Source: http://m.hensche.de/Kuendigung_Neonazi_Karlsruher_NPD-Aktivist_wegen_Aufrufs_zum_gewaltsamen_Umsturz_Kuendigung_Neonazi_LAG_Baden-Wuerttemberg_19Sa67-10_u.html
Timestamp: 2017-02-21 05:19:58
Document Index: 103991419

Matched Legal Cases: ['§ 1', 'Art. 5', 'Art. 4', '§ 3', '§ 64', '§ 1', '§ 5', '§ 3', '§ 2', '§ 241', 'Art. 21', '§ 1', '§ 1', '§ 97', '§ 11', '§ 72']

HENSCHE Arbeitsrecht: 19 Sa 67/10
Ein­zel­fall­ent­schei­dung zur po­li­ti­schen Treue­pflicht und zur Eig­nung we­gen be­gründe­ter Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­treue.
Arbeitsgericht Karlsruhe, Urteil vom 10.03.2010, 4 Ca 403/09Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 06.09.2012, 2 AZR 372/11
19 Sa 67/10 4 Ca 403/09 (ArbG Karls­ru­he)(Bit­te bei al­len Schrei­ben an­ge­ben!)
SchleckUr­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg - Kam­mern Mann­heim - - 19. Kam­mer - durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt Dr. Au­we­ter, den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Krieg und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Lüdersauf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26.01.2011
1. Die Be­ru­fung des Klägers ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Karls­ru­he vom 10.03.2010, Az.: 4 Ca 403/09, wird auf Kos­ten des Klägers zurück­ge­wie­sen.
2. Die Re­vi­si­on zum Bun­des­ar­beits­ge­richt wird zu­ge­las­sen.
Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen Ar­beit­ge­berkündi­gung zum 31.12.2009. Hin­sicht­lich des Sach­ver­halts wird auf den Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils ver­wie­sen. Das Ar­beits­ge­richt hat die Anträge des Klägers,
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers durch die mit Schrift­satz der Be­klag­ten vom 16. Sep­tem­ber 2009 erklärte Kündi­gung nicht auf­gelöst wor­den ist,
2. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis auch nicht durch an­de­re Be­en­di­gungs­tat­bestände en­det, son­dern zu un­veränder­ten Be­din­gun­gen fort­be­steht,
3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, den Kläger für den Fall des Ob­sie­gens mit den Fest­stel­lungs­anträgen zu 1 und 2 als Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten bis zur rechts­kräfti­gen Ent­schei­dung über den Fest­stel­lungs­an­trag wei­ter zu beschäfti­gen und tätig wer­den zu las­sen,
ab­ge­wie­sen und dies da­mit be­gründet, dass die Kündi­gung des be­klag­ten Lan­des gem. § 1 Abs. 2 KSchG aus Gründen in der Per­son des Klägers so­zi­al ge­recht­fer­tigt sei, weil der Kläger auf­grund sei­ner ver­fas­sungs­feind­li­chen Ak­ti­vitäten nicht ge­eig­net sei, die Funk­ti­on ei­nes Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ten des Lan­des B. wahr­zu­neh­men. Er sei nicht in der La­ge, das Min­dest­maß an Loya­lität ge­genüber dem Ver­trags­part­ner auf­zu­brin­gen, das ihm als Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ter des Druck- und Ver­sand­zen­trums der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on K. ab­ver­langt wer­de. Auch bezüglich der Ent­schei­dungs­gründe wird auf das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Karls­ru­he vom 10.03.2010 Be­zug ge­nom­men.
