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Timestamp: 2020-07-05 20:15:45
Document Index: 142218692

Matched Legal Cases: ['§ 27', '§ 34', '§ 42', '§ 42', '§ 1666', '§ 9']

socialnet Rezensionen: Stefanie Kirchhart: Inobhutnahme in Theorie und Praxis | socialnet.de
Stefanie Kirchhart: Inobhutnahme in Theorie und Praxis
Stefanie Kirchhart: Inobhutnahme in Theorie und Praxis. Grundlagen der stationären Krisenintervention in der Jugendhilfe und empirische Untersuchung in einer Inobhutnahmeeinrichtung für Mädchen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2008. 254 Seiten. ISBN 978-3-7815-1595-6. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 54,00 sFr.
Die Autorin ist Diplompädagogin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und absolvierte eine Weiterbildung im Bereich Sozialmanagement. Sie hat in ihrer Dissertation die Hintergründe der sogenannten „Mädchenhausbewegung“ dargelegt und eine empirische Untersuchung der Klientinnen einer anonymisierten „Mädchenzuflucht“ durchgeführt. Die vorläufige Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen in Notsituationen wurde zwar schon von anderen Autoren untersucht, Frau Kirchhart will sich aber durch die Eingrenzung auf ihr besonderes Klientel von diesen Erhebungen absetzen.
Zunächst werden „institutionelle und konzeptionelle Grundlagen der stationären Krisenintervention in der Heimerziehung“ dargelegt,
es folgt eine „fachwissenschaftliche Betrachtung und Anforderungen an die Hilfegestaltung“,
dann der empirische Teil, in dem Klientinnen der „Mädchenzuflucht“ erfasst wurden.
„Schlussfolgerungen für die pädagogische Praxis“ runden die Darstellung ab.
Inhalte mit Diskussion
Die Ausführungen beginnen mit einer Beschreibung der rechtlichen Grundlagen der stationären Heimerziehung, insbesondere die Voraussetzungen des § 27 i.V.m. §§ 34 ff. und § 42 SGB VIII werden dargelegt. § 42 SGB VIII regelt die vorläufige Unterbringung. Das Jugendamt ist verpflichtet, ein Kind oder Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn das Kind oder der / die Jugendliche darum bitten und zwar in Eil- oder Notfällen auch ohne oder gegen den Willen des Personensorgeberechtigten. Dabei kommt es nicht darauf an, ob objektiv eine Notlage des Minderjährigen vorliegt, es genügt, dass subjektiv, d.h. aus der Sicht des Minderjährigen, ein Schutzbedürfnis besteht. Es müssen also rund um die Uhr sozialpädagogische Angebote der Inobhutnahme zur Verfügung stehen. Die Personensorgeberechtigten sind von der Inobhutnahme sofort zu unterrichten. Widersprechen sie der Unterbringung, ist das Kind beziehungsweise der / die Jugendliche dem Erziehungsberechtigten unverzüglich zu übergeben oder bei Verdacht auf Gefährdung des Kindeswohles gem. § 1666 BGB eine Entscheidung des Familiengerichts herbeizuführen.
In diesem Zusammenhang merkt die Autorin kritisch an (S. 21 ff.), dass bei der Inobhutnahme auf das Geschlecht keine Rücksicht genommen wird, obwohl die Ausgangssituation für Mädchen und Jungen unterschiedlich ist und daher differenzierte Hilfe angeboten werden müsste. Kirchhart schließt sich der zitierten Meinung an, dass der spätere Eintritt in Hilfen von Mädchen kritisch zu werten sei, weil Hilfeangebote in diesen Fällen oft zu spät kommen, die Problemlagen sich also bereits so sehr manifestiert haben, dass ein Zugang zu den jungen Frauen nicht mehr gefunden werden kann (S. 39).
Dieser Missstand beruhe schon auf dem SGB VIII, da hier lediglich in § 9 Abs. 3 vorgeschrieben sei, die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen. Das Gesetz selbst differenziere ansonsten nicht zwischen den Geschlechtern. Offenbar fordert die Autorin mit dieser Kritik eine unterschiedliche Ausgestaltung der Hilfen für Mädchen und Jungen.
