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Timestamp: 2016-10-27 15:16:31
Document Index: 71280922

Matched Legal Cases: ['Art. 77', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'in fine', 'in fine', 'Art. 66']

8C_593/2012 (19.12.2012)
8C_593/2012
Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG, Bundesgasse 35, 3011 Bern, vertreten durch F�rsprecher Ren� W. Schleifer, Stampfenbachstrasse 42, 8006 Z�rich,
Die 1972 geborene B.________ war seit Januar 2003 bei der Firma S.________ AG als Einkaufsberaterin und daneben seit Oktober 2005 bei der Firma B.________ Design als Webdesignerin angestellt. Am 9. Februar 2006 prallte ein von hinten herannahendes Automobil in das Heck des von ihr gelenkten, vor einer Verzweigung zum Stillstand gebrachten Personenwagens. Der erstbehandelnde Dr. med. A.________, Facharzt f�r Innere Medizin und H�matologie, diagnostizierte am 10. Februar 2006 ein Accelerations-Decelerations-Trauma der HWS (Halswirbels�ule) bei radiologisch erhaltenem Alignement und ohne Frakturen (vgl. Bericht und Dokumentationsbogen f�r Erstkonsultation nach kranio-zervikalem Beschleunigungstrauma vom 20. Februar 2006). Weil B.________ zuletzt vor dem Zeitpunkt des Unfalls f�r die Firma B.________ Design arbeitst�tig war, hatte gest�tzt auf Art. 77 Abs. 2 UVG deren obligatorischer Unfallversicherer, die Schweizerische Mobiliar Versicherungsgesellschaft AG (im Folgenden: Mobiliar), die gesetzlichen Leistungen (Heilbehandlung; Taggeld) zu erbringen. Diese holte u.a. eine biomechanische Beurteilung der Arbeitsgruppe f�r Unfallmechanik vom 24. Oktober 2006 ein und kl�rte den medizinischen Sachverhalt ab (worunter das Gutachten der Stelle X.________, vom 31. Juli 2007 mit Erg�nzungen vom 6. September 2007). Mit Verf�gung vom 6. Februar 2009 stellte die Mobiliar die Leistungen per 28. Februar 2009 ein und verneinte den ad�quaten Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfall vom 9. Februar 2006 und den dar�ber hinaus geltend gemachten gesundheitlichen Beeintr�chtigungen. Eine Einsprache lehnte sie, nach Beizug der Akten der Invalidenversicherung (worunter das Gutachten der MEDAS, Medizinische Abkl�rungsstelle, vom 10. Juli 2009) ab (Einspracheentscheid vom 29. Juni 2011).
Die hiegegen eingereichte Beschwerde, mit der B.________ beantragen liess, es sei ihr eine Rente nach Gesetz zuzusprechen, wies das Versicherungsgericht des Kantons Aargau ab (Entscheid vom 27. Juni 2012).
Mit Beschwerde l�sst B.________ das vorinstanzlich gestellte Rechtsbegehren wiederholen.
Am 19. Dezember 2012 hat das Bundesgericht eine publikums�ffentliche Beratung durchgef�hrt.
2.1 Die Vorinstanz hat den nat�rlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall vom 9. Februar 2006 und den �ber den 28. Februar 2009 hinaus geltend gemachten gesundheitlichen Beeintr�chtigungen in Best�tigung des Einspracheentscheids der Mobiliar vom 29. Juni 2011 bejaht, hingegen die nach der f�r Schleudertraumen der HWS ohne organisch nachweisbare Funktionsausf�lle entwickelten Rechtsprechung (BGE 134 V 109, 117 V 359) zu pr�fende Ad�quanz verneint.
2.2 Es steht fest und ist unbestritten, dass die fragliche Auffahrkollision vom 9. Februar 2006 als mittelschweres, im Grenzbereich zu den leichten Unf�llen liegendes Ereignis einzustufen ist. Die Ad�quanz des Kausalzusammenhangs ist somit zu bejahen, wenn ein einzelnes der in die Beurteilung einzubeziehenden Kriterien in besonders ausgepr�gter Weise vorliegt oder insgesamt mehrere in geh�ufter Weise gegeben sind (BGE 134 V 109 E. 10.1 S. 126 f., 117 V 359 E. 6a S. 367 f.).
