Source: https://www.hensche.de/ein-religionsbekenntnis-muss-diese-anforderung-objektiv-geboten-sein-eugh-c-414-16-egenberger-u.html
Timestamp: 2019-04-24 14:14:10
Document Index: 9403434

Matched Legal Cases: ['Art. 17', 'Art. 10', 'Art. 267', 'Art.4', 'Art.2', 'Art. 4', 'Art. 9', 'Art. 10', 'Art.4', 'Art.140', 'Art.136', 'Art.137', '§ 1', '§ 7', '§ 8', 'Art. 9', '§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 4', '§ 15', '§ 9', '§ 9', 'Art. 140', 'Art. 137', 'Art. 17', '§ 9', 'Art.4', '§ 9', 'Art.17', 'Art.4', '§ 9', '§ 9', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.17', '§ 9', 'Art. 4', 'Art.21', 'Art.21', 'Art.17', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.17', 'Art. 4', 'Art. 4', '§ 9', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art.4', 'Art. 4', 'Art. 1', 'Art. 21', 'Art.9', 'Art. 10', 'Art.47', 'Art. 51', 'Art.4', 'Art.17', 'Art. 10', 'Art.9', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.17', 'Art.4', 'Art.17', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.9', 'Art.47', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', 'EGMR', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', 'Art.4', '§ 9', 'Art.4', 'Art. 1', 'Art.21', 'Art.21', 'Art.47', 'Art.21', 'Art.21', 'Art.21', 'Art.17', 'Art. 4', 'Art. 21', 'Art.4', 'Art. 9', 'Art. 47', 'Art. 4', 'Art.4', 'Art.4', 'Art. 21']

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung – So­zi­al­po­li­tik – Richt­li­nie 2000/78/EG – Gleich­be­hand­lung – Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung – Be­ruf­li­che Tätig­kei­ten in­ner­halb von Kir­chen oder an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht – Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, die ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on dar­stellt – Be­griff – Art der Tätig­kei­ten und Umstände ih­rer Ausübung – Art. 17 AEUV – Art. 10, 21 und 47 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on“
In der Rechts­sa­che C-414/16
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 17. März 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 27. Ju­li 2016, in dem Ver­fah­ren
Ve­ra Egen­ber­ger
Evan­ge­li­sches Werk für Dia­ko­nie und Ent­wick­lung e. V.
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten K. Lena­erts, des Vi­ze­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, der Kam­mer­präsi­den­tin R. Sil­va de La­pu­er­ta, der Kam­mer­präsi­den­ten T. von Dan­witz, J. L. da Cruz Vi­laça und A. Ro­sas, der Rich­ter E. Juhász, M. Saf­jan und D. Šváby, der Rich­te­rin­nen M. Ber­ger und A. Prechal so­wie der Rich­ter E. Ja­rašiūnas, F. Bilt­gen (Be­richt­er­stat­ter), M. Vil­a­ras und E. Re­gan,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 18. Ju­li 2017,
von Frau V. Egen­ber­ger, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt K. Ber­tels­mann im Bei­stand von P. St­ein,
des Evan­ge­li­schen Werks für Dia­ko­nie und Ent­wick­lung e. V., ver­tre­ten durch Rechts­an­walt M. Sand­mai­er so­wie durch M. Ruf­fert und G. Thüsing,
der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,
Ir­lands, ver­tre­ten durch E. Cree­don, M. Brow­ne, L. Wil­liams und A. Joy­ce als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von C. To­land, SC, und S. Kings­ton, BL,
der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch D. Mar­tin und B.‑R. Kill­mann als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 9. No­vem­ber 2017
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. 2000, L 303, S. 16).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Ve­ra Egen­ber­ger und dem Evan­ge­li­schen Werk für Dia­ko­nie und Ent­wick­lung e. V. (im Fol­gen­den: Evan­ge­li­sches Werk) über ei­ne von Frau Egen­ber­ger er­ho­be­ne Kla­ge auf Entschädi­gung für ei­ne Be­nach­tei­li­gung aus Gründen der Re­li­gi­on, die sie nach ih­rem Vor­brin­gen im Rah­men ei­nes Be­wer­bungs­ver­fah­rens er­lit­ten hat.
5 In Art.2 Abs. 1, 2 und 5 der Richt­li­nie heißt es:
6 Art. 4 der Richt­li­nie lau­tet:
(2) Die Mit­glied­staa­ten können in Be­zug auf be­ruf­li­che Tätig­kei­ten in­ner­halb von Kir­chen und an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, Be­stim­mun­gen in ih­ren zum Zeit­punkt der An­nah­me die­ser Richt­li­nie gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten bei­be­hal­ten oder in künf­ti­gen Rechts­vor­schrif­ten Be­stim­mun­gen vor­se­hen, die zum Zeit­punkt der An­nah­me die­ser Richt­li­nie be­ste­hen­de ein­zel­staat­li­che Ge­pflo­gen­hei­ten wi­der­spie­geln und wo­nach ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung ei­ner Per­son kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn die Re­li­gi­on oder die Welt­an­schau­ung die­ser Per­son nach der Art die­ser Tätig­kei­ten oder de[n] Umstände[n] ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on dar­stellt. Ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung muss die ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen und Grundsätze der Mit­glied­staa­ten so­wie die all­ge­mei­nen Grundsätze des Ge­mein­schafts­rechts be­ach­ten und recht­fer­tigt kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung aus ei­nem an­de­ren Grund.
7 Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht vor:
Art. 10 Abs. 1 der Richt­li­nie be­stimmt:
Art.4 Abs.1 und 2 des Grund­ge­set­zes für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (im Fol­gen­den: GG) be­stimmt:
10 Gemäß Art.140 GG sind die Be­stim­mun­gen der Art.136 bis 139 und 141 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung vom 11. Au­gust 1919 (im Fol­gen­den: WRV) Be­stand­teil des GG.
11 Art.137 WRV sieht vor:
,,(1) Es be­steht kei­ne Staats­kir­che.
13 Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. 2006 I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG) dient zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78 in das deut­sche Recht.
14 § 1 AGG, in dem des­sen Ziel de­fi­niert wird, lau­tet:
15 § 7 Abs.1 AGG be­stimmt:
„(1) Un­ge­ach­tet des § 8 [des vor­lie­gen­den Ge­set­zes] ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung bei der Beschäfti­gung durch Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die ih­nen zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form oder durch Ver­ei­ni­gun­gen, die sich die ge­mein­schaft­li­che Pfle­ge ei­ner Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be ma­chen, auch zulässig, wenn ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung un­ter Be­ach­tung des Selbst­verständ­nis­ses der je­wei­li­gen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft oder Ver­ei­ni­gung im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht oder nach der Art der Tätig­keit ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt.
