Source: http://www.hensche.de/Urteile_Ueberstunden_schaetzen_Ueberstunden_koennen_vom_Gericht_geschaetzt_werden_BAG_5AZR602-13.html
Timestamp: 2018-03-23 13:08:50
Document Index: 182902510

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 612', '§ 287', 'BGH', '§ 288', '§ 286']

1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 18. April 2013 - 8 Sa 1649/12 - wird zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über die Vergütung von Über­stun­den.
Die Be­klag­te be­treibt ein Un­ter­neh­men des pri­va­ten Om­ni­bus­ge­wer­bes. Der 1956 ge­bo­re­ne Kläger ab­sol­vier­te nach vor­an­ge­gan­ge­ner Ar­beits­lo­sig­keit bei ihr im April 2011 ei­ne Maßnah­me zur be­ruf­li­chen Ein­glie­de­rung und war an­sch­ließend vom 1. Mai 2011 bis zum 31. März 2012 als Bus­fah­rer im Li­ni­en-ver­kehr ge­gen ein Brut­to­mo­nats­ge­halt von 1.800,00 Eu­ro beschäftigt.
In­halt, Be­ginn und Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses
Der Ar­beit­neh­mer erhält mo­nat­lich 1.800,00 EU­RO brut­to zzgl. 6,00 EU­RO (>8 Std.) bzw. 12,00 EU­RO (>14 Std.) Spe­sen pro Ar­beits­tag. Auf das Ge­halt wird am 1. ei­nes je­den Mo­nats ein Ab­schlag ge­zahlt in Höhe von 600,00 EU­RO net­to und das Rest­ge­halt wird zum 15. ei­nes Mo­nats aus­ge­zahlt. Zu die­sem Ter­min wer­den auch die Spe­sen ab­ge­rech­net.
Die Ar­beits­zeit ist dem Ar­beit­neh­mer be­kannt. Er hat im Mo­nat 2 Sams­ta­ge und je­den Sonn­tag frei. Dies kann durch die Geschäfts­lei­tung, kurz­fris­tig geändert wer­den, z.B. Sams­tag und Sonn­tag ar­bei­ten, dafür freie Ta­ge in der Wo­che. Der Ar­beit­neh­mer kann auch zu an­de­ren Ar­bei­ten her­an­ge­zo­gen wer­den z.B. Werk­statt­hil­fe, Büro­hil­fe, Haus­meis­ter, Gar­ten­pfle­ge etc..
Auf­ga­ben des Ar­beit­neh­mers / Be­trieb­li­cher Ab­lauf
19:19 Uhr, Tour BRS 3 von 6:40 bis 17:01 Uhr, Tour BRS 4 von 6:35 bis 18:33 Uhr, Tour BRS 1 Fe­ri­en von 4:20 bis 15:15 Uhr, Tour BRS 2 Fe­ri­en von 15:15 bis 21:00 Uhr, Tour BRS 3 Fe­ri­en von 5:45 bis 19:09 Uhr, Tour BRS 4 Fe­ri­en von 6:20 bis 15:09 Uhr, Tour BRS 5 Fe­ri­en von 9:00 bis 19:59 Uhr, Tour BRS 1 sams­tags von 8:03 bis 20:09 Uhr, Tour BRS 2 sams­tags von 6:49 bis 15:28 Uhr, Tour BRS 3 sams­tags von 10:00 bis 19:45 Uhr, Tour BRS 4 sams­tags von 7:00 bis 16:24 Uhr und Tour BRS 5 sams­tags von 16:25 bis 0:38 Uhr. Fer­ner muss­te der Kläger vor An­tritt und nach Be­en­di­gung der Fahr­ten die ar­beits­ver­trag­lich fest­ge­hal­te­nen Kon­troll­maßnah­men und Rei­ni­gungstätig­kei­ten ausführen, de­ren Dau­er zwi­schen den Par­tei­en strei­tig ge­blie­ben ist. Glei­ches gilt für die Fahr­ten vom Be­trieb zur ers­ten Hal­te­stell­te und von der letz­ten Hal­te­stel­le zum Be­trieb.
gan­ge­nen Förder­maßnah­me be­kannt ge­we­sen. Im Übri­gen sei­en bei ei­ner über­schlägi­gen Be­rech­nung im Durch­schnitt al­len­falls rund 8,5 St­un­den pro Ar­beits­tag an­ge­fal­len. Hin­zu kom­me ei­ne Rüstzeit von zehn Mi­nu­ten ar­beitstäglich. Die im Li­ni­en­ver­kehr an­fal­len­den War­te­zei­ten sei­en sämt­lich als Pau­sen zu wer­ten.
