Source: https://findok.bmf.gv.at/findok?stammNr=41596&fassungsNr=1
Timestamp: 2018-02-21 21:13:32
Document Index: 208181215

Matched Legal Cases: ['§ 9', '§ 80', '§ 40', '§ 9', '§ 80', '§ 238', '§ 238', '§ 238', '§ 9', '§ 80', '§ 9', '§ 18', '§ 238', '§ 78', '§ 238', '§ 238', '§ 238', '§ 40', '§ 9', '§ 9']

Geschäftsführerhaftung, keine Verjährung zufolge gesetzter Einhebungsmaßnahmen - Findok Internet
Berufungsentscheidung - Steuer (Referent) des UFSW vom 01.07.2009, RV/2796-W/08
Geschäftsführerhaftung, keine Verjährung zufolge gesetzter Einhebungsmaßnahmen
Der Unabhängige Finanzsenat hat über die Berufung der Bw., vertreten durch Akkurata Wirtschaftstreuhand GmbH, 1030 Wien, Hegergasse 6/7, vom 13. Juni 2008 gegen den Bescheid des Finanzamtes Gänserndorf Mistelbach vom 14. Mai 2008 betreffend Haftung gemäß § 9 iVm § 80 BAO im Beisein der Schriftführerin S. nach der am 1. Juli 2009 in 1030 Wien, Vordere Zollamtsstraße 7, durchgeführten Berufungsverhandlung entschieden:
Der Berufung wird teilweise Folge gegeben und die Haftung für folgende Abgaben auf nunmehr € 18.106,41 eingeschränkt:
Umsatzsteuer 11-12/1998
Umsatzsteuer 01-08/1999
Zwangs- und Ordnungsstrafe 09/1999
Lohnsteuer 10/1999
Dienstgeberbeitrag 10/1999
Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag 10/1999
Umsatzsteuer 09/1999
Lohnsteuer 12/1999
Dienstgeberbeitrag 12/1999
Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag 12/1999
Umsatzsteuer 11/1999
Verspätungszuschlag 09/1999
Körperschaftsteuer 01-03/2000
Umsatzsteuer 02/2000
Zwangs- und Ordnungsstrafe 2000
Körperschaftsteuer 04-06/2000
Pfändungsgebühr 2000
Barauslagenersatz 2000
2.470,90
Umsatzsteuer 08/2000
Körperschaftsteuer 10-12/2000
Körperschaftsteuer 01- 03/2001
Lohnsteuer 01/2001
Dienstgeberbeitrag 01/2000
Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag 01/2001
2.605,27
Umsatzsteuer 01/2001
Dienstgeberbeitrag 02/2001
Körperschaftsteuer 04-06/2001
Lohnsteuer 05/2001
Dienstgeberbeitrag 05/2001
Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag 05/2001
Umsatzsteuer 04/2001
Lohnsteuer 06/2001
Dienstgeberbeitrag 06/2001
Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag 06/2001
Körperschaftsteuer 07-09/2001
Umsatzsteuer 06/2001
Lohnsteuer 07/2001
Dienstgeberbeitrag 07/2001
Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag 07/2001
Dienstgeberbeitrag 08/2001
Körperschaftsteuer 01-03/2002
Zwangs- und Ordnungsstrafe 2002
Körperschaftsteuer 04-06/2002
Stundungszinsen 2002
Mit Schreiben vom 15. November 2001 teilte die Berufungswerberin (Bw.) mit, dass sie auf Grund des negativen Betriebsergebnisses ihr Unternehmen H-GmbH zu schließen beabsichtige.
Am 10. September 2002 wurde die H-GmbH von Amts wegen im Firmenbuch gemäß § 40 FBG gelöscht.
Mit Schreiben vom 25. Mai 2005 ersuchte das Finanzamt die Bw. um Bekanntgabe der Verwendung der laufenden Einnahmen der Gesellschaft. Außerdem möge sie beweisen, dass die Abgabenschulden einbringlich wären oder dass sie ohne ihr Verschulden daran gehindert gewesen wäre, für die Entrichtung der Abgaben Sorge zu tragen.
