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Timestamp: 2020-06-03 11:52:37
Document Index: 132351193

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 8', '§31', '§ 45', '§ 45', '§ 8']

Gewaltpräventive Arbeit mit Jugendlichen und Familien / Schroer-Hippel, Miriam - intranda GmbH
Gewaltpräventive Arbeit mit Jugendlichen und Familien / Schroer-Hippel, Miriam
Konzepte - Befunde - Handlungsansätze : Abschlussbericht der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention (2013–2018) / Herausgeberin: Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Berlin. Landeskommission gegen Gewalt
Berlin: Landeskommission Berlin gegen Gewalt, 2018 - 2018
Heft 1-Heft 5
Berliner Forum Gewaltprävention ; Nr. 64
B 956 Gesundheit. Soziales: Programme der Jugendhilfe und -förderung
Kws 35 Kinder. Jugend: Jugendgewalt Kws 738 Kommunale Sicherheit: Prävention
Gewaltpräventive Arbeit mit Jugendlichen und Familien / Miriam Schroer-Hippel
Datum des Herunterladens: 08.02.2019
Kws 738 Kommunale Sicherheit: Prävention
urn:nbn:de:kobv:109-1-15358715
Konzepte - Befunde - Handlungsansätze
Urbane Sicherheit - kiezbezogene Gewalt- und Kriminalitätsprävention / Glock, Birgit
Gewaltprävention an Schulen / Lüter, Albrecht
Sport und Gewaltprävention / Behn, Sabine
Polizeiliche Prävention von Jugendgewalt / Schroer-Hippel, Miriam
Konzepte – Befunde – Handlungsansätze
der Arbeitsstelle
Jugendgewaltprävention
Berliner Forum Gewaltprävention (BFG)
Es wendet sich an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Institutionen, Verwaltungen,
Verbänden und an die interessierte Öffentlichkeit als Forum zur Diskussion und Information
über Prävention.
Der Abschlussbericht der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention in Form des vorliegenden BFG 64
erscheint in Form einer Broschürenreihe mit fünf Heften:
Heft 1: Urbane Sicherheit – kiezbezogene Gewalt- und Kriminalitätsprävention
Heft 2: Gewaltprävention an Schulen
Heft 3: Gewaltpräventive Arbeit mit Jugendlichen und Familien
Heft 4: Sport und Gewaltprävention
Heft 5: Polizeiliche Prävention von Jugendgewalt
Herausgeberin: Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Vorsitzender: Aleksander Dzembritzki
Staatssekretär für Sport
Telefon: (030) 90223 – 2913
Fax: (030) 90223 – 2921
www.berlin.de/gegen-gewalt
Redaktion: Nadja Müntsch
Autorin: Dr. Miriam Schroer-Hippel
Nachdrucke sind nur mit Quellenangabe gestattet und bedürfen der Zustimmung der Autorin
oder des Autors.
V.i.S.d.P. Ute Vialet, Leiterin Geschäftsstelle der Landeskommission Berlin gegen Gewalt.
Nr. 64, Heft 3 Berlin 2018, 19. Jahrgang
Druckauflage: 2.000 Exemplare
Satz: Gudrun Hommers
Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention in Trägerschaft von Camino – Werkstatt
für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH
1 JUGENDGEWALT – RISIKO- UND SCHUTZFAKTOREN IN DER FAMILIE
2 JUGENDGEWALT IN BERLIN – DIE AKTUELLE ENTWICKLUNG
2.1 Jugendgewalt mittelfristig rückläufig, aktuell konstant
2.2 Risiko- und Schutzfaktoren – Verbreitung in Berlin
3.1 Angebote für alle jungen Menschen sowie für gefährdete Kinder,
3.2 Angebote für Eltern
3.3 Arbeit mit gewaltauffälligen Kindern
3.4 Arbeit nach Straffälligkeit
4.1 Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung fördern
4.2 Eltern in ihrer Rolle als Erziehende unterstützen
4.3 Das zivile Zusammenleben in Institutionen und im
öffentlichen Raum stärken
4.4 Kontinuität, Kooperation und eine Kultur des Lernens fördern
GEWALTPRÄVENTIVE ARBEIT MIT JUGENDLICHEN UND FAMILIEN
wie kann Gewalt gegen Kinder und Jugendliche verhindert werden? Welche Ursachen hat es,
wenn Kinder und Jugendliche selbst gewalttätig werden? Diese Fragen lassen sich nur mit einem
ganzheitlichen Blick auf das Thema Jugendgewalt beantworten. Statistiken zeigen, dass nicht
nur bundesweit, sondern auch in Berlin die Jugendgewalt insgesamt abnimmt, dennoch gibt es
zugleich Regionen und Orte in unserer Stadt, in denen Jugendgewalt stärker ausgeprägt ist, als
in anderen Teilen der Stadt.
In den Medien wird häufig über gewalttätige Übergriffe durch Jugendliche berichtet. Dies zeigt,
dass es ein ungebrochen starkes gesellschaftliches Interesse gibt, sich mit dem Phänomen zu
beschäftigen. Dies ist für mich ein positives Signal, denn es ist unsere gemeinsame Aufgabe,
dafür zu sorgen, Kindern und Jugendlichen in dieser Stadt ein friedliches Miteinander und ein
gewaltfreies Aufwachsen zu ermöglichen. Dabei spielt vor allem die Präventionsarbeit eine
wichtige Rolle, die berlinweit von unterschiedlichen Akteuren mit viel Engagement in der Praxis
umgesetzt wird. Um diese Arbeit wirksam zu gestalten, ist es von großer Bedeutung, genau
hinzuschauen und zu analysieren, worin die Ursachen von Gewalt liegen, welche Risikofaktoren
es gibt und wie stark die einzelnen Regionen in unserer Stadt belastet sind.
Hierzu soll das vorliegende Heft einen Beitrag leisten. Es richtet sich an alle Fachleute, aber
auch an Eltern und interessierte Bürgerinnen und Bürger, die mit dem Thema Jugendgewalt in
Berührung kommen. Es bietet den Leserinnen und Lesern einen Überblick über die Ursachen,
Risikofaktoren und die spezifischen Belastungen durch Jugendgewalt in verschiedenen Teilen
der Stadt. Gleichzeitig zeigt es, welche zentralen präventiven Angebote für Kinder, Jugendliche,
Heranwachsende und deren Familien in Berlin bestehen, wie sie wirken und wo aus wissenschaftlicher Perspektive Präventionsarbeit in diesem Bereich ansetzen muss.
Der Fokus in der vorliegenden Broschüre „Gewaltpräventive Arbeit mit Jugendlichen und Familien“ aus einer Reihe von insgesamt fünf Broschüren der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention
liegt dabei auf den Jugendlichen selbst und auf deren Familien.
Gewaltpräventive Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien muss darüber hinaus auf verschiedenen Ebenen ansetzen und einerseits frühzeitig soziale Kompetenzen stärken, Ressourcen erkennen und aktivieren und die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen fördern. Gleichzeitig ist es notwendig, spezifische Angebote für Kinder und Jugendliche sowie deren Umfeld
vorzuhalten, die durch soziale Risiko- und Problemlagen stärker belastet oder bereits auffällig
geworden sind. Dies bedeutet für Fachkräfte, Gewalttendenzen möglichst früh erkennen zu
können, Eltern und Angehörige für die gemeinsame Arbeit zu gewinnen und angemessene Unterstützungsangebote situationsgerecht anbieten zu können.
Hier wird deutlich, wie wichtig die Gestaltung von ressortübergreifenden Kooperationen und die
Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren ist, um den aktuellen Herausforderungen in
der Präventionsarbeit mit Jugendlichen und Familien gerecht zu werden. Wir hoffen, dass das
vorliegende Heft Sie dabei unterstützt, diese Herausforderungen zu meistern und die vorliegenden Ergebnisse und Beispiele Ihnen Inspirationen für Ihre Praxis geben können.
Vorsitzender der Landeskommission Berlin gegen Gewalt
Neben schulischen, sozialraum- und sportorientierten sowie polizeilichen Ansätzen der Jugendgewaltprävention, die ausführlicher in vier weiteren Heften im Rahmen dieser Reihe behandelt
werden, nimmt die Broschüre diejenigen Angebote in den Fokus, die direkt bei den Kindern und
Jugendlichen, aber auch deren familiärem Umfeld ansetzen. Gewalt in der Familie ist ein wichtiger Risikofaktor für Jugendgewalt, die Prävention von häuslicher und elterlicher Gewalt, spielt
demnach bei der Verhinderung von Jugendgewalt eine zentrale Rolle.
Jugendgewalt – Risikound Schutzfaktoren
•		 Was trägt zum Entstehen von Jugendgewalt bei (Kapitel 1)?
•		 Wie stark ist Berlin mit Jugendgewalt und Risikofaktoren belastet (Kapitel 2)?
•		 Was sind die zentralen gewaltpräventiven Angebote für Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und Familien im Land Berlin (Kapitel 3)?
•		 Was ist für die weitere Gestaltung der Gewaltprävention empfehlenswert (Kapitel 4)?
Jugendgewalt ist ein prominentes Thema in den Medien. Immer wieder wird darüber
diskutiert, ob Jugendgewalt zugenommen habe, ob die Vorfälle brutaler geworden seien oder zuletzt ob beispielsweise Taten mit Messern zugenommen haben.
Jugendgewalt ist
rückläufig – aktuell
Die Statistiken zeigen, dass Jugendgewalt bundesweit, aber auch in Berlin, seit zehn
Jahren abnimmt. Im Jahr 2016 kam es im Land Berlin erstmals seit 2007 wieder zu einem leichten Anstieg der Gewaltbelastung Jugendlicher, im Jahr 2017 ist hingegen erneut ein leichter
Rückgang zu beobachten (Lüter et al. 2017, 10; Der Polizeipräsident in Berlin 2018, 31). Diese
langjährige, äußerst positive Entwicklung widerlegt die „gefühlte“ Annahme, dass Brutalität
unter Jugend­lichen ständig zunehme. Tatsächlich ist das Gewaltverhalten junger Menschen
deutlich und kontinuierlich zurückgegangen. Zugleich sind in Berlin einige Regionen und Orte
stärker mit Jugendgewalt belastet als andere. Opfer von Jugendgewalt sind dabei häufig andere
Jugend­liche. Ziel muss es aber sein, Kindern und Jugendlichen ein Aufwachsen ohne Gewalterfahrungen zu ermöglichen. Im Land Berlin besteht daher eine auf vielen Ebenen ansetzende
gewaltpräventive Praxis, die fortlaufend weiterentwickelt und angepasst wird.
Dabei stellt sich die Frage, was die Ursachen von Jugendgewalt sind. Hier wird schnell klar, dass
es die eine Ursache nicht gibt. Es lassen sich vielmehr verschiedene Risikofaktoren, aber auch
Schutzfaktoren ausmachen, die gewalttätiges Verhalten begünstigen oder hemmen können.
Diese Faktoren zu kennen, ist wichtig für die Planung und Umsetzung gewaltpräventiver Maßnahmen. Daher werden im Folgenden relevante Schutz- und Risikofaktoren für Jugendgewalt
Diese Broschüre greift auf Untersuchungen und Recherchen der Arbeitsstelle Jugendgewalt-­
prävention zurück, die u. a. das Berliner Monitoring Jugendgewaltdelinquenz entwickelt hat.
Vor diesem Hintergrund wird der Begriff „Gewalt“ hier wie folgt verstanden:
1. JUGENDGEWALT – RISIKO- UND SCHUTZFAKTOREN IN DER FAMILIE
Jugendgewalt in Berlin und die Präventionsarbeit mit Kindern, Jugendlichen, Heranwachsenden
und Familien sind die Themen dieser Broschüre. Dabei geht es um folgende Fragen:
Gewalt ist Verhalten, mit dem Personen zielgerichtet physisch, psychisch oder sozial geschädigt werden (in Anlehnung an Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention 2007).
In dieser Broschüre werden vor allem die polizeilich bekannt gewordenen Fälle mit Tatverdächtigen im Alter von 8 bis unter 21 Jahren berücksichtigt. Im Mittelpunkt der Betrachtung
stehen dabei die sogenannten Rohheitsdelikte. Diese umfassen Körperverletzungen, Raubtaten sowie die Deliktgruppe der Nötigungen und Bedrohungen. Bei den Körperverletzungen werden hier nochmals die vorsätzlichen, leichten Taten und die gefährlichen und
schweren Körperverletzungen unterschieden.
Kriminalität durch junge Menschen ist in der Mehrheit der Fälle ein vorübergehendes oder „episodenhaftes“ Phänomen. Die Alterskurve der Kriminalitäts- und Gewaltbelastung steigt im
­Alter von etwa 14 Jahren stark an und erreicht ihren Höhepunkt im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter, um dann wieder abzunehmen. Junge Menschen sind bei den meisten Delikten,
insbesondere bei Gewaltdelikten, am stärksten belastet, nur ein kleiner Teil weist eine Belastung im Erwachsenenalter auf (Schubarth 2013, 47). Ein wichtiges Ziel der Präventionsarbeit
mit straffällig gewordenen jungen Menschen besteht daher darin, eine Verfestigung der Straffälligkeit, eine sogenannte kriminelle Karriere, zu verhindern.
Ob jemand gewalttätig wird, hängt dabei von vielen Faktoren ab. Man darf nicht vergessen, dass Gewalttaten im Lebenslauf eines jungen Menschen selten vorkommen.
Einen wichtigen Einfluss hat daher immer die Situation, also der Kontext, in dem es oftmals spontan zur Gewalt kommt. Was ist im Vorfeld des Vorfalls tatsächlich passiert,
welche Personen trafen an welchem Ort zusammen? Welche Blicke oder Worte gingen der Tat
voraus? Wie sah die unmittelbare Umgebung der Tat aus? Waren Alkohol oder Drogen im Spiel?
Diese sogenannten situativen Faktoren beeinflussen stark, ob Gewalt ausgeübt wird oder nicht.
Ob es zu Gewalt
kommt, hängt auch
von der konkreten
Situation ab
Ergänzend werden auch Ergebnisse aus Schülerbefragungen einbezogen. Diese umfassen
zum einen Fälle, die der Polizei nicht bekannt wurden, sie beziehen aber ebenfalls vermeintlich niedrigschwellige Gewaltformen, wie etwa Mobbing unter Schüler/innen, ein.
