Source: https://www.bjr.de/nc/service/beschluesse/details/jugendarbeit-setzt-sich-ein-fuer-den-schutz-von-kindern-und-jugendlichen-108.html
Timestamp: 2018-11-13 00:21:47
Document Index: 224152717

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 8', '§ 72', '§ 72', '§ 12', '§ 72', '§ 79', '§ 74', '§ 8', '§ 72', '§ 12', '§ 79', 'Art. 4']

Jugendarbeit setzt sich ein: Für den Schutz von Kindern und Jugendlichen - bjr
Am 1. Januar 2012 traten Änderungen des 8. Sozialgesetzbuchs (SGB VIII) in Kraft, die dem Ziel dienen sollen, Kinder und Jugendliche in Wahrnehmung der Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe besser und früher als bisher vor Kindeswohlgefährdungen1 zu schützen.
Diese Änderungen und Neuregelungen des Bundeskinderschutzgesetzes (BKiSchG) bringen im Wesentlichen eine Reihe von neuen Aufgaben für die öffentlichen Träger mit sich, aber auch für die freien Träger. Das heißt, die Jugendverbände und andere Träger der Jugendarbeit sind gefordert, sich mit den neuen gesetzlichen Verpflichtungen auseinanderzusetzen.
Im Vorfeld der Gesetzesänderung gab es eine Reihe von kritischen Anmerkungen auch vonseiten des Bayerischen Jugendrings und der Jugendverbände. So wurde kritisiert, dass nicht konsequent unterschieden würde zwischen den Aufgaben und Diensten, die vorwiegend oder ausschließlich durch berufliche Fachkräfte erbracht werden, und denen, in welchen Ehrenamtliche große Teile der Leistungen erbringen. Es wurde befürchtet, dass das Ziel, den Kinderschutz durch formalrechtliche Regelungen zu erhöhen, einseitig zulasten des freiwilligen Engagements und zivilgesellschaftlicher Beteiligung gerade junger Menschen gehen könne.2
Der Bayerische Jugendring und die in ihm zusammengeschlossenen Jugendverbände nehmen die genannten Gesetzesänderungen zum Anlass, sich zum Ziel der Verbesserung des Kinderschutzes und zur eigenen Verantwortung der Jugendarbeit zu positionieren.
Diese Position steht in der Reihe von Beschlüssen und Erklärungen, die der Hauptausschuss bereits getätigt hat3. Denn seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich der Bayerische Jugendring mit der Prävention sexueller Gewalt in der Jugendarbeit, insbesondere in der ehrenamtlichen Jugendarbeit der Jugendverbände. Lange bevor das Anliegen des Kinderschutzes in dieser breiten Form öffentlich wurde, haben sich die Jugendverbände dieser Problematik gestellt und aus eigener Verantwortung heraus Verbesserungen vorgenommen, die nachweislich zu einem Mehr an Sicherheit für Kinder und Jugendliche in der Jugendarbeit geführt haben. So ist seit 2007 die Qualifizierung von ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen Standard, Informationsmaterialien und Arbeitshilfen sind flächendeckend verbreitet. 14 Mitarbeiter/-innen aus Bayern haben die Weiterbildung zur „Fachkraft für strukturelle Prävention sexueller Gewalt in der Jugendarbeit“ absolviert. Über drei Viertel der im Hauptausschuss vertretenen Jugendverbände haben inzwischen einen Verhaltens- oder Ehrenkodex im Sinne einer Selbstverpflichtung für Mitarbeiter/-innen in Kraft gesetzt und etwa die Hälfte verfügen über interne Vertrauenspersonen gegen sexuelle Gewalt.
Die vorliegende Position beruht auf diesen Erfahrungen und Ergebnissen, stellt sie in Zusammenhang mit den neuen gesetzlichen Regelungen und verdeutlicht, dass und wie Jugendverbände von sich aus zur Verbesserung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen ihren Teil beitragen können.
