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Timestamp: 2020-07-08 22:17:23
Document Index: 231630098

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 2', '§ 1', '§ 6', '§ 134', '§ 134', '§ 302', '§ 301', '§ 56']

Die Erlaub­nis zum Füh­ren der Berufs­be­zeich­nung Heb­am­me kann nach einem fort­ge­setz­tem Abrech­nungs­be­trug wegen Unzu­ver­läs­sig­keit wider­ru­fen wer­den.
Die Erlaub­nis zum Füh­ren der Berufs­be­zeich­nung "Heb­am­me" ist nach § 3 Abs. 2 und § 2 Abs. 1 Nr. 2 Heb­am­men­ge­setz zu wider­ru­fen, wenn sich der Erlaub­nis­in­ha­ber nach Ertei­lung der Erlaub­nis eines Ver­hal­tens schul­dig gemacht hat, aus dem sich sei­ne Unzu­ver­läs­sig­keit zur Aus­übung des Berufs ergibt.
Dies setzt ein Ver­hal­ten vor­aus, das nach Art, Schwe­re und Zahl von Ver­stö­ßen ins­be­son­de­re gegen Berufs­pflich­ten die zu begrün­den­de Pro­gno­se recht­fer­tigt, der Erlaub­nis­in­ha­ber bie­te auf­grund der began­ge­nen Ver­feh­lun­gen nicht die Gewähr, in Zukunft alle in Betracht kom­men­den, ins­be­son­de­re die berufs­spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten und Pflich­ten zu beach­ten. Dabei sind die gesam­te Per­sön­lich­keit des Erlaub­nis­in­ha­bers und sei­ne Lebens­um­stän­de zu wür­di­gen, so dass auch nicht berufs­be­zo­ge­ne Ver­feh­lun­gen die Annah­me der Unzu­ver­läs­sig­keit begrün­den kön­nen [1]. Maß­ge­bend sind die Ver­hält­nis­se im Zeit­punkt der letz­ten Behör­den­ent­schei­dung [2].
Die Berufs­pflich­ten der Heb­am­men, die in Nie­der­sach­sen ihren Beruf aus­üben, erge­ben sich zum einen aus §§ 1 f. des Nie­der­säch­si­schen Geset­zes über die Aus­übung des Heb­am­men­be­rufs – NHebG [3] -. Danach ist es Berufs­auf­ga­be der Heb­am­men, Schwan­ge­ren, Gebä­ren­den, Wöch­ne­rin­nen und stil­len­den Müt­tern Rat zu geben und ihnen sowie Neu­ge­bo­re­nen Hil­fe zu leis­ten. Sie haben die Gesund­heit der Schwan­ge­ren, Gebä­ren­den, Wöch­ne­rin­nen, stil­len­den Müt­ter und Neu­ge­bo­re­nen, auch in psy­cho­so­zia­ler Hin­sicht, zu för­dern, zu schüt­zen und zu erhal­ten. Sie sind ver­pflich­tet, ihren Beruf ent­spre­chend dem jewei­li­gen Stand der Erkennt­nis­se auf dem Gebiet der Geburts­hil­fe und der medi­zi­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se gewis­sen­haft aus­zu­üben und dabei Qua­li­täts­si­che­rungs­maß­nah­men durch­zu­füh­ren. Soweit für die Qua­li­täts­si­che­rung aner­kann­te fach­li­che Regeln vor­han­den sind, müs­sen die Maß­nah­men die­sen ent­spre­chen. Heb­am­men, die frei­be­ruf­lich tätig sind, sind dar­über hin­aus nach § 6 Abs. 1 NHebG beson­de­ren Berufs­pflich­ten unter­wor­fen.
