Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/19ige-salzwasser-schwebebaeder-346800
Timestamp: 2020-01-17 20:09:23
Document Index: 274170880

Matched Legal Cases: ['§ 12', '§ 12', '§ 12', 'Art. 98', 'Art. 12', 'Art. 132', '§ 53', 'EuG']

19%ige Salz­was­ser-Schwe­be­bä­der | Rechtslupe
19%ige Salzwasser-Schwebebäder
19%ige Salz­was­ser-Schwe­be­bä­der
Das soge­nann­te Floa­ten – Salz­was­ser-Schwe­be­bä­der in spe­zi­el­len Kap­seln (sog. Floa­ting – Tanks) – unter­liegt dem Regel­steu­er­satz nach § 12 Abs. 1 UStG und nicht dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz nach § 12 Abs. 2 Nr. 9 UStG, soweit nicht der Nach­weis erbracht wird, dass die Leis­tung im Rah­men einer medi­zi­ni­schen Heil­be­hand­lung erbracht wird.
Die Steu­er beträgt grund­sätz­lich für jeden steu­er­pflich­ti­gen Umsatz 19% der Bemes­sungs­grund­la­ge. Der Steu­er­satz ermä­ßigt sich auf 7% u.a. für Umsät­ze, die unmit­tel­bar mit dem Betrieb von Schwimm­bä­dern ver­bun­den sind, und für Umsät­ze aus der Ver­ab­rei­chung von Heil­bä­dern (§ 12 Abs. 2 Nr. 9 UStG).
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs sind die Bestim­mun­gen, die Aus­nah­men von einem all­ge­mei­nen Grund­satz dar­stel­len, eng aus­zu­le­gen 1. Zudem kön­nen die ermä­ßig­ten Steu­er­sät­ze nach Art. 98 Abs. 2 der Mehr­wert­steu­er­sys­tem­richt­li­nie 2006/​112/​EG 2 (vgl. Art. 12 Abs. 3 Buchst. a Sechs­te Umsatz­steu­er-Richt­li­nie 77/​388/​EWG 3) nur auf Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den und Dienst­leis­tun­gen im Sin­ne des Anhangs III zu die­ser Richt­li­nie ange­wandt wer­den 4. Zu die­sen Dienst­leis­tun­gen zäh­len nach Kate­go­rie 17 des Anhangs III medi­zi­ni­sche Ver­sor­gungs­leis­tun­gen und zahn­ärzt­li­che Leis­tun­gen sowie Ther­mal­be­hand­lun­gen, soweit sie nicht nach Art. 132 der Mehr­wert­steu­er­sys­tem­richt­li­nie steu­er­be­freit sind.
Die Ther­mal­be­hand­lung muss im Rah­men einer medi­zi­ni­schen Heil­be­hand­lung erfol­gen; sie muss Heil­zwe­cken die­nen. Das folgt aus dem Wort­laut Thermal"behandlung" und aus deren Gleich­set­zung in Kate­go­rie 17 des Anhangs III der Mehr­wert­steu­er­sys­tem­richt­li­nie mit "medi­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­leis­tun­gen" und "zahn­ärzt­li­chen Leis­tun­gen". Dem­entspre­chend muss die Ver­ab­rei­chung eines Heil­bads der Behand­lung einer Krank­heit oder einer ande­ren Gesund­heits­stö­rung und damit dem Schutz der mensch­li­chen Gesund­heit die­nen 5. Dies folgt auch aus dem Zweck der Norm. Die Steu­er­ermä­ßi­gung wur­de 1967 aus gesund­heits­po­li­ti­schen Moti­ven in das UStG auf­ge­nom­men 6.
Es reicht nicht, wenn die Leis­tung „ihrer Art nach“ eine medi­zi­ni­sche Heil­be­hand­lung ist, soweit sie gleich­zei­tig im Well­ness­be­reich und zur Stei­ge­rung des all­ge­mei­nen Wohl­be­fin­dens genutzt wer­den kann 7. Zwar ver­tritt die Finanz­ver­wal­tung in Abschnitt 12.11 Abs. 4 UStAE die Auf­fas­sung, dass bei der Ver­ab­rei­chung von Heil­bä­dern, die ihrer Art nach all­ge­mei­nen Heil­zwe­cken die­nen, es nicht erfor­der­lich sei, dass im Ein­zel­fall ein bestimm­ter Heil­zweck nach­ge­wie­sen wird. Die­ser Auf­fas­sung hat der BFH jedoch aus­drück­lich wider­spro­chen. Der ermä­ßig­te Steu­er­satz kön­ne jeden­falls in Bezug auf die Nut­zung einer Sau­na nur in Anspruch genom­men wer­den, wenn der Sau­na­be­such ärzt­lich ver­ord­net wor­den sei 8. Die­ser Auf­fas­sung des BFH schließt sich der Senat in Bezug auf das Floa­ting an. Es ist kein sach­ge­rech­ter Grund für eine unter­schied­li­che Behand­lung des Floa­ting und der Nut­zung einer Sau­na ersicht­lich. Eine Abgren­zung in jedem Ein­zel­fall ent­spricht auch dem Zweck des Geset­zes. Gesund­heits­po­li­ti­sche Zie­le kön­nen nur dann erreicht wer­den, wenn die Leis­tung vom Leis­tungs­emp­fän­ger tat­säch­lich aus medi­zi­ni­schen Grün­den in Anspruch genom­men wird.
