Source: http://swissblawg.ch/2017/07/4a_5082016-verjaehrung-der-herausgabeansprueche-von-retrozessionen-auf-versicherungspraemien-amtl-publ.html
Timestamp: 2017-11-21 02:44:55
Document Index: 128250252

Matched Legal Cases: ['BGE', 'Art. 128', 'BGE', 'BGer', 'Art. 128', 'Art. 127', 'Art. 400', 'BGE', 'Art. 60', 'Art. 67', 'BGE']

4A_508/2016: Verjährung der Herausgabeansprüche von Retrozessionen auf Versicherungsprämien (amtl. Publ.) - swissblawg
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Martin Rauber	• 4. Juli 2017
Dem Bun­des­ge­richt bot sich in die­sem Urteil die Gele­gen­heit, kon­tro­vers dis­ku­tier­te Fra­gen im Zusam­men­hang mit der Ver­jäh­rung der Her­aus­ga­be­an­sprü­che des Auf­trag­ge­bers von Retro­zes­sio­nen zu klä­ren.
Hin­ter­grund des Urteils war der Auf­trag einer Trans­port­or­ga­ni­sa­ti­on (Klä­ge­rin) an eine Bera­tungs­ge­sell­schaft für Ver­si­che­run­gen, für jene ein Ver­si­che­rungs­kon­zept aus­zu­ar­bei­ten. Gestützt auf die­se Bera­tung schloss die Klä­ge­rin mit ver­schie­de­nen Ver­si­che­run­gen Ver­trä­ge ab. Die­se Vor­gän­ge fan­den in den Jah­ren 1994 und 1995 statt. 2005 erfuhr die Klä­ge­rin, dass die von ihr beauf­trag­te Bera­tungs­ge­sell­schaft bzw. deren Rechts­nach­fol­ge­rin (Beklag­te) Antei­le der von der Klä­ge­rin bezahl­ten Ver­si­che­rungs­prä­mi­en als Retro­zes­sio­nen erhal­ten hat­te. Nach­dem die Klä­ge­rin 2006 und 2007 gegen die Beklag­te meh­re­re Betrei­bun­gen ein­ge­lei­tet hat­te, for­der­te sie in einer 2007 ein­ge­reich­ten Kla­ge die Her­aus­ga­be der Retro­zes­sio­nen. Der Streit­wert betrug über CHF 46 Mio. und über USD 3 Mio. Das erst­in­stanz­li­che Tri­bu­nal de pre­miè­re instan­ce de Genè­ve hiess die Kla­ge teil­wei­se gut. Das Cham­bre civi­le de la Cour de justi­ce wies die gegen das Urteil erho­be­ne Beru­fung ab. Es erwog hin­sicht­lich der Ver­jäh­rung, dass die Ansprü­che auf Her­aus­ga­be von Retro­zes­sio­nen nach 10 Jah­ren ab Been­di­gung des Auf­trags­ver­hält­nis­ses ver­jäh­ren. Die Beklag­te erhob Beru­fung und rüg­te die Ver­let­zung von Bun­des­recht. Ihrer Ansicht nach wür­den die Her­aus­ga­be­an­sprü­che peri­odi­sche Lei­stun­gen dar­stel­len und des­halb nach 5 Jah­ren ver­jäh­ren. Dar­über hin­aus begin­ne die Ver­jäh­rung nach jedem Erhalt von Retro­zes­sio­nen an zu lau­fen.
Das Bun­des­ge­richt rief zunächst sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zu Retro­zes­sio­nen und ins­be­son­de­re die Ablie­fe­rungs­pflicht auch indi­rek­ter Vor­tei­le wie bei­spiels­wei­se Retro­zes­sio­nen, die dem Beauf­tra­gen infol­ge der Auf­trags­aus­füh­rung von Drit­ten zuge­kom­men sind, in Erin­ne­rung. Der Beauf­trag­te habe alle Ver­mö­gens­wer­te her­aus­zu­ge­ben, die in einem inne­ren Zusam­men­hang zur Auf­trags­aus­füh­rung ste­hen wür­den. Behal­ten dür­fe er nur, was er ledig­lich bei Gele­gen­heit der Auf­trags­aus­füh­rung, ohne inne­ren Zusam­men­hang mit dem ihm erteil­ten Auf­trag, von Drit­ten erhal­te (E. 5.1.1 und 5.1.2, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf BGE 138 III 755). Die Beklag­te aner­kann­te denn auch grund­sätz­lich ihre Her­aus­ga­be­pflicht (E. 5.1.3).
