Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/verpflichtung-zur-vorlage-der-nichtexistenten-einkommensteuererklaerung-und-die-beschwer-3101311
Timestamp: 2019-12-14 20:45:03
Document Index: 58302984

Matched Legal Cases: ['§ 117', '§ 522', '§ 574', 'Art. 2', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Wird der Unter­halts­schuld­ner erst­in­stanz­lich zur Vor­la­ge von Ein­kom­men­steu­er­erklä­run­gen ver­pflich­tet, deren Nicht­exis­tenz er behaup­tet, so ist zur Bemes­sung sei­ner Beschwer durch Aus­le­gung zu ermit­teln, ob das Amts­ge­richt ihn zu deren Erstel­lung ver­pflich­ten woll­te oder ob es gege­be­nen­falls irrig von deren Exis­tenz aus­ge­gan­gen ist. Nur im ers­ten Fall erhöht der für die Erstel­lung erfor­der­li­che Auf­wand an Zeit und Kos­ten den Beschwer­de­wert 1.
Hat die Aus­kunfts­ver­pflich­tung, gegen die sich der Unter­halts­schuld­ner zur Wehr setzt, kei­nen voll­streck­ba­ren Inhalt oder ist sie auf eine unmög­li­che Leis­tung gerich­tet, erhöht sich die Beschwer regel­mä­ßig um die mit der Abwehr einer inso­weit unge­recht­fer­tig­ten Zwangs­voll­stre­ckung ver­bun­de­nen Kos­ten 2.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall macht die Ehe­frau gegen ihren frü­he­ren Ehe­mann nach­ehe­li­chen Unter­halt gel­tend und nimmt ihn im Rah­men eines Stu­fen­an­trags auf Aus­kunft über sei­ne Ein­künf­te und auf Vor­la­ge von Bele­gen in Anspruch. Das Amts­ge­richt Pei­ne hat dem Antrag in vol­lem Umfang statt­ge­ge­ben und dabei den Ehe­mann unter ande­rem ver­pflich­tet, sei­ne Ein­kom­men­steu­er­erklä­run­gen für die Jah­re 2011 und 2012 nebst allen gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Anla­gen hier­zu vor­zu­le­gen 3. Die Beschwer­de des Ehe­man­nes hat das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le als unzu­läs­sig ver­wor­fen, weil der erfor­der­li­che Wert des Beschwer­de­ge­gen­stands nicht erreicht sei 4. Auf der Ehe­mann des Ehe­man­nes hat der Bun­des­ge­richts­hof die­se Beschwer­de­ent­schei­dung auf­ge­ho­ben und die Sache an das OLG Cel­le zurück­ver­wie­sen:
Die Rechts­be­schwer­de ist gemäß § 117 Abs. 1 Satz 4 FamFG i.V.m. §§ 522 Abs. 1 Satz 4, 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO statt­haft und auch im Übri­gen zuläs­sig. Die Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung erfor­dert eine Ent­schei­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts (§ 574 Abs. 2 Nr. 2 ZPO). Der ange­foch­te­ne Beschluss ver­letzt den Ehe­mann in sei­nem Ver­fah­rens­grund­recht auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechts­staats­prin­zip), das den Gerich­ten ver­bie­tet, den Betei­lig­ten den Zugang zu einer in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se zu erschwe­ren 5.
Der amts­ge­richt­li­che Beschluss­te­nor ent­hält die Ver­pflich­tung zur Vor­la­ge von Ein­kom­men­steu­er­erklä­run­gen, für die der Ehe­mann gel­tend gemacht hat, sie sei­en noch nicht erstellt. Zur Bemes­sung der Beschwer ist daher durch Aus­le­gung zu ermit­teln, ob das Amts­ge­richt den Unter­halts­schuld­ner bei Nicht­exis­tenz der Erklä­run­gen zu deren Erstel­lung ver­pflich­ten woll­te oder ob es gege­be­nen­falls irrig von deren Exis­tenz aus­ge­gan­gen ist. Nur im ers­ten Fall erhöht der für die Erstel­lung erfor­der­li­che Auf­wand an Zeit und Kos­ten 6 den Beschwer­de­wert. Im zwei­ten Fall hat er hin­ge­gen außer Betracht zu blei­ben; wert­er­hö­hend kann sich dann ledig­lich aus­wir­ken, wenn der Ver­pflich­te­te gewär­ti­gen muss, auf die Erfül­lung der inso­weit un- mög­li­chen Leis­tung in Anspruch genom­men zu wer­den und sich hier­ge­gen zur Wehr set­zen zu müs­sen 7.
