Source: http://m.hensche.de/Nettolohnvereinbarung_gilt_auch_nach_Wechsel_der_Steuerklasse_mit_der_Folge_einer_hoeheren_Steuerlast_ArbG_Duesseldorf_10Ca2697-10.html
Timestamp: 2017-11-22 23:48:20
Document Index: 217748036

Matched Legal Cases: ['§ 242', '§ 4', '§ 139', '§ 253', '§ 611', '§ 611', '§ 4', '§ 4', '§ 157', '§ 611', '§ 611', '§ 611', '§ 611', '§ 611', '§ 71', '§ 611', '§ 611', '§ 55', '§ 313', '§ 611', '§ 313', '§ 242', '§ 71', '§ 4', '§ 92', '§ 61', '§ 64', '§ 64', '§ 320', '§ 320']

HENSCHE Arbeitsrecht: 10 Ca 2697/10
Schlag­worte: Lohnsteuer, Lohn und Gehalt, Nettolohnvereinbarung
Akten­zeichen: 10 Ca 2697/10
Ent­scheid­ungs­datum: 24.09.2010
Leit­sätze: Sch­ließen die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en oh­ne wei­te­re Ab­spra­chen ei­ne Net­to­lohn­ver­ein­ba­rung zu ei­nem Zeit­punkt, in dem die le­di­ge Kläge­rin die Lohn­steu­er­klas­se I hat, so ist der Ar­beit­ge­ber auch nach der Hei­rat der Ar­beit­neh­me­rin und ei­nem Wech­sel in die Lohn­steu­er­klas­se V ver­pflich­tet, die Lohn­steu­er vollständig zu tra­gen. Die Net­to­lohn­ver­ein­ba­rung ist nicht ergänzend aus­zu­le­gen (ab­wei­chend von BAG 6.7.1970 - 5 AZR 523/69). Der Ver­pflich­tung kann nur im Fal­le des Hin­zu­tre­tens wei­te­rer Umstände der Ein­wand des Rechts­miss­brauchs (§ 242 BGB) ent­ge­gen ge­hal­ten wer­den.
Die Par­tei­en strei­ten über Zah­lungs­ansprüche der Kläge­rin auf­grund ei­ner Net­to­lohn­ver­ein­ba­rung.
Die Be­klag­te such­te im Herbst 2003 ei­ne Arzt­hel­fe­rin. Auf Ver­mitt­lung ei­ner Mit­ar­bei­te­rin der Be­klag­ten, der als Zeu­gin be­nann­ten Frau G., kam es im Sep­tem­ber 2003 zu ei­nem Gespräch zwi­schen den Par­tei­en. Die Kläge­rin wies die Be­klag­te dar­auf hin, dass sich ei­ne Auf­ga­be ih­rer Ar­beits­stel­le in Wup­per­tal und ein Wech­sel zur Be­klag­ten für sie nur Loh­ne, wenn sie min­des­tens 1.500,00 Eu­ro net­to ver­die­ne. In der Fol­ge­zeit schlos­sen die Par­tei­en un­ter dem Da­tum des 3.10.2003 mit Wir­kung zum 1.11.2003 ei­nen schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag über ei­ne Tätig­keit der Kläge­rin bei der Be­klag­ten als Arzt­hel­fe­rin im OP-Be­reich (vgl. An­la­ge K 1, Bl. 5 ff d.A.). In § 4 des Ver­trags ist un­ter der Über­schrift "Vergütung" ge­re­gelt:
"Das Ge­halt beträgt mo­nat­lich net­to € 1.500. Es wird nachträglich zum En­de ei­nes Mo­nats aus­ge­zahlt.
Mehr­ar­beit in ge­rin­gem Um­fang ist durch die­ses Ge­halt ab­ge­gol­ten."
In dem Ver­trags­for­mu­lar war ursprüng­lich die For­mu­lie­rung "brut­to DM" vor­ge­se­hen. Die­se wur­de durch­ge­stri­chen und hand­schrift­lich er­setzt durch "net­to €".
