Source: http://humangenetik-behinderung.de/informationen%20zur%20humangenetik.htm
Timestamp: 2018-02-25 21:38:47
Document Index: 281504005

Matched Legal Cases: ['Art.1', 'Art. 2', 'Art.1', 'Art.1', 'Art.1', 'Art. 1', '§ 10', 'Art.1', 'Art.2', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art.1', 'Art.2', 'Art. 3', 'Art.3', 'Art.1', 'Art.2', 'Art.3', 'Art. 3']

Humangenetik & Behinderung - Informationen zur Situation in derHhumangenetik
Informationen zur politischen, biologischen und rechtlichen Situation in der Humangenetik
[Aktualisierte und erweiterte Version eines Beitrags für Retina aktuell, 94 / 4-2004 und den beiden folgenden Ausgaben. Stand: Februar 2005 Quartalsschrift der Pro Retina Deutschland e.V. Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen, d.h. sehbehinderter und blinder Menschen ]
1. Informationen zur biopolitischen Lage
1.1 Bundeswirtschaftsminister Clement
1.2 Bundesjustizministerin Zypries
1.3 Absicht der Bundesregierung
1.4 Europäische Gerichtshof
1.5 therapeutisches Klonen Newcastle University
1.6 Deutsche Nationale Ethikrat
2. Unterschiedliche Positionen zum Beginn von Lebensschutz und Würdeschutz
2.1 Zum Verständnis von „Menschenwürde“
2.2 Personsein und Würdeschutz ab vollzogener Kernverschmelzung
2.3 Theorien, die spätere Zeitpunkte vertreten
3. Embryonale oder adulte Stammzellen?
4. Das Problem der Abwägung von Grundrechten
Grundgesetz Art.1 - 3
Biopolitische Nachrichten in der Presse und in den Publikationen von Fachorganen lassen die Frage nach dem Beginn menschlicher Existenz nicht verstummen, sondern fordern immer wieder eine Prüfung der neuen Situation heraus. Man fragt sich: warum noch immer diese seit Jahren anhaltende, oft kontrovers geführte Diskussion? Die Antwort ist einerseits einfach: weil die Problematik durch die ständigen Fortschritte in der Forschung biopolitisch und ethisch hochaktuell und oft auch brisant bleibt; andererseits ist sie schwierig, weil es sich um außerordentlich komplexe und differenzierte Probleme im Bereich mehrerer Wissenschaften handelt, die zudem ständig neue Aspekte, Probleme oder Teilprobleme mit sich bringen.
Die nachfolgende Übersicht kann und soll in diesem Zusammenhang nicht in einer differenzierten, sondern in einer komprimierten Form dargestellt werden. Sie ist nicht für Fachleute gedacht, sondern vor allem für interessierte Menschen wie auch für jene, die von einer genetisch bedingten Krankheit oder Behinderung betroffen sind und sich informieren wollen. Die Frage nach dem Zeitpunkt des Beginns von Menschsein stellt sich nicht nur humanbiologischen Forschern, sondern auch Ethikern und Verfassungsrechtlern: braucht man embryonale Stammzellforschung oder gibt es auch andere Forschungsmöglichkeiten? Und wie werden sie ethisch und verfassungsrechtlich beurteilt?
Der Bioinformatiker Jens Reich formuliert es so: „Es ist aus biologischer Sicht schwer, den einen Zeitpunkt festzulegen, an dem ein menschlicher Keimling eindeutig ein Mensch und damit Träger der Menschenrechte ist. Es ist dies also eine Entscheidung, die jeder für sich und eine Gesellschaft als Ganzes treffen muss und die stark von den Nöten, Bedürfnissen und religiösen Überzeugungen des Einzelnen abhängt“ 1. Diese Sachinformationen wollen zur Möglichkeit einer persönlichen ethischen Entscheidung beitragen. seitenanfang zur Startseite
1. Informationen zur biopolitischen Situation
1.1 Bundeswirtschaftsminister Clement hat Pressemeldungen zufolge „verlangt, das die geltenden gesetzlichen Grenzen für den Embryonenschutz zugunsten der Forschung aufge geben werden“ 2. Stammzellengewinnung setzt bekanntlich die Vernichtung der Embryonen voraus; sie ist durch das Embryonenschutzgesetz verboten. Sicherlich ist den Forschungsmöglichkeiten in der Bundesrepublik damit eine Grenze gesetzt zum Schutz der Embryonen. Es ist aber auch bekannt, dass in der Bioindustrie hohe Summen im Spiel sind, weil ein guter Forschungsstandort auch zugleich ein guter Wirtschaftsstandort ist. Das gibt daher Grund zu der Annahme, dass es bei solchen Forderungen, zumal von einem Wirtschaftsminister, nicht nur um die Forschung geht.
Ein Hinweis findet sich in einer Publikation aus dem Jahre 2001. Fuchs 3 stellt in ihrem Buch fest: „Am Gesamtmarkt biotechnologischer Produkte nimmt der Bereich „Gesundheit und Pharma“ den Löwenanteil ein. Er wuchs weltweit von ca. 550 Millionen Dollar im Jahre 1987 auf ca. 13 Milliarden Dollar 1995 und ist seither weiter expandiert.“ Das bedeutet in acht Jahren eine rund 24-fache Steigerung. Inzwischen sind weitere neun Jahre ins Land gegangen, in denen die Forschung große Fortschritte gemacht hat und weitere anstrebt, auch mit ökonomischen ‚Nebenwirkungen’.
Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (DFA) berichtet für 2001, dass von 80 gentechnisch hergestellten, in Deutschland zugelassenen Medikamenten nur ein Bruchteil auch hierzulande hergestellt werde. In einem Biotechnikreport der Beratungsgesellschaft Ernst & Young 4 heißt es, im Vergleich der Jahre 1999 und 2000 habe sich der Umsatz der Biotechunternehmen in Deutschland von 0,52 auf 0,79 Milliarden Euro gesteigert, in Großbritannien von 0,54 auf 2,07 und in USA von 16,10 umgerechnet auf 23,75 Milliarden Euro. Aus ökonomischer Sicht ist verständlich, dass ein Wirtschaftsminister in der strengen Gesetzgebung in Deutschland einen Hemmungsfaktor für eine stärkere bio-ökonomische Entwicklung sieht. Ob eine Lockerung der Gesetzte gesamtgesellschaftlich ein geeigneter Weg ist, steht auf einem anderen Blatt, er wirft die Frage nach den sonstigen Aus- und Nebenwirkungen auf.
In einer gemeinsamen Grundsatzerklärung der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung der Länder Deutschland, Österreich, Schweiz und Südtirol 5 heißt es zu den Forderungen nach einer internationalen oder einer europäischen Regelung der Biomedizin: „Diese Forderungen sind stark von der Absicht getragen, mit einer rechtlichen Vereinheitlichung den Bedürfnissen eines europäischen Forschungsraumes Rechnung zu tragen und die Wettbewerbsfähigkeit gentechnologischer und biomedizinischer Industrien zu garantieren. Es besteht die große Gefahr, dass notwendige Überlegungen und Forderungen dabei ins Abseits geraten“.
1.2 Ein weiterer Aspekt sind zwei Aussagen der Bundesjustizministerin Zypries 6 in einer Rede 2003 in Berlin. Zum Einen äußerte sie die Meinung, dass es aufgrund eines Gesetzesvorbehaltes im Art. 2 Grundgesetzt (GG) möglich sei, „den Schutz des Lebens abzustufen, ihn mit fortschreitender Verkörperung anwachsen“ zu lassen. Das würde eine erhebliche Schwächung des Embryonenschutzes bedeuten (vgl. 2.2.4). Zweitens stellte sie die Frage, ob der künstlich („in vitro“) erzeugte Embryo ebenso Menschenwürde habe wie der auf natürliche Weise („in vivo“) gezeugte Embryo. Sie äußerte die Meinung, der künstlich erzeugte Embryo habe „lediglich die Perspektive“, ein Wesen mit Menschenwürde zu werden, dieses „Potential“ genüge aber nicht für die „Zuerkennung der Menschenwürde“ des Embryos. Die von ihr verwendeten Begriffe stellen ein sachliches und sprachliches Durcheinander dar, das zu Missverständnissen führen kann: „Perspektive“ ist lediglich eine Aussicht, hier: sich als Mensch zu entwickeln, „Potential“ hingegen ist die reale Fähigkeit des Embryos zur Steuerung seiner Entwicklung. Beide Aussagen der Ministerin werfen notwendiger Weise die Frage auf, wann denn nun menschliches Leben beginnt, und vor allem, ab wann es unter dem Würdeschutz des Art.1 GG steht. Es deuten sich hier Unterscheidungen an, die einen Freiraum für Fremdverfügung (zum Beispiel Forschung) ermöglichen, wenn der Beginn des Würdeschutzes nicht auf die Kernverschmelzung, sondern auf einen späteren Zeitpunkt gelegt wird.
