Source: http://docplayer.org/4587423-Das-bildungswesen-in-der-bundesrepublik-deutschland-2012-2013.html
Timestamp: 2018-03-21 10:05:56
Document Index: 87583547

Matched Legal Cases: ['Art. 30', 'Art. 92', 'Art. 54', 'Art. 38', 'Art. 50', 'Art. 52', 'Art. 23', 'Art. 64', 'Art. 65', 'Art. 91', 'Art. 20', 'Art. 79', 'Art. 30', 'Art. 28', 'Art. 70', 'Art. 28', 'Art. 4', 'Art. 140', 'Art. 137', 'Art. 7', 'Art. 141', 'Art. 7']

1 Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland 2012/2013 Darstellung der Kompetenzen, Strukturen und bildungspolitischen Entwicklungen für den Informationsaustausch in Europa
2 Herausgeber: Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, Graurheindorfer Str. 157, Bonn Bearbeitung: BRIGITTE LOHMAR THOMAS ECKHARDT Dokumentations- und Bildungsinformationsdienst / Deutsche EURYDICE-Informationsstelle der Länder im Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Zusammenarbeit mit der Deutschen EURYDICE-Informationsstelle des Bundes beim Bundesministerium für Bildung und Forschung Redaktionsschluss: September 2013 Die in dieser Darstellung verwendeten Personen- und Funktionsbezeichnungen sind geschlechtsneutral zu verstehen. Auf die durchgängige Verwendung der weiblichen und männlichen Form wird aus stilistischen Gründen verzichtet. KMK, Bonn 2014
3 VORWORT DES HERAUSGEBERS Das Sekretariat der Kultusministerkonferenz legt hiermit das NATIONALE DOSSIER für Deutschland als Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis der Bildungssysteme in Europa vor. Das Dossier beschreibt die Zuständigkeiten, Strukturen und wesentlichen bildungspolitischen Entwicklungen bis Mitte des Jahres In Deutschland stehen weiterhin Maßnahmen zur Weiterentwicklung und zur Sicherung der Qualität der schulischen Bildung im Mittelpunkt der bildungspolitischen Diskussion. Mit der Einführung bundesweit geltender Bildungsstandards und der Einrichtung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zu deren Überprüfung und Entwicklung ist ein Paradigmenwechsel im Sinne einer ergebnisorientierten Steuerung des Bildungssystems eingeleitet worden. Bereits im März 2012 hatte die Kultusministerkonferenz den Aufbau eines ländergemeinsamen Pools von Abiturprüfungsaufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik und fortgeführte Fremdsprache beschlossen. Damit gewährleistet die Ländergemeinschaft die Vergleichbarkeit und hohe Qualität der Abituraufgaben auf der Grundlage der im Oktober 2012 verabschiedeten Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife. Eine Konzeption zur Implementation der Standards wurde von der Kultusministerkonferenz im Oktober 2013 verabschiedet. Die Bildungsstandards sind Bestandteil einer Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring, die von der Kultusministerkonferenz im Jahr 2006 beschlossen wurde. Gegenwärtig werden die Maßnahmen der Länder zur Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Schulbereich verstärkt darauf ausgerichtet, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen und die Durchlässigkeit im Bildungssystem weiter zu erhöhen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Übergang von der Schule in den Beruf. Vor diesem Hintergrund hat die Kultusministerkonferenz im Oktober 2013 die Empfehlung Lebenschancen eröffnen, Qualifizierungspotenziale ausschöpfen Übergänge gestalten für Schulabgänger mit Schwierigkeiten beim Übergang in die Berufswelt beschlossen. Ziel ist es, allen Jugendlichen koordiniert, passgenau und ohne Verzögerung eine Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf anzubieten. Mit einem Beschluss vom Oktober 2013 hat die Kultusministerkonferenz die bundesweite Mobilität beim Einstieg in den Lehrerberuf gefördert. Unabhängig von dem Land, in dem sie studiert haben oder ausgebildet wurden, können sich angehende Lehrerinnen und Lehrer vom Schuljahr 2014/2015 an bundesweit unter den gleichen Zugangsbedingungen bewerben. Zudem hat die Kultusministerkonferenz Empfehlungen zur Abklärung der Eignung als Lehrkraft bereits für die erste Phase der Lehrerausbildung verabschiedet. Das Nationale Dossier für Deutschland vermittelt einen Überblick, der vom Elementarbereich bis zur Weiterbildung reicht und Hintergrundinformationen zu den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland enthält. Im Sinne der Zielsetzung der Schrift für den europäischen Informationsaustausch stehen dabei zunächst die Gemeinsamkeiten in den Bildungssystemen der 16 Länder im Vordergrund. Damit sich der Leser ein Bild von der Vielfalt des Bildungsangebotes in Deutschland machen kann, werden jedoch auch landesspezifische Besonderheiten in die Darstellung einbezogen. Das Nationale Dossier wird seit 1993 jährlich im Rahmen des INFORMATIONSNETZES ZUM BILDUNGSWESEN IN EUROPA (EURYDICE) auf der Grundlage einer für alle europäi-
4 schen Staaten gemeinsamen Gliederung erstellt. Die Volltexte der nationalen Dossiers sind in englischer Sprache und zum Teil in den Landessprachen in der Europäischen Enzyklopädie der nationalen Bildungssysteme EURYPEDIA aufrufbar (http://eacea.ec.europa.eu/education/eurypedia). Die Enzyklopädie bietet die Möglichkeit europaweiter Vergleiche zu einzelnen Aspekten der Bildungssysteme in den 36 Staaten, die sich an den Aktivitäten des EURYDICE-Informationsnetzes beteiligen. Die inhaltliche und redaktionelle Bearbeitung des deutschen Dossiers erfolgte wie bisher in Abstimmung mit dem BUND und den LÄNDERN durch die EURYDICE- Informationsstelle der Länder, die auf Beschluss des Bundesrates im Dokumentationsund Bildungsinformationsdienst der Kultusministerkonferenz angesiedelt ist. Das Dossier wird im Anhang ergänzt durch eine Übersicht zu den grundlegenden Rechtsvo r- schriften für den Bildungsbereich, ein Institutionenverzeichnis und ein Literaturverzeichnis sowie durch ein Glossar zur verwendeten Fachterminologie. Der Funktion der nationalen Dossiers entsprechend enthält der Bericht für den Zeitraum 2012/2013 eine verlässliche Darstellung des deutschen Bildungssystems in Abstimmung mit den für den Bildungsbereich zuständigen Ministerien. Das Dossier ergänzt damit die an Indikatoren orientierte Bildungsberichterstattung und hat im Rahmen internationaler Kontakte und Beratungen auf europäischer Ebene den Stellenwert einer Basisdokumentation über das föderale Bildungssystem in Deutschland. Da r- über hinaus richtet sich das Nationale Dossier als aktuelle Bestandsaufnahme der Kompetenzen, Strukturen und Entwicklungen im deutschen Bildungswesen an alle interessierten Leser in Deutschland und im Ausland. Udo Michallik Generalsekretär der Kultusministerkonferenz