Floa­ting kann eben­so wie die Sau­na aus medi­zi­ni­schen Grün­den oder zur Erho­lung genutzt wer­den. Floa­ting-Tanks wer­den sowohl in der Medi­zin (ins­be­son­de­re Sport­me­di­zin) als auch in Well­ness­be­rei­chen genutzt. Dem­entspre­chend ist ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob die Kun­den aus­schließ­lich zur Erho­lung oder aus gesund­heit­li­chen Grün­den das Floa­ting nut­zen.
Vom Floa­ting geht kei­ne all­ge­mein (in jedem Fall) heil­sa­me Wir­kung aus. Laut Gut­ach­ten vom 21.07.2011 ist Floa­ting eine the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­me, wenn eine medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on vor­liegt. Andern­falls kann es auch aus­schließ­lich zu Erho­lungs­zwe­cken genutzt wer­den.
Die Klä­ge­rin ist der Auf­fas­sung, eine Viel­zahl inter­na­tio­na­ler Stu­di­en habe erge­ben, dass eine all­ge­mein heil­sa­me Wir­kung durch das Floa­ting ent­fal­tet wer­de. Die von ihm vor­ge­leg­ten „Über­sich­ten zu For­schungs­ar­bei­ten“, Auf­sät­ze und Stel­lung­nah­men stel­len jedoch jeweils dar­auf ab, dass der Kun­de unter einer Krank­heit oder Gesund­heits­stö­rung lei­de und die­se gemil­dert oder geheilt wer­den kön­ne. Es mag zwar sein, dass die gro­ßen Zivi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten wie Stress­sym­pto­me und Rücken­lei­den jeweils durch das Floa­ting gemil­dert wer­den kön­nen; es kann aber nicht unter­stellt wer­den, dass jeder Kun­de unter einer die­ser Krank­hei­ten lei­det. Hier­für trägt die Klä­ge­rin die Beweis- und Fest­stel­lungs­last.
Es ist nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, ob der Nach­weis in jedem Ein­zel­fall unter­blei­ben kann, wenn Floa­ting in der Regel als medi­zi­ni­sche Heil­be­hand­lung genutzt wer­den wür­de. In der Regel bedeu­tet, dass in der Mehr­zahl der Fäl­le die Nut­zung aus medi­zi­ni­schen Grün­den erfolgt. Die­sen Nach­weis hat die Klä­ge­rin nicht erbracht.
Floa­ting kann auch nicht mit aner­kann­ten Ther­mal­quel­len ver­gli­chen wer­den. Heil­quel­len sind natür­lich zu Tage tre­ten­de oder künst­lich erschlos­se­ne Was­ser- oder Gas­vor­kom­men, die auf Grund ihrer che­mi­schen Zusam­men­set­zung, ihrer phy­si­ka­li­schen Eigen­schaf­ten oder der Erfah­rung nach geeig­net sind, Heil­zwe­cken zu die­nen (§ 53 Was­ser­haus­halts­ge­setz Baden-Würt­tem­berg ‑WHG-). Ihre Aner­ken­nung als staat­lich aner­kann­te Heil­was­ser setzt ein Ver­wal­tungs­ver­fah­ren nach dem Heil­quel­len­recht des jewei­li­gen Bun­des­lan­des vor­aus. In die­sem Ver­fah­ren wird über­prüft, ob das Was­ser nach medi­zi­ni­schen Erkennt­nis­sen die erfor­der­li­che nach­weis­ba­re the­ra­peu­ti­sche Wir­kung ent­fal­tet 9. Bei einer auf­grund die­ses Prüf­ver­fah­rens aner­kann­ten Heil­quel­le kann in der Regel davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass von der Nut­zung der Ther­mal­quel­len eine all­ge­mein the­ra­peu­ti­sche Wir­kung aus­geht.
Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 23. Juli 2012 – 9 K 2780/​09
vgl. EuGH, Urteil vom 18.01.2001 – C‑83/​99 [Kommission/​Spa­ni­en], Slg. 2001, I‑445, UR 2001, 210 RdNr.19[↩]
BFH, Urteil vom 12.05.2005 – V R 54/​02, BFHE 209, 171, BSt­Bl II 2007, 283[↩]
vgl. BMF, Bericht über die Anwen­dung des ermä­ßig­ten Umsatz­steu­er­sat­zes vom 30.10.2007, UR 2007, 927 – 932; BT-Drucks. 17/​2290 vom 28.06.2010, Zif­fer 3.14[↩]
vgl. BFH vom 12.05.2005 – V R 57/​02, BFHE 209 171, BSt­Bl II 2007, 283 Rz. 44[↩]
vgl. BFH Beschluss vom 24.04.2008 – XI B 231/​07, BFH/​NV 2008, 1370 – 1371, Rz. 6[↩]
vgl. Deut­sche Heil­bä­der­ver­band e.V. Begriffs­be­stim­mun­gen – Qua­li­täts­stan­dards für die Prä­di­ka­ti­sie­rung von Kur­or­ten Sei­te 58, Kom­men­tier­te Fas­sung Mai 2005, 12. Auf­la­ge[↩]
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