Source: http://www.stadtbenutzer.at/wohnst-du-schon/
Timestamp: 2017-06-25 05:18:25
Document Index: 314009777

Matched Legal Cases: ['§76', '§68', '§7', '§ 76', '§76', '§76', '§76', '§76', '§76']

Wohnst du schon? – stadtbenutzer
Veröffentlicht am 08. 12. 2013 von Roland Peschetz – letztes Update: 25. 07. 2014
§76b Abs(2) In Wohnstraßen ist das Betreten der Fahrbahn und das Spielen gestattet. […]
§68 Abs(2) Radfahrer dürfen […] in Wohnstraßen […] nebeneinander fahren; […]
§7 Abs(5) [Die Einbahnstraßenregelung] gilt nicht für […] Radfahrer in solchen Einbahnstraßen, die zugleich Wohnstraßen im Sinne des § 76b sind.
Als Autofahrer hingegen muss man sich (theoretisch) mit einer groben Einschränkung seiner ansonsten wenig in Frage gestellten Vorherrschaft über den öffentlichen Raum abfinden:
§76b Abs(3) Die Lenker von Fahrzeugen in Wohnstraßen dürfen Fußgänger und Radfahrer nicht behindern oder gefährden, haben von ortsgebundenen Gegenständen oder Einrichtungen einen der Verkehrssicherheit entsprechenden seitlichen Abstand einzuhalten und dürfen nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren. […]
Und trotzdem sehe ich auf dem Bodenbelag nämlicher Gasse niemals Tempelhüpf-Raster aus Kreide, niemals sehe ich, wie Kinder geschwind Ihre Landhockey-Tore weg- und wieder herräumen (das müssten sie, denn: §76b Abs(2) […] Der erlaubte Fahrzeugverkehr darf […] nicht mutwillig behindert werden.) oder gutgelaunte bärtige Menschen mit Hosenträgern, die mit ihren Hackey-Sacks tricksen. Das mit dem Landhockey ist mir klar: die Gasse ist viel zu abschüssig. Was allerdings die Hipster und die Schulmädchen von der Straße fernhält, das scheint etwas Anderes zu sein…
Man muss nicht die Beobachtungsgabe eines Sherlock Holmes besitzen um recht schnell dahinter zu kommen.
Es sind schon einmal viel zu viele Autos, die sich hier erlaubterweise aufhalten. Da findet man eine Hotelzufahrt (die durchaus schon mal von dicken Autobussen verwendet wird), zwei, drei Garageneinfahrten und natürlich reichlich Längsparkplätze, die nicht nur für Zu- und Abfahrten, sondern auch für Parkplatzsuchverkehr sorgen. Damit aber nicht genug. Die Gasse ist auch ein Schleichweg aus dem achten Bezirk hinaus zur Zweierlinie, der von Ortskundigen und Taxis gerne zur Durchfahrt verwendet wird. Ich gehe davon aus, dass die Wohnstraße hier geschaffen wurde um gerade diesen Durchzugsverkehr zu verringern, tatsächlich scheint sich aber niemand darum zu kümmern. Genauso wenig wie um die Einhaltung einer gemäßigten Geschwindigkeit – und von Schrittgeschwindigkeit möchte ich noch gar nicht geredet haben, mir scheint vielmehr dass die Aufgabe unter der 30 km/h-Grenze zu bleiben schon für viele unlösbar ist.
Lenkt mich mein eigener Weg durch diese Gasse, so nutze ich die Gelegenheit stets dazu, die Vorrechte die sie mir bietet auch so richtig zu geniessen. Zugegeben: manchmal verstoße ich dabei selbst gegen §76b Abs(3), denn wenn ich mich auf meinem Fahrrad befinde (demzufolge also Lenker eines Fahrzeuges bin), dann überschreite ich geradezu gewohnheitsmäßig die geltende Geschwindigkeitsbeschränkung (wie gesagt: es geht ja dort auch ganz schön bergab) und bin dann schon mal 10 bis 15 km/h schnell. Zu Fuß hingegen, da kenne ich nichts: da schreite ich tatsächlich strikt in Schrittgeschwindigkeit. Und ich nehme mir heraus, dazu die gesamte Straße zu benutzen – obwohl es schmale Gehsteige gibt, welche den Charakter der Gasse als Wohnstraße ebenfalls nicht direkt unterstreichen. Nennen sie es ein klitzekleines Aufbäumen zivilen Ungehorsams… wenngleich – bei genauerer Betrachtung handelt es sich wohl eher um einen Akt zivilen Gehorsams.
Übrigens: ja. Ich fahre auch mit dem Auto dort durch wenn ich eine Hoffnung auf einen Parkplatz sehe – und wenn ich dann (wie so oft) unverrichteter Dinge wieder abziehen muss, dann habe auch ich für eine weitere unnötige Durchfahrt gesorgt. Ich versuche aber, mich dabei so gut wie möglich nach den Vorgaben aus §76b Abs(3) zu verhalten (wenngleich ich zugeben muss, dass ich da wahrscheinlich auch schon mal schneller als 5 km/h gewesen bin).
Ob zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Auto: vielen Kameraden im Straßenverkehr bin ich offenbar zu langsam. Zu Fuß und auf dem Rad bin ich überdies auch noch viel zu platzgreifend. Ich erkenne das an der Zuwendung, die mir unter geradezu obsessiver Zuhilfenahme des A********-Signals bei diesen Gelegenheiten zuteil wird.
