Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/gezogene-nutzungen-aus-angefochtenen-steuerzahlungen-342981
Timestamp: 2020-01-29 20:00:59
Document Index: 12850661

Matched Legal Cases: ['§ 143', '§ 819', '§ 818', '§ 291', '§ 143', '§ 819', '§ 818', '§ 292', '§ 100', '§ 37', '§ 233', '§ 13', '§ 13', '§ 18', '§ 18', '§ 60', '§ 987', '§ 287', 'Art. 106', '§ 987', '§ 143', '§ 819', '§ 818', '§ 292', '§ 818', '§ 818', '§ 143', '§ 143', '§ 819', '§ 818', '§ 291', '§ 143', '§ 819', '§ 818', '§ 292', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 100', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Gezo­ge­ne Nut­zun­gen aus ange­foch­te­nen Steu­er­zah­lun­gen | Rechtslupe
Gezogene Nutzungen aus angefochtenen Steuerzahlungen
Gezo­ge­ne Nut­zun­gen aus ange­foch­te­nen Steu­er­zah­lun­gen
Der Fis­kus ist von der Rechts­hand­lung an dem Insol­venz­ver­wal­ter zur Her­aus­ga­be gezo­ge­ner Nut­zun­gen aus wirk­sam ange­foch­te­nen Steu­er­zah­lun­gen ver­pflich­tet, wobei es auf die steu­er­li­che Ertrags­ho­heit nicht ankommt. Als gezo­ge­ne Nut­zun­gen her­aus­zu­ge­ben sind Zins­er­trä­ge von Ein­nah­me­über­schüs­sen, die im Haus­halts­voll­zug aus­nahms­wei­se zeit­wei­lig nicht benö­tigt wer­den, und erspar­te Zin­sen für Kas­sen­ver­stär­kungs­kre­di­te oder ande­re staat­li­che Refi­nan­zie­rungs­in­stru­men­te, die infol­ge des Ein­gangs wirk­sam ange­foch­te­ner Steu­er­zah­lun­gen zurück­ge­führt oder ver­mie­den wor­den sind.
Der Bun­des­ge­richts­hof hat sei­ne Ent­schei­dung, wonach von der ange­foch­te­nen Rechts­hand­lung an nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 819 Abs. 1, § 818 Abs. 4, §§ 291, 288 Abs. 1 Satz 2 BGB auch Pro­zess­zin­sen zuguns­ten der Mas­se ent­ste­hen 1, durch sein Urteil vom 1. Febru­ar 2007 2 wie­der auf­ge­ge­ben, weil der Rück­ge­währ­an­spruch erst mit der Insol­venz­eröff­nung fäl­lig wird. Hier­von abzu­ge­hen, besteht kein Anlass.
Dage­gen besteht für den Bun­des­ge­richts­hof ein Anspruch der Insol­venz­mas­se gegen den Fis­kus auf Her­aus­ga­be gezo­ge­ner Nut­zun­gen nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 819 Abs. 1, § 818 Abs. 4, §§ 292, 987 Abs. 1 BGB. Die­ser Anspruch ent­steht mit der Vor­nah­me der ange­foch­te­nen Rechts­hand­lung 3.
Nut­zun­gen sind nach § 100 BGB die Früch­te einer Sache oder eines Rechts sowie die Vor­tei­le, wel­che der Gebrauch der Sache oder des Rechts gewährt. Zutref­fend ver­weist die Revi­si­on dar­auf, dass nicht nur Zins­er­trä­ge und sons­ti­ge Erträ­ge, die dem Schuld­ner aus einer ren­tier­li­chen Anla­ge zuge­flos­sen sind, zu den Nut­zun­gen eines erlang­ten Geld­be­tra­ges zäh­len kön­nen, son­dern auch die durch Til­gung einer ver­zins­li­chen Schuld erspar­ten Schuld­zin­sen 4. Wird durch Geld­zah­lung eine Kre­dit­auf­nah­me des Emp­fän­gers von vorn­her­ein ver­mie­den oder hin­aus­ge­scho­ben, gilt nichts ande­res. Hat der Fis­kus erhal­te­ne Abga­ben zurück zu gewäh­ren, umfasst die­se Ver­pflich­tung daher grund­sätz­lich auch die Her­aus­ga­be von erspar­ten Zin­sen 5. Für hier nicht gege­be­ne öffent­lich­recht­li­che Steu­er­erstat­tungs­an­sprü­che gilt die Ver­zin­sungs­pflicht der § 37 Abs. 2, § 233a Abs. 3 AO.