Mit Vorhaltsbeantwortung vom 16. Juni 2005 gab die Bw. bekannt, dass sie ohne ihr Verschulden daran gehindert gewesen wäre, für die Entrichtung der Abgaben zu sorgen, weil sie angesichts des schlechten Geschäftsganges rechtzeitig die Notwendigkeit wahrgenommen hätte, den Betrieb beizeiten schließen zu müssen. In der Folge wäre die Firma vom Landesgericht XY per 10. September 2002 amtlich gelöscht worden. Sie wäre bemüht gewesen, alle Passiven aus den Mitteln der Gesellschaft zu bezahlen, was allerdings bedauerlicher Weise nicht mehr möglich gewesen wäre. Mangels Masse wäre auch ein Konkursantrag abgewiesen worden. Bei Betriebsschließung hätten neben den Finanzamtsschulden noch weitere bei der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (€ 4.586,71) und bei der gewerblichen Sozialversicherung Niederösterreich (€ 6.265,71) bestanden, weshalb von einer Bevorzugung anderer Gläubiger nicht gesprochen werden könne.
Mit Bescheid vom 14. Mai 2008 wurde die Bw. gemäß § 9 Abs. 1 BAO i.V.m. § 80 BAO als Geschäftsführerin der H-GmbH für Abgaben in der Höhe von € 18.606,41, nämlich
05. 11. 1999
03. 02. 2000
26. 07. 2000
Zwangs- und Ordnungsstrafe 2003
In der dagegen am 13. Juni 2008 rechtzeitig eingebrachten Berufung wandte die Bw. ein, dass die Gesellschaft am 10. September 2002 amtswegig gelöscht worden wäre. Gemäß den erläuternden Bemerkungen im Kommentar zur Bundesabgabenordnung von Ellinger-Iro-Kramer-Sutter-Urz zu § 238 BAO stelle die Geltendmachung einer persönlichen abgabenrechtlichen Haftung einen Einhebungsschritt dar und unterliege daher der Einhebungsverjährung nach § 238 BAO.
Ebenso werde darin zum Ausdruck gebracht, dass für den Fall, dass eine Abgabe auf verschiedene einzelne Abgabenschuldigkeiten aufgeteilt wäre, sich für diese Abgabe verschiedene Fälligkeiten ergeben könnten, wodurch die Einhebungsverjährung zu unterschiedlichen Zeitpunkten ende. Weiters werde ausgeführt, dass das Recht, eine fällige Abgabe einzuheben und zwangsweise einzubringen, binnen fünf Jahren nach Ablauf des Kalenderjahres, in welchem die Abgabe fällig geworden wäre, keinesfalls jedoch früher als das Recht zur Festsetzung der Abgabe, verjähren würde, dies gleichermaßen für alle Abgaben gelte.
Seit der Löschung der Gesellschaft im Firmenbuch am 10. September 2002 wären bei der Gesellschaft keine Einbringungsmaßnahmen gesetzt worden, weshalb die fünfjährige Verjährungsfrist des § 238 BAO eingetreten wäre. Gemäß Rückstandsausweis zum Haftungsbescheid und Daten des Steuerkontos hätte die letzte Einbringungsmaßnahme bei der Gesellschaft offensichtlich im Jahr 2000 stattgefunden (Vorschreibung von Einbringungsgebühren mit Fälligkeit 6. Juni 2000). Außerdem hätte bei der Gesellschaft kein Insolvenzverfahren stattgefunden.
Gemäß § 9 BAO und dem zitierten BAO-Kommentar würden die in den §§ 80 ff. BAO bezeichneten Vertreter bei schuldhafter Verletzung abgabenrechtlicher Pflichten haften. Diese Haftung wäre eine Ausfallshaftung, weshalb der Vertreter nur insoweit in Anspruch genommen werden dürfe, als die Abgabe bei der Primärschuldnerin uneinbringlich wäre. Dies setze aber ausreichende Eintreibungsmaßnahmen bei der Gesellschaft voraus, bevor der Vertreter zur Haftung herangezogen werden könne. Dies wäre jedoch nicht geschehen. Nach der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes könne eine Haftung des Vertreters dann nicht mehr geltend gemacht werden, wenn das Einhebungsrecht gegenüber dem Hauptschuldner bereits verjährt wäre (VwGH 29.6.1992, 91/15/0154).
