Source: https://julei-app.de/grundlagen/kindeswohlgefahrdung/
Timestamp: 2019-03-21 22:54:08
Document Index: 26767859

Matched Legal Cases: ['BGH', 'Art. 6', 'Art. 6', '§1666', '§8', '§8', 'Art. 6', 'Art 6', '§1666']

Wenn die Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nicht erfüllt werden, sprechen wir von der Gefährdung des Kindeswohls. Da der Staat als oberste Instanz für den Schutz und die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen zuständig ist und somit jeder Form von Kindeswohlgefährdung entgegenschreiten muss, geht es in diesem Kapitel zunächst darum, das rechtliche Verständnis von Kindeswohlgefährdung zu verdeutlichen. Kinder und Jugendliche können dabei in ganz unterschiedlicher Weise und Schwere von Kindeswohlgefährdung betroffen sein. Daher werden die verschiedenen Formen vorgestellt, bevor Hinweise gegeben werden, wie Außenstehende Kindeswohlgefährdung erkennen können und wie du letztendlich angemessen reagieren und handeln solltest, wenn du den Verdacht hast, dass ein Kind/ein/e Jugendliche/r von Kindeswohlgefährdung betroffen ist.
Der Bundesgerichtshof (BGH) hat den Begriff der Kindeswohlgefährdung in seiner Rechtsprechung konkretisiert und versteht darunter:
… eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr,
dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt.
Kindeswohlgefährdung wird demnach nicht anhand von Tatbeständen (z.B. schlagen) definiert, sondern anhand der Auswirkungen der Tatbestände auf das Wohlergehen des Kindes. So bleibt die Definition offen und weitgefasst für die unterschiedlichsten Formen und Tatbestände von Kindeswohlgefährdung.
Eine Gefährdungslage für ein Kind/eine/n Jugendliche/n kann sich dabei ergeben durch:
missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge (Missbrauch und Gewaltanwendung gegenüber dem Kind).
elterliches Unterlassen (Vernachlässigung des Kindes).
unverschuldetes Elternversagen (wenn diese dauerhaft oder vorübergehend nicht in der Lage sind, für ihr Kind zu sorgen).
das Verhalten Dritter.
Dabei unterscheiden sich die einzelnen Fälle teilweise sehr erheblich, manche passieren nur einmal oder selten, manche nahezu täglich. Aber immer werden die Kinder/Jugendlichen geschädigt, manche sehr schwerwiegend (sogar bis zum Tod), manche auch weniger schwerwiegend und unbeabsichtigt. Außerdem muss beachtet werden, dass die Gefährdungsabschätzung abhängig ist vom Alter und der Reife des Kindes/des/der Jugendlichen.
Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive unterscheidet man drei verschiedene Formen von Kindeswohlgefährdung. Bei allen Formen gibt es Fälle, in denen Kinder/Jugendliche körperlich angegriffen werden und solche, in denen sie psychisch gekränkt werden, oft passiert auch beides (vgl. Bertels, Wazlawik 2013; Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW 2010).
Vernachlässigung bedeutet die Nichtberücksichtigung oder Versagung der Lebensbedürfnisse eines Kindes (oder einer/eines Jugendlichen) und führt zu einer chronischen, langfristigen Unterversorgung, die die körperliche, geistige und/oder seelische Entwicklung beeinträchtigt und zu gravierenden, bleibenden Schäden führt/führen kann. ►Mehr
Während Vernachlässigung also eine Beeinträchtigung durch die Unterlassung fürsorglichen Handelns darstellt, ist Misshandlung (und Erziehungsgewalt) eine gewaltsame körperliche und/oder seelische Tat gegenüber einem Kind oder einer/einem Jugendlichen, die diesem/dieser (erhebliche) Schäden zufügt. Von Erziehungsgewalt spricht man bei vergleichsweise „leichten“ körperlichen oder seelischen Bestrafungen (Ohrfeigen, verbale Abwertungen); zu Misshandlungen werden massive Formen der Gewalt gezählt. Seelische Misshandlungen können ebenso grausam sein wie physische Gewalt und sind wohl die häufigste Form von Gewalt. Sie sind auch Erwachsenen häufig gar nicht als solche bewusst und schwer erkenn- und messbar, auch weil es keine klaren äußeren Anzeichen gibt. ►Mehr
Zum Bereich Misshandlungen zählt auch das Erleben jeglicher Formen häuslicher Gewalt zwischen Familienmitgliedern, von denen Kinder oder Jugendliche zwar nicht direkt betroffen sind, aber indirekt durch das Miterleben/Mit-Ansehen-Müssen gewaltsamer Handlungen zwischen Eltern/Geschwistern oder anderen Bezugspersonen erhebliche Schädigungen erfahren.
