Source: https://www.grin.com/document/338526
Timestamp: 2019-12-08 05:05:25
Document Index: 36154560

Matched Legal Cases: ['§ 26', '§ 26', '§ 32', 'Art. 3', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 6', 'Art. 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3']

Ehegatten- oder Familiensplitting? Eine Teilanalyse des ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
J H Janco Herzig (Autor)
2. Die Ausgestaltung des Ehegattensplittings in Deutschland
2.1 Die ökonomischen und gesetzlichen Hintergründe der Ehegattenbesteuerung
2.2 Die Rechtfertigung des Ehegattensplittings
2.3 Die Wirkungsweise und Effekte des Ehegattensplittings
3. Der Reformvorschlag der Stiftung Marktwirtschaft
3.1 Das Familienrealsplitting
3.2 Die Rechtfertigung des Familienrealsplittings
3.3 Die Wirkungsweise des Familienrealsplittings
3.4 Volkswirtschaftliche Effekte eines Familienrealsplittings
Abbildung 1: Splittingeffekt (a)
Abbildung 2: Splittingeffekt (b)
Tabelle 1: Familienrealsplitting
Tabelle 2: Steuerlich abzugsfähiger existenznotwendiger Lebensbedarf
Tabelle 3: Belastungsvergleich zwischen Ehegatten- und Familienrealsplitting
Nahezu 100 Jahre ist die letzte umfassende Steuerreform her, jene die unter dem damali- gen Finanzminister Matthias Erzberger in der Weimarer Republik durchgesetzt wurde. Da ist es an der Zeit an alte Tage anzuknüpfen und eine umfassende Steuerreform in Deutschland voranzutreiben. Genau dieser Aufgabe widmete sich von 2004 bis 2011 die Kommission „Steuergesetzbuch“ der Stiftung Marktwirtschaft, unter Vorsitz des Kölner Rechtswissenschaftlers Joachim Lang. Ein Team von 70 Experten aus Politik, Wissen- schaft, Rechtsprechung, Verwaltung, Unternehmen und Beratung waren an der Erarbei- tung eines Gesamtkonzeptes für eine umfassende Ertragsteuerreform beteiligt. Das Er- gebnis dieser Arbeit stellt ein Angebot an die Politik dar, das Steuerrecht zu reformieren.1
Ziel der vorliegenden Arbeit ist nicht die Analyse des Gesamtkonzeptes, sondern die Un- tersuchung eines Teilbereichs des Reformvorschlags, nämlich der Weiterentwicklung des Ehegattensplittings zum Familienrealsplitting, deren Idee auf den Vorsitzenden der Kom- mission, Joachim Lang, zurückgeht. Vor diesem Hintergrund wird sich die Arbeit dem status quo2 der Ehegattenbesteuerung und dem Vorschlag des Familienrealsplittings wid- men. Ziel ist einerseits die Klärung der Frage, ob die beiden Besteuerungsverfahren recht- lich geeignet und ökonomisch sinnvoll sind und bei welchem Verfahren die Vorteile über- wiegen. Darüber hinaus soll die vorliegende Arbeit untersuchen, ob die Ziele der Kom- mission, das Steuerrecht zu vereinfachen, Steuergerechtigkeit zu gewährleisten und das Steuerrecht entscheidungsneutral zu gestalten, mit dem Reformvorschlag umgesetzt wer- den.3
Einen Konsens zur Ehegattenbesteuerung hat die Wissenschaft derzeit nur bedingt er- langt, da die Meinungen differieren, ob das Ehegattensplitting das richtige Instrument zur Familienförderung ist und es dem Leistungsfähigkeitsprinzip und den verfassungsmäßi- gen Anforderungen gerecht wird. Aus Wissenschaft und Politik ertönen stetig Forderun- gen, das Besteuerungsverfahren umzustellen, so auch hin zum Familienrealsplitting. Wis- senschaftliche Publikationen zum Ehegattensplitting und Familienrealsplitting gibt es reichlich, zum Familienrealsplitting in der von der Stiftung Marktwirtschaft vorgeschla- genen Form jedoch nur wenige. Dies dürfte einer fehlenden Konkretisierung des Gesetzesentwurfs und der fehlenden Umsetzung des Reformvorschlags seitens der Politik geschuldet sein. Dessen ungeachtet, bildet der Gesetzesentwurf eine Grundlage, um die Konzepte hinreichend miteinander vergleichen zu können.
