Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_fristlose_Kuendigung_Emmely_Pfandbon_Bagatellkuendigung_BAG_2AZR541-09.html
Timestamp: 2017-02-28 16:50:32
Document Index: 226308695

Matched Legal Cases: ['Art. 6', '§ 626', '§ 626', '§ 241', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 248', '§ 1', '§ 611', '§ 1', '§ 34', '§ 241', '§ 626', '§ 626', '§ 174', '§ 34', '§ 626', '§ 1', '§ 34', '§ 174', '§ 34', '§ 626', '§ 626', '§ 1', '§ 74', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 1', '§ 9', '§ 138']

HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 541/09
1. Rechts­wid­ri­ge und vorsätz­li­che Hand­lun­gen des Ar­beit­neh­mers, die sich un­mit­tel­bar ge­gen das Vermögen des Ar­beit­ge­bers rich­ten, können auch dann ein wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung sein, wenn die Pflicht­ver­let­zung Sa­chen von nur ge­rin­gem Wert be­trifft oder nur zu ei­nem ge­ringfügi­gen, mögli­cher­wei­se gar kei­nem Scha­den geführt hat.
2. Das Ge­setz kennt auch im Zu­sam­men­hang mit straf­ba­ren Hand­lun­gen des Ar­beit­neh­mers kei­ne ab­so­lu­ten Kündi­gungs­gründe. Es be­darf stets ei­ner um­fas­sen­den, auf den Ein­zel­fall be­zo­ge­nen Prüfung und In­ter­es­sen­abwägung da­hin­ge­hend, ob dem Kündi­gen­den die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses trotz der ein­ge­tre­te­nen Ver­trau­ensstörung - zu­min­dest bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist - zu­mut­bar ist oder nicht.
Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 21.08.2008, 2 Ca 3632/08
2 AZR 541/09 7 Sa 2017/08
- 2 - die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ber­ger so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Dr. Bartz und Fal­ke für Recht er­kannt:
- 3 - Kas­se einlösen. Dort wird er wie ein Kun­den­bon ein wei­te­res Mal ab­ge­zeich­net. Die­se Re­ge­lun­gen, die Ma­ni­pu­la­tio­nen beim Um­gang mit Leer­gut aus­sch­ließen sol­len, sind der Kläge­rin be­kannt.
- 4 - - die Kläge­rin - die dort ab­ge­leg­ten „Kun­den­bons“ an sich ge­nom­men und zu ih­rem Vor­teil ver­wen­det ha­be. Die Kläge­rin be­stritt dies und erklärte, selbst wenn die Bons übe­rein­stimm­ten, be­ste­he die Möglich­keit, dass ihr ent­spre­chen­de Bons durch ei­ne ih­rer Töch­ter oder durch Drit­te zu­ge­steckt wor­den sei­en. Bei­spiels­wei­se ha­be sie am 21. oder 22. Ja­nu­ar 2008 ei­ner Ar­beits­kol­le­gin ih­re Geldbörse aus­gehändigt mit der Bit­te, die­se in ih­ren Spind zu le­gen. Die Be­klag­te leg­te der Kläge­rin na­he, zur Un­ter­maue­rung ih­rer Be­haup­tung ei­ne ei­des­statt­li­che Erklärung ei­ner Toch­ter bei­zu­brin­gen. Außer­dem be­frag­te sie die be­nann­te Kol­le­gin, die die An­ga­ben der Kläge­rin be­stritt. Beim letz­ten, am 15. Fe­bru­ar 2008 geführ­ten Gespräch über­reich­te die Kläge­rin ei­ne schrift­li­che Erklärung, mit der ei­ne ih­rer Töch­ter bestätig­te, bei der Be­klag­ten hin und wie­der für ih­re Mut­ter ein­zu­kau­fen, da­bei auch Leer­gut ein­zulösen und „Um­gang“ mit der Geldbörse ih­rer Mut­ter „pfle­gen zu dürfen“.
- 5 - an­ge­spro­chen hätten. An­ge­sichts der streik­be­dingt auf­ge­tre­te­nen Span­nun­gen un­ter den Fi­li­al­mit­ar­bei­tern sei es le­bens­fremd an­zu­neh­men, sie ha­be aus­ge­rech­net bei ei­ner Kol­le­gin, mit der sie im Streit ge­stan­den ha­be, und in An­we­sen­heit ih­rer Vor­ge­setz­ten die im Kas­senbüro ver­wahr­ten, nicht ab­ge­zeich­ne­ten Bons ein­gelöst. Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, ei­ne Ver­dachtskündi­gung sei we­gen der in Art. 6 Abs. 2 EM­RK ver­an­ker­ten Un­schulds­ver­mu­tung oh­ne­hin un­zulässig. Das gel­te in be­son­de­rem Maße, wenn sich der Ver­dacht auf die Ent­wen­dung ei­ner nur ge­ring­wer­ti­gen Sa­che be­zie­he. Selbst bei nach­ge­wie­se­ner Tat sei in ei­nem sol­chen Fall ein wich­ti­ger Grund iSd. § 626 Abs. 1 BGB nicht ge­ge­ben. Zu­min­dest sei in ih­rem Fall die Kündi­gung in An­be­tracht der Ein­ma­lig­keit des Vor­falls und ih­rer lan­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit un­an­ge­mes­sen, zu­mal der Be­klag­ten kein Scha­den ent­stan­den sei.
Die Kläge­rin hat be­an­tragt 1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis we­der durch die frist­lo­se, noch durch die or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 22. Fe­bru­ar 2008 auf­gelöst wor­den ist;
- 6 - ge­wor­den sei, am 22. No­vem­ber 2007 bei ei­nem pri­va­ten Ein­kauf ei­nen Son­der­cou­pon aus ei­nem Bo­nus­sys­tem ein­gelöst, ob­wohl die Ein­kaufs­sum­me den dafür er­for­der­li­chen Be­trag nicht er­reicht ha­be. Der­sel­be Cou­pon sei drei­mal „über die Kas­se ge­zo­gen“ wor­den. Da­durch sei­en der Kläge­rin zu Un­recht Punk­te im Wert von 3,00 Eu­ro gut­ge­schrie­ben wor­den. De­ren Be­haup­tung, ih­re Vor­ge­setz­te ha­be sie zu ei­ner der­ar­ti­gen Ma­ni­pu­la­ti­on - ver­geb­lich - ver­lei­ten wol­len, sei nicht plau­si­bel; die Vor­ge­setz­te ha­be an dem be­tref­fen­den Tag - wie zu­letzt un­strei­tig - nicht ge­ar­bei­tet.
- 7 - „ab­so­lu­ten“ Kündi­gungs­gründe. Viel­mehr ist je­der Ein­zel­fall ge­son­dert zu be­ur­tei­len. Dafür ist zunächst zu prüfen, ob der Sach­ver­halt oh­ne sei­ne be­son­de­ren Umstände „an sich“, dh. ty­pi­scher­wei­se als wich­ti­ger Grund ge­eig­net ist. Als­dann be­darf es der wei­te­ren Prüfung, ob dem Kündi­gen­den die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstände des Falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le - je­den­falls bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist - zu­mut­bar ist oder nicht (st. Rspr., Se­nat 26. März 2009 - 2 AZR 953/07 - Rn. 21 mwN, AP BGB § 626 Nr. 220; 27. April 2006 - 2 AZR 386/05 - Rn. 19, BA­GE 118, 104).
- 8 - Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist vom Fund zwei­er Leer­gut­bons am 12. Ja­nu­ar 2008 und de­ren Aushändi­gung an die Kläge­rin durch den Markt­lei­ter aus­ge­gan­gen. Nach Be­weis­auf­nah­me hat es zu­dem für wahr er­ach­tet, dass die Kläge­rin die bei­den zunächst im Kas­senbüro ab­ge­leg­ten Bons im Wert von 0,48 Eu­ro und 0,82 Eu­ro zu ei­nem un­be­stimm­ten Zeit­punkt an sich nahm und am 22. Ja­nu­ar 2008 bei ei­nem Ein­kauf zu ih­ren Guns­ten einlöste; da­durch ermäßig­te sich die Kauf­sum­me für sie um 1,30 Eu­ro. Dar­in hat es ein vorsätz­li­ches, pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten der Kläge­rin er­blickt.
- 9 - Ent­schei­dung zu­grun­de zu le­gen. Es ist nicht er­for­der­lich, dass der Ar­beit­ge­ber sich während des Pro­zes­ses dar­auf be­ru­fen hat, er stütze die Kündi­gung auch auf die er­wie­se­ne Tat (Se­nat 23. Ju­ni 2009 - 2 AZR 474/07 - aaO mwN).
