Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/richterliche-rechtsfortbildung-3117106
Timestamp: 2020-08-14 03:10:57
Document Index: 250423801

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 2', 'Art.20', 'Art.20', 'Art.20', 'Art.20', '§ 520', '§ 1', '§ 153', '§ 153']

Richterliche Rechtsfortbildung | Rechtslupe
Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung
Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­tet jedem all­ge­mei­ne Hand­lungs­frei­heit, soweit er nicht Rech­te ande­rer ver­letzt und nicht gegen das Sit­ten­ge­setz oder gegen die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung ver­stößt. Zu die­ser Ord­nung gehö­ren nicht nur die vom Norm­ge­ber gesetz­ten ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Vor­schrif­ten, son­dern auch deren Aus­le­gung durch den Rich­ter und eben­so die im Wege zuläs­si­ger rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung getrof­fe­nen Ent­schei­dun­gen [1]. Die Anwen­dung frei­heits­be­schrän­ken­der Geset­ze durch die Gerich­te steht ihrer­seits nur solan­ge mit Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) in Ein­klang, wie sie sich in den Gren­zen ver­tret­ba­rer Aus­le­gung und zuläs­si­ger rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung bewegt [2].
Die Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts, die Wahl der hier­bei anzu­wen­den­den Metho­den sowie sei­ne Anwen­dung auf den Ein­zel­fall sind Sache der dafür zustän­di­gen Fach­ge­rich­te; und vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht auf ihre Rich­tig­keit zu über­prü­fen. Nur wenn die Gerich­te hier­bei Ver­fas­sungs­recht ver­let­zen, kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de hin ein­grei­fen. Das ist nicht schon dann der Fall, wenn eine Ent­schei­dung am ein­fa­chen Recht gemes­sen objek­tiv feh­ler­haft ist [3]. Setzt sich die Aus­le­gung jedoch in kras­sen Wider­spruch zu den zur Anwen­dung gebrach­ten Nor­men und wer­den damit ohne ent­spre­chen­de Grund­la­ge im gel­ten­den Recht Ansprü­che begrün­det oder Rechts­po­si­tio­nen ver­kürzt, die der Gesetz­ge­ber unter Kon­kre­ti­sie­rung all­ge­mei­ner ver­fas­sungs­recht­li­cher Prin­zi­pi­en gewährt hat, so bean­spru­chen die Gerich­te Befug­nis­se, die von der Ver­fas­sung dem Gesetz­ge­ber über­tra­gen sind [4].
Die­se Ver­fas­sungs­grund­sät­ze ver­bie­ten es dem Rich­ter aller­dings nicht, das Recht fort­zu­ent­wi­ckeln. Ange­sichts des beschleu­nig­ten Wan­dels der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se und der begrenz­ten Reak­ti­ons­mög­lich­kei­ten des Gesetz­ge­bers sowie der offe­nen For­mu­lie­rung zahl­rei­cher Nor­men gehört die Anpas­sung des gel­ten­den Rechts an ver­än­der­te Ver­hält­nis­se zu den Auf­ga­ben der Drit­ten Gewalt [5]. Aus dem in Art.20 Abs. 3 GG ange­ord­ne­ten Vor­rang des Geset­zes folgt kein Ver­bot für den Rich­ter, gege­be­nen­falls vor­han­de­ne gesetz­li­che Lücken im Wege rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung zu schlie­ßen [6]. Der Auf­ga­be und Befug­nis zur schöp­fe­ri­schen Rechts­fin­dung und Rechts­fort­bil­dung sind jedoch mit Rück­sicht auf den aus Grün­den der Rechts­staat­lich­keit unver­zicht­ba­ren Grund­satz der Geset­zes­bin­dung der Recht­spre­chung Gren­zen gesetzt [7].
Die Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung sind wei­ter, soweit die vom Gericht im Wege der Rechts­fort­bil­dung gewähl­te Lösung dazu dient, der Ver­fas­sung, ins­be­son­de­re ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­ten des Ein­zel­nen, zum Durch­bruch zu ver­hel­fen, da inso­weit eine auch den Gesetz­ge­ber tref­fen­de Vor­ga­be der höher­ran­gi­gen Ver­fas­sung kon­kre­ti­siert wird [8]. Umge­kehrt sind die Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­fort­bil­dung dem­ge­mäß bei einer Ver­schlech­te­rung der recht­li­chen Situa­ti­on des Ein­zel­nen enger gesteckt [9]; die Rechts­fin­dung muss sich umso stär­ker auf die Umset­zung bereits bestehen­der Vor­ga­ben des ein­fa­chen Geset­zes­rechts beschrän­ken, je schwe­rer die beein­träch­tig­te Rechts­po­si­ti­on auch ver­fas­sungs­recht­lich wiegt.
