Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/unfall-ohne-zeugen-und-der-382528
Timestamp: 2019-10-13 22:37:09
Document Index: 271986656

Matched Legal Cases: ['§ 287', '§ 286', '§ 7', '§ 5', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Unfall ohne Zeu­gen – und der | Rechtslupe
Unfall ohne Zeugen - und der
Schil­dert ein Geschä­dig­ter, der den Unfall­her­gang nicht selbst erlebt hat und auch über kei­ne unmit­tel­ba­ren Zeu­gen des­sen Ablauf ver­fügt, den kon­kre­ten Unfall­her­gang so, wie ihm dies der ver­meint­li­che Unfall­ver­ur­sa­cher geschil­dert hat, und hat­te er auch kei­ner­lei Anhalts­punk­te, an der Rich­tig­keit die­ser Schil­de­rung zu zwei­feln, sind die zu dem soge­nann­ten "So-nicht-Unfall" in der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze nicht anwend­bar. Es obliegt in die­sem Fall grund­sätz­lich dem Unfall­geg­ner den Nach­weis eines mani­pu­la­ti­ven Gesche­hens unter Mit­wir­kung des Geschä­dig­ten zu füh­ren.
Grund­sätz­lich ist die Geschä­dig­te dar­le­gungs- und beweis­be­las­tet für den äuße­ren Tat­be­stand der Rechts­guts­ver­let­zung. Sie muss den Unfall so detail­liert wie irgend mög­lich dar­stel­len bzw. vor­tra­gen, inwie­weit die­ser durch das Fehl­ver­hal­ten eines Drit­ten ver­ur­sacht wor­den und es inso­weit zur Ent­ste­hung eines kon­kre­ten Scha­dens gekom­men ist 1.
Der Geschä­dig­te hat für die Rich­tig­keit der von ihm auf­ge­stell­ten Behaup­tung den Voll­be­weis zu erbrin­gen; Beweis­erleich­te­run­gen kom­men ihm dabei nicht zugu­te 2.
Die Anfor­de­run­gen an den zu erbrin­gen­den Nach­weis des äuße­ren, haf­tungs­be­grün­den­den Scha­dens­er­eig­nis­ses dür­fen nicht über­spannt wer­den. Dies gilt, wie bereits das OLG Saar­brü­cken in sei­nem Urteil vom 18.10.2011 3 über­zeu­gend dar­ge­legt hat, vor allem des­halb, weil andern­falls die Ver­tei­lung der Dar­le­gungs- und Beweis­last im Fal­le behaup­te­ter Unfall­ma­ni­pu­la­tio­nen unter­lau­fen wür­de. Wäh­rend näm­lich für die Behaup­tung einer Unfall­ma­ni­pu­la­ti­on die beklag­te Ver­si­che­rung im Grund­satz beweis­be­las­tet ist, Zwei­fel also zu ihren Las­ten gehen, füh­ren Zwei­fel am äuße­ren Tat­be­stand der Rechts­guts­ver­let­zung not­wen­dig zur Kla­ge­ab­wei­sung. Eben des­halb bedarf es stets einer sorg­fäl­ti­gen Abwä­gung im jeweils zu ent­schei­den­den Ein­zel­fall, ob in der Gesamt­schau der beweis­re­le­van­ten Fak­to­ren nicht hint­an­zu­stel­len­de Zwei­fel am von der Kla­ge behaup­te­ten Lebens­sach­ver­halt ver­blei­ben oder nicht.
Nichts ande­res folgt unter Berück­sich­ti­gung der in der Recht­spre­chung behan­del­ten Fall­grup­pe des "So-nicht-Unfalls", auf den die Beru­fung zuletzt maß­geb­lich abge­stellt hat. Nach die­ser in der ver­öf­fent­lich­ten Judi­ka­tur eher sel­ten the­ma­ti­sier­ten Rechts­fi­gur 4 ist der im Rah­men der haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät zu füh­ren­de Scha­dens­nach­weis dann nicht erbracht, wenn nicht mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit (§ 287 ZPO) fest­ge­stellt wer­den kann, dass die von dem Geschä­dig­ten ein­ge­klag­ten Schä­den ganz oder teil­wei­se bei dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Unfall ent­stan­den sind 5 oder aber das Scha­dens­bild nicht zu dem von dem Geschä­dig­ten behaup­te­ten Unfall passt 6. Dar­über hin­aus soll sich die­se Rechts­fi­gur aber auch auf jene Fäl­le erstre­cken, in denen die gel­tend gemach­ten Schä­den nicht zu dem von den Unfall­be­tei­lig­ten behaup­te­ten Gesche­hen pas­sen 7, erfasst mit­hin also letzt­lich auch den vom Geschä­dig­ten voll (§ 286 ZPO) zu bewei­sen­den Unfall­her­gang 8.
Mit Blick auf die ein­gangs zitier­ten Erwä­gun­gen 9 sieht das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den im vor­lie­gen­den Fall aber letzt­lich kei­ner­lei durch­grei­fen­de Zwei­fel dar­an, dass der Pkw der Klä­ge­rin beim Betrieb des geg­ne­ri­schen Pkw im Sin­ne des § 7 Abs. 1 StVG in haf­tungs­be­grün­den­der Wei­se beschä­digt wor­den ist.
Die Fäl­le des "So-nicht-Unfalls" zeich­nen sich bei sorg­fäl­ti­ger Ana­ly­se der den hier­zu ver­öf­fent­lich­ten Ent­schei­dun­gen zugrun­de lie­gen­den Lebens­sach­ver­hal­te ins­be­son­de­re dadurch aus, dass der kla­gen­de Geschä­dig­te einen Unfall­her­gang vor­ge­tra­gen hat, den er – nach sei­ner Behaup­tung – ent­we­der selbst erlebt haben will oder der ihm von Zeu­gen (die zumeist in sei­nem Lager ste­hen, wie etwa der Fahr­zeug­füh­rer) berich­tet wur­de. Von einer sol­chen Gestal­tung ent­fernt sich der vor­lie­gen­de Fall grund­le­gend. Die Geschä­dig­te hat vor­lie­gend mit Recht im Rah­men ihrer Anhö­rung mehr­fach dar­auf ver­wie­sen, dass ihr eine ande­re Schil­de­rung des Unfall­her­gangs als die vom Unfall­geg­ner her­rüh­ren­de bei objek­ti­ver Betrach­tung gar nicht mög­lich ist, weil sich der Unfall in ihrer Abwe­sen­heit und auch ohne wei­te­re Zeu­gen ereig­ne­te. In die­sem Sin­ne hat sie, wie von der Recht­spre­chung gefor­dert 9, das Unfall­ge­sche­hen so detail­liert wie ihr mög­lich dar­ge­stellt. Sie muss­te und konn­te sich – ohne greif­ba­ren Anlass zu Zwei­feln – dar­auf ver­las­sen, dass der ver­meint­li­che Unfall­ver­ur­sa­cher wahr­heits­ge­mäß vor­trägt. Jeden­falls ist der auf ihrer eige­nen Wahr­neh­mung begrün­de­te Vor­trag, näm­lich dass sie ihr Fahr­zeug am Unfall­tag dort abstell­te, es bei ihrer Rück­kehr beschä­digt vor­fand und hier­für der ver­meint­li­che Unfall­ver­ur­sa­cher die Ver­ant­wor­tung über­nahm, nach Über­zeu­gung des Ober­lan­des­ge­richts wahr. Selbst wenn man also davon aus­gin­ge, dass der ver­meint­li­che Unfall­ver­ur­sa­cher den Unfall­ab­lauf in Teil­be­rei­chen wahr­heits­wid­rig geschil­dert hät­te, geht dies mit Blick auf die auf­ge­zeig­te Beweis­last­ver­tei­lung nicht zu Las­ten der Geschä­dig­ten.
Ist danach davon aus­zu­ge­hen, dass sich ein Unfall in der von dem Geschä­dig­ten behaup­te­ten Art und Wei­se statt­ge­fun­den hat und ist auch der Scha­den die­sem Ereig­nis zuzu­ord­nen, wird die Rechts­wid­rig­keit der Scha­dens­zu­fü­gung ver­mu­tet.
