Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Leidensgerechte_Arbeit_leidensgerechte_Arbeit_Krankenhaus_LAG_Berlin_Brandenburg_5Sa78-13.html
Timestamp: 2019-12-13 05:47:44
Document Index: 129310988

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 106', '§ 315', '§ 6', '§ 106', '§ 294', '§ 8', '§ 66', '§ 519', 'BGH', '§ 6', '§ 3', '§ 3', '§ 106', '§ 106', '§ 315', '§ 611', '§ 615', '§ 293', '§ 294', '§ 295', '§ 615', '§ 294', '§ 294', '§ 297', '§ 295', '§ 294']

LAG Berlin-Brandenburg, vom 30.05.2013, 5 Sa 78/13 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Ber­lin-Bran­den­burg, vom 30.05.2013, 5 Sa 78/13
Schlagworte: Ermessensausübung bei der Dienstplangestaltung, Verzugsentgelt
Aktenzeichen: 5 Sa 78/13
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin, 8 Ca 1434/12
8 Ca 1434/12
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 30. Mai 2013
so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter V. und T.
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Pots­dam vom 14.11.2012 – 8 Ca 1434/12 – wird auf ih­re Kos­ten zurück­ge­wie­sen.
„(5) Die Beschäftig­ten sind im Rah­men be­gründe­ter be­trieb­li­cher Not­wen­dig­kei­ten zu leis­ten von Sonn­tags-, Fei­er­tags-, Nacht-, Wech­sel­schicht-, Schicht­ar­beit so­wie ... ver­pflich­tet.“
Die Kran­ken­schwes­tern bei der Be­klag­ten ar­bei­ten im Schicht­dienst, wo­bei die Frühschicht von 06.00 Uhr bis 14.30 Uhr, die Zwi­schen­schicht von 11.30 Uhr bis 22.00 Uhr, die Spätschicht von 14.00 Uhr bis 22.30 Uhr und die Nacht­schicht von 21.45 Uhr bis 06.15 Uhr dau­ern.
Grundsätze der Dienst­plan­ge­stal­tung bei der Be­klag­ten sind in ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 01.08.2011 (Bl. 249 bis 255 d. A.) nie­der­ge­legt. In § 3 Abs. 4 und 6 die­ser Be­triebs­ver­ein­ba­rung heißt es:
Die Schicht­fol­ge im Nach­dienst ist auf ma­xi­mal 3 Näch­te be­schränkt. Nach schrift­li­cher Ver­ein­ba­rung mit dem Beschäftig­ten kann die Schicht­fol­ge frei­wil­lig im Nacht­dienst auf ma­xi­mal 5 Näch­te in Fol­ge erhöht wer­den. ... “
Die Kläge­rin ist aus ge­sund­heit­li­chen Gründen nicht mehr in der La­ge, Nacht­diens­te zu leis­ten, da sie me­di­ka­mentös be­han­delt wird und die­se Me­di­ka­men­te zum Ein­schla­fen führen.
Laut Dienst­plan wur­de die Kläge­rin seit De­zem­ber 2011 durch­schnitt­lich zwei­mal im Mo­nat zum Nacht­dienst ein­ge­teilt. Die­se Nach­diens­te tausch­te die Kläge­rin mit an­de­ren Mit­ar­bei­tern der Be­klag­ten weg.
Nach ei­ner be­triebsärzt­li­chen Un­ter­su­chung am 30.04.2012, die eben­falls zu dem Er­geb­nis ge­lang­te, dass die Kläge­rin nicht mehr in der La­ge ist, im Nach­dienst tätig zu sein, wur­de die Kläge­rin am 12.06.2012 nach ih­rem Frühdienst vom Pfle­ge­di­rek­tor nach Hau­se ge­schickt un­ter der Ver­si­che­rung, sie wer­de für die nächs­ten 6 Wo­chen Ent­gelt­fort­zah­lung er­hal­ten.
