Source: http://exploredoc.com/doc/9021399/zwangsmassnahmen-in-der-medizin
Timestamp: 2018-05-22 15:45:44
Document Index: 372300041

Matched Legal Cases: ['§ 26', 'Art. 435', 'Art. 383', 'Art. 383', 'Art. 438', 'Art. 383', 'Art. 426', 'Art. 434', 'Art. 434', 'Art. 379', 'Art. 434', 'Art. 426', 'Art. 434', 'Art. 427', 'Art. 426', 'Art. 379', 'Art. 379', 'Art. 435', 'Art. 383', 'Art. 438', 'Art. 426', 'Art. 438', 'Art. 378', 'Art. 379', 'Art. 379', 'Art. 435', 'Art. 434', 'Art. 434', 'Art. 437', 'Art.\n59', 'Art. 434', 'Art. 450', 'Art. 439', 'Art. 433', 'Art. 432', 'Art. 296', 'Art. 370', 'Art. 314', 'Art. 301', 'Art. 307', 'Art. 310', 'Art. 17', 'Art. 434', 'Art. 308', 'Art. 314', 'Art. 434', 'Art. 308', 'Art. 382', 'Art. 383', 'Art. 382', 'Art. 383', 'Art. 378', 'Art. 384', 'Art. 430', 'Art. 434', 'Art. 434', 'Art. 383', 'Art. 432', 'Art. 378', 'Art. 427']

Medizinischen Wissenschaften (SAMW)
T +41 (0)31 306 92 70
1. Auflage 2500 (Dezember 2015)
Alle medizinisch-ethischen Richtlinien der SAMW sind
auf der Website www.samw.ch Ethik in D/F/E/I verfügbar.
© SAMW 2015
Die SAMW ist Mitglied der Akademien
der Wissenschaften Schweiz
Vom Senat der SAMW genehmigt am 19. November 2015.
Die deutsche Fassung ist die Stammversion.
Der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und
Pflegefachmänner SBK empfiehlt seinen Mitgliedern und allen
Pflegenden, diese Richtlinien zu achten und anzuwenden.
I. PRÄAMBEL5
II.RICHTLINIEN7
Geltungsbereich der Richtlinien7
Grundbegriffe und rechtliche Rahmenbedingungen 7
2.1. Freiheitseinschränkende Massnahmen 8
2.2. Zwangsbehandlung 9
2.3. Fürsorgerische Unterbringung / Zurückbehaltung freiwillig Eingetretener10
2.4.Urteilsfähigkeit11
2.5. Dringliche Situation 12
2.6. Schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens13
2.7. Schwere Verwahrlosung13
3.Grundsätze13
3.1. Respektierung der Selbstbestimmung13
3.2. Subsidiarität und Verhältnismässigkeit 14
3.3. Geeignetes Umfeld 14
3.4. Kommunikation und Dokumentation15
4.Anwendungsfelder 16
4.1. Patienten mit somatischen Erkrankungen16
4.2. Patienten mit psychischen Störungen 20
4.3. Kinder und Jugendliche 24
4.4. Patienten in der Langzeitpflege 28
4.5. Patienten in spitalexterner Pflege 31
4.6. Patienten im Straf- und Massnahmevollzug 32
Zwang – ein mehrdimensionales Konzept33
Prozedurale Hilfestellung für die Umsetzung der Richtlinien 37
Entscheidungsprozess: Anwendung von Zwangsmassnahmen 37
Fürsorgerische Unterbringung (FU)37
Dokumentation von Zwangsmassnahmen39
C.Glossar41
Hinweise zur Ausarbeitung dieser Richtlinien44
Patienten 1 sollen die Einwilligung in medizinische Massnahmen autonom – d. h.
aufgrund zuverlässiger Informationen, nach sorgfältiger Abwägung und in Übereinstimmung mit ihren persönlichen Werten – geben und verantworten können.
Autonomie ist ein zentraler Begriff der medizinischen Ethik. Jede Anwendung
von Zwang steht in einem Widerspruch zum Prinzip der Achtung der Autonomie. Gleichwohl gibt es medizinische Situationen, in denen Zwangsmassnahmen
nicht vermieden werden können. Dies kann insbesondere dann zutreffen, wenn
die beiden Grundprinzipien der Fürsorge und des Nicht-Schadens auf keine andere Weise respektiert werden können.
Die vorliegenden Richtlinien stellen einen Rahmen zur Verfügung, um Fragen in
diesem Spannungsfeld beantworten zu können. Sie berücksichtigen die rechtlichen Vorgaben des am 1. Januar 2013 in Kraft getretenen Kindes- und Erwachsenenschutzrechtes (KESR). Dieses beinhaltet nicht nur wesentliche prozedurale Bestimmungen hinsichtlich medizinischer Zwangsmassnahmen im weiteren Sinne,
sondern trägt als Teil des Zivilgesetzbuches zu einer landesweiten Vereinheitlichung der bislang von grossen kantonalen Unterschieden geprägten Rechtslage
bei. Es regelt insbesondere auch die rechtliche Vertretung urteilsunfähiger Personen bei medizinischen Massnahmen.
Mithilfe der Richtlinien soll ein Bewusstsein dafür geschaffen und aufrechterhalten werden, dass jede Zwangsmassnahme, auch wenn sie alle prozeduralen Vorgaben einhält, einen gravierenden Eingriff in grundrechtlich verankerte Persönlichkeitsrechte darstellt und daher jeweils einer ethischen Rechtfertigung bedarf.
Dieser zentrale Aspekt darf in der Wahrnehmung der beteiligten Berufsgruppen
keineswegs dadurch abgeschwächt werden, dass für Zwangsmassnahmen Regeln
und Prozessabläufe formuliert werden. Die Befolgung prozeduraler Richtlinien allein stellt keinen Rechtfertigungsgrund für die Anwendung von Zwangsmassnahmen dar. Eine sorgfältige ethische Reflexion ist in jedem Fall genauso unerlässlich wie eine genaue Beachtung der rechtlichen Bestimmungen und geltenden
1 SAMW-Richtlinien werden abwechselnd in männlicher oder weiblicher Form verfasst.
Die entsprechenden Texte betreffen immer alle Angehörigen der genannten Personengruppen.
Diese Richtlinien 2 wenden sich an die gesamten medizinischen 3 Betreuungsteams in Institutionen, an niedergelassene Ärzte sowie an den spitalexternen Pflegebereich. Inhaltlich stehen folgende Fragen im Vordergrund:
– Welche Abläufe sind vorzusehen, um Zwangsmassnahmen zu verhindern
(Prävention, Alternativen)?
– Unter welchen ethischen und rechtlichen Voraussetzungen können Zwangsmassnahmen als unumgänglich und vertretbar erachtet werden?
– Was ist während des Entscheidungsprozesses über die Durchführung einer
Zwangsmassnahme innerhalb des Teams zu berücksichtigen? Wie ist die
Kommunikation über eine geplante oder durchgeführte Zwangsmassnahme
mit der betroffenen Person, ihrer Vertrauensperson, der vertretungsberechtigten Person oder den Angehörigen zu gestalten?
– Welche Vorkehrungen sind zu treffen, damit Zwangsmassnahmen, falls sie
als unumgänglich betrachtet werden, möglichst schonend durchgeführt
werden und möglichst wenig traumatisierende Folgen hinterlassen?
– Wie ist die (allenfalls auch längerfristige) Nachbetreuung von Personen zu
planen und durchzuführen, die von Zwangsmassnahmen betroffen sind?
– Wie ist das gewählte Vorgehen zu dokumentieren und zu evaluieren?
2 Mit Aufnahme in die Standesordnung der FMH werden die Richtlinien für FMH-Mitglieder
verbindliches Standesrecht.
3 Der Begriff «medizinisch» wird nachfolgend umfassend verwendet und bezieht sich auf die
Tätigkeit von Ärzten, Pflegefachpersonen und Therapeuten.
II.RICHTLINIEN
Die vorliegenden Richtlinien wenden sich an Ärzte, Pflegefachpersonen und weitere therapeutisch tätige Fachpersonen, die Zwangsmassnahmen durchführen
bzw. anordnen. Sie befassen sich mit der ganzen Bandbreite von «Zwangsmassnahmen», die zur Prävention, Diagnostik, Therapie oder Rehabilitation bei einem
Patienten eingesetzt werden. Nicht behandelt werden Zwangsmassnahmen, die
mit anderen als medizinischen (namentlich präventiven, diagnostischen, therapeutischen oder rehabilitativen) Zielsetzungen durchgeführt werden. Für die in
der Betreuung tätigen sozialpädagogischen und (päd-)agogischen Fachpersonen
sind spezifische Richtlinien zu beachten.
Zwang anzuwenden bedeutet, eine Massnahme durchzuführen, obwohl die davon
betroffene Person durch Willensäusserung oder Widerstand kundtut oder früher
kundgetan hat, dass sie damit nicht einverstanden ist. Zwang kann in der medizinischen Praxis vielfältige Erscheinungsformen annehmen, deren ethische und
rechtliche Bewertung entlang eines Kontinuums von geboten bis völlig inakzeptabel variiert (vgl. Anhang A). Der hier angewandte weite Begriff von Zwang umfasst, neben den körperlichen, auch weniger augenfällige Formen der Zwangsausübung. Dies meint vor allem die Anwendung von offenem oder verstecktem
Zwang mit psychologischen Mitteln – sowohl direkt im Kontakt mit dem Patienten oder indirekt unter Einbezug seiner Angehörigen oder anderer relevanter
Personen. In diesem Bereich erhöht sich das Risiko, dass Zwang von den beteiligten Berufsgruppen gar nicht als solcher, sondern als «normaler» und unvermeidlicher Bestandteil des Behandlungs- und Betreuungsprozesses wahrgenommen wird.
Als Zwang im Sinne dieser Richtlinien gilt jede im medizinischen Kontext angewandte Massnahme, die gegen den selbstbestimmten Willen oder den Widerstand
eines Patienten durchgeführt wird.4 Für die Frage, ob es sich um Zwang handelt
oder nicht, spielt es keine Rolle, ob der Wille als aktuelle Äusserung eines urteilsfähigen Patienten erkennbar wird oder als vorverfügter oder mutmasslicher Wille
eruiert werden muss, weil ein Patient (vorübergehend) urteilsunfähig ist. Ebenso
ist es unerheblich, ob der Widerstand nur durch verbale oder nonverbale Ablehnung oder auch durch aktive Abwehr zum Ausdruck kommt.
4 Die vorliegend verwendete «weite Definition» kann in Kantonen zu Problemen führen, die aufgrund
kantonaler Vorschriften für jede Zwangsmassnahme eine schriftliche Verfügung verlangen.
Bei urteilsunfähigen Personen können Zwangsmassnahmen dann unvermeidlich
werden, wenn sich eine Gefährdung des Patientenwohls trotz intensiver Bemühungen nicht im Einvernehmen mit dem Patienten abwenden lässt. Bei urteilsfähigen Patienten sind medizinische Zwangsmassnahmen grundsätzlich nicht zulässig und können höchstens im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung
(FU), im strafrechtlichen Massnahmenvollzug oder auf Grundlage des Epidemiengesetzes oder allenfalls aufgrund einer kantonalen gesetzlichen Grundlage 5
zur Anwendung kommen. Allerdings sind medizinische Eingriffe in die körperliche Integrität, insbesondere eine Therapie unter physischem Zwang bei urteilsfähigen Personen, in keinem Fall zulässig.
Das Erwachsenenschutzrecht enthält Regelungen zur Anwendung von Zwangsmassnahmen in Teilbereichen, namentlich im Rahmen einer FU, bei einer Zurückbehaltung freiwillig eingetretener Patienten oder beim Aufenthalt in einer
Wohn- oder Pflegeeinrichtung, insbesondere enthält es auch Bestimmungen zur
Stärkung des Rechtsschutzes der betroffenen Personen.
In der Praxis kann zwischen medikamentöser Zwangsbehandlung (Zwangsbehandlung im engeren Sinne) und Anwendung von sedierenden Medikamenten
unter Zwang bei Fremdgefährlichkeit 6 unterschieden werden. Daneben gibt es
vielfältige weitere Formen der Freiheitseinschränkung ohne Einsatz von Medikamenten.
2.1. Freiheitseinschränkende Massnahmen
Unter dem Begriff Freiheitseinschränkung werden Einschränkungen der Bewegungsfreiheit sowie anderer Grundrechte verstanden. In erster Linie werden freiheitseinschränkende Massnahmen eingesetzt, wenn eine Selbstgefährdung nicht
anders verhindert werden kann, in selteneren Fällen kann auch die Abwendung
einer Fremdgefährdung oder schweren Störung des Gemeinschaftslebens eine
Rolle spielen. Eine Freiheitseinschränkung, die auf Wunsch der betroffenen Person durchgeführt wird oder als Behandlungsnebenfolge vorgängig besprochen
und von ihr in Kauf genommen wird, gilt nicht als Zwangsmassnahme im Sinne
dieser Richtlinie. Einschränkungen der persönlichen Freiheit, die von der betroffenen Person passiv geduldet oder gar nicht wahrgenommen werden, können
eine Zwangsmassnahme sein, nämlich dann, wenn sie dem mutmasslichen Willen widersprechen.
5 Grundsätzlich lässt das Bundesrecht im Rahmen der FU einer urteilsfähigen Person nur eine
Freiheitseinschränkung, jedoch keine Behandlung gegen den Willen zu. Demgegenüber gibt es
kantonale Gesetze, die eine Zwangsbehandlung auch im somatischen Bereich vorsehen,
vgl. z. B. § 26 Patientinnen- und Patientengesetz Kanton Zürich, LS 813.13.
6 Gestützt auf Art. 435 ZGB («Notfälle») ist eine Zwangsbehandlung in Notfallsituationen unter FU
auch wegen Fremdgefährlichkeit möglich.
2.1.1.Einschränkung der Bewegungsfreiheit
Unter einer bewegungseinschränkenden Massnahme wird jegliche Einschränkung
der individuellen Bewegungsfreiheit verstanden. Die Einschränkung kann mit
mechanischen Methoden, Medikamenten, aber auch mit psychologischen Mitteln erfolgen.7
2.1.2.Weitere freiheitseinschränkende Massnahmen
Neben Einschränkungen der Bewegungsfreiheit gibt es weitere Einschränkungen
der persönlichen Freiheit, namentlich die Einschränkungen der Privatsphäre (z. B.
die ständige [elektronische] Überwachung, individuelle Einschränkungen von als
schädlich betrachteten Genussmitteln wie Alkohol, Zigaretten, Süssigkeiten) oder
der Kommunikationsfreiheit (etwa bezogen auf Besuch, Telefon usw.).
2.2.Zwangsbehandlung Unter Zwangsbehandlung werden alle medizinischen Massnahmen verstanden,
die zur Erhaltung oder zur Wiederherstellung der Gesundheit unter Zwang angewendet werden.
Bei urteilsfähigen Personen ist eine Zwangsbehandlung nicht zulässig. In wenigen
Ausnahmesituationen, die sich auf eine spezifische gesetzliche Grundlage stützen,
kann eine für das Gemeinwohl notwendige Therapie trotzdem erfolgen. Dies ist
dann der Fall, wenn der zur Wahl zwischen zwei unerwünschten Alternativen gezwungene Patient die Zustimmung zur Therapie einer anderenfalls angeordneten
Freiheitseinschränkung vorzieht (z. B. Tuberkulosebehandlung statt Isolation oder
gerichtlich angeordnete Behandlung anstatt Freiheitsentzug).
7 Im Gegensatz zur hier verwendeten weiten Definition schliesst Art. 383 ZGB, der bei Patienten in
Wohn- und Pflegeeinrichtungen zur Anwendung kommt, ausschliesslich Massnahmen zur körperlichen
Bewegungseinschränkung, namentlich mechanische Mittel ein. Art. 383 ZGB ist sinngemäss anwendbar
für Patienten in einer FU (siehe dazu Art. 438 ZGB). Zu beachten ist allerdings, dass Art. 383 nur bei
urteilsunfähigen Patienten zur Anwendung gelangen kann, die Bestimmungen über die FU Art. 426 ff.
ZGB gelten aber auch für urteilsfähige Patienten.
8 Das Kindes- und Erwachsenenschutzrecht spricht bei Patienten in FU nicht von Zwangsbehandlung,
sondern von Behandlung ohne Zustimmung (Art. 434 ZGB). Dies bedeutet im Umkehrschluss aber nicht,
dass jede Behandlung ohne Zustimmung eine Zwangsmassnahme im Sinne des Art. 434 ist. So fehlt
bei medizinisch indizierten Massnahmen, für die aufgrund von Dringlichkeit oder weil keine Informa­
tionen über den Willen des Patienten eingeholt werden können (z. B. weil der Patient urteilsunfähig und
keine Bezugsperson vorhanden ist), eine Zustimmung (Art. 379 ZGB).
Bei urteilsunfähigen Patienten können Zwangsbehandlungen auch gegen ihren
Widerstand durchgeführt werden, wenn sich keine frühere ablehnende Willens­
äusserung eruieren lässt und eine legitimierte Vertretungsperson 9 die Zustimmung
gegeben hat. Lässt sich eine ernsthafte Gefährdung anders nicht abwenden, kann
die Zwangsbehandlung auch vor Einholung der Zustimmung begonnen werden.
Bei der Behandlung psychischer Störungen im Rahmen einer FU 10 ist allerdings
eine Zwangsbehandlung, gestützt auf Art. 434 bzw. 435 ZGB, unter bestimmten
Bedingungen bei urteilsunfähigen Patienten 11 ohne Zustimmung einer Vertretungsperson möglich (vgl. Kap. 4.2.).
Medizinisch indizierte Massnahmen, für die aufgrund von Dringlichkeit (vgl.
Kap. 2.5.) keine Informationen über den Willen des Patienten eingeholt werden
können und die im besten Interesse des Patienten und ohne dessen verbalen oder
nonverbalen Widerstand durchgeführt werden, gelten nicht als Zwangsbehandlung im Sinne dieser Richtlinie.
Fürsorgerische Unterbringung /
Zurückbehaltung freiwillig Eingetretener
Eine FU liegt dann vor, wenn eine Person gegen ihren Willen zur Behandlung
und Betreuung in eine geeignete Institution eingewiesen wird.
Voraussetzung für die Anordnung einer FU ist das Vorliegen eines Schwächezustands (psychische Störung, geistige Behinderung oder schwere Verwahrlosung),
der eine Behandlung oder Betreuung erforderlich macht, die nicht anders als mittels einer FU in einer geeigneten Einrichtung erfolgen kann (individuelles Schutzbedürfnis). Die unzumutbare Belastung der Angehörigen oder weiterer Drittpersonen kann ein zusätzliches wichtiges Kriterium für die Anordnung einer FU sein;
für sich genommen, rechtfertigt sie jedoch keine FU. Gemäss Art. 426 ff. ZGB ist
Urteilsunfähigkeit keine notwendige Voraussetzung für die Anordnung einer FU.
9 Das Gesetz erklärt folgende Personen bei medizinischen Massnahmen als vertretungsberechtigt. Die
Reihenfolge ist hierarchisch: In erster Linie sind Personen vertretungsberechtigt, die in einer Patientenverfügung oder in einem Vorsorgeauftrag bezeichnet wurden, in zweiter Linie der Beistand mit einem
Vertretungsrecht bei medizinischen Massnahmen, danach Angehörige und weitere Bezugspersonen,
die dem Patienten regelmässig persönlich Beistand leisten (Ehegatte bzw. eingetragener Partner,
Personen im gleichen Haushalt, Nachkommen, Eltern, Geschwister). Für minderjährige Patienten sind
die Inhaber der elterlichen Sorge vertretungsberechtigt.
10 Früher «fürsorgerische Freiheitsentziehung» (FFE).
11 Vgl. hier insbesondere Kap. 2.4. («Urteilsfähigkeit»), wonach aus dem fehlenden Einverständnis
mit dem vorgeschlagenen medizinisch indizierten Vorgehen nicht automatisch auf Urteilsunfähigkeit
geschlossen werden darf.
Eine FU ist zwar immer eine Zwangsmassnahme, erlaubt aber als solche noch
keine medikamentöse Zwangsbehandlung der betroffenen Person. Der Patient
darf nur gegen seinen Willen behandelt werden, wenn er urteilsunfähig ist, keine
angemessene Massnahme vorliegt, die weniger einschneidend ist, und der Chefarzt die Behandlung schriftlich angeordnet hat (Art. 434 ZGB) oder wenn eine
Notfallsituation vorliegt (vgl. Kap. 2.5.).
Um eine Zurückbehaltung (Art. 427 ZGB) handelt es sich, wenn eine Person, die an
einer psychischen Störung leidet und freiwillig in eine Institution eingetreten ist,
gegen ihren Willen zurückbehalten wird, weil das Risiko einer ernsthaften Selbstgefährdung oder Gefährdung Dritter besteht. Der Patient kann von der ärztlichen
Leitung der Einrichtung für höchstens drei Tage zurückbehalten werden.12
Die Institution, in die eine Person im Rahmen einer FU eingewiesen wird, muss
geeignet sein, die Behandlung des Patienten sicherzustellen (Art. 426 ZGB). Sie
muss in der Lage sein, einen Betreuungs- bzw. Behandlungsplan zu erstellen und
diesen umzusetzen. Die Behandlung kann auch darin bestehen, den Gesundheitszustand des Patienten mindestens so weit zu beeinflussen, dass eine weniger einschränkende Massnahme möglich wird (z. B. eine ambulante Behandlung).
Eine FU muss nicht zwingend in einer geschlossenen psychiatrischen Station
erfol­gen, sondern kann auch in einer offenen Station, einem somatischen Akut­
spital oder einer Wohn- und Pflegeeinrichtung durchgeführt werden. Die Wahl
der Institution hängt vom Zweck der FU ab.
2.4.Urteilsfähigkeit
Die Urteilsfähigkeit ist ein zentraler Rechtsbegriff und als solcher auch im medizinischen und ethischen Kontext von hoher Bedeutung. Kernelement ist die Fähig­
keit, eine gegebene Situation korrekt aufzufassen, zu verstehen und eine nach
eige­nen Wertmassstäben sinnvolle Entscheidung zu treffen. Häufiger Anlass für
Missverständnisse ist der Umstand, dass die Urteilsfähigkeit bezüglich ihres Vorhandenseins oder Fehlens eine absolute Grösse darstellt: Eine Person ist in Bezug
auf einen Therapieentscheid entweder urteilsfähig oder urteilsunfähig, eine graduelle Abstufung zwischen beiden Endpunkten gibt es nicht. Hingegen ist die
Urteilsfähigkeit bezüglich der Sachverhalte, um die es geht, eine relative Grösse:
So kann eine Person mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung urteilsunfähig sein, wenn es um eine komplexe Entscheidung geht, zugleich aber urteilsfähig, wenn die Einwilligung in einen einfach verständlichen medizinischen Eingriff zur Diskussion steht.
12 Die Voraussetzungen für eine Zurückbehaltung freiwillig eingetretener Patienten sind restriktiver
als jene für eine FU, insbesondere muss eine nicht anders abwendbare Selbstgefährdung oder eine
ernsthafte Gefährdung Dritter bestehen.
Die Feststellung, ob Urteilsfähigkeit vorliegt oder nicht, kann im Einzelfall sehr
schwierig sein. Grundsätzlich wird die Urteilsfähigkeit vermutet, begründungspflichtig ist also ihr Gegenteil, die Urteilsunfähigkeit. Eine zentrale Bedeutung
kommt dem psychopathologischen Befund zu, den der behandelnde Arzt erhebt,
allenfalls unter Beizug eines Experten. Von grosser Bedeutung sind Angaben aus
dem sozialen Umfeld des Patienten in Bezug auf die Urteilsfähigkeit.
Standardisierte, auf diesen Kontext spezialisierte Befunderhebungsverfahren (Fragebögen) können zur Entscheidungsfindung beitragen. Keinesfalls darf allein aus
einer Diagnose, beispielsweise wegen Schizophrenie, Alzheimer-Demenz oder einer angeborenen kognitiven Beeinträchtigung, auf Urteilsunfähigkeit geschlossen werden. Auch aus dem fehlenden Einverständnis mit dem vorgeschlagenen
medizinisch indizierten Vorgehen darf nicht automatisch auf Urteilsunfähigkeit
2.5. Dringliche Situation
Als dringlich wird eine Situation dann bezeichnet, wenn zur Lebensrettung oder
Vermeidung ernsthafter Schädigungen ein unverzügliches medizinisches Handeln erforderlich ist. In solchen Situationen ist der Arzt berechtigt, die erforderlichen medizinischen Massnahmen durchzuführen, ohne vorgängig die Einwilligung des urteilsunfähigen Patienten oder seiner Vertretungsperson eingeholt
zu haben (Art. 379 ZGB 13). Dies gilt nicht nur für Notfallsituationen im engeren
Sinn, sondern auch für Situationen, in denen zwar unklar ist, wer den Patienten
rechtlich vertritt, ein Aufschub der Behandlung aber mit einem erheblichen gesundheitlichen Risiko für den Patienten verbunden wäre. Trotzdem muss die Vertretungsperson so rasch wie möglich informiert und der mutmassliche Willen des
Patienten abgeklärt werden.
Beim Entscheid, ob gehandelt werden muss oder abgewartet werden kann, muss
das Ausmass des gesundheitlichen Nachteils, den eine Behandlungsverzögerung
mit sich bringen würde, berücksichtigt werden. Gemäss Art. 379 ZGB muss sich
die Behandlung am mutmasslichen Willen und an den Interessen des Patienten
orientieren. Dies bedeutet, dass das Behandlungsteam bei der Wahl unter verschiedenen medizinischen Behandlungsoptionen diejenige durchführt, die am
ehesten dem mutmasslichen Willen des Patienten entspricht.
13 Für die Behandlung einer psychischen Störung bei Patienten unter FU ist in einem Notfall Art. 435 ZGB
anwendbar. Die Dringlichkeit einer Behandlung kann sich aus der Schutzbedürftigkeit der betroffenen
Person selbst oder Dritter ergeben.
2.6. Schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens
Wenn weniger einschneidende Massnahmen nicht ausreichen oder von vornherein als ungenügend erscheinen, dürfen bei urteilsunfähigen Bewohnern einer
Wohn- oder Pflegeeinrichtung gemäss Art. 383 ZGB zur Beseitigung einer schwerwiegenden Störung des Gemeinschaftslebens bewegungseinschränkende Massnahmen zur Anwendung kommen. Eine bewegungseinschränkende Massnahme aufgrund einer schwerwiegenden Störung des Gemeinschaftslebens kann – gestützt
auf Art. 438 ZGB – auch im Rahmen einer FU zur Anwendung kommen. 14 Die Beurteilung, wann eine Störung schwerwiegend genug ist, ist im Einzelfall nicht einfach; es muss sich jedoch immer um eine ausserordentliche Situation handeln. Die
Störung des Gemeinschaftslebens muss so intensiv sein, dass sie sich in einer unerträglichen Weise auf das Umfeld auswirkt. Es liegt in der Verantwortung der Institution, in einem Reglement festzulegen, wer solche Massnahmen anordnen kann.
2.7. Schwere Verwahrlosung
Neben einer psychischen Störung oder einer geistigen Behinderung kann, gestützt
auf Art. 426 ZGB, eine schwere Verwahrlosung Anlass für eine FU sein, wenn die
nötige Behandlung oder Betreuung nicht anders erfolgen kann. Schwere Verwahrlosung ist meist die Folge einer psychischen oder einer körperlichen Erkrankung.
Verwahrlosung ist kein medizinischer Fachbegriff: Eine generell akzeptierte Definition gibt es nicht. Dies führt dazu, dass die für die Anordnung einer FU zuständigen Personen eine unterschiedliche Praxis haben können. Eine FU, die allein
aufgrund einer schweren Verwahrlosung ausgesprochen wird, ohne dass eine psychische Störung vorliegt, ist allerdings höchst selten.
3.1. Respektierung der Selbstbestimmung
Das Recht des Patienten auf Selbstbestimmung ist ein Leitprinzip der medizinischen Ethik, das rechtlich sowohl durch internationale Konventionen und
verfassungsrechtliche Garantien als auch durch zivilrechtliche und strafrechtliche Bestimmungen verankert ist. Das Prinzip der Patientenautonomie mit seiner Betonung des Vorrangs der Selbstbestimmung steht bei der Durchführung von
Zwangsmassnahmen in einem Spannungsverhältnis zum Fürsorge- und Nichtschadensprinzip, das die medizinische Fachperson verpflichtet, das Wohl des Patienten zu fördern und ihm nicht zu schaden.
14 Vgl. Art. 438 ZGB («Massnahmen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit»).
Es gibt Ausnahmesituationen, in denen Zwangsmassnahmen unvermeidbar sind
und das Recht auf Selbstbestimmung eingeschränkt wird; ihre Anwendung bedarf jedoch immer einer besonderen ethischen und juristischen Rechtfertigung.
Die Respektierung der Selbstbestimmung verlangt zudem, dass auch in Situationen, in denen die Anwendung einer Zwangsmassnahme gerechtfertigt ist,
Ärzte, Pflege­fachpersonen und weitere medizinische Therapeuten bei der Wahl
der Massnahme und der Art der Durchführung die Präferenzen des betroffenen
Patienten berücksichtigen.
Bei der Durchführung von Zwangsmassnahmen sind die Verhältnismässigkeit und
die Subsidiarität besonders zu achten. Eine solche Massnahme muss also erstens
notwendig und zweitens geeignet sein.15 Sind mehrere Massnahmen geeignet, ist
die am wenigsten belastende Massnahme zu wählen. Diese Voraussetzungen müssen bei jedem Patienten individuell geprüft werden. Dabei muss man abschätzen,
ob der zu erwartende (persönliche und soziale) Nutzen den möglichen Schaden
deutlich übertrifft bzw. ob ein solcher Eingriff weniger gravierende Folgen als ein
anderes Vorgehen hat. Auch die Dauer muss an die Art der Zwangsmassnahme
und an den Zustand des Patienten angepasst werden. Bei der Abwägung ist zu berücksichtigen, dass bei Durchführung einer Zwangsmassnahme auch somatische
und psychische Schäden entstehen können. Somatische Schäden (z. B. Verletzungen, Infektionen) drohen durch längere Ruhigstellung (z. B. Fixation oder Sedierung) oder durch körperliche Gewalt (z. B. Prellungen, Frakturen). Psychische
Traumatisierungen sind bei Zwangsmassnahmen umso eher zu erwarten, je mehr
der Eingriff als ungerechtfertigt, beschämend oder gar als Vergeltung bzw. als gezielte Schädigung erlebt wird.
3.3. Geeignetes Umfeld
Wenn Zwangsmassnahmen unumgänglich sind, dürfen sie nur in einem geeigneten Umfeld durchgeführt werden. Folgende Punkte sind dabei besonders hervorzuheben:
Bei der Durchführung von Zwangsmassnahmen muss die Würde des betroffenen
Patienten gewahrt werden. Zwangsmassnahmen sollten nicht vor anderen Patienten stattfinden, sondern in einem geschützten Raum, der angemessen ausgestattet ist. Das medizinische Personal, das Zwangsmassnahmen anordnet und
durchführt, muss über entsprechende Kompetenzen verfügen. Dazu gehört auch
eine spezifische Ausbildung in verbalen und nonverbalen Deeskalationstechniken, Festhaltetechniken sowie Betreuung und Überwachung.
15 Notwendig und geeignet bedeutet, dass vorgängig alle Alternativen zu einer Zwangsmassnahme
geprüft wurden und nur eine Zwangsmassnahme geeignet ist, die Gefährdung abzuwenden.
Zwangsbehandelte Patienten müssen zu ihrer eigenen Sicherheit medizinisch
überwacht werden. Falls eine Immobilisierung oder Fixierung unerlässlich ist, so
ist der Patient so zu betreuen, dass Komplikationen jederzeit erkannt und vermieden werden können, auch wenn dafür die ununterbrochene Präsenz des medizinischen Personals notwendig ist. Ökonomische Überlegungen, Personalknappheit
und Belastung der Mitarbeitenden können keine Zwangsmassnahmen rechtfertigen. Die Personalstärke muss ausreichend bemessen sein, um für alle Patienten
und Betreuungspersonen ein sicheres Umfeld zu garantieren, die Prävention von
Zwangsmassnahmen zu ermöglichen und, falls Zwangsmassnahmen unerlässlich
sind, den Patienten adäquat zu überwachen.
3.4. Kommunikation und Dokumentation
Die Anwendung medizinischer Zwangsmassnahmen geschieht oft in einem hektischen, von Zeit- und Entscheidungsdruck geprägten Umfeld. Meist ist ein gesamtes Team involviert, also Personen aus unterschiedlichen Berufsgruppen.
Umso wichtiger sind die Information und der Austausch im Betreuungsteam vor,
während und nach der Durchführung einer Zwangsmassnahme. Zwei Ziele sind
jeweils gegeneinander abzuwägen: Zum einen die rasche Reaktion auf eine dringende medizinische Gegebenheit, zum anderen die Einholung und Einbeziehung
möglichst umfassender Informationen vor dem Entscheid für die Zwangsmassnahme. Dies bezieht auch die Perspektiven der einzelnen Teammitglieder ein. Es
kann vorkommen, dass in diesen schwierigen Situationen kein sofortiger Konsens
über das optimale Vorgehen erzielt wird, woraus ein Risiko für den betroffenen Patienten erwachsen kann. Daher muss zu jedem Zeitpunkt klar sein, wer nach der
Abwägung der aktuell vorliegenden Informationen eine definitive Entscheidung
trifft, die dann umgehend umzusetzen ist.
Die Kommunikation mit dem betroffenen Patienten vor, während und nach einer
Zwangsmassnahme ist von entscheidender Bedeutung. Sie trägt wesentlich dazu
bei, die Dauer der Zwangsmassnahme so kurz wie möglich zu halten; im Idealfall kann diese sogar noch verhindert und durch weniger eingreifende Massnahmen ersetzt werden. Die entsprechende Rollenverteilung muss zuvor klar vereinbart werden. Dabei muss geklärt werden, welches Teammitglied den Kontakt zum
Patienten aufrechterhält.
Schliesslich spielt – im Vorfeld und nach einer Zwangsmassnahme – die angepasste Kommunikation mit dem Patienten eine bedeutsame, oft auch deeskalierende Rolle. Sofern berufliche Verschwiegenheitspflichten nicht entgegenstehen,
soll auch das Gespräch mit den Angehörigen und sonstigen wichtigen Bezugspersonen gesucht werden. Die Entscheidungsprozesse und die Durchführung von
Zwangsmassnahmen müssen detailliert dokumentiert werden.16
16 Vgl. Anhang B, Ziff. 3.(«Dokumentation von Zwangsmassnahmen»).
4.Anwendungsfelder
4.1. Patienten mit somatischen Erkrankungen
Bei Patienten mit somatischen Erkrankungen können hauptsächlich drei typische Situationen unterschieden werden, in denen Zwangsmassnahmen unter
Umständen zur Anwendung kommen, um eine Gefährdung abzuwenden:
– Patienten mit Erregungszuständen, die sich einer Behandlung widersetzen
und sich und andere gefährden;
– bewusstseinsgetrübte bzw. bewusstlose Patienten, die eine allfällige Ablehnung der Behandlung nicht kundtun können;
– Patienten, die ruhig und klar kommunizieren, dass sie eine indizierte Behandlung ablehnen, die aber möglicherweise urteilsunfähig sind.
4.1.1.Entscheidungsprozesse
Der Entscheidungsprozess ist je nach Situation unterschiedlich, weil die Abklärung der Urteilsfähigkeit, die Suche nach einem vorverfügten oder mutmasslichen Willen und die Abklärung der Verfügbarkeit einer Vertretungsperson jeweils unterschiedlich sind. Wenn eine Urteilsunfähigkeit festgestellt wird, muss
in jedem Fall primär eine möglicherweise vorhandene Patientenverfügung und
eine nach Gesetz zuständige Vertretungsperson gesucht werden. Allenfalls muss
die KESB einbezogen werden. Für den Entscheidungsprozess muss genügend
Zeit vorhanden sein. Insbesondere dürfen Angehörige bzw. Vertretungspersonen
nicht unter Zeitdruck gesetzt und zu einer Entscheidung gedrängt werden, solange unverzügliches Handeln nicht medizinisch unerlässlich ist.
Sowohl die Vertretungsperson als auch das Behandlungsteam müssen ihre Entscheidung gemäss Gesetz (Art. 378 Abs. 3 und Art. 379 ZGB) am mutmasslichen
Willen und an den Interessen des Patienten orientieren. Konkret lässt sich diese
Bestimmung folgendermassen anwenden: Das Behandlungsteam erarbeitet die
verschiedenen medizinischen Behandlungsoptionen mit deren möglichen Nutzen und Risiken. Zusammen mit der Vertretungsperson bzw. unter Beizug nicht
vertretungsberechtigter nahestehender Personen (andere Angehörige, Hausarzt,
Betreuer) wird erwogen, welche der möglichen Optionen am ehesten dem mutmasslichen Willen des Patienten entspricht. Dabei soll also nicht in jedem Fall
die aus medizinischer Sicht optimale Therapie durchgeführt werden, sondern aus
den möglichen Optionen, die mit den Interessen des Patienten vereinbar sind,
diejenige gewählt werden, die am ehesten dem im Zustand der Urteilsfähigkeit
zum Ausdruck gebrachten Willen entspricht.
Bei Patienten mit akuten Erregungszuständen ist oft eine erhebliche Verwirrtheit deutlich erkennbar, und die Urteilsunfähigkeit steht klar fest. Bei diesen Patienten richtet sich das Entscheidungsprozedere bezüglich Zwangsmassnahmen
nach den weiter oben beschriebenen Grundsätzen. Anders erfolgt das Vorgehen
bei urteilsfähigen Patienten, die stark erregt und aggressiv sind. Wenn bei diesen
potenziell gefährlichen Patienten durch Gespräche und Deeskalationsmassnahmen kein einvernehmliches Vorgehen gefunden wird, müssen der spitalinterne
Sicherheitsdienst oder die Polizei beigezogen werden.
Zwischen diesen beiden Szenarien gibt es Übergangsformen, bei denen die Beurteilung der Urteilsfähigkeit sehr schwierig sein kann. Zur Beurteilung der Urteilsfähigkeit muss, wann immer möglich, die Situation so beruhigt werden, dass ein
Gespräch überhaupt möglich wird. Oft ist der Beizug eines Psychiaters notwendig. Auch wenn keine ausreichende Sicherheit bezüglich Urteilsfähigkeit erreicht
werden kann, muss in einer Situation, in der kein Einvernehmen mit dem Patienten möglich ist, entschieden werden, ob unter der Annahme einer krankheitsbedingten Urteilsunfähigkeit medizinische Zwangsmassnahmen zielführend und
gerechtfertigt sind oder ob angesichts der potenziellen Gefährlichkeit der Sicherheitsdienst oder die Polizei gerufen werden müssen. Bei urteilsfähigen Personen
ist allein die Polizei für die Anwendung physischen Zwangs zuständig.
Bei Patienten, die infolge einer Bewusstseinsstörung (agitiertes oder hypoaktives
Delir 17, Stupor, Koma) urteilsunfähig sind, muss primär eine allenfalls vorhandene Patientenverfügung und eine nach Gesetz zuständige Vertretungsperson gesucht werden. Liegt eine gültige Patientenverfügung vor, sind das Behandlungsteam und die Vertretungsperson an diese gebunden. Die Vertretungsperson hat
das Behandlungsteam bei der Interpretation der Patientenverfügung zu unterstützen. Gibt es keine Patientenverfügung, so muss die Vertretungsperson die Einwilligung zur Behandlung geben. Lässt sich innert der von der Behandlungsdringlichkeit gegebenen Frist keine Vertretungsperson zuziehen, entscheidet der Arzt
stellvertretend.18
17 Unter einem Delir versteht man eine im Rahmen einer somatischen oder psychischen Krankheit akut
auftretende, charakteristischerweise fluktuierende Störung des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit
mit einer veränderten Wahrnehmung (Gedächtnis, Orientierung, Sprache, abstraktes Denkvermögen)
und psychomotorischen Störungen (Apathie, Hypoaktivität bis Hyperaktivität). Der akute Beginn und die
grundsätzliche Reversibilität unterscheiden das Delir von einer Demenz.
