Source: https://notizen.duslaw.de/category/sitzverlegung/
Timestamp: 2018-03-17 22:16:52
Document Index: 62965

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 49', 'Art. 49', 'EuG', '§ 190', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Sitzverlegung - Unternehmensrechtliche Notizen
Kategorie: Sitzverlegung
Die Ant­wor­ten sol­len dazu die­nen, die Not­wen­dig­keit einer neuen Rechts­vor­schrift zu beur­tei­len und ihre mög­li­chen Aus­wir­kun­gen zu ermit­teln. Auch will die Kom­mis­sion ​„detail­lierte Infor­ma­tio­nen zu den Kos­ten erhal­ten, die Unter­neh­men der­zeit für die Ver­le­gung ihrer Fir­men­sitze in andere Län­der tra­gen müs­sen.”
Der Fra­ge­bo­gen ist zum Teil kurios. Er fragt im Stil eines Quiz ab: ​„Wie viele Unter­neh­men haben ihren Fir­men­sitz wäh­rend der letz­ten 3 Jahre aus Ihrem Land in einen ande­ren EU-Mit­glieds­staat ver­legt?” Dann darf man ankreu­zen, ob weni­ger als 50, drei Zwi­schen­stu­fen und mehr als 50 000. Immer­hin gibt auch die Option ​„Ich weiß es nicht”. Noch welt­frem­der ist die Frage: ​„Wie viele Unternehmen/​Organisationen wür­den Ihren Infor­ma­tio­nen nach ihren Sitz ver­le­gen, wenn es eine spe­zi­elle EU-Rege­lung zur direk­ten grenz­über­schrei­ten­den Ver­le­gung von Fir­men­sit­zen gäbe?”. Es ist rät­sel­haft, wel­che Erkennt­nisse mit die­sen Fra­gen zu hypo­the­ti­schen Ver­läu­fen gewon­nen wer­den sol­len. Und es geht gerade so wei­ter: ​„Was würde ein durch­schnitt­li­ches Unter­neh­men spa­ren, wenn es eine spe­zi­elle EU-Rege­lung zur direk­ten grenz­über­schrei­ten­den Ver­le­gung von Fir­men­sit­zen gäbe?” Ich weiß es nicht (Ant­wort­op­tion), oder sind es (eine von vier wei­te­ren Optio­nen) ​„zwi­schen 10 000 und 50 000 Euro”? Hier ist der Belie­big­keit Tür und Tor geöff­net. Die eigent­lich inter­es­san­ten Gestal­tun­gen wer­den zum Schluss abge­fragt: ​„Sollte bei einer grenz­über­schrei­ten­den Ver­le­gung von Fir­men­sit­zen die Ver­le­gung der Fir­men­zen­trale (Haupt­ver­wal­tung) obli­ga­to­risch sein?”
Europäisches Gesellschaftsrecht Sitzverlegung
Eine in Rom gegrün­dete ita­lie­ni­sche Kapi­tal­ge­sell­schaft (VALE Cos­tru­zioni Srl) hatte ihren Sitz und ihre Tätig­keit nach Ungarn ver­legt; im römi­schen Han­dels­re­gis­ter wurde sie antrags­ge­mäß gelöscht mit dem Ver­merk ​„Die Gesell­schaft hat ihren Sitz nach Ungarn ver­legt”. Dort wollte sie als unga­ri­sche Kapi­tal­ge­sell­schaft (VALE Építési kft) in das unga­ri­sche Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen wer­den. Die Gesell­schaft war nach den Rechts­vor­schrif­ten Ungarns offen­bar ord­nungs­ge­mäß gegrün­det wor­den (selt­sa­mer­weise erst 9 Monate nach der Löschung). Der Streit, der schließ­lich den EuGH erreichte, dreht sich nur noch darum, ob ein­ge­tra­gen wer­den kann, dass die VALE Cos­tru­zioni die Rechts­vor­gän­ge­rin der VALE Építési ist. Da ein sol­cher Ein­trag bei inne­runga­ri­schen Umwand­lun­gen vor­ge­se­hen ist, muss dies nach der Erkennt­nis des EuGH auch bei grenz­über­schrei­ten­den Umwand­lun­gen mög­lich sein. (Auf die Frage, was eigent­lich die Eigen­schaft als Rechts­vor­gän­ger aus­macht, geht der EuGH nicht ein).
