Source: https://de.slideshare.net/BernetMark/studie-nation-minderheiten-minderheitensprachen-2014
Timestamp: 2017-10-20 21:47:24
Document Index: 65069894

Matched Legal Cases: ['Art. 5', 'Art. 1', 'Art. 22', 'Art. 3', '§ 6', '§ 20', '§ 27', '§ 18', '§ 25', 'Art. 5', 'Art. 8', 'Art. 35', 'Art. 25', 'Art. 2', 'Art. 5', 'Art. 6']

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Bericht über die Volksgruppen der Dänen, Friesen, Sinti und Roma und Sorben in Deutschland.
1. Nationale Minderheiten Minderheiten- und Regionalsprachen in Deutschland
2. Nationale Minderheiten Minderheiten- und Regionalsprachen in Deutschland
3. 2 Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Grußwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Siedlungsgebiete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Sprachgebiete . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Die dänische Minderheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Die friesische Volksgruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Die deutschen Sinti und Roma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Das sorbische Volk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Regionalsprache Niederdeutsch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 Anhang I. Einrichtungen und Gremien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 II. Rechtliche Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64 III. Adressen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Inhalt
4. „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstam­ mung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politi­ schen Anschauungen benach­ teiligt oder bevorzugt werden.“ Grundgesetz der ­ Bundesrepublik Deutschland, ­Artikel 3 Absatz 3 Satz 1 Nahe dem Berliner Reichstagsbebäude am Spreeufer zeigt die Installation „Grundgesetz 49“ von Dani Karavan auf neunzehn Glastafeln die Grundrechtsartikel in der Fassung von 1949. Foto: © Jens Kalaene/dpa
5. 4 Vorwort In Deutschland leben vier anerkannte nationale Minderheiten: die dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe, die deutschen Sinti und Roma sowie das sorbische Volk. Die Angehörigen der nationalen Minderheiten sind deutsche Staatsangehörige und damit Teil der deutschen Rechtsordnung. Sie genießen alle Rechte und Freiheiten des Grundgesetzes ohne Beschränkung. Diese Broschüre stellt die nationalen Minderheiten mit ihrer jeweiligen Geschichte, ihren Siedlungsgebieten und Organisationen vor. Sie gibt einen Einblick in das Selbstverständnis und die Lebensbedingungen der nationalen Minderheiten, die in Deutschland leben und hier ihre kulturellen Wurzeln pflegen. Jede der vier Minderheiten definiert sich vor allem über ihre eigene Sprache. Sie ist identitätsstiftend und daher in besonde- rem Maße schützenswert. Auch das Niederdeutsche unterliegt einem besonderen Schutz. Es wird in acht Bundesländern gesprochen. Der besondere rechtliche Status der Minderheiten, ihrer Sprachen sowie der Regionalsprache Niederdeutsch beruht im Wesentlichen auf zwei Abkommen des Euro- parates, die in Deutschland Verbindlichkeit genießen: dem Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten und der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Der dort festgeschriebene Schutz wird in Gesetzen, Verord- nungen, Satzungen und Verwaltungshandeln auf Bundes- wie auch Länderebene konkretisiert und um- gesetzt. Bund, Länder und Kommunen unterstützen die Angehörigen nationaler Minderheiten sowie die Spre- cher der Regional- und Minderheitensprachen bei der Bewahrung ihrer kulturellen Identität. Dr. Thomas de Maizière, MdB Bundesminister des Innern Foto: © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
6. 5Vorwort Eine besondere Aufgabe kommt dem Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten zu. Mit ihm gibt es einen Ansprechpart- ner, der die Bundesregierung in verschiedenen Kon- taktgremien vertritt, die Interessen und Belange der nationalen Minderheiten und der Regionalsprache Niederdeutsch auf bundespolitischer Ebene einbringt und in der Öffentlichkeit für ihre Akzeptanz und An- erkennung wirbt. Ihm und den – meist ehrenamtlich wirkenden – Angehörigen der nationalen Minderheiten danke ich dafür, dass sie sich mit ihrem Engagement um den Erhalt ihrer Kultur bemühen und damit ein Stück des kulturellen Reichtums in Deutschland bewahren und die kulturelle Vielfalt in Europa stärken. Dr. Thomas de Maizière, MdB Bundesminister des Innern
7. 6 Grußwort Im Januar 2014 bin ich zum Beauftragten der Bundes- regierung für Aussiedlerfragen und nationale Minder- heiten berufen worden. In der Zwischenzeit habe ich in persönlichen Gesprä- chen mit Einzelpersonen und Verbänden viel über die nationalen Minderheiten in Deutschland erfahren. Es freut mich daher besonders, Ihnen diese Broschüre präsentieren zu können, die in anschaulicher Form das Leben, die Kultur und die Sprachen der nationalen Minderheiten in Deutschland darstellt. Die dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe, die deutschen Sinti und Roma, das sorbische Volk sind nationale Minderheiten, die in Deutschland besonders geschützt werden. Dazu gehört die Pflege der Minder- heitensprachen sowie der Regionalsprache Nieder- deutsch. Die Angehörigen der Minderheiten bewahren in Deutschland jahrhundertealte Sitten und Gebräuche sowie ihre Sprachen, die für sie kulturelle Identität darstellen. Dazu benötigen sie die Unterstützung der Mehrheitskultur in Deutschland und politische Unter- stützung für die Umsetzung ihrer Anliegen. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass unzählige Konflikte, Krisen und Kriege in Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten wurzeln. Der Schutz der geschichtlich gewachsenen Minderheiten, ihrer Spra- chen sowie der Regionalsprache Niederdeutsch trägt zur Erhaltung und Entwicklung kulturellen Reichtums in Deutschland bei. Kulturelle Vielfalt wiederum fördert Toleranz, welche unabdingbar für eine gelebte pluralis- tische Demokratie ist. Der Schutz der Minderheiten Hartmut Koschyk, MdB Beauftragter der Bundesregie- rung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Foto: © Presse- und Informationsamt der Bundesregierung
8. 7Grusswort und der Regional- und Minderheitensprachen dient daher auch dem innerstaatlichen Frieden. Auch für gute zwischenstaatliche Beziehungen ist der Schutz und die Unterstützung von Minderheiten und ihren Sprachen ebenfalls von Bedeutung. Viele nationa- le Minderheiten in Europa siedeln diesseits und jenseits von Staatsgrenzen. Die Unterdrückung einer Minder- heit führt diesseits der Grenze häufig zu Irritationen im Nachbarstaat mit der Folge, dass die dort lebende Min- derheit ebenfalls beeinträchtigt wird. Ein gutes Beispiel für eine gelungene grenzüberschreitende Friedenspoli- tik ist das Miteinander der deutschen und dänischen Minderheiten in Nord- und Südschleswig. Es ist fast vergessen, dass die sogenannte „Schleswig-Holstein- Frage“ noch im 19. Jahrhundert zu den schwierigsten Problemen der europäischen Politik gehörte. Ich wünsche mir, dass diese Broschüre zum Verständnis der besonderen Situation der nationalen Minderheiten sowie der Regional- und Minderheitensprachen in Deutschland beiträgt und Ihr Interesse geweckt hat. Wenn die Broschüre dazu beiträgt, Ihre Sicht auf diesen bedeutenden Teil unserer Gesellschaft zu schärfen, ist ein wesentliches Ziel erreicht. Hartmut Koschyk, MdB Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten
11. 10 In Deutschland leben vier anerkannte nationale ­Minderheiten: die Dänen, die friesische Volksgruppe, die deutschen Sinti und Roma sowie das sorbische Volk. Sie erhalten in Deutschland durch Bund und Länder einen besonderen Schutz und eine spezifische Förderung. Die Bundesregierung sieht als nationale Minderheiten jene Gruppen der Bevölkerung an, die folgenden ­Kriterien entsprechen: QQ ihre Angehörigen sind deutsche Staatsangehörige, QQ sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eine eigene Sprache, Kultur und Geschichte (eigene Identität), QQ sie wollen diese Identität bewahren, QQ sie sind traditionell, (also in der Regel seit ­Jahrhunderten), in Deutschland heimisch, QQ sie leben innerhalb Deutschlands in angestammten Siedlungsgebieten. Zu der letztgenannten Voraussetzung gibt es aus histo- rischen Gründen eine Ausnahme für die deutschen Sinti und Roma. Sie sind in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt, obwohl sie meist in kleinerer Zahl nahezu in ganz Deutschland und nicht in abge- grenzten eigenen Siedlungsgebieten leben. Das Merk- mal der Tradition unterscheidet die Minderheiten von den Zuwanderern, die nicht traditionell in Deutschland lebten. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland be- trachtet sich – anders als in einigen anderen Staaten – nicht als nationale Minderheit, sondern als Glaubens- gemeinschaft. Einleitung
12. 11Einleitung Schutz der Sprachen Schutz und Förderung der nationalen Minderheiten umfassen auch die neben Deutsch gesprochenen Min- derheitensprachen Dänisch, Nord- und Saterfriesisch, Ober- und Niedersorbisch sowie das Romanes der Sinti und Roma. Geschützt wird in Deutschland zudem die Regionalsprache Niederdeutsch (Plattdeutsch). Diese gegenüber dem Hochdeutschen eigenständige Sprache wird seit Jahrhunderten in Norddeutschland von vielen Menschen zusätzlich zum Hochdeutschen genutzt. Die Plattdeutsch Sprechenden gehören – mit Ausnahme der Ostfriesen – keiner nationalen Minderheit an. Nie- derdeutsch ist deshalb keine Minderheitensprache. Für die Menschen, die eine Regional- oder Minderheiten- sprache sprechen, ist diese identitätsstiftend. Der Ver- lust ihrer Sprache bedeutet gleichsam den Verlust ihrer Identität. Bekenntnis zu Minderheit ist frei Zahlenangaben über nationale Minderheiten in Deutschland beruhen aus gutem Grund nur auf Schät- zungen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges werden in der Bundesrepublik Deutschland generell keine be- völkerungsstatistischen und sozioökonomischen Daten auf ethnischer Basis erhoben. Hintergrund dessen ist zum einen die Verfolgung solcher Minderheiten wäh- rend der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Zum anderen bestehen völkerrechtliche Bedenken. Das ­Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten legt fest: Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit ist die persönliche Entscheidung eines jeden Einzelnen, die von Staats wegen nicht registriert, überprüft oder bestritten wird. Nicht zuletzt haben die nationalen Minderheiten in Deutschland selbst Beden- ken gegen die Erhebung ethnisch basierter Daten.
13. Im nördlichsten deutschen ­Bundesland Schleswig-Holstein leben die Angehörigen der ­dänischen Minderheit. Gut organisiert bilden sie eine Brücke zu unserem ­ Nachbarn Dänemark. Das Jahrestreffen „Årsmøde“ ist das größte Fest der ­dänischen Minderheit. Foto: © Strandperle
14. Die dänische Minderheit
15. 14 Nationale Minderheiten Sie wohnen vor allem in der Grenzstadt Flensburg, den Kreisen Nordfriesland und Schleswig-Flensburg sowie im nördlichen Teil des Kreises Rendsburg-Eckernförde. Die dänische Minderheit bezeichnet ihr Siedlungsge- biet als Südschleswig. Es reicht von der Eider und dem Nord-Ostsee-Kanal im Süden bis zur deutsch-dänischen Staatsgrenze im Norden, von der Nordsee im Westen bis zur Ostsee im Osten. Umgekehrt lebt in Nordschleswig im Königreich Dänemark eine deutsche Minderheit. Geschichte Beim Entstehen der Nationalstaaten Deutschland und Dänemark war lange umstritten, zu welchem das einstige Herzogtum Schleswig gehören sollte. Nach dem ersten Weltkrieg entschieden sich die Bewohner Südschleswigs für Deutschland, die Menschen in Nordschleswig für Dänemark. Der Norden Schleswig-Holsteins gehörte früher zum Herzogtum Schleswig, das in vielen Jahrhunderten in Personalunion von dänischen Königen und schleswig- holsteinischen Herzögen regiert wurde, bevor der däni- sche König 1773 allein die Herrschaft übernahm, dies- mal auch für den zweiten Landesteil, das Herzogtum Holstein. Erst der zunehmende Nationalismus im 19. Jahrhun- dert verbunden mit Bestrebungen aus Kopenhagen, das Herzogtum Schleswig ins Königreich Dänemark einzu- gliedern, zerrüttete das gute Verhältnis zwischen Deut- schen und Dänen. Dies führte zwischen 1848 und 1851 zu kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen Dänemark die Oberhand behielt. 1864 kam es zum
16. 15Die dänische Minderheit Die dänische Minderheit in Deutschland, gut organisiert und eine Brücke zum nördlichen Nachbarn. Foto: © Strandperle Krieg des Kaiserreichs Österreich und des Königreichs Preußen auf der einen und dem Königreich Dänemark auf der anderen Seite. Er gilt als einer von drei Kriegen auf dem Wege zu einem deutschen Nationalstaat. Als Folge des Krieges wurden die Herzogtümer Schleswig und Holstein zu einer Provinz des Königreichs Preußen, das schließlich in das Deutsche Kaiserreich – den ersten deutschen Nationalstaat – mündete. Nach der Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Welt- krieg sah der Friedensvertrag von Versailles eine Volks- abstimmung vor, die den Grenzverlauf festlegte: Nord- schleswig votierte 1920 für Dänemark, während sich Südschleswig in seiner Mehrheit für Deutschland ent- schied. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges schafften die „Kie- ler Erklärung von 1949“ des Schleswig-Holsteinischen Landtages und die „Bonn-Kopenhagener Erklärungen“ von 1955 die Grundlagen für eine kontinuierliche Ver- besserung des deutsch-dänischen Verhältnisses.