Da bei der Gesellschaft offensichtlich keine ausreichenden Einbringungsmaßnahmen gesetzt worden wären, hätte dies zur Uneinbringlichkeit der Abgaben bei der GmbH geführt. Eine Inanspruchnahme der Haftung nach § 9 BAO setze aber voraus, dass die rückständige Abgabe des Vertretenen uneinbringlich geworden wäre und dies auf eine schuldhafte Pflichtverletzung des Vertreters zurückzuführen wäre. Neben dem Eintritt des objektiven Schadens und dem Verschulden des Vertreters wäre damit ein Rechtswidrigkeitszusammenhang erforderlich. Weiters werde im genannten Kommentar ausgeführt, dass keine Haftung bestehe, wenn die Abgabe auch ohne schuldhafte Pflichtverletzung des Vertreters uneinbringlich geworden wäre.
Mit Berufungsvorentscheidung vom 28. Juli 2008 wurde die Berufung als unbegründet abgewiesen. Dazu wurde ausgeführt, dass die Bw. laut Firmenbuch bis zur Löschung unbestritten handlesrechtliche Geschäftsführerin der H-GmbH und daher gemäß § 18 GmbHG zu deren Vertretung berufen gewesen wäre.
Wie richtig in der Berufung angeführt, wäre die Gesellschaft am 10. September 2002 amtswegig im Firmenbuch gelöscht worden. Entgegen der in der Berufung zum Ausdruck gebrachten Rechtsansicht wären jedoch immer wieder Einbringungsmaßnahmen gesetzt worden, wie zB Erhebungen der wirtschaftlichen Verhältnisse am 30. Juni 2004 und am 21. August 2006, weshalb die fünfjährige Verjährungsfrist nach § 238 BAO nicht greifen könne.
Darüber hinaus reiche die in der Berufung angeführte Begründung nicht aus, um von der Inanspruchnahme der Haftung Abstand zu nehmen.
Fristgerecht beantragte die Bw. mit Schreiben vom 26. August 2008 die Vorlage der Berufung zur Entscheidung durch die Abgabenbehörde zweiter Instanz sowie die Abhaltung einer mündlichen Berufungsverhandlung.
In der am 1. Juli 2009 auf Antrag der Bw. durchgeführten mündlichen Berufungsverhandlung wandte die Amtsbeauftragte ein, dass die Abgabenpflichtige L.H. heiße und legte dazu eine Zentralmeldeamtsabfrage vom 14. Mai 2008 vor. Der steuerliche Vertreter bestätigte dies.
Er brachte weiters ergänzend vor, dass auf Grund fehlender Einhebungsmaßnahmen die Einhebungsverjährung eingetreten wäre. Dazu legt die Referentin den Einbringungsakt vor und nimmt der steuerliche Vertreter in die ihm gezeigten Einhebungsmaßnahmen Einsicht. Auch die Amtsbeauftragte bekräftigte, dass es immer wieder nach außen gerichtete Amtshandlungen gegeben hätte.
Außerdem wandte sie ein, dass in einem Gastronomiebetrieb zuerst die Getränke und Speisen bezahlt werden würden, um dem Betrieb aufrechterhalten zu können, weshalb jedenfalls eine Gläubigerbevorzugung stattgefunden hätte. Auch wären die Dienstnehmer in voller Höhe entlohnt worden, obwohl § 78 Abs. 3 EStG normiere, dass im Falle nicht ausreichender Mittel die Löhne insoweit zu kürzen wären, dass die Lohnabgaben noch bezahlt werden könnten. Dazu erklärte der steuerliche Vertreter, dass die Lohnabgaben nur den geringsten Teil der haftungsgegenständlichen Abgaben betreffen würden. Die Amtsbeauftragte replizierte, dass eben für die Lohnabgaben diese gesetzliche Regelung bestehe, für die Abgaben gelte der Gleichbehandlungsgrundsatz.
Der steuerliche Vertreter erklärte, zur Frage der Gleichbehandlung keine Auskunft erteilen zu können, da er nicht über dazu erforderlichen Unterlagen verfüge.
Dem Einwand der Bw., dass die haftungsgegenständlichen Abgaben gemäß § 238 BAO verjährt wären, ist die Aktenlage entgegenzuhalten, wonach ab Jänner 1999 (dem ältesten Fälligkeitstag) folgende Unterbrechungshandlungen, die die fünfjährige Einhebungsverjährungsfrist jeweils neu in Gang setzten, gesetzt wurden:
Verjährt am
05. 03. 1999
Bescheid betreffend Abweisung eines Zahlungserleichterungsansuchens
08. 04. 1999
Zurückweisungsbescheid betreffend Einspruch gegen Zahlungsaufforderung
Bescheid betreffend Pfändung einer Geldforderung
Vorhalt wegen Haftungsinanspruchnahme an die Bw.