1. Kinderschutz in der Jugendarbeit – Prävention sexueller Gewalt steht im Mittelpunkt
Engagement zum Schutz von Kindern und Jugendlichen ist für die Kinder- und Jugendarbeit ein unverzichtbares Element ihres Selbstverständnisses. Sie ergreift Partei für die Interessen und das Wohl der Kinder und Jugendlichen und begreift alle Themen, die diese betreffen, als wesentlichen Bestandteil ihrer Aufgabenstellung. Auch die Auseinandersetzung mit den Problemen der Kindeswohlgefährdung in unserer Gesellschaft gehört dazu. Für die Kinder- und Jugendarbeit unmittelbar handlungsrelevant sind allerdings die Gefährdungen durch sexuelle Übergriffe, die Kinder und Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit erfahren können.
2. Kinderschutz in Verantwortung der Jugendverbände/Jugendringe als freie Träger
Das Bundeskinderschutzgesetz bringt auch für die Jugendverbände neue Aufgaben und Verpflichtungen mit sich. Bisher konnten sie bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung den Fall unmittelbar an das Jugendamt weitergeben. Durch Vereinbarungen gemäß der Neuregelung in § 8a Abs.4 SGB VIII wird die Verantwortung der freien Träger ausgedehnt. Wenn Jugendverbände/Jugendringe Träger von Einrichtungen und Diensten sind, werden jetzt Vereinbarungen erforderlich, die der öffentliche Träger (das kommunale Jugendamt) mit dem jeweiligen freien Träger (Jugendverband oder Stadt-/Kreisjugendring) abschließt. Diese sind ab dem Zeitpunkt des Abschlusses einer Vereinbarung verpflichtet, sich an der Wahrnehmung des Schutzauftrages nach § 8a SGB VIII zu beteiligen. Nur wenn eine Abwendung der Gefährdung nicht gewährleistet werden kann, ist die Weitergabe des Falles an das Jugendamt ohne eine vorherige Gefährdungseinschätzung mithilfe der Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft und die Einbeziehung des Kindes/Jugendlichen und der Personensorgeberechtigten noch zulässig.4
Wahrnehmung des Schutzauftrags erfordert Ressourcenbereitstellung
Die Jugendringe und Jugendverbände sind sich ihrer Verantwortung bei der Wahrnehmung des Schutzauftrages bewusst und werden entsprechende Vereinbarungen – soweit erforderlich – mit den öffentlichen Trägern abschließen. Die Erarbeitung und Umsetzung von Schutzkonzepten erfordert fachliche, personelle und finanzielle Ressourcen (z. B. für Qualifizierung, Organisationsentwicklung zur Verankerung, Kooperation und Vernetzung mit Beratungsstellen). Diese müssen im Zuge der Verhandlungen über die Vereinbarungen eingefordert werden, soweit die Aufgaben nicht mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen abgedeckt werden können.
Der Bayerische Jugendring hat bereits innerhalb des Umsetzungsprozesses und der Erarbeitung der Empfehlungen zur Umsetzung des Schutzauftrages intensiv mitgewirkt und sieht sich nun in der Verantwortung, die freien Träger der Jugendarbeit bei der Erarbeitung und dem Abschluss von Vereinbarungen zu beraten, Mustervereinbarungen bereitzustellen, die Vereinbarungen und ihre Auswirkungen kritisch zu reflektieren sowie fachliche Beratung zur Umsetzung von Kinderschutzkonzepten anzubieten.Keine Beschäftigung von einschlägig vorbestraften PersonenJugendverbände und Jugendringe stellen sicher, dass in ihrem Verantwortungsbereich keine einschlägig vorbestraften Personen beschäftigt sind. Vor Abschluss eines Arbeitsvertrags wird deshalb Einsicht in ein aktuelles Führungszeugnis genommen. Bei laufenden Arbeitsverhältnissen wird dies ab sofort, falls noch nicht erfolgt, nachgeholt. Dies gilt für alle Arten der Beschäftigung, sowohl für die Beschäftigung aufgrund eines Arbeitsvertrages als auch für Freiwilligendienste mit unmittelbarem Kontakt zu Kindern und Jugendlichen.
