Source: http://m.hensche.de/Arbeitsgericht_Urteile_Diskriminierung_Geschlecht_Pilotenausbildung_Koerpergroesse_ArbG_Koeln_15Ca3879-13.html
Timestamp: 2017-02-25 20:32:14
Document Index: 176652301

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 24', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 242', '§ 7', '§ 1', '§ 7', '§ 15', '§ 7', '§ 3', '§ 3', '§ 7', '§ 3', '§ 1', '§ 3', '§ 1', '§ 3', '§ 1', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 7', '§ 15', '§ 249', '§ 15', '§ 249', '§ 249', 'BGH', '§ 10', '§ 252', '§ 252', '§ 252', '§ 15', '§ 15', '§ 15', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', 'EuG', 'EuG', '§ 15', '§ 15', 'EuG', '§ 15', '§ 15', '§ 15', 'EuG', '§ 15', 'EuG', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 9', '§ 99', '§ 15', 'Art 9', '§ 7', 'EuG', 'EuG', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 276', '§ 15', 'EuG', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 46', '§ 91', '§ 61']

HENSCHE Arbeitsrecht: 15 Ca 3879/13
Diskriminierung: Geschlecht, Pilot
15 Ca 3879/13 Verkündet am 28.11.2013
, Re­gie­rungs­beschäftig­te als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
AR­BEITS­GERICHT KÖLN IM NA­MEN DES VOL­KES UR­TEIL In dem Rechts­streit
hat die 15. Kam­mer des Ar­beits­ge­richts Kölnauf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 28.11.2013durch den Rich­ter am Ar­beits­ge­richt Dr. F als Vor­sit­zen­den so­wiedie eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Frau Dr. H und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rinFrau C
3. Der Streit­wert beträgt 135.000,00 €.
Die Par­tei­en strei­ten um Scha­dens­er­satz- und Entschädi­gungs­for­de­run­gen der Kläge­rin. Die Kläge­rin wirft den Be­klag­ten vor, sie als Frau dis­kri­mi­niert zu ha­ben, in­dem die Be­klag­ten auf ih­re Be­wer­bung den Ab­schluss ei­nes Schu­lungs­ver­tra­ges zur Aus­bil­dung als Flug­zeugführe­rin und den Ab­schluss ei­nes Dar­le­hens­ver­tra­ges ab­ge­lehnt ha­ben, mit der Be­gründung, die Köper­größe der Kläge­rin ent­spre­che nicht den ta­rif­ver­trag­li­chen Vor­ga­ben.
Die Be­klag­te zu 1 führt das Aus­wahl­ver­fah­ren für der­ar­ti­ge Be­wer­bun­gen durch, während der Schu­lungs­ver­trag selbst bei der Be­klag­ten zu 2 ab­ge-
schlos­sen wird. Die Be­klag­te zu 2 ist ei­ne Toch­ter­ge­sell­schaft der Be­klag­ten zu 1. Die Pi­lo­ten­aus­bil­dung kos­tet min­des­tens 180.000 EUR. Ein An­teil in Höhe von 60.000 EUR ist da­bei von den Flugschülern selbst zu tra­gen. Hierfür wird re­gelmäßig mit der Be­klag­ten zu 1 ein Dar­le­hens­ver­trag ab­ge­schlos­sen (Bl. 59 der Ge­richts­ak­te). Ca. 10 % der Flugschüler be­ste­hen die Prüfung am En­de nicht. Die­je­ni­gen, die die Prüfung be­ste­hen, ha­ben kei­ne Ga­ran­tie, als Pi­lot über­nom­men zu wer­den.
Die Be­klag­te zu 1 hat­te am 07.03.2003 mit der Ge­samt-Per­so­nal­ver­tre­tung ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung „BV Aus­wahl­richt­li­ni­en“ ab­ge­schlos­sen. Dort heißt es aus­zugs­wei­se in § 3: „I. per­so­nen­be­zo­ge­ne Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zun­gen (...) 2. Körper­größe 1,65 – 1,95 m (...). “ Ein nach­fol­gen­der Ta­rif­ver­trag, den die (die Un­ter­neh­men des ta­rif­recht­lich ver­tre­ten­de) Ar­beits­recht­li­che Ver­ei­ni­gung Ham­burg e.V. (AVH) mit der Ver­ei­ni­gung Cock­pit e.V. (VC) ab­ge­schlos­sen hat­te, re­gel­te zum glei­chen The­ma ähn­li­ches. Un­ter § 3 Abs. 1 Nr. 2 heißt es dort wört­lich:
„Körper­größe: 1,65 – 1,98 m“
Die Ma­xi­mal­größe wur­de al­so um 3 cm erhöht und die Mi­ni­mal­größe bei­be­hal­ten. Der ak­tu­el­le Ta­rif­ver­trag „An­for­de­rungs­pro­fi­le und Aus­wahl­richt­li­ni­en für die per­so­nel­le Aus­wahl von Ver­kehrs­flug­zeugführern“ vom 29.06.2011 behält die Vor­schrift zur Köper­größe in § 3 bei (1,65 - 1,98 m). Der Ta­rif­ver­trag wur­de ab­ge­schlos­sen zwi­schen dem Ar­beit­ge­ber­ver­band Luft­ver­kehr (AGVL) und der auf der ei­nen Sei­te und der Ver­ei­ni­gung Cock­pit auf der an­de­ren Sei­te. Der Ta­rif­ver­trag gilt „für das Cock­pit­per­so­nal der vom Ta­rif­ver­trag „Wech­sel und Förde­rung“ (TV WeFö) um­fass­ten Ge­sell­schaf­ten“. Der Gel-tungs­be­reich die­ses TV WeFö be­zieht sich sei­ner­seits auf die Cock­pit­mit­ar­bei­ter der und der zum Kon­zern gehören­de Un­ter­neh­men. Die hat auf Ar­beit­ge­ber­sei­te die­sen Ta­rif­ver­trag mit un­ter­zeich­net, da sie zu die­sem Zeit­punkt nicht Mit­glied des AGVL war. - 3 -
Nach dem Wort­laut des letzt­ge­nann­ten Ta­rif­ver­tra­ges können al­so Men­schen, die klei­ner sind als 165 und größer als 198, bei der Be­klag­ten zu 1 kei­ne Pi­lo­ten wer­den. Das gilt nicht nur für die Be­wer­ber bei der Be­klag­ten zu 1 son­dern auch für al­le an­de­ren Flug­ge­sell­schaf­ten, auf die der Ta­rif­ver­trag An­wen­dung fin­det. Von die­ser Re­ge­lung sind et­wa zehn­mal so vie­le Frau­en wie Männer be­trof­fen. Dies er­gibt sich aus der Sta­tis­tik des So­zio-Oeko­no­mi­schen Pa­nels zur Größe der über zwan­zigjähri­gen in Deutsch­land:
Körper­größe Frau­en Männer<150 cm 00,6 % 00,1 %150–154 cm 04,0 % 00,1 %155–159 cm 12,7 % 00,3 %160–164 cm 27,0 % 02,3 %165–169 cm 29,1 % 09,0 %170–174 cm 17,6 % 19,2 %175–179 cm 06,9 % 26,1 %180–184 cm 01,8 % 23,9 %185–189 cm 00,2 % 12,8 %≥ 190 cm <0,1 % 06,3 %
Nur 0,2 % der Men­schen in Deutsch­land sind 200 cm groß oder größer.
Bei ei­nem Kon­zern­un­ter­neh­men der Be­klag­ten zu 1, der , gilt ei­ne an­de­re Min­dest­größe, nämlich 160 cm. Ob bei der nie­derländi­schen ....ei­ne Min­dest­größe von 157 cm gilt, ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Bei die­sen Un­ter­neh­men sind ähn­li­che Flug­zeug­mus­ter im Ein­satz wie bei der Be­klag­ten zu 1. Die fliegt al­ler­dings kei­ne Großraum­flug­zeu­ge wie den Jum­bo oder den A 380.
