Source: https://www.naturefund.de/artikel/news/offenes_schreiben_an_veranstalter_von_fuchswochen/
Timestamp: 2020-01-23 18:10:28
Document Index: 5491844

Matched Legal Cases: ['§ 22', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 19', '§ 22', '§ 19', '§ 22']

Naturefund: Offenes Schreiben an Veranstalter von Fuchswochen
17.01.2011 · Naturefund
Offenes Schreiben an Veranstalter von Fuchswochen
Fuchs im Schnee. Foto: Dr. H. Fried
Der Rotfuchs gehört in Deutschland zu den wenigen Wildtierarten, die ganzjährig bejagt werden – ohne dass es für diese intensive und flächendeckende Verfolgung einen stichhaltigen Grund gäbe. Zahlreiche Organisationen fordern daher eine Schonzeit für Füchse.
Aktionsbündnis fordert Schonzeit für Füchse
Jedes Jahr finden im Januar und Februar die so genannten Fuchswochen statt, in denen Füchse revierübergreifend gejagt werden, ohne dass es für diese intensive und flächendeckende Verfolgung einen stichhaltigen Grund gäbe.
Das Aktionsbündnis “Schonzeit für Füchse”, dem neben Naturefund 28 deutsche und 11 internationale Organisationen angehören, schreibt jetzt im Januar 2011 einen offenen Brief an die Veranstalter von Fuchswochen.
Verdacht auf Ordnungswidrigkeit und Straftatbestand
Da die Fuchsjagd während der Paarungszeit der Füchse im Januar und Februar stattfindet, erfüllt sie unter Umständen den Straftatbestand der §§ 22 Abs. 4, 38 Abs. 1 Nr. 3 BJagdG (Schonung für die Aufzucht notwendiger Elterntiere).Ferner muss davon ausgegangen werden, dass sowohl Veranstalter als auch die Teilnehmer revierübergreifender Jagden gegen § 19a BJagdG (Beunruhigen von Wild) verstoßen. Das Verbot gilt für jedermann, auch für Jagdausübungsberechtigte (Lorz, Metzger/Stöckel BJagdG § 19a Rn. 3).
Doch lesen Sie selbst. Naturefund veröffentlich hier den vollständigen Brief mit allen Quellenangaben.
Offener Brief an die Veranstalter von Fuchswochen
der Rotfuchs gehört in Deutschland zu den wenigen Wildtierarten, die ganzjährig bejagt werden – ohne dass es für diese intensive und flächendeckende Verfolgung einen stichhaltigen Grund gäbe. Als Rechtfertigung für die starke Bejagung des Fuchses wird vom Deutschen Jagdschutzverband (DJV) und seinen Landesverbänden angeführt, man müsse die wachsende Fuchspopulation im Zaum halten, etwa, um der Ausbreitung von Seuchen (Tollwut) und Fuchsbandwurm Einhalt zu gebieten.
Tatsächlich kann man die Fuchsdichte mit jagdlichen Mitteln jedoch nicht regulieren: Je mehr Füchse durch Jagd oder Unfälle sterben, desto stärker steigt die Geburtenrate. Andersherum führt eine sinkende Sterblichkeit durch soziale Regulationsmechanismen der Fuchspopulationen zu weniger Nachwuchs.
Da Sie als (Mit-)Veranstalter der oben genannten Fuchsjagd genannt sind, möchten wir Sie darauf hinweisen, dass von einer wie auch immer gearteten Notwendigkeit, Füchse zur Bestandsreduktion zu bejagen, keine Rede sein kann. Da Fuchspelze kaum noch gefragt sind, werden die meisten erlegten Füchse kurzerhand entsorgt. Allein aus diesem Sachverhalt ergeben sich erhebliche Zweifel hinsichtlich des Vorhandenseins des vom Tierschutzgesetz geforderten „vernünftigen Grundes“ für das Töten der Tiere.
Im Rahmen der von Ihnen geplanten revierübergreifenden Fuchsjagd während der Paarungszeit der Füchse gehen wir davon aus, dass sowohl Sie als Veranstalter als auch die Teilnehmer dieser Jagden gegen § 19a BJagdG (Beunruhigen von Wild) verstoßen. Das Verbot gilt für jedermann, auch für Jagdausübungsberechtigte (Lorz, Metzger/Stöckel BJagdG § 19a Rn. 3).
