Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Einstweilige_Verfuegung_bei_Streit_um_Arbeitsort_LAG_Berlin-Brandenburg_7SaGa1629-16_u.html
Timestamp: 2019-03-27 02:37:30
Document Index: 75725173

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 519', '§ 66', '§ 935', '§ 106', '§ 133', '§ 611', '§ 106', '§ 315', '§ 315', '§ 315', '§ 194', '§ 940', '§ 940', '§ 938', '§ 940', '§ 97', '§ 92']

am 01. No­vem­ber 2016
7 Sa­Ga 1629/16
2 Ga 19/16
S., Ge­richts­beschäftig­te
als Ur­kunds­be­am­te der
hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 7. Kam­mer, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 1. No­vem­ber 2016 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt R. als Vor­sit­zen­de so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter A. und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin H.
Die Be­ru­fung der Verfügungs­be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Cott­bus vom 20. Sep­tem­ber 2016 - 2 Ga 19/16 - wird auf ih­re Kos­ten mit der Maßga­be zurück­ge­wie­sen, dass der Verfügungs­be­klag­ten auf­ge­ge­ben wird, es bis zu ei­ner erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che zu dul­den, dass die Verfügungskläge­rin ih­re Ar­beit in dem E cen­ter Frank­furt/Oder nicht auf­nimmt.
Das Ar­beits­ge­richt Cott­bus hat mit Ur­teil vom 23.09.2016, auf des­sen Tat­be­stand we­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens der Par­tei­en Be­zug ge­nom­men wird, der Be­klag­te un­ter­sagt, die Kläge­rin bis zur erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung des Haupt­sa­che­ver­fah­rens in der Fi­lia­le der Be­klag­ten in Frank­furt / Oder zu beschäfti­gen und
1. Die gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haf­te Be­ru­fung der Verfügungs­be­klag­ten ist von ihr frist­gemäß und form­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den (§§ 519, 520 Abs. 1 und 3 ZPO, § 66 Abs. 1 S. 1 und 2 ArbGG).
Die Be­ru­fung der Verfügungs­be­klag­ten ist da­her zulässig.
2. Die Be­ru­fung der Verfügungs­be­klag­ten ist in­des un­be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht im We­ge ei­ner einst­wei­li­gen Verfügung nach §§ 935,940 ZPO ei­ne vorläufi­ge Re­ge­lung hin­sicht­lich der von der Be­klag­ten er­las­se­nen Wei­sung ge­trof­fen.
2.2 Der Kläge­rin steht vor­lie­gend ein Verfügungs­an­spruch im Sin­ne ei­ner zu si­chern­den Rechts­po­si­ti­on zur Sei­te weil sich die von der Be­klag­ten mit Schrei­ben vom 01.09.2016 aus­ge­spro­che­ne Ver­set­zung nach Frank­furt/Oder als un­wirk­sam er­weist. Sie ist vom Di­rek­ti­ons­recht der Be­klag­ten nach § 106 Ge­wO nicht ge­deckt (2.2.1). Die Kläge­rin kann im Rah­men der vorläufi­gen Re­ge­lung von der Be­klag­ten bis zu ei­ner erst­in­stanz­li­chen
Die von der Be­klag­ten per Wei­sung verfügte Ände­rung des Ar­beits­or­tes der Kläge­rin nach Frank­furt/Oder ist un­wirk­sam. Ihr steht die ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung des Ar­beits­orts „ Cott­bus“ ent­ge­gen. Denn die Par­tei­en ha­ben im Ar­beits­ver­trag als Ar­beits­ort „Cott­bus“ fest­ge­legt. Dies er­gibt ei­ne Aus­le­gung des Ar­beits­ver­tra­ges nach dem Maßstab der §§ 133,157 BGB. Da­bei ist zunächst vom Wort­laut der Ver­ein­ba­rung aus­zu­ge­hen.
Im Hin­blick auf die von der Kläge­rin zu leis­ten­de Ar­beit ist im Ar­beits­ver­trag die „Fi­lia­le 3… EC Cott­bus“ aus­drück­lich aus­ge­wie­sen. Al­ler­dings wäre dies für sich ge­nom­men für ei­ne ver­trag­li­che Fest­le­gung des Ar­beits­or­tes nicht aus­rei­chend. Die Par­tei­en ha­ben je­doch im Ar­beits­ver­trag wei­te­re, zusätz­li­che Re­ge­lun­gen zum Di­rek­ti­ons­recht der Be­klag­ten ge­trof­fen. Sol­che Re­ge­lun­gen sind da­bei aus­drück­lich auf „die Fi­lia­le“, und zwar im Sin­gu­lar, be­schränkt.
