Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/einkommensteuer/einkommensteuer-privat/tageshandel-mit-gleichartigen-wertpapieren-313798
Timestamp: 2020-07-09 01:16:48
Document Index: 227580552

Matched Legal Cases: ['§ 23', '§ 42', '§ 23', '§ 2', '§ 22', '§ 23', '§ 23', '§ 23', '§ 42', '§ 23', '§ 2', '§ 42', '§ 42', '§ 23', '§ 42', '§ 42', '§ 23', '§ 23']

Wer­den Wert­pa­pie­re, die inner­halb der Jah­res­frist des § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG mit Ver­lust ver­äu­ßert wer­den, am sel­ben Tage in glei­cher Art und Anzahl, aber zu unter­schied­li­chem Kurs wie­der gekauft, so liegt hier­in nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs kein Gestal­tungs­miss­brauch im Sin­ne des § 42 AO.
In dem jetzt vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall ver­äu­ßer­ten die Klä­ger bör­sen­no­tier­te Akti­en von zwei Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten jeweils inner­halb der Jah­res­frist mit Ver­lust und erwar­ben am sel­ben Tag Akti­en die­ser Gesell­schaf­ten wie­der in glei­cher Art und Anzahl, aller­dings zu einem unter­schied­li­chen Preis. Das Finanz­amt erkann­te die Ver­lus­te aus dem Ver­kauf wegen Gestal­tungs­miss­brauchs nicht an. Dies sahen aller­dings sowohl das erst­in­stanz­lich mit dem Fall befass­te Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg [1] wie auch jetzt der Bun­des­fi­nanz­hof anders.
Wenn, so der Bun­des­fi­nanz­hof in sei­ner Urteils­be­grün­dung, es dem Zweck des § 23 EStG ent­spricht, rea­li­sier­te Wert­än­de­run­gen in Gestalt von Ver­äu­ße­rungs­ge­win­nen aus ver­hält­nis­mä­ßig kurz­fris­ti­gen Wert­durch­gän­gen eines Wirt­schafts­guts im Pri­vat­ver­mö­gen des Steu­er­pflich­ti­gen der Ein­kom­men­steu­er zu unter­wer­fen, stellt es kei­nen Gestal­tungs­miss­brauch dar, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge gleich­ar­ti­ge Wert­pa­pie­re kurz nach deren Ver­äu­ße­rung zu unter­schied­li­chen Prei­sen wie­der erwirbt. Ange­sichts der Schwan­kungs­brei­te bör­sen­no­tier­ter Wert­pa­pie­re und des dar­aus resul­tie­ren­den Kurs­ri­si­kos bewegt er sich inso­weit im Rah­men der gesetz­li­chen Vor­ga­ben. Es steht in sei­nem Belie­ben, ob, wann und mit wel­chem Risi­ko er von ihm gehal­te­ne Wert­pa­pie­re ankauft, ver­kauft und danach wie­der ankauft. Bei dem Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren und dem anschlie­ßen­den Wie­der­kauf gleich­ar­ti­ger Wert­pa­pie­re zu unter­schied­li­chen Ankaufs- und Ver­kaufs­prei­sen han­delt es sich ange­sichts des dabei ein­ge­gan­ge­nen Kurs­ri­si­kos um eigen­stän­di­ge und damit auch sepa­rat zu beur­tei­len­de Vor­gän­ge.
Nach § 2 Abs. 1 Satz 1 Nr. 7 i.V.m. § 22 Nr. 2, § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG unter­lie­gen pri­va­te Ver­äu­ße­rungs­ge­schäf­te bei ande­ren Wirt­schafts­gü­tern (als den in Nr. 1 der Vor­schrift genann­ten Grund­stü­cken und grund­stücks­glei­chen Rech­ten), ins­be­son­de­re bei Wert­pa­pie­ren, als sons­ti­ge Ein­künf­te der Ein­kom­men­steu­er, wenn der Zeit­raum zwi­schen Anschaf­fung und Ver­äu­ße­rung –unter Beach­tung des auch inso­weit gel­ten­den Grund­sat­zes der Näm­lich­keit [2] – nicht mehr als ein Jahr beträgt (sog. gestreck­ter oder zwei­ak­ti­ger Tat­be­stand) [3]. Das gilt auch dann, wenn die Ver­äu­ße­rung zu einem Ver­lust führt (§ 23 Abs. 3 Satz 1 EStG) [4]. Ver­äu­ße­rungs­ver­lus­te sind nach § 23 Abs. 3 Sät­ze 8 und 9 EStG indes nur ein­ge­schränkt zu berück­sich­ti­gen. Durch die­ses in sich geschlos­se­ne und auf­ein­an­der abge­stimm­te Sys­tem der Ver­lust­nut­zung und ‑begren­zung sol­len u.a. Spe­ku­la­tio­nen auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und ins­be­son­de­re miss­bräuch­li­che Gestal­tun­gen i.S. des § 42 AO ver­hin­dert wer­den [5].
