Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/a7a85f6e4ecb835e6729323377a8a692b44acfb34e82695c6b701ad3c929fb42
Timestamp: 2019-10-16 07:14:58
Document Index: 173707664

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 36', '§ 1610', '§ 242', 'BGH', '§ 565', '§ 2']

BGH, XII ZR 81/99: Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 21.01.0024, XII ZR 81/99
Aktenzeichen: XII ZR 81/99
XII ZR 81/99 Verkündet am: 14. März 2001 Küpferle, Justizamtsinspektorin als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
Zum Anspruch eines Kindes auf Ausbildungsunterhalt nach einem Wechsel der
Ausbildung (hier: abgebrochene Heilpraktiker-Ausbildung und Aufnahme des Medizinstudiums).
BGH, Urteil vom 14. März 2001 - XII ZR 81/99 - OLG Hamburg AG Hamburg-Bergedorf
vom 14. März 2001 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Blumenröhr und die
3. Familiensenats des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg vom 5. März 1999 aufgehoben.
Die Klägerin nimmt den Beklagten auf Zahlung von Ausbildungsunterhalt
Die am 1. Mai 1970 geborene Klägerin ist die Tochter des Beklagten aus
dessen geschiedener Ehe. Sie hat im Sommer 1991 das Abitur mit der Note 2,2
bestanden. Der Abschluß der Schulausbildung hatte sich durch mehrere Auslandsaufenthalte der Klägerin verzögert. Nach Abschluß der 10. Klasse im
Sommer 1986 erhielt sie ein Teilstipendium für ein Auslandsjahr in den USA.
Dort erwarb sie das Highschool-Diplom. Im Sommer 1988 nutzte sie die Gele-
genheit, an einer Reise nach Südafrika teilzunehmen. Im Jahre 1989 hielt die
Klägerin sich von Februar bis zum Sommer in Paris auf; ihren Lebensunterhalt
verdiente sie durch Aufnahme von Gelegenheitsarbeiten. Ihre Auslandsaufenthalte begründete die Klägerin damit, daß sie der belastenden häuslichen Situation mit streitenden Eltern und einem bis 1993 drogenabhängigen Bruder
habe entfliehen wollen. Im Februar 1990 bezog die Klägerin eine eigene Wohnung.
Der Beklagte, der sich in der mit seiner geschiedenen Ehefrau geschlossenen Scheidungsvereinbarung verpflichtet hatte, diese von eigenen
Unterhaltsverpflichtungen gegenüber den Kindern freizustellen, zahlte der Klägerin bis Dezember 1991 monatlichen Unterhalt von 600 DM. Danach stellte er
die Unterhaltszahlungen ein, weil sie sich nicht zu einer Berufsausbildung entschließen konnte. Im August 1992 teilte die Klägerin dem Beklagten ihre Absicht mit, Heilpraktikerin werden und zu diesem Zweck ab November 1992 die
Heilpraktiker-Schule in H. besuchen zu wollen. Daraufhin nahm der Beklagte ab November 1992 die monatlichen Unterhaltszahlungen von 600 DM
wieder auf. Im Frühjahr 1993 verzog die Klägerin nach Baden-Württemberg.
Sie schloß am 26. Juni 1993 mit einer Heilpraktiker-Schule in M. einen
Ausbildungsvertrag über ein Heilpraktiker-Studium im Wochenendunterricht für
eine Studiendauer von 26 Monaten zu einem Gesamtpreis von 8.495 DM und
setzte die Heilpraktiker-Ausbildung fort. Ende September 1993 stellte der Beklagte seine Unterhaltszahlungen ein. Daraufhin nahm die Klägerin ab November 1993 eine Anstellung in der Verwaltungsabteilung der Universität He. -
(Abteilung für Urologie) an.
Bereits vom 21. bis 24. Juli 1993 mußte sich die Klägerin wegen gesundheitlicher Beschwerden unbekannter Herkunft in stationäre Krankenhaus-
behandlung begeben. Vom 29. August bis 8. September 1993 wurde sie wegen
eines physischen Schwächezustands erneut stationär behandelt. Zu einem
weiteren Krankenhausaufenthalt kam es im April 1994; damals wurde die Klägerin drei Wochen in der neurologischen Klinik des Universitätskrankenhauses
He. behandelt. Ende Mai 1994 gab sie die Heilpraktiker-Ausbildung auf.