Kir­chen­recht der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land
18 Die Grund­ord­nung der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land vom 13. Ju­li 1948, zu­letzt geändert durch Kir­chen­ge­setz vom 12. No­vem­ber 2013, stellt die Grund­la­ge des Kir­chen­rechts der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (im Fol­gen­den: EKD) dar.
19 Die nach Art. 9 Buchst. b die­ser Grund­ord­nung in geänder­ter Fas­sung er­las­se­ne Richt­li­nie des Ra­tes der EKD vom 1. Ju­li 2005 über die An­for­de­run­gen der pri­vat­recht­li­chen be­ruf­li­chen Mit­ar­beit in der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land und des Dia­ko­ni­schen Wer­kes (im Fol­gen­den: Richt­li­nie über die be­ruf­li­che Mit­ar­beit in der EKD) sieht in § 2 Abs. 1 vor:
„Der Dienst der Kir­che ist durch den Auf­trag be­stimmt, das Evan­ge­li­um in Wort und Tat zu be­zeu­gen. Al­le Frau­en und Männer, die in An­stel­lungs­verhält­nis­sen in Kir­che und Dia­ko­nie tätig sind, tra­gen in un­ter­schied­li­cher Wei­se da­zu bei, dass die­ser Auf­trag erfüllt wer­den kann. Die­ser Auf­trag ist die Grund­la­ge der Rech­te und Pflich­ten von An­stel­lungs­trägern so­wie Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern.“
20 § 3 der Richt­li­nie über die be­ruf­li­che Mit­ar­beit in der EKD be­stimmt:
„(1) Die be­ruf­li­che Mit­ar­beit in der evan­ge­li­schen Kir­che und ih­rer Dia­ko­nie setzt grundsätz­lich die Zu­gehörig­keit zu ei­ner Glied­kir­che der [EKD] oder ei­ner Kir­che vor­aus, mit der die [EKD] in Kir­chen­ge­mein­schaft ver­bun­den ist.
21 § 2 („Kirch­lich-dia­ko­ni­scher Auf­trag“) der Dienst­ver­trags­ord­nung der EKD vom 25. Au­gust 2008, die die all­ge­mei­nen Ar­beits­be­din­gun­gen der pri­vat­recht­lich beschäftig­ten Mit­ar­bei­ter der EKD, der Haupt­geschäfts­stel­le des Dia­ko­ni­schen Wer­kes so­wie wei­te­rer Wer­ke und Ein­rich­tun­gen re­gelt, lau­tet:
„Kirch­li­cher Dienst ist durch den Auf­trag be­stimmt, das Evan­ge­li­um Je­su Chris­ti in Wort und Tat zu verkündi­gen. Der dia­ko­ni­sche Dienst ist Le­bens- und We­sensäußerung der evan­ge­li­schen Kir­che.“
Nach § 4 („All­ge­mei­ne Pflich­ten“) der Dienst­ver­trags­ord­nung der EKD gilt:
„Die Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter tra­gen nach ih­ren Ga­ben, Auf­ga­ben und Ver­ant­wor­tungs­be­rei­chen zur Erfüllung ih­res kirch­li­chen und dia­ko­ni­schen Auf­tra­ges bei. Ihr ge­sam­tes Ver­hal­ten im Dienst und außer­halb des Diens­tes muss der Ver­ant­wor­tung ent­spre­chen, die sie als Mit­ar­bei­te­rin oder Mit­ar­bei­ter im Dienst der Kir­che über­nom­men ha­ben.“
23 Für das Evan­ge­li­sche Werk gilt so­wohl die Richt­li­nie über die be­ruf­li­che Mit­ar­beit in der EKD als auch die Dienst­ver­trags­ord­nung der EKD.
24 Im No­vem­ber 2012 schrieb das Evan­ge­li­sche Werk ei­ne be­fris­te­te Re­fe­ren­ten­stel­le für ein Pro­jekt aus, das die Er­stel­lung des Par­al­lel­be­richts zum In­ter­na­tio­na­len Übe­r­ein­kom­men der Ver­ein­ten Na­tio­nen zur Be­sei­ti­gung je­der Form von ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung zum Ge­gen­stand hat­te. Nach der Stel­len­aus­schrei­bung um­fass­te das Auf­ga­ben­ge­biet die Be­glei­tung des Pro­zes­ses zur Staa­ten­be­richt­er­stat­tung zum ge­nann­ten Übe­r­ein­kom­men in Be­zug auf die Zeit von 2012 bis 2014, die Er­ar­bei­tung des Par­al­lel­be­richts zum deut­schen Staa­ten­be­richt so­wie von Stel­lung­nah­men und Fach­beiträgen, die pro­jekt­be­zo­ge­ne Ver­tre­tung der Dia­ko­nie Deutsch­land ge­genüber der Po­li­tik, der Öffent­lich­keit und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen so­wie die Mit­ar­beit in Gre­mi­en, die In­for­ma­ti­on und Ko­or­di­na­ti­on des Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­ses im Ver­bands­be­reich so­wie die Or­ga­ni­sa­ti­on, Ver­wal­tung und Sach­be­richt­er­stat­tung zum Ar­beits­be­reich.
25 Außer­dem wur­den in der Stel­len­aus­schrei­bung die von den Be­wer­bern zu erfüllen­den Vor­aus­set­zun­gen ge­nannt. Ei­ne von ih­nen lau­te­te:
„Die Mit­glied­schaft in ei­ner evan­ge­li­schen oder der [Ar­beits­ge­mein­schaft Christ­li­cher Kir­chen in Deutsch­land] an­gehören­den Kir­che und die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem dia­ko­ni­schen Auf­trag set­zen wir vor­aus. Bit­te ge­ben Sie Ih­re Kon­fes­si­on im Le­bens­lauf an.“
26 Frau Egen­ber­ger, die kei­ner Kon­fes­si­on an­gehört, be­warb sich auf die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le. Ob­wohl ih­re Be­wer­bung nach ei­ner ers­ten Be­wer­bungs­sich­tung des Evan­ge­li­schen Wer­kes noch im Aus­wahl­ver­fah­ren ver­blie­ben war, wur­de sie nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den. Der letzt­lich ein­ge­stell­te Be­wer­ber hat­te zu sei­ner Kon­fes­si­ons­zu­gehörig­keit an­ge­ge­ben, er sei ein „in der Ber­li­ner Lan­des­kir­che so­zia­li­sier­ter evan­ge­li­scher Christ“.
