Source: https://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-eugh-c-684-16-shimizu-06-11-2018-u.html
Timestamp: 2019-12-15 00:57:45
Document Index: 254768284

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 267', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 17', 'Art. 7', '§ 7', '§ 26', '§ 7', '§ 7', '§ 7', '§ 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', '§ 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 6', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', '§ 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 6', 'Art. 52', 'Art. 31', 'Art. 2', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 52', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 288', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 151', 'Art. 151', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 27', 'Art. 31', 'Art. 52', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 51', 'Art. 51', 'Art. 21', 'Art. 51', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 7', 'Art. 31', 'Art. 31']

EuGH, Urteil vom 06.11.2018, C-684/16 - HENSCHE Arbeitsrecht
EuGH, Ur­teil vom 06.11.2018, C-684/16
Aktenzeichen: C-684/16
Vorinstanzen: BAG, Beschluss vom 13.12.2016, 9 AZR 541/15 (A)
LAG München, Urteil vom 06.05.2015, 8 Sa 982/14
Arbeitsgericht München, Urteil vom 13.11.2014, 13 Ca 7172/14
6. No­vem­ber 2018(*)
„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Ar­beits­zeit­ge­stal­tung - Richt­li­nie 2003/88/EG - Art. 7 - An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub - Na­tio­na­le Re­ge­lung, die den Ver­lust des nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs und der fi­nan­zi­el­len Vergütung für die­sen Ur­laub vor­sieht, wenn der Ar­beit­neh­mer den Ur­laub nicht vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­an­tragt - Richt­li­nie 2003/88/EG - Art. 7 - Pflicht zur uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts - Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on - Art. 31 Abs. 2 - Möglich­keit der Gel­tend­ma­chung in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­vat­per­so­nen“
In der Rechts­sa­che C‑684/16
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 13. De­zem­ber 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 27. De­zem­ber 2016, in dem Ver­fah­ren
Max-Planck-Ge­sell­schaft zur Förde­rung der Wis­sen­schaf­ten e. V.
Tet­s­u­ji Shi­mi­zu
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten K. Lena­erts, des Kam­mer­präsi­den­ten J.‑C. Bo­ni­chot, der Kam­mer­präsi­den­tin A. Prechal (Be­richt­er­stat­te­rin), der Kam­mer­präsi­den­ten M. Vil­a­ras, T. von Dan­witz und F. Bilt­gen, der Kam­mer­präsi­den­tin K. Jürimäe, des Kam­mer­präsi­den­ten C. Ly­cour­gos so­wie der Rich­ter M. Ilešič, J. Ma­le­n­ovský, E. Le­vits, L. Bay Lar­sen und S. Ro­din,
- der Max-Planck-Ge­sell­schaft zur Förde­rung der Wis­sen­schaf­ten e. V., ver­tre­ten durch Rechts­an­walt J. Röckl,
- von Herrn Shi­mi­zu, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt N. Zim­mer­mann,
- der un­ga­ri­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch E. Se­be­s­tyén und M. Z. Fehér als Be­vollmäch­tig­te,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. van Beek und T. S. Bohr als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 29. Mai 2018
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 2003, L 299, S. 9) und von Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Max-Planck‑Ge­sell­schaft zur Förde­rung der Wis­sen­schaf­ten e. V. (im Fol­gen­den: Max-Planck-Ge­sell­schaft) und Herrn Tet­s­u­ji Shi­mi­zu, ei­nem ih­rer ehe­ma­li­gen Ar­beit­neh­mer, über die Wei­ge­rung der Max‑Planck-Ge­sell­schaft, ihm ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den vor der Be­en­di­gung ih­res Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len.
Im vier­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23. No­vem­ber 1993 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 1993, L 307, S. 18) war aus­geführt:
„In der Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer, die von den Staats- und Re­gie­rungs­chefs von elf Mit­glied­staa­ten auf der Ta­gung des Eu­ropäischen Ra­tes von Straßburg am 9. De­zem­ber 1989 ver­ab­schie­det wur­de, heißt es un­ter … Punkt 8 … wie folgt:
8. Je­der Ar­beit­neh­mer der Eu­ropäischen Ge­mein­schaft hat An­spruch auf die wöchent­li­che Ru­he­zeit und auf ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, de­ren Dau­er gemäß den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten auf dem We­ge des Fort­schritts in den ein­zel­nen Staa­ten ein­an­der an­zunähern ist.
4 Nach ih­rem ers­ten Erwägungs­grund er­folg­te durch die Richt­li­nie 2003/88, mit der die Richt­li­nie 93/104 auf­ge­ho­ben wur­de, ei­ne Ko­di­fi­zie­rung der Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 93/104.
5 Die Erwägungs­gründe 4 bis 6 der Richt­li­nie 2003/88 lau­ten:
„(4) Die Ver­bes­se­rung von Si­cher­heit, Ar­beits­hy­gie­ne und Ge­sund­heits­schutz der Ar­beit­neh­mer bei der Ar­beit stel­len Ziel­set­zun­gen dar, die kei­nen rein wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen un­ter­ge­ord­net wer­den dürfen.
(5) Al­le Ar­beit­neh­mer soll­ten an­ge­mes­se­ne Ru­he­zei­ten er­hal­ten. Der Be­griff ,Ru­he­zeit‘ muss in Zeit­ein­hei­ten aus­ge­drückt wer­den, d. h. in Ta­gen, St­un­den und/oder Tei­len da­von. Ar­beit­neh­mern in der [Uni­on] müssen Min­destru­he­zei­ten – je Tag, Wo­che und Jahr – so­wie an­ge­mes­se­ne Ru­he­pau­sen zu­ge­stan­den wer­den. …
(6) Hin­sicht­lich der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist den Grundsätzen der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on Rech­nung zu tra­gen; dies be­trifft auch die für Nacht­ar­beit gel­ten­den Grundsätze.“
6 Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, der mit Art. 7 der Richt­li­nie 93/104 wört­lich übe­rein­stimmt, sieht vor:
7 Nach Art. 17 der Richt­li­nie 2003/88 können die Mit­glied­staa­ten von be­stimm­ten Vor­schrif­ten die­ser Richt­li­nie ab­wei­chen. Ei­ne Ab­wei­chung von Art. 7 der Richt­li­nie ist je­doch nicht zulässig.
8 § 7 des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes vom 8. Ja­nu­ar 1963 (BGBl. 1963 S. 2) in der Fas­sung vom 7. Mai 2002 (BGBl. 2002 I S. 1529) (im Fol­gen­den: BUrlG) be­stimmt:
„(1) Bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs sind die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen, es sei denn, dass ih­rer Berück­sich­ti­gung drin­gen­de be­trieb­li­che Be­lan­ge oder Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten den Vor­rang ver­die­nen, ent­ge­gen­ste­hen. Der Ur­laub ist zu gewähren, wenn der Ar­beit­neh­mer dies im An­schluss an ei­ne Maßnah­me der me­di­zi­ni­schen Vor­sor­ge oder Re­ha­bi­li­ta­ti­on ver­langt.
