Source: http://m.hensche.de/Tarifvertrag_keine_Abloesung_von_AVR_durch_Tarifvertrag_AVR-Caritas_Haustarifvertrag_BAG_4AZR24-10.html
Timestamp: 2017-08-23 08:12:55
Document Index: 72579839

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 520', '§ 133', '§ 1', '§ 1', '§ 3', 'Art. 9', '§ 3', '§ 4', '§ 164', '§ 1', '§ 3', '§ 1', '§ 1', '§ 2', '§ 1', '§ 3', '§ 1', '§ 97']

Akten­zeichen: 4 AZR 24/10
Ent­scheid­ungs­datum: 22.02.2012
Vor­ins­tan­zen: Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 9.11.2009 - 16 Sa 582/09
Arbeitsgericht Oberhausen, Urteil vom 3.04.2009 - 3 Ca 2185/08
Kläger, Be­ru­fungs­be­klag­te und Re­vi­si­ons­be­klag­te zu 1. bis 11.,
hat der Vier­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 22. Fe­bru­ar 2012 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Be­p­ler, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Tre­ber, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Win­ter so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Klotz und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schuldt für Recht er­kannt:
1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 9. No­vem­ber 2009 - 16 Sa 582/09 - wird zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die Kläge­rin­nen und der Kläger Ansprüche nach Maßga­be der Richt­li­ni­en für Ar­beits­verträge in den Ein­rich­tun­gen des Deut­schen Ca­ri­tas­ver­ban­des (AVR) in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung ha­ben.
Die kla­gen­den Par­tei­en sind langjährig im S E Kran­ken­haus in O im nichtärzt­li­chen Dienst beschäftigt und Mit­glie­der der Ge­werk­schaft ver.di. Der ursprüng­li­che Träger des Kran­ken­hau­ses, die Kran­ken­pfle­ge­an­stalt der „B“, ver­ein­bar­te mit al­len kla­gen­den Par­tei­en ar­beits­ver­trag­lich die An­wend­bar­keit der AVR in der je­weils gülti­gen Fas­sung. Die­se sind auch nach Be­triebsübergängen - zu­letzt auf die S E-K O gGmbH (SE­KO) - jah­re­lang wei­ter­hin dy­na­misch auf die Ar­beits­verhält­nis­se der kla­gen­den Par­tei­en an­ge­wen­det wor­den.
Mit Wir­kung zum 1. Mai 2007 hat die H Kli­ni­ken GmbH (H) die Ge­sell­schafts­an­tei­le an der SE­KO über­nom­men und die Ge­sell­schaft später in H S E K O GmbH (eben­falls: SE­KO) um­be­nannt. Die­se be­treibt die H S E K O (HSE­KO). HELIOS als Kon­zern­mut­ter hat­te zu­vor am 16. Ja­nu­ar 2007 mit der Ver­ein­ten Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft - Bun­des­vor­stand - (ver.di) ver­schie­de-ne Ta­rif­verträge für die Un­ter­neh­men des Kon­zerns ab­ge­schlos­sen. Außer­dem schloss sie am 1. No­vem­ber 2007 mit der Ge­werk­schaft ver.di ei­nen Nach­trags­ta­rif­ver­trag (TV Um­set­zung HELIOS - Nach­trag 1/SE­KO) ab, der für die Be­klag­te gel­ten und nach des­sen Maßga­be sich der Gel­tungs­be­reich der Ta­rif­verträge für die Un­ter­neh­men des Kon­zerns auf die­se er­stre­cken soll­te.
Für das Bis­tum Es­sen, zu dem auch O als Stand­ort der HSE­KO gehört, wur­de mit Wir­kung zum 1. Ja­nu­ar 2008 das auf Ba­sis der AVR zu zah­len­de Ar­beits­ent­gelt erhöht. Die Be­klag­te gab die­se Erhöhung nicht an die kla­gen­den Par­tei­en wei­ter. Für das Jahr 2008 zahl­te sie auch kein Ur­laubs­geld und gewähr­te kei­nen „Ar­beits­zeit­verkürzungs­tag“.
Da­ge­gen rich­ten sich die vor­lie­gen­den Kla­gen. Die kla­gen­den Par­tei­en sind der Auf­fas­sung, die AVR sei­en für ih­re Ar­beits­verhält­nis­se nicht durch die ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lun­gen für Un­ter­neh­men des H-Kon­zerns ab­gelöst wor­den.
