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Timestamp: 2016-10-27 22:57:49
Document Index: 21550801

Matched Legal Cases: ['BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

U 494/05 (21.04.2006)
U 494/05
W.________, 1950, Beschwerdef�hrerin, vertreten durch Rechtsanwalt Hans Suppiger, Seidenhofstrasse 12, 6003 Luzern,
W.________, geboren 1950, war seit 1. September 2001 als Sachbearbeiterin in der Gemeindeverwaltung X.________ t�tig und bei den Winterthur Versicherungen (Winterthur) obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunf�llen versichert. Am 30. Januar 2003 geriet sie als Lenkerin eines Personenwagens auf einer mit Schneematsch bedeckten Strasse ins Schleudern und kollidierte r�ck- und seitw�rts mit einem Langholzstapel am Strassenrand. Nachdem sie zun�chst (mit einem Ersatzwagen) zu ihrem Arbeitsort gefahren und ihre Arbeit aufgenommen hatte, suchte sie im Verlauf des gleichen Tages notfallm�ssig das Permanence Medical Center Z.________ auf. Die dortigen �rzte stellten vor allem eine Subluxation der Lendenwirbels�ule (LW3) fest und �berwiesen W.________ zur weiteren Beurteilung und allf�lligen Therapie ins Spital Y.________. Vom 30. Januar bis 3. Februar 2003 war W.________ in der Klinik f�r Orthop�die des Spitals Y.________ hospitalisiert, wo eine Distorsion der LWS bei vorbestehender Spondylosisthesis LWK 3/2 festgestellt wurde. Hinweise auf unfallbedingte strukturelle Sch�digungen fanden sich keine. Nach Mobilisierung unter Analgesie konnte sie "gut mobil" nach Hause entlassen werden (Bericht vom 3. Februar 2003). Die anschliessende physiotherapeutische und medikament�se Behandlung f�hrte nur zu einer langsamen Besserung der Beschwerden; ein Arbeitsversuch anfangs April 2003 musste nach wenigen Stunden abgebrochen werden (Bericht des Hausarztes Dr. med. I.________, Allgemeine Medizin FMH, vom 23. April 2003).
Vom 16. Juni bis 14. Juli 2003 war W.________ im Zentrum A.________ in station�rer Behandlung. Im Austrittsbericht vom 4. August 2003 sind als Diagnosen (1) ein chronisches lumbovertebrales Syndrom mit/bei muskul�rer Dysbalance, degenerativen Ver�nderungen (Osteochondrose L1-4), Retrolisthesis L2, Status nach Autounfall mit LWS-Distorsion, (2) ein chronisches cervicovertebrales Syndrom bei Fehlhaltung, degenerativen Ver�nderungen (Osteochondrose C5-C6, Unkovertebralarthrose C5-C7) und Diskusprotrusion (C6/7 und C5/6) sowie (3) ein Status nach HWS-Distorsion am 31. Januar 2003 und vor 28 Jahren aufgef�hrt. Die �rzte attestierten eine vollst�ndige Arbeitsunf�higkeit ab 15. Juli 2003 f�r drei Wochen (Austrittsbericht vom 4. August 2003). Ende August 2003 verlor W.________ ihre Arbeitsstelle.
Ab 29. Oktober 2003 war W.________ im Zentrum B.________ in ambulanter Behandlung. Diagnostisch wurden ein chronisches cervicozephales und lumbovertebrales Schmerzsyndrom bei Status nach Verkehrsunfall und Schleudertrauma sowie degenerativen Ver�nderungen, klimakterische Beschwerden, eine depressive Verstimmung, eine floride Steatohepatitis, rezidivierende Oesophagitiden sowie ein Status nach Migr�ne bis 1988 festgestellt.
Nach Gew�hrung des rechtlichen Geh�rs verf�gte die Winterthur am 4. Dezember 2003 die Einstellung ihrer Leistungen per 30. September 2003, da der status quo ante sp�testens sechs Monate nach dem Unfall erreicht worden und die HWS-Problematik nicht unfallbedingt sei. W.________ liess hiegegen Einsprache erheben, worauf die Winterthur eine Stellungnahme ihres beratenden Dr. med. H.________, FMH f�r Chirurgie, vom 29. Januar 2004 einholte. Nachdem W.________ einen Bericht des Dr. med. S.________, Neurologie FMH, vom 7. Januar 2004 aufgelegt hatte, ersuchte die Winterthur Dr. med. H.________ um eine weitere Beurteilung vom 27. Februar 2004 und wies die Einsprache am 27. April 2004 ab, wobei sie ihre Leistungspflicht bis 31. Januar 2004 anerkannte.
W.________ liess gegen die von der Winterthur verf�gte Leistungseinstellung Beschwerde f�hren, welche das Verwaltungsgericht des Kantons Luzern am 11. November 2005 abwies.
Mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde l�sst W.________ die weitere Erbringung der "gesetzlichen Leistungen" beantragen.