18 Vgl. Art. 379 ZGB («dringliche Fälle»).
Wenn davon ausgegangen werden muss, dass eine Massnahme dem vorverfügten
Willen eines urteilsunfähigen Patienten widerspricht, darf diese nur durchgeführt
werden, wenn sie zur Abwendung einer Fremdgefährdung erforderlich ist. Wenn
die vorverfügte Ablehnung einer medizinisch indizierten Therapie den Interessen
des Patienten massiv zuwiderzulaufen scheint, muss sorgfältig abgeklärt werden,
ob die Patientenverfügung nicht bereits im Zustand einer krankheitsbedingten
Urteilsunfähigkeit verfasst wurde oder ob sie noch dem mutmasslichen Willen
des Patienten entspricht. Ist, gestützt auf diese Abklärungen, nachvollziehbar,
dass der Patient die betreffende Behandlung abgelehnt hätte, darf diese nicht
durchgeführt werden. Ist der Arzt aber der Überzeugung, dass die Interessen des
Patienten nicht mehr gewahrt sind, soll er die KESB beiziehen.
Wenn die Therapie mit dem vorverfügten bzw. mutmasslichen Willen des Patienten übereinstimmt und die Vertretungsperson eingewilligt hat, kann sie durchgeführt werden. Duldet der urteilsunfähige Patient die Massnahmen oder kooperiert er sogar, handelt es sich nicht um eine Zwangsbehandlung. Zeigt er
hingegen Ablehnung oder leistet physischen Widerstand, so handelt es sich um
eine Zwangsmassnahme, die erlaubt ist, solange sie medizinisch erforderlich ist.
Lehnt die Vertretungsperson die Einwilligung in die Zwangsmassnahme ab, ist
die KESB einzubeziehen.
Fehlende Einsicht in die Behandlungsnotwendigkeit
Patienten, mit denen klar kommuniziert werden kann, die jedoch eine aus medizinischer Sicht notwendige Behandlung ablehnen, stellen eine grosse Herausforderung für das medizinische Personal dar. Entscheidendes Kriterium für den
Entscheid, ob auf die – unter Umständen lebensrettende – Behandlung verzichtet werden muss oder ob eine Zwangsbehandlung durchgeführt werden soll, ist
die Urteilsfähigkeit in Bezug auf die vorliegende gesundheitliche Gefährdung
und auf die Behandlungsnotwendigkeit. Falls die Urteilsfähigkeit krankheitsbedingt fehlt, wie es beispielsweise bei gewissen Fällen von schwerer Anorexia nervosa oder Substanzabhängigkeit vorkommt, kann eine Zwangsbehandlung in
Zeigen Patienten jedoch volle Einsicht in die Gefährdung ihres Gesundheitszustands und lehnen eine bestimmte Behandlung unter bewusster Inkaufnahme
der sich daraus ergebenden Folgen ab, dann darf diese Behandlung nicht durchgeführt werden. Trotzdem muss diesen Patienten die notwendige medizinische
Unterstützung geleistet werden, soweit dies einvernehmlich möglich ist.
Neben diesen wichtigsten Szenarien gibt es noch zwei besondere Situationen
für die Anwendung von Zwangsmassnahmen in der somatischen Akutmedizin.
Wenn Patienten, die an übertragbaren Krankheiten leiden, die medizinisch notwendige Behandlung verweigern, können auch bei Urteilsfähigkeit Zwangsmassnahmen aufgrund des Epidemiengesetzes 19 angeordnet werden. Dies betrifft
namentlich Einschränkungen der Bewegungsfreiheit (Quarantäne und Absonderung). Medikamentöse Behandlungen können zwar angeordnet und überwacht,
jedoch nicht mit Zwang durchgesetzt werden. Lehnt die betroffene Person die
Durchführung der angeordneten Behandlung ab, dürfen allerdings freiheitseinschränkende Massnahmen ergriffen werden, die nicht in die körperliche Integrität eingreifen.
Bei Schwangeren besteht insofern eine besondere Situation, als bei einer Behandlungsverweigerung auch Gesundheit und Leben des Fötus gefährdet werden kann.
Es ist jedoch nicht zulässig, eine urteilsfähige Schwangere, welche die Konsequenzen ihres Handelns erkennen und beurteilen kann und negative Folgen für
sich und ihr Kind bewusst in Kauf nimmt, zu einer medizinischen Massnahme
zu zwingen. Allerdings können durch Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen psychische Ausnahmezustände auftreten, welche die Urteilsfähigkeit aufheben. In diesen Fällen können Zwangsmassnahmen für Mutter und Kind lebensrettend sein. Durch frühzeitige Information, einfühlsame Betreuung und Beratung
unter Einbezug des Partners 20 sollen solche Situationen so gut wie möglich vermieden werden.
4.1.2.Durchführung
Notwendige Zwangsmassnahmen sollen sachgerecht und möglichst schonend
durchgeführt werden. Patienten mit mechanischer Einschränkung der Bewegungsfreiheit müssen sorgfältig überwacht werden, damit allfällige Komplikationen sofort erkannt und behandelt werden können. Zwangsmassnahmen müssen in der Patientendokumentation in einem speziellen Abschnitt festgehalten
werden. Schon bei der Verordnung müssen regelmässige Intervalle zur Überprüfung der Zweckmässigkeit festgelegt werden, falls dies nicht durch entsprechende
Weisungen der Institution generell geregelt ist. Besuchende Angehörige sollen vor
dem ersten Kontakt mit dem Patienten über die angewendeten Zwangsmassnahmen informiert werden. Das betreuende Team sollte Zwangsmassnahmen unter
Einbezug des Patienten nachbesprechen.
19 Das revidierte Bundesgesetz über die Bekämpfung übertragbarer Krankheiten (Epidemiengesetz)
vom 28. September 2012 soll Anfang 2016 in Kraft treten. Gestützt auf Artikel 30 ff., können (Zwangs-)
Massnahmen gegenüber einzelnen Personen angeordnet werden.
20 Es ist zu beachten, dass der begleitende Partner unter Umständen für die Mutter und/oder das
Neugeborene nicht vertretungsberechtigt sein könnte.
4.1.3.Prävention
Um den Einsatz von Zwangsmassnahmen zu minimieren, müssen alle Möglichkeiten der Delirprophylaxe ausgeschöpft werden. Dazu gehören u. a. eine systematische Risikoerfassung, eine ausgewogene und einfach verständliche Information, die Einhaltung eines geregelten Tagesablaufs mit ausreichend körperlicher
Aktivität, die Unterstützung aller physiologischen Abläufe (vor allem Flüssigkeitszufuhr) und das Reduzieren der Eingriffe in die körperliche Integrität des Patienten auf das absolut notwendige Minimum. Insbesondere bei Patienten mit einer bekannten Deliranamnese, einer Demenz oder einer Substanzabhängigkeit
sollte grösster Wert auf eine ausreichende Schmerztherapie und die Minimierung
von Polypharmazie sowie von apparativ-technischen Untersuchungen und Massnahmen gelegt werden.
Bei Eingriffen, die typischerweise Bewusstseinsstörungen zur Folge haben können (z. B. Delir nach grossen Operationen), sollte der Patient ausdrücklich darüber aufgeklärt werden und seine Einwilligung zu allenfalls notwendigen Zwangsmassnahmen geben können.
Grundsätzlich ist zu beachten, dass eine sorgfältige und einfühlsame Aufklärung
und Beratung sowie das Angebot alternativer Behandlungsmöglichkeiten dazu
beitragen können, die Notwendigkeit von Zwangsmassnahmen zu vermindern.
Deeskalationstrainings für Situationen, in denen Patienten agitiert sind oder gewalttätig reagieren, sowie durch externe Fachpersonen durchgeführte Coachings
in Fallbesprechungen unterstützen das Team und können dazu beitragen, Alternativen frühzeitig zu besprechen und die Anwendung von Zwangsmassnahmen
zu minimieren. Konzepte für das Aggressionsmanagement können dem Personal
helfen, besser mit bedrohlich erscheinenden Situationen umzugehen.
4.2. Patienten mit psychischen Störungen 21
Die Anwendung von Zwang ist keineswegs ein normaler Bestandteil psychiatrischen Handelns, sondern stets eine an enge, klar definierte und überprüfbare
Kriterien geknüpfte Ausnahme.
Bei psychisch kranken Personen können Zwangsmassnahmen einerseits in Notfallsituationen unausweichlich werden, wenn eine erhebliche Selbst- oder Fremdgefährdung als Folge der bestehenden Krankheit vorliegt (Art. 435 ZGB). Andererseits können im Rahmen einer FU ausserhalb der Notfallsituation, gestützt
auf Art. 434 ZGB, länger dauernde Zwangsmassnahmen, in der Regel medikamentöse Behandlungen, ärztlich angeordnet werden. Eine Zwangsmassnahme
21 Die Grundsätze der vorliegenden Richtlinien gelten auch für die forensische Psychiatrie; spezifische
Aspekte, die ausschliesslich in diesem Bereich von Bedeutung sind, werden aber nicht behandelt
(vgl. Kap. 4.6.). Der Begriff psychische Störung wird in Anlehnung an die Terminologie des ZGB ver­
wendet; die Definition orientiert sich an der Klassifikation der WHO (ICD-10, International Classification
of Diseases).
muss eindeutig indiziert sein: Sie muss zur Abwendung eines ernsthaften gesundheitlichen Schadens oder einer ernsthaften Gefährdung des Lebens oder der körperlichen Integrität Dritter erfolgen. Die betroffene Person muss bezüglich ihrer Behandlung urteilsunfähig sein. Mildere Massnahmen müssen aus explizit zu
nennenden Gründen ausgeschlossen sein.
Das KESR spricht dem Arzt mit Chefarztfunktion 22 im Falle von fürsorgerisch untergebrachten Personen in Art. 434 ZGB die Kompetenz zu, eine länger dauernde
medikamentöse Behandlung ohne Zustimmung («Zwangsbehandlung») selbst
anzuordnen. Mit der Durchführung der Behandlung kann sofort begonnen werden. Dies bedeutet, dass einer Beschwerde 23 des Patienten keine aufschiebende
Wirkung zukommt, ausser wenn der Patient die FU erfolgreich angefochten hat.
In der Praxis kommt es aber vor, dass mit dem Beginn der ärztlich angeordneten
Zwangsbehandlung zugewartet wird, bis die gesetzliche Beschwerdefrist abgelaufen ist. Dies kann im Einzelfall zu einer Deeskalation beitragen, wirft aber wegen
der damit einhergehenden Verzögerung ethische Fragen auf. Massgebliches Kriterium sollte der therapeutische Handlungsbedarf sein.
Das entscheidende Kriterium für die Anordnung einer Zwangsbehandlung ist
nicht die Diagnose, sondern der aktuell vorliegende klinische Zustand und die
sich aus diesem ergebenden Gefährdungsmomente.
Eine gravierende Diagnose darf keineswegs automatisch zu einer höheren Wahrscheinlichkeit führen, dass Zwangsmassnahmen zur Anwendung kommen. Die
Urteilsunfähigkeit kann zudem niemals allein mit der Ablehnung der Therapie
Die Nachbetreuung von fürsorgerisch untergebrachten Personen wird von den
Kantonen geregelt (Art. 437 ZGB). Die Bestimmungen können ambulante Massnahmen vorsehen, etwa die regelmässige Vorstellung der aus der Klinik entlassenen Person bei einem psychiatrischen Facharzt oder die regelmässige Einnahme
der verordneten Medikation. Diese ambulanten Massnahmen sind zivilrechtlicher
Natur und dürfen nicht mit den strafrechtlichen Massnahmen im Sinne der Art.
59 – 61, 63, 64, 67 und 67b StGB verwechselt werden. Die Bestimmungen der Kantone zu Behandlungsauflagen nach der Entlassung von FU-Patienten sind unterschiedlich. Dies gilt insbesondere für die Möglichkeit, ambulante Behandlungsauflagen anzuordnen, etwa im Sinne der Verabreichung einer Medikation unter
Zwang. Hier bestehen erhebliche kantonale Unterschiede.
22 Entscheidend sind die Kompetenzen, die ein Arzt hat. So kann z. B. auch ein ärztlicher Abteilungsleiter
in diesem Fall eine Chefarztfunktion übernehmen. Dabei sollte jedoch nicht derselbe Arzt die Ver­ant­
wortung gemäss Art. 434 ZGB übernehmen, der den Behandlungsplan erstellt, sondern ein Arzt, der
hierarchisch über diesem steht.
23 Die Beschwerde gemäss Art. 450 ff. ZGB stellt ein Rechtsmittel gegen Anordnungsentscheide im
Sinne von Art. 439 ZGB dar. Umgangssprachlich wird hier oft der Begriff «Rekurs» verwendet.
4.2.1.Entscheidungsprozesse
Die anstehenden Entscheidungsprozesse sind komplex: Es gilt, Entscheide zu
einem Sachverhalt zu treffen, die Anwendung von Zwang nämlich, den jede medizinische Berufsperson von ihrem Selbstverständnis her vermeiden möchte. Die
Anwendung einer Zwangsmassnahme ist nur erlaubt, wenn sie nach der Ausschöpfung aller Alternativen unvermeidlich ist. Ausserdem ist das Spektrum möglicher Massnahmen sehr breit. Dieser Situation kann nur mit einem individualisierten Vorgehen angemessen begegnet werden: Die zur Verfügung stehenden
Handlungsoptionen müssen mit der konkreten Situation der betroffenen Person im Sinne einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung abgestimmt werden.
Diese muss nicht nur die äusseren Verfahrensaspekte berücksichtigen, etwa das
Verletzungsrisiko für alle Beteiligten, sondern auch die Binnenperspektive der betroffenen Person (subjektives Erleben einer Zwangsmassnahme, Risiko einer Traumatisierung, Auswirkung auf die therapeutische Beziehung).
Im Rahmen der Besprechung des Behandlungsplans muss die betroffene Person
und, sofern vorhanden, ihre Vertrauensperson über eine geplante Behandlung
informiert werden (Art. 433 ZGB). In diesem speziellen Kontext hat der Gesetzgeber den Stellenwert einer Patientenverfügung allerdings relativiert: Sie muss
bei fürsorgerisch untergebrachten Personen nur so weit umgesetzt werden, wie
dies die Wirksamkeit der Therapie nicht beeinträchtigt. In jedem Fall braucht es
eine sorgfältige Abwägung: Es darf einerseits nicht zu einer Diskriminierung von
Personen mit einer psychischen Erkrankung im Sinne der systematisch ungenügenden Berücksichtigung von Patientenverfügungen kommen, nur weil eine
FU besteht. Andererseits ist es ebenso wenig vertretbar, der betroffenen untergebrachten und urteilsunfähigen Person eine dringend erforderliche Therapie lediglich mit dem unhinterfragten Argument vorzuenthalten, es liege eine gegenteilig lautende Patientenverfügung vor.
Bei allen Entscheidungen, die von den beteiligten Fachpersonen getroffen werden, ist stets die gesetzlich vorgegebene besondere Rolle der Vertrauensperson
zu berücksichtigen. Gibt es eine solche und ist sie verfügbar, soll sie, soweit dies
zur Wahrnehmung ihrer Aufgaben, insbesondere zur Unterstützung bei medizinischen Entscheidungen (Art. 432 ZGB), notwendig ist, Informationen über die
Diagnose, die Therapie und den Krankheitsverlauf erhalten.
4.2.2.Durchführung
Eine FU muss nicht zwingend auf einer akutpsychiatrischen Station durchgeführt werden. Geeignet im Sinne des Gesetzes ist eine Einrichtung dann, wenn
sie den individuellen medizinischen Bedürfnissen der betroffenen Personen mit
einem Minimum an persönlichen Einschränkungen gerecht wird. Es kann sich
also durchaus um eine offene Station oder um eine Wohneinrichtung handeln,
wenn so das Ziel der Massnahme am besten erreicht werden kann.24
Die institutionellen Voraussetzungen für die Durchführung medizinischer
Zwangsmassnahmen müssen gewährleistet sein und regelmässig evaluiert werden.
Der Entscheid muss, falls nötig, angepasst werden. Die Verfügbarkeit ärztlicher
und pflegerischer Fachpersonen mit genügender Erfahrung und entsprechender
Weiterbildung (z. B. Deeskalations- und Festhaltetechniken, Aggressionsmanagement) ist zwingend; ebenso müssen räumliche Voraussetzungen vorhanden sein,
die eine Blossstellung oder gar Demütigung der betroffenen Person vermeiden.
Jede Institution, in der es zu Zwangsmassnahmen kommt, erlässt schriftliche interne Weisungen und fördert den interdisziplinären Dialog, der auch Haltungsfragen zum Thema Zwangsmassnahmen beinhaltet.
Die Durchführung der medizinischen Zwangsmassnahmen muss nach einem zuvor festgelegten und eingeübten Ablaufschema erfolgen, das auch die Vorinformation des Patienten beinhaltet. Zwischen den handelnden Personen muss eine
klare Rollenverteilung vereinbart sein. Es muss immer die Möglichkeit bestehen,
das jeweilige Vorgehen anzupassen, wenn sich die Ausgangslage markant ändert
und dadurch eine Zwangsmassnahme vermieden oder abgemildert werden kann
(z. B. wenn die betroffene Person Gesprächsbereitschaft zeigt). Ziel muss immer
sein, das Ausmass des angewendeten Zwangs auf ein Minimum zu reduzieren.
Eine Nachbesprechung der durchgeführten Zwangsmassnahme ist ein selbstverständlicher Bestandteil des Vorgehens; dieser Prozess umfasst sowohl die Besprechung innerhalb des Teams als auch mit der betroffenen Person. Ablauf und
wesentliche Inhalte dieser Nachbesprechung sind in der Krankengeschichte zu
24 Vgl. Kap. 3.3. («Geeignetes Umfeld»).
4.2.3.Prävention
Zwangsmassnahmen bei Patienten mit psychischen Störungen können am wirksamsten vermieden werden, indem eine effiziente und für alle Betroffenen leicht
zugängliche psychiatrische Versorgung sichergestellt wird.
Eine Patientenverfügung kann eine wesentliche präventive Wirkung mit Blick
auf die Häufigkeit von Zwangsmassnahmen haben: Vielen, durchaus auch schwer
kranken Patienten ist bewusst, dass sie eine Patientenverfügung erstellt haben.
Die behandelnden Ärzte sollten die Patientenverfügung so früh wie möglich mit
dem Patienten besprechen. Die konkrete Erfahrung, dass diese Verfügung von
den Mitgliedern des Behandlungsteams ernst genommen und zum Gegenstand
von Gesprächen mit der betroffenen Person wird, kann bereits zu einer Deeskalation der Situation beitragen. Dies gilt vor allem dann, wenn eine tragfähige therapeutische Beziehung etabliert werden konnte. Allerdings sind die Behandelnden auch dann verpflichtet, sicherzustellen, dass die in der Patientenverfügung
gemachten Angaben nach wie vor dem (mutmasslichen) Willen der betroffenen
Die systematische Dokumentation von Zwangsmassnahmen (vgl. Anhang B, Ziff.
3), idealerweise mit der Auswertung im Kontext wissenschaftlicher Begleitforschung verbunden, ist zu gewährleisten. Eine präventive Wirkung zeigt auch der
regelmässige und nachhaltige fachliche Austausch über die Institutionsgrenzen
hinweg, insbesondere an den komplexen Schnittstellen zwischen Kliniken, Notfallärzten, niedergelassenen Fachärzten, Hausärzten und Wohneinrichtungen.
4.3. Kinder und Jugendliche
Patienten im Kindes- und Jugendalter haben grundsätzlich dieselben Rechte wie
erwachsene Patienten.25 Aufgrund ihrer noch nicht abgeschlossenen Entwicklung sind sie aber auf Fürsorge und Schutz angewiesen und benötigen – abhängig von Alter und Reife – die Unterstützung Dritter, um diese Rechte auszuüben.
Die Eltern 26 sind bei der Ausübung der elterlichen Sorge 27 an das Kindswohl gebunden und verpflichtet, soweit als möglich auf die Meinung des Kindes Rücksicht zu nehmen.28
Urteilsfähige Kinder und Jugendliche haben das Recht, in eine Behandlung einzuwilligen oder diese abzulehnen. Wenn eine Massnahme gegen den Willen des
25 Vgl. UNO-Kinderrechtskonvention (UNKKR), die von der Schweiz ratifiziert und Bestandteil der
schweizerischen Rechtsordnung ist.
26 Bei gemeinsamer elterlicher Sorge kann der allein anwesende Elternteil gegenüber dem behandelnden
Arzt die Einwilligung zur Behandlung erteilen, wenn sich dies aus der vereinbarten Aufgabenteilung
der Eltern ergibt. Bei schwerwiegenden Behandlungsentscheidungen muss sich der Arzt vergewissern,
dass beide Eltern informiert wurden und mit der Durchführung einverstanden sind.
27 Vgl. Art. 296 ZGB ff. («Die elterliche Sorge»).
28 Das Recht, seinen Willen in einer Patientenverfügung festzuhalten, steht auch urteilsfähigen
Minderjährigen zu (Art. 370 ZGB).
Kindes bzw. Jugendlichen durchgeführt wird, stellt dies auch dann eine Zwangsmassnahme dar, wenn die Eltern damit einverstanden sind. Bei urteilsunfähigen
Patienten reicht die elterliche Einwilligung für die Durchführung rechtlich aus.
Bei Jugendlichen mit psychischen Störungen, die eine medizinisch indizierte Behandlung ablehnen, ist die Situation ausserordentlich komplex und das optimale
Vorgehen unter Experten umstritten. Obwohl bei Urteilsunfähigkeit eigentlich die
Einwilligung der Eltern sowohl für eine vom Jugendlichen abgelehnte Hospitalisation wie auch für eine Zwangsbehandlung ausreicht, wird in vielen Fällen die
Einholung einer FU empfohlen.29 Die Feststellung der Urteilsfähigkeit ist in diesen Fällen besonders schwierig, da mit zunehmender Reife das Spektrum von Entscheidungen, für die Urteilsfähigkeit besteht, zwar zusehends wächst, dieses aber
durch die Krankheit in wechselndem Umfang wieder eingeschränkt werden kann.
Es kann deshalb sinnvoll sein, wenn in Bezug auf eine stationäre therapeutische
Massnahme urteilsunfähig erscheinende Jugendliche trotz eingehender Beratung
nicht zur Einwilligung oder mindestens zur bereitwilligen Duldung geführt werden können, im Zweifelsfall eine FU einzuholen. Damit steht dem Jugendlichen
der übliche Beschwerdeweg offen. Dieses Vorgehen kann auch für die Eltern entlastend wirken, da sie dann dem Jugendlichen nicht mehr als Verantwortliche für
die Zwangsausübung gegenüberstehen.
Für die FU sind die Bestimmungen des Erwachsenenschutzrechtes sinngemäss
anwendbar (Art. 314b ZGB). Da die Einweisung in eine geeignete Einrichtung
im Rahmen einer FU das Recht der Eltern, den Aufenthaltsort des Kindes zu bestimmen (Art. 301a ZGB), tangiert, ist die elterliche Zustimmung oder Duldung
notwendig. Wehren sich die sorgeberechtigten Eltern gegen die FU und gefährden damit das Wohl des Kindes, muss die Kindesschutzbehörde einbezogen werden (Art. 307 ZGB), die einen Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts anordnen kann (Art. 310 ZGB). Bei unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben kann eine
Hospitalisation eines Kindes oder Jugendlichen auch gegen dessen eigenen und
den elterlichen Willen durchgeführt werden, und zwar im Sinne der Abwehr eines
Notstands (Art. 17 und 18 StGB). Eine gültige Verfügung muss aber so rasch wie
möglich eingeholt werden.
Für die Zwangsbehandlung von unter FU-Bedingungen hospitalisierten urteilsunfähigen Jugendlichen ist umstritten, ob diese die elterliche Einwilligung oder ein
Vorgehen nach Art. 434 ZGB voraussetzt. In den meisten Fällen erscheint es aber
sinnvoll, sich um die Zustimmung der Eltern zur Behandlung zu bemühen. Wo
dies nicht gelingt, muss die KESB beigezogen werden, die eine Beistandschaft zur
Vertretung in medizinischen Angelegenheiten errichten und die elterliche Sorge
einschränken kann (Art. 308 ZGB).
29 Bei Urteilsfähigkeit wäre grundsätzlich eine stationäre Unterbringung nach Art. 314b ZGB möglich,
eine Behandlung ohne Zustimmung nach Art. 434 ZGB dagegen nicht.
4.3.1.Entscheidungsprozesse
Die Urteilsfähigkeit entwickelt sich progressiv vom Kleinkindesalter bis zur Volljährigkeit und darüber hinaus. Daher ist entwicklungspsychologische Kompetenz
notwendig, um die Urteilsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen einzuschätzen und ihre Selbstbestimmung zu fördern. Erfahrungsgemäss kann die Kooperation mit notwendigen Massnahmen auch bei kleinen Kindern erheblich verbessert werden, wenn ihnen neben einer kindgerechten ausführlichen Erklärung
auch ein möglichst weitreichendes Selbstbestimmungsrecht eingeräumt wird.
Auch wenn Jugendliche im zweiten Lebensjahrzehnt eine rasch zunehmende
Entscheidungskompetenz in medizinischen Fragen erwerben können, bestehen
bei älteren Jugendlichen infolge der langsamen Reifung der entsprechenden Hirn­
areale oft noch Schwierigkeiten, komplexere Entscheidungen angemessen zu beurteilen. Insbesondere kann es diesen minderjährigen Personen Mühe bereiten,
langfristige Risiken und Folgeschäden realistisch wahrzunehmen oder in Betracht
zu ziehen, dass die eigene Bewertung dieser Risiken in einigen Jahren anders ausfallen könnte. Die Einschätzung der Urteilsfähigkeit erfordert deshalb besondere
Sorgfalt und Fachkompetenz, wenn es um Entscheidungen mit irreversiblen Folgen geht. Die Ausübung der Selbstbestimmung durch den Jugendlichen sollte
nicht zum Preis einer irreversiblen Schädigung seiner weiteren Entwicklung und
damit seiner zukünftigen Selbstbestimmungsfähigkeit toleriert werden.
Obwohl mit dem Erreichen der Urteilsfähigkeit das Entscheidungsrecht über medizinische Massnahmen von den Eltern auf den Jugendlichen übergeht, finden
Entscheidungsprozesse bereits vor diesem Zeitpunkt und noch lange danach in
einer komplexen Interaktion zwischen Eltern und Kind statt, die für die Behandelnden oft nicht sichtbar ist. Im Idealfall räumen die Eltern dem noch nicht
urteilsfähigen Kind soviel Mitbestimmungsrecht ein wie möglich, und der urteilsfähige Jugendliche gewährt seinen Eltern beratende Mitsprache bzw. Mitentscheidung, wo er sich überfordert fühlt.
