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Timestamp: 2020-01-21 07:51:54
Document Index: 348922975

Matched Legal Cases: ['Art. 1', 'Art 2', '§ 811', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 20', 'Art. 28', '§ 811', '§ 811', '§ 2', '§ 69', '§ 811', '§ 811', '§ 765', '§ 811', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 811', '§ 811', '§ 811', '§ 811', '§ 52', 'BGH', '§ 765', '§ 765']

Pfän­dung eines Pkw bei Geh­be­hin­der­ten | Rechtslupe
Pfändung eines Pkw bei Gehbehinderten
Pfän­dung eines Pkw bei Geh­be­hin­der­ten
Ist ein Pkw für einen geh­be­hin­der­ten Schuld­ner erfor­der­lich, um die Geh­be­hin­de­rung teil­wei­se zu kom­pen­sie­ren und die Ein­glie­de­rung des Schuld­ners in das öffent­li­che Leben wesent­lich zu erleich­tern , kann das Fahr­zeug nicht gepfän­det wer­den 1.
Maß­ge­bend für die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die in Art. 1 GG und Art 2 GG garan­tier­te Men­schen­wür­de gewe­sen, die sich auch in den Pfän­dungs­ver­bo­ten des § 811 Abs. 1 ZPO wie­der­fin­det. Die Pfän­dungs­ver­bo­te die­nen dem Schutz des Schuld­ners aus sozia­len Grün­den im öffent­li­chen Inter­es­se und beschrän­ken die Durch­setz­bar­keit von Ansprü­chen mit Hil­fe staat­li­cher Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men. So sind sie Aus­fluss der in Art. 1 GG und Art. 2 GG garan­tier­ten Men­schen­wür­de bzw. all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit und ent­hal­ten eine Kon­kre­ti­sie­rung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Sozi­al­staats­prin­zips (Art. 20 Abs. 1, Art. 28 Abs. 1 GG). Dem Schuld­ner soll dadurch die wirt­schaft­li­che Exis­tenz erhal­ten wer­den, um – unab­hän­gig von Sozi­al­hil­fe – ein beschei­de­nes, der Wür­de des Men­schen ent­spre­chen­des Leben füh­ren zu kön­nen 2.
In die­sem Rah­men ist bei der Aus­le­gung des Pfän­dungs­ver­bots des § 811 Abs. 1 Nr. 12 ZPO das gewan­del­te Ver­ständ­nis über die sozia­le Stel­lung behin­der­ter Men­schen zu berück­sich­ti­gen. Aus den Geset­zen zu ihrer Gleich­stel­lung, nament­lich aus dem Neun­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch, ergibt sich, dass behin­der­te Men­schen in das gesell­schaft­li­che Leben inte­griert und die mit ihrer Behin­de­rung ver­bun­de­nen Nach­tei­le ver­rin­gert wer­den sol­len, soweit dies durch medi­zi­ni­sche und tech­ni­sche Maß­nah­men mög­lich ist. Der Zweck des § 811 Abs. 1 Nr. 12 ZPO liegt vor die­sem Hin­ter­grund dar­in, die aus einem Gebre­chen oder einer Behin­de­rung resul­tie­ren­den Nach­tei­le aus­zu­glei­chen oder zu ver­rin­gern und dem Schuld­ner so ein ange­mes­se­nes Leben in der Gesell­schaft zu ermög­li­chen. Die Pfän­dung eines Fahr­zeugs hat dem­nach zu unter­blei­ben, wenn sie dazu führt, dass der Schuld­ner in sei­ner Lebens­füh­rung stark ein­ge­schränkt und im Ver­gleich zu einem nicht behin­der­ten Men­schen ent­schei­dend benach­tei­ligt wird. Es kommt dabei nicht dar­auf an, dass das Fahr­zeug für den Schuld­ner unent­behr­lich ist. Viel­mehr ist ein Pfän­dungs­ver­bot anzu­neh­men, wenn die Benut­zung des Pkw dazu erfor­der­lich ist, um die Geh­be­hin­de­rung teil­wei­se zu kom­pen­sie­ren und die Ein­glie­de­rung in das öffent­li­che Leben wesent­lich zu erleich­tern 3.