In der Folgezeit bewarb sie sich bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen um einen Studienplatz für das Medizinstudium und nahm im November 1994 an dem (damals erforderlichen) Eignungstest teil. Im Januar 1994
erhielt die Klägerin die Mitteilung über das Testergebnis. Aufgrund dieses Ergebnisses wurde sie für das Medizinstudium ausgewählt und erhielt zum Sommersemester 1995 einen Studienplatz an der Universität He. /M. .
Dort nahm sie am 1. April 1995 das Studium auf. Am 9. September 1997 bestand sie das Physikum; zum 1. März 1999 stellte sie den Antrag auf Zulassung
Die Klägerin erhält seit Beginn des Medizinstudiums Vorausleistungen
nach § 36 BAföG. Der Beklagte ist als EDV-Fachmann bei einer Krankenkasse
beschäftigt; sein Bruttoeinkommen betrug im Jahr 1995 rund 120.000 DM. Die
Ehefrau des Beklagten ist ebenfalls erwerbstätig. Auch die Mutter der Klägerin
erzielt - neben dem vom Beklagten gezahlten Unterhalt von monatlich rund
1.250 DM - Erwerbseinkommen; außerdem verfügt sie über Einkünfte aus der
Vermietung einer Eigentumswohnung.
Mit der vorliegenden Klage hat die Klägerin - ausgehend von einem mit
monatlich 950 DM bzw. 1.100 DM bezifferten Unterhaltsbedarf - die Zahlung
von Unterhalt in folgender Höhe begehrt: für die Zeit vom 1. April 1995 bis
31. Januar 1997 9.807,17 DM, zahlbar an das Studentenwerk He. , und
2.282,99 DM an sie selbst; ab 1. Februar 1997 monatlich 584,26 DM, ebenfalls
zahlbar an sie selbst. Sie hat die Auffassung vertreten, daß der Beklagte ihr
unter Berücksichtigung der anteiligen Haftung ihrer Mutter in dieser Höhe Ausbildungsunterhalt schulde. Der Beklagte ist der Klage im wesentlichen mit der
Begründung entgegengetreten, schon dem Grunde nach nicht mehr zu Unterhaltsleistungen für die Klägerin verpflichtet zu sein.
Das Amtsgericht hat den Beklagten - unter Klageabweisung im übrigen -
verurteilt, für die Zeit vom 5. Januar 1996 bis zum 31. Januar 1998
9.561,12 DM an das Studentenwerk und 2.107,44 DM an die Klägerin sowie ab
1. Februar 1998 monatlich 530,31 DM an die Klägerin zu zahlen. Auf die hiergegen gerichtete Berufung des Beklagten hat das Oberlandesgericht die Klage
insgesamt abgewiesen. Mit ihrer - zugelassenen - Revision erstrebt die Klägerin die Wiederherstellung des erstinstanzlichen Urteils.
1. Das Oberlandesgericht hat seine Auffassung, der Klägerin stehe dem
Grunde nach kein Unterhaltsanspruch mehr zu, im wesentlichen wie folgt begründet: Die Klägerin, die beim Abitur bereits älter gewesen sei als viele
Schulabgänger, habe noch ein Jahr verstreichen lassen, bevor sie sich zu einer Ausbildung entschlossen habe. Angesichts der bereits eingetretenen Verzögerungen sei sie gehalten gewesen, ihren beruflichen Werdegang besonders sorgfältig zu planen. Sie habe die schließlich gewählte Ausbildung zur
Heilpraktikerin, die wegen der aufzubringenden Studiengebühren mit erheblichen finanziellen Opfern verbunden gewesen sei, trotz unzureichender und nur
bis einschließlich September 1993 erfolgter Unterhaltsleistungen des Beklagten, ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Sommer 1993 und der zur
Sicherstellung ihres Lebensunterhalts aufgenommenen Tätigkeit als Verwaltungsangestellte auch betrieben. Die auf 26 Monate angelegte Ausbildung, die
planmäßig im August 1995 abgeschlossen gewesen wäre, habe sie jedoch Ende Mai 1994 abgebrochen. Daß dies im Hinblick auf ein beabsichtigtes Medizinstudium erfolgt sei, etwa weil die Ausbildung zur Heilpraktikerin die Klägerin
unterfordert und weder ihren Neigungen noch ihren Fähigkeiten entsprochen
habe, könne nicht festgestellt werden. Nach Mai 1994 habe die Klägerin ihre
berufliche Zukunft mithin weder als Heilpraktikerin noch als Ärztin gesehen,
