Source: https://www.ebnerstolz.de/de/zur-nachtraeglichen-anrechnung-von-kindergeld-285908.html
Timestamp: 2019-11-22 20:39:50
Document Index: 139161435

Matched Legal Cases: ['§ 70', '§ 62', 'Art. 68', 'Art. 60', 'Art. 68', 'Art. 68', '§ 70', '§ 175']

Zur nachträglichen Anrechnung von Kindergeld - Ebner Stolz
Zur nachträglichen Anrechnung von Kindergeld
Niedersächsisches FG v. 29.10.2018 - 2 K 277/17
Strei­tig ist zwi­schen den Betei­lig­ten die teil­weise Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung für die im Jahr 1998 gebo­re­nen Kin­der des Klä­gers, A und B, sowie die hier­mit ver­bun­dene Rück­for­de­rung von Kin­der­geld durch die beklagte Fami­li­en­kasse i.H.v. ins­ge­s­amt rd. 9.000 € für die Zei­träume Januar 2012 bis Dezem­ber 2014 und Januar 2015 bis Januar 2016. Der Klä­ger wohnt - und wohnte auch wäh­rend des strei­ti­gen Zei­traums - mit sei­ner Ehe­frau und den gemein­sa­men Kin­dern in Z. Für seine Kin­der A und B bezog der Klä­ger seit dem Jahr 1998 Kin­der­geld in Deut­sch­land. Im Jahr 2000 nahm der Klä­ger eine Tätig­keit als Arbeit­neh­mer in den Nie­der­lan­den auf. Die Ehe­frau des Klä­gers bezog eine Rente und war im Streit­zei­traum in gering­fü­g­i­gem Umfang gewerb­lich tätig.
Nach­dem die Kin­der das 18. Lebens­jahr erreicht hat­ten und der Klä­ger im Februar 2016 (neu­er­lich) Kin­der­geld für seine in der Schu­l­aus­bil­dung befind­li­chen Kin­der bean­tragte, prüfte die Fami­li­en­kasse auf­grund der - ihr gegen­über erst­mals erfolg­ten - Angabe des Klä­gers zu sei­ner Beruf­s­tä­tig­keit in den Nie­der­lan­den, ob der Klä­ger für die in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Zei­träume kin­der­geld­be­rech­tigt war. Dazu holte die Fami­li­en­kasse auch Aus­künfte bei der zustän­di­gen nie­der­län­di­schen Trä­ge­rin (SVB Y) ein. Eine Wei­ter­lei­tung des von dem Klä­ger 2016 bei der Beklag­ten ein­ge­reich­ten Kin­der­geld­an­trags an die SVB Y durch die Fami­li­en­kasse ist aus der elek­tro­ni­schen Kin­der­geld­akte nicht ersicht­lich.
Die Fami­li­en­kasse hob die Kin­der­geld­fest­set­zung gem. § 70 Abs. 2 EStG für den Zei­traum Januar 2011 bis Dezem­ber 2014 (ins­ge­s­amt rd. 9.000 €) und für den Zei­traum Januar 2015 bis Januar 2016 (ins­ge­s­amt rd. 2.500 €) auf. Diese Beträge for­derte die Fami­li­en­kasse von dem Klä­ger zurück, wies jedoch dar­auf hin, dass eine Zah­lung des auf den Zei­traum Januar 2015 bis Januar 2016 noch nicht erfor­der­lich sei, da inso­weit der aus­län­di­sche (d.h. nie­der­län­di­sche) Trä­ger um Erstat­tung gebe­ten wor­den sei. Zudem setzte die Fami­li­en­kasse ab April 2016 wie­der vol­les Kin­der­geld für A und B in gesetz­li­cher Höhe fest, da in den Nie­der­lan­den nur bis zur Vol­l­en­dung des 18. Lebens­jahrs, vor­lie­gend mit­hin für das erste Quar­tal 2016 Kin­der­geld gezahlt wurde. Wei­ter­hin hob die Fami­li­en­kasse die Kin­der­geld­fest­set­zung für A und B ab dem Monat August 2016 auf mit Ver­weis auf das Ende der Schu­l­aus­bil­dun­gen bei­der Kin­der.
Das FG gab der hier­ge­gen gerich­te­ten Klage teil­weise statt. Die beim BFH anhän­gige Revi­sion wird dort unter dem Az. III R 73/18 geführt.
Die zuläs­sige Klage ist begrün­det, soweit sie die Auf­he­bung und Rück­for­de­rung fest­ge­setz­ten Kin­der­gel­des für den Zei­traum Januar 2012 bis Dezem­ber 2014 betrifft. Die teil­weise Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung für den Zei­traum ab Januar 2015 (bis ein­sch­ließ­lich März 2016) und die damit ver­bun­dene Rück­for­de­rung des antei­li­gen Kin­der­gel­des von Januar 2015 bis ein­sch­ließ­lich Januar 2016 in der Höhe, in der der Klä­ger für die­sen Zei­traum Kin­der­geld in den Nie­der­lan­den bezo­gen hat, ist dem­ge­gen­über zu Recht erfolgt.
Der in Deut­sch­land woh­nende Klä­ger erfüllt in Bezug auf seine bei­den im Streit­zei­traum noch min­der­jäh­ri­gen Kin­der die natio­nal­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Gewäh­rung von Kin­der­geld (§§ 62 Abs. 1 Nr. 1, 63 Abs. 1, 64 Abs. 2 Satz 2 EStG). Sind für den­sel­ben Zei­traum und für die­sel­ben Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen Leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten meh­re­rer Mit­g­lied­staa­ten zu gewäh­ren, gilt Art. 68 Abs. 1 der VO Nr. 883/2004. Die Vor­schrift unter­schei­det den vor­ran­gig zustän­di­gen Staat, der ohne Wei­te­res unein­ge­schränkt Kin­der­geld zu gewäh­ren hat (Art. 60 Abs. 2 der VO Nr. 987/2009; vgl. auch DA 214.2 Abs. 4, 214.5), vom nachran­gig zustän­di­gen Staat, in dem die Ansprüche auf Fami­li­en­leis­tun­gen aus­ge­setzt wer­den und zwar bis zur Höhe der vom vor­ran­gig zustän­di­gen Staat vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen (Art. 68 Abs. 2 der VO Nr. 883/2004).
Hat der Kin­der­geld­be­rech­tigte für den­sel­ben Zei­traum in Deut­sch­land Kin­der­geld und im ande­ren Staat eine Fami­li­en­för­de­rung infolge eines dort selbst ges­tell­ten Antrags erhal­ten und ist die Aus­zah­lung der Fami­li­en­för­de­rung im ande­ren Staat nicht auf­grund des in Art. 68 Abs. 3 der VO Nr. 883/2004 vor­ge­schrie­ben Ver­fah­rens erfolgt, kommt eine nach­träg­li­che Anrech­nung der im ande­ren Staat gezahl­ten Fami­li­en­för­de­rung nach § 70 Abs. 2 EStG oder § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO in Betracht.
24.05.2019 nach oben