Source: http://www.blondine-harumi.de/hm/Recht/SoC_ver_6.htm
Timestamp: 2019-03-25 16:23:54
Document Index: 295035707

Matched Legal Cases: ['§ 47', '§ 1', '§ 8', '§ 1', '§ 8', '§ 8', '§ 1']

﻿ SoC 6
Hier die sogenannten "Standards of Care der Version 6 in der für Deutschland angeglichenen Fassung mit einer Kritik von PD Dr. Seikowski:
Standards Of Care (Version 6)
Die "Standards of Care" - zu deutsch "Behandlungsrichtlinien" - für Geschlechtsidentitätsstörungen wurden seit 1997 von der Harry Benjamin Gesellschaft (Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association) erstellt, welche sich 2006 in Internationalen Gesellschaft für TransGender Gesundheit umbenannt hat. Der international anerkannte Leitfaden wird regelmäßig überarbeitet. Version 5 von 1998 wurde im Februar 2001 durch Version 6 abgelöst.
Die "Standards of Care" geben zunächst einen Überblick über den aktuellen Erkenntnisstand zu Geschlechtsidentitätsstörungen. Neben den Empfehlungen für die Voraussetzungen von Therapeuten legen sie fest wie TransGenderPersonen behandelt werden sollten.
Wesentliche Änderungen gegenüber früheren Versionen sind
eine deutliche Betonung einer Lebenspraxis mit passendem Vornamen gegenüber der psychologischer Attestierung
ein Minimum von drei Monaten Alltagstest ODER drei Monaten Therapie für die Freigabe zur Hormonbehandlung, sofern die Klienten über Wirkung und Risken der Behandlung aufgeklärt wurden
die Empfehlung Hormonbehandlungen auch allein dann zu unterstützen, wenn dadurch eine unkontrollierte Einnahme vermieden werden kann
Hormonbehandlungen auch für Personen, die keine Operation anstreben
minderjährigen Transsexuelle sollte ermöglicht werden in einem ihrem eigentlichen Geschlecht entsprechenden Namen und in entsprechender Kleidung die Schule zu besuchen
die Offenheit Minderjährigen unter bestimmten Umständen reversible körperliche Behandlungen auch ohne Zustimmung der Eltern anzubieten
Als internationales Spezialistenteam ist die Harry Benjamin Gesellschaft bzw. WPATH uneingeschränkt anerkannt. Ihre "Standards of Care" werden dennoch nur verzögert in nationale Behandlungsempfehlungen umgesetzt.
Standards der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der Akademie für Sexualmedizin und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft
Von Sophinette Becker, Hartmut A. G. Bosinski, Ulrich Clement, Wolf Eicher, Thomas M.Goerlich, Uwe Hartmann, Götz Kockott, Dieter Langer, Wilhelm F. Preuss, Gunter Schmidt, Alfred Springer, Reinhard Wille
Seit 1980 gibt es in der Bundesrepublik Deutschland das Transsexuellengesetz (TSG), das die juristischen Voraussetzungen der Vornamens- und Personenstandsänderung regelt. Es existieren jedoch bislang keine verbindlichen Richtlinien für die Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen. Die 1979 erstmals vorgelegten und seitdem mehrfach überarbeiteten "Standards of Care" der Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association sind auf deutsche Verhältnisse nur begrenzt anwendbar. Deshalb wurden die folgenden "Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen" von einer von der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung einberufenen Expertenkommission unter der Leitung von Sophinette Becker erarbeitet.
Transsexualität ist durch die dauerhafte innere Gewissheit, sich dem anderen Geschlecht zugehörig zu fühlen, gekennzeichnet. Dazu gehören die Ablehnung der körperlichen Merkmale des angeborenen Geschlechts und der mit dem biologischen Geschlecht verbundenen Rollenerwartungen, sowie der Wunsch, durch hormonelle und chirurgische Maßnahmen soweit als möglich die körperliche Erscheinungsform des Identitätsgeschlechts anzunehmen und sozial und juristisch anerkannt im gewünschten Geschlecht zu leben. Nach den heute gültigen diagnostischen Klassifikationsschemata wird die Transsexualität als eine besondere Form der Geschlechtsidentitätsstörungen angesehen.
