Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Lohndiskriminierung_durch_tarifliche_Lebensaltersstufen_BAG_6AZR148-09_6AZR319-09.html
Timestamp: 2017-01-23 18:48:18
Document Index: 185269398

Matched Legal Cases: ['EuG', '§ 1', '§ 2', '§ 7', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 21', 'EuG', 'EuG']

HENSCHE Arbeitsrecht: Diskriminieren Lebensaltersstufen jüngere Arbeitnehmer?
Dis­kri­mi­nie­ren Le­bens­al­ters­stu­fen jün­ge­re Ar­beit­neh­mer?
BAG ruft EuGH an we­gen mög­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung durch ta­rif­li­che Le­bens­al­ters­stu­fen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schlüs­se vom 20.05.2010, 6 AZR 148/09 (A) und 6 AZR 319/09 (A)
01.07.2010. Ta­rif­ver­trä­ge ent­hal­ten Re­ge­lun­gen dar­über, wel­che (Min­dest)Ver­gü­tung Ar­beit­neh­mer be­an­spru­chen kön­nen. Frag­lich ist, ob die ta­rif­li­che Be­zah­lung auch vom Al­ter der Be­schäf­tig­ten ab­hän­gig ge­macht wer­den kann, wie dies bei sog. ta­rif­li­chen Le­bens­al­ter­stu­fen der Fall ist. Da­ge­gen spricht, dass das am 18.08.2006 in Kraft ge­tre­te­ne All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) die Dis­kri­mi­nie­rung von Ar­beit­neh­mern auf­grund ih­res Al­ters ver­bie­tet. Zwar sind ta­rif­li­che Le­bens­al­ters­stu­fen, wie sie z.B. im Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) vor­ge­se­hen wa­ren, mitt­ler­wei­le weit­ge­hend von der Bild­flä­che ver­schwun­den. Die BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen wir­ken sich aber auf­grund der Über­lei­tung der nach dem BAT be­zahl­ten Ar­beit­neh­mer in den Ta­rif­ver­trag für den öf­fent­li­chen Dienst (TVöD) im­mer noch aus, da die Grund­la­ge für die Über­lei­tung der Be­schäf­tig­ten vom BAT in den TVöD das zu­letzt be­zo­ge­ne BAT-Ge­halt und da­mit die - wahr­schein­lich al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­de - Ver­gü­tung nach dem BAT ist.
Nun­mehr hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) zu die­sen Fra­gen Stel­lung ge­nom­men: Be­schluss vom 20.05.2010, 6 AZR 148/09 (A) und Be­schluss vom 20.05.2010, 6 AZR 319/09 (A).
Das Problem: Altersdiskriminierung aufgrund tariflicher Lebensaltersstufen Der Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trag (BAT) sieht vor, dass die Grund­vergütung der An­ge­stell­ten nach Le­bens­al­ters­stu­fen zu be­mes­sen ist. Nach dem BAT vergüte­te An­ge­stell­te er­hal­ten da­her al­le zwei Jah­re ei­ne höhe­re Vergütung, bis die End­grund­vergütung er­reicht ist. In­fol­ge­des­sen er­hal­ten Ar­beit­neh­mer al­lein auf­grund ih­res höhe­ren Al­ters ei­ne bes­se­re Be­zah­lung als wa­ren als jünge­ren Kol­le­gen. Die­se zu­las­ten der jünge­ren Ar­beit­neh­mer ge­hen­de Dif­fe­ren­zie­rung bei der Be­zah­lung verstößt recht of­fen­sicht­lich ge­gen das am 18.08.2006 in Kraft ge­tre­te­ne All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG). Denn das AGG ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen des Al­ters im Er­werbs­le­ben (§ 1, § 2 Abs.1 Nr.2; § 7 Abs.1 AGG). Al­len­falls wäre ei­ne Lohn­dif­fe­ren­zie­rung nach dem Dienst­al­ter ge­recht­fer­tigt, nämlich durch die mehr oder we­ni­ger große Be­rufs­er­fah­rung des Ar­beit­neh­mers, nicht aber ei­ne Bes­ser- oder Schlech­ter­stel­lung al­lein we­gen des Le­bens­al­ters, wie sie die Le­bens­al­ters­stu­fen vor­se­hen. Im Un­ter­schied zum BAT sieht der seit Ok­to­ber 2005 gel­ten­de Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst (TVöD) kei­ne Le­bens­al­ters­stu­fen mehr vor. Das