Source: https://www.kostenlose-urteile.de/Hessisches-LSG_L-1-KR-8910-KL_Hessisches-LSG-Auskunftsbeschluss-des-Bundeskartellamtes-rechtswidrig.news12285.htm
Timestamp: 2020-02-21 15:56:38
Document Index: 349570227

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 3', '§ 242', '§ 29', '§ 87', '§ 90', '§ 86', '§ 1', '§ 32', '§ 130']

Urteil > L 1 KR 89/10 KL | Hessisches LSG - Hessisches LSG: Auskunftsbeschluss des Bundeskartellamtes rechtswidrig < kostenlose-urteile.de
Im hier zugrunde liegenden Rechtsstreit haben am 25. Januar 2010 acht gesetzliche Krankenkassen bei einem gemeinsamen Presseauftritt im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin die Erhebung von Zusatzbeiträgen angekündigt.
Bundeskartellamt erlässt Auskunftsbeschlüsse wegen Verdacht auf Preisabsprache
Wegen des Verdachts der unerlaubten Preisabsprache leitete das Bundeskartellamt förmliche Verfahren ein und erließ am 17. Februar 2010 gegenüber den Krankenkassen entsprechende Auskunftsbeschlüsse. Hiergegen erhob die Krankenkasse Klage vor dem Hessischen Landessozialgericht, das hierfür erstinstanzlich zuständig ist. Sie sieht ihr Selbstverwaltungsrecht verletzt und hält das Kartellrecht für nicht anwendbar. Das Bundeskartellamt hingegen stuft die gesetzlichen Krankenkassen als Unternehmen im Sinne des Wettbewerbsrechts ein.
Mit Beschluss vom 1. Juni 2010 hat das Hessische Landessozialgericht die Eröffnung des Rechtsweges zu den Sozialgerichten bejaht. Die hiergegen erhobene Beschwerde hat das Bundessozialgericht mit Beschluss vom 28. September 2010 zurückgewiesen.
Auskunftsbeschluss verletzt Krankenkassen im Selbstverwaltungsgericht
Die Darmstädter Richter haben der Krankenkasse Recht gegeben und den Auskunftsbeschluss für rechtswidrig erklärt. Für das Auskunftsbegehren des Kartellamtes gebe es keine Rechtsgrundlage. Der Auskunftsbeschluss verletze daher die Krankenkasse in ihrem Selbstverwaltungsrecht. Für die staatliche Aufsicht der Versicherungsträger sei zudem ausschließlich das Bundesversicherungsamt zuständig.
Preiswettbewerb unter gesetzlichen Krankenkassen keine wirtschaftliche Tätigkeit
Das Kartellamt könne sich auch nicht auf ein Nebeneinander von Kartell- und Aufsichtsrecht berufen. Denn das GWB sei auf die Wettbewerbsbeziehungen der Krankenkassen untereinander im Verhältnis zu potentiellen Pflichtversicherten nicht anwendbar. Die Krankenkassen als Körperschaften des öffentlichen Rechts handelten insoweit nicht als Unternehmen. Die Teilnahme am Preiswettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen und damit auch das auf die Erhebung eines Zusatzbeitrags gerichtete Handeln seien keine wirtschaftliche Tätigkeit.
Gesetzliche Krankenkassen üben keine Gewinnerzielungsabsicht aus
Anders als die privaten Versicherungsträger würden die gesetzlichen Krankenkassen eine rein soziale Aufgabe wahrnehmen, die auf dem Grundsatz der Solidarität beruhe und ohne Gewinnerzielungsabsicht ausgeübt werde. Dabei seien die Krankenkassen im Wesentlichen zu den gleichen Leistungen verpflichtet und müssten diese unabhängig von der jeweiligen Beitragshöhe erbringen. Die Beitragsbemessung sei grundsätzlich einkommens- und nicht risikoabhängig. Zudem seien die Krankenkassen zu einer Art Solidargemeinschaft zusammengeschlossen und hätten untereinander einen Kosten- und Risikoausgleich vorzunehmen.
§ 4 Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V)
§ 3 SGB V - Solidarische Finanzierung
§ 242 SGB V - Kassenindividueller Zusatzbeitrag
(1) Soweit der Finanzbedarf einer Krankenkasse durch die Zuweisungen aus dem Fonds nicht gedeckt ist, hat sie in ihrer Satzung zu bestimmen, dass von ihren Mitgliedern ein einkommensunabhängiger Zusatzbeitrag erhoben wird.
§ 29 Sozialgesetzbuch Viertes Buch (SGB IV) - Rechtsstellung
§ 87 SGB IV - Umfang der Aufsicht
(1) Die Versicherungsträger unterliegen staatlicher Aufsicht. (...)
§ 90 SGB IV - Aufsichtsbehörden
(1) Die Aufsicht über die Versicherungsträger (...) führt das Bundesversicherungsamt (...).
§ 86 Sozialgesetzbuch Zehntes Buch (SGB X) - Zusammenarbeit
§ 1 Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB)
§ 32 GWB - Abstellung (...) von Zuwiderhandlungen
(1) Die Kartellbehörde kann Unternehmen oder Vereinigungen von Unternehmen verpflichten, eine Zuwiderhandlung gegen eine Vorschrift dieses Gesetzes (...) abzustellen.
(1) Soweit es zur Erfüllung der in diesem Gesetz der Kartellbehörde übertragenen Aufgaben erforderlich ist, kann die Kartellbehörde (...)
1. von Unternehmen und Vereinigungen von Unternehmen Auskunft über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse sowie die Herausgabe von Unterlagen verlangen
§ 130 GWB - Unternehmen der öffentlichen Hand, Geltungsbereich
[Aktenzeichen: B 1 SF 1/10 R, B 1 SF 2/10 R, B 1 SF 3/10 R])
Urteile zu den Schlagwörtern: Auskunftsbeschluss | Bundeskartellamt | Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) | gesetzliche Krankenversicherung | Gewinnerzielungsabsicht | rechtswidrig | Selbstverwaltungsrecht | Verdacht | Verdächtigung | Verletzung der ... | Verletzung des ... | Wettbewerbsabsprachen | Wettbewerbsverstoß | Zusatzbeiträge
Dokument-Nr. 12285
Wenn Sie einen Link auf diese Entscheidung setzen möchten, empfehlen wir Ihnen folgende Adresse zu verwenden: https://www.kostenlose-urteile.de/Urteil12285