Source: https://www.anwalt24.de/urteile/bverfg/2011-10-26/1-bvr-2075_11
Timestamp: 2017-09-24 12:47:37
Document Index: 121861238

Matched Legal Cases: ['§ 4', 'Art. 3', '§ 93', '§ 93', '§ 4', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 3']

BVerfG, 26.10.2011 - 1 BvR 2075/11 - Verfassungsbeschwerde gegen die den Bezug von Elterngeld für 14 Monate durch einen Elternteil verhindernde Vorschrift | anwalt24.de
Beschl. v. 26.10.2011, Az.: 1 BvR 2075/11
Referenz: JurionRS 2011, 29142
Aktenzeichen: 1 BvR 2075/11
BSG - 26.05.2011 - AZ: B 10 EG 3/10 R
DStR 2012, 468
NJW 2012, 216-217
SGb 2012, 25
§ 4 Abs. 3 S. 1 BEEG ist hinsichtlich der darin geregelten grundsätzlichen Unmöglichkeit des 14-monatigen Bezugs von Elterngeld durch einen Elternteil (sogenannte Partner- oder Vätermonate) durch den dem Gesetzgeber in Art. 3 Abs. 2 GG erteilten Auftrag gerechtfertigt, die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern.
Rechtsanwalt Frank Eimers,
Hannah-Arendt-Straße 18, 46399 Bocholt -
das Urteil des Bundessozialgerichts vom 26. Mai 2011 - B 10 EG 3/10 R -,
den Beschluss des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen vom 12. Oktober 2009 - L 13 EG 27/09 -,
das Urteil des Sozialgerichts Münster vom 20. April 2009 - S 2 EG 28/08 -,
den Widerspruchsbescheid der Bezirksregierung Münster vom 18. August 2008 - 28.2.3-53F1-700181-1 -,
den Abhilfebescheid der Stadt Münster vom 18. Februar 2008 - 53F1700181 -,
den Bescheid der Stadt Münster vom 22. Januar 2008 - 53F1700181 -
gemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 26. Oktober 2011 einstimmig beschlossen:
a) § 4 Abs. 3 Satz 1 BEEG zielte darauf, "die einseitige Zuweisung der Betreuungsarbeit an Frauen mit den diskriminierenden Folgen auf dem Arbeitsmarkt aufzubrechen". Sinn und Zweck der Regelungen zu den "Partnermonaten" sei es, die partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit zu erleichtern. Dieser Zweck könne nur erreicht werden, wenn den bisherigen wirtschaftlichen, persönlichen und rechtlichen Argumenten für eine stärkere Rollenteilung eine klare Regelung an die Seite gestellt werde, die den Argumenten für eine partnerschaftliche Aufteilung mehr Gewicht verleihe (vgl. BTDrucks 16/1889, S. 24).
Damit wollte der Gesetzgeber dem Verfassungsauftrag zur Förderung der Gleichberechtigung aus Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG entsprechen (BTDrucks 16/1889, S. 23). Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG verfolgt nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts das Ziel, tradierte Rollenverteilungen zu überwinden (vgl. BVerfGE 92, 91 [BVerfG 24.01.1995 - 1 BvL 18/93] <112 f.>; 114, 357 <370 f.>; ebenso bereits zu Art. 3 Abs. 2 GG a.F.: BVerfGE 85, 191 <207>; 87, 1 <42>; 87, 234 <258>). Der Verfassungsauftrag will nicht nur Rechtsnormen beseitigen, die Vor- oder Nachteile an Geschlechtsmerkmale anknüpfen, sondern für die Zukunft die Gleichberechtigung der Geschlechter durchsetzen (vgl. BVerfGE 85, 191 <207> m.w.N.). Dies verpflichtet den Gesetzgeber auch dazu, einer Verfestigung überkommener Rollenverteilung zwischen Mutter und Vater in der Familie zu begegnen, nach der das Kind einseitig und dauerhaft dem "Zuständigkeitsbereich" der Mutter zugeordnet würde (vgl. BVerfGE 114, 357 [BVerfG 25.10.2005 - 2 BvR 524/01] <370 f.>). Die Art und Weise, wie der Staat seine Verpflichtung erfüllt, die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken, obliegen der gesetzgeberischen Ausgestaltungsbefugnis (vgl. BVerfGE 109, 64 [BVerfG 18.11.2003 - 1 BvR 302/96] <90>).