Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Diskriminierung_Alter_Befristung_Mangold_EuGH_C-144/04.html
Timestamp: 2019-01-21 14:04:49
Document Index: 296214313

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 14', '§ 14', '§ 5', '§ 5', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14']

un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten der Ers­ten Kam­mer P. Jann in Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben des Präsi­den­ten, der Kam­mer­präsi­den­ten C. W. A. Tim­mer­m­ans, A. Ro­sas und K. Schie­mann, der Rich­ter R. Sch­int­gen (Be­richt­er­stat­ter), S. von Bahr, J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, der Rich­te­rin R. Sil­va de La­pu­er­ta so­wie der Rich­ter K. Lena­erts, E. Juhász, G. Ares­tis, A. Borg Bart­het und M. Ilešiè,
1. Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Pa­ra­gra­fen 2, 5 und 8 der Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge vom 18. März 1999 (im Fol­gen­den: Rah­men­ver­ein­ba­rung), die mit der Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28. Ju­ni 1999 zu der EGB-UN­ICE-CEEP-Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge (ABl. L 175, S. 43) durch­geführt wor­den ist, so­wie des Ar­ti­kels 6 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).
Die Rah­men­ver­ein­ba­rung
b) ei­nen Rah­men schaf­fen, der den Miss­brauch durch auf­ein­an­der fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge oder -verhält­nis­se ver­hin­dert“.
Die Richt­li­nie 2000/78
8. Nach ih­rem Ar­ti­kel 1 be­zweckt die Richt­li­nie 2000/78 „die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten“.
10. Ar­ti­kel 3 der Richt­li­nie 2000/78 – „Gel­tungs­be­reich“ – sieht in Ab­satz 1 vor:
11. Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 lau­tet:
12. Nach Ar­ti­kel 18 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 muss­ten die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten er­las­sen, um die­ser Richt­li­nie spätes­tens bis zum 2. De­zem­ber 2003 nach­zu­kom­men. In Ab­satz 2 die­ses Ar­ti­kels heißt es je­doch:
13. Da die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ei­ne sol­che Zu­satz­frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie be­an­tragt hat, läuft die Um­set­zungs­frist für die­sen Mit­glied­staat erst am 2. De­zem­ber 2006 ab.
14. § 1 des Beschäfti­gungsförde­rungs­ge­set­zes in der durch das Ge­setz vom 25. Sep­tem­ber 1996 (BGBl. 1996 I S. 1476) geänder­ten Fas­sung (im Fol­gen­den: BeschFG 1996) sah vor:
„(1) Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ist bis zur Dau­er von zwei Jah­ren zulässig. Bis zur Ge­samt­dau­er von zwei Jah­ren ist auch die höchs­tens drei­ma­li­ge Verlänge­rung ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges zulässig.
15. Nach § 1 Ab­satz 6 BeschFG 1996 galt die­se Re­ge­lung bis zum 31. De­zem­ber 2000.
16. Die Richt­li­nie 1999/70 zur Durchführung der Rah­men­ver­ein­ba­rung wur­de mit dem Ge­setz über Teil­zeit­ar­beit und be­fris­te­te Ar­beits­verträge und zur Ände­rung und Auf­he­bung ar­beits­recht­li­cher Be­stim­mun­gen vom 21. De­zem­ber 2000 (BGBl. 2000 I S. 1966, im Fol­gen­den: Tz­B­fG) in die deut­sche Rechts­ord­nung um­ge­setzt. Die­ses Ge­setz ist am 1. Ja­nu­ar 2001 in Kraft ge­tre­ten.
