Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kartellrecht-und-die-europaeische-grundrechtecharta-335903
Timestamp: 2020-01-20 11:19:51
Document Index: 267662731

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'Art. 47', 'Art. 283', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Kar­tell­recht und die Euro­päi­sche Grund­rech­te­char­ta | Rechtslupe
Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat Urtei­le des Gerichts der Euro­päi­schen sowie Ent­schei­dun­gen der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zu zwei Kar­tel­len in den Bran­chen Kup­fer-Indus­trie­roh­re und Kup­fer-Instal­la­ti­ons­roh­re bestä­tigt. Nach Auf­fas­sung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ver­stößt die vom Gericht der Euro­päi­schen Uni­on aus­ge­üb­te Kon­trol­le von Ent­schei­dun­gen der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, mit denen in Wett­be­werbs­sa­chen Geld­bu­ßen ver­hängt wer­den, nicht gegen den Grund­satz des effek­ti­ven gericht­li­chen Rechts­schut­zes, wie er in der Grund­rech­te­char­ta der Uni­on vor­ge­se­hen ist.
Mit Ent­schei­dung vom 16. Dezem­ber 2003 stell­te die Euro­päi­che Kom­mis­si­on das Bestehen eines Kar­tells im Sek­tor Kup­fer-Indus­trie­roh­re (ihr Haupt­an­wen­dungs­ge­biet liegt in der Kli­ma- und Käl­te­tech­nik) fest. Eini­ge der mit einer Sank­ti­on beleg­ten Unter­neh­men gehör­ten zu der KME-Grup­pe – näm­lich KME Ger­ma­ny, KME Fran­ce und KME Ita­ly –; gegen sie wur­den gesamt­schuld­ne­risch Geld­bu­ßen in einer Gesamt­hö­he von 39,81 Mio. € ver­hängt 1.
Mit Ent­schei­dung vom 3. Sep­tem­ber 2004 stell­te die Kom­mis­si­on fest, dass eine Rei­he von Unter­neh­men, dar­un­ter die KME-Grup­pe und das grie­chi­sche Unter­neh­men Chal­kor, an einem Kar­tell auf dem Markt für Kup­fer-Instal­la­ti­ons­roh­re (sie sind für Was­ser-, Öl‑, Gas- und Hei­zungs­in­stal­la­tio­nen bestimmt) betei­ligt waren 2. Chal­kor wur­de von der Kom­mis­si­on mit einer Geld­bu­ße von 9,16 Mio. € belegt. Die Unter­neh­men der KME-Grup­pe wur­den gesamt­schuld­ne­risch zur Zah­lung von ins­ge­samt 67,08 Mio. € Geld­bu­ße ver­pflich­tet. Die Unter­neh­men klag­ten bei dem Gericht der Euro­päi­schen Uni­on jeweils geson­dert auf Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dun­gen bzw. Her­ab­set­zung ihrer jewei­li­gen Geld­bu­ßen.
Was das Kar­tell auf dem Markt für Indus­trie­roh­re angeht, hat das Gericht ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten mit Urteil vom 6. Mai 2009 das gesam­te Vor­brin­gen der Unter­neh­men der KME-Grup­pe gegen die Fest­set­zung der ver­häng­ten Geld­bu­ße zurück­ge­wie­sen 3. Was das Kar­tell in der Bran­che für Kup­fer­In­stal­la­ti­ons­roh­re angeht, hat das Euro­päi­sche Gericht die Kla­ge die­ser Unter­neh­men mit Urteil vom 19. Mai 2010 abge­wie­sen 4. In bei­den Urtei­len ist das Euro­päi­sche Gericht zu dem Ergeb­nis gelangt, dass die Kom­mis­si­on die kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen des Kar­tells bei der Berech­nung des Aus­gangs­be­trags der Geld­bu­ße in ange­mes­se­ner Wei­se berück­sich­tigt habe. Fer­ner habe sie die Grö­ße des betrof­fe­nen Sek­tors zutref­fend beur­teilt und weder bei der Erhö­hung des Aus­gangs­be­trags der Geld­bu­ße auf­grund der Dau­er der Zuwi­der­hand­lung noch bei der Nicht­be­rück­sich­ti­gung bestimm­ter mil­dern­der Umstän­de einen Rechts­feh­ler began­gen.
