Source: http://agiw.fak1.tu-berlin.de/Cricetus/C10.html
Timestamp: 2017-07-26 14:30:54
Document Index: 49443531

Matched Legal Cases: ['Art. 75', 'Art. 5', 'Art. 33', 'Art. 12', 'Art. 3', 'Art. 33', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33']

Alte_und_neue_Wege_zur_Professur
Probleme alter und neuer Wege zur Professur.
Zu einer Diskussionsveranstaltung über die beruflichen Perspektiven von Juniorprofessoren nach der Nichtigerklärung der 5. Hochschulrahmenrechtsnovelle durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 27. Juli 2004.
Von Christian Gizewski.
Im folgenden sind Überlegungen zusammengefaßt, die der Autor in einer Diskussionsveranstaltung im Rahmen der 'Zeit-Chancen-Dialoge' am 31. 1. 2005 in der 'Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung' in Berlin über 'Neue Wege zur Professur' als Podiums-Diskutant vortrug. Nachträglich sind einige Bemerkungen über die Diskussion (eingerückt) und einige Materialien hinzugefügt.
Kernthesen dieses Diskussionsbeitrags sind folgende:
1) Nach der Entscheidung des Bundesverfassunsgerichts vom 27. Juli 2004 ist das Konzept der Bundesregierung, den Weg der Qualifiktion zum Professorenamt bundeseinheitlich zu regeln und dabei die Habilitation als Qualifikationsmodus auszuschließen, gescheitert. Das bedeutet u. a., daß Juniorprofessoren nach Abschluß ihrer Qualifikation künftig in voller Konkurrenz zu solchen Wissenschaftlern stehen werden. die ihre Professorabilität über das Habilitationsverfahren nachgewiesen haben. Auch eine Sonderbehandlung gewesener Juniorprofessoren gegenüber ihren habilitierten Kollegen nach Abschluß des Qualifikationsweges - etwa durch Landesgestzgeber oder Landeswissenschaftsverwaltungen oder Hochschulen, die das Modell der 'Juniorprofessur weiterhin besonders favorisieren, - erscheint nach den Ausführungen des Bundesverfassunsggerichts verfassungsrechtlich nicht hinnehmbar.
2) Juniorprofessoren, soweit sie sich generell Sorge um die Art ihres Karrieremodus machen, sollten vielmehr gemeinsam mit ihren habilitierten Kollegen, die dies tun, darüber nachdenken, wie sie der allgemein prekären Lage nicht in Dauerstellen eingestellter professorabler Wissenschaftler durch Auklärungsaktionen und sinnvolle generelle politische Empfehlungen und Forderungen auf Bundes- und auf Länder-Ebene entgegentreten können. 3) Der Bund und die Länder sollten sich verpflichtet sehen, derartige Anregungen aufzugreifen. Sie sollten dabei u. a. - aus Verfassungs- und aus wissenschaftspoltischen Gründen - von einem rücksichtslos-einseitigen Modell wie dem der 'Juniorprofessur' Abstand nehmen und die heute bestehenenden Formen der Mittelbaustellen und der Habilitation, was Status und Ausstattung betrifft, auf die Standards bringen, die bisher nur für 'Juniorprofessoren' vorgesehen waren.
Die Diskussionsveranstaltung kam auf Initiative eines Arbeitskreises der nach dem 5. HRG und dem entsprechenden Berliner Landesrecht in den letzten Jahren an der Humboldt-Universität Berlin zahreich eingestellten 'Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter' zustande (Kontakt: Dr. Thomas Sikor, HU Berlin, Luisenstr. 56, 10117 Berlin, EP: tthomas.sikor@rz.hu-berlin.de). Sie war wie folgt angekündigt:
"NEUE WEGE ZUR PROFESSUR: Juniorprofessoren und Nachwuchsgruppenleiter in der Sackgasse?
Die Podiumsdiskussion möchte einen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion alternativer Qualifikationswege für Nachwuchswissenschaftler/innen liefern. Politik und Förderorganisationen haben mit der Juniorprofessur und Nachwuchsgruppen neue Möglichkeiten für die Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses geschaffen. Universitäten und Forschungsorganisationen haben seit mehreren Jahren Juniorprofessuren eingerichtet und Nachwuchsgruppen angeworben. Die steigende Anzahl von Juniorprofessoren/innen und Nachwuchsgruppenleiter/innen an deutschen Universitäten und Forschungsorganisationen wirft allerdings die Frage nach der Nachhaltigkeit der neuen Qualifikationswege auf.Welche längerfristigen Perspektiven haben Juniorprofessoren/innen und Nachwuchsgruppenleiter/innen an deutschen Universitäten und Forschungsinstituten?"
Als Diskutanten für das Podium waren vorgesehen: Martin Spiewak (Wissenschaftsredaktion 'Die ZEIT', Moderator), Katharina Landfester (Junge Akademie, Kurzreferat), Beate Scholz (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Kurzreferat), Norbert Bensel (Vorstand Personal der 'Deutsche Bahn AG' und Mitglied der Initiative "an morgen denken"), Christof Dame, Juniorprofessor an der Charité/Humboldt-Universität Berlin), Lorraine Daston (Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und vormals Mitglied der Expertenkommission Reform des Hochschuldienstrechts), Christian Gizewski (Mitglied im Arbeitskreis habilitierter oder ähnlich qualifizierter Wissenschaftler in Berlin") und Hans-Jürgen Prömel (Vizepräsident der Humboldt-Universität Berlin). Frau Scholz und Herr Bensel waren an der Teilnahme verhindert.
23. 2. 2005 D. Hg.
I. Zu den Auswirkungen des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 2004 auf die beruflichen Perspektiven heutiger Juniorprofessoren.
Mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 27. Juli 2004 ist die im Bereich der Wissenschaft von Anfang an im Hinblick auf ihre wissenschaftliche Zweckmäßigkeit und verfassungsmäßige Berechtigung stark umstrittene Bemühung der derzeitigen Bundesregierung (siehe dazu ggf. einen Aufruf des Deutschen Hochschulverbandes d. J. 2001 oder eine Denkschrift wie: C. Gizewski, Zur wissenschaftlich und verfassungsmäßig problematischen 'Neuordnung' der 'Personalstruktur' der Hochschulen und der 'Qualifizierungsverfahren für den wissenschaftlichen Nachwuchs'), im Wege eines Hochschulrahmengesetzes nach Art. 75 GG eine 'bundeseinheitliche Reform' des Hochschuldienstrechts und der Qualifikationsverfahren für den wissenschaftlichen Nachwuchs an den bundesdeutschen Hochschulen durchzusetzen, gescheitert. Das gesamte 5. Gesetz zur Änderung des Hochschulrahmengesetzes und anderer Vorschriften (5. HRGÄndG) vom 16. Februar 2002 (Bundesgesetzblatt Teil I Seite 693) sei mit Artikel 70, Artikel 75 in Verbindung mit Artikel 72 Absatz 2 des Grundgesetzes unvereinbar und nichtig, stellte das Gericht fest.
