Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/wiedereinsetzung-fristenkontrolle-und-die-wichtigkeit-der-vorfrist-360874
Timestamp: 2020-07-02 10:27:21
Document Index: 5228451

Matched Legal Cases: ['§ 233', '§ 85', '§ 236', '§ 85', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 233', 'BGH', '§ 233', 'BGH', 'BGH', '§ 233', 'BGH', '§ 233']

Wiedereinsetzung, Fristenkontrolle und die Wichtigkeit der Vorfrist | Rechtslupe
Wie­der­ein­set­zung, Fris­ten­kon­trol­le und die Wich­tig­keit der Vor­frist
Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand ist nach § 233 ZPO zu gewäh­ren, wenn der Beschwer­de­füh­rer ohne sein Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Frist zur Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de ein­zu­hal­ten. Das Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ist dem Beschwer­de­füh­rer zuzu­rech­nen (§ 85 Abs. 2 ZPO). Die die Wie­der­ein­set­zung begeh­ren­de Par­tei hat die Anga­be der die Wie­der­ein­set­zung begrün­den­den Tat­sa­chen inner­halb der Wie­der­ein­set­zungs­frist glaub­haft zu machen (§ 236 Abs. 2 ZPO) [1]. Sie hat dabei ein für die Frist­ver­säu­mung ursäch­li­ches eige­nes Ver­schul­den oder das ihr nach § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­de Ver­schul­den aus­zu­räu­men. Ver­bleibt die Mög­lich­keit, dass die Ein­hal­tung der Frist durch ein Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Par­tei ver­säumt wor­den ist, ist der Antrag auf Wie­der­ein­set­zung unbe­grün­det [2].
Der Beschwer­de­füh­rer hat nicht hin­rei­chend dar­ge­legt und glaub­haft gemacht, dass die Ver­säum­nis der Frist zur Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de nicht auf einem Feh­ler sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bei der Bear­bei­tung der Sache oder auf einem Orga­ni­sa­ti­ons­man­gel in des­sen Kanz­lei zurück­zu­füh­ren ist.
Grund­sätz­lich ist ein Rechts­an­walt ver­pflich­tet, durch ent­spre­chen­de Orga­ni­sa­ti­on sei­nes Büros und die not­wen­di­gen Ein­zel­an­wei­sun­gen das Mög­lichs­te zu tun, um Feh­ler­quel­len bei der Behand­lung von Frist­sa­chen aus­zu­schlie­ßen [3]. Hier­zu gehört nach fest­ste­hen­der Recht­spre­chung die all­ge­mei­ne Anord­nung, dass jeden­falls bei sol­chen Pro­zess­hand­lun­gen, deren Vor­nah­me ihrer Art nach mehr als nur einen gerin­gen Auf­wand an Zeit und Mühe erfor­dert, wie dies regel­mä­ßig bei Rechts­mit­tel­be­grün­dun­gen der Fall ist, außer dem Datum des Frist­ab­laufs auch noch eine Vor­frist zu notie­ren ist [4]. Sie soll bewir­ken, dass dem Rechts­an­walt durch recht­zei­ti­ge Vor­la­ge der Akten auch für den Fall von Unre­gel­mä­ßig­kei­ten und Zwi­schen­fäl­len noch eine aus­rei­chen­de Über­prü­fungs- und Bear­bei­tungs­zeit ver­bleibt [5]. Es ist sicher­zu­stel­len, dass die Sache bei Ablauf einer Vor­frist stets einem Anwalt vor­ge­legt wird [6].
Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall kann nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass ein Bear­bei­tungs­feh­ler des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beschwer­de­füh­rers, die man­geln­de Notie­rung einer Vor­frist oder ande­re orga­ni­sa­to­ri­sche Män­gel in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beschwer­de­füh­rers für die Frist­ver­säu­mung jeden­falls mit­ur­säch­lich gewor­den sind.
Der Begrün­dung des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs lässt sich nicht ent­neh­men, dass in der Kanz­lei des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten in der vor­lie­gen­den Sache eine Vor­frist notiert und die Sache bei Ablauf der Vor­frist dem Anwalt vor­ge­legt wor­den ist. Es kann daher nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass dies gesche­hen ist. Wäre eine Vor­frist notiert und bei ihrem Ablauf die Sache dem Anwalt vor­ge­legt wor­den, so kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Ver­se­hen der Büro­an­ge­stell­ten am 13.02.2013 fol­gen­los geblie­ben wäre, weil die Akte bereits zuvor dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beschwer­de­füh­rers vor­lag und die­ser dar­auf­hin – ange­sichts der dar­in notier­ten Frist [7] und unab­hän­gig von der täg­li­chen Kon­trol­le des Fris­ten­ka­len­ders durch sei­ne Büro­an­ge­stell­te – die Beschwer­de­be­grün­dung recht­zei­tig dik­tiert bezie­hungs­wei­se erstellt, unter­schrie­ben und an die zustän­di­ge Büro­kraft zwecks Ein­rei­chung der Beschwer­de­be­grün­dung bei Gericht wei­ter­ge­lei­tet hät­te.
Der vor­ge­leg­ten eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Büro­an­ge­stell­ten und den vor­ge­leg­ten Kopien lässt sich ent­neh­men, dass auch im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beschwer­de­füh­rers all­ge­mein Vor­fris­ten notiert wer­den. Dafür, dass dies auch vor­lie­gend so gehand­habt wur­de – was aller­dings nicht vor­ge­tra­gen wor­den ist , könn­te spre­chen, dass die Beschwer­de­be­grün­dung bereits auf den 6.02.2013, das heißt eine Woche vor Ablauf der Begrün­dungs­frist, datiert ist.
Soll­te der Schrift­satz bereits am 6.02.2013 gefer­tigt und dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beschwer­de­füh­rers zur Unter­schrift vor­ge­legt wor­den sein, so wäre jeden­falls ein dem Beschwer­de­füh­rer zuzu­rech­nen­des anwalt­li­ches Ver­schul­den nicht aus­ge­räumt. Die­ses läge gege­be­nen­falls dar­in begrün­det, dass der – recht­zei­tig abge­fass­te – Schrift­satz auf­grund eines Feh­lers des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beschwer­de­füh­rers oder von Orga­ni­sa­ti­ons­män­geln in des­sen Kanz­lei "lie­gen geblie­ben" ist mit der Fol­ge, dass er bis zum Ablauf der Begrün­dungs­frist am 13.02.2013 bei Gericht nicht ein­ge­reicht wor­den ist. Inso­weit hat der Beschwer­de­füh­rer weder vor­ge­tra­gen noch glaub­haft gemacht, was nach recht­zei­ti­ger Fer­ti­gung der Beschwer­de­be­grün­dung am 6.02.2013 ver­an­lasst wor­den ist, um ihre fris­t­wah­ren­de Ein­rei­chung bei Gericht sicher­zu­stel­len.
Nach alle­dem ist nicht glaub­haft gemacht, dass der Beschwer­de­füh­rer ohne sein Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Frist zur Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de ein­zu­hal­ten.
vgl. BGH, Beschluss vom 03.11.2010 – XII ZB 177/​10, NJW-RR 2011, 385 Rn. 12 f mwN[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 04.10.1988 – VI ZB 12/​88, BGHR ZPO § 233 Fris­ten­kon­trol­le 8 und vom 19.11.1997 – VIII ZB 33/​97, BGHR ZPO § 233 Fris­ten­kon­trol­le 59[↩]
BGH, Beschluss vom 19.03.2008 – III ZB 81/​07, Beck­RS 2008, 06348 Rn. 5; BGH, Beschlüs­se vom 09.06.1994 – I ZB 5/​94, NJW 1994, 2831; vom 06.07.1994 – VIII ZB 26/​94, NJW 1994, 2551, 2552; und vom 25.09.2003 – V ZB 17/​03, FamRZ 2004, 100; Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, 4. Aufl., § 233 Rn. 64[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 06.07.1994 aaO und vom 25.09.2003 aaO; Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein aaO[↩]
Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein aaO mwN[↩]
zur Fris­ten­no­tie­rung in den Hand­ak­ten vgl. Zöller/​Greger, ZPO, 29.. Aufl., § 233 Rn. 23 "Fris­ten­be­hand­lung" mwN[↩]
Aus­gangs­kon­trol­le fris­t­wah­ren­der Schrift­stü­cke Die Aus­gangs­kon­trol­le fris­t­wah­ren­der Schrift­sät­ze muss sich ent­we­der – für alle Fäl­le – aus einer all­ge­mei­nen Kanz­lei­an­wei­sung oder – in einem Ein­zel­fall – aus einer kon­kre­ten…
AnwaltsverschuldenFristenkontrolleVorfristWiedereinsetzungZivilprozess