Source: https://www.rechtslupe.de/beruf/das-falsche-berufungsgericht-und-die-wiedereinsetzung-3107385
Timestamp: 2020-01-29 20:46:01
Document Index: 369230166

Matched Legal Cases: ['§ 43', '§ 72', '§ 1', '§ 43', '§ 72', '§ 233', 'Art. 21', '§ 233', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Das fal­sche Beru­fungs­ge­richt – und die Wie­der­ein­set­zung | Rechtslupe
An den mit der Beru­fungs­ein­le­gung betrau­ten Rechts­an­walt sind mit Blick auf die Ermitt­lung des zustän­di­gen Rechts­mit­tel­ge­richts hohe Sorg­falts­an­for­de­run­gen zu stel­len.
Dies gilt auch für die Fra­ge, wel­ches Beru­fungs­ge­richt in Strei­tig­kei­ten nach § 43 Nr. 1 bis 4 und 6 WEG gemäß § 72 Abs. 2 GVG zustän­dig ist 1.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Wäre der Klä­ger­ver­tre­ter die­ser Sorg­falts­pflicht nach­ge­kom­men, hät­te er gewusst, dass die Beru­fung nicht bei dem Land­ge­richt Mag­de­burg, son­dern gemäß § 1 der Ver­ord­nung zur Bestim­mung des gemein­sa­men Beru­fungs- und Beschwer­de­ge­richts in Strei­tig­kei­ten nach § 43 Nr. 1 bis 4 und 6 des Woh­nungs­ei­gen­tums­ge­set­zes 2 i.V.m. § 72 Abs. 2 GVG bei dem Land­ge­richt Des­sau-Roß­lau ein­zu­le­gen war.
Dass gemäß § 233 Satz 2 ZPO ein Feh­len des Ver­schul­dens ver­mu­tet wird, wenn eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung unter­blie­ben oder feh­ler­haft ist, recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Gemäß Art. 21 Satz 1 des Geset­zes zur Ein­füh­rung einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung im Zivil­pro­zess und zur Ände­rung ande­rer Vor­schrif­ten vom 05.12 2012 3 gilt die­se Bestim­mung erst ab dem 1.01.2014. Das hier mit der Beru­fung ange­grif­fe­ne Urteil des Amts­ge­richts ist jedoch bereits am 23.10.2013 und damit vor Inkraft­tre­ten des § 233 Satz 2 ZPO ver­kün­det wor­den. Es bedurf­te kei­ner Rechts­mit­tel­be­leh­rung.
Eine Über­span­nung der Wie­der­ein­set­zungs­an­for­de­run­gen liegt auch nicht dar­in, dass das Beru­fungs­ge­richt einen Ver­stoß des Land­ge­richts Mag­de­burg gegen die pro­zes­sua­le Für­sor­ge­pflicht ver­neint.
Anders als in Fäl­len, in denen frist­ge­bun­de­ne Rechts­mit­tel­schrift­sät­ze irr­tüm­lich bei dem im vor­an­ge­gan­gen Rechts­zug mit der Sache bereits befass­ten Gericht ein­ge­reicht wer­den, besteht kei­ne gene­rel­le Für­sor­ge­pflicht des für die Rechts­mit­tel­ein­le­gung unzu­stän­di­gen Rechts­mit­tel­ge­richts, durch Hin­wei­se oder ande­re geeig­ne­te Maß­nah­men eine Frist­ver­säu­mung des Rechts­mit­tel­füh­rers zu ver­hin­dern 4. Etwas ande­res gilt aller­dings dann, wenn die Unzu­stän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts "ohne Wei­te­res" bzw. "leicht und ein­wand­frei" zu erken­nen ist und die nicht recht­zei­ti­ge Auf­de­ckung der nicht gege­be­nen Zustän­dig­keit auf einem offen­kun­dig nach­läs­si­gen Fehl­ver­hal­ten des ange­ru­fe­nen Gerichts beruht. In die­sen Fäl­len stellt es für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts kei­ne nen­nens­wer­te Belas­tung dar, einen fehl­ge­lei­te­ten Schrift­satz im Rah­men des übli­chen Geschäfts­gan­ges an das zustän­di­ge Gericht wei­ter­zu­lei­ten. Geschieht dies nicht, geht die nach­fol­gen­de Frist­ver­säum­nis nicht zu Las­ten des Recht­su­chen­den; das Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten wirkt sich dann nicht mehr aus 5. Solan­ge die Akte im ord­nungs­ge­mä­ßen Geschäfts­gang dem Rich­ter nicht vor­ge­le­gen hat, kommt es für die leich­te Erkenn­bar­keit der Unzu­stän­dig­keit auf den Wis­sen­stand des zustän­di­gen Geschäfts­stel­len­be­am­ten an 6.
