Source: http://www.duessellaw.eu/duessellaw-old/billiganbieter.htm
Timestamp: 2018-12-13 12:08:19
Document Index: 145047675

Matched Legal Cases: ['§ 49', '§ 49', '§ 3', '§ 118', '§ 20', '§ 20', '§ 3', '§ 4', '§ 3', '§ 14', '§ 118', '§ 20', '§ 13', '§ 1', '§ 43', '§ 59', 'BGH', '§ 1', '§ 27', '§ 27', '§ 20']

Abwärtstendenzen am Anwaltsmarkt?
Die erheblichen Bewegungen des Rechtsberatungsmarktes, dass vorhandene Beratungsangebot, die wirtschaftliche Lage, die Situation auf dem juristischen Arbeitsmarkt und die Liberalisierung des Anwaltsmarketings haben mehr oder weniger in ganz Europa dazu geführt, die Ränder des Rechtsberatungsmarktes auszutesten, (soweit möglich) neue Beratungssegmente zu erschließen und neue Wege zu beschreiten. Dazu gehören inzwischen recht deutlich auch Niedrigpreisangebote. Es liegt auf der Hand, dass derartige Konzepte berufs- wie wettbewerbsrechtliche Bedenken auf den Plan rufen. Dies war allerdings bei fast allen Innovationen auf dem Rechtsberatungsmarkt seit Einsetzen der Liberalisierung des Anwaltsmarketings bislang der Fall. Es handelt sich insoweit um Aspekte des Problemkomplexes: Wohin treibt die schöne neue Anwaltswelt? Im folgenden werden einige Entwicklungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit analysiert. Eine erste Fassung dieses Artikels erschien 2004 im JuS-Magazin. Der Verfasser steht mit in Text genannten Unternehmen und Marken in keiner Beziehung.
Discountberatungen als Innovation?
Der Rechtsberatungsmarkt ist erheblich in Bewegung. Dies betrifft auch die Honorierungsbereitschaft potentieller Mandanten. Es ist kaum mehr möglich, diesen Markt als Ganzes zu beobachten. Dazu sind Segmentierung, Fragmentierung und Binnendifferenzierung dieses hochkomplexen Systems inzwischen zu weit fortgeschritten. Insbesondere wenn man von den Perspektiven potentieller Nachfrager anwaltlicher Dienstleistungen ausgeht. Die wirtschaftliche Situation ist überdies von einer anhaltend schlechten Ausgangslage geprägt. Sie schlägt zudem deutlich auf die Zahlungsmoral durch. Ein auch sozial spürbarer Niedergang lässt sich nicht mehr übersehen. Viele potentielle Nachfrager derartiger Dienstleistungen haben für das übliche Preisniveau anwaltlicher Dienstleistungen schlicht kein Geld (mehr). Weder Rechtsberatungsgesetz noch Prozesskostenhilfesystem bieten hier eine angemessene Kompensation, was sich etwa im Bereich der Beratung insolventer Schuldner deutlich ausdrückt. Hinzu kommt, dass Nachfragern – vornehmlich aus dem Kreis privater Mandanten - die anwaltliche Dienstleistung wenig wert ist. Der Anwalt wird im Zweifel immer als letzter bezahlt, sofern er sich nicht durch Vorschüsse sichert. Die Suche nach dem billigsten Beratungsangebot hat längst begonnen, auch wenn Qualität nach wie vor seinen Preis haben dürfte. Versuche mit Anwälten über Honorarfragen zu verhandeln und ihre Forderungen zu drücken, sind ebenso an der Tagesordnung wie die Notwendigkeit des Einsatzes geeigneter Inkassostrategien. Viele Absolventen der Zweiten Staatsprüfung sind überdies längerfristig arbeitslos und greifen nach den letzten Strohhalmen. Längst hat sich ein juristischer Working - Poor – Sektor herausgebildet, dessen weitere Entwicklung noch schwer absehbar ist. In dieser Situation schlägt die Stunde der Niedrigpreisanbieter, der Discountanwälte, die den Mainstream der Nachfrage insbesondere von Verbrauchern als Mandanten kanalisieren wollen. Frei nach dem Motto: Nur die Masse bringt es. Durch eine Abwärtsspirale nach dem billigsten Angebot, kann sich allerdings ein Trend am Rechtsberatungsmarkt ergeben, der für die gesamte Anwaltschaft und für den Rechtsberatungsmarkt fatale Auswirkungen haben könnte. Die daraus entstehenden Herausforderungen gehören aber jedenfalls in der Schönen neuen Anwaltswelt (frei nach Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt, 1999) zu einer Realität, der sich die Anwaltschaft stellen muss. Auch unter dem Aspekt der Entwicklung des juristischen Arbeitsmarktes, zu dem auch der gesamte Bereich der freien Mitarbeit zu zählen ist (s. Hansen, RRefInfo 06/2003, S. 16 ff), sodass zu fragen ist, ob der „Discountbereich" insoweit Berufsperspektiven bietet.
