Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/folgen-eines-arbeitsunfalls-339073
Timestamp: 2020-08-08 07:11:31
Document Index: 305942618

Matched Legal Cases: ['§ 7', '§ 8', '§ 2', '§ 8', '§ 14', '§ 26', '§ 8', '§ 548', '§ 7', '§ 55']

Folgen eines Arbeitsunfalls | Rechtslupe
Fol­gen eines Arbeits­un­falls
Ob ein Arbeits­un­fall ursäch­lich für ent­stan­de­ne Schmerz­sym­pto­ma­tik bei arthro­ti­schen Ver­än­de­run­gen ist, hängt nicht nur von dem Unfall­ereig­nis selbst ab, son­dern auch von dem pro­gnos­ti­zier­te Zeit­punkt des Auf­tre­tens von Beschwer­den.
Mit die­ser Begrün­dung gab jetzt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg – gegen zwei ärzt­li­che Gut­ach­ten – der Kla­ge eines ver­un­fall­ten Arbeit­neh­mers statt: Der Klä­ger war ab 2004 bei der Fir­ma T. GmbH und Co. KG S., einem Auto­mo­bil­zu­lie­fer­be­trieb der Kunst­stoff­in­dus­trie, beschäf­tigt und inso­weit bei der Beklag­ten gesetz­lich unfall­ver­si­chert. Zuletzt war er in der Pro­duk­ti­on als Band­ar­bei­ter im Akkord tätig. Am 13.03.2006 stürz­te er auf dem Weg zur Arbeit nach Ver­las­sen sei­ner Woh­nung auf einer Trep­pe und fiel auf sei­ne lin­ke Hand. Eine unfall­be­ding­te Arbeits­un­fä­hig­keit wur­de ärzt­li­cher­seits zunächst bis zum 16.03.2006 bestä­tigt. Nach­dem er zwi­schen­zeit­lich sei­ne Arbeit wie­der auf­ge­nom­men hat­te, stell­te sich der Klä­ger am 24.04.2006 erneut beim Arzt vor und klag­te über Schmer­zen im Bereich des lin­ken Hand­ge­len­kes, infol­ge derer er nicht wei­ter arbei­ten kön­ne. Nach Mei­nung der Beklag­ten ende­te die unfall­be­ding­te Behand­lung mit dem 27.07.2006. Bis ein­schließ­lich des 15.09.2006 wur­de dem Klä­ger Ver­letz­ten­geld gezahlt. Die Beklag­te lehn­te die Gewäh­rung von Ren­te ab, da die Erwerbs­fä­hig­keit des Klä­gers nach Ende des Ver­letz­ten­geld­an­spru­ches nicht um wenigs­tens 20 v. H. gemin­dert sei. Dar­auf­hin hat der Klä­ger beim Sozi­al­ge­richt Frei­burg Kla­ge erho­ben und die Fest­stel­lung wei­te­rer Unfall­fol­gen sowie die Ver­ur­tei­lung der Beklag­ten zur Gewäh­rung wei­te­rer Leis­tun­gen begehrt. Mit Gerichts­be­scheid vom 28.07.2008 hat das Sozi­al­ge­richt die Kla­ge abge­wie­sen. Hier­ge­gen hat der Klä­ger Beru­fung ein­ge­legt.
Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt führt in sei­ner Urteils­be­grün­dung aus, dass Unfall­fol­gen Fol­gen von Arbeits­un­fäl­len i. S. von § 7 Abs. 1 SGB VII sind, also nach § 8 Abs. 1 Satz 1 SGB VII von Unfäl­len Ver­si­cher­ter infol­ge einer den Ver­si­che­rungs­schutz nach den §§ 2, 3, oder 6 SGB VII begrün­den­den Tätig­keit (ver­si­cher­te Tätig­keit). Für das Vor­lie­gen eines Arbeits­un­falls i. S. des § 8 Abs. 1 Satz 2 SGB VII (zeit­lich begrenz­tes, von außen auf den Kör­per ein­wir­ken­des Ereig­nis, das zu einem Gesund­heits­scha­den oder zum Tod führt) ist in der Regel erfor­der­lich [1], dass die Ver­rich­tung des Ver­si­cher­ten zur Zeit des Unfalls der ver­si­cher­ten Tätig­keit zuzu­rech­nen ist (inne­rer bzw. sach­li­cher Zusam­men­hang), dass die­se Ver­rich­tung zu dem zeit­lich begrenz­ten, von außen auf den Kör­per ein­wir­ken­den Ereig­nis, dem Unfall­ereig­nis, geführt hat (Unfall­kau­sa­li­tät) und letz­te­res einen Gesund­heits­scha­den oder den Tod des Ver­si­cher­ten ver­ur­sacht (haf­tungs­be­grün­den­de Kau­sa­li­tät) hat. Liegt danach ein Arbeits­un­fall vor, so bedarf es für die Gewäh­rung von Leis­tun­gen des Ent­ste­hens von län­ger andau­ern­den Unfall­fol­gen auf­grund des Gesundheits(-erst-)schadens (haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät).
Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind hier mit Blick auf die vom Klä­ger gel­tend gemach­ten Gesund­heits­stö­run­gen erfüllt.
So hat der Klä­ger zunächst am 13.03.2006 auf dem Weg zur Arbeit durch den Sturz auf sei­ne lin­ke Hand eine Dis­tor­si­on des Hand­ge­len­kes und damit einen Arbeits­un­fall erlit­ten; dies ist zwi­schen den Betei­lig­ten auch nicht im Streit. Auch lie­gen die gel­tend gemach­ten Gesund­heits­stö­run­gen vor. Eine schmerz­haf­te Bewe­gungs­ein­schrän­kung und Belas­tungs­min­de­rung des lin­ken Hand­ge­lenks mit Ver­min­de­rung der gro­ben Kraft der lin­ken Hand des Klä­gers haben die gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen Dr. Sch. und Dr. H. über­ein­stim­mend erho­ben. Fer­ner hat Dr. H. die vom Klä­ger bereits in der Ver­gan­gen­heit ange­ge­be­nen und ärzt­li­cher­seits auch nicht bezwei­fel­ten Emp­fin­dungs­stö­run­gen des III. Fin­gers der lin­ken Hand bestä­tigt. Schließ­lich liegt auch die erfor­der­li­che haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät zwi­schen dem Gesund­heits­erst­scha­den und den gel­tend gemach­ten Gesund­heits­stö­run­gen vor.
Im Bereich der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung gilt wie all­ge­mein im Sozi­al­recht für den ursäch­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen Unfall­ereig­nis und Gesund­heits­scha­den die Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung [2]. Die­se setzt zunächst einen natur­wis­sen­schaft­li­chen Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen dem Unfall­ereig­nis und dem Gesund­heits­scha­den vor­aus. Es ist daher in einem ers­ten Schritt – auf der Basis des aktu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stan­des über die Mög­lich­keit von Ursa­chen­zu­sam­men­hän­gen zwi­schen bestimm­ten Ereig­nis­sen und der Ent­ste­hung bestimm­ter Krank­hei­ten [3] – zu klä­ren, ob der Gesund­heits­scha­den auch ohne das Unfall­ereig­nis ein­ge­tre­ten wäre. Ist dies der Fall, war das Unfall­ereig­nis für den Gesund­heits­scha­den schon aus die­sem Grund nicht ursäch­lich. Andern­falls ist in einem zwei­ten, wer­ten­den Schritt zu prü­fen, ob das ver­si­cher­te Unfall­ereig­nis für den Gesund­heits­scha­den wesent­lich war. Denn als im Sin­ne des Sozi­al­rechts ursäch­lich und rechts­er­heb­lich wer­den nur sol­che Ursa­chen ange­se­hen, die wegen ihrer beson­de­ren Bezie­hung zum Erfolg zu des­sen Ein­tritt wesent­lich mit­ge­wirkt haben. Gab es neben der ver­si­cher­ten Ursa­che noch ande­re, kon­kur­rie­ren­de Ursa­chen (im natur­wis­sen­schaft­li­chen Sinn), z.B. Krank­heits­an­la­gen, so war die ver­si­cher­te Ursa­che wesent­lich, sofern die unver­si­cher­te Ursa­che nicht von über­ra­gen­der Bedeu­tung war. Eine über­wie­gen­de oder auch nur gleich­wer­ti­ge Bedeu­tung der ver­si­cher­ten gegen­über der kon­kur­rie­ren­den Ursa­che ist damit für die Annah­me des ursäch­li­chen Zusam­men­hangs nicht Vor­aus­set­zung.
