Source: http://www.hensche.de/Urlaub_Krankheit_Urlaubsansprueche_koennen_nach_15_Monaten_verfallen_EuGH_C214-10_u_Schulte_gg_KHS.html
Timestamp: 2018-12-11 02:46:42
Document Index: 35266099

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art. 267', 'Art. 7', 'Art. 9', 'Art. 7', 'Art. 17', 'Art. 7', '§ 1', '§ 3', '§ 7', '§ 13', '§ 7', '§ 11', '§ 11', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 6', '§ 11', 'Art. 9', 'Art. 9', 'Art. 7', 'Art. 7']

EuGH, Urteil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS - HENSCHE Arbeitsrecht
EuGH, Ur­teil vom 22.11.2011, C-214/10 - KHS
22. No­vem­ber 2011(*)
„Ar­beits­zeit­ge­stal­tung – Richt­li­nie 2003/88/EG – An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub – Erlöschen des An­spruchs auf den aus Krank­heits­gründen nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach Ab­lauf ei­ner in der na­tio­na­len Re­ge­lung an­ge­ord­ne­ten Frist“
In der Rechts­sa­che C‑214/10
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 15. April 2010, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 4. Mai 2010, in dem Ver­fah­ren
Win­fried Schul­te
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, K. Lena­erts, J.-C. Bo­ni­chot und U. Lõhmus so­wie der Rich­ter A. Ro­sas, E. Le­vits (Be­richt­er­stat­ter), A. Ó Cao­imh, L. Bay Lar­sen und A. Ara­b­ad­jiev,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 3. Mai 2011,
– der KHS AG, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt P. Bras­se,
– von W. Schul­te, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt H.-J. Teu­ber,
– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch T. Hen­ze, C. Blasch­ke und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,
– der däni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch V. Pas­ternak Jørgen­sen und S. Ju­ul Jørgen­sen als Be­vollmäch­tig­te,
– der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch F. Erl­ba­cher und M. van Beek als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin in der Sit­zung vom 7. Ju­li 2011
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung des Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. L 299, S. 9).
Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der KHS AG und Herrn Schul­te, ih­rem frühe­ren Beschäftig­ten, über des­sen An­trag auf Ab­gel­tung des we­gen der Fol­gen ei­nes In­farkts nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs für die Jah­re 2006 bis 2008.
Übe­r­ein­kom­men Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on
Art. 9 Abs. 1 des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on vom 24. Ju­ni 1970 über den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub (Neu­fas­sung) lau­tet:
„Der in Ar­ti­kel 8 Ab­satz 2 die­ses Übe­r­ein­kom­mens erwähn­te un­un­ter­bro­che­ne Teil des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs ist spätes­tens ein Jahr und der übri­ge Teil des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs spätes­tens acht­zehn Mo­na­te nach Ab­lauf des Jah­res, für das der Ur­laubs­an­spruch er­wor­ben wur­de, zu gewähren und zu neh­men.“
14 Mit­glied­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on, dar­un­ter die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ha­ben die­ses Übe­r­ein­kom­men un­ter­zeich­net.
Der sechs­te Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 lau­tet:
„Hin­sicht­lich der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist den Grundsätzen der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on Rech­nung zu tra­gen; dies be­trifft auch die für Nacht­ar­beit gel­ten­den Grundsätze.“
Art. 7 die­ser Richt­li­nie lau­tet:
Nach Art. 17 der Richt­li­nie 2003/88 können die Mit­glied­staa­ten von be­stimm­ten Vor­schrif­ten die­ser Richt­li­nie ab­wei­chen. Hin­sicht­lich des Art. 7 der Richt­li­nie ist kei­ne Ab­wei­chung er­laubt.
Das Bun­des­ur­laubs­ge­setz vom 8. Ja­nu­ar 1963 in der Fas­sung vom 7. Mai 2002 (im Fol­gen­den: BUrlG) sieht in § 1 („Ur­laubs­an­spruch“) vor:
„Je­der Ar­beit­neh­mer hat in je­dem Ka­len­der­jahr An­spruch auf be­zahl­ten Er­ho­lungs­ur­laub.“
§ 3 („Dau­er des Ur­laubs“) BUrlG be­stimmt in Abs. 1:
„Der Ur­laub beträgt jähr­lich min­des­tens 24 Werk­ta­ge.“
§ 7 („Zeit­punkt, Über­trag­bar­keit und Ab­gel­tung des Ur­laubs“) BUrlG sieht in den Abs. 3 und 4 vor:
„(3) Der Ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den. Ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf das nächs­te Ka­len­der­jahr ist nur statt­haft, wenn drin­gen­de be­trieb­li­che oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründe dies recht­fer­ti­gen. Im Fall der Über­tra­gung muss der Ur­laub in den ers­ten drei Mo­na­ten des fol­gen­den Ka­len­der­jahrs gewährt und ge­nom­men wer­den.
(4) Kann der Ur­laub we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ganz oder teil­wei­se nicht mehr gewährt wer­den, so ist er ab­zu­gel­ten.“
12 § 13 BUrlG be­stimmt, dass in Ta­rif­verträgen von be­stimm­ten Vor­schrif­ten die­ses Ge­set­zes, dar­un­ter § 7 Abs. 3 BUrlG, ab­ge­wi­chen wer­den kann, so­fern dies nicht zu Un­guns­ten des Ar­beit­neh­mers ge­schieht.
Der Ein­heit­li­che Man­tel­ta­rif­ver­trag für die Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie Nord­rhein-West­fa­len vom 18. De­zem­ber 2003 (im Fol­gen­den: EMTV) be­stimmt in § 11 („Grundsätze der Ur­laubs­gewährung“):
„1 Beschäftig­te/Aus­zu­bil­den­de ha­ben nach Maßga­be der nach­ste­hen­den Be­stim­mun­gen in je­dem Ur­laubs­jahr An­spruch auf be­zahl­ten Er­ho­lungs­ur­laub. Ur­laubs­jahr ist das Ka­len­der­jahr.
Der Ur­laubs­an­spruch er­lischt drei Mo­na­te nach Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res, es sei denn, dass er er­folg­los gel­tend ge­macht wur­de oder dass Ur­laub aus be­trieb­li­chen Gründen nicht ge­nom­men wer­den konn­te.
Konn­te der Ur­laub we­gen Krank­heit nicht ge­nom­men wer­den, er­lischt der Ur­laubs­an­spruch 12 Mo­na­te nach Ab­lauf des Zeit­raums nach Abs. 2.
3 Ei­ne Ab­gel­tung des Ur­laubs­an­spruchs ist nur bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses/Aus­bil­dungs­verhält­nis­ses zulässig.“
Herr Schul­te war seit April 1964 bei der KHS AG bzw. de­ren Rechts­vorgänge­rin als Schlos­ser beschäftigt. Auf sei­nen Ar­beits­ver­trag fand der EMTV An­wen­dung. Der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub be­trug nach dem EMTV jähr­lich 30 Ar­beits­ta­ge.
Im Ja­nu­ar 2002 er­litt Herr Schul­te ei­nen In­farkt, in­fol­ge des­sen er schwer­be­hin­dert ist und für ar­beits­unfähig erklärt wur­de. Ab Ok­to­ber 2003 be­zog er ei­ne Ren­te we­gen vol­ler Er­werbs­min­de­rung. So ver­hielt es sich bis zum 31. Au­gust 2008, dem Zeit­punkt, zu dem das Ar­beits­verhält­nis von Herrn Schul­te en­de­te.
Im März 2009 er­hob Herr Schul­te beim Ar­beits­ge­richt Dort­mund Kla­ge auf Ab­gel­tung des nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs für die Ur­laubs­jah­re 2006, 2007 und 2008.
Das Ar­beits­ge­richt Dort­mund gab der Kla­ge für die­se drei Zeiträume statt, so­weit die von Herrn Schul­te be­an­trag­te Ab­gel­tung den be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub von 20 Ar­beits­ta­gen im Jahr nach dem Uni­ons­recht zuzüglich des nach deut­schem Recht be­ste­hen­den Schwerst­be­hin­der­ten­an­spruchs von 5 Ar­beits­ta­gen be­traf.
