Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Wer_die_Musik_bezahlt_bestimmt_was_gespielt_wird_BAG_9AZR934-06.html
Timestamp: 2020-01-28 10:05:17
Document Index: 349080034

Matched Legal Cases: ['§ 9', '§ 7', '§ 15', '§ 9', '§ 9', 'Art.4', '§ 9', '§ 9']

Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird. - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 08/028
Ei­ne Mus­li­min als So­zi­al­ar­bei­te­rin im Auf­trag der Dia­ko­nie?
21.02.2008. Das Dia­ko­ni­sche Werk in Ham­burg schrieb ei­ne So­zi­al­ar­bei­ter­stel­le und mach­te die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner christ­li­cen Kir­che in der Stel­len­aus­schrei­bung zur Vor­aus­set­zung für ei­ne Ein­stel­lung.
Dar­auf­hin be­warb sich ei­ne ge­bür­ti­ge Tür­kin und Mos­le­min um die Stel­le und wur­de ab­ge­lehnt, nach­dem sie ei­nen ihr na­he­ge­leg­ten Kir­chen­bei­tritt ab­ge­lehnt hat­te.
Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg kam zu dem Er­geb­nis, dass hier ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on vor­lag und ver­ur­teil­te das Dia­ko­ni­sche Werk zu ei­ner Gel­dent­schä­di­gung: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 04.12.2007, 20 Ca 105/07.
Ist es ein aus­rei­chen­des In­diz für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­ner Be­wer­be­rin ei­nen Glau­bens­wech­se na­he­legt?
Der Streit­fall: Dia­ko­ni­sches Werk möch­te Mus­li­min nicht als So­zi­al­ar­bei­te­rin bei der In­te­gra­ti­ons­hil­fe für Mi­gran­ten ("In­te­gra­ti­ons­lot­se") ein­stel­len
Ar­beits­ge­richt Ham­burg: Die Ab­leh­nung der mos­le­mi­schen Be­wer­be­rin war ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on
Mit dem All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG), das am 18.08.2006 in Kraft ge­tre­ten ist, hat der Ge­setz­ge­ber ver­schie­de­ne eu­ropäische An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs-Richt­li­ni­en in deut­sches Recht um­ge­setzt, un­ter an­de­rem die Richt­li­nie 2000/78/EG.
AGG und Richt­li­nie ver­bie­ten glei­cher­maßen die Be­nach­tei­li­gung von Ar­beit­neh­mern bei der Ein­stel­lung we­gen ih­rer Re­li­gi­on, las­sen von die­sem Grund­satz aber ei­ne Aus­nah­me zu, wenn ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­on aus Sicht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft „im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht oder nach der Art der Tätig­keit“ (§ 9 Abs.1 AGG) ge­recht­fer­tigt ist.
Will da­her zum Bei­spiel ei­ne evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che ei­ne Pfarr­stel­le be­set­zen, ist es ihr er­laubt, Mos­lems, Bud­dhis­ten und Ka­tho­li­ken we­gen ih­res „fal­schen“ Glau­bens zu „be­nach­tei­li­gen“, d.h. ei­ne sol­che Art der Per­so­nal­aus­wahl verstößt nicht ge­gen die Vor­schrif­ten des AGG oder die Zie­le der Richt­li­nie 2000/78/EG.
Frag­lich ist da­ge­gen, ob ein sol­ches Vor­ge­hen auch bei Ein­stel­lung ei­ner Pfarr­amts­se­kretärin rech­tens wäre, d.h. in wel­chem Um­fang die Kir­chen auch bei der Be­set­zung we­ni­ger her­aus­ge­ho­be­ner Po­si­tio­nen Be­wer­ber mit dem „fal­schen“ Glau­ben ab­wei­sen können. Zu die­ser Fra­ge hat das Ar­beits­ge­richt Ham­burg in ei­nem Ur­teil vom 04.12.2007 (20 Ca 105/07) Stel­lung be­zo­gen.
Das der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land (EKD) an­gehören­de Dia­ko­ni­sche Werk in Ham­burg schrieb im No­vem­ber 2006 ei­ne pro­jekt­be­dingt auf elf Mo­na­te be­fris­te­te Stel­le als So­zi­al­ar­bei­ter / So­zi­al­ar­bei­te­rin zu ei­nem Ge­halt von 1.300,00 EUR pro Mo­nat aus.
Fi­nan­ziert wur­de die­se Stel­le ei­nes „In­te­gra­ti­ons­lot­sen“ aus Mit­teln des Eu­ropäischen So­zi­al­fonds und der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Rah­men ei­nes Pro­jekts zur be­ruf­li­chen In­te­gra­ti­on von Mi­gran­tin­nen und Mi­gran­ten. Im Zu­wen­dungs­be­scheid des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ar­beit und So­zia­les, das als na­tio­na­le Ko­or­di­nie­rungs­stel­le für die Ver­ga­be der EU-Mit­tel ver­ant­wort­lich ist, fin­det sich der fol­gen­de „Hin­weis“:
„Der Grund­ge­dan­ke der Ge­mein­schafts­in­itia­ti­ve EQUAL soll­te auch bei der Ein­stel­lungs­pra­xis berück­sich­tigt wer­den. Ins­be­son­de­re wird drin­gend emp­foh­len, kei­ne den Be­wer­ber­kreis ein­schränken­den Vor­ga­ben zu ma­chen und auch die Aus­wahl von Mit­ar­bei­tern in die­ser Hin­sicht neu­tral durch­zuführen."
Der Aus­schluss der Kläge­rin aus dem Aus­wahl­ver­fah­ren we­gen Nicht­zu­gehörig­keit zur christ­li­chen Re­li­gi­on ver­s­toße ge­gen § 7 AGG und be­gründe da­her ei­nen An­spruch auf Gel­dentschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG.
Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne aus­nahms­wei­se rechtmäßige un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on - im Hin­blick auf das Selbst­be­stim­mungs­recht der Kir­che oder auf ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung (§ 9 AGG) - lägen hier nicht vor, da die Tätig­keit als So­zi­al­ar­bei­te­rin kei­ne aus­rei­chend große „Verkündungsnähe“ auf­wie­se.
Im Wei­te­ren meint das Ge­richt im An­schluss an ei­ni­ge Äußerun­gen in der ju­ris­ti­schen Li­te­ra­tur, dass die für Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten gel­ten­de Aus­nah­me­vor­schrift des § 9 Abs.1 AGG über das Maß an „le­ga­ler Dis­kri­mi­nie­rung“ hin­aus­gin­ge, das die Richt­li­nie 2000/78/EG bzw. de­ren Art.4 Abs.2 den Mit­glied­staa­ten er­lau­be.
Die Richt­li­nie se­he nur ei­nen „Ten­denz­schutz“ für Kir­chen vor, während § 9 Abs.1 AGG ein darüber hin­aus­ge­hen­des „Selbst­be­stim­mungs­recht“ an­er­ken­ne. Vor die­sem Hin­ter­grund sieht sich das Ar­beits­ge­richt ver­an­lasst, § 9 Abs.1 AGG richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen, d.h. die dort ent­hal­te­ne, für die Kir­chen gel­ten­de Aus­nah­me­vor­schrift möglichst eng zu in­ter­pre­tie­ren.