Source: https://www.sbg.ac.at/irk/pages/dresd-vortr.html
Timestamp: 2018-04-21 16:51:16
Document Index: 230767423

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 22', 'Art. 24', 'Art. 24', 'Art. 51', 'Art. 52']

Die Bombardierung Dresdens und ihre Auswirkung auf das Kriegsvölkerrecht
Vortrag, gehalten am 27.5.2000, im Rahmen des Europäischen Forums Junger Rechtshistoriker/innen 2000 in Leipzig
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa sind nunmehr 55 Jahre vergangen, und doch ist Krieg leider kein Fremdwort für uns. Das Ende der in Europa zwar "kalten", aber sonst in der Welt auf zahlreichen Schlachtfeldern heiß und blutig ausgetragenen Konfrontation der beiden Supermächte, machte auch Europa wieder zum Schauplatz bewaffneter Auseinandersetzungen. Sobald zwischen Staaten, Völkern oder auch nur ethnischen Gruppen die Waffen sprechen, wird der Ruf laut nach "Recht", oder auch "Völkerrecht". Im Namen des Rechts soll Einhalt geboten werden dem Leid und dem Töten, oder es soll doch wenigstens Linderung bringen für die Opfer, die als unschuldig in diesem Konflikt gelten: Frauen, Kinder, Alte, Kranke, Verwundete ...
Sehr viel öfter aber zweifelt man in dieser Situation am Recht, man behauptet, es existiere nicht einmal, und selbst wenn, dann würde es nichts nützen. Das Kriegsvölkerrecht - oder wie heute heißt: das humanitäre Völkerrecht - gehört sicherlich zu den in ihrer Bedeutung von der breiten Öffentlichkeit am wenigsten geachteten Disziplinen des Rechts, und ich habe mich schon daran gewöhnt, dass meine Beschäftigung mit der Geschichte des Kriegsvölkerrechts höflich als "von zweifelhaftem praktischen Wert", hinter vorgehaltener Hand aber als "unnütze Idiotie" bezeichnet wird. Diese Gewöhnung fiel mir schon deshalb nicht schwer, da es ohnehin üblich geworden ist, mit solchen wenig schmeichelhaften Ausdrücken die Rechtshistorie als Ganzes zu bezeichnen.
Nur etwa einhundert Kilometer von unserem angenehmen Tagungsort entfernt liegt die Stadt Dresden, einst Residenzstadt Augusts des Starken, Zentrum von Kultur und Kunst, von Canaletto in wunderschönen Bildern porträtiert. Innerhalb von nur zwei Tagen, am 14. und 15. Februar 1945, wurde das alles zerstört. Bomber der Royal Air Force sowie der 8. US-Luftflotte legten das Zentrum der Kunst und Kultur in Schutt und Asche. Ungeachtet der später entstandenen Mythen und Legenden, die sich um das Ereignis winden, und welche ich nachher auch kurz erwähnen möchte, stellt sich die Frage nach der Einordnung dieses Angriffs in das geltende Kriegsvölkerrecht. Wie sonst nur selten findet sich der Rechtshistoriker mit dieser Frage im Mittelpunkt öffentlichen Interesses, wenn er - vom zumeist deutschen oder österreichischen - Publikum bestürmt wird: "Das war doch ein Kriegsverbrechen!", oftmals gefolgt von einem etwas unsicheren " - oder?" Dagegen das üblicherweise amerikanische oder britische Publikum, welches einwirft: "Das war doch gerechtfertigt!", wieder häufig gefolgt von einem " - oder?"
Trotz der zugrundeliegenden Tragik sonnt sich der Rechtshistoriker da nicht ungern in dieser ungewohnten Aufmerksamkeit, und beginnt auszuholen: Denn bevor man die völkerrechtliche Beurteilung eines Luftangriffes im Zweiten Weltkrieg vornimmt, muss erst einmal geklärt werden, ob - und wenn, welches - Völkerrecht diesbezüglich überhaupt Geltung hatte. Erlauben Sie mir also, die Gelegenheit zu einem kurzen Abriss der Geschichte des Luftkriegsrechts, insbesondere des Schutzes der Zivilbevölkerung, zu nutzen:
Haager Konferenz 1899
Die erste große Kodifikationsanstrengung des Kriegsvölkerrechts im Zuge der Haager Friedenskonferenz 1899 befasste sich bereits mit dem Problem des Bombardements aus der Luft, wenn auch zu diesem Zeitpunkt die technischen Möglichkeiten dazu erst ansatzweise vorhanden waren. Aus der Erfahrung kannte man nur ungelenkte Ballons, die bereits 1849 von österreichischen Truppen zu einer - wenn auch erfolglosen - Bombardierung Venedigs verwendet worden waren. Dennoch konnten sich die bei der Konferenz versammelten Mächte nicht zu einem generellen Verbot solcher Angriffe aus der Luft durchringen, denn sehr wohl zeichnete sich der technische Durchbruch, Luftfahrzeuge künftig selbstgetrieben und lenkbar zu machen, bereits deutlich ab. Keiner der militärisch bedeutsamen Teilnehmerstaaten wollte sich von vornherein eine möglicherweise erfolgreiche Militärtechnik durch juristische Fesseln vorenthalten lassen. Deshalb formulierte man lediglich ein auf fünf Jahre befristetes Verbot des Abwurfes von Geschossen und Sprengstoffen aus Luftschiffen.
