Source: https://m.diplom.de/document/270499
Timestamp: 2020-06-05 23:02:01
Document Index: 80003223

Matched Legal Cases: ['§ 433', '§ 1', '§ 19', '§ 4', '§ 4', '§21']

Chancen und Risiken für die Unternehmensfinanzierung durch Factoring
von Philipp Schiemann (Autor)
2 Definition und Abgrenzung des Factorings
3 Chancen und Risiken für die Unternehmensfinanzierung durch Factoring
3.1 Risikobeurteilung durch die Factoring-Gesellschaft
3.2 Chancen für die Unternehmensfinanzierung durch Factoring
3.2.1 Allgemeine Chancen durch Factoring
3.2.2 Chancen durch Factoring im Vergleich zu einer Betriebsmittellinie
3.3 Risiken durch Factoring und Möglichkeiten zur Risikominimierung
3.3.1 Verschlechterung der verfügbaren Liquidität
3.3.1.1 Verschlechterung der Ankaufsquote
3.3.1.2 Verschlechterungen der Bevorschusssungsquote
3.3.1.3 Verschlechterungen der Ankaufs- und Bevorschussungsquote
3.3.2 Umsatzkongruenz und saisonale Schwankungen
3.3.3 Reputationsschaden
3.3.4 Echtes Factoring und die Problematik des True Sales
3.3.5 Beeinflussung unternehmensinterner Prozesse
3.3.6 Kostenstruktur des Factorings
3.3.7 Abhängigkeit vom Factoring und von einer Factoring-Gesellschaft
Unternehmen stehen täglich vor der Herausforderung im Wettbewerb zu bestehen, ihre Marktanteile auszubauen und ihre Strategien erfolgreich umzusetzen. Der Bereich der Unternehmensfinanzierung nimmt dabei eine herausragende Bedeutung innerhalb jedes Unternehmens ein.[1] Durch die Einführung von Basel II wurden viele Unternehmen bereits mit Problemen bei der Prolongation oder Neugewährung von Krediten konfrontiert.[2] Vor dem Hintergrund der aktuellen Verwerfungen im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise sind erhebliche Umsatzrückgänge und damit einhergehende Eintrübungen der Wachstumsprognosen bei vielen Unternehmen festzustellen.[3] Die Kapitalbeschaffung und die Sicherstellung der Zahlungsfähigkeit gestalten sich vor diesem Hintergrund zunehmend schwieriger.[4]
Auf Seiten der Unternehmen wie auch der Kreditinstitute besteht daher zunächst ein gemeinsames Interesse, die Zahlungsfähigkeit auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu sichern und damit das Risiko eines Kreditausfalles zu reduzieren. Gleichzeitig besteht ein spezielles Interesse der Unternehmen, sich einen Wettbewerbsvorteil durch Sicherstellung der Finanzierung im Fall des Wachstums zu verschaffen.
Die seit vielen Jahren steigenden Umsätze des Factoring-Marktes in Deutschland verdeutlichen, dass Factoring als Alternative zu einer klassischen Kreditfinanzierung insbesondere für mittelständische Unternehmen an Bedeutung gewinnt.[5] Bei einem Umsatzanteil von ca. 2,5 % am Bruttoinlandsprodukt in Deutschland lässt sich ein weiteres Wachstum des Factoring-Marktes in Deutschland erwarten, der in England derzeit bei ca. 10 % liegt.[6]
In der vorliegenden Bachelorarbeit sollen Kriterien für den Einsatz von Factoring für die Unternehmensfinanzierung formuliert und damit die Entscheidungsfindung von Unternehmen erleichtert nachvollziehbar werden. Durch ein besseres Verständnis des Factoring-Geschäftes und des jeweiligen Factoring-Verfahrens, soll der Leser in die Lage versetzt werden, die sich aus dem Factoring für das Unternehmen ergebenden Chancen und Risiken besser einschätzen zu können. Des Weiteren sollen Hilfestellungen für die Verhandlungen gegeben und unternehmensinterne Optimierungsmöglichkeiten aufgezeigt bzw. abgeleitet werden können.
