Source: https://www.bibb.de/datenreport/de/2016/41611.php
Timestamp: 2019-06-17 13:45:33
Document Index: 25469741

Matched Legal Cases: ['§\u200666', '§\u200642', '§\u200664', '§\u200666', '§\u200642', '§\u200664', '§ 66', '§ 42', '§\u2006100', '§ 66', '§ 42', '§ 104', '§ 122']

BIBB Datenreport / A4.4 Berufsstrukturelle Entwicklungen in der dualen Berufsausbildung
Im folgenden Kapitel werden berufsstrukturelle Entwicklungen innerhalb der dualen Berufsausbildung (nach BBiG und HwO) analysiert, wie sie im Rahmen von Dauerbeobachtungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) auf Basis der Berufsbildungsstatistik durchgeführt werden. Derartige Strukturentwicklungen sind hinsichtlich der Entwicklungsperspektiven des dualen Systems von Interesse (vgl. Uhly/Troltsch 2009) und ermöglichen zudem eine Abschätzung von Chancen für unterschied­liche Gruppen von Jugendlichen.109
Das Kapitel beschäftigt sich mit folgenden Berufsgruppierungen: Produktions- und Dienstleistungsberufe, technische Ausbildungsberufe, neue Ausbildungsberufe, zweijährige Ausbildungsberufe und Berufe nach Ausbildungsregelungen für Menschen mit Behinderung. Basis für die Analysen bildet die Berufsbildungsstatistik (Erhebung zum 31. Dezember vgl. in Kapitel A4.2), die sich besonders für die Betrachtung langfristiger Entwicklungen eignet. Außerdem erfasst die Berufsbildungsstatistik Merkmale, wie bspw. die allgemeinbildenden Schulabschlüsse der Auszubildenden, die mit den Daten zur Berufsstruktur verknüpft werden können.
Klassifizierung der Produktions- und Dienstleistungsberufe
Im Berichtsjahr 2012 wurde die Berufsbildungsstatistik auf die „Klassifikation der Berufe (KldB) 2010 der Bundesagentur für Arbeit (BA)“ umgestellt. Die Erhebungsberufe werden (bzgl. der ersten 5 Stellen) seither mit einer Berufskennziffer nach der KldB 2010 gemeldet, die die bislang verwendete KldB 1992 des Statistischen Bundesamtes ablöst.110 Bei der KldB 2010 handelt es sich um eine vollständige Neuentwicklung mit dem Ziel, die Berufslandschaft in Deutschland realitätsnah abzubilden (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2011). Somit entschied man sich mit der Einführung der KldB 2010 für einen bewussten Bruch mit den vorherigen nationalen Klassifikationen. Die Systematik baut auf anderen Merkmalen auf und ist so strukturiert, dass die Erstellung von Zeitreihen nicht ohne Brüche in den Datenreihen möglich ist.
Im Jahr 2016 (Berichtsjahr 2014 und rückwirkend) wurde die Systematik für die differenzierten Analysen nach Produktions- und Dienstleistungsberufen auf die KldB 2010 und die Berufsfeld-Definitionen des BIBB (Tiemann 2016) umgestellt: Im Rahmen der Berufsfeld-Definitionen des BIBB wurden auf Basis der KldB 2010 insgesamt 52 Berufsfelder ermittelt, die im weiteren Verlauf den drei Berufsoberfeldern „Produk­tionsberufe“, „primäre Dienstleistungsberufe“ und „sekun­däre Dienstleistungsberufe“ zugeordnet wurden. Entscheidendes Zuordnungskriterium war hierbei die in der Erwerbstätigenbefragung 2011/2012 und dem Mikrozensus 2011 erfragte Haupttätigkeit, die Erwerbstätige ausüben. Die Befragten sollten aus einer Liste von Tätigkeiten diejenige heraus­finden, die für ihre alltäg­liche Arbeit die größte Bedeutung hat. Für die einzelnen Berufe ergibt sich somit die Möglichkeit, die durchschnitt­liche Häufigkeit bestimmter Tätigkeiten zu bestimmen, wobei in den meisten Fällen eine Schwerpunkttätigkeit auszumachen war. Diese Tätigkeitsschwerpunkte auf der Ebene von Berufen (Berufsordnungen und -gruppen) wurden für die Bestimmung der Berufsfelder genutzt (für ausführliche Informationen siehe Tiemann 2016).
