Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Freistellung_Rosenmontag_Betriebliche_Uebung_5AZR16_92.html
Timestamp: 2017-01-22 22:16:34
Document Index: 41188586

Matched Legal Cases: ['§ 242', '§ 256', '§ 3', '§ 242', '§ 133', '§ 242', '§ 812']

HENSCHE Arbeitsrecht: 5 AZR 16/92
Der Ar­beit­neh­mer des öffent­li­chen Diens­tes muß in al­ler Re­gel da­von aus­ge­hen, daß ihm sein Ar­beit­ge­ber nur die Leis­tun­gen gewähren will, zu de­nen er recht­lich ver­pflich­tet ist. Oh­ne be­son­de­ren An­halt darf der Ar­beit­neh­mer des­halb auch bei langjähri­ger Gewährung ei­ner zusätz­li­chen Vergüns­ti­gung nicht dar­auf ver­trau­en, sie sei Ver­trags­in­halt ge­wor­den (An­schluß an BA­GE 49, 31 = AP Nr. 19 zu § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung)
Arbeitsgericht Bonn, Urteil vom 11.06.1991, 1 Ca 291/91Landesarbeitsgericht Köln, Urteil vom 08.11.1991, 13 (6) Sa 532/91
5 AZR 16/9213 (6) Sa 532/91 Köln
hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 24. März 1993 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter Prof. Dr. Tho­mas, die Rich­ter Dr. Geh­ring und Dr. Rei­ne­cke
- 2 - so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Schlem­mer und Blank-Abel für Recht er­kannt:
1. Die Re­vi­si­on der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln vom 8. No­vem­ber 1991 - 13 (6) Sa 532/91 - wird zurück­ge­wie­sen.
Tat­be­stand: Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob der Kläge­rin für nicht er­brach­te Ar­beits­leis­tung am 11. Fe­bru­ar 1991 (Ro­sen­mon­tag) und am 12. Fe­bru­ar 1991 Vergütung zu­steht.
Die Kläge­rin ist seit 1979 bei dem be­klag­ten Land als me­di­zi­nisch-tech­ni­sche As­sis­ten­tin in den Me­di­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­sität in Bonn beschäftigt. Seit min­des­tens elf Jah­ren gewähr­te die Uni­ver­sität al­len Be­diens­te­ten im Uni­ver­sitäts­be­reich und da­mit auch den in den Me­di­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen Beschäftig­ten am Ro­sen­mon­tag Dienst­be­frei­ung und setz­te wei­ter den Dienst­be­ginn für den fol­gen­den Kar­ne­vals­diens­tag um ei­ne St­un­de später an. Die Bezüge blie­ben un­gekürzt. In je­dem Jahr ging der Dienst­be­frei­ung ein Rund­schrei­ben des Rek­tors oder des Kanz­lers der Uni­ver­sität vor­aus, in dem es z. B. für 1989 hieß:
"Am Ro­sen­mon­tag (6.2.1989) ord­ne ich für die Be­diens­te­ten im Uni­ver­sitäts­be­reich Dienst­be­frei­ung an. - Am Kar­ne­vals­diens­tag (7.2.1989) be­ginnt der Dienst ei­ne St­un­de später. - Im In­ter­es­se des Dienst­be­triebs not­wen­di­ge Ab­wei­chun­gen können von den Di­rek­to­ren der Kli­ni­ken, In­sti­tu­te und Se­mi­na­re in ei­ge­ner Zuständig­keit vor­ge­nom­men wer­den.
- 3 - - Die Öff­nungs­zei­ten der nicht im Haupt­gebäude ge­le­ge­nen In­sti­tu­te und Se­mi­na­re stel­le ich in das Er­mes­sen des zuständi­gen Di­rek­tors."