Revierübergreifende Jagden mit vielen teilnehmenden Jägern führen per se dazu, dass eine große Anzahl von Wildtieren über das notwendige Maß hinaus beunruhigt und gestresst wird, was vermeidbar wäre, wenn man auf die nicht erforderliche Fuchsjagd verzichten würde. Verschärfend kommt in den Monaten Januar und Februar hinzu, dass jegliche Störung von Wildtieren während der Winterruhe mit erheblichem Risiko für diese Tiere verbunden ist. Darauf verweisen in diesen Tagen auch diverse Landesjagdverbände.
Neben einer Ordnungswidrigkeit gemäß §§ 19a, 39 Abs. 1 Nr. 5 BJagdG erfüllt die Fuchsjagd während der Paarungszeit der Füchse im Januar und Februar unter Umständen auch einen Straftatbestand der §§ 22 Abs. 4, 38 Abs. 1 Nr. 3 BJagdG (Schonung für die Aufzucht notwendiger Elterntiere).
Während der Jagd im Januar und Februar werden Füchse zu einer Zeit getötet, in der die weiblichen Tiere zum Teil bereits tragend sind. Das heißt auch, dass Fuchsrüden, die schon ihre Füchsin gefunden haben, getötet werden - mit der Konsequenz, dass Fuchswelpen den Fuchsvater bereits vor der Geburt verlieren.
Biologen, die sich mit dem Fuchs beschäftigen, konstatieren mit beeindruckender Einhelligkeit, dass Fuchsrüden sich aktiv an der Aufzucht ihres Nachwuchses beteiligen, was im Übrigen auch von aktueller Jagdliteratur nicht geleugnet wird (Blase „Die Jägerprüfung“, 30. Auflage, 2.3.303, S. 236).
Forschungsarbeiten zeigen weiterhin unmissverständlich, dass die Überlebenschancen der Welpen deutlich sinken, wenn der Fuchsvater die Familie nicht mit Nahrung versorgen und vor Konkurrenten schützen kann.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und die eigenen Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten lehren uns, dass die Fuchsjagd weder geeignet ist, Fuchsbestände zu regulieren, noch einen Beitrag zur Eindämmung von Tollwut oder Fuchsbandwurm zu leisten. Der Fuchs ist auch kein Schädling, er wird vielmehr seiner Rolle als “Gesundheitspolizei” von Wald und Flur gerecht, indem er sich vornehmlich von Nagern und von Aas ernährt.
Wir fordern Sie hiermit auf, auf die Durchführung der oben genannten Fuchswoche zu verzichten. Anderenfalls kann die Durchführung dieser Veranstaltung sowohl für Sie als auch für die Teilnehmer dieser Veranstaltung eine Verfolgung als Ordnungswidrigkeit im Rahmen der §§ 19a, 39 Abs. 1 Nr. 5 BJagdG und sogar auch als Straftat im Rahmen der §§ 22 Abs. 4 Satz 1, 38 Abs. 1 Nr. 3 BJagdG nach sich ziehen.