Auf das We­sent­li­che zu­sam­men­ge­fasst ha­ben die kla­gen­den Par­tei­en zu­letzt je­weils be­an­tragt
1. fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, der je­wei­li­gen kla­gen­den Par­tei ab dem 1. Ja­nu­ar 2008 ei­ne mo­nat­li­che Re­gel­vergütung auf der Ba­sis ih­rer Vergütungs­grup­pe der AVR in der je­weils gülti­gen Fas­sung, teil­wei­se zuzüglich ei­ner Be­sitz­stands­zu­la­ge, zu zah­len, so­weit die­se güns­ti­ger ist als ei­ne Vergütung auf der Grund­la­ge des TV HELIOS in der je­weils gülti­gen Fas­sung;
2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, der je­wei­li­gen kla­gen­den Par­tei für den im Jah­re 2008 nicht gewähr­ten zusätz­li­chen frei­en Ar­beits­tag ei­nen zusätz­li­chen frei­en Ar­beits­tag un­ter Fort­zah­lung der Bezüge un­abhängig vom be­ste­hen­den Ur­laubs­an­spruch zu gewähren;
3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, der je­wei­li­gen kla­gen­den Par­tei ei­nen Be­trag in je­weils be­stimm­ter Höhe als
Ur­laubs­geld für das Jahr 2008 zu zah­len nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz ab dem 1. Au­gust 2008;
4. fest­zu­stel­len, dass auf das Ar­beits­verhält­nis der je­wei­li­gen kla­gen­den Par­tei die AVR in der je­wei­li­gen Fas­sung an­zu­wen­den sind.
Die Be­klag­te be­ruft sich für ih­ren Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trag dar­auf, dass der TV Um­set­zung HELIOS - Nach­trag 1/SE­KO und die wei­te­ren Haus­ta­rif­verträge wirk­sam sei­en und auf die Ar­beits­verhält­nis­se der beid­sei­tig ta­rif­ge­bun­de­nen Par­tei­en An­wen­dung fänden. Dies ha­be zur Ablösung der vor­mals gel­ten­den AVR geführt. Das Güns­tig­keits­prin­zip nach § 4 Abs. 3 TVG sei hier nicht an­wend­bar, da die AVR nicht als in­di­vi­du­al­recht­li­che, son­dern als kol­lek­tiv­recht­li­che Re­ge­lun­gen zu ver­ste­hen sei­en.
Die Vor­in­stan­zen ha­ben der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt die Be­klag­te ihr An­lie­gen der Kla­ge­ab­wei­sung wei­ter. Die kla­gen­den Par­tei­en be­an­tra­gen, die Re­vi­si­on zurück­zu­wei­sen.
Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Die Vor­in­stan­zen ha­ben zu Recht er­kannt, dass die ein­zel­ver­trag­lich be­gründe­te An­wend­bar­keit der AVR nicht ta­rif­ver­trag­lich ab­gelöst wer­den kann.
I. Ei­ne Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on er­gibt sich nicht be­reits dar­aus, dass die Be­ru­fung be­reits un­zulässig ge­we­sen wäre, weil sich die Be­klag­te nicht aus­rei­chend mit den tra­gen­den Gründen des ar­beits­ge­richt­li­chen Ur­teils aus­ein­an­der­ge­setzt hätte.
1. Die Zulässig­keit der Be­ru­fung ist Pro­zess­fort­set­zungs­vor­aus­set­zung für das ge­sam­te wei­te­re Ver­fah­ren nach Ein­le­gung der Be­ru­fung (BAG 27. Ju­li 2010 - 1 AZR 186/09 - Rn. 17, NZA 2010, 1446). Des­halb ist vom Re­vi­si­ons­ge-
richt von Amts we­gen zu prüfen, ob ei­ne ord­nungs­gemäße Be­gründung iSd. § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 ZPO vor­liegt (st. Rspr., vgl. zB BAG 27. Ju­li 2010 - 1 AZR 186/09 - aaO; 17. Ja­nu­ar 2007 - 7 AZR 20/06 - Rn. 10 mwN, BA­GE 121, 18). Dass das Be­ru­fungs­ge­richt das Rechts­mit­tel für zulässig ge­hal­ten hat, ist hier­bei oh­ne Be­deu­tung (vgl. ua. BAG 15. März 2011 - 9 AZR 813/09 - Rn. 9, NZA 2011, 767).
2. Mit der Be­ru­fungs­be­gründungs­schrift ist die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung noch aus­rei­chend an­ge­grif­fen wor­den. Dar­in setzt sich die Be­klag­te un­ter zulässi­ger Wie­der­ho­lung von Sach­vor­trag mit der auch vom Ar­beits­ge­richt ver­tre­te­nen Auf­fas­sung der kla­gen­den Par­tei­en aus­ein­an­der, nach der das Güns­tig­keits­prin­zip ein­grei­fe und des­halb die Kla­ge­for­de­run­gen bestünden.
II. Zu­tref­fend ha­ben die Vor­in­stan­zen er­kannt, dass die kla­gen­den Par­tei­en wei­ter­hin auf­grund der ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­sel die An­wen­dung der AVR auf ihr Ar­beits­verhält­nis ver­lan­gen können. Der Ab­schluss des TV Um­set­zung HELIOS - Nach­trag 1/SE­KO - über des­sen Aus­wir­kun­gen auf die be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­se die Par­tei­en al­lein strei­ten - hat nicht da­zu geführt, dass die in der Be­zug­nah­me ge­nann­ten AVR nicht mehr dy­na­misch zur An­wen­dung kom­men. Die gel­tend ge­mach­ten Ansprüche, die der Höhe und sons­ti­gen Be­stim­mung nach vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend be­ur­teilt wor­den sind, ste­hen ih­nen da­nach zu.
1. Die An­wend­bar­keit der AVR in ih­rer je­wei­li­gen Fas­sung er­gibt sich aus der in den Ar­beits­verträgen der Par­tei­en ver­ein­bar­ten In­be­zug­nah­me.
a) Bei den zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­ten Ar­beits­verträgen han­delt es sich um For­mu­lar­verträge. Die Aus­le­gung der­ar­ti­ger ty­pi­scher Ver­trags­klau­seln kann vom Re­vi­si­ons­ge­richt oh­ne Ein­schränkung über­prüft wer­den (st. Rspr., et­wa BAG 19. Mai 2010 - 4 AZR 796/08 - Rn. 15, BA­GE 134, 283; 18. No­vem­ber 2009 - 4 AZR 514/08 - Rn. 15 mwN, BA­GE 132, 261).
Nach §§ 133, 157 BGB sind Verträge so aus­zu­le­gen, wie die Par­tei­en sie nach Treu und Glau­ben un­ter Berück­sich­ti­gung der Ver­kehrs­sit­te ver­ste­hen muss­ten. Da­bei ist vom Wort­laut aus­zu­ge­hen, wo­bei der all­ge­mei­ne Sprach­ge-
brauch und der ver­trag­li­che Re­ge­lungs­zu­sam­men­hang zu berück­sich­ti­gen sind. Vor­for­mu­lier­te Ar­beits­ver­trags­be­din­gun­gen sind nach ih­rem ob­jek­ti­ven In­halt und ty­pi­schen Sinn ein­heit­lich so aus­zu­le­gen, wie sie von verständi­gen und red­li­chen Ver­trags­part­nern un­ter Abwägung der In­ter­es­sen der nor­ma­ler­wei­se be­tei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se ver­stan­den wer­den, wo­bei die Verständ­nismöglich­kei­ten des durch­schnitt­li­chen Ver­trags­part­ners des Ver­wen­ders zu­grun­de zu le­gen sind (BAG 4. Ju­ni 2008 - 4 AZR 308/07 - Rn. 30 mwN, AP TVG § 1 Be­zug­nah­me auf Ta­rif­ver­trag Nr. 64). Von Be­deu­tung für das Aus­le­gungs­er­geb­nis sind ne­ben dem Ver­trags­wort­laut der von den Ver­trags­par­tei­en ver­folg­te Re­ge­lungs­zweck so­wie die der je­weils an­de­ren Sei­te er­kenn­ba­re In­ter­es­sen­la­ge der Be­tei­lig­ten (BAG 19. Mai 2010 - 4 AZR 796/08 - Rn. 15, BA­GE 134, 283; 16. De­zem­ber 2009 - 5 AZR 888/08 - Rn. 12, AP TVG § 1 Be­zug­nah­me auf Ta­rif­ver­trag Nr. 73 = EzA TVG § 3 Be­zug­nah­me auf Ta­rif­ver­trag Nr. 44).