1.3 Ein dritter Aspekt ist die in den ersten Junitagen 2004 durch die Presse bekannt gewordene Absicht der Bundesregierung, die Abgabe der „Pille danach“ (Verhinderung der Nidation nach abgeschlossener Kernverschmelzung) rezeptfrei zu stellen. Unabhängig von den damit verbundenen gesundheitlichen Schäden für die Frau wird die Freistellung unterschiedlich interpretiert. Einerseits sieht man darin eine Form der Frühestabtreibung, andererseits sei dies eine „nachträgliche Schwangerschaftsverhütung, um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern, wenn bei der Verhütung etwas schiefgegangen ist“ 7. Das ist eine Sichtweise, die darauf schließen lässt, dass die Kernverschmelzung nicht als Lebensbeginn angesehen wird, sondern erst die Nidation: wenn schon die Verhütung der Kernverschmelzung nicht gelungen ist, soll durch „nachträgliche Verhütung“ die Einnistung des Keimlings verhindert werden. Eine doppelte Verhütungsabsicherung.
1.4 Kürzlichen Meldungen der Medien zufolge hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dem Embryo oder Fötus kein in einem europäischen Gesetz verankertes Recht auf Leben zuerkannt, dafür seien die Rechtslagen in den Mitgliedstaaten zu unterschiedlich. Die Entscheidung sei jedem Mitgliedsstaat selbst vorbehalten. Das heißt: einen allgemeinen und eindeutigen Standpunkt in dieser Grundfrage gibt es in Europa nicht. Es gibt ihn auch in der deutschen Gesellschaft nicht, weil verschiedene Positionen und Theorien vertreten werden, sowohl von Naturwissenschaftlern als auch von Rechtswissenschaftlern (vgl. dazu 2.2 und 4).
1.5 Ob diese Entscheidung in Verbindung zu sehen ist mit der Freigabe des therapeutischen Klonens Mitte August 2004 in Großbritannien (für die Newcastle University), kann allenfalls vermutet werden. Doch ist mit dieser Freigabe eine Grenze überschritten worden, die bislang weithin als tabu galt. Geklonte Embryonen müssen, so die Meldungen, getötet werden, bevor sie zwei Wochen alt sind, es gehe nur um die Gewinnung von Stammzellen. In diesem Zusammenhang wird vom „Menschenmaterial“ oder „menschlichem Ersatzteillager“ gesprochen. Seit längerem ist bekannt, dass in Südkorea therapeutisches Klonen erlaubt ist und praktiziert wird.
1.6 Der Deutsche Nationale Ethikrat erwägt neueren Pressemeldungen zufolge ebenfalls eine Lockerung des bislang strikten Klonverbotes. Ein Mitglied der Bundestags-Enquete- Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ (Hüppe) sagte allerdings, für das
Klonen seien weder überzeugende Argumente noch Mehrheiten für eine Kehrtwende zu erkennen. Der Vorsitzende dieser Enquete-Kommission, Röspel, empfahl, sich auf die Forschung mit den ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen zu konzentrieren 8.
Die Kernfrage all dieser biologischen Vorhaben oder Neuerungen ist die Einstellung zum
Beginn des Menschseins und des Würdeschutzes. Angesichts der biopolitischen Sachlage scheint es sinnvoll zu sein, die hauptsächlich vertretenen Positionen zu dieser Kernfrage in einer zusammenfassenden Übersicht (so kurz wie bei einer so komplexen Problematik möglich) darstellen.
Die nachfolgende ‚Aufzählung’ ist sowohl insgesamt als auch in den genannten Standpunkten vereinfacht dargestellt. Sie ist nicht, wie eingangs gesagt, für Fachleute gedacht, sondern für Laien, die zwar mit der Materie wenig oder gar nicht vertraut sind, die sich dennoch auf Grund ihrer Befindlichkeit, zumal als Menschen mit erblich bedingten Krankheiten oder Behinderungen damit auseinandersetzen müssen, um eine persönliche Einstellung, auch in der eigenen Wertschätzung, gewinnen zu können. Die Möglichkeit der Vertiefung in die Materie und damit in differenziertere Kenntnis steht immer offen.
Bevor wir uns mit diesem Problemkreis eingehender befassen, müsste zum besseren Verständnis der wissenschaftlichen Diskussion auf einen Punkt hingewiesen werden. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch ist oft nicht mehr die Rede vom Lebensbeginn und seinem Zeitpunkt. Das hat seine Gründe: niemand kann ernsthaft bezweifeln, dass biologisch ab der Kernverschmelzung menschliches Leben existiert und sich entwickelt. Ihm komme aber, wie aus manchen Texten zu entnehmen ist, noch nicht der Würdeschutz nach Art.1 GG zu, durch den der Embryo für jegliche Fremdnutzung (u.a. Forschung) nicht zur Verfügung steht. Offenbar um einen Spielraum für die Forschung zu gewinnen, trennt man darum begrifflich zwischen „Vormensch“ und „Mensch“ bzw. zwischen „Mensch“ und „Person“. Als Mensch bzw. als Vormensch gilt man danach von Anfang an, als Person erst zu einem späteren Zeitpunkt. Zur Information: Menschsein und Personsein galten bislang als identisch. Nach der neuen Sprachregelung wird dem Embryo zwar das Menschsein ab der Stunde null, der Kernverschmelzung, zugestanden, doch ohne den Würdeschutz des Art.1 GG. Den erlange er mit dem Personwerden erst später zu unterschiedlich benannten Zeitpunkten. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes unterschieden vor über 50 Jahren, als sie den Art. 1 GG formulierten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, vermutlich nicht zwischen „Mensch“ und „Person“. Der Begriff „Mensch“ galt für sie umfassend.
Wenn es um die Einstellung zum Beginn menschlichen Lebens und seines Würdeschutzes geht, lassen sich im Wesentlichen zwei Gruppen unterscheiden:
- eine, die den Embryo von der Befruchtung an als menschliche Person versteht (vgl. 2.1)
- eine zweite Gruppe, die später liegende, unterschiedliche Zeitpunkte als Beginn des Personseins versteht (vgl. 2.2).
Eine weitere Gruppe ist von den ethischen Fragen des Personseins nicht betroffen. Sie forscht und arbeitet nicht mit embryonalen, sondern mit adulten Stammzellen, die aus körpereigenen Organen erwachsener Patienten gewonnen werden (vgl. 3) und darum nicht wie bei den embryonalen Stammzellen eine Tötung voraussetzen.
Es scheint sinnvoll zu sein, zunächst einmal kurz und allgemein auf die Frage einzugehen, was man unter „Menschenwürde“ versteht. Man hört zwar öfter davon, aber man hat meist keine rechte Vorstellung, worum es sich dabei handelt. Tatsächlich gibt es keine allgemeine und jederzeit gültige Definition. Dem Philosophen Immanuel Kant zufolge ist sie der Selbstwert jedes Individuums. Menschenwürde ist der Anspruch jedes Menschen, um seiner selbst willen geachtet zu werden, einfach weil er existiert.
Sie verbietet jede erniedrigende Behandlung (darum zum Beispiel ist Folter geächtet und verboten) oder die Behandlung des Menschen als benutzbares Objekt. Menschenmissachtende Benutzung und Behandlung geschieht zum Beispiel in der Sklaverei. Es geht schlicht und einfach darum, dass der Mensch seine Würde als geistig-sittliches Wesen in sich selbst trägt und dass er nicht erst dann sinnvoll existiert, wenn er für Andere oder für irgendeinen (z.B. ökonomischen) Zweck als nützliches Mittel dient.
Im Bericht der Bundestags-Enquete-Kommission „Recht und Recht der modernen Medizin“ 9 heißt es, die Menschenwürde sei insofern voraussetzungslos, da sie mit dem Menschsein gegeben und absolut geschützt ist. Sie kann weder durch Eigenschaften oder Fähigkeiten erworben oder gesteigert werden noch kann sie durch Charaktermängel oder durch fehlerhaftes Verhalten gemindert werden oder verloren gehen. Wohl kann ein Mensch würdelos handeln, also sich nicht seiner Würde und der Anderer entsprechend verhalten – das kann übrigens kein Lebewesen außer dem Menschen, weil kein anderes Lebewesen für sein Verhalten die Verantwortung trägt, außer dem Menschen. Tiere sind instinktgesteuert. Wenn wir beispielsweise das Verhalten eines Tieres als grausam empfinden, etwa das einer Katze beim Mäusefang, hat das nichts mit Würde zu tun, sondern es entspricht ihrer Natur, sie kann nicht anders.
