Source: http://m.hensche.de/Detektivkosten_Erstattung_von_Detektivkosten_Verdacht_BAG_8AZR1026-12.html
Timestamp: 2018-05-23 12:57:25
Document Index: 33335560

Matched Legal Cases: ['§ 249', '§ 249', '§ 249', '§ 619', '§ 241', '§ 619']

HENSCHE Arbeitsrecht: Erstattung von Detektivkosten auf Verdacht?
Er­stat­tung von De­tek­tiv­kos­ten auf Ver­dacht?
Auch wenn dem Ar­beit­neh­mer mit ei­ner De­tek­tei nur ein drin­gen­der Ver­dacht "nach­zu­wei­sen" ist, kann er zur Kos­ten­er­stat­tung ver­pflich­tet sein: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.9.2013, 8 AZR 1026/12
14.03.2014. Wer wäh­rend ei­ner Krank­schrei­bung putz­mun­ter an­stren­gen­de Ar­bei­ten ver­rich­tet, muss mit Be­trugs­vor­wür­fen und ei­ner frist­lo­sen Kün­di­gung rech­nen.
Au­ßer­dem ste­hen dann oft De­tek­tiv­kos­ten im Raum: Denn um ei­nem Ar­beit­neh­mer nach­zu­wei­sen, dass er sich sei­ne Krank­schrei­bung er­schli­chen hat, d.h. tat­säch­lich ar­beits­fä­hig war, oder dass er sich zu­min­dest ge­ne­sungs­wid­rig ver­hal­ten hat, schal­ten Ar­beit­ge­ber oft De­tek­tei­en ein.
Nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung muss­ten Ar­beit­neh­mer De­tek­tiv­kos­ten nur tra­gen, wenn ih­nen da­durch ein Pflicht­ver­stoß be­wie­sen wer­den konn­te. Nach ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) soll ein drin­gen­der Tat­ver­dacht ge­nü­gen: BAG, Ur­teil vom 26.09.2013, 8 AZR 1026/12.
Wann sind Detektivkosten Teil des Schadens, der bei schuldhafter Schadensverursachung auszugleichen ist?
Wer ei­nen an­de­ren schädigt und da­her zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist, hat gemäß § 249 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) den Zu­stand her­zu­stel­len, der be­ste­hen würde, wenn der zum Er­satz ver­pflich­ten­de Um­stand nicht ein­ge­tre­ten wäre. Die­se Vor­schrift ist auf den nor­ma­len "kau­sa­len" Ab­lauf gemünzt: Erst kommt die schädi­gen­de Ver­hal­tens­wei­se, die Scha­den­ver­ur­sa­chung durch den Schädi­ger, und später tritt der Scha­den ein, den der Schädi­ger aus­glei­chen muss.
Wenn der Ar­beit­ge­ber aber zu­erst ei­nen De­tek­tiv be­auf­tragt und da­durch, d.h. im wei­te­ren zeit­li­chen Ver­lauf, den Ar­beit­neh­mer ei­ner Pflicht­ver­let­zung überführen kann, passt § 249 BGB nicht recht. Denn den Vermögens­nach­teil durch den De­tek­tiv­auf­trag hat der Ar­beit­neh­mer nicht ver­ur­sacht, und zwar auch dann nicht, wenn ihm der De­tek­tiv später als Er­geb­nis der Ob­ser­va­ti­on ei­nen Pflicht­ver­s­toß nach­wei­sen kann. Hier legt § 249 BGB es na­he zu sa­gen, dass die De­tek­tiv­kos­ten Teil der all­ge­mei­nen Über­wa­chungs- und da­mit der Be­triebs­kos­ten des Ar­beit­ge­bers sind, die er eben selbst zu tra­gen hat.
Trotz­dem sagt die Recht­spre­chung schon seit lan­gen Jah­ren, dass Ar­beit­neh­mer zur De­tek­tiv­kos­ten­er­stat­tung ver­pflich­tet sind, al­ler­dings nur dann, wenn sie ei­nen fort­ge­setz­ten bzw. gleich­ar­ti­gen Pflicht­ver­s­toß be­ge­hen und ih­nen die­ser Pflicht­ver­s­toß mit Hil­fe des De­tek­tivs nach­ge­wie­sen wer­den kann.
