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Timestamp: 2020-07-02 21:39:54
Document Index: 183763541

Matched Legal Cases: ['§ 71', '§ 51', '§ 51', '§ 51', '§ 3', 'Art 4', '§ 60', '§ 77', '§ 113', '§ 71', '§ 51', 'Art. 40', '§ 51', '§ 51', '§ 51', '§ 51', '§ 51', '§ 25', '§ 86', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 4', 'EuG', 'EuG', 'Art. 4', '§ 25', '§ 86', 'Art. 4', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', 'Art. 10', 'Art. 10', 'EuG', '§ 25', '§ 3', 'EuG', 'Art. 377', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', 'Art. 8', 'Art. 7', 'Art. 9', 'EuG', 'Art. 4', 'Art. 377', '§ 3', 'Art. 9', '§ 3', '§ 3', 'EuG', '§ 3', '§ 3', '§ 60', '§ 31', '§ 34']

Landesrecht BW VG Freiburg (Breisgau) 6. Kammer | A 6 K 4389/16 | Urteil | Pakistan; Verfahrensrelevanter Folgeantrag; Durchentscheidung durch das Gericht; Glaubhaftigkeitsprüfung nach Maßgabe der EU-Qualifikationsrichtlinie; Homosexualität als Verfolgungsgrund; Staatliche Strafgesetze und Polizeiverhalten sowie Maßnahmen nicht staatlicher Akteure als Verfolgungshandlungen; Kumulationsansatz der Qualifikationsrichtlinie | Langtext vorhanden
Aktenzeichen: A 6 K 4389/16
Normen: § 71 Abs 1 AsylVfG, § 51 Abs 1 VwVfG, § 51 Abs 2 VwVfG, § 51 Abs 3 VwVfG, § 3b AsylVfG, Art 4 Abs 5 EURL 95/2011
Pakistan; Verfahrensrelevanter Folgeantrag; Durchentscheidung durch das Gericht; Glaubhaftigkeitsprüfung nach Maßgabe der EU-Qualifikationsrichtlinie; Homosexualität als Verfolgungsgrund; Staatliche Strafgesetze und Polizeiverhalten sowie Maßnahmen nicht staatlicher Akteure als Verfolgungshandlungen; Kumulationsansatz der Qualifikationsrichtlinie
Die Ziff. 1 sowie die Ziff. 3 bis 5 des Bundesamtsbescheids vom 14.11.2016 werden aufgehoben. Die Beklagte - Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - wird verpflichtet, dem Kläger die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen.
Der am … 1996 geborene Kläger, pakistanischer Staatsangehöriger mit sunnitischer Religionszugehörigkeit, stellte am 24.10.2016 einen Asylfolgeantrag.
Ein früheres Asylverfahren, eingeleitet durch Antrag vom 28.08.2015, war erfolglos geblieben und mit Bundesamtsbescheid vom 22.12.2015 (Zustellung am 24.12.2015) im Anschluss an eine Ablehnung als offensichtlich unbegründet abgeschlossen worden, ohne dass der Kläger hiergegen Klage erhoben hatte. Im ersten Asylverfahren hatte der Kläger bei seiner Anhörung am 11.12.2015 angegeben, Pakistan am 01.07.2014 verlassen zu haben und am 29.07.2015 nach Deutschland über die Balkanroute eingereist zu sein. Dazwischen sei er 10 Tage im Iran, 12 Tage in der Türkei und 4 Monate lang in Griechenland gewesen. Auf Vorhalt der unstimmigen Daten erwiderte er sodann, im Iran 7 Tage in Haft gewesen und dann wieder nach Pakistan zurückgeschickt worden zu sein. In Griechenland sei er 10 Monate gewesen, er habe falsch gezählt gehabt. Seine Mutter sei bereits verstorben, sein Vater sei mit ihm ausgereist und noch in Griechenland. Dort habe er, der Kläger, auf einer Hühnerfarm gearbeitet und sei in einem Restaurant beschäftigt gewesen, alles illegal. In Pakistan habe es einen Landkonflikt gegeben. Gegner hätten ihr Land erobern wollen, deshalb seien er und sein Vater in Gefahr gewesen. Nach Deutschland sei er schließlich gekommen, da auch der Bruder der Gegner in Griechenland gewohnt und sie dort ausfindig gemacht habe. Der Vater, der ebenfalls versuche, nach Deutschland zu kommen, sei telefonisch bedroht worden. Er, der Kläger, sei dann nach Deutschland. Müsse er zurückkehren, würden ihn die Gegner, die mittlerweile einen Rechtsstreit um das Land vor Gericht verloren hätten, ihn umbringen.
