Source: https://www.jusmeum.de/urteil/vg_gelsenkirchen/0ea1c6ffe920091adb3c1945c172ce8b93bb68593137fab589c2aba1404b1464
Timestamp: 2018-12-09 20:08:49
Document Index: 61220423

Matched Legal Cases: ['§ 30', '§ 30', '§ 89', '§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 30', '§ 86', '§ 86', '§ 27', '§ 31', '§ 32', '§ 1', '§ 1', '§ 86', '§ 154', '§ 167', '§ 708']

VG Gelsenkirchen, 2 K 1700/07: VG Gelsenkirchen: örtliche zuständigkeit, gewöhnlicher aufenthalt, jugendamt, eltern, unterbringung, gespräch, entlassung, absicht, anfang, auflage
Urteil des VG Gelsenkirchen vom 03.04.2008, 2 K 1700/07
2 K 1700/07
VG Gelsenkirchen: örtliche zuständigkeit, gewöhnlicher aufenthalt, jugendamt, eltern, unterbringung, gespräch, entlassung, absicht, anfang, auflage
örtliche zuständigkeit, Gewöhnlicher aufenthalt, Jugendamt, Eltern, Unterbringung, Gespräch, Entlassung, Absicht, Anfang, Auflage
Aktenzeichen: 2 K 1700/07
Schlagworte: gewöhnlicher Aufenthalt
Normen: SGB I § 30 Abs. 3 Satz 2
Leitsätze: Den gewöhnlichen Aufenthalt hat jemand gemäß § 30 Abs. 3 Satz 2 SGB I dort, wo er sich unter Umständen aufhält, die erkennen lassen, dass er an diesem Ort oder in diesem Gebiet nicht nur vorübergehend verweilt. Maßgeblich sind dabei die tatsächlichen Umstände im Zeitpunkt des Zuzugs. Zu diesem Zeitpunkt muss der Betroffene tatsächlich einen neuen Aufenthalt begründen und darüber hinaus die Absicht haben, bis auf weiteres im Sinne eines zukunftsoffenen Verbleibens am Ort dieses neuen Aufenthaltes den Mittelpunkt seiner Lebensbeziehungen zu haben. Bei Minderjährigen wird der gewöhnliche Aufenthalt regelmäßig durch die personensorgeberechtigten Eltern bestimmt. Ob die mit der tatsächlichen Aufenthaltsbegründung verbundene Absicht sich -rückschauend betrachtet- auch verwirklicht, spielt keine Rolle. Von Vornherein bestehende objektive tatsächliche Hinderungsgründe können der Begründung eines gewöhnlichen Aufenthaltes entgegenstehen.
Die Klägerin darf die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe des jeweils vollstreckungsfähigen Betrages abwenden, wenn nicht die Beklagte vor der Vollstreckung in gleicher Höhe Sicherheit leistet.
Die Klägerin begehrt von der Beklagten die Erstattung von Kosten, die ihr durch zu Gunsten von L. T. erbrachte Leistungen entstanden sind. 2
3Der am 30. März 1995 geborene L. lebte nach der Trennung seiner unverheirateten Eltern seit Mai 2003 im Einverständnis beider sorgeberechtigter Elternteile bei seinem Vater W.B. in S. . Im Jahre 2005 wurde W.B. das Aufenthaltsbestimmungsrecht für L. übertragen. In S. besuchte L. eine Förderschule für Geistigbehinderte des D. - Verbandes.
4Am 8. Juni 2006 wandte sich L. Mutter, G.S., in Sorge um L. Wohlergehen an das Jugendamt der Klägerin. Ergebnis des Gespräches war, dass sich L. Mutter an das Jugendamt der Beklagten wenden werde. Am 10./11. Juni 2006 besuchte G.S. ihren Sohn bei dessen Vater. Aufgrund der Schilderungen L. zu Lebensumständen bei seinem Vater wurde L. nach Überweisung durch einen Kinderarzt am 12. Juni 2006 von seinen Eltern in das St. W. -Krankenhaus in D1. gebracht und dort stationär aufgenommen.
