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Timestamp: 2016-10-24 16:12:43
Document Index: 373403760

Matched Legal Cases: ['Art. 95', 'Art. 97', 'Art. 105', 'Art. 106', 'BGE', 'Art. 42', 'BGE', 'Art. 6', 'Art. 8', 'Art. 4', 'Art. 39', 'Art. 50', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 50', 'BGE']

8C_762/2014 (19.01.2015)
8C_762/2014 � � Urteil vom 19. Januar 2015
vertreten durch AXA-ARAG Rechtsschutz AG, Rechtsdienst Haftpflicht- und Versicherungsrecht, Affolternstrasse 42, 8050 Z�rich,
Der 1985 geborene A.________ ist als Strassenbauer bei der B.________ AG angestellt und in dieser Eigenschaft bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch unfallversichert. Am 15. Februar 2014 st�rzte er beim "Dirt-Biken" und zog sich einen Knochenbruch am linken Handgelenk zu. Die SUVA erbrachte die gesetzlichen Leistungen (Heilkosten), k�rzte jedoch mit Verf�gung vom 7. M�rz 2014 das Taggeld um 50 Prozent mit der Begr�ndung, der Unfall sei auf ein Wagnis zur�ckzuf�hren. Die dagegen erhobene Einsprache wies sie mit Entscheid vom 4. April 2014 ab.
Die gegen den Einspracheentscheid erhobene Beschwerde hiess das Kantonsgericht Luzern gut mit der Feststellung, der Versicherte habe Anspruch auf ungek�rzte Leistungen (Entscheid vom 8. September 2014).
Die SUVA erhebt Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit dem Antrag, der kantonale Entscheid sei aufzuheben und der Einspracheentscheid zu best�tigen.
W�hrend der Beschwerdegegner und das Bundesamt f�r Gesundheit auf eine Vernehmlassung verzichten, beantragt die Vorinstanz Abweisung der Beschwerde.
Die Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten kann wegen Rechtsverletzungen gem�ss Art. 95 f. BGG erhoben werden. Im Beschwerdeverfahren um die Zusprechung oder Verweigerung von Geldleistungen der Milit�r- oder der Unfallversicherung ist das Bundesgericht nicht an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden (Art. 97 Abs. 2 und Art. 105 Abs. 3 BGG). Es wendet das Recht von Amtes wegen an (Art. 106 Abs. 1 BGG) und ist folglich weder an die in der Beschwerde geltend gemachten Argumente noch an die Erw�gungen der Vorinstanz gebunden; es kann eine Beschwerde aus einem anderen als dem angerufenen Grund gutheissen und es kann eine Beschwerde mit einer von der Argumentation der Vorinstanz abweichenden Begr�ndung abweisen (BGE 134 V 250 E. 1.2 S. 252). Unter Ber�cksichtigung der f�r Beschwerden bestehenden allgemeinen Begr�ndungspflicht (Art. 42 Abs. 1 und 2 BGG) pr�ft es indessen grunds�tzlich nur die geltend gemachten R�gen, sofern die rechtlichen M�ngel nicht geradezu offensichtlich sind. Es ist jedenfalls nicht gehalten, wie eine erstinstanzliche Beh�rde alle sich stellenden rechtlichen Fragen zu untersuchen, wenn diese letztinstanzlich nicht mehr aufgegriffen werden (BGE 133 II 249 E. 1.4.1 S. 254).
2.1.�Das Ereignis vom 15. Februar 2014 ist unstreitig als Nichtberufsunfall zu qualifizieren und begr�ndet als solcher grunds�tzlich einen Anspruch auf Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung (Art. 6 Abs. 1 und Art. 8 Abs. 1 UVG in Verbindung mit Art. 4 ATSG). Streitig und zu pr�fen ist, ob die Geldleistungen zu Recht um die H�lfte gek�rzt wurden.
2.2.�Die Vorinstanz hat die Regelung, wonach bei Nichtberufsunf�llen, die auf ein Wagnis zur�ckgehen, die Geldleistungen um die H�lfte gek�rzt und in besonders schweren F�llen verweigert werden (Art. 39 UVG in Verbindung mit Art. 50 Abs. 1 und 2 Satz 1 UVV; BGE 97 V 72; SVR 2007 UV Nr. 4 S. 10, U 122/06 E. 1 f.; Urteil 8C_504/2007 vom 16. Juni 2008 E. 2.2 und 6 f.), richtig dargelegt. Gleiches gilt betreffend den im Sozialversicherungsrecht �blichen Beweisgrad der �berwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 134 V 109 E. 9.5 S. 125). Darauf wird verwiesen.
2.3.�Lehre und Rechtsprechung unterscheiden zwischen absoluten und relativen Wagnissen. Ein absolutes Wagnis liegt vor, wenn eine gef�hrliche Handlung nicht sch�tzenswert ist oder wenn die Handlung mit so grossen Gefahren f�r Leib und Leben verbunden ist, dass sich diese auch unter g�nstigsten Umst�nden nicht auf ein vern�nftiges Mass reduzieren lassen. Ein relatives Wagnis ist gegeben, wenn es die versicherte Person unterlassen hat, die objektiv vorhandenen Risiken und Gefahren auf ein vertretbares Mass herabzusetzen, obwohl dies m�glich gewesen w�re (BGE 97 V 72; SVR 2007 UV Nr. 4 S. 10, U 122/06 E. 2.1; Urteil 8C_504/2007 E. 6.1).
3.1.�Das kantonale Gericht hat ausgef�hrt, der Versicherte habe im Hammerpark in Lenzburg einen Sprung - jedoch nichts Wagemutiges - ausgef�hrt, bei der Landung die Kontrolle verloren und sei gest�rzt. Er gebe an, alle Vorsichtsmassnahmen getroffen, sich an die Parkregeln gehalten und die Schutzausr�stung getragen zu haben. Er betreibe das "Dirt-Biken" nicht renn-, sondern hobbym�ssig. Nach der Rechtsprechung fielen unter absolute Wagnisse zun�chst solche, die wettkampfm�ssig betrieben w�rden und bei denen es auf die Geschwindigkeit ankomme. Auch Boxwettk�mpfe seien als Wagnisse zu beurteilen. Bei der Aus�bung anderer Sportarten h�nge die Einstufung davon ab, wie das Risiko beeinflusst werden k�nne (Canyoning, Auto-Rally, Deltasegeln, Klettern, Schlitteln etc.). Solange ein noch vertretbarer Schwierigkeitsgrad eingehalten und der Sport nicht wettkampfm�ssig betrieben werde, liege in der Regel kein absolutes Wagnis vor. Das "Dirt-Biken" lasse sich etwa mit dem Rollbrettfahren oder mit Snowboardabfahrten vergleichen. Werde es lediglich hobbym�ssig und ohne Forcieren besonderer akrobatischer Einlagen ausge�bt, k�nne nicht gesagt werden, es sei mit grossen Gefahren f�r Leib und Leben verbunden. Das Verletzungsrisiko k�nne durch die Benutzung entsprechender eigens daf�r vorgesehener Anlagen, das Tragen einer Schutzkleidung und das W�hlen einer angemessenen Geschwindigkeit bzw. eines Schwierigkeitsgrades, der den eigenen F�higkeiten entspricht, begrenzt werden. So w�rden beim Befahren einer Halfpipe mit dem Snowboard ebenfalls teils akrobatische Spr�nge ausgef�hrt, welche ein erh�htes Sturzrisiko beinhalten. Dieses erh�hte Gefahrenpotenzial nehme aber noch kein Ausmass an, dass deswegen solchen T�tigkeiten kein sch�tzenswerter Charakter mehr zuerkannt werden k�nne. Ein absolutes Wagnis liege daher nicht vor.
Ein relatives Wagnis falle ausser Betracht, da dem Versicherten nicht vorgehalten werde, die n�tigen Sicherheitsmassnahmen nicht getroffen zu haben.
3.2.�Demgegen�ber macht die SUVA geltend, Spr�nge auf einem Mountainbike �ber Erdh�gel, bei denen es darum gehe, m�glichst spektakul�re Tricks auszuf�hren, beinhalteten naturgem�ss ein sehr grosses Sturz- und Verletzungsrisiko. Dieses k�nne nicht auf ein vern�nftiges Mass reduziert werden. Auch beim hobbym�ssigen Betreiben dieser Sportart gehe es eben gerade darum, m�glichst spektakul�re Spr�nge und Tricks auszuf�hren. Die Verwendung eines Velos bei dieser Sportart erh�he das Verletzungsrisiko zus�tzlich, da die Metallteile des Fahrzeuges bei St�rzen zu schweren Verletzungen etwa an den Fingern oder im Gesicht f�hren k�nnen. In dieser Hinsicht sei die Sportart mit dem Snowboarden nicht zu vergleichen. Gef�hrliche Spr�nge mit einem Velo in der Luft w�rden lediglich von einer kleinen Anzahl Personen praktiziert, weshalb auch nicht gesagt werden k�nne, durch die Qualifizierung der Sportart als absolutes Wagnis w�rde einer breiten Bev�lkerung der Versicherungsschutz entzogen.
