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Timestamp: 2019-11-15 16:23:34
Document Index: 87355281

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 8', '§ 1', '§ 10', '§ 6', '§ 55', '§ 35']

Praxisbericht - Jugendamt (ASD) | Masterarbeit, Hausarbeit, Bachelorarbeit veröffentlichen
2.1 Strukturen des Jugendamtes
2.2 Aufgabenstruktur und Zielsetzung des Jugendamtes
2.3 MitarbeiterInnenstruktur
2.4 Adressaten des Jugendamtes
2.5 Rechtliche Grundlagen und Finanzierung
3. Arbeitsfeld
3.1 Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD)
3.2 Methoden, Instrumente und Arbeitsprinzipien
3.2.1 Das Verfahren der Hilfeplanung
5.1 Fallbeschreibung
5.2 Reflexion des Fallbeispiels
5.3 Kompetenzerwerb
5.4 Schwierige Situationen
5.5 Wahrnehmung von Theorie und Praxis
Abbildung 1: Organisationsstruktur des Jugendamtes
Als Student der Fachhochschule Nordhausen und des Bachelor-Studiengangs Gesundheits- und Sozialwesen ist im 5. Studiensemester ein 22-wöchiges berufsorientierendes Praktikum vorgesehen, welches ich vom 05.09.2011 bis 03.02.2012 im Jugendamt des Landkreises XXX in der Außenstelle XXX absolvierte.
„Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.“ (§ 1 Abs. 1 SGB VIII)
Dieser erste Satz im SGB VIII garantiert jungen Menschen ihr Recht auf Erziehung. Wie dieser Rechtsanspruch in der Praxis umgesetzt wird, war ich gewillt herauszufinden.
Mein persönliches Interesse an das Praktikum war es, mir möglichst viel neues Wissen anzueignen, mir hilfreiche Praktiken meiner Anleiterin für meine spätere berufliche Praxis abzuschauen und einen breitgefächerten Einblick in verschiedene Arbeitsfelder, Institutionen und Methoden der Sozialen Arbeit zu erhalten. Da das Jugendamt mit vielen verschiedenen Einrichtungen, Trägern und Professionen kooperieren muss und auch soziale, einzelfallbezogene Netzwerkarbeit leistet, so war ich sehr zuversichtlich und gespannt, dass das Praktikum sehr anspruchsvoll und abwechslungsreich werden wird. Primär war ich im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) tätig, in dem meine sehr erfahrene und kompetente Anleiterin seit über 20 Jahren arbeitet. Ebenfalls sehr bedeutend für mich war es, möglichst viele verschiedene und vielschichtige Fälle und Problemlagen des Klientel kennenzulernen, um in der eigenen beruflichen Praxis etwas vorbereiteter zu sein, das Kernproblem auf Grund bereits gemachter Erfahrungen schneller identifizieren zu können, dadurch schneller und effektiver zu intervenieren, um die richtige Hilfe und einen individuellen Hilfeplan anbieten zu können.
Mich interessierte auch das Spannungsfeld zwischen Mensch und Bürokratie. So wollte ich herausfinden, ob durch den hohen bürokratisch-dokumentativen Arbeitsaufwand eines Jugendamtes, der hilfebedürftige Mensch in seiner Ohnmacht wirklich im Fokus der Arbeit steht, oder ob er mit seinen oft multiplen Problemen einfach „abgefertigt“ wird, wie am Mc Drive bei Mc Donalds, da viele Ämter mit diesem Klischee behaftet sind.
Ein weiterer interessanter Punkt war es zu erleben, ob, und wenn ja, wie groß die Kluft zwischen Theorie und Praxis wirklich ist.
Das Jugendamt des Landkreises XXX (Thüringen) hat seinen Hauptsitz in XXX. Um die Leistungen so bürgernah wie möglich anbieten zu können, befindet sich zusätzlich eine Außenstelle in XXX. Der westliche Teil des Landkreises unterliegt der Zuständigkeit des Jugendamtes in XXX, der östliche Teil der Außenstelle in XXX. Das Jugendamt ist in vier Kernsäulen strukturiert, denen noch weitere Unterbereiche zugeordnet sind, die dem folgenden Schaubild entnommen werden können.
