Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/zivilprozessuale-ueberraschungsentscheidung-verfassungsbeschwerde-3129551
Timestamp: 2019-12-12 00:17:26
Document Index: 362062036

Matched Legal Cases: ['Art. 103', 'Art. 103', 'Art. 103', 'Art. 103', 'Art. 103', '§ 92', 'Art. 103', 'Art. 103', 'Art. 103', '§ 522', '§ 538', 'Art. 103', 'BGH', 'Art. 103', '§ 495']

Zivil­pro­zes­sua­le Über­ra­schungs­ent­schei­dung – und die trotz­dem erfolg­lo­se Ver­fas­sungs­be­schwer­de | Rechtslupe
Zivilprozessuale Überraschungsentscheidung - und die trotzdem erfolglose Verfassungsbeschwerde
Zivil­pro­zes­sua­le Über­ra­schungs­ent­schei­dung – und die trotz­dem erfolg­lo­se Ver­fas­sungs­be­schwer­de
Die Annah­me einer an sich begrün­de­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de, die kei­ne grund­sätz­li­che ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung hat, ist nicht zur Dur­set­zung der Rech­te der Beschwer­de­füh­rer ange­zeigt, wenn deut­lich abseh­bar ist, dass die Beschwer­de­füh­rer auch im Fal­le der Zurück­ver­wei­sung an das Aus­gangs­ge­richt im Ergeb­nis kei­nen Erfolg haben wür­den 1.
Zwar liegt im hier ent­schie­de­nen Fall eine Ver­let­zung des Anspruchs der Beschwer­de­füh­rer auf recht­li­ches Gehör dar­in, dass das Ober­lan­des­ge­richt vor Ablauf der von ihm selbst gesetz­ten Stel­lung­nah­me­frist über die Zurück­wei­sung der Beru­fung ent­schie­den hat; die Ent­schei­dung beruht auf die­ser Ver­let­zung jedoch nicht.
Der in Art. 103 Abs. 1 GG ver­bürg­te Anspruch auf recht­li­ches Gehör steht in funk­tio­na­lem Zusam­men­hang mit der Rechts­schutz­ga­ran­tie und der Jus­tiz­ge­wäh­rungs­pflicht des Staa­tes 2. Der Ein­zel­ne soll nicht blo­ßes Objekt des Ver­fah­rens sein, son­dern er soll vor einer Ent­schei­dung, die sei­ne Rech­te betrifft, zu Wort kom­men, um Ein­fluss auf das Ver­fah­ren und sein Ergeb­nis neh­men zu kön­nen 3.
Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht somit, die Aus­füh­run­gen der Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 4. Eng damit zusam­men hängt das eben­falls aus Art. 103 Abs. 1 GG fol­gen­de Ver­bot von "Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen" 5. Von einer sol­chen ist ins­be­son­de­re aus­zu­ge­hen, wenn sich eine Ent­schei­dung ohne vor­he­ri­gen rich­ter­li­chen Hin­weis auf einen Gesichts­punkt stützt, mit dem auch ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf nicht zu rech­nen brauch­te 6, oder das Gericht eine von ihm geschaf­fe­ne Ver­fah­rens­la­ge, auf deren Bestand die Betei­lig­ten ver­trau­en durf­ten, über­geht.
Daher gebie­tet Art. 103 Abs. 1 GG es ins­be­son­de­re, dass das Gericht den Ablauf gesetz­li­cher oder von ihm zur Äuße­rung gesetz­ter Fris­ten abzu­war­ten hat. Wenn das Gericht ein inner­halb einer sol­chen Frist erfolg­tes Vor­brin­gen bei sei­ner Ent­schei­dung unbe­rück­sich­tigt lässt, schränkt es das recht­li­che Gehör in einer vom Gesetz nicht mehr gedeck­ten Wei­se ein und ver­stößt gegen Art. 103 Abs. 1 GG 7.
