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Timestamp: 2017-03-28 08:14:14
Document Index: 60608720

Matched Legal Cases: ['§ 13', '§ 14', '§13', '§ 10', '§ 6', '§ 6', '§ 9', '§ 6', '§ 15', '§ 8', '§ 6', '§ 7', '§ 23', '§ 33', '§ 32', '§ 32', '§ 30', '§ 7', '§ 9', '§ 30', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 12', '§ 6', '§ 53', '§ 41', '§ 48', '§ 32', '§ 21', '§ 27', '§ 40', '§ 40', '§ 45', '§ 50', '§ 29', '§ 13', '§ 23', '§ 20', '§ 1', '§ 20', '§ 5', '§ 35', '§ 35', '§ 36', '§ 15', '§ 37', '§ 20', '§ 41', '§ 83', '§ 40', '§ 40', '§ 42', '§ 39', '§ 43', '§ 44', '§ 37', '§ 37', '§ 23', '§ 67', '§ 2', '§ 1', '§ 24', '§ 87', '§ 67', '§ 35', '§ 25', '§ 7', '§ 66', '§ 87', '§ 65', '§ 2', '§ 59', '§ 47', '§ 15', '§ 20', '§ 48', '§ 43', '§ 59', '§ 60', '§ 12']

Studentenhistorische Notizen Archiv «DURA LEX SED LEX» - DAS «BIERSTRAFRECHT» EINST UND JETZT | Teil1Von Dr. iur. utr. Peter Hauser v/o Star
"Der Biercomment hat zum Zweck, die Fröhlichkeit zu heben, die Ordnung an der Kneiptafel zu wahren und soll wegleitend für das vereinswürdige Verhalten der Corona sein."[1] "Zur kräftigen Aufrechterhaltung der beim commentmässigen Biertrinken nötigen allg. Ordnung sowohl als auch zum persönlichen Schutz des einzelnen sind die Bierstrafen eine noth-wendige Einrichtung." [2] Nachstehend sollen die wichtigsten Normen und Institute des "Bier-strafrechts" und ihre Entstehung dargestellt werden. Grundlage dafür ist der jetzt ange-wandte Biercomment der Vitodurania vom 22.1.1981 (BC).
"Trinkstrafen" finden wir bereits beim Symposion, dem Trinkgelage der alten Griechen. Der Leiter des Symposions, der Symposiarch, hatte das Recht, seinen Mittrinkern zu befehlen, zur Strafe eine bestimmte Menge Weines zu trinken. Nicht anders war es bei den Römern, deren Trinkgelage "commissatio" hiess. Der durch Würfeln bestimmte, "Trinkkönig" (rex, arbiter oder magister bibendi) genannte Präsident der Corona, durfte jeden strafweise trinken lassen. "Bierstrafen" enthielt auch die 1747 in Frankfurt und Leipzig erschienene Anleitung mit dem Titel "Das Hospitium oder Richtiger Beweis aller bey dem Hospitio üblichen Rechte und Gewohnheiten", die 52 Paragraphen umfasst und die wir als eine der Vorläufer des Bier-comments bezeichnen können. [3] Das Hospitium oder Hospiz war ein studentisches Gastgelage, bei welchem ein Student als Gastgeber ("Hospes") Kommilitonen einlud und als Kneippräsidium amtete. Mit dem Hausschlüssel als Zeichen seiner Würde und Macht gebot er Silentium und verfügte laut § 13 der über uneingeschränkte Gewalt. Der § 14 besagt über die Strafen was folgt: "In dem Hospitio wird die Übertretung der Gesetze bestraft per §13. Eine Strafe aber ist ein Malum per prima jur. nat. und also müssen die Übertreter der Gesetze auch durch ein Malum bestraft werden, und diese Strafe sind die vollen Gläser, die einer austrinken muss." Der Hospes brauchte nur so viel zu trinken, wie ihm beliebte, während er alle anderen "nass zudecken" konnte. Strafnormen enthielt auch der 1778 entstandene "Burschenkomment" von Martialis Schluck Raufenfelsensis, recte Ch. F. Gleiss[4], einem Mitglied des studentischen Amicisten Ordens in Erlangen. Im § 10 dieses Regelwerkes heisst es u.a.: "Wer im Trinken oder Singen einen Bock schießt, muss pro poena, d.h. zur Strafe etwelche Schoppen explenieren." [5]
An den deutschen Universitäten gab es um 1800 herum Kränzchen, Gesellschaften oder Landsmannschaften, später Corps genannte Verbindungen, deren Senioren (Präses) sich zu einem Senioren-Convent (SC) zusammentaten und die ganze Studentenschaft des Ortes, auch die nicht inkorporierten "Wilden", nach dem SC-Comment regierten. Die ersten Biercomments im heutigen Sinne sind kurz nach 1800 als scherzhafte Abwandlungen, als Persiflagen oder Parodien dieser ernsthaften SC-Comments entstanden. [6] Der älteste bekannte Biercomment ist derjenige von Heidelberg aus dem Jahre 1815. [7] Er enthält Normen über das "Dictieren" einer bestimmten Menge Stoffes, über den Bierverschiss und den Bierskandal. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind daher schon fast alle Instrumente des Bierstrafrechts bekannt und schriftlich festgehalten.
Zunächst geht es um die Frage der Strafkompetenz. In der Vitodurania besitzt der Präsident gegenüber allen Burschen inkl. Fuchsmajor (FM) und den AH (§§ 6 Abs. 1 und 30 Abs. 3 BC) die Strafkompetenz, sodann der oder die Kontrapräsident(en) gegenüber den ihnen zugeteilten Burschen und AH (§ 6 Abs. 2 BC) und schliesslich der FM gegenüber den Füch-sen einschliesslich Ehren- bzw."Silberfüchsen" (§ 9 BC).
Präsident als Inhaber des "ersten Bieramtes" im Sinne von § 6 BC ist nicht notwendiger-weise der Präsident der Aktivitas gemäss § 15 der Statuten, sondern jeder Bursche, AH oder Gast mit Burschenstatus, der einen II. Akt präsidiert. [8] Auch wer vorübergehend das Kneippräsidium übernimmt (§ 8 BC), hat alle präsidialen Rechte und Pflichten. Bei grosser Kneiptafel[9] kann der Präsident Kontrapräsidenten ernennen, die gegenüber den ihnen unterstellten Burschen und AH Präsidialrechte ausüben, selbst aber dem Präsidenten unterstehen und von ihm bestraft oder des Amtes enthoben werden können. Zu Kontra-präsidenten eignen sich nur Burschen oder AH mit guten Commentkenntnissen und Durchsetzungsvermögen. Treffen diese Voraussetzungen für den Aktuar und Quästor der Aktivitas zu, so haben sie als Kontrapräsidenten den Vorzug vor anderen Mitgliedern des Burschensalons (§ 6 Abs. 2 BC).
Das "zweite Bieramt" hat der FM inne. In seiner Abwesenheit unterstehen die Füchse dem Präsidenten, der in diesem Falle eine Doppelfunktion ausübt (§ 7 BC). Um klare Verhältnisse zu schaffen, verkündet der Präsident sofort "Füchse unter mir!". Dauert die Abwesenheit des FM länger als ein gewöhnliches "tempus", sollte der Präsident einen Burschen oder AH zum FM ad interim ernennen. Das ist auch bei grosser Kneiptafel, wo die Füchse relativ weit weg vom Präsidenten sitzen, zu empfehlen.
Der Cantusmagister (CM), der einen Cantus anstimmt, hat an der Biertafel keine Strafkom-petenz, denn er bekommt für das Anstimmen kein Silentium, sondern erfüllt nur den Auftrag des Anstimmens. Er darf aber in der Kantusstunde Strafen verhängen (§ 23 Abs. 3 Statuten).
Die Vitodurania kennt folgende Bierstrafen: Das Trinken pro poena ("in die Kanne steigen lassen"), den Bierverschiss, das Aufwassersetzen, und die Wegweisung.
Wer sich an der Kneiptafel eines leichten Vergehens gegen den Comment schuldig macht, den lässt man eine bestimmte Menge trinken, indem man ihn "in die Kanne" schickt. Der Ausdruck "in die Kanne steigen" stammt aus dem Brauchtum der Bergleute. Diese tranken schon Mitte des 17. Jahrhundert gemeinsam aus grossen Kannen, an deren Innenwand eine Leiter, die so genannte "Fahrt", angebracht war. Jeder Zecher[10] hatte eine Sprosse tiefer "in die Kanne zu steigen", wovon sich der nächste Gast, der "Nachfahrer", zunächst überzeugen musste, wenn ihm vom Vorgänger die Kanne mit einem zugehörigen Spruch überreicht wurde. [11] Der beim Um- oder Rundtrunk der Bergleute bekannte Ausdruck "in die Kanne steigen" bekam erst viel später bei den Studenten die uns heute bekannte Bedeutung des strafweisen Trinkens. Gleichbedeutend wie "in die Kanne schicken" sind Wendungen wie "ins Glas steigen lassen", "verdonnern", " sich stärken", "rinnen lassen","pro poena trinken lassen" oder "spinnen lassen". Das Wort "spinnen" ist schon 1875 bezeugt[12] und soll durch die Übertragung des Bildes des Fädenziehens beim Spinnen auf das zwangs-weise Leeren des Bierglases entstanden sein. [13] Gelegentlich wird das strafweise Trinken auch "löffeln" genannt. [14] Die Wendung "sich löffeln" bedeutet jedoch eigentlich, sich frei-willig für einen Lapsus zu entschuldigen ("Pardon, löffle mich!").
Niemand darf nach Gründen fragen oder reklamieren, bevor er das diktierte Quantum intus hat. Es gilt der eiserne Grundsatz "Erst saufen, dann reklamieren!". Füchse haben überhaupt nicht, also auch hinterher nicht zu reklamieren (§ 33 BC). Der Fehlbare muss ohne Murren entweder das befohlene Quantum (z.B. den nächsten Halben oder bei "Rest weg!" den Resten) kneipen oder, wenn er ohne Angabe der Menge nur "in die Kanne" geschickt wurde, so lange trinken, bis der Strafende oder Rekommandierende "sitzt!", "satis!", "genügt!", "geschenkt!" und dergleichen sagt (§ 32 BC). Die Vitodurania kennt keine Bestimmung, gemäss welcher Quanten, die strafweise gekneipt werden, ohne Ab-setzen zu trinken sind. Anders zum Beispiel die Thurgovia, bei der "Quanten, bei deren Vertilgung abgesetzt oder gemogelt wird, als nicht gesoffen gelten".[15] Aus der Formulierung in § 32, man habe "solange zu trinken, bis der Rekommandierende "Sitzt!" erklärt, kann man jedoch schliessen, dass auch in der Vitodurania beim strafweisen Trinken das Absetzen verpönt ist. In der Praxis wird das Absetzen allerdings in der Regel nicht bestraft, sondern nur mit dem Befehl, weiter zu trinken, unterbunden.
Die ältesten bekannten Biercomments der Vitodurania von 1875, 1878, 1881 und 1884 nannten als Beispiele folgende Gründe für das Pro Poena-Trinken: Störung des allgemeinen Comments, Nichtunterstützung eines Cantus, mutwillige Biervergeudung, Offenlassen des Cantusbuches nach Beendigung offizieller Cantüsser u.s.f. und "überhaupt überall da, wo Präses oder FM die commentmässige Ordnung gestört zu wissen glauben."
Der Präsident kann in der Vitodurania aus triftigen Gründen jedes Mitglied der Burschen-corona direkt in die Kanne schicken. Dieses Recht hat auch der Kontrapräsident gegen-über den ihm unterstellten Burschen, wobei er selber unter der Fuchtel des Präsidenten steht. Auch ältere Burschen können jüngere Burschen derselben Bierfamilie direkt trinken lassen. [16] Das gleiche gilt ungeachtet der Bierfamilienzugehörigkeit zwischen dem aktiven FM und den ehemaligen FM (§ 30 Abs. 2 BC) [17]. Ein ehemaliger FM darf also jeden jüngeren FM direkt in die Kanne schicken. Für die Altersbestimmung ist nicht das Lebensalter, sondern das "Generationsjahr" (= Maturjahrgang) massgebend. Das Recht, Füchse direkt in die Kanne zu schicken und über sie Strafen zu verhängen, steht einzig und allein dem FM zu. Bis zur Revision des Biercomments anno 1960 mussten Füchse der eigenen Bierfamilie nicht beim FM rekommandiert werden, sondern man konnte sie direkt ins Glas steigen lassen. Im Zuge des seit der Commentnovelle von 1905 stetigen Abbaues der Burschenprivilegien wurde dieses Recht abgeschafft, weil es oft missbraucht worden war. Heute besteht aufgrund des klaren Wortlautes der §§ 7 Abs. 2, 30 Abs. 2 und 31 Abs. 1 BC kein Zweifel mehr, dass Füchse vom Präsidenten und von Angehörigen des Burschensalons (also auch von AH) in jedem Falle beim FM rekommandiert werden müssen. Das gilt auch für Ehren- oder Silberfüchse (§ 9 BC).
Das im studentischen Bereich schon 1813[18] nachgewiesene Wort "rekommandieren" be-deutet empfehlen, hier im Sinne von "eine Strafe beantragen". Füchse darf man auch ohne selbst Stoff im Glas zu haben rekommandieren. Ein Fuchs dagegen kann überhaupt nicht rekommandieren. Der Präsident oder FM prüft die Rekommandationsgründe. Genügen sie ihm nicht, wird der Antrag abgelehnt, und es kann der Rekommandierende selbst mit dem rekommandierten Quantum bestraft werden (§ 30 Abs. 1 BC). Der Präsident oder FM soll vor allem schikanösen Rekommandationen und solchen, die er als "böswilligen Füllungs-versuch"[19] beurteilt, nicht stattgeben. Die Rekommandation darf auch nicht dazu miss-braucht werden, sich gegen persönliche Angriffe zu wehren. Dafür gibt es den Bierstreit. [20]
Schwere Commentverstösse werden mit dem Bierverschiss (BV) geahndet. Wer im Bier-verschiss ist, heisst "Bierschisser", ein Ausdruck, dem wir schon 1831 in einem studen-tischen Wörterbuch begegnen, [21] oder "Bierschwein".[22] Das Wort "Bierverschiss" findet sich bereits im Heidelberger Biercomment von 1815 und wird 1841 in einem studentischen Wörterbuch wie folgt definiert: "Der Verlust der Bierehre, folgl. der gänzliche Ausschluß von allen Rechten und Vortheilen, welche einem bierehrl. Burschen zu Theil werden." [23] Die Wurzeln des Bierverschisses müssen wir wie einige andere Begriffe des Biercomments im Allgemeinen Comment suchen. Wer auf gröbste Art und Weise gegen den Comment verstiess, wurde in den "Verschiss" getan, der ursprünglich darin bestand, dass dem Fehlbaren die Bude im wahrsten Sinne des Wortes "Verschiss" verunreinigt wurde. [24] Die Bezeichnung dieses Brauches wurde als "Bierverschiss" in den Biercomment übernommen.
Die Vitodurania kennt drei Grade des Bierverschisses: den ersten (I. BV), den zweiten (II. BV) und den dritten BV (III.BV). Der I. BV kann mittels Geldbusse oder dadurch verschärft werden, dass der Missetäter zweimal oder höchstens dreimal in den I. BV "fliegt". Wir sprechen dann vom "mehrfachen I. BV", der so geschrieben wird, dass die Punkte hinter jeder römischen Eins gesetzt werden (zum Beispiel zweifacher I. BV = I.I.).
Das Schwergewicht der nachstehenden Ausführungen liegt auf dem I. BV, weil dieser am häufigsten vorkommt. Im § 41 Abs. 1 BC sind 12 Verfehlungen aufgelistet, die "regelmässig" zum I. BV führen, mit anderen Worten Offizialdelikte sind, die keiner Rekommandation bedürfen. [25] Wörtlich genommen, kann der Präsident die im § 41 BC genannten Übeltaten nicht mit einer milderen Strafe als dem I. BV ahnden, denn die Art der Strafe ist vorgegeben. Aber auch das Bierstrafrecht kennt die Strafmilderung und Strafminderung, und der Präsident bzw. der FM besitzt eine umfassende, nur vom Verbot der Willkür begrenzte Strafzumessungskompetenz. So kann es auch aus Gründen der Zweckmässigkeit angezeigt sein, Übeltäter zu fortgeschrittener Stunde statt in den von ihnen im Rausch als Gaudium empfundenen BV direkt in die Kanne zu schicken. Vor allem hat man mehrere Radaubrüder besser unter Kontrolle, wenn man sie direkt saufen lässt und sie nicht in den kollektiven BV steckt, wo sie als Gruppe von Bierschissern gemeinsam noch mehr Unfug treiben können. Anderseits darf der Präsident bzw. FM auch weniger schwere Verstösse gegen Ordnung und Comment mit dem I. BV bestrafen, wenn ihm das zur Schaffung der Ordnung geboten er-scheint.
Die meisten der im § 41 BC aufgezählten Commentverstösse, die regelmässig zur Ve-rhängung des I. BV führen, sind so klar formuliert, dass sie keiner Auslegung bedürfen. Bei einigen entstehen jedoch ab und zu Diskussionen, so dass es angezeigt erscheint, sie zu kommentieren.
Zu Ziffer 1: Während des Silentiums ist das Sprechen, Vor- und Nachtrinken, Anstossen, Abfassen von Straftöpfen oder Tempeln verboten (§ 12 Abs. 1 BC). Selbstverständlich darf auch nicht gesungen oder eine Herausforderung zum Bierstreit ausgesprochen werden. Es hat einfach absolute Ruhe, "silentium strictissimum" zu herrschen. Es darf sich nur vernehmen lassen, wer das Wort hat. Dennoch sollte nicht jeder Unterbruch des Silentiums mit dem I. BV bestraft werden. Originelle Zwischenrufe erheitern die Corona, und es genügt diesfalls in der Regel, den Urheber kurz in die Kanne zu schicken. In der Vito-durania wird zum Zeichen, dass das Silentium beendet ist, vom Präsidenten und FM "Colloquium!" [26] verkündet. Zu Ziffer 4: Die Herausforderung des Präsidenten und Kontrapräsidenten zu einem Bierstreit ist verboten und wird ex officio mit dem I. BV bestraft. Gemeint ist der jeweilige Präsident bzw. Kontrapräsident des II. Aktes, das so genannte "Bierpräsidium".[27] Das Verbot, diese Bierchargierten zu einem Bierstreit herauszufordern, entspringt ihrer Omni-potenz gemäss § 6 BC und es soll überdies dazu beitragen, dass sie möglichst nüchtern bleiben und den II. Akt sicher leiten können. Wird der II. Akt ausnahmsweise ganz oder vorübergehend (etwa wegen eines "tempus") nicht vom Präsidenten der Aktivitas geleitet, so ist er an der Kneiptafel ein gewöhnlicher Bursche und darf durchaus zu einem Bier-skandal herausgefordert werden. Vor der Herausforderung zu einem Bierstreit nicht ge-schützt ist auch der Präsident der Alt-Vitodurania, es sei denn, er präsidiere einen II. Akt. Ausgehend vom Zweckgedanken des präsidialen Privilegs, besteht auch kein Grund, den Unparteiischen in einem Bierstreit und den Leiter einer Biergemeinde vor einem Bierskandal zu bewahren. Sie haben nur für die Erfüllung einer speziellen Aufgabe vorübergehend Präsidialrechte, wobei einem Unparteiischen erst noch das Silentium vom Kneippräsidenten entzogen werden kann (§ 53 BC). [28]
Die ab und zu gestellte Frage, ob der Inhaber des Bierpräsidiums trotz § 41 Abs. 1 Ziffer 4 BC einen Bierstreit annehmen dürfe oder gar müsse, stellt sich gar nicht. Denn die Herausforderung des Kneippräsidiums hat ausser der Bestrafung keinerlei Wirkung, sie ist nichtig. Das einzige legale Mittel, sich gegen Beleidigungen durch das amtierende Bier-präsidium zur Wehr zu setzen, ist die Biergemeinde (§ 48 BC).
Zu Ziffer 8: Das Wort "Bierkneifereien" kommt von "kneifen" und bedeutet mogeln, sich drücken. Wer sich am Biertisch vor einer Trinkpflicht ganz oder teilweise drückt oder wer dabei mogelt, macht sich der "Bierkneiferei" schuldig. Darunter sind etwa zu verstehen die Weigerung, das diktierte Quantum zu trinken (§ 32 BC); die Verweigerung des Nachtrinkens, nachdem das zweite Quantum vorgetrunken wurde (§ 21 BC); das Nichtweitergeben eines "Quantums in die Welt" (§ 27 BC) [29] Mogeleien beim Vor- und Nachtrinken (statt des annoncierten Halben trinkt man nur eine Quart etc. [30]); die Missachtung der für das Herauskneipen aus dem I. BV vorgeschriebenen Zeitlimite von 5 Bierminuten (§ 40 Abs. 1 BC) und das Trinken von weniger als einem Ganzen beim Herauskneipen aus dem I. BV (§ 40 Abs. 1 und § 45 Abs. 1 BC). [31] Die Nichtannahme oder das zu lange Hinauszögern eines Bierstreites dagegen wird nur auf Rekommandation mit dem I. BV bestraft (§ 50 BC), denn beim Bierskandal als persönlicher Angelegenheit von zwei Kontrahenten stehen keine allge-meinen Interessen des Bierstaates auf dem Spiel.
Im Zusammenhang mit Bierkneifereien interessiert auch die Frage, was ein "Ganzer" sei. Dazu sagt unser BC im § 29 recht philisterhaft nur, man verstehe darunter drei Deziliter. Seit undenklicher Zeit haben aber unsere Füchse gelernt, dass ein Ganzer aus "der Blume, dem Halben und dem Resten" besteht. [32] Mit Ausnahme einer Blume und eines Ganzen, darf man nur mit einem angetrunkenen Glas zu-, vor- und nachtrinken. Auch der so genannte "Nebenstoff" muss stets angetrunken sein. Aus diesen eisernen Regeln folgt, dass man in der Vitodurania mit einem 3 Deziliterglas nur einen Halben vor- oder nachtrinken kann. Wer dagegen verstösst, ist ein Bierkneifer.
"Biersauerei" ist das absichtliche oder unabsichtliche Verschütten einer nicht unerheblichen Menge Stoffes auf den Tisch oder auf den Boden. Dass ein Anderer bekleckert wird, ist nicht erforderlich. Nicht als eigentliche Biersauerei, sondern als allgemeine Schweinerei zählt das Sichübergeben im Lokal, sei es am Biertisch, sei es neben die WC-Schüssel oder das Lavabo. Kneippräsidium oder FM sorgen unverzüglich dafür, dass die Schweinerei vom Verursacher (wenn er noch kann) und nötigenfalls einem Gehilfen aus der Verbindung tadellos aufgeputzt wird. Auch das gehört zur Maxime "voll, aber korrekt".
Zu Ziffer 9: Pfeifen ist am Biertisch verboten. Auch der auf der Strasse trotz des Pfeif-verbotes (§ 13 Farbencomment) als Erkennungszeichen erlaubte "Vitopfiff" ist an der Biertafel, da für die Kontaktnahme unnötig, verpönt. Beim verbotenen Werfen kommt es nicht darauf, mit was geworfen wird. Auch die Verteilung von Bierdeckeln durch Werfen oder das Zuwerfen des Feuerzeuges usw. ist strafbar.
Zu Ziffer 10: Das Zuspätkommen ist eine Seuche und immer dann strafbar, wenn es nicht "auf höherer Gewalt" beruht. Falsche Einschätzung der Verkehrslage und dergleichen genügen nicht als Entschuldigung. Der Aktive, welcher weiss, dass er nicht rechtzeitig zu einem Obligatorium erscheinen kann, meldet das unter Nennung des Grundes so früh wie möglich dem Präsidenten bzw. FM. Auch der Präsident der Aktivitas, der ohne stichhaltige Entschuldigung zu spät zu einem offiziellen Akt erscheint, kann bestraft werden. Der nächsthöhere Chargierte[33] eröffnet den II. Akt pünktlich und verhängt gegen den schuldhaft verspäteten Präsidenten den I. BV. Gemäss § 23 Abs. 1 Ziffer 2 der Statuten werden bei I. Akten Verspätungen bis zu zehn Philisterminuten mit einer Busse von Fr. 2.- oder mit dem einfachen I. BV und für das Zuspätkommen von mehr als zehn Minuten mit einer Busse von Fr. 4.- oder mit dem I.I. BV bestraft. Diese Regel kann auch bei II. Akten angewendet werden, wobei der BV und keine Busse ausgesprochen werden soll. Geldbussen als Strafe passen besser in den I. Akt.
