Source: https://www.europalupe.eu/strafrecht/vorabenscheidungsverfahren-und-die-unterbliebene-vorlage-an-den-eugh-461526
Timestamp: 2018-05-27 03:28:10
Document Index: 80336287

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art. 267', 'Art. 101', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Vorabenscheidungsverfahren – und die unterbliebene Vorlage an den EuGH | Europalupe
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29. März 2017 | Europa und seine Institutionen, Sicherheit und Justiz
Die Vorlagepflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV wird offensichtlich unhaltbar gehandhabt, wenn ein letztinstanzliches Hauptsachegericht eine Vorlage trotz der – seiner Auffassung nach bestehenden – Entscheidungserheblichkeit der unionsrechtlichen Frage überhaupt nicht in Erwägung zieht, obwohl es selbst Zweifel hinsichtlich der richtigen Beantwortung der Frage hegt und das Unionsrecht somit eigenständig fortbildet (grundsätzliche Verkennung der Vorlagepflicht).
Gleiches gilt in den Fällen, in denen das letztinstanzliche Hauptsachegericht in seiner Entscheidung bewusst von der Rechtsprechung des Gerichtshofs zu entscheidungserheblichen Fragen abweicht und gleichwohl nicht oder nicht neuerlich vorlegt (bewusstes Abweichen ohne Vorlagebereitschaft).
Liegt schließlich zu einer entscheidungserheblichen Frage des Unionsrechts einschlägige Rechtsprechung des Gerichtshofs noch nicht vor oder hat eine vorliegende Rechtsprechung die entscheidungserhebliche Frage möglicherweise noch nicht erschöpfend beantwortet oder erscheint eine Fortentwicklung der Rechtsprechung des Gerichtshofs nicht nur als entfernte Möglichkeit (Unvollständigkeit der Rechtsprechung), wird Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG verletzt, wenn das letztinstanzliche Hauptsachegericht den ihm in solchen Fällen notwendig zukommenden Beurteilungsrahmen in unvertretbarer Weise überschreitet.
Das ist jedenfalls dann der Fall, wenn die Fachgerichte das Vorliegen eines “acte clair” oder eines “acte eclaire” willkürlich bejahen7.
vgl. BVerfG, Beschluss vom 03.03.2014 – 1 BvR 2083/11 30; vgl. aber BVerfGE 135, 155, 234, wonach allein eine fehlende Begründung bei materieller Vertretbarkeit nicht ausreicht↩
vgl. BVerfGE 111, 307↩
EGMR, Entscheidung vom 10.04.2012 – 4832/04 – Vergauwen u.a. – und EGMR, Entscheidung vom 08.04.2014 – 17120/09 – Dhahbi↩
EGMR, Entscheidung vom 08.04.2014 – 17120/09 – Dhahbi, Rn. 33↩
BVerwG, Urteil vom 06.11.2014 – 1 C 4.14↩
vgl. hierzu und zum Folgenden BVerfGE 135, 155, 230 ff., Rn. 176 ff. m.w.N.↩
zu den drei Fallgruppen vgl. BVerfGE 82, 159, 195 f.; 126, 286, 316 f.; 128, 157, 187 f.; 129, 78, 106 f.↩
vgl. Vorlagebeschluss des VG Darmstadt vom 01.12 2015 – 5 K 1261/15.DA 64 ff. und Beschluss des VGH Baden-Württemberg vom 16.09.2015 – 11 S 1711/15 8↩
vgl. EuGH, Urteil vom 07.11.2013 – C-225/12 – Demir, und EuGH, Urteil vom 10.07.2014 – C-138/13 – Dogan↩
vgl. schon EuGH, Urteil vom 20.02.1979 – C-120/78 – Cassis de Dijon, Rn. 8↩
vgl. Thym, ZAR 2014, S. 301, 303↩
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