Ursachen und Verlaufsbedingungen von Störungen der Geschlechtsidentität sind noch weitgehend ungeklärt und Gegenstand verschiedenartiger theoretischer Ansätze. Ein persistierendes transsexuelles Begehren ist das Resultat sequentieller, in verschiedenen Abschnitten der psychosexuellen Entwicklung, eventuell kumulativ wirksam werdender Einflussfaktoren. Dementsprechend können unterschiedliche Entwicklungswege zur Ausprägung des transsexuellen Wunsches führen.
Wegen der weitreichenden und irreversiblen Folgen hormoneller und/oder chirurgischer Transformationsmaßnahmen besteht im Interesse der Patienten die Notwendigkeit einer sorgfältigen und sachgerechten Diagnostik und Differentialdiagnostik. Die Heftigkeit des Geschlechtsumwandlungswunsches und die Selbstdiagnose allein können nicht als zuverlässige Indikatoren für das Vorliegen einer Transsexualität gewertet werden. Eine zuverlässige Beurteilung ist nur im Rahmen eines längerfristigen diagnostisch-therapeutischen Prozesses möglich. Wesentlicher Teil dieses Prozesses ist der sog. Alltagstest, in dem der Patient kontinuierlich und in allen sozialen Bereichen im gewünschten Geschlecht lebt, um die notwendigen Erfahrungen zu machen.
Behandlungskonzepte müssen der individuellen Entwicklung des jeweiligen Patienten gerecht werden, wobei die scheinbare Alternative "körperliche Behandlungsmaßnahmen" versus "psychotherapeutische Behandlung" zugunsten eines integrativen Ansatzes überwunden werden sollte. Der Patient wird darüber informiert, dass er die Modalitäten der Kostenübernahme (Psychotherapie, organmedizinische Behandlungen, Gutachten) klären muss. Die folgenden Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen sind Mindestanforderungen. Abweichungen von diesen Standards sind in der Patientenakte schriftlich zu begründen.
Standards der Diagnostik und Differentialdiagnostik
Bei der Interpretation der Angaben des Patienten ist zu beachten, dass das Anstreben einer "Geschlechtsumwandlung" eine Lösungsschablone für verschiedenartige Probleme der Identität und/oder Geschlechtsidentität sein kann. Ergibt der diagnostische Prozess, dass die Diagnose Transsexualität im Sinne der Standards nicht vorliegt, sind die "Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen" nicht anwendbar.
Zur Diagnose der Transsexualität müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
Diese Kriterien entsprechen weitestgehend jenen, die in den international gebräuchlichen Klassifikationssystemen der Krankheiten (DSM-IV, ICD-10) genannt werden. Im Unterschied zu diesen Klassifikationssystemen wird jedoch ein intersexuelles Syndrom nicht zwingend als Ausschlusskriterium betrachtet. Allerdings sollte in derartigen Fällen geprüft werden, ob anstelle des Transsexuellengesetzes (TSG) die Regelung des § 47 Personenstandsgesetz ("Irrtümliche Geschlechtsfeststellung zum Zeitpunkt der Geburt") anzuwenden ist.
Diese genannten Kriterien verlangen folgende diagnostische Maßnahmen:
eine Erhebung der biographischen Anamnese mit den Schwerpunkten der Geschlechtsidentitätsentwicklung, der psychosexuellen Entwicklung (einschließlich der sexuellen Orientierung), gegenwärtige Lebenssituation;
eine klinisch-psychiatrische/psychologische Diagnostik, da viele der Patienten mit Störungen der Geschlechtsidentität erhebliche psychopathologische Auffälligkeiten aufweisen. Diese können der Geschlechtsidentitätsstörung vorausgegangen oder reaktiv sein oder gleichzeitig bestehen.
neurotische Dispositionen bzw. Konflikte; Abhängigkeiten/Süchte;
Standards der Differentialdiagnostik
Im Bereich der Geschlechtsidentitätsstörungen besteht eine ausgeprägte Vielfalt an Verlaufsformen, Persönlichkeitsstrukturen, assoziierten psychosozialen Merkmalen und sexuellen Partnerpräferenzen, die eine präzise Differentialdiagnostik erforderlich machen. Folgende Differentialdiagnosen sind zu beachten:
Unbehagen, Schwierigkeiten oder Nicht-Konformität mit gängigen Geschlechtsrollenerwartungen, ohne dass es dabei zu einer überdauernden und profunden Störung der geschlechtlichen Identität gekommen ist;
Standards der Psychotherapie bzw. der psychotherapeutischen Begleitung
Die psychotherapeutische Begleitung hat in Verbindung mit dem Alltagstest zentrale Bedeutung in der Behandlung transsexueller Patienten und muss in jedem Fall vor der Einleitung somatischer Therapiemaßnahmen stehen.
