Source: https://www.hensche.de/gleichbehandlung-von-angestellten-und-beamten-bei-besoldungsstufen-zulagen-eugh-c-72-18-arostegui-25.06.2019_21.24.html
Timestamp: 2020-07-12 16:19:48
Document Index: 311074177

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 4', '§ 4', '§ 2', '§ 2', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 4', 'EuG', 'EuG', '§ 2', '§ 4', 'EuG']

Gleichbehandlung von Angestellten und Beamten bei Besoldungsstufen-Zulagen - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/150
Gleich­be­hand­lung von An­ge­stell­ten und Be­am­ten bei Be­sol­dungs­stu­fen-Zu­la­gen
Dienst­zeit­ab­hän­gi­ge Zu­la­gen, die ver­be­am­te­te Leh­rer er­hal­ten, ste­hen auch be­fris­tet be­schäf­tig­ten an­ge­stell­ten Leh­rern zu: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 20.06.2019, C-72/18 - Aró­ste­gui
25.06.2019. Auch Be­am­te ge­hö­ren nach An­sicht des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) zu den "Ar­beit­neh­mern" im Sin­ne der Richt­li­nie 1999/70/EG vom 28.06.1999, die dem Schutz be­fris­tet be­schäf­tig­ter Ar­beit­neh­mer dient.
Er­le­di­gen ver­be­am­te­te und (be­fris­tet) an­ge­stell­te Leh­rer die­sel­ben Auf­ga­ben, dür­fen die Be­am­ten da­her nicht oh­ne Sach­grün­de be­vor­zugt wer­den.
Ei­ne sol­che un­zu­läs­si­ge Bes­ser­stel­lung kann z.B. in ei­ner nur vom Dienst­al­ter ab­hän­gi­gen Son­der­zah­lung lie­gen. Sie steht dann auch den be­fris­tet be­schäf­tig­ten An­ge­stell­ten zu: EuGH, Ur­teil vom 20.06.2019, C-72/18 (Aró­ste­gui).
Ver­bot der Schlech­ter­stel­lung be­fris­tet beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer ge­genüber un­be­fris­tet beschäftig­ten Be­am­ten?
Der spa­ni­sche Streit­fall: Be­fris­tet beschäftig­ter an­ge­stell­ter Leh­rer ver­langt ei­ne Be­sol­dungs­stu­fen-Zu­la­ge, die ver­be­am­te­te Leh­rer mit glei­cher Dienst­zeit er­hal­ten
EuGH: Dienst­zeit­abhängi­ge Zu­la­gen, die ver­be­am­te­te Leh­rer er­hal­ten, ste­hen auch be­fris­tet beschäftig­ten an­ge­stell­ten Leh­rern zu
Be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer wer­den im EU-Recht durch die Richt­li­nie 1999/70/EG vom 28.06.1999 vor Be­nach­tei­li­gun­gen ge­genüber un­be­fris­tet beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern geschützt, so­wie auch da­vor, dass Ar­beit­ge­ber recht­li­che Be­fris­tungsmöglich­kei­ten miss­bräuch­lich über­zie­hen.
Adres­sat der Richt­li­nie sind die EU-Mit­glied­staa­ten, die die Vor­ga­be der Richt­li­nie in ihr na­tio­na­les Ar­beits­recht um­set­zen müssen, nicht aber (pri­va­te) Ar­beit­ge­ber, die (je­den­falls im Prin­zip) al­lein das für sie maßgeb­li­che na­tio­na­le (Ge­set­zes-)Recht be­ach­ten müssen.
Die Richt­li­nie 1999/70/EG trifft selbst kei­ne ei­ge­nen Re­ge­lun­gen, son­dern be­schränkt sich dar­auf, ei­ne von Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­bern auf eu­ropäischer Ebe­ne ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung in den Rang ei­ner EU-Richt­li­nie zu er­he­ben. Die­se Ver­ein­ba­rung, die sog. „Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge“, ist da­her der we­sent­li­che In­halt der Richt­li­nie 1999/70/EG. Sie fin­det sich im An­hang der Richt­li­nie 1999/70/EG.
Gemäß § 4 der Rah­men­ver­ein­ba­rung („Grund­satz der Nicht­dis­kri­mi­nie­rung“) dürfen be­fris­tet an­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer nicht al­lein we­gen ih­rer be­fris­te­ten Beschäfti­gung ge­genüber ver­gleich­ba­ren Dau­er­beschäftig­ten schlech­ter be­han­delt wer­den, es sei denn, die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ist aus sach­li­chen Gründen ge­recht­fer­tigt. Deutsch­land hat die­ses Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung be­fris­te­ter Ar­beit­neh­mer um­ge­setzt, nämlich durch § 4 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG).
Frag­lich ist, wer als „Ar­beit­neh­mer“ im Sin­ne der Richt­li­nie 1999/70/EG gilt bzw. wel­che Beschäftig­ten­grup­pen un­ter den Schutz­be­reich der Richt­li­nie bzw. der Rah­men­ver­ein­ba­rung fal­len. Gemäß § 2 Abs.1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung gilt hier das je­weils na­tio­na­le Ar­beits­recht, d.h. der Ar­beit­neh­mer­be­griff in den ver­schie­de­nen na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen. § 2 Abs.1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung lau­tet:
Der EuGH hat sich in sei­ner Recht­spre­chung an die­se Be­schränkung al­ler­dings nicht ge­hal­ten, son­dern be­reits im Jah­re 2010 ent­schie­den, dass auch Be­am­te un­ter die Rah­men­richt­li­nie fal­len. Zur Be­gründung be­ruft sich der Ge­richts­hof auf die „prak­ti­sche Wirk­sam­keit“ der Richt­li­nie bzw. dar­auf, dass die Mit­glied­staa­ten an­sons­ten „nach ih­rem Be­lie­ben be­stimm­te Per­so­nal­ka­te­go­ri­en“ von dem Schutz der Richt­li­nie aus­neh­men könn­ten (EuGH, Ur­teil vom 22.10.2010, C-444/09 u. C-456/09 Ga­viei­ro u. Tor­res, Rn.43).
Auf­grund die­ser er­heb­li­chen Aus­wei­tung des persönli­chen An­wen­dungs­be­reichs können nicht nur be­fris­tet beschäftig­te Ar­beit­neh­mer, son­dern auch be­fris­tet beschäftig­te Be­am­te von ih­rem Ar­beit­ge­ber bzw. Dienst­herrn ver­lan­gen, nicht oh­ne trif­ti­gen Grund schlech­ter ge­stellt zu wer­den als ver­gleich­ba­re un­be­fris­te­te Kol­le­gen.
Aber können be­fris­tet beschäftig­te An­ge­stell­te des öffent­li­chen Diens­tes auch Gleich­be­hand­lung mit (un­be­fris­tet beschäftig­ten) Be­am­ten ver­lan­gen?
Herr Aróste­gui, der seit 2007 beim Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um der Re­gie­rung von Na­var­ra als Leh­rer be­fris­tet beschäftigt ist, ver­lang­te im Ju­li 2016 von sei­nem Ar­beit­ge­ber ei­ne Be­sol­dungs­stu­fen-Zu­la­ge, und zwar rück­wir­kend für die ver­gan­ge­nen vier Jah­re.
Sein Ar­gu­ment: Ver­be­am­te­te Leh­rer mit ver­gleich­ba­ren Ar­beits­auf­ga­ben er­hal­ten nach ei­ner Dienst­zeit von sechs Jah­ren und sie­ben Mo­na­ten eben­falls ei­ne sol­che Zu­la­ge.
Das Mi­nis­te­ri­um wei­ger­te sich und be­rief sich dar­auf, dass ei­ne sol­che Zu­la­ge nach spa­ni­schem Recht al­lein ver­be­am­te­ten Leh­rern vor­be­hal­ten sei. Dar­auf­hin er­hob Herr Aróste­gui Kla­ge vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Nr.1 von Pam­plo­na. Das wie­der­um leg­te den Fall dem EuGH vor.
