Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kapitalanlagerecht/anlegeberater-und-die-pflicht-zur-plausibilitaetspruefung-326902
Timestamp: 2020-04-01 05:52:51
Document Index: 8682296

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Anle­ge­be­ra­ter und die Pflicht zur Plau­si­bi­li­täts­prü­fung | Rechtslupe
Ein Anla­ge­ver­mitt­ler, der gegen­über sei­nem Kun­den die Wirt­schaft­lich­keit eines Immo­bi­li­en­fonds anhand einer ihm von der Fond­s­in­itia­to­rin zur Ver­fü­gung gestell­ten per­sön­li­chen Modell-Berech­nung erläu­tert, ist ver­pflich­tet, die­se Berech­nung einer Plau­si­bi­li­täts­prü­fung zu unter­zie­hen und den Kun­den auf erkenn­ba­re Feh­ler hin­zu­wei­sen.
Der Anla­ge­ver­mitt­ler schul­det sei­nen Ver­trags­part­nern nach Maß­ga­be der in der BGH-Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze eine rich­ti­ge und voll­stän­di­ge Infor­ma­ti­on über die­je­ni­gen tat­säch­li­chen Umstän­de, die für deren Anla­ge­ent­schluss von beson­de­rer Bedeu­tung waren 1. Hier­bei muss ein Ver­mitt­ler das Anla­ge­kon­zept, bezüg­lich des­sen er Aus­kunft erteilt, wenigs­tens auf Plau­si­bi­li­tät hin über­prü­fen. Ansons­ten kann er kei­ne sach­ge­rech­ten Aus­künf­te ertei­len. Unter­lässt er die­se Prü­fung, hat er den Inter­es­sen­ten hier­auf hin­zu­wei­sen 2. Ver­treibt der Ver­mitt­ler die Anla­ge anhand eines Pro­spekts, muss er im Rah­men der geschul­de­ten Plau­si­bi­li­täts­prü­fung den Pro­spekt dar­auf kon­trol­lie­ren, ob die­ser ein in sich schlüs­si­ges Gesamt­bild über das Betei­li­gungs­ob­jekt gibt und ob die dar­in ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen, soweit er das mit zumut­ba­rem Auf­wand zu über­prü­fen in der Lage ist, sach­lich voll­stän­dig und rich­tig sind 3.
Die­se vom Anla­ge­ver­mitt­ler geschul­de­te Plau­si­bi­li­täts­prü­fung bezieht sich nicht nur auf den Anla­ge­pro­spekt, son­dern auch auf eine von der Fond­s­in­itia­to­rin für die poten­ti­el­len Anle­ger – die Kun­den des Anla­ge­ver­mitt­lers – erstell­te Modell-Berech­nung. Denn der Anla­ge­ver­mitt­ler hat anhand bestimm­ter, im Rah­men des ers­ten Ver­mitt­lungs­ge­sprächs von den poten­ti­el­len Anle­gern erfrag­ter per­sön­li­cher Daten die Berech­nung bei der Fond­s­in­itia­to­rin in Auf­trag gege­ben und die ihm von die­ser dar­auf­hin zur Ver­fü­gung gestell­ten Unter­la­gen zum Gegen­stand eines vor der Zeich­nung der Betei­li­gung erfolg­ten wei­te­ren Ver­mitt­lungs­ge­sprächs gemacht. In einem sol­chen Fall obliegt es dem Anla­ge­ver­mitt­ler, auch die Berech­nung auf ihre Plau­si­bi­li­tät zu kon­trol­lie­ren.
Der in den Modell-Berech­nun­gen ent­hal­te­ne Hin­weis, dass es sich bei den in Ansatz gebrach­ten Wert­stei­ge­run­gen um geschätz­te Wer­te han­de­le, die eben­so wie die Erträ­ge von der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung abhin­gen, also nicht garan­tiert wer­den könn­ten, so dass die Fond­s­in­itia­to­rin eine "Haf­tung für die­se unver­bind­li­che Bera­tung aus­schlie­ßen müs­se", steht einer Ver­ant­wort­lich­keit des Anla­ge­ver­mitt­lers nicht ent­ge­gen. Denn der Pro­gno­se­cha­rak­ter der Wert­stei­ge­run­gen bzw. der Modell­cha­rak­ter der Berech­nung führt nicht dazu, dass der Anla­ge­ver­mitt­ler, der die betref­fen­den Zah­len gera­de zur Ver­kaufs­för­de­rung zum Gegen­stand sei­nes Ver­mitt­lungs­ge­sprächs gemacht hat, kei­ne Plau­si­bi­li­täts­prü­fung hät­te durch­füh­ren und auf erkenn­ba­re Feh­ler der Berech­nung nicht hät­te hin­wei­sen müs­sen. Inso­weit ist auch anzu­mer­ken, dass sich ein Kun­de zumin­dest dar­auf ver­las­sen kann, dass die in einem Pro­spekt 4 oder in einer für ihn erstell­ten Modell-Berech­nung ent­hal­te­nen Pro­gno­sen bzw. ange­nom­me­nen Wert­stei­ge­run­gen nicht aus der Luft gegrif­fen, son­dern ex ante betrach­tet "ver­tret­bar" sind. Nicht ver­tret­bar ist aber eine Berech­nung, bei der die pro­gnos­ti­zier­te Ent­wick­lung des Anteils­werts des­halb deut­lich zu hoch ange­setzt ist, weil – unaus­ge­spro­chen – die Berech­nung mit einem fal­schen Aus­gangs­wert durch­ge­führt wird.
