Source: https://www.hensche.de/Kopftuchverbot_und_Diskriminierung_Schlussantraege_Generalanwaeltin_EuGH_Juliane_Kokott_C-157-15_31.05.2016_Achbita.html
Timestamp: 2019-10-17 02:45:23
Document Index: 7438661

Matched Legal Cases: ['Art.4', '§ 57', 'EuG', 'Art.4', 'Art.4', 'EuG', 'EuG']

Kopftuchverbot und Diskriminierung - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/183
Kopf­tuch am Ar­beits­platz oder Pflicht zur re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Neu­tra­lität?
Der bel­gi­sche Streit­fall: Mus­li­mi­sche An­ge­stell­te ei­nes Si­cher­heits- und Re­zep­ti­ons­dienst­leis­ters möch­te nur noch mit Kopf­tuch ar­bei­ten und wird dar­auf­hin gekündigt
Ge­ne­ral­anwältin Ko­kott: Ein Kopf­tuch­ver­bot kann in Pri­vat­un­ter­neh­men un­ter be­stimm­ten Umständen eu­ro­pa­recht­lich zulässig sein, wenn im Be­trieb ein all­ge­mei­nes Ver­bot re­li­giöser und po­li­ti­scher Be­kun­dun­gen gilt
Nach deut­schem Recht dürfen Mus­li­min­nen im All­ge­mei­nen un­ter Be­ru­fung auf ih­re Re­li­gi­ons­frei­heit bzw. auf Art.4 Abs.1 Grund­ge­setz (GG) bei der Ar­beit ein Kopf­tuch tra­gen.
Ei­ne Aus­nah­me gilt un­ter an­de­rem dann, wenn der Ar­beit­ge­ber an­der­wei­tig re­li­giös ge­bun­den ist, z.B. als christ­li­ches Kran­ken­haus. Dann kann Mus­li­min­nen ein Kopf­tuch bei der Ar­beit un­ter­sagt wer­den, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Ur­teil vom 24.09.2014, 5 AZR 611/12 (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/326 Kopf­tuch am Ar­beits­platz).
Ein Kopf­tuch­ver­bot kann auch im Staats­dienst rech­tens sein, wenn ein Ge­setz al­len Ar­beit­neh­mern während des Diens­tes re­li­giöse Neu­tra­lität ab­ver­langt, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) mit Ur­teil vom 24.09.2003, 2 BvR 1436/02. Macht ein sol­ches Ge­setz al­ler­dings ei­ne Aus­nah­me zu­guns­ten "christ­li­cher und abendländi­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te oder Tra­di­tio­nen" wie § 57 Abs.4 Satz 3 Schul­ge­setz Nord­rhein-West­fa­len a.F., ist auf ei­ner sol­chen ge­setz­li­chen Grund­la­ge ein Kopf­tuch­ver­bot nicht zulässig (BVerfG, Be­schluss vom 27.01.2015, 1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/068 Karls­ru­he kippt Kopf­tuch­ver­bot an Schu­len).
Frag­lich ist, ob auch pri­va­te Un­ter­neh­men ih­re Ar­beit­neh­mer auf re­li­giöse und po­li­ti­sche Neu­tra­lität ver­pflich­ten können und da­her Mus­li­min­nen das Tra­gen ei­nes Kopf­tuchs un­ter­sa­gen können oder ob hier die Re­li­gi­ons­frei­heit und der Schutz vor re­li­gi­ons­be­ding­ter Dis­kri­mi­nie­rung Vor­rang hat.
Die­se Fra­ge ist von deut­schen Ge­rich­ten bis­lang noch nicht ein­deu­tig geklärt wor­den, liegt aber der­zeit dem EuGH vor. Ent­schei­dungs­grund­la­ge ist hier die Richt­li­nie 2000/78/EG, die die EU-Mit­glieds­staa­ten da­zu ver­pflich­tet, Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen der Re­li­gi­on im Ar­beits­le­ben zu un­ter­bin­den.
Kon­kret können die Mit­glied­staa­ten gemäß Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG vor­se­hen, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen ei­nes Merk­mals, das im Zu­sam­men­hang mit der Re­li­gi­on steht, zulässig ist bzw. kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn das Merk­mal (al­so z.B. ei­ne re­li­giös neu­tra­le Klei­der­ord­nung)
"auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt“.
Darüber hin­aus war das um­strit­te­ne Kopf­tuch­ver­bot der Fir­ma G4S nach An­sicht Frau Ko­kotts durch Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt, wo­bei es kei­ne Rol­le spiel­te, ob die­se Be­schränkung nun als mit­tel­ba­re oder als un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung an­zu­se­hen ist.
Denn das ge­ne­rel­le be­trieb­li­che Ver­bot der welt­an­schau­li­chen, po­li­ti­schen oder re­li­giösen Be­kun­dun­gen am Ar­beits­platz war hier ei­ne "we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung" für die Ar­beit als Re­zep­tio­nis­tin ei­nes Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­mens mit dem Leis­tungs­an­ge­bot der Fir­ma G4S (Be­wa­chung, Si­cher­heit, Re­zep­ti­on), so Frau Ko­kott. Für sol­che Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men liegt ei­ne "Neu­tra­litäts­po­li­tik" na­he und be­wegt sich da­her in den "Gren­zen des un­ter­neh­me­ri­schen Be­ur­tei­lungs­spiel­raums" (Schluss­anträge, Rn.93).
Sch­ließlich deu­tet die Ge­ne­ral­anwältin an, dass sie das hier um­strit­te­ne Kopf­tuch­ver­bot auch als verhält­nismäßig an­sieht. Denn:
Al­ler­dings ist der hier vom EuGH zu be­ur­tei­len­de Streit­fall ziem­lich spe­zi­ell, so dass die Ar­gu­men­ta­ti­on der Ge­ne­ral­anwältin "pro Kopf­tuch­ver­bot" kei­nes­wegs auf al­le Un­ter­neh­men oder gar auf al­le (mus­li­mi­schen) Ar­beit­neh­me­rin­nen über­trag­bar ist. Hier ging es nämlich um ei­ne Se­cu­ri­ty-Fir­ma und um ei­ne Mit­ar­bei­te­rin im "Außen­dienst", die ih­ren Ar­beit­ge­ber ge­genüber Kun­den re­präsen­tie­ren muss­te. Außer­dem war das strei­ti­ge Kopf­tuch­ver­bot Teil ei­ner ge­ne­rel­len Neu­tra­litäts-Vor­ga­be, die an­schei­nend nicht nur vor­ge­scho­ben bzw. in Wahr­heit ge­gen Mus­li­min­nen ge­rich­tet war, und oben­drein hat­te der Be­triebs­rat die­se Re­ge­lung ab­ge­seg­net. Nur wenn die­se Fak­to­ren zu­sam­men­kom­men, kann ein Kopf­tuch­ver­bot in Pri­vat­un­ter­neh­men eu­ro­pa­recht­lich ge­recht­fer­tigt sein.
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 19/031 Kopf­tuch­ver­bot 2019 er­neut vor dem EuGH
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/162 Klei­der­ord­nung und Out­fit-Vor­ga­ben per Be­triebs­ver­ein­ba­rung
Letzte Überarbeitung: 7. Februar 2019
11/055 Ab­mah­nung: Die Aus­übung ih­rer Re­li­gi­on am Ar­beits­platz ist Er­zie­hern u...
18.03.2011. Ar­beit­ge­ber dür­fen ih­ren Ar­beit­neh­mern nur aus­nahms­wei­se re­li­giö­se Be­kun­dun­gen wäh­rend der Ar­beits­zeit ver­bie­ten, da die­se grund­recht­lich ge­schützt sind. Ei­ne die­ser Aus­nah­men greift ...
09/151 Ab­mah­nung we­gen is­la­mi­scher Bas­ken­müt­ze in der Schu­le rech­tens
24.08.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat ent­schie­den, dass das Tra­gen ei­ner Bas­ken­müt­ze, die Haa­re, Haar­an­satz und Oh­ren ei­ner Frau voll­stän­dig be­deckt und nach La­ge des Fal­les ein aus ...