Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/30-grad-im-haftraum-397307
Timestamp: 2020-01-24 07:23:19
Document Index: 38188783

Matched Legal Cases: ['§ 9', 'Art. 1', 'Art. 2', '§ 7', '§ 51', '§ 58', 'Art. 14', '§ 144', '§ 9', '§ 50']

30 Grad im Haft­raum | Rechtslupe
30 Grad im Haftraum
30 Grad im Haft­raum
Über­schrei­tet die Raum­tem­pe­ra­tur im Haft­raum nicht nur an ein­zel­nen Tagen für meh­re­re Stun­den 30 ° C, obwohl der Gefan­ge­ne alle ihm mög­li­chen und zumut­ba­ren Maß­nah­men zur Absen­kung der Raum­tem­pe­ra­tur aus­nutzt, ist die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ver­pflich­tet, im Rah­men des tech­nisch, orga­ni­sa­to­risch und unter Sicher­heits­be­lan­gen Zumut­ba­ren Abhil­fe zu schaf­fen.
Soweit ein dem grund­recht­lich geschütz­ten Min­dest­stan­dard ent­spre­chen­des Raum­kli­ma nur durch den Ein­satz eines Ven­ti­la­tors sicher­ge­stellt wer­den kann, darf die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt die Gefan­ge­nen nicht auf die Mög­lich­keit eines ent­gelt­li­chen Erwerbs oder einer ent­gelt­li­chen Gebrauchs­über­las­sung von Gerä­ten ver­wei­sen.
Gefan­ge­ne kön­nen aus den Orga­ni­sa­ti­ons­re­ge­lun­gen des § 9 Abs. 1 JVoll­z­GB I unmit­tel­bar kei­ne Rech­te her­lei­ten 1. Sie haben aber einen Anspruch auf men­schen­wür­di­ge (Art. 1 Abs. 1 GG) Unter­brin­gung 2, die auch den Schutz ihrer Gesund­heit gewähr­leis­tet (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG). Ist der danach gebo­te­ne Min­dest­stan­dard ver­letzt, kön­nen sie von der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt geeig­ne­te Maß­nah­men ver­lan­gen, die eine men­schen­wür­di­ge Unter­brin­gung sicher­stel­len und dem Gesund­heits­schutz Rech­nung tra­gen. Ein dar­auf zie­len­des Begeh­ren kön­nen die Gefan­ge­nen mit einem Anfech­tungs­an­trag oder – wie hier – mit einem Ver­pflich­tungs­an­trag gel­tend machen 3.
Nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen rei­chen in dem hier ent­schie­de­nen Fall die Belüf­tungs­mög­lich­kei­ten des Haft­raums noch aus, um den erfor­der­li­chen Luft­aus­tausch sicher­zu­stel­len. Auf eine den grund­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht genü­gen­de Aus­ge­stal­tung des Voll­zu­ges kann es hin­deu­ten, wenn inter­na­tio­na­le Stan­dards mit Men­schen­rechts­be­zug nicht beach­tet bezie­hungs­wei­se unter­schrit­ten wer­den 4. Dies ist hier aber in Bezug auf eine aus­rei­chen­de Belüf­tung nicht ersicht­lich. Nach Nr. 18.2 Buch­sta­be b der Euro­päi­schen Straf­voll­zugs­grund­sät­ze, Emp­feh­lun­gen Rec(2006)2, des Minis­ter­ko­mi­tees des Euro­pa­rats müs­sen Gebäu­de, in denen Gefan­ge­ne leben, arbei­ten oder sich auf­hal­ten über Fens­ter ver­fü­gen, die groß genug sind, damit Frisch­luft ein­strö­men kann, es sei denn eine ent­spre­chen­de Kli­ma­an­la­ge ist vor­han­den. Das von den jewei­li­gen tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­sen abhän­gi­ge Aus­maß des erfor­der­li­chen Frisch­luft­zu­stroms ist nicht vor­ge­ge­ben. Die im Haft­raum des Gefan­ge­nen ein­ge­bau­ten Fens­ter wer­den den Erfor­der­nis­sen einer aus­rei­chen­den Frisch­luft­ver­sor­gung im All­ge­mei­nen gerecht. Die Metall­pro­fil­fens­ter zeich­nen sich dadurch aus, dass sich ein Fens­ter­flü­gel, der ein Drit­tel der Fens­ter­front bil­det, hin­ter einer Loch­blen­de befin­det. Die­ser Fens­ter­flü­gel kann zur Belüf­tung geöff­net wer­den. Die übri­gen zwei Drit­tel des Fens­ters sind nicht zu öff­nen und bestehen aus einer Glas­schei­be 5. Die­se Gestal­tung der Haft­raum­fens­ter, die in meh­re­ren Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten in Baden-Würt­tem­berg ver­baut wur­den, tra­gen einer­seits dem Sicher­heits­be­dürf­nis Rech­nung und gewähr­leis­ten ande­rer­seits unter gewöhn­li­chen Bedin­gun­gen eine aus­rei­chen­de Luft­zu­fuhr. Die Hoch­bau­ver­wal­tung und das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um bewer­te­ten die Blen­den als aus­rei­chend für den erfor­der­li­chen Luft­aus­tausch 6.
Jedoch kann auf der Grund­la­ge der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nicht beur­teilt wer­den, ob die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt im Hin­blick auf die in den Haft­räu­men herr­schen­den Tem­pe­ra­tu­ren zu wei­ter­ge­hen­den Maß­nah­men ver­pflich­tet ist, um den Min­dest­stan­dard einer men­schen­wür­di­gen und dem Schutz der Gesund­heit hin­rei­chend Rech­nung tra­gen­den Unter­brin­gung zu gewähr­leis­ten.
Über­schrei­tet die Raum­tem­pe­ra­tur im Haft­raum nicht nur an ein­zel­nen Tagen für meh­re­re Stun­den 30° C, obwohl der Gefan­ge­ne alle ihm mög­li­chen und zumut­ba­ren Maß­nah­men zur Absen­kung der Raum­tem­pe­ra­tur aus­nutzt, ist die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ver­pflich­tet, im Rah­men des tech­nisch, orga­ni­sa­to­risch und unter Sicher­heits­be­lan­gen Zumut­ba­ren Abhil­fe zu schaf­fen. Dies kann bei­spiels­wei­se dadurch gesche­hen, dass die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt den Gefan­ge­nen an den Tagen, an denen zu erwar­ten ist, dass die Raum­tem­pe­ra­tur 30° C über­schrei­tet, Ven­ti­la­to­ren zum kos­ten­lo­sen Gebrauch über­lässt.
Es exis­tie­ren kei­ne all­ge­mein­gül­ti­gen Rege­lun­gen über die zuläs­si­ge Raum­tem­pe­ra­tur für die Haft­räu­me. Anhalts­punk­te für das Errei­chen einer unzu­mut­ba­ren Über­hit­zung von zum Dau­er­auf­ent­halt bestimm­ten Räu­men kön­nen sich aus den Tech­ni­schen Regeln für Arbeits­stät­ten zur Raum­tem­pe­ra­tur (ASR A3.5) erge­ben, die auf­grund § 7 Arbeits­stät­ten­ver­ord­nung vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les bekannt gemacht wur­den 7. So ver­pflich­tet Zif­fer 4.4 Abs. 2 der ASR A3.5 den Arbeit­ge­ber bei einer Raum­tem­pe­ra­tur von mehr als 30° zu wirk­sa­men Schutz­maß­nah­men gegen Gesund­heits­ge­fähr­dun­gen.
Soweit ein dem grund­recht­lich geschütz­ten Min­dest­stan­dard ent­spre­chen­des Raum­kli­ma nur durch den Ein­satz eines Ven­ti­la­tors sicher­ge­stellt wer­den kann 8, darf die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt die Gefan­ge­nen nicht auf die Mög­lich­keit eines ent­gelt­li­chen Erwerbs oder einer ent­gelt­li­chen Gebrauchs­über­las­sung von Gerä­ten ver­wei­sen. Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten dür­fen Gefan­ge­ne – über den unter den Vor­aus­set­zun­gen des nach § 51 JVoll­z­GB III zu erhe­ben­den Haft­kos­ten­bei­trags hin­aus – nicht ohne gesetz­li­che Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge an den Kos­ten für Unter­brin­gung und Ver­pfle­gung betei­li­gen, die zur Deckung des grund­recht­lich geschütz­ten Min­dest­be­darfs die­nen 9.
Gemes­sen hier­an durf­te die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt den Antrag des Gefan­ge­nen mit der gege­be­nen Begrün­dung nicht ableh­nen. Aus der Begrün­dung der Ent­schei­dung der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt und den von der Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ergibt sich nicht, ob die vom Gefan­ge­nen als "tro­pi­sche Ver­hält­nis­se" umschrie­be­ne Hit­ze­be­las­tung ein sol­ches Aus­maß erreicht, dass sie die vom Gefan­ge­nen begehr­te oder eine ande­re geeig­ne­te Abhil­fe­maß­nah­me tref­fen muss­te. Bei der erneu­ten Ent­schei­dung kommt es maß­geb­lich dar­auf an, in wel­chen Zeit­räu­men wel­che Tem­pe­ra­tu­ren in den Haft­räu­men erreicht wer­den. Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt hät­te sich mit der Fra­ge beschäf­ti­gen müs­sen, ob – gege­be­nen­falls auch auf­grund wäh­rend Hit­ze­pe­ri­oden in der Ver­gan­gen­heit gewon­ne­ner Erfah­run­gen – im Haft­raum des Gefan­ge­nen an meh­re­ren Tagen über meh­re­re Stun­den Tem­pe­ra­tu­ren von über 30 ° C zu erwar­ten waren.
Bei der erneu­ten Ent­schei­dung wird die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt auch zu prü­fen haben, ob die gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen, die der Gefan­ge­ne gel­tend macht, bereits bei nied­ri­ge­ren zu erwar­ten­den Raum­tem­pe­ra­tu­ren Abhil­fe­maß­nah­men gegen die Hit­ze­be­las­tung erfor­dern.
Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 7. Juli 2015 – 4 Ws 38/​15 (V)
Der Straf­ge­fan­ge­ne und sein Fern­seh­ge­rät § 58 Abs. 2 Satz 2 JVoll­z­GB III BW ist mit der Eigen­tums­ga­ran­tie aus Art. 14 GG ver­ein­bar. Ein Straf­ge­fan­ge­ner kann sich jeden­falls dann nicht…
Arloth, StVoll­zG, 3. Aufl., § 144 Rn. 4; Anm. zu § 9 JVoll­z­GB I BW[↩]
vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 13.11.2007 – 2 BvR 939/​07 12; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 13.01.2004 – 1 Ws 27/​03 5[↩]
Ver­rel in Laubenthal/​Nestler/​Neubacher/​Verrel, Straf­voll­zugs­ge­set­ze, 12. Aufl., D Rn. 59[↩]
BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se vom 13.11.2007 – 2 BvR 939/​07 15; vom 18.03.2015 – 2 BvR 1111/​13 31[↩]
LT-Drs. 15/​6175, S. 16[↩]
vgl. LT-Drs. 14/​5942, S. 23; LT-Drs. 15/​212, S. 15; LT-Drs. 15/​6175, S. 16[↩]
GMBl.2010, S. 751, zuletzt geän­dert GMBl.2014, S. 287[↩]
vgl. LT-Drs. 14/​5942, S. 23[↩]
vgl. Däubler/​Galli in Feest/​Lesting, StVoll­zG, 6. Aufl., § 50 Rn. 13 ff.[↩]
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