Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=23.06.2009&Aktenzeichen=VI%20ZR%20196%2F08
Timestamp: 2017-12-12 10:24:01
Document Index: 157869389

Matched Legal Cases: ['§ 823', '§ 4', 'Art. 1', '§ 823', '§ 1004', '§ 4', '§ 28', '§ 29', '§ 1', '§ 7', '§ 10', 'Art. 5', 'BGH', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', 'BGH', 'BGH', '§ 29', '§ 29', '§ 29', 'Art. 5', 'Art. 10', 'Art. 11', 'Art. 9', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'BGH', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 28', '§ 29', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 27', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 29', '§ 29', '§ 12', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

§ 823 Abs. 2; 1004 analog BGB; §§ 4; 29; 35 Abs. 2 S. 2 Nr. 1; 41 Abs. 1 BDSG; Art. 1; 2; 5 GG
Zulässigkeit von Lehrerbewertungen in einem Schülerportal
BGB § 823 Abs. 2, § 1004 Abs. 1; BDSG § 4 Abs. 1, § 28 Abs. 1, § 29 Abs. 1; TMG § 1 Abs. 1, § 7 Abs. 2, § 10; GG Art. 5 Abs. 1
Lehrerbewertungen im Internet sind nicht grundsätzlich unzulässig
Lehrerbewertung in “spickmich.de” zulässig
Schüler dürfen Lehrer im Internet bewerten (www.spickmich.de)
Denn jedenfalls kann auf der Grundlage der vom Berufungsgericht getroffenen Feststellungen nicht davon ausgegangen werden, dass eine journalistisch-redaktionelle Bearbeitung der Bewertungen erfolgt (vgl. Senatsurteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328 Rn. 19 ff. mwN;… Buchner in Wolff/Brink, Datenschutzrecht, 2013, § 41 BDSG Rn. 24 ff.;… Gola/Schomerus, BDSG, 11. Aufl., § 41 Rn. 10a;… Plath/Frey in Plath, BDSG, 2013, § 41 Rn. 12;… Roggenkamp, K&R 2009, 571;… Westphal in Taeger/Gabel, BDSG, 2. Aufl., § 41 Rn. 26 mwN;… siehe zur Frage der Anwendbarkeit des § 41 BDSG auf Bewertungsportale auch Buchner, aaO, Rn. 18 f.;… Greve/Schärdel, MMR 2008, 644, 647 f.;… dies., MMR 2009, 613 f.;… Simitis/Dix, BDSG, 8. Aufl., § 41 Rn. 11 mwN;… Spindler/Nink in Spindler/Schuster, Recht der elektronischen Medien, 2. Aufl., § 41 BDSG Rn. 1).
Die Umstände des Streitfalls erfordern aber eine Würdigung im Zusammenhang mit der Speicherung der Bewertungen, weil nur die gemeinsame Verwendung der Daten den von der Beklagten verfolgten Zweck erfüllt (vgl. Senatsurteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328 Rn. 25; siehe auch LG Hamburg, MMR 2011, 488, 489;… Roggenkamp, K&R 2009, 571).
In Bezug auf Bewertungsportale im Internet ist die Vorschrift nach der Rechtsprechung des erkennenden Senats (Senatsurteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328 Rn. 42 f.;… ebenso etwa Greve/Schärdel in Große Ruse-Khan/Klass/v. Lewinski (Hrsg.), Nutzergenerierte Inhalte als Gegenstand des Privatrechts, 2010, S. 71, 81;… siehe auch Plath in Plath, BDSG, 2013, § 29 Rn. 87;… Iraschko-Luscher/Kiekenbeck, ZD 2012, 261, 262;… Roggenkamp, K&R 2009, 571, 572 f.;… kritisch etwa BeckOK Datenschutzrecht/Buchner [Stand: 1. Mai 2014], § 29 BDSG Rn. 119 f.;… Taeger in Taeger/Gabel, BDSG, 2. Aufl., § 29 Rn. 56) verfassungskonform dahingehend auszulegen, dass die Zulässigkeit der Übermittlung der Daten an die abfragenden Nutzer aufgrund einer Gesamtabwägung zwischen dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen einerseits und dem Informationsinteresse desjenigen, dem die Daten über das Internet übermittelt werden, andererseits beurteilt werden muss.
