Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ss07/ss07fb056.html
Timestamp: 2019-11-15 08:48:05
Document Index: 254196907

Matched Legal Cases: ['§ 108', '§ 108', '§ 40', '§ 123', 'Art. 12', 'Art. 12', 'Art. 12', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 61', '§ 61', '§ 78', '§ 19', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108', '§ 108']

JIPS / Repetitorium / SS 2007 / Fall 3
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Fallbesprechung 3: "Unternehmerische Unfreiheiten"
Verwaltungsprozessrecht; Kommunalrecht (UNI-056/SS07)
Die saarländische Stadt St. J ist auf der Suche nach Geldquellen, nachdem nicht nur die Einnahmen aus Abgaben, sondern auch aus kommunalen Unternehmen und Betrieben einbrechen. Die Stadt St. J ist alleinige Gesellschafterin der S-Park-GmbH, der - unter anderem - ein großes Parkhaus in der T-Straße im "Behördenviertel" gehört. Um weitere Einnahmemöglichkeiten zu erschließen baut die S-Park-GmbH das oberste Stockwerk dieses Parkhauses um. An die Stelle der Parkebene treten unterschiedlich nutzbare Funktionsräume, die über den Aufzug leicht zu erreichen sind. Im Anschluss daran will die S-Park-GmbH sämtliche Räume dieses Stockwerks an die F-Fitness-GmbH vermieten, einen bundesweit tätigen Betreiber von Fitnessstudios. Die F-Fitness-GmbH soll dort alsbald ein Fitnessstudio einrichten. Zur Begründung für alle diese Maßnahmen führt die Verwaltung der Stadt St. J in einer sich damit befassenden Sitzung des Stadtrates aus, das Parkhaus sei vor allem in den Nachmittags- und Abendstunden wenig ausgelastet. Durch den Besuch des Fitnessstudios werde sich das ändern. Dem großen Block fixer Kosten, der bislang das Ergebnis belastet habe, würden künftig erhebliche Mehreinnahmen gegenüberstehen, die die Rentabilität der S-Park-GmbH zu verbessern geeignet wären und eine Gewinnabführung an St.J. erlauben könnten. Auch würden den Beschäftigten von Behörden und Unternehmen im Umkreis des Parkhauses vor Beginn der täglichen Arbeit oder auch nach ihrem Ende Möglichkeiten der Entspannung – das Fitnessstudio umfasst auch mehrere Saunen – und der die Gesundheit fördernden sportlichen Aktivität geboten.
Allerdings ist in der T-Straße unweit des Parkhauses ein – kleineres – Sportstudio vorhanden, das von der privaten T-Sport-GmbH betrieben wird. Die T-Sport-GmbH fürchtet um einen Rückgang ihrer Einnahmen durch Abwendung von Kunden und verlangt von der Stadt die Unterlassung der Vermietung. St. J lehnt dies ab. Da Vermietung und Eröffnung alsbald bevorstehen fragt die T-Sport-GmbH, was sie in aller Eile gerichtlich dagegen unternehmen könne.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (056/SS07), Stand 05/07:
Voraussetzungen des Erlasses einer einstweiligen Anordnung
Unternehmerische Betätigung von Gemeinden
§ 108 KSVG
Voraussetzungen des Drittschutzes
Grundlage der Aufgabe ist eine Entscheidung des â Lesen: OVG Münster, NVwZ 2003, 1520. Von den Bearbeiterinnen/Bearbeitern wird vor allem verlangt, sich nach vergleichsweise überschaubaren Ausführungen mit der Zulässigkeit des einstweiligen Rechtsschutzes des § 108 KSVG den damit verbundenen grundrechtlichen Implikationen zu befassen. Bearbeiter müssen zunächst erkennen, dass die "Vermietung und Eröffnung" des Fitness-Studios im Obergeschoss des Parkhauses in der T-Straße "alsbald bevorsteht" und die T-Sport-GmbH danach nach Rechtsschutz fragt. Das weist den Weg zu einem Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz. Verf., die das nicht erkennen, sondern die eine Leistungsklage prüfen, halten sich aber durchaus noch in einem vertretbaren Rahmen. Ungeachtet dessen ist der Vorschlag einstweiligen Rechtsschutzes nahe liegend. Eine vergleichbare Fallbearbeitung findet sich bei -> Lesen: Winkler, JA 2004, 144.
Die T-Sport-GmbH könnte einen Antrag auf Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes stellen.
