Source: http://m.hensche.de/Frist_Geltendmachung_Schadensersatz_Diskriminierung_Frist_BAG_8AZR188-11.html
Timestamp: 2018-08-19 13:07:59
Document Index: 137260954

Matched Legal Cases: ['§ 15', 'EuG', '§ 15', '§ 15', '§ 11', '§ 7', '§ 22', '§ 15', '§ 15', '§ 15', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 15']

Die­ses Recht müs­sen Be­trof­fe­ne al­ler­dings ge­mäß § 15 Abs.4 AGG in­ner­halb von zwei Mo­na­ten schrift­lich gel­tend ma­chen. Bei ei­ner Be­wer­bung be­ginnt die­se Frist mit dem Zu­gang der Ab­leh­nung, an­sons­ten zu dem Zeit­punkt, in dem der Be­trof­fe­ne von sei­ner Be­nach­tei­li­gung Kennt­nis er­langt hat. In den Jah­ren 2009 und 2010 wur­de von ei­ni­gen Au­to­ren in Zwei­fel ge­zo­gen, ob die­se ver­fah­rens­recht­li­che Ein­schrän­kung der An­sprü­che von Dis­kri­mi­nie­rungs­op­fern mit dem EU-Recht ver­ein­bart wer­den kann.
Seit zwei Jah­ren ist die­ser Streit schon er­le­digt. Denn der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hat mit Ur­teil vom 08.07.2010 (Rs. C-246/09 - Buli­cke gg. Deut­sche Bü­ro Ser­vice GmbH) klar­ge­stellt, dass die kur­ze ge­setz­li­che Aus­schluss­frist eu­ro­pa­recht­lich in Ord­nung geht (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/166 AGG-Aus­schluss­frist wohl weit­ge­hend eu­ro­pa­rechts­kon­form). Und die­ser Auf­fas­sung hat sich auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im März die­ses Jah­res an­ge­schlos­sen (Ur­teil vom 15.03.2012, 8 AZR 160/11 - wir be­rich­te­ten dar­über in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/117: Dis­kri­mi­nie­rung - Frist zur For­de­rung von Ent­schä­di­gung).
Da­mit es aber wirk­lich ganz si­cher je­der weiß, hat das BAG vor­ges­tern noch ein­mal klar­ge­stellt: Wer Scha­dens­er­satz und/oder Gel­dent­schä­di­gung auf­grund ei­ner nach dem AGG ver­bo­te­nen Dis­kri­mi­nie­rung ha­ben möch­te, muss sei­ne An­sprü­che un­be­dingt in­ner­halb der zwei­mo­na­ti­gen Aus­schluss­frist des § 15 Abs.4 AGG gel­tend ma­chen: BAG, Ur­teil vom 21.06.2012, 8 AZR 188/11
Widerspricht die zweimonatige Frist des § 15 Abs.4 AGG dem Europarecht?
§ 11 AGG schreibt in Ver­bin­dung mit § 7 AGG vor, dass Ar­beit­ge­ber Stel­len­aus­schrei­bun­gen al­ter­s­neu­tral ab­fas­sen müssen, so dass sich fach­lich ge­eig­ne­te Be­wer­ber oh­ne Rück­sicht auf ihr Al­ter an­ge­spro­chen fühlen können. Ver­s­toßen Ar­beit­ge­ber bei Aus­schrei­bun­gen da­ge­gen und mel­det sich ein „zu jun­ger“ oder „zu al­ter“ Be­wer­ber auf die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le und wird ab­ge­wie­sen, so ist gemäß § 22 AGG zu ver­mu­ten, dass die Be­nach­tei­li­gung (= Nicht­ein­stel­lung) auf ei­ner ver­bo­te­nen Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung be­ruht.
Kann der Ar­beit­ge­ber dann vor Ge­richt nicht be­wei­sen, dass der Be­wer­ber aus sach­li­chen Gründen ab­ge­lehnt wur­de, steht dem dis­kri­mi­nier­ten Be­wer­ber gemäß § 15 Abs.1 und Abs.2 Satz 2 AGG Scha­dens­er­satz und ei­ne Gel­dentschädi­gung zu. Die­se Ansprüche ver­fal­len aber er­satz­los, wenn sie nicht in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach „Zu­gang der Ab­leh­nung“ schrift­lich ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber gel­tend ge­macht wer­den (§ 15 Abs. 4 Satz 1 und 2 AGG).
