Source: http://festungsbauten.de/F/F_Sedan.htm
Timestamp: 2017-06-24 18:57:44
Document Index: 55276260

Matched Legal Cases: ['Art:\n12', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 4', 'Art. 5', 'Art. 2']

Der nachfolgende Text wurde dem Werk B. von Tiedemann, Der Festungskrieg im Feldzuge gegen Frankreich 1870-71, Berlin 1872 entmommen:
"Sedan liegt an der Eisenbahn von Thionville nach Meziéres, am Strassenkreuz dieser und der von Bouillon aus Belgien kommenden Strasse. Es hat 16.000 Einwohner und ist eine bedeutende Fabrikstadt. Das niedrig gelegene, wiesenreiche Vorterrain im Westen hat viele Wasserläufe zur Maas; welche die Festung durchströmt; eine Meile oberhalb Sedan, bei Remilly nimmt sie den Chiers auf. Im Osten steigt das Terrain zu stark bewaldeten Höhen an, welche der Annäherung von dort her ungünstig sind. Die Festung Sedan liegt auf dem rechten Ufer der Maas, gegenüber die Vorstadt Torcy, welche durch eine bastionirte aus vier Fronten bestehende Befestigung einge­schlossen ist. Dieser Brückenkopf ist durch ähnliche Anschlüsse mit der Hauptbefestigung verbunden; den Kern derselben bildet die stark profilirte Citadelle und das Schloss, in welchem 1622 der Marschall Turenne geboren wurde. Mehrere Hornwerke mit Ravelinen decken die Citadelle gegen Osten, vor welchen ein geräumiges Retranchement vorgeschoben ist, um das dortige sehr coupirte Terrain und die Strasse nach Lüttich unter Feuer zu nehmen. Die Gräben sind nur auf der niedriger liegenden Südfront nass und hier sowohl, wie in der übrigen Befestigung mit wohlerhaltenen Futtermauern eingefasst. Die Festung ist daher als vollkommen sturmfrei zu erachten und ein Angriff ohne besondere technische Vorbereitungen nicht ausführbar. Inzwischen sind die Mauerwerke bei den heutigen Leistungen der Artillerie nicht überall hinreichend gedeckt, um einen längeren Widerstand leisten zu können. Ebensowenig besitzt der Platz genügende bombensichere Unterkunftsräume für die Garnison und den Proviant und die räumliche Ausdehnung der Werke auf dem rechten Maasufer ist nicht der Art, um die erforderliche Anzahl von Truppen für grössere Ausfalloperationen aufnehmen zu können; eine Bedingung, wie sie die moderne Kriegsführung heutzutage bei einer Festung durchaus beansprucht.
Das Prinzenpalais und die Mauern der Zitadelle
Quelle: B. von Tiedemann, Der Festungskrieg im Feldzuge gegen Frankreich 1870-71, Berlin 1872
Schliesslich erwähnen wir, dass die Verproviantirung in keinem Falle so ausreichend vorhanden war, um die grossen französischen Heeresmassen, welche sich die Festung nothgedrungen als Stützpunkt ausersahen, auch nur während einiger Tage verpflegen zu können, so dass in dieser Hinsicht unmittelbar nach der Schlacht auf die Bestände der Nachbarfestung Meziéres conventionell zurückgegriffen werden musste.
Der Festung kann für sich allein eine besondere strategische Bedeutung nicht beigelegt werden; gleichwohl aber fand in ihrer un­mittelbaren Nähe und durch den Gang der militairischen Operationen unerwartet herbeigeführt, eine der bedeutendsten Schlachten des Feldzuges 1870 statt, die für den ferneren Verlauf desselben von den weittragendsten Folgen war.
