Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/tarifvorrang-und-die-oeffnungsklausel-3200824
Timestamp: 2020-08-14 22:40:10
Document Index: 1234666

Matched Legal Cases: ['§ 77', '§ 77', '§ 77', '§ 77', '§ 77', '§ 77', '§ 87', '§ 77', '§ 2', '§ 3', '§ 75', 'Art. 3', '§ 75', '§ 77', '§ 77', '§ 2', '§ 77', '§ 77', '§ 77', '§ 2', '§ 3', '§ 77']

Tarifvorrang - und die Öffnungsklausel | Rechtslupe
Tarifvorrang - und die Öffnungsklausel
20. Januar 2020 Rechtslupe
Eine Öff­nungs­klau­sel eines unter­neh­mens­be­zo­ge­nen Ver­bands­ta­rif­ver­trags kann die durch einen Flä­chen­ver­bands­ta­rif­ver­trag bewirk­te Sperr­wir­kung des § 77 Abs. 3 Satz 1 BetrVG auf­he­ben. Eine der Rege­lungs­sper­re unter­lie­gen­de Betriebs­ver­ein­ba­rung kann auch durch Zustim­mungs­er­klä­run­gen der Tarif­ver­trags­par­tei­en gestat­tet sein.
Nach § 77 Abs. 3 Satz 1 BetrVG kön­nen Arbeits­ent­gel­te und sons­ti­ge Arbeits­be­din­gun­gen, die durch Tarif­ver­trag gere­gelt sind oder übli­cher­wei­se gere­gelt wer­den, nicht Gegen­stand einer Betriebs­ver­ein­ba­rung sein. Dies gilt nach Satz 2 der Vor­schrift dann nicht, wenn ein Tarif­ver­trag den Abschluss ergän­zen­der Betriebs­ver­ein­ba­run­gen aus­drück­lich zulässt. Die Rege­lung in § 77 Abs. 3 Satz 2 BetrVG ver­deut­licht, dass es den Tarif­ver­trags­par­tei­en vor­be­hal­ten bleibt, ob sie ergän­zen­de Betriebs­ver­ein­ba­run­gen zulas­sen wol­len oder nicht.
Eine tarif­li­che Rege­lung von Arbeits­be­din­gun­gen liegt vor, wenn die­se in einem nach sei­nem räum­li­chen, betrieb­li­chen, fach­li­chen und per­sön­li­chen Gel­tungs­be­reich ein­schlä­gi­gen Tarif­ver­trag ent­hal­ten sind und der Betrieb in den Gel­tungs­be­reich die­ses Tarif­ver­trags fällt [1]. Auf die Tarif­ge­bun­den­heit des Arbeit­ge­bers kommt es nicht an [2]. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en kön­nen durch eine Öff­nungs­klau­sel iSv. § 77 Abs. 3 Satz 2 BetrVG auch nach­träg­lich Betriebs­ver­ein­ba­run­gen geneh­mi­gen [3]. Ein Ver­stoß gegen die Rege­lungs­sper­re des § 77 Abs. 3 BetrVG führt zur Unwirk­sam­keit der Betriebs­ver­ein­ba­rung [4]. Aller­dings greift die Sper­re des § 77 Abs. 3 Satz 1 BetrVG nicht, soweit es um Ange­le­gen­hei­ten geht, die nach § 87 Abs. 1 BetrVG der erzwing­ba­ren Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats unter­lie­gen [5].
Haben die Tarif­ver­trags­par­tei­en eine unter § 77 Abs. 3 Satz 2 BetrVG fal­len­de, spe­zi­fi­sche und nach­träg­li­che Gestat­tung der (Gesamt-)Betriebsvereinbarung durch ergän­zen­de fir­men­be­zo­ge­ne Ver­bands­ta­rif­ver­trä­ge vor­ge­nom­men, ver­mag die­se eine dar­auf bezo­ge­ne Sperr­wir­kung eines Flä­chen­ver­bands­ta­rif­ver­trags grund­sätz­lich zu besei­ti­gen [6].
