Source: https://www.bag-urteil.com/12-07-2007-bag-2-azr-40105/
Timestamp: 2020-04-04 21:59:42
Document Index: 152760081

Matched Legal Cases: ['§ 17', 'EuG', '§ 17', '§ 1', '§ 613', '§ 17', '§ 17', 'EuG', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', 'Art. 20', 'Art. 12']

﻿ ﻿ BAG – 2 AZR 401/05 | bag-urteil.com
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 12.07.2007, 2 AZR 401/05
Die Revision der Klägerin gegen das Urteil des Landesarbeitsgerichts Niedersachsen vom 1. Juni 2005 – 2 Sa 1005/04 – wird auf Kosten der Klägerin zurückgewiesen.
2 AZR 401/05 > Rn 1
2 AZR 401/05 > Rn 2
Die am 24. April 1968 geborene, verheiratete Klägerin war seit dem 5. Februar 1990 bei der Beklagten als Produktionsmitarbeiterin in der Abteilung “B” gegen eine Bruttomonatsvergütung von zuletzt 1.751,08 Euro beschäftigt.
2 AZR 401/05 > Rn 3
Im Jahr 2002 entschloss sich die Beklagte die Produktion von Helmen von B nach M zu verlagern. Dort wurde eine neue Firma, die S GmbH (im Folgenden: S), gegründet.
2 AZR 401/05 > Rn 4
2 AZR 401/05 > Rn 5
2 AZR 401/05 > Rn 6
2 AZR 401/05 > Rn 7
2 AZR 401/05 > Rn 8
2 AZR 401/05 > Rn 9
2 AZR 401/05 > Rn 10
2 AZR 401/05 > Rn 11
2 AZR 401/05 > Rn 12
2 AZR 401/05 > Rn 13
2 AZR 401/05 > Rn 14
Die Beklagte hat zur Begründung ihres Klageabweisungsantrags vorgetragen: Die Produktion sei am 16. August 2004 in B völlig eingestellt und nach M verlagert worden. Sie habe die Massenentlassungsanzeige rechtzeitig vor der tatsächlichen Durchführung der Entlassung erstattet. Zumindest habe sie darauf vertrauen dürfen, dass sie die Massenentlassungsanzeige noch bis zum Ablauf der Kündigungsfrist wirksam habe erstatten können.
2 AZR 401/05 > Rn 15
2 AZR 401/05 > Rn 16
2 AZR 401/05 > Rn 17
2 AZR 401/05 > Rn 18
2 AZR 401/05 > Rn 19
2 AZR 401/05 > Rn 20
2 AZR 401/05 > Rn 21
2 AZR 401/05 > Rn 22
2 AZR 401/05 > Rn 23
2 AZR 401/05 > Rn 24
2. Entgegen der Auffassung der Revision – und nur mit diesem Aspekt setzt sich die Revision in der Revisionsbegründungsschrift überhaupt auseinander – ist die Kündigung nicht wegen Verstoßes gegen die Anzeigepflicht des § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG rechtsunwirksam.
2 AZR 401/05 > Rn 25
2 AZR 401/05 > Rn 26
Im Anschluss an die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom 27. Januar 2005 (- C-188/03 – [Junk] EuGHE I 2005, 885) geht das Bundesarbeitsgericht nunmehr davon aus, das “unter Entlassung” iSv. § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG der Ausspruch der Kündigung des Arbeitsverhältnisses zu verstehen ist (23. März 2006 – 2 AZR 343/05 – BAGE 117, 281 unter Aufgabe der früheren Rechtsprechung; 24. August 2006 – 8 AZR 317/05 – AP KSchG 1969 § 1 Betriebsbedingte Kündigung Nr. 152 = EzA BGB 2002 § 613a Nr. 60; 21. September 2006 – 2 AZR 801/05 -; 1. Februar 2007 – 2 AZR 15/06 -; 13. Juli 2006 – 6 AZR 198/06 – AP KSchG 1969 § 17 Nr. 22 = EzA KSchG § 17 Nr. 17; 22. März 2007 – 6 AZR 499/05 – NZA 2007, 1101) .
