Source: https://blog.machtfit.de/blog/2016/02/17/psychische-gefaehrdungsbeurteilung/
Timestamp: 2019-08-22 05:21:01
Document Index: 50265088

Matched Legal Cases: ['§3', '§4', '§5', '§6', '§3', '§ 5']

Psychische Gefährdungsbeurteilung - Anforderungen, Ablauf und Hürden
Die psychische Gefährdungsbeurteilung ist ein spezifischer Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung der Betriebssicherheitsverordnung und des Arbeitsschutzgesetzes. Die jüngste Änderung der BetrSichV trat am 01 Juni 2015 in Kraft. Gleichzeitig trat die BetrSichV von 2002 außer Kraft.
Für die psychische Gefährdungsbeurteilung finden sich gesetzliche Bestimmungen in der Betriebssicherheitsverordnung (§3 BetrSichV) und im Arbeitsschutzgesetz (§4, §5, §6 ArbSchG 2013). Beide Gesetzestexte werden vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz im Volltext bereitgestellt.
Die BetrSichV und wer davon profitieren kann
Ziel der Betriebssicherheitsverordnung ist es, die Sicherheit und den Schutz der Gesundheit von Beschäftigten bei der Verwendung von Arbeitsmitteln zu gewährleisten. Sie soll gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder Unfällen präventiv entgegenwirken.
Im Zentrum der Verordnung steht Abschnitt 2 BetrSichV. Er regelt die Gefährdungsbeurteilung und zu ergreifende Schutzmaßnahmen. Demnach hat der Arbeitgeber bereits vor der Verwendung der Arbeitsmittel die auftretenden Gefährdungen zu beurteilen (Gefährdungsbeurteilung) und daraus notwendige und geeignete Schutzmaßnahmen abzuleiten.
Um Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren vermeiden zu können, müssen potenzielle Gefahren gezielt und systematisch ermittelt, beurteilt und beseitigt werden. Seit 2015 fordert die BetrSichV erstmals eine Beurteilung, die die Gebrauchstauglichkeit von Arbeitsmitteln einschließlich der ergonomischen, alters- und alternsgerechten Gestaltung berücksichtigt.
Zudem sind die physischen und psychischen Belastungen der Beschäftigten, die bei der Verwendung von Arbeitsmitteln auftreten zu analysieren und ggf. Maßnahmen einzuleiten (BetrSichV §3 Abs. 2). Dies ist gesetzlich ebenso seit 2013 in § 5 ArbSchG verankert.
Die BetrSichV richtig umzusetzen, liegt nicht nur im Interesse der Mitarbeiter. Ein Mehrwert ergibt sich auch für den Betrieb, denn die Gefährdungsbeurteilung ermöglicht es, eine reibungslose Betriebsstunde zu gewährleisten. Betriebsunfälle und psychische Fehlbelastungen können präventiv vermieden werden. Hierdurch sinken die Kosten für Fehlzeiten der Arbeitnehmer und die Krankheitsrate der Betriebsmitglieder kann reduziert werden, was zu Kostenersparnissen führt.
Bei der psychischen Gefährdungsbeurteilung geht es zunächst darum die Gesamtheit aller erfassbaren Einflüsse, die von außen auf den Menschen zukommen und psychisch auf ihn einwirken zu dokumentieren. Man spricht hier von der psychischen Belastung. Anerkannte Belastungsfaktoren lassen sich in vier Kategorien clustern:
1. Arbeitsinhalte bzw. Arbeitsaufgaben (Verantwortung, Handlungsspielraum, Qualifikation etc.).
2. Arbeitsorganisation ( Arbeitszeit, Aufgabenwechsel, Zeitvorgaben etc.).
3. Arbeitsumgebung (Lärm, Raumklima, Vibration, Gerüche etc.) und
4. soziale Beziehungen (Rückmeldungen, Umgang, Führungs- und Gruppenverhalten etc.)
Sind potenzielle Belastungen erkannt, kann sodann bewertet werden, welche der Einflüsse eine Fehlbelastung bei den Angestellten hervorrufen können. Die Analyse fokussiert sich auf die psychische Beanspruchung. Sie ist die unmittelbare (nicht die langfristige) Auswirkung der psychischen Belastung im Individuum in Abhängigkeit von seiner jeweiligen überdauernden und derzeitigen Voraussetzungen einschließlich der individuellen Bewältigungsstrategie.
Jede psychische Beanspruchung kann sich sowohl positiv als auch negativ auswirken. Negative psychische Beanspruchungen gilt es zu vermeiden.
Positive psychische Beanspruchung
Besteht eine adäquate Anforderung an den Arbeitnehmer führt dies kurzfristig zu einer Herausforderung, Aktivierung, und Zufriedenheit des Arbeitnehmers, die langfristig die Weiterentwicklung des Arbeitnehmers, dessen Wohlbefinden und psychosomatische Gesundheit begünstigen.
Negative psychische Beanspruchung
Kurzfristig kann eine Über- oder Unterforderung bei den Mitarbeitern das Gefühl von Stress freisetzen, zu psychischer Ermüdung führen, Unzufriedenheit auslösen und Kopfschmerzen oder ähnliche Symptome begünstigen. Auf lange Sicht folgen häufig Depression, Burnout, Psychosomatische Erkrankungen und in manchen Fällen auch Drogen- oder Alkoholmissbrauch.
