Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/der-gema-und-der-bochumer-weihnachtsmarkt-341474
Timestamp: 2020-06-07 01:41:43
Document Index: 21401564

Matched Legal Cases: ['§ 13', '§ 19', '§ 14', '§ 16', '§ 14', '§ 16', '§ 13']

Der Gema und der Bochumer Weihnachtsmarkt | Rechtslupe
Die GEMA ist im Fal­le einer Ver­let­zung der von ihr wahr­ge­nom­me­nen Rech­te berech­tigt, den Ver­let­zer auf Scha­dens­er­satz in Anspruch zu neh­men. Dabei ste­hen ihr grund­sätz­lich alle drei Berech­nungs­ar­ten zur Wahl: Sie kann den kon­kre­ten Scha­den ein­schließ­lich des ent­gan­ge­nen Gewinns, die Her­aus­ga­be des Ver­let­zer­ge­winns oder die Zah­lung einer ange­mes­se­nen Lizenz­ge­bühr ver­lan­gen [1].
Berech­net die GEMA den Scha­den – wie im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall – nach der ange­mes­se­nen Lizenz­ge­bühr, hat sie die­ser Berech­nung regel­mä­ßig die Tarif­ver­gü­tung zugrun­de zu legen, die der Rechts­ver­let­zer bei ord­nungs­ge­mä­ßer Ein­ho­lung der Erlaub­nis der GEMA hät­te ent­rich­ten müs­sen [2]. Grund­sätz­lich kommt es danach auf die­je­ni­ge Ver­gü­tung an, die die GEMA auch sonst für der­ar­ti­ge Nut­zun­gen berech­net. Für Frei­luft­ver­an­stal­tun­gen hat­te die GEMA zum Zeit­punkt der hier in Rede ste­hen­den Ver­an­stal­tun­gen aller­dings kei­nen Tarif auf­ge­stellt. Ent­hält das Tarif­werk der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft kei­nen unmit­tel­bar pas­sen­den Tarif, so ist grund­sätz­lich von dem Tarif aus­zu­ge­hen, der nach sei­nen Merk­ma­len der im Ein­zel­fall vor­lie­gen­den Art und Wei­se sowie dem Umfang der Nut­zung mög­lichst nahe kommt [3]. Das Beru­fungs­ge­richt ist von den Par­tei­en unbe­an­stan­det davon aus­ge­gan­gen, dass die Tari­fe UVK I und MU I nach ihren Merk­ma­len der in Rede ste­hen­den Nut­zung am nächs­ten ste­hen.
Es kann dahin­ste­hen, ob die GEMA nach § 13 Abs. 1 Satz 1 UrhWG ver­pflich­tet war, einen eige­nen Tarif für der­ar­ti­ge Ver­an­stal­tun­gen auf­zu­stel­len. Die Ein­hal­tung der Ver­pflich­tung zur Auf­stel­lung von Tari­fen ist von der Auf­sichts­be­hör­de zu über­wa­chen (§ 19 Abs. 1 UrhWG). Der Werk­nut­zer hat kei­nen Anspruch gegen die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft auf Auf­stel­lung eines Tarifs [4]. Ein Ver­stoß gegen die Ver­pflich­tung zur Auf­stel­lung von Tari­fen hat daher nicht zur Fol­ge, dass die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft dar­an gehin­dert wäre, auf­grund der von ihr wahr­ge­nom­me­nen Rech­te und Ansprü­che eine Ver­gü­tung zu ver­lan­gen. Im Übri­gen hat die GEMA mitt­ler­wei­le einen Tarif UST für Unter­hal­tungs­mu­sik bei Bür­ger, Stra­ßen, Dorf- und Stadt­fes­ten, die im Frei­en statt­fin­den, geschaf­fen.
Bestimmt der Tatrich­ter die ange­mes­se­ne Ver­gü­tung für die Ein­räu­mung eines Nut­zungs­rechts unter Her­an­zie­hung des die­ser Nut­zung am nächs­ten ste­hen­den Tarifs, kann das Revi­si­ons­ge­richt dies nur dar­auf über­prü­fen, ob der Tatrich­ter von zutref­fen­den recht­li­chen Maß­stä­ben aus­ge­gan­gen ist und sämt­li­che für die Bemes­sung der Ver­gü­tung bedeut­sa­men Tat­sa­chen berück­sich­tigt hat, die von den Par­tei­en vor­ge­bracht wor­den sind oder sich aus der Natur der Sache erge­ben [5]. Die Beur­tei­lung des Beru­fungs­ge­richts hält einer sol­chen Nach­prü­fung stand.
Das Beru­fungs­ge­richt hat sich bei sei­ner Beur­tei­lung im Wesent­li­chen dem Eini­gungs­vor­schlag der Schieds­stel­le im vor­ge­schal­te­ten Ver­fah­ren und der stän­di­gen Spruch­pra­xis der Schieds­stel­le in ver­gleich­ba­ren Ver­fah­ren [6] ange­schlos­sen. Das ist, so der Bun­des­ge­richts­hof, recht­lich nicht zu bean­stan­den.
Der Tatrich­ter kann und muss sich auch danach rich­ten, was die Schieds­stel­le in dem vor­ge­schal­te­ten oder in ver­gleich­ba­ren Ver­fah­ren vor­ge­schla­gen hat. Die Schieds­stel­le ist wesent­lich häu­fi­ger als das jewei­li­ge Gericht mit der­ar­ti­gen Ver­fah­ren und der Über­prü­fung von Tari­fen befasst. Ein über­zeu­gend begrün­de­ter Eini­gungs­vor­schlag der Schieds­stel­le hat daher eine gewis­se Ver­mu­tung der Ange­mes­sen­heit für sich [7].
