Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ss07/ss07fb020.html
Timestamp: 2019-11-15 08:52:08
Document Index: 70962090

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 40', '§ 23', '§ 23', '§ 43', '§ 113', '§ 42', '§ 61', '§ 78', '§ 19', '§ 19', '§ 104', '§ 4', '§ 2', '§ 3', '§ 839', 'Art. 34', '§ 68', '§ 74', '§ 839', 'Art. 34', '§ 19', '§ 19', '§ 46', '§ 49', '§ 19', '§ 8', '§ 46', '§ 44', '§ 44', 'Art. 13', '§ 44', '§ 68', '§ 68']

JIPS / Repetitorium / SS 2007 / Fall 1
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Fallbesprechung 1: "Ein nächtlicher Polizeibesuch"
Polizeirecht (UNI-020/SS07)
K ist Junggeselle und Eigentümer einer im 1. Obergeschoss eines Zweifamilienhauses in Saarbrücken gelegenen Wohnung, die mit einigen wertvollen Kunstgegenständen (Gemälden und Skulpturen alter Meister) ausgestattet ist. Er befleißigt sich eines zurückgezogenen und soliden Lebenswandels. Eines Morgens gegen 2 Uhr jedoch kehrt er von einer Einladung bei Freunden in erheblich angetrunkenem Zustand zurück. Nur mit einiger Mühe und einigem Gepolter - unter anderem geht eine Vase zu Bruch - gelingt es ihm, sich seiner Kleidung zu entledigen und sich in sein Bett fallen zu lassen, wo er sogleich in tiefen Schlaf versinkt.
Aber schon eine halbe Stunde später wird er unsanft geweckt. Vor seinem Bett stehen drei Polizeibeamte mit Taschenlampen und geladenen Pistolen. Nachdem sich K - mühsam - ausgewiesen hat, erklären sie ihm den Grund ihres Besuches.
Die J, die die Erdgeschosswohnung unter seiner Wohnung innehat, hatte gegen 2 Uhr unerklärliche Geräusche im Treppenhaus und Gepolter vor der Wohnungstür des K vernommen. Das war ihr verdächtig vorgekommen, weil K selbst stets sehr leise war. Deshalb hatte sie aus dem Fenster geschaut und festgestellt, daß der Wagen des K nicht auf dem für ihn reservierten Platz stand. Daraus hatte sie den Schluss gezogen, dass Einbrecher versuchten, in die Wohnung des K einzudringen. Daraufhin hatte sie die Polizei gerufen und sie über ihre Beobachtungen informiert. Die Polizeibeamten hatten dann das Haus umstellt, in der Dunkelheit nicht erkennen können, ob das Türschloss manipuliert worden war, vergeblich an der Wohnungstür geläutet und, um mögliche Straftaten zu verhindern und das bekanntermaßen wertvolle Eigentum des K zu schützen, die Wohnungstür aufgebrochen und sich in den Räumen des K nach Einbrechern "umgesehen".
Weil es zwischen den Polizeibeamten und K zu einer durchaus heftigen Auseinandersetzung um Folgen des Alkoholkonsums einerseits, die Reichweite der Unverletzlichkeit der Wohnung andererseits kam, will K nunmehr gerichtlich geklärt wissen, dass die Polizei sich nicht in seiner Wohnung habe "umsehen" dürfen und dass sie ihm die Kosten für die Reparatur der "rechtswidrig aufgebrochenen" Tür ersetzen müsse.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (020/SS07), Stand 05/07:
Rechtsgrundlage für das Eindringen in eine Wohnung
Ausgleichsansprüche des bei Anscheinsgefahr Inanspruchgenommenen
Die Fallbesprechung wandelt eine einige Jahre zurückliegende Originalexamensklausur ab. Wesentliche Teile der Problematik waren auch in jüngerer Zeit gelegentlich Gegenstand anderer Originalexamensklausuren. Ähnliche Aufgabenstellungen finden sich bei Puttler, JA 2001, 669; Bodanowitz, JuS 1996, 911; Heckmann/Klein JuS 1995, 327. Verf. sollten ferner die Entscheidungen des BGH NJW 1998, 2289; DVBl. 1992, 1158 kennen.
K will gerichtlich geklärt wissen, dass die Polizei sich nicht in seiner Wohnung habe "umsehen" dürfen. Der erste Teil der Aufgabe betrifft also allein die Nachschau, nicht die Verschaffung des Zugangs und das wird auch aus der Ergänzung durch den zweiten Teil der Aufgabe deutlich.
I. Zulässigkeit eines gerichtlichen Vorgehens des K
Nachdem Verf. die Voraussetzungen des § 40 Abs. 1 VwGO dargestellt haben müssen sie sich mit der Zuweisung an ein anderes Gericht - § 23 EGGVG – auseinandersetzen. Die herkömmliche Abgrenzung bei "doppelfunktionalen Maßnahmen" der Polizei muss wiedergegeben werden. In der Subsumtion muss erkannt werden, dass die Polizei zur "Verhinderung" von Straftaten und zum "Schutz" des Eigentums des K eingeschritten ist, also die Prävention den Scherpunkt des Vorgehens gebildet hat. Eine Zuweisung nach § 23 EGGVG ist folglich nicht geboten.
Nachdem das "Umsehen" der Polizei beendet ist kann es nur noch um die nachträgliche Feststellung der Rechtswidrigkeit polizeilichen Einschreitens gehen. Da die Durchsuchung als solche nicht angeordnet worden ist, sondern unter den besonderen Umständen des Falles einen Realakt darstellt, sollten sich Verf. die Frage stellen, ob nicht in diesem Fall eine Feststellungsklage nach § 43 VwGO zu erheben ist, weil die "Fortsetzungsfeststellungsklage" analog § 113 Abs. 1 Satz 4 VwGO schon einen vorherigen Verwaltungsakt voraussetzt. Die Voraussetzungen eines feststellungsfähigen Rechtsverhältnisses müssen dargelegt und für gegeben erachtet werden.
Verf. können nicht auf ein "Rehabilitationsinteresse" abstellen, da die Geltendmachung von Entschädigungsansprüchen separat und ohne vorherige verwaltungsgerichtliche Klärung erfolgen kann. Eine "Wiederholungsgefahr" zu begründen dürfte schwierig sein. Allerdings handelt es sich bei dem nächtlichen Eindringen in eine Wohnung um einen durchaus intensiven Grundrechtseingriff. Das kann das berechtigte Feststellungsinteresse begründen.
Zum Teil wird auch für die Feststellungsklage eine Klagebefugnis gefordert. Sie in entsprechender Anwendung des § 42 Abs. 2 VwGO anzunehmen, dürfte nicht schwer fallen.
5. Verf. müssen im Übrigen die Frage des Widerspruchsverfahrens nicht ansprechen und sollten kurz erwähnen, dass bei der Feststellungsklage Klagegegner das Land und Beteiligter gleichfalls das Land ist (§ 61 Nr. 3 VwGO, § 78 Abs. 1 Nr. 1 VwGO).
Die Feststellungsklage ist begründet, wenn die Polizei zu einem "Umsehen" in der Wohnung nicht befugt war.
a) Rechtsgrundlage für das "Umsehen"
- Artikel 13 Abs. 7 1. Alt. kommt – unabhängig von der Frage, ob es sich überhaupt um eine Befugnisnorm handelt – nicht in Betracht, weil die genannten Eingriffsvoraussetzungen nicht gegeben sind.
- § 19 SPolG
Dann muss es sich um eine "Durchsuchung" einer Wohnung handeln (ziel- und zweckgerichtete Suche nach Personen oder Sachen oder zur Ermittlung eines Sachverhalts, um dort planmäßig etwas aufzuspüren, was der Inhaber der Wohnung von sich aus nicht herausgeben oder offen legen will). Um eine solche Maßnahme handelt es sich bei der Nachschau, ob Straftaten im Gange sind.
Voraussetzungen des Eingriffs: § 19 Abs. 1 Nr. 3 i.V.m. Abs. 2 SPolG (§ 104 Abs. 3 StPO = 1.4. bis 30.9.: 21.00 Uhr bis 04.00 Uhr/1.10. bis 31.3. 21.00 Uhr bis 06.00 Uhr) [die Wertgrenze liegt bei etwas über 2.000 DM].
Verf. müssen allerdings sehen, dass eine "gegenwärtige Gefahr" gar nicht wirklich bestand. In Betracht kommt also ein Einschreiten auf der Grundlage einer Anscheinsgefahr oder gar nur eines Gefahrenverdachts.
Verf. sollten wissen, was unter Anscheinsgefahr zu verstehen ist (bei verständiger Würdigung der objektiven Anhaltspunkte durfte die Polizei eine Gefahrenlage annehmen). Die Angaben der J ergaben solche Umstände.
Verf. können sich sodann die Frage stellen, ob die §§ 4 ff SPolG eingreifen. Derartige Annahmen finden sich zum Teil in der Rechtslehre. Allerdings spricht viel dafür, dass im Rahmen der Standardmaßnahme "Durchsuchung einer Wohnung" eine gesonderte Prüfung des Einschreitens gegen einen Verhaltens- oder Zustandsstörer nicht erforderlich ist. Wer sie für erforderlich hält, muss die Frage der Befugnis zum Einschreiten gegen einen Anscheinsstörer in gleicher Weise beantworten wie die Frage der Befugnis zum Einschreiten bei Anscheinsgefahr.
Die Maßnahme war auch verhältnismäßig (§ 2 Abs. 2 SPolG) und ermessensfehlerfrei (§ 3 Abs. 1 SPolG). Mehr als einen knappen Satz sollten Verf. dazu nicht schreiben.
