Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Sperrzeit_beim_Anspruch_auf_Arbeitslosengeld_BSG_B11a/11AL49-04R_u.html
Timestamp: 2019-10-14 00:05:22
Document Index: 258328796

Matched Legal Cases: ['§ 119', '§ 119', '§ 119', 'Art 6', '§ 144', '§ 144', '§ 144', '§ 119', '§ 119', '§ 119', '§ 119', '§ 119', '§ 119', '§ 121', '§ 119', '§ 119', 'Art 6', '§ 144', '§ 119', '§ 12', '§ 119', '§ 119', '§ 144', '§ 144', '§ 119', '§ 119', '§ 144', '§ 144', '§ 193']

BSG, Urteil vom 17.11.2005, B 11a/11 AL 49/04 R - HENSCHE Arbeitsrecht
BSG, Ur­teil vom 17.11.2005, B 11a/11 AL 49/04 R
Schlagworte: Arbeitslosengeld, Sperrzeit, Arbeitsaufgabe
Aktenzeichen: B 11a/11 AL 49/04 R
Vorinstanzen: Sozialgericht Dresden, Urteil vom 10.04.2003, S 17 AL 996/02
Landessozialgericht Sachsen, Urteil vom 02.04.2004, L 3 AL 126/03
17. No­vem­ber 2005
Az: B 11a/11 AL 49/04 R
Kläge­rin und Re­vi­si­ons­be­klag­te,
Be­klag­te und Re­vi­si­onskläge­rin.
Der 11a. Se­nat des Bun­des­so­zi­al­ge­richts hat auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 17. No­vem­ber 2005 durch die Vi­ze­präsi­den­tin Dr. W e t z e l - S t e i n w e d e l , die Rich­ter Dr. V o e l z k e und Dr. L e i t h e r e r so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter D e l l m a n n und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Dr. P i c k e r
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts vom 2. April 2004 wird mit der Maßga­be zurück­ge­wie­sen, dass der Te­nor des Ge­richts­be­scheids des So­zi­al­ge­richts Dres­den vom 10. April 2003 wie folgt neu ge­fasst wird:
ie Be­schei­de der Be­klag­ten vom 24. und 25. Ok­to­ber 2001 in Ver­bin­dung mit dem Ände­rungs­be­scheid vom 10. Mai 2002 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 1. Ju­li 2002 wer­den geändert. Die Be­klag­te wird ver­pflich­tet, der Kläge­rin Ar­beits­lo­sen­geld für die Zeit vom 1. Au­gust bis 11. Sep­tem­ber 2001 zu zah­len.
Die Be­klag­te hat der Kläge­rin auch die außer­ge­richt­li­chen Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zu er­stat­ten.
Die Kläge­rin wen­det sich ge­gen die Ab­leh­nung ih­res An­trags auf Ar­beits­lo­sen­geld (Alg) für die Dau­er von sechs Wo­chen we­gen des Ein­tritts ei­ner Sperr­zeit und die ent­spre­chen­de Min­de­rung der An­spruchs­dau­er.
Die 1960 ge­bo­re­ne Kläge­rin ist die leb­li­che Mut­ter der am 5. März 1988 ge­bo­re­nen Toch­ter Ani­ta. Die Ehe der Kläge­rin mit ih­rem frühe­ren Ehe­mann wur­de am 9. März 2001 ge­schie­den. Ab 1. De­zem­ber 1995 war die Kläge­rin als Grup­pen­lei­te­rin in ei­ner Werk­statt für Be­hin­der­te in Eschwe­ge beschäftigt. Sie be­en­de­te das Ar­beits­verhält­nis durch ei­nen auf ih­ren Wunsch ge­schlos­se­nen Auf­he­bungs­ver­trag vom 19. Ju­ni 2001 zum 31. Ju­li 2001.
