Source: https://www.springerprofessional.de/therapieverweigerung-bei-kindern-und-jugendlichen/14482808
Timestamp: 2020-04-07 14:14:41
Document Index: 139310539

Matched Legal Cases: ['Art. 6', '§ 1626', '§ 1666', 'Art 6', '§ 1666', '§ 1666']

Therapieverweigerung bei Kindern und Jugendlichen | springerprofessional.de
Herausgeber: Dr. iur. Dr. med Christian Dierks, Prof. Dr. med. Toni Graf-Baumann, Prof. Dr. med. Hans-Gerd Lenard
Print ISBN: 978-3-540-60060-2
Electronic ISBN: 978-3-642-79895-5
Therapieverweigerung: Problemstellung aus der Sicht des Pädiaters
In den letzten Jahren wurde der Fall des Kindes Katharina S. ausführlich publiziert und diskutiert. Das Kind war an einer akuten lymphatischen Leukämie (ALL) erkrankt, und die Eltern brachen eine eingeleitete Therapie ab, durch die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Heilung hätte erzielt werden können. Ähnliche Fälle von Therapieablehnung bei unterschiedlichen onkologischen Erkrankungen mit unterschiedlicher Prognose kommen möglicherweise zunehmend häufig vor, werden jedenfalls häufiger berichtet (2,4). Der wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer hat deswegen bereits eine ethisch-rechtliche Stellungnahme zur Behandlung bösartiger Erkrankungen bei Kindern erarbeitet und publiziert (8).
Grundlagen der Behandlung krebskranker Kinder
Bösartige Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich von denen des Erwachsenenalters durch Häufigkeit, Diagnosen, biologisches Verhalten und Behandelbarkeit.
Kontroversen bei der Therapie onkologischer Erkrankungen in der Pädiatrie
Ich möchte meinen Ausführungen zum Thema “Kontroversen bei der Therapie onkologischer Erkrankungen in der Pädiatrie” folgende Systematik zugrunde legen:
Bildgestaltung des Themas durch eigene Kasuistiken
Interpretation und Urteilsbildung zu diesen Kasuistiken
Schlußfolgerungen und perspektivische Fragen
Neun ausgewählte Fälle einer Therapieverweigerung
Schon kurz nach der Geburt bemerkten die Eltern, daß bei dem Mädchen der rechte Fuß nicht aktiv bewegt wird. Im Alter von 4 Monaten wurde durch fachärztliche Untersuchung eine Nervenlähmung in dem rechten Bein diagnostiziert, bei sonst altersentsprechender Entwicklung. Im 5. Lebensmonat stillt die Mutter ab und bemerkt Probleme bei der Stuhlentleerung der Tochter. Kurze Zeit später treten Entleerungsstörungen seitens der Blase hinzu, so daß die Mutter durch Druck auf den Bauch bzw. Microclistire die Entleerung von Blase und Darm unterstützen muß. Wegen der fortschreitenden Symptome wird im Alter von 14 Monaten ein Kernspintomogramm des Bauchraumes durchgeführt, bei der sich ein Tumor im Bauchraum zeigt, der in den Wirbelsäulenkanal hineingewachsen ist und auf das Rückenmark drückt. Dieser Tumor muß als verantwortlich angesehen werden für die Lähmungserscheinungen im Bereich der unteren Körperhälfte: Inzwischen ist eine schlaffe, aber inkomplette Lähmung an beiden Beinen feststellbar. Der Beckenboden ist vollständig gelähmt.
Einsicht und Urteilsfähigkeit von Kindern
„Einsicht“und „Urteilsfähigkeit“sind Begriffe, die derzeit in der psychologischen Literatur kaum diskutiert werden. Beide Begriffe sind in einer Entwicklungspsychologie aus dem Jahr 1892 zu finden (1), und der Begriff „Einsicht“spielte in den 20er Jahren im Rahmen der Gestaltpsychologie eine Rolle (2); seitdem gibt es jedoch nach Ausweis der einschlägigen Datenbanken und Bibliographien (3) im deutschen wie im angelsächsischen Sprachraum keine Veröffentlichungen, die über Forschungsansätze oder -ergebnisse zu diesem Thema berichten. Auch die Durchsicht der Aufsatzliteratur in bezug auf Einsicht in Krankheit, insbesondere Krebserkrankungen, brachte keine Ergebnisse (4).
Aspekte der Therapieverweigerung bei Kindern aus theologisch-anthropologischer Sicht
In einem Aufsatz mit dem Titel „Wer ist ein Schriftsteller?“(1) vertritt Martin Walser die Ansieht, Schriftsteller sei jeder, der sich schreibend abarbeitet, was ihn beschädigt habe. Schreiben sei eine Reaktion auf identitätsbedrohende Erfahrungen, mit denen die Schreibenden sich selbst veränderten. Jeder Schriftsteller fängt auf diese Weise an, „die Unmittelbarkeit seiner Misere“zu brechen, meint Walser, und er ruft dazu auf, daß möglichst viele Kollegen ihre Schreibanlässe erkennen lassen sollten.
Gemäß Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG haben die Eltern “das natürliche Recht und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht” zur “Pflege und Erziehung der Kinder”. Sie sind als Inhaber des elterlichen Personensorgerechts (§ 1626 Abs. 1 BGB) für die medizinische Betreuung der Kinder und daher für die Erteilung der Einwilligung in etwaige ärztliche Eingriffe oder sonstige Behandlungsmaßnahmen zuständig, wenn und soweit das Kind selbst nicht einwilligungsfähig ist.
Zustimmungsersetzungen bei der Behandlung bösartiger Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen
Die Gestattung eines ärztlichen Eingriffs (1) setzt nach h.M. nicht Geschäftsfähigkeit sondern eine entsprechende Einwilligungsfähigkeit voraus, so daß die Gestattung auch von einem minderjährigen Jugendlichen erteilt werden kann, wenn er die Bedeutung und Tragweite der medizinischen Maßnahme zu beurteilen und in verantwortungsvoller Weise seine Entscheidung danach zu bestimmen vermag (Einsichts- und Entscheidungsvermögen) (2).
Aus der Praxis des Vormundschaftsgerichts
In rechtlicher und damit vormundschaftsgerichtlicher Hinsicht geht es bei der juristischen und gerichtlichen Bewältigung des hier diskutierten Konfliktes zwischen den ärztlichen und den elterlichen Vorstellungen über die Reaktion auf die Erkrankung des Kindes um:
eine sog. Maßnahme zur Abwehr einer Kindeswohlgefährdung gemäß § 1666 BGB und zwar durch
eine Einschränkung des grundrechtlich geschützten Rechtes der oder des Sorgeberechtigten (Art 6 Abs. 2 GG), über die gesundheitlichen Angelegenheiten seines Kindes zu entscheiden und sein Kind insoweit rechtlich zu vertreten, indem
dem oder den Sorgeberechtigten die Befügnis zur Entscheidung entzogen wird und
auf einen Dritten, einen sog. Pfleger (Jugendamt oder sonstige Dritte übertragen wird (§§ 1666 I, 1909 BGB) oder
vom Gericht selbst wahrgenommen wird (§ 1666 II BGB).
Bundesärztekammer: Ethische und rechtliche Probleme bei der Behandlung bösartiger Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärztekammer
Das einzige flächendeckende Krebsregister der Bundesrepublik Deutschland ist das vom Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation der Johannes Gutenberg-Unversität in Mainz geführte Deutsche Kinder-krebsregister. Mit Einführung des Saarländischen Krebsregistergesetzes im Jahre 1989 besitzt das Saarland als einziges der Bundesländer ein dem internationalen Standard entsprechendes Krebsregister für etwa 1 Million Einwohner. Auch das in der ehemaligen DDR über nahezu drei Jahrzehnte (1961 bis 1989) geführte Krebsregister entsprach dem internationalen Standard, und beide Register gehören der International Association of Cancer Registries (IACR) an. Die im Krebsregister der ehemaligen DDR zusammengetragenen Daten werden derzeit nur verwaltet, die Vollständigkeit der laufenden Registrierung ist durch die veränderten Rahmenbedingungen stark zurückgegangen. Da es ein bundesweites Krebsregistergesetz bis heute nicht gibt, muß durchaus befürchtet werden, daß mit Auslaufen der Übergangsregelung für die Datensicherung des ehemaligen DDR-Registers am 31. Dezember 1994 die Bundesrepublik mit 80 Millionen Einwohnern nur durch die etwa 1 Million Einwohner des Saarlandes im internationalen Verbund der Krebsregister mit akzeptiertem Standard vertreten ist.
Empfehlungen zur Therapieverweigerung bei Kindern und Jugendlichen
978-3-540-60060-2
978-3-642-79895-5
https://doi.org/10.1007/978-3-642-79895-5
Dr. iur. Dr. med Christian Dierks
Prof. Dr. med. Hans-Gerd Lenard