Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/steuerpflicht-fuer-private-versorgungsbezuege-vor-vollendung-des-63-lebensjahres-327697
Timestamp: 2020-01-23 19:37:26
Document Index: 67225250

Matched Legal Cases: ['§ 19', '§ 19', 'Art. 3', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 19']

Steu­er­pflicht für pri­va­te Ver­sor­gungs­be­zü­ge vor Voll­endung des 63. Lebens­jah­res | Rechtslupe
Ein Ver­sor­gungs­frei­be­trag steht dem Klä­ger aber auch nicht gemäß § 19 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 EStG zu, denn er hat im Streit­jahr die hier gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Alters­gren­ze noch nicht erreicht. Das Finanz­ge­richt Müns­ter ist auch nicht der Auf­fas­sung, dass die in § 19 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 EStG fest­ge­schrie­be­ne Alters­gren­ze einen ver­fas­sungs­wid­ri­gen Ver­stoß gegen Art. 3 GG dar­stellt. Das Finanz­ge­richt ver­mag einen sol­chen Ver­stoß nicht etwa des­halb zu erken­nen, weil die Rege­lung des § 19 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 EStG für die Bezie­her pri­va­ter Ver­sor­gungs­be­zü­ge eine aus­drück­li­che Alters­gren­ze für die Gewäh­rung des Ver­sor­gungs­frei­be­tra­ges fest­schreibt, wäh­rend eine sol­che Gren­ze für die Bezie­her öffent­li­cher Ver­sor­gungs­be­zü­ge in § 19 Abs. 2 Nr. 1 EStG nicht aus­drück­lich ent­hal­ten ist. Denn die Gewäh­rung von Ver­sor­gungs­be­zü­gen knüpft hin­sicht­lich der Alters­gren­ze an beam­ten­recht­li­che Rege­lun­gen, u.a. die Antrags­al­ters­gren­ze von 63 Jah­ren an, so dass es in der steu­er­li­chen Rege­lung des § 19 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 EStG kei­ner Alters­gren­ze bedurf­te 1.
Auch im Übri­gen ver­moch­te das Finanz­ge­richt Müns­ter kei­nen Ver­fas­sungs­ver­stoß fest­stel­len. Der Gesetz­ge­ber hat mit dem Alters­ein­künf­te­ge­setz zum 1. Janu­ar 2005 einen aus Sicht des Finanz­ge­richts auch unter ver­fas­sungs­recht­li­chen Gesichts­punk­ten nicht zu bean­stan­den­den Sys­tem­wech­sel hin zur nach­ge­la­ger­ten Besteue­rung der Alters­be­zü­ge voll­zo­gen. Er hat damit der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Ent­schei­dung vom 6. März 2002 2 for­mu­lier­ten Ver­pflich­tung zur Schaf­fung einer ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Neu­re­ge­lung der Besteue­rung von beam­ten­recht­li­chen Ver­sor­gungs­be­zü­gen und Sozi­al­ver­si­che­rungs­ren­ten ent­spro­chen 3.
Auf­ga­be einer Über­gangs­re­ge­lung ist es, die bestehen­den unter­schied­li­chen Alters­vor­sor­ge- und Alters­ein­künf­te­sys­te­me in das Sys­tem der nach­ge­la­ger­ten Besteue­rung zu über­füh­ren. Bei der ver­fas­sungs­recht­li­chen Über­prü­fung einer Über­gangs­re­ge­lung ist im Hin­blick auf die Recht­fer­ti­gung einer Ungleich­be­hand­lung zum einen zu beach­ten, dass es sich um Rege­lun­gen für einen begrenz­ten Zeit­raum oder um eine vor­läu­fi­ge Maß­nah­me han­delt. Zum ande­ren ist zu berück­sich­ti­gen, dass kom­ple­xe Lebens­sach­ver­hal­te zu regeln sind, bei denen dem Gesetz­ge­ber grö­be­re Typi­sie­run­gen und Gene­ra­li­sie­run­gen zuge­stan­den wer­den kön­nen, um ihm eine ange­mes­se­ne Zeit zur Samm­lung von Erkennt­nis­sen und Erfah­run­gen ein­zu­räu­men. Die­ser wei­te­re gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dungs­spiel­raum ist durch die Abwä­gung zwi­schen den Erfor­der­nis­sen fol­ge­rich­ti­ger Aus­rich­tung der Ein­kom­mens­be­steue­rung an der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit der Steu­er­pflich­ti­gen und den Not­wen­dig­kei­ten ein­fa­cher, prak­ti­ka­bler und gesamt­wirt­schaft­lich trag­fä­hi­ger Lösun­gen gekenn­zeich­net 4. Die Rege­lung des § 19 Abs. 2 EStG ent­spricht die­sen Grund­sät­zen.
vgl. z. B. auch BFH, Urteil vom 26.11.2008 – X R 15/​07, BSt­Bl II 2009, 710[↩]