Ohne die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten auch ohne Einwilligung der jeweils Betroffenen wäre journalistische Arbeit nicht möglich; Presse und Rundfunk könnten ihre in Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG, Art. 10 Abs. 1 Satz 2 EMRK, Art. 11 Abs. 1 Satz 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union zuerkannten und garantierten Aufgaben nicht wahrnehmen (vgl. Senatsurteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08 - VersR 2009, 1131 Rn. 20;… Waldenberger in Spindler/Schuster, Recht der elektronischen Medien, Presserecht Rn. 118 ff., 140;… Keber in Schwartmann, aaO;… Bergmann/Möhrle/Herb, aaO, Rn. 6 ff.;… Dörr, ZUM 2004, 536, 540 f.;… vgl. auch Art. 9 sowie Erwägungsgründe 17 und 37 der Richtlinie 95/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr;… EuGH, Urteile vom 6. November 2003 - Rs. C-101/01 - Lindqvist gegen Schweden - ZUM-RD 2004, 107 Rn. 90;… vom 16. Dezember 2008 - Rs. C-73/07 - Tietosuojavaltuutettu gegen Satakunnan Markkinapörssi Oy - EuGRZ 2009, 23 ff.;… Schlussanträge der Generalanwältin Kokott vom 8. Mai 2008 in der Rechtssache C-73/07 - zitiert nach Juris, Rn. 37, 39, 66 ff., 81 f.).
Dies sind somit nicht nur die "klassischen Daten", wie etwa der Name oder aber der Geburtsort, sondern auch Meinungsäußerungen, Beurteilungen und Werturteile, die sich auf einen bestimmten oder bestimmbaren Betroffenen beziehen, die Wiedergabe von mündlichen und schriftlichen Aussagen eines Betroffenen oder aber sogar die Darstellung des privaten oder dienstlichen Verhaltens eines Betroffenen (vgl. z. B. nur BGH, Urteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328-345 unter Hinweis auf Gola/Schomerus BDSG, 7. Aufl., § 3 Rdnr. 2 ff.;… Dammann in Simitis Hsg., BDSG, 6. Aufl., § 3 Rdnr. 7 ff.;… Schaffland/Wiltfang, BDSG Stand 1/2009, § 3 Rdnr. 6;… Bergmann/Möhrle/Herb, BDSG, 38. Erg.lief., § 3 Rdnr. 24;… Dorn DuD 2008, 98, 99;… Dix DuD 2006, 330 u. Greve/Schärdel MMR 2008, 644, 647).
Denn dessen Anwendungsbereich ist eröffnet, weil die Verfügungsbeklagte mit der Erhebung und Bekanntgabe der Insolvenzbekanntmachungen keinen eigenen Geschäftszweck verfolgt (vgl. § 28 BDSG), sondern diese Daten geschäftsmäßig im Sinne des § 29 BDSG zur Übermittlung an Dritte sammelt und vorhält (hierzu bspw. nur BGH, Urteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328-345).
Schutzwürdige Interessen des Betroffenen können demzufolge in der Wahrung seines Persönlichkeitsrechtes, aber auch in der Abwehr von wirtschaftlichen Nachteilen liegen, die bei der Veröffentlichung der Daten zu besorgen sind (vgl. BGH, Urteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, a. a. O.).
Dem entspricht auch die Regelung in § 27 Abs. 1 Nr. 1 BDSG, wonach die Vorschriften des Datenschutzes gerade auch für nicht öffentliche Stellen gelten (so BGH, Urteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, a. a. O. unter Hinweis auf BVerfGE 65, 1, 41 ff.; 72, 155, 170; 78, 77, 84; 115, 166, 188 u. BVerfG, NJW 2008, 822, 826).
