Source: https://anwesenheitsnotizen.wordpress.com/heft-10-fruehjahr-2019/kristina-werth-jugendberufsagenturen-im-kontext-der-jugendsozialarbeit/
Timestamp: 2019-08-18 09:14:39
Document Index: 346905841

Matched Legal Cases: ['§1', '§ 11', '§ 13', '§ 31', '§ 31', '§2', '§14', '§ 1', '§ 1', '§ 14', '§ 2', '§ 1', '§ 11', '§ 13', '§ 13', '§13', '§ 31', '§31', '§ 8']

Kristina Werth: Jugendberufsagenturen im Kontext der Jugendsozialarbeit. – anwesenheitsnotiz
Kristina Werth: Jugendberufsagenturen im Kontext der Jugendsozialarbeit. Bürokratieabbau auf Kosten benachteiligter Jugendlicher?
Jeder junge Mensch steht vor dem Übergang ins Erwachsenenleben und davor, für sich selbst Sorge und Verantwortung zu tragen. Besonders für benachteiligte Jugendliche, also Jugendliche, die aufgrund unterschiedlicher sozialstruktureller Probleme vielen Herausforderungen einem selbstbestimmten Leben nicht gewachsen sind,[1] gestaltet sich dieser Übergang oftmals als eine scheinbar unüberwindbare Hürde. Viele scheitern bereits daran, sich notwendige Unterstützung von Jugendhilfe und Arbeitsagenturen zu beschaffen, was nicht zuletzt an der Schwierigkeit liegt, erst einmal die richtige Anlaufstelle zu finden. Heutzutage gibt es viele Akteure verschiedener Institutionen, die Angebote der Jugendberufshilfe zur Verfügung stellen. Um diese Anlaufstellen zu reduzieren und den Jugendlichen den Gang dorthin zu erleichtern, sollen bundesweit[2] sogenannte Jugendberufsagenturen (JBA) eingeführt werden, die sich aus der Bundesagentur für Arbeit (BA), Jobcentern und öffentlichen und freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe zusammensetzen.[3] Diese geraten insbesondere von Seiten der Jugendhilfe zunehmend in die Kritik, sozialpädagogisch ausgelegte Unterstützungsmaßnahmen zu vernachlässigen und eine problemorientierte Unterstützung sowie die individuelle Vorbereitung für eine selbstverantwortliche Lebensweise zu beeinträchtigen. Vielmehr, so der Vorwurf, liegt der Fokus der JBA auf dem Arbeitsmarkt und der Optimierung von Verwaltungsstrukturen.[4]
Im Folgenden sollen die Grundsätze der Jugendberufsagenturen den Ansprüchen sozialpädagogischer Jugendförderung gegenübergestellt werden. Auf Grundlage der Ansprüche und Möglichkeiten der verschiedenen Akteure soll beantwortet werden, inwiefern das angestrebte Ziel der JBA – den Zugang zum Arbeitsmarkt für Jugendliche zu koordinieren und sie nachhaltig in die Berufswelt zu integrieren – aus sozialpädagogischer Perspektive erfüllt werden kann.
2. Jugendberufsagenturen im politischen Kontext
Die Idee der Jugendberufsagenturen wurde im Jahr 2010 mit dem Arbeitsbündnis Jugend und Beruf in die Wege geleitet, das von der BA auf Empfehlung des Rechnungshofes initiiert wurde.[5] Seit dem Inkrafttreten des Sozialgesetzbuchs II (SGB II) im Jahr 2005 gibt es für unter 25-Jährige Fördermaßnahmen zur Berufshilfe, die unter die Zuständigkeit von drei unterschiedlichen Institutionen fallen: Agentur für Arbeit, Jobcenter und Kinder- und Jugendhilfe. Aufgabe der JBA soll es sein, die Angebote dieser Institutionen aus den drei Rechtskreisen der Sozialgesetzbücher II (Grundsicherung für Arbeitssuchende, auch bekannt als Hartz IV), III (Arbeitsförderung) und VIII (Kinder- und Jugendhilfe, früher bekannt als Kinder- und Jugendhilfegesetz KJHG) zu verbinden, dadurch Reibungen und fehlende Transparenz zu vermeiden und eine gezielte und schnelle Integration der Jugendlichen in den Arbeitsmarkt zu gewährleisten.[6] Da die BA als Initiator der JBA fungiert und dem SGB II zugrunde liegt, spielt dieses Gesetzbuch auch für die JBA eine übergeordnete Rolle.