Die Kläge­rin mel­de­te sich am 30. Ju­li mit Wir­kung ab 1. Au­gust 2001 ar­beits­los und be­an­trag­te die Be­wil­li­gung von Alg. Zu den Gründen für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses gab sie an, sie ha­be das Ar­beits­verhält­nis we­gen ei­nes Um­zugs nach Dres­den zwecks Ehe­sch­ließung be­en­det. Möglich­kei­ten, das Beschäfti­gungs­verhält­nis erst zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt zu be­en­den, ha­be es nicht ge­ge­ben, da we­gen des Schul­wech­sels ih­rer Toch­ter zum 8. Au­gust 2001 der 31. Ju­li letztmögli­cher Ter­min für die Be­en­di­gung ge­we­sen sei. Sie ha­be sich seit Sep­tem­ber 2000 nach­weis­lich um ei­ne Ar­beits­stel­le in Dres­den bemüht. Mit Schrei­ben vom 11. Sep­tem­ber 2001 über­sand­te die Kläge­rin der Be­klag­ten ei­ne "Ei­des­statt­li­che Erklärung", wor­in sie und ihr späte­rer Ehe­mann an­ga­ben, sie würden noch in die­sem Jahr hei­ra­ten. Tatsächlich hei­ra­te­te die Kläge­rin ih­ren jet­zi­gen Ehe­mann am 27. De­zem­ber 2001.
Mit Be­scheid vom 24. Ok­to­ber 2001 teil­te die Be­klag­te der Kläge­rin mit, der An­spruch auf Alg ru­he für die Zeit vom 1. Au­gust bis 23. Ok­to­ber 2001 we­gen des Ein­tritts ei­ner Sperr­zeit. Die Sperr­zeit min­de­re den Leis­tungs­an­spruch um 90 Ta­ge. Mit ei­nem wei­te­ren Be­scheid vom 25. Ok­to­ber 2001 be­wil­lig­te die Be­klag­te der Kläge­rin Alg ab dem 24. Ok­to­ber 2001 in Höhe von 505,19 DM wöchent­lich für die Dau­er von 270 Ka­len­der­ta­gen. Zur Be­gründung ih­res Wi­der­spruchs ver­tief­te die Kläge­rin ihr bis­he­ri­ges Vor­brin­gen und wies ergänzend dar­auf­hin, dass sie sich im Ju­ni 2001 durch ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Ar­beits­am­tes Lei­ne­fel­de ha­be be­ra­ten las­sen. Die­se ha­be ihr mit­ge­teilt, dass ei­ne "Sperr­zeit im Sin­ne des Ar­beits­amts ge­gen­stands­los" sei, nach­dem ihr die be­ab­sich­tig­te Ehe­sch­ließung im Jahr 2001 mit dem da­mit ver­bun­de­nen Orts­wech­sel und der Um­schu­lung ih­rer 13-jähri­gen Toch­ter so­wie die Nach­wei­se über Be­wer­bun­gen und Bemühun­gen be­kannt ge­ge­ben wor­den sei­en. Die Ar­beits­ver­mitt­le­rin teil­te hier­zu schrift­lich mit, sie ha­be zwar mit Si­cher­heit nicht ge­sagt, dass kei­ne Sperr­zeit ein­tre­te, da hierüber das Ar­beits­amt Dres­den zu ent­schei­den ha­be, sie könne aber ge­sagt ha­ben, dass nach ih­rer Auf­fas­sung bei dem von der Be­ra­te­nen ge­schil­der­ten Sach­ver­halt kei­ne Sperr­zeit ein­tre­ten dürf­te.
Mit Be­scheid vom 10. Mai 2002 setz­te die Be­klag­te die Sperr­zeit we­gen ei­ner be­son­de­ren Härte auf sechs Wo­chen her­ab und be­wil­lig­te Alg ab 12. Sep­tem­ber 2001 für 318 Leis­tungs­ta­ge. Den Wi­der­spruch wies die Be­klag­te mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 1. Ju­li 2002 im Übri­gen zurück.