Zu Ziffer 11: Der BC verweist für das Abnehmen der Mütze auf § 20 des Farbencomments. Wegen eines redaktionellen Versehens geht der Biercomment weniger weit als der Farben-comment, der als lex specialis Vorrang hat. In den I. BV fliegt daher auch, wer die Mütze beim Singen des eigenen Generationskantusses, des "Heisst ein Haus zum Schweizer-degen...", "Brüder reicht die Hand..." sowie bei jedem Essen, Wortergreifen und offiziellen Päuken auf dem Kopf behält. Hingegen wird die Mütze beim Singen des Anfangskantus "Stosst an, stosst an..." nicht abgenommen. [34] Auch das Abnehmen der Kopfbedeckung, wenn man für ein "tempus" den Tisch verlässt, ist eine Unsitte, die weder im Farben- noch im Biercomment eine Stütze findet. Im Farbencomment und im BC offen gelassen ist die weltbewegende Frage, ob beim Urinieren die Kopfbedeckung abgenommen werden muss. Meines Erachtens ist das zu bejahen. Man klemmt dabei die Mütze unter den Arm. [35] Auf dem Lande und in freier Natur, sind aber auch diesbezüglich "kleinere Ausnahmen ge-stattet" (§ 1 Abs. 2 Farbencomment).
Umstritten ist dagegen die Frage des Abnehmens des "Tönnlis". Obwohl uns das "Tönnli" oder "Biertönnli"[36] als den AH vorbehaltene, bei feierlichen Anlässen37 eher unpassende Kopfbedeckung bereits auf dem ältesten bekannten Foto der Vitodurania vom Spätsommer 1866[38] begegnet, ist es im Farbencomment nie erwähnt worden. Eine oft gehörte Regel besagt, dass das Tönnchen nie abgenommen wird und statt dessen beim Vor- und Nachtrinken und bei der Annahme von Quanten gegrüsst wird, indem man die "rechte Hand gen Nacken schnellen lässt".[39] Es gibt aber keine allgemeinverbindliche Vorschrift. Da nur einfache Lösungen Bestand haben, sollte bei uns auch das Tönnli in allen in den im Farben- und Biercomment genannten Fällen (und auf der Toilette) abgenommen werden, zumal § 20 des Farbencomments sagt, "das Haupt werde entblösst". Diese weite Formulierung bezieht sich sowohl auf die Mütze als auch das Tönnli. Anders verhält es sich nur bei dem zum Voll-wichs getragenen Cerevis bzw. FM-Stürmer (§ 5 Farbencomment). Diese speziellen Kopf-bedeckungen werden an der Biertafel nie abgelegt, sondern es wird mit Anlegen der rechten Hand am Cerevis oder am Stürmerschild militärisch gegrüsst (salutiert), wenn es die Situation erfordert (z.B. zum Gruss, bei Liedern, die von der Corona entblössten Hauptes ge-sungen werden, zur Annahme eines Zutrunks etc.).
Soviel zu den Gründen für den I.BV. Welches ist nun die Tragweite des Bierverschisses? Er bedeutet den Verlust der Bierehre und der sämtlichen damit verbundenen Rechte (§ 35 Abs. 1 BC). Die Strafe tritt mit dem Ankreiden an der Biertafel in Kraft und erlischt mit dem Auskreiden. Fehlt ausnahmsweise eine Biertafel (z.B. bei einem II. Akt auf dem Lande), so ist die Verkündung durch den Präsidenten resp. FM massgebend (§ 35 Abs. 2 BC). Die Biertafel für das Notieren von Strafen wird schon 1846 erwähnt. [40] Sie muss als "Grundbuch der Kneipe" sorgfältig geführt werden. Traditionsgemäss hat das rechtsgültige Ankreiden des Namens an der Biertafel in der Vitodurania in Grossbuchstaben zu erfolgen. Wer an den Stamm kommt, wirft einen Blick auf die Biertafel und weiss, wen er begrüssen darf und wen nicht. Zu diesem Zwecke haben sich zu Beginn eines II. Aktes allfällige Bierschisser beim FM behufs allgemeiner Kenntnisnahme und Ankreidung zu melden (§ 36 Abs. 1 BC). Auch "Bierimpotente" (§ 15 BC) müssen angekreidet werden, z.B. "STAR B.I.".
Bierschisser haben ein "ruhiges und gesittetes Benehmen" zu beobachten, dürfen mit Bierehrlichen nicht sprechen und müssen die Mütze ablegen (§ 37 Abs. 1 BC). Womit ohne Weiteres klar ist, dass der Bierehrliche Mütze oder Tönnchen vorbehältlich der im § 20 Farbencomment und § 41 Ziffer 11 BC beschriebenen Ausnahmefälle stets auf dem Kopf haben muss. Wer das missachtet, benimmt sich wie ein Bierschisser. [41] Das kleine BV-Stühlchen in der "Sonne", auf das zur noch grösseren Erniedrigung der ehrlose Bierschisser geschickt werden kann, wird kaum verwendet. Gemäss § 83 des BC von 1892, dem mit 134 Paragraphen ausführlichsten und auch strengsten Biercomment, den die Vitodurania je hatte, musste ein Bierschisser sich nicht nur ruhig und gesittet aufführen, sondern auch "sein Glas umkreiden lassen oder sich vom Tisch entfernen". Mehrere Bierschisser dürfen, solange das ruhig und gesittet geschieht, mit einander sprechen, anstossen und sich auch zu-, vor- und nachtrinken. Dass der Präsident, Kontrapräsident und der FM mit einem Bierschisser aus "dienstlichen" Gründen, etwa um ihn zur Ordnung zu rufen etc., sprechen dürfen, versteht sich von selbst.
Aus dem I. BV hat man sich innert 5 Bierminuten ohne Aufforderung mit einem Ganzen herauszukneipen (§ 40 Abs. 1 BC). Dazu begibt sich der Bierschisser mit einem Nebenstoff versehen zu einem bierehrlichen Burschen oder AH, der den Bierschisser, nachdem dieser das Quantum getrunken hat, dem Präsidenten bzw. bei Fuchsen direkt dem FM wieder bierehrlich meldet. Hierauf muss der Bierschisser sofort an der Biertafel "ausgekreidet" werden. Bierfamilienmitglieder sowie FM und Füchse dürfen sich gegenseitig aus dem I. BV herauskneipen. Gelegentlich kommt es vor, dass ein Bursche oder AH den Bierschisser "gnadenhalber" den Ganzen nicht vollständig trinken lässt. Das ist nicht korrekt, und es sollte der Bierschisser als Täter und derjenige, der den widerrechtlichen Gnadenakt erlaubt oder gar angeregt hat, als Anstifter zu einer Bierkneiferei mit dem I. BV bestraft werden. Hingegen wird in der Vitodurania nicht ausdrücklich verlangt, dass der Ganze ohne Absetzen getrunken wird. [42]
Die Möglichkeit des "Herauszahlens" kennt die Vito seit dem Sommersemester 1896. [43] Damals mussten 20 Rappen bezahlt werden, was ungefähr dem Preis für einen Becher helles Bier entsprach. 1919 stieg der Betrag auf 50 Rappen, war also ungefähr doppelt so hoch wie die Kosten für ein Glas Bier. Man wollte offenbar die Möglichkeit des Heraus-zahlens nicht fördern. In den frühen 1960er Jahren wurde die Bestimmung durch BC-Beschluss sogar vorübergehend ausser Kraft gesetzt. [44] Seit der Commentrevision von 1981 kann man sich "zum jeweils geltenden Preis für einen Becher helles Bier beim Quästor herauszahlen" (§ 40 Abs. 2 BC), was bedeutet, dass der Betrag in die Vereinskasse fällt. Das Herauszahlen, das wegen der Möglichkeit des Missbrauchs umstritten ist, darf nicht zur Regel werden.
Die in den §§ 42 und 43 BC erwähnten II. und III. BV kommen äusserst selten vor. Dem Autor ist kein einziger Fall bekannt, in welchem wegen eines Vergehens am Biertisch der II. oder gar III. BV verhängt wurde. Der III. BV kommt nur dann zur Anwendung, wenn das Ansehen der Vito durch ein Mitglied geschädigt wird (dazu § 39 Statuten). [45] Da der III. BV ausschliesslich vom Burschenconvent in einer besonderer Sitzung verhängt werden darf (§ 43 Abs. 2 BC), eignet er sich als am Biertisch auszusprechende Sanktion in der Regel nicht. Aber auch der II. BV, der entweder vom Präsidenten allein oder durch Beschluss des Burschenconvents ausgesprochen wird, ist als Strafe für sehr ernsthafte Verfehlungen gedacht, was allein schon daraus erhellt, dass er acht Tage dauert und der Bestrafte während dieser Zeit vom Verein suspendiert ist (§ 44 BC). Am Biertisch ist jedoch anzu-streben, dass ein Bierschisser noch während des laufenden II. Aktes bald wieder bierehrlich wird.
Eine seltene Strafe am Biertisch besteht darin, auf Wasser gesetzt zu werden. Diese Strafe erhält, wer sich sehr ungebührlich beträgt und sich den Regeln des Biercomments überhaupt nicht mehr unterzieht. Der auf Wasser Gesetzte ist solange Bierschisser, bis ihn der Präsident wieder für bierehrlich erklärt, und er darf laut § 37 Abs. 2 BC bis dann keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen. Aus dieser Formulierung ist zu schliessen, dass der Bestrafte nicht zwingend Wasser konsumieren muss, wenn er etwas trinken will. Verboten ist ihm lediglich, alkoholische Getränken zu sich zu nehmen. In den 1920er Jahren scheint die Strafe allerdings im wörtlichen Sinne vollzogen worden zu sein. Alfred Werner v/o Piano, Generation 1920, notierte nämlich im Präsidentenbuch was folgt: "Ist einer voll und er gebärdet sich wie ein Tier, so wird er auf Wasser gesetzt, d.h. man stellt ein Glas lauwarmes Wasser vor ihn hin und befiehlt ihm, es auszutrinken (besser ausserhalb des Lokals)."
Eine weitere, sehr seltene Strafe ist die Wegweisung (§ 37 Abs. 3 BC). Wann eine Weg-weisung am Platz ist, sagt der Comment nicht. Meines Erachtens ist sie ultima ratio und sollte in der Regel nur dann angeordnet werden, wenn einer sich so rüpelhaft aufführt, dass jede andere Strafe als sinnlos erscheint. [46] Die Wegweisung soll vom Präsidenten mit Angabe der Entscheidungsgründe unter Silentium ausgesprochen werden. [47] Ein Weggewiesener ist durch einen bierehrlichen Burschen, ein Fuchs wenn möglich durch seinen Leibburschen, nach Hause zu begleiten. Damit soll verhindert werden, dass der Trunkenbold nicht nach Hause geht bzw. auf dem Nachhauseweg weiterhin groben Unfug treibt.
Zu guter Letzt sei noch das zu keiner Zeit im Comment erwähnte Auspeitschen der Füchse zwecks Bestrafung erwähnt. Ganz besonders renitente Füchse bekamen in der Vitodurania noch bis in die 1980er Jahre die Peitsche des FM zu spüren. Der FM hatte die Peitsche an II. Akten stets dabei. Wir finden dieses Attribut der Allmacht des FM über die Füchse seit 1882 auf Fotos der Vitodurania, und zwar zunächst die gewöhnliche Reitpeitsche und seit 1913 die geflochtene, bei der hippomobilen Artillerie verwendete lange Peitsche mit Holzgriff. Manchmal liess der FM die Peitsche am Tisch sausen, oder es hatte sich der besonders widerborstige Fuchs zur Auspeitschung an die Wand zu stellen. Meistens war er so be-trunken, dass er die wenigen und nicht besonders stark ausgeführten Peitschenhiebe als nicht sehr schmerzhaft empfand. Für die Wiederbelebung des Auspeitschens besteht trotz-dem keine Notwendigkeit.
