Source: https://www5.in.tum.de/lehre/seminare/math_nszeit/SS03/vortraege/goett/gesetze.html
Timestamp: 2019-01-22 09:40:08
Document Index: 41047657

Matched Legal Cases: ['§3', '§2', '§3', '§4', '§5', '§6', '§3', '§3', '§4', '§4', '§3', '§3', '§6']

Mathematik in Göttingen
Der Umbruch in Deutschland und dessen Folgen
ab 1931 größte wirtschaftliche und politische Probleme
große Zersplitterung der Parteien
Straßenkämpfe in Berlin und anderen Städten, Regierung mit Notverordnungen
30.Januar 1933: Machtergreifung Hitlers
die Situation in Deutschland verschärft sich, angeheizt, durch die NS-Propaganda, zusehends
10. Mai 1933: Bücherverbrennung in Göttingen
die nationalsozialistische Ideologie räumt der Mathematik nur eine Randstellung ein:
Auszug aus Hitlers "Mein Kampf":
"Der völkische Staat hat ... seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung."
Saunders MacLane, damals amerikanischer Student in Göttingen, schreibt:
- bei seiner Ankunft in Berlin:
"... There communists and social democrats competed with Nazi storm troopers (the SA)."
- über seine Vermieterin:
"There my landlady regularly provided me evening tea and talk; I rapidly discovered that two weeks of propaganda had converted her from mild conservative views to ardent Nazi discipleship."
Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (BBG):
tritt am 7. April 1933 in Kraft
mit dem "Arier"-Paragraphen §3 ist es das erste von den Nationalsozialisten erlassene Judengesetz
liefert verschiedene Entlassungsgründe:
§2: wegen politischer Unzuverlässigkeit
§3: gegen nicht-arische Beamte
§4: wegen fehlender Garantie, "jederzeit rückhaltlos für den Nationalen Staat einzutreten"
§5: zur Herabstufung und/oder Versetzung
§6: Versetzung in den Ruhestand zur Vereinfachung der Verwaltung
dieses Gesetz wurde genutzt, um Dozenten und Professoren zu entlassen oder in den Ruhestand zu zwingen, die entweder jüdischer Abstammung waren, oder deren Regimetreue nicht feststand
Ausnahme von §3: "Nicht-Arier", die entweder schon vor August 1914 Beamte oder Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg waren, wurden von §3 ausgenommen.
eine ebenfalls diskutierte Ausnahmeregelung für "hervorragende Wissenschaftler" kam aus unbekannten Gründen nicht zu stande.
obwohl §4 nicht sehr oft angewendet wurde, sparte das Erziehungsministerium aber nicht mit Verweisen auf diese Kann-Bestimmung
§4 schwebte damit wie ein Damoklesschwert über so manchem Mathematikerkopf und hatte eine große einschüchternde Wirkung
Die Zerstörung des Göttinger Mathematischen Instituts:
Zerstörung des Mathematischen Instituts in weniger als 8 Monaten, zwischen April und November 1933
von Interesse nicht nur wegen der überragenden Bedeutung Göttingens als mathematisches Zentrum, sondern auch wegen der Schnelligkeit und Vollständigkeit der Zerstörung
keiner der Göttinger Ordinarien war von §3 bedroht
Felix Bernstein und Edmund Landau waren Altbeamte
Richard Courant war Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg gewesen
Gustav Herglotz (der einzige Ordinarius am Institut, der 1933 nicht Göttingen verließ) und Hermann Weyl waren nicht jüdischer Abstammung
Bernstein, Courant und Emmy Noether wurden schon sehr bald und per Telegramm "bis zur endgütigen Entscheidung auf Grund des Beamtengesetztes" beurlaubt.
das mathematische Institut galt als "Hochburg des Marxismus"
um nationalsozialistischen Studenten und der politischen Basis in Göttingen zuvorzukommen und um die Lage unter Kontrolle zu halten, handelten die Behörden so schnell
Courant wird in Zeitungsberichten von damals als "bekannter Sozialist" bezeichnet
Bernstein war zeitweise stellvertretender Vorsitzender der linksliberalen Göttinger Deutschen Demokratischen Partei (DDP)
Hilbert engagierte sich ebenfalls für die DDP
Emmy Noether war in der frühen Weimarer Republik politisch aktiv und galt 1933 als Marxistin oder Kommunistin, sie wurde dann nach §3 entlassen
Bernstein befand sich zu der Zeit in den USA; als klar war, daß er nicht zurückkehren würde, wurde er nach §6 entlassen
Courant gab dem politischen Druck nach und bat 1934 um seine Emeritierung
Hermann Weyl hätte bleiben können, den Scherbenhaufen des Instituts vor Augen ging er aber 1933 nach Princeton
Edmund Landau wurde das Opfer eines studentischen Boykotts und wurde 1933 in den Ruhestand versetzt
einzig verbliebener war zunächst Herglotz, wurde aber im Januar 1934 von Weber, ein früherer Schüler Emmy Noethers und Assistent Landaus, der streng nationalsozialistisch dachte, abgelöst
MacLane in einem Brief nach Hause:
"So many professors and instructors have been fired or have left that the mathematics department is pretty thoroughly emasculated. It is rather hard on mathematics, and we have but the cold comfort that it is the best thing for the Volk."
nachdem das Mathematische Institut all seine brillianten Köpfe verloren hatte, konnte es in den folgenden Jahren nicht mehr an seine alten Traditionen anknüpfen
andere Universitäten, allen voran Princeton in den USA, werden zum Anziehungspunkt hochkarätiger Wissenschaftler
Deutschland geht dadurch großes Potential verloren, mehr noch als nur der gute Ruf der wissenschaftlichen Ausbildung
doch natürlich hatte Mathematik für Hitlers Regime auch praktische Bedeutung, etwa in der Flugzeugtechnologie
gearbeitet wurde dazu meist in direkt einem Ministerium (etwa Reichsluftfahrtministerium) unterstehenden Forschungsgruppen außerhalb der Universitäten
so gab es immerhin viele und bedeutende Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der angewandten Mathematik
in ganz Deutschland geht in den Jahren 1932 bis 1939 die Zahl der Mathematikstudenten von 4245 auf 306 zurück
kaum ein anderes Fach war so stark betroffen
Gründe dafür waren einerseits die geburtenschwachen Jahrgänge in Folge des Ersten Weltkriegs und die Altersverögerung durch Arbeits- und Wehrdienst aber auch die Unattraktivität des Mathematikstudiums im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie
Ironie: geradezu idyllisches Zahlenverhältnis Lehrkräfte - Studenten
Als der Nazi-Kultusminister Rust anlässlich eines Festessens, das die Uni Göttingen für ihn gab, David Hilbert fragte, ob das weltberühmte mathematische Institut durch die "Arier-Gesetzgebung" personell wirklich gelitten habe, antwortete er: "Jelitten? Nee, Herr Minister, dat jibt es jar nicht mehr..."