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Timestamp: 2018-11-17 21:40:01
Document Index: 344550126

Matched Legal Cases: ['§ 129', '§129', '§129', '§ 129', '§129', '§129']

Überleben in der Isolation – Gefangenenratgeber
4.2 Überleben in der strengen Isolationshaft
Isolationshaft ist in der Sprache der Justiz 'verschärfte Einzelhaft'. Du wirst vollständig von den ohnedies schon beschränkten Kontaktmöglichkeiten mit den anderen Gefangenen abgeschlossen: Einzelfreistunde, Ausschluß von der Teilnahme an Gemeinschaftsveranstaltungen ein­schließlich den Gottesdiensten, Einzelduschen, bei Bewegungen durch den Trakt werden andere Gefangene vorher weggeschlossen, du bist allein bei den Vorführungen zum Arzt, deine Zelle ist eine meistens abgelegene und gesondert bewachte Gefängniseinrichtung innerhalb des Gefängnisses, die Nachbarzellen sind leer, oft bist du ganz allein in einem Sondertrakt. Das und vieles andere summiert sich zur sozialen Isolation nach innen. Hinzu kommen Maßnahmen zur sozialen Isolation nach außen: Beschränkung der Verteidigerbesuche oder Besuchsverbot für Verteidiger, die sich für dich über die reinen Prozeßangelegenheiten hinaus einsetzen, Radio-, Plattenspieler- und Fernsehverbot, Beschrän­kung, abschreckende Überwachung und Schikanierung aller anderen Besuche, Beschränkung oder Verbot von brieflichen Kontakten. Die soziale Isolierung nach außen fand erstmals vollständig mit der 'Kontakt­sperre' im September-Oktober-November 1977 statt. Die soziale Isola­tion wird drittens verbunden mit Demonstrationen von staatlicher All­macht: deine Zelle wird ständig durchsucht, du wirst abgehört, über besondere Spione fortlaufend beobachtet, überraschenden Verhörversu­chen ausgesetzt, von Staatsschutzleuten direkt in der Zelle heimgesucht, bedroht, deine persönlichen Sachen werden ständig durchwühlt und manchmal auch vor deinen Augen vernichtet. Dazu wirst du einem ständigen Entzug von Sinnesreizen ausgesetzt: Sichtblenden oder feine Fliegennetze beschränken und verändern deinen Sehsinn; besondere Dichtungen an der Zellentür und die Lage deiner Zelle im stillsten Winkel des Knastes entziehen dir die Geräusche; du wirst durch regel­mäßige Wegnahme von Arbeitsunterlagen, Manuskripten, Lehr- und Sprachbüchern am gezielten Ausüben von Denkleistungen gehindert. Dir wird fortlaufend oder in regel­mäßigen Abständen der Schlaf entzogen: die Zellenbeleuchtung bleibt nachts an, es sind besonders starke Außenscheinwerfer angebracht, oder der Schlaf wird durch kurzzeitiges Anschalten der Zellenbeleuchtung unterbrochen. Über die Auswirkun­gen des Schlafentzugs, die sich in drei aufeinanderfolgenden Zustandsphasen entwickeln, berichten wir im Kapitel 17 über "akute Notfälle". Seit 1972/73 ist die BRD zweifellos führend in Sachen Isolationshaft, und zwar sowohl in der wissenschaftlichen Ausarbeitung und Erforschung wie in der Praxis. Die Isolationshaft ist zweifellos das neue Herzstück des 'Modell Deutschland'. Ihre Aufgabe ist,
1."Die Häftlinge als Individuen zu zerstören und sie in eine folgsame Masse zu verwandeln, aus der sich kein Widerstand eines einzelnen oder einer Gruppe erheben würde",
2."Der übrigen Bevölkerung Schrecken einzujagen, wobei die Häftlinge sowohl als Geiseln wie als abschreckende Beispiele benutzt werden, um zu zeigen, was mit demjenigen geschehen würde, der versuchte, Widerstand zu leisten",
3.Die Wachmannschaft zu lehren, "sich von ihren früheren, menschlichen Gefühlen und Einstellungen zu befreien".
Diese Zitate stammen aus einem Buch, das Bruno Bettelheim über die Kon­zentrationslager der Nazizeit geschrieben hat (Der Aufstand gegen die Masse, S. 121). Ihre Austauschbarkeit ist bestürzend.
Die Isolationshaft ist keineswegs nur auf die 150 Gefangenen beschränkt, die der "kriminellen Vereinigung" beschuldigt werden. Sie wird gegenwärtig ausgedehnt auf alle Gefangenen und Internierten, die auch in der Haft rebellisch und unangepaßt bleiben.
Welche Arten von Isolationshaft gibt es gegenwärtig in Westdeutschland und Westberlin?
Kurzdauernde Isolation:
Sie wurde genau in dem Zeitraum wieder verstärkt eingeführt, wo die Strafvollzugsreformen die verschiedenen Formen des Arrests auf dem Papier abgeschafft hatten. In den bisherigen Arten des Arrests und der „Beruhigung" waren bis Ende der sechziger Jahre einige spektakuläre Todesfälle vorgekommen. Es gab eine breite Öffentlichkeitskampagne. Für die Justiz galt es, die gröbsten Arten der Mißhandlung im Arrest abzubauen, also die bisherigen Methoden zu verfeinern. In allen Gefäng­nissen werden inzwischen Sondertrakte eingerichtet, in die renitente, rebellische und querulante Gefangene gesperrt werden, meistens für vierzehn Tage, immer häufiger aber auch für Monate. Diese Sonder­trakte entstehen aber auch in den anderen Anstalten: in den geschlosse­nen Jugendheimen, in den geschlossenen Abteilungen der psychiatri­schen Anstalten. Das Rollkommando wird abgelöst von den neuen Sondertrakten und den Weißkitteln mit ihren Beruhigungsspritzen. Isolation bis zum 'Geständnis' in der Untersuchungshaft: Gefangene haben berichtet, daß es in den neuerbauten Gefängnissen zusätzliche Abteilungen gibt, in die alle Verhafteten kommen, die der Bandenkriminalität beschuldigt werden (Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen). Sie werden zunächst totalisoliert. Nach einem bis zwei Monaten erscheinen die Staatsanwälte, um mit der Drohung der Fortsetzung der Isolation die gewünschten Geständnisse einzuheimsen. Die Gefangenen sagen, die neue Art der Haft schüchtere sie mehr ein als die bisherige Drohung, im Fall der Nichtaussage könne eine Anklage wegen eines - eventuell nur beabsichtigten -Tötungsdelikts auf sie zukommen. Sollten sich diese Informationen auf Dauer bestätigen, dann läge hier der typische Fall vor, wo die Justiz ihre Erfahrungen mit Gefangenen, die wegen § 129 und §129a Strafgesetzbuch („kriminelle" bzw. „terroristi­sche Vereinigung") belangt werden, auf andere Gefangenengruppen ausweitet.
Abwechsel von Totalisolation und Zwischenstufen der 'verschärften Einzelhaft': Alle Gefangenen, die bis heute wegen §129 inhaftiert waren, haben diese Art der Isolation durchgemacht. Sie wurden zwei bis drei Monate totalisoliert (der neuralgische Punkt der Isolation, die Anwälte, wird gerade dichtgemacht). Dann gab es Verhörversuche der Bundesanwalt­schaft. Kamen die Staatsanwälte nicht zum Ziel, versuchten sie mit allen Mitteln die Verlängerung der Isolation. Sie kamen aber seit 1973/74 regelmäßig in einen Wettlauf mit der Zeit, weil die Gleichschaltung der Presse noch nicht funktionierte, Kampagnen gegen die Isolationshaft also teilweise Erfolg hatten. Die Totalisolation wurde zur Isolation in kleinen Gruppen, die langfristig nicht weniger verheerende Folgen hat. Die erzwungene Aufhebung der sozialen Isolation nach außen wurde zum Ermittlungsgegenstand gemacht: BKA- und LKA-Spezialisten bei den Besuchen, Abhören der Anwaltsgespräche, Nachermittlungen bei breiten Briefkontakten. Diese begrenzte Lockerung wurde aber keines­wegs zum Dauerzustand. Vielmehr wurden die Gefangenen bei jeder einigermaßen ausnutzbaren Situation wieder totalisoliert: sie wurden zu Geiseln des Staats, der von den Konsequenzen, nämlich der Vernichtung dieser Gefangenen weiß. Der Staatsschutz hat seit dem Herbst 1977 die 'Verrechtlichung' des Prinzips wahlloser Geiselnahme in den Gefängnis­sen in der Rückhand: das Kontaktsperregesetz ist ein Ermächtigungsge­setz zur willkürlichen Geiselnahme durch den Staat. Es war die Voraus­setzung für den nächsten Schritt, die zusätzliche Verkürzung des Absterbens und Verlöschens in der Isolation, im Fall Stammheim.