Auch die aktuelle Bundesregierung äußert sich in ihrem Koalitionsvertrag vom 14. Dezember 2013 dazu:
Die beste und effizienteste Vorsorge gegen Ausbildungsabbrüche und lange Zeiten von Arbeitslosigkeit im Lebensverlauf sind passgenaue und tragfähige Übergänge von der Schule in Ausbildung und Beruf. […] Flächendeckend einzurichtende Jugendberufsagenturen sollen die Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern II, III und VIII für unter 25-Jährige bündeln.[7]
JBA sollen also als Kooperationsmodell verschiedener Förderinstitutionen für Jugendliche den Übergang von der Schule zum Beruf erleichtern und somit Ausbildungsabbrüche und Langzeitarbeitslosigkeit vermeiden. Der Koalitionsvertrag als solcher ist keine Gesetzesgrundlage, sondern stellt zunächst einen Plan dar, wie der Übergang für junge Menschen in die Berufswelt aus Sicht der Bundesregierung am besten gelingen soll. Über die inhaltliche Ausgestaltung der JBA findet sich im Koalitionsvertrag nicht viel, die Präambel des Koalitionsvertrags lässt jedoch einen hohen Stellenwert der Wirtschaft erahnen.
Um die wichtigsten Punkte des Konzepts noch einmal zusammenzufassen: JBA sollen
1. unterschiedliche Institutionen zur Förderung von Berufsmaßnahmen für junge Menschen sinnvoll miteinander verknüpfen,
2. Jugendarbeitslosigkeit zu reduzieren, mittelfristig die berufliche Integration junger Menschen in Ausbildung oder Arbeit zu fördern und zersplitterte Zuständigkeiten zu vermeiden,
3. die Organisation unter ein Dach gebracht wird und eine gemeinsame Anlaufstelle geschaffen wird.[8]
Da die Zusammenarbeit der Institutionen von den unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen abhängt, werden im folgenden Kapitel die einzelnen Rechtskreise dargestellt.
JBA basieren auf drei verschiedenen Rechtsgrundlagen – dem SGB II, III und VIII. Abschnitt 3.1 liefert einen kurzen Überblick über die Grundsicherung für Arbeitssuchende nach SGB II und die Arbeitsförderung nach SGB III. Abschnitt 3.2 beschäftigt sich hingegen mit den wichtigsten Aspekten aus der Kinder- und Jugendhilfe nach SGB VIII.
3.1 SGB II und III
Das SGB II regelt seit 2005 die Grundsicherung für Arbeitssuchende. Erwerbsfähige Leistungsberechtigte sollen Unterstützung zum Lebensunterhalt erhalten, sofern sie es nicht selbst schaffen, für diesen aufzukommen. Leistungen werden in Form von Beratung, Eingliederung in eine Ausbildung oder Arbeit und finanzieller Sicherung des Lebensunterhalts erbracht.[9] Leistungsberechtigt sind bereits erwerbsfähige, hilfebedürftige Jugendliche ab dem Alter von 15 Jahren und deren Bedarfsgemeinschaft.[10] Wichtig im Kontext dieser Arbeit ist, dass die Leistungserbringung unter den Grundsätzen von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit erfolgt und vorrangig Maßnahmen eingesetzt werden, die die unmittelbare Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ermöglichen.[11] Außerdem muss eine leistungsberechtigte Person aktiv an allen Maßnahmen zu ihrer Integration in Arbeit mitwirken und dazu eine Eingliederungsvereinbarung abschließen.[12]
Die Aufgabe des SGB III besteht darin, Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zumindest die Dauer zu verkürzen, indem offene Stellen schnellstmöglich besetzt werden und die individuelle Beschäftigungsfähigkeit gefördert wird. Die Leistungen der Arbeitsförderung liegen dabei im Ermessen der jeweiligen Behörde, der BA.[13]
Somit bilden das SGB II und III die Grundlage der Arbeit von BA und Jobcenter.
3.2 SGB VIII
Die JBA gründen sich neben dem SGB II und III auch auf das SGB VIII, welches Ansprüche an die JBA in Bezug auf die Jugendhilfe formuliert. Im Folgenden werden zum einen allgemeine Ansprüche an die Jugendhilfe (Abschnitt 3.2.1) und zum anderen Ansprüche hinsichtlich der Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen (Abschnitt 3.2.2) beschrieben.
