Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Mitbestimmungsrecht_des_Betriebsrats_beim_Verfahren_der_Beschwerdestelle_nach_dem_AGG_BAG_1ABR42-08.html
Timestamp: 2019-02-23 07:23:46
Document Index: 198150380

Matched Legal Cases: ['§ 87', '§ 13', '§ 13', '§ 13', '§ 13', '§ 12', '§ 87', '§ 87', '§ 76', '§ 87', '§ 87', '§ 87']

Mitbestimmungsrecht des Betriebsrats beim Verfahren der Beschwerdestelle nach dem AGG - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/139
Wie ei­ne AGG-Be­schwer­de­stel­le funk­tio­niert, ist ge­setz­lich nicht im De­tail fest­ge­legt
06.08.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat in ei­nem Be­schluss vom Ju­li 2009 ent­schie­den, dass der Be­triebs­rat ein Mit­be­stim­mungs­recht ge­mäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­triebs­ver­fas­sungs­ge­setz (Be­trVG) bei der Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens der Be­schwer­de­stel­le hat, die der Ar­beit­ge­ber nach den Vor­schrif­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) er­rich­ten muss (§ 13 Abs.1 AGG), da­mit sich die Be­schäf­tig­ten we­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen be­schwe­ren kön­nen.
Das Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats beim The­ma AGG-Be­schwer­de­stel­le um­fasst auch das Recht des Be­triebs­rats, ein Ver­fah­ren der AGG-Be­schwer­de­stel­le von sich aus ein­zu­for­dern, d.h. hier hat der Be­triebs­rat ein Initia­tiv­recht: BAG, Be­schluss vom 21.07.2009, 1 ABR 42/08.
Ein­rich­tung von Be­schwer­de­stel­len nach dem AGG: vom Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats um­fasst?
Der Fall: Dro­ge­rie­markt­ket­te rich­tet Be­schwer­de­stel­le oh­ne Be­tei­li­gung des Be­triebs­rats ein
BAG: Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats bei der Er­rich­tung ei­ner Be­schwer­de­stel­le nach § 13 AGG
Gemäß § 13 Abs.1 Satz 1 AGG ha­ben die Beschäftig­ten das Recht, sich bei den „zuständi­gen Stel­len des Be­triebs oder des Un­ter­neh­mens“ zu be­schwe­ren, wenn sie sich aus ei­nem der im AGG ge­nann­ten Gründe be­nach­tei­ligt fühlen, wenn sie al­so z.B. der Mei­nung sind, we­gen ih­res Ge­schlechts, ih­rer Re­li­gi­on, ih­rer Her­kunft oder ih­res Al­ters dis­kri­mi­niert zu wer­den.
Gemäß § 13 Abs.1 Satz 2 AGG ist die Be­schwer­de zu prüfen und das Er­geb­nis dem Beschäftig­ten mit­zu­tei­len. Darüber hin­aus muss der Ar­beit­ge­ber gemäß § 12 Abs.5 AGG die für die Ent­ge­gen­nah­me der Be­schwer­de zuständi­ge Stel­le im Be­trieb be­kannt ma­chen. Die Be­ach­tung ei­nes be­stimm­ten Ver­fah­rens, um sich zu be­schwe­ren, ist da­ge­gen im AGG nicht vor­ge­schrie­ben.
Vor die­sem Hin­ter­grund ist um­strit­ten, ob der Be­triebs­rat bei der Er­rich­tung von Be­schwer­de­stel­len im Sin­ne des AGG ein Mit­be­stim­mungs­recht in so­zia­len An­ge­le­gen­hei­ten gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG hat.
Nach die­ser Vor­schrift hat der Be­triebs­rat bei Fra­gen der „Ord­nung des Be­triebs und des Ver­hal­tens der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb“ mit­zu­be­stim­men, d.h. ein­sei­ti­ge Ent­schei­dun­gen des Ar­beit­ge­bers sind in sol­chen An­ge­le­gen­hei­ten nicht zulässig; zu­dem kann der Be­triebs­rat auch von sich aus in den der Mit­be­stim­mung gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG un­ter­lie­gen­den Fra­gen ak­tiv wer­den und vom Ar­beit­ge­ber ei­ne ge­mein­sa­me Re­ge­lung ver­lan­gen.
Können sich Be­triebs­rat und Ar­beit­ge­ber in Ver­hand­lun­gen nicht ei­ni­gen, so kann nach § 76 Be­trVG die Ei­ni­gungs­stel­le an­ge­ru­fen wer­den. Da­zu muss ei­ne Sei­te ei­nen An­trag stel­len, erst dann wird sie ak­tiv. Die Ein­lei­tung des Ver­fah­rens kann ent­we­der er­zwun­gen wer­den oder es kann auf frei­wil­li­ger Ba­sis von bei­den Sei­ten ein­ge­lei­tet wer­den. In ers­te­rem Fall ist der Spruch der Stel­le letzt­lich für al­le Be­tei­lig­ten zwin­gend und im letz­te­ren nur, wenn sie sich un­ter­wer­fen wol­len.
Ge­gen ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats gemäß § 87 Be­trVG bei der Ein­rich­tung und Aus­ge­stal­tung von Be­schwer­de­stel­len nach dem AGG spricht al­ler­dings, dass ein sol­ches Recht nur be­steht, „so­weit ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung nicht be­steht“ (§ 87 Abs.1 Ein­gangs­satz Be­trVG). Und hier kann man sa­gen, dass je­den­falls die Ein­rich­tung ei­ner Be­schwer­de­stel­le als sol­che vom AGG und so­mit ge­setz­lich zwin­gend vor­ge­schrie­ben ist, so dass für ein Mit­be­stim­mungs­recht kein Raum mehr ist.