Aspekte des Rechtsrahmens
§ 49 b Abs.1 S.1 BRAO normiert im wohlverstandenen Interesse der deutschen Anwaltschaft eine Grenze für „Dumpingangebote", sodass die Gebührensätze der BRAGO, die zum 01.07.2003 in die Rechtsgeschichte verabschiedet wurde, als Mindestsätze zu verstehen sind, sofern das Gesetz keine Durchbrechungen ermöglicht. Kaum eine Rolle spielte bislang die „Billigkeitsnorm" des § 49 Abs.1 S.2 BRAO, der es im Einzelfall bei Bedürftigkeit erlaubt, Gebührenforderungen zu erlassen, was sich kaum noch ein Rechtsanwalt leisten kann. Dieses „Mindesthöhegebot" gilt jedoch nur für die Prozessvertretung. Für die außergerichtliche Interessenwahrnehmung normiert § 3 Abs.5 BRAGO die Möglichkeit Pauschalvergütungen und Zeitvergütungen zu vereinbaren, die geringer sind als die gesetzlichen Gebühren. Ohnehin geringer als die üblichen Sätze sind Gebühreneinnahmen im Rahmen der Beratungshilfe nach dem BerHG, der Prozesskostenhilfe und der Pflichtverteidigung, sieht man von längst üblichen Honorarreduktionsversuchen der Rechtsschutzversicherungen einmal ab. Das Interesse des Preisdumpings bezieht sich unter diesen Umständen in erster Linie auf die außergerichtliche Rechtsberatung (unter Einschluss des § 118 BRAGO), weniger auf Prozessmandate und hier insbesondere auf Erst- und Folgeberatungen nach § 20 BRAGO nebst Rechtsauskünften, die voneinander schwer abzugrenzen sind. Nicht selten werden jenseits der Erstberatung bereits Honorarvereinbarungen gewünscht, die die Grenze des § 20 Abs. S.1 unter den Voraussetzungen des § 3 Abs.1 BRAGO überschreiten. Das zum 01.07.2004 in Kraft tretende RVG ändert an dieser Ausgangssituation wenig, wenn es auch eine andere Systematik und Verweisungstechnik auf die VV enthält, in der die Gebührentatbestände nunmehr geregelt sind (Erstinformation: Braun, Gebührenabrechnung nach dem neuen Rechtsanwaltsvergütungsgesetz, ZAP - Verlag, 2003, S. 25 ff). § 4 Abs.2 RVG entspricht § 3 Abs.5 BRAGO und ermöglicht im außergerichtlichen Bereich Pauschal- und Zeitvergütungen, die unterhalb der Höhe der Gebühren des Teiles III der VV Nrn. 2001 – 2002 zum RVG liegen. Ohnehin ist das RVG gegenüber der BRAGO im außergerichtlichen Bereich Honorarvereinbarungen deutlich aufgeschlossener wie etwa § 14 RVG zeigt, der deutlich erhöhte Begründungsanforderungen gegenüber § 118 BRAGO stellt. Die in § 20 Abs.1 S.2 BRAGO vorgesehene Kappungsgrenze von 180 Euro wurde durch Nr. 2102 VV zwar auf 190 Euro angehoben, gilt allerdings nur noch für Verbraucher i. S. d. § 13 BGB, da das RVG auch als Verbraucherschutzgesetz zu verstehen ist (s. Schneider/Mock, RVG - Spezial, AGS -Sonderheft 2004, S. 24).
