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Timestamp: 2014-11-01 04:11:07
Document Index: 19291299

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 385', 'Art. 139', 'Art. 140', 'Art. 16', 'Art. 34']

[Titelseite] [Vorwort] Kapitel: Einleitung | Kapitel 1:Sonntagsöffnung nach ausländischem Vorbild? | Kapitel 2:Sonntagsöffnung auf historischer Grundlage? | Kapitel 3:Sonntäglicher Bibliotheksservice in Deutschland? | Kapitel 4:Sonntagsöffnung von Bibliotheken legal? | Kapitel 5:Sonntagsöffnung im Widerstreit mit Mitarbeiterinteressen? | Kapitel 6:Sonntagsöffnung als bedarfsgerechte Öffnungszeit? | Schlußbetrachtung | Ergebnisse [Literaturverzeichnis] [Abkürzungsverzeichnis] [Anhang] [Erklärung] Zitierabschnitt: 123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445464748495051525354555657585960616263646566676869707172737475767778798081828384858687888990919293949596979899100101102103104105106107108109110111112113114115116117118119120121122123124125126127128129130131132133134135136137138139140141142143144145146147148149150151152153154155156157158159160161162163164165166167168169170171172173174175176177178179180181182183184185186187188189190191192193194195196197198199200201202203204 [Inhaltsverzeichnis] Kapitel 2:Sonntagsöffnung auf historischer Grundlage?
„Die Tür der Volksbibliothek läßt sich nur so weit öffnen, daß eine Person eintreten kann, hat sich diese hinter die Tür gestellt, so kann ein weiterer eintreten. Sind aber sechs Personen zugleich in dem Raume, so ist mir der Zugang zu einem Teil der Bücher versperrt. Die übrigen Besucher, wenn sich sonntags manchmal 30-40 zugleich dort befinden, müssen im kalten Hausflur oder gar vor der Haustür warten. Infolge des Gedränges kommen oftmals Personen dem Ofen zu nahe und verbrennen sich die Kleider.“ ↓39
Mit diesen Zeilen wurde im Jahr 1923 ein kommunaler Antrag begründet, die Stadtbücherei Ratingen in einem besseren Gebäude unterzubringen.166 Und zur Geschichte der Stadt-bibliothek Bremen weiß die derzeitige Leiterin, Barbara Lison, in Bezugnahme auf das Gründungsjahr 1902 folgendes zu berichten: „[Die Angebote der Lesehalle richteten sich] an die unteren Schichten, Handwerksgesellen, Hausmädchen, Boten. Die Öffnungszeiten richteten sich auch nach ihnen: Unter der Woche bis 21 Uhr und auch am Sonntag war geöffnet. Man mußte mit gewaschenen Händen kommen. Man ging an eine Ausleihtheke und nannte dort seine Interessen. Die Bibliothekarin suchte dann das passende Buch dazu raus.“167
Diese beiden sehr anschaulichen Schilderungen aus den Anfängen des öffentlichen Bibliothekswesens in Deutschland erwähnen jeweils die Sonntagsöffnung der Bibliotheken. Da zu Beginn des letzten Jahrhunderts noch keine flächendeckenden Bibliotheksstatistiken oder überregionale Verzeichnisse mit den Öffnungszeiten öffentlicher Bibliotheken geführt wurden, bieten allein die Bibliotheksarchive gesicherte Indizien auf die Verbreitung der Sonntagsöffnung.168 Zum Teil waren die Öffnungszeiten auch Bestandteil der damaligen Benutzungsordnungen. So statuierte beispielsweise § 1 der Benutzungsordnung der Berliner Lesehallen am Ende des 19. Jahrhunderts: „Die Lesehalle und die mit ihr verbundene Volksbibliothek sind täglich geöffnet: an den Wochentagen abends von 6 bis 9 Uhr, an den Sonntagen vormittags von 10 bis 12 Uhr.“169 Und selbst in der belletristischen Literatur finden sich Hinweise auf die Sonntagsöffnung der zeitgenössischen Lesehallen. So schildert Theodor Fontane in seinem postum erschienen Roman Mathilde Möhring über die Berliner Lesehalle für Frauen: „Es war ein Sonntag, an welchem Tage die Lesehalle nur von elf bis eins auf war, und um eineinhalb war Thilde wieder zu Hause“.170
Diese und weitere Anhaltspunkte zur Geschichte des Bibliothekssonntags werden im vorliegenden Kapitel zur Überprüfung der These ausgewertet, daß die Sonntagsöffnung von Bibliotheken auch in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war. Die gut dokumentierte Debatte über sonntagsgeöffnete Bibliotheken, die Ende des 19. Jahr-hunderts in Großbritannien und den USA geführt wurde, sowie die Darstellung der Entwicklung deutscher Bibliotheksöffnungszeiten und des Sonntagsschutzes im allgemeinen runden das Bild ab.
