Source: https://www.grin.com/document/456958
Timestamp: 2019-04-25 10:06:15
Document Index: 227982707

Matched Legal Cases: ['§218', '§ 218', '§ 218', '§ 218', '§ 218', '§ 218', '§ 218', '§ 218', '§ 218', '§ 218', '§ 2']

Pränataldiagnostik und ihre Auswirkungen auf werdende Eltern | Publish your master's thesis, bachelor's thesis, essay or term paper
Zur Entscheidungsproblematik nach einem auffälligen Befund
2. Pränataldiagnostik – Was ist das?
2.1.1 Schwangerschaftsabbruch nach §218 StBG
2.1.2 Schwangerschaftskonfliktgesetz
2.2.1 Nicht invasive Methoden
2.2.1.1 Ultraschalluntersuchung
2.2.1.2 Ersttrimester-Screening
2.2.1.3 Untersuchung des mütterlichen Blutes
2.2.2 Invasive Methoden
2.2.2.1 Amniozentese (Fruchtwasserentnahme)
2.2.2.2 Chorionzottenbiopsie (Punktion des Mutterkuchens)
2.2.2.3 Cordozentese (Nabelschnurpunktion)
3. Eltern in der Entscheidungsproblematik für oder gegen das Fortsetzen der
Schwangerschaft nach einem auffälligen Befund
3.1 Mögliche Reaktionen nach einem auffälligen Befund
3.1.1 Die Angst vor dem Leben mit einem behinderten oder kranken Kind
3.1.2 Die Entscheidung für das Leben mit einem behinderten oder kranken Kind
3.1.3 Die Entscheidung für den Schwangerschaftsabbruch
3.2 Schwangerschaftsabbruch infolge von Pränataldiagnostik
4. Pränataldiagnostik – Ein ethisches Problem?
„Die Schwangerschaft und die Entwicklung des ungeborenen Kindes waren seit jeher von großem Interesse. Bis Mitte der 60er Jahre war man dabei aber in erster Linie auf Tasten und Horchen angewiesen.“ (Fosen-Schlichtinger 2002, S. 94). Heutzutage kann die Schwangerschaft genauestens überwacht und das Kind schon vor der Geburt auf bestimmte Störungen, Behinderungen und Krankheiten gründlich untersucht werden. Verschiedene Verfahren, die hierzu angewandt werden, nennt man Pränataldiagnostik. Hierzu gibt es verschiedene Methoden, die mit einem unterschiedlichen Risiko für das Ungeborene verbunden sind. Heutzutage müssen sich alle werdenden Eltern entscheiden, ob und wenn in welchem Umfang sie pränataldiagnostische Angebote nutzen und wie viel sie so schon über ihr ungeborenes Kind erfahren wollen. Eltern haben hier sehr unterschiedliche Wünsche. Manche wollen genauestens informiert sein und wissen, ob ihr Kind sich normal entwickelt, während andere sich lieber auf ihr Gefühl verlassen und nicht wissen wollen, wie ihr Kind zur Welt kommen wird, weil sie ihr Kind annehmen wollen, wie es ist.
