Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-lag-nuernberg-4-sa-564-16-24.05.2017-karenzentschaedigung-wettbewerbsverbot-u.html
Timestamp: 2018-12-14 08:28:18
Document Index: 202004102

Matched Legal Cases: ['§ 74', '§ 323', '§ 320', '§ 74', '§ 323', '§ 935', '§ 323', '§ 286', '§ 323', '§ 133', '§ 288', '§ 92', '§ 72']

LAG Nürnberg, Urteil vom 24.05.2017, 4 Sa 564/16 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 24.05.2017, 4 Sa 564/16
Aktenzeichen: 4 Sa 564/16
LAN­DE­AR­BEITS­GERICHT NÜRN­BERG
6 Ca 498/16
(Ar­beits­ge­richt Würz­burg - Kam­mer Aschaf­fen­burg -)
Da­tum: 24.05.2017
Rechts­vor­schrif­ten: §§ 74 HGB, 323 BGB
1. Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das En­dur­teil des Ar­beits­ge­richts Würz­burg vom 31.10.2016, Az.: 6 Ca 498/16, – un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im Übri­gen – teil­wei­se ab­geändert.
2. Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger EUR 4.244,20 (in Wor­ten: Eu­ro vier­tau­send­zwei­hun­dert­vier­und­vier­zig 20/100) brut­to zu be­zah­len und Zin­sen aus EUR 3.373,60 seit 01.03.2016 und aus wei­te­ren EUR 870,60 seit 01.04.2016.
3. Von den Kos­ten des Rechts­streits ha­ben der Kläger 3/5 und die Be­klag­te 2/5 zu tra­gen.
4. Die Re­vi­si­on wird für den Kläger zu­ge­las­sen. Für die Be­klag­te wird die Re­vi­si­on nicht zu­ge­las­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über ei­nen An­spruch des Klägers auf ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung für den Zeit­raum Fe­bru­ar 2016 bis ein­sch­ließlich April 2016.
Der Kläger war seit 01.02.2014 bei der Be­klag­ten als "Be­auf­trag­ter tech­ni­sche Lei­tung" zu ei­nem Brut­to­mo­nats­ver­dienst von zu­letzt 6.747,20 € beschäftigt.
Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te auf Grund ei­ner or­dent­li­chen Ei­genkündi­gung des Klägers zum 31. Ja­nu­ar 2016.
Der Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en vom 12. De­zem­ber 2013 lau­tet un­ter Ziff. IX aus­zugs­wei­se wie folgt:
" IX. Wett­be­werbs­ver­bot
(a) Der Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet sich für die Dau­er von 3 Mo­na­ten nach Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in selbständi­ger, un­selbständi­ger oder sons­ti­ger Wei­se für kein Un­ter­neh­men tätig zu wer­den, das mit den Fir­men der G...-Grup­pe in di­rek­tem oder in­di­rek­tem Wett­be­werb steht oder mit ei­nem Wett­be­werbs­un­ter­neh­men ver­bun­den ist. In glei­cher Wei­se ist es dem Ar­beit­neh­mer un­ter­sagt, während der Dau­er die­ses Ver­bo­tes ein sol­ches Un­ter­neh­men zu er­rich­ten, zu er­wer­ben oder hier­an zu be­tei­li­gen. Das Wett­be­werbs­ver­bot gilt auch zu Guns­ten der mit dem Ar­beit­ge­ber ver­bun­de­nen Un­ter­neh­men.
(a) Für die Dau­er des Wett­be­werbs­ver­bo­tes ver­pflich­tet sich die Fir­ma dem Ar­beit­neh­mer mo­nat­lich für die­se Zeit ei­ne Entschädi­gung in der Höhe von 50% der mo­nat­lich zu­letzt be­zo­ge­nen durch­schnitt­li­chen Bezüge zu zah­len.
(b) Die Ka­ren­zentschädi­gung ist am Schluss des je­wei­li­gen Mo­nats fällig. ...
Der Kläger be­zog ab 01. Fe­bru­ar 2016 ein Ar­beits­lo­sen­geld von ka­len­dertäglich EUR 82,74.
Mit E-Mail vom 01. März 2016 (Ko­pie Bl. 41 d.A.) for­der­te der Kläger die Be­klag­te zur Aus­zah­lung der Ka­ren­zentschädi­gung für den Mo­nat Fe­bru­ar auf und setz­te hierfür ei­ne Frist bis 04.03.2016.
Er ver­fass­te un­ter dem Da­tum 08. März 2016 fol­gen­de wei­te­re E-Mail an die Be­klag­te:
"Gu­ten Abend Herr M...,
be­zug­neh­mend auf Ih­re E-mail vom 01.03.16 so­wie das Te­le­fo­nat mit Herrn B... möch­te ich Ih­nen mit­tei­len, dass Ich mich ab so­fort nicht mehr an das Wett­be­werbs­ver­bot ge­bun­den fühle.
Der ab­ge­schlos­se­ne Ar­beits­ver­trag vom 12.12.2013 zwi­schen der G... AG und mei­ner Per­son ist Be­stand­teil mei­ner E-mail vom 01.03.2015 und der da­mit nicht ein­ge­hal­te­nen Ka­ren­zentschädi­gung.
Des Wei­te­ren würde ich Sie bit­ten, mir mein zu­ste­hen­des Ar­beits­zeug­nis bis zum 23.03.2016 zu­kom­men zu las­sen
Der Kläger be­gehrt mit sei­ner am 28.04.2016 beim Ar­beits­ge­richt Würz­burg – Kam­mer Aschaf­fen­burg – ein­ge­reich­ten Kla­ge die Aus­zah­lung ei­ner Ka­ren­zentschädi­gung von EUR 10.120,80 brut­to zuzüglich von Zin­sen.
Er trägt vor, dass er sich nicht ein­sei­tig vom Wett­be­werbs­ver­bot los­ge­sagt, son­dern sich an die Be­stim­mun­gen des nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bo­tes ge­hal­ten und im maßgeb­li­chen Zeit­raum nur Ar­beits­lo­sen­geld be­zo­gen ha­be.
Das Ar­beits­ge­richt Würz­burg hat mit En­dur­teil vom 31.10.2016 der Kla­ge statt­ge­ge­ben.
Ge­gen das ih­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten am 14.11.2016 zu­ge­stell­te Ur­teil hat die Be­klag­te mit Te­le­fax vom 14.12.2016 Be­ru­fung ein­ge­legt und sie in­ner­halb der bis 16.02.2017 verlänger­ten Be­gründungs­frist mit Te­le­fax vom 15.02.2017 be­gründet.
Die Be­klag­te meint, der Kläger ha­be per E-Mail vom 08.03.2016 wirk­sam den Rück­tritt
von dem ver­ein­bar­ten Wett­be­werbs­ver­bot erklärt. Sie ha­be sich bezüglich der Ka­ren­zentschädi­gung für den Mo­nat Fe­bru­ar in Zah­lungs­ver­zug be­fun­den und ihr sei von dem Kläger mit E-Mail vom 01.03.2016 ei­ne Zah­lungs­frist ge­setzt wor­den. Auf­grund ih­rer Wei­ge­rung, dem Zah­lungs­ver­lan­gen nach­zu­kom­men, ha­be der Kläger in sei­ner E-Mail vom 08.03.2016 erklärt, sich ab so­fort nicht mehr an das Wett­be­werbs­ver­bot ge­bun­den zu fühlen. Hier­in sei ei­ne rechts­geschäft­lich re­le­van­te Rück­tritts­erklärung zu se­hen. Da­mit entfällt der An­spruch des Klägers auf ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung, zu­min­dest für die Zu­kunft.
1. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Würz­burg – Kam­mer Aschaf­fen­burg – vom 31.10.2016, Az.: 6 Ca 498/16, wird ab­geändert.
Zur Be­gründung trägt er vor, er ha­be zu kei­ner Zeit be­ab­sich­tigt, sich vom Wett­be­werbs­ver­bot los­zu­sa­gen oder zurück­zu­tre­ten. Bei sei­ner E-Mail ha­be es sich le­dig­lich um ei­ne „Trotz­re­ak­ti­on“ oh­ne Rechts­bin­dungs­wil­len ge­han­delt, wel­che die Be­klag­te da­zu ha­be be­we­gen sol­len, nun­mehr end­lich die Ka­ren­zentschädi­gung aus­zu­zah­len. Er ha­be sich in der Fol­ge­zeit an das Wett­be­werbs­ver­bot ge­hal­ten und kei­nen Wett­be­werb aus­geübt.
Hin­sicht­lich wei­te­rer Ein­zel­hei­ten wird auf die im Be­ru­fungs­ver­fah­ren ge­wech­sel­ten Schriftsätze ver­wie­sen.
Die Be­ru­fung ist teil­wei­se sach­lich be­gründet.
Dem Kläger steht auf­grund des von ihm am 08.03.2016 rechts­wirk­sam erklärten Rück­tritts vom ver­ein­bar­ten nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bot nur für die Zeit vom 01.02.2016 bis 08.03.2016 ei­ne Ka­ren­zentschädi­gung in Höhe von EUR 4.244,20 brut­to zuzüglich von Zin­sen zu. Hin­sicht­lich der über­schießen­den Kla­ge­for­de­rung ist auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten das Erst­ur­teil ab­zuändern und die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
1. Die Be­klag­te schul­det dem Kläger für die Zeit ab dem 01.02.2016 auf­grund des ver­ein­bar­ten nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bo­tes die im Ver­trag fest­ge­schrie­be­ne Ka­ren­zentschädi­gung von mo­nat­lich EUR 3.373,60 brut­to. In­so­weit kann auf die zu­tref­fen­den Ausführun­gen im Erst­ur­teil ver­wie­sen und von ei­ner rein wie­der­ho­len­den Dar­stel­lung der Ent­schei­dungs­gründe ab­ge­se­hen wer­den.
2. Der Kläger hat sich mit sei­ner E-Mail vom 08. März 2016 rechts­wirk­sam von dem ver­ein­bar­ten Wett­be­werbs­ver­bot für die Zu­kunft los­ge­sagt und da­mit ei­ne rechts­geschäft­li­che Rück­tritts­erklärung gem. § 323 Abs. 1 BGB ab­ge­ge­ben. Die­se bringt mit ih­rem Zu­gang an die Be­klag­te das dem Kläger auf­er­leg­te nach­ver­trag­li­che Wett­be­werbs­ver­bot zum Weg­fall und gleich­zei­tig auch sei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner Ka­ren­zentschädi­gung.
Die wört­li­che Erklärung, dass er sich nicht mehr "an das Wett­be­werbs­ver­bot ge­bun­den fühle", gab der Kläger in Zu­sam­men­hang mit der nicht er­folg­ten Aus­zah­lung der
für Fe­bru­ar fälli­gen Ka­ren­zentschädi­gung sei­tens der Be­klag­ten ab. Dies er­folg­te im Nach­gang sei­ner Frist­set­zung zum 04.03.2016 in der E-Mail vom 01.03.2016. Die Aus­sa­ge, sich nicht mehr an das Wett­be­werbs­ver­bot "ge­bun­den zu fühlen", be­deu­tet, dass der Kläger die ein­ge­gan­ge­ne ver­trag­li­che Ver­pflich­tung nicht mehr als für ihn ver­bind­lich be­trach­tet und künf­tig – recht­lich un­ge­bun­den - selbst be­stim­men will, ob er Wett­be­werb ausübt oder nicht.
