Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=A%2011%20S%201923/17
Timestamp: 2019-10-20 13:16:34
Document Index: 17700772

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 34', '§ 38', '§ 67', '§ 74', '§ 59', 'Art 3', 'Art 5', 'Art 6', 'Art 46', '§ 46', 'EuG', 'Art. 15', 'Art. 3', 'EGMR', 'Art. 4', 'EuG', 'EuG', '§ 4', 'Art. 3', '§ 60', '§ 60', '§ 60', '§ 60', 'EGMR', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

VGH Baden-Württemberg, 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 - dejure.org
https://dejure.org/2018,46501
VGH Baden-Württemberg, 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 (https://dejure.org/2018,46501)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 (https://dejure.org/2018,46501)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 12. Dezember 2018 - A 11 S 1923/17 (https://dejure.org/2018,46501)
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Afghanistan; Provinz Parwan; subsidiärer Schutz; Abschiebungsverbot; Gnandi-Entscheidung; Rückkehrentscheidung; Informationspflichten
§ 4 Abs 1 S 2 Nr 2 AsylVfG, § ... 4 Abs 1 S 2 Nr 3 AsylVfG, § 34 AsylVfG, § 38 Abs 1 S 2 AsylVfG, § 67 Abs 1 Nr 6 AsylVfG, § 74 Abs 2 S 2 AsylVfG, § 59 Abs 1 AufenthG, Art 3 Nr 4 EGRL 115/2008, Art 5 EGRL 115/2008, Art 6 Abs 6 EGRL 115/2008, Art 46 Abs 5 EURL 32/2013, § 46 VwVfG
Abschiebungsandrohung; Gnandi-Urteil des EuGH; Informationspflichten; Provinz Parwan; Praktische Wirksamkeit; Prüfungskompetenz; Rückkehrentscheidung; Subsidiärer Schutz
VG Stuttgart, 01.06.2017 - A 1 K 5589/16
Unter Heranziehung der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union zu Art. 15b der Anerkennungsrichtlinie und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) ist unter einer unmenschlichen Behandlung die absichtliche, d.h. vorsätzliche Zufügung schwerer körperlicher oder seelischer Leiden, die im Hinblick auf Intensität und Dauer eine hinreichende Schwere aufweisen, zu verstehen (…vgl. EGMR, Urteile vom 21.01.2011 - 30696/09 - , NVwZ 2011, 413 Rn. 220 m.w.N. …sowie vom 11.07.2006 - 54810/00 - , NJW 2006, 3117 Rn. 67; BVerwG…, Urteil vom 31.01.2013 - 10 C 15.12 -, NVwZ 2013, 1167 Rn. 22 ff. m.w.N.; vgl. hierzu VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 23 f. m.w.N.).
Diese ist dann gegeben, wenn bei dem Opfer Gefühle von Furcht, Todesangst und Minderwertigkeit verursacht werden, die geeignet sind, diese Person zu erniedrigen oder zu entwürdigen und möglicherweise ihren psychischen oder moralischen Widerstand zu brechen (VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 25 f. m.w.N.).
Dies folgt aus der Vermutungswirkung des Art. 4 Abs. 4 der Anerkennungsrichtlinie (vgl. hierzu auch VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 29).
Hierzu hat der Gerichtshof der Europäischen Union klargestellt, dass für die Anwendung dieser Bestimmung vom Vorliegen eines innerstaatlichen bewaffneten Konflikts auszugehen ist, wenn die regulären Streitkräfte eines Staates auf eine oder mehrere bewaffnete Gruppen treffen oder wenn zwei oder mehrere bewaffnete Gruppen aufeinandertreffen, ohne dass dieser Konflikt als bewaffneter Konflikt, der keinen internationalen Charakter aufweist, im Sinne des humanitären Völkerrechts eingestuft zu werden braucht und ohne dass die Intensität der bewaffneten Auseinandersetzungen, der Organisationsgrad der vorhandenen bewaffneten Streitkräfte oder die Dauer des Konflikts Gegenstand einer anderen Beurteilung als der des im betreffenden Gebiet herrschenden Grads an Gewalt ist (vgl. EuGH, Urteil vom 30.01.2014, - Rs. C-285/12 - , juris; VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 53).
