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Timestamp: 2018-09-18 16:21:47
Document Index: 87345603

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 1904', 'BGH', 'Art.4']

Lebensverlängernde Maßnahmen - Pflegenetz Forum
Beitrag von Dirk Höffken » Fr 10. Okt 2003, 22:39
Zum Anspruch auf Mitwirkung des Pflegepersonals bei der Beendigung lebenserhaltender oder lebensverlängernder Maßnahmen.
Der Kläger befindet sich seit einem Suizidversuch im Juli 1998 in einem Wachkoma und wird mittels einer Sonde künstlich Ernährt. Er steht unter vormundschaftsgerichtlicher Betreuung durch seinen Vater. Aufgrund eines von diesem im September 1998 für ihn abgeschlossenen Heimvertrags befindet sich der Kläger im Pflegeheim der Beklagten.
Im Dezember 2001 veranlasste der Betreuer den behandelnden Arzt anzuordnen, dass die künstliche Ernährung seines Sohnes eingestellt wird. Dadurch würde der Kläger binnen 8-10 Tagen sterben. Die Beklagte lehnte die Durchführung dieser ärztlichen Anordnung unter Berufung auf die Weigerung ihrer Pflegekräfte ab, wäre jedoch zu einer Aufhebung des
Heimvertrags bereit.
Am 13.02.2003 fällte das OLG München unter dem Aktenzeichen 3 U 5090/02 ein Urteil dessen beiden Leitsätze (nichtamtlich) lauten:
1.) Aus einem Heimvertrag ergeben sich keine vertraglichen Ansprüche auf Mitwirkung an der Herbeiführung des Todes durch Einstellung der künstlichen Ernährung nach Maßgabe einer ärztlichen Verordnung.
2.) Pflegekräfte können sich unter Berufung auf ihre Gewissensfreiheit weigern, an der gewünschten Sterbehilfe mitzuwirken.
Auch wenn diese Urteil meines Wissens nach noch nicht Rechtskräftig ist, möchte ich es hier kurz Kommentieren.
Die Entscheidung des OLG Münchens ist aus juristischer Sicht kaum nachzuvollziehen. Der BGHSt hat u.a. schon in seinem Urteil vom 13.9.1994 (sog. Kemptener Fall) entschieden, dass ein Behandlungsabbruch zulässig ist, wenn dieser dem mutmaßlichen Willen des Betroffenen entspricht. So auch der BGHZ ca. einen Monat nach der Entscheidung des OLG München in einem anderen Fall. Unabhängig hiervon wurde die künstliche Ernährung eines Menschen gegen dessen Willen schon einmal in einem Urteil des Bundesgerichtshofes als Köperverletzung eingestuft (AZ. 3 O205/02).
An dem gesamten Verfahren bis hin zum Behandlungsabbruch sind Ärzte, Angehörige und u.U. ein Betreuer sowie evtl. das Vormundschaftsgericht beteiligt. Ist die Entscheidung dann getroffen kann, zumindest wenn man dem OLG München folgt, das professionelle Pflegepersonal die Entscheidung wieder kippen oder die Angehörigen müssen die schwerstkranken Menschen selbst pflegen respektive in eine Einrichtung verlegen, deren Pflegepersonal sich nicht weigert den Behandlungsabbruch mitzutragen. Das Pflegepersonal wird damit zum Herren über Leben müssen und Sterben dürfen der Patienten (Bewohner).
Der Bundesgerichtshof hat besonderes Gewicht auf die Selbstbestimmung des Patienten gelegt und ausgeführt, dass auch bei der Frage der passiven Sterbehilfe das Selbstbestimmungsrecht des Patienten zu achten ist, so dass gegen den Patientenwillen eine ärztliche Behandlung grundsätzlich weder eingeleitet noch fortgesetzt werden darf.
Dies gilt selbstverständlich auch für das Pflegepersonal. Die Zumutbarkeit für das Pflegepersonal hat aus juristischer Sicht hinter dem Selbstbestimmungsrecht des Bewohners (Patienten) zu stehen, der ansonsten vielleicht einem jahrelangen ruinösen Sterbeprozess ausgesetzt ist.