Feststellbare Verstöße lassen sich unter dem Aspekt der Gewinnung eines Vorsprungs im Wettbewerb auch bei wettbewerbsneutralen Normen gegenüber rechtskonform Handelnden durch Konkurrenten oder Rechtsanwaltskammern nach §§ 1, 3 und 13 UWG weitgehend sanktionieren, sofern nicht unabhängig davon unmittelbar seitens der Rechtsanwaltskammern auch berufsrechtliche Sanktionen nach der BRAO eingeleitet werden (näher, Hansen, RRefInfo 04/2003, S. 9 ff). Verstöße gegen Gebührenrecht sind hier jedoch bislang weniger das Problem. Da jedes neue Angebot an einem Markt beworben werden muss, und jeder neue Weg im Bereich des Anwaltsmarketings letztlich einen Gang entlang der Ränder des berufs- wie wettbewerbsrechtlich Zulässigen darstellt, kommt es angesichts der wertungsoffenen Tatbestandsmerkmale der § 43 b BRAO gerade hier zu Abmahnungen und der Geltendmachung wettbewerbsrechtlicher Unterlassungsansprüche im Bereich des anwaltlichen Werberechts, die das einschlägige Case - Law regelmäßig um weitere Entscheidungen bereichern.
Franchisingkonzepte?
In Europa werden in aller Regel mit einer erheblichen Zeitverzerrung Entwicklungen nachvollzogen, die in den USA entweder schon vom Markt in irgendeiner Form verarbeitet worden oder von ihm verworfen worden sind. Dazu zählt auch Rechtsberatung im rechtlichen und organisatorischen Rahmen eines Franchisingkonzepts anzubieten. Im herkömmlichen Dienstleistungs- und Warenabsatzsektor sind Franchisingkonzepte auch in Deutschland längst etabliert, nachdem Franchising in den USA schon etwa seit 1900 praktiziert wird (s. etwa Martinek, Moderne Vertragstypen II, 1992, S. 5 – 35). Bereits um 1970 etablierten sich dort sog. „legal clinics", deren Angebot sich an Privathaushalte mit mittleren Einkommen in Standardrechtsgebieten richtet. Ein Marktsegment, dass jetzt auch in Deutschland zunehmend erschlossen werden soll. Durchaus zum Nachteil der „Kleinkanzleien". Ein „Boom" lässt sich insoweit allerdings bislang nicht verzeichnen. Der Markt hat diese Angebote in den USA weitgehend angenommen (s. Creutz, BRAK - Magazin 05/2003, S. 4 f). Nicht alles, was in den USA „ankommt", findet indessen auch in „Alteuropa" Anklang. Auch die Niederlassungsverträge mancher großer Lawfirms dürften übrigens Elemente von Franchisemodellen enthalten.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis versucht werden würde, Konzepte des Subordinations- oder Partnerschaftsfranchisings (die Grenzen sind fließend) auch für kleinere Kanzleieinheiten am Rechtsberatungsmarkt um- und durch zu setzen. Grundsätzlich geht es dabei um die selbständige Führung eines Kanzleibetriebes unter einer einheitlichen Marke, mit einem einheitlichen Auftritt, Briefpapier, Logo, der Kanzleiorganisation, etc. In der Regel muss der Franchisenehmer Eigenkapital aufbringen, um sich an dem jeweiligen Modell (die Vielfalt der denkbaren Vertragsgestaltungen ist erheblich) zu beteiligen. Ein solches Konzept bietet in Deutschland derzeit etwa die Legitas GmbH in Hamburg, die selbst keine Rechtsberatung betreibt, sondern ein Partnerschafts-Franchisenetzwerk zur Verfügung stellt. Das Stichwort ist „Marken-Rechtsberatung". Eine einheitliche Kanzleiorganisation mit angekündigten Qualitätssicherungsmanagement bietet den Hintergrund für die selbständige Tätigkeit von 10 Rechtsanwälten an bisher sechs Standorten. Weithin ausgestanden sein dürfte in diesem Bereich die „Schlacht" um die Möglichkeit von Phantasiebezeichnungen als Kanzleikurzbezeichnungen im Rahmen von § 59 k BRAO (BGH, I ZR 64/01; www.bundesgerichtshof.de), da diese Möglichkeit sich früher oder später nachhaltig durchsetzen dürfte. Das Konzept zielt allerdings nicht auf die breite Masse, sondern eher auf „Nischenbesetzung" in Spezialbereichen, wie der Arztberatung und setzt sich damit deutlich von reinen Angeboten für „Verbrauchermandanten" ab. Dem Vernehmen nach muss ein Franchisenehmer 10.000 Euro einlegen, um sich beteiligen zu können. Die Franchisenehmer der Legitas GmbH sprechen auch etwa Berufseinsteiger an, die etwa durch Aushänge an „Schwarzen Brettern" der Gerichte auf sich aufmerksam machen wollen oder im Internet für sich werben. Angeboten wird dem Mandanten ein Erstberatungsgespräch zum Durchschnittspreis von 35 Euro bei durchschnittlichem Aufwand, mit folgenden Kostenvoranschlag, der die BRAGO - Sätze einer Honorarvereinbarung nach Zeitaufwand gegenüber stellt. Da die deutsche Anwaltschaft nach wie vor sehr von Individualisten geprägt ist, wird dieses Konzept angesichts der wenigen Standorte allem Anschein nach von interessierten Rechtsanwälten nur sehr verhalten angenommen.
