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Timestamp: 2020-07-16 01:05:08
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Paragraph 218 | shifting reality
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Frauenbefreiung. Das Jahr Null
Der Kampf gegen den § 218 (8)
„Es ist uns bewußt geworden, daß es, nach dem Vorbild aller unterdrückter Gruppen, an uns selbst liegt, unsere eigene Befreiung anzugehen.“
Partisans Nr. 54/55 (Juli-Oktober 1970): Frauenbefreiung. Das Jahr Null
Was bisher geschah: In den letzten Folgen hatten wir den Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen, wie er vor der spektakulären Aktion im Stern geführt wurde, dargestellt. Abgeschlossen hatten wir mit einem Zeitzeuginnenbericht, der die repressive Stimmung dieser Jahre in der oberschwäbischen Provinz schilderte – und den Emanzipationsprozeß, der daraus erwuchs.
Der heutige Text ändert, scheinbar abrupt, den Schauplatz. Statt zu berichten, wie sich die Agitation gegen den § 218 weiterentwickelte, richten wir unseren Blick nach Frankreich. Das hat einen guten Grund: Die Aktion, die den nächsten Schritt dieser Geschichte in der Bundesrepublik markiert, war kein einheimisches Gewächs, sondern wurde aus Frankreich importiert. Insofern ist es ganz sinnvoll, die französische Entwicklung zumindest zu skizzieren.
Wer der irrigen Meinung ist, Frankreich sei ein in sexueller Hinsicht aufgeklärtes Land und hätte einen lockerere Haltung in Sachen Abtreibung, sitzt einem schweren Irrtum auf. Die katholische Tradition des reaktionären Frankreichs führte schon 1810 zu einer expliziten Abtreibungsgesetzgebung, gut sechzig Jahre, bevor dies im Deutschen Reich durch den § 218 geregelt wurde. In der Folge des ersten Weltkrieges wurde dann 1920 die Gesetzgebung verschärft – schließlich sollten die Gefallenen des Weltkrieges möglichst schnell ersetzt werden. Und so wurde nicht nur Abtreibung zu einem Verbrechen erklärt, sondern selbst der Verkauf von Verhütungsmitteln und die Aufklärung über Empfängnisverhütung unter Strafe gestellt.
1923 wurde das Gesetz dahingehend geändert, daß Abtreibung nun nicht mehr als Verbrechen, sondern nur als Delikt angesehen wurde. Diese scheinbare Entschärfung des Gesetzes war allerdings keineswegs menschenfreundlich: Sie diente dazu, die Rate der Verurteilungen hochzusetzen. Als Verbrechen hatte die Abtreibung vor einem Schwurgericht verhandelt werden müssen und die Geschworenen neigten notorisch dazu, mildernde Umstände gelten zu lassen. Indem die Abtreibung zum Delikt heruntergestuft wurde, entfiel die Verhandlung vor Geschworenen, die Zahl der Verurteilungen schnellte nach oben.
Doch es kam noch schlimmer: Ähnlich wie in Deutschland unter den Nazis erklärte 1942 die Vichy-Regierung Abtreibung zu einem Staatsverbrechen, auf das die Todesstrafe stand. 1943 wurde deshalb Marie-Louise Giraud auf die Guillotine geschickt. Nach der Befreiung Frankreichs wurde dieses Gesetz zurückgenommen, aber die Gesetze von 1920 und 1923 blieben bestehen.
Dagegen wandte sich der 1957 gegründete Verein Maternité heureuse (glückliche Mutterschaft), der dann 1960 im Mouvement français pour le planning familial (Französische Bewegung für die Familienplanung) aufging. Diese Organisation importierte illegal Diaphragmen und Spermizide aus Großbritannien, später auch die Pille aus den USA. In den lokalen Zentren des Vereins wurden die Verhütungsmittel vertrieben und die Frauen in ihrem Gebrauch unterwiesen.
1967 wurde wenigstens das Verbot von Verhütungsmitteln aufgehoben, wenn auch die Werbung dafür verboten blieb. Allerdings vergingen noch einmal fünf Jahre zwischen der Verabschiedung des Gesetzes bis zu dessen Rechtsgültigkeit. Doch wie in der Bundesrepublik Deutschland beeinflußte der Kampf gegen die Abtreibungsgesetzgebung die Anfänge der zweiten Frauenbewegung zunächst einmal nicht. Diese entwickelte sich vielmehr aus den antiautoritären Bewegungen heraus.
