Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/0c5612e5947e8357dab440c390cfa669a38ffb433d3856e46fb0f9213f55a5fe
Timestamp: 2018-10-19 13:11:18
Document Index: 220191499

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', '§ 105', '§ 9', 'Art. 3', '§ 105', '§ 38', 'BGH', '§ 105', '§ 105', '§ 105', '§ 38', '§ 44', '§ 105', '§ 40', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 62', '§ 29', '§ 105', '§ 38', '§ 9', 'Art. 14', 'Art. 3', 'BGH', 'BGH', '§ 38', '§ 105', '§ 40', '§ 44', '§ 37', '§ 42', '§ 83', '§ 105', '§ 75', '§ 105', '§ 9', 'BGH', 'Art. 14', 'Art. 3', 'Art. 14', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 14', '§ 105', '§ 105', '§ 42', '§ 42', '§ 38', '§ 37', '§ 38', '§ 38', 'Art. 30', 'Art. 20', '§ 105', '§ 105', '§ 9', 'BGH', '§ 242']

BGH, IV ZR 72/02: Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 14.05.2003, IV ZR 72/02
Eintritt des versicherungsfalles, Ddr, Treu und glauben, Satzung, Wartezeit, Allgemeine versicherungsbedingungen, Stand, Arbeitnehmer, Zeitpunkt, Leistung
IV ZR 72/02 Verkündet am: 14. Mai 2003 Fritz Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
VBLS § 105b; AGBG § 9 Bk, Cl; GG Art. 3, 14
Die Sonderregelung des § 105b VBLS für Pflichtversicherte im Beitrittsgebiet, bei denen der Versicherungsfall vor Erfüllung der Wartezeit (§ 38 Abs. 1 VBLS) eingetreten ist, hält der Inhaltskontrolle stand.
BGH, Urteil vom 14. Mai 2003 - IV ZR 72/02 - OLG Karlsruhe LG Karlsruhe
Ambrosius und die Richter Wendt und Felsch auf die mündliche Verhandlung vom 14. Mai 2003
Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 17. Januar 2002
Die Klägerin war vom 1. August 1964 bis 31. Juli 1999 im öffentlichen Schuldienst zunächst in der DDR und seit 3. Oktober 1990 im Beitrittsgebiet (Tarifgebiet Ost) beschäftigt. Sie begehrt die Feststellung,
daß die Beklagte verpflichtet ist, ihr eine Versorgungsrente (hilfsweise:
eine Versicherungsrente) unter Berücksichtigung ihrer gesamten Beschäftigungszeiten zu gewähren.
In der DDR hatte die Klägerin Rentenanwartschaften in der Sozialpflichtversicherung und in einem zusätzlichen Altersversorgungssystem
erworben. Nach dem Beitritt der neuen Bundesländer meldete ihr neuer
Arbeitgeber sie zum 1. Januar 1997 - dem Zeitpunkt der Einführung der
Zusatzversorgung im Tarifgebiet Ost - bei der Beklagten zur Pflichtversi-
cherung an. Seit dem 1. August 1999 bezieht die Klägerin von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte eine gesetzliche Altersrente für
Frauen. Die Beklagte hat ihr ab diesem Zeitpunkt Leistungen aus der Zusatzversorgung gemäß § 105b ihrer Satzung in der bis zum
31. Dezember 2000 geltenden Fassung (VBLS) in Höhe von monatlich
109,12 DM zugesagt. § 105b VBLS, der durch die 29. Satzungsänderung
vom 1. Februar 1996 eingefügt wurde, lautet auszugsweise wie folgt:
"§ 105b Sonderregelung für Arbeitnehmer im Beitrittsgebiet
(1) 1 Der im Beitrittsgebiet Pflichtversicherte, bei dem der Versicherungsfall vor Erfüllung der Wartezeit (§ 38 Abs. 1) eingetreten ist und der vom 1. Januar 1992 an ununterbrochen bei einem Beteiligten, bei dessen Rechts- oder Funktionsvorgänger ... in einem Arbeitsverhältnis gestanden hat, das - bei Geltung der Satzung - zur Pflichtversicherung geführt hätte, und der
a) vom 1. Januar 1997 an bis zum Eintritt des Versicherungsfalles ununterbrochen pflichtversichert gewesen ist ...,
erhält eine Leistung in der Höhe, wie sie ihm als Versicherungsrente (§ 44 Abs. 1) zustehen würde, wenn er in den dem Eintritt des Versicherungsfalles bzw. dem Ende des Arbeitsverhältnisses vorangegangenen 60 Kalendermonaten pflichtversichert gewesen wäre ...
(2) Die Leistungen nach Absatz 1 gelten als Versicherungsrente im Sinne der Satzung."
Frühere Dienstzeiten über die gemäß § 105b Abs. 1 Satz 1 VBLS
(fiktiv) vorgesehenen 60 Kalendermonate hinaus hat die Beklagte nicht
Die Klägerin ist der Auffassung, ihr stehe anstelle der zugesagten
Leistung eine dynamische Versorgungsrente gemäß § 40 ff. VBLS zu
unter Berücksichtigung ihrer sämtlichen Beschäftigungszeiten im Beitrittsgebiet, die auch der gesetzlichen Rente zugrunde gelegt werden.
Insbesondere seien entgegen § 42 Abs. 2 Satz 1 a aa VBLS auch die vor
dem 3. Oktober 1990 zurückgelegten Zeiten zu berücksichtigen. § 42
VBLS lautet auszugsweise:
"§ 42 Gesamtversorgungsfähige Zeit
(1) Gesamtversorgungsfähige Zeit sind die bis zum Beginn der Versorgungsrente (§ 62) zurückgelegten Umlagemonate (§ 29 Abs. 10).
(2) 1 Als gesamtversorgungsfähige Zeit gelten
aa) die in der gesetzlichen Rentenversicherung als Beitragszeiten (einschließlich der beitragsgeminderten Zeiten) und beitragsfreie Zeiten - ... mit Ausnahme der vor dem 3. Oktober 1990 zurückgelegten Zeiten im Beitrittsgebiet, wenn die Pflichtversicherung erstmals nach dem 2. Oktober 1990 begonnen hat - der Rente zugrunde liegen ...
- abzüglich der Umlagemonate (Absatz 1) - zur Hälfte ..."
Die Klägerin hält die mit der 28. Satzungsänderung vom 20. Oktober 1995 eingefügte Ausnahme der DDR-Zeiten für unwirksam. Dadurch werde sie insbesondere im Vergleich zu Pflichtversicherten, die
vor dem 3. Oktober 1990 in der gesetzlichen Rentenversicherung der
alten Bundesländer Beitragszeiten oder beitragsfreie Zeiten zurückgelegt
haben, unangemessen benachteiligt.
In den Vorinstanzen hatte die Klage keinen Erfolg. Mit der zugelassenen Revision verfolgt die Klägerin ihr Begehren weiter.
I. Nach Auffassung des Berufungsgerichts ergibt sich für die Klägerin ein Leistungsanspruch gegen die Beklagte nur aus der die Arbeitnehmer im Beitrittsgebiet begünstigenden Sonderregelung des § 105b
VBLS. Ansprüche auf höhere Versorgungsleistungen der Beklagten
stünden ihr nicht zu. Die Wartezeit gemäß § 38 VBLS sei nicht erfüllt.
Die Satzungsbestimmungen hielten auch der Inhaltskontrolle gemäß § 9
AGBG stand. Eine die Klägerin benachteiligende Ungleichbehandlung
gegenüber Pflichtversicherten aus den alten Bundesländern liege nicht
vor. Die Klägerin sei nicht dadurch in ihrem Grundrecht aus Art. 14 GG
beeinträchtigt, daß die Satzung ihre in der ehemaligen DDR erworbene
Zusatzversorgung unberücksichtigt lasse. Diese Ansprüche seien nicht in
Zusatzversorgungsansprüche übergeleitet, sondern in die gesetzliche
Rentenversicherung überführt worden. Die Klägerin sei auch nicht in ihrem Grundrecht aus Art. 3 GG verletzt. Die Beklagte sei für ihr darauf
gestütztes Begehren nicht Normadressat. Der Einigungsvertrag sehe vor,
daß die Arbeitsbedingungen für den öffentlichen Dienst im Beitrittsgebiet
erst und nur soweit gelten sollten, wenn und wie es die Tarifvertrags-
parteien vereinbaren. Deren Autonomie könne in dieser Frage nicht
durch eine Inhaltskontrolle übergangen werden. Hier solle Ungleiches eine Gleichbehandlung erfahren. Derartige Maßnahmen seien dem Bereich
der Gesetzgebung bzw. der Tarifhoheit vorbehalten. Auch ein Anspruch
gegen die Beklagte auf Aufnahme in die Zusatzversorgung vor dem
1. Januar 1997 habe nicht bestanden, da Voraussetzung für eine Pflichtversicherung bei der Beklagten eine entsprechende tarifvertragliche Bestimmung sei. Eine solche Bestimmung habe es bis dahin für die Klägerin nicht gegeben.
