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Timestamp: 2019-10-14 23:08:09
Document Index: 92052700

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 117', '§ 43', '§ 36', 'Art. 26', '§ 36', '§ 57', '§ 36', '§ 11', '§ 567', '§ 43', '§ 43', '§ 11', 'Art. 30', 'Art. 41', '§ 58', '§ 6', '§ 43', '§ 45', '§ 520', '§ 117', 'Art. 30', 'Art. 41', '§ 110', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 520', '§ 522']

Soweit das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen 1 im Anschluss an sei­ne eige­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung 2 wei­ter­hin die Ansicht ver­tritt, dass über die all­ge­mei­ne Ver­wei­sung in § 2 AUG die für das Beschwer­de­ver­fah­ren in Ehe­sa­chen und Fami­li­en­streit­sa­chen gel­ten­de Vor­schrift des § 117 Abs. 1 FamFG ergän­zend her­an­zu­zie­hen ist, ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof die­ser Auf­fas­sung nicht bei­zu­tre­ten. Unbe­scha­det der Qua­li­fi­ka­ti­on des Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­rens als Fami­li­en­streit­sa­che spre­chen sowohl die in der Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs zu Tage getre­te­nen Inten­tio­nen des Gesetz­ge­bers als auch teleo­lo­gi­sche und sys­te­ma­ti­sche Grün­de dafür, dass die Zuläs­sig­keit einer Beschwer­de nach § 43 AUG nicht von einer frist­ge­bun­de­nen Beschwer­de­be­grün­dung abhän­gen soll.
Die §§ 36 ff. AUG regeln im Anwen­dungs­be­reich der Euro­päi­schen Unter­halts­ver­ord­nung jene Fäl­le, in denen gemäß Art. 26 ff. EuUnth­VO aus­nahms­wei­se die Durch­füh­rung eines Exe­qua­tur­ver­fah­rens erfor­der­lich ist. Im Übri­gen bezie­hen sich die §§ 36 ff. AUG auf die Fäl­le des revi­dier­ten Luga­ner Über­ein­kom­mens von 2007 (LugÜ 2007) und nach Maß­ga­be von § 57 AUG auf Exe­qua­tur­ver­fah­ren nach dem Luga­ner Über­ein­kom­men von 1988 (LugÜ 1988) sowie dem Haa­ger Über­ein­kom­mens über die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Unter­halts­ent­schei­dun­gen vom 2. Okto­ber 1973 3 (Haa­ger Unter­halts­voll­stre­ckungs­ab­kom­men von 1973, HUVÜ 73). Weil die genann­ten uni­ons­recht­li­chen und staats­ver­trag­li­chen Exe­qua­tur­ver­fah­ren unge­ach­tet ihrer teil­wei­se spe­zi­el­len Aus­rich­tung auf Unter­halts­sa­chen im Wesent­li­chen den­je­ni­gen ähneln, die für Deutsch­land in Zivil- und Han­dels­sa­chen nach Maß­ga­be des Aner­ken­nungs- und Voll­stre­ckungs­aus­füh­rungs­ge­set­zes (AVAG) aus­zu­füh­ren sind, hat der Gesetz­ge­ber die §§ 36 ff. AUG par­al­lel zum Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach dem AVAG kon­zi­pie­ren und inhalt­lich ledig­lich klei­ne­re Ände­run­gen vor­neh­men wol­len 4.
Im Beschwer­de­ver­fah­ren nach § 11 AVAG ist eine not­wen­di­ge Begrün­dung der Beschwer­de nicht vor­ge­se­hen; sie ergibt sich auch nicht aus den im Beschwer­de­ver­fah­ren nach dem AVAG ergän­zend her­an­zu­zie­hen­den 5 Vor­schrif­ten über das Ver­fah­ren der sofor­ti­gen Beschwer­de nach den §§ 567 ff. ZPO. Durch das Erfor­der­nis einer frist­ge­bun­de­nen Rechts­mit­tel­be­grün­dung wäre das Beschwer­de­ver­fah­ren nach § 43 AUG dem­ge­gen­über durch ein typi­sches Ele­ment des zivil­pro­zes­sua­len Beru­fungs­rechts geprägt. Der­ar­ti­ge erheb­li­che struk­tu­rel­le Unter­schie­de zwi­schen den Beschwer­de­ver­fah­ren haben ersicht­lich nicht den Vor­stel­lun­gen des Gesetz­ge­bers ent­spro­chen; viel­mehr soll­te § 43 AUG in sei­nem Rege­lungs­ge­halt "im Wesent­li­chen" § 11 AVAG nach­emp­fun­den wer­den 6.
Dar­über hin­aus ist das Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren davon geprägt, dass es in der ers­ten Instanz ein­sei­tig geführt wird und kei­ne Anhö­rung des Schuld­ners statt­fin­det (vgl. Art. 30 Satz 2 EuUnth­VO; Art. 41 Satz 2 LugÜ 2007; § 58 AUG; vgl. auch § 6 Abs. 1 AVAG). Einen kon­tra­dik­to­ri­schen Cha­rak­ter erlangt das Ver­fah­ren erst­mals mit der Beschwer­de eines Betei­lig­ten 7. Durch den Rechts­be­helf nach § 43 AUG ver­schafft sich der Schuld­ner somit Zugang zur ers­ten (und ein­zi­gen) Tat­sa­chen­in­stanz, in der er mit sei­nen Ein­wen­dun­gen gegen die Voll­streck­bar­er­klä­rung der aus­län­di­schen Ent­schei­dung recht­li­ches Gehör fin­den kann. Auch dies legt die Annah­me nahe, dass der Gesetz­ge­ber den Zugang zu die­ser Instanz nicht durch ein Begrün­dungs­er­for­der­nis als beson­de­re Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung erschwe­ren woll­te.
