Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-lag-hessen-19sa1172-16-04.05.2017-mindestlohn-ausschlussfrist-u.html
Timestamp: 2019-05-26 17:13:19
Document Index: 13942280

Matched Legal Cases: ['§ 69', '§ 3', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 3', '§ 3', '§ 1', '§ 64', '§ 519', '§ 69', '§ 3', '§ 14', '§ 1', '§ 3', '§ 14', '§ 3', '§ 14', '§ 3', '§ 3', '§ 4', '§ 9', '§ 3', '§ 1', '§ 3', '§ 3', '§ 14', '§ 3', '§ 1', '§ 92', '§ 3', '§ 72']

Urt. v. 04.05.2017, Az.: 19 Sa 1172/16
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 7. Ju­li 2016 - 3 Ca 20/16 - wird zurück­ge­wie­sen.
Von den Kos­ten des Be­ru­fungs­ver­fah­rens hat der Kläger 31 % und die Be­klag­te 69 % zu tra­gen.
Die Par­tei­en strei­ten im Be­ru­fungs­rechts­zug wei­ter­hin um ei­nen Vergütungs­an­spruch aus ei­nem be­en­de­ten Ar­beits­verhält­nis.
Der Kläger war bei der Be­klag­ten, die ein Bau­un­ter­neh­men be­treibt, von März 2012 bis zum 31. Ok­to­ber 2015, zu­letzt zu ei­nem St­un­den­lohn von 13,00 EUR brut­to als ge­werb­li­cher Ar­beit­neh­mer beschäftigt. Auf das Ar­beits­verhält­nis fin­det der Bun­des­rah­men­ta­rif­ver­trag für das Bau­ge­wer­be (BRTV) An­wen­dung.
Nach Er­halt des Kündi­gungs­schrei­bens vom 17. Sep­tem­ber 2015, wo­nach das Ar­beits­verhält­nis zum 31. Ok­to­ber 2015 en­den soll­te, hat­te der Kläger kei­ne Ar­beits­leis­tung mehr er­bracht und der Be­klag­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gun­gen für den Zeit­raum bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses am 31. Ok­to­ber 2015 über­mit­telt. Die­se zahl­te we­der Vergütung noch Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall für den Mo­nat Ok­to­ber 2015. Erst­mals mit sei­ner am 18. Ja­nu­ar 2016 der Be­klag­ten zu­ge­stell­ten Kla­ge be­gehr­te der Kläger die Zah­lung von Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall für den Mo­nat Ok­to­ber 2015.
We­gen des wei­te­ren un­strei­ti­gen Sach­ver­halts, des Vor­trags der Par­tei­en im ers­ten Rechts und der dort ge­stell­ten Anträge wird auf den Tat­be­stand des an­ge­foch­te­nen Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 7. Ju­li 2016 - 3 Ca 20/16 - gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG Be­zug ge­nom­men (Bl. 53-54 d.A.).
Das Ar­beits­ge­richt Kas­sel hat durch vor­ge­nann­tes Ur­teil der Kla­ge in Höhe von 1.525,75 EUR brut­to statt­ge­ge­ben und sie im Übri­gen ab­ge­wie­sen. Es hat an­ge­nom­men, der Kläger ha­be auf­grund der vor­ge­leg­ten ärzt­li­chen Be­schei­ni­gun­gen hin­rei­chend dar­ge­legt, dass er im Ok­to­ber 2015 an der Er­brin­gung sei­ner Ar­beits­leis­tung durch Ar­beits­unfähig­keit ge­hin­dert ge­we­sen sei und ihm des­halb grundsätz­lich ein An­spruch Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall nach Maßga­be der §§ 3, 4 Ent­gelt­fort­zah­lungsG zu­ste­he. Im Hin­blick auf den, den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn über­stei­gen­den An­teil sei­ner For­de­rung sei der An­spruch des Klägers nach § 14 BRTV ver­fal­len, da die ta­rif­li­che Aus­schluss­frist hin­sicht­lich des den Min­dest­lohn über­stei­gen­den Vergütungs­teils wirk­sam sei. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Be­gründung wird auf Bl. 55-57 d.A. Be­zug ge­nom­men.
Ge­gen die­ses Ur­teil hat die Be­klag­te Be­ru­fung und der Kläger An­schluss­be­ru­fung, je­weils in­ner­halb der zur Nie­der­schrift über die Be­ru­fungs­ver­hand­lung am 4. Mai 2017 fest­ge­stell­ten und dort er­sicht­li­chen Fris­ten ein­ge­legt; der Kläger hat die An­schluss­be­ru­fung nach strei­ti­ger Ver­hand­lung zurück­ge­nom­men.
Die Be­klag­te ver­folgt ihr Be­geh­ren auf Kla­ge­ab­wei­sung un­ter Wie­der­ho­lung und Ergänzung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens wei­ter. Sie ver­tritt die An­sicht, dem Kläger ste­he der gel­tend ge­mach­te Vergütungs­an­spruch nicht zu, da sein An­spruch auch im Um­fang des ihm zu­ge­stan­de­nen Min­dest­lohns nach § 14 BRTV ver­fal­len sei. § 14 BRTV stel­le kei­ne "Ver­ein­ba­rung" im Sin­ne von § 3 Satz 1 Mi­LoG dar. § 3 Satz 1 Mi­LoG mei­ne aus­sch­ließlich In­di­vi­du­al­ver­ein­ba­run­gen. Aus § 1 Abs. 3 Mi­LoG fol­ge, dass Ta­rif­verträge und erst recht für all­ge­mein ver­bind­lich erklärte Ta­rif­verträge dem Min­dest­l­ohn­ge­setz ent­ge­gen­ste­hen­de Re­ge­lun­gen wirk­sam ent­hal­ten könn­ten. Im Sin­ne der grund­ge­setz­lich ga­ran­tier­ten Ta­rif­au­to­no­mie müsse den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die recht­li­che Frei­heit und da­mit Möglich­keit ge­ge­ben blei­ben, ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen auf­recht zu er­hal­ten.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel vom 7. Ju­li 2016 - 3 Ca 20/16 - teil­wei­se ab­zuändern und die Kla­ge ins­ge­samt ab­zu­wei­sen.
Er ver­tei­digt die an­ge­foch­te­ne Ent­schei­dung un­ter Wie­der­ho­lung und Ergänzung sei­nes erst­in­stanz­li­chen Vor­brin­gens.
We­gen der Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens wird auf den In­halt der ge­wech­sel­ten Schriftsätze und auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 4. Mai 2017 (Bl. 101 d.A.) Be­zug ge­nom­men.
Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ge­gen das am 7. Ju­li 2016 verkünde­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Kas­sel ist zulässig. Das Rechts­mit­tel ist nach dem Wert des Be­schwer­de­ge­gen­stan­des statt­haft ( §§ 64 Abs. 2 , 8 Abs. 2 ArbGG ). Die Be­klag­te hat es auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet ( §§ 519 , 520 ZPO , 66 Abs. 1 ArbGG ).
Die Be­ru­fung hat je­doch kei­nen Er­folg. Das Ar­beits­ge­richt hat zu Recht und mit zu­tref­fen­der Be­gründung die Be­klag­te ver­ur­teilt, an den Kläger 1.525,75 EUR brut­to zu zah­len. Das Be­ru­fungs­ge­richt kann da­her zur Ver­mei­dung unnöti­ger Wie­der­ho­lun­gen auf die zu­tref­fen­den Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils ver­wei­sen, de­nen es in vol­lem Um­fang folgt und des­halb auf sie gemäß § 69 Abs. 2 ArbGG Be­zug nimmt. Im Hin­blick auf die Ausführun­gen der Be­klag­ten zwei­ten Rechts­zug ist noch Fol­gen­des aus­zuführen:
Der An­spruch des Klägers ge­gen die Be­klag­te auf Zah­lung von 1.525,75 EUR brut­to folgt aus § 3 Ent­gelt­fort­zah­lungsG. Da­nach hat der Kläger ei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall durch den Ar­beit­ge­ber für die Zeit der Ar­beits­unfähig­keit, wenn er durch Ar­beits­unfähig­keit in­fol­ge Krank­heit an sei­ner Ar­beits­leis­tung ver­hin­dert ist, oh­ne dass ihn ein Ver­schul­den trifft. Aus­ge­hend von der mo­nat­li­chen ge­schul­de­ten Ar­beits­zeit er­rech­net sich die Höhe der Kla­ge­for­de­rung un­ter Zu­grun­de­le­gung des Min­dest­lohns in Höhe von 8,50 EUR brut­to pro St­un­de.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten ist der An­spruch des Klägers, den er nicht in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Fällig­keit gel­tend ge­macht hat, nicht gemäß § 14 BRTV ver­fal­len. Zwar ver­fal­len da­nach al­le bei­der­sei­ti­gen Ansprüche aus dem Ar­beits­verhält­nis und sol­che, die mit dem Ar­beits­verhält­nis in Ver­bin­dung ste­hen, wenn sie nicht in­ner­halb von zwei Mo­na­ten nach Fällig­keit ge­genüber der an­de­ren Ver­trags­par­tei schrift­lich er­ho­ben wer­den. Dies gilt je­doch nicht für den An­spruch auf Er­halt des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns nach den Vor­schrif­ten des Ge­set­zes zur Re­ge­lung ei­nes all­ge­mei­nen Min­dest­lohns (Min­dest­l­ohn­ge­setz, Mi­LoG). Da­nach hat je­de Ar­beit­neh­me­rin und je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch ge­gen den Ar­beit­ge­ber auf Zah­lung ei­nes Ar­beits­ent­gelts min­des­tens in Höhe des Min­dest­lohns ( § 1 Abs. 1 , 2 Mi­LoG ).
Nach § 3 Mi­LoG sind Ver­ein­ba­run­gen, die den An­spruch auf Min­dest­lohn un­ter­schrei­ten oder sei­ne Gel­tend­ma­chung be­schränken oder aus­sch­ließen un­wirk­sam. Da­nach ist die in § 14 BRTV ge­re­gel­te Aus­schluss­frist un­wirk­sam, je­den­falls so­weit sie den Kläger in der Gel­tend­ma­chung sei­nes An­spruchs auf Min­dest­lohn be­schränken würde.
1. Dies folgt schon aus dem Wort­laut von § 3 Satz 1 Mi­LoG , da ei­ne Aus­schluss­frist ei­ne von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ge­schlos­se­ne Ver­ein­ba­rung ist, die die Gel­tend­ma­chung ei­nes An­spruchs in zeit­li­cher Hin­sicht ein­schränkt. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klägers enthält das Min­dest­l­ohn­ge­setz kei­ne Be­schränkung auf in­di­vi­du­al­recht­li­che Ver­ein­ba­run­gen. Dem­gemäß sind auch die von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en, hier in § 14 BRTV ge­trof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen sol­che im Sin­ne von § 3 Satz 1 Mi­LoG .
2. Auch aus der sys­te­ma­ti­schen Aus­le­gung von § 3 Mi­LoG folgt, dass Aus­schluss­firs­ten je­den­falls so­weit sie den ge­setz­lich ge­re­gel­ten Min­dest­lohn aus­sch­ließen, un­wirk­sam sind. § 4 Abs. 4 Satz 3 TVG bzw. § 9 Satz 3 AEntG sind Vor­bild­vor­schrif­ten der Re­ge­lun­gen im Min­dest­l­ohn­ge­setz. Sie ver­bie­ten Aus­schluss­fris­ten, die auf an­de­rer nie­der­ran­gi­ge­rer Grund­la­ge als auf der je­wei­li­gen Re­ge­lungs­ebe­ne - Ta­rif­ver­trag oder er­streck­ter Ta­rif­ver­trag nach dem Ar­beit­neh­mer­ent­sen­de­ge­setz (AEntG) - er­gan­gen sind. Der Ge­setz­ge­ber hätte da­nach - überträgt man die­sen Ge­dan­ken der ge­nann­ten Vor­bild­vor­schrif­ten auf das Min­dest­l­ohn­ge­setz - die Möglich­keit ge­habt, Aus­schluss­fris­ten durch Ge­setz zu nor­mie­ren oder zu­zu­las­sen. Dies hat der Ge­setz­ge­ber im Min­dest­l­ohn­ge­setz nicht ge­tan (vgl. ErfK/ Oet­ker § 3 Mi­LoG Rn. 3f).
3. Zum sel­ben Er­geb­nis führt die te­leo­lo­gi­sche Aus­le­gung. Der Sinn und Zweck des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes be­steht un­ter an­de­rem dar­in, ei­nen un­ab­ding­ba­ren ge­setz­li­chen Min­dest­lohn fest­zu­le­gen und so ei­nen an­ge­mes­se­nen Min­dest­schutz für Ar­beit­neh­mer zu gewähr­leis­ten (BT-Drs. 18/1558, S. 34). Hierfür stellt das Min­dest­l­ohn­ge­setz Min­dest­be­din­gun­gen im Hin­blick auf das Ar­beits­ent­gelt auf ( § 1 Mi­LoG ). § 3 Mi­LoG si­chert die­sen Sinn und Zweck. Da­nach ist der An­spruch auf Min­dest­lohn nach der Kon­zep­ti­on des Ge­setz­ge­bers nicht dis­po­si­tiv; er darf durch an­der­wei­ti­ge Ver­ein­ba­run­gen nicht ab­be­dun­gen wer­den (vgl. ErfK/Oet­ker § 3 Mi­LoG Rn. 1). Die­sem Sinn und Zweck des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes ent­spricht es, dass dem Kläger der Min­dest­lohn, al­so der ge­setz­lich fest­ge­leg­te "So­ckel­be­trag" sei­ner ver­ein­bar­ten Vergütung un­ge­ach­tet be­ste­hen­der Aus­schluss­fris­ten ver­bleibt. Ob die Aus­schluss­frist gemäß § 14 BRTV ober­halb des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns wirkt, kann an­ge­sichts der Rück­nah­me der An­schluss­be­ru­fung da­hin­ge­stellt blei­ben.
4. Zu­tref­fend ist, dass die hier ver­tre­te­ne Auf­fas­sung mit Blick auf die Ta­rif­au­to­no­mie den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en die Ge­stal­tung von Mo­da­litäten des auf den Min­dest­lohn ent­fal­len­den Teils ent­zieht. Zu­dem wird der Zweck von Aus­schluss­fris­ten, schnell Klar­heit über das Be­ste­hen von Ansprüchen aus dem Ar­beits­verhält­nis zu schaf­fen, da­mit nicht er­reicht wer­den. Bei­des ist zum ei­nen die Kon­se­quenz der ge­setz­li­chen Re­ge­lung in § 3 Mi­LoG in Ver­bin­dung mit § 1 Mi­LoG , zum an­de­ren der Tat­sa­che ge­schul­det, dass der Ge­setz­ge­ber von der Möglich­keit ei­ner Re­ge­lung zu Aus­schluss­fris­ten im Min­dest­l­ohn­ge­setz kei­nen Ge­brauch ge­macht hat. Dies ist von den Ge­rich­ten für Ar­beits­sa­chen an­zu­wen­den, oh­ne dass ih­nen ein Ge­stal­tungs­raum ver­bleibt.
1. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 92 Abs. 1 ZPO .
2. Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on folgt aus der grundsätz­li­chen Be­deu­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge, ob § 3 Satz 1 Mi­LoG auf ta­rif­ver­trag­lich ge­re­gel­te Aus­schluss­fris­ten an­zu­wen­den ist ( § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG ).
zur Übersicht 19 Sa 1172/16