5 VORWORT DES BUNDESMINISTERIUMS FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG Europa ist geprägt durch Vielfalt durch unterschiedliche Kulturen und Sprachen. Diese Unterschiede werden in vielen Bereichen deutlich und sind auch in der Ausgestaltung der Bildungssysteme zu erkennen. Das aus 36 europäischen Staaten bestehende Bildungsnetzwerk Eurydice gibt einen Überblick über die einzelnen Bildungssysteme und bietet einen Informations- und Erfahrungsaustausch. So informieren die Eurydice- Publikationen über Struktur und Organisation der einzelnen Bildungssysteme sowie über politische Initiativen in diesem Kontext. Durch diesen Austausch fundierter Kenntnisse kann ein Voneinander-Lernen gelingen. Das ist im Rahmen der Wirtschaftsund Finanzkrise wichtig, denn leistungsfähige Bildungssysteme sind eine Grundlage für die Zukunftsfähigkeit Europas. Ein gemeinsames Vorgehen auf europäischer Ebene ist notwendig, um aktuellen Herausforderungen in Europa zu begegnen. Daher hat das Thema Bildung Priorität für die langfristige Überwindung der Krise. Die Eurydice-Publikation Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland 2012/13 ist eine detaillierte Beschreibung des deutschen Bildungssystems und unterstützt Eurydice in der europäischen Bildungszusammenarbeit. Sie trägt zu mehr Transparenz und Vergleichbarkeit bei und ermöglicht einen Erfahrungsaustausch. Der Bericht wurde gemeinsam von Bund und Ländern für Eurydice erstellt und umfasst alle Bildungsbereiche und -stufen sowie aktuelle Reformvorhaben. Die Publikation macht die Stärke des deutschen Bildungssystems deutlich: Kontinuität und Wandel gleichermaßen. Mit neuen Maßnahmen und Initiativen orientiert sich die Bildungspolitik beständig an den aktuellen nationalen und internationalen Herausforderungen, hält dabei aber an bewährten Strukturen und Strategien fest. Außerdem ist sie nicht nur nach innen gerichtet, sondern bezieht europäische und internationale Entwicklungen mit ein. Ich möchte Sie einladen, sich nicht nur der vorliegenden Publikation zu widmen, sondern auch der Online-Bildungsenzyklopädie Eurypedia einen Besuch abzustatten. Das deutsche Bildungssystem ist dort ebenso ausführlich wie übersichtlich dargestellt und ermöglicht unkompliziert direkte Vergleiche zu verschiedenen Aspekten der Bildungssysteme der anderen Staaten des Netzwerks Eurydice. Volker Rieke Abteilungsleiter für europäische und internationale Zusammenarbeit in Bildung und Forschung Bundesministerium für Bildung und Forschung
7 INHALTSVERZEICHNIS 1. POLITISCHER, SOZIALER UND WIRTSCHAFTLICHER HINTERGRUND UND TRENDS Einführung Historischer Überblick Wichtigste Organe der Legislative und Exekutive Bevölkerung: Demographische Lage, Sprachen und Religionen Politische und wirtschaftliche Lage AUFBAU UND STEUERUNG Einführung Grundlegende Prinzipien und nationale Politiken Strategie für lebenslanges Lernen Aufbau des Bildungswesens und seiner Struktur Aufbau des privaten Bildungswesens Nationaler Qualifikationsrahmen Verwaltung und Steuerung auf nationaler und/oder regionaler Ebene Verwaltung und Steuerung auf lokaler und/oder institutioneller Ebene Statistiken zu Aufbau und Steuerung BILDUNGSFINANZIERUNG Einführung Finanzierung des Elementar- und Schulbildungsbereichs Finanzierung der Hochschulbildung Finanzierung der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung FRÜHKINDLICHE BILDUNG, BETREUUNG UND ERZIEHUNG Einführung Aufbau der Programme für Kinder unter 2 3 Jahren Lehren und Lernen in Programmen für Kinder unter 2 3 Jahren Leistungsbeurteilung in Programmen für Kinder unter 2 3 Jahren Aufbau der Programme für Kinder ab 2 3 Jahren Lehren und Lernen für Kinder ab 2 3 Jahren Leistungsbeurteilung in Programmen für Kinder ab 2 3 Jahren Andere Organisationsmodelle und alternative Strukturen in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung PRIMARBILDUNG Einführung Aufbau des Primarbereichs Lehren und Lernen im Primarbereich 107 7
8 5.4. Leistungsbeurteilung im Primarbereich Andere Organisationsmodelle und alternative Strukturen SEKUNDARBILDUNG UND POSTSEKUNDÄRER, NICHT-TERTIÄRER BEREICH Einführung Aufbau der allgemeinbildenden Sekundarstufe I Lehren und Lernen in der allgemeinbildenden Sekundarstufe I Leistungsbeurteilung in der allgemeinbildenden Sekundarstufe I Aufbau der allgemeinbildenden Sekundarstufe II Lehren und Lernen in der allgemeinbildenden Sekundarstufe II Leistungsbeurteilung in der allgemeinbildenden Sekundarstufe II Aufbau der beruflichen Sekundarstufe II Lehren und Lernen in der beruflichen Sekundarstufe II Leistungsbeurteilung in der beruflichen Sekundarstufe II Postsekundärer, nicht-tertiärer Bereich HOCHSCHULBILDUNG Einführung Arten von Hochschuleinrichtungen Studiengänge im ersten Studienzyklus Bachelor Kurzstudien in der Hochschulbildung Studiengänge im zweiten Studienzyklus Programme außerhalb der Bachelor- und Master-Struktur Studiengänge im dritten Studienzyklus (Doktorandenprogramme) ALLGEMEINE UND BERUFLICHE ERWACHSENENBILDUNG Einführung Einrichtungen der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung Allgemeine und politische Weiterbildung Berufliche Fort- und Weiterbildung Zweiter Bildungsweg Wissenschaftliche und künstlerische Weiterbildung LEHRKRÄFTE UND SONSTIGES BILDUNGSPERSONAL Einführung Erstausbildung der Lehrkräfte im Elementar- und Schulbildungsbereich Beschäftigungsbedingungen der Lehrkräfte im Elementar- und Schulbildungsbereich Berufliche Weiterentwicklung der Lehrkräfte im Elementar- und Schulbildungsbereich 201 8
