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Timestamp: 2020-04-07 18:46:26
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Trichinenschau im Herzogtum Braunschweig
Die folgenden Ausführungen beinhalten Auszüge aus dem Aufsatz von Klaus A.E. Weber „Ein spektakulärer Trichinose-Ausbruch 1980 in Holzminden – Mit rechts- und medizinhistorischen Betrachtungen zur vorbeugenden Trichinenuntersuchung im Herzogtum Braunschweig“.[1]
Neuzeitliche Bekämpfung der „Wurmerkrankung“
Um 1906 für Trichinenschauer im Herzogtum Braunschweig angefertigte Zeichnung
einer spiralig aufgerollten "Muskeltrichine" und spindelförmig abgekapselter "Trichinen im Fleische".[4]
Die bereits im antiken Ägypten verbreitete Trichinose (Trichinellose) zählt im heutigen Europa nicht mehr zu den am häufigsten gemeldeten Infektionskrankheiten des Menschen.
Die von dem parasitären Erreger Trichinella spiralis hervorgerufene schmerzhafte „Wurmerkrankung“ trat einst in der Neuzeit endemisch wie epidemisch im Herzogtum Braunschweig auf.
Nach gesetzlicher Einführung der obligatorischen Trichinenschau mit mikroskopischer Fleischinspektion bei Schlacht- und Jagdtieren für den menschlichen Verzehr sowie dank eines modernen gesundheitlichen Verbraucherschutzes hat die Trichinose nicht mehr die epidemische Bedeutung wie noch im 19. Jahrhundert.
Durch die amtliche Trichinenschau als Zweig der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen und in der Folgezeit weiterentwickelten Schlachtvieh- und Fleischbeschau verringerten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend die Neuerkrankungsraten bis zu einem heute in Deutschland nur noch sporadischen Auftreten.
„Trichinenschauzwang“ bei Schweine- & Wildschweinfleisch sowie bei hausgeschlachteten Hunden
Wie in anderen deutschen Landen besaß insbesondere in den 1860er-Jahren die „Trichinenkrankheit“ als endemische Infektionskrankheit mit epidemischem Potential auch im Herzogtum Braunschweig eine besondere gesundheitliche Relevanz.
Dabei spielten lokale Epidemien und der hohe Verbreitungsgrad vor allem beim Schweinefleisch eine entscheidende bevölkerungsmedizinische Rolle.
Schließlich wurde im Herzogtum Braunschweig die Fleischbeschau mit Untersuchung auf Trichinella-Larven zunächst beim Schweinefleisch, später aber auch beim Wildschweinfleisch und bei hausgeschlachteten Hunden verpflichtend.
Wohl wissend, dass eine Trichineninfektion beim Haus- und Wildschwein in der Regel nur als Einzeltiererkrankung auftritt, wurde es im Herzogtum Braunschweig dennoch als erforderlich angesehen, vorsorglich jedes geschlachtete Schwein amtlich sorgfältig auf Trichinella-Larven untersuchen zu lassen.
Zudem war bekannt, dass gut durchblutete und somit sauerstoffreiche Muskeln bevorzugt befallen werden, wie beispielsweise das Zwerchfell oder die Kaumuskulatur.
Da verkapselt vorkommende „Muskeltrichinen“ nur mit Hilfe eines Mikroskops zu erkennen waren, wurde es bei der amtlichen Trichinenschau als zentrales Untersuchungsinstrument eingeführt.
Die Schlachtvieh- und Fleischbeschau gewann in den Folgejahren bis um 1900 zunehmend an gesundheits- und veterinärpolizeilicher Bedeutung.
1. Phase ab 1866 - Gesetz "betreffend den Schutz des Publikums gegen den Genuss trichinenhaltigen Schweinefleisches"
Nachdem zunächst durch Ortsstatut in Städten und Ortschaften die lichtmikroskopische Untersuchung von Schweinefleisch eingeführt worden war, trat flächendeckend im gesamten Herzogtum Braunschweig am 1. Oktober 1866 das am 15. März 1866 von Herzog Wilhelm erlassene Gesetz "betreffend den Schutz des Publikums gegen den Genuss trichinenhaltigen Schweinefleisches" in Kraft, mit unterzeichnet vom Staatsminister Karl Ferdinand von Campe.