Kon­kret be­steht nach bis­he­ri­ger Recht­spre­chung ei­ne Pflicht des Ar­beit­neh­mers zur Er­stat­tung von De­tek­tiv­kos­ten nur,
wenn der Ar­beit­ge­ber we­gen ei­nes zur Zeit der Be­auf­tra­gung be­ste­hen­den kon­kre­ten Tat­ver­dachts ei­nen De­tek­tiv be­auf­tragt,
wenn der Ar­beit­neh­mer durch den De­tek­tiv ei­ner vorsätz­li­chen Pflicht­ver­let­zung überführt wird, und
wenn der Be­auf­tra­gung des De­tek­tivs nötig war, um (wei­te­re) Schäden zu ver­hin­dern.
In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat das BAG die­se An­for­de­run­gen er­heb­lich auf­ge­weicht und die Pflicht zur Kos­ten­er­stat­tung da­mit ge­genüber sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung auf Fälle er­wei­tert, in de­nen bis­her kei­ne Kos­ten­er­stat­tung möglich war.
Der Fall des BAG: Busfahrer mit angeblicher Entzündung der Schultergelenkkapsel trägt Getränkekisten im Bistro des Schwiegervaters
Im Streit­fall hat­te sich ein langjährig beschäftig­ter Bus­fah­rer im­mer er­neut krank­schrei­ben las­sen, war je­doch trotz mehr­fa­cher Auf­for­de­run­gen sei­nes Ar­beit­ge­bers nicht zum me­di­zi­ni­schen Dienst ge­gan­gen.
Der Ar­beit­ge­ber wur­de miss­trau­isch und en­ga­gier­te ein De­tek­tivbüro. Der De­tek­tiv be­ob­ach­te­te den krank­ge­schrie­be­nen Bus­fah­rer da­bei, wie er im Bis­tro sei­nes Schwie­ger­va­ters Ge­tränke­kis­ten trug und ei­nen Zaun um die Bis­tro­ter­ras­se mon­tier­te. Außer­dem spiel­te er stun­den­lang bis spät in die Nacht mit dem De­tek­tiv Ame­ri­can Dart und trank da­bei tüch­tig.
Der Ar­beit­ge­ber sprach dar­auf­hin ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­lo­se Kündi­gung aus, die er mit dem Vor­wurf be­gründe­te, der Bus­fah­rer hätte die Krank­schrei­bung durch falsch An­ga­ben er­schwin­delt und die Krank­heit da­her vor­getäuscht. Soll­te ei­ne Krank­heit vor­ge­le­gen ha­ben, hätte sich der Bus­fah­rer ge­ne­sungs­wid­rig ver­hal­ten. Hilfs­wei­se stütz­te der Ar­beit­ge­ber die Kündi­gung auf den Ver­dacht die­ser Pflicht­ver­let­zun­gen.
Der Bus­fah­rer er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge, die vom Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main ab­ge­wie­sen wur­de (Ur­teil vom 21.02.2011, 2 Ca 3494/10). Auch in der Be­ru­fung vor dem Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) hat­te er kei­nen Er­folg, denn das LAG er­hob durch Zeu­gen­ein­ver­nah­me des Haus­arz­tes und durch Sach­verständi­gen­gut­ach­ten Be­weis über die strei­ti­ge Fra­ge, ob der Bus­fah­rer an ei­ner aku­ten Entzündung ei­ner Schul­ter­ge­lenk­kap­sel litt, und das war nicht der Fall (Hes­si­sches LAG, Ur­teil vom 02.10.2012, 18 Sa 492/11).
