Source: https://www.goebels-anwaelte.de/aktuelles/arbeitsrecht/
Timestamp: 2019-07-21 21:22:18
Document Index: 9999211

Matched Legal Cases: ['§ 95', '§ 178', '§ 102', '§ 102', '§ 14', '§ 288', '§ 288', '§ 12', '§ 3', '§ 14', '§ 14', '§ 5', '§ 1']

Arbeitsrecht / GOEBELS Rechtsanwälte Krefeld
Kündigung – Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung
(BAG, Urteil vom 13. Dezember 2018 – Az. 2 AZR 378/18)
Die wirksame Kündigung eines schwerbehinderten Arbeitnehmers erfordert die Anhörung der Schwerbehindertenvertretung gem. § 95 Abs. 2 Satz 3 SGB IX in der vom 30. Dezember 2016 bis zum 31. Dezember 2017 geltenden Fassung (seit dem 1. Januar 2018: § 178 Abs. 2 Satz 3 SGB IX).
Auch wenn das Gesetz insoweit verlangt, dass die Schwerbehindertenvertretung „unverzüglich“ angerufen wird, bedeute dies nach dem BAG nicht notwendig, dass dies vor Einholung der Genehmigung des Integrationsamtes zu geschehen hat. Vielmehr gälten die Grundsätze, die auch für die Anhörung des Betriebsrats gemäß § 102 BetrVG gelten.
Das heißt, die Schwerbehindertenvertretung muss im Rahmen der Anhörung genauso informiert werden wie der Betriebsrat. Dies kann vor oder nach der Zustimmung des Integrationsamtes geschehen. Die Reihenfolge ist dem Arbeitgeber überlassen. Wie der Betriebsrat hat die Schwerbehindertenvertretung sieben Tage Zeit zu einer Stellungnahme im Falle einer ordentlichen, drei Tage bei einer außerordentlichen fristlosen Kündigung, § 102 Abs.2 BetrVG.
(BAG, Urteil vom 23. Januar 2019 – Az. 7 AZR 733/16)
Gemäß § 14 Abs.2 S.2 Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) ist eine sachgrundlose Befristung eines Arbeitsverhältnisses nicht zulässig, wenn zwischen den Parteien bereits vorher ein Arbeitsverhältnis bestanden hatte.
Ausnahmen können nur in solchen Fällen gelten, in denen ein Befristungsverbot unzumutbar erscheint. Beispielsweise könne eine Befristung ausnahmsweise vorgenommen werden, wenn die Vorbeschäftigung ganz anders geartet, nur von sehr kurzer Dauer war oder sehr lange zurücklag. Ein zeitlicher Abstand von acht Jahren wurde im aktuellen Fall als nicht sehr lange zurückliegend angesehen.
Damit gibt das BAG ausdrücklich seine Rechtsprechung auf, die eine zeitliche Grenze bei einer drei Jahre zurückliegenden Vorbeschäftigung für zulässig erachtete. Hintergrund bildet eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (Entscheidung vom 6. Juni 2018 – Az. 1 BvL 7/14/ 1 BvR 1375/14) , wonach Regelfall der Beschäftigung eine unbefristete Tätigkeit sein müsse und demgemäß auch eine zeitliche Grenze im TzBfG nicht angelegt sei.
Keine 40 EUR Verzugspauschale gem. § 288 Abs. 5 S. 1 BGB
(BAG, Urteil vom 25. September 2018 – Az. 8 AZR 26/18)
Die von den Landesarbeitsgerichten bisher unterschiedlich gelöste Frage, ob auch einem Arbeitnehmer die vor wenigen Jahren eingeführte Verzugspauschale gem. § 288 Abs. 5 S. 1 BGB zusteht, wenn sich der Arbeitgeber mit der Zahlung von Arbeitsentgelt in Verzug befindet, wurde nun durch das BAG – verneinend – geklärt. Es bleibt danach im Arbeitsrecht bei der spezialgesetzlichen Regelung des § 12 a ArbGG, wonach Kostenerstattung durch die Gegenseite ausgeschlossen ist. Dies gilt nach dem BAG nicht nur für den prozessualen Kostenerstattungsanspruch, sondern auch für entsprechende materiell-rechtliche Kostenerstattungsansprüche.
Ausschlussfristen binden auch den Arbeitgeber
(BAG, Urteil vom 07.06.2018 – 8 AZR 96/17)
Dass Ausschlussfristen auch dem Arbeitgeber zum Verhängnis werden können, machte das BAG im Falle eines Autohauses deutlich. Ein Verkäufer hatte entgegen einer betrieblichen Anweisung ein Neufahrzeug gegen bloße Anzahlung „über das Wochenende“ dem Kunden herausgegeben. Dieser verließ Deutschland mit dem Fahrzeug, konnte aber zunächst festgenommen werden. Als er aus der Haft entlassen war, wurde ihm das Fahrzeug fälschlicherweise von den Behörden wieder herausgegeben. Eine Klage gegen den Kunden konnte nicht zugestellt werden, da dieser nicht mehr zu finden war. Drei Monate nach Erhebung dieser Klage machte der Arbeitgeber Ansprüche gegen den Mitarbeiter wegen Verstoßes gegen die betriebliche Anweisung geltend. Dies war nach dem BAG verspätet und ausgeschlossen. Nach der arbeitsvertraglichen Ausschlussklausel verfielen sämtliche Ansprüche, wenn sie nicht innerhalb von drei Monaten geltend gemacht wurden. Fristbeginn war insoweit nach dem BAG vor Klageerhebung gegen den Kunden.