Ein ausgereiftes, allerdings recht "stromlinienförmig" wirkendes Konzept bietet auch die Eugen Boss Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Dortmund, unter der Marke "juraxx" (www.juraxx.de) an, die bereits über fünf Standorte verfügt, ausgehend vom Ruhrgebiet. Es handelt sich nach den Aussagen auf der Internetpräsenz nicht um ein Franchisekonzept, da alle Anwälte Partner werden und es sich um den Auftritt eines Anwaltsunternehmens an
verschiedenen Standorten handelt, mag dieses Konzept auch Franchiselementen in einzelnen Bereichen nahe stehen. Jeder Partner muss eine Einlage in ungenannter Höhe zeichnen und gleichzeitig der Gesellschaft ein Darlehen geben, deren Finanzierung auf Existenzgründerprogrammen beruhen kann, also unter Umständen auch mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, soweit dies durchsetzbar ist. Die Präsenz in weiteren Standorten - so in Berlin, Essen und Dresden - ist angekündigt. 320 Partner in 80 Niederlassungen sind
geplant. Auch dieses Konzept ist auf das Angebot einer preiswerten Erstberatung ausgerichtet, geht diese Frage aber nach Rechtsgebieten geordnet differenziert an, weil der kalkulatorische Aufwand durchaus unterschiedlich zu beurteilen ist. Für eine Grundinformation werden 10 Euro veranschlagt. Danach sind die Preise bis 180 Euro gestaffelt. Angeboten wird mehr oder weniger die gesamte Palette der Rechtsberatung, sodass auch die Zielgruppe breit definiert wird, jedoch deutlich auf "Privatmandanten"
ausgerichtet ist. Die Rechtsberatung ist rund um die Uhr erreichbar. Eine Reaktionszeit von max. 24 h soll sicher gestellt sein. Vom Anspruch her sollen in allen Städten mit über 100.000 Einwohnern Franchisekanzleien mit vier Einheiten etabliert werden. Inbegriffen sind hier Mandantenhotline und Onlinerechtsberatung. Marketing und Rechnungswesen übernimmt die Zentrale in Dortmund. Vom Anspruch hier soll hier die führende Rechtsberatungsmarke in
Deutschland etabliert werden, die sich allerdings am Markt erst bewähren muss.
Ungeachtet dessen kann der schöne Schein von Marken an der Realität durchaus zerbrechen, wenn deren „Sogwirkung" überschätzt wird. Allerdings dürfte weiter versucht werden, Franchisekonzepte am Rechtsberatungsmarkt zu etablieren. Was derzeit zu beobachten ist, dürfte erst der Anfang einer völlig offenen Entwicklung sein.
