Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/39286cc74015475e95fd013e8052e1e933678009ea08abbe469b76f7155a7a30
Timestamp: 2018-08-19 07:29:45
Document Index: 16145147

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 349', '§ 357', '§ 357', '§ 267', 'BGH', '§ 29', '§ 30', '§ 357', '§ 357', '§ 64', '§ 64', '§ 246', '§ 67', '§ 358', 'BGH', 'BGH', '§ 64', 'BGH', '§ 73', '§ 73']

BGH, 4 StR 169/13: BGH: kokain, unterbringung, polizei, überwachung, strafzumessung, gesamtstrafe, sicherstellung, telekommunikation, verfall, untersuchungshaft
Urteil des BGH vom 05.06.2013, 4 StR 169/13
4 StR 169/13
BGH: kokain, unterbringung, polizei, überwachung, strafzumessung, gesamtstrafe, sicherstellung, telekommunikation, verfall, untersuchungshaft
Kokain, Unterbringung, Polizei, überwachung, Strafzumessung, Gesamtstrafe, Sicherstellung, Telekommunikation, Verfall, Untersuchungshaft
hier: Revision des Angeklagten Z. J.
Der 4. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat nach Anhörung des Generalbundesanwalts und des Beschwerdeführers am 5. Juni 2013 gemäß § 349 Abs. 2
und 4 StPO, § 357 StPO beschlossen:
1. Auf die Revision des Angeklagten Z. J. wird das
Urteil des Landgerichts Essen vom 30. November 2012 aufgehoben
a) – auch soweit es die Mitangeklagte L. J. betrifft – in den Aussprüchen über die im Fall II. 5 der
Urteilsgründe verhängte Einzelstrafe und die Gesamtstrafe, wobei die Feststellungen aufrechterhalten bleiben,
b) mit den zugehörigen Feststellungen, soweit es den Angeklagten Z. J. betrifft und eine Entscheidung
zur Unterbringung in einer Entziehungsanstalt unterblieben ist.
1Das Landgericht hat den Angeklagten Z. J. wegen unerlaubter
Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in Tateinheit mit unerlaubtem Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in fünf
Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt. Gegen die nicht revidierende Mitangeklagte L. J. wurde wegen
Beihilfe zur unerlaubten Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge
in Tateinheit mit unerlaubtem Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in fünf Fällen eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und elf
Monaten verhängt. Ferner hat das Gericht den gesamtschuldnerischen Verfall
von Wertersatz in Höhe von 20.000 € angeordnet.
2Die Revision des Angeklagten Z. J. erzielt mit der Sachrüge
– gemäß § 357 StPO auch hinsichtlich der ehemaligen Mitangeklagten L.
J. – den aus der Beschlussformel ersichtlichen Teilerfolg.
31. Die Überprüfung des Urteils auf Grund der Revisionsrechtfertigung hat
zum Schuldspruch und zu den Strafaussprüchen in den Fällen II. 1 bis II. 4 der
Urteilsgründe keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben
42. Dagegen hat der Einzelstrafausspruch im Fall II. 5 keinen Bestand;
dies führt zur Aufhebung auch des Ausspruchs über die Gesamtstrafe.
5a) Nach den zu Fall II. 5 getroffenen Feststellungen erwarb der Angeklagte Z. J. am 16. Juli 2012 in V. (Niederlande) 300 Gramm
Kokain mit einem Wirkstoffgehalt von 98,1 % zum gewinnbringenden Weiterverkauf. Nachdem er das Rauschgift in seinem Pkw versteckt hatte, trat er die
Rückfahrt nach G. an. Da der Drogentransport durch die Polizei
observiert und zugleich die Telekommunikation überwacht wurde, konnte der
Angeklagte gegen 18.00 Uhr auf einem Rastplatz in B. festgenommen
werden. Das gekaufte Kokain wurde vollständig sichergestellt. Der Angeklagte
Z. J. handelte auf Grund eines gemeinsamen Tatplans mit der Mitangeklagten, die von G. aus die telefonische Verbindung aufrechterhielt und den geplanten Verkauf der Drogen vorbereitete.
6Die Überwachung durch die Polizei und die Sicherstellung der Betäubungsmittel hat die Strafkammer weder bei der Prüfung eines minder schweren
Falles noch bei der konkreten Strafzumessung angesprochen.
7b) Dies ist rechtsfehlerhaft.
