Source: http://insolvenzverlag.de/woerterbuch-glossar-von-wichtigen-themen-rund-um-die-insolvenz/721-unternehmenskrise.html
Timestamp: 2018-04-22 06:44:25
Document Index: 354457982

Matched Legal Cases: ['§ 263', '§ 826', '§ 241', '§ 311', '§ 280', '§ 6']

Unternehmenskrise - Anne Koark - Insolvent und trotzdem erfolgreich - Tagebuch einer Insolvenz
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Unternehmenskrise ist die Phase eines Unternehmens, in welcher seine Funktionsfähigkeit und Stabilität beeinträchtigt ist und die Gefahr eines Unternehmenszusammenbruchs (Insolvenz) besteht.
2 Häufige Krisenursachen
2.1 Exogene Faktoren
2.2 Intern bedingte Unternehmenskrisen
2.3 Unternehmensbedingte Ursachen
2.4 Private Ursachen
3 Schäden durch Unternehmenskrisen
4 Krisenverhinderung
4.1 Potenzielle Krise
4.2 Latente Krise
4.3 Akute Krise
5 Reaktion auf Krise
6 Rechtsfolgen einer Unternehmenskrise
Die ständige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur Problematik des Eigenkapitalersatzes bei der GmbH hat den Krisenbegriff mit der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens verbunden. Danach handelt es sich um eine Krise, wenn ein außenstehender, vom betroffenen Unternehmen unabhängiger Dritter keinen Kredit mehr zu marktüblichen Bedingungen gewähren würde und ohne Kapitalzufuhr das Unternehmen hätte liquidiert werden müssen. Diese juristische Definition des Begriffs der Unternehmenskrise ist inhaltlich nicht weit entfernt von der betriebswirtschaftlichen. Eine einheitliche Definition wurde bisher nicht gefunden, doch gehen bisherige Definitionsversuche häufig von gemeinsamen Inhalten aus. So versteht Gerhard Aschinger unter dem allgemeineren Begriff der ökonomischen Krise Ereignisse bzw. Entwicklungen, welche die Funktionsfähigkeit und Stabilität von Wirtschaftseinheiten beeinträchtigen und bei denen die Gefahr eines Unternehmenszusammenbruchs besteht. In Anlehnung an Lähn, der auf die etymologischen Wurzeln des Begriffs „Krise“ zurückzugreifen versucht, handelt es sich bei einer Unternehmenskrise um eine schwierige Situation oder Zeit, die den Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt, der durch eine Veränderung der Unternehmenslage ausgelöst wird. Unternehmenskrise wird in der Literatur allgemein in Zusammenhang gebracht mit der Gefahr einer Insolvenz.
Werden die Insolvenzursachen von Unternehmen in Deutschland untersucht, so lassen sich Rückschlüsse ziehen auf die vorangegangen Unternehmenskrisen. Insolvenzen sind insoweit ein sicheres Anzeichen dafür, dass es nicht gelungen ist, eine Unternehmenskrise zu überwinden. Hierbei kann zwischen internen und exogenen sowie zwischen unternehmensbedingten und privat bedingten Krisenursachen unterschieden werden.
Die Kreditversicherung Euler Hermes hat festgestellt, dass in 82 % der Fälle die Zahlungsmoral der Kunden für die krisenhafte Entwicklung eines Unternehmens verantwortlich war, 81 % nannten das geltende Arbeits- und Sozialrecht als wesentliches Hindernis, und die verschärften Bankenrichtlinien (Solvabilitätsverordnung) wurden immerhin zu 60 % genannt.
Intern bedingte Unternehmenskrisen
Euler Hermes zufolge stuften 71 % der Insolvenzverwalter als wichtigste Insolvenzursache die Geschäftsführung der betroffenen Unternehmen ein. Im Detail lagen folgende Insolvenzursachen zugrunde:
Fehlendes Controlling: 79%
Finanzierungslücken: 76%
Unzureichendes Debitorenmanagement: 64%
Autoritäre, rigide Führung: 57%
Mangelhafte Transparenz und Kommunikation: 44%
Unternehmensbedingte Ursachen [Bearbeiten]
Die Creditreform hat ermittelt, dass 71,4 % aller Insolvenzen auf Managementfehler, 34,4 % aller Insolvenzen auf die Bereiche Absatz/Auftragslage/Konkurrenz und 20,2 % aller Insolvenzursachen auf Finanzierungsprobleme zurückzuführen waren. Krisenursachen liegen zudem in der Unternehmensgröße und im Unternehmensalter. Die Gefahr, dass Kleinstunternehmen (Umsatz bis € 500.000) insolvent werden, liegt in Deutschland bei 60,3 %, und 46,8 % aller Unternehmen mit einem Alter von bis zu 6 Jahren gehen Pleite. Auch die Rechtsform spielt bei der Insolvenzursache eine Rolle. Insgesamt entfallen 48,5 % aller Pleiten auf kleine Gewerbetriebe/Freiberufler, rückläufig ist die Zahl der GmbH mit immerhin noch 39,8 % aller Insolvenzen. Im Mittelstand sind gerade einmal 19,9 % aller Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 30 % ausreichend kapitalisiert.