Ge­gen die­ses dem Kläger am 17.05.2010 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die am 15.06.2010 bzw. 17.06.2010 ein­ge­leg­te und in­ner­halb der bis 17.08.2010 verlänger­ten Be­ru­fungs­be­gründungs-frist mit per Te­le­fax am 17.08.2010 ein­ge­gan­ge­nem Schrift­satz vom 16.08.2010 aus­geführ­te Be­ru­fung des Klägers. Das Ar­beits­ge­richt ha­be zwar zu Recht fest­ge­stellt, dass der le­dig­lich im An­ge­stell­ten­verhält­nis für das be­klag­te Land tätig ge­we­se­ne Kläger we­der ei­ner ge­stei­ger­ten po­li­ti­schen Treue­pflicht un­ter­lag, noch in her­vor­ge­ho­be­ner Stel­lung tätig war. Das Ge­richt zie­he aber den fal­schen Schluss, wenn es da­von aus­ge­he, der Kläger ha­be das zu for­dern­de Min-
dest­maß an Loya­lität ge­genüber dem be­klag­ten Land ver­mis­sen las­sen. Der Kläger ha­be das be­klag­te Land zu kei­nem Zeit­punkt, ins­be­son­de­re auch nicht durch Kund­tun sei­ner po­li­ti­schen Mei­nung außer­halb sei­ner Ar­beitstätig­keit, über­haupt an­ge­grif­fen. Ei­ne Be­schrei­bung und Sub-sum­ti­on der spe­zi­ell und kon­kret vom Kläger ge­genüber dem Land B. ge­schul­de­ten Min­dest­lo-yalität ha­be das Ar­beits­ge­richt über­haupt nicht vor­ge­nom­men, son­dern nur pau­schal be­haup­tet, der News­let­ter vom 11.06.2009 sei Be­leg dafür, dass der Kläger sich ge­gen die frei­heit­lich de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung wen­den würde. Ent­ge­gen der Be­haup­tung des Aus­gangs­ge­richts ak­zep­tier­ten die Ver­fas­ser des vor­be­nann­ten News­let­ter die FDGO und befürwor­te­ten mit­nich­ten ei­nen ge­walt­sa­men Um­sturz. Wenn dies so wäre, hätten die in den letz­ten Jah­ren er­gan­ge­nen Ver­bo­te auch die Ver­fas­ser, die „J. N.“, er­fasst. Des­sen un­ge­ach­tet stel­le der De­mons­tra­ti­ons­auf­ruf auch kei­ner­lei aus­drück­li­ches Be­kennt­nis zu ge­walt­sa­mer Be­sei­ti­gung der FDGO dar. Im Übri­gen sei der bloß tech­ni­sche Ver­trei­ber ei­ner Äußerung - und als sol­cher al­lein ha­be der Kläger fun­giert - be­reits pres­se­recht­lich nicht in glei­chem Maße für pu­bli­zier­te In­hal­te haft­bar, wie der Ur­he­ber. Dem­ent­spre­chend könne der In­halt die­ser Erklärung dem Kläger je­den­falls nicht mit der Fol­ge an­ge­las­tet wer­den, dass die Kündi­gung der Be­klag­ten ge­recht­fer­tigt ge­we­sen wäre. Darüber hin­aus ha­be das zu be­ur­tei­len­de Ver­hal­ten des Klägers sich nicht auf sei­ne spe­zi­el­le und kon­kre­te Ar­beitstätig­keit für das be­klag­te Land aus­ge­wirkt, weil der Kläger in ei­nem in kei­ner Wei­se po­li­ti­schen Feld tätig ge­we­sen sei und sich ins­be­son­de­re mit for­ma­len Druck­abläufen beschäftigt ha­be. Dass der Kläger sei­ne po­li­ti­sche An­sicht in die Ar­beits­abläufe oder den Kol­le­gen­kreis ein­ge­bracht ha­be, ha­be das be­klag­te Land selbst nicht be­haup­tet. Der Kläger wis­se nämlich sei­ne Be­rufstätig­keit sehr wohl von sei­nem frei­zeit­li­chen En­ga­ge­ment zu tren­nen. Die neu­er­li­che Kündi­gung er­schei­ne endgültig in po­li­ti­schem Licht und zei­ge, dass das be­klag­te Land den Kläger um je­den Preis los­wer­den wol­le. Sei man je­doch der Auf­fas­sung, dass der po­li­ti­sche „Kampf ge­gen rechts“ je­den­falls nicht in die Jus­tiz hin­ein­ge­tra­gen wer­den dürfe, um den Rechts­staat nicht zum po­li­ti­schen Büttel mu­tie­ren zu las­sen, könne das mit der Be­ru­fung an­ge­grif­fe­ne Ur­teil kei­nen Be­stand ha­ben. Der Kläger be­an­tragt des­halb,
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Karls­ru­he vom 10.03.2010, Az.: 4 Ca 403/09, ab­zuändern und fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis des Klägers durch die mit Schrift­satz der Be­klag­ten vom 16.09.2009 erklärte Kündi­gung nicht auf­gelöst wor­den ist.
Die Be­klag­te be­an­tragt die Zurück­wei­sung der Be­ru­fung. Sie ver­tei­digt die erst­in­stanz­li­che Ent-schei­dung. Die Ausführun­gen in der Be­ru­fungs­be­gründung sei­en nicht ge­eig­net, die Zwei­fel an der Loya­lität des Klägers aus­zuräum­en und sei­ne man­geln­de Eig­nung für ei­ne Tätig­keit im öf-fent­li­chen Dienst zu wi­der­le­gen. Das for­mel­haft wie­der­hol­te Be­kennt­nis des Klägers zur frei­heit­lich de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung sei an­ge­sichts der un­strei­ti­gen po­li­ti­schen Ak­ti­vitäten er­sicht­lich ein bloßes Lip­pen­be­kennt­nis. Be­reits aus dem „B.-Nach­ruf“ im News­let­ter vom
25.07.2008 las­se sich ab­lei­ten, dass die Ver­fas­ser und die­je­ni­gen, die ihn ver­brei­te­ten, ver­fas-sungs­feind­li­che Zie­le ver­folg­ten. Als Ab­sen­der im Na­men der NPD-KV K.-Land ha­be sich der Kläger aus Sicht ei­nes Außen­ste­hen­den mit des­sen In­halt iden­ti­fi­ziert und zu kei­nem Zeit­punkt dis­tan­ziert. Die Dis­tanz des Klägers zur Ver­fas­sung der BRD er­ge­be sich fer­ner sehr deut­lich aus der Neu­jahrs­bot­schaft für das Jahr 2009, die der Kläger mit News­let­ter vom 01.01.2009 ver­brei­te­te. Der Be­griff „raum­ori­en­tier­te Volks­wirt­schaft“ er­in­ne­re an die „raum­ori­en­tier­te“ Po­li­tik der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im Drit­ten Reich. Es sei von „Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik“, ei­ner „Neu­en Wirt­schafts­ord­nung“ und ei­ner „Kol­la­bo­ra­ti­on mit der ver­bre­che­ri­schen Po­li­tik der Be­sat­zungsmäch­te“ durch die „BRD-Mäch­ti­gen“ die Re­de. Der Kläger ver­brei­te an­hal­tend rechts­ra­di­ka­les Ge­dan­ken­gut. Die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung sei schließlich er­folgt, nach­dem dem be­klag­ten Land der News­let­ter vom 11.06.2009 mit dem Be­treff „... - ein Volk steht auf und kämpft sich frei - Zeit ei­nen neu­en Auf­stand zu wa­gen“ be­kannt­ge­wor­den sei. Die­ser JN-Auf­ruf, den der Kläger oh­ne jeg­li­che Dis­tan­zie­rung ver­brei­tet ha­be, brin­ge in er­schre­cken­der Deut­lich­keit zum Aus­druck, dass die Ver­fas­ser die ver­fas­sungsmäßige Ord­nung des Staa­tes ab­lehn­ten und den ge­walt­sa­men Um­sturz befürwor­te­ten. Dass we­der die NPD noch de­ren Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on JN ver­bo­ten sei­en, sei für die Fra­ge der man­geln­den Eig­nung des Klägers un­ter dem As­pekt der Zwei­fel an sei­ner Loya­lität ge­genüber dem be­klag­ten Land nicht aus­schlag­ge­bend. Die­se Zwei­fel ma­ni­fes­tier­ten sich kon­kret in der Ver­brei­tung der News­let­ter vom 25.07.2008, 01.01.2009 und ins­be­son­de­re vom 11.06.2009 mit ein­deu­tig ver­fas­sungs­feind­li­chen In­hal­ten. In­halt­lich ha­be der Kläger sich von den Auf­ru­fen nicht dis­tan­ziert, son­dern sich aus­drück­lich auf die Mei­nungs­frei­heit gem. Art. 5 Abs. 1 S. 1 GG und die Frei­heit des welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses gem. Art. 4 Abs. 1 GG be­ru­fen. Für die Fra­ge der Eig­nung spie­le das aber eben­so we­nig ei­ne Rol­le wie die straf­recht­li­che Re­le­vanz der Äußerun­gen. Da das