Die diesbezüglich ergangenen Entscheidungen (vgl. bspw. BGH, Urteil vom 23. September 2014 - VI ZR 358/13, BGHZ 202, 242 f. od. BGH, Urteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, a. a. O.) sind jedoch schon vom Sachverhalt her nicht mit der hiesigen Konstellation vergleichbar, da sie Meinungsäußerungen betrafen, die im Rahmen von Internetforen getätigt wurden.
Die Vorschrift des § 29 Abs. 2 BDSG ist nach Auffassung des erkennenden Gerichtes im dem hier zur Entscheidung stehenden Fall auch nicht etwa einschränkend auszulegen: Zwar hat der Bundesgerichtshof zwischenzeitlich entschieden, dass der bereits am 01. Juni 1991 in das Bundesdatenschutzgesetz eingefügte § 29 vor dem Hintergrund des seit dem 01. März 2007 in den §§ 12 ff. TMG gewährleisteten Rechts der Internetnutzer auf Anonymität verfassungskonform auszulegen sei (vgl. hierzu z. B. das Urteil vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328-345).
bb) Betroffen ist der Schutzbereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts aber unter dem Gesichtspunkt des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung, das über den Schutz der Privatsphäre hinausgeht und sich als Befugnis des Einzelnen darstellt, grundsätzlich selbst darüber zu entscheiden, ob und wann sowie innerhalb welcher Grenzen seine persönlichen Daten in die Öffentlichkeit gebracht werden (…vgl. z.B. Senatsurteile vom 23. September 2014 - VI ZR 358/13, VersR 2014, 1465 Rn. 26, zur Veröffentlichung in BGHZ bestimmt;… vom 29. April 2014 - VI ZR 137/13, VersR 2014, 968 Rn. 6; vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328 Rn. 28; vom 13. November 1990 - VI ZR 104/90, VersR 1991, 433, 434).
Es erschöpft sich nicht in der Funktion des Abwehrrechts des Bürgers gegen den Staat, sondern entfaltet als Grundrecht Drittwirkung und beeinflusst hierdurch auch die Werteordnung des Privatrechts (…vgl. Senatsurteile vom 23. September 2014 - VI ZR 358/13, aaO; vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, aaO).
Dass dieser Umstand der beruflichen Sphäre des Klägers zuzuordnen ist, steht der Annahme eines Eingriffs in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht entgegen (…vgl. Senatsurteile vom 23. September 2014 - VI ZR 358/13, aaO, Rn. 35; vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, aaO Rn. 29;… vgl. ferner Senatsurteil vom 21. November 2006 - VI ZR 259/05, VersR 2007, 511 Rn. 11 f.; noch zweifelnd: Senatsurteil vom 13. November 1990 - VI ZR 104/90, VersR 1991, 433, 434).
Schwerwiegende Auswirkungen auf das Persönlichkeitsrecht des Klägers, wie sie nach der Rechtsprechung des erkennenden Senats (…Senatsurteile vom 20. Dezember 2011 - VI ZR 262/10, ZUM-RD 2012, 253 Rn. 12;… vom 17. November 2009 - VI ZR 226/08, VersR 2010, 220 Rn. 21; vom 23. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328 Rn. 31) erforderlich wären, um an Äußerungen im Rahmen der Sozialsphäre negative Sanktionen knüpfen zu können, drohen nicht.
Es umfasst die aus dem Gedanken der Selbstbestimmung folgende Befugnis des Einzelnen, grundsätzlich selbst darüber zu entscheiden, ob, wann und innerhalb welcher Grenzen persönliche Lebenssachverhalte offenbart werden (vgl. Senatsurteile vom 5. November 2013 - VI ZR 304/12, AfP 2014, 58, zur Veröffentlichung in BGHZ 198, 346 bestimmt; vom 13. Juni 2009 - VI ZR 196/08, BGHZ 181, 328 Rn. 28; vom 23. November 1990 - VI ZR 104/90, AfP 1991, 416, 417; BVerfGE 65, 1, 43).