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Timestamp: 2016-10-24 12:27:16
Document Index: 44651712

Matched Legal Cases: ['BGE', 'Art. 13', 'Art. 47', 'Art. 47', 'Art. 13', 'BGE', 'Art. 59', 'Art. 4', 'Art. 27', 'Art. 6', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 30', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 31', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 59', 'Art. 1', 'Art. 5', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 27', 'Art. 21', 'BGE', 'Art. 5', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 65', 'Art. 59', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 1', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 27']

122 I 13022. Auszug aus dem Urteil der II. �ffentlichrechtlichen Abteilung vom 12. Juni 1996 i.S. U. E. gegen Anwaltskammer und Verwaltungskommission des Kantonsgerichts des Kantons St. Gallen (staatsrechtliche Beschwerde)
Acc�s � la profession d'avocat de personnes handicap�es; libert� personnelle; libert� du commerce et de l'industrie (art. 31 Cst.). Subsidiarit� de la libert� personnelle par rapport � la libert� du commerce et de l'industrie (consid. 2)? La libert� du commerce et de l'industrie ne donne aucun droit � ce que les exigences de capacit� pour l'admission � la profession d'avocat soient r�duites pour les handicap�s (consid. 3). Faits � partir de page 130
E., geboren 1967, leidet seit seiner Geburt an einer armbetonten spastischen Halbseitenl�hmung links. Damit verbunden ist eine motorische Behinderung und eine "migraine accompagn�e", die vor allem bei Pr�fungsstress zum Teil h�her dosierte medikament�se Behandlung erforderlich macht. Er unterzog sich am 9. September 1993 der schriftlichen, am 13. September 1993 der m�ndlichen st. gallischen BGE 122 I 130 S. 131Anwaltspr�fung. Mit Schreiben vom 29. Oktober 1993 teilte ihm die Pr�fungskommission mit, dass seine schriftliche Arbeit ungen�gend sei; er erhalte Gelegenheit, diese am 10. M�rz 1994 zu wiederholen.
Am 10. M�rz 1994 trat E. zur schriftlichen Nachpr�fung an. Mit Schreiben vom 29. April 1994 teilte ihm die Pr�fungskommission f�r Anw�lte mit, dass seine schriftliche Nachpr�fungsarbeit ungen�gend sei und er demgem�ss die Anwaltspr�fung nicht bestanden habe. Am 27. Mai 1994 reichte E. bei der Pr�fungskommission ein Wiedererw�gungsgesuch ein mit dem Hauptantrag, die schriftliche Arbeit bzw. schriftliche Nachpr�fungsarbeit sei als gen�gend zu befinden; eventualiter sei ausnahmsweise die schriftliche Pr�fung teilweise bzw. die schriftliche Nachpr�fung zu erlassen. Zur Begr�ndung f�hrte er an, w�hrend der schriftlichen Strafrechtspr�fung am Vormittag des 9. Septembers 1993 aufgrund der durch behinderungsbedingte Kopfschmerzen gesteigerten Empfindlichkeit verst�rkt das Wasserpl�tschern des Brunnens im Innenhof vor dem Pr�fungsraum vernommen zu haben. Im Januar und Februar 1994 habe er infolge behinderungsbedingter Sehst�rungen, Kopfschmerzen und Schwindel sein Lernen unterbrechen m�ssen; vor der schriftlichen Nachpr�fung habe er gegen aufkommende Kopfschmerzen Medikamente einnehmen m�ssen.
Am 1. Juli 1994 trat das neue st. gallische Anwaltsgesetz vom 11. November 1993 in Kraft, welches in Art. 13 die Bewilligung zur Berufsaus�bung als Rechtsanwalt vom Bestehen einer Pr�fung abh�ngig macht. Gem�ss Art. 47 des Anwaltsgesetzes wird, wer nach bisherigem Recht zur Berufsaus�bung berechtigt ist, ohne neue Bewilligung in das Berufsregister eingetragen.