A. Die Entstehung des Bibliothekssonntags in Großbritannien und in den USA
Im Jahr 1893 fand die Weltausstellung und zugleich der World’s Congress of Libraries in Chicago statt, zu der auch der deutsche Bibliothekar Constantin Nörrenberg (1862-1937), anreiste. Er gilt als Mitbegründer der sogenannten Bücherhallenbewegung und die Bibliotheksneugründungen, an denen er maßgeblich mitwirkte, wie z.B. in Charlottenburg, Elberfeld, Jena, Hamburg, Bremen oder Essen, waren deutlich vom Modell der amerikanischen Free
Public Library geprägt, die er auf dieser Reise kennenlernte.171 In seiner Hauptschrift „Die Volksbibliothek: Ihre Aufgabe und Reform“ aus dem Jahr 1896 hob er die Öffnungszeiten angelsächsischer Bibliotheken als vorbildlich hervor: „Können wir uns ein Postamt vorstellen, das seine Schalter nur wöchentlich ein- bis zweimal auf eine oder zwei Stunden öffnet? Ebensowenig sollen wir uns eine Bibliothek denken können, die vorgibt, öffentlich zu sein, und dabei wöchentlich nur sechs, vier oder gar zwei Stunden zugänglich ist. Ich erwähnte oben, daß viele deutsche Stadtbibliotheken dazu zählen (so die zu Braunschweig, Chemnitz, Elbing, Hildesheim, Königsberg, Ulm, Zittau); daß so etwas möglich ist, dessen müssen wir uns vor dem Auslande geradezu schämen. Eine Bibliothek wöchentlich nur ein paar Stunden öffnen, heißt nicht viel weniger, als die Benutzung böswillig hintertreiben. Siebzig, achtzig Stunden sind die größten Bibliotheken in England und Amerika geöffnet; können wir das nicht, können wir es nur ein paar Stunden täglich, so sollten es wenigstens die Abendstunden sein; die Wahl anderer Stunden würde fast den ganzen erwerbenden Teil der Bevölkerung von der Wohltat ausschließen.“172
Zu der Zeit, als Nörrenbergs Schrift erschien, waren sonntägliche Öffnungszeiten in angelsächsischen Bibliotheken schon weit verbreitet. Doch galten sie noch als Neuerungen, denen im gläubigen Amerika zunächst der Boden geebnet werden mußte. Und in England entbrannte im 19. Jahrhundert ein heftiger Streit um die Sonntagsöffnung kultureller Einrichtungen („The Sunday Opening Question“).173
1. Die Bibliotheken der Sonntagsschulen als Wegbereiter sonntäglicher Bibliotheks-öffnungszeiten
Nach Meyers Konversationslexikon aus dem Jahr 1897 ist unter einer Sonntagsschule eine Einrichtung zu verstehen, in welcher sonntags unterrichtet wird, insbesondere die Jugend des „niedern Volkes“ im religiösen Interesse. Es ist überliefert, daß der Erzbischof Karl Borromeo im 16. Jahrhundert die erste Sonntagsschule in Mailand gründete. Als Sunday School erfolgreich wiederbelebt wurden die sonntäglichen Bildungsanstalten vom reichen englischen Buchdrucker Robert Raikes (1735-1811), der in seiner Heimatstadt Gleucester 1781 eine Sonntagsschule eröffnete, um Straßenkindern das Lesen beizubringen. Er verfolgte mit diesem kostenlosen Schulangebot sowohl religiöse als auch soziale Ziele. Im vorindustriellen Großbritannien verdingten sich viele Jugendliche bereits im frühen Alter als Fabrikarbeiter und lungerten sonntags ohne eigenen Wohnraum untätig auf den Straßen. In den Sonntagsschulen konnten sie an den Nachmittagen lernen, die Bibel und den Katechismus zu lesen.174Raikes’ Sonntagsschule war so erfolgreich, daß in den folgenden Jahren viele vergleichbare Schulanstalten im ganzen Land eröffnet wurden und bereits 1785 der Stifter William Fox mit großem Erfolg die London Sunday School Society ins Leben rief. Gerade in den protestantischen Kreisen Großbritanniens und Nordamerikas fand die Idee der Sonntagsschule, unterstützt durch die Kirche, rasche Verbreitung, wobei in den jeweiligen Einrichtungen unterschiedliche Schwerpunkte auf die religiöse Erziehung, Allgemeinbildung oder den Leseunterricht gesetzt wurden. In jedem Fall ergänzten die Sonntagsschulen den öffentlichen Schulunterricht, getragen von privater Wohltätigkeit. In den USA, in denen es 1824 zur Gründung der American Sunday School Union kam, genoß diese Form der Lehranstalten im 19. Jahrhundert eine außerordentliche Popularität. Auf rund 300.000 wird die Anzahl der Sonntagsschulen mitsamt 3 Millionen Lehrern und über 25 Millionen Schülern vor dem 1. Weltkrieg im anglo-amerikanischen Raum geschätzt.175