A. Zulässigkeit eines Antrags auf Eilrechtsschutz
Dann müsste es sich um eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit handeln (§ 40 Abs. 1 VwGO). Verf. müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, ob die streitentscheidenden Normen sich im Wettbewerbsrecht oder im Kommunalrecht finden, also aus Vorschriften ergeben, die einen Träger von Hoheitsrechten einseitig berechtigen und verpflichten. Sie sollten erkennen, dass es bei der Inanspruchnahme der saarländischen Stadt St. J durch die T-Sport GmbH – eine Inspruchnahme der S-Park GmbH liegt fern und würde das Problem des Vorhandenseins einer Anspruchsgrundlage aufwerfen – nicht um das "Wie" einer Wettbewerbshandlung sondern um ihr "Ob" geht. Geht es aber darum, dass der Staat als Hoheitsträger in den Wettbewerb Privater interveniert, beruft sich der Private, der dagegen vorgeht, nicht auf Normen des Wettbewerbsrechts (denen der Hoheitsträger "im" Wettbewerb unterliegt) sondern auf Normen, die den Zutritt des hoheitlichen Wettbewerbers zum Markt beschränken. Streitentscheidende Normen finden sich also nicht im UWG sondern im KSVG.
Verf. müssen sich zunächst darüber Gedanken machen, welchen Antrag die T-Sport GmbH stellen könnte. Der Sache nach wird es ihr in der Hauptsache darum gehen, von der Gemeinde St. J zu verlangen, dass sie ihre gesellschaftsrechtlichen Einwirkungsmöglichkeiten nutzt, die Vermietung der Parkhausebene und die Eröffnung eines Fitness-Studios dort zu verhindern. Sie verlangt also nicht den Erlass eines Verwaltungsaktes oder erfindet sich einen solchen, sondern sie verlangt ein tatsächliches Verhalten der Gemeinde St. J. Daher kann sie im Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes nur nach § 123 VwGO vorgehen.
(Verf. sollten sich dabei nicht irreführen lassen: Wer argumentiert, es gehe um ein Unterlassen – der Vermietung an die F-GmbH und um die Nichteröffnung des Studios – liegt nicht falsch; auf welche Weise ein solches Unterlassungsbegehren durchgesetzt würde, wäre eine Frage des Zwangsvollstreckungsrechts. Ebenso gut und vielleicht näher liegend ist aber auch das Verlangen eines – vorläufigen – Tuns denkbar, nämlich der gesellschaftsrechtlichen Einwirkung auf die S-Park-GmbH, solche Maßnahmen zu unterlassen. Diese Überlegungen sollten aber eher am Rande angesprochen werden).
III. Geltendmachung eines Anordnungsgrundes und eines Anordnungsanspruchs
Verf. sollten erkennen, dass die Prüfung der Zulässigkeit eines Antrags auf Erlass einer einstweiligen Anordnung nicht voraussetzt, dass ein Anordnungsgrund oder ein Anordnungsanspruch besteht, sondern dass allein von Bedeutung ist, ob dies plausibel geltend gemacht werden kann.
1. Anordnungsgrund
Für den Anordnungsgrund genügt dabei, dass eine Veränderung des bestehenden Zustandes unmittelbar in Aussicht steht.
Fraglich ist indessen, ob die T-Sport GmbH das Vorhandensein eines Anspruchs plausibel geltend machen kann. Verf. müssen sich fragen, um welchen Anspruch es eigentlich geht. Sie können erkennen, dass die T-Sport GmbH in der Hauptsache verlangen würde, dass die Gemeinde St. J auf die S-Park GmbH einwirkt, die Vermietung der Parkebene und die damit verbundene Eröffnung eins Fitness-Studios zu unterlassen oder zu verhindern.
Dabei kann es im Kern nur um einen – öffentlich-rechtlichen – Unterlassungsanspruch gehen. Fraglich ist folglich, ob ein solcher öffentlich-rechtlicher Unterlassungsanspruch bestehen kann.
