Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/versicherungsrecht/krankentagegeldversicherung-und-die-arbeitsunfaehigkeit-eines-rechtsanwalts-360976
Timestamp: 2020-07-07 07:00:24
Document Index: 196479132

Matched Legal Cases: ['§ 1', 'BGH', '§ 1', '§ 138', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 43', 'BGH']

Krankentagegeldversicherung und die Arbeitsunfähigkeit eines Rechtsanwalts | Rechtslupe
Arbeits­un­fä­hig­keit i.S. von § 1 Abs. 3 Satz 1 MB/​KT 2009 ent­fällt in der pri­va­ten Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rung nicht, wenn der Ver­si­cher­te ledig­lich zu ein­zel­nen Tätig­kei­ten in der Lage ist, die im Rah­men sei­ner Berufs­tä­tig­keit zwar auch anfal­len, iso­liert aber kei­nen Sinn erge­ben. Arbeits­un­fä­hig­keit eines Rechts­an­walts ist gege­ben, wenn die­sem die Fähig­keit zur umfas­sen­den Bear­bei­tung der über­nom­me­nen Man­da­te und Ver­tre­tung des Man­dan­ten fehlt.
Zwar genügt bereits eine nur zum Teil gege­be­ne Arbeits­fä­hig­keit, um den Anspruch auf Kran­ken­ta­ge­geld aus­zu­schlie­ßen. Die­se setzt aber vor­aus, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer in der Lage ist, dem aus­ge­üb­ten Beruf in sei­ner kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung min­des­tens teil­wei­se nach­zu­ge­hen [1].
Hier­für genügt es nicht, dass der Ver­si­cher­te ledig­lich zu ein­zel­nen Tätig­kei­ten in der Lage ist, die im Rah­men sei­ner Berufs­tä­tig­keit zwar auch anfal­len, iso­liert aber kei­nen Sinn erge­ben. Dies schließt es aus, bei einem selb­stän­dig täti­gen Rechts­an­walt, der eigen­stän­dig Man­da­te bear­bei­tet, nur auf einen Aus­schnitt der dabei anfal­len­den Auf­ga­ben, wie zum Bei­spiel das Füh­ren von Man­dan­ten­ge­sprä­chen, abzu­stel­len. Viel­mehr stellt die Fähig­keit zum flüs­si­gen Lesen und Durch­ar­bei­ten von Tex­ten regel­mä­ßig eine Grund­vor­aus­set­zung für das Aus­üben des juris­ti­schen Berufs dar; für den Beruf des Rechts­an­walts ist eine weit­ge­hend erhal­te­ne Lese­fä­hig­keit – vor­lie­gend hat­te der Rechts­an­walt einen leich­ten Schlag­an­falls mit der Fol­ge einer Lese­stö­rung (Dys­le­xie) erlit­ten- unab­ding­bar. Nur so ist für den Rechts­an­walt – mag auch eine Über­nah­me von Man­da­ten nur in redu­zier­tem Umfang mög­lich sein – die Fähig­keit zur umfas­sen­den Bear­bei­tung die­ser über­nom­me­nen Man­da­te und Ver­tre­tung des Man­dan­ten gege­ben.
Nichts ande­res ergibt sich aus dem BGH-Urteil vom 18. Juli 2007 [2]. Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof dort bei einem Archi­tek­ten, der nach­weis­lich an drei Tagen Akqui­se­tä­tig­keit aus­ge­übt hat­te, die­se Tätig­keit für den Ver­lust des Tage­geld­an­spruchs aus­rei­chen las­sen, aller­dings nur für jene drei Tage. Die­se Rechts­fol­ge ergab sich allein aus dem Tat­be­stands­merk­mal "sie auch nicht aus­übt" in § 1 Abs. 3 MB/​KT. Die­ses selb­stän­di­ge Tat­be­stands­merk­mal knüpft an die tat­säch­li­che Aus­übung der Berufs­tä­tig­keit in Teil­be­rei­chen trotz ins­ge­samt wei­ter vor­lie­gen­der Arbeits­un­fä­hig­keit an und sank­tio­niert eine sol­che Tätig­keit mit dem Ver­lust des Tage­geld­an­spruchs. Der Bun­des­ge­richts­hof hat indes aus der Fähig­keit zur Akqui­se obwohl er hier­in eine teil­wei­se Berufs­aus­übung gese­hen hat gera­de nicht gene­rell auf eine teil­wei­se Wie­der­her­stel­lung der Arbeits­fä­hig­keit geschlos­sen. Er hat das dor­ti­ge Beru­fungs­ur­teil viel­mehr hin­sicht­lich des wei­te­ren Tage­geld­an­spruchs (für die ande­ren als die drei betrof­fe­nen Tage) auf­ge­ho­ben und die Sache inso­weit an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen [3].