5Am 13. Juni 2006 sprach G.S. erneut im Jugendamt der Klägerin vor und äußerte ihre Sorge um L. : Ihr Sohn nässe und kote ein, seine Zähne seien schlecht, er sei seit einem Jahr nicht mehr beim Kinderarzt gewesen, er esse und trinke nicht mehr und sei Gewalttätigkeiten seines Vaters ausgesetzt. Am 14. Juni 2006 suchte G.S. eine Anwältin auf, welche unter dem 16. Juni 2006 beim Amtsgericht S. (Az.: 44 F 112/06) die Übertragung der elterlichen Sorge auf G.S. beantragte. Ferner beantragte G.S. im Wege einstweiliger Anordnung die Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts für L. auf G.S.
6Während L. Klinikaufenthalt verständigten sich L. Eltern L. Wunsch entsprechend darauf, dass L. zu seiner Mutter ziehe.
7Am 19. Juni 2006 sprach W.B. beim Jugendamt der Beklagten vor. Er teilte mit, dass G.S. und er hätten beschlossen, dass L. in den Haushalt seiner Mutter wechsle. Er werde L. bei allen Ämtern in S. abmelden. Weitere Unterstützung seitens des Jugendamts der Beklagten lehnte er ab, da die Kindeseltern bereits ihre Entscheidung getroffen hätten.
8Ebenfalls am 19. Juni 2006 wandte sich das Krankenhaus an das Jugendamt der Klägerin, um sich abzusichern, ob L. zu seiner Mutter, die nicht immer voll belastbar sei, entlassen werden könne. Das Jugendamt formulierte keine ausdrücklichen Einwände. Am 19. Juni 2006 wurde L. sodann in gutem Allgemeinzustand aus dem St. W. -Hospital entlassen. Er freute sich zu diesem Zeitpunkt sichtlich, zu seiner Mutter zu ziehen.
9Schon am darauffolgenden Tag, am 20. Juni 2006, sah sich G.S. mit der neuen Situation überfordert. Eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen, die G.S. seit 2004 begleitete, wandte sich am 20. Juni 2006 an das Jugendamt der Klägerin, da nach Einschätzung dieser Mitarbeiterin G.S. mit der Versorgung ihres Sohnes völlig überfordert sei. G.S. sehe auch ein, dass sie ihrem Sohn nicht gerecht werden könne. Weitere Gespräche am gleichen Tag folgten.
10W.B. wurde telefonisch vom Jugendamt der Klägerin am 20. Juni 2006 davon unterrichtet, dass Hilfebedarf für L. bestehe. Er erklärte sich bereit, L. bei sich aufzunehmen, äußerte jedoch die Auffassung, gegebenenfalls müsse dauerhaft eine Alternative gefunden werden. In dem anschließenden Gespräch im Jugendamt der Klägerin waren sich die Eltern einig, dass L. wieder beim Vater leben solle. In den
nächsten Tagen bzw. Wochen solle der Hilfebedarf durch die Jugendämter der Klägerin und der Beklagten erörtert werden, beide Elternteile wünschten Unterstützung. Eine Inobhutnahme in einer Wohngruppe lehnten die Eltern ab, da L. dort ganz fremd wäre und sich dann gegebenenfalls nochmals wieder umgewöhnen müsse. G.S. und W.B. konnten sich allerdings grundsätzlich eine stationäre Hilfe für L. zum Beispiel in einem Internat vorstellen. Bei einem weiteren Gespräch beim Jugendamt der Beklagten am 28. Juni 2006 lehnten beide Elternteile eine ambulante Hilfe ab und wünschten eine stationäre Unterbringung L. . Am 30. Juni 2006 versicherte G.S. im familiengerichtlichen Verfahren u.a. an Eides Statt, sie werde sich - auch mit Unterstützung einer sozialpädagogischen Familienhilfe - um L. kümmern.