Vom Menschen dagegen wird erwartet, dass er sich seiner Würde und seiner geistig-sittlichen Verantwortung bewusst ist und sich entsprechend verhält. Auch Gerichtsverfahren müssen so geführt werden, dass die Würde des Angeklagten als Mensch gewahrt bleibt, er darf nicht gedemütigt werden - trotz unter Umständen schwerer Verbrechen gegen die Menschenwürde Anderer. Das einzusehen fällt manchen Menschen schwer. Vielleicht fällt es demgegenüber leichter anzuerkennen, dass der Mensch auch nach seinem Tod noch seine Würde hat. Sie findet ihren Respekt in den verschiedenen Bestattungsritualen. Absolut erniedrigend und abstoßend ist es, die Leichen, zum Beispiel von Gegnern, zu schänden, wie es auch heute noch geschieht. Auch Medien, zum Beispiel Fernsehen und Internet, gehen oft an die Grenze und auch darüber hinaus, etwa, wenn das Ermorden eines Menschen durch Köpfen oder andere Qualen dargestellt wird. Das ist würdelos! Von Kinderpornographie erst gar nicht zu reden. Die betreffenden Betreiber missachten ebenso die Würde der Kinder wie die eigene.
Die Menschenwürde ist die Grundlage des Rechtes auf Leben und findet ihren praktischen Ausdruck in den Grundrechten der Menschen. Darum ist das Lebensrecht des Menschen und vor allem seine Würde verfassungsrechtlich geschützt. Das Lebensrecht folgt aus der Menschenwürde – nicht umgekehrt.
Zur Verdeutlichung des hohen Ranges der Menschenwürde vor allen anderen (Grund-) Rechtsgütern sei ein konkreter Fall genannt, der schwere rechtliche wie menschliche Probleme aufwarf (nicht im Sachen unserer Problematik, sondern grundsätzlich). Ein hoher Polizeibeamter hatte in einem konkreten Fall die Polizisten angewiesen, dem verhafteten Entführer eines Kindes Gewalt anzudrohen, wenn er das Versteck eines entführten Kindes nicht preisgebe. Das Gericht wertete diese Anweisung als Aufforderung zur Folter. In einem Artikel von David Bartelt 10 heißt es dazu: „Der Staat darf einen wehrlosen Menschen in seinem Gewahrsam nicht zum Objekt seiner Gewalt herabwürdigen, er darf nicht foltern. Tut er es, verletzt er die Menschenwürde. Das Völkerrecht verbietet Folter unter allen Umständen“. Hier standen sich das Lebensrecht des entführten Kindes und die Menschenwürde des Entführers gegenüber, zwei sehr hohe Rechtsgüter. Der Verfasser fährt fort: „Auch wenn völkerrechtlich die Menschenwürde nicht gegen andere Rechtsgüter abgewogen (werden) darf, weil sie unverfügbar ist, so erschien der Fall als moralisches Dilemma von geradezu mythischer Dimension“ (vgl. 4).
Aus den Aussagen vieler Wissenschaftler lässt sich die Erkenntnis gewinnen, dass das menschliche Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt. Man nennt diesen Vorgang auch Empfängnis oder Befruchtung. Durch die Verschmelzung entsteht ein neuer Mensch mit eigenem Genom (Erbgut, Gesamtheit der genetischen Eigenarten), den und das es vorher noch nicht gab. Vielfach heißt es, alle Versuche, ein anderes Entwicklungsstadium für den Beginn eines personalen Lebens und damit für den Würdeschutz zu nennen, seien willkürlich. So argumentieren auch Wissenschaftler des Verfassungsrechtes (vgl. 4) wie auch der philosophischen und der theologischen Ethik.
Ab dem Zeitpunkt der Befruchtung habe der neue Mensch nicht nur sein eigenes Genom, unverwechselbar mit dem Genom jedes anderen Menschen, er habe auch seinen eigenen Stoffwechsel, also keinen gemeinsamen mit seiner Mutter. Ebenso enthalte er in sich das vollständige Programm, nach dem er sich als Mensch entwickelt. Mit anderen Worten: es ist ein völlig neues menschliches Wesen entstanden (philosophisch: ein neues Sein), das bis dahin noch nicht existiert hat. Entwicklung in diesem Sinne heißt Entfaltung des Menschseins, nicht einer Menschwerdung. Diese Position lässt konsequenter Weise keinen Unterschied zu zwischen dem auf natürlichem Wege (in vivo) gezeugtem und dem auf medizintechnischem Wege (in vitro) erzeugten Embryo – beide Male handelt es sich um ein durch Befruchtung entstandenes neues menschliches Wesen. In diesem Zusammenhang geht es nicht um die Methode, sondern um das Ergebnis.
Einer repräsentativen Umfrage 11 zufolge vertreten drei Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung diese Einstellung. Rechtlich verbindlich ist das Embryonenschutzgesetz von 1990, das die „befruchtete, entwicklungsfähige menschliche Eizelle vom Zeitpunkt der Kernverschmelzung an“ als menschliche Person betrachtet. Dieselbe Einstellung findet sich bereits vor über 200 Jahren im „Preußischen Allgemeinen Landrecht“ von 1794, das in seinem § 10.Abs.1, S1 feststellt: „Die allgemeinen Rechte des Menschen gebühren auch den noch ungebo-renen Kindern schon von der Zeit ihrer Empfängnis an“ (H.Maier 12). Es handelt sich beim Art.1 GG also keineswegs um eine gänzlich neue Schutzbestimmung.Der Begriff „Kind“ machte keinen Unterschied zwischen „Menschsein“ und Personsein“, er ist unerheblich.
„Mit der Konstitution des neuen Genoms ist der Schritt zum neuen Menschen vollzogen...Von diesem Zeitpunkt an trägt der Embryo alle unverwechselbaren Anlagen in sich, die er in einem kontinuierlichen Prozess ohne relevante Zäsuren entfalten wird, sofern er dafür die notwendige Unterstützung erhält und nicht durch gewaltsame Einwirkungen von außen an der Verwirklichung seines Entwicklungspotentials gehindert wird“ (E.Schockenhoff 13).
Gegen das Verständnis „personaler Mensch von Anfang an“ wird vor allem eingewandt, dass der Embryo ohne die Einnistung in die Gebärmutter nicht lange lebensfähig sei, er brauche zum Überleben und zu seiner weiteren Entwicklung unbedingt die Hilfe des mütterlichen Organismus. Dieser Einwand ist sachlich richtig und wurde in dem eben genannten Zitat bereits angesprochen. Er muss allerdings dahingehend ergänzt werden, dass dies nicht allein auf den Menschen zutrifft. Alle Lebewesen, auch tierische und pflanzliche, bedürfen geeigneter Umgebungsbedingungen, um sich (weiter-)entwickeln zu können – ein Samenkorn braucht die richtigen Nährstoffe im Erdreich, es braucht Feuchtigkeit und Wärme, sonst entsteht nicht die Blume, die in dem Samenkorn enthalten ist. Ebenso gilt, dass mit der Geburt des Kindes die Entwicklung nicht abgeschlossen ist, alles menschliche Leben – biologisches wie psychisches und geistiges - bedarf zur Reifung lebenslang geeigneter Umgebungsbedingungen, zwischenmenschlicher wie auch gesellschaftlicher Art.
Die Bedeutung der Festlegung des Lebensbeginns auf andere, auch unterschiedliche Entwicklungsstadien des Embryos wie etwa die Nidation oder den Ausschluss der Mehrlingsbildung oder andere liegt darin, dass deren Vertreter in der frühesten embryonalen Entwicklung bis zu dem von ihnen genannten Stadium einen Spielraum im Sinne einer Forschungsfreiheit verstehen mit durchaus hoher Motivation und Zielsetzung. Ein solcher Freiraum für die Forschung kann sich dagegen aus dem genannten Standpunkt „personales Leben von Anfang an“ nicht ergeben.
2.3.1 ab vollzogener Nidation
Die Entwicklungsbiologin und Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard 14 führt für die hohe Bedeutung der Nidation folgende Begründung an: „Das Programm des Embryos ist zwar voll-ständig, was die genetische Ausstattung betrifft. Dieses läuft aber nicht alleine bis zur Geburt ab. Es muss aktiviert und gesteuert werden. Dazu bedarf es zusätzlicher erheblicher und unersetzbarer Beiträge durch den mütterlichen Organismus, in dem der Embryo sich entwickelt. Dieser trägt Faktoren bei, die die Aktivität der Gene während der Entwicklung steuern, sowie Nährstoffe, die Wachstum und Differenzierung ermöglichen und anderes mehr. Ohne den mütterlichen Organismus kann sich die befruchtete Eizelle nur bis zu einem Bläschen aus wenig mehr als hundert menschlichen Eizellen entwickeln, dazu reichen die Faktoren in ihrem eigenen Zytoplasma aus – aber nicht weiter.“
Diese Beschreibung ist anschaulich und zeigt die unersetzliche Leistung der Mutter während der Schwangerschaft (die auf andere Weise nach der Geburt ihre Fortsetzung findet). Die Begriffe „aktiviert“ und „gesteuert“ meinen unterstützende Hilfen für etwas, das bereits existiert, eben für den Embryo.