Bereits in den Anfangsjahren der britischen Sonntagsschulen zeigte es sich, daß Schüler, die Lesen lernen, auch Lektüre benötigen, mit der sie unter der Woche üben können. Zu diesem Zwecke wurde 1794 in London die Religious Tract Society und in den USA 1825 die American Tract Society gegründet, die für die Sonntagsschulen religiöse Traktate bzw. Hefte herausbrachten, die einfach zu lesen und günstig zu erwerben waren. Daneben publizierte die American Sunday School Union eigene Zeitschriften für unterschiedliche Altersgruppen, die im 19. Jahrhundert für viele Gesellschaftsschichten, insbesondere für die Land-bevölkerung, neben der Lokalzeitung die einzige zugängliche aktuelle Literatur darstellte.176 1839 hatte die amerikanische Sonntagsschulvereinigung bereits 18 Millionen Drucker-zeugnisse verbreitet.177
Diese als auch andere Publikationen wurden ursprünglich als sogenannte „premium books“ für gute Unterrichtsleistungen an einzelne Schüler vergeben. Um die Bücher jedoch der Schule langfristig zu erhalten, kam es ab 1820 zur ersten Angliederung von Bibliotheken an die Sonntagsschulen und die Honorierung fleißiger Schüler erfolgte seitdem über Ausleihprivilegien.178 Die Einrichtung der Sunday School Libraries sollte auch das Interesse der Bevölkerung an den Sonntagsschulen generell steigern und zur weiteren Vermittlung von Religion, Moral und Bildung179 beitragen.180 Sammelschwerpunkte der Bibliotheken waren religiöse, moralische und erst in den späteren Jahren auch belletristische Literatur, wobei sich historische Werke sowie missionarische Reiseberichte großer Beliebtheit erfreuten.181 Zu Beginn unterhielten die Sonntagsschulbibliotheken nur kleine Buchsammlungen, die erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts durch Spenden ausgebaut werden konnten.182 Auch wenn der Bestandsumfang der einzelnen Sunday School Libraries stark variierte, erreichte er nicht die Größe einer öffentlichen Kleinstadtbibliothek.183 Selbst zur Blütezeit der Sonntagsschul-bibliotheken zwischen 1850 und 1870 umfaßte die durchschnittliche Einrichtung nicht mehr als 200 bis 300 Bände.184 Somit konnten sich die Betreiber mit einer einfachen Bibliotheksorganisation begnügen, die ohne Klassifikation und Kataloge auskam. Allerdings galten strenge Ausleihregeln sowie nur eingeschränkte Möglichkeiten der Buchauswahl.185 Zum Teil wurden auch Bibliotheksgebühren erhoben und grundsätzlich bloß eingeschriebene Schüler als Nutzer zugelassen. Die Bibliotheken waren wie die angegliederten Schulen in den meisten Fällen ausschließlich an Sonntagen während der Schulzeiten geöffnet und nur wenige auch zusätzlich unter der Woche zugänglich.186
Während der United States Census für das Jahr 1850 bereits 1.988 Sonntagsschul-bibliotheken mit über 1.647.000 Medieneinheiten nannte,187 waren es zwanzig Jahre später über 33.580 Einrichtungen mit über 8.000.000 Büchern.188 Um die Jahrhundertwende indes nahm die Zahl der Sonntagsschulbibliotheken rapide ab,189 bedingt durch den wachsenden Konkurrenzdruck der öffentlichen Bibliotheken, mit deren gut sortiertem Bestand, liberalen Auswahl- und Ausleihmethoden sowie moderner Verwaltung die Sunday School Libraries in der Publikumsgunst nicht mithalten konnten.190