Eine Ursa­che, die zwar natur­wis­sen­schaft­lich kau­sal, aber (im zwei­ten Prü­fungs­schritt) nicht als „wesent­lich“ anzu­se­hen ist und damit als Ursa­che nach der Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung und im Sin­ne des Sozi­al­rechts aus­schei­det, kann in bestimm­ten Fall­ge­stal­tun­gen als „Gele­gen­heits­ur­sa­che“ oder Aus­lö­ser bezeich­net wer­den. Für den Fall, dass die kau­sa­le Bedeu­tung einer äuße­ren Ein­wir­kung mit der­je­ni­gen einer bereits vor­han­de­nen krank­haf­ten Anla­ge zu ver­glei­chen und abzu­wä­gen ist, ist dar­auf abzu­stel­len, ob die Krank­heits­an­la­ge so stark oder so leicht ansprech­bar war, dass die „Aus­lö­sung“ aku­ter Erschei­nun­gen aus ihr nicht beson­de­rer, in ihrer Art uner­setz­li­cher äuße­rer Ein­wir­kun­gen bedurf­te, son­dern dass jedes ande­re all­täg­lich vor­kom­men­de Ereig­nis zu der­sel­ben Zeit die Erschei­nung aus­ge­löst hät­te. Bei der Abwä­gung kann der Schwe­re des Unfall­ereig­nis­ses Bedeu­tung zukom­men. Dass der Begriff der Gele­gen­heits­ur­sa­che durch die Aus­tausch­bar­keit der ver­si­cher­ten Ein­wir­kung gegen ande­re all­täg­lich vor­kom­men­de Ereig­nis­se gekenn­zeich­net ist, berech­tigt aller­dings nicht zu dem Umkehr­schluss, dass bei einem gra­vie­ren­den, nicht all­täg­li­chen Unfall­ge­sche­hen oder beson­de­ren Pro­ble­men in der anschlie­ßen­den Heil­be­hand­lung ein gegen­über einer Krank­heits­an­la­ge recht­lich wesent­li­cher Ursa­chen­bei­trag ohne wei­te­res zu unter­stel­len ist [4].
Gesichts­punk­te für die Beur­tei­lung der beson­de­ren Bezie­hung einer ver­si­cher­ten Ursa­che zum Erfolg sind neben der ver­si­cher­ten Ursa­che bzw. dem Ereig­nis als sol­chem, ein­schließ­lich der Art und des Aus­ma­ßes der Ein­wir­kung, die kon­kur­rie­ren­de Ursa­che unter Berück­sich­ti­gung ihrer Art und ihres Aus­ma­ßes, der zeit­li­che Ablauf des Gesche­hens – wobei eine Ursa­che aller­dings nicht des­we­gen wesent­lich ist, weil sie die letz­te war -, wei­ter­hin Rück­schlüs­se aus dem Ver­hal­ten des Ver­letz­ten nach dem Unfall, den Befun­den und Dia­gno­sen des erst­be­han­deln­den Arz­tes sowie der gesam­ten Kran­ken­ge­schich­te. Ergän­zend kann der Schutz­zweck der Norm her­an­zu­zie­hen sein [4].
Hin­sicht­lich des Beweis­maß­sta­bes genügt für den Nach­weis der wesent­li­chen Ursa­chen­zu­sam­men­hän­ge – im Unter­schied zu den Merk­ma­len „ver­si­cher­te Tätig­keit“, „Ver­rich­tung zur Zeit des Unfalls“, „Unfall­ereig­nis“ sowie „Gesund­heits­erst- bzw. Gesund­heits­fol­ge­scha­den“, die mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit für das Gericht fest­ste­hen müs­sen – die (hin­rei­chen­de) Wahr­schein­lich­keit, nicht aller­dings die blo­ße Mög­lich­keit [5]. Kann ein behaup­te­ter Sach­ver­halt nicht nach­ge­wie­sen oder der ursäch­li­che Zusam­men­hang nicht wahr­schein­lich gemacht wer­den, so geht dies nach dem im sozi­al­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gel­ten­den Grund­satz der objek­ti­ven Beweis­last zu Las­ten des Betei­lig­ten, der aus die­sem Sach­ver­halt Rech­te her­lei­tet, bei anspruchs­be­grün­den­den Tat­sa­chen also zu Las­ten des jewei­li­gen Klä­gers [6].
In Anwen­dung die­ser Grund­sät­ze sind die vom Klä­ger gel­tend gemach­ten Gesund­heits­stö­run­gen mit der erfor­der­li­chen Wahr­schein­lich­keit recht­lich wesent­lich auf den Arbeits­un­fall vom 13.03.2006 zurück­zu­füh­ren.