Das Reichs­ge­richt hat aller­dings für die Rück­zah­lung von Stem­pel­ab­ga­ben durch den preu­ßi­schen Fis­kus ange­nom­men, dass bei ver­hält­nis­mä­ßig gering­fü­gi­gen Beträ­gen ent­ge­gen sei­ner­zei­ti­ger Behaup­tung Anlei­he­zin­sen nicht erspart wor­den sei­en, weil bei dem Feh­len sol­cher Sum­men vom Fis­kus kei­ne höhe­ren Anlei­hen auf­ge­nom­men wor­den wären 6. Damit sind jedoch die Gege­ben­hei­ten der Haus­halts­füh­rung des beklag­ten Lan­des in dem hier maß­geb­li­chen Zeit­raum nicht erschöp­fend gewür­digt. Haus­halts­wirt­schaft­lich von Belang sind hier die Anfor­de­run­gen an den Haus­halts­plan nach den §§ 13 und 18 LHONW, die geplan­ten und durch­ge­führ­ten Ein­nah­men aus Kre­di­ten gemäß § 13 Abs. 3 Nr. 1, § 18 Abs. 2 Nr. 1 LHONW sowie die tat­säch­li­che Inan­spruch­nah­me von Kas­sen­ver­stär­kungs­kre­di­ten inner­halb der haus­halts­ge­setz­li­chen Ermäch­ti­gung nach § 18 Abs. 2 Nr. 2 und § 60 Abs. 3 LHONW.
Wie auch bei Ban­ken und ande­ren Anfech­tungs­geg­nern mit kom­ple­xer Refi­nan­zie­rungs­struk­tur kommt es im Rah­men der Scha­dens­schät­zung nach § 987 Abs. 1 BGB, § 287 ZPO nicht dar­auf an, rück­zu­ge­wäh­ren­de Ein­nah­men des Steu­er­fis­kus ein­zel­nen Zins­er­trä­gen oder Zins­er­spar­nis­sen bestimm­ter Maß­nah­men des Haus­halts­voll­zu­ges zuzu­ord­nen. Es gel­ten hier kei­ne ande­ren Grund­sät­ze, als sie für den umge­kehr­ten Fall eines wei­ter­ge­hen­den Ver­zugs­scha­dens der öffent­li­chen Hand in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs seit lan­gem aner­kannt sind 7. Sie wer­den für die Nut­zungs­her­aus­ga­be auch vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt gebil­ligt 8. Die gezo­ge­nen Min­dest­nut­zun­gen des beklag­ten Lan­des sind jeden­falls die in Höhe der ein­ge­gan­ge­nen Steu­er­zah­lun­gen ver­mie­de­nen oder zurück­ge­führ­ten Kas­sen­ver­stär­kungs­kre­di­te 9, sofern sie in ent­spre­chen­der Höhe und Zeit in Anspruch genom­men wor­den sind.
Die tat­säch­li­che Ver­mu­tung, dass Ban­ken Kapi­tal­erträ­ge oder Zins­er­spar­nis­se in Höhe des gesetz­li­chen Ver­zugs­zin­ses erwirt­schaf­ten 10, die sie als Nut­zun­gen her­aus­zu­ge­ben haben, fin­det jedoch in der Haus­halts­füh­rung von Bund und Län­dern kei­ne Ent­spre­chung. Sie beruht auf der Durch­füh­rung von Bank­ge­schäf­ten.
