Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Gleichbehandlungsgrundsatz_BAG_1AZR672-00.html
Timestamp: 2017-11-24 00:06:00
Document Index: 27427861

Matched Legal Cases: ['§ 242', '§ 242', '§ 611', '§ 242', '§ 2', '§ 75', '§ 315', '§ 614', '§ 284', '§ 187', '§ 193', '§ 97', '§ 92']

HENSCHE Arbeitsrecht: 1 AZR 672/00
Akten­zeichen: 1 AZR 672/00
Ent­scheid­ungs­datum: 15.05.2001
Die An­nah­me ei­nes Ar­beit­ge­bers, er sei auf Mit­ar­bei­ter an­ge­wie­sen, die ih­re be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on in ei­nem rechts­staat­li­chen und markt­wirt­schaft­li­chen Sys­tem er­langt ha­ben, konn­te es je­den­falls im Jahr 1996 nicht mehr sach­lich recht­fer­ti­gen, Ar­beit­neh­mern, die am 2. Ok­to­ber 1990 ih­ren Wohn­sitz in der DDR hat­ten, ge­ne­rell ein nied­ri­ge­res Ge­halt zu zah­len als Ar­beit­neh­mern, die in die­sem Zeit­punkt in den al­ten Bun­desländern ansässig wa­ren.
Ein durch ei­ne sol­che Ge­halts­dif­fe­ren­zie­rung be­nach­tei­lig­ter Ar­beit­neh­mer kann für ab­ge­lau­fe­ne Zeiträume die Gleich­stel­lung mit der begüns­tig­ten Ar­beit­neh­mer­grup­pe ver­lan­gen.
1 AZR 672/00
17 Sa 582/00
Schnei­der,
hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 15. Mai 2001 durch den Präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Prof. Dr. Wißmann, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Hauck, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmidt, die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wiss­kir­chen und Dr. Blank für Recht er­kannt:
Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 30. Au­gust 2000 - 17 Sa 582/00 - zum Teil auf­ge­ho­ben und un­ter Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on im übri­gen wie folgt ge­faßt:
Auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 13. Ja­nu­ar 2000 - 34 Ca 30523/99 - zum Teil ab­geändert und un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im übri­gen wie folgt ge­faßt:
Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an den Kläger 4.973,87 DM brut­to so­wie 4 % Zin­sen aus dem sich aus je­weils 964,77 DM brut­to er­ge­ben­den Net­to­be­trag seit dem 4. Mai 1999, 2. Ju­ni 1999, 2. Ju­li 1999, 3. Au­gust 1999 und 2. Sep­tem­ber 1999 zu zah­len.
Die Be­klag­te hat die Kos­ten der ers­ten In­stanz und die der Re­vi­si­on zu tra­gen.
Von den Kos­ten der Be­ru­fung ha­ben der Kläger 87 % und die Be­klag­te 13 % zu tra­gen.
Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob der Kläger we­gen sei­nes Wohn­sit­zes im Bei­tritts­ge­biet nied­ri­ger vergütet wer­den durf­te als Ar­beit­neh­mer aus den al­ten Bun­desländern.
Die Be­klag­te ist ei­ne Nach­fol­ge­ge­sell­schaft der Treu­hand­an­stalt. Sie pri­va­ti­siert seit 1992 land- und forst­wirt­schaft­li­che Flächen in den neu­en Bun­desländern. Die dafür ein­ge­setz­ten Mit­ar­bei­ter der frühe­ren Treu­hand­an­stalt beschäftigt sie fort. Et­wa 100 ih­rer der­zeit 1100 Mit­ar­bei­ter stam­men aus den al­ten Bun­desländern. Sie wer­den wie die übri­gen Beschäftig­ten in der Zen­tra­le in Ost­ber­lin oder in Nie­der­las­sun­gen ein­ge­setzt, die in den neu­en Bun­desländern ge­le­gen sind.
Ih­re Mit­ar­bei­ter vergüte­te die Be­klag­te zunächst nach ei­nem von der Treu­hand­an­stalt über­nom­me­nen Vergütungs­sys­tem. Da­nach er­hiel­ten die aus dem Bei­tritts­ge­biet stam­men­den Ar­beit­neh­mer ein Ge­halt, das an die Be­zah­lung der Staats­be-
diens­te­ten der frühe­ren DDR an­ge­lehnt war. Den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten Bun­desländern wur­de ei­ne höhe­re, je­weils in­di­vi­du­ell aus­ge­han­del­te Vergütung ge­zahlt.
Zur Ver­ein­heit­li­chung ih­rer Vergütungs­struk­tu­ren schloß die Be­klag­te mit dem Ge­samt­be­triebs­rat am 15. Ja­nu­ar 1996 ei­ne „Be­triebs­ver­ein­ba­rung über Vergütungs­grup­pen­sys­tem, Ein­grup­pie­rung und Gehälter" (BV). Da­nach er­folgt die Ein­grup­pie­rung der Ar­beit­neh­mer auf Grund ein­heit­li­cher Merk­ma­le in ei­ne von zehn Ge­halts­grup­pen, de­nen Ge­halts­span­nen mit ins­ge­samt fünf wei­te­ren Un­ter­grup­pen zu­ge­ord­net sind. Da­zu heißt es in der Be­triebs­ver­ein­ba­rung:
„3. Ge­halts­span­nen
3.1 Je­der Ge­halts­grup­pe ist ei­ne Ge­halts­span­ne zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­be­trag zu­ge­ord­net.
3.2 Für Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter, de­ren ständi­ger Wohn­sitz am 02. Ok­to­ber 1990 in den al­ten Bun­desländern oder in West-Ber­lin lag, exis­tiert zur Zeit ei­ne zwei­te Span­ne, de­ren Ober­gren­ze um den Pro­zent­satz höher ist, der dem Ab­stand zwi­schen den West- und den Ost-Gehältern im Öffent­li­chen Dienst der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ent­spricht.
3.3 Die Ge­halts­span­nen nach 3.1 bzw. 3.2 über­schnei­den sich in der Wei­se, daß das Höchst­ge­halt der je­weils nied­ri­ge­ren Grup­pe über dem Min­dest­ge­halt der nächst höhe­ren Grup­pe liegt.
3.4 Die Ge­halts­span­nen wer­den nach den wirt­schaft­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten der BWG an­ge­paßt wo­bei die je­wei­li­gen Ta­rif­erhöhun­gen im Öffent­li­chen Dienst als Ori­en­tie­rung die­nen sol­len."
Die Höhe des in­di­vi­du­el­len Ge­halts be­stimmt die Be­klag­te durch Ein­ord­nung in ei­ne Ge­halts­grup­pe. Zu die­sen hat die Be­klag­te ei­nen Ge­halts­rah­men auf­ge­stellt, der nach Mit­ar­bei­tern aus den al­ten Bun­desländern und den­je­ni­gen aus den neu­en Bun­desländern un­ter­schei­det. Da­nach er­hal­ten die Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern ent­spre­chend dem Ge­halts­rah­men West ei­ne höhe­re Vergütung als Ar­beit­neh­mer der­sel­ben Ge­halts­grup­pe, die aus den neu­en Bun­desländern stam­men.
Der in den neu­en Bun­desländern ansässi­ge und auf­ge­wach­se­ne Kläger ist seit dem 1. Ju­ni 1994 für die Be­klag­te tätig. Er ist in der Vergütungs­grup­pe 8, Leis­tungs­grup­pe a ein­grup­piert. Nach dem Ge­halts­rah­men für die Mit­ar­bei­ter aus den neu­en Bun­desländern können Ar­beit­neh­mer in die­ser Vergütungs­grup­pe ei­nen Brut-
to­mo­nats­ver­dienst zwi­schen 5.948,00 DM bis 6.238,00 DM er­zie­len. Auf die­ser Grund­la­ge setz­te die Be­klag­te das Ge­halt des Klägers auf 6.227,00 DM brut­to fest. Darüber hin­aus er­hielt der Kläger ein Ur­laubs­geld und ei­ne jähr­li­che Son­der­zu­la­ge in Höhe von 15 % bzw. 4,17 % ei­nes Brut­to­mo­nats­ver­diens­tes. Der Ge­halts­rah­men für die Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern liegt in der Vergütungs­grup­pe 8 a zwi­schen 6.729,00 DM und 7.210,00 DM brut­to.