Mit Schreiben vom 8. Juli 1994 lehnte die Anwaltspr�fungskommission den im Wiedererw�gungsgesuch gestellten Hauptantrag ab und trat auf den Eventualantrag nicht ein, da nach dem neuen Anwaltsgesetz ein Erlass der Pr�fung nicht mehr m�glich sei. Hingegen erkl�rte sie sich bereit, einen zweiten Versuch f�r die Anwaltspr�fung in einem der Behinderung angepassten Ablauf durchzuf�hren.
Am 8. August 1994 stellte E. bei der Anwaltskammer den Antrag, er sei in Anwendung von Art. 47 des Anwaltsgesetzes in das Berufsregister einzutragen und es sei ihm gem�ss Art. 13 die Bewilligung zur Berufsaus�bung zu erteilen. Zur Begr�ndung f�hrte er aus, vor Inkrafttreten des Anwaltsgesetzes habe das auf ihn angewendete Pr�fungsreglement f�r Anw�lte BGE 122 I 130 S. 132vom 22. Dezember 1988 keine gen�gende Rechtsgrundlage gehabt und sei deshalb nicht geltendes Recht gewesen. Aufgrund der damals geltenden Bestimmung von Art. 59 des Zivilrechtspflegegesetzes vom 20. M�rz 1939 sei die Bewilligung zur Berufsaus�bung nicht an das Bestehen einer Pr�fung, sondern nur daran gekn�pft gewesen, dass der Bewerber die n�tigen F�higkeiten besitze. Er, der Gesuchsteller, besitze diese F�higkeiten; dass die schriftliche Pr�fungsarbeit im Strafrecht vom 9. September 1993 als ungen�gend bewertet worden sei, sei nur darauf zur�ckzuf�hren, dass er durch behinderungsbedingten Stress kognitive St�rungen erlitten habe, so dass er im Sachverhalt die Daten nicht richtig habe w�rdigen k�nnen. Im Lichte der Handels- und Gewerbefreiheit m�ssten diese behinderungsbedingten kognitiven St�rungen bei der Pr�fungsbewertung Ber�cksichtigung finden. Eine Wiederholung der Pr�fung komme f�r ihn wegen der damit verbundenen abnormen Stressbelastung nicht in Frage.
Die Anwaltskammer lehnte mit Entscheid vom 28. November 1994 die Erteilung der Bewilligung zur Berufsaus�bung ab, gab aber E. die Gelegenheit, die schriftlichen Nachpr�fungen 1995 zu wiederholen. Gegen diesen Entscheid erhob E. am 7. Februar 1995 Beschwerde an die Verwaltungskommission des Kantonsgerichts und stellte den Antrag, den Entscheid der Anwaltskammer aufzuheben und die Anwaltskammer anzuweisen, ihn in das Berufsregister einzutragen und ihm die Bewilligung zur Berufsaus�bung zu erteilen. Die Verwaltungskommission des Kantonsgerichts wies die Beschwerde mit Urteil vom 18. Mai 1995 ab.
E. erhebt staatsrechtliche Beschwerde wegen Verletzung von Art. 4 und 31 BV, der pers�nlichen Freiheit, Art. 27 und 30 KV/SG sowie Art. 6 EMRK.
2. Der Beschwerdef�hrer r�gt eine Verletzung der pers�nlichen Freiheit, indem seine Gesundheit durch pr�fungsbedingten Stress erheblich beeintr�chtigt werde, wenn von ihm verlangt werde, zur Aus�bung des Anwaltsberufs eine gleich anspruchsvolle Pr�fung abzulegen wie ein Nichtbehinderter.
Nach der bundesgerichtlichen Rechtsprechung tritt das Grundrecht der pers�nlichen Freiheit gegen�ber den speziellen Verfassungsrechten zur�ck (BGE 117 Ia 27 E. 5b S. 30, mit Hinweisen), so dass die Aus�bung von Erwerbst�tigkeiten nur durch die Handels- und Gewerbefreiheit, nicht aber BGE 122 I 130 S. 133durch die pers�nliche Freiheit gesch�tzt ist (BGE 99 Ia 504 E. 3 S. 509; WALTER HALLER, Kommentar zur Bundesverfassung, Rz. 99 zur pers�nlichen Freiheit). Ob die besondere Bedeutung der Berufswahlfreiheit f�r die Pers�nlichkeitsentfaltung eine kumulative Berufung auf beide Grundrechte rechtfertigen kann (so ETIENNE GRISEL, Libert� du commerce et de l'industrie, Berne 1993, vol. I, S. 112), braucht vorliegend nicht entschieden zu werden, da den pers�nlichkeitsbezogenen Aspekten auch im Rahmen der Handels- und Gewerbefreiheit Rechnung getragen werden kann. Auf die Frage, wie weit infolge der Behinderung des Beschwerdef�hrers allenfalls ein Anspruch auf weniger strenge Beurteilung von Pr�fungsarbeiten besteht, ist demnach im Rahmen der R�ge der Verletzung der Handels- und Gewerbefreiheit einzugehen. Das gilt nicht nur f�r das bundesverfassungsrechtlich gew�hrleistete Grundrecht der pers�nlichen Freiheit, sondern auch f�r die entsprechende Garantie von Art. 30 der st. gallischen Kantonsverfassung.
3. Der Beschwerdef�hrer r�gt eine Verletzung der Handels- und Gewerbefreiheit und der Rechtsgleichheit.
a) Die Handels- und Gewerbefreiheit gew�hrleistet das Recht, einen bestimmten Beruf, unter anderem auch den Anwaltsberuf, zu ergreifen oder auszu�ben (BGE 103 Ia 394 E. 2c S. 401; BGE 116 Ia 237 E. 2d S. 240; BGE 119 Ia 41 E. 4a S. 42, 374 E. 2a S. 375; GRISEL, a.a.O., S. 120 f.; REN� RHINOW, Kommentar zur Bundesverfassung, Rz. 79 zu Art. 31; CHRISTOPH ANDREAS ZENGER, Die Bedeutung der Freiheit wirtschaftlicher Entfaltung f�r eine freie Berufswahl, Diss. Bern 1985, S. 381 ff.). Einschr�nkungen m�ssen auf einer gesetzlichen Grundlage beruhen, im �ffentlichen Interesse liegen und die Grunds�tze der Verh�ltnism�ssigkeit sowie der Rechtsgleichheit beachten (BGE 119 Ia 374 E. 2a S. 375; BGE 120 Ia 126 E. 4a S. 132; BGE 121 I 129 E. 3b S. 131 f., 326 E. 2b, S. 329).
b) Der Beschwerdef�hrer bestreitet das Vorliegen einer gen�genden gesetzlichen Grundlage f�r das Erfordernis, eine Anwaltspr�fung abzulegen.
aa) Art. 59 des bis zum 30. Juni 1994 geltenden Gesetzes vom 20. M�rz 1939 �ber die Zivilrechtspflege (ZP) lautete wie folgt:
"Das Kantonsgericht erteilt die Bewilligung zur Aus�bung des Berufs eines
Anwaltes oder Rechtsagenten an Personen, welche die n�tigen F�higkeiten
besitzen, Schweizerb�rger sind und in b�rgerlichen Ehren und Rechten
stehen. Es kann die Bewilligung zur Berufsaus�bung nach Anh�ren der
Aufsichtskommission dauernd oder zeitweise zur�ckziehen.
