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Timestamp: 2020-02-27 14:59:30
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Psychologische und Sozialpsychologische Kriminalitätstheorien
von Andreas Franke (Autor)
I. Begriff der Theorie
II. psychologische Theorien
a) Sigmund Freund (um 1900) aa) Theorie
b) Alexander und Staub (1929) aa) Theorie
2. Kontrolltheorien (auch Halt- und Bindungstheorien genannt)
aa) Reiss (1951)
bb) Reckless (1961/73) cc) Hirschi (1969)
II. sozialpsychologische Theorien
a) Theorie der differentialen Assoziation (1944) aa) Theorie
b) Theorie der differentiellen Identifikation aa) Theorie
c) Eysencks Kriminalitätstheorie aa) Theorie
(1) operante Konditionierung.
(2) klassische Konditionierung
(3) Konditionierung zu straffreiem Verhalten
a) Sündenbockhypothese
b) Kritik 9
3. Labeling Approach - Etikettierungsansatz
B. Integrationsmodell der Kriminalitätstheorien
I. Diskussionsstand
1. Theorienmodell mittlerer Reichweite
2. Ätiologische Theorien contra Labeling Approach
II. Einzelne Integrationskonzepte
1. Albert K. Cohen (1965)
2. Richard Quinney
3. Edwin H. Schur
4. Werner Rüther
5. Theorie der unterschiedlichen Sozialisation
Um eine Wertung vornehmen zu können bedarf es zunächst der Bestimmung des Begriffes der Theorie. Unter Theorie versteht man ein Erklärungssytem, das eine Vielzahl von Annahmen, Behauptungen und Definitionen enthält und diese Bestandteile in einer Art und Weise miteinander verbindet, daß Beziehungen zwischen zwei oder mehr Variablen erklärt und / oder vorausgesagt werden können.1 Zu den Kennzeichen einer kriminologischen Theorien zählen die logische Beständigkeit und die konzeptionelle Klarheit, d.h. je komplexer eine Theorie, um so schwerer ist verifizierbar.2 Als Kriminalitätstheorie sind all jene Aussagesysteme anzusehen, die zumindest eine Bedingung aufstellen, in entweder im Zusammenhang mit kriminellem Verhalten steht oder stehen soll. Unter solchen Bedingungen werden Ursachen, Faktoren, Gründe sowie Entstehungszusammenhänge u.ä. verstanden.3 Kriminologische Theorien sind in sich sehr heterogen. Nach dem Anspruch auf Geltung wird unterschieden in allgemeine Theorien und Theorien mittlerer Reichweite, gelegentlich wird auch von Konzepten, Ansätze und Modellen gesprochen, ohne dabei jedoch die Qualität einer Theorie zu besitzen.4
In der Psychoanalyse werden zwei Schwerpunkte kriminologischer Relevanz deutlich. Sie beschäftigt sich mit dem Täter als Individuum einerseits und der strafenden Gesellschaft als kollektivem psychischen Mechanismus andererseits.5 Sie faßt Kriminalität als Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung auf, deren Bedingungen in früheren Beeinträchtigungen der psychischen Entwicklung gesehen werden. 6
a) Sigmund Freund (um 1900)
aa) Theorie
Die Psychoanalyse geht auf Sigmund Freud zurück und basiert auf zwei elementaren Grundsätzen. Erstens geschieht im Seelenleben nichts rein zufällig und ohne Grund und zweitens ist uns ein großer Teil unserer Psyche unbewußt, wir wissen nichts von ihm, und dennoch beeinflußt er unser Handeln und Fühlen.7 Der Ansatz Freuds konzentriert sich zunächst auf die Unterscheidung von Bewußtem, Vorbewußtem und Unbewußtem. Dementsprechend unterteilte Freund die Persönlichkeit in die Es-Instanz, die Ich-Instanz und das Überich. Die Es-Instanz ist die seelische Instanz der Persönlichkeit.8 Die Ich-Instanz, also das Selbstbild hat eine vermittelnde Aufgabe zwischen den Anforderungen, die das "Es" stellt und zwischen den Bedingungen, die die Außenwelt bieten kann. Sie ist eine Art Anpassungs- und Selbsterhaltungsorgan des Menschen.9 Das Überich stellt die dritte psychische Instanz dar und ist, wie das "Es" im Unbewußten angesiedelt. Es wird weithin als das unbewußte Gewissen angesehen und enthält moralische und sittliche Gebote und Verbote, Wertvorstellungen, sowie kulturelle und gesellschaftliche Normen.10 Die Entscheidungen des einzelnen Individuums werden nach dem psychoanalytischen Persönlichkeitsmodell durch die vorgenannten drei Instanzen getroffen.11 Daher ist es auch nicht verwunderlich, daß die Psychoanalyse davon ausgeht, daß der Mensch als kriminelles Wesen auf die Welt kommt und erst nach und nach, so die Entwicklung normal verläuft, zu einem sozial angepaßten Wesen wird.12 Kriminalität wird also nicht als Geburtsfehler angesehen, sondern wie die formulierte Einschränkung schon andeutet, als Erziehungsfehler. Das Ziel der Psychoanalyse ist es daher, psychische Defekte aufzuarbeiten und sie auf diese Weise zu eliminieren.13
