Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/beamtenrecht/luegendetektor-im-disziplinarverfahren-381300
Timestamp: 2020-06-06 12:01:09
Document Index: 57658695

Matched Legal Cases: ['§ 244', 'BGH', '§ 1', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Lügendetektor im Disziplinarverfahren | Rechtslupe
Lügen­de­tek­tor im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren
Auch im gericht­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ist ein am beklag­ten Beam­ten durch­ge­führ­ter Poly­gra­phie­test ein unge­eig­ne­tes Beweis­mit­tel [1].
Auch im Ver­wal­tungs­pro­zess ist ein Beweis­mit­tel unge­eig­net, wenn es kei­ner­lei Beweis­wert hat und des­halb untaug­lich ist. Ein ent­spre­chen­der Beweis­an­trag kann unter Hin­weis auf die ent­spre­chend her­an­zu­zie­hen­de Bestim­mung des § 244 Abs. 3 Satz 2 StPO abge­lehnt wer­den [2].
Daher kann auch ein beim Dienst­herrn durch­ge­führ­tes poly­gra­phi­sche Test­ver­fah­ren nichts zur Klä­rung der Fra­ge bei­tra­gen kann, ob der Beam­te sei­ne Toch­ter zwei­mal sexu­ell miss­braucht hat.
Im vor­lie­gen­den Fall hat die Psy­cho­lo­gin, die mit Hil­fe eines Poly­gra­phie-Geräts die Reak­ti­on des Beam­ten auf ver­dachts­be­zo­ge­ne Fra­gen getes­tet hat, einen sog. Kon­troll­fra­gen­test durch­ge­führt [3]. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung der Straf­se­na­te des Bun­des­ge­richts­hofs kommt die­sem Kon­troll­fra­gen­test kein auch nur gering­fü­gi­ger indi­zi­el­ler Beweis­wert zu [4]. Das Kon­troll­fra­gen­ver­fah­ren ist unge­eig­net, weil es sich nicht um eine Metho­de han­delt, die in den maß­ge­ben­den Fach­krei­sen all­ge­mein zwei­fels­frei als rich­tig und zuver­läs­sig ein­ge­stuft wird. Hier­für sind fol­gen­de Grün­de maß­geb­lich:
Zwi­schen bestimm­ten kogni­ti­ven oder emo­tio­na­len Zustän­den eines Men­schen und spe­zi­fi­schen Reak­tio­nen des vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tems, die vom Poly­gra­phen wäh­rend der Befra­gung kon­ti­nu­ier­lich gemes­sen wer­den, sind kei­ne ein­deu­ti­gen Zusam­men­hän­ge zu erken­nen. Dies gilt ins­be­son­de­re für Reak­tio­nen bei der unwah­ren Beant­wor­tung von Fra­gen [5]. Damit ist es nicht mög­lich, aus der Sich­tung erziel­ter Mess­ergeb­nis­se dar­auf zu schlie­ßen, der Pro­band habe im Rah­men der Unter­su­chung eine auf die Tat bezo­ge­ne Fra­ge bewusst falsch beant­wor­tet. Eine der­ar­ti­ge Ein­schät­zung kann nur an unter­schied­lich star­ke Reak­tio­nen bei der Beant­wor­tung der tat­be­zo­ge­nen Fra­gen und der Kon­troll- oder Ver­gleichs­fra­gen anknüp­fen. Die­ser metho­disch zwei­fel­haf­te Ansatz gibt dem Gericht kei­ne Mög­lich­keit zu über­prü­fen, ob das Test­ver­fah­ren im kon­kre­ten Fall zu zutref­fen­den Ergeb­nis­sen geführt hat. Die­se Ein­schät­zung hat der Bun­des­ge­richts­hof jüngst bestä­tigt, wobei er sich mit den Ein­wen­dun­gen gegen sei­ne Recht­spre­chung aus­ein­an­der gesetzt hat [6]. Für das Zivil­ver­fah­ren hat der Bun­des­ge­richts­hof die­se Recht­spre­chung der Straf­se­na­te über­nom­men [7].
