Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-unvollstaendige-behandlungsdokumentation-389828
Timestamp: 2020-07-11 18:24:28
Document Index: 183939383

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Die unvollständige Behandlungsdokumentation | Rechtslupe
Die unter­blie­be­ne, unvoll­stän­di­ge oder nur lücken­haf­te Doku­men­ta­ti­on bil­det grund­sätz­lich jedoch kei­ne eigen­stän­di­ge Anspruchs­grund­la­ge und führt auch nicht unmit­tel­bar zu einer Beweis­last­um­kehr hin­sicht­lich des Ursa­chen­zu­sam­men­hangs zwi­schen einem Behand­lungs­feh­ler und dem ein­ge­tre­te­nen Pri­mär­scha­den.
Jedoch kann aus der Tat­sa­che einer feh­len­den, man­gel­haf­ten oder unvoll­stän­di­gen Doku­men­ta­ti­on einer aus medi­zi­ni­schen Grün­den auf­zu­zeich­nen­den Maß­nah­me bis zum Beweis des Gegen­teils durch die Behand­lungs­sei­te dar­auf zu schlie­ßen sein, dass die­se Maß­nah­me unter­blie­ben ist bzw. vom Arzt nicht getrof­fen wur­de [1].
In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze kann mit indi­zi­el­ler Bedeu­tung aus einem Doku­men­ta­ti­ons­man­gel eine Beweis­erleich­te­rung für den Pati­en­ten dahin­ge­hend her­ge­lei­tet wer­den, es bestehe die Ver­mu­tung, dass die nicht­do­ku­men­tier­te Maß­nah­me vom Arzt auch nicht getrof­fen wor­den sei [2].
Der Arzt kann die Ver­mu­tung des Unter­blei­bens der nicht doku­men­tier­ten Maß­nah­me ins­be­son­de­re durch die Zeu­gen­aus­sa­ge der an der Behand­lung betei­lig­ten Ärz­te und Pfle­ger jedoch wider­le­gen [3].
Bei der Unter­las­sung der gebo­te­nen Befund­er­he­bung erfolgt eine Beweis­last­um­kehr hin­sicht­lich der haf­tungs­be­grün­den­den Kau­sa­li­tät, wenn bereits die Unter­las­sung einer aus medi­zi­ni­scher Sicht gebo­te­nen Befund­er­he­bung einen gro­ben ärzt­li­chen Feh­ler dar­stellt. Zudem kann auch eine nicht grob feh­ler­haf­te Unter­las­sung der Befund­er­he­bung dann zu einer Umkehr der Beweis­last hin­sicht­lich der Kau­sa­li­tät des Behand­lungs­feh­lers für den ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den füh­ren, wenn sich bei der gebo­te­nen Abklä­rung der Sym­pto­me mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit ein so deut­li­cher und gra­vie­ren­der Befund erge­ben hät­te, dass sich des­sen Ver­ken­nung als fun­da­men­tal oder die Nicht­re­ak­ti­on hier­auf als grob feh­ler­haft dar­stel­len wür­de und die­se Feh­ler gene­rell geeig­net sind, den tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den her­bei­zu­füh­ren. Wahr­schein­lich braucht der Ein­tritt eines sol­chen Erfolgs nicht zu sein. Eine Umkehr der Beweis­last ist nur aus­ge­schlos­sen, wenn jeg­li­cher haf­tungs­be­grün­den­de Ursa­chen­zu­sam­men­hang äußerst unwahr­schein­lich ist [4].
Als gro­ber Behand­lungs­feh­ler ist ein ärzt­li­ches Fehl­ver­hal­ten anzu­se­hen, das nicht etwa aus sub­jek­ti­ven, in der Per­son des han­deln­den Arz­tes lie­gen­den Grün­den, son­dern aus objek­ti­ver ärzt­li­cher Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erscheint, weil ein sol­cher Feh­ler dem behan­deln­den Arzt aus die­ser Sicht "schlech­ter­dings" nicht unter­lau­fen darf [5]. Es kommt also dar­auf an, ob das ärzt­li­che Ver­hal­ten ein­deu­tig gegen gesi­cher­te und bewähr­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se und Erfah­run­gen ver­stößt [6]. Dies ist typi­scher­wei­se dann der Fall, wenn auf ein­deu­ti­ge Befun­de nicht nach gefes­tig­ten Regeln der ärzt­li­chen Kunst reagiert wird oder sonst ein­deu­tig gebo­te­ne Maß­nah­men zur Bekämp­fung mög­li­cher, bekann­ter Risi­ken unter­las­sen wer­den und beson­de­re Umstän­de feh­len, die den Vor­wurf des Behand­lungs­feh­lers mil­dern kön­nen [7].
Eine Ver­la­ge­rung der Beweis­last auf die Behand­lungs­sei­te ist nach einem gro­ben Behand­lungs­feh­ler aus­ge­schlos­sen, wenn, was zur Beweis­last der Behand­ler­sei­te steht, jeg­li­cher haf­tungs­be­grün­den­de Ursa­chen­zu­sam­men­hang äußerst unwahr­schein­lich [8] /​grundsätzlich unwahr­schein­lich [9] /​gänzlich unwahr­schein­lich [10] bzw. in hohem Maße unwahr­schein­lich [11] ist.
Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 25. Sep­tem­ber 2013 – 7 U 96/​10
Martis/​Winkhart, Arzt­haf­tungs­recht, 3. Aufl., D 394 f. m.w.N.[↩]
BGH, NJW 1999, 863 f. 14; VersR 1995 f. 13[↩]
OLG Karls­ru­he, OLGR Karls­ru­he 2006, 339 ff. 12; Martis/​Winkhart, a.a.O., D 396 m.w.N.[↩]
BGH, Urteil vom 02.07.2013, Az. VI ZR 554/​12, Tz. 11 m.w.N.[↩]
BGH, NJW 1983, 2080; NJW 1992, 754 f.; NJW 1995, 778; NJW 1996, 2428[↩]
vgl. BGH, NJW 1992, 754 f.[↩]
vgl. BGH, NJW 1983, 2080 f.[↩]
BGH, VersR 2012, 1176, 1177; NJW 2004, 2011, 2012; VersR 2004, 645, 647; NJW 1998, 1782, 1784[↩]
BGH, NJW 1998, 1780, 1782[↩]
BGH, NJW 2004, 2011, 2013; VersR 1995, 707, 708[↩]
BGH, NJW 1995, 778, 779[↩]