Folglich hat das Pflegepersonal einen Behandlungsabbruch mitzutragen. Ausnahmen kann es nur in seltenen Fällen geben.
Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer - man ist sich seines Todes nicht mehr sicher. - Hermann Kesten (Schriftsteller (geb. 1900))
Beitrag von ApoPfleger » Fr 10. Okt 2003, 23:45
Deinem Kommentar kann ich nur aus vollem Herzen zustimmen! Folgende Aspekte möchte ich aber noch ergänzen:
1. Der Bewohner hatte bereits mit seinem ersten, gescheiterten Selbstmordversuch recht drastisch dokumentiert, daß er nicht mehr leben will. Vielleicht hätte er nach einer Genesung einen Sinneswandel erlebt. Auf esoterischer Ebene kann aber genausogut behauptet werden, daß ein unüberwindbarer Todeswunsch eben diese Genesung verhindert hat. Also ist die Einstellung der lebenserhaltenden Maßnahmen nach über 3 Jahren eine logische Fortsetzung des Bewohnerwillens.
2. Wir alle sollten eigentlich in unserer Ausbildung auch den Umgang mit Sterben und Tod als Bestandteil des Lebens gelernt haben. Umso unverständlicher erscheint da die Weigerung, gerade in einem Altenheim den Tod eines Menschen zu akzeptieren.
Beitrag von doedl » Sa 11. Okt 2003, 09:50
ich hatte selbst vor ein paar Jahren einen solchen Fall und hatte - wie auch die Mitarbeiter- größte Probleme, damit umzugehen, hatte sogar eine Kündigung in Betracht gezogen.
Es ist nicht einfach, die Ernährungspumpe etc. abzustellen, genau wissend, dass damit der unmittelbare Sterbevorgang eingeleitet wird. Ich kann alle, die diesen Schritt nicht selbst tun möchten, sehr gut verstehen. Einer Verpflichtung der Pflegekräfte, aufgrund richterlicher Entscheidung lebensverlängernde Maßnahmen zu beenden, kann ich nicht zustimmen- die Last des Gewissens trägt nämlich jeder Einzelne selbst.
Die Verantwortung beginnt auch früher- wenn nämlich die PEGs gelegt werden. Lebensverlängernde Maßnahmen auf Teufel komm raus- so reagieren doch viele Ärzte in den Krankenhäusern. Die Angehörigen stehen dann vor der Entscheidung- die sie kaum tragen können und wollen. Hier beratend zur Seite zu stehen, darin sehe ich eine Verpflichtung der Pflegekräfte. Bei jeder Heimaufnahme sollte auch die Frage nach dem Tod und Sterben gestellt und möglichst eine Patientenverfügung angeregt werden. Dann ist bei plötzlich auftretender Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Patientenwunsch klar und deutlich- keine Maßnahmen, die das Leben künstlich verlängern.
Beitrag von Marcell » Sa 11. Okt 2003, 11:09
Ich muss sagen das ich ziemlich Probleme mit dem Urteil habe, nicht weil dieser junger Mann sterben möchte, sondern weil man per Urteil die PFLEGEKRÄFTE dazu verdonnern will das sie den Stecker ziehen. Es heißt doch im Grundgesetz: Die rechte des einzelnen hören dort auf wo die Rechte anderer verletzt werden. Warum geht man bei diesem Fall nicht den eleganten Weg eines Hospizes oder eines ambulanten Hospiz Dienstes? Damit wäre beiden Seiten gedient, die PFLEGEKRÄFTE müssen nicht gegen ihr Gewissen verstoßen und der Mann kann in Frieden sterben Warum sollen PFLEGEKRÄFTE gegen ihr Gewissen handeln müssen? Wenn er klar den Wunsch geäußert hat vor seinem Suizid versuch das er nicht mehr leben möchte ist das in Ordnung für mich, das betrifft nur ihn, jetzt hat der Suizid versuch aber nicht geklappt, da kann nicht von mir als PFLEGEKRÄFTE verlangt werden für ihn das zu beenden was er begonnen hat, es gibt sicherlich PFLEGEKRÄFTE die sagen in Ordnung ich bin bereit dazu, wir übernehmen dann die finale Pflege, also warum soll ich gezwungen werden ihn zu töten?