Sowohl Misshandlungen als auch Vernachlässigungen können sowohl aktiv/bewusst – „getarnt“ als erzieherisches Mittel – als auch fahrlässig oder aufgrund mangelnden Wissens erfolgen. Eltern fehlt manchmal das Bewusstsein dafür, dass sie ihrem Kind dadurch massiv schaden. Sie kennen es nicht anders, da sie vielleicht selbst so aufgewachsen sind. Es kann auch sein, dass sie überfordert sind und ihnen die Bewältigung ihrer Probleme und Konflikte im Alltag misslingt. Dies hat dann zur Folge, dass sie sich nicht mehr fürsorglich um ihr Kind kümmern (können) oder so überreizt sind, dass sie Konfliktsituationen nur gewaltsam zu lösen wissen – obwohl sie im Grunde nur das Beste für ihr Kind wollen.
Anders sieht es bei sexualisierter Gewalt aus; Täter wollen nicht das Beste für das Kind und sie handeln niemals unbewusst oder fahrlässig. Ihnen geht es um die Befriedigung eigener Bedürfnisse und ein gezieltes Ausnutzen der Abhängigkeit und Unterlegenheit des Kindes. Bei sexuellen Übergriffen handelt es sich nicht um gewalttätige Formen von Sexualität, sondern um sexuelle Formen von Gewalttätigkeit. Wir sprechen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bei jeder sexuellen Handlung, die an oder vor einem Kind/einem/einer Jugendlichen entweder gegen dessen/deren Willen vorgenommen wird oder der er/sie aufgrund körperlicher, psychischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der/die TäterIn nutzt seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Opfers zu befriedigen (vgl. Banger und Degener 1996). Auch eine vermeidliche „Zustimmung“ des Kindes zu einer sexuellen Handlung entbindet den/die TäterIn nicht von seiner/ihrer Verantwortung für diesen Missbrauch, da ein Kind entwicklungspsychologisch nicht in der Lage ist, die Bedeutung dieser Handlung zu verstehen und abzuschätzen. ►Mehr
Beispiele für Vernachlässigung sind:
Dem Wetter unangemessene Kleidung
Unzureichende, ungesunde Ernährung
Unzureichende Beaufsichtigung/Vernachlässigung der Aufsichtspflicht
Zu wenig Liebe und Anerkennung
Kaum/keine Kommunikation mit dem Kind
Emotionale Kälte und Gleichgültigkeit
Misshandlungen sind zum Beispiel:
stoßen, schütteln, verbrennen,
Äußerungen oder Verhaltensweisen, die Kinder ängstigen, herabsetzen oder zum Sündenbock machen
Erwartungen, die Kinder überfordern
Eine dauerhafte Überbehütung von Kindern, z.B. die dauerhafte Unterbindung sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen
Äußerungen oder Verhaltensweisen, die dazu führen, dass Kinder sich abgelehnt, wertlos, ungeliebt usw. fühlen.
Beispiele für sexualisierte Gewalt sind:
Sexualisierte Sprache/Sprüche und Beleidigungen
Oder wenn das Kind/der/die Jugendliche sich selbst vor anderen entkleiden muss
(Unangemessene) Berührungen von Körper- und Geschlechtsteilen; auch oberhalb der Bekleidung
Erzwungene/unangemessene Küsse
Orale, anale oder vaginale Vergewaltigungen
Anzeichen für Kindeswohlgefährdung
Einige Anzeichen für Kindeswohlgefährdung lassen sich „leicht“ aus den oben genannten Beispielen ableiten. Wird ein Kind beispielsweise geschlagen, bekommt es blaue Flecken. Aber natürlich wurde nicht jedes Kind, das mit blauen Flecken zur Gruppenstunde kommt, geschlagen. Das zeigt schon, dass auch scheinbar deutliche Anzeichen sich schnell als mehrdeutig herausstellen können. Schwieriger wird es noch bei Taten, von denen Kinder/Jugendliche keine sichtbaren Verletzungen davontragen – und das ist viel häufiger der Fall.