Ent­gelt­sys­tem des TVöD be­ruht auf Tätig­keit, Be­rufs­er­fah­rung und Leis­tung. Dem­ent­spre­chend voll­zieht sich der Auf­stieg in den fünf bzw. sechs Stu­fen je­der Ent­gelt­grup­pe abhängig von Leis­tung und Be­rufs­er­fah­rung, d.h. das Le­bens­al­ter spielt hier kei­ne Rol­le mehr. Die­se Ab­schaf­fung der Le­bens­al­ters­stu­fen durch den TVöD ist al­ler­dings mit ei­ner er­heb­li­chen Ein­schränkung voll­zo­gen wor­den: Denn bei der Über­lei­tung der An­ge­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes aus dem BAT in den TVöD wur­den die auf der Grund­la­ge des BAT be­reits er­reich­ten Le­bens­al­ters­stu­fen im We­ge der „Be­sitz­stands­wah­rung“ auf­recht­er­hal­ten. Den in den BAT über­ge­lei­te­ten An­ge­stell­ten blieb dem­zu­fol­ge ihr auf­grund der BAT-Le­bens­al­ters­stu­fe er­reich­tes Ent­gelt er­hal­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund fragt sich, ob die fort­be­ste­hen­den Ge­halts­un­ter­schie­de zwi­schen den in den TVöD über­ge­lei­te­ten Ar­beit­neh­mern mit dem AGG ver­ein­bar sind. Mögli­cher­wei­se können die auf­grund der Be­sitz­stands­re­ge­lun­gen schlech­ter be­zahl­ten jünge­ren Ar­beit­neh­mer mehr Geld ver­lan­gen, nämlich ei­ne Vergütung, die sie be­zie­hen würden, wenn sie aus ei­ner nicht al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­den BAT-Le­bens­al­ters­stu­fe in den TVöD über­ge­lei­tet wor­den wären. Außer­dem wird der BAT - trotz Einführung des TVöD - auf vie­le Ar­beits­verhält­nis­se noch über den Ok­to­ber 2005 hin­aus an­ge­wandt, so ins­be­son­de­re in Ber­lin. Mit Blick auf die­se Ar­beits­verhält­nis­se fragt sich, ob Ar­beit­neh­mer, die nach dem In­kraft­tre­ten des AGG im Au­gust 2008 auf­grund der An­wen­dung des BAT we­ni­ger Geld als ver­gleich­ba­re älte­ren Kol­le­gen er­hiel­ten, Be­zah­lung nach der höchs­ten Le­bens­al­ter­stu­fe ver­lan­gen können. Zu bei­den Fra­gen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor kur­zem Stel­lung ge­nom­men, nämlich mit Be­schluss vom 20.05.2010, 6 AZR 148/09 (A) in ei­nem zu­vor vom Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­de­nen Fall (Ur­teil vom 11.09.2008, 20 Sa 2244/07) so­wie mit Be­schluss vom 20.05.2010, 6 AZR 319/09 (A) in ei­nem Fall, über den zu­vor das LAG Köln zu be­fin­den hat­te (Ur­teil vom 06.02.2009, 8 Sa 1016/08). Überleitung vom BAT in den TVöD unter Besitzstandswahrung, Anwendung des BAT in Berlin bis 2010
In dem Fall, den das LAG Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­den hat­te, klag­te ein 1967 ge­bo­re­ner Geschäftsführer ei­nes lan­des­ei­ge­nen Pfle­ge­heim­be­triebs auf Zah­lung der Vergütung nach der höchs­ten BAT-Le­bens­al­ters­stu­fe. Nach­dem das Ar­beits­ge­richt Ber­lin die Kla­ge ab­ge­wie­sen hat­te, da es dem be­klag­ten Land Ber­lin Ver­trau­ens­schutz gewähren zu müssen glaub­te (Ur­teil vom 22.08.2007, 86 Ca 1696/07), gab das LAG Ber­lin-Bran­den­burg dem Kläger recht. Das LAG Ber­lin-Bran­den­burg war nämlich der Mei­nung, dass sich das Land Ber­lin nicht auf Ver­trau­ens­schutz be­ru­fen konn­te, da die Ent­wick­lung der Rechts­la­ge auf­grund der Richt­li­nie 2000/78/EG vor­her­seh­bar war (Ur­teil vom 11.09.2008, 20 Sa 2244/07 - wir be­rich­te­ten über die­se Ur­tei­le in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/121 Ist ein nach dem Le­bens­al­ter ge­staf­fel­ter Ta­rif­lohn dis­kri­mi­nie­rend?, und in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/027 Was sind die Fol­gen ei­nes dis­kri­mi­nie­ren­den Ta­rif­ver­trags?).