Nichtsdestoweniger kommt den Sonntagsschulbibliotheken als halb-öffentlichen Einrichtungen in der Literaturversorgung der USA des 19. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle zu.191 Sie sind als Vorgänger und Wegbereiter der Public Libraries anzusehen und reüssierten in einer Zeit, in der die einfache Bevölkerung, insbesondere außerhalb der großen Städte, kaum Lesestoff hatte.192 Bezeichnend brachte dies der Literaturkritiker William Lyon Phelps (1865-1934) in seiner biographischen Aussage über Mark Twain zum Ausdruck: „he was brought up on the Bible, on hymnbooks, and presumably on what he found in the Sunday School library.“193
2. Die Entwicklung der Sonntagsöffnung in den USA
Aufgrund der Tatsache, daß die Sonntagsschulbibliotheken gerade im gläubigen Amerika des 19. Jahrhunderts eine weite Verbreitung und große Popularität genossen, können sie als Vorreiter des Bibliothekssonntags in den USA angesehen werden.194 Obwohl auch jenseits des Atlantiks über die „Sunday Opening Question“ äußerst kontrovers diskutiert wurde und Konzert- sowie Theaterbesuche am Sonntag vor hundertfünfzig Jahren noch ein Tabu darstellten, richtete sich im Gegensatz zu Großbritannien beim Thema Sonntagsöffnung das öffentliche Augenmerk nicht auf die Bibliotheken.195
Die Bewegung für öffentliche Bibliotheken, Public Library Movement, setzte in den USA zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Als 1848 die ersten Bibliotheksgesetze für Massachusetts, New Hampshire und Maine verabschiedet wurden, hatte sich der Dienstleistungsgedanke in den bestehenden wissenschaftlichen Bibliotheken noch nicht durchgesetzt. Selbst renommierte Einrichtungen öffneten in der Regel nur wenige Stunden in der Woche.196 Noch 1876 verzeichnete die Bibliothek der Columbia University lediglich zwölf Wochenöffnungsstunden, deren Anzahl sich in den folgenden zwanzig Jahren auf 87 Stunden erhöhte. Als erste bekannte Hochschulbibliothek öffnete die Harvard College Library ab 1880 auch vier Stunden an Sonntagen von 13 bis 17 Uhr.197 Bereits zehn Jahre zuvor hatten große kommunale Bibliotheken die sonntäglichen Öffnungszeiten mit beachtlichem Erfolg eingeführt. 1870 öffnete zunächst die PhiladelphiaPublic Library sonntags, gefolgt von der Cincinnatti Public Library sowie von den kommunalen Bibliotheken in New York, Boston und St. Louis.198
Im Jahr 1889 führte die New York State Library anläßlich der bevorstehenden Konferenz der American Library Association in St. Louis eine Befragung zum Thema Sonntagsöffnung durch, bei der über 200 amerikanische Bibliotheken mit mehr 10.000 Medieneinheiten angeschrieben wurden. Die Untersuchung zeigte, daß zum damaligen Zeitpunkt rund ein Drittel der öffentlichen Bibliotheken und ein Fünftel der Hochschulbibliotheken, darunter auch die Bibliotheken des Yale und Trinity College, sonntags öffneten.199 Die Öffnungszeiten lagen in der Regel zwischen 14 und 21 Uhr und nur wenige Einrichtungen waren am Sonntagvormittag zugänglich.200 Schließungstage unter der Woche waren unüblich. Die Mehrzahl der Bibliotheken beschränkte sich am Wochenende ausschließlich auf die Präsenznutzung, verzeichnete aber nichtsdestoweniger einen großen Publikumszuspruch, insbesondere in den Zeitungslesesälen.201 Auch die meisten der befragten Bibliothekare, die sonntags vorwiegend auf freiwilliger Basis arbeiteten, befürworteten den Bibliothekssonntag ausdrücklich.202 Wiederholte Betonung fand der soziale Gesichtspunkt der Sonntagsöffnung, der sich deutlich an einer speziellen, überwiegend männlichen Zusammensetzung der sonntäglichen Besucher sowie einer überdurchschnittlich langen Aufenthaltsdauer zeigte.203 Viele Arbeiter hatten in der damaligen Zeit oft nur ein einfaches nächtliches Lager, so daß ihnen der sonntägliche Bibliotheksbesuch mangels anderer Aufenthalts- und Unterhaltungs-möglichkeiten eine gute Alternative zum üblichen Gasthausbesuch bot. Und selbst die-jenigen, die über eigene Wohnräume verfügten, fanden dort am Sonntag nicht stets die nötige Ruhe und Muße zum Lesen und Lernen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich war die überwiegende Zahl der US-amerikanischen Großstadtbibliotheken sonntags geöffnet, ohne daß diese Tatsache größere Debatten oder Gegenwehr von Seiten der Kirche oder der Gewerkschaften auf sich gezogen hätte.204
3. Die Auseinandersetzung um die „Sunday Opening Question“ in Großbritannien
Auch im Vereinigten Königreich setzte die Verbreitung öffentlicher Bibliotheken moderner Prägung mit dem Public Library Movement um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein.205 In dieser Zeitepoche dauerte ein normaler Arbeitstag mindestens zehn Stunden und endete nicht vor dem Abend, an dem insbesondere die Beschäftigten im Einzelhandel lange arbeiten mußten.206 Nur die wenigsten Berufstätigen fanden nach Dienstschluß und einer mehrstündigen, auch körperlich anstrengenden Tätigkeit noch die entsprechende Muße, eine Bibliothek aufzusuchen. Zudem bestand bei abendlicher Öffnung bis zur Einführung des elektrischen Lichts ab 1880 ein Beleuchtungsproblem. Das Gaslicht verursachte Rauch, Aufwand und Kosten und stellte eine nicht unerhebliche Feuergefahr dar. Da auch der Samstag ein regulärer Arbeitstag war,207 bot sich als adäquate Öffnungszeit gerade der Sonntag an, um auch Arbeitern und Angestellten einen Bibliotheksbesuch zu ermöglichen.208 Mit der Sonntagsöffnung betrat das Public Library Movement jedoch ein politisches und gesellschaftliches Minenfeld.
Hauptopponenten der kontroversen Auseinandersetzung waren die National Sunday League auf der einen und The Lord’s Day Observance Society auf der anderen Seite. Die National Sunday League wurde 1855 mit dem Zweck gegründet, die Öffnung des Britischen Museums, der Nationalgalerie sowie öffentlicher Bibliotheken zu fördern und war auch personell eng mit dem Public Library Movement verbunden.209 Zwischen 1876 und 1890 gab die Vereinigung unter dem Titel The Sunday Review
210 eine Zeitschrift heraus, mit der sie für ihre Ziele warb.211 Sie illustrierte viktorianische bzw. gutbürgerliche Vorstellungen, nach denen die Arbeiter ihre wenige Freizeit „sinnvoll“ mit dem Besuch von Museen und Bibliotheken statt auf der Straße oder in den Gasthäusern verbringen sollten.212 Mit dem pädagogischen Anspruch, das moralische und intellektuelle Niveau der Arbeiterklasse anzuheben, unterstützte die National Sunday League konsequenterweise nicht die sonntäglichen Öffnungszeiten von Theatern und anderen „Unterhaltungseinrichtungen“.213 Dagegen wurden Bibliotheken und Museen in der öffentlichen Diskussion über die Sonntagsöffnung grundsätzlich gemeinsam ohne Differenzierung betrachtet.214
Den Befürwortern der Sonntagsöffnung stand The Lord’s Day Observance Society (LDOS) gegenüber, die für die strikte Einhaltung der Sonntagsruhe plädierte und eng mit der Working Men’s Lord’s Day Rest Association kooperierte.215 Deren Vorsitzender Frederic Peake veröffentlichte 1891 unter dem Titel: „Has Sunday opening of museums, art galleries, and libraries been a success? A question for the governing bodies of such institutions“ ein religiös motiviertes Pamphlet, das in insgesamt acht Auflagen erschien.216 In dieser Schrift berief der Verfasser sich auf umstrittene Statistiken, mit denen er den Nachweis suchte, daß die Sonntagsöffnung die Arbeiterschaft nicht in die öffentlichen Bildungseinrichtungen zu locken vermag.217 Obwohl die LDOS nicht nur aus religiösen Motiven handelte, sondern auch vor der Ausbeutung der Arbeiterschaft durch die Aufweichung der Sonntagsruhe warnte, zog sie mit ihrer Position scharfen Protest von Teilen der Gewerkschaften auf sich, die sich angesichts unzulänglicher Fortbildungsmöglichkeiten