Source: https://provieh.de/was-ist-eigentlich-artgerecht
Timestamp: 2017-10-17 15:01:45
Document Index: 362426955

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 2']

Was ist eigentlich artgerecht? | PROVIEH
» Was ist eigentlich artgerecht?
Natürlich kann man – wie Hilal Sezgin in ihrem wunderbaren Buch – sagen, artgerecht ist nur die Freiheit. Sicher ist die Freiheit, der Aufenthalt der Tiere in der natürlichen Landschaft, aus der sie – beziehungsweise ihre Vorfahren – ursprünglich stammen, die Idealvorstellung von Artgerechtheit.
Der gesetzliche Ausgangspunkt ist § 2 Nr. 1 Tierschutzgesetz (TierSchG). Dieser verpflichtet jeden Tierhalter und auch den Betreuer eines Tieres, das von ihm gehaltene oder betreute Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen zu ernähren, zu pflegen und verhaltensgerecht unterbringen. Weiter darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so eingeschränkt werden, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden, § 2 Nr. 2 TierSchG.
Gerade in der Haltung von sogenannten Nutztieren werden immer wieder die Haltungssysteme kritisiert und als nicht artgerecht bezeichnet. So zum Beispiel die Käfige, in denen Mastkaninchen gehalten werden, die Kastenstände, in denen Sauen eingepfercht sind und auch die immer noch erlaubte Anbindehaltung von Milchkühen sind solche Haltungssysteme, welche berechtigterweise schon lange in der Kritik stehen.
Doch wenn es um solche Haltungssysteme geht, müssten wir uns mehr für den Begriff verhaltensgerecht interessieren. Denn wenn wir uns § 2 des Tierschutzgesetzes noch einmal genau anschauen, erkennen wir, dass die Unterbringung der von uns gehaltenen Tiere verhaltensgerecht sein muss. Auch verhaltensgerecht ist ein wichtiger Begriff und ist inhaltlich von dem der Artgerechtheit gar nicht weit entfernt. Denn auch der Begriff verhaltensgerecht knüpft an die Art des Tieres an; durch ihn wird bestimmt, wann eine Unterbringung eines Tieres und damit ein Haltungssystem tierschutzgerecht ist.
Trotz der Pflicht in § 2 TierSchG, ein Tier verhaltensgerecht unterzubringen, erlauben einige Rechtsverordnungen die Unterbringung von Sauen in Kastenständen und andere Haltungssysteme, die nicht mit der in § 2 vorgeschriebenen Verhaltensgerechtheit vereinbar sind. Diese Normen verstoßen somit gegen den höherrangigen § 2 TierSchG und sind damit – eigentlich – unwirksam.
Nähme man die Vorgaben im Tierschutzgesetz ernst, würde es viele Rechtsverordnungen so nicht geben. Noch immer setzen sich aber Wirtschaftlichkeitsgesichtspunkte vor dem Tierschutz durch. Das ist sehr traurig, zumal die Grundsatzentscheidung für den Schutz unserer Mitgeschöpfe, der sich sogar in unserer Verfassung findet, dadurch eklatant unterlaufen wird.
Barbara Felde, Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht e.V.