40 Wo­chen­stun­den ver­ein­bart. Das er­gibt die Aus­le­gung der §§ 1, 4 Ar­beits­ver­trag.
der Ar­beits­ver­wal­tung die Dau­er der Ar­beits­zeit be­kannt ge­we­sen, lässt nicht er­ken­nen, dass die Par­tei­en sich über die Mo­da­litäten der Ar­beits­zeit aus­drück­lich rechts­geschäft­lich ge­ei­nigt hätten.
4. Weil die für das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en maßge­ben­de Ar­beits­zeit durch Aus­le­gung des § 1 Ar­beits­ver­trag er­mit­telt wer­den kann, kommt es auf die Exis­tenz ei­ner be­triebsübli­chen Ar­beits­zeit (vgl. BAG 15. Mai 2013 - 10 AZR 325/12 - Rn. 21; 25. Fe­bru­ar 2015 - 5 AZR 481/13 - Rn. 25) nicht an. Zu­dem lässt sich dem Vor­brin­gen der Be­klag­ten nicht ent­neh­men, dass sie - vom Kläger ab­ge­se­hen - mit ih­ren Beschäftig­ten ei­ne kon­kret be­stimm­te Dau­er der Ar­beits­zeit ver­ein­bart hätte. Al­lein durch ein­sei­ti­ge An­ord­nung des Ar­beit­ge­bers kann ei­ne be­triebsübli­che Ar­beits­zeit nicht rechts­ver­bind­lich be­gründet wer­den.
II. Die Vergütung von Über­stun­den setzt - bei Feh­len ei­ner an­wend­ba­ren ta­rif­ver­trag­li­chen Re­ge­lung - ent­we­der ei­ne ent­spre­chen­de ar­beits­ver­trag­li­che Ver­ein­ba­rung oder ei­ne Vergütungs­pflicht nach § 612 Abs. 1 BGB vor­aus.
fang ge­leis­te­ter Über­stun­den nach § 287 Abs. 2 iVm. Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 ZPO schätzen (BAG 21. Mai 1980 - 5 AZR 194/78 - zu 4 a der Gründe).
den, weil die dem Ar­beit­neh­mer vom Ar­beit­ge­ber zu­ge­wie­se­ne Ar­beit ge­ne­rell oder zu­min­dest im Streit­zeit­raum nicht oh­ne die Leis­tung von Über­stun­den zu er­brin­gen war. Kann in ei­nem sol­chen Fal­le der Ar­beit­neh­mer nicht je­de ein­zel­ne Über­stun­de be­le­gen (et­wa weil zeit­na­he Ar­beits­zeit­auf­schrie­be feh­len, über­haupt der Ar­beit­ge­ber das zeit­li­che Maß der Ar­beit nicht kon­trol­liert hat oder Zeu­gen nicht zur Verfügung ste­hen), kann und muss der Tatrich­ter nach pflicht­gemäßen Er­mes­sen das Min­dest­maß ge­leis­te­ter Über­stun­den schätzen, so­fern dafür aus­rei­chen­de An­knüpfungs­tat­sa­chen vor­lie­gen. Je­den­falls ist es nicht ge­recht­fer­tigt, dem auf­grund des vom Ar­beit­ge­ber zu­ge­wie­se­nen Um­fangs der Ar­beit im Grund­satz be­rech­tig­ten Ar­beit­neh­mer je­de Über­stun­den­vergütung zu ver­sa­gen (vgl. BAG 21. Mai 1980 - 5 AZR 194/78 - zu 4 a der Gründe; BGH 17. De­zem­ber 2014 - VIII ZR 88/13 - Rn. 46).
Um­fang der Ar­beit von „rund 8,5 St­un­den pro Ar­beits­tag“ zuzüglich zehn Mi­nu­ten Rüstzeit aus­zu­ge­hen. Da­bei hat die Be­klag­te schon al­le War­te­zei­ten her­aus­ge­rech­net und als Pau­sen ge­wer­tet, oh­ne dar­zu­le­gen, dass der Kläger da­bei frei über die Nut­zung des Zeit­raums be­stim­men konn­te und sich nicht et­wa im oder am Bus zur Ar­beit be­reit­hal­ten muss­te (zum Rechts­be­griff der Pau­se BAG 25. Fe­bru­ar 2015 - 5 AZR 886/12 - Rn. 21 mwN).
IV. Ver­zugs­zin­sen ste­hen dem Kläger in dem vom Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­ge­ur­teil­ten Um­fang nach § 288 Abs. 1, § 286 Abs. 1 Satz 1 BGB zu.
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