Folgende Tätigkeitsschwerpunkte sind entscheidend für die Zuordnung des Berufsfeldes zum jeweiligen Berufsoberfeld:
Maschinen, technische Anlagen oder Geräte einrichten, steuern, überwachen, warten
Anbauen, Züchten, Hegen, Ernten, Fischen
Abbauen/Fördern, Rohstoffe gewinnen
Fertigen, Be- und Verarbeiten, Bauen/Ausbauen, Installieren, Montieren
Reparieren, Renovieren, Instandsetzen, Ausbessern
Primäre Dienstleistungsberufe
Einkaufen/Verkaufen, Vermitteln, Kassieren
Ausführen von Schreib-, Rechen- und DV-Arbeiten, Buchen, Erstellen von Zeichnungen
Fahrzeuge führen, Packen, Beladen, Verladen, Sortieren, Zustellen
Sichern, Schützen, Be-/Überwachen
Sekundäre Dienstleistungsberufe
Werben, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit/PR
Management-, Leitungs- und Führungstätigkeiten
Gesetze/Vorschriften/Verordnungen anwenden, auslegen, Beurkunden
Gesundheitlich/Sozial helfen, Pflegen, Medizinisch/Kosmetisch behandeln
Als sekundäre Dienstleistungstätigkeiten werden Tätigkeiten zusammengefasst, die auch als „Kopf-“ oder „Wissensarbeit“ bezeichnet werden. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie „die industrielle Produktion qualitativ über die vermehrte Förderung und Nutzung des menschlichen Geistes, des „Humankapitals“, verbessern“ (Kauder 1990). Diese Berufsgruppe entspricht nicht der Berufsgruppe der wissensintensiven Berufe nach Tiemann (2010), der sowohl unter den Dienstleistungsberufen als auch den Produk­tionsberufen wissensintensive Berufe abgrenzt.
Aufgrund von Plausibilitätsüberlegungen in Anlehnung an die bereits früher angewandte Modifikation nach Hall (2007) (siehe hierzu auch BIBB-Datenreport 2015, Kapitel A4.4) weicht die letztendliche Abgrenzung in wenigen Fällen von der Zuordnung auf der Basis der BIBB-Berufsfelder ab. Dienstleistungskaufleute werden dort den primären Dienstleistungsberufen und hier den sekundären Dienstleistungsberufen zugeordnet. Außerdem werden in der Zuordnung nach den BIBB-Berufsfeldern die Berufe der Körperpflege (Friseur/-in und Kosmetiker/-in) unter den sekundären Dienstleistungsberufen erfasst, da sie in der Differenzierung auf 3-Steller-Ebene mit den Pflegeberufen in eine Gruppe fallen. Bei den Ausbildungsberufen, die in tieferer Gliederung differenziert werden können, werden die Körperpflegeberufe den primären Dienstleistungsberufen zugeordnet.
Außerdem werden wenige der Ausbildungsberufe für Menschen mit Behinderung, die aufgrund ihrer Berufskennziffer den sekundären Dienstleistungsberufen zugerechnet wurden, auf Basis der Tätigkeitsbeschreibungen hier bei den primären Dienstleistungsberufen erfasst.
Eine vollständige Liste der Produktions- und Dienstleistungsberufe findet sich unter https://www2.bibb.de/bibbtools/dokumente/xls/a21_dazubi_berufsliste-p-dl_2014.xls
Der Dienstleistungssektor hat seit den 1980er-Jahren in der Bundesrepublik Deutschland zunehmend die dominierende Rolle im Beschäftigungssystem übernommen (vgl. Walden 2007). Diese Entwicklung ist auch bei den Ausbildungsberufen des dualen Systems zu beobachten.111 Seit Mitte der 1990er-Jahre steigt der Anteil der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge (vgl. in Kapitel A4.3) in den Dienstleistungsberufen nahezu stetig bis zum Jahr 2010.112 Zwischen 2010 (62,6 %) und 2014 (61,6 %) ist der Anteil leicht rückläufig, befindet sich aber weiterhin auf hohem Niveau Tabelle A4.4-1. Damit lag der Dienstleistungsanteil in der dualen Berufsausbildung zwar immer noch unter dem der Beschäftigten in diesem Bereich, der 2014 73,9 % betrug. Nichtsdestotrotz zeigt auch die berufsstrukturelle Entwicklung in der dualen Berufsausbildung deutlich hin zur Dienstleistungs- und Wissensökonomie (vgl. Walden 2007), wobei primäre Dienstleistungsberufe im dualen System besonders stark vertreten sind. Unter den 10 insgesamt am stärksten besetzten Ausbildungsberufen im dualen System finden sich 5 primäre Dienstleistungsberufe, 2 sekundäre Dienstleistungsberufe und 3 Produktionsberufe.113 In den letzten Jahren ist der Anteil der primären Dienstleistungsberufe an allen neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen allerdings rückläufig (2010: 44,5 % vs. 2014: 41,9 %). Seit 2005 gewinnen dafür die sekundären Dienstleistungsberufe stetig an quantitativer Bedeutung, sodass inzwischen knapp ein Fünftel aller Neuabschlüsse in diesem Bereich getätigt werden (2007: 16,9 % vs. 2014: 19,8 %).
