Source: http://m.hensche.de/Keine_Aussonderung_nicht_abgefuehrter_Betriebsrentenbeitraege_aus_der_Insolvenzmasse_EuGH_C-454-15_Webb-Saemann_u.html
Timestamp: 2017-01-16 17:16:25
Document Index: 180893020

Matched Legal Cases: ['Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 267', 'Art. 3', 'Art. 4', 'Art. 6', 'Art. 8', 'Art. 11', '§ 47', '§ 165', '§ 1', '§ 47', 'Art. 8', '§ 47', 'Art. 8', '§ 47', '§ 47', 'Art.8', 'Art.8', 'Art.8', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art.4', 'Art. 6', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art.3', 'Art.6', 'Art.4', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 3', '§ 165', 'Art. 6', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 11', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8']

HENSCHE Arbeitsrecht: C-454/15
Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 22. Ok­to­ber 2008 über den Schutz der Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er nicht vor­schreibt, dass bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers die vom Lohn ei­nes ehe­ma­li­gen Ar­beit­neh­mers ein­be­hal­te­nen und in Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge um­ge­wan­del­ten Beträge, die der Ar­beit­ge­ber zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers auf ein Ver­sor­gungs­kon­to hätte ein­zah­len müssen, aus der In­sol­venz­mas­se aus­zu­son­dern sind.
24. No­vem­ber 2016(*)
„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Richt­li­nie 2008/94/EG - Art. 8 - Schutz der Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­unfähig­keit ih­res Ar­beit­ge­bers - Vor­schrif­ten zur so­zia­len Si­cher­heit - Trag­wei­te - Not­wen­di­ge Maßnah­men zum Schutz der er­wor­be­nen Rech­te oder der An­wart­schafts­rech­te von Ar­beit­neh­mern im Rah­men ei­ner be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung - Ver­pflich­tung, ein Recht auf Aus­son­de­rung nicht ge­zahl­ter Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge aus der In­sol­venz­mas­se vor­zu­se­hen - Feh­len“
In der Rechts­sa­che C-454/15
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 1. April 2015, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 24. Au­gust 2015, in dem Ver­fah­ren
Chris­to­pher Se­agon als In­sol­venz­ver­wal­ter der Bau­markt Prak­ti­ker DIY GmbH
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 4. Ju­li 2016,
- von Herrn Webb-Sämann, ver­tre­ten durch R. Busch­mann und J. Schu­bert,
- von Herrn Se­agon als In­sol­venz­ver­wal­ter der Bau­markt Prak­ti­ker DIY GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­anwälte E. Hess und L. Hin­kel,
- der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch R. Ka­nitz und T. Hen­ze als Be­vollmäch­tig­te,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch M. Kel­ler­bau­er und T. Ma­xi­an Ru­sche als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 8. Sep­tem­ber 2016
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Richt­li­nie 2008/94/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 22. Ok­to­ber 2008 über den Schutz der Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers (ABl. 2008, L 283, S. 36).
Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Herrn Webb-Sämann und Herrn Se­agon als In­sol­venz­ver­wal­ter der Bau­markt Prak­ti­ker DIY GmbH (im Fol­gen­den: Bau­markt Prak­ti­ker) über das Recht auf Aus­son­de­rung der Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge, die von Bau­markt Prak­ti­ker vor Ein­tritt ih­rer Zah­lungs­unfähig­keit nicht ge­zahlt wur­den, aus der In­sol­venz­mas­se.
Im drit­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2008/94 heißt es:
„Es sind Be­stim­mun­gen not­wen­dig, die die Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers schützen und um ih­nen ein Mi­ni­mum an Schutz zu si­chern, ins­be­son­de­re die Zah­lung ih­rer nicht erfüll­ten Ansprüche zu gewähr­leis­ten; da­bei muss die Not­wen­dig­keit ei­ner aus­ge­wo­ge­nen wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Ent­wick­lung in der [Uni­on] berück­sich­tigt wer­den. …“
Art. 3 der Richt­li­nie lau­tet:
„Die Mit­glied­staa­ten tref­fen die er­for­der­li­chen Maßnah­men, da­mit vor­be­halt­lich des Ar­ti­kels 4 Ga­ran­tie­ein­rich­tun­gen die Be­frie­di­gung der nicht erfüll­ten Ansprüche der Ar­beit­neh­mer aus Ar­beits­verträgen und Ar­beits­verhält­nis­sen si­cher­stel­len, ein­sch­ließlich, so­fern dies nach ih­rem in­ner­staat­li­chen Recht vor­ge­se­hen ist, ei­ner Ab­fin­dung bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses.