4.1.�Als absolutes Wagnis galten nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts und des Eidgen�ssischen Versicherungsgerichts etwa Auto-Bergrennen (BGE 112 V 44, 113 V 222), Motocross-Rennen (RKUV 1991 Nr. U 127 S. 221), Motorradrennen (SVR 2012 UV Nr. 21 S. 77, 8C_472/2011), der Boxwettkampf (EVGE 1962 S. 280) und das wettkampfm�ssige Thaiboxen (RKUV 2005 Nr. U 552 S. 306, U 336/04; vgl. zum Tauchen auf eine Tiefe von �ber 40 Metern BGE 134 V 340 und zum Sprung mit einem Kajak aus sieben Metern H�he SVR 2007 UV Nr. 4 S. 10, U 122/06). Die SUVA f�hrt als weitere Beispiele namentlich Mountainbike-Abfahrtsrennen (Downhill-Biking), Speedflying, Base-Jumping und Karate-Extrem an ( http://www.suva.ch/startseite-suva/praevention-suva/sichere-freizeit-suva/wagnisse-suva.htm). Nicht als absolutes Wagnis eingestuft hat die Rechtsprechung insbesondere das Deltasegeln (BGE 112 V 297, 104 V 19), das nicht wettkampfm�ssige Kart-Fahren (SUVA-Jahresbericht 1964 S. 18 f.), das Canyoning (BGE 125 V 312), eine Rollbrettabfahrt, welche nicht wettkampfm�ssig und auf Geschwindigkeit hin betrieben wurde (RKUV 2001 Nr. U 424 S. 205, U 187/99 E. 3b), oder das Schneeschuhlaufen (Urteil 8C_987/2012 vom 21. Februar 2013 E. 3; vgl. auch die Zusammenstellung bei Alexandra Rumo-Jungo/Andr� Pierre Holzer, Bundesgesetz �ber die Unfallversicherung, 4. Aufl. 2012, S. 223 f.; JEAN-MAURICE FR�SARD/MARGIT MOSER-SZELESS, L'assurance-accidents obligatoire, in: Schweizerisches Bundesverwaltungsrecht [SBVR], Soziale Sicherheit, 2. Aufl., Basel 2007, S. 937 f. Rz. 325 ff., sowie DIESELBEN : Refus, r�duction et suspension des prestations de l'assurance-accidents: �tat des lieux et nouveaut�s, HAVE 2005 S. 127 ff., 131).
4.2.�Wie die Vorinstanz richtig ausgef�hrt hat, ist ein absolutes Wagnis vor allem dann anzunehmen, wenn eine gef�hrliche Sportart wettkampfm�ssig ausgef�hrt wird. Dies trifft etwa bei eigentlichen Rennen zu, wo es darum geht, schneller als die Konkurrenten zu sein. Diese Einstufung ist aber nicht auf solche Bet�tigungen beschr�nkt. Einer Sportart kann an sich ein derart grosses Verletzungsrisiko innewohnen, dass sie auch als absolutes Wagnis gilt, wenn sie bloss hobbym�ssig ausge�bt wird. Dies belegen die oben aufgef�hrten Beispiele (Speedflying, Base Jumping, Boxwettk�mpfe). Bei diesen Bet�tigungen besteht eine sehr hohe Verletzungsgefahr und dieses Risiko l�sst sich auch unter g�nstigen Umst�nden nicht auf ein vern�nftiges Mass reduzieren (vgl. Art. 50 Abs. 2 Satz 1 UVV; BGE 112 V 44 E. 2c S. 49; SVR 2012 UV Nr. 21 S. 77, 8C_472/2011 E. 5.2 i.f.).
4.3.�Beim "Dirt-Biken" handelt es sich um eine Variante des Radsports. Es findet auf einem Gel�nde mit k�nstlichen H�geln, etwa aus Lehm, und anderen Hindernissen statt. Diese sind zwischen einem und vier Metern hoch und dienen unter anderem als Schanzen. Mit dem Bike werden Spr�nge (Jumps) ausgef�hrt. Ziel des Sprunges ist es, in der Luft einen Trick auszuf�hren. Die Liste der m�glichen Tricks ist umfassend. Das Bike wird etwa in der Luft quer gestellt, es werden Vor- und R�ckw�rtssaltos gemacht, der Lenker wird um 360 Grad gedreht. Die Spr�nge erfolgen unter Umst�nden ein- oder freih�ndig. Ziel des Sportlers ist es, einen m�glichst spektakul�ren Sprung ausf�hren zu k�nnen (Wikipedia - Die freie Enzyklop�die, http://de.wikipedia.org/wiki/Dirtjump).