Das Begehren der Klägerin zielt, wie das Berufungsgericht zutreffend erkannt hat, darauf ab, bei der Zusatzversorgung so gestellt zu
werden, als sei sie in den alten Bundesländern beschäftigt und während
eines wesentlichen Teils ihrer Tätigkeit im öffentlichen Dienst bei der
Beklagten pflichtversichert gewesen. Dafür besteht jedoch keine rechtliche Grundlage. Entgegen der Ansicht der Revision läßt sich ein solcher
Anspruch nicht durch Auslegung der Satzung der Beklagten oder im Wege der Inhaltskontrolle in Verbindung mit einer ergänzenden Auslegung
1. a) Die Bestimmungen der VBLS finden als Allgemeine Versicherungsbedingungen auf die Gruppenversicherungsverträge Anwendung,
die von den beteiligten Arbeitgebern als Versicherungsnehmern mit der
Beklagten als Versicherer zugunsten der bezugsberechtigten Versicherten, der Arbeitnehmer, abgeschlossen sind (st. Rspr., vgl. BGHZ 142,
103, 105 ff.; BVerfG NJW 2000, 3341 unter II 2 a, c). Für ihre Auslegung
kommt es auf das Verständnis eines durchschnittlichen Versicherten an
(BGHZ 103, 370, 383; Senatsurteil vom 12. März 2003 - IV ZR 58/02 -
unter 2 b, zur Veröffentlichung bestimmt).
b) Die Satzung sieht für Pflichtversicherte im Beitrittsgebiet, bei
denen wie bei der Klägerin der Versicherungsfall vor Ablauf der Wartezeit von 60 Umlagemonaten (§ 38 Abs. 1 VBLS) eingetreten ist, gemäß
§ 105b VBLS ausschließlich eine Versicherungsrente auf der Grundlage
einer fingierten Pflichtversicherungszeit von 60 Monaten vor. Einem darüber hinausgehenden Anspruch auf eine dynamische Versorgungsrente
gemäß §§ 40 ff. VBLS (oder eine Versicherungsrente gemäß § 44 f.
VBLS) steht, wie sich für den durchschnittlichen Versicherten aus § 37
Abs. 1 VBLS eindeutig ergibt, bereits die Nichterfüllung der Wartezeit
entgegen. Darüber hinaus wäre bei der Bemessung der Versorgungsrente eine Berücksichtigung der vor dem 3. Oktober 1990 zurückgelegten
Zeiten im Beitrittsgebiet nach § 42 Abs. 2 Satz 1 a aa VBLS ausdrücklich
c) Hieran hat sich durch die vom Verwaltungsrat der Beklagten mit
Wirkung ab dem 1. Januar 2001 beschlossene Neufassung der Satzung
mit dem Ziel, das System der Gesamtversorgung durch ein Betriebsrentensystem abzulösen, nichts geändert. Die Neufassung ist nach Genehmigung durch die Aufsichtsbehörde und Veröffentlichung im Bundesanzeiger Nr. 1 vom 3. Januar 2003 in Kraft getreten. Gemäß der Sonderregelung für Beschäftigte im Beitrittsgebiet in § 83 VBLS n.F. bleiben die
sich aus § 105b VBLS ergebenden Leistungsansprüche erhalten. Weiter-
gehende Ansprüche werden - insbesondere durch die Übergangsregelungen der §§ 75 bis 77 VBLS n.F. - nicht gewährt.