Der Ein­wand, dass nach Art. 106 Abs. 3 GG die Ertrags­ho­heit der gezahl­ten Lohn- und Umsatz­steu­ern nur teil­wei­se bei dem beklag­ten Land lie­ge, ändert an dem Umfang der anfech­tungs­recht­li­chen Rück­ge­währ­pflicht nichts. Es kommt anfech­tungs­recht­lich inso­weit allein auf die Ver­wal­tungs­ho­heit der ent­rich­te­ten Abga­ben an, wie das beim Ein­zug des Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trags durch die gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen und beim Ein­zug tarif­ver­trag­li­cher Sozi­al­kas­sen­bei­trä­ge seit lan­gem aner­kannt ist. Anfech­tungs­geg­ner ist in allen Fäl­len allein die Ein­zugs­stel­le 11. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits ent­schie­den, dass die­ser Grund­satz auch für den hier gege­be­nen Fall der Erhe­bung von Steu­ern gilt, die von der ein­zie­hen­den Stel­le (teil­wei­se) an einen ande­ren Rechts­trä­ger abzu­füh­ren sind 12. Der Fis­kus hat sich auf eine ander­wei­ti­ge Rechts­fol­ge für die Rück­ge­währ der gezahl­ten Steu­ern und die nach Ver­fah­rens­er­öff­nung geschul­de­ten Rechts­hän­gig­keits­zin­sen, die nicht mehr im Streit ste­hen, auch nicht beru­fen. Es wäre wider­sprüch­lich, für die Nut­zungs­her­aus­ga­be nach § 987 Abs. 1 BGB anders zu ent­schei­den, weil eine antei­li­ge Ver­pflich­tung der im Innen­ver­hält­nis am Steu­er­auf­kom­men betei­lig­ten öffent­li­chen Kör­per­schaf­ten nicht besteht.
Der Anspruch auf Nut­zungs­her­aus­ga­be wegen erspar­ter Kre­dit­zin­sen gegen den Fis­kus als Neben­fol­ge des anfech­tungs­recht­li­chen Rück­ge­währ­an­spruchs in der Insol­venz gemäß § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 819 Abs. 1, § 818 Abs. 4, §§ 292, 987 Abs. 1 BGB weicht nicht von der Aus­le­gung des § 818 Abs. 1 BGB durch den XI. Zivil­Bun­des­ge­richts­hof des Bun­des­ge­richts­hofs ab, auf die sich das Beru­fungs­ge­richt gestützt hat und auf die sich die Revi­si­ons­er­wi­de­rung gleich­falls beruft. Der XI. Zivil­Bun­des­ge­richts­hof des Bun­des­ge­richts­hofs hat bei einem Berei­che­rungs­an­spruch gegen den Steu­er­fis­kus einen Anspruch auf Zins­zah­lun­gen wegen tat­säch­lich gezo­ge­ner Nut­zun­gen nach § 818 Abs. 1 BGB ver­neint, weil der Staat Steu­er­ein­nah­men in der Regel nicht gewinn­brin­gend anle­ge, son­dern im Inter­es­se der All­ge­mein­heit ver­wen­de 13. Je nach Lage der Staats­fi­nan­zen ist von Rechts wegen aber nicht aus­ge­schlos­sen, dass im Haus­halts­voll­zug zeit­wei­lig auch Über­schüs­se erwirt­schaf­tet wer­den und zum Auf­bau von zins­brin­gen­den Rück­la­gen ver­wen­det wer­den kön­nen. Der Fis­kus hat eine sol­che Sach­la­ge bestrit­ten.
