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Timestamp: 2019-02-21 06:40:44
Document Index: 226169428

Matched Legal Cases: ['Art. 3', 'Art. 38', 'EGMR', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'EGMR', 'EGMR', 'Art. 3', 'Art. 4', 'Art. 3', '§ 3', 'Art. 31', 'Art. 31', 'EuG', 'EGMR', 'Art. 2', 'Art. 4']

Tierwohl als globales Gut: Regulierungsbedarf und -chancen (Animal Welfare as a Global Good: Need and Opportunity for Global Regulation) | Anne Peters | download
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MPIL RESEARCH PAPER SERIES | No. 2016-03
TIERWOHL ALS GLOBALES GUT:
REGULIERUNGSBEDARF UND -CHANCEN
Electronic copy available at: http://ssrn.com/abstract=2771256
Cover: Imbalanced World, 1996, Veronika Dell’Olio (photo: Miriam Aziz)
“Essential to our concept was the establishment of a connection to the work and objectives of
the institute. In view of the diversity of the research tasks concerned, we have attempted to highlight an overarching idea that can be understood as the institute’s mission. We see this as the
ideal of peaceful relations between peoples on the basis of an internationally validated notion of
justice…. The depicted sculpture…[symbolizes] an imbalanced world in which some peoples
are oppressed while others lay claim to dominance and power. The honeycomb form of the circular disks denotes the [international] state structure. Glass parts … [represent] the individual states .… [The division] of the figure … into two parts [can] be interpreted as the separation of the
earth into two unequal worlds. The scissors-shaped base, on the one hand, makes the gap between them clear, on the other hand, a converging movement of the disks is conceivable…. The
sculpture [aims] at what is imagined – the possibility of the rapprochement of the two worlds.”
[transl. by S. Less]
Kunst am Bau, MPIL, Heidelberg
TIERWOHL ALS GLOBALES
GUT: REGULIERUNGSBEDARF
UND -CHANCEN
Armin von Bogdandy, Anne Peters
Animal Welfare as a Global Good: Need and Opportunity for Global Regulation
This paper sketches out global animal law (GAL) as a legal field and as an agenda for research.
The core concept is animal welfare as opposed to animal rights. The need for global (in contrast to purely domestic) regulation and research can be shown in three steps: First, animal welfare has become a matter of global concern. Second, despite an emerging worldwide awareness
for animal welfare, normative standards for improving animal welfare are largely lacking on the
international level. The functioning of European animal welfare standards and the double-edged
effects of international law on animal welfare can be illustrated by the WTO seal products case.
Third, for various overlapping reasons, law making and standard-setting for improving animal
welfare need to be “global” in its structure and scope. The meaning of “global” law (and the concomitant internationalisation of domestic law) is explained. Finally, some directions for the discipline of global animal law are suggested.
animal welfare, animal rights, globalization, transnational law, World Organisation for Animal
Health (OIE), Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora,
World Trade Organization, seal, race to the bottom
MPIL Research Paper Series No. 2016-03
Anne Peters ∗
Im Januar 2016 entschied das US Distriktgericht für den Northern District of California, dass
nach gegenwärtigem US-amerikanischen Recht ein Makak kein Urheberrecht an einem von
ihm geschossenen Selfie habe (bezüglich in prozessualer Hinsicht schon eine
Klagebefugnis). 1 Das Gericht schloss jedoch die Möglichkeit eines solchen Rechts nicht aus –
es meinte lediglich, dass die Zusprechung eines derartigen Rechts dem Parlament und dem
Präsidenten obliege, und nicht durch richterliche Auslegung in den Copyright Act
hineingelesen werden könne. 2
Dieser Fall wirft die grundlegende Frage auf, ob Tiere juridische Rechte, vielleicht
Grundrechte analog zu Menschenrechten, haben können. Sind Tierrechte − im Sinne von
starken moralischen und rechtlichen Ansprüchen 3 − rechtskonstruktiv möglich? Wäre ihre
Anerkennung und Normierung ethisch geboten? Wenn ja, für welche Tiere? Nur für Primaten,
wie dieser Makak, der offenbar eine Vorstellung von sich selbst hat, wie seine Pose für das
Selfie zeigt? Welche Rechte? Sicher nicht das allgemeine Wahlrecht oder die
Religionsfreiheit. Wie aber sieht es aus mit dem Recht auf Leben, dem Schutz vor Folter, dem
Recht auf körperliche Freiheit und – wie im Fall des Makaken – dem Recht am eigenen Bild?
Diese Fragen sind gesellschaftlich, philosophisch und juristisch umstritten. Zwar ist die
Entwicklung hier im Fluss. Dennoch haben die kanadischen Politikwissenschaftler Sue
Donaldson und Will Kymlicka in ihrem bahnbrechenden Buch „Zoopolis“ von 2011 die Frage
der subjektiven Tierrechte als „politisch aussichtlos“ bezeichnet. 4
Das Forschungsprogramm des globalen Tierrechts ist deshalb – jedenfalls in einem ersten
Zugriff − bescheidener und weniger ideologisch aufgeladen. Kernbegriff dieses
Forschungsprogramms und des Forschungsfeldes ist nicht der des subjektiven Rechts,
sondern der des Tierwohls.
Meine Grundthese ist, dass ein globales Tierrecht als Rechtskorpus und als wissenschaftliche
Disziplin zeitgemäß ist und entwicklungsfähig und -bedürftig ist, und zwar aus einem
Dreischritt heraus: Erstens ist das Tierwohl (Abschnitt B) eine Angelegenheit des globalen
Interesses (Abschnitt C). Zweitens fehlen trotz des sich herausbildenden Problembewusstseins
weitgehend (aber nicht vollständig) normative Standards zur Verbesserung des Tierwohls auf
Erweiterte Schriftfassung meiner Antrittsvorlesung, die ich unter dem Titel „Globales Tierrecht und die
Internationalisierung der Rechtsordnung“ als Honorarprofessorin am Fachbereich Rechtswissenschaft der
Freien Universität Berlin vom 19. Januar 2016 gehalten habe. Ich danke den Teilnehmern meines
Forschungsseminars am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in
Heidelberg für konstruktive Kritik an einer Vorversion dieses Beitrags.
US District Court for the Northern District of California: Naruto, et al., plaintiffs, v. David John Slater, et al.,
defendants, Case no. 15-cv-04324-WHO, Order granting motions to dismiss, re: dkt. nos. 24, 28 (28.
Ibid., S. 6: “Naruto is not an ‘author’ within the meaning of the Copyright Act. Next Friends argue that this
result is ‘antithetical’ to the ‘tremendous [public] interest in animal art.’ (…) Perhaps. But that is an
argument that should be made to Congress and the President, not to me. The issue for me is whether Next
Friends have demonstrated that the Copyright Act confers standing upon Naruto. In light of the plain
language of the Copyright Act, past judicial interpretations of the Act’s authorship requirement, and
guidance from the Copyright Office, they have not.”
Hierzu T. Regan, The Case for Animal Rights, Berkeley, Calif.: University of California Press 2004 (original
1983); P. Cavalieri, The Animal Question: Why Nonhuman Animals Deserve Human Rights, Oxford:
Oxford University Press 2001; W. Edmundson, Do Animals Need Rights?, Journal of Political Philosophy
2014, S. 1−16; A. Peters, Liberté, Égalité, Animalité: Human–Animal Comparisons in Law,
Transnational Environmental Law 2016, doi:10.1017/S204710251500031X.
S. Donaldson/W. Kymlicka, Zoopolis, Oxford: Oxford University Press 2011, S. 5: „a political non-starter“.
der internationalen Ebene (Abschnitt D). Als Beispiel für Wirkungsweise europäischer
Standards und für die zweischneidigen Auswirkungen des geltenden Völkerrechts auf das
Tierwohl werde ich näher auf den WTO-Seehundproduktefall eingehen (Abschnitt E).
Drittens muss – und zwar aus mehreren, sich überlappenden Gründen − die Rechts- und
Standardsetzung zur Verbesserung des Tierwohls global in puncto Struktur und in ihrem
Regelungsbereich sein (Abschnitt F). Was ich unter globalem Recht mit der damit
einhergehenden Internationalisierung des nationalen Rechts verstehe, erläutere ich am Ende
und skizziere abschließend das begleitende Forschungsfeld, nämlich die globale
Tierrechtswissenschaft (Abschnitt G).
B. Das Konzept Tierwohl
Zunächst möchte ich den Grundbegriff des Tierwohls, animal welfare, auch in Abgrenzung zu
Tierrechten, erläutern. Im Unterscheid zum üblichen Rechtsbegriff des Tierschutzes, den wir
aus vielen nationalen Rechtsordnungen kennen, so etwa die amtlichen Titel des deutschen
oder schweizerischen Tierschutzgesetzes, nimmt das Tierwohl den Ausgangspunkt beim Tier
selbst. Tierschutz ist das, was Menschen mit Tieren machen, wohingegen Tierwohl das ist,
was Tiere brauchen. Man könnte somit sagen, dass der Begriff des Tierwohls eine
Mittelstellung einnimmt zwischen dem total anthropozentrischen und bereits positivrechtlich
fundierten traditionellen Begriff des Tierschutzes und der noch utopischen Forderung nach
Tierrechten. Er eignet sich deshalb als Grundbegriff für eine Reformstrategie.
Tierwohl hat sich als naturwissenschaftliches Konzept herausgebildet. Dieses bezieht sich auf
die Lebens- und Sterbeumstände von Tieren, wie sie von Menschen gezüchtet, gehalten,
gehandelt und getötet werden, basierend auf der Annahme, dass Menschen im Prinzip
moralisch berechtigt sind, all dies mit Tieren zu tun. Das Ziel der Herausarbeitung und
Anwendung eines angemessenen Begriffs des Tierwohls ist es, Tierleid zu verringern,
während ihre wirtschaftliche Nutzung durch Menschen aufrechterhalten wird. Seit den 1960er
Jahren hat der britische Agrartierrat (Farm Animal Welfare Council) die so genannten fünf
Freiheiten für Nutztiere entwickelt, nämlich die Freiheit von Hunger und Durst, von
Unbehagen, von Verletzungen, Schmerz und Krankheit, die Freiheit ein normales Verhalten
zu manifestieren und die Freiheit von Furcht und Stress. 5 Heute wird Tierwohl normalerweise
auf drei sich überlappende Dimensionen bezogen: auf die grundlegende Gesundheit und
körperliche Funktionsfähigkeit des Tieres, seine affektiven Zustände und sein artgerechtes
Leben. Diese drei Dimensionen werden gegenwärtig ansatzweise in internationalen
Standards 6 und auch in nationalen Tierschutzgesetzen 7 angesprochen. In den Fachgebieten der
Veterinärmedizin, Tierverhaltensforschung, Stressforschung, Ernährung und Genetik, die
zunächst das naturwissenschaftliche Konzept des Tierwohls prägten, wurde viel Aufwand
getrieben, um die richtigen Kriterien zu identifizieren und numerische Werte zu definieren,
mittels derer das Wohl von Nutz- oder Versuchstieren beurteilt und tatsächlich gemessen
werden könnte. 8
In neuerer Zeit ist die ethische Dimension des Begriffs des Tierwohls in den Vordergrund
getreten. Das Tierwohl und die damit zusammenhängende Wohlfahrtsethik werden oft als
“Brambell Report”, Report of the Technical Committee to Enquire into the Welfare of Animals kept under
Intensive Livestock Husbandry Systems (Chairman: Professor F W Rogers Brambell, FRS), London:
HMSO 1965, S. 13.
Siehe zu den OIE-Standards unten Fn. 31.
Siehe z.B. Art. 3 des Schweizerischen Tierschutzgesetzes vom 16. Dez. 2005, SR 455 (Stand 1. Mai 2014).
Kritisch hierzu D. Fraser, Understanding Animal Welfare: The Science in its Cultural Context, Hoboken, New
Jersey: Wiley-Blackwell 2008, insb. auf S. 239-40. Fraser betont, dass die verschiedenen Kriterien, die
hierfür eingesetzt werden, nicht immer übereinstimmen oder sogar wechselseitig unvereinbar sind.
„Tierwohl” ist kein rein „wissenschaftliches” Konzept, sondern mit Werten gesättigt (ibid., S. 252).
Gegenprogramm zur Idee der Tierrechte dargestellt. 9 Die Wohlfahrtsethik wurde von einem
ihrer Vertreter, dem Politikwissenschaftler Robert Garner, gekennzeichnet als die Auffassung,
dass Tiere nicht leiden sollen, aber kein Recht auf Leben hätten. 10 Dementsprechend stellt die
Idee des Tierwohls die Möglichkeit des Eigentums an Tieren nicht infrage. 11 Zentral für die
Wohlfahrtsethik ist nicht der Begriff des subjektiven Rechts, sondern das Prinzip der
Vermeidung von unnötigem Leiden. 12 Die praktische Konsequenz der Wohlfahrtsethik ist,
dass die Nutzung von Tieren kein Problem per se darstellt. Es kommt lediglich darauf an,
wofür und wie sie genutzt werden. 13
C. Tierwohl als globale Angelegenheit
Das (wissenschaftliche, rechtliche und ethische) Konzept des Tierwohls reagiert auf ein
gesellschaftliches Anliegen. Dieses Anliegen ist mittlerweile global anerkannt. Die Gründe
für die Herausbildung und Artikulation einer weltweiten öffentlichen Meinung zu Gunsten
der Verbesserung des Wohlergehens von Tieren sind vielfältig. In einigen Weltregionen steht
die Besorgnis um Lebensmittelsicherheit und Verbrauchergesundheit im Vordergrund, 14 in
anderen Regionen überwiegen ethische Bedenken oder einfach Mitleid; meist liegt ein
Motivbündel vor. Aus dieser gesellschaftlichen Haltung und den korrespondierenden
Geschäftsinteressen heraus hat die Idee der Vermeidung von Schäden oder zumindest der
Grausamkeit an Tieren in zahlreiche nationale Gesetze, vor allem europäischer Staaten,
Eingang gefunden. 15
Es ist eine offene Frage, ob diese Vorstellung bereits einen „universellen Wert“ oder eine
wahrhaft globale soziale Norm darstellt. 16 An dieser Stelle ist besondere Wachsamkeit und
Sensibilität gefragt, um nicht in europäische Projektionen und in einen „falschen
Universalismus“ zu verfallen. Selbst unter der Annahme, dass ein „universeller Wert“ des
Tierwohls existiert, müssen wir einräumen, dass die Konkretisierung dieses universellen
Wertes in Gesellschaften mit unterschiedlichen politischen, kulturellen und religiösen
Traditionen variiert. Es gibt, wie Robert Howse kürzlich festhielt, „keinen feinkörnigen
globalen Konsens über die moralisch angemessene Behandlung von Tieren“. 17
Dennoch argumentieren einige Rechtswissenschaftler sogar, dass die Fülle der nationalen
Kodifikationen über Tierwohl bereits ein allgemeines Rechtsprinzip im Sinne von Art. 38
R. Garner, Animals, Politics, and Morality, 2. Aufl., Manchester: Manchester University Press 2004; R.
Garner, Animal Welfare: A Political Defense, Journal of Animal Law and Ethics 2006, S. 161-74.
G.L. Francione/R. Garner, The Animal Rights Debate: Abolition or Regulation?, New York: Columbia
University Press 2010, S. 120.
Ibid., S. 129.
B. Kuemlangan, Officer-in-Charge, Development Law Service of FAO, Preface, in: J. Vapnek/M. Chapman,
Legislative and Regulatory Options for Animal Welfare, for the Development Law Service FAO Legal
Office. FAO Legislative Study 104, Rome: Food and Agriculture Organization of the United Nations
2010, S. 1.
Siehe die teilweise zustimmende, teilweise abweichende Meinung von Richter Pinto de Albuquerque in
EGMR, Herrmann v. Germany (Grosse Kammer), 26. Juni 2012, Nr. 9300/07, S. 36: „ein Markenzeichen
des internationalen und europäischen Rechts der heutigen Zeit [ist] der Schutz des Lebens und des Wohls
von Tieren“ (Übersetzung der Verfasserin).
WTO, European Communities – Measures Prohibiting the Importation and Marketing of Seal Products,
Report of the Panel vom 25. Nov. 2013, WT/DS400/R und WT/DS401/R, Rn. 7.420 lässt dies offen.
Siehe bejahend M. Bowman/P. Davies/C. Redgwell, Lyster’s International Wildlife Law, 2. Aufl.,
Cambridge: Cambridge University Press 2010, S. 678.
R. Howse/J. Langille/K. Sykes, Pluralism in Practice: Moral Legislation and the Law of the WTO after Seal
Products, Geo. Wash. Int’l L. Rev. 2015, S. 81(85-86).
IGH-Statut zur Entstehung gebracht hat. 18 Ein solches allgemeines Prinzip wäre eine formale
Völkerrechtsquelle.
Wir müssen die Frage der Existenz eines Rechtsprinzips Tierwohl nicht entscheiden, können
jedoch festhalten, dass jedenfalls die Relevanz des Themas und der Regulierungsbedarf
gegenwärtig nicht mehr bezweifelt wird. Die Frage ist natürlich, wie relevant und wie
dringend das Tierwohl ist, vor allem angesichts zahlreicher anderer globaler Probleme, von
Massenmigration über den globalen Terrorismus bis hin zu globalen Finanzkrisen. Jene
Probleme sind wichtig, nach Ansicht vieler Beobachter wichtiger als das globale Tierwohl.
Glücklicherweise und notgedrungen existiert in der Völkerrechtswissenschaft, wie in der
Rechtspolitik, eine Spezialisierung und Arbeitsteilung: Nicht alle Wissenschaftler und
Aktivisten können sich gleichermaßen qualifiziert mit Menschenrechtsverletzungen, den
Ziehungsrechten in der Weltbank und mit dem Klimaschutz befassen, um nur drei drängende
Problemkreise zu nennen. Niemand wird einem Klimarechtsexperten vorwerfen, dass er sich
nicht auch noch mit Kinderrechten und mit Zwangsehen befasst.
Ich behaupte nun, dass die gesellschaftliche, politische, und moralische Relevanz des Themas
Tierwohl die Schwelle erreicht und überschritten hat, dass es die Etablierung eines neuen
Forschungsgebiets rechtfertigt – ein Gebiet, zu dessen Ausarbeitung Völkerrechtler
legitimerweise beitragen dürfen.
Die global-gesellschaftliche Relevanz des Tierwohls zeigt sich daran, dass die gegenwärtig
180 Mitgliedstaaten der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) der Organisation förmlich
empfahlen, dass diese “die Entwicklung und Umsetzung von regionalen Tierwohl-Strategien
unterstützen solle und auch die Entwicklung einer globalen Tierwohlfahrtsstrategie in
Betracht ziehen sollte“. 19 Diese Empfehlungen wurden von der Ernährungs- und
Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als “deutliches Anzeichen für
einen wachsenden Konsens über die Bedeutung von Tierwohl-Standards“ angesehen. 20 Das
Streitbeilegungsgremium der WTO befand, dass „verschiedene Aktivitäten in Bezug auf das
Tierwohl auf der internationalen und der nationalen Ebene es nahe legen (…), dass Tierwohl
eine global anerkannte Angelegenheit ist“. 21
Diese Angelegenheit erfordert eine rechtliche Regelung. Der entscheidende Aspekt ist nun,
dass in Zeiten der Globalisierung eine Regulierung allein auf der nationalen Ebene
unzureichend wäre. Nationale Rechtssetzung muss durch internationale Vorschriften ergänzt
werden, um wirksam zu werden (die Gründe hierfür erläutere ich im Einzelnen im Abschnitt
E). Solche internationalen Vorschriften fehlen jedoch gegenwärtig, wie im Folgenden gezeigt
Siehe für die These eines (sich herausbildenden) Rechtsprinzips K. Sykes, ”Nations Like Unto Yourselves”:
An Inquiry into the Status of a General Principle of International Law concerning International Welfare,
Canadian Yearbook of International Law 2011, S. 3-49. In diesem Sinne auch Bowman u.a., Wildlife
Law (Fn. 16), S. 680.
World Organisation for Animal Health, Third OIE Global Conference on Animal Welfare Implementing the
OIE Standards – addressing regional expectations, Kuala Lumpur (Malaysia), 6–8 Nov. 2012,
Recommendations, Recommendation No. 9, S. 4 (Übersetzung der Verfasserin), abrufbar unter
http://www.oie.int/fileadmin/Home/eng/Conferences_Events/docs/pdf/recommendations/kuala_aquatic/A
_Recommendations_Animal_Welfare_conference.pdf (zugegriffen am 2. Feb. 2016).
Vapnek/Chapman, FAO (Fn. 14), S. 83 (Übersetzung der Verfasserin).
WTO, Seal Products, Panel Reports (Fn. 16), Rn. 7.420 (Übersetzung der Verfasserin). Das Panel untersuchte
diese Frage, um zu bejahen, dass „das Ziel der Begegnung moralischer Bedenken der Öffentlichkeit über
das Wohl von Seehunden in den Bereich der legitimen Ziele im Sinne von Art. 2 Abs. 2 des TBTAbkommens fällt.“ (Übersetzung der Verfasserin).
D. Das geltende Völkerrecht: Vernachlässigung des Tierwohls
Im geltenden Völkerrecht werden der Schutz gefährdeter Arten, 22 der Schutz von
Lebensräumen 23 sowie die Biodiversität 24 angesprochen, kaum jedoch das Tierwohl, von
Tierrechten ganz zu schweigen. Ebenenübergreifend bestehen im nationalen, europäischen
und internationalen Recht drei verschiedene Regelungskomplexe: ein Komplex zu Wildtieren,
ein weiterer zu Nutztieren und ein dritter Mehrebenen-Rechtskomplex zu Versuchstieren.
Auf der Ebene des traditionellen harten Völkerrechts finden sich Rechtsvorschriften über
Tierwohl vereinzelt, und sie sind oft nur auf bestimmte Tierarten anwendbar. Das
internationale Recht des Wildbestandes behandelt praktisch nur den Artenschutz („good-ofits-kind“) im Gegensatz zum Gedeihen individueller Organismen („good-of-its-own“). 25
Einzelne Vorschriften zum Tierwohl existieren in internationalen Regimen, die auf die
Regelung der Nutzung und den Handel von Tieren sowie den Artenschutz und Biodiversität
abzielen. Beispiele aus Lyster’s Wildlife Law sind Vorschriften im Abkommen über den
internationalen Handel mit gefährdeten Arten wildlebender Fauna und Flora (CITES) für die
Ausstellung von Exportgenehmigungen und zum Transport lebender Exemplare. Diese
verpflichten die Vertragsparteien „dass die Gefahr der Verletzung, Gesundheitsschädigung
oder Tierquälerei soweit wie möglich ausgeschaltet wird“. 26 Ein weiteres Beispiel ist eine
Vorschrift des Umweltschutzprotokolls zum Antarktis-Vertrag, die vorsieht, dass bei der
Entnahme von Tieren von der antarktischen Landmasse „Schmerzen und Leiden soweit
irgend möglich vermieden werden“ 27 solle.
