Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/vollstreckung/die-verheimlichte-vorberatung-des-insolvenzschuldners-3108987
Timestamp: 2020-07-02 07:06:25
Document Index: 345150662

Matched Legal Cases: ['Art. 3', '§ 56', '§ 58', '§ 56', '§ 56', '§ 56', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 56', 'BGH']

Die verheimlichte Vorberatung des Insolvenzschuldners | Rechtslupe
Die ver­heim­lich­te Vor­be­ra­tung des Insol­venz­schuld­ners
Wenn ein Insol­venz­ver­wal­ter bei sei­ner Ernen­nung eine Vor­be­ra­tung des Schuld­ners ver­heim­licht und den Schuld­ner ver­an­lasst, hier­über im Insol­venz­an­trag die Unwahr­heit zu sagen, ist dies ein schwer­wie­gen­des Fehl­ver­hal­ten, wel­ches das Ver­trau­en des Insol­venz­rich­ters in die Inte­gri­tät des Insol­venz­ver­wal­ters nach­hal­tig zer­stö­ren kann.
Für das Vor­auswahl­ver­fah­ren steht die Aus­fül­lung des unbe­stimm­ten Rechts­be­griffs der per­sön­li­chen und fach­li­chen Eig­nung im Vor­der­grund. Für die­se gene­rel­le Eig­nung ist ein bestimm­tes Anfor­de­rungs­pro­fil zu erstel­len, nach dem sich die Qua­li­fi­ka­ti­on des jewei­li­gen Bewer­bers rich­tet [1]. Der Insol­venz­rich­ter hat die Aus­wahl­kri­te­ri­en trans­pa­rent zu machen, etwa durch Ver­öf­fent­li­chung im Inter­net oder durch Fra­ge­bö­gen [2]. Dabei ist es ihm ver­wehrt, das Ver­fah­ren oder die Kri­te­ri­en der Ver­ga­be will­kür­lich zu bestim­men; dar­über hin­aus kann die tat­säch­li­che Ver­ga­be­pra­xis zu einer Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung füh­ren (Art. 3 Abs. 1 GG; BVerfGE 116, 135, 153 f). Damit die Vor­auswahl­lis­te die ihr zukom­men­de Funk­ti­on erfül­len kann, darf sich das Vor­auswahl­ver­fah­ren nicht nur auf das Erstel­len einer Lis­te mit Namen und Anschrif­ten inter­es­sier­ter Bewer­ber beschrän­ken, viel­mehr müs­sen die Daten über die Bewer­ber erho­ben, veri­fi­ziert und struk­tu­riert wer­den, die der jewei­li­ge Insol­venz­rich­ter nach der eige­nen Ein­schät­zung für eine sach­ge­rech­te Ermes­sens­aus­übung bei der Aus­wahl­ent­schei­dung benö­tigt [3]. Erfüllt ein Bewer­ber die per­sön­li­chen und fach­li­chen Anfor­de­run­gen für das Amt des Insol­venz­ver­wal­ters im All­ge­mei­nen, kann ihm die Auf­nah­me in die Lis­te nicht ver­sagt wer­den. Ein Ermes­sen für den die Vor­auswahl­lis­te füh­ren­den Insol­venz­rich­ter besteht nicht [4]. Ihm ist aller­dings ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zuzu­bil­li­gen, wenn er den Bewer­ber an den all­ge­mei­nen Kri­te­ri­en für die fach­li­che und per­sön­li­che Eig­nung misst. Denn sei­ner Beur­tei­lung, ob der Bewer­ber dem Anfor­de­rungs­pro­fil genügt, ist ein pro­gnos­ti­sches Ele­ment imma­nent [5]. Die Grund­sät­ze gel­ten ent­spre­chend, wenn ein Bewer­ber von einer Vor­auswahl­lis­te gestri­chen wird. Dies ist mög­lich, wenn er die Kri­te­ri­en für die Auf­nah­me in die Lis­te nicht oder nicht mehr erfüllt, weil er etwa im Vor­auswahl­ver­fah­ren fal­sche Anga­ben gemacht hat oder weil sich spä­ter her­aus­stellt, dass er fach­lich oder per­sön­lich unge­eig­net ist [6].
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall gab der fest­ge­stell­te Sach­ver­halt Anlass, an der per­sön­li­chen Eig­nung des Insol­venz­ver­wal­ters zu zwei­feln.