Die im De­zem­ber 1980 ge­bo­re­ne Kläge­rin, die noch ih­ren Mädchen­na­men trug, hat­te bei Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags die Lohn­steu­er­klas­se I. Die Kläge­rin hei­ra­te­te in der Fol­ge­zeit und wech­sel­te im Jah­re 2005 im Hin­blick auf die El­tern­zeit nach der Ge­burt ih­res ers­ten Kin­des in die Lohn­steu­er­klas­se V. Die El­tern­zeit nach der Ge­burt des zwei­ten Kin­des en­de­te am 25.1.2009 auf­grund des To­des des Kin­des. Die Be­klag­te sprach ge­genüber der Kläge­rin mit Schrei­ben vom 28.1.2009 ei­ne frist­gemäße Kündi­gung aus. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te mit Ab­lauf des 28.2.2009 auf­grund ei­nes ge­richt­li­chen Ver­gleichs, der im schrift­li­chen Ver­fah­ren un­ter dem Ak­ten­zei­chen Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf 2 Ca 652/09 ge­schlos­sen wur­de (vgl. An­la­ge K 2, Bl. 8 d.A.). Nach Nr. 2 des Ver­gleichs, der durch Be­schluss vom 17.3.2009 fest­ge­stellt wur­de, ver­pflich­te­ten sich die Par­tei­en, das Ar­beits­verhält­nis bis zum Be­en­di­gungs­zeit­punkt ord­nungs­gemäß ab­zu­wi­ckeln und ab­zu­rech­nen.
Die Be­klag­te zahl­te der Kläge­rin für den Mo­nat Ja­nu­ar 2009 ei­nen Net­to­be­trag iHv. 286,96 Eu­ro aus. Aus­weis­lich der Lohn­ab­rech­nung vom 24.4.2009 (An­la­ge K 3, Bl. 10 d.A.) leg­te die Be­klag­te da­bei ei­nen Brut­to­lohn­an­spruch iHv 430,30 Eu­ro und die Lohn­steu­er­klas­se V zu Grun­de. Für den Mo­nat Fe­bru­ar 2009 brach­te die Be­klag­te an die Kläge­rin ei­nen Net­to­be­trag iHv. 1.089,23 Eu­ro zur Aus­zah­lung. Aus­weis­lich der Lohn­ab­rech­nung vom 28.5.2009 (An­la­ge K 4, Bl. 11 d.A.) ging die Be­klag­te da­bei von ei­nem Brut­to­lohn­an­spruch iHv. 2.411,45 Eu­ro aus.
Die Kläge­rin ist der An­sicht, die Be­klag­te sei ver­pflich­tet, un­abhängig von dem Wech­sel in die Lohn­steu­er­klas­se V den vol­len im schrift­li­chen Ar­beits­ver­trag ver­ein­bar­ten Net­to­be­trag aus­zu­zah­len. Da­zu be­haup­tet die Kläge­rin, sie ha­be in dem Gespräch im Jahr 2003 erklärt, dass der Be­trag von 1.500,00 Eu­ro net­to/mo­nat­lich in je­dem Fall ga­ran­tiert sein müsse. Dies sei Grund­la­ge für den Ar­beits­ver­trag ge­we­sen. Dass die Be­klag­te über­haupt ei­ne Rück­rech­nung auf den auf­zu­wen­den­den Brut­to­be­trag vor­ge­nom­men ha­be, be­strei­tet die Kläge­rin mit Nicht­wis­sen.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 423,81 Eu­ro net­to nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 26.5.2010 zu zah­len.