Im mütterlichen Leib geschieht allerdings mehr als die Sorge für das körperliche Wachstum des Kindes. Anders als bei Pflanzen und vielen Tierarten ist es, der Entwicklungsbiologin zufolge, „im Falle...des Menschen denkbar, dass psychische, auch charakterbildende und prägende Einflüsse, wie sie ja zweifellos nach der Geburt des Kindes wirken, in ähnlichem Ausmaß vorgeburtlich wirken und zur Entwicklung eines gesunden Menschen unabdingbar sind“. Dies ist der frühest mögliche Sozialkontakt des Menschen. Ähnlich argumentiert Reich 15 . „Für eine harmonische Entwicklung zum Menschen bedarf es offensichtlich des komplizierten körperlichen und seelischen ‚Dialogs’ zwischen Mutter und Kind, der mit der Einnistung einsetzt“. Er sieht darin die Begründung für die Einnistung als Beginn des menschlichen Lebens.
Als entscheidender Einwand gegen die Theorie, menschlich-personales Leben beginne mit der Nidation, wird vorgebracht, dass die Nidation kein neues Leben, kein neues Potential, kein radikal neues Sein schaffe, das nicht schon vorher existiert und sich entwickelt habe. Die Nidation sei notwendig, um dem embryonalen Menschen zu helfen, den in ihm angelegten Entwicklungsplan weiter zu realisieren. Ohne den bei der Kernverschmelzung entstandenen Embryo könne jedoch keine Nidation und auch keine weitere Entwicklung stattfinden. Die Unterscheidung zwischen „Mensch“ vor und „Person“ nach der Nidation ändere nichts daran, dass es sich um ein und dasselbe Wesen handelt, wie auch immer und aus welchen Gründen auch immer man es benenne – außer, dass man dem Embryo vor der Nidation keinen Würdeschutz zuerkenne und ihn also für Fremdnutzung brauchbar mache.
2.3.2 mit Ende der Möglichkeit zur Mehrlingsbildung
Als eine weitere Theorie zum Beginn des Personseins wird das Ende der Möglichkeit zur Mehrlingsbildung (bis zum 13. Tag) genannt. Zwillinge können grundsätzlich auf verschiedene Weise entstehen: „Reifen im Eierstock zwei Eizellen gleichzeitig heran und werden von verschiedenen Spermien befruchtet, so bilden sich zweieiige (dizygote) Zwillinge. Teilt sich jedoch nach der Befruchtung ein Keimling in zwei selbständige Zellkomplexe, so entstehen eineiige (monozygote) Zwillinge“(Zankl 16). Wichtig scheint zu sein, dass in der Entwicklungsbiologie eindeutig von einer Teilung des Keimlings gesprochen wird, nicht von einer (Selbst-) Klonierung.
„Der Grund für diesen Ansatz ist die Überlegung, dass ein Individuum nicht noch einmal in ein oder mehrere Individuen geteilt werden kann“(Reiter 17). Darum sehen die Befürworter vor dem Ende der Möglichkeit zur Mehrlingsbildung noch kein individuelles menschliches Lebewesen, sondern artspezifisches Leben, aus dem das Individuum oder die Individuen erst herauswachsen. [artspezifisch = als Mensch, individualspezifisch = als dieser bestimmte Mensch].
Kritiker halten dem entgegen, dass auch schon vor der Teilung wenigstens ein nach dem GG schutzwürdiger Embryo vorhanden sein müsse, also ein aktiver Keimling, der sich teilen könne. Beide Zellkomplexe hätten jeder die aktive Potenz, den entstehenden Organismus als Mensch zu organisieren und aufzubauen – unter der Voraussetzung gegebener Umgebungsbedingungen und ohne gewaltsame Verhinderung des Wachstums. Genannt wird auch, dass eine vollständige genetische Übereinstimmung nicht gegeben sein müsse, da es zum Beispiel in den Keimlingen zu Mutationen kommen könne. Als weiteres Indiz, das eineiige Zwillinge zwar genetisch grundsätzlich identisch, dennoch je eigene Personen sind, wird auch genannt, dass zwar ihr Geschlecht immer gleich, ihre Fingerabdrücke aber immer unterschiedlich seien 18.
2.3.3 ab Entwicklung des Gehirns
Manche Theorien datieren den Beginn des Mensch- bzw. Personseins auf die Entwicklung der Hirnnerven im Verlaufe des dritten Monats. Das Gehirn ist in der Tat, neben dem Herzen, das wichtigste Organ des menschlichen Körpers. Es ist gleichsam die Zentrale, von der aus alle Lebensfunktionen gesteuert werden, alle Organe und der Bewegungsapparat wie auch schließlich die Tätigkeiten des Geistes, also das Denken und das Fühlen. Probleme ergeben sich hier, einen genauen Zeitpunkt im Verlauf der Gehirnentwicklung festzulegen, ab dem der Embryo vom „Menschen“ zur „Person“ wird.
Ein Gegenargument stellt fest, dass die Entwicklung des Gehirn keineswegs ein momentaner Vorgang sei, sondern dass Gehirnbildung als Entwicklungsprozess verlaufe und somit kein konkreter Fixpunkt, den man als Entstehung des Gehirn angeben könne, gegeben sei.
Das Hauptargument, in der Entwicklung von Hirnnerven den Lebensbeginn des personalen Menschen zu sehen, liegt in dem Verglich mit dem Lebensende. Wenn, so heißt es, auf einen kurzen Nenner gebracht, der Hirntod das Ende des Lebens sei, dann sei dementsprechend der Beginn der Hirnfunktion der Beginn des Lebens.
Selbst wenn der Zeitpunkt des Hirntodes medizinisch eindeutig festliege, wenden Kritiker
gegen diese Theorie ein, „dass Anfang und Ende der Gehirntätigkeit nicht in völliger Parallele zu sehen seien. Nach dem Erlöschen der Gehirntätigkeit ist der Mensch tot. Der Embryo ist aber schon vor der Entstehung seines Gehirns sehr lebendig“ 19. Alle Entwicklung in den ersten drei Monaten laufe (auch) auf die Hirnbildung hinaus. Umgekehrt heiß das: auch die Gehirnbildung schafft kein neues Lebewesen, es ist nach wie vor derselbe Embryo in einem weiteren, sehr wichtigen Stadium seiner Entwicklung als menschliche Person.
2.3.4 abgestuftes Wachstum
Eine Theorie, die auch die Bundesjustizministerin vertritt (vgl. 5), nennt keinen genauen Zeitpunkt für den Beginn menschlichen Lebens und Würdeschutzes. Die Ministerin sagt, je mehr der Embryo sich „verkörpere“, also heranwachse, desto mehr Würdeschutz wachse ihm zu. Als spätester Zeitpunkt gilt die Geburt. Ein konkretes Stadium innerhalb der Abstufung und ein jeweils konkretes Schutzmaß werden nicht genannt. Das ist problematisch, weil es auch um Schutzrechte hinsichtlich der Fremdnutzung geht
Gegen diese Theorie wird sozusagen der Spieß ungedreht und ihr Gedankengang logisch fortgeführt: wer beim Embryo/Fötus einen fortschreitenden und zunehmenden Würdeschutz akzeptiere, müsse konsequenter Weise auch eine fortschreitende, aber abnehmende Würde im Alterungsprozess akzeptieren. Das würde bedeuten: wenn ein Embryo/Fötus nach und nach an Menschenwürde gewänne, würde entsprechend alterndes Leben nach und nach an Würde verlieren. Diese Einstellung widerspreche dem allgemeinen Verständnis von personalem Menschsein. Sie wirke sich auf den Umgang mit Embryonen wie auch mit alten Menschen aus: sie werden verfügbar. Dazu sei der Staatsrechtler Wolfgang Höflich 20 zitiert: „Ich vertrete die Auffassung, dass auch ein früher Embryo, der Präimplantationsembryo, schon den vollen Schutz der Grundrechte genießt, also sowohl Lebens- als auch Würdeschutz. Abstufung setzt Abstufungskriterien voraus, und alle genannten, die auf einen wachsenden Lebensschutz hindeuten sollen, gelten das auch für den ‚absteigenden’ Lebensschutz am Lebensende. Das sind materielle Kriterien, die die Abstufung begründen sollen – und die ich aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht für begründbar halte...Ich kann zum Beispiel nicht ersehen, warum Todesnähe, die bei den überzähligen Embryonen ja angenommen wird, die entsprechenden Embryonen zu menschlichen Leichnamen degradiert. Zu bemerken ist, dass Höfling nicht nur von gezeugten Embryonen spricht, sondern explizit von künstlich erzeugten und präimplantativ diagnostizierten Embryonen spricht.
