Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Sittenwidrig_geringe_Verguetung_bei_Textildiscounter_Arbeitsgericht_Dortmund_4Ca274_08.html
Timestamp: 2016-12-03 00:21:17
Document Index: 323824053

Matched Legal Cases: ['§ 138', '§ 12', '§ 12', '§ 615', '§ 12', '§ 15']

HENSCHE Arbeitsrecht: Sittenwidrig geringe Vergütung bei Textildiscounter
Für die Sit­ten­wid­rig­keit und da­mit für die Un­wirk­sam­keit ei­ner sol­chen Lohn­ver­ein­ba­rung spricht, dass 5,20 EUR mehr als 30 Pro­zent we­ni­ger sind als der Ta­rif­lohn in der Ein­zel­han­dels­bran­che Nord­rhein-West­fa­lens. Aber kann sich der Ar­beit­ge­ber viel­leicht dar­auf be­ru­fen, dass der Ta­rif­lohn für ihn als Tex­til­dis­coun­ter gar nicht der rich­ti­ge Maß­stab sei, weil in der "Bran­che" der Tex­til­dis­count-Lä­den "üb­li­cher­wei­se" be­son­ders ge­rin­ge Löh­ne ge­zalt wer­den? Das Ar­beits­ge­richt Dort­mund ließ sich von ei­ner sol­chen Ar­gu­men­ta­ti­on nicht über­zeu­gen: Ar­beits­ge­richt Dort­mund, Ur­teil vom 28.05.2008, 4 Ca 274/08.
Sind 5,30 EUR bruto pro Stunde für einen Verkäufer in Nordrhein-Westfalen sittenwidrig gering?
Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer können die Höhe der Vergütung nach dem Grund­satz der Ver­trags­frei­heit im Prin­zip frei ver­ein­ba­ren. Ei­ne Gren­ze nach un­ten verläuft al­ler­dings dort, wo der ver­ein­bar­te Lohn „sit­ten­wid­rig“ ge­ring im Sin­ne von § 138 Abs.1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ist. Dies ist nach der Recht­spre­chung dann an­zu­neh­men, wenn der ver­ein­bar­te Lohn um mehr als ein Drit­tel un­ter­halb des Lohns liegt, der für ver­gleich­ba­re Tätig­kei­ten am Ort der Ar­beits­leis­tung übli­cher­wei­se ge­zahlt wird. Da­bei zie­hen die Ar­beits­ge­rich­te bei der Er­mitt­lung des Ver­gleichs­lohns - auch aus Gründen der Ar­beits­er­leich­te­rung - oft Ta­rif­verträge her­an. Die­se sind zwar auf die Ar­beits­verhält­nis­se, die un­ter dem As­pekt des mögli­cher­wei­se sit­ten­wid­rig ge­rin­gen Lohns zur Über­prüfung an­ste­hen, recht­lich nicht an­zu­wen­den (sonst gäbe es das Pro­blem der zu ge­rin­gen Be­zah­lung ja nicht). Sie bil­den al­ler­dings den Ver­gleichs­maßstab für die Prüfung der Fra­ge, ob der ver­ein­bar­te Lohn sit­ten­wid­rig ge­ring ist.
Der Streitfall: Textildiscounter hält 5,30 EUR für angemessen, jedenfalls für die "Branche" der Textildisount-Läden
Die kla­gen­de Ar­beit­neh­me­rin war 2001 bei der be­klag­ten Ar­beit­ge­be­rin, ei­nem über­re­gio­nal täti­gen Tex­til­dis­coun­ter, zu ei­nem St­un­den­lohn von zu­letzt 5,20 EUR brut­to pro St­un­de beschäftigt. Die An­stel­lung er­folg­te auf Ba­sis ei­ner ge­ringfügi­gen Beschäfti­gung, d.h. auf 400-Eu­ro­ba­sis. Über den St­un­den­lohn hin­aus­ge­hen­de wei­te­re Leis­tun­gen wie ein Ur­laubs- oder ein Weih­nachts­geld wa­ren nicht ge­schul­det. Außer­dem war im Ar­beits­ver­trag die Pflicht der Ar­beit­neh­me­rin zur Ar­beit auf Ab­ruf ver­ein­bart, wo­bei al­ler­dings - recht­lich un­zulässig - von der Ar­beit­neh­mer­schutz­vor­schrift des § 12 Abs.1 Satz 3 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) ab­ge­wi­chen wur­de, in­dem zwar ei­ner­seits kei­ne wöchent­li­che Ar­beits­zeit ver­ein­bart wur­de, die Ar­beit­ge­be­rin sich aber gleich­zei­tig vor­be­hielt, die wöchent­li­che Ar­beits­zeit auf un­ter zehn, d.h. je nach Ar­beits­an­fall so­gar auf null St­un­den zu re­du­zie­ren.