17. § 1 Tz­B­fG – „Ziel­set­zung“ – lau­tet:
„Ziel des Ge­set­zes ist, Teil­zeit­ar­beit zu fördern, die Vor­aus­set­zun­gen für die Zulässig­keit be­fris­te­ter Ar­beits­verträge fest­zu­le­gen und die Dis­kri­mi­nie­rung von Teil­zeit­beschäftig­ten und be­fris­tet beschäftig­ten Ar­beit­neh­mern zu ver­hin­dern.“
18. § 14 Tz­B­fG, der be­fris­te­te Ar­beits­verträge re­gelt, be­stimmt:
19. § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG wur­de durch das Ers­te Ge­setz für mo­der­ne Dienst­leis­tun­gen am Ar­beits­markt vom 23. De­zem­ber 2002 (BGBl. 2002 I S. 14607, im Fol­gen­den: Ge­setz von 2002) geändert. Die neu­ge­fass­te Vor­schrift, die am 1. Ja­nu­ar 2003 in Kraft trat, lau­tet:
„Die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges be­darf kei­nes sach­li­chen Grun­des, wenn der Ar­beit­neh­mer bei Be­ginn des be­fris­te­ten Ar­beits­verhält­nis­ses das 58. Le­bens­jahr voll­endet hat. Die Be­fris­tung ist nicht zulässig, wenn zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht. Ein sol­cher en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang ist ins­be­son­de­re an­zu­neh­men, wenn zwi­schen den Ar­beits­verträgen ein Zeit­raum von we­ni­ger als sechs Mo­na­ten liegt. Bis zum 31. De­zem­ber 2006 ist Satz 1 mit der Maßga­be an­zu­wen­den, dass an die Stel­le des 58. Le­bens­jah­res das 52. Le­bens­jahr tritt“.
20. Am 26. Ju­ni 2003 schloss der da­mals 56‑jähri­ge Herr Man­gold mit Wir­kung zum 1. Ju­li 2003 den Ar­beits­ver­trag mit Herrn Helm, der als Rechts­an­walt tätig ist.
§ 5 des Ver­tra­ges lau­tet:
„1. Das Ar­beits­verhält­nis be­ginnt am 01.07.2003 und ist be­fris­tet bis 28.02.2004.
3. Die Par­tei­en sind sich ei­nig, dass der un­ter der vor­ge­nann­ten Zif­fer be­zeich­ne­te Be­fris­tungs­grund der ein­zi­ge Be­fris­tungs­grund ist, auf den die Be­fris­tungs­ab­re­de gestützt wird. Vom Ge­setz­ge­ber und der Recht­spre­chung grundsätz­lich für zulässig an­ge­se­he­ne an­de­re Be­fris­tungs­gründe wer­den aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen und sind nicht Ge­gen­stand hie­si­ger Be­fris­tungs­ab­re­de.“
22. Herr Man­gold ist der An­sicht, dass die Be­fris­tungs­ab­re­de des § 5, ob­wohl auf § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG be­ru­hend, un­ver­ein­bar mit der Rah­men­ver­ein­ba­rung und der Richt­li­nie 2000/78 sei.
23. Herr Helm macht gel­tend, dass Pa­ra­graf 5 der Rah­men­ver­ein­ba­rung den Mit­glied­staa­ten vor­schrei­be, zur Ver­hin­de­rung des Miss­brauchs durch auf­ein­an­der fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verhält­nis­se Maßnah­men vor­zu­se­hen, nämlich ins­be­son­de­re sach­li­che Gründe für die Verlänge­rung die­ser Verträge zu ver­lan­gen oder ei­ne ma­xi­mal zulässi­ge Dau­er oder ma­xi­ma­le An­zahl der Verlänge­run­gen be­fris­te­ter Ar­beits­verträge oder -verhält­nis­se fest­zu­le­gen.
24. § 14 Ab­satz 3 Satz 4 Tz­B­fG se­he ei­ne sol­che Be­schränkung bei älte­ren Ar­beit­neh­mern zwar nicht aus­drück­lich vor, doch lie­ge ein sach­li­cher Grund für den Ab­schluss ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags im Sin­ne des Pa­ra­gra­fen 5 Num­mer 1 Buch­sta­be a der Rah­men­ver­ein­ba­rung dar­in, dass es für die­se Ar­beit­neh­mer an­ge­sichts der Verhält­nis­se auf dem Ar­beits­markt schwer sei, Ar­beit zu fin­den.
26. Ers­tens verstößt die­se Be­stim­mung nach An­sicht des Ar­beits­ge­richts ge­gen das Ver­schlech­te­rungs­ver­bot des Pa­ra­gra­fen 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, weil mit ihr im Rah­men der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 das Al­ter der vom Schutz ge­gen sach­grund­lo­se Be­fris­tung der Ar­beits­verträge aus­ge­nom­me­nen Per­so­nen von 60 auf 58 Jah­re ge­senkt und da­mit das all­ge­mei­ne Schutz­ni­veau für die­se Grup­pe von Ar­beit­neh­mern her­ab­ge­setzt wor­den sei. Die­se Be­stim­mung ver­s­toße außer­dem ge­gen Pa­ra­graf 5 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, mit dem der Miss­brauch durch sol­che Verträge ver­hin­dert wer­den sol­le, da er kei­ner­lei Be­schränkun­gen für de­ren Ab­schluss mit ei­ner großen, al­lein nach dem Le­bens­al­ter de­fi­nier­ten Grup­pe von Ar­beit­neh­mern ent­hal­te.
27. Zwei­tens fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt, ob ei­ne Re­ge­lung wie § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG mit Ar­ti­kel 6 der Richt­li­nie 2000/78 ver­ein­bar ist, da der Schutz älte­rer Men­schen im Ar­beits­le­ben durch die Her­ab­set­zung des Al­ters für die sach­grund­lo­se Be­fris­tung der Ar­beits­verträge von 58 auf 52 Jah­re durch das Ge­setz von 2002 nicht si­cher­ge­stellt wer­de. Auch der Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit sei nicht ge­wahrt.
28. Zum Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses, am 26. Ju­ni 2003, sei die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78 in in­ner­staat­li­ches Recht zwar noch nicht ab­ge­lau­fen ge­we­sen. Nach Rand­num­mer 45 des Ur­teils vom 18. De­zem­ber 1997 in der Rechts­sa­che C‑129/96 (In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, Slg. 1997, I‑7411) dürfe aber ein Mit­glied­staat, an den ei­ne Richt­li­nie ge­rich­tet sei, während der Um­set­zungs­frist kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen, die ge­eig­net sei­en, die Er­rei­chung des in der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Zie­les ernst­lich in Fra­ge zu stel­len.
29. Im Aus­gangs­ver­fah­ren sei die Ände­rung des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG durch das Ge­setz von 2002 am 1. Ja­nu­ar 2003 in Kraft ge­tre­ten, al­so nach Veröffent­li­chung der Richt­li­nie 2000/78 im Amts­blatt der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, je­doch vor Ab­lauf der in Ar­ti­kel 18 der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Um­set­zungs­frist.
30. Drit­tens wirft das vor­le­gen­de Ge­richt die Fra­ge auf, ob der na­tio­na­le Rich­ter in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die dem Ge­mein­schafts­recht ent­ge­gen­ste­hen­de Re­ge­lung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det zu las­sen ha­be. In­so­weit sei gemäß dem Vor­rang des Ge­mein­schafts­rechts der Schluss zu zie­hen, dass § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG ins­ge­samt nicht an­wend­bar sei und des­halb die Grund­norm des § 14 Ab­satz 1 Tz­B­fG an­zu­wen­den sei, die das Vor­lie­gen ei­nes sach­li­chen Grun­des für den Ab­schluss ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags ver­lan­ge.
31. Das Ar­beits­ge­richt München hat da­her das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
1. a) Ist Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin ge­hend aus­zu­le­gen, dass er im Rah­men der Um­set­zung in das in­ner­staat­li­che Recht ei­ne Ver­schlech­te­rung durch Sen­kung des Al­ters von 60 auf 58 Jah­re ver­bie­tet?
33. Hier­zu ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ein Ge­richt ei­nes Mit­glied­staats, dem ei­ne Fra­ge nach der Aus­le­gung des EG-Ver­trags oder ab­ge­lei­te­ter Rechts­ak­te der Ge­mein­schafts­or­ga­ne ge­stellt wird, den Ge­richts­hof gemäß Ar­ti­kel 234 EG er­su­chen kann, über die­se Fra­ge zu be­fin­den, wenn es ei­ne Ent­schei­dung darüber zum Er­lass sei­nes Ur­teils für er­for­der­lich hält (vgl. u. a. Ur­teil vom 21. März 2002 in der Rechts­sa­che C‑451/99, Cu­ra An­la­gen, Slg. 2002, I‑3193, Rand­nr. 22).
