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Timestamp: 2019-12-09 23:49:11
Document Index: 264992037

Matched Legal Cases: ['§ 255', '§ 275', '§ 301', '§ 253', '§ 274', '§ 253', '§ 4', '§255', '§1', '§1']

Zins- vs. Rechnungslegung: Diskontierung in der Unternehmensbilanz | Diplomarbeiten24.de
2. Zinsen als Bestandteil der Rechnungslegung
2.1 Funktionen von Zinsen in der Rechnungslegung
2.1.2 Entgelt für die Überlassung von Kapital und Parameter der Barwertermittlung
2.2 Konzeptionen des Barwerts
2.2.1 Barwerte in der internationalen Rechnungslegung
2.2.2 Barwerte in der handelsrechtlichen Rechnungslegung
2.2.3 Normenunabhängige Barwert-Konzeption
2.3 Konzeption des Diskontierungszinssatzes
2.3.1 Der Diskontierungszins in der internationalen Rechnungslegung
2.3.2 Der Diskontierungszins in der handelsrechtlichen Rechnungslegung
3. Komponenten des Zinssatzes
3.2 Risikoloser Zinssatz
3.3 Risikokorrektur
3.3.2 Risiko eines Unternehmens
3.3.3 Risiko von Bilanzpositionen
4. Anwendung von Zinssätzen in der internationalen Rechnungslegung
4.2 Nicht-finanzielle Verbindlichkeiten
4.2.1 Konzeption
4.2.2 Barwertermittlung
4.2.3 Ermittlung des Diskontierungszinssatzes
4.2.4 Spezifische nicht-finanzielle Verbindlichkeiten
4.3 Finanzielle Bilanzpositionen
4.3.1 Konzeption
4.3.2 Der Zinssatz im beizulegenden Zeitwert
4.3.3 Der Zinssatz in den fortgeführten Anschaffungskosten
4.4 Nicht-finanzielle Vermögenswerte
4.4.1 Konzeption
4.4.2 Der Zinssatz in der Einzelbewertung
4.4.3 Der Zinssatz der Werthaltigkeitsprüfung
5. Anwendung von Zinssätzen in der handelsrechtlichen Rechnungslegung
5.1 Nicht-finanzielle Verbindlichkeiten
5.2 Finanzielle und nicht-finanzielle Vermögenswerte
Abbildung 1: Fair value -Ausprägungen und –Hierarchie
Abbildung 2: Diskontierungszinssatz in den IFRS
Abbildung 3: Anpassung von Zähler und Nenner bei der Barwertermittlung
Abbildung 4: Diskontierungszinssatz aus einem Referenzobjekt
Abbildung 5: Bedeutung des Zinssatzes für einzelne Bilanzposten
Zinsen haben in den volkswirtschaftlichen Wissenschaften eine hohe Bedeutung. Sei es als Gleichgewichtspreis von Kapital in der Mikroökonomie oder als Parameter in Güter-, Geld- und Devisenmarktmodellen der Makroökonomie. Die Zinstheorie kann auf eine lange Geschichte in den Wirtschaftswissenschaften zurückblicken und auch interdisziplinär wurde sich intensiv mit dem Sinn und Zweck von Zinsen auseinandergesetzt. Um nur ein Beispiel zu nennen stellte bereits Thomas von Aquin das nummus not parit nummos heraus, das auf den antiken Vorstellungen des Aristoteles „Zins ist aber Geld gezeugt vom Geld. Daher ist auch diese Form von Erwerb am meisten wider die Natur“ beruhte.[1]
Für das Rechnungswesen der Betriebswirtschaft ist der Zins nicht weniger von Bedeutung. Solange Kapital heute mehr (oder auch weniger) Wert besitzt als Kapital morgen, kommt der Unternehmensbilanz als Zeitpunktrechnung eine wesentliche Abgrenzungsfunktion zukünftiger Sachverhalte entgegen.
Diese Arbeit soll die Fragestellung beantworten, welcher Bedeutung Zinsen in der handelsrechtlichen und internationalen Rechnungslegung zukommen, wie sich ein Zinssatz sinnvollerweise zusammensetzt und wie die konkrete Anwendung erfolgt. Daraus soll die Problemstellung erörtert werden, wie Zinssätze durch den Bilanzierenden festgesetzt werden können bzw. sollten und die Regelungswerke hierbei einer kritischen Prüfung unterzogen werden.