Haager Konferenz 1907
1907 waren die Gesandten an der Zweiten Haager Friedenskonferenz mit genau jener technischen Entwicklung konfrontiert, die sich bereits acht Jahre zuvor abgezeichnet hatte: 1900 flog das erste mit Motoren angetriebene und lenkbare Luftschiff des Grafen Zeppelin, 1903 erhoben sich die Brüder Wright mit ihrem Flugzeug in die Luft. Vor allem die Militärs aller Großmächte waren an dieser Technologie äußerst interessiert, so ist es nur verständlich, dass die geplante Verlängerung des Bombenabwurfverbotes von 1899 kaum eine Chance hatte. 28 Staaten unterzeichneten zwar eine derartige Verlängerung, die bis zum Zeitpunkt der Dritten Haager Friedenskonferenz, deren Abhaltung man für 1915 plante, befristet war, dennoch hatte dieser Vertrag in der Folge keinerlei praktische Auswirkung, war er doch durch die damals übliche Allbeteiligungsklausel beeinträchtigt.
Statt dessen kam man überein, dass das Luftbombardement doch im Wesentlichen nichts anderes sei als die Beschießung durch Schiffe oder durch weitreichende Kanonen, nur eben aus der Luft statt vom Wasser oder dem festen Boden, und so dachte man, sich mit den dafür bestehenden Regeln helfen zu können. Konkret ging es um den Artikel 25 der sogenannten Haager Landkriegsordnung, welcher bereits in der Fassung von 1899 die Beschießung unverteidigter Orte verboten hatte. Um die Geltung dieser Vorschrift auch für Luftangriffe klarzustellen, wurden in der neuen Fassung von 1907 nun lediglich die Worte "mit welchen Mitteln es auch sei" hinzugefügt. Dazu muss kurz erklärt werden, was man sich damals unter einem "unverteidigten", oder auch "offenen" Ort vorstellte:
Nach der Vorstellung und Erfahrung der Militärs spielte sich Krieg üblicherweise so ab, dass eine Armee vorrückt und versucht, das Territorium des Gegners zu besetzen. Dabei wird sie nicht nur von der gegnerischen Armee, sonder auch von häufig befestigten Städten aufgehalten, die gleich einer Festung den Vormarsch mit vergleichsweise geringen Mitteln lange verzögern konnten. Um deren Widerstand zu brechen, wurden diese Plätze belagert und in der Folge mit Artillerie "sturmreif" geschossen. Ein Ort, der sich beim Anrücken der Armee gleich ergab, brauchte gar nicht erst beschossen zu werden. Ein solcher Ort war "unverteidigt" im Sinne der Landkriegsordnung. Die Luftfahrttechnik war im Jahre 1907 noch in ihren Kinderschuhen, die Reichweiten insbesondere der Flugzeuge waren arg beschränkt, und die Möglichkeit, schwere Bomben mitzuführen, kaum vorhanden. Die Gesandten der Haager Konferenz - allesamt völlig unerfahren in Fragen der Luftfahrt - stellten sich die kommenden Luftfahrzeuge etwa als eine Artillerie mit größerer Reichweite vor. Wenn also künftig eine Armee auf eine verteidigte Stadt traf, dann holte man die Luftwaffe zu Hilfe, um diese Stadt so lange zu beschießen, bis sie sich ergab. Kapitulierte die Stadt gegenüber der Armee schon von vornherein, gab es auch keinen Grund, sie zu beschießen.
Der Erste Weltkrieg aber erschütterte diese überkommene Vorstellung zutiefst: Schon bis 1914, vor allem aber in den Kriegsjahren, erfuhr die Flugtechnik einen immensen Aufschwung. Der Krieg ist der Vater aller Dinge - dieses Sprichwort bewahrheitete sich auf jeden Fall für die Luftfahrt. Deutschland begann, große Luftschiffe zu bauen, welche in der Lage waren, Bomben bis nach England zu transportieren. Offiziell galten nur die Häfen der britischen Flotte als Ziel, doch als dort Kanonen zur Abwehr der Bedrohung aus der Luft aufgestellt wurden, deklarierte man all diese Städte kurzerhand als "verteidigt", und damit als legitime Ziele im Sinne der Haager Landkriegsordnung.
