Source: http://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Sozialplanabfindung_Rentennaehe_BAG_1AZR475-07.html
Timestamp: 2020-07-10 02:01:13
Document Index: 205808819

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 127', '§ 143', '§ 144', '§ 236', '§ 236', '§ 236', '§ 236', '§ 236', '§ 112', '§ 6', '§ 112', '§ 75']

11. No­vem­ber 2008
ge­richts Schmidt, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft und Lin­sen­mai­er so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Zum­pe und Hay­en für Recht er­kannt:
Der am 23. No­vem­ber 1945 ge­bo­re­ne Kläger war bei der Be­klag­ten seit dem 1. Ok­to­ber 1979 zu ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ver­dienst von zu­letzt 2.616,00 Eu­ro beschäftigt. Seit dem 7. Fe­bru­ar 2002 ist er als Schwer­be­hin­der­ter mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 90 an­er­kannt. Die Be­klag­te schloss am 16. De­zem­ber 2004 mit dem Ge­samt­be­triebs­rat ei­nen Rah­men­so­zi­al­plan für künf­ti­ge Be­triebsände­run­gen (So­zi­al­plan). Die­ser enthält ua. fol­gen­de Re­ge­lun­gen:
„1. Persönli­cher Gel­tungs­be­reich
Die­ser So­zi­al­plan gilt für al­le Ar­beit­neh­mer im Sin­ne von § 5 Ab­satz 1 Be­trVG. Kei­ne An­wen­dung fin­det die­ser So­zi­al­plan auf
- Ar­beit­neh­mer, die im Zeit­punkt der Be­en­di­gung
des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf ei­ne un­ge­min­der­te Al­ters­ren­te (ge­setz­lich oder gleich­ge­stellt) ha­ben,
4. Ab­fin­dung für den Ver­lust des Ar­beits­plat­zes
4.1 Grund­satz:
Die Par­tei­en die­ses So­zi­al­plans sind übe­rein­stim­mend der Auf­fas­sung, daß die Si­che­rung des Ar­beits­verhält­nis­ses - auch auf ei­nem an­de­ren als
dem bis­he­ri­gen Ar­beits­platz - der Zah­lung ei­ner Ab­fin­dung vor­geht. Ar­beit­neh­mer, die während der Lauf­zeit die­ses So­zi­al­plans in­fol­ge ei­ner be­triebs­be­ding­ten Kündi­gung, ei­nes durch be­triebs­be­ding­te Gründe ver­an­laßten Auf­he­bungs­ver­tra­ges oder ei­ner durch be­triebs­be­ding­te Gründe ver­an­laßten Ei­genkündi­gung ih­ren Ar­beits­platz ver­lie­ren, und de­nen kein an­de­rer ver­gleich­ba­rer Ar­beits­platz schrift­lich an­ge­bo­ten wur­de, er­hal­ten je­doch ei­ne Ab­fin­dung für den Ver­lust des Ar­beits­plat­zes gemäß nach­fol­gen­der Re­ge­lung.
4.3 Be­rech­nung der Ab­fin­dung
Die Ab­fin­dung wird als Brut­to­ab­fin­dung ge­zahlt und be­rech­net sich nach fol­gen­der For­mel:
Be­triebs­zu­gehörig­keit x Fak­tor x Mo­nats­ein­kom­men = Ab­fin­dung
Al­ters­grup­pen Fak­tor
bis 29 Jah­re 0,30
30 - 34 0,35
35 - 39 0,40
40 - 44 0,50
45 - 49 0,55
50 - 54 0,60
55 und älter 0,65
4.4 Stei­ge­rungs­beträge
Die nach Zif­fer 4.3 er­mit­tel­te Ab­fin­dungs­sum­me erhöht sich bei Schwer­be­hin­der­ten und die­sen Gleich­ge­stell­ten um 4.000 € brut­to.