Mit Schrei­ben vom 14.06.2012 (Bl. 49 d. A.) teil­te die Kläge­rin der Be­klag­ten mit, dass sie nicht ar­beits­unfähig sei, und bot aus­drück­lich ih­re Ar­beits­leis­tung an. Die Be­klag­te teil­te ihr mit Schrei­ben vom 12.07.2012 (Bl. 51 d. A.) mit, dass sie man­gels Nacht­dienst­taug­lich­keit zur Zeit ar­beits­unfähig sei. Die B. Er­satz­kas­se in­for­mier­te die Kläge­rin am 19.07.2012 darüber, dass sie man­gels be­schei­nig­ter Ar­beits­unfähig­keit kein Kran­ken­geld leis­ten wer­de.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, sie auf der Ba­sis des Ar­beits­ver­tra­ges vom 17.09.1982 in der Fas­sung des Ände­rungs­ver­tra­ges vom 01.07.1991 und vom 20.04.2012 als Kran­ken­schwes­ter oh­ne die Ab­leis­tung von Nacht­schich­ten zu beschäfti­gen,
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie 9.665,16 € brut­to abzüglich be­zo­ge­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des in Höhe von 3.525,95 € net­to nebst Zin­sen hier­auf in Höhe von 5
Zur Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt im We­sent­li­chen aus­geführt, die Kläge­rin ha­be ei­nen ar­beits­ver­trag­lich be­gründe­ten An­spruch auf Beschäfti­gung als Kran­ken­schwes­ter im Schicht­dienst, der nicht in­fol­ge ih­rer Nacht­dienst­un­taug­lich­keit un­ter­ge­gan­gen sei. Hier­durch sei die Kläge­rin nicht ar­beits­unfähig, son­dern le­dig­lich krank­heits­be­dingt nur ein­ge­schränkt leis­tungsfähig. Die Be­klag­te müsse dar­auf bei Ausübung ih­res Er­mes­sens hin­sicht­lich der Fest­le­gung der Zeit der Ar­beits­leis­tung gemäß § 106 Abs. 3 Ge­wO, § 315 BGB Rück­sicht neh­men. In dem 1000-Bet­ten-Haus, in dem rund um die Uhr ge­ar­bei­tet wer­de, sei es der Be­klag­ten tatsächlich möglich und ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die langjähri­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit der Kläge­rin zu­mut­bar, ihr durch Ein­tei­lung in den Dienst­plan Tätig­kei­ten in Frühschich­ten, Zwi­schen­schich­ten und Spätschich­ten un­ter Aus­pla­nung des Nacht­diens­tes zu­zu­wei­sen. Das Weg­tau­schen des Nacht­diens­tes in der Ver­gan­gen­heit deu­te dar­auf hin, dass tatsächli­che Gründe dem nicht ent­ge­genstünden. Die Be­klag­te ha­be nicht vor­ge­tra­gen, dass die Sta­ti­on, auf der die Kläge­rin ar­bei­te, per­so­nell zu eng be­setzt sei, um im Schnitt 2,2 Nacht­schich­ten im Mo­nat an­de­ren Be­diens­te­ten zu über­tra­gen, oder dass die Über­tra­gung die­ser Nacht­schich­ten dem Schutz und Wil­len an­de­rer Ar­beit­neh­mer zu­wi­der­lau­fe, die durch­aus ein In­ter­es­se dar­an ha­ben könn­ten, die­se zu über­neh­men. Auch schrei­be § 6 Abs. 4 TVöD der Be­klag­ten nicht vor, wie sie im
Die Be­klag­te ist der An­sicht, der Kläge­rin ste­he aus kei­nem recht­li­chen Ge­sichts­punkt ein An­spruch auf Beschäfti­gung als Kran­ken­schwes­ter oh­ne die Ab­leis­tung von Nacht­schich­ten zu. § 106 Ge­wO zei­ge zwar auf, un­ter wel­chen recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Ar­beit­ge­ber sein Di­rek­ti­ons­recht recht­lich zulässig ausüben könne, stel­le die von der Kläge­rin ge­se­he­ne An­spruchs­rich­tung je­doch nicht zur Verfügung. Die Zu­wei­sung ei­ner Tätig­keit als Kran­ken­schwes­ter oh­ne die Ab­leis­tung von Nacht­schich­ten würde kei­ne Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts be­deu­ten. Ei­ne der­art gra­vie­ren­de Ände­rung im Ar­beits­verhält­nis wäre nur im We­ge ei­ner Ände­rungskündi­gung möglich. Ein Ta­ges­ar­beits­platz (Schicht­dienst oh­ne