Der Gerichts­hof befin­det, die Art. 49 AEUV und 54 AEUV (Nie­der­las­sungs­frei­heit) stün­den einer natio­na­len Rege­lung ent­ge­gen, die zwar für inlän­di­sche Gesell­schaf­ten die Mög­lich­keit einer Umwand­lung vor­sieht, aber die Umwand­lung einer dem Recht eines ande­ren Mit­glied­staats unter­lie­gen­den Gesell­schaft in eine inlän­di­sche Gesell­schaft mit­tels Grün­dung der letzt­ge­nann­ten Gesell­schaft gene­rell nicht zulässt. Die Art. 49 AEUV und 54 AEUV seien im Kon­text einer grenz­über­schrei­ten­den Umwand­lung einer Gesell­schaft dahin aus­zu­le­gen, dass der Auf­nah­me­mit­glied­staat befugt ist, das für einen sol­chen Vor­gang maß­ge­bende inner­staat­li­che Recht fest­zu­le­gen und somit die Bestim­mun­gen sei­nes natio­na­len Rechts über inner­staat­li­che Umwand­lun­gen anzu­wen­den, die – wie die Anfor­de­run­gen an die Erstel­lung einer Bilanz und eines Ver­mö­gens­ver­zeich­nis­ses – die Grün­dung und die Funk­ti­ons­weise einer Gesell­schaft regeln. Der Äqui­va­lenz­grund­satz und der Effek­ti­vi­täts­grund­satz ver­weh­ren es jedoch dem Auf­nah­me­mit­glied­staat, bei grenz­über­schrei­ten­den Umwand­lun­gen die Ein­tra­gung der die Umwand­lung bean­tra­gen­den Gesell­schaft als ​„Rechts­vor­gän­ge­rin” zu ver­wei­gern, wenn eine sol­che Ein­tra­gung der Vor­gän­ger­ge­sell­schaft im Han­dels­re­gis­ter bei inner­staat­li­chen Umwand­lun­gen vor­ge­se­hen ist, und sich zu wei­gern, den von den Behör­den des Her­kunfts­mit­glied­staats aus­ge­stell­ten Doku­men­ten im Ver­fah­ren zur Ein­tra­gung der Gesell­schaft gebüh­rend Rech­nung zu tra­gen.
Zurück­ge­wie­sen hat der EuGH die (im Ver­fah­ren auch von Deutsch­land ver­tre­tene) Auf­fas­sung, dass eine grenz­über­schrei­ten­den Umwand­lung nicht zur Nie­der­las­sungs­frei­heit gehöre, da sie im Gegen­satz zu der grenz­über­schrei­ten­den Ver­schmel­zung (Urteil SEVIC Sys­tems) zur Grün­dung einer Gesell­schaft im Auf­nah­me­mit­glied­staat führe.
Her­vor­zu­he­ben ist die Aus­sage (Rn. 34), dass vor­aus­ge­setzt wird die ​„tat­säch­li­che Ansied­lung der betref­fen­den Gesell­schaft und die Aus­übung einer wirk­li­chen wirt­schaft­li­chen Tätig­keit in die­sem Staat”. Es würde also nicht genü­gen, wenn aus dem Mit­glieds­staat A auf eine Gesell­schaft des Mit­glieds­staa­tes B durch Regis­ter­sitz­ver­le­gung etc. gewech­selt wird, aber in B keine Tätig­keit (etwa durch eine Zweig­nie­der­las­sung) aus­ge­übt wird; die gleich­zei­tige Ver­le­gung des Ver­wal­tungs­sit­zes (Haupt­nie­der­las­sung) ist uni­ons­recht­lich wohl nicht erfor­der­lich.
