Source: https://www.hensche.de/diskriminierung-maennlicher-bewerber-im-schuldienst-lag-nuernberg-23.06.2019-7-sa-95-18-21-06-2019-15.59.html
Timestamp: 2020-04-01 21:26:31
Document Index: 57034549

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 3', '§ 7', '§ 11', '§ 8', '§ 15', '§ 8']

Diskriminierung männlicher Bewerber im Schuldienst? - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/147
Dis­kri­mi­nie­rung männ­li­cher Be­wer­ber im Schul­dienst?
Schu­len dür­fen ge­zielt weib­li­che Sport­lehr­kräf­te für den Sport­un­ter­richt von Mäd­chen su­chen: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg, Ur­teil vom 20.11.2019, 7 Sa 95/18
21.06.2019. Vor mitt­ler­wei­le zehn Jah­ren hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass die Be­trei­ber ei­nes Mäd­chen­in­ter­nats ge­zielt nach Be­wer­be­rin­nen su­chen kön­nen, wenn die Stel­le ei­ner Er­zie­he­rin zu be­set­zen ist.
Denn Er­zie­he­rin­nen müs­sen in ei­nem In­ter­nat auch nachts auf dem Pos­ten sein, d.h. sie müs­sen not­falls die Schlaf­sä­le be­tre­ten und dort nach dem Rech­ten se­hen (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/091 BAG be­stä­tigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mäd­chen­in­ter­nat).
In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg noch ei­nen drauf­ge­setzt und ent­schie­den, dass Schul­trä­ger ge­zielt nach weib­li­chen bzw. männ­li­chen Sport­lehr­kräf­ten su­chen kön­nen, wenn sie Jun­gen durch Sport­leh­rer und Mäd­chen durch Sport­leh­re­rin­nen un­ter­rich­ten las­sen wol­len: LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 20.11.2019, 7 Sa 95/18.
Dürfen Schu­len Leh­rer­stel­len ge­zielt für männ­li­che oder weib­li­che Lehr­kräfte aus­schrei­ben?
Im Streit: Männ­li­cher Sport­leh­rer be­wirbt sich oh­ne Er­folg auf ei­ne Stel­len­aus­schrei­bung, mit der nach ei­ner „Fach­leh­re­rin Sport“ ge­sucht wird
LAG Nürn­berg: Schu­len dürfen ge­zielt weib­li­che Sport­lehr­kräfte für den Sport­un­ter­richt von Mädchen su­chen
Be­nach­tei­li­gun­gen im Be­rufs­le­ben aus Gründen des Ge­schlechts sind ge­setz­lich ver­bo­ten, ins­be­son­de­re bei der Be­wer­bung um of­fe­ne Stel­len und bei der Stel­len­ver­ga­be, vgl. § 1, § 2 Abs.1 Nr.1, § 3 Abs.1 und § 7 Abs.1 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG).
Im All­ge­mei­nen müssen Ar­beit­ge­ber da­her bei der Aus­schrei­bung of­fe­ner Stel­len dar­auf ach­ten, dass die Stel­len­aus­schrei­bung ge­schlechts­neu­tral for­mu­liert ist, so dass sich nicht nur Männer oder nur Frau­en von der Aus­schrei­bung an­ge­spro­chen fühlen (§ 11 AGG). Ein Ver­s­toß ge­gen die Pflicht zur ge­schlechts­neu­tra­len Stel­len­aus­schrei­bung ist da­her in der Re­gel ei­ne un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung.
Wie bei je­der Re­gel gibt es auch hier Aus­nah­men: Wenn das Ge­schlecht we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder we­gen der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ ist, darf der Ar­beit­ge­ber ge­zielt nach Männern oder Frau­en su­chen (§ 8 Abs.1 AGG). Sol­che Aus­nah­me­be­ru­fe sind z.B. weib­li­che oder männ­li­che Rol­len an der Oper, am Thea­ter oder im Film, Mit­glie­der ei­nes Frau­en- oder Männer­teams im Pro­fi­sport oder auch weib­li­che oder männ­li­che Mo­dels in der Wer­be­bran­che.
Ab­ge­se­hen von die­sen - ziem­lich kla­ren - Fällen be­steht aber auch bei an­de­ren Be­ru­fen nach der Recht­spre­chung die Möglich­keit, Stel­len ge­zielt für Männer oder Frau­en aus­zu­schrei­ben. Das ist z.B. der Fall
bei Er­zie­he­rin­nen in ei­nem Mädchen­in­ter­nat, wenn die per Stel­len­aus­schrei­bung ge­such­te Er­zie­he­rin u.a. die Auf­ga­be hat, nachts in Schlafsälen die Auf­sicht zu führen (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/091 BAG bestätigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mädchen­in­ter­nat),
bei ei­ner Ge­mein­de-Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten, de­ren Haupttätig­keit in der Be­ra­tung von Frau­en in spe­zi­el­len Pro­blem­la­gen be­steht (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/066 Stel­len­aus­schrei­bung nur für Frau­en), oder
bei Frau­en als Au­to­verkäufe­r­in­nen, die ein bis­her männer­ge­prägtes Au­to­haus verstärken und die weib­li­che Kund­schaft be­treu­en sol­len (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/292 Frau­enförde­rung durch Kölner Au­to­haus).
Da­ge­gen war es nicht rech­tens,
dass ein mit­telständi­sches Un­ter­neh­men über ei­ne An­walts­kanz­lei per Zei­tungs­an­non­ce nach ei­nem „Geschäftsführer“ sucht (wir be­rich­te­ten Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/183 Geschäftsführer: Dis­kri­mi­nie­rung durch Stel­len­aus­schrei­bung), und
dass die Ber­li­ner Zei­tung „Die Ta­ges­zei­tung“ (taz) vor ei­ni­gen Jah­ren ein­mal Vo­lontärstel­le nur für Frau­en mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund aus­ge­schrie­ben hat (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/214 Dis­kri­mi­nie­rung von Männern bei der Ber­li­ner taz).
In ei­ner Grau­zo­ne be­wegt sich der Sport­un­ter­richt an Schu­len und in Ver­ei­nen, d.h. die Tätig­keit ei­ner Lehr­kraft bzw. ei­nes Trai­ners/Coa­ches, der/die Schüler bzw. Sport­ler des je­weils ei­ge­nen Ge­schlechts be­treu­en soll.
Für die Möglich­keit, ge­zielt nach weib­li­chen bzw. männ­li­chen Lehr­kräften zu su­chen je nach­dem, ob es um die Be­treu­ung von Mädchen oder Jun­gen geht, spricht die Re­spek­tie­rung des Scham­gefühls der Schüle­rin­nen und Schüler. Denn körper­li­che Berührun­gen las­sen sich beim Sport­un­ter­richt kaum ver­mei­den, und die sind nun ein­mal un­kom­pli­zier­ter bei ei­ner Be­treu­ung durch ei­ne gleich­ge­schlecht­li­che Lehr­kraft.
Ge­gen die Möglich­keit ei­ner ge­schlechts­spe­zi­fi­schen Ein­stel­lungs­pra­xis spricht, dass der Sport­un­ter­richt da­mit in die Nähe des Ver­kaufs von Un­terwäsche und Ba­de­be­klei­dung gerückt wird oder gar in die Nähe der Per­so­nen­kon­trol­le an Si­cher­heits­schleu­sen. Sport­leh­rer und Sport­leh­re­rin­nen ha­ben aber nicht die Auf­ga­be, ih­re Schütz­lin­ge ab­zu­tas­ten oder an ih­rer Be­klei­dung „her­um­zu­fum­meln“, wie das für die Tätig­keit ei­nes Per­so­nen­kon­trol­leurs oder ei­ner Be­klei­dungs­verkäufe­r­in ty­pisch ist.
Ein baye­ri­scher Pri­vat­schulträger, der ei­ne Schu­le mit den Klas­sen­stu­fen 1 bis 13 be­treibt, such­te 2017 ge­zielt nach ei­ner „Fach­leh­re­rin Sport (w)“.
Ein männ­li­cher Sport­leh­rer be­warb sich um die Stel­le, wur­de ab­ge­lehnt und klag­te auf Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung gemäß § 15 Abs.1 und 2 AGG.
Das Ar­beits­ge­richt Nürn­berg wies sei­ne Kla­ge ab (Ur­teil vom 01.02.2018, 16 Ca 3627/17), da es mein­te, der Kläger könne nicht al­le fach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die aus­ge­schrie­be­ne Stel­le vor­wei­sen.
Auch in der Be­ru­fung vor dem LAG Nürn­berg hat­te der Kläger kei­nen Er­folg. Das LAG wies sei­ne Be­ru­fung zurück.
Denn dass Sport­leh­rer und Schüler bzw. Sport­leh­re­rin­nen und Schüle­rin­nen dem glei­chen Ge­schlecht an­gehören, ist, so je­den­falls das LAG, ei­ne „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ an den Be­ruf des Sport­leh­rers gemäß § 8 Abs.1 AGG. Von dem „pas­sen­den“ Ge­schlecht der Lehr­kraft hängt da­mit nach An­sicht des Ge­richts „die ord­nungs­gemäße Durchführung der Tätig­keit, al­so vor al­lem des Sport­un­ter­richts“ ab (Ur­teil, S.6).
Zur Be­gründung ver­weist das Ge­richt dar­auf, dass der Sport­un­ter­richt durch ei­ne be­son­de­re Körper­lich­keit ge­prägt sei, und dass körper­li­che Kon­tak­te zwi­schen Lehr­kraft und Schülern un­ver­meid­lich sei­en, ins­be­son­de­re bei Hil­fe­stel­lun­gen am Bar­ren oder Reck, d.h. beim Geräte­tur­nen.