Rechtsberatung im Kaufhaus
Es war nur eine Frage der Zeit bis das Recht zum Verbraucher kommen würde: ins Kaufhaus, in den Supermarkt, in Einkaufszentren, in Fußgängerpassagen, etc., und demnächst vielleicht sogar in die nächste Pizzakette. Ein Anruf beim Pizzaservice und der Anwalt kommt in der schönen neuen Anwaltswelt auf Wunsch gleich mit ins Haus. Da in der derzeitigen Wirtschaftslage alles was Umsatz zu bringen verspricht, auf das Interesse der großen Warenabsatzunternehmen stößt, sind diese derartigen Experimenten keinesfalls abgeneigt, zumal es sie selbst wenig kosten dürfte. Auch Bankfilialen in Kaufhäusern zu etablieren, wurde schon versucht. Aber manches was innovativ aussieht, entpuppt sich im Nachhinein nur als kurzlebige Modewelle. Ein „Anwalt-im-Kaufhaus-Konzept" bietet die Müller - Dieckert Rechtsanwalts GmbH an (www.reschundgut.de). Nach ersten Versuchen in Nienburg an der Weser im Juni 2003 starteten weitere „Beratungsshops" in Hamburg, Chemnitz, Madgeburg und Berlin. Weitere werden wohl fraglos folgen. Die Tendenz deutet auf eine deutliche Ausweitung. Auch die Rechtsschutzversicherer würden gern in großem Umfang rechtsberatend tätig werden. Der Beratungsshop in Berlin, angesiedelt einmal in der Kaufhof – Galeria, 3.OG, in unmittelbarer Nähe der Waschmaschinenabteilung, zum anderen angesiedelt im 1. OG, bei Karstadt-Quelle in der Nähe der Expressobar, einer Änderungsschneiderei und einer Theaterkasse, verfügte jeweils nicht über einen wirklich abgeschlossenen Beratungsbereich, von versetzbaren Trennwänden abgesehen (Quelle: www.rak-berlin.de unter „Aktuelles"; zuletzt abgerufen am 22.02.2004). Dieses Rechtsberatungsangebot hielt dem scharfen Blick der Rechtsanwaltskammer Berlin (www.rak-berlin.de) nicht stand, die unter dem 06.12.2003 (Pressemitteilung vom 08.12.2003) eine einstweilige Verfügung beim LG Berlin erwirkte (AZ: 15 O 690/03), weil die Betreiberin zum fraglichen Zeitpunkt noch nicht als Rechtsanwalts – GmbH eingetragen war, was aber inzwischen der Fall ist. Entgegen einigen Presseberichten enthielt diese einstweilige Verfügung keine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der berufs- und wettbewerbsrechtlichen Zulässigkeit einer Rechtsberatung in Kaufhäusern, was das LG Berlin zu einer insoweit klarstellenden Pressemitteilung veranlasste. Inzwischen ist ein weiteres Verfahren unter dem Aspekt des § 1 UWG i.V.m. §§ 27 Abs.1 S.1 BRAGO, 5 BORA eingeleitet worden, das wohl auch die wettbewerbsrechtliche Zulässigkeit des Domainnames klären dürfte, die in einer Kurzform des Slogans „Recht, schnell und gut" besteht. In der gerügten Form mag diese Organisation eines derartigen Shops noch gegen die Kanzleipflichtgrundsätze des § 27 Abs.1 BRAO verstoßen und einen gewissen „Peep-Show-Effekt" haben, etwa wenn keine abgeschlossenen Beratungsbereiche vorliegen. Man sollte sich aber nicht darüber täuschen, dass solche Bedenken für die Zukunft relativ leicht ausgeräumt werden können, etwa wenn die Beratung dann in abgeschlossenen, schalldichten Beratungskammern nach Anmeldung am Empfangstresen statt finden würde. Auch der verwendete Slogan „Recht, schnell und gut", dürfte berufs- wie werberechtlich letztlich kaum zu beanstanden sein, da er von vergleichbaren, gängigen Slogans kaum pointiert im Sinne insbesondere einer Alleinstellungswerbung abweicht. Die Rechtsauskunft kostet eine Mindestgebühr von 10 Euro. Danach wird im Minutentakt zu einem Euro abgerechnet. Die Erstberatung hingegen wird nach der BRAGO (demnächst: RVG) abgerechnet und zwar im Viertelstundenzeitmodus. Rechtsauskunft und Erstberatung sind allerdings schwer von einander abzugrenzen, zumal weder § 20 Abs.1 BRAGO noch Nr. 2100 VV zum RVG eine nähere Abgrenzung vornehmen. Ungeachtet dessen dürften sich solche Angebote früher oder später rechtskonform am Rechtsberatungsmarkt platzieren lassen. Es ist letztlich dem Rechtsberatungsmarkt überlassen, ob er ein solches Angebot annimmt, Modifikationen erzwingt oder verwirft. Es stellt sich durchaus die Frage, ob der Verbraucher, der „shoppen" gehen will, auch schnell „mal eben" eine Rechtsberatung nachfragt, jenseits der sich beim Warenkauf durch Verbraucher vor Ort stellenden Probleme unter besonderem Einschluss von Ladendiebstählen. Derartige Fälle sind aber wirtschaftlich betrachtet kaum in der Lage ein Kanzleiangebot solide zu tragen. Der Anruf bei einer Anwaltshotline dürfte da gleichwertig sein, billiger und näher liegen (s. Maier, JuS-Magazin 01/2004, S. 14 ff).
