Source: https://www.hensche.de/Die_zehn_wichtigsten_Entscheidungen_zum_Arbeitsrecht_2011.html
Timestamp: 2019-08-18 19:15:02
Document Index: 129714488

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 14', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 307', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.7', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Die Top Ten der Entscheidungen zum Arbeitsrecht 2011 - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 12/012
Wo wur­den die Wei­chen ge­stellt im Jah­re 2011?
Ent­schei­dend für die Auf­nah­me ei­ner Ent­schei­dung in die fol­gen­de Lis­te ist die die Fra­ge, ob ein Ur­teil auch in Zu­kunft ein Ori­en­tie­rungs­punkt für die Recht­spre­chung und/oder die Ge­setz­ge­bung sein wird.
Der ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te Wech­sel vom öffent­li­chen Dienst zu ei­nem pri­va­ten Ar­beit­ge­ber ist oh­ne Wi­der­spruchs­recht der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer ver­fas­sungs­wid­rig: BVerfG, Be­schluss vom 25.01.2011, 1 BvR 1741/09
BAG er­leich­tert die sach­grund­lo­se Be­fris­tung von Ar­beits­verträgen durch zeit­li­che Be­gren­zung des An­schluss­ver­bots auf drei Jah­re: BAG, Ur­teil vom 06.04.2011, 7 AZR 716/09
Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung nach lan­ger Krank­heit verfällt in­fol­ge von Aus­schluss­fris­ten: BAG, Ur­teil vom 09.08.2011, 9 AZR 352/10
Über­stun­den müssen bei Diens­ten höhe­rer Art nicht im­mer be­zahlt wer­den: BAG, Ur­teil vom 17.08.2011, 5 AZR 406/10
Die un­ter­schied­lich ho­he Be­zah­lung gemäß den BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen ist ei­ne un­zulässi­ge Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer: EuGH, Ur­teil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hen­nigs und Mai)
Ta­rif­ver­trag­lich vor­ge­schrie­be­ne Zwangs­pen­sio­nie­rung von Luft­han­sa-Pi­lo­ten mit 60 Jah­ren ist eu­ro­pa­rechts­wid­rig: EuGH, Ur­teil vom 13.09.2011, Rs. C-447/09, Prig­ge u.a. gg. Deut­sche Luft­han­sa
Die Kom­bi­na­ti­on von Frei­wil­lig­keits- und Wi­der­rufs­vor­be­halt in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen (AGB) des Ar­beit­ge­bers ist un­klar und da­her un­wirk­sam: BAG, Ur­teil vom 14.09.2011, 10 AZR 526/10
Auf Ber­lin und Hes­sen kom­men Nach­zah­lun­gen we­gen der An­wen­dung der al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­den BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen zu: BAG, Ur­teil vom 10.11.201, 6 AZR 481/09
EuGH kor­ri­giert sein Schultz-Hoff-Ur­teil - krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­me­ner Ur­laub kann nach 15 Mo­na­ten ver­fal­len: EuGH, Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 (KHS gg. Schul­te)
Da das Ge­setz ei­ne zeit­li­che Gren­ze für die­ses Ver­bot ei­ner Vor­beschäfti­gung ("An­schluss­ver­bot") nicht fest­legt, ist ei­ne sach­grund­lo­se Be­fris­tung im Ex­trem­fall auch dann un­wirk­sam, wenn sie mit ei­nem Ar­beit­neh­mer ver­ein­bart wird, der z.B. vor 20 Jah­ren als Werk­stu­dent ein­mal für ein paar Wo­chen beschäftigt war. Die­se ufer­lo­se Rück­wir­kung des An­schluss­ver­bots hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) im April auf drei Jah­re be­grenzt und sich da­mit zum Er­satz-Ge­setz­ge­ber auf­ge­schwun­gen: BAG, Ur­teil vom 06.04.2011, 7 AZR 716/09.
