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Timestamp: 2018-06-25 11:25:55
Document Index: 159484833

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 7', '§ 3', '§ 8', '§ 14', '§ 11', '§ 11', '§ 2']

Betreff: SpA 2-12/13
Disziplinarverfahren TV Colgenstein-Heidesheim
In dem wegen grober Unsportlichkeit anhängigen Disziplinarverfahren des TV Colgenstein-Heidesheim, vertreten durch den 1. Vorsitzenden Gerhard Blüm, dieser hier vertreten durch den Abteilungsleiter Joachim Scheu – Einspruchsführer - gegen den Pfälzischen Tischtennisverband e.V., vertreten durch den Präsidenten Kurt Sturm, dieser hier vertreten durch den Verbandsspielleiter Bernhard Weber – Einspruchsgegner – hat der Spruchausschuss durch den Vorsitzenden Harz sowie die Beisitzer Eisele und Gerlinger ohne mündliche Verhandlung am 03.02. 2013 folgende Entscheidung getroffen:
Am 03.11. 2012 kam es zum Aufeinandertreffen der führenden Mannschaften der 1. Pfalzliga der Herren, zwischen der TSG Kaiserslautern und der ersten Mannschaft des Einspruchsführers (Ef.). Der Heimverein hatte für diese Begegnung beim Schiedsrichterobmann um die Entsendung eines Oberschiedsrichters (OSR) gebeten. Diesem Wunsch wurde entsprochen, so dass der gesamte Ablauf unter dessen Aufsicht stattgefunden hatte.
Im fünften Spiel des Abends trafen Tamas Orosz (TSG Kaiserslautern) und der Spitzenspieler des Ef.s, Ralf Neumaier, aufeinander. Schon während dieses Spiels, das von einem spannenden Verlauf geprägt war, kam es zu Meinungsverschiedenheiten und zu Äußerungen und Gesten der Spieler, welche nicht von einem freundschaftlichen Miteinander gekennzeichnet waren. Letztlich gewann der Spieler des Ef.s die Partie mit 14:12 im fünften Satz. Der Gästespieler ging daraufhin zu seinen Mitspielern, die auf einer Bank hinter der Box saßen und jubelte. Seine Freude über den Triumph unterstrich er mit ein paar Gesten, welche im Detail umstritten sind. Jedenfalls stand er dabei gegenüber seinen Mitspielern und schaute diese an. Hinter der Spielerbank befanden sich die Zuschauerreihen. Die mehr als 60 Zuschauer, unter denen auch Frauen und Jugendliche in erheblicher Anzahl waren, saßen somit größtenteils frontal dem Spieler gegenüber und hatten dadurch freie Sicht auf die beschriebene und hier strittige Jubelszene. Daraufhin schritt der OSR ein und zeigte dem Spieler des Ef.s die Gelbe Karte. In seinem Bericht vermerkte er u.a.: „Der Spieler Neumaier hat sich sehr anstößig nach dem fünften Satz benommen … Ich bekam von verschiedenen Frauen die Frage gestellt muss das beim PTTV geduldet werden, leidet da nicht das Ansehen des Verbandes.“
Am 20.11. 2012 veröffentlichte der Einspruchsgegner (Eg.) im Internet unter www.pttv.de unter der Rubrik „Amtlicher Teil“, „Urteile“ sein Urteil Nr. 2995, wobei er die Überschrift „Grobe Unsportlichkeit“ wählte. Darin verurteile er den Spieler Neumaier zu einer Geldstrafe in Höhe von EUR 250 unter Vereinshaftung.
Dagegen erhob der Ef. per email vom 05.12. 2012 Einspruch beim Spruchausschuss. Am 10.12. 2012 wurde der Ef. an die Einzahlung der Einspruchsgebühr erinnert. Am 18.12. 2012 meldete der Ef. für diesen Tag den Vollzug der Gebührenüberweisung. Zahlungseingang beim PTTV war dann der 19.12. 2012.
Der Einspruchsführer trägt vor, dass das hier betroffene Einzel von Anfang an spannend gewesen und emotionsgeladen abgelaufen sei. Der eigene Spieler habe sich nach einem 0:2 Satzrückstand in den fünften Satz gekämpft. In diesem habe der Kaiserslauterer einen Kantenball bestritten und sich somit unzulässigerweise einen Punkt verschafft. Nachdem das Meisterschaftsspiel für beide Mannschaften von großer Bedeutung gewesen sei, habe der eigene Spieler nach nach dem geschilderten spannenden und wechselvollen Verlauf das Bedürfnis verspürt, der gelösten Anspannung Luft zu machen, was verständlich sei. Der eigene Spieler sei zu seinen Mitspielern gegangen und nicht zum Gegner oder den Zuschauern. Der Jubel sei nur an seine Mannschaftskameraden gerichtet gewesen. Dabei habe er mit beiden Händen in die Hosentaschen gefasst und die Hose leicht nach oben gezogen. Dabei habe er mehrmals „Tscho“ gerufen. Es habe keinerlei obszöne Gesten während der nur wenigen Sekunden dauernden Jubelszene gegeben.
