Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ss05/ss05fb045.html
Timestamp: 2019-07-21 03:04:24
Document Index: 221962708

Matched Legal Cases: ['Art. 87', '§ 88', '§ 42', '§ 74', '§ 57', '§ 222', '§ 188', '§ 73', '§ 4', '§ 1', '§ 193', '§ 49', '§ 49', '§ 49', '§ 48', '§ 48', 'Art. 87', 'EuG', 'Art. 87', 'Art. 87', 'Art. 73', 'Art. 99', 'Art. 87', 'Art. 87', 'Art. 28', 'Art. 28', 'Art. 87', '§ 48', '§ 48', '§ 48', '§ 48', '§ 48', 'EuG', 'Art. 88']

JIPS / Repetitorium / SS 2005 / Fall 9
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Fallbesprechung 9: "Saarländische Erzeugnisse"
Allgemeines Verwaltungsrecht, Europarecht (UNI-045/SS05)
Saarländische Brennereien sehen sich zunehmendem europäischem Wettbewerb ausgesetzt. Ihre qualitativ hochwertigen Erzeugnisse müssen sich der Neigung der Verbraucher zu vergleichbaren außersaarländischen Erzeugnissen stellen, preiswerte Produkte werden vor allem von polnischen und tschechischen Billigalkoholika verdrängt. Um drohenden Entlassungen von Arbeitnehmern in mittelständischen Betrieben entgegenzusteuern gelingt es dem saarländischen Minister für Wirtschaft (M), einen einstimmigen Beschluss des Landtages herbeizuführen, dass in das alsbald verabschiedete Haushaltsgesetz als zusätzlicher Titel "Förderung heimischer Brennereien" mit einer Summe von 5 Millionen DM eingestellt wird. M erlässt zugleich detaillierte Richtlinien, die die Vergabekriterien im einzelnen festlegen und die für die Vergabe der Gelder zuständigen Verwaltungsbehörden bestimmen.
Die G-GmbH, ein kleines mittelständisches Unternehmen der Spirituosenproduktion, stellt daraufhin einen formgerechten Antrag auf Förderung bei der nach den Richtlinien zuständigen saarländischen Stadt St. J. Bei der Bearbeitung des Antrags kommt der zuständige Sachbearbeiter (A) zu dem Ergebnis, dass die G-GmbH die in der Richtlinie als Höchstbeschäftigtenzahl festgelegte Anspruchsvoraussetzung um nur einen Mitarbeiter übertrifft und damit grundsätzlich nicht in den Genuss der Förderung kommen kann. Da A aber mit einem leitenden Angestellten der G-GmbH (L) schon manches Glas geleert hat, zögert er nicht, ohne Wissen des L eine Klausel der Richtlinie heranzuziehen, die für besondere Härtefälle Ausnahmen von den sonstigen Vergabekriterien in das Ermessen der Verwaltung stellt. Er erlässt am 1.12.1999 einen Bescheid, der eine einmalige, nicht zurückzuzahlende Förderung der G-GmbH in Höhe von 500.000 DM bewilligt.
Im Rahmen einer routinemäßigen behördlichen Überprüfung stößt dem zuständigen Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung von St. J., R, der beschriebene Vorgang unangenehm auf. R gelangt nach umfassender rechtlicher Durchsicht zu der Auffassung, die Beihilfe sei schon mangels genügender Rechtsgrundlage, aber auch aus anderen, auch europarechtlichen Gründen, rechtswidrig gewährt worden und veranlasst nach Anhörung der G-GmbH im März 2000 einen schriftlichen und mit Rechtsbehelfsbelehrung versehenen Rückforderungsbescheid.
Die G-GmbH ist der Auffassung, den Betrag, den sie unmittelbar in eine hochmoderne neue Destillationsanlage investiert hat, um ihre Produktion qualitativ und quantitativ den modernen Anforderungen des internationalen Wettbewerbs anzupassen, nicht zurückzahlen zu müssen. Wenn die Politik schon endlich einmal auf die Bedürfnisse der heimischen Wirtschaft Rücksicht nehme, dann müsse man sich darauf wohl auch verlassen und entsprechend disponieren können, ohne ständig mit der Aufhebung der Förderung rechnen zu müssen. Jedenfalls könne die neue Anlage nicht ohne erhebliche Verluste wieder veräußert werden. Auf ihren fristgerechten Widerspruch erhält die G-GmbH am 15.7.2000 in ihrer samstägigen Post den ablehnenden Widerspruchsbescheid, den die Widerspruchsbehörde tags zuvor per Einschreiben aufgegeben hatte. Unter dem 15.8.2000, einem Dienstag, erhebt die G-GmbH sodann schriftlich verwaltungsgerichtliche Klage und beantragt festzustellen, dass sie die Zuwendung behalten darf. Die Klageschrift geht am 17.8.2000 bei dem Verwaltungsgericht des Saarlandes ein. Wie wird es entscheiden?
(Vorschriften des Landwirtschaftsrechts und des Brandweinmonopols sind nicht anzuwenden.)
(2) Mit dem gemeinsamen Markt vereinbar sind
a) Beihilfen sozialer Art an einzelne Verbraucher ...
b) Beihilfen zur Beseitigung von Schäden, die durch Naturkatastrophen oder sonstige außergewöhnliche Ereignisse entstanden sind ...
c) Beihilfen für die Wirtschaft bestimmter, durch die Teilung Deutschlands betroffener Gebiete der Bundesrepublik Deutschland ...
(3) Die Kommission wird von jeder beabsichtigen Einführung oder Umgestaltung von Beihilfen so rechtzeitig unterrichtet, dass sie sich dazu äußern kann. Ist sie der Auffassung, dass ein derartiges Vorhaben nach Art. 87 mit dem gemeinsamen Markt unvereinbar ist, so leitet sie unverzüglich das in Absatz 2 vorgesehene Verfahren ein. Der betreffende Mitgliedsstaat darf die beabsichtigte Maßnahme nicht durchführen, bevor die Kommission eine abschließende Entscheidung erlassen hat.
(4) Mengenmäßige Einfuhrbeschränkungen sowie alle Maßnahmen gleicher Wirkung sind zwischen den Mitgliedstaaten verboten.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (045/SS05), Stand 05/05:
Rechtswidrigkeit eines Subventionsbescheides
Aufhebung eines Subventionsbescheides
Artikel 87 EGV (Beihilfeverbot)
Die Aufgabe, eine Originalexamensklausur, greift Grundprobleme des Subventionsrechts mit Ausblicken auf Regelungen des EGV auf. Eine Fallbearbeitung zum Subventionsrecht findet sich bei -> Lesen: Hübbenet, Jus 204, 795; zu den europarechtlichen Implikationen kann man sich informieren bei -> Lesen: Kilb, Jus 2003, 1072.
Ob es sich um eine öffentlich-rechtliche Streitigkeit handelt richtet sich nach der Einordnung der Vergabe der streitigen Leistung. Sie ist erfolgt als einmalige und nicht zurückzuzahlende Zuwendung, also als verlorener Zuschuss. Das geschieht regelmäßig durch einen Verwaltungsakt, soweit kein Subventionsvertrag geschlossen wird. Erfolgt die Gewährung der Subvention durch VA, so gilt für die Rückforderung die gleiche Handlungsform.
(Verf. müssen nicht auf die so genannte "Zweistufenlehre" und ihre Unterscheidung zwischen dem Ob und dem Wie der Förderung eingehen.)
Die G-GmbH will die Aufhebung des Bescheids vom März 2000 erreichen. Deshalb kommt allein eine Anfechtungsklage in Betracht. Dass die G-GmbH einen Feststellungsantrag gestellt hat, ist unerheblich (§ 88 VwGO).
Die G-GmbH ist durch die Aufhebung des Bewilligungsbescheides belastet und damit in ihrer Rechten betroffen (§ 42 Abs. 2 VwGO).
Ein ordnungsgemäßes Widerspruchsverfahren ist durchgeführt.
Nach § 74 Abs. 1 VwGO ist die Klage innerhalb eines Monats nach Zustellung des Widerspruchsbescheids zu erheben. Der Bescheid ist der G-GmbH am 15.7.2000 zugegangen. Die Frist läuft also am 15.8.2000 ab (§ 57 Abs. 2 VwGO, § 222 Abs. 1 ZPO, § 188 Abs. 2 BGB).
Allerdings ist der Widerspruchsbescheid nach § 73 Abs. 3 Satz 1 VwGO zuzustellen. Wenn er mittels eingeschriebenen Briefs zugestellt wird, dann richtet sich der Fristbeginn nach § 4 Abs. 1 VwZG. Nach § 1 SVwZG ist das VwZG auch bei der Tätigkeit von Landesbehörden anzuwenden. Daher gilt der Brief mit dem dritten Tage nach der Aufgabe zur Post als zugestellt, es sei denn, dass das zuzustellende Schriftstück nicht oder zu einem späteren Zeitpunkt zugegangen ist. Ein tatsächlich früherer Zugang ist irrelevant. Die Klagefrist läuft damit erst am 17.8.2000 ab. § 193 BGB gilt nicht, weil es nicht um das Fristende geht.
Die Klage ist begründet, wenn der Verwaltungsakt rechtswidrig und der Kläger dadurch in seinen Rechten verletzt ist.
I. § 49 a Abs. 1 SVwVfG
Als Ermächtigung kommt § 49 a Abs. 1 SVwVfG in Betracht.
Materiellrechtlich setzt der Erstattungsanspruch nach § 49 a VwVfG zunächst die rückwirkende Rücknahme oder den Widerruf eines VA voraus. In Betracht kommt hier die Rücknahme des Subventionsbescheides vom 1.12.1999 gemäß § 48 SVwVfG. Dabei kann die Erstattung mit der Rücknahme gleichzeitig festgesetzt werden. Voraussetzung ist dann nach § 48 Abs. 1 Satz 1 SVwVfG, dass die Zuwendung durch einen rechtswidrigen VA erfolgt ist.
Fraglich ist, ob der Bewilligungsbescheid rechtswidrig gewesen ist.
Verf. müssen sich zunächst mit der Ermächtigung für den Erlass eines Subventionsbescheides auseinandersetzen. Dabei sollte erkannt und erwähnt werden, dass der Grundsatz vom Vorbehalt des Gesetzes nach immer noch herrschender Auffassung lediglich im Bereich der Eingriffsverwaltung verlangt, dass sich die Verwaltung auf eine hinreichend bestimmte Ermächtigung stützen kann. Demgegenüber soll es bei der der Leistungsverwaltung zugehörigen Gabe wirtschaftlicher Förderungen ausreichen, wenn das Haushaltsgesetz die Mittel für die Subventionierung bereitstellt und die Zweckbestimmung festlegt. Die Einzelheiten der Vergabe können durch Verwaltungsvorschriften geregelt werden.
Davon werden zwar Ausnahmen gemacht (Filmförderung, Subventionierung der Presse, Förderung religiöser Aktivitäten). Eine solche Ausnahme liegt nicht vor.
Verf. können sich allerdings auch mit der abweichenden Auffassung auseinandersetzen, dass die Vorenthaltung einer staatlichen Leistung den Bürger unter Umständen nicht weniger gravierend trifft als ein Eingriff in Freiheit und Eigentum. Die zu erwartenden Konflikte müssten daher durch Gesetz gelöst werden.
Allerdings spricht immer noch viel dafür, jedenfalls im Regelfall der Subventionierung für ausreichend erscheinen zu lassen, dass die Mittel im Haushaltsgesetz zur Verfügung gestellt werden.
Formelle Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit des Bewilligungsbescheides bestehen nicht.
(1) Art. 87 EGV
Materielle Bedenken könnten sich zunächst aus Artikel 87 EGV ergeben. Danach sind staatliche oder aus staatlichen Mitteln gewährte Beihilfen gleich welcher Art, die durch die Begünstigung bestimmter Unternehmen oder Produktionszweige den Wettbewerb verfälschen oder zu verfälschen drohen, mit dem gemeinsamen Markt unvereinbar, soweit sie den Handel zwischen Mitgliedsstaaten beeinträchtigen.
Die Rechtsprechung des EuGH geht von einem grundsätzlich weiten gemeinschaftsrechtlichen Beihilfebegriff aus, um dem Steuerungszweck der Regelung gerecht zu werden. Beihilfen im Sinne des EGV sind aber in jedem Falle Subventionen, wie sie hier gewährt worden sind. Der Begriff der Beihilfe ist im Übrigen durch die Freiwilligkeit der Leistung, die begünstigende Wirkung auf den Empfänger und die fehlende äquivalente Gegenleistung gekennzeichnet.
Das Verbot der Förderung durch Beihilfen greift aber nur, wenn der innergemeinschaftliche Wettbewerb hierdurch verfälscht wird oder verfälscht zu werden droht und damit der Handel zwischen den Mitgliedstaaten beeinträchtigt wird. Das setzt voraus, dass in dem betroffenen Bereich überhaupt ein europaweiter Wettbewerb besteht, dessen Marktbedingungen sich durch die einseitige Begünstigung bestimmter Teilnehmer zu Lasten der anderen verschieben. Dazu ist in der Praxis regelmäßig eine sorgfältige Marktanalyse erforderlich. Allerdings gibt die Aufgabe bereits vor, dass es einen europaweiten Markt von qualitativ hochwertigen und "billigen" Spirituosen gibt, der gezielt beeinflusst werden soll.
Auch geringfügige Beihilfen können den Handel zwischen den Mitgliedstaaten beeinträchtigen; allerdings gilt für Subventionen in vernachlässigbarem Umfang eine De-Minimis-Regelung.
Angesichts der Höhe der Förderungsmittel kann aber nicht von einer geringfügigen Subvention ausgegangen werden.
