Source: https://www.fruehe-bildung.online/kindliche-entwicklung/stellenwert-und-wertschaetzung-der-heimerziehung
Timestamp: 2019-06-17 17:35:51
Document Index: 338879726

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§2', '§4', '§8', '§35', '§8']

﻿ Stellenwert und Wertschätzung der Heimerziehung | Frühe Bildung Online
Bildungsort Familie › Kindliche Entwicklung › Stellenwert und Wertschätzung der Heimerziehung
Herbert Schlippert
Hinsichtlich unserer Thematik ist es immer sehr unterschiedlich, wer den Stellenwert einer Angebotsform beurteilt; dies kann z. B. betriebswirtschaftlich, soziologisch, gesellschaftspolitisch und natürlich standesgemäß sozialpädagogisch sein. Wie oben schon erwähnt, werde ich mich ein bisschen an den Gegebenheiten + Entwicklungen entlanghangeln, die mein von mir sehr geschätzter Vorredner Frank Schmidt erläutert hat.
Ich beginne also mit dem 01.01.1991, dem Tag. An dem das KJHG offiziell in Kraft trat, der Tag, an dem ich nach mehrjähriger Tätigkeit in einem ostafrikanischen Land, die Leitung von zwei therapeutischen Gruppen im Martin-Luther-Haus, Nürnberg, übernahm. Ich kam sozusagen von einer sehr fremden Kultur in andere fremde Kultur, auch deswegen, weil ich vorher noch nie in einer Heimeinrichtung gearbeitet hatte. In der Nachbetrachtung war diese meine Anfangszeit sehr geprägt von der Tradition der „alten Heimarbeit“, also hier u.a.
Diese Welt traf dann, am 01.01.91, auf den großen Paradigmenwechsel in der Jugendhilfe den Übergang von JWG zum KJHG, in dem eine völlig andere Bedarfs- und Zielorientierung gefordert wurde. (Ich erinnere mich, dass wir ein Kind hatten, bei dem nach sieben Jahren Aufenthalt in der Einrichtung zum ersten Mal so etwas wie ein Hilfeplan stattfand). Das KJHG war im Grundgedanken eine sehr fortschrittlich formulierte Gesetzgebung. So formuliert z.B. § 1 das Recht jedes jungen Menschen auf Förderung seiner Entwicklung + auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen + gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, §2 die Angebote zur Förderung der Erziehung in der Familie, §4 die Partnerschaftlichkeit der öffentlichen Jugendhilfe mit der freien JH zum Wohle junger Menschen, §8 die Beteiligung von Kindern + Jugendlichen, usw., weiterhin die Entwicklung des §35a mit seinem umfassenden Anspruch des Rechts jedes jungen Menschen mit einer seelischen Behinderung, oder wenn er von einer solchen bedroht ist, auf Eingliederungshilfe als Leistung der Jugendhilfe.
Last, but not least die spätere Entwicklung des §8a mit seinem umfassenden Schutzauftrag und die besonderen Pflichten für alle Fallbeteiligten. Für die Jugendhilfeeinrichtungen bedeutete also die Inkraftsetzung des neuen Gesetzes der Beginn eines differenzierenden Prozesses. Die neue Hilfeplanung verlangte klar umrissene Zielsetzungen, Operationalisierungen, Kooperationen, Angebotsdifferenzierungen sowie interne Qualitätsentwicklungen. Wo Leistung gefordert wird, muss auch Leistung beschrieben werden. Für viele Einrichtungen begann jetzt der Weg der internen Konzeptentwicklung, des Aufbaus modernerer Strukturen, die den neuen Ansprüchen genügten.
Die qualitative Entwicklung zeigte sich in der Etablierung von:
Psychologischen Fachdiensten,
Dienst für Familien,
Heilpädagogische Fachdienste,
Kooperationen mit Kinder- + Jugendpsychiatrie und anderen medizinischen Leistungen.
Ich zähle die vorangegangenen Punkte auf, um zu zeigen, welche qualitativen Ansprüche auf Mitarbeitende in den Heimkontexten zugekommen sind und in meisten Fällen auch umgesetzt wurden. Damit kommen wir wieder näher zu den Fragen des Stellenwertes und der Wertschätzung.
Im Kontakt mit (zunehmend ratlosen Jugendämtern (Partnerschaftlichkeit!) stelle ich fest, dass zunehmend die Kompetenz der Jugendhilfe angefragt und auch erbeten wird. Einrichtungen werden zunehmend als Kompetenzzentrum wahrgenommen, die individuelle Hilfekonzepte für Kinder + Jugendliche entwerfen, probieren und durchführen.
Autor Herbert Schlippert
ist Autor des Buches Heimerziehung im Blick.
Von Herbert Schlippert  12.07.2018