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Timestamp: 2020-04-10 20:04:09
Document Index: 16320044

Matched Legal Cases: ['Art. 40', 'Art. 38', 'Art. 59', 'Art. 39', 'Art. 39', 'Art. 58', 'Art. 32', 'Art. 39', 'Art. 59', 'Art. 59', 'Art. 43', 'Art. 56']

Qualität und Patientensicherheit selected
Krankenversicherung: Qualität und Patientensicherheit
Die Patientinnen und Patienten haben Anrecht auf eine sichere und qualitativ hochstehende Behandlung. Mit der Qualitätsstrategie (2009) und dem Bericht zu ihrer Konkretisierung (2011) schaffte der Bund in den vergangenen Jahren eine wichtige Basis für die Weiterentwicklung seiner Aktivitäten bezüglich Qualität und Patientensicherheit. Im Fokus stehen die Qualitätsmessung und -verbesserung.
Qualität und Patientensicherheit: Warum besteht Handlungsbedarf?
Die Patientensicherheit ist heute nur ungenügend gewährleistet. Verschiedene internationale Studien zeigen, dass im Durchschnitt jeder zehnte Patient während des Spitalaufenthalts ein unerwünschtes medizinisches Ereignis (adverse event) erlebt. Gegenstand der Studien waren nur in den Krankengeschichten dokumentierte Fälle. Aus den Studien geht hervor, dass ca. die Hälfte dieser Zwischenfälle vermeidbar wäre. Werden die Studienresultate des Institute of Medicine1 auf die Schweiz hochgerechnet, wären dies 2‘000 – 3‘000 Todesfälle pro Jahr. Bis heute gibt es in der Schweiz keine nationale Studie über unerwünschte medizinische Ereignisse.
Halfon, Staines und Burnand2 haben in einem Schweizer Spital rund 1‘000 Krankengeschichten untersucht: Bei 12 Prozent der behandelten Patientinnen und Patienten kam es zu einem oder mehreren unerwünschten Ereignissen. Knapp die Hälfte wäre vermeidbar gewesen.
Eine Messung der Expertengruppe Swissnoso in 96 Schweizer Spitälern3 zeigte, dass sich 6 Prozent der Patientinnen und Patienten eine Spitalinfektion zugezogen hatten.
Im gesamten Gesundheitssektor ist also ein Umdenken gefragt. Es braucht eine Kultur, in der Fehler offen angesprochen werden (Sicherheitskultur). Nur wenn diese kein Tabu-Thema mehr sind, kann wie in anderen Hochrisikobranchen aus Fehlern gelernt werden (Beispiel: Luftfahrt). In einer Organisation mit etablierter Sicherheitskultur führen Fehler oder Zwischenfälle immer zu einer Verbesserung des Systems. Voraussetzung ist, dass Fehler transparent gemeldet und systematisch erfasst werden.
Darüber hinaus gilt es, Patientinnen und Patienten für die Risiken zu sensibilisieren. So können auch sie zu ihrer Sicherheit beitragen. Die meisten Patientinnen und Patienten halten ein Spital für einen sicheren Ort. Sie schätzen die möglichen Risiken eines medizinischen Eingriffs oft zu tief ein und hinterfragen seine Notwendigkeit nicht kritisch (z.B. Diskushernien-Operationen, Kniearthroskopien, Chemotherapien in der letzten Lebensphase).
Qualitätsdefizite verursachen im Gesundheitssystem hohe vermeidbare Kosten. Allein durch vermeidbare Zwischenfälle dürften in der Schweiz über 400'000 unnötige Spitaltage anfallen.
Das Bundesgesetz vom 18. März 1994 über die Krankenversicherung (KVG) verlangt, das Wirtschaftlichkeit und Qualität die Spitalplanung abstützen. Voraussetzung sind Erhebung und adäquate Interpretation von Qualitätsindikatoren. Den Leistungserbringern liefern sie zudem die Basis für einen strukturierten Verbesserungsprozess.
Wer ist für die Qualität zuständig?
Die Qualitätssicherung und -förderung wird durch die jeweilige Gesetzgebung verschiedenen Akteuren auferlegt:
Gesundheitsrechtlich
Der Bund erlässt Vorgaben im Bildungsbereich und für die Berufsausübung.
