Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/kindergeld-anspruchsberechtigung-mutter-3112997
Timestamp: 2020-01-22 14:13:31
Document Index: 290221264

Matched Legal Cases: ['§ 62', 'Art. 67', 'Art. 60', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 3', 'Art. 11', 'Art. 11', 'Art. 60', 'Art. 67', 'Art. 67', 'Art. 60', '§ 63', 'Art. 68', 'Art. 60', 'Art. 67', 'EuG', 'Art. 60', 'Art. 1', '§ 62', '§ 64', 'Art. 60', 'Art. 60']

Kin­der­geld – und die grenz­über­schrei­ten­de Anspruchs­be­rech­ti­gung der geschie­de­nen Mut­ter | Rechtslupe
Kindergeld - und die grenzüberschreitende Anspruchsberechtigung der geschiedenen Mutter
Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof Streit­fall ergibt sich die Anspruchs­be­rech­ti­gung der geschie­de­nen Ehe­frau aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG. Zwar lag der nach die­ser Vor­schrift erfor­der­li­che Inlands­wohn­sitz tat­säch­lich nicht vor. Es fin­den jedoch die Vor­schrif­ten der VO Nr. 883/​2004 und der VO Nr. 987/​2009 Anwen­dung. Dadurch wird gemäß Art. 67 der VO Nr. 883/​2004 i.V.m. Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ein Inlands­wohn­sitz der geschie­de­nen Ehe­frau fin­giert. Zudem erfüll­te die­se auch die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für eine vor­ran­gi­ge Anspruchs­be­rech­ti­gung.
Der Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 883/​2004 war im hier ent­schie­de­nen Streit­fall eröff­net und Deutsch­land ist der zustän­di­ge Mit­glied­staat:
Der Vaters ist pol­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger und fällt damit nach Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 in deren per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich. Das Kin­der­geld ist eine Fami­li­en­leis­tung i.S. des Art. 1 Buchst. z der VO Nr. 883/​2004, wes­halb auch der sach­li­che Anwen­dungs­be­reich eröff­net ist (Art. 3 Abs. 1 Buchst. j der VO Nr. 883/​2004).
Gemäß Art. 11 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 unter­lie­gen die von der Ver­ord­nung erfass­ten Per­so­nen den Rechts­vor­schrif­ten nur eines Mit­glied­staats. Da der Vaters in Deutsch­land selb­stän­dig erwerbs­tä­tig war, unter­lag er den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten (Art. 11 Abs. 3 Buchst. a der VO Nr. 883/​2004).
Nach Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ist bei Anwen­dung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883/​2004, ins­be­son­de­re was das Recht einer Per­son zur Erhe­bung eines Leis­tungs­an­spruchs anbe­langt, die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se zu berück­sich­ti­gen, als wür­den alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats fal­len und dort woh­nen. Nach Art. 67 der VO Nr. 883/​2004 hat eine Per­son auch für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des zustän­di­gen Mit­glied­staats, als wür­den die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in die­sem Mit­glied­staat woh­nen. Danach schafft Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 eine Fik­ti­on dahin­ge­hend, dass bei Anwen­dung der Koor­di­nie­rungs­re­ge­lun­gen der Grund­ver­ord­nung die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se zu berück­sich­ti­gen ist, als wür­den alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­vor­schrif­ten des für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­gen Mit­glied­staats fal­len und dort woh­nen.
der VO Nr. 883/​2004 ist unge­ach­tet des­sen anwend­bar, dass es bereits nach natio­na­lem Recht (§ 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 3 EStG) nicht dar­auf ankommt, ob das Kind sei­nen Wohn­sitz im Inland oder in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on hat 1. Zudem ist nicht erheb­lich, ob zusätz­lich eine von Art. 68 der VO Nr. 883/​2004 erfass­te Kon­kur­renz­si­tua­ti­on gege­ben ist, denn Art. 60 der VO Nr. 987/​2009 fin­det bereits über Art. 67 der VO Nr. 883/​2004 Anwen­dung. Ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Vaterss ist auch nicht von Bedeu­tung, dass wegen des Feh­lens eines Anspruchs auf pol­ni­sche Fami­li­en­leis­tun­gen kei­ne Anspruchs­kon­kur­renz gege­ben ist. Auch in dem Fall, wel­cher dem EuGH, Urteil in DSt­RE 2015, 1501 zugrun­de lag, hat­te die in Polen leben­de geschie­de­ne Ehe­frau kei­nen Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach pol­ni­schem Recht.
Zu den "betei­lig­ten Per­so­nen" i.S. des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 gehö­ren die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen i.S. des Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i der VO Nr. 883/​2004. Da das Kin­der­geld­recht nach dem EStG den Begriff des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen weder ver­wen­det noch defi­niert, sind hier­un­ter neben den Eltern­tei­len und dem Kind auch alle Per­so­nen zu ver­ste­hen, die nach natio­na­lem Recht berech­tigt sind, Anspruch auf die­se Leis­tun­gen zu erhe­ben 1. Daher wer­den von die­sem Begriff auch nicht ver­hei­ra­te­te, getrennt leben­de Eltern umfasst.
Die geschie­de­ne Ehe­frau erfüll­te neben dem Wohn­sit­zer­for­der­nis nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG auch die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für einen vor­ran­gi­gen Kin­der­geld­an­spruch. Ein vor­ran­gi­ger Anspruch des Vaterss ergibt sich nicht aus § 64 Abs. 2 Satz 2 EStG. Denn die Anwen­dung die­ser Bestim­mung wür­de einen gemein­sa­men Haus­halt der Eltern vor­aus­set­zen. Es bestand jedoch kein gemein­sa­mer Haus­halt, der zur vor­ran­gi­gen Anspruchs­be­rech­ti­gung des Vaterss hät­te füh­ren kön­nen. Ein gemein­sa­mer Haus­halt folgt auch nicht aus der Fik­ti­ons­wir­kung des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009. Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt leb­ten der Vaters und die geschie­de­ne Ehe­frau dau­ernd getrennt und unter­hiel­ten in Polen kei­nen gemein­sa­men Haus­halt. Am Feh­len eines gemein­sa­men Haus­halts ändert sich somit auch dann nichts, wenn man fin­giert, dass sich der Haus­halt der geschie­de­nen Ehe­frau in Deutsch­land befand.
Nimmt eine Per­son, die berech­tigt ist, Anspruch auf Leis­tun­gen zu erhe­ben, die­ses Recht nicht wahr, berück­sich­tigt nach Art. 60 Abs. 1 Satz 3 der VO Nr. 987/​2009 der zustän­di­ge Trä­ger des Mit­glied­staats, des­sen Rechts­vor­schrif­ten anzu­wen­den sind (hier: Deutsch­land), einen Antrag auf Fami­li­en­leis­tun­gen, der von dem ande­ren Eltern­teil gestellt wird. Der Anspruch auf Kin­der­geld muss­te dem Vaters daher nicht wegen der feh­len­den Antrag­stel­lung der Kinds­mut­ter zuer­kannt wer­den. Viel­mehr reicht es aus, dass der Vaters einen Antrag auf Kin­der­geld gestellt hat. Die­sen hat­te die deut­sche Fami­li­en­kas­se als sol­chen zuguns­ten der Kinds­mut­ter zu berück­sich­ti­gen.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 13. April 2016 – III R 7/​13