Source: https://www.aktuelles-internetrecht.de/der-vererbbare-facebook-account-71708/
Timestamp: 2019-11-11 23:10:21
Document Index: 96468053

Matched Legal Cases: ['§ 1922', '§ 307', '§ 88', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6']

Der vererbbare Facebook-Account | Aktuelles Internetrecht
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Legal News 22. Juli 2018
Datenschutz- und Persönlichkeitsrecht
Der Vertrag über ein Benutzerkonto bei einem sozialen Netzwerk ist vererbbar.
Wie der Bundesgerichtshof jetzt festgestellt hat, geht der Vertrag über ein Benutzerkonto bei einem sozialen Netzwerk grundsätzlich im Wege der Gesamtrechtsnachfolge auf die Erben des ursprünglichen Kontoberechtigten über. Diese Erben haben daher einen Anspruch gegen den Netzwerkbetreiber (hier: Facebook) auf Zugang zu dem Konto einschließlich der darin vorgehaltenen Kommunikationsinhalte.
In dem hier vom Bundesgerichtshof entschiedenen Fall hatte die Mutter einer verstorbenen 15jährigen gegen Facebook geklagt. 2011 registrierte sich die Tochter im Alter von 14 Jahren im Einverständnis ihrer Eltern bei Facebook und unterhielt dort ein Benutzerkonto. 2012 verstarb das Mädchen unter bisher ungeklärten Umständen infolge eines U-Bahnunglücks. Die klagende Mutter ist neben dem Vater Mitglied der Erbengemeinschaft nach ihrer Tochter. Die Mutter versuchte hiernach, sich in das Benutzerkonto ihrer Tochter einzuloggen. Dies war ihr jedoch nicht möglich, weil die Beklagte es inzwischen in den sogenannten Gedenkzustand versetzt hatte, womit die Inhalt des Accounts zwar bestehen bleiben, ein Zugang aber auch mit den Nutzerdaten nicht mehr möglich ist.
Die Mutter beansprucht mit ihrer Klage von Facebook, den Erben Zugang zu dem vollständigen Benutzerkonto zu gewähren, insbesondere zu den darin vorgehaltenen Kommunikationsinhalten. Sie macht geltend, die Erbengemeinschaft benötige den Zugang zu dem Benutzerkonto, um Aufschluss darüber zu erhalten, ob ihre Tochter kurz vor ihrem Tod Suizidabsichten gehegt habe, und um Schadensersatzansprüche des U-Bahn-Fahrers abzuwehren. Das erstinstanzlich hiermit befasste Landgericht Berlin hat der Klage stattgegeben1. Auf die Berufung von Facebook hat dagegen das Berliner Kammergericht das erstinstanzliche Urteil abgeändert und die Klage abgewiesen2. Hiergegen richtet sich die vom Kammergericht zugelassene Revision der Mutter, auf die der Bundesgerichtshof nun das Berufungsurteil des Kammergerichts aufgehoben und das stattgebende landgerichtliche Urteil wiederhergestellt hat:
Die Erben haben gegen Facebook einen Anspruch, ihnen den Zugang zum Benutzerkonto der Erblasserin und den darin vorgehaltenen Kommunikationsinhalten zu gewähren. Dies ergibt sich aus dem Nutzungsvertrag zwischen der Tochter und Facebook, der im Wege der Gesamtrechtsnachfolge nach § 1922 Abs. 1 BGB auf die Erben -also die Mutter und den Vater- übergegangen ist. Dessen Vererblichkeit ist nicht durch die vertraglichen Bestimmungen ausgeschlossen. Die Nutzungsbedingungen enthalten hierzu keine Regelung. Die Klauseln zum Gedenkzustand sind bereits nicht wirksam in den Vertrag einbezogen. Sie hielten überdies einer Inhaltskontrolle nach § 307 Abs. 1 und 2 BGB nicht stand und wären daher unwirksam.
Einen Ausschluss der Vererblichkeit auf Grund des postmortalen Persönlichkeitsrechts der Erblasserin hat der Bundesgerichtshof ebenfalls verneint.
Auch das Fernmeldegeheimnis steht dem Anspruch der Mutter nicht entgegen. Der Erbe ist, da er vollständig in die Position des Erblassers einrückt, jedenfalls nicht „anderer“ im Sinne von § 88 Abs. 3 TKG.
Schließlich kollidiert der Anspruch der Mutter auch nicht mit dem Datenschutzrecht. Der Senat hat hierzu die seit 25. Mai 2018 geltende Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) anzuwenden. Diese steht dem Zugang der Erben nicht entgegen. Datenschutzrechtliche Belange der Erblasserin sind nicht betroffen, da die Verordnung nur lebende Personen schützt. Die der Übermittlung und Bereitstellung von Nachrichten und sonstigen Inhalten immanente Verarbeitung der personenbezogenen Daten der Kommunikationspartner der Erblasserin ist sowohl nach Art. 6 Abs. 1 Buchst. b Var. 1 DSGVO als auch nach Art. 6 Abs. 1 Buchst. f DSGVO zulässig. Sie ist sowohl zur Erfüllung der vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Kommunikationspartnern der Erblasserin erforderlich (Art. 6 Abs. 1 Buchst. b Var. 1 DSGVO) als auch auf Grund berechtigter überwiegender Interessen der Erben (Art. 6 Abs. 1 Buchst. f DSGVO).
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Bundesgerichtshof, Urteil vom 12. Juli 2018 – – III ZR 183/17
LG Berlin, Urteil vom 17.12.2015 – 20 O 172/15 [↩]
KG, Urteil vom 31.2017 – 21 U 9/16 [↩]
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