3.2.1 Was soll Jugendhilfe im Allgemeinen leisten?
Nach §1 Abs. 3 SGB VIII soll Jugendhilfe erstens »junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen« und zweitens »dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen […] zu schaffen«. Weiterhin heißt es in § 11 Abs. 1ff. SGB VIII: Die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit
sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung […] anregen und hinführen.[14]
Auf dieser Grundlage lässt sich ableiten, dass die Jugendhilfe die Aufgabe hat, Klient*innen einzelfallorientiert und im Sinne Bourdieus in ihrem sozialen Raum zu betrachten.[15] Sie hat »den umfassenden Anspruch, junge Menschen als Subjekte, ganzheitlich und nicht konzentriert oder sogar reduziert auf eine besondere Problemlage wahrzunehmen«[16] und somit nah an der Lebenswelt der Jugendlichen zu arbeiten. Junge Menschen selbstwirksam agieren zu lassen und Freiräume zu schaffen spielt in der Jugendhilfe ebenfalls eine zentrale Rolle.[17] Das bedeutet nunmehr für die Akteure der Jugendhilfe, individuell auf die Bedürfnisse ihrer Klient*innen einzugehen, sie in ihren Problemlagen ernst zu nehmen, vertrauensvolle Ansprechpartner*innen zu sein und ihnen die erforderliche Unterstützung zu gewährleisten.
Was soll die Jugendhilfe nun im Hinblick auf berufsbildende Maßnahmen leisten? Welche Aufgaben und Ansprüche hat die Jugendsozialarbeit?
Im SGB VIII sollen auch benachteiligte Jugendliche berücksichtigt werden, die in Abschnitt 3.2.1 genannten Leitaufgaben der Jugendhilfe werden dazu in § 13 Abs. 1 SGB VIII präzisiert:
Jungen Menschen, die zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind, sollen im Rahmen der Jugendhilfe sozialpädagogische Hilfen angeboten werden, die ihre schulische und berufliche Ausbildung, Eingliederung in die Arbeitswelt und ihre soziale Integration fördern.[18]
Die Jugendsozialarbeit soll sich um junge Menschen kümmern, die aufgrund individueller Problemlagen von Hilfeleistungen anderer abhängig sind.
Auch hier wird deutlich, dass die Unterstützungsleistungen an sozialpädagogischen Ansätzen anknüpfen und sich die Arbeit an den Potenzialen, Kompetenzen und Wünschen der Jugendlichen ausrichten soll.
Wie aus Abschnitt 3.2 hervorgeht, leiten sich aus SGB VIII sozialpädagogische Anforderungen an die JBA ab, die sich zuerst mit den jeweiligen Lebenssituationen der Jugendlichen auseinandersetzen und nicht die Vermittlung in Ausbildung und Arbeit (nach SGB II und III) als primäres Ziel haben. Die Verknüpfung von SGB II und III auf der einen mit dem SGB VIII auf der anderen Seite ist angesichts der konträren Interessenlagen oftmals problematisch.
Das folgende Kapitel analysiert, an welchen Stellen sich die unterschiedlichen Handlungsansätze in der Praxis der JBA widersprechen. Vorab werden die Problemlagen von Jugendlichen im Übergang zum Beruf thematisiert, um die Arbeit der JBA dahingehend kritisch zu beleuchten.