Mit sei­ner Kla­ge ver­langt der Kläger für die Mo­na­te April bis Au­gust 1999 ei­ne wei­te­re Brut­to­mo­nats­vergütung von je­weils 965,00 DM, die sich nach der Dif­fe­renz zur Vergütungs­grup­pe 8 a für die Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern er­rech­net so­wie ei­ne ent­spre­chen­de Dif­fe­renz zum Ur­laubs­geld in Höhe von 109,62 DM brut­to und zur Son­der­vergütung in Höhe von 40,50 DM brut­to. Der Kläger macht gel­tend, die von der Be­klag­ten prak­ti­zier­te Ent­gelt­dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Mit­ar­bei­tern aus den neu­en und aus den al­ten Bun­desländern sei neun Jah­re nach dem Bei­tritt sach­lich nicht mehr zu recht­fer­ti­gen. Die Höhe sei­nes An­spruchs be­stim­me sich ent­spre­chend der Ein­grup­pie­rungs­ent­schei­dung und Leis­tungs­be­wer­tung der Be­klag­ten so­wie de­ren Über­tra­gung in den Ge­halts­rah­men West.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 4.975,12 DM nebst 4 % Zin­sen auf den sich aus je­weils 965,00 DM brut­to er­ge­ben­den Net­to­be­trag je­weils seit dem 1. Mai 1999, 1. Ju­ni 1999, 1. Ju­li 1999, 1. Au­gust 1999 und 1. Sep­tem­ber 1999 zu zah­len.
Die Be­klag­te hat gel­tend ge­macht, der Kläger wer­de ge­genüber ei­nem ver­gleich­ba­ren Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern nicht be­nach­tei­ligt. Sie ha­be zunächst das Vergütungs­sys­tem der Treu­hand­an­stalt über­neh­men müssen. Durch die Be­triebs­ver­ein­ba­rung ha­be die Ent­gelt­dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten und den neu­en Bun­desländer schritt­wei­se ab­ge­baut wer­den sol­len. Al­ler­dings sei sie nach wie vor auf Mit­ar­bei­ter an­ge­wie­sen, die ih­re Aus­bil­dung und Be­rufs­er­fah­rung un­ter rechts­staat­li­chen und markt­wirt­schaft­li­chen Be­din­gun­gen in den al­ten Bun­desländern er­wor­ben hätten. In der Re­gel sei­en das Ar­beit­neh­mer, die dort am 2. Ok­to­ber 1990 auch ih­ren Wohn­sitz hat­ten. Die­se Ar­beit­neh­mer sei­en nur ge­gen Zah­lung ei­ner höhe­ren Vergütung zur Auf­nah­me ei­ner Tätig­keit in den neu­en Bun­desländern be­reit, zu­mal ih­nen durch dop­pel­te Haus­haltsführung und den da­mit ver­bun-
de­nen Orts­wech­sel höhe­re Auf­wen­dun­gen entstünden. Je­den­falls könne der Kläger kei­ne An­glei­chung an die begüns­tig­te Grup­pe ver­lan­gen.
Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­klag­te un­ter Zurück­wei­sung der Be­ru­fung im übri­gen zur Zah­lung von 4.973,87 DM brut­to ver­ur­teilt. Mit ih­rer Re­vi­si­on er­strebt die Be­klag­te die Ab­wei­sung der Kla­ge. Der Kläger be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on.
I. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist mit Aus­nah­me ei­nes Teil­be­trags der gel­tend ge­mach­ten Zins­for­de­rung un­be­gründet. Der Kläger hat An­spruch auf Zah­lung der Ge­halts­dif­fe­ren­zen für die Mo­na­te April bis Au­gust 1999 in Höhe von ins­ge­samt 4.823,85 DM brut­to so­wie ei­nes rest­li­chen Ur­laubs­gel­des im Um­fang von 109,62 DM brut­to und ei­ner wei­te­ren Son­der­vergütung von 40,40 DM brut­to.