Das So­zi­al­ge­richt (SG) hat die Be­klag­te mit Ge­richts­be­scheid vom 10. April 2003 ver­pflich­tet, der Kläge­rin Alg für die Zeit vom 1. Au­gust bis zum 23. Ok­to­ber 2001 zu zah­len. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt (LSG) hat die Be­ru­fung der Be­klag­ten mit Ur­teil vom 2. April 2004 zurück­ge­wie­sen. Das LSG hat ua aus­geführt: Zwar ha­be die Kläge­rin ihr Ar­beits­verhält­nis in Eschwe­ge gelöst, ob­wohl sie kei­ne kon­kre­ten Aus­sich­ten auf ei­nen An­schluss­ar­beits­platz in Dres­den ge­habt ha­be. Der Kläge­rin ha­be je­doch für die Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses ein wich­ti­ger Grund zur Sei­te ge­stan­den. Die Kläge­rin ha­be recht­zei­ti­ge Bemühun­gen um ei­nen An­schluss­ar­beits­platz nach­ge­wie­sen. Sie ha­be be­reits im Ju­ni 2001 beim Ar­beits­amt Lei­ne­fel­de das für die Ver­mitt­lung in Ar­beit er­for­der­li­che Tätig­keits­pro­fil er­stel­len las­sen, wel­ches - zu­min­dest nach ih­rer glaub­haf­ten Ein­las­sung ih­rer Auf­fas­sung nach - vom Ar­beits­amt Lei­ne­fel­de an die Ar­beits­ver­mitt­lung in Dres­den über­mit­telt wor­den sei. Zu­dem ha­be sie be­reits seit Sep­tem­ber 2000 meh­re­re Be­wer­bungs­ver­su­che im Großraum Dres­den un­ter­nom­men. Selbst wenn man die Bemühun­gen der Kläge­rin nicht aus­rei­chen las­sen wol­le, könne ihr dies we­gen der Be­ra­tung durch das Wohn­ort-Ar­beits­amt nicht vor­ge­wor­fen wer­den. Die Ent­fer­nung der bis­he­ri­gen Ar­beits­stel­le zur ge­mein­sa­men neu­en Woh­nung schließe die zu­mut­ba­re Er­reich­bar­keit aus. Die Kläge­rin ha­be die be­reits in Eschwe­ge in Anfängen (an Wo­chen­en­den) be­gründe­te nicht­ehe­li­che Le­bens­ge­mein­schaft auf­recht er­hal­ten. Ei­ne eheähn­li­che Le­bens­ge­mein­schaft nach den Kri­te­ri­en des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) und des Bun­des­so­zi­al­ge­richts (BSG) - Hin­weis auf BVerfGE 87, 234, 264 ff und BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 26 - ha­be vor­ge­le­gen. Hierfür rei­che aus, dass dem dau­er­haf­ten Zu­sam­men­le­ben in der glei­chen Woh­nung ei­ne Wo­chen­end­be­zie­hung vor­aus­ge­gan­gen sei. Auch die Part­ner ei­ner Ehe leb­ten mit­un­ter nicht ständig in der glei­chen Haupt­woh­nung zu­sam­men. Zu Guns­ten der Kläge­rin sei auch zu berück­sich­ti­gen, dass die Ehe­sch­ließung im Jah­re 2001 "planmäßig" er­folgt sei. Zwar ha­be die Be­zie­hung zum Zeit­punkt der Beschäfti­gungs­auf­ga­be und des Um­zu­ges noch kei­ne drei Jah­re be­stan­den, je­doch sei die vom 7. Se­nat des BSG an­ge­nom­me­ne "Drei-Jah­res-Gren­ze" (Hin­weis auf BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 15) nicht im Sin­ne ei­ner ab­so­lu­ten Min­dest­vor­aus­set­zung zu ver­ste­hen. Hier­bei könne der Um­stand berück­sich­tigt wer­den, dass der Part­ner der Kläge­rin auch im Vor­feld des Um­zugs be­reit ge­we­sen sei, sich an der Er­zie­hung der Toch­ter zu be­tei­li­gen. Der Um­zug ha­be auch der Ent­wick­lung und Ver­fes­ti­gung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft zwi­schen den Part­nern und der leib­li­chen Toch­ter der Kläge­rin die­nen sol­len, die ge­ra­de in dem für die see­li­sche Ent­wick­lung der Toch­ter pro­ble­ma­ti­schen Le­bens­ab­schnitt der Pu­bertät be­son­de­re Be­deu­tung ha­be. Das BSG ha­be be­reits ent­schie­den (Hin­weis auf BS­GE 52, 276, 280 = SozR 4100 § 119 Nr 17), dass der Zu­zug ei­ner Mut­ter zum Va­ter ei­nes ge­mein­sa­men Kin­des - bei Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Gründe des Kin­des­wohls - ei­nen wich­ti­gen Grund dar­stel­len könne. In An­be­tracht der heu­te herr­schen­den ge­sell­schaft­li­chen Verhält­nis­se und der Tat­sa­che, dass Art 6 Abs 1 Grund­ge­setz (GG) in ei­nem wei­ten Fa­mi­li­en­be­griff das Zu­sam­men­le­ben von Er­wach­se­nen mit Kin­dern schütze, könne da­bei nicht maßgeb­lich sein, ob das Kind das leib­li­che Kind bei­der Part­ner sei.