die innere Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts und seiner individuellen Ausgestaltung;
die Lebbarkeit der gewünschten Geschlechtsrolle;
die realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen somatischer Behandlungen.
Der Therapeut muss psychodiagnostische, psychopathologische und psychotherapeutische Kompetenzen durch eine entsprechende Ausbildung erworben haben und mit den Problemen der Transsexualität auf dem aktuellen Kenntnisstand vertraut sein.
Die Frequenz und Dauer der Psychotherapie sollen Patient und Therapeut gemeinsam bestimmen. Der Therapeut muss dabei die Möglichkeit haben, den Patienten so gut kennen zu lernen, dass er das Vorliegen der drei eingangs genannten Kriterien beurteilen kann. Ist eine Indikation zur Transformationsoperation gegeben, so soll die Psychotherapie bis zur Operation fortgesetzt werden. Nach einer Operation wird dem Patienten eine psychotherapeutische Weiterbetreuung empfohlen.
Standards für die Indikationsstellung zur somatischen Behandlung
Der Therapeut ist zu dem klinisch begründeten Urteil gekommen, dass bei dem Patienten die drei genannten Kriterien der Psychotherapie (die innere Stimmigkeit und Konstanz des Identitätsgeschlechts und seiner individuellen Ausgestaltung, die Lebbarkeit der gewünschten Geschlechtsrolle und die realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen somatischer Behandlungen) geben sind.
Sind die Voraussetzungen erfüllt, erfolgt die Indikation in Form einer schriftlichen Stellungnahme. Vor der Indikationsstellung zur Transformationsoperation müssen neben der Überprüfung der Diagnose und des Vorliegens der oben genannten Kriterien folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
Der Therapeut kennt den Patienten mindestens seit eineinhalb Jahren.
Der Patient hat das Leben in der gewünschten Geschlechtsrolle mindestens seit eineinhalb Jahren kontinuierlich erprobt (sog. Alltagstest).
Erfolgt die Indikationsstellung Transformationsoperation nicht durch den Psychotherapeuten, so überzeugt sich der in diesen Fällen hinzugezogene Therapeut oder Gutachter, dass die o. g. formalen Voraussetzungen erfüllt sind und die Psychotherapie stattgefunden hat. Die Indikationsstellung zu einer Transformationsoperation muss in Form einer gutachterlichen Stellungnahme durch einen qualifizierten Therapeuten erfolgen. Diese muss folgende Punkte beinhalten:
Der Therapeut soll nachvollziehbar darstellen, dass im Behandlungsverlauf die Diagnose Transsexualität bestätigt wurde, d. h. dass es im Erleben zu einem stabilen Identitätsgefühl im anderen Geschlecht und im Verhalten zu einer dauerhaften Übernahme der anderen Geschlechtsrolle gekommen ist.
Der Patient soll in Erscheinungsbild, Verhalten, Erleben, und Persönlichkeit charakterisiert werden.
Die biographische Anamnese soll mit Schwerpunkt auf dem individuellen Gesamtverlauf der transsexuellen Entwicklung und den ihn beeinflussenden Faktoren in den wesentlichen Aspekten dargestellt werden (ggf. unter Einbeziehung fremdanamnestischer Informationen).
Der Verlauf im Behandlungszeitraum (mit Angabe von Behandlungsdauer und -frequenz) soll unter Bezugnahme auf die Erkenntnisse aus dem sog. Alltagstest dargestellt werden. Insbesondere soll angegeben werden, wann mit dem Alltagstest begonnen wurde, ob und wann eine Vornamensänderung nach dem Transsexuellengesetz beantragt oder schon erfolgt ist und zu welchen Veränderungen es in folgenden Bereichen gekommen ist: Befinden und psychisches Gleichgewicht, Sicherheit in der Geschlechtsrolle, Sexualität, Beziehungen zu Partnern, Familie und Freunden, Arbeitsfähigkeit und Akzeptanz am Arbeitsplatz.