17. 16 Sie garantieren – analog auch für die deutsche Minder- heit in Dänemark – dass „Däne sei, wer will“ und dies „von den Behörden nicht nachgeprüft werden darf“. Die Landesverfassung Schleswig-Holsteins unterstreicht in Art. 5, dass das Land die dänische Minderheit anerkennt und fördert. Dänisches Leben in Deutschland Dank einer Vielzahl starker und selbstständiger Orga- nisationen kann die dänische Minderheit ihre Werte und Traditionen leben. Mit einer eigenen Partei, dem Südschleswigschen Wählerverband, ist sie im Schles- wig-Holsteinischen Landtag und seit der Landtags- wahl 2012 mit einer Ministerin in der Kieler ­Landesregierung vertreten. Abiturienten einer dänischen Privat- schule ziehen mit ihren traditionellen Mützen durch Flensburg. Foto: © Südschleswig- scher Pressedienst Nationale Minderheiten
18. 17 Größter Verein und Ansprechpartner ist der Süd­ schleswigsche Verein ( Sydslesvigsk Forening e. V. ) mit gut 13.500 Mitgliedern. Bei Dänemarks Parlament ­(Folketing) in Kopenhagen nutzt der Verein sein Infor- mationsbüro zum Meinungsaustausch mit den däni- schen Parlamentariern, der Parlamentsverwaltung und den dänischen Medien. Federführend organisiert der Verein jeweils am letzten Wochenende im Mai oder dem ersten im Juni das Jahrestreffen „Årsmøde“ mit über 40 Veranstaltungen. Regelmäßig sind Politiker und andere gesellschaftlich relevante Persönlichkeiten aus Dänemark eingeladen, um die kulturelle Verbunden- heit zu unterstreichen. Politisch ist die Minderheit durch eine eigene Partei, den Südschleswigschen Wählerverband mit 3.000 Mitgliedern, vertreten. Die im Landeswahlgesetz von der Fünfprozentklausel befreite Partei ist im Schleswig-Holsteinischen Landtag mit zurzeit drei Ab- geordneten sowie in zahlreichen Gemeinde- und Kreis- vertretungen präsent. Seit 2012 trägt der SSW in Schles- wig-Holstein erstmals Regierungsverantwortung. Dänisches Privatschulsystem Die dänische Kultur in Deutschland wird gestärkt durch die dänischsprachige Tageszeitung „Flensborg Avis“, ein eigenes Bibliothekssystem ( Dansk Central­ bibliothek ) und das gut ausgebaute Privatschulsystem der dänischen Minderheit mit Grund- und Gemein- schaftsschulen, einer Nachschule ( Internat) und zwei Gymnasien. In diese Einrichtungen des dänischen Schulvereins ( Dansk Skoleforening for Sydslesvig ) ­gehen rund 5.700 Schüler, in die Kindergärten etwa 1.900 Kinder. Dem Dänischen Schulverein obliegt auch die Erwachsenenbildung. „Europapolitik ist Minderheitenpolitik“ Die dänische Minderheit hält es für wichtig, dass jedem Menschen die freie Wahl von Nationalität und Kultur zugebilligt wird. Diese Wahl solle als demo­ kratisches Grund­prinzip in Übereinstimmung mit dem Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten und der Europäischen Spra­ chencharta respektiert werden. So postuliert die dänische Minderheit: „Euro­ papolitik ist Minderheiten­ politik und Minderheiten­ politik ist Europa­politik“. Die dänische Minderheit
19. 18 Die Schulen sind keine Sprachschulen im engeren Sin- ne, sondern gezielt auf die Bedürfnisse der Minderheit abgestimmt; hier wird auch das Bewusstsein der däni- schen Minderheit vermittelt. Die evangelisch-lutheri- sche dänische Kirche (Dansk Kirke) ermöglicht als Frei- kirche mit 35 Kirchengemeinden das kirchliche Leben der Minderheit im Land. Sozialstationen, Altenheime und Heime für Kinder und Jugendliche betreibt der dänische Gesundheitsdienst (Dansk Sundhedstjeneste for Sydslesvig), und der däni- sche Jugendverband Südschleswigs (Sydslesvigs danske Ungdomsforeninger) organisiert die Kinder- und Ju- gendarbeit. Daneben haben sich Angehörige der däni- schen Minderheit noch in zahlreichen weiteren Verei- nen organisiert. Im Gemeinsamen Rat für die dänische Minderheit (Det Sydslesvigske samråd) arbeiten sie alle zusammen. In Elsdorf-Westermühlen liegt die wohl südlichste dänische Schule, die ­Vestermølle Danske Skole. Vier Grundschulklassen lernen hier zusammen. Foto: © SPT Nationale Minderheiten
20. 19 Dänisches Alphabet Das dänische Alphabet besteht aus den typischen 26 lateinischen Buch­staben, ergänzt durch drei weitere Buchstaben: Æ æ, Ø ø, Å å, wobei das Æ und das Ø dem deutschen Ä und Ö nahekommen. Eine weitere Besonderheit zeigt sich – jedenfalls aus deutscher Sicht – in der gesprochenen Sprache, welche sich deut­ lich von der Schriftsprache unterscheidet. Spr ache Die dänische Sprache ist neben Norwegisch und Schwedisch eine der drei skandinavischen Haupt­ sprachen. Sie stammt vom Nordgermanischen ab und zählt zu den indogermanischen Sprachen. Ihr Ursprung als ­eigenständige Sprache liegt rund 1000 Jahre zurück. Deutliche Einflüsse gehen auf die Zeit der Wikinger und Wikingerzüge zurück. Am Ende der Wikingerzeit begannen sich die nordischen Sprachen unabhängig voneinander zu entwickeln. Einflüsse von Wikingern und Hanse Einen starken Einfluss auf das Dänische nahm auch die deutsche Sprache zur Zeit der Hanse, jener vom 11. bis ins 17. Jahrhundert bestehenden Vereinigungen nieder- deutscher Kaufleute und des Zusammenschlusses von Handelsstädten. Vokabeln aus Handel und Handwerk gingen zu dieser Zeit in den Grundwortschatz der ­Sprache über. Beispiele hierfür sind magt – Macht oder straks – stracks. Des Weiteren vermehrten der französi- sche Adel (17./18. Jahrhundert) und das Englisch/Ame- rikanische (20. Jahrhundert) den Wortschatz. Das Wikinger-Befestigungssystem ­Danewerk und der einstige frühstädtische Handelsplatz Haithabu bei Busdorf nahe Schleswig wollen Weltkulturerbe werden. Ein Wikingermuseum und Veranstaltungen ziehen Interessierte an. Foto: © Michael Staudt Die dänische Minderheit
21. Die friesische Volksgruppe
22. Über 60 Biiken (Leuchtfeuer) lodern jedes Jahr am 21. Februar an der Küste sowie auf den Inseln und Halligen Nordfrieslands. Foto: © Michael Staudt Die friesische Volksgruppe in Deutschland lebt an der schleswig- holsteinischen ­Westküste und im nordwestlichen Niedersachsen sowie im Kreis Cloppenburg.
23. 22 Nationale Minderheiten Je nach Lebensraum heißen sie Nord-, Ost- und Sater- friesen. Die Gruppe der Westfriesen lebt in den Nieder- landen. Die Nordfriesen sind im entsprechend benann- ten Kreis Nordfriesland und auf der Insel Helgoland heimisch. Die Ostfriesen leben in den Landkreisen ­Aurich, Leer, Friesland und Wittmund, in den kreis­ freien Städten Emden und Wilhelmshaven sowie in Teilen der Landkreise Cuxhaven und Wesermarsch. Die Saterfriesen siedeln im Nordwesten des Landkreises Cloppenburg und in der selbstständigen Gemeinde Saterland (Dörfer Strücklingen, Ramsloh, Scharrel und Sedelsburg). Zur Gruppe der Friesen gehören auch die Westfriesen, die in den Niederlanden als nationale ­Minderheit anerkannt sind. Geschichte Die Geschichte der Friesen geht zurück bis in die Zeit der Antike. Ihre „Friesische Freiheit“ war mit ersten demokratischen Ansätzen schon im Mittelalter ein Gegenmodell zur weit verbreiteten Adelsherrschaft. Westfriesland und Ostfriesland wurden von den Friesen bereits sehr früh bevölkert. Die nordfriesischen Inseln z. B. Sylt, Amrum, Föhr oder die Halligen wurden ver- mutlich bereits im 7. und 8. Jahrhundert von Friesen besiedelt. Weitere Siedler ließen sich seit dem 11. Jahr- hundert in den Marschen nieder, dem fruchtbaren Schwemmland an der Nordseeküste. Die Saterfriesen stammen von Ostfriesen ab, die zwischen 1100 und 1400 die von Sturmfluten stark verwüstete Nordsee­ küste verließen und sich etwas südlicher im bereits von Westfalen besiedelten Saterland niederließen. Das Leben in Friesland ist geprägt von der Küstenlage und zahl­ reichen Inseln. Foto: © dpa/Gerhard Launer
24. 23Die friesische ­Volksgruppe Upstalsboom-­Denkmal und Friesische Freiheit, ziehen auch Touristen an. Foto: © Sabine Gronewold ­Ostfriesische Landschaft Friesische Freiheit Eine zentrale friesische Überlieferung bildet die „Frie­ sische Freiheit“. In den friesischen Siedlungsgebieten der heutigen Niederlande und des heutigen Bundeslan- des Niedersachsen regelten die regionalen Landschaf- ten im Mittelalter ihre Angelegenheiten weitgehend autonom. Verbunden wird diese Rechtsposition insbe- sondere mit der Verantwortung der Friesen für die Deiche. Auch in der Tradition Nordfrieslands klingt dieses Bild an. Letztlich konnte der Freiheitsanspruch trotz der Berufung auf ein gefälschtes, Karl dem Gro- ßen zugeschriebenes Privileg gegen die neuzeitlichen Fürstenstaaten nicht behauptet werden. Die für die moderne Bürgergesellschaft wesentliche Verbindung zwischen Verantwortung einerseits und Freiheit ande- rerseits kann gleichwohl als ein friesisches Erbe gelten.