Das Bundesverfassungsgericht hat in den umfänglichen Ausführungen dieser für die künftige Hochschulpolitik und -gesetzgebung in Deutschland über das konkrete Streitthema hinaus grundsätzlich wichtigen verfassungsgerichtlichen Entscheidung u. a. - um den hier am meisten interessierenden Punkt gleich anzusprechen - klargestellt, daß der Bundesgesetzgeber nicht die verfassungsmäßige Kompetenz habe, den für das Hochschulwesen primär zuständigen Bundesländern ein ganz bestimmtes Verfahren zur Professorenqualifikation vorzuschreiben und damit andere dafür bisher landesrechtlich vorgesehene oder auch später einzuführende Verfahren - insbesondere das der traditionell üblichen 'Habilitation' auszuschließen. Die Absicht des für die 'Hochschulrechtsreform 2002' hauptverantwortlichen Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft, die Habilitation als ein für das ministeriell konzipierte 'neue Modell' der Professorenqualifikation, nämlich über den Weg einer 'Juniorprofessur', bedrohliches 'Konkurrenzmodell praktisch auszuschalten - und so auch in ihrem wissenschaftlichen Ansehen radikal zu entwerten -, ist damit jedenfalls auf dem Wege der Bundesrahmengesetzgebung nicht mehr 'durchsetzbar'.
Dies dürfte aber auch für die in diese Richtung immerhin noch denkbare, für den Regelungsgegenstand formell zuständige Landesgesetzgebung weitgehend zutreffen. Denn selbst wenn es als praktische Folge wider Erwarten eine Zeitlang einige Bundesländer geben sollte, in denen gemäß den Grundgedanken der bisher gültigen, nun insgesamt für nichtig erklärten 5. Hochschulahmenrechtsnovelle die 'Habilitation' als Professorenqualifiktionsverfahren zugunsten eines 'Junior-Professur'-Modells zunächst 'abgeschafft' bliebe, so ist doch zu erwarten, daß es - im Hinblick auf weitere Verfassungsbedenklichkeiten solcher landesrechtlichen Regelungen - dann zu weiteren rechtsgrundsätzlichen Gerichtsverfahren vor obersten Gerichten und evtl. wieder vor dem Bundesverfassungsgericht - und dort vor allem zu Verfassungsbeschwerden - kommen würde.
Denn verfassungswidrig dürften auch Landesgesetze oder sonstige landesrechtliche Normen zu diesem Gegenstand sein,
wenn sie bestimmte Professorenqualifikationsverfahren, die im Wissenschaftsbereich autonom eingeführt und anerkannt sind und als wesentliche Elemente institutioneller und persönlicher Wissenschaftsfreiheit (Art. 5, Abs. 3 GG) gelten müssen - wie die Habilitation - , rechtlich oder de facto ihrer wesentlichen Funktion nach ausschlössen;
wenn sie Träger der auf diese Weise erworbenen Professorenqualifikation bei der Besetzung von Stellen im Hochschulbereich durch Absehen von ihrer verfahrensmäßig nachgewiesenen Qualifikation in der Rangfolge wissenschaftlichen Ansehens rechtlich oder faktisch ungerechtfertigt nachhaltig degradierten und damit gegen das Recht auf gleichen Zugang zu allen öffentlichen Ämtern nach Fähigkeit und Leistung (Art. 33, Abs. 2 GG) verstießen;
wenn sie in unangemesser Beschränkung der Freiheit der Berufswahl (Art. 12, Abs. 1 GG) festlegten, daß es innerhalb der Korporation 'Universität' keine nicht-verbeamteten Wege zum Professorenamt - wie die Privatdozentur und die apl. Professur - mehr gäbe;
wenn sie es im Widerspurch zum Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 GG) und zum Recht auf gleichen Zugang zu allen öffentlichen Ämtern (Art. 33, Abs. 2 GG) ermöglichten oder gar förderten, daß bestimmte Gruppen für das Professorenamt Qualifizierter oder sich Qualifizierender im Vergleich zu anderen Gruppen nach Fähigkeiten und Leistungen generell vergleichbarer oder gar besser qualifizierter Wissenschaftlern bei der Vergabe von Mitteln, bei der Festlegung der wahlrechtlichen Stellung, bei der Besetzung von Stellen - etwa durch Hausberufungen oder die Einstellung in anwartschaftsähnliche Zwischenstellungen auf dem Wege zu einer Hausberufung ('tenure track') oder in anderen wichtigen beruflichen Belangen - bevorzugt würden.
Das Bundesverfassungsgericht hat derartige materiellrechtliche Verfassungsbedenken gegenüber den Grundideen des gescheiterten Konzepts der Bundesregierung in seiner Entscheidung kurz angesprochen, wenn es etwa ausführt , daß "die Neugestaltung der Personalstruktur mit den Regelungen über die Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses, die Gruppenhomogenität in der akademischen Selbstverwaltung, die Möglichkeit von Hausberufungen und über das Verfahren, die wissenschaftliche und pädagogische Eignung des Lehrpersonals festzustellen, in elementarer Weise die Ordnung und den inneren Aufbau der Hochschulen" betreffe. Am Schluß seiner Urteilsbegründung hat das Gericht ferner auch einen hochschulgesetzgeberischen Gestaltungsspielraum der Länder verfassungsmäßig begrenzt gesehen, wenn es ausführt, es sei die Aufgabe der Länder, eine Entscheidung über die Aufnahme vom Bund im Rahmen seiner begrenzten hochschulrahmenrechtlichen Kompetenzen gegebener Konzepte und Anreize "unter Beachtung der grundrechtlichen Bindungen insbesondere aus Art. 5 Abs. 3 GG herbeizuführen". (Hervorhebungen vom Verfasser; siehe Entscheidung S. 112 und S. 153). Das Bundesverfassunsgericht macht mit beiden Bemerkungen erkennbar, daß es sich nach seiner Auffassung bei den Regelungen des zunächst nur aus Gründen der Kompetenzüberschreitung für nichtig erklärten Bundesgesetzes auch um materiell-verfassunsgrechtlich prinzipiell unzulässige gesetzgeberische Eingriffe in den Kern der grundgesetzlich (Art. 5, Abs. 3 GG) geschützten Wissenschaftsautonomie der Hochschulen und Wissenschaftsfreiheit generell handeln könne. Ausführungen über die mögliche Verletzung individueller Grundrechte benachteiligter oder in ihrer beruflichen Entwicklung behinderter habilitierter Wissenschaftler durch die Anwendung des für nichtig erklärten Gesetz zu machen, hatte das Gericht bei der gegebenen Verfahrensart deshalb keinen Anlaß, weil es sich um ein Normenkontrollverfahren, nicht um eine Verfassungsgbeschwerde handelte.
Nicht nur bei juristischer, sondern auch bei wissenschafts- und hochschulpolitischer Betrachtung stellt sich in dieser Lage m. E., was die ursprünglich beabsichtigte gesetzgeberische Verdrängung der Habilitation betrifft, das gescheiterte Gesetzgebungsprojekt der Bundesregierung als Irrweg dar, der sowohl zur Vermeidung weiterer unnötiger Grundsatzkonflikte als auch im Interesse der Herbeiführung nötiger Rechtssicherheit für die Lebensplanung des wissenschaftlichen Nachwuchses bald aufgegeben werden sollte. Die Bundesregierung und alle bisherigen politischen und administrativen Unterstützer des gescheiterten Gesetzesprojekts sollten sich sinnvollerweise darauf einrichten, daß es auf Dauer die Habilitation als ein wissenschaftlich bewährtes und angesehenes Modell von erheblicher Bedeutung für die Professorenqualifikation in Konkurrenz zu dem noch recht neuen und bewährungsbedürftigen Professorierungsverfahren über eine 'Juniorprofessur' geben wird. Sie können nicht so tun, als bestehe die ursprünglich konzipierte Gesetzeslage fort; zum Beispiel darin, daß es ihnen weiterhin gestattet sei, dem Kreis der Juniorprofessoren als solchem künftig besondere Vorteile zuteilwerden zu lassen, die sie anderen Gruppen vergleichbar oder gar besser Qualifizierter nicht gewähren können oder gewähren wollen.