Genaue Prüfung, in welchen Fällen die Einsichtnahme in Führungszeugnisse von Ehrenamtlichen den Kinderschutz verbessert
Das neue Bundeskinderschutzgesetz betrifft nicht mehr nur die beim freien Träger beschäftigten Personen, sondern auch – sofern die weiteren im Gesetz beschriebenen Voraussetzungen vorliegen – ehren- und nebenamtlich Tätige. Hier kommt es auf die nach § 72a Abs. 3 und 4 SGB VIII vorgegebenen Abgrenzungskriterien5 und auf eine verantwortungsvolle Abwägung im Einzelfall an. Auch die strengen Datenschutzvorschriften des § 72a Absatz 5 SGB VIII sind besonders zu beachten.
Gebührenverzicht für die Ausstellung erweiterter Führungszeugnisse für Ehrenamtliche
Der BJR und die in ihm zusammengeschlossenen Jugendverbände fordern die bayerische Staatsregierung auf, eine Gesetzesinitiative einzuleiten bzw. die Initiativen anderer Bundesländern zu unterstützen, um eine klarstellende Neuregelung des § 12 der Justizverwaltungskostenordnung zur vollständigen Gebührenfreiheit der Führungszeugnisse für ehrenamtliche Zwecke zu erreichen.
Umfassende Schutzkonzepte schaffen mehr Sicherheit
Die Einsichtnahme in Führungszeugnisse kann im Einzelfall erforderlich und sinnvoll sein, um Kinder besser zu schützen. Zu befürchten ist allerdings, dass sich Träger zukünftig auf diese eine Maßnahme beschränken. Dies wäre ein Rückschritt gegenüber den bisherigen Erfolgen und Strategien. Prävention sexueller Gewalt in der Jugendarbeit, insbesondere in der Jugendverbandsarbeit, wird durch umfassende Schutzkonzepte besser gewährleistet. Hierzu gehören die kontinuierliche Information und Qualifikation zum Umgang mit der Problematik, eine eindeutige Positionierung, die Vereinbarung von Regeln, ein Konzept zur Beteiligung und zum Beschwerdemanagement sowie ein Notfallplan. Dies sind praktikable und angemessene Formen zur Verbesserung des Kinderschutzes in unmittelbarer Verantwortung der Jugendarbeit. Diese sollten deshalb wesentliche Grundlage von Vereinbarungen sein, die öffentliche Träger mit freien Trägern abschließen. Umfassende Schutzkonzepte dieser Art tragen dazu bei, die Ziele des Bundeskinderschutzgesetzes im Bereich Jugendarbeit umzusetzen, auch die Anforderungen des § 72a Abs. 2, 4 und 5 SGB VIII, ohne dass übermäßige Kontrollen und Misstrauen untereinander aufgebaut werden bzw. für die Vertragspartner unzumutbare Anforderungen entstehen.
Die Verpflichtungen zur Qualitätsentwicklung und -sicherung sind nunmehr verbindlich festgeschrieben. Gemäß § 79a i. v. m. § 74 SGB VIII sollen die örtlichen öffentlichen Träger auch für die Jugendarbeit vorhandene Qualitätsstandards sichten, bewerten, umsetzen und kontrollieren. Die freien Träger sind aufgerufen, sich an diesen Prozessen möglichst intensiv zu beteiligen und insbesondere eigene Qualitätskriterien in die Diskussion mit einzubringen. Als eine Grundlage können die Schutzkonzepte der Jugendarbeit mit bewährten Qualitätsmerkmalen dienen.
