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Timestamp: 2017-01-20 18:25:44
Document Index: 171361118

Matched Legal Cases: ['Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 10', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 18', 'Art. 6', 'Art. 85', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 6', 'Art. 8', 'Art. 2', 'Art. 9', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 8', 'Art. 20', 'Art. 564', 'Art. 9', 'Art. 564', 'Art. 17', 'Art. 8', 'Art. 546', 'Art. 20', 'Art. 20', 'Art. 8', 'Art. 564', 'Art. 226', 'Art. 1', 'Art. 17', 'Art. 18', 'Art. 9', 'Art. 6', 'Art. 563', 'in dubio', 'Art. 530', 'BGH', 'BGH', 'Art. 6', 'BGH', 'Art. 8', 'de lege ferenda', 'de lege lata', 'Art. 23', 'Art. 44', 'Art. 8', 'Art. 54', 'Art. 46', 'Art. 55', 'Art. 8', 'Art. 9', 'Art. 39', 'Art. 378', 'Art. 8', 'de lege ferenda', 'de lege ferenda', 'Art. 530', 'Art. 273', 'Art. 59', 'Art. 389', 'Art. 59', 'Art. 55', 'Art. 42', 'Art. 27', 'Art. 54']

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von Rechtfertigung und Entschuldigung
im Verbrechenssystem
DIE STELLUNG VON RECHTFERTIGUNG UND ENTSCHULDIGUNG
IM VERBRECHENSSYSTEM AUS SPANISCHER SICHT
Jos&eacute; Cerezo Mir, Zaragoza
Die Abgrenzung von Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgr&uuml;nden
Der Einflu&szlig; der deutschen Strafrechtsdogmatik auf die spanische - insbesondere seit der Rede von Jim&eacute;nez de As&uacute;a anl&auml;&szlig;lich der feierlichen Er&ouml;ffnung des Studienjahres 1931-1932 an der Universit&auml;t von Madrid1 - ist so
stark gewesen, da&szlig; zwischen den Verbrechenssystemen keine wesentlichen
Unterschiede bestehen. In der spanischen wie in der deutschen Strafrechtswissenschaft unterscheidet man zwischen Rechtfertigung und Schuldausschlie&szlig;ung, die jeweils als die negative Seite der Rechtswidrigkeit und
Schuld betrachtet werden. Sehr intensiv ist in der spanischen Strafrechtswissenschaft auch die Auseinandersetzung mit der Lehre von den negativen
Tatbestandsmerkmalen gewesen.2 Ich werde mich aber hier mit dieser Problematik nicht besch&auml;ftigen, weil das Thema meines Referats die Abgrenzung der Rechtfertigungs- von den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden ist, unabh&auml;ngig von der Frage, ob bei einer Rechtfertigung lediglich die Rechtswidrigkeit oder auch die Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit des Handelns oder Unterlassens
Die Rechtfertigungs- und die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde werden in der
spanischen Strafrechtswissenschaft nach ihren jeweils zugrundeliegenden
Prinzipien unterschieden. Die Vertreter der monistischen Lehren st&uuml;tzen
die Rechtfertigungsgr&uuml;nde auf den Grundsatz des &uuml;berwiegenden Interesses
oder der &uuml;berwiegenden Pflicht.3 Andere spanische Strafrechtler folgen der
Siehe Luis Jim&eacute;nez de As&uacute;a, La teor&iacute;a jur&iacute;dica del delito, argent. Aufl. Santa F&eacute; 1958.
Siehe dazu Cerezo Mir, Curso de Derecho Penal Espa&ntilde;ol, Parte General, I, Introducci&oacute;n, Teor&iacute;a jur&iacute;dica del delito /1, 3. Aufl. Madrid 1985, S. 308 ff.
Siehe in diesem Sinne Jim&eacute;nez de As&uacute;a, Tratado de Derecho Penal, III, 3. Aufl. Buenos
Aires 1965, S. 1059, 1064 ff., 1071 f. Die Einwilligung ist f&uuml;r Jim&eacute;nez de As&uacute;a kein
Rechtfertigungsgrund, denn sie schlie&szlig;t immer schon die Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit aus,
Jos&eacute; Cerezo Mir
Ansicht von Mezger, wonach die Rechtfertigungsgr&uuml;nde der Einwilligung
des Verletzten und der mutma&szlig;lichen Einwilligung auf dem Grundsatz des
mangelnden Interesses beruhen und die &uuml;brigen Rechtfertigungsgr&uuml;nde auf
dem des &uuml;berwiegenden Interesses basieren.4 Als Rechtfertigungsgr&uuml;nde
werden von der herrschenden Meinung die Notwehr (Art. 8 Nr. 4 CP), der
Notstand beim Konflikt zwischen ungleichwertigen Rechtsg&uuml;tern (wenn
n&auml;mlich der verursachte Schaden kleiner als der zu vermeidende ist, Art. 8
Nr. 7) und schlie&szlig;lich die Erf&uuml;llung einer Pflicht oder die rechtm&auml;&szlig;ige Aus&uuml;bung eines Rechts, Berufs oder Amts (Art. 8 Nr. 11) angesehen. Dabei ist
aber in letzter Zeit in der spanischen Strafrechtswissenschaft der Gedanke
im Vordringen, da&szlig; die den Rechtfertigungsgr&uuml;nden zugrundeliegenden
Prinzipien komplexerer Natur sind und sich hierbei oft verschiedene Prinzipien kreuzen.5 Nach &uuml;berwiegender Meinung in der spanischen wie in der
deutschen Strafrechtswissenschaft hat die Notwehr eine doppelte Grundlage:
Zum einen die Notwendigkeit der Verteidigung der Rechtsg&uuml;ter und zum
anderen den Grundsatz, da&szlig; das Recht dem Unrecht nicht zu weichen
braucht.6 Im Hinblick auf den Notstand meint eine betr&auml;chtliche Zahl spanischer Strafrechtler, da&szlig; das Prinzip des &uuml;berwiegenden Interesses unzureichend sei, um ihn als Rechtfertigungsgrund zu begr&uuml;nden. Allein der
Umstand, da&szlig; der verursachte Schaden geringer sei als der zu vermeidende,
gen&uuml;ge f&uuml;r die Bejahung einer Rechtfertigung beim Nostand nicht, sondern
siehe Jim&eacute;nez de As&uacute;a, Tratado de Derecho Penal, IV, 3. Aufl. Buenos Aires 1976,
S. 629 f. Carbonell, unter Bezugnahme auf Noll, meint, da&szlig; die Einwilligung als Rechtfertigungsgrund auch auf dem Grundsatz des &uuml;berwiegenden Interesses basiert, siehe
J. C. Carbonell Mateu, La justificaci&oacute;n penal, Fundamento, naturaleza y fuentes, Madrid
1982, S.47 ff., insbes. S.63, und in demselben Sinne Cobo del Rosal/Vives Ant&oacute;n, Derecho Penal, Parte General, 2. Aufl. Valencia 1987, S. 320, und Mir Puig, Derecho
Penal, Parte General, 2. Aufl. Barcelona 1985, S. 358 f.
Siehe in diesem Sinne Rodr&iacute;guez Mu&ntilde;oz in den Bemerkungen zu seiner &Uuml;bersetzung
des Tratado de Derecho Penal von Mezger, I, Madrid 1955, S. 412; Ant&oacute;n Oneca, Derecho Penal, Parte General, Madrid 1949, S. 186; Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez,
Derecho Penal Espa&ntilde;ol, Parte General, 12. Aufl. Madrid 1989, S. 503; Sainz Cantero,
Lecciones de Derecho Penal, Parte General, II, Ley Penal, El delito, 2. Aufl. Barcelona
1985, S. 319 f.
Siehe in diesem Sinne Rodr&iacute;guez Mourullo, Consideraciones generales sobre la exclusi&oacute;n de la antijuridicidad, in: Estudios Penales, Libro Homenaje al profesor J. Ant&oacute;n
Oneca, Salamanca 1982, S. 512 f., und Cerezo Mir (Anm. 2), S. 407.
Siehe in diesem Sinne D. M. Luzon Pe&ntilde;a, Aspectos esenciales de la leg&iacute;tima defensa,
Barcelona 1978, S. 58 ff., 79 ff.; Rodr&iacute;guez Mourullo, Leg&iacute;tima defensa real y putativa
en la doctrina penal del Tribunal Supremo, Madrid 1976, S. 60; Cobo del Rosal/Vives
Ant&oacute;n (Anm. 3), S. 344; Mir Puig (Anm. 3), S. 365; F. Mu&ntilde;oz Conde, Teor&iacute;a general
del delito, 2. Aufl. Valencia 1989, S. 97, und Cerezo Mir (Anm. 2), S. 416 f. Der spanische Oberste Gerichtshof hat diesen Grundsatz, neben anderen, in den Urteilen vom
19. Dezember 1979 (A. 4623) und 2. Oktober 1981 (A. 3597) erw&auml;hnt.
hinzukommen m&uuml;sse, da&szlig; die Handlung keinen schwerwiegenden Versto&szlig;
gegen die Menschenw&uuml;rde beinhalte7 oder, im allgemeinen, ein angemessenes (billiges) Mittel zur Erreichung eines billigen Zwecks darstelle.8 Der
letzte Gesichtspunkt ist jedoch rein formaler Natur, weil alle sozialethischen
Wertungen und Grunds&auml;tze der Rechtsordnung, die in dem Angemessenheitsurteil beachtet werden sollen, in der Interessenabw&auml;gung ber&uuml;cksichtigt
werden k&ouml;nnen. Das gilt nur nicht hinsichtlich der Achtung der Menschenw&uuml;rde, denn wegen ihrer verfassungsm&auml;&szlig;igen Bedeutung als Grundlage der
politischen Ordnung und des sozialen Friedens (Art. 10 span.Verfassung
von 1978) und als materielles, a priori g&uuml;ltiges Gerechtigkeitsprinzip, das als
eine immanente Schranke der Rechtsordnung gelten soll,9 kann sie nicht lediglich als ein weiteres, in Abw&auml;gung zu ber&uuml;cksichtigendes Interesse betrachtet werden.10 Die Heranziehung dieses Prinzips im Rahmen der Interessenabw&auml;gung w&uuml;rde diese insoweit ihrer genauen Grenzen und klaren Konturen berauben, weil damit ein Werturteil wesentlich anderer Art eingef&uuml;hrt
w&uuml;rde.11
Der Grundsatz des &uuml;berwiegenden Interesses ist meines Erachtens - im Gegensatz zur herrschenden Meinung in der spanischen Strafrechtswissenschaft12 - auch unzureichend, um den Rechtfertigungsgrund der Erf&uuml;llung
einer Pflicht oder der rechtm&auml;&szlig;igen Aus&uuml;bung eines Rechts, Berufs oder
Siehe in diesem Sinne Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 579; Rodr&iacute;guez
Mourullo (Anm. 5), S. 513, und Cerezo Mir, Grundlage und Rechtsnatur des Notstands im spanischen Strafgesetzbuch, Ged&auml;chtnisschrift f&uuml;r Hilde Kaufmann, Berlin
1986, S. 700 ff.
Siehe Carlos M. Romeo Casabona, El m&eacute;dico y el Derecho Penal, I, La actividad
curativa (Licitud y responsabilidad penal), Barcelona 1981, S. 379 ff., und Bacigalupo,
Principios de Derecho Penal Espa&ntilde;ol, II, El hecho punible, Madrid 1985, S. 80.
Siehe Cerezo Mir (Anm. 2), S. 19 f., und die dort angegebene Literatur, insbesondere
Welzel, Vom irrenden Gewissen, T&uuml;bingen 1949, S. 28; derselbe, Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, 4. Aufl. G&ouml;ttingen 1962, S. 239 ff.; derselbe, Derecho natural y
positivismo jur&iacute;dico, in: M&aacute;s all&aacute; del Derecho Natural y del positivismo jur&iacute;dico
(&Uuml;bersetzung und Bemerkungen von Ernesto Garz&oacute;n Valdes), C&oacute;rdoba/Argentinien
1962, S. 41 ff.
Siehe schon in diesem Sinne Cerezo Mir (Anm. 7), S. 702 ff.
Siehe dazu Gallas, Der dogmatische Teil des Alternativ-Entwurfs, ZStW 80 (1968),
Siehe z.B. Jim&eacute;nez de As&uacute;a, Tratado de Derecho Penal, IV, 3. Aufl. Buenos Aires
1961, S. 519; Sainz Cantero (Anm. 4), S. 328, 332; Mir Puig (Anm. 3), S. 412, und in
der modernen Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs die Urteile vom 3. Mai 1982
(A. 2624), 13. Mai 1982 (A. 2669), 29. Januar 1983 (A. 702), 30. M&auml;rz 1983
(A. 2219), 16. Mai 1983 (A. 2710), 31. Oktober 1983 (A. 4822), 28. Januar 1984
(A. 430) und 5. Juli 1985 (A. 3960).
Amts zu begr&uuml;nden. Im Falle eines Konflikts zwischen zwei Handlungspflichten gleichen Ranges ist das Verhalten des T&auml;ters rechtm&auml;&szlig;ig, wenn er
eine dieser Pflichten erf&uuml;llt hat, unabh&auml;ngig davon, um welche der beiden es
sich dabei handelte.13 Andererseits ist sein Verhalten, selbst wenn der T&auml;ter
in Erf&uuml;llung einer h&ouml;heren oder gleichrangigen Pflicht handelt, als rechtswidrig anzusehen, wenn es einen schweren Versto&szlig; gegen die Menschenw&uuml;rde darstellt.14
Der Grundsatz der Interessenabw&auml;gung oder genauer, wie Noll vorgeschlagen hatte, der &quot;Wertabw&auml;gung&quot; begr&uuml;ndet den Rechtfertigungsgrund der
Einwilligung des Verletzten.15 Das Verhalten ist rechtm&auml;&szlig;ig, wenn das
Recht der freien Willensbet&auml;tigung im Verh&auml;ltnis zu dem Handlungs- und
Erfolgsunwert des Angriffs oder zu der Verletzung des gesch&uuml;tzten Rechtsgutes (Ehre, Eigentum, K&ouml;rperintegrit&auml;t) Vorrang gew&auml;hrt.16 Die mutma&szlig;liche Einwilligung ist wohl als ein selbst&auml;ndiger Rechtfertigungsgrund aufzufassen, denn bei ihr hat der Verletzte keine Willensentscheidung getroffen.
Ihre Anerkennung scheint mir aber in Anbetracht des weiten Umfangs des
rechtfertigenden Notstands im spanischen Strafrecht im Vergleich zu &sect; 34
dt.StGB unn&ouml;tig zu sein. Die meisten Anwendungsbeispiele der mutma&szlig;lichen Einwilligung in der deutschen Strafrechtswissenschaft k&ouml;nnten bei uns
im rechtfertigenden Notstand oder in dem Rechtfertigungsgrund der Erf&uuml;llung einer Pflicht untergebracht werden.17
Siehe in diesem Sinne in der spanischen Strafrechtswissenschaft Cuerda Riezu, La
colisi&oacute;n de deberes en Derecho Penal, Madrid 1984, S. 122 ff., 238, 242 ff.
Siehe Cerezo Mir, La eximente de obrar en cumplimiento de un deber o en el ejercicio
leg&iacute;timo de un derecho, oficio o cargo, ADPCP 1987, Heft 2, 274 ff.
Siehe Noll, Tatbestand und Rechtswidrigkeit, Die Wertabw&auml;gung als Prinzip der
Rechtfertigung, ZStW 77 (1965), S. 15 f.
Siehe in diesem Sinne in der spanischen Strafrechtswissenschaft Romeo Casabona
(Anm. 8), S. 307, und Cerezo Mir, El consentimiento como causa de exclusi&oacute;n del tipo
y como causa de justificaci&oacute;n, in: Estudios de Derecho Penal y Criminolog&iacute;a, En Homenaje al profesor Jos&eacute; M. Rodr&iacute;guez Devesa, I, Madrid 1989, S. 212 f.
Siehe Cerezo Mir (Anm. 16), S. 235 f.; Romeo Casabona (Anm. 8), S. 366; derselbe, El
consentimiento en las lesiones en el Proyecto de C&oacute;digo Penal de 1980, CPCrim 17
(1982), S. 278, und Cobo del Rosal/Vives Ant&oacute;n (Anm. 3), S. 337, lehnen auch die Anerkennung der mutma&szlig;lichen Einwilligung als Rechtfertigungsgrund aus verschiedenen
Gr&uuml;nden ab. F&uuml;r die Anerkennung der mutma&szlig;lichen Einwilligung als Rechtfertigungsgrund haben sich aber bei uns ausgesprochen Cuello Calon-Camargo, Derecho Penal, I,
Parte General, 1. Bd., 18. Aufl. Barcelona 1980, S. 420 (wenn man im Interesse des
vermeintlichen Verletzten handelt); Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 506,
508; Sainz Cantero (Anm. 4), S. 326; Mir Puig (Anm. 3), S. 457 f. (wenn es ex ante als
wahrscheinlich erscheint, da&szlig; der Tr&auml;ger des Rechtsgutes einwilligen w&uuml;rde), und Bacigalupo (Anm. 8), S. 84 f. (die Handlung mu&szlig; im Interesse des Rechtsgutstr&auml;gers vollzo-
Der Ausdruck &quot;Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde&quot; wird von der herrschenden
Meinung in der spanischen Strafrechtswissenschaft in einem sehr weiten
Sinne gebraucht, wobei er dann sowohl die Gr&uuml;nde, welche die Zurechnungsf&auml;higkeit oder Schuldf&auml;higkeit ausschlie&szlig;en, als auch die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde im engeren Sinne umfa&szlig;t. Als Ursachen f&uuml;r den Ausschlu&szlig; der Zurechnungsf&auml;higkeit werden die dauernde und die vor&uuml;bergehende Geistesst&ouml;rung (Art. 8 Nr. 1), die Minderj&auml;hrigkeit unter 16 Jahren
(Art. 8 Nr. 2) und diejenigen Sinnesst&ouml;rungen, durch die es zu einer schwerwiegenden Bewu&szlig;tseinsst&ouml;rung kommt (Art. 8 Nr. 3), aufgefa&szlig;t. Dagegen
werden der Notstand beim Konflikt zwischen gleichwertigen G&uuml;tern (Art. 8
Nr. 7) sowie die un&uuml;berwindbare Angst (Art. 8 Nr. 10), der bindende Befehl
(Art. 8 Nr. 12), die Beg&uuml;nstigung von Verwandten (Art. 18) und der unvermeidbare Verbotsirrtum (Art. 6bis a Abs. 3) als Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde im engeren Sinne betrachtet. Die von deutschen Strafrechtlern oft
gemachte Unterscheidung zwischen Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden und Entschuldigungsgr&uuml;nden, bei denen das Recht bei vorhandener, aber geringer
Schuld auf eine Sanktion verzichtet, hat in der spanischen Strafrechtswissenschaft keinen Anklang gefunden. Zur ersten Gruppe w&uuml;rden die Unzurechnungsf&auml;higkeit und der unvermeidbare Verbotsirrtum geh&ouml;ren, w&auml;hrend in
der zweiten Gruppe der Notstand und alle &uuml;brigen auf dem Grundsatz der
Unzumutbarkeit fu&szlig;enden Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde (die ihrerseits eine
Verminderung des Unrechts in sich tragen) erfa&szlig;t sind. Diese Unterscheidung scheint mir eigentlich unn&ouml;tig zu sein, denn wenn die Schuld von sehr
geringer Schwere ist, kann man annehmen, da&szlig; sie das Niveau der strafrechtlichen Schuld nicht erreicht.18
Die Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde der Zurechnungsf&auml;higkeit, d. h. der Schuldf&auml;higkeit, fu&szlig;en der herrschenden Meinung nach auf der Unf&auml;higkeit des Verstehens und Wollens19 oder auf der Unf&auml;higkeit, das Unrecht der Tat einzu-
gen werden und die Einwilligung soll durch ein objektives Urteil - d.h. durch einen
vern&uuml;nftigen Dritten in der Lage des T&auml;ters - ex ante beurteilt werden).
Siehe in dieser Hinsicht Stratenwerth, Strafrecht, Allg.Teil, I, Die Straftat, 3. Aufl.
K&ouml;ln 1981, S. 179 (Nr. 601), 180 ff., und Hirsch, Leipziger Kommentar, 10. Aufl.,
Vorbem. zu &sect; 32, Nr. 182.
Siehe in diesem Sinne Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 196, und die Urteile des Obersten
Gerichtshofs vom 7. M&auml;rz 1951 (A. 509) (Zustand von absolutem Unbewu&szlig;tsein), 5.
November 1955 (A. 2980) (totaler Mangel der Erkenntnis- und Willensf&auml;higkeit), 13.
M&auml;rz 1967 (A. 1091), 4. April 1968 (A. 1755), 7. November 1977 (A. 4213) (v&ouml;lliger
Verlust der Erkenntnis- und Willensf&auml;higkeit), 20. Januar 1981 (A. 161) und 29. Oktober 1981 (A. 3902).
sehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.20 Letztere Formulierung der
Zurechnungsf&auml;higkeit, die den &sect;&sect; 20 und 21 dt.StGB zugrunde liegt, scheint
mir richtiger zu sein als die erstere, die mit derjenigen des Art. 85 it.StGB
zusammenf&auml;llt; denn die Unf&auml;higkeit des Verstehens oder Wollens w&uuml;rde
bereits das Nichtvorhandensein einer Handlung oder einer Unterlassung,
d.h. also des ersten Verbrechenselements, bedeuten.21 Der spanische Oberste
Gerichtshof vollzieht eine einschr&auml;nkende Auslegung der Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde der dauernden und der vor&uuml;bergehenden Geistesst&ouml;rung, die in Art. 8
Nr. 1 durch eine psychiatrische oder biologische Formulierung geregelt werden,22 indem er verlangt, da&szlig; durch die geistige St&ouml;rung der Verstand oder
der Wille des Betroffenen tief ergriffen worden sind. Damit wandelt er letzten Endes die psychiatrische in eine psychiatrisch-psychologische Formulierung um.23
Mir Puig lehnt die Auffassung ab, da&szlig; die Zurechnungsf&auml;higkeit die F&auml;higkeit bedeute, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu
handeln. Sie basiert seiner Meinung nach auf dem materiellen Schuldbegriff
als &quot;Anders-Handeln-K&ouml;nnen&quot;. Richtiger sei es jedoch, die Zurechnungsf&auml;higkeit als psychische Normalit&auml;t, die eine normale Motivierung erm&ouml;glicht,
aufzufassen. Nach Mir Puig besteht die Schuld im materiellen Sinne in der
F&auml;higkeit zur normalen Motivierung durch die Normen.24 F&uuml;r Mu&ntilde;oz
Conde, der sich ebenfalls von der materiellen Schuldauffassung der herr-
Siehe in diesem Sinne Cordoba Roda, in: Cordoba Roda/Rodr&iacute;guez Mourullo, Comentarios al C&oacute;digo Penal, I, Barcelona 1972, S. 207 ff., 232 ff.; Sainz Cantero, Lecciones de Derecho Penal, Parte General, III, Barcelona 1985, S. 19, 27; Cobo del Rosal/Vives Ant&oacute;n (Anm. 3), S. 389 f., und die Urteile des Obersten Gerichtshofs vom
18. Mai 1959 (A. 1786), 17. Dezember 1965 (A. 5713), 14. Februar 1966 (A. 696) und
25. Februar 1970 (A. 1027)
Siehe in diesem Sinne Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 583, und Cordoba Roda, in: Cordoba Roda/Rodr&iacute;guez Mourullo (Anm. 20), S. 208 ff.
Nach Art. 8 Nr. 1 werden von strafrechtlicher Verantwortlichkeit frei: &quot;Der geistig Gest&ouml;rte (enajenado) und derjenige, der sich in einem Zustand vor&uuml;bergehender geistiger
St&ouml;rung befindet, wenn diese nicht willentlich hervorgerufen worden ist, um eine mit
Strafe bedrohte Handlung zu begehen&quot;.
Siehe dazu Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 296, 329 f.; Quintano Ripoll&eacute;s, Estimativa jurisprudencial de las anormalidades mentales, in: Los delincuentes mentalmente anormales, Madrid 1961/62, S. 514 f.; Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 595;
Gimbernat, Introducci&oacute;n a la Parte General del Derecho Penal Espa&ntilde;ol, Madrid 1979,
S. 71 f., und unter vielen anderen die Urteile des Obersten Gerichtshofs vom 17. Dezember 1970 (A. 5457), 2. November 1983 (A. 5445) und 22. Januar 1986 (A. 166)
Siehe Mir Puig (Anm. 3), S. 483 ff.
schenden Meinung distanziert, besteht die Zurechnungsf&auml;higkeit lediglich in
der Motivierungsf&auml;higkeit durch die Normen.25
Nach herrschender Meinung, die von der normativen Schuldlehre ausgeht,
st&uuml;tzen sich die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde des Notstands im Falle eines
Konflikts zwischen gleichwertigen G&uuml;tern, der un&uuml;berwindbaren Angst26
und der Beg&uuml;nstigung von Verwandten auf den Gedanken der Unzumutbarkeit eines normad&auml;quaten Verhaltens.27 Um die Zumutbarkeit zu bestimmen, ist dabei an das Verhalten eines Durchschnittsmenschen, der sich in
derselben Situation befindet, anzukn&uuml;pfen.28 Meines Erachtens sollte man
den normativen Charakter dieses Ma&szlig;stabes betonen und auf das Verhalten
eines einsichtigen und die Anforderungen des Rechts beachtenden Menschen in derselben Lage abstellen.29 Andererseits sollte der Notstand auch
dann als Schuldausschlie&szlig;ungsgrund in Betracht kommen, wenn zwar der
verursachte Schaden geringer ist als derjenige, der zu vermeiden war, jedoch
das Verhalten des T&auml;ters einen schweren Versto&szlig; gegen die Menschenw&uuml;rde darstellt, und neben der Unrechtsminderung ein Ausschlu&szlig; oder eine
erhebliche Verminderung der F&auml;higkeit zu normgerechtem Handeln beim
T&auml;ter vorliegt, so da&szlig; ihm die Rechtsbefolgung nicht zuzumuten ist.30
Siehe Mu&ntilde;oz Conde (Anm. 6), S. 124 f., 129 ff.