Die Ar­beit­neh­me­rin klag­te im De­zem­ber 2007 vor dem Ar­beits­ge­richt Dort­mund auf Zah­lung von Lohn­dif­fe­ren­zen für den Zeit­raum von An­fang 2004 bis En­de De­zem­ber 2007. Da­bei leg­te sie ih­rer Kla­ge für den Zeit­raum 2004 ei­nen Brut­to­stun­den­lohn von 7,96 EUR, für 2005 von 8,10 EUR, für 2006 von 8,12 EUR und ab 09/2006 von 8,21 EUR zu­grun­de. Außer­dem be­gehr­te sie für ei­ne Rei­he von Wo­chen, in de­nen sie we­ni­ger als zehn St­un­den zur Ar­beit her­an­ge­zo­gen wor­den war, auch den Lohn für die nicht ab­ge­ru­fe­nen St­un­den. Sch­ließlich ver­lang­te sie auch ei­nen fi­nan­zi­el­len Aus­gleich für den ihr während der ge­sam­ten strei­ti­gen Zeit nicht gewähr­ten Ur­laub. Die Kläge­rin ver­trat die An­sicht, der ver­ein­bar­te St­un­den­lohn von 5,20 EUR sei sit­ten­wid­rig. Er ste­he in ei­nem Miss­verhält­nis zu den Ta­riflöhnen der Ein­zel­han­dels­bran­che für Nord­rhein-West­fa­len (NRW). Die be­klag­te Ar­beit­ge­be­rin ver­tei­dig­te sich da­ge­gen, in­dem sie auf ein - an­geb­li­ches - fak­ti­sches Lohn­ni­veau für ge­ringfügig Beschäftig­te ver­wies. Die­ses soll bei 4,00 bis 7,00 EUR pro St­un­de lie­gen. Zu­dem er­ge­be der vom Mi­nis­te­ri­um für Ar­beit, Ge­sund­heit und So­zia­les des Lan­des NRW her­aus­ge­ge­be­ne „Ta­rif­spie­gel 2007“ für ei­ne un­ge­lern­te Verkäufe­r­in im Ein­zel­han­del in NRW ei­ne Vergütung von 1.199,00 EUR brut­to bei ei­ner Voll­zeittätig­keit in der 37,5-St­un­den­wo­che.
Arbeitsgericht Dortmund: Ein Stundenlohn von 5,20 EUR brutto für eine nordrhein-westfälische Angestellte im Einzelhandel mit Verkaufsaufgaben ist sittenwidrig
Die Kla­ge war auch hin­sicht­lich der ver­lang­ten Be­zah­lung der nicht ab­ge­ru­fe­nen St­un­den er­folg­reich. Das Ge­richt be­zog sich da­zu auf § 12 Tz­B­fG. Da die Dau­er der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit nicht für bei­de Ar­beits­ver­trags­par­tei­en ver­bind­lich fest­ge­legt war, gel­te ei­ne wöchent­li­che Ar­beits­zeit von we­nigs­tens zehn St­un­den als ver­ein­bart. Da die Ar­beit­ge­be­rin die­se Ar­beits­zeit währen ei­ni­ger Wo­chen nicht in An­spruch ge­nom­men hat­te, müsse sie die­se ent­spre­chend § 615 BGB trotz­dem be­zah­len. Fa­zit: Wer als Ar­beit­ge­ber sei­ne Ar­beits­ver­trags­klau­seln in je­der Hin­sicht „op­ti­miert“, fällt mit ei­ner ge­wis­sen Wahr­schein­lich­keit auf die Na­se. So soll­te man et­wa beim The­ma Aus­schluss­fris­ten die dies­bezügli­che Recht­spre­chung eher großzügig be­ach­ten, d.h. Aus­schluss­fris­ten eher zu lang als zu kurz be­mes­sen usw. Auch ei­ne im schrift­li­chen Ver­trag ent­hal­te­ne, un­zulässi­ge Ab­wei­chung von § 12 Tz­B­fG ist we­nig sinn­voll. Um­ge­kehrt können sich die Ar­beit­neh­mer des hier ver­klag­ten Tex­til­dis­coun­ters bis zum Ein­tritt der Verjährung noch über­le­gen, ggf. den ih­nen zu­ste­hen­den Dif­fe­renz­lohn ein­zu­kla­gen. Ei­ne wei­te­re Über­le­gung in die­sem Zu­sam­men­hang folgt aus dem im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ent­hal­te­nen Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung un­ter an­de­rem we­gen des Ge­schlechts. Da ein er­heb­lich über 80 Pro­zent lie­gen­der An­teil der Teil­zeit­kräfte weib­lich ist, be­deu­tet ei­ne (Lohn-)Dis­kri­mi­nie­rung von Teil­zeit­kräften mögli­cher­wei­se zu­gleich auch, dass die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­me­rin­nen über den Dif­fe­renz­lohn hin­aus ei­ne Gel­dentschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG ver­lan­gen könn­ten.
Bewertung: Sit­ten­wid­rig ge­rin­ge Ver­gü­tung bei Tex­til­dis­coun­ter