Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Betriebsvereinbarung_Mitbestimmungsrecht_Betriebsrat_Vertragsstrafe_BAG_1ABR62-08.html
Timestamp: 2017-01-21 21:44:58
Document Index: 139656813

Matched Legal Cases: ['§ 99', '§ 99', '§ 99', '§ 99', '§ 100', '§ 101', '§ 95']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/117
Er­zwun­ge­ne Mit­be­stim­mung?
Dies braucht je­doch Zeit. Bei kurz­fris­ti­ge­ren Maß­nah­men des Ar­beit­ge­bers kann die ge­richt­li­che Durch­set­zung der Mit­be­stim­mung des­halb ins Lee­re ge­hen. In dem hier be­spro­che­nen Fall hat­te der Be­triebs­rat des­we­gen ver­ein­bart, dass der Ar­beit­ge­ber bei ei­nem Ver­stoß ge­gen das Mit­be­stim­mungs­recht ei­ne Ver­trags­stra­fe an das Ro­te Kreuz zah­len soll­te. Dies hielt das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) nicht für zu­läs­sig: BAG, Be­schluss vom 19.01.2010, 1 ABR 62/08.
Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten
Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts: Bei Ver­s­toß ge­gen Mit­be­stim­mungs­recht soll Ar­beit­ge­ber Ver­trags­stra­fe an Ro­tes Kreuz zah­len. Ar­beit­ge­ber ver­setzt Beschäftig­te oh­ne Zu­stim­mung des Be­triebs­rats
Bun­des­ar­beits­ge­richt: Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­stra­fe un­zulässig Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats in per­so­nel­len An­ge­le­gen­hei­ten In Un­ter­neh­men mit in der Re­gel mehr als zwan­zig wahl­be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mern hat der Ar­beit­ge­ber den Be­triebs­rat vor je­der Ein­stel­lung, Ein­grup­pie­rung, Um­grup­pie­rung und Ver­set­zung zu un­ter­rich­ten, ihm die er­for­der­li­chen Be­wer­bungs­un­ter­la­gen vor­zu­le­gen und Aus­kunft über die Per­son der Be­tei­lig­ten zu ge­ben. In die­sem Zu­sam­men­hang hat er dem Be­triebs­rat un­ter Vor­la­ge der er­for­der­li­chen Un­ter­la­gen Aus­kunft über die Aus­wir­kun­gen der ge­plan­ten Maßnah­me zu ge­ben und die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats zu der ge­plan­ten Maßnah­me ein­zu­ho­len (§ 99 Abs.1 S.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz - Be­trVG). Wenn ei­ner der in § 99 Abs.2 Be­trVG ge­re­gel­ten Fälle vor­liegt, kann der Be­triebs­rat sei­ne Zu­stim­mung ver­wei­gern. In die­sem Fall ist er durch § 99 Abs.3 Be­trVG ge­setz­lich ver­pflich­tet, dem Ar­beit­ge­ber sei­ne Ent­schei­dung un­ter An­ga­be von Gründen in­ner­halb ei­ner Wo­che nach der Un­ter­rich­tung schrift­lich mit­zu­tei­len. Der Ar­beit­ge­ber hat dann die Möglich­keit, beim Ar­beits­ge­richt zu be­an­tra­gen, die­se Zu­stim­mung zu er­set­zen (§ 99 Abs.4 Be­trVG). Das ent­spre­chen­de Ver­fah­ren ist al­ler­dings ver­gleichs­wei­se zeit­aufwändig. Zwi­schen­zeit­lich sind in al­ler Re­gel al­len­falls vorläufi­ge per­so­nel­le Maßnah­men möglich, die nach § 100 Be­trVG al­ler­dings aus sach­li­chen Gründen drin­gend er­for­der­lich sein müssen. Zu­dem hat auch hier der Be­triebs­rat die Möglich­keit, sei­ne Zu­stim­mung zu ver­wei­gern und ei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung zu er­zwin­gen.