Liegt das letz­te Ar­beits­verhält­nis länger als drei Jah­re zurück, können Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer die­sem BAG-Ur­teil zu­fol­ge er­neut ei­nen sach­grund­los be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag ver­ein­ba­ren, ob­wohl sich ei­ne sol­che Drei­jah­res­gren­ze nicht aus § 14 Abs.2 Satz 2 Tz­B­fG er­gibt.
Hat der ab­ge­lehn­te Be­wer­ber aber zunächst ein­mal kei­ne Hin­wei­se auf ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung, d.h. wur­de er "nur" ab­ge­lehnt (und sonst nichts), könn­te ihm ei­ne Aus­kunft über Mit­be­wer­ber hel­fen, um In­di­zi­en für ei­ne mögli­che Dis­kri­mi­nie­rung zu sam­meln. Wie der Eu­ropäische Ge­richts­hof im Ju­li 2011 ent­schie­den hat, schreibt das Eu­ro­pa­recht ei­nen sol­chen An­spruch ab­ge­lehn­ter Be­wer­ber auf In­for­ma­tio­nen über Mit­be­wer­ber aber nicht vor: EuGH, Ur­teil vom 21.07.2011, C-104/10 (Kel­ly).
Trotz­dem kann die "Ver­wei­ge­rung" sol­cher Auskünf­te je nach La­ge des Fal­les, so der Ge­richts­hof, ein In­diz für ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung sein. Da­her wird die Fra­ge, wie Ar­beit­ge­ber am bes­ten bei Be­wer­ber­ab­sa­gen vor­ge­hen soll­ten, wei­ter in der Dis­kus­si­on sein.
Wer über Jah­re ar­beits­unfähig krank ist, ver­liert gemäß dem Grund­satz­ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) vom 20.01.2009 (C-350/06 - Schultz-Hoff) sei­nen Ur­laubs­an­spruch für die Dau­er der Er­kran­kung nicht. Der Ur­laubs­an­spruch wächst da­her im Lau­fe der jah­re­lan­gen Ab­we­sen­heit von der Ar­beit im­mer wei­ter an. Das wird teu­er für Ar­beit­ge­ber, wenn das Ar­beits­verhält­nis schließlich be­en­det wird und ei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung zu zah­len ist.
Die gu­te Nach­richt für Ar­beit­ge­ber kam im Au­gust 2011 aus Er­furt: Das BAG ent­schied, dass ar­beits­ver­trag­li­che, ta­rif­ver­trag­li­che oder in Ar­beits­ver­trags­richt­li­ni­en (AVR) ent­hal­te­ne Aus­schluss­fris­ten den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung zum Erlöschen brin­gen, wenn der Ar­beit­neh­mer die Fris­ten nicht einhält: BAG, Ur­teil vom 09.08.2011, 9 AZR 352/10. Mit die­ser Ent­schei­dung hat das BAG die fi­nan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen der Schultz-Hoff-Ent­schei­dung für bei­de Ar­beits­ver­trags­par­tei­en er­heb­lich ver­rin­gert.
Ta­rif­li­che Le­bens­al­ters­stu­fen be­sa­gen, dass man bei glei­cher Ar­beit und Be­rufs­er­fah­rung mehr Geld be­kommt, weil man älter ist. Le­bens­al­ters­stu­fen sind im Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) vor­ge­se­hen und nach über­wie­gen­der Mei­nung der Ar­beits­ge­rich­te und ju­ris­ti­schen Au­to­ren ei­ne vom All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters.
Ob­wohl der BAT mitt­ler­wei­le über­wie­gend durch den Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) ab­gelöst wur­de, der Le­bens­al­ters­stu­fen nicht mehr enthält, gilt der BAT in ei­ni­gen Bun­desländern im­mer noch. Und wo der TVöD ein­geführt wur­de, wur­den die be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­se vom BAT in den TVöD un­ter Wah­rung des Be­sitz­stan­des über­ge­lei­tet: Wer zu­letzt gemäß den BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen mehr be­kam als ein jünge­rer Kol­le­ge, hat auch ein höhe­res TVöD-Aus­gangs­ge­halt als der jünge­re Kol­le­ge.
Im Sep­tem­ber 2011 hat der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) bestätigt, dass die BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer sind. Da­bei hat der Ge­richts­hof auch klar­ge­stellt, dass die be­sitz­stands­wah­ren­de Über­lei­tung des be­ste­hen­den dis­kri­mi­nie­ren­den Ge­halts­gefüges vom BAT in den TVöD recht­lich zulässig ist: EuGH, Ur­teil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 (Hen­nings und Mai).
Im Sep­tem­ber 2011 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) erst­mals oh­ne Wenn und Aber klar­ge­stellt, dass sol­che kom­bi­nier­ten Frei­wil­lig­keits- und Wi­der­rufs­vor­be­hal­te gemäß § 307 Abs.1 Satz 2 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) un­klar und da­her un­wirk­sam sind: BAG, Ur­teil vom 14.09.2011, 10 AZR 526/10. Ar­beit­ge­ber müssen sich künf­tig zwi­schen die­sen bei­den Vor­be­hal­ten ent­schei­den.
Außer­dem hat das BAG deut­lich ge­macht, dass Frei­wil­lig­keits- und Wi­der­rufs­vor­be­hal­te die un­ter Vor­be­halt ge­stell­te Leis­tung klar be­nen­nen müssen.
Der Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) war lan­ge Jah­re die Grund­la­ge für die Be­zah­lung der An­ge­stell­ten im öffent­li­chen Dienst, in Ber­lin und Hes­sen länger als an­ders­wo. Die BAT-Al­ters­stu­fen se­hen vor, dass Ar­beit­neh­mer auf­grund ih­res höhe­ren Al­ters mehr Geld ver­die­nen als ih­re Kol­le­gen. Das ist ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, wie der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) am 08.09.2011 ent­schie­den hat (EuGH, Ur­teil vom 08.09.2011, C-297/10 und C-298/10 - Hen­nings und Mai) - sie­he oben.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) muss­te dar­auf­hin klären, wie die­se Dis­kri­mi­nie­rung zu be­sei­ti­gen ist. Die Ant­wort aus Er­furt lau­tet: Durch An­glei­chung nach oben, d.h. durch Be­zah­lung al­ler Ar­beit­neh­mer der­sel­ben Vergütungs­grup­pe nach der höchs­ten Le­bens­al­ters­stu­fe (BAG, Ur­teil vom 10.11.2011, 6 AZR 148/09, und Ur­teil vom 10.11.201, 6 AZR 481/09).
Auf­grund ei­nes Grund­satz­ur­teils des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) dürfen Ur­laubs­ansprüche nicht mehr ver­fal­len, wenn sie auf­grund von lan­ger Krank­heit nicht ge­nom­men wer­den können (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff). Aber for­dert das EU-Recht, d.h. Art.7 der Richt­li­nie 2003/78/EG, wirk­lich ein völlig un­be­grenz­tes An­wach­sen der Ur­laubs­ansprüche bei jah­re­lan­ger Krank­heit?
Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm be­zwei­fel­te das und frag­te den EuGH, ob der krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­me­ne Ur­laub nicht we­nigs­tens 15 Mo­na­te nach Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res ver­fal­len könn­te (LAG Hamm, Be­schluss vom 15.04.2010, 16 Sa 1176/09). Im No­vem­ber 2011 kam die Ant­wort des EuGH - ja, das geht: EuGH, Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS gg. Schul­te.
Mit die­sem Ur­teil wirft der Ge­richts­hof sein ei­ge­nes Schultz-Hoff-Ur­teil wie­der weit­ge­hend über den Hau­fen und ent­las­tet die Ar­beit­ge­ber von den fi­nan­zi­el­len Fol­gen ei­nes jah­re­lan­gen An­sam­melns von Ur­laubs­ansprüchen.