Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/alkoholbedingt-schuldfaehigkeit-frage-3119121
Timestamp: 2020-08-10 11:41:59
Document Index: 316970493

Matched Legal Cases: ['§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 49', '§ 213', '§ 21', '§ 21', '§ 49', '§ 213', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 21', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 21', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 21', '§ 21', '§ 21', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 21']

Alkoholbedingt verminderte Schuldfähigkeit - und die Frage der Strafrahmenverschiebung | Rechtslupe
Alkoholbedingt verminderte Schuldfähigkeit - und die Frage der Strafrahmenverschiebung
Der 2. Straf­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs wider­spricht der vom 3. Straf­se­nat beab­sich­tig­ten Recht­spre­chungs­än­de­rung, so dass hier­zu dem­nächst wohl der Gro­ße Senat in Straf­sa­chen das Wort haben haben wird.
Der 3. Straf­se­nat beab­sich­tigt zu ent­schei­den: „Der Tatrich­ter übt sein Ermes­sen bei der Ent­schei­dung über die Straf­rah­men­ver­schie­bung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB grund­sätz­lich nicht rechts­feh­ler­haft aus, wenn er im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung der schuld­min­dern­den Umstän­de die Ver­sa­gung der Straf­rah­men­mil­de­rung allein auf den Umstand stützt, dass die erheb­li­che Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Täters auf von die­sem ver­schul­de­ter Trun­ken­heit beruht.“
Er hat daher mit Beschluss vom 15.10.2015 [1] bei den ande­ren Straf­se­na­ten ange­fragt, ob deren Recht­spre­chung dem ent­ge­gen­steht und ob – soll­te dies der Fall sein – dar­an fest­ge­hal­ten wird.
Der 2. Straf­se­nat ver­steht den Anfra­ge­be­schluss so, dass der 3. Straf­se­nat der Auf­fas­sung ist, dass jede ver­schul­de­te Trun­ken­heit eines Ange­klag­ten in einem Maße schul­d­er­hö­hend wirkt, dass allein des­we­gen die Straf­rah­men­mil­de­rung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB ver­sagt wer­den kann und es dabei nicht auf das Vor­lie­gen ein­schlä­gi­ger Vor­er­fah­run­gen des Täters oder sonst das Risi­ko erhö­hen­des Ver­hal­ten ankommt. Denn der 3. Straf­se­nat sieht im Ergeb­nis kei­nen Ermes­sens­feh­ler dar­in, dass das Tat­ge­richt dem Ange­klag­ten die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­mil­de­rung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB allein des­we­gen ver­sagt hat, weil die­ser sich schuld­haft durch Alko­hol­ge­nuss in den Zustand erheb­lich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit ver­setzt hat, obwohl das Land­ge­richt Fest­stel­lun­gen zu einer vor­her­seh­bar alko­hol­be­ding­ten Erhö­hung des Risi­kos der Bege­hung von Straf­ta­ten auf­grund per­sön­li­cher oder situa­ti­ver Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls nicht getrof­fen hat.
Der beab­sich­tig­ten Ent­schei­dung des 3. Straf­se­nats steht Recht­spre­chung des 2. Straf­se­nats ent­ge­gen [2]; an die­ser hält er fest.
Ob bei Vor­lie­gen ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit im Sin­ne des § 21 StGB eine Straf­rah­men­mil­de­rung vor­zu­neh­men oder zu ver­sa­gen ist, hat der Tatrich­ter unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen zu ent­schei­den [3]; sei­ne Wer­tung ist vom Revi­si­ons­ge­richt in der Regel hin­zu­neh­men, wenn sie erkenn­bar auf einer voll­stän­di­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge beruht [4]. Eine sche­ma­ti­sche Behand­lung der Fra­ge einer fakul­ta­ti­ven Straf­rah­men­mil­de­rung allein wegen Vor­lie­gens eines selbst zu ver­ant­wor­ten­den Alko­hol­rau­sches hält der Bun­des­ge­richts­hof daher nicht für ange­bracht; viel­mehr ist eine dif­fe­ren­zier­te, auf eine Ver­schul­dens­prü­fung im Ein­zel­fall abstel­len­de Lösung vor­zu­zie­hen.