Die Pränataldiagnostik gibt vielen Eltern die Sicherheit, dass ihr Kind sich normal entwickelt und es können gewisse Behinderungen und Krankheiten beim ungeborenen Kind ausgeschlossen werden. Doch die Garantie für ein gesundes Baby kann auch die Pränataldiagnostik nicht gewährleisten (vgl. www.focus.de). Und es trifft natürlich auch immer wieder einige Eltern die Nachricht eines auffälligen Befundes, ihr Kind könnte behindert oder krank zur Welt kommen. In dieser Situation müssen die werdenden Eltern entscheiden, ob sie das Kind trotzdem bekommen wollen oder ob sie sich gegen das Kind und somit für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Diese schwerwiegende Entscheidung löst meist große innere Konflikte bei den Betroffenen aus. Um die unterschiedlichen Möglichkeiten, die Eltern in dieser Situation haben, und um die Entscheidungsproblematik in der sie sich befinden, soll es in der vorliegenden Arbeit gehen. Jede dieser Situationen ist jedoch speziell und einzigartig für die Betroffenen, sodass hier nur verallgemeinert und bei weitem nicht allumfassend darüber geschrieben werden kann. Pränataldiagnostik stellt heute auch ein ethisches Streitthema dar. Gegner argumentieren, es handle sich um eine Art „Qualitätscheck“ für das werdende Leben und behindertes Leben würde diskriminiert werden, während die Befürworter der Pränataldiagnostik die Vorteile für die Eltern, die sich für die individuelle Lebensplanung ergeben, hervorheben und meinen, es könne unnötiges Leiden verhindert werden. Hier teilen sich die Meinungen unter Experten und in der Gesellschaft stark und jeder wird seine eigene Positionierung zu dieser Thematik einnehmen. Jede Schwangere muss dies tun. In der vorliegenden Arbeit soll das Thema so wertungsfrei wie möglich beleuchtet und Vor- und Nachteile der Pränataldiagnostik aufgezeigt werden.
Der Wunsch nach einem gesunden Kind gilt als natürlich und durchaus berechtigt, es wünschen sich wohl alle Eltern ein gesundes Kind und glücklicherweise kommen auch fast alle Kinder (ca. 97%, vgl. www.familie.de [1]) gesund zur Welt. Viele werdende Eltern erhoffen sich von pränatalen Untersuchungen die Gewissheit, dass ihr Kind sich normal entwickelt und gesund zur Welt kommen wird. Wer sich für eine solche vorgeburtliche Untersuchung entscheidet, muss sich allerdings auch mit der Frage auseinandersetzen, was passiert, wenn das ungeborene Kind mit einer Behinderung oder Erkrankung zur Welt kommen sollte. Hinzu kommt die Tatsache, dass nur ein geringer Anteil der möglichen Behinderungen durch die Pränataldiagnostik festgestellt werden kann. Ein großer Teil der Störungen ist nicht eindeutig feststellbar, entwickelt sich erst nach der Geburt, im Laufe des Lebens oder entsteht während der Geburt (vgl. www.welt.de).
„Die Pränataldiagnostik ist eine von weiten Kreisen der Bevölkerung akzeptierte, jedoch auch umstrittene Methode, da sie die Option eines Schwangerschaftsabbruchs bietet“ (Holzgreve; Miny in: Schriftenreihe des Bundesministers für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit 1990, S. 37). In den letzten Jahren ist sowohl das Angebot an Pränataldiagnostik angestiegen als auch die Nachfrage vonseiten der werdenden Eltern. Die Pränataldiagnostik scheint inzwischen ein fester Bestandteil der Schwangerenversorgung geworden zu sein. Zunehmend werden pränataldiagnostische Untersuchungen nicht nur Frauen mit einem erhöhten Risiko für die Geburt eines behinderten oder kranken Kindes angeboten, sondern allen Schwangeren, ganz unabhängig von ihrem Alter und den bestehenden Risikofaktoren. „Nach Untersuchungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) hat die überwiegende Mehrheit der Schwangeren (85%) mindestens eine pränataldiagnostische Maßnahme in Anspruch genommen. Gleichzeitig jedoch kennt die Hälfte der Schwangeren den Begriff Pränataldiagnostik entweder nicht oder versteht etwas Falsches darunter“ (BZgA 2010, S. 4). Es scheint dabei den meisten nicht bewusst zu sein, dass der Pränataldiagnostik auch schwerwiegende Entscheidungen und Konflikte folgen können. Viele Eltern sind sich nicht darüber im Klaren, was sie tun wollen, wenn sie einen auffälligen Befund erhalten und mit der Frage konfrontiert werden, ob sie den Abbruch der erwünschten Schwangerschaft in Erwägung ziehen (vgl. BZgA 1 – 2007, S. 7). Hinzu kommt, dass durch die rasante technische Entwicklung der Diagnoseverfahren leicht der Überblick verloren gehen kann und den Schwangeren die Einschätzung der Angemessenheit der verschiedenen Methoden erschwert wird. Bei der Deutung der Befunde sind die werdenden Eltern meist ganz auf die Fachleute angewiesen, insbesondere dann, wenn es sich um eine statistische Risikoeinschätzung handelt. Diese Tatsache stellt eine besondere Herausforderung an die kommunikative Kompetenz der Ärztinnen und Ärzte dar (vgl.
