Source: https://www.servat.unibe.ch/dfr/c1130337.html
Timestamp: 2020-05-27 03:48:21
Document Index: 97430044

Matched Legal Cases: ['BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

DFR - BGE 130 I 337 - Expertenmeinungen
BGE 130 I 337 - Expertenmeinungen
BGE 120 II 248 - Behandlungsrisiken
BGE 128 I 81 - Kindliche Zeugenaussagen
4P.92/2004
, geboren am 6. Dezember 1924, wurde am 28. Oktober 1999 in das Spital D. aufgenommen, um sich am 1. November 1999 einem erfolgreich verlaufenen chirurgischen Eingriff am Herz zu unterziehen. Es wurden eine Aortaklappe ersetzt und drei Bypass eingeführt. Nach einem anschliessenden Aufenthalt auf der Intensivstation wurde E. am 2. November 1999 um 10 Uhr auf die Bettenstation verlegt. Was dort geschah, wird in der Krankengeschichte wie folgt festgehalten: - Um 14.45 Uhr wurde festgestellt, dass E. "noch nicht ganz adäquat" war,
zum Teil nicht wusste, wo er sich befand. - Um 17.00 Uhr wurde bemerkt, dass er den Schlauch zur Infusionsflasche
entfernt hatte, so dass überall Blutspuren sichtbar waren. - Um 19.00 Uhr hat er wiederum das Bett verlassen und den Infusionsschlauch
entfernt. - Um 19.30 Uhr hat er den zentralen Venenkatheter vollständig gezogen, wobei
er zeitlich und örtlich desorientiert war. Es wurden ihm 3 Tropfen Haldol
verabreicht. - Um 22.00 Uhr schien E. etwas beruhigt, aber immer noch örtlich und
zeitlich desorientiert. - Um 23.30 Uhr sass E. am Bettrand, nachdem er die Venenverweilkanäle
herausgezogen hatte, was bewirkte, dass alles "wohin das Auge reicht"
blutverschmiert war. Dabei war er zeitlich und örtlich desorientiert. Es
wurden ihm acht Tropfen Haldol und das Schlafmittel Stilnox verabreicht,
nachdem sich der Zustand am späten Abend ausgeprägt hatte. - Um 00.15 Uhr stellte ein Arzt fest, dass E. ruhig war, adäquat antwortete
und neurologisch unauffällig war. - Um 00.35 Uhr sprang er vom Balkon des Nachbarzimmers in den Tod.
Am 27. Oktober 2000 klagten die Ehefrau des Verstorbenen A. (Beschwerdeführerin 1) und dessen Töchter B. (Beschwerdeführerin 2) sowie C. (Beschwerdeführerin 3) beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern mit dem Antrag, das Spital D. sei zur Leistung von Schadenersatz und Genugtuung in der Höhe von insgesamt Fr. 284'658.- nebst Zins von 5 % seit 3. November 1999 zu verpflichten. Zur Begründung führten sie an, die Beklagte habe eine Reihe von Sorgfaltspflichten verletzt: - Sie habe es versäumt, Richtlinien zur Behandlung von postoperativen
Verwirrtheitszuständen zu erlassen. - Sie habe keine adäquate Diagnose gestellt. - Sie habe keinen Facharzt der Psychiatrie beigezogen. - Sie habe nicht für eine hinreichende medikamentöse Therapie gesorgt. - Sie habe keine hinreichenden Massnahmen für die Sicherheit des Patienten
angeordnet (Sitzwache, Fixierung etc.). - Sie habe die ärztliche Aufklärungspflicht verletzt.
"Die Ausprägung des Durchgangssyndroms am späten Abend der Ereignisnacht
wäre in Kenntnis der heutigen Literatur zur perioperativen Behandlung in
der Herzchirurgie in einer Vielzahl von Kliniken Grund gewesen, entweder
auf eine intermediate-care-Abteilung zurückzuverlegen oder eine
Sitzwache anzuordnen.
Ob im Spital D. Ressourcen für Sitzwachen zur Verfügung standen, diese
kurzfristig beschafft werden konnten und/oder gar das Einsetzen von
Sitzwachen aus finanziellen Gründen oder ähnlichem nicht gern gesehen
oder gar untersagt war, entzieht sich der Kenntnis des Gutachters und
müsste von gerichtlicher Seite geklärt werden. Inwieweit der Einsatz
einer Sitzwache das tragische Ereignis zwingend hätte verhindern können,
bleibt darüber hinaus dahingestellt."
"Verwirrtheitszustände sind wegen ihrer Fluktuationen notorisch
irreführende Störungen. Aufgrund der grossen Häufigkeit von
Verwirrtheitszuständen nach kardiochirurgischen Eingriffen und aufgrund
der Unvorhersagbarkeit ihres zu allermeist günstigen Verlaufes bzw.
aufgrund der Schwierigkeiten, besonders gefährdete Patienten rechtzeitig
zu identifizieren, müssten eigentlich alle Patienten während der ersten
Woche - vor allem nachts - ständig überwacht werden. Dies ist nicht
realisierbar und wäre für die überwiegende Mehrzahl der Überwachten eine
nicht zumutbare, ständige Belastung. Arzt und Pflegepersonal haben die
unter den gegebenen Umständen der Klinik üblichen, möglichen und
sinnvollen Sicherungsmassnahmen getroffen."