Damit wurde die grundlegende Schwäche dieser völkerrechtlichen Bestimmung offenbar: Ihre Formulierung basierte auf der Annahme, dass es um die Eroberung eines bestimmten Ortes ging. Ein Zeppelin aber konnte keine Stadt erobern, er warf Bomben nur ab, um etwas zu zerstören, die Stadt selbst lag weit entfernt von der eigentlichen Frontlinie. Damit hatten die Herren im Haag 1907 nicht gerechnet.
Auch auf der Seite der Alliierten, insbesondere Großbritanniens, setzte sich aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten schnell die Praxis der Luftangriffe weit hinter der Front durch. Zu diesem Zweck wurde sogar eine eigene Waffengattung geschaffen, die Royal Air Force, während bei den anderen Kriegsparteien die Luftstreitkräfte jeweils unter dem Kommando des Heeres verblieben. Auch deutsche Städte wurden vorwiegend nachts angegriffen, bis zum Ende des Krieges in steigendem Maße.
Doktrin vom militärischen Objekt
Die Luftbombardements im Ersten Weltkrieg sind in zweierlei Hinsicht entscheidend für die weitere Entwicklung, die schließlich bis nach Dresden führt: Einmal resultierte die Erkenntnis der unzureichenden Anwendungsmöglichkeit der Haager Landkriegsordnung in der Entwicklung eines alternativen Modells: Schon 1907 hatte man im Haag eine Konvention über die Beschießung durch Seestreitkräfte verabschiedet. Darin wurde die Möglichkeit geregelt, dass Schiffe auch in unverteidigten Orten bestimmte Objekte durch Beschuss zerstören durften. Dem lag die Erkenntnis zugrunde, dass eine Landstreitmacht es ja leicht habe, in einer unverteidigten Stadt bestimmte, potentiell gefährliche Objekte zu zerstören oder selbst zu nutzen. Das könne eine Flotte nicht. Deshalb erlaubte es Art. 2 dieser Konvention, "Militär- oder Marineanlagen, ... Waffen oder Kriegsmaterial, Werkstätten und Einrichtungen, die für die Bedürfnisse der feindlichen Flotte oder des feindlichen Heeres nutzbar gemacht werden können", zu beschießen.
Damit wurde die Doktrin vom "militärischen Objekt" erstmals völkerrechtlich formuliert. Diese gestattete es, dass bestimmte Objekte von militärischem Wert überall, also nicht nur an der eigentlichen Front, aufgespürt und zerstört werden durften. Somit war auch die völkerrechtliche Grundlage für den später so bezeichneten "strategischen" Luftkrieg geschaffen, während für den sogenannten "taktischen" Luftkrieg, der lediglich der Hilfestellung bei der Eroberung verteidigter Orte an der Front diente, weiterhin das Kriterium der Verteidigung maßgeblich war.
In zweiter Hinsicht war die Entwicklung im Ersten Weltkrieg deshalb so bedeutsam, als die Militärs beider Seiten auf einmal die Bevölkerung des gegnerischen Landes als militärischen Faktor erkannten. Bedingt durch das hohe Maß der Industrialisierung in Europa, und den großen Einfluss, welche die wirtschaftliche Produktion in diesem Konflikt hatte, lag es nahe, die menschliche Arbeitskraft selbst als wichtigen Faktor für die Fähigkeit eines Staates, Krieg zu führen, zu betrachten. Wenn die menschliche Arbeitskraft auf der Gegnerseite ausgeschaltet würde, müsste so allein den Konflikt siegreich beenden können. Natürlich war beiden Seiten klar, dass die technischen Möglichkeiten nicht ausreichten, um die menschliche Arbeitskraft physisch komplett zu vernichten, aber man meinte, dass dies auch gar nicht nötig sei, denn die Angst vor der drohenden Vernichtung allein reiche wohl aus, um die Menschen - und damit die Arbeitskraft - de facto zu lähmen. Die Menschen würden nicht mehr zur Arbeit gehen, aus den Städten aufs Land fliehen, und die Rüstungsfabriken verwaist zurücklassen. So entstand die Idee vom "Terrorbombardement".
Der Erste Weltkrieg ging zu Ende, bevor die grundsätzliche Fehlerhaftigkeit dieser Theorie bewiesen werden konnte, und bereitete somit den Boden für zahlreiche Vorstellungen davon, wie mit gewaltigen Luftschlägen gegen Bevölkerungszentren allein jeder Krieg der Zukunft mit Leichtigkeit gewonnen werde.