27 In der An­nah­me, ih­re Be­wer­bung sei we­gen ih­rer Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit ab­ge­lehnt wor­den, er­hob Frau Egen­ber­ger Kla­ge beim Ar­beits­ge­richt Ber­lin (Deutsch­land) und be­an­trag­te, das Evan­ge­li­sche Werk zu ver­ur­tei­len, ihr nach § 15 Abs. 2 AGG ei­nen Be­trag von 9 788,65 Eu­ro zu zah­len. Sie mach­te gel­tend, die aus der frag­li­chen Stel­len­aus­schrei­bung her­vor­ge­hen­de Berück­sich­ti­gung der Re­li­gi­on im Be­wer­bungs­ver­fah­ren sei nicht mit dem Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des AGG – in uni­ons­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung – ver­ein­bar; § 9 Abs. 1 AGG könne die Be­nach­tei­li­gung, die sie er­lit­ten ha­be, nicht recht­fer­ti­gen.
28 Das Evan­ge­li­sche Werk trug vor, ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on sei in die­sem Fall nach § 9 Abs. 1 AGG ge­recht­fer­tigt. Das Recht, die Zu­gehörig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kir­che zu ver­lan­gen, sei Aus­fluss des durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 137 Abs. 3 WRV geschütz­ten kirch­li­chen Selbst­be­stim­mungs­rechts. Die­ses Recht sei, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Art. 17 AEUV, mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar. Zu­dem stel­le die Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit un­ter Be­ach­tung des Selbst­verständ­nis­ses des Evan­ge­li­schen Wer­kes nach der Art der Tätig­keit, um die es in der frag­li­chen Stel­len­aus­schrei­bung ge­he, ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung dar.
29 Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin gab der Kla­ge von Frau Egen­ber­ger teil­wei­se statt. Es stell­te fest, dass sie be­nach­tei­ligt wor­den sei, be­grenz­te aber die Höhe der Entschädi­gung auf 1 957,73 Eu­ro. Nach­dem ih­re Be­ru­fung ge­gen die­se Ent­schei­dung vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg (Deutsch­land) zurück­ge­wie­sen wor­den war, leg­te Frau Egen­ber­ger beim vor­le­gen­den Ge­richt Re­vi­si­on ein, um ihr Be­geh­ren nach Zah­lung ei­ner an­ge­mes­se­nen Entschädi­gung wei­ter­zu­ver­fol­gen.
30 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) ist der Auf­fas­sung, die Ent­schei­dung über den Aus­gangs­rechts­streit hänge da­von ab, ob die vom Evan­ge­li­schen Werk vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung nach der Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit gemäß § 9 Abs.1 AGG zulässig sei. Die­se Vor­schrift sei uni­ons­rechts­kon­form aus­zu­le­gen. Da­her kom­me es für den Aus­gang des Rechts­streits auf die Aus­le­gung von Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 an, der mit § 9 AGG in na­tio­na­les Recht ha­be um­ge­setzt wer­den sol­len. Zu­dem müsse ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung die ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen und Grundsätze der Mit­glied­staa­ten so­wie die all­ge­mei­nen Grundsätze des Uni­ons­rechts und Art.17 AEUV be­ach­ten.
31 Das vor­le­gen­de Ge­richt weist ers­tens dar­auf hin, dass Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 nach dem aus­drück­li­chen Wil­len des deut­schen Ge­setz­ge­bers mit § 9 AGG in der Wei­se in deut­sches Recht ha­be um­ge­setzt wer­den sol­len, dass die bei Er­lass die­ser Richt­li­nie gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten und Ge­pflo­gen­hei­ten bei­be­hal­ten würden. Die­se Ent­schei­dung ha­be der Ge­setz­ge­ber im Hin­blick auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum kirch­li­chen Pri­vi­leg der Selbst­be­stim­mung ge­trof­fen. Nach die­ser Recht­spre­chung müsse sich die ge­richt­li­che Kon­trol­le auf ei­ne Plau­si­bi­litätskon­trol­le auf der Grund­la­ge des glau­bens­de­fi­nier­ten Selbst­verständ­nis­ses be­schränken. Dem­zu­fol­ge wäre in dem Fall, dass das kirch­li­che Selbst­verständ­nis selbst zwi­schen „verkündi­gungs­na­her“ und „verkündi­gungs­fer­ner“ Tätig­keit un­ter­schei­de, nicht zu über­prüfen, ob und in­wie­weit die­se Dif­fe­ren­zie­rung ge­recht­fer­tigt sei. Selbst wenn ein kirch­li­ches Selbst­verständ­nis be­inhal­ten würde, dass sämt­li­che Ar­beitsplätze un­abhängig von ih­rer Art nach der Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit zu be­set­zen wären, wäre dies oh­ne wei­ter ge­hen­de ge­richt­li­che Kon­trol­le hin­zu­neh­men. Frag­lich sei je­doch, ob die­se Aus­le­gung von § 9 Abs.1 AGG mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar sei.
32 We­der dem Wort­laut von Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 noch de­ren Erwägungs­gründen las­se sich nämlich ent­neh­men, dass ein Ar­beit­ge­ber wie das Evan­ge­li­sche Werk ver­bind­lich selbst be­stim­men könne, dass die Re­li­gi­on un­ge­ach­tet der Art der frag­li­chen Tätig­keit ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos die­ses Ar­beit­ge­bers dar­stel­le und dass die staat­li­chen Ge­rich­te in­so­weit le­dig­lich ei­ne Plau­si­bi­litätskon­trol­le vor­neh­men dürf­ten. Viel­mehr könn­te der in die­ser Vor­schrift ent­hal­te­ne Ver­weis dar­auf, dass die Re­li­gi­on ei­ne „we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on“ dar­stel­len müsse, für ei­ne über ei­ne rei­ne Plau­si­bi­litätskon­trol­le hin­aus­ge­hen­de Prüfungs­kom­pe­tenz und -ver­pflich­tung der staat­li­chen Ge­rich­te spre­chen.
33 Al­ler­dings wer­de in der deut­schen Rechts­dis­kus­si­on teil­wei­se ver­tre­ten, dass Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 im Ein­klang mit dem Primärrecht aus­zu­le­gen sei, ins­be­son­de­re mit der der Schluss­ak­te des Ver­trags von Ams­ter­dam bei­gefügten Erklärung Nr.11 zum Sta­tus der Kir­chen und welt­an­schau­li­chen Ge­mein­schaf­ten (im Fol­gen­den: Erklärung Nr.11) oder mit Art.17 AEUV.