Virtuelle Kanzleien/Onlineinformationsportale
Einen anderen Weg gehen „virtuelle Kanzleien" mit Ausbauambitionen in der „realen Welt" wie etwa die Janolaw AG, Sulzbach, (www.janolaw.de). Dieses Unternehmen ist mit Plänen an die Öffentlichkeit getreten, die ein weit ausgreifendes Franchisekonzept, das ebenfalls Rechtsberatung auch in Kaufhäusern und ähnlichen Bereichen anbieten wollte, zum Gegenstand hatte. Für die Städte Hamburg, München, Köln und Berlin werden derzeit auch in der Tat Franchisenehmer gesucht (Quelle: www.janolaw.de; zuletzt abgerufen am 22.02.2004). Die Expansion scheint derzeit aber recht verhalten, da die Eröffnung von Franchisekanzleien bislang nicht zu verzeichnen ist. Statt dessen konzentriert man sich allem Anschein nach derzeit noch auf die Weiterentwicklung eines bunten Internetinformationsportals, dass umfassenden Informationscontent als Communityangebot mit den Möglichkeiten einer Erstberatung per E-Mail und dem Angebot einer Anwaltshotline der Partnerkanzlei dieses Anbieters koppelt. Ein ausgereiftes in etwa vergleichbares Konzept bietet auch die Telekanzlei Lindow & Partner (), die neben einer flexiblen Beratung vor Ort in jeweils angemieteten Büroräumen auf Stundenbasis, ebenfalls eine Hotline und Beratungen per E-Mail anbieten. Es scheint sich ein gewisser Trend abzuzeichnen, Informationscontent für potentielle Mandanten mit dem Angebot einer Anwaltshotline und einer Beratung per E-Mail zu koppeln, um aus diesem Konzept heraus später ggf. noch ein Franchisemodell an geeigneten Standorten zu etablieren. Angesichts der hohen Entwicklungs- und Investitionskosten eines solchen Modells scheint derzeit noch die Phase der Marktanalyse vorzuherrschen, sodass mit dem umfassenden Start derzeitiger Konzepte weitgehend noch abgewartet wird. Jedenfalls ist von der angekündigten Expansion der Janolaw AG, die bis 2005 etwa 125 Kanzleien bundesweit in greifbarer Verbrauchernähe etablieren wollte, noch nicht viel zu spüren, die bis 2007 sogar schon etwa 325 Kanzleien betragen sollte. Ob die Kooperationen mit „Bild" und T-Online" sowie weiteren, vergleichbaren Multiplikatoren als Sponsoren eine Empfehlung sind, wird man abwarten müssen. Nicht jeder wird sich unbedingt von einer „Bild-Kanzlei" vertreten lassen wollen.