Auf eine Ver­let­zung der gericht­li­chen Für­sor­ge­pflicht kann sich die Klä­ge­rin indes nicht stüt­zen. Die Beru­fungs­schrift ist im übli­chen Geschäfts­gang am 08.01.2014 und damit erst nach der am 07.01.2014 ( der 06.01.2014: Fei­er­tag in Sach­sen-Anhalt)) abge­lau­fe­nen Beru­fungs­frist bei der Geschäfts­stel­le des Land­ge­richts Mag­de­burg ein­ge­gan­gen. Selbst wenn aus der Beru­fungs­schrift ohne wei­te­res hät­te ent­nom­men wer­den kön­nen, dass es sich um eine Beru­fung in einer Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­che han­del­te, hät­te eine sofor­ti­ge Vor­la­ge an die Vor­sit­zen­de oder ein Hin­weis an den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin an der Frist­ver­säum­nis nichts mehr ändern kön­nen.
Soweit die Klä­ge­rin die wei­ter­ge­hen­de Auf­fas­sung ver­tritt, sie habe damit rech­nen kön­nen, dass ihre Beru­fungs­schrift vom 03.01.2014 bereits an dem­sel­ben Tag von der Ein­gangs­stel­le an die zustän­di­ge Geschäfts­stel­le wei­ter­ge­lei­tet wer­den wür­de, über­spannt sie die aus dem Gebot eines fai­ren Ver­fah­rens in Ver­bin­dung mit dem Recht­staats­prin­zip fol­gen­de Für­sor­ge­pflicht der staat­li­chen Gerich­te.
Die Abgren­zung des­sen, was im Rah­men einer fai­ren Ver­fah­rens­ge­stal­tung an rich­ter­li­cher Für­sor­ge von Ver­fas­sungs wegen gebo­ten ist, kann sich nicht nur am Inter­es­se der Recht­su­chen­den an einer mög­lichst weit­ge­hen­den Ver­fah­rens­er­leich­te­rung ori­en­tie­ren, son­dern muss auch berück­sich­ti­gen, dass die Jus­tiz im Inter­es­se ihrer Funk­ti­ons­fä­hig­keit vor zusätz­li­cher Belas­tung geschützt wer­den muss. Einer Par­tei und ihrem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten muss die Ver­ant­wor­tung für die Ermitt­lung des rich­ti­gen Adres­sa­ten frist­ge­bun­de­ner Ver­fah­rens­er­klä­run­gen nicht all­ge­mein abge­nom­men und auf das unzu­stän­di­ge Gericht ver­la­gert wer­den 7.
Vor die­sem Hin­ter­grund kann ein Rechts­mit­tel­füh­rer nicht dar­auf ver­trau­en, dass sei­ne Rechts­mit­tel­schrift bereits am Tag der Ein­rei­chung der Geschäfts­stel­le vor­ge­legt wird. Abzu­stel­len ist viel­mehr auf den übli­chen Geschäfts­gang, in des­sen Rah­men ein Hin­weis auf die Unzu­stän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Beru­fungs­ge­richts gebo­ten sein kann, um Rechts­ver­lus­te des Rechts­mit­tel­füh­rers zu ver­mei­den. Zu einer vor­ran­gi­gen und beschleu­nig­ten Befas­sung mit der Sache, um den Beru­fungs­füh­rer noch recht­zei­tig auf eige­ne Ver­säum­nis­se bei der Prü­fung des zustän­di­gen Beru­fungs­ge­richts hin­wei­sen zu kön­nen, besteht indes­sen kei­ne Ver­an­las­sung 8.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Dezem­ber 2015 – V ZB 103/​14
vgl. BGH, Beschluss vom 24.06.2010 – V ZB 170/​09, ZMR 2010, 774 Rn. 5[↩]
GVBl. LSA 2007, 212[↩]
BGH, Beschluss vom 24.06.2010 – V ZB 170/​09, ZMR 2010, 774 Rn. 7 mwN[↩]
vgl. BVerfG, NJW 2006, 1579; BGH, Beschluss vom 24.06.2010 – V ZB 170/​09, ZMR 2010, 774 Rn. 8[↩]
BGH, Beschluss vom 12.10.2011 – IV ZB 17/​10, NJW 2012, 78 Rn. 15[↩]
vgl. BVerfGE 93, 99, 114; BVerfG, NJW 2006, 1579; BGH, Beschluss vom 24.06.2010 – V ZB 170/​09, ZMR 2010, 774 Rn. 7 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 24.06.2010 – V ZB 170/​09, ZMR 2010, 774 Rn. 10, BGH, Beschluss vom 12.10.2011 – IV ZB 17/​10, NJW 2012, 78 Rn. 11[↩]