Die meisten Tierwohlvorschriften sind nicht im Vertragsrecht zu finden, sondern (nur) im
Sekundärrecht, das von internationalen Organisationen, Institutionen oder Konferenzen der
Vertragsparteien erlassen wird. Beispielsweise empfiehlt der ständige Ausschuss des
Übereinkommens über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und
ihrer natürlichen Lebensräume, dass Methoden zur Ausrottung einer fremden Spezies so
“selektiv, ethisch und möglichst ohne Grausamkeit, im Einklang mit dem Ziel der dauerhaften
Beseitigung der invasiven Spezies“ 28 erfolgen solle.
Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen vom
3. März 1973 (CITES), 993 UNTS 243 (in Kraft seit 1. Juli 1975); Übereinkommen vom 23. Juni 1979
zur Erhaltung der wandernden wildlebenden Tierarten vom 29. Juni 1984, 1651 UNTS 333 (in Kraft seit
1. Nov. 1983). Siehe zu Walen: IGH, Whaling in the Antarctic (Australia v. Japan: New Zealand
Intervening), ICJ Reports 2014, S. 226. Siehe zu Elefanten: M. Glennon, Has International Law Failed the
Elephant? AJIL 1990, S. 1-43; R. Adams, Elephant Treaties: The Colonial Legacy of the Biodiversity
Crisis, Lebanon, NH: University Press of New England 2014; A. Nollkaemper, Framing Elephant
Extinction, ESIL Reflections 2014, S. 3; A. Peters, Novel practice of the Security Council: Wildlife
poaching and trafficking as a threat to the peace, EJIL Talk! Blog of the European Journal of
International Law, 12. Feb. 2014, abrufbar unter http://www.ejiltalk.org/author/anne-peters/ (zugegriffen
am 2. Feb. 2016).
Siehe z.B. Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume
sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen, ABl. 1992, L 206/7, abrufbar unter: http://eurlex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CONSLEG:1992L0043:20070101:DE:PDF (zugegriffen
am 4. Feb. 2016)).
Übereinkommen vom 5. Juni 1992 über die biologische Vielfalt (UNTS 1760, S. 79); dt. Umsetzungsgesetz v.
30. August 1993, BGBl. II, 1993, S. 1741.
Bowman u.a., Wildlife Law (Fn. 16), S. 672.
Art. III Abs. 2 lit. c) und Art. VIII Abs. 3 CITES (Fn. 22).
Art. 3(6) der Anlage II des Umweltschutzprotokolls zum Antarktis-Vertrag, Erhaltung der antarktischen Tierund Pflanzenwelt vom 4. Okt. 1991, in Kraft seit 14 Jan. 1998 (BGBl. 1994 II S. 2477 ff.).
Ständiger Ausschuss (Standing Committee) des Übereinkommens über die Erhaltung der europäischen
wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume („Berner Übereinkommen“ vom 19.
Sept. 1979, SEV Nr. 104), Empfehlung (Recommendation) Nr. 77 (1999) „on the eradication of nonnative terrestrial vertebrates” vom 3. Dez. 1999, Präambel (Übersetzung der Verfasserin).
Die internationale Walfangkommission (IWC) hat das Wohl von Walen als Problem
aufgegriffen, 29 aber dies wurde von einigen Vertragsparteien als Überschreitung des Mandats
der Kommission kritisiert. Infolgedessen sind die Versuche zur Definition von Leitlinien über
Walwohl aktuell sistiert. 30
Der wichtigste Standardsetzer ist bisher die Organisation Internationale des Epizooties/World
Organisation for Animal Health (OIE). Diese Organisation hat seit 2005 insgesamt elf Sets
von Tierwohlstandards verabschiedet. Acht von diesen wurden in den Gesundheitskodex für
Landtiere inkorporiert (neuste Version von 2015), 31 drei weitere Standards bilden den
Gesundheitskodex für Wassertiere.
Das Sekundärrecht hat den Nachteil, dass es typischerweise nicht rechtsverbindlich ist, 32
sondern lediglich Richtlinien oder Empfehlungen bildet, die sich an die Mitgliedstaaten der
Organisation richten. Insbesondere die OIE-Normen sind nicht völlig zufriedenstellend.
Beispielsweise nennen die OIE-Standards über den Transport lebender Tiere keine Zahlen,
keine Verbote, keine obligatorische Überprüfung und keine Begrenzungen der
Geschäftsvorgänge. Die Standards lesen sich eher wie eine Checkliste, die jeder
berücksichtigen sollte, der Tiertransporte unternehmen will. Eine solche Liste mag politischen
und wirtschaftlichen Akteuren nützen, aber sie ist keine wirkliche Norm, die tierschädliche
Praktiken begrenzt oder verbietet. 33
Wenn wir von der universellen zur regionalen Ebene schwenken, sehen wir, dass
insbesondere europäische Staaten, vor allem seit den 1980er Jahren, sowohl auf der
nationalen Ebene als auch im Rahmen der Europäischen Union (EU) und des Europarats
Rechtsnormen über die Behandlung von Tieren verabschiedet haben (zur Haltung von
Nutztieren, 34 Tiertransporten, 35 Schlachtungen 36 und zu Haustieren 37). Darüber hinaus
IWC, Resolution 2004-3 „Resolution on Whale Killing Issues“, in der die Kommission „im Licht ihres
Mandats und seit langem bestehenden Engagements, Wohlfahrtsangelegenheiten zu behandeln, ihre
Besorgnis ausdrückt (…).” (Übersetzung der Verfasserin).
In dem Papier einer Arbeitsgruppe „Updated Discussion paper: Addressing welfare within the IWC −
Intersessional Working Group on Welfare Summary Recommendations” (Doc. IWC/65/WKM&AWI05
rev2” vom 17. Sept. 2014), wurde der „Vorschlag für eine Definition und Leitprinzipien der Wohlfahrt“
entfernt. Es wird stattdessen empfohlen, „dass weitere Diskussionen zwischen interessierten
Vertragsparteien zwischen den Sessionen stattfinden sollen darüber, ob es Möglichkeiten gibt, ein
gemeinsames Verständnis der nicht jagdbezogenen Wohlfahrtsaspekte in Bezug auf menschliche
Aktivitäten zu entwickeln“ (S. 1, Übersetzung der Verfasserin). Die Arbeitsgruppe bat die IWC, „sich
bereit zu erklären, zwischen den Sessionen zu arbeiten, um zustimmungsfähige Definitionen und
Leitprinzipien zum Tierwohl zu entwickeln, um zur Förderung der Koordination und eines
Verständnisses in der IWC und darüber hinaus beizutragen“. (ibid., S. 2, lit. c), (Übersetzung der
Verfasserin).
Terrestrial Animal Health Code 2015, Art. 7.1.1., „Definition“: „Animal welfare means how an animal is
coping with the conditions in which it lives. An animal is in a good state of welfare if (as indicated by
scientific evidence) it is healthy, comfortable, well nourished, safe, able to express innate behaviour, and
if it is not suffering from unpleasant states such as pain, fear, and distress. Good animal welfare requires
disease prevention and appropriate veterinary treatment, shelter, management and nutrition, humane
handling and humane slaughter or killing. Animal welfare refers to the state of the animal; the treatment
that an animal receives is covered by other terms such as animal care, animal husbandry, and humane
treatment“. Abrufbar unter http://www.oie.int/international-standard-setting/terrestrial-code/accessonline/ (zugegriffen am 2. Feb. 2016). Siehe auch Art. 7.1.2: „Guiding principles for animal welfare“,
Art. 7.1.3.: „Scientific basis for recommendations“ und Art. 7.1.4: „General principles for the welfare of
animals in livestock production systems“.
Die verbindlichen Verordnungen der IWC (regulations − im Gegensatz zu Empfehlungen
(recommendations)), welche die Schedule ändern, bilden eine Ausnahme (Art. V International Whaling
Convention vom 2. Dez. 1946, abrufbar unter: https://iwc.int/convention (zugegriffen am 4. Feb. 2016)).
D. Favre, An International Treaty for Animal Welfare, Animal Law Review 2012, S. 237 (252).
Europarat: Europäisches Übereinkommen zum Schutz von Tieren in landwirtschaftlichen Tierhaltungen vom
10. März 1976, ETS Nr. 87 (in Kraft seit 10. Sept. 1978) (nur ein Rahmenabkommen);
Änderungsprotokoll zu dem Europäischen Übereinkommen zum Schutz von Tieren in
entwickelt der Europäische Menschenrechtsgerichtshof (EGMR) Rechtsprechung an der
Schnittstelle zwischen Menschenrechten und Tierrechten. 38 Jedoch ist dieser Rechtskorpus
nicht universell, sondern nur regional.
Im Ergebnis ist festzuhalten, dass der Flickenteppich aus internationalem und regionalem
Recht zum Tierwohl kein kohärentes und dichtes Rechtsgebiet bildet. Die Vorschriften sind
fragmentiert, oft kompromisshaft, inkonsistent oder nicht durchsetzbar. Vor allem sind diese
Normen den meisten Juristen, Rechtsanwendern und Rechtswissenschaftlern gar nicht
Die wenigen rechtswissenschaftlichen Arbeiten stimmen in dieser Diagnose überein. Cale
Otters Untersuchung der prominentesten internationalen Tierregelungsinstrumente enthüllt,
„dass ein transnationales Tierschutzregime gegenwärtig nicht existiert“. 39 Steven White
bedauert das „Fehlen eines zusammenhängenden Rechtsregimes“, und dass „gegenwärtig eine
Lücke im völkerrechtlichen Schutz des Tierwohls besteht“. 40 Michael Bowman und CoAutoren stellen fest, dass „sich das Wohl individueller Tiere (ob wild oder domestiziert) als
bedeutendes und grundsätzliche Anliegen der internationalen Gemeinschaft herausbildet, das
jedoch noch keine besonders hohe Aufmerksamkeit genießt oder zusammenhängende
Reaktionen hervorgerufen hat“. Die Autoren fahren fort, dass “das Problem bisher kurzfristig
und stückchenweise adressiert wurde, vor allem auf der regionalen Ebene und ohne klare
theoretische Grundlagen“. 41
E. Spannungen und Synergien zwischen Welthandelsrecht und Tierwohl
Deshalb möchte ich einen aktuellen Fall vorstellen, der Spannungen und Synergien zwischen
Welthandelsrecht und Tierwohl illustriert. Er wurde von den Streitbeilegungsgremien der
Handelsliberalisierung, einschließlich des Handels mit Tieren. Offensichtlich erzeugt die von
der WTO angestrebte Steigerung des grenzüberschreitenden Handels mit Tierprodukten mehr
Tierleid, schlicht durch die Erhöhung der Produktion und die Vermehrung von
Lebendtransporten.