2. Daß § 105b VBLS Pflichtversicherten in der Situation der Klägerin nur einen Anspruch auf eine Versicherungsrente gewährt, hält der Inhaltskontrolle (§ 9 AGBG) stand. Zwar sind dabei auch die Grundrechte
der Versicherten zu berücksichtigen (vgl. BGHZ 103, 370, 383; BVerfG
NJW 2000, 3341 unter II 2 c). Entgegen ihrer Auffassung wird die Klägerin jedoch in ihren Grundrechten aus Art. 14 GG und Art. 3 GG nicht
verletzt. Dies folgt nach Auffassung des Senats aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 28. April 1999 (1 BvL 32/95, 1 BvR
2105/95 - BVerfGE 100, 1 ff. = NJW 1999, 2493 ff.).
a) Das Bundesverfassungsgericht hat darin (aaO 38 ff.) die aufgrund der sogenannten Systementscheidung des Gesetzgebers in der
Anlage II Kapitel VIII Sachgebiet H Abschnitt III Nr. 9 Buchst. b Satz 1
und 3 des Einigungsvertrages (EV) vom 31. August 1990 (BGBl. II 889)
erfolgte Überführung der in den Zusatz- und Sonderversorgungssystemen der DDR erworbenen Ansprüche und Anwartschaften in die gesetzliche Rentenversicherung bei verfassungskonformer Auslegung für mit
dem Grundgesetz vereinbar erklärt. Diese Rechte, die mit dem Anspruchs- und Anwartschaftsüberführungsgesetz vom 25. Juli 1991 (AA-
ÜG - BGBl. I 1606, 1677) in der Fassung des Rentenüberleitungs-
Ergänzungsgesetzes vom 26. Juni 1993 (RüErgG - BGBl. I 1038) in die
gesetzliche Rentenversicherung integriert wurden, genießen danach
zwar aufgrund des Beitritts und ihrer Anerkennung durch den Einigungsvertrag den Schutz des Eigentumsgrundrechts des Art. 14 GG (aaO
33 ff.). Der Gesetzgeber war aber nicht verpflichtet, die Berechtigten aus
Versorgungssystemen der DDR so zu behandeln, als hätten sie ihre Erwerbsbiographie in der BRD zurückgelegt. Die mit der Erstreckung der
Beitragsbemessungsgrenze auf die überführten Leistungen verbundene
Absenkung des Sicherungsniveaus bleibt durch die Zahlbetragsgarantie
in Anlage II Kapitel VIII Sachgebiet H Abschnitt III Nr. 9 Buchst. b Satz 4
und 5 EV im Regelfall verhältnismäßig. Der Zahlbetrag ist allerdings
durch Anpassung an die Lohn- und Einkommensentwicklung zu dynamisieren.
Die Begrenzung der begünstigenden Wirkung der Zahlbetragsgarantie auf Bestandsrentner und Rentenzugänge bis Juni 1995 ist mit dem
Gleichheitsgrundsatz des Art. 3 Abs. 1 GG vereinbar, weil die Jahrgänge
danach weiterhin erwerbsfähig und daher imstande waren, ihre Versicherungsbiographien noch günstig zu beeinflussen (aaO 45 f.).
Die ebenfalls gemessen an Art. 3 Abs. 1 GG mit der Überleitungsentscheidung bewirkte Ungleichbehandlung von höherverdienenden Versicherten der DDR-Versorgungssysteme gegenüber den auf höherem Niveau abgesicherten Angehörigen entsprechender Berufsgruppen in den
alten Bundesländern mit Zusatzversicherungen ist durch gewichtige
Gründe gerechtfertigt. Abgesehen von den Unterschieden der verglichenen Berufsgruppen fallen auch die in der Regel höheren Beitragsleistungen der westdeutschen Berechtigten für ihre Zusatzversorgung ins Gewicht.
b) Nach diesen Grundsätzen ist auch die für die Klägerin geltende
Leistungsregelung der VBLS grundrechtskonform. Eine unangemessene
Benachteiligung liegt nicht vor.
