Source: https://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Mindestlohn_Anrechnung_von_Lohnbestandteilen_Arbeitsgericht_Berlin_54Ca14420-14_u.html
Timestamp: 2019-10-23 10:29:07
Document Index: 225239779

Matched Legal Cases: ['§ 4', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 11', '§ 11']

hat das Ar­beits­ge­richt Ber­lin, 54. Kam­mer, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 04.03.2015
so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn B. und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Frau K.
Die Ände­run­gen der Ar­beits­be­din­gun­gen durch die von der Be­klag­ten aus­ge­spro­che­ne Ände­rungskündi­gung vom 30.09.2014 sind so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt und un­wirk­sam.
Der Wert des Streit­ge­gen­stan­des wird auf € 3566,46 fest­ge­setzt.
1. fest­zu­stel­len, dass die Ände­run­gen der Ar­beits­be­din­gun­gen durch die von der Be­klag­ten aus­ge­spro­che­ne Ände­rungskündi­gung vom 30. Sep­tem­ber 2014 zum 28. Fe­bru­ar 2015 so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt oder aus an­de­ren Gründen rechts­un­wirk­sam sind,
2. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis über den 28. Fe­bru­ar 2015 hin­aus fort­be­steht
Das Min­dest­l­ohn­ge­setz be­inhal­te kei­ne Re­ge­lung zur An­re­chen­bar­keit von Ein­mal­zah­lun­gen. Der Ge­setz­ge­ber ha­be un­ter Hin­weis auf Recht­spre­chung des EUGH nach ei­ner Stel­lung­nah­me des Bun­des­rats aus­drück­lich ab­ge­lehnt, ent­spre­chen­de Re­ge­lun­gen ins Ge­setz auf­zu­neh­men. Dar­aus sei zu schluss­fol­gern, dass der Ge­setz­ge­ber die An­re­chen­bar­keit sol­cher Zah­lun­gen für zulässig hal­te.
Die Kläge­rin er­hal­te nach Um­la­ge der Vergütungs­be­stand­tei­le Leis­tungs­zu­la­ge, Ur­laubs­geld und Jah­res­son­der­zah­lung auf den St­un­den­lohn im Ver­gleich zum Jahr 2014 ei­ne um fast 3.000,00 € höhe­re Brut­to­vergütung zzgl. even­tu­el­ler Schicht­zu­la­gen.
Zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses hätten die Par­tei­en nicht mit ei­nem Ein­griff von außen in ih­re ver­trag­li­che Vergütungs­ver­ein­ba­rung rech­nen können. Es be­ste­he des­halb ein be­rech­tig­tes In­ter­es­se und ein drin­gen­des be­trieb­li­ches Er­for­der­nis, die ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung der Ge­set­zes­la­ge an­zu­pas­sen. Das sei die Rechts­fol­ge für die Störung bzw.
Bei der Ände­rungskündi­gung sei nicht auf die Fra­ge der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ab­zu­stel­len, son­dern al­lein auf das An­ge­bot des Ar­beit­ge­bers, das Ar­beits­verhält­nis un­ter be­stimm­ten an­de­ren Be­din­gun­gen fort­zu­set­zen. Der Kläge­rin sei­en die an­ge­bo­te­nen Ände­run­gen auch zu­zu­mu­ten, da sich die Ar­beits­be­din­gun­gen nicht änder­ten und die Vergütung nicht re­du­zie­re. Die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zur Vergütungs­ab­sen­kung sei nicht an­wend­bar, weil ei­ne sol­che nicht er­fol­ge. Die Kündi­gung sei gleich­wohl er­for­der­lich ge­we­sen, um den wirt­schaft­li­chen Fort­be­stand des Un­ter­neh­mens zu si­chern.
Die Be­klag­te be­fin­de sich in ei­ner sta­bi­len, den­noch an­ge­spann­ten wirt­schaft­li­chen La­ge. Be­reits im Jah­re 2013 ha­be die Be­klag­te ei­nen Ge­samt­um­satzrück­gang von 46,6 % im Ver­gleich zum Vor­jahr zu ver­zeich­nen ge­habt. Das Jah­res­er­geb­nis ha­be nach Steu­ern le­dig­lich 110.000 € be­tra­gen. Im Jahr 2014 rech­ne die Be­klag­te mit kei­ner we­sent­li­chen Ände­rung der Er­trags­la­ge. Glei­ches gel­te für 2015. Auf­grund stei­gen­der Lohn­kos­ten durch Neu­ein­stel­lung von Mit­ar­bei­tern wer­de sich das Um­satz­vo­lu­men ge­ringfügig erhöhen, nicht aber der Er­trag. Für lau­fen­de Auf­träge sei­en Preis­erhöhun­gen nicht möglich.
Die Kla­ge ist – so­weit sie zulässig ist - auch be­gründet. Die Ar­beits­be­din­gun­gen sind auf­grund der aus­ge­spro­che­nen Ände­rungskündi­gung vom 30. Sep­tem­ber 2014 nicht wirk­sam geändert wor­den.
