Source: http://www.medienstrafrecht.info/bgh-der-pornographie-begriff-des-%C2%A7-184b-abs-1-stgb/
Timestamp: 2017-09-23 21:53:31
Document Index: 184309447

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medienstrafrecht.info » BGH: Der Pornographie-Begriff des § 184b Abs. 1 StGB
Während das Merkmal „pornographisch“ im Rahmen der §§ 184, 184a StGB allgemein dahingehend ausgelegt wird, dass es sich um eine „vergröbernde Darstellung sexuellen Verhaltens iwS, unter weitgehender Ausklammerung emotional-individualisierter Bezüge [handelt], die den Menschen zum bloßen (auswechselbaren) Objekt geschlechtlicher Begierde oder Betätigung macht“ (Fischer, StGB, 60. Auflage 2013, § 184 Rn. 7 m. w. N.), ist die Auslegung für § 184b StGB im Schrifttum umstritten, wobei die überwiegende Meinung auf die Maßstäbe der §§ 184, 184a StGB verweist (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 47; so auch Fischer, StGB, 60. Auflage 2013, § 184b Rn. 3: „vielmehr müssen die Voraussetzungen des § 184 I [StGB] gegeben sein“).
BGH: Keine „vergröbernde Darstellung“ erforderlich
Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs schließt sich dieser Ansicht in seinem Urteil vom 11. Februar 2014 (Az. 1 StR 485/13) nicht an. Im Falle der Kinderpornographie ist nach Ansicht des BGH keine „vergröbernde Darstellung sexuellen Verhaltens“, der eine degradierende Wirkung zukommt, da sie „den Menschen unter weitgehender Ausklammerung emotional-individualisierter Bezüge zum bloßen – auswechselbaren – Objekt geschlechtlicher Begierde oder Betätigung macht“, erforderlich.
Vielmehr wohnt nach Ansicht des Gerichts „eine derartig degradierende Wirkung […] der Darstellung sexueller Handlungen von, an und vor Kindern […] in aller Regel inne“ (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 50).
Der BGH begründet die Entscheidung unter anderem damit, dass die Wortlautgrenze mit dieser Auslegung nicht betroffen sei und die gleichzeitige Verwendung des Begriffs der Pornographie in anderen Strafnormen (§§ 184, 184a StGB) „nicht von vornherein eine gleichlautende Auslegung auch für § 184b StGB“ gebiete (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 53). Insbesondere der Schutzzweck des § 184b StGB mache eine differenzierte Interpretation erforderlich (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 54, 55). Denn § 184 StGB „soll den Bürger vor unerwünschter Konfrontation mit Pornographie schützen“ (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 56 m.w.N.). § 184b StGB hingegen schützt „nicht nur den Konsumenten der Abbildung, sondern auch die sexuelle Integrität des Kindes, das an ihrer Herstellung mitwirkt“ (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 57 m.w.N.). Gerade der vom Gesetzgeber bezweckte umfassende Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch lasse sich nur umsetzen, „wenn es für die Qualifizierung einer Schrift als ‚kinderpornographisch‘ auf eine i.S.v. § 184 StGB ‚vergröbernd-reißerische‘ Darstellung“ nicht ankommt (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 60).
Auslegung im Einklang mit dem Willen des Gesetzgebers
Zudem nimmt der BGH Bezug auf S. 18 der BT-Drucks. 16/9649 – Beschlussempfehlung und Bericht des Rechtsausschusses (6. Ausschuss) zu dem Gesetzentwurf der Bundesregierung (BT-Drucks. 16/3439) – und beruft sich darauf, dass „die Ausschussmehrheit, deren Beschlüsse im Gesetz zur Umsetzung gelangt sind, […] ersichtlich nicht davon [ausging], dass es für eine i.S.v. § 184b Abs. 1 StGB ‚pornographische‘ Darstellung eines vergröbernd-reißerischen Charakters bedürfe“ (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 62). In dieser heißt es:
„Außerdem wird durch die Regelung außerhalb von § 184b StGB klargestellt, dass es sich um pornographische Schriften handeln muss. Für eine Strafbarkeit nach § 184b StGB genügt es nämlich, dass die Schrift den sexuellen Missbrauch von Kindern zum Gegenstand hat, ohne dass es auf den pornographischen Charakter der Darstellung (vergröbernde Darstellung des Sexuellen unter Ausklammerung aller sonstigen menschlichen Bezüge) ankommt, da sexuelle Handlungen mit Kindern generell verboten sind. Für die nach § 184a strafbare Gewalt- und Tierpornographie ist hingegen der Pornographiebegriff derselbe wie in § 184. Entsprechend gilt dies auch für § 184c – neu –. Weder für § 184a noch für § 184c – neu – gelten die für § 184b maßgeblichen Überlegungen (generelle Strafbarkeit aller dargestellten sexuellen Handlungen).“, BT-Drucks. 16/9649, S. 18.
Ausnahme: Keine Abzielung auf die Erregung sexueller Reize
Der BGH will jedoch solche Darstellungen bzw. Fallgestaltungen ausnehmen, die nicht auf die Erregung sexueller Reize abzielen, sodass das Merkmal „pornographisch“ nicht ins Leere laufe, sondern vielmehr als Filter diene (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 66). Hierbei handelt es sich laut BGH z. B. um die „Abbildung der Genitalien hierzu ‚posierender‘ Kinder in medizinischen Lehrbüchern“ (BGH, Urteil v. 11.02.2014 – Az. 1 StR 485/13, Rn. 50).
Veröffentlicht am 24. Oktober 2014 von Timo Handel