Danach war auch im Kreis Holzminden jedes geschlachtete Hausschwein vor seiner Zerlegung am Schlachtort von einem Sachverständigen (Trichinenschauer) mit Hilfe eines Mikroskops auf Trichinenfreiheit zu untersuchen (§ 1).
Mittels eines Ausweises erteilte die herzogliche Kreisdirektion Holzminden die gebührenpflichtige Befugnis, geschlachtete Schweine amtlich auf Trichinen untersuchen zu dürfen (§ 2).
Darüber hinaus hatte sich die Kreisdirektion "zur Konstatierung der Befähigung mit dem Herzoglichen Obersanitätskollegium in Kommunikation zu setzen, welches erforderlichen Falls durch eines seiner ärztlichen Mitglieder oder einen damit beauftragten Physikus oder Arzt die Befähigung ermitteln und attestieren lässt" (§ 3).
Bestellte Trichinenschauer waren amtlich zu verpflichten oder auf ihre schon bestehende Amtspflicht zu verweisen und öffentlich bekannt zu machen (§ 4).
Die Gemeinden waren verpflichtet, die zur Trichinenuntersuchung benötigten Mikroskope aus der Gemeindekasse zu finanzieren, wenn nicht über deren Beschaffung mit den bestellten Trichinenschauern ein anderes Übereinkommen getroffen worden war (§ 6).
Im Kreis Holzminden war mindestens am Vortag das Schlachten eines Hausschweins – mit Angabe von Ort und Zeit des Schlachtens – gegenüber dem Trichinenschauer anzeigepflichtig.
Über die Untersuchung des als trichinenfrei befundenen Hausschweins war vom Trichinenschauer eine schriftliche Bescheinigung zu erteilen (§ 7).
Fleischteile, welche der Trichinenuntersuchung zu unterwerfen waren, hatte der Trichinenschauer selbst zu entnehmen oder in seinem Beisein entnehmen zu lassen (§ 8).
Erklärte der Trichinenschauer ein Hausschwein als "trichinenhaltig", so war er verpflichtet, die Polizeibehörde "sogleich in Kenntnis zu setzen".
War dem hingegen vorgesehen, durch das Auskochen des Fleisches auf gefahrlose Weise Fett zu gewinnen, so war "dasselbe von der Polizeibehörde zuzulassen und unter deren Kontrolle sowie mit Befolgung der Anordnungen auszuführen, welche wegen der ausgekochten Masse von der Polizeibehörde getroffen werden" (§ 9).
Gleiches galt auch für jene Gewerbetreibende, die im Herzogtum Braunschweig vom "Ausland" bezogenes "Schweinegut" in den Verkehr brachten (§ 11).
Die Landesverordnung vom 18. März 1866 zur Ausführung des herzoglichen „Verbraucherschutzgesetzes“ regelte detailliert verwaltungsrechtliche wie untersuchungstechnische Belange zum Schutz des Menschen vor trichinenhaltigem Schweinefleisch.
"Damit die Ermittelung der Befähigung zur Trichinenuntersuchung in der raschesten und am wenigsten kostspieligen Weise geschehen könne, hat Herzogliches Obersanitätskollegium in den verschiedenen Kreisen des Landes eine genügende Anzahl geeigneter Ärzte mit dem Prüfungsverfahren zu beauftragen, dieselben amtlich auf eine ihnen zu erteilende spezielle Instruktion zu verpflichten und deren Namen in den Braunschweigischen Anzeigen bekannt zu machen" (§ 3).
In der Stadt Braunschweig war vom Obersanitätskollegium ein überregionales Depot für die bei der Trichinenuntersuchung anzuwendenden Mikroskope anzulegen (§ 4).
Dadurch konnten im Kreis Holzminden die Gemeindebehörden durch Vermittlung der herzoglichen Kreisdirektion in Braunschweig bei der "Herzoglichen Polizeidirektion" den lokal "nötigen Bedarf beziehen".
Der Gebrauch der speziellen Lichtmikroskope wurde nur dann zugelassen, wenn deren Tauglichkeit von der Landesbehörde zuvor bescheinigt worden war.
