Source: http://www.hensche.de/Kuendigung_durch_kirchliche_Arbeitgeber_aus_sittlich-moralischen_Gruenden_BVerfG_2BvR661-12_26.11.2014_16.50.html
Timestamp: 2016-12-07 08:33:00
Document Index: 150187074

Matched Legal Cases: ['Art. 4', 'Art. 140', 'Art.137', 'Art.12', 'Art.1', 'Art.2']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/388
Wie wägt man die Glau­bens­frei­heit und Grundsätze der kirch­li­chen Sit­ten­leh­re ge­gen die Ehefrei­heit kirch­li­cher Ar­beit­neh­mer ab?
Der Streit­fall: Chef­arzt ei­nes ka­tho­li­schen Kran­ken­hau­ses hei­ra­tet nach "welt­li­cher" Schei­dung er­neut und wird gekündigt
Ver­fas­sungs­rich­ter wer­fen dem BAG vor, ei­ge­ne Wert­maßstäbe an die Stel­le der re­li­giös be­gründe­ten kirch­li­chen Sit­ten­leh­re zu set­zen
Wie wägt man die Glau­bens­frei­heit und Grundsätze der kirch­li­chen Sit­ten­leh­re ge­gen die Ehefrei­heit kirch­li­cher Ar­beit­neh­mer ab? Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen ha­ben ei­ne ar­beits­recht­li­che Son­der­stel­lung. Ei­ner­seits rich­tet sich ihr Ar­beits­verhält­nis nach re­li­giösen bzw. kirch­li­chen Grundsätzen der Le­bensführung, auf die sie durch ent­spre­chen­de ar­beits­ver­trag­li­che Klau­seln ver­pflich­tet wer­den. An­de­rer­seits sind sie "nor­ma­le" Ar­beit­neh­mer, die sich da­her auf den ar­beits­recht­li­chen Kündi­gungs­schutz be­ru­fen können. Auch kirch­li­che Ar­beit­ge­ber müssen da­her den ge­setz­li­chen Kündi­gungs­schutz be­ach­ten und brau­chen dem­zu­fol­ge Gründe in der Per­son oder im Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers oder be­triebs­be­ding­te Gründe, wenn sie ei­ne Kündi­gung aus­spre­chen wol­len. Auf­grund der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­pflich­tung auf die kirch­li­chen Mo­ral­vor­schrif­ten können Ar­beit­neh­mer kirch­li­cher Ein­rich­tung al­ler­dings im Un­ter­schied zu Ar­beit­neh­mern welt­li­cher Ein­rich­tun­gen ver­hal­tens­be­dingt und/oder per­so­nen­be­dingt gekündigt wer­den, wenn sie ge­gen kirch­li­che Grundsätze der Le­bensführung ver­s­toßen. Denn die An­for­de­run­gen der kirch­li­chen Mo­ral sind bei Ar­beit­neh­mern kirch­li­cher Ein­rich­tun­gen nicht (nur) Pri­vat­sa­che des Ar­beit­neh­mers, son­dern gehören zu­gleich auch zu ih­ren recht­li­chen Pflich­ten ge­genüber ih­rem Ar­beit­ge­ber. Kommt ei­ne sol­che Kündi­gung auf­grund ei­ner Kündi­gungs­schutz­kla­ge vor das Ar­beits­ge­richt, ste­hen die Rich­ter vor ei­ner schwie­ri­gen Auf­ga­be, denn bei­de Par­tei­en können sich auf Grund­rech­te be­ru­fen: Der kirch­li­che Ar­beit­ge­ber kann sich auf die durch die Art. 4 Grund­ge­setz (GG) oh­ne Schran­ken (!) gewähr­te Re­li­gi­ons­frei­heit be­ru­fen und außer­dem auf das kirch­li­che Selbst­be­stim­mungs­recht, das die Re­li­gi­ons­frei­heit ab­si­chert und durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art.137 Abs. 3 Wei­ma­rer Rechts­ver­fas­sung (WRV) ga­ran­tiert wird. Aber auch der Ar­beit­neh­mer ist durch die Kündi­gung in sei­nen Grund­rech­ten be­trof­fen, denn die Kündi­gung greift in sei­ne Be­rufs­frei­heit (Art.12 GG) und in sein Persönlich­keits­recht (Art.1 GG und Art.2 Abs.1 GG) ein. Bei der Ent­schei­dung über die Wirk­sam­keit ei­ner sol­chen Kündi­gung müssen die Ge­rich­te zunächst ein­mal die kirch­li­che Au­to­no­mie re­spek­tie­ren, d.h. die Vor­ga­ben der re­li­giös be­gründe­ten kirch­li­chen Mo­ral­vor­schrif­ten als ge­ge­ben hin­neh­men. Das macht die Abwägung der be­trof­fe­nen Grund­rech­te schwie­rig, wie der Fall des Düssel­dor­fer Chef­arz­tes zeigt.
Der Streit­fall: Chef­arzt ei­nes ka­tho­li­schen Kran­ken­hau­ses hei­ra­tet nach "welt­li­cher" Schei­dung er­neut und wird gekündigt Im Streit­fall ging es um ei­nen ka­tho­li­schen Chef­arzt, der bei ei­nem Kran­ken­haus in ka­tho­li­scher Träger­schaft tätig war. Im Jah­re 2006 ließ er sich von sei­ner Ehe­frau schei­den und leb­te seit­dem mit ei­ner neu­en Le­bens­part­ne­rin in ei­nem ge­mein­sa­men Haus­halt. Das wuss­te der Geschäftsführer des Ar­beit­ge­bers be­reits zum da­ma­li­gen Zeit­punkt, oh­ne es zum An­lass zu neh­men, auf den Le­bens­wan­del des Klägers Ein­fluss zu neh­men. Ei­ne kirch­li­che An­nul­lie­rung der Ehe hat­te der Chef­arzt zunächst nicht an­ge­strebt, son­dern erst nachträglich be­an­tragt. Im Sep­tem­ber 2008 hei­ra­te­te er sei­ne Le­bens­gefähr­tin stan­des­amt­lich. Da zu die­sem Zeit­punkt die ers­te Ehe noch kir­chen­recht­lich be­stand bzw. nicht an­nul­liert war, war die zwei­te Ehe kir­chen­recht­lich un­zulässig. Das nahm der kirch­li­che Ar­beit­ge­ber zum An­lass, im März 2009 ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung zum 30.09.2009 aus­zu­spre­chen.
Ver­fas­sungs­rich­ter wer­fen dem BAG vor, ei­ge­ne Wert­maßstäbe an die Stel­le der re­li­giös be­gründe­ten kirch­li­chen Sit­ten­leh­re zu set­zen Hier ha­ben die Ver­fas­sungs­rich­ter nicht mit­ge­macht und klar­ge­stellt, dass staat­li­che Ar­beits­ge­rich­te bei der Ent­schei­dung über Kündi­gungs­strei­tig­kei­ten mit ei­nem sol­chen Hin­ter­grund nicht da­zu be­fugt sind, ih­re welt­li­chen bzw. nicht-re­li­giösen Maßstäbe an die Stel­le der re­li­giös be­gründe­ten Be­wer­tung der Pflicht­verstöße zu set­zen.