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Timestamp: 2019-01-19 20:34:08
Document Index: 44938268

Matched Legal Cases: ['§ 53', '§ 113', '§ 57', '§ 29', '§ 29', '§ 29']

YAEL ELYA Institut - Arbeitsgebiete - Einzelfallhilfe im Bereich Entpsychiatrisierung und Entchronifizierung, Leistungen zur Teilhabe behinderter Menschen, Eingliederungshilfe - EMPOWERMENT, SELBSTBESTIMMT LEBEN, ENTHOSPITALISIERUNG, SYSTEMISCHE THERAPIE, TRAUMATHERAPIE, GEWALTPRÄVENTION, KONFLIKTLÖSUNG, SUPERVISION
Einzelfallhilfe im Bereich Entpsychiatrisierung und Entchronifizierung, Leistungen zur Teilhabe behinderter Menschen, EingliederungshilfeSelbstbestimmt Leben mit Persönlichem BudgetSystemische Therapie, FamilientherapiePeer SupportGewaltprävention, Konfliktlösung, Supervision, KonsultationSeminare & SchulungenDownload Artikel von Karin Roth
Einzelfallhilfe, ambulante Eingliederungshilfe für behinderte Menschen (Fachleistung, finanziert in Form von Persönlichem Budget gemäß § 53 SGB XII i.V.m. § 113 SGB IX, § 57 SGB XII und § 29 SGB IX)
Wir arbeiten im Sinne von Empowerment mit dem Ziel der Entpsychiatrisierung und Entchronifizierung.
Stundensatz für Einzelfallhilfe / Eingliederungshilfe: Immer der aktuelle Fachleistungsstundensatz des LWL und des LVR.
Peer Support Stundensatz: 25 Euro pro Stunde
Nähere Informationen zu den Leistungen, die in Form von Persönlichem Budget beantragt werden können, finden Sie auf unserer website unter der Rubrik "Selbstbestimmt Leben mit Persönlichem Budget".
Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Karin Roth.
Entpsychiatrisierung im Rahmen des Persönlichen Budgets
von Karin Chava Roth
Schlagworte wie „Recovery“ und „Neuroleptikadebatte“ sind seit einiger Zeit in der Sozialpsychiatrie en vogue. Die darin transportierten Inhalte wurden von Peter Lehmann bereits Anfang der 80er Jahre veröffentlicht, jedoch in der BRD, jenseits der lediglich 1600 Mitglieder zählenden Selbsthilfebewegung, damals kaum wahrgenommen. In der deutschsprachigen psychiatrischen Forschung ist nach wie vor ein mangelnder Akut im Bereich Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion von Illness Narratives und Narrative Identity zu verzeichnen. Relationale Denk- und Handlungstraditionen gehören nicht zum Mainstream, bieten jedoch ein enormes Potenzial, Chronizität aufzulösen.
Bereits seit dem 1. Januar 2008 können sich behinderte Menschen mit Persönlichem Budget selbstgewählte Hilfen zum Ausstieg aus nicht gewollten Abhängigkeiten (und der "Psychiatriekarriere") einkaufen. Eine rechtliche Möglichkeit, die noch zu selten genutzt wird, auch da den meisten psychiatrischen PatientInnen das Wissen um Alternativen zu individuumzentriertem Krankheitsdenken fehlt. Dieses Wissen ist eine Voraussetzung, um Vor- und Nachteile unterschiedlicher Denkwege und Hilfeformen abschätzen zu können und auf dieser Grundlage dann, Wahlentscheidungen zu treffen.
„Das Mysterium der Schöpfung liegt im Wort.“
Seit Jahren lebe ich in Faszination für ein Denken, das sich abwendet von der Suche nach Antworten und stattdessen das Befragen der Sprache selbst in den Fokus nimmt, das Befragen der Sprechgewohnheiten und die Rekonstruktion und Dekonstruktion der Prozesse der sozialen Konstruktion von Selbst und Welt. In diesem Umfeld wurde mein Blick auf viele Bereiche geschärft, auch auf die bundesrepublikanische Praxis in der Psychiatrie. Ich zog Parallelen zwischen den - von Profis marginalisierten - Stimmen aus der emanzipatorischen Psychiatriebetroffenen-Bewegung und relationalen Denk- und Therapieansätzen. Diese Kombination habe ich seit dem Studium weiter gelebt und der folgende Beitrag bewegt sich in diesem Feld, es geht um Optionen von Entpsychiatrisierung und Entchronifizierung mit Hilfe selbstgewählter und selbstorganisierter Unterstützung, finanziert über Persönliches Budget (SGB IX, § 29). Diese Interpretation des § 29 SGB IX ist traditionellen Leistungsanbietern ein Dorn im Auge, ein Grund für die fehlende Verbreitung des Persönlichen Budgets im Sinne von Emanzipation.