Wir erinnern uns, dass unmittelbar nach den Schlachten um Metz die Bewegungen und Stärke der Mac Mahon‘schen Armee eine Zeitlang unbekannt geblieben waren; inzwischen hatte letztere Chalons erreicht und musste sich der Marschall auf ausdrücklichen Befehl des Kriegsministers Grafen Palikao von hier aus nordwärts wenden, mit dem Auftrage, die deutschen Heereskräfte zu theilen und den in Metz eingeschlossenen Marschall Bazaine zu entsetzen. Diesem gegenüber schlossen sich die deutschen Heere, welche im Vormarsch auf Paris begriffen waren, im Norden enger zusammen, deckten ihre rechte Flanke durch die Eisenbahnlinien Thionville-Montmedy-Sedan und drängten so die feindliche Armee von der Linie Stenay-Varennes nordostwärts in den engen Raum zwischen der Eisenbahn Meziéres-Sedan und der Grenze des neutralen Belgiens.
In Folge des von dem 1. baier., dem 4. preuss. und 12. Corps am 30. August erfochtenen Sieges bei Beaumont wurde die Lage der französ. Armee in jener Stellung bedenklicher und ihre Concentration in der unmittelbaren Umgebung von Sedan erforderlich; der Marsch nach Metz musste von diesem Zeitpunkt ab vollständig aufgegeben werden.
Kaserne der Zitadelle, heute ein Hotel
Innenhof der Zitadelle
Der Auvergne-Turm
Am 31. August wurden von Seiten der deutschen Armee diejenigen Bewegungen vorgenommen, welche zur Umschliessung des Feindes nothwendig waren; sie behielten mit ihm Fühlung und die Artillerie des 1. baierischen Armee-Corps hatte Gelegenheit, die auf Sedan sich anfänglich in einiger Ordnung, dann aber in völliger Auflösung zurück­ziehenden französischen Colonnen zu beschiessen.
Es war nicht unmöglich, dass die französischen Corps in und um Sedan sich trotzdem aus ihrer von der deutschen Armee sehr bedrohten, ebenfalls concentrirten Stellung durch einen schleunigen Abzug nach Westen oder Osten zu befreien suchen würden; deshalb musste deutscher Seits der Einschliessungsgürtel ohne Unterbrechung noch enger gezogen werden.
Demzufolge standen am Abend des 31. August resp. in der darauf folgenden Nacht die deutschen Armeen wie folgt:
IV. Armee. — Rechter Flügel:
Das Gardecorps bei Carignan, auf dem rechten Ufer des Chiers.
Das 12. (Königlich sächsische) Corps bei Mairy.
Das 4. Corps auf dem linken Ufer der Maas bei Sedan. III. Armee. — Linker Flügel:
Das 1. baierische Corps bei Remilly.
Das 2. baierische Corps bei Rancourt.
Das 5. preussische Corps bei Chaery.
Das 11. preussische Corps bei Donchery.
Die Königlich würtembergische Division bei Boutaucourt.
Das 6. Armeecorps in Reservestellung bei Attigny und Semuy dazu bereit, einen eventuellen Abmarsch des Feindes nach Westen zu verlegen. Dieser deutschen Position gegenüber standen in der erwähnten Nacht die Franzosen in folgender Art:
12. Corps (General Lebrun) bei La Moncelle, Platinère und Pet. Moncelle.
Im Centrum auf den Höhen von Daigny und zwischen La Moncelle und Givonne das 1. Corps (General Ducrot). Das 5. Corps (General Wimpffen) auf den Höhen, welche den Grund von Givonne beherrschen, lehnte sich rechts an das 1. und links an das 3. Corps.
das 3. Corps (General Douay) von Floing bis zum Hügel von Illy.
Die Stellung beschrieb einen Bogen um Sedan in der Richtung von Südwest nach Nordwest und dehnte sich in einer Linie von 5 Kilometern aus, etwa 4 Kilometer von der Festung entfernt.