Der Ef. hält die verhängte Geldbuße und auch die Gelbe Karte für unangemessen und beantragt diese auf allenfalls 100 Euro abzusenken.
Der Einspruchsgegner beantragt den Einspruch abzuweisen.
Er stützt sich bei seiner Entscheidung auf die Aussage des neutralen OSR. Danach stehe die obszöne Handlung fest. Die Befragung verschiedener Augenzeugen, die keine Zweifel haben aufkommen lassen, habe zu einer klaren Entscheidungslage geführt. Zwar billige er dem Spieler zu, die Tat im Affekt vollbracht zu haben. Die Handlung wiege aber schwerer als eine verbale Beleidigung und sei auch von den Zuschauern wahrnehmbar gewesen, weshalb er die von ihm ausgesprochenen EUR 250 für angemessen erachte.
Der Spruchausschuss hat Beweis erhoben durch Befragung des Oberschiedsrichters Louis und der Augenzeugen Blüm, Reissenweber, Eichholdtz und Schneider.
Der gemäß § 1, Abs. 2 Rechtsordnung (RechtsO) statthafte Einspruch vermag bereits die Hürde der Zulässigkeit nicht zu nehmen, so dass er als unzulässig zu verwerfen ist. Zwar wurde der Einspruch fristgemäß erhoben, da die Frist gemäß A. 5 Internetordnung erst am 26.11. 2012 zu laufen begann und demnach am 17.12. 2012 endete. Unzweifelhaft erfüllt der Einspruch auch die in § 7 RechtsO normierte Voraussetzung, weil der Ef. gemäß § 3.2 PTTV-Satzung ein Mitglied des Verbandes ist. Auch das in § 8 RechtsO geforderte Rechtsschutzbedürfnis kann bejaht werden, obwohl sich das angegriffene Urteil gegen den Spieler des Ef.s und nicht gegen den Ef. selbst richtet. Die wirtschaftlichen Folgen der Entscheidung des Eg.s treffen den Ef., da dieser für die Geldbuße haftet. Ferner bewirkt die Bestrafung eines Vereinsmitglieds stets auch eine Betroffenheit des Vereins, da das Mitglied für den Verein auftritt und somit dessen Reputation tangiert wird.
Auch die in § 14, Abs. 2, Satz 2, Abs. 3 und 5 RechtsO genannten Formvorschriften sind beachtet worden. Letztlich war der Ef. auch der Gebührenpflicht (§ 11, Abs. 1, D. KostenO) nachgekommen. Missachtet wurde allerdings die für die Gebührenzahlung gesetzte Frist (§§ 11, Abs. 2, 9, Ziffer 2 RechtsO). Nach diesen Vorschriften wäre hier der 17.12. 2012 der Ultimo gewesen. Nach eigenem Vortrag des Ef.s erfolgte die Zahlung aber erst am 18.12. und somit einen Tag zu spät. Zwar gilt im Vereinsrecht der Grundsatz, dass geringfügige Formverstöße verzeihbar sind. In der Vergangenheit hatte sich der Spruchausschuss auch stets daran gehalten. Sicher ist die um einen Tag verspätete Gebührenzahlung ein nur geringfügiger Formverstoß. Hier kann dem Ef. aber keine großzügige Handhabung zugebilligt werden, weil er am 10.12. 2012, also eine volle Woche vor Fristablauf ausdrücklich seitens des Spruchausschusses auf die Gebührenpflicht hingewiesen worden war. Gleichwohl ließ der Ef. ohne erkennbare Not die Frist ablaufen, so dass hier schon von willkürlicher Fristversäumnis ausgegangen werden muss.
Unabhängig von der Frage der Zulässigkeit des Einspruchs ist dieser darüber hinaus auch noch unbegründet.
Das Verhalten des Spielers des Ef.s ist nach erfolgter Beweisaufnahme eindeutig als unsportliches Verhalten gemäß B. 5 KostenO zu qualifizieren. Diese Norm stellt dem für den Eg. handelnden Spielleiter als Rechtsorgan (§ 2 RechtsO) einen Beurteilungsspielraum zur Verfügung. Mit der von diesem gewählten Höhe der Geldbuße orientierte er sich an der Rahmenmitte. Der Spruchausschuss hält diese Buße als Untergrenze für eine schuld- und tatangemessene Bewertung. Die vom Ef. vorgebrachte Argumentation mit dem Ziel einer Reduzierung der Buße überzeugt nicht und ist widersprüchlich. Einerseits trägt er vor, sein Spieler habe keine obszöne Geste gezeigt und andererseits erklärt er sich mit einer Buße von EUR 100 einverstanden, womit ein ordnungswidriges Verhalten in konkludenter Weise eingeräumt wird. Der Spruchausschuss geht daher davon aus, dass dem Ef. bewusst ist, dass die gezeigte Gestik nicht nur grenzwertig, sondern eindeutig obszön war und somit eine Herabwürdigung des Tischtennissports einherging und zudem davon auszugehen ist, dass sich Zuschauer – zumindest die Anhänger des Heimvereins – beleidigt fühlten.
Diese Einschätzung wurde durch die Beweisaufnahme bestätigt.
Der Spruchausschuss hat keine Veranlassung an der Aussage des unparteiischen OSR zu zweifeln, der angab, dass gerade Frauen deutlich ihr Missfallen kundgetan hatten und sich provoziert fühlten. Insgesamt war der Vortrag des OSR stimmig und widerspruchsfrei. Ferner lag bei ihm kein eigenes Interesse am Ausgang des Spiels oder des Verfahrens vor.
Unstrittig ist zudem, dass die Geste von den Zuschauern klar zu erkennen war. Der Spieler stand dem Publikum zugewandt wie ein Schauspieler auf der Bühne. Es kommt für die Bestrafung nicht entscheidend darauf an, ob die Geste den Zuschauern galt. Relevant ist, dass dem Spieler klar sein musste, dass bei dieser Positionierung Unbeteiligte davon ausgehen mussten, dass die gezeigte Geste auf sie gemünzt war. Es ist auch evident, dass der Spieler dies billigend in Kauf genommen und demnach mit Eventualvorsatz gehandelt hatte.
Die Handlung an sich stellte eine nonverbale Beleidigung dar und war ohne Zweifel ein gravierend unsportliches Verhalten, da Beleidigungen in einem diametralen Gegensatz zu den Idealen des Sports stehen und sich somit ausschließen.
Nach Aussagen der Zeugen hatte der Spieler des Ef.s mit beiden in den Hosentaschen gesteckten Händen sein Genital gepackt und dabei die Hosen nach oben gezogen. Es ist letztlich unerheblich, ob es möglich gewesen wäre die Hose noch weiter hochzuziehen. Entscheidend ist der damit geweckte Anschein und die damit allegorisch ausgedrückte Aussage. Diese entspricht nämlich der des sogenannten „Stinkefingers“, allerdings in einer weitaus derberen und vulgären Form. Diese Wertung wird dadurch bestärkt, dass ein Zeuge ausgesagt hatte die Bewegungen und Gesten hätten den Anschein erweckt, der Spieler wolle eine Masturbation darstellen. Für den Spruchausschuss besteht kein Anlass an der Zeugenaussage zu zweifeln. Zwar waren die vom Ef. benannten Zeugen und Mannschaftskameraden sichtlich bemüht, die Handlung zu bagatellisieren. Bei der persönlichen Befragung durch den Spruchausschuss und der Bitte die Szene zu imitieren, konnten auch sie nicht vermeiden das Ganze obszön wirken zu lassen. Beide hatte ihre Hände nicht nur in den Hosen vergraben, sondern rüttelten mit diesen oder Fäusten die Taschen von innen. Ferner waren die Knie und der Oberkörper leicht gebeugt, so dass man als gegenüberstehender oder sitzender Betrachter einen ähnlichen Eindruck bekommen musste wie der oben erwähnte Zeuge.
Die verhängte Geldbuße ist auch keinesfalls überhöht. Der Betrag liegt in der Mitte des für Beleidigungen und unsportlichen Verhaltens vorgesehenen Strafrahmens. Der Spruchausschuss hält das beschriebene Verhalten des Spielers des Ef.s mindestens für eine durchschnittliche Verfehlung. Strafschärfend wirkt sich der Erfolg der Tat aus, der darin bestand, dass von der Handlung nicht nur ein Einzelner, sondern eine Vielzahl von Personen betroffen war. Schließlich führte der Spieler des Ef.s die hier in Rede stehende Handlung vor einer für Pfalzliga-Tischtennis Verhältnisse großen Kulisse aus, womit eine Anzahl von mehreren Dutzend Menschen provoziert wurde. Ferner befanden sich darunter nicht wenige Jugendliche, denen der Pfalzranglistensieger ein denkbar schlechtes Beispiel bot und seine Aktion deswegen noch schändlicher erscheinen lässt und dieser dadurch auch eine gesteigerte schädliche Wirkung zukommt.