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Timestamp: 2019-11-18 12:17:28
Document Index: 6785379

Matched Legal Cases: ['§ 137', '§ 137', '§ 138', '§ 159', '§ 38', '§ 45', '§ 309', '§ 38', '§ 38']

Arbeitslosengeld, obwohl das Arbeitsverhältnis weiterbesteht? - DGB Rechtsschutz GmbH
Arbeitslosengeld, obwohl das Arbeitsverhältnis weiterbesteht?
Nur wer arbeitslos ist, kann Arbeitslosengeld bekommen. Klingt logisch. Aber: Wann genau liegt eigentlich Arbeitslosigkeit vor?
Bezug von Arbeitslosengeld auch bei bestehendem Arbeitsverhältnis möglich.
Voraussetzung für den Bezug von Arbeitslosengeld ist neben der Arbeitslosmeldung und der Erfüllung der Anwartschaftszeit, dass Arbeitslosigkeit vorliegt.
Arbeitslos ist nach der gesetzlichen Regelung unter anderem, „ … wer … nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht …“
Das Gesetz stellt also gerade nicht darauf ab, ob das Arbeitsverhältnis rechtlich noch fortbesteht oder nicht. Entscheidend ist allein die faktische Beschäftigungslosigkeit. Es sind deshalb Konstellationen denkbar, in denen trotz eines bestehenden Arbeitsverhältnisses Beschäftigungslosigkeit und damit Arbeitslosigkeit vorliegt. Das ist etwa der Fall, wenn eine Mitarbeiterin schon sehr lange wegen Krankheit nicht arbeitet und ihr Arbeitgeber auch kein Interesse daran hat, dass sie an ihre Arbeitsstelle zurückkehrt.
Klage zum Sozialgerichts Dortmund
Eine Klage, die Rechtsschutzsekretär Christoph Goetsch vom Büro Dortmund der DGB Rechtsschutz GmbH erhoben hatte, verhalf der Klägerin vor dem Sozialgericht Dortmund zu ihrem Arbeitslosengeld.
Die Klägerin, eine Justizbeschäftigte, weigerte sich, an einem bestimmten Amtsgericht zu arbeiten.
Eine Justizbeschäftigte weigerte sich, an einem bestimmten Amtsgericht zu arbeiten. Grund dafür war, dass sie dort unter Mobbing zu leiden hatte. Ihr Arbeitgeber kündigte das Arbeitsverhältnis dennoch nicht. Vielmehr stellte er sie ohne Entgelt von der Arbeit frei. Auch die Beschäftigte selbst wollte nicht kündigen, so lange sie keinen anderen Arbeitsplatz hat. Stattdessen verklagte sie ihren Arbeitgeber mit dem Ziel, sie an ein anderes Amtsgericht zu versetzen.
Den Antrag der Beschäftigten auf Arbeitslosengeld I lehnte die Bundesagentur ab. Als Begründung brachte die Agentur vor, die Beschäftigte sei gar nicht arbeitslos.
Wie das Sozialgericht argumentiert
Zunächst stellt das Sozialgericht fest, dass das Arbeitsverhältnis weiter besteht. Beide Seiten haben es weder gekündigt noch sonst irgendwie beendet. Aber die Klägerin hat das Beschäftigungsverhältnis dadurch beendet, dass sie sich geweigert hat, an ihrem alten Platz weiterzuarbeiten. Damit ist sie beschäftigungs- und deshalb auch arbeitslos. Da sie auch die übrigen Voraussetzungen für den Bezug von Arbeitslosengeld I erfüllt, hat das Sozialgericht Dortmund die Bundesagentur für Arbeit verurteilt, der Klägerin Arbeitslosengeld I zu gewähren.
Hier geht es zur Pressemitteilung des Sozialgerichts Dortmund vom 07.11.2016
Das Urteil des Sozialgerichts Dortmund vom 10.10.2016, AZ: S 31 AL 84/16 gibt es hier im Volltext zum Download
Das Urteil des Sozialgerichtes Dortmund ist zu begrüßen, da es - wieder einmal - klar stellt, dass faktische Beschäftigungslosigkeit ausreicht.
Dabei hat das Gericht jedoch allein entschieden, dass der Ablehnungsbescheid der Bundesagentur für Arbeit rechtswidrig war. Damit ist aber noch nicht abschließend geklärt, in welchem Umfang die Klägerin Arbeitslosengeld I bekommt. Denn es ist durchaus denkbar, dass die Bundesagentur auf die Idee kommt, eine Sperrzeit gegen die Klägerin zu verhängen. Schließlich hat sie sich geweigert, an ihrer alten Arbeitsstelle zu arbeiten. Es könnte also sein, dass die Bundesagentur in ähnlichen Fällen behauptet, die Klägerin habe „ … durch ein arbeitsvertragswidriges Verhalten Anlass für die Lösung des Beschäftigungsverhältnisses gegeben und dadurch … grob fahrlässig die Arbeitslosigkeit herbeigeführt …“ In diesem Fall würde es darauf ankommen, ob die Klägerin für ihre Weigerung einen wichtigen Grund hatte. Hat sie ihn nicht, muss sie mit einer Sperrzeit rechnen.