In ih­rer Be­ru­fung ge­gen das Ur­teil die­ses Ge­richts trägt die KHS AG vor, die Ansprüche von Herrn Schul­te auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für die Jah­re 2006 und 2007 sei­en er­lo­schen, da der in § 11 Abs. 1 Un­terabs. 3 EMTV vor­ge­se­he­ne Zeit­raum für die Über­tra­gung ab­ge­lau­fen sei.
19 Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm weist dar­auf hin, dass nach der na­tio­na­len Re­ge­lung und dem EMTV die Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für die Jah­re 2007 und 2008 bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses noch be­stan­den hätten und dass nur der An­spruch auf den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für das Jahr 2006 auf­grund des Ab­laufs des ins­ge­samt 15 Mo­na­te dau­ern­den Über­tra­gungs­zeit­raums er­lo­schen sei.
Das vor­le­gen­de Ge­richt schließt je­doch nicht aus, dass dem auf der na­tio­na­len Re­ge­lung be­ru­hen­den Ver­lust des An­spruchs auf den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub für das Jahr 2006 Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 ent­ge­gen­steht.
Un­ter die­sen Umständen hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
1. Ist Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und/oder Ge­pflo­gen­hei­ten, nach de­nen der An­spruch auf be­zahl­ten Min­dest­jah­res­ur­laub bei Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums er­lischt, auch dann ent­ge­gen­steht, wenn der Ar­beit­neh­mer länger­fris­tig ar­beits­unfähig ist (wo­bei die­se länger­fris­ti­ge Ar­beits­unfähig­keit zur Fol­ge hat, dass er Ansprüche auf Min­des­t­ur­laub für meh­re­re Jah­re an­sam­meln könn­te, wenn die Möglich­keit zur Über­tra­gung sol­cher Ansprüche nicht zeit­lich be­grenzt würde)?
2. Falls die­se Fra­ge ver­neint wird, muss die Über­tra­gungsmöglich­keit dann für ei­nen Zeit­raum von min­des­tens 18 Mo­na­ten be­ste­hen?
22 Mit der ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie et­wa Ta­rif­verträgen ent­ge­gen­steht, die die Möglich­keit ei­nes während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mers, Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub an­zu­sam­meln, da­durch ein­schränken, dass sie ei­nen Über­tra­gungs­zeit­raum von 15 Mo­na­ten vor­se­hen, nach des­sen Ab­lauf der An­spruch auf die­sen Ur­laub er­lischt.
Hier­zu ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung der An­spruch je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen ist, von dem nicht ab­ge­wi­chen wer­den darf und den die zuständi­gen na­tio­na­len Stel­len nur in den Gren­zen um­set­zen dürfen, die in der Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23. No­vem­ber 1993 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. L 307, S. 18), die durch die Richt­li­nie 2003/88 ko­di­fi­ziert wur­de, selbst aus­drück­lich ge­zo­gen sind (vgl. Ur­tei­le vom 26. Ju­ni 2001, BEC­TU, C‑173/99, Slg. 2001, I‑4881, Rand­nr. 43, vom 18. März 2004, Me­ri­no Gómez, C‑342/01, Slg. 2004, I‑2605, Rand­nr. 29, vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, Slg. 2006, I‑2531, Rand­nr. 48, so­wie vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, Slg. 2009, I‑179, Rand­nr. 22).
24 So­dann hat der Ge­richts­hof die Um­set­zung die­ses Grund­sat­zes des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs und die Mo­da­litäten sei­ner An­wen­dung durch die zuständi­gen na­tio­na­len Stel­len be­reits in Be­zug auf Ar­beit­neh­mer ge­prüft, die we­gen Krank­heits­ur­laubs­zei­ten, die die Dau­er der nach dem be­tref­fen­den na­tio­na­len Recht an­wend­ba­ren Be­zugs­zeiträume nicht über­schrei­ten, nicht in den Ge­nuss von be­zahl­tem Jah­res­ur­laub ge­kom­men sind (Ur­teil Schultz-Hoff u. a., Rand­nr. 19).
25 Im Rah­men die­ser Prüfung hat er dar­auf hin­ge­wie­sen, dass mit ei­ner na­tio­na­len Vor­schrift, die ei­nen Über­tra­gungs­zeit­raum für am En­de des Be­zugs­zeit­raums nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub vor­sieht, grundsätz­lich das Ziel ver­folgt wird, dem Ar­beit­neh­mer, der dar­an ge­hin­dert war, sei­nen Jah­res­ur­laub zu neh­men, ei­ne zusätz­li­che Möglich­keit zu eröff­nen, in des­sen Ge­nuss zu kom­men. Die Fest­le­gung ei­nes sol­chen Zeit­raums gehört zu den Vor­aus­set­zun­gen für die Ausübung und die Um­set­zung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und fällt so­mit grundsätz­lich in die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten (vgl. Ur­teil Schultz‑Hoff u. a., Rand­nr. 42).
26 Der Ge­richts­hof hat da­her fest­ge­stellt, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 grundsätz­lich ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung nicht ent­ge­gen­steht, die für die Ausübung des mit die­ser Richt­li­nie aus­drück­lich ver­lie­he­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub Mo­da­litäten vor­sieht, die so­gar den Ver­lust die­ses An­spruchs am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums um­fas­sen. Al­ler­dings hat er die­ser grundsätz­li­chen Fest­stel­lung die Vor­aus­set­zung hin­zu­gefügt, dass der Ar­beit­neh­mer, des­sen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lo­schen ist, tatsächlich die Möglich­keit ge­habt ha­ben muss, den ihm mit der Richt­li­nie ver­lie­he­nen An­spruch aus­zuüben (vgl. Ur­teil Schultz‑Hoff u. a., Rand­nr. 43).
27 Es ist fest­zu­stel­len, dass es für ei­nen Ar­beit­neh­mer, der – wie der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens in Be­zug auf das Jahr 2006 – während des ge­sam­ten Be­zugs­zeit­raums und über den im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raum hin­aus krank­ge­schrie­ben ist, kei­nen Zeit­raum gibt, in dem er in den Ge­nuss sei­nes be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs kom­men kann.
28 Aus der oben ge­nann­ten Recht­spre­chung er­gibt sich nun zwar, dass ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung, mit der ein Über­tra­gungs­zeit­raum fest­ge­legt wird, nicht das Erlöschen des An­spruchs des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vor­se­hen kann, wenn der Ar­beit­neh­mer nicht tatsächlich die Möglich­keit hat­te, die­sen An­spruch aus­zuüben; die­se Schluss­fol­ge­rung muss je­doch un­ter be­son­de­ren Umständen wie de­nen des Aus­gangs­ver­fah­rens nu­an­ciert wer­den.
29 An­de­ren­falls wäre nämlich ein Ar­beit­neh­mer wie der Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens, der während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähig ist, be­rech­tigt, un­be­grenzt al­le während des Zeit­raums sei­ner Ab­we­sen­heit von der Ar­beit er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub an­zu­sam­meln.
30 Ein Recht auf ein der­ar­ti­ges un­be­grenz­tes An­sam­meln von Ansprüchen auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, die während ei­nes sol­chen Zeit­raums der Ar­beits­unfähig­keit er­wor­ben wur­den, würde je­doch nicht mehr dem Zweck des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ent­spre­chen.
31 Mit die­sem in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on und in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­an­ker­ten An­spruch wird nämlich ein dop­pel­ter Zweck ver­folgt, der dar­in be­steht, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zum ei­nen von der Ausübung der ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu er­ho­len und zum an­de­ren über ei­nen Zeit­raum für Ent­span­nung und Frei­zeit zu verfügen (vgl. Ur­teil Schultz‑Hoff u. a., Rand­nr. 25).
32 Ge­wiss hat der Ge­richts­hof in die­sem Zu­sam­men­hang dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sich die po­si­ti­ve Wir­kung des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs für die Si­cher­heit und die Ge­sund­heit des Ar­beit­neh­mers zwar dann vollständig ent­fal­tet, wenn der Ur­laub in dem hierfür vor­ge­se­he­nen, al­so dem lau­fen­den Jahr ge­nom­men wird, die Ru­he­zeit ih­re Be­deu­tung in­so­weit je­doch nicht ver­liert, wenn sie zu ei­ner späte­ren Zeit ge­nom­men wird (Ur­tei­le vom 6. April 2006, Fe­de­ra­tie Neder­land­se Vak­be­we­ging, C‑124/05, Slg. 2006, I‑3423, Rand­nr. 30, und Schultz-Hoff u. a., Rand­nr. 30).
33 Gleich­wohl ist fest­zu­stel­len, dass der An­spruch ei­nes während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub bei­den in Rand­nr. 31 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Zwecks­be­stim­mun­gen nur in­so­weit ent­spre­chen kann, als der Über­trag ei­ne ge­wis­se zeit­li­che Gren­ze nicht über­schrei­tet. Über ei­ne sol­che Gren­ze hin­aus fehlt dem Jah­res­ur­laub nämlich sei­ne po­si­ti­ve Wir­kung für den Ar­beit­neh­mer als Er­ho­lungs­zeit; er­hal­ten bleibt ihm le­dig­lich sei­ne Ei­gen­schaft als Zeit­raum für Ent­span­nung und Frei­zeit.
34 In An­be­tracht des Zwecks des je­dem Ar­beit­neh­mer un­mit­tel­bar durch das Uni­ons­recht gewähr­ten An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub kann in­fol­ge­des­sen ein während meh­re­rer Jah­re in Fol­ge ar­beits­unfähi­ger Ar­beit­neh­mer, der sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach dem na­tio­na­len Recht nicht während die­ses Zeit­raums neh­men kann, nicht be­rech­tigt sein, in die­sem Zeit­raum er­wor­be­ne Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub un­be­grenzt an­zu­sam­meln.
35 In Be­zug auf den Über­tra­gungs­zeit­raum, nach des­sen En­de der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub erlöschen kann, wenn während ei­nes Zeit­raums der Ar­beits­unfähig­keit Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub an­ge­sam­melt wer­den, ist in An­be­tracht von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und un­ter Berück­sich­ti­gung der vor­ste­hen­den Erwägun­gen zu be­ur­tei­len, ob ein durch na­tio­na­le Vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie et­wa Ta­rif­verträge auf 15 Mo­na­te fest­ge­leg­ter Zeit­raum, in dem der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub über­tra­gen wer­den kann, vernünf­ti­ger­wei­se als Zeit­raum ein­ge­stuft wer­den kann, bei des­sen Über­schrei­tung der be­zahl­te Jah­res­ur­laub für den Ar­beit­neh­mer kei­ne po­si­ti­ve Wir­kung als Er­ho­lungs­zeit mehr hat.
36 Da­bei ist Fol­gen­des zu berück­sich­ti­gen.
37 Dem An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub kommt als Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on nicht nur, wie in Rand­nr. 23 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, be­son­de­re Be­deu­tung zu, son­dern er ist auch in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on aus­drück­lich ver­an­kert, der von Art. 6 Abs. 1 EUV der glei­che recht­li­che Rang wie den Verträgen zu­er­kannt wird.
38 Um die­sem An­spruch, mit dem der Schutz des Ar­beit­neh­mers be­zweckt wird, ge­recht zu wer­den, muss da­her je­der Über­tra­gungs­zeit­raum den spe­zi­fi­schen Umständen Rech­nung tra­gen, in de­nen sich ein Ar­beit­neh­mer be­fin­det, der während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähig ist. Die­ser Zeit­raum muss da­her für den Ar­beit­neh­mer ins­be­son­de­re die Möglich­keit gewähr­leis­ten, bei Be­darf über Er­ho­lungs­zeiträume zu verfügen, die länger­fris­tig ge­staf­felt und ge­plant wer­den so­wie verfügbar sein können. Ein Über­tra­gungs­zeit­raum muss die Dau­er des Be­zugs­zeit­raums, für den er gewährt wird, deut­lich über­schrei­ten.
