Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=BFH/NV%201991,%20283
Timestamp: 2019-09-20 21:37:28
Document Index: 388462735

Matched Legal Cases: ['§ 38', '§ 41', '§ 34', '§ 42', '§ 34', '§ 34', '§ 69', '§ 191', '§ 69', '§ 75', '§ 69', '§ 42']

BFH, 29.05.1990 - VII R 81/89 - dejure.org
https://dejure.org/1990,967
BFH, 29.05.1990 - VII R 81/89 (https://dejure.org/1990,967)
BFH, Entscheidung vom 29.05.1990 - VII R 81/89 (https://dejure.org/1990,967)
BFH, Entscheidung vom 29. Mai 1990 - VII R 81/89 (https://dejure.org/1990,967)
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Haftung des Geschäftsführers einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) für nicht angeführte Lohnsteuer und Säumniszuschläge - Enthaftung durch interne Zuständigkeitsverteilung
Haftung des GmbH-Geschäftsführers wegen Nichtabführung einbehaltener und angemeldeter Lohnsteuer - Darlegungspflicht bei Verfahrensrüge
Abgabe der Steuererklärung, grobe Fahrlässigkeit, Haftung für Steuerschulden, Pflichtverletzung und Kausalität, Schätzungsbefugnis, Überwachungsverschulden, Verschulden
BFH/NV 1991, 283
Nach ständiger Rechtsprechung des erkennenden Senats stellt die Nichtabführung einzubehaltender und anzumeldender Lohnsteuer, Kirchenlohnsteuer sowie des Solidaritätszuschlags zu den gesetzlichen Fälligkeitszeitpunkten (§ 38 Abs. 3, § 41a Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 des Einkommensteuergesetzes --EStG--) regelmäßig eine --wenn nicht vorsätzliche-- zumindest grob fahrlässige Verletzung der Pflichten eines GmbH-Geschäftsführers i.S. der §§ 34, 69 AO 1977 dar (so z.B. Senatsurteil vom 29. Mai 1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283).
Die langen Zeiträume, in denen der Verein seiner Anmeldungs- bzw. Steuerentrichtungspflicht überhaupt nicht nachgekommen ist (neun Monate und sechs Monate) lassen es als ausgeschlossen erscheinen, daß dem Kläger diese Verletzung der steuerlichen Pflichten unbekannt geblieben wäre, wenn er sich nur ansatzweise um sie gekümmert und seiner Überwachungspflicht in der auch für einen ehrenamtlichen Vereinsvorsitzenden gebotenen Weise nachgekommen wäre (vgl. Urteil des Senats vom 29. Mai 1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283, 284).
Einer besonderen Begründung dieser in Kenntnis der Gesamtumstände getroffenen Ermessensentscheidung bedurfte es nicht schon im Hinblick auf die Höhe des Haftungsbetrages, dessen Realisierung allein bei dem Haftungsschuldner T. nicht zu erwarten war (vgl. ähnlich das Urteil des Senats in BFH/NV 1991, 283, 285 zur Entbehrlichkeit der Begründung des Entschließungsermessens, wenn eine anderweitige Realisierung des Steueranspruchs nicht möglich ist).
Eine Heranziehung der Arbeitnehmer als Steuerschuldner für die einbehaltene, aber nicht an das FA abgeführte Lohnsteuer war rechtlich nicht möglich, weil die Voraussetzungen für die auf Ausnahmefälle beschränkte Inanspruchnahme der Arbeitnehmer im Rahmen der Gesamtschuldnerschaft (neben dem Arbeitgeber) nach § 42 d Abs. 3 Satz 4 des Einkommensteuergesetzes offensichtlich nicht vorlagen (vgl. insoweit die Senatsurteile in BFHE 151, 111, [BFH 29.09.1987 - VII R 54/84] BStBl II 1988, 176, 178 [BFH 29.09.1987 - VII R 54/84], und vom 29. Mai 1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283).