Auch wenn Eltern und Jugendliche einer Massnahme gemeinsam zustimmen,
sollte bei besonders belastenden und risikoreichen Eingriffen sorgfältig geprüft
werden, ob der Jugendliche seine Zustimmung wirklich selbstbestimmt erteilt. Es
kann nämlich, namentlich bei onkologischen Patienten, vorkommen, dass diese
von ihren Eltern bewusst oder unbewusst zur Zustimmung oder Ablehnung einer Behandlung gedrängt werden.
Wenn sowohl die Eltern als auch der Jugendliche eine medizinisch klar indizierte
Massnahme ablehnen, muss der Beizug der KESB geprüft werden. Wenn die Behandelnden mit einem Dissens konfrontiert sind, indem der Jugendliche eine
Massnahme ablehnt, der die Eltern zustimmen, entscheidet die Frage der Urteilsfähigkeit rechtlich darüber, ob eine Behandlung unterbleiben muss oder als Zwangsmassnahme durchgeführt werden kann. An die Prüfung der Urteilsfähigkeit sind
umso höhere Anforderungen zu stellen, je weitreichender die Folgen einer abgelehnten Behandlung sind.
Stimmt der urteilsfähige Jugendliche einer indizierten Massnahme zu, während
die Eltern sich trotz eingehender Gespräche dagegen stellen, soll diese, falls nötig
unter Einbeziehung der KESB, durchgeführt werden.30
4.3.2.Durchführung
Bei Säuglingen und Kleinkindern ist es für sehr viele medizinische Massnahmen
aufgrund der damit verbundenen Schmerzen und Unannehmlichkeiten unmöglich, eine Duldung oder gar aktive Kooperation zu erreichen. Oft muss der Widerstand des Patienten durch irgendeine Form von Zwang überwunden werden. Es
gibt eine Vielzahl von Methoden, diesen Zwang so sanft wie möglich zu gestalten: die Auswahl der am wenigsten invasiven Massnahmen, eine vorausgehende
optimale Schmerzbehandlung, gegebenenfalls eine Sedierung oder Narkose, eine
ruhige Atmosphäre mit Anwesenheit vertrauter Personen, eine kindgerechte Erklärung vor und die Ablenkung während des Eingriffs erlauben es meist, ein gewaltsames Festhalten gegen angstvollen Widerstand zu vermeiden. Für die orale
Medikamenteneinnahme gibt es verschiedene Optionen, diese so wenig unangenehm wie möglich zu gestalten.
Bei grösseren Kindern soll zudem versucht werden, ihre möglichst weitgehende
Kooperation zu erreichen. Dafür ist eine umfassende Aufklärung mit geeigneten
Mitteln, z. B. Geschichten, Bilder, Gegenstände und Vorführungen, aber auch
Techniken wie Entspannung und Hypnose, hilfreich. Auch Belohnungen der jungen Patienten für ihre gute Kooperation können nützlich sein.
Für Jugendliche gelten bei der Durchführung von Zwangsmassnahmen die gleichen Grundsätze wie für Erwachsene. Sie sollen aber ausschliesslich in speziell
für Jugendliche konzipierten Einrichtungen mit spezifisch geschultem Personal
30 Diese kann eine Beistandschaft zur Vertretung in medizinischen Angelegenheiten errichten und
falls nötig die elterliche Sorge in diesem Bereich einschränken (vgl. Art. 308 ZGB).
4.3.3.Prävention
Der Angst vor medizinischem Zwang bei Kindern kann am besten dadurch vermieden werden, dass diese Patientengruppe frühzeitig mit medizinischen Behandlungen, Fachpersonen und Einrichtungen vertraut gemacht wird. Dazu
können entsprechende Bilderbücher und Spielzeug ebenso dienen wie Spitalführungen und die regelmässigen Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt.
Bei Jugendlichen versprechen die Früherkennung und Frühbehandlung psy­
chi­scher Probleme, von Essstörungen sowie selbstschädigendem und riskantem
Verhalten am ehesten eine Vermeidung zukünftiger Zwangsbehandlungen. Der
angemessene Umgang mit dem Bedürfnis Jugendlicher nach Opposition und
Auto­nomie, gelegentlich auch gemeinsame Behandlungsvereinbarungen, können ebenfalls präventiv wirken.
4.4. Patienten in der Langzeitpflege
Der Aufenthalt in Wohn- oder Pflegeeinrichtungen für ältere Menschen oder für
Personen mit Behinderungen oder chronischen körperlichen oder psychischen
Krankheiten ist im Erwachsenenschutzrecht spezifisch geregelt (Art. 382-387
ZGB) und enthält Bestimmungen über Massnahmen zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit (Art. 383-385 ZGB). Bei älteren Menschen werden Zwangsmassnahmen vor allem bei einem demenzbedingten fortschreitenden Verlust der Urteilsfähigkeit oder bei zunehmender Gebrechlichkeit in Erwägung gezogen. Akut
auftretende und fluktuierende Bewusstseinsstörungen (Delir 31) sind häufig. Bei
jüngeren Personen kann aufgrund einer geistigen Behinderung oder einer chronischen körperlichen oder psychischen Krankheit die Urteilsfähigkeit fehlen.
Diese Einschränkungen lassen in bestimmten Situationen Zwangsmassnahmen
unvermeidlich werden.
Bewegungseinschränkende Massnahmen sind nur erlaubt, wenn weniger eingreifende Massnahmen nicht ausreichen oder von vornherein ungenügend erscheinen. Die Massnahme muss entweder dazu dienen, eine ernsthafte Selbstgefährdung abzuwenden oder eine schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens
durch herausforderndes Verhalten zu beseitigen.
Psychische und subtile Freiheitseinschränkungen wie übermässige Kontrolle,
Drohungen, Manipulation, Entzug von Genussmitteln usw. sind vom Gesetzgeber nicht erwähnt, tangieren aber wie alle freiheitseinschränkenden Massnahmen das von der Bundesverfassung geschützte Recht auf persönliche Freiheit und
sind unter ethischen Gesichtspunkten fragwürdig.
31 Beim Delir gelten analog die in Kap. 4.1.3. beschriebenen Grundsätze.
Erfolgt die Platzierung von Patienten mit Demenz über eine FU, kann dies für den
betroffenen Patienten und die Angehörigen sehr belastend sein. So muss im Einzelfall kritisch geprüft werden, ob die Platzierung über eine FU erfolgen sollte oder
ob stattdessen ein Betreuungsvertrag gemäss Art. 382 ZGB abgeschlossen werden
kann. Auch wenn es sich nicht um eine FU im formellen Sinn handelt, muss eine
Platzierung notwendig, da medizinisch indiziert, proportional zur Schwere der
Gefährdung und immer die am wenigsten belastende Alternative sein. Wenn die
vertretungsberechtigte Person mit dem Wunsch nach Platzierung nicht im besten
Interesse des Patienten zu handeln scheint, muss die KESB beigezogen werden.
4.4.1.Entscheidungsprozesse
Das KESR schreibt, je nach Art der gewählten Massnahme, unterschiedliche Entscheidungswege vor: Mechanische bewegungseinschränkende Massnahmen können von der Institution beschlossen werden (Art. 383 ZGB); der Einsatz von Medikamenten erfordert hingegen die Zustimmung der vertretungsberechtigten Person
(Art. 378 ZGB). Diese unterschiedlichen Entscheidungswege erschweren den Entscheidungsprozess und können dazu führen, dass eher die für den Patienten belastendere Bewegungseinschränkung gewählt wird.
Bevor eine Zwangsmassnahme in Erwägung gezogen werden darf, müssen alle relevanten diagnostischen Möglichkeiten ausgeschöpft sein (z. B. Ausschluss eines
Harnweginfekts, einer Exsikkose, unbehandelter Schmerzen oder Nebenwirkungen eines Medikaments bei einem unruhigen Patienten).
Grundsätzlich ist dasjenige Mittel zu wählen, das bei geringstmöglicher Invasivität den bestmöglichen Erfolg erzielen kann. Die subjektiv empfundene Belastung
durch eine Zwangsmassnahme hängt sehr stark von der individuellen Persönlichkeit und der jeweiligen Situation ab. Manche Personen leiden stärker an der Missachtung ihres Willens durch Täuschung (z. B. durch Kaschierung 32 eines Medikaments in Essen oder Trinken), andere mehr an der physischen Beeinträchtigung
durch eine Zwangsmassnahme (z. B. schlechter Geschmack des Medikaments oder
Applikation per Injektion). Ebenso kann die Verletzung der Privatsphäre durch
eine dauernde Überwachung als invasiver empfunden werden als die Einschränkung der Bewegungsfreiheit durch eine mechanische Barriere oder umgekehrt.
32 Bei der Kaschierung eines Medikaments muss differenziert werden: Handelt es sich um das Zer­mörsern
einer Tablette und wird diese dem Essen eines dementen Patienten mit Schluckproblemen mit dem
einzigen Ziel beigemischt, die Einnahme der Tablette zu erleichtern, so stellt dies keine Zwangs­
massnahme dar. Hingegen liegt eine Zwangsmassnahme vor, wenn ein Patient, der ein bestimmtes
Medikament (z. B. ein Neuroleptikum) ablehnt, durch die Kaschierung über die Verabreichung getäuscht
wird. Das Risiko einer Veränderung der Wirksamkeit des Medikaments durch die verän­derte
Darreichungs­form ist zu berücksichtigen.
Sowohl die Wahl einer bestimmten Zwangsmassnahme als auch der Entscheid,
sie tatsächlich anzuwenden, sind mit der betroffenen urteilsunfähigen Person
zu besprechen; zudem sind ihre Präferenzen zu erforschen und so weit wie möglich zu befolgen.
Das Betreuungsteam muss die voraussichtliche Dauer der Massnahme, die Zeitabschnitte der Überprüfung und geeignete Überwachungsmassnahmen festlegen.
Bei einer schwerwiegenden Störung des Gemeinschaftslebens durch herausforderndes Verhalten (z. B. sexuelle Enthemmung, Aggression, Schreien) muss versucht werden, das Problem durch geeignete Interventionen (z. B. Beseitigung irritierender Einflüsse, Ablenkung oder Veränderung der Abläufe) zu lösen, bevor
freiheitseinschränkende Massnahmen oder eine Medikation erwogen werden.
4.4.2.Durchführung
Notwendige Zwangsmassnahmen sollten sachgerecht und möglichst schonend
durchgeführt werden. Bevor eine Zwangsmassnahme eingeführt wird, muss der
betroffenen Person erklärt werden, was geschieht, warum die Massnahme angeordnet wurde, wie lange diese voraussichtlich dauert und wer sich während dieser Zeit um sie kümmert.
Bewegungseinschränkende Massnahmen zeigen mitunter nicht den gewünschten Erfolg oder führen zu Komplikationen. Aus diesem Grund sind sie durch
ein geeignetes Monitoring zu begleiten. Patienten mit mechanischer Einschränkung der Bewegungsfreiheit müssen sorgfältig überwacht werden, damit allfällige Komplikationen sofort erkannt und behandelt werden können. Über jede
Zwangsmassnahme muss ein Protokoll geführt werden. Dieses enthält zwingend
Angaben über Zweck, Art und Dauer der Massnahme (Art. 384 ZGB), sollte aber
sinnvollerweise auch deren Auswirkungen bezüglich Erfolg bzw. Komplikationen
beschreiben (vgl. Anhang B Ziff. 3). Schon bei der Verordnung müssen regelmässige Intervalle zur Überprüfung der Zweckmässigkeit festgelegt werden.
Besuchende Angehörige sollen vor dem ersten Kontakt mit dem Patienten über
die angewendeten Zwangsmassnahmen informiert werden.
Innerhalb des betreuenden Teams muss immer die Möglichkeit zur Nachbesprechung durchgeführter Zwangsmassnahmen gegeben sein.
4.4.3.Prävention
Die systematische Regelung der Entscheidungsprozesse ist hilfreich bei der Prävention bewegungseinschränkender Massnahmen, bei der Kommunikation mit
Stellvertretungspersonen und für deren allenfalls notwendigen Einsatz. Die Werte
und Präferenzen der Bewohner im Hinblick auf ihre zukünftige Behandlung sollen, solange dies möglich ist, am besten aber schon beim Eintritt in die Institution, besprochen werden. Die Ergebnisse sind schriftlich festzuhalten. Ebenso
empfiehlt es sich, bei urteilsunfähigen Bewohnern proaktiv den Handlungsspielraum mit den Vertretungspersonen zu besprechen und einvernehmlich einen Behandlungsplan aufzustellen.
Folgende Massnahmen haben eine präventive Wirkung:
– institutionsinterne Richtlinien erstellen (definierte Entscheidungsprozesse,
Zuständigkeiten, Entscheidungskriterien, Handlungsanleitungen);
– Schulung und Sensibilisierung bezüglich des fraglichen Nutzens von freiheitseinschränkenden Massnahmen und Alternativmassnahmen
(Schwerpunkte: Aggressionsmanagement, Delirmanagement, Umgang mit
herausforderndem Verhalten, rechtliche und ethische Aspekte);
– Beratung durch externe Fachperson, etwa Pflegeexperte oder Geriater/
Gerontopsychiater;
– interdisziplinäre Fallbesprechungen;
– Diskussion von Haltungsfragen in der Institution (z.B. «Wie schränken wir
die Autonomie der Bewohner ein?», «Wie fördern wir sie?»).
4.5. Patienten in spitalexterner Pflege
In der spitalexternen Pflege («Spitex») sollten Zwangsmassnahmen nicht zur Anwendung kommen. Wenn sie bei urteilsunfähigen Patienten unerlässlich sind,
gelten die eingangs aufgeführten Grundsätze. Spitexfachpersonen können aber
mit Zwangsmassnahmen durch Dritte konfrontiert sein, z. B. (Körper-)Pflege gegen den Willen der betreuten Person, Massnahmen ohne Zustimmung der betreuten Person, weil ihr Wille nicht eruiert wird, und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit.
