Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/der-richterliche-hinweis-erst-in-der-berufungsverhandlung-388292
Timestamp: 2020-07-07 16:33:36
Document Index: 187443906

Matched Legal Cases: ['Art. 103', '§ 139', '§ 139', '§ 139', 'BGH', 'BGH']

Der richterliche Hinweis erst in der Berufungsverhandlung | Rechtslupe
Art. 103 Abs. 1 GG garan­tiert den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, dass sie Gele­gen­heit erhal­ten, sich vor Erlass einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zum zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halt zu äußern. Die­ses Recht ist ver­letzt, wenn ein Gericht ohne vor­he­ri­gen Hin­weis Anfor­de­run­gen an den Sach­vor­trag stellt oder auf recht­li­che Gesichts­punk­te abstellt, mit denen auch ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf nicht zu rech­nen brauch­te [1].
Das Gericht hat nach § 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO dar­auf hin­zu­wir­ken, dass sich die Par­tei­en recht­zei­tig und voll­stän­dig über alle erheb­li­chen Tat­sa­chen erklä­ren und ins­be­son­de­re auch Anga­ben zu gel­tend gemach­ten Tat­sa­chen ergän­zen. Ein sol­cher Hin­weis erfüllt sei­nen Zweck nur dann, wenn der Par­tei anschlie­ßend die Mög­lich­keit eröff­net wird, ihren Sach­vor­trag unter Berück­sich­ti­gung des Hin­wei­ses zu ergän­zen.
Erteilt ein Gericht einen Hin­weis ent­ge­gen § 139 Abs. 4 ZPO erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung, muss es der betrof­fe­nen Par­tei genü­gend Gele­gen­heit zur Reak­ti­on hier­auf geben.
Das Beru­fungs­ge­richt darf das Urteil in dem Ter­min erlas­sen, in dem die münd­li­che Ver­hand­lung geschlos­sen wird, wenn die Par­tei in der münd­li­chen Ver­hand­lung ohne wei­te­res in der Lage ist, umfas­send und abschlie­ßend Stel­lung zu neh­men. Ist das nicht der Fall, soll das Beru­fungs­ge­richt auf Antrag der Par­tei Schrift­satz­nach­lass gewäh­ren, § 139 Abs. 5 ZPO. Wenn es offen­sicht­lich ist, dass sich die Par­tei in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht abschlie­ßend erklä­ren kann, muss das Beru­fungs­ge­richt wenn es nicht in das schrift­li­che Ver­fah­ren über­geht auch ohne einen Antrag auf Schrift­satz­nach­lass die münd­li­che Ver­hand­lung ver­ta­gen, um Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben. Erlässt das Beru­fungs­ge­richt in die­sem Fall ein Urteil, ohne die Sache ver­tagt zu haben, ver­stößt es gegen den Anspruch der Par­tei­en auf recht­li­ches Gehör [2].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Dezem­ber 2014 – IV ZR 408/​14
BGH, Beschluss vom 22.04.2009 – IV ZR 328/​07, VersR 2009, 920 Rn. 11[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 04.07.2013 – VII ZR 192/​11, NJW-RR 2013, 1358 Rn. 7; vom 10.03.2011 – VII ZR 35/​08, NJW-RR 2011, 877 Rn. 11[↩]
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