Source: https://www.rechtslupe.de/allgmeines/die-medizinjournalistin-in-der-kuenstlersozialversicherung-328978
Timestamp: 2019-10-15 07:14:59
Document Index: 167863938

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 1', '§ 8', '§ 2', '§ 4', '§ 4', '§ 2', '§ 8', '§ 4', '§ 2', '§ 4', '§ 2', '§ 6', '§ 2', '§ 2', '§ 4', '§ 4', 'Art 3', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', 'Art 3', '§ 4', '§ 1', '§ 4', '§ 38', '§ 8', '§ 8', 'BGH', '§ 4']

Die Medi­zin­jour­na­lis­tin in der Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rung | Rechtslupe
Die Medizinjournalistin in der Künstlersozialversicherung
Die Medi­zin­jour­na­lis­tin in der Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rung
Eine als Medi­zin­jour­na­lis­tin täti­ge Ärz­tin unter­liegt als Jour­na­lis­tin nicht der Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach dem Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rungs­ge­setz.
Nach § 1 KSVG i.V.m. § 2 Satz 2 KSVG wer­den selbst­stän­di­ge Künst­ler und Publi­zis­ten nach § 1 KSVG in der all­ge­mei­nen Ren­ten­ver­si­che­rung, der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung und der sozia­len Pfle­ge­ver­si­che­rung ver­si­chert, wenn sie eine künst­le­ri­sche oder publi­zis­ti­sche Tätig­keit erwerbs­mä­ßig und nicht nur vor­über­ge­hend aus­üben und im Zusam­men­hang mit der künst­le­ri­schen oder publi­zis­ti­schen Tätig­keit nicht mehr als einen Arbeit­neh­mer beschäf­ti­gen, es sei denn, die Beschäf­ti­gung erfolgt zur Berufs­aus­bil­dung oder ist gering­fü­gig iS des § 8 SGB IV. Nach § 2 Satz 2 KSVG ist Publi­zist im Sin­ne die­ses Geset­zes, wer als Schrift­stel­ler, Jour­na­list oder in ande­rer Wei­se publi­zis­tisch tätig ist oder Publi­zis­tik lehrt. Eine sol­che Tätig­keit übt eine Medi­zin­jour­na­lis­tin aus.
Aller­dings besteht für die als Medi­zin­jour­na­lis­tin täti­ge Ärz­tin Ver­si­che­rungs­frei­heit in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung jeden­falls in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 4 Nr 1 KSVG.
Unmit­tel­bar greift der Tat­be­stand von § 4 Nr 1 KSVG aller­dings nicht ein. Hier­nach ist in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach dem KSVG ver­si­che­rungs­frei, wer auf­grund einer Beschäf­ti­gung oder einer nicht unter § 2 KSVG fal­len­den selbst­stän­di­gen Tätig­keit in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­che­rungs­frei oder von der Ver­si­che­rungs­pflicht befreit ist, es sei denn, die Ver­si­che­rungs­frei­heit beruht auf einer gering­fü­gi­gen Beschäf­ti­gung oder einer gering­fü­gi­gen selbst­stän­di­gen Tätig­keit iS von § 8 SGB IV. Die Vor­schrift soll die­je­ni­gen selbst­stän­di­gen Künst­ler und Publi­zis­ten von der beson­de­ren Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht nach dem KSVG aus­neh­men, die die­ses Schut­zes nicht bedürf­tig erschei­nen, weil sie bereits ander­wei­tig kraft Geset­zes für das Alter gesi­chert sind. Dabei hat der Gesetz­ge­ber neben Beam­ten, Rich­tern und Sol­da­ten an Per­so­nen gedacht, die bereits wegen einer ander­wei­ti­gen Beschäf­ti­gung oder Tätig­keit zumin­dest in einem am Durch­schnitt aus­ge­rich­te­ten Umfang in die sozia­le Siche­rung ein­be­zo­gen sind (vgl BT-Drucks 9/​26 S 18). Damit ist grund­sätz­lich zwar auch die Situa­ti­on der Klä­ge­rin erfasst. Jedoch fällt sie nicht in den unmit­tel­ba­ren Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift, weil ihre Ver­si­che­rungs­frei­heit in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nicht auf einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis, son­dern auf ihrer selbst­stän­di­gen Tätig­keit als Medi­zin­jour­na­lis­tin beruht und dies dem Wort­laut nach für den Aus­schluss­tat­be­stand des § 4 Nr 1 KSVG unbe­acht­lich ist. Dem­nach besteht Ver­si­che­rungs­frei­heit nach dem KSVG für Selbst­stän­di­ge grund­sätz­lich nur, soweit der betref­fen­de Künst­ler oder Publi­zist wegen "einer nicht unter § 2 fal­len­den selb­stän­di­gen Tätig­keit" in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ver­si­che­rungs­frei oder von der Ver­si­che­rungs­pflicht befreit ist, die Frei­stel­lung in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung also auf einer zusätz­li­chen, wei­te­ren selbst­stän­di­gen Tätig­keit neben sei­ner künst­le­ri­schen oder publi­zis­ti­schen Betä­ti­gung beruht.