(3) Der Ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt und ge­nom­men wer­den. Ei­ne Über­tra­gung des Ur­laubs auf das nächs­te Ka­len­der­jahr ist nur statt­haft, wenn drin­gen­de be­trieb­li­che oder in der Per­son des Ar­beit­neh­mers lie­gen­de Gründe dies recht­fer­ti­gen. …
Der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst enthält in § 26 („Er­ho­lungs­ur­laub“) Abs. 1 fol­gen­de Re­ge­lung:
„… Der Er­ho­lungs­ur­laub muss im lau­fen­den Ka­len­der­jahr gewährt … wer­den.
10 Herr Shi­mi­zu war vom 1. Au­gust 2001 bis 31. De­zem­ber 2013 auf der Grund­la­ge meh­re­rer be­fris­te­ter Verträge bei der Max‑Planck‑Ge­sell­schaft beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en fan­den das BUrlG und der Ta­rif­ver­trag für den öffent­li­chen Dienst An­wen­dung.
11 Mit Schrei­ben vom 23. Ok­to­ber 2013 bat die Max-Planck-Ge­sell­schaft Herrn Shi­mi­zu, sei­nen Ur­laub vor dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zu neh­men, oh­ne ihn je­doch zu ver­pflich­ten, ihn zu ei­nem von ihr fest­ge­leg­ten Ter­min zu neh­men. Herr Shi­mi­zu nahm am 15. No­vem­ber und am 2. De­zem­ber 2013 je­weils ei­nen Tag Ur­laub.
12 Nach­dem Herr Shi­mi­zu mit Schrei­ben vom 23. De­zem­ber 2013 die Max‑Planck‑Ge­sell­schaft er­folg­los zur Zah­lung von 11 979 Eu­ro als fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung von 51 nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs­ta­gen aus den Jah­ren 2012 und 2013 auf­ge­for­dert hat­te, er­hob er ei­ne ent­spre­chen­de Zah­lungs­kla­ge.
13 Da die­ser Kla­ge so­wohl in der ers­ten als auch in der Be­ru­fungs­in­stanz statt­ge­ge­ben wur­de, leg­te die Max-Planck-Ge­sell­schaft beim vor­le­gen­den Ge­richt, dem Bun­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land), Re­vi­si­on ein.
14 Das Bun­des­ar­beits­ge­richt führt aus, die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub sei­en gemäß § 7 Abs. 3 BUrlG ver­fal­len, da der Ur­laub nicht im Ur­laubs­jahr ge­nom­men wor­den sei. Nach § 7 Abs. 3 BUrlG ver­fal­le nämlich der im Ur­laubs­jahr nicht ge­nom­me­ne Ur­laub des Ar­beit­neh­mers grundsätz­lich am En­de des Ur­laubs­jah­res, es sei denn, die Über­tra­gungs­vor­aus­set­zun­gen nach die­ser Be­stim­mung lägen vor. Sei der Ar­beit­neh­mer in der La­ge ge­we­sen, sei­nen Ur­laub im Ur­laubs­jahr zu neh­men, ge­he der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub da­her am En­de des Ur­laubs­jah­res un­ter. Da die­se Ansprüche ver­fal­len sei­en, könn­ten sie nicht mehr in ei­nen Ab­gel­tungs­an­spruch gemäß § 7 Abs. 4 BUrlG um­ge­wan­delt wer­den. An­ders sei es nur, wenn der Ar­beit­ge­ber trotz ei­nes recht­zei­ti­gen Ur­laubs­an­trags des Ar­beit­neh­mers die­sem kei­nen Ur­laub gewährt ha­be. § 7 BUrlG könne aber nicht so aus­ge­legt wer­den, dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet wäre, den Ar­beit­neh­mer da­zu zu zwin­gen, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men.
15 Nach An­sicht des vor­le­gen­den Ge­richts lässt sich der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht ent­neh­men, ob ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung mit der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer be­schrie­be­nen Wir­kung mit Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ver­ein­bar sei, während im Schrift­tum die Mei­nun­gen da­zu aus­ein­an­der­gin­gen. Es stel­le sich ins­be­son­de­re die Fra­ge, ob der Ar­beit­ge­ber gemäß Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 ver­pflich­tet sei, den Er­ho­lungs­ur­laub von sich aus ein­sei­tig zeit­lich fest­zu­le­gen, oder ob das Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke (C‑118/13, EU:C:2014:1755), da­hin zu ver­ste­hen sei, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub auch dann nicht mit Ab­lauf des Be­zugs­jah­res oder des Über­tra­gungs­zeit­raums erlöschen dürfe, wenn der Ar­beit­neh­mer in der La­ge ge­we­sen sei, den Ur­laubs­an­spruch wahr­zu­neh­men.
16 Im Übri­gen sei die Max-Planck-Ge­sell­schaft ei­ne ge­meinnützi­ge Or­ga­ni­sa­ti­on des Pri­vat­rechts, die zwar größten­teils aus öffent­li­chen Mit­teln fi­nan­ziert wer­de, je­doch nicht mit be­son­de­ren Rech­ten aus­ge­stat­tet sei, die über das hin­aus­gin­gen, was für die Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­te. Sie sei so­mit als Pri­vat­per­son an­zu­se­hen. Da­her ha­be der Ge­richts­hof zusätz­lich zu klären, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 oder Art. 31 Abs. 2 der Char­ta even­tu­ell ei­ne un­mit­tel­ba­re Wir­kung in den Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen zu­kom­me.
17 Un­ter die­sen Umständen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. Steht Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 oder Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der in § 7 BUrlG ent­ge­gen, die als Mo­da­lität für die Wahr­neh­mung des An­spruchs auf Er­ho­lungs­ur­laub vor­sieht, dass der Ar­beit­neh­mer un­ter An­ga­be sei­ner Wünsche bezüglich der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die­sen be­an­tra­gen muss, da­mit der Ur­laubs­an­spruch am En­de des Be­zugs­zeit­raums nicht er­satz­los un­ter­geht, und die den Ar­beit­ge­ber da­mit nicht ver­pflich­tet, von sich aus ein­sei­tig und für den Ar­beit­neh­mer ver­bind­lich die zeit­li­che La­ge des Ur­laubs in­ner­halb des Be­zugs­zeit­raums fest­zu­le­gen?
2. Falls die Fra­ge zu 1 be­jaht wird:
Gilt dies auch dann, wenn das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen Pri­vat­per­so­nen be­stand?
18 Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­ste­hen, nach der ein Ar­beit­neh­mer, der im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, am En­de des Be­zugs­zeit­raums die ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen für den Be­zugs­zeit­raum zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert.
