Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ws03/ws03fb024.html
Timestamp: 2019-11-15 08:46:14
Document Index: 104341989

Matched Legal Cases: ['Art. 85', 'Art. 93', '§ 13', '§ 68', '§ 68', '§ 69', '§ 69', 'Art. 85', 'Art. 85', 'Art. 85', 'Art. 87', '§ 22', 'Art. 85']

JIPS / Repetitorium / WS 2003 / Fall 9
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Fallbesprechung 9: "Streitigkeiten nach Konsensgesprächen"
Verfassungsprozessrecht (024/WS03)
Nach dem Aufsehen erregenden und von der Presse viel beachteten Abschluss der Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den deutschen Energieversorgungsunternehmen über den Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie – "Atomkonsens" – treffen sich am Morgen des 11.7.2000 der Bundesminister für Umwelt (B) und der Vorstandsvorsitzende der Nuklear-AG (K) zu einem Arbeitsfrühstück. Gegenstand der informellen Besprechung ist die Frage des zeitnahen Abschaltens des im Bundesland S gelegenen Kernkraftwerks C. B und K sind sich darüber einig, dass die Anlage C möglichst bald abgeschaltet werden muss. Auch erzielen beide Einvernehmen hinsichtlich der mit Blick auf die Restnutzungsdauer notwendigen sicherheitstechnischen Nachrüstung der Anlage C. Eine rechtsverbindliche Einigung kommt zwischen B und K indessen nicht zustande. Man plant aber die baldige Fortsetzung des Gesprächs. In der Folge versucht B mehrfach einen weiteren Gesprächstermin mit K zu vereinbaren. Jedoch lässt sich K gegenüber B stets wegen dringender anderweitiger Verpflichtungen entschuldigen. Zu einem weiteren Treffen zwischen K und B kommt es daher nicht mehr.
Am 22.8.2002 weist B den Umweltminister des Landes S, L, an, unverzüglich das sofortige Abschalten des Kernkraftwerks C zu verfügen. L vertritt – zu Recht – die Auffassung, dass eine Anordnung des sofortigen Abschaltens der Anlage C rechtswidrig wäre. Auf seine Nachfrage bei B erhält L jedoch lediglich die Auskunft, die Frage der Rechtmäßigkeit der Anordnung, die Anlage C sofort abzuschalten, brauche ihn, L, nicht zu interessieren. B meint, diese Angelegenheit habe er allein zu verantworten.
L erfährt am 26.9.2002 aus gut unterrichteten Kreisen erstmals von dem informellen Treffen zwischen B und K vom 11.7.2000 und wird über den Inhalt der Besprechung unterrichtet. L ist empört und meint, es sei eine unerträgliche Anmaßung des B, wenn dieser sich mit K treffe und über das Abschalten sowie die notwendige Nachrüstung der Anlage C verhandele, ohne zuvor ihn, L, zu unterrichten. L beschließt, sich gegen die Vorgehensweise des B gerichtlich zur Wehr zu setzen.
Seinem Vorschlag folgend beantragt die Regierung des Landes S am 30.9.2002, ordnungsgemäß vertreten durch den Ministerpräsidenten des Landes S, beim Bundesverfassungsgericht festzustellen, dass die Weisung des B vom 22.8.2002 rechtswidrig gewesen ist. Sie führt zur Begründung für die Rechtswidrigkeit an, dass die Weisung für das Land S völlig überraschend gekommen und unverhältnismäßig sei. Sie verletze das Land S in seinem Recht auf Verwaltungsautonomie. Weiter beantragt das Land S festzustellen, dass die Besprechung vom 11.7.2000 zwischen B und K gleichfalls das Grundgesetz verletze. Durch die unmittelbare Kontaktaufnahme mit K habe der Bund die Souveränität des Landes S verletzt. Die Weisung des B und auch das informelle Treffen zwischen B und K seien mit dem Grundsatz des bundesfreundlichen Verhaltens nicht vereinbar. Demgegenüber meint die Bundesregierung, es habe sich bei der Besprechung vom 11.7.2000 lediglich um ein informelles Treffen gehandelt, bei dem keine rechtsverbindliche Übereinkunft zustande gekommen sei.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (024/WS03), Stand 10/03:
Gegenstände der Bundesauftragsverwaltung
Befugnisse des Bundes nach Art. 85 GG
Unterscheidung von Wahrnehmungs- und Sachkompetenz
Eingriff in die Wahrnehmungskompetenz durch informales Verwaltungshandeln
Bei der Aufgabe handelt es sich um eine vor kurzem gestellte Examensklausur. Verf. sollten die Entscheidungen BVerfGE 81, 310 und BVerfGE 104, 249 kennen. Die Regelungen des GG zur Ausführung der Bundesgesetze, vor allem der sogenannten Bundesauftragsverwaltung, sollten beherrscht werden (-> Lesen: Hebeler, JURA 2002, 164). Eine Fallbearbeitung auf anderer tatsächlicher Grundlage findet sich bei Schliesky, JA 2001, 777 (-> Lesen: Jantz, JuS 2003, 126).
Es handelt sich um ein Bund-Länder-Streit-Verfahren nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 3 GG i.V.m. § 13 Nr. 7, §§ 68 f. BVerfGG.
Es kommen alle Maßnahmen oder Unterlassungen des Antragsgegners (Bundesregierung) in Betracht. S wendet sich gegen die Weisung des B und das informelle Treffen des B mit K.
Nach § 68 BVerfGG: Bundesregierung für den Bund, Landesregierung für ein Land.
IV. Antragsbefugnis (§ 69, 64 Abs. 1 BVerfGG)
Ein Bundesland kann das BVerfG nach § 69, 64 Abs. 1 nur anrufen, wenn es geltend macht, durch eine Maßnahme oder Unterlassung des Bundes in seinem ihm durch das Grundgesetz übertragenen Rechten und Pflichten verletzt oder unmittelbar gefährdet zu sein. Für die Zulässigkeit des Antrags genügt es, dass sich aus dem Sachvortrag des Antragstellers die Verletzung oder Gefährdung eines Rechts aus einem Bund und Land umspannenden materiellen Verfassungsrechtsverhältnis als mögliche Rechtsfolge ergibt. Diese Rechtsposition muss dem Land in der von ihm geltend gemachten Art zustehen.
Zunächst trägt S vor, B habe durch die L unter Berufung auf Art. 85 Abs. 3 GG am 22.8.2002 erteilte Weisung die Weisungskompetenz des Bundes missbraucht und dadurch die Eigenstaatlichkeit des Landes S verletzt. Ferner macht S geltend, durch das informelle Treffen zwischen B und K am 11.7.2000 sei S in seiner Souveränität verletzt worden. Damit beruft sich S auf durch die Verfassung garantierte und bundesstaatlich geprägte Kompetenzen des Landes S. Sie können im Bund-Länder-Streit geltend gemacht werden. Eine Verletzung dieser Rechtsposition erscheint nicht ausgeschlossen.
I. Verfassungswidrigkeit der Weisung des B vom 22.8.2002
Rechtsgrundlage der Weisung kann Art. 85 Abs. 3 Satz 1 GG sein. Dann muss es sich bei der Weisung um die Ausführung eines Bundesgesetzes durch ein Land im Auftrag des Bundes handeln. Gegenstand der Weisung ist die Aufhebung einer atomrechtlichen Genehmigung und ein atomrechtliches Nutzungsuntersagungsverfahren. Die Weisung betrifft damit den Regelungsbereich des Art. 85 (Art. 87 c GG i.V.m. § 22 AtG).
2. Inhaltliches Rechtmäßigkeit der Weisung
Die Weisung des B könnte verfassungswidrig sein, weil sie L zu einem rechtswidrigen Verhaltens verpflichtet. Die Aufgabe geht davon aus, dass die verlangte Anordnung rechtswidrig ist. Damit ist die Weisung inhaltlich rechtswidrig. Fraglich ist aber, ob die Länder im Rahmen der Bundesauftragsverwaltung geltend machen können, der Bund übe seine im Einklang mit der Verfassung in Anspruch genommene Weisungsbefugnis inhaltlich rechtswidrig aus. Fraglich ist, ob dies in die eigene Sachkompetenz eingreift. Im Rahmen der Bundesauftragsverwaltung üben die Länder die Sachkompetenz als auch die Wahrnehmungskompetenz aus. Unentziehbar steht dem Land von Verfassungs wegen die Wahrnehmungskompetenz zu. Das gilt nicht gleichermaßen für die Sachkompetenz. Sie steht von vornherein unter dem Vorbehalt ihrer Inanspruchnahme durch den Bund.
Die dem Land in einem solchen Fall verbleibende Wahrnehmungskompetenz begründet keine Rechtsposition, welche durch eine inhaltlich rechtswidrige Weisung des Bundes verletzt oder gefährdet sein kann. Fraglich ist folglich, ob der Bund die Sachkompetenz auch tatsächlich auf sich übergeleitet hat. Es genügt nach der Rechtsprechung des BVerfG jedoch, wenn der Bund durch Erteilung einer Weisung seine Sachkompetenz in Anspruch nimmt und dies dem Land konkludent anzeigt. Folglich wird S durch die inhaltlich Rechtswidrigkeit der Weisung nicht in eigenen Rechten verletzt.
In der Wahrnehmungskompetenz können die Länder verletzt sein, wenn die Inanspruchnahme der Weisungsbefugnis als solcher oder die Art und Weise ihrer Inanspruchnahme gegen die Verfassung verstößt. Das ergibt sich aus Art. 85 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. dem Grundsatz des bundesfreundlichen Verhaltens.