BZgA 1 -2007, S. 7).
Fakt ist, „an der Entscheidung für oder gegen PND kommt heute keine schwangere Frau vorbei. Ob das im Einzelfall für sie eine Chance oder eine Belastung bedeutet, mag sehr unterschiedlich sein“ (BZgA 1-2007, S. 41).
Für sozialpädagogische und psychologische Fachkräfte, die den Betroffenen beratend und unterstützend zur Seite stehen, ist die Pränataldiagnostik ein aktuelles und komplexes Thema. Die Fachkräfte müssen sich damit auseinandersetzen, in welcher schwierigen Situation sich die Betroffenen nach dem Erhalt eines auffälligen Befundes befinden und in welche Entscheidungsproblematik sie infolgedessen geraten. Die Schwangere bzw. das Elternpaar steht vor einer weitreichenden Entscheidung, in dem Entscheidungsprozess suchen viele die Hilfe von Beratungsstellen auf. Diese Thematik kann also durchaus für Erziehungswissenschaftler relevant sein und im beruflichen Alltag in einigen pädagogischen Handlungsfeldern werden sie mit Pränataldiagnostik und den sich daraus ergebenden Konflikten in Berührung kommen.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Fragestellung „Welche Entscheidungsproblematik entsteht für Eltern infolge eines auffälligen Befundes in der Pränataldiagnostik?“ und versucht, aufzuzeigen in welcher Situation sich die Betroffenen und Schwangere, die Pränataldiagnostik nutzen, heute generell befinden. Zunächst wird die Frage geklärt, was genau Pränataldiagnostik ist, welche rechtlichen Aspekte hierbei eine Rolle spielen und es werden einige pränataldiagnostische Methoden vorgestellt (Kapitel 2).
Im dritten Kapitel geht es um die Entscheidungsproblematik, in welche die Eltern nach einem auffälligen Befund geraten. Hierbei werden die unterschiedlichen Entscheidungsmöglichkeiten und jeweils eventuelle Beweggründe dargelegt, entweder für das Leben mit einem möglicherweise behinderten oder kranken Kind oder für den Schwangerschaftsabbruch. Darauf folgend wird auch der Schwangerschaftsabbruch als Eingriff infolge von Pränataldiagnostik thematisiert, da er sich von einer Abtreibung ohne Indikation bis zur zwölften Schwangerschaftswoche stark unterscheidet. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob Pränataldiagnostik möglicherweise ein ethisches Problem in unserer Gesellschaft darstellt. Auf diese Frage kann natürlich keine eindeutige Antwort gegeben werden, es geht viel mehr um das Aufzeigen verschiedener Sichtweisen und Standpunkte, um das Thema vielseitig zu beleuchten. Die Arbeit schließt mit einem Resümee ab, in welchem die wichtigsten Gedanken noch einmal hervorgehoben werden sollen.
Zusätzlich zur regulären Schwangerenvorsorge gibt es weitere vorgeburtliche Untersuchungsverfahren, die gezielt nach Abweichungen und Störungen beim ungeborenen Kind suchen: die sogenannte Pränataldiagnostik. Die Grenzen zwischen der regulären Vorsorge und der Pränataldiagnostik sind fließend, denn Pränataldiagnostik wird heutzutage quasi selbstverständlich jeder Schwangeren, die die normale Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, angeboten (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2011, S. 18).