3. Embryonale oder adulte Stammzellen ?
Die anfangs genannte dritte Gruppe von Standpunkten bzw. Theorien zum Lebensbeginn
gehört streng genommen nicht zu diesem engeren Themenkomplex, denn bei ihr geht es nicht um den Gewinn von Stammzellen durch Zerstörung von Embryonen; diese Forschung geschieht vielmehr auf der Grundlage adulter Stammzellen, also solcher Stammzellen, die aus teilungsfähigen körpereigenen Organen der Patientinnen oder Patienten gewonnen werden. Es fällt auf, dass die Forschungen mit ‚Adulten’ in letzter Zeit häufiger von Wissenschaftlern wie auch von Politikern in Diskussionen und Veröffentlichungen genannt werden.
3.1 Bislang hat sich die schon etliche Jahre dauernde öffentliche Diskussion hauptsächlich um die Forschung mit embryonalen Stammzellen gedreht, nicht nur aus medizinischen Gründen, sondern weil mit ihr schwerwiegende ethische Probleme verbunden sind. Seit geraumer Zeit wird zunehmend auch von der Forschung mit adulten Stammzellen berichtet. Sie wurden in mehreren Organen nachgewiesen, am bekanntesten sind die Stammzellen aus dem Knochenmark erwachsener Menschen. In der Bundesrepublik wird dieser Forschungszweig intensiv unterstützt, auch wenn in der Wissenschaft noch keine Einigkeit herrscht.
Der Meinungsstreit innerhalb der Naturwissenschaften lässt sich auf die Kurzformel bringen, dass einerseits festgestellt wird, die Forschung an embryonalen Stammzellen werde voraussichtlich nicht mehr benötigt, um zu Therapien zu kommen, die in ethisch unbedenklicher Weise adulte Stammzellen einsetzen, andererseits heißt es, dass die embryonale Stammzellforschung dennoch zumindest in eingeschränktem Rahmen benötigt wird, um die adulten Stammzellmechanismen besser zu verstehen und einsetzen zu können. Der Bioinformatiker Jens Reich (vgl. 1) formuliert dies so: „Man hofft ferner, auch körpereigene adulte Stammzellen zur Regeneration von kranken Geweben veranlassen zu können. Dazu muss man verstehen, wie der Körper den Stammzellen signalisiert, welche Art von Reaktion am kranken Gewebe benötigt wird. Das erfordert die Erforschung der Biologie sämtlicher Stammzelltypen, also auch der embryonalen, selbst wenn man am Ende vielleicht auf deren Verwendung verzichten kann, weil man gelernt hat, immunverträgliche adulte Stammzellen zu programmieren“ 21.
Im August 2003 schrieb der theologische Ethiker Johannes Reiter (er war bereits Mitglied der ersten Enquete-Kommission des Bundestages zu humangenetischen Fragen 1982-1987) in einem Bericht über den Stand der Biopolitik, dass neuere Forschungsergebnisse der Stammzellforscher deutlich machen: „Es könnte am Ende sein, dass zukunftweisende Therapien auch völlig ohne embryonale Stammzellen auskommen – ganz einfach deshalb, weil man verstanden hat, ethisch unproblematische, adulte Stammzellen aus erwachsenem Gewebe zu trainieren“ 22.
3.2 Anlässlich eines wissenschaftlichen Symposiums über „Adulte Stammzellen“ 2003 in Mönchengladbach stellte der veranstaltende Hämatologe Hans E. Reis 23 fest: „Die ‚Adulten’ haben sich inzwischen zu Hoffnungsträgern in der Medizin entwickelt“ und weiter: „Die adulte Stammzelle hat in der Forschung schon die embryonale Stammzelle überholt“. Allerdings heißt es, wie gesagt, dass embryonale Stammzellen für die Grundlagenforschung „vorerst „unverzichtbar“ seien. Dennoch liegt einem Bericht der Bundesregierung zufolge der Schwerpunkt der Stammzellforschung auf adulten Stammzellen.
In den letzten Jahren haben Forschungen gezeigt, dass nicht nur, wie seit langem bekannt, das Knochenmark als „Quelle“ von adulten Stammzellen in Frage kommt, sondern dass es auch eine Reihe anderer Organe im Körper Erwachsener gibt, die als Spender von Stammzellen in Frage kommen. Ebenso hat sich gezeigt, dass diese Stammzellen nicht nur sich selbst sozusagen „klonieren“ als Ersatz für verbrauchte Zellen, zum Beispiel für verbrauchte Blutzellen, sondern dass sie pluripotent sind und sich auch in andere Zellen umwandeln können, zum Beispiel Knochenmarkstammzellen in Nervenzellen oder Bindegewebsstamm- zellen in Blut-, Leber-, Lungen- oder Darmzelltypen entwickeln können (bislang in Zellkulturen nachgewiesen).(vgl. Anm. 23)
3.3 Inzwischen haben sich auf dem Gebiet der Forschung mit adulten Stammzellen erste therapeutische Erfolge gezeigt. Auf besagtem Symposium wurde unter anderem von dem Kardiologen Strauer 24 u.a. von der Universität Düsseldorf berichtet, dass er einem Herzinfarktpatienten nach der ersten üblichen Behandlung am 7. Tag nach dem Infarkt mit Hilfe eines Herzkatheders Stammzellen aus dessen Knochenmark (autologe) in das zerstörte Herzgewebe transportiert habe. Eine Kontrolle nach zehn Wochen habe ergeben, dass sich das zerstörte Herzgewebe deutlich regeneriert habe (vgl. 4).
An diesem Verfahren ist Kritik geübt worden, weil es ohne vorherige Tierversuche direkt beim Menschen angewandt worden sei. Dazu ist aus der Herzklinik Düsseldorf zu hören, dass es dem Patienten jetzt, vier Jahre nach dieser Behandlung, gut gehe; es sei allein in Düsseldorf bei 30 weiteren Patienten dieses Verfahren mit gutem Erfolg angewandt worden, weltweit seien es über dreihundert (Rheinische Post).
3.4 Der Zeitschrift New Scientist (23.1.2002) zufolge hat an der Universität von Minnesota eine Forscherin „im Knochenmark einen ‚ultimativen’ adulten Stammzelltyp gefunden, der ebenso unbegrenzt teilungsfähig ist wie embryonale Stammzellen und wie diese das Potential zur Bildung sämtlicher Zellsorten enthalten soll“ 25.
3.5 Neben den adulten Stammzellen, die aus dem Körper erwachsener Menschen gewonnen werden, nennt die medizinische Literatur oft auch die aus dem Nabelschnurblut Neugeborener gewonnen Stammzellen. Es geht hier nicht um die medizinischen Probleme, die damit verbunden sind, sondern darum, dass auch diese Stammzellen keine ethischen Probleme darstellen, weil für sie kein Embryo getötet werden muss.
3.6 Unter der Überschrift „Auf ethisch unbedenklichem Weg“ wird von neuen Erfolgen sowohl in der Forschung mit embryonalen wie auch mit adulten Stammzellen berichtet. Der informative Bericht sei hier im Wortlaut gebracht 25a:
„Forscher der Universität von Wales in Cardiff haben ein Verfahren entwickelt, um menschliche embryonale Stammzellen zu gewinnen, ohne dafür Embryonen töten zu müssen. Wie die Zeitschrift ‚Bild der Wissenschaft’ berichtet, injizierte das Team um Karl Swann dazu einer Eizelle das Enzym PLC-zeta, das auch von Spermien produziert wird.
Auf diese Weise wurde den Eizellen das Eindringen eines Spermiums, also eine Befruchtung vorgetäuscht, und sie begannen sich zu teilen. Nach vier bis fünf Tagen konnten aus dem entstandenen Zellhaufen entnommen und vermehrt werden. Es handelt sich dabei um keine Embryonen, weil ihnen väterliches Erbgut fehlt.
Bei adulten menschlichen Stammzellen konnten unterdessen Aachener und Würzburger Forschen nachweisen, dass diese sich entgegen bisheriger Auffassung offenbar doch zu Zellen eines anderen Gewebes umprogrammieren lassen. Das teilt die Rheinisch-Westfäli-sche Technische Hochschule Aachen vergangene Woche mit. Bisher war umstritten, ob etwa Stammzellen aus dem Knochenmark gewebefremde Zelltypen wie Leber-, Muskel- oder Hirnzellen bilden können. Albrecht Müller aus Würzburg und Martin Zenke von der RWTH Aachen gelang jetzt der entsprechende Nachweis.“
Soweit der Bericht. Wenn der in Cardiff begangene Weg erfolgreich weiter gegangen wird, könnte sich das ethische Problem um die Stammzellengewinnung aus Embryonen durch Wissenschaftsfortschritt lösen lassen.
