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Timestamp: 2019-02-16 06:06:16
Document Index: 396164860

Matched Legal Cases: ['Art. 16', 'Art. 3', 'Art. 25', 'Art. 5', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 26', 'Art. 26', 'BGH', 'BGH', 'Art. 26', 'Art. 26', 'BGH', 'BGH', 'Art. 26', 'EuG', 'Art. 26', 'Art. 26', 'Art. 26']

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Mit der Anerkennung der Wirkungen eines Insolvenzverfahrens nach englischem Recht im Inland hatte sich aktuell der Bundesgerichtshof zu befassen: Ein Verstoß gegen die inländische öffentliche Ordnung liegt hiernach nicht schon dann vor, wenn das Insolvenzgericht eines EU-Mitgliedstaats einen in seinem Zuständigkeitsbereich allein zur Erlangung der Restschuldbefreiung begründeten Mittelpunkt der hauptsächlichen Interessen des Schuldners anerkennt.
Die Formulierung des Art. 16 Abs. 1 EuInsVO („durch ein nach Art. 3 zuständiges Gericht“) ist nicht dahingehend zu verstehen, dass im Anerkennungsstaat zu prüfen ist, ob das Gericht für die Verfahrenseröffnung zuständig war. Dies verbietet der Grundsatz des gegenseitigen Vertrauens (vgl. die 22. Begründungserwägung zur EuInsVO). Dieser verlangt, dass die Gerichte der übrigen Mitgliedstaaten die Entscheidung zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens anerkennen, ohne die vom ersten Gericht hinsichtlich seiner Zuständigkeit angestellte Beurteilung überprüfen zu können1. Dies gilt auch für die Anerkennung der zur Durchführung und Beendigung eines Insolvenzverfahrens ergangenen Entscheidungen im Sinne des Art. 25 Abs. 1 EuInsVO2.
Vom Inhalt des englischen Rechts hängt ab, ob der Schuldner passiv prozessführungsbefugt und die Klage deshalb zulässig ist. Die Prozessführungsbefugnis kann beeinflusst werden durch die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens und durch dessen Einstellung oder Aufhebung9. Dies gilt auch für ein Insolvenzverfahren nach englischem Recht. Auf die Frage, ob das Verfahren Wirkungen im Inland zeitigt, kommt es nicht an, wenn die Prozessführungsbefugnis auch unter Berücksichtigung des englischen Rechts anzunehmen ist. Vorliegend hat der beklagte Schuldner zwischenzeitlich Restschuldbefreiung („discharge from bankruptcy“) erlangt. Mit der Restschuldbefreiung dürfte das Insolvenzverfahren abgeschlossen worden sein (vgl. Insolvency Act 1986, Section 278 (b) )10. Jedenfalls ab diesem Zeitpunkt könnte die Gläubigerin wieder berechtigt gewesen sein, ihren Anspruch außerhalb des englischen Insolvenzverfahrens zu verfolgen, was auf die passive Prozessführungsbefugnis des Schuldners schließen ließe11.
Dies haben das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union durch die kürzlich erfolgte Neufassung der EuInsVO15 bestätigt. Art. 5 Abs. 1 dieser Verordnung sieht das Recht (auch) jedes Gläubigers vor, die Eröffnungsentscheidung aus Gründen der internationalen Zuständigkeit anzufechten. Dabei handelt es sich um eine von mehreren Schutzvorkehrungen, um betrügerisches oder missbräuchliches Forum Shopping zu verhindern (vgl. die 29. Begründungserwägung zur Verordnung iVm der 34. Erwägung „darüber hinaus“). Danach kann und muss der Gläubiger auch im Falle einer durch Täuschung erschlichenen Zuständigkeitsentscheidung Rechtsschutz im Staat der Verfahrenseröffnung suchen. Nichts anderes gilt nach derzeit noch geltender Rechtslage, wenn das Recht des Eröffnungsstaats eine entsprechende Rechtsschutzmöglichkeit vorsieht.