Es ist ratsam, zunächst Art. 12 Abs. 1 GG kurz abzuhandeln. Wenn das Grundrecht des Art. 12 Abs. 1 GG einen Anspruch auf Abwehr von Eingriffen in die Freiheit des Berufs gewährt, stellt sich die Frage, ob sein Schutzbereich durch das Betreiben von Konkurrenz überhaupt berührt sein kann. Art. 12 Abs. 1 GG schützt aber grundsätzlich nicht gegen Konkurrenz durch Hoheitsträger. Das mag anders sein, wenn das Verhalten des Hoheitsträgers den Markt verschließt oder einen existenzvernichtenden Angriff auf die Freiheit der Berufsausübung enthält. Dafür bestehen keine Anhaltspunkte.
b) § 108 KSVG
Fraglich ist folglich, ob sich ein Abwehranspruch der T-Sport GmbH aus § 108 KSVG – plausibel – ergeben kann. Verf. müssen sich folglich jetzt der Frage widmen, ob § 108 KSVG überhaupt drittschützenden Charakter haben kann.
Das ist in der Vergangenheit umstritten gewesen. Die Frage stellt sich aber nach der Neufassung des § 108 KSVG nicht mehr. Wenn nämlich § 108 Abs. 5 KSVG getroffenen Konkurrenten einer hoheitlichen Betätigung ein Anhörungsrecht gewährt, so ist das ein starkes Indiz dafür, dass die Vorschrift "auch" privaten Interessen dienen soll. Darüber hinaus ergibt ihre Struktur, dass Auswirkungen auf das Handwerk und die mittelständische Wirtschaft berücksichtigt werden müssen. Sie hat also erkennbar drittschützenden Charakter. Das bedeutet, dass in den Fällen einer Rüge der Verletzung des § 108 KSVG betroffene Mitbewerber sich auf § 108 KSVG – als möglicher verletzter Norm – berufen können. Dass eine Verletzung des § 108 KSVG im Übrigen nicht auszuschließen ist können Bearbeiter/Bearbeiterinnen schlicht feststellen.
IV. Übrige Zulässigkeitsvoraussetzungen
Im übrigen bestehen keine Bedenken an der Zulässigkeit eines Antrags der T-Sport GmbH. Sie selbst ist beteiligtenfähig (§ 61 Nr. 1 VwGO). Auf der Gegenseite ist beteiligtenfähig und passiv prozessführungsbefugt die Gemeinde St.J.(§ 61 Nr. 1, § 78 Nr. 1 KSVG i.V.m. § 19 AGVwGO).
B. Begründetheit des Antrags auf Erlass einer einstweiligen Verfügung
I. Vorliegen eines Anordnungsanspruchs
Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung ist nur dann begründet, wenn die T-Sport GmbH – auf der Grundlage des § 108 KSVG – einen Anspruch auf Unterlassung der Vermietung der oberen Räume des Parkdecks der S-Park GmbH und der Verhinderung der Eröffnung eines Fitness-Studios hat, wenn also eine Verletzung des § 108 KSVG durch die S-GmbH vorliegt.
(Die genaue Betrachtung des Anliegens der T-Sport GmbH macht die Bestimmung des Anspruchs, den sie in der Hauptsache erheben würde und dessen einstweilige Sicherung sie nunmehr begehrt, nicht einfach. § 108 KSVG verbietet einer Gemeinde selbst nur bestimmte wirtschaftliche Betätigungen. Soweit es sich um ein subjektiv-öffentliches Recht eines Konkurrenten handelt, verbürgt die Norm an sich einen Unterlassungsanspruch gegenüber der sich wirtschaftlich betätigenden Gemeinde. Dazu kann aber auch eine Einwirkung auf die der Gemeinde St. J "gehörende" S-Park GmbH zählen. Denn einem Gemeinde kann sich den kommunalrechtlichen Bindungen nicht dadurch entziehen, dass sie ihre wirtschaftliche Betätigung Dritten, die unter ihrem Einfluss bleiben, überträgt (Keine Flucht ins Privatrecht). Entscheidend ist also, ob die Voraussetzungen des § 108 KSVG vorliegen.
1. Wirtschaftliches Unternehmen
Dann müsste es sich – bei der S-Park GmbH – um ein wirtschaftliches Unternehmen der Gemeinde handeln. Darunter versteht man alle Veranstaltungen und Einrichtungen, die auch ein Privater mit der Absicht der Gewinnerzielung betreiben könnte. Dazu zählt die Parkraumbewirtschaftung. (Verf. müssen allerdings wissen, dass der Begriff des wirtschaftlichen Unternehmens in § 108 KSVG betriebs- und nicht handlungsbezogen zu verstehen ist, es also auf den Gegenstand des Unternehmens S-Park GmbH ankommt).
a) "Daseinsvorsorge"
Verf. können die Frage aufwerfen, ob es sich bei dem Gegenstand des Unternehmens der S-Park GmbH – der Bereitstellung von Parkraum in S – um eine Einrichtung "ähnlicher Art" wie jene der Daseinsvorsorge in § 108 Abs. 2 Nr. 1 handelt. Mit entsprechender Argumentation lässt sich das möglicherweise vertreten. (Davon scheint auch das OVG Münster, a.a.O.; vgl. auch OVG Münster NVwZ 2006, 1083, auszugehen).