Das Konzept der virtuellen Kanzlei wird indessen aber auch und gerade von kleineren Kanzleieinheiten und deren Kooperationen praktiziert, die inzwischen zuhauf im „Netz" vertreten sind. Ein Beispiel dafür bietet AnwaltOnline (www.anwaltonline.com; www.anwaltonline.org) mit Sitz in Malaysia und Berlin. Dieses Projekt verbindet Pay – Content in den Standardrechtsgebieten Arbeitsrecht, Reiserecht, Familienrecht, Betreuungsrecht, Mietrecht und Verkehrsrecht mit interaktiven Kommunikationsformen. Interessenten können für ein Abo in Höhe von 5 Euro pro Monat Artikel, Urteile, Newsletter und weitere Informationen abrufen, die über aktuelle Rechtsentwicklungen unterrichten. Verbunden ist dies mit der Möglichkeit einer Onlinerechtsberatung per E-Mail-Web-Interface nach BRAGO - Sätzen, wobei die Gebührenanfrage unter Schilderung des Sachverhalts selbst kostenlos ist. Selbstredend handelt es sich dabei um eine Marketingplattform, um über die Onlineberatung Mandate zu akquirieren, unterstützt durch ein Diskussionsforum für Mandanten und Interessenten, an dem sich die angeschlossenen Rechtsanwälte allerdings klugerweise aus berufsrechtlichen Gründen nicht beratend beteiligen. Weniger ambitioniert sind demgegenüber reine Onlineberatungsangebote wie etwa www.gigarecht.de, die pro Beratung eine Pauschale von 60 Euro verlangen. Es ist schwer abzuschätzen, wie sich die Nachfrage nach reiner Onlineberatung derzeit verhält, da über Umsätze in diesem Bereich wenig bekannt ist. Es dürfte sich insoweit lediglich um ein ergänzendes Segment des Rechtsberatungsmarktes handeln (näher, Fiebig, BRAKMagazin 01/2004, S.4 – 5). Eine weitere Möglichkeit könnten nicht öffentlich zugängliche Onlineberatungsforen sein, von denen einige derzeit noch in der Testphase sein sollen.
Arbeitsmarktpolitische Folgerungen
Bislang ist eine positive Belebung des Anwaltsmarktes auch und gerade für vermeintliche oder tatsächliche „Lower-Potentials" durch Franchisekonzepte und weiteren Innovationen am Rechtsberatungsmarkt kaum zu ersehen, da insbesondere die Franchiseunternehmer am Rechtsberatungsmarkt nur sehr verhalten expandieren und Anstellungsverhältnisse in diesem Rahmen kaum begründet zu werden scheinen. Positiver mag es sich bei Bedarf im Bereich der „freien Mitarbeit" verhalten, aber auch hier sind die Impulse bislang wohl sehr verhalten. Interessanter sind diese Konzepte für potentielle Franchiseunternehmer mit entsprechendem Eigenkapitel, die sich als Franchisenehmer in ein solches Konzept einbringen wollen und insoweit auch das volle Insolvenzrisiko als selbständige Unternehmer tragen. Aber auch hier scheint die Neigung der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte eher verhalten zu sein, gemessen an bislang spürbaren Auswirkungen. Möglicherweise ändert sich dies mit anhaltender Expansion und nachgewiesenen Umsatzzahlen im Bereich der sog. „McLaws".
Selbstorganisation als „Gegengift"?
In wirtschaftlich schlechten Zeiten wie diesen schießen neue „Kleinkanzleien" wie die Pilze aus dem Boden und suchen nach ihren Nischen, was keineswegs negativ zu bewerten ist. Für fast jedes Nachfrageinteresse bieten sich geeignete Beratungsangebote. Wirtschaftskrisen entfachen oftmals Innovationskonzepte, wenn sich das richtige Konzept zur richtigen Zeit mit den richtigen Personen an die richtige Zielgruppe wendet. Ideen sind allein schon deshalb gefordert, weil auch der „juristische" Arbeitsmarkt sich sehr dürftig entwickelt. Die soziale und wirtschaftliche Lage fordert angesichts politischer Restriktionen Eigeninitiative, um Auswege aus der Krise zu finden, zu der die Politik derzeit nur sehr spärlich wirksame Konzepte beiträgt. So mancher erfolgreiche Unternehmer hat klein angefangen. Manche „Ich-AG" kann sich entwickeln und verfügt über gar nicht so schlechte Umsatzzahlen, weil der Rechtsberatungsbedarf letztlich nicht sinkt, sondern angesichts ständig steigender Komplexität der Rechtsordnung eher noch wächst, sofern man die Nachfrage sucht und findet. Das Problem ist dabei weniger der (durchaus