Das Persönliche Budget ist keine neue Leistung, sondern eine neue Leistungsform, eine Geldleistung, die direkt und aus einer Hand monatlich ausgezahlt wird und mit der behinderte und von Behinderung bedrohte Menschen Leistungen zur Teilhabe (SGB XII) einkaufen können, die auf ihre individuellen Lebenssituationen zugeschnitten sind.
Selbstbestimmt Leben mit Persönlichem Budget ist die Chance, eine neue Rolle einzunehmen, eigenverantwortlich, gleichberechtigt aufzutreten, als Kunde, Käufer, ArbeitgeberIn.
Oder die Chance, sich Unterstützung von geeigneten Personen zu holen und zu finanzieren, um genau dies zu lernen.Betroffene haben damit die Option, selbst zu bestimmen:
• welche Art der Unterstützung sie brauchen,
• wer die Unterstützung erbringt,
• wann die Unterstützung erbracht wird,
• wie die Unterstützung konkret aussehen und geleistet werden soll,
• und schließlich die Möglichkeit, selbst über die finanziellen Mittel zur Entlohnung der HelferInnen und Persönlichen AssistentInnen zu verfügen, denn das Budget wird auf das eigene Konto überwiesen.
Entpathologisierende Sprache und Rehistorisierung
Bereits seit Beginn der 80er Jahre setzen sich Ex-PatientInnen der Psychiatrie, die im Selbsthilfebereich aktiv sind, für entpathologisierende Sprache ein und für die Rehistorisierung und Rekonstruktion dessen, was klassische Psychiatrie medizinisch behandelt, als von der Lebensgeschichte abgekoppeltes „Symptom".
Jeder Mensch kann in eine Krise geraten, die ihn aus der Bahn wirft und sein Leben nachhaltig verändert. Ereignisse, die eine solche Krise auslösen können, sind zum Beispiel der Verlust einer wichtigen Bezugsperson durch Tod oder Trennung, der Verlust des Arbeitsplatzes und wirtschaftliche Notlage, Unfall oder Gewalterfahrung, schwere menschliche Enttäuschung, Überforderung, körperliche Erkrankung, Deprivation, Trauma, Flucht, Krieg, Diskriminierung, Ignoranz, starren Wertesystemen ausgesetzt sein, politische Verfolgung.
In fast jeder Familie gibt es Menschen, die so etwas schon erlebt haben und möglicherweise bleibend an den Folgen leiden.Häufig sind Menschen in Krisensituationen in ihren normalen Fähigkeiten eingeschränkt, sie „funktionieren“ nicht mehr wie sonst und sind dadurch in Gefahr, aus ihren sozialen Bezügen herauszufallen. Hinzu kommt, dass Menschen in Krisensituationen dazu neigen, sich zurückzuziehen, an sich selbst zweifeln und ihrer Umgebung mit Skepsis und Überempfindlichkeit zu begegnen. Unterstützung und Begleitung sind für Betroffene dann dringend notwendig. Manche suchen Hilfe in psychiatrischen Einrichtungen oder werden von ihren Angehörigen dorthin gebracht - auch gegen ihren eigenen Willen. Die Erfahrungen, die sie dort machen, sind sehr unterschiedlich. Manche finden verständnisvolle Unterstützung durch Mitpatienten und Mitarbeiter, andere sind enttäuscht, weil die angebotene Hilfe auf Akutstationen hauptsächlich in der Verabreichung von Psychopharmaka besteht und auf ihre individuellen Nöte nicht angemessen eingegangen wird.