sondern sich offenbar damit abgefunden, bis auf weiteres als Verwaltungsangestellte zu arbeiten. Es könne dahinstehen, ob die Eltern grundsätzlich verpflichtet gewesen seien, das Medizinstudium als Weiterbildung nach einer
Ausbildung zur Heilpraktikerin zu finanzieren. In den sogenannten Weiterbildungsfällen müsse nämlich ein enger zeitlicher und sachlicher Zusammenhang
zwischen praktischer Ausbildung und Studium bestehen. Selbst wenn ein
sachlicher Zusammenhang vorliegend noch bejaht werde, fehle es mit Rücksicht auf die deutliche zeitliche Zäsur zwischen der Beendigung der Heilpraktiker-Ausbildung und der Aufnahme des Studiums jedenfalls an dem für die Annahme eines einheitlichen Ausbildungsweges notwendigen zeitlichen Zusammenhang. Dieser erfordere, daß der Auszubildende nach dem Abschluß der
praktischen Ausbildung das Studium mit der gebotenen Zielstrebigkeit aufnehme. Übe er zunächst den erlernten Beruf oder eine andere Tätigkeit aus, obwohl er mit dem Studium beginnen könne, und werde der Entschluß zum Studium auch sonst nicht erkennbar, so werde der zeitliche Zusammenhang auf-
gehoben. Die Klägerin habe nicht dargelegt, daß sie frühestens im November
1994 den Entschluß, Medizin zu studieren, durch Meldung zu einer Eignungsprüfung in die Tat habe umsetzen können. Die von ihr dargelegten gesundheitlichen Probleme hätten sie nicht zwangsläufig daran hindern müssen, schon im
November 1993 oder im Sommer 1994 an der Prüfung teilzunehmen, denn immerhin habe sie sich in der Lage gefühlt, die Tätigkeit als Verwaltungsangestellte aufzunehmen.
2. Diese Ausführungen halten, wie die Revision zu Recht rügt, nicht in
allen Punkten der rechtlichen Nachprüfung stand.
a) Im Ansatz zutreffend ist das Berufungsgericht allerdings davon ausgegangen, daß der aus § 1610 Abs. 2 BGB folgende Anspruch eines Kindes
auf Finanzierung einer angemessenen, seiner Begabung, Neigung und seinem
Leistungswillen entsprechenden Berufsausbildung vom Gegenseitigkeitsprinzip
geprägt ist. Der Verpflichtung des Unterhaltsschuldners, eine Berufsausbildung
zu ermöglichen, steht auf seiten des Unterhaltsberechtigten die Obliegenheit
gegenüber, sie mit Fleiß und der gebotenen Zielstrebigkeit in angemessener
und üblicher Zeit zu beenden. Zwar muß der Verpflichtete nach Treu und
Glauben (§ 242 BGB) Verzögerungen der Ausbildungszeit hinnehmen, die auf
ein vorübergehendes leichteres Versagen des Kindes zurückzuführen sind.
Verletzt dieses aber nachhaltig seine Obliegenheit, seine Ausbildung planvoll
und zielstrebig aufzunehmen und durchzuführen, büßt es seinen Unterhaltsanspruch ein und muß sich darauf verweisen lassen, seinen Lebensunterhalt
durch Erwerbstätigkeit selbst zu verdienen (st.Rspr. des Senats, vgl. Senatsurteile vom 23. Mai 1984 - IVb ZR 39/83 - FamRZ 1984, 777; vom 11. Februar
1987 - IVb ZR 23/86 - FamRZ 1987, 470, 471; vom 12. Mai 1993 - XII ZR
18/92 - FamRZ 1993, 1057, 1059 und vom 4. März 1998 - XII ZR 173/96 -
FamRZ 1998, 671, 672).
Aus dem Gegenseitigkeitsverhältnis folgt nicht nur die Obliegenheit des
Kindes, die gewählte Ausbildung zügig durchzuführen. Die Rücksichtnahme auf
die Belange der mit der Unterhaltszahlung belasteten Eltern erfordert es vielmehr auch, daß sich das Kind nach dem Abgang von der Schule innerhalb einer angemessenen Orientierungsphase für die Aufnahme einer seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechenden Ausbildung entscheidet (Senatsurteil
vom 4. März 1998 aaO S. 672).
b) Die Anwendung dieser Grundsätze führt indessen, wie die Revision
zu Recht geltend macht, nach den bisher getroffenen Feststellungen nicht dazu, daß die Klägerin keinen Ausbildungsunterhalt beanspruchen kann.
Daß sie das Abitur erst mit 21 Jahren gemacht hat, ist im wesentlichen
auf ihre Auslandsaufenthalte zurückzuführen. Der einjährige Aufenthalt in den
USA fand bereits ab Sommer 1986 statt und damit zu einer Zeit, als die Klägerin noch minderjährig war. Den grundsätzlich sinnvollen Entschluß, ihr dieses
Auslandsjahr zu ermöglichen, haben deshalb in erster Linie die Eltern zu verantworten. Bezüglich der weiteren Auslandsaufenthalte kann jedenfalls nicht
ausgeschlossen werden, daß es sich hierbei auch um Reaktionen der Klägerin
auf die schwierigen häuslichen Verhältnisse handelte. Nach den bisher getroffenen Feststellungen kann ihr deshalb nicht angelastet werden, die Schulausbildung erst mit 21 Jahren beendet zu haben.
Wie die einem jungen Menschen zuzugestehende Orientierungsphase
zu bemessen ist, muß von Fall zu Fall beurteilt werden. Maßgebende Kriterien
sind dabei Alter, Entwicklungsstand und die gesamten Lebensumstände des
Auszubildenden (Senatsurteil vom 4. März 1998 aaO). Der Umstand, daß die
Klägerin sich nach dem Abitur nicht sogleich für eine Berufsausbildung entscheiden konnte, sondern zunächst in verschiedenen Bereichen arbeitete, um
daraus Erkenntnisse für ihre Berufswahl zu gewinnen, steht einem Anspruch
auf Ausbildungsunterhalt nicht entgegen. Die Orientierungsphase dient gerade
dazu, einem in der Frage der Berufswahl unsicheren jungen Menschen die
Entscheidung für einen Beruf zu erleichtern. Die hier etwa einjährige Dauer
dieser Phase kann angesichts der gesamten Verhältnisse nicht als unangemessen lang angesehen werden, zumal nach dem Vorbringen der Klägerin
nicht ausgeschlossen werden kann, daß dies auch mit der Belastungssituation
in ihrem Elternhaus zusammenhing, durch die sie in ihrer eigenen Lebensgestaltung verunsichert und in ihrer Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt gewesen sein kann, selbst wenn sie damals bereits in einer eigenen Wohnung lebte.
Im August 1992 hat die Klägerin sich dann zu einer Ausbildung als Heilpraktikerin entschlossen und ab November 1992 die Heilpraktiker-Schule in H.
besucht. Nach ihrem Umzug nach Baden-Württemberg hat sie die Ausbildung
an einer Heilpraktiker-Schule in M. trotz der bestehenden widrigen Umstände, insbesondere der unzureichenden Unterhaltsleistungen und der damit
zusammenhängenden Notwendigkeit, zur Bestreitung ihres weiteren Lebensunterhalts und der aufzubringenden Studiengebühren zu arbeiten, sowie ihrer
- mehrere Krankenhausaufenthalte erfordernden - gesundheitlichen Beeinträchtigungen, an den Wochenenden im wesentlichen durchgehend fortgesetzt,
wie die von der Schule ausgestellten Testate belegen.
c) Ende Mai 1994 hat die Klägerin die Ausbildung als Heilpraktikerin allerdings abgebrochen. Nach Auffassung des Berufungsgerichts kann nicht
festgestellt werden, daß dies im Hinblick auf ein beabsichtigtes Medizinstudium
erfolgte. Diese Annahme läßt indessen, wie die Revision zu Recht rügt, Vorbringen der Klägerin außer Betracht.
Sie hat in der mündlichen Verhandlung vor dem Amtsgericht vom
7. November 1995 in Übereinstimmung mit ihrem Vorbringen im Schriftsatz
vom 19. September 1995 erklärt, sie habe sich entschlossen, Medizin zu studieren, weil sie im Laufe der Heilpraktiker-Ausbildung erkannt habe, daß sie
die Tätigkeit als Heilpraktikerin mit nur eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten
im medizinischen Bereich unterfordern werde; schon im Jahre 1993 habe sie
den Beklagten gefragt, ob er nicht ein Medizinstudium unterstützen werde, sie
empfände die Heilpraktiker-Ausbildung als etwas oberflächlich. Der Beklagte
habe über eine derartige Berufsausbildung aber nicht einmal sprechen wollen
und sei bei einem weiteren Gespräch im November 1993 bei seiner ablehnenden Haltung geblieben. Wird dieses Vorbringen als richtig unterstellt, so kann
indessen nicht davon ausgegangen werden, die Klägerin habe die begonnene
Ausbildung nicht zugunsten eines Medizinstudiums abgebrochen.