19 Zunächst ist zu be­ach­ten, dass das Recht je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen ist, von dem nicht ab­ge­wi­chen wer­den darf und den die zuständi­gen na­tio­na­len Stel­len nur in den Gren­zen um­set­zen dürfen, die in der Richt­li­nie 2003/88 selbst aus­drück­lich ge­zo­gen wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 15 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
20 Das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on hat zu­dem nicht nur be­son­de­re Be­deu­tung, son­dern ist auch in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta, der nach Art. 6 Abs. 1 EUV der glei­che recht­li­che Rang wie den Verträgen zu­kommt, aus­drück­lich verbürgt (Ur­teil vom 30. Ju­ni 2016, Sobc­zy­szyn, C‑178/15, EU:C:2016:502, Rn. 20 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
21 Was als Ers­tes Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 be­trifft, ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Rechts­sa­che des Aus­gangs­ver­fah­rens die Wei­ge­rung be­trifft, ei­ne Vergütung für be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len, der zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens nicht ge­nom­men wor­den war.
22 Ist das Ar­beits­verhält­nis be­en­det, ist die tatsächli­che In­an­spruch­nah­me des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs, der dem Ar­beit­neh­mer zu­steht, nicht mehr möglich. Um zu ver­hin­dern, dass dem Ar­beit­neh­mer we­gen die­ser Unmöglich­keit je­der Ge­nuss die­ses An­spruchs, selbst in fi­nan­zi­el­ler Form, vor­ent­hal­ten wird, sieht Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 vor, dass der Ar­beit­neh­mer An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für die nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs­ta­ge hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 17 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Wie der Ge­richts­hof ent­schie­den hat, stellt Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 kei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung für das Ent­ste­hen des An­spruchs auf fi­nan­zi­el­le Vergütung auf als die, dass das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist und der Ar­beit­neh­mer nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men hat, auf den er zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch hat­te (Ur­teil vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 27 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
24 In­so­weit geht aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs her­vor, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen dem Ar­beit­neh­mer am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­zahlt wird, wenn es ihm nicht möglich war, den ge­sam­ten be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, der ihm vor dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­stand, weil er sich z. B. während des ge­sam­ten Be­zugs- und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von im Krank­heits­ur­laub be­fand (Ur­tei­le vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 62, vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 31, so­wie vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 65).
25 Der Ge­richts­hof hat fer­ner ent­schie­den, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht da­hin aus­ge­legt wer­den kann, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und da­mit auch der An­spruch auf die in Art. 7 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung durch den Tod des Ar­beit­neh­mers un­ter­ge­hen können. Da­bei hat der Ge­richts­hof ins­be­son­de­re be­tont, dass, wenn die Pflicht zur Aus­zah­lung ei­ner sol­chen Vergütung we­gen der durch den Tod des Ar­beit­neh­mers be­ding­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses erlöschen würde, die­ser Um­stand zur Fol­ge hätte, dass ein unwägba­res Vor­komm­nis rück­wir­kend zum vollständi­gen Ver­lust des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub selbst führen würde (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 25, 26 und 30).
26 Das Erlöschen des von ei­nem Ar­beit­neh­mer er­wor­be­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub oder des im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kor­re­lie­ren­den An­spruchs auf Zah­lung ei­ner Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub, oh­ne dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich die Möglich­keit ge­habt hätte, den An­spruch aus­zuüben, würde nämlich das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in sei­nem We­sens­ge­halt an­tas­ten (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 19. Sep­tem­ber 2013, Über­prüfung Kom­mis­si­on/Strack, C‑579/12 RX‑II, EU:C:2013:570, Rn. 32).
27 In Be­zug auf das Aus­gangs­ver­fah­ren ist fest­zu­stel­len, dass nach den Ausführun­gen des vor­le­gen­den Ge­richts die Wei­ge­rung des frühe­ren Ar­beit­ge­bers von Herrn Shi­mi­zu, ihm ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len, auf ei­ne Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts gestützt ist, nach der die­ser Ur­laubs­an­spruch grundsätz­lich nicht we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses als sol­cher un­ter­geht, son­dern auf­grund der Tat­sa­che, dass der Ar­beit­neh­mer während des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf In­an­spruch­nah­me des Ur­laubs im Be­zugs­zeit­raum ge­stellt hat.
28 Im vor­lie­gen­den Fall stellt sich so­mit im We­sent­li­chen die Fra­ge, ob Herr Shi­mi­zu vor dem Hin­ter­grund der in Rn. 23 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung zum Zeit­punkt der Be­en­di­gung des im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Ar­beits­verhält­nis­ses noch An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat­te, der sich we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses in ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung um­wan­deln konn­te.
29 Die­se Fra­ge be­trifft dem­nach in ers­ter Li­nie die Aus­le­gung von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 und geht da­hin, ob die­ser es aus­sch­ließt, dass die Auf­recht­er­hal­tung des An­spruchs auf am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub da­von abhängig ge­macht wer­den kann, dass der Ar­beit­neh­mer in die­sem Zeit­raum ei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung die­ses An­spruchs ge­stellt hat, und ob er es aus­sch­ließt, dass bei Feh­len ei­nes sol­chen An­trags der Ver­lust des An­spruchs vor­ge­schrie­ben ist, oh­ne dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet wäre, von sich aus ein­sei­tig und für den Ar­beit­neh­mer ver­bind­lich die zeit­li­che La­ge des Ur­laubs in­ner­halb des Be­zugs­zeit­raums fest­zu­le­gen.
30 In­so­weit ist ers­tens fest­zu­stel­len, dass aus der in den Rn. 22 bis 25 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht ab­ge­lei­tet wer­den kann, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen wäre, dass der An­spruch nach Abs. 1 und – im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – der An­spruch auf die Vergütung, die gemäß Abs. 2 an sei­ne Stel­le tre­ten kann, dem Ar­beit­neh­mer völlig un­abhängig von den Umständen er­hal­ten blei­ben müss­ten, die da­zu geführt ha­ben, dass er den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ge­nom­men hat.
31 Zwei­tens darf zwar nach ständi­ger Recht­spre­chung Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, um si­cher­zu­stel­len, dass das im Uni­ons­recht ver­an­ker­te Grund­recht des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub be­ach­tet wird, nicht auf Kos­ten der Rech­te, die dem Ar­beit­neh­mer nach die­ser Richt­li­nie zu­ste­hen, re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 22 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Es ist je­doch eben­falls zu be­ach­ten, dass das in Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­ne Ur­laubs­ent­gelt es dem Ar­beit­neh­mer ermögli­chen soll, den Ur­laub, auf den er An­spruch hat, tatsächlich zu neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 49).