In ande­ren Fäl­len ver­langt das Recht auf recht­li­ches Gehör zur Ver­mei­dung einer ver­bo­te­nen Über­ra­schungs­ent­schei­dung, dass die geschaf­fe­ne Pro­zess­la­ge zuvor wie­der besei­tigt wird, zumin­dest in Form einer gericht­li­chen Erklä­rung, die unmiss­ver­ständ­lich zum Aus­druck bringt, dass an der bis­he­ri­gen Pro­zess­la­ge nicht mehr fest­ge­hal­ten wird bezie­hungs­wei­se sich die­se erle­digt hat 8. Eines sol­chen Hin­wei­ses bedarf es nur dann nicht, wenn das Gericht zu Recht davon aus­ge­hen kann, dass sei­ne Inten­ti­on aus der Sicht der Betei­lig­ten zwei­fels­frei erkenn­bar ist 9.
Die Rüge der Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör kann jedoch nur Erfolg haben, wenn die ange­foch­te­ne gericht­li­che Ent­schei­dung auf einer Ver­let­zung des Art. 103 Abs. 1 GG beruht, wenn also nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass die Anhö­rung des Beschwer­de­füh­rers das Gericht zu einer ande­ren Beur­tei­lung des Sach­ver­halts oder in einem wesent­li­chen Punkt zu einer ande­ren Wür­di­gung ver­an­lasst oder im Gan­zen zu einer ande­ren, ihm güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung geführt hät­te 10. Aus die­sem Grun­de ist der Sub­stan­ti­ie­rungs­pflicht aus § 92 BVerfGG bei der Rüge eines Ver­sto­ßes gegen Art. 103 Abs. 1 GG nur genügt, wenn der Beschwer­de­füh­rer dar­legt, was er bei aus­rei­chen­der Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs vor­ge­tra­gen hät­te und wel­che Fol­gen sich dar­aus für die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung erge­ben hät­ten 11.
Das Ober­lan­des­ge­richt hat den in Art. 103 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­ten Anspruch auf recht­li­ches Gehör in unzu­läs­si­ger Wei­se ver­kürzt, indem es die Beru­fung vor Ablauf der von ihm selbst gesetz­ten Frist bereits am 15.11.2016 per Beschluss zurück­ge­wie­sen hat. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob sich die Beschwer­de­füh­rer in ihrem Schrift­satz vom 07.11.2016 bereits in einer Wei­se geäu­ßert hat­ten, die als abschlie­ßend ver­stan­den wer­den konn­te; selbst wenn dies der Fall gewe­sen wäre, hät­te das Ober­lan­des­ge­richt den Frist­ab­lauf nach den vor­ge­nann­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen abwar­ten müs­sen. Dies hat es auch im Beschluss vom 06.02.2017 ver­kannt und auch dort den Schrift­satz vom 14.11.2016 nicht in der ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­nen Wei­se gewür­digt, so dass der Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG auch nicht etwa im Zuge des Anhö­rungs­ver­fah­rens geheilt wor­den ist 12.
Gleich­wohl ist die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Ent­schei­dung nicht ange­zeigt, da aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass die Ent­schei­dung auf dem Gehörs­ver­stoß beruht. Die Beschwer­de­füh­rer haben weder nach­voll­zieh­bar dar­ge­legt, dass der Beschluss vom 15.11.2016 auf die­sem Gehörs­ver­stoß beruht, noch ist dies sonst ersicht­lich.
Hin­sicht­lich der gerüg­ten Anwend­bar­keit von § 522 Abs. 2 ZPO und der mate­ri­ell-recht­li­chen Rechts­la­ge haben die Beschwer­de­füh­rer mit dem über­gan­ge­nen Schrift­satz vom 14.11.2016 ledig­lich ihr Vor­brin­gen aus frü­he­ren Schrift­sät­zen ver­tieft.
Mit Blick auf ihr erst­mals im Schrift­satz vom 14.11.2016 geäu­ßer­tes Begeh­ren, hilfs­wei­se nach § 538 ZPO zu ver­fah­ren, um die Fra­ge der Erkenn­bar­keit der Män­gel durch Inaugen­sch­ein­nah­me zu klä­ren, fehlt es dage­gen an der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit. Das Land­ge­richt war von der Offen­sicht­lich­keit der Ris­se aus­weis­lich des Urteils auf­grund einer Inaugen­sch­ein­nah­me der durch den beweis­be­las­te­ten Beklag­ten vor­ge­leg­ten Licht­bil­der über­zeugt. Dass die Beschwer­de­füh­rer vor­ge­tra­gen hät­ten, die Licht­bil­der gäben die tat­säch­li­che Situa­ti­on nicht wie­der, was die Not­wen­dig­keit eines Augen­scheins vor Ort hät­te begrün­den kön­nen, ist nicht ersicht­lich. Dass sie kon­kre­te Abwei­chun­gen der Foto­gra­fie vom tat­säch­li­chen Zustand behaup­tet oder ande­ren kon­kre­ten gegen­be­weis­li­chen Sach­vor­trag gemacht und unter Beweis gestellt hät­ten, tra­gen sie nicht vor.
