Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/bereitschaftszeiten-rettungsdienst-mindestlohn-3114650
Timestamp: 2020-05-28 21:34:41
Document Index: 206202530

Matched Legal Cases: ['§ 29', '§ 12', '§ 29', '§ 611', '§ 611', '§ 14', '§ 19', '§ 29', '§ 1']

Bereitschaftszeiten im Rettungsdienst - und der Mindestlohn | Rechtslupe
Bereitschaftszeiten im Rettungsdienst - und der Mindestlohn
Bereit­schafts­zei­ten im Ret­tungs­dienst – und der Min­dest­lohn
Die Ableis­tung von Bereit­schafts­zei­ten ist nach der Ver­gü­tungs­struk­tur des Reform­ta­rif­ver­tra­ges des Deut­schen Roten Kreu­zes (DRK-RTV) abge­gol­ten. Die­se Abgel­tung ist zuläs­sig und ver­stößt nicht gegen die Vor­schrif­ten des MiLoG.
Aus­ge­hend von § 29 Abs. 7 DRK-RTV ist jed­we­de Arbeits­zeit, ein­schließ­lich die Zeit der Bereit­schafts­zei­ten abge­gol­ten. Zu die­sen Zei­ten gehö­ren aus­weis­lich der kla­ren Rege­lung des § 12 Abs. 6 DRK-RTV auch die zuläs­si­ger Wei­se bis zu 48 Stun­den wöchent­lich ver­län­ger­ten Arbeits­zei­ten, wenn sie – wie im vor­lie­gen­den Streit­fall gege­ben – in der tarif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen Art und Wei­se Arbeits­be­reit­schaft auf­wei­sen.
Die Aus­le­gung der Til­gungs­be­stim­mung in § 29 Abs. 7 DRK-RTV ist klar und ein­deu­tig. Abgol­ten heißt soviel wie "bezahlt" nicht aber "unbe­zahlt".
Die gesam­te Ver­gü­tungs­struk­tur des DRK-Tarif­wer­kes ent­spricht dem zum 01.01.2015 in Kraft getre­te­nen Min­dest­lohn­ge­setz, an dem es sich als nie­der­ran­gi­ger Gestal­tungs­fak­tor mes­sen las­sen muss. Inso­weit legt das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen die vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln 1 ergan­ge­nen und vom Bun­des­ar­beits­ge­richt 2 bestä­tig­ten Rechts­grund­sät­ze zugrun­de, die auf den vor­lie­gen­den Streit­fall unmit­tel­bar zu über­tra­gen sind. Danach ist die Erbrin­gung von Bereit­schafts­zei­ten grund­sätz­lich eine mit dem Min­dest­lohn zu ver­gü­ten­de Arbeits­leis­tung im Sin­ne von § 611 Abs. 1 BGB. Die Bereit­schafts­zei­ten wer­den mit der regel­mä­ßi­gen Ver­gü­tung abge­gol­ten. Die inner­halb der regel­mä­ßi­gen Arbeits­zeit lie­gen­den Bereit­schafts­zei­ten wer­den nicht unent­gelt­lich erbracht, son­dern ste­hen mit der Voll­ar­beit in einem syn­al­lag­ma­ti­schen Ver­hält­nis zur Ver­gü­tung. Sie sind Teil der vom Arbeit­neh­mer nach § 611 Abs. 1 BGB ver­trag­lich geschul­de­ten Arbeits­leis­tung. Der nach Mona­ten ver­ein­bar­te Zeit­lohn des Arbeit­neh­mers muss umge­rech­net wer­den, indem die ver­ein­bar­te Brut­to­mo­nats­ver­gü­tung ein­schließ­lich aller Berück­sich­ti­gungs­fä­hi­gen Ver­gü­tungs­be­stand­tei­le durch die indi­vi­du­el­le regel­mä­ßi­ge monat­li­che Arbeits­zeit geteilt wird. Der Arbeit­neh­mer schul­det eine Arbeits­zeit von 48 Stun­den pro Woche und nicht eine sol­che von ledig­lich 38, 5 Stun­den. Bezo­gen auf sein monat­li­ches Tabel­len­ent­gelt ist jede ein­zel­ne Stun­de mit min­des­tens 8, 50 € brut­to abge­gol­ten und ver­gü­tet wor­den.
Die Argu­men­ta­ti­on des Arbeit­neh­mers, aus der Rege­lung eines Stun­den­ent­gel­tes in der Anla­ge B2 zum DRK-RTV kön­ne geschlos­sen wer­den, dass Bereit­schafts­stun­den, jen­seits der 38, 5 Stun­den Woche, nicht bzw. nicht aus­rei­chend ver­gü­tet wür­den, wird nicht geteilt. Denn die Aus­le­gung des Gesamt­wer­kes DRK-RTV ergibt, dass maß­ge­bend für die Beur­tei­lung der Zuläs­sig­keit der Pau­schal­ver­gü­tung vor dem Hin­ter­grund des Min­dest­lohn­ge­set­zes die Fest­le­gung der monat­li­chen Ver­gü­tung und nicht die Fest­le­gung der Stun­den­ver­gü­tung ist.