4.4.�Spr�nge mit einem Bike in gr�sserer H�he bergen an sich schon ein hohes Verletzungsrisiko in sich, welches auch durch eine geeignete Schutzkleidung nicht restlos minimiert werden kann. Dies belegt der vorliegende Fall. Dieses Risiko vergr�ssert sich selbstredend, wenn in die Flugphasen der Spr�nge eine Akrobatik eingebaut wird. Die Gefahr ergibt sich einerseits aus der Geschwindigkeit, mit der gefahren wird, andrerseits aus den Tricks, die Ziel des Dirt-Jumps sind. Dabei kann - anders als es die Vorinstanz annimmt - nicht gesagt werden, beim hobbym�ssigen Aus�ben dieser Sportart w�rden keine gef�hrlichen Spr�nge ausgef�hrt. Die Wahl der Geschwindigkeit und des Schweregrades der Spr�nge liegt allein beim Sportler. Da das Ziel dieser Sportart darin besteht, m�glichst spektakul�re, attraktive Spr�nge auszu�ben, ist es auch beim nicht wettkampfm�ssigen "Dirt-Biken" erstrebenswert, immer h�her oder weiter zu springen und den Schweregrad der Einlagen zu erh�hen. Darin liegt gerade die Herausforderung dieser Sportart. Dies f�hrt zu einem nicht mehr vertretbaren Gef�hrdungspotenzial. Dieses l�sst sich nur auf ein vern�nftiges Mass reduzieren, wenn die vorgegebenen k�nstlichen Hindernisse und Schanzen eine minimale H�he nicht �berschreiten und daher gef�hrliche Jumps gar nicht durchgef�hrt werden k�nnen. Ist dies nicht der Fall, kann eben gerade nicht gesagt werden, der bloss hobbym�ssige Biker werde sein Risiko beschr�nken; vielmehr liegt der Reiz der Sportart darin, bez�glich der H�he der Spr�nge und der Schwierigkeit der Tricks an seine Grenzen zu gehen. Damit wird das Risiko unkalkulierbar.
4.5.�Die Vorinstanz hat das "Dirt-Biken" insbesondere mit dem Snowboarden und dem Befahren einer Halfpipe verglichen. Auch dort gehe es darum, hoch zu springen und entsprechende Tricks zu zeigen. Dem ist entgegenzuhalten, dass ein verungl�ckter Sprung in einer Halfpipe in der Regel an der steilen Stelle der Pipe endet und daher glimpflicher verl�uft als beim Dirt-Jump. Zudem macht die SUVA zu Recht geltend, dass sich der Biker durch die Metallteile seines Bikes selber zus�tzlich gef�hrdet.
4.6.�Zusammenfassend ist festzuhalten, dass auch das bloss hobbym�ssig betriebene "Dirt-Biken" ein grosses Sturz- und Verletzungsrisiko in sich birgt. Dieses l�sst sich in der Praxis nicht auf ein vern�nftiges Mass reduzieren, da es bei dieser Sportart gerade darum geht, m�glichst spektakul�re Tricks auszuf�hren, und einzig der Sportler selber dar�ber entscheidet. Akrobatische Einlagen geh�ren auch zu dieser Sportart, wenn sie nicht wettkampfm�ssig betrieben wird. "Dirt-Biken" unterscheidet sich vom Befahren einer Halfpipe schliesslich in den m�glichen Folgen eines Sturzes sowie dadurch, dass der Sportler durch die Metallteile seines Bikes zus�tzlich gef�hrdet wird.
4.7.�Ist das erhebliche Gefahrenpotenzial nicht auf ein vern�nftiges Mass reduzierbar, muss "Dirt-Biken" als absolutes Wagnis bezeichnet werden. Vorbehalten bleibt das Biken auf Gel�nde oder Anlagen, die eigentliche Dirt-Jumps gar nicht zulassen.
Der Versicherte hat seine Spr�nge, die zum Unfall gef�hrt haben, auf einer speziell hief�r vorgesehenen Anlage ausge�bt. Diese l�sst Spr�nge im obgenannten Sinne zu, deren Gef�hrdungspotenzial nicht auf ein vern�nftiges Mass reduziert werden kann. Er ist daher ein absolutes Wagnis eingegangen.
Die Beschwerde wird gutgeheissen. Der Entscheid des Kantonsgerichts Luzern vom 8. September 2014 wird aufgehoben und der Einspracheentscheid der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) vom 4. April 2014 best�tigt.