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Timestamp: 2016-10-28 12:26:38
Document Index: 30973318

Matched Legal Cases: ['Art. 9', 'Art. 4', 'Art. 9', 'BGE', 'BGE', 'Art. 66', 'Art. 68', 'BGE', 'Art. 64']

8C_546/2010 (22.02.2011)
8C_546/2010
Die 1971 geborene S.________ war seit 1. September 2007 als Polygrafin bei der T.________ AG, t�tig und in dieser Eigenschaft bei der AXA Versicherungen AG (nachfolgend: AXA) gegen die Folgen von Unf�llen versichert. Gem�ss Unfallmeldung UVG vom 1. Juli 2009 war es am 29. April 2009 in einem Pilates-Kurs der Klubschule Migros zu einem Sehnenriss in der rechten Schulter gekommen. Am 14. August 2009 erfolgte eine Arthroskopie der Schulter rechts. Anschliessend wurde S.________ physiotherapeutisch betreut. Mit Verf�gung vom 8. Oktober 2009 verneinte die AXA ihre Leistungspflicht, da weder ein Unfall noch eine unfall�hnliche K�rpersch�digung vorliege. Die dagegen durch S.________ und die SWICA Krankenversicherung AG erhobenen Einsprachen wies die AXA mit Einspracheentscheid vom 6. Januar 2010 ab.
Die von S.________ hiegegen erhobene Beschwerde hiess das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau mit Entscheid vom 19. Mai 2010 gut und bejahte das Vorliegen einer unfall�hnlichen K�rpersch�digung und damit die Leistungspflicht der AXA.
Mit Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beantragt die AXA die Aufhebung des kantonalen Gerichtsentscheids vom 19. Mai 2010 und die Best�tigung des Einspracheentscheids vom 6. Januar 2010.
S.________ schliesst sinngem�ss auf Abweisung der Beschwerde und ersucht f�r den Fall, dass ihr Kosten auferlegt werden sollten, um Gew�hrung der unentgeltlichen Rechtspflege. Das Bundesamt f�r Gesundheit verzichtet auf eine Vernehmlassung.
Streitig ist, ob die AXA f�r die Folgen der am 29. April 2009 zugezogenen Schulterverletzung der Versicherten leistungspflichtig ist. Dabei steht fest und ist unbestritten, dass der Befund einer Verletzung gem�ss Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV entspricht und dass die Versicherte am 29. April 2009 keinen Unfall im Sinne von Art. 4 ATSG erlitten hat. Zu pr�fen bleibt, ob die Beschwerdef�hrerin f�r die genannte Verletzung im Sinne einer unfall�hnlichen K�rpersch�digung gem�ss Art. 9 Abs. 2 lit. f UVV die gesetzlichen Leistungen zu erbringen hat und hiebei namentlich das Vorliegen eines �usseren Faktors.
3.1 Gem�ss Unfallmeldung UVG vom 1. Juli 2009 kam es bei der Versicherten am 29. April 2009 bei einer Pilates-�bung im Rahmen eines Kurses der Klubschule Migros zu einem Sehnenriss an der rechten Schulter. Unter "Unfallhergang" schilderte die Versicherte, sie habe immer wieder Schmerzen in der rechten Schulter gehabt. Da diese jeweils wieder verschwunden seien, habe sie keinen Arzt aufgesucht. Seit dem 29. April 2009 habe sie jedoch vor lauter Schmerzen kaum mehr schlafen k�nnen, weshalb sie dann nach ca. zwei Wochen einen Arzt aufgesucht habe. Wegen Verdachts auf eine Schleimbeutelentz�ndung sei ein Ultraschall angewiesen worden. Der R�ntgenbefund habe dann aber einen Sehnenriss ergeben. Sie habe, so die Beschwerdegegnerin, w�hrend der ganzen Zeit gearbeitet und melde den Sehnenriss erst jetzt, da sie bis anhin von einer Schleimbeutelentz�ndung ausgegangen sei. Sie erw�hnte zudem, dass sie �ber 20 Jahre bis Ende M�rz 2009 Volleyball gespielt habe. Auf Frage der AXA nach der ausf�hrlichen Schilderung des Vorfalls antwortete die Versicherte am 7. Juli 2009, sie f�hre die Beschwerden auf den Umstand zur�ck, dass sie w�hrend des Volleyballspielens bei Verteidigungsaktionen manchmal auf die Schulter gefallen sei. Wahrscheinlich habe bei diesen Aktionen die Sehne einen kleinen Riss erhalten, welcher immer gr�sser geworden sei. Am 29. April 2009 h�tten sie im Pilates-Kurs �bungen im Schulterbereich gemacht, u.a. eine �bung, bei welcher sie ihr Gewicht auf der rechten Hand und dem rechten Fuss (seitlich) habe stabilisieren m�ssen. Dabei habe sie einen starken Zwick im Bereich der Oberarmmuskulatur versp�rt und sei eingeknickt. Auf die Frage, ob es sich um eine gewohnte T�tigkeit gehandelt habe, die unter normalen �usseren Bedingungen verlaufen