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Timestamp: 2018-07-18 11:24:38
Document Index: 290966134

Matched Legal Cases: ['§1', '§ 40', '§ 1', '§1', '§2', '§2', '§2', '§5', '§4', '§3', '§9', '§2', '§ 2', '§ 6']

2 Sparkassen als Untersuchungsgegenstand : Bankertrag und Bevölkerungsdynamik
2 Sparkassen als Unter...
Nachdem die grundsätzliche Problematik und Fragestellung deutlich geworden ist, soll im folgenden Kapitel der Untersuchungsgegenstand „Sparkasse“ näher beleuchtet werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den spezifischen Charakteristika von Sparkassen (Abschnitt 2.1). Hierbei geht es insbesondere um institutionelle Eigenschaften, die sie von anderen Banken unterscheiden und die für die nachfolgende Untersuchung von Bedeutung sind. Eine elementare Rolle kommt dabei dem sogenannten Regionalprinzip zu, welches die regionale Limitierung der Geschäftstätigkeit festlegt und deshalb detaillierter dargestellt wird.
Der erste Hauptteil des Kapitels ist dabei wie folgt aufgebaut: Zuerst werden in Abschnitt 2.1.1 die Sparkassen von anderen Banken abgegrenzt. Als wesentliche Unterscheidungsmerkmale in der Geschäftspolitik kristallisieren sich das Prinzip der Gemeinnützigkeit und die regionale Orientierung heraus. Wie in den folgenden Abschnitten 2.1.2 und 2.1.3 dargestellt, besitzen Sparkassen einen öffentlichen Auftrag, der ihre Rechtsform als eigenständige rechtsfähige Anstalten öffentlichen Rechts legitimiert und die Gewinnerzielung als Hauptzweck des Handelns ausschließt. Neben diesen und einigen anderen historisch gewachsenen Spezifika unterliegen Sparkassen zudem Einschränkungen in der Geschäftstätigkeit, die in den Sektionen 2.1.4 und 2.1.5 näher charakterisiert werden. Hierzu zählen zusätzlich zum angesprochenen Regionalprinzip, das Enumerationsprinzip und Restriktionen, die sich aus dem Subsidiaritätsprinzip ergeben.
Um die Relevanz der Untersuchungskonzeption (d.h. die Fokussierung der Analyse auf das Privatkundengeschäft der Sparkassen) zu verdeutlichen, werden im zweiten Schwerpunkt des Kapitels (Abschnitt 2.2) die Rolle und Bedeutung der Sparkassen im deutschen Bankensystem näher beleuchtet. Innerhalb dieses Abschnitts erfolgt zunächst eine Beschreibung der aktuellen Trends und der Ausgangssituation im deutschen Bankenmarkt (Abschnitte 2.2.1 bis 2.2.3). Im sich anschließenden Kapitel 2.2.4 werden dann Gesamt- und Teilmarktanteile in einzelnen Produktsegmenten berechnet, die Rückschlüsse auf die Wettbewerbsposition und die Geschäftsschwerpunkte der Sparkassen erlauben. Da im Mittelpunkt der nachfolgenden Untersuchung der Bankertrag eine zentrale Rolle spielt, wird im Anschluss in Sektion 2.2.5 die aktuelle und jüngere Ertragslage der Sparkassen und ihrer Wettbewerber untersucht. Abschnitt 2.3 fasst das Kapitel zusammen. Es wird deutlich, dass Sparkassen ein bedeutender Bestandteil ← 5 | 6 → des deutschen Bankensystems sind und sich bislang gut im Wettbewerb behauptet konnten. Dennoch sehen auch sie sich den in Abschnitt 2.2.6 dargestellten potentiell ertragsdämpfenden Entwicklungen gegenüber. Eine bisher weitgehend vernachlässigte Herausforderung dürfte in den Auswirkungen der demographischen Entwicklung zu sehen sein, die im Hauptteil der Arbeit (Kapitel 5 bis 8) näher untersucht werden.
Die folgende Darstellung der institutionellen Sachverhalte ist grundsätzlich als positive bzw. deskriptive Analyse angelegt, die sich einer normativen Bewertung soweit wie möglich enthält. Die ordnungspolitische Diskussion über den grundsätzlichen Nutzen, die Daseinsberechtigung bzw. die rechtliche und organisatorische Ausgestaltung des Sparkassensektors soll somit nicht Gegenstand dieser Arbeit sein.
Was unterscheidet Sparkassen von anderen Banken? Zieht man die Definition eines Kreditinstituts nach §1 Abs. 1 S.1 KWG heran, nach denen Kreditinstitute Unternehmen sind, „die Bankgeschäfte gewerbsmäßig oder in einem Umfang betreiben, der einen in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert“, existieren keine Unterscheide zwischen Sparkassen und ihren Wettbewerbern.
Eine erste formale Annährung an den Begriff der Sparkasse liefert dagegen § 40 KWG, der die Bezeichnung „Sparkasse“ schützt. Demnach ist eine Sparkasse ein Unternehmen, das aufgrund seiner Satzung „eine am Gemeinwohl orientierte Aufgabenstellung und eine Beschränkung der wesentlichen Geschäftstätigkeit auf den Wirtschaftsraum, in dem das Unternehmen seinen Sitz hat“ aufweist.
An dieser Definition kann man bereits zwei wesensbestimmende Merkmale identifizieren, die Sparkassen von anderen Banken unterscheiden. Dies sind zum einen die Orientierung am Gemeinwohl und zum anderen die regionale Beschränkung der Geschäftsaktivitäten. Weitere Merkmale, die Sparkassen von ihren privaten und genossenschaftsrechtlichen Konkurrenten abgrenzen, lassen ← 6 | 7 → sich aus den Sparkassengesetzen3 der Länder herausarbeiten. Exemplarisch können hierzu die §§ 1 und 2 des Thüringer Sparkassengesetzes (ThürSpKG) herangezogen werden:
„§1 (1): Die Sparkassen sind als Einrichtungen der Landkreise oder der kreisfreien Städte (…) rechtsfähige Anstalten des öffentlichen Rechts.
§2 (1): (Sie) sind dem gemeinen Nutzen dienende Wirtschaftsunternehmen mit der Aufgabe, in ihrem Geschäftsgebiet die Versorgung mit Finanzdienstleistungen sicherzustellen (…).
§2 (2): (…) Sparkassenzentralbankgeschäfte, Bauspargeschäfte, Immobiliengeschäfte, Investmentgeschäfte und Versicherungsgeschäfte sollen im Verbund mit den Unternehmen der Sparkassenorganisation Thüringens betrieben werden.
§2 (3): (Sie) führen ihre Geschäfte nach kaufmännischen Grundsätzen unter Wahrung ihres öffentlichen Auftrags; die Gewinnerzielung ist nicht Hauptzweck des Geschäftsbetriebs.“
Aus den Bestimmungen des Sparkassengesetzes Thüringen4 können die tragenden Elemente und wesentlichen Charakteristika des kommunalen Sparkassenwesens herausgefiltert werden, sowie sie sich auch in der relevanten Literatur wiederfinden (z.B. Schütz [2006] 64, Stern [1999] 470f.). Hierzu zählen der öffentliche Auftrag, die kommunale Trägerschaft, die öffentliche Rechtsform, die eigenverantwortliche Entscheidungskompetenz vor Ort bei gleichzeitiger Arbeitsteilung im Verbund, sowie die regionale Fokussierung der Geschäftsaktivitäten.
Diese speziellen institutionellen Charakteristika sollen im Folgenden einführend näher beleuchtet werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Eigenschaften, die für die nachfolgende Untersuchung bedeutend sind. ← 7 | 8 →
Sparkassen besitzen als dem Gemeinwohl verpflichtete Banken einen öffentlichen Auftrag, der sie von privaten Kreditinstituten unterscheidet und der ihre Existenz als öffentlich-rechtliche Institute rechtfertigt. Die zu diesem Auftrag gehörenden Aufgaben sind in den Sparkassengesetzen, Verordnungen und Satzungen der Länder kodifiziert. Trotz der föderalen Vielfalt und regionalen Spezifika lassen sich nachfolgende vom Gesetzgeber bestimmte allgemeine öffentliche Aufgabenkomplexe identifizieren, die die Sparkassen erfüllen sollen.5 (Gärtner [2008] 108ff.; Klein [2003] 44f.; Lütke-Uhlenbrock [2007] 13; Neuberger/Schindler [2001] 89ff.).
Wettbewerbsergänzungsfunktion: Sparkassen sollen durch ihre flächendeckende Präsenz zu einem intensiven Wettbewerb im Bankenmarkt beitragen und helfen monopolistische oder oligopolistische Strukturen zu verhindern.
Gewährleistungsfunktion: Diese Aufgabe beinhaltet die Verpflichtung zur Versorgung aller Bevölkerungskreise und insbesondere der mittelständischen Wirtschaft des Geschäftsgebiets mit Finanzdienstleistungen. Auch in der Fläche, d.h. dünn besiedelten und strukturschwachen Gebieten sollen Sparkassen Bankgeschäfte zu angemessenen Preisen anbieten und den Zugang zum Geld- und Kapitalmarkt ermöglichen.
Struktursicherungs- und Regionalförderungsfunktion: Sparkassen sollen zu einer räumlich ausgeglichenen Entwicklung beitragen, diese unterstützen und fördern.6
Hausbank- und Kommunalberatungsfunktion: Sparkassen sollen ihre Träger, die Kommunen und Kreise bei ihren finanzwirtschaftlichen Geschäften und bei deren Abwicklung unterstützen.
Vermögensbildung und Wirtschaftserziehung: Sparkassen sollen aktiv zur Förderung des Sparsinns und der Vermögensbildung beitragen. ← 8 | 9 →
Zusätzlich werden gelegentlich auch weitere Funktionen zum öffentlichen Auftrag hinzugerechnet. Hierzu zählen die Stabilitätsfunktion der Finanzmärkte oder die Finanzierungsfunktion für den Mittelstand und Existenzgründer (Sommerfeld [2005] 34ff.; Neuberger/Schindler [2001] 95ff.).
Sparkassen besitzen somit als raison d´être eine formale Verpflichtung zur Gemeinnützigkeit. Darüber hinaus sind sie aber auch Wirtschaftunternehmen, die nach „kaufmännischen Grundsätzen“7 handeln sollen und somit bei der Erfüllung ihres öffentlichen Auftrags ökonomische Zielgrößen wie Gewinn, Rentabilität, Wachstum oder Liquidität berücksichtigen müssen. Die Gewinnerzielung ist demnach nicht Selbst- oder Hauptzweck, sondern ein Mittel zur Erfüllung des öffentlichen Auftrags. Im Gegensatz zu nicht-öffentlichen Geschäftsbanken darf somit die Gewinnmaximierung nicht das alleinige oder hauptsächliche Ziel geschäftspolitischer Entscheidungen sein.