9 9.5. Erstausbildung der Lehrkräfte in der Hochschulbildung Beschäftigungsbedingungen der Lehrkräfte in der Hochschulbildung Berufliche Weiterentwicklung der Lehrkräfte in der Hochschulbildung Erstausbildung der Lehrkräfte in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung Beschäftigungsbedingungen der Lehrkräfte in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung Berufliche Weiterentwicklung der Lehrkräfte in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung LEITUNGS- UND SONSTIGES BILDUNGSPERSONAL Leitungspersonal im Elementar- und Schulbildungsbereich Personal im Bereich der Überwachung der Qualität im Elementar- und Schulbildungsbereich Personal im Bildungswesen, das für Unterstützungs- und Beratungsangebote im Elementar- und Schulbildungsbereich zuständig ist Sonstiges Personal im Schulbildungswesen Leitungspersonal in der Hochschulbildung Sonstiges Personal im Hochschulbildungswesen Leitungspersonal in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung Sonstiges Personal in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung QUALITÄTSSICHERUNG Einführung Qualitätssicherung im Elementar- und im Schulbildungsbereich Qualitätssicherung in der Hochschulbildung Qualitätssicherung in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung PÄDAGOGISCHE FÖRDERUNG UND BERATUNG Einführung Sonderpädagogische Förderung an allgemeinen Schulen Sonderpädagogische Förderung im Elementarund Schulbildungsbereich Fördermaßnahmen für Lernende im Elementarund Schulbildungsbereich Unterstützung und Beratung im Elementar- und Schulbildungsbereich Fördermaßnahmen für Lernende in der Hochschulbildung Unterstützung und Beratung in der Hochschulbildung Fördermaßnahmen für Lernende in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung Unterstützung und Beratung im Sinne des lebenslangen Lernens 253 9
10 13. MOBILITÄT UND INTERNATIONALISIERUNG Einführung Mobilität im Elementar- und Schulbildungsbereich Mobilität in der Hochschulbildung Mobilität in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung Sonstige Dimensionen der Internationalisierung im Elementar- und Schulbildungsbereich Sonstige Dimensionen der Internationalisierung in der Hochschulbildung Sonstige Dimensionen der Internationalisierung in der allgemeinen und beruflichen Erwachsenenbildung Bilaterale Übereinkommen und internationale Zusammenarbeit LAUFENDE REFORMEN UND POLITIKENTWICKLUNG Bildung in der Strategie Europa Strategischer Rahmen für die allgemeine und berufliche Bildung 2020 ( ET 2020 ) Verwirklichung von lebenslangem Lernen und Mobilität Verbesserung der Qualität und Effizienz der allgemeinen und beruflichen Bildung Förderung der Gerechtigkeit, des sozialen Zusammenhalts und des Bürgersinns Förderung von Innovation und Kreativität einschließlich unternehmerischen Denkens auf allen Ebenen der allgemeinen und beruflichen Bildung Sonstige wichtige nationale Reformen und Politikmaßnahmen 300 ANHANG Grundlegende Rechtsvorschriften 307 Institutionen 328 Literaturverzeichnis 341 Glossar
11 1. POLITISCHER, SOZIALER UND WIRTSCHAFTLICHER HINTERGRUND UND TRENDS 1.1. Einführung Die 1946 im Westen gebildeten Länder knüpften staatsrechtlich an den Föderalismus im Kaiserreich ( ) und in der Weimarer Republik ( ) an. Das Grundgesetz von 1949 (R1) bestimmt die Fortsetzung der traditionellen föderalen Ordnung insbesondere in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur. Die primäre Zuständigkeit für Gesetzgebung und Verwaltung in den genannten Bereichen, die sogenannte Kulturhoheit, liegt danach bei den Ländern. Der Föderalismus wird der historisch gewachsenen regionalen Struktur Deutschlands gerecht und ist ein Element der Gewaltenteilung und Garant für Vielfalt, Wettbewerb und Bürgernähe in einem demokratischen Staat. Neben dem Föderalismus ist der weltanschauliche und gesellschaftliche Pluralismus für das Bildungs- und Erziehungswesen in der Bundesrepublik Deutschland grundlegendes Prinzip. Entscheidend für eine vergleichbare Entwicklung des Bildungswesens in den Ländern nach 1945 war vor allem die Zusammenarbeit in der 1948 gegründeten Kultusministerkonferenz. Nach dem Einigungsvertrag von 1990 (R2) zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik hatten die fünf ostdeutschen Länder das Bildungswesen bis zum 30. Juni 1991 gesetzlich neu zu regeln. Auf der Grundlage des Ländereinführungsgesetzes vom Juli 1990 (R3) richteten die ostdeutschen Länder Kultus- und Wissenschaftsministerien ein, die im Dezember 1990 der Kultusministerkonferenz beitraten, um im Rahmen der Selbstkoordinierung der Länder eine gemeinsame und vergleichbare Grundstruktur im Bildungswesen herzustellen. Eine zentrale bildungspolitische Aufgabe seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten war die Neugestaltung des Schulwesens auf der Basis der einschlägigen Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz sowie die Reform des Hochschulwesens in den ostdeutschen Ländern. Nach der Verabschiedung der Schulgesetze durch die Landtage wurde mit Beginn des Schuljahres 1992/93 das gegliederte Schulwesen in den fünf ostdeutschen Ländern eingeführt. Für den Bereich der beruflichen Bildung erfolgte die Einführung des Ordnungsrahmens der Bundesrepublik für die Berufsbildung Berufsbildungsgesetz (R78), Handwerksordnung (R79), Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrpläne für die Berufsausbildung im dualen System bereits zum 1. August Damit wurde die Basis für den Reformprozess in der beruflichen Bildung geschaffen. Die Neugestaltung des Hochschulbereichs vollzog sich auf der Grundlage von Hochschulgesetzen der Länder, die sich an den Vorgaben des Hochschulrahmengesetzes (HRG R119) des Bundes orientierten. Im Bereich der Weiterbildung wurde in den ostdeutschen Ländern der notwendige Rahmen dafür geschaffen, dass das staatliche Monopol zugunsten eines marktwirtschaftlich orientierten Weiterbildungsangebotes verschiedener öffentlicher und freier Träger abgelöst werden konnte Historischer Überblick Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland 1945 in eine amerikanische, britische, sowjetische und französische Besatzungszone aufgeteilt und den vier Siegermächten unterstellt. Da sich die drei westlichen Besatzungsmächte mit der Sowjetunion nicht auf 11
