Source: https://verkehrslexikon.de/Texte/Rspr5873.php
Timestamp: 2019-06-18 06:37:31
Document Index: 114495093

Matched Legal Cases: ['§ 123', '§ 920', '§ 21', '§ 20', '§ 11', '§ 2', '§ 3', 'Art. 6', 'Art. 2']

OVG Münster Beschluss vom 29.01.2014 - 16 B 1426/13 - Eignungszweifel bei Mitteilung eines laufenden Strafverfahrens
OVG Münster v. 29.01.2014: Eignungszweifel bei Mitteilung eines laufenden Strafverfahrens im Verfahren auf Neuerteilung einer Fahrerlaubnis
Das OVG Münster (Beschluss vom 29.01.2014 - 16 B 1426/13) hat entschieden:
Sein Antrag, den Antragsgegner im Wege einstweiliger Anordnung zu verpflichten, ihm eine Fahrerlaubnis zu erteilen, ist unbegründet, weil der Antragsteller auch mit der Beschwerde keinen Anordnungsanspruch glaubhaft gemacht hat (§ 123 Abs. 3 VwGO i. V. m. § 920 Abs. 2 ZPO).
Zwar hat die Staatsanwaltschaft L. zwischenzeitlich mitgeteilt, dass der Vorfall vom 7. Mai 2013 den hinreichenden Tatverdacht einer Gefährdung des Straßenverkehrs nicht begründe. Auch wenn man annimmt, dass den damaligen Geschehnissen damit keine Fahreignungsrelevanz mehr zukommt, ist jedoch offen, ob der Antragsteller aus anderen Gründen ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen ist. Ausgehend von einer Strafanzeige der Kreispolizeibehörde W. hat die Staatsanwaltschaft L. zwischenzeitlich gegen den Antragsteller ein neues Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des nach § 21 StVG strafbaren Fahrens ohne Fahrerlaubnis eingeleitet. Danach soll der Antragsteller am Morgen des 18. November 2013 ein Kraftfahrzeug im öffentlichen Straßenverkehr geführt haben, obwohl er nicht im Besitz einer Fahrerlaubnis war. Dass der Antragsteller tatsächlich gefahren ist, steht bislang zwar nicht fest. Allerdings wurde er nach Angaben der eingesetzten Polizeibeamten wenige Sekunden nach Fahrtende in unmittelbarer Nähe seines Fahrzeugs angetroffen, während seine Ehefrau, die nach Darstellung des Antragstellers mit dem Fahrzeug unterwegs gewesen sein soll, offensichtlich nicht (mehr) anwesend war. Zudem wollen beide Polizisten übereinstimmend eine männliche Person als Fahrer des fraglichen Fahrzeugs erkannt haben, sodass in der Summe nicht nur - wie die Beschwerde meint - bloße Vermutungen, sondern im Gegenteil gewichtige Verdachtsmomente gegen den Antragsteller sprechen.
Bei dieser Sachlage besteht für den Antragsgegner hinreichender Anlass, dem Antragsteller derzeit keine neue Fahrerlaubnis zu erteilen. Fahren ohne Fahrerlaubnis stellt einen unter dem Gesichtspunkt der Verkehrssicherheit schwerwiegenden Verkehrsverstoß dar, der je nach den Umständen des Falles die charakterliche Eignung des Betroffenen zum Führen von Kraftfahrzeugen in Zweifel ziehen und deshalb vor (Neu-​)Erteilung einer Fahrerlaubnis die Beibringung eines medizinisch-​psychologischen Gutachtens (vgl. § 20 Abs. 1 Satz 1 i. V. m. § 11 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 und 5 FeV) erfordern kann.
Vgl. OVG NRW, Beschluss vom 4. Juli 2007 - 16 B 666/07 -, juris, Rdnr. 1 (= NJW 2007, 2938); VG Aachen, Beschluss vom 19. Oktober 2012 - 3 L 482/12 -, juris, Rdnr. 10 ff.
Dass das gegen den Antragsteller geführte Strafverfahren noch nicht abgeschlossen ist, steht seiner Berücksichtigung im Rahmen der Entscheidung über die Neuerteilung der Fahrerlaubnis nicht entgegen. Die Beschwerde verkennt trotz entsprechender eingehender Ausführungen im angefochtenen Beschluss, dass das Vorliegen der Kraftfahreignung vom Gesetz als zwingende Voraussetzung für die Fahrerlaubnis(neu)erteilung gefordert wird (vgl. § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3, Abs. 6 Satz 1 Nr. 2 StVG). Die (Neu-​)Erteilung einer Fahrerlaubnis kommt daher nicht in Betracht, solange begründete Zweifel an der Kraftfahreignung des Bewerbers bestehen. Derartige Eignungszweifel können sich - wie hier - auch aus der Mitteilung über ein laufendes Strafverfahren ergeben, das anders als im Entziehungsverfahren (vgl. § 3 Abs. 3 StVG) keine Sperrwirkung hinsichtlich der zu berücksichtigenden Tatsachen entfaltet. Damit ist entgegen der Ansicht des Antragstellers weder ein Verstoß gegen die strafrechtliche Unschuldsvermutung noch gegen das Recht auf ein faires Verfahren aus Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK verbunden. Die gesetzliche Forderung, nur geeigneten Bewerbern eine Fahrerlaubnis zu erteilen, dient dem Interesse der Allgemeinheit an der Sicherheit des öffentlichen Straßenverkehrs. Dies begegnet angesichts des von fahrungeeigneten Verkehrsteilnehmern ausgehenden besonderen Risikos und des aus Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ableitbaren Auftrags zum Schutz vor erheblichen Gefahren für Leib und Leben keinen durchgreifenden Bedenken. Demgegenüber müssen berufliche und private Nachteile, die einem Fahrerlaubnisbewerber durch die notwendige vorherige Klärung berechtigter Eignungszweifel entstehen, grundsätzlich in Kauf genommen werden. Ob im Einzelfall aus Gründen der Verhältnismäßigkeit etwas anderes gilt, wenn ein für die Beurteilung der Kraftfahreignung relevanter strafrechtlicher Vorwurf nicht in angemessener Zeit geklärt wird, bedarf hier keiner Entscheidung. Denn davon kann angesichts der bisherigen Dauer des Strafverfahrens keine Rede sein.
Vgl. OVG NRW, Beschluss vom 2. Dezember 2013 - 16 B 820/13 -, juris.