- 10 - a) Be­geht der Ar­beit­neh­mer bei oder im Zu­sam­men­hang mit sei­ner Ar­beit­rechts­wid­ri­ge und vorsätz­li­che - ggf. straf­ba­re - Hand­lun­gen un­mit­tel­bar ge­gen das Vermögen sei­nes Ar­beit­ge­bers, ver­letzt er zu­gleich in schwer­wie­gen­der Wei­se sei­ne schuld­recht­li­che Pflicht zur Rück­sicht­nah­me (§ 241 Abs. 2 BGB und miss­braucht das in ihn ge­setz­te Ver­trau­en. Ein sol­ches Ver­hal­ten kann auch dann ei­nen wich­ti­gen Grund iSd. § 626 Abs. 1 BGB dar­stel­len, wenn die rechts­wid­ri­ge Hand­lung Sa­chen von nur ge­rin­gem Wert be­trifft oder zu ei­nem nur ge­ringfügi­gen, mögli­cher­wei­se zu gar kei­nem Scha­den geführt hat (Se­nat 13. De­zem­ber 2007 - 2 AZR 537/06 - Rn. 16, 17, AP BGB § 626 Nr. 210 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 20; 12. Au­gust 1999 - 2 AZR 923/98 - zu II 2 b aa der Gründe, BA­GE 92, 184; 17. Mai 1984 - 2 AZR 3/83 - zu II 1 der Gründe, AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 14 = EzA BGB § 626 nF Nr. 90).
- 11 - c) Mit sei­ner Auf­fas­sung setzt sich der Se­nat nicht in Wi­der­spruch zu der in § 248a StGB ge­trof­fe­nen Wer­tung. Nach die­ser Be­stim­mung wer­den Dieb­stahl und Un­ter­schla­gung ge­ring­wer­ti­ger Sa­chen nur auf An­trag oder bei be­son­de­rem öffent­li­chem In­ter­es­se ver­folgt. Der Vor­schrift liegt ei­ne Einschätzung des Ge­setz­ge­bers darüber zu­grun­de, ab wel­cher Gren­ze staat­li­che Sank­tio­nen für Rechts­verstöße in die­sem Be­reich zwin­gend ge­bo­ten sind. Ein sol­cher An­satz ist dem Schuld­recht fremd. Hier geht es um störungs­frei­en Leis­tungs­aus­tausch. Die Be­rech­ti­gung ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung ist nicht dar­an zu mes­sen, ob die­se - ver­gleich­bar ei­ner staat­li­chen Maßnah­me - als Sank­ti­on für den frag­li­chen Ver­trags­ver­s­toß an­ge­mes­sen ist. Statt des Sank­ti­ons- gilt das Pro­gno­se­prin­zip. Ei­ne ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung ist ge­recht­fer­tigt, wenn ei­ne störungs­freie Ver­trags­erfüllung in Zu­kunft nicht mehr zu er­war­ten steht, künf­ti­gen Pflicht­verstößen dem­nach nur durch die Be­en­di­gung der Ver­trags­be­zie­hung be­geg­net wer­den kann (st. Rspr., Se­nat 26. No­vem­ber 2009 - 2 AZR 751/08 - Rn. 10, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 61 = EzA BGB 2002 § 611 Ab­mah­nung Nr. 5; 23. Ju­ni 2009 - 2 AZR 103/08 - Rn. 32, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 59 = EzTöD 100 TVöD-AT § 34 Abs. 2 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 17).
- 12 - „Ent­fer­nung aus dem Dienst“ nicht zu­guns­ten ei­ner Kürzung der Vergütung ver­zich­ten. Wer­tun­gen, wie sie für das in der Re­gel auf Le­bens­zeit an­ge­leg­te, durch be­son­de­re Treue- und Fürsor­ge­pflich­ten ge­prägte Dienst­verhält­nis der Be­am­ten und Sol­da­ten ge­trof­fen wer­den, las­sen sich des­halb auf ei­ne pri­vat­recht­li­che Leis­tungs­be­zie­hung re­gelmäßig nicht über­tra­gen (Kei­ser JR 2010, 55, 57 ff.; Reu­ter NZA 2009, 594, 595).
