Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/den-mahnbescheid-habe-ich-nicht-erhalten-382513
Timestamp: 2020-01-22 16:34:49
Document Index: 146094730

Matched Legal Cases: ['§ 694', '§ 113', '§ 113', '§ 178', '§ 418', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Zunächst ist fest­zu­stel­len, dass es auf die ver­säum­te Wider­spruchs­frist gegen den Mahn­be­scheid nicht ankommt, da der Mahn­be­scheid noch kei­nen Voll­stre­ckungs­ti­tel dar­stellt und der ver­spä­te­te Wider­spruch wie ein Ein­spruch zu behan­deln ist (§ 694 Abs. 2 ZPO). Die­ser umge­deu­te­te Ein­spruch ist jedoch ver­spä­tet, da er über ein Jahr nach der ver­säum­ten Frist erho­ben wur­de. Dies folgt zwar nicht aus dem FamFG, da die dor­ti­gen Vor­schrif­ten für Fami­li­en­streit­sa­chen nicht gel­ten (§§ 113 Abs. 1, 18 Abs. 4 FamFG), son­dern aus den inhalts­glei­chen Vor­schrift der ZPO (§§ 113 Abs. 1 FamFG, 234 Abs. 3 ZPO).
Auf die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen dem Nach­weis, dass der Post­be­diens­te­te den Bescheid in den Brief­kas­ten ein­ge­wor­fen und der Emp­fän­ger ihn tat­säch­lich erhal­ten hat, kommt es dabei nicht an 3 Die Zustel­lung ist nicht wegen Inter­es­sen­kol­li­si­on unwirk­sam (§ 178 Abs. 2 ZPO). Zwar lebt der Antrags­geg­ner mit sei­ner Frau getrennt in der Woh­nung und es gibt ledig­lich einen gemein­sa­men Brief­kas­ten. Doch ist kein Rechts­streit zwi­schen bei­den betrof­fen. Die Zustel­lung erfolg­te hier (anders als in der Kon­stel­la­ti­on, die dem Beschluss des OLG Düs­sel­dorf, Fam­RZ 1993, 583 f., zugrun­de lag) an die Adres­se, unter der der Bescheid­adres­sat, der Antrags­geg­ner, damals wohn­haft und gemel­det war. Wenn der­An­trags­geg­ner der getrennt leben­den Frau (wei­ter­hin) die Befug­nis belässt, die ein­ge­hen­de Post aus dem Brief­kas­ten zu holen, so trägt er das Risi­ko, dass sie ein an ihn gerich­te­tes Schrei­ben – nach dem erfolg­ten – Zugang bewusst oder ver­se­hent­lich nicht an ihn wei­ter­lei­tet.
Denn aus dem beleg­ten Ein­wurf in den Brief­kas­ten des Antrags­geg­ners, womit der Voll­stre­ckungs­be­scheid in sei­nen Emp­fangs­be­reich gelang­te, ergibt sich zugleich, dass der Antrags­geg­ner (Adres­sat) den Bescheid auch erhal­ten hat und von ihm Kennt­nis neh­men konn­te, sofern nicht außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de vor­lie­gen 4. Außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de kön­nen Urlaub, Ent­wen­dung von Post oder ähn­li­che Ereig­nis­se sein, die eine Kennt­nis­nah­me ver­hin­dern. Daher muss dem Vor­trag die­ser Umstän­de eine hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit errei­chen, um die mit der Zustel­lung ver­bun­de­ne Kennt­nis­nah­me in Form des Gegen­be­wei­ses erschüt­tern zu kön­nen (§ 418 Abs. 2 ZPO) 5.
Der blo­ße Vor­trag, der Antrags­geg­ner habe den Brief nicht erhal­ten, genügt in die­ser Kon­stel­la­ti­on nicht 6. Nichts ande­res aber ent­hält sei­ne die Schil­de­rung, weder er, noch sei­ne Frau hät­ten in der zwi­schen den Ehe­gat­ten übli­cher­wei­se behan­del­ten Post die­sen Bescheid gese­hen. Damit liegt der Fall anders als in der Kon­stel­la­ti­on, in der der Emp­fän­ger im Urlaub weil­te 7 oder in der die Frau den Nie­der­le­gungs­schein vor­ent­hal­ten hat­te 8 oder in der ein Drit­ter mit der Post­durch­sicht beauf­tragt wur­de 9.
Eine wei­te­re Auf­klä­rung war nicht erfor­der­lich. Denn der Antrag­stel­ler kann nach eige­nem Vor­brin­gen nur ver­mu­ten, dass sei­ne Ehe­frau den Brief unter­drückt oder Drit­te ihn ent­wen­det haben könn­ten. Dies genügt jedoch nicht den Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung außer­ge­wöhn­li­cher Umstän­de. Infol­ge der kla­ren Dar­stel­lung einer Ver­mu­tung muss­te das Ober­lan­des­ge­richt auch nicht mehr zu einer wei­te­ren Dar­le­gung auf­for­dern 10.
BGH, Beschluss vom 19.10.1983 – VIII ZB 30/​83[↩]
vgl. BGH vom 05.10.2000 – X ZB 13/​00, Rn. 5; BVerfG vom 14.10.1997 – 2 BvR 1007/​97, Rz. 7; vom 12.03.2003 – 1 BvR 2240/​02[↩]
vgl. BGH v.08.03.1957 – IV ZR 29/​57, Fam­RZ 1957, 173[↩]
BGH vom 28.07.1999 – VIII ZB 3/​99[↩]
zu einem der­ar­ti­gen Fall BGH vom 19.10.1983 – VIII ZB 30/​83; BVerfG vom 12.03.2003 – 1 BvR 2240/​02[↩]