„Wörtlich übersetzt bedeutet Prä-Natal-Diagnostik „Untersuchung vor der Geburt“. Üblicherweise versteht man darunter alle gezielten Untersuchungen zur Feststellung beziehungsweise zum Ausschluss von Fehlbildungen oder Chromosomenabweichungen des Kindes [...]“ (BZgA 1-2007, S. 38). Geht man der einfachen wörtlichen Übersetzung nach, könnte man auch das von allen Hebammen praktizierte Abhören oder Abtasten des Bauches der Mutter als eine pränatale Diagnosetechnik bezeichnen. „Im engeren Sinne jedoch sind […] die aus der Entwicklung neuer Technologien entstandenen instrumentellen Möglichkeiten gemeint, die in der Lage sind, weite Bereiche des Schwangerschaftsgeschehens und der Fötalentwicklung zu beleuchten [...]“ (Ehrlich 1993, S. 22).
Viele werdende Eltern möchten die Pränataldiagnostik als Möglichkeit nutzen, die gesunde Entwicklung ihres ungeborenen Kindes bestätigt zu wissen. Die weitaus meisten Befunde fallen negativ aus, das bedeutet, es konnte keine Abweichung festgestellt werden, also eine positive Nachricht für die werdenden Eltern. Bei einem Teil der Schwangeren treten jedoch unerwartete auffällige oder positive (auch: pathologische) Befunde auf, es wurde also eine Abweichung festgestellt, was bei den Betroffenen zu hohen psychischen Belastungen führt. Idealerweise können frühzeitig therapeutische Maßnahmen noch während der Schwangerschaft geplant und umgesetzt werden, dies ist jedoch leider nur sehr selten möglich. Bestehen aufgrund der Diagnose und Prognose keine therapeutischen Möglichkeiten, geraten die werdenden Eltern in schwere Konfliktsituationen (vgl. BzgA 2010, S. 4).
2.1.1 Schwangerschaftsabbruch § 218 StGB
„Die legale Abtreibung ist ein notwendiger Bestandteil der gegenwärtigen Pränataldiagnose. Für die meisten Befunde, die vor der Geburt entdeckt werden können, gibt es keine vorgeburtliche Behandlung. […] Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, daß Abtreibung illegal werden sollte, kann man sich schwer vorstellen, daß die Pränataldiagnose legal weiter bestehen könnte. Es wäre möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich, daß die Frühuntersuchung, genau wie die Abtreibung selbst, weiterhin außerhalb des Gesetzes angeboten werden würde“ (Katz Rothman 1989, S. 32). Eltern, die der Pränataldiagnostik zustimmen, sollten sich darüber bewusst sein, dass ein pathologischer Befund überwiegend zu einem Schwangerschaftsabbruch führt, da kaum Therapiemöglichkeiten bestehen. Hierfür bildet der § 218 StGB die gesetzliche Grundlage. Die erste Fassung des § 218 StGB stammt aus dem Jahr 1871 und besagt, dass der Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich verboten ist und strafbar sei. Durch ein Änderungsgesetz von 1935 in der nationalsozialistischen Zeit wurde die zwangsweise Abtreibung aus medizinischen und rassenhygienischen Gründen hinzugefügt. Hiermit wurde zum ersten Mal die gesetzliche Verankerung der eugenischen Indikation eingeführt. Im Jahr 1949 wurde der § 218 StGB wieder in der Fassung von 1871 gültig, allerdings mit der Hinzufügung, dass ein Schwangerschaftsabbruch nach einer medizinischen Indikation straffrei möglich war. Eine Neufassung dieses Gesetzes erfolgte 1976, wobei man sich auf eine Fassung des § 218 StGB in Form einer Indikationsregelung einigte, welche bis 1992 gültig war. Der Schwangerschaftsabbruch wurde in dieser Fassung dann als straffrei erklärt, wenn eine soziale, medinzische kriminologische oder embryopathische (auch: kindliche oder eugenische) Indikation vorlag (vgl. Willenbring 1999, S. 34 f). „Die embryopathische Indikation (§ 218 StGB, Absatz 2, Nr. 1) besagte, daß ein Schwangerschaftsabbruch nicht strafbar ist, [...] wenn nach ärztlicher Erkenntnis dringende Gründe für die Annahme sprechen, daß das Kind infolge einer Erbanlage oder schädlicher Einflüsse vor der Geburt an einer nicht behebbaren Schädigung seines Gesundheitszustandes leiden würde, die so schwer wiegt, daß von der Schwangeren die Fortsetzung der Schwangerschaft nicht verlangt werden kann“ (Willenbring 1999, S. 35).
Nach der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland und durch die unterschiedlichen Gesetzgebungen in den Ländern wurde eine Neuregelung des § 218 StGB notwendig. Nach einer Übergangsregelung von 1992 bis 1995 besteht seit 1.7.1995 eine Neufassung des Gesetzes, das eine Fristenlösung, nämlich die Abtreibung in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen ohne Indikation, mit Beratungspflicht für die Schwangere einführte. Außerdem bestehen weiter die kriminologische und die medizinische Indikation. Die embryopathische Indikation wurde auf das Drängen verschiedener Behindertenverbände aus dem § 218 StGB gestrichen (vgl. Willenbring 1999, S. 36). In dem neuen § 218 StGB lautet die medizinische Indikation folgendermaßen: „Der mit der Einwilligung der Schwangeren von einem Arzt vorgenommene Schwangerschaftsabbruch ist nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegendes Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden und die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann“ (Willenbring 1999, S. 37). Nun ist also nicht länger der diagnostische Befund der Föten ein Grund für eine Abtreibung, sondern allein die psychische Belastung der Mutter durch das behinderte Kind. Das setzt einen psychiatrischen Sachverstand bei Ärztinnen und Ärzten voraus, um die mütterliche Belastung festzustellen (vgl. Willenbring 1999, S. 37).
In den häufig existentiellen Krisensituationen, in denen sich werdende Eltern infolge eines auffälligen oder gar positiven Befundes nach pränataldiagnostischen Untersuchungen befinden, besteht oftmals ein erheblicher Informations-, Aufklärungs- und Beratungsbedarf. Es hat sich jedoch gezeigt, dass dieser Bedarf in der Vergangenheit häufig nicht ausreichend gedeckt werden konnte und Schwangere und ihre Partner oftmals keinen ausreichenden Zugang zu einer in ihrer schweren Situation erforderlichen niedrigschwelligen, umfassenden und fachübergreifenden ärztlichen sowie psychosozialen Beratung erhielten. Aus diesem Grund hat der Gesetzgeber das Gesetz zur Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) beschlossen, welches am 1. Januar 2010 in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz regelt Eckpunkte für eine umfassende fachübergreifende ärztliche Beratung und garantiert Schwangeren bei einem auffälligen Befund im Rahmen der Pränataldiagnostik auch, dass sie darüber in Kenntnis gesetzt werden, Anspruch auf eine umfassende psychosoziale Beratung in einer entsprechenden Beratungsstelle zu haben und dass sie diese infolge der ärztlichen Kontaktvermittlung vereinfacht erlangen. Die Schwangere ist allerdings nicht zu einer Beratung verpflichtet. Vielmehr sind die Ärztinnen und Ärzte verpflichtet, eine umfassende Aufklärung und Beratung zu leisten und im Einvernehmen mit der Schwangeren Kontakt zu einer psychosozialen Beratungsstelle herzustellen. Die in § 2a SchKG als Bedenkzeit vorgesehenen drei Tage zwischen Mitteilung der Diagnose und der schriftlichen Feststellung der Voraussetzungen einer medizinischen Indikation für einen Schwangerschaftsabbruch verschafft den Betroffenen den Raum, die Schocksituation zu begreifen und die möglichen Konsequenzen des vorliegenden Befundes gründlich zu überdenken. Diese Bedenkzeit gilt jedoch nicht, wenn eine akute Gefahr für Körper und Leben der Schwangeren besteht. Ein Ziel dieser gesetzlichen Regelung ist es, die Kooperation und Vernetzung zwischen Ärztinnen und Ärzten und psychosozialen Beraterinnen und Beratern zu intensivieren bzw. anzustoßen (vgl. BZgA 2010, S. 4 ff).