Auch Nachwuchswissenschaftler, welche den Weg der Professorenqualifikation über eine Juniorprofessur gewählt haben, müssen sich nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zumindest auf Dauer darauf einrichten, in gewissem Umfang - um mit dem ursprünglichen Titel der Diskussionsveranstaltung am 31. Jan. 2005 zu reden - in eine "berufliche Sackgasse" geraten zu sein: Die ihnen nach dem früher gültigen Bundesgesetz günstig und sicher erscheinenden Karrieremöglichkeiten werden außer bei denjenigen, denen sie vor dem Urteil des Gerichts bei einer Einstellung rechtlich bestandskräftig zugesagt worden sind, nicht mehr in der ursprünglich vom Bundesgesetzgeber konzipierten und deshalb ursprünglich auch erwartbaren 'exklusiven' Form zur Verfügung stehen. Die Inhaber solcher Stellen werden damit rechnen müssen, während ihrer Qualifikationsphase künftig prinzipiell nicht besser gestellt werden zu können als die prinzipiell gleich hochqualifizierten Inhaber der hochschulrechtlich fortbestehenden Qualifikationsstellen des Mittelbaus (wissenschaftliche Assistenten und wissenschaftliche Ingenieure alten Typs in Vorbereitung und Durchführung der Habilitation). Sollten Juniorprofessoren gesetzlich oder administrativ sachlich unbegründeteVorteile gegenüber diesen eingeräumt werden, dann ist damit zu rechnen, daß diese dieselben Vorteile für sich im Wege verfassungsgrechtlich begründeter Gleichbehandlungsansprüche gerichtlich geltend machen werden. Ferner werden Juniorprofessoren nach Abschluß ihrer Qualifikationsphase prinzipiell dieselben schwierigen Bedingungen zu erwarten haben wie habilitierte Wissenschaftler nach ihrer Habilitationsphase. Weder für sog. 'Tenure-Track'-Stellen - wenn man unter diesem denglisch-vieldeutigen Wort einmal haushaltsmäßig bereitgehaltene oder vorübergehend bereitgestellte Stellen versteht, die der Beschäftigung von Juniorprofessoren nach ihrer Qualifikationsphase im Vorfeld einer geplanten späteren Berufung dienen - noch für eventuelle 'Hausberufungen' ist nach dem faktischen und rechtlichen Fortfall der vom Bundesgesetzgeber konzipierten Exklusivität des 'Junior-Professor-Modells' noch irgendeine tragfähige Rechtsbegründung denkbar.
Der tiefere Grund dafür liegt m. E. in der bei der Vorbereitung und Durchführung des jetzt gescheiterten Hochschulrahmenrechtsprojekts von den federführenden und mittragenden Stellen und Kräften durch allzu viel Polemik gegen das bisherige Habilitationsverfahren und die Assistentur offenbar fast systematisch verdrängten Tatsache, daß Juniorprofessoren substanziell, d. h. ihrer wirklichen wissenschaftlichen Leistung und Erfahrung nach, in keiner Weise höher einzustufen sind als die bisherigen 'Hochschulassistenten': wie diese müssen sie eine besonders gute ('hervorragende') Promotion nachweisen, sollen sich durch Tätigkeit im universitären Forschungs- und Lehrbetrieb für die Professorenlaufbahn qualifizieren und müssen ihre Professorabilität erst noch nachweisen. Was Juniorprofessoren - anders als ihren wissenschaftlich gleichrangigen 'Mittelbau'-Kollegen - mit einem Professorentitel, mit der Unterstreichung bisher gesehener 'hervorragender Leistungen', mit einer 'Selbständigkeit' und 'Unabhängigkeit von einem Lehrstuhlinhaber' sowie mit einer wahlrechtlichen Einordnung bei der Gruppe der 'Professoren' bisher zugesprochen wurde oder vielleicht auch künftig noch hier und da landesrechtlich zugesprochen werden sollte, beruht nicht auf substanziellen Unterschieden in Leistungen und Erfahrungen gegenüber denjenigen von Hochschulassistenten oder Hochschulingenieuren, sondern läßt sich mit dem Wort 'exklusiver Vertrauensvorschuß' zusammenfassen: denn es ist durch nichts anderes begründet als durch ein Vorschußvertrauen, das von einem stellenbesetzenden Univeristätsgremium in die wissenschaftliche Begabung und Entwicklungsfähigkeit eines einzustellenden, noch ganz am Anfang einer in ihrem Verlauf unklaren wissenschaftlichen Laufbahn stehenden Kandidaten gesetzt wird. Auch nach erfolgreichem Abschluß der Qualifikationsphase sind Juniorprofessoren nach Leistung und Erfahrung keinesfalls höher zu bewerten als Wissenschaftlerkollegen, welche die Habilitation hinter sich gebracht haben. Nach meiner Überzeugung ist außerdem die Habilitation - als abstraktes, formalisiertes und mit externen Gutachtervoten abgestütztes Prüfverfahren - für eine objektivierbare Feststellung der Professorabilität eines jungen Wissenschaftlers weitaus zuverlässiger als eine von einer einstellenden Fakultät zwar gelegentlich kontrollierte, aber verfahrens- und, wenn opportun, auch gutachterlos festgestellte 'Bewährung durch die Praxis'. Oder anders gesagt: Was die Habilitation unter dem Aspekt denkbarer gelegentlicher Mauschelei und Protektion an konstruktiven Schwächen haben sollte, wäre m. E. gesetzgeberisch weitaus leichter und schneller abzustellen als das, was von Anfang an dem Modell der Juniorpofessur an Möglichkeiten zur Mauschelei und Protektion innewohnte und im Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht von den Antragstellern und teilweise auch von den zur Stellungnahme Beigezogenen deutlich vorgetragen worden ist. Das akademische Berufungsverfahren aber - mit seinen vielen, teilweise informell bleibenden, aber oft auch unsachlich und unkalkulierbar durchschlagenden Interessenkonflikten - kann m. E. weder für Habilitierte noch für erfolgreich qualifizierte Juniorprofessuren als zuverlässiges Verfahren zur objektivierbaren Feststellung ihrer Professorabilität angesehen werden. Ein Würfelspiel wäre gerechter.
Für die Zeit nach der Qualifikation läuft das darauf hinaus, daß ehemalige Juniorprofessoren bei Stellenbereitstellungen, Stellenausschreibungen, Berufungen und sonstigen Stellenbesetzungen nicht allgemein besser gestellt werden dürfen als ihre habilitierten Kollegen. Im Hinblick auf Art. 33, Abs. 2 GG ("Jeder Deutsche hat in jedem [Bundes-]Lande nach seiner Eignung, Befähigung und fachlichen Leistung gleichen Zugang zu jedem öffentlichen Amte") sind 'Sonderwege zur Professur' - etwa über speziell bereitgehaltene 'Tenure-Track-Stellen' oder über 'exzeptionelle Hausberufungen' m. E. verfassungswidrig. Auch aus Gerechtigkeits- und aus wissenschaftlichen Gründen kann man m. E. keine andere Position beziehen.
In der Diskussion am 31. 1. 2005 ; s. o.) hat der Autor diese Position gegenüber den Kollegen von der HU-Juniorprofessoren-Initiative zu seinem Bedauern mit voller Konsequenz vertreten müssen. Der Kern der Erwartungen dieser Initiative läuft offenbar auf 'Sonderbedingungen' hinaus. Sie ist nicht die einzige, die in der derzeitigen Diskussion solche Sonderbedingungen für Juniorprofessoren erwartet (vgl. etwa: Sven Reichardt, Die Zukunft der Juniorprofessur. Erfahrungen von Juniorprofessoren an der Universität Konstanz, Forschung & Lehre 3/2005, S.137 - 139). Gerade deswegen hielt und halte ich es für nötig, mit aller Deutlichkeit gegenzuhalten und zu erklären, warum derartige Erwartungen m. E. ungerechtfertigt sind.