sei, f�hrte die Beschwerdegegnerin aus, sie h�tten diese �bung erst wenige Male durchgef�hrt, sie sei aber unter normalen �usseren Bedingungen verlaufen. Auf etwas Besonderes (Ausgleiten, Sturz etc.) angesprochen erw�hnte die Versicherte, sie habe einen Zwick versp�rt und sei eingeknickt. Schliesslich f�hrte sie aus, sie spiele seit vielen Jahren aktiv Volleyball und habe seit ca. einem Jahr ab und zu Schmerzen in der rechten Schulter, welche gekommen und wieder verschwunden seien. Sie sei von einer kleinen �berbelastung ausgegangen und habe zufolge l�ngerer schmerzfreier Phasen keinen Arzt aufgesucht. Seit dem 29. April 2009 habe sie jedoch viel st�rkere Schmerzen versp�rt, vor allem beim Liegen, und habe deshalb kaum mehr schlafen k�nnen, weshalb sie dann nach rund zwei Wochen den Arzt konsultiert habe. Ihre Aussagen best�tigte die Beschwerdegegnerin anl�sslich des im Bericht vom 22. September 2009 festgehaltenen Gespr�chs mit der Schadeninspektorin der AXA. Bez�glich Hergang erw�hnte sie wiederum, die Verletzung sei bei einer �bung im Pilates-Kurs passiert, welche sie erst das zweite Mal gemacht habe. Sie h�tte sich seitlich mit dem Arm aufgest�tzt und mit den Beinen eine Scherbewegung nach oben und unten gemacht. Dabei sei das K�rpergewicht mehrheitlich von der rechten Hand abgest�tzt worden. Es h�tte ihr bei der �bung einen Zwick gegeben und sie sei heruntergefallen; sie sei aber nicht ausgerutscht oder �hnliches. Mit Verf�gung vom 8. Oktober 2009 und Einspracheentscheid vom 6. Januar 2010 wurde eine Leistungspflicht der AXA im Wesentlichen mit der Begr�ndung verneint, es liege kein Unfallereignis vor und beim von der Versicherten geschilderten Vorgang fehlten jegliche Sinnf�lligkeit sowie das gesteigerte Gef�hrdungspotential, weshalb auch nicht von einer unfall�hnlichen K�rpersch�digung ausgegangen werden k�nne. Daraufhin machte die Versicherte in der Beschwerde ans Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau geltend, es liege eine unfall�hnliche K�rpersch�digung vor. Die Ausgangslage der Pilates-�bung Star sei seitlich gewesen. Sie habe sich dann ruckartig nach oben bewegt und daraufhin einen starken Zwick und Schmerz im Bereich der rechten Oberarmmuskulatur versp�rt, weshalb sie eingeknickt und auf die rechte Schulter gefallen sei.
3.3 Der �ussere Faktor als gesteigertes Sch�digungspotenzial zufolge allgemein gesteigerter Gefahrenlage kann bei Pilates als Methode eines ganzheitlichen K�rpertrainings f�r eine korrekte und gesunde K�rperhaltung, basierend auf den Prinzipien "Kontrolle, Konzentration, bewusste Atmung, Zentrierung, Entspannung, Bewegungsfluss und Koordination" (vgl. �http://de.wikipedia.org/wiki/Pilates�) von vornherein verneint werden und wird auch nicht geltend gemacht. Bez�glich des �usseren Faktors als gesteigertes Sch�digungspotenzial zufolge Hinzutreten eines zur Unkontrolliertheit der Vornahme einer allt�glichen Lebensverrichtung f�hrenden Faktors gibt die Versicherte weder in der Unfallmeldung vom 1. Juli 2009 noch im Fragebogen der AXA vom 7. Juli 2009 oder anl�sslich der pers�nlichen Besprechung mit der Schadeninspektorin vom 10. September 2009 eine unkontrollierte Bewegung, ein Ausgleiten oder �hnliches an. Solches geht auch aus den Arztberichten im Zeitraum des Verf�gungserlasses nicht hervor. Soweit Dr. med. R.________, Klinik O.________, im �rztlichen Zeugnis vom 23. Februar 2010 als Einziger festh�lt, die Patientin habe ihm gesagt, sie sei bei einer Pilates-�bung ausgerutscht, widerspricht dies der �brigen Aktenlage und namentlich den Angaben der Versicherten. Vielmehr kam es gem�ss den ansonsten �bereinstimmenden Aussagen bei einer Pilates-�bung, bei welcher man sich seitlich auf die rechte Hand und den rechten Fuss abst�tzt, den K�rper nach oben stemmt und das Gewicht stabilisiert zu einem Zwick und daraufhin zu einem Einknicken bzw. "Herunterfallen", wobei die Beschwerdegegnerin ausdr�cklich best�tigte, die �bung sei unter normalen �usseren Bedingungen verlaufen und sie sei auch nicht "ausgerutscht oder so". Das Auftreten von Schmerzen als solches ist - wie oben dargelegt - kein �usserer sch�digender Faktor. Bei der �bung selber