Source: http://juris.bundessozialgericht.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bsg&Datum=2012-8-23&nr=12609&linked=pv
Timestamp: 2019-12-16 03:03:28
Document Index: 17105503

Matched Legal Cases: ['§ 7', '§ 7', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 40', '§ 328', '§ 19', '§ 328', '§ 50', '§ 40', '§ 40', '§ 328', '§ 40', '§ 22', '§ 22', '§ 22', '§ 22', '§ 22']

Terminvorschau Nr. 44/12
Der 4. Senat des Bundessozialgerichts beabsichtigt, am 23. August 2012 im Weißenstein-Saal über vier Revisionen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende aufgrund mündlicher Verhandlung zu entscheiden.
1)	10.00 Uhr - B 4 AS 34/12 R - B. ./. Jobcenter Region Hannover
Die Klägerin wohnt seit 1975 mit Herrn L. zusammen. 1986 erfolgte der Umzug in ein gemeinsam finanziertes und im jeweils hälftigen Eigentum stehendes Eigenheim. Die laufenden Ausgaben für die Finanzierung des Hauses, die Versorgung mit Energie und den Telefonanschluss finanzieren sie seither über ein gemeinsames Konto. Darüber hinaus verfügen beide über eigene Konten, für die dem jeweils anderen eine Verfügungsvollmacht erteilt worden war. Für die das Hauseigentum und den Hausrat betreffenden Versicherungen sind beide Versicherungsnehmer. Nachdem der Beklagte der Klägerin ab Mitte 2005 zunächst Alg II bewilligt hatte, lehnte er eine Fortzahlung für die Zeit ab Juni 2007 ab, da die Klägerin in einer Bedarfsgemeinschaft mit Herrn L. lebe und ihr Hilfebedarf durch die Berücksichtigung seines Einkommens gedeckt werden könne.
Nach Anhörung der Klägerin und Vernehmung des Herrn L. als Zeugen hat das SG die Klage abgewiesen. Das LSG hat die Berufung der Klägerin hiergegen zurückgewiesen. Zur Begründung hat es im Wesentlichen ausgeführt, die Klägerin sei nicht hilfebedürftig. Sie lebe mit Herrn L. in einer auf Dauer angelegten Verbindung, so dass die Vermutung bestehe, die Partner fühlten sich derart füreinander verantwortlich, dass sie zunächst ihren gemeinsamen Lebensunterhalt sicherstellten, bevor sie ihr persönliches Einkommen zur Befriedigung eigener Bedürfnisse verwendeten. Die Klägerin habe diese Vermutung nicht widerlegen können. Darauf, dass die Klägerin nach ihrem eigenen Vorbringen von der erteilten Vollmacht niemals Gebrauch gemacht habe, komme es nicht an, denn bereits die diesbezügliche Verfügungsbefugnis genüge, um eine Partnerschaft zu indizieren. Maßgeblich bleibe insoweit das Bestehen einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft, die daneben keine Lebensgemeinschaft gleicher Art zulasse und sich durch eine enge innere Bindung auszeichne, die ein gegenseitiges Einstehen der Partner füreinander begründe. Das LSG hat die Revision wegen grundsätzlicher Bedeutung zugelassen. Es bedürfe der Klärung, ob in Übereinstimmung mit der von ihm vertretenen Rechtsauffassung auch eine solche Beziehung als Partnerschaft iS von § 7 Abs 3 Nr 3c SGB II anzusehen sei, in der es zB an einer indiziellen Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft fehle, bei der jedoch der insoweit selbstständigen Lebensführung in einer langjährigen gemeinsamen Wohnung eine über Jahrzehnte aufrechterhaltene persönliche Beziehung zugrunde liege.
Mit ihrer Revision rügt die Klägerin die Verletzung des § 7 Abs 3 Nr 3c, Abs 3a SGB II. Selbst bei Vorliegen der Vermutungstatbestände müsse berücksichtigt werden, dass eine Partnerschaft dann nicht bestehe, wenn jemand sein Einkommen oder Vermögen ausschließlich zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse oder zur Erfüllung eigener Verpflichtungen verwende.
