Source: http://m.hensche.de/Abmahnung_und_Ermahnung_Anspruch_auf_Entfernung_einer_Ermahnung_aus_der_Personalakte_BAG_1AZR342-76-u.html
Timestamp: 2016-12-03 17:41:11
Document Index: 7434246

Matched Legal Cases: ['§ 87', '§ 1', '§ 87', '§ 87', '§ 87', '§ 102', '§ 87']

HENSCHE Arbeitsrecht: 1 AZR 342/76
Abmahnung, Ermahnung
1. Auch wenn ein ar­beits­ver­trags­wid­ri­ges Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers zu­gleich ei­nen Ver­s­toß ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung dar­stellt, ist ei­ne mit­be­stim­mungs­freie Ab­mah­nung der in dem Ver­hal­ten lie­gen­den Ver­trags­pflicht­ver­let­zung des Ar­beit­neh­mers durch den Ar­beit­ge­ber möglich. Der Ar­beit­ge­ber ist in ei­nem sol­chen Fal­le nicht dar­auf be­schränkt, das zu be­an­stan­den­de Ver­hal­ten in der Form ei­ner mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Be­triebs­buße zu ahn­den. So­weit aus dem Ur­teil des Se­nats vom 1975-12-05 1 AZR 94/74 = AP Nr 1 zu § 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße, auch zum Ab­druck in der Amt­li­chen Samm­lung be­stimmt, et­was an­de­res ent­nom­men wer­den kann, wird hier­an nicht fest­ge­hal­ten. 2. Ob ei­ne Rüge des Ar­beit­ge­bers im Ein­zel­fall als bloße Ab­mah­nung ver­trags­wid­ri­gen Ver­hal­tens oder als Be­triebs­buße an­zu­se­hen ist, be­darf im Zwei­fel der Aus­le­gung der Erklärung un­ter Berück­sich­ti­gung ih­res Wort­lauts, ih­res Ge­samt­zu­sam­men­hangs und ih­rer Be­gleit­umstände. Ei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Be­triebs­buße liegt vor, wenn die Erklärung des Ar­beit­ge­bers über die Gel­tend­ma­chung sei­nes Gläubi­ger­rechts auf ver­trags­gemäßes Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers ein­sch­ließlich der An­dro­hung in­di­vi­du­al­recht­li­cher Kon­se­quen­zen für den Wie­der­ho­lungs­fall hin­aus­geht und Straf­cha­rak­ter an­nimmt, wenn al­so das be­an­stan­de­te Ver­hal­ten ge­ahn­det wer­den soll. 3. Hat der Ar­beit­ge­ber ei­nen Ar­beit­neh­mer we­gen ei­nes an­geb­lich ver­trags­wid­ri­gen Ver­hal­tens ab­ge­mahnt und hierüber ei­nen Ver­merk zu des­sen Per­so­nal­ak­ten ge­nom­men, so kann der Ar­beit­neh­mer die Ent­fer­nung die­ses Ver­merks aus den Per­so­nal­ak­ten ver­lan­gen, wenn der Vor­wurf un­ge­recht­fer­tigt ist.
Landesarbeitsgericht Hamburg, Urteil vom 18.02.1976, 5 Sa 96/75
1 AZR 342/76 5 Sa 96/75 Ham­burg Verkündet am 30. Ja­nu­ar 1979
gez. Ude, An­ge­stell­teals Ur­kunds­be­am­ter der Geschäfts­stel­le
In Sa­chenPP. hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 30. Ja­nu­ar 1979 durch den Rich­ter Bich­ler als Vor­sit­zen­den, die Rich­ter Dr. Sei­den­sti­cker und Triebfürst so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Mus­sil und An­dersch für Recht er­kannt:
Tat­be­stand: Der 1954 ge­bo­re­ne Kläger ist seit dem 16. Au­gust 1973 bei der Be­klag­ten, ei­nem Ver­lags­un­ter­neh­men, als Ver­kaufs­as­sis­tent beschäftigt. Seit März 1975 ist er Mit­glied des Be­triebs­rats.
