Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/die-inhaltlich-unrichtige-rechtsbehelfsbelehrung-und-keine-wiedereinsetzung-der-anwaltlich-vertretenen-partei-372623
Timestamp: 2020-04-01 10:28:20
Document Index: 298935313

Matched Legal Cases: ['§ 112', '§ 113', '§ 338', '§ 113', '§ 345', '§ 117', '§ 514', '§ 113', '§ 339', '§ 113', '§ 340', '§ 113', '§ 339', '§ 63', '§ 113', '§ 339', '§ 339', '§ 339', '§ 339', '§ 63', '§ 39', '§ 339', '§ 17', '§ 17', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 39', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 117', '§ 117', '§ 117']

Die inhalt­lich unrich­ti­ge Rechts­be­helfs­be­leh­rung – und kei­ne Wie­der­ein­set­zung der anwalt­lich ver­tre­te­nen Par­tei | Rechtslupe
Eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand wegen einer inhalt­lich unrich­ti­gen Rechts­be­helfs­be­leh­rung (hier: unrich­ti­ge Beleh­rung über den Rechts­be­helf gegen einen Ver­säum­nis­be­schluss in einer Fami­li­en­streit­sa­che) setzt die Kau­sa­li­tät zwi­schen dem Beleh­rungs­man­gel und der Frist­ver­säu­mung vor­aus; die­se kann bei einem anwalt­lich ver­tre­te­nen Betei­lig­ten ent­fal­len, wenn die durch das Gericht erteil­te Rechts­be­helfs­be­leh­rung offen­kun­dig falsch gewe­sen ist und des­halb – aus­ge­hend von dem bei einem Rechts­an­walt vor­aus­zu­set­zen­den Grund­kennt­nis­sen des Ver­fah­rens­rech­tes und des Rechts­mit­tel­sys­tems – nicht ein­mal den Anschein der Rich­tig­keit zu erwe­cken ver­moch­te 1.
Gegen einen Ver­säum­nis­be­schluss in einer Fami­li­en­streit­sa­che (§§ 112 Nr. 1, 231 Abs. 1 FamFG) ist nach § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG i.V.m. § 338 Satz 1 ZPO allein der Ein­spruch der statt­haf­te Rechts­be­helf. Nur gegen einen zwei­ten Ver­säum­nis­be­schluss (§ 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG i.V.m. § 345 ZPO) fin­det die Beschwer­de statt, sofern sie dar­auf gestützt wird, dass ein Fall der schuld­haf­ten Ver­säu­mung nicht vor­ge­le­gen habe (vgl. § 117 Abs. 2 Satz 1 i.V.m. § 514 Abs. 1 ZPO). Der Ein­spruch ist gemäß § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG i.V.m. § 339 Abs. 1 ZPO inner­halb von zwei Wochen nach Zustel­lung des Ver­säum­nis­be­schlus­ses ein­zu­le­gen. Die­se Vor­aus­set­zung ist in dem vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall jedoch nicht erfüllt.
Zwar kön­nen die for­ma­len Anfor­de­run­gen an einen Ein­spruch nach § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG i.V.m. § 340 Abs. 2 ZPO auch dann gewahrt sein, wenn in der Ein­spruchs­schrift das Wort "Ein­spruch" nicht ent­hal­ten ist. Da die Ein­spruchs­schrift einer Aus­le­gung zugäng­lich ist, genügt es, wenn die säu­mi­ge Par­tei unzwei­deu­tig zum Aus­druck bringt, dass sie die Ver­säum­nis­ent­schei­dung nicht gegen sich gel­ten las­sen will 2. Eine ent­spre­chen­de Aus­le­gung der "Beschwer­de" des Antrags­geg­ners wür­de jedoch eben­falls nicht zur Zuläs­sig­keit des Rechts­be­helfs füh­ren, weil jeden­falls die Ein­spruchs­frist von zwei Wochen gemäß § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG i.V.m. § 339 Abs. 2 ZPO nicht gewahrt ist. Der als "Beschwer­de" bezeich­ne­te Rechts­be­helf ging vor­lie­gend erst nach Ablauf der zwei­wö­chi­gen Ein­spruchs­frist beim Amts­ge­richt ein.
