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Timestamp: 2020-01-21 00:38:41
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Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', '§ 74', 'BGH', '§ 74', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Ablehnung eines Sachverständigen wegen Befangenheit - Strafrecht Blog RA Dr. Böttner
BGH: Zur Ablehnung eines Sachverständigen aus Gründen der Befangenheit
Kanzlei: Rechtsanwalt und Strafverteidiger Dr. Böttner 10. September 2012
Basiert das Gutachten auf persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen, sind an dem Sachverständigen strenge Maßstäbe der Befangenheit anzulegen.
In einem Betrugsverfahren vor dem Landgericht Baden-Baden musste der Wert von Diamanten festgestellt werden. Dazu wurde ein von der Industrie- und Handelskammer öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger gehört. Dieser Sachverständige soll gegenüber einem weiteren Sachverständigen folgenden Satz über den Strafverteidiger geschrieben haben:
Die Strafverteidigung brachte daraufhin erfolglos das Ablehnungsgesuche gegen den Sachverständigen vor. Das Landgericht befand die Formulierung als nicht zu beanstanden, da sie keine rechtliche Würdigung enthalten würde.
Dies sieht der BGH anders. Die Zurückweisung des Ablehnungsgesuches ist rechtsfehlerhaft. So gelten für Sachverständige die gleichen Ablehnungsgründe wie für Richter:
„Ein Sachverständiger kann gemäß § 74 Abs. 1 StPO aus denselben Gründen, die zur Ablehnung eines Richters berechtigen, abgelehnt werden. So kann ein Sachverständiger wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden, wenn er durch mündliche oder schriftliche Äußerungen den Eindruck der Voreingenommenheit hervorgerufen hat.“
Im konkreten Fall führt der BGH aus:
„Unabhängig davon, dass der „Hinweis“ in seinem Tatsachenkern zwar nichts Unzutreffendes enthält, ist nicht ersichtlich, welche Rolle der Mandatsstruktur eines Verteidigers bei der Wertbestimmung von Diamanten zukommen könnte. Der „Hinweis“ ist in seinem Kontext geeignet, den Eindruck zu erwecken, als stellte der Sachverständige demgegenüber einen solchen Zusammenhang her. Dem kommt vorliegend deswegen besondere Bedeutung zu, weil (wovon die Strafkammer auch im Urteil ausgeht) speziell die in Rede stehende Bewertung von Farbdiamanten – anders als etwa bei typisierten Analyseverfahren oder wissenschaftlich objektivierten Untersuchungsverfahren – nicht unwesentlich Ausfluss der auf persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen basierenden Sachkunde des jeweiligen Sachverständigen ist. Deshalb ist hier ein strenger Maßstab an die Unbefangenheit des Sachverständigen anzulegen.“
Der Verstoß gegen § 74 StPO führt zur Aufhebung des Strafausspruches.
BGH, Beschluss vom 14. April 2011, 1 StR 458/10
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