Die Revi­si­on ist der Ansicht, die Sach­kom­pe­tenz der Schieds­stel­le begrün­de die Ver­mu­tung der Ange­mes­sen­heit des Tarifs nur bei Gesamt­ver­trä­gen. Dem kann nicht zuge­stimmt wer­den. Der Gesetz­ge­ber hat die Anru­fung der Schieds­stel­le nicht nur dann zur zwin­gen­den Vor­aus­set­zung für die Erhe­bung einer Kla­ge gemacht, wenn es um den Abschluss oder die Ände­rung eines Gesamt­ver­tra­ges geht (§ 14 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c, § 16 Abs. 1 UrhWG), son­dern auch dann, wenn bei einer Strei­tig­keit zwi­schen Ein­zel­nut­zer und Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft die Anwend­bar­keit oder Ange­mes­sen­heit eines Tarifs im Streit ist (§ 14 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a, § 16 Abs. 2 UrhWG). Damit woll­te der Gesetz­ge­ber sicher­stel­len, dass in allen Strei­tig­kei­ten über Tari­fe ein begrün­de­ter Eini­gungs­vor­schlag der Schieds­stel­le vor­liegt, den die Betei­lig­ten anneh­men kön­nen oder der doch zumin­dest den Gerich­ten bei ihrer Ent­schei­dungs­fin­dung als Grund­la­ge die­nen kann [8].
Die Fra­ge, ob eine Ver­gü­tung ange­mes­sen ist, rich­tet sich aller­dings grund­sätz­lich nach dem Ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung. Berech­nungs­grund­la­ge für die Tari­fe sol­len nach § 13 Abs. 3 Satz 1 UrhWG in der Regel die geld­wer­ten Vor­tei­le sein, die durch die Ver­wer­tung der urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Wer­ke oder Leis­tun­gen erzielt wer­den. Damit gilt auch für die Ver­gü­tungs­hö­he der urhe­ber­recht­li­che Betei­li­gungs­grund­satz, nach dem der Urhe­ber oder Leis­tungs­schutz­be­rech­tig­te an jeder wirt­schaft­li­chen Nut­zung sei­ner Wer­ke oder Leis­tun­gen tun­lichst ange­mes­sen zu betei­li­gen ist [9]. Aller­dings ist auch dann, wenn mit einer wirt­schaft­li­chen Nut­zung kei­ne geld­wer­ten Vor­tei­le erzielt wer­den, jeden­falls eine Min­dest­ver­gü­tungs­re­ge­lung erfor­der­lich, um die Urhe­ber und Leis­tungs­schutz­be­rech­tig­ten vor einer mög­li­chen Ent­wer­tung ihrer Rech­te zu schüt­zen. Eine sol­che Min­dest­ver­gü­tung darf nur nicht so weit gehen, dass der Betei­li­gungs­grund­satz zu Las­ten des Ver­werters in einem unan­ge­mes­se­nen Ver­hält­nis über­schrit­ten wird [10].
Das Beru­fungs­ge­richt hat im Anschluss an die Schieds­stel­le rechts­feh­ler­frei ange­nom­men, dass auch eine Berech­nung der kon­kret begeh­ba­ren Flä­che in jedem ein­zel­nen Fall einen unzu­mut­ba­ren und das Ver­gü­tungs­auf­kom­men über­mä­ßig belas­ten­den Auf­wand mit sich brin­gen wür­de. Es ist der GEMA nicht zuzu­mu­ten, bei jeder der zahl­rei­chen und ver­schie­den­ar­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen im gesam­ten Bun­des­ge­biet die Flä­chen zu ermit­teln, auf denen sich kei­ne Besu­cher auf­hal­ten kön­nen oder dür­fen. Ent­ge­gen der Ansicht der Revi­si­on kann dem Inter­es­se der GEMA an einer ver­wal­tungs­ar­men Hand­ha­bung ihres Auf­ga­ben­be­reichs auch nicht dadurch Rech­nung getra­gen wer­den, dass von der beschall­ten Flä­che – je nach dem Cha­rak­ter der Ver­an­stal­tung – pro­zen­tua­le Abzü­ge für Flä­chen vor­ge­nom­men wer­den, die von den Besu­chern nicht genutzt wer­den. Es feh­len Erfah­rungs­wer­te, die es der GEMA ermög­li­chen könn­ten, nicht begeh­ba­re Teil­flä­chen ohne auf­wän­di­ge Ermitt­lun­gen pau­schal zu schät­zen. Zudem wäre bei einer sol­chen Schät­zung zu erwar­ten, dass zahl­rei­che Werk­nut­zer ein­wen­den, die GEMA tra­ge den beson­de­ren Gege­ben­hei­ten der Ver­an­stal­tung nicht Rech­nung und unter­schät­ze des­halb die Grö­ße der für Besu­cher unzu­gäng­li­chen Teil­flä­chen. Damit wäre der mit der Auf­stel­lung von Tari­fen ver­folg­te Zweck ver­fehlt, es der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft zu erspa­ren, in jedem Ein­zel­fall lang­wie­ri­ge Ver­hand­lun­gen über Art und Höhe der zu zah­len­den Ver­gü­tung zu füh­ren [11].