Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/verdeckte-videoueberwachung-arbeitsplatz-3120942
Timestamp: 2020-07-03 20:11:46
Document Index: 175905663

Matched Legal Cases: ['Art. 103', '§ 286', '§ 1', '§ 1', '§ 19', '§ 20', '§ 43', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 8', '§ 138', '§ 331', '§ 138', 'BGH', 'BGH']

Verdeckte Videoüberwachung am Arbeitsplatz - und das Sachvortrags- und Beweisverwertungsverbot | Rechtslupe
Verdeckte Videoüberwachung am Arbeitsplatz - und das Sachvortrags- und Beweisverwertungsverbot
Ein Sach­vor­trags- oder Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot wegen einer Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts einer Par­tei kann sich im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren allein aus der Not­wen­dig­keit einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung des Pro­zess­rechts erge­ben.
Weder die Zivil­pro­zess­ord­nung noch das Arbeits­ge­richts­ge­setz ent­hal­ten Vor­schrif­ten zur pro­zes­sua­len Ver­wert­bar­keit rechts­wid­rig erlang­ter Erkennt­nis­se oder Bewei­se. Viel­mehr gebie­ten der Anspruch auf recht­li­ches Gehör gem. Art. 103 Abs. 1 GG und der Grund­satz der frei­en Beweis­wür­di­gung (§ 286 ZPO) grund­sätz­lich die Berück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags der Par­tei­en und der von ihnen ange­bo­te­nen Beweis­mit­tel [1]. Dem­entspre­chend bedarf es für die Annah­me eines Beweis­ver­wer­tungs­ver­bots einer beson­de­ren Legi­ti­ma­ti­on und gesetz­li­chen Grund­la­ge. Dies gilt nicht anders für ein etwai­ges Sach­vor­trags­ver­wer­tungs­ver­bot [2].
Die Bestim­mun­gen des Bun­des­da­ten­schutz­ge­set­zes (BDSG) über die Anfor­de­run­gen an eine zuläs­si­ge Daten­ver­ar­bei­tung begren­zen nicht die Zuläs­sig­keit von Par­tei­vor­brin­gen und sei­ne Ver­wer­tung im Ver­fah­ren vor den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen. Des­sen Nor­men kon­kre­ti­sie­ren und aktua­li­sie­ren zwar den Schutz des Rechts auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung und am eige­nen Bild (§ 1 Abs. 1 BDSG). Sie regeln, in wel­chem Umfang im Anwen­dungs­be­reich des Geset­zes Ein­grif­fe durch öffent­li­che oder nicht­öf­fent­li­che Stel­len iSd. § 1 Abs. 2 BDSG in die­se Rechts­po­si­tio­nen zuläs­sig sind [3], sehen Infor­ma­ti­ons- und Aus­kunfts­an­sprü­che der Betrof­fe­nen (§§ 19, 19a, 33, 34 BDSG) sowie Ansprü­che auf Berich­ti­gung, Löschung und Sper­rung von Daten (§§ 20, 35 BDSG) vor und nor­mie­ren Tat­be­stän­de, in denen Ver­stö­ße eine Ord­nungs­wid­rig­keit oder gar Straf­tat dar­stel­len (§§ 43, 44 BDSG). Sie ord­nen für sich genom­men jedoch nicht an, dass unter ihrer Miss­ach­tung gewon­ne­ne Erkennt­nis­se oder Beweis­mit­tel bei der Fest­stel­lung des Tat­be­stands im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren vom Gericht nicht berück­sich­tigt wer­den dürf­ten [4].
Ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot oder ein Ver­bot, selbst unstrei­ti­gen Sach­vor­trag zu ver­wer­ten, kommt des­halb nur dann in Betracht, wenn dies auf­grund einer ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Posi­ti­on einer Pro­zess­par­tei zwin­gend gebo­ten ist. Das Gericht tritt den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in Aus­übung staat­li­cher Hoheits­ge­walt gegen­über. Es ist daher nach Art. 1 Abs. 3 GG bei der Urteils­fin­dung an die inso­weit maß­geb­li­chen Grund­rech­te gebun­den und zu einer rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens­ge­stal­tung ver­pflich­tet [5]. Dabei kön­nen sich auch aus mate­ri­el­len Grund­rech­ten wie Art. 2 Abs. 1 GG Anfor­de­run­gen an das gericht­li­che Ver­fah­ren erge­ben, wenn es um die Offen­ba­rung und Ver­wer­tung von per­sön­li­chen Daten geht, die grund­recht­lich vor der Kennt­nis durch Drit­te geschützt sind. Das Gericht hat des­halb zu prü­fen, ob die Ver­wer­tung von heim­lich beschaff­ten per­sön­li­chen Daten und Erkennt­nis­sen, die sich aus die­sen Daten erge­ben, mit dem all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht des Betrof­fe­nen ver­ein­bar ist [6]. Die­ses Recht schützt nicht allein die Pri­vat- und Intim­sphä­re, son­dern in sei­ner spe­zi­el­len Aus­prä­gung als Recht am eige­nen Bild auch die Befug­nis eines Men­schen, selbst dar­über zu ent­schei­den, ob Film­auf­nah­men von ihm gemacht und mög­li­cher­wei­se gegen ihn ver­wen­det wer­den dür­fen. Auch wenn kei­ne spe­zi­el­le Aus­prä­gung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts betrof­fen ist, greift die Ver­wer­tung von per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten in das Grund­recht auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung ein, das die Befug­nis garan­tiert, selbst über die Preis­ga­be und Ver­wen­dung per­sön­li­cher Daten zu befin­den [7]. Der Ach­tung die­ses Rechts dient zudem Art. 8 Abs. 1 der Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (EMRK) [8].