Ob ein Jugendlicher in einer Situation eher zu Gewalt greift, hängt aber auch von den individuellen und familienbezogenen Voraussetzungen ab. Dabei lassen sich Risiko- und Schutzfaktoren
auf verschiedenen Ebenen ausmachen:
•		 bei den Kindern und Jugendlichen selbst,
•		 auf der Ebene ihrer Familien und
•		 auf der Ebene ihrer Umgebung, bei den Kinder- und Jugendeinrichtungen, den Schulen und
dem Wohnumfeld.
Dabei kommt es nicht auf ein einzelnes Merkmal allein an. Die Risiko- und Schutzfaktoren treten vielmehr zusammen auf und bedingen einander. Wie diese Faktoren miteinander zusammenspielen, wird intensiv erforscht. Zahlreiche Studien weisen bereits darauf hin, dass elter­
liches Erziehungsverhalten und das Familienklima ungünstige sozialräumliche Kontexteinflüsse
verstärken können (Oberwittler 2013, 63). Wenn Kinder und Jugendliche also problematische
Erfahrungen aus der Familie mitbringen, wirkt sich auch ein ungünstiges soziales Umfeld, z. B.
im Kiez oder in der Schule, stärker aus als bei Kindern und Jugendlichen, die überwiegend positive familiäre Erfahrungen gesammelt haben. Für die Gewaltprävention bedeutet es, dass sie
sich auf das Wissen über Risiko- und Schutzfaktoren stützen kann und auf mehreren Ebenen
Auf der individuellen Ebene spielen die Fähigkeiten und Voraussetzungen der Kinder Individuelle Fähigkeiten
und Jugendlichen eine wichtige Rolle. Hierzu zählen z. B. emotionale, soziale, kognitive
und Handlungskompetenzen, wie z. B. die Fähigkeit, mit Wut und Ärger sozial angemessen umzugehen, sich in andere hineinversetzen zu können, widersprüchliche Sachverhalte
reflektieren zu können, die Fähigkeit zum sozialen Problemlösen und moralischen Urteilen.
Auch das Temperament eines Kindes ist als relevant anzusehen. Hinzu kommen ungünstige
Denkweisen, sogenannte dysfunktionale kognitive Schemata, die dazu führen können, dass
J­ ugendliche dem Gegenüber fälschlicherweise eine feindselige Absicht unterstellen und so frühzeitig in eine Verteidigungs- oder Angriffshaltung übergehen. An den sozialen und emotionalen
Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen setzen viele Trainings für verschiedene Altersgruppen an.
Jungen werden im höheren Maße körperlich gewalttätig als Mädchen. Zu beachten ist
allerdings, dass Mädchen im Bereich von Mobbing und von Gewaltformen, die auf der
Beziehungsebene ansetzen, ebenso oder häufiger auffällig werden als Jungen (Bergert et al.
2015, 20). Die Geschlechterforschung zeigt, dass Männlichkeitsideale und geschlechtsspezifische Rollenerwartungen, mit denen Jungen konfrontiert sind, eine wichtige Rolle dahingehend
spielen, wie legitim oder auch notwendig ihnen das Ausüben von Gewalt erscheint. Durch Medien
und gesellschaftliche Bilder geprägte Geschlechterideale verbinden Männlichkeit mit Stärke
und Durchsetzungsfähigkeit. Gerade bei Überschneidungen mit Benachteiligungen z. B. aufgrund von Bildung, sozialem Status, Migrationshintergrund oder Möglichkeiten zur Teilhabe
kann eine Stärke ausstrahlende Männlichkeit funktional sein, um Anerkennung und Respekt zu
erringen. Die Akzeptanz von gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen kann somit ein Ergebnis von Marginalisierung sein (Walburg 2014, 17). Bei Mädchen ist das Ausüben von Gewalt
oftmals mit einem Bruch mit gesellschaftlich geteilten Weiblichkeitsidealen verbunden. Auf die
Geschlechterfrage reagieren gendersensible Trainingsangebote, die mit Jugendlichen zusammen normative Geschlechtervorstellungen hinterfragen und bearbeiten.
Die bisherigen Ausgaben des Monitorings Jugendgewaltdelinquenz bestätigen für Berlin
kontinuierlich den bekannten Zusammenhang, dass – sozialräumlich betrachtet – ein
­hohes Maß an ökonomischer Benachteiligung mit einem erhöhten Maß an Jugendgewalt einhergeht. Allerdings bilden Arbeitslosigkeit oder relative Armut „nicht die einzigen oder für eine
Erklärung gar ausreichenden kriminogenen Faktoren“ (Pfeiffer et al. 1999, 3). Eine prekäre
soziale Lage ist demnach mit weiteren Risikofaktoren verknüpft. Hierzu zählen beispiels­
weise unsichere Zukunftsperspektiven der Kinder und Jugendlichen sowie verringerte Chancen auf gesellschaftliche, soziale und ökonomische Teilhabe. Einige Studien weisen darauf
hin, dass elterliche und häusliche Gewalt in armen Familien häufiger vorkommen (Kavemann
2013, 20; Baier 2015, 148). So können die Erfahrung fehlender Akzeptanz und Zugehörigkeit
sowie der fehlende Zugang zu individuellen Entwicklungschancen Gewalt und Delinquenz
unter Jugend­lichen befördern. In diesem Sinne bildet die soziale und ökonomische Desinte­
gration von ­Kindern und Jugendlichen einen Risikofaktor für Jugendgewalt (Heitmeyer/­
Hagan 2002, 212).
Berlin ist durch eine große Vielfalt zugewanderter Familien geprägt, fast 50 Prozent aller
Kinder und Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund. Das Aufwachsen mit mehreren Sprachen und kulturellen Bezugssystemen bietet die Möglichkeit, ausgeprägte soziale
und Problemlösekompetenzen zu entwickeln. In einigen Studien wurde aber auch gezeigt, dass
bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund das Risiko, gewaltauffällig zu werden, erhöht ist
(zusammenfassend Walburg 2014, 11). Als Ursache wird das Zusammentreffen mehrerer
Risiko­faktoren diskutiert. So ist ein Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund stärker von
sozialer und Bildungsbenachteiligung der Eltern betroffen oder besucht eine Schule bzw. lebt in
einem Stadtteil mit vielen benachteiligten Kindern. Das Erleben von Marginalisierung kann zu
einer höheren Gewaltakzeptanz führen. Einige Studien zeigen, dass Gewalt in der Erziehung bei
armen sowie bei zugewanderten Familien stärker verbreitet ist (Baier 2015, 148). Als weiterer
Risikofaktor werden migrationsspezifische Generationskonflikte zwischen Eltern und Kindern
diskutiert, bei denen es zu einem Verlust elterlicher Autorität und Kontrolle kommt (Walburg
2014, 15). Zudem gibt es migrationsspezifische Hürden, die dazu führen können, dass Eltern
mit Migrationshintergrund bei Beratungsangeboten des Jugendamts oder der Schule skeptisch
sind, inwiefern sie ihre Sichtweise dort angemessen vertreten können. Bei geflüchteten Jugend-
lichen gilt zudem die Aufenthaltsperspektive als ein möglicher Risikofaktor für das Auftreten
von Jugendgewalt (Pfeiffer et al. 2018, 77f.). Im Rahmen gewaltpräventiver Arbeit ist es daher
wichtig, die Zugänge zu sozial benachteiligten Familien mit Migrationshintergrund zu berücksichtigen und Eltern in ihrer Rolle zu stärken. Zudem gilt es, junge Geflüchtete als Zielgruppe in
Neben den Möglichkeiten zur gesellschaftlichen, sozialen und ökonomischen Teilhabe
sind Sozialisationserfahrungen wichtig für die Entstehung von Gewaltbereitschaft und
Delinquenz. Dabei spielen Interaktionen in der Familie und im sozialen Umfeld, familiäre Gewalterfahrungen, Bindungen an wertschätzende Bezugspersonen, ein Netzwerk, das
Normakzeptanz unterstützt, sowie Möglichkeiten, Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren, eine wichtige Rolle. Zentraler Schauplatz dieser Risiko- und Schutzfaktoren ist das unmittelbare soziale Umfeld der Kinder und Jugendlichen. Hierzu zählen insbesondere Erfahrungen in
der Familie und der Schule.
Der elterliche Erziehungsstil ist ein wichtiger Einflussfaktor auf Jugendgewalt. Ein Erziehungsstil, der durch körperliche Zuwendung und Nähe geprägt ist, gilt als wichtiger
Schutzfaktor. Eine wesentliche Erklärung für die deutliche Abnahme von Jugendgewalt liegt
darin, dass körperliche Zuwendung zwischen Eltern und Kindern in den letzten zwanzig Jahren
deutlich zugenommen hat, während elterliche Gewalt in der Erziehung im gleichen Zeitraum
zurückgegangen ist. So hat sich der Anteil der 16- bis 40-Jährigen, die ohne elterliche Gewalt
aufgewachsen sind, fast verdoppelt: 1992 waren es 26%, 2011 52% (Pfeiffer 2016, 3). Als risikomindernd gilt ein Erziehungsstil, der sowohl fürsorglich als auch grenzsetzend ist und z. B. die
elterliche Aufsicht über die Kinder und Jugendlichen gewährleistet.
Gewalterfahrungen in der Familie sind ein wichtiger Risikofaktor für Jugendgewalt.
Hierzu zählen sowohl eigene Erfahrungen elterlicher Gewalt als auch das Miterleben
häuslicher Gewalt, also Vorfälle zwischen den Eltern bzw. zentralen erwachsenen Bezugspersonen in der Familie. Diesen Zusammenhang belegen Dunkelfeldstudien, insbesondere
Schülerbefragungen (z. B. Baier 2015; Baier et al. 2009; Pfeiffer et al. 1999). Sie zeigen anhand
großer, teils repräsentativer Stichproben, dass Jugendliche, die in ihrer Kindheit elterliche Gewalt erlebt haben, häufiger zu Täter/innen werden als andere. Diesen Befund bestätigt auch die
Befragung von Siebtklässler/innen in Berlin (Bergert et al. 2015, 51). Mit der Schwere und Häufigkeit der elterlichen Gewalt steigt auch der Anteil derjenigen, die später selbst gewalttätig
werden (Baier 2015, 151). Kinder, die Gewalt in der Erziehung erlebt haben, weisen geringere
Kompetenzen auf, Affekte zu kontrollieren und mit Konflikten adäquat umzugehen. Neben einem erhöhten Risiko, Opfer weiterer Gewalttaten zu werden, steigt durch eine gewaltbelastete
Erziehung auch die Gewaltdelinquenz der Jugendlichen an (Bannenberg/Jehle 2011, 22f.). Einige Studien zeigen, dass Jugendliche, die Partnergewalt zwischen den Eltern beobachtet haben,
häufiger selber Gewalt ausüben (Pfeiffer et al. 1999, 22). Spätere Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass häusliche Gewalt und elterliche Gewalt oft zusammen auftreten und daher das Beobachten von häuslicher Gewalt allein nicht mit einem höheren Anteil späterer Täterschaft verknüpft werden kann (Baier 2015, 152). Elterliche Gewalt und das Miterleben häuslicher
Gewalt führen dabei nicht zwangsläufig zu eigener Gewaltausübung, sondern sind als Risikofaktoren für selbst ausgeübte Gewalt zu verstehen.
Eine wichtige Rolle spielen auch die Peers, also Freunde, gleichaltrige, oder etwas ältere
Kinder und Jugendliche. Im Lebenslauf wird die Freundesgruppe bei zunehmender Ablösung von den Eltern immer wichtiger. Es gilt als gut belegt, dass ein deutlicher Zusammenhang
zwischen einer delinquenten Freundesgruppe und selbstberichteter Gewaltausübung besteht.
Das bestätigt auch die Berliner Schülerbefragung aus dem Jahr 2014 (Bergert et al. 2015, 51).
Darauf reagieren viele Präventionsansätze, die Peers oder auch „große Brüder“ oder „große
Schwestern“ als positive Vorbilder einbeziehen.
Inwiefern der ausgeprägte Konsum gewalthaltiger Medien oder Computerspiele mit selbst
ausgeübter Gewalt zusammenhängt, ist nicht eindeutig geklärt. Unstrittig ist jedoch, dass
die Kommunikation in den sozialen Medien die Lebenswelt der Jugendlichen tiefgreifend prägt.
Im Rahmen dieser Kommunikation kann es auch zu Ausgrenzungserfahrungen und Mobbing
kommen. Auf dieses Themenfeld reagieren Trainings zur Stärkung der Medienkompetenz sowohl für Jugendliche als auch für pädagogische Fachkräfte.
Darüber hinaus bestehen deutliche Zusammenhänge zwischen dem Schulschwänzen und
jugendlichem Gewaltverhalten (Bergert et al. 2015, 39). Dieser Befund zeigte sich auch für
andere Deliktbereiche (Walburg 2014, 223ff.). Dabei geht ein höheres Ausmaß an Schuldistanz
mit einem höheren Maß an Gewaltdelinquenz einher: „Über alle Gewaltformen hinweg geht von
massiven Schwänzern (mindestens zehn Tage in fünf Monaten) die meiste Gewalt aus, gefolgt
von regelmäßigen Schwänzern (fünf bis neun Tage)“ (Fuchs et al. 2009, 311f.).
Schutzfaktoren von Jugendgewalt sind hingegen bislang wenig erforscht. Die Berliner
Schülerbefragung zeigte, dass schulbezogene Faktoren, wie ein hoher Klassenzusammenhalt und ein gutes Verhältnis zwischen Schüler/innen und Lehrer/innen, eine wichtige Schutzfunktion darstellen (Bergert et al. 2015, 51f.). Im Umkehrschluss wurde auch deutlich, dass
negative schulbezogene Faktoren wie geringe Teilhabemöglichkeiten und wenig Unterstützung
seitens der Lehrkräfte oder eine einseitige Leistungsorientierung aggressive Handlungen von
Schüler/innen begünstigen (Melzer et al. 2011, 148ff.). Schutzfaktoren sind demgegenüber Gelegenheiten zur Partizipation, Möglichkeiten, Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren,
und die Einbindung in normakzeptierende Netzwerke. Hier kommt Schulen, Jugendeinrichtungen und Nachbarschaftszentren als Präventionsorten eine wichtige Rolle zu.
Auch die Umgebung, in der sich Kinder und Jugendliche bewegen, ist zu berücksichtigen, hierzu zählen z. B. Armut in einem Quartier, die Vernachlässigung öffentlicher
Räume oder das Klima an Schulen und Jugendeinrichtungen. Darüber hinaus spielen
gesamtgesellschaftliche Einflüsse als Rahmenbedingungen eine Rolle für das Aufwachsen von
Kindern und Jugendlichen. Eine sozialräumliche Perspektive auf Jugendgewalt und ihre Prävention ist Thema einer weiteren Broschüre der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention (Glock 2018).
Jugendgewalt wird demnach nicht von einem einzelnen Merkmal hervorgerufen, sondern durch
das Zusammenkommen von verschiedenen Risikofaktoren und den Mangel an Schutzfaktoren
2. Jugendgewalt in Berlin –
Im Jahr 2007 wurden 2,8% aller 8- bis unter 21-jährigen Berliner/innen von der Polizei als Tatverdächtige für Rohheitsdelikte registriert, im Jahr 2016 waren es nur noch knapp 1,8%.
Abbildung 1: Jugendgewaltbelastung in Berlin: Anteil der 8- bis unter 21-Jährigen, die als Tatverdächtige für
Rohheitsdelikte erfasst wurden (in Prozent)
Datenquellen: Polizeiliche Daten (Der Polizeipräsident in Berlin 2017a), Daten des Amts für Statistik (Amt für Statistik BerlinBrandenburg 2017), eigene Berechnungen. Für diese Angabe wird die Zahl der Tatverdächtigen auf die Zahl der Einwohner/
innen ihrer Alters- bzw. Geschlechtergruppe hochgerechnet.
Deutliche Rückgänge gibt es bei beiden Geschlechtern. Werden die einzelnen Altersgruppen betrachtet, so hat gerade bei den Jugendlichen im engeren Sinne, also den 14- bis unter 18-Jährigen, die Gewaltbelastung stark abgenommen.
Die leichte Zunahme geht vor allem auf männliche Jugendliche und Heranwachsende zurück.
Die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen ist in den Jahren 2013 und 2014 gesunken, in den
Jahren 2015 und 2016 jedoch gestiegen. Im gleichen Zeitraum nahm auch die absolute Zahl der
Einwohner/innen ohne deutschen Pass zu. Im Jahr 2015 ist die Zunahme der Tatverdächtigen
im Verhältnis zum (erfassten) Zuzug ausländischer Einwohner/innen gering, im Jahr 2016 hingegen erhöht. Dabei ist jedoch von erheblichen Ungenauigkeiten aufgrund der zeitverzögerten
melderechtlichen Erfassung auszugehen. Ein Blick auf die Deliktgruppen zeigt, dass im Jahr
2016 Körperverletzungen leicht zugenommen haben, Raubtaten sind hingegen weniger geworden.
2. JUGENDGEWALT IN BERLIN – DIE AKTUELLE ENTWICKLUNG
Wie bereits erwähnt, nimmt Jugendgewalt in Berlin seit etwa zehn Jahren kontinuierlich ab. Im
Jahr 2016 stieg die Gewaltbelastung jedoch erstmals seit 2007 leicht an. Im Jahr 2017 ist wieder
ein Rückgang zu beobachten (Lüter et al. 2017, 10; Der Polizeipräsident in Berlin 2018, 31). Die
Jugendgewalt in Berlin schwankt somit – nach jahrelangen Rückgängen – um einen im Vergleich
der letzten zehn Jahre niedrigen Wert.
Ergänzend zu den von der Polizei erfassten Fällen, dem sogenannten Hellfeld, werden
über Schülerbefragungen Gewaltvorfälle erfasst, die nicht polizeilich bekannt werden,
das sogenannte Dunkelfeld. Die 2015 durchgeführte Schülerbefragung der Arbeitsstelle
Jugendgewaltprävention bezog sich auf 767 Schüler/innen der 7. Jahrgangsstufe an 15 Berliner
Schulen (Bergert et al. 2015).
Die Schülerbefragung zeigt viel höhere Zahlen als die polizeiliche Statistik. Demnach wurden
19,2% der Jugendlichen im Jahr vor der Befragung Opfer einer Gewalttat wie Körperverletzung
mit oder ohne Waffe, Raub oder sexueller Belästigung. Von Mobbing waren insgesamt 22,8%
der Siebtklässler/innen betroffen (Bergert et al. 2015, 65). In der Mehrheit der Fälle fand keine
Bestrafung der Tat statt (Raubtaten 69,6%, Körperverletzung ohne Waffe 61,5%, Körperverletzung mit Waffe 44,4%, Mobbing 72,7%) (Bergert et al. 2015, 68).
Werden die Bundesländer hinsichtlich der polizeilich erfassten Jugendgewalt verglichen, zeigt
Berlin als Stadtstaat eine höhere Gewaltbelastung als die Flächenländer. Bei einem Vergleich
der Ergebnisse von Schülerbefragungen – also einschließlich der Fälle, die polizeilich nicht bekannt werden – ist jedoch in Berlin keine höhere Belastung als in anderen Bundesländern festzustellen. Im Dunkelfeld weist Berlin z. B. eine ähnliche Belastung wie Usedom in Mecklenburg-Vorpommern auf (Behn et al. 2015, 15f.).
In Berlin haben die Fallzahlen politisch motivierter Kriminalität seit 2014 zugenommen. Auch die Zahl politisch motivierter Gewalttaten ist angestiegen. Hierbei handelt
es sich allerdings um kein Jugendphänomen. Bei den unter 21-Jährigen gibt es keine
Zunahme politisch motivierter Gewalt. Vielmehr ging die politisch motivierte Kriminalität mit unter 21-jährigen Tatverdächtigen seit 2006 tendenziell zurück. Themenschwerpunkte
der linksmotivierten Gewalt mit jungen Tatverdächtigen waren 2016 neben der Konfrontation
mit der Polizei und Aktionen „gegen rechts“ vor allem die Asylthematik und die städtische
­Umstrukturierung (Schlagwort Gentrifizierung). Politisch motivierte Gewaltdelikte mit jungen
Tatverdächtigen konzentrieren sich in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg.
Gewalt steigt – ist aber
Im folgenden Abschnitt geht es um die – aus der Forschung bekannten – Risiko- und Schutzfaktoren für Jugendgewalt. Der Blick richtet sich dabei konkret auf die unterschiedlichen Facetten
der Stadt Berlin. Wir fragen also, ob Regionen mit hoher Jugendgewalt auch anderweitig auf­
fallen, z. B. durch Armut, Gewalt in der Familie, Schuldistanz, aber auch positiv durch gute Möglichkeiten zur Beteiligung und Mitsprache an Schulen. Daraus lassen sich wichtige Rückschlüsse
für die Präventionsarbeit in den einzelnen Regionen ziehen.
Wichtig ist, dass aus dieser sozialräumlichen Perspektive keine Rückschlüsse auf einzelne
Familien oder einzelne Personen gezogen werden können. Wenn Kinder z. B. in einer Familie
häusliche Gewalt miterleben, kann, aber muss dies nicht negative Auswirkungen auf ihre Entwicklung haben, da im Leben der Kinder und Jugendlichen noch viele andere Faktoren eine
Berlin ist nicht
gleich Berlin
Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Kieze ist typisch für Berlin. So lassen sich die
insgesamt zwölf Berliner Bezirke in insgesamt 138 sogenannte Bezirksregionen gliedern. Diese Unterteilung in „Lebensweltlich Orientierte Räume“ bildet eine wichtige Grundlage
für die Planung der Arbeit der verschiedenen Berliner Verwaltungen.
Gewalt in der
Wenn Kinder in der Familie geschlagen oder gedemütigt werden oder wenn sie Gewalt
Familie – ein
zwischen den Eltern miterleben müssen, kann dies – wie erwähnt – zu EntwicklungsRisikofaktor für
problemen führen. Dies können z. B. schlechtere Schulleistungen, Ängstlichkeit, aber
auch eigenes Gewaltverhalten sein (Kindler 2013). Gewalt in der Familie ist statistisch
schwer zu erfassen, da viele Fälle nicht angezeigt werden. Das Monitoring Jugendgewaltdelinquenz der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention greift dabei auf vorhandene Daten zurück:
­polizeilich registrierte häusliche Gewalt, Kindesmisshandlungen sowie die vom Jugendamt festgestellten Kindeswohlgefährdungen.
Obwohl häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten vorkommt (Krüsmann 2015, 9), ist in
Regio­nen mit hoher Armut auch das Maß an polizeilich registrierter häuslicher Gewalt hoch.
Das Monitoring Jugendgewaltdelinquenz zeigt, dass eine problematische soziale Lage zusammen mit anderen Einflüssen, wie z. B. einem hohen Maß an häuslicher Gewalt, zu einer hohen
Jugendgewalt in einer Region führt (Lüter et al. 2016, 91). Je mehr häusliche Gewalt in einer
Region festgestellt wird, umso höher ist die Jugendgewalt (jeweils hochgerechnet auf die Einwohnerzahl). Die Prävention von häuslicher Gewalt ist somit auch für die Prävention von
Jugendgewalt wichtig.
Das Monitoring zeigt im Bereich der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche deutliche Überschneidungen der verschiedenen Gewaltformen. So wird sichtbar, dass es in Regionen, in denen Kinder
häufig Opfer von Gewalt in der Familie werden, auch viele Gewalttaten durch Kinder und Jugendliche gibt (Lüter et al. 2016, 91). Beispielweise treten in Regionen mit hoher Jugendgewalt
viele Kindesmisshandlungen auf (Lüter et al. 2016, 61). Auch die Statistik der Jugendämter weist
darauf hin, dass in vielen Bezirken mit hoher Jugendgewalt viele Kindeswohlgefährdungen festgestellt werden. Eine solche vom Amt erkannte (akute oder latente) Gefährdung kann viele
­Ursachen haben, z. B. Vernachlässigungen. In etwa 17 Prozent der Fälle werden Anzeichen einer
körperlichen Misshandlung festgestellt (Kusche 2015, 54).
Für Berlin gilt, was auch für andere Städte erforscht wurde. In Regionen, in denen viele
Arme Regionen sind
Menschen arm sind, ist tendenziell ebenso das Maß an Jugendgewalt höher. Kinder und
Jugendgewalt belastet
Jugendliche, die in armen Regionen aufwachsen, erleben somit häufiger Jugendgewalt
als Gleichaltrige in wohlhabenden Stadtteilen. Je stärker ein Gebiet in Berlin von Armut betroffen ist, umso höher ist das Maß an Jugendgewalt in dieser Region, dies ist statistisch belegt
(Lüter et al. 2016, 49). Der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in einer Region spielt dabei gleichfalls eine Rolle, ist aber nicht ausschlaggebend. Eine – im Berliner
Vergleich – hohe Gewaltbelastung gibt es sowohl in Regionen mit vielen als auch in solchen mit
wenigen Kindern und Jugendlichen aus zugewanderten Familien. Betroffen von Jugendgewalt
sind Gebiete in der Innenstadt wie Wedding oder Nord-Neukölln, aber auch Regionen mit vielen
Hochhaussiedlungen, die an der Peripherie der Stadt liegen, z. B. Teile des Märkischen Viertels,
Hohenschönhausens oder Marzahn-Hellersdorfs. In diesen Regionen spielen Präventionsstrategien eine wichtige Rolle, die bei den dort lebenden Kindern und Jugendlichen, ihren Familien,
den sozialen Einrichtungen und im öffentlichen Raum ansetzen. Daneben gibt es in Berlin
Regionen, die durch eine erhöhte Jugendgewalt auffallen, die aber eher dadurch erklärt werden kann, dass hier sehr viele Menschen zusammenkommen. Dies sind die Berliner Publikumsmagneten und „Partymeilen“, wie z. B. Teile von Berlin-Mitte oder Friedrichshain-Kreuzberg. Hier sind dementsprechend auch andere Präventionsstrategien erforderlich. Dies wird
ausführlich in einer weiteren Broschüre der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention dargestellt
(Glock 2018).
Was bedeutet das für Berlin? In Regionen mit hoher Jugendgewalt besteht oftmals auch ein
hoher Präventionsbedarf mit Blick auf häusliche Gewalt, elterliche Gewalt und breiter gefasst
auf die Erziehungskompetenz der Eltern. Gewaltprävention muss daher nicht nur bei den Kindern und Jugendlichen direkt ansetzen, sondern gleichfalls bei den Eltern und Erziehungs­
Unterschiede zwischen den Berliner Regionen gibt es auch mit Blick auf das Fernbleiben vom Unterricht. In Regionen mit einer hohen Armut und vielen unentschuldigten
Fehltagen an Schulen ist die Jugendgewalt erhöht (Lüter et al. 2016, 101). Das bedeutet
keineswegs, dass schwänzende Schüler/innen per se gewalttätig sind, es weist aber
darauf hin, dass sich in bestimmten Regionen Problemlagen häufen, die Delinquenz
unter Kindern und Jugendlichen begünstigen können. Hier sind neben Maßnahmen an Schulen
und Projekten für Schuldistanzierte auch Angebote zur Stärkung der Eltern gefragt.
Schuldistanz als
Risikofaktor – Beteiligungsmöglichkeiten
in Schulen als
Als Schutzfaktor für Jugendgewalt gilt die Möglichkeit, sich aktiv und gestaltend in sein Umfeld
einzubringen und Selbstwirksamkeit zu erleben, d. h. die Erfahrung zu machen, dass man seine
Meinung einbringen und die eigene Lebenswelt beeinflussen kann (Arbeitsstelle Kinder- und
Jugendkriminalitätsprävention 2007, 85). Um dies erfassen zu können, wurden die Unter­
suchungen der Berliner Schulinspektion herangezogen, die regelmäßig überprüfen, inwiefern
eine Schule Beteiligungsmöglichkeiten für Eltern und Schüler/innen bereithält (Lüter et al.
2016, 101). Auch hier zeigt sich, dass es in Regionen mit vielen Beteiligungsmöglichkeiten
­weniger Jugendgewalt gibt und Regionen mit wenigen Beteiligungsmöglichkeiten stärker von
Jugendgewalt betroffen sind (Lüter et al. 2016, 61). Für die Prävention bedeutet dies, dass das
Schaffen echter Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche eine wichtige Rolle spielt.
