Source: http://www.hensche.de/Begriff_Betrieb_Massenentlassung_EuGH_C8014_30042015.html
Timestamp: 2019-06-25 18:45:36
Document Index: 141298225

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.1', 'Art.1', 'Art.1', 'EuG', 'Art.1', 'Art.1', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 17', '§ 17']

Der Begriff des Betriebs bei Massenentlassungen - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/225
Der eu­ro­pa­recht­li­che Min­dest­schutz bei Mas­sen­ent­las­sun­gen ist ge­ring
Aber was ist ein "Be­trieb" und dem­ent­spre­chend ei­ne "Mas­sen­ent­las­sung" im Sin­ne der Richt­li­nie?
Zu die­sen Fra­gen hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) in ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil klar­ge­stellt, dass der Be­triebs­be­griff weit aus­zu­le­gen ist, so dass vie­le Or­ga­ni­sa­ti­ons­ein­hei­ten un­ter die­sen Be­triff fal­len. Für Ar­beit­neh­mer ist das aber kei­ne gu­te Nach­richt, weil es dann vie­le "Be­trie­be" gibt, in de­nen von vorn­her­ein zu we­nig Ar­beit­neh­mer für ei­ne "Mas­sen­ent­las­sung" tä­tig sind: EuGH, Ur­teil vom 30.04.2015, C-80/14 (USDAW).
Ist mit "Be­trieb" bei Mas­sen­ent­las­sun­gen in­ner­halb von 30 Ta­gen et­was an­de­res ge­meint als bei Mas­sen­ent­las­sun­gen in­ner­halb von 90 Ta­gen?
Der Streit­fall: Wool­worth schließt sei­ne Fi­lia­len in Großbri­tan­ni­en und führt kein Kon­sul­ta­ti­ons­ver­fah­ren mit der Ge­werk­schaft durch
EuGH: Klei­ne Fi­lia­len von Ein­zel­han­dels­ket­ten können "Be­trie­be" im Sin­ne der Mas­sen­ent­las­sungs-Richt­li­nie sein
Die Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie ("Richt­li­nie 98/59/EG des Ra­tes vom 20.07.1998 zur An­glei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen") de­fi­niert in ih­rem Art.1 Abs.1 Buch­sta­be a), wann ei­ne "Mas­sen­ent­las­sung" vor­liegt. Da­bei können die Mit­glieds­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on (EU) bei der Um­set­zung der Richt­li­nie den Be­griff der Mas­sen­ent­las­sung ent­we­der für ei­nen 30-Ta­ges-Zeit­raum oder für ei­nen 90-Ta­ges-Zeit­raum fest­le­gen.
Bei der 30-Ta­ges-Va­ri­an­te schreibt Art.1 Abs.1 Buch­sta­be a) der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie im Ein­zel­nen vor, wie groß die be­trof­fe­nen Be­trie­be und die ge­plan­ten Ent­las­sun­gen sein müssen. So müssen z.B. in ei­nem Be­trieb mit zwi­schen 21 und 99 Ar­beit­neh­mern min­des­tens zehn Ent­las­sun­gen ge­plant sein, bei ei­ner Be­triebs­größe zwi­schen 100 und 299 Ar­beit­neh­mern müssen min­des­tens zehn Pro­zent der Ar­beit­neh­mer von der Kündi­gungs­wel­le be­trof­fen sein usw.
Dem­ge­genüber kommt es bei der 90-Ta­ges-Va­ri­an­te nicht auf die Be­triebs­größe, son­dern nur auf die ge­plan­ten Ent­las­sun­gen (min­des­tens 20) an. Un­klar ist, ob die ge­plan­ten (min­des­tens 20) Ent­las­sun­gen im­mer den­sel­ben Be­trieb be­tref­fen müssen oder ob die Gren­ze von 20 Ent­las­sun­gen auch auf das Un­ter­neh­men des Ar­beit­ge­bers be­zo­gen wer­den kann.
Denn bei der 90-Ta­ges-Va­ri­an­te beträgt die An­zahl der ge­plan­ten Ent­las­sun­gen, so der Wort­laut der Richt­li­nie (Art.1 Abs.1 Buch­sta­be a) Zif­fer ii)),
"in­ner­halb ei­nes Zeit­raums von 90 Ta­gen min­des­tens 20, und zwar un­abhängig da­von, wie vie­le Ar­beit­neh­mer in der Re­gel in dem be­tref­fen­den Be­trieb beschäftigt sind".
In dem aus Großbri­tan­ni­en stam­men­den Vor­la­ge­fall ging es um die in­sol­ven­te Wa­ren­haus­ket­te Wool­worth, die vie­le be­triebs­be­ding­te Kündi­gun­gen aus­spre­chen muss­te.
