Source: http://docplayer.org/1055056-Empfehlungen-zur-weiterentwicklung-von-theologien-und-religionsbezogenen-wissenschaften-an-deutschen-hochschulen.html
Timestamp: 2016-10-23 08:26:55
Document Index: 323942471

Matched Legal Cases: ['Art. 140', 'Art. 137', 'Art. 137', 'Art. 7', 'Art. 140', 'Art. 13714', 'Art 6']

1 wr wissenschaftsrat Drs Berlin Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen2 inhalt Vorbemerkung 4 Kurzfassung 7 A. Ausganglage 9 A.I Hintergrund 9 A.II Zur Genese des wissenschaftlichen Feldes im deutschen Hochschulsystem 12 A.III Christliche Theologien an deutschen Hochschulen 15 III.1 Zur Entwicklung der theologischen Fakultäten und der Theologie als Disziplin 15 III.2 Zum Verhältnis von Staat und Kirche 17 III.3 Zu Christlich-Theologischen Studiengängen 22 III.4 Studierende, angestrebte Abschlüsse und Personal 26 III.5 Zu Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs 29 A.IV Judaistik und jüdische Studien 31 IV.1 Zur Entwicklung der Judaistik und der Jüdischen Studien 31 IV.2 Studierende, angestrebte Abschlüsse und Personal 32 IV.3 Zur Ausbildung des Kultus- und Lehrpersonals 33 IV.4 Zu Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs 36 A.V Islamwissenschaftliche Fächer und Islamische Studien 37 V.1 Zum islamwissenschaftlichen Feld 37 V.2 Studierende, angestrebte Abschlüsse und Personal 39 V.3 Islamische Religionspädagogik und Islamische Religionslehre 39 V.4 Zur Ausbildung des Kultuspersonals 42 V.5 Zu Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs 44 A.VI Religionswissenschaft 47 VI.1 Zur Entwicklung des Faches 47 VI.2 Studierende, angestrebte Abschlüsse und Personal 48 VI.3 Zu Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs 49 B. Analysen und Empfehlungen 51 B.I Die Theologien im deutschen Wissenschaftssystem 51 I.1 Begriff und Selbstverständnis der Theologien 51 I.2 Ort der Theologien im gegenwärtigen Hochschulsystem 563 B.II Zu den christlichen Theologien 59 II.1 Zu Struktur und Organisation christlicher Theologien 59 II.2 Zur kirchlichen Mitwirkung 64 II.3 Zu Forschung, Lehre und wissenschaftlichem Nachwuchs 65 II.4 Kirchliche Hochschulen 68 B.III Zu Judaistik und Jüdischen Studien 69 III.1 Zur institutionellen Verortung 69 III.2 Zur Ausgestaltung des judaistischen Lehrangebots 71 III.3 Zur Ausbildung des Kultus- und Lehrpersonals 72 III.4 Zu Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs 72 B.IV Zu Islamwissenschaft und Islamischen Studien 73 IV.1 Zur Neuorientierung der islamwissenschaftlichen Fächer 73 IV.2 Zum Aufbau von Islamischen Studien in Deutschland 74 IV.3 Zur Mitwirkung der Muslime: Beiräte für Islamische Studien 78 IV.4 Zu Ausbildungsbedarf und Ausbildungszielen der Islamischen Studien 82 IV.5 Zu Forschung und Nachwuchsförderung 84 B.V Zur Religionswissenschaft 86 V.1 Zur Entwicklung der Religionswissenschaft 86 V.2 Zur institutionellen Verortung 88 V.3 Zu Lehre und Ausbildungsleistung 89 V.4 Zu Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs 90 B.VI Rahmenbedingungen für die Implementierung der Empfehlungen 92 C. Abkürzungsverzeichnis 94 D. Anhänge 96 E. Literatur 1644 4 Vorbemerkung Mit den vorliegenden Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften analysiert der Wissenschaftsrat Rolle und Struktur dieses wissenschaftlichen Feldes an deutschen Hochschulen angesichts einer veränderten gesellschaftlichen und hochschulpolitischen Lage. Zu diesem Feld gehören nach gegenwärtigem Verständnis neben den christlichen Theologien die Religionswissenschaft sowie diejenigen Teile der Islamwissenschaft und Judaistik, die sich auf die islamische bzw. jüdische Religion beziehen. In der Geschichte des Feldes spiegelt sich die Geschichte der Universität wider. Religion und Kirche stellten über lange Zeit dominante Bezugspunkte der Universität als Institution dar. Die Theologien gehörten traditionell zu den drei oberen Fakultäten. Im Zuge des Differenzierungsprozesses der Wissenschaften