1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat den An­spruch des Klägers zu Recht auf den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz gestützt.
a) Nach der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ge­bie­tet der ar­beits­recht­li­che Gleich­be­hand­lungs­grund­satz dem Ar­beit­ge­ber, Ar­beit­neh­mer oder Grup­pen von Ar­beit­neh­mern, die sich in glei­cher oder ver­gleich­ba­rer La­ge be­fin­den, gleich zu be­han­deln. Un­ter­sagt ist ihm so­wohl ei­ne willkürli­che Schlech­ter­stel­lung ein­zel­ner Ar­beit­neh­mer in­ner­halb ei­ner Grup­pe als auch ei­ne sach­frem­de Grup­pen­bil­dung. Im Be­reich der Vergütung gilt der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nur ein­ge­schränkt. Vor­rang hat der Grund­satz der Ver­trags­frei­heit für in­di­vi­du­ell aus­ge­han­del­te Gehälter. Der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz fin­det aber auch im Be­reich der Ent­gelt­zah­lung An­wen­dung, wenn der Ar­beit­ge­ber die Vergütung nach ei­nem be­stimm­ten er­kenn­ba­ren und ge­ne­ra­li­sie­ren­den Prin­zip gewährt, in­dem er be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen oder be­stimm­te Zwe­cke fest­legt (BAG 17. No­vem­ber 1998 - 1 AZR 147/98 ¬BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 162 mit Anm. Ri­char­di = EzA BGB § 242 Gleich­be­hand­lung Nr. 79; 12. Ja­nu­ar 1994 - 5 AZR 6/93 - BA­GE 75, 236).
b) Nach ei­nem sol­chen ge­ne­ra­li­sie­ren­den Prin­zip verfährt die Be­klag­te. Sie zahlt al­len Ar­beit­neh­mern, die am 2. Ok­to­ber 1990 ih­ren Wohn­sitz in den al­ten Bun­desländern ein­sch­ließlich West-Ber­lins hat­ten, ei­ne um ei­nen be­stimm­ten Pro­zent­satz höhe­re Vergütung als Ar­beit­neh­mern der­sel­ben Ge­halts­grup­pe und mit gleich be­wer­te­ter Ar­beits­leis­tung aus den neu­en Bun­desländern.
2. Die Be­klag­te hat kei­nen Sach­grund vor­ge­tra­gen, der ge­eig­net wäre, die Ge­halts­dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten Bun­desländern und den­je­ni­gen aus den neu­en Bun­desländern zu recht­fer­ti­gen.
a) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann es sach­lich ge­recht­fer­tigt sein, ei­ne be­stimm­te Grup­pe von Ar­beit­neh­mern ge­genüber ver­gleich­ba­ren Ar­beit­neh­mern fi­nan­zi­ell bes­ser zu stel­len, wenn oh­ne ei­nen sol­chen An­reiz für die da­von be­trof­fe­nen Ar­beitsplätze kei­ne Ar­beits­kräfte zu ge­win­nen oder zu hal­ten wären. In die­sem Fall liegt der sach­li­che Dif­fe­ren­zie­rungs­grund in der ar­beits­markt­be­ding­ten Durch­set­zungsfähig­keit die­ser Ar­beit­neh­mer, auf de­ren Kennt­nis­se und Er­fah­run­gen der Ar­beit­ge­ber bei der Be­set­zung be­stimm­ter Ar­beitsplätze an­ge­wie­sen ist (BAG 23. Au­gust 1995 - 5 AZR 293/94 - BA­GE 80, 362, zu 111 2 der Gründe).
Die Be­haup­tung der Be­klag­ten, sie sei für die Er­le­di­gung ih­rer Ar­beits­auf­ga­ben ge­ne­rell auf Mit­ar­bei­ter an­ge­wie­sen, die ih­re be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on in ei­nem markt­wirt­schaft­li­chen Sys­tem er­langt hätten und nur ge­gen Zah­lung ei­ner höhe­ren Vergütung für die Auf­nah­me ei­ner Tätig­keit in den neu­en Bun­desländern be­reit sei­en, kann in die­ser All­ge­mein­heit die prak­ti­zier­te Ge­halts­dif­fe­ren­zie­rung sach­lich nicht recht­fer­ti­gen. Die un­ter­schied­li­che Höhe der Gehälter zwi­schen den Mit­ar­bei­tern aus den al­ten und den­je­ni­gen aus den neu­en Bun­desländern nimmt kei­ne Rück­sicht dar­auf, ob die Ar­beits­auf­ga­be des je­wei­li­gen aus den al­ten Bun­desländern stam­men­den Mit­ar­bei­ters die von der Be­klag­ten gewünsch­te be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on über­haupt er­for­dert und der Ar­beits­platz des­halb nur ge­gen Zah­lung ei­ner höhe­ren Vergütung be­setzt wer­den kann. Ent­schei­dend kommt hin­zu, daß der Wohn­sitz ei­nes Ar­beit­neh­mers auch un­ter Berück­sich­ti­gung der be­son­de­ren Si­tua­ti­on der Wie­der­ver­ei­ni­gung so lan­ge nach dem Bei­tritt kein zwin­gen­der Be­leg mehr für ei­ne be­son­de­re, un­ter markt­wirt­schaft­li­chen und rechts­staat­li­chen Be­din­gun­gen er­lang­te be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on ist. Das Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­mal steht mit dem von der Be­klag­ten vor­ge­ge­be­nen Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck nicht in ei­nem hin­rei­chend en­gen Zu­sam­men­hang.
Zwar wäre es nicht sach­fremd, wenn die Be­klag­te den­je­ni­gen Ar­beit­neh­mern, die im Zu­ge des Bei­tritts von der Treu­hand­an­stalt aus den al­ten Bun­desländern an­ge­wor­ben wur­den, die mit der Treu­hand in­di­vi­du­ell ver­ein­bar­te Vergütung fort­zahl­te. Ent­spre­chen­des gilt auch für Ar­beit­neh­mer mit be­son­de­ren Kennt­nis­sen und Fähig­kei­ten, die auch 1996 noch nicht in den neu­en Bun­desländern er­wor­ben sein konn­ten, aber für die Er­le­di­gung be­stimm­ter Ar­beits­auf­ga­ben un­ab­ding­bar sind. Den dar­in lie­gen­den Dif­fe­ren­zie­rungs­zwe­cken des Be­sitz­stands­schut­zes und des Ar­beits­mark­tes ent­spricht das wohn­sitz­be­zo­ge­ne Dif­fe­ren­zie­rungs­merk­mal nicht. Auch ist die Vergüns­ti­gung nicht auf die von der Treu­hand über­nom­me­nen Mit­ar­bei­tern be­schränkt. Sie begüns­tigt die von der Be­klag­ten selbst ein­ge­stell­ten Ar­beit­neh­mer aus den al­ten Bun­desländern und zwar selbst dann, wenn de­ren Ar­beits­auf­ga­be kei­ne Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten er­for­dert, die von Ar­beit­neh­mern, die 1990 im Bei­tritts­ge­biet ansässig wa­ren, nicht er­wor­ben sein können.
b) Die Ge­halts­dif­fe­ren­zie­rung kann auch nicht da­mit ge­recht­fer­tigt wer­den, daß den aus den al­ten Bun­desländern stam­men­den Mit­ar­bei­tern durch die Auf­nah­me ih­rer Tätig­keit in den neu­en Bun­desländern Mehr­auf­wen­dun­gen in Fol­ge ei­ner dop­pel­ten Haus­haltsführung und höhe­rer Le­bens­hal­tungs­kos­ten ent­ste­hen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist der Ar­beit­ge­ber zwar grundsätz­lich frei in der Be­stim­mung des Zwecks, den er mit ei­ner be­stimm­ten Leis­tung ver­fol­gen will (BAG 10. März 1998 - 1 AZR 509/97 - AP BGB § 611 Gra­ti­fi­ka­ti­on Nr. 207 = EzA BGB § 242 Be­trieb­li­che Übung Nr. 40, zu 1 b aa). Mit ei­nem tatsächli­chen Mehr­be­darf steht die gewähr­te Vergüns­ti­gung aber in kei­nem Zu­sam­men­hang. Die Be­klag­te zahlt den aus den al­ten Bun­desländern stam­men­den Mit­ar­bei­tern ein höhe­res Ge­halt auch nach Ver­le­gung des Wohn­sit­zes in die neu­en Bun­desländer fort. Um­ge­kehrt er­hal­ten ih­re aus dem Bei­tritts­ge­biet stam­men­den Mit­ar­bei­ter auch dann kein höhe­res Ent­gelt, wenn sie mit ent­spre­chen­den Mehr­auf­wen­dun­gen in­fol­ge ei­ner dop­pel­ten Haus­haltsführung tatsächlich be­las­tet sind.