Ich arbeite selbst in diesem bereich Wachkoma und da erlebt man teils wirklich schwere Schicksale, aber ich käme nicht auf die Idee zu sagen, so nun ist dieses Leben Lebensunwert und eben davor fürchte ich mich ein wenig das ein solches Urteil einen ersten Schritt in Richtung Euthanasie ist, in diesem speziellen Fall hat er ja den Wunsch geäußert ist das er sterben möchte dann ist es für mich in Ordnung das er sterben soll, der nächste wird dann aber argumentieren in diesem Gerichts Beschluss bezog man sich darauf das er diesen Wunsch vorher äußerte also muss man auch den geäußerten Wunsch des im Wach Koma liegenden akzeptieren ob dies dann aber wirklich sein Wille ist kann niemand sagen. Ich möchte mich nicht als Richter über Leben und Tod sehen, ich wünsche auch niemanden einen langen Leidensweg, aber ich wäre auch nicht bereit einen Menschen zu töten, wenn ich in diese Situation kommen werde, gibts für mich nur zwei Wege, entweder es wird eine Hospiz Betreuung organisiert oder ich kündige meinen Job.
Aber das Schizophrene an diesem Urteil ist für mich das wenn ich heute einen Suizid versuch unternehme und diesen ohne bleibende Schäden überlebe erstmal in die Geschlossene Anstalt eingewiesen werde weil ich krank sei, warum sagt der Gesetzgeber nicht da auch in Ordnung du willst dich töten dann töte dich, aber nein da wird dann wieder mit anderem Maße gemessen.
Beitrag von Dirk Höffken » Sa 11. Okt 2003, 11:41
Also bis vor einiger Zeit habe ich das aus ethischer und moralischer Perspektive in etwa so gesehen wie ApoPfleger.
Dann musste ich, wenn auch nur einen Spätdienst lang, eine ältere Dame pflegen, bei der diese Entscheidung (juristisch Korrekt!) getroffen wurde. Keine Nahrung und keine Flüssigkeit mehr. Ich kann nur jedem Wünschen das er nie in diese Situation kommt. Ich habe bei allen pflegerischen Tätigkeiten die noch Durchgeführt wurden mit meinem Gewissen kämpfen müssen.
Letztendlich geht es daher für die Pflegekräfte nur um die rechtliche Dimension. Und hier ist die Entscheidung des OLG München einfach nicht Nachvollziehbar.
Pflegekräfte dürfen, bis auf wenige Ausnahmen, einen Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen nicht Behindern, z.B. durch das weiter Verabreichen von Nahrung.
Im übrigen sei Angemerkt, dass eine richterliche Genehmigung zum Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen nicht in jedem Fall erforderlich ist.
Dazu der BGHZ (Beschluss vom 17.03.2003)  Ein Teil des Leitsatzes (amtlich):
...Für eine Einwilligung des Betreuers und eine Zustimmung des Vormundschaftsgerichts
ist kein Raum, wenn ärztlicherseits eine solche Behandlung oder Weiterbehandlung
nicht angeboten wird - sei es dass sie von vornherein medizinisch nicht indiziert, nicht
mehr sinnvoll oder aus sonstigen Gründen nicht möglich ist. Die Entscheidungszuständigkeit
des Vormundschaftsgerichts ergibt sich nicht aus einer analogen Anwendung
des § 1904 BGB, sondern aus einem unabweisbaren Bedürfnis des Betreuungsrechts....
Im übrigen kann ich hier Doedl nur Zustimmen. Bei der Aufnahme ins Heim sollte Tatsächlich über eine Patientenverfügung gesprochen werden. Aber auch hier gilt es darauf zu achten, dass diese dann juristische Einwandfrei abgefasst wird. Sonst nutzt sie im Fall der Fälle kaum etwas.
Für einen Vater, dessen Kind stirbt, stirbt die Zukunft. Für ein Kind, dessen Eltern sterben, stirbt die Vergangenheit. - Berthold Auerbach (Schriftsteller (1812-1882))
Beitrag von Jutti » Sa 11. Okt 2003, 12:54
wir haben uns vor einiger Zeit sehr in der Schule mit diesem Thema auseinander gesetzt, was für mich der Anlass war, selber einmal darüber nachzudenken, was ich auch getan habe. Ich sehe es ähnlich wie Marci.