2)	10.45 Uhr - B 4 AS 167/11 R -	R. ./. Landkreis Ostprignitz-Ruppin
Die 1971 geborene Klägerin lebte im streitigen Zeitraum von Mai 2007 bis März 2008 mit ihren beiden 1991 und 2003 geborenen Kindern, ihren Rentenleistungen beziehenden Eltern sowie ihrer Schwester in einem in ihrem Eigentum stehenden Einfamilienhaus mit einer Gesamtwohnfläche von 97 m². Der Beklagte bewilligte ihr im streitigen Zeitraum - ohne von einer Haushaltsgemeinschaft auszugehen - SGB II-Leistungen ohne Berücksichtigung eines Mehrbedarfs für Alleinerziehende.
Das LSG hat die Berufung des Beklagten gegen das zusprechende Urteil des SG mit der Maßgabe zurückgewiesen, dass dieser dem Grunde nach verurteilt werde, der Klägerin im streitigen Zeitraum höhere Grundsicherungsleistungen unter Berücksichtigung eines Mehrbedarfs gemäß § 21 Abs 3 Nr 1 SGB II zu gewähren. Der Sohn der Klägerin sei ohne wesentliche, dem typischen Pflege- und Erziehungsbeitrag eines Vaters entsprechende Beteiligung Dritter von ihr versorgt und erzogen worden. Ihre Eltern hätten im Wesentlichen übereinstimmend bekundet, dass die Klägerin seinerzeit nahezu allein insbesondere für die Ernährung, die Bekleidung, die Erziehung und das seelische Wohl der Kinder zuständig gewesen und dabei von ihnen oder der Schwester nicht in erheblichem Maße unterstützt worden sei. Dabei könne offen bleiben, ob bzw inwieweit bei den Eltern und der Schwester eine Bereitschaft zur Mitwirkung bestanden habe, weil Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht (ausschließlich) der Eltern sei. Die Rechtfertigung des Mehrbedarfs für Alleinerziehende erlaube es nicht, § 21 Abs 3 SGB II so auszulegen, dass einer Alleinerziehenden die Leistung zu versagen sei, weil sie mit Familienangehörigen unter einem Dach lebe, die zwar die zur Rechtfertigung des Mehrbedarfs allgemein herangezogenen Bedarfslagen ausglichen, ansonsten an Pflege und Erziehung der Kinder aber nicht substantiell beteiligt seien. Der Senat wende daher die Vorschrift trotz der aufgezeigten Ungereimtheiten - die Vorschrift sei in einem auf Bedarfsdeckung ausgerichteten System ein Fremdkörper - mangels sinnvoller Alternative gemäß ihrem Wortlaut an und halte sie nicht für verfassungswidrig.
Mit seiner vom LSG zugelassenen Revision rügt der Beklagte die Verletzung des § 21 Abs 3 Nr 1 SGB II. Entgegen der Wertung der Zeugenaussagen durch die Vorinstanzen stehe nicht fest, dass die Eltern der Klägerin und deren Schwester nicht an der Erziehung der Kinder mitgewirkt hätten. Eine wesentliche Mitwirkung bzw erhebliche Unterstützungsleistungen bei der Erziehung könnten unter Berücksichtigung von Sinn und Zweck der Norm nicht gefordert werden.
3)	11.30 Uhr - B 4 AS 169/11 R -	K. ./. Jobcenter Berlin Marzahn-Hellersdorf
Der Klägerin wurden ua für den Monat Januar 2009 wegen des noch nicht feststehenden Einkommens aus einer Tätigkeit als Produktionshelferin vorläufig Leistungen in Höhe von 73,49 Euro gewährt. Nach Vorlage von Lohnabrechnungen setzte der Beklagte den Leistungsanspruch der Klägerin endgültig fest und forderte für Januar 2009 die Erstattung von 73,49 Euro. Das Widerspruchsverfahren verlief erfolglos.
Das SG hat die angefochtenen Bescheide aufgehoben, soweit die Erstattung der vorläufig gewährten Leistungen angeordnet war. Das LSG hat das Urteil des SG aufgehoben und die Klage abgewiesen. Die Voraussetzungen des § 40 Abs 1 S 2 Nr 1a SGB II iVm § 328 Abs 3 S 2 SGB III für den Erstattungsanspruch in Höhe von 73,49 Euro seien erfüllt. Die Klägerin habe für den Monat Januar 2009 keinen Anspruch auf Leistungen nach den § § 19 ff SGB II gehabt, weil sie nicht hilfebedürftig gewesen sei. Es handele sich bei § 328 Abs 3 S 2 SGB III um eine gegenüber § 50 SGB X eigenständige Erstattungsvorschrift. Deshalb könne die Vorschrift des § 40 Abs 2 S 1 SGB X nicht zur Begrenzung der Erstattungspflicht herangezogen werden. Die Vorschrift könne auch nicht entsprechend angewandt werden, weil eine planwidrige Regelungslücke nicht vorliege. Eine Schutzlücke bestehe schon deshalb nicht, weil der von einer endgültigen Ablehnung eines SGB II-Leistungsbetrages betroffene Begünstigte nachträglich Wohngeld beantragen könne. Eine Lücke liege auch dann nicht vor, wenn unterstellt werde, dass eine nachträgliche Wohngeldbewilligung ausgeschlossen sei bzw davon ausgegangen werde, dass im Einzelfall ein geringerer Betrag als Wohngeld zu bewilligen wäre.
Mit der vom LSG zugelassenen Revision rügt die Klägerin eine Verletzung des § 40 Abs 1 S 2 Nr 1a SGB II aF iVm § 328 Abs 3 S 2 SGB III. Bei der Erstattung vorläufig erbrachter Leistungen sei eine analoge Anwendung des § 40 Abs 2 S 1 SGB II vorzunehmen. Es sei eine planwidrige Regelungslücke gegeben, die Bezieher von vorläufigen Leistungen benachteilige.
4)	12.30 Uhr - B 4 AS 32/12 R -	1. C.K., 2. A.K. ./. Jobcenter Berlin Marzahn-Hellersdorf
Die Klägerin zu 1 und Mutter der in 2004 geborenen Klägerin zu 2 schloss ohne vorherige Einschaltung des Beklagten mit ihrer Vermieterin eine Modernisierungsvereinbarung. Gegenstand war eine komplette Modernisierung des Bades, das "zwar voll gebrauchsfähig" sei, "den heutigen Wohnbedürfnissen und Anforderungen" aber nicht mehr entspreche, "auf Wunsch des Mieters". Im Gegenzug verlangte die Vermieterin einen monatlichen Mietzuschlag in Höhe von 29,27 Euro. Der Beklagte lehnte es ab, bei den SGB II-Leistungen die insofern ab 1.9.2008 erhöhten Unterkunftskosten zu berücksichtigen.
Das LSG hat das klageabweisende Urteil des SG bestätigt. Aus der Mieterhöhung ergebe sich kein höherer Leistungsanspruch, weil die zusätzlichen Aufwendungen der Badmodernisierung in entsprechender Anwendung des § 22 Abs 1 S 2 SGB II nicht zu erbringen seien. Diese Regelung sei "planwidrig" unvollständig. Wie die vorliegende, keineswegs außergewöhnliche Konstellation zeige, könne es auch dadurch zu einer vom Gesetzgeber unerwünschten Erhöhung der Unterkunftskosten kommen, dass ein mit qualitativ ausreichendem Wohnraum versorgter Leistungsberechtigter mit seinem Vermieter eine Modernisierung vereinbare. Dass es vor der Badmodernisierung bereits zu einer gesundheitsgefährdenden Schimmelbildung gekommen wäre, hätten die Klägerinnen nicht geltend gemacht.
Mit ihren Revisionen rügen die Klägerinnen eine Verletzung von § 22 Abs 1 S 1 und 2 SGB II. Eine analoge Anwendung der § § 22 Abs 1 S 2 SGB II und § 22 Abs 4 SGB II sei ausgeschlossen, weil eine planwidrige Regelungslücke und vergleichbare Interessenlage nicht vorliege. Der Beklagte könne nur Kostensenkungsmaßnahmen nach § 22 Abs 1 S 3 SGB II einleiten, wenn durch umgelegte Modernisierungsmaßnahmen die Angemessenheitsgrenzen für Unterkunftskosten überschritten würden.