Daher obliegt dem Ver­si­che­rer die Beweis­last für das Vor­lie­gen eines die Rechts­wid­rig­keit aus­schlie­ßen­den Tat­be­stan­des bei gestell­tem Ver­kehrs­un­fall (also für die recht­fer­ti­gen­de Ein­wil­li­gung des Geschä­dig­ten in die Rechts­guts­ver­let­zung 10. Inso­weit kom­men dem Ver­si­che­rer aller­dings Beweis­erleich­te­run­gen zugu­te, denk­bar ist sogar, unter bestimm­ten Umstän­den pri­ma facie von einer sol­chen Ver­ab­re­dung aus­zu­ge­hen 11. Es genügt näm­lich ein für das prak­ti­sche Leben brauch­ba­rer Grad an Gewiss­heit, d.h. ein für einen ver­nünf­ti­gen, die Lebens­ver­hält­nis­se klar über­schau­en­den Men­schen so hoher Grad von Wahr­schein­lich­keit, der Zwei­feln Schwei­gen gebie­tet, ohne sie mathe­ma­tisch lücken­los aus­zu­schlie­ßen. Um die­sen Über­zeu­gungs­grad bei Gericht zu begrün­den, muss der Ver­si­che­rer Indi­zi­en sam­meln, die den Schluss auf die gesuch­te inne­re Haupt­tat­sa­che recht­fer­ti­gen kön­nen, wobei die­se Hilfs­tat­sa­chen ihrer­seits fest­ste­hen müs­sen, d.h. ent­we­der unstrei­tig sind oder aber bewie­sen. Davon geht letzt­lich – wohl – auch das Urteil des Ber­li­ner Kam­mer­ge­richts vom 07.09.2010 12 aus, obschon es "nur" von erheb­li­cher Wahr­schein­lich­keit 13 spricht. Inso­weit kann auf das zuvor im Hin­blick auf kon­kre­te Zwei­fel an der Glaub­wür­dig­keit der Unfall­be­tei­lig­ten Aus­ge­führ­te ver­wie­sen wer­den. Genü­gen die Umstän­de des vor­lie­gen­den Fal­les aber nicht, um kon­kre­te Zwei­fel an der Schil­de­rung der Unfall­be­tei­lig­ten zu begrün­den, genü­gen die­se – erst recht – nicht, um eine über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit für das Vor­lie­gen eines mani­pu­lier­ten Unfalls zu begrün­den.
Ober­lan­des­ge­richt Dres­den, Urteil vom 15. August 2014 – 7 U 1421/​13
vgl. Veith/​Gräfe/​Hallbach, Der Ver­si­che­rungs­pro­zess, § 5 E Rn. 317 ff. m.w.N.[↩]
vgl. Hall­bach, a.a.O., Rn. 318 bzw. Fn. 474 unter Hin­weis auf BGH VersR 1981, 1158[↩]
OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 18.10.2011 – 4 U 462/​10, NJW-RR 2012, 356[↩]
soweit ersicht­lich nur: OLG Hamm, Urteil vom 15.10.2013 – 9 U 53/​13, NZV 2014, 225; LG Essen, Urteil vom 18.03.2013 – 20 O 140/​12, juris; KG, Beschluss vom 07.05.2009 – 12 U 56/​09, KGR 2009, 775; OLG Hamm, Urteil vom 21.01.2005 – 20 U 228/​03, juris; OLG Hamm, Urteil vom 18.11.1998 – 13 U 101/​98, RuS 1999, 322[↩]
OLG Hamm, Urteil vom 15.10.2013, a.a.O.[↩]
OLG Hamm, Urteil vom 18.11.1998, a.a.O.[↩]
KG, Beschluss vom 07.05.2009 – 12 U 56/​09, KGR 2009, 775[↩]
so expli­zit: LG Essen, a.a.O.; anklin­gend auch in den Grün­den von OLG Hamm, Urteil vom 15.10.2013, a.a.O.[↩]
vgl. OLG Saar­brü­cken, a.a.O.[↩][↩]
BGH., Urteil vom 13.12.1977 – VI ZR 206/​75, BGHZ 71, 339[↩]
BGH, a.a.O.; BGH, Urteil vom 06.03.1978 – VI ZR 269/​76, VersR 1979, 514[↩]
KG, Urteil vom 07.09.2010 – 12 U 210/​09, VRR 2011, 105[↩]
so auch OLG Mün­chen, Urteil vom 08.03.2013 – 10 U 3241/​12, ZfSch 2013, 336[↩]
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