Im nachfolgenden Abschnitt werden die Hintergründe der Existenz der Ehegattenbesteuerung verdeutlicht. Zudem wird ein Überblick über die bestehende Regelung des Ehegattensplittings als Methode der Ehegattenbesteuerung gegeben.
Es handelt sich um ein grundsätzliches Gebot der Steuergerechtigkeit, die Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit auszurichten. Das Leistungsfähigkeitsprin- zip4 als Fundamentalprinzip der Steuergerechtigkeit fand schon in der Weimarer Repub- lik seine Anwendung und wird darüber hinaus auch heute weltweit anerkannt.5 Das Prin- zip der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit erfordert horizontale und vertikale Steuergerechtigkeit. Kurzgefasst versteht man unter horizontaler Steuerge- rechtigkeit, dass Steuerpflichtige mit gleicher Leistungsfähigkeit gleich hoch besteuert werden. Unter vertikaler Steuergerechtigkeit versteht man, dass höhere Leistungsfähig- keit, gegenüber geringerer Leistungsfähigkeit, höher besteuert werden muss. Dies setzt jedoch nicht voraus, dass ein progressiver Steuertarif6 zwingend erforderlich ist.7 Dane- ben wird in der deutschen Steuerrechtswissenschaft zwischen objektiver und subjektiver Leistungsfähigkeit unterschieden. Als Maßstab für die objektive Leistungsfähigkeit wird für gewöhnlich das Markteinkommen herangezogen, wobei nach herrschender Meinung die objektive Leistungsfähigkeit nicht die Bemessungsgrundlage für die Einkommensbe- steuerung sein darf, sondern die subjektive Leistungsfähigkeit heranzuziehen ist. Die sub- jektive Leistungsfähigkeit definiert sich nach dem um die indisponiblen8 Privatausgaben reduzierten Markteinkommen.9 Das Leistungsfähigkeitsprinzip stellt die wichtigste Grundlage für die Untersuchung der Ehegatten- und Familienbesteuerung dar.
Die Ehegattenbesteuerung beruht auf der Idee, dass die Ehe als besondere Form der auf Lebenszeit angelegten Partnerschaft andere Charakteristika aufweist als eine bloße Wohngemeinschaft. Hierbei stellt sich die Frage, ob aus Gründen des Leistungsfähig- keitsprinzips eine andere Besteuerungsform infrage kommt als die im Steuerrecht übliche Individualbesteuerung. Einerseits könnte man vermuten, dass Eheleute durch günstige Synergie, also durch eine gegenseitige Förderung, leistungsfähiger sind und deshalb einer höheren Besteuerung unterworfen sein sollten als Ledige. Andererseits könnte die Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft betrachtet werden, sodass in der Folge ein Transfer und so- mit eine Verteilung wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit stattfindet. Dem Gebot der Steu- ergerechtigkeit folgend, muss dieser Umstand der veränderten wirtschaftlichen Leis- tungsfähigkeit im Besteuerungsverfahren seine Berücksichtigung finden. Die Annahme, einer Gemeinschaft eine veränderte Leistungsfähigkeit zuzuschreiben, ist darüber hinaus kein Phänomen des 20. Jahrhunderts. So sahen bereits die preußische „Klassensteuer“ und „Klassen- und klassifizierte Einkommensteuer“ von 1820 bzw. 1851 - als Vorreiter der heutigen Einkommensteuer - die Besteuerung nach Haushalten vor, um auch dem Ziel der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gerecht zu werden.10