Wie bereits erwähnt, war mein Einsatzgebiet während meines Praktikums der Soziale Dienst. Dort war ich hauptsächlich im ASD tätig, hatte aber bei Interesse auch die Möglichkeit einen Exkurs in die benachbarten Bereiche der Familien- und Jugendgerichtshilfe sowie der Adoptionsvermittlung und dem Pflegekinderwesen zu machen. Diese Möglichkeit habe ich gern genutzt.
Das Aufgabenspektrum des Jugendamtes der Außenstelle Worbis umfasst:
- Adoptionsvermittlung, Pflegekindervermittlung und –begleitung
- Beratung und Unterstützung der Eltern bei Trennung/ Scheidung und angemessene Beteiligung der Kinder
- Unterstützung bei der Erarbeitung eines einvernehmlichen Konzepts für die Wahrnehmung der elterlichen Sorge und des Umgangsrechts
- Mitwirkung bei Familien- und Jugendgerichtsverfahren
- Installierung von ambulanten, teilstationären und stationären Hilfen der Erziehung (SGB VIII)
- Beratungen, Hausbesuche und Hilfs- bzw. Unterstützungsangebote in Familien
- schnelles Tätigwerden in Fällen von Kindeswohlgefährdung, Vernachlässigung, Misshandlungen und Missbrauchshandlungen
- Bearbeitung von Hilfeanträgen einschließlich Bescheiderstellung
- Begleitung sämtlicher Hilfegewährungen
- Bearbeitung von Namensänderungen
Nach § 1 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII hat das Jugendamt die Aufgabe als Wächteramt zu fungieren. Außerdem hat jedes Jugendamt nach § 8a SGB VIII einen Schutzauftrag bei gewichtigen Anhaltspunkten für die Gefährdung des Wohles eines Kindes oder Jugendlichen zu erfüllen. Dieser Paragraph enthält eine strukturierte Anleitung zur Vorgehensweise bei einem Ernstfall und ist eine verbindliche Anforderung an die Fachkräfte der Jugendhilfe.
Die Ziele des Jugendamtes liegen im § 1 Abs. 3 Nr. 1-4 SGB VIII begründet:
"(3) Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere
Zusammenfassend kann man äußern, dass die Unterstützung des Familiensystems die oberste Zielsetzung eines jeden Jugendamtes ist.
Im Sozialen Dienst des Jugendamtes der Außenstelle in XXX sind zurzeit sieben Diplom SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen beschäftigt. Das Team besteht aus sechs weiblichen und einem männlichen Mitarbeiter, dem das Amt des Sachgebietsleiters des ASD innewohnt. Der Landkreis XXX wurde in zehn Bereiche aufgegliedert. Eine pädagogische Fachkraft ist jeweils für die ASD-Arbeit eines Gebietes zuständig. Einige Gebiete des Landkreises werden von SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen bearbeitet, die ihren Arbeitsplatz im Hauptsitz des Jugendamtes in XXX haben. Von den sieben SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen belegen die meisten, neben dem ASD, noch ein weiteres Arbeitsfeld. So sind zwei Mitarbeiterinnen in der Familiengerichtshilfe tätig, zwei in der Jugendgerichtshilfe und eine in der Adoptionsvermittlung sowie dem Pflegekinderwesen. In Krankheitsfällen ist eine fachliche Vertretung durch eine gemeinsame Koordination zwischen dem Hauptsitz des Jugendamtes und der Außenstelle gewährleistet.
Im Bereich der Wirtschaftlichen Jugendhilfe befinden sich fünf Mitarbeiterinnen mit Fachkenntnissen in Verwaltung und Finanzierung. Diese kümmern sich um die Finanzierung und Bezuschussung bestimmter Leistungen. Zum Beispiel um die Bearbeitung anfallender Heimkosten oder der Zahlung von Unterhaltsvorschuss und Elterngeld. Jedem SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen ist eine Mitarbeiterin, entsprechend des Einsatzgebietes des ASD, der Wirtschaftlichen Jugendhilfe zugeteilt.
Den Bereich der Amtsvormundschaften, Beistandschaften und Beurkundungen deckte eine Mitarbeiterin in der Außenstelle ab. Der Großteil der Vormundschaften und Beistandschaften befindet sich jedoch in Heilbad Heiligenstadt.
Alle in der Außenstelle arbeitenden SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen wird ein hohes Maß an Flexibilität und Fachwissen abgerungen, denn die Anforderungen im ASD sind enorm. Ein Grund dafür ist, dass man im Verlauf eines Arbeitstages mit vielen differenzierten Problemlagen und teilweise schwierigen Klientel konfrontiert wird und auseinandersetzen muss. Man muss für die jeweilige aktuelle Problemsituation immer die passende Methode, das benötigte Fachwissen und Handeln abrufbereit parat haben. Wichtig ist auch, dass man lernt mit Rückschlägen umgehen zu können. So begleitet man manche Familien über viele Jahre hinweg und es macht den Anschein, dass sie ihre Hilfebedürftigkeit nie verlieren, was bei einigen auch so sein wird. Gerade diese Familien benötigen regelmäßige Kontrollen, damit sie konstant bleiben. Um diesen täglichen beruflichen Anforderungen Herr zu werden, ist eine starke Psyche von Nöten und ein gesundes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz, da einem sonst fremde Probleme „auffressen“ können. Nichts desto trotz ist der ASD ein sehr wichtiges, abwechslungsreiches und umfangreiches Arbeitsfeld, welches einem viel Verantwortung abverlangt.
Allgemein gilt, dass das Jugendamt eine Anlaufstelle für alle Menschen ist, die schwanger sind, mindestens ein Kind haben, selbst minderjährig sind oder beruflich mit Kindern und Jugendlichen des Bezirks in Verbindung stehen. Wichtig dabei ist, dass diese besagten Personen in einem bestimmten Bezirk leben, welcher im Zuständigkeitsbereich des jeweiligen Jugendamtes liegt.
Die Zielgruppen speziell des ASD sind sehr verschieden. Darunter zählen die unterschiedlichsten familiären Formen, wie Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Pflegefamilien, alleinlebende Menschen sowie Menschen in stationären Wohn- und Lebensformen. Dabei ist zu beobachten, dass Einelternfamilien vermehrt Hilfen mit einem höheren Interventionsgrad in Anspruch nehmen, wie familienergänzende, familienunterstützende und sehr oft familienersetzende Hilfen. Bei zusammenlebenden Eltern weisen die Hilfen einen geringeren Interventionsgrad auf und belaufen sich meist auf Erziehungsberatungen und Eingliederungshilfen. Altersbezogen trifft man als SozialarbeiterIn im ASD auf Menschen jeglicher Altersstufe, wobei im Mittelpunkt natürlich junge Menschen zwischen 0 und 21 Jahren stehen, da der Schwerpunkt der Kinder- und Jugendhilfe primär auf die Förderung, Entwicklung und Erziehung junger Menschen ausgerichtet ist. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Zielgruppen des ASD, unabhängig vom Alter und Familienstand, sehr oft in prekären Lebensverhältnissen leben und ihr Leben fast immer von multiplen Belastungsfaktoren geprägt ist.[1]
Das Jugendamt erhält oft telefonische Hinweise und Informationen, bevor es zum eigentlichen Erstkontakt mit der Klientel kommt. So können beispielsweise Hinweise auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung von Kindertagesstätten, Schulen, Ärzten, dem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ), Krankenhäusern, der Polizei, Vermietern oder Bürgern getätigt werden. Ärzte, Kindertagesstätten und Schulen unterliegen der Pflicht, bei gewichtigen Anhaltspunkten für die Gefährdung des Wohles eines Kindes, tätig zu werden und dieser Sache nachzugehen. Ärzte sind nach § 10 Abs. 2 ThürFKG (Thüringer Früherkennungsgesetz) befugt, das Jugendamt zu informieren. Kindertagesstätten haben nach § 6 Abs. 2a ThürKitaG (Thüringer Kindertageseinrichtungsgesetz) die Aufgabe, einer bestehenden Gefährdung nachzugehen, das Gefährdungsrisiko einzuschätzen und bei Notwendigkeit eine erfahrene Fachkraft hinzuzuziehen. Hält es die Kindertagesstätte für erforderlich den Eltern für die Nutzung geeigneter Hilfen zu sensibilisieren, so kann ebenfalls das Jugendamt einbezogen werden. Bei Thüringer Schulen gilt der § 55a Abs. 2 ThürSchulG (Thüringer Schulgesetz). Auch Schulen sind verpflichtet, bei Wahrnehmung einer Gefährdung eines Schülers, das Gefährdungsrisiko mit Hilfe des Schulpsychologischen Dienstes oder anderer erfahrener Fachkräfte abzuwägen und notfalls weiter an das Jugendamt zu informieren. Diese Institutionen sind ein wichtiger Teil eines Netzwerkes, welches für den Kinderschutz garantieren soll.
Die Gründe der Klientel Kontakt mit dem Jugendamt aufzunehmen, fallen ebenso recht vielfältig aus, was durch die Existenz verschiedenster Problemlagen begründet werden kann. So ist der ASD für familiäre Probleme, psychosoziale Probleme, Missbrauch, Schuldistanz und Schulverweigerung, Suchtprobleme, soziale Isolation und Vereinsamung, Straffälligkeiten bei noch nicht straffähigen Kindern, Armut sowie Überschuldung zuständig und berät Eltern in Trennungs- und Scheidungsangelegenheiten sowie in Fragen des Sorgerechts oder der Erziehung. Im Praktikum machte ich die Erfahrung, dass die Adressaten, unabhängig vom sozialen Milieu und der sozialen Bevölkerungsschicht, Hilfen des Jugendamtes in Anspruch nahmen. Auch bezüglich ihrer Herkunft, Vergangenheit, Finanzlage oder Bildung konnte nicht unterschieden und klassifiziert werden.
Grundsätzlich bilden die Sozialgesetze, insbesondere das SGB VIII (KJHG – Kinder- und Jugendhilfegesetz) sowie das vierte Bürgerliche Gesetzbuch (BGB - Familienrecht) die gesetzliche Grundlage. Im sechsten Artikel des Grundgesetzes (GG) und im Thüringer Kinder- und Jugendhilfe-Ausführungsgesetz (ThürKJHAG ) sind weitere relevante gesetzliche Funktionsgrundlagen verankert. Das Jugendgerichtsgesetz (JGG) ist im Jugendamt für das Arbeitsfeld der Jugendgerichtshilfe sehr entscheidend. SozialpädagogInnen / SozialarbeiterInnen im Jugendamt bekommen in ihrem Berufsalltag viele personenbezogene Daten der Klienten anvertraut, sodass der Datenschutz gewährleistet werden muss und ebenso eine wichtige gesetzliche Grundlage bildet. Im § 35 Abs. 1 Satz 1 und 2 SGB I ist festgehalten, dass das Sozialgeheimnis gewahrt werden muss und Daten nicht unbefugt weitergegeben werden dürfen.
Das Jugendamt wird aus den Haushalten der Landkreise und Kommunen finanziert.
Gissel-Palkovich definiert den ASD als „…ein generalistisch ausgerichtetes Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit in kommunaler Trägerschaft, das in divergierenden Organisationsformen in den Kommunen zu finden ist. Seine Aufgaben liegen in der Beratung der Bevölkerung einer Kommune zu Fragen der Lebensbewältigung und insbesondere in der Betrachtung zu spezialisierten sozialen und erzieherischen Hilfen, ihrer Planung, Vermittlung und Begleitung sowie der Gewährleistung des staatlichen Wächteramtes. Darüber hinaus nimmt er (sozial-)räumliche Gestaltungsaufgaben wahr und ist an der Entwicklung von Angeboten der sozialen und erzieherischen Hilfen innerhalb seines räumlichen Zuständigkeitsgebietes beteiligt.“[2]
[1] Vgl. Gissel-Palkovich, I. (2011), S. 123f.
[2] Gissel-Palkovich, I. (2011), S. 13.
V193877
9783656213369
9783656213666
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Christoph Bärwald (Autor), 2012, Praxisbericht - Jugendamt (ASD), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193877
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