Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/anfechtung-betriebsratswahl-vielleicht-3122522
Timestamp: 2020-07-16 18:03:50
Document Index: 384670939

Matched Legal Cases: ['§ 97', '§ 2', '§ 97', '§ 22', '§ 97', '§ 2', '§ 62', '§ 22', '§ 22', '§ 97', '§ 22', '§ 22']

Anfechtung einer Betriebsratswahl - durch eine "Vielleicht-doch-nicht"-Gewerkschaft | Rechtslupe
Anfech­tung einer Betriebs­rats­wahl – durch eine "Vielleicht-doch-nicht"-Gewerkschaft
Zu den for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen eines Aus­set­zungs­be­schlus­ses, der die Grund­la­ge für das nach § 97 Abs. 5 Satz 2 ArbGG ein­zu­lei­ten­de Beschluss­ver­fah­ren bil­det, gehö­ren neben der Dar­le­gung begrün­de­ter Zwei­fel am Feh­len einer der in § 2a Abs. 1 Nr. 4 ArbGG genann­ten Eigen­schaf­ten auch die Begrün­dung deren Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit [1].
Das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt hat im vor­lie­gen­den Fall [2] nach Ansicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts hat die for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen eines Aus­set­zungs­be­schlus­ses hin­rei­chend dar­ge­legt:
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt konn­te auch davon aus­ge­hen, dass für eine Aus­set­zung des Ver­fah­rens nach § 97 Abs. 5 Satz 1 ArbGG ver­nünf­ti­ge Zwei­fel am Vor­lie­gen der Tarif­fä­hig­keit [3] des DHV und damit der Gewerk­schafts­ei­gen­schaft iSd. § 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 6 Mit­bestG bestehen. Dazu hat sich das Lan­des­ar­beits­ge­richt auf das am 28.11.2013 beim Arbeits­ge­richt Ham­burg ein­ge­lei­te­te Beschluss­ver­fah­ren zur Klä­rung der Tarif­fä­hig­keit des DHV beru­fen [4]. Eine rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung über die­ses der­zeit beim Bun­des­ar­beits­ge­richt anhän­gi­ge Ver­fah­ren [5] steht noch aus.
Eine Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit iSd. § 97 Abs. 5 ArbGG liegt dann vor, wenn der im aus­ge­setz­ten Ver­fah­ren gel­tend gemach­te pro­zes­sua­le Anspruch aus­schließ­lich vom Vor­lie­gen der Tarif­fä­hig­keit oder der Tarif­zu­stän­dig­keit der Ver­ei­ni­gung abhängt. Eine Aus­set­zung hat des­halb zu unter­blei­ben, wenn über den erho­be­nen Anspruch ohne die Klä­rung der in § 2a Abs. 1 Nr. 4 ArbGG genann­ten Eigen­schaf­ten ent­schie­den wer­den kann [6].
Ist eine Wahl von Arbeit­neh­mer­ver­tre­tern in einen Auf­sichts­rat durch unter­schied­li­che Antrag­stel­ler und der damit bestehen­den sub­jek­ti­ven Antrags­häu­fung ange­foch­ten, liegt eine – auch im Beschluss­ver­fah­ren mög­li­che – not­wen­di­ge Streit­ge­nos­sen­schaft iSd. § 62 Abs. 1 ZPO vor. Über die iden­ti­schen Anträ­ge kann im Rah­men einer not­wen­di­gen Streit­ge­nos­sen­schaft nur ein­heit­lich ent­schie­den wer­den. Die ein­zel­nen Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen sind jedoch für sämt­li­che Antrag­stel­ler getrennt zu prü­fen [7].
Über den inner­halb der zwei­wö­chi­gen Frist des § 22 Abs. 2 Satz 2 Mit­bestG ein­ge­gan­ge­nen Antrag des DHV kann eine Sach­ent­schei­dung erst erge­hen, wenn des­sen Antrags­be­fug­nis geklärt ist. Bei der gesetz­lich ein­ge­räum­ten Antrags­be­fug­nis nach § 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 6 Mit­bestG müs­sen deren Vor­aus­set­zun­gen für eine Ent­schei­dung über die Begründ­etheit des Anfech­tungs­be­geh­rens fest­ste­hen [8].
Antrags­be­fugt für die Anfech­tung der Wahl der Arbeit­neh­mer­ver­tre­ter im Auf­sichts­rat ist der DHV, wenn er bei Ein­gang des Anfech­tungs­an­trags eine Gewerk­schaft und damit tarif­fä­hig iSd. § 97 Abs. 5 Satz 1 ArbGG war. Damit kann über sei­nen Antrag – gemein­sam mit den zuläs­si­gen Anträ­gen der nach § 22 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 Mit­bestG wei­te­ren anfech­tungs­be­rech­tig­ten Betei­lig­ten zu 2. bis 5. – erst befun­den wer­den, wenn über des­sen Tarif­fä­hig­keit in dem vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fah­ren rechts­kräf­tig ent­schie­den wor­den ist. Der Antrag kann infol­ge des­sen weder als unzu­läs­sig abge­wie­sen, was eine Sach­ent­schei­dung gegen­über den ande­ren Antrag­stel­lern erlau­ben wür­de, noch kann eine Sach­ent­schei­dung über ihn getrof­fen wer­den. Soll­te der Antrag zuläs­sig sein, müss­te gegen­über sämt­li­chen Antrag­stel­lern zwin­gend eine ein­heit­li­che gericht­li­che Sach­ent­schei­dung als Gestal­tungs­ent­schei­dung [9] erge­hen. Das Ver­fah­ren kann daher nicht ledig­lich in Bezug auf den Antrag­stel­ler DHV aus­ge­setzt wer­den.
vgl. BAG 19.12 2012 – 1 AZB 72/​12, Rn. 9[↩]
Hess. LAG, Beschluss vom 20.10.2016 – 9 TaBV 240/​15[↩]
zu die­sem Erfor­der­nis BAG 19.12 2012 – 1 AZB 72/​12, Rn. 14[↩]
ArbG Ham­burg 19.06.2015 – 1 BV 2/​14[↩]
BAG – 1 ABR 37/​16[↩]
vgl. BAG 24.07.2012 – 1 AZB 47/​11, Rn. 5, BAGE 142, 366[↩]
BAG 14.12 2010 – 1 ABR 19/​10, Rn. 32 mwN, BAGE 136, 302[↩]
vgl. BAG 20.04.2010 – 1 ABR 85/​08, Rn. 10 f., BAGE 134, 56[↩]
WBAG/​Wißmann 5. Aufl. Mit­bestG § 22 Rn. 56 mwN[↩]