Außerdem begrenzen diese Organisation und die von ihr verwalteten Verträge das Recht der
Mitgliedstaaten (bzw. der EU), Fragen der Tierwohlfahrt zu regeln. Divergierende nationale
landwirtschaftlichen Tierhaltungen vom 6. Feb. 1992, ETS Nr. 145 (mit Anpassungen für die
Biotechnologie). In der EU: Richtlinie 98/58/EG des Rates über den Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere
vom 20. Juli 1998 (ABl. L 221 vom 8. Aug. 1998); Richtlinie 1999/74/EG des Rates zur Festlegung von
Mindestanforderungen zum Schutz von Legehennen vom 19. Juli 1999 (ABl. 1999 L 203, 53); Richtlinie
2008/120/EG des Rates über Mindestanforderungen für den Schutz von Schweinen vom 18. Dez. 2008
(ABl. 2008 L 47, 5); Richtlinie 2007/43/EG des Rates mit Mindestvorschriften zum Schutz von
Masthühnern vom 28. Juni 2007 (ABl. 2007 L 182, 19).
Europäisches Übereinkommen über den Schutz von Tieren beim internationalen Transport vom 13. Dez. 1968,
ETS Nr. 65 (in Kraft seit 20. Feb. 1971). Zusatzprotokoll zum Europäischen Übereinkommen über den
Schutz von Tieren beim internationalen Transport vom 10. Mai 1979, ETS Nr. 103 (in Kraft seit 7. Nov.
1989), das seit seinem Inkrafttreten einen integralen Bestandteil des Abkommens bildet: Europäisches
Übereinkommen über den Schutz von Tieren beim internationalen Transport (revidiert) vom 6. Nov.
2003, ETS Nr. 193 (in Kraft seit 14. März 2006), (zur Unterzeichnung aufgelegt auch für die EU und
Nichtmitgliedstaaten des Europarates).
Europäisches Übereinkommen über den Schutz von Schlachttieren vom 10. Mai 1979, ETS Nr. 102 (in Kraft
seit 11. Juni 1982).
Europäisches Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren vom 13. Nov. 1987, ETS Nr. 125 (in Kraft seit
1. Mai 1992).
Siehe z.B. EGMR, Tierbefreier e.V. v. Deutschland, 16. Jan. 2014, Nr. 45192/09.
C. Otter/S. O’Sullivan/S. Ross, Laying the Foundations for an International Animal Protection Regime, Journal
of Animal Ethics 2012, S. 68 (Übersetzung der Verfasserin).
S. White, Into the Void: International Law and the Protection of Animal Welfare Global Policy 2013, S. 391
(391 f.; Übersetzung der Verfasserin).
Ibid., S. 698 (Übersetzung der Verfasserin).
Standards über Erzeugungs- und Produktionsmethoden („ppms“) stehen in einem
Spannungsverhältnis zu den Vorgaben der WTO, weil diese entweder direkte oder indirekte
Marktzugangshindernisse darstellen. (Indirekte Hemmnisse resultieren daraus, dass
Produzenten genötigt werden, bestimmte Produktionslinien für einen spezifischen nationalen
Markt einzurichten). Allerdings ist das Freihandelsregime nur an einheitlichen Standards
interessiert, nicht aber am Inhalt dieser Standards. Es steht einseitigen Tierschutzvorschriften
nicht feindlich gegenüber, sondern stellt sich vielmehr jeglicher unilateraler Regulierung
entgegen, die möglicherweise ein Handelshemmnis bilden oder eine offene oder versteckte
Diskriminierung ausländischer Produkte darstellen. Das WTO-Recht steht deshalb auch prima
facie in Spannung zu Handelshemmnissen, welche aus einem nationalen Standard resultieren,
der eine besonders grausame Art der Tierproduktion vorschreibt. Beispielsweise verbietet
Israel den Import von nicht-koscherem Fleisch. 42 Wenn wir annehmen (was
veterinärmedizinisch umstritten ist), 43 dass die Schlachtung ohne Betäubung jedenfalls bei
manchen Arten (insbesondere Rindern) mehr Tierleid verursacht als die westeuropäische
säkulare Industrieschlachtung durch Bolzenschuss, wäre dies ein Beispiel dafür, dass das
WTO-Recht nicht nur unilateralen tierschützerischen, sondern auch unilateralen
tierquälerischen Standards tendenziell entgegen steht.
Aber das GATT sagt auch ausdrücklich, dass “keine Bestimmung des vorliegenden
Abkommens so ausgelegt werden [darf], dass sie eine Vertragspartei daran hindert, [gewisse]
Maßnahmen zu beschließen oder durchzuführen“ und zwar unter anderem „Maßnahmen zum
Schutz der öffentlichen Sittlichkeit“ (Art. XX GATT). 44 Somit erlaubt der Vertrag seinen
Parteien die Beibehaltung spezifischer nationaler Standards; die Vertragsinstitutionen können
an diesem Punkt keine Absenkung durchsetzen. Sobald akzeptiert wird, dass ein Importverbot
für Tierprodukte, die auf grausame Weise gewonnen wurden, im Prinzip von der Ausnahme
der „öffentlichen Sittlichkeit“ („public morals“) gedeckt ist, kann die WTO von ihren
Mitgliedern im wesentlichen nur verlangen, dass dieser Standard sowohl auf nationale als
auch auf importierte Produkte gleichmäßig (ohne Diskriminierung) angewendet wird.
Der Seehunderzeugnis-Fall der WTO illustriert diesen Mechanismus. 45 Aus der GATTPerspektive warf das Importverbot der EU für Seehundprodukte, das durch verschiedene
Ausnahmen durchbrochen war (insbesondere zu Gunsten der Jagd indigener
Gemeinschaften), das Problem der faktischen Diskriminierung kanadischer und norwegischer
Seehunderzeugnisse auf. Obwohl das Importverbot sowie die Ausnahmen, insbesondere die
Indigenen-Ausnahme, formal auf alle Seehundprodukte (auf europäische und ausländische)
anwendbar war, begünstigte dieses Regime rein statistisch die grönländischen
Seehunderzeugnisse, zum Nachteil der kanadischen und norwegischen Produkte, weil weitaus
weniger kanadische und norwegische Seehunderzeugnisse die Voraussetzungen für die
Gewähr der Ausnahme erfüllten. Die Wettbewerbschancen der seehundexportierenden
Beschwerdeführer wurden deshalb geschmälert. Dies genügte, um sowohl die
Rechtsgrundlage ist ein Gesetz über den Import von Fleisch und Fleischerzeugnissen von 1994. Das erst 1992
kodifizierte Grundrecht der Berufsfreiheit erlaubt aufgrund einer Grundgesetzänderung von 1994 eine
diesbezügliche Einschränkung, und diese Regelung wurde vom israelischen Obersten Gericht für
verfassungskonfom erklärt. Siehe D. Barak-Erez, Outlawed Pigs: Law, Religion, and Culture in Israel,
Madison: University of Wisconsin Press 2007, S. 81 f. m.w.N; ich danke auch Limor Yehuda für
Hierzu A. Velarde, P. Rodriguez, C. Fuentes, P. Llonch, K. von Holleben, M. von Wenzlawowicz, H. Anil, M.
Miele, B. Cenci Goga, B. Lambooij, A. Zivotofsky, N. Gregory, F. Bergeaud-Blackler, A. Dalmau,
Improving Animal Welfare during Religios Slaughter (Dialrel Reports, hrsg. von Mara Miele and Joek
Roex), School of City and Regional Planning, Cardiff University 2010.
BGBl. 1951 II Anlagenband 1, S. 4 (37).
WTO, Seal Products, Panel Reports (Fn. 16); WTO, European Communities – Measures Prohibiting the
Importation and Marketing of Seal Products, Reports of the Appellate Body vom 22. Mai 2014,
WT/DS400/AB/R und WT/DS401/AB/R.
Meistbegünstigungsklausel (Art. I Abs. 1 GATT) 46 als auch das Gebot der
Inländerbehandlung in Bezug auf interne Rechtsvorschriften (Art. III Abs. 4 GATT) 47 zu
Das Importverbot konnte auch nicht unter Berufung auf Art. XX GATT gerechtfertigt
werden. Das EU-Regime soll den moralischen Bedenken des europäischen Publikums in
Bezug auf das Wohl der Seehunde Rechnung tragen, sowohl was die unmenschlichen
Tötungsmethoden angeht, als auch bezüglich der individuellen und kollektiven Beteiligung
von EU-Bürgern als Verbraucher und ihrer darin liegenden „Beihilfe“ zur Aufrechterhaltung
der Nachfrage nach Seehunderzeugnissen, die aufgrund grausamer Jagdmethoden gewonnen
werden. Die Präambel der einschlägigen EU-Verordnung verweist darauf, dass „bei auf
Tierschutzfragen empfindlich reagierenden Bürgern und Regierungen Entrüstung
hervorgerufen“ wurde. 48
Die Berichte des WTO-Panels und des Appellate Body erkannten an, dass die Ausräumung
moralischer Bedenken ein legitimes Regelungsziel ist, welches prima facie von Art. XX lit. a)
GATT gedeckt ist. 49 Die WTO-Berichte wurden deshalb zu Recht als „wichtiger Meilenstein
für die Anerkennung einer Ausnahme der öffentlichen Moral aus Gründen des Tierwohls“ 50
Jedoch verlangt der sogenannte chapeau von Artikel XX GATT, dass Maßnahmen (selbst
wenn sie vorläufig von einer der aufgezählten Ausnahmen gedeckt sind) „nicht so
angewendet werden, dass sie zu einer willkürlichen und ungerechtfertigten Diskriminierung
zwischen Ländern, in denen gleiche Verhältnisse bestehen, oder zu einer verschleierten
Beschränkung des internationalen Handels führen“.
Im Seehundproduktefall stellte der Appellate Body eine willkürliche oder ungerechtfertigte
Diskriminierung vonseiten der EU aus zwei Gründen fest. Erstens hatte die EU nicht erklärt,
wie sich die Ausnahme der Jagd indigener Gemeinschaften (welche die Inuit in Grönland
bevorzugte) zum Politikziel der Berücksichtigung der öffentlichen Sittlichkeit (Moral) in der
EU verhielt, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die indigene Jagd „genau dieselben
Schmerzen und Leiden für Seehunde erzeugen kann, um welche die europäische
Öffentlichkeit besorgt ist“. 51
Zweitens waren die spezifischen Voraussetzungen der Ausnahme für indigene Gruppen nicht
so formuliert und angewendet worden, dass sie Fairness und Gerechtigkeit garantierten, also
ungerechte oder willkürliche Diskriminierung ausschlossen. Die Umsetzungsverordnung der
EU war zu ehrgeizig und ließ einen zu großen Ermessensspielraum. Seehundprodukte, die in
Wirklichkeit aus kommerzieller Jagd stammten, konnten unter dem Deckmantel der
Indigenen-Ausnahme auf den EU Markt gelangen. 52
Insbesondere WTO, Seal Products, Panel Reports (Fn. 16), Rn. 7.600; AB Reports (Fn. 45), Rn. 5.188.
WTO, Seal Products, Panel Reports (Fn. 16), Abschn. 7.4.3.2 „Analysis by the Panel” (Rn. 7.604 - 7.609).
