Source: http://de.slideshare.net/foodwatch_de/2013-1212-foodwatchreportlebensmittelueberwachung
Timestamp: 2016-12-03 00:45:07
Document Index: 383007171

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 3', '§ 3', '§ 5', '§ 40', '§ 40', '§ 40', '§ 40', '§ 40', '§1', '§1']

foodwatch-Report 2013: Von Maden und Mäusen
foodwatch-Report 2014 Lost in the s...
Was der Kunde nicht weiß... Der foo...
foodwatch-Report 2015: Ich wollt', ...
Blue Ridge Tourism Adventure Touris...
Repor t 2013
VON MADEN
UND MÄUSEN
Warum die Politik
Schmuddelbetriebe besser
schützt als Verbraucher
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gebleichtem recyclingpapier
Worum geht es in diesem Report?
Was finden Sie in diesem Report?
Wie ist foodwatch vorgegangen?
Was ist dabei herausgekommen?34
Niedersachsen34
Warum ist Transparenz in der ­
Lebensmittelüberwachung so entscheidend?
Hygieneampel, Smiley, LFGB, VIG – Was ist was?10
In Kürze – Der Stand nach einem Jahr42
Aus dem Alltag von Lebensmittel­ ontrolleuren12
Die Bilanz des foodwatch VIG-Tests44
Wie die amtliche Lebensmittel­ ber­ achung in
Deutschland (nicht) ­unktioniert und warum nur mehr
Transparenz sie effektiver und effizienter machen wird14
Die Vorgaben der EU für Lebensmittel­ berwachung
und Verbraucherinformation14
Zurzeit sind keine Einträge vorhanden
Die gescheiterte aktive Informationspolitik
der deutschen Lebensmittel­ ehörden56
Lebensmittelüberwachung in Deutschland16
Die Reform des Paragrafen 40 LFGB und warum er
nicht zu mehr Transparenz und besserer Verbraucher­
information geführt hat58
Wie der Hygienestandard verbessert und ­
Gesetzesverstöße verhindert werden können18
Die 350-Euro-Schwelle behindert
die Veröffentlichung vieler Verstöße58
Welche Gesetze regeln, was Verbraucher über
Gammelfleisch, gesundheits­ efährdende ­
L­ bens­ ittel, Produkte und ihre Hersteller erfahren 20
Die Wirtschaft überzieht die Behörden mit Klagen
und stoppt die Veröffentlichungen nach Paragraf
40 Abs. 1a weitgehend62
Mit welchen Begründungen die
Gerichte ­ ie Veröffentlichungen stoppten64
Sinn und Zweck von Transparenzgesetzen20
Andere Länder, andere Transparenzgesetze,
sauberere Küchen – Dänemark, New York
und Toronto ­ eigen, wie es geht 22
Das Verbraucher-Informationsgesetz23
Der Paragraf 40 des Lebensmittelund Futtermittelgesetzbuches25
Die Diskussion über das Smiley-System
und das Hygienebarometer27
Wie veröffentlichen die Länder Grenzwert­ berü
schreitungen und Verstöße über der Bußgeldgrenze
von 350 Euro nach Paragraf 40 Abs. 1a des ­
Lebensmittelund Futtermittel­gesetzbuches?68
Smiley-System, Hygienebarometer und
das Taktieren von Bund und Ländern70
Warum wird Transparenz immer versprochen 70
aber selten umgesetzt?70
Das Ringen um das Smiley-System71
Politik-Ping-Pong um Smiley und Hygienebarometer74
„Die Beantwortung Ihrer Anfrage wird
voraussichtlich 80.000 Euro kosten.“
Der VIG-Praxistest30
Das „neue“ Verbraucherinformationsgesetz
und die Versprechen der Politik30
Argumente der Wirtschaft ­ egen das Smiley-System
und das ­ ygienebarometer und warum
diese Argumente nicht stichhaltig sind78
Forderungen von foodwatch82
Der foodwatch-VIG-Praxis-Test 201332
ZUSAMMENFASSUNG84
2008: Das Verbraucherinformationsgesetz tritt in
Kraft. Der Paragraf 40 des
Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches wird
geändert. Behörden sollen
Verbraucher nun über Gesundheitsgefahren, Gammelfleisch und Täuschung
2005: Das neue Lebensmittel- und Futtergesetzbuch tritt
in Kraft. Behörden können die
Verbraucher nun vor Gesundheitsgefahren und ekelerregenden Lebensmitteln warnen.
2008/2009: foodwatch, die Verbrau­cherzentralen, Green­peace
und die Deutsche Umwelthilfe
testen das VIG und fragen zum
Beispiel nach Gammelfleisch
oder gesundheitsschädlichen
Farben. Alle Organisationen
stellen fest: So gut wie nie teilen
die Behörden die Namen der
„schwarzen Schafe“ mit.
2012: Als Folge des Dioxin-Skandals 2011 werden
Verbraucherinformationsgesetz und der Paragraf 40
des Lebensmittel- und Futtergesetzbuches geändert.
Nun müssen die Behörden bei Grenzwertüberschreitungen sowie „nicht nur unerheblicher“ Täuschung,
Gammelfleisch und anderen Verstößen gegen das
Lebensmittelrecht informieren, wenn ein Bußgeld
von mehr als 350 Euro zu erwarten ist. In allen
anderen Fällen „sollen“ sie weiterhin informieren,
„In Bayern haben wir
großes Vertrauen in
unsere Kontrolleure.[...]
Die bestehenden Gesetze und Sanktionsmöglichkeiten [sind] völlig
ausreichend.“
Pressemitteilung der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, 2011
Gammel­fleisch in ­Gröbenzell
Gammel­leisch in NRW und
Gammel­fleisch in München
und Metten in Nieder­ ayern
Gammel­leisch in Wertingen
Die Verbraucher erfahren
nicht, welche Unternehmen
und Produkte betroffe sind.
Teilweise bis heute nicht.
„Wenn gegen das Lebensund Futtermittelrecht
ver­ toßen wurde, müssen
die Behörden künftig
Firmen- und Produktnamen zwingend veröffentlichen.“
Horst Seehofer Horst Seehofer, 2010
2010: Listerien in einem
Harzer Käse, der von Lidl
verkauft wurde, ­ öten in
Österreich und in
Deutschland acht Menschen. Die für Lidl
zuständigen Behörden in
wussten von der Gefahr,
haben aber viel zu spät
und nicht deutlich genug
„Was mein Haus gegenwärtig vorbereitet, ist
eine der umfangreichsten Verbraucher­schutzOffensiven der vergangenen Jahrzehnte.“
Ilse Aigner, 2011
2011: Im Januar
müs­ en mehr als 4.700
landwirtschaftliche Betriebe vorübergehend
geschlossen werden,
weil hunderte Tonnen
dioxinbelastetes Futter
in Umlauf geraten sind.
Darüber gelangte der
Giftstoff auch in Eier, Geflügel- und Schweinefleisch. Längst nicht in
allen Fällen werden Verbraucher sofort darüber
informiert, um welche
Produkte genau es sich
2012 wird bekannt, dass die
Behörden seit
min­destens 2009
von unhalt­baren
hygie­nischen Zu­ständen in
der Groß­bäckerei
Ilse Aigner, Mai 2011
Bundesverbraucherminister Horst Seehofer 2008
Die Wirtschaftsverbände BLL,
DIHK, HDE, ZDH, BDI,
Markenverband 2006
„In Zukunft sollen die Behörden von sich aus Ross und
Reiter nennen. ‚Sollen‘ heißt
in dem Fall ‚müssen‘. Die Behörden müssen informieren,
wenn keine triftigen Gründe
dagegen sprechen.“
„Zugegeben, ich bin ­zufrieden mit
dem neuen Verbraucherinformationsgesetz. Denn es bringt eine spürbare Verbesserung für alle Verbraucher. Jetzt kann man mit Fug und
Recht von einem Durchbruch hin zu
mehr Information und Markttransparenz sprechen.“
„Bereits heute gewährleistet das geltende
Recht, dass Verbraucher umfassend und
2013 wird bekannt,
dass Landwirte in Niedersachsen jahre­lang
zu viele Hühner in
ihren Ställen gehalten
haben, als für deren
Flächen zugelassen
waren. Freiland-, Bioaber auch Bodenhaltungseier waren also
falsch gekennzeichnet.
Über den Betrug erfuhren Verbraucher
lange nichts. Bis heute
ist nicht bekannt, um
welche Betriebe es
2013 wird massenweise nicht deklariertes
Pferdefleisch in Rindfleisch-Fertiggerichten
gefunden. Nicht alle
Unternehmen rufen
die Produkte sofort
öffentlich zurück. Die
Behörden in Nordrhein-Westfalen wollen
informieren, dürfen
Gammelfleisch, illegale Schlachtabfälle, Dioxin in Eiern und Fleisch,
tödliche Listerien im Käse, massenhafter Betrug mit Schinkenimitat und
Analogkäse und zuletzt tonnenweise nicht deklariertes Pferdefleisch in
Fertiglebensmitteln – seit Jahren verderben uns Lebensmittelskandale
den Appetit. Nur selten erfahren wir umgehend, welche Produkte und
Unternehmen betroffen sind – dabei sind genau dies die entscheidenden
Informationen für die Verbraucher. Jedes Jahr werden zudem etwa ein
Viertel aller Lebensmittelbetriebe und zwischen 16 und 19 Prozent aller
Fleischprodukte beanstandet. Diese Quote ist seit Jahren konstant, der
Lebensmittelüberwachung stehen offenbar keine geeigneten Instrumente
zur Verfügung, die die Lebensmittelwirtschaft zu mehr Sicherheit und
Ehrlichkeit zwingen.
•	Einen Überblick darüber, wie Lebensmittelüberwachung,
Verbraucherinformation und Behördenwarnungen in Deutschland
geregelt sind, welche systematischen Schwachstellen sie aufweisen und
warum bessere Transparenzgesetze unabdingbare Voraussetzung dafür
sind, diese Schwachstellen zu beheben und die Lebensmittelsicherheit zu
Seit Jahren versprechen Politiker schnellere Aufklärung, Information
über „schwarze Schafe“ und Gesetze, die den Lebensmittelmarkt transparenter machen. Zuletzt wurde als Folge des Dioxin-Skandals 2011 das
Verbraucherinformationsgesetz (VIG) novelliert und der Paragraf 40 des
Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches (LFGB) geändert. Letzterer
regelt, wann und wie die Behörden die Verbraucher aktiv über Gesundheitsgefahren, Gammelfleisch und Täuschung informieren müssen. Das
Verbraucherinformationsgesetz hingegen gibt Verbrauchern das Recht,
selbst bei Behörden Informationen einzuholen. Mit den Gesetzesänderungen, die im September 2012 in Kraft traten, sollte nun alles besser
und Ross und Reiter endlich genannt werden.
Doch nicht nur der Pferdefleischskandal und der massenhafte Eierbetrug
in Niedersachsen Anfang 2013, sondern auch die komplett gescheiterte
Umsetzung der neuen aktiven Informationspflichten in den Ländern, die
jahrelange, ergebnislose Debatte über eine Veröffentlichung der Ergebnisse amtlicher Lebensmittelkontrollen, wie sie in Dänemark seit 2001
erfolgreich praktiziert wird, sowie Erfahrungen mit Behördenanfragen
nach dem Verbraucherinformationsgesetz zeigen:
Die Gesetze, die in Deutschland für Transparenz und damit für
mehr Lebensmittelsicherheit, Wahlfreiheit und fairen Wettbewerb sorgen sollen, versagen auf ganzer Linie.
Dieser Report zeigt, warum das so ist, welche Folgen das hat und was
sich ändern muss.
•	Die Ergebnisse des VIG-Praxis-Tests 2013. Nach der Novellierung des Verbraucherinformationsgesetzes 2012 und den vollmundigen
Versprechen von mehr Transparenz hat foodwatch Anfragen an Behörden in den drei größten Bundesländern – Bayern, Niedersachsen und
Nordrhein-Westfalen – gestellt und untersucht, ob die neuen Regelungen halten, was die Bundesregierung versprochen hat. Das Ergebnis ist
beschämend. Informationen werden, wenn überhaupt, meist nur gegen
Zahlung von mitunter mehreren tausend Euro und nach monatelanger
Wartezeit geliefert. Viele Behörden versuchen sich an jeder erdenklichen
Strategie, um nicht informieren zu müssen. Der Umgang mit Anfragen ist
in den Bundesländern und von Landkreis zu Landkreis völlig unterschiedlich, teilweise werden sogar Informationen über gesundheitsgefährdende
Produkte verweigert.
•	Eine Analyse der veränderten aktiven Informationspflichten
der Überwachungsbehörden nach Paragraf 40 des Lebensmittel- ­
und Futtermittelgesetzbuches und deren Umsetzung seit September 2012. Das umfasst die aufgrund von Gerichtsentscheidungen inzwischen in vielen Bundesländern wieder eingestellten Informationsportale
über die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung sowie die Debatte um
das Smiley-System/Hygienebarometer. Das Fazit: In der Regel wird nach
wie vor nicht über Verstöße gegen die Lebensmittelgesetze und Hygienevorgaben informiert. Entweder haben die Bundesländer die Veröffentlichungen komplett wieder eingestellt oder sie veröffentlichen so gut wie
nichts. Bund und Länder schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu
und spielen auf Zeit. Aktuell sind die Schmuddelbetriebe nach wie vor
besser geschützt als die Verbraucher.
•	Die Forderungen von foodwatch: Die Lebensmittelüberwachung muss so organisiert sein, dass sie Gesetzesverstöße, Lebensmittelskandale und Gesundheitsgefahren möglichst effektiv verhindert.