Wegen dieses Risikos sollten sich Beschäftigte genau überlegen, ob sie sich weigern wollen, ihre Arbeit wegen Mobbings am bisherigen Platz fortzusetzen und Arbeitslosengeld I zu beantragen.
§§ 137,138 und 159 Sozialgesetzbuch III
Sozialgesetzbuch III - Arbeitsförderung - § 137 Anspruchsvoraussetzungen bei Arbeitslosigkeit
Sozialgesetzbuch III - Arbeitsförderung - § 138 Arbeitslosigkeit
(3) Die Ausübung einer Beschäftigung, selbständigen Tätigkeit, Tätigkeit als mithelfende Familienangehörige oder mithelfender Familienangehöriger (Erwerbstätigkeit) schließt die Beschäftigungslosigkeit nicht aus, wenn die Arbeits- oder Tätigkeitszeit (Arbeitszeit) weniger als 15 Stunden wöchentlich umfasst; gelegentliche Abweichungen von geringer Dauer bleiben unberücksichtigt. Die Arbeitszeiten mehrerer Erwerbstätigkeiten werden
zusammengerechnet.
(4) Im Rahmen der Eigenbemühungen hat die oder der Arbeitslose alle Möglichkeiten zur beruflichen Eingliederung zu nutzen. Hierzu gehören insbesondere
3. die Inanspruchnahme der Selbstinformationseinrichtungen der Agentur für Arbeit.
1. eine versicherungspflichtige, mindestens 15 Stunden wöchentlich umfassende zumutbare Beschäftigung unter den üblichen Bedingungen des für sie oder ihn in Betracht kommenden Arbeitsmarktes ausüben kann und darf,
Sozialgesetzbuch III - Arbeitsförderung - § 159 SGB III Ruhen bei Sperrzeit
(1) Hat die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer sich versicherungswidrig verhalten, ohne dafür einen wichtigen Grund zu haben, ruht der Anspruch für die Dauer einer Sperrzeit. Versicherungswidriges Verhalten liegt vor, wenn
2. die bei der Agentur für Arbeit als arbeitsuchend gemeldete (§ 38 Absatz 1) oder die arbeitslose Person trotz Belehrung über die Rechtsfolgen eine von der Agentur für Arbeit unter Benennung des Arbeitgebers und der Art der Tätigkeit angebotene Beschäftigung nicht annimmt oder nicht antritt oder die Anbahnung eines solchen Beschäftigungsverhältnisses, insbesondere das Zustandekommen eines Vorstellungsgespräches, durch ihr Verhalten verhindert (Sperrzeit bei Arbeitsablehnung),
3. die oder der Arbeitslose trotz Belehrung über die Rechtsfolgen die von der Agentur für Arbeit geforderten Eigenbemühungen nicht nachweist (Sperrzeit bei unzureichenden Eigenbemühungen),
4. die oder der Arbeitslose sich weigert, trotz Belehrung über die Rechtsfolgen an einer Maßnahme zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung (§ 45) oder einer Maßnahme zur beruflichen Ausbildung oder Weiterbildung oder einer Maßnahme zur Teilhabe am Arbeitsleben teilzunehmen (Sperrzeit bei Ablehnung einer beruflichen Eingliederungsmaßnahme),
5. die oder der Arbeitslose die Teilnahme an einer in Nummer 4 genannten Maßnahme abbricht oder durch maßnahmewidriges Verhalten Anlass für den Ausschluss aus einer dieser Maßnahmen gibt (Sperrzeit bei Abbruch einer beruflichen Eingliederungsmaßnahme),
6. die oder der Arbeitslose einer Aufforderung der Agentur für Arbeit, sich zu melden oder zu einem ärztlichen oder psychologischen Untersuchungstermin zu erscheinen (§ 309), trotz Belehrung über die Rechtsfolgen nicht nachkommt oder nicht nachgekommen ist (Sperrzeit bei Meldeversäumnis),
7. die oder der Arbeitslose der Meldepflicht nach § 38 Absatz 1 nicht nachgekommen ist (Sperrzeit bei verspäteter Arbeitsuchendmeldung).
(2) Die Sperrzeit beginnt mit dem Tag nach dem Ereignis, das die Sperrzeit begründet, oder, wenn dieser Tag in eine Sperrzeit fällt, mit dem Ende dieser Sperrzeit. Werden mehrere Sperrzeiten durch dasselbe Ereignis begründet, folgen sie in der Reihenfolge des Absatzes 1 Satz 2 Nummer 1 bis 7 einander nach.
(4) Die Dauer der Sperrzeit bei Arbeitsablehnung, bei Ablehnung einer beruflichen Eingliederungsmaßnahme oder bei Abbruch einer beruflichen Eingliederungsmaßnahme beträgt
1. im Fall des erstmaligen versicherungswidrigen Verhaltens dieser Art drei Wochen,
2. im Fall des zweiten versicherungswidrigen Verhaltens dieser Art sechs Wochen,
3. in den übrigen Fällen zwölf Wochen.
Im Fall der Arbeitsablehnung oder der Ablehnung einer beruflichen Eingliederungsmaßnahme nach der Meldung zur frühzeitigen Arbeitsuche (§ 38 Absatz 1) im Zusammenhang mit der Entstehung des Anspruchs gilt Satz 1 entsprechend.
Sozialgericht Dortmund Urteil vom 10.10.2016 AZ: S 31 AL 84/16