Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/berufungsbegruendungsfrist-nach-pkh-gewaehrung-350750
Timestamp: 2020-08-06 11:16:23
Document Index: 256432925

Matched Legal Cases: ['§ 234', '§ 234', '§ 234', '§ 236', '§ 233', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 234']

Berufungsbegründungsfrist nach PKH-Gewährung | Rechtslupe
Berufungsbegründungsfrist nach PKH-Gewährung
Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nach PKH-Gewäh­rung
Folgt der Rechts­mit­tel­füh­rer bei der Bestim­mung der Frist zur Begrün­dung der Beru­fung nach bewil­lig­ter Pro­zess­kos­ten­hil­fe (für eine beab­sich­tig­te Beru­fung) der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (Beginn der ein­mo­na­ti­gen Frist zur Begrün­dung mit Bekannt­ga­be des Wie­der­ein­set­zungs­be­schlus­ses), weicht das Beru­fungs­ge­richt hier­von aber unter Bezug­nah­me auf die Auf­fas­sung eines ande­ren Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs ab (Frist­be­ginn bereits mit Bekannt­ga­be des Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­li­gen­den Beschlus­ses), fehlt es regel­mä­ßig an einem Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten. Das Rechts­mit­tel­ge­richt hat dem Rechts­mit­tel­füh­rer in einem sol­chen Fall bei Vor­lie­gen der übri­gen Vor­aus­set­zun­gen auch von Amts wegen Wie­der­ein­set­zung in die Wie­der­ein­set­zungs­frist zur Begrün­dung der Beru­fung zu gewäh­ren.
Nach der Ent­schei­dung des XI. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 19. Juni 2007 [1] beginnt die Monats­frist des § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO zur Nach­ho­lung der Beru­fungs­be­grün­dung erst mit der Mit­tei­lung der Wie­der­ein­set­zungs­ent­schei­dung.
Zutref­fend hat das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg [2] aller­dings dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Bun­des­ge­richts­hof in sei­ner Ent­schei­dung vom 11. Juni 2008 [3] – als obiter dic­tum – zum Aus­druck gebracht hat, dass die Wie­der­ein­set­zungs­frist gemäß § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO sei­ner Auf­fas­sung nach bereits mit Bekannt­ga­be des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­schlus­ses zu lau­fen beginnt [4].
Unbe­scha­det der Fra­ge, wel­cher der vor­ge­nann­ten Auf­fas­sun­gen zu fol­gen ist, hät­te das Beru­fungs­ge­richt dem Beklag­ten jeden­falls Wie­der­ein­set­zung in die Wie­der­ein­set­zungs­frist zur Begrün­dung der Beru­fung gewäh­ren müs­sen.
Unschäd­lich ist, dass der Beklag­te eine sol­che Wie­der­ein­set­zung nicht bean­tragt hat, son­dern – aus sei­ner Sicht kon­se­quent – den Stand­punkt ver­tre­ten hat, die Monats­frist des § 234 Abs. 1 Satz 2 ZPO habe man­gels Wie­der­ein­set­zung in die Rechts­mit­tel­frist noch nicht zu lau­fen begon­nen.
Bei die­ser Sach­la­ge hät­te das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt gemäß § 236 Abs. 2 Satz 2 Halb­satz 2 ZPO von Amts wegen eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand erwä­gen und, weil den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts auch kein Ver­schul­den i.S.d. § 233 ZPO trifft, gewäh­ren müs­sen [5].
Aller­dings kann eine irri­ge Aus­le­gung des Ver­fah­rens­rechts als Ent­schul­di­gungs­grund nur dann in Betracht kom­men, wenn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die vol­le, von einem Rechts­an­walt zu for­dern­de Sorg­falt auf­ge­wen­det hat, um zu einer rich­ti­gen Rechts­auf­fas­sung zu gelan­gen. Hier­bei ist ein stren­ger Maß­stab anzu­le­gen, denn die Par­tei, die dem Anwalt die Pro­zess­füh­rung über­trägt, ver­traut zu Recht dar­auf, dass er die­ser Auf­ga­be gewach­sen ist. Wenn die Rechts­la­ge zwei­fel­haft ist, muss der bevoll­mäch­tig­te Anwalt den siche­ren Weg wäh­len. Von einem Rechts­an­walt ist zu ver­lan­gen, dass er sich anhand ein­schlä­gi­ger Fach­li­te­ra­tur über den aktu­el­len Stand der Recht­spre­chung infor­miert [6].
Nach die­sen Maß­stä­ben war der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Beklag­ten aller­dings nicht gehal­ten, vor­sorg­lich die Zustel­lung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­schlus­ses als Frist­be­ginn für die Ein­rei­chung der Beru­fungs­be­grün­dung zu notie­ren, denn er durf­te sich auf die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung ver­las­sen. Anders als im Fall der Ent­schei­dung des XII. Zivil­se­nats, die zu dem hier im Streit ste­hen­den Frist­be­ginn ledig­lich ein obiter dic­tum ent­hält [3], kam es in dem vom XI. Zivil­se­nat ent­schie­de­nen Fall auf die Streit­fra­ge an [1]. Hin­zu kommt, dass zwei wei­te­re Sena­te die Auf­fas­sung des XI. Zivil­se­nats in obiter dic­ta über­nom­men haben [7].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Dezem­ber 2012 – XII ZB 169/​12
BGHZ 173, 14 = FamRZ 2007, 1640[↩][↩]
OLG Ham­burg, Beschluss vom 06.03.2012 – 12 UF 257/​10[↩]
BGH, Beschluss vom 11.06.2008 – XII ZB 184/​05, NJW-RR 2008, 1313 Rn. 10 ff., 14[↩][↩]
eben­so für die Beschwer­de­be­grün­dung in einer Fami­li­en­streit­sa­che OLG Zwei­brü­cken FamRZ 2012, 1238[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 03.11.2010 – XII ZB 197/​10, FamRZ 2011, 100 Rn. 16[↩]
BGH, Beschluss vom 03.11.2010 – XII ZB 197/​10, FamRZ 2011, 100 Rn.19 mwN[↩]
BGH Beschlüs­se vom 26.05.2008 – II ZB 19/​07, NJW-RR 2008, 1306 Rn. 16; vom 17.05.2010 – II ZB 12/​09 – MDR 2010, 947 Rn. 13; und BGHZ 176, 379 = NJW 2008, 3500 Rn. 6[↩]
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