Source: https://www.hensche.de/Beweislast_Diskriminierung_Einstellung_Beweislast_fue_Diskriminierung_BAG_8AZR287-08.html
Timestamp: 2019-03-24 11:09:22
Document Index: 162443279

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 22', '§ 1']

Beweislast für Diskriminierung bei der Einstellung - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/119
Kei­ne Ent­schä­di­gung bei "Ver­wei­ge­rung" von In­for­ma­tio­nen über Mit­be­wer­ber
Ist es ein In­diz für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung, wenn der Ar­beit­ge­ber ab­ge­lehn­ten Be­wer­bern In­for­ma­tio­nen über die Aus­wah­l­ent­schei­dung ver­wei­gert?
Der Fall Ga­li­na Meis­ter: In Russ­land ge­bo­re­ne EDV-Spe­zia­lis­tin be­kommt mit Mit­te 40 ei­ne Stel­le als Soft­ware­ent­wick­le­rin nicht und fühlt sich dis­kri­mi­niert
BAG: Gibt der Ar­beit­ge­ber dem ab­ge­lehn­ten Be­wer­ber kei­ne Aus­kunft über sei­ne Aus­wah­l­ent­schei­dung, lässt dies al­lein noch kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten
Die Recht­spre­chung des EuGH zu der Fra­ge, ob ab­ge­lehn­te Stel­len­be­wer­ber ei­nen An­spruch auf Aus­kunft über die Aus­wah­l­ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers ha­ben, ist lei­der nicht be­son­ders klar.
Zwar hat der EuGH ei­nen sol­chen Aus­kunfts­an­spruch in zwei Ur­tei­len ein­deu­tig ver­neint (EuGH, Ur­teil vom 21.07.2011, C-104/10 - Kel­ly, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/199 Dis­kri­mi­nie­rung bei der Be­wer­bung: Kein An­spruch auf Aus­kunft über Mit­be­wer­ber bei Ab­leh­nung ei­ner Be­wer­bung; und EuGH, Ur­teil vom 19.04.2012, C-415/10 - Meis­ter, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/160 Aus­kunfts­an­spruch des ab­ge­lehn­ten Stel­len­be­wer­bers?). In bei­den Ur­tei­len hat der EuGH aber zu­gleich ge­sagt, dass die "Ver­wei­ge­rung" sol­cher In­for­ma­tio­nen als In­diz für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung ge­wer­tet wer­den könne.
In dem vom BAG ent­schie­de­nen Fall ging es um ei­ne in Russ­land ge­bo­re­ne Soft­ware­ent­wick­le­rin, Frau Ga­li­na Meis­ter, die sich mit et­wa 45 Jah­ren in Ham­burg oh­ne Er­folg um ei­ne Stel­le als Soft­ware­ent­wick­le­rin be­wor­ben hat­te. Nach­dem sie zwei­mal ei­ne Ab­sa­ge er­hal­ten hat­te, klag­te sie auf ei­ne Gel­dentschädi­gung und ver­lang­te außer­dem von dem Un­ter­neh­men Ein­sicht in die Be­wer­bungs­un­ter­la­gen ih­res er­folg­rei­chen Kon­kur­ren­ten, um ih­re Qua­li­fi­ka­tio­nen mit de­nen ih­res Kon­kur­ren­ten ver­glei­chen zu können.
Da­mit hat­te sie we­der vor dem Ar­beits­ge­richt Ham­burg (Ur­teil vom 11.04.2007, 12 Ca 512/06) noch vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ham­burg Er­folg (LAG Ham­burg, Ur­teil vom 09.11.2007, H 3 Sa 102/07).
2008 lan­de­te der Fall beim BAG, das den Pro­zess aus­setz­te und den EuGH frag­te, ob die eu­ropäischen An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­richt­li­ni­en so zu ver­ste­hen sind, dass ab­ge­lehn­te Stel­len­be­wer­ber Aus­kunft darüber ver­lan­gen können, ob der Ar­beit­ge­ber ei­nen an­de­ren Be­wer­ber ein­ge­stellt hat und wenn ja war­um bzw. auf­grund wel­cher Kri­te­ri­en (BAG, Be­schluss vom 20.05.2010, 8 AZR 287/08 (A) wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/115: Aus­kunfts­an­spruch für ab­ge­lehn­te Stel­len­be­wer­ber?).
Vor ei­nem Jahr kam dann die Ant­wort aus Lu­xem­burg: Nein, es gibt kei­nen Aus­kunfts­an­spruch, aber die "Ver­wei­ge­rung" von In­for­ma­tio­nen kann dem Ar­beit­ge­ber als Dis­kri­mi­nie­rungs­in­diz auf die Füße fal­len (EuGH, Ur­teil vom 19.04.2012, C-415/10 - Meis­ter, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/160 Aus­kunfts­an­spruch des ab­ge­lehn­ten Stel­len­be­wer­bers?). Vor die­sem Hin­ter­grund war of­fen, wie das BAG den Fall Meis­ter ent­schei­den würde.
Auf der Grund­la­ge der EuGH-Recht­spre­chung war die Entschädi­gungs­kla­ge ab­zu­wei­sen, so das BAG (dass kein klag­ba­rer An­spruch auf Aus­kunft be­stand, war in­fol­ge des EuGH-Ur­teils oh­ne­hin klar).
Denn Frau Meis­ter hat­te zwar vor Ge­richt auf ihr Ge­schlecht, ihr Al­ter und ih­re Her­kunft (Russ­land) hin­ge­wie­sen, je­doch nach An­sicht des BAG kei­ne aus­rei­chen­den In­di­zi­en im Sin­ne von § 22 AGG dar­ge­legt, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ver­mu­ten las­sen. Und auch die Ver­wei­ge­rung jeg­li­cher Aus­kunft durch den Ar­beit­ge­ber führ­te im vor­lie­gen­den Streit­fall nach Auf­fas­sung der Er­fur­ter Rich­ter nicht zu der Ver­mu­tung ei­ner un­zulässi­gen Be­nach­tei­li­gung Frau Meis­ters.
Fa­zit: Ver­wei­gert der Ar­beit­ge­ber ab­ge­lehn­ten Be­wer­bern In­for­ma­tio­nen über die Aus­wah­l­ent­schei­dung, lässt das erst ein­mal noch kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung ver­mu­ten. Dafür müssen wei­te­re In­di­zi­en hin­zu­kom­men.
Da das BAG sol­che wei­te­ren In­di­zi­en im Fall Meis­ter ver­neint, genügt es wohl auch nicht, dass man "die Stel­len­an­for­de­run­gen" erfüllt (denn das war bei Frau Meis­ter zwar der Fall, kann aber bei vie­len an­de­ren Be­wer­bern eben­so der Fall sein) oder dass man nicht zu ei­nem Vor­stel­lungs­gespräch ein­ge­la­den wird (denn da­zu ist der Ar­beit­ge­ber nicht ver­pflich­tet, auch wenn ein Be­wer­ber den Stel­len­an­for­de­run­gen ent­spricht).
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 20.05.2010, 8 AZR 287/08 (A) - Meis­ter