2.3.1 Nach vorinstanzlicher Auffassung liegen allenfalls die unfallbezogenen Kriterien der erheblichen Beschwerden (BGE 134 V 109 E. 10.2.4 S. 128) sowie der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzung (BGE 134 V 109 E. 10.2.2 S. 127 f.) vor, allerdings ohne besondere Auspr�gung, weshalb die Ad�quanz zu verneinen sei. Zu letztgenanntem Merkmal hat das kantonale Gericht im Einzelnen erwogen, die Versicherte habe am 27. August 1994 ein Polytrauma erlitten. Aufgrund dieses Unfalls sei die HWS vorgesch�digt gewesen. Indessen habe sie vor dem Unfall vom 9. Februar 2006 nicht mehr an Kopf- und Nackenschmerzen gelitten, sondern sei weitgehend beschwerdefrei gewesen. Aus einem Bericht der Universit�tsklinik Y.________ von Ende November 2005 ergebe sich hinsichtlich der Folgen des Unfalles von 1994 ein zufriedenstellendes Rehabilitationsresultat. Die Gutachter der Stelle X.________ h�tten keine relevante Traumatisierung der sekund�ren Arthrose im Bereich der HWS und bildgebend keine auff�lligen Befunde erheben k�nnen. Die Versicherte habe denn auch w�hrend l�ngerer Zeit vor dem Unfall die Arbeit bei der Firma S.________ AG zeitlich und leistungsm�ssig uneingeschr�nkt auszu�ben vermocht.
2.3.2 Die Beschwerdef�hrerin bringt zusammengefasst vor, aufgrund der vorbestehenden schweren Sch�digungen im Bereich des R�ckens und der HWS sei das Kriterium der besonderen Art der erlittenen Verletzung in ausgepr�gter Weise erf�llt und gest�tzt darauf die Ad�quanz zu bejahen.
2.4.1 Hat die versicherte Person mehr als einen Unfall mit Schleudertrauma der HWS oder gleichgestellter Verletzung erlitten, so ist die Ad�quanz prinzipiell f�r jeden Unfall gesondert zu beurteilen. In diesem Rahmen ist es nach der Rechtsprechung jedoch nicht generell ausgeschlossen, die wiederholte Betroffenheit desselben K�rperteils bei der Ad�quanzpr�fung zu ber�cksichtigen. Letzteres ist insbesondere dann denkbar, wenn die Auswirkungen der verschiedenen Ereignisse auf gewisse Beschwerden und/oder auf Grad und Dauer der Arbeitsunf�higkeit nicht voneinander abgegrenzt werden k�nnen. Der hinreichend nachgewiesenen, durch einen fr�heren Unfall verursachten dauerhaften Vorsch�digung der HWS kann diesfalls bei der Beurteilung der einzelnen Kriterien - beispielsweise der besonderen Art, der erheblichen Arbeitsunf�higkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen oder der fortgesetzt spezifischen, belastenden �rztlichen Behandlung - Rechnung getragen werden (SVR 2007 UV Nr. 1 S. 1, U 39/04 E. 3.3.2 mit Hinweisen; vgl. auch Urteil 8C_477/2008 vom 19. Dezember 2008 E. 6.1).
Das Kriterium der besonderen Schwere oder Art der Verletzung wurde urspr�nglich mit Bezug auf die psychischen Unfallfolgen entwickelt und betrifft insbesondere die erfahrungsgem�sse Eignung einer Verletzung, psychische Fehlentwicklungen auszul�sen (BGE 115 V 140 Erw. 6c/aa). �bertragen auf die Schleudertraumapraxis hat es dementsprechend als erf�llt zu gelten, wenn die Unfallverletzung in besonderer Weise geeignet ist, eine intensive, dem so genannten typischen Beschwerdebild (BGE 134 V 109 E. 6.2.1 S. 116, 119 V 335 E. 1 S. 338, 117 V 359 E. 4b S. 360, 369 E. 4b S. 382 E. 4b) entsprechende Symptomatik zu bewirken (vgl. BGE 117 V 359 E. 7b S. 368 f.). Es entspricht der allgemeinen Erfahrung, dass pathologische Zust�nde nach HWS-Verletzungen bei erneuter Traumatisierung ausserordentlich stark exazerbieren k�nnen. Eine HWS-Distorsion, welche eine bereits durch einen fr�heren versicherten Unfall erheblich vorgesch�digte HWS trifft, ist demnach speziell geeignet, die "typischen" Symptome hervorzurufen, und deshalb als Verletzung besonderer Art zu qualifizieren (SVR 2007 UV Nr. 1 S. 1, U 39/04 E. 3.4.2). Das zur Diskussion stehende unfallbezogene Ad�quanzkriterium wurde etwa bejaht im Fall SVS 2009 S. 60, 8C_508/2008 E. 5.4 in fine (der Versicherte bezog wegen der eindr�cklichen degenerativen Ver�nderungen an der Wirbels�ule eine Dreiviertelsrente der Invalidenversicherung) und im Urteil 8C_785/2007 vom 11. Juni 2008 E. 4.4 (die Versicherte bezog wegen einer immobilisierenden R�ckenproblematik eine Rente der Invalidenversicherung aufgrund eines Invalidit�tsgrades von 60 %).
2.4.2 Den in allen wesentlichen Punkten �bereinstimmenden Gutachten der Stelle X.________ vom 31. Juli 2007 (mit Erg�nzung vom 6. September 2007) und der MEDAS vom 10. Juli 2009 gem�ss wurde die Versicherte am 27. August 1994 w�hrend eines Sprachaufenthalts in den USA als Radfahrerin von einem Automobil angefahren. Sie erlitt u.a. mehrere Frakturen im Bereich der Wirbels�ule (in den Bereichen der Halswirbelk�rper [HWK] C2, Brustwirbelk�rper 1-3 und 6-9 sowie Lendenwirbelk�rper 1) mit dem klinischen Bild einer Tetraplegie bzw. -parese ab HWK C2, die zun�chst in den USA und nach der Repatriierung in die Schweiz ab 11. September 1994 bis 28. April 1995 station�r und danach ambulant in der Universit�tsklinik Y.________ versorgt und behandelt wurden. Es waren umfangreiche chirurgische (und andere medizinische) Massnahmen zur Rehabilitation der Versicherten notwendig, unter anderem eine dorsolaterale dreimalige durchgef�hrte Spondylodese (Versteifung) im Bereich der Berstungsfraktur des ersten Lendenwirbelk�rpers, die eine deutliche Fehlstatik der gesamten Wirbels�ule mit vollst�ndiger Aufhebung der lumbalen Lordosierung und Abflachung der thorakalen Kyphosierung unter Ausbildung eines Rundr�ckens mit weit nach vorne getragenem Kopf zur Folge hatte.
2.4.3 Die Beschwerdef�hrerin macht an sich zutreffend geltend, dass die k�rperlichen und psychischen Beeintr�chtigungen nicht nur aus fach�rztlicher, sondern auch aus biomechanischer Sicht wegen des Vorzustandes �berwiegend wahrscheinlich in nat�rlich kausalem Zusammenhang mit der Auffahrkollision vom 9. Februar 2006 standen (vgl. Beurteilung der Arbeitsgruppe f�r Unfallmechanik vom 24. Oktober 2006). Indessen �bersieht sie mit ihren weiteren Vorbringen zun�chst, dass sie davor w�hrend mehrerer Jahre weitgehend beschwerdefrei und vollst�ndig arbeitsf�hig gewesen war. Ab Januar 2003 war sie f�r die Firma S.________ AG vollzeitlich bei uneingeschr�nkter Leistungsf�higkeit im Anstellungsverh�ltnis arbeitst�tig und vermochte daneben teilzeitlich Einkommen als Webpublisher zu erzielen und einen Haushalt zu f�hren. Aus E. 2.4.1 hievor und der darin in fine beispielhaft zitierten Rechtsprechung (vgl. auch Urteil 8C_1028/2010 vom 6. Juni 2011 E. 6.4 mit Hinweisen) ergibt sich, dass das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen nach HWS-Distorsion selbst in der einfachen Form nur dann erf�llt sein kann, wenn die Vorsch�digung nicht nur erheblich, sondern auch dauerhaft gewesen war. Daran fehlt es hier. Zum anderen ist mit den vorinstanzlichen Erw�gungen darauf hinzuweisen, dass die �rzte keine Befunde im Bereich der HWS feststellten, die dem Auffahrunfall vom 9. Februar 2006 h�tten zugeordnet werden k�nnen. Insgesamt ist daher festzuhalten, dass die geltend gemachten k�rperlichen und psychischen Beschwerden mangels besonderer Auspr�gung des unfallbedingten Kriteriums der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzung den ad�quaten Kausalzusammenhang mit der erneuten Traumatisierung der HWS beim Auffahrunfall vom 9. Februar 2006 nicht zu begr�nden verm�gen.
Die Gerichtskosten sind der Beschwerdef�hrerin als unterliegender Partei aufzuerlegen (Art. 66 Abs. 1 BGG).