Dazu braucht es vor allem Transparenz. Transparenz über die Arbeit der
Kontrolleure und über die kontrollierten Betriebe. Ausreichend personell
und finanziell ausgestattete Behörden und angemessene Sanktionsmaßnahmen und Strafen sind zwar wichtig, nützen aber ohne Transparenz
nicht viel. Zumal hohe Strafen häufig gar nicht verhängt werden können,
weil dazu Vorsatz oder Fahrlässigkeit nachgewiesen werden müssen, was
Die Veröffentlichung der Hygienekontroll­ rgebnisse
führt zu weniger Beanstan­ ungen in der Gastronomie
und bei Lebensmittelherstellern
oft nur schwer möglich ist. Die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung
müssen deshalb umfassend und aktiv von den Behörden veröffentlicht
werden – im Internet und in Form eines Smileys an der Tür eines jeden
Betriebes, Supermarktes oder Restaurants. Dies muss auf Bundesebene
im Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch vorgeschrieben werden.
Quote der Betriebe, die von
bundesweit beanstandet
WARUM IST TRANSPARENZ IN DER
­LEBENSMITTELÜBERWACHUNG SO
­ENTSCHEIDEND?
Transparenz darüber, wie Unternehmen bei der Lebensmittelkontrolle
abgeschnitten haben, wie hoch die Schadstoffbelastungen ihrer Produkte
sind, wie ihre Produkte zusammengesetzt sind und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurden, hat viele wichtige Effekte. Transparenz …
… ist ein enormer Anreiz für Unternehmen, korrekt zu arbeiten, und
kann damit präventiv viele Verstöße gegen die Lebensmittelgesetze
und die Hygienevorgaben verhindern.
… ermöglicht Verbrauchern informierte und selbstbestimmte Entscheidungen.
… belohnt diejenigen Hersteller, die ehrlich sind und in hohe Sicherheits- und Qualitätsstandards investieren.
… schreckt Betrüger ab.
… fördert einen Wettbewerb um die beste Qualität, nicht nur um den
günstigsten Preis. Denn wenn hohe Qualität transparent nachvollziehbar ist, sind Verbraucher auch bereit, mehr dafür zu bezahlen.
… macht die Arbeit der Lebensmittelüberwachung und der amtlichen
Kontrolleure nachvollziehbar und zeigt, wo Stellen und Gelder
fehlen oder wo beides nicht effizient eingesetzt wird.
Transparenz ist auch deshalb so wichtig, weil die beiden anderen Instrumente, die für die Einhaltung der Lebensmittelgesetze sorgen sollen
– amtliche Kontrollen und Strafen – nur begrenzt „abschreckend“ und
damit präventiv wirken. Um Strafen und hohe Bußgelder verhängen zu
können, muss häufig individuelle Schuld oder Fahrlässigkeit nachgewiesen werden. Ist das Futtermittel erst einmal mit Dioxin belastet oder
das Gammelfleisch in Umlauf, erweist sich das oft als äußert schwierig.
Ebenso schwierig ist es, nachzuweisen, dass ein konkreter gesundheitlicher Schaden wie Übelkeit auf ein bestimmtes Lebensmittel zurückzuführen ist. Wie soll man belegen, dass tatsächlich das Schnitzel aus
Imbiss X verantwortlich für die Magenverstimmung war? Hohe Strafen
und Bußgelder können also oft aus verfahrenstechnischen Gründen gar
nicht verhängt werden. Sie wirken deshalb nur in eingeschränktem Maße
abschreckend. Und Kontrollen können immer nur stichprobenartig sein,
egal wie viele Kontrolleure zukünftig noch eingestellt werden. All das
Quote der Betriebe, die
nicht die beste Wertung
­ rhielten, bei der Einführung des Systems 2001
und 9 Jahre danach
Quote der Gastronomiebetriebe, die von der Lebensmittelkontrolle beanstandet
wurden, vor und nach der
Verpflichtung, die Ergebnisse der Kontrolle an der Tür
weiß die Lebensmittelwirtschaft. Deshalb schließt sie sich den Forderungen
nach „mehr Kontrolleuren“ und „hohen Strafen für die schwarzen Schafe“
auch durchaus öffentlich an. Ganz im Gegensatz zu den Forderungen nach
der Veröffentlichung aller Kontrollergebnisse. Transparenz über die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung übt nämlich Druck auf die Unternehmen aus, in Eigenkontrollsysteme und Maßnahmen zu investieren, die die
Einhaltung aller lebensmittelrechtlichen Vorgaben zu jeder Zeit sicherstellen.
Eben diesen Druck braucht es aber, um endlich von einem nachsorgenden
zu einem vorsorgenden Verbraucherschutz zu kommen. Von einem System,
das den Betrügern hilflos hinterherläuft zu einem, das alle Beteiligten zwingt,
ehrlich zu arbeiten.
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL): Berichte des BVL, Berichte zur
Lebensmittelsicherheit. http://www.bvl.bund.de/
DE/08_PresseInfothek/04_Publikationen/03_Berichte/infothek_berichte_node.html Abruf: 08.11.2013.
Ministry of Food, Agriculture and Fisheries, Danish
Veterinary and Food Administration: Smileys keep
food safety high in Denmark. http://www.findsmiley.
dk/en-US/Forside.htm Abruf: 08.11.2013; Ministeriet
for Fødevarer, Landbrug ok Fiskeri: Resulater 2008
–2013, detailvirksomheder. http://www.findsmiley.dk/
NR/exeres/6A8CF6D4-0EA8-43DD-8132-8352D7B86CC7.htm. Abruf: 08.11.2013.
City of Toronto: Food Premises with Repeated
Non-compliance with Food Safety Requirements. S. 2.
http://www.toronto.ca/legdocs/mmis/2010/hl/bgrd/
backgroundfile-­ 7180.pdf Abruf: 08.11.2013.
Transparenz ist also ein höchst effizientes, weil kostensparendes und unbürokratisches Instrument, das die Selbststeuerung des Marktes fördert.
Vereinfacht gesagt: Transparenz, und zwar in Form aktiver Veröffentlichungen durch die Behörden, fördert auf unbürokratische Weise den fairen
Wettbewerb. Transparente Informationen ermöglichen es Verbrauchern, die
guten von den schlechten Anbietern zu unterscheiden und eine informierte Kaufentscheidung zu treffen. In der Regel werden sie sich für die guten
Anbieter entscheiden, für jene mit dem besten Produkt zu einem aus Sicht
der Konsumenten angemessenen Preis. Die schlechten Anbieter oder jene,
die mindere Qualität zu überhöhten Preisen anbieten, werden so aus dem
Wettbewerb gedrängt. Oder aber sie werden zu guten Anbietern, indem sie
sich verbessern. Auf jeden Fall gibt es am Ende bessere Produkte zu faireren
HYGIENEAMPEL, SMILEY, LFGB, VIG
In der Debatte um Lebensmittelüberwachung und die Veröffentlichung von Kontrollergebnissen wimmelt es von Fachbegriffen, Abkürzungen, Gesetzestexten und Paragrafen. Damit
Sie nicht den Überblick verlieren, finden Sie im Folgenden
die wichtigsten Begriffe samt einer kurzen Erklärung:
Modell zur Veröffentlichung von amtlichen Lebensmittelkontrollergebnissen im Internet sowie
an der Tür jedes Lebensmittelbetriebes, welches
seit 2001 erfolgreich in Dänemark praktiziert
wird. Ausgehängt werden nicht nur Details
darüber, was die Kontrolleure beanstandeten,
sondern auch eine zusammenfassende Gesamtbewertung in Form eines Smileys. Der gibt auf
den ersten Blick Auskunft darüber, wie es um
die Hygiene bestellt ist. Lacht das Gesicht, ist
alles in Ordnung; schaut es traurig, gab es viele
Mängel – jedoch noch nicht so gravierende, dass
der Betrieb sofort geschlossen werden konnte.
Das Smiley-System hat fünf Stufen und ist in
Dänemark außerordentlich erfolgreich. Für die
Verbraucher stellt es eine nützliche Entscheidungshilfe dar, für die Gastronomie und die
Lebensmittelwirtschaft einen enormen Anreiz,
sauber und korrekt zu arbeiten. Seit der Einführung ist die Quote der Betriebe mit dem
besten Smiley in Dänemark um etwa 20 Prozent
seit 2005 in Kraft. Maßgebliches Gesetz, das
Lebensmittel- und Futtermittel regelt. Paragraf
40 des LFGB enthält die Vorgaben darüber, wie
die Öffentlichkeit über Gesundheitsgefahren,
Täuschung, Irreführung oder ekelerregende Lebensmittel zu informieren ist. Hier wird festgelegt, was die Behörden veröffentlichen müssen
und was sie nur veröffentlichen können, wenn sie
es für angebracht halten. Das Gesetz räumt den
Landes- und Kreisbehörden der Lebensmittelüberwachung bisher sehr viele Ermessensspielräume ein, es könnte jedoch auch bundesweit
vorschreiben, dass ausnahmslos alle Ergebnisse
der Lebensmittelüberwachung veröffentlicht
Hygieneampel,
Restaurant-Ampel, ­
Hygienebarometer, ­
System, das die deutsche Verbraucherschutzministerkonferenz der Länder erarbeitet hat
und mit dem Verbraucher direkt an der Tür des
Betriebes und im Internet über die Ergebnisse
der Lebensmittelkontrollen informiert werden
sollen. Es handelt sich dabei um eine Farbskala mit einem grünen, einem gelben und einem
roten Feld. Ein Pfeil, der auf einem bestimmten
Punkt der Farbskala platziert wird, zeigt an, wie
das Unternehmen abgeschnitten hat. Für jeden
Mangel, den die Kontrolleure feststellen, egal ob
bei der Mitarbeiterschulung oder im Hygienemanagement, gibt es Minuspunkte. Die Summe
der Minuspunkte entscheidet über die Platzierung des Pfeils und die Farbzuordnung. Insgesamt sind 80 Minuspunkte möglich. Erhält der
Betrieb zwischen 0 und 40 Minuspunkte, erhält
er eine Wertung im grünen Bereich, bei einer
Punktzahl zwischen 41 und 60 Minuspunkten
liegt die Wertung im gelben und ab 61 Punkten
im roten Bereich. Die Lebensmittelwirtschaft
und die Gastronomie wehren sich massiv gegen
das Hygienebarometer. Auch Bayern lehnt ein
solches Transparenzsystem grundsätzlich ab.
Andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen
oder Hamburg wollen das Hygienebarometer
verpflichtend einführen. Bisher ist es nirgendwo
konkret umgesetzt worden.
Bußgelder werden im Rahmen von Ordnungswidrigkeitsverfahren verhängt. Die Unternehmen
können gegen einen Bußgeldbescheid klagen,
dann entscheidet ein Gericht, ob das von der
Behörde verhängte Bußgeld gerechtfertigt ist
Geld­bußen
und Geld­strafen
werden im Rahmen von Strafverfahren verhängt.
In diesen Fällen ist also die Staatsanwaltschaft
eingeschaltet und es handelt sich nicht mehr
um ein Ordnungswidrigkeitsverfahren. Um
hohe Geldstrafen oder Bußgelder verhängen zu
können, muss den Verantwortlichen individuelle
Schuld, Fahrlässigkeit oder Vorsatz nachgewiesen werden können. Das ist im Nachhinein
häufig kaum möglich. Auch deshalb nicht,
weil vielfach genaue gesetzliche Vorgaben für
Eigenkontrollen oder Tests fehlen, zum Beispiel
für Schadstoffe wie Dioxin oder für die in Fleisch
produkten verwendeten Tierarten, um zu verhindern, dass Pferdefleisch in der Rinderlasagne
landet. Gäbe es solche Testpflichten, könnten
Hersteller (oder Handelskonzerne bei Eigenmarken) für Dioxin- oder Pferdefleischfunde verantwortlich gemacht werden, denn dann hätten sie
diese selbst entdecken müssen. Sie könnten
sich dann nicht mehr auf Unwissenheit berufen,
oder darauf, selbst Täuschungsopfer zu sein.
Verbraucherinformationsgesetz, seit 2008 in
Kraft und 2011/2012 novelliert. Es räumt Verbrauchern unter bestimmten Voraussetzungen
das Recht ein, bei Behörden Informationen über
Lebensmittel und andere Produkte zu erfragen.
Es gibt Behörden die Möglichkeit, auch unabhängig von einer Anfrage Informationen zu veröffentlichen.
Bundesverbraucherministerin von 2008 bis
2013, novellierte das Verbraucherinformationsgesetz und das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch zwischen 2011 und 2013.
Lebensmittel­behörden
Lebensmittelüberwachung ist in Deutschland
auf kommunaler Ebene organisiert. Es gibt allerdings auch Landesämter sowie Bundesbehörden. Die Überwachung ist in ein Regelwerk aus
EU-, Bundes- und Ländergesetzen eingebunden.
Die Detailvorgaben für Kontrollen, für Probennahme und Beurteilung der Proben sowie für
die einzuleitenden Maßnahmen sind bundesweit
nicht einheitlich geregelt. Wenn von „den Behörden“ die Rede ist, sind meist die zuständigen
Landkreisbehörden gemeint.
Bundesverbraucherminister von 2005 bis 2008,
unter Seehofer trat 2008 das erste Verbraucherinformationsgesetz in Kraft.
Berlin-Pankow, ­
Bezirke im Norden und Osten Berlins, die
Verbraucher mithilfe eines Smiley-System im
Internet über die Ergebnisse der Lebensmittelkontrollen informieren. Pankow veröffentlicht die
Smiley-Liste seit 2009.
VON LEBENSMITTEL­KONTROLLEUREN
„Bei einer Betriebskontrolle wurden in einer anderen Speisegaststätte im
Landkreis Tübingen ebenfalls zahlreiche hygienische Mängel festgestellt.