Die­se Vor­aus­set­zun­gen des § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG waren in dem vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen im Streit­fall –unstrei­tig– erfüllt. Denn die Wert­pa­pie­re wur­den inner­halb der maß­geb­li­chen Jah­res­frist (Erwerb im Februar/​März 2000 und Ver­kauf im Dezem­ber 2000) ange­schafft und wie­der –wenn auch mit Ver­lust– ver­äu­ßert. Der zwei­ak­ti­ge Tat­be­stand ist damit ver­wirk­licht, und zwar unab­hän­gig vom nach­fol­gen­den Wie­der­kauf von Wert­pa­pie­ren glei­cher Art als ers­tem Teil­akt eines even­tu­ell erneut in Gang gesetz­ten Steu­er­tat­be­stan­des.
Die Klä­ger haben den aus der Ver­äu­ße­rung der Wert­pa­pie­re erwirt­schaf­te­ten Ver­lust auch i.S. von § 2 Abs. 1 Satz 1 Nr. 7 EStG "erzielt"; sie haben mit Ein­künf­te­er­zie­lungs­ab­sicht gehan­delt. Die­ses Merk­mal des Steu­er­tat­be­stan­des wird durch die ver­hält­nis­mä­ßig kur­ze (Jah­res-)Frist in typi­sie­ren­der Wei­se objek­ti­viert [6].
Gestal­tungs­miß­brauch bei einem pri­va­ten Ver­äu­ße­rungs­ge­schäft
Das Tat­be­stands­merk­mal "Ver­äu­ße­rungs­ge­schäft" wird auch nicht gemäß § 42 Satz 2 AO besei­tigt.
Ein Miss­brauch von Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten des Rechts i.S. des § 42 AO ist gege­ben, wenn eine recht­li­che Gestal­tung gewählt wird, die –gemes­sen an dem erstreb­ten Ziel– unan­ge­mes­sen ist, der Steu­er­min­de­rung die­nen soll und durch wirt­schaft­li­che oder sonst beacht­li­che nicht­steu­er­li­che Grün­de nicht zu recht­fer­ti­gen ist [7]. Das Motiv, Steu­ern zu spa­ren, macht eine steu­er­li­che Gestal­tung noch nicht unan­ge­mes­sen. Eine recht­li­che Gestal­tung ist erst dann unan­ge­mes­sen, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge die vom Gesetz­ge­ber vor­aus­ge­setz­te Gestal­tung zum Errei­chen eines bestimm­ten wirt­schaft­li­chen Ziels nicht gebraucht, son­dern dafür einen unge­wöhn­li­chen Weg wählt, auf dem nach den Wer­tun­gen des Gesetz­ge­bers das Ziel nicht erreich­bar sein soll [8].