Erforderlich ist, dass durch die Auseinandersetzungen, an denen bewaffnete Gruppen beteiligt sind, ein Grad an willkürlicher Gewalt entsteht, dass stichhaltige Gründe für die Annahme bestehen, dass eine Zivilperson bei einer Rückkehr in das betreffende Land bzw. in die betreffende Region allein durch ihre Anwesenheit tatsächlich Gefahr liefe, einer ernsthaften individuellen Bedrohung ihres Lebens oder ihrer Unversehrtheit ausgesetzt zu sein (…vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteile vom 17.01.2018, a.a.O, Rn. 191 ff. und vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 52; EuGH…, Urteil vom 30.01.2014, a.a.O.).
Auf der Grundlage der quantitativen Ermittlung bedarf es einer wertenden Gesamtbetrachtung (vgl. BVerwG…, Urteil vom 17.11.2011, a.a.O., m.w.N.;… VGH Baden-Württemberg, Urteile vom 17.01.2018, a.a.O. und vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 60; Bayerischer VGH, Beschluss vom 17.01.2017 - 13a ZB 16.30182 -, juris).
Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts ist insoweit die Annahme einer individuellen Gefährdung auch bei einer Gefahrendichte von 1:800 (0,125 %) - bezogen auf die Zahl der Opfer von willkürlicher Gewalt eines Jahres - noch weit von der Schwelle der beachtlichen Wahrscheinlichkeit entfernt (…vgl. Urteil vom 17.11.2011, a.a.O.; vgl. auch VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 64; Bayerischer VGH, Beschluss vom 06.04.2017 - 13a ZB 17.30254 -, juris; Berlit, Die Bestimmung der "Gefahrendichte" im Rahmen der Prüfung der Anerkennung als Flüchtling oder subsidiär Schutzberechtigter, ZAR 2017, 110).
Dies macht deutlich, dass es sich bei dem Schutz nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 AsylG um einen Ausnahmetatbestand für außergewöhnliche Situationen handelt, die durch einen sehr hohen Gefahrengrad gekennzeichnet sind (…VGH Baden-Württemberg, Urteile vom 17.01.2018, a.a.O., Rn. 191 und vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 55).
Auch schlechte humanitäre Verhältnisse können eine Behandlung im Sinne des Art. 3 EMRK darstellen (vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteile vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 105 ff. …und vom 24.07.2013 - A 11 S 697/13 -, juris Rn. 71).
Dies kann aus individuellen Gründen - etwa wegen drohender An- oder Übergriffe Dritter oder auf Grund von Krankheit - der Fall sein, kommt aber ausnahmsweise auch infolge einer allgemein unsicheren oder wirtschaftlich schlechten Lage im Zielstaat in Betracht (vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018, a.a.O., Rn. 228).
Siehe so auch VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12. Dezember 2018 - A 11 S 1923/17 -, juris, Rn. 170, 190 ff., zur ihm im Dezember 2018 vorliegenden Erkenntnislage.
a) Vom Tatbestand des § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG werden existentielle Gefahren wie Tötung, Folter, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung auch durch nichtstaatliche Gruppen oder Einzelpersonen umfasst, vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteile vom 12. Dezember 2018 - A 11 S 1923/17 -, juris, Rn. 229 ff., und vom 12. Oktober 2018 - A 11 S 316/17 -, juris, Rn. 443 ff.; Koch, in: BeckOK Ausländerrecht, Stand 15. August 2016, § 60 Rn. 40; Göbel-Zimmermann, in: Huber, AufenthG, 2. Aufl. 2016, § 60 Rn. 71, sowie solche auf Grund von Krankheit, für die § 60 Abs. 7 Sätze 2 bis 4 AufenthG Präzisierungen enthält.
vgl. VGH BW, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, Rn. 107 f. m.N.
vgl. VGH BW, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, Rn. 109 f. unter Verweis auf EGMR, Urteile vom 21.01.2011 - 30696/09 - (M.S.S./Belgien und Griechenland), juris, und vom 28.06.2011 - 8319/07 und 11449/07 - (Sufi und Elmi/Vereinigtes Königreich), juris.
vgl. VGH BW, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 119 ff. m.w.N.
vgl. hierzu ausführlich aktuell VGH BW, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 147 ff. m.w.N.; VG Würzburg, Urteil vom 04.09.2018 - W 1 K 18.31101 -, juris Rn. 34 - 35; Urteil vom 17.07.2018 - W 1 K 18.30857 -, juris Rn. 37 - 39, jeweils mit zahlreichen weiteren Nachweisen.
vgl. VGH BW, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, Rn. 243 ff.; VG Arnsberg, Urteil vom 09. Januar 2019 - 10 K 4187/18.A -, juris Rn. 41 ff., jeweils m.w.N.
vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12. Dezember 2018- A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 266; s.a. EuGH, Urteil vom 10. September 2013 - C-383/13 PPU (M.G. u.a.) -, BayVBl. 2014, 140 Rn. 36 ff. (zu einer Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör).
Ausgehend hiervon führt der Verstoß gegen unionsrechtliche Informationspflichten, die sicherstellen sollen, dass der Betroffene von den Rechten, die die verfahrensrechtlichen Komponenten des Grundsatzes der Nichtzurückweisung absichern, effektiv Gebrauch machen kann, vgl. VGH Bad.-Württ., Urteil vom 12. Dezember 2018 - A 11 S 1923/17 -, juris, Rn. 265; VG Bremen, Beschluss vom 2. April 2019 - 2 V 3028/18 -, juris, Rn. 69, nicht automatisch zur Rechtswidrigkeit der nachfolgenden Verwaltungsentscheidung, sondern nur dann, wenn er sich auf den Inhalt der Entscheidung ausgewirkt hat.
a) Ein Verstoß gegen die durch den Gerichtshof der Europäischen Union in seiner "Gnandi-Entscheidung" abgeleiteten Informationspflichten (…Urteil vom 19.06.2018 - C-181/16 -, NVwZ 2018, 1625 Rn. 65) führt dann zur Rechtswidrigkeit der Rückkehrentscheidung, wenn die tatsächliche Möglichkeit besteht, dass durch das Unterlassen einer Information oder durch eine inhaltlich fehlerhafte Information eine Gefährdung der verfahrensrechtlichen Ausprägung des Grundsatzes der Nichtzurückweisung aufgetreten ist oder auftreten wird (vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 265).
Ein Verstoß gegen die Informationspflichten führt dann zur Rechtswidrigkeit der Rückkehrentscheidung, wenn die tatsächliche Möglichkeit besteht, dass durch das Unterlassen einer Information oder durch eine inhaltlich fehlerhafte Information eine Gefährdung der verfahrensrechtlichen Ausprägung des Grundsatzes der Nichtzurückweisung aufgetreten ist oder auftreten wird (vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 265).
Hingegen kann die Verletzung der weiteren Informationspflichten nicht zur Rechtswidrigkeit der Abschiebungsandrohung führen (dazu VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 265 ff.).
vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12. Dezember 2018 - A 11 S 1923/17 -, juris Rn. 266; s.a. EuGH, Urteil vom 10. September 2013 - C-383/13 PPU (M.G. u.a.) -, BayVBl. 2014, 140 Rn. 36 ff. (zu einer Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör).
Ermittelt man die tatsächliche Gefahr ("a sufficiently real risk") unter Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Opferzahlen und Einwohnerzahlen, ist die beachtliche Wahrscheinlichkeit eines Schadenseintritts für Zivilpersonen in Afghanistan ausgehend von der niedrigsten Bevölkerungszahl von 27 Millionen Einwohnern (vgl. VGH BW, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 - juris Rn. 148, 149 m. w. N.) mit etwa 0, 040 % (1: 2.514) zu beziffern.
Das Bundesamt war berechtigt, die Abschiebungsandrohung als Rückkehrentscheidung mit der Ablehnung des Asylantrags des Antragstellers zu verbinden und in einem Bescheid zu erlassen (…vgl. EuGH Urteil vom 19.06.2018 a.a.O.; VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018 - A 11 S 1923/17 -).
Dieser Informationsfehler dürfte jedoch nicht auf die Rechtmäßigkeit der Abschiebungsandrohung durchschlagen (so auch VG Berlin…, Beschluss vom 30.11.2018 a.a.O.;… offengelassen VGH Baden-Württemberg Beschluss vom 18.12.2018 a.a.O., und Urteil vom 12.12.2018 a.a.O., wonach aber in Normalverfahren jedenfalls ein Aufhebungsanspruch nicht bestehe) und jedenfalls die Anordnung der aufschiebenden Wirkung im asylrechtlichen Eilverfahren nicht gebieten.
Daher darf in Abwägung der verschiedenen Ziele der Rückführungsrichtlinie und der Informationspflichten ein Verstoß bestenfalls dann zur Aufhebung der Rückkehrentscheidung führen, wenn die tatsächliche Möglichkeit besteht, dass durch das Unterlassen einer Information oder durch eine inhaltlich fehlerhafte Information eine Gefährdung der verfahrensrechtlichen Ausprägung des Grundsatzes der Nichtzurückweisung aufgetreten ist oder auftreten wird (VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 12.12.2018 a.a.O.).