Dies gilt zum einen für die schmerz­haf­te Bewe­gungs­ein­schrän­kung und Belas­tungs­min­de­rung des lin­ken Hand­ge­lenks mit Ver­min­de­rung der gro­ben Kraft der lin­ken Hand des Klä­gers.
Zwar sind Prof. Dr. R. sowie die Sach­ver­stän­di­gen Priv.-Doz. Dr. B., Dr. Sch. und Dr. H. über­ein­stim­mend davon aus­ge­gan­gen, dass die ange­führ­ten fort­be­stehen­den Gesund­heits­stö­run­gen nicht auf der SL-Band­lä­si­on beru­hen, son­dern ursäch­lich auf die auch von den ope­rie­ren­den Ärz­ten Dr. A. und Dr. L. als dege­ne­ra­tiv (arthro­tisch) ange­se­he­nen Ver­än­de­run­gen des ulnaren Hand­ge­lenk­kom­par­ti­ments zurück­zu­füh­ren sind. Unter Zugrun­de­le­gung die­ser über­zeu­gen­den Ein­schät­zung hat auch das Sozi­al­ge­richt die­sen Ursa­chen­zu­sam­men­hang zutref­fend bejaht.
Indes ist der hier­aus von Prof. Dr. R. und den genann­ten Sach­ver­stän­di­gen ohne Anga­be der für die­se Ein­schät­zung aus­schlag­ge­ben­den Ein­zel­aspek­te sowie unter Ver­men­gung von natur­wis­sen­schaft­li­cher Kau­sa­li­tät und Wesent­lich­keit pau­schal gezo­ge­ne Schluss, die in Rede ste­hen­de Beschwer­de­sym­pto­ma­tik beru­he allein auf den dege­ne­ra­ti­ven Ver­än­de­run­gen und nicht (auch) ursäch­lich auf dem vom Klä­ger erlit­te­nen Arbeits­un­fall unzu­tref­fend. Viel­mehr ergibt sich bei der – wie oben aus­ge­führt erfor­der­li­chen – geson­der­ten Prü­fung sowohl ein ursäch­li­cher als auch ein wesent­li­cher Bei­trag des Arbeits­un­fal­les zu den strei­ti­gen Gesund­heits­stö­run­gen des Klä­gers. Die für die­se Beur­tei­lung maß­geb­li­chen Gesichts­punk­te ent­nimmt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt im Wesent­li­chen den von Dr. H. in der nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung vom 26.05.2011 gemach­ten Aus­füh­run­gen. Denn im Gegen­satz zu der auch von die­sem Sach­ver­stän­di­gen zusam­men­ge­fasst ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, die Beschwer­de­sym­pto­ma­tik des Klä­gers sei allein auf die dege­ne­ra­ti­ven Ver­än­de­run­gen zurück­zu­füh­ren, füh­ren die nur von ihm und nur auf Nach­fra­ge mit­ge­teil­ten Ein­schät­zun­gen der für die Kau­sa­li­täts­prü­fung rele­van­ten Ein­zel­aspek­te mit der erfor­der­li­chen Wahr­schein­lich­keit sowohl zu einer natur­wis­sen­schaft­li­chen als auch zu einer wesent­li­chen Ursäch­lich­keit des vom Klä­ger erlit­te­nen Stur­zes für die fort­be­stehen­den Beschwer­den.
Mit Blick auf die natur­wis­sen­schaft­li­che Kau­sa­li­tät hat der Sach­ver­stän­di­ge aus­ge­führt, er gehe davon aus, dass der Klä­ger, sofern er zuvor kei­ne Schmer­zen gehabt habe, ohne den Sturz zum dama­li­gen Zeit­punkt kei­ne Beschwer­de­sym­pto­ma­tik ent­wi­ckelt hät­te. Die­se Ein­schät­zung ist unter Berück­sich­ti­gung der wei­te­ren Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen in der nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung vom 26.05.2011 und der Umstän­de des vor­lie­gen­den Ein­zel­fal­les über­zeu­gend.
Dabei ist zunächst zu berück­sich­ti­gen, dass nach den glaub­haf­ten und im Übri­gen auch unwi­der­spro­che­nen Anga­ben des Klä­gers im Ver­lau­fe der seit dem Unfall ver­stri­che­nen Zeit von nun­mehr sechs Jah­ren Beschwer­den an sei­nem lin­ken Hand­ge­lenk erst­mals im Anschluss an das Unfall­ereig­nis auf­ge­tre­ten sind. Die­ser zeit­li­che Zusam­men­hang genügt zwar für sich allein für die Annah­me eines ursäch­li­chen Zusam­men­hangs zwi­schen den Gesund­heits­stö­run­gen und dem Arbeits­un­fall nicht. Er ist aber – anders als wohl im Rah­men der Prü­fung der Wesent­lich­keit [4] – zumin­dest als Indiz für einen sol­chen Kau­sal­zu­sam­men­hang anzu­se­hen.