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Methode sich zur Besteuerung von Ehegatten anbietet, um dem Leistungsfähigkeitsprinzip und dem in Wechselwirkung stehenden Deutschen Grundgesetz gerecht zu werden. So kann die Ehegattenbesteuerung nach den Methoden der Individual-, Haushaltsbesteuerung oder der des Ehegattensplit- tings erfolgen. Bei der Individualbesteuerung erfolgt die Besteuerung nach dem Indivi- dualprinzip, die Ehegatten werden jeweils als eigenständige Steuersubjekte betrachtet, somit getrennt veranlagt und besteuert. Bei der Haushaltsbesteuerung werden die Ehegat- ten als ein Steuersubjekt betrachtet, die Einkünfte der Ehegatten werden addiert und dem- selben Einkommensteuertarif unterworfen wie es bei einem Ledigen der Fall ist. Beim Ehegattensplitting werden die Verheirateten ebenfalls als ein Steuersubjekt betrachtet, das gesamte zu versteuernde Einkommen (zvE) wird halbiert, dem Individualsteuertarif unterworfen und anschließend verdoppelt. Bezeichnet man () als Individualsteuertarif, der zu jedem Einkommen die geschuldete Einkommensteuer angibt und bezeichnet man 1 und 2 als Einkommen des Ehepartners A bzw. B, lassen sich die Methoden der Ehegattenbesteuerung formal folgendermaßen darstellen:
(1) Individualbesteuerung:[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]
(2) Haushaltsbesteuerung:[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]
(3) Ehegattensplitting:[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]11
In der Bundesrepublik Deutschland fand die Grundidee der Ehegattenbesteuerung bis 1957 in der Haushaltsbesteuerung ihre Ausgestaltung. Aufgrund der Verfassungswidrig- keit12 der bis dato im Rahmen der Haushaltsbesteuerung praktizierten gemeinsamen Zwangsveranlagung, hat der Gesetzgeber 1958 die Haushaltsbesteuerung durch das Ehe- gattensplitting ersetzt.13 Heutzutage sieht § 26 Abs. 1 Einkommensteuergesetz (EStG) für Ehegatten ein Wahlrecht zwischen der Einzelveranlagung und der Zusammenveranla- gung vor. Wird von dem Wahlrecht kein Gebrauch gemacht, erfolgt die Zusammenver- anlagung nach § 26b EStG und die Steuerschuld errechnet sich nach dem Prinzip (3) des oben dargestellten Ehegattensplittings gem. § 32a Abs. 5. EStG14. Die Einzelveranlagung stellt nur in wenigen Ausnahmefällen15 die finanziell bessere Wahl für Ehegatten dar und die Steuerschuld errechnet sich nach dem Prinzip (1) der Individualbesteuerung.
Die Ehegattenbesteuerung soll einerseits dem Leistungsfähigkeitsprinzip und nachfol- gend speziell der Forderung horizontaler Steuergerechtigkeit nachkommen. Diese Forde- rung lässt sich aus Art. 3 GG, dem allgemeinen Gleichheitssatz, ableiten. Andererseits muss die Ehegattenbesteuerung auch den Anforderungen aus Art. 6 Abs. 1 GG gerecht werden, wonach die Ehe „unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“ steht. Artikel 6 Abs. 1 GG impliziert die steuerrechtliche Konsequenz, Ehen nicht stärker zu belasten als nichtverheiratete Partnerschaften. Aus der Kombination dieser Artikel er- wachsen steuerrechtlich besondere Anforderungen bei der Frage nach einer sachgerech- ten Besteuerung von Ehen und Familien. Nachfolgend wird aufgezeigt, wieso das Ehe- gattensplitting bei konvexen16 Steuertarifen als einzige der obigen Methoden der Ehe- gattenbesteuerung die Eigenschaft besitzt, den aus Art. 6 Abs. 1 GG und Art. 3 GG abge- leiteten Postulaten der Nichtdiskriminierung der Ehe17 bzw. der Globaleinkommensbe- steuerung18 gerecht zu werden.19 Dies zeigt sich anhand der Betrachtung der Individual- besteuerung aus Formel (1) folgendermaßen: Ehepaar A und Ehepaar B haben jeweils ein identisches Gesamteinkommen von 2, wobei sich das Einkommen von Ehepaar A aus 2 + 0 und das Einkommen des Ehepaars B aus + zusammensetzt. Unter der An- nahme (0) = 0 folgt für Ehepaar A und B der zu zahlende Steuerbetrag von (2) bzw. 2(). Nun stellt sich die Frage, ob ein Ehepaar unter der Annahme eines progressiven Steuertarifs eine stärkere Belastung erfährt. Ein progressiver Steuertarif ist durch einen steigenden Durchschnittsteuersatz gekennzeichnet, daraus folgt:
Es zeigt sich also, dass das Ehepaar A bei Anwendung der Individualbesteuerung schlech- ter gestellt ist als das Ehepaar B. Die gemeinsame Steuer hängt also von der Verteilung der Einkommen ab und verstößt somit gegen das aus Art. 3 GG abgeleitete Postulat der Globaleinkommensbesteuerung. Anders ausgedrückt, wird gleiche Leistungsfähigkeit ungleich besteuert. Betrachtet man nun die Haushaltsbesteuerung aus Formel (2) und nimmt an, dass ein Ehepaar ein Einkommen von + erwirtschaftet und dem gegenüber ein unverheiratetes Paar ebenfalls ein Einkommen von + erwirtschaftet, entsteht für das Ehepaar infolge der Haushaltsbesteuerung ein Steuerbetrag von (2) und für das unverheiratete Paar infolge der Individualbesteuerung ein Steuerbetrag von 2(). Bei einem progressiven Steuertarif entsteht eine höhere Steuerbelastung für das Ehepaar und es zeigt sich, dass ein Ehepaar gegenüber einem unverheirateten Paar mit identischen Einkünften schlechter gestellt wird. Infolge der Haushaltsbesteuerung kommt es also zu einer Diskriminierung der Ehe, weshalb sich Haushalts- und Individualbesteuerung als ungeeignete Methoden der Ehegattenbesteuerung erweisen. Einzig das Ehegattensplitting aus Formel (3) erfüllt die obigen Postulate. So hängt die Steuerlast nur von der Summe der Einkünfte ab und damit wird das Ehegattensplitting dem Postulat der Globaleinkommensbesteuerung gerecht. Zudem ist die Steuerlast nach dem Ehegattensplitting progressionsbedingt nie größer als die bei einer Individualbesteuerung, sodass dem Postulat der Nichtdiskriminierung der Ehe nachgekommen wird:
Neben dieser formalen Rechtfertigung für das Ehegattensplitting bekräftigt darüber hin- aus das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) in ständiger Rechtsprechung die Verfas- sungsmäßigkeit des Ehegattensplittings. Rückblickend hat das BVerfG bereits mit Urteil vom 17.01.1957 das Splitting als Alternative zur Haushaltsbesteuerung als „verfassungs- rechtlich unbedenklich“22 bezeichnet. Zudem konkretisiert das Bundesverfassungsgericht das Splittingverfahren dahingehend, dass „Eheleute eine Gemeinschaft des Erwerbs und Verbrauchs bilden, in der ein Ehegatte an den Einkünften und Lasten des anderen wirt- schaftlich jeweils zur Hälfte teilhat“23. Diese Halbteilung der Einkünfte und Lasten ent- spricht der „wirtschaftlichen Realität der intakten Durchschnittsehe, in der ein Transfer steuerlicher Leistungsfähigkeit zwischen den Partnern stattfindet“24. Daraus folgt, dass das Splittingverfahren „dem Grundsatz der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit“25 entspricht. Auch in jüngster Rechtsprechung wird das Bild der Ehe bekräftigt und es wird an der Rechtmäßigkeit des Splittings festgehalten, weshalb Verfassungsbedenken offen- sichtlich unberechtigt sind.26 Aus der Auffassung des Bundesverfassungsgerichts wird darüber hinaus die Spiegelbildlichkeit und ordnungspolitische Systematik von Steuer- und Sozialrecht deutlich. So wird im Regelfall auch im Sozialrecht davon ausgegangen, dass die Ehegatten eine sogenannte Bedarfsgemeinschaft27 bilden, weshalb sich sozialrechtliche Leistungen an der Leistungsfähigkeit beider Ehegatten orientieren.28
Obwohl das Ehegattensplitting „durch die Rechtsprechung unangefochten“29 bleibt, wird selbiges von Seiten der Politik30 und Wissenschaft seit Einführung kritisiert. Dies geht seitens der Gegner des Ehegattensplittings oft mit der Begründung einher, das Ehegatten- splitting fördere nicht ausreichend die Familien31 und es führe zu negativen Anreizeffek- ten insbesondere bei Frauen32, was das Arbeitsangebot in Folge dessen verzerre. Darüber hinaus wird kritisiert, dass das Ehegattensplitting Besserverdiener am stärksten fördere33 und zudem wird sogar, entgegen der obigen Ausführung, die Verfassungsmäßigkeit des Ehegattensplittings in Frage gestellt, da Verletzungen vor allem im Gleichheitssatz gem. Art. 3 GG gesehen werden34.
