Source: https://rewi-grundlagen.uni-graz.at/de/forschen/it-recht-und-rechtsinformatik/tagungenveranstaltungen/24062016-forensigraphie/vortragende/
Timestamp: 2019-08-23 14:00:14
Document Index: 322547253

Matched Legal Cases: ['§ 110', '§ 83', '§ 90', '§ 190', '§ 43', '§ 110', '§ 117', '§ 125', '§ 16', '§ 77']

Vortragende - Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen
Freitag, 23. August 2019, Graz, 24,6 °C , heiter
Dr.in Reingard Riener-Hofer (Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für klinisch-forensische Bildgebung - Co-Direktorat, Key Researcher Team Recht)
„Forensigraphie – Treffpunkt zwischen Recht und Bildgebung“
Unter Forensigraphie sind alle Anwendungen bildgebender Verfahren zu subsumieren, deren Zweck in der Untersuchung und Analyse krimineller Handlungen liegen. Dazu ist insbesondere die klinisch-forensische Bildgebung zu zählen, welche im Mittelpunkt der Forschung des Ludwig Boltzmann Instituts für klinisch-forensische Bildgebung (LBI-CFI) steht. In diesem Forschungsschwerpunkt vereinen sich zwei Disziplinen: Bildgebung und Forensik. Diese wissenschaftliche Fusion soll einer genaueren Betrachtung unterzogen werden.
Dr. med. Thorsten Schwark (Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für klinisch-forensische Bildgebung - Co-Direktorat, Key Researcher Team Forensische Medizin, Leitender Facharzt der klinisch-forensischen Untersuchungsstelle)
„Die Bildgebung in der Rechtsmedizin“
Bildgebende Verfahren sind aus der modernen Rechtsmedizin nicht mehr wegzudenken. Neben der konventionellen Radiologie und computertomographischen Untersuchungen im Bereich der postmortalen Rechtsmedizin, gewinnt auch die Untersuchung lebender Gewaltopfer – hier meist mittels Magnetresonanztomographie – immer mehr an Bedeutung. Aktuell befasst sich eine Arbeitsgruppe innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM), in der forensische Wissenschaftler aus rechtsmedizinischen Instituten im deutschsprachigen Raum mitarbeiten, mit der Erstellung von Empfehlungen zur Anwendung bildgebender Verfahren in der Rechtsmedizin; hierzu gehört u. a. auch ein Indikationskatalog für die postmortale Bildgebung. In dem Vortrag werden aktuelle Methoden der forensischen Bildgebung vorgestellt und fallbezogen erläutert.
DI Dr. techn. Martin Urschler (Ludwig Boltzmann Institut für klinisch-forensische Bildgebung, Key Researcher Team Forensische Technik)
„Radiologische und automatisierte Lebendaltersschätzung aus MRT Daten“
Sowohl im klinischen Kontext, als auch vor allem für forensische Anwendungen, hier insbesondere für die Altersschätzung bei unbegleiteten jugendlichen Asylwerbern ohne Identifikationsdokumente, gibt es einen großen Bedarf für eine zeitgemäße radiologische Altersschätzungsmethode. Diese sollte ohne Strahlenbelastung auskommen und objektive Schätzungen liefern. Ziel unserer Forschung ist es eine multi-faktorielle Altersschätzungsmethode, welche auf strahlungsfreie Magnetresonanztomographie-Daten der Hände, des Schlüsselbeins und der Weisheitszähne aufbaut, mittels Methoden der automatisierten, medizinischen Bildanalyse und des maschinellen Lernens zu entwickeln und zu validieren.
DI Dr. techn. Alexander Bornik (Ludwig Boltzmann Institut für klinisch-forensische Bildgebung, Key Researcher Team Forensische Technik)
„Integrierte computergestützte Fallanalyse auf Basis von 3D Bildgebung“
Dreidimensionale Daten gewinnen in der Forensik zunehmend an Bedeutung. Sogenannte 3D Oberflächenscanner ermöglichen es, ein dreidimensionales Modell von Gegenständen, Personen und Tatorten aufzunehmen und dauerhaft zu konservieren. Computertomographie und Magnetresonanztomographie liefern dreidimensionale Daten aus dem Körperinneren von Opfern. Sie enthalten wertvolle Informationen zu Verletzungen und deren Ursachen. Derzeit werden Oberflächendaten und tomographische Daten aus technischen Gründen meist isoliert analysiert. Integrierte computergestützte visuelle Analyse aller verfügbaren 3D Daten ermöglichst einen maximalen Erkenntnisgewinn und dient darüber hinaus der Veranschaulichung von fallrelevanten Sachverhalten sowie der Falldokumentation.