Wie der Senat in seinen Urteilen in BFHE 151, 111, [BFH 29.09.1987 - VII R 54/84] BStBl II 1988, 176, 178 [BFH 29.09.1987 - VII R 54/84], in BFH/NV 1991, 283, 285 und vom 13. November 1990 VII R 96/88 (…BFH/NV 1991, 641, 643) ausgeführt hat, könnte im Hinblick auf die dem Steuergläubiger im öffentlichen Interesse obliegende Aufgabe, die geschuldeten Abgaben nach Möglichkeit zu erheben, der Erlaß eines Haftungsbescheids bei Uneinbringlichkeit der Erstschuld nur unter ganz außergewöhnlichen Umständen ermessensfehlerhaft sein.
b) Die Vorentscheidung hat zwar unter Zitierung des Senatsurteils in BFH/NV 1991, 283 ausgeführt, es könne "in Einzelfällen aufgrund besonderer Umstände" dann auf eine ausdrückliche Darlegung der Ermessenserwägungen verzichtet werden, wenn eine anderweitige Realisierung des Steueranspruchs nicht möglich ist und keine besonderen Umstände gegeben sind.
Nach der ständigen Rechtsprechung des erkennenden Senats stellt die Nichtabführung der einbehaltenen und angemeldeten Lohnsteuer zu den gesetzlichen Fälligkeitszeitpunkten regelmäßig eine -- wenn nicht vorsätzliche -- zumindest grob fahrlässige Pflichtverletzung des GmbH-Geschäftsführers i. S. der §§ 34, 69 AO 1977 dar (vgl. Urteil in BFH/NV 1991, 283, 284).
Nach der Rechtsprechung des BFH handelt der Geschäftsführer zumindest grob fahrlässig, wenn er seiner Verpflichtung zur gleichrangigen Befriedigung der Arbeitnehmer hinsichtlich der Löhne und des FA wegen der darauf entfallenden Lohnsteuer nicht nachkommt (vgl. Urteile des BFH vom 29. Mai 1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283; in BFHE 153, 512, BStBl II 1988, 859;… vom 6. März 1990 VII R 63/87, BFH/NV 1990, 756, …und vom 20. April 1993 VII R 67/92, BFH/NV 1994, 142).
Mangelhaftes Überwachen der zur Pflichterfüllung herangezogenen Personen hat der Senat regelmäßig als grob fahrlässige Pflichtverletzung ("Überwachungsverschulden") eingestuft, gleichwohl aber stets betont, daß die Entscheidung, welche Überwachungsmaßnahmen von einem Geschäftsführer zu treffen sind, wenn er die Erledigung der steuerlichen Angelegenheiten auf Mitarbeiter überträgt, weitgehend von den Umständen des Einzelfalls abhängt (…vgl. Entscheidungen des Senats vom 5. März 1985 VII R 134/80, BFH/NV 1986, 61;… vom 16. April 1985 VII R 132/80, BFH/NV 1987, 273, 274;… vom 7. Mai 1985 VII R 111/78, BFH/NV 1987, 210;… vom 11. November 1986 VII R 201/83, BFH/NV 1987, 212, 213;… vom 2. Juli 1987 VII R 162/84, BFH/NV 1988, 220, 221;… vom 10. Mai 1988 VII R 24/85, BFH/NV 1989, 72, 74;… vom 25. April 1989 VII S 15/89, BFH/NV 1989, 757;… vom 8. Mai 1990 VII B 173/79, BFH/NV 1991, 12, 13, und vom 29. Mai 1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283, 284).
Dies gilt, wenngleich hinsichtlich der ordnungsgemäßen Abführung von Steuern, zumal von Lohnsteuer, von den in §§ 34 und 35 AO 1977 bezeichneten Personen ein höheres Maß an Pflichterfüllung bei der Überwachung von Hilfspersonen erwartet werden muß (…vgl. Senatsentscheidungen in BFH/NV 1987, 273; in BFH/NV 1989, 72 und 757, und in BFH/NV 1991, 283), grundsätzlich auch für die Steuerentrichtung.