12 eine gemeinsame staatliche Ordnung für Deutschland verständigen konnten, wurde auf dem Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen im Mai 1949 mit der Verabschiedung des Grundgesetzes (R1) die Bundesrepublik Deutschland als demokratischer und sozialer Bundesstaat gegründet. Auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone wurde im Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik (DDR) errichtet. Unter dem Einfluss der sowjetischen Militäradministration erfolgte die Abgrenzung der DDR vom Westen, die durch den Bau der Berliner Mauer im August 1961 noch verstärkt wurde. Im Herbst 1989 führten jedoch die Massenflucht von DDR-Bürgern nach Ungarn, in die Tschechoslowakei und nach Polen und die gewaltfreien Demonstrationen der Deutschen in der DDR zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), so dass im März 1990 die ersten freien und demokratischen Wahlen zur Volkskammer in der DDR stattfinden konnten. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 wurde die über 40 Jahre bestehende Teilung in zwei Staaten überwunden und die staatliche Einheit Deutschlands wiederhergestellt. Veränderungen in der Sowjetunion und Umwälzungen in den mittel- und osteuropäischen Staaten gehörten zu den außenpolitischen Voraussetzungen der deutschen Einheit. Die Bundesrepublik Deutschland besteht seit 1990 aus 16 Ländern: Baden- Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg- Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Die zehn westdeutschen Länder der Bundesrepublik wurden nach 1945 wieder gegründet oder neu geschaffen. In der Sowjetischen Besatzungszone (der späteren DDR) wurden 1945 wieder die Länder Brandenburg, Mecklenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gebildet. Dem geteilten Berlin kam ein rechtlicher Sonderstatus zu. Im Zuge der Schaffung einer zentralen gesamtstaatlichen Verwaltung löste die seit 1949 bestehende DDR die Länder 1952 auf und ersetzte sie durch 14 Bezirke. Nach der friedlichen Revolution in der DDR haben sich durch das Ländereinführungsgesetz (R3) vom Juli 1990 die fünf Länder wieder konstituiert. Mit der Herstellung der staatlichen Einheit Deutschlands wurde eine Angleichung der Verhältnisse in den ostdeutschen Ländern an die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in den westdeutschen Ländern der Bundesrepublik Deutschland eingeleitet. Zentrale Aufgaben der Politik im vereinten Deutschland zur Herstellung der inneren Einheit bleiben weiterhin u. a. die Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die mit der Hinterlassenschaft der sozialistischen Planwirtschaft der DDR verbunden sind. Grundlegende landeskundliche Informationen enthält die vom Auswärtigen Amt herausgegebene Veröffentlichung Tatsachen über Deutschland (www.tatsachen-ueber-deutschland.de). Für die Herstellung der Einheit Deutschlands in den Bereichen Kultur, Bildung und Wissenschaft enthält der zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR am 31. August 1990 geschlossene Einigungsvertrag (R2) grundlegende Bestimmungen, deren Ziel die Herstellung einer gemeinsamen und vergleichbaren Grundstruktur des Bildungswesens besonders im Bereich des Schulwesens und einer gemeinsamen, wenn auch differenzierten Hochschul- und Wissenschaftslandschaft in der Bundesrepublik Deutschland ist. 12
13 Die Parteienlandschaft hat sich seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Oktober 1990 dadurch gewandelt, dass sich nach der Wende im November 1989 in der DDR neue oder veränderte politische Formationen herausbildeten. Damit entstand in Deutschland ein erweitertes politisches Spektrum, wie es sich nach den sieben bisherigen gesamtdeutschen Wahlen im Deutschen Bundestag in der Sitzverteilung widerspiegelt: die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU), die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die Christlich Soziale Union (CSU), Bündnis 90/Die Grünen und die Partei Die Linke Wichtigste Organe der Legislative und Exekutive Verfassungsrechtliche Grundlagen Das Grundgesetz (R1), die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, wurde 1949 geschaffen, um dem staatlichen Leben in der Bundesrepublik Deutschland eine neue, freiheitliche demokratische Ordnung zu geben. Das Deutsche Volk wurde in der Präambel dazu aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Dieser Auftrag des Grundgesetzes wurde 1990 erfüllt. Auf der Grundlage des Einigungsvertrages (R2) vom 31. August 1990, der den Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zur Bundesrepublik regelt, wurden Präambel und Schlussartikel des Grundgesetzes neu gefasst. Der Verfassungstext dokumentiert nunmehr, dass das Deutsche Volk mit dem Beitritt der DDR seine Einheit wiedererlangt hat. Seit dem 3. Oktober 1990 gilt das Grundgesetz für das gesamte Deutsche Volk. Nach Artikel 20 des Grundgesetzes ist die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus. Sie wird vom Volk in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung (Legislative), der vollziehenden Gewalt (Exekutive) und der Rechtsprechung (Judikative) ausgeübt. Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden. Dies gilt für den Bund wie auch für die Länder. Die Ausübung der staatlichen Befugnisse und die Erfüllung der staatlichen Aufgaben sind nach dem Grundgesetz zwischen Bund und Ländern aufgeteilt, und zwar sind sie Sache der Länder, soweit das Grundgesetz keine andere Regelung trifft oder zulässt (Art. 30 Grundgesetz). Auf Bundesebene werden die legislativen Aufgaben im Wesentlichen vom Deutschen Bundestag und die exekutiven Aufgaben im Wesentlichen von der Bundesregierung wahrgenommen, auf der Ebene der Länder entsprechend von den Landesparlamenten und den Landesregierungen. Die Rechtsprechung wird durch das Bundesverfassungsgericht, durch weitere Bundesgerichte und durch die Gerichte der Länder ausgeübt (Art. 92 Grundgesetz). Das Bundesverfassungsgericht entscheidet insbesondere über die Auslegung des Grundgesetzes. Der Bundespräsident Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland ist der Bundespräsident. Er wird von der Bundesversammlung für eine Amtszeit von fünf Jahren gewählt (Art. 54 Grundgesetz). Die Bundesversammlung ist ein Verfassungsorgan, das nur für die Wahl des Bundespräsidenten zusammentritt. Es besteht aus den Abgeordneten des Bundestags sowie einer gleich großen Zahl von Delegierten, die von den Parlamenten der Länder gewählt 13