erhebliche) Beratungsbedarf als die Finanzierbarkeit der Beratung. Gerade die starke Segmentierung des Rechtsanwaltsmarktes bietet insoweit auch kleinen Kanzleieinheiten noch Entwicklungschancen, wobei auch Franchisekonzepte in die strategischen Überlegungen einzubeziehen sind. Dies alles hängt nicht zuletzt vom persönlichen Know - How, von der Einsatzbereitschaft und vom „Standvermögen" ab, sowie von einer geschickten Akquisitionsstrategie. In dieser Situation stellt sich die Frage nach der Ausbildung von Netzwerken zwischen selbständigen Rechtsanwälten jenseits der etablierten Anwaltskooperationen. Ein interessantes Konzept verfolgt in diesem Zusammenhang die Kanzlei Haeger & Hartkopf, Essen (www.haegerhartkopf.com), die unter www.haegerhartkopf.com/boerse.htm eine Subunternehmerbörse für selbständige Rechtsanwälte etablieren wollen. Dieses Konzept dürfte seine Vorbilder im Handwerk haben, wo derartige Strukturen schon lange existieren, auch auf informeller Basis. Dieses Konzept will sich die starke Segmentierung des Rechtsberatungsmarktes und die Spezialisierung von Dienstleistungsanbietern zunutze machen. Anwaltliche Nachfrager anwaltlicher Dienstleistungen können dort Aufträge erteilen und „Subunternehmer" einschalten, die das Mandat dann gegen entsprechende Gebührenteilung für den Auftraggeber durchführen. Auch wer als Subunternehmer agieren will, kann sich dort anmelden. So kann etwa eine Kanzlei, die in einem bestimmten Bereich nicht über das entsprechende Know - How verfügt, einen Spezialisten einschalten, der die Schriftsatzarbeit übernimmt. Kommuniziert wird über ein Diskussionsforum, das selbstredend nicht öffentlich zugänglich ist. Das Angebot ist bislang kostenlos. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass derartige Netzwerke auf informeller Basis allerorten existieren und die Einschaltung spezialisierter „freier Mitarbeiter" als „Subunternehmer" bei Bedarf längst zum Alltagsgeschäft mittelständischer Kanzleien gehört. Die Schaffung von Plattformen für Netzwerke ist allerdings überaus geeignet, Kooperationen herzustellen und sei es für die Vermittlung von Untervollmachtsmandaten.
Deutschland befindet sich wirtschaftlich in einer Lage, in der Innovationen grundsätzlich stets zu begrüßen sind. Die skizzierten Entwicklungen am Rechtsberatungsmarkt sind daher differenziert zu betrachten, ohne gleich und sofort die Sanktionsinstrumente des Berufs- und Wettbewerbsrechts zu bemühen. Jede Innovation hat aber auch insoweit eine „Testfunktion" und muss sich gegen geltend gemachte Unterlassungsansprüche im entwicklungsoffenen Bereich der bestehenden Regulationen bewähren. Es steht dabei außer Frage, dass geltendes Berufs- und Wettbewerbsrecht einzuhalten ist. Dabei ist kaum zu leugnen, dass der inzwischen extrem segmentierte Rechtsberatungsmarkt für Niedrigpreisangebote gewisse Chancen bietet, der allerdings nur im „Massengeschäft" lohnend sein dürfte, das sich fast ausschließlich an „Verbraucher" als Mandanten richtet. Insbesondere das immer weiter ausufernde Verbraucherschutzrecht bietet insoweit ein weitreichendes Betätigungsfeld. Die von diesen Konzepten ausgehenden arbeitsmarktpolitischen Impulse sind bislang gering. In der schönen neuen Anwaltswelt scheint sich eine Entwicklung heraus zu kristallisieren, in der die anwaltliche Dienstleistung nur noch eine Dienstleistung unter anderem ist, neben dem Absatz von Haushaltsgeräten und Theaterkarten. Eine solche Entwicklung wird allerdings dem Know – How nicht gerecht, dass eine anwaltliche Rechtsberatung aufweist, die sich jenseits von Rechtsauskünften und Erstberatung an komplizierten Fallgestaltungen bewähren muss, bei der Qualität nach wie vor ihren Preis hat. Der differenzierte Rechtsberatungsmarkt lässt Raum für solche Bestrebungen, die vorhandene Angebote und weitere Beratungsinnovationen allerdings nicht ersetzen können, zumal mit Rechtsauskünften und Beratungen allein Rechte noch nicht konsequent durchgesetzt werden können. Die Reise am Anwaltsmarkt bietet weiter Spannung viel Verdruss.