Source: http://www.hensche.de/Benachteiligung_wegen_Behinderung_bei_Sozialplanabfindung_BAG_1_AZR_938-13_17.11.2015.html
Timestamp: 2020-07-11 05:22:12
Document Index: 149556505

Matched Legal Cases: ['§ 10', '§ 10', '§ 236', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Benachteiligung wegen Behinderung bei Sozialplanabfindung - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/327
Das ist, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem letz­te Wo­che er­gan­ge­nen Ur­teil, ei­ne un­zu­läs­si­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­ner Be­hin­de­rung, so dass schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer ei­ne eben­so ho­he Ab­fin­dung ver­lan­gen kön­nen wie ver­gleich­ba­re nicht be­hin­der­te Kol­le­gen: BAG, Ur­teil vom 17.11.2015, 1 AZR 938/13 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).
Dürfen So­zi­alpläne ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen für schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer vor­se­hen, weil die­se früher Al­ters­ren­te be­an­spru­chen können?
Im Streit: 40.000,00 EUR Ab­fin­dung für "nor­ma­le Ren­ten­na­he" oder nur 10.000,00 EUR we­gen ei­ner Son­der­re­ge­lung zu­las­ten schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer?
BAG: Die vor­zei­ti­ge Ren­ten­be­rech­ti­gung we­gen ei­ner Schwer­be­hin­de­rung darf nicht zur Schlech­ter­stel­lung bei So­zi­al­plan-Ab­fin­dun­gen führen
So­zi­alpläne bzw. die in ih­nen vor­ge­se­he­nen Ab­fin­dun­gen ha­ben den Zweck, künf­ti­ge fi­nan­zi­el­le Nach­tei­le aus­zu­glei­chen, die den Ar­beit­neh­mern in­fol­ge ih­rer Ent­las­sung ent­ste­hen wer­den.
We­gen die­ser Über­brückungs­funk­ti­on se­hen vie­le So­zi­alpläne vor, dass es zwei ver­schie­de­ne Be­rech­nungs­we­ge für die Er­mitt­lung von Ab­fin­dun­gen gibt: Ei­ne "nor­ma­le" Ab­fin­dungs­for­mel, bei der es auf die Beschäfti­gungs­jah­re, das Le­bens­al­ter, Un­ter­halts­pflich­ten und ei­ne Schwer­be­hin­de­rung an­kommt, und ei­ne Son­der­for­mel für die "Ren­ten­na­hen", bei der die vor­aus­lie­gen­den Mo­na­te bis zum (frühestmögli­chen oder re­gulären) Ren­ten­be­ginn mit der Ab­fin­dung über­brückt bzw. fi­nan­zi­ell un­terstützt wer­den sol­len.
Dar­in liegt zwar ei­ne al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lung, doch ist die­se nach der Recht­spre­chung des BAG sach­lich ge­recht­fer­tigt und stellt da­her kei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar (so BAG, Ur­teil vom 26.03.2013, 1 AZR 813/11, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/096 Ab­fin­dung für "ren­ten­na­he" Ar­beit­neh­mer und Eu­ro­pa­recht).
Denn das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) stellt im An­schluss an die EU-Richt­li­nie 2000/78/EG klar, dass al­ters­be­ding­te Un­gleich­be­hand­lun­gen rech­tens sind, wenn sie „durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt“ so­wie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ sind und wenn die ein­ge­setz­ten Mit­tel „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind (§ 10 Satz 1 und 2 AGG).
Und für al­ters­be­ding­te Ab­fin­dungs­un­ter­schie­de enthält § 10 Satz 3 Nr.6 AGG so­gar ei­ne Son­der­re­ge­lung: Da­nach dürfen ren­ten­na­he Ar­beit­neh­mer, die auf­grund ei­ner Be­triebsände­rung ent­las­sen wer­den, von So­zi­al­plan­ab­fin­dun­gen völlig (!) aus­ge­nom­men wer­den.
Bleibt die Fra­ge, ob es auch recht­lich zulässig ist, schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer ge­genüber an­de­ren, nicht be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern beim The­ma So­zi­al­plan­ab­fin­dung schlech­ter zu stel­len.
Dafür spricht die zu­kunfts­be­zo­ge­ne Über­brückungs­funk­ti­on von Ab­fin­dun­gen: Wenn es um künf­ti­ge fi­nan­zi­el­le Nach­tei­le geht, dann sind die­se eben bei Schwer­be­hin­der­ten ge­rin­ger, weil sie gemäß § 236a Sechs­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB VI) früher in Ren­te ge­hen können. In die­sem Sin­ne "kon­se­quent" hat das BAG tatsächlich ein­mal ent­schie­den (BAG, Ur­teil vom 11.11.2008, 1 AZR 475/07, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/134 Dis­kri­mi­nie­rung: Ab­fin­dungskürzung für Ar­beit­neh­mer im ren­ten­na­hen Al­ter).
Da­ge­gen spricht al­ler­dings ein Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) aus dem Jah­re 2012. In die­ser Ent­schei­dung hat der EuGH her­aus­ge­stellt, dass die Möglich­keit ei­ner vor­ge­zo­ge­nen Ren­te auf­grund ei­ner Be­hin­de­rung ge­ra­de kein sach­li­cher Grund dafür ist, schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mern ge­rin­ge­re Ab­fin­dun­gen zu zah­len (EuGH, Ur­teil vom 06.12.2012, C-152/11, Odar gg. Bax­ter - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 12/392 So­zi­al­plan-Ab­fin­dung bei Be­hin­de­rung).
Zu die­ser Fra­ge muss­te jetzt auch das BAG Stel­lung neh­men.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 17.11.2015, 1 AZR 938/13 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts)