Source: https://www.ipzf.de/jugendamt.html?tmpl=component&print=1&layout=default
Timestamp: 2020-01-23 14:23:31
Document Index: 322046991

Matched Legal Cases: ['§ 78', '§ 16', '§ 18', '§ 20', '§ 23', '§ 29', '§ 30', '§ 31', '§ 32', '§ 33', '§ 34', '§ 35', '§ 42', '§ 50', '§ 14', '§ 5', '§ 36']

Martin R. Textor und Dagmar Winterhalter-Salvatore
Eltern und andere Erziehungsberechtigte können sich in allen Angelegenheiten der Erziehung und Entwicklung von Kindern an das Jugendamt wenden, das oft auch als Amt für Familien und Kinder (oder ähnlich) bezeichnet wird. Sie finden dort Beratung und Unterstützung in Not- und Konfliktlagen. Das Jugendamt ist eine kommunale Einrichtung, die aus dem Jugendhilfeausschuss - einem politischen Entscheidungsgremium - und der Verwaltung besteht, welche die laufenden Geschäfte führt. Das Jugendamt versteht sich heute nicht mehr als eine Kontrollinstanz und Eingriffsbehörde, sondern als eine moderne Dienstleistungsbehörde, bei der die Beratung von jungen Menschen und ihren Eltern im Mittelpunkt steht. Es bleibt aber Ausfallbürge für die Erziehung eines Kindes, wenn z.B. die Eltern ihre Erziehungsverantwortung missbräuchlich ausüben, in Strafhaft genommen wurden oder verstorben sind. Auch muss es weiterhin bei bedeutenden Verstößen gegen das Kindeswohl eingreifen, also insbesondere bei Kindesmisshandlung, sexuellem Missbrauch und Verwahrlosung. Ferner kommt dem Jugendamt eine besondere Bedeutung hinsichtlich der Vernetzung von Jugendhilfeeinrichtungen (einschließlich der Kindertageseinrichtungen) zu (siehe z.B. §§ 78, 79, 81 SGB VIII).
Im Jugendamt arbeiten in erster Linie Sozialpädagog/innen und Verwaltungskräfte. Das Jugendamt bietet Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) an oder vermittelt diese. Zu diesen Angeboten gehören insbesondere
Förderung der Familienerziehung, z.B. durch Beratung in Erziehungsfragen, Eltern- und Familienbildung, Familienfreizeiten und -erholungsmaßnahmen (§ 16 SGB VIII),
Beratung bei der Ausübung der Personensorge (§ 18 SGB VIII),
Betreuung und Versorgung des Kindes in Notsituationen (§ 20 SGB VIII),
Tagespflege (§ 23 SGB VIII),
Soziale Gruppenarbeit (§ 29 SGB VIII),
Erziehungsbeistandschaft (§ 30 SGB VIII),
Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII),
Erziehung in der Tagesgruppe (§ 32 SGB VIII),
Vollzeitpflege (§ 33 SGB VIII),
Heimerziehung (§ 34 SGB VIII),
Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche (§ 35a SGB VIII),
Inobhutnahme von Kindern (§ 42 SGB VIII),
Mitwirkung in Verfahren vor den Vormundschafts- und Familiengerichten (§ 50 SGB VIII) sowie
erzieherischer Kinder- und Jugendschutz (§ 14 SGB VIII).
Sofern auf diese Leistungen ein Rechtsanspruch besteht, übernimmt das Jugendamt weitgehend die Kosten. Im Rahmen der wirtschaftlichen Jugendhilfe können bei sozial schwachen Familien auch die Kosten für die Kinderbetreuung erstattet werden. Getrennt lebende oder allein erziehende Elternteile, deren Expartner keinen Kindesunterhalt zahlen, erhalten unter bestimmten Voraussetzungen Leistungen nach dem Unterhaltsvorschussgesetz (UVG).
Es wird deutlich, dass im Einzelfall auf ein großes Spektrum an Leistungen der Jugendhilfe zurückgegriffen werden kann. Diese werden aufgrund des Subsidiaritätsprinzips zum Teil von Trägern der freien Jugendhilfe (z.B. Wohlfahrtsverbänden) ausgeführt, sodass sie vom Jugendamt nur vermittelt werden. Auch haben die Eltern als Leistungsberechtigte “das Recht, zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche hinsichtlich der Gestaltung der Hilfe zu äußern. Der Wahl und den Wünschen soll entsprochen werden, sofern dies nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist. Die Leistungsberechtigten sind auf dieses Recht hinzuweisen” (§ 5 SGB VIII). Das bedeutet, dass das Jugendamt die Eltern (und soweit wie möglich das Kind) in die Hilfeplanung einbeziehen muss. Wenn die Hilfe voraussichtlich für längere Zeit zu leisten ist, soll zusammen mit den Personensorgeberechtigten ein Hilfeplan erstellt und regelmäßig überprüft werden. Sind an dessen Ausführung Mitarbeiter/innen anderer Einrichtungen beteiligt, sollen sie hierbei eingebunden werden (§ 36 SGB VIII).