Obwohl die Gewinnerzielung formal nicht das Hauptziel der Sparkassen ist, so ist sie doch eminent wichtig für die öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute und deren Eigenkapitalbasis. Da in den relevanten Gesetzen und Verordnungen in der Regel keine Verpflichtung zur Ausstattung der Sparkassen mit Eigenkapital vorgesehen ist und die kommunalen Träger faktisch kein Dotationskapital zur Verfügung stellen, verfügt die Mehrzahl der Sparkassen über kein Grund- oder Stammkapital.8 (Lütke-Uhlenbrock [2007] 10; Ashauer [2005] 37). Die Thesaurierung von Gewinnen stellt somit bislang die einzige Quelle der Eigenkapitalbildung dar. Eine Außenfinanzierung, bspw. über Ausgabe von Aktien im Zuge einer Kapitalerhöhung oder durch Akquirierung von neuen Mitgliedern, ist den Sparkassen im Gegensatz zu anderen Kreditinstituten verwehrt. Das Eigenkapital, das zur Erfüllung der aufsichtsrechtlichen Eigenkapitalvorschriften (die sich in Zukunft vermutlich noch verschärfen werden) muss bislang im Wesentlichen aus thesaurierten Gewinnen gebildet werden, die der Sicherheitsrücklage zugeführt werden (Lütke-Uhlenbrock [2007] 10). Gewinne die nicht thesauriert werden und der Stärkung der Eigenkapitalbasis dienen, müssen von den Sparkassen selbst oder von den Trägern gemeinnützig verwendet werden (Neuberger/Schindler [2001] 88ff.).
Sparkassen unterliegen also einer öffentlichen Verantwortung und haben neben der Gewinnerzielung zusätzliche, übergeordnete Zieldimensionen. Sollte ← 9 | 10 → sich im Handeln der Sparkassen kein Unterscheid mehr zwischen privaten und öffentlich rechtlichen Banken zeigen, entfällt aus rechtlichen und vor allen Dingen aus ordnungspolitischen Gründen die Existenzberichtigung der Sparkassen.
Sparkassen besitzen im Gegensatz zu ihren Wettbewerbern nicht nur einen öffentlichen Auftrag, sie weisen auch eine besondere Rechtsform auf. Mit Ausnahme der Freien Sparkassen9 handelt es sich bei Sparkassen um rechtlich selbstständige (kommunale) Anstalten des öffentlichen Rechts. Die Rechtsform ist zum einen Ausfluss der Gemeinnützigkeit, muss aber vor allen Dingen auch in einem historischen Kontext gesehen werden.
Die ersten Sparkassen wurden von philanthropisch gesinnten Bürgervereinen gegründet und entstanden im 18. Jahrhundert. Die sogenannten „Ersparungscassen“ oder „Sparanstalten“ sollten wirtschaftlich schwächeren Bevölkerungsschichten die Möglichkeit eröffnen, Ersparnisse sicher und verzinslich anzulegen. Dieses Angebot war zu diesem Zeitpunkt neuartig, da weder Bankiers noch Privatleute kleinere Beträge zum Zweck der sicheren Anlage entgegennahmen. Als älteste deutsche Sparkasse gilt die 1778 von der „Patriotischen Gesellschaft“ errichtete Hamburger „Ersparungskasse“ der allgemeinen Versorgungsanstalt, eine Vorgängerinstitution der heutigen Hamburger Sparkasse (HASPA). Ihr folgte eine Welle privater Sparkassengründungen, vorwiegend in der Rechtsform von bürgerlichen Vereinen. Ziel der liberalen Gründer war es, durch die Förderung der Ersparnisbildung und die Etablierung von finanziellen Vorsorgemöglichkeiten, das Armutsproblem zu bekämpfen. Zudem sollten die Ersparnisse in der Region für die wirtschaftliche Entwicklung eingesetzt werden (Klein [2003] 33; Brandt [1993] 54; DSGV [2009]).
Neben diesen privaten Sparkassen entstand erst im Jahr 1801 die erste kommunale Sparkasse in Göttingen („Spar- und Leihkasse Göttingen“). Im 19. Jahrhundert breiteten sich schließlich überall in Deutschland öffentliche Sparkassen aus. Bereits 1836 dominierten die öffentlichen Sparkassen die Sparkassenlandschaft: 203 öffentlichen Instituten standen 78 privaten Sparkassen gegenüber, die im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts nach und nach ebenfalls in die Trägerschaft der Kommunen übergingen und bis 1931 in der Regel als ← 10 | 11 → rechtlich unselbstständige Einrichtungen der Gemeindeverwaltungen geführt wurden. Gleichzeitig bildete sich beginnend mit dem „Preußischen Sparkassenreglement“ von 1838 ein rechtlicher Rahmen für das Betreiben der Sparkassen heraus (Klein [2003] 34).
Im Jahr 1931 folgte dann im Zuge der Bankenkrise ein gravierender Einschnitt in das Sparkassenwesen. Die Sparkassen wurden mit den Notverordnungen vom 6.10. und 8.12. aus den kommunalen Hoheitsverbänden herausgelöst und bekamen den Status rechtlich selbstständiger kommunaler Anstalten öffentlichen Rechts (AöR).
Die Sparkassen, die selbst in Liquiditätsschwierigkeiten geraten waren, sollten somit dem direkten und übermäßigen Zugriff der in Finanznot steckenden Kommunen entzogen werden. Mit der organisatorischen Entflechtung sollte ein „abgeschirmtes Sondervermögen“ (Lütke-Uhlenbrock [2007] 9) etabliert werden. Gleichzeitig wurden mit den Verordnungen auch die personellen Verbindungen und Überschneidungen zwischen Sparkassenverwaltung und Kommune limitiert. Die bis zu diesem Zeitpunkt unmittelbare und unbegrenzte Haftung der Kommunen für Verbindlichkeiten wurde durch die Konstrukte „Anstaltslast“ und „Gewährträgerhaftung“ ersetzt, um die Bonität der Sparkassen nicht zu verschlechtern.10
Die Rechtsgüter Anstaltslast und Gewährträgerhaftung wurden 2001 nach einem Kompromiss zwischen EU-Kommission und der damaligen deutschen Regierung mit entsprechenden Übergangsfristen angepasst (Anstaltslast) bzw. abgeschafft (Gewährträgerhaftung). Die Anstaltslast soll dabei in eine marktübliche Eigentümerbeziehung überführt werden. Als Konsequenz wurden die ← 11 | 12 → Sparkassengesetze der Länder entsprechend modifiziert und die Anstaltslast durch eine „Unterstützungspflicht“ ersetzt. So sieht beispielswiese das Niedersächsische Sparkassengesetz (NspG) in §5 in Absatz 1 vor, dass „der Träger (…) die Sparkasse bei der Erfüllung ihrer Aufgaben mit der Maßgabe (unterstützt), dass ein Anspruch der Sparkasse gegen den Träger oder eine sonstige Verpflichtung des Trägers, der Sparkasse Mittel zur Verfügung zu stellen, nicht besteht“. In Absatz 2 wird die Gewährträgerhaftung ausgeschlossen: „Der Träger der Sparkasse haftet nicht für deren Verbindlichkeiten.“
Im Unterschied zu den Haftungsregelungen hat sich jedoch die Rechtsform der AöR bis heute erhalten. Öffentlich-rechtliche Sparkassen sind somit sich selbst verwaltende, rechtsfähige juristische Personen mit eigenem Vermögen. Sie besitzen keine Eigentümer sondern Anstaltsträger. Die zulässigen Anstaltsträger sind in den Sparkassengesetzen der Länder festgelegt. In der Regel handelt es sich um Gemeinden, Städte, Gemeindeverbände, Landkreise oder auch Zweckverbände.
Ein weiteres Wesensmerkmal, das Sparkassen von ihren Konkurrenten unterscheidet, ist die Integration in eine Verbundorganisation. Jede Sparkasse ist Bestandteil und Basiselement der historisch gewachsenen Sparkassen-Finanzgruppe (SFG). Die SFG umfasst dabei im Wesentlichen die öffentlich-rechtlich organisierten Kredit-, Finanz- und Versicherungsinstitute, sowie die zugehörigen Verbände und eine Vielzahl von weiteren unterstützend wirkenden Spezialinstitutionen, wie z.B. den Sparkassenverlag oder die FinanzInformatik. Der Kern der SFG kann in einen operativen Banken- und Versicherungs- sowie den Verbandsbereich unterteilt werden.
Insgesamt zählten am 31.12.2009 rund 620 Unternehmen mit etwa 366.500 Mitarbeitern zur Sparkassenorganisation. Das Geschäftsvolumen im Jahr 2009 belief sich auf 3.410 Mrd. €, von denen über 80% auf die Bilanzsumme der ← 12 | 13 → Sparkassen (1.073 Mrd. €, 31,5%) und Landesbanken (1.689 Mrd. €, 49,5%) entfällt.11 (DSGV [2010a]).
Die Basis und Keimzelle des Verbundes stellen die 431 kommunalen und freien Sparkassen (Stand 31.12.2009). Die Sparkassen und deren Träger sind in 12 regionalen Landesverbänden organisiert.12 Die Landesverbände wiederum sind zusammen mit den Bundesländern an den sieben verbliebenen Landesbankkonzernen beteiligt, die ebenfalls zur SFG gehören.13 Regionalverbände und Landesbanken tragen schließlich den Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), den Dachverband der Sparkassen-Finanzgruppe. Der DSGV vertritt die Interessen der SFG, er koordiniert die Willensbildung innerhalb der Gruppe und ist für die grundsätzliche strategische Ausrichtung verantwortlich (Lütke-Uhlenbrock [2007] 15; Gärtner [2008] 111; DSGV [2010a]; Ashauer [2005] 19,24).
Die grundlegende Struktur des Kerns der SFG sowie die wesentlichen Beteiligungs- und Trägerverhältnisse können Abbildung 1 entnommen werden. ← 13 | 14 →
Abbildung 1: Grundlegende Struktur der Sparkassen-Finanzgruppe (SFG) (Stand 31.12.2009); Quelle: Eigene erweiterte Darstellung nach Gärtner [2008] 111
Bei der SFG handelt es sich somit um einen nur teilweise hierarchisch gegliederten Verbund selbstständig und arbeitsteilig arbeitender Institutionen, der gekennzeichnet ist durch komplexe, in der Regel dualistische Beteiligungs- bzw. Trägerverhältnisse. Dies wird deutlich, wenn man die restlichen drei wichtigen Kerninstitutionen der SFG, d.h. die öffentlichen Bausparkassen und Versicherer, sowie die DEKA-Bank, betrachtet. Gemeinsame Anteilseigner der 10 Landesbausparkassen sind in der Regel die Landesbanken und Regionalverbände. Die regionalen Sparkassen- und Giroverbände sind zusätzlich die wesentlichen Träger bzw. Eigentümer fast aller öffentlichen Versicherer. Die DEKA-Bank, die u.a. standardisierte Anlageprodukte (i.d.R. Fonds) für den Sparkassensektor entwickelt, anbietet und verwaltet, befindet sich im Besitz von Landesbanken und DSGV. ← 14 | 15 →
Sparkassen sind grundsätzlich vor Ort in Ihrer Entscheidungskompetenz unabhängig und autonom. Sie besitzen jedoch schon alleine aufgrund ihrer regionalen Beschränkungen relativ kleine Betriebsgrößen und verfügen in der Regel nicht über ausreichend Ressourcen, alle Elemente des modernen Bankgeschäfts eigenständig und effizient durchzuführen sowie die Vielzahl der gängigen Finanzdienstleistungen einer Universalbank kostengünstig vor Ort anzubieten. Aus diesem Grund ist die Integration in einen Verbund für die Sparkassen äußerst vorteilhaft. So führt bspw. Buchmann [2001] 578 aus: „Das Verbundsystem bietet einzelnen Sparkassen (…) alle Vorteile eines Großunternehmens, sichert aber die Vorzüge einer regional eingebundenen flexiblen Organisationseinheit.“ Bei der Zusammenarbeit und der Aufgabenverteilung innerhalb des Verbunds gilt das Subsidiaritäts- und Dezentralitätsprinzip. Die Kompetenzen für die Geschäftspolitik (z.B. hinsichtlich der Marktbearbeitung und Kundenbetreuung) liegen grundsätzlich dezentral auf der Ebene der Sparkassen, die das „Gesicht“ der SFG vor Ort sind (Lütke-Uhlenbrock [2007] 15). Sofern dabei eine Aufgabe von den Sparkassen nicht mehr effizient durchzuführen ist, werden die hierfür notwendigen Aktivitäten von der nächsthöheren Stufe bzw. von einer spezialisierten Verbundinstitution durchgeführt.
Die Integration in die Verbundorganisation unter der Prämisse des Subsidiaritätsprinzips führt tendenziell zu Kostendegressionseffekten, die positive Auswirkungen auf die Ertragslage haben und den Sparkassen eine konkurrenzfähige Position im Wettbewerb mit ihren privaten und genossenschaftlichen Konkurrenten verschaffen. Die entstehenden Skaleneffekte durch die Zentralisierung des Mengengeschäfts und Auslagerung von bestimmten Aktivitäten in Kooperationen und Service-Gesellschaften sind dabei allerdings noch nicht vollkommen ausgeschöpft.14
Das Subsidiaritätsprinzip regelt also insbesondere die vertikale Arbeitsteilung, d.h. die Kompetenzabgrenzung zwischen den einzelnen Elementen und Stufen der Sparkassenorganisation. Dies betrifft insbesondere die regional tätigen ← 15 | 16 → Sparkassen und die Verbundinstitutionen. Sparkassen sind dabei Ansprechpartner und selbstständige Geschäfts- und Vertriebseinheiten vor Ort mit großer Marktkenntnis. Sie nutzen, soweit möglich, das Verbundsystem zur Abwicklung des Mengengeschäfts im Back-Office-Bereich und hinsichtlich besonderer Produkte und Dienstleistungen, die sie nicht selber anbieten bzw. erbringen können.15 So hielten bislang bspw. die Landesbanken traditionell spezialisierte Kompetenzen im Bereich des Wertpapier- und Auslandsgeschäft vor und haben in der Funktion von „Sparkassenzentralbanken“ die Zahlungsverkehrsabwicklung rationalisiert sowie den Liquiditätsausgleich zwischen den Sparkassen maßgeblich organisiert (Gärtner [2008] 111).
Im Gegensatz zur vertikalen Arbeitsteilung durch das Subsidiaritätsprinzip beschreibt die horizontale Arbeitsteilung, die nachfolgend in Abschnitt 2.1.5.1 zum Regionalprinzip skizziert wird, die räumliche Begrenzung und Aufteilung der Geschäftstätigkeit auf bestimmte Regionen und die damit verbundene Einschränkung des Wettbewerbs zwischen den Sparkassen.
Die regionale Fokussierung der Geschäftstätigkeit der Sparkassen auf ihr Geschäftsgebiet ist im sogenannten Regionalprinzip verankert. Hierbei handelt es sich um ein nur zum Teil kodifiziertes Konstrukt16, das durch Literatur, Rechtsprechung und Praxis gewachsen ist und besondere organisations- und geschäftsrechtliche Vorgaben enthält. Ziel ist es im Sinne einer horizontalen Arbeitsteilung, Zuständigkeiten gegenüber benachbarten Instituten zu definieren und abzugrenzen. Das Regionalprinzip beinhaltet somit „zentrale Ordnungsgrundsätze zur Beschränkung der Geschäftstätigkeit auf das Gebiet des Trägers.“ (Schütz [2006] 65). ← 16 | 17 →
Das Fundament des Regionalprinzips, d.h. insbesondere die Deckungsgleicheicht von Geschäfts- und Trägergebiet, ist in der verfassungsrechtlich geschützten kommunalen Selbstverwaltung zu sehen. Zu den Aufgaben, die Landkreise und Gemeinden eigenverantwortlich regeln dürfen, gehört auch, die Versorgung und den Zugang der Bevölkerung zu Finanzdienstleistungen durch kommunale Kreditinstitute zu garantieren (Sparkassenhoheit). Da der Aktionsradius der Kommunen als Träger der Sparkassen kommunalverfassungsrechtlich auf ihr Hoheitsgebiet limitiert ist, sollte dies prinzipiell auch für Sparkassen als Teil der mittelbaren Kommunalverwaltung gelten (Stern [1999] 470; Schütz [2006] 64; Stern/Nierhaus [1992] 14).
Inhaltlich besteht das Regionalprinzip im Wesentlichen aus organisationsrechtlichen Vorgaben, d.h. insbesondere der Zweigstellenerrichtungsbefugnis, und geschäftsrechtlichen Prinzipien (Schütz [2006] 64). Hier handelt es sich vorrangig um Einschränkungen im Kreditgeschäft und in der Werbetätigkeit. Beide Teile des Regionalprinzips werden im Anschluss kurz dargestellt und mögliche Durchbrechungen und Ausnahmen diskutiert. Die Einordnung des Regionalprinzips hinsichtlich der Bedeutung für die Ertragslage der Sparkassen erfolgt in Abschnitt 2.3, der das gesamte Kapitel 2 zusammenfasst.
Im Grundsatz dürfen Sparkassen nur innerhalb ihres Geschäftsgebiets Geschäftsstellen errichten. Das Geschäftsgebiet ist dabei im Allgemeinen mit dem Territorium des Trägers identisch. Dieses Zweigstellenerrichtungsprinzip inklusive der Zulassung von Ausnahmen ist in der Regel in den Sparkassengesetzen der Länder verankert (siehe z.B. für Niedersachsen: §4 (2) NSpG) und stellt ein wesentliches Element der Sparkassenorganisation als Ganzes dar. Mit Hilfe dieses Grundsatzes wird die Konkurrenz zwischen den einzelnen Sparkassen weitegehend unterbunden und gleichzeitig die Grundlage für die notwendige Kooperations- und Koordinationsbereitschaft der Sparkassen innerhalb des Sparkassenverbunds geschaffen (Ashauer [2005] 38).
Obwohl der formale Spielraum zur Errichtung von Filialen außerhalb des Trägergebiets relativ eng ist,17 existieren in der Sparkassenpraxis einige Durchbrechungen und Ausnahmen. Hierfür verantwortlich sind meistens sogenannte ← 17 | 18 → historisch bedingte „Gemengelagen“, die den wichtigsten Fall der Durchbrechung der Einheit von Geschäfts- und Trägergebiet darstellen. Weitere Abweichungen vom organisationsrechtlichen Regionalprinzip können bspw. durch eine drohende Unterversorgung eines Gebiets oder durch eine mangelnde Leistungsfähigkeit und Effektivität einer Sparkasse entstehen (Schütz [2006] 65f.; Ashauer [2006] 38f.).
Historisch gewachsene Gemengelagen existieren z.B., wenn eine Kreissparkasse ihre Hauptstelle in einer (innerhalb des Kreises liegenden) kreisfreien Stadt mit eigener Stadtsparkasse besitzt. Dies ist z.B. bei der Kreissparkasse Köln der Fall, deren Hauptsitz in Köln und damit im Geschäftsgebiet der Sparkasse KölnBonn liegt. Diese Fälle werden jedoch durch Fusionen immer seltener. Ein anderer Sonderfall sind sogenannte freie Sparkassen18, die über kein in der Satzung umschriebenes festes Geschäftsgebiet verfügen. Überschneiden sich die Tätigkeitsgebiete dieser freien Sparkassen mit denen kommunaler Sparkassen wie im Fall der HASPA (Hamburger Sparkasse) und den umliegenden öffentlich-rechtlichen Sparkassen, können ebenfalls Durchbrechungen des organisationsrechtlichen Regionalprinzips entstehen. So besitzt die HASPA diverse Filialen im Hamburger Umland, umgekehrt hat bspw. die Umlandsparkasse Harburg-Buxtehude ihren Unternehmenssitz in Hamburg. ← 18 | 19 →
Unter dem geschäftsrechtlichen Regionalprinzip werden im Wesentlichen die Einschränkungen im Kreditgeschäft, bei möglichen Beteiligungen und hinsichtlich der Werbeaktivitäten zusammengefasst.
Auch wenn keine uniforme gesetzliche Normierung im Sparkassenrecht der Länder existiert, so ist festzustellen, dass der Schwerpunkt der Regelungen auf dem Kreditgeschäft liegt (Schütz [2006] 66). Zieht man exemplarisch die Sparkassenmustersatzung Hessen heran, so sollen bspw. Personalkredite „grundsätzlich nur an solche natürliche oder juristische Personen vergeben werden, die im Geschäftsbereich der Sparkasse ihren Sitz, Wohnsitz, gewerbliche Niederlassung oder eine sonstige wirtschaftliche oder berufliche Anknüpfung gefunden haben.“ Beim Realkredit wird dagegen nur festgelegt, dass sich die betreffende Immobilie im Geschäftsgebiet der Sparkasse befinden soll.19
Hinsichtlich möglicher Beteiligungen der Sparkassen existieren kaum explizite formale Einschränkungen. Mit Ausnahme der Verbund- und Gemeinschaftsbeteiligungen mehrerer Sparkassen sind hier allerdings nach allgemeiner Auffassung die gleichen Maßstäbe wie beim Kreditgeschäft anzusetzen (Raskin [2001] 119f.; Klüpfel et al. [2001] 74; Schütz [2006] 66).
Im Gegensatz dazu unterliegt das Passivgeschäft keinen Einschränkungen, da die Einlagen unabhängig von ihrer Herkunft nach maßgeblicher Meinung das regionale Kreditvergabepotential der Sparkassen erhöhen und somit der wirtschaftlichen Entwicklung des Geschäftsgebiets dienlich sind (Güde [1995] 42; Gärtner [2008] 108). So findet sich regelmäßig sogar in den Satzungen der Sparkassen die (Selbst-)Verpflichtung, von jedermann Spareinlagen anzunehmen (vgl. z.B. §3 (1) Satzung der Sparkasse Darmstadt). Neben dem Passivgeschäft unterliegt auch das Dienstleistungsgeschäft keinen Restriktionen (Blume [2000] 25; Schlierbach/Püttner [2003] 138; Lütke-Uhlenbrock [2007] 14).
Auch hinsichtlich der Werbeaktivitäten bestehen Einschränkungen, die im Regionalprinzip begründet liegen. So ist prinzipiell das Geschäftsgebiet das Territorium, in dem die Sparkasse für ihre Produkte werben darf (Schlierbach/Püttner [2003] 134). ← 19 | 20 → Die Werbeaktivitäten bzw. Produktwerbung der Sparkassen muss zumindest erkennbar auf die Bevölkerung im Geschäftsgebiet abzielen (Klüpfel et al. [2001] 51; Raskin [2001] 132).
In der Sparkassenpraxis hat sich ein relativ flexibler Umgang mit dem geschäftsrechtlichen Regionalprinzip herausgebildet, das insofern lediglich als „Richtschnur“ (Hoffmann-Theinert [2000] 360) zu verstehen ist. Entscheidend ist, dass bei den geschäftlichen Aktivitäten ein Bezug zum Geschäftsgebiet hergestellt werden kann und dass keine andere Sparkasse bei der Erfüllung ihres öffentlichen Auftrags behindert wird. Nach dem sogenannten Anknüpfungsgrundsatz von Klüpfel muss die geschäftliche Tätigkeit außerhalb des Trägergebiets in einem unmittelbaren und wirtschaftlich engen Zusammenhang mit der Versorgung der Bevölkerung und der Wirtschaft des Geschäftsgebiets stehen. Bei Ausnahmen und Abweichungen vom Regionalprinzip im Kreditgeschäft muss zumindest eine konkretisierbare, persönliche oder sachliche Anknüpfung zwischen dem Kreditnehmer und dem Geschäftsgebiet der Sparkasse bestehen (Raskin [2001] 112; Oberbeckmann [1982] 443; Schütz [2006] 69).