14 werden. Der Bundespräsident vertritt die Bundesrepublik Deutschland völkerrechtlich. Im Namen des Bundes schließt er Verträge mit ausländischen Staaten ab; die Außenpolitik selbst ist Angelegenheit der Bundesregierung. Der gegenwärtige Bundespräsident ist JOACHIM GAUCK, der das Amt im März 2012 übernommen hat. Der Bundestag Der Deutsche Bundestag ist die Volksvertretung der Bundesrepublik Deutschland. Nach den Wahlen zum Deutschen Bundestag im September 2013 hat er gegenwärtig 631 Mitglieder. Die Abgeordneten werden vom Volk aufgrund allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl für die Dauer einer Wahlperiode von vier Jahren gewählt (Art. 38 Grundgesetz). Die wichtigsten Aufgaben des Bundestages sind die Gesetzgebung, die Wahl des Bundeskanzlers und die Kontrolle der Regierung. Der Bundestag hat Ausschüsse für bestimmte Fachbereiche gebildet. Der für die Bereiche Bildung und Forschung zuständige Ausschuss des Bundestages ist der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Die meisten Gesetzentwürfe, die vom Bundestag verabschiedet werden, stammen von der Bundesregierung, der kleinere Teil wird aus der Mitte des Parlaments oder auch vom Bundesrat eingebracht. Der Bundesrat Der Bundesrat, die Vertretung der 16 Länder, wirkt bei der Gesetzgebung und bei der Verwaltung des Bundes sowie in Angelegenheiten der Europäischen Union mit (Art. 50 Grundgesetz). Den Bundesrat bilden Mitglieder der Landesregierungen. Je nach Einwohnerzahl haben die Länder zwischen drei und sechs Stimmen, die jedoch nur einheitlich abgegeben werden können. Jedes der 16 Länder verfügt über mindestens drei Stimmen, Länder mit mehr als zwei Millionen Einwohnern haben vier Stimmen, Länder mit mehr als sechs Millionen Einwohnern können fünf Stimmen, Länder mit mehr als sieben Millionen Einwohnern sechs Stimmen abgeben. Die 16 Länder verfügen gegenwärtig über 69 Stimmen. Ein großer Teil der Gesetze des Bundes bedarf der Zustimmung des Bundesrates. Zustimmungsbedürftig sind Gesetze vor allem dann, wenn wesentliche Interessen der Länder berührt werden, etwa wenn sie in die Finanzen oder in die Verwaltungshoheit der Länder eingreifen. Von den 16 ständigen Ausschüssen des Bundesrates sind für Fragen von Bildung und Wissenschaft vor allem der Ausschuss für Kulturfragen, der Ausschuss für Innere Angelegenheiten und der Ausschuss für Fragen der Europäischen Union zuständig. Für Eilfälle verfügt der Bundesrat über eine Europakammer, die kurzfristig Beschlüsse zu Rechtsetzungsvorhaben der EU fassen kann (Art. 52 Abs. 3a Grundgesetz). Die Mitwirkungsrechte der Länder in Angelegenheiten der Europäischen Union sind in Art. 23 Grundgesetz normiert und durch das 1993 erlassene Gesetz über die Zusammenarbeit von Bund und Ländern in Angelegenheiten der Europäischen Union (EUZBLG R10) näher konkretisiert. Die insoweit bestimmten Mitwirkungsrechte und -pflichten der Länder werden über den Bundesrat ausgeübt und richten sich in Art und Umfang nach der innerstaatlichen Zuständigkeitsverteilung zwischen Bund und Ländern. Wenn im Schwerpunkt ausschließliche Gesetzgebungsbefugnisse der Länder auf den Gebieten der schulischen Bildung, der Kultur oder des Rundfunks betroffen sind, wird die Wahrnehmung der Vertretungsrechte, die der Bundesrepublik Deutschland als Mitgliedstaat der Europäischen Union zustehen, vom Bund auf einen vom Bundesrat benannten Vertreter der Länder übertragen. 14
15 Die Bundesregierung Die Bundesregierung besteht aus dem Bundeskanzler und aus den Bundesministern. Der Bundeskanzler nimmt innerhalb der Bundesregierung und gegenüber den Bundesministern eine hervorgehobene Stellung ein. Er schlägt dem Bundespräsidenten die Ernennung und Entlassung der Minister vor (Art. 64 Grundgesetz) und leitet die Geschäfte der Bundesregierung. Die starke Stellung des Kanzlers beruht vor allem auf seiner Richtlinienkompetenz, die im Grundgesetz verankert ist: Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung (Art. 65 Grundgesetz). Die derzeitige Bundeskanzlerin ANGELA MERKEL (CDU) steht seit November 2005 an der Spitze der Bundesregierung. Nach den Wahlen zum Deutschen Bundestag im September 2013 wurde sie vom Parlament erneut für vier Jahre zur Bundeskanzlerin gewählt. Innerhalb der Bundesregierung nimmt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) u. a. Grundsatz-, Koordinierungs- und Gesetzgebungsaufgaben für die außerschulische berufliche Bildung und Weiterbildung, die Ausbildungsförderung sowie die Hochschulzulassung und die Hochschulabschlüsse wahr. Ferner nimmt das BMBF die Aufgaben des Bundes im Rahmen der Gemeinschaftsaufgaben (Art. 91b Grundgesetz) von Bund und Ländern wahr. Nähere Informationen zu den Zuständigkeiten des BMBF sind Kapitel 2.7. zu entnehmen. Daneben sind nach dem Stand von 2013 folgende Bundesministerien mit einzelnen Gebieten im Bereich von Bildung und Wissenschaft befasst: das Auswärtige Amt mit der auswärtigen Kulturpolitik einschließlich der Auslandsschulen das Bundesministerium des Innern mit der Gesetzgebungszuständigkeit für die Statusrechte und -pflichten der Landesbeamtinnen und -beamten, zu denen die meisten Lehrkräfte zählen das Bundesministerium der Justiz mit dem Recht der juristischen Berufe das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit Maßnahmen zur Arbeitsförderung und mit Arbeitsmarkt- und Berufsforschung das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit dem Bereich der Kinder- und Jugendhilfe das Bundesministerium für Gesundheit mit der Zulassung zum ärztlichen Beruf und anderen Heilberufen das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung mit der internationalen Weiterbildung und Entwicklung Das Bundesverfassungsgericht Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe wacht über die Einhaltung des Grundgesetzes. Es prüft Gesetze von Bund und Ländern auf ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz. Darüber hinaus hat jeder Bürger das Recht, eine Verfassungsbeschwerde einzulegen, wenn er sich durch den Staat in seinen Grundrechten verletzt fühlt. Staatsqualität der Länder im Bundesstaat Zu den wesentlichen Elementen des Grundgesetzes gehört neben den Prinzipien der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit das bundesstaatliche Prinzip (Art. 20 Abs. 1). Dabei ist Wesensmerkmal des Bundesstaates, dass sowohl der Gesamtstaat als auch die 15
16 Gliedstaaten bzw. Länder Staatsqualität besitzen. Zu den Kernelementen der Staatsqualität der Länder gehört nach der Verfassungsordnung des Grundgesetzes die sogenannte Kulturhoheit, d. h. die überwiegende Zuständigkeit für Bildung, Wissenschaft und Kultur, das Kernstück der Eigenstaatlichkeit der Länder. Dies bedeutet im Grundsatz die Eigenverantwortung jedes Landes für seine Bildungs- und Kulturpolitik mit der Maßgabe, dass die Länder entsprechend dem föderativen Prinzip für ihren Landesbereich historische, geographische, kulturelle und politisch-soziale Landesgegebenheiten und damit Vielfalt und Wettbewerb im Bildungswesen und im Bereich der Kultur zum Ausdruck bringen können. Auf der anderen Seite tragen die Länder im Bundesstaat zugleich Mitverantwortung für das Staatsganze, und diese staatliche Gesamtverantwortung berechtigt und verpflichtet sie zur Zusammenarbeit untereinander und zum Zusammenwirken mit dem Bund. Der Föderalismus steht in Deutschland in einer jahrhundertelangen Tradition. Im Rahmen der föderalen Ordnung bildeten sich unterschiedliche Modelle des staatlichen Zusammenschlusses heraus, wie sie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (bis 1806), im Deutschen Bund ( ), im Kaiserreich ( ) und in der Weimarer Republik ( ) zum Ausdruck kamen. Die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, die 1948/49 die Verfassungsordnung des Grundgesetzes ausarbeiteten, haben nicht nur in Fortführung einer staatsrechtlichen Tradition, sondern in bewusster Abkehr vom nationalsozialistischen Zentralstaat ( ) in der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland eine föderative Ordnung geschaffen und dabei insbesondere das Schulwesen wieder in die Kompetenz der Länder gegeben. Die föderative Ordnung ist ein unangreifbares Verfassungsprinzip, das der sogenannten Ewigkeitsklausel des Grundgesetzes (Art. 79 Abs. 3) unterliegt und daher selbst einer Verfassungsänderung entzogen ist. Soweit das Grundgesetz keine andere Regelung trifft oder zulässt, ist die Ausübung der staatlichen Befugnisse und die Erfüllung der staatlichen Aufgaben Sache der Länder (Art. 30). Die Länder haben jeweils eine eigene Landesverfassung, die den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaats im Sinne des Grundgesetzes entspricht (Art. 28). Die Verteilung der Gesetzgebungskompetenzen zwischen Bund und Ländern ist nach dem Grundgesetz so geregelt, dass die Länder das Recht der Gesetzgebung haben, soweit das Grundgesetz nicht dem Bund Gesetzgebungsbefugnisse verleiht (Art. 70). In die Zuständigkeit der Länder fällt damit die Gesetzgebung für den überwiegenden Teil des Bildungswesens und der Kulturpolitik. Die Verwaltung auf diesen Gebieten ist nahezu ausschließlich Angelegenheit der Länder. Neben den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur gibt es noch andere wichtige Bereiche, für die die Länder zuständig sind, insbesondere im Bereich der inneren Sicherheit/Polizei, im Kommunalwesen und bei der regionalen Strukturpolitik. Die Länder haben zur Koordinierung der Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung und Erziehung, Hochschulen und Forschung sowie kulturelle Angelegenheiten 1948 die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder (Kultusministerkonferenz KMK) gegründet, in der sie seither zusammenarbeiten (zum besonderen Stellenwert der Kultusministerkonferenz siehe Kapitel 2.7.). Auch für die übrigen Zuständigkeitsbereiche haben die Länder Fachministerkonferenzen eingerichtet, z. B. die Innenministerkonferenz und die Wirtschaftsministerkonferenz. 16
17 Die kommunale Selbstverwaltung Die kommunale Selbstverwaltung als Ausdruck der Bürgerfreiheit hat in Deutschland seit dem Mittelalter Tradition. Das Selbstverwaltungsrecht der Gemeinden und Gemeindeverbände, das im Grundgesetz verankert ist (Art. 28), umfasst die Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft, so die Unterhaltung der Gemeindestraßen und der kommunalen Einrichtungen sowie den öffentlichen Nahverkehr im kommunalen Bereich und die städtebauliche Planung. Hinzu kommen weitere Bereiche der Daseinsvorsorge wie der Bau und die Unterhaltung von Kindertageseinrichtungen, Schulen, Theatern und Museen, Krankenhäusern, Sportstätten und Bädern. Die Gemeinden bzw. die kommunalen Gebietskörperschaften sind auch für die Erwachsenenbildung und Jugendpflege zuständig und tragen den größten Anteil zu den öffentlichen Ausgaben für die Kulturförderung und Kulturpflege bei. Zur Erfüllung ihrer Aufgaben erhalten die Gemeinden u. a. einen Anteil aus der Einkommenssteuer sowie der Umsatzsteuer und haben das Recht, eigene Steuern und Abgaben zu erheben (Grund- und Gewerbesteuer, Verbrauchs- und Aufwandssteuern) Bevölkerung: Demographische Lage, Sprachen und Religionen Demographische Lage Verwaltungsgliederung Regional und verwaltungsmäßig ist Deutschland nach dem Stand vom 31. Dezember 2011 in 16 Länder (darunter drei Stadtstaaten), 22 Regierungsbezirke, 402 Kreise (davon 107 kreisfreie Städte und 295 Landkreise) und Gemeinden gegliedert. Als Gemeinden werden auch die Stadtstaaten Berlin, Bremen (zwei Gemeinden) und Hamburg sowie alle kreisfreien Städte und bewohnten gemeindefreien Gebiete gezählt. In einigen Ländern bestehen darüber hinaus Gemeindeverbände. Hierbei handelt es sich um einen freiwilligen Zusammenschluss von Gemeinden unter Beibehaltung ihrer Rechte. Bevölkerungsstruktur Die Bevölkerungsstruktur wird im Wesentlichen durch die großen Bevölkerungsbewegungen und -verschiebungen der Nachkriegszeit bestimmt. Rund 12 Millionen deutsche Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostprovinzen und Osteuropa lebten Ende 1950 in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Im Herbst 1950 waren die Zwangsumsiedlungen im Wesentlichen abgeschlossen. Nach diesem Zeitpunkt kamen von 1950 bis 1995 überwiegend aus osteuropäischen Staaten noch ca. 3,5 Millionen Aussiedler mit deutscher Staatsangehörigkeit oder deutscher Volkszugehörigkeit in das frühere Bundesgebiet bzw. ab Oktober 1990 nach Deutschland. Bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 und der hermetischen Abriegelung der innerdeutschen Grenze durch die DDR kamen von dort ca. 2,7 Millionen Flüchtlinge und Übersiedler; ca Übersiedler zählten die Behörden der Bundesrepublik zwischen 1961 und verließen noch einmal ca Einwohner die DDR. Ein weiterer Faktor in der Entwicklung der Bevölkerungsstruktur ist die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer. Ihre Zahl betrug 2011 mehr als 6,9 Millionen, was einer Quote von knapp 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Die zahlenmäßig größte Gruppe stellten die Türken mit 23 Prozent der ausländischen Bevölkerung. Aus den Mitgliedstaaten der EU stammte 2011 mehr als ein Drittel der Ausländer (37,5 %), 17