Nach stän­di­ger und all­ge­mein aner­kann­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts folgt die Aus­le­gung des nor­ma­ti­ven Teils eines Tarif­ver­tra­ges den für die Aus­le­gung von Geset­zen gel­ten­den Regeln. Danach ist zunächst vom Tarif­wort­laut aus­zu­ge­hen, wobei der maß­geb­li­che Sinn der Erklä­rung zu erfor­schen ist, ohne am Buch­sta­ben zu haf­ten. Bei nicht ein­deu­ti­gem Wort­laut ist der wirk­li­che Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en mit­zu­be­rück­sich­ti­gen, soweit er in den tarif­li­chen Nor­men sei­nen Nie­der­schlag gefun­den hat. Abzu­stel­len ist fer­ner auf den tarif­li­chen Gesamt­zu­sam­men­hang, weil die­ser Anhalts­punk­te für den wirk­li­chen Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en lie­fert und nur so der Sinn und der Zweck der Tarif­norm zutref­fend ermit­telt wer­den kann. Lässt dies ein zwei­fels­frei­es Aus­le­gungs­er­geb­nis­se nicht zu, dann kön­nen die Gerich­te für Arbeits­sa­chen ohne Bin­dung an eine Rei­hen­fol­ge wei­te­re Kri­te­ri­en, wie die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Tarif­ver­tra­ges, gege­be­nen­falls auch die prak­ti­sche Tarif­übung ergän­zend her­an­zie­hen. Auch die Prak­ti­ka­bi­li­tät denk­ba­rer Aus­le­gungs­er­geb­nis­se gilt es zu berück­sich­ti­gen; im Zwei­fel gebührt der­je­ni­gen Tarif­aus­le­gung der Vor­zug, die zu einer ver­nünf­ti­gen, sach­ge­rech­ten, zweck­ori­en­tier­ten und prak­tisch brauch­ba­ren Rege­lung führt 3.
Unter Berück­sich­ti­gung vor­ste­hen­der Grund­sät­ze folgt, dass die Auf­nah­me des Stun­den­ent­gel­tes ledig­lich dazu dient, in bestimm­ten Fäl­len eine Berech­nungs­grö­ße zu haben. Erkenn­bar wird – aus­ge­hend von dem Wort­laut des Gesamt­wer­kes des Tarif­ver­tra­ges im Zusam­men­hang mit sei­ner Sys­te­ma­tik – die Pro­ble­ma­tik der Stun­den­ver­gü­tung ledig­lich in der Rege­lung des § 14 Abs. 2 DRK-RTV auf­ge­grif­fen, wo aus­ge­hend von der Stun­den­ver­gü­tung ein Zuschlag gere­gelt wird. Die übri­gen Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen die­ses Tarif­ver­tra­ges stel­len klar und ein­deu­tig auf den Vor­rang einer monat­li­chen Gesamt­ver­gü­tung ab (so § 19 oder auch § 29 Abs. 2 DRK-RTV).
Der nach dem Wort­laut ver­mit­tel­te Sinn und Zweck der Tarif­ver­trags­par­tei­en, eine monat­li­che Gesamt­ver­gü­tung fest­zu­le­gen, bei der die Fest­set­zung einer Stun­den­ver­gü­tung nur eine Rechen­grö­ße ist, kommt in dem Wort­laut und der Gesamt­sys­te­ma­tik des Tarif­wer­kes hin­rei­chend klar zum Aus­druck.
Soll­ten dann noch Zwei­fel bestehen, greift jeden­falls das Hilfs­kri­te­ri­um der Tarif­aus­le­gung ein. Dann ist näm­lich eine Tarif­aus­le­gung zu wäh­len, die das erkenn­ba­re Ver­gü­tungs­sys­tem des Tarif­ver­tra­ges als recht­mä­ßig und mit dem Min­dest­lohn­ge­setz ver­ein­bar erschei­nen lässt. Mit dem Min­dest­lohn­ge­setz ver­ein­bar ist jedoch nur eine Aus­le­gung, die mit einer monat­li­chen Gesamt­ver­gü­tung die gesam­te zu leis­ten­de Arbeits­zeit von bis zu 48 Stun­den pro Woche als abge­gol­ten ansieht, nicht hin­ge­gen die Ver­ein­ba­rung einer Arbeits­ver­gü­tung auf der Basis einer Arbeits­zeit von 38, 5 Stun­den.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Urteil vom 28. Juli 2016 – 5 Sa 182/​16
LAG Köln 15.10.2015 – 8 Sa 540/​15[↩]
BAG 29.06.2016 – 5 AZR 716/​13[↩]
BAG, 21.08.2003 – 8 AZR 430/​02 – AP Nr. 185 zu § 1 TVG Tarif­ver­trä­ge Metall­in­dus­trie; BAG, 22.10.2003 – 10 AZR 152/​03 – BAGE 108, 176 – 184; BAG, 24.10.2007 – 0 AZR 878/​06[↩]
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