Source: http://www.hensche.de/Kuendigung_Whistleblower_Kuendigung_eines_Whistleblowers_wegen_Strafanzeige_gegen_den_Arbeitgeber_LAG_Koeln_6Sa304-11-u.html
Timestamp: 2018-05-22 19:40:23
Document Index: 354255264

Matched Legal Cases: ['§ 626', 'EGMR', 'Art. 10', 'Art. 10', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', '§ 241', '§ 72']

LAG Köln, Urteil vom 02.02.2012, 6 Sa 304/11 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Köln, Ur­teil vom 02.02.2012, 6 Sa 304/11
Schlagworte: Strafanzeige, Kündigung: Strafanzeige, Whistleblowing
Aktenzeichen: 6 Sa 304/11
Leitsätze: Für die Beurteilung der Frage, ob eine gegen den Arbeitgeber gerichtete Strafanzeige durch den Arbeitnehmer (sog. whistleblowing) einen wichtigen Kündigungsgrund i. S. des § 626 Abs. 1 BGB bildet, hat eine an den Grundrechten der Beteiligten orientierte umfassende Interessenabwägung unter besonderer Berücksichtigung von Interessen der Allgemeinheit stattzufinden.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Aachen, Urteil vom 7.12.2010, 4 Ca 2873/10
4 Ca 2873/10
- Körper­ver­let­zung in meh­re­ren Fällen
- schwe­re Körper­ver­let­zung
- schwe­rer Ein­griff in den Straßen­ver­kehr
- Ver­kehrs­gefähr­dung
- Trans­port­gefähr­dung
- Ver­let­zung der Auf­sichts­pflich­ten
- Ver­let­zung der Fürsor­ge­pflich­ten ge­genüber Fahrgästen und Fahr­per­so­nal
- Ver­ur­sa­chung ho­hen Sach­scha­dens
- Das Gan­ze wur­de ge­mein­schaft­lich, vorsätz­lich und aus nie­de­ren Be­weg­gründen von den zuständi­gen, ver­ant­wort­li­chen Ab­tei­lungs­lei­ter durch­geführt und durch­ge­setzt.
- Da auch die Fir­ma VOL­VO über die Umstände in­for­miert und zum Teil be­tei­ligt war, bzw. die Fol­gen hätte er­mes­sen können, ist ihr ge­nau­so der Streit an­zu­tra­gen.
- Der Vor­stand der ASE­AG ist hier persönlich haf­tend, da er das An­ge­bot der persönli­chen In­for­ma­ti­on über die­se und an­de­re Vorgänge strikt ab­ge­lehnt hat. Er ist da­mit nicht mehr nur als Or­gan haf­tend...
Der Un­fall in S mit dem tödli­chen Aus­gang für den Jun­gen ist ih­nen be­kannt. Ich ha­be mir den Ar­ti­kel im Aa­che­ner An­zei­ger durch­ge­le­sen. Auch hier sind von der Sei­te der Werk­statt an der Si­che­rung der Tür III we­sent­li­che Ände­run­gen vor­ge­nom­men wor­den. Die­se Fahr­zeu­ge be­sit­zen ei­ne elek­tri­sche Brem­se auf der mitt­le­ren Ach­se. Die Brems­verzöge­rung liegt da­mit in et­wa bei ei­ner mitt­le­ren Brem­sung. Bis­her war es so, dass bei un­be­fug­ter Betäti­gung der Si­cher­heits­ein­rich­tung während der Fahrt, das Fahr­zeug au­to­ma­tisch brems­te. Mitt­ler­wei­le, wenn über­haupt, nur noch un­ter 7 km/h, was uns wirk­lich die Leu­te von den Füßen holt. Plötz­lich muss­te die Fah­rer­schaft fest­stel­len, dass be­son­ders bei Schul­einsätzen, es im­mer wie­der vor­kam, dass Ge­lenkzüge mit of­fe­ner Tür und dar­in ste­hen­den Kin­dern mit ho­her Ge­schwin­dig­keit durch die Stadt oder über Land roll­ten. Nach sol­chem Vor­komm­nis bei ei­ner Kol­le­gin auf der Li­nie 51, ha­be ich die Geschäfts­lei­tung