Die Ein­spruchs­frist wur­de vom Amts­ge­richt auch nicht – etwa durch die (feh­ler­haf­te) Ben­nung der Monats­frist des § 63 Abs. 1 FamFG – gemäß § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG i.V.m. § 339 Abs. 2 ZPO ver­län­gert. Nach § 339 Abs. 2 ZPO hat das Gericht die Ein­spruchs­frist im Ver­säum­nis­ur­teil oder nach­träg­lich durch beson­de­ren Beschluss zu bestim­men, wenn die Zustel­lung der Ver­säum­nis­ent­schei­dung im Aus­land oder durch öffent­li­che Bekannt­ma­chung erfol­gen soll. Nur auf­grund der Beson­der­heit die­ser bei­den Zustel­lungs­ar­ten ermög­licht das Gesetz die Fest­set­zung einer von § 339 Abs. 1 ZPO abwei­chen­den Ein­spruchs­frist. Eine ana­lo­ge Anwen­dung auf ande­re Fall­kon­stel­la­tio­nen lässt die Vor­schrift auf­grund ihres Aus­nah­me­cha­rak­ters nicht zu. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht auf­grund der von der Rechts­be­schwer­de zitier­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 3. Dort wird zwar aus­ge­führt, dass aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes eine im Ver­säum­nis­ur­teil ver­län­ger­te Ein­spruchs­frist auch dann maß­geb­lich ist, wenn das Gericht zu Unrecht von der Mög­lich­keit des § 339 Abs. 2 ZPO Gebrauch gemacht hat. Mit dem die­ser Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halt ist der vor­lie­gen­de Fall indes nicht ver­gleich­bar. Das Amts­ge­richt hat hier kei­ne bewuss­te Ent­schei­dung über die Dau­er der Ein­spruchs­frist getrof­fen, son­dern ledig­lich in der stan­dar­di­sier­ten Rechts­be­helfs­be­leh­rung feh­ler­haft die Monats­frist des § 63 Abs. 1 FamFG für die Ein­le­gung der Beschwer­de genannt. Auch wenn die Rechts­be­helfs­be­leh­rung nach § 39 FamFG for­mel­ler Bestand­teil des Beschlus­ses ist 4, spricht nichts dafür, dass das Amts­ge­richt damit ver­fah­rens­feh­ler­haft die Dau­er der Ein­spruchs­frist abwei­chend von § 339 Abs. 1 ZPO fest­set­zen woll­te.
Der Bun­des­ge­richts­hof ver­sag­te auch die Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Ein­spruchs­frist:
Rich­tig ist zwar, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Ver­pflich­tung des Gerichts zur Ertei­lung einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung unter­schieds­los für alle nach dem FamFG geführ­ten Ver­fah­ren besteht und in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 17 Abs. 2 FamFG auch in Ehe­sa­chen und Fami­li­en­streit­sa­chen ein Feh­len des Ver­schul­dens ver­mu­tet wird, wenn die erfor­der­li­che Rechts­be­helfs­be­leh­rung unter­blie­ben, unvoll­stän­dig oder feh­ler­haft ist 5. Aller­dings kommt auch unter der Gel­tung des § 17 Abs. 2 FamFG eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nur dann in Betracht, wenn die feh­len­de oder unvoll­stän­di­ge Rechts­be­helfs­be­leh­rung für die Frist­ver­säum­nis ursäch­lich gewor­den ist. An einer sol­chen Ursäch­lich­keit fehlt es in den­je­ni­gen Fäl­len, in denen der Betei­lig­te wegen vor­han­de­ner Kennt­nis über sei­ne Rechts­mit­tel kei­ner Unter­stüt­zung durch eine Rechts­mit­tel­be­leh­rung bedarf; dies ist bei einem anwalt­lich ver­tre­te­nen Betei­lig­ten regel­mä­ßig der Fall 6. Nur für die Fäl­le einer inhalt­lich unrich­ti­gen Rechts­be­helfs­be­leh­rung hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass grund­sätz­lich auch ein Rechts­an­walt auf die Rich­tig­keit einer durch das Gericht erteil­ten Rechts­be­helfs­be­leh­rung ver­trau­en darf 7. Da aber gleich­wohl von ihm erwar­tet wer­den kann, dass er die Grund­zü­ge des Ver­fah­rens­rechts und das Rechts­mit­tel­sys­tem in der jewei­li­gen Ver­fah­rens­art kennt, kann er das Ver­trau­en in die Rich­tig­keit einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung nicht unein­ge­schränkt, son­dern nur in sol­chen Fäl­len in Anspruch neh­men, in denen die inhalt­lich feh­ler­haf­te Rechts­be­helfs­be­leh­rung zu einem unver­meid­ba­ren, zumin­dest aber zu einem nach­voll­zieh­ba­ren und daher ver­ständ­li­chen Rechts­irr­tum des Rechts­an­wal­tes geführt hat 8.