Anfrage der Meldedaten der Bw.
Feststellungen der wirtschaftlichen Verhältnisse der Bw.
Daraus erhellt, dass eine Verjährung der Einhebung nach § 238 Abs. 1 BAO zufolge der regelmäßigen Unterbrechungshandlungen gemäß § 238 Abs. 2 BAO nicht eingetreten ist. Dies gilt auch für die übrigen haftungsgegenständlichen Abgaben, da trotz unterschiedlicher Fälligkeitstage auf Grund der Vielzahl der Einhebungsmaßnahmen die Einhebungsverjährung insgesamt noch nicht eingetreten ist.
Im gegenständlichen Fall steht die Uneinbringlichkeit fest, da die H-GmbH am 10. September 2002 von Amts wegen gemäß § 40 FBG im Firmenbuch gelöscht wurde.
Aus dem Einwand der Bw., dass die Abgabenbehörde keine ausreichenden Vollstreckungsmaßnahmen bei der Primärschuldnerin gesetzt hätte, lässt sich nichts gewinnen, da zum Einen aus obiger Aufstellung ersichtlich ist, dass seitens des Finanzamtes nichts unversucht blieb, den Abgabenrückstand einbringlich zu machen, und zum Anderen nach der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes der Haftungstatbestand nach § 9 BAO zwar die Kausalität zwischen schuldhafter Pflichtverletzung und Uneinbringlichkeit der Abgabe voraussetzt, der jedoch der Umstand nicht entgegensteht, dass die Abgabenbehörde in der Vergangenheit Eintreibungsmaßnahmen unterlassen hat (VwGH 24.9.2002, 2000/14/0081).
Unbestritten ist, dass der Bw. als Geschäftsführerin der H-GmbH die Erfüllung der abgabenrechtlichen Pflichten der Gesellschaft oblag. Insbesondere ist im Rahmen dieser Verpflichtung für die rechtzeitige und vollständige Entrichtung der Abgaben Sorge zu tragen.
Im gegenständlichen Fall bringt die Bw. jedoch keine triftigen Gründe, aus denen ihr die Erfüllung ihrer abgabenrechtlichen Pflichten unmöglich gewesen wäre, vor. Insbesondere wurde nicht behauptet, dass der Bw. keine Mittel zur Entrichtung der haftungsgegenständlichen Abgaben zur Verfügung gestanden wären.
Aus der Aktenlage ergibt sich jedoch, dass zumindest seit der Löschung der Gesellschaft im Firmenbuch am 10. September 2002 keine liquiden Mittel mehr vorhanden waren, weshalb die Zwangs- und Ordnungstrafe 2003 in Höhe von € 500,00 aus der Haftung auszuscheiden war.
Den im Rahmen der besonderen Behauptungs- und Konkretisierungspflicht zur Feststellung des für die aliquote Erfüllung der Abgabenschuld zur Verfügung stehenden Teiles vom Gesamtbetrag der liquiden Mittel geforderte Liquiditätsstatus - in Form einer Gegenüberstellung von liquiden Mitteln und Verbindlichkeiten zum jeweiligen Fälligkeitstag der haftungsgegenständlichen Abgaben, wobei es auf die Abgabenverbindlichkeiten einerseits und die Summe der übrigen Verbindlichkeiten andererseits ankommt - hat die Bw. jedoch - mangels vorhandener Unterlagen - nicht aufgestellt.
Auf Grund des Vorliegens der gesetzlichen Voraussetzungen des § 9 Abs. 1 BAO erfolgte somit die Inanspruchnahme der Bw. als Haftungspflichtige für die Abgabenschuldigkeiten der H-GmbH im Ausmaß von nunmehr € 18.106,41 zu Recht.
Findok-Nr: 41596.1, aufgenommen am: 20.07.2009 09:48:50, zuletzt geändert am: 27.04.2010, Dokument-ID: c62ff96b-e475-487c-b937-fbedd27b6cf9, Segment-ID: 1027479a-230c-4bf1-99e4-6f5b59be9e7d