"Im unmittelbaren Interesse des Patienten und des Heilungsverlaufs
schien es vertretbar und angeraten, sich mit den angeordneten
Vorsichtsmassnahmen und der niedrig dosierten Pharmakotherapie zu
begnügen. Der zunächst günstige postoperative Verlauf, die Gabe von
Haloperidol, die eingekehrte Ruhe bei nochmaliger Untersuchung, das
Abschliessen der Balkontür, das Informieren des Pflegepersonals, alle
diese Faktoren waren vom verantwortlichen Arzt in seine Abwägung
einzubeziehen. Die Anwesenheit einer Sitzwache oder sogar die
Rückverlegung auf eine Beobachtungsstation oder in eine geschlossene
Psychiatrische Klinik wären mit einem zumindest geringen zusätzlichen
Stress für den Patienten verbunden gewesen, der sowohl aus
kardiologischer, als auch aus psychiatrischer Sicht zu bedenken war.
Dass alle 5 genannten positiven Prognoseindikatoren bzw.
Sicherungsmassnahmen und sogar ein beherzt eingreifender Mitpatient den
tragischen Ausgang nicht verhindern konnten, war nicht vorherzusehen."
Demgegenüber vertraut der Experte H. auf den Eindruck eines Arztes, der den Patienten kurz nach Mitternacht besucht und als ruhig empfunden habe. Das Verwaltungsgericht folgt diesem Gutachter insoweit, als es die getroffenen Massnahmen insgesamt als adäquat beurteilt. Die Differenz in der Beurteilung des Krankheitszustandes von E. in der Ereignisnacht braucht aber hier nicht weiter erörtert zu werden, da Einigkeit darüber herrscht, dass bei diesem Patienten ein Verwirrungszustand vorlag, dessen Verlauf unberechenbar war, und da auch Einigkeit über das Fortbestehen eines Todessturzrisikos besteht, das sich mit den getroffenen Massnahmen allein nicht ausschliessen liess.
5.2 Die Beschwerdeführerinnen machen im Einzelnen geltend, das Verwaltungsgericht habe die Frage, ob die Beschwerdegegnerin mit adäquaten Massnahmen auf die Sicherheitsrisiken für E. reagiert habe, aus folgenden Gründen willkürlich beurteilt: - Mit der Verriegelung des Fensters und der Balkontüre des Patientenzimmers
von E. habe das Spital das Todessturzrisiko anerkannt und mit der
Beschränkung dieser baulichen Massnahme auf das Patientenzimmer auch das
Fortbestehen des Todessturzrisikos. Das stimme mit der in diesem Punkt
einhelligen Meinung der Experten überein, welche den baulichen Massnahmen
nicht die Funktion einer absoluten Sicherheit zuschreiben, und sei
letztlich auf den Krankheitszustand von E. zurückzuführen, für den eine
hohe Mortalität symptomatisch sei. - Was die konkrete Frage der Anordnung einer Sitzwache anbelangt, hätte sich
das Verwaltungsgericht nicht grundlos über die Expertenmeinung von Prof. G.
hinwegsetzen und dem Gutachter Prof. H. anschliessen dürfen, der im
Ergebnis das Erfordernis einer Sitzwache im vorliegenden Fall verneint,
obwohl er das (fortbestehende) Risiko von Todesstürzen anerkennt. - Wenn das Todessturzrisiko und die mit einem Delir verbundene hohe
Mortalität als bekannt vorausgesetzt werden können, sei es widersprüchlich,
einen Todessturz - in welcher Form er sich auch verwirklichen sollte - als
ein nicht voraussehbares singuläres Risiko zu bewerten.
5.3 Dem Arzt ist sowohl in der Diagnose wie in der Bestimmung therapeutischer oder anderer Massnahmen nach dem objektiven Wissensstand oftmals ein Entscheidungsspielraum gegeben, welcher eine Auswahl unter verschiedenen in Betracht fallenden Möglichkeiten zulässt. Sich für das eine oder das andere zu entscheiden, fällt in das pflichtgemässe Ermessen des Arztes, ohne dass er zur Verantwortung gezogen werden könnte, wenn er bei einer Beurteilung ex post nicht die objektiv beste Lösung gefunden hat. Eine Pflichtverletzung ist daher nur dort gegeben, wo eine Diagnose, eine Therapie oder ein sonstiges ärztliches Vorgehen nach dem allgemeinen fachlichen Wissensstand nicht mehr als vertretbar erscheint. Die Prüfung, ob dem Arzt eine Ermessensüberschreitung zur Last gelegt werden kann, beurteilt sich somit nicht nach dem Sachverhalt, wie er sich nachträglich dem Experten oder dem Richter darstellt; massgebend ist vielmehr, was der Arzt im Zeitpunkt, in dem er sich für eine Massnahme entschied oder eine solche unterliess, von der Sachlage halten musste (BGE 120 Ib 411 E. 4a und b sowie 4c/aa; 115 Ib 175 E. 3b S. 184/185). Soweit die Möglichkeit negativer Auswirkungen der Behandlung erkennbar ist, muss der Arzt alle Vorkehren treffen, um deren Eintritt zu verhindern (BGE 120 II 248 E. 2c</a> S. 250).