3. Kinderschutz erfordert eine Präventionsstrategie, die für ehrenamtliche Jugendarbeit passt
Eine Präventionsstrategie, die einen tatsächlichen und wesentlichen Schutzerfolg verspricht, muss die besonderen Strukturmerkmale von Jugend(verbands-)arbeit berücksichtigen. Denn die überwiegend ehrenamtlichen Verantwortlichen der Jugendverbände, die freiwillige Teilnahme, die ausgeprägten Beteiligungs- und Selbstorganisationprozesse sowie die Vielfalt der Angebots- und Zeitformen bieten einerseits besonders günstige Rahmenbedingungen, um den Schutz von Kindern und Jugendlichen verantwortungsvoll zu leben. Andererseits können diese Strukturelemente Risikofaktoren mit sich bringen, die eine Präventions- und Schutzstrategie analysieren und berücksichtigen muss:
Die große Flexibilität und schnelle Wandelbarkeit, insbesondere kleiner Jugendorgani-sationen, -initiativen und selbstorganisierter Jugend(verbands-)gruppen entspricht den Bedürfnissen ihrer Zielgruppen. Solche Strukturen und Gruppierungen können durch formale Reglementierungen wenig erreicht werden.
Jugendarbeit ist auf den niedrigschwelligen Zugang aller Interessierten und das freiwillige Engagement junger Menschen angewiesen. Diese Offenheit zum Mitmachen kann aber auch den Zugang für potentielle Täter/-innen erleichtern.
Angebotsformen der Jugendarbeit, die ein „zeitlich begrenztes Zusammenleben“ beinhalten, z. B. bei Fahrten und Lagern, sind ein wesentliches Markenzeichen der Jugendarbeit. Diese Aktivitätsformen bieten ein großes Entwicklungs- und Lernpotential für Kinder und Jugendliche. Sie lassen aber unter Umständen auch Gefährdungssituationen entstehen.
Freiwilligkeit, Ehrenamtlichkeit und Selbstorganisation ermöglichen einerseits besonderes Vertrauen bzw. Nähe zwischen Teilnehmer/-innen und Mitarbeiter/-innen. Für Betroffene kann es so leichter werden, sich anzuvertrauen. Solche Beziehungsstrukturen können aber auch von Täter/-innen, insbesondere strategisch vorgehenden, manipuliert und für ihre Zwecke missbraucht werden.
Offene, grundsätzlich durch formale Regelungen wenig kontrollierbare Handlungssituationen und Gesellungsformen sind für Jugendarbeit kennzeichnend und unverzichtbar. Da diese grundsätzlich Gefährdungen begünstigen können bzw. strategisches Täterverhalten erleichtern können, sind passgenaue Schutzkonzepte wichtig.
Zuverlässige Zahlen über die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch bzw. sonstiger Formen der Kindeswohlgefährdung in der Jugend(verbands-)arbeit liegen allerdings nicht vor. Die langjährigen Erfahrungen der Fachberatungsstelle PräTect, auch die Ergebnisse einer anonymen und freiwilligen Befragung zu vermuteten bzw. bestätigten Fällen sexueller Gewalt innerhalb der Jugendarbeit6 zeigen aber, dass Übergriffe mehrheitlich von im Verband langjährig engagierten ehrenamtlichen Mitarbeitern oder von Teilnehmenden begangen werden. Einschlägig vorbestraft waren gemäß den der Fachberatung vorliegenden Informationen die (vermutlichen) Täter7 in keinem Fall.
Angesichts dieser für Jugendarbeit im Unterschied zu formalen Institutionen mit ausgeprägten Macht- und Abhängigkeitsbeziehungen (Internaten, Heimen) typischen Problemkonstellation wird einsichtig, dass die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses die Gefährdungssituationen in der Jugendarbeit nur marginal verringern wird.
4. Erforderlich ist ein umfassendes und passgenaues Präventions- bzw. Schutzkonzept mit folgenden Qualitätsmerkmalen
Der Schutz von Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt im Arbeitsfeld Jugendarbeit kann nachhaltig verbessert werden. Das zeigen die Erkenntnisse und Erfahrungen von PräTect. Ein qualitätsvolles Schutzkonzept setzt auf den Handlungsebenen Prävention (allgemein und spezifisch), Intervention und Aufarbeitung an und enthält folgende Elemente:
Beteiligung von Kindern und Jugendlichen8
In der Jugend(verbands-)arbeit ist Mitbestimmung und Mitgestaltung durch junge Menschen zentral. An die hierfür bestehenden demokratischen Gesprächs-, Diskussions- und Entscheidungsstrukturen zur Partizipation von Mädchen und Jungen kann angeknüpft werden, wenn es darum geht, ein Schutzkonzept zu entwickeln. Denn die Sichtweisen und Bewertungen der Strukturen und Bedingungen durch die Mädchen und Jungen, um die es geht, sind wesentlich bei der Erarbeitung präventiver Maßnahmen. Dies gilt in besonderem Maße für die Erarbeitung von Schutzvereinbarungen und Maßnahmen des Beschwerdemanagement.
