Source: https://www.anwalt24.de/urteile/bfh/2014-11-05/xi-r-11_13
Timestamp: 2017-09-23 22:02:03
Document Index: 165853379

Matched Legal Cases: ['§ 36', 'Art. 132', '§ 4', 'Art. 13', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', 'Art. 13', 'Art. 13', '§ 4', 'Art. 13', 'Art. 132', 'EuG', 'Art. 13', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 4', 'EuG', '§ 4', '§ 4', 'EuG', '§ 33', '§ 1', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

BFH, 05.11.2014 - XI R 11/13 - Umsatzsteuerliche Behandlung von infektionshygienischen Leistungen eines Fachkrankenpflegers für Krankenhaushygiene | anwalt24.de
Urt. v. 05.11.2014, Az.: XI R 11/13
Referenz: JurionRS 2014, 27897
Aktenzeichen: XI R 11/13
FG Münster - 13.12.2011 - AZ: 15 K 4458/08 U
IfSG § 36
MwStSystRL Art. 132 Abs. 1 Buchst. b, c und g
UStG a.F. § 4 Nr. 14 Satz 1
Richtlinie 77/388/EWG Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b, c und g
UStG a.F. § 4 Nr. 16
BFH/NV 2015, 297-300
DStRE 2015, 218-223
GesR 2015, 311
HFR 2015, 156-159
KÖSDI 2015, 19159
NWB 2015, 11
NWB direkt 2015, 8
PFB 2015, 63
PflR 2015, 353-360
StBW 2015, 124
StBW 2015, 139
StX 2015, 25
UR 2015, 180-185
UStB 2015, 61-62
UVR 2015, 194
Das FG gab der Klage mit seinem in Entscheidungen der Finanzgerichte 2013, 980 veröffentlichten Urteil statt. Es entschied, die hier nur streitigen, vom Kläger gegenüber Krankenhäusern sowie "Alten- bzw. Pflegeheimen" erbrachten Leistungen seien nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG a.F. umsatzsteuerfrei, weil der Kläger mit den gegenüber Krankenhäusern sowie "Alten- bzw. Pflegeheimen" ausgeführten Leistungen Heilbehandlungen im Bereich der Humanmedizin durch arztähnliche Leistungen erbracht habe. Das FG folge dem Urteil des Bundesfinanzhofs (BFH) vom 18. August 2011 V R 27/10 (BFHE 235, 58, BFH/NV 2011, 2214 [BFH 18.08.2011 - V R 27/10]), wonach infektionshygienische Leistungen eines Arztes, die dieser für andere Ärzte und Krankenhäuser erbringe, damit diese ihre Heilbehandlungsleistungen ordnungsgemäß unter Beachtung der für sie nach dem Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (IfSG) bestehenden Verpflichtungen erbrächten, als Heilbehandlungsleistungen nach § 4 Nr. 14 UStG a.F. steuerfrei seien. Der Kläger sei zwar kein Arzt, jedoch sei die Tätigkeit eines Fachkrankenpflegers für Krankenhaushygiene eine ähnliche heilberufliche Tätigkeit i.S. des § 4 Nr. 14 UStG a.F. Das BFH-Urteil in BFHE 235, 58, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] BFH/NV 2011, 2214 [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] sei zudem nicht nur auf die vom Kläger gegenüber Krankenhäusern, sondern auch auf die gegenüber "Alten- bzw. Pflegeheimen" erbrachten Leistungen anzuwenden.
Er bringt vor, sowohl ärztliche Heilbehandlungen i.S. des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b der Sechsten Richtlinie 77/388/EWG des Rates vom 17. Mai 1977 zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Umsatzsteuern (Richtlinie 77/388/EWG) als auch Heilbehandlungen im Bereich der Humanmedizin i.S. des Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. c der Richtlinie 77/388/EWG seien Leistungen zur Diagnose, Behandlung und --soweit möglich-- Heilung von Krankheiten oder Gesundheitsstörungen. Er müsse keine "anerkannte Einrichtung" sein, sondern nur über einen beruflichen Befähigungsnachweis verfügen, was bei ihm der Fall sei (examinierter Krankenpfleger mit Zusatzausbildung zur Hygienefachkraft). Wo die Leistung erbracht werde, sei nach dem BFH-Urteil in BFHE 235, 58, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] BFH/NV 2011, 2214 [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] ebenso unerheblich wie das Vorliegen eines persönlichen Vertrauensverhältnisses.
a) § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG a.F. ist im Lichte dieser Bestimmungen richtlinienkonform auszulegen (ständige Rechtsprechung, vgl. z.B. BFH-Urteile vom 19. Dezember 2002 V R 28/00, BFHE 201, 330, BStBl II 2003, 532 [BFH 19.12.2002 - V R 28/00]; vom 1. April 2004 V R 54/98, BFHE 205, 505, BStBl II 2004, 681 [BFH 01.04.2004 - V R 54/98]; vom 7. Februar 2013 V R 22/12, BFHE 240, 428, BStBl II 2014, 126 [BFH 07.02.2013 - V R 22/12]). Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b und c der Richtlinie 77/388/EWG und Art. 132 Abs. 1 Buchst. b und c der MwStSystRL sind in gleicher Weise auszulegen; daher kann auch die Rechtsprechung des EuGH zu Art. 13 Teil A Abs. 1 Buchst. b und c der Richtlinie 77/388/EWG weiterhin zur Auslegung herangezogen werden (vgl. EuGH-Urteil vom 10. Juni 2010 C-86/09 --Future Health Technologies--, Slg. 2010, I-5215, Umsatzsteuer-Rundschau --UR-- 2010, 540, Rz 26 f.).
aa) Sowohl der Begriff "ärztliche Heilbehandlung" als auch der Begriff "Heilbehandlungen im Bereich der Humanmedizin" erfassen Leistungen, die zur Diagnose, Behandlung und, so weit wie möglich, Heilung von Krankheiten oder Gesundheitsstörungen dienen (EuGH-Urteile vom 8. Juni 2006 C-106/05 --L.u.P.--, Slg. 2006, I-5123, BFH/NV Beilage 2006, 442, Rz 27; vom 10. Juni 2010 C-262/08 --CopyGene--, Slg. 2010, I-5053, UR 2010, 526, [EuGH 10.06.2010 - Rs. C-262/08] Rz 28; BFH-Urteil vom 12. August 2004 V R 27/02, BFH/NV 2005, 583).
bb) Dagegen sind Leistungen, die zu einem anderen Zweck als dem der Diagnose, der Behandlung und, soweit möglich, der Heilung von Krankheiten oder Gesundheitsstörungen durchgeführt werden und keinem solchen therapeutischen Ziel dienen, keine Heilbehandlungen (vgl. EuGH-Urteil vom 14. September 2000 C-384/98 --D.--, Slg. 2000, I-6795, BFH/NV Beilage 2001, 31, Rz 18 f.; BFH-Urteile vom 15. Juli 2004 V R 27/03, BFHE 206, 471, BStBl II 2004, 862 [BFH 15.07.2004 - V R 27/03]; vom 30. Juni 2005 V R 1/02, BFHE 210, 188, BStBl II 2005, 675, [BFH 30.06.2005 - V R 1/02] unter II.a; BFH-Beschlüsse vom 6. September 2011 V B 64/11, BFH/NV 2011, 2133, Leitsatz, und vom 24. Oktober 2011 XI B 54/11, BFH/NV 2012, 279, Rz 9; EuGH-Urteil --PFC-- in DStR 2013, 757, MwStR 2013, 197, Rz 29 und 31).
Das gilt insbesondere für Leistungen, die lediglich den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern oder das allgemeine Wohlbefinden steigern sollen (vgl. BFH-Urteile vom 26. September 2007 V R 54/05, BFHE 219, 241, BStBl II 2008, 262 [BFH 26.09.2007 - V R 54/05]; vom 30. Januar 2008 XI R 53/06, BFHE 221, 399, BStBl II 2008, 647 [BFH 30.01.2008 - XI R 53/06]; BFH-Beschlüsse vom 28. September 2007 V B 7/06, BFH/NV 2008, 122; vom 4. Oktober 2012 XI B 46/12, BFH/NV 2013, 273).
cc) Zu den nach § 4 Nr. 14 Satz 1 UStG a.F. steuerfreien Heilbehandlungsleistungen gehören auch infektionshygienische Leistungen, die sicherstellen sollen, dass Ärzte und Krankenhäuser die für sie bestehenden Verpflichtungen nach dem IfSG im jeweiligen Einzelfall erfüllen. Der Zweck der Steuerbefreiung, die Kosten von Heilbehandlungen zu senken, rechtfertigt die Einbeziehung von Leistungen, die ein Arzt mit unmittelbarem Bezug zu einer Heilbehandlungstätigkeit erbringt, damit andere Ärzte und Krankenhäuser bei der Ausübung ihrer Heilbehandlungstätigkeit die hierfür bestehenden, medizinisch unerlässlichen und gesetzlich vorgeschriebenen infektionshygienischen Anforderungen erfüllen. Der Senat verweist insoweit zur Vermeidung von Wiederholungen auf das BFH-Urteil in BFHE 235, 58, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] BFH/NV 2011, 2214, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] dem er sich anschließt.
