Source: http://www.zerl.uni-koeln.de/joachim-holwe/2011/rezension-handwoerterbuch-epr/
Timestamp: 2018-08-21 16:18:49
Document Index: 236923254

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EGMR', 'EuG', 'EuG', 'Art. 249', 'Art 288', '§ 1896', 'EuG', 'Art. 31', 'EuG']

Rezension zu „Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts“ | ZERL | Zeitschrift für europäische Rechtslinguistik
Ein Europäisches Privatrecht im Sinne einer voll entwickelten Rechtsordnung gibt es zurzeit (noch) nicht. Diesen Befund teilen auch die Herausgeber des im Herbst 2009 erschienenen Handwörterbuchs, das eben jenem Europäischen Privatrecht gewidmet ist, und der Bearbeiter des gleichnamigen Stichworts in diesem Werk.1 Dessen Herausgeber – allesamt derzeitige oder emeritierte Direktoren des in Hamburg ansässigen Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht – weisen in ihrem Vorwort aber auch auf die Tatsache hin, dass die Entwicklung des Privatrechts seit nunmehr rund zwanzig Jahren immer stärker europäisch dominiert wird. Die europäische Entwicklung folge insoweit jedoch keinem durchdachten, systematischen Muster, sondern vollziehe sich „punktuellen politischen Bedürfnissen“ folgend „wie eine Wucherung weitgehend ungesteuert und an verschiedenen Stellen“ – so die drastische Diagnose der Herausgeber auf Seite V ihres Werkes.
Erklärtes Ziel des Handwörterbuchs des Europäischen Privatrechts ist daher eine Bestandsaufnahme – eine „strukturierende Sichtung des Normbestands“ – im Hinblick auf eine mögliche spätere „Systematisierung von Teilgebieten … und schließlich des Europäischen Privatrechts in seiner Gesamtheit“ (Vorwort, S. VI). Daneben betonen die Herausgeber des Handwörterbuchs auch ihre Absicht, mit diesem „dem Leser gerade auf solchen Gebieten eine erste Orientierung zu verschaffen, die ihm nicht durch eigene Forschungen vertraut sind“ (ebda.).
Das Entscheidungsverzeichnis enthält Verweise auf die Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften (EuGH), des Gerichts erster Instanz der Europäischen Gemeinschaften (EuG), des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) und des (Ständigen) Internationalen Gerichtshofs (StIGH/IGH). Ein zusätzlicher benutzerfreundlicher „Service“ ist die Tatsache, dass dort die Entscheidungen des EuGH und des EuG jeweils zweimal aufgeführt sind, nämlich einmal chronologisch aufsteigend nach der Rechtssachennummer und einmal alphabetisch nach dem/n Parteinamen, was das Auffinden einer Entscheidung erheblich erleichtert, wenn man – was bei Entscheidungen der EU-Gerichte nicht selten vorkommt – nur die Rechtssachennummer oder den/die Parteinamen zur Hand hat.
Dokumente der Organe der Europäischen Gemeinschaft/Europäischen Union – die nicht zu den Rechtsakten im Sinne von Art. 249 des Vertrags zur Gründung der EG [EGV] bzw. Art 288 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU [AEUV] gehören (S. 1890-1893)
Das Handwörterbuch und insbesondere die Erläuterungen zu den Stichwörtern sind grundsätzlich durchgehend auf Deutsch verfasst.(Eine englische Ausgabe des Handwörterbuchs, die bei Oxford University Press unter dem Titel „Max Planck Encyclopaedia of European Private Law“ erscheinen soll, ist zurzeit in Vorbereitung.3
Andere Autoren verwenden nicht allein die nicht deutschen Begriffe, sondern umschreiben sie, wenn es ihnen möglich erscheint, zusätzlich auch auf Deutsch. Beispiele hierfür sind die Ausführungen von Markus ROTH zu den Formen betrieblicher Altersvorsorge unter dem Stichwort Betriebsrenten (S. 203) oder die sehr gelungene knappe Umschreibung der Begriffe best practice und compliance im Artikel von Patrick C. LEYENS zum Stichwort Finanzintermediär (S. 607). Der Verfasser der vorliegenden Rezension kann – nicht nur aufgrund seiner Tätigkeit als Übersetzer – eine gewisse Präferenz für die zweite Variante (Verwendung des nicht deutschen Begriffs mit zusätzlicher Umschreibung auf Deutsch) nicht verhehlen. Denn gerade der Versuch, einen nicht der eigenen Sprache entstammenden Begriff aus einer anderen Rechtsordnung in der eigenen Sprache wiederzugeben (ohne jedoch den Fehler zu begehen, dem fremden Begriff ein bekanntes, ähnlich scheinendes Konzept aus der eigenen Sprache pauschal gleichzusetzen) ermöglicht u. U. neue Einsichten, die auch der Weiterentwicklung des Rechts dienen können. Im Rahmen der Entwicklung des Europäischen Privatrechts können etwaige auf diese Weise gewonnene Einsichten allerdings wohl nur dann fruchtbar gemacht werden, wenn der gedankliche Gewinn der Übersetzung auch in der übersetzten Ausgangssprache sichtbar gemacht wird. Das wiederum wird in der Regel eine vom ursprünglichen Originaltext zumindest teilweise abweichende Rückübersetzung in die Ausgangsprache erfordern. Auch vor diesem Hintergrund darf man auf die oben bereits erwähnte Ausgabe des Handwörterbuchs 4 in englischer Sprache – der „lingua franca“ der europäischen Rechtswelt, wie sie ein anderer Rezensent des Handwörterbuchs genannt hat – gespannt sein.