für die Initiative "Schonzeit für Füchse"
Die Initiative "Schonzeit für Füchse" wurde Ende 2010 von Dag Frommhold und Lovis Kauertz gegründet. Stand 06.01.2011 wird die Forderung nach einer Schonzeit für Füchse von 29 bundesweit tätigen und 11 internationalen Organisationen aus den Bereichen Tierschutz, Tierrechte, Naturschutz und Politik unterstützt. Webseite: www.schonzeit-fuer-fuechse.de
Zur Vaterrolle des Fuchsrüden:
J.R.Malcolm (1985): Paternal Care in Canids. American Zoologist, 25(3): 853-856
A.B. Sargeant, L.E. Eberhardt (1975): Death feigning by ducks in response to predation by red foxes (Vulpes fulva). American Midland Naturalist 94, 108-119
D. Macdonald (1980): Social factors affecting reproduction by the red fox, Vulpes vulpes. In: E. Zimen, ed. The Red Fox, Symposium on Behavior and Ecology. Biogeographica 18, W. Junk, The Hague, The Netherlands
C.J. Zabel, S.J. Taggart (1989): Shift in red fox, Vulpes vulpes, mating system associated with El Niño in the Bering Sea, Animal Behavior 38, 830-838
J.D. Henry (1986): Red Fox: The Catlike Canine. Smithsonian Institute Press
C.S.Asa (1997): Hormonal and Experiential Factors in the Expression of Social and Parental Behavior in Canids. In: N. G. Solomon & J.A.French, Cooperative Breeding in Mammals. Cambridge University Press
F. Labhardt (1990): Der Rotfuchs, Paul Parey
D.G.Kleiman, J.R.Malcolm (1981): The Evolution of Male Parental Investment in Mammals. In: D.J. Gubernick, P.H. Klopfer, Parental Care in Mammals. Plenum Publishing
C.S.Asa, C.Valdespino (1998): Canid Reproductive Biology: an Integration of Proximate Mechanisms and Ultimate Causes. American Zoologist, 38: 251-259
D. Macdonald (1991): Running with the Fox. Facts on File
J.D. Henry (1996): Foxes – Living on the Edge. NorthWord
V. Vergara (2001): Comparison of parental roles in male and female Red Foxes, Vulpes vulpes, in southern Ontario. Canadian Field Naturalist 115(1):22-33
S. Gloor, F. Bontadina, D. Hegglin (2006): Stadtfüchse. Ein Wildtier erobert den Siedlungsraum. Haupt
S. Harris (1986), Urban Foxes. Whittet Books
C.J.Zabel (1986): Reproductive Behavior of the Red Fox (Vulpes vulpes): A Longitudinal Study of an Island Population
Zur Populationsdynamik des Fuchses und dem Einfluss der Bejagung:
Baker, P., Baker, S. (2006): Does culling reduce fox (Vulpes vulpes) density in commercial forests in Wales, UK? European Journal of Wildlife Research 53 (2), 99-108.
Baker, P., Baker, S. (1997). How will a ban on hunting affect the British fox population? Report of the School of Biological Sciences, University of Bristol. Cheddar, Somerset: Electra.
Zu Fuchbsbandwurm und Tollwut:
Deplazes, P., Hegglin, D., Gloor, S. & Romig, T. (2004): Wilderness in the city: The urbanization of echinococcus multilocularis. Trends in Parasitology, 20 (2)
Hegglin, D., Warn, P.I., Deplazes, P. (2003): Anthelmintic baiting of foxes against urban contamination with Echinococcus multilocularis. Emerging infectious diseases, 9 (10).
Kern, P. et al. (2003), European Echinococcosis Registry: Human Alveolar Echinococcosis in Europe, 1982-2000. Emerging Infectious Diseases, 9 (3)
Schneider, L.G. (1991): Einfluß der oralen Immunisierung auf die Epidemiologie der Tollwut. Fuchs-Symposium Koblenz, 2.-3.März 1990. Heft 20 d. Schriften des Arbeitskreises Wildbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen e.V., Melsungen
Schwarz, S., Sutor, A. & Litzbarksi, H. (2005): Bejagung des Rotfuchses Vulpes vulpes im NSG Havelländisches Luch (Brandenburg) zugunsten der Großtrappe Otis tarda. Vogelwelt 126
Zimen, E. (1980): Fox social ecology and rabies control. Biogeographica Vol. 18.
The Red Fox. Symposium on Behavior and Ecology. Dr. W. Junk, London.
Zur Wechselwirkung des Fuchses mit seinen Beutearten
Evans, A. und Wilson, J. (2001): The implication of ten years of research on lowland farmland birds: An RSPB perspective. RSPB Conservation Review, 13, 7-17
Zu Tierschutzaspekten der Fuchsbejagung:
Fox, N. et al. (2003): Welfare Aspects of Shooting Foxes. All Party Parliamentary Middle Way Group
Mehr Informationen zur Aktion 'Schonzeit für Füchse"
Weiter zum Aktionsbündnis www.schonzeit-fuer-fuechse.de