34 Zwei­tens weist das vor­le­gen­de Ge­richt dar­auf hin, dass es ihm ge­ge­be­nen­falls ob­lie­gen wer­de, un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und in An­wen­dung der da­nach an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu ent­schei­den, ob und in­wie­weit § 9 Abs.1 AGG im Ein­klang mit Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 - in sei­ner Aus­le­gung durch den Ge­richts­hof - aus­ge­legt wer­den könne, oh­ne ei­ne Aus­le­gung con­tra le­gem zu er­for­dern, oder ob die­se Be­stim­mung des AGG un­an­ge­wen­det zu las­sen sei.
35 In­so­weit sei zum ei­nen frag­lich, ob das in Art.21 Abs.1 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta) nie­der­ge­leg­te Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung dem Ein­zel­nen ein sub­jek­ti­ves Recht ver­lei­he, das er vor den na­tio­na­len Ge­rich­ten gel­tend ma­chen könne und das die­se Ge­rich­te in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­vat­per­so­nen ver­pflich­te, von der An­wen­dung nicht mit die­sem Ver­bot im Ein­klang ste­hen­der na­tio­na­ler Vor­schrif­ten ab­zu­se­hen.
36 Zum an­de­ren sei dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof noch nicht geklärt ha­be, ob die Ver­pflich­tung, von der An­wen­dung nicht mit dem in Art.21 Abs.1 der Char­ta nie­der­ge­leg­ten Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung im Ein­klang ste­hen­der na­tio­na­ler Vor­schrif­ten ab­zu­se­hen, auch dann gel­te, wenn sich ein Ar­beit­ge­ber wie das Evan­ge­li­sche Werk zur Recht­fer­ti­gung ei­ner Be­nach­tei­li­gung we­gen der Re­li­gi­on nicht nur auf Be­stim­mun­gen des na­tio­na­len Ver­fas­sungs­rechts be­ru­fe, son­dern auch auf Primärrecht der Uni­on, wie hier auf Art.17 AEUV.
37 Drit­tens führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, es wer­de ge­ge­be­nen­falls auch klären müssen, wel­che mit der Re­li­gi­on zu­sam­menhängen­den An­for­de­run­gen in ei­nem Fall wie dem im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den nach der Art der frag­li­chen Tätig­keit oder den Umständen ih­rer Ausübung als ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on im Sin­ne von Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 an­ge­se­hen wer­den könn­ten.
38 Der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ha­be zwar in Rechts­sa­chen, in de­nen es um Loya­litätskon­flik­te ge­gan­gen sei, ein­zel­ne Kri­te­ri­en her­aus­ge­ar­bei­tet - auch un­ter Be­zug­nah­me auf die Richt­li­nie 2000/78 -, doch hätten die­se Kri­te­ri­en be­ste­hen­de Ar­beits­verhält­nis­se be­trof­fen und hätten sich im We­sent­li­chen auf den Ein­zel­fall be­zo­gen.
39 Un­ter die­sen Umständen sei ins­be­son­de­re frag­lich, ob der­ar­ti­ge Kri­te­ri­en für die Aus­le­gung von Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 von Be­deu­tung sei­en, wenn die Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on im Be­wer­bungs­ver­fah­ren er­fol­ge, und ob sich Art.17 AEUV auf die Aus­le­gung die­ser Be­stim­mung aus­wir­ke.
40 Fer­ner stel­le sich die Fra­ge, ob die staat­li­chen Ge­rich­te ei­ne um­fas­sen­de Kon­trol­le, ei­ne bloße Plau­si­bi­litätskon­trol­le oder ei­ne rei­ne Miss­brauchs­kon­trol­le vor­zu­neh­men hätten, wenn sie zu prüfen hätten, ob die Re­li­gi­on nach der Art der frag­li­chen Tätig­keit oder den Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on im Sin­ne von Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 dar­stel­le.
41 Un­ter die­sen Umständen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. Ist Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen, dass ein Ar­beit­ge­ber wie der Be­klag­te des vor­lie­gen­den Fal­les – bzw. die Kir­che für ihn – ver­bind­lich selbst be­stim­men kann, ob ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­on ei­nes Be­wer­bers nach der Art der Tätig­keit oder den Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts sei­nes/ih­res Ethos dar­stellt?
Muss ei­ne Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts – wie hier § 9 Abs. 1 Alt. 1 AGG –, wo­nach ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on bei der Beschäfti­gung durch Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und die ih­nen zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen auch zulässig ist, wenn ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­on un­ter Be­ach­tung des Selbst­verständ­nis­ses die­ser Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, in ei­nem Rechts­streit wie hier un­an­ge­wen­det blei­ben?
3. So­fern die ers­te Fra­ge ver­neint wird, zu­dem:
Wel­che An­for­de­run­gen sind an die Art der Tätig­keit oder die Umstände ih­rer Ausübung als we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on gemäß Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 zu stel­len?
42 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, im Rah­men ei­nes Be­wer­bungs­ver­fah­rens ver­bind­lich selbst be­stim­men kann, bei wel­chen be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten die Re­li­gi­on nach der Art der frag­li­chen Tätig­keit oder den Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on dar­stellt.
43 Ein­gangs ist fest­zu­stel­len, dass zwi­schen den Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens un­strei­tig ist, dass die auf die Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit von Frau Egen­ber­ger gestütz­te Ab­leh­nung ih­rer Be­wer­bung ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on im Sin­ne von Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 dar­stellt.
44 So­dann ist auf die ständi­ge Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs hin­zu­wei­sen, wo­nach bei der Aus­le­gung ei­ner uni­ons­recht­li­chen Vor­schrift nicht nur ihr Wort­laut, son­dern auch ihr Kon­text und die Zie­le zu berück­sich­ti­gen sind, die mit der Re­ge­lung, zu der sie gehört, ver­folgt wer­den, und ins­be­son­de­re de­ren Ent­ste­hungs­ge­schich­te (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 1. Ju­li 2015, Bund für Um­welt und Na­tur­schutz Deutsch­land, C-461/13, EU:C:2015:433, Rn. 30).
45 Ers­tens geht aus dem Wort­laut von Art.4 Abs.2 Un­terabs.1 der Richt­li­nie 2000/78 her­vor, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, ei­ne mit der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung zu­sam­menhängen­de An­for­de­rung auf­stel­len kann, wenn die Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung nach der Art der frag­li­chen Tätig­keit oder den Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos der Or­ga­ni­sa­ti­on dar­stellt.
46 In­so­weit ist fest­zu­stel­len, dass die Kon­trol­le der Ein­hal­tung die­ser Kri­te­ri­en völlig ins Lee­re gin­ge, wenn sie in Zwei­felsfällen kei­ner un­abhängi­gen Stel­le wie ei­nem staat­li­chen Ge­richt obläge, son­dern der Kir­che oder der Or­ga­ni­sa­ti­on, die ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung vor­zu­neh­men be­ab­sich­tigt.
