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Timestamp: 2019-10-21 05:04:04
Document Index: 218837179

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 233', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 17']

Krebs­me­di­ka­men­te im Rah­men einer ambu­lan­ten Kran­ken­haus­be­hand­lung – und die abge­rech­ne­te Umsatz­steu­er | Rechtslupe
Krebsmedikamente im Rahmen einer ambulanten Krankenhausbehandlung - und die abgerechnete Umsatzsteuer
Der Bun­des­ge­richts­hof hat ent­schie­den, dass eine – tat­säch­lich nicht ange­fal­le­ne – Umsatz­steu­er, die für pati­en­ten­in­di­vi­du­ell her­ge­stell­te Zyto­sta­ti­ka im Rah­men einer ambu­lan­ten Kran­ken­haus­be­hand­lung sei­tens der Apo­the­ke des Kran­ken­hau­ses in Über­ein­stim­mung mit der Sicht­wei­se der maß­geb­li­chen Ver­kehrs­krei­se als Teil der geschul­de­ten Ver­gü­tung berech­net wor­den ist, unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen – abzüg­lich des nach­träg­lich ent­fal­len­den Vor­steu­er­ab­zugs der Kran­ken­haus­trä­ger – an die Pati­en­ten bezie­hungs­wei­se an deren pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­rer zurück­zu­ge­wäh­ren ist.
Dies ergibt sich für den Bun­des­ge­richts­hof aus einer gebo­te­nen ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung der getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen:
Den hier ent­schie­de­nen vier Fäl­len lie­gen Rück­for­de­rungs­be­geh­ren pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rer aus über­ge­gan­ge­nem Recht der bei ihnen ver­si­cher­ten Pati­en­ten zugrun­de. Die Pati­en­ten haben an den jewei­li­gen Kran­ken­haus­trä­ger Umsatz­steu­er für die durch die haus­ei­ge­nen Apo­the­ken pati­en­ten­in­di­vi­du­ell erfolg­te Her­stel­lung von Zyto­sta­ti­ka (Krebs­me­di­ka­men­ten zur Anwen­dung in der Che­mo­the­ra­pie), die im Rah­men ambu­lan­ter Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen ver­ab­reicht wur­den, gezahlt. Für die Abga­be sol­cher Medi­ka­men­te an in den Jah­ren 2012 und 2013 ambu­lant in den Kran­ken­häu­sern behan­del­te Pati­en­ten stell­ten die beklag­ten Kran­ken­haus­trä­ger jeweils Rech­nun­gen aus, die eine Umsatz­steu­er in Höhe von 19 % auf den Abga­be­preis ent­we­der geson­dert aus­wie­sen oder mit­ein­schlos­sen. Die Finanz­be­hör­den und die maß­geb­li­chen Ver­kehrs­krei­se gin­gen zum dama­li­gen Zeit­punkt von einer ent­spre­chen­den Umsatz­steu­er­pflicht aus. Den in den Rech­nungs­be­trä­gen ent­hal­te­nen Umsatz­steu­er­an­teil führ­ten die beklag­ten Kran­ken­haus­trä­ger an die zustän­di­gen Finanz­äm­ter ab. Dass die Umsatz­steu­er­fest­set­zun­gen bestands­kräf­tig gewor­den sei­en, haben die Beklag­ten nicht gel­tend gemacht. Die Kran­ken­ver­si­che­rer der Pati­en­ten erstat­te­ten die­sen die Rech­nungs­be­trä­ge nach Maß­ga­be der jeweils geschlos­se­nen Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge voll­stän­dig oder antei­lig.