Dies gilt auch für Ver­trags­klau­seln, die dy­na­mi­sche Ver­wei­sun­gen ent­hal­ten. Ein­zel­ver­trag­lich ver­ein­bar­te dy­na­mi­sche Be­zug­nah­men auf ein an­de­res Re­ge­lungs­werk sind so­lan­ge ent­spre­chend ih­res Wort­lau­tes als kon­sti­tu­ti­ve Ver­wei­sungs­klau­sel zu ver­ste­hen, wie nichts an­de­res in hin­rei­chend er­kenn­ba­rer Form zum Aus­druck kommt (BAG 18. April 2007 - 4 AZR 652/05 - Rn. 26 ff., BA­GE 122, 74).
Hier­von für die Aus­le­gung ei­ner Ver­wei­sung auf Ar­beits­be­din­gun­gen in Richt­li­ni­en für Ar­beits­verträge im kirch­lich-dia­ko­ni­schen oder kirch­lich-ka­ri­ta­ti­ven Be­reich ab­zu­ge­hen, bei de­nen es sich eben­falls um nicht zwi­schen den Par­tei­en ver­ein­bar­te und als sol­che von ih­nen auch nicht ab­zuändern­de ex­ter­ne Re­gel­wer­ke han­delt, be­steht kein An­lass (vgl. BAG 10. De­zem­ber 2008 - 4 AZR 801/07 - Rn. 14, BA­GE 129, 1). Die­se Aus­le­gungs­grundsätze stan­den für die AVR, bei de­nen es sich von vorn­her­ein nicht um nor­ma­tiv wir­ken­de Ta­rif­re­ge­lun­gen han­delt, son­dern um Kol­lek­tiv­ver­ein­ba­run­gen be­son­de­rer Art, auch nie in Fra­ge. Die AVR können als vom je­wei­li­gen Ar­beit­ge­ber ge­stell­te All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen nur kraft ein­zel­ver­trag­li­cher Be­zug­nah­me auf ein Ar­beits­verhält­nis An­wen­dung fin­den (st. Rspr., vgl. nur BAG 29. Ju­ni 2011 - 5 AZR 855/09 - Rn. 20 mwN, ZTR 2011, 694).
b) Mit der Be­zug­nah­me­klau­sel in den Ar­beits­verträgen der Par­tei­en wur­den die AVR wortwört­lich und aus­drück­lich in Be­zug ge­nom­men. Es gibt kei­nen An­halts­punkt für ei­nen da­von ab­wei­chen­den Re­ge­lungs­zweck oder ei­ne ab­wei­chen­de und für die je­weils an­de­re Sei­te er­kenn­ba­re In­ter­es­sen­la­ge der Be­tei­lig­ten. Mit dem Be­zug auf „in der je­weils gülti­gen Fas­sung“ ist ein­deu­tig nach dem Wort­laut ei­ne zeit­li­che Dy­na­mik kon­sti­tu­tiv ver­ein­bart wor­den, eben­falls oh­ne ge­gen­tei­li­ge An­halts­punk­te.
2. Wie die Vor­in­stan­zen zu­tref­fend er­kannt ha­ben, ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ei­ne „Ablösung“ der AVR in den Ar­beits­verhält­nis­sen der Par­tei­en nicht er­folgt.
a) Ei­ne sol­che „Ablösung“ ist be­reits des­halb nicht er­folgt, weil ein (Haus-)Ta­rif­ver­trag ei­ne ein­zel­ver­trag­li­che, kon­sti­tu­ti­ve In­be­zug­nah­me nicht ablösen kann.
aa) Den Ar­beits­ver­trags­par­tei­en steht es nach dem Grund­satz der Ver­trags­frei­heit grundsätz­lich frei, ei­ne Ver­ein­ba­rung zur In­be­zug­nah­me ei­nes an­de­ren Re­ge­lungs­werks zu schließen. Die in Be­zug ge­nom­me­nen Re­ge­lun­gen, sei­en sie ta­rif­li­cher Art oder auch an­de­rer Na­tur, gehören dann zum ver­trag­lich ver­ein­bar­ten In­halt des Ar­beits­ver­tra­ges und sind als sol­cher nur durch die Ar­beits­ver­trags­par­tei­en selbst abänder­bar (vgl. im Er­geb­nis auch BAG 19. Mai 2010 - 4 AZR 796/08 - Rn. 20 mwN, BA­GE 134, 283). Auch ein Ta­rif­ver­trag kann die Möglich­keit, güns­ti­ge­re Ar­beits­be­din­gun­gen ein­zel­ver­trag­lich zu ver­ein­ba­ren, nicht - auch nicht für ta­rif­ge­bun­de­ne Ar­beits­verhält­nis­se - ein­schränken (BAG 23. März 2011 - 4 AZR 366/09 - Rn. 41, EzA GG Art. 9 Nr. 104).