32 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs wird mit dem in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­an­ker­ten An­spruch auf Jah­res­ur­laub nämlich der Zweck ver­folgt, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zum ei­nen von der Ausübung der ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu er­ho­len und zum an­de­ren über ei­nen Zeit­raum der Ent­span­nung und Frei­zeit zu verfügen (Ur­teil vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 34 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
33 In­dem Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 vor­sieht, dass der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den darf, soll im Übri­gen auch gewähr­leis­tet wer­den, dass der Ar­beit­neh­mer über ei­ne tatsächli­che Ru­he­zeit verfügen kann, da­mit ein wirk­sa­mer Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit gewähr­leis­tet ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 60 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
34 Drit­tens ist es, wie sich schon aus dem Wort­laut von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs er­gibt, Sa­che der Mit­glied­staa­ten, in ih­ren in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten die Vor­aus­set­zun­gen für die Wahr­neh­mung und die Um­set­zung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub fest­zu­le­gen und da­bei die kon­kre­ten Umstände zu be­zeich­nen, un­ter de­nen die Ar­beit­neh­mer die­sen An­spruch gel­tend ma­chen können (Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
35 Dies hat der Ge­richts­hof u. a. da­hin präzi­siert, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 grundsätz­lich ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung, die für die Wahr­neh­mung des mit die­ser Richt­li­nie aus­drück­lich ver­lie­he­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub Mo­da­litäten vor­sieht, die so­gar den Ver­lust die­ses An­spruchs am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums um­fas­sen, nicht ent­ge­gen­steht, al­ler­dings un­ter der Vor­aus­set­zung, dass der Ar­beit­neh­mer, des­sen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lo­schen ist, tatsächlich die Möglich­keit hat­te, den ihm mit der Richt­li­nie ver­lie­he­nen An­spruch wahr­zu­neh­men (Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 43).
36 Ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie § 7 Abs. 1 und 3 BUrlG, die vor­sieht, dass bei der zeit­li­chen Fest­le­gung des Ur­laubs die Ur­laubswünsche des Ar­beit­neh­mers zu berück­sich­ti­gen sind, es sei denn, dass drin­gen­de be­trieb­li­che Be­lan­ge oder Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer vor­lie­gen, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten den Vor­rang ver­die­nen, oder dass der Ur­laub grundsätz­lich im Be­zugs­jahr zu neh­men ist, fällt in den Be­reich der Mo­da­litäten für die Wahr­neh­mung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Sin­ne von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 und der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer an­geführ­ten Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs.
37 Ei­ne Re­ge­lung sol­cher Art gehört zu den auf die Fest­le­gung des Ur­laubs der Ar­beit­neh­mer an­wend­ba­ren Be­stim­mun­gen und Ver­fah­ren des na­tio­na­len Rechts, die zum Ziel ha­ben, den ver­schie­de­nen wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen Rech­nung zu tra­gen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 10. Sep­tem­ber 2009, Vicen­te Pe­re­da, C‑277/08, EU:C:2009:542, Rn. 22).
38 Wie aus Rn. 35 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, ist je­doch dafür Sor­ge zu tra­gen, dass die An­wen­dung sol­cher na­tio­na­len Be­stim­mun­gen nicht zum Erlöschen der vom Ar­beit­neh­mer er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub führen kann, wenn es ihm tatsächlich nicht möglich war, die­se Ansprüche wahr­zu­neh­men.
39 Im vor­lie­gen­den Fall ist der Vor­la­ge­ent­schei­dung zu ent­neh­men, dass die in Rn. 36 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten na­tio­na­len Vor­schrif­ten da­hin aus­ge­legt wer­den, dass, wenn ein Ar­beit­neh­mer im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs ge­stellt hat, dies grundsätz­lich da­zu führt, dass der Ar­beit­neh­mer sei­nen Ur­laubs­an­spruch am En­de des Be­zugs­zeit­raums und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert.
40 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 32 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, wer­den mit ei­nem sol­chen au­to­ma­ti­schen Ver­lust des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, der kei­ne vor­he­ri­ge Prüfung vor­aus­setzt, ob der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men, die in Rn. 35 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Gren­zen ver­kannt, die von den Mit­glied­staa­ten zwin­gend ein­zu­hal­ten sind, wenn sie die Mo­da­litäten für die Ausübung die­ses An­spruchs im Ein­zel­nen fest­le­gen.
41 Der Ar­beit­neh­mer ist nämlich als die schwäche­re Par­tei des Ar­beits­ver­trags an­zu­se­hen, so dass ver­hin­dert wer­den muss, dass der Ar­beit­ge­ber ihm ei­ne Be­schränkung sei­ner Rech­te auf­er­le­gen kann. Auf­grund die­ser schwäche­ren Po­si­ti­on kann der Ar­beit­neh­mer da­von ab­ge­schreckt wer­den, sei­ne Rech­te ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber aus­drück­lich gel­tend zu ma­chen, da ins­be­son­de­re die Ein­for­de­rung die­ser Rech­te ihn Maßnah­men des Ar­beit­ge­bers aus­set­zen könn­te, die sich zu sei­nem Nach­teil auf das Ar­beits­verhält­nis aus­wir­ken können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 25. No­vem­ber 2010, Fuß, C‑429/09, EU:C:2010:717, Rn. 80 und 81 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
42 Zu­dem ist die Schaf­fung ei­nes An­rei­zes, auf den Er­ho­lungs­ur­laub zu ver­zich­ten oder die Ar­beit­neh­mer da­zu an­zu­hal­ten, dar­auf zu ver­zich­ten, mit den in den Rn. 32 und 33 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Zie­len un­ver­ein­bar, die mit dem An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­folgt wer­den und u. a. dar­in be­ste­hen, zu gewähr­leis­ten, dass der Ar­beit­neh­mer zum wirk­sa­men Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit über ei­ne tatsächli­che Ru­he­zeit verfügt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 6. April 2006, Fe­de­ra­tie Neder­land­se Vak­be­we­ging, C‑124/05, EU:C:2006:244, Rn. 32). Dem­nach verstößt auch je­de Pra­xis oder Un­ter­las­sung ei­nes Ar­beit­ge­bers, die den Ar­beit­neh­mer da­von ab­hal­ten kann, den Jah­res­ur­laub zu neh­men, ge­gen das mit dem Recht auf Jah­res­ur­laub ver­folg­te Ziel (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 39 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
43 Un­ter die­sen Umständen ist ei­ne Si­tua­ti­on zu ver­mei­den, in der die Auf­ga­be, für die tatsächli­che Wahr­neh­mung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu sor­gen, vollständig auf den Ar­beit­neh­mer ver­la­gert würde, während der Ar­beit­ge­ber da­mit die Möglich­keit er­hiel­te, sich un­ter Be­ru­fung auf den feh­len­den Ur­laubs­an­trag des Ar­beit­neh­mers sei­ner ei­ge­nen Pflich­ten zu ent­zie­hen.
44 Für die Ant­wort auf die ers­te Fra­ge ist zwar dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Be­ach­tung der Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers aus Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht so weit ge­hen kann, von die­sem zu ver­lan­gen, dass er sei­ne Ar­beit­neh­mer zwingt, ih­ren An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub tatsächlich wahr­zu­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 7. Sep­tem­ber 2006, Kom­mis­si­on/Ver­ei­nig­tes König­reich, C‑484/04, EU:C:2006:526, Rn. 43). Er muss den Ar­beit­neh­mer je­doch in die La­ge ver­set­zen, ei­nen sol­chen An­spruch wahr­zu­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 63).
