Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kapitalanlagerecht/die-blind-unterzeichnete-beratungsdokumentation-3125462
Timestamp: 2020-07-04 03:05:58
Document Index: 161410183

Matched Legal Cases: ['§ 199', '§ 199', '§ 199', '§ 199', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 199', '§ 199']

Die "blind" unterzeichnete Beratungsdokumentation | Rechtslupe
Die "blind" unterzeichnete Beratungsdokumentation
Die "blind" unter­zeich­ne­te Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on
Ob grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis i.S.d. § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB vor­liegt, wenn ein Kapi­tal­an­le­ger eine Risi­ko­hin­wei­se ent­hal­ten­de Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on "blind" unter­zeich­net, muss der Tatrich­ter auf­grund einer umfas­sen­den tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls fest­stel­len [1].
Die Annah­me des Ver­jäh­rungs­ein­tritts infol­ge grob fahr­läs­si­ger Unkennt­nis ein­zel­ner Anla­ge­ri­si­ken im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB wird nicht dadurch getra­gen, dass der Anle­ger die Risi­ko­hin­wei­se in dem von ihnen unter­schrie­be­nen Bera­tungs­pro­to­koll auf der letz­ten Sei­te des drei­sei­ti­gen Zeich­nungs­scheins nicht gele­sen hat, wenn sich das Gericht mit der man­geln­den opti­schen Auf­fäl­lig­keit die­ser Hin­wei­se ledig­lich inso­weit aus­ein­an­der­setzt, als es eine deut­li­che­re gra­fi­sche Gestal­tung nur für Wider­rufs­be­leh­run­gen für erfor­der­lich und im Übri­gen eine "Sen­si­bi­li­sie­rung des Anle­gers" durch unter­schrift­li­che Bestä­ti­gung der Hin­wei­se für aus­rei­chend hält.
Grob fahr­läs­si­ge Unkennt­nis im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB liegt vor, wenn dem Gläu­bi­ger die Kennt­nis des­halb fehlt, weil er ganz nahe­lie­gen­de Über­le­gun­gen nicht ange­stellt oder das nicht beach­tet hat, was im gege­be­nen Fall jedem hät­te ein­leuch­ten müs­sen, wie etwa dann, wenn sich dem Gläu­bi­ger die den Anspruch begrün­den­den Umstän­de förm­lich auf­ge­drängt haben. Dem Gläu­bi­ger muss per­sön­lich ein schwe­rer Oblie­gen­heits­ver­stoß in sei­ner eige­nen Ange­le­gen­heit der Anspruchs­ver­fol­gung, eine schwe­re Form von "Ver­schul­den gegen sich selbst" vor­ge­wor­fen wer­den kön­nen. Sein Ver­hal­ten muss "schlecht­hin unver­ständ­lich" bezie­hungs­wei­se "unent­schuld­bar" sein. Hier­bei unter­liegt die Fest­stel­lung, ob die Unkennt­nis des Gläu­bi­gers von ver­jäh­rungs­aus­lö­sen­den Umstän­den auf gro­ber Fahr­läs­sig­keit beruht, als Ergeb­nis tatrich­ter­li­cher Wür­di­gung einer Über­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt dahin­ge­hend, ob der Streit­stoff umfas­send, wider­spruchs­frei und ohne Ver­stoß gegen Denk­ge­set­ze, all­ge­mei­ne Erfah­rungs­sät­ze oder Ver­fah­rens­vor­schrif­ten gewür­digt wor­den ist, und ob der Tatrich­ter den Begriff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit ver­kannt oder bei der Beur­tei­lung des Grads des Ver­schul­dens wesent­li­che Umstän­de außer Acht gelas­sen hat [2].
Die Annah­me grob fahr­läs­si­ger Unkennt­nis im Sin­ne des § 199 Abs. 1 Nr. 2 BGB kann nicht allein dar­auf gestützt wer­den, dass der Anla­ge­in­ter­es­sent einen ihm über­las­se­nen Emis­si­ons­pro­spekt [3] oder den Text eines ihm nach Abschluss der Anla­ge­be­ra­tung zur Unter­schrift vor­ge­leg­ten Zeich­nungs­scheins nicht gele­sen hat [4]. Des­glei­chen lässt sich weder all­ge­mein­gül­tig sagen, dass das unge­le­se­ne Unter­zeich­nen einer Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on stets den Vor­wurf grob fahr­läs­si­ger Unkennt­nis von hier­aus ersicht­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen begrün­det, noch ist es zutref­fend, all­ge­mein gro­be Fahr­läs­sig­keit abzu­leh­nen, wenn ein Anle­ger eine Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on unge­le­sen unter­schreibt. Viel­mehr ist eine umfas­sen­de Wür­di­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls erfor­der­lich, wie bei­spiels­wei­se der inhalt­li­chen Erfass­bar­keit und gra­fi­schen Auf­fäl­lig­keit der Hin­wei­se, des Ablaufs und Inhalts des Bera­tungs­ge­sprächs und des Zeit­punkts der Unter­zeich­nung der Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on, der im Zusam­men­hang damit getä­tig­ten Aus­sa­gen, des Bil­dungs- und Erfah­rungs­stands des Anle­gers oder des Bestehens eines beson­de­ren Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zum Bera­ter. Der Kon­text, in dem es zu der Unter­zeich­nung der Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on gekom­men ist, darf also nicht aus­ge­blen­det wer­den [5].
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Juli 2017 – III ZR 296/​15
Fort­füh­rung von BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 23.03.2017 – III ZR 93/​16, Beck­RS 2017, 107457[↩]
sie­he nur BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 23.03.2017 – III ZR 93/​16, Beck­RS 2017, 107457 Rn. 8; Urtei­le vom 17.03.2016 – III ZR 47/​15, Beck­RS 2016, 06152 Rn. 10 f; und vom 07.07.2011 – III ZR 90/​10 17[↩]
vgl. nur BGH, Urteil vom 17.03.2016, aaO Rn. 13; Urtei­le vom 07.07.2011, aaO Rn.19; und vom 05.05.2011 – III ZR 84/​10, Beck­RS 2011, 13871 Rn.19; BGH, Urteil vom 14.05.2012 – II ZR 69/​12, NJW-RR 2012, 1316, 1318 Rn.19[↩]
vgl. BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 23.03.2017, aaO, Rn. 10[↩]
vgl. BGH, Ver­säum­nis­ur­teil vom 23.03.2017, aaO[↩]
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