Das bedeutet sicherlich zunächst einmal die Feststellung , daß die Lage eines größeren Teils auch der Juniorprofessoren nach Abschluß ihrer Qualifikationsphase künftig nicht rosig sein wird. Wie dies bei den habilitierten Kollegen seit Jahrzehnten der Fall ist, werden von den Juniorprofessoren nach Beendigung ihrer Juniorprofessur schätzungsweise höchstens ein Drittel - wahrscheinlich aber weniger - innerhalb von fünf Jahren nach Abschluß der Qualifikation eine wissenschaftlich angemessene Dauerstellung innerhalb oder außerhalb des Hochschulbereichs erreicht haben. Seit der sog. 'Karpen-Studie' (1986) , die dies vor nun zwei Jahrzehnten belegt hat - eine umfassende jüngere Studie existiert m. W. nicht -, sind ja die Verhältnisse für den zum Professorenamt qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs nicht günstiger geworden, denkt man allein daran, daß sich gegenüber der in Zeit der 'Karpenstudie', d. h. für die Jahre 1980 - 1986 durchschnittlichen jährlichen Habilitationszahl von ca. 1000 nach der Wiedervereinigung i. J. 1989 die Zahl der jährlichen Habilitationen auf heute weit über 2000 erhöht hat. Die anderen zwei Drittel oder mehr werden sich auf befristeten oder deutlich qualifikationsunangemessenen (wenn auch u. U.praktisch durchaus akzeptablen) Stellen an der Hochschule (als Oberassistenten, Oberingenieure, wissenschaftliche Angestellte oder Akademische Räte) oder in befristeten oder deutlich unterwertigen Arbeitsverhältnissen außerhalb der Hochschule befinden oder mit Werkverträgen und Stipendien ihren Lebensunterhalt bestreiten oder, falls ihnen dies nicht möglich ist, von Ersparnissen und eigenem Vermögen leben, oder von Angehörigen, vor allem Ehepartnern, unterhalten werden oder sich arbeitslos melden, und dies u. U. für lange Jahre, wenn nicht auf Lebenzeit.
2. Zu pragmatischen und zu generellen Auswegen für hochqualifizierte Wissenschaftler aus möglichen beruflichen Sackgassensituationen.
In solch einer Lage liegt es für die nicht in sozial und finanziell angemessen gesicherte und qualifikationsentsprechende Berufsstellungen gelangenden 'Nachwuchswissenschaftler', ob es sich um Habilitierte oder - künftig auch - um ehemalige Juniorprofessoren handelt, nahe, für sich allein oder für irgendwelche relativ klein definierten Gruppen wenigstens 'pragmatisch' nach irgendwelchen Wegen zu suchen, die ihnen, wenn schon nicht eine wissenschaftliche Dauerstellung, so doch ein wissenschaftliches Überleben ermöglichen. Nachteilig pflegt dabei im allgemeinen zu sein, daß die Betroffenen die eigene Arbeit irgendwann irgendjemandem zu Schleuderpreisen oder sonst unzumutbaren Bedingungen anbieten. Auch besteht dabei m. E. das nicht geringe Risiko einer folgenlosen Strampelei der Betroffenen im Netz dagegenwirkender wissenschaftsorganisatorischer und gesetzlicher Hindernisse. Es braucht zwar nicht unbedingt so zu sein, und ich kenne auch Beispiele für 'pragmatische' Auswege , wie z. B. ein früher praktiziertes 'Berliner Arbeitsamtsmodell', das einigen wenigen älteren, langjährig 'arbeitslos gemeldeten' habilitierten Wissenschaftlern - man kann sagen, exzeptionell, im Rahmen einer arbeitsamtlichen 'Reintegrationsmaßnahme' praktisch eine stellenfinanzierende Förderung zuteil werden ließ, und zwar unter Beiziehung einer Finanzierungsmitwirkung der damaligen Senatverwaltung für Arbeit und der jeweiligen Universitätspersonalverwaltung etc. etc.; ein m. E. exemplarisches, weil kompliziertes, politisch labiles und öffentlich kaum vertretbares Modell. Ich möchte mich derartigen Modellen hier nicht weiter zuwenden. Denn sie sind allzu vielen argumentativen Bemühens m. E. nicht wert, zumal sie generelles Argumentieren schwierig machen und nur in wenigen Fälle hilfreich zu sein pflegen. Oder um es kurz zu sagen: Wenn es klappt, klappt es, und wenn nicht, dann eben nicht.
Bessere Ratschläge für praktische, schnelle Lösungen für den einzelnen betroffenen Wissenschaftler vermag ich allgemein nicht zu geben. In der langen Zeit meiner Mitarbeit im 'Berliner Arbeitskreis habilitierter Wissenschaftler' (s. o.) sind wir über diesen Zustand nie hinausgelangt. Das ist durchaus bezeichnend für den Charakter der Problematik, bei der es m. E. um ein Ineinander von institutioneller Komplexität und öffentlicher Verdrängung geht.
Es bleibt betroffenen Wissenschfatlern - und sei es nur aus Gründen der Selbstachtung und der ideellen Selbstbehauptung - m. E. manchmal nichts anderes übrig als folgendes: Wegen der seit langem bestehenden und in den letzten Jahrzehnten ständig gewachsenen, quantitativ und qualitativ durchaus beachtlichen Problematik beruflicher Perspektivlosigkeit (auch) höchstqualifizierter Wissenschaftler in der heutigen deutschen Struktur des Arbeistlebens kommt es nach wie vor darauf an, in der öffentlichen Diskussion möglichst intensiv darauf zu drängen, daß längst bekannte, aber von Wissenschaft, Politik und Medien gleichermaßen immer wieder ignorierte 'generelle Bedingungen' der Lage solcher Wissenschaftler 'in beruflichen Sackgassensituationen' zur Sprache gebracht werden. Auf dieser Grundlage sollten dann auch Betroffene sachlich begründete praktische Konzeptionen und Forderungen vertreten, die möglichst alle betroffenen Wissenschaftler einschließen , dem Gemeinwohl nützen und wenigstens insoweit nicht von vornherein in Wissenschaft, Politik und Medien als irrelevant zurückgewiesen werden können.
3. Einige Bemerkungen zur allgemeinen Lage 'höchstqualifizierter Wissenschaftler in beruflichen Sackgassensituationen' und zu denkbaren Auswegen.
Wer von der vorgenannten Idee nichts hält, braucht hier nicht weiterzulesen. Wer aber den Gedanken aufgreifen will, mag die folgenden Ausführungen für nützlich halten.
Nach dem letzten 'Statistischen Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland' (2003) gab es dort i. J. 2002 eine Erwerbstätigenzahl von ca. 40 Millionen. In sie eingeschlossen waren damals ca. 3,7 Mill. als arbeitslos Registrierte; die allgemeine Arbeitslosenrate betrug damals also ca. 11 %. Die i. J 2002 arbeitslos gemeldeten 73.000 Fachhochschul- und 151.000 Hochschulabsolventen machten ca. 0,5 % der damaligen Gesamterwerbstätigenzahl aus. Man könnte also sagen, daß - verglichen mit der allgemeinen Arbeitslosigkeitsrate - die Arbeitslosenrate der 'Akademike' sehr gering war. Daran dürfte sich auch heute (Anfang 2005), wo die Gesamtarbeitslosenzahl auf 4,5 Millionen (oder nach neuer Rechnung infolge der Einführung der 'Hartz 4-Regelungen' 5 oder 6 Millionen) angestiegen ist, nichts geändert haben. Die Zahl der Arbeitslosen mit Fachhochschul- und Universitätsabschluß dürfte auch heute eine Zahl von 300.000 und ihre spezielle Arbeitslosenrate 0,7 % nicht wesentlich übersteigen. Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Professoren, Dozenten, Assistenten. Juniorprofessoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Hochschulabsolventen mit Promotion unter ihnen dürfte auf insgesamt nicht über 10.000 zu schätzen sein und ihr Anteil an der allgemeinen Arbeitslosenrate also im unteren Promillebereich liegen.