Nach einer Definition des Factorings werden zunächst die Grundzüge des Factoring-Geschäftes aufgezeigt und branchenspezifische Begriffe erläutert. Im Anschluss werden die sich daraus ergebenden Chancen des Factorings für die Unternehmensfinanzierung im Vergleich zu der am weitesten verbreiteten Finanzierung des Umlaufvermögens in Form der Betriebsmittellinie zusammengefasst.[7]
Aufgrund der sich unterscheidenden Bewertung von Risiken im Factoring im Vergleich zu einem Kreditgeschäft können die Chancen des Factorings nicht für jedes Unternehmen im gleichen Maß genutzt werden. Darüber hinaus muss der erwartete Nutzen in Relation zu Kosten und Aufwand gesetzt werden. Die Risiken des Factorings für die Unternehmensfinanzierung stellen in diesem Sinn auch eine ungünstige Kosten-Nutzen- bzw. Aufwand-Nutzen-Struktur für das Unternehmen dar.
Schwerpunkt der Ausführungen ist die Darstellung der Risiken des Factorings für die Unternehmensfinanzierung. Zu den jeweiligen Risiken werden Möglichkeiten der Risikominimierung aufgezeigt. Im Zuge dieser Darstellung werden die unterschiedlichen Standard-Verfahren im Factoring aus der Praxis aufgezeigt und damit die Arbeitsweise von Factoring-Gesellschaften vermittelt.
Das Grundprinzip des Factorings beruht nach herrschender Meinung darin, dass offene und noch nicht fällige Geldforderungen aus Lieferungen und Leistung eines Factoring-Kunden, die dieser gegenüber seinen Kunden[8] hat, revolvierend an eine Factoring-Gesellschaft verkauft werden. In Ermangelung einer eigenständigen Rechtsnorm für Factoring geschieht dies im Rahmen eines Kaufvertrages nach §§ 433 i. V. 437, 438, 453ff, 398 BGB und § 1 Abs. 1, § 19 Abs. 1 Nr. 4, § 4 Abs. 1 Zif. 1 und § 4 Abs. 4 KWG.[9]
Mit Übertragung der Inhaberschaft der Forderung an die Factoring-Gesellschaft erwirbt diese unwiderruflich alle Rechte und Lasten an der Forderung.[10] Als wesentliches Recht ist der Zahlungsanspruch gegenüber dem Abnehmer des Factoring-Kunden zu werten.[11] Offensichtliche Last bzw. ein naheliegendes Risiko stellt dabei das Ausfallrisiko (Delkredererisiko) des Abnehmers dar.[12] Als Finanzintermediär erbringt die Factoring-Gesellschaft in diesem Fall zunächst eine Risikotransformation. Im weiteren Verlauf wird deutlich werden, dass es darüber hinaus nicht unerhebliche Risiken im Zusammenhang mit dem Ausfall des Factoring-Kunden sowie der Werthaltigkeit der angekauften Forderungen gibt, die zu berücksichtigen sind.[13] Da die Zahlung des Kaufpreises für die Forderung durch die Factoring-Gesellschaft i. d. R. sofort, die Bezahlung der Forderung durch den Abnehmer aber erst nach vereinbartem Zahlungsziel erfolgt, erbringt eine Factoring-Gesellschaft bei abweichenden durchschnittlichen Laufzeiten der angekauften Forderungen und der von der Factoring-Gesellschaft in Anspruch genommenen Refinanzierung zusätzlich eine Fristentransformation und damit im Wesentlichen eine Finanzierungsfunktion für den Factoring-Kunden.[14]
Factoring ist als Finanzierungsart der Innenfinanzierung und dort der Umschichtungsfinanzierung zuzuordnen.[15] Der Waren-, Forderungs-, Liquiditäts- und Informationsfluss zwischen der Factoring-Gesellschaft, dem Factoring-Kunden und dem Abnehmer soll anhand der folgenden Grafik verdeutlicht werden.