Im Bereich des Abga­ben­rechts wer­den die Anfor­de­run­gen an eine über den Wort­laut hin­aus­ge­hen­de Aus­le­gung durch den aus dem Rechts­staats­prin­zip abzu­lei­ten­den Grund­satz der Tat­be­stands­mä­ßig­keit der Besteue­rung ver­stärkt. Danach muss die eine Steu­er­pflicht begrün­den­de Norm nach Inhalt, Gegen­stand, Zweck und Aus­maß hin­rei­chend bestimmt und begrenzt sein, so dass eine Steu­er­last in gewis­sem Umfang für den Bür­ger vor­aus­seh­bar sowie über­schau­bar wird [10]. Adres­sat die­ses Grund­sat­zes ist zunächst der Gesetz­ge­ber [11], der um mög­lichst kla­re, bestimm­te, exakt for­mu­lier­te und in ihren Fol­gen vor­her­seh­ba­re Nor­men bemüht sein muss [12]. Ein Ver­stoß eines Gerichts gegen den Grund­satz der Tat­be­stands­mä­ßig­keit der Besteue­rung bei der Aus­le­gung eines Steu­er­ge­set­zes kommt dann in Betracht, wenn es einen gesetz­li­chen Steu­er­tat­be­stand in ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­se aus­wei­tet [13]. Dem­entspre­chend dür­fen Steu­er­be­güns­ti­gungs­vor­schrif­ten nicht in ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­se ein­engend aus­ge­legt wer­den.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beschränkt sei­ne Kon­trol­le dar­auf, ob die rechts­fort­bil­den­de Aus­le­gung durch die Fach­ge­rich­te die gesetz­ge­be­ri­sche Grund­ent­schei­dung und des­sen Zie­le respek­tiert [14] und ob sie den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung folgt [15]. Dabei umreißt die Auf­fas­sung, ein Rich­ter ver­let­ze sei­ne Geset­zes­bin­dung gemäß Art.20 Abs. 3 GG durch jede Aus­le­gung, die nicht im Wort­laut des Geset­zes vor­ge­ge­ben ist, die Auf­ga­be der Recht­spre­chung zu eng. Art.20 Abs. 3 GG ver­pflich­tet die Gerich­te, nach Gesetz und Recht zu ent­schei­den. Eine bestimm­te Aus­le­gungs­me­tho­de oder gar eine rei­ne Wort­in­ter­pre­ta­ti­on schreibt die Ver­fas­sung nicht vor [16]. Der Wort­laut des Geset­zes zieht im Regel­fall kei­ne star­re Aus­le­gungs­gren­ze [17]. Zu den aner­kann­ten Metho­den der Geset­zes­aus­le­gung gehört auch die teleo­lo­gi­sche Reduk­ti­on [18]. Sie ist dann vor­zu­neh­men, wenn die aus­zu­le­gen­de Vor­schrift auf einen Teil der vom Wort­laut erfass­ten Fäl­le nicht ange­wandt wer­den soll, weil Sinn und Zweck der Norm, ihre Ent­ste­hungs­ge­schich­te und der Gesamt­zu­sam­men­hang der ein­schlä­gi­gen Rege­lun­gen gegen eine unein­ge­schränk­te Anwen­dung spre­chen [19].
Eine ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ge rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung ist dadurch gekenn­zeich­net, dass sie, aus­ge­hend von einer teleo­lo­gi­schen Inter­pre­ta­ti­on, den kla­ren Wort­laut des Geset­zes hint­an­stellt, ihren Wider­hall nicht im Gesetz fin­det; und vom Gesetz­ge­ber nicht aus­drück­lich oder – bei Vor­lie­gen einer erkenn­bar plan­wid­ri­gen Geset­zes­lü­cke – still­schwei­gend gebil­ligt wird [17]. Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung über­schrei­tet die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen, wenn sie deut­lich erkenn­ba­re, mög­li­cher­wei­se sogar aus­drück­lich im Wort­laut doku­men­tier­te gesetz­li­che Ent­schei­dun­gen abän­dert oder ohne aus­rei­chen­de Rück­bin­dung an gesetz­li­che Aus­sa­gen neue Rege­lun­gen schafft [20]. Auch darf sich der Rechts­an­wen­der im gewal­ten­tei­len­den Rechts­staat nicht über den kla­ren Wort­laut eines Geset­zes hin­weg­set­zen, um einem ver­mu­te­ten Ziel des Gesetz­ge­bers Wir­kung zu ver­schaf­fen [21].