Kritisiert wird an der Psychoanalyse, besonders aber an Freud, daß die Theorie begrifflich unscharf ist und von fiktiven Persönlichkeitsstrukturen ausgehe. 14 In jüngster Zeit wurden daher auch Zweifel an den Erfolgsaussichten der Psychoanalyse laut. Das wird u.a. damit begründet, daß hohe sprachliche Fähigkeiten vorausgesetzt werden sowie eine bei dem Probanden vorhandene erhöhte Motivation, sich "testen" zu lassen. Ein Großteil der Strafgefangenen stamme aus der Unterschicht und erfülle solche Voraussetzungen nur unzureichend, meist aber gar nicht. 15 Es kann damit auch dem unbefangenem Betrachter nicht verborgen bleiben, daß es der Psychoanalyse bisher nicht gelun gen ist, auf empirischer Basis auch nur annähernd den Beweis zu erbringen, die psychoanalytische Lehre sei empirisch absichert. 16
b) Alexander und Staub (1929)
Alexander und Staub unterschieden in ihrem Ansatz nach dem Beteiligungsgrund des Ichs an den verschiedenen seelischen Vorgängen und am Verbrechen bei der chronischen Kriminalität in vier Punkten.17 Nach kriminellen Handlungen, bei denen aufgrund von toxischen oder anderen organisch-pathologischen Vorgängen die Funktion des Ichs weitgehend beeinträchtigt oder ausgeschlossen ist. Dies kann hier schon als Beschreibung des Phänomens des Rauschtäters gelten. Nach neurotisch bedingten Handlungen, und zwar Zwangs- und Symptomdelikten sowie neurotisch kriminellem Agieren mit Beteiligung der Gesamtpersönlichkeit. Nach kriminellen Handlungen der normalen nicht neurotischen Verbrecher mit kriminellem Über-Ich und nach kriminellen Handlungen des als Grenzfall anzusehenden gedachten, genuinen, sozial nicht angepaßten Verbrechers.18
Alexander und Staub haben die wohl umfassendste und geschlossenste Kriminalitätstheorie aus psychoanalytischer Sicht vorgelegt. Jedoch ist zu kritisieren, daß sie nicht erklären, warum die Entladungsreaktion aus dem innerpsychischen Konflikt gerade zu kriminellem Verhalten einer bestimmten Art führt. Aufgrund der schmalen empirischen Basis der psychoanalytischen Kriminalitätsforschung muß ein Großteil der Aussagen hier jedoch als Spekulation, allenfalls als Annahme angesehen werden.19 Insoweit weist der Ansatz von Alexander und Staub schon recht gravierende Mängel in Form von Erklärungslücken auf, die entstehen, würde man davon ausgehen, daß nur empirisch gesicherte Erkenntnisse Bestandteil der Theorie wären. Neu an der Konzeption war - und das ist angesichts der Entstehungszeit beachtlich - das Wissen um neurotische Kriminalität, also das Verbrechen aus Schuldgefühl. Dies ist sehr wichtig, weil die Massenmedien, normalerweise das Bild eines Verbrechers zeichnen, der sich durch zielgerichtetes Handeln, wohlüberlegte Bereicherungssucht und volle Zurechnungsfähigkeit auszeichnet.20 Sicherlich wird eine Vielzahl von Verbrechern geben, die diesem Vorurteil entsprechen, jedoch erreicht die Zahl nicht im entferntesten eine solche, wie in den Medien dargestellte Höhe.
Es ist bei den Kontrolltheorien schwierig sie entweder der Psychologie oder der Sozialpsychologie zuzuordnen. Nach Ansicht der Verfasser ist es jedoch passender sie im Unterpunkt Psychologie zu erwähnen, ist das eine Gemeinsamkeit der Kontrolltheorien ihre enge theoretische Verwandtschaft mit der Psychoanalyse. Nichtsdestotrotz vermag es auch in der Literatur andere Argumente geben, die dagegen sprechen.21 Sie bilden den wohl mittlerweile bedeutsamsten psychologischen Ansatz der Kriminalitätserklärung.22
Die an die Psychoanalyse anknüpfenden Kontrolltheorien fragen primär nicht nach dem Grund, warum Menschen sich sozial abweichend verhalten, sondern gehen den umgekehrten Weg. Sie stellen die Frage auf, warum sich gerade so viele Menschen sozial angepaßt, also konform verhalten. Die sozialen Kontrolltheorien gehen davon aus, daß ein festes informeller sozialer Beziehungen, Bindungen und Verantwortlichkeiten zur Verhinderung von Delinquenz beiträgt. Je mehr jedoch diese Bindungen gelockert oder gestört werden, um so größer wird damit die Gefahr, delinquent zu werden.23
Reiss hat das Auftreten von Kriminalität mit dem Versagen der Familie als die wichtigste Sozialisationsinstanz erklärt. Seine Theorie basiert auch der Annahme, daß sich sozial konformes Verhalten durch intakte familiäre Beziehungen, also zwischen Eltern und Kind und der Erziehung herausbildet.24 Soziales Versagen im Gegensatz dazu soll durch schwach entwickelte Ich- und Überich-Instanzen beeinflußt sein. Im Ergebnis fehlt der innere Halt, der notwendig ist, um kriminellen Versuchungen jedweder Art zu widerstehen.25 Hier wird auch der Bezug zur Psychoanalyse deutlich, wird doch gerade die Unterteilung des menschlichen Individuums in die drei Instanzen übernommen.
