Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/die-unangekuendigte-aussenpruefung-des-arbeitsamtes-330084
Timestamp: 2020-06-04 08:12:02
Document Index: 205718505

Matched Legal Cases: ['§ 304', '§ 305', '§ 305', '§ 305', 'Art. 13', 'Art. 8', 'Art 6', '§ 305', '§ 304', '§ 305', '§ 304', '§ 304', 'Art 1', '§ 7', '§ 304', '§ 35', '§ 304', '§ 41', '§ 39', '§ 304', '§ 42', '§ 304', '§ 304', 'Art 1', '§ 7', 'Art 1', '§ 7', 'Art 1', '§ 7', '§ 50', '§ 41']

Die unangekündigte Außenprüfung des Arbeitsamtes | Rechtslupe
Nach § 304 SGB III prü­fen die Arbeits­äm­ter, ob Sozi­al­leis­tun­gen nach dem SGB III zu Unrecht bezo­gen wer­den oder wur­den, aus­län­di­sche Arbeit­neh­mer mit einer erfor­der­li­chen Geneh­mi­gung und nicht zu ungüns­ti­ge­ren Arbeits­be­din­gun­gen als ver­gleich­ba­re deut­sche Arbeit­neh­mer beschäf­tigt wer­den oder wur­den und die Anga­ben des Arbeit­ge­bers, die für die Leis­tun­gen erheb­lich sind, zutref­fend beschei­nigt wur­den. Zur Durch­füh­rung die­ser Auf­ga­ben, also der ange­ord­ne­ten Außen­prü­fung, sind sie gemäß § 305 Abs 1 Satz 1 SGB III berech­tigt, Grund­stü­cke und Geschäfts­räu­me des Arbeit­ge­bers wäh­rend der Geschäfts­zeit zu betre­ten und dort Ein­sicht in die Lohn‑, Mel­de­un­ter­la­gen, Bücher und ande­re Geschäfts­un­ter­la­gen und Auf­zeich­nun­gen zu neh­men, aus denen Umfang, Art und Dau­er von Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen her­vor­ge­hen oder abge­lei­tet wer­den kön­nen.
Es bedarf vor­lie­gend kei­ner Ent­schei­dung dar­über, ob die Anord­nung als sol­che über­haupt not­wen­dig war oder ob erst die Anord­nung der Dul­dung ein­zel­ner Rech­te des § 305 SGB III die rich­ti­ge Vor­ge­hens­wei­se dar­ge­stellt hät­te. Eben­so­we­nig bedarf es einer Ent­schei­dung dar­über, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die Anord­nung erfol­gen darf, ins­be­son­de­re, ob ein kon­kre­ter Anlass not­wen­dig ist. Wenn die Anord­nung inso­weit unzu­läs­sig wäre, wäre sie schon des­halb auf­zu­he­ben.
Ver­ein­bar­keit mit höher­ran­gi­gem Recht
Schließ­lich muss das Bun­des­so­zi­al­ge­richt auch nicht ent­schei­den, ob § 305 Abs 1 Satz 1 SGB III gegen das Grund­ge­setz oder die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­stößt – der Arbeit­ge­ber hat­te einen Ver­stoß gegen Art. 13 GG (Unver­letz­lich­keit der Woh­nung) und Art. 8 EMRK (Recht auf Ach­tung der Woh­nung) sowie gegen das in Art 6 EMRK ver­bürg­te Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren, das das Recht, sich nicht selbst zu beschul­di­gen, beinhal­tet, gel­tend gemacht. Aller­dings hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt kei­nen Zwei­fel, dass dies bei grund­rechts- bzw euro­pa­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung nicht der Fall ist.
Ermes­sens­aus­übung
Im hier ent­schie­de­nen Fall sah das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Anord­nung der Außen­prü­fung bereits des­halb als rechts­wid­rig an, weil die Bun­des­agen­tur für Arbeit von dem ihr nach § 305 Abs 1 Satz 1 SGB III zuste­hen­den Ermes­sen kei­nen Gebrauch gemacht hat. Es steht grund­sätz­lich im Ermes­sen der Arbeits­äm­ter, in wel­cher Wei­se sie ihre gesetz­li­chen Auf­ga­ben nach § 304 Abs 1 SGB III erfül­len, ins­be­son­de­re ob, wann und in wel­cher Form Prü­fun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len [1]. Denn nach § 305 Abs 1 Satz 1 SGB III sind ua die Arbeits­äm­ter zur Durch­füh­rung des § 304 Abs 1 "berech­tigt", Grund­stü­cke und Geschäfts­räu­me des Arbeit­ge­bers wäh­rend der Geschäfts­zeit zu betre­ten. Die­ses bei der Durch­füh­rung der Auf­ga­ben nach § 304 Abs 1 Satz 1 SGB III aus­zu­üben­de Ermes­sen muss – erlässt man, wie vor­lie­gend, eine gene­rel­le Ver­fü­gung über die Betriebs­prü­fung – den­knot­wen­dig auch bei deren Erlass selbst aus­ge­übt wer­den. Denn auch wenn eine effek­ti­ve Über­prü­fungs­tä­tig­keit der berech­tig­ten Behör­de nicht gefähr­det wer­den darf, so darf doch ein wirk­sa­mer Rechts­schutz der dul­dungs­ver­pflich­te­ten Arbeit­ge­ber durch ein unein­ge­schränk­tes Vor­ge­hen der Erlaub­nis­be­hör­de nicht ver­ei­telt wer­den [2].
Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt [3] hat bereits unter Bezug­nah­me auf eine frü­he­re Ent­schei­dung [4] hin­sicht­lich der Gel­tend­ma­chung von Betre­tungs- und Prü­fungs­rech­ten der Erlaub­nis­be­hör­de nach Art 1 § 7 Abs 3 AÜG aus­ge­führt, dass bei der Ermes­sens­aus­übung der Erlaub­nis­be­hör­de, in wel­cher Wei­se sie ihre gesetz­li­chen Auf­ga­ben erfül­le, die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens durch Prin­zi­pi­en wie Gleich­be­hand­lung, Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung, Geeig­net­heit und vor allem auch durch den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Mit­tel bestimmt wer­den. Es ist nicht ersicht­lich, wes­halb hier etwas ande­res gel­ten soll­te.
Nach die­sen Maß­stä­ben hat­ten die Arbeits­äm­ter ihr Ermes­sen ent­spre­chend dem Zweck der Ermäch­ti­gung und unter Ein­hal­tung der gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens dahin aus­zu­üben, ob zur Durch­füh­rung der Auf­ga­ben nach § 304 Abs 1 SGB III über­haupt eine unan­ge­mel­de­te Betriebs­prü­fung erfor­der­lich ist. An einer Ermes­sens­aus­übung fehlt es hier jedoch gänz­lich, sodass die Prü­fungs­ver­fü­gung auf­grund des Ermes­sens­nicht­ge­brauchs rechts­wid­rig und auf­zu­he­ben ist. Abge­se­hen davon, dass schon die feh­len­de Begrün­dung (§ 35 Abs 1 Satz 3 SGB X) Indiz für ein nicht aus­ge­üb­tes Ermes­sen ist [5], zeigt das Ver­fah­ren und der Inhalt des Beschei­des, dass Ermes­sen nicht aus­ge­übt wur­de. Die Bun­des­agen­tur für Arbeit hat näm­lich pau­schal und undif­fe­ren­ziert alle denk­ba­ren Ermäch­ti­gungs­grund­la­gen in einer vor­ge­fer­tig­ten Ver­fü­gung auf­ge­zählt, obwohl nur § 304 SGB III in Betracht kam. Der eige­ne Vor­trag des Bun­des­agen­tur für Arbeitn­ver­tre­ters in der münd­li­chen Ver­hand­lung am 01.03.2011, der selbst davon aus­geht, dass kein Ermes­sen aus­zu­üben sei, bestä­tigt dies. Anders als bei einer feh­len­den Begrün­dung (§ 41 Abs 1 Nr 2 SGB X) kann im Fal­le eines (mate­ri­el­len) Ermes­sens­feh­lers der Man­gel in der Ermes­sens­be­tä­ti­gung nach § 39 Abs 1 SGB I im Kla­ge­ver­fah­ren nicht nach­ge­holt wer­den [6]. Eine Ermes­sens­schrump­fung oder sog Ermes­sens­re­du­zie­rung auf Null ist vor­lie­gend wegen der Schwe­re des Ein­griffs und des eher gering­fü­gi­gen Anlas­ses nicht anzu­neh­men, selbst wenn ggf die unan­ge­kün­dig­te, ver­dachts­ge­stütz­te Außen­prü­fung ggf das ein­zig (noch) geeig­ne­te Mit­tel zu Fest­stel­lun­gen sein soll­te. Inso­weit stand ledig­lich eine im Monat Juni um vier Wochen­stun­den von der Arbeits­er­laub­nis abwei­chen­de Beschäf­ti­gung einer Putz­hil­fe im Raum. Die unter­ta­rif­li­che Bezah­lung erfüllt allei­ne nicht die Vor­aus­set­zun­gen des § 304 SGB III (ungüns­ti­ge­re Arbeits­be­din­gun­gen als ver­gleich­ba­re deut­sche Arbeit­neh­mer). Liegt kein blo­ßer Ver­fah­rens- oder Form­feh­ler, son­dern ein mate­ri­el­ler Ermes­sens­feh­ler vor, schei­det auch eine Anwen­dung von § 42 SGB X aus.
Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 1. März 2011 – B 7 AL 2/​10 R
vgl: Gagel, SGB III, § 304 RdNr 4, Stand Juli 1999; Brand in Nie­sel, SGB III, 2. Aufl 2002, § 304 RdNr 4[↩]
vgl. BSG SozR 3 – 7815 Art 1 § 7 Nr 1 S 8 f, mwN[↩]
BSG SozR 3 – 7815 Art 1 § 7 Nr 1 S 8[↩]
BSG vom 12.07.1989, SozR 7815 Art 1 § 7 AÜG Nr 1[↩]
vgl. BSG SozR 3 – 1300 § 50 Nr 16 S 41 f[↩]
vgl. nur Schüt­ze in von Wul­f­fen, SGB X, 7. Aufl 2010, § 41 RdNr 11 mwN[↩]
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