Auch wenn man als Vergleichsgröße nur den wissenschaftlich qualifizierten Teil der erwerbstätigen Bevölkerung in der Bundesrepublik heranzöge, wäre eine Zahl von ca.10.000 immer noch klein: Nach dem Statistischen Jahrbuch (2003) gab es i. J. 2002 in einer Bevölkerung von ca. 80 Millionen statistisch festgestellte 3, 2 Mill. Fachhochschul- und 3, 9 Mill. Hochschulqualifizierte. Unter ihnen waren 574.000 Promovierte. Über die Zahl der erwerbstätigen Habilitierten weiß die Bundes- und Länderstatistik m. W. leider nichts. I. J. 2002 gab es ferner an deutschen Hochschulen ca. 38.000 Hoch- und Fachhochschulprofessoren, 15.000 Dozenten und Assistenten und 102.000 wissenschaftliche Mitarbeiter, 25000 Promotionen und ca. 2200 Habilitationen. Was sind da einige tausend Arbeitslose unter ihnen?
Man wird aber dem Problem berufsperspektivischer Schwierigkeiten bei höchstqualifizierten Wissenschaftltlern begrifflich besser gerecht, wenn man es nicht primär als solches der Akademiker- bzw. 'Wissenschaftler-Arbeitslosigkeit', auffaßt, sondern eher als eines des 'Arbeitskräfte- Überhangs' im Bereich der i. w. S. akademischen Berufsqualifikationen. D. h. die Betroffenen werden als 'Überhängige' nicht gleich oder vielleicht überhaupt nicht 'arbeitslos' im Sinne des Gesetzes, geraten aber als zeitweilig oder dauerhaft nicht benötigte Arbeitskräfte 'in berufliche Schwierigkeiten unterschiedlicher Art und Intensität. In dieser Hinsicht sind Studien wie etwa eine im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeit erstellte empirische Untersuchung von Manfred Tessaring /Hg.), Die Zukunft der Akademikerbeschäftigung. Dokumentation eines Workshops der Bundesanstalt für Arbeit, Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg 1996 (Beitr AB 201), von Interesse. Die Studie Tessaring sagt etwa bei einer vorausgeschätzten Zunahme des Anteils von Hochschulabsolventen am Arbeitsmarkt über einen Zeitraum von 20 Jahren für das Jahr 2010 im Osten und im Westen des Bundesgebiets zusammen einen "Arbeitskräfteüberhang" allein unter den Hochschulabsolventen in einer Größenordnung von über 1,6 Mill. voraus. Siehe dazu die aus der Studie entnommenen Schaubilder Arbeitsmarktbilanz Bundesgebiet / Ost: Projektion für die Jahre 2000 und 2010 und Arbeitsmarktbilanz Bundesgebiet / West: Projektion für die Jahre 2000 und 2010. Solche Zahlen sind schon alarmierender. Und es stellt sich die Frage, ob nicht das schon von der o. e. 'Karpen-Studie' (1986) festgestellte Phänomen des hochprozentigen Arbeitskräfte-Überhangs bei höchstqualifizierten Wissenschaftlern ein strukturell beachtliches Vorläufer-Phänomen für die heute zu beobachtende Entwicklung eines zunehmenden Arbeitskräfteüberhangs in vielen hochqualifizierten Berufsarten war.
Es geht dabei nicht nur um die berufliche und soziale Sicherheit der Betroffenen oder um die Höhe ihres Einkommens, sondern auch um Sinn und Zweck erworbener Hochqualifikation, bei Wissenschaftlern um Sinn und Zweck einer in langen Jahren erworbenen wissenschaftlichen Höchstqualifikation mit einer wissenschaftlich spezialisierten Verwendbarkeit, einerseits und um die im bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vielfach fehlenden Möglichkeiten oder unzumutbaren Rahmenbedingungen ihres beruflichen Einsatzes andererseits.
Ein (nach meiner Erfahrung in einem 'Berliner Arbeitskreis habilitierter Wissenschaftler' mit berufsperspektivischen oder sozialen Problemen) typisches Beispiel für diese Problematik ist die Karriere eines mit dem Ausdruck 'hervorragend qualifiziert' gewiß nicht fehlbezeichneten Wissenschaftlerkollegen, der in der Mitte seines Lebens feststellen mußte, keine dauerhafte, bescheiden-angemessen finanzierte und sozial gesicherte wissenschaftliche Berufsperspektive mehr zu haben. Der 'Lebenslauf' wurde kürzlich im Verbandsblatt des Deutschen Hochschulverbandes publiziert. Es handelt sich um einen außerplanmäßigen Professor für Experimentelle Physik (Wissenschaft und Forschung 1/ 2005, S. 12 f.: 'Professor, nicht arbeitslos, nur unterbezahlt. Erfahrungsbericht eines Wissenschaftlers ohne Stelle'). Dem Leser wird empfohlen, diesen dasWesentliche ansprechenden Erfahrungsbericht durchzusehen, bevor er hier weiterliest.
"Wer sich nicht marktgemäß verhält, muß eben dafür büßen" und: " Richtige Leistung hat noch immer zum Erfolg geführt". Derartige Hinweise auf ein tatsächliches oder fiktives individuelles Eigenverschulden von Wissenschaftlern bei ihrer Lebensplanung , wie man sie gelegentlich hören kann, gehen an dem hier vorliegenden Problem vorbei. Wissenschaftler arbeiten einerseits prinzipiell immer für einen begründbaren Bedarf - nämlich für den der Wissenschaft - , und dies vermutlich viel strikter als der oft 'irrationale' und - zumindest geisteskulturell - auch 'primitive' wirtschaftliche 'Markt', der ja vielfach besonders gern unsinnige menschliche Bedürfnisse befriedigt, wenn sie nur Geld bringen. Andererseits tun sich für ausgebildete Wissenschaftler oft durchaus auch in fortgeschrittenerem Alter noch angemessene Berufschancen auf, aufgrund derer sie mit ihren hochspezialisierten, im Alter zumeist zunehmenden Fähigkeiten viel Kreatives und Allgemeinnützliches leisten können. Keineswegs haben sie also, wenn sie als Wissenschaftler mit beruflichen Problemen konfrontiert werden, schon deshalb eine 'falsche Lebensplanung' betrieben. Allenfalls haben sie mit ihrer Ausbildungs- und Berufswahl ein Risiko auf sich genommen.
Allzu gestrengen 'ökonomischen Realisten' ist aber die Frage entgegenzuhalten, ob zur Professorenreife gediehene Wissenschaftler dieses Risiko - wie bisher üblich und scheinbar selbstverständlich - persönlich allein tragen müssen oder ob nicht die Allgemeinheit, d. h. Politik und Gesellschaft gleichermaßen, daran beteiligt werden müßten, es erträglich zu gestalten. Wissenschaftler pflegen sich ja nicht nur in einem persönlichen, sondern auch in einem allgemeinen Interesse auszubilden und zu betätigen, und sie könnten, wenn sie nicht beruflich mattgesetzt würden, sondern wenn ihnen von einer 'Allgemeinheit' passende Einsatzmöglichkeiten angeboten würden, für diese 'Allgemeinheit' dauerhaft äußerst nützliche Leistungen erbringen.