Die Methoden der Pränataldiagnostik haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine enorme Entwicklung und Ausdifferenzierung erfahren. Immer früher in der Schwangerschaft und auch bei immer mehr und immer jüngeren Schwangeren setzen die zur Verfügung stehenden Untersuchungsverfahren an (vgl. BZgA 2010, S. 29).
Man unterscheidet nicht invasive (außerhalb des Körpers) und invasive (innerhalb des Körpers) Methoden der Pränataldiagnostik. „Nicht invasive Methoden bringen keine diagnostische Sicherheit, sondern liefern ein mögliches Risikoprofil, eine Wahrscheinlichkeit. Invasive (in den Körper eindringende) Methoden […] [bieten] überwiegend eindeutige Diagnose[n] – allerdings ohne die Möglichkeit einer Prognose, wie sich die Störung im Einzelfall ausprägen wird“ (BZgA 2010, S. 29).
Zu den nicht invasiven Verfahren gehören die Ultraschalluntersuchungen, Bluttests und die Ersttrimester-Untersuchung. Die invasiven Verfahren haben die Gewinnung kindlicher Zellen zum Ziel, die einen Eingriff in den Körper der Schwangeren voraussetzen. Zu den invasiven Verfahren zählen die Amniozentese, die Chorionzottenbiopsie und die Cordozentese (vgl. BZgA 2010, S. 30). Allerdings zeigt es sich immer wieder, dass sich viele Frauen aus Angst vor den Ergebnissen dieser Untersuchungen verunsichert und gestresst fühlen (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2011, S. 18).
„Die Indikation für die PND ist in den meisten europäischen Ländern insofern aufgeweicht worden, als zumindest die nicht-invasive PND als Standard der Schwangerschaftsbetreuung gilt“ (Haker in: Lenzen 2004, S. 152).
2.2.1 Nicht-invasive Methoden
„Untersuchungen, die körperlich nicht unmittelbar in das Schwangerschaftsgeschehen eingreifen, werden als „Nicht invasive Methoden“ der Pränataldiagnostik bezeichnet. Sie ermitteln aus verschiedenen Parametern ein Risikoprofil, das die Wahrscheinlichkeit ausdrückt, mit der eine genetische Störung vorliegen kann, aber nicht muss. Sie führen nicht zu einer Diagnose [...]“ (BZgA 2010, S. 34).
Ultraschalluntersuchungen stellen die wohl wichtigste Methode der Schwangerenvorsorge dar, sie gehören quasi selbstverständlich zur Schwangerenvorsorge für jede werdende Mutter dazu, da sie hierbei vorgesehen sind. Ultraschall stellt jedoch auch eine Methode der Pränataldiagnostik dar (vgl. BZgA 2010, S. 30). „Als Ultraschall werden Schwingungen bezeichnet, deren Frequenz über 16000 Hertz liegt. Sie sind mit dem menschlichen Ohr nicht wahrnehmbar, aber es gibt eine Methode, sie sichtbar zu machen“ (Ehrlich 1993, S. 23). Zunächst waren die Ultraschallbilder zweidimensional, mit der heutigen modernen Technik ist es sogar schon möglich, dreidimensionale Bilder des Ungeborenen abzubilden.
