Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ss06/ss06fb016.html
Timestamp: 2019-07-21 03:00:51
Document Index: 206410589

Matched Legal Cases: ['§ 9', '§ 123', '§ 80', '§ 42', '§ 61', '§ 61', '§ 19', '§ 80', '§ 80', '§ 80', '§ 48', 'Art. 16', '§ 9', '§ 9', '§ 9', 'Art. 16', 'Art. 16', '§ 48', '§ 48', '§ 48', '§ 48', 'Art. 16', 'Art. 16', 'Art. 16', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6']

JIPS / Repetitorium / SS 2006 / Fall 7
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Fallbesprechung 7: "Eine Wochenendehe"
Verwaltungsverfahrensrecht; Verfassungsrecht (UNI-016/SS06)
A ist togoischer Staatsangehöriger. Er hält sich seit Jahren in Deutschland auf und heiratet schließlich im Jahr 2001 die Deutsche B. Daraufhin wird er mit einer am 18.3.2002 ausgehändigten Urkunde auf seinen Antrag hin eingebürgert. Im März dieses Jahres bestand jedoch in Wirklichkeit zwischen A und B keine eheliche Lebensgemeinschaft mehr – sie hatte nie bestanden, weil die Eheschließung allein aus Gründen der Einbürgerung vorgenommen worden war – , was er der zuständigen Verwaltungsbehörde auf entsprechende Fragen bei Abgabe des Einbürgerungsantrags bewusst verschwiegen hatte. Die Bestätigung des Bestehens der ehelichen Lebensgemeinschaft war der Grund dafür A einzubürgern. In einem im Mai desselben Jahres eingeleiteten Scheidungsverfahren haben A und B vorgetragen, sie lebten seit vielen Jahren getrennt und wollten sich scheiden lassen.
Die Verwaltungsbehörde erfährt hiervon Anfang Juni 2002 und ist sich zunächst im Unklaren darüber, ob dies Konsequenzen für die Einbürgerung des A habe. Schließlich, nach weiteren Anhörungen des A, teilt sie dem A mit Bescheid vom 7.7.2003 mit, sie hebe seine Einbürgerung auf. Einer langjährigen Verwaltungspraxis entspreche – wie sie zutreffend ausführt –, dass nur solche Ausländer, die in "stabilen" Ehen lebten, eingebürgert würden. A habe ihr in seiner Anhörung vor der Einbürgerung die Unwahrheit gesagt. Zugleich ordnet die Verwaltungsbehörde die sofortige Vollziehung dieses Bescheides an mit der Begründung, auf diese Weise solle die "weitere Integration" des A in die Bundesrepublik Deutschland verhindert werden. Dagegen will A sich zur Wehr setzen. Er vertritt die Auffassung, die Verwaltungsbehörde könne nicht nach Jahr und Tag eine Einbürgerung rückgängig machen und sich dabei auf Tatsachen stützen, die ihr schon lange bekannt seien. Die Einbürgerung könne auch aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht rückgängig gemacht werden, weil ihm die deutsche Staatsangehörigkeit nicht mehr entzogen werden dürfe. Schließlich sei seine Ehe auch noch gar nicht geschieden.
Wird A vor dem Verwaltungsgericht Erfolg haben?
Sollten Bearbeiterinnen/Bearbeiter zu dem Ergebnis kommen, eine Aufhebung der Einbürgerung sei verfristet, sind in einem Hilfsgutachten die weiteren Fragen, die der Fall aufwirft, zu erörtern.
§ 9 Abs. 1 StAG lautet: "Ehegatten oder Lebenspartner Deutscher sollen ... eingebürgert werden, wenn (2.) gewährleistet ist, dass sie sich in die deutschen Lebensverhältnisse einordnen, es sei denn, dass der Einbürgerung erhebliche Belange der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere solche der äußeren und inneren Sicherheit ... entgegenstehen."
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (016/SS06), Stand 06/06:
Die Aufgabe hat das Problem der Rücknahme begünstigender rechtswidriger Verwaltungsakte einschließlich ihrer verfahrensrechtlichen Probleme zum Gegenstand. Verf. müssen sich darüber hinaus mit der Zulässigkeit von Entziehung und Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit befassen. Grundlage der Aufgabe sind die Entscheidungen des -> Lesen: (jetzt auch BVerfG vom 24.5.2006 – 2 BvR 669/04) BVerwG DVBI. 2004, 116 und des VGH Mannheim NVwZ 1990, 1198. Verf. müssen ferner die Entscheidung -> Lesen: BVerwGE 70, 356 kennen.