Gemes­sen hier­an war die Ver­säu­mung der Ein­spruchs­frist durch den Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten des Antrags­geg­ners nicht unver­schul­det. Von dem Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten des Antrags­geg­ners kann die Kennt­nis erwar­tet wer­den, dass gegen einen Ver­säum­nis­be­schluss in Fami­li­en­streit­sa­chen der Ein­spruch der statt­haf­te Rechts­be­helf ist. Die­ses Wis­sen ist zu den ver­fah­rens­recht­li­chen Grund­kennt­nis­sen eines im Fami­li­en­recht täti­gen Rechts­an­walts zu zäh­len, zumal das Gesetz über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit zu dem Zeit­punkt, in dem der Ver­säum­nis­be­schluss erging, bereits seit meh­re­ren Jah­ren in Kraft war und ent­spre­chen­de Anmer­kun­gen in den Fach­kom­men­ta­ren zur Ver­fü­gung stan­den 9.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2013 – XII ZB 38/​13
Antei­li­ge unter­neh­me­ri­sche Nut­zung eines Gebäu­des – und die… Die antei­li­ge unter­neh­me­ri­sche Nut­zung eines Gebäu­des ent­spre­chend einem frü­he­ren Bau­an­trag ersetzt kei­ne recht­zei­ti­ge Zuord­nungs­ent­schei­dung. Ist ein Gegen­stand sowohl für den unter­neh­me­ri­schen als auch für den…
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 13.06.2012 – XII ZB 592/​11 , Fam­RZ 2012, 1287[↩]
vgl. BGH Urteil vom 09.06.1994 – IX ZR 133/​93 , NJW-RR 1994, 1213[↩]
BGH, Urteil vom 10.11.1998 – VI ZR 243/​97 , NJW 1999, 1187, 1192[↩]
vgl. Kei­del/­Mey­er-Holz FamFG 18. Aufl. § 39 Rn. 10[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 27.02.2013 – XII ZB 6/​13 , Fam­RZ 2013, 779 Rn. 6; und vom 13.06.2012 – XII ZB 592/​11 , Fam­RZ 2012, 1287 Rn. 7[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 27.02.2013 – XII ZB 6/​13 , Fam­RZ 2013, 779 Rn. 7; vom 13.06.2012 – XII ZB 592/​11 , Fam­RZ 2012, 1287 Rn. 8; und vom 23.06.2010 – XII ZB 82/​10 , Fam­RZ 2010, 1425 Rn. 11[↩]
BGH, Beschluss vom 13.06.2012 – XII ZB 592/​11 , Fam­RZ 2012, 1287 Rn. 9[↩]
BGH, Beschluss vom 13.06.2012 – XII ZB 592/​11 , Fam­RZ 2012, 1287 Rn. 9 mwN[↩]
vgl. etwa Thomas/​Putzo/​Hüßtege ZPO 33. Aufl. § 117 FamFG Rn. 4; Münch­Komm-ZPO/­Fi­scher 3. Aufl. § 117 FamFG Rn. 13; Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich/Un­ger FamFG 3. Aufl. § 117 Rn. 30[↩]
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