be­klag­te Land Teil der durch das Grund­ge­setz ver­fass­ten föde­ra­len Staats­ord­nung sei, be­inhal­te die un­dif­fe­ren­zier­te Ver­un­glimp­fung des Staa­tes und erst Recht die Auf­for­de­rung zu des­sen Über­win­dung im­mer auch ei­nen di­rek­ten An­grif­fen auf das be­klag­te Land als Ar­beit­ge­ber des Klägers. Er­sicht­lich un­zu­tref­fend sei, dass der Kläger nur für die tech­ni­sche Ver­brei­tung der Auf­ru­fe ge­sorgt ha­be. Er sei viel­mehr für die In­for­ma­ti­on der sei­nem Ver­tei­ler­kreis an­ge­schlos­se­nen Mit­glie­der und Sym­pa­thi­san­ten der NPD/JN zuständig und ent­schei­de in sei­ner Funk­ti­on als Her­aus­ge­ber des News­let­ter ver­ant­wort­lich, ob und wel­che Beiträge er wei­ter­lei­te. Außer­dem spre­che er als na­ment­lich be­zeich­ne­ter Ab­sen­der die Empfänger di­rekt an. Die in sei­nen po­li­ti­schen Ak­ti­vitäten zum Aus­druck kom­men­de man­geln­de Loya­lität des Klägers wir­ke sich auch un­mit­tel­bar auf das Ar­beits­verhält­nis aus, weil sie ge­gen die in § 3 Abs. 1 TV-L nor­mier­te po­li­ti­sche Treue­pflicht ei­nes An­ge­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes ver­s­toße. Ein öffent­li­cher Dienst­herr als Ar­beit­ge­ber könne von sei­nen Be­diens­te­ten we­nigs­tens er­war­ten, dass sie sich nicht in of­fe­ne Geg­ner­schaft zu ihm be­ge­ben. Der Kläger sei in der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on für die Pla­nung und Über­wa­chung der zen­tra­len elek­tro­ni­schen Druck­steue­rung al­ler Fi­nanz­behörden des Lan­des zuständig. Miss­ach­te er
sei­ne Ar­beits­an­wei­sun­gen, kom­me der Druck­ver­sand zum Er­lie­gen und die Fi­nanz­ver­wal­tung könne lan­des­weit ih­re Auf­ga­ben nicht mehr wahr­neh­men. Fer­ner ha­be der Kläger über das elek­tro­ni­sche Sys­tem des Druck­zen­trums die Möglich­keit, per­so­nen­be­zo­ge­ne Da­ten von Steu-er­pflich­ti­gen zu miss­brau­chen. Die po­li­ti­sche Treue­pflicht die­ne auch der Ab­wehr sol­cher abs-trak­ter Ge­fah­ren. Die po­li­ti­sche Betäti­gung des Klägers sei darüber hin­aus ge­eig­net, das An­se-hen der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on als ei­ne in der Öffent­lich­keit stark wahr­ge­nom­me­ne Behörde des Lan­des zu be­ein­träch­ti­gen. Die Öffent­lich­keit er­war­te nämlich von aus Steu­er­mit­teln be­zahl­ten An­ge­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes ein Min­dest­maß an Loya­lität auch außer­halb ih­res Diens­tes. Im News­let­ter vom 11.06.2009 wer­de sich über den „al­les über al­les raf­fen­den... Staat“ geäußert. Da­mit ver­un­glimp­fe der Kläger ins­be­son­de­re die Fi­nanz­ver­wal­tung als sei­ne An­stel­lungs­behörde. Letzt­end­lich wer­de da­durch bei ei­ner wei­te­ren Beschäfti­gung des Klägers das Ver­trau­en der Bürger in ei­ne ord­nungs­gemäß ar­bei­ten­de Fi­nanz­ver­wal­tung erschüttert. Sch­ließlich ha­be der Kläger sein An­ge­stell­ten­verhält­nis zum be­klag­ten Land auch da­durch aus­ge­nutzt, dass er die im Rah­men ei­nes In-Haus-Se­mi­nars er­wor­be­nen Kennt­nis­se zum The­ma „Über­zeu­gen, Präsen­tie­ren, Mo­de­rie­ren“ für sei­ne po­li­ti­sche Betäti­gung in der NPD nutz­te.