schrift­lich zu ei­ner Stel­lung­nah­me da­zu auf­ge­for­dert. Ehe ei­ne Re­ak­ti­on er­folg­te kam es für mich als Fahr­gast zu ei­nem zwei­ten ähn­li­chen Zwi­schen­fall mit ei­nem re­la­tiv neu­en Fahr­zeug. Da­bei fuhr der Fah­rer mit geöff­ne­ter hin­te­rer Tür von der Hal­te­stel­le A in Abis zum Denk­mal­platz. Da­bei hielt er meh­re­re Ma­le an und setz­te sich wie­der in Be­we­gung. Es ertönte we­der das ein­ge­bau­te Warn­si­gnal noch re­agier­te der Fah­rer auf die An­zei­gen im Dis­play. Auf die­se Mel­dung wur­de mir dann von Herrn Berklärt: Die A Werk­statt hat die Si­cher­heits­ein­rich­tun­gen an den Türen so verändert, da­mit bei der „Voll­brem­sung“ bei un­be­fug­ten betäti­gen des Not­hahns nie­mand im Bus zu Fall käme. Dafür wäre dann nämlich die A ver­ant­wort­lich. Wenn der Fah­rer aber die An­zei­gen über­se­hen würde, läge das dann in sei­ner Ver­ant­wor­tung. Auf mei­ne Fra­ge: Wenn ich so­fort die of­fe­nen Türen be­mer­ken würde, und wenn dann bei der ein­ge­leg­ten Brem­sung sei­ne bei­den ei­ge­nen Kin­der hin­ten aus der Tür flögen und ei­nes tödlich ver­letzt und das an­de­re sein Le­ben ein Krüppel blie­be, was er mir dann sa­gen würde, blieb Herr B mir die Ant­wort schul­dig. Im Fall der zwei­ten Mel­dung ließ mir die Werk­statt mit­tei­len, dass an dem Fahr­zeug kein Feh­ler vor­lag und mei­ne Aus­sa­ge nicht nach zu voll­zie­hen sei. Mir ist un­ver­blümt mit­ge­teilt wor­den, dass die A hier die Ver­ant­wor­tung, oh­ne Rück­sicht auf die Si­cher­heit der Fahrgäste, ver­sucht, auf die Fah­rer­schaft ab­zuwälzen. Die kon­kre­te Fra­ge von mir, ist so kon­kret auch be­ant­wor­tet wor­den.
b) In sei­ner Ent­schei­dung vom 21.07.2011 hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR vom 21.07.2010 – 28274/08, ju­ris) klar­ge­stellt, dass Straf­an­zei­gen von Ar­beit­neh­mern ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber mit dem Ziel, Missstände in ih­ren Un­ter­neh­men of­fen zu le­gen, dem Gel­tungs­be­reich des Art. 10 EM­RK un­ter­lie­gen und mit­tels der Straf­an­zei­ge vom Recht auf freie Mei­nungsäußerung im Sin­ne des Art. 10 Abs. 1 S. 1 EM­RK Ge­brauch ge­macht wird. Im zu­grun­de lie­gen­den Fall der Straf­an­zei­ge ei­ner Al­ten­pfle­ge­rin we­gen Missständen hin­sicht­lich der Do­ku­men­ta­ti­on der Pfle­ge­leis­tun­gen hätten die deut­schen Ge­rich­te kei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zwi­schen der Not­wen­dig­keit, den Ruf des Ar­beit­ge­bers zu schützen ei­ner­seits, und der­je­ni­gen, das Recht auf Frei­heit der Mei­nungsäußerung zu schützen an­de­rer­seits, her­bei­geführt. Im Rah­men die­ser Abwägung sind nach An­sicht des EGMR fol­gen­de As­pek­te von Be­deu­tung: In ers­ter Li­nie ge­bie­te die Loya­litäts­pflicht des Ar­beit­neh­mers, zunächst ei­ne in­ter­ne Klärung zu ver­su­chen, um dann als ul­ti­ma ra­tio die Öffent­lich­keit zu in­for­mie­ren (EGMR vom 21.07.2010 – 28274/08, ju­ris – Rn. 65 der Ent­schei­dungs­gründe). Darüber hin­aus ha­be je­de Per­son, die In­for­ma­tio­nen of­fen le­gen wol­le, sorgfältig zu prüfen, ob die In­for­ma­ti­on zu­tref­fend und zu­verlässig sei (EGMR vom 21.07.2010 – 28274/08, ju­ris – Rn. 67 der Ent­schei­dungs­gründe). Auf der an­de­ren Sei­te sei auch der Scha­den von Be­deu­tung, der dem Ar­beit­ge­ber durch die in Re­de ste­hen­de Veröffent­li­chung ent­stan­den sei (EGMR vom 21.07.2010 – 28274/08, ju­ris – Rn. 68 der Ent­schei­dungs­gründe). We­sent­lich sei außer­dem, ob die Per­son die Of­fen­le­gung in gu­tem Glau­ben und in der Über­zeu­gung vor­ge­nom­men hat, dass die In­for­ma­ti­on wahr sei, dass sie im
Auf­grund des mit dem Zeu­gen B geführ­ten Gesprächs hätte es dem Kläger be­wusst sein müssen, dass die von ihm er­ho­be­nen Vorwürfe ei­ner sach­li­chen Grund­la­ge ent­behr­ten. Dass er in­so­weit ei­nem in die­sem Zu­sam­men­hang re­le­van­ten Irr­tum un­ter­le­gen wäre, ist nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me nicht er­kenn­bar. Die stets er­for­der­li­che sorgfälti­ge Prüfung, ob die In­for­ma­tio­nen zu­tref­fend und zu­verlässig sind, hat of­fen­bar nicht statt­ge­fun­den. Viel­mehr han­del­te es sich um ob­jek­tiv un­zu­tref­fen­de Ma­ni­pu­la­ti­ons­vorwürfe un­ter An­ga­be ei­ner fal­schen Quel­le. Auch wenn man im Lich­te der Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te berück­sich­tigt, dass die vom Kläger er­stat­te­te An­zei­ge we­gen des ho­hen Guts der Ver­kehrs­si­cher­heit an sich im öffent­li­chen In­ter­es­se ge­le­gen hat und von der Mo­ti­va­ti­on ge­tra­gen war, wei­te­re ver­gleich­ba­re Unfälle zu ver­hin­dern, so bleibt fest­zu­stel­len, dass der Kläger mit sei­ner un­wah­ren Be­haup­tung, der Zeu­ge B ha­be ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­on an den Si­cher­heits­ein­rich­tun­gen der Bus­se ein­geräumt, die Gren­zen des Zulässi­gen über­schrit­ten hat. Mit die­ser un­wah­ren Be­haup­tung hat der Kläger in schwer­wie­gen­der Wei­se ge­gen sei­ne aus den §§ 241 Abs. 2, 242 BGB fol­gen­de Loya­litäts­pflicht ver­s­toßen.
Bei der In­ter­es­sen­abwägung ist zunächst die lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit des Klägers von rund 22 Jah­ren zum Zeit­punkt der Kündi­gung zu sei­nen Guns­ten zu be­ach­ten. Es kommt hin­zu, dass sich der durch die An­zei­ge dro­hen­de bzw. an­ge­rich­te­te Scha­den für die Be­klag­te noch in Gren­zen hielt, weil der Kläger nicht den Weg in die brei­te Öffent­lich­keit such­te, son­dern die von ihm geäußer­ten Vorwürfe mit der Bit­te um ver­trau­li­che Be­hand­lung an die Straf­ver­fol­gungs­behörden her­an­trug. Hätte der Kläger die Öffent­lich­keit et­wa über die Pres­se in­for­miert, hätte dies ei­nen sehr viel größeren Scha­den für die Be­klag­te auslösen können. Zu Guns­ten des Klägers gilt es darüber hin­aus zu be­den­ken, dass er zwar die Vorwürfe vor ih­rer
Ge­gen die­ses Ur­teil ist kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben. We­gen der Möglich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wird auf § 72a ArbGG ver­wie­sen.
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