Dar­auf­hin ver­klag­te die Ge­werk­schaft der Ver­kaufs­an­ge­stell­ten ("USDAW") und ei­ne be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­me­rin, Frau Wil­son, Wool­worth auf Zah­lung ei­ner Ent­las­sungs­entschädi­gung, die die eng­li­schen Ar­beits­ge­set­ze für den Fall vor­se­hen, dass Ar­beit­neh­mer im Rah­men ei­ner Mas­sen­ent­las­sung gekündigt wer­den, oh­ne dass der Ar­beit­ge­ber mit den Ge­werk­schaf­ten darüber zu­vor ver­han­delt hat. Das eng­li­sche Recht der Mas­sen­ent­las­sun­gen stellt auf den 90-Ta­ges-Zeit­raum ab.
Der EuGH ent­schied in der Ten­denz ge­gen die kla­gen­den Ar­beit­neh­mer. Denn un­ter ei­nem "Be­trieb" im Sin­ne von Art.1 Abs.1 Buch­sta­be a) Zif­fer ii) der Richt­li­nie ist das­sel­be zu ver­ste­hen wie in Art.1 Abs.1 Buch­sta­be a) Zif­fer i), nämlich je­de ab­grenz­ba­re
"Ein­heit von ei­ner ge­wis­sen Dau­er­haf­tig­keit und Sta­bi­lität (...), die zur Er­le­di­gung ei­ner oder meh­re­rer be­stimm­ter Auf­ga­ben be­stimmt ist und über ei­ne Ge­samt­heit von Ar­beit­neh­mern so­wie über tech­ni­sche Mit­tel und ei­ne or­ga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tur zur Erfüllung die­ser Auf­ga­ben verfügt" (EuGH, Rand­num­mer 49).
Da es auf das Vor­han­den­sein ei­ner vom Ar­beit­ge­ber ein­ge­setz­ten Lei­tung nicht an­kommt (EuGH, Rand­num­mer 47), sind auch klei­ne und kleins­te Fi­lia­len von großen Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men als "Be­trie­be" im Sin­ne der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie an­zu­se­hen. Und auf die An­zahl der Ent­las­sun­gen in die­sen Mi­ni-"Be­trie­ben" kommt es an, so der Ge­richts­hof (Rand­num­mer 63 bis 69).
Fa­zit: Der vom EuGH ver­tre­te­ne "wei­te" Be­triebs­be­griff führt nicht et­wa da­zu, dass vie­le Sach­ver­hal­te un­ter den An­wen­dungs­be­reich der Mas­sen­ent­las­sungs­richt­li­nie fal­len, son­dern im Ge­gen­teil da­zu, dass große Ein­zel­han­dels­ket­ten mit ei­nem Netz klei­ner Fi­lia­len durch die Ma­schen der Richt­li­nie schlüpfen. Denn je mehr klei­ne und win­zi­ge "Be­trie­be" im Sin­ne des EuGH-Be­griffs es gibt, des­to mehr Be­trie­be gibt es dem­ent­spre­chend, bei de­nen 20 Ent­las­sun­gen gar nicht möglich sind, weil in die­sen "Be­trie­ben" we­ni­ger als 20 Ar­beit­neh­mer tätig sind.
Für das deut­sche Ar­beits­recht hat die EuGH-Ent­schei­dung kei­ne un­mit­tel­ba­re Be­deu­tung, da die Mas­sen­ent­las­sungs-Pa­ra­gra­phen des Kündi­gungs­schutz­ge­set­zes (KSchG) auf den 30-Ta­ges-Zeit­raum ab­stel­len. Darüber hin­aus in­ter­pre­tiert das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) den Be­triebs­be­griff im Sin­ne von § 17 KSchG in der glei­chen Wei­se wie bei der Aus­le­gung des Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes (Be­trVG) und ver­langt da­her die Exis­tenz ei­ner ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Lei­tung im Be­trieb.
Das wie­der­um führt da­zu, dass meh­re­re klei­ne, in der­sel­ben Stadt lie­gen­de Fi­lia­len ei­nes Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­mens nach deut­schem Ar­beits­recht ge­mein­sam ei­nen Be­trieb bil­den, so dass die Schwel­len­wer­te des § 17 KSchG bei ähn­li­chen Ent­las­sungs­wel­len wie der eng­li­schen Wool­worth-In­sol­venz prak­tisch im­mer über­schrit­ten würden und ei­ne Kon­sul­ta­ti­ons­pflicht be­ste­hen würde.