Source: http://www.nfp52.ch/d_dieprojekte.cfm?0=0&kati=0&Projects.Command=details&get=5
Timestamp: 2018-08-19 19:54:18
Document Index: 127973362

Matched Legal Cases: ['Art. 308', 'Art 310', 'Art. 311', 'Art. 308', 'Art. 308', 'Art. 307', 'Art. 308', 'Art. 310']

Wenn Kinder mit Behörden gross werden: zivilrechtlicher Kindesschutz im Alltag
Das schweizerische Familienrecht verpflichtet die Behörden, Kindeswohlgefährdungen mit geeigneten Massnahmen zu begegnen, zunächst und vorzugsweise in Form der Unterstützung der Eltern in ihrer Erziehungsaufgabe (Beistandschaft gemäss Art. 308 ZGB), wenn der Gefährdung nicht anders begegnet werden kann durch den Entzug der elterlichen Obhut (Art 310) oder gar der elterlichen Sorge (Art. 311/312). Gemäss der Statistik der kantonalen Vormundschaftsbehörden standen 2005 rund 23'000 Kinder (nur) unter Beistandschaft und rund 3'300 weitere waren der Obhut ihrer Eltern entzogen. Art wie Häufigkeit der Massnahmen variieren zwischen den Kantonen in beträchtlichem und rechtsstaatlich möglicherweise bedenklichem Mass. Über das Zustandekommen der Massnahmen bestehen bislang kaum allgemeine Erkenntnisse, ebenso wenig über ihre Durchführung und Beendigung. In deskriptiver Hinsicht hat das Projekt das Ziel, ein genaueres Bild über den Einsatz zivilrechtlicher Massnahmen, ihren Hintergrund und ihre Begründung zu gewinnen. In analytischer Absicht soll der Prozess des zivilrechtlichen Kindesschutzes als Entscheidungsprozess rekonstruiert werden, um jene nicht-rechtlichen institutionellen Faktoren zu identifizieren, welche die Massnahmen ausserhalb der je spezifischen Falldynamik bestimmen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Verknüpfung der unterschiedlichen Handlungsrahmen und -logiken der beteiligten Institutionen, insbesondere der Vormundschaftsbehörden und der von ihnen mit der Mandatsführung beauftragten Sozialdienste. Hier gilt das Interesse der Vermittlung der auf Entscheidung in einem formal korrekten Verfahren abzielenden Logik des Rechts mit dem sozialarbeiterischen, auf die Alltagsbewältigung und damit an der Maxime der Nützlichkeit ausgerichteten Handeln.
Das Projekt umfasst drei Teilprojekte mit drei verschiedenen Methoden:
1) eine Analyse der Dossiers von 164 Kindesschutzfällen in je zwei Kantonen oder Kantonsteilen der Deutschschweiz und der Romandie mit unterschiedlicher institutioneller Ordnung («Setting»). In jeder Sprachregion weist das eine Setting eine hauptberufliche, das andere eine Miliz-Behörde auf. Innerhalb jedes Settings wird eine nach rechtlicher Massnahmenbasis (Art. 308 – 310) geschichtete Zufallsstichprobe von 34 – 46 Fällen gezogen. Ziel sind ein Überblick über Fälle, Problematiken und Massnahmen auf repräsentativer Basis sowie die formale Rekonstruktion der Prozesse in ihrer zeitlichen Struktur;
2) acht Fallstudien zu neu errichteten Fällen und ihrem Verlauf im ersten Jahr nach der Errichtung. Basis sind narrative Interviews mit dem sorgeberechtigten Elternteil, dem zuständigen Behördenmitglied und dem/der Mandatsträger/in. Ziel ist die Rekonstruktion der unterschiedlichen Perspektiven, ihres Zusammenspiels und ihrer Entwicklung über die Zeit.
3) die standardisierte Befragung einer mehrfach geschichteten Stichprobe der Vorsitzenden von Behörden (N=242) und der Leiter/innen der mit ihnen zusammenarbeitenden Sozialdienste (N=157). Erfragt worden sind handlungsleitende Einstellungen, die damit verbundenen Situations und Problemwahrnehmungen sowie Struktur und Arbeitsweise der Organisation.
Der zivilrechtliche Kindesschutz wird in hohem Masse durch Elternkonflikte absorbiert. In 70% der untersuchten Fälle liegt keine direkte Gefährdung des Kindeswohls vor, sondern ein Konflikt unter Erwachsenen, der mit einer Beistandschaft von den Kindern ferngehalten werden soll. An zweiter Stelle (15%) steht die Vernachlässigung des Kindes durch seine Eltern. Physische Misshandlung (6%) und sexueller Missbrauch (3%) als jene Problematiken, die das Bild des Kindesschutzes in der Öffentlichkeit prägen, machen in quantitativer Hinsicht nur einen kleinen Teil der Fälle aus.
Die Strukturen des Vormundschaftswesens widerspiegeln sich sowohl in den Einstellungen der professionellen Akteure wie in der Gestaltung des Entscheidungsprozesses, der zur Errichtung einer Massnahme führt, aber auch in dessen Dokumentation. So neigen Behörden kleiner Gemeinden mit wenigen Fällen zu restriktiveren, mit weiter reichenden Eingriffen in die Elternrechte verbundenen Massnahmen als Behörden mit grossem Einzugsgebiet und zahlreichen Fällen (standardisierte Befragung).
Auch die Rolle des/der Mandatsträgerin ist durch das Setting in hohem Mass geprägt. Wo er/sie neben einen lokalen Sozialdienst tritt, wird er/sie zum Spezialisten für ein spezifisches (Erziehungs oder Partnerschafts )Problem. Damit verbunden wird er/sie von den Eltern zuweilen als zusätzliche Belastung empfunden. Gleichzeitig ist in vielen Fällen das Mandat nicht über die Anführung des Gesetzestextes hinaus spezifiziert, was eine entsprechend offene Handhabung erlaubt. Auffällig ist in allen Settings die geringe dokumentierte Kontaktintensität; dokumentiert ist primär Kommunikation über Kinder und Eltern (Dossieranalyse, Fallstudien).
Die Zahl der involvierten Professionellen ist ebenfalls systemabhängig und dort am grössten, wo vorbereitende, entscheidende und mandatsführende Instanzen getrennt sind. Sie kann aber über alle vier Settings hinweg als überraschend hoch bezeichnet werden. So treten in 50% der untersuchten Beistandschaften 15 und mehr Professionelle als Verfasser oder Adressaten von Dokumenten auf (Dossieranalyse).
Die formale Gestaltung des Verfahrens scheint hinsichtlich der Elternrechte mangelhaft. Für über 40% der Beistandschaften und Obhutsentzüge finden sich in den Unterlagen der Behörde keine Hinweise auf eine formelle persönliche Anhörung (Dossieranalyse).
Einmal errichtete Massnahmen (geschätzte 65% der Beistandschaften und Obhutsentzüge) dauern vielfach bis zum Ende der Kindheit. Vorzeitige Aufhebungen stehen in einem signifikanten Zusammenhang mit den zweijährlich fälligen Rechenschaftsberichten. Da die kurzfristige Arbeitsbelastung von Mandatsträger/in und Behörde bei Aufhebung einer Massnahme steigt, bestehen dafür negative Anreize (Dossieranalyse).
Empfehlungen an Praxis und Politik
Für den Umgang mit Elternkonflikten um das Kind sind in Rechtssetzung und Praxis Alternativen zur Beistandschaft gemäss Art. 308 zu entwickeln (z.B. Mediation).
Die Stellung der Behörde gegenüber dem Mandatsträger ist zu stärken durch eine Erhöhung der Fachkompetenz auch in sozialarbeiterischer Hinsicht. Einzugsgebiet und Mengengerüst einer Behörde sollten so gross sein, dass diese Erfahrung im Umgang mit Standardfällen gewinnen kann.
Bei Einleitung des Verfahrens sollte darauf geachtet werden, mit den Eltern realistische Erwartungen auszuhandeln. Im Verfahren und bei dessen Dokumentation ist dem Anhörungsrecht von Eltern und Kind Beachtung zu schenken.
Behörden sollten die Differenzierungsmöglichkeiten des zivilrechtlichen Instrumentariums (Art. 307 Abs. 3, Art. 308 Abs. 1-3, Art. 310) sowohl hinsichtlich der Umschreibung des Mandats wie hinsichtlich der Einschränkung der elterlichen Sorge nutzen.
