Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/der-rechtsmittelverzicht-vor-dem-verwaltungsgericht-379393
Timestamp: 2020-08-08 12:33:41
Document Index: 305038884

Matched Legal Cases: ['§ 173', '§ 515', '§ 173', '§ 87', '§ 173', '§ 85', '§ 173', '§ 580', '§ 124', '§ 124', 'BGH', '§ 85', 'BGH']

Der Rechtsmittelverzicht vor dem Verwaltungsgericht | Rechtslupe
Die gegen­über dem Ver­wal­tungs­ge­richt abge­ge­be­ne Erklä­rung, der Klä­ger ver­zich­te auf ein Rechts­mit­tel gegen das ergan­ge­ne Urteil, führt zur Unzu­läs­sig­keit eines gleich­wohl gestell­ten Antra­ges auf Zulas­sung der Beru­fung.
Der Ver­zicht auf Rechts­mit­tel, mit dem ein Betei­lig­ter zu erken­nen gibt, dass er sich end­gül­tig mit dem Urteil zufrie­den gibt und es nicht anfech­ten will, ist in der VwGO nicht aus­drück­lich gere­gelt, aber nach § 173 VwGO i.V.m. §§ 515, 565 ZPO mög­lich. Der gegen­über dem Gericht nach Erlass des Urteils erklär­te Rechts­mit­tel­ver­zicht ist eine ein­sei­ti­ge Pro­zess­hand­lung. Die Erklä­rung führt von Amts wegen zur Unzu­läs­sig­keit eines gleich­wohl ein­ge­leg­ten Rechts­mit­tels und bewirkt, dass die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung rechts­kräf­tig wird. Für den Ver­zicht gel­ten nicht die Vor­schrif­ten des BGB über die Nich­tig­keit und Anfech­tung von Wil­lens­er­klä­run­gen [1]. Der gegen­über dem Gericht erklär­te Ver­zicht ist als Pro­zess­hand­lung grund­sätz­lich unwi­der­ruf­lich. Eine Aus­nah­me ist nur beim Vor­lie­gen eines Wie­der­auf­nah­me­grun­des gege­ben [2]
Der Rechts­mit­tel­ver­zicht umfasst auch den Antrag auf Zulas­sung der Beru­fung, der wegen der vom Ver­wal­tungs­ge­richt nicht zuge­las­se­nen Beru­fung das allein zuläs­si­ge Rechts­mit­tel gegen das erst­in­stanz­li­che Urteil dar­stellt.
Soweit der Klä­ger gel­tend macht, dass hier ein offen­sicht­li­ches und offen­kun­di­ges Ver­se­hen sei­nes ehe­ma­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bzw. des­sen Kanz­lei bei der Erstel­lung der Schrift­sät­ze vor­ge­le­gen habe, wel­ches mit einem Tipp­feh­ler oder einem redak­tio­nel­len Ver­se­hen ver­gleich­bar sei und ihm nicht zuge­rech­net wer­den kön­ne, führt dies zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung. Der frü­he­re Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hat am glei­chen Tag sowohl in dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren als auch in einem wei­te­ren Ver­fah­ren unter Nen­nung der jewei­li­gen Akten­zei­chen mit zwei von ihm unter­zeich­ne­ten Schrift­sät­zen jeweils Rechts­mit­tel­ver­zicht erklärt. Die bei­den Schrift­sät­ze sind am sel­ben Tag per Tele­fax an das Ver­wal­tungs­ge­richt gesandt wor­den und dort um 14.31 Uhr und um 14.32 Uhr ein­ge­gan­gen. Anhalts­punk­te für ein dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten – und damit dem Klä­ger – nicht zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den von Büro­per­so­nal etwa auf­grund einer Ver­wech­se­lung der Akten­zei­chen sind nicht näher dar­ge­legt wor­den und auch sonst nicht ersicht­lich. Viel­mehr ist davon aus­zu­ge­hen, dass der frü­he­re Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers zwei Schrift­sät­ze erstel­len und in bei­den Ver­fah­ren Ver­zichts­er­klä­run­gen abge­ben woll­te.
Der ehe­ma­li­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers war auch noch dazu befugt, Pro­zess­hand­lun­gen für den Klä­ger vor­zu­neh­men, so dass der Rechts­mit­tel­ver­zicht wirk­sam erklärt wor­den ist. Nach § 173 VwGO i.V.m. § 87 Abs. 1 ZPO erlangt die Kün­di­gung des Voll­macht­ver­tra­ges erst durch die Anzei­ge des Erlö­schens, in Anwalts­pro­zes­sen erst durch die Anzei­ge der Bestel­lung eines ande­ren Rechts­an­walts recht­li­che Wirk­sam­keit. Solan­ge dem Gericht das Ende des bis­he­ri­gen Voll­macht­ver­hält­nis­ses nicht mit­ge­teilt wird, ist der bis­he­ri­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te für das Gericht bevoll­mäch­tigt, für den Klä­ger Pro­zess­hand­lun­gen vor­zu­neh­men [3]. Hier hat der ehe­ma­li­ge Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers erst mit Schrift­satz vom 28.10.2013, der am 28.10.2013 um 12.51 Uhr beim Ver­wal­tungs­ge­richt ein­ge­gan­gen ist, erklärt, dass das bis­he­ri­ge Voll­macht­ver­hält­nis am 23.10.2013 been­det wor­den sei. Der Klä­ger muss sich daher die vor­her beim Ver­wal­tungs­ge­richt ein­ge­gan­ge­ne Pro­zess­hand­lung sei­nes ehe­ma­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, mit der die­ser auf Rechts­mit­tel ver­zich­tet hat, zurech­nen las­sen.
Dem steht auch nicht ent­ge­gen, dass der Klä­ger nach dem von ihm vor­ge­leg­ten E‑Mail-Ver­kehr sei­nen ehe­ma­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten beauf­tragt hat, (nur) in dem ande­ren Ver­fah­ren Rechts­mit­tel­ver­zicht zu erklä­ren und in dem vor­lie­gen­den daten­schutz­recht­li­chen Ver­fah­ren die Been­di­gung des Man­dats mit­zu­tei­len. Nach § 173 VwGO i.V.m. § 85 Abs. 1 ZPO muss sich der Betei­lig­te die Pro­zess­hand­lun­gen sei­nes Bevoll­mäch­tig­ten in glei­cher Wei­se zurech­nen las­sen, als hät­te er sie selbst vor­ge­nom­men. Maß­ge­bend ist allein, dass die Pro­zess­voll­macht den Bevoll­mäch­tig­ten im Außen­ver­hält­nis zu der betref­fen­den Hand­lung berech­tigt. Daher ist eine Zurech­nung selbst dann anzu­neh­men, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te mit sei­nem Ver­hal­ten gegen aus­drück­li­che Wei­sun­gen des Ver­tre­te­nen ver­stößt. Aus­nah­men von die­sem Grund­satz kom­men nur in engen Gren­zen etwa dann in Betracht, wenn der ent­ge­gen­ste­hen­de Wil­le des Ver­tre­te­nen für das Gericht und die übri­gen Betei­lig­ten ganz offen­sicht­lich war [4]. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen hier nicht vor.
Der von dem ehe­ma­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers mit spä­te­rem Schrift­satz erklär­te Wider­ruf des Rechts­mit­tel­ver­zichts greift eben­falls nicht durch. Wie bereits dar­ge­legt wor­den ist, sind Pro­zess­er­klä­run­gen grund­sätz­lich unwi­der­ruf­lich. Etwas ande­res gilt nur, wenn ein Grund für die Wie­der­auf­nah­me des Ver­fah­rens gege­ben ist (§ 173 VwGO i.V.m. §§ 580, 581 ZPO). Davon ist hier nicht aus­zu­ge­hen.
Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 3. Juli 2014 – 11 LA 284/​13
vgl. Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, Vorb. § 124, Rn. 53, 57; Sodan/​Ziekow, VwGO, 4. Aufl., Vorb. zu § 124, Rn. 78 ff., jeweils m.w.N.[↩]
BGH, Beschluss vom 8.05.1985 – IVb ZB 56/​84[↩]
BVerwG, Beschluss vom 29.04.1997 – BVerwG 4 B 76.97 2; sie­he auch: BVerwG, Beschluss vom 20.11.2012 – BVerwG 4 AV 2.12 9[↩]
vgl. Musielak, ZPO, 11. Aufl., § 85, Rn. 4; BGH, Urteil vom 14.05.1997 – XII ZR 184/​96[↩]
BerufungRechtsmittelverzichtVerwaltungsgerichtsverfahrenVerwaltungsprozess