Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Nichtannahmebeschluss_Ablehnungsbeschluss_Bundesverfassungsgericht_1BvR512_11.html
Timestamp: 2017-07-26 08:45:32
Document Index: 157872668

Matched Legal Cases: ['§ 93', '§ 93', '§ 93', '§ 93', 'Art. 101', '§ 267', 'Art. 101', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 3', '§ 8']

HENSCHE Arbeitsrecht: 1 BvR 512/11
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 19.8.2010 - 8 AZR 466/09
BUN­DES­VER­FASSUN­GS­GERICHT - 1 BvR 512/11 -
der Frau F&,
- Be­vollmäch­tig­ter: Rechts­an­walt Se­bas­ti­an Busch, Os­dor­fer Weg 25, 22607 Ham­burg -
ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts vom 19. Au­gust 2010 - 8 AZR 466/09 -
u n d An­trag auf Be­wil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und Bei­ord­nung ei­nes Rechts­an­walts
gemäß § 93b in Ver­bin­dung mit § 93a BVerfGG in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 11. Au­gust 1993 (BGBl I S. 1473)am 23. De­zem­ber 2013 ein­stim­mig be­schlos­sen:
Der An­trag auf Be­wil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und Bei­ord­nung ei­nes Rechts­an­walts wird ab­ge­lehnt, da die be­ab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oh­ne Aus­sicht auf Er­folg ist.
G r ü n d e : Die Vor­aus­set­zun­gen für die An­nah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de lie­gen nicht vor. Sie hat kei­ne grundsätz­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Be­deu­tung (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be a BVerfGG) und ih­re An­nah­me er­scheint auch nicht zur Durch­set­zung von Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten der Be­schwer­deführe­rin an­ge­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG). Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat kei­ne Aus­sicht auf Er­folg, weil sie un­be­gründet ist.
1. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat das grund­rechts­glei­che Recht der Be­schwer­deführe­rin auf den ge­setz­li­chen Rich­ter aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht ver­kannt.
Ge­rich­te ver­let­zen die Vor­la­ge­pflicht nach § 267 Abs. 3 AEUV und da­mit auch das Recht der Par­tei­en aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nur, wenn ihr Um­gang mit der Vor­la­ge­pflicht bei verständi­ger Würdi­gung der das Grund­ge­setz be­stim­men­den Ge­dan­ken nicht ver­tret­bar ist, al­so nicht mehr verständ­lich er­scheint und of­fen­sicht­lich un­halt­bar ist (vgl. BVerfGE 82, 159 <194>; 126, 286 <315>; 128, 157 <187>). Die Hand­ha­bung der Vor­la­ge­pflicht durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt er­scheint hier je­doch nicht of­fen­sicht­lich un­halt­bar. Al­ler­dings hätte es na­he­ge­le­gen, die Gründe der un­ter­las­se­nen Vor­la­ge in der an­ge­grif­fe­nen Ent­schei­dung dar­zu­stel­len, ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund, dass die Be­deu­tung der „ob­jek­ti­ven Eig­nung" für den Be­griff der „ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on" in ei­nem Be­wer­bungs­ver­fah­ren im Sin­ne von Art. 2 Abs. 2a der Richt­li­nie 2000/43/EG so­wie in Art. 2 Abs. 2a der Richt­li­nie 2000/78/EG bis­her nicht Ge­gen­stand ei­ner Aus­le­gung durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on war und die Be­schwer­deführe­rin ei­ne Vor­la­ge die­ser Fra­ge in der Re­vi­si­ons­be­gründung aus­drück­lich an­ge­regt hat. Je­doch er­scheint es ver­tret­bar, die rich­ti­ge An­wen­dung des Uni­ons­rechts vor­lie­gend als der­art of­fen­kun­dig an­zu­se­hen, dass ei­ne ab­wei­chen­de Aus­le­gung durch den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on le­dig­lich als ent­fern­te Möglich­keit er­scheint und sich da­her auch ei­ne un­be­gründe­te Nicht­vor­la­ge noch im Be­ur­tei­lungs­spiel­raum hält. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt konn­te von ei­ner den na­tio­na­len Ge­rich­ten ob­lie­gen­den An­wen­dung von Uni­ons­recht auf den Ein­zel­fall aus­ge­hen, oh­ne dass es hierfür ei­ner dem Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on ob­lie­gen­den Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zwin­gend be­durf­te. - 3 -
2. Die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung ver­letzt die Be­schwer­deführe­rin nicht in ih­rem Grund­recht aus Art. 3 Abs. 1 und Abs. 3 Satz 1 GG oder ih­rer Re­li­gi­ons­frei­heit.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt stellt ent­schei­dend dar­auf ab, dass die Be­schwer­deführe­rin ob­jek­tiv nicht die Vor­aus­set­zung ei­nes ab­ge­schlos­se­nen Hoch­schul­stu­di­ums erfüll­te, ob­wohl dies in der Stel­len­aus­schrei­bung für die zu be­set­zen­de Po­si­ti­on ge­for­dert und auch der späte­ren Ein­stel­lungs­ent­schei­dung tatsächlich zu­grun­de ge­legt wor­den war. Da­her sei sie nicht in ei­ner mit Drit­ten ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ge­we­sen, was Vor­aus­set­zung für das Vor­lie­gen ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des Gleich­be­hand­lungs­rechts ist (vgl. BAG, Ur­teil vom 5. Fe­bru­ar 2004 - 8 AZR 112/03 -; stRspr). Ge­gen die­se nicht nur for­ma­le, son­dern auch auf die tatsächli­che Ein­stel­lungs­pra­xis ab­he­ben­de Be­trach­tung ist ver­fas­sungs­recht­lich nichts zu er­in­nern.
Ob die Be­klag­te des Aus­gangs­ver­fah­rens, ein Lan­des­ver­band der Dia­ko­nie als kirch­li­chem Wohl­fahrts­ver­band und Teil ei­ner Lan­des­kir­che, auch für verkündi­gungs­fer­ne Tätig­kei­ten die Zu­gehörig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kir­che zur Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung er­he­ben durf­te, war dem­ge­genüber nicht ent­schei­dend. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat aus­drück­lich da­von ab­ge­se­hen, die in­so­fern ein­schlägi­gen Vor­schrif­ten der §§ 8, 9 AGG zu prüfen. Da­von aus­ge­hend muss auch ei­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Prüfung hier­zu un­ter­blei­ben.
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