Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/der-radarwarner-aus-der-telefonwerbung-314544
Timestamp: 2020-02-23 23:38:24
Document Index: 365174258

Matched Legal Cases: ['§ 138', '§ 312', 'BGH', '§ 134', '§ 312', '§ 812', '§ 817', '§ 346']

Der Radar­war­ner aus der Tele­fon­wer­bung | Rechtslupe
Der Radarwarner aus der Telefonwerbung
27. November 2009 Rechtslupe
Der Radar­war­ner aus der Tele­fon­wer­bung
Bei einem Fern­ab­satz­ge­schäft besteht nach einer aktu­el­len Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs ein Wider­rufs­recht des Ver­brau­chers auch dann, wenn der Kauf­ver­trag wegen Sit­ten­wid­rig nich­tig ist, da er ein Radar­warn­ge­rät zum Gegen­stand hat.
In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bestel­le die Klä­ge­rin nach einem tele­fo­ni­schen Wer­be­ge­spräch vom 1. Mai 2007 am dar­auf fol­gen­den Tag per Fax einen Pkw-Innen­spie­gel mit einer unter ande­rem für Deutsch­land codier­ten Radar­warn­funk­ti­on zum Preis von 1.129,31 € (brut­to) zuzüg­lich Ver­sand­kos­ten. Der von Klä­ge­rin aus­ge­füll­te Bestell­schein ent­hält unter ande­rem den vor­for­mu­lier­ten Hin­weis:
"Ich wur­de dar­über belehrt, dass die Gerä­te ver­bo­ten sind und die Gerich­te den Kauf von Radar­warn­ge­rä­ten zudem als sit­ten­wid­rig betrach­ten."
Mit ihrer Kla­ge begehrt die Klä­ge­rin unter ande­rem die Ver­ur­tei­lung der Beklag­ten zur Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses zuzüg­lich 8,70 € Rück­sen­dungs­kos­ten, ins­ge­samt 1.138,01 €. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Leer hat die Kla­ge abge­wie­sen 1. Das Land­ge­richt Aurich dage­gen hat auf die Beru­fung der Klä­ge­rin der Kla­ge statt­ge­ge­ben 2. Die vom Beru­fungs­ge­richt hier­ge­gen zuge­las­se­ne Revi­si­on der Beklag­ten hat­te nun beim Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Erfolg.
Zwar ist der Kauf­ver­trag über den Erwerb eines Radar­warn­ge­räts nach der Recht­spre­chung des Senats sit­ten­wid­rig und damit nach § 138 Abs. 1 BGB nich­tig, wenn der Kauf nach dem für bei­de Sei­ten erkenn­ba­ren Ver­trags­zweck auf eine Ver­wen­dung des Radar­warn­ge­räts im Gel­tungs­be­reich der deut­schen Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung gerich­tet ist (Senats­ur­teil vom 23. Febru­ar 2005 – VIII ZR 129/​04, NJW 2005, 1490 f.). Das Recht der Klä­ge­rin, sich von dem Fern­ab­satz­ver­trag zu lösen, wird davon jedoch nicht berührt. Ein Wider­rufs­recht nach §§ 312d, 355 BGB* beim Fern­ab­satz­ver­trag ist unab­hän­gig davon gege­ben, ob die Wil­lens­er­klä­rung des Ver­brau­chers oder der Ver­trag wirk­sam ist. Der Sinn des Wider­rufs­rechts beim Fern­ab­satz­ver­trag besteht dar­in, dem Ver­brau­cher ein an kei­ne mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen gebun­de­nes, ein­fach aus­zu­üben­des Recht zur ein­sei­ti­gen Los­lö­sung vom Ver­trag in die Hand zu geben, das neben den all­ge­mei­nen Rech­ten besteht, die jedem zuste­hen, der einen Ver­trag schließt.
Der BGH ist der Auf­fas­sung ent­ge­gen­ge­tre­ten, nach der sich der Ver­brau­cher bei einer Nich­tig­keit des Ver­tra­ges dann nicht auf sein Wider­rufs­recht beru­fen kön­ne, wenn er den die Ver­trags­nich­tig­keit nach §§ 134, 138 BGB begrün­den­den Umstand jeden­falls teil­wei­se selbst zu ver­tre­ten habe. Ein Aus­schluss des Wider­rufs­rechts wegen unzu­läs­si­ger Rechts­aus­übung kann nur bei beson­de­rer Schutz­be­dürf­tig­keit des Unter­neh­mers in Betracht kom­men. Dar­an fehlt es jedoch, wenn – wie im heu­te ent­schie­de­nen Fall – bei­den Par­tei­en ein Ver­stoß gegen die guten Sit­ten zur Last fällt.
Der heu­te ent­schie­de­ne Fall unter­schei­det sich damit von dem­je­ni­gen, der dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 23. Febru­ar 2005 3 zugrun­de lag. Der dor­ti­ge Käu­fer, der ein Wider­rufs­recht nach § 312d BGB nicht gel­tend gemacht hat­te, konn­te die Rück­zah­lung des Kauf­prei­ses für ein Radar­warn­ge­rät nicht ver­lan­gen, weil der dort zu beur­tei­len­de Anspruch auf Her­aus­ga­be einer unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung (§ 812 BGB) an der Kon­dik­ti­ons­sper­re des § 817 S. 2 BGB schei­ter­te. Nach die­ser Bestim­mung ist die Rück­for­de­rung einer zur Erfül­lung eines wegen Sit­ten­wid­rig­keit nich­ti­gen Ver­tra­ges erbrach­ten Leis­tung aus­ge­schlos­sen, wenn bei­den Par­tei­en ein Sit­ten­ver­stoß zur Last fällt. Für den dem Ver­brau­cher im Fal­le des Wider­rufs eines Fern­ab­satz­ge­schäfts zuste­hen­den Kauf­preis­rück­zah­lungs­an­spruch aus § 346 BGB gilt die­se Kon­dik­ti­ons­sper­re jedoch nicht.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Novem­ber 2009 – VIII ZR 318/​08
AG Leer, Urteil vom 28.04.2008 – 071 C 130/​08 (I).[↩]
LG Aurich, Urteil vom 21.11.2008 – 1 S 140/​08 (138).[↩]
VIII ZR 129/​04, NJW 2005, 1490[↩]
FernabsatzSittenwidrigkeitWiderrufsrecht