Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/anwaltsverguetung-bei-kirchlichen-vermittlungsstellen-327140
Timestamp: 2020-02-28 21:15:56
Document Index: 123118137

Matched Legal Cases: ['§ 65', '§ 65', '§ 1', '§ 559', 'Art. 140', 'Art. 137', 'Art. 140', 'Art. 137', '§ 65', 'BGH']

Anwalts­ver­gü­tung bei Kirch­li­chen Ver­mitt­lungs­stel­len | Rechtslupe
Anwaltsvergütung bei Kirchlichen Vermittlungsstellen
Anwalts­ver­gü­tung bei Kirch­li­chen Ver­mitt­lungs­stel­len
Eine Geschäfts­ge­bühr nach Nr. 2303 Nr. 4 VV RVG setzt ein Ver­fah­ren vor einer gesetz­lich ein­ge­rich­te­ten Einigungs‑, Güte- oder Schieds­stel­le vor­aus. Sie fällt daher bei Ver­fah­ren vor einer kirch­li­chen Ver­mitt­lungs­stel­le, deren Anru­fung vor Beschrei­ten des Rechts­we­ges rein arbeits­ver­trag­lich ver­ein­bart ist, nicht an.
Einer unmit­tel­ba­ren Anwen­dung des § 65 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 4 BRAGO und der Nr. 2303 Ziff. 4 VV RVG auf kirch­li­che Ver­mitt­lungs­stel­len steht der kla­re Wort­laut der Gebüh­ren­tat­be­stän­de ent­ge­gen. Zwar set­zen § 65 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 4 BRAGO und Nr. 2303 Ziff. 4 VV RVG nicht vor­aus, dass die Ein­rich­tung der Güte­stel­le unmit­tel­bar durch ein for­mel­les Gesetz gere­gelt ist. Aus der Bezug­nah­me auf die in Ziff. 1 bis 3 kon­kret auf­ge­führ­ten Güte­stel­len folgt viel­mehr, dass die Ein­rich­tung auf­grund einer in einem Gesetz ent­hal­te­nen Ermäch­ti­gung aus­rei­chend ist 1.
Eine gesetz­li­che Ermäch­ti­gung für die Ein­rich­tung der kirch­li­chen Ver­mitt­lungs­stel­len fehlt jedoch. Ins­be­son­de­re fin­det sich eine sol­che nicht in § 1 des Arbeits­rechts­re­ge­lungs­ge­set­zes (ARRG), der ledig­lich bestimmt, dass die Arbeits­be­din­gun­gen nach tarif­ver­trag­li­chen Rege­lun­gen zu gestal­ten sind. Der Kirch­li­che Ange­stell­ten­ta­rif­ver­trag (KAT-NEK) vom 15. Janu­ar 1982 2 stellt bereits des­halb kei­ne gesetz­li­che Grund­la­ge dar, da er weder das Schlich­tungs­ver­fah­ren vor den kirch­li­chen Ver­mitt­lungs­stel­len noch das Ver­trags­mus­ter mit der die Ver­mitt­lungs­stel­len betref­fen­den Ver­pflich­tungs­klau­sel erwähnt. Offen blei­ben kann, ob für das vor­lie­gen­de Revi­si­ons­ver­fah­ren nach § 559 Abs. 2 ZPO die – unzu­tref­fen­de – Fest­stel­lung im unstrei­ti­gen Tat­be­stand des Beru­fungs­ur­teils zugrun­de zu legen ist, wonach das Arbeits­ver­trags­mus­ter Bestand­teil des für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten KAT-NEK ist. Auch auf die­ser Grund­la­ge könn­te in dem Tarif­ver­trag kei­ne "gesetz­li­che" Ermäch­ti­gung für die Ein­rich­tung der kirch­li­chen Ver­mitt­lungs­stel­len gese­hen wer­den, da es zur Ver­bind­lich­keit der Klau­sel einer Über­nah­me in den Arbeits­ver­trag bedarf, die – wie die "NEK Mit­tei­lun­gen" vom 1. Janu­ar 1994 klar­stel­len – den Arbeits­ver­trags­par­tei­en frei­steht. Die Anru­fung und Ein­rich­tung der Ver­mitt­lungs­stel­len beruht daher aus­schließ­lich auf der Ent­schei­dung der Arbeits­ver­trags­par­tei­en.