Abbildung 1: Verhältnis Factoring-Gesellschaft, Factoring-Kunde und Abnehmer[16]
Die sich aus dem Factoring ergebenden Chancen im Vergleich zu einer klassischen Kreditlinie lassen sich im Wesentlichen durch die Verlagerung des Ausfallsrisikos von der Bonität des Kreditnehmers auf die Werthaltigkeit des Forderungsbestandes (Verität) sowie der Bonität der Abnehmer erklären.[17] Damit erlangt die Beurteilung der Veritätsrisiken und der Abnehmerausfallrisiken für eine Factoring-Gesellschaft neben der Beurteilung des Kundenausfallrisikos eine besondere Bedeutung.
Da die Zahlung des Kaufpreises für die angekauften Forderungen abzgl. des im weiteren Verlauf noch beschreibenden Kaufpreiseinbehalt meist unmittelbar nach Entstehen einer Forderung erfolgt, die Abnehmer aber erst mit dem vereinbarten Zahlungsziel die Forderung ausgleichen, ist eine zentrale Fragestellung für eine Factoring-Gesellschaft, in welchem Maße die erworbenen Forderungen werthaltig sind.[18]
Die Verität von Forderungen wird durch folgende Kriterien bestimmt:
- den rechtmäßigen Erwerb der Forderungsinhaberschaft
- den rechtlichen Bestand der Forderungen / die Freiheit von begründeten Einreden
- die Nachweisbarkeit der Forderung im Bedarfsfall
- die Freiheit von Ansprüchen Dritter
Grundsätzlich ist zwischen dem Factoring-Kunden und der Factoring-Gesellschaft vereinbart, dass alle Veritätsrisiken von dem Factoring-Kunden übernommen werden[19] und entsprechende Forderungen der Factoring-Gesellschaft sofort fällig sind.[20]
Veritätsrisiken kommen für eine Factoring-Gesellschaft immer dann zum Tragen, wenn ein Factoring-Kunde seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Bei der Bemessung des Gesamtrisikos für die Factoring-Gesellschaft kann aus der Veritätsanalyse das angenommene Ausmaß des Schadens abgelesen werden, während die Analyse des Kundenausfallrisikos eine Antwort auf die Wahrscheinlichkeit eines Schadenfalles geben kann. Daraus resultiert, dass sich Veritätsrisiken aus dem laufenden Geschäft immer vor dem Eintritt einer Insolvenz eines Factoring-Kunden ergeben.[21]
Demnach ist bei einwandfreier Verität der Forderungen das Gesamtrisiko für die Factoring-Gesellschaft auf die verbleibenden Ausfallrisiken der Abnehmer begrenzt und daher auch die Bewertung der Bonität des Factoring-Kunden von untergeordneter Bedeutung. Im Fall von verbleibenden Veritätsrisiken müssen diese auf die Bonität des Factoring-Kunden abgestellt werden. Sind die Veritätsrisiken erheblich, ist Factoring damit i. d. R. auch keine sinnvolle Alternative zu einer klassischen Kreditfinanzierung, da wie bei einem klassischen Kredit vorrangig auf die Bonität des Factoring-Kunden abgestellt werden müsste.
