Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kapitalanlagerecht/geschaeftsfuehrerhaftung-beim-schwindelunternehmen-3102024
Timestamp: 2019-12-06 05:10:03
Document Index: 156175679

Matched Legal Cases: ['§ 826', '§ 826', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Geschäfts­füh­rer­haf­tung beim Schwin­del­un­ter­neh­men | Rechtslupe
Vor­stands­mit­glie­der, Geschäfts­füh­rer oder (fak­ti­sche) Geschäfts­lei­ter einer Gesell­schaft haf­ten nach § 826 BGB auf Scha­dens­er­satz, wenn das von ihnen ins Werk gesetz­te Geschäfts­mo­dell der Gesell­schaft von vorn­her­ein auf Täu­schung und Schä­di­gung der Kun­den ange­legt ist, es sich mit­hin um ein "Schwin­del­un­ter­neh­men" han­delt.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs haf­ten Geschäfts­füh­rer, (fak­ti­sche) Geschäfts­lei­ter oder Vor­stands­mit­glie­der einer Gesell­schaft nach § 826 BGB auf Scha­dens­er­satz, wenn das von ihnen ins Werk gesetz­te Geschäfts­mo­dell der Gesell­schaft von vorn­her­ein auf Täu­schung und Schä­di­gung der Kun­den ange­legt ist, es sich mit­hin um ein "Schwin­del­un­ter­neh­men" han­delt 1.
Im hier ent­schie­de­nen Fall sah der Bun­des­ge­richts­hofs sol­che Umstän­de, die den Schluss nahe leg­ten, dass das ope­ra­ti­ve Geschäft der Gesell­schaft vom Vor­stand nicht ernst­haft betrie­ben wur­de, son­dern nur dazu dien­te, den Anle­gern ein flo­rie­ren­des Unter­neh­men vor­zu­täu­schen und sie damit zum Kauf von Akti­en zu bewe­gen.
Die Gesell­schaft hat 22 Mil­lio­nen Namens­ak­ti­en zu einem Nenn­wert von je 0, 01 CHF aus­ge­ge­ben. Die­se sind den Anle­gern unstrei­tig zu Prei­sen von 1, 60 € bis zu 5, 20 € ver­kauft wor­den. Damit über­stieg der Ver­kaufs­preis der Akti­en deren Nenn­wert um das 160- bis 520fache. Umstän­de, die ein Auf­geld in die­ser Höhe bei einem jun­gen Unter­neh­men als gerecht­fer­tigt erschei­nen las­sen könn­ten, waren und sind nicht ansatz­wei­se erkenn­bar. Ins­be­son­de­re ist nicht ersicht­lich, dass die – von der Gesell­schaft selbst auf­grund einer rein zukunfts­ge­rich­te­ten Bewer­tung fest­ge­leg­ten – hohen Aus­ga­be­prei­se mit aus dem Fac­to­ring zu erwar­ten­den Erträ­gen kor­re­spon­dier­ten oder eine Grund­la­ge für die Erwar­tung bestand, der Unter­neh­mens­wert wer­de sich zukünf­tig der­art erhö­hen.
Dabei erziel­te die Gesell­schaft aus dem Fac­to­ring näm­lich nur gerin­ge Ein­nah­men, denen Aus­ga­ben gegen­über stan­den. Nach dem Vor­trag der Klä­ge­rin betrug der Umsatz aus dem ope­ra­ti­ven Geschäft im Geschäfts­jahr 2007/​2008 1, 6 % und im Geschäfts­jahr 2008/​2009 3, 1 % des gesam­ten Umsat­zes der Gesell­schaft. Der Ertrags­an­teil aus dem Ver­kauf eige­ner Akti­en betrug dage­gen 98, 4 % bzw. 96, 9 %. Auch wenn der Geschäfts­zweck der Gesell­schaft nicht aus­schließ­lich in dem Ver­kauf eige­ner Akti­en bestand, so kön­nen die­se Umsatz­zah­len doch dar­auf hin­deu­ten, dass in Wahr­heit dar­in der Schwer­punkt ihrer Geschäfts­tä­tig­keit lag und das Fac­to­ring von ihr nicht ernst­haft und eher nur am Ran­de betrie­ben wur­de.
Vor­lie­gend ver­füg­te vor­geb­lich die im Bereich For­de­rungs­an­kauf täti­ge Gesell­schaft nicht über ein pro­fes­sio­nel­les Inkasso­pro­gramm. Sie bilan­zier­te zudem den gesam­ten ihr zur Ein­zie­hung über­tra­ge­nen For­de­rungs­be­stand, obwohl ersicht­lich nur ein Bruch­teil des Bestan­des zu rea­li­sie­ren war, so dass es in der Fol­ge mehr­fach zu erheb­li­chen bilan­zi­el­len Wert­be­rich­ti­gun­gen kam.