- 4 - Fe­bru­ar 1974 könne er sich über­haupt nicht geäußert ha­ben, weil er zu je­nem Zeit­punkt im Kran­ken­haus ge­le­gen ha­be. Der Ver­merk be­tref­fe of­fen­bar ei­ne Be­triebs­ver­samm­lung vom Herbst 1973, auf der er sich je­doch auch nicht so geäußert ha­be, wie es in dem Ver­merk dar­ge­stellt wer­de. Sei­ne Ver­trags­pflich­ten ha­be er nicht ver­letzt; denn sein Ar­beits­ver­trag ent­hal­te kei­ne Be­stim­mung, die es ihm ver­bie­te, auf ei­ner Be­triebs­ver­samm­lung all­ge­mein zugäng­li­ches und im Be­trieb ver­brei­te­tes In­for­ma­ti­ons­ma­te­ri­al vor­zu­tra­gen. Nichts an­de­res ha­be er ge­tan.
Sie ha­be dem Kläger kei­ne Ver­war­nung im Sin­ne ei­ner Be­triebs­buße er­teilt. Sie ha­be ihm auch kei­nen Ver­s­toß ge­gen die be­trieb­li­che Ord­nung vor­ge­wor­fen, son­dern ihn auf ei­ne Ver­let­zung sei­ner Pflich­ten aus dem An­stel­lungs­ver­trag hin­ge­wie­sen und ihn an die­se Ver­trags­pflich­ten be­son­ders er­in­nert. Sie ha­be den Kläger al­so le­dig­lich ab­ge­mahnt. Ei­ne sol­che schlich­te Ab­mah­nung un­ter­lie­ge nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats. Der zu den Per­so­nal­ak­ten ge­ge­be­ne Ver­merk sei mit Aus­nah­me des Da­tums der Be­triebs­ver­samm­lung vom 27. Fe­bru­ar 1974 auch in­halt­lich rich­tig. Es ha­be sich nicht um die Be­triebs­ver­samm­lung vom 27. Fe­bru­ar 1974, son­dern um ei­ne Be­triebs­ver­samm­lung vom 28. No­vem­ber 1973 ge­han­delt. In­so­weit bedürfe der Ver­merk der Be­rich­ti­gung. Im übri­gen tref­fe er zu. - 5 -
Ent­schei­dungs­gründe: Die Re­vi­si­on ist be­gründet. Sie führt zur Zurück­ver­wei­sung der Sa­che an das Be­ru­fungs­ge­richt.
b) Von der Ver­war­nung als Sank­ti­ons­mit­tel für Verstöße ge­gen die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung ist zu un­ter­schei­den die nicht un­ter die Be­triebs­straf­ge­walt fal­len­de und auch sonst nicht der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats un­ter­lie­gen­de Ab­mah­nung des Ar­beit­neh­mers we­gen Ver­let­zung sei­ner ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten. Sie ist die Ausübung ei­nes ver­trag­li­chen Rüge­recht s, mit dem der Gläubi­ger den Schuld­ner auf Ver­trags­ver­let­zun­gen hin­weist, von ihm für die Zu­kunft ver­trags­gemäßes Ver­hal­ten for­dert und ihm ge­ge­be­nen­falls mögli­che in­di­vi­du­al­recht­li­che Kon­se­quen­zen bei er­neu­ter Ver­trags­ver­let­zung in Aus­sicht stellt. Die­ses ver­trag­li­che Rüge­recht kann. un­ter Umständen so­gar zu ei­ner Gläubi­ge­r­ob­lie­gen­heit wer­den. So wird vom Ar­beit­ge­ber in der Re­gel ei­ne vor­he­ri­ge Ab­mah­nung ver­langt, wenn er dem Ar­beit­neh­mer we­gen ei­nes Fehl­ver­hal­tens im Leis­tungs­be­reich kündi­gen will (vgl. BAG AP Nr. 9 zu § 1 KSchG Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung [zu 4 c der Gründe] mit