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Timestamp: 2019-12-08 05:15:10
Document Index: 317998491

Matched Legal Cases: ['§ 1', 'Art. 20', 'Art. 78', 'Art. 20', 'Art. 72', '§ 24', '§ 27']

NATURSCHUTZ - Information
Naturschutz Information
die Erhaltung von Natur, insbesondere von Biodiversität auf der Artebene, aufgrund ihres eigenen Wertes (Natur als Selbstwert/Moralobjekt). [1]
Ziel des Naturschutzes ist, Natur und Landschaft auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlagen des Menschen zu erhalten ( § 1 Bundesnaturschutzgesetz). Naturschutz ist somit eine öffentliche Aufgabe und dient dem in Art. 20a Grundgesetz verankerten Staatsziel. In der Schweiz wird er durch Art. 78 Verfassung und das auf dem Verfassungsartikel basierenden Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz (NHG) geregelt. Viele Menschen, die im Naturschutz arbeiten oder dessen Arbeit unterstützen, verbinden damit auch weitergehende Erwartungen und Motive, die sich aus der geistesgeschichtlichen Herkunft des Naturschutzes ergeben. Dazu gehören z. B. ethische Gründe wie Tierschutz oder emotionale wie Heimatverbundenheit. Als gesellschaftliche Bewegung wird Naturschutz stark vom Ehrenamt getragen. Naturschutz ist z. B. in der Bereichen der Umsetzung Kulturlandschaftsprogramme, Flächenplanung und der Umsetzung von Bundesprojekten auch ein eigenes Berufsfeld.
Die Botanikerin Otti Wilmanns formuliert fünf Argumente für den Naturschutz: [2]
Zum Naturhaushalt gehören abiotische und biotische Bestandteile des Naturhaushaltes sowie deren Wechselwirkungen. Als abiotisch werden Böden, Gewässer, Meere ( Meeresschutz), Klima, Luft, Biotope, sowie auch das Landschaftsbild angesehen. Biotische Bestandteile des Naturhaushaltes sind Fauna und Vegetation. Wechselwirkungen laufen zwischen den Bestandteilen als komplizierte Interaktionen ab ( Landschaftsökologie). Die einzelnen Bestandteile dieses komplexen Systems des Naturhaushaltes sind zu schützen, weil sie sonst ihre Funktion nicht mehr erfüllen können. Eingeschränkte oder verlorene Funktionen können schwerwiegende Auswirkungen auch auf den Menschen haben. Funktionen des Naturhaushaltes für den Menschen sind Siedlungsraum und Wirtschaftsstandort (Nahrungsmittel, Rohstoffe, Verarbeitung, Verkehr), Erholung, Gesundheit.
Die praktische Naturschutzarbeit wird vor allem auf regionaler und lokaler Ebene geleistet. Die rechtlichen Instrumente des Naturschutzes sind allerdings in vielen Ländern auf nationaler Ebene verankert. Innerhalb der Europäischen Union gewinnen auch europaweite Programme und Regelungen an Bedeutung (z. B. Natura 2000, [3] oder auch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, die indirekt große Auswirkungen auf den Naturschutz haben wird). Innerhalb des Naturschutzes gibt es unterschiedliche Strömungen/Bewegungen. Dies zeigt sich z. B. daran, dass sich eine Mehrheit für die Erreichung einer maximal möglichen Artenvielfalt durch Förderung einer reichgestaltigen Landnutzung/ Landschaftspflege einsetzt, nicht wenige aber kompromisslos für den Prozessschutz kämpfen, der unter mitteleuropäischen Bedingungen zur Entwicklung natürlicher Wälder führt, die aber je nach Vegetationstyp relativ artenarm sein können. Unterschiedliche Interessensschwerpunkte der Naturschützer haben nicht selten gravierende Zielkonflikte zur Folge, denn Maßnahmen, die bestimmten Vegetationstypen dienen, können ggf. ungünstig für einen Teil der angestammten Vogelwelt sein.