Einen weiterentwickelten Qualitätsstandard zur Untersuchung und gesundheitspolizeilichen Behandlung von Fleisch für den menschlichen Verzehr formulierte am 10. Mai 1905 die Bekanntmachung des Herzoglichen Staatsministeriums, "betreffend die Trichinenschau", als Ausführungsbestimmung zum Gesetz, "betr. die Trichinenschau", vom 1. Mai 1905 Nr. 26 (u.a. Probeentnahme, Präparatanfertigung).
Während Gewerbetreibende - "Fleischer, Hoken usw." - ein 6 Rubriken umfassendes Fleischbuch anzulegen und zu führen hatten, war es Nichtgewerbetreibenden freigestellt, eine solche Buchdokumentation zu halten; ansonsten bedurfte es eines besonderen Attestats (§ 5).
Zur Trichinenuntersuchung waren die arteriell gut durchbluteten Fleischteile vom "Bauchmuskel, vom muskulösen Teile des Zwerchfells und vom Halsmuskel" zu entnehmen (§ 6).
Ein "geeignetes Lokal" sowie Wasser zum Reinigen der Gläser waren dem untersuchenden Trichinenschauer am Schlachtort zur Disposition zu stellen.
Mit den herzoglichen Verordnungen vom 6. Juni 1877 und 12. Februar 1878 wurden einzelne Vorschriften der ursprünglichen Verordnung aus dem Jahre 1866 modifiziert.
Am 4. Juni 1893 wurde das Gesetz Nr. 31, "betreffend den Schutz des Publikums gegen den Genuss trichinenhaltigen Wildschweinefleisches", erlassen, mit der Anordnung der mikroskopischen Untersuchung des Fleisches erlegter Wildschweine.
2. Phase ab 1900 - Reichs- & landesrechtlich neu geordnete Trichinenschau
Da zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Deutschen Reich zwar die Anzahl trichinöser Schweine gegenüber früheren Jahren erheblich zurückgegangen war, sie aber immer noch eine bevölkerungsmedizinisch relevante Größenordnung erreichte, traten mit dem Reichsgesetz vom 3. Juni 1900 und den hierzu ergangenen Ausführungsbestimmungen, "betreffend die Schlachtvieh- und Fleischbeschau" (Reichsfleischgesetz), auch rahmengesetzliche Neuregelungen zur amtlichen Trichinenschau in Kraft.
Regelungen der Ausbildung, Prüfung und Bestellung von Trichinenschauern war den jeweiligen Landesregierungen vorbehalten, ebenso solche zur Durchführung der Trichinenschau (§ 24 Reichsfleischgesetz).
Einige Bundesstaaten erließen daher landeseigene Ausführungsgesetze zum Reichsfleischgesetz sowie Ministerialerlasse und landespolizeiliche Anordnungen.
Als selbständige Einrichtung war die amtliche Trichinenschau bei Schweinen vornehmlich in den in norddeutschen Bundesstaten eingeführt worden.
Im Land Braunschweig löste Albrecht, Prinz von Preußen und Regent des Herzogtums Braunschweig, die bisherigen Bestimmungen ab, indem er im Kontext des Reichsfleischgesetzes das Landesgesetz, "betreffend die Trichinenschau", vom 1. Mai 1905 Nr. 26 in Verbindung mit der entsprechenden Bekanntmachung des Herzoglichen Staatsministeriums vom 10. Mai 1905 erließ.
Somit waren im Herzogtum Braunschweig wie im Königreich Preußen alle Haus- und Wildschweine, "deren Fleisch zum Genusse für Menschen verwendet werden soll", auf Trichinen hin zu untersuchen.
Schuhmacher Wilhelm Schattenberg (1873–1956) - Fleischbeschauer & Trichinenschauer in Merxhausen
Praxisorientiert wurde im Herzogtum Braunschweig vom Landesmedizinalkollegium für die Trichinenschauer eine besondere "Anleitung" erlassen (§ 14 Landes-Ausführungsvorschriften), die für den herzoglichen Kreis Holzminden beispielhaft auch zur persönlichen Fachliteratur des Schuhmachers Wilhelm Schattenberg aus der Gemeinde Merxhausen gehörte, da er um 1900 nebenberuflich als amtlicher Fleischbeschauer und Trichinenschauer im Schaubezirk Merxhausen tätig war.