Wenn ich einen zu pflegenden mit PEG bekomme, da pflege ich ihn angemessen, sonst bitte, legt ihm doch nicht erst eine, um sie dann doch wieder abzuschalten. Ich lasse mich nicht zum Handlanger dann machen.
Genauso habe ich für mich aber auch festgestellt, das man Menschen gehen lassen muss, wenn es ihr absoluter Wille ist. Ich respektiere ihn (Patiententestament) ich habe es erlebt, die klare Entscheidung, ich habe eine tödliche Krankheit, ich werde sterben, bitte lasst mich dann auch gehen und verlängert mir mein Leiden nicht künstlich durch was-weiß-ich noch für Maßnahmen, die doch nur wenige Tage mit großen Schmerzen erreichen würden, denn gehen muss ich sowieso.ich habe es respektieren können, da dieser jemand voll klar diese Entscheidung für sich selbst getroffen hat.
aber das wollte ich eigentlich nun garnicht erzählen, denn mir macht ein ganz anderer Gedankengang Angst.
Die Diskussionen um Reanimation im Alter....Euthanasie............Zusammenhang Sparmaßnahmen.......Entscheidungen die zu treffen sind.........Operationen, die ab einem gewissen Alter nicht mehr durchgeführt werden sollen........
Der unterschwellige Gedanke daran, werden wir eines Tages nur noch an Geldleistungen gemessen werden? "Lohnt" sich die Ausgabe noch?
Ich habe hier mehrere Artikel zum Thema liegen und irgendwo habe ich mal einen Link zur Diskussion gefunden. Wenn ich ihn wiederfinde, füge ich ihn noch nach
Beitrag von Jutti » Sa 11. Okt 2003, 13:18
einen habe ich gefunden.....
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=27
RE: Lebensverlängernde Maßnahmen
Beitrag von jesusfreak » Fr 14. Mai 2004, 17:02
lieber Dirk...lese gerade wieder diesen spannenden Fall und mir fallen spontan Gedanken ein, die mir echt auf dem Herzen brennen..
/Am 13.02.2003 fällte das OLG München unter dem Aktenzeichen 3 U 5090/02 ein Urteil dessen beiden Leitsätze (nichtamtlich) lauten:
Die Entscheidung des OLG Münchens ist aus juristischer Sicht kaum nachzuvollziehen. Der BGHSt hat u.a. schon in seinem Urteil vom 13.9.1994 (sog. Kemptener Fall) entschieden, dass ein Behandlungsabbruch zulässig ist, wenn dieser dem mutmaßlichen Willen des Betroffenen entspricht. /
geht es wirklich um die Frage, ob ein Abbruch zulässig ist, wohl nicht, die Frage ist vielmehr, ob der AP daran mitwirken muss...im Sinne der arbeitsvertraglichen Verpflichtung
/An dem gesamten Verfahren bis hin zum Behandlungsabbruch sind Ärzte, Angehörige und u.U. ein Betreuer sowie evtl. das Vormundschaftsgericht beteiligt. Ist die Entscheidung dann getroffen kann, zumindest wenn man dem OLG München folgt, das professionelle Pflegepersonal die Entscheidung wieder kippen oder die Angehörigen müssen die schwerstkranken Menschen selbst pflegen respektive in eine Einrichtung verlegen, deren Pflegepersonal sich nicht weigert den Behandlungsabbruch mitzutragen. /
genau so ist es und warum sollte das nicht möglich sein, sondern sollte der AP verpflichtet werden, den Kranken der passiven Sterbehilfe zuzuführen..?..zumal die Entscheidung anderer Menschen für mich nicht bindend sein muss..meinem Dienstvertrag übergeordnet ist eben die Gewissensfreiheit gem. Art.4 GG..auch ist die Entscheidung damit nicht gekippt, da eine Verlegung immer noch möglich bleibt und sich für diesen "Job" bestimmt jm finden wird, auch wenn dies nicht der Fäll wäre, bleibt es eben am Arzt/ Betreuer diese stellvertretende lebenswichtige Entscheidung auch in die Tat umzusetzen...entscheiden kann man vieles, doch für die ehtisch fragliche Umsetzung dann jm anders verpflichten zu können, erscheint mir äußerst gewissensrelevant und fraglich....