Bei den Aktiven heute zuwenig bekannt ist, dass gemäss § 23 der geltenden Statuten von 1981 auch Nachlässigkeiten im gewöhnlichen Verbindungsbetrieb mit dem BV bedroht sind. So kann für unentschuldigtes Ausbleiben aus Obligatorien (obligatorische I. und II. Akte) eine Busse von Fr. 5.- erhoben werden oder dreimal der I. BV verhängt werden. Eine Verspätung bis 10 Minuten führt zu einer Busse von Fr. 2.- oder zum I. BV, während nicht erfüllte Aufträge mit einer Busse von Fr. 4.- oder mit dem zweifachen I. BV geahndet werden. Diese Strafen werden vom Präsidenten ausgefällt, jedoch haben auch FM und der Cantusmagister (CM) in der Ausübung ihres Amtes ausserhalb der Biertafel das Recht, Strafen und die Wegweisung auszusprechen. Im Zuge übertriebener Demokratisierung und Verweichlichung wird leider oft vergessen, dass die Chargierten und anderen Amtsträger in der Vitodurania Anspruch darauf haben, dass ihren Anordnungen Folge geleistet wird. Das "Vergessen" von Aufträgen oder das Zuspätkommen aus Gründen, die nicht auf "höherer Gewalt" beruhen, darf nicht geduldet werden. Dass solche Nachlässigkeiten im Alltag, offenbar auch im Schulbetrieb, ohne Konsequenzen bleiben, darf die Vitodurania nicht hindern, ihre Mitglieder auch zu Zuverlässigkeit und Disziplin zu erziehen. Dazu dienen nicht nur Anleitung, Belehrung und Ermahnung, sondern auch die Strafen.
Alles, was bis jetzt behandelt worden ist, gehört zum "obrigkeitlichen" Strafrecht, ausgeübt durch den Präsidenten und den FM. Der Biercomment kennt aber mit dem "Bierskandal" oder "Bierstreit" zur Bereinigung von Zwistigkeiten unter Mitgliedern auch ein Institut der Selbstjustiz. [48] Anders als das bürgerliche Strafrecht, das (allerdings nur auf Antrag) auch Ehrverletzungen ahndet, erlaubt der Biercomment diesbezüglich die Selbsthilfe, so wie das auch in den um 1800 herum entstandenen SC-Comments und den darin enthaltenen Regeln über das studentische Duell mit blanker Waffe der Fall war. Jemanden wegen Ehrverletzung vor den staatlichen Richter zu zitieren, gilt auch heute noch in waffenstudentischen Kreisen als unpassend. Weil, wie schon mehrfach betont, die ersten Biercomments nicht anderes als scherzhafte Abwandlungen der Allgemeinen Comments waren, erstaunt es nicht, dass wir bereits 1813 im § 67 des "Comments für die Kieler Burschen"[49] sowie im Heidelberger SC-Biercomment von 1815 auf den "Bier-Scandal" stossen.
Gemäss § 2 dieses Comments gab es folgende Grade des "Biertusches": Gelehrter, Doktor, Marheineke[50], Rippel[51], Amtmann und Papst. In anderen alten Comments finden wir noch zahlreiche weitere Grade des Biertusches wie zum Beispiel Bischof, Kleiner Ozean, Grosser Ozean, Christenheit, Gottesacker und - damals besonders beleidigend - Bierjunge. Die Worte "Dummer Junge!" waren schon 1778 die ärgste Beleidigung für einen Studenten[52] und führten unweigerlich zu einer Duellforderung. Aus "dummer Junge" wurde dann im Bier-comment "Bierjunge", der heutzutage aber die geringste Forderung ist.
Die Fortsetzung befindet sich hier
[1] § 1 des geltenden Biercomments der Vitodurania vom 22.1.1981
[2] § 24 des ältesten bekannten (handschriftlichen) Biercomments der Vitodurania vom 22.5.1875, der am 1.5.1878 revidiert und einige Tage später bei J. Westfehling zusammen mit den Statuten erstmals gedruckt wurde.
[3] Abgedruckt und erläutert in Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichts-forschung, 1962, Seite 131 ff.
[4] Dazu Bauer Erich, Der älteste Burschenkomment von 1778, in: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, 1968, Seite 5.ff
[5] Das studentische Wort «explenieren» bedeutet austrinken, das Glas leeren.
[6] Hauser Peter, Zur Geschichte des Biercomments, in: Studentica Helvetica, Heft Nr. 32 (2000), Seite 59 ff.
[7] Wörtlich abgedruckt in: Studentica Helvetica, Heft 32 (2000), Seite 69 ff.
[8] Im § 87 Ziffer 9 der Biercomments von 1892 bis 1919 ist daher vom «Bierpräsidium» die Rede.
[9] Richtwert: Mehr als 20 Leute im Burschensalon.
[10] Abgeleitet vom Wort «Zeche», dessen Wurzeln ins 9. Jh. reichen. Ursprünglich hatte es die Be- deutung von «Reihenfolge» oder «Umlage» bei gemeinsamen Unternehmungen. Daraus entstand Zeche als alte Bezeichnung für Genossenschaften. Die seit dem 13. Jh. bezeugte Bedeutung von Zeche als «Bergwerk, Grube» meint das Eigentum einer Bergwerksgenossenschaft. Die Zeche im Wirtshaus ist ursprünglich die Umlage. d.h. das gemeinsam aufgebrachte Geld für Essen und Trinken. Hierzu gehört auch «zechen» im Sinne von gemeinsam tüchtig essen und trinken, sodann Zecher und bezecht = betrunken. Vgl. Kluge, Etymologisches Wörterbuch, 23. Auflage 1995, Seite 904.
[11] Böcher Otto, Kleines Lexikon des studentischen Brauchtums, 2. Auflage, Hannover 2001, Seite 118; GDS-Archiv für Hochschul- und Studentengeschichte, Band 3, 1996, S. 106 f. mit einer Abbildung einer «Bergkanne»; Martens C. Walter, «Steig in die Kanne!», Nachdruck des am 6.10.1932 in den «Hamburger Nachrichten» publizierten Artikels, in: Studenten Kurier, Nr. 2/2002, Seite 22; Schütze Wolfgang, Anmerkungen zum Artikel von Martens, in: Studenten Kurier. Nr. 3/2002, Seite 3
[12] Conrad Hans, Allgemeiner Biercomment und studentisches Conversationslexikon, Leipzig 1875, Seite 87
[13] Kluge Friedrich/Rust Werner, Deutsche Studentensprache, Band 2, Historia Academica Heft 24, 1985, Seite 206. Eine andere Erklärung gibt Robert Paschke, Studentenhistorisches Lexikon, 1999, Seite 247: Der Ausdruck komme daher, dass in den früheren Strafanstalten Männer und Frauen spinnen mussten.
[14] So z.B. im Komment der AKV Neu-Romania Freiburg i.Ue., Ausgabe 1988, wenn Füchse pro poena trinken müssen.
[15] § 67 BC Thurgoviae 1966
[16] In der Thurgovia können AH jeden Aktiven mit Ausnahme des Präsidenten direkt in die Kanne steigen lassen (§ 35 BC 1966).
[17] Die «FM-Regel» entspricht alter Tradition, wurde aber erst 1981 im Vito-Biercomment festgehalten.
[18] Kluge/Rust, a.a.O. (siehe Anm. 13), Band 2, Seite 134 unter Hinweis auf Wallis Ludwig, Der Göttinger Student oder Bemerkungen, Rathschläge und Belehrungen über Göttingen und das Studenten-Leben auf der Georgia Augusta, Göttingen 1813, Seite 170
[19] Dieser schöne Ausdruck stammt aus dem BC 1910, § 25.
[20] So ausdrücklich § 7 BC der Scaphusia von 1997
[21] Rag(otzky) C.B. von, Der flotte Bursch, Leipzig 1831, Seite 13
[22] Das blumige Wort «Bierschwein» ist jüngeren Datums und erstmals bei Conrad, a.o.O. (siehe Anm. 12), Zusätze zur 5. Auflage 1900, Seite 38, erwähnt.
[23] Studentikoses Idiotikon, Jena 1841, Seite 15. Ein anderes Wort für Bierverschiss ist «Bierjamm».
[24] Eingehend zum Wort «Verschiss» Assmann Rainer, Der Verschiss, in: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, 1988, Seite 213 ff.
[25] In anderen Biercomments heisst es, man falle «eo ipso» in den BV.
[26] Das Wort «Colloquium» steht schon im § 66 des «Comments für die Kieler Burschen von 1813».
[27] So noch ausdrücklich § 87 Ziffer 9 der Biercomments von 1892 bis 1919.
[28] Anders der Unparteiische bei einer Schläger-, Säbel oder Pistolenmensur. Er ist sakrosankt und darf daher weder beleidigt noch kontrahiert (gefordert) werden (§ 65 Paukordnung des Schweizer Waffenrings).
[29] Die Praxis ist aber gnädig, indem zuerst nach der Melodie «Und wenn sich der Schwarm verlaufen hat...» gesungen wird «Wo ist der Halbe (Ganze) in die Welt, wo ist der Halbe (Ganze) geblieben?».
[30] Um kontrollieren zu können, ob das diktierte oder vorzutrinkende Quantum auch getrunken wurde, also zur Verhinderung von Mogeleien, sind gemäss § 2 BC Steintöpfe verboten. Sie wurden in den BC von 1892 und 1905 noch ausdrücklich als «Mogeltöpfe» bezeichnet.
[31] Wer dem Bierschisser erlaubt, sich mit weniger als einem Ganzen herauszukneipen, sollte wegen Anstiftung zur Bierkneiferei ebenfalls in den I. BV fallen.
[32] Etwas differenzierter ist § 59 des BC 1966 der Thurgovia:«Das Glas enthält eine Blume und zwei Halbe. Wird jedoch eine überaus grosse Blume getrunken, so verbleiben im Glas noch ein Halber und ein Rest.» Eine komplizierte Regelung enthält § 47 des Biercomments der Neuzofingia Zürich: «Der Ganze besteht aus 2 Halben, oder 3 Quarten oder Blume und Halbem oder Blume, Quart und Rest.»
[33] Zur Rangordnung und Stellvertretung siehe §§ 15 und 16 Statuten.
[34] Das in Vergessenheit geratene, im Liederbuch der Vitodurania von 1979 deshalb nicht mehr enthaltene, aber im § 20 Farbencomment noch immer erwähnte Lied «Stosst an, Vitodurania lebe!» ist nicht mit dem Anfangskantus «Stosst an, stosst an...» identisch.
[35] § 48 Farbencomment der Zürcher Singstudenten verlangt das Abnehmen der Mütze beim tempus navigandi ausdrücklich.
[36] auch «Sumpfhut» genannt.
[37] z.B. Stiftungskommers
[38] Abgedruckt in der Festschrift «100 Jahre Vitodurania 1863-1963», Seite 19, mit der unzutreffenden Datierung 1865; vgl. auch Hauser Peter, Studentisches Brauchtum unter besonderer Berücksichtigung der Vitodurana, 1998, Seite IV
[39] So §§ 43 und 44 des Farbencomments 1985 der Zürcher Singstudenten.
[40] Vollmann J(ohann), recte Grässli Johann, Burschicoses Wörterbuch, Bad Ragaz 1846 (Nachdruck 1969), Seite 75: «Eine schwarze Tafel auf der Corpskneipe, auf welche alle Bierschisser (...) kommen».
[41] Die Unsitte, Mütze oder Tönnchen ohne commenmässigen Grund auf den Tisch zu legen, ist vom Präsidenten abzustellen.
[42] Anders z.B. in der Thurgovia, siehe vorne Anm. 15
[43] Bericht über das SS 1896; das Herauszahlen wird aber erst im Biercomment von 1910 kodifiziert.
[44] Weil gemäss 64 Abs. 3 Biercomment von 1960 für jede Änderung des Biercomments die Zustim-mung des AH-Vorstandes nötig war, hatte der Beschluss keine Rechtsgültigkeit.
[45] In den frühen 1960er Jahren genügte als Grund für den III. BV das Trinken mit Fraternitanern!
[46] So § 59 des BC Zürcher Singstudenten 1969
[47] Diese zweckmässige Lösung findet sich im § 60 BC Zürcher Singstudenten 1969
[48] Synonyme für Bierskandal und Bierstreit sind zum Beispiel Bierduell, Bierfehde, Bierforderung, Biermensur und Biersuite.
[49] Siehe Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Sonder-heft 1967, Seite 195.
[50] Philipp Konrad Marheineke (1780-1846) war ein bei den Heidelberger Studenten jener Zeit beson-ders unbeliebter Theologieprofessor und sein Name deshalb ein Schmähwort.
[51] Rippel ist nur eine andere Schreibweise für das Schimpfwort «Rüppel».
[52] § 12 Ziffer 7 des Burschenkomments von 1778 (siehe Anm. 4): «Dummer Junge ist die grösste und härteste Beleidigung, denn hier handelt es sich um den gesunden Menschenverstand und die Fassungskraft des Studenten.»