45 Wie auch der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 41 bis 43 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ist der Ar­beit­ge­ber in An­be­tracht des zwin­gen­den Cha­rak­ters des Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und an­ge­sichts des Er­for­der­nis­ses, die prak­ti­sche Wirk­sam­keit von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 zu gewähr­leis­ten, u. a. ver­pflich­tet, kon­kret und in völli­ger Trans­pa­renz dafür zu sor­gen, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in der La­ge ist, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, in­dem er ihn – er­for­der­li­chen­falls förm­lich – auf­for­dert, dies zu tun, und ihm, da­mit si­cher­ge­stellt ist, dass der Ur­laub ihm noch die Er­ho­lung und Ent­span­nung bie­ten kann, zu de­nen er bei­tra­gen soll, klar und recht­zei­tig mit­teilt, dass der Ur­laub, wenn er ihn nicht nimmt, am En­de des Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes zulässi­gen Über­tra­gungs­zeit­raums ver­fal­len wird.
46 Die Be­weis­last trägt in­so­weit der Ar­beit­ge­ber (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 68). Kann er nicht nach­wei­sen, dass er mit al­ler ge­bo­te­nen Sorg­falt ge­han­delt hat, um den Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge zu ver­set­zen, den ihm zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, ver­stießen das Erlöschen des Ur­laubs­an­spruchs am En­de des Be­zugs- oder zulässi­gen Über­tra­gungs­zeit­raums und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – das ent­spre­chen­de Aus­blei­ben der Zah­lung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub ge­gen Art. 7 Abs. 1 und ge­gen Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88.
47 Ist der Ar­beit­ge­ber hin­ge­gen in der La­ge, den ihm in­so­weit ob­lie­gen­den Be­weis zu er­brin­gen, und zeigt sich da­her, dass der Ar­beit­neh­mer aus frei­en Stücken und in vol­ler Kennt­nis der sich dar­aus er­ge­ben­den Kon­se­quen­zen dar­auf ver­zich­tet hat, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, nach­dem er in die La­ge ver­setzt wor­den war, sei­nen Ur­laubs­an­spruch tatsächlich wahr­zu­neh­men, steht Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 dem Ver­lust die­ses An­spruchs und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – dem ent­spre­chen­den Weg­fall der fi­nan­zi­el­len Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ent­ge­gen.
48 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 50 und 51 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat und aus Rn. 42 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, wäre je­de Aus­le­gung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, die den Ar­beit­neh­mer da­zu ver­an­las­sen könn­te, aus frei­en Stücken in den be­tref­fen­den Be­zugs- oder zulässi­gen Über­tra­gungs­zeiträum­en kei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, um sei­ne Vergütung bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu erhöhen, mit den durch die Schaf­fung des Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­folg­ten Zie­len un­ver­ein­bar.
49 Was als Zwei­tes Art. 31 Abs. 2 der Char­ta an­be­langt, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs die in der Uni­ons­rechts­ord­nung ga­ran­tier­ten Grund­rech­te in al­len uni­ons­recht­lich ge­re­gel­ten Fall­ge­stal­tun­gen An­wen­dung fin­den (vgl. u. a. Ur­teil vom 15. Ja­nu­ar 2014, As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le, C‑176/12, EU:C:2014:2, Rn. 42 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
50 Da mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung die Richt­li­nie 2003/88 um­ge­setzt wird, fin­det Art. 31 Abs. 2 der Char­ta im Aus­gangs­ver­fah­ren An­wen­dung (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 15. Ja­nu­ar 2014, As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le, C‑176/12, EU:C:2014:2, Rn. 43).
51 Schon dem Wort­laut von Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ist zu ent­neh­men, dass in die­ser Be­stim­mung das „Recht“ je­der Ar­beit­neh­me­rin und je­des Ar­beit­neh­mers auf „be­zahl­ten Jah­res­ur­laub“ ver­an­kert ist.
52 Nach den Erläute­run­gen zu Art. 31 der Char­ta, die gemäß Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 3 EUV und Art. 52 Abs. 7 der Char­ta bei de­ren Aus­le­gung zu berück­sich­ti­gen sind, ori­en­tiert sich Art. 31 Abs. 2 der Char­ta an der Richt­li­nie 93/104, an Art. 2 der am 18. Ok­to­ber 1961 in Tu­rin un­ter­zeich­ne­ten und am 3. Mai 1996 in Straßburg re­vi­dier­ten Eu­ropäischen So­zi­al­char­ta so­wie an Nr. 8 der auf der Ta­gung des Eu­ropäischen Ra­tes in Straßburg am 9. De­zem­ber 1989 ver­ab­schie­de­ten Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer (Ur­teil vom 19. Sep­tem­ber 2013, Über­prüfung Kom­mis­si­on/Strack, C‑579/12 RX‑II, EU:C:2013:570, Rn. 27).
53 Wie sich aus dem ers­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 er­gibt, wur­de mit ihr die Richt­li­nie 93/104 ko­di­fi­ziert. Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, der den An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub be­trifft, hat den­sel­ben Wort­laut wie Art. 7 der Richt­li­nie 93/104 (Ur­teil vom 19. Sep­tem­ber 2013, Über­prüfung Kom­mis­si­on/Strack, C‑579/12 RX‑II, EU:C:2013:570, Rn. 28).
54 In die­sem Zu­sam­men­hang ist außer­dem zu be­ach­ten, dass das in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ver­an­ker­te Grund­recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nur un­ter Ein­hal­tung der in Art. 52 Abs. 1 der Char­ta vor­ge­se­he­nen stren­gen Be­din­gun­gen und ins­be­son­de­re nur un­ter Ach­tung sei­nes We­sens­ge­halts be­schränkt wer­den kann. Folg­lich können die Mit­glied­staa­ten nicht von dem sich aus Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 in Ver­bin­dung mit Art. 31 Abs. 2 der Char­ta er­ge­ben­den Grund­satz ab­wei­chen, wo­nach ein er­wor­be­ner An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums nicht er­lischt, wenn der Ar­beit­neh­mer nicht in der La­ge war, sei­nen Ur­laub zu neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 56).
55 In­fol­ge­des­sen sind so­wohl Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 als auch – für die in den An­wen­dungs­be­reich der Char­ta fal­len­den Sach­ver­hal­te – Art. 31 Abs. 2 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen­ste­hen, wo­nach der Um­stand, dass ein Ar­beit­neh­mer im Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes gemäß die­sen Be­stim­mun­gen er­wor­be­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, au­to­ma­tisch, oh­ne dass dem­nach zu­vor ge­prüft würde, ob der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men, da­zu führt, dass er die­sen An­spruch und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf die fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­liert.
56 Hat der Ar­beit­neh­mer sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hin­ge­gen aus frei­en Stücken und in vol­ler Kennt­nis der sich dar­aus er­ge­ben­den Kon­se­quen­zen nicht ge­nom­men, nach­dem er in die La­ge ver­setzt wor­den war, sei­nen Ur­laubs­an­spruch tatsächlich wahr­zu­neh­men, ste­hen Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta dem Ver­lust die­ses An­spruchs und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – auch dem ent­spre­chen­den Weg­fall der fi­nan­zi­el­len Vergütung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ent­ge­gen, oh­ne dass der Ar­beit­ge­ber ver­pflich­tet wäre, den Ar­beit­neh­mer da­zu zu zwin­gen, die­sen An­spruch tatsächlich wahr­zu­neh­men.