Bei einer geschlechtsspezifischen Betrachtung zeigt sich, dass Frauen im Jahr 2014 – wie auch in den Vorjahren – in den Dienstleistungsberufen (Frauenanteil: 57,6 %) überrepräsentiert sind. Auf der anderen Seite gilt Gleiches noch deutlich ausgeprägter für den Männeranteil in den Produktionsberufen (Männeranteil: 87,9 %). Betrachtet man die Entwicklung in den letzten 10 Jahren, wird deutlich, dass die Tertiarisierung nicht zum Nachteil der Männer verlaufen ist. Vielmehr ist der Männeranteil in den Dienstleistungsberufen allein von 2005 bis 2014 von 37,9 % auf 42,4 % gestiegen. Ähnlich gestaltet sich die Entwicklung bei einer genaueren Betrachtung der sekundären Dienstleistungsberufe. Langfristig ist hier bei den Frauen der Anteil der Neuabschlüsse rückläufig, bei den Männern ist dagegen eine deutliche Zunahme zu beobachten (Männeranteil 2005: 33,8 % vs. 2014: 38,2 %) Schaubild A4.4-1. Insgesamt haben sich also in den vergangenen Jahren bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Bereich der Dienstleistungsberufe die Anteilsverhältnisse deutlich zugunsten der Männer verschoben. Eine vergleichbar starke Anteilsverschiebung ist bei den Produk­tionsberufen nicht zu erkennen. Der Männeranteil ist hier in den letzten Jahren nur in geringem Maße zurückgegangen (Männeranteil 2005: 90,2 % vs. 2014: 87,9 %).
Tabelle A4.4-1: Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in Produktions- und Dienstleistungsberufen, Bundesgebiet 2005 bis 20141
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Schaubild A4.4-1: Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in Produktions- und Dienstleistungsberufen nach Geschlecht, Bundesgebiet 2005 bis 20141
Von 1980 bis zur Mitte der 1990er-Jahre war der Anteil der technischen Ausbildungsberufe im dualen System stark zurückgegangen. Im weiteren Verlauf zeigte die Modernisierung der dualen Berufsausbildung Mitte der 1990er-Jahre – insbesondere bei den Technikberufen – Erfolge, sodass bis zum Jahr 2001 steigende Anteile bei den technischen Ausbildungsberufen zu verzeichnen waren.
Die rückläufige Entwicklung bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen seit Beginn bis Mitte der 2000er-Jahre zeigte sich auch bei den Technikberufen. Dieser erneute Einbruch der Neuabschlusszahlen betraf die technischen Ausbildungsberufe sogar noch stärker als die dualen Ausbildungsberufe insgesamt (vgl. Uhly 2005 und 2007b). Nach einem Anstieg von 2006 bis 2008 waren die Neuabschlusszahlen in den Technikberufen in den darauffolgenden Jahren 2009 und 2010 erneut rückläufig. Im Jahr 2011 kam es dann zu einem starken Anstieg, auf den allerdings in den Jahren 2012 bis 2014 ein deutlicher Rückgang folgte.114
Es wird eine relativ breit gefasste Abgrenzung von technischen Ausbildungsberufen herangezogen. In der Fachliteratur findet sich keine einheitliche Definition der technischen Berufe. Die hier verwendete Berufsauswahl basiert auf der im Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit des Jahres 2002 (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2003, S. 12 ff.) zugrunde gelegten Abgrenzung (vgl. auch Troltsch 2004), die in 2 Einzelstudien (Uhly 2005 und 2007b) fortgeführt wurde. Technische Ausbildungsberufe sind demnach solche, deren Tätigkeits- und Kenntnisprofile hohe Technikanteile (z. B. hohe Anteile von Überwachen, Steuern von Maschinen, Anlagen, technischen Prozessen etc.) ergeben haben.
