Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-beantragte-fristverlaengerung-343758
Timestamp: 2020-03-30 06:02:37
Document Index: 120881937

Matched Legal Cases: ['Art. 2', '§ 520', '§ 520', '§ 234', '§ 236', '§ 520', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die bean­trag­te Frist­ver­län­ge­rung | Rechtslupe
Ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter ist grund­sätz­lich nicht ver­pflich­tet, sich inner­halb des Laufs der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist bei Gericht zu erkun­di­gen, ob sein Antrag auf Ver­län­ge­rung der Frist recht­zei­tig ein­ge­gan­gen sei und ihm statt­ge­ge­ben wer­de.
Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts und des Bun­des­ge­richts­hofs ver­bie­tet es der ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­te Anspruch auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes (vgl. Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip), einer Par­tei die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand auf­grund von Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu ver­sa­gen, die nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung nicht ver­langt wer­den und mit denen sie auch unter Berück­sich­ti­gung der Ent­schei­dungs­pra­xis des ange­ru­fe­nen Gerichts nicht rech­nen muss­te 1.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te der Beklag­te durch Vor­la­ge einer eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Büro­an­ge­stell­ten W. glaub­haft gemacht, dass Frau W. am 23.12.2011 den spä­ter in Kopie zur Gerichts­ak­te ein­ge­reich­ten Schrift­satz mit dem dar­in ent­hal­te­nen Antrag auf Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nach Unter­zeich­nung durch Rechts­an­walt W. ein­ku­ver­tiert und noch am sel­ben Tag nach­mit­tags zur Post gebracht hat. Danach durf­ten die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten davon aus­ge­hen, dass der Antrag recht­zei­tig vor der am 9.01.2012 ablau­fen­den Beru­fungs­be­grün­dungs­frist beim Land­ge­richt ein­ge­hen wür­de. Ihnen kann nicht vor­ge­wor­fen wer­den, auf die Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­traut zu haben, nach­dem sie einen ers­ten Ver­län­ge­rungs­an­trag unter Dar­le­gung eines erheb­li­chen Grun­des im Sin­ne des § 520 Abs. 2 Satz 3 ZPO gestellt hat­ten 2. Die in der Begrün­dung des Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags ange­ge­be­ne urlaubs­be­ding­te Abwe­sen­heit in der Zeit vom 24.12.2011 bis zum 8.01.2012 ist ein erheb­li­cher Grund im Sin­ne von § 520 Abs. 2 Satz 3 ZPO.
Die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten waren auch nicht ver­pflich­tet, sich vor Ablauf der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist über eine Ver­län­ge­rung die­ser Frist durch Nach­fra­ge bei Gericht zu ver­ge­wis­sern.
Den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten einer Par­tei trifft im Regel­fall kein Ver­schul­den an dem ver­spä­te­ten Zugang eines Schrift­sat­zes, wenn er ver­an­lasst, dass der Schrift­satz so recht­zei­tig in den Brief­kas­ten ein­ge­wor­fen wird, dass er nach den nor­ma­len Post­lauf­zei­ten frist­ge­recht bei dem Gericht hät­te ein­ge­hen müs­sen. Wenn dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kei­ne beson­de­ren Umstän­de bekannt sind, die zu einer Ver­län­ge­rung der nor­ma­len Post­lauf­zei­ten füh­ren kön­nen, darf er dar­auf ver­trau­en, dass die­se ein­ge­hal­ten wer­den 3. Er ist dann auch nicht gehal­ten, sich vor Frist­ab­lauf durch Rück­fra­ge bei der Geschäfts­stel­le des Gerichts von einem recht­zei­ti­gen Ein­gang zu über­zeu­gen 4. Denn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te ist bereits in beson­de­rem Maße ver­pflich­tet, für eine zuver­läs­si­ge Aus­gangs­kon­trol­le zu sor­gen 5. Dann kann er regel­mä­ßig nicht auch noch gehal­ten sein, den Ein­gang sei­ner Schrift­sät­ze bei Gericht zu über­wa­chen 6.
