Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BVerwG&Datum=26.02.2015&Aktenzeichen=5%20C%205.14
Timestamp: 2019-04-23 09:07:22
Document Index: 169594865

Matched Legal Cases: ['§ 82', '§ 198', '§ 198', '§ 198', 'Art 23', '§ 198', '§ 198', '§ 198', '§ 198', 'BGH', 'Art. 6', '§ 198', '§ 198', '§ 198', '§ 198', '§ 198', '§ 198', '§ 198', 'BGH']

BVerwG, 26.02.2015 - 5 C 5.14 D - dejure.org
BVerwG, 26.02.2015 - 5 C 5.14 D
Zulässigkeit der Entschädigungsklage; Bestimmtheit des Klageantrags; unbezifferter Klageantrag; Größenordnung; Abweichung von der Größenordnung; Teilabweisung der Klage; Kostenteilung; Kostenquotelung; Wartefrist; Verzögerungsrüge; Sachurteilsvoraussetzung; teleologische Reduktion; Entschädigungsanspruch; Entschädigungsanspruch bei überlanger Verfahrensdauer; Entschädigung; angemessene Entschädigung; Gerichtsverfahren; rechtskräftiger Abschluss; anderweitige Erledigung; Verfahrensdauer; angemessene Verfahrensdauer; überlange Verfahrensdauer; Verzögerung; Einzelfallmaßstab; durchschnittlicher Schwierigkeitsgrad; geringe finanzielle Bedeutung; Musterprozess; Einzelrichterübertragung; Prozessverhalten; Verhalten der Verfahrensbeteiligten; säumiges Verhalten der Verfahrensbeteiligten; Verfahrensführung; Verfahrensgestaltung; Entscheidungsreife; Gestaltungsspielraum; Gesamtabwägung; Ausgleich; Kompensation; Anrechnung; Zurechnung; Verantwortungsbereich; Nachteil; immaterieller Nachteil; Regelbetrag; Pauschalbetrag; Billigkeitsentscheidung.
§ 82 Abs 1 S 2 VwGO, § 198 Abs 5 S 1 GVG, § 198 Abs 1 GVG, § 198 Abs 2 GVG, Art 23 Abs 1 ÜberlVfRSchG
Entschädigung wegen überlanger Verfahrensdauer; Zulässigkeit des Antrags
Bestimmtheitserfordernis eines Klageantrags auf Gewährung einer angemessenen Entschädigung für den erlittenen immateriellen Nachteil; Benennung der für die Bemessung der Höhe des Anspruchs erforderlichen Tatsachen; Einschränkung des Fristerfordernisses im Wege der teleologischen Reduktion
NVwZ-RR 2015, 641
AnwBl 2015, 532
Mit dem "rechtskräftigen Abschluss" ist die Beendigung durch formell rechtskräftige Entscheidung sowie durch anderweitige Erledigung des Verfahrens insbesondere durch Antrags- oder Klagerücknahme, Einstellung, Vergleich oder Erledigungserklärung gemeint (stRspr, vgl. etwa BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 4 Rn. 24).
Das Fristerfordernis des § 198 Abs. 5 Satz 1 GVG ist im Wege der teleologischen Reduktion dahin einzuschränken, dass es keine Anwendung findet, wenn das als verspätet gerügte Verfahren schon vor Ablauf der - hier am 18. Juni 2012 endenden - Sechsmonatsfrist abgeschlossen wurde (BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 4 Rn. 18 ff. m.w.N.).
Denn der Verwaltungsgerichtshof leitete diese Stellungnahme und alle danach von den Beteiligten noch eingereichten Schriftsätze dem jeweils anderen Beteiligten lediglich mit der Bitte zur Kenntnisnahme bzw. eventuellen Stellungnahme zu (vgl. BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 4 Rn. 41).
In diesem Fall ist die Entschädigungsklage ausnahmsweise vom Moment des Verfahrensabschlusses an zulässig (vgl. BVerwG, U. v. 26.2.2015 - 5 C 5.14 D - NVwZ-RR 2015, 641 - juris;… BGH, U. v. 21.5.2014 - III ZR 355/13 - NJW 2014, 2443 Rn. 17, v. 17.7.2014 - III ZR 228/13 - NJW 2014, 2588 Rn. 18 m. w. N.; Schenke, NVwZ 2012, 257/261).
Für Zeiträume unter einem Jahr lässt die Regelung eine zeitanteilige Berechnung zu (BVerwG, U. v. 26.2.2015 a. a. O. Rn. 55; vgl. auch BT-Drs. 17/3802 S. 20).
In der Rechtsprechung ist geklärt (vgl. BVerwG, U. v. 26.2.2015 a. a. O. Rn. 37), dass die Verfahrensbeteiligten - abgesehen von der Obliegenheit zur Erhebung der Verzögerungsrüge - grundsätzlich nicht verpflichtet sind, aktiv (durch Aufforderungen) darauf hinzuarbeiten, dass das Gericht das Verfahren in angemessener Zeit zu einem Abschluss bringt.
Es gab somit keinen Zeitraum, in dem das Verwaltungsgericht das Verfahren ohne sachlichen Rechtfertigungsgrund nicht gefördert hat (vgl. BVerwG, U. v. 26.2.2015 a. a. O. Rn. 40).
Die Verpflichtung des Gerichts, das Verfahren in angemessener Zeit zum Abschluss zu bringen, ergibt sich unmittelbar aus der dem Staat obliegenden Justizgewährleistungspflicht, aus dem Gebot des effektiven Rechtsschutzes und aus Art. 6 Abs. 1 EMRK (BVerwG, Urteile vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D - NVwZ-RR 2015, 641 Rn. 37 …und vom 11. Juli 2013 - 5 C 27.12 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 2 Rn. 41).
Mit der gesetzlichen Festlegung, dass sich die Angemessenheit der Verfahrensdauer nach den Umständen des Einzelfalles richtet (§ 198 Abs. 1 Satz 2 GVG), hat der Gesetzgeber bewusst von der Einführung bestimmter Grenzwerte für die Dauer unterschiedlicher Verfahrenstypen abgesehen und angeordnet, dass eine Einzelfallprüfung vorzunehmen ist (…s.a. BVerwG, Urteile vom 11. Juli 2013 - 5 C 27.12 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 2 Rn. 20 ff. und vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 4 Rn. 28; vgl. ferner BVerfG, Kammerbeschluss vom 22. August 2013 - 1 BvR 1067/12 - NJW 2013, 3630 ).
Zwar billigt das Bundesverwaltungsgericht dem Ausgangsgericht unter Berücksichtigung der richterlichen Unabhängigkeit und zur Ausübung seiner verfahrensgestaltenden Befugnisse einen Gestaltungsspielraum zu, der im jeweiligen Fall zur Annahme eines Zeitraums führt, innerhalb dessen die Verfahrensdauer die Grenze zur Unangemessenheit nicht überschreitet (BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 4 Rn. 42 ff. m.w.N.).
Denn auch der Gestaltungszeitraum, der den Ausgangsgerichten insbesondere ab Eintritt der Entscheidungsreife zuzugestehen ist, ist einzelfallbezogen in Relation zu den in § 198 Abs. 1 Satz 2 GVG benannten Kriterien zu bestimmen, wobei maßgeblich ist, wie die Gerichte im Ausgangsverfahren die Lage aus ihrer Ex-ante-Sicht einschätzen durften (BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D - Buchholz 300 § 198 GVG Nr. 4 Rn. 43).
vgl. zu diesen Anforderungen BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D -, juris Rn. 15 f.; Thür.
vgl. BVerwG, Urteil vom 26. Februar 2015 - 5 C 5.14 D -, juris Rn. 18 ff.; BGH, Urteile vom 21. Mai 2014 - III ZR 355/13 -, NJW 2014, 2443 ff. = juris Rn. 17, und vom 17. Juli 2014 - III ZR 228/13 -, NJW 2014, 2588 ff. = juris Rn. 18.
Dieser Zeitraum ist auch unter Berücksichtigung einer großzügigen Bearbeitungs- und Bedenkzeit, vgl. dazu BVerwG, Urteile vom 11. Juli 2013 - 5 C 23.12 D -, BVerwGE 147, 146 ff., und - 5 C 27.12 D -, juris, vom 27. Februar 2014 - 5 C 1/13 D -, NVwZ 2014, 1523 ff., und vom 26. Februar 2015 - 5 C 5/14 D -, juris, angesichts der oben dargestellten Einzelfallumstände unangemessen lang.
Denn abgesehen von der Obliegenheit zur Erhebung der Verzögerungsrüge sind die Verfahrensbeteiligten nicht verpflichtet, aktiv darauf hinzuarbeiten, dass das Gericht das Verfahren in angemessener Zeit zu einem Abschluss bringt (vgl. BVerwG, Urteil v. 26.02.2015 - 5 C 5/14 D - Rn. 37, zitiert nach juris).
Der Senat folgt insoweit der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG, Urteil vom 26.02.2015 - 5 C 5/14 D -, Rn. 55, zitiert nach juris).
Vielmehr muss der Staat sich solche strukturelle Mängel zurechnen lassen und hat sie zu beseitigen (vgl. BVerwG, Urteil vom 26.02.2015 - 5 C 5/14 D - juris RdNr. 43; Urteil vom 27.02.2014 - 5 C 1.13 D - juris RdNr. 28; Urteil vom 11.07.2013 - 5 C 23/12 D - juris RdNr. 43).