seit dem 19. Jahrhundert haben sich die Katholische und Evangelische Theologie intern ausdifferenziert sowie die Judaistik, die islamwissenschaftlichen Fächer und auch die Religionswissenschaft allmählich als eigenständige Disziplinen entwickelt. Dabei wurden Religionswissenschaft und Judaistik bis in die jüngste Zeit als Hilfswissenschaften der Theologien betrachtet. Dieses aufgrund seiner Geschichte in sich spannungsreiche Feld trifft heute in Deutschland auf eine religiös pluralisierte Gesellschaft und auf eine Öffentlichkeit, die religiöse Phänomene aufmerksam thematisiert und ihre Relevanz für die Lebenswelt des Einzelnen sowie für nationale und globale Konfliktlagen kontrovers diskutiert. Gleichzeitig entwickelt sich das theologische und religionswissenschaftliche Feld mit großer Dynamik. Vor diesem Hintergrund hat sich der Wissenschaftsrat die Aufgabe gestellt, das Feld der theologischen und religionsbezogenen Wissenschaften als Ganzes in den Blick zu nehmen. Er formuliert Empfehlungen zur Weiterentwicklung dieser Wissenschaften, die diese auch in die Lage versetzen sollen, zur Bewältigung neuer gesellschaftlicher Herausforderungen beizutragen. Der Ort der Theologien und religionsbezogenen Fächer ist unter drei Perspektiven neu zu vermessen: (1) Auf die weiter wachsende Pluralität der religiösen Bekenntnisse in Deutschland hat auch das Wissenschaftssystem langfristig und5 institutionell zu reagieren. (2) Die zu beobachtende hohe Entwicklungsdynamik im Hochschulsystem Stichworte: Autonomie der Hochschule, Exzellenzinitiative und Bologna-Prozess führt zu einem Spannungsverhältnis zwischen wissenschafts- bzw. hochschulpolitisch gewollter Veränderung einerseits und rechtlicher Fixierung des Status quo im Bereich der christlichen Theologien aufgrund staatskirchenrechtlicher Bindungen andererseits. (3) In diesem Feld besteht wie bei vergleichbaren feldbezogenen Analysen des Wissenschaftsrates 1 auch ein Bedarf an wissenschaftsinterner Analyse, so zum Beispiel hinsichtlich der Verortung sowie der Kooperation der Fächer und Teilfächer untereinander. 5 Die Analysen und Empfehlungen des Wissenschaftsrates zielen auf Strukturveränderungen im Rahmen des bestehenden Staatskirchenrechts. Letzteres setzt Strukturplanungen für theologische Fakultäten bzw. Institute zwar klare Grenzen, lässt aber zugleich genügend Spielraum für den Umgang mit den erwähnten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit. Die hier erwähnten Empfehlungen richten sich wie alle Strukturempfehlungen des Wissenschaftsrates gezielt an die Hochschulen und ihre Träger sowie an Bund und Länder. Im gegebenen Fall sind aber ebenso die christlichen Kirchen, die jüdischen und muslimischen Religionsgemeinschaften und Verbände direkt angesprochen, da sie für die Organisation der Theologien an den deutschen Hochschulen Mitverantwortung tragen. Zur Vorbereitung dieser Empfehlungen hat der Wissenschaftsrat im Januar 2008 eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Ausdrücklich dankt der Wissenschaftsrat dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e. V. für die Finanzierung und Unterstützung dieser Arbeitsgruppe. Mitgewirkt in ihr haben auch Sachverständige aus dem In- und Ausland, die nicht Mitglieder des Wissenschaftsrates sind. Ihnen weiß sich der Wissenschaftsrat zu besonderem Dank verpflichtet. Ebenso dankt der Wissenschaftsrat weiteren Sachverständigen sowie den Repräsentantinnen und Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Deutschen Bischofskonferenz, des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie des Koordinationsrats der Muslime in Deutschland, die den Bera- 1 Der Wissenschaftsrat schließt an dieser Stelle an unterschiedliche Strukturempfehlungen an, in denen er zu ganzen Wissenschaftsfeldern und ihrer Weiterentwicklung Stellung genommen hat. Vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Entwicklung der Agrarwissenschaften in Deutschland im Kontext