Durch eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der betreuten Person und ihrem Umfeld sowie durch die Respektierung ihres Rechts auf Selbstbestimmung
sollen solche Situationen möglichst vermieden bzw. reduziert werden. Hilfsmittel, z. B. die standardisierte Evaluation der Bedürfnisse der betreuten Person, tragen dazu bei, dass Gefährdungssituationen (Gewalttätigkeit oder Vernachlässigung) rechtzeitig erkannt und geeignete Massnahmen 33 dagegen getroffen
werden. Dazu ist eine interprofessionelle Analyse der Situation unter Einbezug
33 Dies kann bei gravierenden Fällen die Benachrichtigung der zuständigen Behörde einschliessen.
der betreuten Person und ihres Umfelds erforderlich. Zu den vorrangigen Präventionsmassnahmen gehören die angepasste Information der betreuten Person
und der Angehörigen, die adäquate Ausbildung der Betreuenden, der regelmässige Austausch der Spitexfachpersonen mit dem behandelnden Arzt, die Abstimmung mit dem betreuenden Umfeld sowie die regelmässige Evaluation der Bedürfnisse der betreuten Person und ihrer Angehörigen.
4.6. Patienten im Straf- und Massnahmevollzug 34
Klare und bindende Richtlinien für im Gefängnis beschäftigte Ärzte und Pflegefachpersonen sind unerlässlich, da viele Gesundheitsdienste in der Schweiz in
Abhängigkeit von der Gefängnisverwaltung organisiert sind. Medizinische Entscheidungen müssen jedoch stets unabhängig von der Gefängnisverwaltung getroffen werden. Die Abhängigkeit des medizinischen Personals kann zu Interessens- und Loyalitätskonflikten führen und Bedienstete der Gesundheitsdienste
zu unethischen Entscheidungen oder Aktionen veranlassen, etwa wenn Zwangsmassnahmen gegen das Interesse des Patienten angeordnet werden.
Für die Durchführung medizinisch indizierter Zwangsmassnahmen gelten dieselben Grundsätze wie für die übrigen Patienten (Äquivalenzprinzip).
34 Vgl. auch «Ausübung der ärztlichen Tätigkeit bei inhaftierten Personen». Medizin-ethische Richtlinien
der SAMW (2002, aktualisiert 2012, Anhang Lit. G ergänzt 2015).
Zwang – ein mehrdimensionales Konzept
Zwang kann in der medizinischen Praxis eine Vielfalt von Erscheinungsformen
annehmen, deren ethische Bewertung entlang eines Kontinuums von geboten
(Durchführung eines lebensrettenden Eingriffs bei einem Säugling, der sich dagegen wehrt) bis völlig inakzeptabel (medikamentöse Zwangsbehandlung eines
urteilsfähigen Patienten) variiert. Zur Orientierung ist es hilfreich, die verschiedenen Erscheinungsformen von Zwang in einem mehrdimensionalen Raster einzuordnen.
Die vier hier verwendeten Dimensionen ergeben sich erstens aus dem Willen des
Patienten, zweitens aus seinem Verhalten, drittens aus dem Zweck der Massnahme
und viertens aus deren Invasivität.
Die erste Dimension erfasst den selbstbestimmten Willen des Patienten bezüglich der durchzuführenden Massnahme. Dieser ist im Idealfall aufgrund vollständiger Informationen und im Stande der Urteilsfähigkeit frei und beständig gefasst
worden. Häufig ist der Wille aber gerade in Krankheitssituationen unklar und von
Ambivalenzen geprägt. Erst in einem längeren Aufklärungs- und Beratungsprozess
kann sich in solchen Fällen ein selbstbestimmter Wille bilden. Die Willensbildung
kann auch, z. B. durch Krankheit oder kognitive Beeinträchtigung, so geschwächt
oder verfälscht sein, dass Urteilsunfähigkeit vorliegt. Wenn die Urteilsfähigkeit
früher vorhanden war, kann der Wille gegebenenfalls aus einer Patientenverfügung (vorverfügter Wille) oder aus den Angaben nahestehender Personen (mutmasslicher Wille) erkannt werden. Falls keine Möglichkeit besteht, einen selbstbestimmten Willen festzustellen, muss sich die Behandlung nach den Interessen und
dem mutmasslichen Willen richten. In dieser Dimension liegt Zwang vor, wenn
gegen den aktuell geäusserten Willen einer urteilsfähigen Person bzw. bei dessen
Fehlen gegen den vorverfügten oder den mutmasslichen Willen gehandelt wird.
Eine in dieser Situation durchgeführte Zwangsmassnahme muss sich auf eine entsprechende spezifische gesetzliche Grundlage (Kindes- und Erwachsenenschutzrecht KESR, Strafgesetzbuch, Epidemiengesetz) abstützen.
Die zweite Dimension beschreibt das Verhalten, das die betroffene Person gegenüber der fraglichen Massnahme an den Tag legt. Dieses kann von der ausdrücklichen Zustimmung, über das implizite Einverständnis und die passive Duldung
bis zur expliziten verbalen Ablehnung und zum physischen Widerstand reichen.
In schwierigen klinischen Situationen kann das gezeigte Verhalten auch nicht
eindeutig und wechselhaft sein. Oft ist es durch die Äusserungen und das Vorgehen der Behandelnden beeinflussbar. Als Zwang wird in dieser Dimension die
Durchführung einer Massnahme trotz verbaler Ablehnung oder physischen Widerstands bezeichnet.
Für die Praxis ist es wichtig, sich zu vergewissern, ob das in der aktuellen Situation beobachtete Verhalten (Aussensicht, zweite Dimension) mit dem in der ersten Dimension (Innensicht) feststellbaren Willen übereinstimmt oder nicht. Die
kombinierte Betrachtung des selbstbestimmten Willens und Verhaltens erlaubt
es, vier Fälle zu unterscheiden.
1. Es liegt die Zustimmung zur Massnahme vor und der Patient kooperiert oder
duldet die Massnahme passiv. Die Zustimmung kann dabei vom Patienten aktuell aufgrund seines selbstbestimmten Willens gegeben werden oder sie beruht auf einer vorverfügten Willensäusserung, auf dem mutmasslichen Willen oder dem Entscheid einer dazu berechtigten Vertretungsperson. Dies ist
der Regelfall im medizinischen Alltag. Selbst wenn die persönliche Freiheit des
Patienten durch die Massnahme erheblich eingeschränkt wird, kann nicht von
Zwang gesprochen werden.
2. Dagegen ist die Durchführung einer Massnahme gegen die verbale Ablehnung
oder den physischen Widerstand bei Kenntnis einer ablehnenden, im Stande
der Urteilsfähigkeit getroffenen Willensentscheidung Zwang im höchsten
Grade. Sie kann höchstens im Rahmen einer FU oder einer behördlichen Anordnung mit gesetzlicher Grundlage zulässig sein und auch dann nur freiheitseinschränkende Massnahmen umfassen. Eine medikamentöse Therapie mittels physischen Zwangs ist bei urteilsfähigen Personen nicht zulässig, auch
nicht unter den Bedingungen einer FU. Dagegen kann das Akzeptieren einer
angeordneten Therapie (z. B. bei offener Tuberkulose) durch den Patienten diesem unter Umständen eine anderenfalls durchgeführte freiheitseinschränkende Massnahme verkürzen oder ersparen.
3. Bei urteilsfähigen Patienten ist die Übereinstimmung zwischen der ersten und
zweiten Dimension die Regel. Falls aber in der akuten Situation die Urteilsfähigkeit fehlt, kann es zur Diskrepanz im Rahmen der Beurteilung zwischen den
beiden Dimensionen kommen. Einerseits kann ein Patient infolge Bewusstseinstrübung oder kognitiver Beeinträchtigung eine Massnahme dulden oder
ihr sogar zustimmen, obwohl dies seinem vorverfügten oder mutmasslichen
Willen widerspricht. In dieser Situation muss die Durchführung der Massnahme als unzulässiger Zwang beurteilt werden und unterbleiben, ausser wenn
es sich zeigen lässt, dass der Patient trotz gegenteiligen Anscheins urteilsfähig
geblieben ist, aber seine Meinung im Laufe der Krankheit geändert hat.
4. Die umgekehrte Situation besteht dann, wenn ein Patient im Zustand der Urteilsunfähigkeit eine Massnahme verbal und/oder durch physischen Widerstand ablehnt, die aber seinem vorverfügten oder mutmasslichen Willen entspricht oder zu der er sich, z. B. aufgrund mangelnder kognitiver Fähigkeiten,
nie ein kompetentes Urteil bilden konnte. Die Überwindung von Ablehnung,
insbesondere von physischem Widerstand, wird sowohl von der betroffenen
Person als auch von den Behandelnden immer als Zwang erlebt, auch wenn
das Einverständnis zur Massnahme in schriftlich vorverfügter Form oder von
Seiten einer vertretungsberechtigten Person vorliegt. Diese Situationen bilden
ein häufiges Anwendungsfeld für medizinische Zwangsmassnahmen.
In einer dritten Dimension können Zwangsmassnahmen aufgrund des Zweckes,
zu dem sie angeordnet werden, in drei Kategorien eingeteilt werden: therapeutische Massnahmen zur Behandlung einer Krankheit, präventive Massnahmen
gegen eine ernsthafte Selbstgefährdung und Massnahmen zum Schutze Dritter.
Einzelne Massnahmen können zwar gleichzeitig mehreren Zwecken dienen, sind
aber unter Umständen nicht für jeden Zweck gleich gut geeignet. Insbesondere
die Verabreichung von Medikamenten hat je nach hauptsächlich angestrebtem
Zweck eine unterschiedliche Tragweite. Massnahmen in der ersten Kategorie werden als Zwangsbehandlung bezeichnet, solche in der zweiten und dritten als freiheitseinschränkende Massnahmen.
Die vierte Dimension dieser Betrachtungsweise betrifft die Invasivität der Massnahmen. Die möglichen Mittel, mit denen Behandelnde einen Patienten zur einvernehmlichen oder passiven Duldung einer Massnahme bringen können, liegen auf einem Kontinuum zwischen fehlendem und hochgradigem Zwang. Bei
primärer Ablehnung einer vorgeschlagenen Massnahme steht den Behandelnden
die folgende Eskalationskaskade zur Verfügung: Bessere Information, Beratung,
Empfehlung, Überzeugung, Überredung, Manipulation, Täuschung, Druck, Androhung von Strafen, kontinuierliche Überwachung, Einrichtung mechanischer
Barrieren, Anwendung körperlicher Gewalt. Der Übergang zum Zwang findet dort
statt, wo die Unterstützung der selbstbestimmten Willensbildung des Patienten
aufhört und der Wille der Behandelnden ohne hinreichende Beteiligung der betroffenen Person die Oberhand gewinnt, d. h. in der vorstehenden Liste zwischen
«überzeugen» und «überreden». Das Ausmass des subjektiv empfundenen Zwangs
beim einzelnen Patienten muss nicht unbedingt in der oben angegebenen Reihenfolge der Massnahmen zunehmen. So kann z. B. eine kontinuierliche Überwachung von gewissen Patienten als invasiver empfunden werden als ein physisches
Eingeschlossensein oder eine Täuschung als verletzender als sichtbare Barrieren,
während bei anderen das Gegenteil der Fall ist. Wichtig ist auch, ob eine Zwangsmassnahme die körperliche Integrität des Patienten tangiert (z. B. medikamentöse
Behandlung, Blutentnahme, operativer Eingriff) oder nicht, da die körperliche Integrität einer urteilsfähigen Person auch auf gerichtliche Anordnung hin nicht
gegen ihren Willen durch eine medizinische Massnahme verletzt werden darf.
Die Analyse einer Zwangsmassnahme in ihren verschiedenen Dimensionen erlaubt eine differenzierte Beurteilung und die gegenseitig abgestimmte Optimierung der den einzelnen Dimensionen entsprechenden Ziele. Diese sind für die
Dimension des Patientenwillens der höchstmögliche Grad an Selbstbestimmung,
für die Dimension des Verhaltens das grösstmögliche Einvernehmen zwischen
dem Patienten und der behandelnden Person, für die Zweckdimension die bestmögliche Ausrichtung der Massnahme auf den angestrebten Zweck und für die
Dimension der Invasivität der Einsatz des vom Patienten als am wenigsten eingreifend empfundenen Mittels.
Prozedurale Hilfestellung für die Umsetzung der Richtlinien
1. Entscheidungsprozess: Anwendung von Zwangsmassnahmen
–Problemdefinition:
– Wie äussert sich das Problem?
– Für wen stellt sich die Situation als Problem dar?
– Ist der Patient urteilsunfähig?
– Gibt es behebbare Ursachen, die zur Problemlösung beitragen können?
– Ziel: Was soll mit einer allfälligen Zwangsmassnahme erreicht werden?
– Eignung: Ist die Massnahme geeignet, um die angestrebten Ziele zu
– Erforderlichkeit: Erscheint die Massnahme im Interesse der betroffenen
Person zwingend nötig oder ist sie unverhältnismässig?
– Alternativen: Sind alle weniger einschneidenden Massnahmen bereits
erfolglos eingesetzt oder auf ihre Eignung hin überprüft worden?
– Präferenzen der betroffenen Person: Werden die Präferenzen des betroffenen
Patienten so weit wie möglich berücksichtigt?
–Bedingungen:
– Sind die gesetzlichen Bedingungen des KESR erfüllt?