47 Zwei­tens ist zum Ziel der Richt­li­nie 2000/78 und zum Kon­text ih­res Art. 4 Abs. 2 dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Richt­li­nie nach ih­rem Art. 1 be­zweckt, im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung u. a. we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung in Beschäfti­gung und Be­ruf zu schaf­fen. Da­mit kon­kre­ti­siert die Richt­li­nie in dem von ihr er­fass­ten Be­reich das nun­mehr in Art. 21 der Char­ta nie­der­ge­leg­te all­ge­mei­ne Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot.
48 Um die Be­ach­tung die­ses all­ge­mei­nen Ver­bots zu gewähr­leis­ten, ver­pflich­tet Art.9 der Richt­li­nie 2000/78 im Licht ih­res 29. Erwägungs­grun­des die Mit­glied­staa­ten, Ver­fah­ren vor­zu­se­hen, mit de­nen Ansprüche aus die­ser Richt­li­nie ins­be­son­de­re ge­richt­lich gel­tend ge­macht wer­den können. Fer­ner müssen die Mit­glied­staa­ten nach Art. 10 der Richt­li­nie im Ein­klang mit ih­rem na­tio­na­len Ge­richts­we­sen die er­for­der­li­chen Maßnah­men er­grei­fen, um zu gewähr­leis­ten, dass im­mer dann, wenn Per­so­nen, die sich durch die Nicht­an­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für ver­letzt hal­ten und bei ei­nem Ge­richt oder ei­ner an­de­ren zuständi­gen Stel­le Tat­sa­chen glaub­haft ma­chen, die das Vor­lie­gen ei­ner un­mit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten las­sen, es dem Be­klag­ten ob­liegt, zu be­wei­sen, dass kei­ne Ver­let­zung die­ses Grund­sat­zes vor­ge­le­gen hat.
49 Zu­dem hat nach Art.47 der Char­ta je­de Per­son das Recht auf wirk­sa­men ge­richt­li­chen Schutz der ihr aus dem Uni­ons­recht er­wach­sen­den Rech­te. Die Char­ta fin­det auf ei­nen Rechts­streit wie den des Aus­gangs­ver­fah­rens An­wen­dung, da mit dem AGG die Richt­li­nie 2000/78 im Sin­ne von Art. 51 Abs. 1 der Char­ta im deut­schen Recht durch­geführt wird und da der Rechts­streit ei­ne Per­son be­trifft, die im Rah­men des Zu­gangs zu ei­ner Beschäfti­gung ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen ih­rer Re­li­gi­on er­fah­ren hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. Mai 2017, Ber­li­oz In­vest­ment Fund, C-682/15, EU:C:2017:373, Rn. 50).
50 Auch wenn die Richt­li­nie 2000/78 so­mit auf den Schutz des Grund­rechts der Ar­beit­neh­mer ab­zielt, nicht we­gen ih­rer Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung dis­kri­mi­niert zu wer­den, soll sie mit­tels ih­res Art.4 Abs.2 auch dem in Art.17 AEUV und in Art. 10 der Char­ta - der Art.9 der am 4. No­vem­ber 1950 in Rom un­ter­zeich­ne­ten Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten ent­spricht - an­er­kann­ten Recht auf Au­to­no­mie der Kir­chen und der an­de­ren öffent­li­chen oder pri­va­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, Rech­nung tra­gen.
51 Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 be­zweckt al­so die Her­stel­lung ei­nes an­ge­mes­se­nen Aus­gleichs zwi­schen ei­ner­seits dem Recht auf Au­to­no­mie der Kir­chen und der an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, und an­de­rer­seits dem Recht der Ar­beit­neh­mer, ins­be­son­de­re bei der Ein­stel­lung nicht we­gen ih­rer Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung dis­kri­mi­niert zu wer­den, falls die­se Rech­te im Wi­der­streit ste­hen soll­ten.
52 Im Hin­blick dar­auf nennt die­se Be­stim­mung die Kri­te­ri­en, die im Rah­men der zur Her­stel­lung ei­nes an­ge­mes­se­nen Aus­gleichs zwi­schen den mögli­cher­wei­se wi­der­strei­ten­den Rech­ten vor­zu­neh­men­den Abwägung zu berück­sich­ti­gen sind.
53 Wenn es zu ei­nem Rechts­streit kommt, muss ei­ne sol­che Abwägung aber ge­ge­be­nen­falls von ei­ner un­abhängi­gen Stel­le und letzt­lich von ei­nem in­ner­staat­li­chen Ge­richt über­prüft wer­den können.
54 In die­sem Zu­sam­men­hang darf der Um­stand, dass Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 auf die zum Zeit­punkt ih­rer An­nah­me gel­ten­den na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten so­wie auf die zu die­sem Zeit­punkt be­ste­hen­den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten Be­zug nimmt, nicht da­hin ge­hend ver­stan­den wer­den, dass er den Mit­glied­staa­ten ge­stat­tet, die Ein­hal­tung der in die­ser Be­stim­mung ge­nann­ten Kri­te­ri­en ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le zu ent­zie­hen.
55 Dar­aus ist für den Fall, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, zur Be­gründung ei­ner Hand­lung oder Ent­schei­dung wie der Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung auf ei­ne bei ihr zu be­set­zen­de Stel­le gel­tend macht, die Re­li­gi­on sei nach der Art der be­tref­fen­den Tätig­kei­ten oder den vor­ge­se­he­nen Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on, zu fol­gern, dass ein sol­ches Vor­brin­gen ge­ge­be­nen­falls Ge­gen­stand ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le sein können muss, da­mit si­cher­ge­stellt wird, dass die in Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 ge­nann­ten Kri­te­ri­en im kon­kre­ten Fall erfüllt sind.
56 Art.17 AEUV ver­mag die­se Schluss­fol­ge­rung nicht in Fra­ge zu stel­len.
57 Zum ei­nen ent­spricht der Wort­laut die­ser Be­stim­mung nämlich im Kern dem der Erklärung Nr.11. Die aus­drück­li­che Be­zug­nah­me auf die­se Erklärung im 24. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 macht deut­lich, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber sie beim Er­lass die­ser Richt­li­nie und ins­be­son­de­re ih­res Art.4 Abs.2 berück­sich­tigt ha­ben muss, da die­se Vor­schrift ge­ra­de auf die zum Zeit­punkt der An­nah­me der Richt­li­nie gel­ten­den Rechts­vor­schrif­ten und ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten ver­weist.