benachbarter Fächer (Gartenbau-, Forst- und Ernährungswissenschaften), Dresden 2006; Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland, Berlin 2006; Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaften, in: Wissenschaftsrat: Empfehlungen und Stellungnahmen 2007, Band I, Köln 2008, S6 6 tungsprozess der Arbeitsgruppe im Rahmen von Anhörungen und Gesprächen konstruktiv begleitet haben. Der Wissenschaftsrat hat die vorliegenden Empfehlungen am 29. Januar 2010 in Berlin verabschiedet.7 7 Kurzfassung Das wissenschaftliche Feld der Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften sollte angesichts der wachsenden Pluralität religiöser Bekenntnisse in Deutschland und der steigenden Nachfrage nach wissenschaftlicher Expertise zu Fragen der Religion weiterentwickelt werden. Der Wissenschaftsrat empfiehlt bedarfsgerechte Anpassungen der christlichen Theologien, einen Ausbau der Islamischen Studien sowie eine Stärkung der Judaistik/Jüdischen Studien und der Religionswissenschaft. Das Verfassungsrecht lässt hinreichende Spielräume für eine auch den Anforderungen der Wissenschaft angemessene Ausgestaltung des Verhältnisses des Staates zu Kirchen und religiösen Gemeinschaften im akademischen Feld, wenn auf allen Seiten die Bereitschaft besteht, die institutionellen Instrumente für seine Anwendung entsprechend weiterzuentwickeln. Die Fächer der theologischen Fakultäten sollten stärker als bisher auch in der Forschung ihren theologischen Zusammenhalt pflegen und sich zugleich noch mehr an fakultätsübergreifenden interdisziplinären Forschungen beteiligen. Theologische Institute, an denen Religionslehrer und -lehrerinnen für Gymnasien bzw. die Sekundarstufen I plus II ausgebildet werden, müssen angesichts der wachsenden fachlichen Anforderungen an diese Ausbildung künftig höhere personelle und fachliche Mindestvoraussetzungen erfüllen. Da es sich bei der Habilitation um eine rein akademische Angelegenheit handelt, richtet der Wissenschaftsrat die dringende Bitte insbesondere an die Katholische Kirche, sich aus dem Habilitationsverfahren zurückzuziehen. Bei Berufungen sollten die Kirchen für ein rasches und für alle Beteiligten verlässliches und transparentes Verfahren der kirchlichen Beteiligung Sorge tragen. Für den Bereich der Judaistik/Jüdischen Studien empfiehlt der Wissenschaftsrat, die noch bestehenden institutionellen Abhängigkeiten der Judaistik von den Evangelischen Fakultäten aufzulösen und Institute mit dem Ziel zu schaffen, die weitere Entwicklung der Judaistik/Jüdischen Studien an diesen Standorten zu unterstützen und eigenständige Studiengänge einrichten zu können. Der Wissenschaftsrat empfiehlt, an zwei bis drei staatlichen Universitäten, an denen bereits andere religionsbezogene Wissenschaften etabliert sind, instituti-8 8 onell starke Einheiten für Islamische Studien aufzubauen. Diese sollten Zentren islamisch-theologischer Forschung werden und eine zentrale Rolle bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Islamischen Studien spielen. Zugleich übernehmen sie die Aufgabe, islamische Religionslehrer und -lehrerinnen auszubilden, und ermöglichen darüber hinaus eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung von Religionsgelehrten im staatlichen Hochschulsystem. Um die dazu erforderliche Zusammenarbeit zwischen staatlichen Hochschulen und muslimischen Glaubensgemeinschaften auf eine verlässliche Grundlage zu stellen, schlägt der Wissenschaftsrat vor, an den entsprechende Studiengänge anbietenden Hochschulen theologisch kompetente Beiräte für Islamische Studien einzurichten, die bei der Berufung von Professoren und Professorinnen sowie bei der inhaltlichen Ausgestaltung des Lehrangebots mitwirken. Nach fünf Jahren sollte eine Evaluierung der neu gegründeten Einheiten für Islamische Studien unter Einschluss des vorgeschlagenen Beiratsmodells erfolgen. Im Hinblick auf die Religionswissenschaft empfiehlt der Wissenschaftsrat, die