Das MODELL EINES ÖFFENTLICH ORGANISIERTEN WISSENSCHAFTLERBESCHÄFTIGUNGSSYSTMES - sei dabei hier - angesichts der Unmöglichkeit, alle höchstqualifizierten Wissenschaftler dauerhaft im Hochschulbereich oder auf dem ersten Arbeitsmarkt qualifikationsentsprechend unterzubringen - zuallererst angesprochen: Es geht um die Denkbarheit und Möglichkeit eines gesellschaftsweit organisierten, d. h. nicht nur vom Staat, sondern auch von anderen potentiellen Nutznießern mitfinanzierten, den Hochschulbereich umfassenden, aber über ihn weit hinausreichenden, in Bund und Ländern gleichermaßen verankerten Wissenschaftlerbeschäftigungssystems mit dem Charakter einer auf Dauer gestellten, wenn auch dynamisch strukturierten 'Zukunftsinvestitionsmaßnahme'. Ein solches System ist zwar in unterschiedlicher Form denkbar, aber es ist m. E. weder undenkbar noch unmöglich. Nur um etwas deutlicher zu machen, wie so etwas aussehen könnte, sei auf ein Modell hingewiesen, wie es etwa schon im Jahre1994 auf dem 3. Deutschlandtreffen habilitierter Wissenschaftler in Leipzig ("Wissenschaftlerarbeitslosigkeit und zukunftsorientierte Wissenschaftspolitik in Deutschland") diskutiert wurde: "Zur Notwendigkeit eines "tertiären Wissenschaftssystems": Hochdynamische Innovationsgruppen in Organisation und bundesweiter Vernetzung durch "Landeszentren für dynamischen Wisssenschaftstransfer" .
Mag sein, daß ein solcher Denkansatz sich mit vielen derzeit politikbestimmenden 'globalisierungsorientierten' und 'wirtschaftsliberalen' Ordnungsvorstellungen nicht zusammenbringen läßt, obschon er sich selbst darum bemüht. Aber er ist m. E. der Lage einer in der Bundesrepublik weitverbreiteten beruflichen Perspektivlosigkeit höchstqualifizierter Wissenschaftlicher angemessener - und hätte auch der derzeitigen Bundesregierung besser zu Gesichte gestanden - als die dem gescheiterten Hochschulrahmenrechtsprojekt zugrundliegende Grundidee, welche man - ein wenig überspitzt, aber tendenziell richtig - so zusammenfassen kann: "Tu etwas für die schnelle Professorierung 'junger' DFG-Auslandsstipendiaten und Wissenschaftlerinnen und du kannst den ganzen übrigen Kram vergessen; die Generationen der nicht untergekommenen Habilitierten muß man bedauerlicherweise so oder so verschrotten" (die entsprechenden Bemerkungen aus dem zuständigen Bundesministerium bleiben unvergessen).
Es gibt eine Anzahl weiterer wichtiger Problemkomplexe und Handlungsmöglichkeiten, wie sie seit langem von den Betroffenen öffentlich zur Sprache und den - wechselnden - politischen Verantwortlichen auch zur Kenntnis gebracht worden sind (siehe dazu die Denkschriften unter: Strukturelle Berufs- und Sozialprobleme für das Professorenamt qualifizierter Wissenschaftler und denkbare Auswege) , insbesondere solche in den Problembereichen
a) der WISSENSCHAFTSSSTATISTIK, b) des GLEICHEN ZUGANGS ZU ALLEN ÄMTERN IM WISSENSCHAFTSBETRIEB, c) des SOZIALEN UMGANGS MIT DEN WISSENSCHAFTLICH HOCHQUALIFIZIERTEN und d) der ÖFFNUNG DES ALLGEMEINEN ARBEITSMAKTES FÜR BISHERIGE WISSENSCHAFTLICHE SACKGASSENKARRIEREN. Zur Verdeutlichung der differenzierten, ausgearbeiteten, eingehend diskutierten und m. E. auch allgemeinnützlichen Überlegungen, die unter diesen Überschriften zusammengefaßt sind, sei auf die in der Anlage beigefügten 'Vorschläge und Forderungen habilitierter Wissenschaftler in ungesicherten Verhältnissen (auf den Deutschlandtreffen und überregionalen Tagungen seit 1990)' hingewiesen. Gegenüber dem Abfassungszeitpunkt dieser Zusammenfassung (1998) sind heute neue Probleme hinzugekommen. Zwei davon seien hier exemplarisch nur kurz angesprochen.
e) Im Zusammenhang mit der an vielen Stellen nötigen Revision der neu eingeführten 'HARTZ IV'-REGELUNGEN stellt sich die Frage, was es künftig für arbeitslos gemeldete Wissenschaftler bedeuten wird, jederzeit eine 'zumutbare' Arbeit annehmen zu müssen. Der o. e. Kollege hat in seinem Bericht deutlich gemacht, was diese Frage praktisch bedeuten kann. Generell könnte eine rigide Anwendung der Vorschriften dazu führen, daß selbst das nur faktische Verbleiben arbeitsloser höchstqualifizierter Wissenschaftler in wissenschaftlichen Arbeitszusammenhängen nach ihrer Arbeitslosmeldung ausgeschlossen oder stark erschwert wird. Die Konsequenz wäre eine Art 'Verschrottung' ihrer Höchstqualifikation. Ist dies die Absicht des Gesetzgebers gewesen? Wenn nicht, sollte ein Verordnungsgeber bald die nötigen Klarstellungen treffen. Wenn ja, solte man bei den nächsten Wahlen, wenn möglich, den derzeitigen Gesetzgeber verschrotten.
f) Im Zusammenhang mit der Notwendigkeit, die vom Bundesverfassungsgericht komplett für nichtig erklärte 5. Hochschulrahmenrechtsnovelle durch verfassungsgemäße bundes- und länderrechtliche Regelungen zu ersetzen, stellt sich erneut die Frage einer SINNVOLLEN REFORM DES BISHERIGEN HABILITATIONSVERFAHRENS. Dabei wäre m. E. vor allem seine gesetzliche Ergänzung durch Umsteigemöglichkeiten in wissenschaftsbasierte Arbeitsfelder des öffentlichen Dienstes und der privaten Wirtschaft sinnvoll. Ebenso wie beim Habilitationsverfahren ist EINE REFORM DER TRADITIONELLEN MITTELBAUSTELLEN möglich und m. E. sinnvoll. Alle die Segnungen, die der Juniorprofessur zugedacht waren, können und sollten den bisherigen und zuküftigen wissenschaftlichen Assistenten und wissenschaftlichen Ingeninieuren, in gewissem Umfang viellleicht auch Privatdozenten u. a. Kategorien hochqualifizierter Wissenschaftler, verschafft werden; sie haben es genau so verdient wie ihre Juniorprofessoren-Kollegen.
Vorschläge und Forderungen habilitierter Wissenschaftler in ungesicherten Verhältnissen auf Deutschlandtreffen und überregionalen Tagungen seit 1990.
(Stand: 1998)
U. a. folgende Punkten haben überregionale Kongresse und Tagungen habilitierter Wissenschaftler (in ungesicherten Verhältnissen) seit 1990 beschäftigt und zur Entwicklung von Konzepten und Initiativen geführt, die - teilweise in Form von Denkschriften - auch den wissenschaftspolitisch verantwortlichen Ministerien und Organisationen in der ganzen Bundesrepublik übermittelt wurden.
