den Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung, auf der die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 3. Fe­bru­ar 2000 be­ru­he. Der da­mit an­ge­spro­che­ne Re­sti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 8 ZPO wur­de durch Art. 10 Nr. 6 des Zwei­ten Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung der Jus­tiz mit Wir­kung vom 31. De­zem­ber 2006 in die Zi­vil­pro­zess­ord­nung ein­gefügt. Gemäß § 35 EG­Z­PO ist die Vor­schrift „[auf Ver­fah­ren], die vor dem 31. De­zem­ber 2006 rechts­kräftig ab­ge­schlos­sen wor­den sind, [...] nicht an­zu­wen­den“. Die Über­lei­tungs­vor­schrift knüpft an die for­mel­le Rechts­kraft des (Aus­gangs-)Ver­fah­rens und nicht an den Zeit­punkt an, in dem ein endgülti­ges, ei­ne Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung fest­stel­len­des Ur­teil des Ge­richts­hofs vor­liegt. Ei­ne an­de­re Aus­le­gung ist me­tho­den­ge­recht nicht möglich. Mit die­sem In­halt ist § 35 EG­Z­PO we­der kon­ven­ti­ons- noch ver­fas­sungs­wid­rig. Auch der Grund­satz der Ef­fek­ti­vität des Uni­ons­rechts ist nicht ver­letzt. Ins­be­son­de­re steht das in Art. 6 Abs. 2, Abs. 3 EUV zum Aus­druck ge­brach­te Ziel der wirk­sa­men Um­set­zung der EM­RK der Nicht­an­wen­dung von § 580 Nr. 8 ZPO in Fällen wie dem vor­lie­gen­den nicht ent­ge­gen. - 8 - a) § 35 EG­Z­PO stellt für die An­wend­bar­keit des § 580 Nr. 8 ZPO auf den Zeit­punkt ab, zu dem die Ent­schei­dung im Aus­gangs­ver­fah­ren iSd. § 19 EG­Z­PO, § 705 ZPO for­mel­le Rechts­kraft er­langt hat. Das er­gibt die Aus­le­gung der Vor­schrift (im Er­geb­nis - zu­meist oh­ne Be­gründung - eben­so: BVerwG 22. Ok­to­ber 2009 - 1 C 26/08 - Rn. 17, BVerw­GE 135, 137; BLAH ZPO 71. Aufl. § 580 Rn. 27; HK-ZPO/Kem­per 5. Aufl. § 580 Rn. 16; Münch­Komm/Gru­ber 3. Aufl. EG­Z­PO § 35 Rn. 1; Prütting/Mel­ler-Han­nich 3. Aufl. ZPO § 580 Rn. 16; Tho­mas/Putzo/Reichold 33. Aufl. ZPO § 580 Rn. 23; Tho­mas/Putzo/Hüßte­ge 33. Aufl. EG­Z­PO § 35 Rn. 1; Zöller/Heßler 29. Aufl. EG­Z­PO § 35 Rn. 2; aA of­fen­bar Mu­sielak 9. Aufl. ZPO § 580 Rn. 24).
- 9 - sons­ti­ger Grund­rech­te wird die Rechts­kraft der an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dung nicht ge­hemmt, der rechts­kräfti­ge Ab­schluss des Ver­fah­rens al­so nicht verzögert. Die Rechts­kraft der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung ist viel­mehr in der Re­gel ge­ra­de Zulässig­keits­vor­aus­set­zung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de (BAG 16. Ja­nu­ar 2003 - 2 AZR 735/00 - zu B I 2 a bb (1) der Gründe, AP ZPO § 322 Nr. 38 = EzA TVG § 4 Aus­schluss­fris­ten Nr. 166) und der In­di­vi­du­al­be­schwer­de beim Eu­ropäischen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te. Auch die­se kommt nach Art. 35 Abs. 1 EM­RK erst nach Erschöpfung al­ler in­ner­staat­li­chen Rechts­be­hel­fe in Be­tracht. Das Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof stellt sich zu­dem in­halt­lich nicht als Fort­set­zung des in­ner­staat­li­chen Ver­fah­rens dar. Die In­di­vi­du­al­be­schwer­de rich­tet sich nicht ge­gen die im Zi­vil­pro­zess ob­sie­gen­de Par­tei, son­dern ge­gen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Stellt der Ge­richts­hof ei­ne Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung fest, kommt der Ent­schei­dung dem­ent­spre­chend kei­ne die zi­vil­pro­zes­sua­le Rechts­la­ge un­mit­tel­bar ge­stal­ten­de Wir­kung zu (BVerfG 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 1 der Gründe, NJW 1986, 1425). Hin­zu kommt, dass die EM­RK nicht den Ter­mi­nus der „Rechts­kraft“ ver­wen­det, wenn es um den Ab­schluss des Ver­fah­rens vor dem Ge­richts­hof geht, son­dern von der „endgülti­gen“ (engl./franz. Sprach­fas­sung: „fi­nal“/„défi­ni­tif“) Ent­schei­dung spricht (vgl. Art. 44, Art. 46 EM­RK).