2 AZR 401/05 > Rn 27
2 AZR 401/05 > Rn 28
aa) Bis zur Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in der Rechtssache Junk vom 27. Januar 2005 (- C-188/03 – EuGHE I 2005, 885) war nach ganz herrschender Auffassung in Rechtsprechung und im Schrifttum sowie der einschlägigen Verwaltungspraxis der Agenturen für Arbeit “unter Entlassung” iSd. § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG der tatsächliche Beendigungszeitpunkt zu verstehen. Der Senat hat diese Auffassung in seiner Entscheidung vom 18. September 2003 (- 2 AZR 79/02 – BAGE 107, 318) noch einmal umfassend bestätigt. Bei Ausspruch der Kündigung am 18. Dezember 2003 war eine Rechtsprechungsänderung des Bundesarbeitsgerichts im Zuge der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs und einer richtlinienkonformen Auslegung der nationalen gesetzlichen Regelung nicht zu erwarten. Dies gilt umso mehr, als sich der Senat in der genannten Entscheidung vom 18. September 2003 auch inhaltlich eingehend mit der MERL auseinandergesetzt und eine richtlinienkonforme Auslegung der §§ 17 ff. KSchG – das Verständnis von “Entlassung” als “Kündigung” im Sinne der nachfolgend ergangenen Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs vom 27. Januar 2005 (aaO) unterstellend – als nicht möglich angesehen hatte.
2 AZR 401/05 > Rn 29
2 AZR 401/05 > Rn 30
cc) Soweit die Auffassung vertreten wird, der Beklagten sei kein Vertrauensschutz zu gewähren, weil bereits zum Zeitpunkt des Ausspruchs der Kündigung – insbesondere auf Grund des Vorlagebeschlusses des Arbeitsgerichts Berlin vom 30. April 2003 (- 36 Ca 19726/02 – ZIP 2003, 1265) – nicht ausgeschlossen gewesen sei, dass der Europäische Gerichtshof den Begriff der “Entlassung” anders interpretieren könnte, wird nicht hinreichend berücksichtigt, dass der Senat noch in der Entscheidung vom 18. September 2003 (- 2 AZR 79/02 – BAGE 107, 318) sich mit den europarechtlichen Vorgaben auseinandergesetzt und eine richtlinienkonforme Auslegung, wie sie nun vom Europäischen Gerichtshof zur MERL vertreten wird, verneint hatte.
2 AZR 401/05 > Rn 31
2 AZR 401/05 > Rn 32
2 AZR 401/05 > Rn 33
aa) Im Entscheidungsfall geht es nicht um die Gewährung von Vertrauensschutz hinsichtlich der Auslegung europäischen Rechts, sondern um Vertrauensschutz bei der Anwendung und Auslegung nationalen Rechts durch die nationale höchstrichterliche Rechtsprechung (BAG 23. März 2006 – 2 AZR 343/05 – BAGE 117, 281; 13. Juli 2006 – 6 AZR 198/06 – AP KSchG 1969 § 17 Nr. 22 = EzA KSchG § 17 Nr. 17; 22. März 2007 – 6 AZR 499/05 – NZA 2007, 1101) . Der Senat hat lediglich seine eigene Rechtsprechung und die Auslegung der nationalen Regelungen des § 17 Abs. 1 Satz 2 KSchG an das Gemeinschaftsrecht angepasst. Er hat kein Gemeinschaftsrecht ausgelegt, sondern das nationale Kündigungsschutzrecht “richtlinienkonform” angewendet, indem er den Begriff “Entlassung” in § 17 Abs. 1 Satz 1 KSchG zukünftig im Sinne der vom Europäischen Gerichtshof entwickelten Auslegung der MERL verstanden wissen will. Damit handelt es sich um eine Frage der nationalen Rechtsanwendung (vgl. Canaris FS für Bydlinski S. 47, 64; Piekenbrock ZZP 2006, 3, 30; BAG 23. März 2006 aaO) .
2 AZR 401/05 > Rn 34
2 AZR 401/05 > Rn 35
Hierbei ist der aus Art. 20 Abs. 3 GG iVm. dem jeweiligen Individualgrundrecht (insbesondere Art. 12 Abs. 1 GG) folgende Vertrauensschutz zu berücksichtigen (BAG 22. März 2007 – 6 AZR 499/05 – NZA 2007, 1101; Kokott RdA 2006 Sonderbeilage zu Heft 6 S. 30, 37) . Dementsprechend konnte das Bundesarbeitsgericht, das durch seine Rechtsprechung, insbesondere durch die letzte Entscheidung vom 18. September 2003 (- 2 AZR 79/02 – BAGE 107, 318) einen Vertrauenstatbestand für die Handlungsabläufe und Verhaltenspflichten bei den Massenentlassungsanträgen geschaffen hatte, in dem die bisherige Rechtsprechung aufgebenden Urteil vom 23. März 2006 (- 2 AZR 343/05 – BAGE 117, 281) den beklagten Arbeitgebern einen Vertrauensschutz zubilligen und ihnen nicht nachträglich sanktionsbewehrte Handlungspflichten auferlegen.
2 AZR 401/05 > Rn 36
2 AZR 401/05 > Rn 37
2 AZR 401/05 > Rn 38
2 AZR 401/05 > Rn 39