Nicht zu fol­gen ist der Annah­me des Beru­fungs­ge­richts, der Klä­ger kön­ne zumin­dest ein bis zwei Man­da­te pro Woche bear­bei­ten, wenn er sich auf Man­da­te für "ein­fa­che Kün­di­gungs­schutz­kla­gen" und im Übri­gen auf Rechts­ge­bie­te beschrän­ke, in denen eine Fort­bil­dung durch Vor­trä­ge mög­lich sei, so dass sein Haf­tungs­ri­si­ko das gewöhn­li­che Maß nicht über­stei­ge. Das Beru­fungs­ge­richt hat die Anfor­de­run­gen, die an einen Rechts­an­walt bei sei­ner Berufs­aus­übung nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung zu stel­len sind, in grund­sätz­li­cher Wei­se ver­kannt, wes­halb die getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen die Annah­me einer teil­wei­se wie­der­her­ge­stell­ten Arbeits­fä­hig­keit nicht zu tra­gen ver­mö­gen.
Einen Rechts­an­walt tref­fen bei der Bear­bei­tung jedes Man­dats umfas­sen­de Sorg­falts­pflich­ten.
Er ist ins­be­son­de­re gehal­ten, die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung anhand der amt­li­chen Samm­lun­gen und der ein­schlä­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten zu ver­fol­gen [4]. Wer wie der Klä­ger fünf Jah­re lang nicht gear­bei­tet und sich des­halb nicht auf dem Lau­fen­den gehal­ten hat, muss die Ent­wick­lung die­ser Recht­spre­chung zudem bei jedem ein­zel­nen Man­dat für die sich dort stel­len­den Fra­gen über­prü­fen. Die Über­nah­me des Man­dats ver­pflich­tet ihn, sich die Kennt­nis von der maß­geb­li­chen höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung zu ver­schaf­fen [5]. Inso­weit ist vom Rechts­an­walt auch zu ver­lan­gen, dass er sich anhand aktu­el­ler Kom­men­tie­run­gen über die Rechts­la­ge infor­miert [6]. Es liegt auf der Hand, dass die Erlan­gung der not­wen­di­gen Kennt­nis­se allein durch den Besuch ein­zel­ner Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen, die in der Regel einen begrenz­ten The­men­kom­plex oder aktu­el­le Ent­wick­lun­gen betref­fen, nicht gewähr­leis­tet wer­den kann.
Dar­über hin­aus muss der Rechts­an­walt auch an der Klä­rung des Sach­ver­halts mit­wir­ken. Er wird sich zwar im Aus­gangs­punkt zunächst auf die Sach­ver­halts­dar­stel­lung sei­nes Man­dan­ten ver­las­sen kön­nen, der ihn zutref­fend über die rele­van­ten tat­säch­li­chen Umstän­de zu infor­mie­ren hat. Da ein Man­dant aber als juris­ti­scher Laie in der Regel nicht zuver­läs­sig beur­tei­len kann, wor­auf es recht­lich ankommt, hat der Anwalt gege­be­nen­falls nach­zu­ha­ken und mit­tels ergän­zen­der Fra­gen die wirk­lich maß­geb­li­chen Fak­ten zu ermit­teln. Auch dabei wird er viel­fach gezwun­gen sein, umfang­rei­che­re Urkun­den und Tex­te, im Arbeits­recht zum Bei­spiel einen Tarif­ver­trag oder Ver­trags­ur­kun­den und behörd­li­che Erlaub­nis­se, zu stu­die­ren und inhalt­lich zu ver­ar­bei­ten [7].
Auch kann ein Lesen von Schrift­stü­cken selbst außer­halb von Recher­che­tä­tig­kei­ten jeder­zeit auch im Zusam­men­hang mit Man­dan­ten­ge­sprä­chen und dem Auf­tre­ten vor Gericht erfor­der­lich wer­den. So wird ein Man­dant viel­fach mit Kor­re­spon­denz, Ver­trä­gen und sons­ti­gen Doku­men­ten zum Gespräch erschei­nen, deren sofor­ti­ge Durch­sicht und ers­te Bewer­tung er erwar­tet. In der münd­li­chen Ver­hand­lung vor Gericht muss der Anwalt dar­auf ein­ge­stellt sein, dass ihm vom Gericht oder vom Geg­ner Vor­hal­tun­gen anhand von Akten­be­stand­tei­len oder sons­ti­gen Schrift­stü­cken gemacht wer­den, wozu eine Stel­lung­nah­me gefor­dert wird. Nicht sel­ten legen auch Zeu­gen oder Sach­ver­stän­di­ge neue Unter­la­gen vor, die im Hin­blick auf die Erklä­rungs­pflicht aus § 138 ZPO inhalt­lich zur Kennt­nis genom­men wer­den müs­sen.
Im vor­lie­gen­den Fall hat das Beru­fungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt, ob der Klä­ger wie­der in der Lage ist, die Anfor­de­run­gen zu erfül­len, die nach den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen an die anwalt­li­che Tätig­keit zu stel­len sind, und ihm damit die Wie­der­auf­nah­me sei­ner durch ein kom­ple­xes Berufs­bild gekenn­zeich­ne­ten Berufs­tä­tig­keit wenn auch in redu­zier­tem Umfang mög­lich ist. Das Beru­fungs­ge­richt konn­te sich auch nicht auf gut­acht­li­che Aus­sa­gen stüt­zen, die die Annah­me wie­der­her­ge­stell­ter Arbeits­fä­hig­keit auf der Grund­la­ge des zutref­fen­den Prü­fungs­maß­stabs tra­gen. Die Pri­vat­gut­ach­ter der Beklag­ten sind zur Begrün­dung der von ihnen ange­nom­me­nen Berufs­un­fä­hig­keit des Klä­gers noch von zutref­fen­den Vor­aus­set­zun­gen bezüg­lich der not­wen­di­gen Lese­fä­hig­keit aus­ge­gan­gen. Das vom Land­ge­richt ein­ge­hol­te Gut­ach­ten, auf das das Beru­fungs­ge­richt sich gestützt hat, ver­hält sich wie­der­um nicht zu der Fra­ge, ob der Klä­ger im rele­van­ten Zeit­raum in der Lage gewe­sen ist, Tex­te in dem Umfang zu lesen und inhalt­lich so zu erfas­sen, wie es nach der oben wie­der­ge­ge­be­nen Recht­spre­chung erfor­der­lich ist. Ins­be­son­de­re hat der gericht­li­che Sach­ver­stän­di­ge aus der im Gut­ach­ten von ihm beschrie­be­nen Lese­leis­tung ent­spre­chen­de wei­ter­ge­hen­de Schlüs­se nicht gezo­gen.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. April 2013 – IV ZR 239/​11
BGH, Urteil vom 25.11.1992 – IV ZR 187/​91, VersR 1993, 297 unter II 1[↩]
BGH, Urteil vom 18.07.2007 – IV ZR 129/​06, VersR 2007, 1260[↩]
BGH, aaO Rn. 44[↩]
BGH, Urtei­le vom 23.09.2010 – IX ZR 26/​09, WM 2010, 2050 Rn. 17 [für Steu­er­be­ra­ter]; vom 21.09.2000 – IX ZR 127/​99, NJW 2001, 675 unter II 1[↩]
Böhn­lein in Feuerich/​Weyland, BRAO 8. Aufl. § 43a Rn. 97[↩]
vgl. bei­spiel­haft OLG Frank­furt am Main FamRZ 1991, 1047[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 29.03.1983 – VI ZR 172/​81, VersR 1983, 659 unter II 1 b bb; vom 15.01.1985 – VI ZR 65/​83, VersR 1985, 363 unter II 2 a; vom 20.06.1996 – IX ZR 106/​95, VersR 1997, 187 unter II 2 a m.w.N.[↩]