Die körperlichen Gegebenheiten für das Leben in der anderen Geschlechtsrolle sollen geschildert werden. Angegeben werden soll, seit wann und durch welchen Arzt eine Hormonbehandlung durchgeführt wird, wie sich die Hormonbehandlung körperlich und psychisch ausgewirkt hat, wie der Patient die körperlichen Veränderungen bewertet und ggf. wie der Patient mit möglichen negativen Reaktionen der Umwelt auf sein Äußeres oder sein Verhalten umzugehen vermag.
Standards der Hormonbehandlung
Die Indikation zur Hormonbehandlung wie oben beschrieben, ist unabdingbare Voraussetzung. Die Auswirkungen dieser Behandlung sind zum Teil irreversibel (Stimmbruch, Behaarung, Hodenatrophie). Eine zu früh begonnene Hormonbehandlung kann die Diagnostik erschweren und eine ungünstige vorzeitige Festlegung bedeuten.
Die Einleitung der Hormonbehandlung und die Bestimmung der Frequenz der Kontrollen soll durch einen endokrinologisch erfahrenen Arzt erfolgen. Zu Beginn der Behandlung soll eine körperliche Untersuchung mit Befunddokumentation (unter anderem zur Kontrolle des Therapieeffekts) vorgenommen werden.
Zur Beurteilung des aktuellen Thromboembolie-Risikos sollen familiäre und eigene thromboembolische Ereignisse in der Vorgeschichte des Patienten erfasst werden. Des weiteren soll eine Leberanamnese erhoben und die aktuelle Leberfunktion beurteilt werden.
Die psychische Verträglichkeit der hormonellen Behandlung und ihrer Auswirkungen sollen geprüft werden, ebenso die dauerhafte körperliche Verträglichkeit. Der Patient muss über die Folgen der hormonellen Substitution aufgeklärt werden. Er muss ferner darüber informiert werden, dass die hormonelle Behandlung lebenslang erfolgen soll, da sonst auch über Schäden infolge eines hormonellen Defizits auftreten können. Eine Einverständniserklärung wird empfohlen.
Standards der Transformationsoperation
Der Operateur muss sich davon überzeugen, dass die gutachterliche Stellungnahme zur Indikation den Standards (siehe oben) entspricht. Der Operateur soll durch die körperliche Untersuchung die technische Durchführbarkeit des Eingriffs im speziellen Fall feststellen. Genitale Fehlbildungen sind kein Ausschlusskriterium, sie sollen in das operative Konzept integriert werden.
Die Operabilität muss unter allgemeinmedizinischen Kriterien gegeben sein. Vor der Operation soll in allen Fällen eine für Mann-zu-Frau- und Frau-zu-Mann-Transsexuelle unterschiedliche Einverständniserklärung vorliegen, in der die Art der Behandlung sowie die Folgen und die möglichen Komplikationen ausführlich erklärt werden. Notwendig ist auch eine mündliche Aufklärung, die sich auf die Operation selbst und ihre Irreversibilität, die Folgen der Gonadektomie und die Notwendigkeit der dauerhaften hormonellen Substitution bezieht.
Die Ziele der Operation bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen sind die Amputation des Penisschafts und der Hoden und die Bildung von Vulva, Klitoris und Vagina. Anders als bei Frau-zu-Mann-Transsexuellen kann für die Transformationsoperation eine Standardmethode empfohlen werden:
Die Bildung einer Neovagina durch Implantation der invertierten Penishaut. Dabei ist darauf zu achten, dass eine ausreichende Tiefe der Vagina erreicht wird (z. B. durch Durchtrennung der Denonvillierschen Faszie). Die Operierten müssen darüber aufgeklärt werden, dass auch bei gutem Operationserfolg für die Funktionsfähigkeit der Scheide regelmäßiges Bougieren nach der Operation unerlässlich ist.
Die Auskleidung der Neovagina mit Penoskrotallappen sollte nicht durchgeführt werden, da diese Methode zu einer behaarten Vagina führt. Die Auskleidung der Neovagina mit freitransplantiertem Epidermislappen oder Darmscheiden sollte wegen unbefriedigender Ergebnisse und erhöhtem Risiko nur bei Komplikationen angewendet werden, speziell nach Schrumpfung oder bei fehlender Tiefe.
Die Veränderung des männlichen Haarbalgverteilungsbildes ist nur durch Entfernung der Haarwurzeln (Epilation) möglich. Diese Methode ist deshalb in vielen Fällen indiziert und kann schon während der hormonellen Behandlung begonnen werden.
Standards der Begutachtung nach dem Transsexuellengesetz
Die Gutachten zur Vornamensänderung und zur Personenstandsänderung müssen nach den Bestimmungen des TSG erstellt werden. Der Gutachter muss wissen, dass die Begutachtung zur Vornamensänderung (§ 1) bei weitem konsequenzenreicher ist (Missbrauch zur Operationserlangung) als die Begutachtung zur Personenstandsänderung (§ 8) nach erfolgter Transformationsoperation.
Begutachtung nach § 1 Transsexuellengesetz
Das Ziel der Begutachtung ist es, die Entwicklung der Geschichte der Geschlechtsidentität und ihrer Störung (unter Vergegenwärtigung der Besonderheiten von Mann-zu-Frau- und Frau-zu-Mann-Transsexuellen) im psychosozialen Umfeld mit seinen jeweiligen Einflussfaktoren in den aufeinanderfolgenden Lebensphasen nachzuzeichnen. Der Gutachter soll sich, wenn erforderlich, zusätzliche Informationen beschaffen, unter denen Angaben wichtiger Bezugspersonen (Fremdanamnese) und psychologisch-medizinische Befunde besondere Bedeutung haben. Das Gutachten muss sich an den Standards der Diagnostik und Differentialdiagnostik (siehe oben) orientieren und diese ausführlich zur Darstellung bringen. Die Beurteilung soll wissenschaftlich begründet sein und eine kritische informationsverarbeitende Diskussion einschließen. Eine Zusammenfassung des Probanden- bzw. des Patientenberichts über subjektives Empfinden oder die Wiedergabe der Selbstinterpretation seines Lebenslaufes allein ist keine gutachterliche Urteilsbildung. Ebenso wichtig wie die Einfühlung in die Subjektivität der transsexuellen Überzeugung ist die kritische Aufmerksamkeit für objektivierbare Aspekte des Verhaltens. Das Vorliegen der Voraussetzungen zur Vornamensänderung muss aus der Beurteilung schlüssig hervorgehen.
Die im TSG genannten Voraussetzungen sind folgendermaßen zu interpretieren:
Transsexuelle "Prägung" ist nicht verhaltensbiologisch zu verstehen, sondern als schrittweise und mehrfaktorielle Entwicklung der Transsexualität, die rekonstruierend bewertet werden muss.
Der mindestens dreijährige "Zwang" bedeutet die Unmöglichkeit, sich mit dem Geburtsgeschlecht zu versöhnen, und die anhaltende innere Gewissheit (deren Konstanz möglichst aus dem Verlauf des sog. Alltagstests zu bewerten ist), dem anderen Geschlecht anzugehören.
Die "hohe" Wahrscheinlichkeit der Unveränderbarkeit des Zugehörigkeitsempfindens zum anderen Geschlecht bezieht sich auf den derzeitigen medizinischen Wissensstand und ist zu prognostizieren aus den diagnostischen, anamnestischen und lebenssituativen Belegen für eine irreversible transsexuelle Entwicklung.
Wenn die Begutachtung zu dem Ergebnis führt, dass die Voraussetzungen nicht erfüllt sind, soll dies benannt und ggf. eine Nachbegutachtung vorgeschlagen werden.
Begutachtung nach § 8 Transsexuellengesetz
Bei der Begutachtung zur Personenstandsänderung im Sinne des § 8 TSG ist zu klären, ob die Kriterien nach § 1 vorliegen (siehe oben), eine dauerhafte Unfruchtbarkeit gegeben und "eine deutliche Annäherung an das körperliche Erscheinungsbild des anderen Geschlechts" erzielt worden ist. Die Erfüllung der letztgenannten Voraussetzung richtet sich nach dem Stand des medizinischen Wissens (siehe Standards der Transformationsoperation) und der Rechtsprechung.