Source: https://www.ra-dametz.de/eugh-befasst-sich-mit-teilen-der-bgh-rechtsprechung-zum-widerruf-von-darlehensvertraegen/
Timestamp: 2020-07-13 04:46:26
Document Index: 49170270

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 492', '§ 492', 'Art 247', '§ 6', 'Art 247', '§ 503', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art 247', '§ 6', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'EuG', '§ 32', 'EuG']

EuGH entscheidet zum Widerruf von Darlehnsverträgen
Bei (Immo­bi­li­en-) Dar­le­hens und Kre­dit­ver­trä­gen die nach dem 11.06.2010 und vor dem 21.03.2016 von Ver­brau­chern geschlos­sen wur­den, gilt wei­ter­hin das soge­nann­te ewi­ge Wider­rufs­recht.
Nach­dem der EuGH fest­ge­stellt hat, dass die For­mu­lie­rung, die der deut­sche Gesetz­ge­ber im dama­li­gen Mus­ter für die Wider­rufs­be­leh­rung ver­wen­det hat, gegen die Vor­ga­ben der EU-Richt­li­nie ver­sto­ßen, sind damit dem Wort­laut nach alle betrof­fe­nen Wider­rufs­in­for­ma­tio­nen kom­pro­mi­tiert.
Ganz kon­kret führt der EuGH in sei­nem Urteil vom 26.03.2020 Az. C‑66/19 aus, dass die Wider­rufs­in­for­ma­tio­nen von Dar­le­hens­ver­trä­gen und Kre­di­ten mit der Anga­be “Pflicht­an­ga­ben nach § 492 Abs. 2 BGB” nicht klar und prä­gnant sei­en, da der Ver­brau­cher nicht erken­nen kann, auf wel­che Pflicht­an­ga­ben es ankommt. Der § 492 Abs. 2 BGB ver­weist sei­ner­seits auf Art 247 §§ 6 – 13 EGBGB in der jewei­li­gen Fas­sung. Der Art 247 ver­weist sodann erneut, je nach­dem um was es sich für ein Dar­le­hen oder Kre­dit han­delt, auf unter­schied­li­che Pflicht­an­ga­ben.
Der unbe­fan­ge­ne Ver­brau­cher muss daher selbst­stän­dig ent­schei­den kön­nen, nicht nur wel­che Pflicht­an­ga­ben für ihn eben sol­che Pflicht­in­for­ma­tio­nen sind, son­dern auch noch ob er ein grund­pfand­recht­lich besi­cher­tes Dar­le­hen im Sin­ne des § 503 BGB a.F. abge­schlos­sen hat und sich dar­aus sodann redu­zier­te Infor­ma­ti­ons­pflich­ten der Bank erge­ben oder nicht.
Der EuGH sagt hier ein­deu­tig, dass dies den nor­ma­len ver­stän­di­gen Ver­brau­cher über­for­dert und daher die Anga­ben nicht hin­rei­chend deut­lich sind.
Der XI. Senat des BGHs, der für Wider­rufs­ver­fah­ren mit Ban­ken und Spar­kas­sen zustän­dig ist, hat dies bis­her voll­stän­dig anders gese­hen. Der BGH hat dem nor­ma­len und ver­stän­di­gen Ver­brau­cher unter­stellt, dass er ohne wei­te­res in der Lage sei, das Gesetz zu lesen und zu ver­ste­hen. Der BGH hat die jetzt vom EuGH gekippt For­mu­lie­rung als völ­lig ein­wand­frei und für den Ver­brau­cher ver­ständ­lich klas­si­fi­ziert gehabt.
Ins­be­son­de­re der Umstand, dass der EuGH den nor­ma­len ver­stän­di­gen Ver­brau­cher gänz­lich anders defi­niert als der BGH, dürf­te weit über den Ein­zel­fall hin­aus Bedeu­tung erlan­gen.
Der BGH wird einen ande­ren Maß­stab an das Ver­ständ­nis des durch­schnitt­li­chen Dar­le­hens­neh­mers anle­gen müs­sen. Andern­falls ris­kiert er eine erneu­te Ohr­fei­ge des EuGHs. Nicht weni­ger war das jetzt ergan­ge­ne Urteil des EuGHs vom 26.03.2020 Az. C‑66/19 näm­lich für die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des BGHs zum neue­ren Wider­rufs­recht.
Ähn­lich wie der BGH in den letz­ten Jah­ren diver­se Ober­lan­des­ge­rich­te wegen ihrer Recht­spre­chung zum Wider­ruf von Dar­le­hens- und Kre­dit­ver­trä­gen geschol­ten hat­te, wider­fuhr es dem BGH nun vom EuGH.
Ergän­zend führt der EuGH in der genann­ten Ent­schei­dung vom 26.03.2020 Az. C‑66/19 aus, dass der deut­sche Gesetz­ge­ber bei der EU-Richt­li­nie 2008/48 von der Opt-In Mög­lich­keit für Immo­bi­li­en­dar­le­hens­ver­trä­ge gebrauch gemacht hat, sodass es über­haupt zu der Recht­spre­chung des EuGH und der Anwen­dung der Grund­sät­ze der Richt­li­nie kom­men konn­te.
Das EuGH Urteil vom 26.03.2020 Az. C‑66/19 schlägt in die bis­he­ri­ge BGH-Recht­spre­chung ein wie eine Bom­be und vie­le BGH-Urtei­le der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit schei­nen nun mit der bis­he­ri­gen Begrün­dung nicht mehr auf­recht zu hal­ten sein. Die gesam­te neue Recht­spre­chung des BGHs zum Wider­ruf von Dar­le­hens­ver­trä­gen wird sich an dem jetzt ergan­ge­nen Urteil des EuGHs mes­sen las­sen müs­sen.
Aller­dings ist das EuGH Urteil inso­weit mit Vor­sicht zu genie­ßen, dass es auch vie­les nicht anspricht, was nicht Teil der Vor­la­ge an den EuGH gewe­sen ist.
Sofern die Bank das gesetz­li­che Mus­ter der Wider­rufs­in­for­ma­tio­nen unver­än­dert in deut­li­cher und her­vor­ge­ho­be­nen Wei­se ver­wen­det hat, kann sie sich nach Art 247 § 6 Abs. 2 EGBGB auf die soge­nann­te Gesetz­lich­keits­fik­ti­on beru­fen. Danach wird von Geset­zes­we­gen unwi­der­ruf­lich ver­mu­tet, dass damit rechts­kon­form über das Wider­rufs­recht belehrt wur­de.
Ob die­se Gesetz­lich­keits­fik­ti­on im Lich­te der EuGH-Recht­spre­chung noch zu hal­ten ist, wenn das zugrun­de­lie­gen­de Mus­ter gegen EU-Recht ver­stößt, bleibt abzu­war­ten.
Es erscheint wie eine Umge­hung des EU-Rechts durch die Hin­ter­tür, wenn die Umset­zung des EU-Rechts feh­ler­haft ist, sodann aber das Ver­trau­en dar­auf unwi­der­ruf­lich zu schüt­zen, sodass die Ver­let­zung des EU-Rechts kei­ne Fol­ge hat.
Inter­es­sant ist die EuGH Recht­spre­chung vom 26.03.2020 Az. C‑66/19 für Immo­bi­li­en­kre­di­te die zwi­schen dem 11.06.2010 und 20.03.2016 geschlos­sen wur­den. Der Gesetz­ge­ber hat das Mus­ter ab dem 21.03.2016 für Immo­bi­li­en­dar­le­hen geän­dert und eine Höchst­frist für das Wider­rufs­recht von einem Jahr und 14 Tagen ein­ge­führt unab­hän­gig davon, ob über­haupt belehrt wur­de. Hier war die feh­ler­haf­te For­mu­lie­rung nicht mehr ent­hal­ten.
Bei all­ge­mei­nen Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trä­gen ent­fal­tet das EuGH Urteil hin­ge­gen Wir­kung für alle Ver­trä­ge die ab dem 11.06.2010 geschlos­sen wur­den. Hier wur­de das gesetz­li­che Mus­ter zum 21.03.2016 nicht kor­ri­giert, sodass die vom EuGH monier­te For­mu­lie­rung immer noch vor­han­den ist, bis das Mus­ter geän­dert wird.
Beson­ders rele­vant dürf­te die EuGH Ent­schei­dung indes für die Ver­trä­ge sein die zwi­schen Juni 2010 und 2012 geschlos­sen wur­den. Hier haben Ban­ken teil­wei­se noch nicht das gesetz­li­che Mus­ter voll­stän­dig unver­än­dert über­nom­men gehabt.
Gleich­wohl ist es jetzt so, dass jede Ver­än­de­rung der vom EuGH als feh­ler­haft ange­se­he­nen gesetz­li­chen Mus­ter­wi­der­rufs­in­for­ma­tio­nen die Wider­rufs­in­for­ma­tio­nen des Dar­le­hens­ver­tra­ges in Fra­ge stel­len und poten­zi­ell angreif­bar machen.
Betrof­fe­ne die einen Wider­ruf in Erwä­gung zie­hen, soll­ten sich anwalt­lich bera­ten las­sen. Ob ein Wider­rufs­recht ggf. noch besteht hängt immer ganz kon­kret vom vor­lie­gen­den Sach­ver­halt und den Umstän­den ab.
Ob und wie der BGH auf die EuGH-Recht­spre­chung reagie­ren wird, bleibt abzu­war­ten. Bis­her hat der BGH sich in den Wider­rufs­ver­fah­ren dage­gen ent­schie­den Fra­gen dem EuGH vor­zu­le­gen.
Der BGH hat in ers­ten Beschlüs­sen zum EuGH Urteil Stel­lung genom­men (BGH 31.03.2020 — XI ZR 198/19 & XI ZR 581/18). Im Ergeb­nis ist der BGH nicht bereit von sei­ner bis­he­ri­gen Linie abzu­wei­chen oder sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zu revi­die­ren. Es gilt wei­ter­hin die Gesetz­lich­keits­fik­ti­on für die Ver­wen­dung des gesetz­li­chen Mus­ters für die Wider­rufs­in­for­ma­tio­nen. Hin­sicht­lich Immo­bi­li­en­dar­le­hen lehnt der BGH indes sogar jede Wir­kung des Urteils ab, da die zugrun­de­lie­gen­de Richt­li­nie nicht vom deut­schen Gesetz­ge­ber für Immo­bi­li­en­dar­lehn umge­setzt wur­de und nur das gel­te, was deut­sche Gerich­te dazu sagen.
Der BGH macht mehr als deut­lich, dass er an sei­ner Recht­spre­chung fest­zu­hal­ten gedenkt und es zu kei­ner gro­ßen Ände­rung auf­grund des EuGH Urteils kom­men wird.
Die aus­ein­an­der­fal­len­den Ansich­ten und Argu­men­ta­tio­nen des EuGHs und des BGHs wer­fen kein gute Bil­de auf das Ver­hält­nis des BGHs zum EuGH. Dies auch des­halb nicht, weil der BGH wei­ter­hin eine eige­ne Vor­la­ge an den EuGH ablehnt. Eini­ge Land­ge­rich­te, die genau die­sen Weg gewählt haben, wer­den dafür vom BGH zudem kri­ti­siert. Dies obwohl der EuGH nun­mehr die Ansicht des BGHs nicht geteilt hat und vie­les anders sieht und damit eigent­lich die Ansicht der LGs zur Vor­la­ge bestä­tigt hat.
Der wei­ter­hin gel­tend gemach­te omni­po­ten­te Anspruch des BGHs auf die allei­ni­ge Deu­tungs­ho­heit zum Wider­rufs­recht von Kre­dit- und Dar­le­hens­ver­trä­gen dürf­te im Lich­te des EuGH-Urteils für den Ver­brau­cher nur noch schwer nach­voll­zieh­bar sein.
Dies wird gestützt durch wei­te­re Vor­la­gen zum EuGH in Sachen Wider­rufs­recht, bei denen sich eben­falls abzeich­net, dass der EuGH in eini­gen Punk­ten nicht mit dem BGH einer Mei­nung ist. So hat das LG Kiel etwa dem EuGH die Fra­ge vor­ge­legt, ob es sich bei Pro­lon­ga­tio­nen von Kre­dit- und Dar­le­hens­ver­trä­gen um Finanz­dienst­leis­tun­gen im Rah­men des Fern­ab­sat­zes im Sin­ne der EU-Richt­li­nie han­deln kann und mit­hin ein Wider­rufs­recht bestün­de.
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