Sie ist der An­sicht, der Ar­beits­ver­trag sei ergänzend da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass ihr durch ei­nen Wech­sel der Kläge­rin in die Lohn­steu­er­klas­se V kein Nach­teil ent­ste­hen dürfe. Die Be­klag­te be­haup­tet, sie ha­be vor Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags an­hand der von der Kläge­rin an­ge­ge­be­nen Lohn­steu­er­klas­se er­mit­telt, wie viel sie ins­ge­samt zah­len müsse. Weil das er­mit­tel­te Brut­to­er­geb­nis in den Rah­men bei der Be­klag­ten ge­passt ha­be, sei der Ver­trag so ab­ge­fasst wor­den, wie er nun vor­lie­ge. Die Be­klag­te ist der An­sicht, die Kläge­rin ha­be ver­sucht, durch den Wech­sel ih­rer Steu­er­klas­se ih­re Steu­er­last zu erhöhen, die­se von der Be­klag­ten zah­len zu las­sen und sich ge­nau die­sen Be­trag dann wie­der­um vom Staat zurück zu ho­len. Dies gel­te in be­son­de­rem Maß, weil die Kläge­rin im Kam­mer­ter­min an­ge­ge­ben ha­be, ihr Ehe­mann ver­die­ne ca. 2.100,00 Eu­ro bis 2.300 Eu­ro brut­to als Kraft­fah­rer. Die Be­klag­te meint, sie sei da­her be­rech­tigt ge­we­sen, für Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 2009 aus­ge­hend von ei­nem Net­to­lohn von 1.500,00 Eu­ro den sich bei Steu­er­klas­se I er­ge­ben­den Brut­to­lohn zu er­rech­nen und die­sen Brut­to­lohn so­dann mit der von der Kläge­rin gewähl­ten Steu­er­klas­se V wie­der auf net­to her­ab­zu­rech­nen.
We­gen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stands wird auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen so­wie auf den In­halt der Sit­zungs­pro­to­kol­le Be­zug ge­nom­men.
A. Die zulässi­ge Leis­tungs­kla­ge ist auch über­wie­gend be­gründet. Die Kläge­rin hat ei­nen An­spruch auf Zah­lung wei­te­rer 414,13 Eu­ro net­to.
I.Der auf ge­richt­li­chen Hin­weis (§ 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO) im Kam­mer­ter­min in sach­dien­li­cher Wei­se geänder­te Kla­ge­an­trag ist zulässig. Die Net­to­lohn­kla­ge ist zulässig, sie ist ins­be­son­de­re hin­rei­chend be­stimmt i.S.von § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO (vgl. BAG 26.02.2003 - 5 AZR 223/02 - zu I der Gründe mwN, AP BGB § 611 Net­to­lohn Nr. 13; vgl. auch HWK/Thüsing 3. Aufl. BGB § 611 Rn. 97).
II.Der Kläge­rin steht der Zah­lungs­an­spruch iHv. 414,13 Eu­ro net­to aus Zif­fer 2 des Ver­gleichs vom 17.3.2009 iVm. § 4 des Ar­beits­ver­trags vom 3.10.2003 zu. Für die Mo­na­te Ja­nu­ar und Fe­bru­ar 2009 ste­hen der Kläge­rin ins­ge­samt 1.790,32 Eu­ro net­to zu. Die­ser An­spruch wur­de von der Be­klag­ten nur im Um­fang von 1.376,19 Eu­ro erfüllt.
1.In Be­zug auf die Ja­nu­ar-Vergütung war die Kla­ge teil­wei­se ab­zu­wei­sen. Ent­ge­gen der An­sicht der Kläge­rin ste­hen ihr für die­sen Mo­nat nur wei­te­re 3,36 Eu­ro net­to zu. Die Kläge­rin be­fand sich bis zum Ab­lauf des 24.1.2009 in El­tern­zeit. Für die ver­blei­ben­den 6 Ka­len­der­ta­ge ste­hen ihr 1.500 Eu­ro di­vi­diert durch 31 mal 6 gleich 290,32 Eu­ro zu. Auf die­sen An­spruch hat die Be­klag­te 286,96 Eu­ro ge­zahlt.
Für den Mo­nat Fe­bru­ar mach die Kläge­rin zu­tref­fend ei­ne Dif­fe­renz von 410,77 Eu­ro net­to gel­tend.
2.Die Re­ge­lung in § 4 Satz 1 des Ar­beits­ver­trags ist nicht ergänzend da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass die Be­klag­te im Fal­le ei­nes Wech­sels der Kläge­rin in die Steu­er­klas­se V be­rech­tigt war, den Net­to­lohn­an­spruch der Kläge­rin in dem Um­fang zu kürzen, der sich er­gibt, wenn man den Brut­to­lohn an­hand der Steu­er­klas­se I er­mit­telt und so­dann nach Steu­er­klas­se V ab­rech­net.
a)Die ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung hat den Zweck, Lücken in der rechts­geschäft­li­chen Re­ge­lung zu schließen. Der Ver­trag muss da­her ei­ne "plan­wid­ri­ge Re­ge­lungslücke" auf­wei­sen (vgl. BAG 9. De­zem­ber 2008 - 3 AZR 431/07 - Rn. 25 mwN, ju­ris; MüKoBGB/Bu­sche 5. Aufl. § 157 Rn. 37 ff.). Da­bei ist gleichgültig, ob die­se Lücke von An­fang an be­stan­den hat oder erst nachträglich ent­stan­den ist. Ei­ne plan­wid­ri­ge Un­vollständig­keit liegt dann vor, wenn der Ver­trag ei­ne Be­stim­mung ver­mis­sen lässt, die er­for­der­lich ist, um den ihm zu­grun­de lie­gen­den Re­ge­lungs­plan der Par­tei­en zu ver­wirk­li­chen, mit­hin oh­ne Ver­vollständi­gung des Ver­tra­ges ei­ne an­ge­mes­se­ne, in­ter­es­sen­ge­rech­te Lösung nicht zu er­zie­len wäre (BAG 21.4.2009 - 3 AZR 695/08 - Rn. 21 mwN, NZA 2010, 572). Lässt sich ei­ne plan­wid­ri­ge Un­vollständig­keit fest­stel­len, so ist die­se durch ei­ne an­ge­mes­se­ne Re­ge­lung zu ergänzen. Ab­zu­stel­len ist dar­auf, was die Par­tei­en bei ei­ner Abwägung ih­rer In­ter­es­sen nach Treu und Glau­ben als red­li­che Ver­trags­part­ner ver­ein­bart hätten, wenn sie den von ih­nen nicht ge­re­gel­ten Fall be­dacht hätten; da­bei ist der Ver­trags­in­halt Stütze und Richt­li­nie.
b)Bei An­wen­dung die­ser Grundsätze be­steht kein An­lass zur ergänzen­den Aus­le­gung des Ver­trags, weil die Kläge­rin nach ih­rer Hei­rat während ih­rer El­tern­zeit in die Lohn­steu­er­klas­se V ge­wech­selt ist. Die Kam­mer folgt in­so­fern nicht der Auf­fas­sung des Fünf­ten Se­nats des BAG in der Ent­schei­dung vom 6.7.1970 (- 5 AZR 523/69 - zu 3 der Gründe, AP BGB § 611 Net­to­lohn Nr. 1), nach der die bis­he­ri­ge ver­trag­li­che
Lohn­re­ge­lung an­pas­sungs­bedürf­tig wer­den soll, wenn sich im Lau­fe des Ar­beits­verhält­nis­ses die bei Ab­schluss der Net­to­lohn­ver­ein­ba­rung be­ste­hen­den persönli­chen Verhält­nis­se ändern, so dass sich er­heb­li­che Ände­run­gen der Abzüge des Ar­beit­neh­mers er­ge­ben. Nicht je­de "er­heb­li­che Ände­rung der Abzüge" muss außer­halb des Re­ge­lungs­plans der Par­tei­en lie­gen. Im Ge­gen­teil, die Net­to­lohn­ab­re­de dient ja ge­ra­de da­zu, den dem Ar­beit­neh­mer aus­zu­zah­len­den Be­trag auch bei ei­ner Verände­rung der Steu­er- oder So­zi­al­ab­ga­ben­pflicht kon­stant zu hal­ten. Zu­gleich ist da­mit fest­ge­legt, zu wes­sen Guns­ten oder Las­ten ei­ne Verände­rung geht: Ha­ben die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ei­ne Net­to­lohn­ver­ein­ba­rung ge­trof­fen, hat der Ar­beit­ge­ber die Steu­ern und So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge zu tra­gen (BAG 24. 