11Am 3. Juli 2006 war L. - nach einem Aufenthalt bei seiner Tante - wieder bei seiner Mutter. Im Einverständnis mit seinen Eltern nahm das Jugendamt der Klägerin L. am 4. Juli 2006 in seine Obhut. Seither lebt L. - in regelmäßigem Kontakt mit seinen Eltern - in der Außenwohngruppe E. des Kinderwohnheims E1. .
12In dem o.a. familiengerichtlichen Verfahren vor dem Amtsgerichts S. erklärten sowohl W.B. als auch G.S. im Termin am 15. August 2006, sie seien sich darüber einig, dass es L. in E1. am besten gehe. Sie seien damit einverstanden, dass L. weiterhin in E1. in der betreuten Wohngruppe verbleibe. Dies erscheine - so das Familiengericht in einem Hinweis - nach Aktenlage auch als die bestmögliche Lösung. Sorgerechts- und Aufenthaltsbestimmungsrechtsverfahren wurden für erledigt erklärt.
13Mit Schreiben vom 6. Juli 2006 wies die Klägerin die Beklagte darauf hin, dass nach Auffassung der Klägerin L. seinen gewöhnlichen Aufenthalt zuletzt bei W.B. gehabt habe. Daraus folge die Zuständigkeit der Beklagten für den Hilfefall.
14Eine Übernahme des Hilfefalles in die eigene Zuständigkeit lehnte die Beklagte mit Schreiben vom 7. September 2006 gegenüber der Klägerin ab. Aufgrund der - im Einzelnen beschriebenen - Umstände der Entlassung L. aus dem Krankenhaus sei der gewöhnliche Aufenthalt L. in E1. begründet worden.
15Im nachfolgenden Schriftwechsel beharrten die Beteiligten auf ihren wechselseitigen Positionen. Die Klägerin setzte der Beklagten zuletzt mit Schreiben vom 23. März 2007 eine Frist bis zum 20. April 2007 zur Übernahme des Hilfefalles. Ferner machte sie einen weiteren Kostenerstattungsanspruch auf Grund pflichtwidrigen Verhaltens der Beklagten geltend.
Am 22. Juni 2007 hat die Klägerin die vorliegende Klage erhoben. 16
Zur Begründung trägt sie im Wesentlichen vor: 17
18Die Beklagte habe die bisher entstandenen Kosten für L. Unterbringung zu ersetzen und den Hilfefall in eigener Zuständigkeit fortzuführen.
19Die gesamten Umstände sprächen dafür, dass L. bei seiner Mutter in E1. keinen gewöhnlichen Aufenthalt begründet habe und auch gar nicht habe begründen können. Angesichts der psychischen Überforderung von G.S., die allen Beteiligten - auch den Mitarbeitern der Beklagten - bekannt gewesen sei, habe sich ein gewöhnlicher Aufenthalt L. in E1. nicht verwirklichen lassen.
20Grundsätzlich sei die Begründung des gewöhnlichen Aufenthalts zwar unabhängig von einer bestimmten Zeitdauer, die Zeitdauer dürfe aber nicht nur einen vorübergehenden Zeitraum umfassen. Bloß vorübergehend sei ein Aufenthalt, der von Anfang an nur für kurze Zeit geplant gewesen sei, wie z.B. Besuchs- oder Zwischenaufenthalte. Darum handele es sich hier. Den Kindeseltern sei nämlich von Anfang an bewusst gewesen, dass sich G.S. angesichts ihrer psychischen Probleme gar nicht um den gemeinsamen Sohn habe kümmern können. Es habe insoweit von Anfang an fest gestanden, dass der Aufenthalt am 19. Juni 2006 nur ein vorübergehender Zwischenaufenthalt habe sein können. Daran ändere auch der durch G.S. gestellt auf Übertragung des Aufenthaltsbestimmungsrechts nichts, da diesem Antrag nicht stattgegeben worden sei.
21Ferner habe sich gezeigt, dass G.S. aus psychischen Gründen nicht in der Lage gewesen sei, ihren Sohn angemessen zu betreuen und zu versorgen, denn ihre psychosoziale Gesundheit sei weiterhin krisenhaft. Auf Grund erneuter massiver depressiver Schübe habe sie in der zweiten Jahreshälfte 2007 lediglich schriftlichen Kontakt zu L. halten können. Außerdem sei sie zum Teil nicht in der Lage gewesen, ihre Wohnung zu verlassen. Auch gegenüber der G.S. begleitenden Mitarbeitern des Sozialdienstes katholischer Frauen E1. habe G.S. schon im Vorfeld der Krankenhausentlassung geäußert, dass sie L. auf keinen Fall einer Gefährdung durch seinen Vater habe aussetzen wollen. Sie wolle es "ein paar Tage schaffen", L. zu betreuen, sie fühle sich aber nicht in der Lage, dauerhaft die Versorgung von L. zu übernehmen. Für die Mitarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen erwartungsgemäß habe sich G.S. schon nach einer Nacht mit der Betreuung von L. überfordert gefühlt. Diese Umstände belegten, dass dem Wunschdenken von G.S. zum Trotz objektiv zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit bestanden habe und bestehe, L. bei ihr leben zu lassen.
22Die weiter geltend gemachten Kosten für Verwaltungsmehraufwand seien durch ein - im Einzelnen dargestelltes - pflichtwidriges Verhalten der Beklagten verursacht und aufgrund dieser Pflichtwidrigkeit ebenfalls zu ersetzen.
festzustellen, dass die Beklagte für den Hilfefall L. T. örtlich zuständig ist. 24
25Die Beklagte zu verurteilen an die Klägerin, die bisher entstandenen Kosten für die Unterbringung von L. T. im Kinderwohnheim in E1. (Zeitraum: Beginn der Unterbringung bis zum Tag der mündlichen Verhandlung) zu erstatten.
26Die Beklagte zu verurteilen an die Klägerin Verwaltungskosten in Höhe von 10.000,00 Euro zu zahlen.
Zur Begründung trägt sie im Wesentlichen vor: 29
30Dass sich L. nur für kurze Zeit bei seiner Mutter aufgehalten habe, hindere nicht die Begründung des gewöhnlichen Aufenthaltes. Den Kindeseltern sei bei der Aufnahme L. durch seine Mutter nach L. Krankenhausaufenthalt auch nicht bewusst gewesen, dass
sie sich aufgrund ihrer psychischen Probleme nicht ausreichend um L. werde kümmern können. Hilfen des Jugendamtes um der Überforderung von G.S. vorzubeugen, seien zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Anspruch genommen worden. Es sei auch der Wunsch von G.S. gewesen, L. bei sich aufzunehmen.
31Durch Beschluss vom 5. März 2008 hat die Kammer den Rechtsstreit auf den Berichterstatter als Einzelrichter zur Entscheidung übertragen.
32Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die Gerichtsakte sowie die beigezogenen Verwaltungsvorgänge des Beklagten Bezug genommen.
Die zulässige Klage hat in der Sache keinen Erfolg. 34
35Für die Tragung der Kosten der Unterbringung L. im Kinderwohnheim E1. ist die Beklagte nicht zuständig, da L. seinen gewöhnlichen Aufenthalt mit der Entlassung aus dem Krankenhaus am 19. Juni 2006 in E1. begründet und dort behalten hat. Im Einzelnen:
36Der geltend gemachte Erstattungsanspruch (Klageantrag zu 2.) besteht nicht. Gemäß § 89c Abs. 1 Satz 2 des Sozialgesetzbuches - Achtes Buch - (SGB VIII) sind Kosten, die ein örtlicher Träger im Rahmen seiner Verpflichtung nach § 86 d SGB VIII aufgewendet hat, von dem örtlichen Träger zu erstatten, dessen Zuständigkeit durch den gewöhnlichen Aufenthalt nach §§ 86, 86a und 86 b SGB VIII begründet wird.
