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Timestamp: 2019-02-19 11:23:45
Document Index: 291814820

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 5', '§ 1', '§ 7', '§ 5', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 1', '§ 5', '§ 1', '§ 5', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 7', '§ 7', '§ 7', '§ 1', '§ 8', '§ 4', '§ 3', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 1', '§ 7', '§ 5', '§ 7', '§ 1', '§ 1', '§ 5', '§ 4', '§ 4', '§ 1', '§ 1', '§ 70', '§ 4', '§ 4']

﻿ ﻿ BAG – 4 AZR 467/09 | bag-urteil.com
Verordnung über zwingende Arbeitsbedingungen – Nachwirkung des Mindestlohntarifvertrags – TV Mindestlohn Abbruch
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 20.04.2011, 4 AZR 467/09
Die Revision des Klägers gegen das Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg vom 19. März 2009 – 18 Sa 2240/08 – wird zurückgewiesen.
4 AZR 467/09 > Rn 1
4 AZR 467/09 > Rn 2
Der Kläger, Mitglied der IG BAU, war vom 1. August bis 31. Dezember 2007 bei der Beklagten als Facharbeiter tätig. Im Arbeitsvertrag war eine monatliche Vergütung von 1.230,00 Euro brutto vereinbart. Die Beschäftigung erfolgte im Rahmen einer Arbeitsförderungsmaßnahme – sog. Vergabe-ABM. Die Beklagte hatte sich für die Arbeitsförderungsmaßnahme „Beräumung Waldflächen vom Bauschutt, Demontage baulicher Anlagen, Flächenrenaturierung beim Forstamt G“ in B im Rahmen einer beschränkten Ausschreibung beworben. Die Leistungsbeschreibung umfasste Gebäudeentkernung sowie die Demontage und den Abriss von Gebäuden und baulichen Anlagen jeweils einschließlich der Entsorgung. Nach dem Zuschlag zugunsten der Beklagten wurde ihr der Kläger durch Anerkennungsbescheid des JobCenters vom 19. Juli 2007 zugewiesen.
4 AZR 467/09 > Rn 3
4 AZR 467/09 > Rn 4
4 AZR 467/09 > Rn 5
4 AZR 467/09 > Rn 6
4 AZR 467/09 > Rn 7
4 AZR 467/09 > Rn 8
4 AZR 467/09 > Rn 9
4 AZR 467/09 > Rn 10
4 AZR 467/09 > Rn 11
4 AZR 467/09 > Rn 12
4 AZR 467/09 > Rn 13
4 AZR 467/09 > Rn 14
aa) Eine unmittelbare Anwendung des § 4 Abs. 5 TVG scheidet entgegen der Auffassung der Revision vorliegend aus. Der Kläger übersieht, dass der TV Mindestlohn Abbruch 2005 nicht nach § 5 Abs. 1 TVG für allgemeinverbindlich erklärt wurde, sondern dessen Rechtsnormen im Wege einer Rechtsverordnung nach § 1 Abs. 3a AEntG aF (s. nunmehr § 7 Abs. 1 AEntG) auf die nicht tarifgebundenen Arbeitnehmer und Arbeitgeber erstreckt wurde. Deshalb sind die Regelungen des Tarifvertragsgesetzes über die unmittelbare und zwingende Geltung allgemeinverbindlicher Tarifverträge (§ 5 Abs. 4, § 4 Abs. 1 TVG) sowie diejenigen über die Nachwirkung (§ 4 Abs. 5 TVG) nach Ende der Allgemeinverbindlicherklärung (dazu BAG 27. November 1991 – 4 AZR 211/91 – zu A I 2 der Gründe, BAGE 69, 119; 25. Oktober 2000 – 4 AZR 212/00 – zu 1 der Gründe, AP TVG § 4 Nachwirkung Nr. 38 = EzA TVG § 4 Nachwirkung Nr. 32) nicht unmittelbar anwendbar.