In einem ersten Schritt werden die Funktionen des Zinssatzes für die betriebswirtschaftliche Rechnungslegung herausgearbeitet. Hieraus werden die verschiedenen Konzeptionen sowohl für den Diskontierungszinssatz als für den übergeordneten Barwert dargestellt.
Im Anschluss wird der Zinssatz selbst in seine Bestandteile zerlegt. Hieraus werden Anforderungen, die ein Diskontierungszinssatz erfüllen sollte abgeleitet und den allgemeinen Regelungen der Rechnungslegungsnormen gegenübergestellt.
Die spezifische, auf bestimmte Bilanzbereiche ausgerichtete, Anwendung von Barwerten und Diskontierungszinssätzen wird im nächsten Abschnitt erläutert. Wesentliche Bewertungsmethoden bzw. –regeln werden hierbei dargestellt. Dieser Teil der Arbeit betrifft hauptsächlich die internationale Rechnungslegung mit ihrem sachverhaltsbezogenen Regelungswerk.
Abgesehen von der Funktion als Entgelt der zeitlichen Überlassung von Kapital und als Parameter zur Barwertermittlung können Zinsen in der Rechnungslegung als Teil der Anschaffungs-/Herstellungskosten von Vermögenswerten berücksichtigt werden (IAS 23.8 / § 255 Abs.3 HGB). Die Aktivierung von Fremdkapitalkosten dient der Bestimmung der Kosten eines Vermögenswerts und der planmäßigen Abschreibung über dessen wirtschaftliche Nutzungsdauer und stellt keinen Funktionsbereich des Zinssatzes im Sinne dieser Arbeit dar.[2]
Das International Accounting Standards Board (IASB) hat für die Klassifizierung und Bewertung von Finanzinstrumenten mit dem International Financial Reporting Standard 9 (IFRS 9) einen Standard erlassen, der derzeit für Unternehmen anzuwenden ist, dessen Geschäftsjahre am oder nach dem 1. Januar 2015 beginnen. Vorgesehen ist mit IFRS 9 die vollständige Streichung des International Accounting Standard 39 (IAS 39). Eine Übernahme in europäisches Recht erfolgte bisher nicht. Der vorläufige Inhalt von IFRS 9 findet in dieser Arbeit daher keine Berücksichtigung.[3]
Der Zins ist der Preis, der bezahlt werden muss, um früher über Kapital zu verfügen als Entschädigung für denjenigen, der zeitweise auf sein Kapital verzichtet. Das bedeutet, dass die heutige Verfügbarkeit von Kapital höher bewertet wird als deren zukünftige Verfügbarkeit. Der Zins stellt hierbei einen Gleichgewichtspreis aus Angebot und Nachfrage nach Kapital dar. Unter Sicherheit und bei vollkommender Informationseffizienz drückt sich in diesem Gleichgewichtspreis, der sich zwischen den Wirtschaftssubjekten herausbildet, der risikolose Zinssatz aus.[4]
Die Beschreibung des Zinses als Gleichgewichtspreis lässt eine große Ähnlichkeit der Zinstheorie mit der Preistheorie erkennen. Der Zins entspricht dem Preis für den Tausch zwischen gegenwärtiger und zukünftiger Güter. Genauso wie sich in der Preistheorie die Höhe des Preises durch einen subjektiven Teil bestimmt, ist die Höhe des Zinses beim Tausch zwischen gegenwärtigen und zukünftigen Gütern durch eine subjektive Präferenz für gegenwärtige im Vergleich zu zukünftigen Gütern beeinflusst. Diese Präferenz wird auch Zeitpräferenz oder menschliche Ungeduld genannt. Ausgangspunkt für den Marktzins ist demnach, dass auch im allgemeinen Konsum heute dem Konsum später vorgezogen wird. Daraus resultieren bei den Wirtschaftssubjekten Zeitpräferenzen für Geld. Diese Zeitpräferenzraten sind individuell unterschiedlich.[5] Sie ist der überschüssige Prozentsatz des gegenwärtigen Grenzbedürfnisses für eine zusätzliche gegenwärtige Einheit gegenüber einer zukünftigen Einheit. Der andere Bestandteil ist die Investitionsmöglichkeit als objektives Element.[6]