Bei dem Betei­li­gungs­an­ge­bot han­del­te es sich laut dem Wert­pa­pier­pro­spekt nicht um eine Neu­emis­si­on, son­dern um eine Wie­der­ver­äu­ße­rung aus dem Bestand der Alt­ak­tio­nä­re. Neben den Emis­si­ons­kos­ten in Höhe von 30 % des Aus­ga­be­prei­ses flos­sen daher wei­te­re 5 % an die Alt­ak­tio­nä­re, was in den von den Erwer­bern zu unter­zeich­nen­den Kauf­ab­sichts­er­klä­run­gen nicht offen­ge­legt wur­de. Von der Revi­si­on genann­te Umstän­de könn­ten wei­ter nahe­le­gen, dass die Kapi­tal­zu­flüs­se aus den Akti­en­ver­käu­fen nicht für das ope­ra­ti­ve Geschäft ver­wen­det wur­den, wie Bar­ab­he­bun­gen in Höhe von 1, 1 Mio. €, hohe Auf­wen­dun­gen u.a. für Bera­ter­ver­trä­ge sowie hohe Zah­lun­gen an die Haupt­ak­tio­nä­rin der Gesell­schaft.
Bei der Wür­di­gung die­ser Umstän­de darf auch nicht außer Acht gelas­sen wer­den, dass die Gesell­schaft trotz der oben genann­ten Umstän­de in ihrer Anfang des Jah­res 2008 her­aus­ge­ge­be­nen und zu Wer­be­zwe­cken ver­sand­ten Bro­schü­re sowie auf ihrer Inter­net­sei­te – mit­hin in Ver­öf­fent­li­chun­gen, über deren Inhal­te typi­scher­wei­se auf der Vor­stands­ebe­ne ent­schie­den wird 2 – mit­teil­te, die Inves­ti­ti­on bie­te eine außer­ge­wöhn­li­che Sicher­heit und die Boni­tät der Gesell­schaft sei bes­ser als die­je­ni­ge man­cher deut­scher Ban­ken. Sie hob dort zudem her­vor, die im Zeit­raum von 2004 bis 2006 erziel­ten Dienst­leis­tungs­er­trä­ge sei­en von CHF 17.400 auf 1.800.000, mit­hin um das Hun­dert­fa­che gestie­gen. Die im Wert­pa­pier­pro­spekt ange­nom­me­nen Dienst­leis­tungs­er­trä­ge sei­en im Geschäfts­jahr 2006/​2007 um 30 % über­schrit­ten wor­den. Dadurch konn­te bei den Anle­gern die unrich­ti­ge Vor­stel­lung ent­ste­hen, die Erträ­ge stamm­ten aus dem ope­ra­ti­ven Geschäft der Gesell­schaft, wäh­rend es sich nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts im Wesent­li­chen um Erträ­ge aus dem Ver­kauf eige­ner Akti­en han­del­te.
Die­se und ähn­li­che Infor­ma­tio­nen fin­den sich auch in den­an die Anle­ger ver­sand­ten Mit­tei­lun­gen, den soge­nann­ten "News­let­ter", mit­hin eben­falls in Ver­öf­fent­li­chun­gen, über deren Inhal­te typi­scher­wei­se auf der Vor­stands­ebe­ne ent­schie­den wird 3. Die Anle­ger erhiel­ten den Wert­pa­pier­pro­spekt der E. S. AG grund­sätz­lich nicht über­sandt. Die Tele­fon­ver­käu­fer mach­ten in den Ver­kaufs­ge­sprä­chen unrich­ti­ge, näm­lich zu güns­ti­ge Anga­ben in Bezug auf die Umsatz­zu­wäch­se.
Die­se Umstän­de könn­ten in einer Gesamt­be­trach­tung geeig­net erschei­nen, dar­auf hin­zu­deu­ten, der vom Vor­stand und der Alt­ak­tio­nä­rin initi­ier­te Ver­trieb der Akti­en der E. S. AG sei auf Täu­schung der Anla­ge­in­ter­es­sen­ten aus­ge­rich­tet gewe­sen.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 14. Juli 2015 – VI ZR 463/​14
BGH, Urteil vom 28.02.1989 – XI ZR 70/​88, WM 1989, 1047, 1048 f. unter A 2; BGH, Urtei­le vom 17.03.2015 – VI ZR 11/​14, WM 2015, 819 Rn. 26 ff. und – VI ZR 12/​14 26 ff.[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.06.2014 – I ZR 242/​12, BGHZ 201, 344 Rn.19; BGH, Urteil vom 28.02.1989 – XI ZR 70/​88, WM 1989, 1047, 1048 f. unter A 2[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.06.2014, aaO; BGH, Urteil vom 28.02.1989, aaO[↩]
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