Danach spricht es bei selbst zu ver­ant­wor­ten­der Trun­ken­heit des Täters in der Regel zwar gegen eine Straf­rah­men­ver­schie­bung, wenn sich auf­grund der per­sön­li­chen oder situa­ti­ven Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls infol­ge der Alko­ho­li­sie­rung das Risi­ko der Bege­hung von Straf­ta­ten vor­her­seh­bar signi­fi­kant erhöht hat. Umge­kehrt recht­fer­tigt aber der Umstand, dass die erheb­li­che Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit des Täters auf von die­sem ver­schul­de­ter Trun­ken­heit beruht, für sich allein die Ver­sa­gung einer Straf­rah­men­ver­schie­bung gemäß § 21, § 49 Abs. 1 StGB nicht. Die­se Erwä­gun­gen gel­ten nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs glei­cher­ma­ßen im Rah­men der Prü­fung eines unbe­nann­ten min­der schwe­ren Falls nach § 213 StGB.
Der Tatrich­ter hat über die vom Gesetz ein­ge­räum­te Mög­lich­keit einer Straf­rah­men­mil­de­rung auf Grund einer Gesamt­ab­wä­gung aller schuld­re­le­van­ten Gesichts­punk­te zu ent­schei­den, wobei ihm bei der Bewer­tung der für die Fest­stel­lung einer vor­werf­ba­ren Vor­her­seh­bar­keit rele­van­ten objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Umstän­de ein wei­ter Ermes­sens­spiel­raum ein­ge­räumt ist. Im Rah­men die­ser Ermes­sens­ent­schei­dung ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Schuld­ge­halt der Tat bei einer erheb­li­chen Ver­min­de­rung der Schuld­fä­hig­keit in aller Regel ver­min­dert ist [5]. Zwar kann die Min­de­rung der Tat­schuld durch schul­d­er­hö­hen­de Umstän­de kom­pen­siert wer­den. Dies kommt etwa in Betracht, wenn der Täter die Bege­hung von Straf­ta­ten vor­aus­ge­se­hen hat oder hät­te vor­aus­se­hen kön­nen, weil er aus frü­he­ren Erfah­run­gen weiß, dass er unter Alko­hol- oder Dro­gen­kon­sum zur Bege­hung von Straf­ta­ten neigt [6] oder sich für ihn aus ande­ren Umstän­den ergibt, dass es bei Alko­ho­li­sie­rung zu Straf­ta­ten kom­men könn­te [7].
Die Ansicht des anfra­gen­den 3. Straf­se­nats, es lie­ge kein Ermes­sens­feh­ler dar­in, dass das Tat­ge­richt dem Ange­klag­ten die fakul­ta­ti­ve Straf­rah­men­mil­de­rung nach §§ 21, 49 Abs. 1 StGB allein des­we­gen ver­sagt hat, weil die­ser sich schuld­haft durch Alko­hol­ge­nuss in den Zustand erheb­lich ver­min­der­ter Schuld­fä­hig­keit ver­setzt hat, berück­sich­tigt nach Ansicht des 2. Straf­se­nats nicht, dass das Tat­ge­richt auf Grund einer Gesamt­ab­wä­gung aller schuld­re­le­van­ten Gesichts­punk­te zu ent­schei­den hat. Nicht nach­zu­voll­zie­hen ver­mag der Bun­des­ge­richts­hof daher, wie eine „Gesamt­wür­di­gung“ aller rele­van­ten Gesichts­punk­te – wie in der dem Anfra­ge­be­schluss zugrun­de lie­gen­den Ent­schei­dung – ermes­sens­feh­ler­frei vor­ge­nom­men wor­den sein soll­te, wenn der Tatrich­ter die Ver­sa­gung der Straf­rah­men­mil­de­rung allein (aus­schließ­lich) auf einen Umstand gestützt hat.