34. Im Rah­men die­ses Vor­la­ge­ver­fah­rens be­sitzt das vor­le­gen­de Ge­richt, das al­lein über ei­ne un­mit­tel­ba­re Kennt­nis des Sach­ver­halts verfügt, die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, um un­ter Berück­sich­ti­gung der Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che die Not­wen­dig­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung für den Er­lass sei­nes Ur­teils zu be­ur­tei­len (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 16. Ju­li 1992 in der Rechts­sa­che C‑83/91, Meili­cke, Slg. 1992, I‑4871, Rand­nr. 23, vom 7. Ju­li 1994 in der Rechts­sa­che C‑146/93, McLach­lan, Slg. 1994, I‑3229, Rand­nr. 20, vom 9. Fe­bru­ar 1995 in der Rechts­sa­che C‑412/93, Le­clerc-Si­plec, Slg. 1995, I‑179, Rand­nr. 10, und vom 30. Sep­tem­ber 2003 in der Rechts­sa­che C‑167/01, In­spi­re Art, Slg. 2003, I‑10155, Rand­nr. 43).
36. Dem Ge­richts­hof ob­liegt es je­doch, zur Prüfung sei­ner ei­ge­nen Zuständig­keit die Umstände zu un­ter­su­chen, un­ter de­nen er vom na­tio­na­len Ge­richt an­ge­ru­fen wird. Denn der Geist der Zu­sam­men­ar­beit, in dem das Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren durch­zuführen ist, ver­langt auch, dass das na­tio­na­le Ge­richt sei­ner­seits auf die dem Ge­richts­hof über­tra­ge­ne Auf­ga­be Rück­sicht nimmt, die dar­in be­steht, zur Rechts­pfle­ge in den Mit­glied­staa­ten bei­zu­tra­gen, nicht aber dar­in, Gut­ach­ten zu all­ge­mei­nen oder hy­po­the­ti­schen Fra­gen ab­zu­ge­ben (Ur­tei­le vom 3. Fe­bru­ar 1983 in der Rechts­sa­che 149/82, Ro­bards, Slg. 1983, 171, Rand­nr. 19, Meili­cke, Rand­nr. 25, und In­spi­re Art, Rand­nr. 45).
37. In An­be­tracht die­ser Auf­ga­be hat sich der Ge­richts­hof nicht für be­fugt ge­hal­ten, über ei­ne vor ei­nem na­tio­na­len Ge­richt auf­ge­wor­fe­ne Vor­ab­ent­schei­dungs­fra­ge zu be­fin­den, wenn of­fen­sicht­lich ist, dass die Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht.
38. Im vor­lie­gen­den Fall lässt sich je­doch nicht in Ab­re­de stel­len, dass die vom vor­le­gen­den Ge­richt be­an­trag­te Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts tatsächlich ei­nem durch die Ent­schei­dung des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits be­ding­ten ob­jek­ti­ven Bedürf­nis ent­spricht. Es ist nämlich un­strei­tig, dass der Ver­trag tatsächlich durch­geführt wor­den ist und sei­ne An­wen­dung ei­ne Fra­ge nach der Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts auf­wirft. Dass sich die Par­tei­en des Aus­gangs­rechts­streits über die Aus­le­gung des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG mögli­cher­wei­se ei­nig sind, ändert nichts dar­an, dass die­ser Rechts­streit tatsächlich be­steht.
39. Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist da­her zulässig.
40. Mit der ers­ten Fra­ge, Buch­sta­be b, die zu­erst zu prüfen ist, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Pa­ra­graf 5 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­steht, die wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge kei­ne der in die­ser Be­stim­mung für den Rück­griff auf be­fris­te­te Ar­beits­verträge vor­ge­se­he­nen Be­schränkun­gen enthält.
41. Da­zu ist fest­zu­stel­len, dass Pa­ra­graf 5 Num­mer 1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung zum Ziel hat, „Miss­brauch durch auf­ein­an­der fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge oder ‑verhält­nis­se zu ver­mei­den“.
42. Die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ha­ben je­doch, wie sie in der münd­li­chen Ver­hand­lung bestätigt ha­ben, nur die­sen ei­nen Ar­beits­ver­trag mit­ein­an­der ge­schlos­sen.
44. Mit sei­ner ers­ten Fra­ge, Buch­sta­be a, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen­steht, mit der im Rah­men der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 das Al­ter, ab dem un­ein­ge­schränkt be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 60 auf 58 Jah­re ge­senkt wor­den ist.
45. Ein­lei­tend ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Ver­trag am 26. Ju­ni 2003 ge­schlos­sen wor­den ist, d. h. un­ter der Gel­tung des Tz­B­fG in der Fas­sung des Ge­set­zes von 2002, mit dem das Al­ter, ab dem be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 58 auf 52 Jah­re her­ab­ge­setzt wur­de. Un­strei­tig ist Herr Man­gold im Al­ter von 56 Jah­ren von Herrn Helm ein­ge­stellt wor­den.
46. Das na­tio­na­le Ge­richt ist je­doch der An­sicht, dass die Aus­le­gung von Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 für die Prüfung der Rechtmäßig­keit des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung gleich­wohl nütz­lich wäre, da ei­ne Un­ver­ein­bar­keit der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift mit dem Ge­mein­schafts­recht auch die Ungültig­keit ih­rer Ände­rung durch das Ge­setz von 2002 nach sich zie­hen würde.
47. Es ist je­den­falls fest­zu­stel­len, dass der deut­sche Ge­setz­ge­ber be­reits im Rah­men der Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 in in­ner­staat­li­ches Recht das Al­ter, von dem an be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 60 auf 58 Jah­re ge­senkt hat­te.
48. Nach An­sicht von Herrn Man­gold verstößt die­se, wie auch die durch das Ge­setz von 2002 be­wirk­te Ver­schlech­te­rung ge­gen Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung.
49. Die deut­sche Re­gie­rung ver­tritt da­ge­gen die Auf­fas­sung, dass die Her­ab­set­zung des Al­ters da­durch aus­ge­gli­chen wor­den sei, dass den be­fris­tet ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mern neue so­zia­le Ga­ran­ti­en gewährt wor­den sei­en, wie z. B. ein all­ge­mei­nes Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot und die Er­stre­ckung der für der­ar­ti­ge Verträge vor­ge­se­he­nen Ein­schränkun­gen auf klei­ne Un­ter­neh­men und auf kurz­fris­ti­ge Ar­beits­verhält­nis­se.
50. In­so­weit er­gibt sich schon aus dem Wort­laut von Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung, dass de­ren Um­set­zung für die Mit­glied­staa­ten nicht als Grund für die Sen­kung des all­ge­mei­nen Ni­veaus des Ar­beit­neh­mer­schut­zes in dem von der Ver­ein­ba­rung er­fass­ten Be­reich die­nen kann.
51. Mit dem in Pa­ra­graf 8 Num­mer 3 der Rah­men­ver­ein­ba­rung oh­ne wei­te­re Erläute­rung ver­wen­de­ten Aus­druck „Um­set­zung“ kann nicht nur die ursprüng­li­che Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 und ins­be­son­de­re ih­res die Rah­men­ver­ein­ba­rung ent­hal­ten­den An­hangs ge­meint sein; er muss viel­mehr al­le na­tio­na­len Maßnah­men er­fas­sen, die die Er­rei­chung des mit der Richt­li­nie ver­folg­ten Zie­les gewähr­leis­ten sol­len, ein­sch­ließlich der­je­ni­gen, mit de­nen nach der ei­gent­li­chen Um­set­zung die be­reits er­las­se­nen na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten ergänzt oder geändert wer­den.
52. Hin­ge­gen ist ei­ne Ver­min­de­rung des den Ar­beit­neh­mern im Hin­blick auf be­fris­te­te Ar­beits­verträge ga­ran­tier­ten Schut­zes nicht als sol­che durch die Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­bo­ten, wenn sie in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Um­set­zung die­ser Rah­men­ver­ein­ba­rung steht.
53. So­wohl aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung als auch aus den Erklärun­gen der deut­schen Re­gie­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung er­gibt sich, dass – wie auch der Ge­ne­ral­an­walt in den Num­mern 75 bis 77 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat –die schritt­wei­se Her­ab­set­zung des Al­ters, ab dem der Ab­schluss be­fris­te­ter Verträge un­ein­ge­schränkt möglich ist, nicht durch das Er­for­der­nis der Um­set­zung der Rah­men­ver­ein­ba­rung, son­dern durch die Not­wen­dig­keit ge­recht­fer­tigt ist, die Beschäfti­gung älte­rer Men­schen in Deutsch­land zu fördern.
55. Mit der zwei­ten und der drit­ten Fra­ge, die zu­sam­men zu prüfen sind, möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt im We­sent­li­chen wis­sen, ob Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen­steht, nach der der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge mit Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ein­ge­schränkt zulässig ist, so­fern nicht zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht. Für den Fall, dass dies be­jaht wird, fragt das Ge­richt, wel­che Fol­gen der na­tio­na­le Rich­ter aus die­ser Aus­le­gung zu zie­hen hat.