Es erl�sst eine Anwaltsordnung, die der Genehmigung durch den
Gest�tzt darauf erliess das Kantonsgericht am 2. Juni 1958 eine (vom Regierungsrat am 24. Juni 1958 genehmigte) Anwaltsordnung, deren Art. 1 wie folgt lautete:
"Die Bewilligung zur Aus�bung des Anwalts- oder Rechtsagentenberufs wird
Schweizerb�rgern und Schweizerb�rgerinnen erteilt, die handlungsf�hig, gut
beleumdet und zutrauensw�rdig sind und in b�rgerlichen Ehren und Rechten
Der Bewerber muss vor der st. gallischen Pr�fungskommission mit Erfolg
eine F�higkeitspr�fung bestanden haben oder einen F�higkeitsausweis im
Sinne von Art. 5 der �bergangsbestimmungen zur Bundesverfassung besitzen.
Die F�higkeitspr�fung kann dem Bewerber ausnahmsweise ganz oder teilweise
erlassen werden, wenn die F�higkeit zur Berufsaus�bung in anderer Weise
bb) Eine Bewilligungspflicht f�r die Aus�bung eines Berufes ist ein schwerer Eingriff in die Handels- und Gewerbefreiheit und bedarf einer formell-gesetzlichen Grundlage (BGE 104 Ia 196 E. 3b S. 200; vgl. BGE 115 Ia 277 E. 7a S. 288). Das schliesst nicht aus, dass das formelle Gesetz sich auf die Regelung der Grundz�ge beschr�nkt und die n�here Ausgestaltung der Einzelheiten einer nachgeordneten Instanz �berl�sst (BGE 115 Ia 277 E. 7a S. 288). Vorliegend legt das formelle Gesetz als Voraussetzung f�r die Bewilligung u.a. das Erfordernis der n�tigen F�higkeiten fest und beauftragt das Kantonsgericht, eine (der regierungsr�tlichen Genehmigung unterliegende) Anwaltsordnung zu erlassen. Diese gesetzliche Bestimmung kann nicht anders verstanden werden, als dass das Kantonsgericht in der von ihm zu erlassenden Anwaltsordnung auch die Anforderungen an die nachzuweisenden "n�tigen F�higkeiten" pr�zisiert. Das Bundesgericht hat wiederholt entschieden, dass das st. gallische Staatsrecht eine Rechtsetzungsdelegation nicht verbietet (BGE 88 I 31, S. 33 ff.; BGE 118 Ia 305 E. 2b/3a S. 310 f.; Urteil i.S. B. vom 22. M�rz 1996, E. 5a). Es ist nicht ersichtlich und wird vom Beschwerdef�hrer auch nicht dargetan, inwiefern die Delegation nur an den Regierungsrat, nicht aber an das Kantonsgericht zul�ssig sein soll, oder inwiefern Art. 27 der st. gallischen Kantonsverfassung, wonach "die Gesetzgebung" Beschr�nkungen der Handels- und Gewerbefreiheit trifft (vgl. auch Art. 21 KV), eine solche Delegation verbieten w�rde. Es ist nicht zu beanstanden, sondern dient im Gegenteil dem Anliegen der Rechtssicherheit und Rechtsgleichheit, wenn das BGE 122 I 130 S. 135Kantonsgericht die Kriterien, welche es seiner Bewilligungserteilung zugrundelegt, in generell-abstrakter Form festlegt.
Dasselbe gilt auch f�r das vom Kantonsgericht selbst�ndig erlassene Pr�fungsreglement. Art. 5 Abs. 2 der (vom Regierungsrat genehmigten) Anwaltsordnung erm�chtigt das Kantonsgericht ausdr�cklich, die Pr�fungsbestimmungen zu erlassen, ohne hief�r eine Genehmigung durch den Regierungsrat vorzuschreiben. Selbst wenn darin nicht eine Konkretisierung eines Vollzugsauftrags, sondern eine Erm�chtigung zu gesetzesvertretender Rechtsetzung erblickt wird (in diesem Sinne BERNHARD NOTTER, Die st. gallische Rechtsetzung in der Form des Gesetzes und der Verordnung, Diss. Freiburg 1967, S. 134 f.), so ist jedenfalls nicht dargetan, inwiefern eine solche Subdelegation nach st. gallischem Staatsrecht unzul�ssig sein soll (vgl. BGE 118 Ia 245 E. 3 S. 247 ff.). Der blosse Einwand des Beschwerdef�hrers, die Pr�fungsordnung von 1988 sei vom Regierungsrat nicht genehmigt worden, ist nach dem Gesagten unbehelflich.