Sparkassen dürfen demnach im Kreditgeschäft mit Kunden außerhalb ihres Geschäftsgebiets nicht aktiv, d.h. initiativ und gezielt, tätig werden, sondern sollten lediglich eine passive Geschäftsbereitschaft signalisieren. Der Anknüpfungsgrundsatz gilt grundsätzlich auch hinsichtlich Beteiligungen, bei denen ebenfalls ein wirtschaftlicher Zusammenhang zum Geschäftsgebiet, d.h. eine konkrete sachliche Anknüpfung notwendig ist.
Die Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), z.B. beim Internetbanking oder bei der Präsentation von Produkten und Konditionen auf einem Internetportal, führt zwangsläufig zu Konflikten mit dem Regionalprinzip in seiner bisherigen Auslegung. Grundsätzlich soll das Regionalprinzip nicht verhindern, dass eine Sparkasse zur effektiven Erfüllung ihres öffentlichen Auftrags alle stationären und elektronischen Vertriebswege nutzt. Da zudem Wettbewerbsgründe die Nutzung neuer Kommunikationsmedien und -plattformen erfordern, wird in der Sparkassenpraxis und der wissenschaftlichen Literatur für eine gegenwartsnahe Auslegung des Regionalprinzips plädiert.
Demnach sollten Geschäfte mit gebietsfremden Kunden vor dem Hintergrund einer wettbewerbsnahen Aufgabenerfüllung auch in Abweichung vom ← 20 | 21 → Anknüpfungsgrundsatz prinzipiell möglich sein, wenn diese „nicht auf aktive Angebote zurückzuführen sind und (…) die Kunden sich aus eigener Initiative an die Sparkasse gewendet haben.“ (Schütz [2006] 72).
Zu den aktiven Angeboten zählen z.B. „aggressive Werbung“ oder „Zinsdumping“, aber auch gezielte Werbemaßnahmen für gebietsfremde Kunden ohne Bezug zum Geschäftsgebiet, die nicht mit einer gegenwartsnahen Auslegung vereinbar und daher abzulehnen sind (Schütz [2006] 71ff.). Prinzipiell soll bei allen Maßnahmen ein Zurückhaltungsgebot bzw. -grundsatz gelten, d.h. Aktivitäten dürfen die Erfüllung des öffentlichen Auftrags gebietsfremder Sparkassen nicht beeinträchtigen.
Zusätzlich zu den Restriktionen des Regionalprinzips existieren für Sparkassen weitere Einschränkungen der Geschäftstätigkeit. So dürfen Sparkassen grundsätzlich nur die Geschäfte betreiben, die nach den jeweiligen Sparkassenverordnungen und Satzungen durch detaillierte Aufzählung ausdrücklich erlaubt und als zulässig aufgeführt sind. Dieser Sachverhalt wird als „Enumerationsprinzip“ bezeichnet. Nach diesem Grundsatz sind z.B. Spekulationsgeschäfte mit eigenen Mitteln verboten.
Das Enumerationsprinzip ist in den letzten Jahren in den Sparkassengesetzen vieler Bundesländer durch das Verbotsprinzip abgelöst worden.20 Demnach sind bis auf die explizit verbotenen bzw. eingeschränkten Aktivitäten, prinzipiell alle banküblichen Geschäfte erlaubt. Ein Beispiel für ein explizites Verbot findet sich in der Sparkassenverordnung Sachsen §9 (2): „Derivate in Form von Termingeschäften in Waren oder Edelmetallen sind unzulässig.“ (Klein [2003] 48, Lütke-Uhlenbrock [2007] 17; Matschke/Witt [2004] 256). Das Enumerations- und neuerdings das Verbotsprinzip sorgen also für eine über die allgemein geltenden Beschränkungen des KWG hinausgehende inhaltliche Limitierung der Geschäftstätigkeit, indem bestimmte, anderen Banken erlaubte Tätigkeiten ausgeschlossen werden. Ursprüngliches Ziel dieser Regelungen war die Risikobegrenzung, um die Einleger und Anstaltsträger zu schützen (Blume [2000] 23f.). ← 21 | 22 →
Nachdem die wichtigsten institutionellen Besonderheiten der Sparkassen vorgestellt wurden, soll im Anschluss die Rolle der Sparkassen im deutschen Bankenmarkt beleuchtet werden. Gleichzeitig dient das folgende Kapitel dazu, einige wichtige Trends und Entwicklungen im deutschen Bankensektor aufzuzeigen. Hierzu zählen z.B. Konzentrationsprozesse, die in den Abschnitten 2.2.1 und 2.2.2 mit Hilfe von zwei Indikatoren (Entwicklung der absoluten Zahl der Kreditinstitute sowie der Zweigstellen) charakterisiert werden. Im Anschluss (Abschnitt 2.2.3) folgt eine knappe Analyse der Beschäftigtenzahlen im Kreditgewerbe, die hilft, die Größe und Gewicht der einzelnen Banken bzw. Bankengruppen einzuschätzen und Rationalisierungstendenzen im Bankgeschäft zu identifizieren. Da von Beschäftigtenzahlen nicht eindeutig auf Größe und Relevanz geschlossen werden kann, liegt ein besonderes Augenmerk auf der sich anschließenden Marktanteilsanalyse (Kapitel 2.2.4). Hier werden mit Hilfe von Bilanzsummen aus der Bankenstatistik der Bundesbank Gesamtmarktanteile sowie Marktanteile bei einzelnen Bilanzpositionen ermittelt, um die Bedeutung der Sparkassen und ihre Geschäftsschwerpunkte herauszuarbeiten, d.h. insbesondere ihre Stellung im Privatkundengeschäft zu quantifizieren. Da im Mittelpunkt der Arbeit die Ertragslage steht, wird abschließend in Abschnitt 2.2.5 die aktuelle Ertragssituation im deutschen Bankensektor zu Beginn des neuen Jahrtausends betrachtet und die Effizienz der Institute bzw. Bankengruppen untersucht und eingeordnet.
Die Analyse folgt dabei in der Regel der klassischen Dreiteilung des deutschen Bankensektors in drei sogenannte „Säulen“. Die erste Säule umfasst dabei den öffentlich-rechtlichen Bankensektor, der aus den Sparkassen, Landesbanken und sonstigen verbundenen Kreditinstituten besteht, wobei Erstgenannte -soweit möglich- gesondert betrachtet werden. Die zweite Säule bilden traditionell die genossenschaftlich organisierten Banken mit ihren Verbundinstituten. Sofern entsprechende Informationen vorliegen, werden aus diesem Bereich die Kreditgenossenschaften als Hauptkonkurrenten der Sparkassen näher analysiert. Zur dritten Säule werden üblicherweise die privaten Geschäfts-, Spezial- und Regionalbanken zusammengefasst. Da die privaten Großbanken (Deutsche Bank, etc.) innerhalb dieses Segments eine herausragende Rolle spielen, werden sie gegebenenfalls separat betrachtet und den Sparkassen und Kreditgenossenschaften gegenübergestellt. ← 22 | 23 →
Abgerundet wird das Kapitel durch den exkursartigen Abschnitt 2.2.7 zur Rolle der Sparkassen in der DDR, der vornehmlich dazu dient, die in der späteren Analyse auftauchenden strukturellen Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Sparkassen zu erklären.
Der deutsche Bankenmarkt ist seit der Nachkriegszeit hinsichtlich der absoluten Zahl von Kreditinstituten durch Konzentrationsprozesse gekennzeichnet, die bis heute unverändert anhalten. Wurden in den 50er Jahren noch über 13.000 selbständige Institute gezählt, so sind zum Jahresende 2009 -trotz zwischenzeitlicher Marktöffnungs- und Liberalisierungsbemühungen für ausländische Banken- lediglich noch 2.121 Banken in Deutschland aktiv. Diese starke Konsolidierungsdynamik betrifft die einzelnen Säulen des Bankensystems sehr unterschiedlich. Wie Abbildung 2 für die Jahre 2000 bis 2009 zeigt, ist insbesondere bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken ein starker Rückgang der selbstständigen Institute zu verzeichnen.21
Im Betrachtungszeitraum 2000 bis 2009 nimmt die Gesamtzahl der Institute um ein Viertel von 2.829 auf 2.121 Banken ab.22 Dieser Trend wird wesentlich durch die Kreditgenossenschaften und Sparkassen getrieben, wobei erstere relativ und absolut den stärksten Rückgang zu verzeichnen haben. Die Zahl der Genossenschaftsbanken reduzierte sich innerhalb von 10 Jahren von 1.764 auf 1.144 (-35,1%), sie stellen jedoch 2009 immer noch knapp 54% aller Banken (2000: 62,3%) und bilden damit nach wie vor die größte Einzelgruppe unter den Kreditinstituten. Bei der zweitgrößten Gruppe, den Sparkassen, sank der Bestand ← 23 | 24 → im gleichen Zeitraum dagegen lediglich um 23,3%, d.h. von 562 auf 431 Institute. Die relativ kleine Zahl der ausländischen Banken hat sich von 2000 (87 Institute) bis 2009 (167 Banken) fast verdoppelt (+92,0%).23
Abbildung 2: Bestand an Kreditinstituten 2000-2009 (inkl. Postbank, ohne Kapitalanlagegesellschaften); Quelle: DBB [Bankstellenstatistik] verschiedene Jahrgänge, eigene Berechnungen
Ursache für die Entwicklung bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind meist aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen durchgeführte Zusammenschlüsse von regional benachbarten Instituten mit kleinen Betriebsgrößen zu größeren Einheiten. Diese, streng nach Säule getrennte, ausgeprägte Fusionstätigkeit ist dabei auf die traditionell stark fragmentierten sektoralen Organisationsstrukturen zurückzuführen. So existieren historisch bedingt innerhalb beider Säulenverbünde eine Vielzahl von rechtlich selbstständigen kleineren und Kleinsteinheiten, die dem zunehmenden Wettbewerbsdruck nicht immer gewachsen sind. Auf Sparkassenseite handelt es sich meist um Stadtsparkassen, die sich durch eine kleine Belegschaft und ein zwangsläufig äußerst überschaubares ← 24 | 25 → Filialnetz auszeichnen. Zum Jahresende 2009 existierten beispielsweise immer noch 47 Sparkassen mit einer Bilanzsumme von unter 500 Mio. €, die zugleich weniger als 150 Beschäftigte und 15 „Sparkassenstellen“ (inkl. SB-Stellen) besaßen. Die nach Bilanzsumme kleinste Sparkasse war mit 129,6 Mio. € die Stadtsparkasse Bad Sachsa (DSGV [2010b]).24 Auf Genossenschaftsseite zeigt sich sogar noch eine wesentlich stärkere strukturelle Zersplitterung mit einem erheblich größeren Anteil von kleinen und Kleinstbanken. Von den insgesamt 1.154 selbstständigen Volks- und Raiffeisenbanken zum 31.12.2009 wiesen 801 eine Bilanzsumme unter einer halben Milliarde € auf. Die kleinste Genossenschaftsbank zu diesem Zeitpunkt war die Raiffeisenbank eG, Struvenhütten mit einer Bilanzsumme von nur 12,3 Mio. € (BVR [2010]).
Diese Struktur birgt das Potential für eine weitere Konsolidierung, die sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren verlangsamt fortsetzen wird. So plant nach einer Befragung der Steria Mummert Consulting AG von 2008 jedes dritte teilnehmende Institut bis 2011 eine Fusion im Kerngeschäft. Bei den Genossenschaftsbanken ist sogar jedes zweite befragte Institut zu einer Verschmelzung bereit. (Steria Mummert Consulting [2008] 11; DBB [2009] 6). Der BVR selbst hatte Anfang des Jahrzehnts in einem Strategiepapier eine Zielvorgabe von 800 Primärinstituten bis 2008 formuliert, die mittlerweile aber lediglich als Ergebnis einer langfristigen Entwicklung gesehen wird (DBB [2005] 4).