Der Fall des OLG Nürn­berg (Beschluss vom 13.2.2012 — 12 W 2361/11) wäre nicht anders als gesche­hen zu ent­schei­den gewe­sen. Eine Kapi­tal­ge­sell­schaft luxem­bur­gi­schen Rechts wollte nach Sitz­ver­le­gung als deut­sche GmbH in das Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gen wer­den. Aber sie hat nicht die vom hie­si­gen Umwand­lungs­recht ver­lang­ten Anfor­de­run­gen der §§ 190 UmwG erfüllt (der OLG-Senat ver­weist auf die für eine – hier nicht vor­lie­gende — grenz­über­schrei­tende Ver­schmel­zung gel­ten­den Vor­schrif­ten). Die Befol­gung die­ser für inner­staat­li­che Form­wech­sel gel­ten­den Pflich­ten ist auch für den grenz­über­schrei­ten­den Form­wech­sel zu for­dern (so aus­drück­lich der EuGH Rn. 62). Nur dann, wenn diese Anfor­de­run­gen dem Effek­ti­vi­täts­grund­satz wider­strei­ten, ist inso­weit davon abzu­se­hen. Mit die­sem Grund­satz ver­langt der EuGH, dass die Aus­übung der durch die Uni­ons­rechts­ord­nung ver­lie­he­nen Rechte nicht prak­tisch unmög­lich gemacht oder über­mä­ßig erschwert wer­den darf (Rn. 48). Eine sol­che über­mä­ßige Erschwe­rung liegt bei den Form­wech­sel­vor­schrif­ten des UmwG gewiss nicht vor.
Hin­zu­wei­sen ist dar­auf, dass der VALE-Fall eine Hin­ein-Umwand­lung betrifft (von Ita­lien nach Ungarn). Für eine Her­aus-Umwand­lung (z.B. von Deutsch­land nach Ita­lien) kommt es dar­auf an, ob das natio­nale Gesell­schafts-/Um­wand­lungs­recht eine Löschung der Kapi­tal­ge­sell­schaft ohne Abwick­lung vor­sieht, was hier­zu­lande nicht der Fall ist bzw. nur dann, wenn in eine inlän­di­sche Rechts­form gewan­delt wird.
Europäisches Gesellschaftsrecht Sitzverlegung Umwandlung
Arbeitskreis Europäisches Unternehmensrecht präsentiert Thesen zur Sitzverlegungsrichtlinie
26. Januar 2011 Ulrich Noack Kommentar hinterlassen
Der Arbeits­kreis Euro­päi­sches Unter­neh­mens­recht hat The­sen zum Erlass einer euro­päi­schen Sicht­ver­le­gungs­richt­li­nie vor­ge­legt. Diese (in der EU in hin­hal­ten­der Vor­be­rei­tung befind­li­che) Richt­li­nie wird als not­wen­dig ange­se­hen, um ein­heit­li­che Wett­be­werbs­be­din­gun­gen im Bin­nen­markt zu schaf­fen. Dazu müsse eine Richt­li­nie die Schutz­in­ter­es­sen bestim­men und rechts­si­cher fest­le­gen, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Gesell­schaft der Form­wech­sel in eine andere Rechts­ord­nung zu gestat­ten ist. Die aktu­elle Rechts­lage sei für die betrof­fe­nen Unter­neh­men höchst unüber­sicht­lich, da jeder Mit­glied­staat selbst ent­schei­det, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen er den grenz­über­schrei­ten­den Form­wech­sel zulässt. Im Ergeb­nis habe die Sitz­ver­le­gung weder zur Auf­lö­sung der Gesell­schaft noch zur Grün­dung einer neuen juris­ti­schen Per­son, son­dern ledig­lich zu einem Wech­sel des anwend­ba­ren Gesell­schafts­rechts zu füh­ren. Die Richt­li­nie soll für Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten gel­ten. Das Ver­fah­ren sei an der grenz­über­schrei­ten­den Ver­schmel­zung zu ori­en­tie­ren.
