Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/wechselnde-rechtsansichten-349982
Timestamp: 2019-10-21 20:32:26
Document Index: 305285732

Matched Legal Cases: ['§ 563', '§ 577', '§ 563', '§ 577', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 563', '§ 563', '§ 563', 'BGH', '§ 563', 'BGH']

Wech­seln­de Rechts­an­sich­ten | Rechtslupe
Wechselnde Rechtsansichten
Wech­seln­de Rechts­an­sich­ten
Ein Beschwer­de­ge­richt, das eine Sache an die ers­te Instanz zurück­ver­wie­sen hat, ist, wenn es erneut damit befasst wird, nicht mehr an sei­ne ent­schei­dungs­er­heb­li­che Rechts­an­sicht gebun­den, wenn zwi­schen­zeit­lich erst­ma­lig eine davon abwei­chen­de höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung ergan­gen ist.
Grund­sätz­lich gilt auch im sofor­ti­gen Beschwer­de­ver­fah­ren die Bin­dungs­wir­kung des § 563 Abs. 2 ZPO ent­spre­chend (§ 577 Abs. 4 Satz 4 ZPO). Hebt das Beschwer­de­ge­richt einen mit der sofor­ti­gen Beschwer­de ange­foch­te­nen Beschluss auf und ver­weist es die Sache zur erneu­ten Ent­schei­dung an das Aus­gangs­ge­richt zurück, ist die­ses an die vom Beschwer­de­ge­richt ver­tre­te­ne Rechts­an­sicht, wel­che der Auf­he­bung zugrun­de lag, gebun­den (§ 563 Abs. 2, § 577 Abs. 4 Satz 4 ZPO ana­log). Ent­schei­det das Aus­gangs­ge­richt ent­spre­chend, ist sei­ne Ent­schei­dung recht­mä­ßig. Das Beschwer­de­ge­richt kann sei­ner zwei­ten Ent­schei­dung des­halb nicht eine ande­re Rechts­auf­fas­sung zugrun­de legen als die, auf der sein zurück­ver­wei­sen­der Beschluss beruh­te.
Von der Bin­dungs­wir­kung sind jedoch im Revi­si­ons­recht ver­schie­de­ne Aus­nah­men all­ge­mein aner­kannt: die Ände­rung des zugrun­de­lie­gen­den Sach­ver­halts, eine zwi­schen­zeit­lich ver­öf­fent­lich­te, abwei­chen­de Entsch­ei- dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts oder des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on oder die Auf­ga­be anders­lau­ten­der Recht­spre­chung durch das Revi­si­ons­ge­richt oder des Gemein­sa­men Bun­des­ge­richts­hofs der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des 1.
Das Revi­si­ons­ge­richt kann nicht mehr an die der Zurück­ver­wei­sung zugrun­de lie­gen­de Rechts­auf­fas­sung gebun­den sein, wenn es inzwi­schen selbst sei­ne Rechts­auf­fas­sung geän­dert hat. Es ist zu berück­sich­ti­gen, dass bei der Bedeu­tung höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung für die Aus­le­gung und Anwen­dung von Geset­zen in den Augen der Recht­su­chen­den eine neue Recht­spre­chung des Revi­si­ons­ge­richts gegen­über sei­ner inzwi­schen auf­ge­ge­be­nen Recht­spre­chung die höhe­re Auto­ri­tät genießt und daher nun­mehr als zutref­fen­de Aus­le­gung des Rechts ange­se­hen wird. Der durch die­se Vor­schrif­ten ange­ord­ne­ten Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Auto­ri­tät höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung wür­de es gera­de­zu wider­spre­chen, wenn die Bin­dung an eine inzwi­schen auf­ge­ge­be­ne höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung wei­ter bestehen wür­de. Die Rechts­fort­bil­dung muss zudem gegen­über der Bin­dung an die alte, inzwi­schen auf­ge­ge­be­ne Rechts­auf­fas­sung das grö­ße­re Gewicht haben. Infol­ge­des­sen muss der pro­zes­sua­le Grund­satz der Bin­dung und der Selbst­bin­dung zurück­tre­ten hin­ter dem, was die Recht­spre­chung nun­mehr sach­lich als rech­tens erkannt hat. Denn es erscheint nicht ver­tret­bar, das Urteil auf eine Rechts­auf­fas­sung zu stüt­zen, die mit einer neu­en höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung nicht in Ein­klang steht 2.
Die­se Grund­sät­ze fin­den auch dann Anwen­dung, wenn ein Beschwer­de­ge­richt nach Auf­he­bung und Zurück­ver­wei­sung an das Aus­gangs­ge­richt erneut mit der Sache befasst wird 3.
In glei­cher Wei­se ent­fällt die Bin­dungs­wir­kung, wenn es nicht zu einer Ände­rung der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung gekom­men ist, son­dern zwi­schen­zeit­lich – wie hier durch den Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 8. März 2005 4 – erst­ma­lig eine von der Rechts­auf­fas­sung des Beschwer­de­ge­richts abwei­chen­de höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung ergan­gen ist. Auch in die­sem Fall hat die Wah­rung der Ein­heit­lich­keit der Recht­spre­chung und die Auto­ri­tät der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung Vor­rang vor dem for­ma­len Gesichts­punkt der Selbst­bin­dung.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Novem­ber 2012 – VII ZB 42/​11
GmS-OGB 1/​72 vom 06.02.1973, BGHZ 60, 392, 395 f.; BGH, Urteil vom 18.01.1996 – IX ZR 69/​95, NJW 1996, 924, 925; BGH, Urteil vom 21.11.2006 – XI ZR 347/​05, NJW 2007, 1127 Rn.20; BAGE 85, 155; Münch­Komm-ZPO/Wen­zel, 3. Aufl., § 563 Rn. 1214; HKZPO/​Kayser, 4. Aufl., § 563 Rn. 10, 11; PG/​Ackermann, ZPO, 4. Aufl., § 563 Rn. 8, 9; jeweils m.w.N.[↩]
GmS-OBG, Beschluss vom 06.02.1973 – GmS-OGB 1/​72, BGHZ 60, 392, 395 f.[↩]
vgl. dazu OLGR Schles­wig 2008, 118; Münch­Komm-ZPO/Wen­zel, aaO Rn. 12; HKZPO/​Kayser, 4. Aufl., § 563 Rn. 10[↩]
BGH, Beschluss vom 08.03.2005 – VIII ZB 55/​04, NJW 2005, 1373[↩]
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