Source: https://www.ferner-alsdorf.de/vertragsrecht__zahnarzt-verguetungspflicht-trotz-formnichtigkeit-des-heil-und-kostenplans__rechtsanwalt-alsdorf__52558/
Timestamp: 2019-06-20 19:13:55
Document Index: 107515360

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 126', '§ 126', '§ 125', 'BGH', '§ 2']

Vergütungspflicht trotz Formnichtigkeit des Heil- und Kostenplans > Rechtsanwalt Ferner > Allgemeines Vertragsrecht, Arzthaftungsrecht > bundesgerichtshof, rechnung, schriftform, unterschrift, venire contra factum proprium, zahnarzt > Anwaltskanzlei Ferner Alsdorf
Veröffentlicht am 8. Dezember 2016 25. August 2018 von Rechtsanwalt & Fachanwalt für IT-Recht Jens Ferner
1 Keine Unterschrift geleistet
2 Berufen auf Formmangel als unzulässige Rechtsausübung
Keine Unterschrift geleistet
Es ging um einen ebenso plumpen wie verbreiteten Trick: Unter den Heil- und Kostenplan, den man mit nach Hause genommen hatte, hatte die Patientin nicht ihre Unterschrift gesetzt, was den Mitarbeitern in der Praxis durchging. Das führt dann auch erst einmal zur Unwirksamkeit:
Solche Leistungen darf der Zahnarzt nur berechnen, wenn sie auf Verlangen des – über die fehlende Notwendigkeit aufgeklärten – Zahlungspflichtigen erbracht (§ 1 Abs. 2 Satz 2 GOZ) und zuvor in einem Heil- und Kostenplan einschließlich der Vergütung schriftlich vereinbart worden sind (§ 2 Abs. 3 Satz 1 GOZ). Dabei handelt es sich um eine gesetzlich vorgeschriebene Schriftform im Sinne des § 126 BGB (…) Dementsprechend muss der Heil- und Kostenplan von beiden Parteien eigenhändig unterschrieben werden (§ 126 Abs. 2 Satz 1 BGB). Daran fehlt es hier. Die Nichteinhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Form hat gemäß § 125 Satz 1 BGB die Nichtigkeit des Rechtsgeschäfts zur Folge.
Berufen auf Formmangel als unzulässige Rechtsausübung
Nun kann aber das Berufen auf den Mangel der Form eine unzulässige Rechtsausübung darstellen, was jedoch nur unter ganz besonderen Umständen denkbar ist:
Der Formmangel eines Rechtsgeschäfts ist nur ausnahmsweise wegen unzulässiger Rechtsausübung unbeachtlich. Formvorschriften dürfen im Interesse der Rechtssicherheit nicht aus bloßen Billigkeitserwägungen außer Acht gelassen werden. Ausnahmen sind deshalb nur zulässig, wenn es nach den Beziehungen der Parteien und den gesamten Umständen mit Treu und Glauben unvereinbar wäre, das Rechtsgeschäft am Formmangel scheitern zu lassen. Dabei sind aber strenge Maßstäbe anzulegen. Das Ergebnis darf die betroffene Partei nicht bloß hart treffen, sondern es muss schlechthin untragbar sein. Von der Rechtsprechung sind bislang insbesondere zwei Fallgruppen als Ausnahmen anerkannt worden: die Fälle der – hier nicht vorliegenden – Existenzgefährdung des einen Teils und die Fälle einer besonders schweren Treuepflichtverletzung des anderen Teils (…) Eine besonders schwere Treuepflichtver- letzung kommt regelmäßig dann in Betracht, wenn eine Partei in schwerwiegender Weise gegen das Verbot des venire contra factum proprium verstoßen hat, etwa dadurch, dass sie die Erfüllung der von ihr übernommenen Verpflichtung verweigert, nachdem sie über längere Zeit die Vorteile aus der formun- wirksamen Vereinbarung in Anspruch genommen hat
Eben dies nahm der BGH vorliegend an, zumal auch vorher wohl gut getrickst wurde, wenn man sich die weiteren Ausführungen ansieht:
Erstmals nach Abschluss der Behandlung, nachdem die Beklagte sämtliche Vorteile aus der zahnärztlichen Versorgung gemäß dem Heil- und Kostenplan in Anspruch genommen hatte, hat sie sich auf die Nichteinhaltung der Schriftform berufen. Es kommt hinzu, dass das Unterschriftserfordernis aus dem ausgehändigten Heil- und Kostenplan klar ersichtlich ist und die aus Albanien stammende, jedoch seit 1994 in Deutschland lebende Beklagte die erbetene Unterschriftsleistung lediglich deshalb (zunächst) zurückgestellt hatte, weil sie den – ihr bereits verständlich erläuterten – Heil- und Kostenplan (angeblich) nochmals übersetzen lassen wollte. Nach alledem ist das Verhalten der Beklagten als in hohem Maße widersprüchlich und treuwidrig zu werten, so dass sie sich auf den mit der Formvorschrift des § 2 Abs. 3 GOZ verfolgten Zweck (Schutz des Patienten vor einer übereilten Bindung, Information des Zahlungspflichtigen über die geplanten Leistungen und die voraussichtlich entstehenden Kosten) und die Formnichtigkeit der Vergütungsvereinbarung nicht berufen kann (…)
KategorienAllgemeines Vertragsrecht, Arzthaftungsrecht Schlagwörterbundesgerichtshof, rechnung, schriftform, unterschrift, venire contra factum proprium, zahnarzt
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