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Timestamp: 2019-10-17 03:12:29
Document Index: 2256685

Matched Legal Cases: ['BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 25', 'Art. 36', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 25', 'Art. 36']

U 456/05 - 2006-09-06 - Unfallversicherung - Unfallversicherung
H.________, geboren 1961 und aufgewachsen in Marokko, wo sie die Grundschulen besuchte und eine private Handelsschule absolvierte, ist seit 1991 in der Schweiz verheiratet und Mutter einer 1994 geborenen Tochter. Nach verschiedenen Arbeitseinsätzen in Marokko und im Raume C.________ arbeitete H.________ seit 9. Oktober 1995 vollzeitlich im Versand von Modeartikeln der Firma Q._________ AG und war in dieser Eigenschaft bei der "Zürich" Versicherungs-Gesellschaft (nachfolgend: "Zürich") obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen und Berufskrankheiten versichert. Am 15. Januar 1996 klemmte sie sich beim Umplatzieren eines Tisches an ihrem Arbeitsplatz den Zeige- und den Mittelfinger ihrer rechten dominanten Hand zwischen der Tischkante und einer Wand ein. Die am 16. Januar 1996 erstbehandelnde Hausärztin Dr. med. W.________ diagnostizierte eine Kontusion des rechten Zeigefingers und eine Exkoriation über dem Fingerrücken mit auslaufendem Hämatom gegen die Handwurzel radial/dorsal. Eine Fraktur oder Dislokation schloss die Ärztin röntgenologisch aus. Prognostisch ging sie von einer Wiederaufnahme der angestammten Tätigkeit bei voller Arbeitsfähigkeit ab 5. Februar 1996 aus und zog einen Behandlungsabschluss gegen Ende Februar 1996 in
Betracht (Arztzeugnis vom 13. Februar 1996). Die "Zürich" erbrachte die gesetzlichen Leistungen.
4.3 Soweit die "Zürich" in ihrer Vernehmlassung vom 6. Februar 2006 (S. 3) sinngemäss in Frage stellt, ob die vom rechten Zeigefinger her geklagten gesundheitlichen Einschränkungen überhaupt in einem natürlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall stünden, steht zwar fest, dass sich die Versicherte bereits 1992 und 1993 - also vor dem Unfall vom 15. Januar 1996 - wegen Gelenksbeschwerden unklarer Ätiologie von Dr. med. A.________ rheumatologisch behandeln liess und zwischen 1988 und 1993 an Oligoarthritis litt. Doch anerkannte die "Zürich" zutreffend, dass ein somatischer Vorzustand am rechten Zeigefingergelenk nicht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit belegt werden könne. Dementsprechend bestritt die "Zürich" zu Recht nicht, dass die Versicherte wegen der ihr als Unfallfolge am rechten Zeigefinger dauerhaft verbleibenden Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit Anspruch auf eine Integritätsentschädigung hat. Die von Seiten des rechten Zeigefingers her geklagten gesundheitlichen Einschränkungen stehen demnach, wie die Vorinstanz richtig erkannt hat, sowohl in einem natürlichen als auch adäquaten Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 15. Januar 1996, zumal klar fassbare physische Befunde
(wie die hier festgestellte traumatisch bedingte Knorpelläsion) nach einem Unfall praxisgemäss ohne weiteres diesem zugeordnet werden, selbst wenn es sich um eine singuläre bzw. aussergewöhnliche Unfallfolge handelt (BGE 117 V 365 mit Hinweis).