Zur Mit­be­stim­mung heißt es u.a.: ​„Die Mit­be­stim­mungs­re­ge­lung sollte bestehende Mit­be­stim­mungs­rechte durch Ver­wirk­li­chung des Vor­her-Nach­her-Prin­zips sichern, zugleich aber die Modi­fi­ka­tio­nen des neuen Gesell­schafts­sta­tuts des Auf­nah­me­staats auf das erfor­der­li­che Min­dest­maß beschrän­ken. Dabei ist im Grund­satz von der Maß­geb­lich­keit des neuen Gesell­schafts­sta­tuts auch für die Mit­be­stim­mung aus­zu­ge­hen. Aus­nah­men sind aber dann not­wen­dig, wenn der Wech­sel des Mit­be­stim­mungs­rechts zu einer Mit­be­stim­mungs­min­de­rung füh­ren würde. Inso­weit ist im Grund­satz an der Richt­li­nie über die grenz­über­schrei­tende Ver­schmel­zung mit ihrem Zwei­klang aus Ver­hand­lungs­lö­sung und Auf­fang­lö­sung Maß zu neh­men. Wie bei der grenz­über­schrei­ten­den Ver­schmel­zung sollte die Unter­neh­mens­lei­tung das Recht haben, ein­sei­tig auf die Ein­lei­tung des Ver­hand­lungs­ver­fah­rens zu ver­zich­ten und statt­des­sen unmit­tel­bar die Auf­fang­lö­sung zur Anwen­dung zu brin­gen.”
Schweizerische Aktiengesellschaft: es gilt die Sitztheorie!
31. Oktober 2008 Ulrich Noack Ein Kommentar
Vor 2 Jah­ren lau­tete hier die Über­schrift anders: es gilt die Grün­dungs­theo­rie! Deren Gül­tig­keit für eine schwei­ze­ri­sche AG hatte das Beru­fungs­ge­richt (OLG Hamm) ange­nom­men, das letzte Wort in die­ser Sache jedoch hat der BGH. Und die­ser ent­schei­det wie in der aktu­el­len Über­schrift ver­merkt (Urteil v. 27. Okto­ber 2008 — II ZR 158/06, zunächst nur Pres­se­mit­tei­lung ver­füg­bar).
„Der Senat ist den Erwä­gun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht gefolgt und hat es abge­lehnt, die sog. ​„Grün­dungs­theo­rie” zuguns­ten der Klä­ge­rin anzu­wen­den. Er hat viel­mehr im Anschluss an seine bis­he­rige Recht­spre­chung die Klä­ge­rin als schwei­ze­ri­sche Akti­en­ge­sell­schaft wegen des – unter­stell­ten – Ver­wal­tungs­sit­zes in Deutsch­land als auf­ge­löst ange­se­hen, sie aber als eine in Deutsch­land kla­ge­be­fugte Per­so­nen­ge­sell­schaft behan­delt. Er hat es abge­lehnt, die Schweiz — wie das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in der Vor­in­stanz — wegen deren dem Recht der EU weit­ge­hend ange­gli­che­nen Rechts in Bezug auf die Nie­der­las­sungs­frei­heit wie einen EU-Staat zu behan­deln; dass die Schweiz als ein­zi­ger Mit­glied­staat der EFTA das Abkom­men über den EWR nicht unter­zeich­net habe, aus der sich die Nie­der­las­sungs­frei­heit auch für die Unter­zeich­ner­staa­ten der EFTA ergebe, müsse respek­tiert wer­den und dürfe nicht durch eine auf all­ge­meine Erwä­gun­gen gestützte Anwen­dung die­ser Regeln unter­lau­fen wer­den. Der For­de­rung, die für Gesell­schaf­ten aus Staa­ten außer­halb der EU und des EWR gel­tende ​„Sitz­theo­rie” grund­sätz­lich zu ver­wer­fen und alle aus­län­di­schen Gesell­schaf­ten mit Ver­wal­tungs­sitz in Deutsch­land in ihrer jewei­li­gen Rechts­form anzu­er­ken­nen, hat der Senat nicht ent­spro­chen. Er hat es aus­drück­lich abge­lehnt, inso­weit dem Gesetz­ge­ber vor­zu­grei­fen, der zwar einen Refe­ren­ten­ent­wurf zum inter­na­tio­na­len Pri­vat­recht der Gesell­schaf­ten vor­ge­legt hat, mit dem die ​„Sitz­theo­rie” abge­schafft wer­den soll, gegen den sich aber beträcht­li­cher poli­ti­scher Wider­stand gebil­det hat, so dass die Ver­wirk­li­chung des Vor­ha­bens offen ist.”
