Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/wegfall-des-rentnerprivilegs-und-die-korrektur-des-versorgungsausgleichs-394806
Timestamp: 2019-12-06 15:22:56
Document Index: 171999809

Matched Legal Cases: ['§ 101', '§ 57', '§ 27', '§ 27', '§ 27', '§ 27', '§ 13', '§ 57', '§ 27', '§ 35', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 6']

Weg­fall des Rent­ner­pri­vi­legs – und die Kor­rek­tur des Ver­sor­gungs­aus­gleichs | Rechtslupe
Allein die Geset­zes­än­de­rung betref­fend den Weg­fall des soge­nann­ten Rent­ner- bzw. Pen­sio­nis­ten­pri­vi­legs (§ 101 Abs. 3 Satz 1 SGB VI aF, § 57 Abs. 1 Satz 2 BeamtVG aF) recht­fer­tigt eine auf § 27 VersAus­glG gestütz­te Kor­rek­tur des Ver­sor­gungs­aus­gleichs zu Las­ten des aus­gleichs­be­rech­tig­ten Ehe­gat­ten nicht 1.
Gemäß § 27 VersAus­glG fin­det der Ver­sor­gungs­aus­gleich aus­nahms­wei­se nicht statt, wenn und soweit er grob unbil­lig wäre. Eine gro­be Unbil­lig­keit liegt nur dann vor, wenn im Ein­zel­fall unter Abwä­gung aller Umstän­de die rein sche­ma­ti­sche Durch­füh­rung des Aus­gleichs dem Grund­ge­dan­ken des Ver­sor­gungs­aus­gleichs, näm­lich eine dau­er­haft gleich­wer­ti­ge Teil­ha­be bei­der Ehe­gat­ten an den in der Ehe­zeit ins­ge­samt erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­rech­ten zu gewäh­ren, dem Gerech­tig­keits­ge­dan­ken in uner­träg­li­cher Wei­se wider­spre­chen wür­de. Die im Ver­fah­ren der Rechts­be­schwer­de ohne­hin nur ein­ge­schränkt über­prüf­ba­ren 2 Erwä­gun­gen des Beschwer­de­ge­richts zur Anwen­dung von § 27 VersAus­glG ste­hen im Ein­klang mit den von der Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen und las­sen kei­ne Rechts­feh­ler zulas­ten des Antrags­geg­ners erken­nen.
Es ist für sich genom­men noch nicht grob unbil­lig im Sin­ne von § 27 VersAus­glG, wenn der Aus­gleichs­be­rech­tig­te über den unge­kürz­ten Ver­sor­gungs­aus­gleich dar­an par­ti­zi­piert, dass sich der Wert eines in der Ehe­zeit von dem Aus­gleichs­pflich­ti­gen erwor­be­nen Anrechts wegen der Beson­der­hei­ten des maß­geb­li­chen Ver­sor­gungs­sys­tems durch den Ein­tritt der vor­zei­ti­gen Inva­li­di­tät erhöht hat 3. Aller­dings kann unter Bil­lig­keits­ge­sichts­punk­ten eine Her­ab­set­zung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs (höchs­tens) auf den ohne Ein­tritt der vor­zei­ti­gen Inva­li­di­tät geschul­de­ten Betrag gerecht­fer­tigt sein, wenn ein aus­gleichs­pflich­ti­ger Beam­ter wegen Dienst­un­fä­hig­keit eine durch beam­ten­recht­li­che Zurech­nungs­zei­ten (§ 13 BeamtVG) erhöh­te Inva­li­di­täts­ver­sor­gung bezieht und der Aus­gleichs­be­rech­tig­te durch die unge­kürz­te Teil­ha­be an die­sem Anrecht eine im Ver­hält­nis zum Aus­gleichs­pflich­ti­gen unver­hält­nis­mä­ßig hohe Alters­ver­sor­gung erlan­gen wür­de 4.
Ein Aus­schluss des Ver­sor­gungs­aus­gleichs ist nicht des­halb gebo­ten ist, weil die lau­fen­de Inva­li­di­täts­ver­sor­gung des Ehe­manns in der Zeit, in der die Ehe­frau ihrer­seits noch nicht ver­ren­tet ist, nicht mehr durch das soge­nann­te Pen­sio­nis­ten­pri­vi­leg (§ 57 Abs. 1 Satz 2 BeamtVG aF) vor den Aus­wir­kun­gen des Ver­sor­gungs­aus­gleichs geschützt wird.
