Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/steuerstrafrecht/beihilfe-zur-steuerhinterziehung-durch-unterlassen-und-die-erklaerungspflicht-3146247
Timestamp: 2020-07-13 12:36:22
Document Index: 18489219

Matched Legal Cases: ['§ 28', '§ 242', '§ 266', '§ 266', '§ 283', '§ 370', '§ 28', '§ 283', '§ 370', '§ 28', '§ 370', '§ 28', '§ 27', '§ 27', '§ 370', '§ 28', '§ 49', '§ 27', '§ 49', '§ 28', '§ 370', '§ 28', '§ 28', '§ 370', '§ 370', '§ 369', '§ 370', '§ 28', '§ 370', '§ 370', '§ 23']

Beihilfe zur Steuerhinterziehung durch Unterlassen - und die Erklärungspflicht | Rechtslupe
Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs wird zwi­schen täter­be­zo­ge­nen per­sön­li­chen Merk­ma­len, die als beson­de­re per­sön­li­che Merk­ma­le im Sin­ne des § 28 Abs. 1 StGB behan­delt wer­den, und tat­be­zo­ge­nen per­sön­li­chen Merk­ma­len, auf wel­che die Vor­schrift kei­ne Anwen­dung fin­det, unter­schie­den [1].
Die Abgren­zung hängt davon ab, ob das betref­fen­de Merk­mal im Schwer­ge­wicht die Tat oder die Per­sön­lich­keit des Täters kenn­zeich­net [2]. Umstän­de, die eine beson­de­re Gefähr­lich­keit des Täter­ver­hal­tens anzei­gen oder die Aus­füh­rungs­art des Delikts beschrei­ben, sind in der Regel tat­be­zo­gen [3]. Sub­jek­ti­ve Umstän­de, wie die Absicht bei § 242 StGB, kön­nen tat­be­zo­gen sein, wenn sie das Bild der Tat prä­gen [4]. Objek­ti­ve Umstän­de, wie die Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht in § 266 StGB [5], die Arbeit­ge­b­er­ei­gen­schaft bei § 266a StGB [6] sowie die für die täter­schaft­li­che Bege­hung des § 283 StGB erfor­der­li­che Pflich­ten­stel­lung als Schuld­ner [7], kön­nen täter­be­zo­gen sein, wenn sie eine beson­de­re Pflich­ten­stel­lung höchst­per­sön­li­cher Art umschrei­ben. Die Ein­ord­nung erfolgt unter Beach­tung der Schutz­rich­tung des jewei­li­gen Straf­tat­be­stan­des [8].
Im Bereich der durch Pflich­ten gekenn­zeich­ne­ten Merk­ma­le ist für die Abgren­zung letzt­lich maß­geb­lich, wel­che Art von Pflicht das Merk­mal umschreibt [9]. Umschreibt es eine vor­straf­recht­li­che Son­der­pflicht, wird eher die Per­sön­lich­keit des Täters gekenn­zeich­net, ist das Merk­mal täter­be­zo­gen. Han­delt es sich dage­gen um ein straf­recht­li­ches, an Jeder­mann gerich­te­tes Gebot, wird eher die Tat gekenn­zeich­net, ist das Merk­mal tat­be­zo­gen [10].
An die­sen Grund­sät­zen hält der Bun­des­ge­richts­hof fest. Für die von § 370 Abs. 1 Nr. 2 AO in Bezug genom­me­ne Pflich­ten­la­ge legt der Bun­des­ge­richts­hof die­se aller­dings – ent­ge­gen sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung [11] – dahin­ge­hend aus, dass für das auf eine außer­straf­recht­li­che Pflicht rekur­rie­ren­de Straf­t­at­merk­mal der "Pflicht­wid­rig­keit" maß­geb­lich ist, dass es im Ein­zel­fall eine beson­de­re Pflich­ten­stel­lung des Täters beschreibt und damit ein beson­de­res per­sön­li­ches Merk­mal im Sin­ne des § 28 Abs. 1 StGB dar­stellt.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann Täter – auch Mit­tä­ter – einer Steu­er­hin­ter­zie­hung durch Unter­las­sen nur der­je­ni­ge sein, der selbst zur Auf­klä­rung steu­er­lich erheb­li­cher Tat­sa­chen beson­ders ver­pflich­tet ist [12]. Dabei kön­nen sich Offen­ba­rungs­pflich­ten sowohl aus den gesetz­lich beson­ders fest­ge­leg­ten steu­er­li­chen Erklä­rungs­pflich­ten wie auch aus all­ge­mei­nen Garan­ten­pflich­ten erge­ben, die aller­dings nur eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len [13]. Den Ver­pflich­te­ten trifft damit – unge­ach­tet des­sen, dass die steu­er­recht­li­chen Erklä­rungs­vor­schrif­ten poten­ti­ell vie­le tref­fen kön­nen – im kon­kre­ten Fall jeden­falls eine Son­der­pflicht, die – eben­so wie die Pflich­ten­stel­lung eines Schuld­ners in § 283 StGB – höchst­per­sön­li­cher Art ist [14]. Denn das tat­be­stand­li­che Unrecht der ver­wirk­lich­ten Tat ergibt sich im Ver­gleich zu ande­ren Straf­tat­be­tei­lig­ten aus der im Rah­men von § 370 Abs. 1 Nr. 2 AO erfor­der­li­chen Erklä­rungs­pflicht, die die beson­de­re sozia­le Rol­le des Täters in Bezug auf die von der Vor­schrift geschütz­ten Rechts­gü­ter kenn­zeich­net [15].