disziplinäre Fortentwicklung des Faches organisatorisch gezielt zu unterstützen. Dafür ist die jetzige, vorwiegend auf Einzelprofessuren an verschiedenen Standorten gründende Organisationsform nicht geeignet. Stattdessen sollten Institute gebildet und eigenständige Studiengänge aufgebaut werden. Dies kann nur durch Schwerpunktbildung gelingen. Auch die Religionswissenschaft sollte aus ihren institutionellen Abhängigkeiten von den christlichen Theologien gelöst werden. Um dem zunehmenden religiösen Pluralismus gerecht zu werden, sollten die Anstrengungen zu fächer- und fakultätsübergreifenden Kooperationen verstärkt werden. An Standorten, die über mindestens drei der hier behandelten religionsbezogenen Disziplinen in hinreichender Stärke verfügen, sollte angestrebt werden, fächerübergreifende Forschungs- und Lehrkooperationen zu fördern und dazu gemeinsame Zentren theologischer und religionsbezogener Forschung einzurichten. Zur Umsetzung der Empfehlungen bedarf es abgestimmter Initiativen von Seiten der Länder und der Hochschulen unter Mitwirkung der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Dies stellt eine besondere Herausforderung dar, insofern die Umsetzung unter den Bedingungen eines doppelten, nämlich zugleich staatlichen wie kirchenorganisatorischen Föderalismus zu erfolgen hat. Eine Unterstützung des Bundes, insbesondere in der Anfangsphase des Aufbaus Islamischer Studien, ist wünschenswert.9 9 A. Ausganglage A.I HINTERGRUND In den letzten Jahren ist immer häufiger die Rede von der Rückkehr der Religion oder der Wiederkehr der Götter. Die lange gängige These, in modernen Gesellschaften werde Religion bedeutungslos, hat sich als nicht haltbar erwiesen. Die gegenwärtigen öffentlichen Debatten über religiöse Fragen in Politik und Kultur lassen erkennen, dass religiöse Bindungen nach wie vor Lebenswelten prägen, Religionen einen wesentlichen Bezugspunkt kollektiver Zugehörigkeit darstellen und einen wichtigen Aspekt globaler Konflikte ausmachen können. Insgesamt ist die öffentliche Wahrnehmung von Religion eng mit Prozessen gesellschaftlicher Pluralisierung verbunden. Religionsgemeinschaften tragen öffentlichkeitswirksam ihre Sicht vor, wenn es um Ordnungen und Formen des sozialen Lebens, um die Verteilung von Gütern in der Gesellschaft und um Grundfragen menschlicher Existenz geht. Vertreter der Kirchen und Theologen spielen in unterschiedlichen institutionalisierten Diskursforen wie Ethik-Kommissionen oder politischen Beratungsgremien eine wichtige Rolle. Einerseits bringen sie religiös begründete Normen in die gesellschaftlichen Debatten ein; andererseits verkörpern sie die Stimmen vieler, die ihre Interessen und Anliegen nicht selbst im politischen Diskurs vertreten können. 2 Religion, religiöse Orientierungen und religiöse Institutionen sind eine Ressource, auf die das demokratische Leben in der Bundesrepublik Deutschland in vielfältiger Weise zurückgreift. In Deutschland gehören trotz schrumpfender Kirchenbindung nach wie vor rund je 30 % der Bewohner der Römisch-Katholischen Kirche oder einer Evange- 2 Vgl. u. a. das gemeinsame Wort von Evangelischer und Katholischer Kirche: Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit. Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland, hrsg. v. Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland und vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (1997).10 10 lischen Landeskirche 3 an. Die übrigen 40 % der Bevölkerung setzen sich aus Mitgliedern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und religiös nicht gebundenen Menschen zusammen. Auch wenn innerhalb dieses Bevölkerungsteils die Mehrheit offiziell keiner Religionsgemeinschaft angehört, schätzt sich hiervon wiederum rund ein Drittel selbst als religiös ein. 4 Die christlichen Kirchen bilden die Mehrheit. Neben den beiden großen christlichen Volkskirchen gehören hierzu die christlich-orthodoxen Kirchen mit mehr als einer Million Mitgliedern 5 sowie die Neuapostolische Kirche (rund Mitglieder) oder auch zahlreiche kleinere Kirchen und Religionsgemeinschaften mit inhaltlichen Bezügen zu evangelischen Kirchen. Neben den christlichen Kirchen spielt die jüdische Gemeinde eine wichtige Rolle im öffentlichen Diskurs. 