Der Mai 1968, der Frankreich stärker erschütterte als alles, was sich im Rahmen der antiautoritären Bewegungen in der Bundesrepublik ereignete, führte merkwürdigerweise nicht dazu, daß öffentlich sichtbare Frauenorganisationen entstanden. Eine Organisation wie den Aktionsrat zur Befreiung der Frauen sucht man im Frankreich der Jahre 1968 und 1969 vergebens. Das heißt nicht, daß es nicht kleinere Zirkel gab. Zum einen gab es die Gruppe féminin, masculin, avenir (FMA – weiblich, männlich, Zukunft). Diese war mit der Frauenorganisation der Sozialistischen Partei verbunden und organisierte auch schon vor dem Mai 1968 Treffen, bei denen das Verhältnis zwischen den Geschlechtern thematisiert wurde. Mehr als ein Dutzend Personen beiderlei Geschlechts nahmen an diesen Treffen allerdings nicht teil. Als dann im Rahmen der Maiunruhen die Sorbonne besetzt wurde, ging die FMA erstmals an die Öffentlichkeit:
„Spontan entschloss man sich, für den 4. Juni 1968 eine Debatte zum Thema »Frauen in der Revolution« in einem der Hörsäle der Sorbonne zu organisieren. Im Anschluss an die gut besuchte Veranstaltung erhielt die FMA regen Zulauf.“ ([1], S. 99f)
Natürlich fiel der FMA das Offensichtliche auf. Das Verhalten der Männer in der Revolte unterschied sich, bei aller behaupteten Progressivität, nicht von dem der Gesamtgesellschaft. Männer führten das große Wort, die Frauen wurden in eine reine Statistinnenrolle gedrängt. Und so stellte FMA in einem Flugblatt vom Sommer 1968 zurecht die Frage:
„Student, Arbeiter, auch wenn Du alles und jedes hinterfragst […], hast Du daran gedacht, die Beziehung zwischen Mann und Frau infrage zu stellen?“ (zit. nach [1], S. 100)
Offensichtlich nicht. Und genau so offensichtlich gedachten die Männer auch nicht, in Zukunft daran etwas zu ändern. Für die FDA hieß das, daß der Aufschwung der Gruppe nur von kurzer Dauer war:
„Die Mobilisierung von bis zu 40 Teilnehmern hielt jedoch nur kurzfristig an. Nach der Sommerpause des Jahres 1968, die für viele andere Aktionskomitees und Initiativen der Mai-Bewegung das Aus bedeutete, verblieben in diesem Kreis nur noch eine Handvoll Personen.“ ([1], S. 100)
Noch weniger öffentlich sichtbar war ein anderer Zirkel, der sich im Herbst 1968 gründete und der zunächst keinen Namen trug. Während die FMA, wie bereits der Name andeutete, zunächst eine gemischtgeschlechtliche Gruppe war, konstituierte sich der namenlose Zirkel als ein exklusives Frauentreffen. Anfangs handelte es sich um einen reinen Debattenzirkel, der sich in Privatwohnungen traf. Führende Gruppenmitglieder waren die Schriftstellerin Monique Wittig und die spätere Psychoanalytikerin Antoinette Fouque. Worüber wurde diskutiert? Fouque erinnert sich:
„Wir haben Marx, Freud, Lacan durchgearbeitet, über die Hysterie und die Widersprüchlichkeit der Sexualität gesprochen.“ (zit. nach [1], S. 100)
Das kam nicht von ungefähr: Fouque war zu dieser Zeit Lektorin beim Verlag Seuil und über ihre Arbeit mit Lacan und Derrida vertraut, 1969 begann sie eine Analyse bei Lacan.
Erst 1970 trat diese Gruppe in die Öffentlichkeit. Am 30. März riefen sie zu einer Frauenversammlung an der Universität Paris-Vincennes auf. Dieser Ort war nicht zufällig. Die erst im Herbst 1968 frisch gegründete Universität Vincennes war ein Brennpunkt linksradikaler Aktivitäten in der Folge des Mai 1968. Nicht nur die ganzen politischen Gruppen und Sekten waren stark vertreten und beherrschten die universitäre Öffentlichkeit. Auch das Lehrpersonal gehörte teilweise zur radikalen Avantgarde. Das Lehrpersonal schloß beispielsweise Hélène Cixous, Gilles Deleuze und Michel Foucault ein. Und, für die Gruppe um Wittig und Fouque ganz wichtig: Auch wenn Lacan selbst nicht dort lehrte (er war abgelehnt worden), war diese Universität eine Hauptbastion der lacanschen Variante der Psychoanalyse.