c) Im Zu­sam­men­hang mit ei­nem ar­beits­markt- und auf­wen­dungs­be­ding­ten Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck be­ruft sich die Be­klag­te oh­ne Er­folg auf die Be­fug­nis zur Pau­scha­lie­rung im In­ter­es­se ei­ner prak­ti­ka­blen Hand­ha­bung. Zwar muß der Ar­beit­ge­ber, der ei­ne gan­ze Grup­pe von Ar­beit­neh­mern bes­ser stellt, nicht dar­le­gen, daß auf je­den An­gehöri­gen die­ser Grup­pe der Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck in ver­gleich­ba­rer Wei­se zu­trifft. Viel­mehr kann er die dem Dif­fe­ren­zie­rungs­zweck zu­grun­de­lie­gen­de An­nah­me auf die
ge­sam­te, nach die­sem Zweck be­stimm­te Grup­pe er­stre­cken, so­weit die Grup­pen­bil­dung selbst nicht sach­wid­rig ist. Dar­an fehlt es hier.
d) Auch der Hin­weis der Be­klag­ten auf die Vergütungs- und Be­sol­dungs­struk­tu­ren des öffent­li­chen Diens­tes kann die Grup­pen­bil­dung nicht recht­fer­ti­gen. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes knüpfen nicht an den Wohn­sitz der Ar­beit­neh­mer an. Sie dif­fe­ren­zie­ren da­nach, ob das Ar­beits­verhält­nis im Bei­tritts­ge­biet be­gründet wur­de oder nicht. Ent­schei­dend ist, ob das Ar­beits­verhält­nis ei­nen hin­rei­chend en­gen Be­zug zum Bei­tritts­ge­biet auf­weist. Dafür kommt es dar­auf an, ob der Ar­beit­neh­mer für ei­ne Tätig­keit im Bei­tritts­ge­biet ein­ge­stellt wor­den ist und dort auf un­be­stimm­te Zeit beschäftigt wird. Nicht er­heb­lich sind Ort und Zeit­punkt des Ar­beits­ver­trags­schlus­ses, der Sitz der Dienst­stel­le oder der Wohn­ort des Ar­beit­neh­mers (BAG 30. Ju­li 1992 - 6 AZR 11/92 - BA­GE 71, 68, zu B 11 3 a bb der Gründe; 24. Fe­bru­ar 1994 - 6 AZR 588/93 - BA­GE 76, 57, zu 112 b der Gründe; 23. Fe­bru­ar 1995 - 6 AZR 614/94 - BA­GE 79, 215, zu 112 der Gründe; 25. Ju­ni 1998 - 6 AZR 475/96 - BA­GE 89, 202, zu 112 b bb der Gründe). Da­nach un­ter­fal­len die aus den neu­en Ländern stam­men­den Ar­beit­neh­mer den für die al­ten Länder gel­ten­den Ta­rif­verträgen, wenn sie dort beschäftigt sind. Um­ge­kehrt gel­ten für das Bei­tritts­ge­biet ge­schlos­se­ne Ta­rif­verträge für aus dem Wes­ten stam­men­de Ar­beit­neh­mer, die für ei­ne Tätig­keit im Bei­tritts­ge­biet ein­ge­stellt wur­den und dort auch tätig sind. Ähn­li­ches gilt für die Be­sol­dung von Be­am­ten, Rich­tern und Sol­da­ten. Die­se er­hal­ten gemäß § 2 Abs. 1 Satz 1 der 2. Be­sol­dungs-Über­g­angs­ver­ord­nung ge­rin­ge­re Bezüge, wenn sie von ih­rer erst­ma­li­gen Er­nen­nung an im Bei­tritts­ge­biet ver­wen­det wer­den.
