Source: https://www.sifa-sibe.de/fachbeitraege/archiv-si/aelter-als-gedacht/
Timestamp: 2020-08-08 21:01:20
Document Index: 123356015

Matched Legal Cases: ['§ 53', '§ 55', '§ 267', '§ 266', '§ 229', '§ 54', '§ 251', '§ 41', '§ 14', '§ 25']

Älter als gedacht. 4000 Jahre Betriebssicherheit -
Abb. 3: Schematische Darstellung der Sanierung eines Hauses von „Aussatz“ nach 3. Mose 14, 34ff. Ergänzt wird dieses eher technische Maßnahmenpaket durch hygienische Anweisungen zur Entsorgung und Reinigung.
„Wenn du ein neues Haus baust, so sollst du an deinem Dach eine Brust­wehr machen, so dass du in deinem Haus keinen Totschlag begehst, wenn einer, der von ihm herun­ter­fällt, umkommt.“ Diese gern zitierte Stelle aus dem Alten Testa­ment wird oft als erste Arbeits­schutz­vor­schrift darge­stellt. Genau genom­men handelt es sich aber um eine Verkehrs­si­che­rungs­pflicht und zeigt, dass bereits in der Antike entspre­chende Rechts­vor­stel­lun­gen exis­tier­ten.
Die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung, das Produkt­si­cher­heits­ge­setz aber auch z.B. die Landes­bau­ord­nun­gen regeln, dass von Arbeits­mit­teln, Anla­gen, Produk­ten, Gebäu­den etc. keine Gefah­ren für Nutzer oder Dritte ausge­hen. Dabei handelt es sich um Spezi­fi­ka­tio­nen des Prin­zips der Verkehrs­si­che­rungs­pflicht, wobei derje­nige, der eine Gefah­ren­quelle schafft oder unter­hält, notwen­dige und zumut­bare Vorkeh­run­gen zu tref­fen hat, um Schä­den ande­rer zu verhin­dern.
Diese Rege­lun­gen sind der Endpunkt eines Denkens, das im vorde­ren Orient seinen Anfang nahm. Sowohl heute als auch in der Antike steht dabei der Betrei­ber beson­ders in der Verant­wor­tung. Dies ist dieje­nige juris­ti­sche oder natür­li­che Person, die die tatsäch­li­che Sach­herr­schaft über eine Sache hat und daher die Verkehrs­si­che­rungs­pflich­ten zu gewähr­leis­ten hat.
Unter diesem Blick­win­kel wollen wir nun verrei­sen: 4000 Jahre in die Vergan­gen­heit und rund 4000 km nach Südos­ten.
Meso­po­ta­mien: Codex Hammu­rabi
Mit dem Aufblü­hen der Zivi­li­sa­tio­nen an Euphrat und Tigris im 3. Jahr­tau­send v. Chr. entwi­ckelte sich auch das Rechts­sys­tem. Aus dieser ganz frühen Zeit fehlen uns aller­dings die entspre­chen­den Funde, so dass wir nicht sinn­voll über die konkre­ten Inhalte infor­miert sind. Auch die Anord­nun­gen des „Reform­kö­nigs“ Uruka­ginga von Lagasch (ca. 2370 v. Chr.) sind uns nur durch Dritte ansatz­weise über­lie­fert – und spie­len für unsere Frage­stel­lung keine Rolle. Erst ab ca. 2000 v. Chr. wurden entspre­chende, in Keil­schrift verfasste Doku­mente als Primär­quel­len gefun­den.
Unter den frühen Geset­zes­samm­lun­gen ragt die des baby­lo­ni­schen Königs Hammu­rabi (etwa 1700 v. Chr.)1 beson­ders hervor. Sie entstand gegen Ende der Herr­schaft des Königs und ist mithin an die 4000 Jahre alt. Die Samm­lung ist uns auf einer über­manns­ho­hen Stele über­lie­fert, die neben einer bild­li­chen Darstel­lung des Königs und des Gottes Scha­masch über und über mit Keil­schrift­tex­ten verse­hen ist.
Die Auswer­tung und Über­set­zung hat erge­ben, dass neben einem Pro- und einem Epilog zu Größe und Weis­heit des Königs insge­samt 282 Rechts­vor­schrif­ten fest­ge­hal­ten sind, die einen weiten Bereich des dama­li­gen tägli­chen Lebens umfass­ten. Das reicht von Straf­vor­schrif­ten für Tötung und Raub, Ehe- und Besitz­an­ge­le­gen­hei­ten bis hin zu Ersatz­leis­tun­gen bei Fahr­läs­sig­keit.
Einige dieser Vorschrif­ten sind nur noch Fach­leu­ten verständ­lich, andere dage­gen wirken hoch­ak­tu­ell. So befas­sen sich allein neun „Para­gra­fen“ mit Ersatz­leis­tun­gen für ärzt­li­che Kunst­feh­ler und diverse Para­gra­fen zum Bau von Häusern und Schif­fen regeln in sehr ähnli­cher Weise wie heute Pflich­ten zur Nach­bes­se­rung bzw. Nach­er­fül­lung.
Für unsere Frage­stel­lung sind insbe­son­dere die Para­gra­fen 53 und 552 von Inter­esse:
§ 53: „Wenn ein Bürger bei der Befes­ti­gung seines Feld­dei­ches die Hände in den Schoß gelegt und seinen Deich nicht befes­tigt hat, in seinem Deiche eine Öffnung entsteht, er gar die Flur vom Wasser wegschwem­men lässt, so ersetzt der Bürger…das Getreide, das er dadurch vernich­tet hat.“
§ 55: „Wenn ein Bürger seinen Graben zur Bewäs­se­rung öffnet, die Hände dann aber in den Schoß gelegt und so sein Nach­bar­feld vom Wasser hat fort­schwem­men lassen, so gibt er Getreide entspre­chend seinem Nach­bar­grund­stück.“
Diese Rege­lun­gen bezie­hen sich auf die künst­li­che Bewäs­se­rung der Felder, die im vorwie­gend agra­ri­schen Meso­po­ta­mien beson­ders in den trocke­nen südli­chen Teilen die Voraus­set­zung war, um reiche Ernten vom bis zum 30fachen der Aussaat zu erzie­len (Abb. 1). Die Felder waren durch Dämme abge­grenzt, so dass die Fluten aus den zufüh­ren­den Kanä­len gezielt auf die Felder gelei­tet werden konn­ten.
Würde das Wasser nun durch einen undich­ten oder gebro­che­nen Deich aus dem Feld heraus bzw. durch eine unzu­rei­chende Kana­li­sie­rung auf Nach­bar­fel­der flie­ßen, so war damit zu rech­nen, dass sowohl Saat als auch Boden­krume wegge­schwemmt wurden. Den dadurch entste­hen­den Scha­den bzw. Ernte­aus­fall hatte der Bürger dem Besit­zer des Feldes zu erstat­ten.
Anders als in der heuti­gen Normen­land­schaft sind im Codex Hammu­rabi die Anfor­de­run­gen nur indi­rekt aus den Rechts­vor­schrif­ten zu erschlie­ßen. Wir können aber fest­stel­len:
Die Scha­dens­re­gu­lie­rung ist an ein Fehl­ver­hal­ten gebun­den, das einen Scha­den bewirkt ( „Hände in den Schoß legen“)
Dies impli­ziert daher ein „Tätig-Werden“ zur Vermei­dung des Scha­dens
Die Vorschrift rich­tet sich nicht an den Eigen­tü­mer, sondern an denje­ni­gen, der das Feld bebaut, denn die meis­ten Klein­bau­ern waren nicht Besit­zer ihrer Felder sondern Päch­ter oder Miet­linge von Groß­grund­be­sit­zern oder gar dem könig­lich verwal­te­ten Land.
Damit erfüllt dieser Sach­ver­halt die Defi­ni­tion der Verkehrs­si­che­rung, denn hier gibt es einen Betrei­ber, der die Sach­herr­schaft über eine Gefah­ren­quelle hat und daher pflicht­wid­rig handelt, wenn er Siche­rungs­maß­nah­men unter­lässt.
Inter­es­san­ter­weise finden wir eine ähnli­che, aber undif­fe­ren­zierte Verpflich­tung im soge­nann­ten Codex Ur-Nammu. Er ist rund 300 Jahre älter (ca. 2000 v. Chr.) und die derzeit älteste Rechts­samm­lung, die wir besit­zen. So heißt es als 32. Vorschrift: „Wenn jemand das Feld eines ande­ren über­schwemmt, soll er pro iku Feld drei kur Getreide geben.“3
Aus dieser Formu­lie­rung wird nun aber nicht klar, ob hier ein Verse­hen, ein Unglück, ein Versäum­nis oder alles drei geahn­det wurde. Dieses Beispiel zeigt sehr deut­lich, wie sich die Rechts­set­zung bis Hammu­rabi durch Konkre­ti­sie­run­gen verbes­sert hat.
Sehen wir uns dazu ein ande­res Beispiel an, den § 267 des Codex Hammu­rabi:
„Wenn der Hirte säumig war und im Vieh­hofe eine Dreh­krank­heit hat entste­hen lassen, wird der Hirte den Scha­den der Dreh­krank­heit, den er im Vieh­hofe hat entste­hen lassen, an den Rindern und dem Klein­vieh heilen, und gibt [die Tiere] deren Eigen­tü­mern.“
Hier wird offen­sicht­lich eine beson­dere Sorg­falts­pflicht beim Betrieb eines Vieh­ho­fes ange­mahnt. Mögli­cher­weise handelt es sich dabei um bestimmte Hygie­ne­maß­nah­men. Da wir aber die „Dreh­krank­heit“ nicht kennen, kann das nur Vermu­tung blei­ben.
Ähnlich wie bei den Bewäs­se­rungs­däm­men ist der Hirt nicht der Eigen­tü­mer der Anlage (das geht aus § 266 hervor), wohl hat er aber die Sach­herr­schaft darüber. Damit ist er nach unse­rer Defi­ni­tion ein Betrei­ber und hat die notwen­dige Verkehrs­si­che­rungs­pflicht aufzu­wen­den, um einen siche­ren Betrieb des Hofes zu gewähr­leis­ten. Da so ein Hof auch als Anlage verstan­den werden darf, ist hier­mit auch die Betriebs­si­cher­heit im Sinne einer Spezi­fi­zie­rung der allge­mei­nen Verkehrs­si­che­rung zu erfül­len.
Notwen­dige Sorg­falts­pflich­ten galten auch für die Erstel­lung von Gewer­ken, denn „… Wenn [z.B.] ein Baumeis­ter einem Bürger ein Haus gebaut, aber seine Arbeit nicht fest genug ausge­führt hat und das Haus, das er gebaut hat, einge­stürzt ist und er dadurch den Haus­ei­gen­tü­mer ums Leben gebracht hat, so wird dieser Baumeis­ter getö­tet“ (§ 229 u.a.).
Beide Beispiele zeigen deut­lich, dass die Gedan­ken­kon­struk­tio­nen, die hinter unse­ren heuti­gen Verkehrs- und Betriebs­si­che­rungs­pflich­ten stehen, bereits zu Hammu­ra­bis Zeit vorhan­den waren. Sie haben sich mögli­cher­weise zwischen 2000 und 1800 v. Chr. entwi­ckelt oder zumin­dest konkre­ti­siert, denn weder bei Ur-Namma noch bei Lipit-Ishtar (s.u.) finden sich entspre­chende Formu­lie­run­gen.
Was ist nun aber in einer vor allem auf Land­wirt­schaft basie­ren­den Zivi­li­sa­tion eigent­lich mit Tieren, mit Vieh? Kann man dafür so etwas wie Betriebs­si­cher­heit oder Betrei­ber­pflich­ten einfor­dern?
Zumin­dest wurde das damals so gese­hen. Rinder waren ein hohes Wirt­schafts­gut, das sich wohl nicht jeder leis­ten konnte, denn die Geset­zes­samm­lung des Lipit-Ishtar (ca. 1950 v. Chr.)4 enthält allein vier Para­gra­fen zum Ausgleich von Schäden/Verletzungen an ausge­lie­he­nen (!) Rindern. Wofür wurden sie ausge­lie­hen? Viel­leicht zur Zucht, wahr­schein­lich aber eher für die Arbeit: Zum Ziehen des Pflu­ges oder von Karren, zum Antrieb von Wasser­rä­dern oder Mahl­wer­ken, zum Dreschen des Getrei­des und so weiter. Zum Teil erfül­len sie diese Funk­tion ja noch heute.
Da der Umgang mit diesen „Arbeits­mit­teln“ aber offen­sicht­lich nicht ohne Risiko war, galten entspre­chende Siche­rungs­pflich­ten. Dabei ist in den drei nach­fol­gen­den Beispie­len insbe­son­dere die Kennt­nis des „nicht ordnungs­ge­mä­ßen Zustan­des“ wich­tig. Neben­bei: Hier finden wir auch die ersten Zeug­nisse für jenen geistig-intellektuellen Prozess, den wir heute „Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung“ nennen.
Codex von Eschnunna (ca. 1850 v. Chr.):
„Wenn ein Rind stößig ist und die Bezirks­au­to­ri­tä­ten haben es seinem Eigner bekannt gege­ben, wenn er das Rind nicht sichert und es spießt einen Menschen auf – Der Eigner soll 2/3 Minen Silber abwie­gen.“ (§ 54)5
Codex Hammu­rabi (ca. 1750 v. Chr.):
„Wenn das Rind des Bürgers stößig ist, als stößig es seine Behörde ihm bekannt gege­ben [hat], er seine Hörner aber nicht gestutzt, sein Rind nicht fest­ge­bun­den hat, und dann dieses Rind einen Bürger­sohn gesto­ßen und dadurch ums Leben gebracht hat, so gibt er eine ½ Mine Silber.“ (§ 251)
Thora (ca. 750 v. Chr.):
„Wenn der Stier schon seit zwei oder drei Tagen stößig war und das seinem Herren gemel­det wurde und er ihn nicht entfernt hat und er einen Mann oder eine Frau getö­tet hat, so soll der Stier gestei­nigt werden, und sein Herr soll auch ster­ben.“ (2. Mose 21, 29)6
Das letzte Beispiel leitet über zu einer ande­ren anti­ken Quelle des vorde­ren Orients, der Thora.
Israel: Die Thora
Die Thora, die „Bücher der Weisung“, uns besser als die „Moses­bü­cher“ oder der „Penta­teuch“ bekannt, stel­len einen Teil dessen dar, was wir Chris­ten heute als „Altes Testa­ment“ bezeich­nen. Die fünf Teile waren aber für die anti­ken Israe­li­ten die ersten und einzi­gen Normen setzen­den Heili­gen Schrif­ten (Abb. 2). Deshalb soll hier nur dieser Begriff verwen­det werden, denn als die Thora aufge­zeich­net wurde, war an ein „Altes Testa­ment“ noch lange nicht zu denken7.
Wann nun die Thora/der Penta­teuch entstan­den ist, darüber strei­ten die Gelehr­ten sehr eifrig und disku­tie­ren eine groß­zü­gige Spann­breite, die zwischen circa 1000 und 400 v. Chr. liegt. Wie auch immer, die Thora ist grob gerech­net rund 1000 Jahre jünger als der Codex Hammu­rabi.
Deshalb erstaunt die Ähnlich­keit des eben gege­ben Beispiels zwischen dem Codex von Eschnunna und dem Codex Hammu­rabi nicht wirk­lich, wohl aber die fast gleich lautende Anwei­sung in der Thora.
Hat nun Hammu­ra­bis Geset­zes­werk bei der Ausfor­mu­lie­rung welt­li­cher Belange der Thora Pate gestan­den? Viele Ähnlich­kei­ten legen es nahe, aber nach einge­hen­den Prüfun­gen sowie der archäologisch-historischen Analy­sen ist dies nicht der Fall.8 Viel­mehr muss davon ausge­gan­gen werden, dass beide Doku­mente (und viele weitere) alt-vorderorientalische Rechts­pra­xis beschrei­ben. Dabei scheint eine hohe zeit­li­che Konti­nui­tät vorhan­den gewe­sen zu sein.
Aus dieser Sach­lage ergibt sich aber ein Vorteil: Wenn beide Doku­mente nicht vonein­an­der abhän­gig sind, sondern „nur“ die allge­meine Rechts­pra­xis wider­spie­geln, sind sie stell­ver­tre­tende Zeug­nisse und die jewei­li­gen Vorschrif­ten dürfen mit einer gewis­sen Vorsicht als über­re­gio­nal gültig verstan­den werden.
Daher dürfen wir auch erwar­ten, dass z.B. im Umgang mit Zister­nen oder Gruben ein über­re­gio­na­ler altori­en­ta­li­scher „common sense“ herrschte:
„Wenn jemand eine Zisterne offen stehen lässt oder eine Zisterne aushebt und sie nicht zudeckt und es fällt ein Jung­stier oder ein Esel hinein, so soll der Herr der Zisterne dafür bezah­len.“ (2. Mose 21, 33 –34)
Hier wird also voraus­ge­setzt, dass Gruben, Zister­nen oder ähnli­che Anla­gen abge­deckt, also gegen Unfälle gesi­chert werden. Das gehört zu einer ordent­li­chen Betriebs­füh­rung genau so wie diese auch für die bäuer­li­chen Tätig­kei­ten anzu­wen­den ist, wenn z.B. Vieh zum Weiden getrie­ben und dann – fahr­läs­si­ger­weise – sich selbst über­las­sen wird: „Wenn aber jemand ein Feld oder einen Wein­gar­ten abwei­den lässt und er lässt sein Vieh ein ande­res Feld abwei­den, so soll er dessen Ertrag von seinem Feld erset­zen.“ (2. Mose 22, 4)
In ähnli­cher Weise wird bei der Benut­zung von Feuer eine Art „Betriebs­si­che­rungs­pflicht“ erwar­tet, denn: „Wenn jemand Feuer macht und es erfasst eine Dornen­he­cke und greift auf einen Garben­hau­fen über oder es vernich­tet stehen­des Getreide, dann muss er vollen Ersatz leis­ten.“ (2. Mose 22,5)
Pflich­ten bei der Erstel­lung von Gebäu­den wurden ja schon ganz am Anfang dieses Arti­kels ange­spro­chen. Trotz­dem sei das Zitat an dieser Stelle aus einem wich­ti­gen Grunde noch einmal gege­ben:
„Wenn du ein neues Haus baust, so sollst du an deinem Dach eine Brust­wehr machen, so dass du in deinem Haus keinen Totschlag begehst, wenn einer, der von ihm herun­ter­fällt, umkommt.“ (5. Mose 22,8)
Was uns hier entge­gen­tritt, ist ein völlig ande­rer Aussa­ge­typ. Die bisher genann­ten Stel­len sind ja Straf- und Ausgleichs­vor­schrif­ten, aus denen auf die Betrei­ber­pflich­ten rück­ge­schlos­sen werden musste und auch konnte.
Hier jedoch wird diese Pflicht expres­sis verbis genannt. Das Gesetz sagt uns, was zu tun ist, ist nicht Straf­an­dro­hung sondern vor allem Hand­lungs­richt­li­nie. Das moderne Gegen­stück zu 5. Mose 22,8 klingt dann so: „In, an und auf bauli­chen Anla­gen sind Flächen, die im Allge­mei­nen zum Bege­hen bestimmt sind und unmit­tel­bar an mehr als 1m tiefer liegende Flächen angren­zen, zu umweh­ren.“ (§ 41, Abs. 1 Landes­bau­ord­nung NRW) Nichts wirk­lich Neues also.
Die alten meso­po­ta­mi­schen Gesetze waren kasu­is­tisch oder kondi­tio­nal formu­liert, was sich aus den verwen­de­ten „wenn …dann“-Konstruktionen ergibt. In der Thora finden wir dage­gen sowohl kasu­is­ti­sche als auch apodik­ti­sche Rechts­for­mu­lie­run­gen. Letz­tere zeich­nen sich durch „Du sollst“-Formulierungen aus. Dabei können sie abstrakt („Du sollst nicht töten“) oder auch konkret sein („Du sollst eine Brust­wehr anbrin­gen“).
Für die Praxis gibt es bis heute das Zusam­men­spiel zwischen kasu­is­ti­scher und apodik­ti­scher Betrach­tung. Die apodik­ti­schen Aussa­gen enthal­ten nämlich keine Straf­vor­schrif­ten. Diese müssen kasu­is­tisch gere­gelt werden. Ein Blick z.B. auf die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung gibt uns „apodik­tisch“ im § 14 zu verste­hen, dass über­wa­chungs­be­dürf­tige Anla­gen geprüft werden müssen und weist uns kasu­is­tisch im § 25 auf die mögli­cher­weise entste­hende Ordnungs­wid­rig­keit hin.
Damit wird bereits zu einem so frühen Zeit­punkt wie der Thor­aab­fas­sung das Präven­ti­ons­prin­zip erkenn­bar, das apodik­tisch die Umset­zung von Lösungs­va­ri­an­ten nach Stand der Tech­nik fordert. Diese und andere Stel­len unter­schei­den sich von ihrem Charak­ter her nicht von DIN-Normen oder Tech­ni­schen Regeln.
Gera­dezu wie eine Tech­ni­sche Regel muten daher die Anwei­sun­gen aus 3. Mose 14, 34ff darüber an, wie man „Aussatz“ an Häusern behan­delt. Diese sehr lange Stelle ist inso­fern einzig­ar­tig, da sie mit hoher Wahr­schein­lich­keit eine Schim­mel­pilz­sa­nie­rung beschreibt, die in ihren Grund­zü­gen mit heuti­gen Metho­den vergleich­bar ist: Befund­auf­nahme, Sanie­rung der betrof­fe­nen Stel­len, erneute Prüfung auf Befall und im schlech­tes­ten Fall Abriss des ganzen Hauses (Abb. 3). Der Pries­ter erfüllt hier die Rolle des Sach­ver­stän­di­gen oder der „Befä­hig­ten Person“.
Dies ist – so weit wir es hier über­bli­cken können – eine höhere Entwick­lungs­stufe als sie noch bei Hammu­rabi erkenn­bar war.
Die hier gege­ben Beispiele zeigen, dass der Gedanke einer Verkehrs­si­che­rungs­pflicht und der Betriebs­si­cher­heit im alten Orient vor circa 4000 Jahren entstan­den ist. Da sich die Vorschrif­ten meist an die Perso­nen rich­ten, die – wie wir heute sagen würden – die Sach­herr­schaft inne­hat­ten, scheint es auch den Gedan­ken des Betrei­bers als den eigent­li­chen Verant­wort­li­chen zur Umset­zung dieser Verkehrs­si­che­rungs­pflich­ten gege­ben zu haben. Ob ähnli­che Vorstel­lun­gen auch im anti­ken Ägyp­ten entwi­ckelt wurden, kann aufgrund unge­nü­gen­der Zeug­nisse nicht gesagt werden. Es scheint aber nicht der Fall zu sein.
Während dabei zunächst reak­tive Formu­lie­run­gen im Sinne von Straf­vor­schrif­ten kodi­fi­ziert wurden, kommen spätes­tens mit der Thora posi­tive, hand­lungs­lei­tende Vorschrif­ten mit präven­ti­vem Ansatz zum Tragen. Einige Stel­len weisen hohe Ähnlich­kei­ten mit heuti­gen Regel­wer­ken auf.
Dies soll nicht bedeu­ten, dass es in ande­ren altori­en­ta­li­schen Texten nicht viel­leicht auch entspre­chende Anwei­sun­gen gibt. Durch die Thora und dann auch als Bestand­teil des christ­li­chen Alten Testa­ments haben sie jedoch schon früh eine weite Verbrei­tung erfah­ren, während die altori­en­ta­li­schen Doku­mente lang­sam im Sand versan­ken und für mindes­tens 2000 Jahre der Lektüre entzo­gen waren. Ob nun aber die altori­en­ta­li­schen Vorstel­lun­gen die direk­ten Vorläu­fer unse­rer Rechts­kon­struk­tio­nen sind oder ob sich diese Gedan­ken unab­hän­gig vonein­an­der entwi­ckelt haben, ist dabei nicht von Belang.
Dennoch, wenn wir heute z.B. die Betriebs­si­cher­heits­ver­ord­nung lesen, so schaut durch die Nebel der Vergan­gen­heit immer noch Hammu­rabi zu uns Nach­ge­bo­re­nen hinüber, oder um es mit einem Wort von Dida­cus Stella aus dem 17. Jahr­hun­dert zu sagen: „Pigmei gigan­tum hume­ris impo­siti plus­quam ipsi gigan­tes – Etwas frei über­setzt: Nur die Zwerge auf den Schul­tern von Riesen sehen weiter als die Riesen.
1 Die Jahres­zah­len im alten Orient sind natur­ge­mäß schwer fest­zu­stel­len. Aufgrund diver­gie­ren­der Ermitt­lungs­kri­te­rien exis­tie­ren unter den Wissen­schaft­lern derzeit vier Chro­no­lo­gie­ty­pen: Die lange, zwei sog. mitt­lere und eine kurze Chro­no­lo­gie (oder lang, mittel, kurz und ultra­kurz). Je länger die Chro­no­lo­gie, umso weiter rutscht das Ereig­nis in die Vergan­gen­heit. Die Regie­rungs­zei­ten Hammu­ra­bis wären demnach: Lang: 1848–1806 v. Chr., mittel (1): 1792–1752 v. Chr., mittel (2): 1728–1686 v. Chr., kurz: 1696–1654 v. Chr. Heute werden meist die lange und die ultra­kurze Chro­no­lo­gie als nicht zutref­fend ange­se­hen.
2 Alle Zitate des Codex Hammu­rabi aus: W. Eilers: Codex Hammu­rabi. Die Geset­zes­s­tele Hammu­ra­bis. Marix­ver­lag, Wies­ba­den, 2009
3 Text des Codex Ur-Nammu (in Englisch) siehe: http://realhistoryww.com/world_history/ancient/Misc/Sumer/ur_nammu_law.htm
4 F. R. Steele: The Code of Lipit-Ishtar. – The Univer­sity Museum, Phil­adel­phia, 1948
5 Text aus: R. Yaron: The Laws of Eshnunna. – The Magnes Press, Jeru­sa­lem, 1988; Die Eschnun­natexte geben noch ein weite­res Beispiel für die Bedeu­tung der Gefah­ren­wahr­neh­mung: „Wenn eine Mauer einzu­stür­zen droht und die Bezirks­au­to­ri­tä­ten haben den Eigner darauf hinge­wie­sen, und er verstärkt die Mauer nicht und sie bricht zusam­men und tötet den Sohn eines Menschen: [Es geht ums] Leben: Entscheid des Königs.“
6 Alle Zitate der Thora aus: W. Krauss und M. Karrer: Septu­ag­inta Deutsch. – Deut­sche Bibel­ge­sell­schaft, Stutt­gart 2009
7 Der Begriff „Altes Testa­ment“ stammt von christ­li­chen Theo­lo­gen, wurde erst­mals um 180 n. Chris­tus verwen­det und bezeich­net eine Samm­lung der jüdi­schen heili­gen Schrif­ten. Die zugrunde liegen­den jüdi­schen Schrif­ten entstan­den zu verschie­de­nen Zeiten im ersten vorchrist­li­chen Jahr­tau­send. Tradi­ti­ons­ge­mäß wird die Thora, d.h. die fünf Moses­bü­cher, als die ältes­ten Schrif­ten ange­se­hen. Soll­ten die sog. Früh­da­tie­run­gen stim­men, liegen zwischen der Thora und dem Alten Testa­ment rund 1000 Jahre, ggf. sogar noch deut­lich mehr. Eine erste Zusam­men­stel­lung dieser heili­gen Schrif­ten mit Über­set­zung ins Grie­chi­sche erfolgte durch jüdi­sche Gelehrte um 250 v. Chr. in Alex­an­drien. Das entstan­dene Werk trägt den Namen „Septu­ag­inta“.
8 H.W.F. Saggs: Völker im Lande Baby­lon. – Theiss Verlag, 2005
Dr. Gerald Schnei­der,
B A D Gesund­heits­vor­sorge und Sicher­heits­tech­nik GmbH,
E‑Mail: gerald.schneider
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Sicherheitsingenieur 12|2012
TagsCodex Hammurabi Thora