An dieser Universität fand also im Frühjahr 1970 die erste explizit von Frauen organisierte öffentliche Versammlung seit dem Juni 1968 statt:
„Der Einladung gefolgt sind etwa dreißig Frauen. Sie bereiten T-shirts, Banderolen und Anstecker für eine Demonstration vor. Als Erkennungszeichen wird das in der Biologie verwendete Symbol für das weibliche Geschlecht gewählt, ergänzt durch eine geballte Faust im Innern des Kreises.“ ([1], S. 102)
Die Demonstration fand dann wohl statt, fand aber offensichtlich keinerlei Echo in der französischen Öffentlichkeit:
„Wann die Demonstration in Vincennes schließlich stattgefunden hat, ist – trotz des großen Andrangs, den Antoinette Fouque in mehreren Interviews bestätigt – nicht mehr zu rekonstruieren. Die Akteurinnen bestätigen, dass in der Presse über das Ereignis nicht berichtet wurde.“ ([1], S. 102)
Allerdings kamen durch diesen Schritt in die Öffentlichkeit die Gruppe von Wittig und Fouque mit der FMA in Kontakt. Eine weitere Veranstaltung fand dann am 4. Juni statt. Im Aufruf wurden Männer explizit ausgeschlossen – was zu einer wüsten verbalen Auseinandersetzung mit den linksradikalen Sekten auf dem Campus führt. Diese wollten das Treffen „im Namen der Revolution“ verhindern (zit. nach [1], S. 102). Eine Polemik schloß sich an:
„»Seit wann müssen die Unterdrückten ihre Unterdrücker um die Erlaubnis zur Revolte bitten?« – »Wenn wir euch nicht unterstützen, ist eure Bewegung zum Scheitern verurteilt!« – »Nieder mit den Unterstützern. Wir wollen uns von unseren Unterstützern befreien!« – »Ihr seid ja alle unbefriedigt!« (»mal baisées«)“ ([1], S. 102)
Diese Auseinandersetzung führt dann zu einem der ersten veröffentlichten Dokumente der zweiten Frauenbewegung in Frankreich, dem Artikel „Contre le terrorisme mâle. La Révolution fera le ménage“ (Gegen den männlichen Terrorismus. Die Revolution wird aufräumen), der in der Zeitschrift L’Idiot international publiziert wurde, wo einige der Frauen bereits in der April-Nummer einen Artikel veröffentlich hatten.
Doch all dies hat keine größer Außenwirkung. Es fehlte das symbolische Ereignis, an dem sich der Protest kristallisieren konnte. Dieses symbolische Ereignis, das analog dem Tomatenwurf Sigrid Rügers in der BRD als symbolische Geburtsstunde der französischen Frauenbewegung gilt, fand dann am 26. August 1970 statt.
Freuen Sie sich also auf nächste Woche, wenn es heißt:
„Es gibt jemand Unbekannteren als den unbekannten Soldaten – seine Frau“
Veröffentlicht in Antiautoritäre Bewegungen, Feminismus, Paragraph 218
Ein Zeitzeuginnenbericht (2)
Ich weiß noch, dass zu Demonstrationen gegen die Reform des § 218 aufgerufen wurde. Da ich nie an einer teilgenommen habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob, wo und wie diese stattgefunden haben.
Nein, in diese verlogene, bigotte Welt möchte ich nicht mehr zurück. Alles was später kam war besser. Die Kämpfe im Privaten wie im Berufsleben, die ich ausfocht, brauchten Kraft und Nerven, dafür bekam ich mehr Freiheit und Unabhängigkeit. Auch die langsame Abwendung von der katholischen Kirche, die mit dem Verlust von durchaus guten Beziehung einher ging, war zwar schmerzlich, aber notwendig. Stück für Stück verlor ich meinen Kinderglauben.
15. August 2014 at 12:00
Ein Zeitzeuginnenbericht (1)
Der Kampf gegen den § 218 (6)
Was bisher geschah: Ab 1969 brach eine vehemente gesellschaftliche Debatte über den § 218 aus. Außerparlamentarische Gruppen wie die Humanistische Union forderten anläßlich der aktuellen Strafrechtsreform die Abschaffung des Paragraphen. Diese Forderung wurde dann von der Frauenaktion 70 aufgegriffen, erreichte eine größere Öffentlichkeit und führte auch zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Regierungspartei SPD. Ich habe nun meine Mutter gebeten, sie möge doch bitte aufschreiben, wie sie die damalige Zeit erlebt hat. Dieser Bericht wird in zwei Teilen, heute und nächste Woche, hier zu lesen sein.
