Source: https://www.flugrechte.eu/3288/muss-condor-oder-thomas-cook-airlines-entsch%C3%A4digung-zahlen
Timestamp: 2018-11-12 20:41:31
Document Index: 194661668

Matched Legal Cases: ['Art. 7', 'Art. 9', 'Art. 7', 'Art.7', 'Art.7', 'Art.9', 'Art. 3', 'Art. 6', 'EuG', 'Art. 2', 'Art. 5', 'Art. 7']

Muss Condor oder Thomas Cook Airlines Entschädigung zahlen? - FLUGGASTRECHTE
Unser Flug war über 8 Stunden verspätet. Condor weigert sich zu zahlen. Wir waren 4 Personen, 2 Erw 2 Kinder, und haben 600 euro pro Person Entschädigung 261/2004 Richtlinie verlangt, also 2400 Euro insgesamt. Condor schreibt, dass sie uns einen Gutschein bieten, mehr nicht. Condor schreibt auch die ganze Zeit, dass nicht sie, sondern Thomas Cook Airlines verantwortlich wäre.
Stimmt das? Es stand am Flughafen nachher tatsächlich eine Maschine von Thomas Cook Airlines UK da und ist geflogen. Aber überall auf unserer Reisebestätigung, auf unseren Tickets und Bordkarten steht die DE-Flugnummer von Condor. Muss dann nicht Condor die Entschädigung zahlen?
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Gefragt 19, Mai 2015 in Flugannullierung von Anonym
deine Frage würde ich gern wie folgt beantworten:
Zunächst verstehe ich deine Frage so, dass es dir vor allem darum geht zu wissen, wer nach der EU Vorordnung 261/2004 der Anspruchsgegener ist. Der richtige Anspruchsgegener ist gem. Artiekl 3 Abs. 5 der ausführende Luftfahrtunternehmer. Das ist diejenige Fluggesellschaft, die euren Flug letztlich tatsächlich durchgeführt hat, unabhängig davon, mit welcher Airline ihr den Luftbeförderungsvertrag geschlossen habt. D.h. in eurem Fall, dass ihr euch bezüglich etwaiger Ansprüche an Thomas Cook Airlines UK wenden müsst.
Code-Sharing-Flug
Die Tatsache, das auf euren gesamten Unterlagen eine andere Airline angegeben ist, als diejenige, die letztlich den Flug durchgeführt hat, ist am wahrscheinlichsten darauf zurück zu führen, dass es sich bei eurem Flug um einen sogenannten Code-Sharing-Flug handelte. Darunter ist eine Kooperationsform von Luftfahrtunternehmen zu verstehen, bei der die Luftfahrtunternehmen Verkehrsdienste im eigenen Namen unter Nutzung bzw. Mitnutzung der Dienste einer anderen Fluggesellschaft anbieten. Dabei vereinbaren die betreffenden Fluggesellschaften, dass sie einen bestimmten Flug gemeinsam durchführen, den sie aber separat unter zwei verschiedenen Flugnummern im Flugplan ausschreiben und als „eigene Beförderung“ verkaufen. Für den Fall, dass es sich auch bei eurem Flug, um einen Code-Sharing-Flug handelt, gilt aber ebenfalls, dass ihr euch an das Unternehmen wenden müsst, dass den Flug tatsächlich durchgeführt hat.
Bezüglich deiner Aussage, dass euch nur ein Fluggutschein angeboten wurde, solltest du noch folgendes wissen. Die Verordnung regelt in Artikel 7 Abs. 3 auch in welcher Form euch das ausführende Luftfahrtuntérnehmen entschädigen muss. Hier heißt es nämlich: Die Ausgleichszahlungen nach Abs. 1 erfolgen durch Barzahlung, durch elektonische oder gewöhnliche Überweisung, durch Scheck oder, mit schriftlichen Einverständnisses des Fluggastes, in Form von Reisegutscheinen und/oder anderen Dienstleistungen. D.h., stimmst du als Fluggast nicht schriftlich einerm Reisegutschein zu, hast du einen Anspruch gegen das ausführende Luftfahrtunternehmen, dass es dir die Ausgleichsleistungen in bar bzw. als Überweisung oder Scheck zukommen lässt.