Wie tief die Wurzel des Problems tatsächlich zu liegen scheint zeigt sich schon an einer anderen Gasse – ebenfalls nicht weit von meinem Wohnhaus. Am Anfang dieser Gasse findet man ein Wohnstraßen-Verkehrsschild in Kombination mit einer Zusatztafel „Durchfahrt verboten!“. Nicht, dass diese laut meiner Beobachtung die Wirkung des eigentlichen Verkehrszeichens immens verbessern würde – immerhin ist die Gasse ein toller ampelfreier Abschneider zwischen zwei als Einbahn geführten Hauptdurchzugsstraßen und daher speziell in der Taxifahrer-Community wohl bekannt – wahrhaft verblüffend ist für mich die schiere Notwendigkeit einer solchen Zusatztafel… oder haben sie schon einmal ein Verkehrszeichen, sagen wir zur Geschwindigkeitsbeschränkung gesehen, welches einer Zusatztafel mit dem Text „schneller Fahren verboten!“ bedurft hätte?
Es ist also wohl eine Frage der Aufklärung, um nicht zu sagen eine Frage der „Erziehung“. Dies wäre wohl eine lohnendes Tätigkeitsfeld für die Fußgängerbeauftragte der Stadt Wien. Leider hat diese keine Zeit (oder nicht ausreichend politisches Gewicht) die Pfründe der Autolobby anzugreifen. Sie beschäftigt sich stattdessen mit dem Eiertanz, einerseits zwischen Fußgängern und Radfahrern zu vermitteln und andererseits im mediengeschürten Krieg zwischen diesen den Fußgängern etwas emotionalen Bodengewinn zu verschaffen. Ausserdem organisiert sie Marketingkampagnen, die den Fußgängern das lange und brave Warten an der Ampel verkaufen soll. Es wäre erfrischend, von dieser Seite her einen Ansatz zur besseren Aufklärung der Autofahrer und der Taxi-Innung zum Thema Wohnstraße zu sehen.
Als weiterer wichtiger Schritt müsste das Parken auf diesen Straßen abgeschafft werden. Ich weiß, jetzt ertönt schon wieder von überall die Anklage „Parkplatzvernichtung“… ich will diese Forderung aber gerne argumentativ untermauern:
Zwischen zwei massiven Blechwänden kann nur schwer ein anheimelndes Gefühl der „Wohnlichkeit“ ausbrechen. Würden Kinder (und deren Eltern) außerdem den nötigen Fatalismus aufbringen wirklich dort spielen zu wollen, so wären sie zudem permanent eingeschränkt davon, auf die physische Unversehrtheit der parkenden Autos zu achten – ganz zu schweigen von der Sichtbehinderung, die diese Fahrzeuge darstellen; sicheres Spielen ist so obwohl von der StVO erlaubt de-facto unmöglich.
Für die Allgemeinheit benutzbare Parkplätze führen zudem wie oben schon erwähnt zu Parkplatzsuchverkehr, der – als wäre er alleine nicht schon schlimm genug – eine wunderbare Ausrede für jene liefert, die tatsächlich einfach durchfahren, weil sie die Straße als Schleichweg benutzen. Die Straßenbenutzung muss also was den motorisierten Verkehr betrifft auf jene reduziert werden, die zu ihrem eigenen Garagenplatz zufahren – meinetwegen noch in diesem speziellen Fall zum Hotel bzw. zu den gegenüber liegenden Botschaftsbüros. Das Hotel zieht ohnehin ausserdem noch Lieferverkehr an – sodass das angepeilte Mindestmaß an Zu- und Abfahrten höher als wünschenswert ist.
Dieser Artikel ist freilich eine sehr spezifische Betrachtung eines einzigen weniger als zweihundert Meter langen Abschnitts des öffentlichen Raums, und in anderen Wohnstraßen mag die Situation nicht exakt dieselbe sein. Ich denke jedoch, dass diese Gasse exemplarisch für die Anwendung von StVO §76b Abs(1) – und für alle damit verbundenen Unzulänglichkeiten – gesehen werden kann. Wohnstraßen könnten in der Tat Straßen zum Wohnen sein, im Moment allerdings sind sie wie der Großteil der Stadt bloß Teil eines verkehrsplanerischen Gesamtkonzeptes das die Bedürfnisse des Autos über die des Menschen stellt.
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Ein Kommentar auf “Wohnst du schon?”	Wolfgang Rauh	16. 05. 2015 at 09:12
Erstklassiger Artikel!! Ich orte den Fehler genau bei den Gehsteigen. Es muss Gründe haben, warum Bürokraten und Planer mit fanatischer Beharrlichkeit Wohnstraßen mit beiderseitigen Gehsteigen ausstatten. Ich habe schon öfters den Verdacht geäußert, dass es sich um gezielte Sabotage gegen das Prinzip der Wohnstraße handelt. Parkplätze sind nur ein vorgeschobenes Killerargument. Ich habe in Deutschland Wohnstraßen gesehen, die trotz vieler herumstehender Autos einwandfrei funktionieren, weil die Autos am Straßenrand (nicht am Rand einer vom Gehsteig getrennten Fahrbahn) stehen.
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