Source: https://www.hensche.de/Botschaftsangestellte_koennen_vor_deutschen_Gerichten_klagen_Botschaft_EuGH_C-154-11_Mahamdia.html
Timestamp: 2019-10-23 15:34:12
Document Index: 360037800

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Botschaftsangestellte ausländischer Staaten können vor deutschen Arbeitsgerichten klagen - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/266
Kei­ne leich­te Ent­schei­dung: Wo dür­fen Bot­schafts­an­ge­stell­te kla­gen?
Wel­ches Ge­richt ist für ar­beits­recht­li­che Kla­gen ge­gen die Bot­schaft ei­nes frem­den Staa­tes zuständig?
EuGH: Die Ver­ord­nung Nr.44/2001 kann die Zuständig­keit deut­scher Ar­beits­ge­rich­te be­gründen
Schwie­ri­ger zu be­ant­wor­ten ist da­ge­gen die Fra­ge, ob die deut­schen Ar­beits­ge­rich­te über­haupt für die Ent­schei­dung von Strei­tig­kei­ten zwi­schen ausländi­schen Bot­schaf­ten und dem Bot­schafts­per­so­nal zuständig sind, d.h. ob sie die "in­ter­na­tio­na­le Zuständig­keit" be­sit­zen.
Die­se Zuständig­keit könn­te man aus der Ver­ord­nung (EG) Nr.44/2001 des Ra­tes vom 22.12.2000 über die ge­richt­li­che Zuständig­keit und die An­er­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zi­vil- und Han­dels­sa­chen (EuGG­VO) her­lei­ten. Das setzt aber vor­aus, dass ei­ne Bot­schaft als ei­ne „Zweig­nie­der­las­sung, Agen­tur oder sons­ti­ge Nie­der­las­sung“ des Ent­sen­de­staa­tes an­zu­se­hen ist.
Der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, Ah­med Ma­ham­dia, ist al­ge­ri­scher Her­kunft und lebt in Ber­lin. Er wur­de von sei­nem Ar­beit­ge­ber, der De­mo­kra­ti­schen Volks­re­pu­blik Al­ge­ri­en, in der Ber­li­ner Bot­schaft als Fah­rer beschäftigt. Nach­dem ihm En­de 2007 gekündigt wor­den war, er­hob er Kündi­gungs­schutz­kla­ge in Ber­lin.
Al­ge­ri­en be­rief sich auf sei­ne Im­mu­nität als Staat und mein­te außer­dem, we­gen ei­ner im Ar­beits­ver­trag ver­ein­bar­ten Ge­richts­stands­klau­sel sei­en die al­ge­ri­schen Ge­rich­te zuständig. Das Ar­beits­ge­richt folg­te die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on und wies die Kla­ge als un­zulässig ab (Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 02.07.2008, 86 Ca 13143/07).
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg da­ge­gen ver­nein­te die Im­mu­nität Al­ge­ri­ens, da Herr Ma­ham­dia als Fah­rer kei­ne ho­heit­li­chen Auf­ga­ben erfüll­te (Ur­teil vom 14.01.2009, 17 Sa 1719/08). Wei­ter­hin hielt das LAG die al­ge­ri­sche Bot­schaft für ei­ne „Zweig­nie­der­las­sung, Agen­tur oder sons­ti­ge Nie­der­las­sung“ im Sin­ne der EuGG­VO. Die ver­trag­li­che Ge­richts­stands­ver­ein­ba­rung ließ das LAG nicht gel­ten, da sie sei­ner Mei­nung nach ge­gen die EuGG­VO verstößt.
Sch­ließlich wand­te das LAG bei sei­nem Ur­teil deut­sches Recht an, da es kei­ne aus­rei­chen­den An­halts­punk­te für ei­ne Rechts­wahl zu­guns­ten des al­ge­ri­schen Rechts er­ken­nen konn­te. Folg­lich war die Kündi­gungs­schutz­kla­ge zulässig und auch nach deut­schem Recht be­gründet, so das LAG.
Auf die Re­vi­si­on Al­ge­ri­ens hob das BAG das LAG-Ur­teil auf und ver­wies den Fall zurück an das LAG (BAG, Ur­teil vom 01.07.2010, 2 AZR 270/09). Denn nach An­sicht des BAG war es nicht aus­zu­sch­ließen, dass Herr Ma­ham­dia viel­leicht doch ho­heit­li­che Auf­ga­ben hat­te, da sich die Bot­schaft dar­auf be­ru­fen hat­te, er sei auch als Dol­met­scher ein­ge­setzt wor­den.
Und auch die vom LAG vor­ge­nom­me­ne Be­wer­tung der Umstände, die für oder ge­gen ei­ne Rechts­wahl zu­guns­ten des al­ge­ri­schen Rechts spre­chen könn­ten, hätte sich das BAG ir­gend­wie ausführ­li­cher gewünscht, d.h. das BAG deu­te­te an, dass auf den Fall mögli­cher­wei­se al­ge­ri­sches Recht an­zu­wen­den ist. Und schließlich mein­te das BAG, der EuGH hätte sich zur Aus­le­gung der EuGG­VO noch ein­deu­tig geäußert.
Dar­auf­hin leg­te das LAG dem EuGH den Fall vor (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 23.03.2011, 17 Sa 2620/10).
Am Don­ners­tag letz­ter Wo­che stell­te der EuGH klar, dass ei­ne Bot­schaft als "Nie­der­las­sung" des Ent­sen­de­staa­tes an­zu­se­hen ist (EuGH, Ur­teil vom 19.07.2012, C-154/11 - "Ma­ham­dia"). Da­her kann sich ein frem­der Staat ge­genüber der ar­beits­recht­li­chen Kla­ge ei­nes An­ge­stell­ten sei­ner Bot­schaft nicht auf sei­ne Im­mu­nität be­ru­fen, wenn der An­ge­stell­te Auf­ga­ben ver­rich­tet, die nicht un­ter die Ausübung ho­heit­li­cher Be­fug­nis­se fal­len.
Die dar­aus fol­gen­de in­ter­na­tio­na­le Zuständig­keit der Ge­rich­te des Emp­fangs­staa­tes kann auch nicht durch ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Ge­richts­stands­klau­sel aus­ge­he­belt wer­den, so der EuGH, der da­mit wie in den meis­ten Fällen den Ent­schei­dungs­vor­schlägen des Ge­ne­ral­an­walts folg­te (Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts Men­goz­zi vom 24.05.2012, C-154/11 - „Ma­ham­dia“).
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