cc) Freilich darf die Verordnung keine neuen Rechtsnormen enthalten, sondern muss sich darauf beschr�nken, diejenigen Bestimmungen, die im Gesetz bereits angelegt sind, auszuf�hren (BGE 114 Ia 286 E. 5a S. 288; BGE 115 Ia 277 E. 7a S. 288; vgl. auch Art. 65 KV). Aus der gesetzlichen Formulierung in Art. 59 des Gesetzes �ber die Zivilrechtspflege ergibt sich, dass das Kantonsgericht die M�glichkeit haben muss, das Vorhandensein der n�tigen F�higkeiten zu �berpr�fen. Die Durchf�hrung einer Anwaltspr�fung ist ein geeignetes Mittel, um festzustellen, ob diese F�higkeiten vorhanden sind. Das Erfordernis, eine Pr�fung abzulegen, entspricht somit dem Sinn und Zweck des Gesetzes.
F�r die Beurteilung der Frage, ob eine Ausf�hrungsmassnahme vom Gesetz abgedeckt ist, kann auch darauf abgestellt werden, ob sie dem allgemein �blichen Standard entspricht oder v�llig neue, bisher ungewohnte Anforderungen stellt (Urteil des Bundesgerichts vom 22. M�rz 1996 i.S. B., E. 5d aa/dd; BGE BGE 121 I 22 E. 4a S. 27, 273 E. 5a S. 277 f.). Die meisten Kantone verlangen das Bestehen einer Anwaltspr�fung als Voraussetzung f�r die Berufszulassung (DOMINIQUE DREYER, L'avocat dans la soci�t� actuelle, ZSR 115/1996 II S. 395-519, 420; FELIX WOLFFERS, Der Rechtsanwalt in der Schweiz, Diss. Bern 1986, S. 64). Das Bundesgericht hat sogar entschieden, dass im Normalfall das Ablegen einer Pr�fung als Standardanforderung f�r die interkantonale Anerkennung von Anwaltspatenten gilt (BGE 111 Ia 108 E. 2 S. 112).
Wenn das Kantonsgericht von den Bewerbern um eine Berufsaus�bungsbewilligung das Ablegen einer Pr�fung verlangt, so bewegt es sich deshalb innerhalb des Gesetzes. Das gilt um so mehr, als in der Anwaltsordnung das Bestehen einer Pr�fung nicht zwingend vorgeschrieben ist; vielmehr ist vorgesehen, dass die Pr�fung erlassen werden kann, wenn die F�higkeit auf andere Weise festgestellt ist. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass, wie der Beschwerdef�hrer vorbringt, das Vorhandensein der n�tigen F�higkeiten auch auf andere Weise als durch das Bestehen einer Pr�fung nachgewiesen werden kann. Es kann deshalb nicht gesagt werden, dass die vom Kantonsgericht erlassene Anwaltsordnung den Rahmen des Gesetzes sprengen und neue, vom Gesetz nicht abgedeckte Bestimmungen enthalten w�rde. Art. 1 der Anwaltsordnung von 1958 h�lt sich im Rahmen dessen, was in einer Vollziehungsverordnung zul�ssig ist, ohne dass daf�r auf Gewohnheitsrecht zur�ckgegriffen werden m�sste.
c) Ist es somit nicht zu beanstanden, dass das Kantonsgericht im Normalfall die Berufsaus�bungsbewilligung nur aufgrund einer bestandenen Pr�fung erteilte, bleibt zu pr�fen, ob, wie der Beschwerdef�hrer vorbringt, aufgrund seiner Behinderung an die Pr�fungsarbeit ein weniger strenger Beurteilungsmassstab anzulegen sei.
aa) Verfassungsm�ssige Rechte sch�tzen in erster Linie gegen staatliche Eingriffe. Dar�berhinaus enthalten sie eine konstitutive oder programmatische Komponente (J�RG PAUL M�LLER, Elemente einer schweizerischen Grundrechtstheorie, Bern 1982, S. 8 ff.). Das kann allerdings nichts daran �ndern, dass die Menschen aufgrund ihrer faktischen Ungleichheit (Verm�gen, Gesundheit, Begabung) in unterschiedlichem Masse in der Lage sind, von den ihnen rechtlich zustehenden M�glichkeiten und Rechten Gebrauch zu machen. Der Staat ist weder aufgrund der Rechtsgleichheit noch aufgrund spezifischer Grundrechte verpflichtet, s�mtliche faktischen Ungleichheiten zu beheben. Das schl�gt sich zwangsl�ufig auch in der M�glichkeit nieder, bestimmte Berufe zu ergreifen. Viele Berufe erfordern besondere Eigenschaften und F�higkeiten, die nicht alle Menschen im gleichen Masse besitzen. Der blosse Umstand, dass einzelne Personen ohne eigenes Verschulden diese F�higkeiten nicht besitzen, kann nicht dazu f�hren, dass die Anforderungen reduziert werden m�ssten. So k�nnen k�rperlich behinderte Personen bestimmte Berufe, die eine volle k�rperliche Leistungsf�higkeit verlangen (z.B. Polizist, Bergf�hrer, Turnlehrer), nicht ergreifen. Die Handels- und Gewerbefreiheit kann keinen BGE 122 I 130 S. 137Anspruch darauf geben, dass solche Berufe von allen Personen ungeachtet ihrer individuellen F�higkeiten ergriffen und ausge�bt werden d�rfen.
bb) Aus der menschenrechtlichen Komponente, die der Handels- und Gewerbefreiheit insbesondere in der Ausgestaltung der Berufswahlfreiheit innewohnt (ZENGER, a.a.O., S. 140 ff.), ergibt sich hingegen, dass der Staat die Berufszulassung nicht unn�tigerweise von Voraussetzungen abh�ngig machen darf, die Behinderte nicht erf�llen k�nnen. Solange jedoch polizeilich gerechtfertigte Anforderungen zur Diskussion stehen, kann der blosse Umstand, dass einzelne Personen diese nicht zu erf�llen verm�gen, noch kein Grund sein, die Anforderungen zu senken. So k�nnen zum Beispiel Personen, die infolge eines Gebrechens nicht in der Lage sind, ein Motorfahrzeug sicher zu f�hren, keinen F�hrerausweis erwerben, auch wenn sie dadurch in ihrem beruflichen Fortkommen behindert werden (BGE 103 Ib 29 E. 1a S. 32). Dasselbe gilt auch f�r gewerbepolizeilich begr�ndete Anforderungen an bestimmte Berufe.