5.3 Gemäss Gutachten der Orthopädischen Klinik des Spitals Y._________ vom 5. November 1998 (nachfolgend: orthopädisches Gutachten) schätzten die Handchirurgen die Arbeitsfähigkeit als Sekretärin auf 50 % und gingen mit Blick auf die angestammte Tätigkeit von einer ausschliesslich manuellen, teils körperlich schwer belastenden Arbeit aus, welche der Versicherten nicht mehr zumutbar sei. Dieses orthopädische Gutachten ist insoweit widersprüchlich, als einerseits angeblich von einer Fortsetzung der medizinischen Behandlung keine namhafte Besserung des Gesundheitszustandes mehr erwartet werden konnte und andererseits "die Prognose völlig ungewiss" war. Hätte es gestützt auf die Angaben der untersuchenden Handchirurgen nach dem Zeitpunkt der Begutachtung durchaus zu einer Abnahme der Schmerzhaftigkeit und der Schwellungszustände verbunden mit einer Erhöhung der Belastbarkeit des rechten Zeigefingers kommen können, so wollten dieselben Gutachter dennoch gleichzeitig auch eine Entwicklung in die gegenteilige Richtung nicht ausschliessen. Nach dem orthopädischen Gutachten war jedenfalls "der definitive Zustand noch nicht erreicht", weshalb der darauf basierenden Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im Vergleich zu der mehr als ein Jahr
später erfolgten Einschätzung gemäss dem in sich widerspruchsfreien Gutachten B.________ nur ein beschränkter Beweiswert zukommt. Auch auf den Bericht des Handchirurgen Dr. med. U.________ vom 1. Dezember 2000 kann nicht abgestellt werden, zumal dessen Aussagen zur Arbeitsfähigkeit nicht auf einer nachvollziehbaren eigenständigen Beurteilung der Leistungsfähigkeit der Versicherten beruhen, sondern sich vielmehr auf mündliche Angaben einer Handtherapeutin abstützen. Zudem offenbarte er im Nachtrag am Ende des eben genannten Berichts seine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber dem Gutachterauftrag und somit seine Voreingenommenheit.
5.4 Statt dessen ist vielmehr auf die überzeugende Beurteilung der Arbeitsfähigkeit gemäss dem polydisziplinären Gutachten B.________ abzustellen. Demnach war die Versicherte trotz ihres Gesundheitsschadens ab 1. Januar 1999 als Sekretärin ganztags arbeitsfähig, wobei sie eine behinderungsbedingte Leistungseinbusse von etwa 20 % hätte in Kauf nehmen müssen. In der angestammten Tätigkeit im Schuhversand hätte sie ab 1. März 1999 unter Berücksichtigung einer gesundheitsbedingten, zeitlichen und leistungsmässigen Einschränkung zumutbarerweise eine Arbeitsfähigkeit von 50 % erwerblich verwerten können. Diese Beurteilung der Arbeitsfähigkeit beruht auf einer umfassenden Berücksichtigung der vorhandenen medizinischen Akten sowie einer ausserordentlich sorgfältigen und eingehenden Untersuchung der Versicherten unter anderem anhand neu erstellter Computertomogramme und Magnetresonanztomographien. Zudem decken sich die Einschätzungen im Wesentlichen mit den Erkenntnissen aus der ergotherapeutischen Zusatzevaluation. Das Gutachten B.________ ist für die streitigen Belange umfassend, beruht auf allseitigen Untersuchungen, berücksichtigt die geklagten Beschwerden und ist in Kenntnis der Vorakten abgegeben worden; zudem ist es in der
Beurteilung der medizinischen Zusammenhänge sowie der medizinischen Situation einleuchtend und enthält begründete Schlussfolgerungen (BGE 125 V 352 Erw. 3a). Somit kommt dieser Expertise grundsätzlich volle Beweiskraft zu.
6.3.4 Anhaltspunkte dafür, dass sich die in Marokko geborene gelernte Sekretärin arabischer Muttersprache mit guten Kenntnissen der französischen Sprache sowie rund zehn Jahren Arbeitserfahrung als Schreibkraft, Sekretärin und Direktionssekretärin in ihrem Heimatland aus freien Stücken in der Schweiz mit einer Tätigkeit im Schuhversand und damit verbunden mit einem branchenunüblichen, unterdurchschnittlichen Einkommen begnügen wollte, fehlen. Vielmehr ist auf Grund ihrer ausbildungsmässigen Verhältnisse davon auszugehen, dass sie ohne Behinderung ganztags im erlernten Beruf tätig sein möchte, diesen jedoch im deutschsprachigen Raum mangels der erforderlichen Sprachkenntnisse nicht ausüben kann. Steht fest, dass die Versicherte aus invaliditätsfremden Gründen ein unterdurchschnittliches Erwerbseinkommen erzielt hat, so ist praxisgemäss auch der bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielbare und als Invalideneinkommen anrechenbare Durchschnittsverdienst entsprechend zu reduzieren (Erw. 6.3.3 hievor), weshalb die Vorinstanz auch mit Blick auf das Invalideneinkommen vom reduzierten Vergleichswert für das Valideneinkommen von Fr. 41'600.- für das Jahr 2002 (bzw. Fr. 39'867.- für das Jahr 2000) ausging. Andernfalls würde die Versicherte
beim Invalideneinkommen schlechter gestellt, als wenn sie bei voller Gesundheit im angestammten Betrieb hätte weiterarbeiten können (Parallelität der Bemessungsfaktoren; vgl. BGE 129 V 225 Erw. 4.4; ZAK 1989 S. 458 Erw. 3b [= Urteil S. vom 4. April 1989, I 362/88]; RKUV 1993 Nr. U 168 S. 104 Erw. 5b [= Urteil U. vom 2. April 1993, U 110/92]; Urteil K. vom 2. Februar 2006, U 328/05).
6.6.3 Ebenso wenig lässt sich hier ein Abzug wegen der marokkanischen Herkunft, der mangelhaften Deutschkenntnisse oder der ausländischen Schul- und Berufsbildung begründen. Die Versicherte ist als Folge ihrer Ehe Schweizer Bürgerin geworden. Zudem verfügt sie über sehr gute Kenntnisse der französischen Sprache. Soweit die im Rahmen der Tabellenlohnabzüge zu berücksichtigenden persönlichen und beruflichen Merkmale (BGE 129 V 481 Erw. 4.2.3, 126 V 79 Erw. 5b/aa-cc) im Übrigen hier lohnrelevant sind, ist diesem Umstand bereits dadurch Rechnung getragen worden, dass mit Rücksicht auf das schon vor dem Unfall realisierte, unfreiwillig branchenunüblich-unterdurchschnittliche Einkommen auch der bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielbare und als Invalideneinkommen anrechenbare Durchschnittsverdienst entsprechend reduziert worden ist (Erw. 6.3.3 und 6.3.4 hievor). Denn die Gründe, welche - trotz qualifizierter Ausbildung und Berufserfahrung - bereits vor Eintritt des Gesundheitsschadens nicht aus freien Stücken zu einem Einkommen führten, welches unter dem Durchschnitt der Löhne für eine vergleichbare Tätigkeit lag, sind insoweit die gleichen, welche sich auch nach Eintritt des Gesundheitsschadens bei der medizinisch zumutbaren
erwerblichen Verwertung der verbleibenden Leistungsfähigkeit lohnmindernd auswirken. Würden die invaliditätsfremden Gründe, welche nach der Praxis zur Parallelität der Bemessungsfaktoren (vgl. BGE 129 V 225 Erw. 4.4 mit Hinweisen) zu einer Reduktion des auch bei ausgeglichener Arbeitsmarktlage erzielbaren und als Invalideneinkommen anrechenbaren Durchschnittsverdiensts führen, zusätzlich auch noch einen Leidensabzug am Tabellenlohn im Sinne der Praxis gemäss BGE 126 V 77 ff. Erw. 4 und 5 am bereits reduzierten Invalideneinkommen zur Folge haben, so würden dieselben Gründe bei der Ermittlung des Invaliditätsgrades zweimal zu Gunsten der versicherten Person berücksichtigt. Soweit die persönlichen und beruflichen Merkmale des konkreten Einzelfalles (BGE 126 V 78 Erw. 5a/cc) bereits im Rahmen der Ermittlung der hypothetischen Vergleichsgrössen (Validen- und Invalideneinkommen; BGE 129 V 225 Erw. 4.4 mit Hinweisen) berücksichtigt wurden, vermögen dieselben lohnbestimmenden Einflussfaktoren nicht zusätzlich auch noch einen Abzug von den LSE-Tabellenlöhnen im Sinne von BGE 129 V 481 Erw. 4.2.3 zu rechtfertigen.
7.1 Gestützt auf Art. 25 Abs. 2 UVG und Art. 36 Abs. 2 UVV hat der Bundesrat im Anhang 3 zur UVV Richtwerte für die Bemessung häufig vorkommender Integritätsschäden aufgestellt. In Weiterentwicklung der bundesrätlichen Skala hat die SUVA Feinraster in tabellarischer Form erarbeitet. Soweit sie lediglich Richtwerte enthalten, mit denen die Gleichbehandlung der Versicherten gewährleistet werden soll, sind sie mit Anhang 3 zur UVV vereinbar (BGE 124 V 32 Erw. 1c mit Hinweisen). Tabelle 3 der Richtwerte (Integritätsschaden bei einfachen oder kombinierten Finger-, Hand- und Armverlusten) in der überarbeiteten Fassung aus dem Jahr 2000 sieht für den Verlust eines Fingerendgliedes (mit Ausnahme des Daumens, wo der Verlust mit 5 % bewertet wird) keine Integritätsentschädigung vor (Ziff. 5, 8, 11 und 14). Für den Verlust von zwei Endgliedern (Zeige-/Mittelfinger, Mittel-/Ringfinger, Ring-/Kleinfinger) rechts oder links beträgt die Entschädigung 5 % (Ziff. 26, 35 und 40). Der gleiche Ansatz gilt für den Verlust von zwei Gliedern an einem Finger (Ziff. 6, 9, 12 und 15). Es besteht kein Anlass, die Angemessenheit dieser unter Berücksichtigung der Rechtsprechung (nicht veröffentlichtes Urteil M. vom 15. Oktober 1999, U 235/98) teilweise
geänderten Richtwerte in Frage zu stellen. Sie halten sich im Rahmen der bundesrätlichen Skala, welche den Verlust von mindestens zwei Gliedern eines Langfingers oder eines Gliedes des Daumens mit 5 % bewertet (Urteil T. vom 12. Januar 2004, U 134/03). Im Übrigen beurteilt sich die Schwere des Integritätsschadens allein nach dem medizinischen Befund; allfällige individuelle Besonderheiten der versicherten Person bleiben unberücksichtigt (BGE 115 V 147 Erw. 1, 113 V 221 Erw. 4b mit Hinweisen).
8.1 Die Vorinstanz räumt in ihrer Vernehmlassung vom 25. November 2005 selber ein, die zugesprochene Entschädigung sei zu tief ausgefallen, und beantragt, die Verwaltungsgerichtsbeschwerde der Versicherten sei insoweit teilweise gutzuheissen, als ihr für das erstinstanzliche Verfahren statt eine Parteientschädigung gemäss angefochtenem Entscheid im Betrag von Fr. 2800.- (inklusive Auslagen, zuzüglich 7,6 % Mehrwertsteuer) eine solche in der Höhe von Fr. 3200.- (inklusive Auslagen, zuzüglich 7,6 % Mehrwertsteuer) zuzusprechen sei. Dabei geht das kantonale Gericht jedoch zu Unrecht davon aus, die Versicherte habe erstinstanzlich im Wesentlichen obsiegt. Gemessen an ihren im vorinstanzlichen Beschwerdeverfahren gestellten Anträgen, womit sie unter anderem um Zusprechung einer "UVG-Rente von 50 % ab dem 1. Januar 2000" sowie einer Integritätsentschädigung auf Grund einer Integritätseinbusse von 20 % ersucht hatte, wies die Vorinstanz die Beschwerde im Punkt der Integritätsentschädigung ab und entsprach lediglich teilweise im Ausmass von weniger als 50 % dem Antrag der Beschwerde führenden Versicherten auf Zusprechung einer Invalidenrente. Bei nur teilweisem Obsiegen stand der Versicherten folglich nur ein Anspruch auf eine reduzierte
Parteientschädigung zu (BGE 117 V 407 Erw. 2c mit Hinweisen).
Entscheid : U 456/05
Datum : 06. September 2006
Publiziert : 10. Oktober 2006
OG: 132 134 135 152 159
UVG Art. 25 Höhe SR 832.20 Bundesgesetz über die Unfallversicherung
UVG Art. 36 SR 832.20 Bundesgesetz über die Unfallversicherung
104-V-135 • 105-V-156 • 112-V-356 • 113-V-218 • 114-V-310 • 115-V-133 • 115-V-147 • 117-V-359 • 117-V-401 • 124-V-29 • 125-V-201 • 125-V-256 • 125-V-351 • 126-V-353 • 126-V-75 • 128-V-124 • 128-V-192 • 128-V-29 • 129-V-1 • 129-V-177 • 129-V-222 • 129-V-472 • 131-V-362
I_15/05 • I_151/05 • I_362/88 • I_630/02 • I_789/02 • U_110/92 • U_134/03 • U_235/98 • U_328/05 • U_454/05 • U_456/05
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1999 S.239