Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/der-nicht-angenommene-studienplatz-und-das-kindergeld-388388
Timestamp: 2020-07-06 18:02:47
Document Index: 294194400

Matched Legal Cases: ['§ 62', '§ 63', '§ 32', '§ 32', '§ 32', '§ 32', '§ 32', '§ 32']

Der nicht angenommene Studienplatz - und das Kindergeld | Rechtslupe
Für ein über 18 Jah­re altes Kind, das das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat, besteht nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2, § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG ein Anspruch auf Kin­der­geld u.a. dann, wenn das Kind für einen Beruf aus­ge­bil­det wird (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG) oder eine Berufs­aus­bil­dung man­gels Aus­bil­dungs­plat­zes nicht begin­nen oder fort­set­zen kann (§ 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG) und sei­ne zur Bestrei­tung des Unter­halts oder der Berufs­aus­bil­dung bestimm­ten oder geeig­ne­ten Ein­künf­te und Bezü­ge 7.680 € im Kalen­der­jahr nicht über­stei­gen.
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung erfor­dert die Berück­sich­ti­gung eines Kin­des gemäß § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. c EStG, dass sich die­ses ernst­haft um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht [1].
Dabei ist das Bemü­hen um einen Aus­bil­dungs­platz glaub­haft zu machen. Pau­scha­le Anga­ben, das Kind sei im frag­li­chen Zeit­raum aus­bil­dungs­be­reit gewe­sen, es habe sich stän­dig um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht oder sei stets bei der Agen­tur für Arbeit als aus­bil­dungsu­chend gemel­det gewe­sen, rei­chen nicht aus. Um einer miss­bräuch­li­chen Inan­spruch­nah­me des Kin­der­gel­des ent­ge­gen zu wir­ken, muss sich die Aus­bil­dungs­be­reit­schaft des Kin­des durch beleg­ba­re Bemü­hun­gen um einen Aus­bil­dungs­platz objek­ti­viert haben [2]. Der BFH hat außer­dem geklärt, dass ein Kind, dem der begehr­te Stu­di­en­platz bereits zur Ver­fü­gung steht, auch wäh­rend der War­te­zeit bis zum Semes­ter­be­ginn zu berück­sich­ti­gen ist [3].
Die Ent­schei­dung, ob sich das Kind ernst­haft um einen Aus­bil­dungs­platz bemüht hat, ist unter Berück­sich­ti­gung von ent­spre­chen­den Beweis­an­zei­chen zu tref­fen; ggf. ist das Kind anzu­hö­ren. Bei der Ent­schei­dung han­delt es sich um eine Gesamt­wür­di­gung der Umstän­de des Ein­zel­fal­les, die durch den BFH nur ein­ge­schränkt über­prüf­bar ist [4].
Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Finanz­ge­richt in der Vor­in­stanz die Aus­bil­dungs­wil­lig­keit des Kin­des für die Zeit von August 2009 bis zum Beginn des Win­ter­se­mes­ters im Okto­ber 2009 allein dar­aus abge­lei­tet, dass sich das Kind ‑ohne dies näher zu kon­kre­ti­sie­ren- bei ins­ge­samt 15 Uni­ver­si­tä­ten bzw. Fach­hoch­schu­len um einen Stu­di­en­platz für das Win­ter­se­mes­ter 2009/​2010 bewor­ben hat und dass sie letzt­lich am 1.03.2011 tat­säch­lich ein Stu­di­um an der Hoch­schu­le E auf­ge­nom­men hat.
Das genüg­te dem Bun­des­fi­nanz­hof nicht, zumal der Bun­des­fi­nanz­hof im Zusam­men­hang mit der Beur­tei­lung der Aus­bil­dungs­wil­lig­keit eines Kin­des ent­schie­den hat, dass es u.a. dar­auf ankommt, ob das Kind die ange­streb­te Aus­bil­dung ent­spre­chend der Auf­nah­me­zu­sa­ge tat­säch­lich auch begon­nen hat [5]. Ein Hin­aus­schie­ben des Aus­bil­dungs­be­ginns auf eige­nen Wunsch ist unschäd­lich für die Annah­me der Aus­bil­dungs­wil­lig­keit, wenn das voll­jäh­ri­ge Kind eine Zusa­ge für die Auf­nah­me einer Aus­bil­dung erhal­ten hat und aus schul, stu­di­en- oder betriebs­or­ga­ni­sa­to­ri­schen Grün­den die Aus­bil­dung erst zum nächst­mög­li­chen Zeit­punkt auf­neh­men kann [6].
Dem Finanz­ge­richt, Urteil lässt sich ins­be­son­de­re nicht ent­neh­men, wes­halb sich das Kind tat­säch­lich nicht für das ihr zuge­sag­te Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten in D im Okto­ber 2009 ein­ge­schrie­ben hat. Zwar steht eine ‑im Streit­fall auch mög­li­che- vor­über­ge­hen­de Krank­heit der Annah­me der Aus­bil­dungs­wil­lig­keit nicht ent­ge­gen [7]. Die blo­ße Mut­ma­ßung des Finanz­ge­richt, dass die vom Klä­ger ange­spro­che­nen Depres­sio­nen und die durch den Frei­tod eines Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen aus­ge­lös­te Stu­di­en­pho­bie ein denk­ba­rer Grund für die Auf­nah­me eines Stu­di­ums erst im März 2011 gewe­sen sein könn­ten, ver­mag ent­spre­chend kon­kre­ti­sier­te tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen zum etwai­gen Beginn der Erkran­kung und deren Schwe­re aber nicht zu erset­zen. Auch hat das Finanz­ge­richt erkenn­bar dem Umstand noch kei­ne hin­rei­chen­de Beach­tung geschenkt, dass das Kind im streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum eine Aus­hilfs­tä­tig­keit in einem Hotel auf­neh­men konn­te, obwohl es doch mög­li­cher­wei­se aus Krank­heits­grün­den an der Auf­nah­me des Stu­di­ums gehin­dert gewe­sen sein soll.
Das Finanz­ge­richt wird im zwei­ten Rechts­gang die noch feh­len­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen für die gebo­te­ne Ein­be­zie­hung und ent­spre­chen­de Wür­di­gung sämt­li­cher Umstän­de des Ein­zel­falls zur Aus­bil­dungs­wil­lig­keit des Kin­des im streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum nach­zu­ho­len haben.
In die­sem Zusam­men­hang käme ggf. die vom BFH auf­ge­zeig­te Mög­lich­keit der Anhö­rung des Kin­des [8] in Betracht.
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. August 2014 – XI R 14/​12
BFH, Urtei­le vom 19.06.2008 – III R 66/​05, BFHE 222, 343, BStBl II 2009, 1005; und vom 22.09.2011 – III R 30/​08, BFHE 235, 327, BStBl II 2012, 411[↩]
BFH, Urtei­le in BFHE 222, 343, BStBl II 2009, 1005, unter II. 1.b; in BFHE 235, 327, BStBl II 2012, 411, Rz 10[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 27.09.2012 – III R 70/​11, BFHE 239, 116, BStBl II 2013, 544, Rz 26[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 22.09.2011 – III R 35/​08, BFH/​NV 2012, 232; in BFHE 235, 327, BStBl II 2012, 411, Rz 14[↩]
BFH, Urtei­le vom 28.02.2013 – III R 9/​12, BFH/​NV 2013, 1079, Rz 13; und vom 28.05.2013 – XI R 38/​11, BFH/​NV 2013, 1774, Rz 22[↩]
BFH, Urteil in BFH/​NV 2013, 1774[↩]
vgl. z.B. Schmidt/​Loschelder, EStG, 33. Aufl., § 32 Rz 33, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil in BFHE 235, 327, BStBl II 2012, 411, Rz 14[↩]