Source: https://www.grin.com/document/452054
Timestamp: 2019-02-23 10:58:20
Document Index: 79401472

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 67', '§ 67', '§ 2', '§ 2', '§ 63', '§ 80', '§ 63', '§ 63', '§ 63', '§ 64', '§ 6', '§ 64', '§ 64', '§ 83', '§ 83', '§ 83', '§ 83', '§ 64', '§ 64', '§ 31', '§ 4', '§ 4', '§ 50', '§ 4', '§ 110']

Auswirkungen der MiFID 2 auf die Vergütung der Anlageberatung zu ... | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
Auswirkungen der MiFID 2 auf die Vergütung der Anlageberatung zu Kapitalanlagen und die Folgen eines möglichen Provisionsverbots in Deutschland
2.1. Einführung und Begriff der Anlageberatung
2.2. Aufsichtsrechtliche Grundlagen und inhaltliche Anforderungen
2.3. Zivilrechtliche Grundlagen und inhaltliche Anforderungen
2.3.1. Anlegergerechte Beratung
2.3.2. Objektgerechte Beratung
2.4. Merkmale einer qualitativ hochwertigen Beratung
2.5. Abgrenzung der Anlageberatung zu anderen Wertpapierdienstleistungen ”
2.5.1. Anlagevermittlung
2.5.2. Finanzportfolioverwaltung
2.5.3. Reines Ausführungsgeschäft
3. Interessen der beteiligten Parteien bei der Anlageberatung
3.2. Anleger
3.3. Anlageberater
3.4. Emittent
3.5. Phasen der Anlageberatung
3.6. Vergütungsmodelle für Anlageberatung in Deutschland
3.6.1. Provisionsbasierte Beratung
3.6.2. Flonorar-Anlageberatung
4. Auswirkung der MİFID II auf die Vergütung der Anlageberatung
4.2. Zweck und Inhalt der MIFID II
4.2.1. Aufzeichnungspflicht
4.2.2. Interessenkonflikt
4.2.3. Product Governance
4.2.4. Beratung
4.3. Auswirkungen auf die Vergütung der Anlageberatung
4.4. Mögliches Provisionsverbot in Deutschland
5.1. Ergebniszusammenfassung
Abbildung 1. Anlageberatungsprozess aus Sicht des Anlegersl
Um die Folgen der Finanzmarktkrise 2007/2008 abzufedern, wurden Finanzunternehmen und Großkonzerne, die zu wichtig waren, verstaatlicht oder aber mit Milliardenhilfen gerettet - ihre Minderheit ging insolvent. Anleger wurden größtenteils mit ihren Verlusten im stich gelassen. Aus diesem Grund waren viele Anleger verschreckt und verloren das Vertrauen in Banken, Wertpapierdienstleistungsunternehmen und Anlageberater. Sie investierten ihr Geld nicht mehr in Aktien, Fonds oder andere Finanzprodukte.1 Um das Vertrauen wieder aufzubauen und die Finanzmärkte stärker, sicherer und anlegerfreundlicher zu gestalten, wurde von der Europäischen Union der Entschluss gefasst, die Finanzmarktrichtline (engl. Markets in Financial Instruments Directive (MİFID)) neu aufzulegen. Daraus folgte die MİFID II, die am 12. Juni 2014 im europäischen Amtsblatt veröffentlicht wurde.2
Die neue Richtlinie soll zwar dem Anlegerschutz dienen, bringt aber einen hohen rechtlichen Mehraufwand für die Wertpapierdienstleistungsunternehmen mit sich. Diese sind dazu verpflichtet unter anderem alle Kosten, die für den Anleger entstehen, detailliert aufzuzeigen.3 Durch die Offenlegung aller Kosten und den zeitlichen, bürokratischen und rechtlichen Mehraufwand stellen sich folgende Fragen: Welche Auswirkungen hat die MİFID II auf die Vergütung der Anlageberatung? Und besteht die Möglichkeit, dass aufgrund der Verschärfung des Anlegerschutzes ein Provisionsverbot in Deutschland eingeführt werden könnte? Verbraucherschützer fordern dies schon länger, da durch hohe Provisionen ein Fehlanreiz für Anlageberater entstehen würde.4
Zielsetzung dieser Arbeit ist es, die eben dargestellte Fragestellung zu beantworten. Außerdem soll sie dem Leser ein Grundverständnis über die Anlageberatung, deren Vergütung sowie die neuen Richtlinien in Deutschland vermitteln.