Der Weg zum Beruf ist für viele junge Menschen nicht leicht, da es ihnen schwerfällt, sich den gesellschaftlichen und marktwirtschaftlichen Erwartungen anzupassen. Die jugendliche Lebensphase ist für viele eine kritische; Jugendliche werden zu Erwachsenen, Peer-/Partnerbeziehungen entstehen, neue Bildungswege werden eingeschlagen und die Ablösung aus dem Elternhaus gewinnt immer mehr an Bedeutung. Auch der Übergang von der Schule zur Erwerbstätigkeit gehört zu solchen Situationen, in denen Jugendliche auf Hilfeleistungen anderer angewiesen sind, gerade benachteiligte Jugendliche sind von der Situation überfordert.[19]
Benachteiligungen junger Menschen können unterschiedliche Formen annehmen. Sie sind häufig abhängig von Wohnsituation (z.B. Heimunterbringung, Wohnungslosigkeit), familiären Verhältnissen, gesundheitlichen Zuständen psychischer und physischer Art, Alter, Geschlecht, Gewalterfahrungen, Drogenkonsum und sozioökonomischem Status der Eltern. Aufgrund der Umstände sind die Jugendlichen oftmals überfordert und demotiviert, sodass sie es allein nicht schaffen, ihre Situation zu bewältigen. Dass die Probleme vor allem in strukturellen Kontexten entstehen, wird in dem Zusammenhang selten beleuchtet, so schreibt zum Beispiel Uwe Schwarze, dass »[…] private Überschuldung von jungen Erwachsenen […] primär als ein strukturelles kreditmarkt-, arbeitsmarkt- und einkommensbedingtes soziales Problem zu verstehen [ist]«[20]. Daraus entsteht wiederum das Problem, »[…] dass in der Gesellschaft strukturelle Probleme individualisiert und somit zu persönlichem Versagen umgekehrt werden [und] ihre Probleme nicht im Kontext gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen analysiert werden«[21].
So kämpfen Jugendliche zunehmend mit schlechteren Entwicklungs- und Verwirklichungschancen und dem Phänomen der disconnected youth, das bedeutet, dass junge Menschen aufgrund ihrer Lebenslage den Bezug zu institutionellen und sozialen Netzwerken verlieren, sowohl von beruflicher als auch von sozialer Ausgrenzung bedroht sind und keine Möglichkeit haben, vorhandene Fähigkeiten zu entwickeln und zu nutzen.[22]
Junge Menschen unterscheiden sich erheblich in ihren Lebens- und Problemlagen. Daher gilt es für alle Akteure der Jugendberufshilfe, sich individuell mit ihren Klient*innen auseinanderzusetzen, die jeweiligen Lebensumstände zu analysieren und dementsprechende Unterstützungsangebote zu leisten. Da die Grundlagen des SGB VIII dies in erster Linie vorsehen (siehe Kapitel 3), muss es ebenfalls der Anspruch der JBA sein, diese Angebote sicherzustellen. Nach der Darstellung der Anforderungen an die JSA und der Ziele der JBA wird im nächsten Schritt das Verhältnis zwischen den beiden Förderinstanzen behandelt.
JBA müssen sich aus Sicht der JSA vielen Kritikpunkten stellen, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Die Grundidee der Vernetzung der verschiedenen Rechtskreise ist von Seiten vieler Städte und Kommunen zunächst sinnvoll, um unnötige Bürokratie abzubauen und den Jugendlichen eine gemeinschaftliche Hilfeleistung bereitstellen zu können.[23] Die JSA sieht eine Verknüpfung der verschiedenen Institutionen ebenfalls vor, jedoch mit der Voraussetzung sich untereinander abzustimmen.[24]