Doch ob­wohl ei­ne Entzündung des Schul­ter­ge­lenks durch die Be­weis­auf­nah­me de­fi­ni­tiv aus­ge­schlos­sen wer­den konn­te, blieb die (sehr un­wahr­schein­li­che) Möglich­keit be­ste­hen, dass der Bus­fah­rer auf­grund der Ein­nah­me ei­nes Mor­phin­de­ri­vats fahr­untüch­tig ge­we­sen sein könn­te. Da­her kam das LAG zu dem Er­geb­nis, dass die frist­lo­se Kündi­gung (nur) we­gen des drin­gen­den Ver­dachts der Vortäuschung ei­ner Ar­beits­unfähig­keit ge­recht­fer­tigt war, d.h. den Tat­vor­wurf sah es nicht als hun­dert­pro­zen­tig er­wie­sen an.
Trotz­dem seg­ne­te das LAG die Ver­ur­tei­lung des Bus­fah­rers zur Er­stat­tung von 1.000,00 EUR De­tek­tiv­kos­ten an den Ar­beit­ge­ber ab. Denn, so das LAG: Auch ein Ver­hal­ten, das zu ei­nem schwer­wie­gen­den und er­heb­li­chen Ver­dacht führt und für sich be­trach­tet be­reits pflicht­wid­rig ist, kann ei­nen An­spruch auf Er­stat­tung von De­tek­tiv­kos­ten nach sich zie­hen. Und hier im Streit­fall, so das LAG, war das Ver­hal­ten des Bus­fah­rers "zu­min­dest ge­ne­sungs­wid­rig".
BAG: Liefert der Detektiv Verdachtsmomente für eine Verdachtskündigung und ist das verdächtige Verhalten des Arbeitnehmers rücksichtslos und schuldhaft, muss der die Detektivkosten erstatten
Das BAG hob die Ent­schei­dung des LAG auf, da es den vom LAG er­ho­be­nen Vor­wurf des ge­ne­sungs­wid­ri­gen Ver­hal­tens zu­recht als wi­dersprüchlich an­sah:
Denn nach­dem das LAG selbst ei­ne krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit auf­grund ei­ner Schul­ter­ge­lenks­entzündung nach Be­weis­auf­nah­me aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen hat­te (ei­ne sol­che Er­kran­kung lag de­fi­ni­tiv nicht vor), konn­te es die zur De­tek­tiv­kos­ten­er­stat­tung führen­de Pflicht­ver­let­zung nicht da­mit be­gründen, dass sich der Bus­fah­rer ge­ne­sungs­wid­rig ver­hal­ten hat­te: Wo kei­ne Krank­heit, da kei­ne Pflicht zum ge­ne­sungsförder­li­chen Ver­hal­ten.
Da­her hob das BAG die Ver­ur­tei­lung des Bus­fah­rers zur Er­stat­tung der 1.000,00 EUR De­tek­tiv­kos­ten auf und ver­wies den Rechts­streit an das LAG zurück (die Kündi­gungs­schutz­kla­ge war in­zwi­schen rechts­kräftig ab­ge­wie­sen, d.h. pro Ar­beit­ge­ber ent­schie­den wor­den).
Al­ler­dings kommt, so das BAG, ei­ne Pflicht zur Er­stat­tung von De­tek­tiv­kos­ten auch dann in Be­tracht, wenn der De­tek­tiv nur Ver­dachts­mo­men­te be­le­gen kann, d.h. Hilfs­tat­sa­chen, auf die ei­ne Ver­dachtskündi­gung gestützt wer­den kann. In die­sem Punkt gab das BAG dem LAG aus­drück­lich recht. Denn, so die Er­fur­ter Rich­ter:
"Es kommt in­so­weit nicht dar­auf an, ob sich der Kläger ge­sund­heits- oder ge­ne­sungs­wid­rig ver­hal­ten hat, son­dern dar­auf, ob er sich vorsätz­lich so ver­hal­ten hat, dass nach all­ge­mei­ner Le­bens­er­fah­rung der Schluss ge­zo­gen wer­den muss, er sei nicht ar­beits­unfähig."