Die Kläge­rin ist 19 Jah­re alt und le­dig. Sie hat­te sich bei der Be­klag­ten für die Schu­lung zur Ver­kehrs­flug­zeugführe­rin be­wor­ben. Da­bei gab sie in den Be­wer­bungs­un­ter­la­gen ei­ne Körper­größe von 165 cm an. Auf die Be­wer­bung der Kläge­rin er­folg­te ei­ne so­ge­nann­te „Be­rufs­grund­un­ter­su­chung“ am 15.05.2012. Mit Schrei­ben vom 16.05.2012 (Bl. 47 der Ge­richts­ak­te) teil­te die Be­klag­te zu 1 der Kläge­rin mit, dass sie die­se Be­rufs­grund­un­ter­su­chung be­stan­den ha­be. Mit glei­chem Schrei­ben er­folg­te die Ein­la­dung zur so­ge­nann­ten „Fir­men­qua­li­fi­ka­ti- - 4 -
on“. Mit Schrei­ben vom 24.10.2012 (Bl. 48 der Ge­richts­ak­te) wur­de der Kläge­rin mit­ge­teilt, sie ha­be auch die­se Fir­men­qua­li­fi­ka­ti­on be­stan­den und es ste­he jetzt nur noch die me­di­zi­ni­sche Taug­lich­keits­un­ter­su­chung aus. Die­se Flie­ger­taug­lich­keits­un­ter­su­chung fand am 23.11.2012 statt. Da­bei wur­de ei­ne Körper­größe von 161,5 cm ge­mes­sen. Auf­grund die­ser Un­ter­su­chung er­hielt die Kläge­rin das Taug­lich­keits­zeug­nis (Bl. 175 der Ge­richts­ak­te) für die Klas­se 1 nach § 24 a Luft­ver­kehrs-Zu­las­sungs-Ord­nung. Mit Schrei­ben vom 12.12.2012 (Bl. 49 der Ge­richts­ak­te) teil­te schließlich die Be­klag­te zu 1 der Kläge­rin mit, sie er­rei­che die Min­dest­größe von 1,65 m nicht und ihr könne da­her die nicht er­teilt wer­den. Die­ses Schrei­ben ging der Kläge­rin am 24.12.2012 mit ein­fa­cher Post zu. Zum Ab­schluss ei­nes Aus­bil­dungs­ver­tra­ges mit der Be­klag­ten zu 2 kam es in der Fol­ge nicht. Mit ih­rem Schrei­ben vom 15.02.2013 an die Be­klag­te zu 1 (Bl. 64 der Ge­richts­ak­te), dort zu­ge­gan­gen am 20.02.2013 und vom glei­chen Tag an die Be­klag­te zu 2 (Bl. 70 der Ge­richts­ak­te), dort zu­ge­gan­gen am 19.02.2013, mach­te die Kläge­rin durch ih­ren späte­ren Pro­zess­be­vollmäch­tig­ten die nun rechtshängi­gen Ansprüche außer­ge­richt­lich gel­tend. Die Be­klag­ten wa­ren nicht be­reit, Scha­dens­er­satz oder Entschädi­gung zu leis­ten.
Mit der seit dem 14.05.2013 beim Ar­beits­ge­richt Köln anhängi­gen Kla­ge ver­folgt die Kläge­rin ihr Be­geh­ren wei­ter.
Die Kläge­rin trägt vor, sie sei nach ih­rer Auf­fas­sung durch die Be­klag­ten we­gen ih­res Ge­schlechts dis­kri­mi­niert wor­den. Die von den Be­klag­ten an­ge­wand­ten Größen­an­for­de­run­gen be­las­te­ten Frau­en un­gleich mehr als Männer und sei­en nicht von ei­nem an­er­ken­nens­wer­ten Sach­grund ge­tra­gen. Die Zwei-Mo­nats-Frist des § 15 Abs. 4 AGG, bin­nen de­rer ein An­spruch nach § 15 Abs. 1 oder 2 AGG gel­tend ge­macht wer­den müsse, ha­be sie ein­ge­hal­ten. Die Frist be­gin­ne nach ih­rer Auf­fas­sung mit dem Zu­gang des Ab­leh­nungs­schrei­bens vom 12.12.2012 am 24.12.2012. Ih­re am 19.02.2013 und 20.02.2013 bei den Be­klag­ten zu­ge­gan­ge­nen Schrei­ben sei­en da­her recht­zei­tig ge­we­sen. Der Vor­trag der Be­klag­ten, die Ab­leh­nung sei ihr schon im Zu­ge der me­di­zi­ni­schen Un­ter­su­chung am 23.11.2012 mit­ge­teilt wor­den, sei falsch. Viel­mehr sei sie ver­an- - 5 -
lasst wor­den, nach der Un­ter­su­chung vom 23.11.2012 ei­ne wei­te­re Blut­pro­be ab­zu­ge­ben.
Es wäre nach ih­rer Auf­fas­sung si­cher zum Ab­schluss ei­nes Aus­bil­dungs­ver­tra­ges ge­kom­men, wenn sich die Be­klag­ten dis­kri­mi­nie­rungs­frei ver­hal­ten hätten. Für die Tätig­keit der Flug­zeugführung sei­en in­ter­na­tio­nal kei­ne be­stimm­ten Körper­größen vor­ge­se­hen. Nur die Länge von Ar­men und Bei­nen müsse aus­rei­chend sein. Die­ses Er­for­der­nis könne auch von ei­ner Per­son mit ei­ner Körper­größe von 161,5 cm erfüllt sein. Dass sie selbst die­se An­for­de­run­gen erfülle, er­ge­be sich aus der Tat­sa­che, dass sie das Taug­lich­keits­zeug­nis er­hal­ten ha­be.
In­dem ihr der Ab­schluss des Aus­bil­dungs­ver­tra­ges ver­wehrt wor­den sei, sei ihr ein be­zif­fer­ba­rer Scha­den ent­stan­den. Der bei Ab­schluss der Verträge (Aus­bil­dung und Dar­le­hen) von den Be­klag­ten über­nom­me­ne An­teil an den Aus­bil­dungs­kos­ten stel­le die­sen fi­nan­zi­el­len Scha­den dar. Die Aus­bil­dungs­kos­ten betrügen ins­ge­samt min­des­tens 180.000 EUR. Da­von sei­en 60.000 EUR vom Schüler zu tra­gen. Es ver­blei­be dem­zu­fol­ge ein Scha­den in Höhe von 120.000 EUR. Die­sen Be­trag müsse sie zah­len, wenn sie die Aus­bil­dung bei ei­ner sons­ti­gen pri­va­ten Schu­le ab­leis­ten wol­le.
Außer­dem ste­he ihr ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung zu. Da­bei könne von ei­ner jähr­li­chen Grund­vergütung in Höhe von 62.000 EUR, dem Ein­stiegs­ge­halt ei­nes First Of­fi­cer nach er­folg­rei­chem Ab­schluss der Aus­bil­dung, aus­ge­gan­gen wer­den. Sie ma­che den drei­fa­chen Mo­nats­brut­to­be­trag als Entschädi­gung gel­tend.
Die Pri­vi­le­gie­rung der Ar­beit­ge­be­rin durch § 15 Abs. 3 AGG be­zie­he sich nur auf den Entschädi­gungs­an­spruch, nicht aber auf den Scha­dens­er­satz­an­spruch. Im Übri­gen sei die Re­ge­lung nach ih­rer Auf­fas­sung eu­ro­pa­rechts­wid­rig.
Nach ih­rer Auf­fas­sung haf­te auch die Be­klag­te zu 2. Sie ge­he auf­grund der Ver­knüpfung des Schu­lungs­ver­tra­ges mit ei­nem von der Be­klag­ten zu 1 an­ge-
bo­te­nen Dar­le­hens­ver­trag zum Schu­lungs­ver­trag und auf­grund der ge­sell­schafts­recht­li­chen Ver­knüpfung der bei­den Ge­sell­schaf­ten von ei­ner ge­samt­schuld­ne­ri­schen Ver­pflich­tung bei­der Be­klag­ten aus.
1. die Be­klag­ten als Ge­samt­schuld­ner zu ver­ur­tei­len, der Kläge­rin ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung gemäß § 15 Abs. 2 AGG zu zah­len, de­ren Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, je­doch den Be­trag von 15.000,00 EUR nicht un­ter­schrei­ten soll, nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz hier­aus seit dem 06.03.2013.
2. die Be­klag­ten als Ge­samt­schuld­ner zu ver­ur­tei­len,. An die Kläge­rin 120.000,00 EUR zu zah­len nebst Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 06.03.2013.
Die Be­klag­ten tra­gen vor, die Be­klag­te zu 2 schei­de als mögli­che Schuld­ne­rin aus, denn sie tref­fe kei­ne Be­wer­be­r­aus­wahl. Nur der­je­ni­ge der ei­ne Aus­wahl tref­fe, könne da­bei dis­kri­mi­nie­ren. Wei­te­re Gründe für ei­ne Ge­samt­schuld sei­en nicht er­sicht­lich.