Das kantonale Gericht hat die Rechtsprechung zu dem f�r die Leistungspflicht des Unfallversicherers vorausgesetzten nat�rlichen Kausalzusammenhang (BGE 119 V 337 Erw. 1), zur Beweislastverteilung bez�glich des Wegfalls eines urs�chlichen Zusammenhangs zwischen einem Unfall und gesundheitlichen Beschwerden (RKUV 2000 Nr. U 363 S. 45, 1994 Nr. U 206 S. 328), zum Beweisgrad der �berwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, mit Hinweisen; vgl. 130 III 324 f. Erw. 3.2 und 3.3) sowie zum Beweiswert �rztlicher Berichte und Gutachten (BGE 125 V 352 Erw. 3a) zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.
Richtig ist auch, dass die Leistungspflicht des Unfallversicherers erst entf�llt, wenn entweder ein (krankhafter) Zustand, wie er unmittelbar vor dem Unfall bestanden hat (Status quo ante), oder aber derjenige Zustand, wie er sich nach dem schicksalsm�ssigen Verlauf eines krankhaften Vorzustandes auch ohne den Unfall fr�her oder sp�ter eingestellt h�tte (Status quo sine), erreicht ist (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 Erw. 3b, 1992 Nr. U 142 S. 75 Erw. 4b, je mit Hinweisen).
2.1 Die Vorinstanz erwog, es k�nne davon ausgegangen werden, dass der Autounfall naturgem�ss zu einer gewissen Ersch�tterung der HWS gef�hrt habe. Innert der Latenzzeit von 72 Stunden sei aber kein f�r HWS-Traumen typisches buntes Beschwerdebild dokumentiert, weshalb eine klinisch relevante HWS-Distorsion unwahrscheinlich und auch nicht �berwiegend wahrscheinlich sei, dass die persistierenden HWS-Beschwerden auf den Unfall zur�ckgingen. Von einer neuropsychologischen Begutachtung k�nne abgesehen werden, da Konzentrations- und Ged�chtnisst�rungen verschiedene Ursachen haben k�nnten und keinen Schluss auf eine nat�rliche Kausalit�t zuliessen.
Demgegen�ber bringt die Beschwerdef�hrerin vor, sie leide an unfallbedingten massiven psychischen Beeintr�chtigungen und kognitiven Leistungsdefiziten. Diese seien weiter abzukl�ren, was die Vorinstanz in Verletzung des rechtlichen Geh�rs unterlassen habe. Allein schon aus psychischen Gr�nden sei sie vollst�ndig arbeitsunf�hig.
2.2.1 Dass sich die Versicherte eine HWS-Distorion zugezogen hat, kann - wie die Vorinstanz zutreffend erw�gt - aufgrund des Unfallmechanismus nicht ausgeschlossen werden (Gutachten inklusive Fotodokumentation der Firma E.________ AG, vom 7. Februar 2003; Schreiben des Dr. med. I.________ vom 21. Juli 2004). Indessen wird eine solche in den zeitnahe zum Unfall erstellten Aufzeichnungen nicht erw�hnt (Berichte der Permanence Medical Center Z.________ 30. Januar 2003, des Spitals Y.________, Klinik f�r Orthop�die, vom 3. Februar, 26. M�rz und 15. April 2003, des Dr. med. I.________ vom 18. M�rz 2003), sondern findet erstmals im Schreiben des Zentrums A.________ vom 30. Juni 2003 ("Status nach HWS-Distorsion") Eingang in die Akten. Hingegen zeigte eine am 3./4. April 2003 im Spital Y.________ durchgef�hrte Magnetresonanzuntersuchung teilweise massive degenerative Ver�nderungen an HWS und LWS, so dass die dortigen �rzte zur Einsch�tzung gelangten, die Beschwerden k�men "am ehesten aufgrund der traumatisierten degenerativen Wirbels�ule zustande" (Bericht vom 15. April 2003). Dass bereits vor dem Unfall gewichtige degenerative Ver�nderungen bestanden, die sp�testens seit 1992 zu R�ckenschmerzen und im Jahre 1998 zu einer station�ren Rehabilitation f�hrten, ergibt sich auch aus den weiteren Akten.
2.2.2 Ob die erst einige Zeit nach dem Unfall erstellten �rztlichen Aufzeichnungen, wonach die Versicherte eine HWS-Distorsion erlitten und bereits am 17. Februar 2003 - neben Schmerzen im Bereich der LWS - �ber Nackenbeschwerden geklagt habe (Schreiben des Dr. med. I.________ an den Rechtsvertreter der Versicherten vom 16. Dezember 2003), als zuverl�ssige �rztliche Angaben gen�gen, aufgrund derer eine Schleuderverletzung als gesichert angenommen werden darf (BGE 119 V 340 Erw. 2b/aa), ist fraglich. Immerhin sind Formulierungen in Arztberichten wie "Status nach Distorsionstrauma der Halswirbels�ule" nur eine anamnestische Feststellung und stellen als solche keine hinreichende Aussage zur Kausalit�t dar (Urteil B. vom 16. Juni 2005, U 264/04, auszugsweise publiziert in HAVE 2005, S. 351). Wie es sich damit verh�lt, kann indessen aus den nachfolgend dargelegten Gr�nden dahingestellt bleiben.
2.3 Nach den zutreffenden Erw�gungen im angefochtenen Entscheid finden sich in den im Anschluss an den Unfall erstellten medizinischen Aufzeichnungen - insbesondere auch in den Berichten des Spitals Y.________, wo die Versicherte die ersten Tage nach dem Unfall hospitalisiert war - keine Hinweise auf ein f�r Schleuder- oder �hnliche Verletzungen typisches buntes Beschwerdebild (dazu BGE 117 V 360 Erw. 4b). Auch dem Schreiben des Dr. med. I.________ vom 21. Juli 2004 l�sst sich nicht entnehmen, dass innert der Latenzzeit von ungef�hr drei Tagen typische vielf�ltige Beeintr�chtigungen oder zumindest Beschwerden in der Halsregion oder an der Halswirbels�ule aufgetreten w�ren. Der Hausarzt erkl�rte lediglich, zus�tzliche Beschwerden wie Schwindel, Konzentrationsst�rungen und depressive Symptome seien im Mai 2003 - also mehrere Monate nach dem Unfall - aufgetreten. Damit aber k�nnen diese Beeintr�chtigungen nicht mehr nat�rlich kausal auf den Unfall vom 30. Januar 2003 zur�ckgef�hrt werden.
Bei dieser Sachlage hat die Vorinstanz zu Recht auf eine Pr�fung der Ad�quanz verzichtet. Die R�ge der Beschwerdef�hrerin, das kantonale Gericht habe sich in Verletzung des rechtlichen Geh�rs nicht �ber die Eindr�cklichkeit des Unfalls und dessen Begleitumst�nde ge�ussert, ist unbegr�ndet. Auf weitere �rztliche Abkl�rungen ist in antizipierter Beweisw�rdigung (vgl. SVR 2001 IV Nr. 10 S. 28 Erw. 4; BGE 124 V 94 Erw. 4b, 122 V 162 Erw. I/1d, mit Hinweisen) zu verzichten.
2.4.1 Medizinische Erfahrungss�tze k�nnen, zumindest soweit sie der herrschenden Lehrmeinung entsprechen, im Rahmen des Wahrscheinlichkeitsbeweises ber�cksichtigt werden. Dies gilt auch f�r den Erfahrungssatz, wonach traumatische Verschlimmerungen degenerativer Erkrankungen der Wirbels�ule in der Regel nach sechs bis neun Monaten, sp�testens aber nach einem Jahr als abgeschlossen zu betrachten sind und in F�llen, da die Beschwerden nach einer einfachen Kontusion l�nger dauern, oftmals eine psychische Anpassungsst�rung oder Fehlentwicklung dahinter steht (Urteil H. vom 18. September 2002, U 60/02, Erw. 3. 2, mit Hinweisen auf die medizinische Literatur).
2.4.2 Sowohl Dr. med. S.________ als auch Dr. med. H.________ sind der Ansicht, dass der Unfall vom 30. Januar 2003 zu einer Traumatisierung der vorgesch�digten HWS gef�hrt hat und die vorbestehenden degenerativen Ver�nderungen eine verz�gerte R�ckbildung der Beschwerden erkl�ren k�nnten (Bericht vom 7. Januar 2004; Beurteilungen vom 29. Januar und 27. Februar 2004). Dass es sich bei Dr. med. H.________ um einen beratenden Arzt der Beschwerdegegnerin handelt, ist im �brigen kein Grund, auf mangelnde Objektivit�t seiner Ausf�hrungen zu schliessen (vgl. BGE 125 V 353 Erw. 3b/ee mit Hinweis).
Zwar darf auch bei vorbestehenden degenerativen Ver�nderungen, zumindest wenn eine HWS-Distorsion rechtsgen�glich nachgewiesen ist, nicht unbesehen angenommen werden, der Status quo sine werde automatisch innert einiger Monate erreicht (Urteil A. vom 17. M�rz 2005, U 287/04). Indessen waren im Falle der Beschwerdef�hrerin - davon abgesehen, dass eine Schleuderverletzung fraglich bleibt (Erw. 2.2.2 hievor) - nach �rztlicher Einsch�tzung die degenerativen Ver�nderungen allein in der Lage, ein dem heutigen vergleichbares Beschwerdebild hervorzurufen (Einsch�tzungen des Dr. med. H.________ vom 29. Januar 2004).
Wenn die Winterthur vor diesem Hintergrund angenommen hat, der status quo ante vel sine sei Ende Januar 2004 erreicht worden und ihre Leistungen ab diesem Datum eingestellt hat, ist dies umso weniger zu beanstanden, als unfallbedingte strukturelle L�sionen nicht nachgewiesen werden konnten, hingegen das Beschwerdebild zunehmend psychisch beeinflusst war (weshalb sich die Versicherte im weiteren Verlauf zu Frau R.________, in psychologische Behandlung begab) und die somatoforme Schmerzst�rung zur Chronifizierung des Beschwerdebildes beitrug (vgl. Berichte des Zentrums B.________ vom 5. November 2003, Einsch�tzung des Dr. med. C.________, Innere Medizin FMH, vom 24. November 2003, Bericht des Dr. med. S.________ vom 7. Januar 2004).