We­gen des Golf­krie­ges wies der Kanz­ler der Uni­ver­sität mit Rund­schrei­ben vom 23. Ja­nu­ar 1991 dar­auf hin, daß für die­ses Jahr die Dienst­be­frei­ung zum Kar­ne­val ent­fal­le. Die­sen Hin­weis gab der Ver­wal­tungs­di­rek­tor der Me­di­zi­ni­schen Ein­rich­tun­gen an de­ren Be­diens­te­te wei­ter. Dar­auf­hin er­wirk­te die Kläge­rin beim Ar­beits­ge­richt Bonn un­ter dem 8. Fe­bru­ar 1991 ge­gen das be­klag­te Land ei­ne einst­wei­li­ge Verfügung, wo­nach ihr für den 11. Fe­bru­ar (Ro­sen­mon­tag) Dienst­be­frei­ung zu gewähren und der Dienst­be­ginn am 12. Fe­bru­ar (Kar­ne­vals­diens­tag) auf 9.00 Uhr fest­zu­le­gen sei. Zur Fra­ge der Ent­gelt­lich­keit der Dienst­be­frei­ung äußert sich die einst­wei­li­ge Verfügung nicht. Das be­klag­te Land kam der An­ord­nung nach, kündig­te je­doch mit Schrei­ben vom 18. Fe­bru­ar 1991 an, für den Tag der Dienst­be­frei­ung kei­ne Vergütung gewähren zu wol­len, und teil­te der Kläge­rin wei­ter mit, es wol­le - da die un­gekürz­te Fe­bru­ar­vergütung be­reits aus­ge­zahlt war - ent­spre­chen­de Rück­zah­lung ver­lan­gen. Ge­gen die­sen vom be­klag­ten Land be­haup­te­ten An­spruch wen­det sich die Kläge­rin mit ih­rem Fest­stel­lungs­be­geh­ren.
fest­zu­stel­len, daß das be­klag­te Land nicht be­rech­tigt ist, die für den 11. und 12. Fe­bru­ar 1991 ge­zahl­te Vergütung zurück­zu­for­dern.
Das be­klag­te Land hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Es hat vor­ge­tra­gen, die Zeit der Dienst­be­frei­ung sei der Kläge­rin oh­ne Rechts­grund vergütet wor­den. Ein Vergütungs­an­spruch ha­be der
Kläge­rin für die­se Zeit nicht zu­ge­stan­den. Ins­be­son­de­re er­ge­be sich ein sol­cher An­spruch nicht aus be­trieb­li­cher Übung.Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Auf die Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Da­ge­gen rich­tet sich die Re­vi­si­on, mit der die Kläge­rin die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils er­strebt.
Ent­schei­dungs­gründe: Die Re­vi­si­on ist nicht be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die nach § 256 Abs. 1 ZPO zulässi­ge Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen.
I. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist zu­tref­fend da­von aus­ge­gan­gen, daß der Kläge­rin ein An­spruch auf be­zahl­te Frei­zeit nur aus Ver­trag ent­stan­den sein könn­te. Es hat ei­nen sol­chen An­spruch zu Recht ver­neint.
1. Die Ver­trags­be­zie­hun­gen der Par­tei­en könn­ten sich nur auf­grund be­trieb­li­cher Übung zu ei­nem An­spruch auf be­zahl­te Frei­zeit am Ro­sen­mon­tag aus­ge­stal­tet ha­ben. Un­ter ei­ner be­trieb­li­chen Übung ver­steht man die re­gelmäßige Wie­der­ho­lung be­stimm­ter Ver­hal­tens­wei­sen des Ar­beit­ge­bers, aus de­nen die Ar­beit­neh­mer schließen können, ih­nen sol­le ei­ne Leis­tung oder ei­ne Vergüns­ti­gung auf Dau­er ein­geräumt wer­den. Aus die­sem als Wil­lens­erklärung des Ar­beit­ge­bers, die von den Ar­beit­neh­mern still­schwei­gend an­ge­nom­men wird (S 151 BGB), zu wer­ten­den Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers
er­wach­sen ver­trag­li­che Ansprüche auf die üblich ge­wor­de­nen Leis­tun­gen (vgl. nur BA­GE 40, 126, 133 = AP Nr. 1 zu § 3 TVArb Bun­des­post; aus neu­es­ter Zeit BA­GE 59, 73, 84 f. = AP Nr. 33 zu § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung, zu II 3 a der Gründe, mit zahl­rei­chen wei­te­ren Nach­wei­sen). Bei der An­spruchs­ent­ste­hung ist nicht ent­schei­dend ein Ver­pflich­tungs­wil­le des Ar­beit­ge­bers, son­dern nur die Fra­ge, wie die Erklärungs­empfänger die Erklärung oder das Ver­hal­ten nach Treu und Glau­ben un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Be­gleit­umstände ver­ste­hen durf­ten (§§ 133, 157 BGB).