bb) Reckless (1961/73)
Reckless baut ein Verhältnis auf zwischen innerem und äußerem Halt. So nimmt er an, daß trotz fehlendem äußerem Halt der innere Halt eine kriminelle Entgleisung verhindern kann und natürlich auch umgekehrt. Fehlen jedoch sowohl äußerer als auch innerer Halt, so sei der Weg in die Kriminalität und damit auch in die Straffälligkeit vorprogrammiert.26
cc) Hirschi (1969)
Hirschis Ansatz bezieht sich auf die Frage, welche Einflußfaktoren den inneren und den äußeren Halt mitbestimmen und gibt dafür auch praktische Beispiele an. So sind die emotionale Bindung an andere Menschen oder die Einbindung in gesellschaftliche Gruppen, die eine Straffälligkeit verhindern bestimmende Größen. Hier kommt also der Instanzen der sozialen Kontrolle, also Schule, Polizei und Justiz, eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu. Kriminelles Verhalten trete erst dort verstärkt auf und werde damit auch sichtbar, wo diese Kontrolle zu schwach sein bzw. ganz versage.27
An den Kontrolltheorien wird generell kritisiert, daß die Wirkungsweise der inneren Kontrolle und auch des inneren Halts und ihre Bedeutung für das Nichtauftreten von Kriminalität einfach behauptet wird, ohne selbst durch empirische Nachweise abgesichert zu sein.28 So fehle es an einer geeigneten Erklärung für die immer wieder auftretenden Fälle, daß von zwei Personen aus der gleichen Familie, die in der gleichen Wohnung aufgewachsen sind, die eine sozial unauffällig bleibt, die andere aber kriminell wird.29
Die sozialpsychologischen Erklärungsansätze haben als eine wesentliche theoretische Gemeinsamkeit ihre Orientierung an dem Spannungsfeld von Person-Kultur-Gesellschaft.30
a) Theorie der differentialen Assoziation (1944)
Der wohl bekannteste Vertreter ist Sutherland. Schon 1924 entwickelte eine Theorie, die im wesentlichen auf neun Thesen beruht. So sei kriminelles Verhalten, gelerntes Verhalten, d.h. es werde als solches nicht vererbt.31 Zugrunde liegt der Theorie das soziologische Kulturkonfliktmodell, das von der Auffächerung der Gesellschaft in zahlreiche Subgruppen mit je unterschiedlichen, teils auch kriminellen Normen ausgeht.32 Der Prozeß des Lernens finde durch Interaktion in Form von Kontakten mit anderen Personen statt und stellt damit einen Kommunikationsprozeß dar. Jedoch gibt es auch eine Einschränkung in der Form, daß diese Prozesse meist nur in intimen persönlichen Gruppen gelernt werden. Damit wird gleichzeitig auch die These vertreten, daß also unpersönliche Kommunikationsmittel wie Zeitungen oder Filme eine eher unwichtige Rolle bei der Entstehung kriminellen Verhaltens spielen.33 Schließlich wird eine Person kriminell, wenn sich das Übergewicht von Gesetzesverletzungen positiv beeinflussender Faktoren in einem deutlichen Mißverhältnis zu denen äußert, die der Sache negativ gegenüberstehen, also kriminalitätshemmend wirken.34
Der Ansatz von Sutherland ist nicht unumstritten.35 So hat er zwar eine Menge Zustimmung ausgelöst. Zu seinen unbestrittenen Vorzügen gehört wohl die soziale Intervention, die im Vordergrund steht. Deutlich schwerer wiegen jedoch die Kritikpunkte. Es wird Sutherland vorgeworfen, er betreibe mit seinem Ansatz eine Übervereinfachung, individuelle Unterschied in Bezug auf die Lernfähigkeit werden nicht berücksichtigt.36
Es sei Sutherland hier zugegeben, daß seine Theorie lediglich das delinquente Verhalten, nicht jedoch die Assoziationen erklärt. Er hat deshalb explizit die Frage offen gelassen, warum eine Person im Unterschied zu anderen bestimmte Assoziationen hat.37 Hier setzt auch ein weiterer Kritikpunkt ein. Die Theorie treffe nicht den gesamten Bereich der Kriminalität. So lassen sich Trieb- und Affektverbrechen nicht mit Sutherlands Ansatz erklären.38 Wegen der Vielfach möglicher Kontakte sei die Theorie auch empirisch kaum verifizierbar.39 Schließlich kann die Theorie nicht erklären, warum es überhaupt zu abweichenden Wertorientierungen und kriminellen Verhaltensmuster kommt.40
b) Theorie der differentiellen Identifikation
Glasers Ansatz stellt im wesentlichen eine Modifikation zur Theorie von Sutherland dar. Es wird davon ausgegangen, daß nicht die allgemeinen Kontakte zu dissozialen Personengruppen kriminalitätsfördernd- und begründend sind, sondern vielmehr die Tatsache, daß innerhalb dieser Gruppen eine bewußte Identifikation mit bestimmten Personen stattfindet, durch die der Gefährdete sich ein Vorbild für eigene Verhaltensmuster nimmt.41 Delinquenz wird als in Abhängigkeit von Identifikationen mit realen oder imaginären Personen gesehen, aus deren Sicht kriminelles Verhalten akzeptabel erscheint.42
Es wurde versucht, die Kritikpunkte, die bei Sutherland reichlich vorhanden sind, abzumildern oder auszuschließen. Das ist jedoch nur in begrenztem Maße gelungen. Trägt doch auch diese Haltung dazu bei, anderen möglichen Kritikpunkten Vorschub zu leisten. Ebenso wie bei Sutherland bleibt auch hier offen, warum jemand bestimmte Identifikation gewählt hat, sie beibehält oder gar verwirft. Gemeinsam ist schließlich beiden Theorien, daß sie nicht erklären, warum Assoziation oder Identifikationen kriminellen Inhalts überhaupt existieren, wie es also zu einer Differenzierung zwischen mehr oder weniger kriminellen Subkulturen kommt.43
Eysencks Theorie konzentriert sich um die Hauptaussage, daß der Mensch durch spezifische Lernprozesse sein Gewissen und das Bewußtsein für sozial Verantwortlichkeit erwirbt.44 Dem Kriminellen ist daher die soziale Anpassung, also die Konditionierung in positiver Weise, mißlungen.45 Das läßt sich hingegen nur begreifen, wenn geklärt ist, was unter operanter und klassischer Konditionierung zu verstehen ist.
Verhaltensweisen werden durch den Einfluß der näheren Umwelt erlernt, hauptsächlich durch Erfolgserlebnisse. Es ist bekannt, daß der Mensch dazu neigt, Handlungen und Verhaltensweisen zu wiederholen, die im Erfolg gebracht haben, um dieses Erlebnis wieder zu empfinden.46
Die Theorie der klassischen Konditionierung wird bestimmt durch die Forschung des russischen Physiologen Pawlow. Im Mittelpunkt stand hier die Frage, ob angeborene und damit unkonditionierte Reize auch durch andere neutrale Reize ausgelöst werden können. Berühmt sind dabei seine Experimente mit Hunden geworden.47
Nun wieder zurück zu der Ausgangstheorie von Eysenck. Er vertrat die Ansicht, daß Reflex auch durch negative Reize auslösbar sind, so etwa ein Vermeidungsverhalten, nicht zu stehlen, weil man sich vor Strafe fürchtet.48 Der Ansicht folgend, hielt es Eysenck für möglich, auch das Verhalten von Kindern beeinflussen zu können. Dies sollte durch die Kombination der Möglichkeit Normverletzungen zu verüben mit der Angst vor Strafe passieren. Durch solche eine wiederholte Konditionierung ist es möglich, das Kind im Laufe des Entwicklungsprozesses dazu zu straffreiem Verhalten zu bringen, das auch noch im Erwachsenenalter anhält. Die These Eysenck ist auf den Punkt gebracht so zu sehen: Man lernt nicht durch den Erfolg, sondern durch Bestrafung. Das Gewissen soll hierbei die Aufgabe eine konditionierten Reflexes übernehmen.49
Problematisch bei Anwendung der operanten Konditionierungstheorie ist jedoch, daß es hier neben den unübersehbaren positiven Effekten auf die Gesellschaft auch negative gibt. So kann sich ein entsprechender Erfolg auch in der Form negativ auswirken, als z.B. ein Dieb, der etwas unentdeckt wegnehmen konnte, ein Drängen danach empfindet, dieses wieder zu tun. Es würde hier demnach ein Wiederholungseffekt eintreten.50 Fraglich ist auch, ob menschliches Verhalten, das ein kompliziertes aus vielen Prozessen bestehendes Gebilde darstellt, mit bloßen Reflexverhalten vergleichbar ist. Es kann demnach hier eingewandt werden, andere Lernprinzipien, die möglicherweise eine deutlich entscheidendere Rolle bei der Entstehung eines Gewissen spielen, werden nicht in der notwendigen Weise beachtet oder gar ganz vernachlässigt.51
In jüngster Zeit sind die Aggressionstheorien wieder in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Entscheidenden Anteil daran hat die zunehmende Gewalt in der Gesellschaft, nicht nur auf der Straße, sondern auch in dem Medien und untereinander. Es sei hier die Sündenbocktheorie erwähnt.