Den Folgeantrag begründete der Kläger damit, er habe bei der ersten Anhörung die richtigen Gründe nicht nennen können. Er sei schwul. Ihm sei von Landsleuten erzählt worden, dass man ihn in Deutschland wegen seiner Homosexualität bestrafen werde und er hier die Todesstrafe bekomme. In einer mit Hilfe einer Sozialarbeiterin aufgesetzten Stellungnahme vom 10.09.2016 ließ der Kläger ausführen: Er habe Pakistan bereits im Juli 2011 verlassen, direkt im Anschluss an den Tod seiner Mutter. Sein Vater habe sich da bereits in Griechenland aufgehalten und ihn, den damals 14-jährigen Sohn, aufgefordert nachzukommen, da er in Pakistan keine Zukunft habe. In Griechenland habe der Vater ihn dann aufgrund seiner zunehmend deutlich werdenden Bisexualität und geschlechtsindifferenten Verhaltens verstoßen. Er habe dann teilweise auf der Straße gelebt oder bei verschiedenen Personen gewohnt, die ihn illegal beschäftigt hätten (ein Hühnerfarmer und ein Gastwirt). Insgesamt habe er von Anfang 2015 bis Juli 2015 bei einem griechisch-orthodoxen Priester in Megara gelebt und für diesen täglich 8 Stunden für 25 € gearbeitet. Nach einigen Wochen habe dieser Priester sexuelle Gefälligkeiten verlangt, denen er, der Kläger, aufgrund eines Abhängigkeitsverhältnisses nachgegeben habe. Er habe sich dann zunehmend zum Priester hingezogen gefühlt, sowohl aufgrund der eigenen homosexuellen Neigung als auch im Sinne eines Vaterersatzes. Schließlich habe er das Land gleichwohl verlassen, da es wegen der Beziehung zum Priester zu Konflikten, Anfeindungen und physischer wie psychischer Gewalt sowie Erpressungsversuchen durch andere Flüchtlinge gekommen sei, die ebenfalls für den Priester gearbeitet hätten. Schließlich sei er dann am 29.07.2015 nach Deutschland gekommen. Der Priester habe ihn dazu ermuntert gehabt, da es Männern wie ihm in Deutschland besser ginge und sie dort keine Angst zu haben bräuchten. Andere Flüchtlinge hätten ihm in der Sammelunterkunft in München erzählt, in Deutschland gebe es nach wie vor ein Gesetz von Hitler, wonach alle homosexuellen Ausländer durch Giftgas getötet würden. Das habe er zunächst geglaubt und deshalb eine andere Fluchtgeschichte erfunden und bei der ersten Anhörung erzählt. In Deutschland sei er zunächst heterosexuelle Beziehungen eingegangen, um einem Verdacht der Homosexualität vorzubeugen. In Donaueschingen habe er einen älteren homosexuellen Mann kennengelernt, der sexuelle Dienstleistungen von ihm habe kaufen wollen. Er habe dies mit Verweis auf die drohende Todesstrafe abgelehnt. Der Mann habe ihm das für die NS-Zeit bestätigt, aber gesagt, dass das heute nicht mehr der Fall sei. Er habe diesen Ausführungen gleichwohl nicht geglaubt, da er angenommen habe, diese Angaben sollten ihn nur zur Einwilligung in einen lebensgefährlichen Sexualkontakt überreden. Bei immer stärker werdender homosexueller Neigung habe er unter der Angst gelitten, entdeckt zu werden und habe sogar schon daran gedacht, nach Griechenland zurückzukehren, damit aber zu viele negative Erinnerungen, gerade auch wegen der Homosexualität, verbunden. Seine Sozialbetreuerin sei schließlich von seiner ehrenamtlichen Patin eingeschaltet worden, nachdem er sich immer mehr in sich zurückgezogen habe. Sie habe sein Vertrauen gewinnen können, er habe ihr immer mehr von sich erzählt. In einem Gespräch Anfang September 2016 habe sie ihn davon überzeugen können, dass einvernehmliche Homosexualität unter Volljährigen in Deutschland nicht strafbar sei und sogar ein Asylgrund sein könne. Am 06.09.2016 habe er schließlich zugestimmt, einen Asylfolgeantrag zu stellen.