– Verfügt das Personal über die notwendigen Kompetenzen zur Durch­
führung von Zwangsmassnahmen?
– Prävention: Gibt es Präventionsmassnahmen, die den Einsatz von
Zwangsmassnahmen in Zukunft vermindern könnten?
– Beschwerdemöglichkeiten: Ist der Patient über seine Rechte informiert
– Situationsabhängig: allfällige weitere relevante Aspekte.
2.1. Einweisung per FU
Für die Einweisung per FU sind neben dem ZGB die jeweiligen kantonalen Bestimmungen zu beachten. Die persönliche Untersuchung der betroffenen Person
durch den Arzt und die nachvollziehbare schriftliche Begründung entscheiden
darüber, warum eine FU und keine weniger eingreifende Massnahme eingeleitet
werden soll. Der Unterbringungsentscheid muss mindestens folgende Angaben
enthalten (Art. 430 ZGB):
– Ort und Datum der Untersuchung;
– Name des Untersuchenden;
– Befunde, Gründe und Zweck der Unterbringung;
–Rechtsmittelbelehrung.
Die betroffene Person sowie die aufnehmende Institution erhalten je ein Exemplar des Unterbringungsentscheides. Sofern möglich, wird eine der betroffenen
Person nahestehende Person schriftlich über die aufnehmende Institution und
die Befugnis, das Gericht anzurufen, informiert.
2.2. Vorgehen der Institution bei FU-Patienten
Nach einer Einweisung per FU sind folgende Schritte durchzuführen bzw. zu
– Abklärung, ob die eingewiesene Person urteilsfähig ist oder nicht;
– Abklärung, ob die eingewiesene Person eine Vertrauensperson benannt hat;
bei Urteilsunfähigkeit: Abklärung, ob die eingewiesene Person eine Patientenverfügung verfasst hat;
– Erstellung eines schriftlichen Planes zur Behandlung der psychischen
Störung unter umfassendem Beizug der betroffenen Person und gegebenenfalls ihrer Vertrauensperson;
bei Urteilsunfähigkeit: Berücksichtigung der Patienten­verfügung im
– Information des Patienten und der Vertrauensperson über die in Aussicht
stehenden Massnahmen (Gründe, Zweck, Art, Modalitäten, Risiken
und Nebenwirkungen, Folgen einer Unterlassung und allfällige alternative
Behandlungsmöglichkeiten);
– Einholung der Zustimmung des urteilsfähigen Patienten;
bei urteilsunfähigen Patienten: vgl. auch nachfolgend Ziff. 2.3.;
– regelmässige Anpassung des Behandlungsplans und Dokumentation der
– Dokumentation des Austrittsgesprächs unter besonderer Berücksichtigung
der bei bestehender Rückfallgefahr besprochenen bzw. eingeleiteten vor­
beugenden Massnahmen.
2.3. Behandlung ohne Zustimmung bei FU-Patienten
(Art. 434 ZGB, Zwangsbehandlung)
Vor der chefärztlichen Verordnung der Behandlung ohne Zustimmung sind
folgende Punkte zu prüfen und das Ergebnis zu dokumentieren:
– Droht ohne Behandlung der betroffenen Person ein ernsthafter gesund­
heitlicher Schaden? Sind das Leben oder die körperliche Integrität Dritter
ernsthaft gefährdet?
– Ist die betroffene Person bezüglich ihrer Behandlungsbedürftigkeit
urteilsunfähig?
– Steht keine weniger einschneidende, aber angemessene Massnahme
– Wurde eine allfällige Patientenverfügung umgesetzt? Wenn nein,
Erst nachdem die vier Punkte abgeklärt sind, darf eine Behandlung ohne Zustimmung angeordnet werden. Die Anordnung wird der betroffenen Person und
ihrer Vertrauensperson schriftlich mitgeteilt, verbunden mit einer Rechtsmittelbelehrung.
Dokumentation von Zwangsmassnahmen
Zwangsmassnahmen sind schriftlich festzuhalten; die folgenden Punkte werden
empfohlen, wobei die Liste je nach Anwendungsbereich angepasst werden kann.
Die Dokumentation kann auch als rechtsgültige Verfügung ausgestaltet werden:
– Personalien der betroffenen Person;
– Beschreibung des Problems (Interesse des Patienten);
– Ziel und Zweck der Massnahme (therapeutisch, Selbstschutz, Fremdschutz);
– verworfene oder als unwirksam erwiesene Alternativen
(welche?, warum verworfen?);
– (mutmasslicher) Wille des Patienten (Vorliegen einer Patientenverfügung
– Urteilsunfähigkeit bezüglich der geplanten Massnahme gegeben
(beurteilt durch ...);
– Angabe, ob Notfallmassnahme oder geplante Massnahme;
– Art und Dauer der Massnahme;
– notwendige Überwachungsmassnahmen bzw. Begleitmassnahmen;
– Intervall der Evaluationen;
– Datum des Beginns der Anwendung;
– Datum der Evaluationen;
– verantwortliche Entscheidungsinstanz bzw. verantwortliche Person;
– Information (inkl. Rechtsmittelbelehrung):
– Sind die Inhalte mit der betroffenen Person besprochen worden?
– Sind die Inhalte mit der vertretungsberechtigten Person besprochen
– Wann ist das Gespräch geführt worden?
– Wer hat es durchgeführt?
– Mit wem wurde gesprochen?
– Wirkung der Massnahme (Verweis auf Ort der Dokumentation);
– Nachbesprechung (wann?, wer?, mit wem?);
– weitere relevante Punkte.
C.Glossar
Behandlung ohne Zustimmung
Zwangsbehandlung bei einem Patienten, der sich in fürsorgerischer Unterbringung befindet (vgl. Art. 434 ZGB).
Dringliche Situation
Zur Lebensrettung oder zur Abwehr einer schweren Folgeschädigung unaufschieb­
bare Behandlung, Pflege oder Betreuung (vgl. insb. Kap. 2.5.).
Einschränkung der körperlichen Bewegungsfreiheit mit mechanischen Methoden, Medikamenten oder mit psychologischen Mitteln (vgl. insb. Kap. 2.1.1.):
Im Gegensatz zur hier verwendeten weiten Definition betrifft Art. 383 ZGB ausschliesslich be­wegungseinschränkende Massnahmen mit mechanischen Mitteln.
Einschränkungen der körperlichen Bewegungsfreiheit sowie anderer Grundrechte
(vgl. insb. Kap. 2.1.).
Einweisung in eine geeignete Institution zur Behandlung und Betreuung gegen
den Willen der betroffenen Person (vgl. insb. Kap. 2.3.).
Begriff umfassend verstanden: bezieht sich auf die Tätigkeit von Ärzten, Pflegefachpersonen und Therapeuten.
Überlegung, wie ein Patient, der sich selbst nicht mehr äussern kann, sich entscheiden würde, wenn er in der Lage dazu wäre: Der mutmassliche Wille ergibt sich aus der Bewertung aller feststellbaren Informationen (z. B. aus früheren,
schriftlichen oder mündlichen Äusserungen des Patienten, Aussagen von Vertretungspersonen und Angehörigen).
Zustand, der meist als Folge einer psychischen oder körperlichen Erkrankung eintritt und dazu führen kann, dass die betroffene Person fürsorgerisch untergebracht
werden muss: Es handelt sich weder um einen medizinischen Fachbegriff noch
um eine generell akzeptierte Definition (vgl. insb. Kap. 2.7.).
Schwerwiegende Störung des Gemeinschaftslebens
Eine Störung des Gemeinschaftslebens, die so intensiv ist, dass sie sich in einer
unerträglichen Weise auf das Umfeld auswirkt (vgl. insb. Kap. 2.6.).
Subsidiarität und Verhältnismässigkeit von Zwangsmassnahmen
Prüfung, ob der Einsatz der Zwangsmassnahme notwendig und geeignet ist: Dies
be­deutet, dass vorgängig alle Alternativen zu einer Zwangsmassnahme geprüft
wurden und nur eine Zwangsmassnahme geeignet ist, um die Gefährdung abzuwenden. Sind mehrere Massnahmen geeignet, ist die am wenigsten belastende
Massnahme zu wählen. Die Voraussetzungen müssen bei jedem Patienten individuell geprüft werden (vgl. insb. Kap. 3.2.).
Urteilsfähigkeit wird für die konkrete Situation und für die konkrete Handlung
(Einwilligung) beurteilt. Sie setzt einerseits die Fähigkeit des Einwilligenden voraus, die Realität wahrzunehmen und sich ein Urteil und einen eigenen Willen
zu bilden (Erkenntnisfähigkeit), andererseits die Fähigkeit, dem Willen entsprechend zu handeln (Steuerungsfähigkeit): Es gibt keine schematischen Lösungen,
um sie zu ermitteln (vgl. Kap. 2.4.). Nachfolgende Kriterien können helfen, die
Urteilsfähigkeit festzustellen:
– die Fähigkeit, Information in Bezug auf die zu fällende Entscheidung zu
– die Fähigkeit, die Situation und die Konsequenzen, die sich aus alternativen
Möglichkeiten ergeben, richtig abzuwägen;
– die Fähigkeit, die erhaltene Information im Kontext eines kohärenten
Wertsystems rational zu gewichten;
– die Fähigkeit, die eigene Wahl zu äussern.
Vom Patienten, der sich in fürsorgerischer Unterbringung befindet, bezeichnete
Person des Vertrauens, die ihn während des Aufenthalts und bis zum Abschluss
aller damit zusammenhängenden Verfahren unterstützt (vgl. Art. 432 ZGB).
Vertretungsperson in medizinischen Angelegenheiten
Person, die den urteilsunfähigen Patienten in medizinischen Angelegenheiten
vertritt: Gemäss Art. 378 ZGB sind folgende Personen berechtigt, den Patienten
zu vertreten. Die Reihenfolge ist hierarchisch: In erster Linie Personen, die in einer Patientenverfügung oder in einem Vorsorgeauftrag bezeichnet wurden, in
zweiter Linie der Beistand mit einem Vertretungsrecht bei medizinischen Massnahmen, danach Angehörige und weitere Bezugspersonen, die dem Patienten
regelmässig persönlich Beistand leisten (Ehegatte bzw. eingetragener Partner,
Personen im gleichen Haushalt, Nachkommen, Eltern, Geschwister). Für minderjährige Patienten sind die Inhaber der elterlichen Sorge vertretungsberechtigt.
Durchführung einer medizinischen Massnahme gegen den selbstbestimmten Willen oder den Widerstand eines Patienten:
– der Wille kann als aktuelle Willensäusserung des urteilsfähigen Patienten
oder als vorausverfügter oder mutmasslicher Wille des zum Zeitpunkt der
Durchführung der Massnahme urteilsunfähigen Patienten erkennbar sein;
– der Widerstand kann durch verbale oder nonverbale Ablehnung oder durch
aktive Abwehr zum Ausdruck kommen (vgl. insb. Kap. 2. sowie Anhang A).
Medizinische Massnahme zur Erhaltung oder zur Wiederherstellung der Gesundheit, die gegen den Willen oder Widerstand eines Patienten durchgeführt wird
(vgl. insb. Kap. 2.2.).
Zurückbehaltung eines freiwillig eingetretenen Patienten mit einer psychischen
Störung gegen dessen Willen: nur zulässig, wenn damit eine ernsthafte Selbstgefährdung oder Gefährdung Dritter abgewendet werden kann (vgl. Art. 427 ZGB).
Im März 2013 hat die Zentrale Ethikkommission der SAMW eine Subkommission
mit der Ausarbeitung von medizin-ethischen Richtlinien zum Themenbereich
«Zwangsmassnahmen in der Medizin» beauftragt.
Verantwortliche Subkommission
Prof. Dr. med. Dr. phil. Paul Hoff, Psychiatrie, Zürich (Vorsitz)
Andreas Bolliger, Pflege, Affoltern a. Albis
Prof. Dr. iur. Marco Borghi, Recht, Pro Mente Sana, Comano
Dr. med. Verena Gantner, Allgemeinmedizin, Muri
Dr. med. Monique Gauthey, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Genf
Dr. med. Daniel Grob, Geriatrie, Zürich
Prof. Dr. med. Christian Kind, ZEK-Präsident, Pädiatrie, St. Gallen
PD Dr. med. Tanja Krones, Ethik, Zürich
Sophie Ley, Pflegeexpertin, MA Health Care Management, Monthey
lic. iur. Michelle Salathé, MAE, SAMW, Recht, Bern
lic. theol. Christoph Schmid, CURAVIVA, Bern
PD Dr. med. Martin Siegemund, Intensivmedizin, Basel
Bianca Schaffert-Witvliet, Pflege MSN, Mägenwil
Prof. Dr. med. Hans Wolff, Gefängnismedizin, Genf
PD Dr. med. Georg Bosshard, Winterthur
Dr. med. Christian Henkel, St. Gallen
Dr. med. Georges Klein, Monthey
Dr. phil. Franziska Rabenschlag, Basel
Dr. iur. Beat Reichlin, Langnau am Albis
Prof. Dr. med. Undine Lang, Basel
Prof. Dr. med. Armin von Gunten, Lausanne
Am 19. Mai 2015 hat der Senat der SAMW eine erste Fassung dieser Richtlinien genehmigt
zur Vernehmlassung bei Fachgesellschaften, Organisationen und interessierten Personen.
Die eingegangenen Stellungnahmen sind in der Endfassung berücksichtigt.
Die definitive Fassung dieser Richtlinien wurde am 19. November 2015 vom Senat
der SAMW genehmigt.
Artikel in der Schweizerischen Ärztezeitung PDF
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