56. In­so­weit ist dar­an zu er­in­nern, dass die Richt­li­nie 2000/78 nach ih­rem Ar­ti­kel 1 die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung in Beschäfti­gung und Be­ruf aus den dort ge­nann­ten Gründen, dar­un­ter we­gen des Al­ters, be­zweckt.
58. Eben zu Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters be­stimmt Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78, dass die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen können, dass sol­che Un­gleich­be­hand­lun­gen „kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen sind und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt sind und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind“. Nach Ab­satz 1 Un­ter­ab­satz 2 Buch­sta­be a können sol­che Un­gleich­be­hand­lun­gen u. a. „die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs- und Ar­beits­be­din­gun­gen, … um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len“, so­wie nach den Buch­sta­ben b und c in ei­ni­gen be­son­de­ren Fällen die Fest­le­gung von al­ters­be­zo­ge­nen An­for­de­run­gen be­tref­fen.
59. Wie sich aus den dem Ge­richts­hof vom vor­le­gen­den Ge­richt über­mit­tel­ten Ak­ten er­gibt, be­zwe­cken die­se Rechts­vor­schrif­ten klar, die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer zu fördern, weil die­se er­heb­li­che Schwie­rig­kei­ten ha­ben, wie­der ei­nen Ar­beits­platz zu fin­den.
60. Die Le­gi­ti­mität ei­nes sol­chen im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­den Zie­les steht außer Zwei­fel, wie die Kom­mis­si­on im Übri­gen selbst ein­geräumt hat.
61. Folg­lich ist ein der­ar­ti­ges Ziel – wie in Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 ers­ter Un­ter­ab­satz der Richt­li­nie 2000/78 vor­ge­se­hen – grundsätz­lich als ei­ne „ob­jek­ti­ve und an­ge­mes­se­ne“ Recht­fer­ti­gung ei­ner von den Mit­glied­staa­ten vor­ge­se­he­nen Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters an­zu­se­hen.
62. Wei­ter ist nach dem Wort­laut die­ser Be­stim­mung zu prüfen, ob die ein­ge­setz­ten Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses le­gi­ti­men Zie­les „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind.
63. In­so­weit verfügen die Mit­glied­staa­ten un­be­streit­bar über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum bei der Wahl der Maßnah­men zur Er­rei­chung ih­rer Zie­le im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik.
64. Wie das vor­le­gen­de Ge­richt aus­geführt hat, läuft die An­wen­dung na­tio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen je­doch dar­auf hin­aus, dass al­len Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ter­schieds­los – gleichgültig, ob und wie lan­ge sie vor Ab­schluss des Ar­beits­ver­trags ar­beits­los wa­ren – bis zum Er­rei­chen des Al­ters, ab dem sie ih­re Ren­ten­ansprüche gel­tend ma­chen können, be­fris­te­te, un­be­grenzt häufig verlänger­ba­re Ar­beits­verträge an­ge­bo­ten wer­den können. Die­se große, aus­sch­ließlich nach dem Le­bens­al­ter de­fi­nier­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern läuft da­mit während ei­nes er­heb­li­chen Teils ih­res Be­rufs­le­bens Ge­fahr, von fes­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­sen aus­ge­schlos­sen zu sein, die doch, wie sich aus der Rah­men­ver­ein­ba­rung er­gibt, ei­nen wich­ti­gen As­pekt des Ar­beit­neh­mer­schut­zes dar­stel­len.
65. Sol­che Rechts­vor­schrif­ten ge­hen in­so­fern, als sie das Al­ter des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers als ein­zi­ges Kri­te­ri­um für die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­trags fest­le­gen, oh­ne dass nach­ge­wie­sen wäre, dass die Fest­le­gung ei­ner Al­ters­gren­ze als sol­che un­abhängig von an­de­ren Erwägun­gen im Zu­sam­men­hang mit der Struk­tur des je­wei­li­gen Ar­beits­mark­tes und der persönli­chen Si­tua­ti­on des Be­trof­fe­nen zur Er­rei­chung des Zie­les der be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung ar­beits­lo­ser älte­rer Ar­beit­neh­mer ob­jek­tiv er­for­der­lich ist, über das hin­aus, was zur Er­rei­chung des ver­folg­ten Zie­les an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist. Die Wah­rung des Grund­sat­zes der Verhält­nismäßig­keit be­deu­tet nämlich, dass bei Aus­nah­men von ei­nem In­di­vi­du­al­recht die Er­for­der­nis­se des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes so weit wie möglich mit de­nen des an­ge­streb­ten Zie­les in Ein­klang ge­bracht wer­den müssen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. März 2002 in der Rechts­sa­che C‑476/99, Lom­mers, Slg. 2002, I‑2891, Rand­nr. 39). Der­ar­ti­ge na­tio­na­le Rechts­vor­schrif­ten können da­her nicht nach Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 ge­recht­fer­tigt wer­den.