25. 24 Gleichheit – im Kampf gegen die See Die östlichen friesischen Siedlungsgebiete erstreckten sich von der Ems bis an die Unterweser. Das ganze freie Friesland setzte sich aus einem losen Verbund der ein- zelnen ­Frieslande zusammen. Sie bildeten als soge- nannte ­Sieben See­lande (eine symbolische Zahl) einen losen Verbund, dessen Vertreter am Upstalsboom (wört- lich: aufgestellter Baum, eine Kultstätte bei Aurich) zusammenkamen, um Rechtsfälle abzuhandeln und politische Entscheidungen zu treffen. Am Ende des Mittelalters war es mit der „Friesischen Freiheit“ endgültig vorbei. Nach Jahrhunderten mit wechselnden Dynastien und politischen Zuordnungen wurde Ostfriesland im Jahre 1866 dem Königreich Preußen zugeschlagen. Im Jahre 1867 kam Nordfries- land, das zuvor zum Herzogtum Schleswig und damit zum dänischen Reichsverband zählte, als Teil der neuen Provinz Schleswig-Holstein ebenfalls zum Königreich Preußen. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 gehörten sowohl Ost- als auch Nordfriesland zu dem neuen deutschen Nationalstaat. Friesisches Leben in Deutschland Die Organisationen der Nord-, Ost- und der Saterfrie- sen engagieren sich u. a. für den Erhalt der jeweiligen Sprachen und ihre Nutzung im öffentlichen Raum sowie das Vermitteln ihrer Kultur in den Schulen. Nordfriesland Wichtige Träger für die Arbeit der friesischen Bewe- gung in Nordfriesland sind die friesischen Vereine. Als Dachorganisation dient der Frasche Rädj (Friesenrat, Der Upstalsboom in Rahe bei Aurich war ein mittelalterlicher Versammlungsort. Seit 1833 steht an der Stelle eine Stein­ pyramiede. Foto: © Sabine Gronewold Ostfriesische Landschaft. Nationale Minderheiten
26. 25 Sektion Nord e. V.), der die gemeinsamen Interessen der Nordfriesen nach außen und in anderen Gremien vertritt. Zwei friesische Vereine wirken für ganz Nord­ friesland: QQ der 1902 gegründete Nordfriesische Verein betont neben Kultur und Sprache auch das Bewahren der Natur und Landschaft Nordfrieslands; QQ die 1923 als Friesisch-Schleswigscher Verein gegrün- dete Friisk Foriining stellt Sprache und friesische Identität in den Mittelpunkt und arbeitet mit der dänischen Minderheit zusammen. Sie lässt sich ­politisch vom Südschleswigschen Wählerverband vertreten. Die Verbindung zu den politischen Entscheidungs­ trägern gewährleistet das 1988 eingerichtete Gremium für Fragen der friesischen Bevölkerungsgruppe im ­Lande Schleswig-Holstein beim Landtag. Der friesische „National- sport“ Boßeln geht – so eine Überlieferung – zu- rück auf die Dorfverteidi- gung mit Steinen und Lehm­kugeln gegen See- räuber und Eindringlinge. Foto: © Michael Staudt Die friesische ­Volksgruppe
27. 26 Von großer Bedeutung für die Pflege der friesischen Sprache, Kultur und Geschichte ist seit 1965 das Nord- friisk Instituut in Bredstedt als zentrale wissenschaftli- che Einrichtung. Es wird von dem 1948 gegründeten Verein Nordfriesisches Institut getragen. Zudem besteht an der Universität Kiel seit 1950 die Nordfriesische Wörterbuchstelle, die mehrere lexikalische Werke her- ausgegeben hat. Geleitet wird die Wörterbuchstelle von dem Inhaber der 1978 eingerichteten Professur für Friesisch. An den staatlichen Schulen in Schleswig- Holstein sowie an einzelnen Schulen der dänischen Minderheit wird auch Friesisch unterrichtet. Ein eigenes friesisches Schulsystem gibt es nicht. Seit 1988 arbeitet die private Ferring Stiftung in Alkersum von Föhr aus unter anderem für die friesische Sprache und Kultur. Biikebrennen Es ist das wichtigste Fest der Nordfriesen: Jedes Jahr am 21. Februar brennen an der Küste, auf den Inseln und Halligen über 60 Biiken (Leuchtfeuer). Biike be­ deutet „Feuerzeichen“ und geht auf einen Fastnachts­ brauch zurück, mit dem die bösen Geister vertrieben und die neue Saat geschützt werden sollte. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Biike auf den Vorabend des Petri­ tages (22. Februar) festge­ legt, eines alten Gerichtsta­ ges. Seit den 1970er-Jahren erfuhr das Biikebrennen insbesondere auf dem Fest­ land durch ein erstarktes Regionalbewusstsein einen deutlich vermehrten Zu­ spruch. Nationale Minderheiten Die heutige Form der Föhrer Festtracht ist in der Mitte des 19. Jahrhun- derts entstanden und hat sich seitdem nur noch gering­fügig verändert. Foto: © Michael Staudt
28. 27 Friesisches Radio In den Medien ist Friesisch spärlich vertreten. Viel An- klang finden aber die vom Norddeutschen Rundfunk gemeinsam mit dem Nord- friisk Instituut und den Sparkassen der Region aus- gerichteten friesischen Er- zählwettbewerbe „Ferteel iinjsen!“. Zudem ist Ende September 2010 im Rahmen des Offenen Kanals Schleswig-Holstein das auf fünf Jahre projektierte Friesische Radio – FriiskFunk – auf Föhr eingerichtet worden. In den in Nordfriesland ver- breiteten Lokalblättern des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages gibt es etwa einmal monatlich eine Zeitungsseite mit friesischen und plattdeutschen Tex- ten. Außerdem erscheinen einige Zeitschriften ganz oder teilweise auf Friesisch. Ostfriesland Der kommunale Zweckverband Ostfriesische Land- schaft vertritt als Nachfolger der ostfriesischen Land- stände die Interessen der Menschen insbesondere auf den Gebieten Kultur, Wissenschaft und Bildung. Er setzt sich dabei für den Gebrauch der Regionalsprache Niederdeutsch in Ostfriesland ein und wahrt als Hüter der friesischen Überlieferung die geschichtlichen und ­kulturellen Zusammenhänge des friesischen Küsten- raumes und pflegt die Verbundenheit mit allen Friesen innerhalb und außerhalb Europas. Die friesische ­Volksgruppe Das „friesische Alltagsradio“ FriiskFunk ist jeden Morgen eine Stunde lang auf Sendung. Foto: © FriiskFunk
29. Saterland Für den Erhalt und die Förderung des Saterfriesischen setzt sich der Seelter Buund (Heimatverein Saterland) ein. Der Seelter Buund initiierte zweisprachige Orts- schilder und saterfriesischen Unterricht in Kindergär- ten und Schulen. Inzwischen wird an allen öffentlichen Schulen des Saterlandes von hauptamtlichen Lehrkräf- ten freiwilliger Unterricht (Arbeitsgemeinschaften, Wahlpflichtunterricht) in saterfriesischer Sprache ange- boten. So wird Saterfriesisch heute immer mehr gelesen und geschrieben. Dennoch ist die Existenz der Sprache gefährdet. An der Universität Oldenburg werden Seminare zum Saterfriesischen angeboten und dazu geforscht. Seelter Buund, Universität und der Verband Oldenburgische Landschaft kooperieren beim Bildungsprojekt „Das Saterland als Modellregion für frühe Mehrsprachigkeit“. Nationale Minderheiten28 Der alte Bahnhof in Scharrel (Saterland) ist heute das ­Saterfriesische Kulturzentrum des „Seelter Buund“. Foto: © Seelter Buund Friesische Kooperation Der Seelter Buund arbeitet gemeinsam mit den Nord­ friesen in dem deutschen Komitee des Europäischen Büros für weniger verbreite­ te Sprachen und in dem Interfriesischen Rat. Das Kulturhuus des Heimat­ vereins bietet Platz für einen Radiosender, ein Archiv und für Kurse und Ver­ sammlungen.
30. 29 Spr ache Während Nordfriesisch noch weit verbreitet ist, hat sich Ostfriesisch nur noch in der Sprache der Sater- friesen erhalten. In Ostfriesland spricht man längst Niederdeutsch (Platt).Westfriesisch ist in der Provinz Friesland im Königreich der Niederlande verbreitet. Das Friesische gehört wie Englisch, Niederländisch und Deutsch zur westgermanischen Sprachgruppe und ­bildet gemeinsam mit dem Englischen das Nordseeger- manische (Ingwäonisch). Nordfriesisch Nordfriesisch besteht aus zwei Dialektgruppen, dem Insel- und dem Festlandsnordfriesischen. „Hochbur- gen“ des Friesischen sind die Gemeinde Risum-Lind- holm auf dem Festland, vor allem aber der Westen der Insel Föhr. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Nordfriesisch zunehmend als Schriftsprache verwen- det. Für die Hauptdialekte liegen Wörterbücher und Sprachlehren sowie zahlreiche literarische Werke vor. Der einem breiten Publikum bekannte Kinder- und Jugendbuchautor James Krüss (1926–1997) schrieb aber auch in seiner Helgoländer Heimatsprache, dem ­Halunder, das eine Variante des Nordfriesischen ist. Anlässlich seines 80. Geburtstages wurde das von ihm geschriebene und in Einführung und Nachwort gespro- chene Hörspiel „Claus Reimers“ vom Nordfriesischen Institut auf CD herausgegeben. Zweisprachige Schilder Im öffentlichen Leben wird der friesischen Sprache seit einigen Jahren mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Seit einer im Jahr 1997 von Schleswig-Holstein getrof­ fenen Regelung haben viele Gemeinden ihre Ortstafeln deutsch-friesisch gestaltet. Die meisten Bahnhöfe im friesischen Gebiet haben zweisprachige Stations­ schilder. 2004 beschloss der Schleswig-Holsteinische Landtag das Gesetz zur Förderung des Friesischen im öffentlichen Raum. Es sieht unter anderem eine auch friesische Beschilde­ rung öffentlicher Einrich­ tungen vor. Das Finanzamt der Region zum Beispiel firmiert auf Friesisch als „Stüüråmt Nordfriislon“. Gelegentlich werden ­Gottesdienste auf Friesisch gehalten, im Jahr 2000 erschien ein umfangreiches Gesangbuch. Die friesische ­Volksgruppe Auch Westerland auf Sylt begrüßt Besucher zweisprachig. Foto: © Nordfriisk Instituut
31. 30 Ostfriesisch und Saterfriesisch Ostfriesisch ist im ursprünglichen Kernland ausgestor- ben, hat sich aber außerhalb Ostfrieslands im Saterland erhalten. Zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert war das „Altfriesische“ sogar offizielle Schriftsprache. Aus dieser Zeit sind vor allem umfangreiche Rechtstexte überliefert. Seine Ausstrahlungskraft büßte das Friesi- sche aber spätestens ein, als die Hanse mit ihrer nieder- deutschen Geschäftssprache die Friesen als führendes Handelsvolk der Nordsee ablöste. Die Sprache der Ost- friesen ist heute das Niederdeutsche (Platt). Ostfriesisch lebt weiter im Saterfriesisch – Seeltersk. Die Saterfriesen sind eine der kleinsten Sprachgruppen in Europa. Sie verwenden 16 verschiedene Diphtonge, also Doppellaute aus zwei verschiedenen Vokalen. Als Bei- spiele sind hier Begriffe wie fjauer (vier), bloud (Blut) oder skeeuw (schief) zu nennen. Die Verwandtschaft mit dem Englischen ist stark ausgeprägt. „Aussprache manchmal schwierig“ „… die friesische Sprache selbst hat nach den Gegenden mannigfache Unterschiede. Im Ganzen hat die Sprache mit der englischen Sprache so viel Verwandtschaft und Ähnlichkeit, dass sie an keine Sprache überhaupt von anderen Völkern, auch nicht von benachbarten, näher herankommt … Sie hat einen häufigen Zusammenstoß von Vokalen und eine zahlreiche Mannigfaltigkeit an Diphtongen, sodass ihre Aussprache manchmal schwierig ist und ihre Schreibweise noch schwieriger. Daher gibt es so selten Denkmäler dieser Sprache in Büchern…“ so der Rechtsgelehrte Ubbo Emmius ( 1547–1625 ) über das Ostfriesische. Nationale Minderheiten
32. 31 Englische und dänische Einflüsse Die Verwandtschaft des Friesischen mit dem Engli- schen lässt sich noch heute an zahlreichen Wörtern ablesen. Im Friesischen der Insel Sylt zum Beispiel heißt hören „hiir“ (englisch hear), lassen „let“ ( englisch let ) und Mittwoch „winjsdai“ ( englisch Wednesday). Das Nordfriesische stand einst unter dänisch-jütischem Einfluss, auch bezüglich des Wortschatzes. Junge heißt zum Beispiel auf Dänisch „dreng“, auf Föhr und in der Bökingharde jeweils „dring“. Feuer heißt auf Dänisch „ild“, auf Föhr „ial“, in der Bökingharde „iijl“. „Der Knüppelkrieg“, Theaterstück der Gruppe „Das letzte Kleinod“ mit Einwohnern der friesi- schen Insel Spiekeroog. Foto: © Jens-Erwin Siemssen / Das letzte Kleinod Die friesische ­Volksgruppe
33. Deutsche Sinti und deutsche Roma leben bereits seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland. Die deutschen Sinti und Roma
34. Rubrik Erzählcafé „Paramissa“: Der deutsche Sinto Reinhold Lagrene bei einer Lesung von Erzählungen aus der reichhaltigen Tradition der deutschen Sinti und Roma. Foto: © Zentralrat Deutscher Sinti und Roma
35. 34 Heute stehen die seit Jahrhunderten hier heimischen deutschen Sinti und Roma unter dem besonderen Schutz als nationale Minderheit. Davon zu unterschei- den sind Roma ausländischer Staatsangehörigkeit. Die deutschen Sinti und Roma leben im gesamten Bun- desgebiet. Geschichte Sinti leben seit dem 14. Jahrhundert auf deutschspra- chigem Gebiet. Roma sind in Deutschland seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts heimisch gewor- den. Vor etwa 1000 Jahren wanderten Sinti und Roma aus ihrer Heimat im heutigen Nordwesten Indiens und dem benachbarten heutigen Pakistan aus. Sie ließen sich auf dem Balkan, im Mittleren Osten und in Osteu- ropa nieder. In die heute deutschen Gebiete kamen Sinti im 14. Jahrhundert. Roma folgten seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus südosteuropäischen Gebieten. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft waren die Sinti und Roma Verfolgung und Völkermord ausgesetzt – in Deutschland, den deutschen besetzten Gebieten und den mit Hitler verbündeten Staaten. Etwa 500.000 Sinti und Roma fielen dem Rassenwahn der Nationalsozialisten und dem an ihnen systematisch geplanten Völkermord zum Opfer, ihr kulturelles Erbe wurde zum großen Teil zerstört. Nationale Minderheiten Völkermord „Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassen­ wahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernich­ tung durchgeführt worden wie der an den Juden. Sie wurden im gesamten Einflussbereich der Natio­ nalsozialisten systematisch und familienweise vom Kleinkind bis zum Greis ermordet.“ Bundespräsident Roman ­Herzog in seiner Rede zur Eröffnung des Dokumenta- tions- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma
36. 35 Das Denkmal für die in der NS-Zeit ­ermordeten Sinti und Roma in Berlin ist am 24. Oktober 2012 eröffnet worden. Es besteht aus einem kreisrunden See umgeben von Granitplatten mit den Namen der Konzen- trationslager. Im Zentrum des Sees steigt täglich eine Steinsäule empor, auf der eine frische Blume liegt. Foto: © John MacDougall/ AFP/Getty Images Die deutschen ­Sinti und Roma
37. 36 Sinti und Roma heute in Deutschland Die deutschen Sinti und Roma haben sich zur ­Vertretung ihrer Interessen und zur Stärkung ihrer Kultur in unterschiedlichen Vereinen organisiert. Zentralrat Deutscher Sinti und Roma Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wurde im Februar 1982 gegründet und ist der unabhängige Dach- verband von 17 Landesverbänden. Er ist die bürger- rechtliche und politische Interessenvertretung der Deutschen Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg. Der Zentralrat setzt sich ein für die gleichberechtigte Teil- habe der Sinti und Roma in Politik und Gesellschaft und den Schutz und die Förderung als nationale Min- derheit. Im Rahmen seiner bürgerrechtlichen Arbeit betreibt er die Umsetzung des „Rahmenübereinkom- mens zum Schutz nationaler Minderheiten“ auf natio- naler Ebene und steht dazu in kontinuierlichem Dialog mit Bundes- und Landesregierungen. Für die deutschen Sinti und Roma setzte der Zentralrat im Mai 1995 die gesetzliche Anerkennung als nationale Minderheit durch und für das deutsche Romanes die Anerkennung als Minderheitensprache gemäß der „Charta” des Europarates. Er fördert die Begegnung mit Holocaustüberlebenden, setzt sich ein für den Schutz der Gräber NS-verfolgter Sinti und Roma und organi- siert regelmäßig Reisen zu historischen Gedenkstätten im In- und Ausland. Auf internationaler Ebene vertritt der Zentralrat die Interessen von Sinti und Roma regelmäßig auf Konfe- renzen der EU, des Europarats und der OSZE und ist Mitglied in zahlreichen nationalen und internationalen Minderheitenorganisationen. Nationale Minderheiten
38. 37 Dokumentations- und Kulturzentrum Eine bedeutende Facheinrichtung ist das Dokumenta- tions- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Es wurde am 16. März 1997 durch Bundes- präsident Roman Herzog eröffnet. Schwerpunkte der Einrichtung sind die Dokumentation und wissen- schaftliche Arbeit zur Geschichte, Kultur und Gegen- wart der Sinti und Roma, die kulturelle Arbeit, die Bil- dung und Fortbildung, die Beratung zur gesellschaftli- chen Gleichbehandlung sowie die Öffentlichkeitsarbeit. Das Zentrum beherbergt die weltweit erste Daueraus- stellung über den Völkermord an den Sinti und Roma. Ferner engagiert sich die Einrichtung für den Schutz und die Förderung des deutschen Romanes nach der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheiten- sprachen des Europarates. Die deutschen ­Sinti und Roma Drei auszubildende Sinti-Jugendliche vor dem Dokumentations- und Kultur- zentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg Foto: © Zentralrat Deutscher Sinti und Roma
39. 38 Nationale Minderheiten Sinti Allianz Deutschland Die Sinti Allianz Deutschland e. V. mit Sitz in Göttingen ist ein Zusammenschluss deutscher Sinti. Die Allianz wurde 1999/2000 von 20 Familienvertretern gegründet, deren Angehörigen in allen alten Ländern leben. Sie ist eine Interessenvertretung deutscher Sinti, die sich ihrer traditionellen Lebensweise mit ihren historisch ­gewachsenen Geboten und Verboten – kulturellen und sozialen Tabus – besonders verpflichtet fühlen und ­diese Ordnung der Sinti erhalten wollen. Die meisten der von der Sinti Allianz vertretenen Sinti verstehen sich nicht nur als Angehörige einer Minderheit, son- dern zugleich immer auch als Sinti-Volksgruppe, die ein Teil der deutschen Gesamtgesellschaft ist, die neben ihrer deutschen Sprache und Kultur die der Sinti lebt und pflegt. Ein weiterer Aspekt der Arbeit der Sinti Allianz ist der Erhalt und die Stärkung der Sinti-Kultur durch Kultur- projekte. So informieren Stammesangehörige Kinder und Jugendliche aus Sinti-Familien über Geschichte, Kultur, Sitten und Gebräuche und organisieren Work- shops mit Sinti-Künstlern (Musikern, Sängern und ­Tänzern). Sie unterstützen sozial schwache Sinti-­ Familien mit Sozialberatung, betreuen, beraten und vertreten Senioren und insbesondere NS-Opfer. Musikalische Botschafter Besonders die Musik der Sinti und der Roma ist vielen Menschen ein Begriff. Die Palette reicht international vom Sinti-Jazz über Popmusik, den „Balkan-Pop“, ­Flamenco oder die Musik der ungarischen Roma bis zur Schlagermusik. Der in Ungarn geborene Roma- Gitarrist und Komponist Ferenc Snétberger spielte 2011 beim Holocaust-Gedenktag im ­Deutschen Bundestag. Foto: © Getty Images
40. 39Die deutschen ­Sinti und Roma Spr ache Die deutschen Sinti und Roma verwenden unter­ einander neben Deutsch als zweite Muttersprache Romanes. Ihre Kinder wachsen zweisprachig auf. Im Laufe der Jahrhunderte, in denen die Sinti und Roma verschiedenen Kulturen in Europa angehörten, haben sich unterschiedliche Versionen des Romanes herausgebildet. In Deutschland sind entlang den deut- schen Mundarten verschiedene Romanes-Dialekte ent- standen. So kann zwischen dem preußischen, bayeri- schen, württembergischen, pfälzischen oder sächsi- schen Romanes-Dialekt differenziert werden. Der (Ober-)Begriff Romanes wird jedoch von allen Angehö- rigen der deutschen Sinti und Roma verwandt. Im Ge- gensatz zu vielen anderen Sprachen hat Romanes keine verbindliche Normierung erfahren. Umfassendere ­Werke über die Sprache entstanden erst ab Ende des 18. Jahrhunderts. Romanes als Familiensprache Der NS-Völkermord bedeutete nicht nur einen kulturel- len Bruch, sondern hatte auch zur Folge, dass viele Sinti und Roma nach 1945 ihre Identität verbargen. Dies wirk- te sich auch auf die Weitergabe des Romanes aus. Der damit verbundene Sprachverlust ist bis heute spürbar. ­­Viele deutsche Sinti und Roma vertreten die Auffassung, dass mit Rücksicht auf die Erfahrun- gen der Überlebenden des Völ- kermordes Romanes nicht an Außenstehende im staatlichen Bildungssystem vermittelt wer- den soll. Ein entsprechender Sprachunterricht ist im staatli- chen Schulsystem nicht vorge- sehen. Am ersten Sonntag im Juli kommen jedes Jahr zahlreiche gläubige Sinti und Roma aus Deutschland und dem Ausland zur großen Internationalen Wallfahrt nach Germershausen im Landkreis Göttingen. Foto: © Swen Pförtner Indische Wurzeln Das circa 2000 Jahre alte Romanes ist eine eigen­ ständige Sprache mit Ursprüngen im altindi­ schen Sanskrit. Es gehört zu den indoeuropäischen Sprachen.
41. 40 Das sorbische Volk lebt­­ ausschließlich in Deutschland, und zwar in der Oberlausitz (Freistaat Sachsen) und der Niederlausitz (Land Brandenburg). Das sorbische Volk­
42. 41 Im Spreewald in Brandenburg leben zahlreiche Sorben / Wenden, wie diese ­Schifferin bei Lübbenau. Foto: © Sean Gallup/Getty Images
43. 42 Neben der Bezeichnung Sorben wird vor allem in ­Brandenburg auch der ältere Begriff „Wenden“ offiziell verwendet. Dieser geht auf römische Geschichtsschrei- ber zurück, die unbekannte Stämme im Osten mit dem Begriff „Veneti“ bezeichneten, woraus später im Deut- schen der Begriff „Wenden“ wurde. Geschichte Das Volk der Sorben, ursprünglich slawische Stämme nordöstlich der Karpaten, kam vor rund 1500 Jahren in das Gebiet zwischen Ostsee und Erzgebirge. In der Ober- und Niederlausitz konnte es seine kulturelle Eigenart über die Jahrhunderte zum Teil bewahren und entwickeln – unterbrochen u. a. durch die Politik der Nationalsozialisten im Dritten Reich. Ausgelassen wird in der ­Niederlausitz, hier in Cottbus, der Zapust, die niedersorbische Fastnacht gefeiert. Foto: © Thomas Kläber Nationale Minderheiten
44. In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts nach Christus verließen slawische Stämme im Zuge der Völkerwande- rung ihre Heimat nordöstlich der Karpaten, zogen nach Westen und siedelten sich in einem unbewohnten ­Gebiet von etwa 40.000 Quadratkilometern zwischen Ostsee und Erzgebirge an. Seitdem lebten die Sorben (obersorbisch Serbja, niedersorbisch Sorby) im Gebiet zwischen Saale und Neiße. Im Mittelalter kamen die Gebiete unter deutsche Herrschaft und es folgte eine Christianisierung der Sorben. Ab dem 11. Jahrhundert kam es darüber hinaus zu einer weitgehenden Assimi- lierung der Sorben. Lediglich in der Ober- und der ­Niederlausitz konnten sie ihre kulturelle Eigenart zum Großteil bewahren und weiter entwickeln. Dafür war die Reformation mit ihrem nicht weit von der Lausitz entfernten Zentrum Wittenberg von großer Bedeutung. Sie stellte unter anderen Predigt und Ge- meindegesang in den Vordergrund. In dessen Folge erhielt das sorbische Volk eine Schriftsprache. Sorbi- sche Pfarrer und Lehrer wurden zu Trägern einer sor- bisch-nationalen Identität und schufen eine sorbische Literatur. Krabat Die bekannteste Sagen­gestalt der Sorben ist der Krabat. Die Sage spielt Ende des 17. Jahrhunderts in der Lausitz und erzählt von dem sorbischen Betteljungen Krabat, der die Zauberkunst erlernt und diese jedenfalls in den späteren Fassungen der Sage zum Wohle der ­Sorben, insbesondere bei der Fruchtbarmachung der Äcker und der Trocken­legung der Sümpfe angewendet hat. Er gilt daher noch heute als Schutzpatron der sorbischen Land­bevölkerung. Den Stoff hat der sorbische Dichter Jurij Brězan in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhun- derts zu drei Romanen verarbeitet. Das ­sorbische Volk 43 Die Sagengestalt Krabat, hier auf einem Bild des Malers Měrćin Nowak-Njechorński. Den Stoff hat der sorbische Dichter Jurij Brězan zu drei Romanen verarbeitet. Foto: © Domowina Verlag
45. 44 Industrialisierung drängt Sorbentum zurück Im frühen 19. Jahrhundert sorgten dann vor allem sor- bische Gelehrte, Vereine, Volksschulunterricht und Gottesdienst in sorbischer Sprache sowie sorbische Bücher und Zeitschriften für die Pflege und Bewahrung der kulturellen Identität. Zugleich war diese bedroht. Die Sorben wohnten vorwiegend in Dörfern, die kaum am industriellen Aufschwung Teil hatten. Viele Sorben wanderten ab in Industrieregionen und Städte, häufig verbunden mit einem Verlust der sorbischen Identität. Diese Entwicklung wurde verstärkt durch eine aktive Politik zur Beseitigung der sorbischen Identität vor allem während des nationalsozialistischen Dritten Reichs. Die Maßnahmen der Nationalsozialisten richte- ten sich besonders gegen Pfarrer, Lehrer, das sorbische Vereinswesen und die sorbische Presse. Seinerzeit förderte die DDR die Eigenständigkeit der Sorben im kulturellen, schulischen und wissenschaftli- chen Bereich, z. B. mit Anordnungen zur Bewahrung der sorbischen Identität oder dem Aufstellen zweispra- chiger Orts- und Straßenschilder. Die Industrialisierung in der Nieder- und Oberlausitz führte jedoch zu einem Zustrom der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung, wodurch die Sorben in dem Gebiet bald in der Unter- zahl waren. Nationale Minderheiten Das Sorbische National-Ensemble und Laienkünstler traten zur 100-Jahr-Feier der Domowina auf. Foto: © Jurij Helgest / Domowina Verlag
46. 45 Seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 erfährt das sorbische Volk einen besonderen Schutz. Neben der Protokollnotiz zum Einigungsvertrag garan- tieren diesen auch das im Jahr 1994 verabschiedete brandenburgische Sorben/Wenden-Gesetz sowie das sächsische Sorbengesetz aus dem Jahr 1999. Sorbisches Leben Der politisch-kulturelle Dachverband der Sorben, Domowina, stützt sich auf eine hundertjährige Tradi- tion. In Schulen wird zunehmend zweisprachiger Unterricht angeboten.An der Spitze des Freistaats Sachsen steht seit 2008 mit Ministerpräsident ­Stanislaw Tillich zum ersten Mal ein Sorbe. Die Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. mit Sitz in Bautzen ist der politisch unabhängige Dachverband sorbischer Vereinigungen. Er umfasst fünf Regionalver- einigungen und zahlreiche Fachverbände kultureller, sprachlicher, beruflicher oder religiöser Ausrichtung. Ziel der Domowina ist es, die Sprache, Kultur und Tra- ditionen des sorbischen Volkes zu bewahren und weiter zu entwickeln. Sie vertritt die Interessen der Sorben gegenüber Politik, Staat und Öffentlichkeit. Ferner initi- iert und unterhält die Domowina internationale Kon- takte zu den slawischen Nachbarn und anderen Volks- gruppen sowie nationalen Minderheiten in Europa. Der Bund, der Freistaat Sachsen und das Land Brandenburg fördern die Domowina über die Stiftung für das sorbi- sche Volk. 100 Jahre Domowina Die Domowina war vor 100 Jahren, am 13. Oktober 1912, in Hoyerswerda als Dachverband der Sorben gegründet worden. Im Jahr 1937 wurde sie faktisch verboten und enteignet, am 10. Mai 1945 in Crostwitz neu gegründet. Nach der Wiedervereinigung münde­ te ein Erneuerungsprozess 1991 in den Dachverband heutigen Zuschnitts. Zum 100-jährigen Bestehen der Domowina erschien im Oktober 2012 eine Sonderbrief- marke. Sie stellt das sorbische Fest Vogelhochzeit dar. Foto: © Kitty Kahane Das ­sorbische Volk
