Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/abschiebehaft-pruefungspflicht-gerichte-3122930
Timestamp: 2020-07-07 13:34:22
Document Index: 329755677

Matched Legal Cases: ['Art. 104', '§ 62', '§ 62', '§ 426', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Abschiebehaft - und die umfassende Prüfungspflicht der Gerichte | Rechtslupe
Abschiebehaft - und die umfassende Prüfungspflicht der Gerichte
Es ist unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens, dass Ent­schei­dun­gen, die den Ent­zug der per­sön­li­chen Frei­heit betref­fen, auf zurei­chen­der rich­ter­li­cher Sach­auf­klä­rung beru­hen und eine in tat­säch­li­cher Hin­sicht genü­gen­de Grund­la­ge haben, die der Bedeu­tung der Frei­heits­ga­ran­tie ent­spricht [1].
Der Rich­ter hat nach Art. 104 Abs. 2 Satz 1 GG die Ver­ant­wor­tung für das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen der von ihm ange­ord­ne­ten oder bestä­tig­ten Haft zu über­neh­men. Dazu muss er die Tat­sa­chen fest­stel­len, die die Frei­heits­ent­zie­hung recht­fer­ti­gen [2].
Hier­nach hät­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Haft bis längs­tens 23.10.2015 ange­ord­net bzw. auf­recht­erhal­ten wer­den dür­fen:
Die betei­lig­te Behör­de hat­te zwar Haft bis zum 11.11.2015 bean­tragt, aber dar­ge­legt, dass sie für die Beschaf­fung der Passersatz­pa­pie­re, die am 18.09.2015 ver­an­lasst wer­de, einen Zeit­raum von drei Wochen benö­ti­ge und dass nach Vor­lie­gen der Aus­rei­se­do­ku­men­te unver­züg­lich die Abschie­bung nach Viet­nam voll­zo­gen wer­den kön­ne. Im Hin­blick auf die Ver­pflich­tung zur Begren­zung der Haft auf den kür­zest mög­li­chen Zeit­raum (§ 62 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG) durf­te das Amts­ge­richt unter Berück­sich­ti­gung des erfor­der­li­chen Vor­be­rei­tungs­zeit­raums und eines zeit­li­chen Puf­fers für all­fäl­li­ge Ver­zö­ge­run­gen kei­ne Haft über den 23.10.2015 hin­aus anord­nen. Dass das Amts­ge­richt zusätz­li­che Erkennt­nis­se gewon­nen hät­te, die eine län­ge­re Haft gerecht­fer­tigt hät­ten, lässt sich sei­nem Beschluss nicht ent­neh­men. Es refe­riert dort ledig­lich den Vor­trag der Behör­de, der kei­ne aus­rei­chen­de tat­säch­li­che Grund­la­ge für die Anord­nung einer län­ge­ren Haft bot.
Das Beschwer­de­ge­richt hät­te die über den 23.10.2015 hin­aus ange­ord­ne­te Haft nicht auf­recht­erhal­ten dür­fen, son­dern hät­te sie nach § 62 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG, § 426 Abs. 1 FamFG von Amts wegen für den Zeit­raum danach auf­he­ben müs­sen. Es hat näm­lich ledig­lich Bezug auf den Beschluss des Amts­ge­richts genom­men, ohne die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zur Dau­er der Haft nach­zu­ho­len. Durch die­ses Vor­ge­hen wur­de die ange­ord­ne­te Haft für die­sen Zeit­raum zu einer Vor­rats­haft, die das Gesetz nicht zulässt [3].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Janu­ar 2017 – V ZB 144/​15
BVerfGK 15, 139, 144 f.; BGH, Beschluss vom 16.06.2016 – V ZB 12/​15, InfAuslR 2016, 429 Rn. 14; Beschluss vom 20.10.2016 – V ZB 167/​14, Rn. 9 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 16.06.2016 – V ZB 12/​15, InfAuslR 2016, 429 Rn. 14; Beschluss vom 20.10.2016 – V ZB 167/​14, Rn. 9 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 09.06.2011 – V ZB 26/​11 8; Beschluss vom 04.12 2014 – V ZB 77/​14, BGHZ 203, 323 Rn. 6[↩]
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