Dazu ist es relevant, zunächst einen Blick auf die Machtverhältnisse in der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Zuständigkeitsbereiche zu werfen.[25] Dem Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit zufolge ist es für die Jugendberufshilfe unabdingbar, ein kohärentes Fördersystem zu schaffen, was dann vorliegt, »[…] wenn einander ergänzende, zusammenhängende Teilsysteme, die einem gemeinsamen Ziel verpflichtet sind, als Ganzes zusammenarbeiten.«[26] Mit der BA als Initiator der JBA ist aber fraglich, ob sich die Unausgewogenheit in der Handlungsautonomie ausgleicht und sich die Institutionen auf Augenhöhe begegnen können.[27] Ein wichtiger Unterschied zwischen den Institutionen liegt bereits darin, dass sich die Jugendhilfe an der Frage »Was brauchen Jugendliche?« orientiert,[28] entgegen der Frage: »Was braucht der Staat/die Marktwirtschaft?«
An dieser Stelle tritt ein erstes, für die Zusammenarbeit grundlegendes Problem auf: Alle drei Institutionen – BA, Jobcenter, Kinder- und Jugendhilfe – weisen große Unterschiede in ihrer Zielsetzung und Herangehensweise auf. So ist es für BA und Jobcenter von Vorrang, die Jugendlichen schnellstmöglich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Mit dem SGB II als Grundlage sind Jugendliche unter 25 Jahren außerdem dem Sanktionsrecht nach § 31 Abs. 5 SGB II ausgesetzt, das »[…] sogar eine schnellere und härtere Bestrafung [vorsieht] als für ältere Leistungsbezieher_innen […]«.[29] Nimmt man das Jugendstrafrecht als Orientierung, sollten Sanktionen bei Jugendlichen jedoch deutlich niedriger ausfallen als bei [30] Sanktionen, wie sie das SGB II vorsieht, bestrafen normwidriges Verhalten derart, dass Hilfebedürftigen die Regelleistungen teilweise ganz gestrichen werden können, wenn auch nur für maximal drei Monate. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die Forschungseinrichtung der BA, liefert eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Sanktionen[31]:
Sanktionen fallen für Hilfebedürftige unter 25 Jahren prinzipiell härter aus als für ältere
Meldeversäumnisse werden mit Kürzung der Regelleistung um zehn Prozent sanktioniert
größere Pflichtverletzungen (bspw. Abbruch einer Maßnahme) bedeuten Totalsanktion[32]
Wiederholungsfälle haben Kürzungen im Krankenversicherungsschutz und bei der Übernahme von Miet- und Heizkosten zur Folge
Im Übrigen ist für den Erhalt der Leistungen nach SGB II vorausgesetzt, dass eine Eingliederungsvereinbarung abgeschlossen wird, die vorsieht, auch ungünstige Arbeitsbedingungen in Kauf zu nehmen. Wird der Abschluss zu einem solchen Vertrag verweigert, bedeutet das eine größere Pflichtverletzung und somit eine Totalsanktion.[33] Ein Beispiel:
Eine Jugendliche im Alter von 23 Jahren erhält den Höchstsatz von 327€ im Monat.[34] Bricht sie ein Bewerbungstraining ohne wichtigen Grund ab, wird die Leistung für drei Monate komplett gestrichen (Heizung und Unterkunft werden bis zur nächsten Pflichtverletzung übernommen, danach nicht mehr). Einer Jugendlichen im Alter von 25 Jahren wird bei der ersten Pflichtverletzung der Höchstsatz von 409€ um 30 Prozent gekürzt, bei der zweiten um 60 Prozent, dann erst wird ihre Leistung komplett gestrichen.[35]
Zwar steht in § 31 Abs. 1 SGB II geschrieben, dass die Sanktionen nicht gelten, »wenn Leistungsberechtigte einen wichtigen Grund für ihr Verhalten darlegen und nachweisen«. Diese Regelung hat jedoch nur dann einen Nutzen für die Betroffenen, wenn gleichzeitig eine Definition für wichtigen Grund gegeben ist. Andernfalls liegt diese im (willkürlichen) Ermessen der jeweiligen Förderinstanzen, welches sich bei der BA und Jobcentern wiederum am Arbeitsmarkt und nicht an den individuellen Bedürfnissen der Klient*innen ausrichtet. Begründet werden die Sanktionen nach SGB II mit der pädagogischen Notwendigkeit, Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zu fördern.[36]
Aus sozialpädagogischer Perspektive entsprechen Sanktionen kaum einer angemessenen Umgangsweise bzw. Maßnahme zum sozialen Ausgleich. Gerade Jugendliche mit besonderem Förderbedarf sind von solchen Förderlücken betroffen.