Die­se Hil­fe durch den Sport­leh­rer be­schränkt sich, so das LAG,
„nicht nur auf den Schul­ter-und Arm­be­reich. Viel­mehr er­streckt sie sich, z.B. beim Tur­nen am (Stu­fen)Reck oder (Stu­fen)Bar­ren auch auf das Gesäß. Dies kann für bei­de Sei­ten - den Schüler wie den Leh­rer - un­an­ge­nehm sein. (Ur­teil, S.6 f.)“
Ergänzend führt das LAG aus, dass das Scham­gefühl bei Mädchen in der Pu­bertät stärker wer­de,
„was ei­ner­seits da­zu führt, dass körper­li­che Berührun­gen durch das an­de­re Ge­schlecht schnel­ler als un­an­ge­mes­sen emp­fun­den wer­den, an­de­rer­seits sol­chen Berührun­gen ei­ne Be­deu­tung zu­ge­mes­sen wer­den kann, die we­der be­ab­sich­tigt ist noch ob­jek­tiv über den Zweck der Hil­fe­stel­lung hin­aus­geht“ (Ur­teil, S.7).
Kri­tisch ist an­zu­mer­ken, dass das Ge­richt mit die­sen Aus­sa­gen das Prin­zip der Ko­edu­ka­ti­on von Jun­gen und Mädchen im Rah­men des Sport­un­ter­richts grundsätz­lich in­fra­ge stellt. Die­ses Prin­zip wird al­ler­dings nicht in al­len Bun­desländern in glei­cher Wei­se um­ge­setzt, so ins­be­son­de­re nicht in Bay­ern, wo gemäß dem staat­li­chen Lehr­plan der sog. Ba­sis­sport­un­ter­richt nach Ge­schlech­tern ge­trennt durch­geführt wer­den soll.
Fa­zit: Das Ge­richt hat das „Um­klei­de­ka­bi­nen-Ar­gu­ment“ aus­drück­lich zurück­ge­wie­sen und ist bei sei­ner Ent­schei­dung da­her da­von aus­ge­gan­gen, dass Lehr­kräfte im Rah­men ih­rer Auf­sichts­pflicht nur äußerst sel­ten die Um­klei­deräume be­tre­ten müssen. Da­her stellt das Ge­richt kon­se­quen­ter­wei­se aus­sch­ließlich auf die ei­gent­li­che be­ruf­li­che Tätig­keit ab, d.h. auf die Durchführung des Sport­un­ter­richts.
An die­ser Stel­le lau­tet die Kern­aus­sa­ge des LAG, dass Jun­gen nur von männ­li­chen und Mädchen nur von weib­li­chen Sport­lehr­kräften un­ter­rich­tet wer­den können. Ob die­se Aus­sa­ge vor dem BAG Be­stand ha­ben wird, ist zwei­fel­haft. Kon­se­quent wei­ter­ge­dacht dürf­te es dann auch kei­ne an­ge­stell­ten Frau­enärz­te oder Mas­seu­re ge­ben, die weib­li­che Pa­ti­en­ten bzw. Kli­en­ten be­treu­en.
Das Ur­teil ist noch nicht rechts­kräftig, da das LAG die Re­vi­si­on zum BAG zu­ge­las­sen hat, die der Leh­rer in­zwi­schen auch ein­ge­legt hat (Ak­ten­zei­chen des BAG: 8 AZR 2/19).
Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg, Ur­teil vom 20.11.2019, 7 Sa 95/18
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/330 Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en bei der Be­wer­bung
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/347 Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Ge­schlechts auf­grund von Dienst­klei­dung?
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/036 Frau­en­quo­te im Ma­nage­ment
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/091 Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mädchen­in­ter­nat
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/088 Männ­li­che Er­zie­her im Mädchen­in­ter­nat?
Letzte Überarbeitung: 5. Januar 2020
11/076 Dis­kri­mi­nie­rung durch fal­sche An­re­de in Be­wer­bungs­ab­sa­ge?
18.04.2011. Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) soll un­ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gun­gen (Dis­kri­mi­nie­run­gen) im Be­rufs­le­ben ver­hin­dern, wenn die­se aus be­stimm­ten, im Ge­setz ge­nann­ten ...
10/066 Stel­len­aus­schrei­bung nur für Frau­en
07.04.2010. Nach ei­ner Ent­schei­dung des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG) kann für die Stel­le ei­nes Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten zu­läs­si­ger­wei­se aus­schließ­lich ei­ne Frau ge­sucht wer­den, wenn ...
09/091 Bun­des­ar­beits­ge­richt be­stä­tigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers fü...
29.05.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat be­stä­tigt, dass der Trä­ger ei­nes Gym­na­si­ums bei der Be­set­zung ei­ner Er­zie­her­stel­le für ein von ihm be­trie­be­nes Mäd­chen­in­ter­nat die Be­wer­be­r­aus­wahl ...
08/088 Männ­li­che Er­zie­her im Mäd­chen­in­ter­nat?
01.08.2008. In Stel­len­aus­schrei­bun­gen darf nicht ge­zielt nach Män­nern oder Frau­en ge­sucht wer­den, denn das wä­re ei­ne ver­bo­te­ne ge­schlechts­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­rung. An­ders ist es aber dann, wenn ...