Die Ansprüche, de­ren Be­frie­di­gung die Ga­ran­tie­ein­rich­tung über­nimmt, sind die nicht erfüll­ten Ansprüche auf Ar­beits­ent­gelt für ei­nen Zeit­raum, der vor und/oder ge­ge­be­nen­falls nach ei­nem von den Mit­glied­staa­ten fest­ge­leg­ten Zeit­punkt liegt.“
Art. 4 der Richt­li­nie be­stimmt:
„(1) Die Mit­glied­staa­ten können die in Ar­ti­kel 3 vor­ge­se­he­ne Zah­lungs­pflicht der Ga­ran­tie­ein­rich­tun­gen be­gren­zen.
(2) Ma­chen die Mit­glied­staa­ten von der in Ab­satz 1 ge­nann­ten Möglich­keit Ge­brauch, so le­gen sie die Dau­er des Zeit­raums fest, für den die Ga­ran­tie­ein­rich­tung die nicht erfüll­ten Ansprüche zu be­frie­di­gen hat. Die­se Dau­er darf je­doch ei­nen Zeit­raum, der die letz­ten drei Mo­na­te des Ar­beits­verhält­nis­ses und die da­mit ver­bun­de­nen Ansprüche auf Ar­beits­ent­gelt um­fasst und der vor und/oder nach dem Zeit­punkt gemäß Ar­ti­kel 3 Ab­satz 2 liegt, nicht un­ter­schrei­ten.
(3) Die Mit­glied­staa­ten können Höchst­gren­zen für die von der Ga­ran­tie­ein­rich­tung zu leis­ten­den Zah­lun­gen fest­set­zen. Die­se Höchst­gren­zen dürfen ei­ne mit der so­zia­len Ziel­set­zung die­ser Richt­li­nie zu ver­ein­ba­ren­de so­zia­le Schwel­le nicht un­ter­schrei­ten.
Ma­chen die Mit­glied­staa­ten von die­ser Be­fug­nis Ge­brauch, so tei­len sie der Kom­mis­si­on mit, nach wel­chen Me­tho­den sie die Höchst­gren­ze fest­set­zen.“
Art. 6 der Richt­li­nie lau­tet:
„Die Mit­glied­staa­ten können vor­se­hen, dass die Ar­ti­kel 3, 4 und 5 nicht für die Beiträge der Ar­beit­neh­mer zu den ein­zel­staat­li­chen ge­setz­li­chen Sys­te­men der so­zia­len Si­cher­heit oder den be­trieb­li­chen oder über­be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen außer­halb der ein­zel­staat­li­chen ge­setz­li­chen Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit gel­ten.“
Art. 8 der Richt­li­nie be­stimmt:
„Die Mit­glied­staa­ten ver­ge­wis­sern sich, dass die not­wen­di­gen Maßnah­men zum Schutz der In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer so­wie der Per­so­nen, die zum Zeit­punkt des Ein­tritts der Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers aus des­sen Un­ter­neh­men oder Be­trieb be­reits aus­ge­schie­den sind, hin­sicht­lich ih­rer er­wor­be­nen Rech­te oder An­wart­schafts­rech­te auf Leis­tun­gen bei Al­ter, ein­sch­ließlich Leis­tun­gen für Hin­ter­blie­be­ne, aus be­trieb­li­chen oder über­be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen außer­halb der ein­zel­staat­li­chen ge­setz­li­chen Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit ge­trof­fen wer­den.“
Art. 11 Abs. 1 der Richt­li­nie lau­tet:
„Die­se Richt­li­nie schränkt nicht die Möglich­keit der Mit­glied­staa­ten ein, für die Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Rechts- oder Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an­zu­wen­den oder zu er­las­sen.“
§ 47 der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) be­stimmt:
„Wer auf Grund ei­nes ding­li­chen oder persönli­chen Rechts gel­tend ma­chen kann, dass ein Ge­gen­stand nicht zur In­sol­venz­mas­se gehört, ist kein In­sol­venzgläubi­ger. Sein An­spruch auf Aus­son­de­rung des Ge­gen­stands be­stimmt sich nach den Ge­set­zen, die außer­halb des In­sol­venz­ver­fah­rens gel­ten.“
In § 165 des Drit­ten Bu­ches des So­zi­al­ge­setz­buchs (SGB III) heißt es:
„(1) Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer ha­ben An­spruch auf In­sol­venz­geld, wenn sie im In­land beschäftigt wa­ren und bei ei­nem In­sol­ven­zer­eig­nis für die vor­aus­ge­gan­ge­nen drei Mo­na­te des Ar­beits­verhält­nis­ses noch Ansprüche auf Ar­beits­ent­gelt ha­ben. …
(2) Zu den Ansprüchen auf Ar­beits­ent­gelt gehören al­le Ansprüche auf Bezüge aus dem Ar­beits­verhält­nis. … Hat die Ar­beit­neh­me­rin oder der Ar­beit­neh­mer ei­nen Teil ih­res oder sei­nes Ar­beits­ent­gelts nach § 1 Ab­satz 2 Num­mer 3 des Be­triebs­ren­ten­ge­set­zes um­ge­wan­delt und wird die­ser Ent­gelt­teil in ei­nem Pen­si­ons­fonds, in ei­ner Pen­si­ons­kas­se oder in ei­ner Di­rekt­ver­si­che­rung an­ge­legt, gilt die Ent­gelt­um­wand­lung für die Be­rech­nung des In­sol­venz­gel­des als nicht ver­ein­bart, so­weit der Ar­beit­ge­ber kei­ne Beiträge an den Ver­sor­gungs­träger ab­geführt hat.“
Aus­gangs­rechts­streit
Herr Webb-Sämann war seit dem 18. No­vem­ber 1996 bei Bau­markt Prak­ti­ker teil­zeit­beschäftigt. Am 1. Ok­to­ber 2013 wur­de das In­sol­venz­ver­fah­ren über das Vermögen des Un­ter­neh­mens eröff­net. Herr Se­agon wur­de zum In­sol­venz­ver­wal­ter be­stellt.
Herr Webb-Sämann er­hob beim Ar­beits­ge­richt Darm­stadt Kla­ge mit dem An­trag, Herrn Se­agon als In­sol­venz­ver­wal­ter von Bau­markt Prak­ti­ker zur Zah­lung von 1.017,56 Eu­ro nebst Zin­sen an ihn zu ver­ur­tei­len. Nach sei­nen An­ga­ben han­delt es sich da­bei um Lohn­ansprüche, die Bau­markt Prak­ti­ker als Beiträge zu ei­ner be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung auf sein Ver­sor­gungs­kon­to bei der Ham­bur­ger Pen­si­ons­kas­se hätte ein­zah­len müssen.
Die Ansprüche für den Zeit­raum von drei Mo­na­ten vor der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens wur­den, auch so­weit sie die Beiträge zur be­trieb­li­chen Al­ters­ver­sor­gung be­tref­fen, von der Ga­ran­tie­ein­rich­tung erfüllt. Die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens strei­ten nun­mehr al­lein über die Aus­son­de­rung von Beiträgen für die be­trieb­li­che Al­ters­ver­sor­gung für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis Ju­ni 2013.
Herr Webb-Sämann führ­te in die­sem Zu­sam­men­hang aus, ihm ste­he nach § 47 In­sO ein Recht auf Aus­son­de­rung aus der In­sol­venz­mas­se in Höhe des ge­for­der­ten Be­trags zu. Die­ser sei treuhände­risch ein­be­hal­ten wor­den und gehöre des­halb nicht zur In­sol­venz­mas­se. Außer­dem läge ein Ver­s­toß ge­gen Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 vor, wenn ihm kein Recht auf Aus­son­de­rung der ge­schul­de­ten Beträge aus der In­sol­venz­mas­se zu­er­kannt würde.