Auch die weitere Annahme des Berufungsgerichts, die Klägerin habe
nach Mai 1994 ihre berufliche Zukunft weder als Heilpraktikerin noch als Ärztin
gesehen, sondern sich offenbar damit abgefunden, bis auf weiteres als Verwaltungsangestellte zu arbeiten, ist mit deren Vorbringen nicht zu vereinbaren.
Daß sie die Heilpraktiker-Ausbildung wegen des beabsichtigten Medizinstudiums aufgegeben hat, ist in der Folgezeit erkennbar geworden. Nach dem Vorbringen der Klägerin in dem nach der mündlichen Verhandlung vor dem Berufungsgericht eingereichten Schriftsatz vom 16. Februar 1999 hat sie bereits im
Mai sowie im Juni 1994 Bücher erworben, um sich auf den medizinischen Eignungstest vorzubereiten. Im Juli 1994 hat sie sich zu einem Vorbereitungsseminar angemeldet, das in der Zeit vom 23. bis 25. September 1994 stattfand.
Im September und Oktober 1994 hat sie weitere der Vorbereitung auf den Test
dienende Fachliteratur angeschafft. Die Revision beanstandet zu Recht, daß
dieses Vorbringen verfahrensfehlerhaft nicht berücksichtigt und die mündliche
Verhandlung - entgegen dem mit Schriftsatz vom 8. Februar 1999 gestellten
Antrag - nicht wiedereröffnet wurde.
Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist das Gericht
zur Wiedereröffnung der bereits geschlossenen Verhandlung verpflichtet, wenn
sich aus dem neuen Vorbringen der Partei ergibt, daß die bisherige Verhandlung lückenhaft war und in der letzten mündlichen Verhandlung bei sachgemäßem Vorgehen Veranlassung zur Ausübung des Fragerechts bestanden hätte.
So lag es hier, wie sich aus dem nachgereichten Schriftsatz der Klägerin vom
16. Februar 1999 ergibt. Denn sie hätte nach dem gerichtlichen Hinweis auf die
Grundsätze der Entscheidung des Senats vom 4. März 1998 (aaO) ergänzenden Sachvortrag halten können. Nachdem der Hinweis allerdings nicht - wie
grundsätzlich geboten - bereits geraume Zeit vor dem Termin, sondern erst in
dem Termin selbst erfolgte, in dem die Klägerin zudem nicht selbst zugegen
war, konnte von ihrem Anwalt nicht erwartet werden, hierzu - ohne Rückfrage
bei seiner Partei - sogleich Stellung zu nehmen. Die darin liegende Verletzung
des rechtlichen Gehörs gebot die Wiedereröffnung der mündlichen Verhandlung (vgl. etwa BGH, Urteil vom 8. Februar 1999 - II ZR 261/97 - NJW 1999,
2123, 2124 f. m.N.).
Das vorgenannte Vorbringen der Klägerin spricht indessen dafür, daß
sie ihre Zukunft gerade nicht als Verwaltungsangestellte gesehen hat, sondern
die Aufnahme des Medizinstudiums anstrebte. Die weitere Annahme des Berufungsgerichts, sie habe nicht dargelegt, daß sie nicht schon früher mit dem
Studium habe beginnen können, wird von der Revision ebenfalls zu Recht be-
anstandet. Dem Vorbringen der Klägerin zufolge ist die Entscheidung für das
Studium erst im Frühjahr 1994 gefallen. Dafür spricht zum einen der ergebnislos verlaufene Verständigungsversuch hierüber mit dem Beklagten, der die
Klägerin zunächst veranlaßt hat, sich über andere Finanzierungsmöglichkeiten
zu informieren, und zum anderen die Fortführung der Heilpraktiker-Ausbildung
bis Ende Mai 1994. Die nächste Möglichkeit, an dem medizinischen Eignungstest teilzunehmen, der nur einmal im Jahr stattfand, war demzufolge im November 1994 gegeben. Bei dieser Sachlage kann der Klägerin aber mangelnde
Zielstrebigkeit in ihrem (geänderten) Ausbildungsverhalten nicht vorgeworfen
werden. Diesem Ergebnis steht nicht entgegen, daß sie ihre Tätigkeit als Verwaltungsangestellte zunächst fortgesetzt hat. Denn auf das daraus erzielte Erwerbseinkommen war sie zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts angewiesen.