Die­se Maß­stä­be gel­ten auch in Bezug auf (kom­mu­na­le Steuer-)Satzungen als Geset­ze im mate­ri­el­len Sin­ne [22].
Die Gren­zen ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung erge­ben sich grund­sätz­lich aus dem ord­nungs­ge­mä­ßen Gebrauch der aner­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den [23]. Eine Norm ist nur dann für ver­fas­sungs­wid­rig zu erklä­ren, wenn kei­ne nach den aner­kann­ten Aus­le­gungs­grund­sät­zen zuläs­si­ge und mit der Ver­fas­sung ver­ein­ba­re Aus­le­gung mög­lich ist. Las­sen der Wort­laut, die Ent­ste­hungs­ge­schich­te, der Gesamt­zu­sam­men­hang der ein­schlä­gi­gen Rege­lung und deren Sinn und Zweck meh­re­re Deu­tun­gen zu, von denen eine zu einem ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Ergeb­nis führt, so ist die­se gebo­ten [24]. Die Mög­lich­keit einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung endet aller­dings dort, wo sie mit dem Wort­laut und dem klar erkenn­ba­ren Wil­len des Norm­ge­bers in Wider­spruch trä­te [25]. Ande­ren­falls könn­ten die Gerich­te der rechts­po­li­ti­schen Ent­schei­dung des demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Norm­ge­bers vor­grei­fen oder die­se unter­lau­fen [26]. Das Ergeb­nis einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung muss dem­nach nicht nur vom Wort­laut des Geset­zes gedeckt sein, son­dern auch die prin­zi­pi­el­le Ziel­set­zung des Norm­ge­bers wah­ren [27]. Das gesetz­ge­be­ri­sche Ziel darf nicht in einem wesent­li­chen Punkt ver­fehlt oder ver­fälscht wer­den [28].
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 31. Okto­ber 2016 – 1 BvR 871/​13
BVerfGE 74, 129, 152[↩]
vgl. BVerfGE 128, 193, 209[↩]
vgl. BVerfGE 1, 418, 420; 18, 85, 92 f.; 113, 88, 103[↩]
BVerfGE 128, 193, 209 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 49, 304, 318; 82, 6, 12; 96, 375, 394; 122, 248, 267; 128, 193, 210[↩]
vgl. BVerfGE 108, 150, 160[↩]
vgl. BVerfGE 34, 269, 284 ff., 291; 65, 182, 194 f.; 122, 248, 286 – abw. M.; 138, 377, 392 Rn. 41[↩]
vgl. BVerfGE 65, 182, 194 f.; 71, 354, 362 f.; 122, 248, 286, 301 – abw. M.; 138, 377, 392 Rn. 41[↩]
vgl. BVerfGE 13, 153, 160; 19, 253, 267; 34, 348, 365; 73, 388, 400[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 01.04.2008 – XI B 223/​07 3[↩]
vgl. BVerfGE 108, 52, 75; 129, 1, 22 f.; 133, 143, 158 Rn. 41[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.04.1990 – 2 BvR 2/​90 7[↩]
vgl. BVerfGE 78, 20, 24; 111, 54, 82[↩]
vgl. BVerfGE 96, 375, 395; 113, 88, 104; 122, 248, 258; 128, 193, 210 f.[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 07.04.1997 – 1 BvL 11/​96, NJW 1997, S. 2230, 2231[↩]
vgl. BVerfGE 118, 212, 244[↩]
vgl. BVerfGE 65, 196, 210 ff.[↩]
vgl. BVerfGE 119, 247, 274; 138, 64, 93 Rn. 86[↩]
vgl. BVerfGE 88, 145, 166; 119, 247, 274[↩]
vgl. BVerfGE 95, 64, 93; 99, 341, 358; 101, 312, 329 m.w.N.; 138, 64, 94 Rn. 86; stRspr[↩]
vgl. BVerfGE 8, 71, 78 f.; 112, 164, 183[↩]
vgl. BVerfGE 86, 288, 320; 119, 247, 274[↩]
vgl. BVerfGE 119, 247, 274 m.w.N.; 138, 64, 94 Rn. 86[↩]
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