47. 46 Stiftung für das sorbische Volk Die Stiftung für das sorbische Volk soll ihm eine weit- gehend selbstbestimmte Gestaltung seiner Belange bei finanzieller Förderung durch den Bund und die beiden Länder Brandenburg und Freistaat Sachsen ermögli- chen. Sitz der Stiftung ist Bautzen, mit einer Außenstel- le in Cottbus und drei Regionalbüros. Zweck der Stiftung ist es, die sorbische Sprache und Kultur als Ausdruck der Identität des sorbischen Volkes zu pflegen. Unterstützt werden u. a.: QQ das seit 1952 bestehende Sorbische National-Ensemble QQ das Deutsch-Sorbische Volkstheater QQ das Sorbische Museum Bautzen QQ das Wendische Museum Cottbus QQ der Domowina-Verlag, in dem sorbische Bücher, Zeitungen wie die obersorbische Tageszeitung „Serbske Nowiny“ und die niedersorbische Wochen- zeitung „Nowy casnik“ sowie Zeitschriften heraus­ gegeben werden QQ das Sorbische Institut in Bautzen; es widmet sich der sorbischen Sprache, Geschichte, Kunst und Kultur. Zweisprachiger Unterricht In Sachsen und Brandenburg gibt es in Gebieten, in denen Sorben leben, Schulen mit zweisprachigem Un- terricht (Sorbisch und Deutsch) und Schulen, an denen Sorbisch als Fremdsprache gelehrt wird. Für jüngere Kinder bestehen in beiden Ländern mehrere sorbische Kindergärten. Der bundeslandübergreifende Sorbische Schulverein e. V. hat zudem das Projekt WITAJ (sorbisch für Willkommen) zur zweisprachigen Betreuung und Ausbildung an Kindergärten und Schulen ins Leben gerufen. Dabei sollen Kinder die sorbische Sprache nicht wie eine Fremdsprache, sondern wie eine weitere Muttersprache in einem sorbischsprachigen Umfeld erwerben. Nationale Minderheiten
48. Auch die öffentlich-rechtlichen Medien tragen ihren Teil zu einer lebendigen sorbischen Kultur bei. Der ­Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) produziert mit über 30 Mitarbeitern aus dem MDR-Studio in Bautzen ein Obersorbisches Radio- und Fernsehprogramm. Radio Berlin-Brandenburg (RBB) sendet wöchentlich elf­ einhalb Stunden lang ein niedersorbisches Radiopro- gramm aus dem RBB-Studio Cottbus. Spr ache Bis zu 30.000 Menschen sprechen sorbisch. Es gibt zwei sorbische Sprachen: Niedersorbisch und Ober- sorbisch.Vor allem das Niedersorbische ist vom ­Aussterben bedroht. Niedersorbisch wird heute in vier Landkreisen im Süd- osten des Landes Brandenburg, Obersorbisch in vier Landkreisen im Nordosten des Freistaates Sachsen ge- sprochen. Osterreiter halten eine weitere sorbische Tradition aufrecht. Foto: © Thomas Kläber Das ­sorbische Volk 47
49. 48 Auch die Schriftsprache ist zweigeteilt. Dem Obersorbi- schen liegt der Bautzener Dialekt zugrunde. Er ist dem Tschechischen und Slowakischen ähnlicher und wird von mehr Menschen aktiv gesprochen als das Nieder- sorbische. Das Niedersorbische basiert auf dem Cott- busser Dialekt und weist Verbindungen zum Polni- schen auf. Es gibt Befürchtungen, dass die Zahl der ­aktiven Sprecher des Niedersorbischen nicht ausreicht, um die Sprache dauerhaft am Leben zu erhalten. Das Sorbische gehört zu den westslawischen Sprachen. Sowohl das Ober- als auch das Niedersorbische weisen gemeinsame Merkmale dieser Sprachengruppe auf. Es gibt jedoch auch Besonderheiten gegenüber den ande- ren westslawischen Sprachen. So hat sich im Sorbischen in der Deklination und in der Konjugation der Dual (Zweizahl) erhalten, ein besonderer grammatischer Numerus zusätzlich zur Ein- und zur Mehrzahl, der angewendet wird, wenn von zwei Gegenständen die Rede ist (z. B. os. dwaj hólcaj spěwataj beziehungsweise Die sorbischsprachige Tageszeitung „Serbske Nowiny“ erscheint im Domowina Verlag ­Bautzen. Foto: © Domowina Verlag Nationale Minderheiten
50. 49 ns. dwa gólca spiwatej „zwei Jungen singen“, gegenüber os. tři hólcy spěwaja beziehungsweise ns. Tśi gólcy ­spiwaju „drei Jungen singen“). Die sorbische Sprache ist in zahlreiche Dialekte und Ortsmundarten gegliedert, die sich auf allen Ebenen des Sprachsystems unter- scheiden. Erste schriftliche Zeugnisse Die Anfänge des schriftlichen Gebrauchs der sorbischen Sprache fallen in die Zeit der Reformation. Aus der Zeit davor existieren nur vereinzelte Zeugnisse, so die ­Magdeburger Glossen aus dem 12. Jahrhundert oder der Bautzener Bürgereid um 1500. Die ersten umfangrei- cheren schriftlichen Überlieferungen in sorbischer Sprache waren Übersetzungen religiöser Texte. Zu den ältesten Schriftstücken gehören die Übersetzung des Neuen Testaments von Mikławš Jakubica aus dem 16. Jahrhundert, eine Handschrift mit Kirchenliedern (Gregorius 1593) und eine Übersetzung des Kleinen Katechismus von Luther (Warichius 1595). Das erste gedruckte sorbische Buch war das Wendische Gesang- buch mit Katechismus von Albin Moller im Jahr 1574. Für das Land Brandenburg und den Freistaat Sachsen sind Schutz und Förderung des Sorbischen nicht nur im Schulwesen und bei kulturellen Einrichtungen und Veranstaltungen, sondern auch in der Verwaltung, vor Gericht und im öffentlichen Verkehrsraum ein wichti- ges Anliegen. Das ­sorbische Volk
51. 50 Niederdeutsch – ­umgangssprachlich auch Platt oder Plattdeutsch – wird in der Nordhälfte Deutschlands zusätzlich zur Hochsprache gesprochen – vorwiegend im privaten Umfeld. Regionalsprache Niederdeutsch ­
52. 51 Niederdeutsch-Nachwuchs beim Lesewettbewerb. Foto: © Michael Staudt
53. 52 Niederdeutsch ist in Deutschland als Regionalsprache im Sinne der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen anerkannt. Von den Minder­ heitensprachen unterscheidet es sich dadurch, dass die Platt Sprechenden keine nationale Minderheit bilden. Zuhause ist Niederdeutsch in den Ländern Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sowie in den nördlichen Teilen von Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen- Anhalt. Im gesamten niederdeutschen Sprachgebiet beherr- schen gut 12 Pro­zent Platt aktiv, hat das Institut für niederdeutsche Sprache in einer repräsentativen Um- frage im Jahr 2007 ermittet. Danach bezeichneten sich 2,6 Millionen Menschen als sehr gute oder gute Platt- Am Oberlandesgericht in Schleswig wird, wie in vielen anderen öffentlichen Stellen auch Niederdeutsch gesprochen. Foto: © Ulrich Perrey/dpa Minderheiten- und Regionalsprachen
54. 53 deutsch-Sprecher. Rund 75 Prozent der Menschen in Norddeutschland verstehen Platt, ohne dass sie alle es auch sprechen können. Hochdeutsch ist in fast allen Lebensbereichen Erstspra- che, daneben hat sich aber vielerorts Platt als Zweit- sprache erhalten, in ländlichen Regionen stärker als in den Städten. Grundsätzlich wird Niederdeutsch in allen Bevölkerungsschichten gesprochen. Dabei beherrschen ältere Menschen die Sprache weitaus häufiger als junge, mit der Folge, dass die Zahl der Platt-Sprecher rückläu- fig ist. Niederdeutsch wird heute vor allem zwischen Familienangehörigen, Freunden und Bekannten ge- nutzt. Herkunft und Entwicklung Niederdeutsch hat sich aus dem Altsächsischen ent­ wickelt. Zur Zeit der Hanse war es eine wichtige ­Handelssprache. Seitdem geht die Bedeutung zurück. Niederdeutsch zählt wie das Friesische und das Engli- sche zu den nordseegermanischen Sprachen. Das ­ursprüngliche Altsächsisch sprach man im Stammesge- biet der Sachsen, das Teile des heutigen Niedersachsens und des nördlichen Nordrhein-Westfalen umfasste. Wirtschaftssprache der Hanse In der Zeit der Hanse, also etwa von 1230 bis 1600, war Niederdeutsch die allgemeine Verkehrssprache in Norddeutschland und an den Küsten der Ost- und Nordsee. Zwischen London, Bergen und Nowgorod verhandelten die Kaufleute mit ihren russischen und englischen Partnern auf Platt. Man sprach das Nieder- Regionalsprache ­Niederdeutsch ­ Plautdietsch Eine Besonderheit unter den Varianten des Nieder­ deutschen ist Plautdietsch. Die westpreußische ­Spielart hat sich im 16. und 17. Jahrhundert heraus­ gebildet und ist heute weltweit verbreitet – von Deutschland über Russ­ land, Kanada und in den USA bis nach Lateinameri­ ka und in die Karibik. Der größte Teil der in Deutschland Plautdietsch Sprechenden sind den 1990er Jahren eingewan­ derte Rußlanddeutsche. Plattdeutsch lebt und wird auch von jungen Musikern und ihren Hörern gerne aufgenommen. Foto: © Ostfriesische Landschaft/ Tüdelband
55. 54 deutsch nicht nur, man schrieb es auch: in der Justiz, der Verwaltung, der Wirtschaft. Auffällig ist jedoch, dass es nur wenige niederdeutsche Beiträge zur schönen Literatur dieser Zeit gibt. Mit dem Niedergang der Han- se zwischen 1500 und 1630 verdrängt das Hochdeut- sche von Südosten nach Nordwesten vordringend das Niederdeutsche in der Schreibsprache. Platt beschränk- te sich von da an lange Zeit auf den mündlichen Sprachgebrauch, mit einem deutlichen Verlust an ­Sozialprestige. Erst nach 1850 zeigen sich erste Bestrebungen, dem Rückgang der Sprache und ihrem negativen Ansehen entgegenzuwirken. In dieser Zeit entsteht auch eine niederdeutsche Literatur, die sich bis in die Gegenwart fortentwickelt hat. Einen erneuten Rückgang erfuhr die Sprache in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zwei- ten Weltkriegs. Auch in zahlreichen ländlichen Regio- nen gaben viele Eltern das Niederdeutsche nicht mehr an die Kinder weiter. Sie gingen davon aus, dass Nieder- deutsch sprechende Kinder nicht ausreichend Hoch- deutsch lernten und somit Nachteile in Schule und Beruf erfahren würden. Innerhalb der letzten beiden Das Holstentor in Lübeck war das Machtsymbol der Hanse, Niederdeutsch die Wirtschaftssprache von London bis in das russi- sche Nowgorod. Foto: © Getty Images Minderheiten- und Regionalsprachen
56. 55 Jahrzehnte zeigen sich vieleorts Aktivitäten, die Regio- nalsprache stärker an Bildungseinrichtungen zu kop- peln. Einige hundert Kindertagesstätten bieten Platt über Singen, Spielen und den alltäglichen Umgang an. In einigen Bundesländern ist Niederdeutsch bereits fest in Lehrplänen oder Stundentafeln verankert. Besonderheiten Wer Niederdeutsch spricht, tut dies in einer der ­zahlreichen Mundarten. Sie sind so unterschiedlich, dass die Sprecher sich zuweilen gegenseitig nicht ­verstehen. „Das Niederdeutsche“ gibt es ebenso wenig wie „das Hochdeutsche“. Unübersichtlich sind die sprachlichen Verhältnisse beim Plattdeutschen vor allem, weil ein Standard der Schriftsprache fehlt. Platt existiert in einer Vielzahl von Mundarten. So gibt es starke Abweichun- gen in der Aussprache, der Wortwahl, der Grammatik und im Satzbau. Teilweise ist nicht einmal das wechsel- seitige Verstehen gewährleistet. Babylonisches Platt Die Unterschiede zwischen den niederdeutschen Mundarten verdeutlicht die Übersetzung des Satzes „Die Mädchen sprechen“. Im niederdeutschen Kern­ gebiet, dem Nordniedersächsischen, heißt es De Deerns snackt, in Ostfriesland und im Emsland sagt man De Wichter praten, in Teilen Westfalens hört man De Luitens küert und in Vorpommern De Mäken spräken. Eine gro- be Orientierung bei den Mundarten bietet eine gedach- te Ost-West-Grenze von Lübeck nach Magdeburg, die das Niederdeutsche in zwei größere Sprachlandschaf- ten unterteilt. Als Unterscheidungsmerkmal dafür dient die Form des Plurals der Verben im Präsens. Dieser wird Der Verband Ostfriesische Landschaft wirbt für ­Plattdeutsch. Dann mal los: Man to! Foto: © Cornelia Nath Ostfriesische Landschaft Regionalsprache ­Niederdeutsch ­
57. 56 im Westen auf -(e)t, im Osten auf -(e)n gebildet: West- niederdeutsch: wi/ji/se loopt; Ostniederdeutsch: wi/ji/se lopen; Hochdeutsch: wir laufen/ihr lauft/sie laufen. Doch sind es die Gemeinsamkeiten, die Niederdeutsch zu einer eigenständigen Sprache machen und vom Hochdeutschen trennen. Als Hauptmerkmal gilt, dass Platt – im Gegensatz zum weiter südlich entstandenen Hochdeutschen – nicht von der sogenannten zweiten Lautverschiebung im 7. und 8. Jahrhundert nach Chris- tus betroffen ist. Die Grenze dieser Lautverschiebung verläuft in West-Ost-Richtung etwa auf der Höhe von Düsseldorf-Benrath und wird Benrather Linie genannt. Im Wortschatz zeigen sich zahlreiche Parallelen zwi- schen dem Hoch- und dem Niederdeutschen. Daneben sind nicht wenige eigenständige Wörter zu verzeichnen: So etwa lütt – klein; Deern – Mädchen; Büx – Hose. Im Satzbau lässt das Niederdeutsche gegenwärtig eine ­klare Tendenz erkennen: Es orientiert sich zunehmend an hochdeutschen Mustern. Organisationen Die sprachpolitischen Interessen der Niederdeutsch Sprechenden werden auf Bundesebene seit 2002 durch den Bundesraat för Nedderdüütsch (Bundesrat für Niederdeutsch) vertreten. Die acht betroffenen Länder sowie seit 2008 die Gruppe der Plautdietsch-Sprecher entsenden jeweils zwei ­Delegierte in den Bundesraat. Dies geschieht über die Landesverbände des Bundes Heimat und Umwelt in Deutschland und den Verein Plautdietsch-Frind e. V. Vom Appel zum Apfel Mit dem Lautverschiebung genannten Wandel bei den Konsonanten wurde aus den südlichen westgerma­ nischen Dialekten die althochdeutsche Sprache. Betroffen sind im Kern die Laute p, t und k: Appel – Apfel; eten – essen; Eek – Eiche. Daneben führte die Lautverschiebung zu Ab­ weichungen etwa bei der Kombination eines s mit l, m, n, p, t oder w. Dies illustrieren die folgenden Wortpaare: slapen – schla­ fen; smieten – schmeißen; snorken – schnarchen; spelen – spielen; steken – stechen und swümmen – schwimmen. Lautver­ schiebungen lassen sich in der Geschichte vieler ­Sprachen beobachten. Über die Ursachen ist sich die Wissenschaft uneinig. Minderheiten- und Regionalsprachen
58. Der Bundesraat arbeitet mit drei Fachressorts: Bildung und Soziales, Kultur und Medien sowie Justiz und Ver- waltung. Die Geschäftsführung liegt beim Institut für niederdeutsche Sprache (INS). Aufgabe des INS ist die Pflege und Förderung der niederdeutschen Sprache, Literatur und Kultur. Schwerpunkte sind die Doku- mentation, die Information, der Aufbau und die Pflege eines Netzwerks sowie Erhalt und Weitergabe des ­Plattdeutschen. Das Ohnsorg-Theater in Hamburg brachte Anton Tschechows Schauspiel Onkel Wanja im Herbst 2012 plattdeutsch auf die Bühne. Foto: © Jutta Schwöbel 57Regionalsprache ­Niederdeutsch ­
59. 58 Anhang Das European Centre for Minority Issues hat seinen Sitz in einem historischen Gebäude im Zentrum von Flensburg. Foto: © Christoph Oliver Schellhaus/European Centre for Minority Issues (ECMI)
60. 59 1 Beauftragter der Bundesregierung für ­Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedler­ fragen ist seit November 2002 auch für die Belange der nationalen Minderheiten in Deutschland zustän- dig – mit einer entsprechenden Erweiterung seiner Bezeichnung. Mit diesem Schritt betont die Bundes- regierung den hohen Stellenwert, den sie dem Schutz nationaler Minderheiten beimisst. 2 Beratende Ausschüsse Beim Bundesministerium des Innern angesiedelte Beratende Ausschüsse für Fragen der dänischen Min- derheit, der friesischen Volksgruppe, der deutschen Sinti und Roma, des sorbischen Volkes sowie für die niederdeutsche Sprachgruppe sichern den Minder- heiten den Kontakt mit der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag. Den Vorsitz nimmt in allen fünf Ausschüssen jeweils der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten wahr. Darüber hinaus setzen sich die Ausschüsse entsprechend der jeweiligen Geschäfts- ordnung wie folgt zusammen: Beratender Ausschuss für Fragen der dänischen ­Minderheit Weitere Mitglieder sind der Bundesminister des ­Innern und ein Staatssekretär des Ministeriums, je zwei Mitglieder der Fraktionen des Deutschen ­Bundestages, drei Mitglieder der dänischen Minder- heit in Deutschland sowie ein Vertreter des Landes Schleswig-Holstein. Seit 2014 ist das Minderheitense- kretariat als ständiger Gast vertreten. I. Einrichtungen und Gremien für ­Minderheitenfr agen
61. 60 Beratender Ausschuss für Fragen der friesischen ­Volksgruppe Weitere Mitglieder sind ein zusätzlicher Vertreter des Bundesministeriums des Innern, je ein Mitglied des ­Frasche Rädj/Friesenrat Sektion Nord e. V., des Friisk Foriining, des Nordfriesischen Vereins, des Seelter ­Buundes, der Direktor des Nordfriisk Instituuts und je ein Vertreter der Länder Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Abgeordnete des Deutschen Bundestages und Vertreter weiterer Bundesministeri- en werden zu den Sitzungen eingeladen. Seit 2014 ist das Minderheitensekretariat als ständiger Gast ver- treten. Beratender Ausschuss für Fragen der deutschen Sinti und Roma Weitere Mitglieder sind eine Vertreterin/ein Vertreter des Bundesministeriums des Innern, eine Vertreterin/ ein Vertreter der/des Beauftragten der Bundes­ regierung für Kultur und Medien, eine Vertreterin/ ein Vertreter jeder Fraktion im Deutschen Bundestag, je eine Vertreterin/ein Vertreter der Länder, zwei ­Vertreterinnen/Vertreter des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, zwei Vertreterinnen/Vertreter der Sinti Allianz Deutschland e.V., eine Vertreterin/ein Vertreter des Minderheitensekretariats. Beratender Ausschuss für Fragen des sorbischen Volkes Weitere Mitglieder sind ein Vertreter des Bundes­ ministeriums des Innern, drei vom Dachverband Domowina benannte Angehörige des sorbischen Volkes, ein Vertreter der Stiftung für das sorbische Volk sowie je ein Vertreter der Regierungen Branden- burgs und des Freistaates Sachsen. Abgeordnete des Deutschen Bundestages und Vertreter weiterer Bun- desministerien werden zu den Sitzungen eingeladen. Seit 2014 ist das Minderheitensekretariat als ständi- ger Gast vertreten. Anhang
62. 61 Beratender Ausschuss für Fragen der ­niederdeutschen ­Sprachgruppe Weitere Mitglieder sind vier Vertreter des Bundes­ rates für Niederdeutsch (Bundesraat för Nedder- düütsch) und je ein Vertreter der Länder Bremen, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-An- halt und Schleswig-Holstein. Abgeordnete des Deut- schen Bundestages und Vertreter weiterer Bundesmi- nisterien werden zu den Sitzungen eingeladen. Seit 2014 ist das Minderheitensekretariat als ständiger Gast vertreten. 3 Bund-Länder-Konferen- zen mit den Minderheiten zum Rahmenübereinkom- men zum Schutz nationaler Minderheiten und zur Europäischen Sprachen- charta (Implementie­ rungskonferenzen) Themen dieser (Implementierungs-)Konferenzen sind die Umsetzung des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten vom 1. Februar 1995 und der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen des Europarats vom 5. November 1992. Teilnehmer sind die mit dem ­Minderheitenschutz und den Minderheiten- oder Regionalsprachen befassten Bundesministerien, die bei den Ländern federführend zuständigen Landes- behörden, Vertreter der Dachverbände der durch die Instrumente geschützten Minderheiten sowie der Sprachgruppen und deren wissenschaftlichen ­Institutionen. 4 Länder-Bund-Referen- tenbesprechungen ­Niederdeutsch Seit 2007 treffen sich jährlich Vertreter der Länder ­Bremen, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-­ Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, ­Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und des Bundes unter Einbeziehung des Bundesrates für Nieder- deutsch/Bundesraat för Nedderdüütsch, die sich über wechselnde Fragen der Verbreitung und der Erhal- tung der niederdeutschen Sprache austauschen. 5 Gesprächskreis nationale Minderheiten beim Deutschen Bundestag In dem Gesprächskreis beraten sich mit Unterstüt- zung des Vorsitzenden des Innenausschusses mehr- mals jährlich Abgeordnete mit den Vertretern der Dachorganisationen der nationalen Minderheiten. i. Einrichtungen und Gremien für ­Minderheitenfragen
63. 62 6 Minderheitensekretariat Im Jahr 2005 wurde für die Verbände der nationalen Minderheiten in Deutschland das Minderheiten­ sekretariat in Berlin eingerichtet, das vom Bundes­ ministerium des Innern gefördert wird. Es dient den Informationsaustausch mit dem Deutschem Bundes- tag und der Bundesregierung. Zugleich unterrichtet das Minderheitensekretariat die Minderheitenver- bände über für sie relevante Entwicklungen auf ­Bundesebene und betreibt Öffentlichkeitsarbeit. Das Sekretariat dient auch der Abstimmung zwischen den Minderheiten und koordiniert deren Stellung- nahmen. 7 Europäisches Zentrum für Minderheitenfragen – European Centre for Minority Issues (ECMI) Das ECMI forscht praxisbezogen zu potenziellen ­ethnischen Konflikten und berät zu Minderheiten- problemen in Europa. Die Stiftung wurde 1996 von den Regierungen Dänemarks, Deutschlands und Schleswig-Holsteins mit dem Ziel gegründet, zur Lösung ethnischer Spannungen in Europa beizutra- gen. Hauptsitz der unparteiischen und interdiszipli- nären Einrichtung ist Flensburg, mit Außenstellen im Kosovo und in Georgien. Das Zentrum arbeitet mit verschiedenen Regierungen, internationalen Organi- sationen und anderen Gruppen in Europa zusammen und unterstützt Wissenschaft, Medien und die ­Öffentlichkeit mit Informationen und Analysen. ­Weitere Themenschwerpunkte des ECMI sind u. a. die Bewertung und Weiterentwicklung gesetzlicher ­Standards, die Einbindung von Minderheiten in ­öffentliche und gesellschaftliche Ämter sowie kultu- relle Probleme von Minderheiten. Während die ­laufenden Kosten des Zentrums von den drei Regie- rungen finanziert werden, bemüht es sich zusätzlich um projektbezogene Mittel. Das ECMI wird von ­einem neunköpfigen Vorstand geleitet, dessen Mit- glieder aus Dänemark, Deutschland, der OSZE, dem ­Europarat und der Europäischen Union stammen. Anhang
64. 63 8 Föderalistische Union Europäischer ­Volksgruppen (FUEV) Die im November 1949 im französischen Versailles ­gegründete Föderalistische Union Europäischer Volks- gruppen (FUEV)/Federal Union of European Nationali- ties (FUEN) ist der größte Dachverband der autochtho- nen, nationalen Minderheiten/Volksgruppen in Europa. Sie vertritt derzeit 94 Mitglieder aus 32 europäischen Ländern – und damit auch die nationalen Minderheiten in Deutschland sowie die deutschen Minderheiten im europäischen Ausland. Die FUEV ist in ihrem Selbstver- ständnis die maßgebliche zivilgesellschaftliche Vertrete- rin der autochthonen, nationalen Minderheiten in Euro- pa und setzt sich vor allem auf europäischer aber auch auf nationaler und regionaler Ebene für die Interessen dieser großen Gruppe an Bürgern ein. Die FUEV besitzt beim Europarat den teilnehmenden und bei den Vereinten Nationen den konsultativen Status als anerkannte Nichtregierungsorganisation. Sie finan- ziert sich durch Beiträge ihrer Mitgliedsorganisationen und staatlicher Einrichtungen und wird institutionell unter anderem von den Ländern Schleswig-Holstein und dem Freistaat Sachsen sowie Südtirol und dem dänischen Staat unterstützt. Das Bundesministerium des Innern, die Europäische Kommission sowie weitere staatliche und private Förderer beteiligen sich mit Projektmitteln. Die FUEV wählt aus ihrer Mitte einen Präsidenten. Ein Ge­ neralsekretär mit Sitz in Flensburg unterstützt das Präsi- dium. Beispiele aus der Arbeit der FUEV sind der Betrieb eines Web-Portals über deutsche Minderheiten in Europa der Arbeitsgemeinschaft deutscher Minderheiten (AGDM) www.agdm.fuen.org, der Dialog mit Abgeordneten des Europäischen Parlamentes, das Projekt „Minderheiten helfen Minderheiten – Solidarität mit den Roma“, ge- meinsam mit Ungarn und unterstützt durch die Robert- Bosch-Stiftung sowie die Hermann-Niermann-Stiftung, das Projekt „RML2future“ zur Förderung der Mehrspra- chigkeit, oder eine alle vier Jahre stattfindende Fußball- meisterschaft der Minderheiten in Europa. i. Einrichtungen und Gremien für ­Minderheitenfragen
65. 64 aNHANG II. Rechtliche Grundlagen Der Minderheiten- und Sprachenschutz basiert in Deutschland auf umfassenden rechtlichen ­Regelungen. Allgemeine Regelungen Im europäischen, deutschen, aber auch internationa- len Recht gibt es Vorschriften, die alle in Deutschland lebenden nationalen Minderheiten und ihre Spra- chen sowie die Regionalsprache Niederdeutsch glei- chermaßen schützen. Diese allgemeinen Regelungen unterscheiden nicht nach den einzelnen Gruppie- rungen. 1 Europäische Union Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union (EU) verbietet in Art. 1 Abs. 1 Diskriminierungen auf Grund der Sprache oder der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit. Zudem verpflichtet die Union sich in Art. 22 der Charta zur Achtung der Kulturen, Religionen und Sprachen. Die Bedeutung, die die EU und ihre Mitgliedsstaaten den einzelnen Regionen beimessen, kommt zudem in der Institution des Ausschusses der Regionen zum Ausdruck. Dies ist eine beratende Einrichtung der EU für Kommission, Rat und Europäisches Parlament. Regionen und Städte in den Mitgliedsstaaten erhal- ten so eine Stimme im EU-Entscheidungsfindungs- prozess. Der Ausschuss der Regionen ist zwar kein Organ für Minderheiten. Diese können ihre Interes- sen jedoch über ihre Aktivitäten in den jeweiligen Siedlungsgebieten im Ausschuss der Regionen ­geltend machen.