Der Paradigmenwechsel in der wissenschaftlichen Ökologie, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Vorstellung vom ökologischen Gleichgewicht aufgab und ein dynamisches Verständnis von Natur im Rahmen der Störungsökologie entwickelte, hatte auch Auswirkungen auf die Grundlagen des Naturschutzes. [4] Die Vorstellung einer sich ständig anpassenden Natur schien im Gegensatz zur Bewahrung im Sinne des Biotopschutzes zu stehen. Einflussreich war auch die Entwicklung der Umweltgeschichte als wissenschaftlicher Disziplin, die einen längerfristigen Betrachtungsrahmen einführte.
Als vermittelnde Position wird im 21. Jahrhundert zunehmend das Konzept der Resilienz vertreten. [4] Naturschutz hat demzufolge die Aufgabe, die Resilienz von Ökosystemen zu erhöhen oder das Ausmaß von Störungen so zu begrenzen, dass die Dynamik des Systems unterhalb seiner Widerstandskraft gegen Störungen liegt. Das Konzept wurde schon in den 1970er Jahren von Crawford Stanley Holling begonnen und seither weiter entwickelt.
Die Folgen der Einrichtung von Großschutzgebieten auf die lokale Bevölkerung werden unterschiedlich eingeschätzt. Der Auffassung, dass Großschutzgebiete den Bewohnern ihre wirtschaftliche Grundlage entziehen, [5] steht die Auffassung entgegen, dass ihre Einrichtung sich positiv auf die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung auswirke. Negative Folgen für die lokale Bevölkerung werden in Nutzungsbeschränkungen, Umsiedlungen bis hin zu Vertreibungen aus bestimmten Schutzzonen und in der damit verbundenen Auflösung traditioneller Wirtschaftsweisen und Sozialstrukturen gesehen. Reste traditioneller Lebensweisen würden in einigen Ländern durch die touristische Erschließung der Schutzgebiete zur exotischen Staffage. [6] Insgesamt würden durch die Schutzmaßnahmen autarke Strukturen durch die Abhängigkeit von externen Faktoren z. B. internationale Fördermittel ersetzt. Dagegen werden positive Folgen darin gesehen, dass Großschutzgebiete wirtschaftlich attraktiv seien, so dass an ihrem Rand ein etwa doppelt so hohes Bevölkerungswachstum stattfinde, wie im Durchschnitt der Großregion, der das Schutzgebiet angehört. Als Gründe gelten die Fördermittel, die die internationale Gemeinschaft für die Einrichtung von Schutzgebieten zur Verfügung stellt und durch die die Infrastruktur und die Sicherheitslage verbessert werde, sowie Einkünfte aus dem Tourismus. [7]
In Deutschland ist die Grundlage für den Naturschutz im Grundgesetz Art. 20a verankert [8]. In Folge ist die Gesetzgebungskompetenz für den Naturschutz zwischen Bund und Ländern aufgeteilt. Vor der Föderalismusreform besaß der Bund nur eine Kompetenz zur Rahmengesetz­gebung, aufgrund derer er das Bundesnaturschutzgesetz erlassen hat. Die Länder haben jeweils eigene Landesnaturschutzgesetze, die das früher als Landesrecht fortgeltende Reichsnaturschutzgesetz von 1935 abgelöst haben. Heute hat der Bund zwar die Gesetzgebungskompetenz im Bereich des Naturschutzes, doch haben die Länder eine Abweichungskompetenz ( Art. 72 Abs. 3 GG). Zu den nationalen Regelungen treten zahlreiche internationale Abkommen sowie Programme und einzelne Richtlinien der Europäischen Union. Die zentrale wissenschaftliche Behörde des Bundes für den nationalen und internationalen Naturschutz ist das Bundesamt für Naturschutz.
Nationalpark (Deutschland: § 24, Schweiz: Nationalparkgesetz) – ( Liste der Nationalparks)
Naturpark (Deutschland: § 27) – ( Liste der Naturparks in Deutschland)
Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) [9]
Richtlinie 79/409/EWG über die Erhaltung der wildlebenden Vogelarten [10]
Biosphärenreservat (1970) – UNESCO-Programm „ Der Mensch und die Biosphäre“
CITES ( Washingtoner Artenschutzabkommen) (1973) – Übereinkommen über den Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen
Der einzige nicht-akademische Beruf mit staatlicher Anerkennung im Naturschutz ist der „Natur- und Landschaftspfleger/in“, [11] der meistens als „ Ranger“ bezeichnet wird.