Das Abnehmerausfall- bzw. Delkredererisiko wird auch als Risiko von Zahlungs- und Forderungsausfällen bezeichnet. Je nach Branche und allgemeiner Wirtschaftslage stellen Forderungsverluste eine relativ häufige Ursache für Firmeninsolvenzen dar.[22] Die Übernahme des Abnehmerausfallrisikos durch die Factoring-Gesellschaft ist daher ein wesentlicher Kundennutzen des Factorings[23] und die offensichtliche Risikokomponente im Factoring[24], die von der Factoring-Gesellschaft übernommen wird. Die Abnehmerausfallrisiken verteilen sich zudem i. d. R. auf eine Vielzahl von Abnehmern des Factoring-Kunden (Risikostreuung).[25]
Das Ausmaß des Abnehmerrisikos auf bestimmte Abnehmer kann durch Hinzuschaltung einer Kreditversicherung (sowohl durch die Factoring-Gesellschaft als auch durch den Factoring-Kunden) besser abgeschätzt und teilweise auch gemindert werden.[26] Grundlage für den Ankauf von Forderungen gegen einen Abnehmer ist immer eine vorherige Überprüfung der Bonität des Abnehmers mit positivem Ergebnis.[27]
Allgemein lassen sich die Chancen des Factorings aus Kundenperspektive wie folgt zusammenfassen: „Ziel des Factoring-Kunden ist meist ein Liquiditätsgewinn in Kombination mit einer Bilanzverkürzung sowie einer Versicherung gegen den Ausfall der Forderungen.“[28] Zu ergänzen ist, dass sich der Liquiditätsgewinn umsatzkongruent entwickelt.[29]
Wird die gewonnene Liquidität zunächst zur Begleichung von bestehenden Verbindlichkeiten genutzt, reduziert sich das Umlaufvermögen auf der Aktivseite der Bilanz. Auf der Passivseite der Bilanz werden die Verbindlichkeiten entsprechend vermindert. Die daraus resultierende Bilanzverkürzung ergibt bei Beibehaltung des absoluten und durch Factoring nicht tangierten Eigenkapitalbetrages eine höhere Eigenkapitalquote (siehe Abbildung 2).[30] Neben der allgemeinen akquisitorischen Wirkung des Eigenkapitals für Fremdkapital lassen sich durch die verbesserte Eigenkapitalquote auch konkrete Chancen wie beispielsweise die Einhaltung von Covenant-Verpflichtungen wahrnehmen oder im Falle von konditionierenden Covenants günstigere Fremdkapitalkosten erzielen.[31]
Abbildung 2: Bilanzeffekt durch den Einsatz von Factoring[32]
Durch die Etablierung von Factoring können Unternehmen mit einer angespannten Liquiditätslage Chancen im Einkauf und Vertrieb gewinnen. Gegenüber den Lieferanten kann dies durch die Nutzung von Skonti und Rabatten[33] und mit den eigenen Abnehmern durch Vereinbarung längerer Zahlungsziele erzielt werden.[34]
Speziell bei kleineren Unternehmen können zudem Chancen in Form einer Entlastung und Optimierung des unternehmensinternen Forderungsmanagements bzw. der Debitorenbuchhaltung entstehen. Es werden Dienstleistungskomponenten von der Factoring-Gesellschaft übernommen.[35] Durch die kontrollierenden Aktivitäten der Factoring-Gesellschaft in Bezug auf die Einhaltung der vereinbarten und branchenüblichen Zahlungsziele wird darüber hinaus Know-How auf den Factoring-Kunden übertragen.[36]
Die fortlaufende Beurteilung der Bonität der Abnehmer durch die Factoring-Gesellschaft und der entsprechende Informationsfluss zwischen den Vertragspartnern bietet zusätzliche Chancen für den Factoring-Kunden, die Bonität seiner Abnehmer besser einzuschätzen. Das unternehmerische Risiko kann damit neben dem Schutz vor Forderungsausfällen für angekaufte Forderungen durch frühere Einleitung von Maßnahmen reduziert werden.[37] Geeignete Maßnahmen sind z. B. die Umstellung auf Vorkassezahlung, die Einforderung von Sicherheiten oder die Herabsetzung der Zahlungsziele.
Im Vergleich zu einer Betriebsmittellinie bzw. eines Kontokorrentkredites bietet Factoring zunächst die vorab dargestellten Chancen aus den Zusatznutzen in Form eines umfassenden Delkredereschutzes, der Bilanzverkürzung sowie einer Entlastung bzw. Optimierung des Forderungsmanagements und einer besseren Information bzgl. der Bonität der Abnehmer.