Das Pflegepersonal wird damit zum Herren über Leben müssen und Sterben dürfen der Patienten (Bewohner).
falsch, der AP würde, wenn er verpflichtet wäre, an dieser für ihn aus Gewissensgründen nicht tragbaren Entscheidung mitzuwirken, zum bloßen Handlanger der Angehörigen und Ärzte ... der Stellenwert des Gewissens, wie von dir bemerkt, würde im Ganzen wie im GG verankert, verkannt werden...zumal der Wechsel des Heims immer noch offen steht und einer Durchführung durch andere selbstbestimmte gewissensvolle Mitarbeiter der Pflege offen steht...es ist eben auch Gewissensentscheidung daran mitzuwirken..dazu darf ich nicht verpflichtet werden...er hält sich vielmehr in diesem Fall außen vor und überläßt die Umsetzung über die Beendigung des Lebens den entscheidenden Beteiligten...
also an diesem Punkte frage ich mich wirklich, warum meine Entscheidung hinter der Entscheidung eines anderen, sterben zu wollen, zurücktreten soll...?..zumal ich als lebensbejahender Mensch...doch nicht verpflichtet werden kann, das Sterben des anderen zu fördern...zumal hier nicht "mindere" Zumutbarkeit für die APs gegen das Selbstbestimmungrecht des Bew. steht, sondern SB-Recht gegen SB-Recht..meines als AP gegen das SB-Recht des Bewohners...
da sagt mein Gewissen nein...habe ich eben nicht mitzutragen...warum übernimmt der Arzt oder der Angehörige nicht die Aufgabe dies zu tun....ich beende das Leben eines Menschen, die Formulierung ist doch egal..Abbruch lebensverlängernder Massnahmen..also besser kann ich töten nicht schönfärben...daran will ich micht nicht beteiligen...zumal die Anmassung eines Menschen, diese höchtpersönliche Entscheidung für mich treffen zu wollen, ganz gleich ob Angehöriger oder nicht..auch endlich gesetzlich derart fixiert werden sollte, dass es eben nicht unter das Betreuungsrecht fallen darf.....sondern alleinige Entscheidung des Betroffenen ist und bleibt bis zum Tode und auch danach, wer weiß was die Medizin noch alles erfindet, um Menschen am Leben zu erhalten und zurückzuholen....
dein Fall Dirk, in welchem du eine Dame betreust die selbstbestimmt diesen Willen geäußert hat und sterben will...ist doch auch ganz anders gelagert, zumal hier der Wille doch klar geäußert wurde...die Dame will eben sterben, deswegen schrieb sie ja auch die Verfügung...(jur.korrekt)...und sie dabei zu begleiten, auch wenn sie stirbt ist eine sehr große menschliche Herausforderung...vergleichbar evtl. mit dem Tragen des Kreuzes Jesu vor seiner Kreuzigung....was sagt dir dein Gewissen denn genau..warum erhebt es sich...ich glaube es geht in diesem Bereich auch viel um Verantwortung...und die trägt eben jeder erstmal selber....wenn ich sterben will und geistig in der Lage bin diese Entscheidung zu treffen, dann trage ich auch alleine die Verantwortung das durchzustehen, zumal ich glaube, wir unterschätzen die Leidensfähigkeit vieler Menschen, des Menschen allgemein, soll nicht heißen, wir würden diese Menschen alleine lassen, aber sollten doch ihren Willen akzeptieren und ihnen dann beistehen..ich bin doch dann auch nicht gezwungen diesen Prozess mitzugehen, es bleibt mir immer noch die weitere Gewissenentscheidung, auch hier aus welchen Gründen auch immer zu sagen, " ich bin noch nicht so weit", soll nicht heißen ich selbst könnte diesen Prozess jemals mitgehen...seinem potentiellen Sterbewunsch in der konkreten Lage nachgeben zu müssen, aufgrund vertraglicher Verpflichtung, was es im Endeffekt heißen würde, würde ich das Urteil nicht gutheißen, um nicht der Überforderung der Sterbepflege ausgesetzt zu sein, erscheint meines Erachtens als unaktzeptable Alternative...
Beitrag von jesusfreak » Fr 14. Mai 2004, 17:03
Der Traum der Leiche
Er wusste nicht, wo er sich befand. Er wusste nicht, warum das so war. Er wusste nicht, seit wann das so war. Er wusste nur eines: seine Welt existierte nicht mehr, keine Menschen, keine Umgebung, kein gar nichts. Im Grunde konnte er auch nicht sicher sein, dass er selbst noch existierte, denn auch seine Sinne funktionierten nicht mehr, kein hören, kein sehen, alles nur schwarz und gefühllos, selbst seinen Körper fühlte er nicht.
Nur auf eines konnte er sich noch verlassen: sein Bewusstsein lebte, er hörte sich selbst denken, er war sich seiner bewusst, also konnte er nicht tot sein, aber alles andere blieb ein Rätsel. Er konnte nicht sagen, wohin die Welt verschwunden war. Er konnte sich jedoch genau an den Tag erinnern, an dem die Welt verschwand: Ein ganz normaler Tag, ein ganz normaler Besuch am Grab seiner Tochter, ganz normaler Sonnenschein. Nichts ungewöhnliches, keine Vorwarnung.
Dann mussten sie ihn geholt haben, denn plötzlich und meinem einem Schlag verschwand seine Umgebung und mit ihr sein Körper. Er vermochte ihn nicht mehr zu spüren, konnte mit ihm nicht mehr sehen und nicht mehr hören. Nur seine Gedanken hörte er noch, sonst nichts. Es gab zwei Gründe, warum er nicht glaubte tot zu sein. Einmal, weil er noch träumen konnte. Er war der Ansicht, dass man weder im Himmel, noch in der Hölle träumen würde, zumindest nicht ausschließlich. Zum anderen gab es die Schmerzen. Wenn er nicht träumte, bestand sein Dasein aus Schmerz. Der Schmerz existierte ständig, gleichmäßig und allgegenwärtig, er überfiel seinen ganzen Körper, jedes Organ, jeden Knochen, jeden Winkel.
Das fand er sehr merkwürdig: Wieso spürte er seinen Körper nicht, aber den Schmerz?
Er fand keine Antwort, konnte keine finden, weil der Schmerz alles beherrschte, sein Hirn verkleisterte, und das Nachdenken fast unmöglich machte, ein Gedanke brachte zwei zusätzliche Schmerzen und er verfügte nicht über die Kraft, so viele Schmerzen zu bewältigen. Er musste sich seine Überlegungen gut einteilen. Der Schmerz wäre unerträglich gewesen, schon allein weil er sich nicht bewegen, nicht weglaufen, keine Tabletten nehmen, keinen Arzt rufen konnte, denn eigentlich war er ja körperlich gar nicht mehr da, konnte dem Schmerz nicht weglaufen, musste ihn unbeweglich aushalten.
"Wäre unerträglich gewesen" deshalb, weil der Schmerz, der ständig versuchte, ihm das Gehirn zu verbrennen, ihm nicht überallhin folgen konnte. Es gab Hoffnung, sogar Rettung. Die Hoffnung hieß Traum. Denn wenn er träumte, gab es keinen Schmerz mehr, und er träumte sehr viel; und wenn er aus den Träumen zurückkehrte, träumte er davon, zu träumen. Meistens gelang es ihm, den Traum herbeizuträumen. Fast immer träumte er dann von früher. Von seiner Jugend, als er beliebt und bekannt war in seiner Straße und das hieß etwas, denn seine Straße hatte 345 Hausnummern. Auch seine Frau kam in den Träumen vor, jede Kleinigkeit aus zweiundzwanzig Jahren Ehe kam vor und immer empfand er es als schön. In gewisser Weise verlief sein Leben jetzt schöner als früher, denn er lebte sein Leben in seinen Träumen wieder und wieder mit aller Zeit und Muße, genoss die glücklichen Phasen, übersprang die weniger glücklichen und nie träumte er von dem größten Unglück seines Lebens, nie von den dunklen Jahren.
Das alles machte den unerträglichen Schmerz erträglich, weil er wusste, dass der Schmerz nichts weiter darstellte als eine Art Pause zwischen zwei Träumen und er glaubte an die Weisheit seiner Großmutter, die ihm früher beigebracht hatte, dass man für jeden glücklichen Augenblick eine Rechnung zu begleichen hätte. Nun, insofern fand er das, was mit ihm geschah, angemessen, wenn er auch nicht wusste, wie es zu Stande gekommen war.
Da er keinen Anhaltspunkt für den Faktor Zeit finden konnte, schätzte er die Zeit, die er mit träumen verbrachte, einfach mit "lange". Zumindest fand er Zeit genug, sein Leben unzählbar oft zu durchleben. In letzter Zeit jedoch mischten sich in seine Träume neue, andere Träume, die mit seinem Leben nichts zu tun hatten, ja stellenweise völlig unverständlich waren und mehr und mehr bedrohlich wurden.
Er träumte von jungen Frauen in weißer Kleidung, die um ihn herum standen und sich an ihm zu schaffen machten, er träumte von Schläuchen, die aus ihm herauskamen, von unbekannten Männern, auch sie in weiß gekleidet, aber mit Kugelschreibern und Apparaten bewaffnet. Alle besuchten sie ihn und beobachteten ihn, stumm und kalt.
Eines Tages zerriss der Traum, in dem er gerade voller Freude die Taufe seiner einzigartigen Tochter erlebte, unvermittelt und brutal und er träumte stattdessen plötzlich von zwei Männern, einer in weiß wie all die anderen in den nicht bestellten Träumen und einer in schwarz. Sie standen an seinem Bett und sprachen über ihn. Wieso lag er in einem Bett? Wo war das, wie war er da hin gekommen? Wieso redeten die zwei nicht mit ihm? Keine Antwort, dies war ein Traum, in dem er nicht mit den anderen Beteiligten sprechen konnte. Ihm blieb nur das zuhören. Und was er hörte, verstand er nicht, er spürte nur dumpf , dass eine Bedrohung in den Worten steckte. Er hörte nur Fetzen wie "keine Reaktion", "da ist nichts mehr", "es ist besser für ihn" und "Der schreit immer nur vor Schmerz". Was war denn das für ein Traum? War er etwa nicht allein? Was machten diese Männer in seinem Traum? Wussten sie nicht, dass sie ihn störten? Dann hörte der Traum auf, der Schmerz kehrte zurück, schlimmer als je zuvor, alles kreiste, knirschte und bohrte in ihm. Er spürte ganz deutlich, wie sein Geist an den Rändern abplatzte, wie er sich langsam auflöste. Es ging so schnell, erreichte sein Innerstes, keine Zeit mehr für einen letzten Gruß an seine Träume, an seine Lieben, an sein Leben. Sein Innerstes zerlegte sich in Stücke und er konnte an nichts mehr denken. Der Schmerz hörte erst in diesem Moment auf und mit ihm hörte alles auf..
Der Richter und der Arzt sahen unbewegt zu, wie das Mittel seine Wirkung tat. Dies war seit In-Kraft-Treten der zweiten Reform des "Gesetztes zur kostenneutralen Erlösung unheilbar Kranker über 65" ihr eintausendster Erlösungs-Fall und heute Abend würden sie einen trinken gehen.
Die beiden hatten sich die ausgemergelte Gestalt des Schlaganfall-Patienten angesehen, seine Krankenakte studiert und waren zu dem einvernehmlichen Beschluss gekommen, dass der Mann nicht bei Bewusstsein war, es nie mehr erlangen würde und es deshalb ganz in seinem Interesse zu sein hatte, erlöst zu werden. Als der Tod eintrat, verließen sie den Raum.
Niemand bemerkte die kleinen Tränen in den Augenwinkeln der Leiche.
Beitrag von Dirk Höffken » Sa 15. Mai 2004, 10:28
Hallo Jesufreak.
Nun begeben wir uns auf dünnes Eis. Es geht hier im Grunde genommen weniger um juristische als vielmehr um philosophische und religiöse Fragen. Letztere muss jeder für sich selbst Beantworten. Allerdings darf Niemand einem anderen Menschen seine ethischen, moralischen und religiösen Ansichten aufzwingen. Von Ausnahmen abgesehen.
