Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/beamtenrecht/rueckforderung-von-beihilfeleistungen-374623
Timestamp: 2020-08-09 11:24:03
Document Index: 352266376

Matched Legal Cases: ['§ 87', '§ 819', '§ 87', '§ 87', '§ 14', '§ 87']

Rückforderung von Beihilfeleistungen | Rechtslupe
Über­zahl­te Bei­hil­fe­leis­tun­gen, die dar­auf beru­hen, dass Bei­hil­fe­an­trä­ge unvoll­stän­dig aus­ge­füllt wor­den sind (hier: Nicht­be­ant­wor­tung der Fra­ge, ob und gege­be­nen­falls in wel­cher Höhe ein Zuschuss zum Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trag gewährt wird), kön­nen zurück­ge­for­dert wer­den. Der Beam­te kann sich gegen­über der Rück­for­de­rung auch nicht auf den Weg­fall der Berei­che­rung beru­fen, weil er gemäß § 87 Satz 2 NBG i. V. m. § 819 Abs. 1 BGB und § 87 Satz 3 NBG der ver­schärf­ten Haf­tung unter­liegt.
Nach § 87 Satz 3 NBG kann der Emp­fän­ger einer Geld­leis­tung den Ein­wand der Ent­rei­che­rung dann nicht gel­tend machen, wenn der Man­gel des recht­li­chen Grun­des so offen­sicht­lich war, dass er ihn hät­te erken­nen müs­sen. Der Emp­fän­ger muss mit­hin die im Ver­kehr erfor­der­li­che Sorg­falt in unge­wöhn­lich hohem Maße außer Acht gelas­sen haben [1].
Nach die­sen Maß­ga­ben trifft den Beam­ten im vor­lie­gend vom Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Lüne­burg ent­schie­de­nen Fall eine der­ar­ti­ge Sorg­falts­pflicht­ver­let­zung. Zu den über­zahl­ten Bei­hil­fe­leis­tun­gen ist es gekom­men, weil der Beam­te in den 29 Bei­hil­fe­an­trä­gen, die zu den 29 feh­ler­haf­ten Bei­hil­fe­be­schei­den geführt haben, unvoll­stän­di­ge Anga­ben gemacht hat. Denn der Beam­te hat die Fra­ge, ob und gege­be­nen­falls in wel­cher Höhe er einen Zuschuss zum Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trag erhal­te, jeweils nicht beant­wor­tet. Dies kann auch als indi­rek­te Ver­nei­nung der Fra­ge gewür­digt wer­den [2]. Der Beam­te hat es nicht etwa ver­se­hent­lich unter­las­sen, die Fra­ge zu beant­wor­ten; ihm war viel­mehr – wie er in der Zulas­sungs­be­grün­dung vom 10.01.2014 vor­ge­tra­gen hat – „zwei­fels­oh­ne bekannt“, dass er die For­mu­la­re nicht voll­stän­dig aus­ge­füllt hat­te. Trotz die­ses bewuss­ten Unter­las­sens hat er am Ende der Bei­hil­fe­an­trä­ge jeweils wahr­heits­wid­rig die Voll­stän­dig­keit und Rich­tig­keit sei­ner Anga­ben ver­si­chert. Eine sol­che Ver­hal­tens­wei­se führt zwei­fels­frei zur Beja­hung einer Sorg­falts­pflicht­ver­let­zung in dem dar­ge­stell­ten Sin­ne und der ver­schärf­ten Haf­tung [3].
Es kommt dem­ge­gen­über nicht dar­auf an, ob ihm die Vor­schrift des § 14 Abs. 5 BhV, nach der sich bei dem Erhalt eines Zuschus­ses zur Kran­ken­ver­si­che­rung in Höhe von min­des­tens 41 EUR monat­lich der Bei­hil­fe­be­mes­sungs­satz um 20 Pro­zent ermä­ßigt, bekannt war. Es ist auch nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob das Ver­wal­tungs­ge­richt in einer ergän­zen­den Erwä­gung, die das Urteil nicht allein selb­stän­dig trägt, zu Recht ange­nom­men hat, dass in der Beam­ten­schaft all­ge­mein bekannt ist, dass der Bei­hil­fe­be­mes­sungs­satz von der Höhe eines Zuschus­ses zur Kran­ken­ver­si­che­rung abhängt. Für die Beja­hung einer Sorg­falts­pflicht­ver­let­zung in dem dar­ge­stell­ten Sin­ne und der ver­schärf­ten Haf­tung ist viel­mehr aus­schlag­ge­bend, dass der Beam­te die Bei­hil­fe­an­trä­ge absicht­lich unvoll­stän­dig aus­ge­füllt hat.
Der Beam­te kann dem Vor­wurf, eine Sorg­falts­pflicht­ver­let­zung in dem dar­ge­stell­ten Sin­ne began­gen zu haben, nicht mit Erfolg ent­ge­gen­hal­ten, die Bei­hil­fe­stel­le hät­te die unbe­ant­wor­tet gelas­se­ne Fra­ge zum Erhalt eines Kran­ken­ver­si­che­rungs­bei­trags zum Anlass neh­men müs­sen, eine voll­stän­di­ge Antrags­aus­fül­lung anzu­mah­nen. Die mit die­sem Vor­brin­gen zum Aus­druck gebrach­te Erwar­tungs­hal­tung des Beam­ten ver­kennt die Auf­ga­ben­ver­tei­lung zwi­schen der Behör­de und dem zur Mit­wir­kung ver­pflich­te­ten (Ruhe­stands-) Beam­ten [4]. Eine ande­re Wür­di­gung wäre in Betracht zu zie­hen, wenn der Beam­te in den Bei­hil­fe­an­trä­gen durch eine Anmer­kung oder eine Fra­ge deut­lich zum Aus­druck gebracht hät­te, dass ihm die Beant­wor­tung der Fra­ge Schwie­rig­kei­ten berei­tet [5]. Das hat er jedoch nicht getan, son­dern die Fra­ge ohne jeden Zusatz schlicht unbe­ant­wor­tet gelas­sen. Eine Ver­pflich­tung der Bei­hil­fe­stel­le, den Beam­ten über den Sinn der nicht beant­wor­te­ten Fra­ge zu infor­mie­ren, ist durch das Ver­hal­ten des Beam­ten nicht aus­ge­löst wor­den [6].
Bil­lig­keits­ent­schei­dung
Gemäß § 87 Satz 4 NBG kann von der Rück­for­de­rung aus Bil­lig­keits­grün­den mit Zustim­mung der obers­ten Dienst­be­hör­de oder der von ihr bestimm­ten Stel­le ganz oder teil­wei­se abge­se­hen wer­den. Die inso­fern zu tref­fen­de Bil­lig­keits­ent­schei­dung bezweckt, eine allen Umstän­den des Ein­zel­fal­les gerecht wer­den­de, für die Behör­de zumut­ba­re und für den Besol­dungs­emp­fän­ger trag­ba­re Lösung zu ermög­li­chen, bei der auch Alter, Leis­tungs­fä­hig­keit und sons­ti­ge Lebens­ver­hält­nis­se des Her­aus­ga­be­pflich­ti­gen eine maß­ge­ben­de Rol­le spie­len. Sie ist Aus­druck des auch im öffent­li­chen Recht gel­ten­den Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben und stellt eine sinn­vol­le Ergän­zung des ohne­hin von dem glei­chen Grund­satz gepräg­ten Rechts der unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung dar, so dass sie vor allem in Fäl­len der ver­schärf­ten Haf­tung von Bedeu­tung ist. Dabei ist jedoch nicht die gesam­te Rechts­be­zie­hung, aus wel­cher der Berei­che­rungs­an­spruch erwächst, noch­mals unter dem Gesichts­punkt von Treu und Glau­ben zu wür­di­gen, son­dern auf das kon­kre­te Rück­for­de­rungs­be­geh­ren und vor allem auf die Moda­li­tä­ten der Rück­ab­wick­lung und ihre Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­um­stän­de des Besol­dungs­emp­fän­gers abzu­stel­len [7].
Bei der Bil­lig­keits­ent­schei­dung ist von beson­de­rer Bedeu­tung, wes­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die Über­zah­lung zuzu­ord­nen ist und in wel­chem Maße ein Ver­schul­den oder Mit­ver­schul­den hier­für ursäch­lich war. Ein Mit­ver­schul­den der Behör­de an der Über­zah­lung ist in die Ermes­sens­ent­schei­dung ein­zu­be­zie­hen. Des­halb ist aus Grün­den der Bil­lig­keit in der Regel von der Rück­for­de­rung teil­wei­se abzu­se­hen, wenn der Grund für die Über­zah­lung in der über­wie­gen­den behörd­li­chen Ver­ant­wor­tung liegt. Das ist auch unter Gleich­heits­ge­sichts­punk­ten gebo­ten. Der Besol­dungs­emp­fän­ger, der nur einen unter­ge­ord­ne­ten Ver­ur­sa­chungs­bei­trag für die Über­zah­lung gesetzt hat, muss bes­ser ste­hen als der Besol­dungs­emp­fän­ger, der die Über­zah­lung allein zu ver­ant­wor­ten hat. Ange­sichts des­sen erscheint ein Abse­hen von der Rück­for­de­rung in der Grö­ßen­ord­nung von 30 Pro­zent des über­zahl­ten Betra­ges im Regel­fall ange­mes­sen. Bei Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Umstän­de, etwa beson­de­rer wirt­schaft­li­cher Pro­ble­me des Besol­dungs­emp­fän­gers, kann auch eine dar­über hin­aus­ge­hen­de Ermä­ßi­gung des Rück­for­de­rungs­be­tra­ges in Betracht kom­men. Außer­dem ent­spricht es in der Regel der Bil­lig­keit, bei wie­der­keh­ren­den Über­zah­lun­gen in jeweils gerin­ger Höhe über einen län­ge­ren Zeit­raum Raten­zah­lun­gen ein­zu­räu­men, die dem Über­zah­lungs­zeit­raum ent­spre­chen. Die Fest­le­gun­gen sind im Bescheid zu tref­fen; eine blo­ße Bereit­schaft, spä­ter Raten­zah­lun­gen zu ver­ein­ba­ren, genügt nicht. Der Bil­lig­keit ent­spricht es, dass sich Dienst­herr und Besol­dungs­emp­fän­ger über die Moda­li­tä­ten der Rück­zah­lung zu ver­stän­di­gen suchen [8].
Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 03. März 2014 – 5 LA 286/​13
vgl. BVerwG, Urteil vom 25.11.1985 – BVerwG 6 C 37.8325; Nds. OVG, Beschluss vom 24.07.2013 – 5 LB 85/​1327[↩]
vgl. Bay. VGH, Urteil vom 16.04.1998 – 3 B 95.39205[↩]
vgl. zu ähn­li­chen Fall­kon­stel­la­tio­nen auch Bay. VGH, Urteil vom 16.04.1998, a. a. O.; Urteil vom 24.04.2001 – 3 B 97.87[↩]
vgl. eben­so Bay. VGH, Urteil vom 24.04.2001, a. a. O., Rn 13[↩]
vgl. Bay. VGH, Urteil vom 24.04.2001, a. a. O., Rn 13[↩]
vgl. zur Infor­ma­ti­ons- und Hin­weis­pflicht des Dienst­herrn: BVerwG, Urteil vom 21.09.2006 – 2 C 6.0617; Nds. OVG, Beschluss vom 07.08.2013 – 5 LA 291/​1223; Urteil vom 11.02.2014 – 5 LB 72/​13[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 15.1024; Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.1118, bei­de m. w. N.; vgl. eben­so Nds. OVG, Beschluss vom 26.09.2012 – 5 LA 233/​119; Beschluss vom 24.07.2013, a. a. O., Rn 34; Beschluss vom 29.07.2013 – 5 LA 275/​1226; Beschluss vom 06.08.2013 – 5 LA 82/​13[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 15.10, a. a. O., Rn. 25 ff.; Urteil vom 26.04.2012 – BVerwG 2 C 4.11, a. a. O., Rn.19 ff.; Nds. OVG, Beschluss vom 06.08.2013 – 5 LA 82/​13[↩]