Voraussetzungen für funktionierende Beteiligung sind Klarheit und Transparenz des Verfahrens. Darüber hinaus müssen die Methoden der Beteiligung für die Adressaten/-innen attraktiv und niedrigschwellig sein, es muss um für sie relevante Themen gehen und die Wirksamkeit der Beteiligung muss für Mädchen und Jungen spürbar sein.
Die Kultur einer Organisation ist die Gesamtheit der gewachsenen und durch die aktuelle Situation beeinflussten Wertvorstellungen, Normen und Verhaltensweisen, Überzeugungen und Meinungen sowie der Potentiale, Beziehungen und Gegebenheiten.9 Eine solche Organisationskultur macht einen wesentlichen Teil der Identität einer Organisation aus. So zeichnen sich Jugendverbände durch vielfältige und unterschiedliche Organisationskulturen aus, deren Ausdrucksformen (wie z. B. tradierte Gepflogenheiten, Rituale) sie im Rahmen eines Schutz- und Präventionskonzeptes allerdings selbstkritisch überprüfen sollten, um problematische Formen (wie z. B. grenzverletzende „Spiele“, erniedrigende Initiationsrituale o. ä.) abzuschaffen.
Die Art und Weise, wie mit Fehlern bzw. Fehlverhalten umgegangen wird, hat einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität der Arbeit, denn: Aus Fehlern kann man lernen. Eine offene Fehlerkultur zeichnet sich durch das grundsätzliche Akzeptieren der Tatsache aus, dass Fehler menschlich sind und passieren können. Sie versucht eine Atmosphäre von Vertrauen, Angstfreiheit und Transparenz zu schaffen, um einen konstruktiven Umgang mit Fehlern zu ermöglichen.10
In der Praxis haben wir es häufig mit vagen Vermutungen von sexueller Gewalt zu tun, mit dem sog. „unguten Gefühl“, das jedoch nicht ausreichend belegt ist, um eine Intervention auszulösen. Eine offene Fehlerkultur ermutigt Mitarbeiter/-innen, entsprechende Vermutungen oder Beobachtungen zu kommunizieren. Sie erfahren, dass ihre Wahrnehmungen ernst genommen werden und dass fachlich angemessen damit umgegangen wird.
Organisationen der Jugend(verbands-)arbeit müssen sich eindeutig gegen sexuelle Gewalt positionieren und dies nach innen und außen deutlich kommunizieren. Ziel hierbei ist es, Verantwortliche zu sensibilisieren, ihr Interesse und Engagement zu wecken und die Diskussion um ein eigenes und für die Organisation geeignetes Präventionskonzept in Gang zu bringen. Die Positionierung, d. h. Aussagen zur Haltung des Verbands oder Trägers, sollte in einem offenen Diskussionsprozess unter Einbeziehung aller Ebenen erarbeitet werden und z. B. als Teil des Leitbilds/einer Satzung formuliert und beschlossen werden. Eine solche Positionierung wird nach außen und innen z. B. durch Merkblätter, Plakate oder Beiträge auf der Webseite offensiv kommuniziert und dargestellt.
Eindeutige Regeln und Selbstverpflichtungserklärungen
Es bestehen klare Regeln bezüglich eines grenzachtenden Umgangs mit Mädchen und Jungen. Die Regeln werden in einem Prozess unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen erarbeitet, schriftlich fixiert und allen Beteiligten bekannt gemacht. Sie dienen nicht nur der Sicherheit der Mädchen und Jungen, sondern sollen auch zur fachlichen Klarheit und zum Schutz von Mitarbeiter/-innen vor falschem Verdacht beitragen. Vereinbart werden können solche Regeln z. B. in Form eines Verhaltenskodex und entsprechender Schutzvereinbarungen.