Unter­stellt man den genann­ten Urtei­len des Bun­des­ge­richts­hofs die Absicht, den Fis­kus bei der Nut­zungs­her­aus­ga­be rechts­grund­los erlang­ter Steu­ern hin­sicht­lich erspar­ter Kre­dit­zin­sen gegen­über ande­ren Schuld­nern zu pri­vi­le­gie­ren, so kann die­ses Rechts­ver­ständ­nis nicht auf den im Streit ste­hen­den Rege­lungs­zu­sam­men­hang über­tra­gen wer­den. Mit dem Zweck des § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO und des­sen Rechts­fol­gen­ver­wei­sung ist nicht ver­ein­bar, dass dem Anfech­tungs­geg­ner die vor Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens aus dem Rück­ge­währ­be­trag gezo­ge­nen Zin­sen ver­blei­ben 3. Für zurück­ge­führ­te oder ver­mie­de­ne Kre­ditin­an­spruch­nah­men des Anfech­tungs­geg­ners und die hier­durch erziel­ten Zins­er­spar­nis­se kann nichts ande­res gel­ten 14. Eine anfech­tungs­recht­li­che Bes­ser­stel­lung des Fis­kus wegen des Inter­es­ses der All­ge­mein­heit am Ein­satz der Steu­er­ein­künf­te für öffent­li­che Staats­zwe­cke ist in der Insol­venz­ord­nung nicht mehr vor­ge­se­hen. Sie fin­det nach gefes­tig­ter Aus­le­gung des gel­ten­den Rechts weder bei der Rück­ge­währ anfecht­ba­rer Steu­er­zah­lun­gen selbst statt noch bei der Ver­pflich­tung zur Zah­lung von Rechts­hän­gig­keits­zin­sen nach Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens gemäß § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 819 Abs. 1, § 818 Abs. 4, §§ 291, 288 Abs. 1 Satz 2 BGB. Es gibt mit­hin kei­ner­lei recht­li­chen Anhalt dafür, dass bei der Her­aus­ga­be gezo­ge­ner oder erspar­ter Zin­sen als Nut­zun­gen nach § 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 819 Abs. 1, § 818 Abs. 4, §§ 292, 987 Abs. 1 BGB der Wil­le des Geset­zes zuguns­ten des Fis­kus in eine ande­re Rich­tung gegan­gen sein könn­te.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. Mai 2012 – IX ZR 125/​11
vgl. BGH, Urteil vom 23.03.2006 IX ZR 116/​03, BGHZ 167, 11 Rn.20[↩]
BGH, Urteil vom 01.02.2007 – IX ZR 96/​04, BGHZ 171, 38 Rn.20[↩]
BGH, Urteil vom 01.02.2007, aaO Rn. 22[↩][↩]
BGH, Urteil vom 06.03.1998 V ZR 244/​96, BGHZ 138, 160, 164 ff; vgl. auch Staudinger/​Jickeli/​Stieper, BGB 2012, § 100 Rn. 5[↩]
BayO­bLG, NJW 1999, 1194, 1195; OLG Köln, Jur­Bü­ro 2001, 312; LG Pots­dam, NVwZRR 2008, 513[↩]
RGZ 72, 152, 153[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 17.04.1978 II ZR 77/​77, WM 1978, 616, 617; vom 18.10.1988 VI ZR 223/​87, NJW-RR 1989, 670, 672 unter B. I.02. b, ee[↩]
vgl. BVerwG, NJW 1999, 1201, 1202 f[↩]
vgl. Schön, NJW 1993, 3289, 3292[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 24.04.2007 XI ZR 17/​06, BGHZ 172, 147 Rn. 35[↩]
BGH, Urteil vom 12.02.2004 IX ZR 70/​03, NJW 2004, 2163, 2164 mwN; vom 21.10.2004 IX ZR 71/​02, ZIP 2005, 38 f[↩]
BGH, Beschluss vom 11.10.2007 IX ZR 87/​06, WM 2007, 2158 Rn. 4; eben­so OLG Hamm, ZIP 2010, 996[↩]
BGH, Urteil vom 03.02.2004 XI ZR 125/​03, BGHZ 158, 1, 9; vom 30.03.2004 XI ZR 145/​03[↩]
BGH, Urteil vom 06.03.1998, aaO und oben unter 1.[↩]
InsolvenzanfechtungSteuerzahlungen