Die von der Kläge­rin gel­tend ge­mach­ten Ansprüche sei­en be­reits gemäß § 15 Abs. 4 AGG ver­fris­tet. Man ha­be be­reits am 23.11.2012 mit­ge­teilt, dass ihr die we­gen ih­rer ge­rin­gen Körper­größe nicht er­teilt wer­den könne. Auf die schrift­li­che Mit­tei­lung der Ab­leh­nung könne es da­her nicht an­kom­men. Übli­cher­wei­se bekämen die Be­wer­ber un­mit­tel­bar bei der me­di­zi­ni­schen Un­ter­su­chung Aus­kunft darüber, dass ei­ne Flug­taug­lich­keit nicht in Be­tracht kom­me, wenn ein zu ge­rin­ges Körper­maß fest­ge­stellt wer­de. - 7 -
Die ak­tu­el­len sta­tis­ti­schen Zah­len sei­en nicht ge­eig­net, das kon­kre­te Be­wer­ber­feld dar­zu­stel­len, denn die Sta­tis­tik spei­se sich auch aus den Körper­größen älte­rer Ge­ne­ra­tio­nen, die be­kannt­lich klei­ner sei­en.
Selbst wenn von ei­ner Un­gleich­be­hand­lung aus­zu­ge­hen wäre, so sei die­se sach­lich ge­recht­fer­tigt. Die Fest­le­gung von Min­dest- und Ma­xi­mal­größen die­ne dem Zweck der Si­cher­heit des Luft­ver­kehrs. Die hier­zu er­gan­ge­nen öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten sei­en der Kon­kre­ti­sie­rung nicht nur zugäng­lich; ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung des Merk­mals „aus­rei­chen­de Körper­größe“ sei drin­gend er­for­der­lich. Bei Flugschülern mit der vor­ge­ge­be­nen Min­dest­größe von 165 cm sei er­fah­rungs­gemäß ei­ne si­che­re Flug­zeugführung gewähr­leis­tet, ins­be­son­de­re sei­en die Flugschüler in der La­ge, die bei­den Fußpe­da­le bis zum An­schlag zu be­die­nen und trotz­dem durchs Fens­ter zu se­hen. Bei den ge­ra­de 165 cm großen Schülern müsse be­reits ein Sitz­kis­sen ein­ge­setzt wer­den, um die be­sag­ten An­for­de­run­gen zu erfüllen. Auf das zur Ak­te ge­reich­te Me­mo der Flug­schu­le in Ari­zo­na (Bl. 217 der Ge­richts­ak­te) wer­de Be­zug ge­nom­men.
Bei der Aus­wahl von Be­wer­bern sei sie an die ta­rif­ver­trag­li­chen Vor­ga­ben ge­fun­den. Da­her sei die Ein­stel­lung der Kläge­rin nicht in Be­tracht ge­kom­men. Ein mögli­cher Entschädi­gungs­an­spruch nach § 15 Abs. 2 AGG schei­te­re da­her je­den­falls an § 15 Abs. 3 AGG.
Im Übri­gen wird Be­zug ge­nom­men auf die ge­wech­sel­ten Schriftsätze und ih­re An­la­gen.
I. Die Kla­ge ge­gen die Be­klag­te zu 1 ist nicht be­gründet. Zwar hat die Be­klag­te zu 1 mit ih­rer Aus­wah­l­ent­schei­dung die Kläge­rin we­gen ih­res Ge­schlechts be­nach­tei­ligt. Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 15 Abs. 1 AGG
schei­det aber man­gels ei­nes von der Kläge­rin er­lit­te­nen Vermögens­scha­dens aus und ein Entschädi­gungs­an­spruch nach § 15 Abs. 2 AGG für den Scha­den, der nicht Vermögens­scha­den ist, kommt in die­sem kon­kre­ten Fall auf­grund der Pri­vi­le­gie­rung der ta­rif­an­wen­den­den Ar­beit­ge­be­rin gemäß § 15 Abs. 3 AGG nicht in Be­tracht.
1. Die Kläge­rin hat die hier strei­ti­gen Ansprüche recht­zei­tig der Be­klag­ten zu 1 ge­genüber gel­tend ge­macht und sie war nicht nach dem Grund­satz von Treu und Glau­ben dar­an ge­hin­dert, die Kla­ge zu er­he­ben.
a. Die Kläge­rin hat die hier strei­ti­gen Ansprüche der Be­klag­ten zu 1 ge­gen­ber recht­zei­tig gel­tend ge­macht. Die Frist des § 15 Abs. 4 AGG hat sie ein­ge­hal­ten. Es mag sein, dass ein Arzt der Kläge­rin be­reits am 23.11.2012 mit­ge­teilt hat, sie sei zu klein für die Die Be­klag­ten selbst le­gen aber be­son­de­ren Wert auf die Tat­sa­che, dass es die Be­klag­te zu 1 sei (und nicht die Be­klag­te zu 2), die hier die Aus­wahl tref­fe. Des­halb kann es auch nur auf die Mit­tei­lung der Be­klag­ten zu 1 an­kom­men. Im Übri­gen sind die Dar­le­gun­gen der Be­klag­ten zur münd­li­chen Mit­tei­lung durch den Arzt oh­ne je­den kon­kre­ten In­halt. Nach­dem die Kläge­rin im Ein­zel­nen die ärzt­li­che Un­ter­su­chung dar­ge­stellt hat­te, wäre es nun an der Be­klag­ten zu 1 ge­we­sen, hier­auf kon­kret zu er­wi­dern. Die Be­klag­te zu 1 hat auch nur zu der dar­ge­leg­ten Tat­sa­che Be­weis an­ge­tre­ten, was übli­cher­wei­se den Kan­di­da­ten bei oder nach der Un­ter­su­chung mit­ge­teilt wird, nicht aber zur Fra­ge, was kon­kret der Kläge­rin ge­sagt wor­den sein soll.
b. Die Kla­ge ist nicht schon des­halb un­be­gründet, weil es der Kläge­rin gemäß § 242 BGB aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben ver­wehrt ge­we­sen wäre, die Kla­ge zu er­he­ben, nach­dem sie in ih­ren Be­wer­bungs­un­ter­la­gen ei­ne fal­sche Körper­größe an­ge­ge­ben hat­te. Das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 AGG schränkt das Fra­ge­recht des Ar­beit­ge­bers ein. Würde ei­ne Fra­ge mit dem Ziel ge­stellt, ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes Merk­mals nach § 1 vor­zu­neh­men, braucht sie nicht wahr­heits­gemäß be­ant­wor­tet zu wer­den (ErfK-Schlach­ter § 7 AGG, Rn. 1). In ei­nem sol­chen Fall darf die Be­wer­be­rin lügen.
2. Die Kläge­rin hat ge­gen die Be­klag­te zu 1 kei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch aus § 15 Abs. 1 AGG. Zwar hat die Be­klag­te zu 1 ge­gen ein Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot ver­s­toßen. Der Kläge­rin ist hier­durch aber kein Vermögens­scha­den ent­stan­den.
a. Die Be­klag­te zu 1 hat ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot aus § 7 Abs. 1 AGG ver­s­toßen, in­dem sie die Kläge­rin im Be­wer­bungs­ver­fah­ren den Vor­ga­ben des Ta­rif­ver­tra­ges fol­gend auf­grund ih­rer Körper­größe als Frau be­nach­tei­ligt und des­halb ab­ge­lehnt hat, oh­ne dass die Ta­rif­norm oder die ab­leh­nen­de Ent­schei­dung gemäß § 3 Abs. 2 AGG durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt ge­we­sen wäre. Die von der Be­klag­ten an­ge­wand­te Re­ge­lung in § 3 Abs. 1 Nr. 2 des Ta­rif­ver­tra­ges „An­for­de­rungs­pro­fi­le und Aus­wahl­richt­li­ni­en für die per­so­nel­le Aus­wahl von Ver­kehrs­flug­zeugführern“ vom 29.06.2011 be­nach­tei­ligt Frau­en mit­tel­bar und ist gemäß § 7 Abs. 2 AGG un­wirk­sam.
(1) Ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AGG kann die Kläge­rin nicht gel­tend ma­chen. Die Ta­rif­vor­schrift be­zieht sich - ih­rem Wort­laut nach - nur auf die Köper­größe und nicht auf das Ge­schlecht der Be­wer­ber. Ei­ne Un­gleich­be­hand­lung al­lein auf­grund der Köper­größe ist aber nicht re­le­vant. Sie ist grundsätz­lich er­laubt. Das AGG schützt die Beschäftig­ten vor Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Ras­se oder we­gen der eth­ni­schen Her­kunft, des Ge­schlechts, der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, der Al­ters oder der se­xu­el­len Iden­tität (§ 1 AGG). Un­ter die­sen verpönten Merk­ma­len fin­det sich die Körper­größe nicht. Auch Männer, die größer sind als 198 cm können sich nicht auf ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung durch die Größen­vor­ga­ben des Ta­rif­ver­tra­ges be­ru­fen.