Nacht­schicht) ste­he bei ihr nicht zur Verfügung und könne aus Gründen der Gleich­be­hand­lung auch nicht ge­schaf­fen wer­den, auch wirt­schaft­lich wäre dies nicht möglich. Ein Vergütungs­an­spruch sei eben­falls nicht ge­ge­ben. Das Ar­beits­ge­richt ha­be dies­bezüglich die neu­en pro­zes­sua­len Spiel­re­geln im Be­reich der al­ter­na­ti­ven Kla­gehäufung nicht berück­sich­tigt. Das BAG ha­be in der Ent­schei­dung vom 19.05.2010 – 5 AZR 162/09 - sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung weg von ei­nem mögli­chen An­spruch aus An­nah­me­ver­zug hin zu ei­nem mögli­chen An­spruch auf Scha­dens­er­satz ent­wi­ckelt. Da­nach mang­le es be­reits an ei­nem (hin­rei­chend präzi­sier­ten) An­ge­bot der Kläge­rin. Selbst wenn ein sol­ches An­ge­bot vor­lie­gen würde, sei dies oh­ne Be­lang, so­lan­ge sie nicht durch Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts die Kläge­rin im Sin­ne von § 294 BGB zu ir­gend­ei­ner Ar­beits­leis­tung be­stimmt ha­be, was un­strei­tig nicht der Fall sei. Auch be­ste­he bei ihr ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung über die Er­stel­lung der mo­nat­li­chen Dienst­pläne und sei da­bei die Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats zu be­ach­ten. Sie sei in ei­ner der­ar­ti­gen Kon­stel­la­ti­on auch nach
Die gemäß §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 2 b) ArbGG statt­haf­te so­wie gemäß §§ 66 Abs. 1 Satz 1 und 2, 64 Abs. 6 ArbGG i. V. m. §§ 519, 520 ZPO form- und frist­ge­recht ein­ge­leg­te und be­gründe­te, so­mit zulässi­ge Be­ru­fung der Be­klag­ten blieb in der Sa­che er­folg­los.
Die Kla­ge ist mit bei­den Anträgen als Leis­tungs­kla­ge zulässig.
Das Zah­lungs­be­geh­ren ist nicht we­gen feh­len­der Be­stimmt­heit un­zulässig. So­weit die Kläge­rin ihr Zah­lungs­be­geh­ren auf zwei un­ter­schied­li­che An­spruchs­grund­la­gen, An­nah­me­ver­zug und
Scha­dens­er­satz, stützt, hat sie je­den­falls zweit­in­stanz­lich im Sin­ne der Recht­spre­chung des BGH (vgl. Hin­weis­be­schluss vom 24.03.2011 – I ZR 108/09) in aus­rei­chen­der Wei­se be­stimmt, in wel­cher Rei­hen­fol­ge sie die pro­zes­sua­len Ansprüche gel­tend ma­chen will. Aus den Ausführun­gen der Kläge­rin auf Sei­te 12 un­ter Zif­fer 2.) der Be­ru­fungs­be­ant­wor­tung wird hin­rei­chend deut­lich, dass sie den Zah­lungs­an­trag nur hilfs­wei­se mit ei­nem Scha­dens­er­satz­an­spruch be­gründen will.
Die Kläge­rin ist we­gen ih­rer ge­sund­heit­lich be­ding­ten Unfähig­keit, Nacht­diens­te zu leis­ten, nicht ar­beits­unfähig. Die feh­len­de Fähig­keit zur Leis­tung von Nacht­diens­ten, die auf der ge­sund­heit­lich er­for­der­li­chen Ein­nah­me von Me­di­ka­men­ten, die zum Ein­schla­fen führen, be­ruht, schränkt ih­ren mögli­chen Ein­satz als Kran­ken­schwes­ter nicht grundsätz­lich ein. Viel­mehr ist sie da­nach nur ein­ge­schränkt leis­tungs­unfähig, nicht aber ar­beits­unfähig. Dies folgt aus der Einschätzung der die Kläge­rin be­han­deln­den Ärz­te, die sie seit dem 12.04.2012 nicht mehr ar­beits­unfähig krank­ge­schrie­ben ha­ben. Die Be­klag­te hat auch nicht vor­ge­tra­gen, dass in der be­triebsärzt­li­chen Un­ter­su­chung vom 30.04.2012 ei­ne Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin fest­ge­stellt wor­den wäre. Die Fest­stel­lung der Be­klag­ten im Schrei­ben vom 12.07.2012 war des­halb un­zu­tref­fend und die Nicht­zu­wei­sung von Ar­beit an die Kläge­rin ab dem 13.06.2012 nicht auf­grund von Ar­beits­unfähig­keit ge­recht­fer­tigt.
