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Timestamp: 2019-08-21 07:22:23
Document Index: 16327585

Matched Legal Cases: ['Art. 25', '§ 545', 'Art. 66', 'Art. 32', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 4', 'Art. 7', 'Art. 25', '§ 38', 'Art. 25', 'Art 25', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 25', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 66', 'BGH', 'EuG', 'Art. 25', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 25', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'BGH']

Inter­na­tio­na­le gericht­li­che Zustän­dig­keit – auf­grund eines Han­dels­brauchs | Rechtslupe
Der Behaup­tung einer Par­tei, eine bestimm­te Form der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­spre­che unter Kauf­leu­ten in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig des inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehrs einem Han­dels­brauch im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO, ist im Rah­men der von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Prü­fung der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit grund­sätz­lich nach­zu­ge­hen.
Das Gericht ist dabei von Beweis­an­trä­gen unab­hän­gig und kann im Wege des Frei­be­wei­ses vor­ge­hen. An die Annah­me, die Beweis­erhe­bung sei ent­behr­lich, weil die Behaup­tung will­kür­lich „ins Blaue hin­ein” erfolgt sei, sind stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len.
Auch der Bun­des­ge­richts­hof hat als Revi­si­ons­ge­richt die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te von Amts wegen zu prü­fen. Die Vor­schrift des § 545 Abs. 2 ZPO steht dem nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht ent­ge­gen1.
Die Brüs­sel-Ia-Ver­ord­nung gilt gemäß Art. 66 Abs. 1 Brüs­sel-Ia-VO für alle Ver­fah­ren, die ab dem 10.01.2015 ein­ge­lei­tet wor­den sind. Dabei kann dahin­ste­hen, ob es hier­für ent­spre­chend Art. 32 Abs. 1 Brüs­sel-Ia-VO auf den Zeit­punkt der Ein­rei­chung der Kla­ge bei Gericht oder auf den nach der lex fori des Gerichts­staats zu bestim­men­den Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung ankommt2. Denn im vor­lie­gen­den Fall erfolg­ten sowohl die Ein­rei­chung der Kla­ge als auch die nach­fol­gen­de Zustel­lung nach dem Stich­tag, so dass die Ver­ord­nung in zeit­li­cher Hin­sicht Anwen­dung fin­det. Auch der sach­li­che und räum­li­che Anwen­dungs­be­reich der Brüs­sel-Ia-Ver­ord­nung ist eröff­net. Dies wird von der Revi­si­on nicht in Fra­ge gestellt.
Für eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung gemäß Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Brüs­sel-Ia-VO ist die Ein­hal­tung der Form­erfor­der­nis­se Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung ist. Allein eine Wil­lens­ei­ni­gung der Par­tei­en führt mit­hin nicht zu einer wirk­sa­men Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung, wenn nicht auch die Form ein­ge­hal­ten ist3. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on sind die Form­erfor­der­nis­se des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Brüs­sel-Ia-VO eng aus­zu­le­gen, weil die Bestim­mung sowohl die all­ge­mei­ne Zustän­dig­keit nach dem Wohn­sitz des Beklag­ten gemäß Art. 4 Brüs­sel-Ia-VO als auch die beson­de­re Zustän­dig­keit gemäß Art. 7 Brüs­sel-Ia-VO aus­schließt4. Damit soll gewähr­leis­tet wer­den, dass die Wil­lens­ei­ni­gung zwi­schen den Par­tei­en zwei­fels­frei fest­steht und Gerichts­stands­klau­seln, die ein­sei­tig in den Ver­trag ein­ge­fügt wor­den sind, nicht unbe­merkt blei­ben5. Die Form­erfor­der­nis­se sol­len dar­über hin­aus aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit eine ein­deu­ti­ge Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts ermög­li­chen6. Da Art. 25 Brüs­sel-Ia-VO in sei­nem Anwen­dungs­be­reich lex spe­cia­lis ist, ver­drängt er § 38 ZPO7.
Nach Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) Brüs­sel-Ia-VO muss eine form­wirk­sa­me Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung schrift­lich oder münd­lich mit schrift­li­cher Bestä­ti­gung geschlos­sen wer­den.
Dage­gen kann nach Art 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung im inter­na­tio­na­len Han­del auch in einer Form geschlos­sen wer­den, die einem Han­dels­brauch ent­spricht, den die Par­tei­en kann­ten oder ken­nen muss­ten und den Par­tei­en von Ver­trä­gen die­ser Art in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig all­ge­mein ken­nen und regel­mä­ßig beach­ten. Ob ein Han­dels­brauch besteht ist nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht für den inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehr gene­rell zu bestim­men, son­dern nur für den Geschäfts­zweig, in dem die Par­tei­en tätig sind. Ein Han­dels­brauch ist danach dann zu beja­hen, wenn die in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig täti­gen Kauf­leu­te bei Abschluss einer bestimm­ten Art von Ver­trä­gen all­ge­mein und regel­mä­ßig ein bestimm­tes Ver­hal­ten befol­gen. Ist das Ver­hal­ten auf­grund des­sen hin­rei­chend bekannt, um als stän­di­ge Übung ange­se­hen zu wer­den, wird die Kennt­nis der Par­tei­en vom Han­dels­brauch ver­mu­tet8. Es obliegt dem natio­na­len Gericht, zu prü­fen, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen9.
Der Behaup­tung einer Par­tei, eine bestimm­te Form der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­spre­che unter Kauf­leu­ten in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig des inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehrs einem Han­dels­brauch im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO, ist im Rah­men der von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Prü­fung der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit grund­sätz­lich nach­zu­ge­hen. Das Gericht ist dabei von Beweis­an­trä­gen unab­hän­gig und kann im Wege des Frei­be­wei­ses vor­ge­hen. An die Annah­me, die Beweis­erhe­bung sei ent­behr­lich, weil die Behaup­tung will­kür­lich „ins Blaue hin­ein” erfolgt sei, sind stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs10 ist der Beweis­füh­rer grund­sätz­lich nicht gehin­dert, Tat­sa­chen zu behaup­ten, über die er kei­ne genau­en Kennt­nis­se hat, die er aber nach Lage der Din­ge für wahr­schein­lich hält. Eine Beweis­erhe­bung darf danach nur dann unter­blei­ben, wenn der Beweis­füh­rer ohne greif­ba­re Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen eines bestimm­ten Sach­ver­halts will­kür­lich Behaup­tun­gen „aufs Gera­te­wohl” oder „ins Blaue hin­ein” auf­stellt. Bei der Annah­me von Will­kür in die­sem Sin­ne ist jedoch Zurück­hal­tung gebo­ten. In der Regel wird sie nur bei Feh­len jeg­li­cher tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te vor­lie­gen11.
Nach die­sen Maß­stä­ben hät­te im vor­lie­gen­den Fall Beweis über die betref­fen­de Behaup­tung der Klä­ge­rin erho­ben wer­den müs­sen. Die Klä­ge­rin hat vor­ge­tra­gen, die Ver­ein­ba­rung eines Gerichts­stands am Sitz des Unter­neh­mers in der Form, dass ein schrift­li­ches Ver­trags­an­ge­bot mit Gerichts­stands­klau­sel münd­lich ange­nom­men wer­de, sei unter Kauf­leu­ten in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig des inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehrs (hier: Mon­ta­geleis­tun­gen im deutsch­ös­ter­rei­chi­schen Han­dels­ver­kehr) üblich und ent­spre­che einem Han­dels­brauch im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO. Sie hat dies durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens und Aus­kunft der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer unter Beweis gestellt. Die Klä­ge­rin hat damit die gemäß Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO erheb­li­chen Tat­sa­chen bezeich­net. Sie hat dar­über hin­aus meh­re­re Vor­dru­cke mit All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen von Mit­be­wer­bern aus dem betref­fen­den Geschäfts­zweig vor­ge­legt, die ver­gleich­ba­re Gerichts­stands­klau­seln ent­hal­ten. Soweit sie ihren Vor­trag, es sei in die­sem Geschäfts­zweig üblich, Auf­trä­ge in der Wei­se zu ver­ge­ben, dass per E‑Mail über­mit­tel­te Ange­bo­te münd­lich ange­nom­men wür­den, ledig­lich mit all­ge­mei­nen Erwä­gun­gen unter­legt hat, führt dies nicht dazu, dass die­ser Vor­trag als will­kür­lich und „ins Blaue hin­ein” ange­se­hen wer­den kann. Eine wei­te­re Sub­stan­ti­ie­rung des Vor­trags ist von ihr inso­weit nicht zu ver­lan­gen.
Das Beru­fungs­ur­teil ist danach auf­zu­he­ben und die Sache ist zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Das Beru­fungs­ge­richt wird die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zum Vor­lie­gen eines Han­dels­brauchs zu tref­fen haben.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. April 2018 – VII ZR 139/​17
Inter­na­tio­na­le gericht­li­che Zustän­dig­keit – auf­grund eines… Der Behaup­tung einer Par­tei, eine bestimm­te Form der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­spre­che unter Kauf­leu­ten in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig des inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehrs einem Han­dels­brauch im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3…
vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 14.11.2017 – VI ZR 73/​17, WM 2018, 285 Rn. 6; vom 09.07.2009 – Xa ZR 19/​08, BGHZ 182, 24 Rn. 9; und vom 28.11.2002 – III ZR 102/​02, BGHZ 153, 82, 84 f. 9, jeweils m.w.N.↩
vgl. zum Streit­stand z.B. Stau­din­ger in Rau­scher, EuZ­PR und EuI­PR, 4. Aufl., Art. 66 Brüs­sel-Ia-VO Rn. 2; BGH, Urteil vom 24.06.2014 – VI ZR 315/​13, WM 2014, 1614 Rn. 14 betref­fend das Luga­no­Über­ein­kom­men und die Brüs­sel-I-VO, jeweils m.w.N.↩
vgl. EuGH, RIW 1981, 709 Rn. 24 f.; NJW 1977, 495 8, 11; Man­kow­ski in Rau­scher, EuZ­PR und EuI­PR, 4. Aufl., Art. 25 Brüs­sel-Ia-VO Rn. 87↩
vgl. EuGH, NJW 1997, 1431 Rn. 14 m.w.N.; NJW 1977, 494 7↩
vgl. EuGH, ZIP 2016, 1747 Rn. 39; ZIP 2015, 1540 Rn. 29 f.; NJW 1997, 1431 Rn. 15, 17↩
EuGH, ZIP 1999, 1184 Rn. 48 m.w.N.↩
allg. Mei­nung, vgl. z.B. Musielak/​Voit/​Stadler, ZPO, 15. Aufl., Art. 25 EuGV­VO Rn. 1 m.w.N.; BGH, Urteil vom 20.03.1980 – III ZR 151/​79, NJW 1980, 2022, 2023 14 zum EuGVÜ↩
vgl. EuGH, ZIP 2016, 1747 Rn. 43 ff., 48; NJW 1997, 1431 Rn. 23 f.↩
EuGH, ZIP 2016, 1747 Rn. 41↩
vgl. z.B. Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, BGHZ 193, 159 Rn. 40 m.w.N.↩
vgl. BGH, Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, aaO↩
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