Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Freistellung_Gewerkschaft_BAG_1AZR173-09.html
Timestamp: 2018-05-27 09:29:50
Document Index: 388758108

Matched Legal Cases: ['Art 9', '§ 275', '§ 91', '§ 91', 'Art. 9', 'Art. 9', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 9', 'Art. 9', '§ 241', '§ 106', '§ 106', 'Art. 9', '§ 106', '§ 275', '§ 241', '§ 87', '§ 8', '§ 8']

HENSCHE Arbeitsrecht: 1 AZR 173/09
Schlag­worte: Freistellung, Gewerkschaft
Akten­zeichen: 1 AZR 173/09
Ent­scheid­ungs­datum: 13.08.2010
Leit­sätze: We­der Art 9 Abs 3 GG noch § 275 Abs 3 BGB be­rech­ti­gen ei­nen ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten Ar­beit­neh­mer von der Ar­beit fern­zu­blei­ben, um an Sit­zun­gen des Orts­vor­stands sei­ner Ge­werk­schaft teil­zu­neh­men.
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Trier, Urteil vom 30.04.2008, 4 Ca 232/08
Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, Urteil vom 20.11.2008, 2 Sa 328/08
hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts am 13. Au­gust 2010 be­schlos­sen:
A. Die Par­tei­en ha­ben über ei­nen An­spruch der Kläge­rin auf un­be­zahl­te Frei­stel­lung von der Ar­beits­pflicht zur Teil­nah­me an Sit­zun­gen des Orts­vor­stands ei­ner Ge­werk­schaft ge­strit­ten.
Die Kläge­rin ist bei der Be­klag­ten als ge­werb­li­che Ar­beit­neh­me­rin beschäftigt. Sie ist nicht frei­ge­stell­tes Mit­glied des Be­triebs­rats. Seit En­de 2007 gehört sie dem Orts­vor­stand ei­ner Ge­werk­schaft an. Die­ser hält in zu­meist mo­nat­li­chen Abständen an Diens­ta­gen je­weils von 13.00 bis 17.00 Uhr sei­ne Sit­zun­gen ab. Für den Weg vom Be­trieb bis zum Sit­zungs­raum der Ge­werk­schaft muss die Kläge­rin ei­ne We­ge­zeit von rund ei­ner St­un­de zurück­le­gen.
Bis Au­gust 2008 hat­te die Kläge­rin ei­ne re­gelmäßige Ar­beits­zeit von 6.00 bis 14.00 Uhr, da­nach war sie im Drei­schicht­be­trieb mit Wech­sel von Früh-, Spät- und Nacht­schicht ein­ge­setzt.
Die Kläge­rin hat ge­meint, die Be­klag­te ha­be sie an den Sit­zungs­ta­gen des Orts­vor­stands in der Zeit von 12.00 bis 18.00 Uhr von der Ver­pflich­tung zur Ar­beits­leis­tung un­be­zahlt frei­zu­stel­len. Auf die Fest­le­gung der Sit­zungs­ter­mi­ne ha­be sie kei­nen Ein­fluss. Dem­ent­spre­chend hat die Kläge­rin zu­letzt die un­be­zahl­te Frei­stel­lung von der Ar­beits­pflicht für kon­kret be­nann­te Ta­ge im Jah­re 2009 ver­langt. Die Be­klag­te hat dem­ge­genüber gel­tend ge­macht, sie wer­de das Frei­stel­lungs­be­geh­ren der Kläge­rin - so­weit sie im Drei­schicht­be­trieb beschäftigt sei - bei der Schicht­pla­nung berück­sich­ti­gen. Ei­ne wei­ter­ge­hen­de un­be­zahl­te Frei­stel­lung von der Ar­beits­pflicht lehn­te sie ab.
Mit Schrift­satz vom 10. Ju­ni 2010 hat die Kläge­rin den Rechts­streit in der Haupt­sa­che für er­le­digt erklärt; die Be­klag­te hat sich dem an­ge­schlos­sen.
B. Nach den übe­rein­stim­men­den Er­le­di­gungs­erklärun­gen ist gem. § 91a Abs. 1 Satz 1 ZPO un­ter Berück­sich­ti­gung des bis­he­ri­gen Sach- und Streit­stan­des nach bil­li­gem Er­mes­sen über die Kos­ten des Rechts­streits zu ent­schei­den. Da­nach hat die Kläge­rin die Kos­ten des Rechts­streits zu tra­gen. Die
Fra­ge, ob der von der Kläge­rin ge­stell­te An­trag auf Frei­stel­lung von Ar­beits­pflich­ten als An­trag auf ei­ne zukünf­ti­ge Leis­tung zulässig war, be­darf da­bei im Rah­men der Kos­ten­ent­schei­dung nach § 91a ZPO kei­ner Ent­schei­dung. Ih­re zulässi­ge Re­vi­si­on wäre je­den­falls un­be­gründet ge­we­sen. Für das Frei­stel­lungs­be­geh­ren der Kläge­rin fehlt es an ei­ner Rechts­grund­la­ge.