Dem Zinssatz kommen aus seiner Eigenschaft als Preis des Geldes verschiedene Bedeutungen zu. Fischer kennt zwei Konzepte Zinsen zu definieren. Zum einen nennt er das Preiskonzept von Zinsen („We have considered the rate of interest as the price of capital in terms of income.”). Das andere Konzept ist das Prämien-Konzept, das er definiert als „the rate of interest per annum reckoned annually and considered as a premium on the goods of one year compared with those of the year following“.[7]
Werden die Konzepte von Fisher auf die Rechnungslegung übertragen, lassen sich zwei wesentliche Aufgaben des Zinssatzes ermitteln, wobei stets die Vergleichbarkeit von zu verschiedenen Zeitpunkten anfallenden Zahlungen im Vordergrund steht.[8]
1. Der Zins im Preiskonzept als Entgelt für die zeitliche Überlassung von Kapital:
Für die zeitliche Überlassung von Kapital handeln zwei Wirtschaftssubjekte einen Preis aus, der ihre individuelle Zeitpräferenz und den Grenznutzen ausdrückt. Der Grenznutzen des verhandelten Kapitals bestimmt die Höhe des Entgelts. Aus unternehmerischer Sicht hat der Zins Relevanz für alle finanziellen Aktiva und Passiva und drückt das Verhältnis zwischen dem eingesetzten Kapital und dessen Verzinsung aus.[9] Der Saldo aus Zinserträgen und Zinsaufwendungen wird in der Bilanz eines Unternehmens in der Gewinn- und Verlustrechnung abgebildet (§ 275 HGB / IAS 1).
In dieser Funktion ist der effektive Zinssatz die gesuchte Variable, während der Zeitwert und das erwartete zukünftige Zahlungsstromprofil des Vermögenswertes bzw. der Schuld bekannt sind.
Der Nominalzinssatz stellt den offen verhandelten Preis für das überlassene Kapital dar. Werden Abschläge auf den Auszahlungsbetrag durch den Schuldner akzeptiert, erhöhen diese das Entgelt für die Kapitalüberlassung. Der effektive Zinssatz berücksichtigt vereinbarte Differenzen zwischen dem Auszahlungsbetrag und dem Rückzahlungsbetrag. Werden der Rückzahlungsbetrag und die Zinszahlungen mit dem effektiven Zinssatz diskontiert, entsprechen die Summe ihrer Barwerte dem Ausgabebetrag. Die Abweichungen aus der Summe der erwarteten zukünftigen Zahlungsströme und dem Zugangswert werden über die gesamte Laufzeit der Kapitalüberlassung amortisiert.[10]
2. Der Zins im Prämienkonzept als Bewertungsparameter zur Bestimmung des Bar- bzw. Zeitwerts von Vermögenswerten und Schulden:
Um Vermögenswerte und Schulden zu bewerten, ist ein (fiktiver) Transaktionspreis auf einem aktiven Markt der beste Anhaltspunkt. Ist ein solcher nicht verfügbar, kann eine Bewertung über den Barwert ihrer zukünftigen Zahlungsströme erfolgen, mit dem die Zahlungsströme von Vermögenswerten und Schulden, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten und in unterschiedlicher Höhe anfallen, auf einen Stichtag vergleichbar zu machen.[11] Der Barwert dient insoweit einer wertmäßigen Normierung der Vermögenswerte und Schulden auf Basis des jeweiligen Zahlungsstromprofils.[12] Die entgangene Rendite eines theoretischen Vergleichsobjekts wird durch den verwendeten Zinssatz bei der Barwertberechnung dargestellt. Angelehnt an die Investitionsrechnung drückt der Zinssatz hierbei die Erwartungen des Investors über die Höhe der Mindestverzinsung des in Vermögenswerte eingesetzten Kapitals bzw. die Finanzierungskosten von Schulden aus.[13]
Als Parameter der Barwertermittlung ist der Zinssatz bekannt. Mit ihm wird das erwartete zukünftige Zahlungsstromprofil eines Bilanzpostens abgezinst und der Zeit- bzw. Stichtagswert ermittelt, der in diesem Fall die Variable darstellt.[14]
Im einfachsten Fall ist der Zeitwert von Bilanzposten vorzugsweise durch aktuelle Preise als Tageswert auf einem funktionsfähigen und aktiven Markt beobachtbar. Nach IAS 36.6./IAS 38.8 müssen für die Definition eines Marktes i.S. der IFRS folgende Bedingungen kumulativ erfüllt sein:
Die auf dem Markt gehandelten Produkte sind homogen.