Nach Art. 8 Nr. 10 wird von strafrechtlicher Verantwortlichkeit frei: &quot;Derjenige, der in
einer un&uuml;berwindbaren Angst in bezug auf ein gleiches oder gr&ouml;&szlig;eres &Uuml;bel handelt&quot;.
Siehe in diesem Sinne Rodr&iacute;guez Mu&ntilde;oz (Anm. 4), I, S. 450 f., und II, Madrid 1949,
S. 7 ff.; Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 271 f., 280 ff., 318, 448; Jim&eacute;nez de As&uacute;a, Tratado de
Derecho Penal, VI, 2. Aufl. Buenos Aires 1962, S. 303 ff., 902 ff., 986, 1014 ff.; Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 643 ff.; Sainz Cantero, Lecciones de Derecho
Penal, Parte General, III, Barcelona 1985, S. 21 ff., 95 ff., 104 ff., und Cobo del Rosal/
Vives Ant&oacute;n (Anm. 3), S. 476 ff. Mir Puig und Mu&ntilde;oz Conde begr&uuml;nden auch die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde (zu denen sie den Notstand im Falle eines Konflikts von gleichwertigen G&uuml;tern nicht z&auml;hlen, weil er f&uuml;r sie auch ein Rechtfertigungsgrund ist) mit dem
Gedanken der Unzumutbarkeit eines normad&auml;quaten Verhaltens, obwohl sie den materiellen Schuldbegriff als &quot;Anders-Handeln-K&ouml;nnen&quot;, wie wir gesehen haben, ablehnen;
siehe Mir Puig (Anm. 3), S. 474 ff., 521 ff., und Mu&ntilde;oz Conde (Anm. 6), S. 123 ff., 148 ff.
Siehe Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 272 (&quot;ein Durchschnittsmensch, der am sozialen
Leben gew&ouml;hnlich teilnimmt&quot;), und Sainz Cantero (Anm. 27), S. 98 (das normad&auml;quate Verhalten ist zumutbar &quot;wenn der Durchschnittsmensch in der Lage des T&auml;ters,
d.h. unter denselben &auml;u&szlig;erlichen Umst&auml;nden, durch dieselben Motive getrieben und
unter &auml;hnlichen pers&ouml;nlichen Bedingungen pflichtm&auml;&szlig;ig gehandelt h&auml;tte&quot;).
Siehe Cerezo Mir (Anm. 7), S. 706. Es handelt sich um einen normativen Ma&szlig;stab, der
mit dem des &quot;loyalen Staatsb&uuml;rgers&quot; von Eb. Schmidt im wesentlichen zusammenf&auml;llt.
Siehe dazu H. Henkel, Zumutbarkeit und Unzumutbarkeit als regulatives Rechtsprinzip, Festschrift f&uuml;r Ed. Mezger, M&uuml;nchen 1954, S. 307.
Siehe Cerezo Mir (Anm. 7), S. 704 ff.
Beim unvermeidbaren Verbotsirrtum ist die Mehrheit der Anh&auml;nger der
Vorsatztheorie der Meinung, da&szlig; der Vorsatz und die Fahrl&auml;ssigkeit als
Schuldformen ausgeschlossen werden,31 w&auml;hrend sich f&uuml;r die Mehrheit der
Vertreter der Schuldtheorie das Entfallen der Schuld auf die Unf&auml;higkeit
st&uuml;tzt, sich durch die Normen zu motivieren und dementsprechend anders,
d.h. rechtm&auml;&szlig;ig zu verhalten.32 Der spanische Oberste Gerichtshof schwankt
zwischen der Vorsatz- und der Schuldtheorie, obwohl die Regelung des Verbotsirrtums in Art. 6bis a Abs. 3 mit Recht von der Lehre &uuml;berwiegend im
Sinne der Schuldtheorie ausgelegt wird.33
Nach der &uuml;berwiegenden Tendenz in der modernen Rechtsprechung des
spanischen Obersten Gerichtshofs ist der bindende Befehl ein Schuldausschlie&szlig;ungsgrund,34 der die F&auml;lle des unvermeidbaren Irrtums &uuml;ber die
Rechtm&auml;&szlig;igkeit des Befehls und der befehlsbedingten Unzumutbarkeit
normad&auml;quaten Verhaltens umfa&szlig;t.35 Es gibt in Spanien aber auch viele
Strafrechtslehrer, die der Meinung sind, da&szlig; der bindende Befehl ein Rechtfertigungsgrund sei, der die F&auml;lle umfasse, in denen der Befehl rechtm&auml;&szlig;ig
oder rechtswidrig, jedoch verbindlich war.36 Meines Erachtens ist - immer
unter der Voraussetzung, da&szlig; eine rechtliche Gehorsamspflicht besteht das Verhalten, das diese Pflicht erf&uuml;llt, unter folgenden Bedingungen rechtm&auml;&szlig;ig: Die Gehorsamspflicht mu&szlig; h&ouml;her- oder gleichrangig sein im Verh&auml;ltnis zu der Pflicht, die verbotene Handlung zu unterlassen oder - bei Unter31
Mir Puig meint aber, da&szlig; beim unvermeidbaren Verbotsirrtum schon das Unrecht der
vors&auml;tzlichen und der fahrl&auml;ssigen Delikte ausgeschlossen wird, da bei ihm die Motivierungsf&auml;higkeit durch die Norm fehlt, siehe Mir Puig (Anm. 3), S. 478 f., 542 ff.,
und schon fr&uuml;her derselbe, Funci&oacute;n de la pena y teor&iacute;a del delito en el Estado social y
democratico de Derecho, 2. Aufl. Barcelona 1982, S. 80 ff.
Obwohl Mu&ntilde;oz Conde die materielle Schuldauffassung als &quot;Anders-Handeln-K&ouml;nnen&quot;
zur&uuml;ckweist, begr&uuml;ndet auch er die Schuldausschlie&szlig;ung beim unvermeidbaren Verbotsirrtum auf die Unf&auml;higkeit, sich durch die Norm zu motivieren; siehe Mu&ntilde;oz Conde (Anm. 6), S. 124 ff., 143 ff.
Siehe dazu Cerezo Mir, Die Regelung des Verbotsirrtums im spanischen Strafgesetzbuch, Ged&auml;chtnisschrift f&uuml;r Armin Kaufmann, K&ouml;ln 1989, S. 473 ff.
Nach Art. 8 Nr. 12 wird von strafrechtlicher Verantwortlichkeit frei: &quot;Derjenige, der
im verpflichteten Gehorsam handelt&quot;.
Siehe z.B. die Urteile vom 18. November 1980 (A. 4517), 22. April und 16. Mai 1983
(A. 2300 und 2710). Die Mehrheit der spanischen Strafrechtler meint auch, da&szlig; der
bindende Befehl ein Schuldausschlie&szlig;ungsgrund ist, obwohl ihre Meinungen bei der
Bestimmung der durch ihn gedeckten F&auml;lle stark auseinandergehen; siehe dazu Cerezo Mir, La eximente de obediencia debida en el C&oacute;digo penal espa&ntilde;ol, in: Estudios
Penales en memoria del profesor Agustin Fernandenz Albor, Santiago de Compostela
1989, S. 184 ff.
Siehe Cerezo Mir (Anm. 35), S. 183 f.
lassungsdelikten - die gebotene Handlung zu vollziehen, und die Erf&uuml;llung
des Befehls darf keinen schweren Versto&szlig; gegen die Menschenw&uuml;rde darstellen.37
Die Tragweite der Unterscheidung der Grundprinzipien der Rechtfertigungsgr&uuml;nde und der Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde wird im spanischen Strafrecht dadurch begrenzt, da&szlig;, wie Walter Perron bemerkt hat,38 unser Oberster Gerichthof zum einen die Anwendung von Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden
durch Analogie39 ablehnt und zum anderen &uuml;bergesetzliche Rechtfertigungs- oder Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde nicht anerkennt. Der Oberste Gerichtshof sieht in Art. 2 Abs. 2 CP ein un&uuml;berwindliches Hindernis, Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde auf &auml;hnlich gelagerte Situationen analog anzuwenden.
Nach dieser Vorschrift hat sich das Gericht &quot;an die Regierung zu wenden,
um dort, unbeschadet der unmittelbaren Vollstreckung des Urteils, das, was
es f&uuml;r angebracht h&auml;lt, anzuregen, wenn durch die strenge Anwendung der
gesetzlichen Bestimmung eine Handlung oder eine Unterlassung bestraft
w&uuml;rde, die nicht bestraft sein sollte, oder wenn die Strafe in Anbetracht der
Schuld (B&ouml;swilligkeit) und des verursachten Schadens sich als &uuml;berm&auml;&szlig;ig
darstellen w&uuml;rde&quot;. Die Regelung verlangt aber meines Erachtens nur eine
strenge Anwendung der Deliktstypen und der Strafrahmen, die im Strafgesetzbuch aufgestellt werden, dagegen hat sie mit der Anwendung von Ausschlie&szlig;ungs- oder Milderungsgr&uuml;nden durch Analogie nichts zu tun. Eine
analoge Anwendung von Milderungsgr&uuml;nden ist n&auml;mlich in Art. 9 Nr. 10
ausdr&uuml;cklich vorgesehen. Art. 2 Abs. 2 verbietet den Gerichten, die Deliktstypen des Strafgesetzbuchs (z.B. die Abtreibungstatbest&auml;nde) generell oder
in bestimmten F&auml;llen, die unter den Straftatbestand zweifellos subsumiert
werden k&ouml;nnen (die Abtreibung in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft), nicht anzuwenden oder den im Gesetz aufgestellten Strafrahmen
au&szlig;er acht zu lassen (z.B. ist es untersagt, die Vergewaltigung mit einer
Freiheitsstrafe zwischen sechs Jahren und einem Tag und zw&ouml;lf Jahren (prisi&oacute;n mayor) anstatt mit einer Freiheitsstrafe von zw&ouml;lf Jahren und einem Tag
bis zu 20 Jahren zu bestrafen (reclusi&oacute;n menor), wenn das Gericht der
Siehe Cerezo Mir (Anm. 35), S. 182 f.
Siehe Walter Perron, Justificaci&oacute;n y exclusi&oacute;n de la culpabilidad a la luz del Derecho
comparado (con especial consideraci&oacute;n del Derecho penal espa&ntilde;ol), ADPCP 1988,
Heft 1, 148 f., und derselbe, Rechtfertigung und Entschuldigung im deutschen und
spanischen Recht, Ein Strukturvergleich strafrechtlicher Zurechnungssysteme, BadenBaden 1988, S. 181, 208 f., 219.
Siehe z.B. die Urteile vom 3. Juni 1948, 19. Juni 1952 und 15. M&auml;rz 1956 (A. 786).
Meinung ist, da&szlig; die Vergewaltigung nicht mit derselben Strafe wie die vors&auml;tzliche T&ouml;tung bestraft werden sollte.40 Die analoge Anwendung von Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden bedeutet andererseits keinen Versto&szlig; gegen das Gesetzlichkeitsprinzip, weil es sich um eine Analogie zugunsten des T&auml;ters
(Analogie in bonam partem) handelt. Auch die Anerkennung einer &uuml;bergesetzlichen Rechtfertigung und Schuldausschlie&szlig;ung unter Hinweis auf die
Grundprinzipien w&uuml;rde keinen Versto&szlig; gegen das Gesetzlichkeitsprinzip
bedeuten.41
Die Abgrenzung von Rechtfertigungs- und Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden
durch die herrschende Meinung ist durch Bacigalupo grunds&auml;tzlich in Frage
gestellt worden. Unter methodologischem Aspekt kritisiert er zun&auml;chst an
der herrschenden Meinung, da&szlig; die Abgrenzung der Rechtfertigungsgr&uuml;nde
von den &uuml;brigen Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden nicht aus der Auslegung des positiven Rechts unter Heranziehung von bestimmten Grundprinzipien, die aus
dem Wesen des Unrechts abgeleitet w&uuml;rden, vollzogen werde. Sie entscheide
die Frage, ob ein Ausschlie&szlig;ungsgrund ein Rechtfertigungsgrund sei oder
nicht, allein nach den Folgen, die sich daraus f&uuml;r die Notwehr, die Akzessoriet&auml;t der Teilnahme und die zivilrechtliche Verantwortlichkeit ergeben.42
In dieser Vorgehensweise zeige sich &quot;der wahre Sinn und die Aufgabe der
Grundprinzipien der Rechtfertigung: Es handelt sich um Auslegungsprinzipien derjenigen F&auml;lle, die zu Rechtfertigungsgr&uuml;nden erkl&auml;rt worden
sind&quot;.43
Die Regelung der Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde in unserem Strafgesetzbuch beinhaltet weder einen Hinweis auf ihre rechtliche Natur noch auf die Grundprinzipien, die ihnen zugrunde liegen. Das ist meines Erachtens unter dem
Gesichtspunkt der Gesetzgebungstechnik richtig, um zu vermeiden, da&szlig; die
gesetzliche Regelung bald als &uuml;berholt angesehen werden mu&szlig; und dann ein
Hindernis f&uuml;r die weitere Entwicklung der Strafrechtswissenschaft bedeutet.
Siehe in diesem Sinne Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 103. Da&szlig; Art. 2 Abs. 2 kein Hindernis f&uuml;r die Anwendung von Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden durch Analogie ist, nehmen ebenfalls an z.B. Rodr&iacute;guez Mu&ntilde;oz (Anm. 4), I, S. 145 ff. und II, S. 204 f.; Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 496 f.; Rodr&iacute;guez Mourullo, Derecho Penal, Parte
General, Madrid 1977, S. 113 f., und Mir Puig (Anm. 3), S. 71 f.
Rodr&iacute;guez Mourullo nimmt die M&ouml;glichkeit an, &uuml;bergesetzliche Rechtfertigungsgr&uuml;nde auf der Grundlage der allgemeinen Grunds&auml;tze der Rechtsordnung anzuerkennen;
siehe Rodr&iacute;guez Mourullo (Anm. 5), S. 510 f.
Siehe Bacigalupo (Anm. 8), S. 68 ff., und derselbe, Delito y punibilidad, Madrid 1983,
S. 127 ff.
Bacigalupo, Delito (Anm. 42), S. 131.
Seitdem aber die Notwehr (Art. 8 Nr. 4) einen rechtswidrigen Angriff und
die Notwendigkeit des verwendeten Mittels verlangt, um den Angriff zu
vermeiden oder abzuwehren, f&auml;llt es schwer, die Notwehr als einen blo&szlig;en
Schuldausschlie&szlig;ungsgrund aufzufassen. Begeht jemand eine tatbestandsm&auml;&szlig;ige Handlung oder Unterlassung in Erf&uuml;llung einer rechtlichen Pflicht
(die zweifellos von h&ouml;herem oder gleichem Rang sein mu&szlig;) oder in der
rechtm&auml;&szlig;igen Aus&uuml;bung eines Rechts, Berufs oder Amts, l&auml;&szlig;t sich schwerlich annehmen, da&szlig; sein Verhalten rechtswidrig ist. Der Ausschlu&szlig; sowohl
der strafrechtlichen als auch der zivilrechtlichen Verantwortlichkeit durch
einige Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde nach Art. 20 CP macht es ebenfalls schwierig,
sie als blo&szlig;e Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde aufzufassen.
Andererseits f&uuml;hrt Bacigalupo zwischen der Rechtswidrigkeit und der
Schuld ein neues Verbrechenselement ein, n&auml;mlich die Zurechenbarkeit
(atribuibilidad), die eine gewisse &Auml;hnlichkeit mit der Tatverantwortung aufweist, die durch Maurach entwickelt wurde. Infolgedessen unterscheidet er
von den Rechtfertigungs- und den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden in einer
mittleren Kategorie Gr&uuml;nde, welche die Zurechenbarkeit ausschlie&szlig;en.44
Diese Gr&uuml;nde werden neben einer unwiderleglichen Vermutung der fehlenden Schuld durch eine starke Minderung des Unrechts charakterisiert. Der
Ausschlu&szlig; der Vorwerfbarkeit erfolgt bei ihnen mittels eines generalisierenden Ma&szlig;stabes, ohne da&szlig; es darauf ankommt, ob der T&auml;ter in der konkreten
Lage, in der er sich befand, anders handeln konnte oder nicht. Nach Bacigalupo sollen der Notstand im Falle eines Konflikts zwischen gleichwertigen
G&uuml;tern, die un&uuml;berwindbare Angst sowie die traditionellen Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde (excusas absolutorias) - zu denen er die in Art. 564 CP genannten Gr&uuml;nde, die sich auf bestimmte Eigentumsdelikte zwischen Familienangeh&ouml;rigen beziehen,45 und die Beg&uuml;nstigung von Verwandten z&auml;hlt
Siehe Bacigalupo (Anm. 8), S. 89 ff., und derselbe, Entre la justificaci&oacute;n y la exclusi&oacute;n de la culpabilidad, in: La Ley, VII. Jahrgang, Nr. 1611, Madrid, 23. Dezember
1986, S. 3, und derselbe, Unrechtsminderung und Tatverantwortung, Ged&auml;chtnisschrift
f&uuml;r Armin Kaufmann, S. 461 ff. In den zwei zuletzt erw&auml;hnten Arbeiten legt Bacigalupo das Hauptgewicht auf die Unrechtsminderung, jedoch kann diese f&uuml;r sich allein den
Ausschlu&szlig; der strafrechtlichen Verantwortlichkeit nicht erkl&auml;ren; dies kommt beim
spanischen Strafgesetzbuch bei den unvollst&auml;ndigen Rechtfertigungsgr&uuml;nden, die nur
eine Strafminderung mit sich bringen, deutlich zum Ausdruck (Art. 9 Nr. 1).
Art. 564: &quot;Von strafrechtlicher Verantwortlichkeit f&uuml;r schweren Diebstahl ohne Gewalt
oder Einsch&uuml;chterung von Personen, f&uuml;r einfachen Diebstahl, Veruntreuungen, Unterschlagung oder gegenseitig verursachten Sachbesch&auml;digungen sind frei und einzig der
zivilrechtlichen Verantwortlichkeit unterworfen: 1. die Ehegatten, Verwandten aufsteigender und absteigender Linie oder die in demselben Grade Verschw&auml;gerten, 2. der
&uuml;berlebende Ehegatte hinsichtlich der Gegenst&auml;nde, die dem verstorbenen Ehegatten
- die Zurechenbarkeit (atribuibilidad) ausschlie&szlig;en. Bei den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden fehle dagegen die individuelle Motivierungsf&auml;higkeit durch
die Norm. Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde sind nach Bacigalupo nicht nur die
Gr&uuml;nde, die die Zurechnungsf&auml;higkeit ausschlie&szlig;en und der unvermeidbare
Verbotsirrtum, sondern ebenfalls der unvermeidbare Irrtum &uuml;ber die Strafbarkeit.46
Bei den von Bacigalupo als Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde der Zurechenbarkeit eingeordneten F&auml;llen wird zwar das Unrecht, jedenfalls der Handlungsunwert
und zuweilen auch der Erfolgsunwert, vermindert und der Ausschlu&szlig; der
Schuld oder der strafrechtlich relevanten Schuld wegen der Unzumutbarkeit
normgem&auml;&szlig;en Verhaltens mit Hilfe eines generalisierenden Ma&szlig;stabes vollzogen. Entscheidend soll sein, wie sich ein Durchschnittsmensch oder besser
ein einsichtiger und die Anforderungen des Rechts beachtender Mensch in
derselben Lage verhalten w&uuml;rde. Die Bestimmung der Zurechnungs- oder
der Unzurechnungsf&auml;higkeit bei den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden der dauernden oder vor&uuml;bergehenden Geistesst&ouml;rung wird aber oft nur mit Hilfe
eines generalisierenden Ma&szlig;stabes m&ouml;glich sein. Andererseits st&uuml;tzt sich der
Schuldvorwurf in Anbetracht der bestehenden Beweisschwierigkeiten hinsichtlich der Frage, ob der T&auml;ter in der konkreten Lage h&auml;tte anders handeln
k&ouml;nnen, immer - in einem gr&ouml;&szlig;eren oder kleineren Ma&szlig;e - auf die generelle
Selbstbestimmungsf&auml;higkeit des Menschen.47
Gimbernat, der in seinen Arbeiten &uuml;ber den Notstand die Meinung vertritt,
da&szlig; dieser in jedem Falle - also auch bei einem Konflikt zwischen gleichwertigen G&uuml;tern - gerechtfertigt sei,48 hat ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Rechtswidrigkeit und Schuld, bzw. zwischen den Rechtfertigungs- und
den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden vorgeschlagen, das von der herrschenden
Meinung abweicht. Er ist der Ansicht, da&szlig; das Recht bei der Rechtswidrigkeit entscheide, was es in allgemeiner Weise allen gegen&uuml;ber verbieten will,
geh&ouml;rten, solange sie noch nicht in die Verf&uuml;gungsgewalt eines anderen &uuml;bergegangen
sind, 3. die Geschwister und Verschw&auml;gerten, wenn sie zusammenleben. Die Vorschrift
dieses Artikels ist nicht anwendbar auf Au&szlig;enstehende, die an dem Delikt teilgenommen
haben.&quot;
Siehe Bacigalupo (Anm. 8), S. 103 ff.; derselbe, Delito (Anm. 42), S. 159 ff., und derselbe, El error sobre las excusas absolutorias, CPCrim 6 (1978), S. 3 ff.
Siehe Cerezo Mir, Culpabilidad y pena, in: Problemas fundamentales del Derecho
Penal, Madrid 1982, S. 194 ff.
Siehe Gimbernat, Der Notstand: Ein Rechtswidrigkeitsproblem, Festschrift f&uuml;r H. Welzel zum 70. Geburtstag, Berlin 1974, S. 485 ff., und derselbe, Vorwort zum Buch von
A. Cuerda Riezu, La colisi&oacute;n de deberes en Derecho Penal, Madrid 1984, S. 13 ff.
w&auml;hrend es in der Schuld nur gegen&uuml;ber solchen Personengruppen auf die
Strafe verzichte, bei denen ein Mangel an Abschreckungs- und Hemmungswirkung vorliege. Es handele sich hierbei nicht um eine Frage des Wollens,
sondern des K&ouml;nnens. Nach Gimbernat geht es beim Notstand ebenso wie
bei der Notwehr um Handlungen, die das Recht nicht verbieten will, obwohl
es das k&ouml;nnte, denn die Strafe w&auml;re in der Lage, eine Hemmungswirkung zu
entfalten. Das sei hingegen nicht der Fall beim Strafausschlu&szlig; f&uuml;r Unzurechnungsf&auml;hige oder beim unvermeidbaren Verbotsirrtum. In diesen F&auml;llen
k&ouml;nne die Strafe ihre Abschreckungswirkung nicht hervorrufen. Hier strafe
das Recht nicht, weil es nicht wolle, sondern weil es nicht k&ouml;nne.49 Mit derselben Begr&uuml;ndung meint Gimbernat sogar, da&szlig; die un&uuml;berwindbare Angst
einen Rechtfertigungsgrund darstelle.50
Ich werde hier nicht auf die Auseinandersetzung &uuml;ber die Grundlage und
die Rechtsnatur des Notstands eingehen. Dazu habe ich mich bereits bei anderer Gelegenheit ge&auml;u&szlig;ert,51 und dar&uuml;ber hinaus wird diese Frage Gegenstand eines anderen Referats bei diesem Kolloquium sein. Ich m&ouml;chte
lediglich eine kritische Analyse des von Gimbernat entwickelten generellen
Unterscheidungsmerkmals zwischen den Rechtfertigungs- und den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden durchf&uuml;hren. Die Unterscheidung zwischen Rechtswidrigkeit und Schuld und folglich zwischen Rechtfertigungsgr&uuml;nden und
Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden danach, ob die Strafe Hemmungswirkung besitzt oder nicht, &uuml;berzeugt mich nicht. Obwohl es im allgemeinen richtig ist,
da&szlig; die Strafe bei der Notwehr oder beim Notstand eine solche Wirkung entfalten kann, gibt es F&auml;lle, in denen das nicht so ist oder dies zumindest fraglich erscheint: Man denke an die F&auml;lle des rechtswidrigen Angriffs auf
das Leben oder die k&ouml;rperliche Unversehrtheit bei der Notwehr und die
F&auml;lle des Konflikts zwischen zwei Menschenleben oder der k&ouml;rperlichen
Unversehrtheit zweier Personen beim Notstand. Gimbernat erkennt dies an,
meint aber, man m&uuml;sse sich bei der Bestimmung der Rechtsnatur eines Ausschlie&szlig;ungsgrundes an das halten, was im gr&ouml;&szlig;ten Teil der F&auml;lle geschieht.52
Kann man aber behaupten, da&szlig; in der Mehrheit der Sachverhalte, in denen
ein T&auml;ter wegen un&uuml;berwindbarer Angst gehandelt hatte, die Strafe eine
Hemmungswirkung entfalten konnte? Zumindest w&auml;re es doch konsequent,
Siehe Gimbernat, Notstand (Anm. 48), S. 490 ff.
Siehe Gimberant (Anm. 23), S. 66.
Siehe Cerezo Mir (Anm. 7), S. 690 ff.
