Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/fortdauer-der-unterbringung-in-einem-psychiatrischen-krankenhaus-3-384484
Timestamp: 2020-01-28 22:56:15
Document Index: 6824105

Matched Legal Cases: ['§ 20', '§ 20', '§ 20', '§ 67', '§ 20', '§ 20', '§ 67', 'BGH', '§ 20', 'BGH', 'BGH']

Fort­dau­er der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus | Rechtslupe
Die Beur­tei­lung, ob eine Stö­rung (noch) der­art schwer­wie­gend ist, dass eine schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit i. S. d. § 20 StGB vor­liegt, ist eine Rechts­fra­ge, die allein vom Gericht durch eine Bewer­tung der – in der Regel mit Hil­fe eines Sach­ver­stän­di­gen – fest­ge­stell­ten Aus­prä­gun­gen der Stö­rung zu beant­wor­ten ist.
Die Vor­aus­set­zun­gen einer Erle­di­gung der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schem Kran­ken­haus wegen Weg­falls der Anord­nungs­vor­aus­set­zun­gen oder Fehl­ein­wei­sung müs­sen mit Sicher­heit fest­ge­stellt wer­den. Zwei­fel wir­ken sich inso­weit grund­sätz­lich zu Las­ten des Ver­ur­teil­ten aus.
Eine Erle­di­gung der Maß­re­gel wegen einer feh­ler­haf­ten Bewer­tung einer ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit i. S. d. § 20 StGB als schwer, kommt, da es sich um einen Rechts­feh­ler han­delt, nicht in Betracht.
Bei der Prü­fung der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der wei­te­ren Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus ist der Grund ihrer Dau­er ins­be­son­de­re dann zu Las­ten des Unter­ge­brach­ten zu berück­sich­ti­gen, wenn Voll­zugs­lo­cke­run­gen auf­grund sei­nes Ver­hal­tens nicht mög­lich sind und eine Ent­las­sung daher nicht vor­be­rei­tet wer­den kann.
Die Erle­di­gung der Maß­re­gel ist auch nicht des­halb aus­zu­spre­chen, weil die Pädo­phi­lie nicht (mehr) als schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit i. S. d. § 20 StGB ein­zu­stu­fen wäre. Zwar sind nach der Recht­spre­chung des Ober­lan­des­ge­richts die Vor­aus­set­zun­gen einer Erle­di­gung nach § 67d Abs. 6 S. 1 1. Alt. StGB anzu­neh­men, wenn zwar eine see­li­sche Abar­tig­keit (hier: Pädo­phi­lie) besteht, die­se jedoch nicht mehr als "schwer" i. S. d. § 20 StGB ein­zu­stu­fen wäre 1. Auch ist der Sach­ver­stän­di­ge Dr. … in sei­nem schrift­li­chen Gut­ach­ten zu der Ein­schät­zung gelangt, dass die Pädo­phi­lie des Ver­ur­teil­ten von Beginn an nicht die Ein­stu­fung als schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit gerecht­fer­tigt hät­te. Aller­dings han­delt es sich bei der Beur­tei­lung, ob eine dia­gnos­ti­zier­te Stö­rung, die grund­sätz­lich in den Anwen­dungs­be­reich des 4. Merk­mals gemäß § 20 StGB fällt, auch als "schwer" i. S. d. Vor­schrift ein­zu­stu­fen ist, um eine Rechts­fra­ge 2, die das Gericht ohne Bin­dung an die Bewer­tung des Sach­ver­stän­di­gen selbst zu beur­tei­len hat 3. Nach der Beur­tei­lung des Ober­lan­des­ge­richts kann nicht mit der für eine Erle­di­gung der Maß­re­gel nach § 67d Abs. 6 S. 1 1. Alt. StGB erfor­der­li­chen Sicher­heit fest­ge­stellt wer­den, dass der Zustand des Ver­ur­teil­ten zum Zeit­punkt der Anlass­de­lik­te oder heu­te so beschaf­fen war oder ist, dass die Pädo­phi­lie nicht als schwe­re ande­re see­li­sche Abar­tig­keit ein­zu­stu­fen wäre.
Die Dia­gno­se einer Pädo­phi­lie recht­fer­tigt nicht ohne wei­te­res die Annah­me einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit. Inso­weit kann auch der Schluss auf eine ledig­lich gestör­te sexu­el­le Ent­wick­lung gerecht­fer­tigt sein. Der Grad einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit ist bei sexu­el­ler Devi­anz nur dann erreicht, wenn die sexu­el­le Prä­fe­renz den Täter in sei­ner Per­sön­lich­keit so nach­hal­tig ver­än­dert hat, dass sein Hem­mungs­ver­mö­gen in Bezug auf straf­recht­lich rele­van­tes Sexu­al­ver­hal­ten erheb­lich her­ab­ge­setzt ist. Dies ist im Wege einer Gesamt­be­trach­tung der Per­sön­lich­keit des Täters unter Ein­be­zie­hung sei­ner Ent­wick­lung, sei­nes Cha­rak­ter­bil­des sowie der ihm zur Last geleg­ten Tat ein­schließ­lich der ihr zugrun­de lie­gen­den Moti­ve fest­zu­stel­len 4. Die Annah­me einer schwe­ren ande­ren see­li­schen Abar­tig­keit ist ins­be­son­de­re dann nahe­lie­gend, wenn abwei­chen­de Sexu­al­prak­ti­ken zu einer ein­ge­schlif­fe­nen Ver­hal­tens­scha­blo­ne mit abneh­men­der Befrie­di­gung, zuneh­men­der Fre­quenz, Aus­bau des Raf­fi­ne­ments und gedank­li­che Ein­engung auf die­se Prak­ti­ken gewor­den sind 5. Sie kommt jedoch auch in ande­ren Kon­stel­la­tio­nen in Betracht 6. In den Blick zu neh­men sind z. B. der Anteil der Para­phi­lie an der Sexu­al­struk­tur, die Inten­si­tät des para­phi­len Mus­ters im Erle­ben, die Inte­gra­ti­on der Para­phi­lie in das Per­sön­lich­keits­ge­fü­ge und die bis­he­ri­gen Fähig­kei­ten des Pro­ban­den zur Kon­trol­le para­phi­ler Impul­se 7. In der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist dabei unter ande­rem auf die Bedeu­tung des Sexu­al­ver­hal­tens des Ver­ur­teil­ten außer­halb sei­ner Delin­quenz 8, ein­schlä­gi­ger Vor­ver­ur­tei­lun­gen, der Umset­zung sexu­el­ler Tag­träu­me und Phan­ta­si­en in devi­an­te Hand­lun­gen, einer deut­li­chen Stei­ge­rung der Tat­hand­lun­gen und geschei­ter­ter The­ra­pie­ver­su­che 9 hin­ge­wie­sen wor­den.