Im Gegensatz zur Gesamtzahl der Kreditinstitute konnte bis zur Wiedervereinigung ein starker Ausbau des Filialnetzes in Deutschland beobachtet werden. Innerhalb von ungefähr 30 Jahren hatte sich die Zahl der Zweigstellen aller Banken mehr als verdreifacht. Wurden in den 50er Jahren noch um die 13.000 Zweigstellen gezählt, so kam man 1987 bereits auf annähernd 40.000 (Stiele [2008] 35). Dieser Trend kehrte sich jedoch nach der Wiedervereinigung nachhaltig um. Seit Beginn der 90er Jahre ist eine stetige Ausdünnung des Filialnetzes festzustellen, die, wie Abbildung 3 belegt, auch im neuen Jahrtausend unverändert anhält. ← 25 | 26 →
Insgesamt reduzierte sich im Zeitraum 2000 bis 2009 die Gesamtzahl der Zweigstellen um 30,7%. Von den Ende 2009 existierenden 39.441 Geschäftsstellen entfielen ein gutes Drittel (33,6%) auf die Sparkassen (13.266 Zweigstellen), 30,1% auf die Kreditgenossenschaften (11.888 Zweigstellen) und 22,2% auf die Großbanken inkl. der Postbank (8.773 Filialen).25 Diese drei Gruppen stellen zusammen somit über 86% aller Zweigstellen. Den Rest der Filialen stellen im Wesentlichen die privaten Regionalbanken sowie private und öffentlich-rechtliche Bausparkassen. Ausländische Banken verfügen nur über 106 Zweigstellen, d.h. 0,27% aller Filialen.
Abbildung 3: Zahl der Zweigstellen 2000-2009 (inkl. Postbank, ohne Kapitalanlagegesellschaften); Quelle: DBB [Bankstellenstatistik] verschiedene Jahrgänge, eigene Berechnungen ← 26 | 27 →
Betrachtet man die Entwicklung im Zeitraum 2000-2009 innerhalb der drei relevanten Gruppen, so wird deutlich dass bei den Großbanken der stärkste Einschnitt in das Filialnetz stattgefunden hat. Insgesamt hat diese Gruppe fast die Hälfte (46,8%) ihrer ursprünglich 16.502 Filialen geschlossen. Dies ging einher mit einem signifikanten Rückzug aus der Fläche, d.h. mit einer Aufgabe von kompletten Regionen. Ende 2003, im letzten Jahr der detaillierten regionalen Erfassung von Bankstellen, waren die Großbanken bereits in nahezu 10 % der Landkreise nicht mehr vertreten.26 In mehr als 20% der Kreise besaßen sie lediglich eine Zweigstelle, in gut weiteren 20% verfügten sie zusammen nur über zwei Filialen. Dies bedeutet, dass die Großbanken in mehr als der Hälfte Deutschlands ihre Präsenz stark eingeschränkt bzw. aufgegeben haben. In diesen meist ländlichen und strukturschwachen Regionen traten nur Sparkassen, Genossenschaftsbanken und die Postbank mit einem nennenswerten Filialnetz auf (Stiele [2008] 37; DBB [Bankstellenstatistik, detailliert] 2004; DSGV [2006] 7f.). An dieser grundsätzlichen Situation dürfte sich seit 2003 nichts gravierend verändert haben. Der drastische Rückgang der Zweigstellen von Großbanken auch nach 2003 legt sogar die Vermutung nahe, dass sich der bis dahin beobachtbare Trend weiter fortgesetzt hat.
Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben ihr Zweigstellennetz dagegen im Verlauf des letzten Jahrzehnts beide nur um etwas mehr als 20% reduziert. Die Sparkassen verloren dabei ausgehend von 16.892 Zweigstellen im Jahr 2000 21,5%, die Kreditgenossenschaften ausgehend von 15.206 Filialen 21,8% ihrer Dependancen. Bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken sind die Filialschließungen tendenziell sehr vorsichtig ohne wirkliche Aufgabe von geographischen Standorten durchgeführt worden. Die Ausdünnung des Filialnetzes fand oftmals im Rahmen der Bereinigung von Gemengelagen27 statt (Stiele [2008] 36) oder diente der Arrondierung der Filiallandschaft z.B. in Folge von Fusionen. Gelegentlich war sie auch einer Umstrukturierung des Vertriebsnetzes geschuldet, wenn bspw. zu Gunsten größerer Niederlassungen Kleinstfilialen geschlossen und in SB-Standorte28 umgewandelt worden sind. ← 27 | 28 →
Abschließend bleibt zu erwähnen, dass hinsichtlich der Filialdichte ein deutliches Ost-West-Gefälle zu beobachten ist. Die Bankstellendichte in Ostdeutschland ist erheblich geringer als im Westen (DBB [Bankstellenstatistik, detailliert] 2004).
Mit der Schließung von Filialen setzte sich auch der Personalabbau im Bankensektor fort. Waren im gesamten Kreditgewerbe zum Jahr 2000 noch 774.550 Beschäftigte zu verzeichnen, konnten 2009 nur noch 663.000 Personen gezählt werden. Dies entspricht einem Rückgang von 14,4%. Abbildung 4 gibt einen Überblick über die Verteilung dieser Beschäftigten auf die einzelnen Bankengruppen in den Jahren 2000 und 2009.
Abbildung 4: Beschäftigte im Kreditgewerbe 2009 (ohne Bundesbank) ; Quelle: AGV-Banken [Beschäftigtenstatistik] 2010, eigene Berechnungen
Im Jahr 2009 war das Gros der Beschäftigten (46,1%) -wie im Jahr 2000 mit 44,1% - im öffentlichen Bankensektor tätig, der seine relative Bedeutung in diesem Zeitraum ausbauen konnte. Den Sparkassen kommt dabei eine herausragende Position zu. Sie alleine beschäftigten 2009 insgesamt 37,6% aller Angestellten. Die privaten Banken sind wie im Jahr 2000 trotz eines massiven Abbaus von fast 60.000 Stellen (-23,7%) mit knapp 200.000 Mitarbeitern immer noch ← 28 | 29 → der zweitgrößte Arbeitgeber im Kreditgewerbe und stellen fast 30% der Beschäftigten. Im genossenschaftlich organisierten Sektor verringerte sich die Mitarbeiterzahl mit 9,1% dagegen nur unterproportional. Als Folge arbeitete im Jahr 2009 fast jeder vierte Arbeitnehmer im Bankensektor für eine Kreditgenossenschaft.
Zur Beurteilung der Größe und zum Vergleich von Kreditinstituten wird neben der Beschäftigtenzahl in der Regel zusätzlich die Bilanzsumme herangezogen. Die Quotienten aus der aggregierten Bilanzsumme einzelner Bankengruppen (z.B. der Sparkassen oder der Großbanken) und der Gesamtsumme aller Kreditinstitute werden dabei üblicherweise als Marktanteile interpretiert. Zur Beurteilung der Marktstellung der Sparkassen wird analog zu dieser Vorgehensweise in Abbildung 5 der jeweilige Anteil der einzelnen Gruppen (gemäß Bundesbanksystematik) innerhalb des deutschen Bankensystems an der Gesamtbilanzsumme abgetragen.
Abbildung 5: Marktanteile der Bankengruppen Ende 2009 (in % der Gesamtbilanzsumme); Quelle: DBB [Bankenstatistik], eigene Berechnungen
Die größte Bedeutung kommt nach dieser Systematik dem öffentlich-rechtlichen Bankensektor zu, der hier durch Sparkassen und Landesbanken abgebildet ← 29 | 30 → wird. Beide Gruppen verfügen zum Ende 2009 zusammen über einen Gesamtmarktanteil von 33,7%, wovon 14,3% auf die Sparkassen entfällt. Gemessen an der Bilanzsumme sind die Sparkassen somit etwas größer als der Genossenschaftssektor29 mit 12,5%. Die Großbanken verfügen über einen Marktanteil von 17,2%, der ihrer finanzwirtschaftlichen Bedeutung jedoch nicht ganz gerecht wird, da sie stark in außerbilanziellen Geschäften engagiert sind. Die „sonstigen Banken“, d.h. alle anderen von der Bundesbank gesondert betrachteten Kreditinstitutsgruppen, stellen insgesamt mehr als ein Drittel der Bilanzsumme (36,2%).30
Die Aufteilung des Marktes zwischen den großen Akteuren „Sparkassen und Landesbanken“, „Genossenschaftssektor“ sowie „Großbanken“ hat sich in den letzten 5 Jahren nicht gravierend verändert. Im Vergleich zum Ende 2004 haben die Großbanken (2004: 18,3%) und die öffentlich-rechtlichen Institute (2004: 34,2%) leicht verloren, die Genossenschaftsbanken (11,7%) und die sonstigen Banken (35,8%) dagegen marginal Marktanteile hinzugewonnen.
Der auf den ersten Blick relativ klein erscheinende Gesamtmarkanteil der Sparkassen von gut 14% täuscht über die herausragende Stellung in einzelnen Marktsegmenten hinweg. Betrachtet man die in Tabelle 1 zusammengestellten Marktanteile bei ausgewählten Bilanzpositionen zeigt sich, dass die Sparkassen Marktführer im privaten Kredit- und (Spar-) Einlagengeschäft sowie bei der Unternehmensfinanzierung sind. Die Großbanken, bedingt durch ihren Rückzug aus der Fläche und der weniger starken Akzentuierung des Retailbankings, verfügen hier lediglich über eine im Vergleich zu ihrem Gesamtmarktanteil unterproportionale Aktivität. Die Genossenschaftsbanken sind insgesamt ähnlich wie die Sparkassen positioniert und in den genannten Geschäftsfeldern ebenfalls überproportional stark vertreten.
In anderen Geschäftszweigen, wie z.B. dem Investmentbanking, dem Privatkundengeschäft mit vermögenden Kunden (Private Banking) oder allgemein der Vermögensverwaltung (Asset Management) sind die Sparkassen insgesamt ← 30 | 31 → dagegen unterrepräsentiert.31 So kann man z.B. mit Hilfe der Depotstatistik der Bundesbank für Sparkassen einen Marktanteil im Wertpapiergeschäft (Kundendepots zu Kurswerten, Stand Juni 2010) ermitteln, der mit 8,7% deutlich unterhalb ihres Gesamtmarktanteils liegt (DBB [Depotstatistik] 2010).
Tabelle 1: Marktanteile bei ausgewählten Bilanzpositionen (in %, Stand 31.12.2009); Quellen: 1 DBB [Bankenstatistik], 2 DSGV [2010a] 18ff
Wie in der Einleitung der Arbeit bereits dargestellt wurde, steht die zukünftige Ertragssituation im Mittelpunkt der nachfolgenden Analyse. Bevor jedoch die Auswirkungen demographischer Veränderungen quantifiziert werden, lohnt sich ein Blick auf die Ausgangssituation im deutschen Bankensektor zu Beginn des neuen Jahrtausends, wobei ein besonderes Augenmerk auf der relativen Position der Sparkassen liegt. Zur Beurteilung der Profitabilität und Effizienz der Kreditinstitute werden im Folgenden die Indikatoren Eigenkapitalrentabilität (EKR) und Cost-Income-Ratio (CIR) herangezogen. ← 31 | 32 →
Die Eigenkapitalrentabilität (EKR), hier abgebildet durch den Quotienten aus Jahresüberschuss vor Steuern und durchschnittlichem bilanziellen Eigenkapital (einschließlich Fonds für allgemeine Bankrisiken, jedoch ohne Genussrechtskapital), ist ein Maß für die Profitabilität der Kreditinstitute. Je größer der Wert, desto größer die Verzinsung der eingesetzten Mittel der Eigner. Abbildung 6 fasst die Entwicklung für ausgewählte Bankengruppen und den gesamten deutschen Bankensektor für die Jahre 1999 bis 2008 zusammen. Zusätzlich wurden zu Vergleichszwecken die korrespondierenden Werte für das Jahr 1995 aufgenommen.