e) Sch­ließlich kann sich die Be­klag­te zur Recht­fer­ti­gung der Un­gleich­be­hand­lung auch nicht auf die BV vom 15. Ja­nu­ar 1996 be­ru­fen. Es mag da­hin­ste­hen, ob Nr. 3.2 der BV über­haupt ei­ne kon­sti­tu­ti­ve Dif­fe­ren­zie­rungs­re­ge­lung enthält, die von der Be­klag­ten ei­ne wohn­sitz­be­zo­ge­ne Un­ter­schei­dung bei den Gehältern ver­lan­gen würde. Der Wort­laut ist in­so­weit kei­nes­wegs ein­deu­tig. Je­den­falls wäre ei­ne sol­che Re­ge­lung un­wirk­sam. Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men, daß auch die Be­triebs­par­tei­en nach § 75 Abs.1 Be­trVG an den ar­beits­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz ge­bun­den sind, der ih­nen ei­ne sach­frem­de Grup­pen­bil­dung bei ei­ner kol­lek­tiv­recht­li­chen Re­ge­lung ver­wehrt (BAG 15. Ja­nu­ar 1991 - 1 AZR 80/90 - BA­GE 67, 29, zu 11 der Gründe). Das gilt auch, so­weit mit die­ser Be­stim­mung ei­ne von den Be­triebs­part­nern er­kann­te sach­wid­ri­ge Un­gleich­be­hand­lung schritt­wei­se ab­ge­baut wer­den soll­te.
3. Dem Kläger steht der gel­tend ge­mach­te An­spruch auch der Höhe nach zu.
a) Fehlt es an ei­nem bil­li­gens­wer­ten Grund für die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung von Ar­beit­neh­mern, kann der Be­nach­tei­lig­te ei­ne Gleich­stel­lung mit der begüns­tig­ten Grup­pe ver­lan­gen (BAG 10. März 1998 aaO, zu 1 a der Gründe). Das gilt bei ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­nen Leis­tun­gen stets dann, wenn der Ar­beit­ge­ber aus recht­li­chen oder tatsächli­chen Gründen an der Rück­for­de­rung der Leis­tung ge­genüber der begüns­tig­ten Grup­pe ge­hin­dert ist. Der Kläger ver­langt zu Recht für die Mo­na­te April bis Au­gust 1999 ei­ne Vergütung nach der Ge­halts­be­rech­nung für die aus den neu­en Bun­desländern stam­men­den Ar­beit­neh­mer. Aus dem Vor­trag der Be­klag­ten spricht nichts für ei­ne er­folg­rei­che Gel­tend­ma­chung von Rück­for­de­run­gen ge­genüber die­sen Mit­ar­bei­tern.
Die Be­klag­te kann sich auch nicht dar­auf be­ru­fen, sie ha­be die höhe­re Leis­tung an die begüns­tig­te Grup­pe im Ver­trau­en auf die Wirk­sam­keit der Be­triebs­ver­ein­ba­rung er­bracht. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts ist der Ar­beit­ge­ber auch in die­sem Fall zur Gleich­be­hand­lung ver­pflich­tet, so­lan­ge er die Vergüns­ti­gun­gen nicht zurück­for­dert (BAG 26. No­vem­ber 1998 - 6 AZR 335/97 - BA­GE 90, 219).
b) Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Höhe der dem Kläger zu­ste­hen­den Ge­halts­dif­fe­ren­zen zu­tref­fend be­rech­net.
Das Be­ru­fungs­ge­richt hat da­bei zunächst die Span­ne der VergGr. 8 Leis­tungs­grup­pe a für Mit­ar­bei­ter aus den neu­en Bun­desländern zu­grun­de­ge­legt. Es hat dar­aus er­rech­net, daß der dem Kläger aus die­ser Span­ne tatsächlich gewähr­te Be­trag 96,21 % des Höchst­be­trags aus­macht. Es hat so­dann den Ge­halts­rah­men der VergGr. 8 Leis­tungs­grup­pe a für Mit­ar­bei­ter aus den al­ten Bun­desländern her­an­ge­zo­gen und dem Kläger den dor­ti­gen Grund­be­trag von 6.792,00 DM zuzüglich 96,21 % der Dif­fe­renz zwi­schen die­sem Grund­be­trag und dem Höchst­be­trag zu­ge­spro­chen. Dies er­gibt nach dem Ge­halts­rah­men West ei­ne Brut­to­mo­nats­vergütung von 7.191,77 DM und ge­genüber den tatsächlich ge­zahl­ten 6.227,00 DM ei­ne mo­nat­li­che Dif­fe­renz von 964,77 DM brut­to. Das höhe­re Brut­to­mo­nats­ge­halt hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt auch der Be­rech­nung der Ansprüche auf Ur­laubs­geld und Son­der­zah­lung zu­grun­de-ge­legt. Es hat rech­ne­risch rich­tig hin­sicht­lich des Ur­laubs­gelds ei­ne Dif­fe­renz von 144,84 DM und hin­sicht­lich der Son­der­zah­lung ei­ne sol­che von 40,40 DM an­ge­nom­men.
