Source: https://strafrecht-online.org/problemfelder/at/taeterschaft/mittaeter/fahrlaessigkeitsdelit/
Timestamp: 2019-09-23 05:43:58
Document Index: 189456641

Matched Legal Cases: ['BGE', 'BGH', '§ 25', '§ 25', '§ 25', '§ 25']

Mittäterschaft; fahrlässig; fahrlässige Mittäterschaft
Nicht ganz unumstritten ist die Frage, ob auch bei Fahrlässigkeitsdelikten eine Mittäterschaft konstruierbar ist.
Beispiel (angelehnt an eine Entscheidung des schweizerischen Bundesgerichthofs, BGE 113 IV 54): An einem Berghang beschließen A und B, dass jeder der beiden einen Felsbrocken zu Tal rollen soll. Auf dem Weg der Felsbrocken ins Tal wird der Wanderer W tödlich getroffen. Später lässt sich nicht klären, welcher der beiden Felsbrocken den W tatsächlich getötet hat.
Ansicht 1: Rspr. (BayObLG NJW 1990, 3032; BGHSt 37, 106) und h.L. (Schönke/Schröder/Heine/Weißer StGB, 29. Aufl. 2014, Vor § 25 Rn. 111 ff.) lehnen eine solche mit der Begründung ab, es fehle der Vorsatz, der aber eine Voraussetzung für einen gemeinsamen Tatplan i.S.d. § 25 II sei.
Kritik: Das Argument der h.M., es fehle ein gemeinsamer Tatentschluss, ist nicht stichhaltig, weil dieser eine Voraussetzung für die vorsätzliche Mittäterschaft sei, die dann aber gerade bei der fahrlässigen Mittäterschaft gar nicht erfüllt sein kann. Außerdem differenziert der Wortlaut des § 25 II nicht zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit.
Ansicht 2: Teilweise (Roxin Strafrecht AT II, 2003, § 25 Rn. 242 m.w.N.) wird das Kausalitätsproblem auch durch die Annahme fahrlässiger Mittäterschaft und die wechselseitige Zurechnung der Tatbeiträge gelöst. Die fahrlässige Mittäterschaft wird als gemeinschaftliche Pflichtverletzung verstanden. Sie liegt vor, wenn sich eine "durch mehrere gemeinschaftlich geschaffene unerlaubte Gefahr im Erfolg realisiert hat" (Knauer Die Kollegialentscheidung im Strafrecht 2001 S. 221).
Kritik: Es besteht kein Bedürfnis für die Anerkennung fahrlässiger Mittäterschaft. Im o.g. Bsp. können A und B wegen nebentäterschaftlich begangener fahrlässiger Tötung verantwortlich gemacht werden. Kausalitätsprobleme können dadurch vermieden werden, dass man davon ausgeht, dass jeder entweder durch das eigenhändige Herabstoßen des Steines oder durch seine Beteiligung am Entschluss des anderen für den Tod des W kausal ist.