Die Sündenbocktheorie versucht, insbesondere kollektiv ausgeübte Gewalt zu erklären. Sie fußt im wesentlichen auf der Triebtheorie Sigmund Freuds, nach der die Triebe im Laufe eine Entwicklungsprozesses unterdrückt werden können, aber latent wirksam bleiben. Die Essenz daraus ist, daß die Gesellschaft Verbrecht benötigt, um ihre Affekt abzureagieren, die sie auf geistiger Ebene nicht bewältigen kann. Der Kriminelle fungiert damit als Opfer der Gesellschaft.52 Die Theorie basiert begrifflich auf dem Wort Sündenbock. Der Ausdruck stammt aus dem Alten Testament, 3. Buch Mose, 16. Kap. Verse 16-22. Dort steht sinngemäß, daß die Gesellschaft einem lebendigen Ziegenbock all ihre Übertretungen auferlegt hat und diesen in die Wüste geschickt hat, so daß er damit alle Missetaten auf sich nehme und diese vortrage. Die kollektive Schuld wurde also zur Entlastung dem Ziegenbock aufgehalst.53
Die Aggressionstheorien sind umsomehr kritisiert worden, als sie darauf abzielen, den Kriminellen und die Gesellschaft in einen Zusammenhang zu bringen, der zu einem großen Teil die Gesellschaft dafür verantwortlich macht, daß jemand zum Kriminellen wird. Kritikpunkte an der Sündenbocktheorie werden in der Form laut, daß Kriminelle nicht alle als Opfer der Gesellschaft gesehen werden können. Sicherlich hat die Gesellschaft oft den entscheidenden Anteil an der Entwicklung zum Kriminellen in einer Person. Jedoch deshalb zu behaupten, es gebe keine eigenen Impulse und Triebe des jeweiligen Täters erscheint vermessen. Insoweit ist der Sündenbocktheorien nur teilweise zuzugeben, daß sie versucht das Phänomen des kollektiven "Entschuldigung" anzugehen. Den tieferliegenden Gründen wird wenig oder keine Beachtung geschenkt.
Ausgangspunkt der Labeling-Theorie sind die Ausführungen von Tannenbaum. Er geht davon aus, daß der Prozeß des Kriminalisierens eine solche des Kategorisierens, Definierens, Identifizierens, Trennens, Beschreibens, Betonens, Bewußtmachens und Selbstbewußtwerdens ist. Die Person wird also zu dem Gegenstand, als welcher sie beschrieben ist, sie bekommt ein Etikett.54 Nicht die Tatsache, daß gegen eine von Normen verbotene Handlung verstoßen wurde, ist entscheidend für Abweichung und Kriminalität des Einzelnen, sondern es ist gerade die Reaktion der Gesellschaft, die bestimmt, ob etwas kriminelle ist, oder nicht.55 Es wird aber innerhalb des Theorie noch unterschieden zwischen primärer und sekundärer Abweichung. Die primäre Abweichung ist eine solche, die auf normverletzendes Verhalten mit der Stigmatisierung, also der Kriminalisierung antwortet. Die Sekundärabweichung hingegen beschreibt einen darüber hinausgehenden Prozeß, bei dem der Kriminelle schon als solcher etikettiert ist, er aber in einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung weiteres normverletzendes Handeln begeht, um also dem Etikett "getreu" zu bleiben und dann dabei wieder als Krimineller identifiziert wird.56
Es läßt sich nicht sagen, daß es sich bei dem Labeling Approach um eine geschlossene und in sich widerspruchsfreie Theorie handele. Die Theorie mußte sich aber in Deutschland starke Kritik gefallen lassen für die an sich wohl empirisch bewiesene Tatsache, daß in Deutschland eine schichtenspezifische Ungleichbehandlung bei der Strafverfolgung stattfinde.57 Sack, der deutsche Hauptvertreter der Theorie, ist davon ausgegangen, daß die Angehörigen der Unterschicht eher die Eigenschaft "kriminell" zugeschrieben bekommen als Angehörige der Mittelschicht.58 Gleichwohl barg diese Aussage wiederum Zündstoff in sich. Ist doch die Zuschreibung der Eigenschaft "kriminell" qua Definition durch unter Rechtssystem den staatlichen Instanzen, also Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte, vorbehalten. In dieser Aussage liegt demnach sogleich die Behauptung, diese staatlichen Stellen würden die Kriminalität schichtenspezifisch differenzierend betrachten. Es ist hier dann auch nicht verwunderlich, daß die lauteste Kritik auf von dieser Seite kam, obwohl die für Deutschland vorliegenden empirischen Daten später die Wahrheit der Aussage belegen konnten.59 Es wird sicherlich keine Land des westlichen Hemisphäre geben, das sich von einem solchen Vorwurf freisprechen kann. Daher hat der Labeling Approach nicht nur für Deutschland seine Berechtigung und Geltung.