"Das Lan­des­ar­beits­ge­richt wird da­her bezüglich der De­tek­tiv­kos­ten zu prüfen ha­ben, ob für sei­ne Ent­schei­dung über die Kündi­gung maßgeb­li­che Hilfs­tat­sa­chen auf die Ob­ser­va­ti­on durch das De­tek­tivbüro (...) zurück­zuführen sind. Das setzt vor­aus, dass ein Ver­hal­ten des Klägers be­ob­ach­tet wur­de, das in ei­ner vom Kläger zu ver­tre­ten­den Art und Wei­se (§ 619a BGB) die Rück­sicht auf die In­ter­es­sen der Be­klag­ten (§ 241 Abs.2 BGB) der­art ver­mis­sen ließ, dass es den Ver­dacht ei­nes Be­trugs zu Las­ten der Be­klag­ten (mit-)be­gründe­te."
Das heißt im Er­geb­nis, dass künf­tig ein pflicht­wid­ri­ges (?) und schuld­haf­tes (?) Sich-verdäch­tig-ma­chen dafür aus­rei­chen soll, den Ar­beit­neh­mer zur Er­stat­tung der Kos­ten für ei­nen De­tek­tiv­ein­satz zu ver­pflich­ten, falls der De­tek­tiv­ein­satz Tat­sa­chen be­legt, auf die der Ar­beit­ge­ber ei­ne späte­re Ver­dachtskündi­gung stützen kann. Dass der Ar­beit­neh­mer auf­grund des De­tek­tiv­ein­sat­zes ei­ner Pflicht­ver­let­zung überführt wer­den kann, soll künf­tig nicht mehr er­for­der­lich sein.
Im­mer­hin weist das BAG auf § 619a BGB hin. Nach die­ser Vor­schrift muss der Ar­beit­ge­ber, wenn er den Ar­beit­neh­mer in die Haf­tung nimmt, nicht nur ei­nen ob­jek­ti­ven Pflicht­ver­s­toß des Ar­beit­neh­mers be­le­gen (der dann wie­der­um nach­wei­sen mag, dass er den Pflicht­ver­s­toß schuld­los be­gan­gen hat), son­dern er muss dem Ar­beit­neh­mer außer­dem nach­wei­sen, dass er den Pflicht­ver­s­toß schuld­haft, d.h. vorsätz­lich oder fahrlässig be­gan­gen hat.
Fa­zit: Das Ur­teil des BAG ist nicht über­zeu­gend. Es gibt kei­ne Pflicht, sich nicht verdäch­tig zu ma­chen. Das zeigt der vor­lie­gen­de Fall: Dem Bus­fah­rer konn­te ge­ra­de kein Be­trug in Form des Täuschens über ei­ne nicht ge­ge­be­ne Ar­beits­unfähig­keit nach­ge­wie­sen wer­den, weil er sich auf die (wenn auch sehr un­wahr­schein­li­che) Ein­nah­me ei­nes Mor­phin­de­ri­vats be­ru­fen hat­te.
Da­her war er eben ge­ra­de kein "Blau­ma­cher", son­dern des Blau­ma­chens nur drin­gend verdäch­tig. Folg­lich wa­ren die durch den De­tek­tiv­ein­satz be­wie­se­nen Ver­hal­tens­wei­sen al­le­samt nicht pflicht­wid­rig, ge­schwei­ge denn schuld­haft. Ins­be­son­de­re wa­ren die an­stren­gen­den Tätig­kei­ten des Bus­fah­rers nicht ge­ne­sungs­wid­rig, weil ob­jek­tiv kei­ne Schul­ter­entzündung vor­lag. Auch wenn das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers aus Sicht des Ar­beit­ge­bers und der mit dem Fall be­fass­ten Rich­ter ex­trem dreist war, genügt das nicht, um ihm die De­tek­tiv­kos­ten auf­zu­er­le­gen.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 26.09.2013, 8 AZR 1026/12
Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 02.10.2012, 18 Sa 492/11
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/112 De­tek­tiv­kos­ten: Scha­dens­er­satz­an­spruch des Ar­beit­ge­bers