Source: https://www.gsavheminfo.de/patienten
Timestamp: 2020-07-08 04:16:01
Document Index: 56487191

Matched Legal Cases: ['§ 47', '§ 47', '§ 14', '§2', '§ 152', '§ 153', '§ 30', '§ 56', 'Art. 15']

Patienten | GSAV Hämophilie
Was ändert sich für Hämophilie-Patienten?
Bisher erhalten Sie als Hämophilie-Patient Ihre Faktorpräparate i. d. R. direkt von Ihrem behandelnden Arzt oder im Hämophilie-Zentrum. Diese sog. Direktabgabe ist eine gesetzlich erlaubte Ausnahme vom vorgeschriebenen Apotheken-Vertriebsweg. Diese Ausnahmeregelung wurde durch die Änderung des § 47 des Arzneimittelgesetzes (AMG) nun aufgehoben. Ab dem 01.09.2020 erhalten Sie Ihre verschreibungspflichtigen Faktorpräparate zur Behandlung Ihrer Hämophilie – genau wie alle anderen Medikamente – nur noch in der Apotheke.
Die Änderung des § 47 des Arzneimittelgesetzes (AMG) tritt nach einer Übergangsfrist am 01. September 2020 in Kraft. Bis zu diesem Datum bleibt für Sie als Patienten alles wie gehabt und die Beteiligten haben Zeit, alle damit zusammenhängenden Fragen zu klären. Zuständige Behörden, Hersteller, Behandlungszentren, Krankenkassen und Apotheken schaffen bis dahin die Voraussetzungen für eine möglichst reibungslose Umstellung.
Wer dokumentiert zukünftig meine Faktorgabe?
Bisher erhalten Sie Ihr Faktorpräparat bei Ihrem behandelnden Arzt, der die Abgabe dokumentiert und an das Deutsche Hämophilieregister (DHR) meldet. Zukünftig ist die Apotheke, bei der Sie Ihr Medikament auf Rezept erhalten, zur Dokumentation verpflichtet. Die Apotheke leitet die Daten an den Arzt weiter, der Ihnen die Gerinnungsmedikamente verschrieben hat. Gemäß § 14 TFG Abs. 3a übermittelt der verordnende Arzt seinerseits Ihrem dauerhaft behandelnden Hämophilie-Arzt diese Daten, damit der wie gewohnt die Meldung an das DHR vornehmen kann. Sie dokumentieren weiterhin wie gewohnt Ihre Faktoranwendungen in Ihrem Substitutionstagebuch oder ihrer Therapie App und geben diese Informationen an Ihren behandelnden Hämostaseologen.
Hämophilie-Zentren und andere Einrichtungen zur Hämophilie-Versorgung dürfen auch weiterhin Arzneimittelvorräte für Notfallbehandlungen in ihren Räumlichkeiten lagern oder mit einer Apotheke kooperieren, die ein Notfalldepot unterhält. So stellen beide Einrichtungen gemeinsam die Notfallversorgung rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr sicher. Beliefert werden die Einrichtungen zukünftig von einer Apotheke statt direkt vom Hersteller.
Rezeptgebühren und Zuzahlungen
Bislang erhalten Sie als Hämophilie-Patient Ihre Faktorpräparate direkt von Ihrem Arzt oder in einem Hämophilie-Zentrum. Da Sie Ihre Hämophilie-Medikamente ab dem 01. September 2020 nur noch auf Rezept in der Apotheke bekommen, können Zuzahlungsgebühren anfallen, sofern Sie nicht befreit sind. Lesen Sie im Folgenden mehr über spezifische Regelungen für chronisch Kranke und wann und wie Sie sich von Zuzahlungen befreien lassen können.
Gut zu wissen: Kinder bis 18 Jahre sind von der Zuzahlungspflicht befreit (Ausnahme ist die Zuzahlung bei Fahrtkosten).
Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, Hilfsmitteln und Verbandsmaterial sowie weiteren Leistungen der Krankenkassen, wie z. B. einer Krankenhausbehandlung, müssen sich gesetzlich Versicherte an den Kosten beteiligen. Diese Zuzahlungspflicht fällt zusätzlich zu den Beitragszahlungen an. Der Eigenanteil beträgt 10 Prozent des Abgabepreises und ist begrenzt auf mindestens 5 und höchstens 10 Euro.
Ein Beispiel: Kostet ein Medikament weniger als 5 Euro, tragen Sie die Kosten alleine. Kostet ein Medikament 10 Euro, beträgt Ihr Anteil 5 Euro. Kostet ein Medikament 100 Euro oder mehr, zahlen Sie den Höchstbetrag von 10 Euro dazu. Die Zuzahlung gilt pro Medikament.
Belastungsgrenze und Regelung für chronisch Kranke
Grundsätzlich müssen Sie als gesetzlich Versicherter Zuzahlungen innerhalb eines Jahres nur in Höhe Ihrer individuellen Belastungsgrenze zahlen. Diese Grenze liegt bei 2 Prozent des jährlichen Bruttoeinkommens der Familie. Besondere Regelungen gelten für chronisch Kranke, die sich wegen einer schwerwiegenden Erkrankung in Dauerbehandlung befinden: Ihre Belastungsgrenze liegt bei 1 Prozent der jährlichen Bruttoeinnahmen.