In der regulär vorgesehenen Schwangerenvorsorge spielen Ultraschalluntersuchungen heute eine zentrale Rolle. Viele werdende Eltern finden es beruhigend, ihr ungeborenes Kind in Echtzeit sehen zu können und so seine Entwicklung zu verfolgen. Bei jeder Ultraschalluntersuchung wird unter anderem die Lage des Kindes geprüft, ebenso wie seine Herzaktivität, ob das Kind sich zeitgerecht entwickelt oder sich Auffälligkeiten zeigen. Das sogenannte „Babyfernsehen“ wird immer beliebter. Drei Ultraschalluntersuchungen, in jedem Schwangerschaftsdrittel eine, gehören zur regulären Vorsorge durch den Gynäkologen/die Gynäkologin dazu. Bei keiner anderen Untersuchung werden mehr Auffälligkeiten in der Schwangerschaft entdeckt als beim Routine-Ultraschall. Die Ultraschalluntersuchungen liefern allerdings nicht immer zuverlässige Ergebnisse. Das Kind liegt manchmal in einer für den Schallkopf des Gerätes ungünstigen Position oder die Fruchtwassermenge ist sehr gering, sodass sich das Ungeborene auf dem Ultraschallbild nicht deutlich genug von der Umgebung abhebt. Ist die werdende Mutter übergewichtig, wird die Abbildung durch das Fettgewebe unter der Bauchdecke möglicherweise undeutlich. Auch Narben auf dem Bauch und dem Unterleib können das Bild verfälschen. Entdeckt der Gynäkologe/die Gynäkologin Auffälligkeiten beim Routine-Ultraschall, empfiehlt er/sie der Schwangeren sehr wahrscheinlich eine Feindiagnostik per Ultraschall und wird sie an eine darauf spezialisierte Praxis oder Klinik überweisen (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2011, S. 14).
„In keinem anderen Land Europas werden so viele Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft gemacht wie in Deutschland. Und zwar nicht nur die, die zur regulären Schwangerenvorsorge gehören, sondern auch noch viele darüber hinaus. Das hat jedoch nicht zur Folge, dass deutsche Neugeborene gesünder zur Welt kommen. Hier schneiden alle westeuropäischen Länder gleich gut ab“ (Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2011, S. 15).
2.2.1.2 Das Ersttrimester-Screening
Das Ersttrimester-Screening kann schon in der 11. bis 14. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden und es beinhaltet eine Ultraschalluntersuchung, bei der der gesamte Embryo detailliert untersucht wird. Ein besonderes Augenmerk wird hierbei auf die Messung der Nackentransparenz, eine Flüssigkeitsansammlung im Nackenbereich, gelegt. Mittels dieser speziellen Ultraschalluntersuchung in Kombination mit einer Hormonuntersuchung des mütterlichen Blutes und dem Alter der Schwangeren findet eine Risikoabschätzung für eine Chromosomenstörung des Kindes statt (vgl. BZgA 1-2007, S. 4). Beim Ersttrimester-Screening wird nach Auffälligkeiten beim Ungeborenen gezielt gesucht. Es geht bei der Untersuchung vor allem darum, Hinweise auf Chromosomenveränderungen, beispielsweise auf Trisomie 21 (Down-Syndrom), zu erkennen. Hierbei werden die Ergebnisse der genetischen Sonografie, insbesondere die Dicke des kindlichen Nackenödems, mit der Bestimmung von Hormonen im mütterlichen Blut kombiniert (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege e.V. 2011, S. 19). Den Schwangeren und ihren Partnern muss hierbei deutlich vermittelt werden, dass es sich nur um eine Wahrscheinlichkeitsberechnung handelt und keine absolut sicheren Ergebnisse geliefert werden können.
Während der Schwangerschaft wird das Blut der Mutter verschiedenen Untersuchungen unterzogen, die fester Bestandteil der Mutterschaftsrichtlinien sind, z.B. auf Röteln, Lues, HIV und Hepatitis B. Andere Untersuchungen werden nur in speziellen Situationen durchgeführt, z.B. bei mütterlichen Erkrankungen oder auffälligen Befunden am Ungeborenen durch eine Ultraschalluntersuchung. Blutentnahmen bei der Mutter dienen auch der frühzeitigen Erkennung einer Schwangerschaftsvergiftung oder der Feststellung einer kindlichen Wachstumsstörung (vgl. BZgA 2010, S. 35f).
Der Hauptgrund für die Nutzung der invasiven Pränataldiagnostik ist die Angst vieler Eltern vor einem behinderten Kind (vgl. BZgA 1-2007, S. 54).
„Bei den sogenannten invasiven Verfahren wird über ein medizinisches Instrument, das im einfachsten Fall eine kleine Hohlnadel (Kanüle) ist, Material wie Fruchtwasser, Blut oder Zellen von Mutter oder dem ungeborenen Kind gewonnen. […] Grundsätzlich ist ein invasiver Eingriff immer mit einem Risiko für das Erleiden einer Fehlgeburt verbunden, insbesondere durch das Auslösen eines vorzeitigen Blasensprungs, also einer Öffnung der Fruchtblase vor dem Geburtstermin“ (BZgA 2010, S. 37).
Die Entnahme von Fruchtwasser aus der Fruchthöhle wird als Amniozentese bezeichnet. Anschließend werden aus dem Fruchtwasser kindliche Zellen gewonnen, die dann auf genetisch bedingte Erkrankungen untersucht werden (vgl. BZgA 2010, S. 38).
Empfohlen wird die Durchführung einer Amniozentese im Zeitraum der 15. bis 16. Schwangerschaftswoche, früher selten, denn je früher in der Schwangerschaft eine Amniozentese durchgeführt wird, desto größer ist das Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden. Bei dem Eingriff wird unter Berücksichtigung der Lage des Kindes und des Mutterkuchens mithilfe von Ultraschall die günstigste Einstichstelle gewählt. Nach Desinfektion der mütterlichen Bauchdecke wird unter ständiger Ultraschallkontrolle eine besonders dünne Nadel (0,7 mm Außendurchmesser) durch die Bauchdecke in die Fruchthöhle eingeführt und eine geringe Menge Fruchtwasser (ca. 12 bis 15 ml) entnommen. Das Verfahren dauert in der Regel weniger als eine Minute und eine örtliche Betäubung ist nicht nötig, sodass die Amniozentese ambulant durchgeführt werden kann. Im Anschluss werden im Labor die im Fruchtwasser schwimmenden lebenden kindlichen Zellen (Amniozyten) in einer Kultur angezüchtet, um so die Anzahl der Zellen zu erhöhen. Die Auswertung der Ergebnisse dauert in der Regel zehn bis 14 Tage. Die Fruchtwasserentnahme wird durchgeführt, um mögliche Störungen an Chromosomen zu erkennen. Bei der Chromosomenanalyse wird auf Chromosomenstörungen in der Anzahl geachtet, ebenso wie auf gröbere Veränderungen in der Chromosomenstruktur. Das Risiko für eine Fehlgeburt infolge eines Amniozentese liegt bei etwa 0,5%, ist also sehr gering (vgl. BZgA 2010, S. 38). „Bei speziellen Fragestellungen – in der Regel handelt es sich hier um eine bekannte familiäre Belastung – können die Amniozyten darüber hinaus auch zu molekulargenetischen und biochemischen Untersuchungen genutzt werden, beispielsweise um angeborene Stoffwechselstörungen nachzuweisen“ (BZgA 2010, S. 38).
V456958
9783668891012
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pränataldiagnostik auswirkungen eltern entscheidungsproblematik befund
Jennifer Siehms (Author), 2014, Pränataldiagnostik und ihre Auswirkungen auf werdende Eltern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456958
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