37Gemäß § 86 d SGB VIII ist der örtliche Träger vorläufig zum Tätigwerden verpflichtet, in dessen Bereich sich das Kind vor Beginn der Leistung tatsächlich aufhält, sofern die örtliche Zuständigkeit nicht feststeht oder der zuständige örtliche Träger nicht tätig wird. Die Klägerin ist angesichts des Streites der Beteiligten über die örtliche Zuständigkeit im Hilfefall L. T. aus seiner Sicht auf der Grundlage dieser Regelung tätig geworden, da sich L. am 4. Juli 2006, dem Tag der Inobhutnahme und des Beginns der Unterbringung im Kinderwohnheim E1. , tatsächlich bei seiner Mutter in E1. aufhielt. Gleichwohl kann die Klägerin keine Kostenerstattung beanspruchen, da die Beklagte für diesen Hilfefall örtlich nicht zuständig war und ist. Vor Leistungsbeginn am 4. Juli 2006 hatte L. seinen gewöhnlichen Aufenthalt nicht (mehr) in S. , sondern in E1. .
38Für die Gewährung von Leistungen nach dem SGB VIII ist der örtliche Träger zuständig, in dessen Bereich die Eltern ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben, § 86 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII. Haben die Elternteile - wie hier - verschiedene gewöhnliche Aufenthalte (S. und E1. ), so ist der örtliche Träger zuständig, in dessen Bereich der personensorgeberechtigte Elternteil seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat; dies gilt auch dann, wenn ihm einzelne Angelegenheiten der Personensorge entzogen sind, § 86 Abs. 2 Satz 1 SGB VIII. Steht die Personensorge den Eltern gemeinsam zu - ebenfalls wie hier -, so richtet sich die Zuständigkeit nach dem gewöhnlichen Aufenthalt des Elternteils, bei dem das Kind oder der Jugendliche vor Beginn der Leistung zuletzt seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, § 86 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII.
39Den gewöhnlichen Aufenthalt hat jemand dort, wo er sich unter Umständen aufhält, die erkennen lassen, dass er an diesem Ort oder in diesem Gebiet nicht nur vorübergehend verweilt, § 30 Abs. 3 Satz 2 SGB I.
40Maßgeblich sind dabei die tatsächlichen Umstände im Zeitpunkt des Zuzugs. Zu diesem Zeitpunkt muss der Betroffene tatsächlich einen neuen Aufenthalt begründen und darüber hinaus die Absicht haben, bis auf weiteres im Sinne eines zukunftsoffenen Verbleibens am Ort dieses neuen Aufenthaltes den Mittelpunkt seiner Lebensbeziehungen zu haben. Bei Minderjährigen wird der gewöhnliche Aufenthalt regelmäßig durch die personensorgeberechtigten Eltern bestimmt. Ob die mit der tatsächlichen Aufenthaltsbegründung verbundene Absicht sich - rückschauend betrachtet - auch verwirklicht, spielt keine Rolle.
41Vgl. Zum Ganzen etwa Münder u.a., Frankfurter Kommentar zum SGB VIII: Kinder- und Jugendhilfe, 5. Auflage Weinheim u.a. 2006, § 86 Rnrn. 2 ff. m.w.N.
42Der gewöhnliche Aufenthalt L. wurde mit dessen Entlassung aus dem St. W. -Hospital in D1. am 19. Juni 2006 in E1. begründet. Seine personensorgeberechtigten Eltern waren sich darüber einig, dass L. seinem Wunsche entsprechend nach dem Krankenhausaufenthalt zu seiner Mutter zieht und dort den Mittelpunkt seiner Lebensbeziehungen hat. Allein dies vermag u.a. die Freude L. am Entlassungstag zu erklären und auch nur dadurch wird die Erklärung von W.B. gegenüber dem Jugendamt der Beklagten am 19. Juni 2006 verständlich, dass er L. von allen Ämtern usw. in S. abmelden werde.