Nach den Feststellungen im angefochtenen Urteil erkannte das für die Beschwerdegegnerin handelnde Personal, dass die im Patientenzimmer des E. vorgenommene Verriegelung als Sicherheitsmassnahme nicht genügte, weil er mangels permanenter Bewachung sein Zimmer verlassen und sich sein lebensbedrohendes Selbstgefährdungspotential - in welcher Form auch immer - ausserhalb des Zimmers verwirklichen konnte. Ebenfalls erkannt wurde, dass durch die Anordnung einer Sitzwache die Lebensgefahr erheblich gemindert werden konnte. Die Beschwerdegegnerin vermag nicht darzulegen, weshalb eine solche Massnahme nicht zumutbar gewesen wäre. Das Unterlassen, eine Sitzwache oder eine Rückverlegung auf die Intensivpflegestation anzuordnen und damit negative oder gar fatale Auswirkungen des durch den operativen Eingriff bedingten Zustandes des Patienten zu verhindern, wird damit objektiv vorwerfbar. Das wird vom Verwaltungsgericht an sich auch nicht in Zweifel gezogen. Das Verwaltungsgericht verlangt aber als weitere Voraussetzung der Vorwerfbarkeit, dass das Personal der Beschwerdegegnerin auch die konkrete Form der Verwirklichung der Selbstgefährdung hätte voraussehen müssen. Damit verkennt es die Tragweite der an sich offenkundigen Verwirrtheit im Hinblick auf eine mögliche Selbstschädigung, die krankheitsbedingt nicht voraussehbare Verhaltensweisen miteinschloss. Indem das Verwaltungsgericht die Symptome des Delirs als Krankheitszustand im Einklang mit den Gutachtern klar herausarbeitet und dabei insbesondere auch auf das für solche Patienten typische unvoraussehbare Verhalten und die abrupten Verhaltensänderungen hinweist, die Vorwerfbarkeit aber an die zusätzliche Voraussetzung der Voraussehbarkeit des konkreten Verhaltens, das bei E. auf singuläre Weise zum Tod geführt hat, knüpfen will, stellt es auf ein unsachliches Argument ab und verstrickt sich in einen unauflösbaren Widerspruch. Der Verzicht auf die Anordnung einer Sitzwache kann nicht damit gerechtfertigt werden, dass die konkret eingetretene Äusserungsform des Verwirrtheitszustandes (Sturz vom Balkon des Nachbarzimmers) noch nie vorgekommen ist. Auch wenn dieser Geschehensablauf zum ersten Mal eingetreten sein mag, lag er doch im Spektrum der bei einem Delir typischen Verhaltensformen, die sich eben gerade durch ihre Unvorhersehbarkeit charakterisieren. Im Übrigen hätte die Anordnung einer ständigen Überwachung, wie sie angesichts des Krankheitszustandes von E. und der verbleibenden - zwangsläufig nur generell voraussehbaren Risiken - geboten gewesen wäre, das tödliche Ereignis mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert.
5.4.2 Das Gericht darf in Fachfragen nicht ohne triftige Gründe von Gutachten abweichen und muss Abweichungen begründen (BGE 128 I 81 E. 2 S. 86; FABIENNE HOHL, Procédure civile, Bd. I, 2001, Rz. 1113 und 1114 mit Hinweisen). Weicht das Gericht von einem Gutachten ab, kann ihm keine Willkür vorgeworfen werden, wenn die Glaubwürdigkeit des Gutachtens durch die Umstände ernsthaft erschüttert ist. Dagegen kann das Gericht dann der Willkür verfallen, wenn es Zweifel an der Richtigkeit des Gutachtens hegt und dennoch keine ergänzende Abklärung anordnet, um diese Zweifel zu beseitigen.
5.5 Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass das Verwaltungsgericht in Willkür verfallen ist, indem es eine Sorgfaltspflichtverletzung verneint hat, - weil es sich unzulässigerweise auf eine Rechtsauffassung des Experten H.
gestützt hat und die Expertenmeinung G. ohne Grund ausser Acht gelassen hat
und - weil es eine mit dem festgestellten, durch ein unberechenbares Verhalten
gekennzeichneten Krankheitszustand in Widerspruch stehende Berechenbarkeit
des Patientenverhaltens vorausgesetzt hat.