Die Annah­me einer Auf­klä­rungs­pflicht des Anla­ge­ver­mitt­lers setzt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs auch nicht das Bestehen eines Auf­klä­rungs­be­darfs des Kun­den vor­aus. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 5 wird die Ver­mitt­lung von Kapi­tal­an­la­gen geprägt durch die regel­mä­ßig erheb­li­che wirt­schaft­li­che Bedeu­tung für den Kapi­tal­an­le­ger und einen zugleich auf sei­ner Sei­te eben­so regel­mä­ßig bestehen­den Auf­klä­rungs­be­darf, der in der gro­ßen Mehr­zahl der Fäl­le hin­rei­chend nur durch den Ver­mitt­ler und sei­ne im All­ge­mei­nen zu erwar­ten­de und auch nach sei­nem Ver­ständ­nis bestehen­de Sach­kun­de befrie­digt wer­den kann.
Die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die zwei­te, die sich mit Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen eines Anle­gers gegen den­sel­ben Anla­ge­ver­mitt­ler wegen der Betei­li­gung an dem­sel­ben geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds beschäf­tigt. In der ers­ten Ent­schei­dung 6 hat­te der Bun­des­ge­richts­hof die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de eines ande­ren Anle­gers, des­sen Scha­dens­er­satz­kla­ge ein ande­rer Senat des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he abge­wie­sen hat­te 7, ohne nähe­re Begrün­dung zurück­ge­wie­sen. Der auf den ers­ten Blick bestehen­de Wider­spruch zwi­schen die­sen bei­den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs klärt sich jedoch schnell auf: In dem dama­li­gen Ver­fah­ren war zwar eben­falls eine Bei­spiels­be­rech­nung der vor­lie­gen­den Art Gegen­stand der Erör­te­rung. Das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he hat­te jedoch in die­sem Zusam­men­hang unter ande­rem auch dar­auf abge­stellt, dass von Pflicht­ver­stö­ßen des beklag­ten Anla­ge­ver­mitt­lers schon des­halb nicht aus­ge­gan­gen wer­den kön­ne, da "sei­ne Rol­le bei Erstel­lung bzw. Erläu­te­rung des Berech­nungs­bei­spiels nicht im Sin­ne des Kla­ge­vor­trags nach­ge­wie­sen wer­den konn­te". Vor die­sem Hin­ter­grund hat für den Bun­des­ge­richts­hof im dama­li­gen Ver­fah­ren kei­ne Ver­an­las­sung bestan­den, die nun­mehr hier im zwei­ten Ver­fah­ren her­aus­ge­stell­te Fra­ge der inhalt­li­chen Rich­tig­keit der Mus­ter­be­rech­nung näher zu beleuch­ten.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Febru­ar 2011 – III ZR 144/​10
vgl. BGH, Urtei­le vom 13.05.1993 – III ZR 25/​92, NJW-RR 1993, 1114, 1115; vom 13.01.2000 – III ZR 62/​99, VersR 2001, 240; vom 12.02.2004 – III ZR 359/​02, BGHZ 158, 110, 116; vom 12.07.2007 – III ZR 145/​06, NJW-RR 2007, 1692 Rn. 8; und vom 05.03.2009 – III ZR 17/​08, VersR 2010, 112 Rn. 11[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 13.01.2000 aaO; vom 12.05.2005 – III ZR 413/​04, WM 2005, 1219, 1220; und vom 05.03.2009, aaO; sowie BGH, Beschluss vom 21.05.2008 – III ZR 230/​07[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 12.02.2004, aaO; vom 22.03.2007 – III ZR 218/​06, NJW-RR 2007, 925 Rn. 4; und 05.03.2009 aaO Rn. 12; sowie BGH, Beschluss vom 21.05.2008 aaO[↩]
vgl. hier­zu nur BGH, Urteil vom 27.10.2009 – XI ZR 337/​08, NJW-RR 2010, 115 Rn. 19, 22 m.w.N.[↩]
BGH, Urteil vom 11.01.2007 – III ZR 193/​05, NJW 2007, 1362 Rn. 10[↩]
BGH, Beschluss vom 20.05.2010 – III ZR 129/​09[↩]
OLG Karls­ru­he, Urteil vom 02.04.2009 – 12 U 255/​08[↩]
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