Rampe zum Innenhof
Kaserne Turenne
Weg zur Bastion du Roy
Demzufolge fand sich noch, immer eine offene Lücke im Osten, durch welche die französische Armee, wenn auch in aufgelöster Ordnung, die belgische Grenze erreichen konnte; sie nahm indessen die Schlacht an und jene Lücke wurde thatsächlich erst im Laufe des Nachmittags vom 1. September bei Illy durch die Garde und das 5. Corps geschlossen.
Am Morgen des 1. September fing die Schlacht durch allgemeines Vorrücken der deutschen Corps gegen die französische Stellung an. Se. Majestät der Kaiser und König hielt auf dem Hügel bei Frenois. Lassen wir in Nachstehendem nur die Hauptmomente des heissen Schlachttages folgen, wie sie der Zeit nach stattfanden.
Der Kampf begann Morgens 4 Uhr bei Bazeilles; dieser Ort wurde nach mehreren blutigen Angriffen genommen, der Feind durch das 1. baierische Corps und die Division Walther des 2. baierischen Corps über Balan zurückgeworfen. Kaiser Napoleon wohnte dem Kampf um Bazeille in unmittelbarer Nähe bei.
Von ½7 Uhr bis ½10 Uhr drehte sich der Kampf um die Position la Moncelle-Daigny; das 12. Corps, speciell die 23. Division nahm Moncelle; Daigny fiel erst um 12 Uhr, nach Betheiligung der 2. Garde-Division dem 12. Corps in die Hände. Die 23. Division verfolgte den errungenen Vortheil, die Garde umfasste die feindliche Flanke bei Illy. Alle Batterien fuhren auf die erstürmten Anhöhen und gegen 100 Geschütze waren auf dem rechten Flügel in Thätigkeit. Wie bereits erwähnt, war die Verbindung des Gardecorps mit dem 5. Corps bei Illy um 3 Uhr erfolgt.
Auf dem linken. Flügel der vereinten deutschen Armeen nahm das 11. Corps Monges und drängte den Feind auf seine starke Stel­lung zwischen Floing und Illy zurück; hier erhielt derselbe Rückenfeuer von den baierischen Batterien, welche auf dem linken Ufer der Maas, nördlich und nordöstlich von Frenois, aufgestellt waren.
Grafitti aus dem 2. Weltkrieg
Graffiti von 1870 ?
Tor mit Zugangsrampe zum Innenhof
Die Corpsartillerie des 11. und 5. Corps griff bei Fleigneux auf das Wirksamste in die Schlacht ein; das 11. Corps und die 19. Infanteriebrigade nahmen um 1 Uhr Mittags Floing; es fanden heftige feindliche aber erfolglose Cavallerieangriffe statt.
Um 3 Uhr war der Feind von verschiedenen Seiten im vollen Rückzuge auf Sedan, nachdem Illy genommen und das Bois de la Garenne für den Feind verloren war.
Während der Schlacht wurden gegen 25.000 Gefangene, theils durch die IV. Armee, theils von den baierischen Truppen, dem 11. und 5. Corps gemacht und 25 Geschütze, 7 Mitrailleusen, 2 Fahnen, 1 Adler erbeutet.
Französischer Seits war gleich beim Beginne der Schlacht Marschall Mac Mahon, im Verlauf derselben deutscher Seits der interimistische Commandeur des 11. Armeecorps, General von Gersdorf, schwer verwundet. Den französischen Oberbefehl übernahm anfänglich General Ducrot, später laut kriegsministerieller Ordre der im Dienst ältere General Wimpfen; jener traf auf Grund vom Marschall erhaltener Instruction seine Dispositionen zum Rückzug auf Meziéres, dieser hob sie wieder auf. Aus den Bewegungen der Franzosen war daher während der Schlacht die Absicht zu erkennen, sich anfänglich nach Westen, dann nach Osten durchschlagen zu wollen. Um Sedan standen schliesslich 4-500 deutsche Geschütze im Feuer. Die Festung selbst wurde nur während der späteren Nachmittagsstunden auf kurze Zeit durch baierische Batterien beschossen, wodurch ein Fouragemagazin in Brand gerieth. Der Kaiser Napoleon wurde gefangen und die französische Armee, völlig umschlossen von doppelter Ueberlegenheit, ohne Möglichkeit sich durchzuschlagen oder längeren Widerstand zu leisten, musste nach Abhaltung eines Kriegsrathes unter Vorsitz des Generals Wimpfen capituliren; die Unterhandlungen wurden im Schlosse Bellevue bei Frenois geführt und am 2. September Mittags abgeschlossen.
Ausser den am Tage vorher gemachten Gefangenen fielen dadurch weitere 83.000 Mann, 14.000 französische Verwundete, 400 Feldgeschütze, inclusive 70 Mitrailleusen, nebst vielen Pferden und Kriegsmaterial, die Festung Sedan mit 184 Festungsgeschützen in die Hände des Siegers.
Zum Beweise dafür, dass zwischen den französischen Heerführern bei Sedan und in Metz eine Verbindung bestand, führen wir hier der Vollständigkeit wegen an, dass auch am 31. August und 1. September heftige Kämpfe bei letzterer Festung zum Zwecke eines Durchbruchs der Bazaine'schen Armee stattfanden.
Da die Convention von Sedan bei verschiedenen anderen ähnlichen Gelegenheiten im Laufe des Feldzuges zum Muster genom­men wurde, so lassen wir hier deren Wortlaut folgen:
Zwischen den Unterzeichneten, dem Generalstabschef des Königs Wilhelm von Preussen, Oberfeldherrn der deutschen Armeen, und dem General en chef der französischen Armee, beide mit Vollmachten von Ihren Majestäten dem Könige Wilhelm und dem Kaiser Napoleon versehen, ist die nachstehende Convention abgeschlossen worden:
Art. 1. Die französische Armee, unter dem Oberbefehl des General Wimpffen, giebt sich, da sie gegenwärtig von überlegenen Truppen bei Sedan eingeschlossen ist, kriegsgefangen.
Art. 2. In Rücksicht auf die tapfere Vertheidigung dieser französischen Armee erhalten alle Generale, Offiziere und im Range von Offizieren stehende Beamte die Freiheit, sobald dieselben schriftlich ihr Ehrenwort abgeben, bis zur Beendigung des gegenwärtigen Krieges die Waffen nicht wieder zu ergreifen und in keiner Weise den Interessen Deutschlands zuwider zu handeln. Die Offiziere und Beamten, welche diese Bedingungen annehmen, behalten ihre Waffen und ihre ihnen persönlich gehörigen Effecten. Art. 3. Alle Waffen und Kriegsmaterial, bestehend in Fahnen, Adlern, Kanonen, Munition etc. werden in Sedan einer von dem französischen General eingesetzten militairischen Commission übergeben, die sie sofort den deutschen Commissionen überantworten wird. Art. 4. Die Festung Sedan wird in ihrem gegenwärtigen Zustande und spätestens am 2. September zur Disposition Sr. Majestät des Königs von Preussen gestellt. Art. 5. Die Offiziere, welche nicht die im Art. 2 erwähnte Verpflichtung eingegangen sind, sowie die Truppen werden entwaffnet und geordnet nach ihren Regimentern oder Corps in militairischer Ordnung übergeben. Diese Maassregel wird am 2. September anfangen und am 3. d. beendet sein. Es werden diese Detaschements auf das Terrain geführt, welches durch die Maas bei Iges begrenzt ist, um den deutschen Commissären durch die Offiziere übergeben zu werden, welche dann ihr Commando ihren Unteroffizieren abtreten. Die Stabsärzte sollen ohne Ausnahme zur Pflege der Verwundeten zurückbleiben. Gegeben zu Fresnois, am 2. September 1870. von Moltke. — Graf Wimpffen.