Die der beab­sich­tig­ten Ent­schei­dung des 3. Straf­se­nats zugrun­de lie­gen­de Rechts­auf­fas­sung greift mit Blick auf den Schuld­grund­satz zu kurz [8], ins­be­son­de­re lässt sie unbe­rück­sich­tigt, dass jede Schul­d­er­hö­hung wenigs­tens (ein­fa­che) Fahr­läs­sig­keit als gerings­te Schuld­form vor­aus­setzt. Aus die­sem Grund ist für eine Ver­sa­gung der Straf­rah­men­mil­de­rung zumin­dest Fahr­läs­sig­keit des Täters, also Vor­her­seh­bar­keit und Ver­meid­bar­keit bezüg­lich eines rechts­wid­ri­gen Ereig­nis­ses in objek­ti­ver und sub­jek­ti­ver Hin­sicht erfor­der­lich, etwa Vor­er­fah­run­gen mit ver­gleich­ba­ren Straf­ta­ten oder die Alko­ho­li­sie­rung in einer Umge­bung, in der sich auf­grund der per­sön­li­chen und situa­ti­ven Ver­hält­nis­se des Ein­zel­fal­les das Risi­ko der Bege­hung von Straf­ta­ten erhöht hat [9]. Das all­ge­mein­kun­di­ge Wis­sen, dass eine alko­ho­li­sche Berau­schung gene­rell die Hemm­schwel­le gegen­über sozi­al auf­fäl­li­gen und aggres­si­ven Ver­hal­ten zu sen­ken pflegt, reicht inso­weit nicht [10].
Damit kann eine Straf­rah­men­mil­de­rung wegen eigen­ver­ant­wort­lich her­bei­ge­führ­ter Trun­ken­heit nach § 21, § 49 Abs. 1 StGB nur dann abge­lehnt bzw. ein unbe­nann­ter min­der schwe­rer Fall im Sin­ne von § 213 StGB ver­neint wer­den, wenn im Rah­men der Ermes­sens­ent­schei­dung geprüft und berück­sich­tigt wur­de, ob sich auf­grund der per­sön­li­chen und situa­ti­ven Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls das Risi­ko der Bege­hung von Straf­ta­ten infol­ge der Alko­ho­li­sie­rung vor­her­seh­bar signi­fi­kant erhöht hat. Inso­weit schließt sich der 2. Straf­se­nat den Aus­füh­run­gen des 5. Straf­se­nats in der genann­ten Ent­schei­dung an.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Novem­ber 2016 – 2 ARs 386/​15
BGH Beschluss vom 15.10.2015 – 3 StR 63/​15[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 15.02.2006 – 2 StR 419/​05 , BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 40; Beschluss vom 07.09.2015 – 2 StR 350/​15, NStZ-RR 2016, 74[↩]
BGH, Beschluss vom 07.09.2015 – 2 StR 350/​15, aaO[↩]
BGH, Urteil vom 15.02.2006 – 2 StR 419/​05, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 40 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 07.09.2015 – 2 StR 350/​15; Urteil vom 24.08.2016 – 2 StR 504/​15[↩]
BGH, Beschluss vom 07.09.2015 – 2 StR 350/​15, NStZ-RR 2016, 74[↩]
BGH, Urtei­le vom 15.02.2006 – 2 StR 419/​05, BGHR StGB § 21 Straf­rah­men­ver­schie­bung 40; und vom 24.08.2016 – 2 StR 504/​15[↩]
vgl. LK/​Schöch, 12. Aufl., § 21 Rn. 56; Lackner/​Kühl, 28. Aufl., § 21 Rn. 4a mwN[↩]
BGH, Urteil vom 17.08.2004 – 5 StR 93/​04, BGHSt 49, 239, 242[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 24.08.2016 – 2 StR 504/​15[↩]
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