66. Dass die Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78 zum Zeit­punkt des Ab­schlus­ses des Ver­tra­ges noch nicht ab­ge­lau­fen war, steht die­ser Fest­stel­lung nicht ent­ge­gen.
67. Ers­tens hat nämlich der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass die Mit­glied­staa­ten während der Frist für die Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie kei­ne Vor­schrif­ten er­las­sen dürfen, die ge­eig­net sind, die Er­rei­chung des in die­ser Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Zie­les ernst­lich in Fra­ge zu stel­len (Ur­teil In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, Rand­nr. 45).
68. In die­sem Zu­sam­men­hang kommt es nicht dar­auf an, ob die frag­li­che, nach In­kraft­tre­ten der be­tref­fen­den Richt­li­nie er­las­se­ne Re­ge­lung des na­tio­na­len Rechts de­ren Um­set­zung be­zweckt oder nicht (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 8. Mai 2003 in der Rechts­sa­che C‑14/02, ATRAL, Slg. 2003, I‑4431, Rand­nrn. 58 und 59).
69. Im Aus­gangs­ver­fah­ren ist die Her­ab­set­zung des Al­ters, ab dem be­fris­te­te Ar­beits­verträge ge­schlos­sen wer­den können, von 58 auf 52 Jah­re durch Ar­ti­kel 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG im De­zem­ber 2002 er­folgt, und die­se Maßnah­me soll bis zum 31. De­zem­ber 2006 gel­ten.
70. Der Um­stand, dass die Gel­tung die­ser Vor­schrift am 31. De­zem­ber 2006 en­det, d. h. nur we­ni­ge Wo­chen nach Ab­lauf der vom be­tref­fen­den Mit­glied­staat ein­zu­hal­ten­den Um­set­zungs­frist, ist als sol­cher nicht ent­schei­dend.
71. Zum ei­nen er­gibt sich nämlich schon aus dem Wort­laut von Ar­ti­kel 18 Ab­satz 2 der Richt­li­nie 2000/78, dass ein Mit­glied­staat, der – wie im vor­lie­gen­den Fall die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land – ei­ne Zu­satz­frist von drei Jah­ren ab dem 2. De­zem­ber 2003 für die Um­set­zung die­ser Richt­li­nie in An­spruch zu neh­men be­sch­ließt, „der Kom­mis­si­on jähr­lich Be­richt über die von ihm er­grif­fe­nen Maßnah­men zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters … und über die Fort­schrit­te, die bei der Um­set­zung der Richt­li­nie er­zielt wer­den konn­ten“, er­stat­tet.
72. Die­se Be­stim­mung im­pli­ziert al­so, dass der Mit­glied­staat, der aus­nahms­wei­se in den Ge­nuss ei­ner länge­ren Um­set­zungs­frist kommt, schritt­wei­se kon­kre­te Maßnah­men er­greift, um sei­ne Re­ge­lung schon dem in der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­nen Er­geb­nis an­zunähern. Die­ser Ver­pflich­tung würde je­doch jeg­li­che prak­ti­sche Wirk­sam­keit ge­nom­men, wenn es dem Mit­glied­staat ge­stat­tet wäre, während der Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie Maßnah­men zu er­las­sen, die mit de­ren Zie­len un­ver­ein­bar sind.
73. Zum an­de­ren wird am 31. De­zem­ber 2006, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Num­mer 96 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ein be­acht­li­cher Teil der Ar­beit­neh­mer, auf die die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Re­ge­lung an­wend­bar ist – dar­un­ter Herr Man­gold −, das 58. Le­bens­jahr be­reits voll­endet ha­ben und so­mit wei­ter un­ter die Son­der­re­ge­lung des § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG fal­len, so dass für die­se Per­so­nen­grup­pe die Ge­fahr des Aus­schlus­ses von der Ga­ran­tie ei­nes fes­ten Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses in Form ei­nes un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags be­reits de­fi­ni­tiv ein­ge­tre­ten ist, un­abhängig da­von, dass die Al­ters­gren­ze von 52 Jah­ren nur bis En­de 2006 gilt.
