Source: http://archiv.jura.uni-saarland.de/repetitorium/ws06/ws06fb110.html
Timestamp: 2019-11-15 08:45:29
Document Index: 193353487

Matched Legal Cases: ['Art. 97', '§ 9', 'Art. 101', 'Art. 66', '§ 10', 'Art.97', '§ 9', 'Art. 21', 'Art. 21', 'Art. 60', 'Art. 7', 'Art. 21', '§ 38', 'Art. 91', 'Art. 76', 'Art. 67', 'Art. 60', 'Art. 34']

JIPS / Repetitorium / WS 2006/2007 / Fall 10
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Fallbesprechung 10: "Ein Tag offener Rechtsfragen"
Verfassungsrecht, Verfassungsprozessrecht UNI-110/WS06/07
Die Staatskanzlei des Saarlandes veranstaltet am 10.9.2005 – acht Tage vor der im Juli 2005 vorgezogen terminierten Bundestagswahl – einen im Spätherbst 2004 geplanten "Tag der offenen Tür", zu dem der (von der C-Partei gestellte) Ministerpräsident in einem an alle Haushalte verteilten Flugblatt und auf der Homepage des Landes einlädt. Neben Informationsständen zu verschiedenen Sachthemen (Ordensverleihung, Unterstützung von Ehrenämtern, WM-Büro, Multi-Media-Initiative, Außenbeziehungen des Landes, Ausländerfragen, Bürgerbüro) finden musikalische Unterhaltung mit einem Bühnen-Live-Programm saarländischer Musikschaffender und Lesungen saarländischer Mundartdichter statt; für Kinder gibt es (ohne Teilnahme eines Regierungsmitglieds) eine "Schule der Clowns", eine Hüpfburg und einen Malwettbewerb. Geneigte BürgerInnen können ein Erinnerungsfoto am Schreibtisch des Ministerpräsidenten (mit oder ohne ihn) fertigen lassen. Ferner wird ein "Zwischenbericht 2005" als Informationsbroschüre ausgelegt, in der die bisherigen Maßnahmen der Landesregierung unter Abdruck eines Bildes des jeweils zuständigen Ministers dargestellt werden. Die Kosten belaufen sich auf insgesamt 42.000€.
Die oppositionelle S-Fraktion ist empört. Sie hält den Tag der offenen Tür für eine verfassungswidrige Veranstaltung, weil sie das Demokratieprinzip und den Grundsatz der Chancengleichheit der Parteien sowie das Bundesstaatsprinzip verletze. Sinn des Tages der offenen Tür sei es allein, die Beliebtheit des Ministerpräsidenten, der zugleich ein Bundesministeramt anstrebe und tatsächlich für den Bundestag kandidiert, als Wahlkampfmittel zu nutzen. Auch sei die Landesregierung für die Landespolitik, nicht aber für die Unterhaltung von BürgerInnen zuständig.
Sowohl die S-Fraktion als auch die S-Partei wenden sich daher an den Verfassungsgerichtshof des Saarlandes mit dem Begehren, die Verfassungswidrigkeit des "Tages der offenen Tür" feststellen zu lassen. Die Landesregierung hält die Begehren für unzulässig – unter anderem, weil gegen eine Beeinflussung von Wahlen lediglich das Wahlprüfungsverfahren zur Verfügung stehe – und im Übrigen für unbegründet. Der "Tag der offenen Tür" sei lange vor Bekanntwerden der vorgezogenen Neuwahlen terminiert worden und habe ohne erhebliche Kostennachteile nicht rückgängig gemacht werden können. Er habe im Übrigen ausschließlich landes- und keinen bundespolitischen Bezug.
Wie wird der Verfassungsgerichtshof entscheiden?
Bearbeiter, die beide Anträge für unzulässig halten, sollen in einem Hilfsgutachten die materielle Rechtslage prüfen.
Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (UNI-110/WS96/07), Stand 12/06:
materielle Voraussetzungen und Grenzen der Öffentlichkeitsarbeit der Regierung
Die Aufgabe beruht auf der Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs von Rheinland-Pfalz vom 23.10.2006 – VGH O 17/05 – NVwZ 2007, 200, nimmt aber Bezug auf in verschiedenen Examensklausuren in der Vergangenheit thematisierte Probleme. BearbeiterInnen sollten -> Lesen: BVerfG NJW 1977, 751; SVerfGH NJW 1980, 2181. BearbeiterInnen werden allerdings vor das Problem gestellt, ihnen bislang kaum bekannte Vorschriften des Landesverfassungsrechts anzuwenden. Dabei müssen Sie rasch erkennen, dass Problemstellung und Lösungsweg sich von der bundesverfassungsrechtlichen Lage nicht unterscheiden und lediglich andere Vorschriften "gefunden" werden müssen.
A. Vorgehen der S-Fraktion
Fraglich ist, ob die S-Fraktion den Verfassungsgerichtshof des Saarlandes mit Aussicht auf Erfolg anrufen kann. In Betracht kommt allein ein Organstreitverfahren.
I. Eröffnung des Verfassungsrechtswegs
Sie ergibt sich für den Organstreit aus Art. 97 Nr. 1 SVerf, §§ 9 Nr.5; 39 ff. VerfGHG.
Die Antragsgegnerin (Landesregierung) ist als oberstes Landesorgan beteiligtenfähig. Die Antragstellerin (S-Fraktion) ist beteiligtenfähig, weil sie sowohl in Vorschriften der Verfassung (Art. 101 Abs. 3, 77 Abs.1, mittelbar auch Art. 66 Abs. 2 S.1 SVerf) aber auch in §§ 10 ff. GO-LT mit eigenen Rechten ausgestattet ist.
(Im übrigen würde sich landesverfassungsprozessrechtlich das Problem stellen, ob auch die Vorschriften des Fraktionsrechtsstellungsgesetzes zur Begründung der Beteiligtenfähigkeit ausreichen; davon müsste ausgegangen werden).
Voraussetzung einer Antragsbefugnis wäre, dass die S-Fraktion die Verletzung eigener in der Verfassung ausgewiesener Rechte – der Fraktion selbst oder des Organs, dem sie angehört, also des Landtags – durch die Landesregierung plausibel geltend machen könnte.
Die Öffentlichkeitsarbeit der Landesregierung greift aber – in dem hier streitigen Zusammenhang der möglichen Ingerenz in den Wahlkampf – nicht in Rechte des Parlaments ein, weil es nicht um konkurrierende oder ausschließliche Kompetenzen des Parlaments zur Öffentlichkeitsarbeit geht.
Ein Antrag der S-Fraktion im Organstreitverfahren ist folglich unzulässig.
B. Vorgehen der S-Partei
I. Zulässigkeit des Antrags der S-Partei
1. Verfassungsrechtsweg
Die Eröffnung des Verfassungsrechtswegs folgt aus Art.97 Nr. 1 SVerf, §§ 9 Nr.5; 39 ff. VerfGHG
Die Antragsgegnerin (Landesregierung) ist als oberstes Landesorgan beteiligtenfähig.
Fraglich ist, ob die S-Partei ein "anderer Beteiligter" ist, der durch die Verfassung (oder, was hier nicht in Betracht kommt, eine Geschäftsordnung) mit eigenen Rechten ausgestattet ist.
Im Verfassungsprozessrecht und Verfassungsrecht des Bundes wird insoweit auf Art. 21 GG zurückgegriffen, der den verfassungsrechtlichen Status der Parteien begründet und daher dort, wo eine Partei ihn bedroht oder verletzt sieht, Grundlage der Beteiligtenfähigkeit im Organstreitverfahren ist. Das ist landesrechtlich nicht ganz so einfach zu begründen, da die Verfassung des Saarlandes keine Art. 21 GG vergleichbare Norm kennt. BearbeiterInnen sollten allerdings erkennen, dass das von der Verfassung gewährleistete Prinzip der repräsentativen Demokratie (Art. 60 Abs.1, 66 Abs.1 SVerf) ohne freie Parteien nicht denkbar ist. Der Blick auf Art. 7 Abs.1, 8 Satz 1 SVerf erlaubt, einen Art. 21 GG vergleichbaren Status der Parteien auf Landesebene zu garantiert zu erachten.
Die S-Partei, die frei und chancengleich an der Willenbildung des Volkes teilzunehmen berechtigt ist, kann sich durch die Intervention der Landesregierung im Rahmen des "Tages der offenen Tür" in ihrem Status betroffen sehen, weil nicht auszuschließen ist, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Landesregierung die Wahlchancen der sie stellenden Partei stärkt.
4. Ausschluss des Organstreitverfahrens durch das Verfahren der Wahlanfechtung?
Der Wahlanfechtungsstreit ist zwar in § 38 VerfGHG gesondert geregelt und besonderen Voraussetzungen unterworfen. Zwar kann die Unzulässigkeit der Öffentlichkeitsarbeit einer Regierung auch im Wahlanfechtungsverfahren geltend gemacht werden (vgl. BVerfGE 44, 125, 154). Jedoch geht es der S-Partei nicht um eine Feststellung von Fehlern, die die Bundestagswahl beeinflusst haben können – sie zu prüfen wäre der Verfassungsgerichtshof des Saarlandes auch nicht berufen – sondern um die Rüge der landesverfassungsrechtlich unzulässigen Kompetenzanmaßung der Landesregierung. Das kann nicht Gegenstand des Wahlanfechtungsverfahrens sein.
Der Antrag, dessen fristgemäße Einreichung unterstellt werden kann, ist zulässig.