Darüber hinaus werden im Gegensatz zu einer Kreditlinie neben den Forderungen meist keine separaten Sicherheiten von der Factoring-Gesellschaft benötigt,[38] und diese stehen damit für andere Finanzierungsformen weiterhin zur Verfügung. Sollten diese Sicherheiten nicht vorliegen, so verbleibt praktisch meist nur noch die Forderungszession als Sicherungsinstrument. Durch die genauere Analyse des Forderungsbestandes im Rahmen des täglichen Ankaufs der Forderungen und der besseren Stellung der Factoring-Gesellschaft in Bezug auf die Nutzung der Forderungszession[39] werden die Forderungen durch die Factoring-Gesellschaft i. d. R. höher bewertet.[40] Dem Factoring-Kunden steht damit im Vergleich zu den eingebrachten Sicherheiten und klassischen Kreditlinien insgesamt meist mehr Liquidität zur Verfügung.
Bei inhabergeführten Kapitalgesellschaften, bei denen persönliche Bürgschaften des Unternehmers als Sicherheiten für Betriebsmittellinien dienen, bieten sich Chancen für den Unternehmer, individuelle persönliche Risiken zu reduzieren, die Abhängigkeit von der Hausbank zu mindern[41] und gleichzeitig die Unternehmensfinanzierung aufrecht zu erhalten.
Bei einer klassischen Kreditlinie wird das Ausfallrisiko eines Kredites von dem Kreditinstitut auf die Bonität und die Sicherheiten des Kreditnehmers abgestellt. Im Gegensatz dazu kommt es im Factoring zu einer Verlagerung des Ausfallrisikos auf viele Abnehmer des Factoring-Kunden und so aus Perspektive der Factoring-Gesellschaft zu einer Risikostreuung.[42] Da neben der Bonität des Factoring-Kunden auch die Beurteilung der Verität des Forderungsbestandes und die Beurteilung der Bonität der Abnehmer für die Risikobeurteilung der Factoring-Gesellschaft entscheidend ist,[43] werden im Factoring meist keine Covenants mit Bezug zu der Bonität des Factoring-Kunden vereinbart. Darüber hinaus werden Mindestvertragslaufzeiten von mindestens einem, i. d. R. aber zwei oder mehr Jahre vereinbart. Factoring stellt damit eine Finanzierungsform dar, die unabhängig zu der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung des Factoring-Kunden zu planbaren Kosten zur Verfügung steht.[44]
Die meisten Chancen ergeben sich für Unternehmen mit schwächerer Bonität und dort speziell für Unternehmen, die über einen Forderungsbestand mit hoher Werthaltigkeit verfügen. In diesen Fällen eignet sich Factoring auch zur Finanzierung einer Restrukturierung oder zur Finanzierung von Unternehmen, die unmittelbar aus einer Insolvenz hervorgegangen sind.[45] Factoring stellt aus den gleichen Gründen eine Finanzierungsform im Rahmen eines Unternehmenskaufs bzw. Unternehmensverkaufs (inkl. Management-Buy-Outs, Management-Buy-Ins bzw. Leveraged-Buy-Outs) dar.[46] In der Gründungsphase eines Unternehmens eignet sich Factoring nur in Ausnahmefällen als Finanzierungsinstrument, da i. d. R. sowohl die Bonität des Factoring-Kundens als auch die Werthaltigkeit des Forderungsbestandes aufgrund noch entstehender Beziehungen zu den Abnehmern sowie entstehender unternehmensinterner Strukturen und Prozesse für eine Factoring-Gesellschaft nur schwer zu beurteilen sind.[47]