Nachfolgend wird auf die Einwände gegen die derzeitige Ausgestaltung des Ehegatten- splittings eingegangen und es werden mögliche Fehlschlüsse aufgezeigt. Betrachtet man die Forderung nach einer familienfreundlicheren Ausgestaltung der Ehegattenbesteue- rung, ist zunächst auf einer Vorstufe zu klären, ob diese Forderung im Einklang zur The- matik der Ehegattenbesteuerung im Allgemeinen steht. Hierbei sei angemerkt, dass es sich bei der Ehegattenbesteuerung, oder speziell beim Ehegattensplitting, nicht um eine Subvention handelt, die ein Individuum zu einem bestimmten Verhalten treiben soll.35 Das Instrument der Ehegattenbesteuerung ist „keine Lenkungszwecknorm“36, sondern ein Instrument, das der Besteuerung unter Maßgabe der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und unter Berücksichtigung der oben genannten verfassungsmäßigen Minimalanforde- rung gerecht werden soll. Damit führt die Kritik, das Splitting fördere Familien unzu- reichend und zudem fördere es unberechtigt auch kinderlose Ehen, „von vornherein ins Leere“37. Dies entspricht auch der Auffassung des BVerfG, wonach das „Ehegattensplit- ting keine beliebig veränderbare Steuer-„Vergünstigung“, sondern … eine an dem Schutzgebot des Art. 6 Abs. 1 GG und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Ehe- paare (Art. 3 Abs. 1 GG) orientierte sachgerechte Besteuerung“38 ist.39 Die Kritik, dass auch Unterhaltsverpflichtungen innerhalb einer Familie steuerrechtlich mangelhaft be- rücksichtigt werden40, infolgedessen horizontale Steuerungerechtigkeit verursacht werde, erscheint jedoch berechtigt und gleichzeitig vielschichtig, weshalb hierauf ab Kapitel 3 eingegangen wird.
Der Einwand, das Ehegattensplitting führe zum verzerrten Arbeitsangebot, insbesondere bei Frauen, basiert auf unterschiedlichen Studien, die mit Hilfe von Mikrosimulations- modellen zu dem Ergebnis kommen, dass derartige negative Anreize vorliegen und mit einer Umstellung zur Individualbesteuerung beseitigt werden könnten.41 Die Ursache liege darin, dass der Grenzsteuersatz42 bei der Individualbesteuerung beim Ehepartner mit dem niedrigeren Einkommen geringer ausfallen kann, als der durch das Splitting ange- wandte.43 Die Schätzung der erhöhten Partizipationsquote von Frauen, im Fall einer Um- stellung auf die Individualbesteuerung, liegt im Schnitt bei 2 - 3 %. Hierbei stellt sich jedoch die Frage, welche Form der Ehegattenbesteuerung verzerrend wirkt. Denn mag es nicht der Hinderungsgrund des Ehegattensplittings sein, weshalb sich die Ehefrau dem Arbeitsmarkt nicht vollends widmet, sondern rein effiziente Überlegungen der Arbeits- teilung44. „Demgegenüber wirkt die Individualbesteuerung verzerrend“45, da von einer
1 Vgl. Lang/Eilfort (2013), S. 3 ff.
2 Bestehender Zustand.
3 Vgl. Lang/Eilfort (2013), S. 44.
4 Ausführlicher zum Leistungsfähigkeitsprinzip: Birk (1983); Musgrave (1990).
5 Vgl. Tipke/Lang (2015), § 3, Rz. 40 f.
6 „Tarife mit streng zunehmendem Durchschnittsteuersatz heißen progressiv“. Homburg (2015), S. 64.
7 Vgl. Folkers (2007), S. 120; Vgl. Sacksofsky (2000), S. 1899; Vgl. Tipke/Lang (2015), § 3, Rz. 42.
8 Hierunter wird „der für den notwendigen Lebensbedarf verwendete und demnach für die Steuerzahlung nicht verfügbare Teil“ des Einkommens bezeichnet. Tipke/Lang (2015), § 3, Rz. 72.
9 Vgl. Bareis (2000), S. 81 f.
10 Vgl. Homburg (2000), S. 261; Vgl. Seiler (2007), S. 13. 3
11 Vgl. Homburg (2015), S. 81 f.; Vgl. Schulemann (2007), S. 14 ff.
12 BVerfGE 6, 55.
13 Vgl. Schulemann (2007), S. 15.
14 Die Möglichkeit besteht auch für eingetragene Lebenspartnerschaften, ohne dies wiederholend in der Arbeit zu erwähnen. Vgl. BVerfGE 133, 377.
15 Beispielsweise um Steuerermäßigungen im Fall einer Abfindung oder Freibeträge im Fall eines Ver- lustvortrags optimal ausschöpfen zu können.
