Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/anwaltliche-fristversaeumnis-trotz-erteilter-einzelweisung-344213
Timestamp: 2020-07-07 15:17:07
Document Index: 314385744

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 103', '§ 236', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Anwaltliche Fristversäumnis trotz erteilter Einzelweisung | Rechtslupe
Anwalt­li­che Frist­ver­säum­nis trotz erteil­ter Ein­zel­wei­sung
Eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung ver­mag den Rechts­an­walt dann nicht zu ent­las­ten, wenn sie unvoll­stän­dig ist und des­halb der Frist­ver­säu­mung nicht wirk­sam ent­ge­gen­wir­ken kann.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers fris­t­wah­rend Beru­fung beim unzu­stän­di­gen Land­ge­richt ein­ge­legt. Nach­dem ihm der rich­ter­li­che Hin­weis zuge­gan­gen ist, dass nicht das Land­ge­richt Chem­nitz, son­dern das Land­ge­richt Zwi­ckau zustän­dig ist, hat er die Beru­fung zurück­ge­nom­men. Er hat sodann Beru­fung beim zustän­di­gen Land­ge­richt ein­ge­legt und gleich­zei­tig Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand für die ver­säum­te Beru­fungs­frist bean­tragt. Zur Begrün­dung des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs hat er vor­ge­tra­gen und glaub­haft gemacht:
Die bis­her stets zuver­läs­sig und gewis­sen­haft arbei­ten­de Büro­an­ge­stell­te C.P. habe die Beru­fungs­schrift an das frü­her, inzwi­schen aber nicht mehr zustän­di­ge Land­ge­richt Chem­nitz anstatt an das nun­mehr zustän­di­ge Land­ge­richt Zwi­ckau adres­siert. Bei der Vor­la­ge des Ent­wurfs zur Durch­sicht und Unter­zeich­nung habe der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers die fal­sche Adres­sie­rung ent­deckt. Er habe dar­auf­hin die Ange­stell­te ange­wie­sen, auf der Sei­te 1 der Beru­fungs­schrift das ange­ru­fe­ne Gericht auf das Land­ge­richt Zwi­ckau abzu­än­dern, und auf der zwei­ten Sei­te unter­schrie­ben. Die – sonst feh­ler­frei arbei­ten­de – Ange­stell­te sei auf­grund beson­ders star­ker arbeits­mä­ßi­ger Belas­tung die­ser Anwei­sung nicht gefolgt und habe anläss­lich der Abho­lung der Post beim Land­ge­richt Chem­nitz die nicht geän­der­te Beru­fungs­schrift selbst in der dor­ti­gen Post­stel­le abge­ge­ben.
Das Land­ge­richt Zwi­ckau hat die begehr­te Wie­der­ein­set­zung ver­sagt und die Beru­fung des Klä­gers als unzu­läs­sig ver­wor­fen, weil die­ser die Beru­fungs­frist nicht ohne Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­säumt habe [1]. Der Grund­satz, dass ein der Par­tei zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den ihres Anwalts an der Frist­ver­säu­mung grund­sätz­lich nicht gege­ben ist, wenn der Rechts­an­walt einer Kanz­lei­an­ge­stell­ten, die sich bis­her als zuver­läs­sig erwie­sen habe, eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung ertei­le, die bei Befol­gung die Fris­t­wah­rung gewähr­leis­tet hät­te, gel­te dann nicht, wenn der Rechts­an­walt von der ihm selbst ohne Wei­te­res mög­li­chen Besei­ti­gung eines von ihm erkann­ten Feh­lers abse­he. Der ein­zi­ge und gra­vie­ren­de Feh­ler des Beru­fungs­schrift­sat­zes bei der Benen­nung des rich­ti­gen Beru­fungs­ge­richts hät­te nach sei­ner behaup­te­ten Ent­de­ckung durch eine hand­schrift­li­che Kor­rek­tur der ers­ten Sei­te des ein­zu­rei­chen­den Schrift­sat­zes und/​oder durch den (nach­fol­gen­den) Aus­tausch die­ser Sei­te unschwer kor­ri­giert wer­den kön­nen. Die­se Mög­lich­keit der Selbst­kor­rek­tur durch den Rechts­an­walt ohne jeden Auf­wand set­ze den Ver­trau­ens­grund­satz außer Kraft [2].
Der Bun­des­ge­richts­hof wies die hier­ge­gen gerich­te­te Rechts­be­schwer­de – mit gegen­über dem Land­ge­richt Zwi­ckau abwei­chen­der Begrün­dung – zurück:
Aus dem ver­fah­rens­recht­lich gewähr­leis­te­ten Anspruch auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip) sowie dem Anspruch jeder Par­tei auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) darf einer Par­tei die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht auf­grund von Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­sagt wer­den, die nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung nicht ver­langt wer­den und den Par­tei­en den Zugang zu einer in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwe­ren [3].
Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs ent­spricht die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung aller­dings der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung:
Zwar darf der Rechts­an­walt, der einer Kanz­lei­an­ge­stell­ten, die sich bis­her als zuver­läs­sig erwie­sen hat, eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung erteilt, die bei Befol­gung die Fris­t­wah­rung gewähr­leis­tet hät­te, grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass sie die kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung befolgt [4]. Danach durf­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers sich dar­auf ver­las­sen, dass sei­ne Ange­stell­te den kon­kre­ten Ein­zel­auf­trag, die von ihm unter­zeich­ne­te Beru­fungs­schrift zu berich­ti­gen und dazu die ers­te Sei­te des Schrift­sat­zes aus­zu­tau­schen, ord­nungs­ge­mäß aus­füh­ren wür­de [5]. Dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kann nicht als Ver­schul­den ange­las­tet wer­den, dass er die Beru­fungs­schrift vor der von ihm für erfor­der­lich gehal­te­nen Kor­rek­tur unter­zeich­net hat [6]. Auch traf ihn nicht die Ver­pflich­tung, sich anschlie­ßend über die Aus­füh­rung sei­ner Wei­sung zu ver­ge­wis­sern. Die Anfor­de­run­gen an die anwalt­li­che Sorg­falt wür­den über­spannt, woll­te man ver­lan­gen, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te bei einer Ange­stell­ten, an deren Zuver­läs­sig­keit kei­ne Zwei­fel bestehen, die Vor­nah­me einer ein­fa­chen Berich­ti­gung der fal­schen Adres­sie­rung zu kon­trol­lie­ren habe [7].
Im Streit­fall kommt es auch nicht dar­auf an, ob der Rechts­an­walt das Anschrif­ten­feld selbst hät­te hand­schrift­lich berich­ti­gen müs­sen [8]. Eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung ver­mag den Rechts­an­walt jeden­falls dann nicht zu ent­las­ten, wenn sie unvoll­stän­dig ist und des­halb der Frist­ver­säu­mung nicht wirk­sam ent­ge­gen­wir­ken kann [9]. So liegt der Fall für den Bun­des­ge­richts­hof hier:
Mit der Kor­rek­tur der ers­ten Sei­te der am letz­ten Tag der Beru­fungs­frist gefer­tig­ten Beru­fungs­schrift war nicht gewähr­leis­tet, dass die­se fris­t­wah­rend bei dem Land­ge­richt Zwi­ckau ein­ge­hen wür­de. Die fris­t­wah­ren­de Über­mitt­lung von der Kanz­lei in Chem­nitz zum Land­ge­richt in Zwi­ckau hät­te per Fax, gege­be­nen­falls auf elek­tro­ni­schem Wege oder per Boten erfol­gen müs­sen. Vor­trag des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers dazu, dass dies durch all­ge­mei­ne orga­ni­sa­to­ri­sche Vor­keh­run­gen oder durch eine Ein­zel­an­wei­sung gesi­chert gewe­sen wäre, fehlt.
Nach allem ist für den Bun­des­ge­richts­hof nicht glaub­haft gemacht, dass der Klä­ger die Beru­fungs­frist schuld­los ver­säumt hat (§ 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO).
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Juni 2012 – VI ZB 12/​12
LG Zwi­ckau, Beschluss vom 27.01.2012 – 6 S 214/​11[↩]
vgl. hier­zu etwa BGH, Beschlüs­se vom 13.04.2010 – VI ZB 65/​08, NJW 2010, 2287 Rn. 6; vom 09.12.2003 – VI ZB 26/​03, VersR 2005, 138 und BGH, Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, NJW 2009, 296 Rn. 10 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 09.12.2003 – VI ZB 26/​03 und BGH, Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, jew. aaO mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 13.04.2010 – VI ZB 65/​08 aaO, Rn. 7; BGH, Beschlüs­se vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, aaO Rn. 9; vom 27.02.2003 – III ZB 82/​02, NJW-RR 2003, 934, 935; vom 04.11.1981 – VIII ZB 59 und 60/​81, VersR 1982, 190[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, aaO Rn. 10[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 17.08.2011 – I ZB 21/​11, aaO Rn. 15[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.10.2003 – V ZB 28/​03, NJW 2004, 367, 369; vom 06.12.2007 – V ZB 91/​07, juris Rn. 8 und vom 21.12.2006 – IX ZB 309/​04, AnwBl.2007, 236[↩]