Im zweiten Teil der Aufgabe wird danach gefragt, ob die Polizei ihm die Kosten für die Reparatur der "rechtswidrig aufgebrochenen" Tür ersetzen müsse.
I. Eröffnung des Zivilrechtsweges
Verf. sollten darauf hinweisen, dass nach § 839 Abs. 1 BGB i.V.m. Art. 34 Abs. 1 Satz 3 GG für Staatshaftungsansprüche und auch für Entschädigungsansprüche nach § 68 SPolG gemäß § 74 SPolG der ordentliche Rechtsweg gegeben ist.
Anspruchsgrundlage: § 839 Abs. 1 Satz 1 BGB i.V.m. Art. 34 Abs. 1 Satz 1 GG.
Verf. sollten erkennen, dass es maßgeblich auf die Frage ankommt, ob die Polizeibeamten durch das Aufbrechen der Wohnungstür eine Amtspflicht verletzt haben, dass es also auf die Befugnis zum Aufbrechen der Wohnungstür ankommt. Insoweit ist lediglich von Bedeutung, auf welche Rechtsgrundlage dieses Aufbrechen gestützt werden kann und ob deren Voraussetzungen erfüllt sind.
Rechtsgrundlage kann nicht § 19 SPolG selbst sein und es kann auch nicht § 19 SPolG i.V.m. § 46 oder § 49 SPolG sein. Denn die polizeiliche Standardmaßnahme "Durchsuchung" umfasst das gewaltsame Aufbrechen von Sicherungsvorkehrungen nicht, wie sich schon aus dem Wortlaut des § 19 SPolG ("betreten" und "durchsuchen") ergibt.
Es handelt sich auch nicht um die Vollstreckung einer Durchsuchung. Die Betretungs- und Durchsuchungsbefugnis wird gerade nicht durch das Aufbrechen einer Tür vollstreckt.
Rechtsgrundlage ist vielmehr § 8 SPolG i.V.m. § 46 Abs. 1 SPolG i.V.m. § 44 Abs. 2 SPolG.
Dabei kann Schwierigkeiten bereiten die Abgrenzung von Ersatzvornahme und unmittelbarem Zwang. Die Polizeibeamten haben auf die Wohnungstür eingewirkt nicht um K, den Polizeipflichtigen, unter dem Eindruck dieses Zwangs zu veranlassen, seiner Pflicht selbst nachzukommen, sie haben letztlich nichts anderes gemacht als das, was K selbst zu tun verpflichtet gewesen wäre, nämlich Zugang zur Wohnung zu verschaffen. Folglich handelt es sich um eine Ersatzvornahme.
Die Polizeibeamten sind nicht in gestreckten Vollstreckungsverfahren vorgegangen, weil es an einer wirksamen Grundverfügung in jedem Fall fehlt. Ihr Vorgehen kann folglich lediglich durch § 44 Abs. 2 SPolG gedeckt sein. Dass setzt voraus, dass eine hypothetische Grundverfügung – die Aufforderung, die Tür zu öffnen – rechtmäßig gewesen wäre.
Verf. können jetzt wiederholen, dass es sich um eine konkrete "Anscheinsgefahr" für die öffentliche Sicherheit gehandelt hat und die hypothetische Person, die zum Öffnen der Tür tatsächlich in der Lage gewesen wäre, Anscheinsstörer gewesen ist. Bedenken, dass die Maßnahme unverhältnismäßig oder ermessensfehlerhaft gewesen sein könnte, bestehen angesichts der Situation, in der sich die Polizeibeamten befunden haben, nicht. Grundrechtliche Bedenken bestehen angesichts von Art. 13 Abs. 7 GG gleichfalls nicht.
Verf. dürfen nicht vergessen, dass § 44 Abs. 2 die Notwendigkeit des sofortigen Vollzuges voraussetzt – die allerdings nicht zu bezweifeln ist. Daraus ergibt sich, dass keine rechtswidrige Amtshandlung vorlag, ein Schadensersatzanspruch also nicht gegeben ist.
2. Anspruchsgrundlage:
§ 68 Abs. 1 Satz 1 SPolG greift nicht ein, weil kein "Nichtverantwortlicher" in Anspruch genommen worden ist.
3. Anspruchsgrundlage:
In Betracht kommt ein Anspruch aus § 68 Abs. 1 Satz 1 SPolG analog. Dabei kommt es dann darauf an, dass Verf. die Unterscheidung zwischen der Primärebene und der Sekundärebene kennen, aus der Rechtmäßigkeit des Aufbrechens der Tür nicht zwingend bereits das Ausscheiden eines Entschädigungsanspruchs folgt. Bei der Wertung, ob K letztlich einem "Nichtverantwortlichen" gleichzustellen ist, wird eine entscheidende Rolle spielen, dass die Umstände, die zur Begründung einer Anscheinsgefahr herangezogen werden in den Verantwortungsbereich des K fallen und nicht in den Verantwortungsbereich der Allgemeinheit. Ein Entschädigungsanspruch dürfte danach ausscheiden.