Siehe Gimberant, Vorwort (Anm. 48), S. 23 Fn. 26.
jedem der genannten Ausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde eine Doppelnatur beizumessen:
In den F&auml;llen, in denen die Strafe Abschreckungs- oder Hemmungswirkung
h&auml;tte, w&uuml;rde es sich um einen Rechtfertigungsgrund handeln, und dort, wo
die Strafe der besagten Wirkung beraubt w&auml;re, l&auml;ge ein reiner Schuldausschlie&szlig;ungsgrund vor. Andererseits ist die Abschreckungs- oder Hemmungswirkung der Strafe bei einigen Unzurechnungsf&auml;higen nicht v&ouml;llig ausgeschlossen,53 und im Hinblick auf den unvermeidbaren Verbotsirrtum lie&szlig;en
sich zugunsten der Unbeachtlichkeit des Verbotsirrtums Erw&auml;gungen der
Generalpr&auml;vention vorbringen. Die Auferlegung einer Strafe in den F&auml;llen
des unvermeidbaren Verbotsirrtums k&ouml;nnte als Antrieb dienen, in jedem Fall
die Rechtm&auml;&szlig;igkeit oder die Rechtswidrigkeit eines Verhaltens mit gr&ouml;&szlig;erer
Sorgfalt zu pr&uuml;fen.54
Praktische Folgen der Unterscheidung zwischen Rechtfertigungsund Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden
Die Unterscheidung zwischen Rechtfertigungs- und Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden hat in bezug auf die Notwehr und die Akzessoriet&auml;t der Teilnahme
sehr wichtige Konsequenzen. Da bei Vorliegen von Rechtfertigungsgr&uuml;nden
anders als bei den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden die Rechtswidrigkeit der
Handlung ausgeschlossen ist, kann gegen diese Handlung kein Notwehrrecht
in Anspruch genommen werden.55
In bezug auf die Akzessoriet&auml;t der Teilnahme nimmt die herrschende Lehre
in Spanien an, da&szlig; f&uuml;r Anstifter, Hauptgehilfen und Gehilfen der Grundsatz
der limitierten Akzessoriet&auml;t gilt. Infolgedessen f&uuml;hrt ein beim T&auml;ter vorliegender Rechtfertigungsgrund, nicht jedoch ein Schuldausschlie&szlig;ungsgrund,
zur Straflosigkeit jener Teilnehmer.56 Im Hinblick auf die Frage der Akzessoriet&auml;t der Teilnahme bei der Beg&uuml;nstigung und der Hehlerei, die grund-
Siehe Cerezo Mir (Anm. 47), S. 183 f., und die dort angegebene Literatur.
Siehe Cerezo Mir (Anm. 47), S. 182 f., und die dort angegebene Literatur.
Einhellige Meinung; siehe z.B. Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 186; Rodr&iacute;guez Devesa/
Serrano Gomez (Anm. 4), S. 581; Cobo del Rosal/Vives Ant&oacute;n (Anm. 3), S. 315, und
Mu&ntilde;oz Conde (Anm. 6), S. 125.
Siehe Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 186, 422 f.; Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez
(Anm. 4), S. 807 f.; Cobo del Rosal/Vives Ant&oacute;n (Anm. 3), S. 316, 523, und Sainz
Cantero (Anm. 20), S. 186.
s&auml;tzlich in Art. 17 CP als eine (unechte) Teilnahmeart geregelt wird,57 gehen die Meinungen weit auseinander. Einige Strafrechtler nehmen auch f&uuml;r
die Beg&uuml;nstigung und die Hehlerei den Grundsatz der limitierten Akzessoriet&auml;t an,58 w&auml;hrend andere als Voraussetzung daf&uuml;r, da&szlig; diese Teilnehmer
bestraft werden k&ouml;nnen, verlangen, da&szlig; ein tatbestandsm&auml;&szlig;iges, rechtswidriges, schuldhaftes und strafbares Verhalten des T&auml;ters vorliegt (vollst&auml;ndige
Akzessoriet&auml;t).59 Folgt man der letzten Ansicht, hat das Vorliegen eines
Rechtfertigungsgrundes oder Schuldausschlie&szlig;ungsgrundes beim T&auml;ter die
gleichen Konsequenzen f&uuml;r den Teilnehmer, n&auml;mlich dessen Straflosigkeit.
Die Unterscheidung zwischen Rechtfertigungs- und Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden hat im spanischen Strafrecht nicht die Tragweite, die sie im deutschen Strafrecht in bezug auf die M&ouml;glichkeit hat, dem T&auml;ter sichernde und
bessernde Ma&szlig;regeln auferlegen zu k&ouml;nnen. Der Grund hierf&uuml;r liegt darin,
da&szlig; es in unserem Strafrecht aufgrund des Gesetzes &uuml;ber die soziale Gef&auml;hrlichkeit und Wiedereingliederung vom 4.8.1970 m&ouml;glich ist, vordeliktische
sichernde und bessernde Ma&szlig;regeln anzuwenden. Die Verh&auml;ngung dieser
Ma&szlig;regeln hat nicht als notwendige Voraussetzung, da&szlig; es zu der Verwirklichung einer tatbestandsm&auml;&szlig;igen und rechtswidrigen Handlung oder
Unterlassung gekommen war. Nur bei den nachdeliktischen sichernden und
bessernden Ma&szlig;regeln, z.B. denjenigen gegen&uuml;ber Unzurechnungsf&auml;higen
nach Art. 8 Nr. 1 und 3 CP, hat die Unterscheidung zwischen Rechtfertigungs- und Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden Bedeutung. Das Vorliegen eines
Rechtfertigungsgrundes, d.h. der Ausschlu&szlig; der Rechtswidrigkeit einer tatbestandsm&auml;&szlig;igen Handlung oder Unterlassung, macht die Anwendung derartiger Ma&szlig;regeln unm&ouml;glich.
Nach der herrschenden Meinung in der spanischen Strafrechtswissenschaft
schlie&szlig;en die Rechtfertigungsgr&uuml;nde nicht nur die strafrechtliche, sondern
auch die zivilrechtliche Verantwortlichkeit aus, w&auml;hrend die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde der M&ouml;glichkeit einer zivilrechtlichen Verantwortlichkeit
nicht im Wege stehen. Daher beachtet man bei der Erforschung der rechtlichen Natur eines Ausschlie&szlig;ungsgrundes stark auch die daraus resultieren57
Nur eine Art der Hehlerei wird im Besonderen Teil des spanischen Strafgesetzbuches
(Art. 546bis a-g) als ein Eigentumsdelikt geregelt.
Siehe in diesem Sinne Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 807 f.; Mir
Puig (Anm. 3), S. 339, und Sainz Cantero (Anm. 20), S. 186 f.
Siehe in diesem Sinne Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 422, und Cuello Calon-Camargo,
Derecho Penal, I, Parte General, 2. Bd., 18. Aufl. Barcelona 1980, S. 666.
den Konsequenzen nach Art. 20 CP f&uuml;r die zivilrechtliche Verantwortlichkeit. Unsere Strafrechtler betonen jedoch, da&szlig; die Rechtfertigungsgr&uuml;nde nur
diejenige zivilrechtliche Verantwortlichkeit ausschlie&szlig;en, die sich aus einer
unerlaubten Handlung herleitet. Trotz Vorliegens eines Rechtfertigungsgrundes bleibt danach die zivilrechtliche Haftung in anderen Bereichen, etwa
bei der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrung ohne Auftrag oder bei der ungerechtfertigten Bereicherung, bestehen. So verh&auml;lt es sich beim rechtfertigenden Notstand;
Art. 20 statuiert nicht die zivilrechtliche Verantwortlichkeit des T&auml;ters, der
im Notstand handelt, um ein eigenes oder fremdes &Uuml;bel abzuwenden, sondern derjenigen Person, zu deren Gunsten das &Uuml;bel vermieden wurde, im
Verh&auml;ltnis zu dem Nutzen, der f&uuml;r sie daraus resultiert.60
Abgrenzung der Rechtfertigungs- und Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde von anderen Gr&uuml;nden, welche die strafrechtliche Verantwortlichkeit ausschlie&szlig;en
In der spanischen Strafrechtswissenschaft werden von den Rechtfertigungsund den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden diejenigen Gr&uuml;nde unterschieden,
welche die Handlung oder Unterlassung als erstes Verbrechenselement ausschlie&szlig;en. Nach der herrschenden Meinung ist das der Fall bei dem Ausschlie&szlig;ungsgrund der unwiderstehlichen Gewalt gem&auml;&szlig; Art. 8 Nr. 9. Nach
dieser Vorschrift wird derjenige von der strafrechtlichen Verantwortlichkeit
entbunden, der aufgrund unwiderstehlicher Gewalt handelt. Nach fast einhelliger Meinung unserer Strafrechtler und st&auml;ndiger Rechtsprechung des
Obersten Gerichtshofs handelt es sich dabei um eine materielle, physische
und nicht um eine psychologische Gewalt; letztere k&ouml;nnte vielmehr Anla&szlig;
zur Anwendung des Schuldausschlie&szlig;ungsgrundes der un&uuml;berwindbaren
Angst geben. Die Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofs hat folgende
Voraussetzungen f&uuml;r das Vorliegen des Ausschlie&szlig;ungsgrundes der unwiderstehlichen Gewalt herausgearbeitet: da&szlig; die materielle oder physische
Gewalt von au&szlig;en kommt, durch eine andere Person ausge&uuml;bt wird und dadurch Freiheit oder Willen des T&auml;ters v&ouml;llig aufgehoben werden (vis absoluta).61 Dieser Ausschlie&szlig;ungsgrund hat keine praktische Bedeutung, er ist
Siehe in diesem Sinne Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 186, 266; Jim&eacute;nez de As&uacute;a (Anm. 12),
S. 374 f.; Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 581; Sainz Cantero (Anm. 4),
352 f.; Cerezo Mir (Anm. 2), S. 405, und derselbe (Anm. 7), S. 691.
Siehe &uuml;ber diesen Ausschlie&szlig;ungsgrund Cerezo Mir (Anm. 2), S. 293 ff. Cobo del Rosal/
Vives Ant&oacute;n schlagen eine andere Auslegung dieses Ausschlie&szlig;ungsgrundes vor, wonach
davon die F&auml;lle, in denen eine vis absoluta ausge&uuml;bt wird, nicht erfa&szlig;t werden (bei ih-
eigentlich niemals angewendet worden.62 Was seine rechtliche Natur betrifft, schlie&szlig;t er meines Erachtens bereits die Handlung oder die Unterlassung als erstes Verbrechenselement aus. Die materielle, physische Gewalt in
den F&auml;llen der vis absoluta hebt nicht nur die freie Willensverwirklichung,
sondern auch den Willen selbst oder die konkrete Handlungsf&auml;higkeit auf.
Des weiteren werden in der spanischen Strafrechtswissenschaft von den
Rechtfertigungs- und den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden die reinen (pers&ouml;nlichen) Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde (excusas absolutorias) unterschieden. Sie
beziehen sich nach der herrschenden Meinung weder auf das Unrecht noch
auf die Schuld, sondern schlie&szlig;en die Strafbarkeit nur aus N&uuml;tzlichkeits-,
Opportunit&auml;ts- oder kriminalpolitischen Gr&uuml;nden aus.63 Als Beispiel f&uuml;r
(pers&ouml;nliche) Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde wird meistens die Straflosigkeit
von manchen Eigentumsdelikten unter Verwandten genannt, auf die sich
Nichtverwandte, die an der Tat beteiligt sind, nicht berufen k&ouml;nnen
(Art. 564).64 Des weiteren wird die in Art. 226 Abs. 1 geregelte Straflosig-
nen fehle es schon an einer Handlung oder Unterlassung und somit fielen sie nicht unter
die Verbrechensbestimmung des Art. 1 Abs. 1). Er umfasse nur die F&auml;lle einer abschreckenden physischen Gewalt, die nicht den Willen und die Handlung, sondern lediglich die Freiheit der Willensverwirklichung ausschlie&szlig;en. Die unwiderstehliche Gewalt ist dieser Auffassung nach lediglich ein Grund f&uuml;r die Unzumutbarkeit normad&auml;quaten Verhaltens, siehe Cobo del Rosal/Vives Ant&oacute;n (Anm. 3), S. 130, 477 f., und die
kritische Auseinandersetzung mit dieser Auslegung bei Cerezo Mir (Anm. 2), S. 294 f.
Fn. 16.
Man pflegt das Urteil des Obersten Gerichtshofs vom 3. Juli 1874 als Anwendungsfall
dieses Ausschlie&szlig;ungsgrundes zu erw&auml;hnen; jedoch wurde bei diesem Urteil der T&auml;ter
aus Mangel an Beweisen von einer Beg&uuml;nstigung freigesprochen und das Gericht weist
blo&szlig; auf die M&ouml;glichkeit der Anwendung des Ausschlie&szlig;ungsgrundes der unwiderstehlichen Gewalt hin. Im &uuml;brigen w&auml;re die Beg&uuml;nstigung auch straflos nach Art. 17 C&oacute;digo
Penal von 1870, wonach die Beg&uuml;nstigung von Verwandten als personaler Strafausschlie&szlig;ungsgrund geregelt wird, und der Art. 18 geltendem CP entspricht.
Siehe etwa in diesem Sinne Ant&oacute;n Oneca (Anm. 4), S. 315 ff.; Jim&eacute;nez de As&uacute;a, Tratado
de Derecho Penal, VII, Buenos Aires 1970, S. 138, 145 ff.; Rodr&iacute;guez Devesa/Serrano Gomez (Anm. 4), S. 655, 663 ff.; Sainz Cantero (Anm. 20), S. 124, 133 ff.; Mu&ntilde;oz
Conde (Anm. 6), S. 156 f., und Cerezo Mir (Anm. 2), S. 254 f. Bacigalupo meint dagegen, wie wir gesehen haben, da&szlig; bei den Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden das Unrecht vermindert und der Schuldmangel unwiderlegbar vermutet werde, und betrachtet sie als
Gr&uuml;nde, die die Zurechenbarkeit ausschlie&szlig;en. Bacigalupo ist auch der Meinung, da&szlig; der
unvermeidbare Irrtum &uuml;ber die Voraussetzungen eines Strafausschlie&szlig;ungsgrundes die
Schuld ausschlie&szlig;t. Im C&oacute;digo Penal - wo ein solcher Irrtum nicht geregelt wird - schl&auml;gt
er die Anwendung eines unvollst&auml;ndigen Ausschlie&szlig;ungsgrundes (Art. 9 Nr. 1) in Verbindung mit Art. 6bis a Abs. 3 (der die Regelung des Verbotsirrtums enth&auml;lt) vor. Siehe
die Werke von Bacigalupo und die Stellen, die in den Anmerkungen 44 und 46 erw&auml;hnt
Siehe Anm. 45.
keit desjenigen angef&uuml;hrt, der in einen Aufstand oder Aufruhr verwickelt ist
und diese Delikte rechtzeitig aufdeckt, um ihre Folgen vermeiden zu k&ouml;nnen.
Ferner ist zu nennen die Straflosigkeit des Ausstellers eines ungedeckten
Schecks, die besteht, wenn der T&auml;ter innerhalb von f&uuml;nf Tagen nach der Pr&auml;sentation den gesamten Betrag zahlt (Art. 563bis b).
IM VERBRECHENSSYSTEM AUS DEUTSCHER SICHT
Hans Joachim Hirsch, K&ouml;ln
Die Bezeichnungen &quot;Rechtfertigung&quot; und &quot;Entschuldigung&quot; werden im deutschen Schrifttum nicht ganz einheitlich verwendet. Neben der Terminologie,
nach der mit &quot;Rechtfertigung&quot; alle Unrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde und mit
&quot;Entschuldigung&quot; alle Gr&uuml;nde, die relevanter Schuld entgegenstehen, bezeichnet werden, findet sich eine Terminologie, die damit nur bestimmte
Teilbereiche benennen will. So wird h&auml;ufig von &quot;Entschuldigung&quot; lediglich
in der Begrenzung auf die innerhalb der Schuldfrage bedeutsame Gruppe der
sogenannten Unzumutbarkeitsf&auml;lle gesprochen.1 Gegenstand dieses Freiburger rechtsvergleichenden Kolloquiums ist jedoch die Gesamtproblematik
und nicht nur die von Teilbereichen. &quot;Rechtfertigung&quot; und &quot;Entschuldigung&quot;
werden daher im folgenden, soweit nichts anderes gesagt ist, im Sinne aller
derjenigen Gr&uuml;nde verstanden, die das Unrecht oder relevante Schuld ausschlie&szlig;en sollen.
Siehe etwa Jescheck, Lehrbuch des Strafrechts, Allg. Teil, 4. Aufl. 1988, S. 429; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, StGB, 23. Aufl. 1988, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 108; Rudolphi,
in: Systematischer Kommentar zum StGB (SK), 5. Aufl. 1989, vor &sect; 19 Rdn. 5 f.
Auch wird teilweise zwischen Rechtfertigungs- und blo&szlig;en Unrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden differenziert; so insbesondere von Kern, Grade der Rechtswidrigkeit, ZStW 64
(1952), S. 255, 257 ff., und Arthur Kaufmann, Rechtsfreier Raum und eigenverantwortliche Entscheidung, Maurach-Festschrift, 1972, S. 327, 335 ff.; kritisch dazu Lenckner,
Der rechtfertigende Notstand, 1965, S. 22 f.; Hirsch, Strafrecht und rechtsfreier Raum,
Bockelmann-Festschrift, 1979, S. 89, 100.
Zu diesen Differenzierungen siehe auch noch im folgenden bei IV.1 mit Anm. 32-34 und
IV.2 b mit Anm. 48 und 49.
Hans Joachim Hirsch
Die Bejahung der Notwendigkeit, innerhalb der Straftatvoraussetzungen
zwischen Rechtfertigungs- und Entschuldigungsfrage abzustufen, ist gleichbedeutend mit der Entscheidung f&uuml;r die Notwendigkeit eines auf Wertungsstufen abstellenden dogmatischen Systems. Denn es geht um die Abstufung
von Unrecht und Schuld und damit um verschiedene Wertungsebenen. Bekanntlich hat sich jedoch der italienische Oberste Gerichtshof unter Hinweis
auf die traditionelle italienische Auffassung ausdr&uuml;cklich gegen ein solches
System und f&uuml;r die Beibehaltung der nur faktischen Einteilung in objektive
und subjektive Merkmale ausgesprochen.2 Auch kann im Bereich des franz&ouml;sischen Strafrechts und in den L&auml;ndern mit common law-Tradition von
einem systematischen Verbrechensaufbau bisher kaum die Rede sein.
Vor allen theoretischen Ausf&uuml;hrungen steht deshalb die Frage, worin eigentlich der praktische Nutzen eines in Wertungsstufen gegliederten Systems,
wie es sich vom deutschen Strafrecht her ausgebreitet hat, zu sehen ist. So
wird etwa von angels&auml;chsischer Seite nicht selten der Einwand erhoben, da&szlig;
es im Strafrecht letztlich doch darum geht, ob sich jemand strafbar gemacht
hat oder nicht, weshalb es keiner Differenzierung bed&uuml;rfe.3 Dies um so weniger, weil alle Gesichtspunkte f&uuml;r die Frage der Strafbarkeit von gleicher
Relevanz seien.
Vgl. Vereinigte Sektionen, Urteil vom 29.5.1972 Nr. 3821 (Angekl. Marchese),
Cass.pen. 1972, 1149 ff., und dazu Riz, Zum derzeitigen Stand der Verbrechenslehre
in Italien, ZStW 93 (1981), S. 1005, 1008 (mit w&ouml;rtlicher Wiedergabe des betreffenden Teils der Gr&uuml;nde und mit weiteren Rspr.-Nachw.); Hirsch, Die Diskussion &uuml;ber
den Unrechtsbegriff in der deutschen Strafrechtswissenschaft und das Strafrechtssystem Delitalas, in: Studi in memoria di G. Delitala, 1984, S. 1933. In dem Plenarurteil
ging es konkret um die Frage, ob auch f&uuml;r Rechtfertigungsgr&uuml;nde der Satz in dubio pro
reo gilt. Dies wurde in der Entscheidung unzutreffend verneint, wobei neben der oben
erw&auml;hnten dogmatischen Auffassung vor allem kriminalpolitische Argumente eine
Rolle spielten. Inzwischen stellt jedoch der neue Art. 530 Abs. 3 C.p.p. ausdr&uuml;cklich
klar, da&szlig; jener Satz auch f&uuml;r Rechtfertigungsgr&uuml;nde zu gelten hat. Entgegen Marinucci
(in: Digesto delle discipline penalistiche I, 4. Aufl. 1987, Stichwort &quot;Antigiuridicit&agrave;&quot;,
S. 187) &auml;ndert der kriminalpolitische Aspekt der Entscheidung und dessen Korrektur
durch den italienischen Gesetzgeber aber nichts daran, da&szlig; sich jedenfalls die im vorliegenden Zusammenhang interessierende negative Stellungnahme zum normativen
System in dem Urteil findet und da&szlig; der Gerichtshof davon bisher nicht abger&uuml;ckt ist.
Siehe dazu Greenawalt, Die fragw&uuml;rdige Grenze zwischen Rechtfertigung und Entschuldigung, in: Eser/Fletcher (Hrsg.), Rechtfertigung und Entschuldigung, Bd. I,
1987, S. 263 m.w.N.
Der Nutzen eines zwischen Rechtfertigung und Entschuldigung, damit zwischen Unrecht und Schuld (oder auch einem Schuldsurrogat) abstufenden
Systems ist in mehreren Vorteilen zu sehen:
An erster Stelle geht es um die hierdurch er&ouml;ffnete M&ouml;glichkeit, historisch
punktuell entstandene Ausschlu&szlig;gr&uuml;nde unter dem Gesichtspunkt &uuml;bergreifender leitender Ma&szlig;st&auml;be zu gliedern und dadurch exakt zu konturieren und
weiter zu erg&auml;nzen. So werden beispielsweise auf solchem Wege grunds&auml;tzliche Sachverschiedenheiten innerhalb des Notstands deutlich - n&auml;mlich
Konfliktentscheidung durch die Rechtsordnung bei den einen und t&auml;terbezogene Nachsicht wegen extremen Motivationsdrucks bei den anderen F&auml;llen.
Dies bewirkt, da&szlig; daraus bei der Gesetzesauslegung und der Weiterentwicklung der Gesetzgebung Folgerungen gezogen werden. Allgemein wird der
Blick daf&uuml;r ge&ouml;ffnet, auf welche generellen Erfordernisse es bei den jeweiligen Rechtsfiguren anzukommen hat, woraus sich sachbedingt ebenso Erweiterungen wie Restriktionen ergeben k&ouml;nnen.4
Ein weiterer Vorteil besteht darin, da&szlig; ein f&uuml;r den T&auml;ter elementarer Unterschied in den Urteilsgr&uuml;nden zum Ausdruck gelangen kann: Ob der Freispruch sich darauf st&uuml;tzt, da&szlig; der T&auml;ter sich in Einklang mit der Rechtsordnung gehalten hat oder aber da&szlig; er rechtswidrig gehandelt hat und nur die
Schuld, etwa wegen Schuldunf&auml;higkeit, zu verneinen ist.5
Auch mu&szlig; man im Blick haben, da&szlig; in strafrechtlichen F&auml;llen zumeist mehrere Personen eine Rolle spielen: neben dem T&auml;ter das Opfer oder auch
eine Anzahl von T&auml;tern oder Opfern. Deshalb ist bei der L&ouml;sung eines Falles oft nicht nur das Verhalten einer Person, sondern die Beziehung zwischen den Verhaltensweisen mehrerer zu beurteilen. Das wird am deutlichsten bei der Notwehr mit deren Erfordernis der Rechtswidrigkeit des Angriffs. Hier ist zu entscheiden, auf welcher Seite ein rechtswidriger Angriff
So hat man etwa im deutschen Recht in diesem Jahrhundert unter dem Gesichtspunkt
der G&uuml;ter- und Interessenabw&auml;gung die F&auml;lle des rechtfertigenden Notstands &uuml;ber die
im dt.BGB enthaltenen Teilregelungen hinausgehend fortentwickelt. Umgekehrt hatte
man schon fr&uuml;her herausgearbeitet, da&szlig; entschuldigender Notstand nur bei einer Gefahr f&uuml;r fundamentale Individualrechtsg&uuml;ter und nur f&uuml;r eine Rettungshandlung des
Gef&auml;hrdeten selbst oder eines ihm pers&ouml;nlich nahestehenden Menschen (wobei man
zun&auml;chst allein an Angeh&ouml;rige dachte) in Betracht kommt.
Zu dieser Kognitionspflicht vgl. Sch&auml;fer, in: L&ouml;we/Rosenberg, StPO, 24. Aufl. 1988,
Einl. Kap. 12 Rdn. 31, 35; Peters, Strafproze&szlig;, 4. Aufl. 1985, S. 516 f. m.w.N. &Uuml;bersehen ist das im &quot;Spanner-Fall&quot; BGH NJW 1979, 2053; n&auml;her dazu Hirsch, Urteilsanmerkung, JR 1980, 115, 117 f.
vorliegt. Daran kann es bei dem zuvor Handelnden fehlen, wenn ihm bereits
selbst Notwehr zur Seite stand, aber auch wenn ihm ein anderer Rechtfertigungsgrund zustatten kam. Das zeigt gleichzeitig die erhebliche soziale Bedeutung der Einstufung als Rechtfertigungsgrund. Die Rechtsordnung entscheidet auf dieser Ebene eine Kollisionslage, die zumeist in einem sozialen
Interessenwiderspruch besteht, und zwar trifft sie die Entscheidung nach f&uuml;r
das Sozialleben geltenden objektiven Ma&szlig;st&auml;ben und daher mit Wirkung
&uuml;ber die einzelne Person hinaus.6 Die Auswirkung auf Dritte spiegelt sich
ebenfalls in Teilnahmef&auml;llen wider: F&uuml;r die Akzessoriet&auml;t gen&uuml;gt eine
rechtswidrige Haupttat, so da&szlig; auch hier die Abstufung von Rechtfertigung
und Entschuldigung Bedeutung erlangt.7
Au&szlig;erdem zeigt sich die praktische Auswirkung bei der L&ouml;sung der Irrtumsf&auml;lle - ich verweise auf &sect;&sect; 16, 17 dt.StGB einerseits und &sect; 35 Abs. 2 dt.StGB
andererseits. Ferner kn&uuml;pfen bestimmte Ma&szlig;regeln gegen Schuldunf&auml;hige im
deutschen Recht und anderswo an das Vorliegen des Unrechts einer Straftat
an.8 Auch stellt der deutsche Besondere Teil bei der sachlichen Beg&uuml;nstigung (&sect; 257 dt.StGB) und bei der Hehlerei (&sect; 259 dt.StGB) auf das Unrecht der Vortat und beim Vollrauschtatbestand (&sect; 323a dt.StGB) auf das
Unrecht der im Rausch begangenen Tat ab.
&Uuml;ber den wissenschaftlichen Nutzen hinaus ist daher die gro&szlig;e praktische
Bedeutung der Abstufung von Rechtfertigung und Entschuldigung evident.
Weshalb die Rechtfertigungsgr&uuml;nde nicht nur f&uuml;r den T&auml;ter, sondern f&uuml;r jedermann
gelten und sich aus ihnen eine Duldungspflicht f&uuml;r den Betroffenen ergibt. Wer sich
gegen&uuml;ber einem gerechtfertigten Verhalten zur Wehr setzt, begeht seinerseits einen
rechtswidrigen Angriff, zu dessen erforderlicher Abwehr dann Notwehr zul&auml;ssig ist.
Verfehlt w&auml;re deshalb der Gedanke, da&szlig; gegen&uuml;ber einem gerechtfertigten Verhalten
ein rechtfertigender Notstand m&ouml;glich sein k&ouml;nnte. Eine solche Konstruktion w&uuml;rde
das f&uuml;r jeden Rechtfertigungsgrund charakteristische Konzept objektiver sozialer Konfliktregelung aufheben und verkennen, da&szlig; in jede Rechtfertigungsentscheidung bereits alle f&uuml;r die Abgrenzung von Recht und Unrecht relevanten rechtlichen Gesichtspunkte einflie&szlig;en.
Nicht &uuml;berzeugend ist es, wenn Amelung (in: Sch&uuml;nemann [Hrsg.], Grundfragen des
modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 85, 92) die Konfliktl&ouml;sung als Spezifikum der
Rechtfertigungsgr&uuml;nde mit der Begr&uuml;ndung bestreitet, da&szlig; auch bei der Aufstellung
der Straftatbest&auml;nde Interessenkonflikte gel&ouml;st w&uuml;rden. Dabei wird die ausschlaggebende Sachverschiedenheit zwischen den abstrakten Wertentscheidungen, die der Gesetzgeber bei der Tatbestandsaufstellung trifft, und den im Rahmen dieser getroffenen
Wertentscheidungen noch m&ouml;glichen konkreten Interessenkonflikten &uuml;bersehen.
So auch ausdr&uuml;cklich die &sect;&sect; 26, 27, 29 dt.StGB.
Im dt.StGB siehe die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus (&sect; 63)
oder einer Entziehungsanstalt (&sect; 64), die Entziehung der Fahrerlaubnis (&sect; 69) und die
Anordnung des Berufsverbots (&sect; 70).
Wenden wir uns nunmehr den Fragen der theoretischen Grundlagen und
Durchf&uuml;hrbarkeit zu und betrachten zun&auml;chst die Stellung der Rechtfertigungsgr&uuml;nde im Straftatsystem.
1. Die Einordnung h&auml;ngt eng mit der dogmatischen Entwicklung der Lehren von Tatbestand und Irrtum zusammen. W&auml;hrend der herrschende dreistufige Deliktsaufbau die Rechtfertigungsgr&uuml;nde in einem nachfolgenden,
von der Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit abgestuften Deliktsmerkmal &quot;Rechtswidrigkeit&quot; zusammenfa&szlig;t,9 wollen die Vertreter des zweistufigen Aufbaus sie bekanntlich bereits der Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit als negative Erfordernisse zuweisen.10 Dieser Streit ist im Verh&auml;ltnis zu der Frage, ob und wie zwischen
Unrecht und Schuld abzustufen ist, aber von nur sekund&auml;rer Bedeutung. Ich
habe mich zu ihm bereits eingehend in meiner Monographie &uuml;ber die negativen Tatbestandsmerkmale ge&auml;u&szlig;ert,11 so da&szlig; ich mich auf die Hervorhebung weniger zentraler Punkte dieser Seite des Problems der Stellung der
Rechtfertigungsgr&uuml;nde beschr&auml;nken m&ouml;chte.
Zu erinnern ist hier zun&auml;chst an das f&uuml;r die Lehre von den negativen Tatbestandsmerkmalen vorgebrachte Argument, da&szlig; die herrschende Unterscheidung von Tatbestandsmerkmalen und Rechtfertigungsgr&uuml;nden nur gesetzestechnischer Natur sei, es sich dabei lediglich um eine Frage positiver oder
negativer Formulierung handele.12 Bilden jedoch die Rechtfertigungsgr&uuml;nde
Vgl. RGSt 61, 242, 247; 66, 397, 398; BGHSt 1, 131, 132; 2, 194, 200 f.; 9, 370,
375 f. Im gegenw&auml;rtigen Schrifttum insbesondere vertreten von: Baumann/Weber, Strafrecht, Allg. Teil, 9. Aufl. 1985, S. 97 f.; Dreher/Tr&ouml;ndle, StGB, 44. Aufl. 1988, vor &sect; 13
Rdn. 2; Gallas, Zur Struktur des strafrechtlichen Unrechtsbegriffs, BockelmannFestschrift, 1979, S. 155, 169 f.; Hirsch, in: Leipziger Kommentar zum StGB (LK),
10. Aufl. 1985, vor &sect; 32 Rdn. 5 f.; Jakobs, Strafrecht, Allg. Teil, 1983, S. 131 ff.; Jescheck, Allg. Teil, S. 178, 224 ff.; Lackner, StGB, 18. Aufl. 1989, vor &sect; 13 Anm. III 3 a;
Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 13 ff. Rdn. 12 ff.; Maurach/Zipf, Strafrecht, Allg. Teil, Teilbd. 1, 7. Aufl. 1987, S. 170 f., 175 ff., 323 ff.; Stratenwerth, Strafrecht, Allg. Teil I, 3. Aufl. 1981, Rdn. 176 ff.; Wessels, Strafrecht, Allg. Teil, 20. Aufl.
1990, S. 32 ff., 79 ff.
So Engisch, Der Unrechtstatbestand im Strafrecht, DJT-Festschrift, 1960, S. 401, 406 ff.;
Arthur Kaufmann, Zur Lehre von den negativen Tatbestandsmerkmalen, JZ 1954, 653;
Otto, Grundkurs Strafrecht, Allg. Strafrechtslehre, 3. Aufl. 1988, S. 58 ff.; Samson, in:
Systematischer Kommentar zum StGB (SK), 5. Aufl. 1989, vor &sect; 32 Rdn. 6 ff., 9 ff.;
Sch&uuml;nemann, Die deutschsprachige Strafrechtswissenschaft nach der Strafrechtsreform,
GA 1985, 341, 347 ff.
Hirsch, Die Lehre von den negativen Tatbestandsmerkmalen, 1960, S. 220 ff.
So Arthur Kaufmann (Anm. 10), S. 654 f.; auch Lang-Hinrichsen, Die irrt&uuml;mliche Annahme eines Rechtfertigungsgrundes, JZ 1953, 362, 364.
keine sachlich eigenst&auml;ndige Gruppe, so w&auml;re zun&auml;chst einmal das Thema
unseres Kolloquiums neu zu formulieren. Es ginge dann nicht mehr um die
Frage der Sachverschiedenheit von Rechtfertigung und Entschuldigung, sondern wir m&uuml;&szlig;ten der Entschuldigung alle Unrechtsvoraussetzungen gegen&uuml;berstellen. In der gegenw&auml;rtigen deutschen Diskussion scheint jenes Argument aber wohl kaum noch eine wirkliche Rolle zu spielen. Denn auch die
Anh&auml;nger der negativen Tatbestandsmerkmale behandeln heute die Rechtfertigungsgr&uuml;nde als ausnahmsweise Erlaubniss&auml;tze und stellen sie als unrechtsausschlie&szlig;ende Erlaubnistatbest&auml;nde material unterschieden den unrechtsbegr&uuml;ndenden Tatbestandsmerkmalen gegen&uuml;ber.13 Man kann deshalb
davon ausgehen, da&szlig; beiden Aufbaukonzepten heute eine sachlich eigenst&auml;ndige Rechtsfigur &quot;Rechtfertigungsgr&uuml;nde&quot; zugrunde gelegt wird.
Hinsichtlich des dreistufigen Aufbaus erhebt sich als erstes die Frage, wie
eigentlich das Wesen der Rechtswidrigkeit aus einem nur auf das Fehlen
von Rechtfertigungsgr&uuml;nden abstellenden Deliktsmerkmal erkl&auml;rt werden
soll. Es l&auml;&szlig;t sich nicht bestreiten, da&szlig; die Verwirklichung der Tatbestandsmerkmale den Kern des Unrechts bildet und es bei dem zweiten Deliktsmerkmal nur noch um ein zweites - und zwar negatives - Erfordernis des
Unrechts geht. Die Auffassung von Beling14 und Delitala15, die von einem
wertfreien Tatbestandsbegriff ausgingen, hat bei uns praktisch keine Anh&auml;nger mehr. Die notwendig normative Sicht des Tatbestands bedeutet jedoch nicht, da&szlig; beide Elemente denknotwendig in einem Deliktsmerkmal
verbunden sein m&uuml;&szlig;ten. Die Aufgliederung des Delikts in Wertungsstufen
besagt n&auml;mlich, da&szlig; jede Stufe ein konstituierendes Element der nachfolgenden Stufe bildet und zusammen mit den bei dieser hinzukommenden
Merkmalen das dort zur Pr&uuml;fung anstehende Werturteil, hier: die Rechtswidrigkeit, ergibt. Das gilt ebenso f&uuml;r das Verh&auml;ltnis von Rechtswidrigkeit
und Schuld.16
Die Vertreter des dreistufigen Aufbaus leiten die Abstufung von Tatbestands- und Rechtfertigungsfrage aus der schon erw&auml;hnten Eigenst&auml;ndigkeit
Siehe etwa Otto (Anm. 10), S. 60.
Beling, Die Lehre vom Verbrechen, 1906, S. 145, 147, 181; derselbe, Die Lehre vom
Tatbestand, 1930, S. 9, 13.
Delitala (Anm. 2). &Uuml;ber den Einflu&szlig; Belings auf Delitala n&auml;her Nuvolone, Il sistema
del diritto penale, 1975, S. 7, 104.
Zum Verh&auml;ltnis dieser beiden Deliktsmerkmale zueinander siehe Hirsch, LK, vor &sect; 32
Rdn. 6.
der Rechtfertigungsgr&uuml;nde als Erlaubniss&auml;tzen ab. Die genauere normlogische Erkl&auml;rung lautet: Bei der Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit geht es um den Widerspruch zu der jeweiligen einzelnen Norm, z.B. zum Verbot einer T&ouml;tungshandlung; bei der Rechtswidrigkeit handelt es sich dagegen um die Feststellung der konkreten Rechtspflichtwidrigkeit durch die Erweiterung des
Bewertungsma&szlig;stabs auf die Frage des Eingreifens eines sich aus der
Rechtsordnung etwa ergebenden Erlaubnissatzes.17
Aus dieser Abstufung werden nicht nur von den bei uns in der Minderheit
befindlichen Vertretern der strengen Schuldtheorie,18 sondern auch von den
meisten Anh&auml;ngern der herrschenden eingeschr&auml;nkten Schuldtheorie Folgerungen f&uuml;r die L&ouml;sung von Sachproblemen gezogen. Diese bestehen u.a.
darin, da&szlig; nach herrschender Meinung die irrige Annahme eines rechtfertigenden Sachverhalts, also z.B. Putativnotwehr, nicht bereits den nach heutiger Auffassung zum Tatbestand geh&ouml;renden Tatbestandsvorsatz ausschlie&szlig;t,
sondern im Unterschied zu diesem erst die Schuldebene ber&uuml;hrt.19 Die Auswirkungen betreffen vor allem die Teilnahmef&auml;lle.20 Der Gegensatz zwischen eingeschr&auml;nkter und strenger Schuldtheorie ist f&uuml;r die heutige herrschende Meinung nur noch ein Streit innerhalb des Schuldbegriffs, n&auml;mlich
&uuml;ber eine Differenzierung innerhalb des intellektuellen Schuldelements.21
Vgl. Armin Kaufmann, Lebendiges und Totes in Bindings Normentheorie, 1954,
S. 138 ff., 248 ff.; Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 6.
Welzel, Das Deutsche Strafrecht, 11. Aufl. 1969, S. 164 ff.; Bockelmann, Strafrecht,
Allg. Teil, 3. Aufl. 1979, S. 127 ff.; Hirsch (Anm. 11), S. 314 ff.; derselbe, LK, &sect; 34
Rdn. 91; derselbe, Hauptprobleme des dogmatischen Teils der deutschen Strafrechtsreform, in: Deutsch-Spanisches Strafrechtskolloquium 1986, 1987, S. 47, 51; G&ouml;ssel,
in: Maurach/ G&ouml;ssel/Zipf, Strafrecht, Allg. Teil, Teilbd. 2, 7. Aufl. 1989, S. 165;
Schroeder, LK, 10. Aufl. 1985, &sect; 16 Rdn. 47, 49, 52.
Im spanischen Schrifttum spricht sich dagegen die &uuml;berwiegende Auffassung f&uuml;r die
Anwendung der Verbotsirrtumsregelung (Art. 6bis a Abs. 3 CP) und damit f&uuml;r die
strenge Schuldtheorie aus; siehe die Nachweise bei Romeo Casabona, El error evitable
de prohibici&oacute;n en el Proyecto de 1980, ADPCP 1981, 739, 741 Fn. 11.
Gallas, Zum gegenw&auml;rtigen Stand der Lehre vom Verbrechen, ZStW 67 (1955), S. 46
Fn. 89; derselbe (Anm. 9), S. 168, 170; Blei, Strafrecht I, Allg. Teil, 18. Aufl. 1983,
S. 206 f.; Dreher, Der Irrtum &uuml;ber Rechtfertigungsgr&uuml;nde, Heinitz-Festschrift, 1972,
S. 209, 224; Dreher/Tr&ouml;ndle, StGB, &sect; 16 Rdn. 26 f.; Jescheck, Allg. Teil, S. 416 ff.;
Lackner, StGB, &sect; 17 Anm. 5 b; Roxin, Zur Kritik der finalen Handlungslehre, ZStW 74
(1962), S. 515, 554 ff.; Rudolphi, SK, &sect; 16 Rdn. 12 f.; Wessels, Allg. Teil, S. 130 ff.;
auch die Rspr. ordnet die Frage bei der Schuld ein; siehe BGH NJW 1981, 2831, 2832.
Vgl. dazu Hirsch, Der Streit um Handlungs- und Unrechtslehre (Teil II), ZStW 94
(1982), S. 239, 260; zu den Auswirkungen beim Versuch siehe die Ausf&uuml;hrungen
ebendort S. 265.
W&auml;hrend die strenge Schuldtheorie auf eine Differenzierung innerhalb des intellektuellen Schuldelements verzichtet und deshalb bei allen Rechtfertigungsirrt&uuml;mern die Ver-
Die Anh&auml;nger des zweistufigen Aufbaus, die demgegen&uuml;ber bekanntlich
Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit und Rechtswidrigkeit in einer Wertungsstufe verschmelzen wollen, bestreiten das Vorliegen einer rechtlich relevanten Bewertungsabstufung zwischen Tatbestands- und Rechtfertigungsfrage: Unrechtsbegr&uuml;ndende und unrechtsausschlie&szlig;ende Merkmale seien lediglich
zwei Seiten derselben Sache.22 Aber ganz abgesehen davon, da&szlig; das in fast
allen Rechtfertigungsgr&uuml;nden enthaltene Merkmal &quot;Erforderlichkeit&quot; eine
relevante Abstufung erkennen l&auml;&szlig;t, ger&auml;t das zweistufige System mit der
heute in der deutschen Dogmatik zur Durchsetzung gelangten personalen
Unrechtslehre deutlich in Konflikt. Verneint man bei unvermeidbarer Putativnotwehr oder einem in Putativnotwehr begangenen Versuch schon die
Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit, so hat Putativnotwehr die gleiche Wirkung wie das
Vorliegen von Notwehr, n&auml;mlich den Unrechtsausschlu&szlig;. Die in den Merkmalen der Notwehr festgelegten Voraussetzungen der rechtlichen Konfliktentscheidung werden auf diese Weise einseitig zugunsten des T&auml;ters verschoben. Aber nicht nur, da&szlig; ihm damit in solchen F&auml;llen sachwidrig mangelndes Unrecht bescheinigt und - wenn man konsequent bleibt - deshalb
dem Gegen&uuml;berstehenden zul&auml;ssige Notwehr abgeschnitten wird, sondern es
ergeben sich auch unhaltbare Konsequenzen f&uuml;r die Teilnahmelehre.23
Obwohl die offen oder verdeckt hinter dem zweistufigen Aufbau stehende
Lehre von den negativen Tatbestandsmerkmalen bereits seit Ende des vorigen Jahrhunderts diskutiert wird,24 hat sie sich bei uns ebensowenig wie im
Ausland durchsetzen k&ouml;nnen. Roxin hat einmal treffend davon gesprochen,
da&szlig; sie in Wahrheit keine Tatbestands-, sondern eine Irrtumslehre darstellt.25
botsirrtumsregelung eingreifen l&auml;&szlig;t, differenziert die vorherrschende Richtung der eingeschr&auml;nkten Schuldtheorie zwischen F&auml;llen, in denen das konkrete Unrechtsbewu&szlig;tsein aufgrund der irrigen Annahme eines rechtfertigenden Sachverhalts fehlt (dann
Entfallen der spezifischen Schuld einer Vorsatztat [Vorsatzschuld]), und solchen, in
denen das Unrechtsbewu&szlig;tsein wegen eines Irrtums &uuml;ber das rechtliche Bestehen (oder
den rechtlichen Umfang) eines Rechtfertigungsgrundes nicht gegeben ist (dann Verbotsirrtumsregelung). Gallas (Anm. 9), S. 169 f. spricht deshalb hinsichtlich der eingeschr&auml;nkten Schuldtheorie von der Unterscheidung zwischen mittelbarem, d.h. durch
einen Sachverhaltsirrtum vermittelten, und unmittelbarem Verbotsirrtum.
So etwa Otto (Anm. 10), S. 59; Samson, SK, vor &sect; 32 Rdn. 8 f., 11.
N&auml;her dazu Hirsch (Anm. 11), S. 326 ff.; derselbe (Anm. 20), S. 260; Dreher
(Anm. 19), S. 222 ff.; Jescheck, Allg. Teil, S. 417 Anm. 49.
N&auml;mlich seit Frank, Bericht &uuml;ber die Rechtsprechung des Reichsgerichts, ZStW 14
(1894), S. 354, 363 ff.; derselbe, StGB, 1. Aufl. 1897, &sect; 59 Anm. II 2.
Roxin, Literaturbericht, ZStW 80 (1968), S. 694, 701.
Es l&auml;&szlig;t sich aus den genannten Gr&uuml;nden festhalten, da&szlig; die Rechtfertigungsgr&uuml;nde ihre sachentsprechende Stellung in einem von der Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit abgestuften Deliktsmerkmal, also der Rechtswidrigkeit, haben.
2. Hinsichtlich des Aussagegehalts der Rechtswidrigkeit findet sich neuerdings die namentlich von G&uuml;nther26 vertretene Auffassung, da&szlig; es dabei
nicht notwendig um die Unvereinbarkeit mit der Gesamtrechtsordnung
gehe. Es sei vielmehr m&ouml;glich, da&szlig; ein straftatbestandsm&auml;&szlig;iges Verhalten
nicht strafrechtswidrig, au&szlig;erhalb des Strafrechts aber rechtswidrig sei. Neben den - im Strafrecht oder anderswo angesiedelten - allgemeinen Unrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden, die ein straftatbestandsm&auml;&szlig;iges Verhalten f&uuml;r die
gesamte Rechtsordnung als rechtm&auml;&szlig;ig ausweisen, gebe es auch blo&szlig;e
strafrechtliche Unrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde. Sie regelten, unter welchen
Voraussetzungen das Strafrecht auf seine strafrechtsspezifische, gesteigerte
Mi&szlig;billigung der Tat ausnahmsweise verzichte. Als Beispiele werden u.a.
angef&uuml;hrt: Wahrnehmung berechtigter Interessen bei der &uuml;blen Nachrede,
Indikation zum Schwangerschaftsabbruch, Einwilligung, fehlende Verwerflichkeit bei der N&ouml;tigung.27 Betrachtet man die F&auml;lle, so bieten sie jedoch
keine Veranlassung, das herrschende Prinzip der Einheit der Rechtsordnung
in Frage zu stellen. &Uuml;berwiegend geht es um allgemeine Unrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde, so bei der Wahrnehmung berechtigter Interessen und
beim zul&auml;ssigen Schwangerschaftsabbruch nach der Indikationenl&ouml;sung.
Auch bei der Einwilligung handelt es sich um eine allgemeine Unrechtsfrage, und die Verwerflichkeitsproblematik bei der N&ouml;tigung betrifft bereits
die Tatbestandseingrenzung.28 Da&szlig; die Beispiele nicht die Existenz blo&szlig;er
Strafunrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde zu beweisen verm&ouml;gen, ist kein Zufall.
Bei dem Deliktsmerkmal &quot;Rechtswidrigkeit&quot; geht es n&auml;mlich nicht darum,
G&uuml;nther, Strafrechtswidrigkeit und Strafunrechtsausschlu&szlig;, 1983, S. 83 ff.; derselbe,
Grade des Unrechts und Strafzumessung, in: Kerner/Kaiser (Hrsg.), Kriminalit&auml;t,
1990, S. 453, 461 f.; siehe auch Amelung, in: Sch&uuml;nemann (Hrsg.), Grundfragen des
modernen Strafrechtssystems, 1984, S. 85, 92 ff.
G&uuml;nther (Anm. 26), S. 301 ff. Als weitere Beispiele werden von ihm genannt: die mutma&szlig;liche Einwilligung, das Z&uuml;chtigungsrecht, der N&ouml;tigungsnotstand, der auf &sect; 34
StGB gest&uuml;tzte hoheitliche Eingriff.
N&auml;her zu den von G&uuml;nther angef&uuml;hrten Beispielen die Kritik bei Hirsch, LK, vor &sect; 32
Rdn. 10; derselbe, Die Entwicklung der Strafrechtsdogmatik nach Welzel, Festschrift
Rechtswiss. Fakult&auml;t K&ouml;ln, 1988, S. 399, 411 ff.; derselbe, Die Entwicklung der Strafrechtsdogmatik in der Bundesrepublik Deutschland in grunds&auml;tzlicher Sicht, in: Hirsch/
Weigend (Hrsg.), Strafrecht und Kriminalpolitik in Japan und Deutschland, 1989,
S. 66, 71.
ob ein tatbestandsm&auml;&szlig;iges Verhalten strafw&uuml;rdig ist, sondern an dieser Stelle
der systematischen Pr&uuml;fung interessiert, ob es sich mit der Gesamtheit der
Rechtsordnung in Einklang befunden hat oder nicht. Indem jene Lehrmeinung auf der Ebene des Unrechtsausschlusses den Gesichtspunkt der
Strafw&uuml;rdigkeit einf&uuml;hrt, bringt sie das Deliktsmerkmal &quot;Rechtswidrigkeit&quot;
um eine eigenst&auml;ndige - n&auml;mlich den Versto&szlig; gegen die Gesamtrechtsordnung angebende - Funktion und droht, damit die Grenzen zwischen Unrechtsausschlu&szlig; einerseits und Entschuldigung und pers&ouml;nlicher Strafausschlie&szlig;ung andererseits zu verwischen. Sie l&auml;uft also auf eine Sprengung des
Straftatsystems hinaus.29
Wenden wir uns nun dem Problemkreis der Entschuldigung zu.
1. Seit dem zu Anfang des Jahrhunderts begonnenen &Uuml;bergang vom psychologischen zum normativen Schuldbegriff wird auch ausdr&uuml;cklich die
Schuld als Wertungsstufe verstanden. Die Erkenntnis, da&szlig; sich Unrecht und
Schuld nicht einfach mit der Unterscheidung von objektiver und subjektiver
Tatseite gleichsetzen lassen, gab dabei den Ansto&szlig;.30 In den Vorschriften
&uuml;ber die Schuldf&auml;higkeit (&sect;&sect; 20, 21 dt.StGB) und den Verbotsirrtum (&sect; 17
dt.StGB) definiert unser Gesetz die Schuld als F&auml;higkeit oder sonstige
M&ouml;glichkeit des T&auml;ters, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser
Einsicht zu handeln. Ging es beim Unrechtsausschlu&szlig; um Gr&uuml;nde, bei
denen das im Normalfall mit dem Erf&uuml;lltsein der Tatbestandsmerkmale sich
ergebende Unrecht ausnahmsweise nicht vorliegt, handelt es sich hier um
Gr&uuml;nde, bei denen die im Normalfall mit dem vors&auml;tzlichen oder fahrl&auml;ssigen Unrecht auch zu bejahende Schuld ausnahmsweise zu verneinen ist
oder jedenfalls als nicht in hinreichendem Ma&szlig;e vorhanden angesehen wird.
Die F&auml;lle erstrecken sich von der auf seelischen St&ouml;rungen beruhenden
Schuldunf&auml;higkeit &uuml;ber den unvermeidbaren Verbotsirrtum und den entschuldigenden Notstand bis hin zum &uuml;bergesetzlichen entschuldigenden
Notstand. Insofern einige Autoren weitergehend bei der Schuld auf die in
der rechtswidrigen Tat aktualisierte, rechtlich mi&szlig;billigte Gesinnung ab29
Ablehnend ebenfalls Baumann/Weber (Anm. 9), S. 260 f.; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/
Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 8; Roxin, Die notstands&auml;hnliche Lage - ein Strafunrechtsausschlie&szlig;ungsgrund?, Oehler-Festschrift, 1985, S. 181, 183 ff.
N&auml;her dazu Welzel, Strafrecht, S. 59 ff., 139 ff.
stellen wollen,31 geht man damit &uuml;ber diese negative Funktion des Schuldbegriffs hinaus, und man ger&auml;t in Friktionen mit dem Tatstrafrecht.
Innerhalb der Schuld wird vielfach noch unterschieden zwischen echten
Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden, z.B. der Schuldunf&auml;higkeit wegen seelischer
St&ouml;rungen, und blo&szlig;en Entschuldigungsgr&uuml;nden, z.B. dem entschuldigenden
Notstand, wovon zu Beginn schon die Rede war.32 Dahinter steht der Gedanke, da&szlig; bei letzteren, den sogenannten Unzumutbarkeitsf&auml;llen, die Schuld
nicht v&ouml;llig fehlt, sondern nur sehr stark herabgesetzt ist.33 Dies ist zwar
wegen der besonderen Probleme, die sich bei den Unzumutbarkeitsf&auml;llen
stellen, von theoretischem Interesse. Andererseits ist auch bei den davon
unterschiedenen Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden eine gewisse Generalisierung
notwendig, weil den Ma&szlig;stab ein lediglich durchschnittliches K&ouml;nnen bilden
kann.34 Es geht daher letztlich nur um eine graduelle Differenzierung. Im
Ergebnis ist entscheidend, da&szlig; in den sogenannten Unzumutbarkeitsf&auml;llen
mangels hinreichender Schuldh&ouml;he jedenfalls die rechtlich erhebliche Schuld
ausgeschlossen sein w&uuml;rde.
