Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F09-01-2015-8C_652-2014
Timestamp: 2016-10-27 13:10:10
Document Index: 299676616

Matched Legal Cases: ['Art. 7', 'Art. 16', 'BGE', 'in fine', 'BGE', 'Art. 66', 'Art. 68']

8C_652/2014 (09.01.2015)
8C_652/2014 � � Urteil vom 9. Januar 2015
Die 1988 geborene A.________ meldete sich am 1. Juli 2011 wegen der Folgen mehrerer Geburtsgebrechen (angeborene Hemihypertrophien und andere K�rperasymmetrien; angeborene Wirbelmissbildungen; Missbildungen des Zentralnervensystems und seiner H�ute; leichte cerebrale Bewegungsst�rungen; Lider: Kolobom und Ankyoloblepharon; angeborene Mittelohrmissbildung mit doppelseitiger Schwerh�rigkeit) sowie Depressionen bei der Invalidenversicherung zum Bezug einer ganzen Invalidenrente an. Die IV-Stelle des Kantons Aargau holte unter anderem das polydisziplin�re Gutachten der medizinischen Abkl�rungsstelle B.________ vom 25. Februar 2013 ein. Nach durchgef�hrtem Vorbescheidverfahren sprach sie der Versicherten mit Verf�gung vom 18. Oktober 2013 ab 1. Juni 2012 eine halbe Invalidenrente zu.
Die IV-Stelle f�hrt Beschwerde und beantragt, der vorinstanzliche Entscheid sei aufzuheben.
A.________ l�sst auf Abweisung der Beschwerde schliessen; ferner ersucht sie um Bewilligung der unentgeltlichen Rechtspflege f�r das bundesgerichtliche Verfahren. Das Bundesamt f�r Sozialversicherungen verzichtet auf eine Vernehmlassung.
Streitig und zu pr�fen ist, ob die Beschwerdegegnerin ab 1. Juni 2012 Anspruch auf eine halbe oder eine ganze Invalidenrente hatte. Prozessthema bildet dabei die Frage, ob bzw. inwieweit sie die verbliebene Arbeitsf�higkeit auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt zu verwerten vermochte (vgl. Art. 7 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 16 ATSG).
3.1.�Die Vorinstanz hat f�r das Bundesgericht verbindlich erkannt, dass zur Beurteilung des Gesundheitszustands und der Arbeitsf�higkeit auf das in allen Teilen beweiskr�ftige Gutachten der medizinischen Abkl�rungsstelle B.________ vom 25. Februar 2013 abzust�tzen war. Danach war die Explorandin aus somatischer Sicht wegen der angeborenen Wirbels�ulenver�nderungen und des chronischen lumbovertebralen Schmerzsyndroms im erlernten Beruf als K�chin sowie jeder anderen vergleichbaren Erwerbst�tigkeit, die das Heben und Tragen von Lasten �ber 10 kg erforderten, nicht mehr arbeitsf�hig; hinzu kam, dass die angeborene Schwerh�rigkeit/Taubheit ein grosses Handicap darstellte, zumal die (verbale) Kommunikation bei Hintergrundl�rm und bei arbeitsbedingter Hektik nicht mehr m�glich und die Versicherte bei komplexen Aufgaben infolge Sprachentwicklungsverz�gerung und damit verbundener deutlich eingeschr�nkter Verst�ndlichkeit auf die Geb�rdensprache angewiesen war. Hiegegen waren der Versicherten leichtere, ohne Zwangspositionen verrichtbare und in den Abl�ufen klar strukturierte T�tigkeiten, die wenig wechselnde Situationen und kein binokul�res Sehen erforderten sowie ohne Zeitdruck ausgef�hrt werden konnten, gesamtmedizinisch betrachtet zu einem h�lftigen Arbeitspensum zumutbar, wobei die psychiatrischen Einschr�nkungen (Chronische Anpassungsst�rung mit Beeintr�chtigung von anderen Gef�hlen [ICD-10: F43.23]) im Vordergrund standen.
3.2.1.�Ob der f�r die Bestimmung des Invalideneinkommens massgebliche ausgeglichene Arbeitsmarkt dem gegebenen Zumutbarkeitsprofil entsprechende Stellen anbietet, ist eine vom Bundesgericht frei �berpr�fbare Rechtsfrage, wenn die Vorinstanz auf die allgemeine Lebenserfahrung abgestellt hat (vgl. BGE 132 V 393 E. 3.3 S. 399; Urteil 9C_854/2008 vom 17. Dezember 2008 E. 3.2 mit Hinweisen). Um eine nur eingeschr�nkt �berpr�fbare Tatfrage geht es hingegen, wenn aufgrund einer konkreten Beweisw�rdigung entschieden worden ist (Urteil 8C_776/2008 vom 18. Juni 2009 E. 5.2 in fine).