6 Die größte Teilgruppe innerhalb der nichtchristlichen religiösen Minderheiten stellen mit ca. 4 Mio. Menschen die Muslime dar. Zusammen machen sie rund 5 % der deutschen Bevölkerung aus. 7 Von diesen stammen knapp drei Viertel aus sunnitischen Traditionen, 13 % werden der alevitischen und 7 % der schiitischen Richtung zugerechnet. Angehörige von Glaubensrichtungen wie Ahmadi, Sufi/Mystiker oder Ibaditen stellen 3 Die Römisch-Katholische Kirche umfasst rund 25,9 Millionen Mitglieder; die Evangelischen Landeskirchen zählen ungefähr 25,4 Millionen Mitglieder. Um die Vergleichbarkeit der Zahlen sicherzustellen, wurde für diese und alle folgenden Daten zur Zahl der Mitglieder einer Religion die Veröffentlichung von REMID (Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst) (vgl. _zahlen.htm v ) zugrunde gelegt. 4 Vgl. die Analyse von Monika Wohlrab-Sahr auf der Grundlage der Ergebnisse des Religionsmonitors: Während etwa ein Drittel der Bevölkerung konfessionslos ist (wobei der Osten Deutschlands dazu in erheblich höherem Maße beiträgt), sind wiederum gut zwei Drittel (in manchen Dimensionen noch deutlich mehr) dieser Konfessionslosen als klar religionslos einzustufen: In ihrem Leben hat Religiosität keine zentrale Stellung. 70 % der Konfessionslosen teilen keine religiösen Überzeugungen (etwa den Glauben an Gott oder an ein Leben nach dem Tod), 96 % haben keine öffentliche (zum Beispiel Gottesdienstbesuch) und 85 % keine private (zum Beispiel Gebet oder Meditation) religiöse Praxis, 81 % der Konfessionslosen machen keinerlei religiöse Erfahrungen (zum Beispiel die Erfahrung, von Gott angesprochen zu werden oder mit der Welt eins zu sein). Wohlrab-Sahr, M.: Das stabile Drittel jenseits der Religiosität. Religionslosigkeit in Deutschland, in: Bertelsmann-Stiftung: Religionsmonitor 2008, Gütersloh 2007, S , hier S Durch Zuwanderung sind die orthodoxen und orientalischen Kirchen auf mehr als eine Million Mitglieder gewachsen. Die autokephalen oder autonomen Gemeinden des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel bilden mit rund Mitgliedern die größte Gruppe. Die Rumänisch- und Serbisch-Orthodoxen Kirchen haben jeweils bzw Mitglieder. Weitere kleinere orthodoxe Kirchen existieren, deren Mitgliederzahl jedoch mit Ausnahme der Russisch-Orthodoxen Kirche ( ) deutlich unter liegt. Die Orthodoxe Kirche hat weltweit ca Mio. Gläubige. 6 Sie umfasst rund Mitglieder. Hinzu kommen Juden ohne Gemeindezugehörigkeit, die häufig aus Osteuropa zugewandert sind. Ihr religiöser Status ist nicht immer klar. Der Union der progressiven Juden gehören rund Mitglieder an. 7 Vgl. hierzu: Haug, S.; Müssig, S.; Stichs, A.: Muslimisches Leben in Deutschland. Im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz, Forschungsbericht 6, Nürnberg 2009, hier S. 97 f. Rund 45 Prozent der Muslime haben die deutsche Staatsangehörigkeit (vgl. ebd. S. 11); deutscher Herkunft sind ca Muslime.11 eine Minderheit von weniger als 3 % aller Muslime in Deutschland dar. Den nicht-christlichen Religionsgemeinschaften gemeinsam ist das Bestreben, einen anerkannten Platz für ihre religiöse und kulturelle Besonderheit in der Öffentlichkeit zu erlangen und für ihre religiösen Bedürfnisse die Unterstützung und Wertschätzung zu erhalten, wie sie auch die christlichen Religionsgemeinschaften genießen. 11 Das Ringen um gesellschaftliche Anerkennung vollzieht sich in Deutschland im Rahmen öffentlicher Selbstverständigungsdebatten, die einerseits klar zwischen religiöser und weltlicher Sphäre differenzieren, andererseits aber ganz wesentlich vorgeprägt sind durch eine enge Verbindung zwischen beiden Sphären. Verfassungsrechtliche Grundlage ist die Garantie der Religionsfreiheit im Grundgesetz der Bundesrepublik sowie die positiv-rechtliche Ausgestaltung der damit verbundenen Mitwirkungs- und Gestaltungsrechte der Religionsgemeinschaften. 