Source: http://www.tv-statistik.ch/de/erlaeuterungen/
Timestamp: 2019-04-25 05:44:03
Document Index: 244976901

Matched Legal Cases: ['Art. 18', 'Art. 17', 'Art. 128', 'Art. 132', 'Art. 20', 'Art. 135', 'Art. 144', 'Art. 34', 'Art. 32', 'Art. 40', 'Art. 25', 'Art. 24']

In der Schweiz ist für sämtliche Eingriffe und Handlungen an Tieren zu Versuchszwecken bei den kantonalen Behörden ein Gesuch einzureichen (vgl. Art. 18 Abs. 1 TSchG). Tierversuche, die den Tieren Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, sie in Angst versetzen, ihr Allgemeinbefinden erheblich beeinträchtigen oder ihre Würde in anderer Weise missachten können, sind auf das unerlässliche Mass zu beschränken (Art. 17 TSchG). Bewilligungen für Versuche werden wissenschaftlichen Leitern von Instituten und Laboratorien erteilt, wenn ihre Institution über die entsprechenden Infrastrukturen für eine fachgerechte Versuchsdurchführung verfügt, insbesondere geeignete Einrichtungen für die Haltung der betreffenden Tiere (Art. 128 Tierschutzverordnung ; SR 455.1; TSchV). Die Tierversuche müssen unter der Leitung einer erfahrenen Fachperson durchgeführt werden (Art. 132 TSchV). Schmerzen, Leiden oder Schäden dürfen einem Tier nur zugefügt oder es darf nur in Angst versetzt werden, soweit dies für den verfolgten Zweck unvermeidlich ist ( Art. 20 Abs. 1 TSchG ). Die Tiere sind sorgfältig an die Versuchsbedingungen zu gewöhnen, und ihr Befinden muss regelmässig überprüft werden. Falls ein Versuch mehr als geringfügige Schmerzen zur Folge hat, darf er nur unter lokaler oder allgemeiner Betäubung und mit anschliessender ausreichender Schmerzbekämpfung durchgeführt werden. Tiere, die erheblich belastet wurden, dürfen nicht in weiteren Versuchen eingesetzt werden. Dauern bei einem Tier nach einem Eingriff oder einer Massnahme die Schmerzen, Leiden, Schäden oder die Angst an, so muss es getötet werden (Art. 135 TSchV). Tierversuche sind schriftlich aufzuzeichnen
(Art. 144 TSchV ). Die kantonalen Behörden überwachen die Versuchstierhaltungen und die Durchführung der Tierversuche. Sie erteilen die Bewilligungen auf Antrag einer unabhängigen Tierversuchskommission, in der die Tierschutzorganisationen angemessen vertreten sind ( Art. 34 TSchG ).
Der Vollzug des Gesetzes obliegt den Kantonen (Art. 32 Abs. 2 TSchG ), das Eidgenössische Departement des Innern hat die Oberaufsicht inne ( Art. 40 TSchG ). Gegen Verfügungen betreffend Tierversuchsbewilligungen hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen als zuständige Bundesbehörde das Beschwerderecht ( Art. 25 Abs. 1 TSchG ).
In der vorliegenden Statistik sind alle Wirbeltiere (Säugetiere, Vögel, Amphibien, Reptilien und Fische) sowie Cephalopoden (Kopffüsser) und Reptantia (Panzerkrebse) aufgeführt, welche sich zu irgendeinem Zeitpunkt zwischen 1. Januar und 31. Dezember 2017 in einem Tierversuch befanden.
In der Tierversuchsstatistik sind diese Zahlen nicht separat aufgeführt, sondern in der Gesamtzahl für die jeweilige Tierart enthalten. Für 2017 wurden erfasst:
7920 Foeten von Ratten, Mäusen und Hühnern [2016: 8006]
7865 Larven von Lurchen und Fischen [2016: 680]
Im Gegensatz zur Statistik für den Europarat wurden die Tiere, die schon im Vorjahr im Versuch waren, erneut erfasst. Bei Tieren, die 2017 in verschiedenen Tierversuchen eingesetzt wurden, wird jeder Versuchseinsatz gezählt.
Die Bewilligungen für Tierversuche werden im Register <Bewilligungen> behandelt. Im Register <Statistik> ist die Entwicklung im Zeitverlauf von 1983 - 2017 grafisch dargestellt. Ausserdem werden die Tierarten nach Verwendungszweck, nach Schweregrad der Belastung sowie der Tierverbrauch nach Kantonen dargestellt. Im Register <Versuchstierhaltung> werden die 2013 erstmals erhobenen Daten über die in bewilligten Versuchstierhaltungen geborenen und zu Versuchszwecken importierten Tiere dargestellt. Zusätzlich können im Register <Erweiterte Statistik> interaktiv weitere Abfragen gemacht werden (nach Versuchszweck, Schweregrad, Tierarten, Kanton...).
In der Statistik über die in Versuchstierhaltungen geborenen oder importierten Versuchstiere, die im Jahr 2013 erstmals erstellt wurde, werden die Tiere ausgewiesen, die im Kontrolljahr neu in einer bewilligten Versuchstierhaltung registriert wurden. Sie werden nur im ersten Jahr gezählt, auch wenn sie länger als ein Jahr in der Versuchstierhaltung bleiben.
Hunde, Katzen oder Primaten werden meist über mehrere Jahre in einer Versuchstierhaltung gepflegt und oft in langdauernden Versuchsreihen eingesetzt. Deshalb machen die in der Tierversuchsstatistik ausgewiesenen Tiere ein Mehrfaches der Tierzahl in der Versuchstierhaltungs-Statistik aus. Im Gegensatz dazu werden in der Versuchstierhaltungs-Statistik rund fünfmal mehr gentechnisch veränderte Mäuse gezählt als in der Tierversuchsstatistik. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nicht alle gezüchteten Tiere die gewünschten Merkmale aufweisen um im Versuch eingesetzt zu werden, z.B. das richtige Geschlecht oder in gentechnisch veränderten Zuchtlinien den gewünschten Genotyp.
Zum einen stimmen die Definitionen, was ein Tierversuch ist, zwischen dem Tierschutzgesetz und dem Europaratsabkommen nicht ganz überein. Entsprechend werden in den Tabellen für den Europarat nur Tierversuche gezählt, die dem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder sein Allgemeinbefinden erheblich beeinträchtigen können. Diese Tierversuche werden in der Schweiz im Schweregrad 1 bis 3 ausgewiesen und sind gemäss Artikel 17 des Tierschutzgesetzes auf das unerlässliche Mass zu beschränken. Unter den nach den Vorgaben des Europarates nicht erfassten Schweregrad 0 fallen in der Schweiz rund 40% der Versuchstiere.
Seit 1995 wird die Belastung der Tiere in den Versuchen erfasst und ausgewertet. Zur Methodik der Einteilung und Erfassung dieser Schweregrade sei auf die Tierversuchsverordnung ( Art. 24 ; SR 455.163; TVV ) und die Informationsschriften des Bundesamtes verwiesen (BVET 800.116-1.04 für die prospektive Einteilung der Versuche in Schweregrade, BVET 800.116-1.05 für die retrospektive Einteilung). Im Schweregrad 0 (SG0) sind Eingriffe und Handlungen eingeteilt, die den Tieren keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, sie nicht in Angst versetzen und ihr Allgemeinbefinden nicht beeinträchtigen. SG1 bedeutet eine leichte, SG2 eine mittlere und SG3 eine schwere Belastung der Tiere mit schweren Schmerzen, andauerndem Leiden, schwerer Angst oder schwerer Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens.
Eine SG2-Belastung kann durch die Summe verschiedener Eingriffe wie wiederholte Blutentnahme unter Kurznarkose zustande kommen oder chirurgische Eingriffe unter Allgemeinanaesthesie betreffen, die postoperative Schmerzen, Leiden oder Störungen des Allgemeinenbefindens hervorrufen. Im Bereich Toxikologie werden anhaltende, mittelgradige Reaktionen erwartet (z.B. Tests nach den OECD-Richtlinien 404, 405, 406). Ebenfalls einer mittelgradigen Belastung entsprechen Infektionsversuche mit deutlichen Symptomen, gewisse Ischaemiemodelle sowie Hirnlaesionen, die zu messbaren Verhaltensänderungen, nicht aber zu eigentlichen funktionellen Ausfällen führen.
SG3 umfasst Operationen mit Thoraxeröffnung oder andere Eingriffe mit massiven postoperativen Beschwerden, Konvulsionsversuche ohne vollständigen Bewusstseinsverlust oder mit Wiedererlangen des Bewusstseins nach der Konvulsion, Endotoxinschock am wachen Tier, Wirksamkeitsversuche im Rahmen der Prüfung von Impfstoffen. Ebenfalls schwerbelastend sind jene toxikologischen Modelle, bei denen Tiere sterben könnten.
Die Schweregrade werden einerseits prospektiv und andererseits retrospektiv zugeteilt. Prospektiv, d.h. vor Versuchsbeginn, wird einem Versuch als Ganzes der höchste zu erwartende Schweregrad zugeteilt. Nach Versuchsabschluss, also retrospektiv, wird die tatsächliche Belastung jedes einzelnen Tieres festgestellt. Diese liegt für einen Teil der Tiere tiefer als der prospektive Schweregrad (z.B. Kontrollgruppe), kann aber in Einzelfällen, beispielsweise bei fehlerhafter Behandlung eines Tieres, auch höher liegen. Im Bereich der Toxikologie hängt der retrospektive Schweregrad einerseits von der Giftigkeit und Applikationsart der geprüften Substanz ab und andererseits von der Dosierung der verschiedenen Tiergruppen.
Generell sagt die potentielle Belastung der Testanordnungen (prospektiver Schweregrad) nur bedingt etwas über die aktuelle Belastung (retrospektiver Schweregrad) aus. Je nach Schädlichkeit der geprüften Substanzen sind die Auswirkungen für die Tiere gravierend oder nicht. Als Beispiel sei die Auswertung für den Draize-Test erwähnt (Augenirritation nach OECD-Richtlinie 405; prospektiv SG2): 82% SG0/SG1, 17% SG2 und 1% SG3.