Unschäd­lich ist, dass die für den vor­lie­gend ein­schlä­gi­gen räum­li­chen Gel­tungs­be­reich zustän­di­gen Tarif­ver­trags­par­tei­en die­se Rege­lun­gen durch einen Ver­weis auf den Tarif­ver­trag eines ande­ren räum­li­chen Gel­tungs­ge­bie­tes in ihre jewei­li­gen Ver­bands­ta­rif­ver­trä­ge inkor­po­riert haben. Damit haben sie sich nicht ihrer Rege­lungs­macht bege­ben. Eine der­ar­ti­ge Bezug­nah­me ist zuläs­sig, wenn die Gel­tungs­be­rei­che des ver­wei­sen­den und des in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trags in einem engen sach­li­chen Zusam­men­hang ste­hen [7]. Das ist der Fall, da es sich beim in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trag um auf die Betrie­be der Betriebs­über­ge­be­rin bezo­ge­ne Ver­bands­ta­rif­ver­trä­ge han­delt [8].
Bei der Reich­wei­te der ver­ein­bar­ten Tarif­öff­nungs­klau­sel ist im hier ent­schie­de­nen Fall aller­dings zu beach­ten, dass sich die Tarif­ver­trags­par­tei­en ihrer Vor­rang­kom­pe­tenz nicht gänz­lich bege­ben und den Betriebs­par­tei­en die Aus­ge­stal­tung des bei der Betriebs­über­ge­be­rin zur Anwen­dung kom­men­den Ver­gü­tungs­sys­tems nicht voll­stän­dig über­las­sen haben. Viel­mehr haben sie die struk­tu­rel­le Zusam­men­set­zung des Ent­gelts – Grund­ent­gelt, Leis­tungs­ent­gelt, Erschwer­nis­zu­la­ge, ggf. Aus­gleichs­be­trag – selbst fest­ge­legt [9]. Zudem haben sie Vor­ga­ben für die Höhe des zu zah­len­den tarif­li­chen Grund­ent­gelts getrof­fen. In der eben­falls durch Nr. 2 ETV NRW 2011 bzw. § 2 ZTV NRW 2014 in Bezug genom­me­nen Anla­ge 1 zum ZTV BW 2009 ist der pro­zen­tua­le Abstand zwi­schen den 17 Ent­gelt­grup­pen aus­ge­hend von einem in nomi­na­ler Höhe ange­ge­be­nen rech­ne­ri­schen Grund­ent­gelt der Eck­ent­gelt­grup­pe EG 7 fest­ge­legt. Die Höhe des zu zah­len­den Grund­ent­gelts ist nach Nr. 3 Abs. 1 Satz 1 ETV NRW 2011 bzw. § 3 Abs. 1 ZTV NRW 2014 in den jewei­li­gen Anla­gen für die ein­zel­nen Nie­der­las­sun­gen der Neben­in­ter­ve­ni­en­tin in Nord­rhein-West­fa­len und der jeweils zuge­hö­ri­gen Betrie­be durch einen sog. Ent­gelt­grup­pen­schlüs­sel pro­zen­tu­al fest­ge­setzt. Künf­ti­ge Erhö­hun­gen rich­ten sich dabei nach dem jeweils gül­ti­gen Ent­gelt­ab­kom­men, wobei die jewei­li­ge Erhö­hung des Eck­ent­gelts mit den Tarif­ver­trags­par­tei­en abzu­stim­men ist [10]. Die Anla­ge 1 zum ETV NRW 2011 führt mit Stand Dezem­ber 2009 für die jewei­li­gen Nie­der­las­sun­gen und deren Betrie­be – wozu der Betrieb M der Nie­der­las­sung Rhein-Ruhr gehört – Pro­zent­sät­ze für die Grund­ent­gelt­be­rech­nung sowie betriebs­be­zo­ge­ne „Eck­wer­te“ in Euro­be­trä­gen an. Ent­spre­chen­de betriebs­be­zo­ge­ne Fest­le­gun­gen des „Eck­werts EG 7“ – als nomi­nel­len Wert – weist die Anla­ge zum ZTV NRW 2014 aus. Damit sind sowohl die Bestand­tei­le der Ver­gü­tung als auch die betriebs­be­zo­ge­ne Fest­le­gung des Grund­ent­gelts nicht für die betrieb­li­che Gestal­tungs­macht geöff­net; über sie kön­nen die Betriebs­par­tei­en ohne Zustim­mung der Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht ver­fü­gen.