In jüngerer Zeit hat es immer wieder Diskussionen um die Schaffung eines Integrationsmodells gegeben, welches sowohl den psychologischen, als auch den sozialpsychologischen Kriminalitätstheorien einen ihrem Hauptforschungsschwerpunkt entsprechenden Platz in einem zu schaffen mosaikartigen Gesamtbild weisen soll. Dabei trat in der Forschung auffallend der Gegensatz ätiologische Theorien - Labeling Approach in den Vordergrund. Es soll hier der Versuch unternommen werden, diesen Diskussionsstoff zu bündeln und mögliche Lösungswege aufzuzeigen.
Um eine zu propagierendes Integrationsmodell schaffen zu können, wurde der Versuch unternommen, Theorien mittlerer Reichweite aufzustellen, die jeweils einen besonderen Abschnitt aus der Gesamtheit kriminellen Verhaltens erfassen können. Problematisch gestaltete sich hierbei weniger ein Mangel an adäquaten Theorien, sondern vielmehr ein gewisser Überfluß dergleichen. Aufgrund vielgestaltiger Versuche, ist die Aufgabe einer zureichenden Reduktion der Komplexität von Wirklichkeit noch weitestgehend ungelöst.
Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß den einzelnen Integrationsvorschlägen jeweils unterschiedliche theoretische Positionen zugrunde liegen, denn die Forderung eine integrativen Betrachtung des Phänomens kriminellen Verhaltens wird ebenso von Theoretikern, die sich an unterschiedlichen ätiologischen Erklärungsansätzen orientieren, wie auch von Vertretern der Labeling-Perspektive erhoben. Ein Vorhaben der Integration ist daher um so notwendiger, als bislang derartige Vermittlungsversuche zwischen den ätiologischen und definitorischen Erklärungsansätzen in der kriminologischen Forschung noch aussteht.60
Es soll hier das Hauptaugenmerk auf dem Versuch, Ätiologische Theorien mit denen des Labeling Approach zu verbinden, liegen. Dabei sie darauf hingewiesen, daß teilweise auch Originalzitate verwandt werden, ist doch auf dem Gebiet der Integrationsforschung deutlich zu merken, daß englischsprachige Abhandlungen die am meisten verfügbare Literatur darstellen.
Im wesentlich stellt Cohen auf eine Kritik der Anomietheorie ab, die eher den soziologischen Kriminalitätstheorien zuzuordnen ist und daher im eingangs zu findenden Überblick nicht enthalten ist. Cohen geht davon aus, daß die Entstehung kriminellen Verhaltens einen komplexen Interaktionsprozeß zwischen "ego" und "alter" darstellt. Gemeint ist dabei die Interaktion zwischen dem abweichenden Individuum und seiner sozialen Umwelt. Erst in diesem Prozeß verfestigt sich Kriminalität, so die Annahme Cohens.61 "But if we are interested in a general theory of deviant behavior we must explore much more systematically ways of conceptualizing the interaction between deviance and milieu.".62 Das ist also eine Aufforderung an die Forschung, mehr systematisch die Interaktion zu untersuchen und dafür geeignete Konzeptionen zu entwickeln. Natürlich versucht er dabei den Labeling Approach und die ätiologischen Theorien miteinander zu verbinden. "That we must bring the two schemes into more direct and explicit confrontation an try to evolve a formulation that will fuse and harness the power of both".63 Trotz der zu begrüßenden Ansätze ist es Cohen nicht gelungen, eine in sich geschlossene integrationstheoretische Konzeption zu entwickeln. Vielmehr ist ihm daran gelegen, die Notwendigkeit einer integrativen Betrachtung von Elementen der Anomietheorie und des Labeling Approach anhand eine knappen Modells aufzuzeigen.64 Insoweit ist der Beitrag Cohen hier nicht brauchbar, um Lösungsansätze für die wirkliche Problematik der Kriminologie, die sich wie schon erwähnt, gerade zwischen den ätiologischen Theorien und dem Labeling Approach stellt, zu erbringen.
Quinney entwarf in seinem Buch "The Social Reality of Crime" eine umfassende Theorie der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Kriminalität. Dabei versuchte er den Labeling Approach durch verschiedene Elemente ätiologischer Erklärungsansätze zu ergänzen. Er ging davon aus, daß sich jede Verhaltensart als ein Verhaltensmuster eines gesellschaftlichen Segmentes bestimmen ließe. "Although the content of the actions differ, all the behaviors represent the behavior patterns of certain segments of society".65 Alle Individuen würden entsprechend normativer Systeme handeln, die im betreffenden soziokulturellen Rahmen erlernt wurden. "Each segment of society provides its own patterns for appropriate behavior. Therefore, learning of behavior is structured and selective, or there are diffential learning structures in segmentally organised society".66 Davon ausgehend versucht Quinney Elemente der ätiologisch orientierten Lerntheorie mit dem Labeling Approach zu verbinden. "Assumed within the theory the social reality of crime is Sutherland's Theory of differential association". 67 Trotz der Annahme Quinneys, daß sämtliche Verhaltensmuster innerhalb der verschiedenen Gesellschaftssegmente, also auch solche, die abweichend oder kriminelle definiert sind, entsprechend der Lerntheorie erlernt werden, kann dieser Integrationsansatz für eine integrative Theorie der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Kriminalität aus Perspektive des Labeling Approach nur begrenzt nutzbar gemacht werden. "Whenever criminal behavior has been viewed according to learning structures, whether in the theory of differential association or in the reformulations, it has been assumed, that there are behavior patterns, which are objectively 'criminal'. Such an assumption is fallacious when held up against the theory of the social reality of crime, since according to this theory, behaviors and behavior patterns are neither criminal nor noncriminal. All behaviors are commonly social, and the become criminal only when they have been officially defined as such by authorized agents of the state. 