Dem lässt sich nicht mit Erfolg ent­ge­gen­hal­ten, dass Haupt­be­schwer­den ulno­car­pal erst­ma­lig am 27.07.2006 doku­men­tiert sind, wäh­rend bei der ers­ten Vor­stel­lung des Klä­gers bei Prof. R. am 11.05.2006 eine ein­deu­ti­ge Kli­nik radi­al­sei­tig beschrie­ben wur­de. Denn hier­aus lässt sich nicht ablei­ten, dass zunächst nur die zwei­fels­frei unfall­be­ding­ten Schmer­zen auf Grund der SL-Läsi­on bestan­den und die hier strei­ti­gen Beschwer­den im ulnaren Hand­ge­lenk­kom­par­ti­ment erst rund vier Mona­te nach dem Unfall auf­ge­tre­ten sind. Schon Prof. Dr. R. hat näm­lich im genann­ten Schrei­ben vom 06.10.2006 die Dif­fe­ren­zie­rung der Beschwer­de­sym­pto­ma­tik als schwie­rig ein­ge­stuft. Damit über­ein­stim­mend hat der Sach­ver­stän­di­ge Dr. H. in der nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung vom 26.05.2011 vor dem Bericht­erstat­ter dar­ge­legt, dass bei einem Sturz auf die Hand auch Weich­tei­le und Bän­der in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wer­den, wes­halb man bei einer sol­chen Ver­let­zung kei­ne genaue Loka­li­sa­ti­on des Schmer­zes vor­neh­men und daher auch nicht rück­schlie­ßen kann, dass die Schmer­zen des Klä­gers zunächst an den Bän­dern auf­ge­tre­ten sind und nun­mehr im Bereich der arthro­ti­schen Ver­än­de­run­gen vor­lie­gen.
Im Ein­klang hier­zu hat der Sach­ver­stän­di­ge Dr. H. aus­ge­führt, dass die dege­ne­ra­ti­ven Ver­än­de­run­gen vor dem Unfall kli­nisch stumm waren und sie dann erst in der Fol­ge­zeit schmerz­haft in Erschei­nung getre­ten sind. Die von Dr. H. für das Auf­tre­ten die­ser Schmer­zen ange­führ­te Erklä­rung einer unfall­be­ding­ten Akti­vie­rung der Arthro­se bzw. einer gleich­sam durch die schmerz­haf­te SL-Band­ver­let­zung – und mit­hin eben­falls unfall­be­dingt – her­bei­ge­führ­ten Ver­mi­schung der Schmer­zen ist schlüs­sig. Denn ange­sichts des Umstan­des, dass sich bei arthro­ti­schen Ver­än­de­run­gen ledig­lich mit hoher Wahr­schein­lich­keit vor­aus­sa­gen lässt, dass es in Zukunft zu Schmer­zen kom­men wird, selbst dies aber nicht immer der Fall sein muss und der Zeit­punkt des Ein­tritts der Beschwer­den nicht vor­her­zu­sa­gen ist, spricht nichts für ein zufäl­li­ges zeit­li­ches Zusam­men­tref­fen des Unfal­les und des erst­ma­li­gen Auf­tre­tens der Beschwer­den.
Der nach alle­dem für die in Rede ste­hen­den Beschwer­den des Klä­gers wahr­schein­lich kau­sal gewor­de­ne Arbeits­un­fall ist neben den dege­ne­ra­ti­ven Ver­än­de­run­gen wahr­schein­lich auch wesent­li­che Ursa­che für das Auf­tre­ten der Beschwer­de­sym­pto­ma­tik. Anders als Prof. Dr. R., Priv.-Doz. Dr. B., Dr. Sch. und Dr. H. wohl mei­nen, bestehen näm­lich kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die Krank­heits­an­la­ge, also die arthro­ti­schen Ver­än­de­run­gen des Dis­kus arti­cu­la­ris, gegen­über dem Unfall­ereig­nis von über­ra­gen­der Bedeu­tung für das Auf­tre­ten der Beschwer­den war. Denn dafür, dass der Sturz des Klä­gers ledig­lich Gele­gen­heits­ur­sa­che oder Aus­lö­ser der Beschwer­de­sym­pto­ma­tik war und mit­hin jedes ande­re all­täg­lich vor­kom­men­de Ereig­nis zu der­sel­ben Zeit die Erschei­nung aus­ge­löst hät­te, spricht nichts.
Ins­be­son­de­re war näm­lich das Unfall­ereig­nis selbst, also der Sturz des Klä­gers auf das lin­ke Hand­ge­lenk, kein all­täg­li­ches Ereig­nis. Auch besteht ange­sichts des Umstan­des, dass der Klä­ger sei­ne manu­el­le Pro­duk­ti­ons­tä­tig­keit als Band­ar­bei­ter im Akkord trotz der Vor­schä­di­gung bis zu dem Unfall­ereig­nis beschwer­de­frei aus­ge­übt hat, kei­ner­lei Anhalt dafür, dass die­se Schä­di­gung eine Aus­prä­gung hat­te, auf Grund derer jedes ande­re all­täg­lich vor­kom­men­de Ereig­nis zu der­sel­ben Zeit zu der Beschwer­de­sym­pto­ma­tik geführt hät­te. Dies geht zu Las­ten der inso­weit beweis­be­las­te­ten Beklag­ten [7]. Dass es nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen Dr. H. in der nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung vom 26.05.2011 auf Grund der arthro­ti­schen Ver­än­de­run­gen des Klä­gers mit hoher Wahr­schein­lich­keit in Zukunft zu Schmer­zen gekom­men wäre (vgl. hier­zu die Sit­zungs­nie­der­schrift), genügt hier­für nicht. Denn nach­dem der Sach­ver­stän­di­ge zugleich erklärt hat, nie­mand kön­ne genau sagen, wann die Beschwer­den ein­ge­tre­ten wären und dem­ge­mäß einen mög­li­chen Zeit­raum von einem Vier­tel­jahr bzw. zwei Jah­ren und bis zu zehn Jah­ren genannt hat, lässt sich die Annah­me, die Beschwer­den wären auch ohne den Unfall zu der­sel­ben Zeit ein­ge­tre­ten, nicht begrün­den.
Sind danach die schmerz­haf­te Bewe­gungs­ein­schrän­kung und Belas­tungs­min­de­rung des lin­ken Hand­ge­lenks mit Ver­min­de­rung der gro­ben Kraft der lin­ken Hand des Klä­gers als Unfall­fol­gen anzu­er­ken­nen, so gilt dies – zum ande­ren – auch mit Blick auf die Emp­fin­dungs­stö­run­gen des III. Fin­gers der lin­ken Hand. Denn die­se bestehen nach den glaub­haf­ten Anga­ben des Klä­gers gegen­über Priv.-Doz. Dr. B. und im Rah­men der Unter­su­chung durch Dr. Sch. seit der ers­ten Hand­ge­lenks­ar­thro­sko­pie vom 23.05.2006. Sie beru­hen danach wahr­schein­lich als mit­tel­ba­re Unfall­fol­ge i. S. des § 14 Abs. 1 Nr. 1 SGB VII auf der unfall­be­dingt und auf Kos­ten der Beklag­ten erfolg­ten Arthro­sko­pie, andern­falls unmit­tel­bar auf den Fol­gen des Unfal­les.
Nach alle­dem steht dem Klä­ger auch der gel­tend gemach­te Leis­tungs­an­spruch zu. Denn auf Grund der unfall­be­ding­ten Beschwer­de­sym­pto­ma­tik hat er nach den §§ 26 ff. SGB VII auch über den 27.07.2006 hin­aus Anspruch auf Leis­tun­gen zur Heil­be­hand­lung durch die Beklag­te.
Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 21. Juli 2011 – L 6 U 4073/​08
BSG, Urteil vom 18.01.2011 – B 2 U 9/​10 R[↩]
hier­zu und zum Nach­fol­gen­den BSG, Urteil vom 12.04.2005 – B 2 U 27/​04 R, SozR 4–2700 § 8 Nr. 15[↩]
vgl. BSG, Urteil vom 09.05.2006 a. a. O., m. w. N.[↩][↩][↩]
vgl. BSG, Urteil vom 02.04.2009 – B 2 U 29/​07 R[↩]
vgl. BSG, Urteil vom 27.06.1991 – 2 RU 31/​90, SozR 3–2200 § 548 Nr. 11[↩]
vgl. LSG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 01.07.2011 – L 8 U 197/​11[↩]
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