Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/der-uebergangene-antrag-auf-erlaeuterung-eines-sachverstaendigengutachtens-399234
Timestamp: 2020-08-15 00:41:22
Document Index: 376316675

Matched Legal Cases: ['Art. 103', '§ 402', '§ 397', 'Art. 103', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 8']

Der übergangene Antrag auf Erläuterung eines Sachverständigengutachtens | Rechtslupe
Der über­gan­ge­ne Antrag auf Erläu­te­rung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens
Es stellt einen Ver­stoß gegen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch auf recht­li­ches Gehör dar, wenn ein Gericht einen Antrag auf Erläu­te­rung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens über­geht [1].
Dies gilt nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts auch im Rah­men der Zwangs­voll­stre­ckung (hier: des Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ver­fah­rens).
Abs. 1 GG gebie­tet, dass sowohl die gesetz­li­che Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens­rechts als auch das gericht­li­che Ver­fah­ren im Ein­zel­fall ein Aus­maß an recht­li­chem Gehör eröff­nen, das dem Erfor­der­nis eines wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes auch in Ver­fah­ren nach der Zivil­pro­zess­ord­nung gerecht wird und den Betei­lig­ten die Mög­lich­keit gibt, sich im Pro­zess mit tat­säch­li­chen und recht­li­chen Argu­men­ten zu behaup­ten [2]. Ins­be­son­de­re haben die Betei­lig­ten einen Anspruch dar­auf, sich vor Erlass der gericht­li­chen Ent­schei­dung zu dem zugrun­de­lie­gen­den Sach­ver­halt zu äußern. Dem ent­spricht die Ver­pflich­tung der Gerich­te, Anträ­ge und Aus­füh­run­gen der Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen [3].
Die nähe­re Aus­ge­stal­tung des recht­li­chen Gehörs ist den Ver­fah­rens­ord­nun­gen über­las­sen, die im Umfang ihrer Gewähr­leis­tun­gen auch über das von Ver­fas­sungs wegen garan­tier­te Maß hin­aus­ge­hen kön­nen. Nicht jeder Ver­stoß gegen Vor­schrif­ten des Ver­fah­rens­rechts ist daher zugleich eine Ver­let­zung von Art. 103 Abs. 1 GG. Die Schwel­le einer sol­chen Ver­fas­sungs­ver­let­zung wird viel­mehr erst erreicht, wenn die Gerich­te bei der Aus­le­gung oder Anwen­dung des Ver­fah­rens­rechts die Bedeu­tung und Trag­wei­te des grund­rechts­glei­chen Rechts auf recht­li­ches Gehör ver­kannt haben [4]. Ver­let­zun­gen ein­fach­recht­li­cher Ver­fah­rens­vor­schrif­ten sind somit im Ein­zel­fall dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob unter Berück­sich­ti­gung des Wir­kungs­zu­sam­men­hangs aller ein­schlä­gi­gen Nor­men der betrof­fe­nen Ver­fah­rens­ord­nung durch sie das unab­ding­ba­re Min­dest­maß des ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­ten recht­li­chen Gehörs ver­kürzt wor­den ist [5].
Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör umfasst grund­sätz­lich auch die Anhö­rung gericht­li­cher Sach­ver­stän­di­ger [6].
Nach § 402 in Ver­bin­dung mit § 397 ZPO sind die Par­tei­en berech­tigt, dem Sach­ver­stän­di­gen die­je­ni­gen Fra­gen vor­le­gen zu las­sen, die sie zur Auf­klä­rung der Sache für dien­lich erach­ten. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dar­aus in stän­di­ger Recht­spre­chung die Pflicht der Gerich­te abge­lei­tet, dem Antrag einer Par­tei auf münd­li­che Befra­gung gericht­li­cher Sach­ver­stän­di­ger statt­zu­ge­ben [7]. Auf die Fra­ge, ob das Gericht selbst das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten für erklä­rungs­be­dürf­tig hält, kom­me es nicht an. Es gehö­re zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs, dass die Par­tei­en den Sach­ver­stän­di­gen Fra­gen stel­len, ihnen Beden­ken vor­tra­gen und sie um eine nähe­re Erläu­te­rung von Zwei­fels­punk­ten bit­ten kön­nen [8]. Ein Antrag auf Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen kön­ne aller­dings dann abge­lehnt wer­den, wenn er ver­spä­tet oder rechts­miss­bräuch­lich gestellt wer­de [9].
Beach­tet ein Gericht die­se ver­fah­rens­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht, so liegt dar­in jeden­falls dann ein Ver­stoß gegen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch auf recht­li­ches Gehör, wenn es einen Antrag auf Erläu­te­rung des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens völ­lig über­geht oder ihm allein des­halb nicht nach­kommt, weil das Gut­ach­ten ihm über­zeu­gend und nicht wei­ter erör­te­rungs­be­dürf­tig erscheint. Dage­gen ver­langt Art. 103 Abs. 1 GG nicht, einem recht­zei­ti­gen und nicht miss­bräuch­li­chen Antrag auf Anhö­rung der Sach­ver­stän­di­gen aus­nahms­los Fol­ge zu leis­ten. Die münd­li­che Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen ist zwar die nächst­lie­gen­de, aber nicht die ein­zig mög­li­che Behand­lung eines der­ar­ti­gen Antrags [10]. In Betracht kommt etwa, den Sach­ver­stän­di­gen statt­des­sen um eine schrift­li­che Ergän­zung sei­nes Gut­ach­ten zu bit­ten oder aber ein wei­te­res Gut­ach­ten (eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen) ein­zu­ho­len [11].
Einer Prü­fung anhand die­ser Maß­stä­be hält der ange­foch­te­ne land­ge­richt­li­che Beschluss im hier ent­schie­de­nen Fall nicht stand: Das Land­ge­richt lehn­te die von den Beschwer­de­füh­rern bean­trag­te Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen ab, weil das Gut­ach­ten zu den von den Beschwer­de­füh­rern vor­ge­brach­ten Ein­wän­den „ein­deu­ti­ge und über­zeu­gen­de Fest­stel­lun­gen“ ent­hal­te und die von den Beschwer­de­füh­rern auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge (hier: der Sui­zi­d­ia­li­tät im Ver­stei­ge­rungs­fall) ent­ge­gen deren Ansicht „abschlie­ßend geklärt“ habe. Das Land­ge­richt kommt dem Antrag somit allein des­halb nicht nach, weil ihm das Gut­ach­ten nicht wei­ter erör­te­rungs­be­dürf­tig erscheint. Das ist nach den dar­ge­leg­ten Maß­stä­ben kein taug­li­cher Ver­sa­gungs­grund, son­dern begrün­det einen Gehörsver­stoß.
Die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se beru­hen auch auf dem Gehörsver­stoß. Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass den Beschwer­de­füh­rern mit einer wei­te­ren Befra­gung des Sach­ver­stän­di­gen gelun­gen wäre, das Gut­ach­ten oder des­sen Aus­le­gung durch das Land­ge­richt in Fra­ge zu stel­len und damit auch die Über­zeu­gung des Land­ge­richts von des­sen Rich­tig­keit zu erschüt­tern [12].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. August 2015 – 2 BvR 2915/​14
vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 26.11.2008 – 1 BvR 670/​08, NJW 2009, S. 1584, 1585 Rn. 18, 20[↩]
vgl. BVerfGE 60, 305, 310; 74, 228, 233; BVerfGK 20, 218, 223; BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998 – 1 BvR 909/​94, NJW 1998, S. 2273; BVerfG, Beschluss vom 17.01.2012 – 1 BvR 2728/​10, NJW 2012, S. 1346, 1347 Rn. 11[↩]
vgl. BVerfGE 60, 1, 5; 67, 39, 41[↩]
vgl. BVerfGE 60, 305, 310 f.[↩]
vgl. BVerfGE 60, 305, 311[↩]
BVerfGK 20, 218, 224; BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998 – 1 BvR 909/​94, a.a.O.; BVerfG, Beschluss vom 17.01.2012 – 1 BvR 2728/​10, a.a.O., Rn. 13[↩]
vgl. BGHZ 6, 398, 400 f.; BGH, Urtei­le vom 21.10.1986 – VI ZR 15/​85, NJW-RR 1987, S. 339, 340; und vom 17.12 1996 – VI ZR 50/​96, NJW 1997, S. 802 f.[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 21.10.1986, a.a.O.[↩]
vgl. BGHZ 35, 370, 371; BGH, Urtei­le vom 21.10.1986, a.a.O.; und vom 17.12 1996, a.a.O.; vgl. auch zur Recht­spre­chung der übri­gen obers­ten Bun­des­ge­rich­te BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998, a.a.O., S. 2273 f.[↩]
vgl. BVerfGK 20, 218, 225; BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998, a.a.O., S. 2274; BVerfG, Beschluss vom 17.01.2012, a.a.O., Rn. 15[↩]
vgl. BVerfGK 20, 319, 320; BGH, Urteil vom 10.12 1991 – VI ZR 234/​90, NJW 1992, S. 1459 f.[↩]
vgl. BVerfGK 20, 218, 226; BVerfG, Beschluss vom 03.02.1998, a.a.O., S. 2274; BVerfG, Beschluss vom 17.01.2012, a.a.O., Rn. 21[↩]
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