Die Auswirkungen der Isolationshaft
Sie lassen sich in mehrere Phasen unterteilen: Schock, Anpassung, Obergangsstadium, Verfall. Die ersten Stunden und Tage der Inhaftierung wirken schockartig. Die/ der Gefangene erfährt die Allmacht des Staats bis in die letzte Faser. Er wird - immer unter den Augen schwerbewaffneter Sonderbeamter -ständig durchsucht, entkleidet, ärztlich untersucht, in Knastklamotten gesteckt, ohne Sicht und Ortsangabe transportiert, er landet in der Spezialzelle in völliger Isolation. Die plötzliche Stille, die auf Beton reduzierte Umgebung, die lautlose Dauerbewachung durch Zellenspion, Abhöranlage usw. überwältigen ihn. Es setzt ein fieberhafter Aktions­drang ein, der vom Körper durch völlige Apathie gegengesteuert wird, eine Art Totstellreaktion. Es beginnt die Zeit der Anpassung. Der Gefangene mobilisiert seine ganze Phantasie, um den völligen Kontaktverlust mit den Menschen auszugleichen. Er lernt, die Grünen, mit denen er stummen Kontakt nur beim Hofgang und beim Essenfassen hat, in ihrer mechanischen Funk­tionsweise zu betrachten. Gleichzeitig stumpft er aber innerhalb von Wochen gegenüber seiner Umwelt ab, weil seine Sinnesorgane eintrock­nen. Schon bei den ersten Besuchen wirkt er überkonzentriert, aber gleichzeitig fahrig und vergeßlich. In den ersten Monaten halten sich die gezielt gesteuerte Phantasie und die ihn verlangsamende Anpassungsre­aktion die Waage. Im Lauf der Zeit überwiegen Nervosität, rascher Stimmungswechsel und Konzentrationsverlust. Es kommt nun alles darauf an, dieses Anpassungsstadium so lang wie möglich auszudehnen, darüber weiter unten. Gelingt das nicht, so kommt es oft nach einem halben Jahr zu einer Veränderung der stabilisierenden .Phantasiewelt: sie entzieht sich der Selbstkontrolle, wird weitschweifig, unkoordiniert, ein chaotischer Phantasiesturm beginnt, durchsetzt mit Sexualwünschen, Erinnerungsfetzen und Aktionsplänen, den Knastalltag zu erobern. Schritt für Schritt gehen dabei die Fähigkeiten verloren, die dem Abstumpfungsprozeß entgegensteuerten. Die oder der Gefangene beginnt, die jetzt meist einsetzenden Rest-Kontakte (Anwälte, Besuche, Post) zu hassen, weil sie zur Wiederaufnahme der Selbstkontrolle zwin­gen. Jetzt setzen ausgeprägte Sprech-, Konzentrations- und Orientie­rungsstörungen ein. Wenn es nicht zum Halt kommt, schließt sich ein dramatisches Übergangsstadium an. Die letzte Phase vor dem Verfall in chronisch werdender Todesangst ist geprägt von zunehmenden Falschwahrnehmungen, je nach Art der Haft - vorwiegend Geräusch-, Sichtentzug oder Überbeobachtung oder Schlafentzug - fangen die bisher in die unkontrollierte Phantasiewelt eingebetteten Falschwahrnehmungen an, sich zu verselbständigen. Es werden geschlossene Systeme daraus wie bei akuten Psychosen. Die/der Gefangene wird unfähig, die lautlose Bedrohung genau zu begreifen; er verbindet sie mit Gehörs- und Gesichtshalluzinationen. Schließlich gerät er manchmal in einen Zustand, wo er anfängt, das lautlose Verlöschen seiner Sinne und seiner Kontaktfähigkeit körperlich auszudrücken. Er erlebt die stummen Martern körperlich. Die Schmerzen, die Angst und die Verzweiflung der klassischen mechanischen Folter sind Wirklichkeit für ihn, und dennoch weiß er in jedem Augenblick, daß die noch viel grauenhaftere Folter des lautlosen Verloschens und Verstummens dahinter steht: „Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich zerreißen, abplatzen) -das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepreßt, das Gefühl, das Gehirn schrumpelte einem allmählich zusammen, wie Backobst z.B. -das Gefühl, man stünde ununterbrochen, unmerklich unter Strom, man würde ferngesteuert." (Ulrike Meinhof) Es gelingt vielen Gefangenen, sich auch in diesem Stadium noch zu erholen, wenn die Isotationshaft gelockert wird. Manche schaffen das nicht mehr, Sie gehen aus dem Grauen mit einer chronischen Todesangst hervor, die sie nicht mehr verarbeiten können. Sie sind total appetitlos, erbrechen beim Essen, haben Durchfall sofort nach dem Essen, stump­fen völlig ab, werden völlig gleichgültig bei Besuchen. Es gibt diese Gefangenen. Das Modell Deutschland hat sich tief in ihre Körper eingezeichnet.