57 Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, zu prüfen, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung im Ein­klang mit Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­ge­legt wer­den kann.
58 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ha­ben nämlich die na­tio­na­len Ge­rich­te bei der An­wen­dung des in­ner­staat­li­chen Rechts die­ses so weit wie möglich an­hand des Wort­lauts und des Zwecks der frag­li­chen Richt­li­nie aus­zu­le­gen, um das in der Richt­li­nie fest­ge­leg­te Ziel zu er­rei­chen und da­mit Art. 288 Abs. 3 AEUV nach­zu­kom­men (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 24 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
59 Der Grund­satz der uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung ver­langt, dass die na­tio­na­len Ge­rich­te un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und un­ter An­wen­dung der dort an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den al­les tun, was in ih­rer Zuständig­keit liegt, um die vol­le Wirk­sam­keit der frag­li­chen Richt­li­nie zu gewähr­leis­ten und zu ei­nem Er­geb­nis zu ge­lan­gen, das mit dem von der Richt­li­nie ver­folg­ten Ziel im Ein­klang steht (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 27 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
60 Wie der Ge­richts­hof eben­falls ent­schie­den hat, um­fasst das Er­for­der­nis ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung u. a. die Ver­pflich­tung der na­tio­na­len Ge­rich­te, ei­ne ge­fes­tig­te Recht­spre­chung ge­ge­be­nen­falls ab­zuändern, wenn sie auf ei­ner Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts be­ruht, die mit den Zie­len ei­ner Richt­li­nie un­ver­ein­bar ist. Folg­lich darf ein na­tio­na­les Ge­richt nicht da­von aus­ge­hen, dass es ei­ne na­tio­na­le Vor­schrift nicht im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht aus­le­gen könne, nur weil sie in ständi­ger Recht­spre­chung in ei­nem nicht mit dem Uni­ons­recht ver­ein­ba­ren Sin­ne aus­ge­legt wor­den ist (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 72 und 73 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
61 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­ste­hen, nach der ein Ar­beit­neh­mer, der im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, am En­de des Be­zugs­zeit­raums die ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen für den Be­zugs­zeit­raum zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert, und zwar au­to­ma­tisch und oh­ne vor­he­ri­ge Prüfung, ob er vom Ar­beit­ge­ber z. B. durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men. Es ist in­so­weit Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und un­ter An­wen­dung der dar­in an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu prüfen, ob es in der La­ge ist, zu ei­ner Aus­le­gung die­ses Rechts zu ge­lan­gen, mit der die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts gewähr­leis­tet wer­den kann.
62 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta in dem Fall, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che nicht im Ein­klang mit ih­nen aus­ge­legt wer­den kann, da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie zur Fol­ge ha­ben, dass das na­tio­na­le Ge­richt die­se na­tio­na­le Re­ge­lung in ei­nem Rechts­streit zwi­schen dem Ar­beit­neh­mer und sei­nem frühe­ren pri­va­ten Ar­beit­ge­ber un­an­ge­wen­det zu las­sen hat und der Ar­beit­neh­mer von die­sem Ar­beit­ge­ber ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den von ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen er­wor­be­nen und bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­hal­ten muss.
63 Was nun als Ers­tes die Fra­ge ei­ner et­wai­gen un­mit­tel­ba­ren Wir­kung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 an­be­langt, er­gibt sich aus der ständi­gen Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, dass sich der Ein­zel­ne in all den Fällen, in de­nen die Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie in­halt­lich un­be­dingt und hin­rei­chend ge­nau sind, vor na­tio­na­len Ge­rich­ten ge­genüber dem Staat auf die­se Be­stim­mun­gen be­ru­fen kann, wenn die­ser die Richt­li­nie nicht frist­gemäß oder nur un­zuläng­lich in das na­tio­na­le Recht um­ge­setzt hat (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 33 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Zu­dem kann der Ein­zel­ne, wenn er sich dem Staat ge­genüber auf ei­ne Richt­li­nie be­ru­fen kann, dies un­abhängig da­von tun, ob der Staat in sei­ner Ei­gen­schaft als Ar­beit­ge­ber oder als Ho­heits­träger han­delt. In dem ei­nen wie dem an­de­ren Fall muss nämlich ver­hin­dert wer­den, dass der Staat aus der Nicht­be­ach­tung des Uni­ons­rechts Nut­zen zie­hen kann (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 38 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
64 Auf­grund die­ser Erwägun­gen hat der Ge­richts­hof an­er­kannt, dass sich der Ein­zel­ne auf nicht von Be­din­gun­gen abhängi­ge und hin­rei­chend ge­naue Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie nicht nur ge­genüber ei­nem Mit­glied­staat und al­len Trägern sei­ner Ver­wal­tung ein­sch­ließlich de­zen­tra­li­sier­ter Behörden be­ru­fen kann, son­dern auch ge­genüber Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen, die dem Staat oder des­sen Auf­sicht un­ter­ste­hen oder die von ei­nem Mit­glied­staat mit der Erfüllung ei­ner im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­den Auf­ga­be be­traut wur­den und hier­zu mit be­son­de­ren Rech­ten aus­ge­stat­tet sind, die über die für die Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­ten­den Vor­schrif­ten hin­aus­ge­hen (Ur­teil vom 7. Au­gust 2018, Smith, C‑122/17, EU:C:2018:631, Rn. 45 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
65 Im vor­lie­gen­den Fall ist die in­so­weit er­for­der­li­che Prüfung Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, das im Übri­gen al­lein über die dafür sach­dien­li­chen In­for­ma­tio­nen verfügt. Das vor­le­gen­de Ge­richt ist, wie sich aus Rn. 16 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, da­von aus­ge­gan­gen, dass die Max-Planck-Ge­sell­schaft als Pri­vat­per­son an­zu­se­hen ist.