Der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) bestimmt die Kriterien einer schwerwiegenden chronischen Erkrankung. Die Krankenkasse stellt fest, ob ein Versicherter diesen Kriterien entspricht.
ANERKENNUNG EINER SCHWERWIEGENDEN CHRONISCHEN ERKRANKUNG
Fordern Sie bei Ihrer Krankenkasse ein Formular für die Anerkennung einer schwerwiegenden chronischen Erkrankung an. Ihr behandelnder Arzt füllt den Antrag aus. Ihre Krankenkasse entscheidet dann, ob Ihr Antrag angenommen oder abgelehnt wird.
Auszug aus der Chroniker-Richtlinie des G-BA: §2 Schwerwiegende chronische Krankheit
1. Es liegt eine Pflegebedürftigkeit des Pflegegrades 3, 4 oder 5 nach dem zweiten Kapitel SGB XI vor.
2. Es liegt ein Grad der Behinderung (GdB) oder ein Grad der Schädigungsfolgen (GdS) von mindestens 60 oder eine Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) von mindestens 60 % vor, wobei der GdB nach den Maßstäben des § 152 in Verbindung mit § 153 Absatz 2 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch (SGB IX), der GdS nach den Maßstäben des § 30 Absatz 1 des Bundesversorgungsgesetzes (BVG) in Verbindung mit der Versorgungsmedizin-Verordnung und die MdE nach den Maßstäben des § 56 Absatz 2 des Siebten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VII) festgestellt und zumindest auch durch die Krankheit nach Satz 1 begründet sein müssen.
3. Es ist eine kontinuierliche medizinische Versorgung (ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung, Arzneimitteltherapie, Behandlungspflege, Versorgung mit Heil- und Hilfsmitteln) erforderlich, ohne die nach ärztlicher Einschätzung eine lebensbedrohliche Verschlimmerung, eine Verminderung der Lebenserwartung oder eine dauerhafte Beeinträchtigung der Lebensqualität durch die aufgrund der Krankheit nach Satz 1 verursachte Gesundheitsstörung zu erwarten ist.
Zuzahlungsbefreiung bei Erreichen Ihrer Belastungsgrenze
Erreichen Sie im Laufe eines Kalenderjahres Ihre individuelle Belastungsgrenze, können Sie sich für den Rest des Jahres von weiteren Zuzahlungen befreien lassen. Gehen Sie dafür wie folgt vor:
Sammeln Sie alle Belege und Rechnungen über Ihre Zuzahlungen wie z. B. für Medikamente, Hilfsmittel und Therapien.
Achten Sie darauf, dass Ihre Belege immer folgende Informationen enthalten: Vor- und Zuname, Art der Leistung, Zuzahlungsbetrag, Datum und Ausgabestelle.
Berechnen Sie Ihre jährliche Belastungsgrenze für Zuzahlungen, z. B. mit dem Zuzahlungsrechner auf dem Internet-Portal der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. (ABDA)
Stellen Sie bei Ihrer Krankenkasse einen Antrag auf Befreiung von Zuzahlungen, sobald Sie Ihre Höchstgrenze von zwei bzw. einem Prozent erreicht haben.
Bei einigen Krankenkassen ist es möglich, den Höchstbetrag für Eigenanteile bereits im Voraus zu zahlen und eine sogenannte Befreiungskarte zu erhalten. Der Vorteil ist, dass Sie Zuzahlungen über der Belastungsgrenze nicht mehr selbst vorstrecken müssen.
Beachten Sie dabei: Die errechnete Belastungsgrenze gilt unter Vorbehalt. Es können Rück- oder Nachzahlungen auf Sie zukommen.
PRIVATVERSICHERTE WENDEN SICH BITTE AN IHRE ZUSTÄNDIGE KRANKENKASSE.
So behalten Sie Ihre Zuzahlungen im Blick
Ihre Krankenkasse informiert Sie nicht automatisch, sobald Sie Ihre individuelle Belastungsgrenze erreichen. Behalten Sie Ihre Zuzahlungen daher immer selbst im Blick:
Sammeln Sie alle Belege an einem zentralen Ort, z. B.in einem Ordner oder einem kleinen Karton, oder
fragen Sie Ihre Stammapotheke nach der Möglichkeit, sich registrieren zu lassen. Der Vorteil: Sie können jederzeit einen Sammel-Zuzahlungsbeleg einsehen und sich bei Bedarf ausdrucken lassen – damit entfällt das lästige Belegsammeln.
Auch auf die Packungsgröße kommt es an
Faktorpräparate liegen i. d. R. als Einzelpackung (N1) vor. Bei regelmäßiger Therapie bedeutet dies eine hohe Zahl an Packungen und entsprechende Zuzahlungen, sofern keine Zuzahlungsbefreiung vorliegt. Das GSAV sieht daher eine Änderung der Arzneimittel-Packungsgrößenverordnung vor: Gemäß Art. 15 des GSAV können Arzneimittel zur spezifischen Therapie von Gerinnungsstörungen bei Hämophilie auf ärztliche Verordnung im Rahmen der Messzahlen zusammengestellt werden.
Benötigen Sie mehrere Packungen auf einmal, können diese von Ihrem Apotheker so zusammengestellt werden, dass sie als Abgabe einer Einzelpackung gelten und nur einmal die Zuzahlung anfällt (bis zu höchstens 30 Packungen). Erkunden Sie sich dazu bitte bei Ihrem Arzt und Ihrem Apotheker.