Greift die pro­zes­sua­le Ver­wer­tung eines Beweis­mit­tels in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht einer Pro­zess­par­tei ein, über­wiegt das Inter­es­se an sei­ner Ver­wer­tung und der Funk­ti­ons­tüch­tig­keit der Rechts­pfle­ge das Inter­es­se am Schutz die­ses Grund­rechts nur dann, wenn wei­te­re, über das schlich­te Beweis­in­ter­es­se hin­aus­ge­hen­de Aspek­te hin­zu­tre­ten. Das Inter­es­se, sich ein Beweis­mit­tel zu sichern, reicht für sich allein nicht aus [9]. Viel­mehr muss sich gera­de die­se Art der Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung und Beweis­erhe­bung als gerecht­fer­tigt erwei­sen [10]. Ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot wegen eines unge­recht­fer­tig­ten Ein­griffs in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht umfasst dabei nicht nur das unrecht­mä­ßig erlang­te Beweis­mit­tel selbst, hier ggf. eine In-Augen­sch­ein­nah­me der Video­auf­zeich­nun­gen, son­dern auch des­sen mit­tel­ba­re Ver­wer­tung wie etwa die Ver­neh­mung eines Zeu­gen über den Inhalt des Bild­ma­te­ri­als [11].
Der Schutz­zweck der bei der Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung ver­letz­ten Norm kann auch einer gericht­li­chen Ver­wer­tung unstrei­ti­gen Sach­vor­trags ent­ge­gen­ste­hen [12]. Das setzt vor­aus, dass es dem Schutz­zweck etwa des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts zuwi­der­lie­fe, selbst den inhalt­li­chen Gehalt eines Beweis­mit­tels in Form von Sach­vor­trag zB infol­ge von § 138 Abs. 3 ZPO oder § 331 Abs. 1 Satz 1 ZPO zur Ent­schei­dungs­grund­la­ge zu machen [13]. Unstrei­ti­ger Sach­vor­trag ist nicht allein des­halb stets unein­ge­schränkt ver­wert­bar, weil die durch die­sen belas­te­te Par­tei die Mög­lich­keit des Bestrei­tens hät­te. Eine Par­tei im zivil- und arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren unter­liegt viel­mehr der Wahr­heits­pflicht nach § 138 Abs. 1 und Abs. 2 ZPO. Sie kann daher nicht gezwun­gen sein, grund­rechts­wid­rig über sie erlang­te Infor­ma­tio­nen bestrei­ten zu müs­sen, um ihre Rech­te zu wah­ren [14]. Ein mög­li­ches Ver­wer­tungs­ver­bot ist dabei Aus­fluss der Grund­rechts­bin­dung der Gerich­te, deren Beach­tung ihnen grund­sätz­lich unab­hän­gig davon obliegt, ob sich eine Par­tei dar­auf beruft [15].
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 20. Okto­ber 2016 – 2 AZR 395/​15
BVerfG 9.10.2002 – 1 BvR 1611/​96 ua., zu C II 4 a aa der Grün­de, BVerfGE 106, 28[↩]
BAG 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15, Rn. 21[↩]
BAG 21.11.2013 – 2 AZR 797/​11, Rn. 45, BAGE 146, 303; für das DSG NRW vgl. BAG 15.11.2012 – 6 AZR 339/​11, Rn. 16, BAGE 143, 343[↩]
BAG 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15, Rn. 22[↩]
BVerfG 13.02.2007 – 1 BvR 421/​05, Rn. 93, BVerfGE 117, 202[↩]
so auch BGH 15.05.2013 – XII ZB 107/​08, Rn. 21[↩]
BVerfG 11.03.2008 – 1 BvR 2074/​05 ua. – BVerfGE 120, 378[↩]
BAG 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15, Rn. 23; BGH 15.05.2013 – XII ZB 107/​08, Rn. 14[↩]
BVerfG 13.02.2007 – 1 BvR 421/​05, Rn. 94, BVerfGE 117, 202[↩]
BVerfG 9.10.2002 – 1 BvR 1611/​96 ua., zu C II 4 a der Grün­de, BVerfGE 106, 28; BAG 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15, Rn. 24[↩]
BVerfG 31.07.2001 – 1 BvR 304/​01, zu II 1 b bb der Grün­de[↩]
BAG 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15, Rn. 25 mwN, auch zur gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung[↩]
Weber ZZP 2016, 57, 81[↩]
im Ein­zel­nen BAG 16.12 2010 – 2 AZR 485/​08, Rn. 32[↩]
BAG 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15 – aaO[↩]
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