Source: http://m.hensche.de/Anspruch_auf_Wiedereinstellung_Anspruch_auf_Wiedereinstellung_City-BKK_Berlin_BAG_9AZR564-12.html
Timestamp: 2016-12-08 18:06:13
Document Index: 334144741

Matched Legal Cases: ['§ 147', '§ 613', '§ 147', '§ 147', '§ 19', '§ 6', '§ 20']

HENSCHE Arbeitsrecht: Anspruch auf Wiedereinstellung für Arbeitnehmer der City BKK
An­spruch auf Wie­der­ein­stel­lung für Ar­beit­neh­mer der Ci­ty BKK
Das Land Ber­lin muss 200 Ar­beit­neh­mer der Ci­ty BKK auf­grund ei­ner Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge über­neh­men: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 15.10.2013, 9 AZR 564/12
17.10.2013. Jah­re­lang hat­te sich der Se­nat von Ber­lin ge­wei­gert, Ar­beit­neh­mer der Mit­te 2011 ge­schlos­se­nen Ci­ty BKK zu über­neh­men, ob­wohl die­se auf ei­ne Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge des Lan­des Ber­lin ver­wei­sen konn­ten.
Nach­dem be­reits das Ar­beits­ge­richt Ber­lin im Jah­re 2011 und da­nach das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg im Jah­re 2012 die ei­gen­wil­li­ge In­ter­pre­ta­ti­on der 1998 ge­ge­be­nen Rück­kehr­zu­sa­ge durch den Ber­li­ner Se­nat zu­rück­ge­wie­sen hat­ten, zog die­ser vor­ges­tern auch beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) den Kür­ze­ren.
Da­mit steht rechts­kräf­tig fest, dass et­wa 200 Mit­ar­bei­ter der ehe­ma­li­gen Ci­ty BKK, die bis 1998 beim Land Ber­lin be­schäf­tigt wa­ren, wie­der Ar­beit­neh­mer des Lan­des Ber­lin sind: BAG, Ur­teil vom 15.10.2013, 9 AZR 564/12.
Umfasst ein "unbefristetes" Rückkehrrecht "für den Fall der Schließung/Auflösung" einer Betriebskrankenkasse auch die Schließung eines Rechtsnachfolgers?
§ 147 Abs.2 Fünf­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB V) sieht die Möglich­keit vor, dass Ver­wal­tungs­an­ge­stell­te von ih­rem bis­he­ri­gen Ar­beit­ge­ber zu "des­sen" Be­triebs­kran­ken­kas­se (BKK) als neu­em Ar­beit­ge­ber über­wech­seln - al­ler­dings nur dann, wenn sie zu­stim­men. Er­tei­len die An­ge­stell­ten ih­re Zu­stim­mung zum Ar­beit­ge­ber­wech­sel, tritt die Kran­ken­kas­se als neu­er Ar­beit­ge­ber in die Ar­beits­verhält­nis­se in ent­spre­chen­der An­wen­dung von § 613a Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ein, d.h. die Rechts­la­ge ist im Fal­le ei­ner Zu­stim­mung so wie bei ei­nem Be­triebsüber­gang.
Für ei­nen Ar­beit­ge­ber, der An­ge­stell­te da­zu be­we­gen möch­te, zu "sei­ner" BKK zu wech­seln, ist es da­her wich­tig, Ver­trau­en her­zu­stel­len. Am bes­ten ge­eig­net ist hier ei­ne Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge: Hat die BKK als neu­er Ar­beit­ge­ber kei­nen Er­folg oder wird sie im schlimms­ten Fall auf­gelöst bzw. ge­schlos­sen, können die Ar­beit­neh­mer wie­der zu ih­rem al­ten Ar­beit­ge­ber zurück­keh­ren, d.h. sie ha­ben ein Rück­fahr­ti­cket in der Ta­sche.
Frag­lich ist al­ler­dings, wie lan­ge und für wel­che Fälle ei­ne sol­che Zu­sa­ge gilt. Denn nicht nur in der Pri­vat­wirt­schaft kommt es zu Fu­sio­nen, son­dern auch bei öffent­li­chen Ar­beit­ge­bern wie z.B. bei ei­ner Kran­ken­kas­se. Kon­kret fragt sich, ob ei­ne Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge, die für den Fall der Sch­ließung oder Auflösung ei­ner BKK ab­ge­ge­ben wur­de, auch dann noch gilt, wenn es die­se BKK gar nicht mehr gibt, weil sie in­zwi­schen mit an­de­ren Kas­sen fu­sio­niert wur­de, und wenn schließlich der Rechts­nach­fol­ger ge­schlos­sen bzw. auf­gelöst wird.
Um die­se Fra­ge ging es in den ar­beits­recht­li­chen Wie­der­ein­stel­lungs­pro­zes­sen, die vie­le ehe­ma­li­ge Ber­li­ner Lan­des­an­ge­stell­ten seit 2011 geführt ha­ben, nach­dem die Ci­ty BKK ge­schlos­sen wur­de.
Der Streitfall: 200 Berliner Landesangestellte wechseln 1998 zur BKK Berlin, die 2004 mit der BKK Hamburg zu City BKK fusioniert und 2011 abgewickelt wird
1998 woll­te das Land Ber­lin auf der Grund­la­ge von § 147 Abs.2 SGB V et­wa 200 Ar­beit­neh­mer auf sei­ne da­ma­li­ge BKK Ber­lin über­lei­ten. Der Ar­beit­ge­ber­wech­sel soll­te zum 01.01.1999 statt­fin­den. Mit Schrei­ben vom 20.04.1998 gab der In­nen­se­na­tor für das Land ge­genüber den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer fol­gen­de Erklärung ab:
„Vor­aus­ge­setzt, dass Sie dem Über­gang Ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses auf die BKK Ber­lin zu­ge­stimmt ha­ben, freue ich mich, Ih­nen mit­tei­len zu können, dass der Se­nat von Ber­lin Ih­nen ein un­be­fris­te­tes Rück­kehr­recht zum Land Ber­lin für den Fall der Sch­ließung/Auflösung der BKK Ber­lin einräumt.“
Zum 01.01.2004 fu­sio­nier­te die BKK Ber­lin mit der BKK Ham­burg zu Ci­ty BKK, der sich später noch zwei wei­te­re klei­ne­re Be­triebs­kran­ken­kas­sen an­schlos­sen. Auf­grund der zum 01.01.2004 er­folg­ten Fu­si­on gab das Land Ber­lin ge­genüber der Ge­werk­schaft ver.di am 21.06.2004 fol­gen­de Zu­sa­ge ab:
„Schei­det ein Ar­beit­neh­mer, des­sen Ar­beits­verhält­nis nach § 147 Abs. 2 SGB V vom Land Ber­lin auf die BKK Ber­lin über­ge­gan­gen ist, aus dem Ar­beits­verhält­nis bei der Ci­ty BKK aus und wird in un­mit­tel­ba­ren An­schluss dar­an ein neu­es Ar­beits­verhält­nis zum Land Ber­lin be­gründet, wird das Land Ber­lin die bis zum 31. De­zem­ber 2003 bei der BKK Ber­lin ver­brach­te Zeit als Beschäfti­gungs­zeit nach § 19 BAT/BAT-O bzw. § 6 BMT-G-O und als Dienst­zeit nach § 20 BAT berück­sich­ti­gen."
Als die Ci­ty BKK zum 30.06.2011 vom Bun­des­ver­si­che­rungs­amt we­gen In­sol­venz ge­schlos­sen und in der Fol­ge ab­ge­wi­ckelt wur­de, ha­gel­te es be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen, ge­gen die vie­le Be­trof­fe­ne Kündi­gungs­schutz­kla­gen er­ho­ben. Wer im Jah­re 1998 ei­ne Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge er­hal­ten hat­te, ver­lang­te zu­gleich vom Land Ber­lin Wie­der­ein­stel­lung. Das Land lehn­te aber grundsätz­lich ab, da es der Mei­nung war, die Rück­kehr­zu­sa­ge hätte nur für ei­ne Sch­ließung oder Auflösung der BKK Ber­lin Gel­tung und nicht für die Sch­ließung bzw. Auflösung der Ci­ty BKK.