Ent­spricht es aber Sinn und Zweck des § 23 EStG, (nur) rea­li­sier­te Wert­än­de­run­gen (in Gestalt von Ver­äu­ße­rungs­ge­win­nen und ‑ver­lus­ten) aus ver­hält­nis­mä­ßig kurz­fris­ti­gen Wert­durch­gän­gen eines Wirt­schafts­guts im Pri­vat­ver­mö­gen des Steu­er­pflich­ti­gen der Ein­kom­men­steu­er zu unter­wer­fen [9], stellt es kei­nen Gestal­tungs­miss­brauch i.S. des § 42 AO dar, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge gleich­ar­ti­ge Wert­pa­pie­re unmit­tel­bar anschlie­ßend oder zumin­dest kurz­fris­tig nach deren Ver­äu­ße­rung zu unter­schied­li­chen Prei­sen wie­der­er­wirbt [10]. Inso­weit bewegt er sich mit sei­nen Dis­po­si­tio­nen ange­sichts der Schwan­kungs­brei­te bör­sen­no­tier­ter Wert­pa­pie­re und des dar­aus resul­tie­ren­den Kurs­ri­si­kos (Vola­ti­li­tät) im Rah­men der gesetz­li­chen Vor­ga­ben. Denn es steht in sei­nem Belie­ben [11], ob, wann und mit wel­chem Risi­ko er von ihm gehal­te­ne Wert­pa­pie­re ankauft, ver­kauft und danach wie­der kauft und ggf. wie­der ver­kauft. Inso­weit han­delt es sich bei dem Ver­kauf von Wert­pa­pie­ren und dem anschlie­ßen­den Wie­der­kauf gleich­ar­ti­ger Wert­pa­pie­re zu unter­schied­li­chen Ankaufs- und Ver­kaufs­prei­sen um eigen­stän­di­ge und damit sepa­rat zu beur­tei­len­de Vor­gän­ge, so dass der Ver­äu­ße­rungs­vor­gang nicht i.S. des § 42 Satz 2 AO eli­mi­niert wird [12].
Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 25. August 2009 – IX R 60/​07
FG Baden Würt­tem­berg, Urteil vom 01.08.2007 – 1 K 51/​06, EFG 2008, 54[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 24.11.1993 – X R 49/​90, BFHE 173, 107, BStBl II 1994, 591; vom 22.05.2003 – IX R 9/​00, BFHE 202, 309, BStBl II 2003, 712[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 16.12.2003 – IX R 46/​02, BFHE 204, 228, BStBl II 2004, 284, unter B.III.1.b[↩]
vgl. auch BFH, Beschluss vom 04.07.1990 – rS 1/​89, BFHE 160, 466, BStBl II 1990, 830, unter III.2.d bb[↩]
vgl. Werns­mann, in: Kirchhof/​Söhn/​Mellinghoff, EStG § 23 Rz F 27, 29[↩]
dazu BFH, Urtei­le vom 02.05.2000 – IX R 74/​96, BFHE 192, 88, BStBl II 2000, 469; vom 22.40.2008 – IX R 29/​06, BFHE 221, 97, BStBl II 2009, 296, unter II.1.c[↩]
BFH, Urtei­le vom 29.05.2008 – IX R 77/​06, BFHE 221, 231, BStBl II 2008, 789; vom 08.2007 – IX R 17/​07, BFH/​NV 2008, 426, m.w.N.[↩]
BFH, Urtei­le in BFHE 221, 231, BStBl II 2008, 789, und vom 17.12.2003 – IX R 56/​03, BFHE 205, 70, BStBl II 2004, 648, m.w.N.[↩]
s. BFH, Urteil vom 18.10.2006 – IX R 28/​05, BFHE 215, 202, BStBl II 2007, 259[↩]
gl.A. Werns­mann, a.a.O., § 23 EStG Rz A 72, F 29; s.a. FG Ham­burg, Urteil vom 09.07.2004 – VII 52/​02, EFG 2004, 1775; a.A. Schles­wig-Hol­stei­ni­sches FG, Urteil vom 14.09.2006 – 5 K 286/​03, EFG 2007, 192[↩]
vgl. BFH, Beschluss in BFHE 204, 228, BStBl II 2004, 284, unter B.III.2.; BFH, Urteil in BFHE 215, 202, BStBl II 2007, 259, unter II.2.b(1).[↩]
s.a. BFH, Urtei­le vom 24.06.2003 – IX R 2/​02, BFHE 202, 351, BStBl II 2003, 752, unter II.1.b bb, betr. Opti­ons­ge­schäf­te; vom 15.12.1999 – I R 29/​97, BFHE 190, 446, BStBl II 2000, 527, unter B.II.1.b bb, r.Sp., zum sog. Divi­den­den-Strip­ping bei tag­glei­chem An- und Ver­kauf[↩]
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