Ar­beits­ver­trag­li­che, kol­lek­tiv­ver­trag­li­che oder ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen ver­pflich­ten die Be­klag­te nicht zur Zu­wei­sung von Nach­diens­ten an die Kläge­rin. Der Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en, Be­stim­mun­gen des Haus­ta­rif­ver­tra­ges, der Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 01.08.2011 oder ge­setz­li­che Vor­schrif­ten le­gen nicht fest, in wel­chem Ar­beits­zeit­re­gime die Be­klag­te die Kläge­rin ein­zu­set­zen hat.
Der Ar­beits­ver­trag vom 17.09.1982 ver­pflich­tet die Be­klag­te nur zu de­ren Ein­satz als Kran­ken­schwes­ter im Schicht­dienst, oh­ne dass Nacht­diens­te aus­drück­lich erwähnt wer­den. Selbst wenn sich die von der Kläge­rin ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung nach den vie­len Jah­re ih­rer Schicht­ar­beit ein­sch­ließlich Nacht­diens­ten auf ei­ne der­ar­ti­ge Tätig­keit kon­kre­ti­siert hätte, wie die Be­klag­te in der münd­li­chen Ver­hand­lung aus­geführt hat, be­gründe­te dies al­len­falls ein Ver­trau­en
der Kläge­rin, auch künf­tig im Rah­men der Schicht­ar­beit zur Nacht­ar­beit her­an­ge­zo­gen zu wer­den, nicht aber ei­ne Ver­pflich­tung der Be­klag­ten, die Kläge­rin auch dann im Nacht­dienst zu beschäfti­gen, wenn de­ren ge­sund­heit­li­che Kon­sti­tu­ti­on dies nicht mehr zulässt. Ei­ne Her­aus­nah­me der Kläge­rin aus den Nacht­schich­ten im Rah­men der Dienst­plan­ge­stal­tung war der Be­klag­ten nach dem Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en auch oh­ne wei­te­res möglich, oh­ne dass es hierfür ei­ner Ände­rungskündi­gung be­durf­te, wie die Be­klag­te ge­meint hat.
So­weit § 6 Abs. 5 TV-EvB ei­ne Ver­pflich­tung der Kläge­rin zur Leis­tung von Nacht­ar­beit be­gründet, lässt sich dar­aus eben­falls kei­ne Bin­dung der Be­klag­ten an ei­nen der­ar­ti­gen Ein­satz der Kläge­rin her­lei­ten.
In § 3 Abs. 4 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 01.08.2011 ist zwar grundsätz­lich ein gleichmäßiger, ro­tie­ren­der Ein­satz der Beschäftig­ten in Früh-, Spät- und Nacht­diens­ten vor­ge­se­hen, je­doch aus­drück­lich auch be­stimmt, dass in­di­vi­du­el­le Wünsche bei der Dienst­plan­ge­stal­tung zu berück­sich­ti­gen sind, so­fern be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se oder be­rech­tig­te Be­lan­ge an­de­rer Beschäftig­ter nicht ent­ge­gen­ste­hen. Dass be­trieb­li­che Er­for­der­nis­se in dem 1000-Bet­ten-Haus der Be­klag­ten ei­ner Her­aus­nah­me der Kläge­rin aus dem Nacht­dienst ent­ge­gen­ste­hen, der bis­her durch­schnitt­lich nur 2,2 Schich­ten im Mo­nat be­inhal­te­te, war nicht er­kenn­bar. Die Be­klag­te hat we­der vor­ge­tra­gen, dass knap­pe per­so­nel­le Ka­pa­zitäten in den ggfs. in Fra­ge kom­men­den Ab­tei­lun­gen ei­nen der­art ein­ge­schränk­ten Ein­satz der Kläge­rin im Schicht­dienst unmöglich mach­ten, noch hat sie aus­geführt, auf­grund wel­cher durch die Her­aus­nah­me der Kläge­rin aus dem Nacht­dienst ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Be­las­tun­gen ihr dies unmöglich wäre. Auch be­rech­tig­te Be­lan­ge an­de­rer Beschäftig­ter hat die Be­klag­te nicht in der er­for­der­li­chen kon­kre­ten Wei­se vor­ge­tra­gen. Zwar wer­den bei dau­ern­der Her­aus­nah­me der Kläge­rin aus dem Nacht­dienst an­de­re Beschäftig­ten ver­mehrt zu Nacht­schich­ten her­an­ge­zo­gen. Die Be­klag­te hat in­des nicht aus­geführt, dass da­durch die in § 3 Abs. 6 der Be­triebs­ver­ein­ba­rung be­stimm­ten Vor­ga­ben für die Schicht­fol­gen im Nacht­dienst über­schrit­ten würden. Die Be­klag­te war des­halb in der La­ge, die in­di­vi­du­el­len Wünsche der Kläge­rin, die sich aus ih­rer Nacht­dienst­un­taug­lich­keit er­ga­ben, zu berück­sich­ti­gen. Auch die Re­ge­lun­gen in der Be­triebs­ver­ein­ba­rung ver­pflich­te­ten die Be­klag­te da­her nicht zu ei­nem Ein­satz der Kläge­rin in Nacht­diens­ten. Der Be­triebs­rat könn­te im Rah­men sei­nes Mit­be­stim­mungs­rechts die Be­klag­te eben­falls nicht ver­pflich­ten, die Kläge­rin ent­ge­gen der be­ste­hen­den Nacht­dienst­un­taug­lich­keit in der Nacht­schicht ein­zu­set­zen.
Die Nacht­dienst­un­taug­lich­keit be­gründe­te ein bei der Pla­nung des zeit­li­chen Ein­sat­zes der Beschäftig­ten im Rah­men der Dienst­plan­ge­stal­tung durch die Be­klag­te zu be­ach­ten­des In­ter­es­se der Kläge­rin, sie nicht mehr für Nacht­diens­te ein­zu­tei­len. Für die Berück­sich­ti­gung die­ses In­ter­es­ses der Kläge­rin spra­chen zu­dem ihr Le­bens­al­ter von 49 Jah­ren, ih­re seit 29 ½ Jah­ren währen­de Be­triebs­zu­gehörig­keit und die Tat­sa­che, dass sie jahr­zehn­te­lang für die Be­klag­te im Schicht­dienst auch Nacht­schich­ten ge­leis­tet hat­te. Auch war ih­re in­fol­ge ge­sund­heit­li­cher Be­ein­träch­ti­gung be­gründe­te Unfähig­keit, Nacht­diens­te zu leis­ten, nach § 106 Satz 3 Ge­wO bei der Er­mes­sens­ausübung der Be­klag­ten als Be­hin­de­rung zu berück­sich­ti­gen. Auf Sei­ten der Be­klag­ten wa­ren dem­ge­genüber kei­ne we­sent­li­chen be­trieb­li­chen Be­lan­ge fest­stell­bar, die ei­ner Ein­pla­nung der Kläge­rin in die Dienst­pläne oh­ne Ab­leis­tung von Nacht­schich­ten ent­ge­gen­stan­den. Al­lein das In­ter­es­se der Be­klag­ten an ei­ner gleichmäßigen Schicht­ein­tei­lung be­gründe­te ge­genüber der zu berück­sich­ti­gen­den Leis­tungs­ein­schränkung der Kläge­rin kein we­sent­li­ches be­trieb­li­ches Bedürf­nis der Be­klag­ten. Schon auf­grund der Größe ih­res Be­trie­bes und des ge­rin­gen Um­fang der bei Aus­fall der Kläge­rin auf an­de­re Beschäftig­te um­zu­ver­tei­len­den Nacht­diens­te war es der Be­klag­ten möglich und zu­mut­bar, die Kläge­rin im Schicht­dienst oh­ne Nacht­schich­ten zu beschäfti­gen. Wirt­schaft­li­che Be­lan­ge der Be­klag­ten oder In­ter­es­sen an­de­rer Beschäftig­ter, die dem ent­ge­gen ge­stan­den hätten, wa­ren man­gels kon­kre­ter An­ga­ben der
Be­klag­ten nicht fest­stell­bar. Die Be­klag­te hätte des­halb bei ih­rer Dienst­plan­ge­stal­tung die Kläge­rin von der Ab­leis­tung von Nacht­schich­ten aus­neh­men müssen. Da sie dies nicht tat, so­lan­ge sie die Kläge­rin mit ih­rer Leis­tungs­ein­schränkung beschäftig­te, ent­sprach ih­re Er­mes­sens­ausübung nicht der Bil­lig­keit. Die von der Be­klag­ten nach § 106 Satz 1 Ge­wO vor­zu­neh­men­de Be­stim­mung der zeit­li­chen La­ge der Ar­beits­leis­tung der Kläge­rin war so­mit gemäß § 315 Abs. 3 Satz 2 BGB durch Ur­teil zu tref­fen.