Die Kantone sind Bewilligungsinstanz und vergeben in diesem Rahmen Betriebs- und Berufsausübungsbewilligungen. Sie nehmen ihre gesundheitspolizeilichen Aufsichtsfunktionen wahr und die Leistungserbringer haben ihren Beruf sorgfältig auszuüben.1
1 z.B. Art. 40 Bst. a Bundesgesetz vom 23. Juni 2006 über die universitären Medizinalberufe (MedBG, SR 811.11); Gesundheits- und Spitalversorgungsgesetze der Kantone
Krankenversicherungsrechtlich
Er regelt die Voraussetzungen zur Zulassung der Leistungserbringer, insbesondere erlässt er für Spitäler und andere Einrichtungen einheitliche Planungskriterien auf der Grundlage von Qualität und Wirtschaftlichkeit (Art. 38 und 39 KVG);
er legt Eckwerte fest für die Entwicklung, Erhebung und die Publikation von Qualitätsinformationen (insbesondere nach Art. 59a KVG);
er legt subsidiäre Massnahmen fest, wenn die Tarifpartner hinsichtlich vertraglicher Qualitätssicherung nach den Artikeln 59d und 77 der Verordnung vom 27. Juni 1995 über die Krankenversicherung (KVV) oder die Kantone in ihrer Versorgungsplanung im Bereich der hoch spezialisierten Medizin ihren Aufgaben nicht nachkommen (Art. 39 Abs. 2bis KVG).
Sie beurteilen die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Spitäler im Rahmen der Versorgungsplanung (Art. 39 KVG und Art. 58a–58e KVV);
sie unterstützen die Verbindlichkeit von Vorgaben qualitätssichernder Massnahmen und Qualitätsmessungen des Bundes bei den Leistungserbringern.
Sie erbringen wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Leistungen im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (Art. 32 KVG);
sie setzen die qualitätssichernden Massnahmen gemäss den Vorgaben des Bundes, der Kantone und den Verträgen mit den Versicherern um (Art. 39, 43 und 58 KVG);
sie sichern betrieblich eigenverantwortlich die Qualität und entwickeln die Qualität in der Leistungserbringung, einschliesslich Initiierung und Durchführung von lern-orientierten Aktivitäten z.B. zu Benchmarking und Best Practice (Art. 59d und 77 KVV); dazu gehört auch die Etablierung einer Sicherheitskultur.
Sie erheben Daten zur Ermittlung von Qualitätsinformationen und stellen sie kostenlos zur Verfügung des Bundes (Art. 59a KVG).
Sie vereinbaren mit den Leistungserbringern Tarife und Massnahmen zur Gewährleistung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Leistungen (Art. 43 KVG);
sie überprüfen die Leistungserbringer hinsichtlich Erfüllung der Anforderungen an die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Leistungen zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung und beantragen Sanktionen bei den kantonalen Schiedsgerichten (Art. 56, 59 und 89 KVG).
Welche Ziele verfolgt der Bundesrat?
Der Bund hat sich zum Ziel gesetzt, dass die medizinischen Leistungen sicher, wirksam, patientenzentriert, rechtzeitig und effizient erbracht werden und ein chancengleicher Zugang für alle besteht. Mit diesen Zieldimensionen gibt er zugleich die relevanten Messdimensionen für Qualitätsindikatoren vor. Ziel des Bundes ist eine strukturierte Verbesserung von Qualität und Patientensicherheit. Damit werden auch unerwünschte medizinische Ereignisse (adverse events) verhindert. Der Bund unterstützt dazu vier Nationale Programme. Diese zeigen Möglichkeiten für konkrete Verbesserungen in Diagnose und Therapie auf und helfen damit den Leistungserbringern bei der Einhaltung der guten Praxis (best practice). Die Stiftung für Patientensicherheit führt die Programme im Auftrag des Bundes durch. Sie validiert zusammen mit den Stakeholdern die Massnahmen, welche in der Folge zum „professionellen Standard“ erklärt werden.
Wie entsteht Transparenz zu Qualität?
Aufgabe des Bundes ist, zuverlässige und zielpublikumsgerechte Qualitätsinformationen zur Verfügung zu stellen. Mit diesen Informationen können die verschiedenen Akteure des Versorgungssystems qualitätsrelevante Sachverhalte erkennen, Entscheidungen treffen und Massnahmen ergreifen.
Die vom BAG publizierten Qualitätsindikatoren der Akutspitäler (CH-IQI)1 umfassen Fallzahlen (z.B. Anzahl Bypass Operationen am Herz oder Anzahl behandelte Herzinfarkte) und Mortalitätszahlen (z.B. wie viele Todesfälle ergaben sich bei Patienten, die sich einer Bypass Operation am Herz unterzogen?). Sie werden jährlich für die einzelnen Spitäler publiziert. Auf der Webseite des BAG lassen sich die Ergebnisse von bis zu fünf Diagnosen / Eingriffen von bis zu fünf Spitälern vergleichen. Der Vergleich von Fallzahlen für einen bestimmten Eingriff oder eine bestimmte Erkrankung zeigt auf, welches Spital am meisten Erfahrung hat.
Der ANQ (Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken) erhebt für akut-somatische Spitäler, Psychiatrie- und Rehabilitations­kliniken ebenfalls Qualitätsindikatoren. Diese sind auf der Homepage des ANQ einsehbar.
Zurzeit werden zusammen mit den zuständigen Verbänden für die Organisationen der Krankenpflege und Hilfe zu Hause (SPITEX) und die Pflegeheime Qualitätsindikatoren entwickelt. Geplant ist, dass das Bundesamt für Statistik (BFS) die Daten nach Abschluss der Pilotphase routinemässig erhebt und dass das BAG diese veröffentlicht.
Eine Priorität des BAG ist die Erhebung und Publikation von Qualitätsindikatoren für Arztpraxen (ambulant-ärztlicher Bereich). Die Stiftung EQUAM hat medizinische Qualitätsindikatoren für Arztpraxen entwickelt, die bislang aber nur sehr wenige Praxen nutzen.
Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlicht alle zwei Jahre einen Bericht mit Indikatoren zur Qualität und Patientensicherheit. Auch die Schweiz ist darin vertreten2.
1 Link zu Faktenblatt Qualitätsindikatoren CH-IQI
Wie wird die Qualität verbessert?
Seit dem Jahr 2012 finanziert das BAG Nationale Programme zur Verbesserung der Qualität und Patientensicherheit, welche durch die Stiftung für Patientensicherheit umgesetzt werden.
1. Sichere Chirurgie
Mit der konsequenten Benutzung der WHO-Checkliste im Operationssaal soll die Anzahl vermeidbarer Zwischenfälle in der Chirurgie reduziert werden.
2. Medikationssicherheit bei Schnittstellen im Akutspital
Durch einen systematischen Medikationsabgleich bei Eintritt der Patientin und des Patienten sollen Medikationsverwechslungen, -auslassungen und -interaktionen sowie falsche Indikationen vermieden werden.
3. Sicherheit bei Blasenkathetern
Durch die Reduktion von unnötigen Kathetertagen sollen die blasenkatheter-assozierten Harnweginfekte reduziert werden.
4. Medikationssicherheit in Pflegeheimen
Die Polymedikation soll tendenziell vermieden werden und die Verschreibung von potentiell für ältere Personen gefährlichen Medikamenten soll reduziert werden.
Eine Gesetzesrevision zur Qualität und Wirtschaftlichkeit befindet sich zurzeit in parlamentarischer Beratung.
Nationaler Bericht zur Qualität und Patientensicherheit im Gesundheitswesen – Verbesserung der Qualität und Patientensicherheit des Schweizerischen Gesundheitswesens
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat Mitte 2018 einen Nationalen Bericht zur Qualität und Patientensicherheit im Gesundheitswesen in Auftrag gegeben. Der Bericht wurde von Charles Vincent und Anthony Staines verfasst. Der Bericht bildet den derzeitigen Wissensstand zur Qualität und Patientensicherheit in der schweizerischen Gesundheitsversorgung ab und zeigt den Handlungsbedarf auf.
Nationaler Bericht - Verbesserung der Qualität und Patientensicherheit des Schweizerischen Gesundheitswesen (Bericht von A. Staines und C. Vincent) (PDF, 1 MB, 14.11.2019)
Swiss National Report - Enhancing the Quality and Safety of Swiss Healthcare (Report by A. Staines and C. Vincent) (PDF, 1 MB, 14.11.2019)
Nationaler Bericht - Faktenblatt (PDF, 123 kB, 14.11.2019)
Swiss National Report - Short Reports (PDF, 6 MB, 14.11.2019)
Nationaler Bericht - Präsentation (PDF, 2 MB, 14.11.2019)
Empfehlungen und Vorschläge für die Bundesstrategie (Bericht des wissenschaftlichen Beirats) (PDF, 186 kB, 12.03.2018)
Qualitätsstrategie des Bundes im Schweizerischen Gesundheitswesen (PDF, 1 MB, 13.12.2016)
Bericht zur Konkretisierung der Qualitätsstrategie 2011 (PDF, 504 kB, 13.12.2016)
Qualitätsindikatoren helfen den Krankenhäusern noch besser zu werden (PDF, 102 kB, 13.12.2016)
Gesetzesrevision Qualität und Wirtschaftlichkeit
811.11 Bundesgesetz über die universitären Medizinalberufe MedBG
811.21 Bundesgesetz über die Gesundheitsberufe GesBG
https://www.bag.admin.ch/content/bag/de/home/versicherungen/krankenversicherung/krankenversicherung-qualitaetssicherung.html