Nach­dem der Ehe­mann durch den amts­ge­richt­li­chen Beschluss nicht ver­pflich­tet wor­den ist, noch nicht exis­ten­te Steu­er­erklä­run­gen anzu­fer­ti­gen, sind auch kei­ne dar­auf bezo­ge­nen Kos­ten bei der Bemes­sung des Beschwer­de­werts zu berück­sich­ti­gen. Dahin­ste­hen kann dem­nach auch, dass der Ehe­mann vor­lie­gend kei­ne aus­rei­chen­de Umstän­de bezeich­net hat, wes­halb inso­weit abwei­chend vom Regel­fall 8 auf die durch die Hin­zu­zie­hung eines Steu­er­be­ra­ters ent­ste­hen­den Kos­ten abzu­stel­len sein soll. Die hier­zu ange­führ­te Tren­nung der Ehe­leu­te bedingt dies für sich genom­men eben­so wenig wie die wei­ter genann­ten "Ver­fah­ren rund um das gemein­sa­me Kind".
Zu Unrecht hat es das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le jedoch abge­lehnt, Kos­ten für die (teil­wei­se) Abwehr der Zwangs­voll­stre­ckung aus dem erst­in­stanz­li­chen Beschluss bei der Bemes­sung des Werts der Beschwer zu berück­sich­ti­gen. Zwar kann die vom Ober­lan­des­ge­richt Cel­le vor­ge­nom­me­ne Schät­zung wegen des ihm hier­bei ein­ge­räum­ten Ermes­sens­spiel­raums im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren nur ein­ge­schränkt dar­auf über­prüft wer­den, ob das Gericht die gesetz­li­chen Gren­zen über­schrit­ten oder sein Ermes­sen feh­ler­haft aus­ge­übt hat 9. Dies ist hier aber der Fall.
Hat die Aus­kunfts­ver­pflich­tung, gegen die sich der Unter­halts­schuld­ner zur Wehr setzt, kei­nen voll­streck­ba­ren Inhalt oder ist sie auf eine unmög­li­che Leis­tung gerich­tet, erhöht sich die Beschwer nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs um die mit der Abwehr einer inso­weit unge­recht­fer­tig­ten Zwangs­voll­stre­ckung ver­bun­de­nen Kos­ten. Denn im maß­geb­li­chen Zeit­punkt der Beschwer­de­ein­le­gung muss der Unter­halts­schuld­ner gewär­ti­gen, dass er in vol­lem Umfang aus dem erst­in­stanz­li­chen Titel in Anspruch genom­men wird und sich hier­ge­gen zur Wehr set­zen muss 10.
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 27.11.1991 – XII ZB 102/​91 Fam­RZ 1992, 425 und an BGH, Urteil vom 18.10.1989 IVb ZR 86/​88 juris[↩]
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 11.07.2012 – XII ZB 354/​11 Fam­RZ 2012, 1555[↩]
AG Pei­ne, Beschluss vom 15.10.2014 – 20 F 176/​14[↩]
OLG Cel­le, Beschluss vom 02.03.2015 – 15 UF 227/​14[↩]
vgl. dazu etwa BGH, Beschluss vom 11.03.2015 – XII ZB 317/​14 Fam­RZ 2015, 838 Rn. 13 ff.[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 27.11.1991 – XII ZB 102/​91 Fam­RZ 1992, 425, 426 und BGH, Urteil vom 18.10.1989 IVb ZR 86/​88 7[↩]
vgl. dazu etwa BGH, Beschluss vom 11.03.2015 – XII ZB 317/​14 Fam­RZ 2015, 838 Rn. 14[↩]
st. Rspr., vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 11.03.2015 – XII ZB 317/​14 Fam­RZ 2015, 838 Rn. 11; und vom 02.04.2014 – XII ZB 486/​12 Fam­RZ 2014, 1012 Rn. 11 f.[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 11.07.2012 – XII ZB 354/​11 Fam­RZ 2012, 1555 Rn. 17; BGH, Urtei­le vom 10.12 2008 – XII ZR 108/​05 Fam­RZ 2009, 495 Rn. 12 ff.; vom 11.07.2001 – XII ZR 14/​00 Fam­RZ 2002, 666, 667; und vom 18.12 1991 – XII ZR 79/​91 Fam­RZ 1992, 535, 536; BGH, Beschlüs­se vom 24.06.1992 – XII ZB 56/​92 Fam­RZ 1993, 45, 46; und vom 27.11.1991 – XII ZB 102/​91 Fam­RZ 1992, 425, 426[↩]