Eine vollständige Liste der technischen Ausbildungsberufe findet sich unter: https://www2.bibb.de/bibbtools/dokumente/xls/a21_dazubi_berufsliste-p-dl_2014.xls.
Im Berichtsjahr 2014 wurden 138.630 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in technischen Ausbildungsberufen gemeldet. Damit lag die Neuabschlusszahl nahezu auf dem Vorjahresniveau (2013: 138.675). Da die Gesamtzahl aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2014 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen ist, ist der Anteil der Technikberufe leicht gestiegen und befindet sich mit nunmehr 26,7 % auf dem Höchststand der letzten 20 Jahre Tabelle A4.4-2.
Im Vorjahresvergleich ist der Frauenanteil (12,1 %) in technischen Ausbildungsberufen nur geringfügig gestiegen. Er schwankt im langfristigen Zeitvergleich um die 12 % und befindet sich somit weiterhin auf niedrigem Niveau. Damit konnte der Frauenanteil in dieser Berufsgruppe trotz vielfältiger Maßnahmen zur Förderung der Ausbildung von Frauen in technischen Berufen nicht erhöht werden (vgl. hierzu auch Uhly 2007b, S. 22 ff.). Insgesamt scheinen hierfür die gravierenden Unterschiede in den Ausbildungswünschen zwischen Männern und Frauen aufgrund einer nach wie vor stark geschlechtsspezifisch geprägten Arbeitswelt, aber auch betriebliche Gründe im Rahmen von geschlechtsspezifischem Rekrutierungsverhalten eine Rolle zu spielen (Beicht/Walden 2014).
Neue Berufe in der dualen Berufsausbildung
Im folgenden Abschnitt werden die Entwicklungen bei den seit 1996 neu geschaffenen dualen Ausbildungsberufen thematisiert. Durch die Neuordnung von Ausbildungsberufen wurde seit 1996 die Modernisierung der dualen Berufsausbildung intensiviert. Diese Entwicklung wurde durch eine „Diskussion um die qualifikatorischen Konsequenzen aus den Entwicklungen in strategisch bedeutsamen Technologien, dem Sprung von der Industrie- zur Informations- und Wissensgesellschaft, der Globalisierung des Wirtschaftens und der damit verbundenen Umgestaltung der Arbeitsorganisation“ (Bundesinstitut für Berufsbildung 1998, S. 1) angestoßen. Im Jahr 1999 haben sich die Sozialpartner auf eine Fortführung dieser Modernisierungsoffensive geeinigt (Arbeitsgruppe Aus- und Weiterbildung 1999; Bundesministerium für Bildung und Forschung 2002, S. 26 ff.).
Von 1996 bis 2014 wurden 85 Ausbildungsberufe neu geschaffen. Die Anzahl der im Jahr 2014 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in diesen Berufen beläuft sich insgesamt auf 62.196, was einem prozentualen Anteil von 12,0 % an allen Neuabschlüssen entspricht Tabelle A4.4-3 Internet. Erneut am stärksten besetzt war darunter der 1997 neu eingeführte Beruf Fachinformatiker/-in mit 10.713 Neuabschlüssen, gefolgt von dem aus 1998 stammenden Beruf Mechatroniker/-in mit 7.485 Neuabschlüssen. Mit etwas Abstand und einem deutlichen Anstieg zum Vorjahr folgte der Ausbildungsberuf Automobilkaufmann/-kauffrau aus dem Jahr 1998 (2014: 4.242 vs. 2013: 3.873 Neuabschlüsse). Weitere quantitativ bedeutsame Ausbildungsberufe unter den seit 1996 neu geschaffenen Berufen waren Maschinen- und Anlagenführer/-in aus 2004 (3.519 Neuabschlüsse), Mediengestalter/-in für Digital- und Printmedien aus 1998 (3.246 Neuabschlüsse) sowie der Technische Produktdesigner/die Technische Produktdesignerin aus 2005 (2.571 Neuabschlüsse) und der Fahrzeuglackierer/die Fahrzeuglackiererin aus 2003 mit 2.319 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Berichtsjahr 2014.
Zu beobachten ist, dass unmittelbar nach Inkrafttreten der neuen Ausbildungsordnungen die Neuabschlusszahlen in der Regel vergleichsweise niedrig sind. Im weiteren Verlauf entwickeln sie sich dann in den einzelnen Berufen z. T. sehr unterschiedlich Tabelle A4.4-3 Internet. So wurden im Beruf Fachinformatiker/-in beispielsweise bei der Einführung 1997 zunächst 1.779 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen, im Berichtsjahr 2001 waren es jedoch bereits 10.506 Verträge. In den folgenden Jahren waren die Neuabschlusszahlen in diesem Beruf zunächst massiven Schwankungen unterworfen und haben sich in den Jahren 2012 bis 2014 auf dem hohen Niveau von 2001 eingependelt. Beim Beruf Mechatroniker/-in sind die Neuabschlusszahlen hingegen ohne derart starke Schwankungen relativ kontinuierlich seit der Einführung des Berufs im Jahr 1998 von 1.311 auf nunmehr 7.485 Verträge im Berichtsjahr 2014 gestiegen. Dennoch waren auch hier – wie in vielen anderen Berufen – die Einflüsse der wirtschaftlichen Krisensituation um die Jahre 2009 und 2010 erkennbar. Andere Berufe wie z. B. der 1997 eingeführte Beruf Fertigungsmechaniker/-in wiesen nach einer ersten Phase des Vertragszuwachses über viele Jahre wieder rückläufige Neuabschlusszahlen auf.
Insgesamt bleibt aber ein Großteil der neuen Ausbildungsberufe auch nach einigen Jahren vergleichsweise gering besetzt. Die Konzentration auf wenige Ausbildungsberufe ist allerdings kein Spezifikum der neuen Ausbildungsberufe, sondern im gesamten System der dualen Berufsausbildung zu beobachten. So findet sich im Jahr 2014 in den 20 am stärksten besetzten Berufen mehr als die Hälfte (54,7 %) aller Jugendlichen mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag.
Tabelle A4.4-2: Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge in technischen Ausbildungsberufen, Bundesgebiet 1980 und 1993 bis 20141, 2, 3
Die Anzahl der zweijährigen Ausbildungsberufe wurde seit den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts durch Aufhebung, Integration oder Umwandlung in dreijährige Berufe deutlich reduziert. Allerdings wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder verstärkt versucht, über zweijährige115 („theoriegeminderte“) Ausbildungsberufe ein zusätzliches Ausbildungsplatzangebot zu schaffen und insbesondere die Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche mit schlechten Startchancen zu verbessern (Kath 2005; Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005). Das Potenzial dieser Berufe zur Verbesserung der Chancen von Jugendlichen wurde allerdings in der bildungspolitischen Debatte der letzten Jahre kontrovers diskutiert (vgl. Uhly/Kroll/Krekel 2011, S. 5 f.).
2014 wurden in den staatlich anerkannten Ausbildungs­berufen (bzw. Ausbildungsberufen in Erprobung) mit einer Ausbildungsdauer von maximal 24 Monaten insgesamt 44.355 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen. Damit lag der Anteil der Neuabschlüsse in zweijährigen Ausbildungsberufen an allen Neuabschlüssen mit 8,7 % auf dem Vorjahresniveau (2013: 8,7 %). Der insgesamt rückläufige Trend ist seit 2010 zu beobachten, wo der entsprechende Anteil bundesweit noch bei 9,6 % lag Tabelle A4.4-4.116 Zum Vergleich lag der Anteil zweijähriger Ausbildung in den alten Ländern in den 1980er-Jahren mit 13,7 % noch deutlich höher. Mit dem Wegfall von sogenannten gestuften Ausbildungen in den Elektroberufen im Jahr 1987 war deren Anteil bis Mitte der 1990er-Jahre auf rund 3 % gesunken.
Bei einer regionalen Differenzierung zeigt sich, dass in Westdeutschland der Anteil der zweijährigen Ausbildungsberufe mit 8,3 % auch im Jahr 2014 erneut deutlich geringer ausfiel als in Ostdeutschland mit 11,1 %. In diesem Zusammenhang sei allerdings erwähnt, dass es in den letzten Jahren zu einer Annäherung gekommen ist. Während der Anteil zweijähriger Berufe in Westdeutschland seit 2009 (8,5 %) kaum verändert ist, kommt es in Ostdeutschland in diesem Zeitraum zu einem stetigen Anteilsrückgang von insgesamt 3 Prozentpunkten (2009: 14,1 % vs. 2014: 11,1 %). Für diesen Rückgang mitverantwortlich ist die Gegebenheit, dass insbesondere in Ostdeutschland zweijährige Ausbildungsgänge häufig überwiegend öffentlich finanziert wurden (vgl. Uhly/Kroll/Krekel 2011) und die Bereitstellung solcher Plätze in den letzten Jahren rückläufig war. Insgesamt ist die stärkere Bedeutung der öffentlichen Finanzierung historisch und mit dem Aufbau der Wirtschaft in Ostdeutschland nach der Wende begründet (vgl. Granato/Ulrich 2013). Seit Beginn der 1990er-Jahre gehören damit außerbetriebliche Ausbildungsplatzprogramme für „marktbenachteiligte“ Jugendliche zum Kernstück der Ausbildungsförderung in Ostdeutschland (Berger/Braun/Drinkhut/Schöngen 2007).