Die Par­tei­en einer Betriebs­ver­ein­ba­rung kön­nen von ihnen getrof­fe­ne Rege­lun­gen jeder­zeit für die Zukunft abän­dern. Die neue Betriebs­ver­ein­ba­rung kann auch für Arbeit­neh­mer ungüns­ti­ge­re Bestim­mun­gen ent­hal­ten. Im Ver­hält­nis zwei­er gleich­ran­gi­ger Nor­men gilt nicht das Güns­tig­keits­prin­zip, son­dern die Zeit­kol­li­si­ons­re­gel. Danach geht die jün­ge­re Norm der älte­ren vor. Aller­dings kann eine neue Betriebs­ver­ein­ba­rung bereits ent­stan­de­ne Ansprü­che der Arbeit­neh­mer nicht ohne Wei­te­res schmä­lern oder ent­fal­len las­sen. Die Mög­lich­keit einer sol­chen Rück­wir­kung nor­ma­ti­ver Rege­lun­gen ist durch das Ver­trau­ens­schutz- und das Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­prin­zip beschränkt [11].
Die Betriebs­par­tei­en haben bei Betriebs­ver­ein­ba­run­gen § 75 Abs. 1 BetrVG zu beach­ten. Der dort gere­gel­te und auf den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG zurück­zu­füh­ren­de betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz zielt dar­auf ab, eine Gleich­be­hand­lung von Per­so­nen in ver­gleich­ba­ren Sach­ver­hal­ten sicher­zu­stel­len und eine gleich­heits­wid­ri­ge Grup­pen­bil­dung aus­zu­schlie­ßen [12]. Eine Grup­pen­bil­dung kann auch dadurch erfol­gen, dass für eine Arbeit­neh­mer­grup­pe eine Rege­lung getrof­fen wird und für eine ande­re unter­bleibt [13]. Sind in einer Betriebs­ver­ein­ba­rung für ver­schie­de­ne Arbeit­neh­mer­grup­pen unter­schied­li­che Leis­tun­gen oder Pflich­ten vor­ge­se­hen, ver­langt der Gleich­heits­satz, dass die­se Dif­fe­ren­zie­rung sach­lich gerecht­fer­tigt ist. Maß­geb­lich hier­für ist vor allem der mit der Rege­lung ver­folg­te Zweck [14]. Bei einer per­so­nen­be­zo­ge­nen Ungleich­be­hand­lung ist der Gleich­heits­satz bereits dann ver­letzt, wenn eine Grup­pe von Normadres­sa­ten im Ver­gleich zu ande­ren Normadres­sa­ten anders behan­delt wird, obwohl zwi­schen bei­den Grup­pen kei­ne Unter­schie­de von sol­cher Art und sol­chem Gewicht bestehen, dass sie die unglei­che Behand­lung recht­fer­ti­gen könn­ten [15].
Aber selbst als per­so­nen­be­zo­ge­ne Ungleich­be­hand­lung hält sie einer Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­kon­trol­le stand, wenn die Grup­pen­bil­dung einem legi­ti­men Zweck dient und zur Errei­chung die­ses Zwecks erfor­der­lich und ange­mes­sen ist [16].
Rege­lun­gen einer Betriebs­ver­ein­ba­rung ver­sto­ßen gegen § 75 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 BetrVG, wenn mit ihnen der einer zwin­gend-gesetz­li­chen Norm zugrun­de lie­gen­de Zweck ver­ei­telt wird. Dem liegt die Erwä­gung zugrun­de, dass sich die Norm­set­zungs­be­fug­nis der Betriebs­par­tei­en nicht dar­auf bezie­hen kann, einen gesetz­lich miss­bil­lig­ten Erfolg durch Umge­hung des ent­spre­chen­den Geset­zes zu errei­chen.
