Source: http://www.migrationsrecht.net/nachrichten-rechtsprechung/egmr-konkretisiert-die-anforderungen-an-die-abschiebung-schwerkranker.html
Timestamp: 2017-02-23 18:39:35
Document Index: 324369416

Matched Legal Cases: ['EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'Art. 3', 'Art. 3', '§ 43', '§ 120']

EGMR konkretisiert die Anforderungen an die Abschiebung Schwerkranker
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Der EGMR hat mit Urteil der Große Kammer (EGMR, U. v. 13.12.2016 – Nr. 41738/10 – Paposhvili gg. Belgien) eine wichtige Entscheidung zum Schutz schwerkranker Personen vor Abschiebung getroffen. Der Gerichtshof hat entschieden, dass eine Abschiebung eines Schwerkranken vor dem Hintergrund des Art. 3 EMRK bereits dann nicht erfolgen darf, wenn stichhaltige Gründe dargelegt werden, dass der Betroffene mit einem realen Risiko konfrontiert würde, wegen des Fehlens angemessener Behandlung im Zielstaat der Abschiebung oder des fehlenden Zugangs zum Gesundheitssystem einer ernsten, raschen und unwiederbringlichen Verschlechterung seines Gesundheitszustands ausgesetzt zu sein, die zu intensivem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebenserwartung führen.
Ausgehend von seiner bisherigen Rechtsprechung stellt der Gerichthof nochmals klar, dass die Abschiebung einer schwerkranken Person nur in Ausnahmefällen eine Verletzung von Art. 3 EMRK (Verbot unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung) darstellt. Dies gilt auch wenn im Zielstaat die Verschlechterung der Lebenssituation oder eine Verkürzung der Lebenserwartung drohen. Der Gerichtshof sieht sich aber zu einer Klarstellung veranlasst: Eine Abschiebung ist nicht nur unzulässig, wenn der Tod des abzuschiebenden Ausländers unmittelbar bevorsteht. Besondere Ausnahmefälle, die einer Abschiebung entgegenstehen können sind auch dann anzunehmen, wenn schwerkranken Personen im Falle einer Abschiebung eine baldige und wesentliche Verschlechterung ihres Gesundheitszustands droht, die zu starkem Leiden oder einer erheblichen Verkürzung der Lebensdauer führt. Bei der Prüfung der Umstände im Zielstaat der Abschiebung ist insbesondere zu berücksichtigen, ob Betroffene auch tatsächlich Zugang zur notwendigen Behandlung im Zielstaat haben. Bei Zweifeln sind entsprechend der Entscheidung in Tarakhel gegen die Schweiz vom 04.11.2014 Garantien vom Zielstaat der Abschiebung einzuholen.
Der Gerichthof führt insoweit in seinem Urteil aus:
"183. The Court considers that the “other very exceptional cases” within the meaning of the judgment in N. v. the United Kingdom (§ 43) which may raise an issue under Article 3 should be understood to refer to situations involving the removal of a seriously ill person in which substantial grounds have been shown for believing that he or she, although not at imminent risk of dying, would face a real risk, on account of the absence of appropriate treatment in the receiving country or the lack of access to such treatment, of being exposed to a serious, rapid and irreversible decline in his or her state of health resulting in intense suffering or to a significant reduction in life expectancy. The Court points out that these situations correspond to a high threshold for the application of Article 3 of the Convention in cases concerning the removal of aliens suffering from serious illness....
191. Where, after the relevant information has been examined, serious doubts persist regarding the impact of removal on the persons concerned – on account of the general situation in the receiving country and/or their individual situation – the returning State must obtain individual and sufficient assurances from the receiving State, as a precondition for removal, that appropriate treatment will be available and accessible to the persons concerned so that they do not find themselves in a situation contrary to Article 3 (on the subject of individual assurances, see Tarakhel, cited above, § 120)."
Mainz, 25.01.2017