Zunächst soll dem Leser in Kapitel 2 ein Verständnis davon vermittelt werden, worum es sich bei Anlageberatung handelt, welche Merkmale eine qualitativ hochwertige Beratung haben sollte und wie die Anlageberatung zu anderen Wertpapierdienstleistungen abzugrenzen ist. In Kapitel 3 werden unter anderem die Interessen der Anleger, Anlageberater und Emittenten untersucht und wie eine Anlageberatung aufgebaut sein sollte bzw. wie der gegenwärtige Ablauf ist. Zum Ende des 3 Kapitels werden die verschiedenen Vergütungsmodelle in Deutschland betrachtet, die wiederum Grundlage für Kapitel 4 sind.
Hauptteil dieser Arbeit ist das vierte Kapitel. Dieses untersucht die Auswirkungen der neuen Finanzmarktrichtline auf die Vergütung der Anlageberatung. Zudem wird ein mögliches Provisionsverbot, das die neuen Richtlinien ggf. mit sich bringen, betrachtet und die möglichen Folgen für Deutschland berücksichtigt. Als Vergleich dient hier Großbritannien, wo bereits seit Anfang 2013 ein Provisionsverbot für Beratungen zu Anlageprodukten und kapitalansparenden Versicherungen gilt.5
Abschließend entlässt Kapitel 5 den Leser mit einer Ergebniszusammenfassung sowie einem Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der Anlageberatung und deren Vergütung.
2.Anlageberatung
Im folgenden Kapitel wird zunächst auf die Definition der Anlageberatung eingegangen. Anschließend wird die aufsichtsrechtliche und zivilrechtliche Gestaltung betrachten. Im Kapitel 2.4 wird auf die Merkmale einer qualitativ hochwertigen Beratung eingegangen, um zu zeigen, auf was zu achten ist, damit sichergestellt werden kann, dass die Anleger qualitativ hochwertig beraten werden. Im letzten Kapitel wird die Abgrenzung der Anlageberatung zu anderen Wertpapierdienstleistungen betrachtet.
Im KWG (Kreditwesengesetz) wird unter § 1 Abs. 1a Satz 2 Nr. 1a der Begriff ״Anlageberatung“ wie folgt definiert: ״Abgabe von persönlichen Empfehlungen an Kunden oder deren Vertreter, die sich auf Geschäfte mit bestimmten Finanzinstrumenten beziehen, sofern die Empfehlung auf eine Prüfung der persönlichen Umstände des Anlegers gestützt oder als für ihn geeignet dargestellt wird und nicht ausschließlich über Informationsverbreitungskanäle oder für die Öffentlichkeit bekannt gegeben wird (Anlageberatung)“6. Kurz gesagt, der Anlageberater soll den Anleger bei der Erstellung einer Anlagestrategie unterstützen, indem er auf die persönlichen Ziele und Wünsche des Anlegers eingeht und ihm konkrete Anlagevorschläge mit an die Hand gibt.7
Wenn in dieser Arbeit von ״Anleger“ die Rede ist, sind das natürliche Personen, also Privatanleger, die keine professionellen Anleger gern. § 67 Abs. 3 WpHG sind. Professionelle Kunden sind nach § 67 Abs. 2: WpHG Wertpapierdienstleistungsunternehmen, sonstige zugelassene oder beaufsichtigte Finanzinstitute, Versicherungsunternehmen, Organismen für gemeinsame Anlagen und ihre Verwaltungsgesellschaften, Pensionsfonds und ihre Verwaltungsgesellschaften, Börsenhändler und Warenderivatehändler sowie andere institutionelle Anleger, die nicht vorher genannt wurden und im Inland oder Ausland zulassungs- oder aufsichtspflichtig sind.
Um den Begriff ״Anlageberatung“ auch rechtlich verstehen zu können, kann dieser in zwei Begrifflichkeiten unterteilt werden: Zum einen in aufsichtsrechtliche Anforderungen und zum andern in zivilrechtliche Anforderungen.
Unter aufsichtsrechtlichen Anforderungen ist die ausdrückliche Anlageempfehlung von ausgewählten Finanzinstrumenten gern. § 2 Abs. 4 WpHG durch den Anlageberater zu verstehen. Darunter fallen Wertpapiere, Geldmarktinstrumente, Derivate sowie das Recht auf Zeichnung von Wertpapieren. Diese müssen den Kenntnissen, Erfahrungen, Interessen und Zielen des Anlegers entsprechen, um diesem eine passende Anlageentscheidung zu ermöglichen.8 Bei den zivilrechtlichen Anforderungen handelt es sich überwiegend um das Vertragsrecht, sowie die Qualität einer Beratung, also um die Empfehlung und die Aufklärung eines Finanzprodukts und die damit einhergehenden Chancen und Risiken.9 Diese beiden Punkte werden in Kapitel 2.2 sowie 2.3 genauer erörtert.