Herr Se­agon trug vor, der von Herrn Webb-Sämann ge­for­der­te Be­trag ha­be das Vermögen von Bau­markt Prak­ti­ker nie­mals ver­las­sen; ins­be­son­de­re sei von Herrn Webb-Sämann und Bau­markt Prak­ti­ker kei­ne Treu­hand­ab­re­de über die­sen Be­trag ge­trof­fen wor­den. Da­her könne Herr Webb-Sämann aus § 47 In­sO kein Aus­son­de­rungs­recht her­lei­ten.
Das Ar­beits­ge­richt Darm­stadt wies die Kla­ge von Herrn Webb-Sämann ab. Es stell­te zunächst fest, dass er kei­nen An­spruch auf Aus­zah­lung der Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge an sich selbst ha­be und nur die Ein­zah­lung auf sein Ver­sor­gungs­kon­to gel­tend ma­chen könne. Herr Webb-Sämann ha­be fer­ner nicht den Be­weis er­bracht, dass er mit Bau­markt Prak­ti­ker ei­ne Treu­hand­ab­re­de ge­trof­fen ha­be. Sch­ließlich würde ein Aus­son­de­rungs­recht, selbst wenn es ei­ne sol­che Ver­ein­ba­rung ge­ge­ben hätte, an der feh­len­den Be­stimm­bar­keit des Treu­hand­vermögens im Verhält­nis zu den übri­gen in der In­sol­venz­mas­se be­find­li­chen Beträgen schei­tern.
Herr Webb-Sämann hat ge­gen die­ses Ur­teil Be­ru­fung beim vor­le­gen­den Ge­richt ein­ge­legt. An­knüpfend an die in den Rn.14 und 15 des vor­lie­gen­den Ur­teils zu­sam­men­ge­fass­ten Ausführun­gen der Par­tei­en wirft das vor­le­gen­de Ge­richt die Fra­ge auf, ob Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 ei­ner Aus­le­gung von § 47 In­sO ent­ge­gen­steht, nach der Herr Webb-Sämann kein Aus­son­de­rungs­recht in Be­zug auf die von Bau­markt Prak­ti­ker nicht an die Ham­bur­ger Pen­si­ons­kas­se ge­zahl­ten Beiträge hätte.
Un­ter die­sen Umständen hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (Deutsch­land) be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
Verstößt ein na­tio­na­les Verständ­nis ei­ner Re­ge­lung, wo­nach fälli­ge Lohn­ansprüche, die dem Ar­beit­ge­ber zur Ver­wah­rung über­las­sen wur­den, um sie zu ei­nem Stich­tag an ei­ne Pen­si­ons­kas­se zu zah­len, von die­sem aber nicht auf ein ge­son­der­tes Kon­to ein­ge­zahlt wur­den und des­halb dem Aus­son­de­rungs­recht gemäß § 47 In­sO ent­zo­gen sind, ge­gen die Re­ge­lung des Art.8 der Richt­li­nie 2008/94 bzw. das übri­ge Uni­ons­recht?
Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art.8 der Richt­li­nie 2008/94 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er vor­schreibt, dass bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers die vom Lohn ei­nes ehe­ma­li­gen Ar­beit­neh­mers ein­be­hal­te­nen und in Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge um­ge­wan­del­ten Beträge, die der Ar­beit­ge­ber zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers auf ein Ver­sor­gungs­kon­to hätte ein­zah­len müssen, aus der In­sol­venz­mas­se aus­zu­son­dern sind.
Zunächst ist die von Herrn Se­agon und der Kom­mis­si­on in ih­ren schrift­li­chen Erklärun­gen auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge zu klären, ob Art.8 der Richt­li­nie 2008/94 im Aus­gangs­ver­fah­ren An­wen­dung fin­det oder ob aus­sch­ließlich Art. 3 der Richt­li­nie ein­schlägig ist; da­zu be­darf es ei­ner Ab­gren­zung des je­wei­li­gen An­wen­dungs­be­reichs die­ser Be­stim­mun­gen.
Nach Art. 3 der Richt­li­nie 2008/94 ha­ben die Mit­glied­staa­ten die er­for­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, da­mit vor­be­halt­lich ih­res Art.4 Ga­ran­tie­ein­rich­tun­gen die Be­frie­di­gung der nicht erfüll­ten Ansprüche der Ar­beit­neh­mer si­cher­stel­len.