Ausgehend von Werten um die 14% Mitte der 90er Jahre konnte bis zum Jahr 2003 (0,7%) im deutschen Bankensektor insgesamt ein stetiges Sinken der Eigenkapitalrentabilität beobachtet werden, so dass Anfang des Jahrtausends des Öfteren eine „Bankenkrise“ diagnostiziert wurde.32 Im Zuge des konjunkturellen Aufschwungs war jedoch ab 2004 bis 2007 eine deutliche Erholung der Renditen festzustellen, bevor am Ende des Betrachtungszeitraums 2008 die Finanzkrise für einen extremen Rückgang der EKR auf -7,7% sorgte. Verantwortlich hierfür war vor allem die zu diesem Zeitpunkt desolate Ertragslage der besonders betroffenen Großbanken (-25,3%) und Landesbanken (-11,1%; ohne Abbildung). ← 32 | 33 →
Abbildung 6: Eigenkapitalrentabilität1 in % vor Steuern (1995, 1999-2008) ; Quelle: DBB [Ertragslage] 2009, eigene Berechnungen; 1 Jahresüberschuss vor Steuern in % des durchschnittlichen bilanziellen Eigenkapitals (einschließlich Fonds für allgemeine Bankrisiken, jedoch ohne Genussrechtskapital)
Der Rückgang der Renditen seit 1995 ist nicht nur im Gesamtmarkt festzustellen, sondern betrifft auch die im langjährigen Mittel profitabelsten Bankengruppen der Sparkassen (Durchschnitt 1999-2008: 9,7%) und Genossenschaftsbanken (Durchschnitt 1999-2008: 9,6%). Da Sparkassen von dieser Entwicklung offensichtlich etwas stärker tangiert sind, haben die Genossenschaften die öffentlich-rechtlichen Institute hinsichtlich der Rentabilität in den letzten Jahren überflügelt. Lag die EKR der Sparkassen in den 90er Jahren33 auf hohem Niveau noch deutlich und durchgängig über den Renditen der Kreditgenossenschaften, so kehrte sich seit 2004 das Bild nachhaltig um.
Bei den Großbanken ist es wegen der starken Schwankungen der Rentabilität dagegen schwer einen eindeutigen Trend zu identifizieren. Im Gegensatz zu den stabilen Renditen von Genossenschaftsbanken und Sparkassen weist die ← 33 | 34 → EKR der Großbanken eine sehr große Volatilität auf, die in den 90er Jahren noch nicht festzustellen war.34 In diesem Jahrzehnt folgen dagegen extremen Krisenjahren (2003: -12,9%) in kurzem Abstand außerordentlich erfolgreiche Geschäftsjahre (2005: 31,7%), was auf eine grundlegende Änderung des Geschäftsmodells hindeutet. In der Mehrzahl der Jahre weisen die Großbanken -im Unterschied zu Sparkassen und Kreditgenossenschaften- eine im Vergleich zum Gesamtsektor unterdurchschnittliche Performance auf.
Die verhältnismäßig geringe Volatilität der EKR bei Sparkassen und Kreditgenossenschaften scheint vornehmlich der Fokussierung auf das Geschäft mit Privat- und mittelständischen Firmenkunden geschuldet, mit dem stabile, aber insgesamt tendenziell abnehmende Erträge generiert werden können. Anders das Bild bei den Großbanken: Durch ihre differierende Positionierung, d.h. partieller Rückzug aus dem Retailgeschäft bei gleichzeitigem Ausbau des Investmentbankings, schwankt ihre EKR deutlich stärker. Deutlich sichtbar wird dies, wie weiter unten näher beleuchtet, in der Ergebniskomponente „Nettoergebnis aus Finanzgeschäften“.
Als zweiter Indikator, der auf die Effizienz der Institute abstellt, wird anschließend die Cost-Income-Ratio (CIR) betrachtet. Die CIR setzt die allgemeinen Verwaltungsaufwendungen (Personal- und andere Aufwendungen) ins Verhältnis zum Überschuss aus dem operativen Geschäft. In der engen Fassung der CIR setzt sich dieser Überschuss lediglich aus Zins- und Provisionsüberschüssen zusammen. In der weiten Fassung, die im Folgenden zugrunde gelegt wird, werden zusätzlich noch der Nettoertrag aus Finanzgeschäften und der Saldo der sonstigen betrieblichen Erträge und Aufwendungen einbezogen. Eine im Verhältnis zu anderen Banken kleine CIR deutet auf effizientes wirtschaften hin, ein relativ großer Quotient offenbart dagegen Optimierungspotential. International und von den Sparkassen selbst wird ein Wert von 60% angestrebt (Stiele [2008] 45; Ashauer [2005] 144).
Abbildung 7, die die Entwicklung der CIR in der weiten Fassung im Zeitraum 2000 bis 2008 zusammenfasst, zeigt, dass der gesamte Bankensektor sowie die betrachteten Subgruppen Sparkassen, Kreditgenossenschaften und Großbanken z.T. weit von dieser Benchmark entfernt sind. ← 34 | 35 →
Abbildung 7: Cost-Income Ratio (weite Abgrenzung) 2000-2008; Quelle: DBB [Ertragslage] 2009, eigene Berechnungen
Die CIR der Sparkassen bewegt sich im Betrachtungszeitraum zwischen 64,9% (2004) und knapp unter 70% in den Jahren 2001 und 2007. Sie verfügen damit im Vergleich zu den anderen betrachteten Bankengruppen und dem Gesamtsektor über das geringste Durchschnittsniveau und weisen zusätzlich die kleinste Varianz auf. Ein etwas instabileres Bild zeigt sich bei den Kreditgenossenschaften. Hier liegen die Schwankungen der CIR ungefähr auf dem Niveau des Gesamtsektors. Im Unterschied zu den Sparkassen sind jedoch erfolgreiche Optimierungsbemühungen zu erkennen, die CIR nimmt tendenziell ab. Im Jahr 2000, zu Beginn des Betrachtungszeitraums, ergibt sich mit 74,5% eine Quote deutlich über dem Niveau der Sparkassen (68,9%), in den Jahren 2006 und 2008 liegt sie mit 64,3% bzw. 68,3% bereits darunter.
Die Großbanken weisen bzgl. der CIR die größte Varianz auf, was vor allem auf die Nettoerträge aus Finanzgeschäften zurückzuführen ist, die hier in der Summe aller Überschüsse aus dem operativen Geschäft enthalten sind. Diese Ertragskomponente, d.h. der Eigenhandel mit Wertpapieren, ist für die Großbanken ← 35 | 36 → im Gegensatz zu Sparkassen und Kreditgenossenschaften35 von großer Bedeutung, weist jedoch eine sehr große Volatilität auf. So resultierte zwar bei den Großbanken im Jahr 2005 aus diesem Bereich mit 27,3% des Gesamtüberschusses erstmals ein größerer Erfolgsbeitrag als im Provisionsgeschäft mit 25,6%. Nur drei Jahre später, im Jahr 2008, mussten in diesem Ergebnissegment jedoch dramatische Verluste hingenommen werden, die fast 90% des Gesamtüberschusses im operativen Geschäft ausmachen.
Abschließend soll ein kleiner Ausblick in die Zukunft des deutschen Bankenmarkts gewagt werden. Im Mittelpunkt stehen mögliche Entwicklungen und Bedrohungen, die sich zusätzlich zum demographischen Wandel ergeben.
Es ist unbestritten, dass der deutsche Bankensektor in den kommenden Jahren vor gravierenden Umwälzungen und Herausforderungen steht. Dies betrifft auch die deutschen Sparkassen, die sich bislang, wie gesehen, auch nach dem weitgehenden Wegfall staatlicher Privilegien verhältnismäßig gut im Wettbewerb behaupten konnten. Zunehmende Konkurrenz, verändertes Kundenverhalten, neue Technologien und veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen werden das Wettbewerbsumfeld der Banken im Retail Banking nachhaltig verändern und zusätzlich zu den demographischen Herausforderungen erhebliche Auswirkungen auf die Ertragslage im Privatkundengeschäft haben.
In diesem Segment ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Anbietern am Markt vertreten, die um eine abnehmende und sich regional stark unterschiedlich entwickelnde Kundenbasis werben. Direktbanken, die kein kostenintensives Filialnetz unterhalten, „non und near banks“ und die verstärkte Präsenz ausländischer Institute führen bereits heute zu einem harten Wettbewerb, der sich zukünftig weiter intensivieren wird. Zusätzlich haben mittlerweile auch die etablierten Großbanken angekündigt, ihr Privatkundengeschäft wieder zu forcieren.
Diese anbieterseitigen Entwicklungen werden begleitet von erheblichen Veränderungen auf Seiten der Kunden. Die Etablierung neuer Kommunikations- und ← 36 | 37 → Informationstechnologien befördert z.B. eine steigende Preissensitivität und Mobilität der Kunden, da die Transparenz und Vergleichbarkeit von Produkten und Konditionen zunimmt. Im Zuge dieser Entwicklung ist zudem anzunehmen, dass das klassische „relationship banking“, d.h. die ausschließliche Bindung an eine Bank, an Bedeutung verlieren wird. Diese Tendenzen sind bereits heute zu beobachten und betreffen mittlerweile auch ältere Kunden. Zukünftig werden sich diese Trends verstärken und auch auf der Nachfrageseite zu stärkerem Ertragsdruck führen. Als Konsequenz stehen auch bei den Sparkassen die großen Filialnetze unter zunehmenden ökonomischen Rechtfertigungsdruck.
Hinzu kommen absehbare Veränderungen in den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die darauf abzielen, vermeintliche Intransparenzen und Wettbewerbshemmnisse, wie z.B. bei der Kundenberatung oder beim Wechsel der Girokontoverbindung abzubauen.
Insgesamt existieren also zusätzlich zu den demographisch induzierten Ertragsrisiken eine Vielzahl weiterer potentiell ertragsdämpfender Trends, denen Sparkassen ausgesetzt sind. Eine bisher äußerst stiefmütterlich behandelte Herausforderung ist jedoch, wie auch im anschließenden Literaturüberblick deutlich wird, der demographische Wandel, der in dieser Untersuchung im Fokus steht.
Es ist allgemein bekannt, dass die deutsche Teilung in vielen Bereichen des Wirtschaftslebens bis heute nachwirkt. Dies gilt, wie bereits bei der Betrachtung der Zweigstellen kurz angedeutet, auch für den gesamtdeutschen Bankensektor. Die diametral unterschiedliche Organisation des ostdeutschen Kreditwesens vor 1990 mit einer besonderen Stellung der Sparkassen schlägt sich, wie später auch im Hauptteil der Arbeit deutlich wird, in strukturellen Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland nieder, die auch heute –fast 20 Jahre nach der Wiedervereinigung- spürbar sind. Diese Differenzen haben Auswirkungen auf die Methodik und Analyse, die in Abschnitt 4 beschrieben wird, und betreffen vor allem die aktuelle Wettbewerbsposition der einzelnen Bankengruppen, aber in untergeordnetem Maße beispielsweise auch das Anlageverhalten. Aus diesem Grund soll abschließend kurz die Situation im Bankenmarkt der DDR vor der Wiedervereinigung skizziert werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den ← 37 | 38 → historischen Wurzeln der (immer noch beobachtbaren) starken Marktposition der ostdeutschen Sparkassen.