- 10 - sua­len Grund­norm in der Ge­set­zes­be­gründung bringt er­kenn­bar den Wil­len zum Aus­druck, mit der Stich­tags­re­ge­lung an die Rechts­kraft des Aus­gangs­rechts­streits und nicht an die Be­en­di­gung des Be­schwer­de­ver­fah­rens vor dem Ge­richts­hof an­zu­knüpfen. Mit ihr soll, wie es in der Ge­set­zes­be­gründung heißt, Be­las­tun­gen Rech­nung ge­tra­gen wer­den, die mit der Sta­tu­ie­rung ei­nes neu­en Wie­der­auf­nah­me­grun­des für die be­trof­fe­ne geg­ne­ri­sche Par­tei ver­bun­den sind, und soll ei­ne aus Sicht des Ge­setz­ge­bers un­zulässi­ge rück­wir­ken­de An­wen­dung der Re­ge­lung des § 580 Nr. 8 ZPO ver­mie­den wer­den.
- 11 - ee) Ein an­de­rer Nich­tig­keits- bzw. Re­sti­tu­ti­ons­grund iSd. § 580 ZPO greift nicht ein. Der Kläger be­ruft sich auf ei­nen sol­chen auch nicht. So­weit ei­ni­ge Stim­men im Schrift­tum dafür ein­tre­ten, bei er­folg­rei­cher In­di­vi­du­al­be­schwer­de der im Zi­vil­pro­zess rechts­kräftig un­ter­le­ge­nen Par­tei zu de­ren Guns­ten ei­nen der in § 580 Nr. 1 bis Nr. 7 Buchst. b ZPO nor­mier­ten Wie­der­auf­nah­me­gründe - ins­be­son­de­re den Re­sti­tu­ti­ons­grund des nachträgli­chen Auf­fin­dens ei­ner Ur­kun­de (§ 580 Nr. 7 Buchst. b ZPO) - im We­ge der Ana­lo­gie her­an­zu­zie­hen (zum Mei­nungs­stand vgl. GMP/Prütting 7. Aufl. Einl. Rn. 90 ff.; Schlos­ser ZZP 79 (1966), 164, 186 ff.; Selb­mann ZRP 2006, 126), ist der­ar­ti­gen Über­le­gun­gen spätes­tens seit In­kraft­tre­ten des Zwei­ten Ge­set­zes zur Mo­der­ni­sie­rung der Jus­tiz und der Einfügung von § 580 Nr. 8 ZPO iVm. § 35 EG­Z­PO die Grund­la­ge ent­zo­gen.
- 12 - Nr. 8 ZPO am 31. De­zem­ber 2006 mit ei­ner Wie­der­auf­nah­me des rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­nen Rechts­streits we­gen fest­ge­stell­ter Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung nicht zu rech­nen brauch­te. Ei­ne nachträgli­che Ände­rung der Rechts­la­ge ge­rie­te in Kon­flikt mit dem Grund­satz der Rechts­si­cher­heit. Das Prin­zip der Rechts­si­cher­heit wie­der­um ist ein zen­tra­les Ele­ment der Rechts­staat­lich­keit. Auf ihm be­ruht die grundsätz­li­che Rechts­beständig­keit rechts­kräfti­ger Ent­schei­dun­gen.
