Source: https://de.wikimannia.org/Vorsicht_bei_der_Wahl_des_Anwalts
Timestamp: 2019-12-12 02:43:32
Document Index: 66905768

Matched Legal Cases: ['§ 155', 'EGMR', '§ 156', '§ 160', '§ 158', 'EGMR']

Während in isolierten Umgangsverfahren grundsätzlich kein Anwaltszwang besteht, muss man sich in einem Scheidungs­verfahren anwaltlich vertreten lassen. Insbesondere wegen der damit zusammen­hängenden, komplizierten Themen Versorgungsausgleich, Zugewinnausgleich und Anrechnung der Kindererziehungszeiten ist das auch sinnvoll. Umgekehrt bekommt man in Kreisen der Väterszene oft zu hören, in reinen Sorgerechts- und Umgangsverfahren sei man(n) ohne Anwalt häufig besser dran. Da nicht wenige Anwälte leider auch solche Sachen übernehmen, obwohl sie auf diesem Gebiet erschreckend ahnungslos sind und im Übrigen nicht die Interessen ihrer Mandanten vertreten, sondern bereitwillige Mitspieler in einem Schweinesystem sind und vor den Richtern kriechen, ist dieser Auffassung zumindest partiell beizupflichten.
Es mag für manche schwer zu glauben sein, aber überzogene Erwartungen hinsichtlich spezifischer Fachkenntnisse im Bereich des Familienrechts sind unrealistisch. Diese Aussage gilt nicht nur für Ein-Mann/Frau-Kanzleien, deren Inhaber sich um alle möglichen Rechtssachen kümmern, sondern auch für Mitarbeiter in etwas größeren Büros, denen ihr Chef häufiger Familiensachen überträgt.
Einzelkämpfer, die alle möglichen Rechtsgebiete beackern, kennen oft nicht einmal alle wesentlichen Bestimmungen des neuen FamFG und haben erst recht keine Zeit, sich ständig in puncto neuer Gerichtsbeschlüsse auf dem Laufenden zu halten.
Beauftragt man eine Kanzlei mit mehreren Mitarbeitern, liegt der Fall ähnlich, denn angestellte Rechtsanwälte sind überwiegend arme Schweine, die von ihren Chefs mit Arbeit zugeschüttet werden.
Auch der von der Anwaltskammer verliehene Titel "Fachanwalt für Familienrecht" ist kein wirkliches Gütesiegel. Die Anforderungen bzw. die Qualität der Fortbildung, die zum Führen dieses Titels berechtigt, scheinen nicht allzu hoch zu sein. Väter machen immer wieder die Erfahrung, dass auch solche Anwälte teilweise gravierende Wissenslücken haben bzw. sich taktisch ausgesprochen ungeschickt verhalten.
Im Übrigen kann man zumindest für die mickrigen Honorare in Sorgerechts- bzw. Umgangsverfahren kein übergroßes zeitliches Engagement erwarten.
Ergo müssen Väter sich selber schlau machen, zum einen bezüglich der maßgeblichen Paragraphen, aber vor allem mit Blick auf die aktuelle Rechtsprechung zum jeweiligen Thema und ihren Anwalt dann mit Informationen füttern. Dank Google ist das heute zumindest für Menschen, die einen Sinn für die Materie haben, relativ einfach.
Eine absolut ehrliche und loyale Wahrnehmung des Mandats im Interesse des Mandanten sollten eine Selbstverständlichkeit sein, ist es - wie weiter unten näher ausgeführt wird - aber leider nicht.
Der Wohlfühlfaktor dürfte von vielen Vätern bei einer Ein-Mann/Frau-Kanzlei sicherlich höher bewertet werden. Man kommt am Telefon meist sofort durch, während Mandanten in größeren Kanzleien von Rechts­anwalts­gehilfinnen mit mehr oder weniger viel Finger­spitzen­gefühl abgewiesen werden. Bei Trennungsvätern, die wie gesagt oft ohnehin etwas angeknackst sind, können arrogante Sprüche wie "Herr ... sieht gerade seine Post durch und ruft später zurück" sehr leicht auf die Stimmung schlagen und wenn der Anwalt dann erst kurz vor Feierabend zurückruft, fühlen sich nicht nur sensible Naturen wie der letzte Dreck.