68 In der Frage der Entstehungsbedingungen jener als kriminell und erlernten Verhaltensweisen gibt es nach Quinney eine weitere Möglichkeit, verschiedene Elementen ätiologischer Erklärungsansätze mit Aussagen -des Labeling Approach zu verbinden. Damit sind vor allem sozialstrukturelle Bedingungen gemeint, die nach Quinney zur Entwicklung sozialer Verhaltensweisen beitragen, denen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit das Etikett kriminell verliehen wird.69 Breiten Raum gewährt er auch den zahlreichen Studien über die schichtspezifische Verteilung kriminellen Verhaltens. "The Behavoir patterns of the social classes are qualitively different and ... patterns are subject to differing probabilities of being defined as criminal".70 Die gemeinsame Berücksichtigung von Elementen ätiologischer Erklärungsansätze und des Labeling Approach verdeutlicht nach Quinney die bestehende Interaktion der sozialen Schichten, die Verhaltensweisen und kriminelle Definitionen.71 "Since the formulation, enforcement, and administration of criminal law are based on a particular conception of appropriate behavior, primarily the standards of the middle class, offical rates of delinquency and crime differ considerably from one social class to another.72 Quinney scheint im Ergebnis sehr bemüht, möglichst zahlreiche Elemente ätiologischer Erklärungsansätze in seine integrationstheoretische Konzeption mit aufnehmen zu wollen. Jedoch gelingt es nicht recht, Zusammenhänge innerhalb der ätiologischen Erklärungsansätze zu beschreiben, um darauf aufbauend Verbindungen mit Elementen des Labeling Approach zu suchen. So ist seiner Darstellung zugute zu halten, daß sämtliche ätiologisch orientierten Erklärungsansätze durch Aufnahme von Elementen des Labeling Approach zu größerer Aussagekraft gelangen können, wie andererseits der Labeling Approach mittel Berücksichtigung von Elementen ätiologischer Ansätze die Begrenzung seiner Sichtweise zu überwinden vermag.73 Ungeachtet dessen vermag Quinneys integrative Theorie der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Kriminalität einen brauchbaren und diskussionswürdigen Ansatz darzustellen, zahlreiche Elemente unterschiedlicher ätiologischer Erklärungsansätze mit zentralen Aussagen des Labeling Approach zu verbinden, um zu einem umfassenderen theoretischen Konzept zur Klärung delinquenten Verhaltens zu gelangen.74 Die Einbeziehung ätiologischer Elemente erfolgt in Quinneys Theorie über eine Reinterpretation der bereits gesicherten Ergebnisse ätiologisch orientierter Forschung. Es wird nicht mehr nach den kausalen Ursachen kriminellen Verhaltens gefragt, sondern vielmehr dienen die ätiologischen Erklärungsansätze zur Beantwortung der Frage, welche gesellschaftlichen Bedingungen zur Entwicklung erlernbarer sozialer Verhaltensweisen beitragen, die wiederum eine erhöhte Wahrscheinlichkeit in sich tragen, Ziel kriminalisierender Definitionen zu werden.75 Da Quinney jedoch die wissenschaftstheoretischen Grenzen der Möglichkeit einer integrativen Verbindung ätiologischer und definitorischer Erklärungsansätze weitgehend unberücksichtigt läßt, muß zwangsläufig eine Beschränkung bei der Formulierung seiner integrationstheoretischen Konzeption insofern eintreten, als lediglich die Verbindung ätiologischer und definitorischer Theorieelemente auf Grundlage einer den jeweiligen unterschiedlichen Forschungsinteressen und -schwerpunkten ätiologischer und definitorischer Theorieansätze angemessenen Reinterpretation der Forschungsergebnisse ätiologischer Erklärungsansätze anzustreben.76
Schur, im Gegensatz zu allen anderen Autoren, bestreitet, daß es sich bei dem Labeling Approach überhaupt um einen völlig neuen Erklärungsansatz handelt und stellt demgegenüber eine feste Verwurzelung in anerkannten soziologischen Konzepten und Prämissen fest.77 Damit rechtfertigt Schur auch die Annahme, der Labeling Approach steht zu den ätiologischen Erklärungskonzeption nicht in einem Widerspruch.78 Jedoch gibt er auch zu bedenken, daß aufgrund der Tatsache, daß der Labeling Approach und die traditionellen Ansätze grundsätzlich unterschiedliche Ergebnisse zu erklären versuchen, nicht zu erwarten sei, diese in einem quantitativ einheitlichen analytischen Modell zu verbinden.79 Die Lösung so wird propagiert, stecke nicht in der vollständigen theoretischen Integration, sondern vielmehr in einer gewissen gegenseitigen Durchdringung zwischen dem Labeling Approach und anderen soziologischen Ansätzen, die hier nicht weiter vertieft werden sollen.80 Die Funktion der ätiologischen Erklärungsansätze beschreibt Schur mit Erklärungen des unterschiedlichen Eintritts in die institutionalisierten Etikettierungsprozesse. Sie erfassen mit dem Labeling Approach zusammen unterschiedliche Bereiche eines einheitlichen Handlungsschemas und können somit gewährleisten, eine wahre Integration voranzutreiben. 81 Auch ist die vollständige Integration nicht sinnvoll, da beide Erklärungsansätze unterschiedliche Forschungsschwerpunkte und Fragestellungen verfolgen.82
Rüthers Studie zählt darauf ab zu zeigen, daß eine Integration der ätiologischen Erklärungsansätze mit dem Labeling Approach unerläßlich sind. Seiner Ansicht nach haben die theoretischen Überlegungen zu der Hypothese geführt, daß die Entstehung und Verteilung der Kriminalität in einer Gesellschaft sowohl als Folge der zugrunde liegenden Verhaltensprozesse als auch als Folge der Definitions- und Kontrollpraktiken der reagierenden Umwelt anzusehen sind. Hierdurch ergibt sich für Rüther die Notwendigkeit einer Integration des ätiologischen Ansatzes und des Labeling Approach im Rahmen einer allgemeinen Theorie abweichenden Verhaltens.83 Er ist der Ansicht, daß eine vollständige Integration beider Erklärungsansätze möglich angesehen ist und diese wird auch von ihm angestrebt. Rüther hält sein Modell für fast völlig widerspruchsfrei. Das von ihm entwickelte "Integrative Entwicklungsmodell", in dem Verhalten und Kontrollverhalten zu abweichendem Verhalten führen sollen, ist stark verkürzend und muß sich einer starken der Kritik erwehren. 84
In jüngster Zeit wird als ein allgemeiner, übergreifender Erkenntniszusammenhang auch die Theorie der unterschiedlichen Sozialisation vertreten. Hierbei werden Beiträge der Soziologie, der Kulturanthropologie, Psychologie, Psychiatrie und Biologie, vornehmlich aber der Sozialpsychologie zu integrieren versucht.85 Unter Sozialisation ist jeder Grundvorgang einer existentiell notwendigen und in einzelnen Phasen verlaufenden Eingliederung des Mensch in soziale Gruppen und Gebilde zu verstehen. Dieser Vorgang steht seinerseits in enger Verbindung mit den Prozessen der Entkulturation und Personalisation, bei denen es um die bewußte und unbewußte Verinnerlichung kultureller Werte und um die Bildung einer eigenständigen Persönlichkeit junger Menschen geht.86 Kritik findet sich jedoch im Hinblick auf die Reichweite der Theorie. So lasse sich die Zufälligkeit oder Singularität des Rechtsbruches ebensowenig sozialisationstheoretisch erklären, wie der häufige Abbruch der kriminellen Karriere im Heranwachsendenalter oder die Spontanbewährung.87
