Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/der-freie-wille-zur-betreuung-374769?pk_campaign=feed&pk_kwd=der-freie-wille-zur-betreuung
Timestamp: 2019-11-18 04:10:24
Document Index: 298070764

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 2', '§ 1896', '§ 104', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Ob der Betrof­fe­ne in der Lage ist, einen frei­en Wil­len hin­sicht­lich der Ein­rich­tung der Betreu­ung zu bil­den, bedarf einer eige­nen tatrich­ter­li­chen Prü­fung. Denn die Bestel­lung eines Betreu­ers gegen den frei­en Wil­len des Betrof­fe­nen ver­letzt sein Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 GG 1.
Die Prü­fung, ob ein frei­er Wil­le ent­ge­gen­steht, ist auch dann vor­zu­neh­men, wenn die Betreu­ung für den Betrof­fe­nen objek­tiv vor­teil­haft wäre 2. Denn jeder hat das Recht, sein Leben nach sei­nen frei gebil­de­ten Vor­stel­lun­gen zu gestal­ten, soweit nicht Rech­te Drit­ter oder ande­re mit Ver­fas­sungs­rang aus­ge­stat­te­te Rechts­gü­ter betrof­fen sind (Art. 2 Abs. 1 GG). Ist Letz­te­res nicht der Fall, hat der Staat nicht das Recht, den zur frei­en Wil­lens­be­stim­mung fähi­gen Betrof­fe­nen zu erzie­hen, zu bes­sern oder zu hin­dern, sich selbst zu schä­di­gen. Eine Betreu­er­be­stel­lung gegen den frei­en Wil­len des Betrof­fe­nen stellt einen Ein­griff in die Wür­de des Betrof­fe­nen dar, der zu unter­las­sen oder zu besei­ti­gen ist 3.
Der Begriff der frei­en Wil­lens­be­stim­mung im Sin­ne des § 1896 Abs. 1 a BGB und des § 104 Nr. 2 BGB ist, wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat 4, im Kern deckungs­gleich. Die bei­den ent­schei­den­den Kri­te­ri­en sind dabei die Ein­sichts­fä­hig­keit des Betrof­fe­nen und des­sen Fähig­keit, nach die­ser Ein­sicht zu han­deln.
Die Ein­sichts­fä­hig­keit in den Grund der Betreu­ung setzt den­knot­wen­dig vor­aus, dass der Betrof­fe­ne sei­ne Defi­zi­te wenigs­tens im Wesent­li­chen zutref­fend ein­schät­zen kann. Nur dann ist es ihm näm­lich mög­lich, die für und gegen eine Betreu­ung spre­chen­den Umstän­de gegen­ein­an­der abzu­wä­gen 5.
BGH, Beschluss vom 09.02.2011 XII ZB 526/​10 Fam­RZ 2011, 630 Rn. 4; BVerfG Fam­RZ 2010, 1624 Rn. 43[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 14.03.2012 XII ZB 502/​11 Fam­RZ 2012, 869 Rn.19[↩]
BGH, Beschluss vom 09.02.2001 XII ZB 526/​10 Fam­RZ 2011, 630 Rn. 7[↩]
BGH, Beschluss vom 09.02.2011 XII ZB 526/​10 Fam­RZ 2011, 630 Rn. 8[↩]