Im Kam­mer­ter­min hat der Ver­tre­ter des be­klag­ten Lan­des ei­ne Auf­stel­lung der Kun­den des Druck­zen­trums der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on K. über­ge­ben und dar­auf ver­wie­sen, dass nicht nur die Fi­nanz­ver­wal­tung dort­hin Druck­aufträge er­tei­le. Der Kläger hat die­se Auf­stel­lung in­halt­lich bestätigt. Im Rah­men der Erörte­rung, in­wie­weit der Kläger sich in­halt­lich von den von ihm ver­brei­te­ten News­let­ter dis­tan­zie­re, gab der Kläger die Erklärung ab, er dis­tan­zie­re sich von der In­ter­pre­ta­ti­on, dass im Auf­ruf zum 17. Ju­ni To­te ge­for­dert würden.
Hin­sicht­lich des Be­ru­fungs­vor­brin­gens im Übri­gen wird ergänzend auf den schriftsätz­li­chen Vor­trag der Par­tei­en so­wie auf die Sit­zungs­nie­der­schrift vom 26.01.2011 Be­zug ge­nom­men.
Die gem. § 64 Abs. 2 c) ArbGG statt­haf­te und auch im Übri­gen zulässi­ge Be­ru­fung des Klägers ist un­be­gründet. Das Ar­beits­ge­richt hat die Kündi­gung des be­klag­ten Lan­des vom 16.09.2009 zum 31.12.2009 zu Recht für so­zi­al ge­recht­fer­tigt er­ach­tet (§ 1 Abs. 2 KSchG). Die Kam­mer schließt sich den zu­tref­fen­den Ausführun­gen im Ur­teil vom 10.03.2010 an. Die vom Kläger im Be­ru­fungs­ver­fah­ren vor­ge­brach­ten An­grif­fe führen im Er­geb­nis nicht zu ei­ner an­de­ren Ge­wich­tung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen.
Zu­tref­fend geht das Ar­beits­ge­richt zunächst da­von aus, dass die Kündi­gung nicht auf das au-ßer­dienst­li­che Ver­hal­ten des Klägers gestützt wer­den kann.
1. Zwar hat der Kläger sich in § 5 des Ar­beits­ver­tra­ges vom 01.08.2003 durch In­be­zug­nah­me der für den öffent­li­chen Dienst gel­ten­den Ta­rif­verträge ver­pflich­tet, sich durch sein ge­sam­tes Ver­hal­ten zur Frei­heit­lich De­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung im Sin­ne des Grund­ge­set­zes zu be­ken­nen (§ 3 Abs. 1 TV-L). In sei­ner Funk­ti­on un­ter­liegt er je­doch kei­ner ge­stei­ger­ten po­li­ti­schen Treue­pflicht.
Auch An­ge­stell­te des öffent­li­chen Diens­tes sind in ih­rer außer­dienst­li­chen po­li­ti­schen Betä-ti­gung frei, so­lan­ge kein Zu­sam­men­hang mit ih­rer dienst­li­chen Tätig­keit be­steht. Ein sol­cher Zu­sam­men­hang be­steht nur, wenn das Ar­beits­verhält­nis durch die im außer­dienst­li­chen Be­reich ent­fal­te­te po­li­ti­sche Betäti­gung - sei es im Leis­tungs­be­reich, im Be­reich der Ver-bun­den­heit al­ler bei der Dienst­stel­le beschäftig­ten Mit­ar­bei­ter, im persönli­chen Ver­trau­ens-be­reich oder im behörd­li­chen Auf­ga­ben­be­reich kon­kret be­ein­träch­tigt wäre. Ei­ne die ver­hal-tens­be­ding­te Kündi­gung recht­fer­ti­gen­de kon­kre­te Be­ein­träch­ti­gung wie­der­um liegt nicht schon vor, wenn der Ar­beits­ab­lauf oder der Be­triebs­frie­den „abs­trakt“ oder „kon­kret“ gefähr­det ist, son­dern erst dann, wenn in­so­weit ei­ne kon­kre­te Störung be­reits ein­ge­tre­ten ist (BAG, Ur­teil vom 20.07.1989, 2 AZR 114/87, AP Nr. 2 zu § 2 KSchG Si­cher­heits­be­den­ken, NJW 1990, 597, Rd­nr. 27 f.). Al­lein die nicht näher be­gründe­te Befürch­tung des be­klag­ten Lan­des, der Kläger könne die ge­sam­te Fi­nanz­ver­wal­tung und wei­te­re Ver­wal­tungs­be­rei­che darüber hin­aus zum Er­lie­gen brin­gen, oder sen­si­ble Da­ten aus­spähen, genügt des­halb nicht für ei­ne kon­kre­te Be­ein­träch­ti­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Des­halb kann hier da­hin­ste­hen, ob der Kläger in sei­ner Po­si­ti­on in der Pro­duk­ti­ons­steue­rung des Druck­zen­trums der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on K. tatsächlich ei­nen nach­hal­ti­gen Ein­fluss auf die Funk­ti­onsfähig­keit der Ver­wal­tung neh­men könn­te.