1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.
2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.
3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.
4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.
5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur').
6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssystems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.
7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.
8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981). Erläuterungen zu den Forderungen und Empfehlungen zu 1) - 8).
Zu 1) Die Klärung der Lage der heute verfügbaren hochqualifizierten Wissenschaftler aller Fächer durch aktuelle, umfassende und genaue empirische Studien und ein daran ausgerichteter Aufbau eines bundesweiten Informationssystems für die Erfassung und gesellschaftliche Nutzung wissenschaftlicher Hochqualifikationen.
Zu den Empfehlungen schon des 1. Deutschland-Treffens beruflich ungesicherter Hochschullehrer in Münster im Februar 1991 gehörte "der Aufbau eines für die besonderen Bedürfnisse und Probleme der ungesicherten oder wissenschaftlich nicht sinnvoll eingesetzten Wissenschaftler geeigneten bundesesweiten, auf der Zusammenarbeit von Hochschulen, Arbeitssamtsverwaltungen und Betroffenen beruhenden und den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt für alle inner- und außeruniversitären Interessenten durchsichtig machenden Informationssystems". Diese Empfehlung wurde auf den folgenden Kongressen und Tagungen beruflich ungesicherter Hochschullehrer unbeirrt wiederholt und ausgebaut. Sie ging - mit anderen grundsätzlichen Forderungen - allen wissenschafts- und sozialpolitisch in Frage kommenden Behörden und Einrichtungen des Bundes und der Länder zu, ohne dort irgendeine erkennbare Resonanz zu finden. Bei der Einrichtung eines solchen Systems sind verschiedene rechtliche und organisatorische Fragen vorab zu klären. Dazu gehört u. a. auch die Frage, welcher Kreis von Hochqualifikationen erfaßt werden sollte. Dies läßt sich ohne eine genauere empirische Sondierung der in Frage kommenden Potentiale und eines potentiellen Bedarfs nicht von vornherein ganz sicher abgrenzen. Die Forderung nach entsprechenden Untersuchungen wurde daher ebenfalls immer wieder (und auch erfolglos) auf unseren überregionalen Treffen angeregt und gefordert. Generell kommen alle Träger von Qualifikationen in Betracht, die von irgendeinem Interesse für technologisch-wissenschaftlich fundierte oder begleitete Forschungs-, Lehr-, Untersuchungs- und Ausbildungszwecke in allen Bereichen des beruflichen Lebens - also nicht nur im Bereich der heutigen Formen organisierter Wissenschaft - sind oder sein könnten.
Zu 2) Die wissenschaftsstrukturell unter verschiedenen Entwicklungsaspekten nötige, bedarfsgerechte Vermehrung der Wissenschaftlerstellen im Hochschulbereich.
Die für den Hochschulbereich sehr speziell ausgebildeten Wissenschaftler werden prinzipiell dort auch benötigt, selbst wenn die öffentlichen Finanzen das so nicht zulassen. Ihr Wissen entspricht oft zwar nicht einer 'unmittelbaren Marktnachfrage', wohl aber durchweg längerfristigen, investiven kulturellen und auch wirtschaftlichen Zielen und Bedürfnissen der Gesellschaft. Daß dabei betriebswirtschaftsähnliche Kosten-Nutzen-Kalkulationen schwer durchzuführen sind, macht sie nicht überflüssig. Sieht man im kulturellen, fachlichen und technischen Wissensniveau einer Gesellschaft einen Entwicktungsfaktor und sieht man in der Zahl von derzeit zusammen ca. 1,9 Mill. Studenten in der Bundesrepublik überwiegend nicht die Auswirkung einer überflüssigen Ausbildungsnachfrage, so machen die heute vorhandenen nur 900.000 ,Studienplätze' das Ausmaß der Unterversorgung allein der wissenschaftsbasierten Ausbildung ('Lehre') mit adäquat ausgebildeten Wissenschaftlern deutlich. Auch daß sich über diese Forderung Wissenschaftspolitik und Finanzpolitik seit längerem wegen der öffentlichen Haushaltslage nicht verständigen können, nimmt ihr nichts von ihrer Richtigkeit und Dringlichkeit. Es wird nur deutlich, wie kurzschlüssig es wäre oder ist, derzeit nicht bezahlbare und deshalb nicht einsetzbare wissenschaftliche Qualifikationen als angeblich unbrauchbar abzuschreiben.
Zu 3) Die zeitgemäße Fortentwicklung der Habilitation und der Privatdozentur.
Ist die in der Wissenschaftstradition Deutschlands verankerte Habilitation bei korrekter Anwendung ihrer wissenschaftlichen Prinzipien ein geeignetes Verfahren, um Wissenschaftlern in politik-, interessen- und protektionsfreier Weise eine für die Berufung in das Professorenamt ausreichende Bewährung und Erfahrung in Forschung und Lehre förmlich zu bestätigen, so ist es im Interesse der Allgemeinheit sinnlos, die durch die Habilitation ermöglichte selbständige Vertretung des Faches (Hochschullehrertätigkeit im materiellen Sinne), welche im Rahmen einer Privatdozentur möglich ist, durch kleinliche Reglementierung zu behindern, wie es manchen Universitäten und Ländern leider vorgeworfen werden muß. Der Bundesgesetzgeber und die Landesgesetzgeber sollten Habilitation und Privatdozentur vielmehr so ausgestalten, daß die produktive Querverbindung zwischen beruflicher ~ und Hochschulwissenschaft, die der rein korporative Hochschullehrerstatus an sich ermöglicht, nicht behindert, sondern gefördert wird; dazu gehört auch die Lösung von Teilproblemen wie z.B im Bereich der Drittmittelbeschaffung oder bei der Unterstützung einkommensloser Privatdozenten nach dem Arbeitsförderungsgesetz.
Zu 4) Die Umstellung der individuellen Wissenschaftlerförderung durch die Wissenschaftsförderungseinrichtungen verschiedener Art auf die Förderung des Ausstiegs von Hochschullehrern aus dem Hochschulbereich; d. h. die partielle Umorientierung der Wissenschaftlerförderung - etwa der DFG - von der schwerpunktmäßigen Förderung 'junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler' für die Hochschulen auf die Förderung des Ausstiegs junger Habilitierter ('Nachwuchs') und gestandener älterer Hochschullehrer aus dem Hochschulbereich in wissenschaftsnahe Tätigkeiten außerhalb der Hochschule.
Die Wissenschaftlerförderung insbesondere der DFG, aber auch der privaten Förderungsinstitutionen stellt trotz der quantitativen Veränderungen im Bereich der Hochschullehrernachwuchserzeugung weiterhin, soweit ersichtlich, ausschließlich auf die Förderung junger, hochbegabter Nachwuchswissenschaftler ab. Wenigstens teilweise sollten die Programme künftig den praxisorientierten Ausstieg von Wissenschaftlern aus Hochschullehrerkarrieren, etwa mit dem Ziel von (wissenschafstbasierten) Unternehmensgründungen oder für all gemeinnützliche (wissenschaftliche) Berufsfelder oder Kooperationszusammenhänge wirtschaftlicher und nichtwirtschaftlicher Art fördern.
Zu 5) Energische, praxisbezogene Kritik an einem für den Wissenschaftsbereich überwiegend nicht tragfähigen Konzept der Gründung von Unternehmen und selbständigen Existenzen durch Wissenschaftler ('neue Unternehmenskultur'; siehe Nr.8 ).