In Kühleinrichtungen wurde Roastbeef mit sichtbarer Austrocknung
gelagert sowie Maultaschen, Spätzle und Bauernbratwürste mit lange
überschrittenen Mindesthaltbarkeitsdaten. Überlagerte Schweineschnitzel waren zum Teil bereits grün-gelb verfärbt. Zwischen diesen Lebensmitteln wurden mehrere gelbe Styroporboxen aufbewahrt. Nach dem
Öffnen einer solchen Styroporbox wurde mit Erstaunen festgestellt, dass
es sich hierbei um lebende Würmer handelte, die dem Betriebsinhaber
als Angelköder dienen sollten.“
(Jahresbericht der Lebensmittelüberwachung Baden-Württemberg 2011, S.35)
Dieser Eierbehälter hat eine Art Eigenleben entwickelt. Mangels Reinigung
leben hier allerlei Schimmel-und Bakterienkulturen in fröhlicher Eintracht
zusammen und teilen die üppigen
Essensreste gerecht untereinander
auf. Werden hier Eier gelagert, können
gefährliche Keime auf die Schalen
gelangen - beim Aufschlagen geraten
die dann direkt ins Ei und ins Essen.
Außerdem können Keime und Schimmel auf die anderen Lebensmittel im
Kühlschrank übergehen.
„In dieser Bäckerei fühlten sich die Mäuse wohl, sie spazierten ungestört
durch Lager- und Verkaufsräume, auf ihren Wegen hinterließen sie ihre
Notdurft, so wie es ihnen gefiel, hatten freien Aus-und Eingang über ein
Loch in der Wand des Gebäudes und vergesellschafteten sich sogar noch
mit den Schaben. Zwei Kandidaten aus der Mäusefamilie hatten sich
wohl etwas übernommen, sie ließen ihr Leben und wurden beim Verrücken eines Tiefkühlschrankes im Lagerraum entdeckt.“
Hier werden Krapfen in pechschwarzem Frittierfett zubereitet. Das ist nicht nur ekelhaft
sondern auch potenziell krebserregend - wohl
bekomm's!
Diese Teigmaschine ist mit altem Fett und
Teigresten verschmutzt, die in den Scharnieren
und Ausbuchtungen der Maschine kleben. Ein
hervorragender Nährboden für Kakerlaken!
Nach Auskunft des Betreibers ist dies eine
„saubere“ Pfanne, in der Lebensmittel zubereitet
Offenbar waren die Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen hier erfolgreich. Die mittlerweile
mumifizierte Ratte wurde allerdings nicht
Diese Eiswürfelmaschine „zieren“ gelbliche Belege voller Bakterien. Diese verteilen sich auf dem
Eis und gelangen so in die Getränke. Prosit!
Dieser Kühlschrank bietet ein beeindruckendes
Museum: Offenbar konnten hier verschiedene
ausgelaufene Lebensmittel ungestört aushärten
und Innenraum, Tür, Scharniere und Dichtungen
dauerhaft verzieren.
(Jahresbericht der Lebensmittelüberwachung Baden-Württemberg 2008, S. 22)
„Halle 2, Teigbandlinie: Es sind lebende Käfer, lebende Motten und
Spuren von Schadnagerbefall (Mäusekot) festzustellen. […] Im gesamten
Raum sind Mäuseexkremente feststellbar. […] Keller Lagerbereich: Im
Formenlager sind Spuren von Schadnagerbefall (Mäusekot) vorhanden.
Des Weiteren sind lebende Schaben zu erkennen. [...] Im Bröselraum
wird Überproduktion in offenen Kisten gelagert. Auf dem Boden sind
Mäusekot sowie Laufspuren von Mäusen zu erkennen. Des Weiteren
sind lebende Käfer sowie an den Kisten Mottengespinste und lebende
Motten festzustellen.“
(Bericht der Lebensmittelüberwachung zur Kontrolle einer bayerischen Großbäckerei am 10.11.2008, ­
liegt foodwatch vor)
Roher Lachs darf bei höchstens
2°C gelagert werden. In diesem hier
verbreiten sich potenziell gesundheitsschädliche Keime ungestört bei
17,5°C. Wird der Fisch roh verzehrt,
z.B. als Sushi, besteht ein ernsthaftes
„Unter den Arbeitstischen am Wandbereich liegen Vogelfedern. […]
Im Inneren der Eismaschine befinden sich sehr viele lebende und tote
Fliegen. Der Zuführungskanal und angrenzende Bereiche sind mit einem
schleimigen Film und Schmutz verunreinigt.“
(Bericht der Lebensmittelüberwachung zur Kontrolle von zwei Produktionsbetrieben einer bayerischen Großbäckerei am 21.09.2012, liegt foodwatch vor)
„In einer Verdachtsprobe „Grünschalenmuscheln“ […] und weiteren Proben rohen Fischs aus einem Restaurant befanden sich auf der Oberfläche
Insekteneier von Fliegen aus der Familie Muscidae“
(Jahresbericht der Lebensmittelüberwachung Saarland 2011, S. 19-20)
Quelle: anonym und Veterinär- und Lebensmittel­
überwachung Berlin-Pankow
WIE DIE AMTLICHE LEBENSMITTEL­
ÜBER­ ACHUNG IN DEUTSCHLAND
(NICHT) ­FUNKTIONIERT ...
... und warum nur mehr Transparenz sie
­ ffektiver und effizienter machen wird
Die EU gibt die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Lebensmittelkontrolle und Lebensmittelsicherheitsstandards vor. Die Nationalstaaten müssen die amtlichen Kontrollen so organisieren, dass ein
hohes Maß an Schutz für Leben und Gesundheit der Verbraucher
gewährleistet ist. Dazu sind ausreichend Kontrollen sowie abschreckende Sanktionen und Maßnahmen zur Information der Öffentlichkeit notwendig.
Seit Jahren werden etwa 25 Prozent aller Lebensmittelbetriebe in
Deutschland beanstandet. Der Lebensmittelüberwachung ist es bisher nicht gelungen, diese Quote zu senken. So wie die Lebensmittelüberwachung aktuell in Deutschland organisiert ist, kann sie weder
die Vorgaben der EU erfüllen noch kann sie sicherstellen, dass das
Niveau von Gesundheits- und Täuschungsschutz in allen Bundesländern vergleichbar und überhaupt ausreichend ist.
Transparenz über die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung ist
das entscheidende Instrument, um Gesetzesverstöße und Betrug
präventiv zu verhindern und die Beanstandungsquoten zu senken.
Die drohende Veröffentlichung von Hygienemängeln und Verstößen
gegen die Lebensmittelgesetze stellt einen enormen Anreiz dar, in
Eigenkontrollsysteme, interne Tests und andere Maßnahmen zu
investieren, welche bereits vorzeitig sicherstellen, dass alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden.
KONTROLLEN, MASSNAHMEN,
Die Vorgaben der EU für Lebensmittel­
überwachung und Verbraucherinformation
1 Verordnung (EG) Nr. 178/2002 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 28. Januar 2002
zur Festlegung der allgemeinen Grundsätze und
Anforderungen des Lebensmittelrechts, zur Errichtung
der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit
und zur Festlegung von Verfahren zur Lebensmittelsicherheit. Erwägungsgrund (1). S.14. http://
eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CONSLEG:2002R0178:20060428:DE:PDF Abruf:
„Das Lebensmittelrecht verfolgt eines oder mehrere der allgemeinen Ziele
eines hohen Maßes an Schutz für das Leben und die Gesundheit der
Menschen, des Schutzes der Verbraucherinteressen, einschließlich lauterer Handelsgepflogenheiten im Lebensmittelhandel, gegebenenfalls unter
Berücksichtigung des Schutzes der Tiergesundheit, des Tierschutzes, des
Pflanzenschutzes und der Umwelt.“1
Die EU-Verordnung 178/2002 enthält die „allgemeinen Grundsätze des
Lebensmittelrechts“ in der Europäischen Union. Diese Verordnung, auch
Basisverordnung genannt, gilt unmittelbar in allen Mitgliedstaaten und
gibt vor, wie die Gesetze zur Lebensmittelüberwachung, Lebensmittelsicherheit und Verbraucherinformation in den Mitgliedsstaaten auszugestalten sind.
Die Gesetze sollen die Verbraucher vor Gesundheitsgefahren und Betrug
schützen und für eine tier- und umweltverträgliche Lebensmittelproduktion sorgen. Sie sollen außerdem den freien Warenverkehr innerhalb der
EU ermöglichen.
In Deutschland legt – neben den EU-Vorschriften – vor allem das so
genannte Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch2 (LFGB) fest, was
bei der Herstellung von und beim Handel mit Lebensmitteln erlaubt und
verboten ist, welche Pflichten die Überwachungsbehörden haben und
wie sie Verbraucher über Verstöße gegen die Gesetze informieren sollen.
Ergänzt wird das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch durch eine
Reihe von Regelungen auf Länderebene, denn Lebensmittelüberwachung
ist in Deutschland Ländersache.
Wie soll also nach den Vorstellungen der EU für sichere Lebensmittel
gesorgt werden? Primär verantwortlich für die Sicherheit ihrer Produkte
sind die Hersteller. Sie müssen auf allen Produktions-, Verarbeitungs- und
Vertriebsstufen sicherstellen, dass sie die Anforderungen des Lebensmittelrechts erfüllen. Die Mitgliedstaaten setzen das Lebensmittelrecht
durch, überwachen also seine Einhaltung. Dazu „betreiben sie ein System amtlicher Kontrollen und führen andere den Umständen angemessene Maßnahmen durch, einschließlich der öffentlichen Bekanntgabe von
Informationen über die Sicherheit und Risiken von Lebensmitteln und
Futtermitteln“, heißt es in Artikel 17 der Basisverordnung. Außerdem
„legen sie Vorschriften für Maßnahmen und Sanktionen bei Verstößen gegen das Lebensmittel- und Futtermittelrecht fest. Diese Maßnahmen und
Sanktionen müssen wirksam, verhältnismäßig und abschreckend sein.“
Das Zusammenwirken von amtlichen Kontrollen, abschreckenden Sanktionen und der umfassenden Information der Öffentlichkeit sollen Gesundheitsgefährdungen und Irreführung möglichst präventiv verhindern.
Sie sollen die Betriebe dazu bringen, die Gesetze einzuhalten. Auf die
Information der Öffentlichkeit geht die EU-Verordnung 178/2002 noch
einmal gesondert ein. In den „Grundsätzen der Transparenz“ wird festgelegt, dass die Behörden eines jeden Landes über Gesundheitsrisiken,
die von Lebensmitteln ausgehen, informieren müssen. Darüber hinaus
können sie Gesetze erlassen, die eine Information der Verbraucher auch
in anderen Fällen erlauben, zum Beispiel im Fall von ekelerregenden, vergammelten Lebensmitteln.
Die deutsche Lebensmittelüberwachung kann Verbraucher nur
unzu­ eichend vor Gesundheitsr
gefahren und Betrug schützen.
EU-Vorgaben können nicht
2 Vgl. Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB) vom 01.09.2005, zuletzt
geändert am 07.08.2013. http://www.gesetze-im-internet.de/lfgb/ Abruf: 12.11.2013.
1 . K AP I T E L
Die Ausgestaltung der EU-Vorgaben ist in Deutschland weder effektiv noch effizient, sondern schlichtweg unzulänglich. Mitunter ist die
personelle und technische Ausstattung der amtlichen Lebensmittelüberwachung unzureichend, insbesondere aber findet die Information
der Öffentlichkeit über Verstöße gegen die Lebensmittelgesetze nur in
Ausnahmefällen statt. Die deutsche Lebensmittelüberwachung kann die
Verbraucher deshalb nur unzureichend vor Gesundheitsgefahren und
Betrug schützen.
Lebensmittelüberwachung in Deutschland
Die deutsche Lebensmittelüberwachung ist uneinheitlich
organisiert, teilweise unterbesetzt, überfordert, nicht politisch unabhängig und intransparent.
3 Vgl. Lebensmittelzeitung vom 07.03.2013:
Lebensmittelkontrolleure fordern radikale Reformen.
Martin Müller: „Zustände wie im vorigen Jahrhundert“
http://www.presseportal.de/pm/55750/2429332/
lebensmittelkontrolleure-fordern-radikale-reformen-martin-mueller-zustaende-wie-im-vorigen Abruf:
08.11.2013; Nicolai Kwasniewski: Lebensmittelkontrolleur Martin Müller: Der Herr der Fliegen. In:
Spiegel online vom 15.10.2012. http://www.spiegel.
de/wirtschaft/service/restaurant-ekel-interview-mit-lebensmittelkontrolleur-martin-mueller-a-858653.html
Abruf: 08.11.2013.
Dass die EU-Vorgaben in Deutschland nur unzureichend umgesetzt
werden können, überrascht nicht, wenn man sich anschaut, wie die Lebensmittelüberwachung bei uns organisiert ist und wie sie agiert. Verantwortlich für die Überwachung sind in Deutschland mehr als 400 Kontrollbehörden, denn die Lebensmittelüberwachung ist auf Landkreisebene
angesiedelt. Daneben gibt es zum einen Landesämter, denen die Fachaufsicht über die Lebensmittelkontrollen obliegt und die zum Beispiel
die Beprobung und Analysemethoden koordinieren. Zum anderen gibt es
Bundesbehörden, die unter anderem bundesweite Monitoringprogramme über Schadstoffe wie Schwermetalle koordinieren, Zulassungen für
Produkte vergeben oder die Einfuhr von Lebensmitteln überwachen. Für
Kontrollen, Proben, Beanstandungen, Maßnahmen und Bußgelder gibt es
keine einheitlichen gesetzlichen Vorgaben. Mitunter sind die Behörden
technisch und personell schlecht ausgestattet, allerdings gibt es bisher
auch kein behördenübergreifendes Qualitätsmanagement-System. Das
heißt, bisher wird überhaupt nicht überprüft, wie effizient die einzelnen
Behörden arbeiten, ob ihre Arbeitsweise geeignet ist, die verbraucherschutzrechtlichen Vorgaben zu erfüllen oder ob die fachliche Kompetenz
und die technische Ausstattung jeweils ausreichen. Die Kommunikation
zwischen den Ämtern verläuft oft langsam, eine gemeinsame elektronische Datenverarbeitung, auf die alle zugreifen können, gibt es nicht.