(2) Die Re­ge­lung, nach der Be­wer­ber min­des­tens 165 cm groß sein müssen, führt aber zu ei­ner Be­nach­tei­li­gung von Frau­en, in­dem über das Merk­mal der Köper­größe mit­tel­bar ein Ge­schlecht - hier das weib­li­che - be­nach­tei­ligt wird.
Gemäß § 3 Abs. 2 AGG liegt ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung vor, wenn dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren Per­so­nen we­gen ei­nes in § 1 ge­nann­ten Grun­des ge­genüber an­de­ren Per­so­nen in be­son­de­rer Wei­se be­nach­tei­li­gen können, es sei denn, die be­tref­fen­den Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich.
Die Re­ge­lung „Körper­größe: 1,65 - 1,98 m“ in § 3 Abs. 1 Nr. 2 des Ta­rif­ver­tra­ges ist dem An­schein nach neu­tral, denn sie be­trifft nur die Körper­größe - wie ge­zeigt ein nicht nach § 1 AGG verpöntes Merk­mal.
Die­se dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrift zur Körper­größe be­nach­tei­ligt aber Frau­en im Ver­gleich zu Männern in be­son­de­rer Wei­se. Aus den Zah­len des So­zio-Oeko­no­mi­schen Pa­nels er­gibt sich, dass mehr als 40 % al­ler Frau­en durch die Ta­rif­norm vom Pi­lo­ten­be­ruf und der ent­spre­chen­den Aus­bil­dung aus­ge­schlos­sen wer­den, während nur ca. 4 % der Männer we­gen ih­rer (meist zu großen) Körper­größe kei­ne Chan­ce auf ei­ne Aus­bil­dung ha­ben. Das Verhält­nis 10:1 ist ei­ne „be­son­de­re Wei­se“ der Be­nach­tei­li­gung im Sin­ne der Vor­schrift.
Der von den Be­klag­ten vor­ge­brach­te Ein­wand, es sei­en vor al­lem die älte­ren Jahrgänge, die klein sei­en, und die Sta­tis­tik sei des­halb ver­zerrt, ist nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. In Deutsch­land sind 66,5 Mio. Men­schen über 20 Jah­re alt, da­von sind 15,2 Mio. Men­schen über 65 Jah­re alt. Es sind al­so 3/4 der über 20 Jähri­gen zwi­schen 20 und 65 Jah­re alt. Selbst wenn das ver­blei­ben­de (al­te) Vier­tel der Bevölke­rung nur aus Frau­en bestünde und selbst wenn je­de die­ser Frau­en klei­ner wäre als 165 cm, dann wären durch die strei­ti­ge Größen­vor­ga­be des Ta­rif­ver­tra­ges im­mer noch 4 mal so vie­le Frau­en vom Zu­gang zu der Pi­lo­ten­aus­bil­dung aus­ge­schlos­sen wie Männer.
(3.) Die ta­rif­li­che Re­ge­lung zur not­wen­di­gen Körper­größe ist nicht durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich im Sin­ne des § 3 Abs. 2 AGG. Je­den­falls er­gibt sich
dies nicht aus den Dar­le­gun­gen der Be­klag­ten, die für die Tat­sa­chen, die die Un­gleich­be­hand­lung recht­fer­ti­gen sol­len, die Dar­le­gungs- und Be­weis­last trägt.
Ein rechtmäßiges Ziel im Sin­ne des § 3 Abs. 2 AGG ist die Flug­si­cher­heit. Zur Gewähr­leis­tung der Flug­si­cher­heit muss die Per­son, die das Flug­zeug fliegt, groß ge­nug sein, um al­le Schal­ter und Pe­da­le be­die­nen zu können. Gleich­zei­tig muss der Blick aus dem Cock­pit­fens­ter frei sein. Die Per­son muss Not­fallsze­na­ri­en be­herr­schen können. Die­ses Ziel und die­se An­for­de­run­gen sind Ge­gen­stand öffent­lich-recht­li­cher Vor­schrif­ten, wie den Be­stim­mun­gen über die An­for­de­run­gen an die Taug­lich­keit des Luft­fahrt­per­so­nals (JAR-FCL 3) des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ver­kehr, Bau und Stadt­ent­wick­lung ba­sie­rend auf der eng­li­schen Ver­si­on der Joint Avia­ti­on Re­qui­re­ments – Flight Crew Li­cen­sing 3, Amend­ment 5. Dort heißt es un­ter JAR-FCL 3.320 Abs. b:
„Be­wer­ber müssen für die si­che­re Ausübung der mit der Li­zenz ver­bun­de­nen Rech­te über aus­rei­chen­de Körper­größe in sit­zen­der Po­si­ti­on, Länge von Ar­men und Bei­nen und Mus­kel­kraft verfügen (sie­he An­hang 9 (1) zu den Ab­schnit­ten B und C)“
Im dort zi­tier­ten An­hang 9 (1) heißt es:
„Nor­m­ab­wei­chun­gen des Körper­baus oder des Be­we­gungs­sys­tems ein-schließlich Fett­lei­big­keit oder Mus­kel­schwäche können ei­ne Über­prüfung im Flug­zeug oder Si­mu­la­tor ein­sch­ließen. Be­son­de­re Auf­merk­sam­keit muss auf die Not­ver­fah­ren und mögli­chen No­te­va­ku­ie­run­gen ge­legt wer­den. Es soll ge­prüft wer­den, ob:(a) im Taug­lich­keits­zeug­nis die Auf­la­gen "OML", "OSL" oder "OAL" ver­merkt wer­den müssen,(b) das Taug­lich­keits­zeug­nis in sei­ner Gültig­keit auf be­stimm­te Luft­fahr­zeug­mus­ter ein­ge­schränkt wer­den muss.“
Auf der Grund­la­ge die­ser Vor­schrif­ten hat die Kläge­rin nach der ärzt­li­chen Un­ter­su­chung im Ae­ro­me­di­cal Cen­ter der am 23.11.2012 ein Taug­lich­keits­zeug­nis der Klas­se 1 oh­ne Ein­schränkun­gen und oh­ne zusätz­li­che Ver­mer­ke er­hal­ten (An­la­ge B 3, Bl. 175 der Ge­richts­ak­te).
Wenn die Be­klag­ten die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die zi­tier­ten Vor­schrif­ten sei­en zu all­ge­mein ge­hal­ten und müss­ten kon­kre­ti­siert wer­den, ins­be­son­de­re mit Blick
auf die bei ihr ein­ge­setz­ten Flug­zeug­mus­ter und mit Blick auf das ein­ge­setz­te Schu­lungs­flug­zeug, mag de­ren Auf­fas­sung ge­folgt wer­den. Die Grund­la­gen der Kon­kre­ti­sie­rung „min­des­tens 165 cm“ er­ge­ben sich aber nicht aus ih­ren Dar­le­gun­gen.
Ins­be­son­de­re er­gibt sich aus den Dar­le­gun­gen der Be­klag­ten nicht, dass ge­ra­de die Größe 165 cm „zur Er­rei­chung des Ziels [der Flug­si­cher­heit] an­ge­mes­sen und er­for­der­lich ist“, wie es § 3 Abs. 2 AGG vor­schreibt. Da­bei muss sich der Vor­trag der Be­klag­ten ins­be­son­de­re an den Größen­vor­ga­ben der mes­sen las­sen. Fast ein Drit­tel der Frau­en in Deutsch­land ha­ben ei­ne Körper­größe zwi­schen 160 cm und 165 cm. Hier geht es nicht um „Nor­m­ab­wei­chun­gen des Körper­baus“, von de­nen im An­hang 9 zur JAR-FCL 3.320 die Re­de ist. Die­ses Drit­tel der Frau­en in Deutsch­land hat nach den Vor­ga­ben der Zu­gang zur Pi­lo­ten­aus­bil­dung, nach den Vor­ga­ben der hier strei­ti­gen Ta­rif­norm nicht. Je­der Zen­ti­me­ter zwi­schen 160 cm und 165 cm Körper­größe be­trifft ca. 2 Mil­lio­nen Frau­en in Deutsch­land im Al­ter über 20 Jah­re. An­ge­sichts des oben dar­ge­stell­ten Be­nach­tei­li­gungs­fak­tors von 10:1 im Verhält­nis zu den männ­li­chen Be­wer­bern, wäre es an den Be­klag­ten ge­we­sen, je­den ein­zel­nen Zen­ti­me­ter jen­seits der 160 cm Köper­größe, die von der als aus­rei­chend er­ach­tet wer­den, kon­kret zu be­gründen. Das ha­ben sie nicht ge­tan. Sie ha­ben sich auf all­ge­mei­ne Ausführun­gen be­schränkt wie zum Bei­spiel auf die nicht verständ­li­che For­mel, dass große Flug­zeu­ge nur von großen Pi­lo­ten ge­flo­gen wer­den können. So je­den­falls muss­te ihr Hin­weis im Kam­mer­ter­min, die flie­ge nicht den Jum­bo oder den A 380, ver­stan­den wer­den.
Nichts an­de­res gilt mit Blick auf das Schu­lungs­flug­zeug in Ari­zo­na. Im Me­mo vom 28.10.2013 (Bl. 217 d.A.), auf das sich die Be­klag­ten be­zo­gen ha­ben, heißt es wört­lich:
„... Als Schu­lungs­flug­zeug der ATCA kommt die Beech­craft F-33 Bo­nan­za zum Ein­satz, die über ei­nen ho­ri­zon­tal ver­stell­ba­ren Sitz und ei­ne zwei­stu­fi­ge Fußpe­dal­ver­stel­lung verfügt. Bei Flugschülern mit der von vor­ge­ge­be­nen Min­dest­größe von 165 cm ist er­fah­rungs­gemäß ei­ne si­che­re Flug­zeugführung gewähr­leis­tet, wenn ne­ben der ent­spre­chen­den Ein­stel­lung von Sitz und Ru­der­pe­da­len aus­glei­chen­de Maßnah­men (Sitz-
kis­sen) zum Ein­satz kom­men. Nur so ist so­wohl die aus­rei­chen­de Sicht aus dem Cock­pit­fens­tern nach vor­ne, als auch der not­wen­di­ge Ru­der­vol­aus­schlag über die Fußpe­da­le si­cher­ge­stellt. Die Trai­nings­er­fah­rung mit der Beech­craft F-33 Bo­nan­za, die seit über 40 Jah­ren an der Flug­schu­le im Ein­satz ist und auf der über 10.000 Pi­lo­ten der ge­schult wor­den sind, zeigt, dass die An­for­de­run­gen an die von vor­ge­ge­be­nen Körper­maße erfüllt wer­den müssen.“
Aus die­sem Me­mo er­gibt sich nichts an­de­res, als dass die bis­her nach Ari­zo­na ge­schick­ten Flugschüle­rin­nen und Flugschüler für das Cock­pit des 40 Jah­re al­ten Flug­zeug­mus­ters groß ge­nug wa­ren. Aus dem Me­mo er­gibt sich auch, dass die­ses Flug­zeug­mus­ter kei­nen höhen­ver­stell­ba­ren Sitz hat. Aus dem Me­mo er­gibt sich nicht, dass ge­ra­de 165 cm die Grenz­größe ist. Ins­ge­samt sind die Dar­le­gun­gen der Be­klag­ten zur An­ge­mes­sen­heit und Er­for­der­lich­keit der Min­dest­größe 165 cm pau­schal und da­her un­er­heb­lich. Es wird nicht deut­lich, wie lang die Bei­ne sein sol­len, wie lang die Ar­me sein sol­len und wie groß der Ab­stand zwi­schen Gesäß und Au­gen­ho­ri­zont sein muss. Es wird nicht er­sicht­lich, für wel­che Tätig­kei­ten wel­che Körper­kräfte zur Verfügung ste­hen müssen. Es tritt nach den Dar­le­gun­gen der Be­klag­ten nicht zu Ta­ge, wel­che tech­ni­schen Maßnah­men zum Aus­gleich ge­rin­ger Körper­größe möglich und zu­mut­bar sind. Nur mit sol­chen An­ga­ben könn­te übri­gens wirk­lich von ei­ner „Kon­kre­ti­sie­rung der öffent­lich-recht­li­chen Nor­men“ ge­spro­chen wer­den, wie sie von den Be­klag­ten als not­wen­dig er­ach­tet wird. Ei­ne schlich­te Körper­größe ist als Kon­kre­ti­sie­rung un­ge­eig­net. Die Kam­mer sah sich nicht ver­an­lasst, der An­re­gung der Be­klag­ten nach­zu­kom­men, ein Sach­verständi­gen­gut­ach­ten ein­zu­ho­len. Nach den Dar­le­gun­gen der Be­klag­ten hätte dem Sach­verständi­gen kei­ne kon­kre­te Be­weis­fra­ge ge­stellt wer­den können.
b. Ob­wohl sich die Re­ge­lung des § 3 Abs. 1 Nr. 3 des Ta­rif­ver­tra­ges nach al­le­dem gemäß § 7 Abs. 2 AGG als un­wirk­sam her­aus­ge­stellt hat und die hie-rauf be­gründe­te Ab­leh­nung der Kläge­rin durch die Be­klag­te zu 1 sich als Ver­s­toß ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot dar­stellt, kommt ein Scha­dens­er­satz­an­spruch der Kläge­rin ge­gen die Be­klag­te zu 1 nicht in Be­tracht.
Es fehlt an ei­nem Scha­den. Die Re­ge­lung in § 15 Abs. 1 AGG be­gründet ei­nen An­spruch auf Er­satz des durch die ver­bo­te­ne Be­nach­tei­li­gung ent­stan­de­nen ma­te­ri­el­len Scha­dens. Für den Um­fang des Scha­dens­er­sat­zes gel­ten die §§ 249 ff. BGB, wo­bei al­ler­dings § 15 Abs. 6 AGG in den dort ge­nann­ten Fällen ei­ne Na­tu­ral­re­sti­tu­ti­on (hier al­so die Auf­nah­me in das Schu­lungs­pro­gramm) aus­sch­ließt.
Ein Vermögens­scha­den nach § 249 BGB ist durch die Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin nicht ein­ge­tre­ten. Das liegt an der be­son­de­ren Fall­kon­stel­la­ti­on. Hier geht es nicht um die Ein­stel­lung in ein Ar­beits­verhält­nis, in dem die Kläge­rin Ent­gelt ge­gen Ar­beits­leis­tung zu er­war­ten hat, son­dern um die Auf­nah­me in ein Schu­lungs­pro­gramm, durch die die Kläge­rin zu­min­dest zunächst fi­nan­zi­ell be­las­tet wird. Nach § 249 Abs. 1 BGB muss der­je­ni­ge, der zum Scha­dens­er­satz ver­pflich­tet ist, den Zu­stand her­stel­len, der be­ste­hen würde, wenn der zum Er­satz ver­pflich­ten­de Um­stand nicht ein­ge­tre­ten wäre. Ein Vermögens­scha­den liegt da­mit vor, wenn die Geschädig­te ei­ne in Geld mess­ba­re Ein­buße er­lit­ten hat. Die­se Dif­fe­renz­hy­po­the­se bil­det bis heu­te den Aus­gangs­punkt für die Be­ur­tei­lung des Er­sat­zes von Vermögensschäden in der Recht­spre­chung (BGH Be­schluss vom 26.08.2009 - XII ZB 169/07 -). Wird die­se Dif­fe­renz­hy­po­the­se an­ge­wandt, so er­gibt sich vor­lie­gend kein Vermögens­scha­den. Im Ge­gen­teil: wäre die Kläge­rin in die Pi­lo­ten­aus­bil­dung auf­ge­nom­men wor­den, dann wäre sie nach § 10 des Schu­lungs­ver­tra­ges (An­la­ge A 4, Bl. 50 ff) ver­pflich­tet ge­we­sen, Kos­ten in Höhe von min­des­tens 60.000 EUR zu tra­gen. Sie hätte den Dar­le­hens­ver­trag mit der Be­klag­ten zu 1 ab­ge­schlos­sen. Die Dif­fe­renz zwi­schen dem Zu­stand mit Scha­dens­er­eig­nis und dem Zu­stand oh­ne Scha­dens­er­eig­nis beträgt al­so min­des­tens 60.000 EUR - zu Las­ten der Kläge­rin. Der Ver­lust ei­ner Ge­winn­chan­ce ist kein selbständi­ger Vermögens­scha­den. Erst wenn ein An­spruch oder ei­ne recht­lich geschütz­te An­wart­schaft ent­stan­den ist, be­gründet de­ren Ent­wer­tung ei­nen Vermögens­scha­den. Ei­ne sol­che An­wart­schaft ist vor­lie­gend nicht er­sicht­lich.