Da das vor­le­gen­de spa­ni­sche Ge­richt be­reits fest­ge­stellt hat­te, dass es zwi­schen den Auf­ga­ben, Leis­tun­gen und be­ruf­li­chen Pflich­ten ei­nes ver­be­am­te­ten und ei­nes an­ge­stell­ten Leh­rers (wie des Klägers) kei­ne Un­ter­schie­de gibt, be­fin­den sich bei­de Grup­pen von „Ar­beit­neh­mern“ laut EuGH in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on im Sin­ne von § 4 Abs.1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung (Ur­teil, Rn.35-37).
Dar­aus er­gibt sich wei­ter­hin, dass an­ge­stell­te Leh­rer wie der Kläger ge­genüber ver­gleich­ba­ren „Be­am­ten-Kol­le­gen“ schlech­ter ge­stellt wer­den (Ur­teil, Rn.38). Das wie­der­um wäre nur rech­tens, so der EuGH, falls es für die­se Be­nach­tei­li­gung trif­ti­ge Sach­gründe ge­ben soll­te.
Sol­che sach­li­chen Gründe könn­ten zwar im Prin­zip dar­in be­ste­hen, dass aus­sch­ließlich Be­am­te nach und nach in höhe­re Be­sol­dungs­stu­fen vorrücken, doch hat­te Spa­ni­en die­ses Sys­tem be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren aus­ge­setzt und durch ei­ne Re­ge­lung er­setzt, der zu­fol­ge es nur noch be­stimm­te, von Dienst­zei­ten abhängi­ge Be­sol­dungs­zu­la­gen gab. Sol­che Zu­la­gen al­ler­dings stel­len kei­ne be­am­ten­spe­zi­fi­schen Re­ge­lun­gen dar, so dass es im Er­geb­nis kei­nen Sach­grund gab, sie an­ge­stell­ten Leh­rern vor­zu­ent­hal­ten (Ur­teil, Rn.47).
Fa­zit: Der EuGH lässt bei der Aus­le­gung der Richt­li­nie 1999/70/EG bzw. der Rah­men­ver­ein­ba­rung in Ab­wei­chung von ih­rem § 2 Abs.1 na­tio­na­le De­fi­ni­tio­nen des Ar­beit­neh­mer­be­griffs nicht gel­ten, son­dern wen­det ei­nen wei­ten "eu­ropäischen" Ar­beit­neh­mer­be­griff an, der auch Be­am­te um­fasst.
In­fol­ge­des­sen wird auch das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des § 4 Abs.1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung er­heb­lich aus­ge­wei­tet, weil sich ei­ne un­zulässi­ge Be­nach­tei­li­gung aus ei­nem Ver­gleich er­ge­ben kann, der über die ver­schie­de­nen Beschäftig­ten­grup­pen hin­aus­ge­hend an­ge­stellt wird, d.h. grup­penüberg­rei­fend be­fris­tet an­ge­stell­te Ar­beit­neh­mer mit un­be­fris­tet täti­gen Be­am­ten ver­gleicht.
Er­gibt ein sol­cher Ver­gleich (wie im spa­ni­schen Streit­fall) ei­ne un­ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gung be­fris­tet an­ge­stell­ter Ar­beit­neh­mer, ha­ben die­se ei­nen aus der Richt­li­nie fol­gen­den An­spruch auf die Be­am­ten-Vergüns­ti­gun­gen, denn öffent­li­che Ar­beit­ge­ber bzw. Dienst­herrn sind un­mit­tel­bar an die Rah­men­ver­ein­ba­rung bzw. die Richt­li­nie 1999/70/EG ge­bun­den, da die Frist für de­ren Um­set­zung be­reits ver­stri­chen ist.
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 20.06.2019, C-72/18 (Aróste­gui)
Ge­ne­ral­anwältin beim EuGH Ju­lia­ne Ko­kott, Schluss­anträge vom 12.03.2019, C-72/18 (Aróste­gui)
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Pres­se­mit­tei­lung Nr. 79/19, vom 20.06.2019, Rs. C-72/18 (Aróste­gui)
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 22.10.2010, C-444/09 und C-456/09 (Ga­viei­ro Ga­viei­ro und Igle­si­as Tor­res)
Mus­ter­ver­trag: Mit Sach­grund be­fris­te­ter Ar­beits­er­trag
Mus­ter­ver­trag: Sach­grund­los be­fris­te­ter Ar­beits­er­trag
Letzte Überarbeitung: 25. Juni 2019