Als wäre all das noch nicht genug, ergibt sich zudem ein ganz anderes
Problem in Bezug auf die Organisation der Überwachung auf Landkreisebene: Sie kann nicht immer politisch unabhängig agieren. Die Dienstaufsicht über die Kontrolleure hat der Landrat oder die Landrätin, der oder
die jedoch oft gleichzeitig auch für Wirtschafsförderung in der Region
zuständig ist. Hier kann es also zu Interessenkonflikten kommen.3 Die
Kontrolleure vor Ort begutachten die Betriebe, nehmen Hygiene- oder
Produktmängel auf und schicken Proben an das Untersuchungslabor, das
dann beispielsweise eine Salmonellenbelastung oder unzulässige Zusatzstoffe feststellt. Ob der Betrieb am Ende formell beanstandet oder mit
einem Bußgeld belegt wird, entscheiden die Kontrolleure jedoch nicht
immer allein. In einigen Bundesländern hat auch die Bußgeldstelle, die
nicht der Lebensmittelüberwachung untersteht, noch ein Wörtchen mitzureden. Und diese kann entscheiden – ebenso wie Kontrolleure selbst
natürlich auch –, das für die heimische Wirtschaft wichtige Unternehmen
nicht oder nur mit geringen Bußgeldern zu behelligen und einfach ein bis
zwei Augen zuzudrücken.
Die einzelnen Ämter und ihre Kontrolleurinnen und Kontrolleure teilen
die Betriebe in ihrem Zuständigkeitsbereich in so genannte Risikokategorien ein, je nachdem, wie hoch sie die Gefahr potenzieller Verstöße einschätzen und welche Produkte dort verarbeitet werden. Eine Fleischerei
ist in der Regel risikobehafteter als ein Supermarkt, weil in der Fleischerei
das Potenzial für Gesundheitsgefahren größer ist – zum Beispiel weil
durch unhygienische Zustände Keime auf rohes Fleisch gelangen können,
wo sie sich besonders gut vermehren. Was genau die Einteilung in eine
bestimmte Risikokategorie bedeutet, wie häufig Betriebe also tatsächlich
von Kontrolleuren besucht werden, das ist bundesweit nicht einheitlich
Die amtliche Überwachung nimmt auch Proben und lässt diese im Labor
analysieren. Vorrangig jedoch kontrolliert sie die Eigenkontrollen der
Hersteller. Das Problem: Auch für diese Eigenkontrollen gibt es keine
einheitlichen, gesetzlich verpflichtenden Vorgaben. All das stellte auch
der Bundesrechnungshof 2011 in einem Gutachten fest.4 Der Bericht
liest sich wie ein Protokoll systematischen Versagens, er spart allerdings
den wichtigsten Punkt, der für dieses Versagen verantwortlich ist, aus:
Die völlig unzureichende Transparenz über die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung.
Jedes Jahr werden etwa 25 Prozent der Lebens­ ittelbetriebe
und 16 bis 19 Prozent der
Fleischproben beanstandet.
Die Statistiken des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) belegen:5 Jedes Jahr werden etwa 25 Prozent der
Lebensmittelbetriebe in Deutschland beanstandet. Jedes Jahr fallen etwa
16 bis 19 Prozent der Fleischproben negativ auf. Die Zahlen sind so
konstant, dass sie sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit
vorhersagen lassen. Jedes Jahr wieder.
Der deutschen Lebensmittelüberwachung gelingt es also ganz offensichtlich nicht, diese Beanstandungsquoten mit jenen Mitteln zu senken, die
ihr zur Verfügung stehen. Daran würden auch deutlich mehr Lebensmittelkontrolleure nicht grundlegend etwas ändern, wenngleich eine
Aufstockung des Personals vielerorts zweifelsohne notwendig ist. Denn
egal, wie viele Kontrolleure man zusätzlich einstellt: Lebensmittelkontrolle kann immer nur stichprobenartig erfolgen, sie wird nie jeden Betrug
oder Verstoß gegen die gesetzlichen Vorgaben aufdecken können.
4 Vgl. Der Präsident des Bundesrechnungshofes als
Bundesbeauftragter für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung: Organisation des gesundheitlichen Verbraucherschutzes (Schwerpunkt Lebensmittel). Gz.: 16-90
50 37. Bonn im Oktober 2011. http://www.bmelv.de/
SharedDocs/Downloads/Ernaehrung/2011-248-PM_
BWV-Gutachten.pdf?__blob=publicationFile Abruf:
5 Vgl. Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL): Berichte des BVL, Berichte
zur Lebensmittelsicherheit. http://www.bvl.bund.de/
Entscheidend ist daher: Die Gesetze sowie die Lebensmittelüberwachung, die diese Gesetze durchsetzt, müssen die Unternehmen zwingen,
in Präventionsmaßnahmen zu investieren, um die Kontamination mit
Schadstoffen, die Verunreinigung mit gesundheitsschädlichen Keimen
oder allgemeine Hygienemängel so weit wie möglich zu verhindern. Zum
Beispiel durch Eigenkontrollsysteme, strikte Hygieneregeln und -schulungen für Mitarbeiter oder Vorgaben für die Rohstoffbeschaffung. Notwendig sind also ausreichende gesetzliche Vorgaben für Eigenkontrollen,
Test- und Meldepflichten oder die Produktzusammensetzung, aber auch
bundesweit einheitliche gesetzliche Grenzwerte für potenziell gesundheitsgefährdende Keime. Letztere gibt es nämlich nur für einige wenige,
wie Salmonellen. In vielen anderen Fällen existieren nur gesetzlich nicht
bindende Richt- und Warnwerte.
Die besten Gesetze nützen allerdings nichts, wenn die Überwachung
nicht sicherstellen kann, dass sich Lebensmittelhersteller und die Gastronomie auch daran halten. Die Lebensmittelkontrolle benötigt also auch
Instrumente, mit denen sie Unternehmen von Gesetzesverstößen und
Betrug abhalten sowie Täuschung und Irreführung verhindern kann.
Instrumente, die Anreize schaffen, zu jeder Zeit korrekt zu arbeiten.
WISSEN, WO MÄUSE UND SCHABEN
Wie der Hygienestandard verbessert und
­ esetzesverstöße verhindert werden können
gelingt es nicht, die Beanstandungsquoten zu senken. Auch
mehr Kontrolleure oder höhere
Strafandrohungen werden das
Der größte Anreiz, zu jeder Zeit korrekt zu arbeiten und in Präventionsmaßnahmen zu investieren, ist die drohende öffentliche Information über
festgestellte Mängel oder Gesetzesverstöße. Muss ein Fleischer damit
rechnen, dass seine Kunden in jedem Fall erfahren, dass er seine Wurst
mit zu viel Wasser streckt, wird er sich sehr genau überlegen, ob er das
Risiko eingeht, erwischt zu werden. Der Ärger der Kunden schreckt auch
deutlich mehr ab als eine drohende Geldbuße.
Transparenz über die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung ist darum
das entscheidende Instrument, Gesetzesverstöße und Betrug präventiv zu
verhindern. Momentan ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gesetzesverstoß veröffentlicht wird, jedoch mehr als gering. Laut Gesetz „sollen“ die
Behörden zwar Fälle von Täuschung beziehungsweise Irreführung und
ekelerregenden Lebensmitteln veröffentlichen. Weil „sollen“ im Gesetz
aber nicht „müssen“ bedeutet, tun sie es in den meisten Fällen nicht.
Daran haben auch die im September 2012 in Kraft getretenen Änderungen des Verbraucherinformationsgesetzes und des Paragrafen 40 des
Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches – letzterer regelt die aktiven
Informationspflichten der Überwachungsbehörden – wenig geändert.
Die Folge: Betrügen lohnt sich. Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden ist gering, und die möglichen Folgen sind nicht sonderlich bedrohlich. Das schadet nicht nur den Verbrauchern, die dadurch vermeidbaren
Gesundheitsgefahren ausgesetzt oder schlicht betrogen werden. Es schadet auch all jenen Betrieben, die tatsächlich alles daran setzen, korrekt zu
arbeiten und hochwertige, ehrliche Produkte abzuliefern.
Das wird sich erst ändern, wenn die Behörden dazu verpflichtet werden,
die Ergebnisse der Lebensmittelkontrollen umfassend zu veröffentlichen.
Dann kann Deutschland auch endlich die Vorgaben der EU zum Gesundheits- und Verbraucherschutz erfüllen und seine Bürger effektiver vor
Täuschung, Irreführung und Betrug schützen. Ein solch transparentes
System der Lebensmittelüberwachung würde Hersteller und Behörden
zwingen, vorsorgend zu handeln. Es würde für Teile der Lebensmittelwirtschaft zunächst Aufwand, Investitionen und Kosten bedeuten. Es
würde auch einen massiven Kulturwandel in deutschen Behörden erzwingen. Veröffentlichung, nicht Geheimhaltung würde zum Normalfall
werden. Die Arbeit der Beamten und der Lebensmittelkontrolleure wäre
endlich transparent, nachvollziehbar und vergleichbar. Das alles sind aber
genau die Gründe dafür, warum sich die Lebensmittelwirtschaft und Teile
der Lebensmittelüberwachungsbehörden gegen umfassende Transparenz
bei der Kontrolle von Lebensmitteln wehren. Die Politik beließ es daher
bislang bei kosmetischen Änderungen an Gesetzen und vollmundigen
Umfassende Transparenz über
die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung ist das
entscheidende Instrument,
Gesetzesverstöße und Betrug
präventiv zu verhindern.
Warum die aktuell gültigen Gesetze nicht für Transparenz sorgen und
was sich ändern muss, zeigen die folgenden Kapitel.
Nach Lebensmittelskandalen werden häufig „härtere Strafen“ oder
„höhere Bußgelder“ gefordert. Das Problem mit Strafen und Bußgeldern
ist jedoch: In Strafverfahren im Lebensmittelbereich werden selten hohe
Geldstrafen verhängt, weil dabei einzelnen Personen konkrete Schuld,
Vorsatz oder Fahrlässigkeit nachgewiesen werden muss. Da dies nur selten möglich ist, werden die Verfahren mitunter komplett eingestellt und
überhaupt keine Strafen oder lediglich geringe Geldbußen verhängt.
ESS-WISSEN
Gammelfleisch, gesundheits­gefährdende
­ ­ bens­ ittel, Produkte und ihre Hersteller
­erfahren
Umfassende Veröffentlichungspflichten für Behörden und ­ ersteller
erhöhen die Lebensmittelsicherheit, ermöglichen Verbrauchern
selbstbestimmte Entscheidungen und sorgen für einen fairen Qualitätswettbewerb. Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass es
In Deutschland gibt es zwar gesetzliche Regelungen zur Veröffentlichung von Kontrollergebnissen, sie sorgen jedoch bisher nicht für
umfassende Transparenz und sind damit nicht effektiv.
Das Verbraucherinformationsgesetz regelt vor allem die Verbraucherinformation auf Nachfrage. Bürger können bei Behörden Anträge
stellen. Bevor die Behörden Informationen herausgeben, können sie
die betroffenen Unternehmen anhören. Sie können die Übermittlung
von Informationen auch unter bestimmten Bedingungen ablehnen.
Der Paragraf 40 des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches
regelt die aktiven Informationspflichten der Behörden. Hier ist festgeschrieben, unter welchen Umständen die Behörden die Öffentlichkeit aktiv über Gesundheitsgefahren, ekelerregende Lebensmittel
wie beispielsweise Gammelfleisch, Täuschung oder Grenzwert­
überschreitungen informieren müssen. Die Behörden informieren
tatsächlich nur in wenigen Fällen.
Das Smiley-System ist eine in Dänemark seit 2001 etablierte und
erfolgreiche Form der umfassenden Veröffentlichung von Kontroll­
ergebnissen im Internet und an der Tür von Lebensmittel- und gastronomischen Betrieben. In Deutschland wird seit Jahren ein ähnliches System diskutiert, bisher schieben sich jedoch Bund und Länder
gegenseitig die Verantwortung dafür zu, es in die Tat umzusetzen.
Sinn und Zweck von Transparenzgesetzen
6 Vgl. Gesetz zur Verbesserung der gesundheitsbezogenen Verbraucherinformation (Verbraucherinformationsgesetz – VIG) vom 05.11.2007, neugefasst am
17.10.2012. http://www.gesetze-im-internet.de/vig/
Seit 2008 gibt es in Deutschland ein Verbraucherinformationsgesetz
(VIG)6, das Verbrauchern unter bestimmten Bedingungen das Recht einräumt, bei Behörden Informationen über Lebensmittel und Lebensmittelhersteller sowie über Bedarfsgegenstände (z.B. Spielzeug, Kleidung, Elektrogeräte) und technische Verbraucherprodukte (z.B. Haushalts­ eräte,
Möbel, Heimwerkerartikel) abzufragen. Im Gesetz gibt es zwar auch
einen Passus, der Behörden die aktive Verbreitung von Kontrollergebnissen unabhängig von einer konkreten Anfrage erlaubt. In welchen Fällen
die Behörden aber angehalten oder gezwungen sind, zu informieren,
ist hier nicht festgehalten. Die aktiven Informationspflichten regelt vor
allem das Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch. Es enthält Vorgaben
darüber, was die Behörden von sich aus veröffentlichen müssen, sollen
Das Verbraucherinformationsgesetz soll Verbrauchern informierte, selbstständige Entscheidungen beim Einkauf ermöglichen. Es soll außerdem
für einen fairen Wettbewerb sorgen und die Lebensmittelqualität und
-sicherheit verbessern, indem es Gesetzesverstößen vorbeugt. Theoretisch
ist das jedenfalls so. Die Idee ist: Ein Wursthersteller, der damit rechnen
muss, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass seine Produkte regelmäßig zu
hoch mit Keimen belastet sind, weil er das Haltbarkeitsdatum zu großzügig berechnet hat oder mangelhafte Hygiene in der Wurstfabrik herrscht,
wird wahrscheinlich vorsorglich in Hygienemaßnahmen investieren
und wahrheitsgetreue Angaben zum Haltbarkeitsdatum machen. Eine
Supermarktkette, die weiß, dass alle aktuellen und potenziellen Kunden
erfahren, wenn die Behörden in einer Rinder-Lasagne aus dem Eigenmarkensortiment Pferdefleisch finden, wird Systeme, Kontrollmechanismen
und entsprechende Verträge mit Vorlieferanten installieren, die das von
Transparenz stellt einen enorvornherein verhindern.
men Anreiz dar, korrekt zu
Transparenz stellt einen enormen Anreiz dar, korrekt zu arbeiten. Sie
zwingt die Unternehmen dazu, in Abläufe zu investieren, die die Produktsicherheit und -qualität erhöhen. Das ist oft mit Kosten verbunden,
deshalb sparen viele Unternehmen, indem sie zum Beispiel Maschinen
weniger oft reinigen, als es notwendig wäre, um sie einwandfrei hygienisch zu halten. Sie nehmen in Kauf, dass sich in den Maschinen gesundheitsschädliche Keime sammeln, die auf den Lebensmitteln landen,
welche von diesen Maschinen aufgeschnitten oder geformt werden. Oder
sie sparen an teuren Rohstoffen, indem sie zwar hochwertigen Mozzarella auf der Pizza bewerben, den Kunden in Wahrheit aber billigen
Käseersatz aus Pflanzenöl und Zusatzstoffen servieren. Solange das nicht
auffällt, solange die Kunden das nicht erfahren, lohnt sich der Betrug
für die Händler, Restaurants, Imbissbuden, Fleischer und Bäcker. Und all
jene, die ehrlich sind und in gute Hygiene und gute Produkte investieren,
haben das Nachsehen. Denn sie müssen die höheren Kosten auf ihre
Preise umlegen, ohne dass Kunden das Mehr an Qualität nachvollziehen
können. Solange der Nachbarbetrieb auch behaupten darf, immer gute,
sichere und saubere Produkte zu liefern – nur eben ein klein bisschen
günstiger – und nie ans Licht kommt, dass die Lebensmittelüberwachung
dort ständig Schädlingsbefall feststellt oder Mogelpackungen findet, ist es
nur logisch, wenn die Kunden zum günstigeren Angebot greifen.
arbeiten. Sie zwingt die Unternehmen dazu, in Abläufe zu
investieren, die die Produkt­
sicherheit und -qualität erhöhen.