Und wie ebenfalls schon gesagt: Um die fachliche Kompetenz des jeweiligen Sachbearbeiters muss es in einer größeren Kanzlei keineswegs besser bestellt sein.
Entscheidend ist aber Folgendes: Einzelkämpfer sind viel eher bereit, Informationen ihres Mandanten zu übernehmen, von diesem formulierte Anregungen für den Text eines Schreibens zu berücksichtigen oder sogar komplett vom Mandanten verfasste Schriftsätze einzureichen. Angestellte einer größeren Kanzlei können sich das nicht leisten; ihre nicht selten ziemlich aufgeblasenen Chefs würden sie dafür kräftig in den Hintern treten.
Zum einen kennen ältere Anwälte die Richter des jeweiligen Gerichtsortes mit ihrer Art, in bestimmten Fällen zu urteilen und ihren persönlichen Marotten. Zum anderen können sie ihren Mandanten in aller Regel im Detail sehr konkrete Informationen über die Funktionsweise des Justizapparates geben, was bisweilen von großem Nutzen sein kann. Außerdem wissen sie, auch wenn sie vielleicht nicht jede Gesetzesänderung der letzten Jahre mitbekommen haben, bei vielen Dingen oft einfach besser Bescheid.
Überall dort, wo es Arbeitskreise gibt, die sich am Vorbild des "Cochemer Modells" orientieren, ist größte Vorsicht geboten. So kann ein Vater beispielsweise am Geburtsort des Modells keinen größeren Fehler machen, als die Kanzlei zu beauftragen, deren Chef sich rühmt, das Modell mitentwickelt zu haben. Aber auch bei anderen Kanzleien, die im Arbeitskreis Trennung Scheidung (AKTS) mitarbeiten, kann des dem Man(n)danten leicht passieren, dass seine Interessen nur sehr halbherzig wahrgenommen werden. Getreu der Statuten des Arbeitskreises betrachtet sich der Anwalt nicht selten gar als eine Art vorgeschalteter Richter und maßt sich unter dem vorgeblichen Primat des "Kindeswohls" Freiheiten bzw. Entscheidungsspielräume an, die im Ergebnis auf Mandantenverrat hinauslaufen. Andernorts, wo die Cochemer Praxis oder Teile davon übernommen wurden bzw. überall da, wo es ähnliche Arbeitskreise gibt, sind auch die beschriebenen Probleme potentiell gegeben. Konkret kann es beispielsweise passieren, dass:
keine Aufklärung über das Beschleunigungsgebot des § 155 FamFG oder die Rechtsprechung des EGMR sowie einzelner deutscher Oberlandesgerichte zur Prozessverschleppung stattfindet
dem Mandanten fälschlicherweise suggeriert wird, das Gericht hätte eine Vielzahl von Möglichkeiten, das Verfahren quasi bis zum St. Nimmerleinstag in die Länge zu ziehen, beispielsweise auch durch Anordnung einer psychologische Begutachtung eines einzelnen Elternteils oder einer Psychotherapie (obgleich die beiden letztgenannten Maßnahmen nach Rechtsprechung des BVerfG grundgesetzwidrig sind)
der Mandant nicht über die Pflichten des Gerichts informiert wird, gemäß § 156 Absatz 3 FamFG am 1. Verhandlungstag eine einstweilige Anordnung zu erörtern und ggfs. zu erlassen, falls in Kindschaftssachen, die das Umgangsrecht betreffen, eine einvernehmliche Regelung nicht erreicht werden kann
sondern der eigene Anwalt schweigend daneben sitzt, wenn die Richterin in der Verhandlung über diese klare Vorschrift kein einziges Wort verliert und trotz erheblicher Proteste eines Elternteils gegen die von ihr diktierte vorläufige Umgangsregelung rechtsbeugerisch eine angebliche "Zwischenvereinbarung" der Parteien protokolliert, während unmissverständlich geäußerte Einwendungen, die gemäß § 160a Absatz 2 ZPO im Protokoll hätten ergänzt werden müssen, außen vor bleiben
die besagte Zwischenvereinbarung nicht mit einer Zwangsvollstreckungsklausel versehen wird, sodass bei einem Umgangsboykott der Mutter keine Strafgelder verhängt oder Zwangsmaßnahmen angeordnet werden können
der Anwalt selbst auf massive Verletzungen vorläufiger Umgangsregelungen durch die Gegenseite nur halbherzig reagiert (schließlich soll man ja kein Öl ins Feuer gießen)
der Mandant über das Postulat des § 158 Absatz 3 FamFG zur frühestmöglichen Bestellung eines Verfahrensbeistands, der dann als Interessenvertreter des Kindes auf zügige Entscheidung des Gerichtes unter Berücksichtigung des kindlichen Zeitbegriffs zu achten hat bzw. hätte, im unklaren gelassen wird (laut EGMR hat die Bestellung sogar bereits zu Beginn des Verfahrens zu erfolgen, um Verzögerungen zu vermeiden)
Reaktionen auf parteiische, einseitig ein Elternteil begünstigende Stellungnahmen des Jugendamtes unterbleiben
der Anwalt sogar dann noch untätig bleibt, wenn der vom Gericht bestellte familienpsychologische Sachverständige zwecks der vom Gericht gewünschten Selektion des "besseren" Elternteils eine primitive, grob gestrickte Pathologisierung seines Mandanten betreibt
schriftlich formulierte Einwendungen des Mandanten, beispielsweise gegen ein Gutachten oder ein diffamierendes Schreiben der Gegenseite, klammheimlich nicht an das Gericht weitergeleitet werden
keinerlei Beratung zum Versorgungsausgleich, beispielsweise hinsichtlich der Anrechnung von Kindererziehungszeiten, erfolgt, obgleich die Betreuung der Kinder überwiegend vom Vater wahrgenommen wurde
entsprechende Formulare hinsichtlich der besagten Anrechnungszeiten zugunsten der Kindesmutter falsch ausgefüllt werden.
Tatsächlich gibt es ein paar Rechtsanwälte, die richtig Kohle scheffeln. In der nächsten Etage drunter kommen etliche Kanzleien mehr oder weniger gut bzw. schlecht über die Runden. Der Rest - und das sind grob überschlagen wenigstens ein Drittel der momentan (2013) ca. 172.000 Anwälte in Deutschland - ist gewissermaßen ein Proletariat.
Wenn sich ein junger Anwalt irgendwo niederlässt, weiß er genau, dass er mit den Richtern im jeweiligen Amtsgerichtsbezirk noch ein ganzes Berufsleben lang klarkommen muss. Vom Hörensagen kennt er genügend Kollegen, die es sich durch allzu direkte Äußerungen mit den Richtern ihres Sprengels bis zum jüngsten Tag verdorben haben. Entweder ist er ein Idealist und tritt bereitwillig oder zumindest unvorsichtigerweise in die Fußstapfen dieser Gebrandmarkten, oder er verhält sich taktisch klüger. Selbst bei haarsträubenden Verfahrens­fehlern, Prozess­verschleppungen oder offensichtlichen Rechtsbeugungen durch Richter kann sich kein Anwalt einen knallharten Konfliktkurs erlauben. Ein übertrieben diplomatisches bzw. duckmäuserisches Gebaren muss man sich aber auch nicht bieten lassen. Dann ist es besser, die Kanzlei zu wechseln.
Die meisten Anwälte erklären den Vätern dann ihre Möglichkeiten gar nicht mehr vollständig. Dem normalen Vater wird durch den eigenen Anwalt etwas eingeredet, was weniger dem Vater dient als dem reibungslosen Durchsetzen einer sexistischen Gewohnheit.»[4]
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