8 Die den Staat und die Religionsgemeinschaften gemeinsam betreffenden Angelegenheiten vom schulischen Religionsunterricht 9 bis zu den Theologien an staatlichen Hochschulen sind jedoch wesentlich ausgerichtet an den christlichen Kirchen. Der neuartige religiöse Pluralismus macht es sachlich erforderlich, dass im Rahmen des Religionsverfassungsrechts die institutionellen Instrumente seiner Anwendung weiter entwickelt werden. Darüber wird zurzeit angesichts der Komplexität der vielfältigen Einzelfragen in den rechtspolitischen Debatten kontrovers diskutiert. Einverständnis besteht aber darin, dass entsprechende Lösungen gefunden werden müssen, um der religiösen Vielfalt in der Bundesrepublik Deutschland auf Dauer gerecht zu werden. 8 Religionsgemeinschaften können gemäß ihrem Selbstbestimmungsrecht (nach Art. 140 GG i. V. m. Art. 137 Abs. 3 WRV) ihre Angelegenheiten wie Lehre, Kultus, Dogma sowie die Verleihung von Ämtern selbst regeln: Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Sie verleiht ihre Ämter ohne Mitwirkung des Staates oder der bürgerlichen Gemeinde. (Art. 137 Abs. 3 WRV). 9 Der Religionsunterricht, im Grundgesetz als ordentliches Lehrfach an öffentlichen Schulen abgesichert (Art. 7 Abs. 3), ist eine gemeinsame Angelegenheit (res mixta) von Staat und Religionsgemeinschaften. Er steht daher einerseits unter staatlicher Aufsicht, da er wie jeder andere Unterricht auch demokratischen Grundsätzen verpflichtet sein muss. Andererseits kann der Staat aufgrund seiner weltanschaulichen Neutralität nicht entscheiden, welchen Inhalt der Religionsunterricht haben soll und welche Glaubenslehren richtig sind. Der Staat ist daher auf die Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften angewiesen. Wie jeder ordentliche Unterricht ist der Religionsunterricht grundsätzlich vom Schulträger mit eigenen Lehrkräften zu unterrichten und zu finanzieren. Öffentliche Schulen sind staatliche und kommunale Schulen. Ausnahmen sind bekenntnisfreie Schulen, für die kein Religionsunterricht vorgesehen ist.12 12 A.II ZUR GENESE DES WISSENSCHAFTLICHEN FELDES IM DEUTSCHEN HOCHSCHULSYSTEM Das in den vorliegenden Analysen und Empfehlungen untersuchte wissenschaftliche Feld ist in besonderem Maße durch die Spezifika der europäischen und der deutschen Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte vorgeprägt. In den mittelalterlichen Universitäten bildete die Theologische Fakultät neben der Medizin und der Rechtswissenschaft eine der drei oberen Fakultäten. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts gehörte die Einrichtung theologischer Fakultäten zum universitären Standard. Diese enge Verbindung zwischen Theologie und Universität verdichtete sich im Zeichen der konfessionellen Pluralisierung gerade in der deutschsprachigen Universitätslandschaft. Die herrschaftliche Lenkung monokonfessioneller Landesuniversitäten wurde zum Regelfall und hat bis heute ihre Spuren in Form regionaler bzw. föderaler Besonderheiten und Traditionen gerade auf dem Feld der universitären Theologien und der länderspezifischen Ausgestaltungen des Staatskirchenrechts hinterlassen. Deutschland unterscheidet sich in dieser Hinsicht (konfessioneller Dualismus und staatskirchenrechtliche Parität) von den meisten europäischen Nachbarn. Diese ältere Differenz zu anderen nationalen Entwicklungen blieb auch erhalten, als sich mit der Aufklärung die sozialen und normativen Bezüge der Universität Schritt für Schritt so änderten, dass sie zum Ort von freier Lehre und Forschung wurde. Auch mit der neuhumanistischen Reform der Universitäten blieben die theologischen Fakultäten und Institute in Deutschland Teil des entstehenden dynamischen universitätszentrierten deutschen