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Timestamp: 2020-07-15 09:39:06
Document Index: 6582344

Matched Legal Cases: ['§ 225', '§ 225', '§ 225', '§ 225', '§ 225', '§ 225', '§ 225', '§ 225', '§ 225', '§ 323', '§ 225', '§ 225', 'BGH', 'BGH', '§ 13', '§ 323', '§ 462', '§ 63']

Mißhandlung Schutzbefohlener - und das Unterlassen der Mutter | Rechtslupe
Mißhandlung Schutzbefohlener - und das Unterlassen der Mutter
Der Ver­bre­chens­tat­be­stand des § 225 Abs. 3 StGB setzt vor­aus, dass der Täter die schutz­be­foh­le­ne Per­son durch die Tat, also durch einen Angriff im Sin­ne von § 225 Abs. 1 StGB, in die kon­kre­te Gefahr des Todes, einer schwe­ren Gesund­heits­be­schä­di­gung (Nr. 1; vgl. S/S‑Stree/­Stern­berg-Lie­ben, StGB, 29. Aufl., § 225 Rn.19 ff.) oder in die kon­kre­te Gefahr einer erheb­li­chen Schä­di­gung der kör­per­li­chen oder see­li­schen Ent­wick­lung bringt (Nr. 2). Ent­schei­dend ist danach, dass eine der in § 225 Abs. 1 StGB umschrie­be­nen tat­be­stand­li­chen Hand­lun­gen die nahe­lie­gen­de Mög­lich­keit begrün­det, sie wer­de zu den in den Alter­na­ti­ven des § 225 Abs. 3 StGB genann­ten Wei­te­run­gen füh­ren [1].
Unter schwe­ren Gesund­heits­be­schä­di­gun­gen im Sin­ne der Num­mer 1 sind sol­che Gesund­heits­schä­den zu ver­ste­hen, die mit einer anhal­ten­den nach­hal­ti­gen Beein­träch­ti­gung der phy­si­schen oder psy­chi­schen Leis­tungs­fä­hig­keit ver­bun­den sind oder in einer lebens­be­dro­hen­den, qual­vol­len oder erns­ten und lang­wie­ri­gen Krank­heit bestehen.
Die in der Num­mer 2 genann­te erheb­li­che Ent­wick­lungs­schä­di­gung erfor­dert, dass der nor­ma­le Ablauf des kör­per­li­chen oder see­li­schen Ent­wick­lungs­pro­zes­ses dau­ernd oder nach­hal­tig gestört ist [2]. Auch wenn vor der Tat bereits Schä­den oder die Gefahr von Schä­den im Sin­ne der Qua­li­fi­ka­ti­on gemäß § 225 Abs. 3 StGB bestehen, kann der Tat­be­stand gleich­wohl ver­wirk­licht wer­den.
Zur Her­vor­ru­fung ("brin­gen") der für den qua­li­fi­zier­ten Fall vor­aus­ge­setz­ten Gefah­ren ist dann aber erfor­der­lich, dass die Tat die Gefahr ver­ur­sacht, die bereits vor­han­de­nen oder zu befürch­ten­den Schä­den in erheb­li­chem Maß zu ver­grö­ßern bzw. die wegen einer bereits gege­be­nen indi­vi­du­el­len Scha­dens­dis­po­si­ti­on bestehen­den Gefah­ren mess­bar zu stei­gern [3].
In sub­jek­ti­ver Hin­sicht ist bezüg­lich der Ver­ur­sa­chung der tat­be­stand­li­chen Gefah­ren des qua­li­fi­zier­ten Fal­les (zumin­dest beding­ter) Vor­satz erfor­der­lich.