66 Vor die­sem Hin­ter­grund ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ei­ne Richt­li­nie nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für ei­nen Bürger be­gründen kann, so dass ihm ge­genüber ei­ne Be­ru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht möglich ist. Ei­ne Aus­deh­nung der Möglich­keit, sich auf ei­ne Be­stim­mung ei­ner nicht oder un­rich­tig um­ge­setz­ten Richt­li­nie zu be­ru­fen, auf den Be­reich der Be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­va­ten, lie­fe nämlich dar­auf hin­aus, der Uni­on die Be­fug­nis zu­zu­er­ken­nen, mit un­mit­tel­ba­rer Wir­kung zu­las­ten der Ein­zel­nen Ver­pflich­tun­gen an­zu­ord­nen, ob­wohl sie dies nur dort darf, wo ihr die Be­fug­nis zum Er­lass von Ver­ord­nun­gen zu­ge­wie­sen ist (Ur­teil vom 7. Au­gust 2018, Smith, C‑122/17, EU:C:2018:631, Rn. 42 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
67 Folg­lich kann selbst ei­ne kla­re, ge­naue und nicht von Be­din­gun­gen abhängi­ge Be­stim­mung ei­ner Richt­li­nie, mit der dem Ein­zel­nen Rech­te gewährt oder Ver­pflich­tun­gen auf­er­legt wer­den sol­len, als sol­che im Rah­men ei­nes Rechts­streits, in dem sich aus­sch­ließlich Pri­va­te ge­genüber­ste­hen, kei­ne An­wen­dung fin­den (Ur­teil vom 7. Au­gust 2018, Smith, C‑122/17, EU:C:2018:631, Rn. 43 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
68 Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 kann da­her, ob­wohl er die Kri­te­ri­en der Un­be­dingt­heit und hin­rei­chen­den Ge­nau­ig­keit erfüllt, die für ei­ne un­mit­tel­ba­re Wir­kung er­for­der­lich sind (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom heu­ti­gen Tag, Bau­er und Will­meroth, C‑569/16 und C‑570/16, EU:C:XXXX:XXX, Rn. 71 bis 73), nicht in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten gel­tend ge­macht wer­den, um die vol­le Wirk­sam­keit des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu gewähr­leis­ten und zu er­rei­chen, dass je­de ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­nal­recht­li­che Be­stim­mung un­an­ge­wen­det bleibt (Ur­teil vom 26. März 2015, Fe­noll, C‑316/13, EU:C:2015:200, Rn. 48).
69 Als Zwei­tes ist zu Art. 31 Abs. 2 der Char­ta, für den in den Rn. 49 bis 55 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt wur­de, dass er auf ei­nen Sach­ver­halt wie den des Aus­gangs­ver­fah­rens An­wen­dung fin­det und da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, vor­ab dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ei­nen we­sent­li­chen Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on dar­stellt.
70 Die­ser Grund­satz hat sei­nen Ur­sprung so­wohl in Rechts­ak­ten, die wie die in Art. 151 AEUV erwähn­te Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer von den Mit­glied­staa­ten auf Uni­ons­ebe­ne ge­schaf­fen wur­den, als auch in den völker­recht­li­chen Verträgen, bei de­nen die Mit­glied­staa­ten mit­ge­wirkt ha­ben oder de­nen sie bei­ge­tre­ten sind. Zu die­sen gehört die eben­falls in Art. 151 AEUV erwähn­te Eu­ropäische So­zi­al­char­ta, der al­le Mit­glied­staa­ten an­gehören, da sie ihr ent­we­der in ih­rer ursprüng­li­chen Fas­sung, in ih­rer re­vi­dier­ten Fas­sung oder ih­ren bei­den Fas­sun­gen bei­ge­tre­ten sind. Zu erwähnen ist auch das Übe­r­ein­kom­men Nr. 132 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on vom 24. Ju­ni 1970 über den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub (Neu­fas­sung), das, wie der Ge­richts­hof in den Rn. 37 und 38 des Ur­teils vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a. (C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18), fest­ge­stellt hat, Grundsätze der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on enthält, de­nen nach dem sechs­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2003/88 Rech­nung zu tra­gen ist.
71 Im vier­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 93/104 wird ins­be­son­de­re dar­auf ver­wie­sen, dass es in der Ge­mein­schafts­char­ta der so­zia­len Grund­rech­te der Ar­beit­neh­mer un­ter Punkt 8 heißt, dass je­der Ar­beit­neh­mer der Uni­on An­spruch u. a. auf ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat, des­sen Dau­er gemäß den ein­zel­staat­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten im We­ge des Fort­schritts an­zunähern ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 26. Ju­ni 2001, BEC­TU, C‑173/99, EU:C:2001:356, Rn. 39).
72 Das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub wur­de al­so nicht mit Art. 7 der Richt­li­nie 93/104 und Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 selbst ein­geführt. Es hat sei­nen Ur­sprung u. a. in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 75), und hat als we­sent­li­cher Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on zwin­gen­den Cha­rak­ter (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 48 und 68). Die­ser we­sent­li­che Grund­satz um­fasst den An­spruch auf „be­zahl­ten“ Jah­res­ur­laub als sol­chen und den mit die­sem eng ver­bun­de­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub (vgl. Ur­teil vom heu­ti­gen Tag, Bau­er und Will­meroth, C‑569/16 und C‑570/16, EU:C:XXXX:XXX, Rn. 83).
73 Mit der zwin­gen­den For­mu­lie­rung, dass „je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­der Ar­beit­neh­mer“ das „Recht“ „auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub“ hat – und zwar oh­ne dass in­so­weit, wie z. B. in Art. 27 der Char­ta, zu dem das Ur­teil vom 15. Ja­nu­ar 2014, As­so­cia­ti­on de média­ti­on so­cia­le (C‑176/12, EU:C:2014:2), er­gan­gen ist, auf „Fälle und Vor­aus­set­zun­gen, die nach dem Uni­ons­recht und den ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und Ge­pflo­gen­hei­ten vor­ge­se­hen sind“, ver­wie­sen würde –, spie­gelt Art. 31 Abs. 2 der Char­ta den we­sent­li­chen Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on wi­der, von dem nur un­ter den in Art. 52 Abs. 1 der Char­ta vor­ge­se­he­nen stren­gen Be­din­gun­gen und ins­be­son­de­re nur un­ter Ach­tung des We­sens­ge­halts des Grund­rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ab­ge­wi­chen wer­den kann.
74 Das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, das in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta für je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­den Ar­beit­neh­mer ver­an­kert ist, ist in­fol­ge­des­sen, was sein Be­ste­hen selbst an­be­langt, zu­gleich zwin­gend und nicht von Be­din­gun­gen abhängig, da die Char­ta nicht durch uni­ons­recht­li­che oder na­tio­nal­recht­li­che Be­stim­mun­gen kon­kre­ti­siert wer­den muss. In die­sen sind nur die ge­naue Dau­er des Jah­res­ur­laubs und ge­ge­be­nen­falls be­stimm­te Vor­aus­set­zun­gen für die Wahr­neh­mung des Rechts fest­zu­le­gen. Folg­lich ver­leiht Art. 31 Abs. 2 der Char­ta schon für sich al­lein den Ar­beit­neh­mern ein Recht, das sie in ei­nem Rechts­streit ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber in ei­nem vom Uni­ons­recht er­fass­ten und da­her in den An­wen­dungs­be­reich der Char­ta fal­len­den Sach­ver­halt als sol­ches gel­tend ma­chen können (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 76).