II. Begründetheit des Antrags der S-Partei
Der Antrag ist begründet, wenn die Veranstaltung des Tages der offenen Tür verfassungsrechtswidrig ist. Dabei ist der VerfGH beschränkt auf die Prüfung der Verletzung der Landesverfassung.
1. Rechtsgrundlage der Öffentlichkeitsarbeit
Wie jedes hoheitliche Tätigwerden bedarf auch die Öffentlichkeitsarbeit der Landesregierung einer Rechtsgrundlage. Eine ausdrückliche Regelung in der SVerf fehlt. BearbeiterInnen werden jedoch – in Übertragung der bundesverfassungsrechtlichen Diskussion – in Art. 91 Abs.1,2 SVerf (Richtlinienkompetenz) die Gewährleistung der "Staatsleitung" durch die Landesregierung erkennen. Wenn die Verfassung der Landesregierung die Staatsleitung überträgt, wenn Art. 76 Abs.1 eine Rechenschaftspflicht der Landesregierung gegenüber dem Landtag normiert, wenn die Landesregierung des Vertrauens des Landtags bedarf und wenn sie sich vor ihm verantworten muss, dann muss sie auch befugt sein, ihre Arbeit (nicht nur vor dem Landtag) sondern vor der Öffentlichkeit insgesamt darzustellen.
Da es dabei – zunächst – nicht um grundrechtsrelevante Eingriffe geht, bedarf es keinen spezifischen, die Öffentlichkeitsarbeit im einzelnen regelnden Gesetzes.
Allerdings muss sich eine Landesregierung im Rahmen der Kompetenzen des Landes halten. Sie darf keine Öffentlichkeitsarbeit betreiben, die den Kompetenzbereich des Bundes aufgreift. Davon ist indessen nicht auszugehen.
2. Schranken der Öffentlichkeitsarbeit
a) Schranken im Allgemeinen
BearbeiterInnen sind im Kern der Arbeit aufgefordert, die Schranken der Öffentlichkeitsarbeit einer Landesregierung darzustellen.
Dazu gehört zunächst, dass sie auf den Grundsatz der Periodizität der Wahl (Art. 67 Abs. 1 S.1 SVerf) eingehen. Regierungen sind auf Zeit vom Parlament eingesetzt. Damit ist unvereinbar, sich "zur Wiederwahl" zu stellen und dafür zu werben.
Sodann sollte der Grundsatz der Freiheit und Chancengleichheit der Wahl (Art. 60 Abs.1, 63 Abs.1 SVerf) eingegangen werden. Damit unvereinbar ist, wenn eine Regierung in amtlicher Funktion für eine Partei oder einzelne Abgeordnete "Partei ergreift."
Aus beidem folgt, dass die Öffentlichkeitsarbeit der Landesregierung sich
- im Rahmen des Zuständigkeits- und Aufgabenbereichs des Landes halten muss,
- keine Wahlwerbung – auch nicht eine Wahlwerbung für Wahlen anderer Gebietskörperschaften – beinhalten darf, was aus einem Anwachsen der Öffentlichkeitsarbeit in Vorwahlzeiten geschlossen werden kann
- von einem informativen Gehalt sachlich geprägt sein muss.
Dabei können allerdings unter den veränderten medialen Rezeptionsbedingungen unterhaltende Elemente informative "verpacken", solange der unterhaltende Charakter nicht im Vordergrund steht. BearbeiterInnen können insoweit auch auf Art. 34 Abs.1 (Förderung kulturellen Schaffens) hinweisen.
b) Schranken im Konkreten überschritten?
Im Rahmen der Subsumtion sollten BearbeiterInnen erkennen, dass – vor allem – die Planung vor Bekanntwerden des Termins zur Bundestagswahl abgeschlossen war. Sie sollten würdigen, dass es um Sachthemen ging, die zwar nicht den Kern politischer Arbeit einer Landesregierung ausgemacht haben, wohl aber die repräsentativen Aufgaben einer Staatskanzlei aufgegriffen haben.
Problematisiert werden könnte, dass zugleich ein "Zwischenbericht" über die Arbeit der Landesregierung vorgelegt wurde. Jedoch betraf er nicht den bevorstehenden Bundestagswahlkampf und kann daher nicht als Werbung für eine Wiederwahl betrachtet werden.
Problematisiert werden könnte, ob die S-Partei nicht dadurch in ihrem Status verletz sein könnte, dass für den für den Bundestag (und eine andere Partei) kandidierenden Ministerpräsidenten "geworben" worden sein könnte. Selbst wenn das verfassungsrechtlichen Bedenken begegnen könnte, so wäre doch nicht das landesverfassungsrechtliche Recht der Freiheit und Chancengleichheit der Wahl (das für Landeswahlen gilt) sondern die bundesverfassungsrechtliche Garantie betroffen. Ihre Verletzung kann durch den VerfGH allerdings nicht festgestellt werden (vgl. im Einzelnen VerfGH Rheinland-Pfalz).