Bundesgerichtshof, Urteil vom 10. September 2015 – IX ZR 304/13
EuGH, Urteil vom 02.05.2006, C341/04, Eurofood IFSC Ltd, Slg. 2006, I3813 Rn. 38 ff; vom 21.01.2010, C444/07, MG Probud Gdynia sp. z o.o., Slg. 2010, I00417 Rn. 29↩
EuGH, Urteil vom 21.01.2010, aaO Rn. 30 ff↩
EuGH, Urteil vom 21.01.2010, aaO Rn. 33↩
EuGH, Urteil 28.03.2000, C7/98, Krombach, Slg. 2000, I01935 Rn. 37; vom 11.05.2000, C38/98, Renault, Slg. 2000, I02973 Rn. 30; vom 02.04.2009, C394/07, Gambazzi, Slg. 2009, I2563 Rn. 27; vom 28.04.2009, C420/07, Apostolides, Slg. 2009, I3571 Rn. 59; vom 06.09.2012, C619/10, RIW 2012, 781 Rn. 51↩
EuGH, Urteil vom 02.05.2006, aaO Rn. 62; vom 21.01.2010, aaO Rn. 34↩
OLG Köln, Beschluss vom 11.11.2013 – 13 U 261/12↩
vgl. Beck, ZVI 2011, 355, 358 ff↩
vgl. Schmidt/Brinkmann, InsO, 18. Aufl., Art. 26 EuInsVO Rn. 8; Flöther/Wehner in Ahrens/Gehrlein/Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., Art. 26 EuInsVO Rn. 10a; Mohrbutter/Ringstmeier/Wenner, Handbuch Insolvenzverwaltung, 9. Aufl., Kap.20 Rn.193↩
BGH, Beschluss vom 25.09.2008 – IX ZB 205/06, ZInsO 2008, 1279 Rn. 7↩
Zilkens, Die discharge in der englischen Privatinsolvenz, 2006, S. 91; Renger, Wege zur Restschuldbefreiung nach dem Insolvency Act 1986, 2012, S. 130↩
vgl. BGH, Urteil vom 14.01.2014, aaO Rn. 11↩
so etwa Mankowski, KTS 2011, 185, 205 f; Schmidt/Brinkmann, InsO, 18. Aufl., Art. 26 EuInsVO Rn. 8; Uhlenbruck/Lüer, InsO, 14. Aufl., Art. 26 EuInsVO Rn. 6↩
vgl. BGH, Urteil vom 14.11.1996 – IX ZR 339/95, BGHZ 134, 79, 91 f; Beschluss vom 18.09.2001 – IX ZB 104/00, WM 2002, 143, 144; vom 06.10.2005 – IX ZB 360/02, WM 2006, 597, 598↩
Jacoby, GPR 2007, 200, 204 f; Mehring, ZInsO 2012, 1247, 1250; Priebe, ZInsO 2012, 2074, 2083; Vallender, ZInsO 2009, 616, 620; Flöther/Wehner in Ahrens/Gehrlein/Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., Art. 26 EuInsVO Rn. 10a↩
Verordnung (EU) 2015/848 vom 20.05.2015 über Insolvenzverfahren; ABl. L 141/19 vom 05.06.2015↩
EuGH, Urteil vom 02.05.2006, C341/04, Eurofood IFSC Ltd, Slg. 2006, I3813 Rn. 65 ff↩
Mehring, ZInsO 2012, 1247, 1250 f; Goslar, NZI 2012, 912, 915 f; Priebe, ZInsO 2012, 2074, 2081; Renger, Wege zur Restschuldbefreiung nach dem Insolvency Act 1986, 2012, S. 98 ff; vgl. auch High Court of Justice Birmingham, Entscheidung vom 29.08.2012, Case No. 957 of 2010↩
vgl. Flöther/Wehner in Ahrens/Gehrlein/Ringstmeier, Insolvenzrecht, 2. Aufl., Art. 26 EuInsVO Rn. 6; HK-InsO/Stephan, 7. Aufl., Art. 26 EuInsVO Rn. 2; Kemper in Kübler/Prütting/Bork, InsO, 2010, Art. 26 Rn. 4; Mohrbutter/Ringstmeier/Wenner, Handbuch Insolvenzverwaltung, 9. Aufl., Kap.20 Rn.193↩
Zilkens, Die discharge in der englischen Privatinsolvenz, 2006, S. 77 f; Renger, Wege zur Restschuldbefreiung nach dem Insolvency Act 1986, 2012, S. 111 ff; jeweils zur Reichweite der Restschuldbefreiung↩
vgl. Renger, aaO S. 104 f; Priebe, ZInsO 2012, 2074, 2079↩
vgl. Vallender, ZInsO 2009, 616, 618; Mansel in Festschrift von Hoffmann, 2011, S. 683, 685; Mankowski, KTS 2011, 185, 201↩
[ Insolvenzbedingter Umzug nach England ]