Vertragswillige Käufer und Verkäufer können i.d.R. jederzeit gefunden werden.
Preise stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Der (beizulegende) Zeitwert im Handelsrecht wird durch den Gesetzgeber nicht konkret definiert. Die Literatur verweist ebenfalls zuerst auf einen verlässlich feststellbaren Marktpreis, der auf einem aktiven Markt bestimmt werden kann. Auch die Bedingung der öffentlichen Zugänglichkeit der Preisinformation muss gewährleistet sein. Der Marktpreis muss darüber hinaus auf aktuellen und regelmäßig auftretenden Markttransaktionen zwischen unabhängigen Dritten beruhen.[15]
Steht ein solcher Marktpreis zur Verfügung, der aus den Erwartungen der Marktteilnehmer den Zeitwert erwarteter zukünftiger Zahlungen auf einem aktiven Markt widerspiegelt, ist eine Barwertbestimmung nachrangig und nicht zu verwenden. Marktpreise sind objektiver als die Ergebnisse einer Barwertermittlung mit Hilfe von Bewertungstechniken.[16] Nur wenn für Vermögenspositionen und Schulden keine Tageswerte auf einem funktionsfähigen aktiven Markt beobachtbar sind, ist der Zeitwert durch Bewertungstechniken i.d.R. als Barwert bestimmbar. Dieser würde auf einem vollkommenen Kapitalmarkt beim Vorliegen strengster Informationseffizienz auch dem Marktpreis entsprechen, den voneinander unabhängige, sachverständige und vertragswillige Marktteilnehmer auf einem aktiven Markt auf Basis ihrer individuellen Einschätzung bestimmen.[17] Daher sind im Rahmen der Barwertermittlung auch alle Elemente zu berücksichtigen, die sich nach den Einschätzungen der Marktteilnehmer in einem Tageswert widerspiegeln würden.[18] Der Zins reflektiert in diesem Zusammenhang als Vergleichsmaßstab die Rendite- und Risikoerwartung einer vergleichbaren Investitionsalternative von unabhängigen, sachverständigen und vertragswilligen Marktteilnehmern.[19]
An einer generellen Bewertungsgrundlage für Vermögenswerte und Schulden fehlt es dem IFRS-Rahmenkonzept, während die Standards verschiedene Bewertungsvorgaben für spezifische Bilanzpositionen vorsehen. Und hier, außerhalb des Rahmenkonzepts, stellen Lüdenbach und Hoffmann eine schleichende Umorientierung der IFRS weg vom Anschaffungskostenkonzept hin zum Konzept der Bilanzierung zu Zeitwerten fest, einhergehend mit der kaum widerlegbaren Vermutung, der zufolge der Zeitwert immer zuverlässig ermitteln könne. Die IFRS zeichnen sich aktuell durch eine Mixtur von Anschaffungskostenprinzip, Bewertung zum Barwert und Marktpreisorientierung aus Ein Konzept der Bilanzierung zu Zeitwerten eröffnet dem Bilanzierenden mehr bilanzpolitische Gestaltungsspielräume als das Anschaffungskostenmodell. Auch wenn die IFRS diesem Aspekt u.a. durch umfangreiche Offenlegungen im Anhang gegensteuern wollen, erhöht sich dadurch das Problem der Überforderung des Abschlussadressaten.[20]
Die Zeitwerte werden neben den Anschaffungs- oder Herstellungskosten in verschiedenen Ausprägungen im Rahmenkonzept der IFRS definiert (IFRS F.100).
Tageswert (current cost): Der Betrag, der gegenwärtig aufzuwenden ist, um denselben oder einen entsprechenden Vermögensgegenstand zu erwerben, oder der nicht diskontierte Betrag, der für die gegenwärtige Begleichung einer Schuld aufzuwenden ist.
Veräußerungswert / Erfüllungsbetrag (realisable [settlement] value): Der Betrag, der gegenwärtig bei einer Veräußerung erzielt werden kann bzw. der nicht diskontierte Betrag, der zur Erfüllung einer Schuld aufgewendet werden muss.
Barwert (present value): Der Betrag, der dem Barwert des zukünftigen Nettomittelzu- bzw. abflusses aus der Nutzung oder dem Verkauf/der Erfüllung der Vermögenswerte und Schulden entspricht.
Lässt sich der Zeitwert nicht als Stichtagswert auf einem aktiven Markt ermitteln, ist für die Bewertung zum Zeitwert auf den Barwert erwarteter zukünftiger Zahlungsströme abzustellen. Anwendungsbereiche des Barwerts sind insbesondere:
Pensionszusagen (IAS 19.64)
Nicht-finanziellen Verbindlichkeiten (IAS 37.45)
Nutzwertbestimmung (value in use) eines Vermögenswertes oder einer zahlungsmittelgenerierenden Einheit (cash generating unit [CGU]) im Rahmen eines Werthaltigkeitstests (impairment test) (IAS 36.30).
Von dem oben genannten und eher unternehmensspezifischen Zeitwert ist der beizulegende Zeitwert (fair value) abzugrenzen, der einen marktorientierten Bewertungsmaßstab bzw. eine übergreifende Bewertungsdefinition darstellt.[21] Der fair value wird lediglich in einzelnen Standards als Bewertungsmaßstab beschrieben. An einer Aufnahme in das Framework fehlt es bislang. Der fair value ist im kleinsten gemeinsamen Nenner (z.B. IAS 16.6 und IAS 38.8) der Betrag, zu dem ein Vermögenswert unter sachverständigen, vertragswilligen und voneinander unabhängigen Geschäftspartnern ungezwungen ausgetauscht werden kann.
Quelle: Bohl, (Beck’sches IFRS-Handbuch 2009), S. 53
Der fair value ist kein eigenständiger Wertbegriff bzw. -maßstab. Er stellt vielmehr das Abbildungsziel dar, zu dem auch das Ergebnis einer Barwertermittlung zählen kann, auch wenn die Bestimmung des fair value über ein Barwertkalkül –wenn überhaupt- in den Hierarchien unten angesiedelt ist.[22]
Hitz und Kuhner differenzieren drei mögliche Bewertungsperspektiven des fair value i.S. des FASB und der US-GAAP[23]:
Der Einstiegspreis (entry price) als Anschaffungskosten von Vermögensgegenständen und Schulden.
Der Ausstiegspreis (exit price) als Glattstellungskosten einer Bilanzposition. Er entspricht bei Vermögensgegenständen dem Verkaufspreis, und bei Schulden dem Ablösebetrag.
Der anteilige Ertragswert bzw. Bruttokapitalwert (value in use) als unternehmensspezifischer Wert. Hier werden also private Informationen und unternehmensspezifische Handlungsoptionen in die Bewertung einbezogen.
Die Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung innerhalb des Handelsrechts sind geprägt durch das Imparitäts- und Realisationsprinzip. Gewinne sind erst mit der Realisation zu berücksichtigen, während drohende Verluste aus Vermögensgegenständen, Schulden oder Vertragsverpflichtungen zu erfassen sind, wenn sie hinreichend sicher sind.[24] Grundsätzlich erfolgt im Handelsrecht die (Folge-) Bewertung zu den (fortgeführten) Anschaffungs- und Herstellungskosten.[25]
Ausnahmen einer Barwertbetrachtung im Handelsrecht bilden:
Der Vergleich von Zeitwert und Buchwert im Falle von möglichen außerplanmäßigen Abschreibungen im Anlagevermögen, um auf diesen niedrigeren Wert abzuschreiben. Wertmaßstäbe für den Zeitwert im Anlagevermögen sind vor allem
der Wiederbeschaffungswert,
der Einzelveräußerungspreis,
und der Ertragswert, der sich aus der Summe der Barwerte von erwarteten zukünftigen Zahlungsströmen zusammensetzt.[26]
Die Neubewertung von Vermögensgegenständen und Schulden im Rahmen der Kapitalkonsolidierung im Konzernabschluss. Hier ist der beizulegende Zeitwert allgemeiner Bewertungsmaßstab (§ 301 Abs.1 Satz 1 HGB). Steht kein verlässlicher Marktpreis dafür zur Verfügung sind Bewertungstechniken[27] heranzuziehen.
Die marktorientierte Ableitung des Zeitwerts aus Marktpreisen gleicher oder vergleichbarer Güte.
Die kostenorientierte Ableitung aus den Kosten einer Reproduktion.
Die einkommens- oder kapitalwertorientierte Ableitung aus einem Barwert zukünftiger ökonomischer Vorteile.