Die Berufs­pflich­ten einer frei­be­ruf­lich täti­gen Heb­am­me wer­den zum ande­ren aber auch durch ihre Stel­lung als ori­gi­nä­re Leis­tungs­er­brin­ge­rin für die Heb­am­men­hil­fe im Sin­ne der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (vgl. § 134a SGB V) [4] geprägt. Die frei­be­ruf­lich täti­ge Heb­am­me rech­net die für ihre Pati­en­ten erbrach­ten Leis­tun­gen auf der Grund­la­ge des zwi­schen den Berufs­ver­bän­den der Heb­am­men und den Spit­zen­ver­bän­den der Kran­ken­kas­sen geschlos­se­nen Ver­tra­ges über die Ver­sor­gung mit Heb­am­men­hil­fe nach § 134a SGB V, der dar­in ent­hal­te­nen Heb­am­men-Ver­gü­tungs­ver­ein­ba­rung und der Richt­li­ni­en der Spit­zen­ver­bän­de der Kran­ken­kas­sen nach § 302 Abs. 2 SGB V über Form und Inhalt des Abrech­nungs­ver­fah­rens mit "Sons­ti­gen Leis­tungs­er­brin­gern" sowie mit Heb­am­men und Ent­bin­dungs­pfle­gern (§ 301a SGB V) unmit­tel­bar gegen­über den gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen ab. Die Heb­am­me ist ver­pflich­tet, die­se Abrech­nun­gen gegen­über den gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen rich­tig vor­zu­neh­men. Ande­ren­falls wird das sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Gesund­heits­sys­tem der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land geschä­digt, weil die Soli­dar­ge­mein­schaft der Ver­si­cher­ten für Leis­tun­gen auf­zu­kom­men hat, wel­che über­haupt nicht oder so, wie abge­rech­net, nicht erbracht wor­den sind, was zur Fol­ge hat, dass die erbrach­ten Mit­tel in ande­ren Zusam­men­hän­gen feh­len. Die Funk­ti­ons­fä­hig­keit der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen ist ein wesent­li­cher Pfei­ler des Gesund­heits­we­sens. Die Gefähr­dung ihrer finan­zi­el­len Basis durch betrü­ge­ri­sche oder leicht­fer­ti­ge Falsch­ab­rech­nun­gen in gro­ßem Umfang stellt daher eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der Berufs­pflich­ten dar [5]. Nichts ande­res gilt für die feh­ler­haf­te Abrech­nung erbrach­ter Leis­tun­gen gegen­über einem pri­vat ver­si­cher­ten Pati­en­ten [6].
Nach die­sen Maß­stä­ben stellt der fort­ge­setz­te Abrech­nungs­be­trug der Heb­am­me, wie er im rechts­kräf­ti­gen Straf­be­fehl geahn­det wor­den ist, einen schwer­wie­gen­den Ver­stoß gegen wesent­li­che Berufs­pflich­ten einer Heb­am­me dar. Die Heb­am­me rech­ne­te im Zeit­raum von 3 1/​2 Jah­ren in vier­und­fünf­zig ein­zel­nen Fäl­len als Heb­am­me gegen­über den Kran­ken­kas­sen bewusst Leis­tun­gen ab, die tat­säch­lich nicht oder nur teil­wei­se erbracht wor­den waren, um sich zu berei­chern.
Ohne dass es auf die wei­te­ren Ver­ur­tei­lun­gen – im hier ent­schie­de­nen Fall wegen fahr­läs­si­ger Trun­ken­heit im Ver­kehr und wegen des vor­sätz­li­chen Füh­rens eines Kraft­fahr­zeu­ges ohne die erfor­der­li­che Fahr­erlaub­nis – noch ankommt, recht­fer­tigt schon die­ses straf­recht­lich geahn­de­te Ver­hal­ten der Heb­am­me die Pro­gno­se, sie bie­te nicht die Gewähr, in Zukunft alle in Betracht kom­men­den, ins­be­son­de­re die berufs­spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten und Pflich­ten zu beach­ten. Die­se Pro­gno­se wird dadurch bestä­tigt, dass die Heb­am­me sich auch durch die vor­aus­ge­gan­ge­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen um feh­ler­haf­te Abrech­nun­gen in den Jah­ren 2003 und 2005 nicht von den Taten hat abbrin­gen las­sen. Viel­mehr hat sie trotz des lau­fen­den straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­rens und sogar noch nach der Durch­su­chung ihrer Wohn­räu­me in wei­te­ren fünf Fäl­len bewusst feh­ler­haft Leis­tun­gen abge­rech­net.
Der Pro­gno­se steht auch die Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung durch das Amts­ge­richt nicht ent­ge­gen. Der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung liegt nach § 56 Abs. 1 StGB (nur) die straf­ge­richt­li­che Erwar­tung zugrun­de, dass der Ver­ur­teil­te sich schon die Ver­ur­tei­lung zur War­nung die­nen las­sen und künf­tig auch ohne die Ein­wir­kung des Straf­voll­zugs kei­ne Straf­ta­ten mehr bege­hen wird. Die hier zu beur­tei­len­de berufs­recht­li­che Pro­gno­se erfor­dert mehr als die blo­ße Erwar­tung straf­frei­en Ver­hal­tens. Der Erlaub­nis­in­ha­ber muss die Gewähr dafür bie­ten, in Zukunft alle in Betracht kom­men­den, ins­be­son­de­re die berufs­spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten und Pflich­ten zu beach­ten. Hier­auf kann allein aus der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung nicht geschlos­sen wer­den [7]. Die zur Annah­me der Unzu­ver­läs­sig­keit füh­ren­de Gefähr­dung kann viel­mehr bereits dann zu beja­hen sein, wenn sie nicht so fern­liegt, dass sie ohne Beden­ken außer Betracht gelas­sen wer­den kann [8].
