Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/versicherungsrecht/wissentliche-pflichtverletzung-und-die-berufshaftpflichtversicherung-388831
Timestamp: 2019-12-15 15:25:30
Document Index: 170656084

Matched Legal Cases: ['§ 61', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Wis­sent­li­che Pflicht­ver­let­zung – und die Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rung | Rechtslupe
Wis­sent­li­che Pflicht­ver­let­zung – und die Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rung
Für den Aus­schluss­grund der Wis­sent­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung ist der Ver­si­che­rer dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig. Hier­für hat er – wenn es sich nicht um die Ver­let­zung ele­men­ta­rer beruf­li­cher Pflich­ten han­delt, deren Kennt­nis nach der Lebens­er­fah­rung bei jedem Berufs­an­ge­hö­ri­gen vor­aus­ge­setzt wer­den kann – Anknüp­fungs­tat­sa­chen vor­zu­tra­gen, die als schlüs­si­ge Indi­zi­en für eine wis­sent­li­che Pflicht­ver­let­zung betrach­tet wer­den kön­nen. Erst wenn die­ses gesche­hen ist, obliegt es dem Ver­si­che­rungs­neh­mer im Rah­men sei­ner sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last, Umstän­de auf­zu­zei­gen, war­um die vor­ge­tra­ge­nen Indi­zi­en den Schluss auf eine wis­sent­li­che Pflicht­ver­let­zung nicht zulas­sen.
Hin­sicht­lich der zum Scha­dens­er­satz­an­spruch füh­ren­den Pflicht­ver­let­zung besteht eine Bin­dungs­wir­kung an das Haft­pflich­tur­teil und die dort getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen. Damit wird ver­hin­dert, dass die im Haft­pflicht­pro­zess getrof­fe­ne Ent­schei­dung und die zugrun­de lie­gen­den Fest­stel­lun­gen im Deckungs­pro­zess erneut in Fra­ge gestellt wer­den kön­nen 1.
Danach besteht im hier ent­schie­de­nen Fall die vom ver­si­cher­ten Insol­venz­ver­wal­ter ver­letz­te Pflicht in der Begrün­dung von Mas­se­ver­bind­lich­kei­ten, die schon im Zeit­punkt ihrer Begrün­dung aus der Mas­se vor­aus­sicht­lich nicht voll­stän­dig erfüllt wer­den konn­ten (§ 61 InsO). Allein hier­auf ist die Ver­ur­tei­lung im Haft­pflicht­pro­zess gestützt. Im Deckungs­pro­zess ist es nicht mehr mög­lich, eine ande­re scha­den­ver­ur­sa­chen­de Pflicht­ver­let­zung des Ver­si­che­rungs­neh­mers zugrun­de zu legen als dies im Haft­pflicht­pro­zess gesche­hen ist 2. Dabei ist allein auf die im Haft­pflicht­pro­zess fest­ge­stell­ten tat­säch­li­chen Ele­men­te der Pflicht­wid­rig­keit abzu­stel­len 3.
Hin­sicht­lich der Wis­sent­lich­keit der somit maß­geb­li­chen Pflicht­ver­let­zung bestht kei­ne Bin­dungs­wir­kung. Die­ser Aus­schluss­grund ist viel­mehr im Deckungs­pro­zess selb­stän­dig zu prü­fen 4.
Wis­sent­lich han­delt nur der­je­ni­ge Ver­si­cher­te, der die ver­letz­ten Pflich­ten posi­tiv kennt. Beding­ter Vor­satz, bei dem er die in Rede ste­hen­de Ver­pflich­tung nur für mög­lich hält, reicht dafür eben­so wenig aus wie eine fahr­läs­si­ge Unkennt­nis. Es muss viel­mehr fest­ste­hen, dass der Ver­si­cher­te die Pflich­ten zutref­fend gese­hen hat 5.
Dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig für die Ver­wirk­li­chung der sub­jek­ti­ven Tat­be­stands­merk­ma­le des Risi­ko­aus­schlus­ses ist der Ver­si­che­rer 6. In die­sem Rah­men muss vom Ver­si­che­rer dar­ge­legt wer­den, der Ver­si­che­rungs­neh­mer habe gewusst, wie er sich hät­te ver­hal­ten müs­sen.
Die­se den Ver­si­che­rer tref­fen­de Dar­le­gungs­last wird jedoch unzu­läs­sig ein­ge­schäft, indem ver­langt wird, der Ver­si­che­rungs­neh­mer habe im Rah­men der ihm oblie­gen­den sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last vor­zu­tra­gen und plau­si­bel zu machen, aus wel­chen Grün­den es zum Ver­stoß gekom­men sei, "bevor" der Ver­si­che­rer die Wis­sent­lich­keit dar­zu­le­gen und zu bewei­sen habe.
Soweit sich das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le 7 für die­se Ansicht auf Urtei­le ande­rer Ober­lan­des­ge­rich­te beru­fen hat 8, ist dem zunächst ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass sich eine ent­spre­chen­de Rechts­auf­fas­sung einem Teil der zitier­ten Urtei­le nicht ent­neh­men lässt.