Die Geschichte des Naturschutzes in Deutschland lässt sich nicht auf einen Ursprung reduzieren, da der Naturschutzgedanke im 18. und 19. Jahrhundert von mehreren geisteswissenschaftlichen Strömungen wie dem Utilitarismus oder dem Naturalismus, aber auch von Religionen und Ästhetik, beeinflusst wurde. Als einer der ersten Förderer wird der Naturforscher und Forstwissenschaftler Johann Matthäus Bechstein (1757–1822) gesehen. Prägend war der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769–1859), der mit seinem Werk Kosmos große Popularität erlangte und auf den der Begriff des Naturdenkmals zurückgeführt wird. Er übertrug in seinen Beschreibungen die um 1800 formulierte Idee des kulturhistorischen Monuments auf Objekte der Natur. [12] Als erster Akt des praktischen Naturschutzes in Deutschland wird der Ankauf des Drachenfels im Siebengebirge im Jahr 1836 unter dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. gesehen, wodurch der weitere Abbau des Drachenfels- Trachyts für den Bau des Kölner Doms verhindert wurde. Es wurde dazu jedoch bemerkt, dass die Beweggründe dabei vor allem den Erhalt eines „romantisch aufgeladenen National-Symbols“ betrafen. Offiziell unter Schutz gestellt wurde der Drachenfels mitsamt der Burganlage erst im Jahr 1922. [13]
Die von Ernst Rudorff vor der Abholzung gerettete Eichen- Allee hinter der Knabenburg im Weserbergland;
Der Naturforscher Philipp Leopold Martin verwendete 1871 in seiner Aufsatzreihe „Das deutsche Reich und der internationale Thierschutz“ als Erster den Begriff „Naturschutz“ in seiner heutigen Bedeutung; diese Publikation kann zudem als erste deutschsprachige programmatische Naturschutzschrift angesehen werden. [14]
Als im Jahr 1886 die jahrhundertealte Eichen- Allee am Fuß des Krähenberges hinter der Knabenburg im Weserbergland für eine Flurbereinigung gefällt werden sollte, kaufte der Berliner Komponist Ernst Rudorff, der Ende des 19. Jahrhunderts die Knabenburg häufig als Sommersitz nutzte, die gesamte Allee kurzerhand dem zuständigen Magistrat in Lauenstein ab, um die Bäume vor der Abholzung zu retten. Diese Handlung „stellt eine der frühesten zivilgesellschaftlichen Naturschutzaktionen dar.“ [15]
Der Naturschutz im Nationalsozialismus wurde zunächst geprägt durch das 1935 erlassene Reichsnaturschutzgesetz, eine umfassende gesetzliche Neuregelung, das als großer Fortschritt galt. Es war als klar nationalsozialistisches Gesetz angelegt und insbesondere von Hans Klose, einem der wichtigsten Naturschützer der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der frühen Bundesrepublik beeinflusst. Dieser wiederum war Nationalsozialist. [16] Ebenso – wenn auch noch mehr Rassist – ist Walther Schoenichen einzuordnen, der bis 1938 die Reichsstelle für Naturschutz führte. [17] Auch die führenden Naturschutzverbände wie der Reichsbund für Vogelschutz und der Bund für Naturschutz in Bayern schlossen sich bereitwillig dem Nationalsozialismus an. [18] Ebenso nah stand Alwin Seifert, der sogenannte Reichslandschaftsanwalt, der Staatsspitze des Nationalsozialismus. Er arbeitete eng mit Fritz Todt und Albert Speer zusammen. Dabei ging es zunächst um die Begrünung und Eingliederung der Reichsautobahnen in die Landschaft, dann aber auch um die Grüntarnung des Westwall. Die mit ihm eng verbundenen Landschaftsanwälte bekamen durch ihren Kontakt zu Wehrmacht und SS die Aufgabe weitere Wehrbauten wie Kasernen oder auch die Führerhauptquartiere A. Hitlers zu tarnen. [19] Ihre Kompetenz floss in die Schaffung von „deutschen Wehrlandschaften“ in Osteuropa ein, in den sogenannten Generalplan Ost. [20] Hierbei handelte es sich um verbrecherische Planungen, die teilweise auch umgesetzt wurden. Landschaftsanwälte waren auch in Auschwitz tätig und begrünten u. a. die Umgebung der Konzentrationslager im Sinne von einem grünen Sichtschutz. [21] Die Konkurrenz zwischen den einzelnen Zweigen des nationalsozialistischen Naturschutzes führte 1942 zu einer Absteckung der Einflusssphären. Während die Naturschützer das sogenannte Altreich als Aufgabe gestellt bekamen, sollten die Landschaftspfleger die von Wehrmacht und SS besetzten Gebiete insbesondere in Osteuropa neugestalten. [22] Wissenschaftlich hat insbesondere Reinhold Tüxen die Pflanzensoziologie mit Hilfe der Nationalsozialisten durch einen guten Kontakt zu Fritz Todt als eine Grundlage des Naturschutzes zum Durchbruch gebracht. [23] Dementsprechend war der Nationalsozialismus eine „Achsenzeit“ des Naturschutzes, und zwar nicht nur die Jahre 1935–1939, die Klose noch 1957 als „hohe Zeit“ bezeichnete. [24]
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es sowohl in der DDR wie auch in Westdeutschland eine Kontinuität nationalsozialistischer Naturschützer, auch der Mitarbeiter des Generalplan Ost wie Konrad Meyer oder Heinrich Wiepking-Jürgensmann. [25]
In der DDR änderten sich die politische Einbindung und Zielsetzung des Naturschutzes. Die einflussreichsten Planer wie Georg Pniower oder Reinhold Lingner waren politisch unbelastet und der SED gegenüber loyal. Mit dem Aufbau eines sozialistischen Staates sollte gerechtere Gesellschaft verbunden werden. An der praktischen Arbeit der Landschaftsplanung änderte dies jedoch wenig. Die Aufgaben blieben dieselben, Leitbild war weiterhin die Intensivierung der Landnutzung. Personell wurde dabei auf Fachkräfte aus der Zeit des Nationalsozialismus, auch auf ehemalige Mitglieder der NSDAP, zurückgegriffen; vielfach stammten diese aus dem Umfeld Alwin Seiferts. [26]
In den letzten Jahrzehnten haben sich die Konservativen in den USA vielfach zu Gegnern das Naturschutzes entwickelt, der vielfältiger Streitpunkt im Kulturkampf zwischen Liberalen und Konservativen wurde. Gegenstand der konservativen Kritik ist die angeblich oder tatsächlich investitionshemmende Rolle des Natur- und Artenschutzes. [27]
Nicolas Schoof, Rainer Luick, Guy Beaufoy, Gwyn Jones, Petar Einarsson, Javier Ruiz, Vyara Stefanova, Daniel Fuchs, Tobias Windmaißer, Hermann Hötker, Heike Jeromin, Herbert Nickel, Jochen Schumacher, Mariya Ukhanova (2019): Grünlandschutz in Deutschland: Treiber der Biodiversität, Einfluss von Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen, Ordnungsrecht, Molkereiwirtschaft und Auswirkungen der Klima- und Energiepolitik. BfN-Skript 539. Bundesamt für Naturschutz, Bonn Bad-Godesberg. 257 S. ISBN 978-3-89624-277-8. ( Online)
↑ Zur gemeinsamen historischen Entwicklung des Schutzes von Natur- und Kulturdenkmalen ( Memento vom 5. Juni 2014 im Internet Archive)
↑ Gerhard Hachmann und Rainer Koch (Hrsg.): Wider die rationelle Bewirthschaftung! Texte und Quellen zur Entstehung des deutschen Naturschutzes. Aus Anlass des 200. Geburtstags von Philipp Leopold Martin (1815–1885) ( Memento vom 30. März 2016 im Internet Archive). Bonn (Bundesamt für Naturschutz) 2015. (= BfN-Skripten, 417). 89 + 279 Seiten, ISBN 978-3-89624-152-8; (PDF; 68 MB), 30. Januar 2017.
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4115348-0 ( OGND, AKS)
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