aa) Art. 14 GG ist nicht verletzt, weil die im Anspruchs- und Anwartschaftsüberführungsgesetz bestimmte Überführung der in den Zusatzversorgungssystemen der DDR erworbenen Ansprüche und Anwartschaften in die gesetzliche Rentenversicherung auch die Eigentumsrechte der Rentenzugänger nach dem 30. Juni 1995, zu denen die Klägerin gehört, in verfassungsgemäßer Weise wahrt. Zwar gilt für sie die
im Einigungsvertrag gewährte Zahlbetragsgarantie nicht mehr. Doch ist
dies wegen der in der fortbestehenden Erwerbsmöglichkeit liegenden
Chance, zusätzliche Maßnahmen zur Altersvorsorge zu ergreifen, verfassungsrechtlich hinzunehmen (vgl. BVerfGE aaO 45, 46). Im Übrigen
hat die Klägerin nicht behauptet, durch die Überführung ihrer in der DDR
erworbenen Zusatzversorgungsanwartschaften einen Wertverlust erlitten
zu haben. Hat somit der Gesetzgeber sowohl die Systementscheidung
zur Überleitung der DDR-Rentenanwartschaften als auch deren besitzstandswahrende Umsetzung in verfassungsgemäßer Weise außerhalb
des Zusatzversorgungssystems der Beklagten vollzogen, ist diese nicht
aus Gründen des Eigentumsschutzes verpflichtet, die Beschäftigungszeiten der Klägerin vor dem 3. Oktober 1990 in ihrer Satzung leistungserhöhend zu berücksichtigen.
bb) Die Beschränkung auf eine Versichertenrente gemäß § 105b
VBLS benachteiligt die Klägerin auch nicht gleichheitswidrig.
(1) Die ihr nach § 105b VBLS gewährte Zusatzrente ist allerdings
erheblich geringer als die Rente eines Berechtigten, der in gleicher Beschäftigungszeit bei gleichen Erwerbseinkünften durchgängig bei der Beklagten pflichtversichert war und daher eine Versorgungsrente unter voll-
ständiger Berücksichtigung dieses Zeitraums (§ 42 Abs. 1 VBLS) beanspruchen kann. Dieser Unterschied ist aber dadurch gerechtfertigt, daß
nur für die Pflichtversicherten in den alten Bundesländern - bei wirtschaftlicher Betrachtung als Teil ihres Arbeitsentgelts (vgl. BVerfG NJW
2002, 1103, 1105 unter C II 2 a) - Beiträge in Form von Umlagen in das
Zusatzversorgungssystem der Beklagten geleistet wurden. Das steht, wie
das Bundesverfassungsgericht (aaO 45) ausdrücklich festgestellt hat, einer Pflicht, Versicherte aus Zusatz- und Sonderversorgungssystemen der
DDR rückwirkend und kostenfrei so zu stellen, als hätten sie die Voraussetzungen erfüllt, von denen die Zusatzversorgung in Westdeutschland
abhing, entgegen.
(2) Die Klägerin wird auch nicht gegenüber Pflichtversicherten
gleichheitswidrig benachteiligt, die in einer früheren Beschäftigung außerhalb des öffentlichen Dienstes sogenannte Vordienstzeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung der alten Bundesländer zurückgelegt haben. Zwar werden gemäß § 42 Abs. 2 Satz 1 a aa VBLS solche Vordienstzeiten anders als in der DDR zurückgelegte Beschäftigungszeiten
bei der Ermittlung der gesamtversorgungsfähigen Zeit - zur Hälfte - berücksichtigt. Dies können jedoch jedenfalls die erst ab 1. Januar 1997
Pflichtversicherten nicht mit Erfolg beanstanden. Denn bei ihnen ist die
60monatige Wartezeit (§ 38 Abs. 1 VBLS) nicht erfüllt. Die Erfüllung der
Wartezeit ist, wie sich aus § 37 Abs. 1 VBLS ergibt, eine für alle Pflichtversicherten gleichermaßen geltende Voraussetzung eines Anspruchs
auf Versicherungsleistungen der Beklagten. Dadurch soll die Versichertengemeinschaft in generalisierender Weise vor ungerechtfertigter Inanspruchnahme ohne entsprechende Mindestbeitragsleistung geschützt
werden (vgl. Berger/Kiefer/Langenbrinck, Das Versorgungsrecht für die
Arbeitnehmer des öffentlichen Dienstes, Stand Juni 2002 § 38 VBLS
Anm. 1; Gilbert/Hesse, Die Versorgung der Angestellten und Arbeiter des
öffentlichen Dienstes, Stand August 2002 § 38 VBLS Anm. 1). Das entspricht der Regelung in der gesetzlichen Rentenversicherung und ist
sachlich nicht zu beanstanden.