Private Ursachen [Bearbeiten]
Schäden durch Unternehmenskrisen
Creditreform hat vorgerechnet, dass die volkswirtschaftlichen Schäden aller Unternehmensinsolvenzen im Jahre 2004 bei € 39,4 Mrd. lagen, wovon € 11,9 Mrd. auf die öffentliche Hand entfielen. Das bedeutet, dass je insolventes Unternehmen Forderungen in Höhe von durchschnittlich € 606.000 durch dessen Gläubiger abzuschreiben waren. Grund hierfür ist vor allem, dass die Insolvenzquote im Durchschnitt zwischen 3 und 5 % liegt, ein ungesicherter Gläubiger mithin in einer Insolvenz erwarten darf, dass aus der Insolvenzmasse ihm maximal 5 % seiner Forderungen zurückgezahlt werden können.
Krisenverhinderung
Hierbei ist zunächst zu klären, ob und in welchem Stadium sich eine Unternehmenskrise befindet. Unternehmen durchleben normalerweise drei kritische Phasen. Nach Gründung, Wachstumsfinanzierung und Unternehmensnachfolge ist die Prävention und Bewältigung von Unternehmenskrisen allerdings nicht selten die vierte kritische Phase im Lebenszyklus eines Unternehmens. Jede dieser Phasen ist einem der nachfolgenden Krisenstadien zuzuordnen. Hierfür werden Entscheidungen gefordert, die auf fundierten betriebswirtschaftlichen Grundlagen beruhen und der Unternehmensführung eine frühzeitige Wahrnehmung von Krisenursachen ermöglichen. Sind die Krisenursachen bekannt, müssen sie mit einem adäquaten Sanierungskonzept konsequent implementiert und dessen Durchführung durch Controlling permanent überwacht werden. Es gilt, das Lebenswerk und das Vermögen des Unternehmers, aber auch die mit dem Unternehmen verbundenen Arbeitsplätze, zu erhalten.
Potenzielle Krise
Latente Krise
Dieses Krisenstadium hat bereits Außenwirkung, sodass Kunden/Banken/Lieferanten hiervon Kenntnis erlangen und reagieren könnten. Unternehmerische Handlungsspielräume sind gegenüber den anderen Krisenstadien deutlich eingeengt, und die Krisenauswirkungen zwingen zu schnellen Handlungen.
Roland Berger hat herausgefunden, dass die Krisenreaktion bei deutschen Unternehmen zu wünschen übrig lässt. Wurde eine Krise erkannt, reagieren 50 % innerhalb von 12 Monaten, im Durchschnitt braucht jedoch das Management sogar 16 Monate, um auf eine Krise zu reagieren. Diese Reaktionszeit ist zu lang, wenn man bedenkt, dass Sanierungsmaßnahmen zusätzlich mit einer Zeitverzögerung von mindestens sechs Monaten wirken. Erfahrungen haben gezeigt, dass sich in einer Unternehmenskrise negative Entwicklungen verschärfen und weitere krisenverstärkende Effekte begünstigen oder auslösen können. So waren 72 % der befragten Insolvenzverwalter der Auffassung, dass Unternehmen den Insolvenzantrag zu spät stellen, und gar 96 % der Insolvenzverwalter hatten von Unternehmern den Eindruck, dass sie vom Prinzip „es wird irgendwie von selbst wieder aufwärts gehen“ leiten lassen. Erste Warnsignale - spätestens im Stadium der latenten Krise - müssen wahrgenommen und aufgegriffen werden. Amerikanische Unternehmer reagieren bereits bei erster Umsatzstagnation, geringen Gewinnrückgängen oder fallenden Cash flows.
Rechtsfolgen einer Unternehmenskrise
das Verschweigen der Krisensituation (oder gar „Schönreden“) oder der bereits bestehenden Zahlungsunfähigkeit gegenüber einem langjährigen Geschäftspartner (wenn also ein besonderes Vertrauensverhältnis besteht) kann den Betrugstatbestand nach § 263 StGB erfüllen;
Oft geht mit der Insolvenzverschleppung eine sittenwidrige Schädigung nach § 826 BGB einher. Tatbestand hierfür ist das Verschweigen der positiven Kenntnis des Geschäftsführers von der unmittelbar drohenden Insolvenz wegen Überschuldung der Gesellschaft gegenüber Geschäftspartnern. Neben den Haftungsgefahren durch Insolvenzverschleppung oder sittenwidrige Schädigung besteht auch eine Gefahr durch Verschulden bei Vertragsabschluss. Insbesondere Neugläubiger können sich auf hierauf (nach §§ 241 Abs. 2 in Verbindung mit § 311 Abs. 3 und § 280 BGB) gegen die GmbH berufen, wenn es der Geschäftsführer unterlassen hat, bei Vertragsabschluss auf die krisenhafte wirtschaftliche Lage hinzuweisen. Dem Geschäftsführer ist dabei kein „positives Wissen“ (wie im Falle der sittenwidrigen Schädigung), sondern lediglich ein „Wissenmüssen“, also Fahrlässigkeit nachzuweisen. Vorausgesetzt wird, dass bei Vertragsabschluss entweder ein besonderes persönliches Vertrauen durch den Geschäftsführer in Anspruch genommen wurde oder dieser ein besonderes eigenes wirtschaftliches Interesse am Abschluss des Vertrages hatte.
Folgen ergeben sich dann für eine Phase, die an die wirtschaftliche Krise bzw. deren insolvenzstrafrechtliche Aufarbeitung anknüpft. In gesellschaftsrechtlichen Gesetzen gibt es Ausschlussgründe (z.B. § 6 Abs. 2 GmbHG), die ein künftiges Tätigwerden verurteilter Gesellschafter/Unternehmer in bestimmten Funktionen verbieten. Schädlich sind folgende Verurteilungen: