Source: http://lawgical.jura.uni-sb.de/index.php?/entry/455-Niederlaendisches-Gericht-entscheidet-ueber-gewaltsamen-Diebstahl-virtueller-Gueter.html
Timestamp: 2014-07-30 00:54:54
Document Index: 247489995

Matched Legal Cases: ['§ 249', '§ 255', '§ 90', '§ 248', '§ 253', '§ 240']

Niederländisches Gericht entscheidet über gewaltsamen Diebstahl virtueller Güter - LAWgical
Niederländisches Gericht entscheidet über gewaltsamen Diebstahl virtueller Güter
Gestern geisterte eine Meldung durch die Computernews, z.B. bei heise.de und golem.de wonach ein niederländisches Gericht zwei Jugendliche wegen eines Diebstahls virtueller Güter in einem Online-Spiel verurteilt habe. Nach Studium der in den deutschen Berichten zitierten Quellen (z.B. de Volkskrant und Radio Netherlands Worldwide) stellt sich der Tathergang folgendermaßen dar: Zwei Jugendlich haben ihr ebenfalls jugendliches Opfer gezwungen sie zr Wohnung eines der Täter zu begleiten. Dort haben sie das Opfer so lange mit Schlägen und Tritten traktiert und mit Messern bedroht, bis dieser sich in das Onlinespiel "Runescape" einloggte und virtuelle Güter, die er dort zuvor gewonnen hatte, an die Accounts der Täter transferierte. Das niederländische Gericht bewertete die Tat als "Diebstahl mit Gewalt" (diefstal met geweld) - nach deutscher Begrifflichkeit entspricht dies am ehesten den Delikten Raub (§ 249 StGB - gewaltsames "Nehmen") oder Räuberische Erpressung (§ 255 StGB - gewaltsames "Sich-Geben-lassen"). Der Schwerpunkt des Falles lag aber auf der Frage, ob an virtuellen Gegenständen überhaupt ein Diebstahlsdelikt begangen werden kann. Der Staatsanwalt hat vorgetragen, dass hierfür maßgeblich sei, ob das gestohlene Objekt für das Opfer einen gewissen wert darstelle, den es durch die Tat eingebüßt habe. Dass die Sachen einen Wert hätten, ergebe sich daraus, dass Gegenstände aus Onlinespielen auch außerhalb der Spiele gegen Geld gehandelt würden. Das Gericht ist dem Gefolgt und hat zudem auf eine frühere Entscheidung zum "Stromdiebstahl" verwiesen, bei dem ebenfalls lediglich auf den Wert, jedoch nicht auf die Körperlichkeit des entwendeten Gutes abgestellt worden sei.
Hier liegt ein entscheidender Unterschied zum deutschen Recht. Die Tatbestände der Diebstahls- und Raubdelikte im deutschen StGB gehen vom bürgerlich-rechtlichen Sachenbegriff des § 90 BGB aus, wonach Sachen körperliche Gegenstände sind. Die hierdurch bedingte Strafbarkeitslücke beim Diebstahl elektrischer Energie ist bereits 1899 vom Reichsgericht erkannt worden. In seiner Entscheidung RGSt 32,165 hat es daher einen "Stromdieb" freigesprochen. In der Folge wurde im Jahr 1900 zur Schließung der Strafbarkeitslücke § 248c StGB eingeführt, der die "Entziehung elektrischer Energie" unter Strafe stellt. Nach deutschem Recht könnte man also gerade nicht den Analogieschluss auf den elektrischen Strom ziehen, den das niederländische Gericht gezogen hat. Dennoch bliebe eine solche Tat nach deutschem Recht nicht straflos. Die Tat lässt sich unter den Tatbestand des § 253 StGB subsumieren, der lediglich die Nötigung zu einer Handlung, die einen Vermögensnachteil beim Geschädigten zur Folge hat und eine Bereicherungsabsicht beim Täter voraussetzt.
Tags für diesen Artikel: diebstahl, erpressung, onlinespiel, raub, virtuelles gut
Wie Golem und Heise gestern berichteten, hat ein Bezirksgericht im niederländischen Leeuwarden zwei Jugendliche wegen Diebstahls zweier virtueller Gegenstände (einem Amulett und einer Maske) von einem Spieler des Onlinespiels Runescape zu 160 und 200 Stun
Aufgenommen: Okt 23, 21:59
Wenn, dann wäre hier sogar eine räuberische Erpressung anzunehmen.
Ich habe allerdings Zweifel, ob virtuelle Güter zum juristisch-ökonomischen Vermögensbegriff gehören und davon geschützt werden: Bloße Expektanzen und Erwerbschancen gehören ja nicht dazu. Und was ist so ein Amulett anderes als die Hoffnung, aufgrund seiner spielinternen Fähigkeiten leichter durch das Spiel zu kommen, mehr Gegner zu besiegen, etc.
Meines Erachtens kommt hier also mangels Vermögensschadens nur Nötigung (§ 240 StGB) in Betracht.
Virtuelle Güter als solche sind sicher keine Vermögeswerte. Auf den Wert des Gegenstands im Spiel, der einem eine bessere Position im Spielgeschehen verschafft, kommt es in der Tat nicht an. Wenn man aber den Ausführungen des Staatsanwalts in dem Verfahren insoweit folgt, als jedenfalls für Güter aus Runescape offensichtlich ein Markt außerhalb des Spiels existiert (Objekte aus WoW werden sogar bei ebay gehandelt), so kann der Gegenstand mit seinem Verkaufswert außerhalb der Spielumgebung bewertet werden. Ein an einem realen Markt handelbares Gut sehe ich als Vermögenswert an.
[ Ursprung ]#1: Der_Rufer am 24.10.2008 09:03
#2: Iris Speiser am 25.10.2008 20:22