Haager Juristenkommission 1922/23
Die Erfahrungen in Europa und die Perspektiven hinsichtlich neuer Konflikte stimulierte einige Großmächte dazu, eine Erweiterung, beziehungsweise Neuformulierung zahlreicher Vorschriften des Kriegsvölkerrechts zu verlangen, insbesondere sollten sie den neuen Entwicklungen auf dem Gebiet der Luftfahrt, der Unterseeboote und der Funktelegrafie Rechnung tragen. Zu diesem Zweck wurde 1922 in Den Haag eine Juristenkommission zusammengerufen, welche mit der Unterstützung erfahrener Militärs neue Regelungsentwürfe schaffen sollte, eine Aufgabe, die sie 1923 abschloss. Das Ergebnis bestand in den seither so genannten "Haager Luftkriegsregeln", die sich neben der Frage der Bombardements auch anderen, bisher unberücksichtigt gebliebenen Problemen des Luftkrieges widmeten, so etwa der Stellung neutraler Luftfahrzeuge, der Markierung von Militärflugzeugen, dem Status der Besatzungen, sowie dem Schutz von Sanitätsflugzeugen und Kulturgütern.
Für unser Thema vor allem interessant sind die Artikel 22 und 24. Art. 22 verbot kategorisch jedes Bombardement mit dem Zweck, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, und Art. 24 formulierte die völkerrechtliche Doktrin des militärischen Objekts im Luftkrieg, indem eine abstrakte Definition mit einer abschließenden Aufzählung kombiniert wurde. Insbesondere die abstrakte Definition ist von Bedeutung, sie beschrieb ein militärisches Objekt als eines, "dessen gänzliche oder teilweise Zerstörung für den Kriegführenden einen klaren militärischen Vorteil darstellen würde". Wichtig war auch Absatz 3, der jedes "unterschiedslose" Bombardement hinter der Front verbot. Man muss aber beachten, dass der unterschiedslose Luftangriff an der Front selbst nicht verboten wurde, sofern - so schrieb es Absatz 4 vor - die militärischen Ziele dort so wichtig waren, dass die daraus erwachsende Gefährdung der Zivilbevölkerung toleriert werden musste.
Sie können sich vorstellen, dass es ein steiniger Verhandlungsweg war, der zu diesen Regeln geführt hat, und ich möchte noch einmal betonen, dass diese Kommission im Haag beileibe nicht aus jenen wirklichkeitsfremden Idealisten bestand, als die man sie oft genug hingestellt hat. Im Gegenteil: Nahezu alle Delegationen wichtiger Großmächte, vor allem die Briten, Franzosen und Amerikaner, waren schon vor ihrer Abreise in die Niederlande mit detaillierten Regelungsentwürfen ausgestattet gewesen. Diese Entwürfe waren von den jeweiligen Militärbehörden erstellt worden, stellten also die Einschränkungen und Regulierungen dar, welche die Militärs selbst als praktikabel und vor allem akzeptabel empfanden. Der endgültige Wortlaut der Haager Luftkriegsregeln von 1923 war im wesentlichen ein Kompromiss und ein Amalgam dieser Entwürfe. Bei der Formulierung waren stets hochkarätige Militärs entscheidend mit eingebunden, und zwar fast allesamt Spezialisten auf dem Gebiet der Militärluftfahrt. Ich sage dies, um zu betonen, dass die Haager Luftkriegsregeln, und insbesondere deren Bestimmungen über das Luftbombardement, durchaus praxisnah und anwendbar waren.
Und doch wurden diese Regeln niemals ratifiziert, der Status eines bindenden völkerrechtlichen Vertrages blieb ihnen verwehrt. Woran dies im einzelnen lag, ist an diesem Ort nicht zu erklären, was aber festzuhalten ist, ist die Tatsache, dass die Nichtratifizierung nicht an den Militärs lag. Zwar gab es einige Elemente, die sich nicht der allgemeinen Zustimmung erfreuen durften, dazu zählte vor allem die Liste der militärischen Objekte im Art. 24. Sie sei zu eng, zu weit, zu kurz, zu lang, hieß es. Jedenfalls glaubte man nicht, dass die Aufzählung erlaubter Angriffsziele allein künftig ein praktikables Mittel zur völkerrechtlichen Beurteilung von Bombardements sei. Schwierigkeiten gab es auch mit dem Begriff "unterschiedslos", dem eine Definition beizugeben die Kommission leider verabsäumt hatte.
Diskussion um Haager Luftkriegsregeln
Erlauben Sie mir, den langen Prozess der Diskussion um die Haager Luftkriegsregeln, der sofort nach ihrer Veröffentlichung einsetzte, auf wenige Sätze zu reduzieren: Die Analyse der Regeln sowohl im Rahmen der Völkerrechtswissenschaft, als auch insbesondere im Rahmen des Militärs, erbrachten eine übereinstimmende Meinung hinsichtlich des Kernbestandes der Regeln über das Bombardement.
Nach dieser Meinung war es verboten, Terrorangriffe auszuführen. Als Terrorangriff galten aber nicht nur Bombardements mit der Absicht, Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern auch jene, welche gegen die Zivilbevölkerung als solche gerichtet waren, selbst wenn ein eigentlicher Terrorisierungsvorsatz nicht bestand. Diesen Angriffen gleichgestellt waren jene, die eine Stadt oder ein Wohngebiet in seiner Gesamtheit zum Ziel hatten, denn dabei war die dort lebende Bevölkerung gleichsam Teil des Zieles. Es sollte also nicht legal sein, Angriffe mit dem Argument, man habe ja nur die Häuser zerstören wollen, zu rechtfertigen.
Des weiteren ergab die Debatte über den Begriff der "Unterschiedslosigkeit", dass es auch hier um den Vorsatz des Angreifers gehen müsse. "Unterschiedslos" sei ein Angriff demnach dann, wenn der Angreifer die Möglichkeit, die Zivilbevölkerung zu treffen, als sehr wahrscheinlich einstuft, ihm das aber egal sei - in der Strafrechtswissenschaft ist dies als bedingter Vorsatz oder dolus eventualis bekannt.
Diese grundlegende Übereinstimmung bei der Auslegung der Haager Luftkriegsregeln wurde dann auch Gegenstand intensiver politischer und diplomatischer Praxis, sogar in militärischen Konflikten - wie jenem zwischen China und Japan ab 1931 - wurde offiziell verlautbart, man akzeptiere die Haager Luftkriegsregeln zwar nicht als Vertragsrecht, werde sich aber daran halten, solange der Gegner dies auch tue. Der Kernbestand der Regeln hinsichtlich des Luftbombardements - Verbot von Angriffen gegen die Zivilbevölkerung an sich, Legalität von Angriffen gegen militärische Objekte im Hinterland, Verbot von unterschiedslosen Angriffen - erfuhr in der diplomatischen Staatenpraxis stete Bekräftigung.
Stand des Gewohnheitsrechts
Als Ergebnis der Entwicklung kann festgehalten werden, dass es 1939, bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, keinen "rechtlosen" Zustand hinsichtlich des Luftkrieges gegeben hat, sondern dass die Haager Luftkriegsregeln den Kern darstellten, um den herum sich ein - wenn auch rudimentäres - Völkergewohnheitsrecht kristallisiert hatte. Dieses Gewohnheitsrecht war von der Staatengemeinschaft über Jahre hindurch als bindend anerkannt worden, und spiegelte sich sogar in den entsprechenden Anweisungen der bedeutenden Luftstreitkräfte wider, so beispielsweise in den Instruktionen, welche der britischen RAF vom Luftfahrtministerium vorgeschrieben wurden, oder in den sogenannten "Thesen zur Führung des Luftkriegs" der deutschen Luftwaffe, die als Befehl im Juli 1939 verkündet worden waren. Bezeichnenderweise bestätigen diese Thesen, dass Terrorangriffe rechtswidrig seien, dennoch könnte ihre Durchführung aber vom Oberbefehlshaber angeordnet werden.
Folgende vier Grundsätze können als bei Kriegsausbruch bindendes Gewohnheitsrecht formuliert werden:
1. Das angegriffene Ziel musste ein militärisches Objekt sein. Militärisch war ein Objekt dann, wenn dessen Zerstörung oder Beschädigung einen klaren militärischen Vorteil brachte.
2. Der Angriff durfte sich niemals - ob mit oder ohne Terrorisierungsvorsatz - gegen die Zivilbevölkerung richten, auch wenn diese nur als ein Teil des Zieles (beispielsweise einer Stadt) betrachtet wurde.
3. Unterschiedslose Angriffe hinter dem Operationsgebiet der Landstreitkräfte waren verboten. Unterschiedslos war ein Angriff, der sich zwar gegen ein militärisches Objekt richtete, die Zivilbevölkerung aber in hohem Maße gefährdete, und dies dem Angreifer gleichgültig war.
4. Im Kampfgebiet der Landstreitkräfte waren unterschiedslose Angriffe erlaubt, aber durch das Proportionalitätsprinzip beschränkt. Demnach durften die erwarteten Verluste unter der Zivilbevölkerung nicht unverhältnismäßig größer sein als der vom Angriff erhoffte militärische Vorteil.