43Objektive tatsächliche Hinderungsgründe, die es von Vornherein ausgeschlossen haben, dass L. den Mittelpunkt seiner Lebensbeziehungen bei seiner Mutter in E1. hat, sind nicht feststellbar.
44Vgl. zum Aspekt der objektiven Hinderungsgründe z.B. Schellhorn in: Schellhorn/Fischer/Mann, SGB VIII, 3. Auflage, München 2007, § 86 Rn 26; Münder, a.a.O., Rn. 3.
45Es kann dabei unterstellt werden, dass G.S. aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände und der hieraus resultierenden psychischen Situation, die u.a. die G.S. seit 2004 begleitende Mitarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen in ihrem unter dem 4. März 2008 der Klägerin übersandten "Bericht zur Situation von L. T. im Sommer 2006" geschildert hat, nicht in der Lage war, allein für L. zu sorgen. Fest steht nach dem Verhalten von G.S., dass sie auf keinen Fall eine dauerhafte Rückkehr L. zu seinem Vater wollte. Die Äußerungen von G.S. in dem genannten Bericht der Mitarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen sind ebenso eindeutig wie die Antragsschrift im Verfahren vor dem Familiengericht S. : Trotz ihrer psychischen Situation sah sich G.S. stets in der Verantwortung, ihren Sohn zu schützen und suchte dazu Unterstützung bzw. Hilfe zur Erziehung. Diese Einschätzung der Mitarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen teilt das Gericht.
46Dass es sich hierbei um ein bloßes Wunschdenken von G.S. handelt, wie die Klägerin meint, lässt sich nicht erkennen. Der Klägerin standen mit den Mitteln der (ambulanten) Hilfe zur Erziehung gemäß § 27 ff. SGB VIII Möglichkeiten zur Verfügung, G.S. intensiv zu unterstützen. In ihrer eidesstattlichen Versicherung vom 30. Juni 2006, abgegeben gegenüber dem Familiengericht S. , erklärte G.S. unmissverständlich: "Ich möchte, dass L. bei mir lebt. Ich werde mich - auch mit Unterstützung einer sozialpädagogischen Familienhilfe - um L. kümmern." Im Gespräch im Jugendamt der Klägerin am 20. Juni 2006 erklärten beide Eltern, sich dauerhaft nicht ohne Hilfe in der Lage zu sehen, sich
um L. kümmern zu können. G.S. machte dabei deutlich, dass sie gerne über ihre Grenzen hinauswachsen würde, um L. bei sich wohnen zu lassen, jedoch deutlich überfordert sei. Am 28. Juni 2006 wurden gegenüber den Kindeseltern im Rahmen eines Gespräches beim Jugendamt der Beklagten ambulante Maßnahmen angeregt und ein Antrag auf Hilfe zur Erziehung ausgehändigt, G.S. bat um Bedenkzeit, stellte diesen Antrag aber nicht. Im Gespräch selbst hatten beide Kindeseltern ambulante Maßnahmen noch abgelehnt.
