Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BFH&Datum=10.03.2016&Aktenzeichen=III%20R%202%2F15
Timestamp: 2019-04-20 05:38:29
Document Index: 86358468

Matched Legal Cases: ['§ 227', '§ 130', '§ 126', '§ 126', '§ 227', '§ 218', '§ 367', '§ 367', '§ 367', '§ 132', '§ 130', '§ 240', '§ 240', '§ 240', '§ 258', '§ 309', '§ 222', '§ 135', '§ 130', '§ 172', '§ 222', '§ 227', '§ 240', '§ 227', '§ 240', '§ 367', '§ 130', '§ 131', '§ 227', '§ 361', '§ 69', '§ 240', '§ 240', '§ 80', '§ 80', '§ 367', '§ 172', '§ 240', '§ 361', '§ 119', '§ 240', '§ 240', '§ 258']

BFH, 10.03.2016 - III R 2/15 - dejure.org
§ 227 der Abgabenordnung (AO), §§ ... 130, 131 AO, § 130 AO, § 126 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 der Finanzgerichtsordnung, § 126 Abs. 2 FGO, § 227 AO, § 218 AO, § 367 Abs. 2 AO, § 367 Abs. 2 Satz 1 AO, § 367 Abs. 2 Satz 2 AO, § 132 Satz 1 AO, §§ 130 f., 172 ff. AO, § 240 Abs. 1 AO, § 240 Abs. 1 Satz 1 AO, § 240 Abs. 1 Satz 4 AO, § 258 AO, § 309 Abs. 1 Satz 1 AO, § 222 AO, § 135 Abs. 1 FGO
§ 130 AO, § 172 AO, § 222 AO, § 227 AO, § 240 Abs 1 S 4 AO
Verböserung der Einspruchsentscheidung nach Teilerlass von Säumniszuschlägen - Billigkeits- und Abrechnungsverfahren
Der Streit um die Säumniszuschläge - Billigkeitserlass vor Abschluss des Abrechnungsverfahrens
AO § 227, AO § 240, AO § 367 Abs 2 S 2, AO § 130, AO § 131
Säumniszuschlag, Erlass, Aufhebung, Verböserung
BFHE 253, 12
NVwZ-RR 2016, 835
BB 2016, 1243
DB 2016, 1417
BStBl II 2016, 508
Eine für den Steuerpflichtigen ungünstige Rechtsfolge, die der Gesetzgeber bewusst angeordnet oder in Kauf genommen hat, rechtfertigt in der Regel keine Billigkeitsmaßnahme; insbesondere kann § 227 AO nicht als Rechtsgrundlage für eine vom Gesetzgeber nicht gewollte Befreiungsvorschrift dienen (BFH-Urteil in BFHE 253, 12, BStBl II 2016, 508, Rz 28, m.w.N.).
a) Ob zum Zeitpunkt der AdV-Versagung ernstliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Steuerbescheide i.S. von § 361 Abs. 2 Satz 2 AO bzw. § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO vorgelegen haben, d.h. die Entscheidung bei der im AdV-Verfahren gebotenen summarischen Prüfung aufgrund des Sachverhalts, der sich aus dem Vortrag des Klägers und der Aktenlage ergab, rechtmäßig war, ist nicht zu überprüfen (…BFH-Urteile vom 26. Januar 1988 VIII R 151/84, BFH/NV 1988, 695, unter 2.a, Rz 17; in BFHE 253, 12, BStBl II 2016, 508, Rz 26; Verwaltungsgericht --VG-- Magdeburg, Urteil vom 30. Oktober 2012 9 A 126/12, juris, Rz 23; VG Potsdam, Urteil vom 26. Februar 2014 8 K 1031/12, Landes- und Kommunalverwaltung --LKV-- 2014, 236, Rz 28; FG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 23. August 1995 1 K 2134/93, EFG 1995, 1093;… Klein/Rüsken, AO, 14. Aufl., § 240 Rz 65; a.A. im Sinne einer vollen Überprüfung der AdV-Entscheidung: VG München, Urteil vom 12. November 2015 M 10 K 14.4662, juris, Rz 39; FG München, Urteil vom 21. Mai 2013 10 K 1310/10, juris, Rz 47).
Zu diesen Ansprüchen gehören auch Ansprüche auf steuerliche Nebenleistungen einschließlich der nach § 240 Abs. 1 AO entstehenden Säumniszuschläge (BFH-Urteil vom 10. März 2016 III R 2/15, BFHE 253, 12, BStBl II 2016, 508, Rz 27).
Säumniszuschläge sind allerdings nicht verwirkt, soweit die Vollziehung des Steuerbescheids ausgesetzt ist (BFH-Urteil in BFHE 253, 12, BStBl II 2016, 508, Rz 30).
Ein Erlass kommt hingegen nicht in Betracht, wenn der Steuerpflichtige sich nicht um die AdV bemüht hat oder wenn die Vollziehung zu Recht nicht ausgesetzt worden ist, weil --z.B. in Schätzungsfällen-- keine ernstlichen Zweifel bestanden und der Steuerbescheid erst aufgrund nachgereichter Steuererklärungen aufgehoben worden ist (BFH-Urteil in BFHE 253, 12, BStBl II 2016, 508, Rz 31, m.w.N.).
Der Bundesfinanzhof hat zum Erlass von Säumniszuschlägen folgende Grundsätze aufgestellt (vgl. zusammenfassend Urteil vom 10.3.2016 - III R 2/15):.
Die Billigkeitsprüfung darf sich - je nach Fallgestaltung - nicht nur auf allgemeine Rechtsgrundsätze und verfassungsmäßige Wertungen beschränken; sie verlangt vielmehr eine Gesamtbeurteilung aller Normen, die für die Verwirklichung des in Frage stehenden abgabenrechtlichen Anspruchs im konkreten Fall maßgeblich sind (s. zusammenfassend: BFH, Urteil vom 10. März 2016 - III R 2/15 -, juris Rn. 28).
Deshalb sind Säumniszuschläge im Wege des Billigkeitserlasses zu beseitigen, wenn diese Annahme im Einzelfall nicht greift, d. h. wenn der Bürger alles ihm Zumutbare für die Erreichung einer behördlichen Aussetzung oder jedenfalls für die Erwirkung gerichtlichen Eilrechtsschutzes getan hat, jedenfalls vorläufigen Rechtsschutz durch das Gericht hätte erhalten müssen und insoweit gleichwohl gescheitert ist (vgl. etwa OVG Berlin-Brandenburg…, Beschluss vom 28. November 2013 - OVG 9 N 136.12 u. a. -, juris, Rn. 11 ff.; BFH, Urteil vom 10. März 2016 - III R 2/15 -, juris, Rn. 31; OVG Magdeburg…, Urteil vom 19. September 2013 - 4 L 205/12 -, juris, Rn. 31 ff.; VGH München…, Beschluss vom 27. September 2012 - 6 ZB 10.1083 -, juris, Rn. 12).
Die Billigkeitsprüfung darf sich - je nach Fallgestaltung - nicht nur auf allgemeine Rechtsgrundsätze und verfassungsmäßige Wertungen beschränken; sie verlangt vielmehr eine Gesamtbeurteilung aller Normen, die für die Verwirklichung des in Frage stehenden abgabenrechtlichen Anspruchs im konkreten Fall maßgeblich sind (vgl. BFH, Urteil vom 10. März 2016 - III R 2/15 -, BFHE 253, 12 ff. = juris Rdnrn. 27 f. m.w.N.; OVG Berlin-Brandenburg…, Beschluss vom 10. Februar 2017 - OVG 9 N 200.13 -, juris Rdnr. 8).