4.5 Ab­fin­dung bei vor­ge­zo­ge­ner Al­ters­ren­te
4.5.1 Al­ters­ren­te nach Ar­beits­lo­sig­keit
Ar­beit­neh­mer, die nach ei­nem in un­mit­tel­ba­rem An­schluß an die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses fol­gen­den Be­zug von Ar­beits­lo­sen­geld nach § 127 SGB III - sog. Ar­beits­lo­sen­geld 1 - An­spruch auf Al­ters­ren­te nach Ar­beits­lo­sig­keit ha­ben, er­hal­ten 50 % der Ab­fin­dung nach Ziff. 4.3, ggf. zzgl. der Stei­ge­rungs­beträge nach Ziff. 4.4. Ruht der Ar­beits­lo­sen­geld­an­spruch (§ 143 a SGB III) oder
wird ei­ne Sperr­frist (§ 144 SGB III) verhängt, so ist dies für die Ent­ste­hung des Ab­fin­dungs­an­spruchs unschädlich. Außer­dem er­hal­ten die­se Ar­beit­neh­mer für je­den Mo­nat der vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me der Al­ters­ren­te zum Aus­gleich von Ren­ten­ab­schlägen ei­nen Be­trag von 160 €.
Der Ar­beit­neh­mer ist be­rech­tigt, die Ab­fin­dung ganz oder teil­wei­se in die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung ein­zu­zah­len.
Güns­ti­ge­re be­trieb­li­che Re­ge­lun­gen, ins­be­son­de­re mit dem Ge­samt­be­triebs­rat ver­ein­bar­te Re­ge­lun­gen, blei­ben un­berührt.
Ar­beit­neh­mer, die in un­mit­tel­ba­rem An­schluß an die Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf ei­ne vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te (ge­setz­lich oder gleich­ge­stellt) mit Ab­schlägen ha­ben, er­hal­ten für je­den Mo­nat der vor­zei­ti­gen In­an­spruch­nah­me ei­ner sol­chen Al­ters­ren­te zum Aus­gleich der Ren­tenkürzung ei­ne Ab­fin­dungs-pau­scha­le in Höhe von 160 €, höchs­tens je­doch 9.600 € brut­to.“
Der Kläger hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ihm ste­he ein höhe­rer Ab­fin­dungs­be­trag zu. Er erfülle zu­min­dest die Vor­aus­set­zun­gen der Nr. 4.5.1 des So­zi­al­plans. Die Re­ge­lung in Nr. 4.5.2 des So­zi­al­plans führe zu ei­ner un­an­ge­mes­se­nen Be­nach­tei­li­gung älte­rer und schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer. Der Kläger hat zu­letzt be­an­tragt,
ha­ben“. Das er­gibt sich aus § 236a SGB VI (in der vom 1. Ja­nu­ar 2002 bis zum 31. De­zem­ber 2007 gülti­gen Fas­sung vom 19. Fe­bru­ar 2002) in Ver­bin­dung mit der dort ge­nann­ten An­la­ge 22. Die in § 236a Satz 1 SGB VI nor­mier­te Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren für den Be­zug der Al­ters­ren­te für schwer­be­hin­der­te Men­schen wur­de für den nach dem 31. De­zem­ber 1940 ge­bo­re­nen Kläger gemäß § 236a Satz 2 und 4 SGB VI in Ver­bin­dung mit der An­la­ge 22 auf 63 Jah­re an­ge­ho­ben. Die in § 236a Satz 5 SGB VI vor­ge­se­he­ne Fort­gel­tung der Al­ters­gren­ze ist für den Kläger nicht ein­schlägig. Zwar gehört er zu den bis zum 16. No­vem­ber 1950 ge­bo­re­nen Ver­si­cher­ten. Er war aber nicht, wie von § 236a Satz 5 SGB VI ge­for­dert, am 16. No­vem­ber 2000 be­reits schwer­be­hin­dert.
3. Der Ab­fin­dungs­an­spruch des Klägers rich­tet sich nach Nr. 4.5.2 des So­zi­al­plans, nicht da­ge­gen nach Nr. 4.3, Nr. 4.4 oder Nr. 4.5.1 des So­zi­al­plans.
Dies er­gibt die Aus­le­gung der Be­stim­mun­gen.
So­zi­al­plans ist da­her kein Raum, wenn ein Ar­beit­neh­mer be­reits in un­mit­tel­ba­rem An­schluss an die Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te hat. Dies ent­spricht dem Sinn und Zweck der un­ter-schied­li­chen Re­ge­lun­gen. Durch die Dif­fe­ren­zie­rung soll dem Um­stand Rech­nung ge­tra­gen wer­den, dass nach Einschätzung der Be­triebs­par­tei­en die wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le der Ar­beit­neh­mer, die in un­mit­tel­ba­rem An­schluss an die Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te be­an­spru­chen können, ge­rin­ger sind als die Nach­tei­le der Ar­beit­neh­mer, die ei­nen Ren­ten­an­spruch erst nach ei­ner da­zwi­schen lie­gen­den Zeit der Ar­beits­lo­sig­keit ha­ben.
1. So­zi­alpläne un­ter­lie­gen, wie an­de­re Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen, der ge­richt­li­chen Rechtmäßig­keits­kon­trol­le. Sie sind dar­auf­hin zu über­prüfen, ob sie mit höher­ran­gi­gem Recht wie ins­be­son­de­re dem be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz und aus­drück­li­chen Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­ten ver­ein­bar sind. Das be­ur­teilt sich maßgeb­lich nach ih­rem Sinn und Zweck.
wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le. Ein Ge­stal­tungs­spiel­raum be­steht beim Aus­gleich oder der Ab­mil­de­rung der von ih­nen pro­gnos­ti­zier­ten Nach­tei­le.
Ar­beit­neh­mern ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le un­be­acht­lich. Es han­delt sich in­so­weit um ei­ne tatsächli­che Be­ur­tei­lung, nicht um nor­ma­ti­ve Ge­stal­tung. Die Be­triebs­par­tei­en dürfen des­halb bei der Abschätzung der den Ar­beit­neh­mern aus der Be­triebsände­rung ent­ste­hen­den Nach­tei­le auch berück­sich­ti­gen, ob die­se bei be­stimm­ten Per­so­nen­grup­pen schon durch so­zi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Ansprüche ge­mil­dert wer­den. Die Be­triebs­par­tei­en schaf­fen die­se Pri­vi­le­gie­run­gen nicht, son­dern fin­den sie vor und können sie nach der ge­setz­li­chen Kon­zep­ti­on des § 112 Be­trVG der So­zi­al­plan­ge­stal­tung auch zu­grun­de le­gen.
in So­zi­alplänen an den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­len ori­en­tie­ren, de­ren Ab­mil­de­rung oder Aus­gleich die So­zi­al­plan­leis­tun­gen zu die­nen be­stimmt sind.
a) Die mit Nr. 4.5.2 des So­zi­al­plans vor­ge­nom­me­ne Grup­pen­bil­dung verstößt nicht ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz. Dies gilt so­wohl ge­genüber der Re­ge­lung in Nr. 4.3 als auch ge­genüber der­je­ni­gen in Nr. 4.5.1.
Al­ters­ren­te in An­spruch neh­men können. Auch die­se Einschätzung be­wegt sich in­ner­halb des Be­ur­tei­lungs­spiel­raums der Be­triebs­par­tei­en. Al­ler­dings er­schei­nen die in Nr. 4.5.1 des So­zi­al­plans vor­ge­se­he­nen Ab­fin­dungs­ansprüche an­ge­sichts der vor­aus­sicht­li­chen Dau­er der Ar­beits­lo­sig­keit von 52 Wo­chen und der sich an­sch­ließen­den Möglich­keit des Be­zugs vor­ge­zo­ge­ner Al­ters­ren­te nach Ar­beits­lo­sig­keit ge­genüber der Ab­fin­dung nach Nr. 4.5.2 re­la­tiv hoch. Da­bei ist aber auch zu berück­sich­ti­gen, dass in der Re­gel die Ar­beit­neh­mer, die bei der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch auf vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te