Überleben in Isolationshaft
Wenn wir über uberlebungsmöglichkeiten schreiben, dann tun wir dies im ehrlichen Wissen, daß sie sehr begrenzt sind. Nach etwa sechs Monaten setzen schwere Persönlichkeitsveränderungen ein. Sie vertiefen sich, sobald der Gefangene für längere Zeit die Grenze zum Durchgangs­stadium überschreitet. Er bleibt auch nach seiner Freilassung davon gezeichnet, auch wenn er sich äußerlich völlig an die wiedergewonnenen Lebensbedingungen angepasst. Die einzige Überlebensgarantie ist die Beseitigung des Terrorinstruments Isolationshaft und die Freilassung aller, die längere Zeit isoliert gewesen sind. Die Möglichkeiten, selbst zu überleben, können bei fortdauernder Haftsituation nur einen Zeitgewinn bedeuten. Auf jeden Fall aber machen sie es möglich, die einzige vom Staatsschutz angestrebte Lösung, nämlich dein Überwechseln auf die Seite des Staats, in allen Phasen der Haft 211 verweigern. Bei jeder Überlebensstrategie ist davon auszugehen, warum der Staat die Sinneswahrnehmungen entzieht, deine sozialen Kontakte unterbricht, dich mit Schlafentzug martert. Er tut es nämlich, um seinen Zugriff auf deinen Körper übermächtig und unwiderstehlich erscheinen zu lassen. Er nimmt deiner Persönlichkeit die Umwelt und die Mitmenschen ab, um sie auszuleeren, um sie in ein abstraktes und neu formbares Nichts zu verwandeln. Die Herold und Co. sind keineswegs Sadisten, die sich an deinen Leiden aufgeilen. Sie haben eine tieferfüllte Mora! von abstrakter Sittlichkeit, an der alles mechanisch, vorherbestimmt, diszipliniert ist, die also nichts Menschliches, Vielfältiges an sich hat. Sie sind keine Perso­nen, sondern der leibhaftig gewordene Staat. Sie wollen alle Menschen "heilen", nämlich zu Staat machen. Sie sind sehr betroffen von deinem Leid, und umso mehr wollen sie dich durch Leiden zu ihresgleichen machen. Sie wollen deinen Körper in der Stille der Haft Schritt für Schritt erobern, aus dir einen 'neuen' Menschen, eben den Menschen des Modeil Deutschland, machen. Sie engagieren sich in diesem'Sinn sehr für dich, du bist Objekt ihrer 'gesellschaftsheilenden' Aufgaben. Du begreifst also: sie nehmen dir alles weg, aber gleichzeitig wenden sie sich dir extrem zu. Sie halten ganze Polizei- und Grünen-Kompanien bereit, du bist in deiner Isolation ein gefeierter Staatsgast. Die extreme Überwa­chung hat Sicherheitsgründe nur zum Vorwand. In Wirklichkeit geht es um ein langes und schmerzliches Zeremoniell: das kranke Fleisch an dir möge abfallen, damit du Fleisch vom abstrakten Fleisch des Staates werden kannst. Das mußt du dir immer vor Augen halten, denn von diesem Gegen-Wissen leiten sich deine Überlebensmöglichkeiten ab. Die anfängliche Schockperiode überstehst du mit diesem Wissen leicht. Aber wenn die Zeit der Anpassung beginnt, solltest du genau aufpassen. In dieser Phase wird