18 darunter waren die Italiener mit 7,5 Prozent der gesamten ausländischen Bevölkerung am stärksten vertreten. Siedlungsstruktur Seit der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands umfasst das Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland insgesamt etwa km 2. Im Jahr 2011 lebten in Deutschland knapp 82 Millionen Menschen. Mit einer Bevölkerungsdichte von 229 Einwohnern pro km 2 im Jahr 2011 ist Deutschland einer der am dichtesten besiedelten Staaten Europas. Die Bevölkerung ist räumlich sehr unterschiedlich verteilt. Am dichtesten besiedelt sind die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. In Nordrhein-Westfalen, wo im Industriegebiet an Rhein und Ruhr die Städte ohne deutliche Abgrenzung ineinander übergehen, lebten 2011 knapp 17,9 Millionen Menschen bei einer Bevölkerungsdichte von 523 Einwohnern pro km 2. Weitere Ballungsgebiete sind das Rhein-Main-Gebiet, die Industrieregion im Rhein-Neckar-Raum, das Wirtschaftsgebiet um Stuttgart sowie die Einzugsbereiche von Bremen, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig, München und Nürnberg/Fürth. Diesen dicht bevölkerten Regionen stehen sehr schwach besiedelte Gebiete gegenüber, z. B. in der Norddeutschen Tiefebene, in Teilen der Mittelgebirge, der Mark Brandenburg und in Mecklenburg-Vorpommern. Der Westen Deutschlands ist wesentlich dichter besiedelt als der Osten einschließlich Berlins. Dort lebten 2011 auf rund 30 Prozent der Fläche nur knapp 20 Prozent der Bevölkerung, weniger als in Nordrhein-Westfalen auf knapp 10 Prozent der Fläche Deutschlands. Im Jahr 2010 lebte knapp die Hälfte der Bevölkerung in städtischen bzw. dicht besiedelten Gebieten (Gemeinden mit mindestens Einwohnerinnen und Einwohnern bei einer Bevölkerungsdichte von mehr als 500 Einwohnern pro km 2 ). In halbstädtischen bzw. mitteldicht besiedelten Gebieten (Gemeinden mit mindestens Einwohnerinnen und Einwohnern bei einer Bevölkerungsdichte von 100 bis 500 Einwohnern pro km 2 ) lebten knapp 30 Millionen Menschen. Dies entspricht 35,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Rund 12 Millionen Menschen lebten in Gemeinden in ländlichen Gebieten mit einer Bevölkerungsdichte von weniger als 100 Einwohnern pro km 2. Dies entspricht knapp 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Geburtenentwicklung Deutschland ist wie die Mehrzahl der westlichen Industrienationen durch eine niedrige Geburtenrate und entsprechend geringe Zahl an Kindern gekennzeichnet. Der entscheidende Rückgang der Geburtenrate vollzog sich von Mitte der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre. In den ostdeutschen Ländern wurden Geburten registriert. In den westdeutschen Ländern lag die jährliche Geburtenzahl 2011 bei In Berlin wurden Geburten gezählt. Die absolute Zahl der Geburten in Deutschland lag im Jahr 2011 bei Damit hat eine Abnahme der Geburtenzahl gegenüber dem Jahr 2010 um mehr als Geburten stattgefunden. 18
19 Altersstruktur Die Altersstruktur der Bevölkerung Deutschlands ist im Begriff, sich nachhaltig zu verändern. Ursächlich hierfür ist neben der rückläufigen Kinderzahl die steigende Lebenserwartung. Die Folge ist ein Rückgang des Anteils junger Menschen bei gleichzeitiger Zunahme des Anteils der älteren Menschen. Im Jahr 2011 waren knapp 15 Millionen Einwohner jünger als 20 Jahre. Dies entspricht einem Anteil von 18,2 Prozent. Der Anteil der 60-jährigen und Älteren stieg seit 1970 von 20,0 Prozent auf 26,6 Prozent im Jahr Ihre Zahl belief sich auf knapp 21,8 Millionen und war damit 2011 größer als die der Jüngeren. Die Bevölkerung nach Altersgruppen im Alter von...bis unter... 0 bis bis bis bis bis bis bis und älter Insgesamt Quelle: Statistisches Bundesamt Grenzüberschreitende Wanderungen zwischen Deutschland und dem Ausland Trotz der niedrigen Geburtenzahlen ist die Bevölkerung seit 1970 insgesamt um 4 Mio. gewachsen. Ursache sind die Wanderungen: Seit 1970 wanderten etwa 6,5 Mio. Menschen mehr nach Deutschland ein, als von Deutschland auswanderten. Im Jahr 2011 zogen Menschen aus dem Ausland zu, verließen Deutschland. Dies ergibt einen Wanderungsüberschuss von Menschen. Im Durchschnitt von 1991 bis 1996 betrug der Wanderungsüberschuss Deutschlands jährlich knapp Über drei Viertel der Zuwanderer kamen 2011 aus Europa, von diesen wiederum mehr als 80 Prozent aus Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Amtssprachen und Minderheitensprachen Für Verwaltung und Justiz ist die Verwendung der deutschen Sprache als Amtssprache und Gerichtssprache gesetzlich geregelt. Die beiden wichtigsten Bestimmungen finden sich im Verwaltungsverfahrensgesetz ( 23 VwVfG R5) und im Gerichtsverfassungsgesetz ( 184 GVG R4). Sonderregelungen bestehen in Brandenburg und Sachsen für den Gebrauch der sorbischen (wendischen) Sprache. Im Bildungsbereich gibt es keine entsprechenden rechtlichen Bestimmungen für die Unterrichtssprache. An den allgemeinbildenden Schulen, im beruflichen Schulwesen und an den Hochschulen ist die deutsche Sprache grundsätzlich die Unterrichtssprache. 19
20 Zu den Ausnahmen im Schulbereich gehören neben einer Reihe von Schulen in freier Trägerschaft alle bilingualen Schulen und Klassen, ferner der muttersprachliche Unterricht und Ergänzungsunterricht für Schülerinnen und Schüler nicht-deutscher Muttersprache. Deutschland ist 1998 der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen des Europarates beigetreten und wendet diesen Vertrag auf das Dänische, Friesische, Sorbische, Romanes und Niederdeutsche an. Die Kinder der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein können anstelle der öffentlichen allgemeinbildenden Schulen Ersatzschulen in freier Trägerschaft besuchen, wenn diese in ihren Bildungsund Erziehungszielen im Wesentlichen den im schleswig-holsteinischen Schulgesetz (R114) vorgesehenen Schularten entsprechen. Der Unterricht in diesen Schulen wird auf Dänisch erteilt, Deutsch ist in der Regel ab Jahrgangsstufe 2 Pflichtfach. Die Eltern können frei entscheiden, ob ihre Kinder Schulen der dänischen Minderheit besuchen sollen. Die Erziehungsberechtigten müssen bei der örtlich zuständigen öffentlichen Grundschule lediglich die Aufnahme ihres Kindes an einer Schule der dänischen Minderheit nachweisen und es damit vom Schulbesuch