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Timestamp: 2020-03-28 17:11:48
Document Index: 283832787

Matched Legal Cases: ['§ 173', 'Art 1', '§ 173', '§ 173', '§ 162', '§ 162', '§ 160', '§ 96', '§ 173', '§ 35', '§ 222', '§ 160', '§ 162', '§ 160', '§ 162', '§ 160', '§ 160', '§ 160', '§ 162']

Ände­rung bestands­kräf­ti­ger Steu­er­be­schei­de – und die Auf­zeich­nun­gen des Steu­er­pflich­ti­gen | Rechtslupe
Eine Tat­sa­che i.S. des § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO ist alles, was Merk­mal oder Teil­stück eines gesetz­li­chen Steu­er­tat­be­stan­des sein kann. Dies meint Zustän­de, Vor­gän­ge, Bezie­hun­gen und Eigen­schaf­ten mate­ri­el­ler oder imma­te­ri­el­ler Art 1. Kei­ne Tat­sa­chen i.S. des § 173 AO sind Schluss­fol­ge­run­gen aller Art, ins­be­son­de­re juris­ti­sche Sub­sum­tio­nen 2.
Eine Tat­sa­che wird nach­träg­lich bekannt, wenn sie das Finanz­amt im Zeit­punkt der abschlie­ßen­den Zeich­nung des Ein­ga­be­wertbo­gens für den Erlass des ursprüng­li­chen Steu­er­be­scheids noch nicht kann­te 3. Maß­ge­bend hier­für ist die Kennt­nis der zur Bear­bei­tung des Steu­er­falls orga­ni­sa­to­risch beru­fe­nen Dienst­stel­le 4. Bekannt ist der zustän­di­gen Dienst­stel­le der Inhalt der dort geführ­ten Akten, ohne dass inso­weit auf die indi­vi­du­el­le Kennt­nis des jewei­li­gen Bear­bei­ters abzu­stel­len ist 5.
Kann­te das Finanz­amt die man­gel­haf­te Erfül­lung der Auf­zeich­nungs­pflicht nicht, hat es also tat­säch­lich erst nach­träg­lich Kennt­nis erlangt, so könn­te ledig­lich der Grund­satz von Treu und Glau­ben die Ände­rungs­mög­lich­keit nach § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO ein­schrän­ken. Dies setzt vor­aus, dass einer­seits dem Finanz­amt die Tat­sa­che bei ord­nungs­ge­mä­ßer Erfül­lung sei­ner Ermitt­lungs­pflicht nicht ver­bor­gen geblie­ben wäre, dass ande­rer­seits der Steu­er­pflich­ti­ge ent­we­der sei­ner Mit­wir­kungs­pflicht in vol­lem Umfang genügt hat 6, oder aber sich aus der Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Pflicht­ver­let­zun­gen ergibt, dass die Ver­let­zung der Ermitt­lungs­pflicht im kon­kre­ten Ein­zel­fall die Ver­let­zung der Mit­wir­kungs­pflicht deut­lich über­wiegt 7. In der Regel aber trifft bei beid­sei­ti­gen Ver­säum­nis­sen den Steu­er­pflich­ti­gen die Ver­ant­wor­tung mit der Fol­ge, dass der Steu­er­be­scheid geän­dert wer­den kann 8.
Zunächst ermög­licht die Erkennt­nis über die feh­len­de Ord­nungs­mä­ßig­keit der Buch­füh­rung die zu einer höhe­ren Steu­er füh­ren­de Schät­zung der Höhe der Betriebs­aus­ga­ben nach § 162 Abs. 2 Satz 2 AO. Die Schät­zung nach § 162 AO ist grund­sätz­lich unab­hän­gig von der Prü­fung eines Abzugs­ver­bots nach § 160 AO durch­zu­füh­ren 9. Die­se Befug­nis stün­de zunächst dem Finanz­amt, im Gerichts­ver­fah­ren inner­halb der Gren­zen des Ver­bö­se­rungs­ver­bots nach § 96 Abs. 1 Satz 1, 2 FGO dem Finanz­ge­richt zu.
Der Umfang einer Ände­rung nach § 173 Abs. 1 Nr. 1 AO bzw. § 35b GewStG ergibt sich aus den steu­er­li­chen Aus­wir­kun­gen der nach­träg­lich bekannt gewor­de­nen Tatsache(n). Wie sich bereits aus dem Wort­laut der Vor­schrift "soweit Tat­sa­chen …" ergibt, kann der Steu­er­be­scheid nur punk­tu­ell berich­tigt wer­den, näm­lich durch die zutref­fen­den Schluss­fol­ge­run­gen aus die­ser Tat­sa­che 10. Anders als unter § 222 der Reichs­ab­ga­ben­ord­nung, wonach die neue Steu­er­fest­set­zung grund­sätz­lich so vor­zu­neh­men war, als han­de­le es sich um die ers­te Ver­an­la­gung 11, fin­det eine Wie­der­auf­rol­lung der Ver­an­la­gung nicht statt 12.