I. So­weit die Kläge­rin während der Zeit der Orts­vor­stands­sit­zun­gen zu ar­bei­ten hat, kann sie von der Be­klag­ten nach Art. 9 Abs. 3 GG kei­ne un­be­zahl­te Frei­stel­lung von ih­rer Ar­beits­pflicht ver­lan­gen.
1. Die Teil­nah­me der Kläge­rin an den Sit­zun­gen des Orts­vor­stands der IG Me­tall stellt al­ler­dings ei­ne durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­sche Betäti­gung dar. Der Schutz die­ses Grund­rechts be­schränkt sich nicht auf die­je­ni­gen Tätig­kei­ten, die für die Er­hal­tung und die Si­che­rung des Be­stands der Ko­ali­ti­on un­erläss­lich sind, son­dern um­fasst al­le ko­ali­ti­ons­spe­zi­fi­schen Ver­hal­tens­wei­sen des Ver­bands und sei­ner ein­zel­nen Mit­glie­der (BVerfG 14. No­vem­ber 1995 - 1 BvR 601/92 - BVerfGE 93, 352). Da­zu zählt auch die Mit­wir­kung in ge­werk­schaft­li­chen Or­ga­nen und bei de­ren Wil­lens­bil­dung.
Hier­aus al­lein er­gibt sich je­doch noch kein An­spruch auf un­be­zahl­te Frei­stel­lung von der Ar­beits­pflicht. Die Kläge­rin lässt un­berück­sich­tigt, dass sie mit dem Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags und den da­mit ein­ge­gan­ge­nen Bin­dun­gen in zulässi­ger Wei­se auch über Grund­rechts­po­si­tio­nen verfügt hat. Mit der Be­gründung des Ar­beits­verhält­nis­ses hat sie der Be­klag­ten zu­ge­sagt, ihr im Rah­men der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Ar­beits­zeit ih­re Ar­beits­kraft zur Verfügung zu stel­len. In die­sem zeit­li­chen Um­fang hat sie Ein­schränkun­gen ih­rer pri­va­ten Le­bensführung hin­ge­nom­men (vgl. zu Art. 4 GG St­arck in v. Man­goldt/Klein/St­arck GG 6. Aufl. Art. 4 Rn. 137). Die da­mit ver­bun­de­ne Verfügung über Grund­rechts­po­si­tio­nen ist ei­ne we­sent­li­che Form des Grund­rechts­ge­brauchs und um der per­so­na­len Selbst­be­stim­mung wil­len grundsätz­lich zulässig (ErfK/Die­te­rich 10. Aufl. Einl. GG Rn. 63). Die ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ar­beits­zeit ist da­her für sich be­trach­tet kei­ne Ab­re­de, wel­che die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit un­zulässig ein­schränkt oder be­hin­dert (Art. 9 Abs. 3 Satz 2 GG).
2. Mit der Ein­ge­hung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses und der da­mit ver­bun­de­nen Grund­rechts­dis­po­si­ti­on ver­lie­ren ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Frei­heits­rech­te je­doch nicht je­de Be­deu­tung. Durch den Ar­beits­ver­trag wer­den nicht nur Haupt­leis­tungs­pflich­ten, son­dern auch ver­trag­li­che Rück­sicht­nah­me­pflich­ten (§ 241 Abs. 2 BGB) be­gründet. Die­se sind un­ter Be­ach­tung ver­fas­sungs­recht­li­cher Wer­tent­schei­dun­gen zu kon­kre­ti­sie­ren. Ent­spre­chen­des gilt bei der Ausübung des dem Ar­beit­ge­ber nach § 106 Ge­wO zu­ste­hen­den Wei­sungs­rechts zur Ver­tei­lung der ver­trag­lich ge­schul­de­ten Ar­beits­zeit. Nach die­ser Vor­schrift hat der Ar­beit­ge­ber In­halt, Ort und Zeit der Ar­beits­leis­tung näher zu be­stim­men, so­weit die­se Ar­beits­be­din­gun­gen nicht durch den Ar­beits­ver­trag, Be­stim­mun­gen ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung, ei­nes an­wend­ba­ren Ta­rif­ver­trags oder ge­setz­li­che Vor­schrif­ten fest­ge­legt sind. Die Leis­tungs­be­stim­mung ist nach bil­li­gem Er­mes­sen zu tref­fen. Das ver­langt vom Ar­beit­ge­ber ei­ne Abwägung der wech­sel­sei­ti­gen be­rech­tig­ten In­ter­es­sen un­ter Ein­be­zie­hung ver­fas­sungs­recht­li­cher Wer­tent­schei­dun­gen (vgl. BAG 15. Sep­tem­ber 2009 - 9 AZR 757/08 - EzA Ge­wO § 106 Nr. 4). Da­zu gehört auch die durch Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit des Ar­beit­neh­mers. Da im Rah­men der nach § 106 Ge­wO vor­zu­neh­men­den Abwägung die be­rech­tig­ten be­trieb­li­chen In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers zu berück­sich­ti­gen sind, kann da­hin­ste­hen, ob die von der Kläge­rin in der Re­vi­si­on vor­ge­nom­me­ne Ein­schränkung ih­res Kla­ge­an­trags durch den Zu­satz „so­weit be­trieb­li­che Gründe nicht ent­ge­gen­ste­hen“ wirk­sam er­folgt ist.