Im Jahr 2014 erging ein Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs (BFHE 247, 369), wonach die Ver­ab­rei­chung indi­vi­du­ell für den ein­zel­nen Pati­en­ten in einer Kran­ken­haus­apo­the­ke her­ge­stell­ter Zyto­sta­ti­ka im Rah­men einer ambu­lant in einem Kran­ken­haus durch­ge­führ­ten Heil­be­hand­lung als ein mit der ärzt­li­chen Heil­be­hand­lung eng ver­bun­de­ner Umsatz gemäß § 4 Nr. 16b UStG aF (= § 4 Nr. 14b UStG nF) steu­er­frei ist. Im Jahr 2016 folg­te ein Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen (BMF – III C 3 – S 7170/​11/​10004; UR 2016, 891), mit dem die­ses unter ent­spre­chen­der Ände­rung des Umsatz­steu­er-Anwen­dungs­er­las­ses klar­stell­te, dass der Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs in der Finanz­ver­wal­tung gefolgt wer­de. Zugleich wies das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen in dem genann­ten Schrei­ben unter ande­rem auf die Mög­lich­keit einer Berich­ti­gung der wegen unrich­ti­gen Aus­wei­ses der Steu­er geschul­de­ten Beträ­ge nach dem Umsatz­steu­er­ge­setz und auf einen dann ein­tre­ten­den rück­wir­ken­den Aus­schluss der hier­auf bezo­ge­nen Vor­steu­er­ab­zü­ge hin.
Die jewei­li­gen Beru­fungs­ge­rich­te sind in den vier Fäl­len mit ver­schie­de­nen Begrün­dungs­an­sät­zen zu unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen gelangt, wobei sie sich im Schwer­punkt damit zu befas­sen hat­ten, wel­chen Inhalt die jewei­li­gen ver­trag­li­chen Preis­ab­re­den zwi­schen den Kran­ken­haus­trä­gern und den Pati­en­ten und wel­che Aus­wir­kun­gen die Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs und das Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen auf die­se Ver­ein­ba­run­gen haben:
In dem Ver­fah­ren VIII ZR 7/​18 hat das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­lan­des­ge­richt eine still­schwei­gend zustan­de gekom­me­ne Brut­to­preis­ab­re­de bejaht, also die Umsatz­steu­er als unselb­stän­di­gen Ver­gü­tungs­an­teil bewer­tet. Es hat dann aber eine Anpas­sung des Ver­trags wegen Stö­rung der Geschäfts­grund­la­ge ange­nom­men und den beklag­ten Kran­ken­haus­trä­ger zur voll­stän­di­gen Rück­zah­lung der ent­rich­te­ten Umsatz­steu­er­an­tei­le ver­ur­teilt 1.
Dem­ge­gen­über ist das Land­ge­richt Aachen in der Sache VIII ZR 66/​18 von Net­to­preis­ab­re­den aus­ge­gan­gen und hat ange­nom­men, dass der zu Unrecht gezahl­te Umsatz­steu­er­an­teil infol­ge sei­ner Selb­stän­dig­keit von vorn­her­ein nicht geschul­det gewe­sen und daher nach Berei­che­rungs­recht zurück­zu­ge­wäh­ren sei 2.
In dem Rechts­streit VIII ZR 115/​18 hat das Land­ge­richt Essen dem beklag­ten Kran­ken­haus­trä­ger ein bis zur Gren­ze der Unbil­lig­keit bin­den­des Preis­be­stim­mungs­recht zuge­stan­den, das die­ser in Form einer Brut­to­preis­ab­re­de wirk­sam aus­ge­übt habe. Dem­entspre­chend hat es einen Rück­for­de­rungs­an­spruch des kla­gen­den Kran­ken­ver­si­che­rers ver­neint 3.
In dem Ver­fah­ren VIII ZR 189/​18 hat sich das Land­ge­richt Bonn mit dem Cha­rak­ter der Preis­ab­re­den nicht näher befasst, wegen einer Stö­rung der Geschäfts­grund­la­ge aber einen Rück­for­de­rungs­an­spruch bezüg­lich der zu Unrecht ent­rich­te­ten Umsatz­steu­er dem Grun­de nach bejaht, die­sen aller­dings in der Höhe des dro­hen­den Weg­falls des vor­ge­nom­me­nen Vor­steu­er­ab­zugs gekürzt 4.
Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun sämt­li­che Beru­fungs­ur­tei­le auf­ge­ho­ben und die Sachen an das jewei­li­ge Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen:
Die jeweils getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Pati­ent und Kran­ken­haus­trä­ger über die Ver­gü­tung für die Ver­ab­rei­chung von Zyto­sta­ti­ka sind als Brut­to­preis­ab­re­den ein­zu­ord­nen, bei denen der dar­in ein­ge­schlos­se­ne – tat­säch­lich aber nicht ange­fal­le­ne – Umsatz­steu­er­an­teil nur einen unselb­stän­di­gen und damit (anders als bei einer Net­to­preis­ab­re­de) nicht auto­ma­tisch rück­for­der­ba­ren Ver­gü­tungs­be­stand­teil dar­stellt. Denn die Annah­me einer Net­to­preis­ver­ein­ba­rung setzt eine – hier nicht gege­be­ne – unmiss­ver­ständ­li­che Über­ein­kunft dahin vor­aus, dass der Umsatz­steu­er­an­teil nur gezahlt wer­den muss, wenn und soweit er steu­er­recht­lich geschul­det ist. Über die kon­kre­te Höhe der (Brut­to­preis-)Ver­gü­tun­gen haben sich die Ver­trags­par­tei­en hier spä­tes­tens durch Rech­nungstel­lung und vor­be­halt­lo­se Zah­lung still­schwei­gend geei­nigt. Anders als teil­wei­se ange­nom­men, wur­de den Kran­ken­haus­trä­gern nicht ein Recht zu einer – bis zur Gren­ze der Unbil­lig­keit bin­den­den – ein­sei­ti­gen Preis­be­stim­mung ein­ge­räumt. Ein sol­ches wider­sprä­che dem (wirk­li­chen oder mut­maß­li­chen) Wil­len und den Inter­es­sen der Betei­lig­ten.
Die getrof­fe­nen Brut­to­preis­ab­re­den hin­dern jedoch eine (teil­wei­se) Rück­for­de­rung des gezahl­ten Umsatz­steu­er­an­teils nicht. Denn im Hin­blick auf das Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs aus dem Jahr 2014 und das die­se Recht­spre­chung (auch) rück­wir­kend für anwend­bar erklä­ren­de Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen vom Sep­tem­ber 2016 ist es den Kran­ken­haus­trä­gern nun­mehr mög­lich, die zunächst an das Finanz­amt abge­führ­ten Umsatz­steu­er­be­trä­ge – ohne auf eine finanz­ge­richt­li­che Durch­set­zung ihrer Ansprü­che ange­wie­sen zu sein – nach­träg­lich zurück­zu­for­dern. Dies führt unter bestimm­ten Umstän­den dazu, dass die Preis­ver­ein­ba­run­gen eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke auf­wei­sen, die im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung zu schlie­ßen ist. Hier­für ist maß­ge­bend, ob die Ver­trags­par­tei­en bei Kennt­nis der – bereits zum Zeit­punkt der Ver­trags­schlüs­se bestan­de­nen – wah­ren Steu­er­rechts­la­ge sowie der dar­an anknüp­fen­den recht­stat­säch­li­chen Ent­wick­lun­gen (Ände­rung der Steu­er­pra­xis) als red­li­che Ver­trags­par­tei­en hypo­the­tisch einen abwei­chen­den Preis ver­ein­bart hät­ten. Die­se hypo­the­tisch ver­ein­bar­te Ver­gü­tung ist, da dem Kran­ken­haus­trä­ger bei der steu­er­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung auf jeden Fall ein etwaig bezüg­lich der ein­ge­kauf­ten Grund­stof­fe vor­ge­nom­me­ner Vor­steu­er­ab­zug rück­wir­kend ver­lo­ren geht, nicht ohne wei­te­res mit dem Net­to­preis gleich­zu­set­zen. Viel­mehr ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Ver­trags­par­tei­en statt der ange­setz­ten Ver­gü­tung hypo­the­tisch einen um die Dif­fe­renz zwi­schen Umsatz­steu­er­an­teil und vor­ge­nom­me­nem Vor­steu­er­ab­zug ver­min­der­ten Preis ver­ein­bart hät­ten.