Auch im Berichtsjahr 2014 war der Beruf Verkäufer/-in mit 24.681 Neuabschlüssen der am stärksten besetzte zweijährige Beruf. Über die Hälfte (55,6 %) aller Neuabschlüsse in zweijährigen Berufen wurden hier abgeschlossen. Mit großem Abstand folgten die Berufe Fachlagerist/-in (5.523 Neuabschlüsse), Maschinen- und Anlagenführer/ -in (3.456 Neuabschlüsse), Fachkraft im Gastgewerbe (2.088 Neuabschlüsse) und Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen (1.284 Neu­abschlüsse).
Nahezu alle Jugendlichen, die im Jahr 2014 in einem zweijährigen Ausbildungsberuf einen Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben, befanden sich in einem Beruf, dessen Ausbildungsordnung die Möglichkeit der Anrechnung der Ausbildung in einem i. d. R. drei- bzw. dreieinhalbjährigen Ausbildungsberuf vorsieht.117 Die Berufsbildungsstatistik erfasst allerdings nicht, ob die Ausbildung nach Abschluss der zweijährigen Berufsausbildung auch wirklich fortgeführt wird. Für derartige Analysen und die Ermittlung echter Ausbildungsverläufe wären Verlaufsdaten (z. B. ermöglicht durch eine zeitinvariante Personennummer für die Auszubildenden) notwendig. Es wird jedoch seit dem Berichtsjahr 2008 die Zahl der Anschlussverträge ermittelt.118 Setzt man die Zahl der Anschlussverträge mit den Absolventen und Absolventinnen einer zweijährigen Ausbildung in Beziehung, erhält man näherungsweise den Anteil derer, die eine zweijährige Ausbildung in einem dualen Ausbildungsberuf fortführen. Im Berichtsjahr 2014 waren dies rd. ein Viertel der Absolventen und Absolventinnen einer zweijährigen Ausbildung. Weiterführende Analysen zu zweijährigen Berufen auf Basis der Berufsbildungsstatistik sowie der BIBB-Erhebung über neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zum 30. September für das Berichtsjahr 2009 ergaben, dass der Fortführungsanteil innerhalb der einzelnen zweijährigen Berufe deutlich variiert, jedoch in keinem Beruf über 50 % liegt (vgl. Uhly/Kroll/Krekel 2011).
Analysen zu den Strukturmerkmalen der Auszubildenden haben gezeigt, dass sich in zweijährigen Berufen überwiegend Auszubildende mit niedrigeren Schulabschlüssen – und damit die primäre Zielgruppe – befinden. Dies sind häufig Jugendliche, denen der Übergang in eine drei- bzw. dreieinhalbjährige Ausbildung nicht ohne Weiteres gelingt und denen der Einstieg ins berufliche Leben über eine theoriegeminderte zweijährige Ausbildung ermöglicht werden soll. Bezüglich der Potenziale zweijähriger Berufe zur Verbesserung der Chancen auf einen erfolgreichen Ausbildungsabschluss für Jugendliche mit geringeren Bildungsvoraussetzungen kann man auf Basis der Berufsbildungsstatistik keine Schlussfolgerung ziehen. Es konnte aber festgestellt werden, dass der Ausbildungserfolg ungünstiger ausfällt als in den übrigen dualen Ausbildungsberufen. Eine systematische Aufbereitung der Daten zu den zweijährigen Ausbildungsberufen findet man in Uhly/Kroll/Krekel (2011). Der Beitrag enthält umfassendes Datenmaterial in tiefer regionaler und beruflicher Gliederung.
Tabelle A4.4-4: Anteil der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in zweijährigen Ausbildungsberufen an allen Neuabschlüssen, Westdeutschland, Ostdeutschland und Bundesgebiet 1993 bis 20141, 2
Im Jahr 2014 wurden in den Berufen für Menschen mit Behinderung (§ 66 BBiG und § 42m HwO) insgesamt 9.588 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen. Damit kam es zu einem recht deutlichen Rückgang gegenüber dem Vorjahr von 6,2 %. Der Anteil an allen Neuabschlüssen lag bundesweit bei 1,8 % und war damit im Vergleich zum Vorjahr (2013: 1,9 %) nahezu unverändert.