Neben Aussagen zur Haltung des Verbands/Trägers bzgl. der Rechte von Kindern und Jugendlichen sind in den Schutzvereinbarungen konkrete Verhaltensregeln für potentielle Gefährdungssituationen formuliert. Diese nehmen Bezug auf von Mitarbeitern/-innen und Teilnehmern/-innen als besonders verunsichernd wahrgenommenen Situationen.
Ein Verhaltenskodex kann als Selbstverpflichtungserklärung für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen eingesetzt werden. In diesen Fällen wird er unterschrieben und repräsentiert eine schriftliche Vereinbarung über fachliche Anforderungen und angemessenes Verhalten. Es geht dabei um die Definition fachlich-pädagogischer Grenzen – d. h. um Fehlverhalten unterhalb der Strafbarkeitsschwelle.
Information und Qualifizierung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen
Das Thema Prävention sexueller Gewalt ist in Schulungs- und Fortbildungsmaßnahmen und in sonstigen Bereichen der Personalentwicklung verankert. Grundsätzlich erhalten alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen der Kinder- und Jugendarbeit Informationen zum Thema Prävention sexueller Gewalt. Verantwortliche und Mitarbeiter/-innen werden entsprechend ihrer Funktion, ihrem Aufgaben- und Verantwortungsbereich darüber hinaus qualifiziert. Die Schulungen werden regelmäßig angeboten, ggf. unter Einsatz von Fachreferenten/-innen. Für hauptberufliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollten Anstellungsträger zusätzlich folgende Maßnahmen erwägen:
in Bewerbungsverfahren die Problematik sexueller Gewalt und entsprechende Präventionsstandards der Einrichtung thematisieren, Informationsmaterial dazu aushändigen
Zusatzvereinbarungen zur Prävention sexueller Gewalt als Ergänzung des Arbeitsvertrags
Dienstanweisung zur Prävention und zu Verfahrensregeln im Umgang mit Übergriffen (auch als Anlage zu neuen Arbeitsverträgen)
Für ehrenamtliche Mitarbeiter/-innen bestehen nur sehr wenige verbindliche oder formale Verfahren der Personalgewinnung und -entwicklung, in der Praxis werden viele Maßnahmen zur Bildung und Förderung von Mitarbeitern/-innen zielorientiert eingesetzt, z. B. durch Einarbeitung und Begleitung von neuen Mitarbeitern/-innen durch erfahrene Ehrenamtliche, allmähliche Erweiterung des Aufgaben- und Verantwortungsbereichs etc. Hier kann im Sinne der Prävention angeknüpft werden.
Es besteht eine transparente Verfahrensregelung/ein Handlungsplan mit Orientierungshilfen zur Intervention. Der Handlungsplan soll sowohl die Gefahr von Übergriffen reduzieren als auch Verantwortlichen und Mitarbeitern/-innen Sicherheit im Umgang mit (Vermutungs-)Fällen sexueller Gewalt vermitteln. Oberstes Ziel ist, die betroffenen Kinder und Jugendlichen so schnell wie möglich vor weiteren Übergriffen und Grenzverletzungen zu bewahren. Der Notfallplan muss schriftlich niedergelegt sein und folgende Regelungen enthalten:
Verantwortlichkeiten und Aufgaben der verschiedenen Beteiligten, kompetente Ansprechstellen (intern und/oder extern),
Verpflichtung zur Wahrung der Selbstbestimmungsrechte der Betroffenen,
Verpflichtung zur Wahrung der Fürsorgepflicht gegenüber Beschuldigten,
Verpflichtung, eine unabhängige Fachberatung hinzuzuziehen,
Verschwiegenheit bzw. Informationsweitergabe,
Verfahren zu Dokumentation und Datenschutz.
