Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/aufhebung-kindergeld-durchbrechung-3111741
Timestamp: 2020-01-22 00:20:56
Document Index: 166626085

Matched Legal Cases: ['§ 173', '§ 173', '§ 175', '§ 172', '§ 173', '§ 31', '§ 155', '§ 173', '§ 173', '§ 173', '§ 175', '§ 70', '§ 1059', '§ 173', '§ 173']

Auf­he­bung von Kin­der­geld – und die Durch­bre­chung der Bestands­kraft | Rechtslupe
Aufhebung von Kindergeld - und die Durchbrechung der Bestandskraft
Auf­he­bung von Kin­der­geld – und die Durch­bre­chung der Bestands­kraft
Eine erst nach Erlass des bestands­kräf­ti­gen Beschei­des aus­ge­stell­te Beschei­ni­gung eines Aus­bil­dungs­be­trie­bes kann nicht zu einer Ände­rung wegen eines nach­träg­lich bekannt gewor­de­nen Beweis­mit­tels füh­ren.
Beweis­mit­tel kön­nen nur zu einer Auf­he­bung oder Ände­rung nach § 173 AO füh­ren, wenn sie im Zeit­punkt des Erlas­ses des ursprüng­li­chen Bescheids bereits vor­han­den und der Behör­de nur nicht bekannt waren 1. Nach­träg­lich ent­stan­de­ne Beweis­mit­tel fal­len dage­gen nicht unter § 173 AO und – anders als nach­träg­lich ent­stan­de­ne Tat­sa­chen – auch nicht unter § 175 Abs. 1 Nr. 2 AO 2.
In dem hier vom Finanz­ge­richt Mün­chen ent­schie­de­nen Fall ist der Kin­der­geld­auf­he­bungs­be­scheid ist in for­mel­le Bestands­kraft erwach­sen, da er wirk­sam bekannt gege­ben wur­de und gegen ihn kein Ein­spruch ein­ge­legt wor­den ist. Wie­der­ein­set­zungs­grün­de wur­den weder vor­ge­tra­gen noch sind sie ersicht­lich.
Die Ableh­nung der Kin­der­geld­fest­set­zung ent­fal­tet daher Bin­dungs­wir­kung für den Zeit­raum Janu­ar 2012 bis Janu­ar 2013, da die Fami­li­en­kas­se inso­weit nach sach­li­cher Prü­fung das Bestehen eines Kin­der­geld­an­spruchs ver­neint hat. 3. Über die in der Zukunft lie­gen­den und damit zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung noch nicht ent­stan­de­nen Kin­der­geld­an­sprü­che kann ein Ableh­nungs- oder Auf­he­bungs­be­scheid noch kei­ne Rege­lung tref­fen. Eine in die Zukunft wei­sen­de Bin­dungs­wir­kung kommt ihm dem­nach nicht zu 4.
Eine Durch­bre­chung der Bestands­kraft des Auf­he­bungs­be­scheids st nicht mög­lich, da kei­ner der in §§ 172 ff. Abga­ben­ord­nung (AO) nor­mier­ten Ände­rungs­tat­be­stän­de ein­greift.
Nach § 173 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO ist eine Ände­rung eines bestands­kräf­ti­gen Bescheids zuläs­sig, soweit Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel nach­träg­lich bekannt wer­den, die zu einer nied­ri­ge­ren Steu­er bzw. wie im Streit­fall zur Fest­set­zung der Steu­er­ver­gü­tung füh­ren und den Steu­er­pflich­ti­gen kein gro­bes Ver­schul­den dar­an trifft, dass die Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel erst nach­träg­lich bekannt wer­den. Nach § 31 Satz 3 des EStG wird Kin­der­geld als Steu­er­ver­gü­tung gezahlt. Die für die Steu­er­fest­set­zung gel­ten­den Vor­schrif­ten sind gemäß § 155 Abs. 4 AO auf die Fest­set­zung einer Steu­er­ver­gü­tung sinn­ge­mäß anzu­wen­den, mit­hin auch die Ände­rungs­vor­schrift des § 173 AO.
Im Streit­fall hat der Vater der Fami­li­en­kas­se nach Erlass des Bescheids vom 26.06.2013 anhand der Vor­la­ge der Bestä­ti­gung der Fir­ma XYZ Bau­un­ter­neh­men vom 18.12 2014 erst­mals die Dau­er der Aus­bil­dung von S vom 01.09.2010 bis 31.01.2013 mit­ge­teilt. Dabei han­delt es sich zwar um ein Beweis­mit­tel, da es ein Erkennt­nis­mit­tel dar­stellt, das der Auf­klä­rung des Sach­ver­hal­tes dient und das Vor­lie­gen oder Nicht­vor­lie­gen von Tat­sa­chen bewei­sen soll 5. Beweis­mit­tel kön­nen jedoch nur zu einer Auf­he­bung oder Ände­rung nach § 173 AO füh­ren, wenn sie im Zeit­punkt des Erlas­ses des ursprüng­li­chen Bescheids bereits vor­han­den und der Behör­de nur nicht bekannt waren 6. Nach­träg­lich ent­stan­de­ne Beweis­mit­tel fal­len dage­gen nicht unter § 173 AO und – anders als nach­träg­lich ent­stan­de­ne Tat­sa­chen – auch nicht unter § 175 Abs. 1 Nr. 2 AO 7. Die vor­ge­leg­te Beschei­ni­gung des Aus­bil­dungs­be­triebs trägt das Datum vom 18.12 2014 und wur­de somit erst nach Erlass des bestands­kräf­ti­gen Beschei­des am 26.06.2013 aus­ge­stellt. Sie kann daher nicht zu einer Ände­rung wegen eines nach­träg­lich bekannt gewor­de­nen Beweis­mit­tels füh­ren.
Auf die Fra­ge, ob den Vater ein gro­bes Ver­schul­den am nach­träg­li­chen Bekannt­wer­den von Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel trifft, kommt es somit nicht an.
Finanz­ge­richt Mün­chen, Urteil vom 26. Okto­ber 2015 – 7 K 1365/​15
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BFH, Urteil v. 25.02.2003, – VIII R 98/​01, DSt­RE 2003 S. 949[↩]
vgl. Forch­ham­mer, in Leopold/​Madle/​Rader, AO, § 173 Rz. 14[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 02.11.2011 – III B 48/​11, BFH/​NV 2012, 265[↩]
BFH, Urteil vom 28.01.2004 – VIII R 12/​03, BFH/​NV 2004, 786[↩]
BFH, Urtei­le vom 20.12 1988 – VIII R 121/​83, BSt­Bl II 1989, 585[↩]
BFH, Urteil vom 25.02.2003 – VIII R 98/​01, DSt­RE 2003, 949[↩]
vgl. Forch­ham­mer in Leopold/​Madle/​Rader, AO, § 173 Rz. 14[↩]
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