4. Zum Problem der Abwägung von Grundrechten
Ein wichtiges Problem vor allem jener Menschen, die genetisch bedingt chronisch krank oder behindert sind, ist die Frage der Abwägung des Grundrechtes der Menschenwürde und des Lebens gegenüber anderen Grundrechten, etwa gegenüber dem auf Gesundheit und Unversehrtheit. Es ist davon die Rede, dass einer Würde-Ethik eine Heil-Ethik gegenüberstehe. Solche Überlegungen, zum Teil auch Forderungen, beziehen sich insbesondere auf die übriggebliebenen Embryonen, die bei einer künstlichen Befruchtung nicht zur Herbeiführung einer Schwangerschaft in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Sie sollten, so heißt es, der Forschung überlassen und zur Entwicklung von Therapien verwendet werden, da sie anders doch nur absterben würden und darum zu nichts nützlich seien. Auch von der Bundesjustizministerin wurde in dem eingangs genannten Vortrag der Würdeschutz der künstlich erzeugten, nicht zur Herbeiführung einer Schwangerschaft verwendeten Embryonen in Frage gestellt. In der Justiz ist dieses Problem bislang keineswegs gelöst, sondern nach wie vor in der Diskussion.
4.1 Eine klare Position vertritt der große, nach wie vor aktuelle Denker der neuzeitlichen Philosophie, Immanuel Kant. Bei ihm heißt es bereits 1797: „Der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muss in allen seinen ...sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit als Zweck betrachtet werden. Was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Wert, d.i. einen Preis, sondern einen inneren Wert, d.i. Würde“ (zitiert bei Reich 26). Diese ‚Selbstzwecklichkeit’, wie man es kurz ausdrückt, wird bis heute als die überragende Begründung der Menschenwürde verstanden.
4.2 In Zusammenhang mit dem Luftsicherheitsgesetz vom Juni 2004 geht ein Mitglied des Landesverfassungsgerichtshofes NW, Prof. Bernherd Schlink 27, auf die Frage der „Verrechnung“ von Leben gegen Leben ein und zitiert dazu das Bundesverfassungsgericht (ohne nähere Angaben): „Der Schutz des einzelnen Lebens darf nicht deswegen aufgegeben werden, weil das an sich achtenswerte Ziel verfolgt wird, andere Leben zu retten. Jedes menschliche Leben...ist als solches gleich wertvoll und kann deshalb keiner irgendwie gearteten unterschiedlichen Bewertung oder gar zahlenmäßigen Abwägung unterworfen werden“.
Dieses Verrechnungsverbot wendet er auch auf die Stammzellenforschung an. Es heißt da: „Heute wird in der Diskussion um Stammzellen- und Embryonenforschung ähnlich die Hoffnung auf die künftige Heilung tödlicher Krankheiten gegen die Forderung nach dem heutigen Schutz des werdenden Lebens gehalten. Damit hat sich das Bundesverfassungsgericht noch nicht befasst. Aber die Verfechter des Schutzes insistieren auf genau der Logik, die das Bundesverfassungsgericht zum Schwangerschaftsabbruch formuliert hat: kein Verrechnen von Leben gegen Leben, kein Opfer von Leben um der Hoffnung willen, eine größere Zahl von Leben zu retten. Im Bundestag wurde in den Debatten zum Embryonenschutzgesetz mit großem Ernst gegen das Verrechnen von Leben gegen Leben gestritten und am grundgesetzlichen Lebens- und Würdeschutz festgehalten. Die Medien haben die Debatten als große Stunden des Parlaments gefeiert“. Auch wenn hier von „retten“ die Rede ist (was durch den Bezug des Autors auf das Luftsicherheitsgesetz nahe liegt), lassen sich die Aussagen des Bundesverfassungsgerichtes auch auf das „Heilen“ übertragen. Die Stammzellengewinnung erfordert die Vernichtung des Embryos, der dadurch seines Lebensrechtes und seiner Menschenwürde beraubt werde.
4.3 In einer religionswissenschaftlichen Überlegung stellt Hermann Häring 28 fest, dass das Verständnis von Menschenwürde kulturgebunden sei – er nennt es „interreligiös und inter-kulturell“. So kommt er zu der Folgerung: „Es gibt keine Formulierung der Menschenwürde an sich“. Auf Grund der Formulierung Kant’s kommt er zu dem Schluss, ,dass „die menschliche Würde auch die Ebene moralischer Werte übersteigt“. Man darf sie aber „nach dem Verständnis der westlichen Philosophie nie in die Konkurrenz von Werten bringen“. Er spricht von „Werten“, nicht von Grundrechten - so ist nicht eindeutig, ob beide Begriffe als inhaltlich identisch oder als different verstanden werden.
Der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes (BVG), H.-J. Papier 29, hat in einem Interview zunächst eindeutig festgestellt, dass es sich bei dem im Reagenzglas erzeugten Leben ebenso um Embryonen handelt wie bei den im Mutterleib gezeugten; das Menschsein hänge nicht von der Methode der Entstehung ab.
Die Problematik der Abwägung bringt H.-J. Papier mit wenigen Sätzen so auf den Punkt:: „Ein weiteres Problem ist, ob Eingriffe in das Leben des Embryos auch stets seine Menschenwürde verletzen. In diesem Fall wären sie unter allen Umständen unzulässig, weil dieser Schutz der menschlichen Würde unbedingt gewährleistet ist, also eine Abwägung mit anderen Rechtsgütern gar nicht in Betracht kommt. Wenn ich dagegen den Schutz allein auf das Grundrecht des Art.2 Abs. 2, 2 stütze, also auf den Schutz von Leben, Gesundheit und körperlicher Integrität, dann muss und kann ich in Rechnung stellen, dass dieses Grundrecht unter einem Gesetzesvorbehalt steht und daher einer Abwägung zugänglich ist, insbesondere eine Abwägung mit den Grundrechten schwerstkranker Menschen“ . Die wichtige Frage ist, ob der Schutz eines existierenden menschlichen Lebens nach Art. 2 GG getrennt werden kann vom Würdeschutz für dieses Leben nach Art. 1 GG, mit anderen Worten, ob das Lebensrecht wie alle Rechte nicht eine Konsequenz der Menschenwürde ist. Dann wäre der zweite Teil der Überlegungen von Papier unzutreffend.
4.5 Das Dilemma, das hier skizziert wurde, findet einen Ausdruck in den Stellungnahmen verschiedener Rechtsgelehrter. So stellt der Rechtswissenschaftler Paul Kirchhof 30 hinsichtlich überzähliger wie auch illegal erzeugter Embryonen fest, ihnen komme „ungeachtet ihres Entstehungsgrundes der uneingeschränkte Schutz der Menschenwürde und des Rechts auf Leben zu, allein weil sie existieren...Der Schutz des Lebens und seine Grenzen haben ihren alleinigen Geltungsgrund in der Existenz des Menschen, nicht in der Art und Weise ihres Entstehens“. In Bezug auf die Abwägung von Rechtsgütern heißt es in der Zusammenfassung seiner Stellungnahme: „Sind nicht implantierte, nicht die Lebensbedingungen von Nidation und Mutterschaft vorfindende Embryonen vorhanden, erlaubt die Verfassung dem Gesetzgeber, diese Embryonen nicht bloß zu verwerfen, sondern auch zur Heilung schwerkranker Menschen einzusetzen“. Diese Entscheidungsmöglichkeit betrifft nicht die Ärzte beziehungsweise die Forscher, sondern allein den Gesetzgeber (sog. Gesetzesvorbehalt). Allerdings bindet Kirchhof diese Erlaubnis an vier wesentliche Bedingungen. Er drückt dies in der zusammenfassenden These so aus: „wenn erstens das Entstehen der Embryonen verlässlich dokumentiert, zweitens ernstliche und gewichtige Heilerfolge gegenwartsnah zu erwarten, drittens schonendere Forschungsalternativen nicht verfügbar und viertens die Eingriffe treuhänderisch tätigen Menschen anvertraut sind.“ Diese Bedingungen gelten ihm als unabdingbar, wodurch er Beliebigkeit ausgeschlossen sieht.
4.6 Der Rechtwissenschaftler Hillgruber 31 kommt - ebenfalls auf der Grundlage unseres Grundgesetztes - für sich zu einer gegenteiligen Interpretation: „Die Freigabe so genannter überzähliger Embryonen zu lebensvernichtender Forschung, und diene sie auch noch so hochrangigen Zielen, ist ausnahmslos untersagt... Niemand, auch nicht die genetischen Eltern, darf sich anmaßen, anstelle des einwilligungsunfähigen Embryos in dessen Tötung einzuwilligen...Der Staat hat den zu unterstellenden Lebenswillen dieser Menschen zu achten und zu schützen...Findet sich indes auch nach intensivem Bemühen keine zur Austragung des Embryos bereite Ersatzmutter, ist das bloße ‚nutzlose’ (nicht: sinnlose!) Sterbenlassen die einzig menschenwürdekonforme Lösung für das Problem der verwaisten Embryonen“. Breuer 32 spricht in diesem Zusammenhang vom Unterschied der „Heiligkeit des Lebens“ einerseits und einer nutzbaren „Qualität des Lebens“ andererseits, wobei darauf hingewiesen wird, dass die Einstellung heute zunehmend zur „nützlichen Qualität des Lebens“ tendiere, anders ausgedrückt: der Effizienz. Da liegt es nahe, nochmals auf die Bedeutung der Forschung mit adulten Stammzellen hinzuweisen, die solche Probleme nicht aufwirft.