Zum an­de­ren ist fest­zu­stel­len, dass Art.17 AEUV die Neu­tra­lität der Uni­on dem­ge­genüber, wie die Mit­glied­staa­ten ih­re Be­zie­hun­gen zu den Kir­chen und re­li­giösen Ver­ei­ni­gun­gen oder Ge­mein­schaf­ten ge­stal­ten, zum Aus­druck bringt. Hin­ge­gen kann die­ser Ar­ti­kel nicht be­wir­ken, dass die Ein­hal­tung der in Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 ge­nann­ten Kri­te­ri­en ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le ent­zo­gen wird.
59 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 in Ver­bin­dung mit de­ren Art.9 und 10 so­wie mit Art.47 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen ist, dass für den Fall, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, zur Be­gründung ei­ner Hand­lung oder Ent­schei­dung wie der Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung auf ei­ne bei ihr zu be­set­zen­de Stel­le gel­tend macht, die Re­li­gi­on sei nach der Art der be­tref­fen­den Tätig­kei­ten oder den vor­ge­se­he­nen Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on, ein sol­ches Vor­brin­gen ge­ge­be­nen­falls Ge­gen­stand ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le sein können muss, da­mit si­cher­ge­stellt wird, dass die in Art.4 Abs.2 die­ser Richt­li­nie ge­nann­ten Kri­te­ri­en im kon­kre­ten Fall erfüllt sind.
60 Mit sei­ner drit­ten Fra­ge, die vor der zwei­ten zu un­ter­su­chen ist, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, an­hand wel­cher Kri­te­ri­en im Ein­zel­fall zu prüfen ist, ob die Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung an­ge­sichts des Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on nach der Art der frag­li­chen Tätig­keit oder den Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne von Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 dar­stellt.
61 Zwar müssen die Mit­glied­staa­ten und ih­re Behörden, ins­be­son­de­re ih­re Ge­rich­te, im Rah­men der nach Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 er­for­der­li­chen Abwägung, auf die oben in den Rn.51 und 52 hin­ge­wie­sen wor­den ist, ab­ge­se­hen von ganz außer­gewöhn­li­chen Fällen, da­von Ab­stand neh­men, die Le­gi­ti­mität des Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on als sol­chen zu be­ur­tei­len (vgl. in die­sem Sin­ne EGMR, 12. Ju­ni 2014, Fernández Martínez/Spa­ni­en, CE:ECHR:2014:0612JUD005603007, Rn.129); gleich­wohl ha­ben sie darüber zu wa­chen, dass das Recht der Ar­beit­neh­mer, u.a. we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung zu er­fah­ren, nicht ver­letzt wird. So­mit ist nach Art.4 Abs.2 zu prüfen, ob die von der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf­ge­stell­te be­ruf­li­che An­for­de­rung im Hin­blick auf die­ses Ethos auf­grund der Art der frag­li­chen Tätig­kei­ten oder der Umstände ih­rer Ausübung we­sent­lich, rechtmäßig und ge­recht­fer­tigt ist.
62 Zur Aus­le­gung des Be­griffs „we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung“ in Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 geht aus die­ser Vor­schrift aus­drück­lich her­vor, dass es von der „Art“ der frag­li­chen Tätig­kei­ten oder den „Umständen“ ih­rer Ausübung abhängt, ob die Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung ei­ne sol­che be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stel­len kann.
63 Die Rechtmäßig­keit ei­ner Un­gleich­be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung nach Maßga­be die­ser Vor­schrift hängt al­so vom ob­jek­tiv über­prüfba­ren Vor­lie­gen ei­nes di­rek­ten Zu­sam­men­hangs zwi­schen der vom Ar­beit­ge­ber auf­ge­stell­ten be­ruf­li­chen An­for­de­rung und der frag­li­chen Tätig­keit ab. Ein sol­cher Zu­sam­men­hang kann sich ent­we­der aus der Art die­ser Tätig­keit er­ge­ben - z. B., wenn sie mit der Mit­wir­kung an der Be­stim­mung des Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on oder ei­nem Bei­trag zu de­ren Verkündi­gungs­auf­trag ver­bun­den ist - oder aus den Umständen ih­rer Ausübung, z. B. der Not­wen­dig­keit, für ei­ne glaubwürdi­ge Ver­tre­tung der Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on nach außen zu sor­gen.
64 Darüber hin­aus muss die­se be­ruf­li­che An­for­de­rung gemäß Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 an­ge­sichts des Ethos der Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on „we­sent­lich, rechtmäßig und ge­recht­fer­tigt“ sein. Auch wenn es den staat­li­chen Ge­rich­ten, wie oben in Rn.61 her­vor­ge­ho­ben wor­den ist, im Re­gel­fall nicht zu­steht, über das der an­geführ­ten be­ruf­li­chen An­for­de­rung zu­grun­de lie­gen­de Ethos als sol­ches zu be­fin­den, ob­liegt es ih­nen je­doch, fest­zu­stel­len, ob die­se drei Kri­te­ri­en in An­be­tracht des be­tref­fen­den Ethos im Ein­zel­fall erfüllt sind.
65 Hin­sicht­lich die­ser Kri­te­ri­en ist ers­tens fest­zu­stel­len, dass die Ver­wen­dung des Ad­jek­tivs „we­sent­lich“ be­deu­tet, dass nach dem Wil­len des Uni­ons­ge­setz­ge­bers die Zu­gehörig­keit zu der Re­li­gi­on bzw. das Be­kennt­nis zu der Welt­an­schau­ung, auf der das Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on be­ruht, auf­grund der Be­deu­tung der be­tref­fen­den be­ruf­li­chen Tätig­keit für die Be­kun­dung die­ses Ethos oder die Ausübung des Rechts die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf Au­to­no­mie not­wen­dig er­schei­nen muss.
66 Zwei­tens zeigt die Ver­wen­dung des Aus­drucks „rechtmäßig“, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber si­cher­stel­len woll­te, dass die die Zu­gehörig­keit zu der Re­li­gi­on bzw. das Be­kennt­nis zu der Welt­an­schau­ung, auf der das Ethos der in Re­de ste­hen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on be­ruht, be­tref­fen­de An­for­de­rung nicht zur Ver­fol­gung ei­nes sach­frem­den Ziels oh­ne Be­zug zu die­sem Ethos oder zur Ausübung des Rechts die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf Au­to­no­mie dient.
67 Drit­tens im­pli­ziert der Aus­druck „ge­recht­fer­tigt“ nicht nur, dass die Ein­hal­tung der in Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 ge­nann­ten Kri­te­ri­en durch ein in­ner­staat­li­ches Ge­richt über­prüfbar sein muss, son­dern auch, dass es der Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on, die die­se An­for­de­rung auf­ge­stellt hat, ob­liegt, im Licht der tatsächli­chen Umstände des Ein­zel­falls dar­zu­tun, dass die gel­tend ge­mach­te Ge­fahr ei­ner Be­ein­träch­ti­gung ih­res Ethos oder ih­res Rechts auf Au­to­no­mie wahr­schein­lich und er­heb­lich ist, so dass sich ei­ne sol­che An­for­de­rung tatsächlich als not­wen­dig er­weist.