39 Zu­dem muss der Über­tra­gungs­zeit­raum den Ar­beit­ge­ber vor der Ge­fahr der An­samm­lung von zu lan­gen Ab­we­sen­heits­zeiträum­en und den Schwie­rig­kei­ten schützen, die sich dar­aus für die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on er­ge­ben können.
40 Im vor­lie­gen­den Fall beträgt der in § 11 Abs. 1 Un­terabs. 3 EMTV fest­ge­leg­te Über­tra­gungs­zeit­raum 15 Mo­na­te und ist so­mit länger als der Be­zugs­zeit­raum, an den er an­knüpft, was die vor­lie­gen­de Rechts­sa­che von der Rechts­sa­che un­ter­schei­det, in der das Ur­teil Schultz-Hoff u. a. er­gan­gen ist, in der der Über­tra­gungs­zeit­raum sechs Mo­na­te be­trug.
41 Nach Art. 9 Abs. 1 des Übe­r­ein­kom­mens Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on vom 24. Ju­ni 1970 über den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub (Neu­fas­sung) ist der un­un­ter­bro­che­ne Teil des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs spätes­tens ein Jahr und der übri­ge Teil des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs spätes­tens 18 Mo­na­te nach Ab­lauf des Jah­res, für das der Ur­laubs­an­spruch er­wor­ben wur­de, zu gewähren und zu neh­men. Die­se Vor­schrift kann da­hin auf­ge­fasst wer­den, dass sie auf der Erwägung be­ruht, dass der Zweck der Ur­laubs­ansprüche bei Ab­lauf der dort vor­ge­se­he­nen Fris­ten nicht mehr vollständig er­reicht wer­den kann.
42 In An­be­tracht des Um­stands, dass die Richt­li­nie 2003/88 nach ih­rem sechs­ten Erwägungs­grund den Grundsätzen der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on hin­sicht­lich der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung Rech­nung ge­tra­gen hat, muss da­her bei der Be­rech­nung des Über­tra­gungs­zeit­raums der Zweck des An­spruchs auf Jah­res­ur­laub, wie er sich aus Art. 9 Abs. 1 des Übe­r­ein­kom­mens er­gibt, berück­sich­tigt wer­den.
43 Un­ter Berück­sich­ti­gung der vor­ste­hen­den Erwägun­gen kann vernünf­ti­ger­wei­se da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass ein Zeit­raum von 15 Mo­na­ten wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de, in dem die Über­tra­gung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub möglich ist, dem Zweck die­ses An­spruchs nicht zu­wi­derläuft, da er des­sen po­si­ti­ve Wir­kung für den Ar­beit­neh­mer als Er­ho­lungs­zeit gewähr­leis­tet.
44 Da­her ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie et­wa Ta­rif­verträgen nicht ent­ge­gen­steht, die die Möglich­keit für ei­nen während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mer, Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub an­zu­sam­meln, da­durch ein­schränken, dass sie ei­nen Über­tra­gungs­zeit­raum von 15 Mo­na­ten vor­se­hen, nach des­sen Ab­lauf der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lischt.
45 An­ge­sichts der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge ist die zwei­te Fra­ge nicht zu be­ant­wor­ten.
46 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten wie et­wa Ta­rif­verträgen nicht ent­ge­gen­steht, die die Möglich­keit für ei­nen während meh­re­rer Be­zugs­zeiträume in Fol­ge ar­beits­unfähi­gen Ar­beit­neh­mer, Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub an­zu­sam­meln, da­durch ein­schränken, dass sie ei­nen Über­tra­gungs­zeit­raum von 15 Mo­na­ten vor­se­hen, nach des­sen Ab­lauf der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lischt.
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11/164 Ur­laub nach Krank­heit
24.08.2011. Das Eu­ro­pa­recht lässt es zu, dass der Ur­laubs­an­spruch bei lan­ger Krank­heit ge­mäß na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten nach 18 Mo­na­ten ver­fällt, so die Ge­ne­ral­an­wäl­tin Ve­ri­ca Trs­ten­jak in ...