2. Aus den glei­chen Gründen lässt sich auch ein Ver­s­toß ge­gen die in § 241 Abs. 2 BGB ge-re­gel­te Pflicht, auf die In­ter­es­sen des Ver­trags­part­ners Rück­sicht zu neh­men, nicht fest­stel­len. Zwar hat ein Ar­beit­neh­mer da­nach sei­ne Ver­pflich­tun­gen aus dem Ar­beits­ver­trag so zu erfüllen und die im Zu­sam­men­hang mit dem Ar­beits­ver­trag ste­hen­den In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers so zu wah­ren, wie dies von ihm un­ter Berück­sich­ti­gung sei­ner Stel­lung und Tätig­keit im Be­trieb, sei­ne ei­ge­nen In­ter­es­sen und der In­ter­es­sen der an­de­ren Ar­beit­neh­mer des Be­triebs nach Treu und Glau­ben bil­li­ger Wei­se ver­langt wer­den kann. Er ist des­halb auch außer­halb der Ar­beits­zeit ver­pflich­tet, auf die be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers Rück­sicht zu neh­men. Al­ler­dings kann ein außer­dienst­li­ches Ver­hal­ten des Ar­beit-
neh­mers be­rech­tig­te In­ter­es­sen des Ar­beit­ge­bers oder an­de­rer Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich nur be­ein­träch­ti­gen, wenn es ei­nen Be­zug zur dienst­li­chen Tätig­keit hat. Fehlt ein sol­cher Zu­sam­men­hang, schei­det ei­ne Ver­let­zung der ver­trag­li­chen Rück­sicht­nah­me­pflicht re­gel-mäßig aus (BAG, Ur­teil vom 28.10.2010, 2 AZR 293/09, n. v., ju­ris, Rd­nr. 19). Die Kam­mer hat kei­ne An­halts­punk­te dafür, dass die außer­dienst­li­chen po­li­ti­schen Ak­ti­vitäten des Klägers der­zeit zu dem be­klag­ten Land als An­stel­lungs­behörde in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den. Auch das be­klag­te Land stellt dar­auf ab, dass das Ver­trau­en der Bürger in ei­ne ord­nungs­gemäß ar­bei­ten­de Fi­nanz­ver­wal­tung erschüttert würde, wenn die po­li­ti­schen An­schau­un­gen des Klägers im Zu­sam­men­hang mit sei­ner Zu­gehörig­keit zur Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on über die Me­di­en ei­ner größeren Zahl steu­er­pflich­ti­ger Bürger be­kannt würde.
Die Kündi­gung ist je­doch aus Gründen in der Per­son des Klägers ge­recht­fer­tigt, weil ihm auf-grund be­gründe­ter Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­treue die Eig­nung zur Ausübung der ar­beits­ver-trag­lich ge­schul­de­ten Leis­tung fehlt (BAG, Ur­teil vom 10.07.1989, 2 AZR 114/87, a. a. O., Leit­satz 2 und Rd­nr. 32).
1. Zu­tref­fend geht das Ar­beits­ge­richt nämlich da­von aus, dass dem Kläger ein Min­dest­maß an Loya­lität ge­genüber dem be­klag­ten Land ob­liegt, das auch nach Stel­lung und Auf­ga­ben­kreis des Klägers hier min­des­tens er­for­dert, dass der Kläger den Staat und des­sen Ver­fas-sungs­ord­nung, die frei­heit­lich de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung, nicht ak­tiv bekämpft (BAG, Ur-teil vom 20.07.1989, 2 AZR 114/87, a. a. O., Rn­dr. 39). Die straf­recht­li­che Ein­ord­nung sei­nes Han­delns spielt für des­sen kündi­gungs­recht­li­che Be­ur­tei­lung kei­ne Rol­le.