Mit Bescheid vom 14.11.2016, zugestellt am 15.11.2016, lehnte das Bundesamt, die Voraussetzungen für ein Wiederaufgreifen des Verfahrens bejahend, die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft sowie die Anerkennung als Asylberechtigter ebenso ab (Ziff. 1 und 2), wie die Zuerkennung subsidiären Schutzes (Ziff. 3). Das Vorliegen nationaler Abschiebungsverbot wurde verneint (Ziff. 4) und dem Kläger binnen 30 Tagen nach unanfechtbarem Abschluss des Asylverfahrens die Abschiebung nach Pakistan angedroht (Ziff. 5).
Der Kläger hat am 28.11.2016 Klage erhoben. Am 11.01.2017 trug er vor, seit 13.11.2016 eine homosexuelle Beziehung mit dem Zeugen M. S. zu führen. Sie hätten sich bereits im Herbst 2015 in Donaueschingen kennengelernt und am 10.11.2016 hätten sie sich gegenseitig ihre Homosexualität eröffnet. Seither versuchten sie, so viel Zeit wie möglich zusammen zu verbringen. Sie seien ein glückliches Paar, hätten jedoch Angst, nach Pakistan zurückzukehren, da man dort nirgendwo frei leben könne.
die Beklagte zu verpflichten, ihm die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen;
hilfsweise, zu verpflichten, ihm subsidiären Schutz zuzuerkennen;
weiter hilfsweise, zu verpflichten festzustellen, dass ein Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 5 oder Abs. 7 Satz 1 AufenthG vorliegt,
und den Bundesamtsbescheid vom 14.11.2016 aufzuheben, soweit er diesem Antrag entgegensteht.
Wegen weiterer Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die Schriftsätze der Beteiligten und den Akteninhalt (zwei Hefte des Bundesamts) verwiesen. Der Kläger ist in der mündlichen Verhandlung informatorisch angehört worden. Ebenso ist dort der Zeuge M. S. (die Akten seines Asyl- und Gerichtsverfahrens A 7 K 1878/17 sind vom Gericht beigezogen worden) vernommen worden. Wegen Einzelheiten der Angaben beider Männer vor Gericht wird auf die Sitzungsniederschrift Bezug genommen.
Die zulässige Klage ist mit dem Hauptantrag begründet. Auf den Folgeantrag des Klägers hin ist nach der Sach- und Rechtslage im maßgeblichen Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung (§ 77 Abs. 1 AsylG) ein weiteres Asylverfahren durchzuführen, da er hierauf einen Anspruch hat (dazu unter 1.). Im Rahmen der inhaltlich eröffneten erneuten Prüfung des Antrags auf internationalen Schutz ist die Beklagte zu verpflichten, dem Kläger die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. Ziff. 1 und Ziff. 3 bis 5 des Bundesamtsbescheids sind folglich aufzuheben, da sie rechtswidrig sind und den Kläger in seinen Rechten verletzen, § 113 Abs. 5, Abs. 1 VwGO (dazu unter 2. und 3.).