16 Ein Steuertarif ist streng konvex (aufwärts gekrümmt), wenn beliebige Sekanten, die den Graphen der Tariffunktion an zwei Stellen schneiden, oberhalb der Funktion liegen. Vgl. Homburg (2015), S. 66.
17 „Nichtdiskriminierung der Ehe: Zwei Ehegatten sollen nicht schärfer besteuert werden als zwei Unver- heiratete, die über dasselbe Gesamteinkommen verfügen“. Ebd., S. 82.
18 „Globaleinkommensbesteuerung: Die gemeinsame Steuer der Ehegatten soll nur von der Summe ihrer Einkommen abhängen und nicht von deren Verteilung“. Ebd., S. 83.
19 Vgl. Homburg (2015), S. 81 ff.; Vgl. Tipke/Lang (2015), § 3, Rz. 40 f.; Ebd., § 3, Rz. 162 ff.
20 Vgl. Homburg (2015), S. 82 ff.
21 Vgl. Homburg (2000), S. 262; Vgl. Homburg (2015), S. 81 ff.
22 BVerfGE 6, 55 (80).
23 BVerfGE 61, 319 (347).
26 BVerfGE 133, 377.
27 Im Gegensatz zum Steuerrecht wird eine derartige Gemeinschaft sogar unter eheähnlichen Partnerschaften unterstellt, worauf im weiteren Verlauf nicht näher eingegangen wird.
28 Vgl. Homburg (2015), S. 81.
29 Kanzler (2001), S. 437.
30 Im Bundestagswahlkampf 2013 wurden unterschiedliche Vorschläge zur Abschaffung des Ehegattensplittings unterbreitet. So warb die Partei Bündnis 90/Die Grünen dafür, das Ehegattensplitting durch eine Individualbesteuerung mit übertragbarem Existenzminimum zu ersetzen. DIE LINKE warb ebenfalls für die Individualbesteuerung. Die Christlich Demokratische Union (kurz CDU) und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (kurz SPD) warben für eine Weiterentwicklung des Ehegattensplittings zum Familien- bzw. Ehegattenrealsplitting.
31 Vgl. Vollmer (2007), S. 48.
32 Vgl. Spieß, C. K. (2015); Vgl. Whrolich, K. (2012); Vgl. Bach et al. (2011); Vgl. Bonin et al. (2013b), S. 28.
33 Vgl. Vollmer (2007), S. 49.
34 Vgl. Sacksofsky (2000); Vgl. Vollmer (2007).
35 Vgl. Homburg (2000), S. 263.
37 Seiler, (2007), S. 17.
38 BVerfGE 61, 319, (347).
39 Greift man die Thematik dennoch auf, zeigt sich, dass Vollmer (2007), S. 48 zwar richtigerweise er- wähnt, dass nur gut die Hälfte des rechnerischen Splittings Familien mit kindergeldberechtigten Eltern zugutekomme, das Mikrosimulationsmodell von Wagenhals (2007), S. 248 f., zeigt aber auch, dass sich der Anteil auf rund 94% erhöht, bei Ehen, aus denen mindestens ein Kind entstand (unabhängig der Kindergeldberechtigung). Betrachtet man also auch Familien, deren Kinder nicht mehr kindergeldbe- rechtigt sind, zeichnet sich ein anderes Bild als das der fehlgeleiteten „Förderung“ ab.
40 Vgl. Bünnagel, (2006).
41 Vgl. Bach et al. (2011); Vgl. Bonin et al. (2013a); S. 28; Vgl. Wagenhals (2007), S. 261 f.
42 Unter dem Grenzsteuersatz versteht man den Steuersatz, mit dem eine zusätzliche Einheit des zu ver- steuernden Einkommens belastet wird.
43 Vgl. Buslei et al. (2014), S. 4.
44 Ausführlicher zu Arbeitsteilung und Spezialisierung: Smith (1776).
45 Homburg (2000), S. 264.
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover (Öffentliche Finanzen)
Seminar zum Leitthema „Das Steuerreformkonzept der Stiftung Marktwirtschaft“
Janco Herzig (Autor)
V338526
9783668279599
9783668279605
Ehegattensplitting, Familiensplitting, Steuerreform, Stiftung Marktwirtschaft
Janco Herzig (Autor), 2015, Ehegatten- oder Familiensplitting? Eine Teilanalyse des Steuerreformkonzepts der Stiftung Marktwirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338526