Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/atemalkoholmessung-und-die-nicht-eingehaltene-kontrollzeit-3100998
Timestamp: 2020-06-01 12:10:55
Document Index: 90281876

Matched Legal Cases: ['§ 79', '§ 121', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Atemalkoholmessung - und die nicht eingehaltene Kontrollzeit | Rechtslupe
Atemalkoholmessung - und die nicht eingehaltene Kontrollzeit
Die Nicht­ein­hal­tung der Kon­troll­zeit bei einer Atem­al­ko­hol­mes­sung führt zu kei­nem Ver­wer­tungs­ver­bot, wenn der Grenz­wert nicht nur gera­de erreicht oder nur gering­fü­gig über­schrit­ten wur­de.
Die fest­ge­stell­te Nicht­ein­hal­tung der zehn Minu­ten dau­ern­den Kon­troll­zeit, die dazu dient die Gefahr der Ver­fäl­schung der Mess­wer­te durch eine kurz vor der Mes­sung erfolg­te Ein­nah­me von mög­li­cher­wei­se die Mes­sung beein­flus­sen­den Sub­stan­zen aus­zu­schlie­ßen [1], führt nicht gene­rell zu einer Unver­wert­bar­keit des Mess­ergeb­nis­ses [2].
Die Nicht­ein­hal­tung der zehn­mi­nü­ti­gen Kon­troll­zeit stellt nur in den Fäl­len, in denen der Grenz­wert gera­de erreicht [3] oder nur gering­fü­gig – um 0, 01 mg/​l – über­schrit­ten wur­de [4], einer Ver­wert­bar­keit grund­sätz­lich ent­ge­gen, weil der gewon­ne­ne Mess­wert nur dann ohne Sicher­heits­ab­schlag ver­wert­bar ist, wenn die Bedin­gun­gen für ein gül­ti­ges Mess­ver­fah­ren gewahrt sind [5].
Ange­sichts des­sen, dass vor­lie­gend der Grenz­wert icht gering­fü­gig, son­dern um 8% bzw. 0, 02 mg/​l über­schrit­ten wur­de und die in der Kon­troll­zeit ein­ge­nom­me­nen Sub­stan­zen fest­ge­stellt wer­den konn­ten, kommt eine Ver­wert­bar­keit der Mes­sung auch unter Berück­sich­ti­gung eines Sicher­heits­ab­schlags in Betracht. Ob und ggfs. in wel­cher Art und Wei­se das fest­ge­stell­te Rau­chen einer Ziga­ret­te und das Trin­ken von Was­ser wäh­rend der Kon­troll­zeit die Mes­sung beein­träch­tigt haben könn­te und in wel­cher Höhe ggfs. ein Sicher­heits­ab­schlag vor­zu­neh­men ist, lässt sich mit sach­ver­stän­di­ger Hil­fe auf­klä­ren [6]. Ein all­ge­mei­ner Grund­satz, dass Bedie­nungs­feh­ler bei stan­dar­di­sier­ten Mess­ver­fah­ren – hier­zu gehört auch die Ver­wen­dung eines Atem­al­ko­hol­ge­räts, das die Bau­art­zu­las­sung für die amt­li­che Über­wa­chung des Stra­ßen­ver­kehrs erhal­ten hat [7] – gene­rell zu deren Unver­wert­bar­keit füh­ren [8], exis­tiert nicht. Viel­mehr hat der Tatrich­ter bei kon­kre­ten Anhalts­punk­ten für Mess­feh­ler, die Zuver­läs­sig­keit der Mes­sung – ggfs. mit sach­ver­stän­di­ger Hil­fe – zu prü­fen [9].
Hier­zu wird vor­lie­gend neben einem rechts­me­di­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen auch ein tech­ni­scher Sach­ver­stän­di­ger zu hören sein, um Art und Aus­maß mög­li­cher Beein­träch­ti­gun­gen des Mess­ergeb­nis­ses durch den Kon­sum von Was­ser und Ziga­ret­ten fest­stel­len zu kön­nen, da ein rechts­me­di­zi­ni­scher Sach­ver­stän­di­ger regel­mä­ßig nicht in der Lage ist, die tech­ni­sche Zuver­läs­sig­keit der Mes­sung zu beur­tei­len [3]. Mess­feh­ler kön­nen sich neben dem Auf­tre­ten von Mund- oder Mund­rest­al­ko­hol auch durch eine Beein­flus­sung der Mess­sen­so­ren des Mess­ge­räts erge­ben, bei­spiels­wei­se auf­grund einer Quer­emp­find­lich­keit des Mess­ge­räts gegen­über Fremd­ga­sen, etwa dem beim Rau­chen ent­ste­hen­den Koh­len­mon­oxid [10].
Einer Vor­la­ge der Sache an den Bun­des­ge­richts­hof gemäß § 79 Abs. 3 Satz 1 OWiG in Ver­bin­dung mit § 121 Abs. 2 GVG bedarf es nach Ansicht des OlG Karls­ru­he nicht, da die Aus­füh­run­gen in der Ent­schei­dung des OLG Hamm [11], nicht tra­gend sind. Die Ent­schei­dung des OLG Bam­berg [12] betrifft aus­drück­lich nur den Fall, bei wel­chem der Grenz­wert gera­de erreicht wur­de [13].
Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 15. Okto­ber 2015 – 2 (7) SsBs 499/​15; 2 (7) SsBs 499/​15 – AK 151/​15
vgl. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 19.04.2004, 1 Ss 30/​04, NZV 2004, 426; Scho­knecht, Beweis­si­cher­heit der Atem­al­ko­hol­ana­ly­se, Gut­ach­ten des Bun­des­ge­sund­heits­am­tes, Unfall- und Sicher­heits­for­schung Stra­ßen­ver­kehr, Heft 86, S. 12[↩]
so auch OLG Stutt­gart, Beschluss vom 02.07.2010 – 4 Ss 369/​10, BA 47, 360; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 04.02.2011 – 3 (4) SsBs 803/​10[↩]
OLG Bam­berg, Beschluss vom 27.11.2007, 2 Ss OWi 1489/​07, BA 45, 197[↩][↩]
OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 19.04.2004, 1 Ss 30/​04, NZV 2004, 426[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 03.04.2001, 4 StR 507/​00, BGHSt 46, 358; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 02.07.2010, 4 Ss 369/​10, BA 47, 360[↩]
OLG Stutt­gart, Beschluss vom 02.07.2010, 4 Ss 369/​10, BA 47, 360; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 04.02.2011, 3 (4) SsBs 803/​10[↩]
BGH, Beschluss vom 03.04.2001, 4 StR 507/​00, BGHSt 46, 358[↩]
so OLG Hamm Beschluss vom 24.01.2008, 2 Ss OWi 37/​08, NZV 2008, 260[↩]
vgl. für stan­dar­di­sier­te Mess­ver­fah­ren der Geschwin­dig­keits­mes­sung, BGH, Beschluss vom 19.08.1993, 4 StR 627/​92, BGHSt 39, 291 und Beschluss vom 30.10.1997, 4 StR 24/​97, BGHSt 43, 277[↩]
vgl. Scho­knecht, a.a.O., S. 12f[↩]
OLG Hamm, Beschluss vom 24.01.2008 – 2 Ss OWi 37/​08, NZV 2008, 260[↩]
OLG Bam­berg, Beschluss vom 27.11.2007 – 2 Ss OWi 1489/​08, BA 45, 197[↩]
vgl. OLG Stutt­gart, Beschluss vom 02.07.2010 – 4 Ss 369/​10, BA 47, 360[↩]