c) Da­ge­gen wen­det die Re­vi­si­on zu Un­recht ein, der Kläger ha­be die Höhe sei­ner Kla­ge­for­de­rung nicht schlüssig vor­ge­tra­gen. Über die Ein­ord­nung des Klägers in
ei­ne kon­kre­te Ge­halts­grup­pe hat die Be­klag­te zu ent­schei­den. Da­zu hat sie ein Leis­tungs­be­stim­mungs­recht im Sin­ne von § 315 BGB aus­zuüben. Die­ses Recht hat die Be­klag­te mit der Ein­ord­nung des Klägers für das Jahr 1999 in die Ge­halts­span­ne Ost wahr­ge­nom­men. Die Ge­halts­fest­le­gung gemäß Nr. 5 der BV dif­fe­ren­ziert nicht zwi­schen den Ge­halts­span­nen für Mit­ar­bei­ter aus den al­ten und sol­chen aus den neu­en Bun­desländern, son­dern um­faßt bei­de Mit­ar­bei­ter­grup­pen. Erst die Wer­tig­keit der Ar­beits­er­geb­nis­se der ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer in­ner­halb der je­wei­li­gen Ver­gleichs­grup­pe ermöglicht die Er­mitt­lung des kon­kre­ten Ge­halts. Die­se Be­wer­tung hat die Be­klag­te nach Nr. 5.6 Abs. 1 der BV aber oh­ne Rück­sicht auf die ge­halt­li­chen Aus­wir­kun­gen vor­zu­neh­men. Es ist des­halb rechts­feh­ler­frei, wenn das Lan­des­ar­beits­ge­richt die Ein­ord­nungs­ent­schei­dung der Be­klag­ten be­zo­gen auf den Ge­halts­rah­men West le­dig­lich nach­voll­zo­gen hat.
II. Die Re­vi­si­on ist hin­sicht­lich ei­nes Teils der Ver­zugs­zin­sen be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat bei der Be­rech­nung der Ver­zugs­zin­sen § 614 Satz 2 BGB nicht berück­sich­tigt. Nach die­ser Vor­schrift wird die nach Zeit­ab­schnit­ten be­mes­se­ne Vergütung je­weils nach dem Ab­lauf der ein­zel­nen Zeit­ab­schnit­te fällig. Das ist bei mo­nat­li­cher Vergütung der ers­te Tag des Fol­ge­mo­nats. Ver­zug tritt gemäß § 284 Abs. 2 Satz 1 BGB iVm. § 187 Abs. 1 BGB ein, wenn der Ar­beit­ge­ber an die­sem Tag nicht leis­tet. Fällt der Fällig­keits­tag auf ei­nen Sams­tag oder Fei­er­tag, ver­schiebt sich der Zeit­punkt der Fällig­keit nach § 193 BGB auf den nächs­ten und der Ein­tritt des Ver­zugs auf den dar­auf­fol­gen­den Werk­tag.
Da­nach steht dem Kläger Ver­zugs­zins nicht be­reits, wie vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­spro­chen, seit dem 1. des je­wei­li­gen auf den Vergütungs­mo­nat fol­gen­den Mo­nats zu. Ver­zug ist viel­mehr für den An­spruch für April 1999 erst am 4. Mai 1999, für den An­spruch für Mai 1999 erst am 2. Ju­ni 1999, für den An­spruch für Ju­ni 1999 erst am 2. Ju­li 1999, für den An­spruch für Ju­li 1999 erst am 3. Au­gust 1999 und für den An­spruch für Au­gust 1999 erst am 2. Sep­tem­ber 1999 ein­ge­tre­ten. Frühe­re Fällig­keits­ter­mi­ne hat der Kläger nicht dar­ge­tan.
III. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 ZPO iVm. § 92 Abs. 2 ZPO.
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