Die Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses sei auch hin­sicht­lich des Auflösungs­zeit­punk­tes von ei­nem wich­ti­gen Grund ge­deckt. Die Ein­schu­lung des Kin­des mit Be­ginn des neu­en Schul­jah­res in ei­nem an­de­ren Bun­des­land sei ei­ner späte­ren Ein­schu­lung im Ver­lauf des Schul­jah­res vor­zu­zie­hen.
Die Be­klag­te hat die vom LSG zu­ge­las­se­ne Re­vi­si­on ein­ge­legt und rügt ei­ne Ver­let­zung des § 144 Abs 1 Nr 1 So­zi­al­ge­setz­buch - Drit­tes Buch - (SGB III). Sie ist der Auf­fas­sung, die Vor­aus­set­zun­gen für den Ein­tritt ei­ner Sperr­zeit lägen vor. Die Kläge­rin ha­be erst am 7. Ju­ni 2001 um Ver­mitt­lung nach­ge­sucht. Es müsse berück­sich­tigt wer­den, dass die Kläge­rin in die neu­en Bun­desländer um­ge­zo­gen sei, in de­nen die be­ruf­li­che Si­tua­ti­on be­kann­ter­maßen weit schwie­ri­ger sei. Für ei­ne "Chan­ce auf Ver­mitt­lung" hätte sie sich frühzei­tig be­ra­ten las­sen müssen. Auch könne ein wich­ti­ger Grund nicht an­er­kannt wer­den. Die "Le­bens­ge­mein­schaft in Anfängen" als Rechts­kon­strukt des LSG sei nach der Recht­spre­chung des BSG je­den­falls nicht geschützt. Vor Be­gründung ei­ner dau­er­haf­ten Wohn­ge­mein­schaft sei auch kei­ne ge­mein­sa­me Wirt­schaftsführung und da­mit kei­ne Ein­ste­hens- und Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft denk­bar. Es lie­ge auch nicht der Fall vor, dass die Kläge­rin ei­ne Le­bens­ge­mein­schaft mit dem Va­ter ih­res Kin­des ha­be auf­neh­men wol­len. Ein Ver­trau­en in den Nicht­ein­tritt der Sperr­zeit auf Grund der Be­ra­tung durch die Mit­ar­bei­te­rin der Be­klag­ten be­ste­he nicht. Im Übri­gen könne die Kläge­rin auf Grund des Her­stel­lungs­an­spruchs nicht so ge­stellt wer­den, als ha­be sie das Ar­beits­verhält­nis nicht gelöst, sich früher bei der Be­klag­ten ar­beit­su­chend ge­mel­det und als sei die Ehe­sch­ließung schon zum Zeit­punkt der Lösung des Ar­beits­ver­tra­ges er­folgt.
das Ur­teil des Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richts vom 2. April 2004 und den Ge­richts­be­scheid des So­zi­al­ge­richts Dres­den vom 10. April 2003 auf­zu­he­ben und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
Sie hält das an­ge­foch­te­ne Ur­teil für zu­tref­fend.
