Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/das-englische-insolvenzverfahren-und-die-vollstreckbarerklaerung-einer-third-party-costs-order-377149
Timestamp: 2020-01-22 20:53:16
Document Index: 54923316

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art. 26', 'Art. 34', 'EuG', 'EuG', 'Art. 32', 'EuG', 'EuG', 'Art. 1', 'EuG', 'Art. 26', 'Art. 25', 'EuG', 'Art. 26', 'Art. 34', 'EuG', 'Art. 26', 'Art. 26', 'Art. 34', 'EuG', 'Art. 25', 'Art. 26', 'Art. 34', 'EuG', 'Art. 26', '§ 81', '§ 380', '§ 390', '§ 409', 'BGH', 'BGH', '§ 544', '§ 574', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 1', 'EuG', 'EuG', 'Art. 1', 'EuG', 'Art. 25', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'Art. 26', 'BGH', '§ 574', '§ 543', 'BGH', 'BGH', 'EuG']

Das eng­li­sche Insol­venz­ver­fah­ren – und die Voll­streck­bar­er­klä­rung einer Third Par­ty Costs Order | Rechtslupe
Das englische Insolvenzverfahren - und die Vollstreckbarerklärung einer Third Party Costs Order
Mit der Voll­streck­bar­er­klä­rung einer zu Las­ten eines Zeu­gen in einem eng­li­schen Insol­venz­ver­fah­ren erlas­se­nen Third Par­ty Costs Order hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen. Kon­kret stell­te sich die Rechts­fra­ge, ob eine Voll­streck­bar­er­klä­rung sich nach den Regeln der EuGV­VO oder nach denen der EuIns­VO rich­tet.
Der Bun­des­ge­richts­hof hat die Fra­ge jedoch dahin­ste­hen las­sen:
Die Fra­ge, ob die EuGV­VO oder die EuIns­VO anwend­bar ist, die lücken­los inein­an­der grei­fen, ist hin­sicht­lich eines gel­tend gemach­ten ord­re­pu­blic-Vor­be­halts nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, wenn sich die Aus­le­gung des Art. 26 EuIns­VO bei einer insol­venz­be­zo­ge­nen Ein­zel­ent­schei­dung in einem kon­tra­dik­to­ri­schen Ver­fah­ren an den zu Art. 34 Nr. 1 EuGV­VO ent­wi­ckel­ten Maß­stä­ben ori­en­tiert 1.
Die Rechts­fra­ge der sach­li­chen Anwend­bar­keit der Ver­ord­nung (EG) Nr. 44/​2001 des Rates über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil- und Han­dels­sa­chen vom 22.12 2000 2 (EuGV­VO) ist in einem sol­chen Fall jeden­falls nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. An der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit fehlt es, wenn die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung aus ande­ren Grün­den – unter Aus­spa­rung der als klä­rungs­be­dürf­tig ange­se­he­nen Rechts­fra­ge – im Ergeb­nis rich­tig ist 3. Selbst wenn die Voll­streck­bar­er­klä­rung der eng­li­schen Costs Order nicht auf Art. 32 ff EuGV­VO hät­te gestützt wer­den dür­fen, weil es sich um eine vom Anwen­dungs­be­reich der EuGV­VO aus­ge­schlos­se­ne insol­venz­recht­li­che Anne­xent­schei­dung han­deln könn­te (vgl. Art. 1 Abs. 2 Buchst. b EuGV­VO), wäre die Voll­streck­bar­er­klä­rung nicht geschei­tert.
Die Voll­streck­bar­er­klä­rung hät­te dann unter den Vor­aus­set­zun­gen des Art. 26 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1346/​2001 des Rates vom 29.05.2000 über Insol­venz­ver­fah­ren 4 geprüft wer­den müs­sen, weil die Exe­qua­tur von insol­venz­recht­li­chen Anne­xent­schei­dun­gen nach dem aus­drück­li­chen Wort­laut des Art. 25 Abs. 1 Unter­abs. 2 EuIns­VO von den Rege­lun­gen der EuIns­VO erfasst wird. Dass die Aner­ken­nungs­re­ge­lun­gen der EuIns­VO und der EuGV­VO lücken­los inein­an­der grei­fen, wird durch den Erläu­tern­den Bericht zum Ent­wurf des zunächst geplan­ten Euro­päi­schen Insol­venz­rechts­über­ein­kom­mens bestä­tigt 5. Der von der Rechts­be­schwer­de auf­ge­zeig­te Mei­nungs­streit zu einer mög­li­chen Rege­lungs­lü­cke betrifft nicht die Exe­qua­tur von insol­venz­recht­li­chen Anne­xent­schei­dun­gen, son­dern die Rege­lung der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit für Annex­ver­fah­ren 6. Auch die­ser Streit dürf­te aber seit der neue­ren Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs wei­test­ge­hend über­holt sein 7.
Bei der Voll­streck­bar­er­klä­rung wirkt sich die Qua­li­fi­zie­rung der Costs Order als zivil­recht­li­che oder insol­venz­recht­li­che Ent­schei­dung im Ergeb­nis nicht aus, weil nach bei­den in Betracht kom­men­den Rechts­grund­la­gen für die Exe­qua­tur die­sel­ben Ver­sa­gungs­grün­de zu prü­fen sind. Die Aus­le­gung des Art. 26 EuIns­VO ori­en­tiert sich bei insol­venz­be­zo­ge­nen Ein­zel­ent­schei­dun­gen, die in einem kon­tra­dik­to­ri­schen Ver­fah­ren ergan­gen sind, an den zu Art. 34 EuGV­VO ent­wi­ckel­ten Maß­stä­ben 8. So gilt auch bei Art. 26 EuIns­VO der Grund­satz, dass die Ord­re public-Klau­sel nur in Aus­nah­me­fäl­len anzu­wen­den ist 9. Mit Art. 26 EuIns­VO sol­len neben dem mate­ri­el­len Ord­re public auch ver­fah­rens­recht­li­che Garan­ti­en, wie sie in Art. 34 Nr. 2 EuGV­VO vor­ge­se­hen sind, gewahrt blei­ben 10, ins­be­son­de­re soweit es um Ent­schei­dun­gen gegen­über bestimm­ten Gläu­bi­gern geht 11. Die Mög­lich­keit einer abwei­chen­den Ent­schei­dung des Beschwer­de­ge­richts bei Anwen­dung der Art. 25 Abs. 1, Art. 26 EuIns­VO ist damit nicht ersicht­lich.
Eben­so wenig besteht Rechts­fort­bil­dungs­be­darf, soweit die Höhe der dem Antrags­geg­ner als Gesamt­schuld­ner auf­er­leg­ten Ver­fah­rens­kos­ten bean­stan­det wird. Rechts­fort­bil­dungs­be­darf wäre nur dann gege­ben, wenn sub­stan­ti­iert dar­ge­legt wür­de, inwie­fern eine abs­trak­te Rechts­fra­ge klä­rungs­be­dürf­tig ist und im Streit­fall auch geklärt wer­den kann 12. Klä­rungs­be­dürf­tig ist eine Rechts­fra­ge dann, wenn ihre Beant­wor­tung zwei­fel­haft ist oder wenn zu ihr unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen ver­tre­ten wer­den und die Fra­ge noch nicht gericht­lich, nicht zwin­gend höchst­rich­ter­lich, geklärt ist 13. Es bestehen jedoch kei­ne Zwei­fel, dass eine nicht am Streit­wert aus­ge­rich­te­te, son­dern nach zeit­li­chem Auf­wand kon­kret berech­ne­te anwalt­li­che Ver­gü­tung eines aus­län­di­schen Rechts­an­walts im All­ge­mei­nen nicht gegen grund­le­gen­de Prin­zi­pi­en des inlän­di­schen Rechts im Sin­ne von Art. 34 Nr. 1 EuGV­VO oder Art. 26 EuIns­VO ver­stößt. Ein hoher Ver­gü­tungs­an­spruch eines Rechts­an­walts ist auch nicht gene­rell unver­hält­nis­mä­ßig, weil er die Jus­tiz­ge­wäh­rung erschwe­ren könn­te 14. Soweit die Höhe der nach Stun­den­auf­wand abge­rech­ne­ten Ver­gü­tung im kon­kre­ten Ein­zel­fall gegen die inlän­di­sche öffent­li­che Ord­nung ver­sto­ßen könn­te, wird nicht deut­lich, inwie­weit sich dar­aus der Bedarf ergibt, all­ge­mei­ne Leit­sät­ze für die Aus­le­gung von Geset­zes­be­stim­mun­gen, des mate­ri­el­len oder des Ver­fah­rens­rechts auf­zu­stel­len oder Geset­zes­lü­cken zu schlie­ßen 15.