c) Eine Steuerbefreiung nach den genannten Bestimmungen setzt außerdem voraus, dass der Leistungserbringer über einen entsprechenden beruflichen Befähigungsnachweis verfügt (vgl. dazu allgemein EuGH-Urteil vom 27. April 2006 C-443/04, C-444/04 --Solleveld u.a.--, Slg. 2006, I-3617, BFH/NV Beilage 2006, 299; BFH-Urteile vom 12. August 2004 V R 18/02, BFHE 207, 381, BStBl II 2005, 227 [BFH 12.08.2004 - V R 18/02]; vom 11. November 2004 V R 34/02, BFHE 208, 65, BStBl II 2005, 316 [BFH 11.11.2004 - V R 34/02]).
Der Nachweis der erforderlichen Qualifikation kann sich für die nicht unter einen der in § 4 Nr. 14 UStG a.F. genannten Katalogberufe fallenden Unternehmer z.B. auch aus berufsrechtlichen Regelungen ergeben (vgl. BFH-Urteile vom 30. April 2009 V R 6/07, BFHE 225, 248, BStBl II 2009, 679 [BFH 30.04.2009 - V R 6/07]; vom 8. März 2012 V R 30/09, BFHE 237, 263, BStBl II 2012, 623 [BFH 08.03.2012 - V R 30/09]).
aa) Eine Steuerfreiheit der an die Krankenhäuser erbrachten infektionshygienischen Leistungen des Klägers setzt nicht zwingend das --vom FA geforderte-- Vertrauensverhältnis zu einem Patienten voraus (vgl. dazu allgemein BFH-Urteile vom 29. Juni 2011 XI R 52/07, BFHE 234, 461, BStBl II 2013, 971, [BFH 29.06.2011 - XI R 52/07] Rz 25 ff.; vom 8. August 2013 V R 8/12, BFHE 242, 548, BFH/NV 2014, 119, [BFH 08.08.2013 - V R 8/12] Rz 18).
Denn die Tätigkeit des Klägers dient insoweit der unmittelbaren Sicherstellung der erforderlichen infektionshygienischen Voraussetzungen für die stationären oder ambulanten medizinischen Behandlungen, zu deren Einhaltung Krankenhäuser und Ärzte im Rahmen der jeweiligen Behandlung im Einzelfall verpflichtet sind (vgl. BFH-Urteil in BFHE 235, 58, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] BFH/NV 2011, 2214, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] Rz 20, 22 f.).
Diesem Zweck dienende Leistungen --auch (nur) beratender Art-- sind steuerfrei (vgl. BFH-Urteil in BFHE 235, 58, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] BFH/NV 2011, 2214, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] Rz 25 ff.).
Dies reicht jedoch nicht aus. Nach der Rechtsprechung des BFH ist vielmehr für die Steuerfreiheit infektionshygienischer Leistungen ein unmittelbarer Bezug zu einer Heilbehandlungstätigkeit in Krankenhäusern oder anderen medizinischen Einrichtungen erforderlich (vgl. BFH-Urteil in BFHE 235, 238, BFH/NV 2011, 2214, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] Rz 19 ff., 30; BTDrucks 17/10000, S. 70); die Leistungsempfänger müssen mit den empfangenen Leistungen bei der Ausübung ihrer Heilbehandlungstätigkeit die hierfür bestehenden medizinisch unerlässlichen und gesetzlich vorgeschriebenen infektionshygienischen Anforderungen im Einzelfall erfüllen.
bb) Soweit das FG aus seinen allgemeinen Erwägungen abgeleitet hat, dass die gegenüber "Alten- bzw. Pflegeheimen" erbrachten Umsätze aus der Tätigkeit eines Hygieneberaters generell als steuerfreie Leistungen i.S. des § 4 Nr. 14 UStG a.F. anzusehen seien, vermag der erkennende Senat dem nicht zu folgen (vgl. ebenso Rothenberger, Der Umsatz-Steuer-Berater 2012, 11, 12; Wüst, UR 2011, 902, 908 [BFH 18.08.2011 - V R 27/10]).