74. Zwei­tens ist zu be­ach­ten, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf nicht in der Richt­li­nie 2000/78 selbst ver­an­kert ist. Nach ih­rem Ar­ti­kel 1 be­zweckt die­se Richt­li­nie nämlich le­dig­lich „die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung“, wo­bei das grundsätz­li­che Ver­bot die­ser For­men der Dis­kri­mi­nie­rung, wie sich aus der ers­ten und der vier­ten Be­gründungs­erwägung der Richt­li­nie er­gibt, sei­nen Ur­sprung in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen und den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat.
75. Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ist so­mit als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Ge­mein­schafts­rechts an­zu­se­hen. Fällt ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung in den Gel­tungs­be­reich des Ge­mein­schafts­rechts, was bei dem durch das Ge­setz von 2002 geänder­ten § 14 Ab­satz 3 Tz­B­fG als Maßnah­me zur Um­set­zung der Richt­li­nie 1999/70 der Fall ist (vgl. hier­zu auch Rand­nrn. 51 und 64 des vor­lie­gen­den Ur­teils), hat der Ge­richts­hof, wenn er im Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren an­ge­ru­fen wird, dem vor­le­gen­den Ge­richt al­le Aus­le­gungs­hin­wei­se zu ge­ben, die es benötigt, um die Ver­ein­bar­keit die­ser Re­ge­lung mit die­sem Grund­satz be­ur­tei­len zu können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. De­zem­ber 2002 in der Rechts­sa­che C‑442/00, Ro­dríguez Ca­bal­le­ro, Slg. 2002, I‑11915, Rand­nrn. 30 bis 32).
76. Folg­lich kann die Wah­rung des all­ge­mei­nen Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das Al­ter, als sol­che nicht vom Ab­lauf der Frist abhängen, die den Mit­glied­staa­ten zur Um­set­zung ei­ner Richt­li­nie ein­geräumt wor­den ist, die die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters be­zweckt, vor al­lem was die Be­reit­stel­lung ge­eig­ne­ter Rechts­be­hel­fe, die Be­weis­last, die Vik­ti­mi­sie­rung, den so­zia­len Dia­log so­wie die po­si­ti­ven und an­de­ren spe­zi­fi­schen Maßnah­men zur Um­set­zung ei­ner sol­chen Richt­li­nie an­geht.
77. Es ob­liegt da­her dem na­tio­na­len Ge­richt, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters anhängig ist, im Rah­men sei­ner Zuständig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Ge­mein­schafts­recht er­gibt, zu gewähr­leis­ten und die vol­le Wirk­sam­keit des Ge­mein­schafts­rechts zu ga­ran­tie­ren, in­dem es je­de mögli­cher­wei­se ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 9. März 1978 in der Rechts­sa­che 106/77, Simm­en­thal, Slg. 1978, 629, Rand­nr. 21, und vom 5. März 1998 in der Rechts­sa­che C‑347/96, Sol­red, Slg. 1998, I‑937, Rand­nr. 30).
78. Nach al­le­dem ist auf die zwei­te und die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Ge­mein­schafts­recht und ins­be­son­de­re Ar­ti­kel 6 Ab­satz 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen, nach der der Ab­schluss be­fris­te­ter Ar­beits­verträge mit Ar­beit­neh­mern, die das 52. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, un­ein­ge­schränkt zulässig ist, so­fern nicht zu ei­nem vor­her­ge­hen­den un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag mit dem­sel­ben Ar­beit­ge­ber ein en­ger sach­li­cher Zu­sam­men­hang be­steht, ent­ge­gen­ste­hen.
Es ob­liegt dem na­tio­na­len Ge­richt, die vol­le Wirk­sam­keit des all­ge­mei­nen Ver­bo­tes der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu gewähr­leis­ten, in­dem es je­de ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt, auch wenn die Frist für die Um­set­zung der Richt­li­nie noch nicht ab­ge­lau­fen ist.
Un­ter­schrif­ten.
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