Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/vorsorgevollmacht-bedenken-wirksamkeit-3118779?pk_campaign=feed&pk_kwd=vorsorgevollmacht-bedenken-wirksamkeit
Timestamp: 2020-08-12 01:27:15
Document Index: 24072085

Matched Legal Cases: ['§ 1896', '§ 1896', '§ 26', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Vorsorgevollmacht - und die Bedenken gegen ihre Wirksamkeit | Rechtslupe
Vorsorgevollmacht - und die Bedenken gegen ihre Wirksamkeit
Mit der Erfor­der­lich­keit einer Betreu­ung bei Vor­lie­gen einer Vor­sor­ge­voll­macht hat­te sich der Bun­des­ge­richt erneut [1] zu befas­sen:
Ein Betreu­er darf nur bestellt wer­den, soweit die Betreu­er­be­stel­lung erfor­der­lich ist (§ 1896 Abs. 2 Satz 1 BGB). An der Erfor­der­lich­keit fehlt es, soweit die Ange­le­gen­hei­ten des Betrof­fe­nen durch einen Bevoll­mäch­tig­ten eben­so gut wie durch einen Betreu­er besorgt wer­den kön­nen (§ 1896 Abs. 2 Satz 2 BGB). So wie die eine Betreu­ung erfor­dern­de Krank­heit mit hin­rei­chen­der Sicher­heit fest­ste­hen muss, eine blo­ße Ver­dachts­dia­gno­se also nicht aus­reicht, genügt ein blo­ßer Ver­dacht nicht, um die Ver­mu­tung der Wirk­sam­keit einer vor­lie­gen­den Voll­machts­ur­kun­de zu erschüt­tern. Kann die Unwirk­sam­keit einer Vor­sor­ge­voll­macht nicht posi­tiv fest­ge­stellt wer­den, bleibt es somit bei der wirk­sa­men Bevoll­mäch­ti­gung [2]. Eine Vor­sor­ge­voll­macht steht daher der Bestel­lung eines Betreu­ers grund­sätz­lich ent­ge­gen.
Ob eine bestehen­de Voll­macht dann, wenn sie in Zwei­fel gezo­gen wird, dem Bevoll­mäch­tig­ten ermög­licht, die Ange­le­gen­hei­ten des Betrof­fe­nen eben­so gut wie durch einen Betreu­er zu besor­gen, ist eine nach­ge­ord­ne­te Fra­ge, die sich erst stellt, wenn die Fra­ge der Wirk­sam­keit der Voll­macht im Rah­men der Auf­klä­rung von Amts wegen nach § 26 FamFG aus­er­mit­telt ist und nicht posi­tiv fest­ge­stellt wer­den kann, ob sie wirk­sam oder unwirk­sam ist [3]. Dabei ent­schei­det der Tatrich­ter über Art und Umfang sei­ner Ermitt­lun­gen nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen. Dem Rechts­be­schwer­de­ge­richt obliegt ledig­lich die Kon­trol­le auf Rechts­feh­ler, ins­be­son­de­re die Prü­fung, ob die Tat­sa­chen­ge­rich­te alle maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te in Betracht gezo­gen haben und die Wür­di­gung auf einer aus­rei­chen­den Sach­auf­klä­rung beruht [4].
Blei­ben Beden­ken an der Wirk­sam­keit der Voll­mach­ter­tei­lung oder am Fort­be­stand der Voll­macht, kommt es dar­auf an, ob dadurch die Akzep­tanz der Voll­macht im Rechts­ver­kehr ein­ge­schränkt ist, ent­we­der weil Drit­te die Voll­macht unter Beru­fung auf die­se Beden­ken zurück­ge­wie­sen haben oder weil ent­spre­chen­des kon­kret zu besor­gen ist [5]. Trotz Vor­sor­ge­voll­macht kann eine Betreu­ung zudem dann erfor­der­lich sein, wenn der Bevoll­mäch­tig­te unge­eig­net ist, die Ange­le­gen­hei­ten des Betrof­fe­nen zu besor­gen, ins­be­son­de­re weil zu befürch­ten ist, dass die Wahr­neh­mung der Inter­es­sen des Betrof­fe­nen durch jenen eine kon­kre­te Gefahr für das Wohl des Betrof­fe­nen begrün­det. Letz­te­res ist der Fall, wenn erheb­li­che Beden­ken an der Geeig­net­heit oder Red­lich­keit des Bevoll­mäch­tig­ten bestehen [6].
Zur Beur­tei­lung der Fra­ge, ob die Betrof­fe­ne am Tage der Voll­machts­er­tei­lung geschäfts­fä­hig war, kommt es mit­hin ersicht­lich auf ihre kon­kre­te Ver­fas­sung an die­sem Tag an, wes­halb sich dem Tatrich­ter auf­drän­gen muss, die bei der Beur­kun­dung neben der Betrof­fe­nen anwe­sen­den Per­so­nen, ins­be­son­de­re den Notar, hier­zu zu befra­gen.
Aber auch das Bestehen von Zwei­feln an der Geschäfts­fä­hig­keit der Betrof­fe­nen bei Voll­mach­ter­tei­lung unter­stellt, fehlt es der­zeit an einer trag­fä­hi­gen Grund­la­ge für die Annah­me, dass eine Betreu­ung für die Betrof­fe­ne erfor­der­lich ist, wenn die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung weder aus­rei­chen­de Fest­stel­lun­gen dazu ent­hält, dass etwai­ge Beden­ken gegen die Wirk­sam­keit der Vor­sor­ge­voll­macht zu Akzep­tanz­pro­ble­men im Rechts­ver­kehr füh­ren, noch dazu, dass der Bevoll­mäch­tig­te unge­eig­net ist.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Okto­ber 2016 – XII ZB 289/​16
im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 17.02.2016 XII ZB 498/​15 FamRZ 2016, 704; und vom 03.02.2016 – XII ZB 425/​14 FamRZ 2016, 701[↩]
BGH, Beschluss vom 03.02.2016 XII ZB 425/​14 FamRZ 2016, 701 Rn. 11[↩]
BGH, Beschluss vom 03.02.2016 XII ZB 425/​14 FamRZ 2016, 701 Rn. 12[↩]
BGH, Beschluss vom 17.02.2016 XII ZB 498/​15 FamRZ 2016, 704 Rn. 13 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 03.02.2016 XII ZB 425/​14 FamRZ 2016, 701 Rn. 12; vgl. auch BGH, Beschluss vom 17.02.2016 XII ZB 498/​15 FamRZ 2016, 704 Rn. 12 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 17.02.2016 XII ZB 498/​15 FamRZ 2016, 704 Rn. 12 mwN[↩]