4 AZR 467/09 > Rn 15
Die Dauer der Anwendung der Rechtsnormen eines Tarifvertrages iSd. § 1 Abs. 3a AEntG aF ist abweichend von den Fällen einer Allgemeinverbindlicherklärung nach § 5 Abs. 1 TVG unabhängig vom Fortbestand des betreffenden Tarifvertrages (ebenso Koberski/Asshoff/Hold Arbeitnehmer-Entsendegesetz § 1 Rn. 98; Däubler/Lakies TVG 2. Aufl. § 5 Anhang 2 § 1 AEntG Rn. 110; ErfK/Schlachter 8. Aufl. § 1 AEntG Rn. 16; Gussen in BeckOK Arbeitsrecht Stand 1. März 2011 § 1 AEntG 1996 Rn. 18; AnwK-ArbR/Kühn 1. Aufl. § 1 AEntG Rn. 34; ebenso zu § 7 AEntG in Thüsing/Bayreuther AEntG § 7 AEntG Rn. 24; Ulber Arbeitnehmerentsendegesetz § 7 Rn. 52; zum Gebot der „zeitnahen“ Aufhebung im Falle der Beendigung des einschlägigen Tarifvertrages etwa Thüsing/Bayreuther aaO). Die Rechtsnormen der 2. VO gelten bis zu ihrer förmlichen Aufhebung durch den Verordnungsgeber oder – wie vorliegend – im Falle einer befristeten Verordnung bis zu deren Ablauf weiter. Davon geht auch der Gesetzgeber aus (BT-Drucks. 14/45 S. 26). Endet die Verordnung, sind auch tarifliche Mindestentgelte nicht mehr staatliches Recht und können nicht mehr auf die tarifungebundenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer angewendet werden.
4 AZR 467/09 > Rn 16
Weder § 1 Abs. 3a AEntG aF als Ermächtigungsgrundlage noch die 2. VO enthalten eine Regelung über eine weitere Anwendung oder eine „Nachwirkung“ der Rechtsnormen des Tarifvertrages, die im Verordnungswege auf die nicht tarifgebundenen Arbeitnehmer und Arbeitgeber erstreckt wurde. Es fehlt auch – anders als etwa in § 8 Abs. 2 Satz 1 MiArbG für Mindestarbeitsentgelte – eine gesetzliche Vorschrift über die entsprechende Anwendbarkeit von Bestimmungen des Tarifvertragsgesetzes.
4 AZR 467/09 > Rn 17
4 AZR 467/09 > Rn 18
Selbst wenn man davon ausgeht, dass auch beim Außerkrafttreten einer Rechtsverordnung ein Bedürfnis besteht, die Rechtsnormen entsprechend der in § 4 Abs. 5 TVG vorgesehenen Möglichkeit weiter anzuwenden (vgl. zu allgemeinverbindlichen Tarifverträgen BAG 18. März 1992 – 4 AZR 339/91 – AP TVG § 3 Nr. 13 = EzA TVG § 4 Nachwirkung Nr. 14; 25. Oktober 2000 – 4 AZR 212/00 – zu 1 der Gründe, AP TVG § 4 Nachwirkung Nr. 38 = EzA TVG § 4 Nachwirkung Nr. 32), steht einer entsprechenden Anwendung von § 4 Abs. 5 TVG – unabhängig von der Frage nach der zusätzlich erforderlichen Regelungslücke – entgegen, dass der Gesetzgeber in § 1 Abs. 3a AEntG aF ebenso wie im jetzigen § 7 AEntG ein von der Allgemeinverbindlicherklärung des § 5 TVG abweichendes Regelungsinstrument zur Erstreckung von Rechtsnormen auf nicht tarifgebundene Arbeitgeber und Arbeitnehmer gewählt hat (s. nur Thüsing/Bayreuther § 7 AEntG Rn. 2). Eine Allgemeinverbindlicherklärung, bei der es sich um einen Rechtssetzungsakt eigener Art zwischen autonomer Regelung und staatlicher Rechtssetzung handelt (BVerfG 24. Mai 1977 – 2 BvL 11/74 – BverfGE 44, 322; 15. Juli 1980 – 1 BvR 24/74 – u. – 1 BvR 439/79 – BVerfGE 55, 7; BAG 21. November 2007 – 10 AZR 782/06 – AP TVG § 1 Tarifverträge: Bau Nr. 297 = EzA AEntG § 1 Nr. 11), erstreckt nach § 5 Abs. 4 TVG die Tarifgebundenheit (BAG 27. November 1991 – 4 AZR 211/91 – zu A I 2 der Gründe, BAGE 69, 119; 25. Oktober 2000 – 4 AZR 212/00 – zu 1 der Gründe, AP TVG § 4 Nachwirkung Nr. 38 = EzA TVG § 4 Nachwirkung Nr. 32). Demgegenüber werden durch eine Verordnung iSd. § 1 Abs. 3a AEntG aF die Rechtsnormen eines Tarifvertrages zu unmittelbar staatlich geltendem Recht (s. nur OVG Berlin-Brandenburg 18. Dezember 2008 – OVG 1 B 13.08 – Rn. 45, ZTR 2009, 207 sowie die Nachw. oben unter II 1 b, aa) und sind deshalb anzuwenden.
