Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/untaetigkeitsbeschwerde-349553
Timestamp: 2020-07-14 16:18:20
Document Index: 34460023

Matched Legal Cases: ['Art. 13', 'Art. 6', '§ 198', '§ 198', '§ 567', 'EGMR', 'EGMR', '§ 567', '§ 567']

Untätigkeitsbeschwerde | Rechtslupe
Untä­tig­keits­be­schwer­de
Jeden­falls seit Inkraft­tre­ten des Geset­zes über den Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren und straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren vom 24. Novem­ber 2011 [1] am 3. Dezem­ber 2011 mit Wir­kung für alle zu die­ser Zeit bereits anhän­gi­gen Ver­fah­ren ist die nach frü­he­rer Rechts­la­ge von ein­zel­nen Gerich­ten und Tei­len der Lite­ra­tur befür­wor­te­te Untä­tig­keits­be­schwer­de [2] nicht mehr statt­haft.
Durch die gesetz­li­che Neu­fas­sung soll­ten die Anfor­de­run­gen des Art. 13 EMRK erfüllt wer­den, der ver­langt, dass einem Betrof­fe­nen ein Rechts­be­helf bei einer inner­staat­li­chen Instanz zusteht, mit dem er rügen kann, die aus Art. 6 Abs. 1 EMRK fol­gen­de Ver­pflich­tung, über eine Strei­tig­keit inner­halb ange­mes­se­ner Frist zu ent­schei­den, sei ver­letzt [3]. Nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te muss ein inner­staat­li­cher Rechts­be­helf bei über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er wirk­sam sein. Dies ist der Fall, wenn der Rechts­be­helf geeig­net ist, ent­we­der die befass­ten Gerich­te zu einer schnel­le­ren Ent­schei­dungs­fin­dung zu ver­an­las­sen (prä­ven­ti­ve Wir­kung) oder dem Recht­su­chen­den für die bereits ent­stan­de­nen Ver­zö­ge­run­gen eine ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung zu gewäh­ren (kom­pen­sa­to­ri­sche Wir­kung [4]).
Der deut­sche Gesetz­ge­ber hat sich mit § 198 Abs. 1 GVG bewusst für die Kom­pen­sa­ti­ons­lö­sung ent­schie­den [5]. Der Gedan­ke der Prä­ven­ti­on wur­de nur inso­weit auf­ge­grif­fen, als der Ent­schä­di­gungs­an­spruch eine Ver­zö­ge­rungs­rü­ge beim Aus­gangs­ge­richt (§ 198 Abs. 3 GVG) vor­aus­setzt [6]. Im Geset­zes­ent­wurf ist aus­ge­führt: "Da Gerich­te auf ent­spre­chen­de Rügen mit Abhil­fe reagie­ren kön­nen und in begrün­de­ten Fäl­len auch regel­mä­ßig abhel­fen wer­den, hat die Rege­lung eine kon­kret­prä­ven­ti­ve Beschleu­ni­gungs­wir­kung. Eine Beschwer­de­mög­lich­keit für den Fall der Nicht­ab­hil­fe ist nicht vor­ge­se­hen, um die Belas­tun­gen für die Pra­xis begrenzt zu hal­ten" [5]. Hier­aus ergibt sich ein­deu­tig, dass der Gesetz­ge­ber gegen die Untä­tig­keit des Gerichts kei­ne Rechts­mit­tel­mög­lich­keit zu einer höhe­ren Instanz vor­se­hen woll­te. Einer außer­or­dent­li­chen Beschwer­de ist damit der Boden ent­zo­gen [7].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Novem­ber 2012 – VIII ZB 49/​12
vgl. hier­zu Zöller/​Heßler, ZPO, 29. Aufl., § 567 Rn. 21[↩]
vgl. BT-Drucks. 17/​3802, S. 15; EGMR, NJW 2001, 2694 Rn. 156[↩]
vgl. EGMR, NJW 2006, 2389 Rn. 99[↩]
BT-Drucks. 17/​3802, aaO[↩][↩]
BT-Drucks. 17/​3802, S. 16[↩]
OLG Düs­sel­dorf, NJW 2012, 1455 f.; OLG Bran­den­burg, MDR 2012, 305; Zöller/​Heßler, ZPO, 29. Aufl., § 567 Rn. 21b; Thomas/​Putzo/​Reichold, ZPO, 33. Aufl., § 567 Rn. 10[↩]
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