Prägend für eine Anlageberatung ist das Zusammenspiel von bestehenden Fakten, über die der Anlageberater den Anleger aufzuklären hat, und die persönliche Anlageempfehlung, die gemäß dem Bond-Urteil von 1993 anleger- und objektgerecht sein muss.10 Unter anlegergerechter Anlageberatung wird die Aufklärung über die allgemeinen (z.B. Konjunkturlage, Entwicklung des Börsenmarktes) sowie die speziellen Risiken (Kurs-, Zins-, Währungs-, und ggf. Insolvenzrisiko), die spezifisch für das Finanzprodukt sind, verstanden. Unter objektgerechter Anlageberatung wird die sorgfältige, verständliche und vollständige Aufklärung des Anlegers verstanden. Dieser muss über alle relevanten Inhalte für das Anlagegeschäft informiert werden. Dies wären Z.B. Aktien, die Anteile eines Unternehmens darstellen, Staatsanleihen, die Kredite für den jeweiligen Staat sind, oder Exchange Traded Funds, die börsengehandelte Indexfonds sind, über diese und andere konkrete Risiken des Geschäfts ist aufzuklären, sofern der Anleger noch keine grundlegenden Kenntnisse darüber hat.11 Des Weiteren gibt der Anlageberater Prognosen ab, die durch eine subjektive Einschätzung der zukünftigen Entwicklung sowie auf Grundlage von Daten und Fakten des Kapitalmarktes getroffen werden, überdies spricht der Anlageberater Empfehlungen aus {״Um eine ״Empfehlung“ handelt es sich, wenn dem Anleger zu einer bestimmten Handlung als in seinem Interesse liegend geraten w/rď12 ). Wichtig ist, dass es nicht bei einer ״Empfehlung“ bleibt, sondern ein konkreter Handlungsvorschlag gemacht wird.13
Die Anlageberatung ist aufsichtsrechtlich erst seit dem 01.11.2007 im KWG14 sowie als eigenständige Wertpapierdienstleistung im WpHG § 2 Abs. 8 geregelt. Zuständig ist hierfür die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht), die unter Berücksichtigung von Gesetzen, Rechtsverordnungen, Allgemeinverfügungen, Vorschriften, Verordnungen und Richtlinien der Europäischen Union darauf achtet, dass alle genannten Punkte eingehalten und bei Verstößen Maßnahmen eingeleitet werden.15
Der Anlageberater bzw. das WpDU (Wertpapierdienstleistungsunternehmen) ist verpflichtet, die sogenannten ״Wohlverhaltenspflichten“ nach §§ 63 WpHG einzuhalten. Demnach muss der Anlageberater die Interessen des Anlegers wahren und dafür Sorge tragen, dass die Interessen beider Parteien sich nicht überschneiden. Dies kann beispielsweise eintreten, wenn dem Anlageberater horrende Vergütungen für bestimmte Produkte geboten werde.16 Wenn diese sogenannten Interessenkonflikte sich nicht durch angemessene Organisationsmaßnahmen gern. § 80 Abs. 1 Nr. 2 WpHG, wie Z.B. die Einrichtung einer Compliance-Abteilung, verhindern lassen, ist der Anlageberater bzw. das WpDU dazu angehalten, den Anleger gewissenhaft, eindeutig und nicht irreführend nach § 63 Abs. 6 WpHG aufzuklären.
Sobald der Anleger sein Interesse für gewisse Finanzprodukte gezeigt hat, ist das WpDU dazu verpflichtet, ihm rechtzeitig und in verständlicher Form alle Informationen mit Bezug auf das WpDU und die angebotenen Dienstleistungen, die Arten von Finanzprodukten und vorgeschlagenen Anlagestrategien einschließlich damit verbundener Risiken, Ausführungsplätze sowie Kosten und Nebenkosten zur Verfügung zu stellen (vgl. § 63 Abs. 7 WpHG). Bis hierhin hat noch keine eigene Anlageberatung stattgefunden. Sobald dies der Fall ist, sind dem Anleger vor Abschluss eines Geschäfts und für jedes Finanzprodukt, das beraten und für das eine Kaufempfehlung ausgesprochen wurde, Basisinformationsblätter sowie verständliche Informationsblätter, für die kein Basisinformationsblatt gern, der Verordnung (EU) Nr. 1286/2014 benötigt wird, zur Verfügung zu stellen (vgl. § 63 Abs. 7 s. 1 und 2 WpFIG). Diese Informationen dienen dazu, dass sich der Anleger ordentlich über die Art der angebotenen Finanzprodukte und die damit verbundenen Risiken informiert und auf dieser Grundlage eine konkrete Anlageentscheidung treffen kann.17
Informationen sind nicht nur an den Anleger weiterzugeben, sondern auch einzuholen. Dies wird durch die Anfertigung der sogenannten Geeignetheitserklärung nach § 64 Abs. 3 WpFIG sichergestellt. Sie beinhaltet folgende Aspekte:
-Kenntnissen und Erfahrungen, die der Anleger bereits bei anderen Wertpapierdienstleistungen gesammelt hat. Darunter fallen die Art der Dienstleistungen und Finanzprodukte, die FHäufigkeit und derZeitraum der zurückliegenden Geschäfte sowie die Ausbildung und der aktuelle Beruf des Anlegers gern. § 6 Abs. 2 WpDVerOV.