Factoring stellt eine umsatzkongruente Form der Unternehmensfinanzierung dar. Ähnlich einem Kredit mit einer zu Grunde gelegten Borrowing-Base, variiert dabei die Höhe des Kreditrahmens, d. h. der maximal verfügbaren Liquidität, von der Höhe der eingebrachten Sicherheiten. Im Factoring in Form von zedierten und teilweise verkauften Forderungen und bei einer Borrowing-Base in Form von zedierten, sicherungsübereigneten bzw. verpfändeten Vermögensgegenständen.[48] Bei steigenden bzw. fallenden Umsätzen ist ceteris paribus auch von höheren bzw. geringeren Forderungs- und Lagerbeständen und gleichzeitig von einem entsprechend höheren bzw. geringeren Finanzierungsbedarf auszugehen. In Folge entfallen zunächst die sonst üblichen Bereitstellungszinsen für ungenutzte Kreditlinien in Zeiten mit geringem Liquiditätsbedarf.[49] Bei hohem Liquiditätsbedarf und speziell für Unternehmen, die sich im Wachstum befinden, besteht gleichzeitig Planungssicherheit, dass die benötigte Liquidität auch zur Verfügung gestellt werden kann.[50] Vertraglich wird ein sog. Höchstobligo vereinbart, welches meist großzügig bemessen die maximal zur Verfügung gestellte Liquidität durch die Factoring-Gesellschaft begrenzt, aber im Vergleich zu einer Betriebsmittellinie durch die Streuung auf einzelne Abnehmer einfacher angepasst werden kann.[51]
Von einer Factoring-Gesellschaft werden Maßnahmen ergriffen, um Veritätsrisiken im Zusammenhang mit einer Kundeninsolvenz und potentielle Risiken durch eine Insolvenz eines Abnehmers zu reduzieren. Es kann dabei nach Maßnahmen unterschieden werden, die sich auf die Ankaufsquote beziehen und nach solchen, die zwar nicht den Anteil der von der Factoring-Gesellschaft angekauften Forderungen in Bezug zum gesamten Forderungsbestand tangieren, aber trotzdem zu einer Anpassung der maximalen Bevorschusssungsquote führen. Die Bevorschusssungsquote ergibt sich aus der maximal verfügbaren Liquidität durch den Einsatz von Factoring in Bezug auf den Forderungsbestand, der in die Zusammenarbeit mit der Factoring-Gesellschaft einbezogen wird.[52]
Typische Beispiele für Maßnahmen, die zu einer Reduzierung der angekauften Forderungen und damit zu einer reduzierten Ankaufsquote führen:
- Reduzierung des Limits auf einzelne Abnehmer[53]
- Ausschluss von Abnehmern
- Ausschluss von Forderungen gegenüber Abnehmern in bestimmten Ländern
- Ausschluss von Forderungen, die einem bestimmten Landesrecht unterliegen
- Ausschluss von Forderungen, die eine bestimmte Laufzeit überschreiten[54]
Die Reduzierung von Kreditlimiten und der Ausschluss von Ländern erfolgt, um potentielle Risiken aus Abnehmerinsolvenzen zu reduzieren. Aus Perspektive der Factoring-Gesellschaft werden die Maßnahmen wegen Zweifeln an der Werthaltigkeit des Forderungsbestandes eingeleitet. Für nicht angekaufte Forderungen gilt, dass für diese weder Delkredere übernommen wird, noch Liquidität aus diesen generiert werden kann. Je nach vertraglicher Gestaltung können diese ausgeschlossenen Forderungen noch als Sicherheit für die Factoring-Gesellschaft oder für eine dritte Partei dienen.[55]
In Bezug auf die Forderungslaufzeit werden aufgrund gesetzlicher Regelungen nur Forderungen einbezogen, bei denen eine Fälligkeit von maximal 90 (in Ausnahmen: 120) Tagen vereinbart ist. Sollten längere Fälligkeiten vereinbart sein, wäre die Factoring-Gesellschaft verpflichtet, sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der Abnehmer offenlegen zu lassen.[56]
Typische Maßnahmen, die zu keiner Änderung der Ankaufsquote aber zu einer Reduzierung der Bevorschusssungsquote führen:
- Erhöhung von Sicherheitseinbehalten bei der Factoring-Gesellschaft
- Erhöhung des Kaufpreiseinbehaltes[57]
Sicherheitseinbehalte werden in der Praxis oft fälschlicherweise als Rückstellungen bezeichnet. Sie stellen jedoch Zurückhaltungen der Kaufpreiszahlungen dar und werden im laufenden Geschäft vor allem wegen Gegenforderungen aus Gegengeschäften oder Nachlaufkonditionen der Abnehmer gebildet. Bei einer drohenden Insolvenz des Factoring-Kunden werden diese auch wegen potentieller Gegenforderungen der Abnehmer, beispielsweise wegen Pönalen und Aufrechnungslagen wegen Gewährleistungsansprüchen gebildet. Ein erhöhter Kaufpreiseinbehalt ist immer dann notwendig, wenn regelmäßig höhere Sofortabzüge gewährt oder Gutschriften erstellt werden. Diese Maßnahmen reduzieren zwar die Bevorschusssungsquote und damit die maximal verfügbare Liquidität (Verfügbarkeit), nicht aber den Anteil der angekauften und damit auch mit Delkredereschutz versehenen Forderungen. Aus Kundensicht ist bei der Bildung von Sicherheitseinbehalten für Gegengeschäfte zu klären, ob es nicht wirtschaftlicher ist, die betreffenden kreditorischen Debitoren aus der Zusammenarbeit auszuschließen. Dies gilt umso mehr, wenn Factoring primär aus Liquiditätsgründen genutzt wird.[58]
Durch eine geringere Bevorschusssungsquote erhält nicht nur der Factoring-Kunde weniger Liquidität, sondern auch die Factoring-Gesellschaft geringere Zinserträge. Im Falle von Ausschlüssen reduzieren sich die Einnahmen aus der Factoringgebühr. Es besteht daher ein fundamentaler Interessenskonflikt zwischen Risikoabwehr und der Wahrnehmung von Ertragschancen bei der Factoring-Gesellschaft.[59]
[1] Vgl. Wöhe, 2009, S.4-6.
[2] Vgl. Hölper, 2008, S. 48; Hieronimus, 2009, S. 36; Guhl, 2006, S. 14.
[3] Vgl. Knoch / Pfisterer, 2009, S. 16; Hieronimus, 2009, S. 36-37; Hölper, 2008, S. 48.
[4] Vgl. Knoch / Pfisterer, 2009, S. 16.
[5] Vgl. Herrmann, 2006, S. 28-31; Karrer, 2006, S. 74; Wassermann, 2006, S. 103-110.
[6] Vgl. Heiden, 2/2007, S. 54; Brink, 2006, S. 12. Die Quelle nennt explizit England und nicht
[7] Vgl. Becker, 2008, S. 129.
[8] Nachfolgend, wie im Markt üblich, zur einfacheren Unterscheidung Abnehmer genannt.
[9] Vgl. Schneck, 2006, S. 175; Bette, 2001, S. 10; Bette, 2001, S. 75.
[10] Vgl. Guhl, 2006, S. 22-23; Gerke / Bank, 2003, S. 456.
[11] Vgl. Wieland, 2003, S. 220.
[12] Vgl. Nicklaus, 1997, S. 76.
[13] Vgl. Lüdtke, 2006, S. 64-65.
[14] Vgl. Nicklaus, 1997, S. 76.
[15] Vgl. Becker, 2008, S. 224-225; Gerke / Bank, 2003, S. 456.
[16] Vgl. Wöhe et. al, 2009, S. 335; Olfert / Reichel, 2005, S. 338.
[17] Vgl. Heiden, 5/2007, S. 45-46; Lüdtke, 2006, S. 64.
[18] Vgl. Lüdtke, 2006, S. 64.
[19] Vgl. Selzer / Stiegler, 2009, S. 42; Bette, 2006, S. 52-53.
[20] Vgl. Bette, 2001, S. 91.