Dann müssten sie allerdings auf die Frage eingehen – und können sie bejahen – ob angesichts der unzulänglichen Auslastung des Parkarums nicht auch die Vermietung zu anderen Zwecken denkbar erscheint. Dabei gilt allgemein, dass Erwerbschancen außerhalb des Unternehmensgegenstandes wahrgenommen werden dürfen, wenn sonst vorhandene Ressourcen der Gesellschaft brachlägen oder dies zur besseren Auslastung eigener Einrichtungen geschieht. Eigene unternehmensgegenstandsfremde Tätigkeiten sind neben den Geschäften, mit denen die konkreten Voraussetzungen der Tätigkeit im Rahmen des Unternehmensgegenstandes geschaffen werden, auch insoweit zulässig, als es um die Organisation und Finanzierung des Unternehmens, die Erhaltung von Vermögenswerten, die optimierende Vereinnahmung und Anlage von Erlösen geht. Verf. können das absichern durch einen Hinweis auf das kommunalrechtliche Gebot, Vermögensgegenstände wirtschaftlich zu verwalten, so dass "Nebengeschäfte" der kommunalen wirtschaftlichen Betätigung nicht den Schranken des § 108 KSVG unterworfen sind.
Wer das also auch bejaht, kommt zur Zulässigkeit des Vorhabens und zur Abweisung des Antrags.
Dagegen lässt sich allerdings einwenden, dass regelmäßig als fiktiv nichtwirtschaftliche Unternehmen diejenigen zu verstehen sind, zu denen die Gemeinde gesetzlich verpflichtet ist ( - das saarländische Kommunalrecht sieht das allerdings etwas weiter - ), die Bereitstellung von Parkraum aber ohnehin nicht ohne weiteres mit der – typischerweise defizitären – Daseinsvorsorge im Gesundheits- oder Entsorgungswesen gleich zu stellen ist sondern auch von beliebiger Privaten wirtschaftlich betrieben, Ihnen sogar im Rahmen von Stellplatzvorsorgepflichten vorgegeben werden kann. Dann greift § 108 Abs. 2 Nr. 1 KSVG nicht ein.
b) Eigenbedarfsdeckung
Die – der Gemeinde St. J zuzurechnende – Betätigung der S-Park GmbH dürfte weiter nicht von den Ausnahmen des § 108 Abs. 2 Nr. 2 KSVG gedeckt sein.
Verf. werden erkennen, dass es (bei der S-Park-GmbH) keineswegs um einen Hilfsbetrieb ausschließlich zur Deckung des Eigenbedarfs handelt.
3. Zulässigkeit des Unternehmens
Wer dies alles – mit guten Gründen – anders sieht und das wirtschaftliche Unternehmen einer Parkhausgesellschaft nicht dem § 108 Abs. 2 KSVG subsumiert, muss sich die Frage stellen, ob das Unternehmen als solches zulässig ist. Das richtet sich zunächst danach, ob ein öffentlicher Zweck verfolgt wird, der die wirtschaftliche Betätigung erfordert. Soweit mit der Vermietung des Parkdecks eine gewisse Belebung des Gebiets und die kostengünstige Bewirtschaftung mit Vermögensgegenständen verbunden ist, lässt sich der öffentliche Zweck nicht leugnen.
Fraglich ist allerdings, ob der öffentliche Zweck die wirtschaftliche Betätigung auch erfordert. Das setzt nicht voraus, dass für den öffentlichen Zweck die wirtschaftliche Betätigung unausweichlich wäre. Vielmehr genügt es, dass die wirtschaftliche Betätigung für den öffentlichen Zweck objektiv erforderlich im Sinne von vernünftigerweise geboten ist. Dass es insoweit an einem angemessenen Verhältnis zwischen der Belastung der Konkurrenz den Markteingriff und den verfolgten Interessen fehlt, ist nicht erkennbar.