handelt es sich um eine Verrichtung, die �blicherweise im Rahmen einer physiologisch normalen und psychologisch beherrschten Beanspruchung des K�rpers erfolgt und bei welcher grunds�tzlich kein besonderes Sch�digungspotenzial vorhanden ist. Es fehlt im konkreten Fall sowohl an einer gesteigerten Gefahrenlage wie auch am Hinzutreten eines zur Unkontrolliertheit der �bung f�hrenden Moments. Die von der Versicherten in der Beschwerde an das kantonale Gericht erw�hnte ruckartige Bewegung nach oben, in welcher sie den �usseren Faktor sieht, kann weder ihren fr�heren Aussagen noch den medizinischen Berichten entnommen werden. Bei sich widersprechenden Angaben �ber den Hergang ist auf die Beweismaxime abzustellen, wonach die sogenannten spontanen "Aussagen der ersten Stunde" in der Regel unbefangener und zuverl�ssiger sind als sp�tere Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachtr�glichen �berlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein k�nnen (BGE 121 V 45 E. 2a S. 47; 115 V 133 E. 8 S. 143; RKUV 2004 Nr. U 524 S. 546, U 236/03 E. 3.3.4; RKUV 2004 Nr. U 502 S. 183, U 322/02 E. 4). Es braucht daher nicht weiter darauf eingegangen zu werden, ob eine ruckartige Bewegung das Erfordernis des �usseren Faktors erf�llt h�tte. Der vorliegend zu beurteilende Sachverhalt ist demnach entgegen der Auffassung der Vorinstanz eben nicht vergleichbar mit dem pl�tzlichen Aufstehen aus der Hocke (BGE 116 V 145 E. 2c S. 148 mit Hinweisen), mit dem Niederknien mit einem Gewicht in den H�nden begleitet von einem Fehltritt (Urteil des Eidg. Versicherungsgerichts U 184/06 vom 27. September 2006 E. 3), mit dem Verschieben eines schweren W�schekorbes mit dem linken Fuss, Ausf�hrung einer ruckartigen Bewegung und Verdrehung des rechten Knies (RKUV 2000 Nr. U 385 S. 267, U 228/99) oder mit dem br�sken Umdrehen beim Kochen Richtung K�hlschrank (Urteil des Eidg. Versicherungsgerichts U 5/02 vom 21. Oktober 2002, E. 2), welche Tatbest�nde wohl k�rpereigene Bewegungen und allt�gliche Lebensverrichtungen darstellen, bei welchen jedoch ein davon unterscheidbares zur Unkontrollierbarkeit der Verrichtung f�hrendes �usseres Moment in Form der Pl�tzlichkeit, Br�skheit, Belastetheit o.�. hinzutrat (vgl. Urteil 8C_772/2009 vom 7. Mai 2010 E. 3.3).
3.4 Zusammenfassend ist unter Ber�cksichtigung aller Umst�nde ein in den Bewegungsablauf hineinspielendes �usseres Moment und damit ein ausserhalb des K�rpers liegendes, objektiv feststellbares, sinnf�lliges, unfall�hnliches Ereignis nicht nachgewiesen, weshalb die Beschwerdef�hrerin Leistungen der Unfallversicherung zu Recht abgelehnt hat.
4.1 Das Verfahren ist kostenpflichtig. Als unterliegende Partei hat die Beschwerdegegnerin die Gerichtskosten zu tragen (Art. 66 Abs. 1 BGG).
4.2 Nach Art. 68 Abs. 3 BGG wird obsiegenden Beh�rden oder mit �ffentlich-rechtlichen Aufgaben betrauten Organisationen in der Regel keine Parteientsch�digung zugesprochen, wenn sie in ihrem amtlichen Wirkungskreis obsiegen. In Anwendung dieser Bestimmung hat das Bundesgericht der SUVA und den privaten UVG-Versicherern sowie - von Sonderf�llen abgesehen - den Krankenkassen keine Parteientsch�digungen zugesprochen, weil sie als Organisationen mit �ffentlich-rechtlichen Aufgaben zu qualifizieren sind (BGE 126 V 143 E. 4a S. 150 mit Hinweisen).
4.3 Die Beschwerdegegnerin hat um Gew�hrung der unentgeltlichen Rechtspflege ersucht.
Sie hat den Prozess selber gef�hrt, ohne dass sie hiezu eines Rechtsvertreters bedurft h�tte. Die Gew�hrung der unentgeltlichen Verbeist�ndung steht daher nicht zur Diskussion.
Die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne der vorl�ufigen Befreiung von den Gerichtskosten setzt unter anderem Bed�rftigkeit der Gesuchstellerin voraus (Art. 64 Abs. 1 BGG). Die Beschwerdegegnerin hat indessen die bundesgerichtlich einverlangten Angaben und Belege zu ihren finanziellen Verh�ltnissen nicht beigebracht. Es ist daher aufgrund der Akten zu entscheiden. Danach ist die Bed�rftigkeit nicht ausgewiesen. Das f�hrt zur Abweisung des Gesuchs.
Die Beschwerde wird gutgeheissen und der Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau vom 19. Mai 2010 aufgehoben.