Source: https://www.advocado.de/ratgeber/erbrecht/erbschaft/erbschaft-geschwister.html
Timestamp: 2018-06-24 22:25:21
Document Index: 338812406

Matched Legal Cases: ['§ 1922', '§1924', '§ 1931', '§ 1925', '§1926', '§ 1925', '§ 15']

Erbschaft und Geschwister - wie ist die Gesetzeslage?
01.02.2018 von Anja Ciechowski
Die Erbschaft unter Geschwistern kann mitunter viel Konfliktpotential beinhalten, vor allem, wenn weder testamentarisch noch erbvertraglich eindeutig geregelt ist, wer was erbt. In diesem Artikel erfahren Sie unter anderem, wann bei einer Erbschaft Geschwister des Verstorbenen bedacht werden, was die Gesetzeslage bei Sonderfällen wie Halb- und Stiefgeschwistern vorsieht und ob sie als Geschwister einen Pflichtteilsanspruch haben.
In diesem Artikel erfahren Sie u. a. ob bei einer Erbschaft Geschwister in der Erbfolge übergangen werden können, ob auch Stiefgeschwister einen Erbanspruch haben und welche Kosten auf die Erben zukommen können.
1. Können Geschwister in der Erbfolge übergangen werden?
2. Was sieht die allgemeine gesetzliche Erbfolge vor?
3. Wann werden bei der Erbschaft Geschwister bedacht?
4. Haben Halbgeschwister einen Erbanspruch?
5. Haben adoptierte Geschwister einen Erbanspruch?
6. Haben Stiefgeschwister einen Erbanspruch?
7. Gibt es eine Pflichtbeteiligung?
9. So können Sie Kosten sparen
1. Erbfolge: Können Geschwister übergangen werden?
Nach dem Tod einer geliebten Person geht deren Besitz nach den grundrechtlichen Bestimmungen des § 1922 Abs. 1 BGB auf eine oder mehrere Personen über. Dabei lässt sich die Vermögensverteilung entweder durch ein Testament regeln oder aber durch die rechtlich verankerte Erbfolge. Hat der Erblasser ein Testament hinterlassen, so richtet sich die Erbfolge einzig nach dem dort schriftlich festgehaltenen letzten Willen des Verstorbenen. Die gesetzlich festgelegte Erbfolge wird dadurch ausgehebelt - d. h., werden Sie als Bruder oder Schwester testamentarisch nicht bedacht, haben Sie demzufolge keinen Anspruch auf Beteiligung am Erbe.
Das Testament kann mithilfe eines Notars erstellt werden oder aber persönlich durch die eigene Erklärung. Da rechtliche Aspekte formaler und materieller Natur beim Aufsetzen eines Testaments eingehalten werden müssen, ist eine vorhergehende Rechtsberatung sinnvoll. Zum einen lassen sich so etwaige Unklarheiten aus dem Wege räumen. Zum anderen lässt sich der letzte Wille eindeutig und ohne Interpretationsspielraum für die Hinterbliebenen formulieren. Die letzten Angelegenheiten können auch durch einen Erbvertrag geregelt werden. Dieser ist in weiten Teilen identisch aufgebaut wie ein Testament. Da es sich jedoch hier um eine vertragsmäßige Verfügung handelt, ist der Erbvertrag im Gegensatz zum Testament nicht frei widerrufbar. Stattdessen gesteht er dem dort namentlich genannten Erben eine grundsätzlich nicht mehr entziehbare Rechtsposition zu, entfaltet also Bindungswirkung.
Hat der Erblasser kein Testament aufgesetzt oder einen Erbvertrag abgeschlossen, so greift die gesetzliche Erbfolge. Hierbei erben Angehörige entsprechend ihres Verwandtschaftsgrades. Zum Verwandtschaftsgrad erster Ordnung gehören die direkten Nachfahren des Erblassers (§1924 BGB). Vorrangig werden demzufolge die Kinder und Enkelkinder in der Erbfolge berücksichtigt. § 1931 BGB beinhaltet das Ehegattenerbrecht. Danach werden auch Ehepartner und eingetragene Lebenspartner zum Verwandtschaftsgrad erster Ordnung gezählt, obwohl sie entgegen der landläufigen Meinung als verschwägert gelten. Der Verwandtschaftsgrad zweiter Ordnung berücksichtigt bei der Erbschaft Geschwister und Eltern des Verstorbenen (§ 1925 BGB). Beim Grad dritter Ordnung werden u. a. die Großeltern, Onkel und Tanten bedacht (§1926 BGB). Existiert auch nur ein Verwandter erster Ordnung, so haben Angehörige nachfolgender Rangordnung keinen Anspruch auf das Erbe des Toten.
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Konkret bedeutet dies, dass bei einer Erbschaft Geschwister des Erblassers lediglich bedacht werden, wenn keine Erben erster Ordnung existieren, dieser also Zeit seines Lebens kinderlos und ledig blieb.