Hin­sicht­lich der auf die Her­aus­ga­be­an­sprü­che von Retro­zes­sio­nen anwend­ba­ren Ver­jäh­rungs­frist folg­te das Bun­des­ge­richt der Vor­in­stanz, wonach die­se nach 10 Jah­ren ver­jäh­ren. Es ver­wies auf sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung, wonach für die Anwen­dung der 5-jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist vor­aus­ge­setzt sei, dass die peri­odi­schen Lei­stun­gen i.S.v. Art. 128 Ziff. 1 OR auf dem­sel­ben Schuld­grund bzw. auf einem ein­heit­li­chen Schuld­grund beru­hen oder geschul­det sei­en. Dabei hand­le es sich um eine Dau­er­schuld, aus der die peri­odi­schen Lei­stungs­pflich­ten durch Zeit­ab­lauf immer wie­der neu und selb­stän­dig her­vor­ge­hen wür­den (E. 5.2.1, unter ande­rem mit Ver­weis auf BGE 139 III 263, E. 1.1; BGer 4C.207/2006, E. 2.2.1). Im Gegen­satz dazu wür­den Retro­zes­sio­nen nicht aus einem Dau­er­schuld­ver­hält­nis ent­ste­hen, son­dern aus der Tat­sa­che, dass der Beauf­tra­ge ver­mö­gens­mä­ssi­ge oder ande­re Vor­tei­le von Drit­ten erlangt habe. Jede Her­aus­ga­be­pflicht von Retro­zes­sio­nen beru­he damit auf einer sepa­ra­ten Grund­la­ge, wes­halb Art. 128 Ziff. 1 OR nicht anwend­bar sei, sich die Ver­jäh­rung des­halb nach Art. 127 OR rich­te und die Her­aus­ga­be­an­sprü­che nach 10 Jah­ren ver­jäh­ren wür­den (E. 5.2.1, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf Gauch, AJP 3/2014, S. 291).
Was den Beginn der Ver­jäh­rungs­frist angeht, erach­te­te das Bun­des­ge­richt die Rüge der Beklag­ten für begrün­det. Es ver­wies auf Art. 400 Abs. 1 OR, wonach der Beauf­trag­te ver­pflich­tet sei, auf Ver­lan­gen jeder­zeit über sei­ne Geschäfts­füh­rung Rechen­schaft abzu­le­gen, und alles, was ihm infol­ge der­sel­ben aus irgend­ei­nem Grund zuge­kom­men sei, dem Auf­trag­ge­ber zu erstat­ten. Die­se Rechen­schafts­pflicht bil­de Vor­aus­set­zung und Grund­la­ge der Ablie­fe­rungs- oder Her­aus­ga­be­pflicht (E. 5.3.1, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf BGE 139 III 49, E. 4.1.2). Dar­aus kön­ne, ent­ge­gen der Vor­in­stanz, nicht abge­lei­tet wer­den, dass die Ent­ste­hung des Her­aus­ga­be­an­spruchs auf den Zeit­punkt der Rechen­schaft oder auf das Ende des Auf­trags­ver­hält­nis­ses ver­scho­ben wer­de. Anders als bei der Ver­jäh­rung von Ansprü­chen aus uner­laub­ter Hand­lung oder unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung (Art. 60 Abs. 1 und Art. 67 Abs. 1 OR) tre­te die Fäl­lig­keit unab­hän­gig davon ein, ob der Gläu­bi­ger von der For­de­rung und der Fäl­lig­keit Kennt­nis habe oder haben kön­ne (E. 5.3.1, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf BGE 136 V 73, E. 4.1). Die von der Beklag­ten erhal­te­nen Retro­zes­sio­nen wür­den somit jeweils im Umfang jedes ein­zel­nen Betrags sogleich eine Infor­ma­ti­ons- und Her­aus­ga­be­pflicht gegen­über der Klä­ge­rin ent­ste­hen las­sen. Es kön­ne ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht ver­tre­ten wer­den, dass die Ent­ste­hung und Fäl­lig­keit die­ser Her­aus­ga­be­an­sprü­che auf das Ende des Auf­trags­ver­hält­nis­ses ver­scho­ben wür­den, denn dies wür­de bedeu­ten, dass der Auf­trag­ge­ber die beim Auf­trag­neh­mer ein­ge­gan­ge­nen Retro­zes­sio­nen wäh­rend dem lau­fen­den Auf­trags­ver­hält­nis nicht her­aus­ver­lan­gen könn­te (E. 5.3.2).
Das Bun­des­ge­richt hob des­halb das Urteil der Vor­in­stanz auf und wies die Sache zur Neu­be­ur­tei­lung im Sin­ne der Erwä­gun­gen zurück.