1.) Der vom Kläger am 24.10.2016 gestellte Folgeantrag ist verfahrensrelevant. Gemäß § 71 Abs. 1 Satz 1 AsylG ist, falls der Ausländer nach unanfechtbarer Ablehnung eines früheren Asylantrags - eine solche lag hier seit dem 01.01.2016 vor – erneut einen Asylantrag stellt, ein weiteres Asylverfahren nur durchzuführen, wenn die Voraussetzung des § 51 Abs. 1 bis 3 VwVfG vorliegen (zur Unionsrechtskonformität dieser Bestimmungen mit Blick auf den - hier ausschließlich geltend gemachten - internationalen Schutz vgl. Art. 40 Abs. 1 bis 5 und 42 der Richtlinie 2013/32/EU [Verfahrensrichtlinie n.F.]).
a.) Der Kläger hat vorgetragen, dass er homosexuell ist, dass ihn im ersten Asylverfahren jedoch die Angst, bei Offenbarung seiner Homosexualität auch in Deutschland bestraft zu werden, von einem diesbezüglichen Vortrag abgehalten habe. Erst bei einem Gespräch am 06.09.2016 habe er - als Folge nachhaltiger Aufklärung durch zwei ihn betreuende Frauen - davon überzeugt werden können, dass seine sexuelle Ausrichtung nicht strafbar sei und sogar ein Asylgrund sein könne. Die Zulässigkeitsvoraussetzungen für einen Folgeantrag sind damit erfüllt. Die angstbedingte Hemmung im ersten Asylverfahren setzte den Kläger ohne grobes Verschulden außerstande, diese Gründe, und sei es auch noch in einem Rechtsbehelfsverfahren, geltend zu machen (§ 51 Abs. 2 VwVfG). Nachdem der Entscheidungs-/Überzeugungsprozess, den der Kläger zunächst innerlich durchlaufen musste, erst Anfang September 2016 abgeschlossen war, wurde der Folgeantrag am 24.10.2016 und damit auch innerhalb der Dreimonatsfrist des § 51 Abs. 3 VwVfG gestellt. Der Vortrag zu der im November 2016 begründeten Beziehung zum Zeugen M. S. unterlag, da zum rechtzeitig vorgebrachten Folgeantragsgrund der Homosexualität gehörend, nicht dieser Frist; allerdings wäre auch er rechtzeitig geltend gemacht worden.
b.) Die vom Kläger vorgetragenen Gründe erfüllen schließlich auch die inhaltliche Voraussetzung für ein Wiederaufgreifen des bestandskräftig abgeschlossenen Erstverfahrens. Gemäß § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG ist über die Aufhebung eines unanfechtbaren Verwaltungsaktes zu entscheiden, wenn sich die dem Verwaltungsakt zugrunde liegende - wie hier relevant: - Sachlage nachträglich zugunsten des Betroffenen geändert hat. Eine Änderung der Sachlage muss eingetreten sein und die Geeignetheit dieser Umstände für eine dem Antragsteller günstigere Entscheidung muss schlüssig, glaubhaft und substantiiert dargelegt werden (BVerfG, Kammerbeschl. v. 11.05.1993 – 2 BvR 2245/92 –, Rn. 22, juris; BVerwG, Urt. v. 25.11.2008 – 10 C 25.07 –, Rn. 11, juris). Eine neue Tatsache kann im Verhalten des Adressaten liegen und auch eine innere Einstellung sein (Stelkens/Bonk/Sachs/Sachs VwVfG, 8. Aufl. 2014, § 51 Rn. 95 m.w.N.). So liegt dies beim Kläger. Seine Homosexualität stellt eine innere Tatsache der sexuellen Identität bzw. Orientierung dar. Auch wenn der Kläger diesen inneren Umstand bereits im ersten Asylverfahren „in sich trug“, so liegt in der jetzt erstmals erfolgten Offenbarung eine Änderung der Sachlage vor, da die Fähigkeit hierzu bzw. Zumutbarkeit, dies zu äußern, als untrennbar hiermit verbundener Aspekt erst nachträglich eingetreten ist (vgl. für den hiermit am ehesten vergleichbaren Fall fortschreitender bzw. verbesserter Erkenntnisse: Kopp/Ramsauer, VwVfG, 18. Aufl. 2017, § 51 Rn. 29).