-Anlageziele sind typischerweise Rendite, Liquidität und Sicherheit, die auch ״magisches Dreieck“ genannt werden.18 Sie stehen in einer ständigen Wechselwirkung zueinander, über die der Anleger aufzuklären ist.19 Um die Anlageziele erfragen zu können, werden standardisierte Fragen gestellt - i.d.R. durch einen Fragen katalog. Wenn kein klares Ziel durch diese Fragen herausgefiltert werden kann, bietet es sich an, individuelle Fragen zu stellen.20
-Risikobereitschaft wird in Risikoklassen ausgedrückt, in die sich der Anleger einstuft bzw. ermittelt der Anlageberater diese durch gezielte Fragen. Die Ermittlung ist von großer Bedeutung, da der Anlageberater nur Produkte empfehlen bzw. beraten darf, die in die ermittelte Risikoklasse fallen. Auch wenn der Anleger ein gewisses Fachwissen mitbringt, ist der Anlageberater dazu verpflichtet, die Risikoklasse zu ermitteln.21 Der Anleger kann i.d.R. in fünf verschiedene Risikoklassen eingestuft werden, für die verschiedene Anlagen infrage kommen (die tatsächliche Anzahl und Bezeichnung variiert zwischen den verschiedenen WpDU): 1. Sicherheitsorientiert: Anlage in Tages-, Termin-, Festgeld- und Euro-Geldmarktfonds. 2. Konservativ: Passend sind hier bspw. Euro-Anleihen und Rentenfonds. 3. Ertragsorientiert: Flier kommen deutsche Aktien, Aktienfonds und bspw. Mischfonds in Betracht. 4. Spekulativ: Können deutsche und ausländische Aktien/Aktienfonds, Währungsanleihen und Zertifikate sein. 5. Sehr spekulativ: Darunter fallen bspw. ausländische Aktien-Nebenwerte und Derivate.22
-Anlagedauer kann entweder durch die Angabe von Jahren erfolgen oder durch die Bezeichnungen ״kurzfristig“ (die Kapitalanlage hat eine Laufzeit von maximal einem Jahr), ״mittelfristig“ (die Kapitalanlage hat eine Laufzeit von 1 bis 5 Jahren) oder ״langfristig“ (die Kapitalanlage hat eine Laufzeit von über 5 Jahren).23
-Anlagezweck kann konkret (neues Auto) oder vage (Altersvorsorge) sein.24
-Finanzielle und persönliche Verhältnisse dienen der Ermittlung der persönlichen Risikotragfähigkeit. Darunter fallen Flöhe des regelmäßigen Einkommens bzw. der finanziellen Verpflichtungen, vorhandene Vermögenswerte (Barvermögen, Kapitalanlagen und Immobilen), Alter, Familienstand und Anzahl der unterhaltsbedürftigen Kinder.25
Diese oben genannten Angaben sind erforderlich, damit der Anlageberater dem Anleger geeignete Finanzprodukte oder Wertpapierdienstleistungen empfehlen kann. Ob eine Empfehlung für den Anleger geeignet ist, beurteilt sich danach, dass die Anlageziele dem Anleger entsprechen, die Anlagerisiken mit den Anlagezielen und finanziellen Verhältnissen vereinbar sind, die Kenntnisse und Erfahrungen für das empfohlene Finanzprodukt ausreichen und die Anlagerisiken verstanden wurden (vgl. § 64 Abs. 3 WpFIG). Flandelt es sich um einen ״professionellen Kunden“ (für die Begriffserklärung siehe Kapitel 2.1), ist lediglich das Anlageziel von Bedeutung und die restlichen Punkte entfallen.