Da­bei muss die An­for­de­rung, um die es in Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 geht, mit dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit im Ein­klang ste­hen. Denn auch wenn die­se Vor­schrift im Ge­gen­satz zu Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie nicht aus­drück­lich vor­sieht, dass die An­for­de­rung „an­ge­mes­sen“ sein muss, be­stimmt sie je­doch, dass je­de Un­gleich­be­hand­lung u. a. die „all­ge­mei­nen Grundsätze des Ge­mein­schafts­rechts“ be­ach­ten muss. Da der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit zu den all­ge­mei­nen Grundsätzen des Uni­ons­rechts gehört (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 6. März 2014, Si­ra­gu­sa, C-206/13, EU:C:2014:126, Rn.34 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung, so­wie vom 9. Ju­li 2015, K und A, C-153/14, EU:C:2015:453, Rn. 51), müssen die na­tio­na­len Ge­rich­te prüfen, ob die frag­li­che An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist und nicht über das zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels Er­for­der­li­che hin­aus­geht.
69 Dem­nach ist auf die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es sich bei der dort ge­nann­ten we­sent­li­chen, rechtmäßigen und ge­recht­fer­tig­ten be­ruf­li­chen An­for­de­rung um ei­ne An­for­de­rung han­delt, die not­wen­dig und an­ge­sichts des Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf­grund der Art der in Re­de ste­hen­den be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Umstände ih­rer Ausübung ob­jek­tiv ge­bo­ten ist und kei­ne sach­frem­den Erwägun­gen oh­ne Be­zug zu die­sem Ethos oder dem Recht die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf Au­to­no­mie um­fas­sen darf. Die An­for­de­rung muss mit dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit im Ein­klang ste­hen.
70 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob ein na­tio­na­les Ge­richt im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Pri­vat­per­so­nen ver­pflich­tet ist, ei­ne na­tio­na­le Rechts­vor­schrift, die nicht im Ein­klang mit Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­ge­legt wer­den kann, un­an­ge­wen­det zu las­sen.
71 In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es den na­tio­na­len Ge­rich­ten ob­liegt, un­ter Berück­sich­ti­gung sämt­li­cher na­tio­na­ler Rechts­nor­men und der im na­tio­na­len Recht an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu ent­schei­den, ob und in­wie­weit ei­ne na­tio­na­le Rechts­vor­schrift wie § 9 Abs.1 AGG im Ein­klang mit Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­ge­legt wer­den kann, oh­ne dass sie con­tra le­gem aus­ge­legt wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. April 2016, DI, C-441/14, EU:C:2016:278, Rn. 31 und 32 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
72 Außer­dem hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass das Er­for­der­nis ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung die Ver­pflich­tung der na­tio­na­len Ge­rich­te um­fasst, ei­ne ge­fes­tig­te Recht­spre­chung ge­ge­be­nen­falls ab­zuändern, wenn sie auf ei­ner Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts be­ruht, die mit den Zie­len ei­ner Richt­li­nie un­ver­ein­bar ist (Ur­teil vom 19. April 2016, DI, C-441/14, EU:C:2016:278, Rn. 33 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
73 Folg­lich darf ein na­tio­na­les Ge­richt nicht da­von aus­ge­hen, dass es ei­ne na­tio­na­le Vor­schrift nicht im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht aus­le­gen könne, nur weil sie in ständi­ger Recht­spre­chung in ei­nem nicht mit dem Uni­ons­recht ver­ein­ba­ren Sin­ne aus­ge­legt wor­den ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. April 2016, DI, C-441/14, EU:C:2016:278, Rn.34).
74 Dem­nach ob­liegt es im vor­lie­gen­den Fall dem vor­le­gen­den Ge­richt, zu prüfen, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift ei­ner mit der Richt­li­nie 2000/78 im Ein­klang ste­hen­den Aus­le­gung zugäng­lich ist.
75 Für den Fall, dass ihm ei­ne sol­che richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den na­tio­na­len Vor­schrift nicht möglich sein soll­te, ist zum ei­nen klar­zu­stel­len, dass die Richt­li­nie 2000/78 den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, der sei­nen Ur­sprung in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen und den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat, nicht selbst auf­stellt, son­dern in die­sem Be­reich le­dig­lich ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men zur Bekämp­fung ver­schie­de­ner For­men der Dis­kri­mi­nie­rung - dar­un­ter die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung - schaf­fen soll, wie aus ih­rem Ti­tel und ih­rem Art. 1 her­vor­geht (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 10. Mai 2011, Römer, C-147/08, EU:C:2011:286, Rn.59 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
76 Das Ver­bot je­der Art von Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung hat als all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts zwin­gen­den Cha­rak­ter. Die­ses in Art.21 Abs.1 der Char­ta nie­der­ge­leg­te Ver­bot ver­leiht schon für sich al­lein dem Ein­zel­nen ein Recht, das er in ei­nem Rechts­streit, der ei­nen vom Uni­ons­recht er­fass­ten Be­reich be­trifft, als sol­ches gel­tend ma­chen kann (vgl., in Be­zug auf das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters, Ur­teil vom 15. Ja­nu­ar 2014, As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le, C-176/12, EU:C:2014:2, Rn.47).
77 Art.21 der Char­ta un­ter­schei­det sich in sei­ner Bin­dungs­wir­kung grundsätz­lich nicht von den ver­schie­de­nen Be­stim­mun­gen der Gründungs­verträge, die ver­schie­de­ne For­men der Dis­kri­mi­nie­rung auch dann ver­bie­ten, wenn sie aus Verträgen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen re­sul­tie­ren (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 8. April 1976, De­fren­ne, 43/75, EU:C:1976:56, Rn.39, vom 6. Ju­ni 2000, An­go­ne­se, C-281/98, EU:C:2000:296, Rn.33 bis 36, vom 3. Ok­to­ber 2000, Fer­li­ni, C-411/98, EU:C:2000:530, Rn.50, und vom 11. De­zem­ber 2007, In­ter­na­tio­nal Trans­port Workers’ Fe­de­ra­ti­on und Fin­nish Sea­men’s Uni­on, C-438/05, EU:C:2007:772, Rn.57 bis 61).