In der Regel auf Gemeindeebene, waren von der Landespolizeibehörde für die Untersuchungen – nach Anhörung der Gemeindebehörde (Gemeinderat) – Trichinenschaubezirke zu bilden, wie der beispielsweise für Merxhausen am nordöstlichen Sollingrand.
Für jeden Schaubezirk waren mindestens ein "eidlich verpflichteter" Trichinenschauer und dessen Stellvertreter vorzusehen, mit widerruflicher Bestellung und Präsenzpflicht im zugeordneten Schaubezirk (§§ 2–6 Gesetz Nr. 26).
Legte ein Bewerber nach erfolgter kostenpflichtiger Ausbildung seine Prüfung vor dem Kreistierarzt erfolgreich ab, so erfolgten unter bestimmten Voraussetzungen seine amtliche Bestellung durch die Landespolizeibehörde und die Zuordnung zu einer Trichinenschauerstelle in einem Schaubezirk.
Nicht tierärztlich approbierte „Laien-Trichinenschauer“ wurden von der Landespolizeibehörde beaufsichtigt und unterstanden der dauernden Kontrolle und dreijährigen Nachprüfung durch den herzoglichen Kreistierarzt, wie Wilhelm Schattenberg im Schaubezirk Merxhausen, der in den Jahren um 1900 vom Kreistierarzt Dr. Fischer beaufsichtigt wurde.
Die amtliche Trichinenschau sollte in der Regel nicht später als 6 Stunden nach der ordnungsgemäßen Anmeldung erfolgen (§ 9 Landes-Ausführungsvorschriften).
Wenn ein Laien-Trichinenschauer wie Wilhelm Schattenberg dabei trichinöses Fleisch feststellte oder vermutete, so war er zwar verpflichtet, sich für unzuständig zu erklären, da nur dem approbierten tierärztlichen Fleischbeschauer die "wirkliche Entscheidung" darüber zustand, gleichwohl hatte er aber das Schlachttier vorläufig zu beschlagnahmen, zu kennzeichnen und der Ortspolizeibehörde Anzeige zu erstatten (§ 5 Gesetz Nr. 26; §§ 16–17 Landes-Ausführungsvorschriften).
Nach erfolgter amtlicher Trichinenschau mit trichinenfreiem Untersuchungsbefund war vom Trichinenschauer das Fleisch für genusstauglich zu erklären und mit einem rechteckigen Farb- oder Brandstempel (Aufschrift: „Trichinenfrei“, Schaubezirksname) zu kennzeichnen.
Andernfalls galt das Fleisch als "untauglich zum Genusse für Menschen", erhielt den „Fleischbeschau-Untauglichkeitsstempel“ und war der Behandlung nach dem Reichsfleischgesetz zu unterziehen (§ 9 Reichsfleischgesetz; §§ 17–21 Landes-Ausführungsvorschriften).
Zur Kostendeckung konnten von den Gemeinden Beschaugebühren erhoben werden, deren Festsetzung sich nach den von der Kreisdirektion oder von der betreffenden Gemeinde im Ortsstatut erlassenen Gebührentarifen richtete (§ 7 Gesetz Nr. 26).
Um 1906 betrug beispielsweise für ein Hausschwein die amtliche Gebühr für die Fleischbeschau und Trichinenschau zusammen 0,80 Mark, die Trichinenschau bei einem gewerblich geschlachteten Hund 0,50 Mark.
Bestellte Trichinenschauer waren verpflichtet, die Ergebnisse ihrer Trichinenuntersuchung in einem zu führenden „Tagebuch“ nach einem verordneten Muster zu dokumentieren (§ 26 Landes-Ausführungsvorschriften).
In den erhalten gebliebenen Beschauer-Tagebüchern (1903-1946) finden sich keine Beanstandungen wegen eines Trichinen-Nachweises im Schaubezirk Merxhausen.
Reise-Trichinen-Mikroskop │ um 1900
Das um 1903 von Wilhelm Schattenberg im Schaubezirk Merxhausen verwendetes Reise-Trichinen-Mikroskop (17,5 cm hohes Lichtmikroskop mit kleinem Objekttisch) ist ein Exponat des HISTORISCHEN MUSEUMS HELLENTAL.
Die Innenseite des mit blauer Stempelfarbe befleckten oberen Kastendeckels weist Inschriften auf, aus denen hervorgeht, dass das Mikroskop von H. Schulze in Stadtoldendorf bezogen und am 05.11.1899 vom herzoglichen Kreistierarzt Dr. Fischer für „gut“ befunden und damit zugelassen wurde.[3]
Zur Ausführung einer amtlichen Trichinenuntersuchung waren verschiedene Geräte und "Hülfsinstrumente" vorgeschrieben (§§ 12–14, 25 Landes-Ausführungsvorschriften), die allesamt, einschließlich der Drucksachen und Farbstempel, von der Gemeinde zu beschaffen und zu finanzieren waren.
Auch für Wilhelm Schattenberg waren obligatorisch ein vom herzoglichen Kreistierarzt geprüftes und für geeignet befundenes Lichtmikroskop, das eine 30- bis 40-fache sowie eine etwa 100-fache Vergrößerung ermöglichte, des Weiteren als Objektträger zwei Kompressorien aus zwei durch Schrauben gegeneinander zusammendrückbaren Glasplatten, eingeteilt in 24 gleiche Felder, sowie eine "kleine krumme Schere" zum Anfertigen der Schaupräparate, zwei Präpariernadeln, eine Pinzette und ein Messer zum Ausschneiden der Fleischproben.
Vom Trichinenschauer waren persönlich bei dem Schlachttier (Schwein) bohnen- bis walnussgroße Fleischproben aus vier verschiedenen Körperstellen – "Zwerchfellpfeiler (Nierenzapfen), Rippenteile des Zwerchfells (Kronfleisch), Kehlkopf- und Zungenmuskeln" – zu entnehmen, alternativ aus den Bauchmuskeln.
Zur mikroskopischen Untersuchung waren aus diesen Probestücken jeweils sechs haferkorngroße Stückchen vorzubereiten, um gleichmäßige Quetschpräparate mittels Kompressorien anzufertigen.
„Trichinenkrankheit“ beim „Fehlwirt“ Mensch
Die Trichinose (Trichinellose, Trichinelliasis) ist eine noch heute global mit variabler Neuerkrankungsrate vorhandene Infektionskrankheit des Menschen, verursacht durch die parasitische Lebensweise der Fadenwürmer (Nematoden) des Genus Trichinella.
Weltweit verbreitet konnten neben Trichinella spiralis, dem für den Menschen wichtigsten pathogenen Vertreter, weitere verwandte Fadenwurmarten nachgewiesen werden.
Bei breitem Wirtsspektrum besteht in Mitteleuropa – wie ehemals auch im Herzogtum Braunschweig – bei Trichinella spiralis sowohl ein „silvatischer“ (Wildschwein, andere Wildtiere) als auch ein „domestischer“ Zyklus (Hausschwein).
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden „Muskeltrichinen“ erstmals erkannt und als mikroskopisch kleine Faden-/Rundwürmer in menschlichen Skelettmuskeln identifiziert.
Wenige Jahrzehnte später konnten der zoologische Lebenszyklus mit den beiden Entwicklungsstufen „Muskeltrichine“ und „Darmtrichine“ sowie der parasitäre Infektionskreislauf des Eingeweidewurms entschlüsselt werden.
Auf den „Fehlwirt“ Mensch wird Trichinella spiralis durch den Verzehr von rohem oder halbrohem, unzureichend erhitztem oder nicht ausreichend konserviertem Fleisch übertragen, in welchem sich eingekapselte, intrazellulär lebende Trichinella-Larven (Trichinellen, Trichinen) befinden.
Im Speisebrei des oberen Verdauungstraktes durch Kapselauflösung freigesetzt, vollziehen die Larven binnen weniger Tage im oberen Dünndarm ihre Geschlechtsreife und werden zu fortpflanzungsfähigen männlichen und weiblichen „Darmtrichinen“.
In dieser Phase führen sie klinisch vornehmlich zu Schwindel, Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall.
Etwa 4-10 Tage nach der Begattung legt das Weibchen eine Vielzahl lebend geborener „Jungtrichinen“ ab, die das Epithel des Dünndarms besiedeln.
Nach etwa 20 Tagen durchdringen sie in der Invasionsphase direkt die Darmwand und werden als „Wandertrichinen“ über Lymphgefäße und den Blutkreislauf im Körper verbreitet.
Dabei treten weitere klinische Symptome auf, wie Mattigkeit, Fieber und Gesichtsschwellungen.
Als unentwickelte „Muskeltrichinen“ erreichen sie auch das quergestreifte Muskelgewebe, wo schließlich typische augenförmige Bindegewebskapseln entstehen.
Selbst bei späterer Kalzifizierung der Kapselwände können die spiralig aufgerollten „Muskeltrichinen“ jahrzehntelang potentiell übertragungsfähig überleben.
Neben der Skelettmuskulatur kann Trichinella spiralis auch in andere Organe einwandern.
Werden von einem neuen Wirt die hochinfektiösen Trichinenkapseln mit den encystierten Trichinella-Larven durch Fleischverzehr aufgenommen, kann es zur Infektion mit den Larven kommen, womit sich der Entwicklungszyklus von Trichinella spiralis schließt.
Darm- & Muskel-Trichinose
Die Menge oral aufgenommener Trichinella-Larven bestimmt die Dauer der Inkubationszeit von zumeist 5-14 Tagen (in Einzelfällen bis zu 45 Tage).
Bei starkem Befall treten bereits nach 1-7 Tagen klinisch typische Magen-Darm- und Augensymptome auf (enterale Phase: „Darm-Trichinose“).
Muskuläre Symptome können ab dem siebten Tag beginnen (Muskelphase: „Muskel-Trichinose“), bei leichtem Befall ab dem 14.-30. Tag nach der Infektion.
Zwischen dem siebten und elften Tag streuen die Larven in das Gewebe.
Abhängig von der aufgenommenen Larvenlast und der Immunitätslage des betroffenen Menschen ist der klinische Verlauf unterschiedlich.
So gibt es klinisch unauffällige (asymptomatische) und temporär symptomatische Verläufe bis hin zu fulminant oder gar tödlich verlaufenden Infektionen.
Das klinische Bild ist mannigfaltig und wird früh von einer Darm- und Muskelsymptomatik geprägt (intermittierend hohes Fieber, Schüttelfrost, Übelkeit, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, generalisierte Muskelschmerzen, Durchfälle, kollaterale Ödeme insbesondere im Gesichtsbereich).
Bei 3-6 Wochen nach der Infektion hauptsächlich auftretenden kardiologischen und neurologischen Komplikationen kann Lebensgefahr bestehen.
Die Symptome der akuten Verlaufsform klingen etwa nach 4-6 Wochen ab, jene bei schwerer Erkrankung oft erst nach Monaten, können aber auch über Jahrzehnte hin anhalten.
Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts endete der Krankheitsverlauf in etwa 30 % der Fälle innerhalb der dritten bis sechsten Woche durch eine Störung der Atmung tödlich.
Labordiagnostisch ist der direkte mikroskopische Larvennachweis im Venenblut 7-10 Tage, in ungefärbten Skelettmuskelbiopsien ab dem 10. bis 20. Tag nach der Infektion möglich, der indirekte, serologische ab der zweiten bis dritten Krankheitswoche (Antikörper-Nachweis).
[1] Erschienen im Jahrbuch für den Landkreis Holzminden, Bd. 30, 2012, S. 31-50; hier ist auch das Quellenverzeichnis hinterlegt.
[2] Abb. der Gesetz- u. Verordnungstexte: Originale im Archiv Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen e.V.
[3] Exponat im Sammlungsbestand des SOLLINGHAUSES Weber │ Museum für Alltagskultur - Mikroskop und Schrifttum wurde dem Verfasser für den Heimat- und Geschichtsverein für Heinade-Hellental-Merxhausen von Günther Schattenberg (Merxhausen) übereignet.
[4] Ostertag, Robert von: Leitfaden für Fleischbeschauer: Eine Anweisung für die Ausbildung als Fleischbeschauer und für die amtlichen Prüfungen. Berlin 1903.