Verordnung (EG) Nr. 1007/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über den Handel mit
Robbenerzeugnissen vom 16. Sept. 2009, ABl. Nr. L 286, 36: Präambel Abs. 1, Satz 1: „Robben sind
fühlende Wesen, die Schmerzen, Qualen, Angst und andere Formen von Leiden empfinden können“;
Abs. 4: „Die Jagd auf Robben hat bei auf Tierschutzfragen empfindlich reagierenden Bürgern und
Regierungen Entrüstung hervorgerufen, da die am häufigsten praktizierten Methoden zum Töten und
Häuten von Robben für diese Tiere mit Schmerzen, Qualen, Angst und anderen Formen von Leiden
verbunden sind“.
Art. XX lit. a) GATT: „Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Sittlichkeit“. So WTO, Products, Panel
Reports (Fn. 16), insb. Rn. 7.375; 7.389; 7.396; 7.409-10; 7.420. Zusammenfassung der Erkenntnisse des
Panels finden sich in den WTO, Seal Products, Appellate Body Reports (Fn. 45), Rn. 5.139 und 5.153.
G. Shaffer/D. Pabian, European Communities – Measures Prohibiting the Importation and Marketing of Seal
Products, The American Journal of International Law 2015, S. 154 (160).
WTO, Seal Products, Appellate Body Reports (Fn. 45), Rn. 5.320, welche die Panelberichte (Fn. 16), Rn.
7.275 zitieren (Übersetzung der Verfasserin).
Insb. WTO, Seal Products, Appellate Body Reports (Fn. 45), Rn. 5.326 und 5.328.
Insgesamt war das Problem der EU, dass die Importregelung nicht nur der Besorgnis der
Öffentlichkeit über grausame Jagdmethoden Rechnung trug, sondern auch die grönländische
Seehundindustrie unterstützte, ohne dies offen zu sagen. Sie war somit versteckt
protektionistisch zu Gunsten eines „indigenen“ lokalen Industriezweiges. Indem die WTO
diese versteckte Diskriminierung offen legte, zwang sie die EU, die seehundfeindlichen
Ausnahmeregelungen, die nicht von der Ausnahme der öffentlichen Sittlichkeit gedeckt
waren, abzuschaffen.
Die Änderungsverordnung, welche die EU im Oktober 2015 zur Befolgung der WTOBerichte erließ, 53 streicht die Ausnahme für die Jagd zum Management mariner Ressourcen
(nach der u.a. Seehundnebenprodukte zugelassen wurden, die aus Jagd stammten, die der
Bevölkerungskontrolle der Seehunde und der Bekämpfung ihrer Fischräuberei diente), und sie
verengt auch die Indigenen-Ausnahme. Vor allem stellt sie als zusätzliche Voraussetzung die
Beachtung des Tierwohls als Bedingung für die Berufung auf die neue Indigenen-Ausnahme
auf. Die Verordnung ermächtigt ferner die EU-Kommission, die Vermarktung von
Seehundprodukten zu verbieten oder zu begrenzen, falls die Jagd primär zu kommerziellen
Zwecken durchgeführt wird. 54 Die Durchführungsverordnung 2015/1850 55 führt insbesondere
ein Zertifizierungssystem ein und regelt Formen und Verfahren für die Ausstellung von
Nachweisen (Zertifikaten) für Seehundprodukte, die aus indigener Jagd stammen und die
unter den Voraussetzungen der neuen Ausnahme auf den EU-Markt gelangen.
Für das globale Tierrecht ist interessant, dass der welthandelsrechtliche Konflikt nicht als
Marktzugangsfall, sondern als Diskriminierungsfall konstruiert und entschieden wurde. Die
von der WTO monierte (indirekte) Diskriminierung kann durch Angleichung „nach unten“
oder durch Angleichung „nach oben“ beseitigt werden. Die EU hat nun „compliance“ durch
„levelling up“ hergestellt. Sie hat nicht die Tierschutzerfordernisse abgebaut, sondern hat
umgekehrt den grönländischen Inuit die Beachtung neuer Tierschutzerfordernisse auferlegt –
um die Wettbewerbsgleichheit herzustellen.
Allerdings sind diese neuen Tierwohlerwägungen nicht absolut, sondern müssen nur
„gebührend beachtet“ werden. Die Bewahrung traditioneller Jagdmethoden (die ihrerseits
grausam sein können) und die Bedürfnisse des Lebensunterhalts der Inuit müssen mit in die
Waagschale geworfen werden – und können so das Interesse am Tierwohl überspielen. 56
Dennoch ist abschließend festzuhalten, dass der Seehundprodukte-Fall illustriert, wie die
internationalen Regeln zum Freihandel zu einer Erhöhung („trading up“) von TierwohlStandards führen können. 57
Verordnung (EU) 2015/1775 des europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Verordnung (EG)
Nr. 1007/2009 über den Handel mit Robbenerzeugnissen und zur Aufhebung der Verordnung (EU) Nr.
737/2010 der Kommission vom 6. Okt. 2015, ABl. Nr. L 262, 1.
Art. 3(5) i.V.m. Art. 4a) der Verordnung 2015/1775 (Fn. 53).
Durchführungsverordnung (EU) 2015/1850 der Kommission mit Durchführungsvorschriften zur Verordnung
(EG) Nr. 1007/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates über den Handel mit
Robbenerzeugnissen vom 13. Okt. 2015, ABl. 2015 L 271, 1.
Die Verordnung 2015/1775 führt in Art. 3(1) drei begrenzende Bedingungen ein, unter denen „indigene”
Seehunderzeugnisse auf den EU-Markt gebracht werden dürfen: Die indigene Jagd muss
„traditionsgemäß von der Gemeinschaft betrieben” worden sein (lit. a); sie darf „nicht in erster Linie aus
wirtschaftlichen Gründen betrieben” werden (lit. b), und die Jagd muss in einer Weise betrieben werden,
„die den Tierschutz gebührend beachtet, wobei gleichzeitig die Lebensweise der Gemeinschaft und der
mit der Jagd verfolgte Zweck des Lebensunterhalts in Betracht gezogen werden” (lit. c), (Hervorhebung
der Verfasserin).
D. Vogel, Trading Up: Consumer and Environmental Regulation in a Global Economy, Cambridge, Mass.:
Harvard University Press 1995; K. Sykes, Globalization and the Animal Turn: How International Trade
Law Contributes to Global Norms of Animal Protection, Transnational Environmental Law 2016, S. *-*.
F. Die globale Natur des Problems erfordert globale Regulierung
Wir haben gesehen, dass verschiedene Sektoren der Gesellschaft weltweit, einschließlich des
Industrie- und Handelssektors, das Tierwohl als regulierungsbedürftige Angelegenheit
ansehen. Wir haben zweitens gesehen, dass auf der Ebene des Völkerrechts eine
Regulierungsdürre herrscht, wobei die eben analysierte EU-Robbenerzeugnis-Verordnung
eine Ausnahme bildet.
Dies führt mich zum dritten, entscheidenden, Argumentationsschritt: Ich behaupte, dass
jegliche praktische oder wissenschaftliche Befassung mit dem Thema nicht vernünftigerweise
auf die Sphäre des Nationalstaats, des nationalen Rechts, der nationalen Politik oder der
nationalen Wirtschaft begrenzt bleiben kann.
Der Imperativ einer globalen (im Gegensatz zur rein nationalen) Regelung resultiert aus einer
Reihe ideeller und materieller Faktoren, unabhängig von der Gültigkeit des von mir
postulierten, aber bestrittenen, globalen Prinzips, dass Tiere anständig oder „human“
behandelt werden sollten. Diese Notwendigkeit folgt daraus, dass praktisch alle Aspekte der
Mensch − Tier-Interaktionen (von der Nahrungsmittelerzeugung und -verteilung über
Arbeitstiere, Versuchstiere bis hin zur Züchtung und Haltung von Haustieren) heutzutage eine
grenzüberschreitende Dimension besitzen. Dadurch ist das Tierwohl – das unweigerlich durch
diese Interaktionen berührt wird – zu einer globalen Angelegenheit geworden. Diese erfordert
eine globale Antwort. 58
Das Problem des Tierwohls ist aus sechs, sich teilweise überlappenden, Gründen globalisiert.
Der erste Grund ist die gesteigerte Verbraucheraufmerksamkeit. Das Kaufverhalten in Bezug
auf Produkte, die Tiere oder tierliche Arbeit involvieren, wird zunehmend von
Tierschutzaspekten beeinflusst. Die Öffentlichkeit in industrialisierten reichen Ländern
erwartet, dass Rechtssetzer (aus welchen Gründen auch immer, oft aus anthropozentrischen
Gründen wie menschliche Gesundheit und Fitness 59) das Thema Tierwohl ernstnehmen. Der
daraus erwachsende politische Druck betrifft nicht nur die nationale Gesetzgebung, sondern
berührt auch die Regelung des Imports von Tierprodukten. Das europäische
Seehundprodukte-Importverbot, das von der EU mit der Empörung des europäischen
Publikums über die Robbenjagd begründet wurde, ist nur ein Beispiel von vielen. 60
Dementsprechend müssen Branchen, die ihre Tierprodukte in Staaten exportieren wollen, in
denen die Verbraucher auf das Tierwohl achten, der Frage ihrerseits mehr Beachtung
schenken, wenn sie keine Marktanteile verlieren wollen. Dies trifft auch auf die
Regulierungsbehörden dieser Staaten zu, wenn sie ihre Exportindustrie unterstützen wollen.
In diesem Sinne bemerkt ein neuerer Bericht der FAO, “dass Tierwohl kein neuer Gegenstand
der Regulierung in den meisten entwickelten Staaten ist, wegen einer anspruchsvollen und
problembewussten Käuferschicht. Der steigende Welthandel erzeugt ein höheres Interesse an
Tierwohlfahrt auch in anderen Teilen der Welt, insbesondere in Staaten, die ihr
Handelsvolumen mit Europa erhöhen wollen“. 61
Die Folgefrage ist, wie viel in diesem Bereich der sogenannten indirekten Regulierung durch
die unsichtbare Hand des Marktes überlassen werden kann, und wann und wo eine
„command-and-control“-Regulierung erforderlich ist. Grundsätzlich kann man sagen, dass
das marktmäßige Aufeinandertreffen von Angebot und Nachfrage nur dann angemessene
Produkt- und Produktionsstandards hervorbringt, wenn die Verbraucher umfassend informiert
Vgl. T.G. Kelch, Globalization and Animal Law: Comparative Law, International Law, and International
Trade, Alphen aan den Rijn: Wolters Kluwer 2011; M. Park/P. Singer, The Globalization of Animal
Welfare: More Food Does not Require More Suffering, Foreign Affairs 2012, S. 122-33.
Vgl. Vapnek/Chapman, FAO (Fn. 14), S. 83: „Regardless of the ethical concerns, many countries may choose
to enact and enforce animal welfare legislation in the interest of increasing production and trade in
animal-based foods for both international and domestic markets”.
Siehe oben Abschnitt E.
Kuemlangan, Preface (Fn. 14), S. 1 (Übersetzung der Verfasserin).
werden um ihre Kaufentscheidungen zu treffen. Dies ist im Bereich der Tierindustrie
typischerweise nicht der Fall. Das heißt aber zugleich, dass die erste Regulierungsstufe auf
Transparenz, Verbraucherinformation, Zertifizierungen und Etikettierungen abzielen sollte.