Leben die Eltern des Verstorbenen, so werden bei der Erbschaft Geschwister nach § 1925 Absatz 2 BGB nicht bedacht. Dies ist auf das Repräsentationsprinzip zurückzuführen, denn auch innerhalb der einzelnen Erbenordnungen existiert eine Rangfolge. Danach schließt der Repräsentant eines Stammes alle anderen potentiellen Erben des gleichen Stammes, d. h. die Geschwister des Verstorbenen, von der Erbfolge aus. Sind die Eltern des Erblassers zum Zeitpunkt des Erbfalls noch am Leben, so erben diese zu gleichen Teilen den Nachlass und die Geschwister des Verstorbenen gehen leer aus. Lebt lediglich nur noch ein Elternteil, werden in der Erbschaft Geschwister begünstigt. In diesem Fall treten die Geschwister nämlich an die Stelle des bereits verstorbenen Elternteils.
Praxisbeispiel: Ein kinderloser, unverheirateter Erblasser hinterlässt seine Mutter und zwei Geschwister als Erben. Die Mutter erbt in diesem Fall die Hälfte des Vermögens und die Geschwister erhalten je ein Viertel.
4. Haben auch Halbgeschwister einen Erbanspruch?
Halbgeschwister sind wie Adoptiv- und Vollgeschwister Erben zweiter Ordnung. Sie erben nur, wenn keine Erben erster Ordnung (Kinder des Erblassers) existieren. Rechtlich sind sie also mit Vollgeschwistern gleichgestellt. Lediglich in der Höhe ihrer Ansprüche entscheidet das Verwandtschaftsverhältnis.
1. Leben die Eltern eines Erblassers noch, erben weder Voll- noch Halbgeschwister;
2. lebt nur noch ein Elternteil,
a) erbt dieser 50 % des Erbes,
b) die 50 % des verstorbenen Elternteils gehen auf dessen Kinder über;
3. leben die Eltern eines Erblassers nicht mehr, gehen die Ansprüche von Mutter und Vater auf ihre jeweiligen Abkömmlinge über.
Der Erblasser E hat zwei Geschwister (S – eine Vollschwester – und HB – einen Halbbruder mütterlicherseits).
1. Wenn E stirbt und seine beiden Eltern noch leben, sind S und HB nicht am Erbe beteiligt. Die Eltern bekommen alles.
2. Lebt nur noch der Vater von E, stehen ihm 50 % des Erbes zu. Der Anspruch der verstorbenen Mutter – ebenfalls 50 % – geht auf ihre Kinder S und HB über. Sie erhalten demnach je 25 %.
3. Lebt hingegen nur noch die Mutter, bekommt sie 50 % des Erbes und die restlichen 50 % gehen auf die Abkömmlinge des Vaters über – in diesem Fall ausschließlich S. Demnach geht HB leer aus.
4. Sind beide Elternteile verstorben, gehen ihre Ansprüche von je 50 % auf ihre Abkömmlinge über. Somit stehen der Vollschwester 75 % und dem Halbbruder 25 % zu.
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Auch Adoptivgeschwister können einen Erbanspruch geltend machen - unabhängig dessen, dass keine leibliche Verwandtschaft besteht. Durch die Adoption wird ein rechtlicher Verwandtschaftsgrad erlangt, der rein juristisch betrachtet dem blutsverwandter Geschwister gleichgestellt ist.
Die gesetzliche Erbfolge beruht auf dem Verwandtenerbrecht. Daher können bei einer Erbschaft Geschwister lediglich Berücksichtigung finden, wenn sie diesen Status inne haben. Konkret bedeutet das für Stiefkinder, dass sie nur an der Erfolge teilnehmen können, wenn sie vorher adoptiert wurden und so den rechtlichen Zustand eines leiblichen Familienmitgliedes erlangt haben. Andernfalls sind Stiefgeschwister von der gesetzlichen Erbfolge ausgeschlossen, könnten aber dennoch testamentarisch durch den Erblasser begünstigt werden.
7. Erbrecht & Geschwister – Anspruch auf Pflichtbeteiligung?
Geschwister sind nicht pflichtbeteiligt. Lediglich direkte Nachkommen des Verstorbenen, einschließlich des Ehepartners und der Eltern haben einen Pflichtanspruch auf die Hinterlassenschaft des Verstorbenen. Daher können sich bei einer Erbschaft Geschwister im Falle einer Enterbung auch nicht auf einen Pflichtanteil aus der Hinterlassenschaft berufen.
8. Erbschaft & Geschwistern: Welche Kosten entstehen?
Die Höhe der Freibeträge und auch die Steuerklasse orientieren sich am Verwandtschaftsgrad des Erblassers und der Erben. Als Bruder oder Schwester eines Erblassers kann eine Erbschaft unter Geschwistern gegebenenfalls schnell teuer werden, da Sie in diesem Sachverhalt der Steuerklasse zwei zugeordnet werden. Der Freibetrag in dieser Steuerklasse beträgt lediglich 20.000 Euro und wird schnell überschritten (§ 15 ErbStG). Beachten Sie, dass die Steuerschuld bereits am Tag der Bereicherung entsteht, welcher nach herrschender Meinung mit dem Tod des Erblassers zusammenfällt. Das, was nach Abzug des Freibetrags vom Vermögenswert übrig bleibt, ist erbschaftssteuerpflichtig. Prozentual gesehen, können Sie je nach Vermögenswert mit einem Steuersatz von 15 bis zu 43 Prozent rechnen. Unter Umständen liegt daher die Steuerlast für ein umfangreiches Erbe schnell im sechsstelligen Bereich.
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