2 . K AP I T E L
ANDERE LÄNDER, ANDERE TRANSPARENZGESETZE, SAUBERERE KÜCHEN
Dänemark, New York und Toronto ­ eigen,
Dass Transparenz die Lebensmittelsicherheit verbessert, zeigen Beispiele
aus anderen Ländern: In Dänemark hängen seit mehr als zehn Jahren die
Ergebnisse der Lebensmittelkontrolle an den Türen von Restaurants und
Supermärkten aus, alle Betriebskontrollen sind auch im Internet abrufbar.
Zusammengefasst und bewertet wird das Kontrollergebnis mithilfe von
Smileys. Die Quote der Betriebe, die in die beste Kategorie eingestuft
wurde, hat sich seit der Einführung des Systems um 20 Prozent erhöht.7
In New York werden die Ergebnisse der Lebensmittelkontrolle seit Juli
2010 ebenfalls an den Türen der Gastronomiebetriebe ausgehängt. Seitdem ist die Anzahl der New Yorker Restaurants und Imbisse, in denen
die Kontrolleure Mäuse fanden von 32 Prozent auf 22 Prozent gesunken.
Die Anzahl der Restaurants, die die Bestnote „A“ aushängen konnten,
erhöhte sich von 65 Prozent auf 72 Prozent. Die Anzahl der Salmonelleninfektionen ging um 14 Prozent zurück und war 2011 so niedrig wie
seit 20 Jahren nicht mehr.8
7 Vgl. Ministry of Food, Agriculture and Fisheries, Danish Veterinary and Food Administration: Smileys keep
for Fødevarer, Landbrug ok Fiskeri: Resulater 2008 –
2013, detailvirksomheder. http://www.findsmiley.dk/
8 Vgl. New York City Department of Health: Restaurant Grading in New York City at 18 Months. S.
4-6. http://www.nyc.gov/html/doh/downloads/pdf/
rii/restaurant-grading-18-month-report.pdf Abruf:
9 Vgl. City of Toronto: DineSafe Inspection and Disclosure System. http://www.toronto.ca/health/dinesafe/
system.htm Abruf: 08.11.2013.
10 Vgl. City of Toronto: Food Premises with Repeated
backgroundfile-27180.pdf Abruf: 08.11.2013.
11 Vgl. Welsh Government: Food Hygiene Rating
(Wales) Bill – Frequently Asked Questions. http://
wales.gov.uk/topics/health/protection/environmental/food/questions/;jsessionid=7LhrP9hJl1bGbnyvgblmvLpSVw672kfmCwnLWrStL8bzg2GcMt1l!-278964247?lang=en Abruf: 08.11.2013.
12 Vgl. Food Standards Agency: Food Hygiene Rating
Scheme. http://www.food.gov.uk/multimedia/hygiene-rating-schemes/rating-schemes-faqs-en/fhrs/#.
UiCPPn-urTc Abruf: 08.11.2013.
Toronto führte schon im Jahr 2001 „DineSafe“ ein.9 In der kanadischen
Stadt können Verbraucher an den Türen und im Internet sehen, welche
Restaurants und Imbisse von der Lebensmittelüberwachung beanstandet
wurden. Im Internet ist genau aufgeführt, was bemängelt wurde. Seit der
Einführung des Systems halten sich 90 Prozent der Betriebe vollständig
an die gesetzlichen Vorgaben zur Lebensmittelsicherheit, davor waren es
weniger als 50 Prozent.10
In Großbritannien werden die Hygienekontrollergebnisse von Gastronomie, Kantinen und Schulen, aber auch von Betrieben, die Lebensmittel
verkaufen wie Bäckereien, Supermärkte oder Sandwichläden, mithilfe
eines einfachen Notensystems veröffentlicht. Die Bewertung reicht von
0 („urgent improvement necessary“ – Maßnahmen zu Verbesserung der
Hygiene sind dringend notwendig) bis 5 („very good“ – sehr gut) und
kann im Internet eingesehen werden. Der Aushang vor Ort ist freiwillig,
in Wales soll er jedoch verpflichtend werden.11 Die kommunalen Behörden können selbst entscheiden, ob sie am „Food Hygiene Rating Scheme“
teilnehmen, es beteiligen sich jedoch alle walisischen und nordirischen
sowie 99 Prozent der englischen Behörden. In Schottland gibt es ein
ähnliches System.12
Auch in Deutschland schmücken sich Politiker, insbesondere Verbraucherminister, gerne mit dem Bekenntnis zu mehr Transparenz. „Die
zuständigen Behörden bekommen durch die neuen Regelungen ein
schlagkräftiges Instrument an die Hand, um den ‚schwarzen Schafen‘
unter den Anbietern durch öffentliche Namensnennung das Handwerk
zu legen. Denn: Transparenz ist immer noch mit das beste Mittel, diejenigen, die Verbraucher aus Gewinnsucht vorsätzlich schädigen wollen,
wirksam abzuschrecken“, sagte der damalige Bundesverbraucherminister
Horst Seehofer (CSU) als das Verbraucherinformationsgesetz 2008 in
Kraft trat.13
Allerdings sorgen die Gesetze, die Seehofer und seine Nachfolgerin Ilse
Aigner (CSU) auf den Weg gebracht haben, bisher weder für ausreichend
Transparenz noch dafür, dass den „schwarzen Schafen“ das Handwerk
gelegt wird. Das liegt einerseits an zahnlosen Gesetzen, anderseits aber
auch am Widerstand der Landes- und Kreisbehörden, die die Gesetze
umsetzen sollen. Letztere haben oft wenig Interesse daran, transparent
In Deutschland sorgen die Geund damit überprüfbar und vergleichbar zu machen, was sie tun. Dies
setze weder für ausreichende
liegt zum Teil auch daran, dass so vielerorts die völlig unzureichende
Transparenz, noch dafür, dass
Personalausstattung in den Ämtern, eine Folge der Kürzungen in den
den „schwarzen Schafen“ das
vergangenen Jahren, sichtbar würde. Zudem wollen die Behörden in
Handwerk gelegt wird.
vielen Fällen Auseinandersetzungen mit der Lebensmittelwirtschaft aus
dem Weg gehen. Diese proklamiert angesichts der Ankündigung und
Umsetzung von Gesetzen für mehr Transparenz schnell einmal das Ende
des Rechtsstaates, warnt vor drohenden Pleiten tausender Betriebe sowie
dem Verlust unzähliger Arbeitsplätze und befürchtet völlig überforderte
und verwirrte Verbraucher.
Dabei ist klar: Ein transparentes System der Lebensmittelüberwachung
wird nicht zum Zusammenbruch der deutschen Lebensmittelwirtschaft
führen. Durch die Veröffentlichung der Kontrollergebnisse werden einige
Schmuddelbetriebe – zu Recht – aus dem Wettbewerb gedrängt, für andere ist das System aber ein Wettbewerbsvorteil, und insgesamt wird es
die Hygienestandards verbessern und die Täuschungsfälle verringern. Das
zeigen die Beispiele aus anderen Ländern sehr deutlich.
Das Verbraucherinformationsgesetz (VIG) liefert Informationen auf Nachfrage. Verbraucher, Journalisten oder Verbände können Anträge stellen,
um an Informationen über die Gesetzesverstöße von Lebensmittelherstellern und Gastronomiebetrieben sowie andere Daten der Lebensmittelüberwachung zu gelangen. Im Gesetz gibt es zwar einen Passus, der
Behörden die aktive Verbreitung von Kontrollergebnissen unabhängig von
einer konkreten Anfrage erlaubt. Dies wird jedoch nur von der Lebens-
13 Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Mehr Information
– mehr Transparenz. Das neue Verbraucherinformationsgesetz. Berlin 2008. http://www.vzbv.de/
mediapics/verbraucherinformationsgesetz_broschuere_bmelv.pdf Abruf: 07.11.2013.
mittelüberwachung der Berliner Stadtbezirke Pankow und Lichtenberg
tatsächlich umgesetzt.14
Information zurück, bis das Gericht über den Eilantrag und die Herausgabe der Information entschieden hat.
VIG-Anfragen können zum Beispiel an die örtliche Lebensmittelüberwachung gerichtet werden, bei der Daten darüber vorliegen, welcher örtliche Fleischer seine Leberwurst mit Wasser gestreckt hat oder welcher
Betrieb aufgrund unhygienischer Zustände zu einem Bußgeld verurteilt
wurde. Auch an Landesämter oder Bundesbehörden wie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), das unter
anderem Daten über die Pestizidbelastungen von Lebensmitteln sammelt,
können Anträge gestellt werden.
Der Name des Antragstellers wird den Betrieben in der Regel mitgeteilt.
Fragt man bei der örtlichen Überwachungsbehörde also nach, wie der
Bäcker um die Ecke bei der letzten Lebensmittelkontrolle abgeschnitten
hat, wird der Betriebsinhaber darüber informiert, wer die Anfrage gestellt
hat. Das kann allerdings – gerade in kleinen Gemeinden – für einen
potenziellen Fragesteller abschreckend wirken.
Im Zuge einer Novellierung haben sich 2012 unter anderem die Kostenregelung, Abwägungs- und Ausschlussgründe verändert. Laut Gesetz sollen die Behörden die Anfragen innerhalb von einem Monat beantworten.
Wenn Dritte (das sind vor allem die Unternehmen) angehört werden,
verlängert sich die Antwortzeit auf zwei Monate. Anfragen zu „Abweichungen von den Anforderungen des Lebensmittelgesetzes“ sind bis zu
einem finanziellen Aufwand von 1.000 Euro kostenfrei, andere Informationen bis zu einem Aufwand von 250 Euro. Darüber hinaus werden
kostendeckende Gebühren erhoben. Umfangreiche Anfragen dürfen mit
der Begründung abgelehnt werden, dass die Beantwortung die Routinearbeit der Behörde einschränken würde.
Das VIG soll Informationen auf
Nachfrage liefern. Es erlaubt
auch die aktive Verbreitung von
Kontrollergebnissen durch die
Behörden. In der Praxis wird
diese rechtliche Grundlage
jedoch von fast keiner Behörde
14 Vgl. Bezirksamt Pankow von Berlin, Abteilung
Verbraucherschutz, Kultur, Umwelt und Bürgerservice
– Fachbereich Veterinär-und Lebensmittelaufsicht:
Das Smiley Projekt im Bezirk Pankow. http://www.
berlin.de/ba-pankow/verwaltung/ordnung/smiley.
html Abruf: 08.11.2013; Bezirksamt Lichtenberg von
Berlin, Veterinär- und Lebensmittelaufsicht: Smiley’s
(sic!) für Lebensmittelbetriebe in Lichtenberg. http://
www.berlin.de/ba-lichtenberg/freizeit/tourismus/tourismus005.html Abruf: 08.11.2013.
15 Vgl. § 5 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 VIG.
16 Vgl. § 3 S. 2 VIG.
17 Vgl. § 3 S. 5 Nr. 3 VIG.
18 Vgl. § 5 Abs. 4 VIG.
In der Regel hören die Behörden die betroffenen Unternehmen an, bevor
sie über die Weitergabe von Informationen entscheiden. foodwatch hat
Anfragen an Behörden in Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gestellt, um den Umgang mit dem Gesetz zu überprüfen. Dieser
VIG-Praxistest zeigt, dass selbst bei Rechtverstößen fast immer Anhörungen erfolgen, obwohl dies nicht gesetzlich vorgeschrieben ist.15
Die Betriebe können im Rahmen der Anhörung Stellung nehmen und
versuchen zu begründen, warum die Behörde den Informationsantrag
ablehnen sollte. Wenn es sogenannte „Ausschlussgründe“ gibt, soll die
Behörde abwägen, ob sie die Information trotzdem herausgibt, weil das
öffentliche Interesse überwiegt.16 „Ausschlussgründe“ sind zum Beispiel das Vorliegen von personenbezogenen Daten sowie Betriebs- oder
Geschäftsgeheimnissen. Auch bei noch laufenden Straf- oder Bußgeldverfahren soll erst nach Abwägung informiert werden. Informationen zu
überschrittenen Höchst- oder Grenzwerten können nicht als Betriebsoder Geschäftsgeheimnis deklariert werden.17
Entscheidet eine Behörde, die Informationen herauszugeben, kann ein
Unternehmen Widerspruch einlegen oder eine Anfechtungsklage einreichen. Aufgeschoben wird die Veröffentlichung von Informationen über
„nicht zulässige Abweichungen“ von gesetzlichen Vorgaben in diesen
Fällen jedoch nicht.18 Dafür muss bei Gericht zusätzlich ein sogenannter
Eilantrag gestellt werden. In solchen Konstellationen hält die Behörde die
Informationsansprüche gegenüber Unternehmen sind im Verbraucherinformationsgesetz nicht verankert. Verbraucher haben also keinen Rechtsanspruch, mit dem sie die Hersteller von Lebensmitteln oder Gebrauchsgegenständen direkt zur Herausgabe von Informationen über Herkunft
oder Zusammensetzung von Produkten zwingen können.
Während sich das Verbraucherinformationsgesetz vordergründig wie ein
gutes und effektives Instrument für mehr Transparenz liest, versagt es
aufgrund zahlreicher immer noch existierender Mängel in der Realität
kläglich. Auch die Novellierung 2012 hat nicht dazu geführt, dass Verbrauchern die begehrten Informationen umfassend, zeitnah und kostenlos zugänglich gemacht werden. Viele Behörden legen das Gesetz nicht
zugunsten der Verbraucher aus, sondern suchen nach Gründen, um nicht
informieren zu müssen. Die Kosten sind abschreckend, die Anfragen werden häufig nur mit massiven Verzögerungen beantwortet und es werden
Ausschlussgründe konstruiert, um nicht informieren zu müssen.
Mehr dazu in Kapitel 3, ab Seite 30
AKTIVE INFORMATIONSPFLICHTEN
Der Paragraf 40 des Lebensmittelund Futtermittelgesetzbuches
Während das Verbraucherinformationsgesetz die Verbraucherinformation
„auf Nachfrage“ regelt, enthält der Paragraf 40 des Lebensmittel- und
Futtermittelgesetzbuches Vorschriften für die aktiven Informationspflichten der Behörden. Der Paragraf 40 besagt, wann und wie die Lebensmittelüberwachungsbehörden von sich aus – zum Beispiel über das Internet
oder die Presse – über gesundheitsgefährdende, ekelerregende oder
irreführende Produkte informieren müssen oder können.
Überschreitungen von Grenzwerten müssen laut Gesetz
veröffentlicht werden. „Nicht
unerhebliche“ Verstöße über
einem Bußgeld von 350 Euro
ebenfalls. Tatsächlich wird so
gut wie nichts veröffentlicht.
Zwingend veröffentlicht werden müssen seit September 2012 Überschreitungen von Grenz- oder Höchstwerten, zum Beispiel von Dioxinen in
Eiern. Allerdings nur dann, wenn die Grenzwertüberschreitung in einer
zweiten Untersuchung bestätigt worden ist.19 Ob diese zweite Untersuchung allerdings in demselben Labor gemacht werden kann wie die erste,
oder ob ein zweites Labor nachmessen muss, regelt das Gesetz nicht eindeutig. Zwei Verwaltungsgerichte, die sich mit dieser Frage beschäftigten,
kamen jeweils zu unterschiedlichen Schlüssen. Ein Verwaltungsgericht
entschied, die Untersuchung von zwei Proben in einem Labor reiche aus,
ein anderes entschied, es müsse ein zweites Labor beauftragt werden.20
Bei den Oberverwaltungsgerichten existieren ebenfalls unterschiedliche
Auffassungen.21 Die Folge: In vielen Bundesländern sind Grenzwertüberschreitungen gar nicht veröffentlicht worden, weil die Untersuchung von
Proben durch zwei unterschiedliche Labore nicht der Überwachungspraxis entspricht. Die tatsächlichen Voraussetzungen sind also so gut wie nie
erfüllt. Unklare, weil auslegungsbedürftige Gesetzeswortlaute wie diese
vereiteln eine einheitliche und zügige Umsetzung neuer Regeln.
Laut Gesetz müssen auch Hygieneverstöße oder Fälle von Täuschung
und Irreführung zwingend veröffentlicht werden, wenn es sich um
Verstöße von „nicht unerheblichem Ausmaß“ handelt und ein Bußgeld
von mindestens 350 Euro zu erwarten ist.22 Wann ein Verstoß allerdings
„nicht unerheblich“ ist, entscheiden die Behörden nach Ermessen. Ein zu
erwartendes Bußgeld von 350 Euro allein wird von den meisten von ihIn fast allen Bundesländern
nen keineswegs als zwingender Grund zur Veröffentlichung interpretiert.
haben die Behörden die Veröffentlichungen von Lebensmittel- Bei allen anderen Informationen bestehen ebenfalls Ermessensspielräukontrollergebnissen aufgrund
me. Das schließt ekelerregende Lebensmittel wie Gammelfleisch sowie
von Klagen der Wirtschaft
Fälle von Täuschung und Hygieneverstößen ein, die kein Bußgeld von
mehr als 350 Euro nach sich ziehen und die von den Behörden als „unerheblich“ eingestuft werden. Diese Informationen können, müssen sie
aber nicht veröffentlichen.23 Sie müssen auch zunächst abwarten, ob der
Hersteller selbst die Öffentlichkeit informiert, und dürfen erst dann tätig
werden, wenn sie die Maßnahmen des Herstellers nicht für ausreichend
halten.24 Verstöße gegen Vorschriften zum Schutz vor Gesundheitsgefährdungen müssen die Behörden zur „Gefahrenabwehr“ veröffentlichen.25
Die Entscheidung, wann die Gesundheit der Verbraucher durch ein Produkt oder einen Hygieneverstoß gefährdet ist, ist jedoch wiederum eine
chen nicht. Denn im Frühjahr 2013 stoppten viele Länder – darunter
Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – die Veröffentlichungen. Grund sind eine Vielzahl von Eilentscheidungen vor Gerichten, die
auf Klagen der Wirtschaft zurückgehen und die handwerklichen Mängel
des Paragrafen 40 offenbaren. Einige Gerichte monierten zum Beispiel,
dass es Löschungsfristen für die Einträge geben müsse, andere sahen
die Information über allgemeine Hygienemängel in Betrieben nicht vom
Gesetz gedeckt, weil dort nur von Informationen über einzelne „Produkte“ die Rede sei. Die Bundesländer, die die Veröffentlichungen ausgesetzt
haben, warten nun ab, wie die Gerichte weiter entscheiden und fordern
Nachbesserungen am Gesetz.
Andere Länder – wie Hamburg oder das Saarland – machen zwar offiziell
weiter, veröffentlichen aber de facto so gut wie nichts auf ihren Internetseiten. Auf Nachfrage von foodwatch gaben die betreffenden Länder an,
dass es kaum Beanstandungen gegeben habe, die unter die Veröffentlichungspflicht gefallen seien – in Hamburg angeblich seit September 2012
überhaupt keine. Sind die Küchen in Hamburg also alle blitzeblank, gibt
es in der ganzen Stadt keine „nicht unerheblichen“ Mängel in Restaurants und Imbissen? Oder verhängen die Kontrolleure beziehungsweise
Ämter einfach keine Bußgelder von über 350 Euro mehr und befinden
alle Mängel für „unerheblich“, um nicht veröffentlichen zu müssen?
Fakt ist: Die Veröffentlichungspflichten des Paragrafen 40 des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches führen nirgendwo in Deutschland
zu mehr Transparenz bei der Lebensmittelüberwachung, der Hygiene in
Gastronomiebetrieben oder Gesetzesverstößen durch Hersteller. Schwarze Schafe, Ross und Reiter, Lügner oder Schmuddelbetriebe werden
weiterhin nur in den wenigsten Fällen öffentlich genannt.
Mehr dazu in Kapitel 4, ab Seite 56
und das Hygienebarometer
19 Vgl. § 40 Abs. 1a LFGB.
20 Vgl. VG Gelsenkirchen: Beschluss vom 04.01.2013.
Az.: 19 L1452/12.; VG Hannover: Beschluss vom
29.01.2013. Az.: 9 B 264/13.
21 Vgl. OVG NRW: Beschluss vom 24.04.2013. Az.:
13 B 238/13 zustimmend VG Gelsenkirchen. A.A.;
OVG Lüneburg: Beschluss vom 14.06.2013. Az.: 13
ME 18/13.
22 Vgl. § 40 Abs. 1a Nr.2 LFGB.
23 Vgl. § 40 Abs. 1 S. 2 LFGB.
24 Vgl. § 40 Abs. 2 LFGB.
25 Vgl. § 40 Abs. 1 S. 3 LFGB.
Die Bundesländer stellen seit Herbst 2011 Produktrückrufe auf der gemeinsamen Plattform „lebensmittelwarnung.de“ online. Aufgeführt sind
hier allerdings ausschließlich die Warnungen vor gesundheitsschädlichen
Produkten. Informationen über Täuschung, ekelerregende Lebensmittel,
Grenzwertüberschreitungen und Hygieneverstöße werden nicht auf „lebensmittelwarnung.de“ veröffentlicht. Diese Meldungen (über „nicht unerhebliche Verstöße“ ab einem voraussichtlichen Bußgeld von 350 Euro)
veröffentlichen die Bundesländer, mitunter auch einzelne Kreisbehörden,
jeweils auf eigenen Internetseiten. Oder besser gesagt: Sie veröffentli-
Seit Jahren wird in Deutschland die Einführung eines sogenannten
­ miley-Systems diskutiert, foodwatch fordert dies bereits seit 2006.
In Dänemark werden die Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung –
positive wie negative – bereits seit 2001 veröffentlicht, im Internet, aber
auch an der Tür eines jeden Betriebes, Restaurants oder Imbisses. Ausgehängt werden nicht nur Details darüber, was die Kontrolleure beanstan27
deten, sondern auch eine zusammenfassende Gesamtbewertung in Form
eines Smileys. Der gibt auf den ersten Blick Auskunft darüber, wie es um
die Hygiene bestellt ist. Lacht das Gesicht, ist alles in Ordnung; schaut es
traurig, gab es viele Mängel – jedoch noch nicht so gravierende, dass der
Betrieb sofort geschlossen werden konnte. Das Smiley-System hat fünf
Stufen und ist in Dänemark außerordentlich erfolgreich. Für die Verbraucher stellt es eine nützliche Entscheidungshilfe dar, für die Gastronomie
und die Lebensmittelwirtschaft einen enormen Anreiz, sauber und
Die Verbraucherschutzminister­ korrekt zu arbeiten. Seit Einführung des Smiley-Systems ist die Quote der
konferenz der Länder hat
Betriebe mit der besten Smiley-Bewertung in Dänemark um etwa 20%
beschlossen, dass Kontroll­
gestiegen. Vergleichbare Systeme sind in New York und Toronto ebenfalls
ergebnisse in Form eines Hyerfolgreich. Und: Die Verbraucher wünschen sich die Veröffentlichung
gienebarometers veröffentlicht
der Kontrollergebnisse an der Tür. In Deutschland sprechen sich laut
werden sollen. Die Wirtschaftseiner Umfrage im Auftrag von foodwatch 93 Prozent für die Einführung
minister blockieren, eine
einheitliche Gesetzesgrundlage eines Smiley-Systems aus.26
ben und sich gleichzeitig keiner auch nur einen Millimeter bewegt.
Unterdessen gehen die Mäuse in mancher Backstube weiter fröhlich ein
und aus und die 93 Prozent der Verbraucher, die sich ein Smiley-System
wünschen, müssen weiter darauf warten, dass die Politiker endlich ihr
Versprechen einlösen.
Mehr dazu in Kapitel 4, ab Seite 70
Eine kurze Geschichte der Transparenzgesetzgebung im Lebensmittelbereich (Verbraucherinformationsgesetz, Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch, Smiley-System) seit 2001 – die zudem das systematische
Versagen der Politik im Lebensmittelbereich sowie die stets im Interesse
der Wirtschaft verlaufenen Entscheidungsprozesse aufzeigt – finden Sie
ab Seite 89.
Die Verbraucherschutzministerkonferenz der Länder (VSMK) hat im
Herbst 2011 beschlossen, eine „Hygieneampel“ beziehungsweise ein
„Hygienebarometer“ auf den Weg zu bringen; es soll ähnlich wie das
Smiley-System funktionieren. Das Vorhaben ist jedoch von den Wirtschaftsministern blockiert worden. Seit Jahren wird darum gerungen, wer
die gesetzliche Grundlage schaffen soll, wie das System aussehen soll und
ob alle Länder gemeinsam oder unabhängig voneinander mit der Einführung beginnen sollten. Bund und Länder schieben sich gegenseitig die
Ob die gesetzlichen Grundlagen bereits ausreichen, um mit der Umsetzung eines Smiley-Systems oder eines Hygienebarometers in den Ländern
zu beginnen oder nicht, darüber besteht unter Juristen, vor allem aber
zwischen Bund und Ländern, Uneinigkeit. Die Länder fordern die BunIn der Debatte um das Hygienedesregierung immer wieder auf, eine gemeinsame Gesetzesgrundlage zu
Barometer schieben sich Bund
und Ländern seit Jahren gegen­ schaffen. Die Bundesregierung verweist darauf, dass die Länder längst die
Möglichkeit hätten, ein Smiley-System oder ein Hygienebarometer einzuseitig die Verantwortung für
führen. Sie könnten sich auf Regelungen im Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch oder im Verbraucherinformationsgesetz stützen.27
26 Vgl. foodwatch: Riesen-Mehrheit für Smileys
in Deutschland. https://www.foodwatch.org/de/
informieren/smiley-system/mehr-zum-thema/emnid-umfrage/ ; zuletzt geändert am 24.10.2010. Abruf:
27 Vgl. dazu nur Wollenschläger, DÖV 2013,
7, 9 m.w.N.
Fakt ist: Auf ein einheitliches Vorgehen haben sich die Länder bisher
nicht einigen können. Gleichzeitig nutzt mit Ausnahme von zwei Berliner Stadtbezirken bisher kein Land oder Landkreis die existierenden
rechtlichen Spielräume aus, um die Verbraucher mithilfe eines Smileys
oder Hygienebarometers über die Lebensmittelkontrollergebnisse zu informieren. Und selbst in den Berliner Bezirken Pankow und Lichtenberg
werden die Kontrollergebnisse nur im Internet, nicht aber direkt an der
Tür veröffentlicht.
Die Debatte um das Smiley-System beziehungsweise das Hygienebarometer ist ein Paradebeispiel für politisches Geschacher, bei dem sich alle
Beteiligten gegenseitig die Verantwortung für den ersten Schritt zuschie29
DER VIG-PRAXISTEST
,,DIE BEANTWORTUNG IHRER ANFRAGE
WIRD VORAUSSICHTLICH 80.000 EURO
­KOSTEN.‘‘
Die Bundesregierung hat nach der Novellierung des Verbraucher­
informationsgesetzes (VIG) versprochen, dass Bürger künftig
­ chneller, umfassender und günstiger über die amtlichen Kontroll­
ergebnisse der Lebensmittelüberwachung informiert würden.
foodwatch stellte in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern
VIG-Anträge, um zu überprüfen, ob diese Ankündigungen in die Tat
umgesetzt wurden. Nur in sieben von 54 Fällen wurde vollständig
und kostenfrei Zugang zu allen beantragten Informationen gewährt,
in fünf Fällen davon innerhalb der gesetzlichen Frist von zwei Monaten.
In den meisten Fällen veranschlagten die Behörden horrende Kosten.
Auch Informationen zu gesundheitsschädlichen oder gesundheitsgefährdenden Produkte waren nicht immer kostenfrei. Bis zu 630
Euro sollten Informationen zu einer einzigen gesundheitsschädlichen
Fleischprobe kosten.
VIG-Anträge und VIG-Verfahren sind langwierig, umständlich und
aufwändig für Bürger und Behörden. Viele Behörden legen das
Gesetz nicht zugunsten der Verbraucher aus, sondern tun alles, um
nicht informieren zu müssen. In der Praxis verfehlt das Gesetz also
seinen Zweck. Für mehr Transparenz sorgt es nicht.
und die Versprechen der Politik
28 Vgl. Verbraucher erhalten Rechtsanspruch auf
Information. Die Welt online am 02.05.2008. http://
www.welt.de/welt_print/article1957368/Verbraucher-erhalten-Rechtsanspruch-auf-Informationen.html
Abruf: 12.11.2013.
29 Gesetzentwurf der Bundesregierung: Entwurf
eines Gesetzes zur Neuregelung des Rechts der
Verbraucherinformation vom 20.06.2007. Deutscher
Bundestag. Drucksache 16/5723. S.1. http://www.
foodwatch.org/uploads/media/VIG-Entwurf_Bundesregierung_20.06.2007_01.pdf Abruf: 25.09.2013.
Seit 2008, also seit mittlerweile fünf Jahren, gibt es das Verbraucherinformationsgesetz. Es räumt Verbrauchern unter bestimmten Umständen das
Recht ein, Zugang zu Behördeninformationen über Lebensmittel, Kosmetika und andere Gebrauchsgegenstände zu erhalten. Als das Gesetz
2008 in Kraft trat, sprach der damalige Bundesverbraucherminister Horst
Seehofer (CSU) von einem „Meilenstein“ für den Verbraucherschutz.28
Das Gesetz sollte ein „zentraler Baustein zur Vorbeugung und raschen
Eindämmung von Lebensmittelskandalen“29 sein.
foodwatch machte bereits 2008 einen Praxistest und prüfte sechseinhalb
Monate lang, ob Bundes-, Länder- und Kommunalbehörden Auskünfte zu
Gammelfleisch, gesundheitsgefährdenden Fleischproben und der Verwendung von Schlachtabfällen gaben. Auch Auskünfte zu in Lebensmittelproben gemessenen Werte des als krebserregend geltenden Acrylamids und
in Mineralwässern gemessenen Werten des Schwermetalls Uran wurden
bei Behörden abgefragt.30 Ergebnis: In den meisten Fällen gaben die Behörden keine Auskunft. Informierten sie doch, passierte das viel zu spät
und war mit hohen Kosten verbunden. Die „schwarzen Schafe“ wurden,
anders als Seehofer versprochen hatte, fast nie genannt, schon gar nicht
zeitnah und auch nicht einmal dann, wenn es um gesundheitsgefährdende oder gesundheitsschädliche Lebensmittel ging. Ein „Durchbruch hin
zu mehr Markttransparenz“31 war das Gesetz in der Praxis ganz und gar
Die Politik versprach:
Das neue VIG verpflichtet
Behörden zu schneller, unkomplizierter und kostengünstiger
Information der Bürger.
Im Nachhall zum Dioxin-Skandal 2011 ist das Verbraucherinformationsgesetz schließlich in zahlreichen Punkten novelliert worden. Horst
Seehofers Nachfolgerin im Verbraucherministerium, Ilse Aigner (CSU),
versprach mit Inkrafttreten des „neuen“ Verbraucherinformationsgesetzes, dass Verbraucher nun noch umfassender, schneller und günstiger
informiert würden.32
Auf dem Papier klingen einige der Änderungen vielversprechend, transparenz- und verbraucherfreundlich. Auf der Homepage des Ministeriums
heißt es:33
•	„Die Bürger können mit dem neuen VIG noch schneller, noch
umfassender und noch günstiger informiert werden als bisher. Die Anhörungsverfahren bei der Beteiligung betroffener Wirtschaftsunternehmen
[…] werden gestrafft und noch effizienter ausgestaltet. Während bisher
verbindlich eine Frist zur schriftlichen Anhörung von einem Monat galt,
können Anhörungen zukünftig auch kurzfristig und mündlich erfolgen.
Bei Rechtsverstößen […] kann von den zuständigen Behörden sogar ganz
von einer Anhörung abgesehen werden.“
•	„Künftig müssen die amtlichen Kontrollergebnisse der Lebensmittelüberwachung bei allen Messergebnissen, die Grenzwerte, Höchstmengen oder Höchstgehalte betreffen, herausgegeben werden. Eine Berufung
auf Betriebs- oder Geschäftsgeheimnisse ist nicht mehr möglich. Dies gilt
unabhängig davon, ob die Grenzwerte überschritten worden sind oder
nicht. […]Generell gilt ab jetzt: Ein Geheimnisschutz kommt nicht in
Betracht, wenn das öffentliche Interesse an einer Herausgabe der Information überwiegt.“
•	„Künftig werden einfachere Anfragen mit einem Verwaltungsaufwand bis zu 250 Euro beziehungsweise alle Anfragen zu Rechtsverstößen
mit einem Verwaltungsaufwand bis zu 1.000 Euro bundesweit einheitlich
kostenfrei beantwortet. Über diese Freigrenzen hinaus gilt das Prinzip der
30 foodwatch-Report (2008): abschrecken, abservieren, abkassieren. http://www.foodwatch.org/uploads/
media/foodwatch-Report_Praxistest-VIG_05.12.2008.
pdf Abruf: 08.11.2013.
31 Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: Mehr Information
32 Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft
und Verbraucherschutz: „Aigner: Das neue Verbraucherinformationsgesetz stärkt die Informationsrechte
der Bürgerinnen und Bürger“, Pressemitteilung
Nr. 222 vom 13.08.2012. http://www.bmelv.de/
SharedDocs/Pressemitteilungen/2012/222-AI-NeuesVerbraucherinformationsgesetz-VIG.
html?searchArchive=0submit=Suchenmonat=monatjahr=jahrsearchIssued=1oneOfTheseWords=verbraucherinformationsgesetz
33 Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft
und Verbraucherschutz: Das Verbraucherinformationsgesetz. http://www.bmelv.de/SharedDocs/Standardartikel/Verbraucherschutz/Verbraucherinformationsgesetz.html Abruf: 08.11.2013.
3 . K AP I T E L
Kostendeckung, das heißt unabhängig vom wirtschaftlichen Wert, den
eine Auskunft zum Beispiel für Medien hat, muss lediglich der tatsächlich
entstandene Verwaltungsaufwand ausgeglichen werden. Ermäßigungen
bei Anfragen im öffentlichen Interesse sind grundsätzlich möglich.“
Einfache Antragsverfahren, weniger langwierige Anhörungen, weniger
Ablehnungsgründe, mehr Informationen und das auch noch kostengünstig oder kostenfrei. Das Informationszeitalter sollte endlich auch in
deutschen Behörden anbrechen, so das Versprechen der Regierung.
Auf seiner Homepage erklärt das Verbraucherministerium unter der
Überschrift „VIG – der Weg von der Anfrage zur Information“, wie
schnell und einfach die Bürger erfahren können, was zwischen den
Aktendeckeln der Behörden schlummert.34 Kinderleicht klingt das: Behörde heraussuchen, anrufen, E-Mail oder Brief schreiben, maximal zwei
Monate warten und schon ist die Auskunft da. Und das Beste: Nicht nur
„bei Gefahren oder Risiken für die Gesundheit und Sicherheit“ gibt es
einen Informationsanspruch, sondern auch in allen anderen „wichtigen
Bereichen wie etwa die Kennzeichnung, die Herkunft, die Beschaffenheit
oder die Herstellung der Erzeugnisse“ haben Verbraucher Anspruch auf
Die Antwort auf all diese Fragen lautet: Nein. Das Ergebnis des foodwatch-Praxistests unterscheidet sich 2013 leider wenig von jenem aus
Schnell, umfassend und kostengünstig wird nur in Ausnahmefällen
informiert. Informationen mithilfe des Verbraucherinformationsgesetzes
zu erfragen ist für Verbraucher umständlich, langwierig und arbeitsaufwändig. Vielfach werden für Information mehrere hundert bis mehrere
tausend Euro verlangt. Selbst Informationen über gesundheitsgefährdende Produkte sind nicht zwangsläufig kostenfrei.
Tatsächlich wird nur in Ausnahmefällen schnell, umfassend
und kostengünstig informiert.
Die Verfahren sind stattdessen
umständlich, langwierig und
potenziell teuer.
Das Gesetz kann damit seinem Ziel nicht gerecht werden, „den Markt
transparenter“35 zu gestalten und so den „Schutz der Verbraucherinnen
und Verbraucher vor gesundheitsschädlichen oder sonst unsicheren
Erzeugnissen und Verbraucherprodukten sowie vor Täuschung beim Verkehr mit Erzeugnissen und Verbraucherprodukten“36 zu verbessern. Das
Versprechen der Bundesregierung, ein funktionierendes und verbraucherfreundliches Informationsgesetz zu schaffen, ist nicht erfüllt worden.
Offenheit statt Geheimniskrämerei. Behörden, die transparent zeigen,
wie sie arbeiten. Ein Staat, der seinen Bürgern die Informationen zugänglich macht, die sie für selbst bestimmte Entscheidungen brauchen. Das
Die Umsetzung dagegen ist: ein einziges Desaster.
BÜRGER FRAGEN, BEHÖRDEN ­ NTWORTEN
Der foodwatch-VIG-Praxis-Test 2013
34 Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: VIG – der Weg von
der Anfrage zur Information. http://www.bmelv.de/
SharedDocs/Standardartikel/Verbraucherschutz/Verbraucherinformationsgesetz_FAQ.html;jsessionid=B176BB7A3318B16EDD723247EDDD5A2E.2_cid376
Abruf: 24.09.2013.
Informieren Behörden Verbraucher also mit dem neuen Verbraucherinformationsgesetz umfassender, schneller und günstiger? Verzichten sie auf
die langwierige und häufig kostenintensive Anhörung der Unternehmen,
wenn es um eindeutige Verstöße gegen die Lebensmittelgesetze und
Hygienevorgaben geht? Werden Informationen, die Höchstmengen und
Höchstgehalte betreffen in jedem Fall herausgegeben? Sorgt das Verbraucherinformationsgesetz jetzt endlich für Transparenz? Ermöglicht es Bürgern, unkompliziert zu erfragen, wie Lebensmittelhersteller oder Restaurants bei der letzten Lebensmittelkontrolle abgeschnitten haben oder wer
gesundheitsgefährdende oder irreführende Produkte verkauft hat?
35 §1 Abs.1 Verbraucherinformationsgesetz (VIG).
http://www.gesetze-im-internet.de/vig/__1.html
36 §1 Abs.1 Verbraucherinformationsgesetz (VIG).
foodwatch hat die Ankündigungen und Versprechen der Politik zum neuen Verbraucherinformationsgesetz mithilfe von Anfragen in drei Bundesländern überprüft. Folgende Anträge stellten wir im September 2012:
foodwatch stellte zwei Anträge an das Niedersächsische Landesamt für
Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES). In einem Fall
baten wir um die Übermittlung von Informationen zu allen im Jahr 2011
in Niedersachsen beanstandeten Fleischproben. Im Januar 2013 beantragte foodwatch ergänzend Informationen über die zwischen September
und Dezember 2012 als gesundheitsschädlich beanstandeten Fleischund Wurstprodukte. Gefragt haben wir danach, wie viele Fleischproben
jeweils als gesundheitsschädlich, als gesundheitsgefährdend, aufgrund der
Zusammensetzung und aufgrund von Kennzeichnungsmängeln beanstandet wurden. Wir wollten wissen, wer für die beanstandeten Proben
verantwortlich war, was konkret bemängelt worden war und welche
Maßnahmen von der Lebensmittelüberwachung eingeleitet wurden.