Durch die oben erläuterten Wohlverhaltenspflichten ist der Anleger inhaltlich ״abgesichert“, hat aber bisher noch keinen konkreten Anspruch auf eine Anlageberatung. Dies wird im Zivilrecht, das keine Legaldefinition der Anlageberatung enthält, sowie im Aufsichtsrecht26 festgehalten und erfolgt i.d.R. durch einen Anlageberatungsvertrag27.
Der Anlageberatungsvertrag wird meistens stillschweigend durch die Aufnahme eines Beratungsgespräches abgeschlossen. Der Vertrag kommt dann zustande, wenn die Beratung für den Anleger von erheblicher Bedeutung ist, als Grundlage für Vermögensgegenstände dient, der Anlageberater eine bestimmte Qualifikation vorweisen kann und ein eigenes wirtschaftliches Interesse hat.28 Es macht keinen Unterschied, ob der Anlageberater an den Anleger herantritt oder umgekehrt.29 In welcher Form der Anlageberatungsvertrag wirksam wird, sei es mündlich, schriftlich, telefonisch oder elektronisch, ist nicht vorgeschrieben. Es empfiehlt sich dennoch, den Vertrag in Schriftform festzuhalten, damit die Beweispflicht gegeben ist. In der Praxis ist dies auch meistens der Fall.30
Bei den zivilrechtlichen Pflichten des Anlageberaters sind zwei Begriffe aus dem ״Bond-Urteil“ prägend: anleger- und objektgerechte Anlageberatung.31 Um eine anleger- und objektgerechte Anlageberatung gewährleisten zu können, ist der Anlageberater dazu verpflichtet, alle Informationen richtig, vollständig, wahrheitsgemäß sowie in verständlicher Art und Weise zu vermitteln.32 2.3.1. Anlegergerechte Beratung
In der Anlageberatung erteilt der Anlageberater nur Vorschläge und Empfehlungen, die endgültige Entscheidung liegt beim Anleger. In der anlegergerechten Beratung soll der Anleger darauf vorbereitet werden, seine Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen. Dazu muss er seine Entscheidungen richtig einschätzen und tragen können. Daher ist die Aufklärung über Chancen und Risiken essentiell.33 Eine Beratung kann demnach nicht formelhaft erfolgen, sondern richtet sich nach den Kenntnissen und Erfahrungen, Anlagezielen, finanziellen und persönlichen Verhältnissen sowie den Risikopräferenzen des Anlegers.34 Diese zivilrechtliche Exploration des Anlegers lässt sich mit dem § 64 Abs. 3 WpHG gleichsetzen.
Die genannten Anlegerangaben sind gern. § 83 WpHG ordnungsgemäß zu dokumentieren und mindestens fünf Jahre aufzubewahren (vgl. § 83 Abs. 8 WpHG). Die Dokumentation kann bspw. durch die Geeignetheitserklärung, bei persönlichen Gesprächen oder bei telefonischer Beratung durch die zusätzliche Aufzeichnung des Gesprächs nach § 83 Abs. 3 und 6 WpHG erfolgen.
Die Geeignetheitserklärung ist zwar von aufsichtsrechtlicher Natur, gehört aber durch die anlegergerechte Beratung auch zum Zivilrecht.35 Die Dokumentation bzw. Aufzeichnung hat folgende Angaben gern. § 83 Abs. 3 WpHG zu enthalten: Anlass der Beratung, Dauer des Beratungsgesprächs, alle Informationen und Angaben des Anlegers, die Grundlage für die Beratung waren (Kenntnisse und Erfahrungen, Anlageziel etc.), Finanzprodukte und Wertpapierdienstleistungen, die in der Beratung angesprochen wurden, die wesentlichen Anliegen und deren Gewichtungen sowie die vom Anlageberater ausgesprochenen Empfehlungen und deren wesentlichen Gründe.
Sobald alle Angaben dokumentiert wurden, ist die Geeignetheitserklärung dem Anleger unverzüglich, nach Abschluss der Anlageberatung und vor Abschluss eines Anlagegeschäfts, auszuhändigen. Falls der Anleger bspw. telefonisch beraten wurde und ihm die Geeignetheitserklärung nicht unverzüglich zur Verfügung gestellt werden kann, muss sie ihm per Post zugestellt werden. Zudem muss ihm ein Rücktrittsrecht eingeräumt werden, da die Erklärung ggf. nicht richtig oder nicht vollständig sein könnte. Der Anleger muss auf das Rücktrittsrecht und die Frist hingewiesen werden (vgl. § 64 Abs. 4 WpFIG).
Nachdem die Dokumentation der Anlegerangaben abgeschlossen und die Geeignetheitserklärung ausgehändigt wurde, sind die Auswahl, Bewertung und Empfehlung eines oder mehrerer geeigneter Finanzprodukte durchzuführen. Die Vorstellung der ausgewählten Finanzprodukte richtet sich, wie bereits beschrieben, nach den Angaben aus der Geeignetheitserklärung. Alle Empfehlungen müssen im Voraus betrachtet vertretbar sein.36 Welche Finanzprodukte dem Anleger empfohlen werden, ist dem Anlageberater überlassen. Er kann sich auf haus-, konzern- oder institutsgruppeneigene Produkte beschränken, solange er der anlegergerechten Beratung nachkommt, sich am Interesse des Anlegers und nicht an möglichst hohen Provisionen orientiert.37 Dieser Grundsatz der anlegergerechten Beratung lässt sich mit dem Begriff ״suitability-Doktrin“ gleichsetzen, der aus dem US-amerikanischen Recht stammt. Erfasst Regeln und Rechtsprinzipien zusammen, die besagen, dass die Empfehlung von ungeeigneten Finanzprodukten verboten ist. Dem Anleger soll es möglich sein, sich voll auf den Anlageberater zu verlassen und keine fragwürdigen Finanzprodukte empfohlen zu bekommen, die auf Umsatz- und Provisionsmaximierung abzielen. Es gilt das Prinzip ״know-your-customer“.38
Neben der anlegergerechten Beratung gehört auch die objektgerechte Beratung zu den Hauptpflichten einer Beratung. Hier steht das Finanzprodukt im Mittelpunkt. Der Anlageberater ist beim Beratungsgespräch dazu verpflichtet, wahrheitsgemäß auf alle Umstände und Faktoren einzugehen, die für einen wirtschaftlichen Erfolg von Bedeutung sind. Alle Informationen, die der Anleger über das gewählte Finanzprodukt erhält, sind die spätere Grundlage für seine eigenverantwortliche Anlageentscheidung, die er nur dann treffen kann, wenn er ausreichend über die Eigenschaften und die Risiken des Finanzprodukts informiert ist. Die weitergegebenen Informationen müssen immer auf dem neusten Stand sein.39 Kann der Anlageberater dies nicht gewährleisten, so muss er es offenlegen und verdeutlichen, dass eine Informationslücke vorliegt. Weist er nicht darauf hin, verletzt er seine Beratungspflicht. Wenn der Hinweis erfolgt, obliegt es beim Anleger, ob das Anlagegeschäft trotz unzureichender Informationsgrundlage fortgesetzt wird oder nicht.40
Bei der Beratung sind unter anderem die allgemeinen Chancen und Risiken, wie Markt- und Branchenentwicklung und die objektbezogenen Chancen und Risiken, wie Kurs-, Zins- und Währungsrisiko bei Wertpapieren, aufzuzeigen. Es muss dabei nicht auf jedes Risiko eingegangen werden, nur auf die, mit denen wirklich zu rechnen ist. Des Weiteren ist die Aufklärung über rechtliche und gesetzliche Bedenken zu beachten. Sei es die rechtliche Absicherung eines Anlagemodells oder bestimmte Gesetzesänderungen, die Auswirkungen auf das Objekt mit sich bringen. Der Anlageberater muss sich hier aber nur auf geklärte Rechtsfragen beziehen.41
Die Aufklärung über das Finanzprodukt muss nicht mündlich oder schriftlich erfolgen, sondern kann auch durch einen Prospekt, Flyer oder ein Produktinformationsblatt geschehen. Dieser muss dem Anleger rechtzeitig vor der Anlageentscheidung zugestellt werden, damit er sich mit dem Inhalt intensiv beschäftigen kann. Dabei kann davon ausgegangen werden, dass der Anleger den Prospekt gewissenhaft studiert.42 Der Prospekt hat alle Informationen, die für eine objektgerechte Beratung notwendig sind, wahrheitsgemäß, sachlich richtig, vollständig und verständlich zu vermitteln. Beispielsweise müssen Fachbegriffe oder Erläuterungen für einen ״Laien“ klar und verständlich sein.43 Neben den Aufklärungspflichten zum Finanzprodukt ist der Anlageberater dazu verpflichtet, den Anleger ggf. über eine besondere Verbindung zu einem Finanzprodukt (der Anlageberater hat ein gewisses Eigeninteresse, da er bspw. beim Emittenten (Emittenten sind Fierausgeber von Wertpapieren44 ) investiert ist und sich die Beteiligung bei Zuwachs von Neuanlegern positiv auswirkt) oder die Bindung an Informationsmaterial (der Anlageberater verwendet nur Daten und Fakten, die ihm vom Emittenten zur Verfügung gestellt worden sind) aufzuklären.45
Von einer Aufklärung kann dann abgesehen werden, wenn der Anleger über ausreichende Kenntnisse und Erfahrungen über das gewählte Finanzprodukt verfügt. Auch wenn der Anleger eine Aufklärung ablehnt oder glaubwürdig klar macht, er sei erfahren, kann auf diese verzichtet werden, da es nicht die Aufgabe des Anlageberaters ist, den Anleger vor sich selbst zu schützen.46
Was könnte eine qualitativ hochwertige Beratung ausmachen? Grundlage einer Beratung sollte der Anleger selbst, bzw. seine Ziele und Bedürfnisse sein. Zudem sollte der Anlageberater folgende Punkte einhalten:
1. ״die Wünsche und Bedürfnisse seines (potenziellen) Kunden erfragen,
2.dem Kunden objektive Informationen über das Versicherungsprodukt mitteilen,
3.sicherstellen, dass jeder angebotene Vertrag den Wünschen und Bedürfnissen des Kunden entspricht,
4.falls eine Beratung über die Abfrage der Wünsche und Bedürfnisse hinaus erfolgt, dem Kunden eine persönliche Empfehlung geben. “47
Die Beratung sollte zu den oben genannten Punkten transparent und nachvollziehbar sein.48 Um beurteilen zu können, welches Finanzprodukt zu den Zielen und Bedürfnissen des Anlegers passt, muss der Anlageberater die Geeignetheitserklärung nach § 64 Abs. 3 WpHG durchführen (siehe dazu auch Kapitel 2.2.). Mit den aus der Prüfung erhaltenen Angaben kann der Anlageberater ein geeignetes Anlegerprofil erstellen. Die Auswahl sollte mehrere Finanzprodukte enthalten, die den Wünschen des Anlegers nachkommen.49 Die ausgewählten Finanzprodukte müssen dann vom Anlageberater gern, der ״objektgerechten Beratung“ erklärt bzw. in Schriftform an ihn ausgehändigt werden. Nachdem der Anlageberater die erforderlichen Informationen erhalten und passende Finanzprodukte vorgestellt hat, muss er die Geeignetheitserklärung erstellen. Diese Erklärung soll dem Anleger ermöglichen, das Gespräch Revue passieren zu lassen um eine zutreffende Anlageentscheidung zu treffen. Flier sollte der Anlageberater nicht darauf bestehen, dass das Anlagegeschäft sofort abgeschlossen wird, sondern dem Anleger Zeit geben, alles genau zu prüfen.50
In der Beratung sollten gewisse Informationen regelmäßig abgefragt werden. D.h. eine gute Anlageberatung endet nicht nach Geschäftsabschluss, sondern sollte sich übereinen längeren Zeitraum erstrecken. Es ist wünschenswert, dass sich der Anlageberater in einem besprochenen Tonus mit dem Anleger zusammensetzt, um Kenntnisse und Erfahrungen, finanzielle Verhältnisse und
1 Vgl. O.V., Finanz- und Wirtschaftskrise, https://www.lpb-bw.de/finanz_und_wirtschaftskrise.html.
2 Vgl. BaFin, Marktabfrage zu MİFID II, 2016.
3 Vgl. O.V., Mehraufwand, https://www.finanzmarktregulierung-umsetzen.de/thema/mifid-ii.html.
4 Vgl. Wenig, M., Provisionsverbot, 2018,
https://www.versicherungsbote.de/id/4864281/Verbraucherzentrale-Provisionsverbot-BaFin/.
5 Vgl. O.V., Wirkung des Provisionsverbots, https://www.vzbv.de/sites/default/files/downloads/2017/04/20/hintergrundpapier_wirkung_des_pr ovisionsverbots.pdf.