Auch das Umlaufvermögen ist auf den beizulegenden Zeitwert abzuschreiben, sollte kein Markt- oder Börsenpreis vorliegen. Durch die Kurzfristigkeit von Umlaufvermögen ist hier jedoch vorzugsweise auf gesunkene Wiederbeschaffungspreise, auf gesunkene erwartete Verkaufserlöse bzw. den niedrigeren Wert von beiden abzuwerten. Der Ertragswert aus einer Barwertermittlung spielt im Umlaufvermögen daher regelmäßig keine Rolle.[28]
Bei niedrig- oder unverzinslichen Forderungen gilt der abgezinste Betrag als Zugangswert. Die folgenden Aufzinsungen sind als nachträgliche Anschaffungskosten zu werten.[29] Eine Abzinsung von Schulden im Rahmen einer Barwertermittlung z.B. wegen Un- oder Niedrigverzinsung ist grundsätzlich verboten, da sonst nicht realisierte Zinsgewinne vorweggenommen werden und gegen das Vorsichtsprinzip verstoßen wird.[30] Durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) ergab sich eine Ausnahme für Rückstellungen mit einer Laufzeit von mehr als einem Jahr. Hier gilt nun eine Abzinsungspflicht (§ 253 Abs. 2 HGB). Zudem wurde hierdurch eine Annäherung an internationale Bewertungsstandards geschaffen.[31]
Vermögenswerte und Schulden generieren zukünftige Zu- und Abflüsse von Ressourcen, daher kann eine stichtagsbezogene Barwertermittlung -unabhängig vom Zukunftsbezug einer Rechnungslegungsnorm- grundsätzlich für keine Art von Vermögenswert oder Schuld ausgeschlossen werden. Folgende Merkmale sind nach Cramer für eine Beurteilung der Barwertrelevanz heranzuziehen:[32]
- : Je kürzer die Restlaufzeit und damit das Zahlungsstromprofil eines Vermögenswertes oder einer Schuld ist, desto geringer ist die Auswirkung einer Diskontierung.
- : Je höher der Liquiditätsgrad eines Vermögenswerts oder einer Schuld, desto einfacher und objektiver lässt sich das Risiko des Objekts im Vergleich zu einer Alternativanlage bestimmen.
Vermögenswert oder Schuld: Maßgebend ist darüber hinaus der Standort des Bilanzpostens entweder als Vermögenswert in der operativen bzw. investiven Mittelverwendung oder als Schulden zur Finanzierung der Geschäftstätigkeit.
Kurzfristige und Vermögenswerte und Schulden zeichnen sich im Allgemeinen auch durch eine hohe Liquiditätsnähe und ein geringes Risiko aus. Der mögliche Effekt einer Diskontierung wäre gering und hätte keine Relevanz i.S. einer Wesentlichkeitsüberlegung. Eine Diskontierung kurzfristiger Bilanzposten kann daher unterbleiben.[33]
Abgesehen von normenunabhängigen Wesentlichkeitsüberlegungen kann sich ein Ausschluss daher zunächst nur durch ein konkretes Abzinsungsverbot ergeben. So schreiben die IFRS und das HGB ein Abzinsungsverbot für Bilanzposten aus aktiven und passiven latenten Steuern vor (IAS 12.53 / § 274 Abs. 2 Satz 1 HGB).
Der verstärkte Einfluss der Zeitwertbilanzierung in der internationalen Rechnungslegung führt unvermeidlich zu einer stärker werdenden Bedeutung des anzuwendenden Diskontierungszinssatzes.[34] Den IFRS fehlt es aber insgesamt -bedingt durch den Grundsatz des principle-based accounting und durch unterschiedliche Regelungsdichten der Standards- an dem einen Zinssatz.[35] Allgemein gilt lediglich die abstrakte Forderung nach einem laufzeit- und risikoäquivalenten Diskontierungszins.[36]
In den IFRS finden sich mehrere Fundstellen mit unterschiedlichen Ausprägungen
-je nach Bewertungsanlass und –objekt- für den angemessenen Diskontierungszins:
Quelle: Freiberg, (Diskontierung 2010), S. 28, Berücksichtigt nur Standards / ohne Interpretationen
Allgemeiner Bewertungsmaßstab des Handelsrechts sind die Anschaffungs- oder Herstellungskosten für Vermögensgegenstände bzw. der Erfüllungsbetrag für Schulden (§ 253 Abs. 1 HGB). Konkrete Bewertungsvorgaben hinsichtlich der Höhe eines zur Barwertermittlung heranzuziehenden Zinssatzes für die Zeitwertermittlung von Vermögenswerten und Schulden fanden sich -vor BilMoG- lediglich über die umgekehrte Maßgeblichkeit in den steuerlichen Vorgaben (§ 4 Abgabenordnung [AO]).