66. 65II. Rechtliche Grundlagen Der Rat der Europäischen Union hat außerdem eine ­Reihe von Richtlinien gegen Diskriminierungen erlassen, zum Beispiel zur Anwendung des Gleichbehandlungs- grundsatzes ohne Unterschied der Rasse oder der ethni- schen Herkunft aus dem Jahr 2000 (2000/43/EG). Keine der Richtlinien befasst sich indes ausdrücklich mit der Diskriminierung wegen der Sprache oder der Zugehörig- keit zu einer nationalen Minderheit. 2 Grundgesetz Die deutsche Verfassung verbietet jede Form von Dis­ kriminierung wegen der Sprache oder auf Grund von ­Heimat und Herkunft (Art. 3 Abs. 3 Satz 1 Grundgesetz). Daran sind neben der Gesetzgebung die Verwaltung auf allen staatlichen Ebenen sowie die Rechtsprechung gebunden. 3 Sonstiges Bundesrecht Daneben enthalten auch das Bundeswahl- sowie das Parteiengesetz Bestimmungen zum Schutz und zur ­Förderung der nationalen Minderheiten. 3.1 Bundeswahlgesetz Die sogenannte Fünfprozentklausel, nach der bei Bun- destagswahlen nur die Parteien berücksichtigt werden, die mindestens fünf Prozent der Zweitstimmen erhalten oder die in mindestens drei Wahlkreisen ein Direktman- dat errungen haben, gilt für die Parteien der nationalen Minderheiten nicht (§ 6 Abs. 6 S. 2 BWahlG). Im Bundes- wahlgesetz wurden zudem entsprechende Sonderrege- lungen für die Kreisvorschläge sowie für die Landeslisten getroffen (§ 20 Abs. 2 S. 3, § 27 Abs. 1 S. 4). 3.2 Parteiengesetz Nach dem Parteiengesetz des Bundes werden die ­Parteien der nationalen Minderheiten bei der staatlichen Finanzierung sowie beim Sammeln ausländischer ­Spendengelder privilegiert (§ 18 Abs. 3 und 4, § 25 Abs. 2 S. 1 Nr. 1b ParteienG).
67. 66 4 Völkerrecht Auf Ebene des Völkerrechts setzen sich insbesondere der Europarat sowie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) für die Be- lange der nationalen Minderheiten in Europa ein. 4.1 Europarat Die Mitgliedsstaaten des Europarates haben zu die- sem Zweck das Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten sowie die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen erarbeitet. 4.1.1 Rahmenüberein­ kommen zum Schutz nationaler Minderheiten Die Mitgliedsstaaten des Europarats erarbeiteten seit 1993 ein Rahmenübereinkommen zum Schutz natio- naler Minderheiten, welches am 1. Februar 1995 zur Zeichnung aufgelegt wurde. Das in Deutschland im Jahr 1998 in Kraft getretene Übereinkommen verbie- tet jede Diskriminierung einer Person wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit sowie eine Assimilierung gegen ihren Willen. Ferner ver- pflichtet es die Mitgliedsstaaten zum Schutz der Frei- heitsrechte und zu umfänglichen Fördermaßnahmen zu Gunsten der nationalen Minderheiten. Das Rah- menübereinkommen gilt in Deutschland als Bundes- gesetz und hat somit Vorrang z. B. gegenüber Landes- gesetzen. Von den gegenwärtig 47 Mitgliedsstaaten des Europarates haben 39 Staaten das Rahmenüber- einkommen ratifiziert, weitere vier Staaten haben das Übereinkommen gezeichnet (Stand 14. August 2015). Deutschland hat sich aktiv an der Erarbeitung des Übereinkommens beteiligt und sich für eine mög- lichst effiziente Umsetzung stark gemacht. Denn mindestens ebenso wichtig wie das Eingehen völker- rechtlicher Verpflichtungen sind die Mechanismen, die sicherstellen, dass die Vertragsstaaten ihre Ver- pflichtungen einhalten. aNHANG
68. 67 So müssen Unterzeichnerstaaten innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten den Europarat umfassend über die Umsetzung informieren, danach alle fünf Jahre Bericht erstatten. Ein Beratender Ausschuss von unabhängigen Experten unterstützt den Europarat bei seinen Kontrollaufgaben. Dazu führt er „Vor-Ort-Besuche“ in den Vertragsstaaten durch und erstellt Monitoringberichte mit Verbesse- rungsvorschlägen. 4.1.2 Europäische Charta der Regional- oder Minderheiten- sprachen Zum Schutz der europäischen Regional- oder Minder­ heitensprachen wurde zudem die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen entwickelt. Ihr Ausgangspunkt ist das unveräußerliche Recht der Men- schen, sich im privaten und öffentlichen Leben ihrer eigenen Regional- oder Minderheitensprache zu bedie- nen. Mit der Charta sollen traditionell in einem Vertragsstaat gesprochene Minderheiten- und Regionalsprachen als bedrohter Aspekt des europäischen Kulturerbes ge- schützt und gefördert werden. Die geforderten Maßnah- men beziehen sich auf das Bildungswesen, insbesondere den Unterricht der Sprache und in der Sprache, die Ver- wendung der Regional- oder Minderheiten­sprachen in Gerichtsverfahren und vor Verwaltungs­behörden, das Nutzen der Sprache in Rundfunk und Presse, bei kultu- rellen Tätigkeiten und Einrichtungen sowie im wirt- schaftlichen und sozialen Leben. Allerdings ist die Sprachencharta eine sogenannte „Menükonvention“. Das heißt, die Staaten haben die Möglichkeit, aus den oben genannten Lebensbereichen zwischen mehreren Verpflichtungsalternativen zu wäh- len. Jede Vertragspartei muss dabei mindestens 35 Para- grafen oder Absätze aus einem Maßnahmenkatalog an- wenden, einschließlich einer Anzahl zwingender Maß- nahmen, die aus einem „Kernbereich“ auszuwählen sind. II. Rechtliche Grundlagen
69. 68 Für die Umsetzung der Sprachencharta sind in einem Bundesstaat vor allem die Länder und nur in gerin- gem Umfang der Bund zuständig. Vor der Unter- zeichnung der Charta durch die Bundesrepublik Deutschland wurde daher den Ländern die Möglich- keit eröffnet, sich angepasst an die unterschiedlichen Lebensbedingungen der einzelnen Minderheiten- und Sprachgruppen vor Ort situationsgerecht zur Umsetzung einzelner Maßnahmen zu verpflichten. Die Verpflichtungen der jeweiligen Länder variieren im Detail – je nach Minderheit und Sprachgruppe. Die Charta wurde am 5. November 1992 in Straßburg zur Zeichnung aufgelegt, trat aber erst am 1. März 1998 in Kraft, als die notwendige Anzahl von fünf Ratifikationen erreicht wurde. Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den Erstunterzeichnerstaaten der Charta am 5. November 1992. Durch Gesetz vom 9. Juli 1998 hat der Deutsche Bundestag mit Zustim- mung des Bundesrates die Charta angenommen, sie trat am 1. Januar 1999 in Deutschland in Kraft. Wie das Rahmenübereinkommen gilt die Sprachencharta in Deutschland als Bundesgesetz, das nachrangiges Recht – einschließlich der Landesgesetze – bricht und gegenüber sonstigen Bundesgesetzen grundsätzlich als das speziellere Gesetz anzuwenden ist. Von den gegenwärtig 47 Mitgliedstaaten des Europarates ­haben bislang 25 Staaten die Charta ratifiziert, acht Staaten haben die Charta lediglich gezeichnet (Stand 14. August 2015). aNHANG
70. 69 Die Umsetzung der Charta wird kontrolliert. Im Rahmen der sogenannten Implementierungskontrolle müssen die Vertragsstaaten innerhalb eines Jahres nach Inkraft- treten dem Generalsekretär des Europarates umfassende und vollständige Informationen über die Umsetzung geben. Anschließend erhält der Europarat alle drei Jahre Berichte. Ein Sachverständigenausschuss unabhängiger Experten beim Europarat informiert sich mit „Vor-Ort-Besuchen“ in den Vertragsstaaten und erstellt dann Monitoringbe- richte, die Verbesserungsvorschläge enthalten können. 4.2 Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa Bei der OSZE wurde im Jahr 1992 die Position des Hohen Kommissars für Nationale Minderheiten eingerichtet. Dessen Aufgabe besteht insbesondere darin, schwelende ethnische Konflikte frühzeitig zu erkennen und präventi- ve Maßnahmen zur Konfliktverhinderung zu ergreifen. Rechtlich verbindliche Dokumente zum Minderheiten- schutz hat die OSZE bisher nicht verabschiedet. Aller- dings einigten sich die Mitgliedsstaaten seit 1996 auf eine Reihe von Empfehlungen zum Schutz und zur Förderung nationaler Minderheiten. 5 Minderheiten­ spezifische Regelungen und Maßnahmen Schließlich existieren im deutschen und europäischen Recht minderheitenspezifische Regelungen und Maß- nahmen. II. Rechtliche Grundlagen
71. 70 5.1 Dänen Die Verfassung des Landes Schleswig-Holstein er- kennt das Recht an, sich zu einer nationalen Minder- heit zu bekennen oder nicht (Bekenntnisfreiheit) (Art. 5) und stellt die kulturelle Eigenständigkeit und die politische Mitwirkung nationaler Minderheiten und Volksgruppen unter den Schutz des Landes, der Ge- meinden und Gemeindeverbände. Zudem verpflich- tet sich das Land zum Schutz und zur Förderung der dänischen Minderheit, der friesischen Volksgruppe sowie der deutschen Sinti und Roma. Gemäß Art. 8 der Verfassung haben die Erziehungsberechtigten das Recht zu entscheiden, ob ihre Kinder die Schule einer nationalen Minderheit besuchen sollen. Die dänische Minderheit erfährt außerdem durch die Bonn-Kopenhagener Erklärungen einen spezifischen Schutz. Im Jahr 1955 gaben Deutschland und Däne- mark Regierungserklärungen ab: Die deutsche Seite erkannte die in Deutschland lebende dänische Min- derheit an und gleichzeitig erkannte Dänemark die auf seinem Gebiet in Nordschleswig lebende deut- sche Minderheit als solche an. In den Erklärungen wird die Freiheit anerkannt, sich zu einer Minderheit zu bekennen oder nicht zu bekennen (Bekenntnis- freiheit) und die Gleichheit aller Staatsbürger bestä- tigt. Gleichzeitig verständigten sich Deutschland und Dänemark in einer zusätzlichen Erklärung auf die finanzielle Unterstützung der jeweiligen Minderheit im deutsch-dänischen Grenzgebiet. Das Landeswahlgesetz Schleswig-Holsteins enthält dem Bundestagswahlrecht entsprechende Privilegie- rungen der Parteien der dänischen Minderheit. Das heißt, die sogenannte Fünfprozentklausel, nach der bei Landtagswahlen nur die Parteien berücksichtigt werden, die mindestens fünf Prozent der Zweitstim- men erhalten oder die in mindestens drei Wahlkrei- sen ein Direktmandat errungen haben, gelten für die Parteien der dänischen Minderheiten in Schleswig- Holstein nicht. aNHANG
72. 71 5.2 Friesen Die Friesen erhalten einen expliziten Schutz durch die Landesverfassung Schleswig-Holsteins. Im Jahr 2004 verabschiedete der Landtag von Schleswig-Hol- stein zur Förderung und zum Schutz des Friesischen außerdem das sogenannte Friesischgesetz. Darin werden die friesischen Sprachformen und ihr freier Gebrauch anerkannt sowie die einzelnen Rechte der Friesen, wie etwa der Gebrauch des Friesischen ge- genüber Behörden oder die Nutzung von zweispra- chigen Ortsschildern, gewährleistet. 5.3 Sinti und Roma Durch die Änderung der Verfassung des Landes Schleswig-Holstein im November 2012 erfahren nun auch die deutschen Sinti und Roma einen expliziten Schutz. Andere Bundesländer wie Rheinland Pfalz und Bremen haben Rahmenvereinbarungen, Baden- Württemberg einen Staatsvertrag geschlossen. 5.4 Sorben Einen ausdrücklichen Schutz erfährt die nationale Minderheit der Sorben zum einen durch eine Proto- kollnotiz zum Einigungsvertrag, zum anderen auch durch Gesetze der Länder Brandenburg und Freistaat Sachsen, in denen die Minderheit lebt. 5.4.1 Protokollnotiz zum Einigungsvertrag Auf dem Weg zur deutschen Einheit hatten die ­Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche ­Demokratische Republik am 31. August 1990 den Einigungsvertrag geschlossen, der am 29. September 1990 in Kraft trat. In einer Protokollnotiz zu diesem Vertrag wurde ausdrücklich auf die besonderen Rechte des sorbischen Volkes eingegangen. Darin erkannten die Vertragsparteien die Bekenntnisfrei- heit an und garantierten das Bewahren und Fortent- wickeln der sorbischen Kultur und Traditionen sowie die Freiheit zur Pflege und Bewahrung der sorbischen Sprache im öffentlichen Leben (Notiz unter Nummer 14 zu Art. 35 des Einigungsvertrages). II. Rechtliche Grundlagen
73. 72 5.4.2 Brandenburg Die Verfassung des Landes Brandenburg garantiert den Sorben/Wenden in Art. 25 das Recht auf Schutz, Erhalt und Pflege ihrer nationalen Identität, des angestammten Siedlungsgebietes, der kulturellen Eigenständigkeit sowie das Recht auf eine wirksame politische Mitgestaltung. Zudem verpflichtet sich das Land zum Schutz und zur Förderung der sorbisch/wendischen Sprache und Kultur. Im Jahr 2014 überarbeitete das Land Brandenburg das 1994 verabschiedete Gesetz zur Ausgestaltung der Rechte der Sorben/Wenden im Land Brandenburg. Darin wer- den die Bekenntnisfreiheit, die Anerkennung der Sorben/ Wenden als gleichberechtigter Teil des Staatsvolkes sowie der Schutz ihres Siedlungsgebiets bestimmt. Auf Grund des Gesetzes bestehen in Brandenburg der von Sorben/ Wenden direkt gewählte Rat für Angelegenheiten der Sorben/Wenden, der/die Beauftragte der Landesregierung für Angelegenheiten der Sorben/Wenden und die Beauf- tragten für Angelegenheiten der Sorben/Wenden bei den Kommunen im sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet. Schließlich werden der Schutz und die Förderung der sorbischen/wendischen Sprache und Kultur dadurch gesetzlich zugesichert. Das Landeswahlgesetz Brandenburgs enthält dem Bun- destagswahlrecht entsprechende Privilegierungen der Parteien nationaler Minderheiten. Das heißt, die soge- nannte Fünfprozentklausel, nach der bei Landtagswahlen nur die Parteien berücksichtigt werden, die mindestens fünf Prozent der Zweitstimmen erhalten oder die in min- destens drei Wahlkreisen ein Direktmandat errungen haben, gilt für die Parteien der nationalen Minderheit der Sorben/Wenden nicht. aNHANG
74. 73II. Rechtliche Grundlagen 5.4.3 Sachsen Auch die Verfassung Sachsens garantiert Rechte der ­Sorben. So wird ihnen erlaubt, in ihrem Siedlungs­ gebiet neben den Landesfarben und dem Landes­ wappen Farben und Wappen der Sorben zu nutzen (Art. 2). In Art. 5 der Verfassung erkennt der Freistaat das Recht auf Heimat an und verpflichtet sich, das Recht nationaler und ethnischer Minderheiten deut- scher Staatsangehörigkeit auf Bewahrung ihrer Iden- tität sowie auf Pflege ihrer Sprache, Religion, Kultur und Überlieferung zu gewährleisten und zu schützen. Das sorbische Siedlungsgebiet wird geschützt und die Sorben als Teil des Staatsvolkes anerkannt (Art. 6). Das im Jahr 1999 vom Sächsischen Landtag verab- schiedete Gesetz über die Rechte der Sorben im ­Freistaat Sachsen regelt in ähnlicher Weise wie das brandenburgische Gesetz die Rechte der Sorben. Auch das Sächsische Gesetz schreibt einen Rat für sorbische Angelegenheiten vor und erlaubt zudem die Interessenvertretung der Sorben auf allen staatli- chen Ebenen durch einen Dachverband von sorbi- schen Verbänden und Vereinen. Darüber hinaus ist die Sächsische Staatsregierung verpflichtet, mindes- tens einmal in jeder Legislaturperiode Bericht zu erstatten über die Lage der Sorben in Sachsen.
75. 74 III. Adressen Verbände und ­Interessenvertretungen Dänen Südschleswigscher Verein – Sydslesvigsk Forening – SSF Norderstraße 76 24939 Flensburg Telefon: ( 04 61 )1 44 08 - 0 E-Mail: info@syfo.de Internet: http://syfo.de Südschleswigscher Wählerverband – Sydslesvigsk Vælgerforening – SSW Schiffbrücke 42 24939 Flensburg Telefon: ( 04 61 ) 1 44 08 - 310 E-Mail: info@ssw.de Internet: www.ssw.de Friesen – Nordfriesen Friesenrat Sektion Nord e. V. – Frasche Rädj Friisk Hüs Süderstraße 6 25821 Bredstedt Telefon: ( 0 46 71 ) 6 02 41-50/51 E-Mail: info@friesenrat.de Internet: www.friesenrat.de Nordfriesischer Verein Friisk Hüs Süderstraße 6 25821 Bredstedt Telefon: ( 0 46 71 ) 6 02 41-52/53 E-Mail: info@nf-verein.de Internet: www.nf-verein.de aNHANG
76. 75 Friesen – Nordfriesen Friesischer Verein – Friisk Foriining Friisk Hüs Süderstraße 6 25821 Bredstedt Telefon: ( 0 46 71 ) 6 02 41-54 E-Mail: info@friiske.de Internet: www.friiske.de Nordfriesisches Institut – Nordfriisk Instituut Süderstraße 30 25821 Bredstedt Telefon: ( 0 46 71 ) 60 12-0 E-Mail: info@nordfriiskinstituut.de Internet: www.nordfriiskinstituut.de Friesen – Ostfriesen Ostfriesische Landschaft – Körperschaft des öffentlichen Rechts – Georgswall 1 – 5 26603 Aurich Telefon: ( 0 49 41 ) 17 99-0 E-Mail: ol@ostfriesischelandschaft.de Internet: www.ostfriesischelandschaft.de Friesen – Saterfriesen Heimatverein Saterland – Seelter Buund Scharreler Damm 3 26169 Friesoythe E-Mail: heinrich-poerschke@web.de Telefon: ( 0 44 92 ) 17 12 III. Adressen
77. 76 aNHANG Sinti und Roma Zentralrat Deutscher Sinti und Roma e. V. Bremeneckgasse 2 69117 Heidelberg Telefon: ( 0 62 21 ) 98 11 01 E-Mail: zentralrat@sintiundroma.de Internet: www.sintiundroma.de Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Bremeneckgasse 2 69117 Heidelberg Telefon: ( 0 62 21 ) 98 11 02 E-Mail: dialog@sintiundroma.de Internet: www.sintiundroma.de Sinti Allianz Deutschland e. V. Hagenweg 2 Haus der Kulturen 37081 Göttingen Telefon: ( 0 15 75 ) 0 48 69 39 E-Mail: info@sintiallianz.de Internet: www.sintiallianz.de
78. 77III. Adressen Sorben Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. Postplatz 2 02625 Bautzen Telefon: ( 0 35 91 ) 55 01 00 E-Mail: domowina-bautzen@sorben.com Internet: www.domowina.sorben.com Sorbisches Institut – Serbski Institut Bahnhofstraße 6 02625 Bautzen Telefon: ( 0 35 91 ) 4 97 20 E-Mail: si@serbski-institut.de Internet: www.serbski-institut.de Stiftung für das sorbische Volk Postplatz 2 02625 Bautzen Telefon: ( 0 35 91 ) 55 03 07 E-Mail: stiftung-bautzen@sorben.com Internet: www.stiftung.sorben.com
79. 78 Niederdeutsch Bundesrat für Niederdeutsch – Bundesraat för Nedderdüütsch Institut für niederdeutsche Sprache Schnoor 41 – 43 28195 Bremen Telefon: ( 04 21 ) 32 45 35 E-Mail: bundesraat@ins-bremen.de Internet: www.bundesraat-nd.de INS – Institut für niederdeutsche Sprache Schnoor 41 – 43 28195 Bremen Telefon: ( 04 21 ) 32 45 35 E-Mail: ins@ins-bremen.de Internet: www.ins-bremen.de aNHANG
80. 79 Sonstige Einrichtungen Minderheitensekretariat der vier autochthonen Minderheiten Deutschlands Bundeshaus Bundesallee 216–218 10719 Berlin Telefon: ( 0 30 ) 1 86 81- 42 65 E-Mail: info@minderheitensekretariat.de Internet: www.minderheitensekretariat.de European Centre for Minority Issues – ECMI Schiffbrücke 12 24939 Flensburg Telefon: ( 04 61 ) 14 14 90 E-Mail: info@ecmi.de Internet: www.ecmi.de European Bureau for Lesser Used Languages – EBLUL – Europäisches Büro für Sprachminderheiten Deutschland Komitee für Regional- und Minderheitensprachen Scharreler Damm 11 26683 Saterland Telefon: ( 0 44 92 ) 92 10 28 E-Mail: elisabeth.schramm@t-online.de Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen – FUEV Federal Union of European Nationalities – FUEN Schiffbrücke 41 24939 Flensburg Telefon: ( 04 61 ) 1 28 55 E-Mail: info@fuen.org Internet: www.fuen.org III. Adressen
82. Impressum Herausgeber Bundesministerium des Innern Alt-Moabit 140 10557 Berlin www.bmi.bund.de Redaktion Bundesministerium des Innern MediaCompany – Agentur für Kommunikation GmbH Gestaltung und Produktion MediaCompany – Agentur für Kommunikation GmbH Bildnachweis Titelseite: Michael Staudt; Maurizio Gamberini/dpa; Sean Gallup/Getty Images; Südschleswigscher Pressedienst; M. Staudt/grafikfoto.de Auflage und Stand 3. aktualisierte Auflage, August 2015 Diese Broschüre ist Teil der Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung. Sie darf ­weder von Parteien noch von Wahlwerbern und Wahlhelfern während eines Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwandt werden. Hinweis Änderungen bei Rechtsvorschriften, Adressen und Telefonnummern können die ­Aktualität der Broschüre beeinträchtigen oder in Teilen ungültig werden lassen. 81
83. www.bmi.bund.dewww.bmi.bund.de
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