Der Fall Susanne Bulicke: Callcenter sucht Mitarbeiter zwischen 18 und 35 Jahren, eine ältere Bewerberin wird abgelehnt und klagt zu spät
Der be­klag­te Ar­beit­ge­ber schrieb im No­vem­ber 2007 ei­ne Stel­le als Call­cen­ter-Agent wie folgt aus:
„Wir su­chen für un­ser jun­ges Team in der Ci­ty mo­ti­vier­te Mit­ar­bei­ter/in­nen. Du te­le­fo­nierst gern? Dann bist du ge­nau rich­tig bei uns. Wir ge­ben Dir die Möglich­keit so­gar da­mit Geld zu ver­die­nen. Du bist zwi­schen 18 - 35 Jah­re alt…“
Die da­mals 41jähri­ge Su­san­ne Buli­cke be­warb sich auf die Stel­l­an­zei­ge und er­hielt am 21.11.2007 ei­ne Ab­sa­ge. An­geb­lich wa­ren al­le Plätze be­legt. An­stel­le von Frau Buli­cke wur­den zwei jünge­re Frau­en ein­ge­stellt. Kurz nach Ab­lauf der Zwei­mo­nats­frist, am 29.01.2008, reich­te Frau Buli­cke beim Ar­beits­ge­richt Ham­burg Kla­ge ein und ver­lang­te ei­ne Gel­dentschädi­gung so­wie Er­satz von Be­wer­bungs- und Pro­zess­kos­ten.
Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg wies die Kla­ge un­ter Ver­weis auf § 15 Abs. 4 Satz 1 und 2 AGG ab (Ur­teil vom 10.12.2008, 28 Ca 178/08), wor­auf­hin Frau Buli­cke in Be­ru­fung zum LAG Ham­burg ging. Das LAG setz­te den Pro­zess Mit­te 2009 aus und frag­te den EuGH, ob die Aus­schluss­frist eu­ro­pa­recht­lich in Ord­nung ist (Be­schluss vom 03.06.2009, 5 Sa 3/09 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/205: Aus­schluss­frist im AGG könn­te un­zulässig sein).
Wie erwähnt hat der EuGH dann vor zwei Jah­ren ent­schie­den, dass die Zwei­mo­nats­frist nicht zu be­an­stan­den ist (Ur­teil vom 08.07.2010, Rs. C-246/09 - Buli­cke - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/166 AGG-Aus­schluss­frist wohl weit­ge­hend eu­ro­pa­rechts­kon­form). Da­bei mil­der­te der EuGH die­se kur­ze Frist ein we­nig ab. Denn in den Fällen, in de­nen der ab­ge­lehn­te Be­wer­ber erst nach "Zu­gang der Ab­leh­nung" von ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung Kennt­nis er­langt, soll­te die Zwei­mo­nats­frist erst ab die­sem Zeit­punkt (d.h. ab Kennt­nis­er­lan­gung) zu lau­fen be­gin­nen.
Dar­auf­hin ent­schied das LAG Ham­burg die­sen Fall ge­gen Frau Buli­cke (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 27.10.2010, 5 Sa 3/09), und vor­ges­tern nun bestätig­te auch das BAG die Klag­ab­wei­sung.
BAG: § 15 Abs.4 AGG gilt für alle Ansprüche wegen einer erlittenen Diskriminierung
Wie auf­grund des BAG-Ur­teils vom 15.03.2012 (8 AZR 160/11) nicht an­ders zu er­war­ten war, hat auch das BAG bestätigt, dass die Ansprüche Frau Buli­ckes ver­fal­len wa­ren, weil sie die zwei­mo­na­ti­ge Aus­schluss­frist nicht ein­ge­hal­ten hat­te.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 21.06.2012, 8 AZR 188/11 (Pres­se­mel­dung)