A wird vor dem VG Erfolg haben, wenn sein - gegen die Anordnung der sofortigen Vollziehung des Rücknahmebescheides - gerichteter Antrag zulässig und begründet ist.
Der Verwaltungsrechtsweg ist eröffnet, weil A sich gegen eine hoheitliche Maßnahme auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts, die Rücknahme seiner Einbürgerung, und die Anordnung von deren sofortiger Vollziehung wendet.
Von § 123 Abs. 5 VwGO ausgehend werden Verf. sehr rasch erkennen, dass sich A gegen den sofortigen Eintritt belastender Wirkungen eines ihn betreffenden VA wendet. Also ist ein Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO statthaft.
Antragsbefugnis analog § 42 Abs. 2 VwGO.
Da sich A gegen einen Eingriff in die durch die Einbürgerung erlangte Rechtsposition wendet, war er antragsbefugt.
A muss sich nach weit überwiegender Auffassung nicht zunächst an die Verwaltungsbehörde wenden, um eine Aufhebung der Anordnung der sofortigen Vollziehung zu erreichen. A kann einstweiligen Rechtsschutz auch schon vor Einlegung eines Widerspruchs - der an der sofortigen Vollziehung auch nichts mehr ändern würde - beantragen.
A ist beteiligtenfähig nach § 61 Nr. 1 VwGO, die zuständige Verwaltungsbehörde nach § 61 Nr. 3 VwGO i.V.m. § 19 AGVwGO.
Der Antrag des A ist begründet, wenn die Anordnung der sofortigen Vollziehung als solche - aus formellen Gründen - rechtswidrig war oder wenn das Aussetzungsinteresse das Vollziehungsinteresse überwiegt; das ist der Fall, wenn ein Rechtsbehelf des A in der Hauptsache voraussichtlich Erfolg hätte.
In formeller Hinsicht müssen Verf. zwei Fragen ansprechen: Ist vor der Anordnung der sofortigen Vollziehung eine gesonderte Anhörung des A erforderlich (ob sie erfolgt ist, kann nach dem Sachverhalt bezweifelt werden) und hat die Verwaltungsbehörde die Anordnung nach § 80 Abs. 3 VwGO entsprechend begründet.
1. Gesonderte Anhörung
Mit der überwiegenden Auffassung ist anzunehmen, dass eine gesonderte Anhörung nicht notwendig ist; ob Verf. dies darauf stützen, dass die Anordnung der sofortigen Vollziehung kein eigenständiger VA ist sondern Teil der Grundregelung - gegen sie ist auch kein Widerspruch statthaft sondern lediglich der Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO - oder darauf, dass eine gesonderte Anhörung zwar grundsätzlich notwendig ist, im Hinblick auf die besondere Eilbedürftigkeit jedoch typischerweise nicht erfolgen muss, ist nicht von größerer Bedeutung. Positiv wäre allerdings zu bewerten, wenn sie sich mit dem ersten Argument auseinandersetzten.
Zur Begründung nach § 80 Abs. 3 VwGO muss wiedergegeben werden, dass eine bloß floskelhafte Feststellung oder eine schlichte Bezugnahme auf die für die Rücknahme selbst sprechenden Gründe nicht genügt, dass es aber auch nicht notwendig ist, dass die Begründung zutrifft. Da die Verwaltungsbehörde hier einen Grund anführt (die weitere Integration soll verhindert werden) reicht das aus.
Fraglich ist, ob das Aussetzungsinteresse das Vollziehungsinteresse überwiegt, ob also ein Rechtsbehelf des A in der Hauptsache Aussicht auf Erfolg hätte. Das ist der Fall, wenn der Bescheid vor dem 7.7.2003 rechtswidrig ist.
1. Rechtmäßigkeit des Rücknahmebescheides
Rechtsgrundlage des Bescheids kann nur § 48 Abs. 1 VwVfG sein. Das würde voraussetzen, dass der zurückgenommene VA, die Einbürgerung des A, rechtswidrig ist.