Eindeutige Signale oder Erkennungszeichen für Kindeswohlgefährdung gibt es nicht. Jedes Kind/jede/r Jugendliche reagiert anders darauf. Häufig wollen sich Kinder/Jugendliche nicht anmerken lassen, dass es ihnen schlecht geht, z.B. dass sie zu Hause gedemütigt werden oder ihre Eltern sie schon wieder allein gelassen haben. Oft fehlen ihnen auch die Sprache dafür; sie können nicht erklären, was ihnen fehlt oder mit ihnen los ist. Oder sie kennen es gar nicht anders und halten es für normal.
Daher ist es nicht immer leicht, Kindeswohlgefährdung wahrzunehmen. Normalerweise aber verhalten sich betroffene Kinder/Jugendliche auf die eine oder andere Art auffällig, häufig kommen mehrere Anzeichen zusammen, die dann (gemeinsam) einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nahelegen.
Solche Anzeichen, die unsere Aufmerksamkeit wecken sollten, sind:
Kinder haben notwendige Dinge nicht dabei
Kinder „versorgen“ sich morgens allein
Ständig verschmutzte/unangemessene Kleidung
Längere Zeitdauer einer unzureichenden Ernährung
Suchtmittelmissbrauch bei Kindern/Jugendlichen
Anzeichen körperlicher Gewalt oder Vernachlässigung („blaue Flecken“, Prellungen); häufig an ungewöhnlichen Stellen
Wiederholte (unerklärliche) Verletzungen
Auffälliges Sozialverhalten (Aggressionen, Wutausbrüche)
Distanzverlust (ungewöhnliche Suche nach Nähe, auch zu unbekannten Personen) oder Distanzsucht (keine Nähe zulassen zu können)
Unangemessene, sexualisierte Sprache; altersunangemessenes sexuelles Verhalten
Bei solchen Anzeichen solltet ihr als LeiterInnen, aber auch als Nachbarn, Freunde, Mitmenschen genauer hinschauen und prüfen, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegen könnte. Einzelne Anzeichen können auch auf Veränderungen im Lebenslauf (z.B. Pubertät, Abgrenzung von den Eltern) zurückzuführen sein; aber gerade wenn sie gemeinsam, immer wieder und scheinbar unerklärlich auftreten, gilt es nachzuhaken und ggf. entsprechende Schritte einzuleiten (zur Handlungskette zum Schutz von Kindern und Jugendlichen).
Neben solchen Anzeichen im Verhalten von Kindern/Jugendlichen selbst gibt es „Risikofaktoren“ im sozialen und familiären Umfeld. Eltern, die selbst psychisch oder chronisch erkrankt sind oder bei denen der Verdacht auf Suchtmittelmissbrauch besteht, können mitunter nicht angemessen für ihre Kinder sorgen. Auch Einkommensarmut, Bildungsferne, eigene Missbrauchserfahrungen, geringe Frustrationstoleranz, hohe Stressbelastung und/oder soziale Isolation der Familie sind Faktoren, die auf Kindeswohlgefährdung hindeuten können. Gleichwohl kommen Fälle von Misshandlung, Vernachlässigung und sexualisierter Gewalt in allen sozialen Schichten, Altersgruppen und familiären Verhältnissen vor.
Die Verantwortung für den Schutz – Erziehung und Pflege – des Kindes weist das Grundgesetzt in erster Linie den Eltern zu (►Art. 6, Abs. 2, GG). Ist aber das Wohlergehen des Kindes dauerhaft gefährdet und sind die Eltern nicht gewillt oder in der Lage, diesen Schaden abzuwenden, sind staatliche Instanzen verpflichtet vom sogenannten „staatlichen Wächteramt“ Gebrauch zu machen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um das Wohl und die Sicherheit des Kindes wiederherzustellen – notfalls auch gegen den Willen der Eltern (►Art. 6, Abs. 3, GG; ►§1666 BGB).