deine Phantasie aktiv wie nie zuvor in deinem Leben, während dein Körper zum erstenmal ermattet. In beide Prozesse solltest du eingreifen. Aber nicht in der falschen Hoffnung, Körper und Phantasie wieder zusammenzubringen, das ist in der Haft unmöglich. Du solltest anfangen, gegen den ermattenden Körper anzuarbeiten: Gymna­stik, autogenes Training, Atemübungen in den Knastalltag einbauen und nie eine vorgenommene Übung auslassen. Im medizinischen Teil stehen darüber eine Menge Einzelheiten. Gleichzeitig solltest du deine Phanta­sien zum Gegenstand genauer Überlegungen machen. Die Tagträume nehmen von Woche zu Woche mehr Raum in deinem Zellendasein ein. Nimm sie ernst, analysiere sie, und versuche, sie unter Kontrolle zu halten, sonst trennen sie sich zu weit von deiner Persönlichkeit ab, Stelle der Phantasie erfüllbare Aufgaben: die dichtesten Erinnerungsbilder solltest du aufzeichnen oder malen, lerne also Zeichnen oder Texte­schreiben, beschäftige dich mit Musik, kämpfe um eine Gitarre oder Blockflöte oder Geige, und lerne spielen, wenn du es noch nicht kannst; lege dir in einer Ecke der Zelle eine geographische Kartensammlung an, zumindest eine oder zwei Karten müssen sie dir lassen, und begebe dich auf Phantasiereisen. Gehe auch von anderen Fertigkeiten aus, und zwar solchen, die du gern weiterentwickelt.hättest, als du in Freiheit warst, zu denen du aber nicht gekommen warst; beginne einen zähen Kleinkrieg, um an das heranzukommen, was du brauchst; lerne über deine Interes­sengebiete zu lesen, nachzudenken und zu schreiben, auch und gerade wenn es Handfertigkeiten waren. Die Knastbibliotheken helfen dir gerade auf diesen Gebieten (Schweißen, Kfz-Mechariik, Technikerma­thematik, Drucken usw.) überraschend weiter. Irgendwann muß die Isolationshaft gelockert werden, und du kannst dann deine Interessen postalisch und über Besuche gezielt ausweiten. Das gilt auch für alles, was mit deiner Sozialrevolutionären Identität zu tun hat. Natürlich sind hier die Beschränkungen am größten. Aber auch sie sind auf die Dauer für die Justiz nicht durchzuhalten, und zusammen mit den übrigen von dir eroberten Gebieten deiner Phantasien kannst du es durchaus vermei­den, auch im Interesse der Prozeß Vorbereitung, in abstrakte Begriffe und Schemata abzugleiten. Das alles ist sehr wichtig, aber auch sehr viel. Du solltest jedenfalls nichts unversucht lassen. Du gewinnst eine unheimliche Stärke daraus, wenn du dir die abstrakt gewordene Zeit wieder aneignest und dir nach deinen Entscheidungen zuteilst. Hikmet, ein türkischer Dichter, der 14 Jahre inhaftiert war, schrieb einmal, ein Isolationsgefangener werde dann nicht zerbrochen, wenn er die Fähigkeit entwickle, die Blätter der Bäume in zehn Kilometer Abstand raschein zu hören. Denke daran in den tiefsten Phasen der Verzweiflung.
Was ist Isolaiionshaft?