Zentraler ist auf der Grundlage der herrschenden Schuldlehre die Differenzierung zwischen der intellektuellen und der voluntativen Seite der
Schuld.35 W&auml;hrend die Schuldunf&auml;higkeit sowohl die eine wie die andere betreffen kann und beim Verbotsirrtum nur die intellektuelle Seite des
Schuldbegriffs eine Rolle spielt, handelt es sich beim entschuldigenden Notstand und anderen F&auml;llen sogenannter Unzumutbarkeit um den voluntativen
Aspekt. Wenn die Pr&auml;missen der herrschenden Schuldlehre stimmen, ist
daher eine glatte Einordnung der Entschuldigung in das Straftatsystem zu bejahen.
Es erheben sich zuvor aber noch mehrere grunds&auml;tzliche Fragen:
a) Die erste lautet, ob in Anbetracht der hinsichtlich der Willensfreiheit
bestehenden Beweisprobleme &uuml;berhaupt mit einer Kategorie &quot;Schuld&quot; gear31
So Gallas, ZStW 67 (1955), S. 45; Jescheck, Allg. Teil, S. 379; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/
Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 13 ff. Rdn. 119; Schmidh&auml;user, Strafrecht, Allg. Teil (Studienbuch), 2. Aufl. 1984, S. 188; Wessels, Allg. Teil, S. 112 f.
Vgl. dort auch die Nachw. in Anm. 1.
Vgl. Jescheck, Allg. Teil, S. 429, 430 f. m.w.N.
Insoweit &uuml;berzeugend Roxin, Zur j&uuml;ngsten Diskussion &uuml;ber Schuld, Pr&auml;vention und
Verantwortlichkeit im Strafrecht, Bockelmann-Festschrift, 1979, S. 279, 288 ff.
N&auml;her hierzu Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 175.
beitet werden darf. Dieser Punkt erweist sich im Zusammenhang unseres
Themas jedoch als nicht so weitreichend, wie es zun&auml;chst den Anschein hat.
Niemand will die Voraussetzungen der Straftat auf das Unrecht beschr&auml;nken.
Vielmehr besteht Einm&uuml;tigkeit dar&uuml;ber, da&szlig; eine zus&auml;tzliche Wertungsstufe
notwendig ist, die einen Bezug zu erheblichen Beeintr&auml;chtigungen des T&auml;ters
herstellt, sich rechtgem&auml;&szlig; zu motivieren. Deshalb wird sie auch von denjenigen bejaht, die wegen des Freiheitsproblems die M&ouml;glichkeit von Schuld im
Sinne eines individuellen Daf&uuml;r-K&ouml;nnens als legitimen Ansatzpunkt ablehnen und statt dessen von einem seitens der Rechtsgemeinschaft erwarteten
K&ouml;nnen ausgehen36 oder sogar - wie Jakobs - eine Umdefinition unter dem
Blickwinkel der Generalpr&auml;vention vornehmen.37 An den einzelnen Entschuldigungsgr&uuml;nden &auml;ndert sich bei alledem praktisch nichts, wie nicht zuletzt die Darstellung bei Jakobs zeigt.38
Im &uuml;brigen wird man beim Schuldproblem folgendes beachten m&uuml;ssen:
Auch wenn sich die Willensfreiheit nicht zwingend beweisen l&auml;&szlig;t, haben wir
doch zugunsten des T&auml;ters diejenigen Fakten zu ber&uuml;cksichtigen, die nach
dem in der Gesellschaft herrschenden und vom einzelnen empfundenen indeterministischen Menschenbild seine Schuld ausschlie&szlig;en.39 Auf der
Grundlage dieses Ansatzes erhebt sich auf einer zweiten Ebene die Frage,
wie das solche Ausnahmef&auml;lle begr&uuml;ndende Motivierbarkeitsdefizit des individuellen T&auml;ters in concreto exakt bestimmbar sein soll. Insoweit wird
dann ein sozial-vergleichender Ma&szlig;stab bedeutsam, wie er von Jescheck
n&auml;her dargelegt worden ist.40 Bei einem so verstandenen Deliktsmerkmal
der Schuld ergeben sich auch keine wesentlichen Unterschiede gegen&uuml;ber
einer deterministischen Sicht, weil jene Ausnahmesituationen dem T&auml;ter
ebenfalls unter deterministischem Blickwinkel zustatten kommen: n&auml;mlich
unter dem Gesichtspunkt, da&szlig; bei ihrem Vorliegen normalerweise die bestimmende Normwirkung auf den Normadressaten paralysiert wird.41 Es
geht im Gesamtbereich der Entschuldigung um solche vom Normalzustand
Vgl. Jescheck, Allg. Teil, S. 385 f. i.V.m. S. 370.
Vgl. Jakobs, Allg. Teil, 1983, S. 394 ff.; derselbe, Schuld und Pr&auml;vention, 1976,
Siehe Jakobs, Allg. Teil, S. 469 ff.
Vgl. von Liszt, Die deterministischen Gegner der Zweckstrafe, in: Strafrechtliche Aufs&auml;tze und Vortr&auml;ge, Bd. II, 1905, S. 25, 42 ff.; Roxin, Kriminalpolitische &Uuml;berlegungen zum Schuldprinzip, MschrKrim 1973, 316, 320 f.
Jescheck, Allg. Teil, S. 385 i.V.m. S. 367 ff.
Siehe Jakobs, Allg. Teil, S. 397 f.; Streng, Schuld, Vergeltung, Generalpr&auml;vention,
ZStW 92 (1980), S. 637, 655 ff.
der T&auml;ter abweichende Faktoren: von seelischen St&ouml;rungen &uuml;ber den Verbotsirrtum bis zur Notstandslage. In dieser dem T&auml;ter zustatten kommenden
Funktion ist die Verwendung des Schuldbegriffs ebenso unbedenklich wie
unverzichtbar. Das hei&szlig;t allerdings nicht, da&szlig; man ihn in der Generalpr&auml;vention aufgehen lassen, ihn als deren &quot;Derivat&quot; betrachten kann, wie es bei
Jakobs geschieht. Nach dessen Auffassung soll der Begriff der Schuld &quot;funktional&quot; dahingehend zu bilden sein, da&szlig; er eine Regelungsleistung nach einer
bestimmten Regelungsmaxime, n&auml;mlich nach den Erfordernissen des Strafzwecks, f&uuml;r eine Gesellschaft bestimmter Verfassung erbringt.42 Dies l&auml;uft
auf eine v&ouml;llige Entindividualisierung der Schuld hinaus: Dem T&auml;ter wird
nur noch eine nach den generellen Ma&szlig;st&auml;ben der Pr&auml;vention ermittelte sogenannte Verantwortlichkeit zugeschrieben. Lenckner43 hat demgegen&uuml;ber
bereits betont, da&szlig; der Schuldbegriff bei einem solchen Konzept &uuml;berhaupt
seine eigenst&auml;ndige Bedeutung verliert, die u.a. gerade darin besteht, da&szlig; er
der generalpr&auml;ventiven Einwirkung Grenzen setzt.
b) Ein weiteres grunds&auml;tzliches Problem ist, ob die blo&szlig;en Entschuldigungsgr&uuml;nde - also die sogenannten Unzumutbarkeitsf&auml;lle, insbesondere der
entschuldigende Notstand - nicht in Wahrheit bereits Unrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde sind. Ein solcher Standpunkt wird bekanntlich von der Einheitstheorie, teilweise in Form der Neutralit&auml;tstheorie und der Lehre vom
rechtsfreien Raum, vertreten.
Die Einheitstheorie war im deutschen Schrifttum bis Ende der zwanziger
Jahre verbreitet.44 Sie ist bei uns gescheitert, weil sich aus einer undifferenzierten Bejahung des Unrechtsausschlusses sachwidrige Konsequenzen f&uuml;r
die Rechtsordnung ergeben. Denn w&uuml;rde auch derjenige Notstandst&auml;ter gerechtfertigt handeln, der gar kein h&ouml;herwertiges Interesse sch&uuml;tzt, dann gestattet die Rechtsordnung, da&szlig; man zul&auml;ssigerweise etwa sein eigenes Leben
auf Kosten des Lebens eines unbeteiligten anderen retten k&ouml;nnte. Eine solche Notstandshandlung w&auml;re, weil gerechtfertigt, kein rechtswidriger Angriff, so da&szlig; dem betroffenen anderen das Notwehrrecht abgeschnitten sein
w&uuml;rde. Ihn tr&auml;fe eine Duldungspflicht. Damit w&uuml;rde jedoch die Kollisionslage sachwidrig zugunsten des Notstandst&auml;ters entschieden werden.
Jakobs, Allg. Teil, S. 396 f.; derselbe (Anm. 37), S. 32.
Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 117.
Als Vertreter sind insbesondere zu nennen: Gerland, Deutsches Reichsstrafrecht,
1922, S. 150; von Hippel, Deutsches Strafrecht, Bd. II, 1930, S. 231 f.; au&szlig;erdem die
damaligen Anh&auml;nger der Neutralit&auml;tstheorie; siehe Anm. 45.
Aber auch diejenige Version der Einheitstheorie, die mit der generellen
Verneinung der Rechtswidrigkeit nur sagen will, da&szlig; die Rechtsordnung
sich in den fraglichen F&auml;llen einer Bewertung des Interessenkonflikts enthalte, konnte sich nicht durchsetzen. Diese &quot;Neutralit&auml;tstheorie&quot;,45 die heute
im Gewande der Lehre vom rechtsfreien Raum vereinzelt wiederbelebt
worden ist,46 liefe n&auml;mlich darauf hinaus, da&szlig; die Rechtsordnung sich ihrer
Ordnungsaufgabe entziehen w&uuml;rde, durch soziale Konfliktregelungen und
Verhaltensanweisungen die Grenzen von Recht und Unrecht festzulegen.
Die Entscheidung der Interessenkollision w&auml;re in den betreffenden F&auml;llen
dem Faustrecht, also dem Recht des St&auml;rkeren, &uuml;berlassen. Von der Lehre
vom rechtsfreien Raum wird dar&uuml;ber hinaus vernachl&auml;ssigt, da&szlig; es um
Rechtsg&uuml;ter geht. Wenn die Rechtsordnung ein Gut unter ihren generellen
Schutz genommen hat - n&auml;mlich durch die Aufstellung der hinter dem Tatbestand stehenden generellen Norm -, ist es in den rechtlich erfa&szlig;ten Bereich
getreten. Es bedarf daher einer ausnahmsweisen rechtlichen Eingriffsbefugnis, soll die rechtlich grunds&auml;tzlich negativ beurteilte und deshalb
normalerweise rechtswidrige Handlung gleichwohl ausnahmsweise nicht
rechtswidrig sein. Erachtet man eine Eingriffsbefugnis des Notstandst&auml;ters in
den fraglichen F&auml;llen f&uuml;r rechtlich unangebracht, f&uuml;hrt der Weg folglich
nicht zum Ergebnis der Einheitstheorie, sondern zu dem der Differenzierungstheorie.47
Bei der Einheitstheorie spielt auch die Vorstellung eine Rolle, da&szlig; mit den
Begriffen &quot;Rechtfertigung&quot; und &quot;Erlaubnis&quot; eine positive Bewertung des
Handelns durch die Rechtsordnung erfolge und deshalb zwischen ihnen und
blo&szlig;en Unrechtsausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden zu unterscheiden sei.48 Durch eine
solche Differenzierung werden die Begriffe &quot;Rechtfertigung&quot; und &quot;Erlaub45
Allgemein f&uuml;r den Notstand vertreten von: Binding, Die Normen und ihre &Uuml;bertretung,
Bd. I, 4. Aufl. 1922, S. 105; Bd. IV, 1919, S. 346 f.; Hold von Ferneck, Die Rechtswidrigkeit, Bd. II, 1905, S. 121, 144 ff.; Nagler, Der Begriff der Rechtswidrigkeit,
Frank-Festgabe, 1930, S. 339, 341; Oetker, Notwehr und Notstand, VDA Bd. 2, 1908,
S. 255, 334. Bez&uuml;glich des von der h.M. erst der Entschuldigung zugeordneten Bereichs: Beling, Die Lehre vom Verbrechen, 1906, S. 168; Mezger, LK, 8. Aufl. 1957,
vor &sect; 51 Bem. 10 l (S. 353 f.).
Siehe Arthur Kaufmann (Anm. 1), S. 327 ff.; derselbe, Strafrechtspraxis und sittliche
Normen, JuS 1978, 361, 366; Schild, Die strafrechtsdogmatischen Konsequenzen des
rechtsfreien Raumes, JA 1978, 449, 570, 631. F&uuml;r eine Neutralit&auml;tstheorie heute auch
Blei, Strafrecht I, Allg. Teil, 18. Aufl. 1983, S. 213 f.
N&auml;her dazu Hirsch (Anm. 1), S. 89.
So ausdr&uuml;cklich Kern (Anm. 1), S. 257; Mezger (Anm. 45), vor &sect; 51 Bem. 10 l
(S. 353 f.); Arthur Kaufmann (Anm. 1), S. 335 f., 346 f.
nis&quot; jedoch inhaltlich &uuml;berfrachtet. Es geht bei ihnen nur darum, da&szlig; eine
tatbestandsm&auml;&szlig;ige Handlung wegen des Vorliegens eines von der Rechtsordnung respektierten Ausnahmegrundes als nicht rechtswidrig eingestuft,
eben dem Makel des ihr sonst anhaftenden Unrechts entzogen wird.49 Rechtfertigung und Unrechtsausschlu&szlig; bezeichnen ein und dasselbe.
Gimbernat Ordeig meint nun allerdings, da&szlig; die Einheitstheorie gleichwohl
im Ausgangspunkt zutreffend sei.50 Rechtfertigende und schuldverneinende
Gr&uuml;nde unterschieden sich danach, ob die Strafe Hemmungswirkung entfalten k&ouml;nnte oder nicht. K&ouml;nne sie hemmend wirken, handele es sich um
Rechtfertigungsf&auml;lle, und dies treffe beim Gesamtbereich des Notstands
ebenso wie bei der Notwehr zu.
Demgegen&uuml;ber haben jedoch Cerezo Mir51 und K&uuml;per52 nachgewiesen,
da&szlig; dieses Abgrenzungskriterium sich nicht eignet. Abgesehen davon, da&szlig;
die Grenzen der Rechtfertigung nicht erst ein strafrechtliches Problem bilden, k&ouml;nnte gerade auch in Notwehr- und Notstandsf&auml;llen eine Hemmungswirkung der Strafe fehlen. Vor allem l&auml;uft jener Ansatz darauf hinaus, da&szlig;
zwar Schuldunf&auml;higkeit und unvermeidbarer Verbotsirrtum erst die Schuld
ausschlie&szlig;en. Dagegen werden die F&auml;lle, in denen der Motivationsdruck einer Notstandslage die Schuld des T&auml;ters nicht ganz, sondern lediglich auf ein
f&uuml;r einen rechtlichen Schuldvorwurf nicht mehr ausreichendes Quantum
herabsetzt, zu Rechtfertigungsgr&uuml;nden aufgewertet. Dies aber verkehrt offensichtlich die sachentsprechende Rangfolge.
Die Probleme der Differenzierungstheorie im spanischen Recht h&auml;ngen mit
der nicht differenzierenden Wortfassung von Art. 8 Nr. 7 CP zusammen.
Da&szlig; die Vorschrift hinsichtlich der nach der Differenzierungstheorie als
entschuldigender Notstand einzustufenden F&auml;lle zu weit gefa&szlig;t ist, hat Ant&oacute;n Oneca bereits unmittelbar nach ihrem Inkrafttreten aufgezeigt.53
Vgl. Lenckner, Notstand (Anm. 1), S. 22 f.; derselbe, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem.
&sect;&sect; 32 ff. Rdn. 8; Hirsch (Anm. 47), S. 100; derselbe, LK, vor &sect; 32 Rdn. 18.
Gimbernat Ordeig, Der Notstand: Ein Rechtswidrigkeitsproblem, Welzel-Festschrift,
1974, S. 485.
Cerezo Mir, Grundlage und Rechtsnatur des Notstands im spanischen Strafgesetzbuch,
Hilde Kaufmann-Ged&auml;chtnisschrift, 1986, S. 689, 691 ff.
K&uuml;per, Der entschuldigende Notstand - ein Rechtfertigungsgrund?, JZ 1983, 88, 89 ff.
Ant&oacute;n Oneca, Derecho Penal, Parte General, 1949, S. 266, 271 f.
Bei uns hat sich die Differenzierungstheorie inzwischen auch klar in der Gesetzgebung durchgesetzt, die seit der Reform des Allgemeinen Teils ausdr&uuml;cklich innerhalb des Notstands unterscheidet.54
c) Keinen Anklang hat dagegen die im Maurachschen Lehrbuch55 und von
Bacigalupo56 vertretene Tatverantwortungslehre gefunden, nach der zwischen Rechtswidrigkeit und Schuld noch eine zus&auml;tzliche Wertungsstufe
&quot;Tatverantwortung&quot; eingeschoben wird. Im Unterschied zur Schuld soll es
dabei bekanntlich um eine noch keinen pers&ouml;nlichen Vorwurf bedeutende
Mi&szlig;billigung gehen, die lediglich das Nichteinhalten des rechtlich pr&auml;sumierten K&ouml;nnens des Durchschnitts angibt. Sie sei demgem&auml;&szlig; zu verneinen,
wenn dem T&auml;ter das Unrecht deshalb nicht zugerechnet werden kann, weil er
seine Handlung unter Bedingungen begangen hat, die rechtm&auml;&szlig;iges Handeln
f&uuml;r jedermann unzumutbar erscheinen lassen. Als &quot;Gr&uuml;nde ausgeschlossener
Tatverantwortung&quot; werden insbesondere angef&uuml;hrt die von der herrschenden
Meinung als Entschuldigungsgr&uuml;nde eingestuften F&auml;lle des Notstands (&sect; 35
dt.StGB) und der Notwehr&uuml;berschreitung (&sect; 33 dt.StGB).
Diese Lehre wird mit Recht abgelehnt. Die Tatsache, da&szlig; die Unzumutbarkeitsf&auml;lle nach einer &quot;standardisierenden Methode&quot; geregelt sind, l&auml;&szlig;t unber&uuml;hrt, da&szlig; es bei ihnen sachlich gleichwohl um die Schuld geht. Sie betreffen
ebenso wie die Gesichtspunkte, die auch die Tatverantwortungslehre erst
bei der Schuld einordnet, die Frage, ob der rechtswidrig handelnde T&auml;ter
sich rechtgem&auml;&szlig; motivieren konnte. Da&szlig; bei der Unzumutbarkeit dabei auf
einen Durchschnittsma&szlig;stab abgestellt wird, spricht nicht f&uuml;r, sondern zus&auml;tzlich gegen die Verselbst&auml;ndigung in einer der Schuld vorgelagerten
Wertungsstufe. W&auml;hrend n&auml;mlich bei demjenigen, dem auch nach der Tatverantwortungslehre erst die Schuld fehlt, in der Regel voller Schuldausschlu&szlig; eintritt, geht es hier nur um eine stark verminderte, lediglich f&uuml;r das
Erheben eines rechtlichen Vorwurfs nicht mehr ausreichende Schuld. Es
w&uuml;rde daher die Rangfolge der Wertungsstufen des Delikts verkehren,
wenn man die - nicht selten unter dem Blickpunkt rechtlicher &quot;Nachsicht&quot;
gedeuteten - F&auml;lle der Unzumutbarkeit einer dem T&auml;ter g&uuml;nstigeren Wer54
Vgl. &sect;&sect; 34 und 35 dt.StGB.
Maurach/Zipf, Allg. Teil, Teilbd. 1, S. 177 f., 423 f., 425 ff., 444 ff., im Anschlu&szlig; an
Maurach, Strafrecht, Allg. Teil, 4. Aufl. 1971, S. 156, 377 f., 379 ff., und derselbe,
Schuld und Verantwortung im Strafrecht, 1948, S. 36 ff.
Bacigalupo, Principios de Derecho Penal Espa&ntilde;ol, 1985, S. 89 ff., 93; derselbe, Unrechtsminderung und Tatverantwortung, Armin Kaufmann-Ged&auml;chtnisschrift, 1989,
tungsstufe zuwiese als die Schuldunf&auml;higkeit wegen seelischer St&ouml;rungen
und den unvermeidbaren Verbotsirrtum. Im &uuml;brigen entspricht es einem logischen Postulat, da&szlig; die M&ouml;glichkeit der Unrechtseinsicht vor und nicht
hinter der Frage, ob oder inwieweit dieser Einsicht gem&auml;&szlig; gehandelt werden
konnte, zu entscheiden ist.57
d) Ging es bisher um die Abgrenzung von Entschuldigung und Unrecht
und um das Problem einer zwischen Schuld und Unrecht zu lozierenden zus&auml;tzlichen Wertungsstufe, so haben sich die weiteren &Uuml;berlegungen auf das
entgegengesetzte Problem zu richten: Wie verh&auml;lt es sich mit der Abgrenzung zu der nachfolgenden Kategorie der Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde und
den pr&auml;ventiven Rechtsfolgenregelungen?
Dieser Punkt ist vor allem durch die Auffassung Roxins aktuell geworden,
da&szlig; bei den Entschuldigungsgr&uuml;nden auf kriminalpolitische Gesichtspunkte
zur&uuml;ckgegriffen werden m&uuml;sse. Roxin sieht den Grund der Notstandsstraflosigkeit darin, &quot;da&szlig; der T&auml;ter der spezialpr&auml;ventiven Bestrafung nicht bedarf, weil er sozial integriert ist, und der generalpr&auml;ventiven nicht, weil die
Seltenheit der Sachverhaltsgestaltungen es &uuml;berfl&uuml;ssig erscheinen l&auml;&szlig;t, die
Abweichung vom Normalverhalten um der Allgemeinheit willen zu sanktionieren, und weil der f&uuml;r das 'Handeln in Gefahr' nicht ausgebildete Durchschnittsmensch ohnehin die Norm schwerlich bedenken und sich durch sie
motivieren lassen w&uuml;rde&quot;.58 In diesem Satz findet Roxins Lehre zum Verh&auml;ltnis von Schuld und Pr&auml;vention Ausdruck. Danach ist die Schuld zwar
nicht, wie nach der abzulehnenden Ansicht von Jakobs, &uuml;berhaupt nur ein
Derivat der Pr&auml;vention. Aber der Schuldausspruch steht f&uuml;r Roxin unter dem
Vorbehalt der sogenannten &quot;Verantwortlichkeit&quot;, durch welche die im Sinne
des Anders-Handeln-K&ouml;nnens zu bestimmende Schuld nach Ma&szlig;gabe spezial- und generalpr&auml;ventiver Bed&uuml;rfnisse korrigiert werden soll.59
N&auml;here Begr&uuml;ndung der Ablehnung bei Armin Kaufmann, Die Dogmatik der Unterlassungsdelikte, 1959, S. 159 ff.; Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 174; Jakobs, Allg. Teil,
S. 404 f.; Jescheck, Allg. Teil, 3. Aufl. 1978, S. 348; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der,
Vorbem. &sect;&sect; 13 ff. Rdn. 21, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 109; Stratenwerth, Allg. Teil I,
Rdn. 512 f.
Roxin, &quot;Schuld&quot; und &quot;Verantwortlichkeit&quot; als strafrechtliche Systemkategorien, Henkel-Festschrift, 1974, S. 171, 183.
Vgl. Roxin, Kriminalpolitik und Strafrechtssystem, 2. Aufl. 1973, S. 33 ff.; derselbe
(Anm. 58), S. 181 ff.; derselbe (Anm. 34), S. 279 ff.; derselbe, Zur Problematik des
Schuldstrafrechts, ZStW 96 (1984), S. 641, und derselbe, Was bleibt von der Schuld
im Strafrecht &uuml;brig?, SchwZStR 104 (1987), S. 356.
Die vorherrschende Ansicht im deutschen Schrifttum lehnt eine Verquikkung von Schuld und Pr&auml;vention jedoch ab. Roxins Auffassung hat zwar das
Verdienst, da&szlig; sie Bewegung in die Schuldlehre gebracht hat. Aber sie setzt
sich, wie Jescheck, Lenckner und andere Autoren60 mit Recht vorbringen,
dem Einwand aus, da&szlig; Grund und Folge vertauscht werden. Die Pr&auml;ventionsgesichtspunkte sind nicht der Grund der Entschuldigung, sondern die
Folge davon, da&szlig; keine rechtlich erhebliche Schuld vorliegt. Roxin charakterisiert dies in dem vorerw&auml;hnten Zitat eigentlich schon selbst mit den
Worten, da&szlig; sich der f&uuml;r das Handeln in Gefahr nicht ausgebildete Durchschnittsmensch schwerlich durch die Norm motivieren lassen w&uuml;rde. Auch
wenn Roxin weniger radikal als Jakobs die Pr&auml;vention lediglich als Korrektiv der Schuld heranzieht, verbindet er auf solche Weise zwei grundverschiedene Kategorien. W&auml;hrend Schuld die Tat betrifft, also etwas in der
Vergangenheit liegendes, hat die von ihm hier ins Spiel gebrachte Pr&auml;vention
die Tat zur Voraussetzung und ist in die Zukunft gerichtet.
Die sachliche Notwendigkeit der Trennung von Schuld und Pr&auml;vention betont auch Bernsmann in seiner k&uuml;rzlich erschienenen Habilitationsschrift
&uuml;ber &quot;'Entschuldigung' durch Notstand&quot;.61 Er meint jedoch, da&szlig; es sich bei
allen denjenigen F&auml;llen, in denen der Notstandst&auml;ter sich &quot;nicht (mehr) unter Schreck oder im ebenfalls relativ kurzen Intervall der sekund&auml;ren Katastrophenreaktion befindet&quot;, sondern &quot;durchdachte&quot; Lebens- oder Leibesnot
vorliegt, gar nicht um Entschuldigung, vielmehr &uuml;berhaupt erst um einen
Strafausschlie&szlig;ungsgrund handele.62 Dies begr&uuml;ndet er damit,63 da&szlig; hier
eine die Motivation des T&auml;ters wesentlich beeintr&auml;chtigende seelische Bedr&auml;ngnis in der Regel h&ouml;chst zweifelhaft sei. Die in solchen F&auml;llen vergleichsweise gro&szlig;e &quot;Freiheit&quot; des Notstandst&auml;ters zeige, da&szlig; ihm durchaus
zugemutet werden k&ouml;nne, das von ihm verwirklichte Unrecht in weitaus h&ouml;herem Ma&szlig;e zu vermeiden als etwa bei fluchtreaktiven Rettungstaten. Der
Interdependenz von Unrechts- und Schuldquanten sei um so mehr Beachtung zu schenken, als nach &sect; 35 dt.StGB das Unrecht einer gefahrverlagern60
Jescheck, Allg. Teil, S. 384 f.; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 13 ff.
Rdn. 117; Stratenwerth, Die Zukunft des strafrechtlichen Schuldprinzips, 1977,
S. 30 ff.; derselbe, Allg. Teil I, Rdn. 513; Maurach/Zipf, Allg. Teil, Teilbd. 1,
S. 416 ff.; auch schon Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 170; derselbe, K&ouml;ln-Festschrift
(Anm. 28), S. 417 ff.; derselbe in: Hirsch/Weigend (Anm. 28), S. 65, 75 f.
Bernsmann, &quot;Entschuldigung&quot; durch Notstand: Studien zu &sect; 35 StGB, 1989, S. 377 ff.
Bernsmann (Anm. 61), S. 374, 380.
Bernsmann (Anm. 61), S. 165 ff., 374 ff.
den Notstandshandlung von geradezu unbegrenzter Quantit&auml;t sein k&ouml;nne.
Aus diesen Gr&uuml;nden scheide Entschuldigung aus. Dagegen gew&auml;hre die Kategorie der Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde ein passendes Refugium, da die
Straflosigkeit solcher Notstandstaten sich aus der fehlenden Strafkompetenz
des Staates hinsichtlich solcher Handlungen ergebe, die der Selbsterhaltung
dienen.64
Das vermag jedoch nicht zu &uuml;berzeugen. Es ist durchaus Sache des Staates,
die B&uuml;rger strafrechtlich dagegen zu sch&uuml;tzen, da&szlig; der einzelne sein auf
Selbsterhaltung gerichtetes Handeln nicht unbegrenzt auf Kosten Dritter
aus&uuml;ben kann. Nur dort, wo ein extremer Motivationsdruck typischerweise
eine Rolle spielt, kommt Straflosigkeit in Betracht, und damit ist man wieder
bei der Frage der Entschuldigung. Ist man der Auffassung, da&szlig; die dem &sect; 35
dt.StGB zugrundeliegenden empirischen Annahmen zum gro&szlig;en Teil nicht
zutreffen, so ist die Alternative nicht die Umdeutung in einen Strafausschlie&szlig;ungsgrund, sondern die Forderung, de lege ferenda den Entschuldigungsgrund enger zu fassen und f&uuml;r die herauszunehmenden F&auml;lle lediglich
eine auf Schuldminderung gest&uuml;tzte Strafmilderung vorzusehen. Mir erscheint dies erw&auml;genswert bei F&auml;llen, in denen der Notstandst&auml;ter, ohne da&szlig;
Schrecken oder Panik im Spiele waren, die Grenze der Gleichwertigkeit der
gegen&uuml;berstehenden Interessen erheblich zu seinen Gunsten &uuml;berschreitet.65
Diese &Uuml;berlegungen zeigen gleichzeitig folgendes: &Uuml;berall, wo es um die
voluntative Schuldseite geht, handelt es sich um den Bereich echter Entschuldigung oder ggf. der Schuldminderung. Entscheidet sich der Gesetzgeber f&uuml;r Entschuldigung, so bleibt es de lege lata dabei, auch wenn er bei der
Bestimmung des als rechtlich unerheblich zu veranschlagenden Schuldquantums von nicht zweifelsfreien empirischen Annahmen ausgegangen sein
sollte. Das um so mehr, als solange, wie es sich nur um Zweifel an der Richtigkeit dieser Annahmen handelt, die dem T&auml;ter g&uuml;nstigere Regelung angezeigt ist.
Bernsmann (Anm. 61), S. 382.
Bemerkenswert ist auch die Tatsache, da&szlig; &uuml;ber die Gleichwertigkeit hinausgehende
F&auml;lle offenbar in der Praxis keine bedeutsame Rolle spielen (siehe die Rspr.-Nachw.
bei Hirsch, LK, &sect; 35 Rdn. 63). Auch ziehen die meisten ausl&auml;ndischen Strafgesetze
bereits bei der Gleichwertigkeit - teilweise etwas modifizierend - die Grenze; vgl. etwa
&sect; 37 jap.StGB, Art. 23 &sect; 1 poln.StGB, Art. 44 Nr. 2 port.StGB, Art. 8 Nr. 7
span.StGB, auch Art. 54 ital. StGB.
Im Unterschied zur Entschuldigung betreffen die Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde
erst Gesichtspunkte, die unbeschadet der Bejahung der drei allgemeinen Deliktsmerkmale den Gesetzgeber aus besonderen staats- oder kriminalpolitischen Erw&auml;gungen dazu veranlassen, noch ein ausnahmsweises Hindernis
f&uuml;r die Entstehung oder den Bestand des Strafanspruchs vorzusehen.66
Diese Sachverschiedenheit wird &uuml;brigens auch im deutschen Strafrecht bisher nicht hinreichend bei im Besonderen Teil geregelten Ausschlu&szlig;gr&uuml;nden
ber&uuml;cksichtigt. Entgegen der herrschenden Meinung67 handelt es sich nicht
um blo&szlig;e Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde, sondern bereits um spezielle Entschuldigungsgr&uuml;nde bei der Straflosigkeit der mittelbaren pers&ouml;nlichen
Selbstbeg&uuml;nstigung (&sect; 258 Abs. 5 dt.StGB) und in den F&auml;llen des Angeh&ouml;rigenprivilegs bei der Strafvereitelung (&sect; 258 Abs. 6 dt.StGB) sowie bei der
Nichtanzeige geplanter Straftaten (&sect; 139 Abs. 3 Satz 1 dt.StGB).68 Es geht
hier &uuml;bereinstimmend darum, da&szlig; wegen des auf dem T&auml;ter lastenden extremen Motivationsdrucks die Schuld auf ein rechtlich unerhebliches Ma&szlig;
herabgesetzt ist. Nicht von ungef&auml;hr wird auch von Vertretern der herrschenden Meinung angenommen, da&szlig; in diesen F&auml;llen die f&uuml;r Entschuldigungsgr&uuml;nde geltenden Irrtumsregeln zur Anwendung kommen,69 obwohl
bei blo&szlig;en Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden der Irrtum ebenso wie bei objektiven
Strafbarkeitsbedingungen unbeachtlich zu sein h&auml;tte.
Soviel zur Einordnung der Entschuldigung in das Straftatsystem.
Um blo&szlig;e Strafausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde (einschl. Strafaufhebungsgr&uuml;nde) handelt es sich
im deutschen Recht insbesondere bei der Indemnit&auml;t der Abgeordneten (Art. 46 Abs. 1
GG, &sect; 36 StGB), dem strafbefreienden R&uuml;cktritt vom Versuch (&sect; 24 StGB), der t&auml;tigen
Reue in F&auml;llen der Brandstiftung (&sect; 310 StGB), der Aus&uuml;bung der Wahlm&ouml;glichkeit
nach &sect; 139 Abs. 4 StGB in denjenigen F&auml;llen, in denen zum Zeitpunkt der Aus&uuml;bung
die vom T&auml;ter bis dahin unterlassene Verbrechensanzeige nicht mehr rechtzeitig sein
w&uuml;rde (anderenfalls fehlt es bereits an der Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit), dem Altersprivileg
beim Beischlaf zwischen Verwandten (&sect; 173 Abs. 3 StGB) und der Erweislichkeit der
Wahrheit in F&auml;llen der &Uuml;blen Nachrede (&sect; 186 StGB). Im einzelnen dazu Hirsch, LK,
vor &sect; 32 Rdn. 213 ff.
Vgl. die Angaben zu Rspr. und Schrifttum bei Lackner, StGB, &sect; 139 Anm. 3, &sect; 258
Anm. 7 und 8.
Vgl. Jescheck, Allg. Teil, S. 424, 455; Jakobs, Allg. Teil, S. 282; Hirsch, LK, vor &sect; 32
Rdn. 197, 198, 215 m.w.N.
So von Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 132; Cramer, in:
Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, &sect; 16 Rdn. 34 m.w.N.
Da&szlig; man zwischen Rechtfertigung und Entschuldigung abzustufen hat, f&uuml;hrt
zu der weiteren Frage, nach welchen Prinzipien zu bestimmen ist, ob es sich
um einen Rechtfertigungs- oder einen Entschuldigungsgrund handelt.
1. Bacigalupo hat mit Recht darauf hingewiesen, da&szlig; die Zuordnung zur
Kategorie der Rechtfertigung herk&ouml;mmlich nicht aufgrund allgemeiner, aus
dem Wesen des Unrechts abgeleiteter theoretischer Grundprinzipien, sondern mit dem Blick auf die sachentsprechend erscheinenden Rechtswirkungen erfolgt.70 Vielfach gibt der Gesetzgeber auch selbst ausdr&uuml;cklich an, da&szlig;
die Rechtswidrigkeit ausgeschlossen sein soll, so fr&uuml;her schon in Regelungen
unseres BGB und seit der Strafrechtsreform auch im StGB.71
Die in der Wissenschaft aufgestellten Prinzipien der Rechtfertigung dienen
daher vor allem der nachtr&auml;glichen theoretischen Erkl&auml;rung der bereits durch die Rechtsentwicklung und teilweise auch ausdr&uuml;cklich durch den
Gesetzgeber - der Rechtfertigung zugeordneten F&auml;lle; sie sollen aber auch,
zumal der Katalog nicht abschlie&szlig;end ist, die Herausarbeitung neuer Rechtfertigungsgr&uuml;nde erm&ouml;glichen. Monistische Theorien finden sich bei uns
heute insbesondere in der Form des Prinzips des &quot;im konkreten Fall &uuml;berwiegenden Interesses, Rechtsguts oder Werts&quot;72 oder schlicht des Prinzips
der &quot;Wertabw&auml;gung&quot;.73 Als pluralistische Theorie hat die Mezgersche Kombination der Prinzipien des &quot;mangelnden und des &uuml;berwiegenden Interesses&quot;
Anh&auml;nger.74
Die Tatsache, da&szlig; die von diesen Theorien genannten Prinzipien zu allgemein und formal sind, um aus ihnen konkrete Ergebnisse ableiten zu k&ouml;nnen,
ist der Grund ihrer bisher nur geringen Fruchtbarkeit. &Uuml;berdies hat bei uns
durch die Vertypung des rechtfertigenden Notstands in &sect; 34 dt.StGB das
Bestreben, mit Hilfe der Aufstellung allgemeiner Rechtfertigungsprinzipien
Quellen neuer Rechtfertigungsgr&uuml;nde zu erschlie&szlig;en, stark an Bedeutung
Bacigalupo, Delito y punibilidad, 1983, S. 127 ff., 131.
Vgl. &sect;&sect; 227, 228, 229, 904 dt.BGB und &sect;&sect; 32, 34 dt.StGB.
So Seelmann, Das Verh&auml;ltnis von &sect; 34 zu anderen Rechtfertigungsgr&uuml;nden, 1978,
Noll, Die Wertabw&auml;gung als Prinzip der Rechtfertigung, ZStW 77 (1965), S. 1, 9.
Wie Mezger, Strafrecht, Ein Lehrbuch, 3. Aufl. 1949, S. 204 ff. insbesondere Lenckner,
in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 7.
verloren. Die gegenw&auml;rtig herrschende Lehre verzichtet deshalb darauf, von
allgemeinen Rechtfertigungsprinzipien auszugehen.75
Das hei&szlig;t allerdings nicht, da&szlig; der Bereich der Rechtfertigung irrational bestimmt w&uuml;rde. Vielmehr geben folgende Erfordernisse den Ausschlag: Es
mu&szlig; sich um Gr&uuml;nde handeln, die ein Verhalten trotz seiner Tatbestandsm&auml;&szlig;igkeit ausnahmsweise mit der Gesamtrechtsordnung in Einklang stehen
lassen. Eine solche ausnahmsweise Vereinbarkeit liegt insbesondere vor,
wenn die Abw&auml;gung der widerstreitenden Interessen ein &Uuml;bergewicht auf
seiten des vom T&auml;ter wahrgenommenen Interesses derart ergibt, da&szlig; vom
Betroffenen das tatbestandsm&auml;&szlig;ige Verhalten zu dulden ist. Bei der Abw&auml;gung sind alle f&uuml;r die jeweilige Kollisionslage erheblichen Gesichtspunkte in
ihrer rechtlichen Relevanz zu ber&uuml;cksichtigen. Zudem ist mit Hilfe der Notwehrprobe das Ergebnis der Abw&auml;gung auf seine rechtliche Angemessenheit
hin zu kontrollieren.
Die Vielfalt und die inhaltliche Unterschiedlichkeit der bei den diversen
Kollisionslagen zu ber&uuml;cksichtigenden Abw&auml;gungsgesichtspunkte, die inzwischen bei der Auslegung des erw&auml;hnten neuen &sect; 34 dt.StGB besonders
deutlich geworden ist,76 bildet offenbar den Grund daf&uuml;r, da&szlig; man bei der
Aufstellung von Rechtfertigungsprinzipien nicht &uuml;ber die erw&auml;hnten unbestimmten Formeln hinausgekommen ist.
2. Was die Frage nach den Prinzipien der Entschuldigung betrifft, so
bilden hier das intellektuelle und das voluntative Schuldelement die Ma&szlig;st&auml;be. Es geht also - wie bereits erl&auml;utert - darum, da&szlig; ausnahmsweise eine
M&ouml;glichkeit des T&auml;ters, bei Begehung der Tat das Unrecht zu erkennen und
sich nach dieser Kenntnis zu verhalten, ausgeschlossen oder auf ein rechtlich
unerhebliches Ma&szlig; herabgesetzt ist.
a) Hier bestehen gr&ouml;&szlig;ere Bewertungsspielr&auml;ume als bei der Rechtfertigung. Bei dieser handelt es sich darum, Kollisionslagen zugunsten der einen
oder der anderen Seite rechtlich zu entscheiden, so da&szlig; dasjenige, was dem
einen zuviel zugestanden wird, zu Lasten des anderen gehen w&uuml;rde. Bei der
Entschuldigung richtet sich der Blick dagegen akzentuiert auf die eine Per75
Baumann/Weber, Allg. Teil, S. 276; Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 48; Jakobs, Allg. Teil,
S. 286 ff.; Jescheck, Allg. Teil, S. 292; Maurach/Zipf, Allg. Teil, Teilbd. 1, S. 331 ff.;
Stratenwerth, Prinzipien der Rechtfertigung, ZStW 68 (1956), S. 41.
Vgl. Hirsch, LK, &sect; 34 Rdn. 3.
son, zugunsten deren die Entschuldigung erfolgen soll. Da es praktisch kaum
realisierbar ist, die M&ouml;glichkeit zu normgem&auml;&szlig;em Verhalten in concreto genau festzustellen, ist die Gesetzgebung gezwungen, anomale Situationen zu
vertypen, in denen ein T&auml;ter einem besonderen psychischen Druck ausgesetzt ist. Dabei hat sie sich, wie schon erw&auml;hnt, an einer Belastbarkeitsgrenze
f&uuml;r den Durchschnittsb&uuml;rger zu orientieren. Das l&auml;uft darauf hinaus, da&szlig; sich
f&uuml;r den Gesetzgeber hier ein Bewertungsspielraum ergibt. So geht beispielsweise das deutsche Recht hinsichtlich der Entschuldigung in einigen Punkten
weiter als ausl&auml;ndische Rechtsordnungen. Das betrifft nicht nur den jetzigen
Katalog der Schuldunf&auml;higkeitsf&auml;lle (&sect; 20 dt.StGB),77 sondern auch die
&Uuml;berschreitung der Gleichwertigkeitsgrenze beim entschuldigenden Notstand (&sect; 35 dt.StGB).78 Im &uuml;brigen wird bei uns davon ausgegangen, da&szlig; der
Gesetzgeber bei vors&auml;tzlichen Begehungsdelikten von seinem gesetzgeberischen Ermessen abschlie&szlig;end Gebrauch gemacht hat.79 Nur als Notventil
wird zus&auml;tzlich noch ein &uuml;bergesetzlicher entschuldigender Notstand anerkannt.80
Das alles bedeutet jedoch nicht, da&szlig; der Schuldbereich des Strafrechts weitgehend zur gesetzgeberischen Disposition st&uuml;nde. Selbstverst&auml;ndlich hat der
Gesetzgeber die beiden Schuldelemente stets zu beachten, so da&szlig; beispielsweise ein Gesetz, das den Verbotsirrtum oder den entschuldigenden
Notstand als unbeachtlich ansieht, massiv gegen das Schuldprinzip verst&ouml;&szlig;t.
Umgekehrt sind die Grenzen m&ouml;glicher Entschuldigung &uuml;berschritten, wenn
ein Gesetzgeber beim einschl&auml;gigen Bereich des Notstands den Bezugspunkt
des Motivationsdrucks ganz aus dem Blick verliert und die Eingrenzung auf
die in der Notstandslage befindliche Person sowie eine dieser nahestehenden
Person als entbehrlich ansieht.81
Erweitert seit 1975 um &quot;sonstige seelische St&ouml;rungen&quot;.
Auch die in &sect; 33 dt.StGB geregelte &Uuml;berschreitung der Notwehr (Notwehrexze&szlig;) ist
t&auml;terfreundlicher als die Regelungen in einigen anderen Staaten. Siehe etwa Art. 55
ital.StGB, Art. 8 Nr. 10, Art. 9 Nr. 1 u. 8 span.StGB, Art. 39 Nr. 17, Art. 378
port.StGB.
Vgl. f&uuml;r die ganz herrschende Auffassung Lenckner, in: Sch&ouml;nke/ Schr&ouml;der, Vorbem.
&sect;&sect; 32 ff. Rdn. 119, 124 m.w.N.
Siehe zu dessen Voraussetzungen und zur Einordnung als Entschuldigungsgrund: Dreher/Tr&ouml;ndle, StGB, vor &sect; 32 Rdn. 15; Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 200 ff.; Jescheck,
Allg. Teil, S. 453 f.; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 115 ff.;
Rudolphi, SK, vor &sect; 19 Rdn. 8; jeweils m.w.N.
Zu den Problemen, die dadurch im spanischen Strafrecht (Art. 8 Nr. 7 CP) entstanden
sind, siehe Cerezo Mir (Anm. 51), S. 689, 690 ff., und Perron, Rechtfertigung und Entschuldigung im deutschen und spanischen Recht, 1988, S. 191 ff. Auch in Japan hat eine
b) Hinsichtlich der Prinzipien der Entschuldigung ist von besonderem Interesse die Frage, ob die dem entschuldigenden Notstand zugrunde gelegte
objektive Notstandstheorie systemkonform ist. Der deutsche Gesetzgeber hat
sie inzwischen noch durch die Einf&uuml;hrung der Irrtumsregelung des &sect; 35
Abs. 2 StGB zus&auml;tzlich bekr&auml;ftigt. Vom Motivationsdruck her betrachtet
scheint auf den ersten Blick die subjektive Theorie die besseren Gr&uuml;nde f&uuml;r
sich zu haben; denn f&uuml;r den Motivationsdruck macht es keinen Unterschied,
ob er durch einen objektiv vorliegenden oder einen nur irrig vorgestellten
Notstandssachverhalt entstanden ist. Dar&uuml;ber ist bekanntlich in den zwanziger Jahren viel geschrieben worden.82 Die f&uuml;r die subjektive Theorie kritische Konstellation ist jedoch der vermeidbare Irrtum.
Bei n&auml;herer Betrachtung l&auml;&szlig;t sich die objektive Theorie auch reibungslos mit
dem Schuldbegriff in Einklang bringen. Durch sie wird n&auml;mlich nur der
grunds&auml;tzliche Fall festgelegt, der naturgem&auml;&szlig; darin liegt, da&szlig; der Motivationsdruck in einer tats&auml;chlich gegebenen Notstandssituation besteht. Damit
ist &uuml;ber den Gesamtbereich des zu ber&uuml;cksichtigenden Motivationsdrucks
noch nichts Abschlie&szlig;endes gesagt. Vielmehr verbleibt, da&szlig; auch im Irrtumsfall der Motivationsdruck beachtet werden kann, aber eben nur bei Unvermeidbarkeit des Irrtums. Durch die Unterscheidung von objektiv vorliegendem Notstand und dessen irriger Annahme wird daher eine sachentsprechende Einordnung des Irrtumsfalles erm&ouml;glicht.
Die bei uns herrschende Lehre erkl&auml;rt die objektive Basis des entschuldigenden Notstands mit einer Unrechtsminderung, die an das Vorliegen der
objektiven Notstandsvoraussetzungen ankn&uuml;pft.83 Dies ist nat&uuml;rlich nicht im
Sinne einer Erfolgssaldierung zu verstehen. Wenn A sein Leben dadurch
rettet, da&szlig; er den unbeteiligten B t&ouml;tet, ist keine Kompensation m&ouml;glich, und
erst recht ist das nicht der Fall, wenn er - wie es nach dem weit gefa&szlig;ten &sect; 35
dt.StGB denkbar ist - sogar mehrere fremde Leben opfert. Die Unrechtsminderung ist vielmehr mit dem Blick darauf zu sehen, da&szlig; zur Ret-
solche Notstandsregelung (&sect; 37 jap.StGB) gro&szlig;e, dort viel diskutierte Auslegungsprobleme verursacht.
F&uuml;r die subjektive Theorie beispielsweise Zimmerl, Zur Lehre vom Tatbestand, 1928,
S. 68, und Radbruch, Zur Systematik der Verbrechenslehre, Frank-Festgabe, 1930,
S. 158, 166; heute noch Schmidh&auml;user, Allg. Teil (Studienbuch), S. 240 f., 248 f.
Armin Kaufmann (Anm. 57), S. 156 ff.; Welzel, Strafrecht, S. 178 f.; Hirsch, LK, vor
&sect; 32 Rdn. 183, &sect; 35 Rdn. 4; Jescheck, Allg. Teil, S. 430 f.; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 111; Rudolphi, SK, vor &sect; 19 Rdn. 6, &sect; 35 Rdn. 3;
Stratenwerth, Allg. Teil I, Rdn. 601; Vogler, Der Irrtum &uuml;ber Entschuldigungsgr&uuml;nde
im Strafrecht, GA 1969, 103, 104.
tung eines fundamentalen Individualrechtsguts in einer nicht anders abwendbaren Notstandslage gehandelt wird. Es geht also um eine Minderung
des Handlungsunrechts.84 Dieser Gesichtspunkt ist, wie erinnerlich, im fr&uuml;heren Streit um den personalen Unrechtsbegriff von einigen Gegnern dahin
aufgewertet worden, da&szlig; sie meinten, bei entschuldigendem Notstand m&uuml;sse
die personale Unrechtslehre konsequenterweise das Handlungsunrecht sogar
ganz verneinen.85 Ging dies auch zu weit, so ist doch richtig, da&szlig; eine Unrechtsminderung vorliegt, an die der Motivationsdruck gekoppelt wird. Das
findet sich auch best&auml;tigt bei den F&auml;llen, in denen bestimmte Tr&auml;ger von
Rechtspflichten aus dem entschuldigenden Notstand ausgeschlossen sind.
Das Eingreifen der Rechtspflicht l&auml;&szlig;t die erforderliche Unrechtsminderung
entfallen.86
Was im vorhergehenden zum entschuldigenden Notstand ausgef&uuml;hrt worden
ist, gilt f&uuml;r den gesamten Bereich des voluntativen Schuldelements. Mit
Recht erkl&auml;rt die herrschende Lehre deshalb auch die Irrtumsregelung des
&sect; 35 Abs. 2 dt.StGB au&szlig;erhalb des Putativnotstands f&uuml;r analog anwendbar.87
Anzusprechen sind noch einige einzelne Abgrenzungsprobleme von Rechtfertigung und Entschuldigung.
1. In der Fahrl&auml;ssigkeitslehre gibt es neuerdings eine Richtung, die beim
Unrechtstatbestand des fahrl&auml;ssigen Delikts im Gegensatz zur herrschenden
Meinung88 nicht auf die objektive Sorgfaltswidrigkeit abstellt, sondern das
Vgl. etwa Welzel, Strafrecht, S. 178 f.; Jescheck, Allg. Teil, S. 430 f.; Hirsch, LK, vor
&sect; 32 Rdn. 183, &sect; 35 Rdn. 4.
Vgl. zur damaligen Diskussion die Darstellung bei Welzel, Strafrecht, S. 140 f., 178 f.
(m.Nachw.) und S. 42.
Vgl. dazu Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 183, &sect; 35 Rdn. 47, 53.
Cramer, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, &sect; 16 Rdn. 31; Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 188, 208,
&sect; 35 Rdn. 79; Jescheck, Allg. Teil, S. 458; Schroeder, LK, &sect; 16 Rdn. 59 m.w.N.
Vertreter der h.M. u.a.: Welzel, Strafrecht, S. 127 ff., 175 f.; Jescheck, Allg. Teil,
S. 509 f. m. Anm. 14; Maurach/Zipf, Allg. Teil, S. 211 f.; Schroeder, LK, &sect; 16
Rdn. 144 f.; Armin Kaufmann, Zum Stande der Lehre vom personalen Unrecht, Welzel-Festschrift, 1974, S. 393, 404 ff.; Schmidh&auml;user, Fahrl&auml;ssige Straftat ohne Sorgfaltspflichtverletzung, Schaffstein-Festschrift, 1975, S. 129; Sch&uuml;nemann, Moderne
Tendenzen in der Dogmatik der Fahrl&auml;ssigkeits- und Gef&auml;hrdungsdelikte, JA 1975,
435, 436 ff.; Hirsch (Anm. 20), S. 266 ff.
individuelle Vermeidenk&ouml;nnen verlangt.89 Nur demjenigen, der individuell
f&auml;hig sei, den Normbefehl zu befolgen, k&ouml;nne als Verhaltensunrecht angelastet werden, da&szlig; er den Erfolg nicht vermieden habe. Dieser Lehre ist aber
mit Recht entgegengehalten worden, da&szlig; sie auf die R&uuml;ckkehr zur &uuml;berholten, die Abstufung von Unrecht und Schuld einebnenden Imperativentheorie
hinausl&auml;uft.90 Sie vernachl&auml;ssigt, da&szlig; das Unrecht den Widerspruch zu den
die Ordnung des Soziallebens regelnden generellen Verhaltensanweisungen
betrifft. Es geht bei ihm nicht um die individuelle, sondern nur um die generelle Motivierbarkeit durch die Rechtsnormen. Entgegen der von den Anh&auml;ngern jener subjektivistischen Fahrl&auml;ssigkeitslehre vertretenen Ansicht ist
es auch durchaus m&ouml;glich, eine Abgrenzung von objektiver Sorgfaltswidrigkeit und individuellem Vermeidenk&ouml;nnen vorzunehmen. Das Argument, da&szlig; die Individualisierung notwendig sei, weil das Abstellen auf Verkehrskreise einen vergr&ouml;bernden Ma&szlig;stab bedeute, ist schon im Ansatz unzutreffend. Orientierungspunkt hat n&auml;mlich die Gleichheit des Gef&auml;hrlichkeitsniveaus innerhalb der jeweiligen sozialen Verhaltensformen zu sein.
F&uuml;r die Beurteilung eines jeden Verhaltens bedarf es daher eines daran ausgerichteten objektiven Ma&szlig;stabs.91
2. Ein weiteres Abgrenzungsproblem von Unrecht und Schuld ist dadurch
entstanden, da&szlig; in der Gesetzgebung einige Begriffe auftauchen, in denen
beide Bewertungsebenen ineinander flie&szlig;en. Beispiele sind die Merkmale
&quot;b&ouml;swillig&quot;, &quot;gewissenlos&quot; und &quot;niedrige Beweggr&uuml;nde&quot;.92 Hier ist es Aufgabe von Wissenschaft und Praxis, diese Begriffe in ihre Unrechts- und Schuldseite aufzugliedern und au&szlig;erdem den Gesetzgeber dazu anzuhalten, durch
So Stratenwerth, Allg. Teil I, Rdn. 1096 ff.; derselbe, Zur Individualisierung des Sorgfaltsma&szlig;stabes beim Fahrl&auml;ssigkeitsdelikt, Jescheck-Festschrift, 1985, S. 285; Jakobs,
Allg. Teil, S. 258 ff.; derselbe, Studien zum fahrl&auml;ssigen Erfolgsdelikt, 1972, S. 48 ff.,
55 ff.; &auml;hnlich auch G&ouml;ssel, Norm und fahrl&auml;ssiges Verbrechen, Bruns-Festschrift,
1978, S. 43, 51 f.; Samson, SK, Anhang zu &sect; 16 Rdn. 13 ff.
Vgl. Sch&uuml;nemann (Anm. 88), S. 511, 513 f., 516; derselbe, Neue Horizonte der Fahrl&auml;ssigkeitsdogmatik?, Schaffstein-Festschrift, 1975, S. 159, 160 ff.
N&auml;her dazu Hirsch (Anm. 20), S. 266 ff.
Das Merkmal &quot;b&ouml;swillig&quot; findet sich in den &sect;&sect; 90a Abs. 1 Nr. 1, 130 Nr. 3, 223b Abs.
1 dt.StGB; aus &sect; 134 dt.StGB ist es entfernt worden, und &sect; 170a dt.StGB, der es ebenfalls enthielt, ist zwischenzeitlich insgesamt weggefallen. Von &quot;gewissenlos&quot; war fr&uuml;her in &sect; 170d dt.StGB die Rede, und &sect; 170c dt.StGB mit dem gleichen Merkmal ist
ganz entfallen. Das Merkmal &quot;niedrige Beweggr&uuml;nde&quot; ist im Jahre 1941 in den &sect; 211
dt.StGB aufgenommen worden.
exaktere Begriffswahl die Handhabung des Gesetzes zu erleichtern.93 Das
Merkmal &quot;gewissenlos&quot; ist inzwischen auch wieder entfernt worden.
3. Noch nicht v&ouml;llig abgeschlossen ist die Diskussion &uuml;ber die Zuordnung
der Gleichwertigkeitsf&auml;lle der Pflichtenkollision. Mit der Problematik werden sich nachfolgende Referate n&auml;her befassen. Ich bin der Meinung, da&szlig; es
neben der rechtfertigenden nicht noch eine Kategorie der entschuldigenden
Pflichtenkollision gibt, vielmehr bei Gleichwertigkeit der gegen&uuml;berstehenden Handlungsgebote Rechtfertigung Platz greift.94 Dies folgt aus der Sachverschiedenheit von Notstand und Pflichtenkollision. Bei Kollidieren von
zwei gleichwertigen Handlungsgeboten - auch wenn jedes auf die Rettung
eines Menschenlebens gerichtet ist - verpflichtet die Rechtsordnung den
Normadressaten dazu, sich f&uuml;r eines der beiden Gebote zu entscheiden. Hier
die Gleichwertigkeit gen&uuml;gen zu lassen, widerspricht nicht den Ausf&uuml;hrungen zu den Rechtfertigungsprinzipien; denn die Abw&auml;gung, von der dort
die Rede war, ersch&ouml;pft sich hier nicht lediglich darin, die Inhalte der
Pflichten abzuw&auml;gen, sondern bezieht alle auf seiten des T&auml;ters und des Opfers gegen&uuml;berstehenden Gesichtspunkte ein. Daher ist sowohl der erw&auml;hnte
Gesichtspunkt zu ber&uuml;cksichtigen, da&szlig; objektiv nur die Befolgung eines der
beiden gleichwertigen Gebote m&ouml;glich ist, als auch der Umstand, da&szlig; das
Opfer in solchen F&auml;llen nicht verlangen kann, die Kollision zu Lasten des
anderen Betroffenen zu entscheiden.95
Dazu n&auml;her Jescheck, Allg. Teil, S. 425 f.; Stratenwerth, Zur Funktion strafrechtlicher
Gesinnungsmerkmale, v.Weber-Festschrift, 1963, S. 171; Welzel, Strafrecht, S. 79 f.
Ebenfalls gelangen in den Gleichwertigkeitsf&auml;llen zur Rechtfertigung: Armin Kaufmann
(Anm. 57), S. 137 f.; Welzel, Strafrecht, S. 219; Baumann/Weber, Allg. Teil, S. 353 f.;
Hruschka, Extrasystematische Rechtfertigungsgr&uuml;nde, Dreher-Festschrift, 1977, S. 189,
192 ff.; K&uuml;per, Grund- und Grenzfragen der rechtfertigenden Pflichtenkollision im
Strafrecht, 1979, S. 18 ff., 118; derselbe, Grundsatzfragen der &quot;Differenzierung&quot; zwischen Rechtfertigung und Entschuldigung, JuS 1987, 81, 88; Lackner, StGB, &sect; 34
Anm. 4; Lenckner, in: Sch&ouml;nke/Schr&ouml;der, Vorbem. &sect;&sect; 32 ff. Rdn. 73; derselbe, Der
Grundsatz der G&uuml;terabw&auml;gung als Grundlage der Rechtfertigung, GA 1985, 295,
304 f.; Maurach/Zipf, Allg. Teil, Teilbd. 1, S. 379 f.; Otto, Pflichtenkollision und
Rechtswidrigkeitsurteil, 1978, S. 18 ff.; Samson, SK, &sect; 34 Rdn. 29; Stratenwerth, Allg.
Teil I, Rdn. 471; Welzel, Strafrecht, S. 219; Wessels, Allg. Teil, S. 233 f. F&uuml;r Schuldausschlu&szlig; hingegen: Gallas, Pflichtenkollision als Schuldausschlie&szlig;ungsgrund, Mezger-Festschrift, 1954, S. 311, 331 ff.; Jescheck, Allg. Teil, S. 329 f.; Dreher/Tr&ouml;ndle,
StGB, vor &sect; 32 Rdn. 11.
N&auml;her zum vorhergehenden: Hirsch, LK, vor &sect; 32 Rdn. 72 f. Bei dem Meinungsstreit
scheint auch eine Rolle zu spielen, da&szlig; von der nur Entschuldigung annehmenden
Lehrmeinung F&auml;lle, die wegen des gegen ein Rechtsgut gerichteten Tuns dem entschuldigenden (&uuml;bergesetzlichen) Notstand zuzuordnen sind, mit denen der Pflichtenkollision, d.h. dem Unterlassen bei Kollidieren von zwei Handlungsgeboten, verquickt
werden; siehe Jescheck, Allg. Teil, S. 453 (Anstaltsf&auml;lle).
Abschlie&szlig;end l&auml;&szlig;t sich zusammenfassend feststellen: Ein zwischen Rechtfertigung und Entschuldigung abstufendes Straftatsystem ist notwendig,
durchf&uuml;hrbar und von gro&szlig;er praktischer Bedeutung. Das wissenschaftlich
entwickelte System ist grunds&auml;tzlich unabh&auml;ngig von Inhalt und Alter der in
einer Rechtsordnung geltenden Kodifikation. Es gibt nach wissenschaftlichen Ma&szlig;st&auml;ben keine italienische, portugiesische, spanische oder deutsche
Strafrechtsdogmatik, sondern nur eine ganz oder teilweise richtige oder aber
eine falsche.96 Die Erkenntnisse der Strafrechtsdogmatik liefern die Ma&szlig;st&auml;be, die bei der Auslegung der geltenden Strafgesetze zu beachten oder wenn das wegen eines entgegenstehenden veralteten Gesetzestextes nicht
m&ouml;glich ist - de lege ferenda anzulegen sind. Innerhalb des dogmatischen
Rahmens verbleibt dabei hinreichend Spielraum f&uuml;r nationale Unterschiede
in Einzelpunkten. Beispielsweise ist die Frage, ob beim entschuldigenden
Notstand die Grenze bei der Gleichwertigkeit der gegen&uuml;berstehenden Interessen gezogen werden soll oder aber - jedenfalls in gewissem Umfang - sogar eine &uuml;berwiegende Interessenbeeintr&auml;chtigung auf der Opferseite einbezogen werden kann, eine Wertentscheidung, die dem einzelnen Gesetzgeber
&uuml;berlassen bleibt.
Der Gewinn, der sich aus der Herausarbeitung des in Wertungsstufen gegliederten Straftatsystems f&uuml;r Theorie, Praxis und Gesetzgebung ergeben hat
und weiterhin ergeben kann, l&auml;&szlig;t sich nicht ernsthaft bestreiten. Jedoch besteht heute die Gefahr, da&szlig; man diesen Nutzen wieder verspielt, sei es durch
bewu&szlig;t unklare, alles relativierende Begriffe, sei es durch die Vernachl&auml;ssigung dogmatischer Gesamtzusammenh&auml;nge bei der Befassung mit Teilproblemen, und schlie&szlig;lich auch durch das Erfinden immer subtilerer Differenzierungen, bei denen die praktische Relevanz oft nicht mehr ersichtlich
Die wissenschaftliche Dogmatik erforscht, welche allgemeinen Erfordernisse eine
Straftat aufweisen mu&szlig; und wie diese strukturiert sind. Sie entwickelt ein solches Modell f&uuml;r das Tat- und Schuldstrafrecht. Theoretisch m&ouml;glich w&auml;re auch ein Modell eines T&auml;terstrafrechts. Jedoch sind es wiederum allgemeing&uuml;ltige wissenschaftliche Einsichten, die f&uuml;r das Modell &quot;Tat- und Schuldstrafrecht&quot; und gegen das Modell &quot;T&auml;terstrafrecht&quot; sprechen. Aufgabe der wissenschaftlichen Strafrechtsdogmatik ist es, die
allgemeinen Straftatvoraussetzungen von den Grundlagen des Modells her weiterzuentwickeln. Die so gewonnenen Ergebnisse lassen sich dann f&uuml;r die Auslegung des jeweils geltenden Rechts oder de lege ferenda fruchtbar machen.
IM ITALIENISCHEN STRAFRECHT*
Giorgio Marinucci, Mailand
Die geistige Situation der italienischen Strafrechtswissenschaft
1. Die Grunds&auml;tze des liberalen Strafrechts, wie sie von Beccaria und von
Carrara gepr&auml;gt worden sind, haben in Italien ununterbrochen geherrscht und
selbst noch die &auml;u&szlig;ere Form des geltenden Strafgesetzbuchs bestimmt, das
zur Zeit des Faschismus erlassen wurde. Sie haben auf die italienische Strafrechtswissenschaft entscheidenden Einflu&szlig; bei der Ausbildung der Begriffe
und vor allem bei der Wahl des Systems ausge&uuml;bt. Die &Uuml;bernahme der Dreiteilung durch Delitala im Jahre 1930 ist nur eine Folge dieser geistigen Gesamtsituation gewesen: dem Belingschen System wurde als der Verwirklichung des liberalen Modells eines &quot;Einzeltat- und Schuldstrafrechts&quot; der
Vorzug gegeben. Die liberale Pr&auml;gung, und die grundlegende Rolle des
&quot;Rechtsguts&quot;, hat sogar die Dreiteilungslehre der italienischen Anh&auml;nger der
finalen Handlungslehre gekennzeichnet: W&auml;hrend in der deutschen Version
der Akzent vom &quot;Handlungsunwert&quot; mehr und mehr auf den &quot;Gesinnungsunwert&quot; verlegt wurde, hat in der italienischen Version immer mehr der ausgesprochene Gegenpol - der &quot;Erfolgsunwert&quot; - an Bedeutung gewonnen.
2. Ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis &quot;diesseits und jenseits der Alpen&quot; (Riz, Hirsch), das
man ausr&auml;umen mu&szlig;, ist die Ablehnung der &quot;Dreiteilung&quot; des Verbrechensbegriffs durch die Rechtsprechung im Falle des Zweifels &uuml;ber das Vorliegen
eines Rechtfertigungsgrundes. Es handelt sich in Wahrheit nur um eine vereinzelte Manipulation der Verbrechenslehre zum Zwecke der &quot;Verteidigung
der Gesellschaft gegen die Kriminalit&auml;t&quot; aus der Bef&uuml;rchtung, &quot;der Freispruch im Falle des Zweifels &uuml;ber das Vorliegen eines Rechtfertigungsgrundes&quot; f&uuml;hre als allgemeines Prinzip zu einer &quot;Schw&auml;chung des notwendigen Schutzes der Gesellschaft vor dem Verbrechen&quot;. Aber die kriminalpoli*
&Uuml;bersetzung von Johanna Bosch, Freiburg i.Br.
Giorgio Marinucci
tischen Entscheidungen hat allein der Gesetzgeber zu treffen. Die neue italienische Strafproze&szlig;ordnung verlangt deshalb den Freispruch nicht nur
&quot;wenn der Nachweis erbracht ist&quot;, sondern auch &quot;wenn es zweifelhaft ist&quot;, ob
&quot;bei der Begehung der Tat ein Rechtfertigungsgrund vorgelegen hat&quot;
(Art. 530 C.p.p.).
&quot;Rechtswidrigkeit&quot; und &quot;Rechtfertigungsgr&uuml;nde&quot;
1. a) Die Rechtswidrigkeit bezeichnet den Widerspruch der Tat zur gesamten
Rechtsordnung und ist Ausdruck der Einheit der Rechtsordnung in einem
Rechtsstaat. Den einzelnen Zweigen der Rechtsordnung steht die selbst&auml;ndige Entscheidung zu, welche Umst&auml;nde zu den Voraussetzungen einer Sanktion geh&ouml;ren sollen; dagegen steht es der gesamten Rechtsordnung zu, im
Rahmen der Verfassung dar&uuml;ber zu entscheiden, ob eine Tat unrechtm&auml;&szlig;ig
oder rechtm&auml;&szlig;ig ist. Ein Rechtsstaat kann im Interesse der Sicherheit seiner
B&uuml;rger nicht sich widersprechende Beurteilungen der Rechtm&auml;&szlig;igkeit bzw.
Rechtswidrigkeit derselben Tat durch verschiedene Zweige der Rechtsordnung zulassen und mu&szlig; deshalb klare Grenzen zwischen beiden ziehen, indem er m&ouml;glicherweise auftretende Normkollisionen aufl&ouml;st.
Die Rechtswidrigkeit der Tat ist nach italienischem Recht nicht gegeben,
wenn nur eine einzige Vorschrift irgendeines Zweiges der Rechtsordnung,
aus welcher Rechtsquelle sie auch immer stammen mag, die Begehung der
Tat als &quot;Aus&uuml;bung einer rechtlichen Befugnis&quot; oder auch als &quot;Erf&uuml;llung einer
Pflicht&quot; vorgesehen hat. Die Tat ist deshalb rechtm&auml;&szlig;ig nicht nur &quot;im Sinne
des Strafrechts&quot;, sondern &quot;im absoluten Sinne&quot;, f&uuml;r die gesamte Rechtsordnung. Sie kann keinerlei staatliche Sanktion nach sich ziehen.
b) Die Rechtfertigungsgr&uuml;nde bezeichnen - heute auch in der Sprache des
Gesetzes (Art. 273, 530 C.p.p.) - die Gesamtheit der aus selbst&auml;ndigen Normen der Rechtsordnung abgeleiteten rechtlichen Befugnisse und Pflichten,
die die Begehung der Tat erlauben oder gebieten.
2. Als Ausdruck der Einheit der Rechtsordnung im Rahmen der Verfassung haben die Vorschriften &uuml;ber die Rechtfertigungsgr&uuml;nde folgende Bedeutung:
a) Sie kennzeichnen den Charakter des Staates (z.B. ist im italienischen
Recht die Notwehr zur Verteidigung pers&ouml;nlicher Rechtsg&uuml;ter - nicht aber
der Rechtsg&uuml;ter der Allgemeinheit oder von staatlichen Rechtsg&uuml;tern - erlaubt und nur innerhalb der Grenzen der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit zwischen den
kollidierenden Rechtsg&uuml;tern, entsprechend den Grenzen, die der unmittelbar
vom Staat ausge&uuml;bten Verteidigung gesetzt sind);
b) die Rechtfertigungsgr&uuml;nde werden auf der Grundlage der Vorschriften
der gesamten Rechtsordnung aufgebaut (z.B. werden die Grenzen des Eigentumsrechts, dessen Aus&uuml;bung diese oder jene Tat rechtfertigen kann, auch
aus den strafrechtlichen Vorschriften abgeleitet, die einige Arten der Verf&uuml;gung &uuml;ber Sachen verbieten);
c) sie werden im Einklang mit der Verfassung ausgelegt (z.B. besteht f&uuml;r
den Waffengebrauch und die Anwendung anderer Mittel des k&ouml;rperlichen
Zwangs durch &ouml;ffentliche Beamte, die fr&uuml;her, soweit erforderlich, auch rechtm&auml;&szlig;ig waren, heute eine engere Grenze aufgrund des Verfassungsgebots der
Unparteilichkeit der &ouml;ffentlichen Verwaltung und der Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit
zwischen den kollidierenden G&uuml;tern);
d) sie werden gegebenenfalls auf der Grundlage von Verfassungsnormen
n&auml;her bestimmt, die z.B. die Gesetzm&auml;&szlig;igkeit der Verwaltungst&auml;tigkeit vorschreiben (so kann die Abw&auml;gung der durch den Einsatz der &ouml;ffentlichen
Gewalt ber&uuml;hrten Interessen nicht ex post vom Richter vorgenommen werden, indem er sich auf die Generalklausel des Notstands beruft, sondern nur
auf der Grundlage der Vorschriften des &ouml;ffentlichen Rechts, die im vorhinein
die Zust&auml;ndigkeiten der verschiedenen Staatsorgane definieren und abgrenzen: Fall Dozier, bez&uuml;glich der Befugnisse der Polizei; Fall Sossi und
Fall Moro, bez&uuml;glich des &quot;Austauschs&quot; von Geiseln und inhaftierten Terroristen). Andere Verfassungsnormen behalten es dem Gesetz vor, bestimmte
medizinische Behandlungen unter Beachtung der Menschenw&uuml;rde vorzuschreiben (Verweigerung der Bluttransfusion durch Zeugen Jehovas,
Zwangsern&auml;hrung von Gefangenen), oder sie unterstellen jedwede Form von
Freiheitsentziehung durch die &ouml;ffentliche Gewalt dem Gesetzesvorbehalt und
der ausschlie&szlig;lich richterlichen Zust&auml;ndigkeit (Fall Muccioli: Es handelte
sich hier um eine von einer privaten Gesellschaft bei der Behandlung von
Drogens&uuml;chtigen praktizierte Therapie, die mit einschneidenden Beschr&auml;nkungen der pers&ouml;nlichen Freiheit verbunden war und au&szlig;erhalb jeder gesetzlichen Regelung und gerichtlichen Kontrolle stand).
3. In einem Strafrecht zum Schutze von Rechtsg&uuml;tern ist der Tatbestand
eine systematische Kategorie, die die spezifischen Formen strafrechtlich relevanter Rechtsgutsverletzungen bezeichnet. Vorstellungen und Absichten des
T&auml;ters bleiben au&szlig;erhalb des Begriffs des Tatbestands, weil sie nur dann Bedeutung gewinnen, wenn sie sich mindestens in einer f&uuml;r das betreffende
Rechtsgut abstrakt gef&auml;hrlichen Handlung &auml;u&szlig;ern.
Entsprechend ist jeder Rechtfertigungsgrund schon beim Vorliegen (und soweit erforderlich beim Fehlen) der Umst&auml;nde, die ihn bilden, gegeben, auch
wenn diese dem T&auml;ter nicht bekannt sind oder sogar irrt&uuml;mlich von ihm als
nicht vorliegend angenommen werden.
Diesem Prinzip folgt das italienische Strafrecht: Nach Art. 59 Abs. 1 C.p. gilt
folgendes: &quot;Die Umst&auml;nde, die die Strafe ausschlie&szlig;en, werden dem T&auml;ter zu
seinen Gunsten angerechnet, auch wenn sie ihm nicht bekannt sind oder von
ihm irrt&uuml;mlich als nicht vorliegend angenommen werden.&quot;
4. Es gibt Rechte und Pflichten, die im Hinblick auf die Interessen, die sie
befriedigen oder sch&uuml;tzen sollen, bei Vorliegen oder bei Abwesenheit von
bestimmten Vorstellungen oder Absichten, die ihren Zielen widersprechen
w&uuml;rden, von vornherein nicht gew&auml;hrt bzw. gefordert werden (z.B. zieht die
Absicht mi&szlig;br&auml;uchlicher Aus&uuml;bung von vornherein eine entsprechende Grenze f&uuml;r das Entstehen von bestimmten Rechten oder l&auml;&szlig;t die Kenntnis der
Strafbarkeit des Befehls eines Vorgesetzten die Vermutung der Rechtm&auml;&szlig;igkeit entfallen, auf der die Gehorsamspflicht des Untergebenen beruht).
So erkl&auml;rt sich die Regelung des italienischen Strafgesetzbuchs, wonach die
Beachtlichkeit eines Rechtfertigungsgrundes unabh&auml;ngig von der Kenntnis
oder Unkenntnis der Umst&auml;nde ist, die ihn bilden. Es ist eine stillschweigende Ausnahme, wenn Rechtfertigungsgr&uuml;nde vom Fehlen oder Vorliegen
der Kenntnis bestimmter Umst&auml;nde oder bestimmter Absichten des T&auml;ters
5. Die Aufopferung eines Rechtsguts, die in der Begehung einer Straftat
liegt, kann nur durch das wirkliche Vorliegen der objektiven Merkmale eines
Rechtfertigungsgrundes gerechtfertigt werden. Dieses Erfordernis gilt auch
f&uuml;r die prognostischen Merkmale. Die Grundlage der Prognose bilden ohne
Ausnahme alle Umst&auml;nde, die im Augenblick der Tatbegehung vorliegen,
und zwar aus der Sicht ex post, mit dem Ma&szlig;stab aller verf&uuml;gbaren Erkenntnisse. Es gibt tats&auml;chliche Umst&auml;nde, die auch ex post nicht erkennbar
sind; aber der absichtliche Ausschlu&szlig; der nur ex post verf&uuml;gbaren Erkenntnisse ist nicht zu begr&uuml;nden. Auch wenn die Struktur des Rechtfertigungsgrundes unvermeidlich auf einem Urteil ex ante beruht, wie es dann der Fall
ist, wenn das Handlungsgebot eine Situation der Unsicherheit (z.B. bei der
Untersuchungshaft) antrifft, stellt die Rechtsordnung hinsichtlich der wirklichen Erlaubtheit des Handelns auf ein ex post-Urteil ab: So ist die Untersuchungshaft sofort aufzuheben, wenn sich ex post ergibt, da&szlig; sie angeordnet
wurde, ohne da&szlig; die objektiven Voraussetzungen gegeben waren (Art. 389
C.p.p.).
6. Eine gerechtfertigte Tat ist in der Regel f&uuml;r alle, die zu ihrer Begehung
beigetragen haben, rechtm&auml;&szlig;ig; aber nicht alle Rechtfertigungsgr&uuml;nde wirken f&uuml;r alle Teilnehmer an der strafbaren Handlung: Ausgeschlossen bleiben die pers&ouml;nlichen Rechtfertigungsgr&uuml;nde, f&uuml;r die die von Beling zitierte
Regel gilt: Quod licet iovi, non licet bovi (z.B. beschr&auml;nkt das italienische
Recht den rechtm&auml;&szlig;igen Waffengebrauch auf die Angeh&ouml;rigen eines engen
Kreises von &ouml;ffentlichen Beamten und &quot;auf Personen, die von einem &ouml;ffentlichen Beamten rechtm&auml;&szlig;ig aufgefordert sind, ihm Hilfe zu leisten&quot;; ausgeschlossen bleiben Dritte, die ohne eine solche rechtm&auml;&szlig;ige Aufforderung
durch einen &ouml;ffentlichen Beamten zur Begehung der Tat beigetragen haben).
7. Die unberechenbare und sich st&auml;ndig ver&auml;ndernde Masse von Rechtsvorschriften, die die Rechtfertigungsgr&uuml;nde regeln, macht es vergeblich, ja geradezu gef&auml;hrlich, ihre Begr&uuml;ndung auf einen oder mehrere Grunds&auml;tze zu st&uuml;tzen. Dabei werden n&auml;mlich aus den vorhandenen Rechtfertigungsgr&uuml;nden
abgeleitete neue und alte &quot;&uuml;bergesetzliche&quot; Grunds&auml;tze eingeschmuggelt, mit
deren Hilfe willk&uuml;rlich echte oder vermutetete L&uuml;cken im Katalog der Rechtfertigungsgr&uuml;nde geschlossen werden sollen. Im italienischen Recht ist die
einzige (und nicht unbestrittene) Art, unbeabsichtigte L&uuml;cken zu schlie&szlig;en,
die Ausdehnung der einzelnen Normen, die die Rechtfertigungsgr&uuml;nde regeln,
im Wege der Analogie. Dabei bleibt kein Raum weder f&uuml;r eine materielle
Rechtswidrigkeit noch f&uuml;r &quot;&uuml;bergesetzliche&quot; Rechtfertigungsgr&uuml;nde.
1. Der dreiteilige Verbrechensaufbau - &quot;erst&quot; der Tatbestand, &quot;dann&quot; die
Rechtswidrigkeit, &quot;schlie&szlig;lich&quot; die Schuld - ist eine Ordnung des s&auml;kularisierten Strafrechts, das vom Objektiven zum Subjektiven fortschreitet: vom
rechtswidrigen Angriff auf Rechtsg&uuml;ter zur Person des Angreifers.
2. Diesem System folgt das italienische Strafrecht. Der Vorsatz ist Wille
zur Begehung einer &quot;Tat&quot;, die die Rechtsordnung als &quot;rechtswidrig&quot; betrachtet, und kann nicht vorliegen, wenn der T&auml;ter die Tat in der irrt&uuml;mlichen Annahme begangen hat, da&szlig; die Umst&auml;nde eines Rechtfertigungsgrundes vorliegen. Der Inhalt der Vorstellung und des Wollens des T&auml;ters ist eine Tatsache,
die die Rechtsordnung als rechtm&auml;&szlig;ig betrachtet. - Fehlt der Vorsatz, kann
der T&auml;ter jedoch verantwortlich daf&uuml;r sein, die rechtswidrige Tat fahrl&auml;ssig
begangen zu haben, wenn die irrige Annahme des Vorliegens eines Rechtfertigungsgrundes durch gebotene Sorgfalt h&auml;tte vermieden werden k&ouml;nnen. So
wird die Vorschrift des Art. 59 Abs. 3 C.p. verst&auml;ndlich: &quot;Nimmt der T&auml;ter
irrt&uuml;mlich das Vorliegen von Umst&auml;nden an, die die Strafe ausschlie&szlig;en, so
werden ihm diese immer zu seinen Gunsten angerechnet. Handelt es sich
jedoch um einen durch Fahrl&auml;ssigkeit bestimmten Irrtum, so ist die Strafbarkeit nicht ausgeschlossen, wenn die Tat vom Gesetz als fahrl&auml;ssiges Verbrechen unter Strafe gestellt ist.&quot;
3. Dieselbe Logik liegt der Regelung des Exzesses bei den Rechtfertigungsgr&uuml;nden zugrunde. Die &quot;Tat&quot; ist rechtswidrig, wenn sie unter &Uuml;berschreitung
der &quot;Grenzen&quot; der einzelnen Rechtfertigungsgr&uuml;nde begangen wird. Und
wenn der T&auml;ter beschlossen hat, sie im Bewu&szlig;tsein der &Uuml;berschreitung zu
begehen, haftet er f&uuml;r Vorsatz. Sind dagegen &quot;die gebotenen Grenzen fahrl&auml;ssig &uuml;berschritten worden, so werden die Bestimmungen &uuml;ber das fahrl&auml;ssige Verbrechen angewendet, wenn die Tat vom Gesetz als fahrl&auml;ssiges
Verbrechen unter Strafe gestellt ist&quot; (Art. 55 C.p.).
4. Die systematische Kategorie &quot;Schuld&quot; ist &uuml;berall ein Konglomerat von
Merkmalen, die im Laufe der Geschichte nach Anzahl und Inhalt variieren.
Gegen Geschichte und Zukunft richtet sich die These, da&szlig; die Schuld inhaltlich Vorsatz und Fahrl&auml;ssigkeit nicht umfasse. Die objektive Verantwortlichkeit (oder Erfolgshaftung) - d.h. die Verantwortlichkeit ohne Vorsatz
und ohne Fahrl&auml;ssigkeit - ist in vielen L&auml;ndern im Namen des Schuldprinzips
beseitigt worden, entgegen der Lehre vom versari in re illicita, und ist dadurch
ersetzt worden, da&szlig; wenigstens fahrl&auml;ssige Begehung verlangt wird. Eine
nicht w&uuml;nschenswerte R&uuml;ckkehr in die Vergangenheit kann in Zukunft nur
durch einen Schuldbegriff verhindert werden, der nach wie vor Vorsatz und
Fahrl&auml;ssigkeit umfa&szlig;t.
5. In der italienischen Rechtsordnung hat der Gesetzgeber die Verantwortlichkeit f&uuml;r Vorsatz und Fahrl&auml;ssigkeit der objektiven Verantwortlichkeit
(Art. 42 C.p.) klar gegen&uuml;bergestellt, und das Verfassungsprinzip des Art. 27
&quot;Die strafrechtliche Verantwortlichkeit ist pers&ouml;nlich&quot; wird in dem Sinne
ausgelegt, da&szlig; das &quot;pers&ouml;nliche&quot; strafrechtliche Unrecht ein Synomyn f&uuml;r das
&quot;schuldhafte&quot; Unrecht ist und da&szlig; die Schuld wenigstens Fahrl&auml;ssigkeit voraussetzt.
6. Die Ber&uuml;cksichtigung des vermeidbaren Irrtums &uuml;ber das Strafgesetz ist
eine vom Verfassungsgerichtshof durchgesetzte historische Wende in Anwendung der Verfassungsgrunds&auml;tze &uuml;ber die Struktur des Verbrechens, die
Aufgabe der Strafe und die Voraussetzungen des demokratischen Zusammenlebens (die Pflicht des Staates, die der T&auml;tigkeit der B&uuml;rger gezogenen Grenzen allgemein erkennbar zu machen; die Pflicht der B&uuml;rger, sich &uuml;ber die
etwaige Unerlaubtheit eines bestimmten Verhaltens zu unterrichten).
7. Die Zumutbarkeit als Element der Schuld und die abschlie&szlig;ende Aufz&auml;hlung der F&auml;lle, in denen sie nicht gegeben ist, betrifft &auml;u&szlig;ere oder innere
von der Norm abweichende Umst&auml;nde, deren objektives Vorliegen nach der
Erfahrung in der Regel von einem psychologisch unertr&auml;glichen Druck begleitet ist.
Die Schuld und die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde
1. Im italienischen Strafrecht betritt der T&auml;ter erst die B&uuml;hne, nachdem die
Begehung einer rechtswidrigen Tat festgestellt worden ist, weil nun noch die
Frage seiner pers&ouml;nlichen Verantwortlichkeit f&uuml;r die begangene rechtswidrige
Tat zu pr&uuml;fen ist.
2. In der Sprache der Lehre nennt man dies die Schuld des T&auml;ters. Der italienische Gesetzgeber vermeidet aber vorsichtig einen derart moraltr&auml;chtigen
Ausdruck. Auch in der Verfassung wird stets nur von (pers&ouml;nlicher) Verantwortlichkeit gesprochen.
3. Schon die Ausdrucksweise des Gesetzgebers warnt daher den Interpreten
vor unn&ouml;tigen Entt&auml;uschungen. Er wird aufgefordert, die Tatsache ernst zu
nehmen, da&szlig; es nicht m&ouml;glich ist, dem T&auml;ter einen ethischen Vorwurf zu machen, weil der Beweis nicht gef&uuml;hrt werden kann, da&szlig; er im Augenblick der
Tat h&auml;tte anders handeln k&ouml;nnen, als er gehandelt hat.
4. In diesem Stadium der Pr&uuml;fung sieht sich der Interpret einer Gesamtheit
von Merkmalen gegen&uuml;ber, von denen der pers&ouml;nliche Vorwurf gegen&uuml;ber
dem T&auml;ter abh&auml;ngt, ein Vorwurf, der vollst&auml;ndig rechtlich aufzufassen ist in
dem doppelten Sinn, da&szlig; er an die Person gerichtet ist:
auf der Grundlage der Normen der Rechtsordnung
aber auch nur innerhalb der Grenzen, in denen der pers&ouml;nliche Vorwurf
aufgrund der Struktur der gesetzlichen Vorschriften sowie der Formen
und Erkenntnismittel des Strafverfahrens erhoben werden kann.
5. Auf die beschr&auml;nkte M&ouml;glichkeit, gegen&uuml;ber einer Person einen rechtlichen Vorwurf zu erheben, wird heute die These gest&uuml;tzt, da&szlig; im Strafrecht
dieser nur dann m&ouml;glich ist, wenn bestimmte Umst&auml;nde (wie z.B. die
Schuldunf&auml;higkeit, die Minderj&auml;hrigkeit oder besondere Formen des Zwangs)
nicht verhindern, den T&auml;ter f&uuml;r verantwortlich zu halten. Die Verantwortlichkeit - oder wenn man so will die Schuld - best&uuml;nde deshalb nur in etwas
&quot;Negativem&quot;: in der Abwesenheit jener Gr&uuml;nde, n&auml;mlich den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden.
6. Wenn man die pers&ouml;nliche Verantwortlichkeit - die Schuld - nur auf einen negativen Inhalt - die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde - reduziert, ist dies
die Folge einer Verarmung, die andere und wohlbekannte Urspr&uuml;nge hat,
n&auml;mlich die Ausschaltung der herk&ouml;mmlichen positiven Merkmale: Vorsatz
und Fahrl&auml;ssigkeit.
7. Wenigstens in Italien handelt es sich um eine Verarmung contra legem.
Die pers&ouml;nliche Verantwortlichkeit des T&auml;ters h&auml;ngt von einem Konglomerat
von negativen Merkmalen ab, aber auch von positiven Merkmalen wie Vorsatz und Fahrl&auml;ssigkeit bez&uuml;glich der rechtswidrigen Tat.
8. Das beweist schon die gesetzliche L&ouml;sung von zwei Schl&uuml;sselproblemen, vor allem die Regelung der &quot;irrt&uuml;mlichen Annahme des Vorliegens
eines Rechtfertigungsgrundes&quot;.
a) Nach italienischem Recht handelt ohne Vorsatz, wer eine rechtswidrige
Tat in der irrt&uuml;mlichen Annahme des Vorliegens eines Rechtfertigungsgrundes begeht, weil in diesem Falle kein Vorsatz vorliegt. Vorsatz ist nur
dann gegeben, wenn man eine Tat begehen will, die die Rechtsordnung als
rechtswidrig betrachtet, w&auml;hrend dagegen der Vorsatz fehlt, wenn der T&auml;ter
in der irrt&uuml;mlichen Annahme des Vorliegens eines Rechtfertigungsgrundes
sich vorgestellt hat, da&szlig; die Tat, die er begehen wollte, von der Rechtsordnung als erlaubt angesehen wird.
b) Fehlt der Vorsatz, kann der T&auml;ter jedoch f&uuml;r die fahrl&auml;ssige Begehung
der rechtswidrigen Tat verantwortlich gemacht werden. Dies ist der Fall,
wenn die Merkmale der Fahrl&auml;ssigkeit gegeben sind, d.h. wenn der T&auml;ter die
irrt&uuml;mliche Annahme des Vorliegens eines Rechtfertigungsgrundes bei Anwendung der gebotenen Sorgfalt h&auml;tte vermeiden k&ouml;nnen.
9. Nicht anders ist die Regelung des Exzesses bei den Rechtfertigungsgr&uuml;nden. Die Tat bleibt rechtswidrig, wenn sie unter &Uuml;berschreitung der Grenzen
eines Rechtfertigungsgrundes begangen wird. Aber um dem T&auml;ter die Verantwortung f&uuml;r die rechtswidrige Tat zur Last legen zu k&ouml;nnen, mu&szlig; stets
noch das Vorliegen von Vorsatz oder Fahrl&auml;ssigkeit festgestellt werden. Der
T&auml;ter ist f&uuml;r Vorsatz verantwortlich, wenn er beschlossen hat, die rechtswidrige Tat in dem Bewu&szlig;tsein zu begehen, die Grenzen des Rechtfertigungsgrundes zu &uuml;berschreiten; er ist dagegen f&uuml;r die fahrl&auml;ssige Begehung verantwortlich, wenn er den Exze&szlig; dadurch h&auml;tte vermeiden k&ouml;nnen, da&szlig; er die
notwendige Sorgfalt angewendet h&auml;tte.
10. Die Ansicht, da&szlig; die Schuld Vorsatz und Fahrl&auml;ssigkeit nicht mitumfasse, scheint &uuml;berall der Geschichte und auch jeder zu erwartenden Entwicklung zu widersprechen. In nicht ferner Vergangenheit ist die objektive
Verantwortlichkeit (oder Erfolgshaftung) - d.h. die Verantwortlichkeit ohne
Vorsatz und ohne Fahrl&auml;ssigkeit - gerade im Namen des Schuldprinzips beseitigt worden, indem die primitive Vorstellung des versari in re illicita bek&auml;mpft wurde und an ihrer Stelle mindestens Fahrl&auml;ssigkeit verlangt wird.
F&uuml;r die Zukunft gilt, da&szlig; &uuml;berall die unerw&uuml;nschte R&uuml;ckkehr zur versariTheorie nur durch einen Schuldbegriff verhindert werden kann, der nach wie
vor Vorsatz und Fahrl&auml;ssigkeit einschlie&szlig;t.
11. Im italienischen Strafrecht liegen die Dinge nur insofern anders, als die
versari-These dem Schuldgrundsatz noch einen starken Widerstand entge-
gensetzt. Im geltenden Strafgesetzbuch gibt es die objektive Verantwortlichkeit, die offensichtlich im Widerspruch zu der Verantwortlichkeit f&uuml;r Vorsatz
und Fahrl&auml;ssigkeit steht. In der Lehre wird der Forderung, die objektive Verantwortlichkeit zu beseitigen und durch die Verantwortlichkeit aufgrund von
Fahrl&auml;ssigkeit zu ersetzen, von der anderen Seite dadurch entgegengetreten,
da&szlig; man die Fahne des &quot;versari&quot; hochh&auml;lt. Diese Fahne wurde, wie die deutschen Kollegen wissen, auch von Baumann, Spendel und Lang-Hinrichsen
geschwungen, als sie sich gegen die Beseitigung der erfolgsqualifizierten
Delikte im Jahre 1953 und deren Ersetzung durch eine auf Fahrl&auml;ssigkeit beruhende Verantwortlichkeit gewendet haben.
12. Gl&uuml;cklicherweise zeigt die j&uuml;ngste Entwicklung des italienischen Strafrechts ein langsames &Uuml;berwiegen des Schuldprinzips &uuml;ber das versari-Prinzip. Der Verfassungsgerichtshof hat im Jahre 1988 dem Schuldprinzip endlich Verfassungsrang einger&auml;umt, und auch wenn er nicht die gesamte Regelung der objektiven Verantwortlichkeit beseitigt hat, hat er doch klar und
unzweideutig den Mindestgehalt des Schuldprinzips hervorgehoben: &quot;mindestens Fahrl&auml;ssigkeit&quot;. &quot;Die am meisten bezeichnenden Merkmale des Tatbestandes&quot; - so f&uuml;hrt der Verfassungsgerichtshof aus - &quot;m&uuml;ssen mindestens von
der Fahrl&auml;ssigkeit des T&auml;ters 'gedeckt' sein&quot;.
13. Es ist nicht eindeutig, welches in der Vorstellung des Verfassungsgerichtshofs die weniger bezeichnenden Tatbestandsmerkmale sein sollen, die
nicht mindestens von der Fahrl&auml;ssigkeit &quot;gedeckt&quot; sein m&uuml;&szlig;ten. Wahrscheinlich hat der Verfassungsgerichtshof damit die erschwerenden Umst&auml;nde gemeint, die der Gesetzgeber von 1930 dem T&auml;ter objektiv zur Last
gelegt hat, und zwar gerade unter Heranziehung der versari-These. Aber auch
dieses Relikt der Lehre von dem versari in re illicita ist inzwischen beseitigt
worden: Im Februar 1990 hat der Gesetzgeber die Regelung der erschwerenden Umst&auml;nde ge&auml;ndert, indem er verlangt, da&szlig; sie, vom Vorsatz im
Falle vors&auml;tzlicher Straftaten, von der Fahrl&auml;ssigkeit im Falle fahrl&auml;ssiger
Straftaten umfa&szlig;t sein m&uuml;ssen.
14. Im Ergebnis ist festzustellen, da&szlig; im italienischen Strafrecht die Schuld
des T&auml;ters - seine Verantwortlichkeit f&uuml;r die rechtswidrige Tat - von einer
Gesamtheit von negativen, aber vor allem auch von positiven Merkmalen Vorsatz und Fahrl&auml;ssigkeit - abh&auml;ngt, deren Fehlen in der rechtlichen Bewertung als Schuldausschlie&szlig;ungsgrund angesehen wird, genauso wie das
Vorliegen jener anderen Elemente, denen h&auml;ufig diese Bezeichnung vorbehalten wird.
15. Was nun sicherlich diese letztgenannten Merkmale im Vergleich zu Vorsatz und Fahrl&auml;ssigkeit kennzeichnet, ist ihre Eignung, dem T&auml;ter gegen&uuml;ber
den rechtlichen Vorwurf, wenn auch aus verschiedenen Gr&uuml;nden, nur in beschr&auml;nktem Ma&szlig;e zu erheben.
16. Insbesondere hat die Ber&uuml;cksichtigung des Irrtums &uuml;ber das Strafgesetz
einen deutlich generalisierenden und unpers&ouml;nlichen Charakter. Dies ergibt
sich nicht aus empirischen Hindernissen bei der Feststellung dieses Typs von
Irrtum, die gar nicht vorhanden sind, sondern aus den Vorschriften, mit denen
der Verfassungsgerichtshof in seiner historischen Entscheidung seine Ber&uuml;cksichtigung begr&uuml;ndet und abgegrenzt hat. Die Unvermeidbarkeit des Irrtums &uuml;ber das Strafgesetz, die die Grenze der entschuldigenden Wirkung bezeichnet, wird in der Tat aus den Verfassungsprinzipien abgeleitet, die das
Zusammenleben in einem demokratischen Staat regeln. Auf der einen Seite
hat der Staat die Pflicht, die strafrechtlichen Grenzen allgemein erkennbar zu
machen, die der Bet&auml;tigung der B&uuml;rger gesetzt sind. Auf der anderen Seite
hat aber auch der B&uuml;rger die Pflicht, sich &uuml;ber die m&ouml;gliche Unrechtm&auml;&szlig;igkeit seines Verhaltens zu informieren. Die Erf&uuml;llung dieser Pflicht
kann nicht an der individuellen Kenntnis oder der F&auml;higkeit gemessen werden, sondern nur an der Idealgestalt eines Menschen, der aufgrund seiner
beruflichen und kulturellen Eigenschaften dem T&auml;ter am &auml;hnlichsten ist.
17. Was den Begriff der Zumutbarkeit betrifft, so ist seine Bedeutung im
italienischen Strafrecht auf abschlie&szlig;end beschriebene F&auml;lle beschr&auml;nkt, in
denen die Rechtsordnung &auml;u&szlig;ere und innere Umst&auml;nde bewertet, deren Vorliegen normalerweise von einem unertr&auml;glichen psychischen Druck begleitet
ist. Die Feststellung im Einzelfall ist dagegen meist ausgeschlossen, sei es
wegen der Struktur der Vorschriften, sei es wegen der Formen und Mittel der
Feststellung im Strafverfahren.
So wird der seelische Zwang (Art. 54 Abs. 3 C.p.) als Schuldausschlie&szlig;ungsgrund nicht schon bei irgendeiner Drohung ber&uuml;cksichtigt, sondern nur bei
einer Drohung, die das Leben oder andere pers&ouml;nliche G&uuml;ter von vitaler Bedeutung zum Gegenstand hat und nur im Falle der Drohung mit einem
schweren und gegenw&auml;rtigen Schaden, der nach der Erfahrung imstande ist,
die normalen Widerstandskr&auml;fte eines durchschnittlichen Menschen auszuschalten.
Dieselbe Tendenz zur Objektivierung kennzeichnet die Straflosigkeit bei einigen Straftaten gegen die Rechtspflege (falsche Zeugenaussage, Beg&uuml;nstigung), wenn sie begangen wurden, um die Freiheit oder die Ehre eines Familienangeh&ouml;rigen des T&auml;ters vor einem schweren und anders unvermeidlichen Schaden zu bewahren. Hier wird selbstverst&auml;ndlich verlangt, da&szlig; der
T&auml;ter wei&szlig;, da&szlig; die zu rettende Person ein Familienangeh&ouml;riger ist, w&auml;hrend
es keine Rolle spielt, ob er im konkreten Fall unter dem Druck eines unwiderstehlichen psychischen Zwangs gehandelt hat, weil dieser Nachweis gar
Auch die au&szlig;ergew&ouml;hnlichen &auml;u&szlig;eren oder inneren Umst&auml;nde, die den Vorwurf der Fahrl&auml;ssigkeit ausschlie&szlig;en - wie z.B. ein unvorhergesehenes Unwohlsein, physischer Zwang oder h&ouml;here Gewalt - spielen nur dann eine
Rolle, wenn sie auch den Durchschnittsmenschen daran gehindert h&auml;tten, im
konkreten Fall die objektive Sorgfalt zu beachten.
18. Grenzen f&uuml;r die Erhebung eines pers&ouml;nlichen Vorwurfs gegen&uuml;ber dem
T&auml;ter gelten aber auch f&uuml;r die Gr&uuml;nde, die die Schuldf&auml;higkeit ausschlie&szlig;en.
Es handelt sich dabei um Grenzen, die der Gesetzgeber aufgrund kriminalpolitischer Erw&auml;gungen durch Abgrenzungsvorschriften gezogen hat, wie
z.B. die, nach der der St&ouml;rung infolge von Trunkenheit oder Rauschgiftgenu&szlig;
nur im Ausnahmefall Bedeutung beigemessen wird. &Ouml;fters handelt es sich
dagegen um Grenzen, die die Rechtsprechung aufgestellt hat in dem Bem&uuml;hen, die vom Gesetzgeber verwendeten Leerformeln auszuf&uuml;llen. Insbesondere hat es das Fehlen einer genauen gesetzlichen Regelung im Bereich
der seelischen St&ouml;rungen der Rechtsprechung erlaubt, ganze Gruppen solcher
St&ouml;rungen einzuschlie&szlig;en oder auszugrenzen, indem sie v&ouml;llig unkontrolliert
einander entgegengesetzte psychiatrische Ma&szlig;st&auml;be anwendet.
Zusammenfassung und Thesen
An diesem Punkt m&ouml;chte ich in einem Gesamtbild die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde des italienischen Strafrechts zusammenfassen und dabei ihre unterschiedliche Bedeutung im Verh&auml;ltnis zu den Rechtfertigungsgr&uuml;nden hervorheben:
1. Die Rechtfertigungsgr&uuml;nde machen die Tat f&uuml;r jeden Sektor der Rechtsordnung erlaubt und sind allen Bereichen der Rechtsordnung zu entnehmen.
Die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde sind ausschlie&szlig;lich strafrechtlicher Natur,
sie verhindern nur die Anwendung von Strafe.
2. Es ist nicht erlaubt, einer gerechtfertigten Tat im Wege der Notwehr
entgegenzutreten. Die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde schlie&szlig;en dagegen die
Aus&uuml;bung des Notwehrrechts nicht aus.
3. Die Rechtfertigungsgr&uuml;nde wirken in der Regel f&uuml;r alle Beteiligten. Die
Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde - auch das Fehlen von Vorsatz oder Fahrl&auml;ssigkeit - werden dagegen nur auf die Person angewendet, auf die sie sich beziehen.
4. Die Rechtfertigungsgr&uuml;nde wirken objektiv, auch wenn der T&auml;ter ihr
Vorliegen nicht kannte. Dagegen ist bei den Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nden
nur im Falle des psychischen Zwangs die irrt&uuml;mliche Annahme ihres Vorliegens von Anfang an ihrem tats&auml;chlichen Vorliegen gleichzustellen.
Das Bild dieser Unterschiede ist sicherlich unvollst&auml;ndig. Auch ist im italienischen Recht bei einigen problematischen Tatbest&auml;nden, wie dem Notstand,
die Einordnung unter die Rechtfertigungs- oder die Schuldausschlie&szlig;ungsgr&uuml;nde umstritten. Bestehen bleibt jedoch die Dreiteilung des Verbrechensbegriffs als Instrument, das in hinreichend &uuml;berzeugender Weise die Physionomie des italienischen Strafrechts widerspiegeln kann. Nat&uuml;rlich sind auch
andere Konstruktionen denkbar, die imstande sind, andere Strafrechtssysteme
in entsprechender Weise widerzuspiegeln, so wie auch ein Dreiteilungssystem denkbar ist, das anders aufgebaut ist, als treuer Spiegel eines anderen
Systems. Gerade die Vergleichung zwischen den Systemen mu&szlig; uns jedoch
vor der st&auml;ndig wiederkehrenden naturrechtlichen Versuchung warnen, die
zuletzt in einem Land erarbeitete Systematik als Ausdruck einer f&uuml;r alle Zeiten geltenden Wahrheit zu betrachten, nach der zuvor vergeblich gesucht