Praxis im Zweiten Weltkrieg
Nun stellt sich aber die Frage, inwiefern die Luftkriegspraxis des Zweiten Weltkrieges an diesem Gewohnheitsrecht etwas verändert hat. Ich darf als bekannt voraussetzen, dass schon im ersten Jahr nach Beginn der Feindseligkeiten Luftangriffe auf Städte geradezu an der Tagesordnung waren. Am Anfang der schrecklichen Entwicklung standen die Bombardements von Warschau und Rotterdam durch die deutsche Luftwaffe, wobei beide Städte aber durchaus als "verteidigt" im Sinne der Haager Landkriegsordnung gelten konnten, da sie von der deutschen Wehrmacht umkämpft waren. Den eigentlichen Beginn des strategischen Luftkrieges gegen die Zivilbevölkerung stellten sicher die deutschen Angriffe auf London und Coventry 1940 dar. Schon hier waren die Wohnviertel das Ziel der Angriffe, um in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Enthusiastisch wurde in Deutschland sogar das Schlagwort "coventrieren" für die Auslöschung ganzer Städte gebraucht. Es ist aber auch aktenkundig, dass die langfristige Planung des britischen Bomber Command auf genau jene Angriffsweise hinzielte, nämlich die nächtliche Zerstörung ganzer Stadtgebiete aus der Luft. Nächtlich deshalb, um die Verluste an eigenen Maschinen durch Jagdflieger und Abwehrkanonen gering zu halten, außerdem kam es dabei ja nicht auf die Zielgenauigkeit an, wesentlich war nur, dass die Bomben irgendwo in die Stadt fielen. Man warte nur auf die Gelegenheit, "die Handschuhe auszuziehen", und diese Gelegenheit schien nach den deutschen Nachtangriffen auf britische Städte gekommen.
Danach eskalierte der Bombenkrieg in Europa, immer mehr Flugzeuge wurden gegen gegnerische Städte geschickt, wobei die deutschen Angriffe spätestens Ende 1942 zu einem kleinen Rinnsal verkamen, verglichen mit den Bomberströmen der RAF. Ab Ende 1942 beteiligten sich auch amerikanische Bomber an den Bombardements, in der Regel am Tag, sodass der Himmel über Deutschland und den von der Wehrmacht besetzten Gebieten nicht zur Ruhe kam.
Unter der Führung von Air Marshal Arthur Harris, auch "Bomber Harris" genannt, führte das britische Bomber Command Schlag um Schlag gegen deutsche Städte, im Mai 1942 fand der erste "1000-Bomber-Angriff" gegen Köln statt, vier schwere Angriffe gegen Hamburg im Juli und August 1943 unter dem Decknamen "Gomorrha" zerstörten diese Stadt nahezu völlig. Weitere Bombardements sollten die Industriestädte im Ruhrgebiet sowie die Reichshauptstadt Berlin vom Erdboden tilgen, ein Vorsatz, der zu einem Gutteil auch in die Tat umgesetzt wurde.
Die Luftkriegspraxis auf beiden Seiten sollte nun eigentlich zur Annahme führen, dass das bei Kriegsausbruch geltende Gewohnheitsrecht nunmehr durch die entgegenstehende Praxis aufgehoben worden war. Jedoch genügt Praxis alleine noch nicht, um Gewohnheitsrecht zu ändern oder aufzuheben, es muss auch noch eine entsprechende Rechtsüberzeugung hinzutreten. Doch genau die fehlt auf allen Seiten, im Gegenteil: Nach außen wurde stets und beharrlich erklärt, es gebe keine "unterschiedslosen" Luftangriffe, genausowenig wie "Terrorangriffe", oder "Flächenbombardements" über Wohngebiete. Was geschehe, seien "lediglich" völkerrechtlich begründete Repressalien, oder Angriffe auf ebenfalls legitime militärische Objekte. Gegenüber Anfragen der britischen und amerikanischen Presse erklärten sowohl die politischen als auch die militärischen Führungsspitzen einmütig, sie würden die deutsche Zivilbevölkerung nicht angreifen, nur "militärische Objekte". Es wurde also niemals behauptet, dass die gehandhabte Luftkriegspraxis völkerrechtsmäßig wäre, sondern nur, dass die Durchführung der Angriffe innerhalb völkerrechtlicher Regeln blieb. Damit wurde gerade die Geltung der zuvor aufgezählten Grundsätze erneut bestätigt, ja gerade die Tatsache, dass man sich gewunden rechtfertigte, bestätigt das vorhandene Bewusstsein völkerrechtlichen Unrechts. Und Unrechtsbewusstsein kann niemals zu neuem Völkerrecht führen.
Es gibt sogar eine Art "Vergleichsgröße" für dieses Unrechtsbewusstsein, und zwar in der Person von "Bomber" Harris selbst: Er war so ziemlich der Einzige, der an die Rechtmäßigkeit der von ihm befohlenen Angriffe geglaubt und dies auch immer wieder vertreten hat. Er ging fest davon aus, dass ein Luftkriegsvölkerrecht niemals existiert hatte, dass er somit in einem völlig rechtsfreien Raum operierte. Weiters ging er fest davon aus, dass seine Bomber allein den Weltkrieg gewonnen hatten, dass die alliierte Invasion eine unnötige Verschwendung von Menschen und Material gewesen sei, denn er hätte Deutschland ohnehin in Kürze in die Kapitulation gebombt. Er hat bis zu seinem Lebensende gegen die Übermacht der Meinungen gekämpft, dass seine Luftkriegsführung ein Völkerrechtsbruch gewesen sei. Die Äußerungen der Führungen von Großbritannien, Amerika und auch Deutschland hätten etwa so wie die von Harris aussehen müssen, um ein völkerrechtsbegründendes Rechtsbewusstsein nahezulegen. Aber das Gegenteil war der Fall. Alle Seiten wussten, dass die Art und Weise, wie sie den Luftkrieg gegen Städte und deren Bevölkerungen führten, gegen geltendes Völkerrecht verstieß, und versuchten, sich mit durchsichtigen Schutzbehauptungen zu rechtfertigen.
Der Luftangriff auf Dresden kurz vor Ende des Krieges ließ das nun schon wackelige Kartenhaus dieser Schutzbehauptungen schließlich zusammenfallen. Dabei ist es erstaunlich, dass ausgerechnet Dresden zum Symbol für die sinnlose Zerstörung aus der Luft wurde. Schließlich war es beileibe nicht der schwerste Luftangriff des Krieges in Europa: Die Zerstörung Hamburgs 1943 hatte mindestens 40.000 Todesopfer gefordert, der Untergang Dresdens 25.000 bis 35.000, wobei die Anzahl der Toten von Dresden bis heute Gegenstand heftiger Debatten ist. Und schließlich müssen wir nur zum pazifischen Kriegsschauplatz blicken, wo der amerikanische Brandbombenangriff auf Tokio am 9. März 1945 in einer einzigen Nacht 87.000 Menschen tötete, der beißende Gestank von Rauch und verbranntem Fleisch drang sogar bis zu den in zweitausend Meter Höhe fliegenden Bombern vor. Doch von Tokio spricht kaum jemand, wenn von Bombardements die Rede ist. Auch die Zerstörung von Kulturgütern und Kunstschätzen war nichts Neues, schließlich lagen Nürnberg, Lübeck und andere Kleinodien deutscher Kulturgeschichte längst in Trümmern. Aber es braucht nicht immer Superlative, um einen Mythos zu begründen. Vielleicht war der Schock in der bisher vom Luftkrieg verschont gebliebenen Bevölkerung Dresdens deshalb so tief, weil - so jedenfalls schrieb Joseph Goebbels - der erste Angriff immer am meisten schmerzt. Oder es war die Aussicht auf das baldige Kriegsende, welches die Sinnlosigkeit dieser Operation besonders dramatisch sichtbar machte.
Auf jeden Fall scheint es zuerst die deutsche Propaganda gewesen zu sein, welche den Grundstein zum Mythos Dresden legte. Deren Zeitungsberichte über die Gräuel wurden in England und Amerika breit zitiert. Dem folgten Anfragen von Journalisten, Vertretern der Kirche und humanitären Organisationen in diesen Staaten, ob dieser Angriff zu diesem Zeitpunkt denn noch nötig gewesen wäre.
Am 6. März 1945 wurden die Vertreter des Premierministers und des Luftfahrtministeriums im britischen Unterhaus geradezu einer peinlichen Befragung unterworfen. Ein Abgeordneter der Labour-Partei, seit zwei Jahren schon beständiger Kritiker der Art, wie die RAF ihre Angriffe gegen Deutschland durchführte, konfrontierte die Regierung mit der Frage, ob diese nun endgültig die Durchführung unterschiedsloser und Terrorangriffe gegen die deutsche Zivilbevölkerung zu ihrem Dogma erkoren habe, denn aus Dresden höre man "Furchtbares". Die Regierungsvertreter wichen der Frage aus, teilten aber mit, dass Terrorangriffe niemals zur Politik des Bomber Command gehört hätte, und dass man die wertvollen Bomber auch nicht für solche verschwende.