Auch ein Scha­den nach § 252 BGB ist nicht ent­stan­den. Nach § 252 BGB um-fasst der zu er­set­zen­de Scha­den auch den ent­gan­ge­nen Ge­winn. Als ent­gan-
gen gilt gemäß § 252 Satz 2 BGB der Ge­winn, wel­cher nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge oder nach den be­son­de­ren Umständen, ins­be­son­de­re nach den ge­trof­fe­nen An­stal­ten und Vor­keh­run­gen, mit Wahr­schein­lich­keit er­war­tet wer­den konn­te. Vor­lie­gend hätte die Kläge­rin nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge die Pi­lo­ten­aus­bil­dung be­gon­nen und hierfür zunächst 60.000 EUR ge­zahlt. An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass ca. 10 % der Be­wer­ber die Prüfung nicht be­ste­hen, kann schon nicht oh­ne wei­te­res da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Kläge­rin nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge die Aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen hätte. An­ge­sichts des der­zei­ti­gen Pi­lo­tenüber­schus­ses ist wei­ter­hin nicht ab­seh­bar, ob die Kläge­rin an­sch­ließend bei der Be­klag­ten die Tätig­keit ei­ner Co-Pi­lo­tin hätte auf­neh­men können. An­sch­ließend hätte es wei­te­rer Einkünf­te als Co-Pi­lo­tin be­durft, um die Schul­den aus der Aus­bil­dung in Höhe von 60.000 EUR ab­zu­ar­bei­ten. Ein ent­gan­ge­ner Ge­winn nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge ist nach al­le­dem we­der ab­seh­bar noch be­zif­fer­bar. Die Aus­bil­dung als sol­che hat oh­ne be­stan­de­ne Prüfung und oh­ne an­sch­ließen­des En­ga­ge­ment als Co-Pi­lo­tin kei­nen Wert.
3. Die Kläge­rin hat auch kei­nen An­spruch ge­gen die Be­klag­te zu 1 auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung aus § 15 Abs. 2 AGG für den Scha­den, der nicht Vermögens­scha­den ist. Zwar hat die Be­klag­te zu 1 die Kläge­rin - wie ge­zeigt - im Ein­stel­lungs­ver­fah­ren we­gen ih­res Ge­schlechts dis­kri­mi­niert. Sie hat dies aber in An­wen­dung ei­ner mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­ren­den Vor­schrift ei­nes Ver­bands­ta­rif­ver­tra­ges ge­tan und haf­tet des­halb gemäß § 15 Abs. 3 AGG nur für gro­be Fahrlässig­keit oder Vor­satz. Bei der Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin han­del­te die Be­klag­te zu 1 vor­lie­gend aber nicht min­des­tens grob fahrlässig.
a. Die Re­ge­lung in § 15 Abs. 3 AGG ist we­der ins­ge­samt eu­ro­pa­rechts­wid­rig und des­halb un­wirk­sam, noch sah sich die er­ken­nen­de Kam­mer im vor­lie­gen­den Fall ver­an­lasst, die Fra­ge nach der Wirk­sam­keit der Vor­schrift dem EuGH zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen. Die er­ken­nen­de Kam­mer ist der Auf­fas­sung, dass bei re­strik­ti­ver eu­ro­pa­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung ein wirk­sa­mer Kern ver­bleibt, der ge­ra­de in Fällen wie dem vor­lie­gen­den trotz fest­ge­stell­ter
Be­nach­tei­li­gung - im ers­ten be­kannt wer­den­den Fall - zum Aus­schluss von Ansprüchen ge­gen den Ar­beit­ge­ber führen kann.
Ermöglicht es das na­tio­na­le Recht durch An­wen­dung sei­ner Aus­le­gungs­me­tho­den, ei­ne in­ner­staat­li­che Be­stim­mung so aus­zu­le­gen, dass ei­ne Kol­li­si­on mit ei­ner an­de­ren Norm in­ner­staat­li­chen Rechts ver­mie­den wird, sind die na­tio­na­len Ge­rich­te ver­pflich­tet, die glei­chen Me­tho­den an­zu­wen­den, um das von der Richt­li­nie ver­folg­te Ziel zu er­rei­chen (BAG, Ur­teil vom 24.03.2009 - 9 AZR 983/07 -; vgl. auch EuGH 24.01.2012 - C-282/10 - [Do­m­in­guez] Rn. 24 mwN, aaO). Meh­re­re mögli­che Aus­le­gungs­me­tho­den sind da­her hin­sicht­lich des Richt­li­ni­en­ziels bestmöglich an­zu­wen­den im Sin­ne ei­nes Op­ti­mie­rungs­ge­bots (BVerfG 26.09.2011 - 2 BvR 2216/06 ua. -). Die­se Ver­pflich­tung be­steht auch dann, wenn die na­tio­na­len Ge­rich­te die Reich­wei­te der in­ner­staat­li­chen Be­stim­mung zu die­sem Zweck ein­schränken müssen (BAG Ur­teil vom 17.11.2009 - 9 AZR 844/08 -). Al­ler­dings un­ter­liegt der Grund­satz der uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts Schran­ken. Die Pflicht zur Ver­wirk­li­chung ei­nes Richt­li­ni­en­ziels im Aus­le­gungs­weg fin­det zu­gleich ih­re Gren­zen an dem nach in­ner­staat­li­cher Rechts­tra­di­ti­on me­tho­disch Er­laub­ten (BVerfG 26.09.2011 - 2 BvR 2216/06 -). Sie darf nicht als Grund­la­ge für ei­ne Aus­le­gung con­tra le­gem des na­tio­na­len Rechts die­nen (EuGH 24.01.2012 - C-282/10 - [Do­m­in­guez]; BAG, Ur­teil vom 17.11.2009 - 9 AZR 844/08 -; Ur­teil vom 07.08.2012 – 9 AZR 353/10 – m.w.N).
Vor­lie­gend ermöglicht das deut­sche Recht ei­ne te­leo­lo­gi­sche Re­duk­ti­on des § 15 Abs. 3 AGG auf die­je­ni­gen Fälle, in de­nen die Be­nach­tei­li­gung nur mit­tel­bar und nur durch An­wen­dung ei­ner Norm aus ei­nem Ver­bands­ta­rif­ver­trag er-folgt. Das Haupt­ar­gu­ment al­ler Stim­men in der Li­te­ra­tur, die von der Eu­ro­pa­echts­wid­rig­keit des § 15 Abs. 3 AGG aus­ge­hen oder zu­min­dest Zwei­fel äußern (z.B. Dei­nert in: Däubler/Bertz­bach, 3. Auf­la­ge, AGG § 15 Rn. 88 ff; Ka­man­ab­rou Die ar­beits­recht­li­chen Vor­schrif­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes, RdA 2006, 321, 335; Thüsing in: Münch­Komm § 15 AGG, Rn 34, 39; je­weils mw.N.), fin­det sich in der Ent­schei­dung des EuGH vom 22.04.1997 - Rs. C-180/95 „Draehm­pa­ehl“. Dort heißt es:
„Wenn sich ein Mit­glied­staat dafür ent­schei­det, den Ver­s­toß ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot im Rah­men ei­ner zi­vil­recht­li­chen Haf­tungs­re­ge­lung mit ei­ner Sank­ti­on zu be­le­gen, steht die Richt­li­nie und ins­be­son­de­re ih­re Ar­ti­kel 2 und 3 ei­ner in­ner­staat­li­chen ge­setz­li­chen Re­ge­lung ent­ge­gen, die für ei­nen An­spruch auf Scha­dens­er­satz we­gen Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Ge­schlechts bei der Ein­stel­lung die Vor­aus­set­zung des Ver­schul­dens auf­stellt.“
Der EuGH muss­te die Ein­schränkung „Wenn ein Mit­glied­staat sich dafür ent­schei­det ....“ for­mu­lie­ren, weil das Eu­ro­pa­recht ei­ne Scha­dens­er­satz­pflicht oder ei­ne Entschädi­gungs­zah­lung gar nicht vor­sah. Das hat sich auch nicht durch die we­nig später be­schlos­se­ne Richt­li­nie des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf 2000/78/EG geändert. De­ren Ar­ti­kel 17 lau­tet:
„Die Mit­glied­staa­ten le­gen die Sank­tio­nen fest, die bei ei­nem Ver­s­toß ge­gen die ein­zel­staat­li­chen Vor­schrif­ten zur An­wen­dung die­ser Richt­li­nie zu verhängen sind, und tref­fen al­le er­for­der­li­chen Maßnah­men, um de­ren Durchführung zu gewähr­leis­ten. Die Sank­tio­nen, die auch Scha­den­er­satz­leis­tun­gen an die Op­fer um­fas­sen können, müssen wirk­sam, verhält­nismäßig und ab­schre­ckend sein.“
Die Mit­glied­staa­ten müssen al­so, wenn sie schon ei­nen Scha­dens­er­satz- oder Entschädi­gungs­an­spruch vor­se­hen, ei­ne ver­schul­dens­un­abhängi­ge Haf­tung ermögli­chen, um die Sank­ti­on wirk­sam und ab­schre­ckend zu ge­stal­ten. Die Sank­tio­nen müssen da­bei aber verhält­nismäßig blei­ben.