78 Zum an­de­ren ist her­vor­zu­he­ben, dass Art.47 der Char­ta, der das Recht auf wirk­sa­men ge­richt­li­chen Rechts­schutz be­trifft, eben­so wie Art.21 der Char­ta aus sich her­aus Wir­kung ent­fal­tet und nicht durch Be­stim­mun­gen des Uni­ons­rechts oder des na­tio­na­len Rechts kon­kre­ti­siert wer­den muss, um dem Ein­zel­nen ein Recht zu ver­lei­hen, das er als sol­ches gel­tend ma­chen kann.
79 Folg­lich wäre das na­tio­na­le Ge­richt in dem oben in Rn. 75 ge­nann­ten Fall ver­pflich­tet, im Rah­men sei­ner Be­fug­nis­se den dem Ein­zel­nen aus den Art.21 und 47 der Char­ta er­wach­sen­den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten und für die vol­le Wirk­sam­keit die­ser Be­stim­mun­gen zu sor­gen, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift un­an­ge­wen­det lässt.
80 Die­se Schluss­fol­ge­rung wird nicht da­durch in Fra­ge ge­stellt, dass sich ein Ge­richt in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­vat­per­so­nen da­zu ver­an­lasst se­hen kann, wi­der­strei­ten­de Grund­rech­te ab­zuwägen, die die Par­tei­en die­ses Rechts­streits aus dem AEU-Ver­trag oder der Char­ta her­lei­ten, und dass es im Rah­men der von ihm aus­zuüben­den Kon­trol­le so­gar ver­pflich­tet ist, sich zu ver­ge­wis­sern, dass der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit ein­ge­hal­ten wird. Ei­ne sol­che Ver­pflich­tung zur Her­stel­lung ei­nes Aus­gleichs zwi­schen den ver­schie­de­nen be­tei­lig­ten In­ter­es­sen be­ein­träch­tigt nämlich kei­nes­wegs die Möglich­keit, die frag­li­chen Rech­te in ei­nem der­ar­ti­gen Rechts­streit gel­tend zu ma­chen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 12. Ju­ni 2003, Schmid­ber­ger, C-112/00, EU:C:2003:333, Rn.77 bis 80, so­wie vom 11. De­zem­ber 2007, In­ter­na­tio­nal Trans­port Workers’ Fe­de­ra­ti­on und Fin­nish Sea­men’s Uni­on, C-438/05, EU:C:2007:772, Rn. 85 bis 89).
Im Übri­gen ob­liegt es dem na­tio­na­len Ge­richt, wenn es über die Be­ach­tung der Art.21 und 47 der Char­ta zu wa­chen hat, bei der et­wai­gen Abwägung meh­re­rer be­tei­lig­ter In­ter­es­sen - wie et­wa der in Art.17 AEUV ver­an­ker­ten Ach­tung des Sta­tus der Kir­chen - ins­be­son­de­re den durch den Uni­ons­ge­setz­ge­ber in der Richt­li­nie 2000/78 ge­schaf­fe­nen Aus­gleich zwi­schen die­sen In­ter­es­sen zu berück­sich­ti­gen, um zu klären, wel­che Ver­pflich­tun­gen sich un­ter Umständen wie de­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens aus der Char­ta er­ge­ben (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, Man­gold, C-144/04, EU:C:2005:709, Rn.76, und Be­schluss vom 23. April 2015, Kom­mis­si­on/Van­bre­da Risk & Be­ne­fits, C-35/15 P[R], EU:C:2015:275, Rn. 31).
Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass ein mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen zwei Pri­vat­per­so­nen be­fass­tes na­tio­na­les Ge­richt, wenn es ihm nicht möglich ist, das ein­schlägi­ge na­tio­na­le Recht im Ein­klang mit Art. 4 Abs. 2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­zu­le­gen, ver­pflich­tet ist, im Rah­men sei­ner Be­fug­nis­se den dem Ein­zel­nen aus den Art. 21 und 47 der Char­ta er­wach­sen­den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten und für die vol­le Wirk­sam­keit die­ser Be­stim­mun­gen zu sor­gen, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift un­an­ge­wen­det lässt.
1. Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf ist in Ver­bin­dung mit de­ren Art. 9 und 10 so­wie mit Art. 47 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on da­hin aus­zu­le­gen, dass für den Fall, dass ei­ne Kir­che oder ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on, de­ren Ethos auf re­li­giösen Grundsätzen oder Welt­an­schau­un­gen be­ruht, zur Be­gründung ei­ner Hand­lung oder Ent­schei­dung wie der Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung auf ei­ne bei ihr zu be­set­zen­de Stel­le gel­tend macht, die Re­li­gi­on sei nach der Art der be­tref­fen­den Tätig­kei­ten oder den vor­ge­se­he­nen Umständen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che, rechtmäßige und ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung an­ge­sichts des Ethos die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on, ein sol­ches Vor­brin­gen ge­ge­be­nen­falls Ge­gen­stand ei­ner wirk­sa­men ge­richt­li­chen Kon­trol­le sein können muss, da­mit si­cher­ge­stellt wird, dass die in Art. 4 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie ge­nann­ten Kri­te­ri­en im kon­kre­ten Fall erfüllt sind.
2. Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass es sich bei der dort ge­nann­ten we­sent­li­chen, rechtmäßigen und ge­recht­fer­tig­ten be­ruf­li­chen An­for­de­rung um ei­ne An­for­de­rung han­delt, die not­wen­dig und an­ge­sichts des Ethos der be­tref­fen­den Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf­grund der Art der in Re­de ste­hen­den be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Umstände ih­rer Ausübung ob­jek­tiv ge­bo­ten ist und kei­ne sach­frem­den Erwägun­gen oh­ne Be­zug zu die­sem Ethos oder dem Recht die­ser Kir­che oder Or­ga­ni­sa­ti­on auf Au­to­no­mie um­fas­sen darf. Die An­for­de­rung muss mit dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit im Ein­klang ste­hen.
3. Ein mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen zwei Pri­vat­per­so­nen be­fass­tes na­tio­na­les Ge­richt ist, wenn es ihm nicht möglich ist, das ein­schlägi­ge na­tio­na­le Recht im Ein­klang mit Art.4 Abs.2 der Richt­li­nie 2000/78 aus­zu­le­gen, ver­pflich­tet, im Rah­men sei­ner Be­fug­nis­se den dem Ein­zel­nen aus den Art. 21 und 47 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on er­wach­sen­den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten und für die vol­le Wirk­sam­keit die­ser Be­stim­mun­gen zu sor­gen, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Vor­schrift un­an­ge­wen­det lässt.
Verkündet in öffent­li­cher Sit­zung in Lu­xem­burg am 17. April 2018.
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