Einen Überblick, wie die einzelnen Bezirke von Jugendgewalt und den Risiko- und Schutzfaktoren
betroffen sind, gibt die folgende Tabelle. Allerdings sind die Bezirke in sich sehr vielfältig. Daher
lohnt sich ein Blick in das Monitoring Jugendgewaltdelinquenz, das die Belastung für jede einzelne Berliner Bezirksregion ausweist (Lüter et al. 2017, 226 ff.).
Misshandlung von Kindern/
nach § 8a
Fehlquote (2015/16)
Geringe Beteiligungs­möglichkeiten für Schüler/
innen und Eltern
Hohe Belastung (Rang 1 bis 4)
Mittlere Belastung (Rang 5 bis 8)
Niedrige Belastung (Rang 9 bis 12)
Erläuterung der Angaben: Jugendgewalt: polizeilich erfasste Rohheitsdelikte mit 8- bis unter 21-jährigen Tatverdächtigen pro 100.000 Einwohner/
innen; häusliche Gewalt: polizeilich erfasste Fälle pro 100.000 Einwohner/innen; Misshandlung von Kindern/Schutzbefohlenen: polizeilich erfasste
Fälle pro 100.000 Einwohner/innen, jeweils im Jahr 2016; Zahl der festgestellten Kindeswohlgefährdungen nach § 8a SGBVIII pro 1.000 Minderjährige im Jahr 2015; Fehlquote an Schulen: unentschuldigte Fehltage an Integrierten Sekundarschulen in Prozent im Schuljahr 2015/16; geringe
Beteiligungsmöglichkeiten für Schüler/innen und Eltern laut Schulinspektion der für Schule zuständigen Senatsverwaltung bis 2014. Die Analyse
der Beteiligungsmöglichkeiten weist den dritten Rang aufgrund gleicher Ergebnisse mehrfach aus (siehe Lüter et al. 2017, 225).
Datenquellen: Polizeiliche Daten (Der Polizeipräsident in Berlin 2017c; 2017b), Daten der Schulverwaltung (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend
und Familie 2016; 2017c; 2017a; 2017b), (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft 2016), Daten des Amts für Statistik (Amt für
Statistik Berlin-Brandenburg 2016), eigene Berechnungen.
Tabelle 1: Gewaltbelastung und Risikofaktoren nach Bezirken nach Rangplatz (2016)
3.1 ANGEBOTE FÜR ALLE JUNGEN MENSCHEN SOWIE FÜR GEFÄHRDETE
Zugleich wird davor gewarnt, alle Angebote für eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung
oder zur Stärkung sozialer Teilhabe per se als gewaltpräventiv zu bezeichnen. Damit
sollte positiv definiert,
würde man Gefahr laufen, sämtliche sozialpolitischen und pädagogischen Maßnahaber nicht übermen für Kinder und Jugendliche unter eine sicherheitspolitische Perspektive zu stellen
(vgl. Steffen 2017). Gewaltprävention sollte daher im engeren Sinne auf Angebote
­bezogen sein, für die eine gewaltpräventive Zielsetzung definiert wird und die direkt auf spezifische Risiko- und Schutzfaktoren für Jugendgewalt ausgerichtet sind.
Primäre, sekundäre
Jugendgewaltprävention richtet sich dabei zum einen an die Kinder und Jugendlichen
und tertiäre
selbst, zum anderen aber auch an ihr Umfeld. Im Mittelpunkt dieser Broschüre stehen
dabei vor allem Eltern bzw. Erziehungsberechtigte, zum Umfeld zählen aber auch die
Schule und das Wohnumfeld. Gewaltprävention kann allgemein ausgerichtet sein und sich an
alle Kinder und Jugendlichen bzw. alle Eltern richten (primäre oder universelle Prävention).
Hierzu gehören Angebote in Jugendfreizeiteinrichtungen, Schulen und zum Teil auch in Kitas,
die das Ziel haben, die sozialen Kompetenzen und die Fähigkeit zu stärken, Konflikte gewaltfrei
zu lösen. Auch Maßnahmen zur Prävention von Mobbing und Cybermobbing der bezirklichen
Medienkompetenzzentren fallen in diesen Bereich. Mit Blick auf die Eltern sind hier z. B. all­
gemeine Angebote zur Stärkung der Erziehungskompetenz gemeint.
Darüber hinaus gibt es Projekte für Kinder, Jugendliche und deren Eltern, die stärker von Risikofaktoren betroffen sind oder die bereits auffällig wurden (sekundäre oder selektive, d. h. auf
ausgewählte Zielgruppen gerichtete Prävention). Hierzu zählen z. B. Angebote der Straßensozial­
arbeit mit Jugendlichen, die schulische oder familiäre Probleme haben und Gefahr laufen, durch
Körperverletzungen oder Sachbeschädigungen auffällig zu werden. Auch Angebote für Eltern
von bereits auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen fallen in diesen Bereich.
Schließlich gibt es Angebote, die sich an Kinder, Jugendliche und Heranwachsende richten, die
bereits eine Straftat begangen haben. Ziel ist es, nicht nur grenzsetzend bzw. sanktionierend,
sondern auch fördernd und präventiv zu arbeiten.
Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein wichtiger institutioneller Akteur der Jugendgewalt- Kinder- und Jugendhilfe
als Akteur der
prävention – unter dem Vorzeichen ihres zentralen Auftrags, zur Schaffung positiver
Lebensbedingungen für das Aufwachsen beizutragen. Kinder und Jugendliche sollen in
ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten gefördert und vor der Gefährdung ihres Wohls geschützt werden.
Gewaltprävention sollte – ganz allgemein gesprochen – darauf ausgerichtet sein, Risikofaktoren für gewalttätiges Verhalten zu verringern und Schutzfaktoren zu stärken. Wichtig ist dabei,
Kinder, Jugendliche und Heranwachsende nicht von vornherein als potenziell gefährlich und
kriminell zu stigmatisieren. Gewaltprävention sollte daher auf positiv formulierte Zielsetzungen ausgerichtet sein, also die „Gestaltung von Lebenschancen und Teilhabemöglichkeiten“ in
den Blick nehmen (Dollinger 2012, 31).
Viele Angebote für Kinder und Jugendliche, angefangen von den Kindertagesstätten über die
offene Kinder- und Jugendarbeit, die Jugendsozialarbeit – in erster Linie Streetwork – und die
Jugendberufshilfe, fördern im Rahmen ihrer alltäglichen Arbeit die sozialen Kompetenzen und
das gewaltfreie Aushandeln von Konflikten.
Im Rahmen der Kindertagesbetreuung gibt es gewaltpräventive Aspekte im Rahmen
des „Berliner Bildungsprogramms für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern“. Es zielt u. a. auf das Einüben von Regeln und Normen des Zusammenlebens und
insbesondere auf das Erlernen gewaltfreier Lösungen für Konflikte untereinander. Das Erlernen
gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung und die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Zuschreibungen können gewaltpräventiv wirken. Dabei wird besonders darauf geachtet, sprachlichen Defiziten und Verhaltensauffälligkeiten entgegenzuwirken. Ein Beispiel für
ein Trainingsprogramm für Kindertagesstätten ist das Programm „Papilio“, das durch entsprechend weitergebildete Erzieher/innen umgesetzt wird. Ziel ist die Stärkung sozial-emotionaler
Kompetenzen. Die Evaluation des Programms zeigt, dass es dazu beiträgt, prosoziales Verhalten zu erhöhen und Verhaltensauffälligkeiten zu reduzieren (Grüne Liste Prävention o. J.).
Gewaltprävention im
In vielen Berliner Jugendfreizeiteinrichtungen (JFE) finden zusätzlich zu der regulären
Arbeit auch direkter auf Gewaltprävention zugeschnittene Projekte statt. Hierzu zählen z. B. erlebnis- und sportpädagogische Angebote mit gewaltpräventiver Zielsetzung,
aber ebenso gezielt umgesetzte Trainingskurse, wie etwa das Coolness-Training (Lüter et al.
2017, 115, 119). Auch im Rahmen des Programms Kiezorientierte Prävention der Landeskommission Berlin gegen Gewalt werden gewaltpräventive Projekte in Zusammenarbeit mit Jugendfreizeiteinrichtungen gefördert (Lüter et al. 2017, 90). Im Rahmen des Opferschutzes spielen
auch Angebote zum Empowerment und zur Stärkung von potenziellen Opfergruppen eine Rolle,
z. B. in vielen Angeboten der Mädchenarbeit, aber auch in spezifischen Workshops für Mädchen
bzw. für Jungen zur Prävention sexueller Gewalt, z. B. des Trägers Strohhalm e.V.
„JFEs gegen Diskriminierung – Qualitätsstandards für eine diskriminierungsarme Kinderund Jugendarbeit“
Das Projekt „JFEs gegen Diskriminierung“ richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche,
sondern auch auf die Gestaltung ihres Umfelds. Im Rahmen eines 2009 ins Leben gerufenen regelmäßigen Fachaustauschs arbeiten Fachkräfte aus verschiedenen Kinder- und
Jugendeinrichtungen sowie der Straßensozialarbeit zu Diskriminierungs- und Ausgrenzungsmechanismen, beraten sich kollegial und leiten daraus Handlungsempfehlungen
ab. Dabei wurden Vereinbarungen entwickelt, wie die Kolleg/innen auf diskriminierende
Äußerungen und Ausgrenzungsprozesse in den Einrichtungen reagieren können und sollten. Aus diesem Austausch entstand eine Broschüre mit Qualitätsstandards für eine diskriminierungsarme Kinder- und Jugendarbeit. Das Projekt wird im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie Hohenschönhausen gefördert.
Beim Übergang in das Berufsleben werden sozial benachteiligte oder individuell beeinträchtigte Jugendliche durch die Jugendberufshilfe sozialpädagogisch unterstützt. Auch
dies kann als wichtiger Bestandteil der Präventionsarbeit gelten, da davon ausgegangen­
werden kann, dass erfolgreich in das Berufsleben integrierte Jugendliche eine geringere
Neigung zu gewalttätigem Handeln haben.
„Auf die Plätze!“ (Träger: Outreach Mobile Jugendarbeit Berlin GskA mbH und MaDonna
Mädchenkult.Ur e.V)
Das Projekt „Auf die Plätze“ will Kinder, Jugendliche und Familien im Nord-Neuköllner Flughafenkiez dabei unterstützen, „ihre“ Plätze zurückzuerobern. Der Kiez ist durch eine dichte
Bebauung, wenige Grün-, Stadt- und Spielflächen und fehlende Einrichtungen für Jugendliche ab 16 Jahren gekennzeichnet. Auf mehreren Plätzen im Kiez formierten sich Gruppen von
älteren Jugendlichen, die diese Orte „besetzten“. Es kam zu Regelüberschreitungen, Bedrohungen, Vandalismus, Gewaltvorfällen, dem Tragen von Waffen und sexuellen Übergriffen.
Parallel dazu entwickelte sich auf den Plätzen eine massive Drogenproblematik. Weitere
­Projektziele neben der Zurückgewinnung der Plätze sind, Mädchen zu stärken und so vor
sexuellen Übergriffen zu schützen, die Eigeninitiative von Eltern zu fördern und Kinder und
Jugendliche in ihren sozialen Kompetenzen und der Auseinandersetzung mit Rollenvorbildern zu stärken. Im Kindertreff Blueberry Inn werden dazu spezifische Mädchen- bzw. Jungentage umgesetzt. Die Mütter werden dabei begleitet, den Kindertreff an Wochenenden für
Frauen zu öffnen, und werden darin unterstützt, auch auf dem angrenzenden Spielplatz soziale Kontrolle auszuüben, um gewalttätigem Verhalten und offenem Drogenkonsum ent­
gegenzuwirken. Parallel wird auf dem Boddinplatz das Projekt „Boddin-Power-Play“ umgesetzt, bei dem Sozialarbeiter/innen Kontakt zu den auffälligen Jugendgruppen herstellen,
pädagogisch angeleitete Aktivitäten anbieten und im Rahmen der Straßensozialarbeit mit
den Jugendlichen vor Ort Konflikte bearbeiten. Das Projekt wird im Rahmen der kiezorientierten Prävention von der Landeskommission Berlin gegen Gewalt gefördert.
Die Straßensozialarbeit bildet einen wichtigen Baustein der Präventionsarbeit. Durch
die aufsuchende Arbeit können gefährdete Jugendliche erreicht werden, die anderen
Angeboten der Jugendhilfe eher ablehnend gegenüberstehen. Daraus können eine individuelle
Förderung und die Vermittlung in weiterführende Hilfen entstehen. Somit wirkt Streetwork
­einer Verfestigung gesellschaftlicher Ausgrenzung und delinquenten Verhaltens entgegen. In
diesem Zusammenhang sind die beiden berlinweit größten Träger von Straßensozialarbeit zu
nennen, Gangway und Outreach, die über umfangreiche Erfahrungen in der gewaltpräventiven
Familiäre Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen – beispielsweise körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt – gelten, wie bereits erwähnt, als ein Prädiktor für eigene Gewalt­
ausübung. Von daher kommt der Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz eine hohe
Bedeutung zu: Es gilt, Eltern in die Lage zu versetzen, ihre Kinder gewaltfrei zu erziehen und
ihnen die notwendigen Kompetenzen für eine konstruktive Konfliktbearbeitung zu vermitteln.
Präventionsangebote, deren Ziel es ist, Kinder vor Gewalt in der Erziehung zu schützen, lassen
sich in folgende Kategorien unterteilen:
•		 Stärkung elterlicher Erziehungskompetenz,
Schutz von Kindern vor und deren Unterstützung bei häuslicher Gewalt,
•		 Hilfen im Bereich Kinderschutz, z. B. Frühe Hilfen.
Die Angebotspalette zur Stärkung elterlicher Erziehungskompetenz ist weit gefächert.
In jedem Bezirk wird Erziehungs- und Familienberatung von kommunalen oder freien
Trägern angeboten. Darüber hinaus gibt es vielfältige Angebote und Einrichtungen für Familien,
z. B. Familien- und Stadtteilzentren, Nachbarschafts- und Mehrgenerationenhäuser.
Die Berliner Familienzentren werden im Rahmen des gleichnamigen Landesprogramms von
der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft gefördert. In den Jahren
2018/2019 waren es 42 Einrichtungen. Zielgruppe sind werdende Eltern und Familien mit
Kindern im jeweiligen Sozialraum. Zu ihren Zielen gehört u. a. auch die Stärkung der Erziehungskompetenzen von Eltern, insbesondere von Familien mit Migrationshintergrund und/
oder benachteiligten Familien. Die Angebote sollen somit präventiv wirken und einer möglichen Kindeswohlgefährdung vorbeugen. Wichtig ist, dass die Angebote der Familienzentren
niedrigschwellig angelegt und interkulturell ausgerichtet sind.
Eine Evaluation der Berliner Familienzentren aus dem Jahr 2015 betont, dass diese sich bewährt und innerhalb kurzer Zeit viele der gesetzten Ziele erreicht haben. Insbesondere erfahren sie Akzeptanz in den Kiezen und haben vielfältige Nutzergruppen erreicht. Als zentralen
Wirkfaktor identifiziert die Evaluation hierfür offene, gemeinschaftsfördernde Angebote, die
gerne genutzt werden, wenngleich überwiegend von Frauen. Weiterhin attestiert die Evaluation den Familienzentren das Potenzial, spontan und passgenau auf aktuelle Entwicklungen
und die Bedürfnisse von Familien zu reagieren (Gesemann et al. 2015).
Im Bereich der elterlichen Erziehungskompetenz sind als weiteres wichtiges Element Eltern­trainings
zu nennen, die in Berlin von unterschiedlichen Anbietern – freien Trägern, Instituten, aber auch von
freiberuflichen Fortbildner/innen – angeboten werden. Elterntrainings werden in unterschiedlichen
Settings und Formen durchgeführt, so beispielsweise als offenes Angebot, angedockt an Familienzentren, Nachbarschaftszentren, Kindertagesstätten, Horte oder andere vergleichbare Einrichtungen, aber auch als Maßnahmen der Hilfen zur Erziehung (z. B. nach §31 SGB VIII).
In Berlin besteht ein breites Angebot an Elterntrainings, die unterschiedliche Konzepte favorisieren, z. B. „Starke Eltern – Starke Kinder“, „STEP-Elterntraining“, „EFFEKT-Elterntraining“, „Rendsburger Elterntraining“, „Eltern-AG“, „FuN – Familie und Nachbarschaft“ „Triple P“. Die meisten
richten sich generell an Eltern, ein kleiner Teil explizit an schwer erreichbare, benachteiligte, marginalisierte Eltern. Diese Vielfalt ist positiv zu sehen, da sich unterschiedliche Anlaufstationen
und Konzepte ergeben. So bietet sich die Gelegenheit, Familien auch über den „Umweg“ anderer Angebote einer Einrichtung in familienbezogene Präventionsmaßnahmen zu bringen, z. B.
wenn ein Erziehungshilfeträger nach der Aufsuchenden Familienhilfe die Eltern überzeugen
kann, ein von ihm angebotenes Elterntraining zu besuchen.
Kinder als
Neben den Elterntrainings, die einen festen Rahmen mit einer bestimmten Anzahl von
Sitzungen vorsehen, gibt es Bemühungen, stärker in informellen, flexiblen Settings zu
häuslicher Gewalt in
arbeiten. Hierzu zählen viele auf den Stadtteil bezogene Ansätze, wie z. B. die Stadtteilden Blick nehmen
mütter, die Familienwohnung sowie an Kitas und Schulen angeknüpfte Modelle der
Elternarbeit. Stadtteilmütter bzw. Kiezväter sind Frauen und Männer mit Migrationshintergrund, die eine entsprechende Ausbildung durchlaufen und in ihrem Kiez zugewanderte Familien
in deren Zuhause zu bestimmten Themen im Bereich Bildung und Erziehung beraten.
Häusliche Gewalt, also Gewalt zwischen den Elternteilen oder anderen Erwachsenen im Haushalt,
betrifft Kinder mit: Sie erleben diese Gewalt als Zeug/innen oder werden selbst Opfer direkter
Gewalthandlungen. Das Ausmaß dieser Gewalterfahrungen wird häufig unterschätzt. Diese Perspektive auf Kinder als mögliche Mitbetroffene häus­licher Gewalt nimmt das Projekt „BIG Prävention“ ein, das in Berliner Grundschulen umgesetzt wird. An Kindertagesstätten richtet sich beispielsweise das von BORA e. V. entwickelte Programm „PiKiTa“, das sich zum Ziel gesetzt hat,
Kinder gegen Gewalt im Allgemeinen und gegen häusliche Gewalt im Besonderen zu stärken.
BIG Prävention in Trägerschaft der Berliner Initiative Gewalt an Frauen BIG e.V.
BIG Prävention setzt eine kindgerechte Präventionsarbeit zum Thema häusliche Gewalt
an Grundschulen um. Zu den Angeboten zählen Workshops für Schüler/innen der vierten
bis sechsten Klasse, Fachveranstaltungen für pädagogische Fachkräfte und Elternabende.
Wichtigstes Ziel der Workshops ist die Stärkung von Mädchen und Jungen. Sie werden
dabei unterstützt, offen über (häusliche) Gewalt zu sprechen. Es wird ihnen vermittelt,
dass sie ein Recht auf Schutz und Hilfe haben, und sie erfahren, wo und wie sie sich Unterstützung holen können (Rotter 2015). Die Evaluation von BIG Prävention kommt zu der
Einschätzung, dass sich Einstellungen zu Gewalt im Geschlechterverhältnis verändern.
Durch diese „strukturelle Prävention“ werden langfristig auch gewaltbefürwortende Einstellungen bei Kindern verhindert (Kavemann et al. 2001, 360). In Bezug auf Schule bescheinigt die Evaluation dem Projekt eine Erhöhung der Sensibilität gegenüber häuslicher
Gewalt, bleibt aber in der Verdeutlichung weiterer Wirkungen, die für die Vermeidung von
Jugendgewalt relevant sind, vage (Kavemann 2008).
Kinderschutz umfasst die Bereiche Kindeswohlgefährdung, Vernachlässigung, körperliche, seelische und sexuelle Gewalt sowie Mitbetroffenheit von häuslicher Gewalt. Um
Kinder hiervor zu schützen, sind neben den Krisendiensten und den regionalen sozialpädagogischen Diensten der bezirklichen Jugendämter unterschiedliche Netzwerke, Einrichtungen und
Träger aktiv. Ein wichtiges Angebot stellt weiterhin die Hotline Kinderschutz dar, die rund um
die Uhr in mehreren Sprachen erreichbar ist.
Berlinweit tätige Träger im Kinderschutz sind das Kinderschutz-Zentrum Berlin e. V., der Deutsche
Kinderschutzbund, Landesverband Berlin e. V., KiZ – Kind im Zentrum des Evangelischen Jugendund Fürsorgewerks gAG, Wildwasser e. V. – Arbeitsgemeinschaft gegen sexuellen Missbrauch an
Mädchen, neuhland e. V., Strohhalm e. V. sowie HILFE-FÜR-JUNGS e.V. Sie bieten Beratung für betroffene Kinder, Jugendliche und deren Eltern bzw. Bezugspersonen, Fortbildungen und Beratungen für Fachkräfte sowie Informationsveranstaltungen in Schulen und Jugend­einrichtungen an.
Zum medizinischen Kinderschutz zählen die fünf regionalen Kinderschutzambulanzen im
Land Berlin. Sie untersuchen, inwiefern bei Kindern oder Jugendlichen Formen von körper­
licher oder seelischer Misshandlung, Vernachlässigung oder sexualisierter Gewalt vorliegen.
Die Kinderschutzambulanzen werden derzeit evaluiert.
Das „Netzwerk Kinderschutz/Frühe Hilfen“ wurde im Rahmen des Bundesprogramms „Frühe
Hilfen“ im Jahr 2012 auf der Grundlage des bestehenden Netzwerks Kinderschutz eingerichtet.
Es zielt auf die Kooperation von Gesundheits-, Jugend- und Bildungsbereich im Themenfeld des
Kinderschutzes. Zu den Kooperationspartnern zählen neben den Senats- und Bezirksverwaltungen beispielsweise Ärzt/innen, Hebammen, Kindertagesstätten, Schulen, Kinder- und Jugendgesundheitsdienste, Jugendämter, Polizei und der Kinderschutzbund. In jedem Berliner Bezirk gibt
es eine Stelle zur Koordination der Zusammenarbeit von Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesundheitswesen. Beispiele für die frühzeitige Unterstützung von werdenden bzw. jungen Eltern
in belastenden Lebenssituationen und mit sozialen Problemen sind die „Aufsuchende Eltern­
arbeit“ und das Angebot der für diese Arbeit fortgebildeten „Familienhebammen“. Ziel ist es,
krisenhafte Entwicklungen zu vermeiden und bei Bedarf weitere Hilfen zu vermitteln.
Die Neuköllner Präventionskette
Ein gutes Beispiel für das Ineinandergreifen verschiedener Ansätze im Rahmen der „Frühen
Hilfen“ ist die „Neuköllner Präventionskette“. Ausgehend davon, dass eine rechtzeitige
familiäre Präventionsarbeit und eine frühe Unterstützung junger und werdender Familien
für eine positive Entwicklung der Kinder hohe Bedeutung haben, verfolgen die bezirklichen Ämter – in erster Linie Jugend und Gesundheit – eine abgestimmte, strukturierte und
ressortübergreifende Form der Zusammenarbeit, um die vorhandenen Ressourcen zweckmäßig und effizient einzusetzen. Zu der Präventionskette gehören weitere Angebote wie
z. B. eine App mit Angeboten für Familien, ein Gutschein für verschiedene Kurse, das
­Neuköllner Begrüßungspaket, das vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst im Rahmen
regelmäßiger Hausbesuche allen neuen Eltern überbracht wird, sowie die jährlichen Neuköllner Präventionskonferenzen. Auch andere Berliner Bezirke haben Präventionsketten
eingerichtet, beispielsweise Marzahn-Hellersdorf.
Kinder unter 14 Jahren sind noch nicht strafmündig. Wenn sie durch gewalttätiges Verhalten
auffallen, sind oftmals Schulen oder Jugendeinrichtungen die Ersten, die unterstützend eingreifen, indem sie z. B. Gespräche mit den Eltern bzw. dem Kind führen. Häufig versuchen sie durch
Regelverdeutlichung und die Stärkung sozialer Kompetenzen gewaltfreies Verhalten des Kindes
zu fördern. Eltern können sich zudem an Erziehungsberatungsstellen wenden, Elternkurse besuchen oder weitere Unterstützungsangebote des Jugendamtes in Anspruch nehmen.
Kommt es zu einer Gewalttat, die polizeilich angezeigt wird, informiert die Polizei nicht nur die
Eltern, sondern auch das zuständige Jugendamt. Das Jugendamt hat den gesetzlichen Auftrag,
eine positive Entwicklung des Kindes zu fördern. Es sucht im Falle einer angezeigten Straftat
den Kontakt zu der Familie und berät die Eltern hinsichtlich möglicher Unterstützungsangebote.
In manchen Fällen ist das Gewaltverhalten des Kindes ein Hilferuf, der auf eine schwierige
­Situation im Elternhaus hinweist. Das Jugendamt nimmt dann eine genaue Einschätzung vor,
ob das Kindeswohl gefährdet ist.
Wenn ein Kind gewaltauffällig wurde, kann das Jugendamt die Familien mit Regelangeboten wie
Hilfen zur Erziehung unterstützen. Darüber hinaus gibt es spezifische Projekte für gewaltauffällige
Kinder bzw. Jugendliche und ihre Familien. Das Projekt „Fallschirm – Hilfen für straffällige Kinder und
Jugendliche“ in Trägerschaft der Stiftung SPI beispielsweise ist ein flexibles Betreuungs- und Unterstützungsangebot mit paralleler Beratung der Eltern und in Zusammenarbeit mit der Schule.
Das Berliner Projekt „Tat-Ausgleich“ des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks
richtet sich an Kinder im Alter von 12 und 13 Jahren, die – insbesondere im schulischen
Kontext – an heftigen Streitigkeiten oder körperlichen Auseinandersetzungen beteiligt sind. Im
Auftrag der Schule bearbeitet ein/e Konfliktvermittler/in mit dem Kind und den anderen Beteiligten den Konflikt, der der Auseinandersetzung zugrunde liegt. Dies geschieht in Einzelgesprächen oder in gemeinsamen Treffen.
Zudem werden die Eltern beraten, wie sie künftig mit Konflikten ihres Kindes umgehen können.
Gerade die Unterstützung der Familien im Umgang mit der Delinquenz ihrer Kinder spielt eine
wichtige Rolle. Die Reaktionen der Eltern auf das delinquente Verhalten und die Bewältigungsstrategien in den Familien sind entscheidend dafür, ob es dem Kind gelingt, von gesetzeswidrigem Verhalten Abstand zu nehmen (Hoops et al. 2000).
TESYA – systemisch-lösungsorientiertes Antigewalttraining
Das systemisch-lösungsorientierte Antigewalttraining TESYA besteht in der Regel aus
Einzel-gesprächen über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten. Begleitend werden,
sofern möglich, auch die Eltern beraten. Die Kinder und Jugendlichen werden u. a. dabei
unterstützt, die Situation, in der es zu Gewalt kam, zu reflektieren und gewaltfreie
Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln und einzusetzen. Im Rahmen eines geschlechtersensiblen Ansatzes werden dabei auch Erwartungen an sie als Mädchen oder Jungen
Dem Training werden – für einen Großteil der Teilnehmer/innen – gute Wirkungen zugeschrieben, so die Evaluation, die auf einzelfallbezogenen Bewertungen der Mitarbeiter/innen der Jugendämter und Interviews mit Trainer/innen, Teilnehmer/innen und Eltern basiert (Schroer-Hippel 2016). Das Training ist aus Sicht der Jugendamtsmitarbeiter/innen
insbesondere für gewaltauffällige Mädchen und junge Frauen, aber auch für Jungen bzw.
junge Männer und für Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte geeignet. Das Konzept
wird von den Befragten aus folgenden Gründen positiv bewertet: der Möglichkeit zur Mitgestaltung, des demütigungsfreien Ansatzes, der begleitenden Elternarbeit und der Orientierung an den Fähigkeiten der Jugendlichen. Bei der Mehrheit der Teilnehmer/innen wurde
innerhalb von sechs Monaten keine neue Gewaltauffälligkeit bekannt. Bei einem kleinen
Teil der Teilnehmer/innen stabilisierten sich darüber hinaus zentrale Lebensbereiche, z. B.
im Bereich Ausbildung oder Wohnen, bei anderen zeichnete sich ein weiterer Unterstützungsbedarf ab. Die Arbeit mit den Eltern wirkte sich vor allem mit Blick auf deren Konfliktverhalten gegenüber ihren Kindern aus. Wichtige Wirkfaktoren sind neben der fachlichen Kompetenz die gute Erreichbarkeit der Trainer/innen bei akuten Fragen und die Suche nach
individuell passenden gewaltfreien Handlungsoptionen für schwierige Situationen.