An­de­rer­seits ist im AGG kein spe­zi­el­les Ver­fah­ren der Be­hand­lung von Be­schwer­den vor­ge­schrie­ben, so dass in­so­weit je­den­falls kei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung im AGG exis­tiert. Aber be­trifft das Ver­fah­ren, das die AGG-Be­schwer­de­stel­le bei der Be­hand­lung von Be­schwer­den be­ach­te­tet, über­haupt „die Ord­nung des Be­triebs“ und/oder „das Ver­hal­ten der Ar­beit­neh­mer im Be­trieb“?
Fra­gen über Fra­gen, zu de­nen das BAG mit Be­schluss vom 21.07.2009, 1 ABR 42/08, Stel­lung ge­nom­men hat.
Das in ers­ter In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Trier wies den An­trag des Be­triebs­rats zurück, da es der Mei­nung war, dem Be­triebs­rat ste­he bei der Er­rich­tung ei­ner AGG-Be­schwer­de­stel­le kein Mit­be­stim­mungs­recht zu (Be­schluss vom 19.12.2007, 1 BV 162/07).
Die hier­ge­gen ge­rich­te­te Be­schwer­de wies das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz in ei­ner sorgfältig be­gründe­ten Ent­schei­dung zurück, da es im Er­geb­nis eben­falls ein Mit­be­stim­mungs­recht des Be­triebs­rats ver­nein­te (Be­schluss vom 17.04.2008, 9 TaBV 9/08), ließ al­ler­dings we­gen der grundsätz­li­chen Klärungs­bedürf­tig­keit der strei­ti­gen Rechts­fra­gen die Rechts­be­schwer­de zum BAG zu.
Das BAG stellt nicht nur fest, dass die Einführung und Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens, das die AGG-Be­schwer­de­stel­le bei der Be­ar­bei­tung von Be­schwer­den zu be­ach­ten hat, der Mit­be­stim­mung des Be­triebs­rats gemäß § 87 Abs.1 Nr.1 Be­trVG un­terfällt.
Noch wei­ter­ge­hend ist das BAG so­gar der Mei­nung, dass dem Be­triebs­rat hier ein Initia­tiv­recht zu­ste­he. Der Be­triebs­rat, so das BAG, „kann zu die­sem Zweck selbst in­itia­tiv wer­den und ein Be­schwer­de­ver­fah­ren über die Ei­ni­gungs­stel­le durch­set­zen.“
Das Mit­be­stim­mungs­recht hängt al­so nicht et­wa, wie dies ei­ner der ver­schie­de­nen An­sich­ten in der Dis­kus­si­on über das (et­wai­ge) Mit­be­stim­mungs­recht bei Be­schwer­de­stel­len nach dem AGG ent­spricht, da­von ab, dass der Ar­beit­ge­ber sei­ner­seits ein Ver­fah­ren der Be­hand­lung von AGG-Be­schwer­den vor­ge­ben möch­te (was er nach dem AGG nicht muss), son­dern viel­mehr kann der Be­triebs­rat aus ei­ge­ner Initia­ti­ve die Er­rich­tung ei­nes sol­chen Be­schwer­de­ver­fah­ren ver­lan­gen. Spielt der Ar­beit­ge­ber nicht mit, ent­schei­det not­falls die Ei­ni­gungs­stel­le.
Mit­be­stim­mungs­frei ist da­ge­gen nach An­sicht des BAG die Ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers über den Ort der Be­schwer­de­stel­le und über ih­re per­so­nel­le Be­set­zung. Hier­bei han­de­le es sich um „mit­be­stim­mungs­freie or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ent­schei­dun­gen“.
Der Be­schluss des BAG ist über­ra­schend weit­ge­hend, d.h. an­ge­sichts der bis­he­ri­gen Mei­nungs­land­schaft hätte man mit ei­ner aus Be­triebs­rats­sicht ungüns­ti­ge­ren Ent­schei­dung rech­nen können.
Er ist darüber hin­aus von er­heb­li­cher prak­ti­scher Be­deu­tung für die Be­triebs­rats­ar­beit, da das Ver­fah­ren der Be­hand­lung von AGG-Be­schwer­den durch die Be­schwer­de­stel­le von zen­tra­ler Be­deu­tung für die ge­sam­te Ar­beit der Be­schwer­de­stel­le ist.
Ist das Ver­fah­ren schnell, ef­fek­tiv und für die Be­tei­lig­ten (ein­sch­ließlich des Be­triebs­rats) trans­pa­rent, kann die Be­schwer­de­stel­le ein Mo­tor für die be­trieb­li­che Um­set­zung des AGG sein. Wird ein Ver­fah­ren da­ge­gen gar nicht oder in un­zweckmäßiger Wei­se ge­re­gelt, wird die Be­schwer­de­stel­le ein Schat­ten­da­sein führen.
Fa­zit: Dass der Be­triebs­rat vor dem BAG ver­lor und da­mit drei­mal hin­ter­ein­an­der den Kürze­ren zog, darf über sei­nen Sieg in der Sa­che selbst nicht täuschen. Im vor­lie­gen­den Fall hat­te der Ar­beit­ge­ber nämlich ei­ne über­be­trieb­li­che Be­schwer­de­stel­le er­rich­tet, was er zunächst ein­mal mit­be­stim­mungs­frei tun konn­te.
Zuständig für die Aus­ge­stal­tung des Ver­fah­rens war da­her nicht der ört­li­che Be­triebs­rat, son­dern der Ge­samt­be­triebs­rat (GBR). Und pro­zes­siert hat­te im vor­lie­gen­den Streit­fall eben nicht der GBR, son­dern ein Be­triebs­rat.
Letzte Überarbeitung: 20. März 2018