4 AZR 467/09 > Rn 19
4 AZR 467/09 > Rn 20
4 AZR 467/09 > Rn 21
4 AZR 467/09 > Rn 22
4 AZR 467/09 > Rn 23
4 AZR 467/09 > Rn 24
4 AZR 467/09 > Rn 25
4 AZR 467/09 > Rn 26
4 AZR 467/09 > Rn 27
4 AZR 467/09 > Rn 28
(1) Nach den Feststellungen des Landesarbeitsgerichts gehen die Parteien übereinstimmend davon aus, dass der Betrieb der Beklagten dem betrieblichen Anwendungsbereich des § 1 Abs. 2 TV Mindestlohn Abbruch 2005 unterfällt. Danach gilt der Tarifvertrag für „Betriebe sowie selbständige Betriebsabteilungen, die ganz oder teilweise Bauwerke, Bauwerksteile oder einzelne Bauelemente aus Mauerwerk, Beton, Stahlbeton, Eisen, Stahl oder sonstigen Baustoffen, technische Anlagen – z. B. Industrieanlagen, Fabrikeinrichtungen – abbrechen, demontieren, sprengen, schneiden, sägen, bohren, pressen und Durchbruchsarbeiten ausführen; Schiffe abwracken; beim Abbrechen und Abwracken anfallende Stoffe recyceln; Altlasten beseitigen und Entkernungs- und Entschuttungsarbeiten ausführen.“
4 AZR 467/09 > Rn 29
4 AZR 467/09 > Rn 30
4 AZR 467/09 > Rn 31
4 AZR 467/09 > Rn 32
4 AZR 467/09 > Rn 33
aa) Der Zweck tariflicher Ausschlussfristen besteht darin, Rechtssicherheit und Rechtsklarheit zu schaffen. Dabei soll dem Schuldner der gegen ihn gerichtete Anspruch deutlich gemacht werden. Diese Funktion kann eine Geltendmachung nur erfüllen, wenn der Anspruch seinem Grunde nach hinreichend deutlich bezeichnet und dessen Höhe wenigstens ungefähr ersichtlich gemacht wird. Deshalb müssen die Art des Anspruchs sowie die Tatsachen, auf die der Anspruch gestützt wird, erkennbar sein (BAG 17. Mai 2001 – 8 AZR 366/00 – zu II 3 b der Gründe mwN, AP BAT-O § 70 Nr. 2 = EzA TVG § 4 Ausschlussfristen Nr. 136). Der Schuldner soll anhand der Geltendmachung erkennen können, welche Forderung erhoben wird (vgl. nur BAG 18. März 1999 – 6 AZR 523/97 – zu B II 3 a der Gründe, ZTR 1999, 420), damit er in die Lage versetzt wird, zu prüfen, ob er der Forderung entsprechen will oder welche Einwände ihm dagegen zur Verfügung stehen (BAG 30. Mai 1972 – 1 AZR 427/71 – zu II 1 der Gründe, AP TVG § 4 Ausschlussfristen Nr. 50).
4 AZR 467/09 > Rn 34
4 AZR 467/09 > Rn 35
Nachwirkung des Mindestlohntarifvertrags,
TV Mindestlohn Abbruch,
Das Urteil BAG – 4 AZR 467/09 wird zitiert in:
> BAG, 25.01.2012 – 4 AZR 431/12