8Zwar hat der Tatrichter nach § 267 Abs. 3 Satz 1 Hs. 2 StPO nur die bestimmenden Strafzumessungsgesichtspunkte mitzuteilen. Mit der Überwachung
des Drogentransports und der Telekommunikation durch die Polizei sowie der
vollständigen Sicherstellung der Betäubungsmittel sind jedoch wesentliche
Strafmilderungsgründe unerwähnt geblieben, deren Berücksichtigung sich aufdrängen musste (vgl. BGH, Beschlüsse vom 8. Juni 2004 – 5 StR 173/04, NStZ
2004, 694; vom 9. Dezember 2008 – 5 StR 561/08; vom 28. Oktober 2009
– 5 StR 443/09, Rn. 16; vom 7. Februar 2012 – 4 StR 653/11, NStZ-RR 2012,
153; Weber, BtMG, 4. Aufl., Vor §§ 29 ff. Rn. 965 ff. mwN). Dies führt zur Aufhebung der im Fall II. 5 gegen den Angeklagten Z. J. verhängten Einzelfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten sowie der Gesamtstrafe,
auch wenn die Einzelstrafe trotz einer erheblichen Kokainmenge mit einem sehr
hohen Wirkstoffgehalt nur wenig über der Strafrahmenuntergrenze des § 30
Abs. 1 BtMG liegt. Denn das Landgericht hat im ebenfalls 300 Gramm Kokain
betreffenden Fall II. 3 der Urteilsgründe, in dem weder eine Überwachung noch
eine Sicherstellung erfolgt ist, auch eine Einzelfreiheitsstrafe von zwei Jahren
und sechs Monaten verhängt.
9Der Aufhebung von Feststellungen bedarf es nicht, da es sich insoweit
nur um einen Wertungsfehler handelt. Ergänzende Feststellungen, die den bisher getroffenen nicht widersprechen, sind möglich.
10Die Aufhebung des Urteils war gemäß § 357 Satz 1 StPO auf die Mitangeklagte L. J. zu erstrecken, da der Wertungsfehler des Landgerichts auch der Strafzumessung hinsichtlich der Nichtrevidentin zugrunde
liegt und nicht nur in der Person des Beschwerdeführers vorliegt (Meyer-
Goßner, StPO, 55. Aufl., § 357 Rn. 15).
113. Das Urteil kann ferner keinen Bestand haben, soweit eine Entscheidung zur Frage der Unterbringung des Angeklagten Z. J. in einer
Entziehungsanstalt nach § 64 StGB unterblieben ist.
12a) Nach den Feststellungen konsumierte der Angeklagte während des
Tatzeitraums in nicht unerheblichem Umfang Kokain. Er steigerte seinen Konsum seit dem Jahr 2010 und nahm kurz vor seiner Festnahme nahezu täglich
bis zu einem Gramm Kokain mit einem Wirkstoffgehalt von etwa 50 % zu sich.
Die Kammer ist davon ausgegangen, dass bei den abgeurteilten monatlichen
Einfuhrfahrten jeweils eine Menge von 15 Gramm nahezu reinen Kokains für
den Eigenbedarf des Angeklagten bestimmt war. Zu Beginn der Untersuchungshaft litt er unter Entzugssymptomen (Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen,
Schweißausbrüche). Im Rahmen der Strafzumessung hat das Landgericht ihm
zugute gehalten, dass er „möglicherweise auch unter einem gewissen Suchtdruck gehandelt haben mag“ (UA S. 13).
13b) Vor diesem Hintergrund hätte sich das Landgericht zu der Prüfung gedrängt sehen müssen, ob die Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt gemäß § 64 StGB anzuordnen ist. Denn die getroffenen Feststellungen legen nahe, dass der Angeklagte einen Hang zum übermäßigen Betäubungsmittelkonsum hat, die abgeurteilten Taten jedenfalls auch auf seinen
Hang zurückgehen und die Gefahr besteht, dass er infolge des Hanges weitere
erhebliche rechtswidrige Taten begeht (vgl. Senatsbeschlüsse vom 4. Juli 2012
– 4 StR 173/12; vom 21. August 2012 – 4 StR 311/12; vom 12. September 2012
– 4 StR 294/12).
14Die Frage der Anordnung der Maßregel der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt bedarf deshalb unter Hinzuziehung eines Sachverständigen
(§ 246a Satz 2 StPO) der erneuten Prüfung und Entscheidung. Dabei wird gegebenenfalls § 67 Abs. 2 StGB zu beachten sein.
15c) Dass nur der Angeklagte Revision eingelegt hat, hindert die Nachholung der Unterbringungsanordnung nicht (§ 358 Abs. 2 Satz 3 StPO; BGH,
Urteil vom 10. April 1990 – 1 StR 9/90, BGHSt 37, 5, 9). Der Beschwerdeführer
hat die Nichtanwendung des § 64 StGB durch das Tatgericht auch nicht vom
– 2 StR 374/92, BGHSt 38, 362 f.).
16d) Der Senat kann ausschließen, dass das Landgericht bei Anordnung
der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt in den Fällen II. 1 bis II. 4 mildere
Einzelstrafen verhängt hätte. Diese Strafaussprüche können deshalb bestehen
174. Zu der Verfallsanordnung bemerkt der Senat ergänzend:
18Da die Angeklagten eingeräumt haben, aus den verfahrensgegenständlichen Taten Mindesteinkünfte in Höhe von 20.000 € erzielt zu haben, begegnet
die Anordnung des Verfalls von Wertersatz nach § 73a StGB keinen Bedenken.
Der erweiterte Verfall nach § 73d StGB musste deshalb nicht in Betracht gezogen werden.