(a) Die Kon­ven­ti­on selbst trägt in Art. 41 EM­RK der Möglich­keit Rech­nung, dass die in­ner­staat­li­chen Ge­set­ze der Ver­trags­part­ner ei­ne „voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung“ der ein­ge­tre­te­nen Völker­rechts­ver­let­zung nicht gewähr­leis­ten. In ei­nem sol­chen Fall hat der Ge­richts­hof dem von der Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung Be­trof­fe­nen ggf. ei­ne „ge­rech­te Entschädi­gung“ zu­zu­bil­li­gen. Da­mit ge­stat­tet es Art. 41 EM­RK den Ver­trags­staa­ten ge­ra­de, rechts­kräfti­ge Ent­schei­dun­gen, von de­nen fest­ge­stellt wor­den ist, dass sie un­ter Ver­s­toß ge­gen das Völker­recht zu­stan­de ge­kom­men sind, als sol­che un­an­ge­tas­tet zu las­sen (BVerfG 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 2 bb der Gründe, NJW 1986, - 14 - 1425). Das gilt um­so mehr, als auch der Grund­satz der Rechts­si­cher­heit Be­stand­teil des Kon­ven­ti­ons­rechts ist und ei­ne Be­gren­zung der Ver­pflich­tun­gen der Kon­ven­ti­ons­staa­ten aus ei­nem Ur­teil des Ge­richts­hofs recht­fer­tigt (Pa­che EuR 2004, 393, 404). Ob dies auch dann gilt, wenn die (wei­te­re) tatsächli­che Voll­stre­ckung ei­ner kon­ven­ti­ons­wid­ri­gen in­ner­staat­li­chen Ge­richts­ent­schei­dung in Fra­ge steht (vgl. da­zu BVerfG 11. Ok­to­ber 1985 - 2 BvR 336/85 - zu 1 der Gründe, aaO), be­darf im vor­lie­gen­den Fall kei­ner Ent­schei­dung. Um ei­nen sol­chen Sach­ver­halt han­delt es sich hier nicht.
(aa) Da­nach hat die wirk­sa­me Durchführung von Ur­tei­len des Ge­richts­hofs nach Art. 46 EM­RK im Sys­tem der EM­RK al­ler­dings große Be­deu­tung (vgl. EGMR 30. Ju­ni 2009 - 32772/02 - [Ver­ein ge­gen Tier­fa­bri­ken Schweiz/Schweiz Nr. 2] Rn. 83, NJW 2010, 3699). Die Ver­trags­staa­ten ha­ben sich ver­pflich­tet, endgülti­ge Ent­schei­dun­gen iSv. Art. 44 EM­RK, in de­nen ei­ne Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung fest­ge­stellt wor­den ist, zu be­fol­gen (Art. 19, Art. 46 Abs. 1 EM­RK). Da­bei erschöpft sich die Be­fol­gung re­gelmäßig nicht in der Zah­lung von Geld­beträgen, die dem Be­schwer­deführer vom Ge­richts­hof als ge­rech­te Entschädi­gung zu­ge­spro­chen wur­den. Er­for­der­lich sind viel­mehr in­di­vi­du­el­le und ggf. - 15 -
- 16 - in sei­nem Ur­teil vom 28. Ju­ni 2012, mit dem er dem Kläger ei­ne Entschädi­gung zu­er­kannt hat, aus­ge­spro­chen (Rn. 17), ei­ne Wie­der­auf­nah­me des ar­beits­recht­li­chen Ver­fah­rens und ei­ne Prüfung des Falls im Licht sei­ner Ent­schei­dung stell­ten grundsätz­lich ein an­ge­mes­se­nes Mit­tel dar, um die fest­ge­stell­te Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung zu be­he­ben. In sei­ner wei­te­ren Be­gründung ver­weist er aber dar­auf (Rn. 18), dass an­ge­sichts der Fris­ten - ua. der­je­ni­gen in der EG­Z­PO - ei­ne Wie­der­auf­nah­me nicht mehr möglich sein dürf­te. Das lässt nicht er­ken­nen, dass er die Über­lei­tungs­vor­schrift des § 35 EG­Z­PO, so­weit sie in Fällen wie dem vor­lie­gen­den zur Un­zulässig­keit der Re­sti­tu­ti­ons­kla­ge führt, für kon­ven­ti­ons­wid­rig er­ach­tet. Der Aus­schluss der Wie­der­auf­nah­memöglich­keit aus Rechts­gründen mag zur Fol­ge ha­ben, dass der Ar­beit­neh­mer sein ori­ginäres, auf die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung ge­rich­te­tes Pro­zess­ziel trotz der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung nicht mehr wird ver­wirk­li­chen können. Auch wenn ihm auf die­se Wei­se - un­ter­stellt, ei­ne die Erwägun­gen des Ge­richts­hofs ein­be­zie­hen­de In­ter­es­sen­abwägung hätte zu sei­nen Guns­ten aus­ge­hen müssen - ei­ne voll­kom­me­ne Wie­der­gut­ma­chung dau­er­haft ver­sagt blie­be, führ­te dies mit Blick auf Art. 41 EM­RK und in An­se­hung der Be­deu­tung der Rechts­kraft so­wie der sich dar­aus er­ge­ben­den schutzwürdi­gen In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers nicht zu ei­nem für die Rechts­ord­nung schlecht­hin un­erträgli­chen Er­geb­nis. Das gilt um­so mehr als die Ach­tung der Rechts­kraft ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen nicht nur ein zen­tra­ler Be­stand­teil der deut­schen Rechts­ord­nung ist (vgl. BVerfG 8. Ok­to­ber 1992 - 1 BvR 1262/92 - zu 1 der Gründe, NJW 1993, 1125), son­dern auch den Schutz der Kon­ven­ti­on ge­nießt (vgl. EGMR 18. Sep­tem­ber 2007 - 52336/99 - zu B 4 der Gründe, Kir­chE 50, 160).
(3) Der in § 35 EG­Z­PO vom deut­schen Ge­setz­ge­ber gewähl­te Stich­tag trägt über­dies dem Um­stand Rech­nung, dass das In­di­vi­du­al­be­schwer­de­ver­fah­ren ins­be­son­de­re bei zi­vil­recht­li­chen Aus­gangs­ver­fah­ren die Rechts­po­si­tio­nen und In­ter­es­sen der Be­tei­lig­ten mögli­cher­wei­se nicht vollständig ab­deckt (zu die­sem As­pekt sie­he auch BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 c der Gründe, BVerfGE 111, 307). Not­wen­di­ger Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter vor dem Ge­richts­hof ist ne­ben dem Be­schwer­deführer nur der je­wei­li­ge Ver­trags- - 17 - staat, nicht auch der Pro­zess­geg­ner im Aus­gangs­ver­fah­ren. Die bloße Möglich­keit, als Drit­ter an dem Be­schwer­de­ver­fah­ren be­tei­ligt zu wer­den (vgl. Art. 36 Abs. 2 EM­RK), ist kein in­sti­tu­tio­nel­les Äqui­va­lent für des­sen Po­si­ti­on als Par­tei oder wei­te­rer Be­tei­lig­ter im na­tio­na­len Aus­gangs­ver­fah­ren (BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 c der Gründe, aaO). Dar­auf durf­te der Ge­setz­ge­ber bei der Einführung des Wie­der­auf­nah­me­grun­des der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung und sei­ner Be­schränkung auf sei­ner­zeit noch nicht rechts­kräftig ab­ge­schlos­se­ne Ver­fah­ren Be­dacht neh­men. Er durf­te berück­sich­ti­gen, dass die Pro­zess­geg­ner an dem Ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof in der Ver­gan­gen­heit re­gelmäßig nicht be­tei­ligt wur­den und erst die Eröff­nung ei­ner Wie­der­auf­nah­memöglich­keit ih­nen sehr viel mehr An­lass gäbe, auf die Möglich­keit ei­ner Dritt­be­tei­li­gung im Be­schwer­de­ver­fah­ren vor dem Ge­richts­hof zu drängen und ih­re In­ter­es­sen dort deut­li­cher zu ver­tre­ten als bis­her (zu die­sem As­pekt vgl. BT-Drucks. 16/3038 S. 40). So­weit der Kläger ge­meint hat, die im Aus­gangs­ver­fah­ren ob­sie­gen­de Par­tei sei in ih­rem Ver­trau­en auf den rechts­kräfti­gen Be­stand ei­ner mit ei­ner Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung be­haf­te­ten Ent­schei­dung von vor­ne­her­ein nicht schutzwürdig, über­sieht er, dass es die Ver­pflich­tung zur Schaf­fung ei­ner Wie­der­auf­nah­memöglich­keit bei fest­ge­stell­tem Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß - wie dar­ge­legt - nicht gibt.
- 18 - EzA KSchG § 23 Nr. 33). Das schließt ei­ne Ver­ur­tei­lung des Ar­beit­ge­bers zu ei­ner Wie­der­ein­stel­lung aber nicht aus. Ob es sich da­bei um ei­ne Sach­la­ge han­delt, bei der die deut­schen Ge­rich­te, wenn nicht über die res iu­di­ca­ta, so doch über ei­nen Ge­gen­stand zu ent­schei­den ha­ben, zu dem der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ei­nen Kon­ven­ti­ons­ver­s­toß fest­ge­stellt hat (vgl. BVerfG 14. Ok­to­ber 2004 - 2 BvR 1481/04 - zu C I 3 b bb der Gründe, BVerfGE 111, 307), kann nicht für al­le denk­ba­ren Fall­ge­stal­tun­gen im Vor­hin­ein be­ant­wor­tet wer­den. Es er­scheint je­den­falls nicht aus­ge­schlos­sen, im Rah­men ei­nes beim dafür zuständi­gen Ge­richt an­ge­brach­ten Wie­der­ein­stel­lungs­an­trags dem Be­stre­ben, der fest­ge­stell­ten Kon­ven­ti­ons­ver­let­zung auch in na­tu­ra ab­zu­hel­fen, an­ge­mes­sen Rech­nung tra­gen zu können.
bb) Ei­ne an­de­re Be­wer­tung ist nicht des­halb ge­bo­ten, weil die Grund- und Men­schen­rech­te der EM­RK nach Art. 6 Abs. 3 EUV schon jetzt als all­ge­mei­ne Grundsätze Teil des Uni­ons­rechts sind und weil nach Art. 52 Abs. 3 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on die in die­ser ent­hal­te­nen Rech­te, - 19 - so­weit sie den durch die EM­RK ga­ran­tier­ten Rech­ten ent­spre­chen, die glei­che Be­deu­tung und Trag­wei­te ha­ben wie gemäß der Kon­ven­ti­on. Zum ei­nen er­gibt sich aus Art. 46 EM­RK, wie aus­geführt, kei­ne Ver­pflich­tung zur Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens. Zum an­de­ren stellt die EM­RK, so­lan­ge die Uni­on ihr nicht bei­ge­tre­ten ist, nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on kein „Rechts­in­stru­ment“ dar, das for­mell in die Uni­ons­rechts­ord­nung über­nom­men wor­den ist. Die in Art. 6 EUV ent­hal­te­ne Ver­wei­sung auf die EM­RK ge­bie­tet es ei­nem na­tio­na­len Ge­richt nicht, im Fall ei­nes Wi­der­spruchs zwi­schen ei­ner Re­ge­lung des na­tio­na­len Rechts und der Kon­ven­ti­on die Be­stim­mun­gen der Kon­ven­ti­on un­mit­tel­bar an­zu­wen­den und ei­ne mit die­ser un­ver­ein­ba­re na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen (EuGH 24. April 2012 - C-571/10 - [Kam­be­r­aj] Rn. 63, NVWZ 2012, 950). Klärungs­be­darf iSv. Art. 267 Abs. 3 AEUV be­steht in die­sem Zu­sam­men­hang nicht.
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