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Timestamp: 2017-05-26 09:28:53
Document Index: 191194744

Matched Legal Cases: ['BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'in fine', 'BGE', 'BGE', 'Art. 43', 'Art. 61', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

8C_53/2011 (30.05.2011)
N.________, geboren 1955, war seit Juli 2006 als Aussendienstmitarbeiter für die PAX Lebensversicherung in Winterthur tätig und in dieser Eigenschaft bei der ÖKK Kranken- und Unfallversicherungen AG (nachfolgend: ÖKK oder Beschwerdegegnerin) obligatorisch gegen die Folgen von Unfällen versichert. Am 11. Februar 2007 stürzte er in den Ferien beim Skifahren und zog sich dabei Schürfungen im Gesicht, ein leichtes Schädelhirntrauma, eine Thoraxkontusion rechts sowie eine Kontusion und Distorsion des Schultergelenks rechts zu. Der Versicherte konsultierte noch am Unfalltag Dr. med. S.________. Dieser schloss röntgenologisch ossäre Läsionen aus, verordnete eine lokale Schmerzbehandlung und attestierte eine volle Arbeitsunfähigkeit. Am 21. Februar 2007 nahm der Versicherte die angestammte Arbeitstätigkeit wieder zu 50% auf. Ab 2. März 2007 traten teils heftige Kopfschmerzen auf, welche laut Bericht des Hausarztes Dr. med. B.________ vom 4. Mai 2007 in einem Zusammenhang mit der vom Versicherten beschriebenen Commotio cerebri mit anschliessender kurzer Bewusstlosigkeit stehen könnten. Die ÖKK übernahm die Heilbehandlung und richtete ein Taggeld aus. Nach eingehenden medizinischen Abklärungen stellte die ÖKK sämtliche Leistungen per 27. Juni 2008 ein und schloss den Fall folgenlos ab (Verfügung vom 10. Juni 2008). Auf Einsprachen des Versicherten und des zuständigen Krankenpflegeversicherers hin hielt die ÖKK am verfügten folgenlosen Fallabschluss fest (Einspracheentscheid vom 30. Oktober 2008).
Das kantonale Gericht hat im angefochtenen Entscheid den für einen Leistungsanspruch erforderlichen natürlichen Kausalzusammenhang zwischen Unfall und eingetretenem Schaden (Krankheit, Invalidität, Tod; BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen) zutreffend umschrieben. Ebenfalls richtig dargelegt hat es die Rechtsprechung über den zusätzlich zum natürlichen erforderlichen adäquaten Kausalzusammenhang. Danach spielt im Sozialversicherungsrecht die Adäquanz als rechtliche Eingrenzung der sich aus dem natürlichen Kausalzusammenhang ergebenden Haftung des Unfallversicherers bei organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen praktisch keine Rolle, weil sich hier die adäquate weitgehend mit der natürlichen Kausalität deckt (BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 112, 127 V 102 E. 5b/bb S. 103 mit Hinweisen). Objektivierbar sind Untersuchungsergebnisse, die reproduzierbar und von der Person des Untersuchenden und den Angaben des Patienten unabhängig sind. Von organisch objektiv ausgewiesenen Unfallfolgen kann somit erst dann gesprochen werden, wenn die erhobenen Befunde mit apparativen/bildgebenden Abklärungen bestätigt wurden und die dabei angewendeten Untersuchungsmethoden wissenschaftlich anerkannt sind (SVR 2010 UV Nr. 30 S. 120, 8C_537/2009 E. 5.3 mit Hinweisen). Anders verhält es sich bei natürlich unfallkausalen, aber organisch nicht objektiv ausgewiesenen Beschwerden. Hier ist bei der Beurteilung der Adäquanz vom augenfälligen Geschehensablauf auszugehen, und es sind je nach Schweregrad des Unfalles weitere unfallbezogene Kriterien mit einzubeziehen (BGE 117 V 359 E. 6 S. 366 ff. und 369 E. 4 S. 382 ff., 115 V 133 E. 6 S. 138 ff.). Bei nach einem Unfall auftretenden psychischen Fehlentwicklungen werden diese Adäquanzkriterien unter Ausschluss psychischer Aspekte geprüft (BGE 115 V 133 E. 6c/aa S. 140), während bei Schleudertraumen (BGE 117 V 359 E. 6a S. 367) und äquivalenten Verletzungen der Halswirbelsäule (SVR 1995 UV Nr. 23 S. 67, U 183/93 E. 2) sowie bei Schädelhirntraumen (BGE 117 V 369 E. 4b S. 383) auf eine Differenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet wird. Dies, weil für die Beurteilung des adäquaten Kausalzusammenhanges als einer Rechtsfrage nicht entscheidend ist, ob die im Anschluss an eine solche Verletzung auftretenden Beschwerden medizinisch eher als organischer und/oder psychischer Natur bezeichnet werden, zumal diese Differenzierung angesichts des komplexen, vielschichtigen Beschwerdebildes in heiklen Fällen gelegentlich grosse Schwierigkeiten bereiten würde (BGE 134 V 109 E. 6.2.1 S. 116 f. in fine; vgl. zum Ganzen auch BGE 127 V 102 E. 5b/bb S. 103 und SVR 2007 UV Nr. 8 S. 27, U 277/04 E. 2, je mit Hinweisen). Korrekt sind schliesslich auch die vorinstanzlichen Ausführungen zum Wegfall des ursächlichen Zusammenhangs und damit des Leistungsanspruchs der versicherten Person bei Erreichen des Status quo sine vel ante (SVR 2009 UV Nr. 3 S. 9, 8C_354/2007 E. 2.2) und zu dem im Sozialversicherungsrecht bei der Beantwortung von Tatfragen üblichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen) sowie zum Untersuchungsgrundsatz (Art. 43 Abs. 1 und Art. 61 lit. c ATSG; SVR 2010 AlV Nr. 2 S. 3, 8C_269/2009 E. 2.2 mit Hinweisen). Darauf wird verwiesen.
3.1 Fest steht, dass der Versicherte beim Skiunfall vom 11. Februar 2007 hart mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug, so dass er sich Schürfungen im Gesicht zuzog. Während die unmittelbaren Unfallfolgen in Bezug auf die Thorax- und Schulterprellung rechts rasch soweit abheilten, dass diesbezüglich von einer Fortsetzung der ärztlichen Behandlung keine namhafte Besserung mehr zu erwarten war und "aus somatisch-organischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit und keine Einschränkung der Zumutbarkeit" mehr bestanden (Austrittsbericht der Klinik C.________ vom 14. Mai 2008, wo der Beschwerdeführer vom 9. April bis 7. Mai 2008 zur stationären Rehabilitation weilte), blieben organisch nicht objektivierbare Beeinträchtigungen zurück, welche über den verfügten folgenlosen Fallabschluss per 27. Juni 2008 hinaus anhalten. Mit Blick auf die seit 2. März 2007 aufgetretenen, teils heftigen rechtsseitigen parieto-temporalen Kopfschmerzen ergab die MRI-Abklärung vom 23. März 2007, dass sowohl strukturelle Läsionen wie auch eine intracerebrale Blutung ausgeschlossen werden konnten. Trotz eingehender neurologischer und bildgebender Untersuchungen fanden sich keinerlei Anzeichen für ein organisch objektivierbares Substrat hinsichtlich der anhaltend geklagten Befindlichkeitsstörungen (zur Objektivierbarkeit vgl. E. 2 hievor). Gestützt auf die medizinische Aktenlage steht mit dem erforderlichen Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit fest, dass spätestens im Zeitpunkt des strittigen Fallabschlusses keine organische Unfallrestfolgen mehr vorhanden waren, welche über den 27. Juni 2008 hinaus weiterhin einen Anspruch auf Leistungen nach UVG begründeten. Diesbezüglich waren von zusätzlichen Abklärungsmassnahmen keine neuen entscheidwesentlichen Erkenntnisse zu erwarten, weshalb Verwaltung und Vorinstanz - ohne den Anspruch des Versicherten auf rechtliches Gehör zu verletzen - zu Recht auf die Abnahme weiterer Beweise verzichtet haben (antizipierte Beweiswürdigung; BGE 134 I 140 E. 5.3 S. 148; 124 V 90 E. 4b S. 94).
Zu Recht zweifelte die Vorinstanz nicht daran, dass der Versicherte nach medizinischer Aktenlage am 11. Februar 2007 mit dem Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit ein leichtes Schädelhirntrauma bzw. eine milde traumatische Hirnverletzung (MTBI = mild traumatic brain injury) erlitt, auch wenn diese Unfallfolge weder aufgrund struktureller Läsionen noch anhand eines sonstigen, organisch objektiv ausgewiesenen Substrates nachweisbar war. Doch vertrat das kantonale Gericht die Auffassung, die erst nach einer erheblichen Latenzzeit von knapp einem Monat in der Folge des angeblich ursächlichen Unfalles aufgetretenen Kopfschmerzen sowie die übrigen ätiologisch unklaren Beeinträchtigungen und neuropsychologischen Störungen stünden nicht in einem natürlich kausalen Verhältnis zum Sturzereignis vom 11. Februar 2007. Wie es sich damit verhält, braucht nicht abschliessend geklärt zu werden. Denn auch bei Schädelhirntraumen ohne organisch objektiv ausgewiesene Beschwerden kann der Kausalzusammenhang in Anwendung der Adäquanzkriterien nach der "Schleudertrauma-Praxis" (BGE 134 V 109 E. 2.1 S. 111 und 117 V 369 E. 4b S. 383; Urteil 8C_449/2010 vom 30. November 2010 E. 3.3.6) beurteilt und dabei auf eine Differenzierung zwischen physischen und psychischen Komponenten verzichtet werden. Nachfolgend bleibt demnach zu prüfen, ob die über den 27. Juni 2008 hinaus anhaltenden, organisch nicht objektiv ausgewiesenen Gesundheitsstörungen in einem adäquat kausalen Zusammenhang mit dem Unfall vom 11. Februar 2007 stehen.
4.1.5 Der Beschwerdeführer erreichte nach dem Unfall in der angestammten Tätigkeit als Aussendienstmitarbeiter einer Versicherung keine volle Arbeitsfähigkeit mehr. Dennoch versuchte er anfänglich die von hausärztlicher Seite attestierte Steigerung der Arbeitsfähigkeit umzusetzen. Trotz des gezeigten Einsatzwillens zwangen ihn die Zunahme der Kopfschmerzen unter Belastung, die rasche Ermüdbarkeit und die mangelhafte Konzentrationsfähigkeit dazu, die angestammte Tätigkeit nur noch mit 50%-iger Arbeitsfähigkeit auszuüben, bevor er ab 12. September 2007 wieder voll arbeitsunfähig wurde und die angestammte Arbeitsstelle verlor. Die aufgrund der neuropsychologischen Symptome attestierte volle Arbeitsunfähigkeit ab 7. Mai 2008 bestätigte auch die Klinik C.________ mit Blick auf die aktuelle Situation als "stellenloser Versicherungsexperte", allerdings mit der Einschränkung, dass aus somatisch-organischer Sicht keine Arbeitsunfähigkeit und keine Einschränkung der Zumutbarkeit feststellbar sei. Ob unter den gegebenen Umständen eine "erhebliche Arbeitsunfähigkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen" (BGE 134 V 109 E. 10.2.7 S. 129 f.) im Sinne des hier zu prüfenden Adäquanzkriteriums bejaht werden kann, braucht nicht entschieden zu werden, läge es doch nicht in ausgeprägter Form vor.