bb) Da­nach kann die ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me der AVR nur durch die Par­tei­en des Ar­beits­ver­tra­ges be­en­det wer­den, was hier nicht er­folgt ist. We­der der TV Um­set­zung HELIOS - Nach­trag 1/SE­KO noch ein an­de­rer Ta­rif­ver­trag kann die zum In­halt der Ar­beits­verträge der Par­tei­en gehören­de In­be­zug­nah­me abändern oder ablösen. So­weit die Be­klag­te dem­ge­genüber ver­tritt, die AVR sei­en nicht als in­di­vi­du­al­recht­li­che Re­ge­lun­gen, son­dern als
kol­lek­tiv­recht­li­che Re­ge­lun­gen rang­gleich mit Ta­rif­verträgen zu ver­ste­hen mit der Fol­ge, dass die späte­re Norm die be­ste­hen­de ablöse, ver­kennt sie die ein­zel­ver­trag­li­che Na­tur der In­be­zug­nah­me.
cc) Aus dem von der Be­klag­ten an­geführ­ten Ur­teil des Se­nats vom 10. De­zem­ber 2008 (- 4 AZR 845/07 - Rn. 15; s. ua. auch - 4 AZR 801/07 - Rn. 14, BA­GE 129, 1) er­gibt sich nichts an­de­res. Es geht in die­sem Ur­teil „le­dig­lich“ um die Be­stim­mung der zu­tref­fen­den Aus­le­gungs­re­geln bei Ar­beits­verträgen, die die AVR dy­na­misch in Be­zug neh­men. Dar­aus lässt sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten nicht „kon­se­quent“ ab­lei­ten, in wel­chem „Rang­verhält­nis“ ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Be­zug­nah­me auf die AVR zu ei­nem Ta­rif­ver­trag steht.
b) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist auch nach dem Wort­laut der Be­zug­nah­me­klau­sel oder nach an­der­wei­ti­gen Umständen kein übe­rein­stim­men­der Re­ge­lungs­wil­le der Par­tei­en bei Ver­trags­ab­schluss da­hin­ge­hend er­kenn­bar, dass die Haus­ta­rif­verträge den AVR als „gleich­zu­set­zen­de“ Rechts-nor­men nach­fol­gen soll­ten und des­halb nun­mehr von der Be­zug­nah­me­klau­sel er­fasst sind.
3. Darüber hin­aus konn­te der TV Um­set­zung HELIOS - Nach­trag 1/SE­KO bei der Be­klag­ten schon des­halb nicht die AVR „ablösen“, weil sie nicht nach § 3 Abs. 1 TVG an ihn ge­bun­den ist. Die Be­klag­te ist we­der Par­tei die­ses Ta­rif­ver­tra­ges noch ist sie bei des­sen Ab­schluss wirk­sam ver­tre­ten wor­den. Des­halb kommt es auf ei­ne grundsätz­lich an­ste­hen­de Klärung der Ansprüche nach dem Güns­tig­keits­prin­zip des § 4 Abs. 3 TVG vor­lie­gend nicht an.
a) Auf das Zu­stan­de­kom­men ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges fin­den die Vor­schrif­ten des Bürger­li­chen Ge­setz­bu­ches über den Ab­schluss von Verträgen An­wen­dung. Ei­ne wirk­sa­me Ver­tre­tung setzt nach § 164 Abs. 1 BGB vor­aus, dass der Ver­tre­ter - ne­ben der Be­vollmäch­ti­gung zur Ab­ga­be der Wil­lens­erklärung - er­kenn­bar im Na­men des Ver­tre­te­nen ge­han­delt hat (s. nur BAG 7. Ju­li 2010 - 4 AZR 120/09 - Rn. 20, AP TVG § 1 Be­zug­nah­me auf Ta­rif­ver­trag Nr. 77 = EzA TVG § 3 Be­zug­nah­me auf Ta­rif­ver­trag Nr. 49; 18. No­vem­ber 2009 - 4 AZR
491/08 - Rn. 15, BA­GE 132, 268; 29. Ju­ni 2004 - 1 AZR 143/03 - zu III 2 a der Gründe mwN, AP TVG § 1 Nr. 36 = EzA TVG § 1 Nr. 46).
Nach § 2 Abs. 1 TVG sind auf Ar­beit­ge­ber­sei­te ein­zel­ne Ar­beit­ge­ber so­wie Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern Ta­rif­ver­trags­par­tei­en. An­hand der Ver­trags­ur­kun­de muss hin­rei­chend er­kenn­bar sein, wer im Ein­zel­nen den Ta­rif­ver­trag ab­ge­schlos­sen hat. Im Fal­le ei­ner rechts­geschäft­li­chen Ver­tre­tung ei­nes abhängi­gen Un­ter­neh­mens durch das herr­schen­de in­ner­halb ei­nes Kon­zerns beim Ab­schluss ei­nes Ta­rif­ver­tra­ges be­darf es - ne­ben der kon­kre­ten Be­stim­mung oder Be­stimm­bar­keit der oder des abhängi­gen Un­ter­neh­men/s für die/das der Ta­rif­ver­trag ge­schlos­sen wer­den soll - über die bloße Kon­zern­zu­gehörig­keit hin­aus wei­te­rer An­halts­punk­te, aus de­nen mit für ei­nen Ta­rif­ver­trag hin­rei­chen­der Be­stimmt­heit und Er­kenn­bar­keit der Wil­le her­vor­geht, für ein oder meh­re­re abhängi­ge Un­ter­neh­men zu han­deln (BAG 7. Ju­li 2010 - 4 AZR 120/09 - Rn. 22 mwN, AP TVG § 1 Be­zug­nah­me auf Ta­rif­ver­trag Nr. 77 = EzA TVG § 3 Be­zug­nah­me auf Ta­rif­ver­trag Nr. 49; 18. No­vem­ber 2009 - 4 AZR 491/08 - Rn. 17, BA­GE 132, 268).
b) Da­nach sind vor­lie­gend kei­ne aus­rei­chen­den An­halts­punk­te er­sicht­lich, dass der TV Um­set­zung HELIOS - Nach­trag 1/SE­KO von H als Kon­zern­mut­ter und Ge­sell­schaf­te­rin der Be­klag­ten nicht nur auf die Be­klag­te „für“ den Kran­ken­haus­be­trieb der Be­klag­ten „er­streckt“ wird - so Abs. 3 der Präam­bel -, son­dern auch im Na­men der Be­klag­ten ge­schlos­sen wur­de. So hat die Be­klag­te we­der ei­ne Mit­un­ter­schrift ge­leis­tet noch geht an­der­wei­tig deut­lich aus dem Ta­rif­ver­trag her­vor - bei­spiels­wei­se durch die Wor­te „han­delnd für“ -, dass die­ser in ord­nungs­gemäßer Ver­tre­tung für sie ab­ge­schlos­sen wor­den ist. In § 1 TV Um­set­zung HELIOS - Nach­trag 1/SE­KO wird le­dig­lich hin­sicht­lich des An­wen­dungs­be­reichs auf­geführt, dass die Re­ge­lun­gen die­ses Ta­rif­ver­tra­ges für die Beschäftig­ten des Kran­ken­haus­be­trie­bes der Be­klag­ten gel­ten sol­len. Ei­ne sol­che An­ga­be des An­wen­dungs­be­reichs al­lein reicht je­doch nicht aus. Denn da­durch wird nicht er­kenn­bar, dass der Ta­rif­ver­trag in rechts­geschäft­li­cher Ver­tre­tung für die Be­klag­te ge­schlos­sen wer­den soll. Ein Un­ter­neh­men wird nicht al­lein da­durch zur Par­tei ei­nes nicht von ihm ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver-
tra­ges, weil sei­ne Beschäftig­ten in des­sen Gel­tungs­be­reich ein­be­zo­gen wer­den (vgl. BAG 17. Ok­to­ber 2007 - 4 AZR 1005/06 - Rn. 28, 30, BA­GE 124, 240; 12. De­zem­ber 2007 - 4 AZR 1058/06 - Rn. 17, 19).
4. Die Ein­zel­ansprüche sind vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­tref­fend be­gründet und klar­ge­stellt wor­den, wo­ge­gen die Re­vi­si­on sich auch nicht ge­rich­tet hat.
III. Die Be­klag­te hat die Kos­ten ih­rer er­folg­lo­sen Re­vi­si­on nach § 97 ZPO zu tra­gen.
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