Isolationshaft ist in der Sprache der Justiz 'verschärfte Einzelhaft'. Du wirst vollständig von den ohnedies schon beschränkten Kontaktmöglich-keiten mit den anderen Gefangenen abgeschlossen: Einzelfreistunde, Ausschluß von der Teilnahme an Gemeinschaftsveranstaltungen ein­schließlich den Gottesdiensten, Einzelduschen, bei Bewegungen durch den Trakt werden andere Gefangene vorher weggeschlossen, du bist aliein bei den Vorführungen zum Arzt, deine Zelle ist eine meistens abgelegene und gesondert bewachte Gefängniseinrichtung innerhalb des Gefängnisses, die Nachbarzellen sind leer, oft bist du ganz allein in einem Sonderträkt. Das und vieles andere summiert sich zur sozialen Isoiation nach innen. Hinzu kommen Maßnahmen zur sozialen Isoiation nach außen: Beschränkung der Verteidigerbesuche oder Besuchsverbot für Verteidiger, die sich für dich über die reinen Prozeßangelegenheiten hinaus einsetzen, Radio-, Plattenspieler- und Fernseh verbot, Beschrän­kung, abschreckende Überwachung und Schikanierung aller anderen Besuche, Beschränkung oder Verbot von brieflichen Kontakten. Die soziale Isolierung nach außen fand erstmals vollständig mit der 'Kontakt­sperre' im September-Oktober-November 1977 statt. Die soziale Isola­tion wird drittens verbunden mit Demonstrationen von staatlicher All­macht: deine Zelle wird ständig durchsucht, du wirst abgehört, über besondere Spione fortlaufend beobachtet, überraschenden Verhörversu­chen ausgesetzt, von Staatsschutzleuten direkt in der Zelle heimgesucht, bedroht, deine persönlichen Sachen werden ständig durchwühlt und manchmal auch vor deinen Augen vernichtet. Dazu wirst du einem ständigen Entzug von Sinnesreizen ausgesetzt: Sichtblenden oder feine Fliegennetze beschränken und verändern deinen Sehsinn; besondere Dichtungen an der Zellentür und die Lage deiner Zelle im stillsten Winkel des Knastes entziehen dir die Geräusche; du wirst durch regel­mäßige Wegnahme von Arbeitsunterlagen, Manuskripten, Lehr- und Sprachbüchern am gezielten Ausüben von Denkleistungen gehindert. Dir wird fortlaufend oder in regel­mäßigen Abständen der Schlaf entzogen: die Zeilenbeleuchtung bleibt nachts an, es sind besonders starke Außenscheinwerfer angebracht, oder der Schlaf wird durch kurzzeitiges Anschalten der Zellenbeleuchtung unterbrochen. Über die Auswirkun­gen des Schlafentzugs, die sich in drei aufeinanderfolgenden Zustands-phasen entwickeln, berichten wir im Kapitel 17 über "akute Notfälle". Seit 1972/73 ist die BRD zweifellos führend in Sachen Isolationshaft, und zwar sowohl in der wissenschaftlichen Ausarbeitung und Erforschung wie in der Praxis. Die Isolationshaft ist zweifellos das neue Herzstück des 'Modell Deutschland'. Ihre Aufgabe ist, 1."Die Häftlinge als Individuen zu zerstören und sie in eine folgsame Masse zu verwandeln, aus der sich kein Widerstand eines einzelnen oder einer Gruppe erheben würde", 2."Der übrigen Bevölkerung Schrecken einzujagen, wobei die Häftlinge sowohl als Geiseln wie als abschreckende Beispiele benutzt werden, um zu zeigen, was mit demjenigen geschehen würde, der versuchte, Widerstand zu leisten",
Diese Zitate stammen aus einem Buch, das Bruno Bettelheim über die Kon­zentrationslager der Nazizeit geschrieben hat (Der Aufstand gegen die Masse, S. 121). Ihre Austauschbarkeit ist bestürzend. Die Isolationshaft ist keineswegs nur auf die 150 Gefangenen beschränkt, die der "kriminellen Vereinigung" beschuldigt werden. Sie wird gegenwärtig ausgedehnt auf alle Gefangenen und Internierten, die auch in der Haft rebellisch und unangepaßt bleiben.