wei­te­ren Recht­spre­chungs­nach­wei­sen). Wie der Ar­beit­ge­ber ei­ne sol­che Ab­mah­nung be­zeich­net, ob er sie Ver­war­nung, Ver­weis oder Mah­nung nennt, ist recht­lich oh­ne Be­deu­tung. Ent­schei­dend ist al­lein, ob die durch die Ab­mah­nung als schlich­te Ausübung ei­ner ver­trag­li­chen Be­fug­nis ge­zo­ge­nen Gren­zen ein­ge­hal­ten wer­den (Se­nats­ur­teil vom 5. De­zem­ber 1975, ga0; Luh­mann, Be­triebs­jus­tiz und Rechts­staat, 1975, S. 107). - 7 -
2.a) Im vor­lie­gen­den Fal­le sind Ge­gen­stand des zu den Per­so­nal­ak­ten ge­nom­me­nen Ver­merks vom 24. Ju­ni 1974 an­geb­lich un­rich­ti­ge Äußerun­gen des Klägers über die Ent­wick­lung des An­zei­gen­geschäfts der Be­klag­ten, in de­nen die­se ei­ne Ver­let­zung der Pflich­ten des Klägers aus sei­nem An­stel­lungs­ver­trag, ins-be­son­de­re sei­ner ver­trag­li­chen Pflicht zur Ver­schwie­gen­heit über geschäft­li­che und be­trieb­li­che Vorgänge sieht. Da die Äußerun­gen des Klägers aber auf Be­triebs­ver­samm­lun­gen ge­fal­len sind, hat das be­an­stan­de­te Ver­hal­ten zu­gleich auch ei­nen kol­lek­ti­ven Be­zug. We­gen die­ses kol­lek­ti­ven Be­zugs ist das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu der Auf­fas­sung ge­langt, es han­de­le sich bei dem um­strit­te­nen Ver­merk um ei­ne mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Be­triebs­buße und nicht um ei­ne mit­be­stim­mungs­freie Ab­mah­nung ei­nes ver­trags­wid­ri­gen Ver­hal­tens. Es führt da­zu aus, die Be­klag­te ha­be in dem Ver­merk aus­drück­lich gerügt, daß der Kläger vor al­len Be­leg­schafts­an­gehöri­gen un­rich­ti­ge An­ga­ben über die Ent­wick­lung im An­zei­gen­geschäft ge­macht und die von der Geschäfts­lei­tung be­kannt­ge­ge­be­nen Zah­len als falsch be­zeich­net ha­be. Da­mit wol­le die Be­klag­te - so heißt es in dem an­ge­foch­te­nen Ur­teil wei­ter - dem Kläger vor­wer­fen, daß er ih­re Geschäfts­lei­tung vor der Be­leg­schaft als un­glaubwürdig hin­ge­stellt ha­be. Hier­in lie­ge der Vor­wurf ei­nes Ver- - 8 -
Die­se Ausführun­gen des Se­nats sind im Schrift­tum auf Kri­tik ges­toßen (Kon­zen, Anm. zu AP Nr. 1 zu § 87 Be­trVG 1972 Be­triebs­buße [zu I 3 a]; Wie­se, Anm. zu dem ge­nann­ten Se­nats­ur­teil in EzA § 87 Be­trVG 1972 Be­trieb­li­che Ord­nung Nr. 1). Sie können in der Tat da­hin ver­stan­den wer­den - und das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat sie auch so ver­stan­den -, daß der Ar­beit­ge­ber Ver­trags­pflicht­ver­let­zun­gen sei­nes Ar­beit­neh­mers, die zu­gleich die kol­lek­ti­ve be­trieb­li­che Ord­nung berühren und ge­gen sie ver­s­toßen, nur im We­ge ei­ner mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Be­triebs­buße, nicht aber in Ausübung sei­nes ver­trag­li­chen Rüge­rechts oh­ne Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats ab­mah­nen könn­te. Hier­an hält der Se­nat nicht fest. Er ist viel­mehr der Auf­fas­sung, daß auch in sol­chen Fällen ei­ne mit­be­stim­mungs­freie Ab­mah­nung als Ausübung der je­dem Gläubi­ger zu­ste­hen­den Be­fug­nis, den - 10 -