Dieser Schutzauftrag der Jugendhilfe bei Kindeswohlgefährdung wurde 2005 konkretisiert und neu geregelt in ►§8a Achtes Buch des Sozialgesetzbuches (SGB VIII), dem sog. Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG). Hiermit hat der Gesetzgeber klargestellt, dass die Kinder- und Jugendhilfe nicht nur auf Anfrage der Sorgeberechtigten Leistungen zu gewähren hat, sondern vielmehr tätig werden muss (!), sofern es das Kindeswohl erforderlich macht.
Die gesetzlichen Vorgaben sehen je nach Gefährdungssituation abgestufte staatliche Interventionsmöglichkeiten vor. Ziel eines solchen Eingreifens ist zunächst, die Eltern in der Wahrnehmung ihrer Elternverantwortung zu unterstützen. Denn Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln bzw. körperlich bestrafen, sind häufig selbst überfordert und brauchen Hilfe und Unterstützung bei der Erziehung, da es ihnen (vorübergehend) nicht aus eigener Kraft gelingt, optimal für ihr Kind zu sorgen (zum Kapitel Formen der Kindeswohlgefährdung). Das Jugendamt hält in diesen Fällen verschiedene Leistungen bereit, die möglichst kooperativ mit den Eltern – und unter Einbezug der Kinder und Jugendlichen – abgestimmt werden.
In Fällen sexualisierter Gewalt sowie bei dauerhafter und/oder massiver Vernachlässigung bzw. Misshandlung oder wenn Eltern sich vehement den staatlichen Hilfeangeboten widersetzen, kann der Staat die Erziehungs- und Fürsorgerechte der Eltern vorübergehend oder dauerhaft entziehen. Hierfür bedarf es – sofern nicht Gefahr im Verzug besteht – der Entscheidung des Familiengerichtes. Dies ist der letzte Ausweg, wenn die vorangegangenen Beratungen, Auflagen und Angebote des Jugendamtes nicht gewirkt haben und eine erfahrene Kinderschutzfachkraft gewichtige Anhaltspunkte für eine bestehende (akute) Kindeswohlgefährdung feststellt.
Durch diese Überarbeitung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes wurde der Schutzauftrag auch für die Träger der freien Jugendhilfe klargestellt: Bei „gewichtigen Anhaltspunkten“ sind sie verpflichtet, eine Fachkraft hinzuzuziehen, die dabei hilft, die Gefährdungssituation einzuschätzen (►§8a, Abs. 4; SGB VIII). Wenn du also zum Beispiel Mitglied in einem Jugendverband bist, der als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt ist, gilt diese Verpflichtung auch für dich. Aber auch allen anderen JugendgruppenleiterInnen empfehlen wir, sich dementsprechend zu verhalten und bei einer vermuteten Kindewohlgefährdung eine Fachstelle anzusprechen.
„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Art. 6, Abs. 2, GG)
„Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.“ (Art 6, Abs. 3, GG)
„Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet und sind die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage, die Gefahr abzuwenden, so hat das Familiengericht die Maßnahmen zu treffen, die zur Abwendung der Gefahr erforderlich sind.“ (§1666 BGB)
(Auszug; für den kompletten Text siehe: http://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbviii/8a.html)
2. bei der Gefährdungseinschätzung eine insoweit erfahrene Fachkraft beratend hinzugezogen wird […]
Handlungskette zum Schutz von Kindern und Jugendlichen
Wie du zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vorgehen kannst, soll dir folgende Handlungskette verdeutlichen. Dabei gilt:
Vorbeugen: also präventiv dafür Sorge zu tragen, dass das Risiko einer Kindeswohlgefährdung minimiert wird (ausschließen kann man dies trotz aller Achtsamkeit jedoch nie)
Vermutungen klären: wenn sich ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung –welcher Art auch immer – ergeben sollte, besonnen und entschieden zu reagieren
Einschreiten: angemessen zu handeln, wenn sich der Verdacht nicht schnell entkräften lässt.
Diese drei Begriffe sind dabei nicht als zeitliche Abfolge zu verstehen, sondern gehen fließend ineinander über bzw. stehen auch nebeneinander.
​Handlungskette auf einen Blick: Download PDF
Lass dich schulen und setz dich mit dem Thema Kindeswohlgefährdung auseinander, um Anzeichen dafür erkennen zu können.
Schafft klare Strukturen und stellt gemeinsame Regeln für euren Umgang miteinander auf; schreite aktiv ein, wenn es bei euch zu Grenzverletzungen kommt, sowohl zwischen Kindern/Jugendlichen selbst als auch zwischen LeiterInnen und TeilnehmerInnen.
Sei wachsam und schau hin, wenn du das Gefühl hast, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Beobachte deinen Verdacht über einen gewissen Zeitraum (wenn es sich nicht um eine akute Kindeswohlgefährdung handelt) und mache dir Notizen. Schreibe Ort und Zeit auf. Differenzier deutlich zwischen objektiven Gegebenheiten und deinen Vermutungen/Interpretationen, was dahinterstecken könnte.
Tausch dich – direkt oder spätestens, wenn sich die Vermutung erhärtet – mit einer Vertrauensperson aus dem Leitungsteam (oder dem Vorstand) aus. Prüft, ob ihr ähnliche Beobachtungen gemacht habt und wie ihr sie wahrnehmt. Entscheidet dann gemeinsam über die nächsten Schritte.
Holt euch Rat und Unterstützung bei einer Fachstelle oder beim Jugendamt. Hier hilft man euch bei einer professionellen Einschätzung der Situation und kann euch bei den nächsten Schritten beraten, begleiten und unterstützen.
Je nach Situation/Vermutungslage könnt ihr auch direkt ein Gespräch mit dem Kind in Erwägung ziehen.
Überlegt vorher jeweils gut, ob ihr euch das zutraut. Habt eure eigenen Grenzen und Möglichkeiten im Blick!
Je nach Situation/Verdachtsfall kann so ein Gespräch die Situation für das Kind verschlimmern, z.B. wenn die Eltern es danach nicht mehr zur Gruppenstunde schicken. Wenn ihr unsicher seid, lasst euch lieber von einer Fachstelle beraten.
Je nach Situation/Vermutungslage, könnt ihr auch direkt ein Gespräch mit den Eltern in Erwägung ziehen.
Je nach Verdachtsfall (z.B. bei sexualisierter Gewalt) kann es dazu kommen, dass auch die Polizei eingeschaltet werden muss/sollte.
Das solltet ihr nach Möglichkeit nur nach Absprache mit dem betroffenen Kind tun. Die Polizei hat eine Ermittlungspflicht, wenn sie informiert wurde. Daher ist dieser Schritt gut abzuwägen und – außer bei akuter Kindeswohlgefährdung – meistens nur in Zusammenarbeit mit einer Fachstelle sinnvoll.
Da die Fälle von Kindeswohlgefährdung so unterschiedlich gelagert sein können und auch eure Hinweise und euer Beratungsbedarf sich nicht vorhersagen lassen, gibt es nicht die eine richtige Anlaufstelle. Ihr müsst daher entscheiden, an wen ihr euch wenden wollt:
Ruf beim Jugendamt deiner Stadt oder deines Kreises an und frag nach einer insoweit erfahrenen Kinderschutzfachkraft. Jedes Jugendamt hat eine solche Fachkraft, die dir/euch bei der Einschätzung der Situation beraten und euch begleiten und unterstützen kann.
Eine Liste professioneller Beratungsstellen in den einzelnen Städten des Bistums (die häufig auf bestimmte Situationen spezialisiert sind) findet sich in der Broschüre „Augen auf. Hinsehen und schützen“ der Präventionsstelle des Generalvikariates (www.bistum-essen.de/soziales-hilfe/praevention-gegen-sexualisierte-gewalt/basisinformationen.html).
Das Referat „Qualifizierung und Förderung ehrenamtlich Engagierter“ der Arbeitsstelle Jugendpastoral im Bistum Essen bietet euch Unterstützung bei allen Fragen und Anliegen rund um das Thema und bei der Suche nach einer geeigneten Beratungsstelle beim Verdacht auf Kindeswohlgefährdung (www.jugend-im-bistum-essen.de/qualifizierung).