für einfache Bürger pro sonntäglichem Bibliotheksbesuch engagierte.218 Auch die Kirche, die in ihren eigenen Feiertagsschulen sonntägliche Bibliotheksöffnungszeiten anbot, war in der Frage der Sonntagsöffnung ebenso gespalten wie die Bibliothekare219 sowie die öffentliche Meinung. Im Jahr 1890 beispielsweise wurden in Leicester zwei Bibliotheken auf Initiative privater Spender eröffnet. Während jedoch der eine Wohltäter seine Gabe mit der Auflage der Sonntagsöffnung versah, bedingte sich der andere aus, daß die von ihm geförderte Einrichtung sonntags schließen müsse.220 Am Ende des 19. Jahrhunderts galt die Sunday Opening Question als wichtigste Frage des britischen Bibliothekswesens, mit der sich sogar das Parlament mehrmals beschäftigte.221 Nachdem etliche Anträge (motions) zugunsten der Sonntagsöffnung von Museen und Bibliotheken trotz prominenter Unterstützung, u.a. durch Charles Dickens, wiederholt abgelehnt wurden,222 faßte das Parlament 1896 schließlich einen Beschluß, nach dem Bibliotheken sonntags nach 14 Uhr unter der Bedingung öffnen sollten, daß kein Mitarbeiter mehr als eine Sechs-Tage-Woche arbeiten muß.223
Doch der Bibliothekssonntag hatte schon zuvor in England Fuß gefaßt. Das Jahr 1848 ist als frühestes Datum einer für die Allgemeinheit an Sonntagen zugänglichen Bibliothek, der Free Library of Oxford, überliefert.224 Die erste größere Stadtbibliothek, die den Service der Sonntagsöffnung anbot, war 1871 diePublic Library of Birmingham.225 Im Jahr 1890 öffneten bereits sechzehn kommunale Einrichtungen an Sonntagen, in der Regel vom frühen Nachmittag bis zum Einbruch der Dämmerung.226 Als besonders beliebt erwies sich der Bibliothekssonntag in den Großstädten, speziell in der Metropole London, in der 1895 mehr als die Hälfte aller Public Libraries sonntags öffnete und an diesem Tag allein ein Drittel ihres wöchentlichen Umsatzes erzielte.227 In Manchester, in dem damals rund 350.000 Menschen lebten, registrierte die Bibliothek, die sich aus einer Zentralbücherei und sechs Zweigstellen zusammensetzte, für das Jahr 1891 eine durchschnittliche sonntägliche Besucherzahl von 5.885 Personen.228 Dennoch empfing die Mehrzahl der britischen Bibliotheken auch zum Höhepunkt des Bibliothekssonntags am Ende des 19. Jahrhunderts keine Besucher an diesem Wochentag.229
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts reduzierten allmählich viele öffentliche Bibliotheken die Sonntagsöffnungszeiten, einerseits wegen der Verkürzung der allgemeinen Arbeitszeiten und andererseits wegen des öffentlichen Spardrucks, der durch den Ersten Weltkrieg und die anschließende Wirtschaftskrise ausgelöst wurde.230 Der Zweite Weltkrieg dagegen führte nochmals zu einer Wiederbelebung der englischen Sonntagsöffnung, da zum einen die Arbeitstage wieder länger wurden und zum anderen die Verdunkelungspflicht den Ausfall der abendlichen Öffnungsstunden bedingte.231 In den Nachkriegsjahren behielten nur wenige kommunale Einrichtungen den Bibliothekssonntag bis in die 70er Jahre bei, insbesondere in den nördlichen Industriegebieten. Während sich sonntägliche Öffnungszeiten in den akademischen Bibliotheken der Insel nach amerikanischem Vorbild weiter durchsetzten, bot 1980 nur noch eine einzige öffentliche Bibliothek, die Battersea Reference Library, diese Serviceleistung seit dem Jahr 1890 ununterbrochen an.232 Erst mit Beginn der 90iger Jahre, als mehrere Stadtbüchereien sonntägliche Öffnungszeiten als Mittel der Kundenorientierung wiederentdeckten, sorgte die Sunday Opening Question erneut für kontroversen Gesprächs-stoff im Bibliothekswesen Großbritanniens.233
B. Die Geschichte des Bibliothekssonntags in Deutschland
Im 5. Buch Moses, Kapitel 5, Vers 14 heißt es: „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.“