Eine Aus­set­zung der Unter­brin­gung zur Bewäh­rung käme nur dann in Betracht, wenn mit der erfor­der­li­chen Wahr­schein­lich­keit zu erwar­ten wäre, dass der Ver­ur­teil­te außer­halb des Maß­re­gel­voll­zugs kei­ne stö­rungs­be­ding­ten erheb­li­chen rechts­wid­ri­gen Taten mehr bege­hen wür­de.
Dabei beherrscht der ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit sowohl die Anord­nung als auch die Fort­dau­er der Unter­brin­gung. Das sich hier­aus erge­ben­de Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen dem Frei­heits­an­spruch des Ver­ur­teil­ten und dem Siche­rungs­be­dürf­nis der All­ge­mein­heit vor zu erwar­ten­den erheb­li­chen Rechts­ver­let­zun­gen ver­langt nach einem gerech­ten und ver­tret­ba­ren Aus­gleich. Je län­ger die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus andau­ert, umso stren­ger wer­den die Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit des Frei­heits­ent­zugs 10. Bei der Abwä­gung der wider­strei­ten­den Inter­es­sen hängt das erfor­der­li­che Maß an Gewiss­heit für zukünf­tig straf­frei­es Ver­hal­ten einer­seits wesent­lich vom Gewicht des bei einem Rück­fall bedroh­ten Rechts­guts ab, wird aber ande­rer­seits durch die Dau­er der Unter­brin­gung wie­der dahin rela­ti­viert, dass bei einem bereits lang­dau­ern­den Frei­heits­ent­zug etwai­ge Zwei­fel an einer güns­ti­gen Kri­mi­nal­pro­gno­se leich­ter über­wun­den und Risi­ken in Kauf genom­men wer­den müs­sen, um damit dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit in der gebo­te­nen Wei­se Rech­nung zu tra­gen. Das gefor­der­te Maß der Wahr­schein­lich­keit einer güns­ti­gen Pro­gno­se hängt maß­geb­lich von dem Gewicht des bei einem Rück­fall bedroh­ten Rechts­gu­tes ab 11.
Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig, Beschluss vom 24. Sep­tem­ber 2014 – Ws 206/​12 – Ws 198/​13
vgl. Beschluss vom 05.02.2014, 1 Ws 340/​13 13 m. w. N.; a. A.: Kol­ler in RuP 2007, 57 ff. (63), wonach in die­sen Fäl­len nur eine Aus­set­zung der Maß­re­gel zur Bewäh­rung in Betracht kommt[↩]
Ober­lan­des­ge­richt, a. a. O.; s. a. BGH, Urteil vom 26.08.1997, 1 StR 383/​97 8, OLG Stutt­gart, Beschluss vom 06.06.2007, 2 Ws 137/​07 12; LG Ber­lin, Beschluss vom 01.12.2010, 594 StVK 146/​10 24; Fischer, StGB, 61. Auf­la­ge, § 20 Rn. 42 m. w. N.[↩]
OLG Stutt­gart a. a. O.[↩]
BGH, Beschluss vom 10.09.2013, 2 StR 321/​13 6; Urtei­le vom 06.01.1998, 5 StR 446/​97 und 582/​97, jeweils 8 f.[↩]
BGH, Beschluss vom 06.07.2010, 4 StR 283/​10 4[↩]
OLG Stutt­gart, a. a. O., Rn. 14 f.[↩]
vgl. Ergeb­nis einer inter­dis­zi­pli­na­ren foren­sisch-psych­ia­tri­schen Arbeits­grup­pe, ver­öf­fent­licht von Boetticher/​Nedopil/​Bosinski/​Saß in NStZ 2005, 57 ff., dort unter II. 2.2, S. 61[↩]
Beschluss vom 06.01.1998, 5 StR 582/​97 Rn. 9[↩]
Beschluss vom 25.07.2006, 4 StR 141/​06 Rn. 14[↩]
BVerfG, Urteil v. 08.10.1985, 2 BvR 1150/​80, 2 BvR 2504/​82 43[↩]
KG, Beschluss vom 07.05.2001, 1 AR 43/​01, 5 Ws 23/​01 3[↩]