Der Umstand, dass ein Ver­stoß gegen die inlän­di­sche öffent­li­che Ord­nung dar­in lie­gen könn­te, dass einem nicht ver­fah­rens­be­tei­lig­ten Drit­ten die Kos­ten des Ver­fah­rens auf­er­legt wur­den, begrün­det eben­falls kei­nen Rechts­fort­bil­dungs­be­darf. Die Rechts­be­schwer­de legt nicht dar, dass sich in die­sem Zusam­men­hang eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge, also zwei­fel­haf­te oder strei­ti­ge Rechts­fra­ge stellt. Viel­mehr ist die Mög­lich­keit, einem Drit­ten Ver­fah­rens­kos­ten auf­zu­er­le­gen, auch dem deut­schen Recht nicht fremd (vgl. § 81 Abs. 4 FamFG, § 380 Abs. 1, Abs. 2, § 390 Abs. 1, Abs. 2, § 409 Abs. 1 ZPO) und all­ge­mein aner­kannt. Es ist regel­mä­ßig hin­zu­neh­men, dass in ande­ren Rechts­sys­te­men von die­ser Mög­lich­keit unter ande­ren Vor­aus­set­zun­gen und mit weit­rei­chen­de­ren Fol­gen ins­be­son­de­re dann Gebrauch gemacht wer­den kann, wenn wie im Streit­fall beson­de­re Umstän­de des Ein­zel­fal­les für die­se Kos­ten­fol­ge her­an­ge­zo­gen wer­den.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Mai 2014 – IX ZB 35/​12
Fort­füh­rung von BGH, WM 2013, 45 Rn. 3[↩]
ABl. EG L 12 S. 1 vom 16.01.2001[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.07.2003 – V ZR 187/​02, WM 2004, 46, 47 f mwN; Hk-ZPO/­Kay­se­r/­Koch, 5. Aufl., § 544 Rn. 14, § 574 Rn. 16[↩]
ABl. EG L 160 S. 1 vom 30.06.2000, fort­an: EuIns­VO[↩]
Virgos/​Schmit in Hans Stoll, Vor­schlä­ge und Gut­ach­ten zur Umset­zung des EUÜber­ein­kom­mens über Insol­venz­ver­fah­ren im deut­schen Recht, 1997, Rn.195, 197; vgl. auch Münch­Komm-InsO/R­ein­hart, 2. Aufl., Art. 25 VO (EG) 1346/​2000 Rn. 2; Duurs­ma-Kepp­lin­ger in Duurs­ma-Kepp­lin­ger/­Du­urs­ma/Cha­lups­ky, EuIns­VO, Art. 25 Rn. 50; Schlos­ser, EU-Zivil­pro­zess­recht, 3. Aufl., Art. 1 Rn.19, 21d; Lei­pold in Fest­schrift Ishi­ka­wa, 2001, S. 221, 224 f[↩]
ein­ge­hend dazu Stro­bel, Die Abgren­zung zwi­schen EuGV­VO und EuIns­VO im Bereich insol­venz­be­zo­ge­ner Ein­zel­ent­schei­dun­gen, 2006, S. 86 ff[↩]
EuGH, Urteil vom 12.02.2009 – C339/​07, Seagon/​Deko Mar­ty Bel­gi­um NV, EWS 2009, 99 Rn.19 ff; vom 19.04.2012 – C213/​10, Lie­tu­vos Aukš?iausiasis Teis­mas, ZIP 2012, 1049 Rn. 27; vom 16.01.2014 – C328/​12, Schmid/​Hertel, ZIP 2014, 181 Rn. 30; vgl. auch Kropholler/​von Hein, EuZ­PR, 9. Aufl., Art. 1 Rn. 36 EuGVO; Pau­lus, EuIns­VO, 4. Aufl., Art. 25 Rn. 2a, 18 ff[↩]
BGH, Beschluss vom 08.11.2012 – IX ZB 120/​11, WM 2013, 45 Rn. 3 mwN[↩]
EuGH, Urteil vom 02.05.2006 – C341/​04, Euro­food, NZI 2006, 360 Rn. 63 f[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 02.05.2006, aaO Rn. 66 f; Duurs­ma-Kepp­lin­ger, aaO Art. 26 Rn. 6 ff[↩]
Virgos/​Schmit, aaO Rn.206[↩]
BGH, Beschluss vom 22.10.2009 – IX ZB 50/​09, WM 2010, 237 Rn. 4; Hk-ZPO/­Kay­se­r/­Koch, aaO § 574 Rn. 17[↩]
Hk-ZPO/­Kay­se­r/­Koch, aaO § 543 Rn. 8[↩]
vgl. BVerfG, NJW-RR 2010, 259 Rn. 24 ff[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 04.07.2002 – V ZB 16/​02, BGHZ 151, 221, 225[↩]
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