Im hier ent­schie­de­nen Fall ist der Schuld­ner geh­be­hin­dert. Sein Grad der Behin­de­rung ist mit 70 fest­ge­stellt und ihm ist das Merk­zei­chen "G" (= erheb­li­che Beein­träch­ti­gung der Bewe­gungs­fä­hig­keit im Stra­ßen­ver­kehr) zuer­kannt. Der Schuld­ner ist nicht in der Lage, orts­üb­li­che Wege zu Fuß zu bewäl­ti­gen. Das geht nicht nur aus dem von ihm vor­ge­leg­ten Attest her­vor, son­dern folgt bereits aus der Zuer­ken­nung des Merk­zei­chens "G". Die Anfor­de­run­gen dafür erge­ben sich aus der Anla­ge zu § 2 der Ver­sor­gungs­me­di­zin-Ver­ord­nung vom 10. Dezem­ber 2008 4, deren Maß­stä­be gemäß § 69 Abs. 1 Satz 5 SGB IX für die Fest­stel­lung des Gra­des der Behin­de­rung ent­spre­chend gel­ten. Danach wird für die Zuer­ken­nung des Merk­zei­chens "G" vorausgesetzt,dass der Betrof­fe­ne infol­ge einer Ein­schrän­kung des Geh­ver­mö­gens nicht ohne erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten oder nicht ohne Gefah­ren für sich oder ande­re Weg­stre­cken im Orts­ver­kehr zurück­zu­le­gen ver­mag, die übli­cher­wei­se noch zu Fuß zurück­ge­legt wer­den. Als orts­üb­li­che Stre­cke gilt dabei eine Stre­cke von zwei Kilo­me­tern, die in etwa einer hal­ben Stun­de bewäl­tigt wird. Nach dem Vor­trag des Schuld­ners waren für sei­ne – durch Beschei­ni­gun­gen der Ärz­te beleg­te – Arzt­be­su­che Ent­fer­nun­gen von 2,3 km und mehr zurück­zu­le­gen. Das geht über das hin­aus, was von ihm ohne eine Mobi­li­täts­hil­fe in zumut­ba­rer Wei­se leist­bar ist.
Die Erfor­der­lich­keit des Nach­teils­aus­gleichs durch Belas­sung des Pkw kann nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, der Schuld­ner kön­ne statt sei­nes Pkw öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel benut­zen. Das Beschwer­de­ge­richt begrün­det sei­ne gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung mit der Erwä­gung, beim Schuld­ner lie­ge "nur" eine erheb­li­che Beein­träch­ti­gung der Bewe­gungs­frei­heit im Stra­ßen­ver­kehr (Merk­zei­chen "G") vor, so dass ihm die Benut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel mög­lich und zumut­bar sei 5. Die­se Über­le­gung greift nach Mei­nung des Bun­des­ge­richts­ho­fes zu kurz. Sie berück­sich­tigt nicht hin­rei­chend, dass der geh­be­hin­der­te Schuld­ner sich nur dann auf öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel ver­wei­sen las­sen muss, wenn ihm deren Benut­zung zuge­mu­tet wer­den kann und sei­ne behin­de­rungs­be­ding­ten Nach­tei­le hier­durch aus­rei­chend kom­pen­siert wer­den 6.
Dem­entspre­chend schei­tert die Bewil­li­gung von Pfän­dungs­schutz ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beschwer­de­ge­richts nicht bereits dar­an, dass der Schuld­ner nicht außer­ge­wöhn­lich geh­be­hin­dert ist (Merk­zei­chen "aG"). Maß­geb­lich sind die kon­kre­te Behin­de­rung und deren Aus­wir­kun­gen, auf deren Grund­la­ge der Aus­gleichs­be­darf durch Belas­sung eines pri­vat genutz­ten Pkw fest­zu­stel­len ist. Die­ser Aus­gleichs­be­darf kann auch für Per­so­nen mit sol­chen Behin­de­run­gen bestehen, für die ledig­lich das Merk­zei­chen "G" zuer­kannt ist. Die vom Beschwer­de­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen recht­fer­ti­gen es nicht, den Schuld­ner auf die Benut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel zu ver­wei­sen. Er hat durch Vor­la­ge eines ärzt­li­chen Attests dar­ge­tan, dass ihm wegen sei­ner Geh­be­hin­de­rung die Benut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel nicht zuge­mu­tet wer­den kann. Die­se Ein­schät­zung erscheint mit Rück­sicht auf die im Bescheid des Ver­sor­gungs­am­tes wie­der­ge­ge­be­nen kör­per­li­chen Ursa­chen für sei­ne Geh­be­hin­de­rung und den Umstand, dass der Schuld­ner in einer länd­li­chen Gegend mit natur­ge­mäß schwach aus­ge­präg­ter Infra-struk­tur wohnt, nicht aus­ge­schlos­sen.