Davon, dass "Alten- bzw. Pflegeheime" (ausschließlich) Heilbehandlungsleistungen ausführen, kann --entgegen der Auffassung des Klägers-- nicht ausgegangen werden, weil dort in der Regel --jedenfalls auch-- erbrachte Leistungen der Grundpflege und der hauswirtschaftlichen Versorgung keine Heilbehandlungen sind (vgl. EuGH-Urteil --Kügler-- in Slg. 2002, I-6833, BFH/NV Beilage 2003, 30, Rz 41; BFH-Urteile vom 22. April 2004 V R 1/98, BFHE 205, 514, BStBl II 2004, 849, [BFH 22.04.2004 - V R 1/98] unter II.2.a; in BFH/NV 2005, 1392, [BFH 18.01.2005 - V R 99/01] unter II.2.).
-"(1) Die in § 33 genannten Gemeinschaftseinrichtungen" (d.h. Einrichtungen, in denen überwiegend Säuglinge, Kinder oder Jugendliche betreut werden, insbesondere Kinderkrippen, Kindergärten, Kindertagesstätten, Kinderhorte, Schulen oder sonstige Ausbildungseinrichtungen, Heime, Ferienlager und ähnliche Einrichtungen) "sowie Krankenhäuser, Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen, Einrichtungen für ambulantes Operieren, Dialyseeinrichtungen, Tageskliniken, Entbindungseinrichtungen, Einrichtungen nach § 1 Abs. 1 bis 5 des Heimgesetzes, vergleichbare Behandlungs-, Betreuungs- oder Versorgungseinrichtungen sowie Obdachlosenunterkünfte, Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber, Spätaussiedler und Flüchtlinge sowie sonstige Massenunterkünfte und Justizvollzugsanstalten legen in Hygieneplänen innerbetriebliche Verfahrensweisen zur Infektionshygiene fest. Die genannten Einrichtungen unterliegen der infektionshygienischen Überwachung durch das Gesundheitsamt.
(2) Zahnarztpraxen sowie Arztpraxen und Praxen sonstiger Heilberufe, in denen invasive Eingriffe vorgenommen werden, sowie sonstige Einrichtungen und Gewerbe, bei denen durch Tätigkeiten am Menschen durch Blut Krankheitserreger übertragen werden können, können durch das Gesundheitsamt infektionshygienisch überwacht werden."
a) Das FG wird dabei zunächst gemäß den Ausführungen unter II.3. zu ermitteln haben, an welche Art von Alten- bzw. Pflegeheimen der Kläger seine Leistungen erbracht hat und ob diese Einrichtungen --im Sinne des BFH-Urteils in BFHE 235, 58, [BFH 18.08.2011 - V R 27/10] BFH/NV 2011, 2214 [BFH 18.08.2011 - V R 27/10]-- Heilbehandlungen ausgeführt haben.
Als "eng verbundener Umsatz" im Sinne dieser Bestimmungen ist (auch) eine Leistung anzusehen, die für die Pflege und Versorgung der von den dort genannten Einrichtungen aufgenommenen Personen unerlässlich ist (vgl. z.B. BFH-Urteile vom 30. Juli 2008 XI R 61/07, BFHE 222, 134, BStBl II 2009, 68 [BFH 30.07.2008 - XI R 61/07]; vom 19. März 2013 XI R 45/10, BFHE 241, 79, BFH/NV 2013, 1348 [BFH 19.03.2013 - XI R 45/10]).
Ferner müsste der Kläger eine anerkannte Einrichtung mit sozialem Charakter sein (vgl. dazu EuGH-Urteile vom 7. September 1999 C-216/97 --Gregg--, Slg. 1999, I-4947, UR 1999, 419 [EuGH 07.09.1999 - C 216/97]; vom 26. Mai 2005 C-498/03 --Kingscrest Associates und Montecello--, BFH/NV Beilage 2005, 310, UR 2005, 453; vom 15. November 2012 C-174/11 --Zimmermann--, UR 2013, 35, [EuGH 15.11.2012 - Rs. C-174/11] Höchstrichterliche Finanzrechtsprechung 2013, 84; BFH-Urteil in BFHE 242, 548, [BFH 08.08.2013 - V R 8/12] BFH/NV 2014, 119 [BFH 08.08.2013 - V R 8/12]; BFH-Beschluss vom 12. Dezember 2013 XI B 88/13, BFH/NV 2014, 550; s. zu diesem Erfordernis auch --zur Rechtslage ab 2009-- die vom Kläger angeführte BTDrucks 16/11108, S. 37).