Am 28.3.1945, also nicht lange nach dieser Sitzung des Unterhauses, schrieb Winston Churchill ein Memorandum, wonach fÃ¼r ihn der Moment gekommen sei, die Frage der Angriffe gegen deutsche StÃ¤dte mit dem Ziel, allein Schrecken zu verbreiten - auch wenn dies unter anderem Vorwand geschehen sei - zu hinterfragen. Die ZerstÃ¶rung Dresdens stelle ein schwerwiegendes Argument gegen die alliierte Luftkriegspolitik dar. Dieses Memorandum beweist, dass Churchill den schwarzen Peter an Harris und dessen Bomber Command weitergab, dabei war er es selbst gewesen, der auf dem Bombardement von StÃ¤dten in Deutschlands Osten, die bislang verschont geblieben gewesen waren, bestanden hatte! Unter dem Eindruck der nunmehr kritischen Ã–ffentlichkeit wurde Harris geopfert, was er niemals verkraftete. Bezeichnenderweise taucht der Untergang Dresdens in Churchills monumentalem Werk Ã¼ber den Zweiten Weltkrieg, fÃ¼r welches er den Literaturnobelpreis erhielt, nur ganz am Rande auf.
Die Grundlage für den Mythos Dresden war also schon zu Kriegsende gelegt, doch dann entwickelte er sich fort. Zeitungsartikel und literarische Beiträge erzählten von dem Grauen, das über die Stadt hereingebrochen war, gespickt mit - leider ungeprüften - Augenzeugenberichten über amerikanische Jagdflieger, die im Tiefflug mit ihren Bordkanonen Jagd auf die aus dem Inferno Fliehenden machten. Darüber hinaus wurde die Anzahl der Opfer immer weiter nach oben geschraubt, gleichfalls ohne genaue Überprüfung. Später dann, als anderswo die Spuren des Krieges schon nach und nach beseitigt waren, dienten die kaum aufgeräumten Überreste der Dresdener Innenstadt als anschauliches Beispiel für die Schrecknisse des Luftkrieges. Dazu kam, dass sich nunmehr auch Historiker vom rechten und vom linken Rand des politischen Spektrums in sonst unbekannter Einmütigkeit gegenseitig übertrafen in der Hegung des Mythos Dresden - aus verschiedenen Motiven natürlich. Wollten die einen der Welt vor Augen führen, wofür allein die kapitalistisch-imperialistischen Großmächte verantwortlich waren, und was von ihnen im Falle eines neuen Konfliktes zu erwarten sei, hofften die anderen wohl, die unglaublichen, unter deutscher Flagge begangenen Verbrechen, durch Hinweis auf einen schweren Völkerrechtsverstoß der Alliierten etwas zu relativieren.
In der weiteren Entwicklung des Luftkriegsrechts war Dresden immer präsent, im Hintergrund zwar, aber doch immer ein Symbol für die Leiden einer Zivilbevölkerung im "totalen Krieg". Dresden stand für den strategischen Luftkrieg, Hiroshima für die Atombombe, das gleicherart getroffene Nagasaki ist in die Fußnoten gerutscht.
Kodifizierung nach 1945
Man möchte meinen, dass gerade die Praxis des Zweiten Weltkrieges zu einer raschen Kodifizierung des Luftkriegsrechts geführt hat, doch weit gefehlt: Nach 1945 stand die Welt im Zeichen der großen Konfrontation zweier Supermächte, die einander nur mit der Drohung massiver Atomschläge auf ihre jeweiligen Bevölkerungszentren in Schach hielten. Darüber hinaus hat sich die Völkerrechtswissenschaft - wie schon nach 1918 - mit Hingabe der Aufgabe gewidmet, den Krieg völlig abzuschaffen. Recht im Krieg wurde da nur als unmoralisch, wenn nicht sogar denkunmöglich betrachtet. Die Genfer Konventionen von 1949 ließen den Schutz der Zivilbevölkerung im Luftkrieg völlig unberücksichtigt, es galt als undiplomatisch, die westlichen Großmächte an etwaige dunkle Flecken in ihrer unmittelbaren Vergangenheit zu erinnern. So dauerte es bis 1977, als das erste Zusatzprotokoll zu den Genfer Konventionen auch den Luftkrieg einer Regelung zuführte. Und dort trifft man auf alte Bekannte: Das Verbot von Terrorbombardements (Art. 51[2]), das Verbot von unterschiedslosen Angriffen, welches hier erstmals exakt definiert wurde (Abs. 4 und 5), sowie die abstrakte Definition des militärischen Objekts (Art. 52[2]). Zwar ist der Wortlaut dieser Vorschriften ausgeweitet, konkretisiert und durch zusätzliche Definitionen stark verändert, der Kern der Haager Luftkriegsregeln von 1923 ist aber unverkennbar.
Und dahinter standen Dresden und Hiroshima, stellvertretend für all die anderen Städte, in deren Asche viele Hunderttausend Menschen ihr Leben verloren haben, als Symbol für etwas, was sich nicht wiederholen darf - hoffentlich nicht umsonst.