Source: http://docplayer.org/35347281-Zur-rechtlichen-zulaessigkeit-der-vereinbarung-einer-gebuehrenordnung-fuer-ttip-schiedsverfahren.html
Timestamp: 2019-01-18 16:52:17
Document Index: 194129544

Matched Legal Cases: ['Art. 46', 'Art. 53', 'Art. 24', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 53', 'Art. 56', 'Art. 56']

Zur rechtlichen Zulässigkeit der Vereinbarung einer Gebührenordnung für TTIP-Schiedsverfahren - PDF
Download "Zur rechtlichen Zulässigkeit der Vereinbarung einer Gebührenordnung für TTIP-Schiedsverfahren"
1 Zur rechtlichen Zulässigkeit der Vereinbarung einer Gebührenordnung für TTIP-Schiedsverfahren Matthias Reuß 2015 Deutscher Bundestag
2 Seite 2 Zur rechtlichen Zulässigkeit der Vereinbarung einer Gebührenordnung für TTIP-Schiedsverfahren Verfasser: Dr. Matthias Reuß Aktenzeichen: Abschluss der Arbeit: 11. Februar 2015 Fachbereich: WD 2: Auswärtiges, Völkerrecht, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Verteidigung, Menschenrechte und humanitäre Hilfe Telefon: +49 (30) Ausarbeitungen und andere Informationsangebote der Wissenschaftlichen Dienste geben nicht die Auffassung des Deutschen Bundestages, eines seiner Organe oder der Bundestagsverwaltung wieder. Vielmehr liegen sie in der fachlichen Verantwortung der Verfasserinnen und Verfasser sowie der Fachbereichsleitung. Der Deutsche Bundestag behält sich die Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung vor. Beides bedarf der Zustimmung der Leitung der Abteilung W, Platz der Republik 1, Berlin.
3 Seite 3 Inhaltsverzeichnis 1. Einführung 4 2. Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge 4 3. Menschenrechtliche Verpflichtungen der prospektiven Vertragsparteien des TTIP 5 4. Dienstleistungsfreiheit der Europäischen Union 6
4 Seite 4 1. Einführung Der Auftraggeber stellt die Frage, ob für den Fall, dass das geplante Übereinkommen zur transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) 1 die Einführung schiedsgerichtlicher Verfahren 2 im Anwendungsbereich des TTIP vorsehen sollte, die gleichzeitige Vereinbarung einer Gebührenordnung rechtlich zulässig wäre. Der nachfolgende beabsichtigt keine Prognose zu der aus Sicht des Fachbereiches wissenschaftlich nicht zu beantwortenden hypothetischen Frage, ob das Anliegen, eine Gebührenordnung zu vereinbaren, zweckmäßig und politisch durchsetzbar wäre. 3 Vielmehr beschränkt sich der auf die rechtliche Prüfung. Somit ist die vom Auftraggeber aufgeworfene Frage im Lichte der bestehenden völkerrechtlichen Bindungen der prospektiven Vertragsparteien des TTIP zu erörtern. 2. Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge Rechtliche Gründe gegen die Vereinbarung einer Gebührenordnung lassen sich aus dem Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge (WVK) 4 nicht ableiten. 5 Grundsätzlich gilt die WVK auch für sog. normative völkerrechtliche Verträge, also Verträge bei denen es nicht um gegenseitige Rechte und Pflichten der Vertragsparteien geht, sondern allgemeinverbindliche Standards festgelegt werden, wie dies bei einer hypothetischen TTIP-Gebührenordnung der Fall wäre. 6 Unbeschadet der Frage, wie das völkerrechtliche Rangverhältnis zwischen der WVK und einer unterstellten Gebührenordnung der TTIP-Vertragsparteien anzusehen wäre, ist ein normativer Widerspruch zwischen beiden Rechtsquellen schwer vorstellbar. Der Anwendungsbereich der WVK-Vorschriften zu ungültigen Vertragsinhalten (siehe Art. 46 ff 1 Zur Dokumentation der Verhandlungen vgl. die Angaben der Europäischen Kommission, (letzter Zugriff ). 2 Siehe hierzu vertiefend Christoph Schreuer, Investment Disputes, International Centre for Settlement of Investment Disputes (ICSID) sowie Investments, International Protection, jew. in: Rüdiger Wolfrum (Hrsg), Max Planck Encyclopedia of Public International Law, (letzter Zugriff ). 3 In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass in der am 2. Februar 2015 begonnenen Achten Runde der TTIP-Verhandlungen in Brüssel das umstrittene Thema Investorenschutz durch Schiedsgerichte ausgespart wurde, vgl. Die Welt, , (letzter Zugriff ). 4 Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge vom 23. Mai 1969, BGBl II S. 927, (letzter Zugriff ). 5 Zur WVK siehe im Einzelnen Anthony Aust, Vienna Convention on the Law of Treaties (1969), in: Rüdiger Wolfrum (Hrsg.), Max Planck Encyclopedia of Public International Law, (letzter Zugriff ), 6 Zum Begriff des normativen Vertrages siehe Malgosia Fitzmaurice, Treaties, in: Rüdiger Wolfrum (Hrsg.), Max Planck Encyclopedia of Public International Law, (letzter Zugriff ), Rz. 8.