Beantwortet 20, Mai 2015 von LindaH (6,840 Punkte)
Wow, ich staune ja über die echt umfangreichen Antworten, die man hier bekommt. Toll :) !!
Ich finde es in jedem Fall aber auch eigenartig, dass obwohl scheinbar Thomas Cook das ausführende Luftfahrtunternehmen ist, ihr von Condor ein Gutscheinangebot erhaltet. Ich würde raten, das Angebot auf keinen Fall anzunehmen, sondern euch vielleicht direkt an Thomas Cook zu wenden!!
Kommentiert 20, Mai 2015 von Flugrobert (700 Punkte)
Bei Ihrer Frage muss man zunächst andere Punkte klären.
(1) Anwendungsbereich der Verordnung 261/2004
In Ihrer Schilderung fehlen die Angaben bezüglich des Fluges. Die relevante Verordnung (EG) 261/2004 ist auf folgende Flüge anwendbar:
Flüge, die in einem Mitgliedsstaat starten
Flüge, mit Start in einem Drittstaat und Ziel in einem Mitgliedsstaat haben, durchgeführt von einer Fluggesellschaft der Gemeinschaft.
Darüber hinaus müssen Sie, selbstverständlich, über eine bestätigte Buchung für einen Flug verfügen, den Sie nicht kostenlos oder zu einem reduzierten, der Öffentlichkeit zugänglichen Tarif bzw. Preis gebucht haben.
(2) Codesharing
Das Codesharing, also die Durchführung des Fluges von einer anderen Fluggesellschaft, ist eine durchaus übliche Praxis in der Luftfahrt. Dass der Flug bzw. ein Flugabschnitt im Rahmen einer Code-Share-Vereinbarung von einem anderen als dem vertraglichen Luftfrachtführer durchgeführt wird, muss für die Fluggäste erkennbar sein. Dies erkennt man eben insbesondere daran, dass die Flugnummer bzw. das IATA-Zeichen auf dem Flugschein nicht dem Zeichen der vertraglichen Fluggesellschaft entspricht. Weitere Merkmale sind, natürlich, die Optik – wenn Sie z.B. von Flugbegleitern in der Uniform von Thomas Cook und nicht von Condor begrüßt werden usw. Ist dies nicht eindeutig erkennbar, so ist der Ansprechpartner für Sie erstmal die Condor. Hilfreich wäre es vielleicht trotzdem, sich auch an die Thomas Cook zu wenden, da die Condor ihre vollständige Tochtergesellschaft ist.
Ihr Anspruch auf eine Ausgleichszahlung hängt davon ab, aus welchen Gründen sich der Flug verspätet hat. Liegen sogenannte außergewöhnliche Umstände vor, so besteht kein Anspruch auf eine Ausgleichszahlung gem. Art. 7 der VO. Zu solchen Umständen zählen laut Erwägungsgrund 14 der Verordnung folgende Vorfälle:
Die Fluggesellschaft muss darlegen, welche Umstände vorlagen und welche Maßnahmen getroffen wurden, um die Verspätung zu vermeiden. Erst wenn diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind, besteht keine Pflicht zur Ausgleichszahlung.
Darüber hinaus haben Sie bei einer erheblichen Verspätung Anspruch auf Betreuungs- und Unterstützungsleistungen gem. Art. 9 der Verordnung. Diese beinhalten kostenlose Mahlzeiten und Getränke in einem angemessenen Verhältnis zur Wartezeit, zwei kostenlose Telefonate oder Emails oder Faxe und eine Hotelunterbringung, falls notwendig. Kommt der Luftfrachtführer dieser Pflicht nicht nach, so können Sie die Erstattung der Kosten dafür verlangen. Haben Sie selbst keine Kosten getragen, so können Sie auch keine geltend machen. Eine weitergehende pauschale Entschädigung für nicht erbrachte Betreuungsleistungen gibt es nicht.
(5) Gutschein
Es scheint eine weit verbreitete Praxis der Fluggesellschaften zu sein, den Fluggästen erstmal einen Fluggutschein anzubieten, den sie dann nur schwer loswerden können (darüber gab es auch schon Fragen hier im Forum). Gem. Art. 7, Abs. 3, VO dürfen Fluggesellschaften die Ausgleichsansprüche der Fluggäste auch mit einem Gutschein erfüllen, jedoch bedarf dies Ihres ausdrücklichen schriftlichen Einverständnisses.
Beantwortet 29, Jun 2015 von pulang ambon (3,430 Punkte)
Ansprüche kommen in Ihrem Fall aus der EU-Fluggastrechteverordnung in Betracht. Allerdings muss beachtet werden, dass diese Verordnung nur unter bestimmten Voraussetzungen gilt: Die Fluggastrechte-VO gilt nämlich nur für Flüge, die in der EU starten, für Flüge von Fluggesellschaften, deren Sitz in der EU liegt, und für solche Flüge, deren Flugunternehmen in der EU liegt und die in der EU enden.
In eurem Fall handelt es sich wahrscheinlich um ein sogenanntes Code-Sharing. Bei diesem Verfahren teilen sich mehrere Fluggesellschaften denselben Flug, fliegen also mit unterschiedlichen Flugnummern (im Gegensatz zu einem Direktflug, wo mehrere Flugzeuge unter denselben Flugnummern fliegen). Wer den jeweiligen Flug ausführt sagt Ihnen in der Regel die Boardkarte oder der Flugplan. In diesem Fall ist der Anspruchsgegner dasjenige Flugunternehmen, welches den Flug auch tatsächlich ausgeführt hat.
Gemäß Art.7 könnten Sie also Ausgleichszahlungen gemäß Art.7 der Verordnung verlangen. Die Ansprüche ergeben sich in direkter Abhängigkeit der Flugstrecke:
250€ bei einer Flugstrecke unter 1500 km
400€ bei einer Flugstrecke zwischen 1500-3500 km
600€ bei einer Flugstrecke bei mehr als 3500 km
Dies gilt allerdings nicht, wenn außergewöhnliche Umstände vorlagen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn das Luftfahrtunternehmen nachweisen kann, dass die Verspätung auf außergewöhnlichen Umständen beruht und sich die Verspätung auch dann nicht hätte vermeiden lassen, wenn alle zumutbaren Maßnahmen ergriffen worden wären. Beweispflichtig ist dabei das Luftfahrtunternehmen.
Darüber hinaus kommen auch noch ein Anspruch aus Art.9 der VO in Betracht. Diese umfassen bestimmte Betreuungsleistungen, wie Mahlzeiten und Getränke in bestimmten Abschnitten im Verhältnis zur Wartezeit. Falls Notwendig, kommt auch eine Hotelübernachtung inkl. Transfer in Betracht.
Den Gutschein können, müssen Sie aber nicht annehmen. Sie müssen allerdings auch schriftlich in den Gutschein einwilligen.
Beantwortet 11, Nov 2015 von NatalieS (12,750 Punkte)
Sie könnten Ansprüche aus der EG-Verordnung 261/2004 besitzen.
Aus Ihren Schilderungen kann ich leider nicht entnehmen um welche beiden Orte es sich handelt.
Falls Sie in den Anwendungsbereich fallen, dann gilt weiter folgendes.
Dieser ergibt sich aus Art. 3 EG-Verordnung
Artikel 3 EG-Verordnung
III. Code-Sharing
Davon ist auszugehen, wenn eine Kooperationsform von Luftfahrtunternehmen besteht, bei der die Luftfahrtunternehmen Verkehrsdienste im eigenen Namen unter Nutzung bzw. Mitnutzung der Dienste einer anderen Fluggesellschaft anbieten. Dann wendet man sich an die Fluggesellschaft, die den Flug auch tatsächlich durchgeführt hat.
IV. Möglichkeit der Ausgleichsleistung
Sie könnten Anspruch gemäß Artikel 7 der EG-Verordnung besitzen.
Die Leistung entfällt aber, wenn das Unternehmen sich auf außergewöhnliche Umstände beruft.
Liegt kein außergewöhnlicher Umstand vor, so hat der Fluggast einen Anspruch auf Ausgleichzahlung aus der europäischen Fluggastrechteverordnung gegen die Fluggesellschaft. Dieses Detail kann sich jedoch manchmal als Hindernis herausstellen, wenn ein im Zusammenhang gebuchter Flug in mehrere Teilstrecken aufgeteilt ist.