Außerdem empfehlen wir folgende überregionalen Beratungsangebote:
Nummer gegen Kummer; allgemeine Infos und Beratung rund um das Thema
Kinder- und Jugendtelefon 0800 116 111
Web www.nummergegenkummer.de
Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.; grundsätzliche Informationen zum Kinderschutz und Link zu örtlichen Niederlassungen und Angeboten
Telefon 030 214809-0
Web www.dksb.de
Weißer Ring e.V.; Opferberatung; menschlicher Beistand und Beratung nach einer Straftat inkl. Begleitung zu Behörden und Vermittlung weiterer (auch finanzieller) Hilfe
kostenloses Opfertelefon 116 006
Web www.weisser-ring.de
Literatur und weiterführende Infos
Aus der Fülle an Informationsmaterial zu dem Thema listen wir hier eine Auswahl empfehlenswerter Literatur auf.
Bange, Dirk; Deegener, Günther: Sexueller Missbrauch an Kindern. Ausmaß, Hintergründe, Folgen. Weinheim, 1996
Bange, Dirk; Körner, Wilhelm (Hg.): Handwörterbuch Sexueller Missbrauch. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle. Hogrefe-Verlag, 2002
Bertels, Gesa; Wazlawik, Martin: Jugendliche und Kinder stärken. Für das Kindeswohl und gegen sexualisierte Gewalt. Verlag Haus Altenberg, 2013
Brazelton, T. Berry, Greenspan, Stanlex I.: Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein. Beltz Verlag, Weinheim, Basel, 2002
Enders, Ursula: Zart war ich, bitter war’s. Handbuch gegen sexuellen Missbrauch. 4. überarb. Auflage, Kiepenheuer & Witsch Köln, 2011
Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW: Studie. Kindeswohlgefährdung – Ursachen, Erscheinungsformen und neue Ansätze der Prävention. Peter Pomp GmbH, Bottrop, 2010
Tsokos, Michael, Guddat, Saskia: Deutschland misshandelt seine Kinder. Droemer Verlag, München, 2014
Deegener G.; Körner, W. (Hg.): Kindesmisshandlung und Vernachlässigung. Ein Handbuch. Hogrefe-Verlag, Göttingen, 2005
Institut für soziale Arbeit e.V.: Der Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung – Arbeitshilfe zur Kooperation zwischen Jugendamt und Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe. Münster, 2006
Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NW/Bund der Deutschen Katholischen Jugend NRW (BDKJ) (Hg.): Kinder schützen. Eine Information für ehrenamtliche Gruppenleiter/-innen und Mitarbeiter/-innen in der kirchlichen Kinder- und Jugend(verbands)arbeit. 5. überarb. Auflage, Düsseldorf, Münster, 2013
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.): Mutig fragen – besonnen handeln. Informationen für Mütter und Väter zur Thematik des sexuellen Missbrauchs an Mädchen und Jungen. 6. Auflage, 2012
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): Trau dich! Du bist stark. Alles, was du über sexuellen Missbrauch wissen musst. Für Mädchen – Für Jungen. 2013
<< KommunikationRecht & Versicherung >>
Wenn du einen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung hast, schau nicht weg, sondern nimm diesen ernst und hole dir Unterstützung. Dafür brauchst du kein Experte für Kindeswohlgefährdung zu sein oder zu werden – ein paar grundlegende Kenntnisse und eine innere Haltung, zum Wohl und Schutz von Kindern und Jugendlichen beitragen zu wollen, sind ausreichend.
Wie du dann bei einem Verdacht weiter vorgehen solltest, hängt sehr vom individuellen Fall ab. Vermutest du eine (vorübergehende) Überforderung der Eltern, die aber eigentlich sehr liebevoll mit ihrem Kind umgehen, ist der Fall anders, als wenn du befürchtest, ein Kind/ein/e Jugendliche/r wird sexuell missbraucht.
Wichtig ist, dass du zu allererst das Wohl des Kindes/des/der Jugendlichen im Blick hast – und das ist nicht immer leicht, wenn beispielsweise engagierte Eltern oder gar ein/e MitleiterIn/ FreundIn bei der Vermutung eine Rolle spielt. Achte außerdem auf deine eigenen Grenzen und Möglichkeiten: Du bist kein/e ErmittlerIn, keine ausgebildete Fachkraft, kein/e TherapeutIn. Überstürzte Aktionen helfen meist nicht weiter.
Daher: Bewahre Ruhe! Und hab keine Scheu, frühzeitig eine Beratungsstelle einzuschalten. Dies geht auf Wunsch in der Regel auch anonym. Lieber einmal zu viel (und ein Verdacht entkräftet sich) als einmal zu wenig!