[1] Vgl. Pawlas, (Luther 1996), S. 131
[2] Vgl. Aggarwal & Gibson, (Discounting 1989), S. 30 f.
[3] Vgl. Deloitte, (IASB 2011), S. 1 ff.
[4] Vgl. Keynes, (General 2007), S. 175
[5] Vgl. Süchting, (Finanzmanagment 1995), S. 300
[6] Vgl. Fisher, (Theory 1930), S. 61 ff.
[7] Vgl. Fisher, (Theory 1930), S. 178 ff.
[8] Vgl. Wassermann, (Zinsprobleme 1979), S. 1598 ff.
[9] Vgl. Schmalenbach, (Kapital 1961), S. 36 ff.
[10] Vgl. Schäfer, (Grundsätze 1977), S. 57 ff. und Hüttemann, (Grundsätze 1976), S. 64 ff.
[11] Vgl. Moxter, (Grundsätze 1983), S. 125 ff.
[12] Vgl. Wassermann, (Zinsprobleme 1979), S. 1598 ff.
[13] Vgl. Breuker, (Modifikation 1971), S. 673
[14] Vgl. Accounting Standards Board, (Discounting 1997), S. 3 f.
[15] Vgl. Ellrott/Brendt in Ellrott, (Beck’scher Bilanz Kommentar 2010), §255 Rn 518 ff.
[16] Vgl. Beaver, (Reporting 1998), S. 64 f.
[17] Vgl. Beaver, (Reporting 1998), S. 69 ff.
[18] Vgl. Kümmel, (Grundsätze 2002), S. 145 ff.
[19] Vgl. Wassermann, (Zinsprobleme 1979), S. 1598 ff.
[20] Vgl. Lüdenbach/Hoffmann in Lüdenbach & Hoffmann, (Haufe IFRS-Kommentar 2010), §1 Rn 100 ff.
[21] Vgl. Hitz & Kuhner, (Framework 2000), S. 891 f.
[22] Vgl. Hitz & Kuhner, (Framework 2000), S. 892
[23] Vgl. Hitz & Kuhner, (Framework 2000), S. 899 zu SFAC No.7
[24] Vgl. Baetge, Kirsch, & Thiele, (Bilanzen 2011), S. 97 ff.
[25] Vgl. Baetge, Kirsch, & Thiele, (Bilanzen 2011), S. 185 ff.
[26] Vgl. Hoffmann & Lüdenbach, (NWB Kommentar Bilanzierung 2012), S. 645 f.
[27] Vgl. Hoffmann & Lüdenbach, (NWB Kommentar Bilanzierung 2012), S. 1693
[28] Vgl. Hoffmann & Lüdenbach, (NWB Kommentar Bilanzierung 2012), S. 664 ff.
[29] Vgl. Hoffmann & Lüdenbach, (NWB Kommentar Bilanzierung 2012), S. 822
[30] Vgl. Hoffmann & Lüdenbach, (NWB Kommentar Bilanzierung 2012), S. 578 ff.
[31] Vgl. Drinhausen & Ramsauer, (Umsetzung 2009), S. 53
[32] Vgl. Cramer, (present value 1977), S. 27 ff.
[33] Vgl. Cramer, (present value 1977), S. 27 ff.
[34] Vgl. Abschnitt 2.2 f.
[35] Vgl. Lüdenbach/Hoffmann in Lüdenbach & Hoffmann, (Haufe IFRS-Kommentar 2010), §1 Rn 44 ff.
[36] Vgl. Hoffmann, (Zinseffekte 2006), S. 63 f.
Timo Rathjens (Autor)
V198982
9783656263951
9783656264842
Zinssatz Zinsen Diskontierung Barwert Abzinsung abzinsen Fair Value Present Value Rückstellung BilMoG Zeitwert beizulegender Zeitwert IFRS
Timo Rathjens (Autor), 2012, Zins- vs. Rechnungslegung: Diskontierung in der Unternehmensbilanz, München, GRIN Verlag, https://www.diplomarbeiten24.de/document/198982