Ein Gehörs­ver­stoß des Land­ge­richts wäre durch das Beru­fungs­ver­fah­ren schließ­lich pro­ze­du­ral über­holt 13.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Febru­ar 2018 – 2 BvR 549/​17
Die Rechts­an­sicht des Gerichts – und sei­ne Hin­weis­pflicht Das Ver­fah­rens­grund­recht des Art. 103 Abs. 1 GG ver­langt grund­sätz­lich nicht, dass ein Gericht vor sei­ner Ent­schei­dung auf eine Rechts­auf­fas­sung hin­weist, die es sei­ner Ent­schei­dung…
vgl. BVerfGE 90, 22, 25 f.[↩]
vgl. BVerfGE 81, 123, 129; BVerfGK 19, 377, 383[↩]
vgl. BVerfGE 84, 188, 190; 86, 133, 144 ff.; BVerfGK 19, 377, 383[↩]
BVerfGE 42, 364, 367 f.; 47, 182, 187; BVerfG, Beschluss vom 29.08.2017 – 2 BvR 863/​17 15[↩]
vgl. BVerfGK 19, 377, 381[↩]
vgl. BVerfGE 84, 188, 190; 86, 133, 144 f.; 98, 218, 263; BVerfGK 19, 377, 381; BVerfG, Beschluss vom 01.08.2017 – 2 BvR 3068/​14 51[↩]
vgl. BVerfGE 12, 110, 113; 42, 243, 247; 64, 224, 227; BVerfG, Beschluss vom 24.10.1991 – 1 BvR 604/​90 16; Beschluss vom 07.11.2014 – 2 BvR 2799/​11 11; vgl. auch BGH, Beschluss vom 29.11.2016 – VI ZB 27/​15, NJW 2017, S. 1111, 1112[↩]
vgl. BVerw­GE 17, 172, 173; BFH, Beschlüs­se vom 19.12 2012 – XI B 84/​12 15; und vom 02.08.2013 – XI B 97/​12 4 m.w.N.; Hömig, in: ders./Wolff, GG, 11. Aufl.2016, Art. 103 Rn. 6; vgl. etwa zur Hin­weis­pflicht bei abwei­chen­der Beweis­wür­di­gung im Beru­fungs­ver­fah­ren BVerfG, Beschluss vom 23.06.1999 – 2 BvR 762/​98 12; Beschluss vom 09.03.2015 – 1 BvR 2819/​14 17; Beschluss vom 07.10.2016 – 2 BvR 1313/​16 11; zur Hin­weis­pflicht vor Ein­tritt in das ver­ein­fach­te Ver­fah­ren [§ 495a ZPO] BVerfG, Beschluss vom 18.11.2008 – 2 BvR 290/​08 10; zur Hin­weis­pflicht vor Kla­ge­ab­wei­sung nach Wech­sel des Bericht­erstat­ters BFHE 223, 308[↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 19.12 2012 – XI B 84/​12 17; und vom 02.08.2013 – XI B 97/​12 7 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 7, 239, 241; 18, 147, 150; 28, 17, 19 f.; 62, 392, 396; 89, 381, 392 f.; 112, 185, 206; BVerfGK 15, 116, 119; 19, 377, 383; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 28, 17, 20; 72, 122, 132; 91, 1, 25 f.; 112, 185, 206[↩]
vgl. hier­zu BVerfGE 7, 239, 241; 13, 132, 145; 52, 131, 152 f.; 89, 381, 392 f.; BVerfG, Beschluss vom 15.07.2016 – 2 BvR 857/​14 11[↩]
vgl. BVerfGE 5, 22, 24; 62, 392, 397; 73, 322, 326; 107, 395, 411 f.; BVerfG, Beschluss vom 12.09.2016 – 1 BvR 1311/​16 6[↩]
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