3. Das angefochtene Urteil kann mit der gegebenen Begründung deshalb keinen Bestand haben. Dem Senat ist es nicht möglich, in der Sache
selbst abschließend zu entscheiden (§ 565 Abs. 3 ZPO), weil es weiterer
tatrichterlicher Feststellungen bedarf. Die Sache ist daher unter Aufhebung des
Berufungsurteils an das Oberlandesgericht zurückzuverweisen.
Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts geht es vorliegend
nicht um die Frage einer Weiter- oder Zweitausbildung, sondern um die Erstausbildung der Klägerin, nachdem sie die Heilpraktiker-Ausbildung abgebrochen und ein Medizinstudium begonnen hat. Ein solcher Wechsel der Ausbildung ist unbedenklich, wenn er einerseits auf sachlichen Gründen beruht und
andererseits unter Berücksichtigung der Gesamtumstände aus der Sicht des
Unterhaltspflichtigen wirtschaftlich zumutbar ist. Für die Annahme eines hinreichenden Grundes kann etwa der Umstand sprechen, daß zwischen der abge-
brochenen und der angestrebten Ausbildung ein sachlicher Zusammenhang
besteht. Jedem jungen Menschen ist grundsätzlich zuzubilligen, daß er sich
über seine Fähigkeiten irrt oder falsche Vorstellungen über den gewählten Beruf hat. Dabei wird ein Ausbildungswechsel um so eher zu akzeptieren sein, je
früher er stattfindet. Dies folgt aus dem Gedanken, daß die schutzwürdigen
Belange des Unterhaltspflichtigen es gebieten, sich möglichst frühzeitig darauf
einrichten zu können, wie lange die Unterhaltslast dauern wird. Diese Belange
erfordern es grundsätzlich auch, daß das Kind sich über seine geänderten
Ausbildungspläne mit dem Unterhaltspflichtigen zu verständigen versucht (vgl.
Senatsurteile vom 10. Dezember 1980 - IVb ZR 546/80 - FamRZ 1981, 344,
346 und vom 25. Februar 1981 - IVb ZR 547/80 - FamRZ 1981, 437, 439; Göppinger/Strohal Unterhaltsrecht 7. Aufl. Rdn. 424; Schwab/Borth Handbuch des
Scheidungsrechts 4. Aufl. Kap. V Rdn. 85; Wendl/Scholz Unterhaltsrecht
5. Aufl. § 2 Rdn. 71). Falls das Berufungsgericht im weiteren Verfahren zu dem
Ergebnis gelangen sollte, daß die Klägerin ihre Ausbildungsobliegenheit nicht
nachhaltig verletzt hat, wird es in tatrichterlicher Verantwortung unter Berücksichtigung aller Umstände des Falles über die Frage zu befinden haben, ob der
Ausbildungswechsel von dem Beklagten hinzunehmen ist. Dabei wird im Rahmen der Beurteilung der zur Rechtfertigung des Ausbildungswechsels von der
Klägerin geltend gemachten Gründe auch zu berücksichtigen sein, daß gestörte häusliche Verhältnisse sich nach der Lebenserfahrung vielfach nachteilig
auf die schulische und sonstige Entwicklung eines Kindes auswirken (vgl. Senatsurteile vom 25. Februar 1981 aaO S. 439 und vom 14. Juli 1999 - XII ZR
230/97 - FamRZ 2000, 420, 421) und im Einzelfall auch zu Verunsicherungen
und mangelndem Selbstvertrauen führen können. Solche Auswirkungen könnten auch zu der Entscheidung der Klägerin, Heilpraktikerin zu werden anstatt
sogleich das wesentlich anspruchsvollere Medizinstudium zu wählen, beigetragen haben.
21.01.0024
Ausbildung, Sachlicher zusammenhang, Heilpraktiker, Treu und glauben, Verhandlung, 1995, Sommer, Schule, Berufsausbildung, Aufnahme