Die Rechts­fol­gen des § 160 Abs. 1 Satz 1 AO sind aber auch kei­ne Umstän­de, die i.S. des § 162 Abs. 1 Satz 2 AO für die Schät­zung von Bedeu­tung sind. Sie dür­fen also in die Schät­zungs­hö­he nicht ein­be­zo­gen wer­den. § 160 AO ist kei­ne Schät­zungs­norm, son­dern setzt erst an, soweit Aus­ga­ben nach ande­ren steu­er­li­chen Rege­lun­gen, ggf. auch auf­grund einer Schät­zung, abzieh­bar sind bzw. wären, bei denen also davon aus­zu­ge­hen ist, dass der Auf­wand ent­stan­den ist und daher im Rah­men einer Schät­zung an sich zu berück­sich­ti­gen wäre 13. In Schät­zungs­fäl­len knüpft die Vor­schrift mit­hin erst an das Ergeb­nis der Schät­zung an. Das schließt es aus, ihre Anwen­dung gleich­zei­tig über § 162 Abs. 1 Satz 2 AO zur Vor­aus­set­zung der Schät­zung zu machen.
Hin­ter­grund ist der Umstand, dass § 160 AO mög­li­che Steu­er­aus­fäl­le ver­hin­dern will, die dadurch ein­tre­ten, dass der Emp­fän­ger der bei dem Leis­ten­den gel­tend gemach­ten Betriebs­aus­ga­ben die Ein­nah­men nicht erfasst. Auch wenn die Vor­schrift dies for­mell durch die Min­de­rung des Betriebs­aus­ga­ben­ab­zugs leis­tet, han­delt es sich mate­ri­ell-recht­lich um eine Inan­spruch­nah­me des Leis­ten­den als Haf­ten­der für die frem­de Steu­er­schuld des Emp­fän­gers 14, die im Rah­men der Schät­zung ein Fremd­kör­per wäre. Die bei Anwen­dung des § 160 AO gebo­te­ne Schät­zung des mut­maß­li­chen Steu­er­aus­falls beim Emp­fän­ger fin­det erst auf der Ebe­ne des § 160 AO statt und hat daher mit der Schät­zung der Betriebs­aus­ga­ben nach § 162 AO nichts zu tun 15.
BFH, Urteil vom 24.07.1984 – VIII R 304/​81, BFHE 141, 485, BSt­Bl II 1984, 785, m.w.N.[↩]
BFH, Urteil vom 18.03.1987 – II R 226/​84, BFHE 149, 141, BSt­Bl II 1987, 416[↩]
BFH, Urteil vom 23.03.1983 – I R 182/​82, BFHE 138, 313, BSt­Bl II 1983, 548[↩]
BFH, Urteil vom 20.06.1985 – IV R 114/​82, BFHE 143, 520, BSt­Bl II 1985, 492[↩]
BFH, Urteil vom 13.11.1985 – II R 208/​82, BFHE 145, 487, BSt­Bl II 1986, 241[↩]
BFH, Urteil vom 11.11.1987 – I R 108/​85, BFHE 151, 333, BSt­Bl II 1988, 115, unter II. 2.; BFH, Urteil vom 18.05.2010 – X R 49/​08, BFH/​NV 2010, 2225, unter II. 2.a[↩]
BFH, Urtei­le vom 20.12 1988 – VIII R 121/​83, BFHE 156, 339, BSt­Bl II 1989, 585, unter II. 6.; vom 28.06.2006 – XI R 58/​05, BFHE 214, 319, BSt­Bl II 2006, 835, unter II. 1.a[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 24.06.1997 – VIII R 9/​96, BFHE 183, 358, BSt­Bl II 1998, 51, unter 2. der Ent­schei­dungs­grün­de[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 30.01.1969 – V 149/​64, BFHE 95, 236, BSt­Bl II 1969, 409[↩]
so schon BFH, Urteil vom 12.08.1981 – I R 78/​78, BFHE 134, 3, BSt­Bl II 1982, 100, Rz 11[↩]
BFH, Urteil in BFHE 183, 358, BSt­Bl II 1998, 51, unter 2.a; BFH, Beschluss vom 25.07.2012 – X B 175/​11, BFH/​NV 2013, 44, unter II. 1.b[↩]
vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 183, 358, BSt­Bl II 1998, 51, unter 2.b cc, sowie vom 10.03.1999 – XI R 10/​98, BFHE 188, 280, BSt­Bl II 1999, 434, unter II. 1.[↩]