Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/google-und-das-recht-auf-vergessenwerden-2-3216347
Timestamp: 2020-08-09 05:45:06
Document Index: 358153816

Matched Legal Cases: ['Art. 17', 'Art. 17', 'Art. 17', 'Art. 7', 'Art. 11', 'Art. 17', 'BGH', 'BGH']

Google - und das Recht auf Vergessenwerden | Rechtslupe
Der Aus­lis­tungs­an­spruch aus Art. 17 Abs. 1 DSGVO erfor­dert eine umfas­sen­de Grund­rechts­ab­wä­gung auf der Grund­la­ge aller rele­van­ten Umstän­de des Ein­zel­fal­les und unter Berück­sich­ti­gung der Schwe­re des Ein­griffs.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hat­te der Geschäfts­füh­rer eines Regio­nal­ver­ban­des einer Wohl­fahrts­or­ga­ni­sa­ti­on geklagt. Im Jahr 2011 wies die­ser Regio­nal­ver­band ein finan­zi­el­les Defi­zit von knapp einer Mil­li­on Euro auf; kurz zuvor mel­de­te sich der Geschäfts­füh­rer krank. Über bei­des berich­te­te sei­ner­zeit die regio­na­le Tages­pres­se unter Nen­nung des vol­len Namens des Geschäfts­füh­rers. Der Geschäfts­füh­rer begehrt nun­mehr von Goog­le, es zu unter­las­sen, die­se Pres­se­ar­ti­kel bei einer Suche nach sei­nem Namen in der Ergeb­nis­lis­te nach­zu­wei­sen.
Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Frank­furt am Main hat die Kla­ge abge­wie­sen [1], das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt die Beru­fung des Geschäfts­füh­rers zurück­ge­wie­sen [2]. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auch die vom Ober­lan­des­ge­richt im Beru­fungs­ur­teil zuge­las­se­ne Revi­si­on des Geschäfts­füh­rers zurück­ge­wie­sen:
Der gel­tend gemach­te Anspruch des Geschäfts­füh­rers auf Aus­lis­tung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Ergeb­nis­links ergibt sich nicht aus Art. 17 Abs. 1 DSGVO.
Der Aus­lis­tungs­an­spruch aus Art. 17 Abs. 1 DSGVO erfor­dert nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs und dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 06.11.2019 [3] eine umfas­sen­de Grund­rechts­ab­wä­gung, die auf der Grund­la­ge aller rele­van­ten Umstän­de des Ein­zel­fal­les und unter Berück­sich­ti­gung der Schwe­re des Ein­griffs in die Grund­rech­te der betrof­fe­nen Per­son einer­seits (Art. 7, 8 GRCh), der Grund­rech­te des Such­ma­schi­nen­be­trei­bers, der Inter­es­sen ihrer Nut­zer und der Öffent­lich­keit sowie der Grund­rech­te der Anbie­ter der in den bean­stan­de­ten Ergeb­nis­links nach­ge­wie­se­nen Inhal­te ande­rer­seits (Art. 11, 16 GRCh) vor­zu­neh­men ist.
Da im Rah­men die­ser Abwä­gung die Mei­nungs­frei­heit der durch die Ent­schei­dung belas­te­ten Inhal­te­an­bie­ter als unmit­tel­bar betrof­fe­nes Grund­recht in die Abwä­gung ein­zu­be­zie­hen ist, gilt kei­ne Ver­mu­tung eines Vor­rangs der Schutz­in­ter­es­sen des Betrof­fe­nen. Viel­mehr sind die sich gegen­über­ste­hen­den Grund­rech­te gleich­be­rech­tigt mit­ein­an­der abzu­wä­gen.
Aus die­sem Gebot der gleich­be­rech­tig­ten Abwä­gung folgt aber auch, dass der Ver­ant­wort­li­che einer Such­ma­schi­ne nicht erst dann tätig wer­den muss, wenn er von einer offen­sicht­li­chen und auf den ers­ten Blick klar erkenn­ba­ren Rechts­ver­let­zung des Betrof­fe­nen Kennt­nis erlangt.
An sei­ner noch zur Rechts­la­ge vor Inkraft­tre­ten der DSGVO ent­wi­ckel­ten gegen­tei­li­gen Recht­spre­chung [4] hält der Bun­des­ge­richts­hof inso­weit nicht fest.
Nach die­sen Grund­sät­zen haben die Grund­rech­te des Geschäfts­füh­rers auch unter Berück­sich­ti­gung des Zeit­ab­laufs im kon­kre­ten Fall hin­ter den Inter­es­sen der Such­ma­schi­nen­be­trei­be­rin und den in deren Waag­scha­le zu legen­den Inter­es­sen ihrer Nut­zer, der Öffent­lich­keit und der für die ver­link­ten Zei­tungs­ar­ti­kel ver­ant­wort­li­chen Pres­se­or­ga­ne zurück­zu­tre­ten, wobei der fort­dau­ern­den Recht­mä­ßig­keit der ver­link­ten Bericht­erstat­tung ent­schei­dungs­an­lei­ten­de Bedeu­tung für das Aus­lis­tungs­be­geh­ren gegen die Beklag­te zukommt.
Im Hin­blick auf den Anwen­dungs­vor­rang des vor­lie­gend uni­ons­weit abschlie­ßend ver­ein­heit­lich­ten Daten­schutz­rechts und die bei Prü­fung eines Aus­lis­tungs­be­geh­rens nach Art. 17 DSGVO vor­zu­neh­men­de umfas­sen­de Grund­rechts­ab­wä­gung kann der Geschäfts­füh­rer sei­nen Anspruch auch nicht auf Vor­schrif­ten des natio­na­len deut­schen Rechts stüt­zen.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Juli 2020 – VI ZR 405/​18
LG Frank­furt am Main. Urteil vom 26.10.2017 – 2–03 O 190/​16[↩]
OLG Frank­furt am Main, Urteil vom 06.09.2018 – 16 U 193/​17[↩]
BVerfG, Beschluss vom 06.11.2019 – 1 BvR 276/​17 – Recht auf Ver­ges­sen II[↩]
BGH, Urteil vom 27.02.2018 – VI ZR 489/​16, BGHZ 217, 350, 363 Rn. 36 i.V.m. 370 f. Rn. 52[↩]
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