Für Ar­beit­ge­ber kann es da­her verführe­risch sein, das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­ra­tes zu ver­let­zen. Der Ge­setz­ge­ber hat das al­ler­dings er­kannt und ge­steht dem Be­triebs­rat das Recht zu, beim Ar­beits­ge­richt die Auf­he­bung der oh­ne Zu­stim­mung durch­geführ­ten per­so­nel­len Maßnah­me zu ver­lan­gen. Hebt der Ar­beit­ge­ber die­se ent­ge­gen ei­ner rechts­kräfti­gen ge­richt­li­chen Ent­schei­dung nicht auf, so ist auf An­trag des Be­triebs­rats vom Ar­beits­ge­richt zu er­ken­nen, dass der Ar­beit­ge­ber zur Auf­he­bung der Maßnah­me durch Zwangs­geld an­zu­hal­ten sei, das für je­den Tag der Zu­wi­der­hand­lung höchs­tens 250 Eu­ro beträgt (§ 101 Be­trVG).
Für Be­triebsräte ist da­her die Möglich­keit von In­ter­es­se, mit dem Ar­beit­ge­ber ei­ne Ver­trags­stra­fe für Verstöße ge­gen Mit­be­stim­mungs­rech­te zu ver­ein­ba­ren. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat zwar be­reits ent­schie­den, dass ei­ne sol­che Straf­zah­lung nicht wirk­sam zu Guns­ten des Be­triebs­ra­tes ver­ein­bart wer­den kann, da der Be­triebs­rat die hierfür er­for­der­li­che Vermögens- und Rechtsfähig­keit nicht be­sitzt (BAG, Ur­teil vom 29.09.2004, 1 ABR 30/03). Denk­bar sind je­doch auch Zah­lun­gen an Drit­te, bei­spiels­wei­se an ei­ne ge­meinnützi­ge Ein­rich­tung. Ein ak­tu­el­ler Be­schluss des BAG be­fasst sich mit die­ser in­ter­es­san­ten Ver­trags­va­ri­an­te (Be­schluss vom 19.01.2010, 1 ABR 62/08).
Der Fall des Bun­des­ar­beits­ge­richts: Bei Ver­s­toß ge­gen Mit­be­stim­mungs­recht soll Ar­beit­ge­ber Ver­trags­stra­fe an Ro­tes Kreuz zah­len. Ar­beit­ge­ber ver­setzt Beschäftig­te oh­ne Zu­stim­mung des Be­triebs­rats An­fang 2007 ver­wei­ger­te der Be­triebs­rat ei­nes Kran­ken­hau­ses sei­ne Zu­stim­mung zu der Ver­set­zung ei­ner Ärz­tin. Gleich­wohl wies der Ar­beit­ge­ber sei­ner Ar­beit­neh­me­rin ei­nen an­de­ren Ar­beits­be­reich zu und teil­te dem Be­triebs­rat mit, es läge nur ei­ne nach § 95 Abs.3 S.1 Be­trVG mit­be­stim­mungs­freie (Kurz-)Maßnah­me vor. Als die Ver­set­zung nicht nur vier, son­dern sechs Wo­chen be­trug, ging der Be­triebs­rat von ei­nem Mit­be­stim­mungs­ver­s­toß aus und for­der­te die Zah­lung der ver­ein­bar­ten Ver­trags­stra­fe an das Ro­te Kreuz.
Bun­des­ar­beits­ge­richt: Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­stra­fe un­zulässig Das BAG gab dem Ar­beit­ge­ber Recht, da es die Ver­ein­ba­rung der Ver­trags­stra­fe zu Guns­ten ei­nes Drit­ten für un­wirk­sam hielt.
Fa­zit: Ob nun zu Guns­ten des Be­triebs­ra­tes oder zu Guns­ten Drit­ter - Ver­ein­ba­run­gen über Ver­trags­stra­fen für Verstöße ge­gen Mit­be­stim­mungs­rech­te sind un­wirk­sam und da­mit ge­richt­lich nicht durch­setz­bar. Die Ent­schei­dung des BAG schafft in­so­weit für die Pra­xis bis auf Wei­te­res Klar­heit. Es ist je­doch zu hof­fen, dass das The­ma an­ge­sichts ei­nes of­fen­bar be­ste­hen­den prak­ti­schen Bedürf­nis­ses nach zusätz­li­chen, ef­fek­ti­ve­ren Ein­flussmöglich­kei­ten jen­seits des be­ste­hen­den, un­voll­kom­me­nen Sank­ti­ons­sys­tems wei­ter dis­ku­tiert wird. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier: