Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/rechtskraft-und-die-tatsachenpraeklusion-3120529
Timestamp: 2020-08-07 01:59:29
Document Index: 312780092

Matched Legal Cases: ['§ 322', '§ 322', '§ 256', '§ 256', '§ 123', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 322', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 322', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Rechtskraft - und die Tatsachenpräklusion | Rechtslupe
Rechts­kraft – und die Tat­sa­chen­prä­k­lu­si­on
Eine aus der Rechts­kraft abge­lei­te­te Tat­sa­chen­prä­k­lu­si­on erfasst nur Vor­trag, der zu dem rechts­kräf­tig Fest­ge­stell­ten in Wider­spruch steht.
Urtei­le sind der Rechts­kraft nach § 322 Abs. 1 ZPO nur inso­weit fähig, als über den durch Kla­ge oder Wider­kla­ge erho­be­nen Anspruch ent­schie­den wor­den ist. Damit sind der Rechts­kraft bewusst enge Schran­ken gezo­gen. Die Urteils­ele­men­te, die bedin­gen­den Rech­te und Gegen­rech­te sol­len nicht von der Rechts­kraft erfasst wer­den. Sie wird viel­mehr auf den unmit­tel­ba­ren Gegen­stand des Urteils, das heißt auf die­je­ni­ge Rechts­fol­ge, die auf­grund einer Kla­ge oder Wider­kla­ge beim Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung den Gegen­stand der Ent­schei­dung bil­det, beschränkt. Die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen als sol­che erwach­sen nicht in Rechts­kraft [1].
Die Aus­füh­run­gen des Gerichts in einem Vor­pro­zess über das Vor­lie­gen eines Sach­man­gels oder die Kennt­nis des Ver­käu­fers hier­von sind als tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen daher mate­ri­el­ler Rechts­kraft nicht fähig [2]. Eben­falls nicht in Rechts­kraft nach § 322 Abs. 1 ZPO erwach­sen die Fest­stel­lun­gen über die der Ent­schei­dung zu Grun­de lie­gen­den prä­ju­di­zi­el­len Rechts­ver­hält­nis­se, wie etwa die Nich­tig­keit eines Ver­tra­ges. Zu deren abschlie­ßen­der Klä­rung steht den Par­tei­en die nicht an ein beson­de­res Fest­stel­lungs­in­ter­es­se anknüp­fen­de Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge (§ 256 Abs. 2 ZPO) und im Übri­gen die Fest­stel­lungs­kla­ge (§ 256 Abs. 1 ZPO) offen [3].
Eine rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung in einem Vor­pro­zess kann zwi­schen den Par­tei­en zu einer Tat­sa­chen­prä­k­lu­si­on in einem Fol­ge­pro­zess füh­ren. Zwar erwach­sen die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen in einem Urteil nicht in Rechts­kraft. Ande­rer­seits darf die Rechts­kraft der Ent­schei­dung über den im Vor­pro­zess erho­be­nen Anspruch nicht mit dem Vor­brin­gen aus­ge­höhlt wer­den, das rechts­kräf­ti­ge Urteil grün­de sich auf unrich­ti­ge tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen [4].
Hat ein Gericht den Streit­ge­gen­stand eines rechts­kräf­tig ent­schie­de­nen Vor­pro­zes­ses erneut zu prü­fen, hat es des­halb sei­nem Urteil den Inhalt die­ser Ent­schei­dung zugrun­de zu legen [5]. Mit Vor­trag zu Tat­sa­chen, die im maß­ge­ben­den Zeit­punkt des Vor­pro­zes­ses schon vor­han­den waren und dar­auf gerich­tet sind, das kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­teil der im Vor­pro­zess fest­ge­stell­ten Rechts­fol­ge aus­zu­spre­chen, sind die Par­tei­en dann inso­weit aus­ge­schlos­sen, als sie bei natür­li­cher Anschau­ung zu dem im Vor­pro­zess vor­ge­tra­ge­nen Lebens­vor­gang gehö­ren [6].
Jedoch geht die­se Prä­k­lu­si­on nicht wei­ter als die Rechts­kraft­wir­kun­gen des Urteils [7]. Sie ist kein Insti­tut neben der mate­ri­el­len Rechts­kraft, son­dern nur die not­wen­di­ge Kehr­sei­te der Maß­geb­lich­keit der Ent­schei­dung. Außer­halb der Gren­zen des Streit­ge­gen­stands besteht kei­ne Prä­k­lu­si­on, auch wenn mit der neu­en Kla­ge ein wirt­schaft­lich iden­ti­sches Ziel ver­folgt wird und sich die Tat­sa­chen über­schnei­den [8].
Das zeigt sich ins­be­son­de­re bei Teil­kla­gen. Bei der Gel­tend­ma­chung von Teil­an­sprü­chen ergreift die Rechts­kraft nur die­sen Teil, so dass das Urteil, das einen Teil­an­spruch zuspricht oder aberkennt, nicht dar­über Rechts­kraft bewirkt, ob dem Klä­ger mehr als der gel­tend gemach­te Teil zusteht oder noch ande­re Ansprü­che aus dem Sach­ver­halt zuste­hen, selbst wenn sich das Urteil dar­über aus­lässt [9]. Eine Prä­k­lu­si­ons­wir­kung tritt daher nicht ein, wenn die Teil­kla­ge rechts­kräf­tig abge­wie­sen wor­den ist und nach den Ent­schei­dungs­grün­den des Urteils im Vor­pro­zess der kla­gen­den Par­tei der spä­ter gel­tend gemach­te (wei­te­re) Anspruch aus dem­sel­ben Lebens­sach­ver­halt eben­falls nicht zustün­de. Die Rechts­kraft reicht in die­sen Fäl­len nicht so weit wie die Fol­ge­rich­tig­keit der Ent­schei­dungs­grün­de; die­se neh­men an der Rechts­kraft nicht teil [10].
Zu berück­sich­ti­gen ist fer­ner, dass die Tat­sa­chen­prä­k­lu­si­on infol­ge Rechts­kraft nur Vor­trag erfasst, der zu dem rechts­kräf­tig Fest­ge­stell­ten in Wider­spruch steht. Ein Urteil, das eine Ver­trags­kla­ge wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung abweist, stellt nur das Nicht­be­stehen des ver­trag­li­chen Anspruchs infol­ge einer Täu­schung fest, nicht aber die Täu­schung (bzw. ihr Feh­len) selbst [11]. Das gilt selbst dann, wenn eine Fest­stel­lungs­kla­ge mit dem Ziel erho­ben wor­den ist, das Nicht­be­stehen des Ver­trags­ver­hält­nis­ses infol­ge der arg­lis­ti­gen Täu­schung fest­zu­stel­len. Die Rechts­kraft der hier­zu erge­hen­den Ent­schei­dung umfasst nur das Bestehen oder Nicht­be­stehen des Ver­trags­ver­hält­nis­ses, nicht aber den Auf­lö­sungs­grund. Was die­sen betrifft, kann es durch­aus zu wider­sprüch­li­chen Fest­stel­lun­gen kom­men [12].
Aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 24.09.2003 [13] ergibt sich nichts ande­res. Auf­grund der dort im Rah­men einer Fest­stel­lungs­kla­ge getrof­fe­nen rechts­kräf­ti­gen Fest­stel­lung zu einem prä­ju­di­zi­el­len Rechts­ver­hält­nis (das Bestehen eines Miet­ver­hält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en) war die auf Zah­lung der Mie­te in Anspruch genom­me­ne Par­tei mit Vor­trag aus­ge­schlos­sen, der die­ser Fest­stel­lung wider­sprach (das Miet­ver­hält­nis sei durch Kün­di­gung been­det gewe­sen).
Unab­hän­gig davon kommt eine – stets nur in den Gren­zen des Streit­ge­gen­stands des Vor­pro­zes­ses mög­li­che – Tat­sa­chen­prä­k­lu­si­on auch des­halb nicht in Betracht, wenn der Streit­ge­gen­stand der ers­ten Wider­kla­ge weder eine Vor­fra­ge für die nun­mehr zu tref­fen­de Ent­schei­dung noch Gegen­stand des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens ist.
Streit­ge­gen­stand eines Rechts­streits ist der als Rechts­schutz­be­geh­ren oder der Rechts­schutz­be­haup­tung auf­ge­fass­te pro­zes­sua­le Anspruch; die­ser wird bestimmt durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die von dem Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Anspruchs­grund), aus dem sich der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet [14].
Wird die Rück­ab­wick­lung eines Kauf­ver­tra­ges (Rechts­fol­ge) wegen arg­lis­tig ver­schwie­ge­ner Män­gel der Kauf­sa­che (Lebens­sach­ver­halt) ver­langt, bil­den zwar alle auf die Rück­ab­wick­lung des Ver­tra­ges gerich­te­ten mate­ri­ell­recht­li­chen Ansprü­che einen ein­heit­li­chen Streit­ge­gen­stand. Wur­de eine auf die Anfech­tung des Ver­tra­ges nach § 123 Abs. 1 BGB gestütz­te Kla­ge rechts­kräf­tig abge­wie­sen, kann der Käu­fer daher nicht unter dem Gesichts­punkt der Sach­män­gel­haf­tung erneut auf Rück­ab­wick­lung des Kauf­ver­tra­ges kla­gen [15]. Anders liegt es aber, wenn sich der Käu­fer nach einer erfolg­lo­sen Kla­ge, mit der er auf­grund einer Anfech­tung wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung die Rück­ab­wick­lung des Ver­tra­ges ver­langt hat, auf den Boden des Ver­tra­ges stellt und nun­mehr – gestützt auf die­sel­be Behaup­tung zur arg­lis­ti­gen Täu­schung – Min­de­rung des Kauf­prei­ses und Ansprü­che auf sog. klei­nen Scha­dens­er­satz gel­tend macht. Wegen der abwei­chen­den Rechts­fol­ge han­delt es sich hier­bei um einen ande­ren Streit­ge­gen­stand [16]; folg­lich kommt auch eine Tat­sa­chen­prä­k­lu­si­on infol­ge rechts­kräf­ti­ger Ent­schei­dung über den Rück­ab­wick­lungs­an­spruch nicht in Betracht.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Sep­tem­ber 2016 – V ZR 4/​16
BGH, Urteil vom 11.11.1994 – V ZR 46/​93, NJW 1995, 967; Urteil vom 16.04.1999 – V ZR 37/​98, NZM 1999, 677, 678; BGH, Urteil vom 12.12 1975 – IV ZR 101/​74, NJW 1976, 1095[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 03.06.1987 – VIII ZR 158/​86, WM 1987, 1288, 1289; Urteil vom 24.11.1982 – VIII ZR 263/​81, BGHZ 85, 367, 373[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 14.03.2008 – V ZR 13/​07, NJW-RR 2008, 1397 Rn.19; Urteil vom 21.02.1992 – V ZR 273/​90, NJW 1992, 1897[↩]
BGH, Urteil vom 07.07.1993 – VIII ZR 103/​92, BGHZ 123, 137, 140[↩]
BGH, Urteil vom 24.06.1993 – III ZR 43/​92, NJW 1993, 3204, 3205; Urteil vom 16.01.2008 – XII ZR 216/​05, NJW 2008, 1227 Rn. 23[↩]
BGH, Urteil vom 24.09.2003 – XII ZR 70/​02, NJW 2004, 294, 296[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 07.12 2011 – XII ZR 159/​09, NJW 2012, 923 Rn. 23; Münch­Komm-ZPO/­Gott­wald, 5. Aufl., § 322 Rn. 139a u. 144 f.[↩]
Münch­Komm-ZPO/­Gott­wald, aaO, Rn. 139 u. 145[↩]
BGH, Urteil vom 27.02.1961 – III ZR 16/​60, BGHZ 34, 337, 339; Urteil vom 30.01.1985 – IVb ZR 67/​83, BGHZ 93, 330, 334; Urteil vom 09.04.1997 – IV ZR 113/​96, BGHZ 135, 178, 181[↩]
BGH, Urteil vom 30.01.1985 – IVb ZR 67/​83, BGHZ 93, 330, 334 f.[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 03.06.1987 – VIII ZR 158/​86, WM 1987, 1288, 1289[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 03.06.1987 – VIII ZR 158/​86, aaO u. Münch­Komm-ZPO/­Gott­wald, 5. Aufl., § 322 Rn. 145 aE[↩]
BGH, Urteil vom 24.09.2003 – XII ZR 70/​02, NJW 2004, 294, 295[↩]
BGH, Urteil vom 17.03.1995 – V ZR 178/​93, NJW 1995, 1757; BGH, Urteil vom 19.12 1991 – IX ZR 96/​91, BGHZ 117, 1, 5; Urteil vom 22.10.2013 – XI ZR 42/​12, BGHZ 198, 294 Rn. 15[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 19.11.2003 – VIII ZR 60/​03, BGHZ 157, 47, 50 f.[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 01.06.1990 – V ZR 48/​89, NJW 1990, 2682[↩]
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