Das Beihilfeverbot kennt allerdings Ausnahmen nach Art. 87 Abs. 2 EGV. Die primärrechtlich vorgesehenen Ausnahmen liegen nicht vor (Art. 87 Abs. 2 EGV, Art. 73, Art. 99 EGV). Eine ausdrückliche Erklärung nach Art. 87 Abs. 3 EGV besteht nicht.
Die Förderung der G-GmbH verstößt damit gegen Art. 87 EGV.
(2) Art. 28 EGV
Fraglich ist, ob sie auch gegen Artikel 28 EGV verstößt. Auch die Leistung staatlicher Beihilfen stellt eine von Art. 28 EGV erfasste Maßnahme gleicher Wirkung wie eine mengenmäßige Beschränkung dar, die grundsätzlich geeignet ist, den innergemeinschaftlichen Handel unmittelbar oder mittelbar tatsächlich oder potentiell zu behindern.
Im Schrifttum wird allerdings Art. 87 EGV als lex specialis angesehen. Das gilt jedenfalls dort, wo an einer Charakterisierung der Maßnahme als staatliche Beihilfe kein Zweifel besteht.
II. Vereinbarkeit mit innerstaatlichem Recht
Fraglich ist, ob die Zuwendung nicht bereits wegen Unvereinbarkeit mit den Subventionsrichtlinien – die vorgesehene Höchstbeschäftigtenzahl fehlt – rechtswidrig ist. Da sich A nicht ausschließlich von dem Zweck der Ermächtigung (Förderung notleidender Wirtschaftsunternehmen) sondern von persönlichen Beweggründen leiten ließ, liegt auch im Übrigen ein Ermessensfehler vor.
1. Rücknahme nach § 48 Abs. 1 SVwVfG
Daher kann der Subventionsbescheid nach § 48 Abs. 1 Satz 1 SVwVfG zurückgenommen werden.
2. § 48 Abs. 2 - 4 SVwVfG
a) Schutzwürdiges Vertrauen
Allerdings unterliegt die Rücknahme den einschränkenden Anforderungen des § 48 Abs. 2 – 4 SVwVfG. Danach darf der VA nicht zurückgenommen werden, wenn die G-GmbH auf den Bestand des VA vertraut hat und dieses Vertrauen unter Abwägung mit dem öffentlichen Interesse an einer Rücknahme schutzwürdig ist.
Grundsätzliches Vertrauen in den Bestand des Verwaltungsaktes liegt vor, weil die G-GmbH bereits durch einschlägige Investitionen tätig geworden ist, die nicht mehr oder nur unter unzumutbaren Nachteilen rückgängig gemacht werden können. Zwar ist das Vermögen des Leistungsempfängers noch vermehrt, jedoch ist die Beschaffung der neuen Destillationsanlage gerade Ausdruck des schutzwürdigen Vertrauens, weil die betrieblichen Produktionsbedingungen verbessert worden sind.
Eine fehlende Schutzwürdigkeit - § 48 Abs. 2 Satz 3 SVwVfG – kann nicht angenommen werden.
b) Gemeinschaftsrechtliches Interesse
Folglich ist eine Abwägung zwischen dem Vertrauensinteresse des einzelnen und dem Rücknahmeinteresse der Allgemeinheit vorzunehmen. Aus rein innerstaatlicher Sicht dürfte der VA wohl nicht zurückgenommen werden. Gemeinschaftsrechtlich gilt nach der Rechtsprechung des EuGH, dass das öffentliche Interesse an der Durchsetzung der gemeinschaftsrechtlichen Wettbewerbsordnung und die Pflicht Deutschlands zur Erfüllung des EGV in die Abwägung einzustellen ist. Grundsätzlich soll dabei das gemeinschaftliche Interesse überwiegen. Lediglich dann, wenn die handelnde Behörde die beihilferechtlichen Verfahrensschritte ordnungsgemäß durchlaufen hat (insbesondere das nach Art. 88 Abs. 3 EGV vorgesehene Notifizierungsverfahren) kann überwiegendes Vertrauen des Adressaten in den Fortbestand der Begünstigung überhaupt in Betracht kommen. Von einem sorgfältigen Gewerbetreibenden wird erwartet, dass er sich über die Beachtung der verfahrensrechtlichen Erfordernisse durch die zuständige nationale Behörde vergewissert und darüber hinaus auch die abschließende Entscheidung der Kommission in seine Vertrauensbildung einbezieht.
Die Rücknahme des Bewilligungsbescheides ist damit rechtmäßig. Die erbrachten Leistungen sind folglich zurückzuerstatten.
"Jede Handelsregelung der Mitgliedstaaten, die geeignet ist, den innergemeinschaftlichen Handel unmittelbar oder mittelbar, tatsächlich oder potentiell zu behindern".