Darüber hinaus sollte der Notfallplan auch Handlungsempfehlungen zur Aufarbeitung enthalten, d. h. Hinweise zur Sicherstellung der Beteiligung aller Betroffenen, zur fachlichen Unterstützung, Organisations- und Fehleranalyse sowie zur Rehabilitation bei falschem Verdacht. Die Regeln zum richtigen Verhalten im (Vermutungs-)Fall sowie die zuständigen Ansprechstellen müssen allen Mitarbeitern/-innen bekannt sein.
Es bestehen niederschwellige, verbindliche und transparente Beschwerdemöglichkeiten. Alle Mitarbeiter/-innen und Teilnehmer/-innen werden über die Beschwerdemöglichkeit(en), Erreichbarkeit und Verfahren informiert. Die Form der Umsetzung wird den spezifischen Gegebenheiten der Organisation angepasst.
Bisher erprobte Beschwerdemöglichkeiten sind z. B.:
Ansprechstellen extern und/oder intern, an die sich sowohl Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als auch Mitarbeiter/-innen im Falle vermuteter, beobachteter oder selbst erlebter Übergriffe wenden können,
schriftliche Beschwerdemöglichkeiten für Mädchen und Jungen,
Befragungen zur Zufriedenheit der Nutzer/-innen – auch ehemaliger Teilnehmer/-innen (z. B. einige Wochen nach einem Ferienlager) und ehemaliger Mitarbeiter/-innen.
In einigen Jugendverbänden gibt es gute Erfahrungen mit internen Ansprechpersonen, den sog. „Vertrauenspersonen“. Als wesentliche Faktoren für die erfolgreiche Arbeit der Vertrauenspersonen haben sich die entsprechende Qualifizierung, gute Vernetzung und ausreichende Ressourcen herausgestellt.
5. Vereinbarungen und Qualitätsentwicklung zur Stärkung des Kinderschutzes in der JugendarbeitUmfassende
Beteiligung der freien Träger
Die örtlichen und überörtlichen öffentlichen Träger werden in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich Vereinbarungen nach § 8a Abs. 4 SGB VIII und/oder § 72a Abs. 2, 4 und 5 abzuschließen haben. Diese werden zukünftig auch im Hinblick auf die Förderung von Bedeutung sein.
Der Bayerische Jugendring fordert die öffentlichen Träger der Jugendhilfe dazu auf, dem Anliegen eines wirksamen Kinderschutzes insbesondere dadurch Rechnung zu tragen, dass die freien Träger möglichst umfassend bei der Umsetzung beteiligt werden und mit ihren Ansprüchen auf eigenverantwortliche Tätigkeit gemäß § 12 SGB VIII Berücksichtigung finden.
Anspruch auf Beratung und Förderung
Freie Träger haben einen Anspruch auf Unterstützung, Beratung und Förderung, damit diese den an sie gestellten Anforderungen nachkommen können. Darüber hinaus ist eine intensive Beteiligung innerhalb und außerhalb der Jugendhilfeausschüsse und eine allseitige Verhandlungsoffenheit zum Abschluss angemessener Vereinbarung und der Anpassung von Förderrichtlinien und -kriterien an die Vorgaben des § 79a SGB VIII sicherzustellen.
Leistungen der Fachberatung PräTect erweitern und verstetigen
Der Bayerische Jugendring hat zukünftig im Rahmen seiner öffentlich übertragenen Aufgaben zusätzlich die Aufgabe, alle Träger der Jugendarbeit bei der konzeptionellen Erarbeitung von Qualitätskriterien zu beraten. Er kann hierbei auf die langjährigen Erfahrungen und Ergebnisse der Projektstelle PräTect aufbauen, die angesichts der gesetzlichen Verpflichtung erweitert und verstetigt werden muss.
Erforderlich ist eine Stelle, die kontinuierlich die konzeptionelle Beratungsleistungen für Träger der Jugendarbeit zur Qualitätsentwicklung anbietet und exemplarische Qualitätskonzepte entwickelt, die geeignet sind, den Kinderschutz, vor allem den Schutz vor sexualisierter Gewalt, im Sinne des gesetzlichen Auftrags umzusetzen.
Die Staatsregierung wird aufgefordert, zur Gewährleistung dieser neuen gesetzlichen Aufgabe zusätzliche Mittel für eine entsprechende Stellenplanerweiterung der Geschäftsstelle des Bayerischen Jugendrings zur Verfügung zu stellen.
6. Beteiligung an der Evaluation
Das Bundeskinderschutzgesetz sieht in Art. 4 eine Evaluation und einen Bericht an den Bundestag bis zum 31. Dezember 2015 vor.
Der Bayerische Jugendring fordert, dass die Träger der Jugendarbeit so frühzeitig und intensiv wie möglich an der Evaluation beteiligt werden. Insbesondere sollten die Fragen erörtert werden, ob und inwieweit sich das Gesetz auf das ehrenamtliche Engagement innerhalb der Jugendarbeit ausgewirkt hat, ob und inwieweit ein zusätzlicher Bürokratieaufwand entstanden ist und ob und inwieweit die für die Umsetzung der Aufgaben aus dem Bundeskinderschutzgesetz erforderlichen Ressourcen seitens der öffentlichen Träger bereitgestellt bzw. gefördert wurden.
1 Zu den Formen von Kindeswohlgefährdung zählen im Wesentlichen körperliche und seelische Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, sexuelle Gewalt sowie emotionale/psychische Gewalt.
2 In der Zwischenzeit sind unter Beteiligung des Bayerischen Jugendrings einige Handlungs- und Umsetzungsempfehlungen zum BKiSchG erstellt worden mit dem Ziel, die verantwortlichen Träger bei der angemessenen Anwendung des Gesetzes zu unterstützen.
3 Maßnahmenkatalog zur Prävention sexueller Gewalt, Beschluss des 126. HA, 17. bis 19. März 2005; Prävention gegen sexuelle Gewalt, Beschluss des 136. HA, 18. bis 20. März 2010
4 Näheres dazu s. Bayerisches Landesjugendamt: Empfehlungen zur Umsetzung des Schutzauftrages (abrufbar unter: http://www.blja.bayern.de/themen/waechteramt/gewalt/Empfehlungen_8a.html
5 Tätigkeit im pädagogischen Kontext (Beaufsichtigen, Betreuen, Erziehen usw.) und qualifizierter Kontakt nach Art, Intensität und Dauer.
6 Die Befragung wurde 2009 mit den Teilnehmer/-innen des Modellprojektes „PräTect... keine Täter in den eigenen Reihen!“ durchgeführt.
7 In einem von 15 Fällen der Befragung wurde eine Frau als Täterin angegeben.
8 Auch das SGB VIII schreibt das Recht von Mädchen und Jungen auf Information, Beratung und Mitsprache und das Recht zur Mitgestaltung und Mitbestimmung innerhalb der Jugend(verbands-)arbeit fest. Entsprechend sind in allen Institutionen, die Angebote für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene machen, von den Nutzerinnen/Nutzern gewählte Interessensvertretungen zu etablieren, die an Diskussionsprozessen über Konzepte und Regeln der Organisation zu beteiligen sind.
9 vgl. Kröger, Rainer: „..... und ich dachte in unserer Einrichtung passiert so etwas nicht“ - zum Verhältnis von Krise und Kultur in Jugendhilfeeinrichtungen. Referat anlässlich des Fachtags am 13. Juni 2006 zum Thema „Grenzwahrender Umgang mit Mädchen und Jungen in Einrichtungen der Jugendhilfe“, Quelle: http://www.dwol.de/images/iJugendhilfe/Collstede/Downloads/referat_kroeger.pdf
10 vgl.: Hochdorf – Evang. Jugendhilfe im Kreis Ludwigsburg e. V. (Hg.): Arbeitshilfe „Und wenn es doch passiert...“ Fehlverhalten von Fachkräften in der Jugendhilfe. Ludwigsburg 2009, S. 30ff.).