Der Insol­venz­ver­wal­ter hat ein­ge­räumt, die Schuld­ne­rin nicht nur in all­ge­mei­ner Form über den Ablauf des Insol­venz­ver­fah­rens und des­sen Fol­gen in sei­nen Büro­räu­men belehrt zu haben (vgl. § 56 Abs. 1 Satz 3 Nr. 2 InsO), son­dern sie auch kon­kret dazu bera­ten zu haben, wie sie sich im Vor­feld der Insol­venz ver­hal­ten sol­le. Er hat der Schuld­ne­rin die Fra­gen beant­wor­tet, ob sie trotz Insol­venz­rei­fe Mit­ar­bei­ter des Mos­kau­er Büros bezah­len, For­de­run­gen von Gläu­bi­gern beglei­chen, Bestel­lun­gen aus­lö­sen und bei län­ger lau­fen­den Abnah­me­ver­pflich­tun­gen Bestel­lun­gen aus­lö­sen und Zah­lungs­zie­le ver­ein­ba­ren dür­fe. Dar­über hin­aus hat er der Schuld­ne­rin den Insol­venz­an­trag in wesent­li­chen Tei­len vor­for­mu­liert. In die­sem vor­for­mu­lier­ten Antrag hat er die Schuld­ne­rin wahr­heits­wid­rig ver­si­chern las­sen, er habe sie zu kei­ner Zeit, ganz gleich in wel­chen Ange­le­gen­hei­ten, bera­ten. Zudem hat er selbst weder vor der Bestel­lung als vor­läu­fi­ger Sach­wal­ter noch als vor­läu­fi­ger star­ker noch als Insol­venz­ver­wal­ter den zustän­di­gen Insol­venz­rich­ter ent­ge­gen sei­ner Offen­ba­rungs­pflicht [7] auf sei­ne Vor­be­fas­sung hin­ge­wie­sen.
Dadurch ist nicht sei­ne gene­rel­le Unab­hän­gig­keit berührt, die ein Bewer­ber für die Auf­nah­me auf die Vor­auswahl­lis­te besit­zen muss [8], son­dern sei­ne spe­zi­el­le Unab­hän­gig­keit im kon­kre­ten Insol­venz­ver­fah­ren wegen sei­ner Bera­tungs­leis­tun­gen gegen­über der Schuld­ne­rin. Wei­ter hat der Insol­venz­ver­wal­ter durch sein ein­ge­räum­tes Fehl­ver­hal­ten im kon­kre­ten Insol­venz­ver­fah­ren das in ihn gesetz­te Ver­trau­en ent­täuscht [9]. Die­ser Ver­trau­ens­ver­lust ver­stärk­te im kon­kre­ten Ver­fah­ren für das Insol­venz­ge­richt die Not­wen­dig­keit, den Insol­venz­ver­wal­ter gemäß § 58 InsO zu kon­trol­lie­ren [10].
Die­se Umstän­de kön­nen auch Fol­gen für den Ver­bleib eines Bewer­bers auf der Vor­auswahl­lis­te haben. Bei einer Vor­stra­fe wegen Insol­venz­ver­ge­hen liegt es auf der Hand, dass sie auch bei feh­len­dem Zusam­men­hang mit einer beruf­li­chen Tätig­keit als Rechts­an­walt oder Insol­venz­ver­wal­ter im All­ge­mei­nen Zwei­fel an der Zuver­läs­sig­keit des Bewer­bers begrün­den und unter Wah­rung des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes Anlass sein kann, von des­sen Auf­nah­me in die Vor­auswahl­lis­te abzu­se­hen [11]. Ent­spre­chen­des kann für schwer­wie­gen­de nega­ti­ve Erfah­run­gen in frü­he­ren Ver­fah­ren gel­ten [12].
Wegen der weit­rei­chen­den beruf­li­chen Kon­se­quen­zen ist jedoch die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Maß­nah­me zu prü­fen. Im Streit­fall steht allen­falls die Ange­mes­sen­heit in Fra­ge. Die Unge­eig­net­heit darf nicht aus einem ein­ma­li­gen unbe­deu­ten­den Fehl­ver­hal­ten, das jedem Ver­wal­ter ein­mal unter­lau­fen kann, her­ge­lei­tet wer­den, son­dern es muss sich auf einen gra­vie­ren­den Ver­stoß bezie­hen, der die wei­te­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen dem Insol­venz­ge­richt und dem Insol­venz­ver­wal­ter nach­hal­tig beein­träch­tigt [13].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. März 2016 – IX AR (VZ) 1/​15
vgl. Uhlenbruck/​Zipperer, aaO Rn. 36; Münch­Komm-InsO/­Gra­eber, 3. Aufl., § 56 Rn. 111[↩]
vgl. BT-Drs. 127/​5712 S. 68 zu Nr. 5; Uhlenbruck/​Zipperer, InsO, 14. Aufl., § 56 Rn. 43[↩]
Uhlenbruck/​Zipperer, aaO § 56 Rn. 25[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 06.05.2004 – IX ZB 349/​02, BGHZ 159, 122, 133[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 31.01.2008 – III ZR 161/​07, ZIn­sO 2008, 267 Rn. 5; Uhlenbruck/​Zipperer, aaO § 56 Rn. 45[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 31.01.2008, aaO[↩]
vgl. OLG Schles­wig, ZIP 2007, 831, 832; OLG Ham­burg, NJW 2006, 451, 452; AG Mann­heim, ZIn­sO 2010, 2149 Rn. 14, 22, 24[↩]
vgl. Bütt­ner, Lis­ting und De-Lis­ting sowie Abwahl des Insol­venz­ver­wal­ters im deut­schen und öster­rei­chi­schen Recht, 2011, S. 256 f[↩]
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