Für Kinder und Jugendliche, die durch Gewalt auffällig werden, gibt es spezielle Trainingskurse und Einzelberatungen, die durch die Jugendämter gefördert werden.
Wenn Jugendliche oder Heranwachsende straffällig werden, erhalten sie Unterstützungsangebote, die ihnen helfen sollen, ein Leben ohne Straftaten führen zu können.
Jugendhilfe im
Die Jugendhilfe im Strafverfahren (Jugendgerichtshilfe) ist als Teil des Jugendamtes in jedem Bezirk mit mehreren regionalen Anlaufstellen vertreten. Im Falle eines Strafverfahrens
beraten und begleiten die Sozialarbeiter/innen der Jugendgerichtshilfe die Jugendlichen
bzw. Heranwachsenden und ihre Familien. Sie bringen die sozialpädagogischen Gesichtspunkte in
die ­Gerichtsverhandlung ein. Zudem können sie dem Gericht bzw. der Staatsanwaltschaft erzieherische Maßnahmen vorschlagen, durch die das Verfahren beendet wird. Unterstützend zu dem Regel­
angebot der Jugendgerichtshilfe gibt es Spezialprojekte. Hierzu zählt z. B. SToP, ein Projekt, das sich
an mehrfach delinquent gewordene Kinder und Jugendliche und ihre Familien richtet.
Das Projekt „SToP“ in Trägerschaft der milaa gGmbH richtet sich an mehrfach delinquent
gewordene Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren und ihre Familien. Mit
dem Projekt soll die weitere Strafffälligkeit verhindert und eine mögliche kriminelle Laufbahn abgewendet werden. Es ist insbesondere auf Familien mit Migrationshintergrund
eingestellt, die über drei Monate hinweg betreut werden. SToP wird dabei im Auftrag der
Jugendämter bzw. – im Falle von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen während der
­Clearingphase – durch das zuständige Referat der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und
Familie tätig. In einzelnen Fällen liegt der Teilnahme eine richterliche Weisung zugrunde.
Die Evaluation zeigt, dass es den Mitarbeiter/innen gelingt, die Kinder und Jugendlichen
zur Mitarbeit zu gewinnen, sie zur Selbstreflexion anzuregen und zu Veränderungen zu
motivieren. Zudem werden die Teilnehmer/innen gestärkt, sich von delinquenten Freundeskreisen zu distanzieren und gewohnte Verhaltensmuster zu durchbrechen (Bartsch/
Stroppel 2015). Sie entwickeln realistische Perspektiven und visieren Schul- und Ausbildungsabschlüsse an. Zudem verbessert sich das Vertrauen zu Jugendamt und Angeboten
freier Träger. Zu den Wirkfaktoren zählt, dass die Mitarbeiter/innen die Kinder und
­Jugendlichen – auch bei einer Weisung – nicht zur Teilnahme verpflichten, sondern ihnen
eine eigene Entscheidung für oder gegen die Teilnahme abverlangen. Weitere Wirkfaktoren
sind u. a. die Kombination aus konfrontativen und stützenden Zugängen, die Erarbeitung
schneller Erfolge sowie hohe Transparenz und interkulturelle Kommunikationsstärke der
Mitarbeiter/innen in der Zusammenarbeit mit zugewanderten Familien.
Kommt es zu einem Gerichtsverfahren, können die Richter/innen die Jugendlichen oder
Heranwachsenden zu einer ambulanten Maßnahme auf der Grundlage des Jugend­
gerichtsgesetzes (JGG) verpflichten. Ambulante Maßnahmen sind z. B. betreute Arbeitsleistungen oder nach festen Kriterien strukturierte Kurse. Sie werden von verschiedenen Trägern der freien Kinder- und Jugendhilfe auf der Grundlage eines Trägervertrages mit der
Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie umgesetzt. Bei Gewaltdelinquenz sind vor
allem Antigewalttrainings und Maßnahmen zur Stärkung sozialer Kompetenzen einschlägig. Es
gibt aber auch Angebote, die speziell auf sexuell grenzverletzendes Verhalten eingehen. Bei
anderen steht die Bewältigung einer Suchtproblematik im Vordergrund. Einige dieser Maßnahmen wurden bereits evaluiert. Hierzu zählen zum Beispiel die Antigewalttrainings und -kurse
der Integrationshilfe Berlin, die sozial-kognitiven Trainingsprogramme der Denkzeitgesellschaft e.V. und das oben bereits b
­ eschriebene Training TESYA, das nicht nur durch Jugendämter
gefördert, sondern auch im Rahmen gerichtlicher Weisungen angeboten wird.
dem Jugendgerichts­
Die Denkzeit-Trainings basieren auf einem Konzept, das psychoanalytische und kognitive,
also auf das Denken bezogene Theorien berücksichtigt. Sie werden im Rahmen von Einzelgesprächen mit Jugendlichen und Heranwachsenden umgesetzt. Die Vorgehensweise
wird darauf abgestimmt, aus welchen Motiven heraus die Jugendlichen bzw. Heranwachsenden gewalttätig wurden. Die Evaluation zeigt anhand von 42 Jugendlichen, dass ihre
Delinquenzbelastung nach dem Training auch im mittelfristigen Vergleich über mehrere
Jahre hin deutlich sank (Körner 2006; Körner/Friedmann 2013).
Antigewalttrainings und -kurse der Integrationshilfe Berlin (EJF gAG) – Projekt „Brücke“
Antigewalttrainings und -kurse der Integrationshilfe sind Maßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz für 14- bis unter 21-jährige Straftäter/innen. Die Trainings richten sich an
straffällige Jugendliche und Heranwachsende, die eine schwere Gewalttat verübt haben
oder vielfach auffällig wurden. Die Kurse sind hingegen für Täter/innen konzipiert, die
wegen leichter oder mittelschwerer Gewaltdelikte auffällig wurden, aber kein verfestigtes
delinquentes Verhalten zeigen. Dabei werden Gruppen für weibliche oder für männliche
Teilnehmer/innen mit einer Gruppenstärke von fünf bis neun Personen und zwei Pädagog/innen angeboten. Zudem sind Stunden für Einzelgespräche und Beratungen im Umfeld der Teilnehmer/innen vorgesehen.
Die Evaluation der Trainings bzw. der Kurse basiert auf qualitativen Interviews mit Trainer/innen, Teilnehmer/innen, Eltern und Einzelfallhelfer/innen. Sie kommt zu dem
Schluss, dass die Jugendlichen und Heranwachsenden neue soziale Kompetenzen erwarben und die Verantwortungsübernahme für die eigenen Taten sowie für das gegenwärtige
und zukünftige Verhalten gestärkt wurde. Zu den zentralen Wirkfaktoren zählt das Beziehungsangebot der Trainer/innen: Es bildet die Grundlage für die zentralen Aktivitäten
Informieren, Verdeutlichen und Einüben. Ein weiterer wichtiger Wirkfaktor ist, dass die
Teilnehmer/innen die Trainer/innen als authentische Persönlichkeiten wahrnahmen. Das
„Peer Learning“, also das Voneinander-Lernen der Teilnehmer/innen in der Gruppe, erwies sich sowohl in den Trainings als auch in den Kursen als gut funktionierender Ansatz.
Die Teilnehmer/innen der Kurse, also der Gruppe mit leichten Straftaten, bewerteten es als
hilfreich und abschreckend, dass sie Informationen über rechtliche Konsequenzen und mögliche Strafmaße bekamen. Eine förderliche Bedingung ist aus Sicht der Pädagog/innen,
wenn die Teilnehmer/innen gut in Familie oder Schule/Ausbildung eingebunden sind
(Schnetter/Hayes 2015; Hayes/Schnetter 2016).
Jugendliche und Heranwachsende, die eine Straftat begangen haben, können sich um
eine Diversion bemühen. Im Rahmen der Diversion (von lat. Umleitung) kann die
Staatsanwaltschaft unter bestimmten Umständen, insbesondere bei Delikten von geringer
Schwere und bei Ersttäter/innen, von der Eröffnung eines regulären Strafprozesses absehen.
Für die Jugendlichen bedeutet dies, dass sie dadurch keinen Eintrag ins Strafregister mit entsprechenden Konsequenzen fürchten müssen. Eine Diversion kann durch die Polizei im Rahmen
der Ermittlungen vorgeschlagen, aber auch von der Staatsanwaltschaft selbst angeregt werden. Die Polizei Berlin empfahl im Jahr 2016 in 4.446 Fällen, also bei gut 13% aller jungen Tatverdächtigen, ein solches Vorgehen. Diese Fallzahl bezieht sich nicht nur auf Gewalttaten, sondern umfasst alle Delikte. Anlaufstelle für Jugendliche ist in diesem Kontext das Berliner Büro
für Diversionsberatung und -vermittlung, dessen Sozialarbeiter/innen örtlich direkt in den
­Berliner Polizeidirektionen angesiedelt sind. Die Staatsanwaltschaft kann das Verfahren ohne
Gerichtsverfahren einstellen, wenn sich der Beschuldigte um einen Ausgleich bemüht hat oder
eine erzieherische Maßnahme als Reaktion stattfand. In der Praxis handelt es sich bei den meisten durch Diversion erledigten Verfahren (75,1 %) um ein sanktionsloses Einstellen des Verfahrens nach § 45 Abs. 1 JGG, da hier von der erzieherischen Wirkung des Verfahrens als solches
einschließlich der Beratung ausgegangen wird. In den übrigen Fällen ist die Einstellung des
Verfahrens an die Teilnahme an Maßnahmen nach § 45 Ab. 2 JGG geknüpft (Lüter et al. 2017, 68).
Für Jugendliche wird der Täter-Opfer-Ausgleich als ein Teil des Diversionsspektrums in
Berlin durch die Integrationshilfe (EJF gAG) angeboten. Er kann im Verlauf eines Ermittlungs- oder Strafverfahrens umgesetzt werden, sofern Täter/in und Opfer einwilligen. Mitarbeiter/innen des Täter-Opfer-Ausgleichs unterstützen Täter/in und Opfer dabei, eine Wiedergutmachung auszuhandeln. Die Teilnahme am Täter-Opfer-Ausgleich kann für den/die Täter/in
zur Strafmilderung oder Verfahrenseinstellung führen.
Im Land Berlin gibt es mit der organisatorisch an die Senatsverwaltung für Bildung,
Jugend und Familie angebundenen Bewährungshilfe für Jugendliche und Heranwachsende (Jugendbewährungshilfe) eine spezielle Zuständigkeit für jugendliche und heranwachsende Täter/innen. Sie wird aktiv, wenn ein/e Richter/in eine Jugendstrafe zur Bewährung aussetzt oder die Weisung für eine Betreuung durch diese Stelle erteilt.
Bewährungshilfe für
Ergänzend zur Bewährungshilfe bestehen zusätzliche Angebote. Hierzu zählt z. B. das Projekt
Quartal, bei dem Haftentlassene in den ersten Monaten „draußen“ intensiv begleitet werden.
Quartal – Unterstützung nach Straffälligkeit
Bei dem Projekt Quartal handelt es sich um ein dreimonatiges Unterstützungsangebot für
Intensivstraftäter/innen im Alter von 14 bis 23 Jahren, die der Bewährungshilfe unterstellt sind. Es richtet sich zunächst ausschließlich an Teilnehmer/innen mit Migrationshintergrund. Durch eine intensive Unterstützung bei der Heranführung an Hilfs- und Unterstützungssysteme, Schule und Ausbildung soll die Resozialisierung gefördert und
weitere Straffälligkeit verhindert werden.
Die Evaluation basiert auf einer Wirkungsmodellierung und -überprüfung mithilfe von
Fokusgruppen und leitfadengestützten Interviews. Sie zeigt, dass es im Rahmen des Projekts gelingt, die Lebensverhältnisse vieler Teilnehmer/innen in Teilbereichen zu stabilisieren und die Anbindung an weitere Anschlusshilfen anzubahnen. Zu den wichtigen
Wirkfaktoren zählen die Hilfe bei der Einhaltung von Bewährungsauflagen, die Lösungsorientierung und das Erarbeiten von Erfolgen, die Unterstützung bei der Alltagsbewältigung, der Aufbau einer Vertrauensbeziehung sowie die Zuverlässigkeit, Kontinuität und
Beharrlichkeit der Mitarbeiter/innen (Bartsch/Stroppel 2015).
Wenn es zu einer Haftstrafe kommt, ist auch die Haft vom Grundgedanken her darauf
ausgerichtet, die Resozialisierung zu fördern. Zu den Angeboten in den Berliner Justizvollzugsanstalten zählt beispielsweise die theaterpädagogische Arbeit des Gefängnistheaters aufBruch in Trägerschaft der aufBruch GbR. Die „Peer Mediation hinter Gittern“ in der Jugend­
strafanstalt Berlin zielt auf die Stärkung und Etablierung von Konfliktlösungskompetenzen
Inhaftierter. Weitere, in jüngster Zeit verstärkt diskutierte Angebote nehmen die Prävention
von rechtsextremer oder islamistischer Radikalisierung in Haft in den Blick, z. B. Angebote des
Trägers Violence Prevention Network.
Für Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, die durch Gewalttaten auffallen, gibt es
somit eine ganze Kette von Maßnahmen mit dem übergreifenden Ziel, ihnen sowohl
grenzsetzend bzw. sanktionierend als auch präventiv und unterstützend zu begegnen. Eine
wichtige Herausforderung ist die Gestaltung der Schnittstellen zwischen den einzelnen Maßnahmen, aber auch zwischen den beteiligten Institutionen Jugendhilfe, Schule, Polizei und
­Justiz. Hiermit sind verschiedene Gremien und Institutionen befasst. Hierzu zählt die „Ressort­
übergreifende Arbeitsgruppe Kinder- und Jugenddelinquenz“ unter Federführung der für ­Jugend
zuständigen Senatsverwaltung, die auf einer übergeordneten Ebene der Verwaltungen arbeitet.