Für die Ar­beits­verhält­nis­se des öffent­li­chen Diens­tes gel­ten die­se Grundsätze je­doch nur mit Ein­schränkung. Hier ist da­von aus­zu­ge­hen, daß der Ar­beit­ge­ber im Zwei­fel nur die von ihm zu be­ach­ten­den ge­setz­li­chen und ta­rif­ver­trag­li­chen Nor­men voll­zie­hen will. Da­her müssen selbst bei langjähri­gen Vergüns­ti­gun­gen be­son­de­re zusätz­li­che An­halts­punk­te dafür vor­lie­gen, daß der Ar­beit­ge­ber des öffent­li­chen Diens­tes über das gewähr­te ta­rif­li­che Ent­gelt hin­aus wei­te­re Leis­tun­gen einräum­en will, die auf Dau­er gewährt und da­mit Ver­trags­be­stand­teil wer­den sol­len (vgl. statt vie­ler nur BA­GE 59, 73, 85 = AP Nr. 33 zu § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung, zu II 3 a der Gründe, eben­falls mit wei­te­ren Nach­wei­sen).
2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat her­vor­ge­ho­ben, das be­klag­te Land ha­be im Streit­fall Jahr für Jahr die Dienst­be­frei­ung im vor­aus aus­drück­lich und im­mer wie­der aufs Neue an­ge­ord­net. Wei­ter ha­be es in den jähr­li­chen Rund­schrei­ben aus­drück­lich auf Aus­nah­men von der Dienst­be­frei­ung "im In­ter­es­se des Dienst­be­triebs" hin­ge­wie­sen. Aus die­sen Umständen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt
ge­fol­gert, der Ar­beit­ge­ber ha­be sich für die Ar­beit­neh­mer er­kenn­bar ge­ra­de nicht zu ei­ner un­ein­ge­schränk­ten Leis­tung be­reit erklärt und ver­pflich­ten wol­len. Ein ent­spre­chen­der An­spruch auf be­zahl­te Frei­stel­lung sei für den Ro­sen­mon­tag und für ei­ne be­stimm­te Zeit des fol­gen­den Kar­ne­vals­diens­tag da­her nicht ent­stan­den.
3. Dem ist bei­zu­pflich­ten. Die Schlußfol­ge­run­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts aus den von ihm ge­trof­fe­nen tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen sind zu­tref­fend und aus kei­nem recht­li­chen Ge­sichts­punkt zu be­an­stan­den. Ir­gend­wel­che für den Be­reich des öffent­li­chen Diens­tes zur An­spruchs­ent­ste­hung aus be­trieb­li­cher Übung zu ver­lan­gen­den be­son­de­ren Umstände la­gen auf Ar­beit­ge­ber­sei­te nicht vor. Das Ge­gen­teil folgt aus der Tat­sa­che, daß die Dienst­be­frei­ung in je­dem Jahr aus­drück­lich und mit be­son­de­rer Re­ge­lung des Dienst­be­triebs im me­di­zi­ni­schen Be­reich gewährt wur­de. Un­ter die­sen Umständen konn­te kein Ver­trau­en der be­tei­lig­ten Ar­beit­neh­mer dar­auf ent­ste­hen, daß ih­nen die Ar­beits­be­frei­ung am Ro­sen­mon­tag auf Dau­er und un­ein­ge­schränkt als be­son­de­re Vergüns­ti­gung gewährt wer­den würde.
II. Hat die Kläge­rin da­her kei­nen An­spruch auf be­zahl­te Frei­zeit für Ro­sen­mon­tag und teil­wei­se für Kar­ne­vals­diens­tag 1991 er­wor­ben, so sind ihr die für die nicht ge­ar­bei­te­te Zeit gewähr­ten Bezüge oh­ne Rechts­grund gewährt wor­den. Das Land kann da­her die über­zahl­ten Beträge zurück­ver­lan­gen (§ 812 Abs. 1 Satz 1 BGB). Das Fest­stel­lungs­be­geh­ren der Kläge­rin, wo­nach das be­klag­te Land
zur Rück­for­de­rung nicht be­rech­tigt sei, er­weist sich als un­be­gründet.
Dr. Schlem­mer Blank-Abel m.hensche.de
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