Die­se Beur­tei­lung des Kon­troll­fra­ge­ver­fah­rens als unge­eig­ne­tes Beweis­mit­tel gilt gene­rell. Aus der Beschwer­de­be­grün­dung erge­ben sich kei­ne Anhalts­punk­te, die die­se Bewer­tung sub­stan­ti­iert in Fra­ge stel­len und eine rechts­grund­sätz­li­che Klä­rung auch für den Ver­wal­tungs­pro­zess erfor­der­lich erschei­nen las­sen.
Für die Bewer­tung des Kon­troll­fra­gen­tests als unge­eig­net ist der Befund tra­gend, dass zwi­schen bestimm­ten kogni­ti­ven oder emo­tio­na­len Zustän­den eines Men­schen und spe­zi­fi­schen Reak­tio­nen des vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tems, die vom Poly­gra­phen wäh­rend der Befra­gung kon­ti­nu­ier­lich gemes­sen wer­den, kei­ne ein­deu­ti­gen Zusam­men­hän­ge zu erken­nen sind und dies ins­be­son­de­re für Reak­tio­nen bei der unwah­ren Beant­wor­tung von Fra­gen gilt [5]. Die­se tra­gen­den Erwä­gun­gen stellt die Beschwer­de­be­grün­dung durch den blo­ßen Hin­weis auf die hohe durch­schnitt­li­che Tref­fer­quo­te bei expe­ri­men­tel­len Unter­su­chun­gen an rea­len Beschul­dig­ten nicht in Fra­ge. Die in der Begrün­dung auf­ge­führ­ten Gerichts­ent­schei­dun­gen stam­men zum Teil noch aus der Zeit vor dem grund­le­gen­den Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 17.12 1998 [8] und berück­sich­ti­gen des­halb nicht die Erkennt­nis­se, die der Bun­des­ge­richts­hof aus den von ihm ein­ge­hol­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten gewon­nen hat. Auch die spä­te­ren, in der Begrün­dung ange­führ­ten Gerichts­ent­schei­dun­gen in Sor­ge­rechts­strei­tig­kei­ten [9] ver­wei­sen in ers­ter Linie auf die welt­wei­te Ver­brei­tung und Aner­ken­nung von poly­gra­phi­schen Befra­gungs­ver­fah­ren, neh­men aber nicht aus­rei­chend zur Fra­ge eines fes­ten Zusam­men­hangs zwi­schen einem bestimm­ten Aus­sa­ge­ver­hal­ten und spe­zi­fi­schen Reak­ti­ons­mus­tern des vege­ta­ti­ven Ner­ven­sys­tems Stel­lung.
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 30.11.2010 – 1 StR 509/​10 – NStZ 2011, 474[↩]
BVerwG, Beschlüs­se vom 09.05.1983 – 9 B 10466.81, Buch­holz 402.25 § 1 AsylVfG Nr. 5; und vom 31.07.1989 – 7 B 104.89, Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 265[↩]
vgl. dazu BGH, Urteil vom 17.12 1998 – 1 StR 156/​98 – BGHSt 44, 308[↩]
BGH, Urteil vom 17.12 1998 a.a.O. Rn. 45 ff. und Beschluss vom 10.02.1999 – 3 StR 460/​98 – NStZ-RR 2000, 35[↩]
BGH, Urteil vom 17.12 1998 a.a.O. Rn. 28 und 45 ff.[↩][↩]
BVerwG, Beschluss vom 30.11.2010 – 1 StR 509/​10 – NStZ 2011, 474[↩]
BVerwG, Beschluss vom 24.06.2003 – VI ZR 327/​02 – NJW 2003, 2527[↩]
BGH, Urteil vom 17.12.1998 – 1 StR 156/​98[↩]
OLG Dres­den, Beschluss vom 14.05.2013 – 21 UF 787/​12, 21 UF 0787/​12 19; AG Baut­zen, Beschluss vom 28.01.2013 – 12 F 1032/​12 64 ff.[↩]
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