Nach Mei­nung des Bun­des­ge­richts­ho­fes ist zu beach­ten, dass im Rah­men des § 811 Abs. 1 Nr. 12 ZPO eine aus­rei­chen­de Kom­pen­sa­ti­on behin­de­rungs­be­ding­ter Nach­tei­le durch den Ver­weis auf öffent­li­che Ver­kehrs­mit­tel dann nicht mehr gewähr­leis­tet ist, wenn dies für den Schuld­ner bei sei­nen häu­fi­gen, teils täg­li­chen Fahr­ten zu Ärz­ten und The­ra­peu­ten mit unge­wöhn­lich lan­gen Fahr- und War­te­zei­ten ver­bun­den wäre 7.
Wei­ter­hin kommt es für die Fra­ge der Unpfänd­bar­keit nach § 811 Abs. 1 Nr. 12 ZPO nicht dar­auf an, ob der Voll­stre­ckungs­ti­tel auf For­de­run­gen aus einer vor­sätz­lich began­ge­nen uner­laub­ten Hand­lung beruht 8. Denn das Pfän­dungs­ver­bot sichert das Exis­tenz­mi­ni­mum des Schuld­ners 9, in das nicht im Wege der Zwangs­voll­stre­ckung ein­ge­grif­fen wer­den kann 10.
Dem­ge­gen­über kann im Rah­men der umfas­sen­den Abwä­gung nach § 765a ZPO, wenn es auf die­se Vor­schrift wegen einer Ver­nei­nung des Pfän­dungs­schut­zes nach § 811 ZPO ankä­me, neben allen ande­ren zu berück­sich­ti­gen­den Umstän­den der delik­ti­sche Rechts­grund des Titels Bedeu­tung erlan­gen 11.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Juni 2011 – VII ZB 12/​09
im Anschluss an BGH, Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 321/​03, NJW-RR 2004, 789[↩]
BGH, Beschluss vom 28.01.2010 – VII ZB 16/​09, NJW-RR 2010, 642 Rn. 11; BGH, Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 321/​03, NJW-RR 2004, 789, 790 m.w.N.[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 321/​03, NJW-RR 2004, 789, 790 m.w.N.[↩]
Anla­ge­band zum Bun­des­ge­setz­blatt Teil I Nr. 57 vom 15. Dezem­ber 2008, S. 114; so schon zuvor BSG, BSGE 62, 273, 274 ff.[↩]
LG Kemp­ten, Ent­schei­dung vom 19.01.2009 – 43 T 2427/​08[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 19.03.2004 – IXa ZB 321/​03, NJW-RR 2004, 789, 790[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 28.01.2010 – VII ZB 16/​09, NJW-RR 2010, 642 Rn. 16 zu § 811 Abs. 1 Nr. 5 ZPO[↩]
vgl. Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 811 Rn. 5; Stein/​Jonas/​Münzberg, ZPO, 22. Aufl., § 811 Rn. 2 und 7[↩]
Stein/​Jonas/​Münzberg, ZPO, 22. Aufl., § 811 Rn. 2; Gau­l/­Schil­ken/­Be­cker-Eber­hard, Zwangs­voll­stre­ckungs­recht, 12. Aufl., § 52 Rn. 24[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 25.11.2010 – VII ZB 111/​09, Rpfle­ger 2011, 164 Rn. 13 ff.[↩]
vgl. Zöller/​Stöber, ZPO, 28. Aufl., § 765a Rn. 10; Stein/​Jonas/​Münz­berg, ZPO, 22. Aufl., § 765a Rn. 7 m.w.N.[↩]
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