Mit einem ande­ren, eben­falls am 19. Mai 2010 ergan­ge­nen Urteil hat das Gericht im Fall von Chal­kor – die­se war nur an einem der drei Tei­le des Kar­tells betei­ligt –, ent­schie­den, dass die Kom­mis­si­on nicht die Fra­ge geprüft habe, ob ein Zuwi­der­han­deln­der, der sich nur an einem Teil des Kar­tells betei­li­ge, eine min­der schwe­re Zuwi­der­hand­lung bege­he als ein Zuwi­der­han­deln­der, der sich im Rah­men des­sel­ben Kar­tells an allen Tei­len des Kar­tells betei­li­ge 5. Das Gericht hat daher die ursprüng­li­che Geld­bu­ße von 9,16 Mio. Euro um 10 % auf 8,25 Mio. Euro ermä­ßigt. Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on hat­te inso­weit in ihrer Ent­schei­dung fest­ge­stellt, dass die in Rede ste­hen­de Zuwi­der­hand­lung in drei ver­schie­de­nen For­men in Erschei­nung getre­ten sei. Der ers­te Teil des Kar­tells bestehe in den Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den eine bestimm­te Art von blan­ken Kup­fer-Instal­la­ti­ons­roh­ren her­stel­len­den „SANCO-Her­stel­lern“. Der zwei­te Teil umfas­se die Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den kunst­stoffum­man­tel­te Kup­fer-Instal­la­ti­ons­roh­re her­stel­len­den „WICU- und Cup­ro­therm-Her­stel­lern“. Der drit­te Teil des Kar­tells schließ­lich betref­fe die Ver­ein­ba­run­gen inner­halb einer grö­ße­ren Grup­pe von Her­stel­lern von blan­ken Kup­fer-Instal­la­ti­ons­roh­ren.
Die KME-Grup­pe und Chal­kor haben jeweils geson­der­te Rechts­mit­tel ein­ge­legt, mit denen sie die Auf­he­bung der Urtei­le des Gerichts und die Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on begeh­ren.
Mit sei­nen drei Urtei­len vom heu­ti­gen Tage weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on das gesam­te Vor­brin­gen der Unter­neh­men zurück.
Die Unter­neh­men hat­ten u. a. gerügt, dass das Gericht die Euro­päi­sche Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (Art. 6 EMRK) und das Uni­ons­recht – ins­be­son­de­re ihr in der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on vor­ge­se­he­nes Grund­recht auf effek­ti­ven gericht­li­chen Rechts­schutz, Art. 47 EU-Grund­rech­te­char­te, und Art. 283 AEUV – ver­letzt habe, indem es die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on nicht hin­rei­chend geprüft und sich im Über­maß und in ver­nunft­wid­ri­ger Wei­se auf die Wer­tun­gen der Kom­mis­si­on ver­las­sen habe. Chal­kor hat ins­be­son­de­re gel­tend gemacht, dass die wett­be­werbs­recht­li­chen Ver­fah­ren vor der Kom­mis­si­on Ver­fah­ren mit straf­recht­li­chem Cha­rak­ter im Sin­ne der EMRK sei­en und dass das Gericht, da die Kom­mis­si­on kein unab­hän­gi­ges und unpar­tei­isches Gericht sei, eine sowohl tat­säch­li­che als auch recht­li­che rich­ter­li­che Kon­trol­le vor­neh­men müs­se.
Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zieht ledig­lich die Grund­rech­te­char­ta her­an und weist dar­auf hin, dass die gericht­li­che Kon­trol­le von Ent­schei­dun­gen, mit denen wett­be­werbs­recht­li­che Zwangs­maß­nah­men ver­hängt wer­den, über die Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le hin­aus eine unbe­schränk­te Nach­prü­fung umfasst.