37 18,9% beanstandete Proben von Fleisch, Wild,
Geflügel und Erzeugnissen im Jahr 2010. Vgl. BVL
Jahrespressekonferenz Lebensmittelüberwachung
2011. Präsentation. S. 9.
http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/01_
Lebensmittel/01_lm_mon_dokumente/praesentation_lebensmittelueberwachung_2010.pdf?__blob=publicationFilev=4 Abruf: 12.11.2013;
17,2% beanstandete Proben von Fleisch, Wild,
Geflügel und Erzeugnissen im Jahr 2011. Vgl. BVL
2012. Präsentation. S. 9.
Lebensmittel/01_lm_mon_dokumente/praesentation_lebensmittelueberwachung_2011.pdf?__blob=publicationFilev=3 Abruf: 01.10.2013;
16 -18% beanstandete Proben bei Fleisch, Wild,
Geflügel und Erzeugnissen im Jahr 2012. Vgl. BVL
Pressinformation vom 12.11.2013.
http://www.bvl.bund.de/DE/08_PresseInfothek/01_
FuerJournalisten/01_Presse_und_Hintergrundinformationen/01_Lebensmittel/2013/2013_11_12_hi_
jahrespressekonferenz.html Abruf:12.11.2013.
38 foodwatch: Verbraucherinformationsgesetz.
Deutschland is(s)t unmündig. http://www.foodwatch.
org/de/informieren/informationsgesetz/2-minuten-info/ Abruf: 24.09.2013.
HINTERGRUND DER ANFRAGE
Jedes Jahr werden etwa 16 bis 18 Prozent der Fleischproben bundesweit
beanstandet37 – zum Beispiel, weil Fleischer ihre Wurst mit zu viel Wasser
strecken, Zusatzstoffe nicht korrekt kennzeichnen oder das Haltbarkeitsdatum zu lang berechnet wird. Auch gesundheitsgefährdende oder
gesundheitsschädliche Keime wie E.coli-Bakterien, Salmonellen oder
Listerien finden sich auf Wurst- und Fleischwaren. Eine ähnliche Anfrage
hatte foodwatch schon 2008 an das LAVES gestellt, damals wurde die
Herausgabe eines Teils der Daten abgelehnt. Bis heute läuft eine gerichtliche Auseinandersetzung zwischen foodwatch und dem LAVES über diese
Anfrage, die fehlenden Daten liegen uns bis heute nicht vor.38 Wir haben
die Anfrage in Niedersachsen 2012 erneut gestellt, um zu prüfen, ob mit
dem novellierten Gesetz nun – wie von der Bundesregierung versprochen
– besser, umfassender, schneller, günstiger informiert wird als vorher.
Die Informationen zu allen 2011 beanstandeten Fleischproben sollten
80.000 Euro kosten. Daraufhin schränkten wir den Antrag auf gesundheitsschädliche und gesundheitsgefährdende Produkte ein, Kostenpunkt:
10.000 Euro. Für Informationen über ausschließlich als gesundheitsschädlich eingestufte Proben sollten wir immer noch 4.200 Euro zahlen.
Schließlich schränkten wir unsere Anfrage auf gesundheitsschädliche Proben ein, die zwischen September und Dezember 2011 gefunden wurden.
Übermitteln wollte das LAVES die Informationen zu den drei in diese
Kategorie fallenden Produkten zum Schnäppchenpreis von nur 1.900
Euro. Das macht 633 Euro pro Probe. Außerdem teilte das Amt mit,
dass bereits die erste Antwort und die Erstellung des Kostenvoranschlags
einen Verwaltungsaufwand von mehr als 60 Stunden und damit Kosten
in Höhe von 3.388 Euro verursacht hätten. Sieben Tage hatte das LAVES
also angeblich an dem zweieinhalb Seiten langen Brief geschrieben und
die Grundlage der Kostenprognose von 80.000 Euro recherchiert. Ob uns
die 3.388 Euro nach Abschluss des Verfahrens tatsächlich in Rechnung
gestellt werden, bleibt abzuwarten.
DAUER UND ERGEBNIS
Vier Monate – d.h. zwei Monate nach Ablauf der gesetzlichen Frist –
übermittelte das LAVES seine Antwort auf unsere Anfrage zu den zwischen September und Dezember 2011 als gesundheitsschädlich beanstandeten Produkten. In zwei von drei Fällen wurde der Informationszugang
abgelehnt, in einem Fall wurde dem Antrag statt gegeben. Er betraf
Wurst, die mit Salmonellen belastet gewesen war. Ebenfalls mehr als
vier Monate nach Antragstellung beantwortete das LAVES auch unsere
Anfrage zu den zwischen September und Dezember 2012 beanstandeten
Fleischproben. Als gesundheitsschädlich war nur eine Probe in diesem
Zeitraum eingestuft worden. Der Informationszugang wurde ebenfalls
foodwatch widersprach der Ablehnung und verlangte die Herausgabe der
fehlenden Daten. Das LAVES entschied am 21.08.2013 nach erneuter
Prüfung schließlich doch, uns die Informationen zu den drei weiteren als
gesundheitsschädlich beanstandeten Proben, zu übermitteln.
Zu einer Probe aus 2011 übermittelte das LAVES im März 2013 einen
Teil der angeforderten Informationen und leitete unsere Frage zu den
aufgrund der Beanstandung ergriffenen Maßnahmen zudem an den
Landkreis Oldenburg weiter. Die dortige Behörde ist zuständig für den
Hersteller und sollte uns darüber informieren, ob zum Beispiel ein Bußgeld verhängt wurde. Bis Anfang November 2013 erreichte foodwatch
keinerlei Nachricht vom Landkreis Oldenburg.
GRÜNDE FÜR DIE ABLEHNUNG DES
INFORMATIONSBEGEHRENS
In den zwei Fällen aus 2011 war das LAVES nach der Anhörung der
Betriebe und „weitergehenden Ermittlungen“ zur „Sachverhaltsaufklärung“39 zu dem Schluss gekommen, dass die als gesundheitsschädlich
geführten Proben doch nicht als gesundheitsschädlich bezeichnet werden
könnten. Sie seien damit nicht mehr Teil des Antrags, deshalb könne
auch keinerlei Information übermittelt werden. Wie genau es zu der
veränderten Einschätzung kam, um welche Art Mangel oder Belastung es
sich handelte und ob die Proben stattdessen in einer anderen Kategorie
beanstandet wurden, erläuterte das LAVES nicht.
39 Schreiben des Niedersächsischen Landesamtes für
Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vom
22.02.2013 an foodwatch. Liegt foodwatch vor.
Wann und wie beanstandet die ­ ebensmittel­ ontrolle Produkte?
Wann ist ein Lebensmittel gesundheitsschädlich?
Was ist der Unterschied zwischen gesundheitsschädlich
und gesundheitsgefährdend?
Im Rahmen der Lebensmittelüberwachung lassen Kontrolleure auch Proben einzelner Lebensmittel im Labor untersuchen. Wenn das amtliche
Untersuchungslabor feststellt, dass ein Produkt
übermäßig mit Keimen belastet oder nicht
korrekt zusammengesetzt ist, wird dies in einem
Gutachten festgehalten. Die zuständige Behörde
muss dann entscheiden, welche Schlussfolgerungen sie aus dem Laborgutachten zieht, ob sie
eine Probe beanstandet und wenn ja, in welcher
Kategorie sie die Beanstandung einstuft. Einheitlich sind die Beanstandungskategorien deutschlandweit nicht. Es liegt im Ermessen der Behörde, ob sie eine Probe zum Beispiel aufgrund
ihrer „Zusammensetzung“ oder „Kennzeichnung“, wegen „Irreführung“, als „ekelerregend“
oder unter einer anderen Bezeichnung einstuft.
Auch wann eine Probe als „gesundheitsgefährdend“ oder „gesundheitsschädlich“ eingestuft
wird, liegt im Ermessen der Behörde. Das Labor
macht zwar einen Vorschlag, es kann zum
Beispiel vermerken, dass eine Hähnchenbrust
aufgrund der hohen Belastung mit Bakterien
eine Gesundheitsgefahr darstellt. Die zuständige
Behörde muss das Produkt jedoch anschließend
nicht zwangsläufig als gesundheitsgefährdend
beanstanden. Sie kann entscheiden, dass der
Hinweis „Vor Verzehr durcherhitzen“ auf der
Verpackung ausreicht, um eine Gesundheitsgefährdung der Verbraucher abzuwenden, weil
Erhitzen die Keime tötet. Eine andere Behörde
entscheidet womöglich anders. „Gesundheitsgefährdend“ ist dabei eine Abschwächung von
„gesundheitsschädlich“, die Wahrscheinlichkeit
gesundheitlich negativer Folgen wird also etwas
geringer eingestuft. Eindeutig definiert sind
diese Begriffe jedoch nicht, mitunter werden sie
auch synonym gebraucht.
Grundsätzlich muss die Öffentlichkeit informiert
werden, wenn gesundheitsschädliche oder gesundheitsgefährdende Produkte im Umlauf sind,
diese müssen dann zurückgerufen werden. Stuft
die Behörde jedoch die betreffenden Lebensmittel nur als „ekelerregend“, „nicht verzehrsfähig“
oder „irreführend“ ein, muss nicht zwingend
Im Fall der gesundheitsschädlichen Probe aus 2012 begründete das
LAVES die Ablehnung damit, dass die von der Lebensmittelüberwachung
entnommene Probe Salmonellen enthielt, die Zweitprobe, die der Hersteller in einem privaten Labor untersuchen ließ, jedoch salmonellenfrei
gewesen sei. Dies habe der Hersteller im Rahmen der Anhörung mitgeteilt und damit widerlegt, dass sein Produkt von den Anforderungen des
Lebensmittelgesetzes abgewichen und als gesundheitsschädlich einzustufen sei. Auch diese Probe stellte sich damit nach den Ermittlungen des
Beamten als angeblich falsch zugeordnet und doch nicht gesundheitsschädlich heraus. Damit waren die Proben nicht mehr Teil unseres Antrags, der sich ausschließlich auf gesundheitsschädliche Proben bezogen
hatte. Der Informationszugang wurde abgelehnt.
40 Schreiben des Niedersächsischen Landesamtes für
21.08.2013 an foodwatch. Liegt foodwatch vor.
DER WIDERSPRUCH VON FOODWATCH
UND DIE ENTSCHEIDUNG ÜBER DEN WIDERSPRUCH
Die Einschätzung des LAVES, wonach die salmonellenfreie Zweitprobe
beweise, dass das Ausgangsprodukt nicht gesundheitsschädlich gewesen
sei, war aus Sicht von foodwatch nicht haltbar. Salmonellen sind oft nicht
gleichmäßig verteilt in einem Lebensmittel zu finden. Es ist deshalb gut
möglich, dass zunächst nur ein Teil des Lebensmittels belastet ist. Eine
salmonellenfreie Zweitprobe bedeutet noch lange nicht, dass das Lebensmittel nicht kontaminiert oder nicht potenziell gesundheitsschädlich ist.
Das Lebensmittel- und Veterinärinstitut Oldenburg, das das LAVES um
eine Stellungnahme zur Problematik gebeten hatte, bestätigte unsere
Sichtweise. Der Nachweis einer negativen Zweitprobe bedeute nicht,
„dass der Nachweis in der ersten Probe zu vernachlässigen sei oder zu
einem anderen lebensmittelrechtlichen Ergebnis führen würde“40, zitierte
das LAVES das landeseigene Untersuchungslabor. Die Probe sei also nach
wie vor als gesundheitsschädlich zu bewerten, heißt das im Klartext.
Auch im Hinblick auf die beiden Proben aus 2011, die das LAVES nach
den Anhörungen der verantwortlichen Betriebe entgegen dem ursprünglichen Befund des Labors zu nicht gesundheitsschädlichen Proben erklärt
und den Informationszugang deshalb abgelehnt hatte, widersprach das
Veterinärinstitut.
Das LAVES entschied daraufhin, uns die Betriebsnamen zu den fehlenden
drei als gesundheitsschädlich beanstandeten Proben doch noch zukommen zu lassen. Allerdings legten zwei der betroffenen Unternehmen
Rechtsmittel ein, um die Herausgabe zu verhindern. Bis Anfang November 2013 ist keine gerichtliche Entscheidung darüber gefallen.
In Nordrhein-Westfalen stellte foodwatch die gleiche Anfrage wie in
Niedersachsen, auch hier fragten wir nach den in 2011 beanstandeten
Fleischproben. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) beantwortete den allgemeinen Teil der Anfrage zu
Probenentnahmen in Nordrhein-Westfalen und leitete den verbleibenden
Teil der Anfrage etwa einen Monat nach Eingang, also Anfang Oktober
2012, an die 49 Landkreisbehörden weiter, die für die insgesamt 51 Kreise in Nordrhein-Westfalen zuständig sind.
Um vergleichen zu können, wie unterschiedliche Bundesländer mit
dergleichen VIG-Anfrage umgehen, haben wir in Nordrhein-Westfalen
dieselben Fragen gestellt wie in Niedersachsen.
Die Kosten, die die Landkreise für die Beantwortung der Anfrage veranschlagten, unterschieden sich massiv voneinander. Während einige
Kreise, zum Beispiel Heinsberg und der Märkische Kreis, alle Fragen
kostenfrei und vollständig beantworteten, wollte die Stadt Essen nur
gegen Zahlung von 19.600 Euro Auskunft geben. Zwar unterschied sich
von Kreis zu Kreis, um wie viele Informationen es ging, wie viele Fleischproben also beanstandet worden waren: So waren es zum Beispiel nur
20 in Heinsberg, in Essen dagegen 140. Aber, wenn man die Kosten pro
Probe betrachtet, also die veranschlagte Summe durch die Anzahl der
Proben teilt, kann man die Ergebnisse vergleichen. Es zeigen sich enorme Unterschiede: Die Stadt Krefeld wollte über zehn Proben nur gegen
Zahlung von 1.400 Euro informieren – die Information zu einer Probe
kostet hier also 140 Euro. Im Kreis Soest sollten Informationen zu 53
Was kostet die Information
zu einer Fleischprobe?*
0 €
z.B. Höxter oder Heinsberg
19 €
37 €
86 €
140 €
*Grundlage: prognostizierte Kosten für den
Gesamtantrag geteilt durch die Probenzahl
foodwatch-Report 2014 Lost in the supermarket
foodwatch-Report 2015: Ich wollt', ich wär' kein Huhn
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