Weiterhin kritisiert die Verfasserin, dass im „Bereich der Gleichstellung der Geschlechter nur geringe Fortschritte“ gemacht wurden und die (starke) Stellung der Eltern im Hilferecht „nicht unbedingt förderlich für den Schutz von Mädchen und Jungen ist, welche ihre Familien aufgrund massiver Gewalterfahrungen verlassen“. Das Gesetz gehe davon aus, das der beste Ort der Sozialisation die Familie sei. Dabei werde aber die Existenz problematischer Familienstrukturen weitestgehend negiert (S. 22). Welche Änderungen die Autorin sich im Einzelfall vom Gesetzgeber wünscht, legt sie hier noch nicht dar, sie fordert aber eine eigenständige Förderung der Mädchenarbeit, die weniger auf die Familie (systemisch) ausgerichtet ist.
In diesem Zusammenhang zitiert Kirchhart Literaturstellen, welche eine geschlechtsspezifische Hilfeeinrichtungen für Mädchen fordern. Zudem bezieht sie sich auf eine Literaturstelle von 1993, in der das Fehlen einer einheitlichen Statistik zum Klientel von Inobhutnahmeeinrichtungen bemängelt wird. Allerdings hat es offenbar seit dieser Zeit auch keine wesentlichen Änderungen diesbezüglich gegeben.
Sodann wird die Hilfe der Inobhutnahme näher untersucht. Die Verfasserin macht allgemeine Angaben über die Nutzung der Inobhutnahme, legt regionale Unterschiede bei dem Angebot dieser Hilfe dar, stellt unterschiedliche Konzeptionen und Anforderungen an Inobhutnahmeeinrichtungen vor und beschreibt den Zugang zu dieser Hilfe in Krisensituationen. In diesem Teil der Arbeit stellt die Autorin die bislang erschienenen Untersuchungen zur Inobhutnahme vor und wertet sie aus. Leider fehlt eine umfassende Bewertung.
Ab S. 41 werden jugendspezifische Entwicklungsprobleme aufgezeigt. Die Verfasserin legt Gründe der Kinder und Jugendlichen dar, weshalb sie ihre Familien verlassen: Scheidung, unvollständige Familien, Suchtproblematik, massive Gewalterfahrung, Missbrauch und insbesondere Vernachlässigung. Auch in diesem Abschnitt wird die vorhandene Literatur umfassend ausgewertet. Kirchhart zitiert Meinungen, nach denen Mädchen und Jungen ähnlich zufrieden mit sich und ihrer Umwelt sind, Mädchen sich aber als verletzlicher erleben und ihre Beziehung zu den Eltern als weniger zufriedenstellend beschreiben. Auch würden sie ihre Leistungsfähigkeit skeptischer als Jungen einschätzen. Sie sind gleichzeitig engagierter in sozialen Kontakten, mitfühlender und hilfsbereiter als Jungen, aber in ihren Verarbeitungsstrategien pessimistischer. Die Autorin schließt sich offenbar dem Ergebnis einer Studie des BMFSFJ aus dem Jahre 1998 an, dass Mädchen in der Regel nicht weniger Probleme haben, diese aber später bemerkt und als problematisch erkannt werden.
Ab S. 52 wendet Kirchhart sich der feministischen Mädchenarbeit zu. Dabei rückt sie die Mädchenhausbewegung in den Vordergrund und stellt dieses Konzept dar. Es werden aktuelle Ansätze der Mädchenarbeit aufgezeigt und die Bedeutung des Gender mainstreaming dargelegt. Die Autorin macht klar, dass eines der Grundprinzipien der Mädchenhausarbeit die Parteilichkeit sei. Ungleiche Bedingungen von Männern und Frauen, Jungen und Mädchen werden anerkannt und die Lebensbedingungen von Mädchen und ihre Benachteiligung besonders berücksichtigt. Weiterhin wird Wert auf Partizipation gelegt, die Mädchen sollen sich bei der Planung und Umsetzung von Angeboten einbringen. Am Ende dieses Abschnitts kommt die Autorin zu dem Schluss, dass die Mädchenarbeit nicht in die bestehende Jugendhilfe integriert ist und feministische Mädchenarbeit von der traditionellen Jugendhilfe eher abgewehrt wird (S. 59). Allerdings erkennt sie an, dass in den Jugendhilfeausschüssen zunehmend Fachfrauen für Mädchenarbeit sitzen.
In einem besonderen Kapitel betrachtet die Autorin die Lebensbedingungen von Migrantinnen, da Mädchen mit Migrationshintergrund zu einem hohen Anteil von Inobhutnahme betroffen sind.
Der zweite Teil der Untersuchung (ab S. 69 bis S. 84) widmet sich der fachwissenschaftlichen Betrachtung an die Hilfegestaltung. Die Autorin stellt unterschiedliche Konzepte der Sozialisation vor und diskutiert anschließend die Anforderungen an die Hilfegestaltung: Diagnose, Anforderungen an die Arbeit in der Heimerziehung, der Krisenintervention in der Familie, der strukturellen Gestaltung von Einrichtungen. Dabei wird die Problematik aus der Sicht unterschiedlicher Modelle und Konzepte betrachtet. Am Ende dieses Teils werden Mädchenzufluchten ausführlich beschrieben und analysiert und unter dem Aspekt der unterschiedlichen Methoden der Sozialarbeit analysiert.
Im dritten Hauptteil werden die Ergebnisse der eigenen Untersuchung der Autorin dargelegt. Sie hat umfangreiches Zahlenmaterial einer Einrichtung der Mädchenzuflucht zusammengetragen und ausgewertet. Zunächst stellt Kirchhart die Instrumente ihrer Untersuchung und Auswertung vor. Dann werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung in vielen Schaubildern erläutert. Aus den theoretischen Grundlagen und den empirischen Ergebnissen lassen sich nach Kirchhart Konsequenzen für die pädagogische Praxis ableiten (ab S. 219).
So fordert sie ein eigenes Antragsrecht von Kindern und Jugendlichen auf erzieherische Hilfen. Zudem sollten die Kriterien für die Bewilligung von Hilfen im Gesetz konkreter gefasst und damit besser nachzuprüfen sein. Insbesondere ist auszuschließen, dass finanzielle Aspekte bei der Entscheidung für die Hilfengestaltung eine Rolle spielen. Die Hilfen sollten für Mädchen geschlechtsspezifisch ausgestaltet werden und gegebenenfalls nicht am Sozialraum orientiert sein. Auf die Bedürfnisse von Migrantinnen sei besondere Rücksicht zu nehmen. Es sei zu überprüfen, ob die häufig systemisch angelegten Familienhilfen individuelle Bedürfnisse ausreichend berücksichtigen. Insbesondere die angestrebte Rückführung in die Familien bewertet sie als gelegentlich sehr problematisch. Zudem sollten Hilfen vermehrt über das 18. Lebensjahr hinaus gewährt und ambulante Begleithilfen großzügiger eingesetzt werden.
Gerade im ersten Teil, bei der Darstellung der Grundlagen der Heimerziehung, wird zur Begründung der Meinung der Autorin häufig auf ältere Untersuchungen zurückgegriffen. Dies kann damit entschuldigt werden, dass es offenbar wenig neuere Forschung auf diesem Gebiet gibt. Die Autorin hat damit eine Lücke entdeckt und einen gelungenen Beitrag abgegeben, um die Diskussion über die geschlechtsspezifischen Hilfen für Mädchen anzuregen.
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Ines Dernedde. Rezension vom 27.06.2010 zu: Stefanie Kirchhart: Inobhutnahme in Theorie und Praxis. Grundlagen der stationären Krisenintervention in der Jugendhilfe und empirische Untersuchung in einer Inobhutnahmeeinrichtung für Mädchen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2008. ISBN 978-3-7815-1595-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6806.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.