Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/sittenwidrigkeit-einer-scheidungsfolgenvereinbarung-3142683
Timestamp: 2019-09-16 00:21:46
Document Index: 364561740

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 167', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Selbst wenn die ehe­ver­trag­li­chen Ein­zel­re­ge­lun­gen zu den Schei35 dungs­fol­gen bei iso­lier­ter Betrach­tungs­wei­se den Vor­wurf der Sit­ten­wid­rig­keit jeweils für sich genom­men nicht zu recht­fer­ti­gen ver­mö­gen, kann sich ein Ehe­ver­trag nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs im Rah­men einer Gesamt­wür­di­gung als ins­ge­samt sit­ten­wid­rig erwei­sen, wenn das objek­ti­ve Zusam­men­wir­ken aller in dem Ver­trag ent­hal­te­nen Rege­lun­gen erkenn­bar auf die ein­sei­ti­ge Benach­tei­li­gung eines Ehe­gat­ten abzielt1.
Sofern man § 4 des Ehe­ver­trags ent­neh­men könn­te, dass für die Ehe­frau was tat­säch­lich zu kei­nem Zeit­punkt erfolgt ist durch Ent­rich­tung frei­wil­li­ger Bei­trä­ge wäh­rend der Ehe­zeit ein Anrecht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung gebil­det wer­den soll­te, fehlt es bereits an jeder ver­bind­li­chen und kon­kre­ten Fest­le­gung zur Höhe der Bei­trags­zah­lung. Inso­weit hät­te den ver­trag­li­chen Rege­lun­gen schon durch die Zah­lung von Min­dest­bei­trä­gen Genü­ge getan wer­den kön­nen. Die Min­dest­bei­trags­be­mes­sungs­grund­la­ge für die frei­wil­li­ge Ver­si­che­rung betrug nach der Rechts­la­ge im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses ein Sieb­tel der monat­li­chen Bezugs­grö­ße (§ 167 SGB VI in der seit dem 1.01.1992 gel­ten­den Fas­sung). Nach den Rechen­grö­ßen für die Sozi­al­ver­si­che­rung im Jahr 19952 ergab sich bei einem Bei­trags­satz von 18, 6 % und einer Bemes­sungs­grund­la­ge von 580 DM (1÷7 * 4.060 DM) ein monat­li­cher Min­dest­bei­trag in Höhe von 107,88 DM, was einer jähr­li­chen Bei­trags­zah­lung von 1.294,56 DM ent­spricht. Mit die­ser Bei­trags­leis­tung hät­te im Jahr 1995 ein Ren­ten­an­recht in Höhe von 0, 1365 Ent­gelt­punk­ten erwor­ben wer­den kön­nen (1.294, 56 DM * 0,0001054764 Umrech­nungs­fak­tor Bei­trä­ge in Ent­gelt­punk­te). Es ist evi­dent, dass ein Anrecht in die­ser Grö­ßen­ord­nung zur Kom­pen­sa­ti­on von Ver­sor­gungs­nach­tei­len auf­grund des Ver­zichts auf eine eige­ne ver­sor­gungs­be­grün­den­de Erwerbs­tä­tig­keit gänz­lich unzu­rei­chend gewe­sen wäre.
Frei­lich kann aus dem objek­ti­ven Zusam­men­spiel ein­sei­tig belas­ten­der Rege­lun­gen nur dann auf die wei­ter erfor­der­li­che ver­werf­li­che Gesin­nung des begüns­tig­ten Ehe­gat­ten geschlos­sen wer­den, wenn die Annah­me gerecht­fer­tigt ist, dass sich in dem unaus­ge­wo­ge­nen Ver­trags­in­halt eine auf unglei­chen Ver­hand­lungs­po­si­tio­nen basie­ren­de ein­sei­ti­ge Domi­nanz eines Ehe­gat­ten und damit eine Stö­rung der sub­jek­ti­ven Ver­trags­pa­ri­tät wider­spie­gelt. Ein unaus­ge­wo­ge­ner Ver­trags­in­halt mag zwar ein gewis­ses Indiz für eine unter­le­ge­ne Ver­hand­lungs­po­si­ti­on des belas­te­ten Ehe­gat­ten sein. Gleich­wohl wird das Ver­dikt der Sit­ten­wid­rig­keit in der Regel nicht gerecht­fer­tigt sein, wenn außer­halb der Ver­trags­ur­kun­de kei­ne ver­stär­ken­den Umstän­de zu erken­nen sind, die auf eine sub­jek­ti­ve Impa­ri­tät, ins­be­son­de­re infol­ge der Aus­nut­zung einer Zwangs­la­ge, sozia­ler oder wirt­schaft­li­cher Abhän­gig­keit oder intel­lek­tu­el­ler Unter­le­gen­heit, hin­deu­ten könn­ten3.
Anhalts­punk­te für eine unter­le­ge­ne Ver­hand­lungs­po­si­ti­on bestehen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs regel­mä­ßig dann, wenn der mit dem Ver­lan­gen auf Abschluss eines Ehe­ver­trags kon­fron­tier­te Ehe­gat­te erkenn­bar ohne den öko­no­mi­schen Rück­halt der Ehe einer unge­si­cher­ten wirt­schaft­li­chen Zukunft ent­ge­gen­se­hen wür­de4.
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.01.2018 – XII ZB 20/​17 Fam­RZ 2018, 577 Rn. 16; und vom 15.03.2017 – XII ZB 109/​16 Fam­RZ 2017, 884 Rn. 38; BGH, Urtei­le vom 31.10.2012 – XII ZR 129/​10 Fam­RZ 2013, 195 Rn. 22; und vom 21.11.2012 – XII ZR 48/​11 Fam­RZ 2013, 269 Rn. 26 [↩]
vgl. Fam­RZ 1995, 208 f. [↩]
vgl. Fam­RZ BGH, Beschlüs­se vom 17.01.2018 – XII ZB 20/​17, Fam­RZ 2018, 577 Rn.19; und vom 15.03.2017 – XII ZB 109/​16, Fam­RZ 2017, 884, Rn. 39; BGH, Urtei­le vom 31.10.2012 – XII ZR 129/​10, Fam­RZ 2013, 195 Rn. 24; und vom 21.11.2012 – XII ZR 48/​11, Fam­RZ 2013, 269 Rn. 27 [↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.01.2014 – XII ZB 303/​13 Fam­RZ 2014, 629 Rn. 41; und vom 18.03.2009 – XII ZB 94/​06 Fam­RZ 2009, 1041 Rn. 17; BGH, Urteil vom 21.11.2012 – XII ZR 48/​11 Fam­RZ 2013, 269 Rn. 28 [↩]