4.7 Im Unterschied zum Präsidenten des BVG gibt der Ethiker Schockenhoff 33 bezüglich des in Art. 2 GG garantierten Lebensrechtes folgende medizin-ethische Antwort: die Menschenwürde ist laut Grundgesetz unantastbar (Art.1), das Grundrecht auf Leben (Art.2) sei auch für die Menschenwürde das fundamentale Recht sowie die fundamentalste Grundlage für alle anderen Freiheits- und Grundrechte. „Nimmt man von diesem Grundsatz aus eine Güterabwägung vor zwischen dem Lebensrecht menschlicher Embryonen und dem Rechtsanspruch kranker Menschen auf die Nutzung aller denkbaren Heilungschancen, so fällt diese keinesfalls zu Lasten des Embryos aus. Vielmehr findet das Recht auf Heilung, das auch die Erforschung und experimentelle Nutzung neuer Therapieverfahren impliziert, dort eine Grenze, wo seine Durchsetzung die Vernichtung fremden Lebens erfordern würde“ . Das schließt die „Überzähligen“ mit ein.
4.8 Seine Position wird ebenso vertreten vom Präsidenten des Bundesärztekammer, Prof. Hoppe 34, der in einem Interview im Deutschen Ärzteblatt nachdrücklich erklärte: „Ich glaube, dass wir als Ärzte immer wieder klarstellen müssen, dass es nicht so sein darf, dass Menschen selbst im frühesten Stadium ihrer Entwicklung, also von der Verschmelzung der Gameten an, für andere Menschen verfügbar gemacht werden dürfen. Es darf nie sein, dass Menschen für den Heilungsprozess anderer ausgenutzt werden. Deswegen müssen wir die Forschung mit adulten Stammzellen fördern...“.
4.9 Einem anderen, offenbar noch nicht sehr beachteten, grundgesetzlichen Problem geht Burgard 35 nach: ob die Verwerfung von Stammzellen, weil sie als genetisch belastet diagnostiziert wurden, gegen das Diskriminierungsverbot Art. 3 Abs. 3 S.2 GG verstößt. Die Autorin stellt primär ab auf die überzähligen Embryonen bei einer künstlichen Befruchtung und auf die Frage nach einer Zulassung der PID und ihrer möglichen Folgen. „Ein Verstoß gegen Art.3 Abs.3 S.2 GG setzt zunächst voraus, dass der Embryo in vitro überhaupt Grundrechtsträger sein kann“. Sie folgert daraus: „Die Prüfung eines Verstoßes gegen das Diskriminierungsverbot macht von vornherein nur Sinn, wenn man dem Ansatz folgt, dass der Embryo in vitro bereits individuelles Leben darstellt und grundsätzlich Träger von Grundrechten sein kann“. Sie beruft sich auf zwei Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes (BVG) in Zusammenhang mit dem Schwangerschaftskonfliktgesetz. Das BVG hat festgestellt, „dass in Art.1 Abs.1 S.1 GG mit „Mensch“ und in Art.2 Abs.2 S.1 GG mit „jeder“ auch das ungeborene Leben gemeint ist“. Und: „Wenn menschliches Leben wegen seiner Behinderung bzw. zu erwartenden Behinderung ‚verworfen’ wird, ist der Menschenwürdekern des Grundrechts getroffen“. Man kann daraus schließen, dass das gleichermaßen auch auf jene normal gezeugten Embryonen zutrifft, die auf Grund einer durch PND diagnostizierten Behinderung abgetrieben werden. Eine so begründete Abtreibung verstößt demnach ebenfalls gegen das Diskriminierungsgesetz gemäß Art.3 Abs.3 S.2 GG.
Burgard sieht in diesem Zusammenhang noch einen zweiten Bereich der unmittelbaren Benachteiligung, nämlich den der bereits lebenden Menschen mit Behinderungen. Die Zulassung der PID könne „ein negatives Werturteil über diese Menschen implizieren und langfristig gesehen zu gesellschaftlichen Diskriminierungen führen.“ Als erste Kennzeichen konstatiert sie: „Schon jetzt zeichnet sich eine veränderte Einstellung der Gesellschaft dahingehend ab, dass Eltern verstärkt für die Geburt eines behinderten Kindes verantwortlich gemacht werden; der Druck auf die Frauen wächst, jede Möglichkeit wahrzunehmen, um kein behindertes Kind zu bekommen....Dies könnte zur Folge haben, dass Behinderungen in der Gesellschaft immer weniger akzeptiert würden.“ [vgl. hierzu auch: Rudolf Rüberg „Muss der wirklich leben?“ Gesellschaftliche ‚Nebenwirkungen’ für behinderte Menschen durch humangenetische Forschung und Technik, 2003].
Reich 36 stellt dazu fest, dass die Abtreibung eines Kindes wegen einer Behinderung als sogenannte embryopathische Indikation ein legitimer Grund war. 1955 wurde sie aber abgeschafft, denn es ist mit dem Grundgesetz (insbesondere mit Artikel 1) nicht vereinbar, dass das Lebensrecht eines geschädigten Kindes geringer als das anderer Menschen geachtet wird. Sie ist aber über die medizinische Indikation (unzumutbare Belastung für die Mutter) wieder im Spiel.
Das Problem der Stellung des Embryos – gezeugt oder erzeugt - ist offenbar nach wie vor ungelöst, eine einheitliche Meinung hierzu gibt es innerhalb der verschiedenen involvierten Wissenschaften ebenso wenig wie in der Öffentlichkeit. Das lässt den Schluss zu, dass das Problem der Embryonenforschung weder von der Biologie noch vom Recht her endgültig gelöst oder beantwortet werden kann, sondern dass persönliche, philosophisch oder religiös begründete ethische Grundüberzeugungen eine gewichtige Rolle spielen und als Voraussetzung für die Stellungnahmen anzusehen sind, auch wenn die Beweisführungen der jeweiligen Wissenschaftler von ihrem Denkansatz her in sich als konsequent erscheinen mögen.
Der vorliegende knappe Überblick hat gezeigt, dass als Beginn eines neuen, wenngleich noch unentwickelten menschlichen Lebens weitgehend die Verschmelzung von Samen- und Eizelle und des dadurch entstehenden neuen, vorher nicht existierenden Embryos mit eigenem Genom verstanden wird. Auf keiner der weiteren als Zeitpunkt einer Personwerdung genannten Entwicklungsstufen entsteht aus biologischer Sicht eine neue, bis dahin nicht vorhandene menschliche Existenz. Alle Theorien bzw. Positionen, welche die Nidation oder einen späteren Entwicklungszeitpunkt als Beginn des Menschseins bzw. des Personseins nennen, setzen die Existenz eines durch die Kernverschmelzung von Ei- und Samenzelle entstandenen Embryos voraus. Ohne Embryo sind Nidation und alle weitere Entwicklung nicht möglich, schon die Nidation ist eine Dokumentation eines bereits existierenden entwicklungsdynamischen Lebens.
Ob diese oder jene Theorie den natürlich gezeugten oder den künstlich/technisch erzeugten Embryo als „richtigen“ Menschen anerkennt, der unter dem absoluten Würdeschutz des Grundgesetzes steht, ist eine wichtige Frage. Man spricht, wie eingangs gesagt, auch vom Embryo als einem „Vormenschen“. Ähnlich drückt es der schweizerischen Molekularbiologe und Philosoph Rehmann-Sutter aus: „Ein Embryo ist nicht würdelos, aber er hat auch noch nicht die gleiche Würde wie der geborene Mensch“ 37. Oder man macht den (philosophischen) Unterschied zwischen „Mensch“ und „Person“ in dem Sinne, dass nur die Person voll unter dem Würdeschutz stehe, während der Embryo als „nur Mensch“ oder als „Menschenmaterial“ für eine Fremdnutzung in Form medizinischer Forschung sowie medizintechnischer und/ oder pharmazeutischer Nutzung zur Verfügung steht. Ab wann der Embryo oder der Fötus im obigen Sinne eine „Person“ ist, wird, wie gezeigt, biologisch nicht klar belegt. Es ist, wie Reich (vgl. Anm. 1) sagt, eine Frage der Entscheidung, die stark einer ethischen Grundlage bedarf.