Interessant sind in dieser Perspektive auch die Artikel zu den Stichwörtern Betreuung (S. 200-203) und Erwachsenenschutz (S. 448-451), die denselben Problemkreis behandeln, nämlich wie die europäischen Rechtsordnungen den Schutz von Erwachsenen regeln, die ihre Interessen selbst nicht wahrnehmen können. Die beiden Artikel, die von unterschiedlichen Autoren stammen (Betreuung: Anne RÖTHEL; Erwachsenenschutz: Kurt SIEHR), gehen von verschiedenen Begriffen aus: Anne RÖTHEL vom im Jahr 1992 in das deutsche BGB eingeführten Rechtsinstitut der Betreuung (§§ 1896ff. BGB), wobei sie allerdings schon durch den Klammerzusatz „rechtliche Fürsorge für Erwachsene“ hinter dem Stichwort Betreuung deutlich macht, dass ihre nachfolgenden Ausführungen auch der Betreuung ähnliche, aber nicht in allen Details deckungsgleiche Rechtsinstitute anderer europäischer Rechtsordnungen umfassen. Kurt SIEHRS Ausgangspunkt hingegen ist der Begriff des Erwachsenenschutzes, der terminologisch vor allem auf dem im Rahmen der Haager Konferenz für IPR 6 erarbeiteten Übereinkommen vom 13. Januar 2000 über den internationalen Schutz von Erwachsenen (kurz: Haager Erwachsenenschutzübereinkommen) fußt. Beide Artikel überschneiden sich allerdings teilweise und erwähnen (natürlich) auch das jeweils andere Stichwort, rechtfertigen ihre eigenständige Existenz aber durch ihren unterschiedlichen Ausgangspunkt und Nuancen in der Darstellung.
Hervorzuheben ist schließlich auch, dass der Rechtsgeschichte im Handwörterbuch ein breiter und ihr in diesem Kontext gebührender Platz eingeräumt wird. Denn ohne Kenntnis der rechtsgeschichtlichen Hintergründe lassen sich viele Entwicklungen in den nationalen Rechtsordnungen und auch auf europäischer Ebene nicht oder nur unzureichend nachvollziehen. Die rechtsgeschichtlichen Verdienste des Handwörterbuchs sind bereits in der Rezension von Tilman REPGEN ausführlich gewürdigt worden, auf die daher insoweit verwiesen werden soll.7
Für diesen Fall hätte auch der Verfasser der vorliegenden Rezension zwei Wünsche: Das Handwörterbuch enthält zum einen bereits vier Stichwortartikel zur Ausstrahlung des europäischen Privatrechts in verschiedene außereuropäische Rechtsordnungen.9
Die Erwähnung der Rechtssprache(n) leitet zu einem abschließenden Wunsch über, dem Wunsch nach einer Übersetzung des Handwörterbuchs in weitere Sprachen neben dem Englischen. Der Verfasser der vorliegenden Rezension denkt dabei (natürlich) in erster Linie an das Französische. Denn das Englische mag mittlerweile – wie oben bereits erwähnt – die lingua franca der europäischen Rechtswelt geworden sein. Die Sprache, in der die Richter des EuGH, des ehemaligen Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften und nunmehrigen Gerichtshofs der Europäischen Union, ihre Beratungen abhalten und in der auch die meisten Entscheidungsentwürfe verfasst sind, ist unbeschadet der Bedeutung, die der jeweiligen Verfahrenssprache aufgrund von Art. 31 der Verfahrensordnung des EuGH zukommt, weiterhin das Französische und wird es wohl auch auf absehbare Zeit bleiben. Der Rezensent ist sich wohl bewusst, dass sich eine vollständige Übersetzung des Handwörterbuchs ins Französische und u. U. weitere Sprache wegen der damit verbundenen Arbeit und der dadurch entstehenden Kosten möglicherweise nicht realisieren lassen werden. Aber ebenso wie sich einzelne Stichwortartikel des Handwörterbuchs „häppchenweise“ mit Gewinn lesen lassen, lassen sich vielleicht zumindest einzelne ausgewählte Artikel ebenfalls „häppchenweise“ nach Bedarf in andere Sprachen übertragen. Es wäre wünschenswert, wenn die Herausgeber und Autoren des Handwörterbuchs diesem Gedanken näher treten könnten, weil auch dadurch das Ziel weiter befördert würde, zu dem diese mit dem Handwörterbuch bereits einen wertvollen Beitrag geleistet haben – die systematische Entwicklung des Europäischen Privatrechts voranzutreiben.
3 S. hierzu auch die Ausführungen des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht unter „Max Planck Encyclopaedia of European Private Law“, http://www.mpipriv.de/ww/de/pub/forschung/forschungsarbeit/europ_isches_und_universelles_/allgemeine_fragen_und_material/handworterbuch_des_europ_pr.cfm [abgerufen am 18.10.2010] sowie die Ausführungen am Ende dieser Rezension.
Von: Joachim Holwe
Holwe, Joachim (2011). „Rezension zu „Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts““. ZERL, URL: http://www.zerl.uni-koeln.de/joachim-holwe/2011/rezension-handwoerterbuch-epr/, (Datum des letzten Abrufs). URN des PDFs: urn:nbn:de:hbz:38-74703.