Schuld­ner auf ei­ne Ver­let­zung sei­ner Ver­trags­pflich­ten auf­merk­sam zu ma­chen und von ihm künf­tig ver­tragsmäßiges Ver­hal­ten zu ver­lan­gen, möglich ist. Woll­te man je­de Ab­mah­nung ei­ner auch die be­trieb­li­che Ord­nung berühren­den Ver­trags­pflicht­ver­let­zung als nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG mit­be­stim­mungs-pflich­tig an­se­hen, so wäre dies der sich aus dem Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz er­ge­ben­den Ab­stu­fung der Be­tei­li­gungs­rech­te des Be­triebs­rats nicht ge­recht. Für die Kündi­gung als schärfs­te in­di­vi­du­al­recht­li­che Re­ak­ti­on des Ar­beit­ge­bers auf Ver­trags­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers schreibt § 102 Abs. 1 Be­trVG nur die vor­he­ri­ge Anhörung und da­mit die schwächs­te Form der Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats vor. Es wäre sys­tem­wid­rig und würde auch ei­nes ein­leuch­ten­den Grun­des ent­beh­ren, die der Kündi­gung häufig vor­aus­ge­hen­de, we­sent­lich mil­de­re Maßnah­me der bloßen War­nung vor wei­te­rer Pflicht­ver­let­zung an die stärks­te Be­tei­li­gungs­form, nämlich an die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu bin­den. Ei­ne nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 Be­trVG mit­be­stim­mungs­pflich­ti­ge Maßnah­me des Ar­beit­ge­bers liegt erst dann vor, wenn sie über die Gel­tend­ma­chung der Gläubi­ger­po­si­ti­on ein­sch­ließlich der An­dro­hung in­di­vi­du­al­recht­li­cher Kon­se­quen­zen bei Fort­set­zung des pflicht­wid­ri­gen Ver­hal­tens hin­aus­geht und Straf­cha­rak­ter an­nimmt, wenn das be­an­stan­de­te ge­mein­schafts- und zu­gleich ver­trags­wid­ri­ge Ver­hal­ten al­so ge­ahn­det wer­den soll. Ob die Rüge des Ar­beit­ge­bers als Ab­mah­nung oder als Buße an­zu­se­hen ist, be­darf im Zwei­fel der Aus­le­gung un­ter Berück­sich­ti­gung des Wort­lauts und des Ge­samt­zu­sam­men­hangs der Erklärung so­wie ih­rer Be­gleit­umstände. Da­bei kommt es dar­auf an, wie der Ar­beit­neh­mer die Be­an­stan­dung des Ar­beit­ge­bers nach Treu und Glau­ben ver­ste­hen mußte. - 11 -
Da­mit hält sich der Ver­merk im Rah­men ei­ner schlich­ten Ab­mah­nung ver­trags­wid­ri­gen Ver­hal­tens. Er hat nicht den Cha­rak­ter ei­ner Be­triebs­buße und be­durf­te des­halb ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nicht der Zu­stim­mung des Be­triebs­rats. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil konn­te da­her kei­nen Be­stand ha­ben. - 12 -
gez.: Bich­ler Triebfürst Dr. Sei­den­sti­cker
Dr. Mus­sil An­dersch	m.hensche.de
zur Übersicht 1 AZR 342/76 Kontakt