der öffentlichen Schule abmelden. Insbesondere Kinder mit sorbischer Volkszugehörigkeit im Siedlungsgebiet der Sorben in Brandenburg und Sachsen haben die Möglichkeit, an sorbischen und anderen Schulen die sorbische Sprache zu erlernen und in festzulegenden Fächern sowie Klassen- und Jahrgangsstufen in sorbischer Sprache unterrichtet zu werden. Alle Schulen in Sachsen und die Schulen im Siedlungsgebiet der Sorben in Brandenburg vermitteln darüber hinaus Grundkenntnisse der Geschichte und Kultur der Sorben. Die Eltern können frei entscheiden, ob ihre Kinder die sorbischen Schulen besuchen, in denen Sorbisch Pflichtfach und teilweise auch Unterrichtssprache ist. Des Weiteren finden das Romanes der deutschen Sinti und Roma sowie in den norddeutschen Ländern das Friesische und Niederdeutsche in unterschiedlicher Form Berücksichtigung an Schulen, Hochschulen und in der Erwachsenenbildung. Für den Hochschulbereich gilt ebenfalls, dass die Lehrveranstaltungen in der Regel in deutscher Sprache abgehalten werden. Wenn es der Zielsetzung des Studiengangs entspricht, können einzelne Lehrveranstaltungen auch in einer Fremdsprache durchgeführt werden. Die Hochschulen machen von dieser Möglichkeit zunehmend Gebrauch. Dies gilt insbesondere für international ausgerichtete Studiengänge, die in der Regel eine Fremdsprache als Lehr- und Arbeitssprache vorsehen, wobei in erster Linie Englisch in Betracht kommt. Unterstützt wird diese Entwicklung durch die zunehmende Internationalisierung der Hochschulen und den Bologna-Prozess zur Schaffung eines Europäischen Hochschulraumes. Nähere Informationen zu international ausgerichteten Studiengängen sind Kapitel zu entnehmen. Religionen Das Grundgesetz (R1) garantiert die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses; die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet (Art. 4). In der Bundesrepublik Deutschland gibt es keine Staatskirche, vielmehr werden die Rechte der Religionsgesellschaften oder Religionsgemeinschaften durch das Grundgesetz (Art. 140) garantiert. Ihr Verhältnis als Religionsgemeinschaften zum Staat ist in den Bestimmungen der Weimarer Verfassung (Art und 141) von 1919, die Bestandteil des Grundgesetzes sind, festgelegt und durch das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat gekennzeichnet; den Religionsgemeinschaften werden dabei von Sei- 20
21 ten des Staates bestimmte Aufgaben und Rechte zuerkannt (z. B. die Erhebung von Kirchensteuern). Die Religionsgemeinschaften haben den Status von selbständigen öffentlich-rechtlichen Körperschaften oder können ihn auf ihren Antrag erhalten, wenn sie durch ihre Verfassung und die Zahl ihrer Mitglieder die Gewähr der Dauer bieten (Art. 137 Abs. 5 der Weimarer Verfassung). Im Jahr 2011 waren 24,5 Millionen Menschen römisch-katholisch, die evangelische Kirche in Deutschland hatte 23,6 Millionen Mitglieder (jeweils knapp ein Drittel der Bevölkerung). Weitere Religionsgemeinschaften sind z. B. die Freikirchen und die griechisch-orthodoxe Kirche sowie die jüdischen Gemeinden. Durch die Anwesenheit zahlreicher Personen mit Migrationshintergrund leben in der Bundesrepublik heute etwa 4 Millionen Muslime, die größte Gruppe davon sind Türken. Der Religionsunterricht ist nach dem Grundgesetz an den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Wie im Grundgesetz ausgeführt, wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt (Art. 7 Abs. 3). Die Vorschriften des Grundgesetzes zum Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach finden jedoch in Bremen, Brandenburg und Berlin keine Anwendung, da in diesen Ländern am 1. Januar 1949, d. h. vor Verabschiedung des Grundgesetzes, bereits durch Landesrecht andere Regelungen getroffen worden waren (Art. 141). In etwa der Hälfte der Länder gibt es Angebote für Schülerinnen und Schüler jüdischer, orthodoxer und anderer Bekenntnisse. Religionskundliche Aspekte des Islam werden gegenwärtig in einzelnen Ländern vermittelt, zum Beispiel im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts. Überwiegend im Rahmen von Schulversuchen und Modellversuchen wird in einzelnen Ländern auch islamischer Religionsunterricht in deutscher Sprache angeboten. Dabei handelte es sich jedoch bisher nicht um staatlichen Religionsunterricht im Sinne von Artikel 7 Absatz 3 Grundgesetz, da islamische Organisationen nicht als Religionsgemeinschaften im Sinne des Grundgesetzes anerkannt wurden. Im August 2012 hat Nordrhein-Westfalen als erstes Land islamischen Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach eingeführt. Niedersachsen hat den islamischen Religionsunterricht zum 1. August 2013 eingeführt. Die Stelle islamischer Religionsgemeinschaften im Sinne des Grundgesetzes nimmt dabei in beiden Ländern übergangsweise ein Beirat ein, der die Anliegen und Interessen der islamischen Organisationen bei der Einführung und Durchführung des Religionsunterrichts als ordentliches Unterrichtsfach vertritt. In Hessen soll vom Schuljahr 2013/2014 an islamischer Religionsunterricht als ordentliches Unterrichtsfach eingerichtet werden. Das Hessische Kultusministerium hat festgestellt, dass zwei islamische Organisationen die Voraussetzungen nach Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz vollständig erfüllen und somit einen Anspruch auf die Einrichtung eines Religionsunterrichts für ihr jeweiliges Bekenntnis haben. Über die Teilnahme des Kindes am Religionsunterricht bestimmen nach Artikel 7 Absatz 2 des Grundgesetzes die Eltern. Nach dem Gesetz über die religiöse Kindererziehung (R11) bedarf eine Entscheidung der Eltern vom zwölften Lebensjahr an der Zustimmung des Kindes. Nach Vollendung des 14. Lebensjahres steht dem Kind selbst die Entscheidung über die Teilnahme am Religionsunterricht zu, soweit das Landesrecht keine andere Regelung vorsieht. Für Schülerinnen und Schüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, ist in den meisten Ländern Ethik als ordentliches Unterrichtsfach eingerichtet. Ziel des Ethikunterrichts ist die Vermittlung einer ethischen Grundbildung und die Befähigung der Schülerinnen und Schüler zu begründeter 21
Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland 2008 Darstellung der Kompetenzen, Strukturen und bildungspolitischen Entwicklungen für den Informationsaustausch in Europa Herausgeber: Sekretariat der