Theoretische Integration ist die Kombination von zwei oder mehreren bereits existierenden Theorien mittlerer Reichweite zu einer umfassenderen Theorie.88 Über den Wert einer solchen Theorie gibt es unterschiedliche Auffassungen, wie durch die detaillierte Auseinandersetzung sowohl was die Kritik an den bestehenden Hauptrichtungen psychologischer und sozialpsychologischer Kriminalitätstheorien anbelangt, als auch die Diskussion um eine geeignetes Integrationsmodell, es deutlich macht. Integration will das Beste aus jeder Theorie herausfiltern und dann zu einer übergeordneten Theorie zusammenfassen. Die Masse der möglichen kriminellen Verhaltensweisen läßt es aufgrund der derzeitigen Forschung und Theorie nicht zu, daß eine allgemeine, allumfassende Kriminalitätstheorie alle Bereich der Kriminologie erfaßt.89 Viele Aussagen der Einzeltheorien widersprechen sich und oder steht in totalem Gegensatz. Es besteht damit Einigkeit über die Tatsache, daß die Theorien nur Teilbereiche der Kriminologie abdecken und dies noch beschränkt durch bestimmte Räume und Zeiten.90 Entscheidender Auslöser für diese Misere ist der vielen Theorien anhaftende Ausschließlichkeitsanspruch, unabhängig von monokausaler oder multifaktorieller Ausrichtung. Damit scheint derzeit auch kein wirklich geeignetes theoretisches Modell in Aussicht, welches der Fülle der zu beobachtenden Faktoren in ihren Abhängigkeiten, Neutralisierungen, Verstärkungen etc. Herr werden könnte.91 Hinzu kommt, daß die bisherigen Theorien mittlerer Reichweite kaum dem Anspruch eines allgemeingültigen Prognose-Modells genügen können.92 Die immer rascher und schneller werdenden Änderungen von Kultur und Gesellschaft selbst birgen die Gefahr in sich, daß sich der Erklärungsgehalt der Theorien schnell erübrigt hat, sich aber zumindest verlieren kann.93 Diese Misere ist hauptsächlich drei Punkten zuzuschreiben. Erstens weist ein allgemeingültiges Prognose-Modell die erforderliche logische Geschlossenheit meist nicht auf, noch ist es genügend präzise formuliert, so daß Aussagen über eine exakte Begrenzung der Reichweite nicht zu erwarten sind.94 Zweitens können gegenwärtige Kriminalitätstheorien, unabhängig ihre schwerpunktmäßigen Ausrichtung, auch deshalb nicht befriedigen, weil sie nicht in der Lage sind vorauszusagen, unter welchen Umständen Kriminalität entsteht.95 Gegenwärtige Theorien mittlerer Reichweite können drittens auch nicht genügen, weil sie überwiegend Kriminalität als Ergebnis eines bestimmten, meist einmaligen Vorganges sehen, die weiteren Folgen hingegen von der wissenschaftlichen Untersuchung und Forschung meist ausgeschlossen sind.96
Trotz aller Kritik an der Integration theoretischer kriminologischer Konzeptionen gibt zahlreiche Theorien, die sich gegenseitig nicht ausschließen, sondern sie sogar sinnvoll ergänzen. Damit läßt sich auch die Vielzahl unternommener Versuch einer Integration erklären.97 Es kann im Ergebnis nicht befriedigen, daß zwar eine "heiße" Diskussion um die Schaffung eine Integrationsmodelles entbrannt ist, die Diskussionsinhalte jedoch diesem Ziel nur am Rande oder auch gar nicht dienlich sind.98 Oftmals, das sei als weiterer Kritikpunkt angemerkt, fehlt es für die Verifizierung entsprechender theoretischer Konzeptionen an spezifisch kriminologischen Vergleichsuntersuchungen, bei denen die kriminologische Relevanz einschlägiger Merkmale und Verhaltensweisen durch ihr Fehlen oder durch selteneres Auftreten in der Durchschnittspopulation belegt werden könnte.99 Kritik verdienen dabei alle bisher erwähnten Ansätze aufgrund - und das sei hier noch einmal erwähnt - ihres fast als unwiderlegbar angesehenen Ausschließlichkeitsanspruches. Die Lösung ist in einem Modell zu suchen, daß den tatsächlichen Verhaltensmustern des Menschen auch Rechnung trägt und damit auch seine Praxisnähe unter Beweis stellt. Dieses Ziel ließe sich erreichen, wenn man die vorhandenen Theorien und Ansätze gründlich auf ihre Adäquanz hin testen würde oder aber ihre Dunkel- und Unbestimmtheitszonen zu bestimmen versuchte. Nicht hingegen ist ein weiterer Bedarf an weiteren, gänzlich neuen Theorien oder Erklärungsmodellen von Notwendigkeit. Das würde der Diskussion mehr schaden und im Endeffekt auch keine wirkliche Abhilfe schaffen. Eine exakte Trennung nach Fachrichtungen ist mit Blick sowohl auf den Integrationsprozeß dieser Wissenschaftszweige als auch in Bezug auf die Mehrdimensionalität vieler Untersuchungen weder möglich, noch erscheint sie wirklich zweckmäßig.100 Dies ist denn auch im Laufe der Diskussion deutlich geworden. Eine genau Grenze zwischen psychologischen und sozialpsychologischen Theorien einerseits zueinander und zu soziologischen Theorien andererseits zu bestimmen, ist sehr schwierig, wenn nicht schier unmöglich. Deshalb ist es nach Ansicht des Verfassers auch schwierig hier von einem Integrationsmodell psychologischer und sozialpsychologischer Theorien zu sprechen, spielen doch vor allem die soziologischen Theorien eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Ohne sie wäre ein vollständiges Integrationsmodell nicht denkbar und mithin auch nicht empirisch verifizierbar. Es sei darauf hingewiesen, daß mit dem Versuch eines Integrationskonzeptes, der hier aufgrund unüberwindbarer Differenzen bei den entscheidenden Faktoren mißlungen ist, ein Spezialproblem von hoher kriminologischer Relevanz noch nicht gelöst ist. Die Hauptursache ist zu suchen in dem Erklärungspatt zwischen der ätiologischen Kriminologie und den Etikettierungsansätzen.101 Abschließend läßt sich festhalten, daß Kriminalitätstheorien die Entstehung von Kriminalität nur mit einer höheren oder geringeren statistischen Wahrscheinlichkeit erklären können.102 Dies mag zwar der praktischen Wirklichkeit entsprechen, schränkt jedoch die Allgemeingültigkeit und damit auch die Chancen eines übergreifenden Integrationsmodells deutlich ein.