Das folgende Fallbeispiel verdeutlicht, wie sich bei Kindesmisshandlung die Zusammenarbeit zwischen Jugendamt, Familie und Kindertageseinrichtung gestaltet:
Anne weiß immer alles
Mit knapp vier Jahren kommt Anne in den Kindergarten. Sie ist ein ruhiges, schüchternes Kind. Für ihr Alter hat sie einen großen Wortschatz und scheint sehr gefördert worden zu sein. Sie schreibt bereits ihren Namen und kennt alle Buchstaben. Im Kontakt mit den anderen Kindern hat sie Probleme, die dadurch verstärkt werden, dass sie sich mit ihren schönen Kleidchen nie dreckig machen darf. Meist holt sie sich schwierige Puzzles und spielt alleine. Annas Mutter wirkt meist nervös und macht einen überforderten Eindruck; der Vater ist nach ihrer Auskunft beruflich sehr eingebunden. Die Erzieherinnen beobachten, dass Anne in letzter Zeit oft sehr blass und mit tiefen Augenringen in den Kindergarten kommt. Außerdem hat das eh zarte Kind stark abgenommen. Bei kleinster Kritik beginnt das Kind zu weinen oder schlägt mit dem Kopf an die Wand. Immer wieder versuchen die Erzieherinnen, mit der Mutter ins Gespräch zu kommen, doch sie entzieht sich jedes Mal. Dann fehlt das Mädchen häufig im Kindergarten. Per Zufall begegnet eine Erzieherin dem Kind beim Einkauf. Die rechte Gesichtshälfte des Kindes ist geschwollen und die Unterlippe blau durch einen Bluterguss.
Die Gruppenleiterin macht diese Situation sehr betroffen, sie fühlt sich hilflos und ratlos. Sie möchte dem Kind helfen, doch es scheint sicher, dass die Eltern in diesem Fall keine Kooperation zeigen. Verzweifelt ruft sie beim Jugendamt an, um sich zu informieren, welche Schritte sie einleiten kann und darf. Sie trägt ihr Anliegen in anonymisierter Form vor (Datenschutz!).
Ein Mitarbeiter des Jugendamtes rät der Erzieherin, die Anzeichen der Vernachlässigung und der eventuellen Gewaltanwendung zu dokumentieren und nochmals den Kontakt zum Elternhaus zu suchen. Körperliche Misshandlung trete vor allem in krisenhaften Zuspitzungen der familiären und sozialen Lebenssituation auf. Es gehe darum, auch der Mutter Hilfestellungen zu geben. Außerdem sollte die Leitung des Kindergartens und gegebenenfalls der Träger informiert werden.
Die Erzieherin wendet sich nun brieflich an die Eltern mit einer Einladung zum Theaternachmittag der Kindergruppe, an dem Anne eine tragende Rolle zugedacht ist. Zwei Tage später bringt die Mutter Anne in den Kindergarten. Die Mutter zittert stark und riecht nach Alkohol. Die Erzieherin nimmt ihren ganzen Mut zusammen, ergreift die Mutter bei der Hand und führt sie in das Personalzimmer. Hier spricht sie offen ihre Vermutung aus. Nach einem langen Gespräch erfährt die Erzieherin, dass die Mutter mit ihrer Lebenssituation nicht zurecht kommt und durch das Alleingelassenwerden in Konfliktsituationen oft zum Alkohol greift. Dann verliert sie zuweilen die Kontrolle über sich und schlägt Anne.
Bei weiteren telefonischen Kontakten zum Jugendamt (ohne Nennung von personenbezogenen Daten) erfährt die Erzieherin von mehreren Hilfsorganisationen, die Frauen mit Alkoholproblemen unterstützen. Dazu gehört das Frauentherapiezentrum für medikamenten- und alkoholabhängige Frauen. Diese Stelle richtet sich an Frauen mit Abhängigkeitsproblemen. Ihre Aufgaben sind u.a. Information und Beratung, Motivierung und Entzugsbegleitung, ambulante Therapie, Nachsorge und Angehörigengespräche. Annes Mutter kann hier in einer Gruppe mit anderen suchtkranken Frauen ihre Abhängigkeit bekämpfen, wobei sie z.B. durch Autogenes Training, kreative Angebote und Beratungsgespräche mit Fachleuten unterstützt wird.