Deutliche regionale Unterschiede zeigen sich auch hier. Verglichen mit Westdeutschland war der Anteil der Neuabschlüsse in den Berufen für Menschen mit Behinderung in Ostdeutschland im gesamten Beobachtungszeitraum mehr als doppelt so hoch, in einigen Berichtsjahren sogar mehr als dreimal so hoch wie in Westdeutschland (so z. B. im Jahr 2002 Westdeutschland: 1,7 % vs. Ostdeutschland: 5,3 %) Tabelle A4.4-5.
Duale Ausbildungsberufe für Menschen mit Behinderung
Im Regelfall sollen „behinderte Menschen … in anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet werden“ (§ 64 BBiG). Nur wenn aufgrund der Behinderung eine Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf nicht infrage kommt, sollen Menschen mit Behinderung nach besonderen Regelungen ausgebildet werden. Bei diesen Ausbildungsberufen handelt es sich um Berufe mit speziellen Ausbildungs­regelungen der zuständigen Stellen (§ 66 BBiG bzw. § 42m HwO) (vgl. Kapitel A4.1.4).
Bei den Daten der Berufsbildungsstatistik ist zu beachten, dass kein personenbezogenes Merkmal zur Behinderung erhoben wird. Erfasst wird lediglich, ob es sich bei den jeweiligen Meldungen der Ausbildungsverträge um staatlich anerkannte Ausbildungsberufe (bzw. duale Ausbildungsberufe in Erprobung) oder um Ausbildungsgänge gemäß einer Regelung der zuständigen Stellen für Menschen mit Behinderung handelt.
Trotz der Tatsache, dass diese Ausbildungsregelungen ausschließlich für Menschen mit Behinderung vorgesehen sind, legen die zwischenzeitliche Bedeutungszunahme dieser Berufe sowie die erheblichen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland die Vermutung nahe, dass solche Regelungen auch als Problemlösungsstrate­gien dienen, um Jugendliche trotz Ausbildungsplatzmangel mit Ausbildungsplätzen zu versorgen. Dieses Vorgehen ist auch schon lange bekannt bei Maßnahmen und Ausnahmeregelungen für Benachteiligte oder Lernbeeinträchtigte (vgl. Ulrich 1998).
Methodisch ist insgesamt bei dieser Thematik zu beachten, dass die tatsächliche Ausbildungssituation von Menschen mit Behinderung im dualen System auf Basis der Berufsbildungsstatistik nicht abgebildet werden kann, denn ein personenbezogenes Merkmal zu einer vorliegenden Behinderung von Auszubildenden ist in dieser Erhebung nicht vorhanden. Erfasst wird lediglich, ob es sich bei einem Beruf um eine Berufsausbildung nach entsprechender Kammerregelung für Menschen mit Behinderung handelt. Die Angaben zu Verträgen, die nach Kammerregelungen der zuständigen Stellen für Menschen mit Behinderung abgeschlossen wurden, decken nicht alle Verträge behinderter Menschen im dualen System ab. Das BBiG sieht die Ausbildung in staatlich anerkannten Ausbildungsberufen auch für Menschen mit Behinderung als Regelfall vor (§ 64 BBiG).
Tabelle A4.4-5: Anteil der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Berufen für Menschen mit Behinderung, Bundesgebiet, West- und Ostdeutschland 1993 bis 2014, in % der Neuabschlüsse1, 2
Tabelle A4.4-6: Staatlich anerkannte Ausbildungsberufe und Ausbildungsregelungen der zuständigen Stellen für Menschen mit Behinderung (§ 66 BBiG/§ 42m HwO) nach Art der Förderung, Berichtsjahr 2014
Ein Hinweis darauf, dass Menschen mit Behinderung auch in den staatlich anerkannten dualen Ausbildungsberufen ausgebildet werden, ergibt die Auswertung nach Art der überwiegend öffentlichen Förderung. Im Berichtsjahr 2014 wurden rund 2.337 Ausbildungsverhältnisse in staatlich anerkannten Berufen außerbetrieblich „nach §§ 100 Nr. 3, 235a und 236 SGB III (außerbetrieb­liche Ausbildung für Menschen mit Behinderung – Reha)“ gefördert Tabelle A4.4-6. Stark besetzte Berufe waren hier: Verkäufer/-in, Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement und Fachlagerist/-in. Doch ist auch hierbei zu beachten, dass es sich nicht um eine vollständige Abgrenzung des Personenkreises der Menschen mit Behinderung in dualer Berufsausbildung handelt. Denn es muss nicht zwingend eine überwiegend öffentliche Finanzierung vorliegen. Selbst in den Ausbildungsberufen für Menschen mit Behinderung werden nicht alle Ausbildungsverhältnisse überwiegend öffentlich gefördert. Unter den Verträgen, die nach entsprechenden Kammerregelungen der zuständigen Stellen erfolgten, wurden mehr als ein Drittel (36,3 %) überwiegend betrieblich finanziert. Um wirklich belastbare Aussagen zur Situation von Auszubildenden mit Behinderung im dualen System treffen zu können, ist die Durchführung gesonderter Stichproben­erhebungen erforderlich (vgl. Gericke/Flemming 2013).
Zu Ausbildungschancen von Jugendlichen mit Hauptschulabschluss im Kontext berufsstruktureller Entwicklungen siehe Uhly 2010.
Vgl. http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Grundlagen/Klassifikation-der-Berufe/KldB2010/KldB2010-Nav.html.
Zum berufsstrukturellen Wandel in der dualen Berufsausbildung siehe auch Uhly 2007a.
Für eine längere Zeitreihe seit 1980 auf Basis der alten Systematik für die Gliederung nach Produktions- und Dienstleistungsberufen siehe BIBB-Datenreport 2015, Kapitel A4.4.
Primäre Dienstleistungsberufe:Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel, Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement, Verkäufer/-in, Industriekaufmann/-kauffrau, Kaufmann/Kauffrau im Groß- und Außenhandel.
Sekundäre Dienstleistungsberufe: Medizinische/-r Fachangestellte/-r, Bankkaufmann/-kauffrau.
Produktionsberufe: Kraftfahrzeugmechatroniker/-in, Industriemechaniker/-in, Elektroniker/-in.
Zur vollständigen Zeitreihe ab 1993 bis 2008 vgl. BIBB-Datenreport 2010, Kapitel A5.4.
Innerhalb des dualen Systems machen die dreijährigen Ausbildungsberufe den größten Anteil aus (vgl. Kapitel A4.1.2). Neben den zweijährigen Ausbildungsberufen bestehen – insbesondere im Bereich der Metall- und Elektroberufe – auch Ausbildungsberufe, deren Ausbildungsordnungen eine Ausbildungsdauer von 42 Monaten vorsehen (dreieinhalbjährige Ausbildungsberufe). Das BIBB hat auch zu den dreieinhalbjährigen Ausbildungsberufen Sonderanalysen auf Basis verschiedener Statistiken und Erhebungen durchgeführt (vgl. Frank/Walden 2012).
Alle Werte zu den zweijährigen Ausbildungsberufen beziehen sich ausschließlich auf die staatlich anerkannten dualen Ausbildungsberufe und die dualen Ausbildungsberufe in Erprobung; die Berufe nach Ausbildungsregelungen für Menschen mit Behinderung (nach § 66 BBiG bzw. § 42m HwO) sind nicht einbezogen.
Nicht einbezogen sind die dualen Berufe für Menschen mit Behinderung. Ebenfalls nicht als Anschlussverträge berücksichtigt waren in der Vergangenheit die Fortführungen im 2013 aufgehobenen Beruf „Teilezurichter/-in“. Grund dafür war, dass die Definition für Anschlussverträge nur solche berücksichtigt, bei denen die Fortführung in der Ausbildungsordnung geregelt ist. Für den aus dem Jahr 1939 stammenden Beruf lag jedoch keine bundeseinheitliche Ausbildungsordnung vor. Es handelte sich hierbei um einen Beruf nach § 104 Absatz 1 BBiG bzw. § 122 Absatz 4 HwO. Bei dem Nachfolger „Fachkraft für Metalltechnik“ ist die Fortführung in der Ausbildungsordnung geregelt.
Sie wird als Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in potenziellen Fortführungsberufen mit einer entsprechend kürzeren Vertragsdauer und dem Vorliegen einer vorherigen abgeschlossenen dualen Berufsausbildung der Auszubildenden berechnet. Der ermittelte Wert kann lediglich als Höchstwert betrachtet werden und dabei eine Überschätzung darstellen (vgl. Uhly 2011). Zu den unterschiedlichen Arten von Neuabschlüssen siehe Kapitel A4.3.