Grundsätzlich verfügte die DDR über ein zentralgesteuertes staatliches Kreditsystem, dessen Strukturen sich Ende der 80er Jahre nicht wesentlich von denen Anfang der 50er Jahre unterschieden. Die Geschäftstätigkeit der ostdeutschen Kreditinstitute war komplett staatlich reglementiert und beschränkte sich auf wenige, eng begrenzte, vorgegebene Aufgabenbereiche. Zu den im Privatkundengeschäft aktiven Bankengruppen zählten neben den Sparkassen, die Post, die Reichsbahnsparkasse, sowie in den Städten die Genossenschaftskassen für Handwerk und Gewerbe und in ländlichen Gebieten die Bäuerlichen Handelsgenossenschaften. Diese Akteure dienten dem Staat in erster Linie als „Spareinlagensammelstellen“ und boten im Wesentlichen identische Produkte an. Hierzu zählten neben der Abwicklung des Zahlungsverkehrs traditionelle Sparkonten (mit Sparbuch) sowie Spargirokonten (mit Erteilung von Auszügen), die gleich verzinst waren. Das relativ bedeutungslose private Aktivgeschäft wurde fast ausschließlich von den Sparkassen abgewickelt. Hierzu zählten sogenannte Teilzahlungskredite zum Kauf langlebiger Konsumgüter, Kredite für junge Eheleute und Wohnungsbaukredite. Diese Kredite machten bei den Sparkassen weniger als 10% der Aktiva aus. Die überschüssigen Einlagen mussten bei der Staatsbank verzinslich angelegt werden (Ashauer [2005] 130f.; Kleinheyer/Lötzer [2006] 22; Klein [2003] 35).
Tabelle 2 gibt einen komprimierten Überblick zur Struktur des DDR-Bankensektors in der Vorwendezeit. Es zeigt sich, dass den Sparkassen in der DDR im Einlagengeschäft mit privaten Kunden eine herausragende Stellung zukam. Die anderen genannten Banken stellten zwar Alternativen zu den Sparkassen dar, waren insgesamt aber wirtschaftlich unbedeutend. 1989 wurden über 80% der gesamten ostdeutschen Spareinlagen bei den Sparkassen deponiert. Die Sparkassen verfügten neben der Post über das dichteste Filialnetz und waren flächendeckend, sowohl in städtischen als auch in ländlichen Gebieten der DDR präsent. Diese herausgehobene Stellung konnte durch besondere Maßnahmen auch nach der Wiedervereinigung konserviert werden. Die ostdeutschen Sparkassen wurden nach westdeutschem Vorbild transformiert, wobei der westdeutsche Sparkassensektor umfangreiche Unterstützung leistete. So gab es bspw. eine Zuordnung von Partnersparkassen, die den Umbruch und die Neuaufstellung organisatorisch, personell und strategisch begleiteten (Kleinheyer/Lötzer [2006] 28ff.). ← 38 | 39 →
Insgesamt scheint es den Sparkassen somit gelungen zu sein, ihre in Westdeutschland erheblich stärker präsenten Wettbewerber, d.h. die Privat- und Genossenschaftsbanken, auf Distanz zu halten.36 Bei den privaten Großbanken dürfte hierfür sicherlich eine mangelnde Kontinuität insbesondere in der strategischen Grundausrichtung mitverantwortlich sein, bei der das Retailgeschäft im Zeitablauf zunehmend weniger Beachtung gefunden hat. Hinzu kam die schwache (historische) Verwurzelung bei den Kunden, auch musste das Filialnetz in großen Teilen neu aufgebaut werden. Den Genossenschaftsbanken ist es trotz strategischer Fokussierung auf das Geschäft mit mittelständischen Firmen und Privatkunden und z.T. vorhandener organisatorischer Basis und Bekanntheit aus DDR-Zeiten noch nicht gelungen, an ihre Bedeutung in Westdeutschland anzuknüpfen (Nagelschmidt/Neymanns (1999) 17ff., Engerer/Schrooten [2004] 33; Kleinheyer/Lötzer [2006] 32f.; ).
Tabelle 2: Im Geschäft mit privaten Kunden aktive Kreditinstitute in der DDR (Bankstellen, Kundenklientel und Spareinlagen auf Sparkonten und Spargirokonten, Stand 1988/1989); Quelle: eigene Darstellung nach Statistisches Amt der DDR [1990] und Ashauer [2005].
Wie in Abschnitt 2.1 dargestellt, verfügen Sparkassen über verschiedene institutionelle Besonderheiten, die sie von privaten Banken unterscheiden. Hierzu zählen neben dem öffentlichen Auftrag (aus dem sich die meisten anderen Spezifika ableiten), die Rechtsform, die Integration in ein Verbundsystem und verschiedene Beschränkungen der Geschäftstätigkeit. Für den Kontext dieser Untersuchung sind insbesondere die Restriktionen, die sich aus dem Regionalprinzip ergeben von Bedeutung.
Sparkassen können ihre Geschäftstätigkeit nicht beliebig ausweiten oder verlagern. Es besteht nach dem Regionalprinzip grundsätzlich ein Zweigstellenerrichtungsverbot für das Territorium außerhalb des Hoheitsgebiets des Sparkassenträgers. Expansionsmöglichkeiten bestehen somit nur über Fusionen oder in Folge von Gebietsreformen. Zudem lässt sich aus dem gesetzlichen Auftrag ableiten, dass Sparkassen auch innerhalb ihres Geschäftsgebiets in peripheren Regionen flächendeckend tätig sein müssen. Dies schließt bspw. die alleinige Fokussierung auf ein regionales Oberzentrum aus. Zusätzlich sollten nach dem Regionalprinzip im Grundsatz auch die meisten anderen geschäftlichen Aktivitäten zumindest mittelbar mit der Region in Zusammenhang zu bringen sein bzw. an diese anknüpfen. Dies gilt insbesondere für das Kreditgeschäft, für Beteiligungen, aber z.B. auch für Werbeaktivitäten. Als Konsequenz sind Sparkassen somit -wie in der Einleitung angedeutet- sehr eng mit der ökonomischen und demographischen Situation in ihrem Geschäftsgebiet verbunden.
Zwar kann die Fokussierung auf die Region unter Umständen auch bestimmte Vorteile generieren.37 Generell geht die lokale Ausrichtung trotz Integration in ein Verbundsystem aber mit gravierenden Nachteilen einher. So verfügen Sparkassen im Gegensatz zu privaten Banken tendenziell über weniger Diversifikationsmöglichkeiten, um regionale konjunkturelle und demographische Risiken abzufedern.38 Dies ist umso gravierender, wenn man berücksichtigt, dass die Sparkassen ihre Eigenkapitalbasis, die zukünftig im Zuge aufsichtsrechtlicher Verpflichtungen noch stärkeres Gewicht erlangen wird, allein ← 40 | 41 → durch thesaurierte Gewinne vergrößern können.39 Eine stabile Ertragslage ist deshalb für die Sparkassen existenziell und sollte auch in Zukunft sichergestellt sein. Die Einschätzung demographisch bedingter Ertragsrisiken gewinnt vor diesem Hintergrund eine herausragende zusätzliche Bedeutung.
Bislang scheint das Geschäftsmodell der Sparkassen trotz der skizzierten Restriktionen jedoch ausgezeichnet zu funktionieren. Wie die Untersuchung der aktuellen Ertragslage der Banken in Abschnitt 2.2.5 zeigt, stehen die Sparkassen nach den gängigen Erfolgskriterien relativ zu den anderen Bankengruppen bemerkenswert gut da. Sie generieren stabile Erträge und wirtschaften effizient. So verfügen die Sparkassen im betrachteten Jahrzehnt (1999-2008) im Durchschnitt über die höchste Eigenkapitalrendite (EKR), die zudem die geringste Volatilität aufweist. Die Sparkassen wirtschaften jedoch nicht nur sehr profitabel, sondern im Vergleich zu ihren Konkurrenten auch effizient. Ihre Cost-Income-Ratio (CIR) liegt im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2008 unter der von Kreditgenossenschaften und Großbanken. Zudem sind auch hier die Schwankungen am kleinsten. Dennoch stehen auch Sparkassen –wie in Abschnitt 2.2.6 dargestellt- vor gravierenden Herausforderungen und Entwicklungen, die zukünftig Druck auf die Erträge generieren werden.
Diese Entwicklungen können insbesondere für Sparkassen ernsthafte Konsequenzen haben, da sie qua ihres öffentlichen Auftrages in der Fläche präsent sein müssen und ein kostenintensives Filialnetz unterhalten, was zusätzlich mit einer hohen Personalintensität einhergeht (Ashauser [2005] 141; Stiele [2008] 44). Wie in den Abschnitten 2.2.2 und 2.2.3 dargestellt, stellen sie im Jahr 2009 ein gutes Drittel aller Zweigstellen und Beschäftigten im deutschen Kreditwesen und nehmen damit jeweils die Spitzenposition unter den deutschen Banken ein.
Gemessen an diesen Kriterien fällt der an der Bilanzsumme gemessene Gesamtmarktanteil mit gut 14% eher gering aus. Dies täuscht aber über ihre exponierte Position im Geschäft mit Privat- und mittelständischen Firmenkunden hinweg. In einzelnen Produktfeldern können mittels Anteilen an den jeweiligen Bilanzsummen Marktanteile zwischen 26% (Konsumentenkredite), 33% (private Wohnungsbaukredite) bis hin zu über 40% im privaten Einlagengeschäft ermittelt werden. Diese drei Marktsegmente machen 2009 zusammen ca. 1/3 der Gesamtbilanzsumme (Gesamtmarktvolumen) aus. In Ostdeutschland dürften die ← 41 | 42 → Marktanteile wegen der in Abschnitt 2.2.7 dargestellten historischen Bedeutung der Sparkassen in der DDR tendenziell noch höher ausfallen.
Die Sparkassen können somit als Marktführer im Privatkundengeschäft betrachtet werden und nehmen eine bedeutende Rolle im deutschen Banksystem ein. Sie wickeln ein Großteil des Zahlungsverkehrs und des klassischen Kredit- und Einlagengeschäft ab.40 Da sie zudem regionalen Beschränkungen und begrenzten Ausweichmöglichkeiten unterliegen, erscheint die Fokussierung auf Sparkassen als Untersuchungsobjekt für die Konsequenzen des demographischen Wandels sinnvoll und höchst relevant.
Bevor in Kapitel 4 der empirische Ansatz und das Simulationsmodell zur Untersuchung dieser Konsequenzen vorgestellt werden, soll im folgenden Kapitel ein kleiner Literaturüberblick über den aktuellen Forschungsstand zum Thema „Banken und demographischer Wandel“ gegeben werden.
3 Sparkassen unterliegen neben den allgemeinen Bestimmungen des KWG zusätzlich besonderen Vorschriften, die in den sogenannten Sparkassengesetzen fixiert sind. In diesen Gesetzen werden die gesetzlichen Grundlagen für das Sparkassenwesen festgelegt. Weitere wichtige Bestandteile des Sparkassenrechts, das in der Kompetenz der Länder liegt, sind die auf Basis dieser Gesetze erlassenen detaillierteren Sparkassenverordnungen und Mustersatzungen.