Das Quä­len, das rohe Miss­han­deln und die bös­wil­li­ge Für­sor­ge­pflicht­ver­let­zung sind selb­stän­di­ge Bege­hungs­for­men der Miss­hand­lung Schutz­be­foh­le­ner gemäß § 225 Abs. 1 StGB. Die bei­den Tatal­ter­na­ti­ven des Quä­lens und des Miss­han­delns kön­nen durch akti­ves Tun oder pflicht­wid­ri­ges Unter­las­sen began­gen wer­den. Bei der Alter­na­ti­ve des bös­wil­li­gen Ver­nach­läs­si­gens der Für­sor­ge­pflicht han­delt es sich um ein ech­tes Unter­las­sungs­de­likt [4].
Quä­len im Sin­ne des § 225 Abs. 1 StGB bedeu­tet das Ver­ur­sa­chen län­ger dau­ern­der oder sich wie­der­ho­len­der (erheb­li­cher) Schmer­zen oder Lei­den kör­per­li­cher oder see­li­scher Art. Es wird im All­ge­mei­nen durch meh­re­re Tat­hand­lun­gen bewirkt, wobei oft erst deren stän­di­ge Wie­der­ho­lung den beson­de­ren Unrechts­ge­halt des Quä­lens ver­wirk­licht [5]. Die zuge­füg­ten Schmer­zen oder Lei­den müs­sen über die typi­schen Aus­wir­kun­gen ein­zel­ner Kör­per­ver­let­zungs­hand­lun­gen hin­aus­ge­hen. Ist dies der Fall, so kann Quä­len durch Unter­las­sen aller­dings auch dadurch ver­wirk­licht wer­den, dass die gebo­te­ne ärzt­li­che Hil­fe durch die Eltern des Kin­des nicht ver­an­lasst wird [6]. In sub­jek­ti­ver Hin­sicht ist es erfor­der­lich, dass der Täter den Vor­satz hat, dem Opfer erheb­li­che Schmer­zen oder Lei­den zuzu­fü­gen, die über die typi­schen Aus­wir­kun­gen hin­aus­ge­hen, die mit der aktu­el­len Kör­per­ver­let­zungs­hand­lung ver­bun­den sind [7]. Die­se tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen bele­gen die Fest­stel­lun­gen weder in objek­ti­ver noch in sub­jek­ti­ver Hin­sicht. Die Ange­klag­te hat dadurch, dass sie es nach dem Erken­nen der schwe­ren Ver­let­zung ihres Kin­des über meh­re­re Stun­den pflicht­wid­rig unter­las­sen hat, den Säug­ling einer ärzt­li­chen Ver­sor­gung zuzu­füh­ren, nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen bei die­sem kei­ne Schmer­zen oder Lei­den im Sin­ne von § 225 Abs. 1 Alter­na­ti­ve 1 StGB ver­ur­sacht, die über die Fol­gen der durch den Mit­an­ge­klag­ten E. be- gan­ge­nen Kör­per­ver­let­zung des Säug­lings und ihrer eige­nen, durch das pflicht­wid­ri­ge Unter­las­sen an dem Kind began­ge­nen Kör­per­ver­let­zung hin­aus­gin­gen. Den Urteils­grün­den ist auch nicht zu ent­neh­men, dass die Ange­klag­te einen ent­spre­chen­den Vor­satz hat­te.