In dem an­de­ren, vom LAG Köln ent­schie­de­nen Fall ging es um ei­ne 1962 ge­bo­re­ne Ar­beit­neh­me­rin, die seit 2004 als Bau­in­ge­nieu­rin bei ei­ner obers­ten Bun­des­behörde ar­bei­te­te. Ihr Ar­beits­verhält­nis war vom BAT in den TVöD über­ge­lei­tet wor­den, nach­dem sie zum 01.10.2007 der Stu­fe 4 der Ent­gelt­grup­pe 11 des TVöD zu­ge­ord­net wor­den war. Sie war der Mei­nung, ihr stünde Be­zah­lung nach der höchstmögli­chen Stu­fe 5 der Ent­gelt­grup­pe 11 zu. Denn ih­re Über­lei­tung in Stu­fe 4 sei Fol­ge der dis­kri­mi­nie­ren­den Le­bens­al­ters­stu­fen­re­ge­lung des BAT. Ih­re Kla­ge war vor dem Ar­beits­ge­richt Bonn (Ur­teil vom 12.06.2008, 3 Ca 3312/07) und in der Be­ru­fung vor dem LAG Köln er­folg­los (Ur­teil vom 06.02.2009, 8 Sa 1016/08). Da­bei ar­gu­men­tier­te das LAG Köln mit dem Grund­satz der Ta­rif­au­to­no­mie, der es nach sei­ner An­sicht den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ermöglicht, mit dem TVöD die bis­he­ri­gen Le­bens­al­ters­stu­fen ab­zu­schaf­fen und zu­gleich das Pro­blem der Be­sitz­stands­wah­rung in der Wei­se zu re­geln, dass die er­reich­ten BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen zur Grund­la­ge der Über­lei­tung in den TVöD ge­nom­men wer­den (Ur­teil vom 06.02.2009, 8 Sa 1016/08). Anrufung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) durch das Bundesarbeitsgericht, Beschlüsse vom 20.05.2010, 6 AZR 148/09 (A) und 6 AZR 319/09 (A)
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ist ei­ner Ent­schei­dung in der Sa­che aus­ge­wi­chen bzw. hat die­se ver­tagt, in­dem es bei­de Pro­zes­se aus­ge­setzt und dem Eu­ropäischen Ge­richts­hof (EuGH) die Fra­ge vor­ge­legt hat, ob die hier strei­ti­gen ta­rif­li­chen Le­bens­al­ter­stu­fen mit dem EU-recht­li­chen Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung zu ver­ein­ba­ren sind. Dem­zu­fol­ge soll jetzt der EuGH klären, wie der Kon­flikt zwi­schen dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz und dem Recht der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en auf Kol­lek­tiv­ver­hand­lun­gen, das auch de­ren Ta­rif­au­to­no­mie be­inhal­tet, zu lösen ist. Im ein­zel­nen möch­te das BAG vom EuGH wis­sen, ob die BAT-Le­bens­al­ters­stu­fen das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung (jetzt in Art. 21 Abs.1 der Grund­rechts­char­ta ent­hal­ten) und/oder die Vor­ga­ben der Richt­li­nie 2000/78/EG ver­let­zen, ob sich ei­ne sol­che - mögli­che - Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung im TVöD wei­ter fort­setzt und ob und wie die­se Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en (auch rück­wir­kend?) be­sei­tigt wer­den kann. Fa­zit: Im dem Ber­li­ner Fall spricht ei­ni­ges dafür, dass im Er­geb­nis das Land Ber­lin zu Nach­zah­lun­gen ver­pflich­tet wer­den wird. Die dar­aus fol­gen­den fi­nan­zi­el­len Ge­halts­auf­bes­se­run­gen für die Ar­beit­neh­mer - und dem­zu­fol­ge die Mehr­be­las­tun­gen für das Land Ber­lin - sind al­ler­dings zeit­lich be­grenzt, da auch in Ber­lin der BAT im We­sent­li­chen nur noch bis En­de März 2010 gilt. Im Kölner Fall spricht dem­ge­genüber, wie auch das LAG Köln be­tont, die Ta­rif­au­to­no­mie für den Stand­punkt des Ar­beit­ge­bers, da der BAT noch vor In­kraft­tre­ten des AGG durch den TVöD ab­gelöst wur­de. Und im­mer­hin enthält der TVöD selbst kei­ne al­ters­dis­kri­mi­nie­ren­den Vor­schrif­ten. An­ge­sichts der jetzt be­reits sehr lan­gen Ver­fah­rens­dau­er ist es aus Sicht der Pro­zess­par­tei­en, vor al­lem natürlich aus Sicht der mögli­cher­wei­se nach­zah­lungs­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer be­dau­er­lich, dass das BAG nicht selbst ent­schie­den hat, son­dern das Ver­fah­ren durch An­ru­fung des EuGH noch wei­ter in die Länge zieht. Mögli­cher­wei­se berück­sich­tigt das BAG mit die­ser Vor­la­ge­ent­schei­dung ei­nen Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom 25.02.2010 (1 BvR 230/09), mit dem das BVerfG ein Ur­teil des BAG vom 21.05.2008 (8 AZR 84/07) auf­ge­ho­ben hat­te, da das BAG hier den EuGH nicht an­ge­ru­fen hat­te.