Chronifizierung durch Behandlung
Bestimmte Menschenbilder und daraus sich ergebende Praxis aber auch Psychopharmaka-bedingte „Nebenwirkungen“ wie Affektverflachung, Apathie, Sedierung, Motivationsverlust, Energieverlust und psychopharmakainduzierte kognitive Defizite – gepaart mit der oft nicht stattfindenden Hilfe bei der Auseinandersetzung mit konkreten Problemen, die in eine Krise und zur Psychiatrieeinweisung geführt haben – tragen zur Chronifizierung durch Behandlung bei.
Häufig wird sowohl das Scheitern der Behandlung als auch das Scheitern der sozialen und beruflichen Rehabilitation, den PatientInnen selbst angelastet und ein hoher Prozentsatz der Betroffenen findet keinen Weg zurück in ein Leben jenseits von „betreutem Wohnen“ und „Drehtürpsychiatrie“, Werkstatt für behinderte Menschen oder Frühberentung.
Die Autorin Sibylle Prins, selbst psychiatrieerfahren, schreibt treffend:
„Es gibt weder Notwendigkeit noch Anlass, vielleicht auch keine Gelegenheit mehr, außerpsychiatrische Bezüge zu suchen ... Betroffene, aber auch Mitarbeiter, verlieren immer mehr den Kontakt und Bezug zu dem, was außerhalb dieses besonderen Rahmens geschieht. Die Mitarbeiter ..., denen ja eigentlich nur die Funktion von befristeten 'Ersatzspielern' im Leben des Betroffenen zugedacht war, werden zum dauerhaften Familien-, Partner- oder Freundesersatz. Verhaltensweisen und Spielregeln werden nicht nur entwickelt, sondern auch für das außerpsychiatrische Leben empfohlen, die dort nicht gängig sind und mit Befremden betrachtet werden.“ (Prins in Wienberg 2008, S. 6)
Relationales Denken als Alternative - Versuche, das Verstehen zu verstehen
Die Überwindung von Krisen bzw. die Entwicklung von Wegen, die es ermöglichen, mit Erlebtem so umzugehen, dass es nicht dauernd behindert, ist eine ganzheitliche menschliche Herausforderung. Sie braucht vor allem Zeit, Geduld und geeignete Rahmenbedingungen. Und sie fällt grundsätzlich aus der Zuständigkeit eines medizinischen Fachbereichs heraus.
Geisteswissenschaftler machen bereits seit den 60er Jahren auf den chronifizierenden Charakter individuumzentrierter Behandlung aufmerksam. Eine von Professionellen entwickelte Alternative dazu, ist der Open Dialogue Approach. Der Ansatz wurde Mitte der 80er Jahre von dem norwegischen Psychiater Tom Andersen (*1936 †2007; einer meiner Lehrtherapeuten) aus Erfahrungen in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis heraus entwickelt. In Zusammenarbeit mit dem finnischen Psychologen Jaakko Seikkula u.a. wurde dann nach und nach ein Skandinavisches Netzwerk für Alternative Praktiken aufgebaut.
Das Denken und Handeln von Tom Andersen war von sozialkonstruktionistischen Ideen (siehe dazu Gergen 2009) geprägt. Die Ätiologie von "Symptomen" hat er nicht im einzelnen Individuum lokalisiert, sondern als ein Resultat bestimmter Beziehungswirklichkeiten (d.h. als Resultat dessen gesehen, was Menschen miteinander in und durch ihre Weisen des In-Beziehung-Tretens aktiv früher erzeugt haben, noch erzeugen und damit aufrechterhalten).
Auch innere Dialoge und daraus resultierende Gefühle sind aus dieser Sicht Weisen eines aktiven Sich-In-Beziehung-Setzens.
Diese Annahme ist zentral und entsprechend genau dieser Grundannahme entwickelte Tom Andersen eine Arbeitsweise, die dazu geeignet ist, alle an der Problemlösung Interessierten miteinander in offene Dialoge zu bringen und Vielstimmigkeit in den Problembeschreibungen zu evozieren.
Wenn solche Prozesse gut moderiert werden, fühlen sich die Teilnehmenden eingeladen, nach und nach eingefahrene Sichtweisen und Praktiken des Umgangs mit sich selbst und anderen zu verlassen (z.B. Fremd- und Selbstpathologisierungen).