Internationales Gesellschaftsrecht Sitzverlegung
Verlegung des Verwaltungssitzes gehört zur Niederlassungsfreiheit („Cartesio“)
23. Mai 2008 Ulrich Noack Ein Kommentar
In der Rechts­sa­che ​„Car­te­sio” hat der Gene­ral­an­walt sei­nen Schluss­an­trag gestellt.
Der Fall: Car­te­sio ist eine in Ungarn regis­trierte Kom­man­dit­ge­sell­schaft. Im Novem­ber 2005 bean­tragte sie beim Han­dels­re­gis­ter­ge­richt, die Ver­le­gung ihres ope­ra­ti­ven Geschäfts­sit­zes von Ungarn nach Ita­lien im Han­dels­re­gis­ter ein­zu­tra­gen. Car­te­sio wollte trotz­dem wei­ter­hin als eine in Ungarn errich­tete Gesell­schaft dem unga­ri­schen Gesell­schafts­recht unter­lie­gen. Das Han­dels­re­gis­ter­ge­richt wies die­sen Antrag mit der Begrün­dung zurück, dass das unga­ri­sche Recht unga­ri­schen Gesell­schaf­ten nicht erlaube, ihren ope­ra­ti­ven Geschäfts­sitz in einen ande­ren Mit­glied­staat zu ver­le­gen. Car­te­sio müsse zunächst in Ungarn auf­ge­löst und anschlie­ßend nach ita­lie­ni­schem Recht neu gegrün­det wer­den.
Der Gene­ral­an­walt: Die Bestim­mun­gen des EG-Ver­trags zur Nie­der­las­sungs­frei­heit sind auf die vor­lie­gende Rechts­sa­che ein­deu­tig anwend­bar. Aus sei­ner Sicht behan­deln die in Rede ste­hen­den unga­ri­schen Vor­schrif­ten grenz­über­schrei­tende Sach­ver­halte ungüns­ti­ger als rein natio­nale Sach­ver­halte, da sie die Ver­le­gung des ope­ra­ti­ven Geschäfts­sit­zes einer Gesell­schaft nur inner­halb Ungarns erlau­ben. Der Gene­ral­an­walt sieht es daher als eine Beschrän­kung der Nie­der­las­sungs­frei­heit an, wenn einer Gesell­schaft die Ver­le­gung ihres ope­ra­ti­ven Geschäfts­sit­zes von einem Mit­glied­staat in einen ande­ren ver­wehrt wird. Eine sol­che Beschrän­kung könnte aller­dings aus Grün­den des all­ge­mei­nen öffent­li­chen Inter­es­ses, wie z. B. zum Schutz vor Miss­brauch oder betrü­ge­ri­schem Ver­hal­ten oder zum Schutz der Inter­es­sen von z. B. Gläu­bi­gern, Min­der­heits­ge­sell­schaf­tern, Arbeit­neh­mern oder Finanz­be­hör­den, gerecht­fer­tigt sein.
Nach­dem der EuGH den Zuzug der Nie­der­las­sungs­frei­heit unter­stellt hat (Cen­tros etc.), zeich­net sich erwar­tungs­ge­mäß ab, dass auch der Weg­zug danach zu beur­tei­len ist. Frei­lich muss sich der EuGH noch mit sei­ner Daily-Mail-Ent­schei­dung aus­ein­an­der set­zen. Im Jahr 1988 wurde fest­ge­stellt, der (dama­lige) EWG-Ver­trag gewähre ​„beim der­zei­ti­gen Stand des Gemein­schafts­rechts einer Gesell­schaft, die nach dem Recht eines Mit­glied­staats gegrün­det ist und in die­sem ihren sat­zungs­mä­ßi­gen Sitz hat, nicht das Recht, den Sitz ihrer Geschäfts­lei­tung in einen ande­ren Mit­glied­staat zu ver­le­gen”.
Gesetzliche Einführung der Gründungstheorie geplant
7. Januar 2008 Ulrich Noack 3 Kommentare
Das BMJ hat einen Refe­ren­ten­ent­wurf zum Inter­na­tio­na­len Gesell­schafts­recht fer­tig­ge­stellt. Im EGBGB wird danach die Gel­tung der ​„Grün­dungs­theo­rie” gene­rell vor­ge­se­hen.