(Verf. könnten auf den Gedanken kommen - im Hinblick auf eine in der staatsangehörigkeitsrechtlichen Lehre geführte Diskussion über die Rücknehmbarkeit von Einbürgerungen – dass die Einbürgerung nichtig sein müsste, um Art. 16 Abs. 1 GG standzuhalten. Dann werden sie allerdings rasch erkennen, dass Evidenz und Gravidität des Fehlers schwer zu begründen ist.)
b) Rechtswidrigkeit der Einbürgerung
(1) Verstoß gegen § 9 Abs. 1 StAG
Fraglich ist, ob die Einbürgerung rechtswidrig ist. Sie kann gegen § 9 Abs. 1 StAG verstoßen. Das ist nicht leicht zu erkennen. Verf. sollten allerdings sehen, dass es einer langjährigen Verwaltungspraxis entspricht, nur solche Ausländer, die in stabilen Ehen leben, einzubürgern. Das bedeutet, dass das Ermessen nach § 9 Abs. 1 StAG regelmäßig in dieser Weise auszuüben ist, dass die Einbürgerung von Ehegatten, die nicht in stabilen Ehen leben, also gerade nicht erfolgen soll. Das macht die Einbürgerung rechtswidrig.
(2) Rücknehmbarkeit der Einbürgerung
Fraglich ist, ob eine rechtswidrige Einbürgerung überhaupt nach Art. 16 Abs. 1 GG zurückgenommen werden kann. Dazu hat sich jetzt das BVerfG in seiner Entscheidung vom 24.5.2006 2 BvR 669/04 geäußert.
Entziehung und Verlust der Staatsangehörigkeit
Verf. müssen sich vor diesem Hintergrund damit auseinandersetzen, was als Entziehung der Staatsangehörigkeit und was als Verlust der Staatsangehörigkeit zu betrachten ist. Die Rücknahme einer – arglistig erschlichenen – Einbürgerung wird – nach der neueren Rechtsprechung des BVerfG nicht als Entziehung angesehen ("jede Verlustzufügung, die die Funktion der Staatsangehörigkeit als verlässliche Grundlage gleichberechtigter Zugehörigkeit beeinträchtigt, die also der Betroffene nicht oder nicht auf zumutbare Weise beeinflussen kann."), sondern als Verlust, weil kein schutzwürdiges Vertrauen des Betroffenen in den Bestand der Staatsangehörigkeit besteht.
(Das Problem der Staatenlosigkeit bei einem Verlust nach Art. 16 Abs. 1 Satz 2 GG ist in der Aufgabe nicht angesprochen).
c) § 48 SVwVfG als Rechtsgrundlage
Sehr gute Bearbeiter werden fragen, ob § 48 SVwVfG überhaupt eine Rechtsgrundlage der Rücknahme sein kann. Insoweit wird auf -> Lesen: BVerfG NVwZ 2006, 807 verwiesen.
d) Frist des § 48 Abs. 4 SVwVfG
Wenn Verf. auf diese Weise zur Rücknehmbarkeit der Einbürgerung kommen, müssen sie sich fragen, ob die Frist des § 48 Abs. 4 gewahrt ist. Verf. müssen sich dann mit der Frage auseinandersetzen, ob es sich bei dieser Jahresfrist ­ die verstrichen ist - um eine Bearbeitungs- oder um eine Entscheidungsfrist handelt. Gute Gründe sprechen dafür, sie mit dem BVerwG als Entscheidungsfrist zu betrachten (keine Veranlassung einer vorsorglichen Aufhebung eines Verwaltungsaktes durch die Verwaltungsbehörde).
Dann muss gesehen werden, dass die Rücknahme im Ermessen der Verwaltungsbehörde steht.
(1) Art. 16 Abs. 1 GG
Verf. müssen zunächst noch einmal auf Art. 16 Abs. 1 GG eingehen und erkennen, dass bei arglistigem Erschleichen einer Einbürgerung die Wertentscheidung des Art. 16 Abs. 1 GG der Rücknahme nicht entgegensteht.
(2) Art. 6 Abs. 1 GG
Dann sollten sie fragen, ob Art. 6 Abs. 1 GG gegen die Rücknahme spricht. Insoweit fällt allerdings - anders als in Fällen ausländerrechtlicher Maßnahmen - schwer, den Schutzbereich des Art. 6 überhaupt berührt zu sehen, weil die Rücknahme der Einbürgerung die Ehe des A im Grunde gar nicht betrifft. Sollten Verf. mittelbare Wirkungen auf die Ehe annehmen, müssten sie allerdings erkennen, dass es sich angesichts der konkret von A geführten Ehe um einen recht schwachen Schutz handelt, der im Rahmen der Abwägung nicht zugunsten des A ausschlagen dürfte.