Art. 31 Abs. 2 der Char­ta hat da­her für die in den An­wen­dungs­be­reich der Char­ta fal­len­den Sach­ver­hal­te ins­be­son­de­re zur Fol­ge, dass das na­tio­na­le Ge­richt ei­ne Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen hat, die den in Rn. 54 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Grund­satz ver­letzt, dass ei­nem Ar­beit­neh­mer, wenn er nicht in der La­ge war, sei­nen Ur­laub zu neh­men, ein er­wor­be­ner An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach Ab­lauf des Be­zugs­zeit­raums und/oder ei­nes im na­tio­na­len Recht fest­ge­leg­ten Über­tra­gungs­zeit­raums oder die fi­nan­zi­el­le Vergütung, die als eng mit die­sem An­spruch auf „be­zahl­ten“ Jah­res­ur­laub ver­bun­de­ner An­spruch am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses an des­sen Stel­le tritt, nicht ge­nom­men wer­den kann. Nach die­ser Be­stim­mung können sich die Ar­beit­ge­ber auch nicht auf ei­ne sol­che na­tio­na­le Re­ge­lung be­ru­fen, um sich der Zah­lung die­ser Vergütung zu ent­zie­hen, zu der sie die Ach­tung des in die­ser Be­stim­mung gewähr­leis­te­ten Grund­rechts ver­pflich­tet.
76 Bezüglich der Wir­kung, die Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ge­genüber pri­va­ten Ar­beit­ge­bern ent­fal­tet, ist fest­zu­stel­len, dass die Char­ta nach ih­rem Art. 51 Abs. 1 zwar für die Or­ga­ne, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Uni­on un­ter Wah­rung des Sub­si­dia­ritätsprin­zips und für die Mit­glied­staa­ten aus­sch­ließlich bei der Durchführung des Uni­ons­rechts gilt. Hin­ge­gen trifft Art. 51 Abs. 1 der Char­ta kei­ne Re­ge­lung darüber, ob Pri­vat­per­so­nen ge­ge­be­nen­falls un­mit­tel­bar zur Ein­hal­tung ein­zel­ner Be­stim­mun­gen der Char­ta ver­pflich­tet sein können, und kann dem­nach nicht da­hin aus­ge­legt wer­den, dass dies ka­te­go­risch aus­ge­schlos­sen wäre.
77 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 78 sei­ner Schluss­anträge in den ver­bun­de­nen Rechts­sa­chen Bau­er und Will­meroth (C‑569/16 und C‑570/16, EU:C:2018:337) aus­geführt hat, kann der Um­stand, dass man­che Be­stim­mun­gen des Primärrechts in ers­ter Li­nie an die Mit­glied­staa­ten ge­rich­tet sind, es nicht aus­sch­ließen, dass die­se auch für Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen Pri­vat­per­so­nen gel­ten können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 77).
78 Der Ge­richts­hof hat ins­be­son­de­re be­reits an­er­kannt, dass das in Art. 21 Abs. 1 der Char­ta nie­der­ge­leg­te Ver­bot schon für sich al­lein dem Ein­zel­nen ein Recht ver­leiht, das er in ei­nem Rechts­streit ge­gen ei­ne an­de­re Pri­vat­per­son als sol­ches gel­tend ma­chen kann (Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 76), oh­ne dass des­halb Art. 51 Abs. 1 der Char­ta dem ent­ge­genstünde.
79 Spe­zi­ell in Be­zug auf Art. 31 Abs. 2 der Char­ta ist her­vor­zu­he­ben, dass das Recht je­der Ar­beit­neh­me­rin und je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub schon sei­nem We­sen nach mit ei­ner ent­spre­chen­den Pflicht des Ar­beit­ge­bers ein­her­geht, nämlich der Pflicht zur Gewährung be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs oder ei­ner Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub.
80 Soll­te die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung nicht im Ein­klang mit Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­ge­legt wer­den können, wird es da­her in ei­ner Si­tua­ti­on wie der des Aus­gangs­ver­fah­rens dem vor­le­gen­den Ge­richt ob­lie­gen, im Rah­men sei­ner Be­fug­nis­se den aus die­ser Be­stim­mung er­wach­sen­den Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten und für die vol­le Wirk­sam­keit der Be­stim­mung zu sor­gen, in­dem es er­for­der­li­chen­falls die na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det lässt (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 17. April 2018, Egen­ber­ger, C‑414/16, EU:C:2018:257, Rn. 79).
Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass sich in dem Fall, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die in den Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che nicht im Ein­klang mit Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta aus­ge­legt wer­den kann, aus Art. 31 Abs. 2 der Char­ta er­gibt, dass das mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen ei­nem Ar­beit­neh­mer und sei­nem frühe­ren pri­va­ten Ar­beit­ge­ber be­fass­te na­tio­na­le Ge­richt die­se na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen und dafür Sor­ge zu tra­gen hat, dass der Ar­beit­neh­mer, wenn der Ar­beit­ge­ber nicht nach­wei­sen kann, dass er mit al­ler ge­bo­te­nen Sorg­falt ge­han­delt hat, um ihn tatsächlich in die La­ge zu ver­set­zen, den ihm nach dem Uni­ons­recht zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, we­der sei­ne er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub noch ent­spre­chend – im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – die fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub, de­ren Zah­lung in die­sem Fall un­mit­tel­bar dem be­tref­fen­den Ar­beit­ge­ber ob­liegt, ver­lie­ren kann.
1. Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung und Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­ste­hen, nach der ein Ar­beit­neh­mer, der im be­tref­fen­den Be­zugs­zeit­raum kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, am En­de des Be­zugs­zeit­raums die ihm gemäß die­sen Be­stim­mun­gen für den Be­zugs­zeit­raum zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert, und zwar au­to­ma­tisch und oh­ne vor­he­ri­ge Prüfung, ob er vom Ar­beit­ge­ber z. B. durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men. Es ist in­so­weit Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung des ge­sam­ten in­ner­staat­li­chen Rechts und un­ter An­wen­dung der dar­in an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu prüfen, ob es in der La­ge ist, zu ei­ner Aus­le­gung die­ses Rechts zu ge­lan­gen, mit der die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts gewähr­leis­tet wer­den kann.
2. In dem Fall, dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die in den Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che nicht im Ein­klang mit Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und Art. 31 Abs. 2 der Grund­rech­te­char­ta aus­ge­legt wer­den kann, er­gibt sich aus Art. 31 Abs. 2 der Grund­rech­te­char­ta, dass das mit ei­nem Rechts­streit zwi­schen ei­nem Ar­beit­neh­mer und sei­nem frühe­ren pri­va­ten Ar­beit­ge­ber be­fass­te na­tio­na­le Ge­richt die­se na­tio­na­le Re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen und dafür Sor­ge zu tra­gen hat, dass der Ar­beit­neh­mer, wenn der Ar­beit­ge­ber nicht nach­wei­sen kann, dass er mit al­ler ge­bo­te­nen Sorg­falt ge­han­delt hat, um ihn tatsächlich in die La­ge zu ver­set­zen, den ihm nach dem Uni­ons­recht zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, we­der sei­ne er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub noch ent­spre­chend – im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – die fi­nan­zi­el­le Vergütung für nicht ge­nom­me­nen Ur­laub, de­ren Zah­lung in die­sem Fall un­mit­tel­bar dem be­tref­fen­den Ar­beit­ge­ber ob­liegt, ver­lie­ren kann.
Ly­cour­gos
Bay Lar­sen
Verkündet in öffent­li­cher Sit­zung in Lu­xem­burg am 6. No­vem­ber 2018.
(*) Ver­fah­rens­spra­che: Deutsch
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