Univ.-Prof. Dr. Alois Birklbauer (Leiter der Abteilung Praxis für Strafrechtswissenschaften und Medizinstrafrecht an der Johannes-Kepler-Universität Linz und ua Mitglied der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt)
„Möglichkeiten und Grenzen bildgebender Verfahren im Bereich des Strafrechts"
Bildgebende Verfahren können im Strafrecht zur Tataufklärung eingesetzt werden. In gewisser Weise besteht dabei ein Spannungsverhältnis zum materiellen Strafrecht, weil solche Maßnahmen unter den Begriff der „Heilbehandlung“ subsumiert werden können, der eines Einverständnisses bedarf, um den Tatbestand der eigenmächtigen Heilbehandlung (§ 110 Strafgesetzbuch [StGB]) auszuschließen. Darüber hinaus könnten die Körperverletzungstatbestände (§§ 83 ff StGB) verwirklicht sein, wenn es bei derartigen Verfahren zu einer (nicht unerheblichen) Gesundheitsbeeinträchtigung kommt und der Betroffene in derartige Folgen nach entsprechender Aufklärung nicht eingewilligt hat (vgl § 90 StGB). Bei bildgebenden Verfahren an Toten sind die Grenzen des Tatbestands der Störung der Totenruhe (§ 190 StGB) zu beachten.
Das für körperliche Untersuchungen an Menschen ist das Freiwilligkeitserfordernis verzichtbar, wenn es entsprechende Ermächtigungen in der Rechtsordnung gibt, die derartige bildgebende Verfahren auch gegen den Willen des Betroffenen zulassen. Eine solche Rechtfertigung ist dabei aus der gesamten Rechtsordnung ableitbar. Im Bereich des Strafrechts sind dabei die Vorschriften der Strafprozessordnung (StPO) und – zumal sich polizeiliche Handlungen nicht immer exakt nach den Bereichen Kriminal- und Sicherheitspolizei trennen lassen – allenfalls auch des Sicherheitspolizeigesetzes (SPG) von Bedeutung. Ausdrückliche Ermächtigungen gibt es weiters für den Suchtmittelbereich, wobei für Drogenkuriere (body packer) der Einsatz von bildgebenden Verfahren letztlich von der Zustimmung des Betroffenen abhängt (vgl § 43 Suchtmittelgesetz [SMG]). Davon unabhängig kann eine akute Lebens-/Gesundheitsgefahr ein medizinisches Einschreiten erforderlich machen, bei dem nach § 110 Abs 2 StGB keine Zustimmung des Betroffenen erforderlich ist.
Einen praktisch bedeutsamen Bereich kann schließlich der Einsatz bildgebender Verfahren zur Altersbestimmung von Tatverdächtigen bilden, insbesondere wenn bei Personen aus fremden Staaten, die im Verdacht stehen, eine Straftat begangen zu haben, nicht klar ist, ob sie strafmündig sind bzw als Jugendliche oder junge Erwachsene (bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres) unter den Anwendungsbereich des Jugendgerichtsgesetzes (JGG) fallen.
Der Vortrag wird sich diesen Problembereichen widmen. Insbesondere wird er auf eine mögliche Rechtfertigung durch eine körperliche Untersuchung nach §§ 117 Z 4, 123 StPO eingehen und die unterschiedlichen Zulässigkeitsvoraussetzungen gegenüber Beschuldigten und Opfers erörtern. Angesprochen werden sollen auch die Vorschriften, die eine Speicherung bzw Löschung solcher Untersuchungsergebnisse betreffen. Weiters sollen bildgebende Verfahren im Rahmen einer Leichenbeschau (§§ 125 Z 3, 128 StPO) behandelt werden. Die Zulässigkeit bildgebender Verfahren zur Altersfeststellung soll ebenso Teil des Vortrags sein wie jene gegen „body packer“.
Hon.-Prof. RA Dr. Clemens Thiele, LL.M Tax (GGU) (Honorarprofessor der Universität Salzburg und Rechtsanwalt)
„Persönlichkeitsrechtliche Aspekte der forensischen Bildgebung – Ist der postmortale Bildnisschutz ein Anachronismus?“
Die Unvererblichkeit eines Persönlichkeitsrechtes steht einem postmortalen Persönlichkeitsschutz nicht entgegen: Persönlichkeitsrechte haben den Zweck, die freie Entfaltung der Persönlichkeit möglichst weitgehend zu gewährleisten. Dieses Ziel kann nur verwirklicht werden, wenn auch nach dem Tod ein gewisser Schutz bestehen bleibt (postmortales Persönlichkeitsrecht). Dies gilt insbesondere für den Schutz der Ehre, der Privatsphäre und das Geheimhaltungsinteresse des Verstorbenen. Der rechtliche Schutz der Persönlichkeit und die damit einhergehende Berechtigung zur Geltendmachung von Ansprüchen nach §§ 16, 43, 1330 Abs 1 und 2 ABGB und §§ 77, 78 UrhG endet somit nicht mit dem Tod. Die Grenzen dieses Schutzes müssen angesichts neuer Techniken und Analysemethoden immer wieder neu bestimmt und ausgelotet werden.