Die Kläge­rin hat nach §§ 611, 615, 293 BGB in Ver­bin­dung mit dem Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en An­spruch ge­gen die Be­klag­te auf Zah­lung rest­li­chen Ar­beits­ent­gelts für die Mo­na­te Ju­li, Au­gust, Sep­tem­ber und Ok­to­ber 2012 in un­strei­ti­ger Höhe von 9.665,16 € brut­to abzüglich be­zo­ge­nen Ar­beits­lo­sen­gel­des von 3.525,95 € aus An­nah­me­ver­zug ein­sch­ließlich der be­gehr­ten Zin­sen.
Kommt der Dienst­be­rech­tig­te mit der An­nah­me der Diens­te in Ver­zug, so kann der Ver­pflich­te­te für die in­fol­ge des Ver­zugs nicht ge­leis­te­ten Diens­te gemäß § 615 Satz 1 BGB die ver­ein­bar­te Vergütung ver­lan­gen, oh­ne zur Nach­leis­tung ver­pflich­tet zu sein.
Nach § 293 BGB kommt der Gläubi­ger in Ver­zug, wenn er die ihm an­ge­bo­te­ne Leis­tung nicht an­nimmt. Da­bei be­darf es nach § 294 BGB ei­nes tatsächli­chen An­ge­bo­tes der Leis­tung so, wie die­se zu be­wir­ken ist. Nach § 295 Satz 1 BGB genügt ein wört­li­ches An­ge­bot des Schuld­ners, wenn der Gläubi­ger ihm erklärt hat, dass er die Leis­tung nicht an­neh­men wer­de. Nach dem Ur­teil des BAG vom 19.05.2010 – 5 AZR 162/09 – (EzA § 615 BGB 2002 Nr. 33) so­wie dem Ur­teil des LAG Ber­lin-Bran­den­burg vom 06.06.2012 – 4 Sa 2152/11 – (NZA-RR 2012, S. 624 ff.) ist al­ler­dings das An­ge­bot ei­ner „lei­dens­ge­rech­ten“ Tätig­keit durch den Ar­beit­neh­mer oh­ne Be­lang, wenn die­ser ei­ne im Ar­beits­ver­trag nur rah­menmäßig be­schrie­be­ne Tätig­keit, die vom Ar­beit­ge­ber im Rah­men der Ausübung sei­nes Di­rek­ti­ons­rechts wirk­sam näher be­stimmt wor­den ist, nicht mehr ausüben, aber ei­ne an­de­re, im Rah­men der ar­beits­ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung lie­gen­de Tätig­keit ver­rich­ten kann, so­lan­ge der Ar­beit­ge­ber nicht durch Neu­ausübung sei­nes Di­rek­ti­ons­rechts die­se zu der i.S.v. § 294 BGB zu be­wir­ken­den Ar­beits­leis­tung be­stimmt hat.
Die Kläge­rin hat ih­re Ar­beits­leis­tung der Be­klag­ten gemäß §§ 294, 295 BGB wirk­sam an­ge­bo­ten. Da­bei war sie nicht im Sin­ne von § 297 BGB un­vermögend, die ver­trag­lich ge­schul­de­te Leis­tung als Kran­ken­schwes­ter im Schicht­dienst zu er­brin­gen.
Die Kläge­rin hat der Be­klag­ten mit ih­rem Schrei­ben vom 14.06.2012 ih­re Ar­beits­leis­tung aus­drück­lich an­ge­bo­ten, nach­dem sie nach dem Frühdienst am 12.06.2012 vom Pfle­ge­di­rek­tor mit der Ver­si­che­rung nach Hau­se ge­schickt wor­den war, sie wer­de in den nächs­ten 6 Wo­chen Lohn­fort­zah­lung er­hal­ten. Dar­aus ging her­vor, dass die Be­klag­te die Kläge­rin nicht mehr beschäfti­gen woll­te, wes­halb gemäß § 295 BGB ein wört­li­ches An­ge­bot genügte.