Zwar schlägt sich infol­ge der Abschaf­fung des Pen­sio­nis­ten­pri­vi­legs die Kür­zung der Ver­sor­gung bei dem Aus­gleichs­ver­pflich­te­ten vor­über­ge­hend noch nicht in der Aus­zah­lung von Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen an den Aus­gleichs­be­rech­tig­ten nie­der. Dies beruht jedoch auf der dem Ver­sor­gungs­aus­gleich zugrun­de­lie­gen­den Kon­zep­ti­on der sofor­ti­gen Ver­selb­stän­di­gung der aus­gleichs­be­dingt geteil­ten Ver­sor­gungs­an­rech­te, die infol­ge der Tei­lung eigen­stän­di­gen und von­ein­an­der unab­hän­gi­gen Ver­si­che­rungs­ver­läu­fen fol­gen 5. Soweit sich aus der Kür­zung der lau­fen­den Ver­sor­gung des­halb eine Här­te für den von der Ein­be­zie­hung sei­ner Ver­sor­gungs­an­rech­te in den Ver­sor­gungs­aus­gleich betrof­fe­nen Rent­ner oder Pen­sio­när ergibt, liegt die­se Här­te in dem auf sofor­ti­gen und end­gül­ti­gen Voll­zug gerich­te­ten Sys­tem des Ver­sor­gungs­aus­gleichs begrün­det. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits in sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung betont, dass Här­te­klau­seln im Ver­sor­gungs­aus­gleich kei­ne gene­rel­le Kor­rek­tur rein sys­tem­be­ding­ter Belas­tun­gen für den aus­gleichs­pflich­ti­gen Ehe­gat­ten ermög­li­chen, son­dern – vor­be­halt­lich sons­ti­ger Her­ab­set­zungs­grün­de – grund­sätz­lich erst dann ein­grei­fen kön­nen, wenn die Durch­füh­rung des unge­kürz­ten Ver­sor­gungs­aus­gleichs zu einem erheb­li­chen und damit grob unbil­li­gen wirt­schaft­li­chen Ungleich­ge­wicht zwi­schen den Ehe­leu­ten füh­ren wür­de 6. Ohne das Vor­lie­gen die­ser Vor­aus­set­zun­gen recht­fer­tigt die Geset­zes­än­de­rung daher für sich genom­men eine auf § 27 VersAus­glG gestütz­te Kor­rek­tur des Ver­sor­gungs­aus­gleichs zu Las­ten des Aus­gleichs­be­rech­tig­ten nicht 7.
Vor­lie­gend wür­de die Durch­füh­rung des – rest­li­chen – Ver­sor­gungs­aus­gleichs nicht zu einem erheb­li­chen und damit grob unbil­li­gen wirt­schaft­li­chen Ungleich­ge­wicht zwi­schen den betei­lig­ten Ehe­leu­ten füh­ren. Dies ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich erst dann der Fall, wenn im Zeit­punkt der Ent­schei­dung über den Ver­sor­gungs­aus­gleich klar abzu­se­hen ist, dass zum einen der auf Grund­la­ge einer Vor­sor­ge­ver­mö­gens­bi­lanz ins­ge­samt aus­gleichs­be­rech­tig­te Ehe­gat­te über so hohes Ein­kom­men bzw. Ver­mö­gen ver­fü­gen wird, dass sei­ne Alters­ver­sor­gung voll abge­si­chert ist, wäh­rend zum ande­ren der ins­ge­samt aus­gleichs­pflich­ti­ge Ehe­gat­te auf die ehe­zeit­lich erwor­be­nen Ver­sor­gungs­an­rech­te zur Siche­rung sei­nes Unter­halts drin­gend ange­wie­sen ist 8.
Im hier ent­schie­de­nen Fall wird der Voll­zug des von ihm ange­ord­ne­ten Ver­sor­gungs­aus­gleichs nicht dazu füh­ren, dass der Ehe­mann mit den ihm ver­blei­ben­den Net­to­be­zü­gen unter das Exis­tenz­mi­ni­mum in Höhe des not­wen­di­gen Selbst­be­halts eines Nicht­er­werbs­tä­ti­gen absinkt. Bei die­ser Berech­nung ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Ehe­mann durch einen Antrag nach § 35 VersAus­glG eine (teil­wei­se) Aus­set­zung der Ruhe­ge­halts­kür­zung errei­chen kann, soweit er aus den ihm im Ver­sor­gungs­aus­gleich von­sei­ten der Ehe­frau über­tra­ge­nen Anrech­ten der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung kei­ne (Invaliditäts)Versorgung zu erlan­gen ver­mag.
Im übri­gen ist die Fra­ge nach der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Geset­zes­än­de­rung betref­fend den Weg­fall des soge­nann­ten Pen­sio­nis­ten­pri­vi­legs ist durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts geklärt 9.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. April 2015 – XII ZB 252/​14
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 08.04.2015 – XII ZB 428/​12[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 19.09.2012 – XII ZB 649/​11 , Fam­RZ 2013, 106 Rn. 16; und vom 30.03.2011 – XII ZB 54/​09 , Fam­RZ 2011, 877 Rn. 11 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 08.04.2015 – XII ZB 428/​12 – zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt; vgl. auch BVerfG Fam­RZ 2001, 277[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 08.04.2015 – XII ZB 428/​12 mwN; grund­le­gend BGH, Beschluss BGHZ 82, 66, 80 = Fam­RZ 1982, 36, 41[↩]
BVerfG Fam­RZ 2015, 389, 391; vgl. bereits BVerfG Fam­RZ 2014, 1259 Rn. 59[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 14.02.2007 – XII ZB 68/​03 , Fam­RZ 2007, 627, 629 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 08.04.2015 – XII ZB 428/​12 – zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt; vgl. auch Wick Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 3. Aufl. Rn. 558; Holz­warth Fam­RZ 2015, 475, 476[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 08.04.2015 – XII ZB 428/​12 – zur Ver­öf­fent­li­chung bestimmt; vom 24.04.2013 – XII ZB 172/​08 , Fam­RZ 2013, 1200 Rn. 21; und vom 05.11.2008 – XII ZB 53/​06 , Fam­RZ 2009, 303 Rn. 36 mwN[↩]
BVerfG Fam­RZ 2015, 389 ff.[↩]
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