In den meis­ten Pro­zes­sen zog das Land den Kürze­ren, d.h. die mit den Fällen be­fass­ten Kam­mern des Ar­beits­ge­richts Ber­lin und des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg leg­ten die Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge weit­her­zig und da­mit im Sin­ne der kla­gen­den Ar­beit­neh­mer aus (so z.B. LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 04.04.2012, 4 Sa 2440/11 u.a.). Ei­ni­ge Ur­tei­le gin­gen aber in der zwei­ten In­stanz auch zu­las­ten der Ar­beit­neh­mer aus (so z.B. LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 23.05.2012, 15 Sa 180/12).
BAG: Nach Sinn und Zweck der 1998 gegebenen Wiedereinstellungszusage ist das Land Berlin auch nach der Fusion der BKK Berlin zur City BKK an die Zusage gebunden
Das BAG schloss sich der Mei­nung der kla­gen­den Ar­beit­neh­mer an und bestätig­te da­her die LAG-Ent­schei­dun­gen, mit de­nen das be­klag­te Land da­zu ver­ur­teilt wur­de, sei­ne Ex-Ar­beit­neh­mer zum 01.07.2011 wie­der ein­stel­len. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung heißt es zur Be­gründung:
Zwar erwähnt die Rück­kehr­zu­sa­ge aus­drück­lich nur den Fall ei­ner Sch­ließung/Auflösung der BKK Ber­lin, doch soll­te die Zu­sa­ge die et­wa 200 Beschäftig­ten da­zu ver­an­las­sen, ih­ren si­che­ren Ar­beits­platz beim be­klag­ten Land auf­zu­ge­ben. Da­her ist die Zu­sa­ge nach ih­rem "Sinn und Zweck" weit aus­zu­le­gen, d.h. in der Wei­se, dass das Land Ber­lin auch nach der Fu­si­on der BKK Ber­lin zur Ci­ty BKK zur Wie­der­ein­stel­lung ver­pflich­tet ist, so das BAG.
Außer­dem seg­ne­te das BAG die LAG-Ur­tei­le auch in dem Punkt ab, dass das Land Ber­lin ver­pflich­tet wur­de, ent­spre­chend der ge­genüber ver.di ge­mach­ten Zu­sa­ge die bei der BKK Ber­lin bis En­de 2003 zurück­ge­leg­ten Dienst­zei­ten als Beschäfti­gungs­zei­ten zu berück­sich­ti­gen.
Fa­zit: Ob es um eu­ro­pa­rechts­wid­ri­ge Dienst­zei­ten bei der Feu­er­wehr geht, um die Dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer durch die Le­bens­al­ters­stu­fen des BAT oder um die rechts­wid­ri­ge Ver­wei­ge­rung der Erfüllung ei­ner in 200 Fällen ge­ge­be­nen Wie­der­ein­stel­lungs­zu­sa­ge - das Land Ber­lin verhält sich ge­genüber sei­nen Beschäftig­ten im­mer wie­der rüpel­haft und fällt da­mit ju­ris­tisch auf die Na­se. Auch dies­mal kommt die Rechts­ver­wei­ge­rung das Land letzt­lich teu­er zu ste­hen: Hätte der Se­nat be­reits Mit­te 2011 die Rechts­la­ge rea­lis­tisch ein­geschätzt und sich zu­gleich als Ar­beit­ge­ber ho­no­rig ver­hal­ten, hätte man das Pro­blem der Wie­der­ein­glie­de­rung von 200 Ar­beit­neh­mern mitt­ler­wei­le gelöst. Statt des­sen hat man über zwei Jah­re oh­ne Er­folg pro­zes­siert, muss rück­wir­kend ab Mit­te 2011 Gehälter nach­be­zah­len und hat mit der Ein­glie­de­rung der un­ge­woll­ten "neu­en" Ar­beit­neh­mer noch nicht ein­mal be­gon­nen.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 15.10.2013, 9 AZR 564/12 (BAG-Pres­se­mel­dung)
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 04.04.2012, 4 Sa 2440/11, 4 Sa 514/12, 4 Sa 2440/11, 4 Sa 514/12
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 23.05.2012, 15 Sa 180/12
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 15.10.2013, 9 AZR 564/12