Keine Mindestlohnunterschreitung aufgrund einer Ausschlussklausel
(BAG, Urteil vom 18. September 2018 – Az. 9 AZR 162/18)
Eine arbeitsvertragliche Ausschlussklausel, die den Mindestlohn nicht explizit ausnimmt, verstößt gegen § 3 S. 1 Mindestlohngesetz (MiLoG). Sie ist insofern missverständlich und nicht hinreichend bestimmt formuliert und hält damit einer AGB-Kontrolle nicht stand. Verwendete vertragliche Regelungen sind also genau zu prüfen, neue Arbeitsverträge differenziert zu formulieren.
Befristung von Arbeitsverhältnissen: Sonderfall Spitzenfußball
(BAG, Urteil vom 16.01.2018 – 7 AZR 312/16)
Die Besonderheiten im Spitzenfußball rechtfertigen in aller Regel eine Befristung des Arbeitsverhältnisses. Ein Sachgrund im Sinne von § 14 Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) liege im -auch wirtschaftlichen – Interesse des Arbeitgebers an sportlicher Höchstleistung innerhalb des Mannschaftsgefüges, aber auch im Interesse des Sportlers an Flexibilität auf dem Transfermarkt. Der Bereich Spitzenfußball weiche von dem Normalfall ab, dass der Arbeitsvertrag die Existenzgrundlage bis zum Rentenalter sichern soll. Es bleibt also bei dem Grundsatz, dass über zwei Jahre hinaus eine Befristung nur mit Sachgrund erfolgen kann. Das BAG erkennt die Ausnahme explizit nur für Lizenzspieler der 1. Fußball-Bundesliga an.
Betriebliche Altersversorgung: Keine Kündigung der Direktversicherung durch Arbeitgeber
(BAG, Urteil vom 26.04.2018 – 3 AZR 586/16)
Ein Arbeitnehmer hatte im Rahmen der Entgeltumwandlung zu einer betrieblichen Altersversorgung durch eine Direktversicherung beigetragen. Als er in finanzielle Schieflage geriet, wollte er das angesparte Kapital zum Ausgleich seiner Schulden verwenden. Der als Versicherungsnehmer fungierende Arbeitgeber hat seine Zustimmung zur Kündigung des Versicherungsvertrages laut BAG zu Recht verweigert. Die betriebliche Altersversorgung sei mehr als ein jederzeit kündbarer Sparvorgang. Außerdem ist zu bedenken, dass die eingezahlten Beträge nicht mit Sozialausgaben und Einkommensteuer belastet waren und anderenfalls Nachzahlungen erforderlich werden.
Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Erreichen der Aletersgrenze
(BAG, Urteil vom 25.10.2017 – 7 AZR 632/15)
Nach wie vor hält sich die irrige Meinung, ein Arbeitsverhältnis ende automatisch, also ohne Kündigung mit dem Erreichen der Regelaltersgrenze. Dessen bedarf es jedoch einer ausdrücklichen schriftlichen Regelung. Diese verstößt zwar nicht gegen das Verbot der Altersdiskriminierung, erfordert jedoch die Einhaltung der Schriftform entsprechend § 14 TzBfG. Dem ist nach Auffassung des BAG nur genügt, wenn der Arbeitsvertrag von beiden Parteien unterzeichnet und beiden die Befristungsabrede zugegangen ist. In dem vom BAG entschiedenen Fall hatte der Arbeitnehmer geltend gemacht, ihm sei der von ihm unterschriebene Arbeitsvertrag nicht ausgehändigt worden. Dies konnte der Arbeitsgeber nicht beweisen. Eine vollständige Dokumentation ist also wichtig.
Keine Abrundung von Urlaubstagen
(BAG, Urteil vom 08. Mai 2016, Az. 9 AZR 578/17)
Ohne entsprechende vertragliche Regelung darf der Arbeitgeber einen Urlaubsanspruch, der weniger als einen Halben Tag beträgt, nicht durch Abrundung „wegrechnen“. Aus § 5 Abs.2 BUrlG ergibt sich die Pflicht, auf einen vollen Tag aufzurunden, falls Urlaubsanspruch auf mindestens einen halben Tag besteht. Ein Recht zur Abrundung sei dort nicht vorgesehen. Der Arbeitgeber hat also den Bruchteil des Urlaubs zu gewähren.
(BAG, Urteil vom 11.10.2017 – Az. 5 AZR 592/16)
Auch für Bereitschaftsdienstzeiten ist gem. § 1 Abs.2 S.1 Mindestlohngesetz (MiLoG) der gesetzliche Mindestlohn zu zahlen. Das MiLoG differenziert nicht nach dem Grad der tatsächlichen Inanspruchnahme. Daher ist nicht nur die Vollarbeit vergütungspflichtig, sondern auch die Zeit, in der der Arbeitnehmer – hier ein Rettungsassistent – nicht frei über die Nutzung des Zeitraums verfügen kann, da er sich an einem vom Arbeitgeber bestimmten Ort bereithalten muss, um im Bedarfsfall die Arbeit aufzunehmen.
2019 | Goebels Rechtsanwälte