In einer Pres­se­mit­tei­lung schreibt das BMJ: ​„Die vor­ge­se­he­nen Rege­lun­gen erstre­cken die Anwend­bar­keit des Grün­dungs­rechts auch auf Gesell­schaf­ten, Ver­eine und juris­ti­sche Per­so­nen, die nicht der Euro­päi­schen Union oder dem Euro­päi­schen Wirt­schaft­raum ange­hö­ren. Dies erleich­tert wei­ter die Rechts­an­wen­dung und ver­mei­det eine nicht gerecht­fer­tigte Ungleich­be­hand­lung von Gesell­schaf­ten aus ver­schie­de­nen Staa­ten.
Wesent­li­che Eck­punkte des Ent­wurfs:
Gesell­schaf­ten, Ver­eine und juris­ti­sche Per­so­nen unter­lie­gen dem Recht des Staa­tes, in dem sie in ein öffent­li­ches Regis­ter ein­ge­tra­gen sind (Gesell­schafts­sta­tut). Bei­spiel: Auf eine in Groß­bri­tan­nien im Han­dels­re­gis­ter ein­ge­tra­gene Pri­vate Limi­ted Com­pany kommt eng­li­sches Recht zur Anwen­dung, auch wenn die Gesell­schaft ihre Tätig­keit aus­schließ­lich in einer Nie­der­las­sung in Deutsch­land aus­übt.
Das Gesell­schafts­sta­tut gilt ins­be­son­dere für Fra­gen der inne­ren Ver­fas­sung der Gesell­schaft und ihres Auf­tre­tens im Rechts­ver­kehr sowie für die Haf­tung der Gesell­schaft und ihrer Mit­glie­der.
Das Ver­fah­ren der Umwand­lung einer Gesell­schaft, eines Ver­eins oder einer juris­ti­schen Per­son, das vor allem bei Unter­neh­mens­zu­sam­men­schlüs­sen zum Tra­gen kommt, rich­tet sich künf­tig nach dem Recht des Grün­dungs­staa­tes.
Die Gesell­schaft kann unter Wah­rung ihrer Iden­ti­tät dem Recht eines ande­ren Staa­tes unter­stellt wer­den, wenn die betrof­fe­nen Rechts­ord­nun­gen dies zulas­sen (grenz­über­schrei­ten­der Rechts­form­wech­sel). Bei­spiel: Eine deut­sche GmbH kann unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ihren Sitz nach Frank­reich ver­le­gen, indem sie sich als ​„Société à responsa­bi­lité limitée” (S.A.R.L.) in das fran­zö­si­sche Regis­ter ein­tra­gen und im deut­schen Han­dels­re­gis­ter löschen lässt.”
Internationales Gesellschaftsrecht Sitzverlegung Zivilrecht
EU: Richtlinie über Sitzverlegung gestoppt
2. Januar 2008 Ulrich Noack 2 Kommentare
Die Gene­ral­di­rek­tion Bin­nen­markt und Dienst­leis­tun­gen hat die Arbei­ten an die­sem Thema ein­ge­stellt, denn Kom­mis­sar McCreevy beschloss, dass kein Bedarf für ein Tätig­wer­den auf EU-Ebene in die­sem Bereich bestehe.
Worum ging es? Um nicht weni­ger als die seit län­ge­rem vor­be­rei­tete 14. Gesell­schafts­rechts­richt­li­nie über die grenz­über­schrei­tende Ver­le­gung des Sat­zungs­sit­zes von Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten. Eine im Dezem­ber vor­ge­legte offi­zi­elle ​„Fol­gen­ab­schät­zung” kommt zu dem Ergeb­nis: erst mal abwar­ten.
„Since the prac­tical effect of the exis­ting legis­la­tion on cross-bor­der mobi­lity (i.e. the cross-bor­der mer­ger direc­tive) is not yet known and that the issue of the trans­fer of the regis­te­red office might be cla­ri­fied by the Court of Jus­tice in the near future, the assess­ment con­clu­des that it might be more appro­priate to wait until the impacts of those deve­lop­ments can be fully asses­sed and the need and scope for any EU action bet­ter defi­ned.”
Mit dem Hin­weis auf den EuGH ist der Car­te­sio-Fall gemeint, der hier sehr schön beschrie­ben wird.