5 Seite 5 WVK) dürfte wohl nicht berührt werden. Insbesondere scheint ein Verstoß einer prospektiven TTIP-Gebührenordnung gegen ius cogens im Sinne des Art. 53 WVK 7 fernliegend. Im Ergebnis würde die Vereinbarung einer TTIP-Gebührenordnung also nicht an völkerrechtlichen Rahmenvorschriften für den Abschluss völkerrechtlicher Verträge scheitern. 3. Menschenrechtliche Verpflichtungen der prospektiven Vertragsparteien des TTIP Die von den voraussichtlichen TTIP-Vertragsparteien übernommenen menschenrechtlichen Verpflichtungen sprechen nicht gegen die grundsätzliche Möglichkeit der Vereinbarung einer TTIP- Gebührenordnung. Die an den Verhandlungen des TTIP-Übereinkommens beteiligten Staaten sind ausnahmslos an internationale Menschenrechte gebunden, im Hinblick auf die Europäische Union ist daran zu erinnern, dass diese u.a. nach Artikel 6 Absatz 3 der Konsolidierten Fassung des Vertrages über die Europäische Union (EUV) 8 an die Grundrechte, wie sie in der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) 9 gewährleistet sind und wie sie sich aus den gemeinsamen Verfassungsüberlieferungen der Mitgliedstaaten ergeben, gebunden ist. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass eine hypothetische TTIP-Gebührenordnung den menschenrechtlichen Schutzbereich der freien Berufswahl und des Menschenrechtes auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen (statt vieler: Art. 24 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 10 ) oder etwa das Menschenrecht auf einen angemessenen Lohn (statt vieler: Art. 7 Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte 11 ) verletzen würde. Selbstverständlich dürfte eine TTIP-Gebührenordnung auch keine sexuellen Diskriminierungen vorsehen (statt vieler: Art. 7 a. i. Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte 12 ). Menschenrechtsverletzungen durch eine TTIP-Gebührenordnung liegen im Ergebnis fern, auch aus menschenrechtlicher Sicht gäbe es also keine rechtlichen Hindernisse für deren Vereinbarung. 7 Nach Art. 53 WVK ist ein Vertrag nichtig, wenn er im Zeitpunkt seines Abschlusses im Widerspruch zu einer zwingenden Norm des allgemeinen Völkerrechts steht. Im Sinne dieses Übereinkommens ist eine zwingende Norm des allgemeinen Völkerrechts eine Norm, die von der internationalen Staatengemeinschaft in ihrer Gesamtheit angenommen und anerkannt wird als eine Norm, von der nicht abgewichen werden darf und die nur durch eine spätere Norm des allgemeinen Völkerrechts derselben Rechtsnatur geändert werden kann. 8 Amtsblatt der Europäischen Union C 115/13 vom , Serv_C115_ _Konsolidierte_Fassung_Vertrag_von_Lissabon.pdf (letzter Zugriff ). 9 Zum aktuellen Stand der Ratifikationen siehe die Angaben des Vertragsbüros des Europarates, (letzter Zugriff ). 10 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution der Generalversammlung, A/RES/217 A (III), 10.Dezember 1948, (letzter Zugriff ). 11 Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, (letzter Zugriff ). 12 A.a.O.
6 Seite 6 4. Dienstleistungsfreiheit der Europäischen Union Die grundsätzliche rechtliche Möglichkeit der Vereinbarung einer TTIP-Gebührenordnung scheitert nicht an EU-rechtlichen Vorgaben. Solange die konkreten Inhalte einer hypothetischen TTIP- Gebührenordnung nicht gegen die Dienstleistungsfreiheit im Sinne von Art. 56 ff. der Konsolidierten Fassung des Vertrages über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) 13 bzw. gegen die Dienstleistungsrichtlinie 14 verstießen 15, wofür es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei Anhaltspunkte gibt, sprächen aus EU-rechtlicher Sicht keine rechtlichen Gründe gegen eine entsprechende Vereinbarung. Matthias Reuß 13 Fundstelle siehe Fn Richtlinie 2006/123/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. Dezember 2006 über Dienstleistungen im Binnenmarkt, Amtsblatt der EU L 376/36 vom , Serv.do?uri=OJ:L:2006:376:0036:0068:de:PDF (letzter Zugriff ). 15 Zur Auslegung des Beschränkungsverbotes im Dienstleistungshandel siehe im Einzelnen Peter-Christian Müller-Graff, AEUV Art. 56, Rz. 70 ff., in: Rudolf Streinz (Hrsg.), EUV/AEUV Kommentar, 2. Auflage, München 2012.