ha­ben und da­her un­ter Nr. 4.5.2 des So­zi­al­plans fal­len, gemäß § 6 Satz 1 Be­trAVG so­gleich auch Leis­tun­gen der be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung in An­spruch neh­men können und dar­in ei­ne zusätz­li­che Ab­mil­de­rung der ih­nen ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le liegt. Dass die Be­triebs­par­tei­en die­sen As­pekt ge­se­hen und berück­sich­tigt ha­ben, zeigt die Re­ge­lung in Nr. 4.5.1 Abs. 2 des So­zi­al­plans, nach der die un­ter Nr. 4.5.1 Abs. 1 fal­len­den Ar­beit­neh­mer be­rech­tigt sind, die Ab­fin­dung ganz oder teil­wei­se in die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung ein­zu­zah­len. Im Übri­gen ma­ni­fes­tiert sich bei Ar­beit­neh­mern, die bei der Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses ge­ra­de kurz vor oder kurz nach der Voll­endung des 60. Le­bens­jah­res ste­hen und da­her ent­we­der ge­ra­de noch un­ter Nr. 4.5.1 des So­zi­al­plans oder ge­ra­de schon un­ter Nr. 4.5.2 des So­zi­al­plans fal­len, das Pro­blem je­der Stich­tags­re­ge­lung. Mit Stich­tags­re­ge­lun­gen sind häufig Härten ver­bun­den. Die­se müssen im In­ter­es­se der Rechts­si­cher­heit hin­ge­nom­men wer­den, wenn die Wahl des Zeit­punkts am ge­ge­be­nen Sach­ver­halt ori­en­tiert und so­mit sach­lich ver­tret­bar ist und das auch auf die zwi­schen den Grup­pen ge­zo­ge­nen Gren­zen zu­trifft (vgl. BAG 22. März 2005 - 1 AZR 49/04 - BA­GE 114, 179, zu 3 a der Gründe; 19. Fe­bru­ar 2008 - 1 AZR 1004/06 - Rn. 27, AP Be­trVG 1972 § 112 Nr. 191). Dies ist hier der Fall.
un­mit­tel­bar An­wen­dung wie § 75 Abs. 1 Be­trVG in der seit dem 18. Au­gust 2006 gel­ten­den Fas­sung.
neh­mer. Die mit­tel­bar an das Merk­mal des Al­ters an­knüpfen­de Un­gleich­be­hand­lung ist je­doch nach dem Sinn und Zweck der Re­ge­lung sach­lich ge­recht­fer­tigt. Sie be­ruht auf der ty­pi­sie­ren­den Einschätzung der Be­triebs­par­tei­en, dass den Ar­beit­neh­mern, die bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nen An­spruch auf vor­ge­zo­ge­ne Al­ters­ren­te ha­ben, ge­rin­ge­re wirt­schaft­li­che Nach­tei­le dro­hen. Auch die dar­auf auf­bau­en­de ge­stal­ten­de Ent­schei­dung der Be­triebs­par­tei­en, für die­se Per­so­nen­grup­pe kei­ne nach der Mul­ti­pli­ka­tor­for­mel der Nr. 4.3 des So­zi­al­plans er­rech­ne­te Ab­fin­dung, son­dern mo­nat­li­che Aus­gleichs­beträge vor­zu­se­hen, ist nicht zu be­an­stan­den.
des So­zi­al­plans knüpft nicht aus­drück­lich an das Merk­mal der Be­hin­de­rung an. Die mit der Re­ge­lung mögli­cher­wei­se ver­bun­de­ne mit­tel­ba­re Un­gleich­be­hand­lung schwer­be­hin­der­ter Men­schen ist durch ein mit dem So­zi­al­plan ver­folg­tes rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt. Die­ses be­steht dar­in, im Rah­men be­grenz­ter fi­nan­zi­el­ler Mit­tel die durch die Be­triebsände­rung ent­ste­hen­den wirt­schaft­li­chen Nach­tei­le ab­zu­mil­dern oder aus­zu­glei­chen. Die Be­triebs­par­tei­en ha­ben die­se Nach­tei­le bei Ar­beit­neh­mern mit An­spruch auf vor­ge­zo­ge­nes Al­ters­ru­he­geld be­rech­tig­ter­wei­se ty­pi­sie­rend für ge­rin­ger er­ach­ten dürfen und die Aus­ge­stal­tung des So­zi­al­plans da­nach aus­ge­rich­tet.
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