Diese Bibelstelle bildet die Grundlage für die christliche Prägung des Sonntags, seine Herausgehobenheit und seine rechtliche Anerkennung als Tag der Arbeitsruhe, die jedoch von Land zu Land unterschiedlich ausgestaltet ist. Während in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht nur der sonntägliche Kirchgang, sondern ebenso der Einkaufsbummel und Bibliotheksbesuch zur Alltagskultur zählen, wird der siebte Wochentag in Deutschland vornehmlich durch die Sonntagsruhe geprägt, die auch das Bibliothekswesen umfaßt. Bereits 1931 schrieb Gustav Abb im Handbuch der Bibliothekswissenschaft: „Während die europäischen Bibliotheken gewöhnlich an Sonntagen geschlossen sind, ist in den Vereinigten Staaten die sonntägliche Öffnung seit jeher üblich.“234 Und sein Kollege Joseph Caspar Witsch235 schrieb zehn Jahre später: „Mir ist aber keine Bücherei bekannt, die am Sonntag während der eigentlichen Freizeit des berufstätigen Menschen geöffnet ist. Nun, die Leihbüchereien sind am Sonntag auch nicht geöffnet, aber am Sonnabendnachmittag sind sie offen, und der Sonnabendnachmittag ist nach Aussage vieler Leihbüchereiinhaber und Leihbüchereiangestellter der Hauptgeschäftstag der Woche. Wir sollten jedoch auch einmal die Möglichkeit prüfen, unsere Ausleihe am Sonntagvormittag zu öffnen, wenigstens im Winterhalbjahr! [….] Die Bücherei muß zu einem Institut werden, das für jedermann jederzeit zugänglich und offen ist. In einer großzügigen Regelung der Öffnungszeiten zeigt sich die Fürsorge der Bücherei für ihre Leser eindrucksvoller und auch nachhaltiger als in vielen anderen Dingen.“236 Damit läßt sich die Auseinandersetzung über sonntägliche Bibliotheks-öffnungszeiten, die stets in Verbindung mit der jeweiligen gesellschaftlichen und juristischen Ausgestaltung der Sonntagsruhe zu sehen ist, auch in Deutschland auf historische Wurzeln zurückführen.
1. Die besondere Stellung des Sonntags in historischer Betrachtung
Die heilige Notburga (1265-1313) gilt als Schutzheilige der Sonn- und Feierabendruhe. Als das Tiroler Dienstmädchen von ihrem Dienstherrn nach Feierabend zur Feldarbeit gezwungen wurde, warf sie ihre Sichel in die Luft, die daraufhin an einem Sonnenstrahl hängenblieb.237
Die Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz sowie zwischen Arbeits- und Freizeit ist ein modernes Phänomen, das im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung einsetzte.238 Im Mittelalter mußten die Menschen regelmäßig von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang arbeiten, mit Ausnahme des Sonntags, an dem viele Verrichtungen und Tätigkeiten nach dem Vorbild des jüdischen Sabbats streng verboten waren.239 Verletzungen des Dritten Gebots wurden als sogenannte „Sonntagsfrevel“ geahndet und zahlreiche Legenden über „Strafwunder“ als Reaktion auf Aktivitäten, die den „Tag des Herrn“ entweihten, gebildet.240 Die Reformatoren Calvin, Zwingli und Luther, die auch erstmals den sozialen Aspekt eines allwöchentlich wiederkehrenden Ruhetags betonten, lehnten die strenge „ceremonische“ Einhaltung der Sonntagsfeierlichkeiten ab.241 Gleichwohl wird der sonntägliche Alltag der Menschen auch in den protestantischen Gebieten noch lange Jahre von kirchlichen Reglementierungen bestimmt, wie Gottfried Keller in seiner Novelle „Der Landvogt vom Greifensee“ anschaulich schildert.242 Erst mit der Säkularisierung im 19. Jahrhundert vollzieht sich die endgültige Trennung zwischen der innerkirchlichen Gottesdienstfeier und der staatlich-bürgerlichen Sonntagsgestaltung.243