Passend formulieren Götz et al.: »Sanktionen bilden ein arbeitsmarktpolitisches Instrument, durch das Hilfebedürftige zeitlich begrenzt unter dem soziokulturellen Existenzminimum leben müssen«.[37] Das Streben nach Selbstverwirklichung der Jugendlichen, wie es in der Jugendhilfe und JSA vorgesehen ist, wird damit nicht ansatzweise gestärkt, im Gegenteil. Jugendliche erhalten Leistungen nur dann, wenn sie bestimmte Leistungen erbringen; Erziehung nach dem Motto »Fördern und Fordern« (Kap. 1 SGB II), wobei hier das Fordern in §2 tatsächlich über dem Fördern in §14 steht. »Widerstände, andere Vorstellungen der beruflichen Perspektive oder auch die Unfähigkeit, sich in Abläufe zu integrieren, gelten als (sozial-)pädagogische Handlungsaufforderungen«[38] und sollten nicht mit Sanktionen geahndet werden. Auch Lutz Finkeldey äußert sich dazu aus Sicht der JSA:
Im Gegensatz zu den im SGB II formulierten restriktiven Standards sind im Rahmen der Sozialen Arbeit die Kriterien des SGB IIX (KJHG) mit ihren pädagogischen Gehalten zu bevorzugen: Freiwilligkeit, Niedrigschwelligkeit und Beziehungsaufbau. Mit diesem Vorgehen lassen sich […] langfristig mehr Erfolge erzielen.[39]
Auch Götz et al. machen deutlich, dass Sanktionen nicht nur materielle Folgen haben, sondern auch eine psychische Belastung darstellen und somit langfristig mehr Schaden verursachen können. Problematisiert wird zum Beispiel die Abwesenheit von Hilfebedürftigen, die sich nach Kürzungen oder gar Streichungen ihrer Leistungen überfordert fühlen und den Willen, sich beruflich integrieren zu lassen, ganz verlieren. So läuft die Arbeit nach dem Sanktionsprinzip Gefahr, Kleinkriminalität, Schwarzarbeit oder Verschuldung voranzutreiben, was nicht nur beträchtliche Auswirkungen für die Jugendlichen selbst hat, sondern auch für den Staat einen großen Schaden bedeutet. Nicht zu vergessen sind die Konsequenzen für diejenigen, die in enger Beziehung zu ihnen stehen. Das können Eltern sein, aber auch die eigenen Kinder.[40]
Demnach sind Sanktionen für die Entwicklung der Jugendlichen weder aus sozialpädagogischer Sicht noch aus wirtschaftlicher Perspektive eine geeignete Maßnahme, um jungen Menschen bzw. Menschen im Allgemeinen eine nachhaltige berufliche Integration zu gewährleisten. Die Wirtschaft braucht einen funktionierenden Arbeitsmarkt, das bedeutet produktive Arbeitnehmer und langfristige Beschäftigungen, das wiederum bedeutet Zufriedenheit im Beruf. Das SGB II ist mit der Sanktionierungsmethode alles andere als förderlich für die Produktivität und Gesundheit der Menschen und nicht mehr als ein kurzfristig ausgelegter Absicherungsversuch für den Arbeitsmarkt. Im Fokus der JBA sollte also weniger die Arbeitslosenstatistik stehen und die Jugendlichen an zweiter Stelle, sondern vielmehr junge Menschen, die auf der pädagogischen Basis der Selbstverwirklichung gefördert werden. Auch ein langfristig funktionierender Arbeitsmarkt würde hierdurch gewährleistet werden, wie es der Motivation des SGB II und III entspricht.
In dieser Arbeit ging es darum, die Rolle der Jugendberufsagenturen im Hinblick auf ihre Fähigkeiten der Jugendsozialarbeit zu bestimmen. Nach einem Überblick über die Entstehung der JBA im politischen Kontext und die rechtlichen Grundlagen der beteiligten Akteure wurden die Widersprüche in den Handlungsansätzen der verschiedenen Institutionen thematisiert.
Daraus geht hervor, dass die Absichten der JBA nicht denen einer sozialpädagogisch ausgelegten Arbeitsweise entsprechen. Die JBA sollen vor allem benachteiligten Jugendlichen einen angemessenen Einstieg in die Berufswelt ermöglichen, der arbeitsmarktpolitische Hintergrund besitzt aber durch die Dominanz der BA und Jobcenter in der Leitung des Programms einen zu hohen Stellenwert, wodurch der sozialpädagogische Ansatz größtenteils verloren geht. Deutlich wird das etwa an der Sanktionsgewalt des SGB II, welches den Jugendlichen schadet und den Prinzipien der JSA zuwiderläuft. Selbst aus einer rein marktwirtschaftlichen Sicht sollte der pädagogische Anspruch ein höherer sein, da nur so ein im Sinne der Politik funktionierender Arbeitsmarkt gewährleistet werden kann.
Hinsichtlich der JBA stehen weitere wichtige Aspekte zur Diskussion, die aber in dieser Arbeit nicht behandelt werden konnten. So ist es etwa juristisch fraglich, ob die Sanktionspraxis der JBA durch das SGB II mit der Gefährdung der Existenzsicherung nicht auch in die Richtung der Kindeswohlgefährdung interpretiert werden kann.[41] Ein anderer Punkt wäre die Stadt-Land-Problematik: Da durch den Mangel an Jugendhilfeangeboten in ländlichen Regionen dem BA und Jobcentern mehr Handlungsmacht zugestanden wird, ist die Rolle der JSA hier noch stärker zurückgedrängt als in städtischen Gebieten. Spannend wäre an dieser Stelle, diese und andere Kritikpunkte an JBA aufzunehmen, um umfassender beantworten zu können, inwiefern die Ziele der JBA umgesetzt werden können.[42]
Festzuhalten ist, dass sich die Zusammenarbeit der verschiedenen Rechtskreise aufgrund der unterschiedlichen Zielsetzung und Handlungsansätze schwierig gestalten lässt. Die Integration der Jugendlichen in die Arbeit steht der individuellen Förderung der Jugendlichen nach ihren jeweiligen Problemlagen gegenüber. Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren, inwiefern JBA ihr Ziel erfüllen können: JBA sind durch die Zusammenführung zu einer Anlaufstelle für die Jugendberufshilfe zwar praktisch für die Verwaltung, indem sie den bürokratischen Aufwand verkürzen, allerdings kommt dadurch der sozialpädagogische Aspekt der Jugendsozialarbeit zu kurz. Um eine nachhaltige Förderung benachteiligter junger Menschen zu garantieren, ist es notwendig, das Konzept anhand der Diskussion bereits genannter Aspekte umzugestalten.
Sowohl aus sozialpädagogischer als auch arbeitsmarktpolitischer Sicht sind JBA für eine Förderung, die langfristige und anhaltende Erfolge erzielen soll und eine Integration in den Beruf in ihrer aktuellen Ausgestaltung weniger geeignet.
JBA – Jugendberufsagentur, -en
JSA – Jugendsozialarbeit
[1] Die Gründe für diese Überforderung sind vielfältig und können mit der Wohnsituation (z.B. Heimunterbringung, Wohnungslosigkeit), familiären Verhältnissen, gesundheitlichen Zuständen psychischer und physischer Art, Alter, Geschlecht, Gewalterfahrungen, Drogenkonsum und sozioökonomischem Status der Eltern zusammenhängen.
[2] In einigen Städten gibt es bereits Jugendberufsagenturen. Die vorliegende Arbeit behandelt die Tatsache, dass das Programm laut Agentur für Arbeit bundesweit eingeführt werden sollte.
[3] Vgl. Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Chancen ergreifen im Arbeitsbündnis Jugend und Beruf. Sozialleistungsträger kooperieren – junge Menschen profitieren. Ostbevern: Selbstverlag 2014. S. 8.
[4] Vgl. Karin Böllert: »Jugendberufsagenturen aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe.« In: Jugenberufsagenturen. Wer, wie, was? Themenheft der Landesarbeitsgemeinschaft der Jugendsozialarbeit in Niedersachsen (2015) H. 2. S. 28-34.
[5] Vgl. Dana Manthey: »Diskussionsstand Jugendberufsagenturen. Arbeitsbündnis Jugend und Beruf.« In: Jugenberufsagenturen: Wer, wie, was? Themenheft (2015) H. 2. S. 3-21. Abgerufen am 29.04.2019 unter http://nord.jugendsozialarbeit.de/fileadmin/Bilder/2015_Themenhefte/Themenheft_2_2015_Jugendberufsagentur.pdf.
[6] Vgl. Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Chancen ergreifen. S. 8ff.
[7] Die Bundesregierung: Deutschlands Zukunft gestalten. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 18. Legislaturperiode. Berlin: Union Betriebs-GmbH 2013. S. 65f.
[8] Vgl. Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Chancen ergreifen. S. 8.
[9] Vgl. § 1 Abs. 1ff. SGB II. Vgl. das Abkürzungsverzeichnis am Ende dieses Beitrags.
[10] Vgl. § 1 Abs. 1ff. SGB II.
[11] Vgl. §§ 14 Abs. 4, 3 Abs. 1 SGB II.
[12] Vgl. § 2 Abs. 1 SGB II.
[13] Vgl. § 1 Abs. 1ff. SGB III.
[14] § 11 Abs. 1ff. SGB VIII.
[15] Der soziale Raum im Sinne Bourdieus soll Positionen der Mitglieder einer Gesellschaft beschreiben, die durch verschiedene Faktoren (z.B. ökonomisches oder kulturelles Kapital) bestimmt werden. Vgl. dazu Pierre Bourdieu: »Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital.« In: Soziale Ungleichheiten. Hrsg. von Reinhard Kreckel [= Soziale Welt, Sonderband 2]. Göttingen: Schwartz 1990. S. 183-198.
[16] Karin Böllert: »Jugendberufsagenturen aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe.« S. 29.
[18] § 13 Abs. 1 SGB VIII.
[19] Vgl. Birgit Beierling: »Jugendberufsagenturen. Allheilmittel im Übergang zum Berufsleben?« In: Wie gelingt der Übergang Schule – Beruf? Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit (2015) H. 3. S. 82-85.
[20] Uwe Schwarze: »Arbeitsmarktpolitische Perspektive.« In: Auf dem Weg zum Jugendintegrationskonzept. Grundlagen und Herausforderungen angesichts veränderter Lebenslagen junger Menschen. Hrsg. von Christine Müller, Franziska Schulz und Ulrich Thien. Köln: LIT 2010. S. 213-216. Hier S. 213.
[21] Sally Peters: »Erwerbslos, überschuldet, wohnungslos… Junge Erwachsene im Dickicht der Problemlagen.« In: Soziale Bildungsarbeit – Europäische Debatten und Projekte. Hrsg. von Joachim Schroeder, Louis Henri Seukwa und Ulrike Voigtsberger. Heidelberg: Springer 2017. S. 51-68. Hier S. 64f.
[22] Tatjana Mögling, Frank Tillmann und Birgit Reißig: Entkoppelt vom System. Jugendliche am Übergang ins junge Erwachsenenalter und Herausforderungen für Jugendhilfestrukturen. Hrsg. von der Deutschen Jugendhilfeinstituts und der Vodafone Stiftung Deutschland. Düsseldorf: Vodafone Stiftung 2015. Hier S. 27.
[23] Vgl. Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit (Hrsg.): Gestaltung von »Jugendberufsagenturen«. Impulse und Hinweise aus der Jugendsozialarbeit. Eckpunktepapier. 2014. Hier S. 1. Abgerufen am 29.04.2019 unter http://www.jugendsozialarbeit.de/media/raw/KV__Eckpunktepapier_Jugendberufsagenturen_Juni_2014.docx.pdf
[24] Vgl. § 13 Abs. 4 SGB VIII.
[25] Vgl. Nicole Rosenbauer und Ulli Schiller: »Die Koordinierung rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit. Chance oder Niedergang des §13 SGB VIII?« In: dreizehn. Zeitschrift für Jugendsozialarbeit (2016) H. 16. S. 29-31. Hier S. 30.
[26] Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit (Hrsg.): Kriterien und Empfehlungen zur Entwicklung eines kohärenten Fördersystems. Für junge Menschen am Übergang in den Beruf. Beiträge zur Jugendsozialarbeit (2011) H. 1. S. 12.
[27] Vgl. Nicole Rosenbauer und Ulli Schiller: »Die Koordinierung rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit.« S. 30.
[28] Vgl. Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit (Hrsg.): Kritierien und Empfehlungen. S. 14.
[29] Nicole Rosenbauer und Ulli Schiller: »Die Koordinierung rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit.« S. 29.
[30] Der Aspekt der Sanktionen ist als einer von vielen Aspekten, der bezüglich der JBA diskussionswürdig ist, zu verstehen und soll dementsprechend in der vorliegenden Arbeit exemplarisch behandelt werden.
[31] Vgl. Susanne Götz, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer und Franziska Schreyer: »Sanktionen im SGB II. Unter dem Existenzminimum.« In: IAB-Kurzbericht (2010) H. 10. S.1ff.
[32] Totalsanktion bedeutet hier eine komplette Streichung bzw. Einstellung der Leistungen.
[33] Vgl. § 31 Abs. 1 SGB II.
[34] Stand dieser Zahlen: 30.04.2019.
[35] Vgl. §31a Abs. 1 SGB II.
[36] Vgl. Susanne Götz, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer und Franziska Schreyer: »Sanktionen im SGB II.« S. 7.
[38] Nicole Rosenbauer und Ulli Schiller: »Die Koordinierung rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit.« S. 29.
[39] Lutz Finkeldey: Verstehen. Soziologische Grundlagen zur Jugendberufshilfe. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007. S. 121.
[40] Vgl. Susanne Götz, Wolfgang Ludwig-Mayerhofer und Franziska Schreyer: »Sanktionen im SGB II.« S. 4.
[41] Vgl. § 8a SGB VIII.
[42] Vgl. Karin Böllert: »Jugendberufsagenturen aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe.«