Da­mit ha­ben die Par­tei­en zum Aus­druck ge­bracht, dass ein Ein­satz der Kläge­rin nur in­ner­halb die­ser Fi­lia­le er­fol­gen sol­le. Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es des Zu­sat­zes „in­ner­halb der Fi­lia­le“ nicht be­durft hätte, wenn ein dem Di­rek­ti­ons­recht zugäng­li­cher Ar­beits­ort hätte ver­ein­bart wer­den sol­len. Ver­set­zungs­klau­seln in Be­zug auf ei­nen Ein­satz der Kläge­rin in an­de­ren Fi­lia­len sind nicht vor­han­den.
Zwi­schen den Par­tei­en be­steht da­mit Streit über den Um­fang des Di­rek­ti­ons­rechts, da sich die Be­klag­te mit ih­rer Wei­sung vom 01.09.2016 un­ge­ach­tet die­ser ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen dar­auf be­ruft, die Kläge­rin in der Fi­lia­le in Frank­furt / Oder ein­set­zen zu können. Dies stellt ein Rechts­verhält­nis dar, das grundsätz­lich ei­ner ge­richt­li­chen Klärung of­fen steht. Es ent­spricht ständi­ger Recht­spre­chung, dass ein Ar­beit­neh­mer z.B. im Rah­men ei­ner Fest­stel­lungs­kla­ge oder aber ei­ner Beschäfti­gungs­kla­ge ge­richt­lich den Um­fang des Di­rek­ti­ons­rechts fest­stel­len las­sen kann. Denn der Ar­beit­neh­mer ist gemäß § 611 BGB als Schuld­ner dem Ar­beit­ge­ber als Gläubi­ger ge­genüber nur ver­pflich­tet, die­je­ni­ge Ar­beits­leis­tung zu er­brin­gen, zu der er auf­grund des Ar­beits­ver­tra­ges und ei­ner gemäß § 106
2.2.2. Der Kläge­rin steht auch ein Verfügungs­grund für die be­gehr­te Re­ge­lungs­verfügung zur Sei­te. Die Si­che­rung der ge­nann­ten Rechts­po­si­ti­on der Kläge­rin kann auch Ge­gen­stand ei­ner einst­wei­li­gen Verfügung sein.
2.2.2.1 Dem steht nicht die Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 22.02.2012 (5 AZR 249 / 11 – BAG E 141,34-41) ent­ge­gen. Zwar darf sich nach die­ser Ent­schei­dung der Ar­beit­neh­mer über ei­ne un­bil­li­ge Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts – so­fern sie nicht aus an­de­ren Gründen un­wirk­sam ist – nicht oh­ne wei­te­res hin­weg­set­zen, son­dern er muss ent­spre­chend § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB die Ge­rich­te für Ar­beits­sa­chen an­ru­fen. Dies folgt dar­aus, dass die un­bil­li­ge Leis­tungs­be­stim­mung nicht „nich­tig“, son­dern nur „un­ver­bind­lich“ ist, § 315 Abs. 3 Satz 1 BGB, und darüber gemäß § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB das Ge­richt ent­schei­den soll. In­so­weit wäre es frag­lich, ob in die­ser Kon­stel­la­ti­on ein Verfügungs­grund an­zu­neh­men wäre.
2.2.2.2 Auch kommt es ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten nicht dar­auf an, ob die Kläge­rin ei­nen In­di­vi­dual­an­spruch im Sin­ne von § 194 Abs. 1 BGB auf „Rück­nah­me der Wei­sung“ hat. Bei der einst­wei­li­gen Verfügung zum Zwe­cke der Re­ge­lung ei­nes einst­wei­li­gen Zu­stan­des in Be­zug auf ein strei­ti­ges Rechts­verhält­nis nach § 940 ZPO tritt an die Stel­le des zu si­chern­den In­di­vi­dual­an­spruchs das zu re­geln­de strei­ti­ge Rechts­verhält­nis (Zöller/Voll­kom­mer § 940 ZPO Rz. 2). Ei­ne sol­ches er­gibt sich aus den obi­gen Ausführun­gen. Wel­che An­ord­nun­gen im Ein­zel­nen zu tref­fen sind, be­stimmt sich gemäß § 938 ZPO nach de­ren Er­for­der­lich­keit zur Er­rei­chung des Si­che­rungs­zwecks.
2.2.2.3 Der Verfügungs­grund liegt vor, weil die Ge­fahr be­steht, dass die Ver­wirk­li­chung ei­nes Rechts oh­ne als­bal­di­ge einst­wei­li­ge Re­ge­lung ver­ei­telt oder we­sent­lich er­schwert wird. Zur Ab­wen­dung die­ser Ge­fahr ist die hier be­an­trag­te einst­wei­li­ge Verfügung er­for­der­lich. Dies er­gibt ei­ne Abwägung der In­ter­es­sen der Par­tei­en. Da­nach er­scheint der Er­lass der einst­wei­li­gen Verfügung drin­gend ge­bo­ten (vgl. hier­zu Zöller/Voll­kom­mer § 940 ZPO Rz. 6; LAG Hamm 06.11.2007 - 14 Sa Ga 39/07– ju­ris; Thürin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 18. März 2015 – 6 Sa­Ga 5/14 –, ju­ris; OLG München, Ur­teil vom 01. Ok­to­ber 1998 – 6 U 4123/98 –, OLGR München 1999, 245).
Bei einst­wei­li­gen Verfügun­gen ge­gen Wei­sun­gen des Ar­beit­ge­bers zu In­halt, Ort und Art der Ar­beits­leis­tung soll nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung ein ge­stei­ger­tes Ab­weh­rin­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers für den Er­lass ei­ner einst­wei­li­gen Verfügung zunächst nur bei of­fen­sicht­li­cher Rechts­wid­rig­keit der ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Maßnah­me zu be­ja­hen sein, an­sons­ten nur bei er­heb­li­chen Ge­sund­heits­ge­fah­ren, ei­ner dro­hen­den ir­re­pa­ra­blen Schädi­gung des be­ruf­li­chen An­se­hens oder bei schwe­ren Ge­wis­sens­kon­flik­ten, die vom Ar­beit­neh­mer dar­zu­le­gen und glaub­haft zu ma­chen sind. Es soll grundsätz­lich aus­rei­chend sein, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­ne Klärung der Rechts­wirk­sam­keit im re­gulären Haupt­sa­che­ver­fah­ren des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils­ver­fah­rens her­beiführen könne (vgl. LAG Hamm, Ur­teil vom 5. Fe­bru­ar 2008 - 11 Sa­Ga 4/08 -; LAG Hes­sen Be­schluss vom 24. Ju­ni 2010 – 9 Ta 192/10 –, ju­ris, LAG Köln Be­schluss vom 14. Au­gust 2009 - 9 Ta 264/09 -; LAG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Ur­teil vom 12. Mai 2009 - 5 Sa­Ga 4/08 -;).
Es kann da­hin­ste­hen, ob das schutzwürdi­ge In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers auf Er­lass ei­ner einst­wei­li­gen Verfügung auf die ge­nann­ten Kon­stel­la­tio­nen be­schränkt ist. Denn im vor­lie­gen­den Fall er­weist sich die ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Wei­sung als of­fen­sicht­lich rechts­wid­rig, weil sie – wie ge­zeigt -vom Ar­beits­ver­trag nicht ge­deckt ist. In ei­nem sol­chen Fall ist die Fra­ge der „er­for­der­li­chen Maßnah­me“ in ei­ner Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen zu
Un­ter Abwägung der bei­der­sei­ti­gen Be­lan­ge er­scheint es da­mit er­for­der­lich, der Ar­beit­ge­be­rin auf­zu­ge­ben, es zu dul­den, dass die Kläge­rin ih­re Tätig­keit nicht in Frank­furt/Oder auf­nimmt.
Da­bei ist auf Sei­ten der Kläge­rin ei­ner­seits das Ri­si­ko zu berück­sich­ti­gen, dass ihr Ar­beits­verhält­nis gekündigt wer­den könn­te, wenn sie die ar­beit­ge­ber­sei­ti­ge Wei­sung nicht be­folgt. Das Ar­beits­verhält­nis wäre dann erst ein­mal in sei­nem Be­stand gestört. Im Kündi­gungs­schutz­pro­zess würde sie zu­dem das Ri­si­ko tra­gen, dass sich ih­re Rechts­auf­fas­sung über die Aus­le­gung des Ver­tra­ges als feh­ler­haft er­wei­sen würde. Es strei­tet für das In­ter­es­se der Kläge­rin an ei­ner vorläufi­gen Re­ge­lung der Ver­lust ih­rer ver­trag­li­chen Rechts­po­si­ti­on, wenn sie die­ses Ri­si­ko nicht ein­ge­hen möch­te und der Wei­sung der Be­klag­ten Fol­ge leis­tet. Denn nach der hier ge­trof­fe­nen Aus­le­gung des Ar­beits­ver­tra­ges war die Kläge­rin nicht ver­pflich­tet, ih­re Tätig­keit in Frank­furt/Oder auf­zu­neh­men. Bis zu ei­ner Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che müss­te die Kläge­rin auf die­ser Rechts­po­si­ti­on ver­zich­ten, um Nach­tei­le in Be­zug auf den Be­stand ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses zu ver­mei­den. Dies ist der Kläge­rin im Hin­blick auf die er­heb­li­chen Fahr­zei­ten zu dem Ar­beits­ort Frank­furt/Oder auch bis zu ei­ner Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che nicht zu­zu­mu­ten. Denn selbst wenn die Be­klag­te bei ei­nem Aus­gang in der Haupt­sa­che zu Guns­ten der Kläge­rin die­ser die Fahrt­kos­ten er­stat­ten müss­te, ver­blie­be es bei dem er­heb­li­chen Zeit­auf­wand, den die Kläge­rin ge­genüber der ursprüng­li­chen Fahrt­zeit von ih­rem Wohn­ort nach Cott­bus zu leis­ten hätte. Da­bei ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass sich das Verhält­nis der Fahrt­zeit zu der tägli­chen Ar­beits­zeit der Kläge­rin er­heb­lich verändern würde.
Dem­ge­genüber strei­ten für die Be­klag­te kei­ne Rechts­po­si­tio­nen, die die auf Kläger­in­sei­te Ge­nann­ten über­wie­gen würden. Zwar kann die Be­klag­te die Kläge­rin während des Laufs der Kündi­gungs­frist dann nicht beschäfti­gen, da ihr ursprüng­li­cher Ar­beits­platz in Cott­bus ent­fal­len ist. Dies kann je­doch nur zu ei­ner Rechts­be­ein­träch­ti­gung sei­tens der Be­klag­ten führen, wenn die Be­klag­te im Rechts­streit der Haupt­sa­che ge­win­nen würde. Aber auch dann wäre die Rechts­po­si­ti­on der Be­klag­ten nicht we­sent­lich be­ein­träch­tigt. Zwin­gen­de Gründe für ei­nen so­for­ti­gen Ein­satz der Kläge­rin in der Fi­lia­le in Frank­furt / Oder hat die Be­klag­te nicht dar­ge­tan. So­weit es dar­um geht, dass die Be­klag­te der Kläge­rin oh­ne Ar­beits­leis­tung kei­ne Vergütung zah­len möch­te, nimmt die vor­lie­gen­de einst­wei­li­ge Verfügung ei­ne Vor­weg­nah­me der Haupt­sa­che oh­ne­hin nicht vor. Ob die Be­klag­te nämlich ver­pflich­tet ist, an die Kläge­rin Ar­beits­ent­gelt zu zah­len, be­stimmt sich al­lein da­nach, ob die Vor­aus­set­zun­gen ei­nes
3. Aus die­sen Gründen war die Be­ru­fung der Be­klag­ten mit der im Te­nor ge­trof­fe­nen Maßga­be zurück­zu­wei­sen. Die Kos­ten­ent­schei­dung er­gibt sich aus § 97 ZPO. Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on ist gemäß § 92 Satz 3 ArbGG im Rah­men des einst­wei­li­gen Verfügungs­ver­fah­rens aus­ge­schlos­sen.
zur Übersicht 7 SaGa 1629/16