3.2.2.1.�Der ausgeglichene Arbeitsmarkt ist gekennzeichnet durch ein gewisses Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskr�ften und weist einen F�cher verschiedenster T�tigkeiten auf (BGE 110 V 273 E. 4b S. 276). Das gilt sowohl bez�glich der daf�r verlangten beruflichen und intellektuellen Voraussetzungen wie auch hinsichtlich des k�rperlichen Einsatzes (SVR 2008 IV Nr. 62 S. 203, 9C_830/2007 E. 5.1 mit Hinweis; ZAK 1991 S. 318, I 350/89 E. 3b). Dabei ist nicht von realit�tsfremden Einsatzm�glichkeiten auszugehen. Es k�nnen nur Vorkehren verlangt werden, die unter Ber�cksichtigung der gesamten objektiven und subjektiven Gegebenheiten des Einzelfalles zumutbar sind (SVR 2008 IV Nr. 62 S. 203, 9C_830/2007 E. 5.1 mit Hinweis). Der ausgeglichene Arbeitsmarkt umfasst auch sogenannte Nischenarbeitspl�tze, also Stellen- und Arbeitsangebote, bei welchen Behinderte mit einem sozialen Entgegenkommen von Seiten des Arbeitgebers rechnen k�nnen (Urteil 9C_95/2007 vom 29. August 2007 E. 4.3 mit Hinweisen). Von einer Arbeitsgelegenheit kann aber dort nicht gesprochen werden, wo die zumutbare T�tigkeit nur in so eingeschr�nkter Form m�glich ist, dass sie der ausgeglichene Arbeitsmarkt praktisch nicht kennt oder sie nur unter nicht realistischem Entgegenkommen eines durchschnittlichen Arbeitgebers m�glich und das Finden einer entsprechenden Stelle daher zum vorneherein als ausgeschlossen erscheint (ZAK 1991 S. 318, I 350/89 E. 3b).
3.2.2.2.�Das kantonale Gericht hat erwogen, dass die Versicherte faktisch taub sei, weshalb allein schon die Kommunikationsprobleme Fragen zur Verwertbarkeit der �rztlich attestierten Restarbeitsf�higkeit aufw�rfen; daneben best�nden mannigfaltige weitere gesundheitliche Einschr�nkungen, aufgrund welcher kaum anzunehmen sei, dass sich ein Arbeitgeber - selbst in einem Nischenarbeitsplatz - bereit erkl�ren w�rde, die Versicherte zu besch�ftigen. Mit diesen Erw�gungen hat sich die Vorinstanz auf die allgemeine Lebenserfahrung berufen, weshalb das Bundesgericht die zur Diskussion stehende Frage, unter Vorbehalt der Vorbringen der IV-Stelle, frei zu �berpr�fen hat.
3.2.2.3.�Die IV-Stelle verkennt zum einen, dass s�mtliche der von ihr angef�hrten Anstellungsverh�ltnisse T�tigkeiten im Bereich des Gastgewerbes betrafen, die der Versicherten wegen der vorinstanzlich festgehaltenen gesundheitlichen Beeintr�chtigungen nicht mehr zumutbar waren. Zum anderen �bersieht sie, dass die Beschwerdegegnerin bez�glich der danach ausge�bten T�tigkeit als selbstst�ndig erwerbende Tierpflegerin (H�ten von Hunden und Katzen) ausweislich der Akten kein wesentliches Einkommen erzielen konnte. Die IV-Stelle r�umt mit ihrem weiteren Vorbringen, die Vorinstanz habe die Arbeitsgelegenheiten und Verdienstaussichten der Versicherten zu wenig konkretisiert, zumindest implizit ein, dass sie selbst nicht anzugeben vermag, ob und in welchem Umfang das �rztlich angegebene Zumutbarkeitsprofil auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt umsetzbar gewesen war. Das von ihr zitierte Urteil 8C_776/2008 vom 18. Juni 2009 ist wenig einschl�gig, da danach die Schwerh�rigkeit der versicherten Person mit einer Cochlea-Implantation wesentlich vermindert werden konnte und im �brigen keine weiteren k�rperlichen oder psychischen Einschr�nkungen bestanden. Abschliessend ist zur Verdeutlichung der vorinstanzlichen Erw�gungen darauf hinzuweisen, dass die Beschwerdegegnerin gem�ss Gutachten der medizinischen Abkl�rungsstelle B.________ vom 25. Februar 2013 wegen der Geburtsgebrechen (Goldenhar-Syndrom; ICD-10: Q87.0) binokul�r nicht zu sehen vermochte, weshalb ihr Arbeiten, die visuelle Anstrengungen erforderten, wie sie bspw. bei einer T�tigkeit an einem Bildschirm anfielen, nicht zumutbar waren, weil damit Doppelbilder entstehen konnten.
3.2.3.�Nach dem Gesagten hat die Vorinstanz bei der Beurteilung der Frage, ob die Versicherte das ihr verbliebene Leistungsverm�gen auf dem ausgeglichen Arbeitsmarkt zu verwerten vermochte, zu Recht von weiteren Abkl�rungen abgesehen und sich auf die allgemeine Lebenserfahrung berufen, wonach in F�llen, wie dem zur Diskussion stehenden, keine nennenswerten Arbeitsgelegenheiten mehr offen standen.
5.1.�Die Gerichtskosten werden der unterliegenden IV-Stelle auferlegt (Art. 66 Abs. 1 BGG).
5.2.�Die IV-Stelle hat die Beschwerdegegnerin f�r das bundesgerichtliche Verfahren dem Aufwand gem�ss zu entsch�digen (Art. 68 Abs. 1 und 2 BGG).
Die Beschwerdef�hrerin hat die Beschwerdegegnerin mit Fr. 2800.- zu entsch�digen.