Gegen die Ver­pflich­tung zur Begrün­dung der Beschwer­de spricht auch die Rege­lung des § 45 Abs. 2 AUG, wonach die Betei­lig­ten zu Pro­to­koll der Geschäfts­stel­le Anträ­ge stel­len und Erklä­run­gen abge­ben kön­nen, solan­ge eine münd­li­che Ver­hand­lung im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht ange­ord­net ist. Die frist­ge­bun­de­ne Ein­rei­chung einer Rechts­mit­tel­be­grün­dung die auch in Fami­li­en­streit­sa­chen ent­spre­chend § 520 Abs. 3 ZPO bestimm­ten for­mel­len und inhalt­li­chen Min­dest­an­for­de­run­gen genü­gen muss 8 wird den Betei­lig­ten ansons­ten nur in sol­chen Ver­fah­ren abver­langt, in denen auch eine anwalt­li­che Ver­tre­tung vor­ge­schrie­ben ist. Denn dadurch wird ins­be­son­de­re gewähr­leis­tet, dass die mit der Begrün­dung der Beschwer­de ein­her­ge­hen­de Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­mit­tels gründ­lich und sach­ge­recht durch eine rechts­kun­di­ge Per­son vor­ge­nom­men wird.
In die­sem Zusam­men­hang wür­de auch der Norm­zweck des § 117 Abs. 1 FamFG in vie­len Fäl­len das Erfor­der­nis einer Beschwer­de­be­grün­dung im Rah­men eines Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­rens kaum recht­fer­ti­gen kön­nen. Durch den Zwang, eine Beschwer­de­be­grün­dung anzu­brin­gen, soll der Beschwer­de­füh­rer ins­be­son­de­re dazu ange­hal­ten wer­den, die tat­säch­li­che und recht­li­che Wür­di­gung des Streit­falls durch das vor­in­stanz­li­che Gericht zu über­prü­fen und auf die­ser Grund­la­ge zu beur­tei­len, ob er die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung als falsch dar­le­gen kann und des­halb über­haupt ein Rechts­mit­tel durch­füh­ren soll­te 9. Soweit aber das Aus­lands­un­ter­halts­ge­setz der Durch­füh­rung eines Exe­qua­tur­ver­fah­rens nach der Euro­päi­schen Unter­halts­ver­ord­nung oder des Luga­ner Über­ein­kom­mens von 2007 dient, ist die Tätig­keit des erst­in­stanz­li­chen Gerichts von vorn­her­ein (im Wesent­li­chen) auf die Prü­fung von Förm­lich­kei­ten beschränkt; gera­de die Prü­fung von Aner­ken­nungs­ver­sa­gungs­grün­den ist dem erst­in­stanz­li­chen Gericht aus­drück­lich unter­sagt (Art. 30 Satz 1 EuUnth­VO bzw. Art. 41 Satz 1 LugÜ 2007). Zu die­sem zen­tra­len Punkt des Exe­qua­tur­ver­fah­rens kann die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung des­halb weder tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen noch recht­li­che Erwä­gun­gen ent­hal­ten, mit denen sich der Schuld­ner im Rah­men einer Beschwer­de­be­grün­dung aus­ein­an­der­set­zen könn­te.
OLG Mün­chen, Beschluss vom 01.02.2016 – 12 UF 633/​14[↩]
OLG Mün­chen Fam­RZ 2015, 775; eben­so OLG Frank­furt Fam­RZ 2016, 1603, 1604 und Fam­RZ 2016, 397, 399[↩]
BGBl. 1986 II S. 826[↩]
vgl. BT-Drs. 17/​4887 S. 42; vgl. auch Prütting/​Helms/​Hau FamFG 3. Aufl. Anhang 2 zu § 110 [AUG] Rn. 41[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 02.09.2015 XII ZB 75/​13 Fam­RZ 2015, 2043 Rn. 10[↩]
vgl. BT-Drs. 17/​4887 S. 46 f.[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 02.09.2015 XII ZB 75/​13 Fam­RZ 2015, 2043 Rn. 12; BGH Beschluss vom 04.02.2010 – IX ZB 57/​09 NJW-RR 2010, 571 Rn. 7 zum Klau­seler­tei­lungs­ver­fah­ren nach dem AVAG[↩]
vgl. dazu BGH, Beschlüs­se vom 22.07.2015 XII ZB 131/​15 Fam­RZ 2015, 1791 Rn. 15 ff.; und vom 01.04.2015 XII ZB 503/​14 Fam­RZ 2015, 1009 Rn. 10 ff. mwN[↩]
vgl. Stein/​Jonas/​Althammer ZPO 22. Aufl. § 520 Rn. 1; Wieczorek/​Schütze/​Gerken ZPO 4. Aufl. § 522 Rn. 5; Oeh­ler MDR 1986, 447, 448[↩]