Idealtypischer Ablauf einer psychischen Gefährdungsbeurteilung
Der Ablauf einer psychischen Gefährdungsbeurteilung lässt sich in acht Punkte untergliedern:
Die Planung, Vorbereitung, Implementierung.
Sie ist ausschlaggebend für das Gelingen des gesamten Prozesses. Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang bereits die Informationsbereitstellung und die Wahrung des Datenschutzes.
Die Festlegung der Tätigkeit.
Die Erfassung der psychischen Belastung und die daran anschließende Beurteilung der psychischen Belastung. Liegt eine negative Belastung vor, schreitet die Maßnahmenabteilung ein mit der Maßnahmenumsetzung.
Eine durchgeführte Wirkungskontrolle kann die Maßnahmen bestätigen oder verwerfen.
Zum Schluss wird der gesamte Prozess dokumentiert. Dies ermöglicht eine Evaluierung und kontinuierliche Verbesserung des Unfall- und Gesundheitsschutzes sowie der Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit der Mitarbeiter.
Mit welchen Methoden können potenzielle psychische Gefahren bewertet werden?
Bei zahlreichen Gefahrenbeurteilungen reicht es aus, einen Grenzwert bei Messungen einzuhalten. So etwa bei Lärm, Hitze oder Vibration. Für die psychische Gefährdungsbeurteilung gestaltet sich das Messverfahren etwas schwieriger, da die subjektive Empfindung mittels eines Gerätes nicht feststellbar ist. Für die psychische Gefährdungsbeurteilung erweisen sich Fragebögen, Interviews, Beobachtungselemente oder Workshops als dienliche Analysemethoden.
Anhand einfacher Fragebögen lassen sich in einem orientierenden Verfahren Tendenzen feststellen. Zur Durchführung ist nur wenig Expertise erforderlich. Ein Fragebogen mit überschaubar umfangreichen Fragen kann eine tendenzielle Auskunft über die psychische Belastung der Arbeitnehmer zeigen. Eben solche Fragebögen werden u. a. durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin kostenfrei bereitgestellt.
Ein screening Verfahren umfasst einen umfangreicheren Fragekatalog mit Beobachtungselementen und lässt präzisiere Aussagen zu. In einem Expertenverfahren wird meist auf Beobachtungs- und Befragungselemente zurückgegriffen. Sie werden von Psychologen oder anderen fachkundigen Personen durchgeführt.
Workshops und Kleingruppengespräche können zur Problemfindung in kleinen Betrieben dienlich sein. Als Problemlösungsansatz werden sie aber auch in größeren Betrieben im Bereich der Maßnahmenumsetzung eingesetzt (etwa um zwischenmenschliche Konflikte zu lösen).
Offene Kommunikation wirkt Problemen und Angst entgegen
Es erweist sich als ratsam, firmenintern umfangreich über die psychische Gefährdungsbeurteilung zu informieren. Die Offenheit der Arbeitnehmer ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der psychischen Gefährdungsbeurteilung. Missverständnisse, wie etwa eine psychische Beurteilung der Mitarbeiter stände bevor, können mittels transparenter Informationsbereitstellung vermieden werden.
Dazu gehört es u.a. über den Sinn und Zweck der psychischen Gesundheitsbeurteilung aufzuklären, den Ablauf darzustellen, die Erkenntnisse der Datenerhebung zu veröffentlichen und Maßnahmen gegen sichtbar gewordene Mängellagen zu präsentieren. Während des gesamten Prozesses ist die Anonymität der Mitarbeiter zu wahren.
Vorhandene Strukturen nutzen oder neue schaffen?
Wer vor der psychischen Gefährdungsbeurteilung zurückschreckt, weil sie zu komplex sei und neue Strukturen benötige, sei beruhigt: Es ist ratsam die psychische Gefährdungsbeurteilung in vorhandene Strukturen miteinzubinden.
In Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten ist der Arbeitgeber gesetzlich dazu verpflichtet, einen Arbeitsschutzausschuss (ASA) einzurichten. Der ASA bietet die strukturellen Voraussetzungen, denn in diesem finden sich Vertreter der verschiedenen Interessensgruppen wie Arbeitgeber, Betriebsrat, Betriebsarzt und Fachkräfte für Arbeitssicherheit wieder, was eine günstige Ausgangslage für die Umsetzung widerspiegelt.
Im Optimalfall verfügt der Betrieb bereits über ein Betriebliches Gesundheitsmanagement, das mit seiner Expertise mitwirkt. Selbstverständlich kann das Team im Bedarfsfall von weiteren Experten unterstützt werden. Zu nennen wären Psychologen oder Berater des Gesundheits- und Sozialsektors.
Sie haben Interesse an einer psychischen Gefährdungsbeurteilung? Schreiben Sie uns eine E-Mail an info@machtfit.de
Scheuermann, K., Schucht, C.: Die neue Betriebssicherheitsverordnung. Praxisleitfaden zur sichern Verwendung von Arbeitsmitteln, München 2015.
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) (Hsrg.): Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Erfahrungen und Empfehlungen, Berlin 2013.
BGM Know-how, News 17. Februar 2016