Für den Teil­neh­mer, der betref­fend den jewei­li­gen Steu­er­vor­gang kein Adres­sat der beson­de­ren Pflich­ten ist und der sich damit in kei­ner Ver­trau­ens­po­si­ti­on mit Bezug zu straf­recht­lich geschütz­ten Rechts­gü­tern befin­det, legt dies die Anwen­dung des § 28 Abs. 1 StGB nahe [16].
Bei einem Gehil­fen, der im Zeit­punkt der Gehil­fen­hand­lung nicht selbst zur Auf­klä­rung der Finanz­be­hör­de ver­pflich­tet ist – wovon das Land­ge­richt hier offen­sicht­lich aus­ge­gan­gen ist –, ist schon bei der Prü­fung, ob ein beson­ders schwe­rer Fall i.S.v. § 370 Abs. 3 Satz 1 AO gege­ben ist, der ver­typ­te Mil­de­rungs­grund des § 28 Abs. 1 StGB allei­ne oder im Zusam­men­hang mit dem des § 27 StGB in den Blick zu neh­men. Ver­braucht der Tatrich­ter den oder die Mil­de­rungs­grün­de der §§ 27, 28 StGB nicht durch das Abse­hen vom Straf­rah­men des § 370 Abs. 3 Satz 2 StPO, ist eine Straf­mil­de­rung nach § 28 Abs. 1, § 49 Abs. 1 StGB neben der Mil­de­rung nach § 27 Abs. 2, § 49 Abs. 1 StGB zu gewäh­ren, es sei denn, das Tat­ge­richt hät­te allein wegen Feh­lens der Erklä­rungs­pflicht Bei­hil­fe statt Täter­schaft ange­nom­men [17]. Hat dage­gen das Gericht die Art und Wei­se des Tat­bei­trags zum Anlass genom­men, den Ange­klag­ten ledig­lich wegen Bei­hil­fe zu ver­ur­tei­len, hät­te es eine wei­te­re Straf­mil­de­rung nach § 28 Abs. 1 StGB beach­ten müs­sen.
vgl. Jäger in Klein, AO, 14. Aufl., § 370 Rn. 61d; Rad­tke, JuS 2018, 641, 646 mit Ver­weis auf die von Roxin ent­wi­ckel­ten Leit­li­ni­en der Inter­pre­ta­ti­on von § 28 StGB; eben­so NKStGB­Pup­pe, 5. Aufl., § 28 Rn. 69; Münch­Komm-StGB/­Schmit­z/­Wulf, 2. Aufl., § 370 AO Rn. 417; Hell­mann in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, AO, 250. Lie­fe­rung, § 370 Rn. 109; Joecks in Joecks/​Jäger/​Randt, Steu­er­straf­recht, 8. Aufl., § 369 Rn. 84; Ran­siek in Kohl­mann, Steu­er­straf­recht, 62. Lie­fe­rung, § 370 AO Rn. 125; Grunst, NStZ 1998, 548; Reichling/​Lange, NStZ 2014, 311; Wulf, Han­deln und Unter­las­sen im Steu­er­straf­recht, 2001, S. 233 ff.; a.A. Ranft, JZ 1995, 1186; Hake, JR 1996, 162; Cra­mer, WiB 1995, 525; LK/​Schünemann, StGB, 12. Aufl., § 28 Rn. 5 ff.; Krumm in Tipke/​Kruse, AO/​FGO, 154. Lie­fe­rung, § 370 AO Rn. 181; Rol­letsch­ke in Graf/​Jäger/​Wittig, Wirt­schaftsund Steu­er­straf­recht, 2. Aufl., § 370 AO Rn. 54; Tipke/​Lang/​Seer, Steu­er­recht, 23. Aufl., § 23 Rn. 26[↩]