Wissenschaftssystems des 19. Jahrhunderts. Dies hatte wiederum für die Entwicklung der theologischen Disziplinen, aber auch der Nachbarfächer der Philosophischen Fakultät weitreichende Folgen. Die staatskirchenrechtliche Ausgestaltung der vielfältigen gemeinsamen Angelegenheiten vollzog sich parallel zum Ausbau der deutschen Universitäten und in enger Verbindung mit den großen verfassungspolitischen und ideologischen Konflikten der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts zwischen Konservatismus und Liberalismus. Dem christlich geprägten Selbstverständnis der staatstragenden Schichten korrespondierte die breite kulturelle und wissenschaftliche Ausstrahlung der deutschen Universitätstheologie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Die staatskirchenrechtliche Verankerung der Christlich-Theologischen Fakultäten und Institute ist nicht ohne Folge für alle anderen Disziplinen geblieben, die sich mit Phänomenen des Religiösen beschäftigten. Die Entwicklung von Religionswissenschaft und Judaistik hat sich vielfach im Schatten der christlichen Theologien vollzogen. Faktisch behaupteten letztere bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihren Monopolanspruch auf die Auslegung von Religion und Chris-13 tentum in der Universität. Die deutschen Juden haben im 19. Jahrhundert im Zuge des Emanzipationsprozesses eine universitäre Verankerung ihrer Ausbildungsgänge von kultischem Personal angestrebt, ohne dass sie damit Erfolg hatten. Vor diesem Hintergrund wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, dem Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminar und verschiedenen orthodoxen Rabbinerseminaren eigene Bildungsinstitutionen geschaffen. Während der nationalsozialistischen Diktatur sind alle diese Einrichtungen zerstört worden. Erst lange nach dem Krieg, 1979, wurde in Heidelberg die Hochschule für Jüdische Studien und wiederum deutlich später, nämlich 1999, das Abraham Geiger Kolleg in Potsdam gegründet (vgl. A.IV). 13 Für die Entwicklung der Religionswissenschaft in Deutschland wurde die Intervention des Theologen Adolf von Harnack aus dem Jahr 1901 entscheidend. Er unterschied in der bis dahin noch nicht als Disziplin konstituierten Religionswissenschaft einen theologischen und einen philologischen Zweig und wies ersteren den theologischen Fakultäten zu. Bis heute wirkt diese Zuordnung nach, denn große Teile der Religionswissenschaft sind nach wie vor Bestandteil einer Theologischen Fakultät und unterliegen damit auch dem Einfluss der christlichen Kirchen. In der Islamwissenschaft war es bis vor kurzem in Deutschland weder Praxis noch vorstellbar, Muslime auf eine islamwissenschaftliche Professur zu berufen. Verbreitet bestand die Furcht, dass Muslime zu einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Islam nicht fähig seien. Neben den christlichen Theologien und im Unterschied zur Religionswissenschaft entwickelt sich in Deutschland erst seit wenigen Jahren ein Bereich, der als jüdische bzw. islamische Religionslehre im Sinne einer auf bestimmten religiösen Bindungen beruhenden Wissenschaft betrieben wird (näheres vgl. A.IV und A.V). Herausgebildet hat er sich vor allem im Kontext der Ausbildung von Religionslehrern und -lehrerinnen an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg oder an unterschiedlichen Standorten zur Ausbildung für den islamischen Religionsunterricht. Im Ergebnis hat dies dazu geführt, dass sich erst in jüngster Zeit neben den christlichen Theologien auch Islamische und Jüdische Studien, die ihrerseits religiöse Bindungen der einen oder anderen Art voraussetzen können, an den deutschen Universitäten in größerem Umfang und vor allem in institutioneller Unabhängigkeit entwickelt haben. Aus verfassungsrechtlicher Sicht sind für die gegenwärtige Situation der Wissenschaften, die auf bestimmten religiösen Bindungen beruhen, zwei Grundsätze bestimmend: Zum einem unterliegt der Staat aus Gründen