Kurzdauernde Isolation: Sie wurde genau in dem Zeitraum wieder verstärkt eingeführt, wo. die Strafvollzugsreformen die verschiedenen Formen des Arrests auf dem Papier abgeschafft hatten. In den bisherigen Arten des Arrests und der „Beruhigung" waren bis Ende der sechziger Jahre einige spektakuläre Todesfälle vorgekommen. Es gab eine breite Öffentlichkeitskampagne. Für die Justiz galt es, die gröbsten Arten der Mißhandlung im Arrest abzubauen,, also die bisherigen Methoden zu verfeinern. In allen Gefäng­nissen werden inzwischen Sondertrakte eingerichtet, in die renitente., rebellische und querulante Gefangene gesperrt werden, meistens für vierzehn Tage, immer häufiger aber auch für Monate. Diese Sonder­trakte entstehen aber auch in den anderen Anstalten: in den geschlosse­nen Jugendheimen, in den geschlossenen Abteilungen der psychiatri­schen Anstalten. Das Rollkommando wird abgelöst von den neuen Sondertrakten und den Weißkitteln mit ihren Beruhigungsspritzen. Isolation bis zum 'Geständnis' in der Untersuchungshaft: Gefangene haben berichtet, daß es in den neuerbauten Gefängnissen zusätzliche Abteilungen gibt, in die alle Verhafteten kommen, die der Bandenkriminalität beschuldigt werden (Baden-Württemberg, Nord-rhein-Westfalen). Sie werden zunächst totalisoliert. Nach einem bis zwei Monaten erscheinen die Staatsanwälte, um mit der Drohung der Fortset­zung der Isolation die gewünschten Geständnisse einzuheimsen. Die Gefangenen sagen, die neue Art der Haft schüchtere sie mehr ein als die bisherige Drohung, im Fall der Nichtaussage könne eine Anklage wegen eines - eventuell nur beabsichtigten -Tötungsdelikts auf sie zukommen. Sollten sich diese Informationen auf Dauer bestätigen, dann läge hier der typische Fall vor, wo die Justiz ihre Erfahrungen mit Gefangenen, die wegen § 129 und §129a Strafgesetzbuch („kriminelle" bzw. „terroristi­sche Vereinigung") belangt werden, auf andere Gefangenengruppen ausweitet. Abwechsel von Totalisolation und Zwischenstufen der 'verschärften Einzelhaft': Alle Gefangenen, die bis heute wegen §129 inhaftiert waren, haben diese Art der Isolation durchgemacht. Sie wurden zwei bis drei Monate totalisoliert (der neuralgische Punkt der Isolation, die Anwälte, wird gerade dichtgemacht). Dann gab es Verhörversuche der Bundesanwalt­schaft. Kamen die Staatsanwälte nicht zum Ziel, versuchten sie mit allen Mitteln die Verlängerung der Isolation. Sie kamen aber seit 1973/74 regelmäßig in einen Wettlauf mit der Zeit, weil die Gleichschaltung der Presse noch nicht funktionierte, Kampagnen gegen die Isolationshaft also teilweise Erfolg hatten. Die Totalisolation wurde zur Isolation in kleinen Gruppen, die langfristig nicht weniger verheerende Folgen hat. Die erzwungene Aufhebung der sozialen Isolation nach außen wurde zum Ermittlungsgegenstand gemacht: BKA- und LKA-Spezialisten bei den Besuchen, Abhören der Anwaltsgespräche, Nachermittlungen bei breiten Briefkontakten. Diese begrenzte Lockerung wurde aber keines­wegs zum Dauerzustand. Vielmehr wurden die Gefangenen bei jeder einigermaßen ausnutzbaren Situation wieder totalisoliert: sie wurden zu Geiseln des Staats, der von den Konsequenzen, nämlich der Vernichtung dieser Gefangenen weiß. Der Staatsschutz hat seit dem Herbst 1977 die 'Verrechtlichung' des Prinzips wahlloser Geiselnahme in den Gefängnis­sen in der Rückhand: das Kontaktsperregesetz ist ein Ermächtigungsge­setz zur willkürlichen Geiselnahme durch den Staat. Es war die Voraus­setzung für den nächsten Schritt, die zusätzliche Verkürzung des Abster-bens und Veriöschens in der Isolation, im Fall Stammheim.