Die Kla­ge wur­de form- und frist­ge­recht gem. § 4 KSchG er­ho­ben.
Der Aus­spruch ei­ner Ände­rungskündi­gung mit dem Ziel der Strei­chung von Leis­tungs­zu­la­ge, zusätz­li­chem Ur­laubs­geld und der Jah­res­son­der­zu­wen­dung ist be­reits un­zulässig.
Auf­grund des Ge­set­zes zur Re­ge­lung ei­nes all­ge­mei­nen Min­dest­lohns vom 11.08.2014 (im Fol­gen­den Mi­LoG) ist die Be­klag­te ab 01. Ja­nu­ar 2015 ver­pflich­tet, ei­nen Min­dest­lohn in Höhe von 8,50 € je Zeit­stun­de an die Kläge­rin zu zah­len. Die­se Ver­pflich­tung be­steht für die Be­klag­te von Ge­set­zes we­gen. Des Aus­spruchs ei­ner Ände­rungskündi­gung be­durf­te es dafür zunächst nicht.
Der ge­setz­li­che Min­dest­lohn­an­spruch ent­steht nur dann, wenn das dem je­wei­li­gen Ar­beit­neh­mer ge­zahl­te Ar­beits­ent­gelt ein­sch­ließlich al­ler an­re­chen­ba­ren Ent­gelt­be­stand­tei­le die Höhe des ge­setz­li­chen An­spruchs nicht be­reits er­reicht oder darüber hin­aus­geht.
a) Es ist da­her zunächst ein Ver­gleich zwi­schen dem Min­dest­lohn­an­spruch je Ar­beits­stun­de und dem tatsächlich ge­zahl­ten Ar­beits­ent­gelt je St­un­de vor­zu­neh­men. So­dann ist zu prüfen, wel­che wei­te­ren Lohn­be­stand­tei­le als Ge­gen­leis­tung für die Ar­beits­leis­tung ge­zahlt wer­den wie Zu­la­gen, Zu­schläge, aber ggf. auch - un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen -
Fol­ge­rich­tig hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Min­dest­lohn­kla­ge im Ab­fall­ge­wer­be klar­ge­stellt, dass die „Zu­la­gen und Zu­schläge, die durch die na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Prak­ti­ken des Mit­glied­staats, in des­sen Ho­heits­ge­biet der Ar­beit­neh­mer ent­sandt wird, nicht als Be­stand­tei­le des Min­dest­lohns de­fi­niert wer­den und die das Verhält­nis zwi­schen der Leis­tung des Ar­beit­neh­mers auf der ei­nen und der ihm er­brach­ten Ge­gen­leis­tung auf der an­de­ren Sei­te verändern“, „nicht auf­grund der Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 96/71 als der­ar­ti­ge Be­stand­tei­le be­trach­tet wer­den“ können (BAG v. 16.04.2014, 4 AZR 802/11, NZA 2014, 1277-1282).
Mit an­de­ren Wor­ten: Da das Min­dest­l­ohn­ge­setz kei­ne Re­ge­lung be­inhal­tet, ob und ggf. wel­che Ent­gelt­be­stand­tei­le an­re­chen­bar sind, muss da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass der Min­dest­lohn le­dig­lich der Vergütung der „Nor­mal“leis­tung dient. Es ist al­so fest­zu­stel­len, wel­che Leis­tun­gen im Ar­beits­verhält­nis die Nor­mal­leis­tung vergüten. Die­se sind an­zu­rech­nen. Es kommt al­so dar­auf an, ob ei­ne Leis­tung im kon­kre­ten Fall das vergütet, was der Ar­beit­neh­mer „nor­ma­ler­wei­se” tun muss oder ob ei­ne Zah­lung für über­ob­li­ga­to­ri­sche Leis­tun­gen er­folgt (vgl. in­so­weit auch Ul­ber, RdA 2014, 176).
c) Schon aus die­sen Gründen ist es kaum nach­voll­zieh­bar, dass die Bun­des­re­gie­rung auf die aus­drück­li­che Bit­te des Bun­des­rats ei­ner Klar­stel­lung, wel­che Lohn­be­stand­tei­le auf das ge­setz­li­chen Min­dest­lohn­stun­den­ent­gelt an­re­chen­bar sind (vgl. BT-Drucks. 18/1558, An­la­ge 3, S. 61 f.), nicht ge­setz­ge­be­risch re­agiert hat. Ge­ra­de die von der Bun­des­re­gie­rung
in ih­rer Ant­wort zi­tier­ten Ent­schei­dun­gen des EuGH stel­len klar, dass ei­ne De­fi­ni­ti­on der auf den Min­dest­lohn an­zu­rech­nen­den Lohn­be­stand­tei­le durch Rechts­vor­schrif­ten des je­wei­li­gen Mit­glieds­lan­des als er­for­der­lich an­ge­se­hen wird (vgl. BT-Drucks. 18/1558, An­la­ge 4, S. 67).
Der ge­setz­li­che Ver­zicht auf die De­fi­ni­ti­on, wel­che Lohn­be­stand­tei­le auf den Min­dest­lohn an­re­chen­bar sind, wird nicht da­durch er­setzt, dass die Bun­des­re­gie­rung statt ent­spre­chen­der Re­ge­lun­gen im Ge­setz ih­re Vor­stel­lun­gen auf ei­ner In­ter­net­sei­te kom­mu­ni­ziert.
d) Maßgeb­lich ist, wel­che ein­zel­nen Leis­tun­gen mit dem Min­des­tent­gelt vergütet wer­den sol­len. Es wird kei­ne wirt­schaft­li­che Ge­samt­be­trach­tung vor­ge­nom­men, son­dern die Ar­beit­ge­ber­leis­tun­gen dar­auf­hin über­prüft, wel­cher Teil funk­tio­nal mit dem Min­des­tent­gelt ver­knüpft ist und wel­che Leis­tun­gen dies nicht sind (vgl. Ul­ber, RdA 2014, 176).
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat mit sei­ner durch den EuGH im Grund­satz bestätig­ten Recht­spre­chung zur „funk­tio­na­len Gleich­wer­tig­keit“ da­her maßgeb­lich auf den Zweck der Leis­tung ab­ge­stellt (BAG v. 16.04.2014, 4 AZR 802/11, NZA 2014, 1277-1282; EuGH v. 07.11.2013, C-522/11 (Is­bir), NZA 2013, 259, Rn 37 ff).
Ge­mes­sen an die­sen Grundsätzen kann von ei­ner An­re­chen­bar­keit des zusätz­li­chen Ur­laubs­gel­des und der jähr­li­chen Son­der­zu­wen­dung auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lo­h­an­spruch der Kläge­rin nicht aus­ge­gan­gen wer­den.
b) Zum Zeit­punkt der von der Be­klag­ten aus­ge­spro­che­nen Ände­rungskündi­gung be­trug das pro St­un­de an die Kläge­rin zu leis­ten­de Brut­to­ent­gelt 6,44 € (Sum­me aus Grund­vergütung und Leis­tungs­zu­la­ge). Die­ser Be­trag liegt 2,06 € un­ter­halb des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns.
c) Grundsätz­lich dürf­te ei­ne Leis­tungs­zu­la­ge, die die über Nor­mal­leis­tun­gen hin­aus­ge­hen­den Leis­tun­gen bei Er­rei­chen be­stimm­ter quan­ti­ta­ti­ver und qua­li­ta­ti­ver Vor­ga­ben ho­no­rie­ren soll, nicht auf den Min­dest­lohn an­re­chen­bar sein. In­des kann zu­guns­ten der Be­klag­ten im vor­lie­gen­den Fall und man­gels an­der­wei­ti­gen Vor­trags der Par­tei­en da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die als Leis­tungs­zu­la­ge be­zeich­ne­te Zah­lung für
d) Das von der Be­klag­ten bis­lang ge­zahl­te zusätz­li­che Ur­laubs­geld ist hin­ge­gen nicht auf den Min­dest­lohn­an­spruch an­re­chen­bar.
Der im Ar­beits­ver­trag als Ur­laubs­vergütung be­zeich­ne­te An­spruch ist nach der übe­rein­stim­men­den Auf­fas­sung der Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ent­ge­gen sei­ner Be­zeich­nung ein zusätz­li­ches Ur­laubs­geld. Als Ur­laubs­ent­gelt im Sin­ne von § 11 BUrlG kann es schon auf­grund der ver­ein­bar­ten Höhe von 50 % des St­un­den­durch­schnitts­ver­diens­tes nicht ver­stan­den wer­den. Dies wi­derspräche der in­di­vi­du­al­ver­trag­lich un­ab­ding­ba­ren Re­ge­lung des § 11 BUrlG, wo­nach sich das Ur­laubs­ent­gelt nach dem durch­schnitt­li­chen Ar­beits­ver­dienst der letz­ten drei­zehn Wo­chen vor An­tritt des Ur­laubs be­misst.
aa) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zur ta­rif­li­chen Jah­res­son­der­zah­lung folgt der Zweck der­sel­ben aus den tatsächli­chen und recht­li­chen
Fehlt es an der An­re­chen­bar­keit der an­der­wei­ti­gen Vergütungs­be­stand­tei­le auf den Min­dest­lohn, sind al­le Hand­lun­gen, die dar­auf ge­rich­tet sind, gleich­wohl ei­ne An­rech­nung zu er­rei­chen, ob­jek­tiv als Um­ge­hung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohn­an­spruchs und da­mit als
Die aus­ge­spro­che­ne Ände­rungskündi­gung er­weist sich je­doch auch man­gels aus­rei­chen­den Vor­trags zu ei­nem be­triebs­be­ding­ten Kündi­gungs­grund als un­wirk­sam.
Spricht der Ar­beit­ge­ber zum Zwe­cke der Her­ab­set­zung von Ar­beits­ent­gel­ten und So­zi­al­leis­tun­gen ei­ne Ände­rungskündi­gung aus, liegt dar­in eben­so­we­nig wie bei ei­ner
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