Rohes Miss­han­deln im Sin­ne der Vor­schrift liegt vor, wenn der Täter einem ande­ren eine Kör­per­ver­let­zung aus gefühl­lo­ser Gesin­nung zufügt, die sich in erheb­li­chen Hand­lungs­fol­gen äußert. Eine gefühl­lo­se Gesin­nung ist gege­ben, wenn der Täter bei der Miss­hand­lung das – not­wen­dig als Hem­mung wir­ken­de – Gefühl für das Lei­den des Miss­han­del­ten ver­lo­ren hat, das sich bei jedem mensch­lich und ver­ständ­lich Den­ken­den ein­ge­stellt haben wür­de [8]. Dass die Ange­klag­te die durch ihr pflicht­wid­ri­ges Unter­las­sen began­ge­ne Kör­per­ver­let­zung des Kin­des aus einer sol­chen Gesin­nung her­aus began­gen hat, ist den Urteils­grün­den nicht zu ent­neh­men. Viel­mehr war nach den bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen nicht Gefühl­lo­sig­keit der Grund für ihr pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten gegen­über ihrem Säug­ling, son­dern die Furcht, bei Auf­su­chen eines Kran­ken­hau­ses das Kind zu ver­lie­ren und mög­li­cher­wei­se der Wil­le, ihren Lebens­ge­fähr­ten, den Mit­an­ge­klag­ten E. , zu schüt­zen, da sie des­sen Betei­li­gung an den schwe­ren Ver­let­zun­gen des Kin­des ver­mu­te­te.
Die Miss­hand­lung eines Schutz­be­foh­le­nen ist schließ­lich auch gege­ben, wenn der Täter durch bös­wil­li­ge Ver­nach­läs­si­gung sei­ner Pflicht, für die schutz­be­dürf­ti­ge Per­son zu sor­gen, die­se an der Gesund­heit schä­digt. Bös­wil­lig han­delt, wer sei­ne Pflicht für einen ande­ren zu sor­gen, aus einem ver­werf­li­chen Beweg­grund ver­nach­läs­sigt [9]. Das Gesin­nungs­merk­mal der Bös­wil­lig­keit ist gekenn­zeich­net durch feind­se­li­ges Ver­hal­ten aus Bos­heit, Lust an frem­dem Leid, Hass und ande­ren ver­werf­li­chen Grün­den, etwa auch aus Geiz und Eigen­sucht. Gleich­gül­tig­keit, Abge­stumpft­heit oder Schwä­che sowie Über­for­de­rung wegen man­geln­der Rei­fe rei­chen hin­ge­gen in der Regel nicht aus [10]. Bei der Prü­fung von Bös­wil­lig­keit, die eine Erfor­schung der Moti­ve des Täters erfor­dert, sind psy­cho­pa­tho­lo­gi­sche Befun­de, wie Depres­sio­nen oder Per­sön­lich­keits­stö­run­gen zu berück­sich­ti­gen [11].
Hin­sicht­lich der tat­ein­heit­lich abge­ur­teil­ten unter­las­se­nen Hil­fe­leis­tung gemäß § 323c StGB gilt, dass die­se regel­mä­ßig als sub­si­di­är hin­ter einer durch Unter­las­sen began­ge­nen gefähr­li­chen Kör­per­ver­let­zung und/​oder der Miss­hand­lung eines Schutz­be­foh­le­nen zurück­tritt bzw. von die­sen ver­drängt wird [12].
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juli 2015 – 3 StR 633/​14
vgl. LK/​Hirsch, StGB, 11. Aufl., § 225 Rn. 24[↩]
vgl. LK/​Hirsch, aaO, Rn. 25 mwN[↩]
vgl. S/S‑Stree/­Stern­berg-Lie­ben, aaO, Rn. 22; Beck­OK-StGB/E­schel­bach, § 225 Rn. 33[↩]
vgl. Beck­OK-StGB/E­schel­bach, aaO, Rn. 15[↩]
vgl. Beck­OK-StGB/E­schel­bach, aaO, Rn. 17[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 20.03.2012 – 4 StR 561/​11, NStZ 2013, 466, 467 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 28.02.2007 – 5 StR 44/​07, NStZ 2007, 405 mwN[↩]
vgl. LK/​Hirsch, aaO, Rn. 18[↩]
vgl. LK/​Hirsch, aaO[↩]
vgl. Beck­OK-StGB/E­schel­bach, aaO, Rn. 24 ff. mwN[↩]
vgl. Münch­Komm-StGB/­Freund, 2. Aufl., § 13 Rn. 289, 291, § 323c Rn. 125 ff.[↩]
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