Zur Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le hat der Euro­päi­sche Gerichts­hof in sei­ner frü­he­ren Recht­spre­chung ent­schie­den, dass, auch wenn der Kom­mis­si­on in Berei­chen, in denen kom­ple­xe wirt­schaft­li­che Beur­tei­lun­gen erfor­der­lich sind, ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zusteht, dies nicht bedeu­tet, dass der Uni­ons­rich­ter eine Kon­trol­le der Aus­le­gung von Wirt­schafts­da­ten durch die Kom­mis­si­on unter­las­sen muss. Es ist Sache des Uni­ons­rich­ters, die­se Kon­trol­le auf der Grund­la­ge der vom Klä­ger vor­ge­leg­ten Bewei­se vor­zu­neh­men. Dabei kann der Uni­ons­rich­ter weder hin­sicht­lich der Wahl der Gesichts­punk­te, die bei der Anwen­dung der Kri­te­ri­en für die Bemes­sung der Geld­bu­ßen berück­sich­tigt wur­den, noch hin­sicht­lich ihrer Bewer­tung auf den Ermes­sens­spiel­raum der Kom­mis­si­on ver­wei­sen, um auf eine gründ­li­che recht­li­che wie tat­säch­li­che Kon­trol­le zu ver­zich­ten.
Die Befug­nis zu unbe­schränk­ter Nach­prü­fung betref­fend die Höhe der Geld­bu­ßen ermäch­tigt den Rich­ter über die rei­ne Kon­trol­le der Recht­mä­ßig­keit der Zwangs­maß­nah­me hin­aus dazu, die Beur­tei­lung der Kom­mis­si­on durch sei­ne eige­ne Beur­tei­lung zu erset­zen und dem­ge­mäß die ver­häng­te finan­zi­el­le Sank­ti­on auf­zu­he­ben, her­ab­zu­set­zen oder zu erhö­hen. Die Aus­übung der Befug­nis zu unbe­schränk­ter Nach­prü­fung bedeu­tet jedoch nicht, dass der Rich­ter ver­pflich­tet wäre, die gesam­te ange­foch­te­ne Ent­schei­dung von Amts wegen zu prü­fen, was eine erneu­te Prü­fung des gesam­ten Vor­gangs erfor­dern wür­de.
Der Gerichts­hof stellt zum einen fest, dass der Uni­ons­rich­ter eine Kon­trol­le sowohl in recht­li­cher als auch in tat­säch­li­cher Hin­sicht vor­neh­men muss und befugt ist, die Bewei­se zu wür­di­gen, die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung für nich­tig zu erklä­ren und die Höhe der Geld­bu­ßen zu ändern. Es ist daher nicht ersicht­lich, dass die im Uni­ons­recht vor­ge­se­he­ne­rich­ter­li­che Kon­trol­le gegen den in der Grund­rech­te­char­ta ver­an­ker­ten Grund­satz des effek­ti­ven gericht­li­chen Rechts­schut­zes ver­stößt. Zum ande­ren hat das Gericht im vor­lie­gen­den Fall die umfas­sen­de recht­li­che und tat­säch­li­che Kon­trol­le, zu der es ver­pflich­tet ist, aus­ge­übt.
EU-Kom­mis­si­on, Ent­schei­dung vom 16.12.2003 – C(2003) 4820 end­gül­tig – in einem Ver­fah­ren nach Arti­kel 81 EG und Arti­kel 53 EWR-Abkom­men (Sache COMP/E‑1/38.240 – Indus­trie­roh­re), ABl. L 125, S. 50[↩]
EU-Kom­mis­si­on, Ent­schei­dung vom 03.09.2004 – C(2004) 2826 – in einem Ver­fah­ren nach Arti­kel 81 EG und Arti­kel 53 EWR-Abkom­men (Sache COMP/E‑1/38.069 – Kup­fer­in­stal­la­ti­ons­roh­re), ABl. L 192, S. 21[↩]
EuG, Urteil vom 06.05.2009 – T‑127/​04 [KME Ger­ma­ny u. a. /​Kom­mis­si­on][↩]
EuG, Urteil vom 19.05.2010 – T‑25/​05 [KME Ger­ma­ny u. a. /​Kom­mis­si­on][↩]
EuG, Urtiel vom 19.05.2010 – T‑21/​05 [Chal­kor /​Kom­mis­si­on][↩]
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