[21] Vgl. Ehnert / Günther, 2008, S. 231.
[22] Vgl. Taube, 2006, S. 96.
[23] Vgl. Guhl, 2006, S. 22.
[24] Vgl. Ehner / Günther, 2008, S. 231.
[25] Vgl. Hermann, 2006, S. 21.
[26] Vgl. Selzer / Stiegler, 2009, S. 42; Lüdtke, 2006, S. 67.
[27] Vgl. Wöhe et al, 2009, S. 335; Olfert / Reichel, 2005, S. 339; Bette, 2001, S. 59.
[28] Simmer / Niggemann, 2006, S. 43; Vgl. Brink, 2006, S. 12.
[29] Vgl. Haghani / Stoff, 2009, S. 80; Hölper, 2008, S. 48; Roth, 2006, S. 16; Schneck, 2006,
S. 182-183; Hartmann / Kox, 2004, S. 73.
[30] Vgl. Bormann, 2009, S. 44; Guhl, 2006, S. 21-22.
[31] Vgl. Jumpertz, 2/2009, S. 40; Heiden, 1/2007, S. 56; Wittrock, 2007, S. 116.
[32] Vgl. Wöhe et al, 2009, S. 336.
[33] Vgl. Selzer / Stiegler, 2009, S. 42; Hölper, 2008, S. 48; Heiden, 1/2007, S. 54.
[34] Vgl. Herrmann, 2006, S. 21; Schmidt, 2006, S. 60.
[35] Vgl. Heiden, 1/2007, S. 54; Olfert / Reichel, 2005, S. 338.
[36] Vgl. Jumpertz, 10/2009, S. 36. Beispielhaft sei hier die Optimierung der Allgemeinen Ge-
schäftsbedingungen in Bezug auf den verlängerten Eigentumsvorbehalt und der Abtretbarkeit
der Forderungen erwähnt.
[37] Vgl. Bette, 2001, S. 60; Herrmann, 2006, S. 20.
[38] Vgl. Heiden, 5/2007, S. 44. Bürgschaften, Grundschulden, Sicherungsübereignungen etc.
[39] Vgl. Kap. 3.3.4.
[40] Vgl. Hölper, 2008, S. 48; Heiden, 1/2007, S. 55; Bette, 2001, S. 114.
[41] Vgl. Jumpertz, 10/2009, S. 36; Dentz, 2006, S. 48; Rek, 2006, S. 84.
[42] Vgl. Hermann, 2006, S. 21.
[43] Vgl. Kap. 3.1
[44] Vgl. Herrmann, 2006, S. 22.
[45] Vgl. Achsnick / Krüger, 2009, S. 180; Ehnert / Günther, 2008, S. 231-232.
[46] Vgl. Secker, 2006, S. 82; Nathusius, 2003, S. 141.
[47] Vgl. Nathusius, 2003, S. 141.
[48] Als Sicherheiten kommen hierbei Vermögensgegenstände des Umlaufvermögens in Frage.
[49] Vgl. Dentz, 2006, S. 49.
[50] Vgl. Heiden, 1/2007, S. 55; Hölper, 2008, S. 48.
[51] Vgl. Bette, 2001, S. 92; Hölper, 2009, S. 43.
[52] Vgl. Anhang VII.
[53] Vgl. Kap. 3.3.1.1.
[54] Vgl. Achsnick / Krüger, 2009, S. 177.
[55] Dies sehen zumindest die Standard-Vertragsdokumentationen der beiden umsatzstärksten Facto-
ring-Gesellschaften in Deutschland vor (Coface Finanz GmbH, GE Capital Bank AG).
[56] Vgl. Bette, 2001, S. 93; KWG §21 Abs. 4.
[57] Vgl. Achsnick / Krüger, 2009, S. 177; Bette, 2001, S. 83.
[58] Vgl. Kap. 3.3.6.
[59] Vgl. Bette, 2001, S. 60.
9783842818828
v270499
Philipp Schiemann (Autor)