Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/betreuerverguetung-fuer-einen-diplomjuristen-aus-potsdam-eiche-361335
Timestamp: 2020-08-04 00:01:18
Document Index: 165312315

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 1901', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Betreuervergütung für einen Diplomjuristen aus Potsdam-Eiche | Rechtslupe
Betreu­er­ver­gü­tung für einen Diplom­ju­ris­ten aus Pots­dam-Eiche
Nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 VBVG erhält der Betreu­er einen auf 44 € erhöh­ten Stun­den­satz, wenn er über beson­de­re, für die Betreu­ung nutz­ba­re Kennt­nis­se ver­fügt, die er durch eine abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung an einer Hoch­schu­le oder durch eine ver­gleich­ba­re abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung erwor­ben hat. Mit der Fra­ge, wann eine Aus­bil­dung des Betreu­ers mit einer Hoch­schul­aus­bil­dung gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 VBVG ver­gleich­bar ist, hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen.
Anlass hier­für bot der Fall eines Betreu­ers, der zu DDR-Zei­ten an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam-Eiche einen Abschluss als Diplom­ju­rist erwor­ben hat­te. Im Juni 1991 schloss er das 1.200 Aus­bil­dungs­stun­den umfas­sen­de post­gra­dua­le Stu-dium "Unternehmensführung/​Management" an der Hoch­schu­le für Öko­no­mie in Ber­lin erfolg­reich ab. Vor­aus­set­zung für die Auf­nah­me die­ses post­gra­dua­len Stu­di­ums war ein abge­schlos­se­nes Hoch­schul­stu­di­um. Das Amts­ge­richt Aue [1] – und ihm fol­gend in der Beschwer­de­instanz das Land­ge­richt Chem­nitz [2] – hat die Betreu­er­ver­gü­tung nur unter Zugrun­de­le­gung eines Stun­den­sat­zes von 27 € fest­ge­setzt, da das von dem Betreu­er absol­vier­te Stu­di­um an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam-Eiche nach dem Eini­gungs­ver­trag nicht der Ers­ten Juris­ti­schen Staats­prü­fung gleich­ge­stellt sei und nicht zur Auf­nah­me eines gesetz­lich gere­gel­ten juris­ti­schen Beru­fes berech­tig­te. Auf­grund der feh­len­den staat­li­chen Aner­ken­nung der absol­vier­ten Hoch­schul­aus­bil­dung sei eine Erhö­hung des Stun­den­sat­zes gemäß § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 VBVG nicht statt­haft. Auch das Umschu­lungs­stu­di­um an der Hoch­schu­le für Öko­no­mie sei mit 1.200 Aus­bil­dungs­stun­den bereits hin­sicht­lich des zeit­li­chen Umfangs einer Hoch­schul­aus­bil­dung nicht ver­gleich­bar. Der Bun­des­ge­richts­hof hob die­se Ent­schei­dung auf:
Das Land­ge­richt hat bei sei­ner Annah­me, der von dem Betreu­er erwor­be­ne Abschluss an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam-Eiche sei einem Hoch­schul­ab­schluss nicht ver­gleich­bar, die maß­ge­ben­den Tat­sa­chen nicht voll­stän­dig und feh­ler­frei fest­ge­stellt und gewür­digt.
Beson­de­re für die Betreu­ung nutz­ba­re Kennt­nis­se sind über das jeder­mann zu Gebo­te ste­hen­de Wis­sen hin­aus­ge­hen­de Kennt­nis­se, die den Betreu­er in die Lage ver­set­zen, sei­ne Auf­ga­ben zum Wohl des Betreu­ten bes­ser und effek­ti­ver zu erfül­len [3].
Sol­che Kennt­nis­se sind im Hin­blick dar­auf, dass es sich bei der Betreu­ung um eine recht­li­che Betreu­ung han­delt (§ 1901 Abs. 1 BGB), regel­mä­ßig Rechts­kennt­nis­se [4].
Einer Hoch­schul­aus­bil­dung ver­gleich­bar ist eine Aus­bil­dung, wenn sie staat­lich regle­men­tiert oder zumin­dest staat­lich aner­kannt ist, einen for­ma­len Abschluss auf­weist und der durch sie ver­mit­tel­te Wis­sen­stand nach Art und Umfang dem eines Hoch­schul­stu­di­ums ent­spricht. Als Kri­te­ri­en kön­nen ins­be­son­de­re der mit der Aus­bil­dung ver­bun­de­ne Zeit­auf­wand, der Umfang und Inhalt des Lehr­stof­fes und die Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den [5]. Für die Annah­me der Ver­gleich­bar­keit einer Aus­bil­dung mit einer Hoch­schul- oder Fach­schul­aus­bil­dung kann auch spre­chen, wenn die durch die Abschluss­prü­fung erwor­be­ne Qua­li­fi­ka­ti­on Zugang zu beruf­li­chen Tätig­kei­ten ermög­licht, deren Aus­übung übli­cher­wei­se Hoch­schul­ab­sol­ven­ten vor­be­hal­ten ist. Bei der Prü­fung der Ver­gleich­bar­keit hat der Tatrich­ter stren­ge Maß­stä­be anzu­le­gen [6].
Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben wird die Annah­me des Land­ge­richts Chem­nitz, der von dem Betreu­er erwor­be­ne Abschluss an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam-Eiche sei einem Hoch­schul­ab­schluss nicht ver­gleich­bar, von sei­nen Fest­stel­lun­gen nicht getra­gen.
Die Rege­lung in Anla­ge I Kap. III A Abschn. III Nr. 8 y), jj) des Eini­gungs­ver­tra­ges (EV), wonach der Abschluss eines Stu­di­ums an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam-Eiche nicht zur Auf­nah­me eines gesetz­lich gere­gel­ten juris­ti­schen Berufs berech­tigt, schließt ledig­lich die Auf­nah­me eines gesetz­lich gere­gel­ten juris­ti­schen Berufs aus. Dazu, ob die­se staat­lich regle­men­tier­te Aus­bil­dung und der durch sie ver­mit­tel­te Wis­sens­stand nach Art und Umfang dem eines Hoch­schul­stu­di­ums ent­spricht, ent­hält der Eini­gungs­ver­trag kei­ne Aus­sa­ge.
Um dies beur­tei­len zu kön­nen, bedarf es der Fest­stel­lun­gen zu Art und Umfang der Aus­bil­dung an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam-Eiche. Dar­über hin­aus ist zu klä­ren, ob durch die­se Aus­bil­dung für die Betreu­ung nutz­ba­re Fach­kennt­nis­se ver­mit­telt wor­den sind.
Zu Recht ist das Land­ge­richt Chem­nitz dem­ge­gen­über davon aus­ge­gan­gen, dass weder das Umschu­lungs­stu­di­um noch die Fort­bil­dungs­maß­nah­men nach Art und Umfang einem Hoch­schul­stu­di­um ver­gleich­bar sind und dass auch eine Gesamt­be­trach­tung der ver­schie­de­nen Aus­bil­dun­gen aus­schei­det [7].
Die Sache ist danach zur Nach­ho­lung der Fest­stel­lun­gen zu Art und Umfang der Aus­bil­dung an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam-Eiche und der Nutz­bar­keit der ver­mit­tel­ten Kennt­nis­se an das Land­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. April 2013 – XII ZB 349/​12
AG Aue, Beschluss vom 19.01.2012 – 2 XVII 43/​11[↩]
LG Chem­nitz, Beschluss vom 01.06.2012 – 3 T 106/​12 und 3 T 126/​12[↩]
BGH, Beschluss vom 18.01.2012 – XII ZB 409/​10 FamRZ 2012, 629 Rn. 10; vgl. BT-Drucks. 13/​7158 S. 14 f.[↩]
BGH, Beschluss vom 22.08.2012 – XII ZB 319/​11 NJW-RR 2012, 1475 Rn. 17[↩]
BGH, Beschluss vom 18.01.2012 – XII ZB 409/​10, FamRZ 2012, 629 Rn. 11[↩]
BGH, Beschluss vom 04.04.2012 – XII ZB 447/​11, NJW-RR 2012, 774 Rn. 16[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 18.01.2012 – XII ZB 409/​10, FamRZ 2012, 629 Rn. 11, 18[↩]
Betreu­er­ver­gü­tung für einen DDR-Diplom­­ju­­ris­­ten Ein vom Betreu­er im Jahr 1989 an der Juris­ti­schen Hoch­schu­le Pots­dam erwor­be­ner Stu­di­en­ab­schluss als Diplom­ju­rist der DDR sowie ein 1991 erfolg­reich abge­schlos­se­nes Umschu­lungs­stu­di­um mit dem…