Daher ist von den Beru­fungs­ge­rich­ten – soweit noch nicht gesche­hen – zu klä­ren, ob und in wel­cher Höhe auf die getä­tig­ten Umsät­ze bezo­ge­ne Vor­steu­er­ab­zü­ge von den beklag­ten Kran­ken­haus­trä­gern vor­ge­nom­men wor­den sind. Dage­gen haben die Beru­fungs­ge­rich­te kei­ne Fest­stel­lun­gen zu dem den beklag­ten Kran­ken­haus­trä­gern bei einer Rück­ab­wick­lung ent­ste­hen­den, von die­sen jeweils nicht näher kon­kre­ti­sier­ten Ver­wal­tungs­auf­wand zu tref­fen. Denn die­ser hat für eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung eben­so außer Betracht zu blei­ben wie auch der Umstand, dass die Pati­en­ten die Umsatz­steu­er nach­träg­lich betrach­tet für eine unge­wis­se Zeit "ver­aus­lagt" haben.
In bestimm­ten Fäl­len kön­nen dem Kran­ken­haus­trä­ger aller­dings erheb­li­che finan­zi­el­le Nach­tei­le aus der Fest­set­zung von Nach­zah­lungs­zin­sen (§§ 233a, 238 AO) auf den rück­wir­kend ent­fal­len­den Vor­steu­er­ab­zug dro­hen. Dies könn­te dann der Fall sein, wenn die Kran­ken­haus­trä­ger – wie in den Ver­fah­ren VIII ZR 115/​18 und VIII ZR 189/​18 – Rech­nun­gen mit den in § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 7 und 8, § 14c Abs. 1 Satz 1 UStG vor­ge­se­he­nen Anga­ben (Net­to­ent­gelt, Steu­er­satz, Steu­er­be­trag) aus­ge­stellt haben (geson­der­ter Umsatz­steu­er­aus­weis). Denn dann ist die Umsatz­steu­er bis zu dem Zeit­punkt der Rech­nungs­kor­rek­tur und Berich­ti­gung des Steu­er­be­trags gegen­über dem Finanz­amt geschul­det (§ 14c Abs. 1 Satz 2, § 17 Abs. 1 Satz 7 UStG) und somit von der Finanz­ver­wal­tung bis dahin nicht zuguns­ten des Kran­ken­haus­trä­gers zu ver­zin­sen. Dem­ge­gen­über hät­ten die Kran­ken­haus­trä­ger bei strik­ter Anwen­dung der Zins­vor­schrif­ten Zin­sen auf die vor­ge­nom­me­nen (und nun rück­wir­kend ent­fal­len­den) Vor­steu­er­ab­zü­ge bereits 15 Mona­te nach dem Zeit­punkt der Steu­er­ent­ste­hung (2012, 2013) zu ent­rich­ten. Damit kann der­zeit nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die zulas­ten der Kran­ken­haus­trä­ger auf die nach­zu­ent­rich­ten­den Vor­steu­er­ab­zugs­be­trä­ge vom Finanz­amt fest­zu­set­zen­den Zin­sen der Höhe nach einen Betrag errei­chen, der der Dif­fe­renz zwi­schen gezahl­ter Umsatz­steu­er und ent­fal­len­dem Vor­steu­er­ab­zug ent­spricht. Bei einer sol­chen Sach­la­ge hät­ten die Ver­trags­par­tei­en aller Vor­aus­sicht nach kei­ne abwei­chen­den Preis­ver­ein­ba­run­gen getrof­fen, so dass eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung aus­schie­de.
Es ist daher in den Ver­fah­ren VIII ZR 115/​18 und VIII ZR 189/​18 von den Beru­fungs­ge­rich­ten – gege­be­nen­falls durch Ein­ho­lung einer Aus­kunft der zustän­di­gen Finanz­äm­ter – (wei­ter) zu klä­ren, ob und in wel­cher Höhe die­se im Rah­men ihrer Spiel­räu­me Nach­zah­lungs­zin­sen erhe­ben wer­den, die gege­be­nen­falls einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung und damit einem berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­for­de­rungs­an­spruch der Pati­en­ten ent­ge­gen­stün­den.
Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 20. Febru­ar 2019 – VIII ZR 7/​18 – VIII ZR 66/​18 – VIII ZR 115/​18 und VIII ZR 189/​18
OLG Schles­wig, Urteil vom 20.12.2017 – 4 U 69/​17[↩]
LG Aachen, Urteil vom 09.02.2018 – 6 S 118/​17[↩]
LG Essen, Urteil vom 27.02.2018 – 15 S 162/​17[↩]
LG Bonn, Urteil vom 22.05.2018 – 5 S 99/​17[↩]