Die Fremdnutzung setzt – oft nicht klar ausgedrückt oder auch ganz unausgesprochen – die Tötung des Embryos zur Gewinnung der Stammzelle voraus. Dies trifft insbesondere auf die bei einer PID „überzähligen“ und „verworfenen“ Embryonen zu, die genetisch nicht oder nicht ganz ‚einwandfrei’ sind (von Fehldiagnosen einmal abgesehen). Die Begründung liegt in einer Heilethik, die zur Abwägung von Grundrechten verpflichte. Das heißt, es wird gefordert, die für eine Befruchtung nicht benötigten, also in Hinsicht auf ihren ursprünglichen Sinn „überflüssigen“ Embryonen für eine Heilungsforschung frei zu geben, um sie dann „nutzvoll“ verwenden zu können; Nichtnutzung hingegen wird vielfach als Verschwendung von Heilchancen gewertet, auch wenn diese nicht gegenwartsnah (Kirchhof), also zur Zeit noch nicht klar erkennbar sind, sondern erst angestrebt werden. Ethiker und auch Juristen sprechen in diesem Zusammenhang von einer Degradierung des Menschen zum „Menschen- oder Forschungsmaterial“.
Dem wird entgegengehalten, „schon die Frage, unter welchen Bedingungen ein Leben noch als ‚lebenswert’ gelten kann, verrät...eine bereits im Ansatz verfehlte und verhängnisvolle Ökonomisierung der Betrachtungsweise, die sich bruchlos in den Rahmen einer volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Analyse einfügt“ 38. Ähnlich Kamphaus: „Er ist ein zweckloses Wesen ohne ‚Gebrauchswert’. Er steht nicht unter dem Vorbehalt einer denkbaren Verbesserung seiner Zweckmäßigkeit und damit seiner Wertsteigerung. Was immer er verbessern kann, hat nichts mit seinem Menschsein zu tun, mit seiner Würde als Mensch. Er wird geliebt als der, der er ist“ 39 .
Deutlicher noch ist das bei dem jetzt auch in Deutschland zur Diskussion gestellten therapeutischen Klonen, das bisher ebenso wie das reproduktive Klonen gesetzlich verboten ist. Beim therapeutischen Klonen werden Embryonen ausschließlich zu dem Zweck hergestellt, nach ihrer Tötung aus ihnen die Stammzellen für Forschungszwecke gewinnen zu können. Begründet wird diese Methode mit in Aussicht gestellten, bislang jedoch unbewiesenen Heilungschancen. Sie findet aber auch die schärfsten Widersprüche wie: Der embryonale Mensch werde als Rohstofflager verzweckt; er werde nur hergestellt, um sofort wieder getötet zu werde, er sei ein im Labor hergestellter Rohstoff, der lediglich zur Entnahme von Stammzellen dient.
Wie sich die dargestellten Einstellungen ändern werden, wenn die Forschung mit adulten Stammzellen weiter solche Fortschritte macht, wie sie in letzter Zeit publik wurden, ist zur Zeit nicht abschätzbar. Sicher scheint zu sein, dass die Adulten wohl auch für die Therapie von genetischen Behinderungen und Krankheiten verwendbarer sind, als bislang vermutet wurde. Das würde in vielen Fällen die ethische Situation im Sinne einer Entschärfung deutlich verändern.
1 Reich, Jens, „Es wird ein Mensch gemacht“ – Möglichkeiten und Grenzen der Gentechnik, Rowohlt Berlin, 2003, S. 34
2 Publik-Forum, 9 / 2004, S.6
3 Fuchs, Ursel, Die Genomfalle, Die Versprechungen der Gentechnik, ihre Nebenwirkungen und Folgen Heyne 2000, aktualisierte Taschenbuchausgabe Heyne 2003, S. 34
4 DFA und Ernst & Young, Bericht Rheinische Post 1.6.2001
5 Lebenshilfe Deutschland, Österreich, Schweiz, Südtirol, Gemeinsames Grundsatzpapier. Fachdienst der Lebenshilfe 3 / 03, S.18 f
6 Zypries, Brigitte, Vom Zeugen zum Erzeugen. Verfassungsrechtliche und rechtspolitische Fragen der Bioethik. Rede beim Humboldtforum der Humboldt-Universität zu Berlin, 29.10.2003, www.gene.ch/genpost 2003
7 Schewe-Gerick,, Rheinische Post 4.6.2004
8 Hüppe, Hubert, und Röspel, Nationaler Ethikrat will Klonverbot lockern. Rheinische Post 18.8.2004
9 Bundestags-Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“, Drucksache 14/7546
10 Bartelt, David, „Instrumente zeigen“. Ai-Journal, Februar 2005, S. 7 f
11 Infratest dimap, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.4.2002
12 Maier, Hans, Welt ohne Christentum – was wäre anders? Freiburg 1999, S. 151
13 Schockenhoff, Eberhard, Die ethische Problematik der Stammzellforschung. Ein theologischer Beitrag. In: Reis (Anm. 23), S. 43
14 Nüsslein-Volhard, Elisabeth, Wann ist ein Tier ein Tier, ein Mensch kein Mensch? Frankfurter Allgemeine Zeitung 2. Okt. 2001
15 Reich (vgl. Anm.1) S. 32
16 Zankl, Heinrich, Von der Zelle zum Individuum. Biologie der Schwangerschaft. C.H.Beck-Wissen, München 2001
17 Reiter, Johannes, Biopolitik und Ethik. Die Gentechnikdebatte duldet keinen Aufschub. Herder Korrespondenz 12 / 2001, S. 608
18 Breuer, Clemens, Person von Anfang an? – Der Mensch in der Retorte und die Frage nach dem Beginn des Lebens. Bd. 36 der Abhandlungen zur Sozialethik, Paderborn 1995, S. 112 (sehr differenziert, ausführlich)
19 Reiter, Johannes, Biopolitik und Ethik. Die Gentechnikdebatte duldet keine Aufschub. Herder Korrespondenz 12 / 2001, S. 608
20 Höfling, Wolfram, in Rheinische Post, 29.1.2002 21 Reich (vgl. Anm.1) S. 79
22 Reiter, Johannes, Streit um Stammzellen. Was steht an in der Biopolitik? Herder Korrespondenz 8 / 2003 S. 391
23 Reis, Hans E., Adulte Stammzellen – Perspektiven für die Therapie. Wissenschaftliches Symposium Mönchengladbach, in: Medizinische Klinik v. 15.12.2003, Supplement II, Gastherausgeber H.E. Reis und G. Döhmen, Editorial, S.2
24 Strauer, Bodo E. u.a., Stammzelltherapie bei akutem Herzinfarkt. In: Reis (vgl. Anm.23)S. 14 ff
25 Kummer, Christian, Ethischer Instinkt, in: Hirschberg, Zeitschrift des Bundes Neudeutschland 6/2002, S.319
25a KirchenZeitung für das Bistum Aachen, 6.3.2005
26 Kant, Immanuel, zitiert bei Reich (vgl. Anm.1) S.34
27 Schlink, Bernhard, An der Grenze des Rechts, Der Spiegel 3 / 2005, S. 34 ff
28 Häring, Hermann, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – Der steinige Weg vom Ideal zur Wirklichkeit. Einige religionswissenschaftliche Überlegungen. Manuskipt der Kath. Universität Nijmegen NL
29 Papier, Hans-Jürgen, Der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes zum Schutz des Lebens (FAZ; GeNPost ( ww.gene.ch/genpost/2003 )
30 Kirchhof, Paul, Genforschung und die Freiheit der Wissenschaft. In: Höffe, Ottfried, Honnefelder, Ludger, Isensee, Josef, Kirchhof, Paul: Gentechnik und Menschenwürde. An den Grenzen von Ethik und Recht. DuMont 2002, S. 29/30 + 34
31 Hillgruber, Christian, Die Würde des Menschen – passé? In: SALZkörner 5.Juli 2004, hg. vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken
32 Breuer, Clemens (vgl. Anm. 18) S. 97
33 Schockenhoff, Eberhard, (vgl. Anm. 13), S. 45
34 Hoppe, Jörg-Dietrich, Eine Sieger-Besiegten-Stimmung darf nicht aufkommen. In: Dokumentation PID, PND, Forschung an Embryonen.; Aufsätze, Berichte, Diskussionsbeiträge, Kommentare – vom 3.März 2000 bis 18.Mai 2001, S. 5
35 Burgard, Margareta, Gentechnik und Diskriminierungsverbot (Art. 3 Abs. 3 S. 2 GG) in: Rechtsdienst der Lebenshilfe 1/04 S. 38 - 43
36 Reich, Jens (vgl. Anm.1) S. 152
37 Rehmann-Sutter, Christoph, Präsident der schweizerischen Ethikkommission im Bereich der Humangenetik, zitiert in Rheinische Post, 30.11.2004
38 Stobbe, Heinz-Günther im Vorwort zu Kamphaus, Franz, Um Gottes willen – Leben. Einsprüche. Freiburg , S.11
39 Kamphaus, Franz, Um Gottes willen – Leben. Einsprüche. Freiburg 2004, S.25