Ledig­lich das Ober­lan­des­ge­richt Saar­brü­cken hat aus­ge­führt, dass ein Ver­si­che­rungs­neh­mer schon auf­grund der blo­ßen Behaup­tung des Ver­si­che­rers, es sei Wis­sent­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung gege­ben, plau­si­bel machen müs­se, aus wel­chen Grün­den es zu sei­nem Fehl­ver­hal­ten gekom­men ist; ande­ren­falls sei vom Vor­lie­gen die­ses Umstands aus­zu­ge­hen 9.
Die­se Rechts­auf­fas­sung trifft jedoch nicht zu. Aus der grund­sätz­li­chen Dar­le­gungs- und Beweis­last des Ver­si­che­rers folgt viel­mehr, dass die­ser zunächst einen Sach­ver­halt vor­zu­tra­gen hat, der auf eine Wis­sent­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung des Ver­si­che­rungs­neh­mers zumin­dest hin­deu­tet. Dabei wird der Vor­trag wei­te­rer zusätz­li­cher Indi­zi­en dann ent­behr­lich sein, wenn es sich um die Ver­let­zung ele­men­ta­rer beruf­li­cher Pflich­ten han­delt, deren Kennt­nis nach der Lebens­er­fah­rung bei jedem Berufs­an­ge­hö­ri­gen vor­aus­ge­setzt wer­den kann, so wie dies etwa in einem vom Ober­lan­des­ge­richt Köln ent­schie­de­nen Fall gewe­sen ist (Pflicht des Rechts­an­walts zur Wahr­neh­mung von Gerichts­ter­mi­nen, kein Ver­säum­nis­ur­teil gegen sich erge­hen zu las­sen und den Man­dan­ten über den Ver­fah­rens­stand zu unter­rich­ten 10).
Jen­seits der Fäl­le der Ver­let­zung von beruf­li­chen Kar­di­nal­pflich­ten, in denen vom äuße­ren Gesche­hens­ab­lauf und dem Aus­maß des objek­ti­ven Pflicht­ver­sto­ßes auf inne­re Vor­gän­ge geschlos­sen wer­den kann, ist es aber Auf­ga­be des beweis­pflich­ti­gen Ver­si­che­rers, Anknüp­fungs­tat­sa­chen vor­zu­tra­gen, die als schlüs­si­ge Indi­zi­en für eine wis­sent­li­che Pflicht­ver­let­zung betrach­tet wer­den kön­nen. Erst wenn die­ses gesche­hen ist, obliegt es dem Ver­si­che­rungs­neh­mer im Rah­men sei­ner sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last, Umstän­de auf­zu­zei­gen, war­um die vor­ge­tra­ge­nen Indi­zi­en den Schluss auf eine wis­sent­li­che Pflicht­ver­let­zung nicht zulas­sen.
Erklä­run­gen, die dem Ver­si­che­rungs­neh­mer gege­be­nen­falls im Rah­men sekun­dä­rer Dar­le­gungs­last oblie­gen, müs­sen sich nur auf den feh­len­den Vor­satz der Pflicht­ver­let­zung bezie­hen. In kei­nem Fall obliegt es ihm dar­zu­le­gen, dass das tat­säch­li­che Han­deln auch objek­tiv gerecht­fer­tigt gewe­sen ist.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Dezem­ber 2014 – IV ZR 90/​13
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BGH, Urtei­le vom 08.12 2010 – IV ZR 211/​07, VersR 2011, 203 unter – II 1 b; vom 24.01.2007 – IV ZR 208/​03, VersR 2007, 641 unter – II 1[↩]
BGH, Urteil vom 20.06.2001 – IV ZR 101/​00, VersR 2001, 1103 unter – II 2 b[↩]
BGH, Urteil vom 08.12 2010 – IV ZR 211/​07, VersR 2011, 203 Rn. 13[↩]
BGH, Urtei­le vom 24.01.2007 – IV ZR 208/​03, VersR 2007, 641 unter – II 2 und 3; vom 28.09.2005 – IV ZR 255/​04, VersR 2006, 106 unter – II 2 a; vom 20.06.2001 – IV ZR 101/​00, VersR 2001, 1103 unter – II 2 b[↩]
BGH, Urteil vom 28.09.2005 – IV ZR 255/​04, VersR 2006, 106 unter – II 2 b[↩]
BGH, Urtei­le vom 20.06.2001 – IV ZR 101/​00, VersR 2001, 1103 unter – II 3; vom 05.03.1986 IVa ZR 179/​84, VersR 1986, 647 unter 2 d[↩]
OLG Cel­le, Urteil vom 31.01.2013 – 8 U 203/​12[↩]
OLG Köln VersR 2012, 560; VersR 1990, 193; OLG Saar­brü­cken ZfSch 2008, 219; ZfSch 2007, 522; OLG Frank­furt NVer­sZ 2000, 439; OLG Hamm VersR 2000, 482[↩]
OLG Saar­brü­cken ZfSch 2008, 219 unter – II 1 a (2); ZfSch 2007, 522 unter – II 2 c[↩]
OLG Köln VersR 2012, 560[↩]
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