Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/altersdiskriminierung-in-der-stellenanzeige-und-ein-junges-hochmotiviertes-team-3106919
Timestamp: 2020-01-21 04:56:50
Document Index: 262084848

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 11', '§ 7', '§ 11', '§ 7']

Alters­dis­kri­mi­nie­rung in der Stel­len­an­zei­ge – und ein "jun­ges hoch­mo­ti­vier­tes Team" | Rechtslupe
Die For­mu­lie­rung in einer Stel­len­an­zei­ge, wonach ein Unter­neh­men ein "jun­ges hoch­mo­ti­vier­tes Team" vor­zu­wei­sen habe und die Auf­for­de­rung, sich zu bewer­ben, wenn der oder die Bewerber/​in "Teil eines jun­gen, hoch­mo­ti­vier­ten Teams" wer­den wol­le, ist nicht ein­deu­tig. "Jung" kann sich in die­sem Zusam­men­hang auf den Zeit­punkt der Zusam­men­set­zung des Teams genau­so wie auf das Lebens­al­ter der Team­mit­glie­der bezie­hen. Da kei­nes der mög­li­chen Ver­ständ­nis­se über­wie­gend wahr­schein­lich ist, fehlt auch eine über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit für eine Benach­tei­li­gung wegen des Lebens­al­ters.
Aus­ge­hend hier­von fehlt es im hier ent­schie­de­nen Fall an dem erfor­der­li­chen Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen der benach­tei­li­gen­den Behand­lung und einem durch § 1 AGG ver­bo­te­nen Anknüp­fungs­merk­mal. Die von der Stel­len­be­wer­be­rin vor­ge­tra­ge­nen Umstän­de las­sen weder jeweils für sich betrach­tet noch in einer Gesamt­schau mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit dar­auf schlie­ßen, dass ein in § 1 AGG genann­ter Grund mit­ur­säch­lich für die Nicht­ein­la­dung zu einem Vor­stel­lungs­ge­spräch gewe­sen ist. Weder ver­stößt die von der Beklag­ten ver­öf­fent­lich­te Stel­len­aus­schrei­bung gegen § 11 AGG i.V.m. § 7 Abs. 1 AGG, noch lie­gen sons­ti­ge Tat­sa­chen vor, die die Benach­tei­li­gung der Stel­len­be­wer­be­rin wegen eines ver­bo­te­nen Merk­mals indi­zie­ren.
Die Stel­len­aus­schrei­bung lässt schließ­lich kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung der Stel­len­be­wer­be­rin wegen des Alters ver­mu­ten. Der unter der Über­schrift "Was Sie erwar­tet" auf­ge­führ­te Punkt, "in einem jun­gen, hoch­mo­ti­vier­ten Team aus […]" und die abschlie­ßen­de Auf­for­de­rung "Wenn Sie Teil eines hoch­in­no­va­ti­ven, anspruchs­vol­len […] und eines jun­gen und hoch­mo­ti­vier­ten Teams wer­den wol­len" las­sen aus objek­ti­ver Sicht nicht mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit dar­auf schlie­ßen, dass die Benach­tei­li­gung wegen des Alters der Stel­len­be­wer­be­rin erfolgt ist.
Ein Ver­stoß gegen § 11 AGG liegt aller­dings vor, wenn mit einer Stel­len­an­zei­ge jun­ge Bewer­ber oder Bewer­be­rin­nen gesucht wer­den und das Alter somit Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung ist 15.
Die Beklag­te rich­tet ihre Stel­len­aus­schrei­bung nicht aus­drück­lich an jun­ge Per­so­nen. Den von ihr ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen kann dies auch nicht im Wege einer Aus­le­gung ent­nom­men wer­den; ins­be­son­de­re ent­fal­ten sie nicht mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit eine objek­tiv abschre­cken­de Wir­kung auf älte­re Per­so­nen, die sich für die Stel­le inter­es­sie­ren.
Zur Beur­tei­lung der For­mu­lie­run­gen der Beklag­ten im Zusam­men­hang mit einem "jun­gen, hoch­mo­ti­vier­ten Team", die so oder in ähn­li­cher Form bereits häu­fig Gegen­stand gericht­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen waren, ist der jewei­li­ge Ein­zel­fall und die kon­kre­te Fas­sung der Stel­len­an­zei­ge maß­geb­lich 16.
Nach Auf­fas­sung der Kam­mer und ent­ge­gen der­je­ni­gen des Arbeits­ge­richts kann nicht unter­stellt wer­den, dass sich die For­mu­lie­rung "jun­ges, hoch­mo­ti­vier­tes Team" in der Stel­len­an­zei­ge der Beklag­ten einem all­tags­sprach­li­chen Ver­ständ­nis zufol­ge auf das Lebens­al­ter der Team­mit­glie­der bezieht 17. Die Bezeich­nung "jun­ges, hoch­mo­ti­vier­tes Team" ist viel­mehr gera­de nicht ein­deu­tig. Kei­nes der mög­li­chen Ver­ständ­nis­se ist über­wie­gend wahr­schein­lich; inso­fern fehlt auch eine über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit dafür, dass die Benach­tei­li­gung der Stel­len­be­wer­be­rin wegen ihres Lebens­al­ters erfolgt ist.
?)) Der Begriff "Team" beschreibt eine "Grup­pe von Per­so­nen, die gemein­sam an einer Auf­ga­be arbei­ten" und stellt damit eine Orga­ni­sa­ti­ons­ein­heit dar (Duden). Inso­fern kann sich der Zusatz des Adjek­tivs "jung" auf den Zeit­punkt der Zusam­men­set­zung die­ser Ein­heit genau­so wie auf das Lebens­al­ter der Team­mit­glie­der bezie­hen.
Sowohl im Duden als auch im Digi­ta­len Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che ist für "jung" die Bedeu­tung "in jugend­li­chem Alter" wie auch "noch nicht lan­ge bestehend" ver­zeich­net. Letz­te­res nennt einer­seits "ein jun­ges Geschöpf, Tier" und ande­rer­seits "jun­ge Fir­ma, Frei­heit, Nati­on" und "die jüngs­ten Bege­ben­hei­ten, Beschlüs­se" als Bei­spie­le. Die lexi­ko­gra­fi­sche Beschrei­bung im Duden ver­weist für "jung" zum einen auf "(Men­schen, Tie­re, Pflan­zen) noch kein hohes Lebens­al­ter habend; sich noch in der Ent­wick­lung oder gera­de am Ende der Ent­wick­lung befin­dend" und zugleich auf "noch nicht lan­ge, son­dern erst seit Kur­zem vor­han­den, bestehend" (Duden). Die Text­be­le­ge, die mit­tels einer Kor­pus­su­che bezüg­lich des Begriffs "jun­ges Team" gewon­nen wer­den kön­nen, bestä­ti­gen dies: Die Ver­bin­dung von "jung" und "Team" wird sowohl im Zusam­men­hang mit dem Grün­dungs­zeit­punkt einer Ein­heit als auch mit dem Lebens­al­ter der Team­mit­glie­der ver­wen­det. Im ers­ten Sin­ne zeigt dies z.B. der Aus­zug aus dem Beleg "Sie haben sich für die rich­ti­ge Fach­hoch­schu­le ent­schie­den, erklär­te er, denn die neue Hoch­schu­le ver­fü­ge über ein jun­ges Team von 13 Pro­fes­so­ren, eine aktu­el­le tech­ni­sche Aus­rüs­tung, eine moder­ne, umfang­rei­che Biblio­thek, und sie sei in vie­ler­lei Hin­sicht ein­ma­lig." Für das ande­re Ver­ständ­nis fin­det sich etwa "S. ist stolz auf sein jun­ges Team, des­sen Durch­schnitts­al­ter bei 28 Jah­ren liegt."
Das Ver­ständ­nis, wonach "jung" im vor­lie­gen­den Fall den Zeit­punkt der Zusam­men­set­zung des Teams beschreibt, ist ins­be­son­de­re mit Blick dar­auf nahe­lie­gend, dass es sich bei der Beklag­ten um ein zum Zeit­punkt der Stel­len­an­zei­ge erst etwa sechs Jah­re exis­tie­ren­des Unter­neh­men han­delt, wel­ches zudem auf einem erst in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit ent­stan­de­nen Geschäfts­feld agiert 18. Auf bei­des legt die Beklag­te beson­de­ren Wert, denn sie bewirbt sich schon in der dem eigent­li­chen Stel­len­pro­fil vor­an­ge­stell­ten Ein­lei­tung vor­nehm­lich damit, dass sie auf einem neu ent­stan­den Geschäfts­feld mit täg­lich inno­va­ti­ven Ide­en und mit der Fle­xi­bi­li­tät und Geschwin­dig­keit eines jun­gen und schnell wach­sen­den Start-Up-Unter­neh­mens über­aus erfolg­reich tätig sei. Gegen­stand die­ser For­mu­lie­rung ist ohne Zwei­fel das Alter des Unter­neh­mens und des Geschäfts­fel­des. Die­se Selbst­dar­stel­lung ist zuläs­sig, denn der Arbeit­ge­ber kann sich los­ge­löst vom kon­kre­ten Stel­len­pro­fil selbst dar­stel­len und sei­ne Visio­nen und Zie­le beschrei­ben 19. Die­ser Aus­gangs­punkt prägt auch das Ver­ständ­nis des wei­te­ren Tex­tes, denn es wird beob­ach­tet, dass Infor­ma­tio­nen, die zu Beginn eines Tex­tes auf­ge­nom­men wer­den, das wei­te­re Text­ver­ständ­nis maß­geb­lich bestim­men 20, Prag­ma­tics of word order fle­xi­bi­li­ty, Phil­adel­phia: John Ben­ja­mins, S. 83, 84)).
?)) Die kon­kre­te text­li­che Fas­sung der Stel­len­an­zei­ge ändert an die­ser Beur­tei­lung nichts. Soweit in der Rubrik "Was Sie erwar­tet" mit­ge­teilt wird, dass ein "jun­ges hoch­mo­ti­vier­tes Team" auf den Bewer­ber oder die Bewer­be­rin war­tet, erhöht dies nicht die Wahr­schein­lich­keit, dass mit "jung" das Lebens­al­ter der Team­mit­glie­der asso­zi­iert wird. Zwar stellt die Beklag­te einen Zusam­men­hang mit der kon­kret aus­ge­schrie­be­nen Stel­le her, da Gegen­stand das zukünf­ti­ge Team des Bewer­bers oder der Bewer­be­rin ist. Auch könn­te die Ver­bin­dung mit dem Adjek­tiv "hoch­mo­ti­viert", also eine mensch­li­che Eigen­schaft, ein Anhalts­punkt für die Asso­zia­ti­on mit dem Lebens­al­ter sein. Aller­dings ist es an die­ser Stel­le genau­so wahr­schein­lich, dass ein seit kur­zem bestehen­des Team mit hoch­mo­ti­vier­ten Men­schen gemeint sein könn­te.
Auch die zwei­te Ver­wen­dung der For­mu­lie­rung, mit der Per­so­nen zur Bewer­bung auf­ge­for­dert wer­den, die "Teil eines hoch­in­no­va­ti­ven, anspruchs­vol­len und extrem zukunfts­fä­hi­gen Soft­ware­mark­tes und des jun­gen und hoch­mo­ti­vier­ten Teams wer­den wol­len" lässt auf kei­nen hin­rei­chen­den Bezug zum Lebens­al­ter der poten­ti­el­len Bewer­ber und Bewer­be­rin­nen schlie­ßen. Ein dahin­ge­hen­des Ver­ständ­nis wird jeden­falls durch die wei­te­ren Anfor­de­run­gen der Stel­len­be­schrei­bung rela­ti­viert, denn unter der Über­schrift "Was Sie mit­brin­gen soll­ten" wer­den die tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Stel­le auf­ge­führt. Wenn danach ein Stu­di­um oder eine ver­gleich­ba­re Aus­bil­dung mit prak­ti­scher Erfah­rung, mehr­jäh­ri­ge Erfah­rung in der Soft­ware­ent­wick­lung, lang­jäh­ri­ge Erfah­rung im Umgang mit idea­ler­wei­se zwei Pro­gram­mier­spra­chen, prak­ti­sche Erfah­rung mit agi­len Metho­den der Soft­ware­ent­wick­lung im Team und sehr gute Eng­lisch- und Deutsch­kennt­nis­se erfor­der­lich sind, ver­langt die Beklag­te ein gan­zes Bün­del von Kennt­nis­sen und Erfah­run­gen, die über die eines blo­ßen Stu­di­en­ab­schlus­ses weit hin­aus gehen. Die­se Vor­aus­set­zun­gen kön­nen von sehr jun­gen Per­so­nen kaum, von nicht mehr ganz jun­gen gege­be­nen­falls und dar­über hin­aus gera­de von älte­ren Per­so­nen erfüllt wer­den. Hier­nach wird deut­lich, dass das Lebens­al­ter poten­ti­el­ler Bewer­ber oder Bewer­be­rin­nen kein Anknüp­fungs­punkt ist.
?)) Abge­se­hen davon ist es der Beklag­ten aber auch nicht ver­wehrt, die tat­säch­li­chen Gege­ben­hei­ten des Arbeits­um­fel­des zu beschrei­ben. Selbst wenn sich das Team also aus über­wie­gend jun­gen Men­schen zusam­men­set­zen soll­te, beinhal­tet die­se Aus­sa­ge nicht, dass älte­re Per­so­nen nicht erwünscht wären. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Stel­len­be­wer­be­rin ist hier­bei uner­heb­lich, dass damit – aus Sicht der Beklag­ten – posi­ti­ve Eigen­schaf­ten her­vor­ge­ho­ben wer­den, denn die Beschrei­bung muss ledig­lich wahr­heits­ge­mäß sein. Die Reak­ti­on auf die Vor­stel­lung, dass die Mit­ar­beit in einem Team jun­ger, hoch­mo­ti­vier­ter Men­schen in Rede steht, ist eine rein sub­jek­ti­ve und kann nach Auf­fas­sung der Kam­mer nicht soweit objek­ti­viert wer­den, dass von einer über­wie­gen­den Wahr­schein­lich­keit für eine abschre­cken­de Wir­kung aus­ge­gan­gen wer­den kann. Es mag sein, dass älte­re Men­schen eine der­ar­ti­ge Kon­kur­renz­si­tua­ti­on als belas­tend und abschre­ckend emp­fin­den. Es ist aber nicht min­der vor­stell­bar, dass eine Tätig­keit in einem sol­chen Umfeld gera­de einen Anreiz für älte­re Men­schen dar­stellt.
?)) Soweit die Stel­len­be­wer­be­rin die Aus­füh­run­gen der Beklag­ten zum Stand­ort K. auf ihrem Inter­net­auf­tritt als zusätz­li­ches Argu­ment einer Benach­tei­li­gung wegen des Alters berück­sich­tigt wis­sen will, führt dies nicht wei­ter. Für die Beset­zung einer kon­kre­ten Stel­le in H. sind all­ge­mei­ne Aus­füh­run­gen zur Attrak­ti­vi­tät von K., die zu dem Zeit­punkt, in dem die Stel­len­an­zei­ge geschal­tet wur­de, noch gar nicht exis­tier­ten, nicht von Belang.
BAG, Urteil vom 19.08.2010 – 8 AZR 530/​09, Rn. 58[↩]
LAG Nürn­berg, Urteil vom 16.05.2012 – 2 Sa 574/​11, Rn. 32 ff., juris; LAG Mün­chen, Urteil vom 13.11.2012 – 7 Sa 105/​12, Rn. 84 ff., juris.; LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 08.08.2013 – 26 Sa 1083/​13, Rn. 48, juris; a.A. LAG Ham­burg, Urteil vom 23.06.2010 – 5 Sa 14/​10, Rn. 60 das bei der Ver­wen­dung der For­mu­lie­rung "jun­ges Team" gene­rell einen Ver­stoß gegen §§ 7, 11 AGG annimmt; LAG Schles­wig-Hol­stein, Urteil vom 29.10.2013 – 1 Sa 142/​13, Rn. 48 ff.[↩]
vgl. auch LAG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 10.02.2014 – 3 Sa 27/​13, Rn. 106, juris; LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 08.08.2013 – 26 Sa 1083/​13, Rn. 49[↩]
vgl. LAG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 10.02.2014 – 3 Sa 27/​13, Rn. 106[↩]
vgl. LAG Mün­chen, Urteil vom 13.11.2012 – 7 Sa 105/​12, Rn. 86[↩]
vgl. Gerns­ba­cher & Har­grea­ves (1992), The pri­vi­le­ge of pri­ma­cy: Expe­ri­men­tal data and cogni­ti­ve explana­ti­ons. In Doris L. Pay­ne ((Ed.[↩]