Sie lassen sich in mehrere Phasen unterteilen: Schock, Anpassung, Obergangsstadium, Verfall. Die ersten Stunden und Tage der Inhaftierung wirken schockartig. Die/ der Gefangene erfährt die Allmacht des Staats bis in die letzte Faser. Er wird - immer unter den Augen schwerbewaffneter Sonderbeamter -ständig durchsucht, entkleidet, ärztlich untersucht, in Knastklamotten gesteckt, ohne Sicht und Ortsangabe transportiert, er landet in der Spezialzelle in völliger Isolation. Die plötzliche Stille, die auf Beton reduzierte Umgebung, die lautlose Dauerbewachung durch Zellenspion, Abhöranlage usw. überwältigen ihn. Es setzt ein fieberhafter Aktions­drang ein, der vom Körper durch völlige Apathie gegengesteuert wird, eine Art Totstellreaktion. Es beginnt die-Zeit der Anpassung. Der Gefangene mobilisiert seine ganze Phantasie, um den völligen Kontaktverlust mit den Menschen auszugleichen. Er lernt, die Grünen, mit denen er stummen Kontakt nur beim Hofgang und beim Essenfassen hat, in ihrer mechanischen Funk­tionsweise zu betrachten. Gleichzeitig stumpft er aber innerhalb von Wochen gegenüber seiner Umwelt ab, weil seine Sinnesorgane eintrock­nen. Schon bei den ersten Besuchen wirkt er überkonzentriert, aber gleichzeitig fahrig und vergeßlich. In den ersten Monaten halten sich die gezielt gesteuerte Phantasie und die ihn verlangsamende Anpassungsre­aktion die Waage. Im Lauf der Zeit überwiegen Nervosität, rascher Stimmungswechsel und Konzentrationsverlust. Es kommt nun alles darauf an, dieses Anpassungsstadium so lang wie möglich auszudehnen, darüber weiter unten. Gelingt das nicht, so kommt es oft nach einem halben Jahr zu einer Veränderung der stabilisierenden .Phantasiewelt: sie entzieht sich der Selbstkontrolle, wird weitschweifig, unkoordiniert, ein chaotischer Phantasiesturm beginnt, durchsetzt mit Sexualwünschen, Erinnerungsfetzen und Aktionsplänen, den Knastalltag zu erobern. Schritt für Schritt gehen dabei die Fähigkeiten verloren, die dem Abstumpfungsprozeß entgegensteuerten. Die oder der Gefangene beginnt, die jetzt meist einsetzenden Rest-Kontakte (Anwälte, Besuche, Post) zu hassen, weil sie zur Wiederaufnahme der Selbstkontrolle zwin­gen. Jetzt setzen ausgeprägte Sprech-, Konzentrations- und Orientie­rungsstörungen ein. Wenn es nicht zum Halt kommt, schließt sich ein dramatisches Übergangsstadium an. Die letzte Phase vor dem Verfall in chronisch werdender Todesangst ist geprägt von zunehmenden Falschwahrnehmungen, je nach Art der Haft - vorwiegend Geräusch-, Sichtentzug oder Überbeobachtung oder Schlafentzug - fangen die bisher in die unkontrollierte Phantasiewelt eingebetteten Falschwahrnehmungen an, sich zu verselbständigen. Es werden geschlossene Systeme daraus wie bei akuten Psychosen. Die/der Gefangene wird unfähig, die lautlose Bedrohung genau zu begreifen; er verbindet sie mit Gehörs- und Gesichtshalluzinationen. Schließlich gerät er manchmal in einen Zustand, wo er anfängt, das lautlose Verlöschen seiner Sinne und seiner Kontaktfähigkeit körperlich auszudrücken. Er erlebt die stummen Martern körperlich. Die Schmerzen, die Angst und die Verzweiflung der klassischen mechanischen Folter sind Wirklichkeit für ihn, und dennoch weiß er in jedem Augenblick, daß die noch viel grauenhaftere Folter des lautlosen Verloschens und Verstummens dahinter steht: „Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich zerreißen, abplatzen) -das Gefühl, es würde einem das Rückenmark ins Gehirn gepreßt, das Gefühl, das Gehirn schrumpelte einem allmählich zusammen, wie Backobst z.B. -das Gefühl, man stünde ununterbrochen, unmerklich unter Strom, man würde ferngesteuert." (Ulrike Meinhof) Es gelingt vielen Gefangenen, sich auch in diesem Stadium noch zu erholen, wenn die Isotationshaft gelockert wird. Manche schaffen das nicht mehr, Sie gehen aus dem Grauen mit einer chronischen Todesangst hervor, die sie nicht mehr verarbeiten können. Sie sind total appetitlos, erbrechen beim Essen, haben Durchfall sofort nach dem Essen, stump­fen völlig ab, werden völlig gleichgültig bei Besuchen. Es gibt diese Gefangenen. Das Modell Deutschland hat sich tief in ihre Körper eingezeichnet.
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