Dar­aus folgt, dass § 15 Abs. 1 Satz 2 AGG, al­so die Ver­schul­dens­vor­aus­set­zung für den Scha­dens­er­satz­an­spruch, eu­ro­pa­rechts­wid­rig und da­her un­wirk­sam ist (ErfK-Schlach­ter § 15 AGG, Rn. 5 un­ter Be­zug­nah­me auf EuGH, Ur­teil vom 19. 1. 2010 - C-555/07 „Kücükde­ve­ci“; Münch­Komm-Thüsing § 15 AGG Rn. 2, 33; v. Ro­et­te­ken: Uni­ons­recht­li­che As­pek­te des Scha­dens­er­sat­zes und der Entschädi­gung bei Dis­kri­mi­nie­run­gen, NZA-RR 2013, 337 m.w.N.). Da­mit be­steht in Deutsch­land (als „Mit­glied­staat, der sich dafür ent­schei­det, den Ver­s­toß ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot im Rah­men ei­ner zi­vil­recht­li­chen Haf-
tungs­re­ge­lung mit ei­ner Sank­ti­on zu be­le­gen“) ei­ne ver­schul­dens­un­abhängi­ge Haf­tung für Vermögensschäden.Glei­ches gilt für die im­ma­te­ri­el­len Schäden, für die der Ar­beit­ge­ber gemäß § 15 Abs. 2 AGG die Zah­lung ei­ner Entschädi­gung schul­det. Auch die­se Entschädi­gungs­ansprüche sind grundsätz­lich ver­schul­dens­un­abhängig (Thüsing-Münch­Komm § 15 AGG Rn. 38). Das er­gibt sich schon aus dem Ge­set­zes­wort­laut.
Das Ge­bot der wirk­sa­men, verhält­nismäßigen und ab­schre­cken­den Sank­ti­on so­wie die Recht­spre­chung des EuGH, nach der von Wirk­sam­keit und Ab­schre­ckung nur die Re­de sein kann, wenn Scha­dens­er­satz­ansprüche grundsätz­lich ver­schul­dens­un­abhängig aus­ge­stal­tet sind, ge­bie­tet es, den An­wen­dungs­be­reich des § 15 Abs. 3 AGG, al­so die Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung des Ar­beit­ge­bers, auf nur we­ni­ge Fälle zu be­schränken, nämlich auf die­je­ni­gen Fälle, in de­nen es ei­nen vernünf­ti­gen (im Sin­ne der EuGH-Recht­spre­chung „verhält­nismäßigen“) Grund gibt:
(1 Ein Ar­beit­ge­ber, der ei­ne un­mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­ren­de Re­ge­lung an­wen­det, ist in die­sem Sin­ne nicht schutzwürdig. Im Übri­gen wird in sol­chen Fällen oh­ne­hin re­gelmäßig von ei­ner gro­ben Fahrlässig­keit des dis­kri­mi­nie­ren­den Nor­m­an­wen­ders aus­zu­ge­hen sein. Die Re­ge­lung des § 15 Abs. 3 AGG kann so­mit nur für Vor­schrif­ten gel­ten, die (nur) mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­rend wir­ken.
(2 Ein Ar­beit­ge­ber, der selbst ei­ne kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­rung ab­sch­ließt und so­mit auf de­ren In­halt un­mit­tel­ba­ren Ein­fluss nimmt, ihn viel­leicht so­gar be­stimmt, ist nicht an­ders zu be­han­deln als der­je­ni­ge Ar­beit­ge­ber, der ei­nen in­di­vi­du­ell wir­ken­den Ar­beits­ver­trag mit ei­nem ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer ab­sch­ließt und die­sen da­bei dis­kri­mi­niert. Die vom Ge­setz­ge­ber an­ge­nom­me­ne „höhe­re Rich­tig­keits­gewähr“ der kol­lek­tiv­recht­li­chen Re­ge­lung ge­genüber dem „Rich­tig­keits­ge­halt“ ei­nes In­di­vi­du­al­ver­tra­ges drängt sich hier ge­ra­de nicht auf. Ein sol­cher Ar­beit­ge­ber ist so­mit eben­falls nicht schutzwürdig. § 15 Abs. 3 AGG ist da­her eu­ro­pa­rechts­kon­form in der Wei­se aus­zu­le­gen, dass un­ter „kol­lek­tiv-
recht­li­cher Ver­ein­ba­rung“ we­der ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung noch ein Haus­ta­rif­ver­trag ver­stan­den wer­den kann. Als pri­vi­le­gie­ren­de kol­lek­tiv­recht­li­che Ver­ein­ba­rung im Sin­ne des § 15 Abs. 3 AGG kommt da­her nur ein Ver­bands­ta­rif­ver­trag in Be­tracht.
(3 Von ei­ner gro­ben Fahrlässig­keit im Sin­ne des § 15 Abs. 3 AGG (bei der Be­ge­hung der Be­nach­tei­li­gung in An­wen­dung der mit­tel­bar dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­bands­ta­rif­ver­trags­norm) ist schon und je­den­falls dann aus­zu­ge­hen, wenn ei­ne ers­te Ge­richts­ent­schei­dung er­gan­gen ist, die die dis­kri­mi­nie­ren­de Wir­kung der Ta­rif­norm zum Ge­gen­stand hat (vgl. ErfK-Schlach­ter § 15 AGG, Rn 14). Das kann ei­ne Ent­schei­dung wie die vor­lie­gen­de sein, ei­ne Ent­schei­dung in ei­nem Ver­fah­ren gemäß § 9 TVG oder ei­ne Ent­schei­dung im Be­schluss­ver­fah­ren nach §§ 99, 100 Be­trVG oder hier den ent­spre­chen­den Re­ge­lun­gen des TV PV. Auf ei­ne Rechts­kraft kann es da­bei nicht an­kom­men. Vor­ste­hen­des gilt zu­min­dest für die Un­ter­neh­men, auf die der Ver­bands­ta­rif­ver­trag An­wen­dung fin­det, kann aber auch für an­de­re Un­ter­neh­men gel­ten, die glei­che oder ähn­li­che Re­ge­lun­gen an­wen­den.
(4 Zu recht durch § 15 Abs. 3 AGG pri­vi­le­giert ist je­doch der­je­ni­ge Ar­beit­ge­ber, der dem ver­meint­li­chen Ge­bot der Ta­rif­treue ge­genüber­steht. Die Ta­rif­au­to­no­mie, der Ab­schluss von Ta­rif­verträgen und der Grund­satz der Ta­rif­treue fin­den ih­ren Grund nicht nur in Art 9 GG, son­dern sie ha­ben auch eu­ro­pa­recht­li­che An­er­ken­nung in Ar­ti­kel 139 EGV bzw. Ar­ti­kel 152 AEUV ge­fun­den. „Ver­meint­lich“ ist das Ge­bot der Ta­rif­treue im vor­lie­gen­den Fall, weil ei­ne Pflicht zur Nor­m­an­wen­dung bei ei­nem nach § 7 Abs. 2 AGG un­wirk­sa­men TV nicht be­steht. Die­se Un­wirk­sam­keit ist für den ta­rif­treu­en Ar­beit­ge­ber aber nicht im­mer oh­ne wei­te­res er­kenn­bar. Der Ap­pell des EuGH, die Sank­ti­on müsse „wirk­sam, verhält­nismäßig und ab­schre­ckend“ sein, in Abwägung mit dem Gel­tungs­an­spruch ver­bands­ta­rif­li­cher Nor­men, er­laubt un­ter dem vom EuGH ver­wen­de­ten Be­griff „verhält­nismäßig“ ei­ne Be­schränkung der Sank­ti­on auf Fälle der gro­ben Fahrlässig­keit für den Ersttäter. Frei­lich ist hier eher der klei­ne oder mit­telständi­sche Un­ter­neh­mer ge­meint, der kei­ne Rechts-, Per­so­nal- oder Ta­rif­ab­tei­lung hat. Ihm kann schwer­lich zu­ge­mu­tet wer­den, al­le mögli­chen Ver­bands­ta­rif­ver-
trags­nor­men mit dem sta­tis­ti­schen Jahr­buch oder dem so­zioöko­no­mi­schen Pa­nel ab­zu­glei­chen, um gg­fls. vor­lie­gen­de, mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­run­gen zu iden­ti­fi­zie­ren. Abs­trakt-ge­ne­rel­le Nor­men wie § 15 AGG gel­ten je­doch im­mer glei­cher­maßen für in­ter­na­tio­nal agie­ren­de Kon­zer­ne wie für mit­telständi­sche Un­ter­neh­men, wenn sich nicht di­rekt aus der Norm et­was an­de­res er­gibt. Im hier zu ent­schei­den­den Fall des § 15 Abs. 3 AGG kann die Größe des Un­ter­neh­mens und die Qua­li­fi­ka­ti­on der Mit­ar­bei­ter gg­fls. im Rah­men der zu­mut­ba­ren Sorg­falts­pflicht berück­sich­tigt wer­den.
Wird nach dem Vor­ge­sag­ten die An­wen­dung des Kol­lek­tiv­ver­trags­pri­vi­legs aus § 15 Abs. 3 AGG auf Fälle der mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung durch ei­nen Ver­bands-Ta­rif­ver­trag be­schränkt, so bleibt so­mit ein eu­ro­pa­rechts­kon­for­mer Kern.
b. Die Be­klag­te zu 1 hat bei der Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin nicht min­des­tens grob fahrlässig ge­han­delt. Gro­be Fahrlässig­keit liegt ab­wei­chend von ein­fa­cher Fahrlässig­keit (§ 276 Abs. 1 Satz 2 BGB) dann vor, wenn die er­for­der­li­che Sorg­falt in be­son­ders schwe­rem Maße ver­letzt wird, wenn von dem Han­deln­den das, was im ge­ge­be­nen Fall je­der­mann ein­leuch­ten muss, nicht be­ach­tet wird. Der Ar­beit­ge­ber han­delt da­mit grob fahrlässig, wenn sich die Tat­sa­che der Be­nach­tei­li­gung bei An­wen­dung der Ver­ein­ba­rung hätte auf­drängen müssen und er dies bei der Um­set­zung der Ver­ein­ba­rung grob sorg­falts­wid­rig außer Acht ge­las­sen hat.
Nach An­wen­dung die­ser Grundsätze kann der Be­klag­ten zu 1 kei­ne gro­be Fahrlässig­keit vor­ge­wor­fen wer­den. Die Tat­sa­che der Be­nach­tei­li­gung von Frau­en durch die Vor­schrif­ten zur Körper­größe drängt sich nicht auf und hätte nicht je­der­mann ein­leuch­ten müssen. Es mag noch zur selbst­verständ­li­chen Wahr­neh­mung von je­der­mann gehören, dass Frau­en im Durch­schnitt klei­ner sind als Männer. Dass aber durch die hier strei­ti­ge Ta­rif­vor­schrift gleich 40 % der Frau­en aus­ge­schlos­sen wer­den, dürf­te – gleich­falls für je­der­mann – eher über­ra­schend sein. Zu die­ser Er­kennt­nis braucht es ei­nen ge­ziel­ten Blick in die sta­tis­ti­schen Da­ten. Die durch die mil­li­ar­den­teu­ren Flug­zeug­mus­ter vor­ge­ge­be­ne tech­ni­sche Um­ge­bung legt die An­nah­me na­he, dass nur Men­schen mit be-
stimm­ten körper­li­chen Ei­gen­ar­ten auf den Pi­lo­ten­sitz „pas­sen“. Hin­zu kommt, dass nach der alt­her­ge­brach­ten An­schau­ung Seh­kraft, In­tel­li­genz, Stärke und Größe be­grüßens­wer­te At­tri­bu­te ei­ner Ka­pitäns­per­son sind, in de­ren Hände der Rei­sen­de sein Le­ben legt.
Bis zum vor­lie­gen­den Streit­fall hat es au­gen­schein­lich noch kei­ne ge­richt­li­che Ent­schei­dung ge­ge­ben, de­ren Ge­gen­stand die hier strei­ti­ge Ta­rif­norm oder ei­ne ähn­li­che Re­ge­lung war. Der Be­klag­ten zu 1 muss­te es sich - bis heu­te - nicht auf­drängen, dass die Norm des Ta­rif­ver­tra­ges un­wirk­sam ist.
Im hier zu ent­schei­den­den Fall ist die An­wen­dung des § 15 Abs. 3 AGG für die Kläge­rin un­be­frie­di­gend, weil sie leer aus­geht. Schon bei der nächs­ten ab­ge­lehn­ten Be­wer­be­rin wird sich die Be­klag­te zu 1 oder ein an­de­res Un­ter­neh­men, das zum Gel­tungs­be­reich des hier um­strit­te­nen Ver­bands-Ta­rif­ver­trags gehört, nicht mehr dar­auf be­ru­fen können, es han­de­le nicht zu­min­dest grob fahrlässig. Denn es kennt die­ses Ur­teil. In die­sem Sin­ne ist ei­ne Ent­schei­dung wie die vor­lie­gen­de, nach dem Verständ­nis der EuGH-Recht­spre­chung trotz An­wen­dung des § 15 Abs. 3 AGG „wirk­sam, verhält­nismäßig und ab­schre­ckend“.
II. Die Kla­ge ge­gen die Be­klag­te zu 2 ist eben­falls nicht be­gründet. Ge­gen die Be­klag­te zu 2 kommt we­der ein An­spruch auf Scha­dens­er­satz aus § 15 Abs. 1 AGG noch ein An­spruch auf Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG in Be­tracht. Bei­de An­spruchs­grund­la­gen set­zen vor­aus, dass der Schuld­ner die an­spruch­stel­len­de Par­tei bei der Aus­wahl be­nach­tei­ligt hat. Bei der Aus­wahl be­nach­tei­li­gen kann aber nur der­je­ni­ge, der auswählt. Die Be­klag­te zu 2 hat sich nicht an der Aus­wahl be­tei­ligt. Ei­ne Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin durch die Be­klag­te zu 2 hat nicht statt­ge­fun­den. Ein Grund für ei­ne ge­samt­schuld­ne­ri­sche Haf­tung - zu­sam­men mit der Be­klag­ten zu 1 - ist nicht er­sicht­lich.
Je­den­falls schei­det ein An­spruch der Kläge­rin ge­gen die Be­klag­te zu 2 aus § 15 Abs. 1 oder § 15 Abs. 2 AGG aus den glei­chen Gründen aus wie ge­gen die die Be­klag­te zu 1.
III. Die Ne­ben­ent­schei­dun­gen fol­gen aus §§ 46 Abs. 1, 61 ArbGG in Ver­bin­dung mit §§ 91, 3 ZPO. Der Streit­wert war gemäß § 61 ArbGG im Ur­teil fest­zu­set­zen und ent­spricht der Sum­me aus den Beträgen, die die Kläge­rin als Min­dest­beträge in den Anträgen zu 1 und 2 ge­nannt hat.
RECH­TSMIT­TEL­BE­LEH­RUNG Ge­gen die­ses Ur­teil kann von der Kläge­rin Be­ru­fung ein­ge­legt wer­den. Für die Be­klag­ten ist ge­gen die­ses Ur­teil kein Rechts­mit­tel ge­ge­ben.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln Blu­ment­hals­traße 33 50670 Köln Fax: 0221-7740 356
ein­ge­gan­gen sein. Die elek­tro­ni­sche Form wird durch ein qua­li­fi­ziert si­gnier­tes elek­tro­ni­sches Do­ku­ment ge­wahrt, das nach Maßga­be der Ver­ord­nung des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums über den elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr bei den Ar­beits­ge­rich­ten im Lan­de Nord­rhein-West­fa­len (ERV­VO ArbG) vom 2. Mai 2013 in der je­weils gel­ten­den Fas­sung in die elek­tro­ni­sche Post­stel­le zu über­mit­teln ist. Nähe­re Hin­wei­se zum elek­tro­ni­schen Rechts­ver­kehr fin­den Sie auf der In­ter­net­sei­te www.egvp.de. Die Not­frist be­ginnt mit der Zu­stel­lung des in vollständi­ger Form ab­ge­fass­ten Ur­teils, spätes­tens mit Ab­lauf von fünf Mo­na­ten nach des­sen Verkündung.
Ei­ne Par­tei, die als Be­vollmäch­tig­te zu­ge­las­sen ist, kann sich selbst ver­tre­ten. * Ei­ne Not­frist ist un­abänder­lich und kann nicht verlängert wer­den.
Vor­ste­hen­de Ab­schrift stimmt mit der Ur­schrift übe­rein.	m.hensche.de
zur Übersicht 15 Ca 3879/13 Kontakt