Eine Nach­fra­ge­pflicht kommt nur aus­nahms­wei­se in Betracht, wenn hier­für ein kon­kre­ter Anlass besteht 7. Ein sol­cher kon­kre­ter Anlass besteht nicht schon dann, wenn der Anwalt in der noch lau­fen­den Beru­fungs­be­grün­dungs­frist noch kei­ne auf sei­nen Schrift­satz bezo­ge­ne Ver­fü­gung des Gerichts erhält. Denn allein dar­aus müs­sen sich ihm noch kei­ne Zwei­fel auf­drän­gen, dass sein Schrift­satz nicht bei Gericht ein­ge­gan­gen sein könn­te 8. Eine Erkun­di­gungs­pflicht wird nur durch eine sol­che Mit­tei­lung des Gerichts aus­ge­löst, die unzwei­deu­tig ergibt, dass etwas fehl­ge­lau­fen ist 9. Die Sorg­falts­pflich­ten des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten wür­den über­spannt und der Zugang zu den in den Ver­fah­rens­ord­nun­gen vor­ge­se­he­nen Instan­zen in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert, wenn man in der­ar­ti­gen Fäl­len ver­lan­gen wür­de, Erkun­di­gun­gen über den Ver­bleib sei­nes Schrift­sat­zes ein­zu­ho­len 10.
Nach die­sen Grund­sät­zen waren die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten vor­lie­gend nicht ver­pflich­tet, sich inner­halb des Laufs der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist bei Gericht zu erkun­di­gen, ob der Ver­län­ge­rungs­an­trag recht­zei­tig ein­ge­gan­gen sei und ihm statt­ge­ge­ben wer­de 11.
Da den Beklag­ten somit kein Ver­schul­den an der Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist trifft und die ver­säum­te Rechts­hand­lung mit dem am 11.01.2012 beim Land­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz inner­halb der inso­weit maß­geb­li­chen Frist von einem Monat (§ 234 Abs. 1 Satz 2, § 236 Abs. 2 Satz 2 ZPO) nach­ge­holt wor­den ist, ist der ange­foch­te­ne Beschluss auf­zu­he­ben und dem frist­ge­recht gestell­ten Wie­der­ein­set­zungs­an­trag statt­zu­ge­ben.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Juni 2012 – VI ZB 16/​12
Ver­trau­en auf die Frist­ver­län­ge­rung Der Rechts­mit­tel­füh­rer, der vor Ablauf der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist unter Dar­le­gung eines der Grün­de des § 520 Abs. 2 Satz 3 ZPO einen ers­ten Antrag auf Ver­län­ge­rung…
vgl. BVerfGE 79, 372, 376 f.; 88, 118, 123 ff.; BVerfG, NJW-RR 2002, 1004; BGH, Beschluss vom 20.09.2011 – VI ZB 5/​11, VersR 2012, 334 Rn. 6[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.09.2001 – VI ZB 26/​01, VersR 2001, 1579, 1580; vom 13.12.2005 – VI ZB 52/​05, VersR 2006, 568 Rn. 6; vom 20.06.2006 – VI ZB 14/​06, juris Rn. 6 und vom 16.10.2007 – VI ZB 65/​06, VersR 2008, 234 Rn. 9[↩]
st. Rspr., vgl. BGH, Beschluss vom 30.09.2003 – VI ZB 60/​02, VersR 2004, 354, 355; BGH, Beschlüs­se vom 05.07.2001 – VII ZB 2/​00, juris Rn. 6; vom 09.02.1998 – II ZB 15/​97, VersR 1998, 1301, 1302[↩]
BVerfGE 79, 372, 375 f.; BVerfG, NJW 1992, 38; BGH, Beschluss vom 30.09.2003 – VI ZB 60/​02, aaO; BGH, Beschlüs­se vom 23.01.2008 – XII ZB 155/​07, VersR 2009, 1096 Rn. 10; vom 03.12.2009 – IX ZB 238/​08, juris Rn. 10[↩]
vgl. dazu BGH, Beschluss vom 20.12.2011 – VI ZB 25/​11, juris Rn. 9[↩]
BVerfGE 79, 372, 375 f.; BVerfG, NJW 1992, 38; BGH, Beschluss vom 20.12.2011 – VI ZB 28/​11, juris Rn. 7; BGH, Beschluss vom 03.12.2009 – IX ZB 238/​08, aaO Rn. 10[↩]
BVerfGE 42, 120, 126 f.; BVerfG, NJW 1992, 38, 39; BGH, Beschluss vom 03.12.2009 – IX ZB 238/​08, aaO Rn. 11[↩]
BGH, Beschluss vom 20.12.2011 – VI ZB 28/​11, aaO Rn. 8[↩]
BVerfG, NJW 1992, 38, 39; BGH, Beschluss vom 03.12.2009 – IX ZB 238/​08, aaO Rn. 11[↩]
BVerfG, NJW 1992, 38, 39[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 13.12.2005 – VI ZB 52/​05, aaO und vom 16.10.2007 – VI ZB 65/​06, aaO; BGH, Beschlüs­se vom 12.03.1986 – VIII ZB 6/​86, VersR 1986, 787, 788 und vom 11.11.1998 – VIII ZB 24/​98, VersR 1999, 1559, 1560[↩]
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