Nach Art. 6 der Richt­li­nie können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass die Art. 3, 4 und 5 nicht für die Beiträge der Ar­beit­neh­mer zu den be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen gel­ten. Die Möglich­keit, die­se Beiträge aus­zu­sch­ließen, be­deu­tet mit­hin, dass sie grundsätz­lich un­ter Art. 3 der Richt­li­nie fal­len.
Dar­aus kann je­doch nicht ab­ge­lei­tet wer­den, dass nicht ge­zahl­te Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge vom An­wen­dungs­be­reich des Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 aus­ge­nom­men sind. Nach des­sen Wort­laut ha­ben die Mit­glied­staa­ten die not­wen­di­gen Maßnah­men zum Schutz der In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer hin­sicht­lich ih­rer er­wor­be­nen Rech­te oder An­wart­schafts­rech­te auf Leis­tun­gen bei Al­ter aus be­trieb­li­chen oder über­be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen außer­halb der ein­zel­staat­li­chen ge­setz­li­chen Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit zu tref­fen.
Auch wenn die Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge in Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 nicht aus­drück­lich erwähnt wer­den, ste­hen sie in en­gem Zu­sam­men­hang mit den er­wor­be­nen Rech­ten oder An­wart­schafts­rech­ten auf Leis­tun­gen bei Al­ter, die durch Art. 8 geschützt wer­den sol­len. Mit die­sen Beiträgen sol­len nämlich die vom Ar­beit­neh­mer bei sei­nem Ein­tritt in den Ru­he­stand er­wor­be­nen Rech­te fi­nan­ziert wer­den. Hier­zu hat der Ge­richts­hof be­reits aus­geführt, dass die Nicht­zah­lung der Beiträge durch den Ar­beit­ge­ber ein Grund für die un­zu­rei­chen­de De­ckung der be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung sein kann und dass die­ser Sach­ver­halt un­ter Art. 8 der Richt­li­nie fällt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 25. April 2013, Ho­gan u. a., C-398/11, EU:C:2013:272, Rn.37 bis 40). Dar­aus folgt, dass bei Nicht­zah­lung von Al­ters­ver­sor­gungs­beiträgen so­wohl Art. 3 als auch Art. 8 der Richt­li­nie re­le­vant sind.
Art. 3 und Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 ha­ben je­doch un­ter­schied­li­che Ziel­set­zun­gen und zie­len auf zwei ver­schie­de­ne For­men des Schut­zes ab.
Nach Art.3 der Richt­li­nie 2008/94 ist die Be­frie­di­gung der nicht erfüll­ten Ansprüche, die nicht nur die Ansprüche auf Ar­beits­ent­gelt um­fas­sen, son­dern auch, vor­be­halt­lich des Art.6 der Richt­li­nie, be­stimm­te Beiträge als Ent­gelt­ansprüche, durch Ga­ran­tie­ein­rich­tun­gen si­cher­zu­stel­len. Darüber hin­aus können die Mit­glied­staa­ten nach Art.4 Abs. 2 und 3 der Richt­li­nie den An­wen­dungs­be­reich ih­res Art. 3 ein­schränken. Ei­ne sol­che Ein­schränkung kann sich so­wohl auf die Dau­er des Zeit­raums, für den die Ga­ran­tie­ein­rich­tung die nicht erfüll­ten Ansprüche zu be­frie­di­gen hat, als auch auf die Höchst­gren­ze für die von die­ser Ein­rich­tung zu leis­ten­den Zah­lun­gen be­zie­hen. Außer­dem geht es bei dem in Art. 3 der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Schutz grundsätz­lich um kurz­fris­ti­ge Ansprüche, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr.46 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat.
Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 ist in­so­fern von ge­rin­ge­rer ma­te­ri­el­ler Trag­wei­te, als er das In­ter­es­se der Ar­beit­neh­mer an der Zah­lung ih­rer Al­ters­ver­sor­gungs­ansprüche schützen soll. Fer­ner sieht er im Ge­gen­satz zu den Art. 3 und 4 der Richt­li­nie nicht aus­drück­lich vor, dass die Mit­glied­staa­ten das Schutz­ni­veau be­gren­zen können (Ur­teil vom 25. Ja­nu­ar 2007, Ro­bins u. a., C-278/05, EU:C:2007:56, Rn. 43). Sch­ließlich soll Art. 8 im Un­ter­schied zu Art. 3 der Richt­li­nie den Schutz lang­fris­ti­ger In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer si­cher­stel­len, die sich nämlich hin­sicht­lich der er­wor­be­nen Rech­te oder An­wart­schafts­rech­te grundsätz­lich auf den ge­sam­ten Ru­he­stands­zeit­raum er­stre­cken.
Folg­lich fin­det Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 auf nicht ge­zahl­te Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge An­wen­dung, so­weit die­se nicht gemäß Art. 3 der Richt­li­nie aus­ge­gli­chen wer­den. Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 37 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ergänzen sich der durch Art. 8 und der durch Art. 3 der Richt­li­nie ga­ran­tier­te Schutz, und bei­de Be­stim­mun­gen können in ein- und dem­sel­ben Fall ge­mein­sam zur An­wen­dung kom­men. 29
Im vor­lie­gen­den Fall er­gibt sich aus den dem Ge­richts­hof vor­ge­leg­ten Ak­ten, dass Herr Webb-Sämann gemäß § 165 SGB III für die drei der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens über das Vermögen von Bau­markt Prak­ti­ker vor­aus­ge­gan­ge­nen Mo­na­te des Ar­beits­verhält­nis­ses In­sol­venz­geld we­gen sei­ner nicht erfüll­ten Ent­gelt­ansprüche er­hielt. Da die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land von der ihr durch Art. 6 der Richt­li­nie 2008/94 eröff­ne­ten Möglich­keit, die Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge vom An­wen­dungs­be­reich des Art. 3 der Richt­li­nie aus­zu­neh­men, kei­nen Ge­brauch ge­macht hat, wur­de er zu­dem auch in Be­zug auf sei­ne Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge für die­se drei Mo­na­te entschädigt. Im Aus­gangs­ver­fah­ren geht es aber um die Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge für den Zeit­raum von neun bis drei Mo­na­ten vor der Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens. Da es für die­se nicht ge­zahl­ten Beiträge kei­nen Aus­gleich in Form ei­ner Entschädi­gung gab und sich die Nicht­zah­lung zwangsläufig auf die Höhe der An­wart­schafts­rech­te aus­wirk­te, fal­len sie in den An­wen­dungs­be­reich von Art. 8 der Richt­li­nie.
So­mit ist die vor­ge­leg­te Fra­ge al­lein an­hand von Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 zu prüfen.
Die Richt­li­nie soll nach ih­rem drit­ten Erwägungs­grund ins­be­son­de­re „die Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers schützen“ und „ih­nen ein Mi­ni­mum an Schutz … si­chern“, wo­bei „die Not­wen­dig­keit ei­ner aus­ge­wo­ge­nen wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Ent­wick­lung in der [Uni­on] berück­sich­tigt wer­den [muss]“.
Da­bei soll die Richt­li­nie, die ei­nen Aus­gleich zwi­schen den In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer und den Not­wen­dig­kei­ten ei­ner aus­ge­wo­ge­nen wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Ent­wick­lung her­stel­len will, den Ar­beit­neh­mern im Rah­men des Uni­ons­rechts ei­nen Min­dest­schutz bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers ga­ran­tie­ren, wo­bei die Mit­glied­staa­ten nach ih­rem Art. 11 güns­ti­ge­re Be­stim­mun­gen an­wen­den oder er­las­sen können. Der Schutz­grad, den die Richt­li­nie für je­de der durch sie ein­geführ­ten spe­zi­el­len Ga­ran­ti­en ver­langt, muss un­ter Berück­sich­ti­gung der in der je­wei­li­gen Vor­schrift ver­wen­de­ten Be­grif­fe fest­ge­legt wer­den, die, so­weit er­for­der­lich, im Licht der vor­ste­hen­den Erwägun­gen aus­ge­legt wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 25. Ja­nu­ar 2007, Ro­bins u. a., C-278/05, EU:C:2007:56, Rn. 39 bis 41).
In Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 heißt es all­ge­mein, dass sich die Mit­glied­staa­ten „ver­ge­wis­sern …, dass die not­wen­di­gen Maßnah­men zum Schutz der In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer … ge­trof­fen wer­den“.
Hier­zu hat der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass die Mit­glied­staa­ten über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum verfügen, um so­wohl den Me­cha­nis­mus als auch das Schutz­ni­veau der Ansprüche auf Leis­tun­gen bei Al­ter aus ei­ner be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers fest­zu­le­gen, der ei­ne Pflicht zum vollständi­gen Schutz aus­sch­ließt (Ur­tei­le vom 25. Ja­nu­ar 2007, Ro­bins u. a., C-278/05, EU:C:2007:56, Rn. 36 und 42 bis 45, so­wie vom 25. April 2013, Ho­gan u. a., C-398/11, EU:C:2013:272, Rn. 42).
Auch wenn die Mit­glied­staa­ten dem­nach über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum bei der Um­set­zung von Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 verfügen, sind sie gleich­wohl ver­pflich­tet, den Ar­beit­neh­mern im Ein­klang mit dem mit der Richt­li­nie ver­folg­ten Ziel den in die­ser Be­stim­mung ge­for­der­ten Min­dest­schutz zu ga­ran­tie­ren. Hier­zu hat der Ge­richts­hof be­reits ent­schie­den, dass ei­ne ord­nungs­gemäße Um­set­zung von Art. 8 der Richt­li­nie er­for­dert, dass ein Ar­beit­neh­mer bei Zah­lungs­unfähig­keit sei­nes Ar­beit­ge­bers min­des­tens die Hälf­te der Leis­tun­gen bei Al­ter erhält, die sich aus sei­nen er­wor­be­nen Ren­ten­ansprüchen er­ge­ben, für die er Beiträge im Rah­men ei­ner be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung ent­rich­tet hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 25. Ja­nu­ar 2007, Ro­bins u. a., C-278/05, EU:C:2007:56, Rn. 57, so­wie vom 25. April 2013, Ho­gan u. a., C-398/11, EU:C:2013:272, Rn. 51), oh­ne je­doch aus­zu­sch­ließen, dass un­ter an­de­ren Umständen die er­lit­te­nen Ver­lus­te, auch wenn ihr Pro­zent­satz ein an­de­rer ist, im Licht der in Art. 8 der Richt­li­nie auf­ge­stell­ten Pflicht zum Schutz der In­ter­es­sen der Ar­beit­neh­mer als of­fen­sicht­lich un­verhält­nismäßig an­ge­se­hen wer­den könn­ten.
Im vor­lie­gen­den Fall er­gibt sich aus den Ak­ten und ins­be­son­de­re aus den An­ga­ben von Herrn Webb-Sämann, dass sich sei­ne Ren­ten­ansprüche um ei­nen Be­trag von 5 bis 7 Eu­ro pro Mo­nat ver­rin­gern, weil die Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge während des im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Zeit­raums nicht ge­zahlt wur­den. Un­ter die­sen Umständen, de­ren Rich­tig­keit das vor­le­gen­de Ge­richt zu prüfen hat, ver­langt Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 kei­nen Schutz, der über das dem Kläger des Aus­gangs­ver­fah­rens im vor­lie­gen­den Fall be­reits gewähr­te Maß hin­aus­geht.
So­fern ein Mit­glied­staat der Ver­pflich­tung genügt, den in Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 ge­for­der­ten Min­dest­schutz si­cher­zu­stel­len, kann da­her sein Er­mes­sens­spiel­raum in Be­zug auf den Schutz­me­cha­nis­mus der Ansprüche auf Leis­tun­gen bei Al­ter aus ei­ner be­trieb­li­chen Zu­satz­ver­sor­gungs­ein­rich­tung im Fall der Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers nicht be­schränkt wer­den.
Nach al­le­dem ist auf die vor­ge­leg­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 8 der Richt­li­nie 2008/94 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er nicht vor­schreibt, dass bei Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers die vom Lohn ei­nes ehe­ma­li­gen Ar­beit­neh­mers ein­be­hal­te­nen und in Al­ters­ver­sor­gungs­beiträge um­ge­wan­del­ten Beträge, die der Ar­beit­ge­ber zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers auf ein Ver­sor­gungs­kon­to hätte ein­zah­len müssen, aus der In­sol­venz­mas­se aus­zu­son­dern sind.
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