6 Bafin, Gemeinsames Informationsblatt zum Tatbestand der Anlageberatung, 2017, s. 1.
7 Vgl. Hackethal, A., et al., Messung des Kundennutzens der Anlageberatung, 2011, s. 17.
8 Vgl. Bafin, Gemeinsames Informationsblatt zum Tatbestand der Anlageberatung, 2017, s. 1.
9 Vgl. Jakob, R./Nickel, H., Praxis der modernen Anlageberatung, 2013, s. 23.
10 Vgl. Jakob, R./Nickel, H., Praxis der modernen Anlageberatung, 2013, s. 23.
11 Vgl. Nickel, H., Anlageberatung am Finanzplatz Deutschland, 2018, s. 83.
12 Bafin, Gemeinsames Informationsblatt zum Tatbestand der Anlageberatung, 2017, s. 1.
13 Vgl. Bafin, Gemeinsames Informationsblatt zum Tatbestand der Anlageberatung, 2017, s. 1.
14 Vgl. Bafin, Gemeinsames Informationsblatt zum neuen Tatbestand der Anlageberatung, 2007, s. 1.
15 Vgl. Nickel, H., Anlageberatung am Finanzplatz Deutschland, 2018, s. 3.
16 Vgl. Koller, I., WpHG, 2009, § 31 RdNr. 9.
17 Vgl. Jakob, R./Nickel, H., Praxis der modernen Anlageberatung, 2013, s. 157.
18 Vgl. Nobbe, G. /Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 11.
19 Vgl. Nobbe, G. / Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 98.
20 Vgl. Nobbe, G. /Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 11, 99.
21 Vgl. Nobbe, G. /Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 11, 102-103.
22 Vgl. O.V., Risikoklassen, https://www.verbraucherzentrale- niedersachsen.de/themen/finanzen/geldanlage/geldanlageprodukte-einteilung-risikoklassen.
23 Vgl. O.V., Anlagedauer, https://www.bezahlen.de/lexikon/anlagedauer_189.html.
24 Vgl. Nobbe, G./Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 100.
25 Vgl. Nobbe, G. / Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 96.
26 Vgl. Nobbe, G. / Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 67-68.
27 Vgl. Nobbe, G. / Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 84.
28 Vgl. Assmann, H. / Schütze, R, Hdb. KapitaIR, 2007, § 4 RdNr. 10.
29 Vgl. Assmann, H. / Schütze, R, Hdb. KapitaIR, 2007, § 4 RdNr. 11.
30 Vgl. Bamberger, H. G., Hb zum Bankrecht, 2009, § 50 RdNr. 24.
31 Vgl. O.V., Bond-Urteil, http://bankrecht-rechtsanwalt.com/bankrecht-glossar/bond-urteil/.
32 Vgl. Edelmann, H./von Heymann, E., Hdb. KapitaIR, 2007, § 4 RdNr. 18.
33 Vgl. Hannöver, M., Bankrecht, 2007, § 110 RdNr. 35.
34 Vgl. Nobbe, G./Zahrte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 86.
35 Vgl. Hackethal, A., et al., Messung des Kundennutzens der Anlageberatung, 2011, s. 83-84.
36 Vgl. Nobbe, G ./Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 119.
37 Vgl. Nobbe, G./Zahrte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 122.
38 Vgl. Brandt, M., Aufklärungs- und Beratungspflichten, 2002, s. lOOf.
39 Vgl. Brandt, M., Aufklärungs- und Beratungspflichten, 2002, s. 92.
40 Vgl. Brandt, M., Aufklärungs- und Beratungspflichten, 2002, s. 96.
41 Vgl. Spiegelberg, L, Beratung, Organisation und Vertragsgestaltung, 2017, s. 125f.
42 Vgl. Nobbe, G ./Zährte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 147,205.
43 Vgl. Spiegelberg, L, Beratung, Organisation und Vertragsgestaltung, 2017, s. 126.
44 Vgl. O.V., Emittent, http://boersenlexikon.faz.net/definition/Emittent/.
45 Vgl. Nobbe, G./Zahrte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 150-151.
46 Vgl. Nobbe, G./Zahrte, K., MünchKomm, 2014, RdNr. 275.
47 Teichler, M./Rottenbacher, F., IDD, 2018, s. 20.
48 Vgl. O.V., Verbraucherschutz, https://s3.kleine-anfragen.cle/ka-procl/bw/15/5673.pclf.
49 Vgl. O.V., Eine gute Anlageberatung, https://www.wallstreet-online.de/ratgeber/finanzen-steuern-versicherung/anlagen-und-investitionen/eine-gute-anlageberatung-hilft-dem-engagierten-an leger.
50 Vgl. BaFin, Anlageberatung, 2015, https://www.bafin.de/DE/Verbraucher/GeldanlageWertpapiere/Anlageberatung/anlageberatung_artikel.html.
Bachelor of Arts Robin Maass (Autor)
V452054
9783668849471
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Bachelor of Arts Robin Maass (Autor), 2018, Auswirkungen der MiFID 2 auf die Vergütung der Anlageberatung zu Kapitalanlagen und die Folgen eines möglichen Provisionsverbots in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/452054