a) Dem­ent­spre­chend fehlt dem Kläger al­ler­dings nicht schon des­halb die Eig­nung als Ver­wal­tungs­an­ge­stell­ter der Ober­fi­nanz­di­rek­ti­on K., weil er - un­ge­ach­tet des Art. 21 Abs. 2 GG - über­zeug­ter Anhänger der NPD bzw. de­ren Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on JN ist. Mit­glied­schaft und ak­ti­ves Ein­tre­ten selbst für ei­ne ver­fas­sungs­feind­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on können zwar Zwei­fel an der Eig­nung set­zen, führen aber nicht oh­ne Wei­te­res zur so­zia­len Recht­fer­ti­gung ei­ner Kündi­gung (BAG, Ur­teil vom 06.06.1984, 7 AZR 456/82, AP Nr. 11 zu § 1 KSchG ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung, NJW 1985, 507, Rd­nr. 36).
b) Mit der Ver­brei­tung des hier streit­ge­genständ­li­chen News­let­ter vom 11.06.2009 hat der Kläger al­ler­dings Ak­ti­vitäten ent­fal­tet, mit de­nen er zum Aus­druck bringt, dass er selbst die BRD in ih­rer ver­fas­sungsmäßigen Ord­nung nicht nur in Fra­ge stellt, son­dern ak­tiv zu bekämp­fen befürwor­tet.
(1) Die Kam­mer teilt die Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts, dass der News­let­ter vom 11.06.2009 nach sei­nem ob­jek­ti­ven Sinn­ge­halt die ge­walt­sa­me Ablösung ei­nes von Grund auf ver­ach­te­ten po­li­ti­schen Sys­tems for­dert.
(2) Der Kläger hat sich bis zu­letzt von die­sem we­sent­li­chen In­halt des News­let­ter nicht dis­tan­ziert. Ins­be­son­de­re die Pro­to­kollerklärung, er dis­tan­zie­re sich von der In­ter­pre­ta­ti­on, dass in dem News­let­ter zum 17. Ju­ni To­te ge­for­dert würden, enthält kei­ne Ab­kehr von der For­de­rung, das be­ste­hen­de Staats­sys­tem durch ei­nen „Volks­auf­stand“ bzw. ei­ne „bürger­li­che Re­vo­lu­ti­on“ ab­zu­schaf­fen.
(3) Auch wenn der Kläger den News­let­ter nicht selbst ver­fasst, son­dern nur „tech­nisch“ wei­ter­glei­tet hat, ver­brei­tet er da­mit un­ter sei­nem Na­men oh­ne jeg­li­che in­halt­li­che Dis­tan­zie­rung In­hal­te, die der frei­heit­lich de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung nicht nur ent­ge­gen­ste­hen, son­dern zu de­ren Bekämp­fung auf­ru­fen. In An­be­tracht des Mul­ti­pli­ka­ti­ons­ef­fekts des In­ter­net, wo ein Maus­klick genügt, um ei­ne un­be­grenz­te Viel­zahl von Empfängern an­zu­spre­chen, kann schon des­halb nicht mehr da­von aus­ge­gan­gen wer­den, er ha­be dem Min­dest­maß an Loya­lität ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber genügt.
(4) Dass der Kläger nicht die In­ter­es­sen sei­nes Ar­beit­ge­bers zu wah­ren in der La­ge ist, zeigt sich dar­an, dass schon die Ver­brei­tung des News­let­ter vom 25.07.2008 (B.-Nach­ruf) das Ar­beits­verhält­nis in ei­ner Wei­se be­las­tet hat, dass dem be­klag­ten Land je­den­falls die Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens im Ver­fah­ren 14 Sa 101/08 (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, 2 AZR 479/09) un­zu­mut­bar war. Es ist des­halb auch nicht zu er­war­ten, dass der Kläger künf­tig zur Ein­hal­tung sei­ner Loya­litäts­pflich­ten in der La­ge sein wird.