- 13 - An­ord­nung des Markt­lei­ters zum Um­gang mit den Bons miss­ach­tet hat. Es kommt nicht dar­auf an, ob sie da­mit schon ge­gen ih­re Haupt­leis­tungs­pflich­ten als Kas­sie­re­rin oder ge­gen ih­re Pflicht zur Rück­sicht­nah­me aus § 241 Abs. 2 BGB ver­s­toßen hat. In je­dem Fall gehört die Pflicht zur ein­schränkungs­lo­sen Wah­rung der Vermögens­in­ter­es­sen der Be­klag­ten zum Kern­be­reich ih­rer Ar­beits­auf­ga­ben. Die Schwe­re der Pflicht­ver­let­zung hängt von ei­ner ex­ak­ten Zu­ord­nung nicht ab. Die Vor­ga­be des Markt­lei­ters, die Bons nach ei­ner ge­wis­sen Zeit als „Fehl­bons“ zu ver­bu­chen, soll­te si­cher­stel­len, dass die Be­klag­te in­so­weit nicht mehr in An­spruch ge­nom­men würde. Ob da­mit den In­ter­es­sen der Kun­den aus­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen wur­de, ist im Verhält­nis der Par­tei­en oh­ne Be­deu­tung. Die Kläge­rin je­den­falls durf­te die Bons nicht zum ei­ge­nen Vor­teil einlösen.
- 14 - In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an der so­for­ti­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ge­gen das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers an des­sen Fort­be­stand ab­zuwägen. Es hat ei­ne Be­wer­tung des Ein­zel­falls un­ter Be­ach­tung des Verhält­nis-mäßig­keits­grund­sat­zes zu er­fol­gen. Die Umstände, an­hand de­rer zu be­ur­tei­len ist, ob dem Ar­beit­ge­ber die Wei­ter­beschäfti­gung zu­mut­bar ist oder nicht, las­sen sich nicht ab­sch­ließend fest­le­gen. Zu berück­sich­ti­gen sind aber re­gelmäßig das Ge­wicht und die Aus­wir­kun­gen ei­ner Ver­trags­pflicht­ver­let­zung - et­wa im Hin­blick auf das Maß ei­nes durch sie be­wirk­ten Ver­trau­ens­ver­lusts und ih­re wirt­schaft­li­chen Fol­gen -, der Grad des Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers, ei­ne mögli­che Wie­der­ho­lungs­ge­fahr so­wie die Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses und des­sen störungs­frei­er Ver­lauf (Se­nat 28. Ja­nu­ar 2010 - 2 AZR 1008/08 - Rn. 26 mwN, DB 2010, 1709; 10. No­vem­ber 2005 - 2 AZR 623/04 - Rn. 38 mwN, AP BGB § 626 Nr. 196 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 11). Ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung kommt nur in Be­tracht, wenn es kei­nen an­ge­mes­se­nen Weg gibt, das Ar­beits­verhält­nis fort­zu­set­zen, weil dem Ar­beit­ge­ber sämt­li­che mil­de­ren Re­ak­ti­onsmöglich­kei­ten un­zu­mut­bar sind (st. Rspr., Se­nat 19. April 2007 - 2 AZR 180/06 - Rn. 45, AP BGB § 174 Nr. 20 = EzTöD 100 TVöD-AT § 34 Abs. 2 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 7). Als mil­de­re Re­ak­tio­nen sind ins­be­son­de­re Ab­mah­nung und or­dent­li­che Kündi­gung an­zu­se­hen. Sie sind dann al­ter­na­ti­ve Ge­stal­tungs­mit­tel, wenn schon sie ge­eig­net sind, den mit der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ver­folg­ten Zweck - die Ver­mei­dung des Ri­si­kos künf­ti­ger Störun­gen - zu er­rei­chen (KR/Fi­scher­mei­er 9. Aufl. § 626 BGB Rn. 251 mwN).
- 15 - § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 68). Das Er­for­der­nis gilt auch bei Störun­gen im Ver­trau­ens­be­reich. Es ist nicht stets und von vor­ne­her­ein aus­ge­schlos­sen, ver­lo­re­nes Ver­trau­en durch künf­ti­ge Ver­trags­treue zurück­zu­ge­win­nen (Se­nat 4. Ju­ni 1997 - 2 AZR 526/96 - zu II 1 b der Gründe, BA­GE 86, 95).
- 16 - Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 59 = EzTöD 100 TVöD-AT § 34 Abs. 2 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 17; 19. April 2007 - 2 AZR 180/06 - Rn. 48 mwN, AP BGB § 174 Nr. 20 = EzTöD 100 TVöD-AT § 34 Abs. 2 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 7).
- 17 - bb) Mit Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­dem an­ge­nom­men, das Ver­hal­ten der Kläge­rin stel­le ei­ne ob­jek­tiv schwer­wie­gen­de, das Ver­trau­ens­verhält­nis der Par­tei­en er­heb­lich be­las­ten­de Pflicht­ver­let­zung dar.
- 18 - ar­bei­ter als be­rech­tigt, wird erst und nur da­durch das Ver­trau­en in des­sen Red­lich­keit tatsächlich erschüttert.
- 19 - stel­lung beschäftigt war, oh­ne ver­gleich­ba­re Pflicht­ver­let­zun­gen be­gan­gen zu ha­ben. Das gilt auch bei Pflicht­verstößen im un­mit­tel­ba­ren Vermögens­be­reich (Se­nat 13. De­zem­ber 1984 - 2 AZR 454/83 - zu III 3 a der Gründe, AP BGB § 626 Nr. 81 = EzA BGB § 626 nF Nr. 94). Ei­ne für lan­ge Jah­re un­gestörte Ver­trau­ens­be­zie­hung zwei­er Ver­trags­part­ner wird nicht not­wen­dig schon durch ei­ne erst­ma­li­ge Ver­trau­en­s­enttäuschung vollständig und un­wie­der­bring­lich zerstört. Je länger ei­ne Ver­trags­be­zie­hung un­gestört be­stan­den hat, des­to eher kann die Pro­gno­se be­rech­tigt sein, dass der da­durch er­ar­bei­te­te Vor­rat an Ver­trau­en durch ei­nen erst­ma­li­gen Vor­fall nicht vollständig auf­ge­zehrt wird. Da­bei kommt es nicht auf die sub­jek­ti­ve Be­find­lich­keit und Einschätzung des Ar­beit­ge­bers oder be­stimm­ter für ihn han­deln­der Per­so­nen an. Ent­schei­dend ist ein ob­jek­ti­ver Maßstab. Maßgeb­lich ist nicht, ob der Ar­beit­ge­ber hin­rei­chen­des Ver­trau­en in den Ar­beit­neh­mer tatsächlich noch hat. Maßgeb­lich ist, ob er es aus der Sicht ei­nes ob­jek­ti­ven Be­trach­ters ha­ben müss­te. Im Ar­beits­verhält­nis geht es nicht um ein um­fas­sen­des wech­sel­sei­ti­ges Ver­trau­en in die mo­ra­li­schen Qua­litäten der je an­de­ren Ver­trags­par­tei. Es geht al­lein um die von ei­nem ob­jek­ti­ven Stand­punkt aus zu be­ant­wor­ten­de Fra­ge, ob mit ei­ner kor­rek­ten Erfüllung der Ver­trags­pflich­ten zu rech­nen ist.
- 20 - ge­schrie­ben wor­den sei­en, die ihr nicht zu­ge­stan­den hätten. Dem ist die Be­klag­te nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert ent­ge­gen­ge­tre­ten.
- 21 - sein, wie sie die Vorgänge, die zur Kündi­gung geführt ha­ben, in ei­nem neu­en Licht er­schei­nen las­sen (Se­nat 13. Ok­to­ber 1977 - 2 AZR 387/76 - zu III 3 d der Gründe, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 1 = EzA Be­trVG 1972 § 74 Nr. 3; 28. Ok­to­ber 1971 - 2 AZR 15/71 - zu II 2 d der Gründe, AP BGB § 626 Nr. 62 = EzA BGB § 626 nF Nr. 9; 15. De­zem­ber 1955 - 2 AZR 228/54 - zu III der Gründe, BA­GE 2, 245). Da­zu müssen zwi­schen den neu­en Vorgängen und den al­ten Gründen so en­ge in­ne­re Be­zie­hun­gen be­ste­hen, dass je­ne nicht außer Acht ge­las­sen wer­den können, oh­ne dass ein ein­heit­li­cher Le­bens­vor­gang zer­ris­sen würde (Se­nat 15. De­zem­ber 1955 - 2 AZR 228/54 - aaO; ErfK/Müller-Glöge 10. Aufl. § 626 Rn. 54; KR/Fi­scher­mei­er 9. Aufl. § 626 BGB Rn. 177; SPV/Preis 10. Aufl. Rn. 551; vgl. auch Wal­ker NZA 2009, 921, 922). Es darf aber nicht et­wa ei­ne ursprüng­lich un­be­gründe­te Kündi­gung durch die Berück­sich­ti­gung späte­ren Ver­hal­tens rück­wir­kend zu ei­ner be­gründe­ten wer­den (Se­nat 15. De­zem­ber 1955 - 2 AZR 228/54 - aaO). Außer­dem ist ge­nau zu prüfen, wel­che kon­kre­ten Rück­schlüsse auf den Kündi­gungs­grund späte­res Ver­hal­ten wirk­lich er­laubt. Im Hin­blick auf pro­zes­sua­les Vor­brin­gen (vgl. Se­nats­ent­schei­dun­gen vom 24. No­vem­ber 2005 - 2 AZR 39/05 - AP BGB § 626 Nr. 197 = EzA BGB 2002 § 626 Nr. 12 und 3. Ju­li 2003 - 2 AZR 437/02 - AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 38 = EzA KSchG § 1 Ver­dachtskündi­gung Nr. 2) gilt nichts an­de­res.