4 In allen anderen Sparkassengesetzen finden sich inhaltlich analoge Ausführungen.
5 Inwieweit die Sparkassen diese Funktionen tatsächlich erfüllen (bzw. zur Erfüllung notwendig sind), ist Gegenstand einer ordnungspolitischen Diskussion, die auf die Daseinsberechtigung des öffentlich-rechtlichen Sparkassenwesens abstellt. Siehe hierzu z.B. Klein [2003] 98ff.. Diese Kontroverse ist –wie zu Beginn des Kapitels angemerkt- jedoch nicht Gegenstand dieser Arbeit und wird deshalb nicht vertieft.
6 Die strukturpolitische Funktion von Sparkassen rückt in jüngster Zeit vermehrt in den Fokus. Gärtner [2008] belegt z.B., dass Sparkassen wichtige Akteure zur Förderung einer ausgeglichenen regionalen Wirtschaftsentwicklung sein können.
7 Siehe z.B. §2 (3) ThürSpKG.
8 Ausnahmen bestehen mittlerweile z.B. in Hessen und in Schleswig-Holstein und sind dort in den jeweiligen Sparkassengesetzen verankert.
9 Die Besonderheiten der Freien Sparkassen werden in Abschnitt 2.1.5 skizziert.
10 Die Anstaltslast beschrieb dabei die Verpflichtung der Anstaltsträger, die Sparkasse während der gesamten Dauer ihres Bestehens funktionsfähig zu erhalten und bei der Erfüllung ihres öffentlichen Auftrags zu unterstützen. Dies beinhaltete konkret z.B. die Auflage, eine etwaige Unterbilanz auszugleichen oder bei Liquiditätsschwierigkeiten Mittel zuzuführen. Die Anstaltslast regelte somit das Innverhältnis zwischen Träger und Institut. Die Gewährträgerhaftung charakterisierte dagegen das Außenverhältnis zwischen Anstaltsträgern und den Gläubigern der Sparkasse. Die Gewährträgerhaftung beinhaltete dabei die unbegrenzte Haftung der Anstaltsträger für die Verbindlichkeiten der Sparkasse, soweit diese nicht durch das Institut selber befriedigt werden konnten. Die Gewährträgerhaftung wirkte somit wie eine öffentlich-rechtliche Ausfallbürgschaft und war der Anstaltslast nachgelagert, da die Gewährträger nur in Anspruch genommen werden konnten, wenn sie vorher ihren Verpflichtungen aus der Anstaltslast nicht nachgekommen waren.
11 Zum Vergleich: Das größte deutsche private Kreditinstitut, die Deutsche Bank, verfügte zum 31.12.2009 über eine Bilanzsumme 1.501 Mrd. € und beschäftigte 77.503 Mitarbeiter, davon 27.321 in Deutschland (Deutsche Bank [2010] 12).
12 Zusätzlich existiert noch der Verband der Deutschen Freien Öffentlichen Sparkassen e.V., der außerordentliches Mitglied des DSGV ist.
13 Im Landesbankensektor gab es im letzten Jahrzehnt und gerade auch in jüngster Zeit – bedingt durch die Finanzkrise- große Umwälzungen. Hierzu zählen Übernahmen, Fusionen und der Einstieg von privaten Gesellschaftern (bei der HSH-Nordbank). Nichts desto trotz halten Sparkassen bzw. deren Zweckorganisationen und Verbände immer noch erhebliche Anteile an den verbliebenen Instituten. Einen Überblick über die aktuelle Situation der Landesbanken liefert z.B. Schrooten [2010].
14 Ellgering [2002] 39ff. gibt einige Beispiele zu bislang ungenutzten Potentialen. Die verstärkte Nutzung von Verbundvorteilen führt zwangsläufig auch zu einer zunehmenden Standardisierung und Uniformität, die mittelfristig die Aufrechterhaltung der extrem unterschiedlichen Betriebsgrößen, der lokalen Identität und letztlich die Hoheit und Selbstständigkeit der örtlichen Sparkassen gefährden könnte. Für eine Diskussion des Spannungsfelds „Kostendegression durch Menge“ vs. „Unternehmertum vor Ort“ siehe z.B. Ellgering [2002] 36ff..
15 Die Nutzung des Verbundsystems kann -neben anderen Vorteilen- u.a. auch zu einem vielfältigeren Produktangebot beitragen. So können Sparkassen durch die Integration der öffentlich-rechtlichen Versicherungsunternehmen im Rahmen einer Allfinanzstrategie bspw. Versicherungsdienstleistungen, die dem Verbund entstammen, anbieten (Gärtner [2008] 111 und Sommerfeld [2005] 17ff.).
16 In der Regel sind einzelne Elemente des Regionalprinzips in den Sparkassengesetzen der Länder bzw. in den auf Basis dieser Gesetze erlassenen Verordnungen und Satzungen zu finden.
17 In der Regel ist die Zustimmung der Sparkasse, in deren Rechte eingegriffen wird, sowie die Zustimmung der kommunalen Rechtsaufsicht erforderlich.
18 Insgesamt existierten im Jahr 2009 sechs Freie Sparkassen in privater Rechtsform der Aktiengesellschaft, die nicht im Besitz oder unter der Kontrolle einer öffentlichen Gebietskörperschaft standen. Die Freien Sparkassen sind Bestandteil der deutschen Sparkassenorganisation, da sie ebenfalls gemeinnützige Ziele verfolgen. Aufgrund ihres privaten Status gelten für die Freien Sparkassen bestimmte, in den Sparkassengesetzen der Bundesländer enthaltene Einschränkungen wie z.B. das Regionalprinzip, grundsätzlich nicht. Einige Freie Sparkassen haben jedoch auf freiwilliger Basis ausgewählte Regelungen übernommen und Vereinbarungen mit den zuständigen Sparkassen- und Giroverbänden getroffen (VÖFS [2010]).
19 Siehe z.B. §§ 2 und 9 der Mustersatzung (MuSa) Hessen. Grundsätzlich ist aber in einer Satzung eine Ausdehnung des Ausleihbezirks bzw. Verleihungsgebiets möglich.
20 Siehe z.B. Sparkassengesetz Baden-Württemberg § 6 (2).
21 Um die besondere Rolle der regional tätigen Institute, d.h. der Genossenschaftsbanken und insbesondere der Sparkassen, die im Mittelpunkt der folgenden Analyse stehen, herauszustellen, wurden die Auswertungen der Bankstellenstatistik nicht nach Säulen konsolidiert. Dies hat zur Folge, dass sich in der Gruppe „alle anderen Banken“ auch öffentlich-rechtliche oder genossenschaftliche Institute, wie die Landesbanken oder die genossenschaftlichen Zentralbanken, befinden. Aus Gründen der Vergleichbarkeit wurden zudem für die Jahre 2000 bis 2007 die Kapitalanlagegesellschaften heraus gerechnet, da sie nach einer Umstellung der gesetzlichen Systematik seit 2007 nicht mehr zum Kreis der Kreditinstitute zählen.
22 Berücksichtigt man die Verbundstruktur von Sparkassen und Kreditgenossenschaften, die innerhalb ihres Verbundes nicht konkurrieren, wären 2009 für Deutschland insgesamt sogar nur 548 Kreditinstitute auszuweisen.
23 Zur Lage und Strategie ausländischer Banken im deutschen Bankenmarkt siehe z.B. Köhler [2008].
24 Zum Vergleich: die größte Sparkasse, die HASPA, verfügte zum selben Zeitpunkt über Aktiva von über 37 Mrd. €, die Deutsche Bank als privater Branchenprimus wies eine Summe von 1.501 Mrd. € auf.
25 Die Kapitalanlagegesellschaften wurden wie bei der Betrachtung der Gesamtzahl der Kreditinstitute aus Vergleichsgründen heraus gerechnet. Die Deutsche Postbank AG wird seit 2005 in der Bankstellenstatistik der Deutschen Bundesbank der Gruppe der Großbanken zugeordnet und nicht mehr separat aufgeführt. Um die Erhebungsgrundlage zu vereinheitlichen wurde die Postbank deshalb auch vor 2005 unter den Großbanken subsumiert.
26 Die regionale Verteilung der Zweigstellen wird von der Deutschen Bundesbank seit 2004 wegen gesetzlichen Erleichterungen der Meldepflichten nicht mehr erfasst. Die Kreditinstitute sind seitdem nur verpflichtet, die Gesamtzahl der inländischen Zweigstellen zu melden.
27 Siehe hierzu Abschnitt 2.1.5.1.1.
28 Reine Automaten-Bankstellen zählen in der Bundesbank-Statistik nicht als Zweigstellen (Ashauer [2005] 23).
29 Der Genossenschaftssektor setzt sich zusammen aus den Kreditgenossenschaften und den Genossenschaftlichen Zentralbanken.
30 Die Kategorie „sonstige Banken“ umfasst gemäß Bundesbanksystematik Bausparkassen, Realkreditinstitute, Regionalbanken, Zweigstellen ausländischer Banken und Banken mit Sonderaufgaben.
31 Neben Imagegründen hat dies zum Teil sicherlich auch institutionelle Ursachen, wenn z.B. innerhalb der SFG die Landesbanken bestimmte Geschäfte abwickeln oder Sparkassen per Satzung bestimmte Geschäfte nicht oder nicht im vollem Umfang durchführen dürfen. Eine Ausnahme bildet in diesem Kontext die freie Hamburger Sparkasse (HASPA), die z.B. ein eigenes erfolgreiches Segment „Private Banking“ betreibt.
32 Eine Ausnahme bildet das Jahr 1998, in dem die Großbanken mit einer EKR von 39,5% ein herausragendes Ergebnis realisieren konnten, das die Gesamtrendite einmalig nach oben gezogen hat. Das positive Resultat der Großbanken ist dabei auf Sondereffekte, d.h. einen stark positiven außerordentlichen Ergebnisbeitrag durch Hebung stiller Reserven zurückzuführen (Stiele [2008] 47).
33 Für das Jahr 1995 ergab sich z.B. bei den Sparkassen eine EKR von 22,6%, bei den Kreditgenossenschaften dagegen lediglich 19,5%. Siehe hierzu auch Stiele [2008] 47.
34 Eine Ausnahme bildet das oben angesprochene Jahr 1998.
35 Gemessen an den gesamten Überschüssen im operativen Geschäft liegt das durch den Eigenhandel mit Wertpapieren realisierte Nettoergebnis aus Finanzgeschäften bei Sparkassen und Kreditgenossenschaften im Betrachtungszeitraum zwischen -0,2% und 0,7%.
36 Dies zeigt sich z.B. in den letzten regionalen Daten zur Bankstellenstatistik (DBB [Bankstellenstatistik, detailliert] 2004), aber auch später in Abschnitt 7.1.2 bei der Marktanteilsanalyse von Primärdaten ost- und westdeutscher Sparkassen.
37 So können bspw. aus der besseren lokalen Marktkenntnis kleinere Informationsasymmetrien zwischen Kreditnehmern und Bank resultieren, die mit geringeren Agency-Kosten einhergehen.
38 Gärtner [2008] 139 beschreibt die Möglichkeiten von Sparkassen, das Verbundsystem zum Hedging regionaler Klumpenrisiken zu nutzen.
39 Siehe hierzu Abschnitt 2.1.2. Dies dürfte sich vor dem Hintergrund der finanziellen Situation vieler Kommunen und dem Verbot von privaten Investoren auch mittelfristig nicht ändern.
40 Der Zahlungsverkehr wurde in Abschnitt 2.2 nicht näher betrachtet. Ein Indiz für die Bedeutung der Sparkassen in diesem Segment sind die über 38 Mio. Girokonten, die die Sparkassen zum Jahresende 2009 für ihre Kunden führten (DSGV [2010c]).