Ein Anspruch auf ausnahmsweise Befreiung von dem Wartezeiterfordernis aus Gründen der Gleichbehandlung steht der Klägerin nicht
zu. Das gilt auch mit Rücksicht darauf, daß nach dem Beitritt der neuen
Bundesländer für sie trotz Zugehörigkeit zum öffentlichen Dienst Umlageleistungen des Arbeitgebers an die Beklagte bis zum 1. Januar 1997
nicht möglich waren. Denn in der Entscheidung über den Zeitpunkt der
Einführung der Zusatzversorgung im Tarifgebiet Ost sowie hinsichtlich
der wesentlichen Einführungsbedingungen waren die Tarifpartner nicht
gebunden. Nach dem Einigungsvertrag sollte im Zuge einer schrittweisen
Angleichung der Lebensverhältnisse mittelfristig auch das Niveau der
Altersversorgung in Ost und West angeglichen werden (vgl. Art. 30
Abs. 5 Satz 3 EV). Gemäß Art. 20 EV in Verbindung mit Anlage I Kapitel
XIX Sachgebiet A Abschn. III Nr. 1 Abs. 1 gelten die für den öffentlichen
Dienst im übrigen Bundesgebiet bestehenden Arbeitsbedingungen jedoch erst, "wenn und soweit die Tarifvertragsparteien dies vereinbaren".
(3) Dem Berufungsgericht ist im Übrigen darin zuzustimmen, daß
§ 105b VBLS die Gruppe der Klägerin gegenüber anderen Pflichtversicherten insofern sogar besser stellt, als sie trotz nicht erfüllter Wartezeit
eine Leistung erhalten. § 105b VBLS ist eine in den Tarifverhandlungen
unter dem Begriff der Härteregelung behandelte Sondervorschrift für Arbeitnehmer im Beitrittsgebiet (vgl. Kiefer, Zeitschrift für Tarifrecht 1996,
97, 100). Daß die Klägerin eine höhere Leistung nicht beanspruchen
kann, ist als Folge ihrer Biographie ebenso schicksalhaft wie die Situation der früheren Rentenjahrgänge, die anders als sie überhaupt keine
Chance mehr hatten, Zugang zu einem Zusatzversorgungssystem West
zu finden (vgl. auch BVerfGE aaO 46).
3. Da die angegriffenen Satzungsbestimmungen nicht gemäß § 9
AGBG unwirksam sind, liegt entgegen der Auffassung der Revision auch
keine Regelungslücke vor, die durch eine ergänzende Vertragsauslegung
im Sinne des Leistungsbegehrens der Klägerin geschlossen werden
könnte (vgl. dazu BGHZ 139, 333, 339 f.).
4. Schließlich kann die Klägerin auch aus den Grundsätzen von
Treu und Glauben nichts zu ihren Gunsten herleiten. Die ab 1. Januar
1997 Pflichtversicherten konnten nach der Satzung der Beklagten zu
keinem Zeitpunkt ein gemäß § 242 BGB schützenswertes Vertrauen darauf bilden, daß diese ihre DDR-Beschäftigungszeiten bei der Ermittlung
der Zusatzversorgung berücksichtigen werde (vgl. dazu Senatsurteil vom
27. September 2000 - IV ZR 140/99 - VersR 2000, 1530 unter II). Denn
die ihr nachteilig erscheinenden Bestimmungen über das Wartezeiterfordernis und den Ausschluß der Berücksichtigung von in der DDR zurückgelegten Rentenversicherungszeiten waren zu diesem Zeitpunkt bereits
5. Den auf Gewährung einer Versicherungsrente unter Berücksichtigung ihrer gesamten Beschäftigungszeiten gerichteten Hilfsantrag der
Klägerin haben die Vorinstanzen aus den vorgenannten Gründen ebenfalls zu Recht abgewiesen.