Weil der Bund bei Ausübung des Weisungsrechts der Pflicht zu bundesfreundlichem Verhalten unterliegt müssen er – wie auch die Länder umgekehrt – die gebotene und ihnen zumutbare Rücksicht auf das gesamte Interesse des Bundesstaates und die Belange der Länder nehmen. Die Inanspruchnahme der Kompetenz durch den Bund darf folglich nicht missbräuchlich sein oder gegen prozedurale Anforderungen verstoßen.
a) missbräuchliche Inanspruchnahme
Für eine missbräuchliche Inanspruchnahme des Weisungsrechts gibt es keinen Anhaltspunkt.
b) prozedurale Anforderungen
Als prozedurale Anforderung folgt aus der Pflicht zur gegenseitigen Rücksichtnahme, dass dem Land Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben und dessen Standpunkt erwogen wird. Der Bund muss zu erkennen geben, dass er den Erlass einer Weisung in Betracht zieht und dem Land die Bedeutung des Konflikts vor Augen führen. Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit findet allerdings keine Anwendung.
Da das hier nicht geschehen ist, ist die Erteilung der Weisung verfassungswidrig.
II. Verfassungswidrigkeit der informellen Besprechung
Die informelle Besprechung ist verfassungswidrig, wenn sie nicht von der Sachkompetenz des Bundes gedeckt ist oder die Wahrnehmungskompetenz des Landes S verletzt.
1. Umfang und Überleitung der Sachkompetenz
Im Rahmen der Sachkompetenz steht dem Bund zu, einen Sachverhalt zu beurteilen und zu entscheiden. Fraglich ist zunächst, ob der Bund die Sachkompetenz aktualisiert hat. Das kann ausdrücklich oder konkludent erfolgen. Von einer konkludenten Überleitung kann ausgegangen werden, wenn aufgrund eines Verhaltens des Bundes offenkundig ist, dass er sich aktiv an einem administrativen Verfahren beteiligen will. Dass dies geschehen ist , ist zweifelhaft. Denn gegenüber dem Land S ist nicht offenkundig, dass der Bund seine Sachkompetenz aktualisieren will. Das kann jedoch durch die Vereinbarung zwischen dem Bund und den deutschen Energieversorgungsunternehmen über den Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie geschehen sein. (Verfasser, die problematisieren, ob nicht durch die fehlende Information des Landes vor dem Treffen schon die prozeduralen Anforderungen der Sachkompetenz missachtet sind, können damit zusätzlich "punkten".)
2. Verletzung der Wahrnehmungskompetenz
Fraglich ist weiter, ob das Land S durch das informelle Treffen in seiner Wahrnehmungskompetenz verletzt ist. Sie beinhaltet das Handeln und die Verantwortlichkeit nach außen im Verhältnis zu Dritten bei der Ausführung von Bundesgesetzen im Auftrag des Bundes. Insoweit kommt es zunächst auf die Rechtsnatur der Besprechung vom 11.7. an.
a) Zulässigkeit informellen Handelns
Da es sich um eine informelle Besprechung handelt kann ihm jeglicher administrative Vollzugscharakter abgesprochen werden. Informelles und nicht rechtsverbindliches Handeln kann aber rechtsverbindlichen Verwaltungsmaßnahmen gleichkommen.
(1) Maßgeblichkeit von Inhalt und Wirkung
Daher kommt es auf den Inhalt und die Wirkung einer Verwaltungsmaßnahme an. Wenn eine hoheitliche Maßnahme nach ihrem Inhalt oder ihrer Wirkung als administrativer Vollzugsakt zu qualifizieren ist, so ist dies den Ländern als Teil der Wahrnehmungskompetenz unentziehbar vorbehalten. Wenn es so ist, dass dem Bund jegliche Befugnis fehlt, im Rahmen der Bundesauftragsverwaltung unmittelbar Kontakt nach außen mit Dritten aufzunehmen, kann es auch nicht darauf ankommen, ob sich der Bund förmlicher und rechtsverbindlicher Handlungsinstrumente bedient oder ob er rechtlich unverbindlich und informell handelt. Folgt man dieser Auffassung, so ist das Verhalten des Bundes verfassungswidrig gewesen.
(2) Ansicht des BVerfG
Das BVerfG vertritt allerdings die Auffassung, dass Bestandteil der Aktivitäten des Bundes zur Vorbereitung und Ausübung seines Direktions- und Weisungsrechts auch unmittelbare Kontakte nach außen sein können. Dies schließe in formale Absprachen ein. Die Wahrnehmungskompetenz eines Landes verletze der Bund erst dann, wenn er nach außen gegenüber Dritten rechtsverbindlich tätig werde oder durch die Abgabe von Erklärungen, die dem gleich kämen, die Wahrnehmungskompetenz an sich ziehe. Politische Absprachen kommen danach rechtsverbindlichen Vereinbarungen nicht gleich.