2. Das Ar­beits­ge­richt geht wei­ter da­von aus, dass auch ei­ne per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung we­gen feh­len­der Eig­nung in Fol­ge be­gründe­ter Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­treue des Ar-beit­neh­mers bei ei­ner außer­dienst­li­chen po­li­ti­schen Betäti­gung nur dann ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung recht­fer­ti­gen, wenn sie in die Dienst­stel­le hin­ein­wir­ken und ent­we­der die all­ge-mei­ne Auf­ga­ben­stel­lung des öffent­li­chen Ar­beit­ge­bers oder das kon­kre­te Auf­ga­ben­ge­biet des Ar­beit­neh­mers berühren (BAG, Ur­teil vom 06.06.1984, 7 AZR 456/82, a. a. O., Rn­dr. 36). Die Kam­mer lässt da­hin­ste­hen, ob bei ei­ner außer­dienst­li­chen po­li­ti­schen Betäti­gung, die sich wie hier ak­tiv ge­gen den Be­stand des po­li­ti­schen Sys­tems und da­mit ge­gen das
be­klag­te Land selbst rich­tet, ein sol­ches „Hin­ein­wir­ken“ über­haupt er­for­der­lich ist oder ob der Be­zug zur ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­ten Leis­tung sich in die­sen Fällen nicht ge­ra­de aus der feh­len­den Fähig­keit des Klägers zur Loya­lität er­gibt. Je­den­falls kann aber in die­sen Fällen nicht der glei­che kon­kre­te Be­zug zur ver­trag­lich ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tung ge­for­dert wer­den, wie im Fall ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung. Viel­mehr müssen all­ge­mei­ne Erwägun­gen, wie sie das Ar­beits­ge­richt un­ter I. 3. b) sei­ner Ent­schei­dung an­ge­stellt hat, aus­rei­chen. Letzt­end­lich kann das be­klag­te Land nicht ver­pflich­tet wer­den, ei­nen Ar­beit­neh­mer zu beschäfti­gen, der ak­tiv des­sen Ab­schaf­fung an­strebt.
3. Der Kläger kann sich auch nicht dar­auf be­ru­fen, dass in dem News­let­ter vom 11.06.2006 das be­klag­te Land als sein Ver­trags­part­ner gar nicht an­ge­grif­fen wer­de; denn auch das Land B. ist Teil der ver­fas­sungsmäßigen Ord­nung der BRD.
III. Die In­ter­es­sen­abwägung im Rah­men des § 1 Abs. 3 KSchG berück­sich­tigt im hin­rei­chen­den Maß auch die ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Grund­recht­po­si­tio­nen des Klägers. Die Be­ru­fung er­hebt in­so­weit kei­ne Ein­wen­dun­gen ge­gen die Ausführun­gen des Ar­beits­ge­richts. Im Übri­gen fun­giert die Jus­tiz nicht als po­li­ti­scher Büttel, son­dern hat hier un­ter Abwägung der bei­der­sei­ti­gen In­ter­es­sen al­lein zu be­ur­tei­len, ob dem Ar­beit­ge­ber die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter den ge­nann­ten Umständen zu­mut­bar war. Dies hat die Kam­mer, wie auch das Ar­beits­ge­richt, ver­neint.
IV. Die Be­ru­fung war des­halb zurück­zu­wei­sen. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 97 Abs. 1 ZPO. Die Kam­mer hat im Hin­blick auf die vor­greif­li­che Kündi­gung vom 08.05.2008, die Ge­gen­stand des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens mit dem Az.: 2 AZR 479/09 ist, die Re­vi­si­on auch ge­gen die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung zu­ge­las­sen.
1. Ge­gen die­ses Ur­teil kann d. Kläg. nach Maßga­be ih­rer Zu­las­sung im Ur­teils­te­nor schrift­lich Re­vi­si­on ein­le­gen. Die Re­vi­si­on muss in­ner­halb ei­ner Frist von ei­nem Mo­nat, die Re­vi­si­ons-be­gründung in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten bei dem
a. Rechts­anwälte,b. Ge­werk­schaf­ten und Ver­ei­ni­gun­gen von Ar­beit­ge­bern so­wie Zu­sam­men­schlüsse sol­cher Verbände für ih­re Mit­glie­der oder für an­de­re Verbände oder Zu­sam­men­schlüsse mit ver-gleich­ba­rer Aus­rich­tung und de­ren Mit­glie­der,c. ju­ris­ti­sche Per­so­nen, die die Vor­aus­set­zun­gen des § 11 Abs. 2 Satz 2 Nr. 5 ArbGG erfül-len.
In den Fällen der lit. b und c müssen die han­deln­den Per­so­nen die Befähi­gung zum Rich­ter-amt ha­ben.
2. Für das be­klag­te Land ist ge­gen die­ses Ur­teil ein Rechts­mit­tel nicht ge­ge­ben. Auf § 72a ArbGG wird hin­ge­wie­sen.
Dr. Au­we­ter
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