Eine besondere Rechtsstellung bekam der Sonntag erstmalig durch ein Gesetz, das Kaiser Konstantin der Große 321 n. Chr. erließ: "Alle Richter und Einwohner der Städte, auch die Arbeiter aller Künste, sollen am ehrwürdigen Tag der Sonne ruhen."244 Unter den nachkommenden römischen Herrschern entwickelte sich der Sonntag zum allgemeinen Ruhetag und sein rechtlicher Schutz, der in Folge ebenfalls im Kodex Justinians Eingang fand, wurde zunehmend verschärft.245 Im Jahr 554 n. Chr. drohte beispielsweise der germa-nische König Childbert I. harte Strafen bei Verletzung des sonntäglichen Arbeitsverbots an und auch noch im ausgehenden Mittelalter enthielten zahlreiche Reichspolizeiordnungen Strafnormen für Verletzungen der Sabbatfeiern, die sogenannten Religionsverbrechen.246 Die meisten staatlichen Vorschriften über die Sonntagsruhe, von denen § 385 ALR (Allgemeines Preußisches Landrecht)247 die größte Bedeutung zukam, beabsichtigten indes nicht einen Schutz für die arbeitende Bevölkerung, sondern die Gewährleistung der ungestörten Durchführung des Gottesdienstes.“248
Im Zuge der Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts wandelte sich der Sonntag gerade in Fabriken, in denen die teuren Maschinen möglichst effizient eingesetzt werden sollten, verbreitet zum profanen Arbeitstag.249 Dem versuchten verschiedene soziale Bewegungen entgegenzuwirken, die für mehr Arbeitsschutz sowie kürzere Arbeitszeiten eintraten, insbesondere für Kinder, Jugendliche und Frauen.250 In jener Zeit dauerte ein durchschnittlicher Arbeitstag in deutschen Textilfabriken 14 bis 16 Stunden, der sich erst am Ende des 19. Jahrhunderts mit zunehmender Einführung der Schichtarbeit deutlich verkürzte.251 In bürgerlichen Kreisen entwickelte sich parallel eine neue Sonntagskultur nach biedermeierlichen Vorstellungen mit obligatorischem Kirchgang, gutem Essen und anschließendem Spaziergang im feinen „Sonntagsstaat“. Außer für die Familie nutzten die Männer den arbeitsfreien Tag auch für gesellige Zusammenkünfte, Sportveranstaltungen und für Aktivitäten in Vereinen, die im 19. Jahrhundert aufblühten.252
Ein erster Erfolg der Arbeiterbewegung und zugleich Vorreiter der modernen Arbeitsschutzgesetzgebung war das „Preußische Regulativ über die Beschäftigung Jugendlicher in Fabriken“ von 1839,253 das die Sonn- und Feiertagsarbeit für Jugendliche unter 16 Jahren verbot.254 Dreißig Jahre später, 1869, folgte mit dem Erlaß der Gewerbeordnung (GewO) für den Norddeutschen Bund ein allgemeines sonntägliches Beschäftigungsverbot für Handel und Gewerbe.255 Mit der Reichsgründung im Jahre 1871 wurde es auf das übrige Reichsgebiet ausgedehnt und 1891 durch das Verbot sonntäglicher Ladenöffnungszeiten ergänzt, das jedoch zahlreiche Ausnahmen vorsah.256
Mit der Entstehung der Weimarer Republik fand 1919 nicht nur erstmalig der Acht-Stunden-Tag für Angestellte seine gesetzliche Verankerung, sondern vor allem auch der Schutz des Sonntags.257 Art. 139 der Weimarer Reichsverfassung (WRV) statuiert: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“258 und ist bis heute in unveränderter Fassung als inkorporierter Kirchenartikel gemäß Art. 140 Grundgesetz Bestandteil der deutschen Verfassung, da sich der parlamentarische Rat 1949 nicht auf eine selbständige Regelung religiöser Sachverhalte einigen konnte.259 Abweichend hieß es dagegen im Art. 16 Abs. 2 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1949: „Der Sonntag, die Feiertage und der 1. Mai sind Tage der Arbeitsruhe und stehen unter dem Schutz der Gesetze“.260 In der neuen DDR-Verfassung von 1968 fand der Sonntag keine explizite Erwähnung, sondern Art. 34 Abs. 1 statuierte statt dessen: „Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Freizeit und Erholung.“261
Während des Dritten Reiches mußte der Sonntag als Plattform für nationalsozialistische Aufmärsche, Feste und Parteiveranstaltungen dienen, ebenso für Veranstaltungen der Hitlerjugend, des Bundes Deutscher Mädel und der Organisation „Kraft durch Freude“.262 An den ersten Sonntagen der Winter