Unge­ach­tet des­sen genießt die Ärz­tin aller­dings kraft ihrer Zuge­hö­rig­keit zum Ver­sor­gungs­werk der Ärz­te eine Alters­si­che­rung, wie es für den Aus­schluss­tat­be­stand des § 4 Nr 1 KSVG vom Gesetz­ge­ber gera­de vor­aus­ge­setzt ist. Rechts­grund­la­ge hier­für ist § 2 Abs 1 Satz 1 des Ham­bur­gi­schen Kam­mer­ge­set­zes für die Heil­be­ru­fe (Hmb­KGH) iVm § 6 Abs 1 Satz 1 der Sat­zung der Nord­rhei­ni­schen Ärz­te­ver­sor­gung. Danach gehö­ren zunächst der zu 1. bei­gela­de­nen Ärz­te­kam­mer als Pflicht­mit­glie­der alle auf Grund einer Berufs­er­laub­nis oder Appro­ba­ti­on zur Berufs­aus­übung berech­tig­ten Ärz­tin­nen und Ärz­te an, die in der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg ent­we­der ihren Beruf aus­üben (§ 2 Abs 1 Satz 1 Nr 1 Hmb­KGH) oder, falls sie ihren Beruf nicht oder nicht in der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg aus­üben, dort ihre Haupt­woh­nung im Sin­ne des Mel­de­rechts haben, es sei denn, dass sie Mit­glied einer ande­ren Ärz­te­kam­mer im Bun­des­ge­biet sind (§ 2 Abs 1 Satz 1 Nr 2 Hmb­KGH). Hier­an anknüp­fend sind nach den Sat­zungs­re­ge­lun­gen sowohl der Ham­bur­ger Ärz­te­ver­sor­gung als auch der Ärz­te­ver­sor­gun­gen der ande­ren Bun­des­län­der alle ver­kam­mer­ten Ärz­te Pflicht­mit­glie­der des jewei­li­gen Ärz­te-Ver­sor­gungs­werks. Zu befrei­en hier­von sind nach den Sat­zun­gen der Ärz­te­ver­sor­gun­gen nur die­je­ni­gen Ärz­te, die kei­ne ärzt­li­che Tätig­keit aus­üben.
Eine sol­che Pflicht­mit­glied­schaft ohne Befrei­ungs­mög­lich­keit besteht im hier vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt ent­schie­de­nen Fall wegen der Tätig­keit als Medi­zin­jour­na­lis­tin auch für die Klä­ge­rin. so ist die Tätig­keit als Medi­zin­jour­na­lis­tin als ärzt­li­che Tätig­keit im Sin­ne der lan­des­recht­li­chen Rege­lun­gen über die Zuge­hö­rig­keit zur Berufs­kam­mer und zum Ver­sor­gungs­werk zu qua­li­fi­zie­ren. Inso­weit ist eine wei­te Aus­le­gung des Begriffs der Berufs­aus­übung vor­zu­neh­men, da die berufs­stän­di­schen Kam­mern die Belan­ge der Gesamt­heit der von ihr ver­tre­te­nen Berufs­an­ge­hö­ri­gen wahr­näh­men und dafür die Erfah­run­gen von Berufs­an­ge­hö­ri­gen aus allen Tätig­keits­be­rei­chen nut­zen sol­len 1. Eine ärzt­li­che Tätig­keit sei des­halb immer dann anzu­neh­men, wenn die Anwen­dung oder Mit­ver­wen­dung von ärzt­li­chem Wis­sen der Tätig­keit ihr Geprä­ge gebe 2.
Die­se bereits bestehen­de Alters­si­che­rung über das Ver­sor­gungs­werk der Ärz­te begrün­det in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 4 Nr 1 KSVG die Ver­si­che­rungs­frei­heit in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach dem Künst­ler­so­zi­al­ver­si­che­rungs­ge­setz. Inso­weit besteht eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke, die durch die ana­lo­ge Anwen­dung von § 4 Nr 1 KSVG zu schlie­ßen ist. Ein sol­cher Ana­lo­gie­schluss setzt vor­aus, dass die gere­gel­te Norm ana­lo­giefä­hig ist, das Gesetz eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hält und der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht soweit mit dem Tat­be­stand ver­gleich­bar ist, den der Gesetz­ge­ber gere­gelt hat, so dass ange­nom­men wer­den kann, der Gesetz­ge­ber wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den­sel­ben Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie bei dem Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Geset­zes­vor­schrift, zu dem glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men. Ana­lo­gie ist die Über­tra­gung der Rechts­fol­ge eines gere­gel­ten Tat­be­stan­des auf einen ihm ähn­li­chen, aber unge­re­gel­ten Sach­ver­halt. Die­ser beruht – in Anleh­nung an Art 3 Abs 1 GG – auf der For­de­rung nor­ma­ti­ver Gerech­tig­keit, Gleich­ar­ti­ges gleich zu behan­deln 3.
So lie­gen die Ver­hält­nis­se hier: Mit § 4 Nr 1 KSVG ist eine Vor­keh­rung für die­je­ni­gen nach dem KSVG ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Künst­ler und Publi­zis­ten getrof­fen wor­den, die einen ander­wei­ti­gen Ver­si­che­rungs­schutz für das Alter durch eine Alters­si­che­rung auf­grund einer wei­te­ren Tätig­keit oder Beschäf­ti­gung neben ihrer künst­le­ri­schen oder publi­zis­ti­schen selbst­stän­di­gen Tätig­keit erwor­ben haben. Soweit dadurch ein aus­rei­chen­der Schutz für das Alter bereits besteht, soll nach der aus­drück­li­chen gesetz­ge­be­ri­schen Inten­ti­on kei­ne zusätz­li­che Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung bestehen 4. Kei­ne Rege­lung hat der Gesetz­ge­ber dage­gen für die Grup­pe getrof­fen, deren künst­le­ri­sche oder publi­zis­ti­sche Tätig­keit selbst – wie hier bei der Klä­ge­rin – die Zuge­hö­rig­keit zu einem wei­te­ren Alters­si­che­rungs­sys­tem begrün­det und die dadurch eine dop­pel­te Alters­ver­sor­gung erlangt. Die­se Mög­lich­keit ist im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren offen­kun­dig nicht gese­hen wor­den, so dass die ana­lo­ge Anwen­dung des § 4 Nr 1 KSVG gebo­ten erscheint. Denn einer­seits ent­spricht die­ser Fall genau der Situa­ti­on, auf die der Gesetz­ge­ber mit der Befrei­ungs­re­ge­lung zu reagie­ren such­te. Ande­rer­seits besteht aber auch kein Anhalts­punkt dafür, dass für die­se Grup­pe die von der Grund­re­gel des § 4 Nr 1 KSVG abwei­chen­de Her­an­zie­hung zu zwei Alters­si­che­rungs­sys­te­men bewusst ange­strebt wor­den sein könn­te. Das ent­spricht schon nicht der Inten­ti­on des Gesetz­ge­bers, wie sie – oben bereits dar­ge­stellt – mit § 4 Nr 1 KSVG ver­folgt wor­den ist. Im Übri­gen ist auch kein Grund erkenn­bar, der eine sol­che unter­schied­li­che Behand­lung vor dem Gleich­be­hand­lungs­ge­bot des Art 3 Abs 1 GG recht­fer­ti­gen könn­te. Von daher ist die hier betrof­fe­ne Grup­pe von KSVG-Ver­si­cher­ten zur Ver­mei­dung einer ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­den Ungleich­be­hand­lung in ana­lo­ger Anwen­dung von § 4 Nr 1 KSVG eben­so von der Ver­si­che­rungs­pflicht in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung nach dem KSVG frei­zu­stel­len wie die Grup­pe der­je­ni­gen, die zusätz­lich zu ihrer selbst­stän­di­gen Tätig­keit im Sin­ne von § 1 KSVG einer wei­te­ren unselbst­stän­di­gen oder selbst­stän­di­gen Tätig­keit nach­ge­hen und hier­durch eine zur Befrei­ung nach § 4 Nr 1 KSVG füh­ren­de Alters­si­che­rung erlan­gen.
Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 10. März 2011 – B 3 KS 2/​10 R
Ver­weis auf BVerwG, NJW 1997, 814 ff und BVerw­GE 92, 24[↩]
Ver­weis auf VG Karls­ru­he, MedR 2008, 751 ff[↩]
vgl BSGE 77, 102, 104 = SozR 3 – 2500 § 38 Nr 1 S 3; BSG SozR 4 – 2700 § 8 Nr 4 RdNr 15; BSG SozR 4 – 2700 § 8 Nr 36 RdNr 25; vgl auch BGHZ 155, 380, 389, jeweils mwN[↩]
vgl BT-Drucks 9/​26 S 18; eben­so Finke/​Brachmann/​Nordhausen, KSVG, 4. Aufl 2009, § 4 RdNr 1[↩]
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