Nach § 77 Abs. 3 Satz 2 BetrVG gilt die Tarif­sper­re des § 77 Abs. 3 Satz 1 BetrVG nicht, wenn „ein Tarif­ver­trag“ den Abschluss ergän­zen­der Betriebs­ver­ein­ba­run­gen zulässt. Soweit Nr. 2 ETV NRW 2011 bzw. § 2 ZTV NRW 2014 iVm. Nr. 5 Abs. 1 Satz 2 ZTV BW 2009 regeln, dass Ände­run­gen der GBV ERA-NDL der „Zustim­mung“ der Tarif­ver­trags­par­tei­en bedür­fen, begeg­net dies kei­nen Beden­ken. Im Rah­men von § 77 Abs. 3 Satz 2 BetrVG haben die Tarif­ver­trags­par­tei­en dar­über zu befin­den, ob und inwie­weit sie den Betriebs­par­tei­en die die­sen durch § 77 Abs. 3 Satz 1 BetrVG ent­zo­ge­ne Gestal­tungs­macht zurück­ge­ben. Die­ser Schutz­zweck erlaubt auch die Bil­li­gung einer tarif­ab­wei­chen­den Betriebs­ver­ein­ba­rung durch Zustim­mungs­er­klä­run­gen der Tarif­ver­trags­par­tei­en.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 13. August 2019 – 1 AZR 213/​18
st. Rspr., vgl. BAG 12.03.2019 – 1 AZR 307/​17, Rn. 32 mwN[↩]
zu all­dem vgl. BAG 23.01.2018 – 1 AZR 65/​17, Rn. 16 ff., BAGE 161, 305[↩]
BAG 29.01.2002 – 1 AZR 267/​01, zu I 3 b der Grün­de; 20.04.1999 – 1 AZR 631/​98, zu II 3 b der Grün­de, BAGE 91, 244[↩]
vgl. BAG 15.05.2018 – 1 ABR 75/​16, Rn. 29, BAGE 162, 379[↩]
grds. BAG 3.12 1991 – GS 2/​90, zu C I 4 der Grün­de, BAGE 69, 134; vgl. auch BAG 17.05.2011 – 1 AZR 473/​09, Rn. 30, BAGE 138, 68[↩]
vgl. zu letz­te­rem Aspekt Kreutz GK-BetrVG 11. Aufl. § 77 Rn. 170[↩]
vgl. BAG 29.08.2001 – 4 AZR 332/​00, zu I 2 b der Grün­de, BAGE 99, 10; grds. BAG 10.11.1982 – 4 AZR 1203/​79, BAGE 40, 327[↩]
vgl. dazu auch BAG 16.11.2011 – 4 AZR 856/​09, Rn. 21 mwN[↩]
vgl. Nr. 2 ETV NRW 2011 bzw. § 2 ZTV NRW 2014 iVm. Nr. 3.2, Nr. 3.3 und Nr. 3.5 ZTV BW 2009[↩]
vgl. Nr. 3 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 Satz 1 ETV NRW 2011 bzw. § 3 Abs. 2 und Abs. 3 ZTV NRW 2014[↩]
BAG 23.01.2008 – 1 AZR 988/​06, Rn.19 mwN[↩]
vgl. BAG 30.09.2014 – 1 AZR 1083/​12, Rn. 15, BAGE 149, 195[↩]
BAG 22.03.2005 – 1 AZR 49/​04, zu 3 a der Grün­de, BAGE 114, 179[↩]
BAG 18.05.2010 – 1 AZR 187/​09, Rn. 15[↩]
BAG 26.04.2016 – 1 AZR 435/​14, Rn. 21[↩]
vgl. BAG 19.07.2016 – 3 AZR 134/​15, Rn. 33, BAGE 155, 326[↩]
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