Die „Clearingstelle – Netzwerke zur Prävention von Kinder- und Jugenddelinquenz“ unterstützt
die Kooperation der Berufsgruppen auf der Ebene der Mitarbeiter/innen. In vielen Bezirken
­haben sich zudem Präventionsräte und andere Formate des Austauschs zwischen den beteiligten Berufsgruppen etabliert.
Zu den wichtigen Herausforderungen zählt es, gefährdete Kinder und Jugendliche frühzeitig zu
erkennen, ihre Familien für eine Zusammenarbeit zu gewinnen und ihnen angemessene Unterstützungsangebote zukommen zu lassen. Es gilt, sowohl die übergreifende als auch die fallbezogene Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Institutionen fortlaufend im Blick zu haben
und zu stärken. Eine weitere Herausforderung besteht in dem breit diskutierten Mangel an
Fachkräften und Ressourcen auf der Ebene der bezirklichen Jugendämter (Beckmann et al.
Das Projekt „Peer-Mediation hinter Gittern“ richtet sich an männliche jugendliche Inhaftierte. Ziel ist die Stärkung der Konfliktfähigkeit und der Selbstreflexion bei Konflikten, um
Gewalt sowohl während als auch nach der Haft vorzubeugen. Die Ausbildungsdauer zum
Peer-Mediator umfasst insgesamt 40 Stunden und findet in wöchentlichen Sitzungen statt.
Im Konfliktfall wird eine Mediation von zwei zu Peer-Mediatoren ausgebildeten Inhaftierten
und einem/einer professionellen Mediator/in durchgeführt. Am Ende der Gespräche steht
eine schriftliche Vereinbarung, die die Konfliktparteien mit Hilfe der Peer-Mediator/innen
formulieren und unterschreiben. Ausgelöst wird eine Mediation entweder auf Wunsch der
Konfliktparteien oder auf Vorschlag, z. B. der zuständigen Gruppenleiter/innen. Die Evaluation zeigt, dass das Projekt auf der Ebene der Kursteilnehmer/innen zu einem Wissens­
zuwachs, einer Zunahme sozialer Kompetenzen, einem veränderten Selbstbild und Verhaltensänderungen führte. Auf der Ebene des sozialen Umfelds gelang es mit Hilfe der PeerMediation, Konflikte zwischen Häftlingen dauerhaft beizulegen. Auf der Ebene der Institu­
tion war eine zunehmende Akzeptanz der Peer-Mediation zu verzeichnen (Karliczek 2015).
Für das Entstehen von Jugendgewalt sind vielfältige Risiko- und Schutzfaktoren bekannt, die
sich gegenseitig bedingen. Zudem ist Jugendgewalt in Berlin ungleich verteilt: Einige Regionen
sind besonders stark mit Jugendgewalt und auch mit Risikofaktoren belastet.
die Entwicklungsförderung von Kindern und Jugendlichen in den Blick nehmen,
die Eltern in ihrer Rolle als Erziehende unterstützen und
das zivile Zusammenleben in Institutionen und im öffentlichen Raum stärken.
Entwicklungsförderung, Elternarbeit und
Stärkung des zivilen
Das Monitoring Jugendgewaltdelinquenz zeigte mehrfach, dass Regionen, in denen somuss
ziale Benachteiligung und weitere Risikofaktoren für Jugendgewalt erhöht sind, stärker
vor Ort passen
mit Jugendgewalt belastet sind. Für diese Regionen sind daher intensive, abgestimmte
und vernetzte Ansätze der Jugendgewaltprävention von besonderer Bedeutung. Jugendgewaltprävention muss dabei auf die genauen Problemlagen vor Ort abgestimmt sein.
Voraussetzung ist daher eine genaue Problem- und Ursachenanalyse auch auf der Ebene der
Bezirke. Grundlagen bieten die bezirksbezogenen und datenbasierte Analysen des Monitoring
Jugendgewaltdelinquenz sowie die Expertise der beteiligten Fachverwaltungen und Fachkräfte.
Die Bezirke sind zentrale Akteure der Jugendgewaltprävention. Die für die Planung übergreifender Maßnahmen zuständiger Senatsverwaltungen müssen die bezirklichen Gegebenheiten
­beachten und stärken. Vertreter/innen der Bezirke sind beispielsweise in der ressortüber­
greifenden Arbeitsgruppe Kinder- und Jugenddelinquenz vertreten. Insbesondere den sozial benachteiligten Gebieten müssen zudem angemessene Ressourcen für die Arbeit mit Kindern und
Jugendlichen insgesamt sowie zur Prävention von Jugendgewalt und der Reduzierung der nachgewiesenen Risikofaktoren im Besonderen zur Verfügung stehen.
Vielversprechend sind hier Ansätze wie das Programm „Kiezorientierte Gewalt- und Kriminalitätsprävention“ der Landeskommission Berlin gegen Gewalt, das Schwerpunktsetzungen der
Bezirke stärkt. Die gezielte Berücksichtigung sozial benachteiligter Gebiete und Zielgruppen
wird in verschiedenen Ansätzen mit gewaltpräventiven Aspekten praktiziert, z. B. bei der
Auswahl von Quartiersmanagement-Gebieten im Programm „Soziale Stadt“, dem Bonus-­
Programm zur Unterstützung von Schulen in schwierigen Lagen oder dem Programm „Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen“. Für die Prävention von Jugendgewalt ist es sinnvoll, diese
Schwerpunktsetzungen fortzuführen und Gebiete, die von sozialer Benachteiligung und weiteren Risikofaktoren betroffen sind, verstärkt zu berücksichtigen.
Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein wichtiger Akteur der Jugendgewaltprävention – auch vor dem
Hintergrund, dass die Fachkräfte sowohl im Rahmen ihrer Regelangebote über einen umfassenden Zugang zu Kindern, Jugendlichen und Eltern verfügen als auch Konzepte umsetzen, die sich
an höchst gefährdete, z. T. auch schon delinquente Jugendliche richten.
Wirksame Jugendgewaltprävention muss auf mehreren Ebenen ansetzen. Sie sollte
Im Bereich der Jugendgewaltprävention ist die Beteiligung von Jugendlichen aus dem
Kiez ein wichtiger Baustein, sie sollten auch im Rahmen der Problemanalyse und bei
der Suche nach Lösungsansätzen befragt und einbezogen werden. Peer-Projekte haben sich als ein Ansatz bewährt, um zum einen Jugendliche in ihrer Verantwortung für den Kiez
zu stärken und zum anderen bestimmte Jugendgruppen/-szenen leichter zu erreichen (Lüter
2015, 28); sie sollten weiter ausgebaut und institutionalisiert werden.
Peeransätze fördern
Vulnerable Gruppen in
den Blick nehmen
Dabei gilt es, die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen und sie
als aktiv Beteiligte einzubinden. Es kommt darauf an, auch vulnerable Gruppen wie z. B.
Mädchen und Kinder einzubeziehen, um ihre Sichtbarkeit und Präsenz im Kiez zu stärken.
Jugendgewaltprävention sollte geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigen. Gute
Erfahrungen gibt es damit, gemeinsam mit den Jugendlichen vorgegebene Geschlechter­
rollen und ihr Verhältnis zu Gewalt kritisch zu beleuchten. Welche Erwartungen werden
an mich als Junge/als Mädchen gestellt? Wie möchte ich sein? Bei den Jungen geht es oftmals
auch darum, gewaltlegitimierende Männlichkeitsideale zu hinterfragen. Zudem gilt es, Körperwahrnehmung und Selbstwertgefühl von Jungen und Mädchen zu stärken, eigene Gewalterfahrungen zu reflektieren und das Abrutschen in Abhängigkeiten zu gewaltausübenden Peers zu
vermeiden. Genderreflektierte Ansätze werden, wie oben beschrieben, z. B. im Rahmen von
­Antigewalttrainings des Trainingsprogramms TESYA erprobt. Im Rahmen der primären Prävention im Quartier gilt es, die Präsenz von Mädchen im öffentlichen Raum zu stärken.
Jugendgewaltprävention in der Einwanderungsgesellschaft sollte auch die familiäre
Geschichte von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen. Dabei gilt es, Aspekte des
Empowerments einzubeziehen, gruppenspezifische Diskriminierungserfahrungen anzuerkennen und zugleich selbstethnisierende Rechtfertigungsmuster („bei uns ist das
eben so“) zu hinterfragen. Wichtig ist auch hier, Männlichkeitsideale zu bearbeiten, die (sub-)
kulturell für die Jugendlichen bedeutsam sind, ihre Funktion zu verstehen und für die Jugend­
lichen einleuchtende Alternativen zu entwickeln. Ein erfolgreiches Beispiel ist das Projekt
„Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ des Trägers Strohhalm e. V.
Diskriminierungserfahrungen anerkennen
Neben den Schulen sind es die Einrichtungen der Jugendarbeit, denen eine wichtige
Rolle dabei zukommt, Kinder und Jugendliche zu einem verantwortungsvollen und
­reflektierten Umgang mit (sozialen) Medien insgesamt sowie mit gewalthaltigen Inhalten im
Besonderen zu befähigen. Neben der Entwicklung entsprechender Konzepte sowohl im primärals auch im sekundärpräventiven Bereich gilt es, die Fachkräfte der Jugendarbeit zu sensibilisieren
und zu qualifizieren. Hierfür bietet sich an, die Medienkompetenzzentren der Bezirke zu stärken
und deren Angebote auszubauen.
Neben einer allgemeinen stärkeren Thematisierung der Opferperspektive im Rahmen
primärpräventiver Maßnahmen gilt es weiterhin, vorhandene Angebote im sekundärpräventiven Bereich, wie das Projekt „Tatausgleich“, auszubauen. Bezogen auf den
tertiärpräventiven Bereich, sollte insbesondere der Täter-Opfer-Ausgleich konsequent
so ausgestaltet werden, dass er den Opfern positive Bewältigungs­
prozesse ermöglicht
(Bindel-Kögel et al. 2016).
Die Perspektive des
Opferschutzes in der
Jugendgewaltprävention verankern
Stärkung sozialer
Ansätze der frühen, an alle Kinder gerichteten Prävention in Kindertagesstätten zur StärKompetenzen in Kitas kung der sozialen und emotionalen Kompetenzen sind ein wichtiger Baustein der Jugend-
gewaltprävention. Die Kinder profitieren davon im Sinne einer Stärkung dieser Kompetenzen, bei gefährdeten Jungen und Mädchen haben diese Ansätze gewaltpräventive Auswirkungen
(Scheithauer et al. 2012, 99). Die Vorteile eines solchen Ansatzes liegen darin, dass er nicht
stigmatisierend ist, da er alle anspricht und zugleich auch Kinder aus Familien erreichen kann,
die sozial benachteiligt sind oder über eine geringe Bildung verfügen oder (z. B. als Teil zugewanderter Communities) hinsichtlich Angeboten für Eltern schwer erreichbar sind.
Insbesondere den Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen kommt eine wichtige Bedeutung im Bereich der Jugendgewaltprävention zu, nämlich soziale Kompetenzen,
das Einhalten von Regeln und das Aushandeln von Konflikten zu stärken. Dies gilt gerade für
Kinder und Jugendliche, die durch ihr Elternhaus nicht oder kaum in strukturierte Freizeit­
angebote eingebunden sind. Diese Einrichtungen müssen insbesondere in sozial benachteiligten Gebieten gestärkt und bei entsprechendem Bedarf ggf. ausgebaut werden. Erfolgversprechend ist dabei, Eltern einzubeziehen und bei Bedarf eine Kooperation mit Familienzentren und
Aktivitäten der Quartiersmanagements anzustreben. Zudem sollte der Arbeit mit Heranwachsenden besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden, beispielsweise kombiniert mit berufsvorbereitenden Maßnahmen. Auch hier ist die Jugendarbeit gefragt, insbesondere gefährdete,
mehrfach belastete Jugendliche im Übergang zum Erwachsenwerden zu stärken. Da diese
­Ri­sikogruppen in den Einrichtungen oft bekannt und die dort tätigen Sozialarbeiter/innen
­oftmals wichtige Ansprechpartner/innen für die Jugendlichen sind, sollte die bestehende Arbeit
in diesen Bereichen gesichert bzw. aufgestockt werden. Um u. a. dieses Ziel zu erreichen, er­
arbeitet der Senat zurzeit das im Koalitionsvertrag angekündigte Jugendfördergesetz.
Sowohl zum Ausgleich sozialer Benachteiligung als auch zur Umsetzung gewalt­ Jugend(sozial)arbeit an
präventiver Angebote ist die Kooperation mit Schule ein wichtiger Auftrag der Kinderund Jugendhilfe, da sie im „verregelten“ Raum Schule andere Zugänge zu gefährdeten und/
oder auffälligen Kindern und Jugendlichen findet und in weitaus stärkerem Maße unterstützende Angebote bereitstellen kann. Vor diesem Hintergrund bleibt der Ausbau der Jugendsozial­
arbeit an Schulen – d. h. die Fortführung und wenn möglich Erweiterung des entsprechenden
Programms – eine wichtige Empfehlung für die Gewaltprävention an Schulen.
Im Bereich der Arbeit mit straffälligen Jugendlichen und Heranwachsenden wird in
­Berlin eine Vielzahl an vielversprechenden und fundierten Ansätzen umgesetzt. Dabei
haben insbesondere verschiedene migrationssensible Ansätze wie SToP und Quartal
gute Ergebnisse erzielt. Es hat sich gezeigt, dass sich die ambulanten Maßnahmen nach dem
Jugendgerichtsgesetz (JGG) überwiegend bewährt haben, ihre Zielgruppen überwiegend er­
reichen und dass die Passgenauigkeit der Angebote für die Wirksamkeit eine hohe Bedeutung
hat (Behn et al. 2015, 124). Empfehlenswert ist, die Schnittstellen zwischen den Angeboten im
tertiärpräventiven Bereich im Blick zu behalten und Angebote einer längerfristigen Begleitung
und Unterstützung weiterzuentwickeln. Eine wichtige Herausforderung betrifft z. B. die Unterstützung nach der Haftentlassung oder auch die mittelfristige psychosoziale oder psychotherapeutische Begleitung für die Zielgruppe rückfallgefährdeter Jugendlicher und Heranwachsender.
