Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/der-fehlgeschlagene-versuch-und-die-korrektur-des-ruecktrittshorizont-des-taeters-3140324?pk_campaign=feed&pk_kwd=der-fehlgeschlagene-versuch-und-die-korrektur-des-ruecktrittshorizont-des-taeters
Timestamp: 2019-09-15 20:12:59
Document Index: 208798633

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Der Ver­such einer Straf­tat ist fehl­ge­schla­gen mit der Fol­ge, dass ein straf­be­frei­en­der Rück­tritt aus­schei­det, wenn der Täter nach sei­ner letz­ten auf den Tat­er­folg gerich­te­ten Aus­füh­rungs­hand­lung erkennt, dass der Erfolg nicht ein­ge­tre­ten ist und mit nahe lie­gen­den Mit­teln ohne wesent­li­che Ände­rung des Tat­plans und Begrün­dung einer neu­en Kau­sal­ket­te auch nicht mehr ver­wirk­licht wer­den kann1.
Nach den in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Kor­rek­tur des Rück­tritts­ho­ri­zonts ent­wi­ckel­ten Grund­sät­zen kommt ein unbe­en­de­ter Ver­such auch dann in Betracht, wenn der Täter nach sei­nem Han­deln den Erfolgs­ein­tritt zwar für mög­lich hält, unmit­tel­bar dar­auf aber zu der Annah­me gelangt, sein bis­he­ri­ges Tun kön­ne den Erfolg doch nicht her­bei­füh­ren und er nun­mehr von wei­te­ren fort­be­stehen­den Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zur Her­bei­füh­rung des Erfol­ges absieht2.
Dies kommt dann in Betracht, wenn das ange­grif­fe­ne Tat­op­fer nach der letz­ten Aus­füh­rungs­hand­lung noch – vom Täter wahr­ge­nom­men – zu kör­per­li­chen Reak­tio­nen fähig ist, die geeig­net sind, Zwei­fel dar­an auf­kom­men zu las­sen, das Opfer sei bereits töd­lich ver­letzt, etwa wenn das Opfer noch in der Lage ist, sich vom Tat­ort weg­zu­be­we­gen3. Sol­che Umstän­de kön­nen geeig­net sein, die Vor­stel­lung des Täters zu erschüt­tern, alles zur Errei­chung des gewoll­ten Erfolgs getan zu haben4.
Nach die­sen Maß­stä­ben war für den Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall die Wer­tung des Land­ge­richts, der Ange­klag­te sei straf­be­frei­end von einem unbe­en­de­ten Tötungs­ver­such zurück­ge­tre­ten, recht­lich nicht zu bean­stan­den. Dabei kann dahin­ste­hen, ob hin­rei­chend belegt ist, dass der Ange­klag­te bereits auf­grund der Schreie der Geschä­dig­ten unmit­tel­bar nach dem Stich davon aus­ging, ihr kei­ne zum Tode füh­ren­den Ver­let­zun­gen bei­gefügt zu haben; auch töd­li­che Sti­che haben nach der Lebens­er­fah­rung nicht stets die sofor­ti­ge Hand­lungs­un­fä­hig­keit des Opfers zur Fol­ge5.
Nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen war der Tötungs­ver­such nicht fehl­ge­schla­gen. Dem durch­ge­hend mit dem Küchen­mes­ser bewaff­ne­ten Ange­klag­ten war es jeder­zeit mög­lich, mit die­sem einen Tötungs­er­folg her­bei­zu­füh­ren, sei es, dass er sich unmit­tel­bar nach den ers­ten Schrei­en der Geschä­dig­ten die­ser noch­mal zuwand­te, sei es, dass er wenig spä­ter wei­te­re Mes­ser­sti­che gegen die ihm hin­ter das Haus gefolg­te Geschä­dig­te führ­te. Dass der Ange­klag­te irrig ande­res ange­nom­men haben könn­te, ist so fern­lie­gend, dass dies kei­ner nähe­ren Erör­te­rung in den Urteils­grün­den bedurf­te. Ein Fehl­schla­gen des Ver­suchs lässt sich auch weder damit begrün­den, dass der Ange­klag­te für die erst­ge­nann­te Hand­lungs­mög­lich­keit die Ver­fol­gung des D. hät­te unter­bre­chen müs­sen, noch damit, dass er zunächst auf Grund einer kur­zen irri­gen Vor­stel­lung das Aus­blei­ben des Tat­er­folgs nicht erkannt haben könn­te6.
BGH, Beschluss vom 27.11.2014 – 3 StR 458/​14, NStZ – RR 2015, 105; Urteil vom 19.05.2010 – 2 StR 278/​09, NStZ 2010, 690 [↩]
st. Rspr.; vgl. dazu BGH, Beschluss vom 12.01.2017 – 1 StR 604/​16, StV 2017, 672; Urteil vom 17.07.2014 – 4 StR 158/​14, NStZ 2014, 569 f.; Beschluss vom 17.12 2014 – 2 StR 78/​14, NStZ – RR 2015, 106 f.; Urteil vom 19.07.1987 – 2 StR 270/​89, BGHSt 36, 224; Beschlüs­se vom 07.11.2001 – 2 StR 428/​01, NStZ – RR 2002, 73; und vom 08.07.2008 – 3 StR 220/​08, NStZ – RR 2008, 335 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2014 – 4 StR 158/​14, aaO; Beschluss vom 17.12 2014 – 2 StR 78/​14, aaO [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 06.03.2013 – 5 StR 526/​12, NStZ 2013, 463 [↩]
vgl. BGH, Urteil vom 19.07.1989 – 2 StR 270/​89, NJW 1989, 3231 [↩]