1 Schneider, Jura 1996, 337 ff. (337).
2 Schneider, Jura 1996, 337 ff. (337).
3 Jung, Kriminologie, S. 18.
4 Bock, Kriminologie, S. 52.
5 Bock, Kriminologie, S. 59.
6 Kaiser / Lösel, Kleines Kriminologisches Wörterbuch, S. 253 ff. (255).
7 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 3 aE.
8 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 7.
9 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 8.
10 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 7.
11 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 9.
12 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 10.
13 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 13.
14 Kaiser / Lösel, Kleines Kriminologisches Wörterbuch, S. 253 ff. (256).
15 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 15.
16 so zumindest Kürzinger, Kriminologie Rn 116.
17 Alexander / Staub, S. 52 ff.
18 Alexander / Staub, S. 84 ff.
19 Jung, Kriminologie, S. 32.
20 Kerscher, Sozialwissenschaftliche Kriminalitätstheorien, S. 16.
21 vgl. Jung, Kriminologie. S. 36, die die Kontrolltheorien unter Sozialpsychologie erwähnt.
22 Kaiser / Lösel, Kleines Kriminologisches Wörterbuch, S. 253 ff. (257).
23 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 18b.
24 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 17.
25 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 17 aE.
26 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 18.
27 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 18a.
28 Göppinger, Kriminologie, S. 72.
29 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 19.
30 Jung, Kriminologie, S. 36.
31 Jung, Kriminologie, S. 37.
32 Jung, Kriminologie, S. 37.
33 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 21.
34 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 21 aE.
35 vgl. Schwind, Krimologie, § 6 Rn 25.
36 Kaiser, Kriminologie, S. 456.
37 Jung, Kriminologie, S. 37.
38 Göppinger, Kriminologie, S. 67.
39 Kaiser / Schöch, Kriminologie, S. 39.
40 Kaiser, Kriminologie, S. 456.
41 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 26.
42 Jung, Kriminologie, S. 38.
43 Jung, Kriminologie, S, 38.
44 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 27.
45 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 28.
46 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 29.
47 vgl. hierzu eingehend Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 34-35.
48 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 36.
49 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 37.
50 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 32.
51 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 37.
52 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 40.
53 Schwind, Kriminologie, § 6 Rn 40.
54 Kürzinger, Kriminologie Rn 128 aE.
55 Kürzinger, Kriminologie Rn 131.
56 Kürzinger, Kriminologie Rn 131 aE.
57 Kürzinger, Kriminologie Rn 132.
58 Kürzinger, Kriminologie Rn 132.
59 Kürzinger, Kriminologie Rn 132.
60 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 297.
61 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 298.
62 Cohen, The Sociology of the Deviant Act, S. 9.
63 Cohen, The Sociology of the Deviant Act, S. 14.
64 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 299 aE.
65 Quinney, The Social Reality of Crime, S. 207.
66 Quinney, The Social Reality of Crime, S. 210.
67 Quinney, The Social Reality of Crime, S. 20. Ann. 48.
68 Quinney, The Social Reality of Crime, S. 212.
69 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 302.
70 Quinney, The Social Reality of Crime, S. 218.
71 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 303.
72 Quinney, The Social Reality of Crime, S. 220.
73 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 304.
74 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 304.
75 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 305.
76 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 305.
77 Edwin H. Schur, Abweichendes Verhalten und Soziale Kontrolle, S. 15.
78 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 306.
79 Edwin H. Schur, Abweichendes Verhalten und Soziale Kontrolle, S. 140.
80 Edwin H. Schur, Abweichendes Verhalten und Soziale Kontrolle, S. 142.
81 Edwin H. Schur, Abweichendes Verhalten und Soziale Kontrolle, S. 139.
82 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 309.
83 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 311/312.
84 Camus / Elting, Integrationstheoretische Forschung, S. 312.
85 Jung, Kriminologie, S. 35.
86 Jung, Kriminologie, S. 35/36.
87 Jung, Kriminologie, S. 36.
88 Schnneider, Jura 1996, 397 ff. (403).
89 Kürzinger, Kriminologie Rn 133.
90 Bock, Kriminologie, S. 81.
91 Jung, Kriminologie, S. 23.
92 Jung, Kriminologie, S. 23; Kürzinger, Kriminologie Rn 133.
93 Bock, Kriminologie, S. 81.
94 Jung, Kriminologie, S. 23.
95 Jung, Kriminologie, S. 23/24.
96 Jung, Kriminologie, S. 24.
97 Schneider, Jura 1996, 397 ff. (403).
98 Kürzinger, Kriminologie Rn 135.
99 Bock, Kriminologie, S. 82.
100 Jung, Kriminologie, S. 30.
101 Bock, Kriminologie, S. 83.
102 Kürzinger, Kriminologie Rn 133.
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