Eine exten­si­ve Aus­le­gung des sei­nem Wort­sinn nach ein­deu­ti­gen Begriffs der "gesetz­li­chen" Ein­rich­tung in Ziff. 4 der Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen schei­det auch unter Berück­sich­ti­gung von Sinn und Zweck die­ser ein­schrän­ken­den For­mu­lie­rung aus. Aus dem Wort­laut der Rege­lung und der Bezug­nah­me auf die aus­drück­lich unter Ziff. 1 bis Ziff. 3 erwähn­ten Schlich­tungs­stel­len ergibt sich die Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers, die Anwen­dung der beson­de­ren Gebühr für das Ver­mitt­lungs­ver­fah­ren im Inter­es­se der Vor­her­seh­bar­keit der Gebüh­ren­last für die Par­tei­en klar zu begren­zen. Durch die Beschrän­kung auf gesetz­lich ein­ge­rich­te­te Eini­gungs­stel­len wird zugleich gewähr­leis­tet, dass die beson­de­re Gebühr nur in Ver­fah­ren vor sol­chen Eini­gungs­stel­len anfällt, die auf­grund ihrer Beset­zung und auf­grund eines struk­tu­rier­ten Ver­fah­rens ein hin­rei­chen­des Maß an Neu­tra­li­tät und Kom­pe­tenz auf­wei­sen. Die­ser Zweck lässt sich nur durch eine restrik­ti­ve, am Wort­sinn ori­en­tier­te Aus­le­gung der Ver­gü­tungs­vor­schrift gewähr­leis­ten. Daher kön­nen weder eine ver­trag­li­che Rege­lung noch die aus dem Sta­tus der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 5 Satz 1 WRV) abge­lei­te­te all­ge­mei­ne Befug­nis zu öffent­lich-recht­li­cher Rechts­set­zung unter den Begriff der "gesetz­li­chen" Ein­rich­tung sub­su­miert wer­den.
Auch eine ana­lo­ge Anwen­dung der Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen auf die Ver­fah­ren vor kirch­li­chen Ver­mitt­lungs­stel­len kommt nicht in Betracht. Es fehlt bereits die für eine Ana­lo­gie erfor­der­li­che 3 plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke. Eine Aus­wei­tung des Gebüh­ren­tat­be­stan­des auf ver­trag­lich ver­ein­bar­te Streit­bei­le­gungs­ver­fah­ren woll­te der Gesetz­ge­ber zwecks Vor­her­seh­bar­keit der Gebüh­ren­last erkenn­bar ver­mei­den. Der Annah­me, dass der Gesetz­ge­ber die Mög­lich­keit einer arbeits­ver­trag­li­chen Rege­lung plan­wid­rig über­se­hen haben könn­te, steht auch ent­ge­gen, dass sowohl Ziff. 2 als auch Ziff. 3 der Gebüh­ren­re­ge­lun­gen Ver­fah­ren zur Schlich­tung von Strei­tig­kei­ten in Arbeits- bzw. Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­sen betref­fen.
Für die gefor­der­te ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung der Gebüh­ren­tat­be­stän­de unter Berück­sich­ti­gung des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Nord­el­bi­schen Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che (Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV) besteht kein Anlass. Weder kön­nen sich die Par­tei­en die­ses Rechts­streits auf das Selbst­be­stim­mungs­recht beru­fen noch ist die Nord­el­bi­schen Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che in ihrem Recht, ihre eige­nen Ange­le­gen­hei­ten zu regeln, beein­träch­tigt.
Ent­schei­dungs­er­heb­lich ist dem­nach allein die Fra­ge, ob die Gebüh­ren­re­ge­lun­gen auf ver­trag­lich ver­ein­bar­te Ver­mitt­lungs­ver­fah­ren Anwen­dung fin­den. Die­se Fra­ge ist über die zwi­schen den Par­tei­en strei­ti­gen Fäl­le hin­aus in Recht­spre­chung und Rechts­leh­re nicht umstrit­ten. Nur ver­ein­zelt 4 wird ver­tre­ten, dass § 65 BRAGO auf pri­va­te Streit­bei­le­gungs­ein­rich­tun­gen ange­wen­det wer­den soll­te.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Dezem­ber 2010 – IV ZR 96/​10
OLG Karls­ru­he, Jur­Bü­ro 1985, 236, 238; Madert, in Gerold/​Schmidt/​v. Eicken/­Ma­der­t/­Mül­ler-Rabe, RVG, 19. Aufl., VV 2303 Rn. 7; Jung­bau­er, in Bischof/​Jungbauer/​Bräuer/​Curkovic/​Mathias/​Uher, RVG, 3. Aufl., Nr. 2303 VV Rn. 12; Fel­ler, in Göttlich/​Mümmler/​Rehberg/​Xanke/​Schons/​Vogt/​Feller, RVG, 3. Aufl., S. 489[↩]
ver­öf­fent­licht im GVOBl. der Nord­el­bi­schen Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­che – NEK – 1980, S. 46 – 82[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 14.06.2007 – V ZB 102/​06, NJW 2007, 3124, m.w.N.[↩]
Scher­pe, AnwBl. 2004, S. 14[↩]
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