„Wenn ich hier über die Zeit berichte, in der wir Frauen in Deutschland begannen, uns zu Wort zu melden, auch wenn wir zunächst nicht gehört wurden, so kann ich das nur aus meinem persönlichen Erleben heraus. Unsere Lebensumstände waren und sind geprägt durch die Familien, aus denen wir stammen, durch Weltanschauungen, den Bildungs- und Berufsfeldern, der Region, in der wir leben, und dem Lebensalter, in dem wir uns gerade befinden. Dies galt in besonderem Maße für uns Frauen. Im viel zitierten Grundgesetz vom 23. Mai 1949 steht zwar:
„Männer und Frauen sind gleichberechigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitung bestehender Nachteile hin.“
Doch im täglichen Leben gab es für Frauen viele Ein- und Beschränkungen.
Anfang der 1970er Jahre begannen die Diskussionen um die Reform des § 218, des sogenannten Abtreibungsparagraphen. Diese waren für mich der Beginn, mich in meinem privaten Umfeld und in kleinem Umfang auch öffentlich, mit meiner eigenen Meinung dazu zu äußern.
Um meine Entwicklung besser zu verstehen, sind einige Hintergrundinfomationen notwendig. Ich lebte und lebe auch heute noch im katholischen Oberschwaben. Meine Eltern zogen nach ihrer Heirat 1937 vom Niederrhein in den Süden. Mein Vater fand in einer der großen Fabriken am Bodensee Arbeit. Diese produzierte später für die Kriegsrüstung. 1942 kam ich am Bodensee zur Welt. In unserer Familie wurden meine Geschwister und ich ganz selbstverständlich katholisch erzogen. Von der Geburt bis zum Tode war man eingebettet in die Rituale und Moralvorstellungen der katholischen Kirche. Zunächst fühlte ich mich darin auch wohl und geborgen, weil ich nichts anderes kannte. Die Enge und Bevormundung wurden mir erst viel später bewusst.
Gleichzeitig sah ich mit Staunen, wie viel Glück ich hatte, in einer intakten Familie aufzuwachsen. Unsere Eltern verstanden sich gut. Wir Kinder standen im Mittelpunkt der Familie. Dies ging bestimmt zum Teil auf die religiöse Einstellung unserer Eltern. zurück. Auch ein weiterer Aspekt wurde mir sehr spät klar. Ein Protest gegen die Nazivergangenheit der Eltern fiel bei mir aus. In der ganzen Familie (vor allem mütterlicherseits, denn mein Vater hatte nur noch eine Schwester) war niemand auch nur NSDAP-Mitglied. Als der Druck, in die Partei einzutreten, auch auf kleine Beamte zu groß wurde, ließ sich mein Großvater mit etwas über 50 Jahren pensionieren. Wie er das gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Er wurde über 80 Jahre alt. Sicherlich war er kein Widerstandskämpfer, aber er hatte seine Prinzipien. Zu denen gehörte, dass er sich in den ganzen Jahren der Naziherrschaft weigerte, bei den zahlreichen Anlässen, bei denen zur Beflaggung der Häuser aufgerufen wurde, eine Fahne zu hissen. Meine niederrheinische Familie war einfach zu katholisch, um nationalsozialistisch zu sein.
Katholisch ist anscheinend nicht gleich katholisch. Nach einem Bombenangriff wurden wir nach Oberschwaben evakuiert. Unsere Wohnung am See konnte nicht mehr bewohnt werden. Der oberschwäbische Katholizismus ließ sich, anders als der rheinische, in vielen Fällen gut mit der Naziidelogie verbinden. Hier schloss das eine das andere nicht aus.
Mein Vater war nie Soldat. Zum einen war er kurzsichtig, zum anderen waren wegen eines Betriebsunfalls zwei Finger der linken Hand ab den mittleren Fingergelenken amputiert. Das und seine Arbeit in einem Rüstungsbetrieb bewahrten ihn vor dem Kriegseinsatz und möglicher Gefangenschaft. Dies war ihm Zeit seines Lebens immer etwas peinlich. Uns Kindern aber blieb ein traumatisierter Vater erspart.
Die Studentenproteste ab dem Jahr 1968 hatten mit meiner Lebenswirklichkeit nichts zu tun. Ich war 26 Jahre alt, berufstätig, verheiratet und Mutter eines vierjährigen Kindes. Dies unter einen Hut zu bekommen, brauchte all meine Kräfte. Mein Mann war von Beginn seiner Berufsausbildung an in der Gewerkschaft IG Metall aktiv. Arbeitskollegen überredeten ihn, in eine katholische Laienbewegung für Männer einzutreten. Diese bildete die Männer vor allem in Rhetorik weiter. Die Idee war, die Männer zu befähigen, sich in ihrem Umfeld im Sinne der katholischen Soziallehre einzubringen. Zu Beginn der 70er Jahre gab es auch eine Frauengemeinschaft dieser Organisation, zu der ich dann gehörte. Auch hier redeten wir über Probleme des Glaubens, der Kirche und der Zeit.
Es fällt mir schwer, mich noch einmal in diese Zeit zurückzuversetzen. In meiner oberschwäbischen Kleinstadt herrschten, zumindest an der Oberfläche, die moralischen Vorstellung der katholischen Kirche. Doch das war eben nur die Oberfläche. Eine ganze Gesellschaft vertrat nach außen hin Wertvorstellungen, die im Innern nicht gelebt wurden. Der berühmte Kuppeleiparagraph hatte noch seine Gültigkeit. Er führte dazu, daß Paare nur eine Wohnung bekommen konnten, wenn sie den Trauschein vorlegten. Wenn man zusammen leben wollte, blieb einem nur, früh zu heiraten. Geschlechtsverkehr vor der Ehe sollte es nicht geben, er wurde verheimlicht. Mit der Verhütung ging es oft schief (oder wurde gar keine angewandt?). Kam es zu einer Schwangerschaft, wurde geheiratet. Trotzdem wurden solche erzwungenen Heiraten als Schande für die ganze Familie angesehen. Diese wurde nur noch übertroffen von der, ein „sitzengelassenenes“ Mädchen zu sein, das ein „lediges Kind“ zur Welt brachte (als ob Kinder verheiratet zur Welt kommen könnten).
Heirat war natürlich keine Lösung für das Problem der Verhütung. Die von der katholischen Kirche bis heute propagierten Methoden verhalfen autoritätsgläubigen Katholiken zu überproportional vielen Kindern. Alle andern hielten sich nicht daran und schwiegen. Schon meine Großmutter, eine sehr gläubige Frau, war der Meinung, die Kirchenmänner verstünden nichts von den Problemen der Familien und hier insbesondere der Frauen. Unverheiratete Frauen, die bis ins hohe Alter als Fräulein angesprochen wurden, bezeichnete man herablassend als alte Jungfern. Allein aufgrund einer Scheidung wurden Frauen als moralisch zweifelhaft angesehen.
Wir Frauen waren in keiner Weise gleichberechtigt. Um über ein gemeinsames Bankkonto verfügen zu können, musste mir mein Mann eine Verfügungsberechtigung ausstellen, die er jederzeit hätte widerrufen können. Dies, obwohl auch mein Gehalt auf dieses Konto überwiesen wurde. Viele Frauen wussten nicht, was ihre Männer verdienten. Sie bekamen Haushaltsgeld und wurden über die Finanzsituation der Familie im Unklaren gelassen. Kinder schränkten die Möglichkeiten zur Berufstätigkeit der Frauen ein. Eine öffentliche Kinderbetreuung vor dem vollendeten 3. Lebensjahr des Kindes gab es nicht. Die Kindergarten- und Schulzeiten und die Arbeitszeiten in den Betrieben stimmten nicht überein.
Hinzu kam, daß die Schul- und Berufsausbildung der Mädchen in der Regel dürftig waren. Acht Jahre Volksschule genügten. Es lohnte sich nicht, viel zu investieren, da angenommen wurde, daß sie sowieso heirateten und Kinder bekommen würden. Aus der Klasse meiner älteren Schwester, geboren 1939, erlernten nur drei oder vier von über 60 Mädchen einen Beruf. Die Fabriken stellten die ungelernten Arbeiterinnnen ein und zahlten ihnen für die damaligen Verhältnisse einen guten Lohn. Mit diesem konnten sie die Aussteuer, die jedes anständige Mädchen haben musste, verdienen. Eine gelernte Verkäuferin verdiente deutlich weniger.
Meinen ersten Teilzeitarbeitsvertrag bekam ich 1968. Mit der Teilzeitarbeit wurden ausschließlich Frauen für den Arbeitsmarkt mobilisiert. Die Möglichkeit der gleitenden Arbeitszeit habe ich nicht mehr erlebt. Ich musste morgens immer zur gleichen Zeit erscheinen, ganz gleich, wie die Situation zu Hause war. Nur wenn es sich für die Firma vorteilhafter auswirkte, konnte meine Arbeit durchaus auch auf den Abend verlegt werden.“
Freuen Sie sich auf nächste Woche, wenn die Mutter des alten Bolschewiken weiter berichtet:
„Mir wurde zum ersten Mal in voller Tragweite bewusst, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Da saßen Männer, vollkommen überzeugt, dass sie das Recht hätten, untereinander über Frauen zu beraten.“