cc) Das Erfordernis eines F�higkeitsnachweises f�r Rechtsanw�lte dient namentlich dem Schutz des rechtsuchenden Publikums (Ioanna Coveris, Certificat de capacit� et libert� du commerce et de l'industrie, Th�se Lausanne 1988, S. 128 f.; WOLFFERS, a.a.O., S. 65 f.). Zu diesem Zweck ist es gerechtfertigt, hohe Anforderungen an die Fachkenntnisse eines Anwaltes zu stellen (BGE 113 Ia 286 E. 4c S. 290; vgl. MICHAEL PFEIFER, Der Rechtsanwalt in der heutigen Gesellschaft, ZSR 115/1996 II S. 253-393, 356). Die blosse Best�tigung �ber ein absolviertes Praktikum kann in der Regel nicht als gen�gender Nachweis der Bef�higung anerkannt werden (BGE 111 Ia 108 E. 3 S. 112 f). Im Lichte dieser �berlegungen w�re es nicht zu rechtfertigen, mit R�cksicht auf bestimmte Eigenschaften einzelner Kandidaten weniger strenge Anforderungen zu stellen. Das rechtsuchende Publikum muss sich darauf verlassen k�nnen, dass der Anwalt �ber die notwendigen F�higkeiten verf�gt, um seinen Beruf richtig auszu�ben. Dazu geh�rt auch die F�higkeit, unter Stressbedingungen richtig entscheiden und Sachverhalte zutreffend w�rdigen zu k�nnen. Es verletzt daher die Handels- und Gewerbefreiheit nicht, wenn die kantonalen Beh�rden es abgelehnt haben, mit R�cksicht auf die Behinderung des Beschwerdef�hrers die zu stellenden Anforderungen zu senken.
dd) Die kantonalen Beh�rden haben erwogen und ber�cksichtigt, dass die Wiederholung der ganzen Pr�fung unter den gegebenen Umst�nden unzumutbar w�re, und aus diesem Grunde nicht die Wiederholung der gesamten Pr�fung, BGE 122 I 130 S. 138sondern nur der schriftlichen Nachpr�fung verlangt. Zudem haben sie sich bereit erkl�rt, den Pr�fungsablauf der spezifischen Situation des Beschwerdef�hrers anzupassen. Sie haben damit durchaus auf die besondere Lage des Beschwerdef�hrers und seine individuelle Belastbarkeit R�cksicht genommen. Auch soweit sich aus der Handels- und Gewerbefreiheit ein Anspruch auf individuelle Gestaltung des Pr�fungsablaufs ableiten lassen sollte, ist dieser Anspruch vorliegend jedenfalls nicht verletzt. Die Anforderungen, welche die kantonalen Beh�rden gestellt haben, k�nnen nicht als unverh�ltnism�ssig betrachtet werden. Die R�ge des Beschwerdef�hrers, eine Pr�fung, die l�nger als acht Stunden dauere, sei im Reglement nicht vorgesehen und w�re f�r ihn mit zu grossem Stress verbunden, geht von vornherein fehl, weil die kantonalen Beh�rden den anzupassenden Pr�fungsablauf noch gar nicht festgelegt haben. Vielmehr weigert sich der Beschwerdef�hrer grunds�tzlich, �berhaupt noch einmal eine schriftliche Nachpr�fung abzulegen. Diese Weigerung erscheint um so weniger verst�ndlich, als nach den von ihm nicht beanstandeten Feststellungen des Kantonsgerichts im Wiedererw�gungsverfahren sein Vater vertretungsweise den Subeventualantrag gestellt hatte, eine Wiederholung der Pr�fung mit einem angepassten Ablauf durchzuf�hren. Zwar hat die Pr�fungskommission in ihrem Wiedererw�gungsentscheid vom 8. Juli 1994 diesen Antrag abgelehnt; hingegen entspricht der Entscheid der Anwaltskammer vom 28. November 1994 im Ergebnis dem vom Beschwerdef�hrer selber (bzw. vertretungsweise von seinem Vater) gestellten Subeventualantrag.
d) Der angefochtene Entscheid verletzt nach dem Gesagten auch nicht die Rechtsgleichheit. Die kantonalen Beh�rden haben, indem sie dem Beschwerdef�hrer das Absolvieren nur der schriftlichen Nachpr�fung mit angepasstem Ablauf zugestanden haben, seiner besonderen Situation Rechnung getragen und das verfassungsrechtliche Gebot, Ungleiches ungleich zu behandeln, beachtet. Dass sie die zu stellenden Anforderungen nicht reduziert haben, ist auch im Lichte der Rechtsgleichheit nicht zu beanstanden.
99 IA 504 suite... ,
104 IA 196,
88 I 31,
103 IB 29,
Art. 27 und 30 KV/SG,