Es lässt sich angesichts dessen nicht feststellen, dass die Hindernisse, die einer Betreuung L. durch seine Mutter entgegenstanden, so geartet waren, dass schon bei der Entlassung L. aus dem Krankenhaus feststand, dass L. Mutter ihn auf keinen Fall werde betreuen können. Auch wenn G.S. gegenüber dem Jugendamt der Beklagten ambulante Maßnahmen am 28. Juni 2006 noch abgelehnt hat, so hat sie zwei Tage später in ihrer eidesstattlichen Versicherung gerade solche Maßnahmen selbst genannt. Die von G.S. dabei selbst ins Gespräch gebrachte sozialpädagogische Familienhilfe soll gemäß § 31 SGB VIII durch intensive Betreuung und Begleitung Familien in ihren Erziehungsaufgaben, bei der Bewältigung von Alltagsproblemen, der Lösung von Konflikten und Krisen sowie im Kontakt mit Ämtern und Institutionen unterstützen und Hilfe zur Selbsthilfe geben. Sie ist in der Regel auf längere Dauer angelegt und erfordert die Mitarbeit der Familie. Von dieser Möglichkeit wurde kein Gebrauch gemacht. Daneben stellt sich auch die Frage, weshalb für L. zur Entlastung seiner Mutter nicht auch die Möglichkeit des § 32 SGB VIII im Einzelnen erwogen wurde: Hilfe zur Erziehung in einer Tagesgruppe soll die Entwicklung des Kindes oder des Jugendlichen durch soziales Lernen in der Gruppe, Begleitung der schulischen Förderung und Elternarbeit unterstützen und dadurch den Verbleib des Kindes oder des Jugendlichen in seiner Familie sichern. Die Hilfe kann auch in geeigneten Formen der Familienpflege geleistet werden.
48Anhaltspunkte dafür, dass bei einer solch intensiven Form ambulanter Betreuung L. sein Verbleib bei seiner Mutter gleichwohl von Vornherein auf jeden Fall ausgeschlossen sein sollte, sind weder vorgetragen noch sonst ersichtlich. Angesichts der Erziehungsverpflichtung der Eltern, vgl. § 1 Abs. 2 Satz 1 SGB VIII, und dem bloßen Wächteramt der staatlichen Gemeinschaft, § 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII, - Vorschriften, welche die verfassungsrechtlichen Vorgaben auf einfachgesetzlicher Ebene wiederholen - verbleibt es daher bei der Entscheidung der Personensorgeberechtigten L. , dass er mit der Krankenhausentlassung zukunftsoffen bei seiner Mutter den Mittelpunkt seiner Lebensbeziehungen haben sollte.
49Die weiteren Aufenthaltswechsel L. - "Rückkehr" zu seinem Vater, Aufenthalt bei seiner Tante - haben keinen neuen gewöhnlichen Aufenthalt begründen können. Die personensorgeberechtigten Eltern waren sich darüber einig, dass die "Rückkehr" L. zu seinem Vater nur vorübergehender Natur sein sollte. Alles andere hätte auch den vielfach von G.S. geäußerten Sorgen in Bezug auf einen Aufenthalt L. bei seinem Vater widersprochen.
50Angesichts der vorstehenden Ausführungen besteht auch keine Handhabe, die örtliche Zuständigkeit der Beklagten für die Fortdauer des Hilfefalles L. T. festzustellen (Klageantrag zu 1.).
Schließlich hat die Klägerin auch keinen Anspruch auf die von ihr begehrten Verwaltungskosten in Höhe von 10.000,00 Euro (Klageantrag zu 3.). Hat der örtliche 47
Träger die Kosten - hier diejenigen nach § 86 d SGB VIIII - deshalb aufgewendet, weil der zuständige örtliche Träger pflichtwidrig gehandelt hat, so hat der zuständige örtliche Träger zusätzlich einen Betrag in Höhe eines Drittels der Kosten, mindestens jedoch 50 Euro zu erstatten. Die Anspruchsvoraussetzungen sind schon deshalb nicht gegeben, weil die Beklagte - wie ausgeführt - seit dem 19. Juni 2006 nicht mehr der für L. T. zuständige örtliche Träger für Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe war.
Die Kostenentscheidung folgt aus §§ 154 Abs. 1, 188 Satz 2 VwGO. 52
Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf § 167 VwGO i. V. m. §§ 708 Nr. 11, 709, 711 der Zivilprozessordnung. 53