Im Mittelpunkt der Suche nach Auswegen müssen stets vorrangig systemkonforme Ansätze zu Problemlösungen stehen. Zeigt sich allerdings, daß diese nicht tragfähig genug sind, so ist es nicht hinnehmbar, ihnen den Schein von Allheilmitteln zu belassen und die Suche nach effektiveren Gesamt- und Teillösungen aufzugeben.
Ein seit Jahren propagierter unternehmensbezogener Lösungsansatz, welcher die Wissenschaltlerarbeitslosigkeit bzw. -nichtbeschäftigung im Wege individueller Unternehmensneugründungen oder (im östlichen Bundesgebiet) durch 'Ausgründungen' aus vormals öffentlich organisierten Wissenschaftsbereichen beseitigen will, verdient dabei zuerst erörtert zu werden. Er beruht auch auf Grundgedanken über eine 'neue Unternehmerkultur' und liegt letztlich einem ganzen System öffentlich finanzierter Gründungsbeihilfen und Wagnisübernahmen auch für von wissenschaftlichen Grundideen ausgehende - primär allerdings für nicht-wissenschaftliche Unternehmens-Projekte - zugrunde.
Es wäre angesichts des vielfach öffentlich verbreiteten Optomismusses heute auch öffentlich zu diskutieren, ob der 'Ansatz Neue Unternehmenskultur' im Bereich der Wissenschaft das erreichen kann, was er generell anstrebt. Zu berücksichtigen sind folgende Einwände: Nur mittelfristig ,wirtschaftlich realisierbaren Projekten mit wissenschaftlichen bzw. technologischen Grundideen eröffnet er - rein abstrakt - eine Perspektive. Fur die meisten wissenschaftlich produktiven und zugleich gemeinnützigen fachdisziplinären Arbeitsgebiete kommt er folglich -jedenfalls generell - gar nicht in Betracht. Aber auch dort, wo die staatliche Wissenschafts- und Technologie-Förderung sinnvoll ein realisierbares Projekt unterstützt, muß nach dem derzeitigen Erkenntnisstand mit Verlusten des eingesetzten Kapitals in mindestens 50 % der Fälle gerechnet werden; die Gründe dafür können in der Unternehmensidee, in Webfehlern der Kapitaldecke, in betriebs- organisatorischen Problemen und in solchen der langfristigen Behauptung gegen die die Marktkonkurrenz liegen.
Wissenschaftler sind ganz überwiegend nicht geborene Unternehmer und entwickeln ihre Fähigkeiten schwerpunktmäßig in aller Regel abseits des wirtschaftlichen Geschehens. Nur dann, wenn unternehmerische Tätigkeit wirklich mit ihrer wissenschaftlich-fachlichen Entwicklung zusammenpaßt, hat eine berufliche Umstellung darauf einen wissenschaftlichen Sinn eine zugleich eine wirtschaftliche Chance. Umgekehrt aber: die wirtschaftlichen Folgen eines Mißlingens, insbesondere etwa im Falle eines Konkurses oder einer stillschweigenden Unternehmensliquidation, sind für den persönlich haftenden Wissenschaftler- Unternehmer gravierend, weil dann die Verschuldung ggf. zur Arbeitslosigkeit hinzukommt, selbst wenn der Staat einen Teil des Risikos abdeckt.
Zu 6) Der Aufbau eines 'tertiären Wissenschaftssvstems für dynamischen Wissenschaftstransfer', ggf. im Zusammenhang mit einer Reform des Gesamtsystems wissenschaftsbasierter Berufsausbildung in Deutschland.
Betrachtet man alle Einrichtungen der wissenschaftsbasierten Berufsausbildung im heutigen Deutschland zusammen, d h. nicht nur den Hoch- und Fachhochschulsektor, sondern auch die wissenschaftsnahen Lehrgänge im Rahmen privat oder öffentlich organisierter Berufsaus- und -fortbildung - vom dualen System der Lehrlingsausbildung über betriebsinterne Schulungen bis zu Berufsakademien aller Art -, so wäre an sich denkbar, daß optimal ausgebildete Wissenschaftler auch hier, außerhalb des Hochschulbereichs als Wissenschaftler einige sinnvolle und nötige Aufgaben erfüllen könnten Dazu könnte gehören, daß es außerhalb der Studiengänge des Hoch- und Fachhochschulbereichs Typen wissenschaftsbasierter, aber sehr praxisnaher und aktuell -bedarfsbezogener Aus- und Weiterbildungsformen für Wirtschaft und Gesellschaft zu betreuen gäbe ('dynamischer Wissenschaftstransfer'). Doch würde dies in gewissem Umfang einen Reform-Umbau aller Zweige wissenschaftsbasierter Berufsausbildung voraussetzen, einschließlich des Hoch- und Fachhochschulwesens, das damit aber vermutlich auch von einigen unnötig aufwendigen Ausbildungsaufgaben entlastet werden könnte .
Zu 7) Die Verwirklichung des grundgesetzlich (Art. 33 Abs. 2 GG) verbürgten gleichen Zugangs aller qualifizierten Wissenschaftler zu allen wissenschaftlichen Ämtern und anderen wissenschaftlichen Stellen über detaillierte, gegen Protektion, Willkür und wissenschaftsfremde Kriterien bei der Bewerberauswahl gerichtete gesetzliche Zugangsregelungen.
Angesichts der wissenschaftlichen Reservearmee ausgebildeter Hochschullehrer und der knappen Zahl von Arbeitsplätzen sind strikt chancengerecht ausgerichtete Stellenbesetzungsverfahren im Interesse der Gerechtigkeit ebenso wie im Interesse einer rein fachlich objektivierten Auswahl erforderlich. Protektion und Willkürauswahl bei der Besetzung von Wissenschaftlerstellen sind wegen der gesetzlich weithin ungeregelten Verfahrensweisen im Wissenschaftssektor leider nicht selten. Ein Beweis dafür ist die sog. Gleichstellungsgesetzgebung mancher Bundesländer: sie setzt das Vorliegen von Mißständen voraus, die über die Benachteiligung von Frauen weit hinausgehen. Aus diesem Grunde sind künftig lückenlose gesetzliche Regelungen, die verfassungsgemäß den gleichen Zugang aller Bewerber zu allen öffentlichen Ämtern des Wissenschaftsbereichs sichern (Art. 33, Abs. 2 GG), unvermeidlich; ein juristisch ausgearbeiteter, ausführlicher Entwurf dafür wurde auf dem 4. Deutschlandtreffen (Leipzig 1996) vorgelegt. (2) Auch die nicht-öffentlichen Positionen des Wissenschaftsbereichs sollten auf geeignete Weise in eine solche Gesamtregelung einbezogen werden.
Zu 8) Die Einführung einer Wissenschaftlersozialversicherung (analog zur bestehenden gesetzlichen Künstlersozialversicherung nach dem Künstlersozialversicherungsgesetz - KSVG - vom 27. 7. 1981).
Es gibt unter den vielen nicht in dauerhafte Erwerbspositionen gelangten Wissenschaftlern ein Ausmaß an fehlender sozialer Sicherung, das heute grundsätzlich keiner anderen Berufsgruppe mehr zugemutet wird und eines Sozialstaats unwürdig ist. Nur weil diese Wissenschaftler nirgendwo eine wirkliche Interessenvertretung haben, werden ihre Probleme im Hinblick auf Altersversicherung, teilweise aber auch im Hinblick auf die Berufsunfähigkeits- und die Krankenversicherung sozialpolitisch ignoriert. Bearbeitung für das Internet: Christian Gizewski (EP: christian.gizewski@tu-berlin.de).