Zweitens, und in engem Zusammenhang mit der eben beschriebenen Situation stehend, ist
globale Regelung notwendig, um einer Rechtsflucht vorzubeugen. Die tierverarbeitende
Industrie (Lebensmittel und Pharma) ist eine globale Industrie. Der Handel mit Tieren und
Tierprodukten ist global. Selbst wenn ein Staat die Tierschutzstandards erhöhen möchte,
beispielsweise für Käfigtransporte, für Schlachtungen oder für Tierversuche – vielleicht
aufgrund des eben genannten öffentlichem Drucks – kann er dies nicht wirksam einseitig tun
(oder glaubt, dies nicht wirksam einseitig tun zu können). Der Grund ist, dass die betroffenen
Sektoren oder Industriezweige strengen Regelungen durch Abwanderung ausweichen
können. 62
Die Regulierungsbehörden antizipieren die Gefahr der Abwanderung und scheuen deshalb
Verschärfungen. Ein aktuelles Beispiel ist das Scheitern einer vom deutschen Bundesrat
vorgeschlagenen Ergänzung des Tierschutzgesetzes, um das Schreddern männlicher
neugeborener Küken aus Legehennenlinien bei lebendige Leibe zu unterbinden. Der
Bundesrat schlug zu diesem Zweck die Einfügung eines Passus vor, nach dem die Tötung von
Wirbeltieren zur Vermeidung wirtschaftlicher Nachteile verboten werden sollte. 63 Der
Agrarminister (und die gesamte Bundesregierung) lehnten diesen Entwurf mit folgender
Begründung ab: „Ein Verbot ohne Alternative würde die Geflügelhaltung jedoch lediglich ins
Ausland verlagern. Dort haben wir keinen Einfluss auf Fragen des Tierwohls, der Haltung
und des Tötens männlicher Eintagsküken. Wir würden uns damit abhängig vom Import
machen und hätten keinerlei Einfluss auf die Produktion, das kann nicht unser Ziel sein.“ 64
Die Reform des Tierschutzgesetzes fand aus diesem Grund nicht statt. Bereits die Angst vor
der Abwanderung wirkt somit als Reformbremse (der berüchtigte „chilling effect“).
Wenn sich ein Staat (dennoch) unilateral zur Standarderhöhung oder zu Verboten entschliesst,
reagieren die mobilen Industrien unter Umständen tatsächlich mit Abwanderung. Ein
konkretes Beispiel für eine solche Regelungsflucht ist der Transfer der Pferdeschlachtung aus
den USA nach Mexiko, wo die Standards niedriger sind. Nach der Schließung der letzten
Schlachthäuser in den USA im Jahr 2007 stieg der Export von Schlachtpferden nach Kanada
und Mexiko dramatisch (um 660 % nach Mexiko). Eine solche Abwanderung in billige und
Niedrigstandard-Staaten macht dann nationale Schutzstandards obsolet. So hatte das USamerikanische Schlachtungsverbot unbeabsichtigte schädliche Nebenwirkungen für das
Wohlergehen der Pferde, insbesondere während des Transports. 65
Ein anderer einschlägiger Bereich ist die biomedizinische Forschung. Eine internationale
Gruppe von Forschern, Forschungsförderungsinstitutionen und Vertretern der
pharmazeutischen und biomedizinischen Industrie verabschiedete im Jahr 2010 die „Basler
A. Peters, Wettbewerb von Rechtsordnungen, in: Veröffentlichungen der Vereinigung der Deutschen
Staatsrechtslehrer (VVDStRL), Gemeinwohl durch Wettbewerb?, Berlin 2010, S. 7-56.
Gesetzentwurf des Bundesrates zur Änderung des Tierschutzgesetzes (BT-Drs. 18/6663 vom 11. Nov. 2015),
Ergänzung von § 3 des TierSchG.
Presseerklärung von Bundesminister Christian Schmidt: Tötung männlicher Eintagsküken und Anbauverbot
grüner Gentechnik vom 25.09.15 (http://www.bmel.de/SharedDocs/Interviews/O-Toene/15-09-25-BMStatement-Bundesrat.html). In diesem Sinne auch die Bundesregierung: „Durch ein Verbot ohne
praxisreife Alternativen zum Töten männlicher Küken für den flächendeckenden Einsatz wäre zudem
eine Verlagerung der Hennenhaltung und damit der in Rede stehende Tierschutzproblematik ins Ausland
nicht ausgeschlossen. Die Bundesregierung möchte aufbauend auf den sich abzeichnenden
Forschungsergebnissen eine praktikable Lösung finden, um das Töten männlicher Küken nicht nur in
Deutschland zu beenden“ (BT-Drs. 18/6663 vom 11 Nov. 2015, S. 10 f). Als weiterer Grund wurde die
angeblich kurz vor der Industriereife stehende Möglichkeit der In-ovo-Geschlechtsbestimmung der
Hühner angeführt, mit deren Einsatz die Tötung geschlüpfter Küken entbehrlich wird.
Government Accountability Office, Report to Congressional Committee, Horse Welfare Action Needed to
Address Unintended Consequences from Cessation of Domestic Slaughter, GAO-11-228, June 2011.
Erklärung“. 66 Die begleitende Stellungnahme der Organisatoren unterstrich die Bedeutung des
Erhalts der Schweiz als Sitz biomedizinischer Forschung, die bei zu strikter Regulierung der
Forschung geschmälert würde. Die Organisatoren sprachen hiermit zumindest implizit die
Drohung der Abwanderung der Industrie aus, was zu empfindlichen Steuereinbußen für die
Schweiz führen würde. Die Erklärung zielte somit darauf ab, die Rechtssetzer und die
Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass auf eine strikte Regulierung der biomedizinischen
Forschung unter Verwendung von Tieren verzichtet werden solle. Wenn die
Regulierungsbehörden hierauf eingehen und wenn einzelne Staaten volkswirtschaftlich
wichtige Branchen im Land halten oder wieder gewinnen wollen, in dem sie zu Hause ein
attraktives rechtliches Umfeld bieten, besteht die Gefahr einer Abwärtsspirale von
Tierschutzstandards zulasten des Tierwohls. 67
Drittens jedoch haben Nationalstaaten mit hohen Produktionsstandards, die sich des globalen
Wettbewerbs zwischen den Staaten bewusst sind, verschiedene Politikoptionen. 68 Die
einfachste scheint die Senkung der nationalen Standards zu sein (die eben erwähnte
Abwärtsspirale, „race to the bottom“). Eine Alternative ist, auf einheitliche internationale
Standards zu drängen um andere Staaten daran zu hindern, ihre niedrigen Standards als
unfairen Wettbewerbsvorteil auszunutzen. Anders gewendet können die Hoch-StandardStaaten gleiche Startbedingungen („gleich lange Spieße“) für ihre eigenen Firmen erwirken,
indem sie die Firmen aus anderen Staaten ebenfalls denselben (hohen Standards)
unterwerfen. 69 Genau dieser Mechanismus wurde in Bezug auf Tierwohl-Standards versucht.
So schlug die EU, die strengere Tierwohlstandards besitzt als die meisten ihrer globalen
Handelspartner, vor, dass die WTO selbst Tierwohl-Standards aufstellen solle – bis jetzt ohne
Erfolg. 70 Die Motivation der EU ist es, zu verhindern, dass „Tierwohlstandards unterminiert
werden und dass die EU Außenhandelseinbußen erleidet, weil die die Gefahr besteht, dass
Agrarprodukte, die in der EU nach hohen Standards erzeugt werden, durch billige
Importprodukte, die nach niedrigeren Standards produziert wurden, vom Markt verdrängt
werden“. 71 Bis jetzt wurde jedoch der Vorschlag eines WTO-weiten Tierwohlstandards von
den anderen WTO Mitgliedern nicht aufgegriffen.
Viertens ist das Problem des Tierwohls in weitere komplexe Problemfelder, die ihrerseits
globaler Natur sind, eingebettet. Die Industrialisierung der Gewinnung von Fleisch,
Milchprodukten und Fell hat massive ökologische, klimatische, gesellschaftliche und ethische
Konsequenzen im globalen Maßstab. Auf dem Spiel stehen Nachhaltigkeit, Artensterben,
„Basel declaration“, angenommen an der ersten Basler Konferenz „Research at a Crossroads“ am 29. Nov.
2010, abrufbar unter http://www.basel-declaration.org/ (zugegriffen am 2. Feb. 2016). Der offizielle
Wortlaut ist: „call for more trust, transparency and communication on animal research”.
Vgl. Favre, International Treaty (Fn. 33), S. 248.
Siehe für einen Reformvorschlag zur Erhöhung der Tierwohlstandards für Nutztiere in Deutschland, der die
Gefahr der Abwanderung der Industrie in andere Staaten berücksichtigt, zusammen mit einer Reihe von
Vorschlägen, wie solche Abwanderung verhindert werden könne: Wissenschaftlicher Beirat für
Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Wege zu einer gesellschaftlich
akzeptierten Nutztierhaltung: Gutachten, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Berlin
Das Lehrbuchbeispiel für einen solchen Vorgang ist Anti-Korruption. In den 1980er Jahren, in Reaktion auf
den Watergate-Skandal, erließen die Vereinigten Staaten strengere nationale Anti-Korruptionsgesetze.
Als die rechtliche Verpflichtung, diese hohen nationalen Standards zu erfüllen, die US-amerikanischen
Firmen auf den neuen Märkten, die sich in Zentral- und Osteuropa nach der Transformation in den 1990er
Jahren auftraten, benachteiligte, lobbyierten die USA erfolgreich für die Errichtung eines internationalen
Anti-Korruptionsregimes (der OECD Konvention gegen Auslandsbestechung von 1997) welches die
Aktivitäten der Unternehmen aller Vertragsparteien beschränkt.
WTO, European Communities Proposal: Animal Welfare and Trade in Agriculture vom 28. Juni 2000, Doc.
G/AG/NG/W/19.
Vapnek/Chapman, FAO (Fn. 14), S. 17.
Armut und Fehlernährung – allesamt globale Probleme. Diese Einbettung ist selbst ein
zusätzlicher Grund dafür, dass Tierwohl nur global angegangen werden kann.
Fünftens und ganz praktisch gesehen würden internationale Tierwohlstandards einen
Anhaltspunkt für lokale und nationale Rechtssetzung bieten. Tierschützer oder
Tierrechtsaktivisten verkämpfen sich gegenwärtig in jedem Staat immer wieder für neue
Vorschriften und müssen erhebliche Ressourcen verschwenden, um darzulegen und zu
argumentieren, wie die Standards überhaupt aussehen sollten. Eine internationale Messlatte
würde es ihnen erlauben, ihre knappen Ressourcen auf die Umsetzung der anerkannten
Standards zu konzentrieren. 72
Sechstens könnten in Bezug auf die bestehenden internationalen Rechtsregime, insbesondere
Handelsabkommen, neue völkerrechtliche Vorschriften über Tierwohlfahrt als Leitlinie für
die Auslegung der anderen Verträge fungieren. Nach der einschlägigen Vorschrift der Wiener
Vertragsrechtskonvention (WVK) sind bei der Vertragsauslegung „zu berücksichtigen (…)
jeder in den Beziehungen zwischen den Vertragsparteien anwendbare einschlägige
Völkerrechtssatz“ (Art. 31 Abs. 3 lit. c) WVK). 73 Nur internationale, nicht nationale,
Rechtsnormen können diese Funktion als Katalysator einer tierfreundlicheren Auslegung der
existierenden internationalen Abkommen erfüllen.
Aus diesen sechs Erwägungen folgt, dass Rechtsvorschriften für die Verbesserung des
Tierwohls nur wirksam sein können, wenn sie „global“ gelten. Was ich unter einem
„globalen“ Regelungskomplex verstehe, werde ich im nächsten Abschnitt erläutern.
G. „Globales“ Tierrecht und Forschungsagenda
I. Globales Recht
Globales Recht ist ein Regelungsmix, der sich über mehrere – bildlich gesprochen −
„Ebenen“ des Regierens erstreckt und verschiedene Normtypen umfasst. 74 Die Herausbildung
von globalem oder „transnationalem“ Recht 75 kann man auch anders beschreiben als die
Internationalisierung des nationalen Rechts in Verbindung mit einer Nationalisierung des
internationalen Rechts, parallel zu einer teilweisen Privatisierung und Deformalisierung des
Favre, International Treaty (Fn. 33), S. 239.
Die Voraussetzung von Art. 31 des Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträge vom 23. Mai 1969
(BGBl. 1985 II, S. 927 und des dieser Vorschrift zu Grunde liegenden Prinzips, nämlich dass die Regel
„in den Beziehungen zwischen den Vertragsparteien anwendbar“ sein muss, wurde vom WTO Biotech
Panel eng ausgelegt. Das Panel stellte fest, dass das Cartagena-Protokoll, auf welches die Europäische
Gemeinschaft als Beklagte verwiesen hatte, für die Auslegung der einschlägigen WTO-Abkommen, in
Wirklichkeit „nicht anwendbar“ sei, weil dieses Protokoll von einer Reihe von WTO-Mitgliedern,
einschließlich der beschwerdeführenden Parteien in dem Rechtsstreit (USA, Argentinien und Kanada)
nicht ratifiziert worden war (WTO, EC – Measures Affecting the Approval and Marketing of Biotech
Products, Reports of the Panel vom 29. Juni 2006, WT/DS 291–293/R, Rn. 7.49 – 7.95, insb. Rn. 7.75).
Nach vorzugswürdiger und mittlerweile vorherrschender Auffassung müssen nicht alle Staaten einer
Organisation/eines Vertrags auch Vertragsparteien des anderen Vertrages sein, um Letzteren als
Auslegungsleitlinie einsetzbar zu machen, jedenfalls dann, wenn sie nicht in den Rechtsstreit involviert
sind. Im Airbus-Fall bewegte sich der WTO Appellate Body weg vom Biotech-Ansatz (WTO, European
Communities and certain Member States – Measures affecting Trade in Large Civil Aircraft, Report of
the Appellate Body vom 18. Mai 2011, WT/DS316/AB/R, Rn. 839-855).
R. Domingo, The New Global Law, Cambridge: Cambridge University Press 2011.
Ich verwende beide Begriffe synonym. Veerle Heyvaert und Thijs Etty beschreiben als „transnationales“
Umweltrecht genau die erwähnte Mischung von Recht als „Produkt einer reichhaltige Mischung lokaler
regionaler und grenzüberschreitender Kommunikation und Lobbying“, von „Auseinandersetzung mit
Mehr-Ebenen-Governance“, einschließlich privater Aktivität im öffentlichen Interesse sowie
„regimeübergreifende Prozesse“ (V. Heyvaert/T. Etty, Introducing Transnational Environmental Law,
Transnational Environmental Law 2012, S. 1, Zitate auf S. 4, 5, 6; Übersetzung der Verfasserin).
Es ist heute ein Gemeinplatz, dass Normenkomplexe zu zahlreichen Sachverhalten oder
Phänomenen als „globales Recht“ in dem genannten Sinne beschrieben werden können. Wir
sprechen etwa vom globalen Verwaltungsrecht („global administrative law“), Cambridge
University Press unterhält eine Buchreihe „Global Law“; seit 2011 erscheint die
interdisziplinäre, juristisch-politikwissenschaftliche Zeitschrift „Global Constitutionalism“; an
der Harvard Law School existiert das „Institute for Global Law and Policy“, und so weiter.
Mit dem Label „global“ und der darin liegenden Konzeptionsleistung können, so die
Auffassung vieler Rechtswissenschaftler, die Eigenarten vieler heutiger Rechtszweige
prägnant erfasst werden und damit das Recht gut analysiert, kritisiert und weiterentwickelt
werden. Genau diese Erwägungen gelten auch für das Tierrecht. Tierrecht kann am besten
angewendet und untersucht werden, wenn Rechtsanwender und Rechtswissenschaftler
gleichzeitig alle „Ebenen“, die des lokalen, nationalen, regionalen und des internationalen
Rechts, in den Blick nehmen.
Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass der relevante Normenteppich nicht nur aus
staatlichem und zwischenstaatlichem Recht, sondern ferner aus Standards, die aus dem
Privatsektor hervorgehen (Industriezweige, oft in Zusammenarbeit mit Behörden), gebildet
wird. Schließlich beinhaltet der Corpus des Tierrechts sowohl hartes als auch weiches Recht,
zum Beispiel Gesetze und Völkerrechtsverträge einerseits, sowie Resolutionen, Chartas usw.,
die z.B. von transnational agierenden NGOs gesponsert werden, andererseits.
Die hier genannten Phänomene, wie etwa Rechtserzeugung unter Beteiligung von NGOs,
harte Verbote in Kombination mit Selbstregulierung durch Verhaltenscodices von Firmen
sowie Zertifizierungsschemata, die im Rahmen zwischenstaatlicher Vorgaben durch
Industriebranchen im Zusammenspiel mit NGOs durchgeführt werden, sind im aktuellen
Regulierungsrecht, also etwa im Recht der Gefahrenabwehr, im Umweltrecht, im Arbeitsrecht
und beim Menschenrechtsschutz, verbreitet. Auch ein Forschungsprogramm zum Tierrecht
sollte diese Phänomene von Anfang an in den Blick nehmen. In einem solchen Programm
kann der Strukturwandel unseres Rechts exemplarisch, am Beispiel der Tiere, analysiert
werden. Auf diese Weise können Strukturfragen, die sich überall stellen, untersucht werden.
II. Die Wissenschaft vom globalen Tierrecht
Der Bestand an globalen Normen zum Tierwohl ist dünn, hat aber eine kritische Masse
erreicht, welche seine zusammenfassende Etikettierung als eigenes Rechtsgebiet oder als
Querschnittsmaterie namens „globales Tierrecht“ rechtfertigt und gleichzeitig eine
rechtswissenschaftliche Befassung mit diesem Rechtsgebiet ermöglicht.
Was könnte und sollte eine Wissenschaft vom globalen Tierrecht leisten und zu welchem
Ende? Sie würde konzeptionelle Grundlagen schaffen und zur praktischen Entwicklung des
Felds durch die Bereitstellung passender Rechtsargumente und Rechtsbegriffe beitragen. Zur
Forschungsagenda gehört auch, Rechtslücken zu identifizieren und dadurch Rechtsreformen
anregen. Zu diesem Zweck müssten die verstreuten internationalen (universellen und
regionalen, insbesondere europäischen) Vorschriften (harte und weiche Normen), welche das
Tierwohl betreffen, zunächst identifiziert, systematisch dargestellt und analysiert werden.
Internationale und europäische Rechtsstreitigkeiten (vor dem EuGH, dem EGMR, dem IGH,
dem WTO-Streitbeilegungsgremium usw.) sowie einschlägige Reformprojekte müssten
kommentiert und kritisiert werden. Schließlich würde diese Forschung die praktische
Notwendigkeit, die ethische Rechtfertigung und die politischen Chancen einer Konsolidierung
und Stärkung des Corpus spezifisch völkerrechtlicher Tierwohlvorschriften untersuchen.
Diese Forschungsagenda wäre also – wie fast jede rechtswissenschaftliche Arbeit − sowohl
deskriptiv-analytisch-konzeptionell als auch mit rechtspolitischem Impetus. Die Kombination
von Untersuchungen der lex lata mit einer normativen Kritik der lex lata und Vorschlägen de
lege ferenda ist typisch für die Rechtswissenschaft als gesellschaftsbezogene und damit
letztlich immer anwendungsorientierte Wissenschaft. Insbesondere im Völkerrecht, dessen
Normen und deren Anwendung (oder vielmehr oft Nichtanwendung) stark politisch und
teilweise moralisch aufgeladen sind, sind die positive und die normative Forschung, die wir
idealtypisch unterscheiden, in Wirklichkeit schwer zu trennen. Für Rechtszweige wie
Menschenrechte oder das Tierrecht, die stark kulturell und moralisch imprägniert sind, gilt
dies in besonderem Maße. Dies ist aber nicht weiter schlimm, solange sich der Forscher die
idealtypische Unterscheidung zwischen Beschreibung und Wertung als regulative Idee immer
wieder vergegenwärtigt, wohl wissend, dass es keine vollkommen „wertfreie Wissenschaft“
gibt. 76
Ich nenne Ihnen einige Beispiele aktuell laufender rechtswissenschaftlicher und
politikwissenschaftlicher Forschung, die nach dem eben Gesagten auch rechtspolitische
Implikationen hat und haben darf. So wurde vorgeschlagen, die Standardsetzung durch die
OIE zu intensivieren und neu auszurichten. Die OIE hat Tierwohl als Priorität in ihrem
strategischem Plan 2001−2005 identifiziert. Die Organisation will, in ihren eigenen Worten,
“die internationale Führung im Bereich Tierwohl übernehmen und als Referenzorganisation
für Tiergesundheit Empfehlungen und Richtlinien zur Praxis des Tierwohls ausarbeiten,
wobei sie bekräftigt, dass die Tiergesundheit ein zentraler Bestandteil der Tierwohlfahrt ist“. 77
Es darf jedoch bezweifelt werden, ob die OIE befähigt ist, ein strenges und kohärentes
Tierschutzregime zu entwickeln. 78 Denn das Mandat dieser Organisationen ist die
Verhinderung der grenzüberschreitenden Verbreitung von Tierseuchen durch den Export von
Tieren, mit dem Oberziel des Schutzes menschlicher Gesundheit. 79 Mit Blick auf dieses Ziel
unterhält die Organisation traditionell enge Beziehungen zum Tierhandelssektor und der
Zuchtindustrie. 80 Tierschutz oder Tierwohl sind nicht ihre eigentliche Aufgabe, sondern nur
ein Nebenschauplatz, den die OIE eröffnet hat, um neuen Verbrauchererwartungen entgegen
Eine (weitere) Anstrengung, die von einer Koalition von NGOs unternommen und
rechtswissenschaftlich begleitet wird, ist die Kampagne für die Verabschiedung einer
universellen Tierwohl-Deklaration (Universal Declaration on Animal Welfare, UDAW) unter
dem Schirm der Vereinten Nationen (möglicherweise dem ECOSOC). 81 Die UDAWKampagne sucht Unterstützung durch Staaten und Einzelpetitionen. Die Form einer UNErklärung würde dem Modell der universellen Menschenrechtserklärung von 1948 folgen, die
kein verbindlicher Vertrag ist, sondern formal gesehen lediglich eine Resolution der UNGeneralversammlung.