der Religionsfreiheit und der Gleichbehandlung aller Religionen dem Neutralitätsgebot gegenüber unterschiedlichen Religionen, zum anderen muss er das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften achten (Art. 140 GG i.v.m. Art. 13714 14 Abs. 3 WRV). Verfassungsrechtlich besteht in Deutschland die Notwendigkeit, dass Staat und Religionsgemeinschaften kooperieren, sofern gemeinsame Angelegenheiten (res mixtae) vorliegen. Zu diesen gehören die bestehenden Christlich-Theologischen Fakultäten und Institute, die gleichzeitig Sache des Staates (z. B. die dienstrechtliche Stellung der Hochschulprofessuren) und Sache der Kirche (z. B. die kirchliche Lehre als Gegenstand der Lehrtätigkeit an der Universität) sind. Hierüber bestehen zahlreiche vertragliche Absprachen, mit der Römisch-Katholischen Kirche zumeist in Konkordaten mit dem Heiligen Stuhl, mit der Evangelischen Kirche in Form von Kirchenverträgen mit den jeweiligen Landeskirchen. Sie regeln in verschiedenen Feldern die kirchliche Beteiligung an den Theologien in den staatlichen Hochschulen. Das Religionsverfassungsrecht, das sich im Laufe der Jahrhunderte in der Kooperation von Staat und christlichen Kirchen in Deutschland entwickelt hat, umfasst heute auch die Kooperation des deutschen Staates mit anderen als christlichen Religionen wie etwa den jüdischen und islamischen Gemeinschaften. Aufgrund der Komplexität der Ausgangslage kann das Feld der Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften in seiner Sach- und Datenlage nicht als Ganzes präsentiert werden. Daher werden im Folgenden die verschiedenen Teilbereiche einzeln vorgestellt, beginnend mit den christlichen Theologien über die Judaistik und die islamwissenschaftlichen Fächer bis zur Religionswissenschaft. Dabei gilt es zu bedenken, dass bei allen Unterschieden die Judaistik, die islamwissenschaftlichen Fächer und die Religionswissenschaft zu den sogenannten Kleinen Fächern gehören. 10 Viele der Fächer haben in den vergangenen Jahren einen Aufschwung erlebt, der auch gesellschaftliche, nicht allein wissenschaftsinterne Gründe hat. Gesellschaftliche Nachfrage und Bedarf ent- 10 Die HRK hat eine Abgrenzung entlang quantitativer Merkmale vorgenommen. Als quantitative Merkmale werden die geringe Anzahl an struktursicheren Professuren ( Lehrstühle ) mit wenig Personal und eine Vertretung des jeweiligen Faches an relativ wenigen Universitätsstandorten betrachtet. Vgl. HRK: Die Kleinen Fächer an den deutschen Universitäten. Eine Bestandsaufnahme. Ein Projekt der Hochschulrektorenkonferenz durchgeführt von der Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer mit freundlicher Unterstützung des BMBF, Bonn Die Bestandsaufnahme der HRK geht von einer Höchstzahl von 3 Professuren an nicht mehr als an 2 Standorten (S. III) oder einer Vertretung an höchstens 8 der deutschen Universitäten (S. IV) aus. Dabei gilt ein Fach dann als ein eigenständiges Kleines Fach, wenn dieser Bereich an mindestens einer deutschen Universität über einen eigenen Magister- bzw. Diplomstudiengang in der Vergangenheit verfügt hat bzw. heute noch verfügt. Die Begründung dafür lautet: Die Voraussetzung für die Klassifizierung als ein eigenständiges Kleines Fach ist schließlich, dass es seinen wissenschaftlichen Nachwuchs selbständig ausbildet. Entscheidend ist ein klares Qualifikationsprofil (Sprache, Methoden etc.), das ein anderes Fach so nicht gewährleisten kann. Als Garantie dafür gilt letztlich der eigene Studiengang (S. V). Der Wissenschaftsrat hat bereits mit Blick auf die Regionalstudien (area studies) die Entwicklungen im Bereich der Kleinen Fächer beobachtet (vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu den Regionalstudien (area studies) in den Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen, in: Wissenschaftsrat: Empfehlungen und Stellungnahmen 2006, Bd. III, Köln 2007, S. 7-88). Mehr anzeigen
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