Artikel 1 Abs. 1 unseres Grundgesetzes fordert die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Alle staatliche Gewalt hat die Würde des Menschen zu achten und zu schützen. Menschenwürde gilt lebenslang. Die Würde des Menschen verlangt die Anerkennung der Selbstbestimmung des Menschen bis zum Tode. Dem Wunsch des Menschen, in Würde zu sterben, muss alle staatliche Gewalt entsprechen. Das Grundrecht der Menschenwürde gilt Uneingeschränkt und kann nicht durch Gesetz eingeschränkt werden. Nun könnte man in Verkennung dieses Grundrechtes annehmen, dass auch die Würde des Pflegepersonals verletzt wird, wenn es Tatenlos zusehen muss, wie der ihnen anvertraute Mensch stirbt. Diese Interpretation entspricht aber nicht dem Sinn dieses Artikels. Die Würde des Pflegepersonals wird nicht Verletzt.
Verlassen wir nun die Juristen und wenden uns einer anderen, mehr philosophischen, Perspektive zu.
Zur Konformität des modernen Daseins gehört, dass wir uns der medizinischen Versorgung um so weniger entziehen, je älter wir werden. Es ist eine Tatsache, dass die Menschen ihren Krankheiten immer öfter widerstehen und immer länger mit ihnen leben. Dabei hat die Medizin eine Perfektion erreicht, die das Leben eines Individuums auch dann noch erhält, wenn dieses Leben gar nicht mehr aus eigenem Anspruch gelebt werden kann. Die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sind Unerreichbar. Der Sterbende lebt nur noch für andere Menschen, z.B. für das ruhige Gewissen und die moralischen bzw. religiösen Ansichten des Pflegepersonals. Eben das ist der gesellschaftliche Tatbestand, auf den sich das Verlangen nach Sterbehilfe bezieht. Ein Patient wird, trotz schwerster Gebrechen, durch Medikamente, operative Eingriffe und apparative Ergänzungen am Leben erhalten, obgleich es nur die Fortsetzung seiner Leiden bedeutet. Ohne die medizinische Technik wäre er längst tot. Dennoch reicht sie nicht so weit, sein Leben auf einem Niveau zu belassen, das erträglich genannt werden kann. Könnte er über seine Lage verfügen, würde er sein Leben aus eigener Kraft verkürzen. Da ihm dazu jedoch die Mittel fehlen, ergeht die Bitte an Andere, die Ausführung seiner Entscheidung zu übernehmen. Und die moralische Frage die wir uns immer wieder stellen ist, ob man einem Verlangen dieser Art nachgeben darf.
Die Erhaltung des eigenen Lebens gehört nach Kant zu den Pflichten gegenüber sich selbst, also zu den moralischen Verbindlichkeiten, die aus dem vernünftigen Selbstanspruch des Menschen folgen. Aber selbst Kant erkennt in Metaphysik der Sitten an, dass es Grenzfälle geben kann, die eine Ausnahme vom Verbot der Selbstentleibung rechtfertigen. Aus meiner Sicht kann die sichere Aussicht auf einen ruinösen Sterbeprozess, der durch die Medizin nicht mehr abgewendet, sondern nur noch verlängert werden kann, ein Grund sein, der es aus der Sicht des Kranken rechtfertigt, seinem Leben ein selbstbestimmtes Ende zu setzen. Der Entschluss dazu kann von niemand anderem als vom Kranken selber ausgehen. Ist er dazu nicht mehr in der Lage muss auf den mutmaßlichen Willen zurückgegriffen werden.
Nun unterstelle ich dir mal, z.B. aufgrund deines Nicknamen, das du deine Religion lebst. Niemand kann und will dir diesen Lebensstil verwehren. Es ist jedoch ein Fehler diese Lebensweise auf andere Menschen zu projizieren. Ihnen Aufgrund deines Glaubens und deiner Lebenseinstellung ein Leben aufzuzwingen, welches sie nicht führen wollen. Du zwingst ihnen religiöse und moralische Wertvorstellungen auf, nach denen sie ihr Leben vielleicht niemals Ausgerichtet hatten.
Für mich ist die größte Entfaltung menschlichen Lebens, in Frieden und Würde zu sterben, denn das ist die Ewigkeit. - Mutter Teresa