Für Jugendliche und Heranwachsende, deren Jugendstrafe auf Bewährung ausgesetzt wurde,
bildet die Jugendbewährungshilfe das zentrale Angebot des Übergangsmanagements. Darüber
hinaus gibt es weitere Projekte, die den Übergang aus der Haft begleiten. Hierzu zählt das
­Projekt Startpunkt des Trägers Gangway e. V in Kooperation mit der Jugendstrafanstalt. Die
sogenannten Endstrafer werden drei Monate vor und bis zu drei Monaten nach der Haftent­
lassung begleitet. Das Projekt Spurwechsel der Freien Hilfe Berlin e.V. arbeitet mit der Jugend­
arrestanstalt zusammen. Es unterstützt Jugendliche und Heranwachsende während und bis zu
sechs Monate nach der Arrestzeit. Empfehlenswert ist zu überprüfen, inwieweit die Begleitung
vor und nach der Haftentlassung die Teilnehmer/innen ausreichend vorbereitet und inwiefern
die Übergänge zu weiteren Hilfsangeboten gelingen.
Wichtig im Themenfeld der Gewaltprävention ist zudem die Begleitung von Entwicklungsübergängen, d.h. der Übergänge von der Kita zur Grundschule und von der Grundzur weiterführenden Schule, sowie die Begleitung insbesondere gefährdeter Jugend­
licher nach der Schule und auch über die Volljährigkeit als Jungerwachsene hinaus.
Wichtig ist zudem, entsprechende Konzepte für „neue“ Zielgruppen weiterzuentwickeln; aktuell
gilt es daher, Angebote für straffällig gewordene junge Geflüchtete weiterzuentwickeln, die auf
die besonderen Problemlagen dieser Zielgruppe Bezug nehmen. Einen wichtigen Aspekt bei der
Umsetzung entsprechender Angebote ergibt die Anbindung an die regulären Hilfssysteme nach
Abschluss der Maßnahme, welche von Beginn an geplant und im Auge behalten werden sollte.
Eltern bilden eine wichtige Zielgruppe der Jugendgewaltprävention. Ziel ist es, ihre Erziehungskompetenz zu stärken, d. h. einen fürsorglichen, liebevollen und zugleich Grenzen setzenden
Erziehungsstil zu fördern. Zudem gilt es, elterliche Gewalt in der Erziehung zu vermeiden und
Kinder bei anhaltenden Elternkonflikten oder häuslicher Gewalt zu schützen. Eltern, die von
mehreren Risikofaktoren oder Ausgrenzungsmechanismen betroffen sind, stellen eine wichtige,
aber zugleich schwer erreichbare Zielgruppe dar. Insgesamt gibt es gute Erfahrungen mit
­Elterntrainings sowie mit Trainings für Kinder bzw. Jugendliche, bei denen Eltern begleitend
einbezogen werden. Wichtig ist es, Angebote in sozial benachteiligten Regionen zu fördern.
Eltern sind wichtig für
die Gewalt­prävention –
Erreichbarkeit benachteiligter Zielgruppen ist
Die früh ansetzende allgemeine Prävention, wie sie im Bereich der Frühen Hilfen umgesetzt wird, ist auch für die Jugendgewaltprävention bedeutsam. Wichtig ist, dass
darüber alle Eltern und somit auch mehrfach benachteiligte Eltern früh erreicht werden
können. Über das Thema Geburt und Säugling können wichtige Themen wie Erziehungskompetenz zeitnah angesprochen und bei Bedarf Unterstützung mobilisiert werden.
Erfolgversprechend sind zudem niedrigschwellige Angebote, z. B. die Arbeit in Nachbarschaftszentren, an Kindertagesstätten angebundene Elternberatung, Projekte wie die „Familienwohnung“ in benachteiligten Quartieren. Auch mit der aufsuchenden Arbeit von Stadtteilmüttern
werden ansonsten schwer erreichbare Familien für Erziehungsfragen sensibilisiert. Eine Intensivierung von Angeboten zur Stärkung gewaltfreier Erziehungskompetenzen, deren Mitarbeiter/innen auch auf schwer zugängliche Zielgruppen zugehen, ist demnach empfehlenswert. Ein
gutes Beispiel der niedrigschwelligen Arbeit mit Eltern gefährdeter Jugendlicher stellen Ansätze
zur sozialräumlichen Verzahnung von Familien- und Jugendarbeit dar. Sie kombinieren Streetwork mit aufsuchender Familienarbeit.
Wichtig im Bereich der Gewaltprävention sind Projekte, die Menschen mit Flucht- oder
Zuwanderungsgeschichte in ihrer Rolle als Eltern stärken. Erfolgversprechend sind
niedrigschwellige, kieznahe Angebote, etwa im Rahmen von Nachbarschaftszentren,
Elternaktivierung in Jugendeinrichtungen oder mehrsprachig Elternabende an Schulen. Im
Projekt StOP beispielsweise spielen die interkulturelle Kompetenz, die Kieznähe und zum Teil
auch die Muttersprachlichkeit der Sozialpädagog/innen eine entscheidende Rolle, um Eltern
stärker in die Präventionsarbeit mit straffälligen Jugendlichen einzubeziehen.
Eine wichtige Zielgruppe für die Elternarbeit bilden zudem geflüchtete Eltern. Bei vielen ist –
nach Einschätzung von Praktiker/innen – die Bereitschaft groß, etwas über das deutsche
­Bildungssystem zu lernen und die Kinder beim Einstieg in das Schulsystem zu unterstützen.
Zugleich sind die Hürden, zu einer Normalität zu finden, angesichts der ungesicherten Lebensumstände oftmals hoch. Erfolgversprechend sind bei geflüchteten Eltern muttersprachliche
­Angebote, die niedrigschwellig ausfallen und vor Ort zunächst Informationen z. B. über das
Schulsystem oder über Kindererziehung bieten. Wichtig ist die Stärkung der Integration der
Mütter, indem beispielsweise Sprachkurse mit begleitender Kinderbetreuung verstärkt an­
geboten werden. Zukünftig werden darüber hinaus psychosoziale und psychotherapeutische
Angebote zur Bearbeitung von Traumata an Bedeutung gewinnen.
Auch mit Blick auf den Schutz von Kindern vor dem Miterleben häuslicher Gewalt liegen
ausgearbeitete Präventionskonzepte vor, die intensiviert und gestärkt werden sollten.
4.3 DAS ZIVILE ZUSAMMENLEBEN IN INSTITUTIONEN
UND IM ÖFFENTLICHEN RAUM STÄRKEN
Eine wichtige Rolle bei der Jugendgewaltprävention spielt die Straßensozialarbeit, um
Jugend­liche, die abzugleiten drohen, zu erreichen und ihnen Perspektiven zu eröffnen.
Straßensozial­arbeit sollte in Berlin gestärkt und ausgebaut werden. Wichtig ist dabei, Anknüpfungspunkte an Einrichtungen und Ansprechpartner/innen im Kiez zu etablieren. Dabei sollten
sowohl Angebote für ständige als auch für fluktuierende Zielgruppen vorgehalten werden. Sinnvoll ist eine Kombination von Straßensozialarbeit und Einzelfallbetreuung. Auf diese Weise
kann angestrebt werden, dass nicht nur Plätze befriedet, sondern auch die Probleme der
­Jugendlichen bearbeitet werden und nicht eine Verdrängung der Jugendlichen stattfindet.
RadikalisierungspräGeht es darum, der Radikalisierung von Jugendlichen entgegenzuwirken und sie in
­ihrem Demokratieverständnis zu stärken, ist die Kinder- und Jugendhilfe – neben der
Schule – ein zentraler Akteur, insbesondere mit den unterschiedlichen Formaten der
außerschulischen und politischen Jugendbildung. Hier verfügt sie über umfassende Erfahrungen, wie mit unterschiedlichen Ansätzen der pädagogischen Arbeit Jugendliche erreicht
und zum Überdenken ihrer Haltungen und Einstel­lungen gebracht werden können. Das Land
Berlin unterstützt seit vielen Jahren Projekte, die sich die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus zum Ziel gesetzt haben, und fördert seit 2016 auch mehrere Programme und Projekte,
die salafistischer Radikalisierung präventiv begegnen.
Einrichtungen der Jugendarbeit sind wichtige Akteure im Bereich der Radikalisierungsprävention
und Stärkung demokratischer Kompetenzen, indem sie sich beispielsweise mit den Jugend­lichen
über alltägliche Formen der Diskriminierung, z. B. rassistischer, antisemitischer, sexistischer,
homophober Art, auseinandersetzen. Angesichts einer zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung wird diese Aufgabe an Bedeutung gewinnen. Mitarbeiter/innen der Jugendfreizeit­
einrichtungen sollten im Umgang mit rechtspopulistischen, aber auch islamistisch gefärbten
Stereotypen und gewaltlegitimierenden Einstellungen weiterhin fachlich begleitet werden. Konzepte wie „JFEs gegen Diskriminierung“ sollten gestärkt und ausgebaut werden.
Es wird daher empfohlen, Möglichkeiten zu schaffen und zu institutionalisieren, damit der
Transfer der bisherigen Erfahrungen in die Praxis der Regelstrukturen gelingen kann. Dabei
benötigen die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe weitergehende, auch finanzielle Unterstützung, um die Stärkung demokratischer Kompetenzen als wichtigen Bestandteil der Arbeit
angesichts der aktuellen Herausforderungen kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Der Ausbau und die Stärkung der Jugendarbeit müssen mit einer Sicherung der Kontinuität der Angebote einhergehen – dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass gelungene Beziehungsarbeit als ein Erfolgsfaktor wirkungsvoller Prävention gilt, jedoch nur über
einen längeren Zeitraum hinweg erreicht werden kann.
Jugendgewaltprävention muss, wie erwähnt, lebensweltbezogen und kiezorientiert sein. Sie
muss sich auf die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen beziehen und möglichst wohnortnah
umgesetzt werden. Wichtig ist dabei auch der Einsatz von Pädagog/innen aus dem Kiez und mit
Zugängen zu den Lebenswelten des Kiezes. Jugendgewaltprävention sollte auf die Entwicklungsförderung der Einzelnen und die Stärkung des zivilen Zusammenlebens in Institutionen
und im öffentlichen Raum setzen. Hierzu zählen zum Beispiel die Wiederbelebung und „Besetzung“ öffentlicher Plätze und das Herstellen von Öffentlichkeit für Prinzipien des zivilen Zusammenlebens. Wichtig ist dabei, Flächen im öffentlichen Raum für Kinder und Jugendliche als
Nutzergruppen mitzugestalten bzw. sie in die Planung und Gestaltung einzubeziehen.
und bündeln
Kinder- und Jugendhilfe ist auf eine gute Vernetzung und Kooperation sowohl intern als
auch mit anderen Ressorts angewiesen. Bei der Vernetzung und Kooperation gilt es, angesichts von Einfluss- und Machtunterschieden das Prinzip der Augenhöhe zu beachten.
Interne Zusammenarbeit meint beispielsweise, die Verzahnung bzw. das Ineinandergreifen verschiedener Angebote zu sichern. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen
Akteuren, beispielsweise zwischen Projektmitarbeiter/innen und Jugendamt, ist hierfür Voraussetzung. Auch das Übergangsmanagement von einer Maßnahme in eine andere bzw. in Regelstrukturen muss geklärt und gesichert sein.
Ressortübergreifend ist beispielsweise die Zusammenarbeit mit Schule zu nennen. So muss in
Wohnvierteln mit hoher Gewaltbelastung die Kooperation zwischen Schule und Kinder- und
Jugendhilfe sowie mit Angeboten im Bereich der Stadtentwicklung fortgesetzt und gestärkt
werden. Hier geht es um die Stärkung und Verzahnung von Angeboten an Grundschulen und
außerschulischen Einrichtungen wie Jugend- und Familienzentren. Dabei müssen sowohl Kinder
als auch Eltern als Zielgruppe verstärkt in den Blick genommen werden.
Besonders bewährt hat sich als zentrales Schnittstellengremium die unter Federführung des
Jugendressorts bereits seit 1999 tätige Ressortübergreifende Arbeitsgruppe Kinder- und
­Jugenddelinquenz (Rü AG) zur Abstimmung der Arbeit in diesem Themenbereich.
Gelingende Gewaltprävention sollte über längere Zeiträume arbeiten, Kontinuität, Stetigkeit
und Verbindlichkeit herstellen, Qualifizierung und fachliche Begleitung gewährleisten und nicht
zuletzt auch die Grenzen von Interventionen realistisch einschätzen.
Essentials für wirkungsvolle Gewaltprävention in der Jugendarbeit
Kriterien für eine gelingende kiezorientierte Prävention und für das ihr zugrundeliegende
•		 Problemlagen genau definieren und ihre Ursachen analysieren: Was? Wer? Wo?
•		 Wiederbelebung und „Besetzung“ des öffentlichen Raumes
•		 Die Erfahrungswelten der Jugendlichen ernst nehmen und aufnehmen
• Beteiligung von Peers: Jugendliche aus dem Kiez aktiv einbeziehen
•		 Vulnerable Gruppen in den Blick nehmen (z. B. Kinder, Mädchen)
•		 Mädchen und junge Frauen stärken
•		 Eltern mitnehmen, auch wenn es um die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen
geht – Arbeit mit Eltern ausbauen
•		 Niedrigschwellige und vernetzte Vorgehensweise
•		 Einsatz von Pädagog/innen aus dem Kiez und mit Zugängen zu den Lebenswelten des
•		 Qualifizierung und fachliche Begleitung
•		 Kontinuität, Stetigkeit und Verbindlichkeit herstellen
•		 In Vernetzung und Kooperation angesichts von Einfluss- und Machtunterschieden
Prinzip der Augenhöhe beachten
•		 Prinzipien zivilen Zusammenlebens sichtbar machen – Öffentlichkeit herstellen und
öffentliche Räume nutzbar für alle machen
•		 Wirkungen und Ergebnisse von Interventionen überprüfen und reflektieren
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