Die Re­geln über Leis­tungsstörun­gen im ge­gen­sei­ti­gen Ver­trag (§§ 320 ff BGB) fin­den auf nach­ver­trag­li­che Wett­be­werbs­ver­bo­te grundsätz­lich An­wen­dung (vgl. BAG vom 05.10.1982 – 3 AZR 451/80 – AP Nr. 42 zu § 74 HGB). Da­mit ist auch ei­ne Rück­tritts­erklärung gem. § 323 Abs. 1 BGB für den Fall möglich, dass sich die Ge­gen­sei­te mit ei­ner Haupt­leis­tung aus dem nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bot in Ver­zug be­fin­det. So­weit sich aus dem Cha­rak­ter die­ser Wett­be­werbs­ver­bo­te als Dau­er­schuld­verhält­nis Be­son­der­hei­ten er­ge­ben, kann dem da­durch Rech­nung ge­tra­gen wer­den, dass der Rück­tritt sei­ne Wir­kung nur „ex nunc“ ent­fal­tet (so LAG Hamm vom 05.01.1995 - 16 Sa 2094/94 – LA­GE Nr. 8 zu § 935 ZPO).
Die Vor­aus­set­zun­gen für die Ausübung des Rück­tritts­rechts gem. § 323 Abs. 1 BGB sind vor­lie­gend erfüllt. Die Be­klag­te be­fand sich mit der Zah­lung der Ka­ren­zentschädi­gung für den Mo­nat Fe­bru­ar 2016 seit dem 01.03.2016 in Ver­zug, § 286 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1 BGB. Der Kläger hat ihr mit sei­ner E-Mail vom 01.03.2016 ei­ne an­ge­mes­se­ne Frist zur Nach­erfüllung ge­setzt, die ver­stri­chen ist. Nach ei­ge­nem Sach­vor­trag des Klägers ha­ben Ver­tre­ter der Be­klag­ten nach er­folg­ter Frist­set­zung die Be­wir­kung der ge­for­der­ten Leis­tung ernst­haft und endgültig gem. § 323 Abs. 2 Nr. 1 BGB ver­wei­gert. Da­mit stellt sich die Erklärung des Klägers in sei­ner E-Mail vom 08.03.2016 als rechts­geschäft­lich re­le­van­te Re­ak­ti­on auf die von der Be­klag­ten be­gan­ge­nen Pflicht­ver­let­zung dar.
Als un­ver­bind­li­che „Trotz­re­ak­ti­on“ durf­te die Be­klag­te die Erklärung des Klägers nicht gem. § 133 BGB auf­fas­sen. Die Erklärun­gen des Klägers in sei­nen E-Mails vom 01. und 08.03.2016 ori­en­tier­ten sich nämlich strin­gent an dem In­halt des ab­ge­schlos­se­nen Ver­tra­ges und den ge­setz­li­chen Vor­ga­ben und wa­ren nicht ge­eig­net, Zwei­fel an sei­nem rechts­geschäft­li­chen Wil­len zu be­gründen.
Mit sei­ner Los­sa­gung re­agier­te der Kläger auf die ihm ge­genüber zu­vor erklärte ver-
bind­li­che Leis­tungs­ver­wei­ge­rung. Sie war nicht dar­auf ge­rich­tet, die­sen Wil­lens­ent­schluss der Be­klag­ten zu kor­ri­gie­ren.
3. Für die Zeit des vom Kläger be­folg­ten nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bots vom 01.02. bis 08.03.2016 er­rech­net sich ein Haupt­sa­che­be­trag von ins­ge­samt
EUR 4.244,20 brut­to.
Aus den Teil­beträgen von EUR 3.373,60 und EUR 870,60 schul­det die Be­klag­te den ge­setz­li­chen Zins­satz, §§ 288 Abs. 1, 286 Abs. 2 Nr. 1 BGB ab dem je­wei­li­gen ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Fällig­keits­ter­min.
1. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus §§ 92 Abs. 1 Satz 1, 97 Abs. 1 ZPO.
2. Die Re­vi­si­on ist für den Kläger zu­zu­las­sen, denn die An­for­de­run­gen an ei­ne vom Ar­beit­neh­mer ab­ge­ge­be­ne Rück­tritts­erklärung von ei­nem nach­ver­trag­li­chen Wett­be­werbs­ver­bot wird gem. § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG grundsätz­li­che Be­deu­tung bei­ge­mes­sen.
Vi­ze­präsi­dent des Lan­des­ar­beits­ge­richts
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