Ansonsten ist diese Entscheidung fehlerhaft (BFH-Urteil vom 29.5.1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283).
Im Rahmen ihrer Ermessensentscheidung muss die Behörde dabei zunächst zum Ausdruck bringen, warum sie den Haftungsschuldner anstatt des Steuerschuldners oder anstelle anderer ebenfalls für die Haftung in Betracht kommender Personen in Anspruch nimmt - Auswahlermessen - (vgl. nur BFH-Urteil vom 29.5.1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283).
Neben dem Auswahlermessen hat die Behörde auch eine Entscheidung darüber zu treffen, ob der Haftungsanspruch aus § 69 Satz 1 AO gegen den Haftungsschuldner geltend gemacht wird - Entschließungsermessen - (vgl. nur BFH-Urteil vom 29.5.1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283).
Eine nähere Darlegung der entsprechenden Ermessenserwägungen ist aber dann nötig, wenn besondere Umstände vorliegen, die auch eine Haftungsfreistellung des Klägers als sachgerecht erscheinen lassen (BFH-Urteil vom 29.5.1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283 …und vom 13.11.1990 VII R 96/88, BFH/NV 1991, 641).
Letzteres wird durchaus als Grund dafür angesehen, dass eine Begründung des Entschließungsermessens nur in absoluten Ausnahmefällen nötig ist (so BFH-Urteil vom 29.5.1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283 mwN.).
Für eine Einschränkung der Begründungspflicht, besonders die Annahme einer stillschweigend sachgerechten Ermessensausübung, besteht keine Rechtfertigung, wenn das FA --wie hier-- überhaupt keine Ermessensentscheidung treffen wollte (vgl. BFH-Urteil vom 29. Mai 1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283, m.w.N.;… Boeker in Hübschmann/Hepp/Spitaler, Kommentar zur Abgabenordnung und Finanzgerichtsordnung, § 191 AO 1977 Rz. 66, m.w.N.).
Dabei muss die Behörde im Regelfall zum Ausdruck bringen, warum sie den Haftungsschuldner anstelle anderer ebenfalls für die Haftung in Betracht kommender Personen in Anspruch nimmt --Auswahlermessen-- (vgl. Senatsurteil vom 29. Mai 1990 VII R 81/89, BFH/NV 1991, 283).
Es ging vielmehr um die Inanspruchnahme eines oder mehrerer Geschäftsführer gemäß §§ 69, 34 bzw. 35 AO (Senatsurteile vom 11. März 2004 VII R 52/02, BFHE 205, 14, BStBl II 2004, 579;… vom 30. Juni 1995 VII R 87/94, BFH/NV 1996, 3; in BFH/NV 1991, 283;… vom 24. November 1987 VII R 82/84, BFH/NV 1988, 206;… Beschluss vom 19. Juli 1988 VII B 39/88, BFH/NV 1989, 145), um die Erwerberhaftung nach § 75 AO neben der Geschäftsführerhaftung nach § 69 AO (…Senatsurteil vom 22. September 1992 VII R 73, 74/91, BFH/NV 1993, 215) und um die Arbeitgeberhaftung nach § 42d des Einkommensteuergesetzes neben der Geschäftsführerhaftung wegen Lohnsteuerhinterziehung (Urteil des Bundesfinanzhofs --BFH-- vom 9. August 2002 VI R 41/96, BFHE 200, 200, BStBl II 2003, 160).
BFH, 09.08.1999 - VII B 77/99
OVG Niedersachsen, 31.08.2010 - 9 LA 105/09
Inanspruchnahme des Haftungsschuldners bei Uneinbringlichkeit der Erstschuld
VG Frankfurt/Oder, 15.12.2008 - 5 K 1642/04
Duldung der Zwangsvollstreckung in ein Grundstück wegen einer öffentlichen Last
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BFH, 09.09.1991 - VII B 104/91