6. 2003 - 9 AZR 302/02 - zu AII 2 c) aa) der Gründe, NZA 2003, 1145; MüKoBGB/Müller-Glöge 5. Aufl. § 611 Rn. 837; Mat­thes DB 1969, 1339; HWK/Thüsing 3. Aufl. BGB § 611 Rn. 97). Ändern sich später die Grund­la­gen der Lohn­steu­er, wirkt sich dies auf die Höhe des dem Ar­beit­neh­mer zu­fließen­den Zahl­be­trags nicht aus (LAG Köln 6.9.1990 - 10 Sa 574/90 - LA­GE § 611 BGB Net­to­lohn, Lohn­steu­er Nr. 2; MüKoBGB/Müller-Glöge 5. Aufl. § 611 Rn. 837; Schaub/Linck HdbAr­bR 13. Aufl. § 71 Rn. 113; ErfK/Preis 10. Aufl. BGB § 611 Rn. 475; zwi­schen ori­ginärer und ab­ge­lei­te­ter Net­to­lohn­ver­ein­ba­rung dif­fe­ren­zie­rend: Mat­thes DB 1969, 1339; Putzo Anm zu AP BGB § 611 Net­to­lohn Nr. 1; MünchH­dbAr­bR/Krau­se 3. Aufl. § 55 Rn. 52). Dies gilt nach Auf­fas­sung der Kam­mer zu­min­dest für sol­che Ände­run­gen, die bei Ab­schluss der Ver­ein­ba­rung vor­her­seh­bar wa­ren (vgl. BAG 21.4.2009 - 3 AZR 695/08 -, NZA 2010, 572; a.A. wohl LAG Köln aaO).
Durch die Ver­ein­ba­rung ei­nes Net­to­lohns hat sich die Be­klag­te zur Über­nah­me sämt­li­cher Steu­ern ver­pflich­tet. Sie hat da­mit auch das Ri­si­ko - und die Chan­ce - zukünf­ti­ger Ände­run­gen der Steu­er­last über­nom­men. Da­bei war be­reits bei Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags die Möglich­keit ab­seh­bar, dass die Kläge­rin ei­nes Ta­ges hei­ra­ten würde. Eben­so sind kei­ne Umstände vor­ge­tra­gen, die die si­che­re Er­war­tung be­gründen konn­ten, dass die Kläge­rin nicht von der steu­er­li­chen Wahlmöglich­keit der Steu­er­klas­sen III/V Ge­brauch ma­chen könn­te. Die Über­nah­me der erhöhten steu­er­li­chen Be­las­tung lag mit­hin im Re­ge­lungs­plan der Par­tei­en.
3.Die Be­klag­te kann auch kei­ne An­pas­sung des Ar­beits­ver­trags auf­grund ei­ner Störung der Geschäfts­grund­la­ge ver­lan­gen. Ha­ben sich Umstände, die zur Grund­la­ge des Ver­trags ge­wor­den sind, nach Ver­trags­schluss schwer­wie­gend verändert und hätten die Par­tei­en den Ver­trag nicht oder mit an­de­rem In­halt ge­schlos­sen, wenn sie die­se Verände­rung vor­aus­ge­se­hen hätten, so kann nach § 313 BGB An­pas­sung des Ver­trags ver­langt wer­den, so­weit ei­nem Teil un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re der ver­trag­li­chen oder ge­setz­li­chen Ri­si­ko­ver­tei­lung, das Fest­hal­ten am un­veränder­ten Ver­trag nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann. In der Li­te­ra­tur wird teil­wei­se die Lösung des Pro­blems der geänder­ten Lohn­steu­er­klas­se bei Net­to­lohn­ver­ein­ba­rung in die­sem Rechts­in­sti­tut ge­sucht (Däubler/Hjort/Schu­bert/Wol­merath/Bo­em­ke Ar­beits­recht 2. Aufl. BGB § 611 Rn. 292).