Neues Denken und Handeln kann so möglich werden, in dem alle auch bereit sind, Mitverantwortung zu übernehmen für die Eskalation oder De-Eskalation von Krisen, für die Entstehung, Aufrechterhaltung und Auflösung von sog. Symptomen (Relationale Verantwortung nach Gergen).
Kennzeichen offener Dialoge ist, dass nicht versucht wird, die GesprächspartnerInnen zu etwas zu drängen oder sie von etwas zu überzeugen. Ich bestimme auch nicht die Gesprächsinhalte, sondern bin da, präsent, mit - und versuche, im Dialog, das „Verstehen zu verstehen“ (Gergen & Gergen 2009, S. 100).
Fragen wie diese werden dann relevant (ebd.): Wie wird etwas gesagt? Was wird gewichtet? Was bleibt unerwähnt? In welchem Zusammenhang? Mit welchem Ziel? Mit welchem Effekt? Welche Stimmen werden unterdrückt? Welche Denkweise wird nicht mehr hinterfragt? Wem nutzt dies? Wer oder was wird dadurch bevorzugt, was wird an den Rand geschoben? Was für Konsequenzen hat das und für wen? Welche Zukunft wird mit dieser oder jener Art der Selbst- und Weltkonstruktion geschaffen?
In offenen Dialogen können neue Wirklichkeiten geschaffen werden.
Friedrich G. Paff schreibt über den Dialog: „...das ist die Chance neuer Begegnung... die Chance alle Schablonen fallenzulassen... offen zu sein... zuzulassen, das heißt gerade nicht zu, sondern aufmerksam auf noch Abwesendes... die Chance geglückter Dialoge, die Verzauberung sind immer auch, Verwandlung. In Sprache, mit Sprache, durch Sprache. Nicht geglückte Dialoge, nicht stattgefundene Dialoge sind Versteinerungen, Engpässe, Blockaden, die auf solche Verwandlung hoffen und warten, oft ein Leben lang... die Chance, neue Räume zu schaffen, nicht allein, sondern nur in Beziehungen, in einem Gegenüber und in einem Dritten gelösten aufgelockerten freien Barrierewegräumen und –schmelzen... die Chance, Fesseln lösen zu können, wo man im Fallen des Abgrunds von Flügeln getragen wird, die man noch gar nicht gekannt.“
Sponsoring seiner Arbeit durch Pharmafirmen wurde von Tom Andersen konsequenterweise immer abgelehnt.
"Du bist deine eigene Station und das ist nicht stationär, sondern lebendig" (F.G. Paff)
Die Haltung, die ich zu vermitteln versuche, hat Friedrich G. Paff in folgendem Zitat treffend zusammengefaßt:
„Du bist es. Nur du kannst dich verändern. Geh den ersten Schritt. Organisiere dich selbst. Du bist dein Weg. Du allein. Suche Hilfe zur Selbsthilfe. Lern ihn zu gehen den eigenen Schritt. Den ersten. Die anderen sie folgen. Aus dir, von dir. Du bist es, der dich bestimmt. Dich organisiert. Deinen Tag. Deine Interessen. Deine Methode zur Gesundung und Stärkung wieder. Flieh nicht in Vernebelungen, die dich betäuben. In Netze, in denen du dich nur verstrickst. Fang dich selber ein. Sei du dein eigener Organisator. Du allein weißt, was für dich gut ist. Und was auf Dauer dir schadet nur. Du weißt, wo die Klippen und Fallen sind, wo alles droht, wieder zusammenzustürzen. Entwerfe die eigenen Ufer, die rettenden Inseln, das Land. Den Alltag, der dich befreit aus den Zwängen und dem Angewiesensein auf nur fremde Hilfe. Du bist deine eigene Station und das ist nicht stationär, sondern lebendig. Wechsel, aber auch in allem Wechsel Stetigkeit, Ausdauer, Halt nicht verlierend. Ufer nicht aus. Die ersten Schritte sind ungewohnt. Spring nicht über die Fakten hinweg. Schau ihnen ins Angesicht. Gib dich nicht auf. Gib dich nicht ab. Vertrau dir. Trau dir selbst. Kein Fremder atmet für dich. Du bist und bleibst dein eigener Atem, dein eigenes Leben, dein eigener von dir entworfener und gestalteter Weg. Du allein weißt, was gut für dich ist. Nimm es in Anspruch. Dich selbst auch. Laß dich nicht fallen, nicht gehen. Spüre wieder die Frische, die Luft, das Abenteuer, auch in den kleinsten alltäglichsten Dingen, dich selbst zu entwerfen. Leben, dein eigenes zu gestalten. Erstick nicht, lähme dich nicht in nur fremder Hilfe. Du kannst mehr, wenn du es wagst. Wage es. Nehme nur Hilfe in Anspruch zur Selbsthilfe. Lebe dein Leben. Atme und gewinne wieder dich selbst, deinen, nur deinen Weg.“
Einige Psychiatrie-Erfahrene, die ich bei diesem Prozeß begleitet habe und begleite, haben sich durch die selbstorganisierten Hilfen die Voraussetzung zum erfolgreichen Wiedereinstieg in Ausbildung oder Studium geschaffen und Psychopharmaka erfolgreich abgesetzt. Oder sie sind aus dem Heim ausgezogen. Oder sie konnten die Psychiatrie-Aufenthalte drastisch reduzieren und die Selbstverletzung umwandeln.
Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, die Sprache, die Betroffenen entgegengebracht wurde und wird - und die sie übernommen haben - im Dialog zu de- und rekonstruieren, den Fokus konkret auf Ereignisse/Verhaltens- und Denkweisen zu legen und auf die Bewertung von Ereignissen und die Konsequenzen dieser Bewertungen. Auch sich zu fragen: Wie erschaffe ich diese Krise? Wodurch erhalte ich sie aufrecht? Mit welchem Zweck, warum tue ich das, welcher Teil in mir ist gerade aktiv, woher stammt dieser Teil, wann ist er entstanden? Was möchte dieser Teil, was soll ich ggf. verstehen? Gibt es andere Teile in mir, die zu Entlastung beitragen können? etc.
Zusammenfassend zeigen meine 10-jährigen Erfahrungen im Bereich Persönliches Budget:
• Ein Zugehen auf PatientInnen stationärer Einrichtungen und ambulanter Dienste ist nötig, z.B. in Form von Veranstaltungen, in denen gezielt über die Möglichkeiten von Prävention chronischer Beziehungen zur Psychiatrie mit Hilfe von Persönlichem Budget aufgeklärt wird. Die Einbeziehung psychiatrieerfahrener ExpertInnen als ReferentInnen halte ich dabei für unabdingbar, Gespräche mit Peers wirken auf einer anderen Ebene als es Gespräche mit Professionellen ohne Psychiatrieerfahrung tun. Wilma Boevink, Professorin für Recovery an der Hanze Universität Groningen, selbst psychiatrieerfahrene Aktivistin und Leiterin einer betroffenenkontrollierten Ausbildungs– und Beratungsgruppe zu den Themen Recovery, Empowerment und Expertentum durch Erfahrungswissen, formuliert entsprechend (Boevink in Lehmann et al. 2010): „Auf die Beteiligung Psychiatrie-Erfahrener in den Niederlanden wird in Deutschland oft bewundernd verwiesen. Projekte, die von Betroffenen gesteuert werden, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auf vielen Gebieten beginnen Psychiatrie-Erfahrene, ihre Leitungsfähigkeit zu zeigen. Allen Aktivitäten liegt als Triebkraft die Überzeugung zugrunde, dass die eigenen Erfahrungen eine andere Perspektive auf Symptome und psychische Probleme – wie zum Beispiel Stimmenhören oder Selbstverletzung – eröffnen und damit eine andere, wahrscheinlich bessere Dienstleistung als das reguläre psychosoziale Versorgungsangebot ermöglichen können. Selbsthilfe und betroffenengesteuerte Initiativen sind eine Antwort auf die Tatsache, dass sich unsere Eigenheit, unsere Erfahrung und unser Wissen in der regulären psychosozialen Versorgung kaum widerspiegeln. Für die Betroffenen, individuell und kollektiv, verschiebt sich der Schwerpunkt: Weg vom Agieren gegen die Macht der Anderen und vom Reagieren auf ihre Tagesordnung, hin zur Besinnung auf die immer stärkerer werdenden eigenen Kräfte.“
Die Idee von Wilma Boevink ist einfach: Betroffenen werden Informationen und Werkzeuge angeboten, mit denen sie eine neue Sicht auf sich selbst und auf ihr Leben entwickeln können.