- 22 - wes­halb sie - wie sie stets be­haup­tet hat - selbst bei Iden­tität der Bons nicht wuss­te, dass sie ihr nicht gehören­de Bons einlöste. Die von der Kläge­rin auf­ge­zeig­ten Möglich­kei­ten ein­sch­ließlich der ei­ner ge­gen sie geführ­ten In­t­ri­ge mögen sich we­gen der er­for­der­lich ge­wor­de­nen Be­fra­gun­gen der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer nach­tei­lig auf den Be­triebs­frie­den aus­ge­wirkt ha­ben. Dies war aber nicht Kündi­gungs­grund. Un­abhängig da­von ziel­te das Ver­tei­di­gungs­vor­brin­gen der Kläge­rin er­kenn­bar nicht dar­auf, Drit­te ei­ner kon­kre­ten Pflicht­ver­let­zung zu be­zich­ti­gen. Der Kündi­gungs­grund wird auch nicht da­durch kla­rer, dass die Kläge­rin die Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten hat, erst­ma­li­ge Vermögens­de­lik­te zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers könn­ten bei ge­rin­gem wirt­schaft­li­chem Scha­den ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung oh­ne vor­aus­ge­gan­ge­ne Ab­mah­nung nicht recht­fer­ti­gen. Da­mit hat sie le­dig­lich in ei­ner recht­lich um­strit­te­nen Fra­ge ei­nen für sie güns­ti­gen Stand­punkt ein­ge­nom­men. Dar­aus kann nicht ab­ge­lei­tet wer­den, sie wer­de sich künf­tig bei Ge­le­gen­heit in glei­cher Wei­se ver­trags­wid­rig ver­hal­ten.
- 23 - wahr­heits­wid­ri­gen Vor­brin­gens be­steht die Möglich­keit, ei­ne wei­te­re Kündi­gung aus­zu­spre­chen oder ei­nen Auflösungs­an­trag nach §§ 9, 10 KSchG an­zu­brin­gen. Da­bei kann nicht je­der un­zu­tref­fen­de Par­tei­vor­trag als „Lüge“ be­zeich­net wer­den. Die Wahr­neh­mung ei­nes Ge­sche­hens ist ge­ne­rell nicht un­be­ein­flusst vom äußeren und in­ne­ren Stand­punkt des Wahr­neh­men­den. Glei­ches gilt für Er­in­ne­rung und Wie­der­ga­be, zu­mal in ei­nem von star­ker Po­la­rität ge­prägten Verhält­nis, wie es zwi­schen Pro­zess­par­tei­en häufig be­steht. Wenn sich das Ge­richt nach den Re­geln des Pro­zess­rechts in §§ 138, 286 ZPO die - recht­lich bin­den­de, aber um des­wil­len nicht der Ge­fahr des Irr­tums ent­ho­be­ne - Über­zeu­gung bil­det, ein be­stimm­ter Sach­ver­halt ha­be sich so und nicht an­ders zu­ge­tra­gen, ist da­mit die frühe­re, mögli­cher­wei­se ab­wei­chen­de Dar­stel­lung ei­ner Par­tei nicht zu­gleich als ge­ziel­te Ir­reführung des Ge­richts oder der Ge­gen­par­tei aus­ge­wie­sen. Es be­darf viel­mehr be­son­de­rer An­halts­punk­te, um ei­nen sol­chen - schwe­ren - Vor­wurf zu be­gründen.
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