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist un­be­gründet. Das LSG hat im Er­geb­nis zu­tref­fend ent­schie­den, dass der Kläge­rin ein wich­ti­ger Grund für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses zu­ge­stan­den hat und dem­zu­fol­ge die Rechts­fol­gen ei­ner Sperr­zeit nicht ein­ge­tre­ten sind.
Ge­gen­stand des Rechts­streits ist nicht nur der Sperr­zeit­be­scheid vom 24. Ok­to­ber 2001 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 1. Ju­li 2002, son­dern auch der Be­wil­li­gungs­be­scheid
vom 25. Ok­to­ber 2001 in der Ge­stalt des Ände­rungs­be­schei­des vom 10. Mai 2002 (vgl BSG SozR 4-4300 § 144 Nr 4). Die Be­tei­lig­ten ha­ben zwar auf An­re­gung des LSG in der münd­li­chen Ver­hand­lung erklärt, der Ände­rungs­be­scheid sei Ge­gen­stand des Ver­fah­rens, je­doch ha­ben we­der das LSG noch das SG über den Be­scheid vom 10. Mai 2002 ent­schie­den. Der ge­nann­te Be­scheid war eben­falls zu ändern, da in ihm ein ge­genüber der Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung von Alg ab 1. Au­gust 2001 ab­wei­chen­der Leis­tungs­be­ginn (12. Sep­tem­ber 2001) aus­ge­spro­chen wor­den war. Im Übri­gen war der Te­nor des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils in­so­fern zu be­rich­ti­gen, als dort ei­ne Ver­ur­tei­lung zur Zah­lung von Alg "bis zum 23.10.2001" aus­ge­spro­chen wor­den war. Hier­bei ist nicht berück­sich­tigt wor­den, dass die Be­klag­te be­reits un­ter Zu­grun­de­le­gung ei­ner Sperr­zeit von sechs Wo­chen der Kläge­rin Alg ab dem 12. Sep­tem­ber 2001 für 318 Leis­tungs­ta­ge zu­er­kannt hat­te.
Nach § 144 Abs 1 Nr 1 SGB III (idF des Ar­beitsförde­rungs-Re­form­ge­set­zes [AFRG] vom 24. März 1997, BGBl I 594) tritt ei­ne Sperr­zeit von 12 Wo­chen ein, wenn der Ar­beits­lo­se das Beschäfti­gungs­verhält­nis gelöst oder durch ar­beits­ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten An­lass für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ge­ge­ben und da­durch vorsätz­lich oder grob fahrlässig die Ar­beits­lo­sig­keit her­bei­geführt hat. Zu­tref­fend ist das LSG da­von aus­ge­gan­gen, dass die Kläge­rin das Beschäfti­gungs­verhält­nis da­durch gelöst hat, dass sie mit ih­rem Ar­beit­ge­ber am 19. Ju­ni 2001 ei­nen Auf­he­bungs­ver­trag ge­schlos­sen hat.
Die Kläge­rin hat durch die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ih­re Ar­beits­lo­sig­keit auch zu­min­dest grob fahrlässig her­bei­geführt. Nach der Recht­spre­chung des BSG führt der Ar­beit­neh­mer mit ei­ner Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses sei­ne Ar­beits­lo­sig­keit je­den­falls grob fahrlässig her­bei, wenn er nicht min­des­tens kon­kre­te Aus­sich­ten auf ei­nen An­schluss­ar­beits­platz hat (BS­GE 43, 269, 270 = SozR 4100 § 119 Nr 2; BS­GE 52, 276, 281 = SozR 4100 § 119 Nr 17; BSG SozR 4100 § 119 Nr 28). Hin­ge­gen rei­chen bloße Hoff­nun­gen und Er­war­tun­gen nicht aus. Dem­zu­fol­ge steht der vom LSG fest­ge­stell­te Um­stand, dass zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des Auf­he­bungs­ver­tra­ges noch Be­wer­bun­gen im Raum Dres­den "of­fen" wa­ren, der An­nah­me von gro­ber Fahrlässig­keit nicht ent­ge­gen.
Dem LSG ist im Er­geb­nis auch dar­in zu­zu­stim­men, dass die Kläge­rin für die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ei­nen wich­ti­gen Grund hat­te. Hier­bei kommt es al­ler­dings ent­ge­gen der Rechts­an­sicht des LSG nicht ent­schei­dend auf den Um­stand an, dass die Kläge­rin ei­ne eheähn­li­che Le­bens­ge­mein­schaft hat fort­set­zen wol­len. Es kann eben­falls da­hin­ste­hen, ob der An­nah­me des LSG, es ha­be be­reits vor dem Um­zug der Kläge­rin auch oh­ne dau­er­haf­tes Zu­sam­men­le­ben ei­ne eheähn­li­che Le­bens­ge­mein­schaft be­stan­den, nach den ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ge­folgt wer­den kann.
Denn es ist hier vor­ran­gig zu prüfen, ob der Kläge­rin nicht schon im Hin­blick auf die im Zeit­punkt der Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses be­ste­hen­de Ab­sicht, ih­ren jet­zi­gen Ehe­mann noch im Lau­fe des Jah­res zu hei­ra­ten, ein wich­ti­ger Grund zur Sei­te stand. Die Ehe­sch­ließung und
der Zu­zug zum Ehe­gat­ten wird vom BSG in ständi­ger Recht­spre­chung als wich­ti­ger Grund an­er­kannt, wenn der Ar­beits­lo­se sei­ne Ar­beits­stel­le von der ge­mein­sa­men Woh­nung aus nicht zu­mut­bar er­rei­chen kann (vgl BS­GE 43, 269, 273 = SozR 4100 § 119 Nr 2; BS­GE 64, 202, 204 = SozR 4100 § 119 Nr 34; BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 14). Es un­ter­liegt im Hin­blick auf die Ent­fer­nung zwi­schen dem bis­he­ri­gen Beschäfti­gungs­ort und der Woh­nung kei­nem Zwei­fel, dass ei­ne zu­mut­ba­re Er­reich­bar­keit nicht ge­ge­ben ist. Hier­bei ist nicht zu be­an­stan­den, dass das LSG bei der Be­ur­tei­lung die­ser Fra­ge § 121 Abs 4 SGB III ent­spre­chend her­an­ge­zo­gen hat.
Al­ler­dings muss sich der wich­ti­ge Grund mit dem kon­kre­ten Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses de­cken (BS­GE 52, 276, 277 = SozR 4100 § 119 Nr 17). Dies be­deu­tet grundsätz­lich für den Zu­zug zum Ver­lob­ten, dass die Auf­ga­be zum gewähl­ten Zeit­punkt not­wen­dig ge­we­sen sein muss, um ab dem be­ab­sich­tig­ten Hei­rats­ter­min die ehe­li­che Le­bens­ge­mein­schaft her­zu­stel­len (BS­GE 64, 202, 204 = SozR 4100 § 119 Nr 34). Zwar muss die Ehe zum Zeit­punkt der Kündi­gung bzw des Ab­schlus­ses ei­nes Auf­he­bungs­ver­tra­ges noch nicht ge­schlos­sen sein, je­doch muss der Ar­beits­lo­se zum Zeit­punkt der Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses da­von aus­ge­hen können, die Ehe­sch­ließung wer­de bis zum En­de des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses er­fol­gen. Die Kläge­rin trägt selbst nicht vor, sie ha­be ursprüng­lich die Ehe­sch­ließung mit ih­rem jet­zi­gen Mann be­reits bis zum 1. Au­gust 2001 be­ab­sich­tigt. Viel­mehr hat­ten sie und ihr Part­ner die Ehe­sch­ließung, wie dann auch ge­sche­hen, für das zwei­te Halb­jahr 2001 ge­plant.
Die Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses ist gleich­wohl - in Er­wei­te­rung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung zum Zeit­punkt des Zu­zugs zum Ehe­gat­ten - auch zu dem von der Kläge­rin gewähl­ten Zeit­punkt von ei­nem wich­ti­gen Grund ge­deckt. Ei­ne Fort­set­zung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ter­min der Ehe­sch­ließung war der Kläge­rin nicht zu­zu­mu­ten. Denn der gewähl­te Zeit­punkt erklärt sich nach den Fest­stel­lun­gen des LSG da­mit, dass die Kläge­rin ge­mein­sam mit ih­rer 13-jähri­gen Toch­ter, die zum Schul­jah­res­wech­sel um­ge­schult wer­den soll­te, nach Dres­den um­ge­zo­gen ist und sie be­ab­sich­tig­te, die Toch­ter ge­mein­sam mit ih­rem jet­zi­gen Ehe­mann zu be­treu­en und zu er­zie­hen. In­so­weit tritt das In­ter­es­se der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft, für die Beschäfti­gungs­lo­sig­keit nur bei zeit­glei­cher Ehe­sch­ließung ein­zu­tre­ten, aus Gründen des Kin­des­wohls zurück. Die­se Wer­tung folgt aus Art 6 Abs 2 Satz 1 GG, denn die­ses Grund­recht gewähr­leis­tet die Wahr­neh­mung der El­tern­ver­ant­wor­tung im In­ter­es­se des Kin­des­wohls (vgl BVerfGE 24, 119, 144; 51, 386, 398; 59, 360, 381). Der Se­nat geht des­halb da­von aus, dass der zeit­li­che Zu­sam­men­hang zwi­schen der Lösung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses und der späte­ren Ehe­sch­ließung aus be­son­de­ren Gründen im In­ter­es­se des Kin­des­wohls ge­wahrt ist. Das LSG hat im Ein­zel­nen dar­ge­legt, aus wel­chen Gründen der Schul­wech­sel mit Be­ginn des neu­en Schul­jah­res in ei­nem an­de­ren Bun­des­land ei­nem späte­ren Wech­sel im Ver­lauf des Schul­jah­res vor­zu­zie­hen war. Dem ist zu­zu­stim­men. Auf die Fra­ge, ob auch die be­ab­sich­tig­te Her­stel­lung oder Auf­recht­er­hal­tung ei­ner Er­zie­hungs­ge­mein­schaft für sich al­lein ei­nen wich­ti­gen Grund dar­ge­stellt hätte, kommt es bei die­ser Sach­la­ge nicht an (eben­so of­fen ge­las­sen in SozR 3-4300 § 144 Nr 10, S 27 mwN). Die­se Fra­ge ist durch die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des BSG le­dig­lich
bei dem Zu­zug zum leib­li­chen El­tern­teil be­jaht wor­den (BS­GE 52, 276, 280 = SozR 4100 § 119 Nr 17 - Zu­zug zum Er­zeu­ger des nicht­ehe­li­chen Kin­des bei Hin­zu­tritt wei­te­rer Gründe des Kin­des­wohls; s hier­zu aber auch Voelz­ke im Kas­se­ler Hand­buch des Ar­beitsförde­rungs­rechts, § 12 Rd­Ziff 365).
Der Se­nat folgt dem LSG auch dar­in, dass die Be­klag­te der Kläge­rin nicht ent­ge­gen­hal­ten kann, sie könne sich nicht auf ei­nen wich­ti­gen Grund be­ru­fen, weil sie ih­rer­seits nicht die er­for­der­li­chen An­stren­gun­gen zur Ver­mei­dung des Ein­tritts von Ar­beits­lo­sig­keit un­ter­nom­men ha­be. Der er­ken­nen­de Se­nat hat zu ei­ner Fall­ge­stal­tung, bei der sich der Ar­beits­lo­se auf den Zu­zug zum eheähn­li­chen Part­ner als wich­ti­gen Grund im Sin­ne der Sperr­zeit­re­ge­lung be­ru­fen hat­te, ent­schie­den, dass der­je­ni­ge, der die Ar­beits­ver­mitt­lung des Ar­beits­am­tes nicht recht­zei­tig ein­ge­schal­tet oder sich nicht selbst um ei­ne Neu­beschäfti­gung bemüht hat, sich nicht auf ei­nen wich­ti­gen Grund be­ru­fen kann (BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 14). Der 7. Se­nat ist die­ser Recht­spre­chung für die Fälle der Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses aus persönli­chen Gründen ge­folgt (BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 15; SozR 3-4300 § 144 Nr 12; vgl auch BS­GE 91, 90 = SozR 4-4300 § 144 Nr 3).
Auf der Grund­la­ge der vom LSG ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ist es der Kläge­rin in­des nicht ver­wehrt, sich für den Ab­schluss des Auf­he­bungs­ver­tra­ges auf ei­nen wich­ti­gen Grund zu be­ru­fen, weil ih­re An­stren­gun­gen um ei­nen An­schluss­ar­beits­platz den zu stel­len­den An­for­de­run­gen genügen. Denn die Kläge­rin hat sich noch vor Ab­schluss des Auf­he­bungs­ver­tra­ges im Ju­ni 2001 an das Ar­beits­amt ge­wandt, ein ent­spre­chen­des Tätig­keits­pro­fil er­stel­len las­sen und um Ver­mitt­lung nach­ge­sucht. Ob die Be­klag­te ihr auf das Er­su­chen ent­spre­chen­de An­ge­bo­te un­ter­brei­tet hat und die ihr ob­lie­gen­den An­stren­gun­gen zur Ver­mitt­lung der Kläge­rin un­ter­nom­men hat, liegt außer­halb des Ver­ant­wor­tungs­be­reichs der Kläge­rin. Zu­dem hat sie be­reits seit Sep­tem­ber 2000 meh­re­re ei­ge­ne Be­wer­bungs­ver­su­che im Großraum Dres­den un­ter­nom­men. Bei der Be­wer­tung des Ver­hal­tens der Kläge­rin geht der Se­nat da­von aus, dass die An­for­de­run­gen an die Bemühun­gen, durch die naht­lo­se Er­lan­gung ei­nes An­schluss­ar­beits­plat­zes die Ar­beits­lo­sig­keit zu ver­mei­den, nicht über­spannt wer­den dürfen. Dies folgt aus dem Ziel der Sperr­zeit und der dar­aus her­zu­lei­ten­den Funk­ti­on des Merk­mals "wich­ti­ger Grund" im Rah­men des Sperr­zeit­tat­be­stan­des. Da­nach soll ei­ne Sperr­zeit nicht ein­tre­ten, wenn dem Ar­beit­neh­mer un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung sei­ner In­ter­es­sen mit den In­ter­es­sen der Ver­si­cher­ten­ge­mein­schaft ein an­de­res Ver­hal­ten zu­ge­mu­tet wer­den kann (zu BT-Drucks V/4110 S 21; stRspr: BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 11, 15 und 16 je­weils mwN). Das Ge­wicht der In­ter­es­sen des Ar­beits­lo­sen tritt um­so mehr zurück, als er Bemühun­gen un­terlässt, sei­ne In­ter­es­sen auch oh­ne den Ein­tritt von Ar­beits­lo­sig­keit zu ver­wirk­li­chen. Dies er­for­dert le­dig­lich, "na­he­lie­gen­de Möglich­kei­ten" der Beschäfti­gungs­su­che wahr­zu­neh­men (so be­reits BSG SozR 3-4100 § 119 Nr 14; ähn­lich BS­GE 91, 90 = SozR 4-4300 § 144 Nr 3). Da die Kläge­rin die hier­nach er­for­der­li­chen An­stren­gun­gen un­ter­nom­men hat, be­darf es kei­ner wei­te­ren Ent­schei­dung darüber, ob ihr an­ge­sichts der Be­ra­tung durch ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Ar­beits­am­tes ein
Ver­schul­den (zu die­ser An­for­de­rung BS­GE 91, 90 = SozR 4-4300 § 144 Nr 3) vor­zu­wer­fen wäre.
Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 193 So­zi­al­ge­richts­ge­setz.
zur Übersicht B 11a/11 AL 49/04 R