Es ist anerkannt, dass Säumniszuschläge wegen sachlicher Unbilligkeit zu erlassen sind, wenn der Rechtsbehelf des Abgabenpflichtigen gegen die Abgabenfestsetzung später Erfolg hat und der Abgabenpflichtige alles getan hat, um eine behördliche Aussetzung der Vollziehung gemäß § 80 Abs. 4 VwGO oder eine gerichtliche Anordnung der aufschiebenden Wirkung des Rechtsbehelfs gemäß § 80 Abs. 5 VwGO zu erreichen und ihm dies, obwohl an sich möglich und geboten, versagt wurde (…vgl. OVG Berlin-Brandenburg, Beschlüsse vom 28. November 2013 - OVG 9 N 136.12 u.a. -, juris Rdnr. 11 …und vom 10. Februar 2017 - OVG 9 N 200.13 -, juris Rdnr. 10 jeweils m.w.N.;… BFH, Urteile vom 20. Mai 2010 - V R 42/08 -, BFHE 229, 83 ff. = juris Rdnr. 22 und vom 10. März 2016 - III R 2/15 -, BFHE 253, 12 ff. = juris Rdnr. 31).
Da bzgl. der durch die streitgegenständlichen Bescheide geänderten Bescheide Einsprüche anhängig waren und mit den streitgegenständlichen Änderungsbescheiden die Gewerbesteuermessbeträge zugunsten der Klägerin vermindert wurden, liegt eine teilweise Abhilfe im Einspruchsverfahren vor, die aufgrund der Vorschriften der vollumfassenden Überprüfungsmöglichkeit des § 367 Abs. 2 AO unabhängig von den Voraussetzungen des § 172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchstabe a) AO erfolgen konnte (so ausdrücklich zuletzt BFH-Urteil vom 10. März 2016 - III R 2/15, DStR 2015, 1159).
Diese Regelung gilt uneingeschränkt auch für die Beseitigung rechtswidriger Steuerfestsetzungen, da die Vollstreckbarkeit eines Steuerbescheids nicht von seiner Bestandskraft abhängt (BFH-Urteil vom 10. März 2016 III R 2/15, BStBl II 2016, 508).
Nach § 240 Abs. 1 Satz 4 AO bleiben die verwirkten Säumniszuschläge unberührt, wenn die Festsetzung einer Steuer aufgehoben oder geändert wird (BFH-Urteile vom 24. April 2014 V R 52/13, BFHE 245, 105, BStBl II 2015, 106, Rz 11, m.w.N. und vom 10. März 2016 III R 2/15, BFH/NV 2016, 1082).
VG München, 09.01.2018 - M 10 S 17.4029
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In der Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs ist für das eigentliche Steuerrecht anerkannt, dass die Aussetzung der Vollziehung eines angefochtenen Verwaltungsakts durch die Finanzbehörde nach § 361 AO ihrerseits ein begünstigender Verwaltungsakt ist, der nach § 119 Abs. 2 AO schriftlich, elektronisch, mündlich oder in anderer Weise erlassen werden kann; einen stillschweigend erlassenen Verwaltungsakt kenne das Gesetz - also die Abgabenordnung - hingegen nicht (…BFH, B.v. 16.6.2005 - VII B 273/04 - juris. Rn. 5; U. v. 10.03.2016 - III R 2/15 - juris Rn. 26).
Sie soll sicherstellen, dass das gerichtliche Eilverfahren nicht mit zeitgleich stattfindenden Vollstreckungsmaßnahmen belastet wird und dem Gericht eine angemessene Zeit zur Entscheidung verbleibt (vgl. BFH, Urteil vom 10. März 2016 - III R 2/15 - juris, Rn. 33…, Urteil vom 15. März 1979 - IV R 174/78 -, juris, Rn. 15; OVG Berlin-Brandenburg…, Beschluss vom 14. März 2011 - OVG 9 N 71.10 - juris, Rn. 13 ff. m. w. N., OVG Koblenz, Urteil vom 8. November 1988 - 6 A 118/87 -, NVwZ-RR 1989, 324; VGH Kassel, Urteil vom 18. Mai 1988 - 5 UE 2212/84 -, NVwZ-RR 1989, 324, 325; OVG Lüneburg, Urteil vom 9. November 1987 - 1 A 144/86 -, NVwZ-RR 1989, 327;… Höllig in Koch/Scholtz, AO, 5. Aufl. 1996, Rn. 38/1 zu § 240, Koenig/Koenig AO, 3. Aufl., 2014 § 240 Rn. 13 f.;… § 258 Rn. 17).