Das ist das, was ich selbst auch tue. Leuten die Gelegenheit bieten, die PatientInnenrolle zu verlassen und im Laufe der Inanspruchnahme selbstgewählter Hilfen, zu lernen, den eigenen Recoveryprozess kritisch zu reflektieren. Das Ziel dieses Prozesses ist die Transformation langfristig stigmatisierender Diagnosen und Prognosen, unter Verzicht auf Leugnung des erlebten psychischen Leidens. Die Starre von Denk- und Handlungsrahmen kann im Dialog durchbrochen werden, so dass Menschen sich nicht mehr gefangen fühlen oder „einer Krankheit ausgeliefert“.
• Das Zugehen auf Betroffene in hier angedeutetem Sinne ist bislang oft an Interessenskonflikten zwischen den Einrichtungen und ihrer Klientel gescheitert. Die Einrichtungen sperren sich gegen die Schulung Ihrer Klientel im Bereich Alternativen und Recovery.
• Es fehlen qualifizierte Leistungserbringer, egal ob psychiatrieerfahren oder nicht, die in der Lage sind, Betroffenen zu helfen
o durch das Anbieten einer sicheren Bindung, die Voraussetzungen, für die Entwicklung von Selbstwert und Autonomie, zu schaffen,
o Krisen verstehen zu lernen, den Umgang mit Belastendem zu reflektieren, ihn zu dekonstruieren, Teilearbeit einzuführen, Ressourcen nutzen zu lernen,
o ihre oft traumatischen Erfahrungen (auch) mit Psychiatrie, Entmündigung, Diskriminierung und Gewalt zu überwinden,
o die oft jahrelang von Familie oder / und Professionellen geschürte und lähmende Angst vor „Rückfällen“ als lediglich eine Denktradition von vielen zu betrachten,
o wieder Mut zu fassen, neue Wege zu gehen, ein Denken und Handeln zu entwickeln, das die Möglichkeit des langsamen Absetzens und / oder aufgeklärten und selbstbestimmten Umgangs mit Psychopharmaka miteinschließt.
Sowohl Beendung als auch Prävention chronischer Beziehungen zur Psychiatrie mit Hilfe von Persönlichem Budget kann gelingen, wenn der Fokus der Hilfen auf konkrete Lebensgeschichten (Erfahrungen, Prägungen, Beziehungen) gelegt und davon ausgegangen wird, dass menschliches Verhalten – so absonderlich es auch erscheinen mag – immer eine Form des In-Beziehung-Tretens ist. Eine Sprache, die niemals geschichtslos oder gesichtslos ist, eine Sprache, die gemeinsam entschlüsselt werden kann, eine Sprache, die sich in guter Beziehung so wandeln kann, dass Psychiatrie-PatientInnen sich irgendwann nicht mehr mit Tabletten knebeln müssen, um das, was innen brodelt, zu dämpfen... – weil eben Alternativen bekannt sind und weil Andere in der Lage waren, Mut zu machen, neue Schritte zu gehen und diesen Weg qualifiziert zu begleiten.
Karin Roth, geb. 1969, Diplom Rehabilitationswissenschaftlerin und Systemische Therapeutin/SG. 1998-2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Dortmund und intern assoziiertes Mitglied der International NRW Research School Education and Capabilities; Promotionsprojekt „Das Verlassen geschlossener Räume. Zur narrativen Selbstkonstruktion Psychiatriebetroffener anhand schriftlicher Selbstzeugnisse aus dem Herbst 2007“; 2005 gründete sie das Yael Elya Institut; seit 1994 Engagement für Alternativen zu Drehtürpsychiatrie und Heim; Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für systemische Pädagogik; Mitglied der Systemischen Gesellschaft; Mitarbeit und Mitglied im Maison d'Espérance (Val d’Hérault, Südfrankreich / Alternative zur Psychiatrie/das Projekt gibt es 2017 leider nicht mehr); Mitglied bei ForseA - bundesweites, verbandsübergreifendes Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen und Mitglied von MindFreedom International.
Kontakt: Yael Elya Institut, Alter Mühlenweg 14, 44139 Dortmund, fon: 0231-16779819, eMail: karin.roth@yael-elya.de, Internet: www.yael-elya.de
31.12.2018, Karin Roth