Bucht man einen Flug, der sich auf mehrere Teilstrecken aufteilt, so ist auf dem Flugticket angegeben, von wem der jeweilige Flug durchgeführt wird. Oftmals haben die großen Luftfahrtkonzerne Tochtergesellschaften, die die Zubringerflüge zu den Langstreckenflügen durchführen. Kommt es nun am Zielflughafen der gesamten Reise zu einer Verspätung, dann gilt diese Verspätung für den einheitlich gebuchten Flug, sprich für den gesamten zurückgelegten Weg. Dabei ist es unerheblich, ob man seinen Ausgangsflughafen mit Verspätung verlassen hat (vgl. AG Hannover, Urt. v. 06.12.2012 – 452 C 5686/12).
Dem Fluggast steht eine Ausgleichszahlung zu, da diese Zahlung nicht vom Vorliegen einer Verspätung beim Abflug und somit nicht von der Einhaltung der dafür erforderlichen Voraussetzungen gemäß der Fluggastrechteverordnung (Art. 6 (EG) Nr. 261/2004) abhängt (vgl. EuGH, Urt. v. 26.02.2013 – C 11/11, einfach mal googlen: "C 11/11 Reise-Recht-Wiki.de"). Es soll keine künstliche Aufteilung des einheitlich gebuchten Fluges stattfinden, da der Zwischenstopp in der Regel kein Reiseziel ist und nur der Umsteigemöglichkeit dient.
Auch wenn eine Fluggesellschaft einen Flug annulliert, so ist sie immer noch das ausführende Luftfahrtunternehmen, da sie ursprünglich beabsichtigt hatte, den Flug durchzuführen (vgl. AG Rüsselsheim, Urt. v. 20.12.2013, 3 C 3247/13 (37)).
Das Landgericht Düsseldorf hebt in diesem Zusammenhang nochmal die Legaldefinition aus Art. 2 lit. b EG-VO Nr. 261/2004 hervor. Danach ist das ausführende Luftfahrtunternehmen jenes, mit dem der Fluggast (oder einer juristische Person) in Vertragsbeziehung steht und die Fluggesellschaft führt den Flug durch, oder beabsichtig dieses zu tun.. Die Pflicht zur Ausgleichzahlung gem. Art. 5 Abs. 1 lit. c Ziffer iii) i. V. m. Art. 7 Abs. 1 lit. a EG-VO Nr. 261/2004 knüpft nicht an die Vertragsbeziehungen zwischen dem Fluggast und dem Luftfahrtunternehmen an. Vielmehr ist das ausführende Unternehmen zur Ausgleichszahlung verpflichtet und zwar unabhängig davon, ob es auch vertraglich dem Fluggast die Luftbeförderung schuldet (vgl. LG Düsseldorf, Urt. v. 13.12.2013, 22 S 234/12).
Das Amtsgericht Bremen hat jüngst gesprochen, dass das ausführende Luftfahrtunternehmen die vor Ort anwesende Gesellschaft ist, die auch tatsächlich die Möglichkeit hat, die von der Verordnung vorgesehenen Betreuungs- und Unterstützungsleistungen zu erbringen und auch einen Einfluss auf die organisatorischen Abläufe nehmen kann, um Stornierungen und Flugverspätungen zu verhindern. Dieses ist z. B. bei einem reinen Flugvermittlungsvertrag nicht der Fall (vgl. AG Bremen, Urt. v. 22.11.2013, 4 C 0564/12). Erteilt eine große Fluggesellschaft ihrem Fluggast nicht die Information, dass z. B. der Zubringerflug mit ihrer Tochtergesellschaft durchgeführt wird, so ist anzunehmen, dass die Muttergesellschaft auch auf diesem Flug das ausführende Unternehmen ist. Schließlich hat die Muttergesellschaft die Möglichkeit, Einfluss auf die Tochtergesellschaft zu nehmen; z. B. bei der technischen Wartung der Flugzeuge oder beim Personal. So können ordnungsgemäße und pünktliche Flüge mit hoher Wahrscheinlichkeit durchgeführt werden.
Da die Unterrichtung über die Identität zwingend ist, werden regelmäßig die dem Fluggast erteilten Informationen zugrunde gelegt, wenn es um die Frage geht, welches Unternehmen das ausführende ist, um die Ausgleichszahlungsansprüche durchzusetzen.Dabei ist entscheidend, was auf Ihren Tickets bzw. Reiseunterlagen angegebene ist.