Ein weiteres wissenschaftliches Projekt ist die Unterstützung der Annahme eines neuen
verbindlichen Rahmenvertrages über Tierwohl, der durch Protokolle ergänzt werden könnte
H. Dreier, Max Webers Postulat der Wertfreiheit in der Wissenschaft und die Politik, in: H. Dreier/D.
Willoweit (Hrsg.), Wissenschaft und Politik, Wiesbaden 2010, S. 35-70.
Text von der OIE-Website unter der Überschrift: „The OIE’s Achievements in Animal Welfare“ (Übersetzung
der Verfasserin;
abrufbar unter http://www.oie.int/animal-welfare/animal-welfare-key-themes/;
zugegriffen am 2. Feb. 2016).
Siehe in diesem Sinne Otter u.a., Foundations (Fn. 39), S. 65.
Siehe die „Organic Statutes of the Office International des Epizooties” (abrufbar unter:
http://www.oie.int/about-us/key-texts/basic-texts/organic-statutes/; zugegriffen am 4. Feb 2016). Die
Statuten bilden einen Anhang und integralen Bestandteil des „International Agreement for the Creation of
an Office International des Epizooties in Paris” vom 25. Jan. 1924, so Art. 2 jenes Abkommens (abrufbar
unter: http://www.oie.int/about-us/key-texts/basic-texts/international-agreement-for-the-creation-of-anoffice-international-des-epizooties/; zugegriffen am 4. Feb. 2016). Art. 4 der Statuten lautet: „The main
objects of the Office are: a. To promote and co-ordinate all experimental and other research work
concerning the pathology or prophylaxis of contagious diseases of livestock for which international
collaboration is deemed desirable“.
Otter u.a., Foundations (Fn. 39), S. 65 u. 67 f.
Hierzu M. Gibson, The Universal Declaration of Animal Welfare, Deakin Law Review 2011, S. 539-67, mit
einem Textentwurf im Anhang.
(zum Beispiel zu Heimtieren oder über zur Schau gestellte Wildtiere). 82 Diese
Kodifikationstechnik von Rahmenvertrag mit Protokollen ist typisch für das internationale
Eine weitere wichtige Forschungsfrage des globalen Tierrechts ist, welche Tierwohlstandards
im globalen Regulierungswettbewerb eigentlich welcher Art von Spirale (aufwärts oder
abwärts) unterliegen, und aus welchen Gründen. 83 Im Fall des von mir geschilderten
europäischen Robbenimportverbots hatte die WTO-Liberalisierungspflicht eine Stärkung des
Tierwohl-Aspekts in der neuen EU Verordnung erzwungen. Es wären die Bedingungen und
Umstände zu identifizieren, unter denen derartige positive Rechtsentwicklungen zu erwarten
sind. Insgesamt geben aktuelle praktische und wissenschaftliche Entwicklungen “Aussicht auf
eine Rationalisierung und Konsolidierung der gegenwärtig eher halbherzig und verstreuten
Vorkehrungen zum Tierwohl“ 84 im Völkerrecht.
Die Forschung zum globalen Tierrecht wird oft vergleichend sein und darf sich nicht auf
Völkerrecht im engeren Sinne beschränken, gerade weil der relevante Corpus von hartem
Völkerrecht sehr mager ist. Diese umfasst sowohl den „horizontalen“ Vergleich (zwischen
verschiedenen nationalen Rechtsordnungen) als auch die „vertikale“ Rechtsvergleichung (von
nationalen, europäischen und internationalen Rechtsvorschriften).
Jegliche Rechtsforschung zu Tieren muss das internationale Wirtschaftsrecht, internationales
Umweltrecht, internationale Menschenrechte und das Recht der Entwicklungszusammenarbeit
berücksichtigen und einbeziehen. Die Herausarbeitung des Querschnittthemas „Tierwohl“ in
allen diesen Teilrechtsgebieten würde einerseits dieses Thema besser bearbeitbar machen.
Umgekehrt würde die Ausflaggung der Querschnittsmaterie als „globales Tierrecht“ eine
Klammerfunktion entfalten und der Fragmentierung des Völkerrechts in diese Teilgebiete
Der rechtliche Schutz von Tieren, ihr Rechtsstatus und ihre möglichen Rechte hängen
letztlich von menschlichen Einstellungen zu Tieren ab. Diese werden durch Gewohnheiten
und Tradition, durch Religion, durch den Wohlstand einer Gesellschaft, ihren
Industrialisierungsgrad und sonstige kulturelle Faktoren beeinflusst. Deshalb ist die
Problematik des Eurozentrismus, des Rechtsimperialismus und des Nord-Süd-Gefälles
zentral. Die globale Tierrechtsforschung muss sich hier ein besonderes Sensorium bewahren.
Sie darf nicht naiv europäische Wertvorstellungen exportieren, sondern muss einen
overlapping consensus suchen und durch transnational vermittelbare, also universalisierbare
Argumente, stärken und weiter entwickeln. An dieser Stelle muss die Wissenschaft auf die
transformative Kraft öffentlicher Diskurse vertrauen und diese ihrerseits füttern. 85 Diese
Diskurse sollten beispielsweise mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zur
Empfindungsfähigkeit von Tieren gespeist werden. Schon aus diesem Grund muss die
Forschung zum globalen Tierrecht interdisziplinär sein, in dem Sinne, dass sie immer wieder
auf Einsichten der Philosophie (Ethik), Biologie (Zoologie), Anthropologie (human – animal
studies), Geschichte, Kulturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und anderer Fächer
Favre, International Treaty (Fn. 33).
Vgl. allgemein zu “races to the bottom and races to the top” R. Baldwin/M. Cave/M. Lodge, Understanding
Regulation: Theory, Strategy, and Practice, 2. Aufl. New York, Oxford University Press, 2012, Chapter
17 „Regulatory Competition and Coordination“ (S. 356−369, insb. S. 364−366). Reine
Produktionsverfahrensstandards, die sich nicht auf eine für die Käufer fassbare Qualität des Produkts
auswirken und eine Art Zertifizierungswirkung entfalten, führen tendenziell zu einem race to the bottom
(S. 364). Das Verbot der Tötung männlicher Eintagsküken wäre ein solcher reiner Verfahrensstandard,
der sich nicht auf die Eigenschaften der Eier auswirkt.
Bowman u.a., Wildlife Law (Fn. 16), S. 699 (Übersetzung der Verfasserin).
S. Ahlhaus/P. Niesen, What is Animal Politics? Outline of a New Research Agenda, Historische
Sozialforschung (HSR) 2015, S. 7 (20).
III. Global justice für Tiere?
Diese auf den ersten Blick pragmatische und voraussetzungsarme Forschung, erweist sich als
schwierig genug. Man könnte auch, radikaler, die globale Verbesserung des Tierwohls als
eine Frage der globalen Gerechtigkeit gegenüber Tieren 86 auffassen. So wurde behauptet, dass
die Konzepte, die für Menschenrechte und globale Gerechtigkeit entwickelt wurden, „eine
gute Grundlage für die These, dass die Interessen nicht menschlicher Tiere ebenfalls
international respektiert und geschützt werden sollten“, bilden. 87 Die Grundidee der globalen
Gerechtigkeit (auf Menschen angewendet) lautet, dass der Geburtsort oder die
Staatsangehörigkeit einer Person moralisch irrelevant dafür ist, was einem menschlichen
Wesen aus Gründen fundamentaler Gerechtigkeit geschuldet wird. Deshalb sollte der Schutz
menschlicher Interessen unabhängig von verschiedenen nationalen Gesetzen sein und muss
weltweit einheitlich gewährleistet werden. Ist dieser Gedankengang auf nicht-menschliche
Tiere übertragbar? 88 In diesem Sinne schreibt Oscar Horta: „Wenn nichtmenschliche Tiere
moralisch relevante Eigenschaften besitzen − und das ist die Empfindungsfähigkeit – dann ist
die Tatsache, dass ein Wesen in Schweden oder Somalia geboren wurde, genauso irrelevant
für die Zuerkennung grundlegender Rechte an sie. Warum? Weil diese Tatsache nichts mit
dem zu tun hat, was Wohlfahrtstheorien als wertvoll für uns ansehen, und was die Grundlage
für die Zuerkennung von Rechten bildet“. 89 Wollte man sich dieser Argumentation
anschließen, dann müsste man den Schritt vom Tierwohl zu den Tierrechten machen. Die
rechtswissenschaftliche Konzeption und Begründung subjektiver Rechten für Tiere, wie etwa
das Recht des sechsjährigen Makaken-Affen Maruto an seinem eigenen Bild, ist allerdings
anspruchsvoll. Sie ist nicht nur ein „political non-starter“, sondern sieht sich auch zahlreichen
rechtsdogmatischen und ethischen Einwänden ausgesetzt. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass
sich diese Fragestellung, wie auch andere Fragen im neuen Forschungsfeld des globalen
Tierrechts, weiter entfalten wird. Denn schließlich ist das globale Tierrecht Teil und Treiber
des gegenwärtigen breiten „animal turn“ 90 in den Geistes- und Sozialwissenschaften. 91
O. Horta, Expanding Global Justice: The Case for the International Protection of Animals, Global Policy
2013, S. 371–80; siehe auch M.C. Nussbaum, Beyond „Compassion and Humanity”, in C.R.
Sunstein/M.C. Nussbaum (Hrsg.), Animal Rights: Debates and New Directions, Oxford: Oxford
University Press 2004, S. 299 (319): „[A] truly global justice requires not simply that we look across the
world for other fellow species members who are entitled to a decent life. It also requires looking around
the world at the other sentient beings with whose lives our own are inextricably and complexly
intertwined“.
Horta, Global Justice (Fn. 86), S. 372.
So Horta: „Immerhin ist basale Gerechtigkeit allen geschuldet, die moralisch relevante Eigenschaften besitzen
– also sowohl Schweden als auch Somalis. Aber wenn das auf Menschen zutrifft, dann muss es auch auf
nichtmenschliche Tiere zutreffen“ (ibid., S. 375).
Ibid. (Übersetzung der Verfasserin). Siehe auch Favre, International Treaty (Fn. 33), S. 244: „[A] horse is a
horse regardless of what country it lives in, and it is not appropriate that it can receive high care in some
places and no concern in others. For the wellbeing of the animals we need to seek a more universal view
about how to treat animals“.
H. Ritvo, On the Animal Turn, Daedalus 2007, S. 118-22. Unter „animal turn“ verstehen wir das Anwachsen
wissenschaftlicher Forschung über Tiere mit Hilfe neuer Begriffe und unter neuen Vorzeichen, die sich
auf die Beziehungen zwischen Menschen und anderen Tieren konzentriert und auf die Rolle und den
Status von Tieren in der menschlichen Gesellschaft. Siehe A. Peters/S. Stucki/L. Boscardin, The Animal
Turn – What is it and Why Now?, Verfassungsblog.de, 14. April 2014, abrufbar unter
http://www.verfassungsblog.de/en/the-animal-turn-what-is-it-and-why-now/ (zugegriffen am 2. Feb.
Siehe in der Ethnographie D. J. Haraway, When Species Meet, Minneapolis, Minn.: University of Minnesota
Press 2008; E. Kirksey/S. Helmreich, The Emergence of Multispecies Ethnography, Cultural
Anthropology 2010, S. 545–76; T. Ingold, Anthropology Beyond Humanity, Suomen Antropologi,
Journal of the Finish Anthropological Society 2013, S. 5-23. In der politischen Philosophie
Ahlhaus/Niesen, Animal Politics (Fn. 85).
SSRN@mpil.de