In Be­zug auf ei­ne Störung der Geschäfts­grund­la­ge kann of­fen blei­ben, ob ei­ne Steu­er­pflicht nach Steu­er­klas­se I bei Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags Geschäfts­grund­la­ge war. Denn die Kläge­rin hat­te bei Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags auch tatsächlich die Steu­er­klas­se I. Um zu ei­ner Ver­trags­an­pas­sung im Sin­ne der Be­klag­ten zu kom­men hätte viel­mehr Geschäfts­grund­la­ge für die Ver­ein­ba­rung sein müssen, dass die Kläge­rin auch zukünf­tig für die ge­sam­te Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses in Steu­er­klas­se I ver­bleibt und von sich er­ge­ben­den steu­er­recht­li­chen Wahlmöglich­kei­ten kei­nen Ge­brauch ma­chen wird. Für ei­ne sol­che Geschäfts­grund­la­ge sind kei­ne An­halts­punk­te vor­ge­tra­gen.
Ei­ner Ver­trags­an­pas­sung steht im vor­lie­gen­den Fall zu­dem ent­ge­gen, dass die Be­klag­te durch die ein­schränkungs­lo­se Ver­ein­ba­rung ei­nes Net­to­lohns ge­ra­de das Ri­si­ko ei­ner erhöhten Steu­er­last über­nom­men hat. In­so­fern hat sich für sie nur das ver­trag­lich über­nom­me­ne Ri­si­ko ver­wirk­licht. Ei­ne Ver­trags­an­pas­sung über § 313 BGB kommt nicht in Be­tracht.
4.Die Be­klag­te kann dem Zah­lungs­an­spruch der Kläge­rin auch nicht den Ein­wand des Rechts­miss­brauchs (§ 242 BGB) ent­ge­gen­hal­ten. Das setzt über die fi­nan­zi­el­le Mehr­be­las­tung des Ar­beit­ge­bers das Vor­lie­gen wei­te­rer Umstände vor­aus, die ei­ne Rechts­ausübung als un­red­lich kenn­zeich­nen. Die Rechts­ausübung des Ar­beit­neh­mers muss als sol­che zu miss­bil­li­gen sein, weil sie der Ver­fol­gung ei­nes rück­sichts­lo­sen Ei­gen­nut­zes zum Nach­teil des Ar­beit­ge­bers dient (Schaub/Linck HdbAr­bR 13. Aufl. § 71 Rn. 114). Ein In­diz hierfür kann es sein, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­ne steu­er­recht­li­che Ge­stal­tung wählt, die für ihn an sich nach­tei­lig ist (vgl. BAG 9.9.2003 - 9 AZR 554/02, AP ATG § 4 Nr. 2).
Die Kläge­rin wech­sel­te un­strei­tig be­reits 2005 im Hin­blick auf ih­re El­tern­zeit in die Lohn­steu­er­klas­se V. Da sie selbst in die­ser Zeit oh­ne Einkünf­te war, ist die­se steu­er­li­che Ge­stal­tung sinn­voll, weil sie zu ei­nem erhöhten Aus­zah­lungs­be­trag bei ih­rem Ehe­mann auf­grund sei­ner Be­hand­lung nach Lohn­steu­er­klas­se III führt. Ihr Ver­hal­ten war zu je­nem Zeit­punkt mit­hin in kei­ner Wei­se un­red­lich. Das gilt auch für das Un­ter­las­sen ei­nes Wech­sels in die Steu­er­klas­se III. Es kann da­hin­ste­hen, ob die Kläge­rin bei ei­ner un­be­fris­te­ten Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus ver­trag­li­cher Ne­ben­pflicht ge­hal­ten ge­we­sen wäre, ei­ne an­de­re steu­er­li­che Ge­stal­tung zu wählen, so­fern ihr Ehe­mann dau­er­haft we­ni­ger ver­die­nen soll­te als sie selbst. Ent­ge­gen der vom Be­klag­ten­ver­tre­ter im Kam­mer­ter­min geäußer­ten An­sicht hält die Kam­mer es nicht für ein un­red­li­ches Ver­hal­ten der Kläge­rin, dass sie nach dem Tod ih­res Kin­des nicht zum Zwe­cke der Ab­wick­lung des be­reits durch Kündi­gung vom 28.1.20009 zum 28.2.2009 be­en­de­ten Ar­beits­verhält­nis­ses un­verzüglich ei­nen Wech­sel der Steu­er­klas­sen ver­an­lasst hat.
B.Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 2 ZPO.
Der Streit­wert wur­de gemäß § 61 Abs. 1 ArbGG im Ur­teil fest­ge­setzt. Da­bei wur­de nicht der ein­ge­klag­te Net­to­be­trag, son­dern die für die Be­klag­te ent­ste­hen­de wirt­schaft­li­che Be­las­tung zu Grun­de ge­legt.
Die Statt­haf­tig­keit der Be­ru­fung er­gibt sich für die Be­klag­te auf­grund ih­rer Be­schwer be­reits aus § 64 Abs. 2 Buchst. b ArbGG. Da der ti­tu­lier­te Be­trag un­ter 600 Eu­ro liegt, hat die Kam­mer we­gen der Ab­wei­chung von der Ent­schei­dung des Fünf­ten Se­nats des BAG vom 6.7.1970 zu­dem nach § 64 Abs. 3 Nr. 1 ArbGG klar­stel­lend zu­ge­las­sen.
Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach des­sen Verkündung
AR­BEITS­GERICHT DÜSSEL­DORF
der Frau O.,
- Kläge­rin -
Pro­zess­be­vollmäch­tig­ter:Rechts­an­walt H.
die Frau Dr. med. Ju­di­ta Ma­zan­co­va, Gra­fen­ber­ger Al­lee 136, 40237 Düssel­dorf,
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te:Rechts­anwälte G.
hat die 10. Kam­mer des Ar­beits­ge­richts Düssel­dorf
oh­ne münd­li­che Ver­hand­lung am 09.11.2010
durch den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt L. als Vor­sit­zen­den
so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter S. und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter C.
Der Tat­be­stand des Ur­teils vom 24.9.2010 wird da­hin­ge­hend be­rich­tigt, dass im zwei­ten Ab­satz der fol­gen­de Satz entfällt:
"Die Kläge­rin wies die Be­klag­te dar­auf hin, dass sich ei­ne Auf­ga­be ih­rer Ar­beits­stel­le in Wup­per­tal und ein Wech­sel zur Be­klag­ten für sie nur loh­ne, wenn sie min­des­tens 1.500,00 Eu­ro net­to ver­die­ne."
Der ge­gen das dem Be­klag­ten­ver­tre­ter am 18.10.2010 zug­stell­te Ur­teil form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te Be­rich­ti­gungs­an­trag ist zulässig. Ein Rechts­schutz­in­ter­es­se für den An­trag ist zu be­ja­hen. Es ist bei al­len an­fecht­ba­ren Ent­schei­dun­gen ge­ge­ben (Zöller/Voll­kom­mer ZPO 28. Aufl. § 320 Rn. 10 mwN.). In­so­fern ist es un­er­heb­lich, dass es für die Ent­schei­dung der Kam­mer auf die frag­li­che Tat­sa­che nicht an­kam.
Der An­trag ist auch be­gründet. Der Tat­be­stand des Ur­teils ist nach § 320 ZPO zu be­rich­ti­gen. Die als un­strei­tig auf­ge­nom­me­ne Tat­sa­che war zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Die Tat­sa­che, dass die Kläge­rin in dem Gespräch vor Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags dar­auf hin­ge­wie­sen ha­be, dass sich ei­ne Auf­ga­be ih­rer Ar­beits­stel­le in Wup­per­tal und ein Wech­sel zur Be­klag­ten für sie nur loh­ne, wenn sie min­des­tens 1.500,00 Eu­ro net­to ver­die­ne, wur­de von der Kläge­rin un­ter Be­weis­an­tritt in der Kla­ge­schrift be­haup­tet (Bl. 3 d.A.). Die Be­klag­te hat mit Schrift­satz vom 25.6.2010 (Bl. 41) be­haup­tet, dass die Kläge­rin die­se Äußerung in dem Gespräch nicht getätigt ha­be.
Ge­gen die­sen Be­schluss ist ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. L.S.C.
zur Übersicht 10 Ca 2697/10