3. Da­nach be­steht kei­ne ver­trag­li­che Rück­sicht­nah­me­pflicht der Be­klag­ten, die Kläge­rin - wie von ihr be­gehrt - ge­ne­rell von 12.00 bis 18.00 Uhr zur Teil­nah­me an den um 13.00 Uhr be­gin­nen­den Orts­vor­stands­sit­zun­gen der Ge­werk­schaft von der Ar­beit frei­zu­stel­len. Auch un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­deu­tung der Ko­ali­ti­ons­betäti­gungs­frei­heit über­wiegt das In­ter­es­se der Be­klag­ten an der Ein­hal­tung der ver­trag­lich be­gründe­ten Ar­beits­pflicht das In­ter­es­se der Kläge­rin an der Teil­nah­me der re­gelmäßig an ei­nem Werk­tag um 13.00 Uhr be­gin­nen­den Sit­zun­gen. Die Fest­le­gung die­ser Sit­zungs­ter­mi­ne fällt in den Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Orts­vor­stands. Als des­sen Mit­glied wäre es Sa­che der Kläge­rin ge­we­sen, dar­auf hin­zu­wir­ken, dass die Sit­zun­gen nicht um
die Mit­tags­zeit be­gin­nen und da­mit ei­ne Kol­li­si­on mit den Ar­beits­pflich­ten voll­zeit­beschäftig­ter eh­ren­amt­lich täti­ger Ge­werk­schafts­mit­glie­der aus­zu­sch­ließen. Ihr Ein­wand, sie ha­be kei­nen Ein­fluss auf die Ter­min­fest­set­zung, ist im Verhält­nis zur Be­klag­ten un­be­acht­lich.
II. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Kläge­rin er­gibt sich we­gen der Teil­nah­me an den Orts­vor­stands­sit­zun­gen der IG Me­tall auch kein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht nach § 275 Abs. 3 BGB. Auch in­so­weit geht es um das Span­nungs­verhält­nis von Ver­trags­treue und Un­zu­mut­bar­keit der Ar­beits­leis­tung. Da­bei ist wie bei § 241 Abs. 2 BGB zu berück­sich­ti­gen, dass der auf 13.00 Uhr fest­ge­leg­te Sit­zungs­be­ginn bei Voll­zeit­beschäftig­ten of­fen­kun­dig re­gelmäßig zu ei­ner Kol­li­si­on mit be­ste­hen­den Ar­beits­pflich­ten führt. Da ei­ne Ver­le­gung des Sit­zungs­be­ginns auf ei­nen späte­ren Zeit­punkt nicht aus­nahms­los unmöglich ist, steht der Kläge­rin we­gen der Teil­nah­me an ge­werk­schaft­li­chen Orts­vor­stands­sit­zun­gen kein Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht zu.
III. So­weit die Kläge­rin im Schicht­dienst tätig ist, hat die Be­klag­te bei der Schicht­ein­tei­lung al­ler­dings den Wunsch der Kläge­rin an ei­ner Teil­nah­me an den ge­werk­schaft­li­chen Orts­vor­stands­sit­zun­gen zu berück­sich­ti­gen. Da­bei ist zu be­ach­ten, dass die Auf­stel­lung der Schicht­pläne nicht al­lein durch die Be­klag­te er­folgt, son­dern gemäß § 87 Abs. 1 Nr. 2 Be­trVG un­ter Be­ach­tung des Mit­be­stim­mungs­rechts des Be­triebs­rats. Die Be­triebs­par­tei­en ha­ben da­bei ne­ben an­de­ren In­ter­es­sen, wie et­wa der Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie und Er­werbstätig­keit (da­zu BAG 16. De­zem­ber 2008 - 9 AZR 893/07 - AP Tz­B­fG § 8 Nr. 27 = EzA Tz­B­fG § 8 Nr. 23), auch den Wunsch der Kläge­rin an ei­ner Teil­nah­me an Sit­zun­gen des Orts­vor­stands zu be­ach­ten. Die­se Ter­mi­ne ste­hen weit im Vor­aus fest. Die da­mit ver­bun­de­ne zeit­li­che Bin­dung der Kläge­rin kann oh­ne Wei­te­res in die Schicht­pla­nung ein­fließen. Da­von geht auch die Be­klag­te aus.
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