Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/anerkannte-fluechtlinge-und-der-nachzug-zwischenzeitlich-volljaehrig-gewordener-kinder-3202737
Timestamp: 2020-05-30 06:28:17
Document Index: 42645775

Matched Legal Cases: ['Art. 16', '§ 25', '§ 32', '§ 32', 'Art. 4', 'Art. 16', 'EuG', '§ 72']

Anerkannte Flüchtlinge - und der Nachzug zwischenzeitlich volljährig gewordener Kinder | Rechtslupe
Anerkannte Flüchtlinge - und der Nachzug zwischenzeitlich volljährig gewordener Kinder
Aner­kann­te Flücht­lin­ge – und der Nach­zug zwi­schen­zeit­lich voll­jäh­rig gewor­de­ner Kin­der
Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on soll Fra­gen zum Nach­zug voll­jäh­rig gewor­de­ner Kin­der zu aner­kann­ten Flücht­lin­gen klä­ren. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat jetzt den Uni­ons­ge­richts­hof zur Klä­rung der Aus­le­gung von Rege­lun­gen der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rungs­richt­li­nie 2003/​86/​EG beim Kin­der­nach­zug zu aner­kann­ten Flücht­lin­gen ange­ru­fen.
Bei Beja­hung der Fra­ge 1:
Wel­che Anfor­de­run­gen sind an die tat­säch­li­chen fami­liä­ren Bin­dun­gen i.S.d. Art. 16 Abs. 1 Buchst. b RL 2003/​86/​EG in einem sol­chen Fall zu stel­len?
Erfor­dert der Nach­zug des zwi­schen­zeit­lich voll­jäh­rig gewor­de­nen Kin­des, das sich noch im Dritt­staat befin­det und einen Antrag auf Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung zu einem als Flücht­ling aner­kann­ten Eltern­teil gestellt hat, die Pro­gno­se, dass das Fami­li­en­le­ben nach der Ein­rei­se in der gemäß Fra­ge 2b) gefor­der­ten Wei­se im Mit­glied­staat (wie­der) auf­ge­nom­men wird?
Die im Janu­ar 1999 gebo­re­ne Toch­ter ist syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge und begehrt die Ertei­lung eines Visums zum Fami­li­en­nach­zug zu ihrem Vater. Dem Vater wur­de auf sei­nen im April 2016 gestell­ten Asyl­an­trag im Juli 2017 die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt. Im Sep­tem­ber 2017 erhielt er eine für drei Jah­re gül­ti­ge Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 2 Auf­en­thG. Im August 2017 bean­trag­te die Toch­ter beim Gene­ral­kon­su­lat der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in Istan­bul die Ertei­lung eines natio­na­len Visums zum Fami­li­en­nach­zug. Das Gene­ral­kon­su­lat lehn­te die Ertei­lung im Wesent­li­chen mit der Begrün­dung ab, die Vor­aus­set­zun­gen für einen Kin­der­nach­zug lägen nicht vor, weil der Vater der Toch­ter bis zum Ein­tritt von deren Voll­jäh­rig­keit noch nicht über einen nach­zugs­fä­hi­gen Auf­ent­halts­ti­tel ver­fügt habe.
Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin hat die beklag­te Bun­des­re­pu­blik zur Ertei­lung des begehr­ten Visums ver­pflich­tet 1. Die Toch­ter sei als min­der­jäh­ri­ges Kind i.S.v. § 32 Abs. 1 Auf­en­thG nach­zugs­be­rech­tigt. Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Beur­tei­lung der Min­der­jäh­rig­keit sei bei uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung der Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung des zusam­men­füh­ren­den Eltern­teils.
Auf die Sprung­re­vi­si­on der Bun­des­re­pu­blik hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts nun das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Uni­ons­ge­richts­hof meh­re­re Fra­gen betref­fend die Aus­le­gung der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rungs­richt­li­nie zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt. Die Vor­aus­set­zun­gen für einen Kin­der­nach­zug nach § 32 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG lie­gen nicht vor, weil die Toch­ter bei Ertei­lung der Auf­ent­halts­er­laub­nis an ihren Vater und Stel­lung ihres Antrags auf Fami­li­en­nach­zug nicht mehr min­der­jäh­rig war, was nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung erfor­der­lich ist; die­se Rege­lung lässt eine Aus­le­gung nicht zu, nach der für die Min­der­jäh­rig­keit auf den Zeit­punkt des Asyl­an­tra­ges des Eltern­teils abzu­stel­len ist. Ein Anspruch in unmit­tel­ba­rer Anwen­dung von Art. 4 Abs. 1 Buchst. b RL 2003/​86/​EG kommt nur in Betracht, wenn beim Kin­der­nach­zug zu Flücht­lin­gen hin­sicht­lich der Min­der­jäh­rig­keit des nach­zugs­wil­li­gen Kin­des maß­geb­lich der Zeit­punkt der Asyl­an­trag­stel­lung des Flücht­lings ist. So hat es der Uni­ons­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 12.04.2018 2 für den umge­kehr­ten Fall des Eltern­nach­zu­ges zu einem min­der­jäh­ri­gen unbe­glei­te­ten Flücht­ling ent­schie­den. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sieht Klä­rungs­be­darf, ob die­se zu ande­ren Nor­men der RL 2003/​86/​EG ergan­ge­ne Recht­spre­chung auf den Kin­der­nach­zug zu einem aner­kann­ten Flücht­ling über­trag­bar und es gebo­ten ist, auf die­sen frü­hen Zeit­punkt abzu­stel­len. Zudem stellt sich die Fra­ge, wel­che Anfor­de­run­gen an das Bestehen von tat­säch­li­chen fami­liä­ren Bin­dun­gen i.S.v. Art. 16 Abs. 1 Buchst. b RL 2003/​86/​EG zwi­schen dem inzwi­schen voll­jäh­rig gewor­de­nen Kind und dem Flücht­ling zu stel­len sind.
Zu dem umge­kehr­ten Fall des Eltern­nach­zu­ges zu einem voll­jäh­rig gewor­de­nen unbe­glei­te­ten min­der­jäh­ri­gen Flücht­ling hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eben­falls Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Uni­ons­ge­richts­hof gerich­tet 3.
VG Ber­lin, Urteil vom 12.03.2019 – 12 K 27.18 V[↩]
EuGH, Urteil vom 12.04.2018 – C‑550/​16[↩]
BVerwG, Beschlüs­se vom 23.04.2020 – 1 C 9.19 und 1 C 10.19[↩]
Abschie­bung – und das feh­len­de Ein­ver­neh­men der… Nach § 72 Abs. 4 Satz 1 Auf­en­thG darf ein Aus­län­der, gegen den öffent­li­che Kla­ge erho­ben oder ein straf­recht­li­ches Ermitt­lungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet ist, nur im Ein­ver­neh­men…
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