Das An­ge­bot der Kläge­rin er­folg­te auch in der von § 294 BGB ver­lang­ten Art und Wei­se. Die Kläge­rin hat in ih­rem Schrei­ben nicht nur ih­re Ar­beits­leis­tung an­ge­bo­ten, son­dern auch erklärt, dass sie nicht ar­beits­unfähig sei und ih­ren Dienst­ver­pflich­tun­gen hin­sicht­lich der Früh/Spät/Zwi­schen/Wo­chen­end- und Fei­er­tags­diens­te nach­kom­men könne. Das Un­ter­blei­ben ei­nes An­ge­bots zur Leis­tung von Nacht­diens­ten in dem Schrei­ben ver­mag nicht die Wer­tung zu be­gründen, dass die Kläge­rin da­mit ei­ne an­de­re als die bis­her ver­rich­te­te Tätig­keit als Kran­ken­schwes­ter im Schicht­dienst an­bot. Viel­mehr han­del­te es sich bei ih­rem An­ge­bot um die­sel­be Tätig­keit, die sie auch zu­vor ver­rich­tet hat­te, die sie nun­mehr aber – be­dingt durch die er­for­der­li­che Me­di­ka­men­ten­ein­nah­me - nur noch in ei­nem ein­ge­schränk­ten Zeit­fens­ter, nämlich oh­ne Ab­leis­tung von Nacht­schich­ten, ver­rich­ten konn­te. Al­lein die Tat­sa­che, dass die Be­klag­te den Ein­satz der Kran­ken­schwes­tern bis­her of­fen­bar aus­nahms­los tur­nus­gemäß in al­len Schich­ten ein­sch­ließlich der Nacht­schich­ten in ih­ren Dienst­plänen ein­plan­te, führ­te nicht da­zu, das Ar­beits­an­ge­bot der Kläge­rin als un­zu­rei­chend an­zu­se­hen. Die Kläge­rin schul­de­te nach ih­rem Ar­beits­ver­trag nur die Tätig­keit ei­ner Kran­ken­schwes­ter im Schicht­dienst, oh­ne dass dar­in ein Ein­satz in der Nacht­schicht aus­drück­lich ver­ein­bart war. Die Mo­nat für Mo­nat er­neut er­fol­gen­de Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts der Be­klag­ten hin­sicht­lich der zeit­li­chen La­ge der Ar­beits­zeit durch Ge­stal­tung der Dienst­pläne be­traf al­le Kran­ken­schwes­tern, nicht nur die Kläge­rin. Der Be­klag­ten war ei­ne Her­aus­nah­me der Kläge­rin aus den Nacht­diens­ten oh­ne wei­te­res möglich, wie be­reits aus­geführt. Des Ab­war­tens ei­ner er­neu­ten Ausübung des Di­rek­ti­ons­rechts der Be­klag­ten hin­sicht­lich der Dienst­plan­ge­stal­tung im Sin­ne der zi­tier­ten Recht­spre­chung be­durf­te es für die Wirk­sam­keit des Ar­beits­an­ge­bots sei­tens der Kläge­rin zu­dem schon des­halb nicht, weil selbst im Fal­le ei­ner Bei­be­hal­tung die­ser Dienst­plan­ge­stal­tung sei­tens der Be­klag­ten die Möglich­keit des Weg­tau­schens die­ser Diens­te für die Kläge­rin be­stand, wie die Pra­xis der Ver­gan­gen­heit zeigt.
Die Be­klag­te hat die von der Kläge­rin an­ge­bo­te­ne Ar­beits­leis­tung mit ih­rem Schrei­ben vom 12.07.2012 un­ter Hin­weis auf die ih­rer An­sicht nach be­ste­hen­de Ar­beits­unfähig­keit der Kläge­rin nicht an­ge­nom­men. Sie ist da­her in An­nah­me­ver­zug ge­ra­ten und der Kläge­rin zur Zah­lung der Vergütung für die in­fol­ge des Ver­zu­ges nicht ge­leis­te­ten Diens­te ver­pflich­tet.
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09/216 Ar­beits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung ver­kehrt her­um
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düs­sel­dorf hat in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil ent­schie­den, dass der ho­he "Be­weis­wert", der ei­ner ärzt­li­chen Ar­beits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung nach der Recht­spre­chung zu­kommt, ...