Der Pro­gno­se steht schließ­lich nicht ent­ge­gen, dass die Heb­am­me eine Ange­stell­te mit der Abrech­nung betraut hat. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat, von der Heb­am­me unwi­der­spro­chen, dar­auf hin­ge­wie­sen, dass auch die straf­recht­lich geahn­de­ten feh­ler­haf­ten Abrech­nun­gen unter Ein­schal­tung eines Abrech­nungs­dienst­leis­ters vor­ge­nom­men wor­den sei­en und die Heb­am­me sich allein durch die Beauf­tra­gung eines Drit­ten nicht von ihrer eige­nen Ver­ant­wor­tung befrei­en kön­ne.
Die danach gerecht­fer­tig­te Annah­me einer Unzu­ver­läs­sig­keit zur Aus­übung des Berufs der Heb­am­me ist auch nicht nach­träg­lich ent­fal­len. Die Heb­am­me hat die Zuver­läs­sig­keit zur Aus­übung die­ses Berufs bis zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt der letz­ten Behör­den­ent­schei­dung am 13.02.2012 nicht wie­der­erlangt. Eine bean­stan­dungs­freie Abrech­nungs­pra­xis über meh­re­re Jah­re, die Grund­la­ge für eine sol­che Annah­me sein könn­te [9], war zu die­sem Zeit­punkt noch nicht absol­viert. Auch dem sons­ti­gen Wohl­ver­hal­ten der Heb­am­me, das unter dem Druck eines schwe­ben­den behörd­li­chen Ver­fah­rens an den Tag gelegt wor­den ist, kann ein beson­de­rer Wert nicht bei­gemes­sen wer­den [10].
Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 4. März 2014 – 8 LA 138/​13
vgl. BVerwG, Beschluss vom 28.08.1995 – BVerwG 3 B 7.95, NVwZ-RR 1996, 477 f. (Wider­ruf der ärzt­li­chen Appro­ba­ti­on wegen Unzu­ver­läs­sig­keit nach Abrech­nungs­be­trug); Nds. OVG, Beschluss vom 25.02.2011 – 8 LA 330/​10 8 (Wider­ruf der Erlaub­nis zum Füh­ren der Berufs­be­zeich­nung "Heb­am­me" wegen Unzu­ver­läs­sig­keit nach Abrech­nungs­be­trug), jeweils m.w.N.[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 26.09.2002 – 3 C 37.01, NJW 2003, 913 (Wider­ruf der Appro­ba­ti­on eines Apo­the­kers wegen Unzu­ver­läs­sig­keit); Urteil vom 28.04.2010 – 3 C 22.09, BVerw­GE 137, 1, 2 (Wider­ruf der Berufs­er­laub­nis eines Logo­pä­den wegen Unzu­ver­läs­sig­keit); Nds. OVG, Beschluss vom 24.05.2012 – 8 LA 198/​11 9 (Strei­chung aus der Archi­tek­ten­lis­te wegen Unzu­ver­läs­sig­keit); Nds. OVG, Beschluss vom 25.02.2011, a.a.O.; Nds. OVG, Beschluss vom 27.05.2009 – 8 ME 62/​09 2 (Wider­ruf der Erlaub­nis zum Füh­ren der Berufs­be­zeich­nung "Kran­ken­pfle­ger" wegen Unzu­ver­läs­sig­keit) [↩]
vom 19.02.2004, Nds. GVBl. S. 71, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 20.02.2009, Nds. GVBl. S. 25[↩]
ein­ge­hend Rixen, Sozi­al­recht als öffent­li­ches Wirt­schafts­recht am Bei­spiel des Leis­tungs­er­brin­ger­rechts der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung, 2005, S. 455 f.[↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 26.09.2002, a.a.O., S. 914 m.w.N. (Abrech­nungs­be­trug eines Apo­the­kers) [↩]
vgl. BVerwG, Beschluss vom 20.09.2012 – 3 B 7.12, Buch­holz 418.00 Ärz­te Nr. 112 (Abrech­nungs­be­trug eines Arz­tes); Urteil vom 16.09.1997- 3 C 12.95, BVerw­GE 105, 214, 222 (Abrech­nungs­be­trug eines Arz­tes) [↩]
vgl. BVerwG, Urteil vom 14.12.1990 – 7 C 20.90, NVwZ 1991, 889, 891 (Zuver­läs­sig­keit eines Berufs­luft­fahr­zeug­füh­rers); BayVGH, Beschluss vom 7.02.2002 – 21 ZS 01.2890 21 (Zuver­läs­sig­keit eines Arz­tes) [↩]
vgl. BVerwG, Beschluss vom 29.03.1996 – 1 B 54.96, Buch­holz 355 RBerG Nr. 49; Nds. OVG, Beschluss vom08.11.2007 – 8 LA 88/​07 5[↩]
vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 25.02.2011, a.a.O., Rn. 17[↩]
vgl. Nds. OVG, Beschluss vom07.02.2014 – 8 LA 84/​13 39 m.w.N.[↩]