Wenn die Beziehung zwischen Behörde und Mandatsträger/in als Auftragsverhältnis verstanden werden soll, sind die Rechenschaftsberichte aufzuwerten, d.h. inhaltlich zu differenzieren und in der Frequenz den jeweiligen Fallnotwendigkeiten anzupassen.
Angesichts der grossen Zahl involvierter Professioneller sollte das vormundschaftliche Mandat nur in Ausnahmefällen als (weitere) Spezialistenrolle konzipiert werden. Vielfach dürfte die Rolle eines Case Managers angemessener sein
Sowohl in der Anzahl wie in der Art der Kindesschutzmassnahmen unterscheiden sich die Kantone beträchtlich. Durch die Analyse von Dossiers, durch Befragungen von Funktionsträgern und durch Gespräche mit Eltern wird untersucht, welche nicht-rechtlichen Mechanismen dafür verantwortlich sind.
Für rund 30 000 Kinder besteht gegenwärtig eine Schutzmassnahme gemäss Artikel 307 bis 312 des Schweizerischen Zivilgesetzbuches. Die Rate der Massnahmen und deren Restriktivität variieren allerdings beträchtlich zwischen den Kantonen, ohne dass sich die Unterschiede durch die Zusammensetzung der Bevölkerung erklären liessen. Dazu kommt, dass weder über den Verlauf noch über das Ende der Massnahmen gesicherte Kenntnisse vorliegen
Kindesschutzmassnahmen können als eine Folge von Entscheidungen wechselseitig aufeinander bezogener Akteure verstanden werden. In dieser Perspektive werden die Unterschiede zwischen den Kantonen verstehbar als Folgen unterschiedlicher institutioneller und prozeduraler Regelungen. Das Projekt soll deshalb klären, in welcher Weise verschiedene kantonale Institutionalisierungen des Kindesschutzes die Wahrnehmung des Problems im Einzelfall beeinflussen und damit die Einleitung und den Verlauf der Massnahmen strukturieren. Untersucht werden Faktoren wie der Kreis der beteiligten Ämter und Behörden, ihre jeweilige Position im Prozess und die Professionszugehörigkeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Schliesslich soll eruiert werden, wie sich diese Faktoren in der Wahrnehmung der Eltern niederschlagen und deren Kooperationsbereitschaft beeinflussen.
Methodentriangulation: standardisierte Erfassung und quantitative Analyse von insgesamt 200 Kindesschutzdossiers bei Vormundschaftsbehörden, vorbereitenden Ämtern und Mandatsträgern in vier Kantonen; standardisierte Befragung von Professionellen zu Problemwahrnehmung und generellen Handlungsorientierungen; narrativ-biographische Interviews mit den beteiligten Eltern, Professionellen und Behördenmitgliedern in acht ausgewählten Fällen.
Die Resultate sollen eine systematische Reflexion der nicht-rechtlichen methodischen und institutionellen Aspekte der Kindesschutzpraxis ermöglichen. In dieser Hinsicht sind sie zum einen für die Aus und Weiterbildung von Sozialarbeitern und Juristinnen von Bedeutung. Zum andern stellen sie Grundlagen bereit für die Entscheide über prozessual-rechtliche Fragen bei der bevorstehenden Revision des Erwachsenenschutzrechtes.
Projektdauer: 01.04.03 – 31.12.06
Bewilligtes Projekt: CHF 250 002
Proposal no.: 405240-69060
Dr. Peter Voll
Schweiz. Forum für Migrations- und Bevölkerungsstudien
Tel. 032 718 39 32
E-Mail peter.voll@unine.ch
Prof. Martin Stettler
Université de Genève, Faculté de droit, Département de droit civil
Tel. 022 379 85 08
Fax 022 379 84 67
E-Mail martin.stettler@droit.unige.ch
Prof. Christoph Häfeli
Tel. 056 496 22 24
E-Mail chaefeli@hsa.fhz.ch
University of Applied Sciences, Central Switzerland, Lucerne CHF 180 000
NFP52_Voll_Artikel0506.pdf (177KB) 10.11.2006 Download >