<aa.> Die Angaben des Klägers sind - was nach dem zuvor Dargelegten bereits auf der Stufe der Verfahrensrelevanz zu prüfen ist - zur Überzeugung des Gerichts auch glaubhaft. Geht es um die Wahrheitsfindung im Hinblick auf das Vorbringen eines Ausländers, kommt es entscheidend auf die Glaubhaftigkeit seiner Schilderung und Glaubwürdigkeit seiner Person an. Seinem persönlichen Vorbringen und dessen Würdigung ist daher gesteigerte Bedeutung beizumessen. Nationalrechtlich ist diese Mitwirkungsobliegenheit in §§ 25 Abs. 1 und 2, 15 Abs. 1 und 2 AsylG sowie § 86 Abs. 1 VwGO geregelt (vgl. aus der Rechtsprechung: BVerfG, Beschl. v. 07.04.1998 - 2 BvR 253/96 -, Rn. 4, juris; BVerwG, Beschl. v. 10.05.2002 - 1 B 392.01 - Rn. 5, juris; Beschl. v. 26.10.1989 - 9 B 405.89 -, Rn. 8, juris). Unionsrechtlich (stärker) konturiert findet sich eine Kombination aus verfahrensspezifischer Beibringungsobliegenheit und Untersuchungsmaxime in Art. 4 der Richtlinie 2011/95/EU (Qualifikationsrichtlinie - im Folgenden: QRL), welcher unmittelbar anwendbar ist. Die Individualisierung des Flüchtlingsrechts prägt insoweit auch die verfahrensförmige Tatsachenfeststellung (Gärditz, DVBl. 2015, 167).
Der Kläger hat seinen Folgeantrag ausführlich begründet, was für eine offenkundige Bemühung und Vorlage aller ihm verfügbaren Anhaltspunkte im Sinne des Art. 4 Abs. 5 Buchst. a und b QRL spricht. Er hat hierzu insbesondere individuelle, relevante Rückschlüsse auf die gemäß Art. 4 Abs. 5 Buchst. c QRL erforderliche Kohärenz bzw. Stimmigkeit zulassende Angaben zu seiner sexuellen Orientierung gemacht. Dazu gehörte zunächst, dass er im Sommer 2011, gerade 14 Jahre alt, nach dem Tod der Mutter vom damals bereits in Griechenland lebenden Vater dorthin geholt wurde und zunächst einige Zeit mit diesem zusammenlebte. Eine entscheidende, auch im Vortrag des Klägers in der mündlichen Verhandlung als solche bemerkbare Zäsur trat dadurch ein, dass der Vater ihn verstieß, nachdem er von der homosexuellen Orientierung seines Sohnes erfahren hatte. Dass der Kläger hierfür kein bestimmtes Ereignis nennen konnte, erachtet das Gericht für durchaus stimmig und lebensnah. Er hat auf Nachfrage zwar nur angeben können, der Vater habe aufgrund des Zusammenlebens „so nach und nach eine Ahnung“ bekommen. Gerade dies ist indessen durchaus plausibel und kann gut als im Rahmen der geschlechtlichen Entwicklung eines Menschen - beim Kläger: in der Phase vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen - nachvollzogen werden. So kann es nämlich in den bis zum Hinauswurf durch den Vater Anfang 2015 verstrichenen dreieinhalb Jahren des gemeinsamen Zusammenlebens zweifelsohne genügend Berührungspunkte (etwa in Gesprächen, Gesten und äußeren Verhaltensweisen) gegeben haben, aus denen heraus der Vater Schlüsse auf die sexuelle Identifizierung seines Sohnes zog. Hierzu bedurfte es zweifelsohne keiner bereits aktiven (und von Dritten entdeckten) sexuellen Betätigung des Klägers, von der dieser selbst – was erneut für ihn spricht – ausdrücklich betonte, dass er eine solche - seine erste - sexuelle Beziehung mit dem Priester hatte, den er aber erst nach dem Rauswurf durch den Vater kennenlernte. Gerade diese Schilderung sehr individueller Verhältnisse wirkte authentisch und nicht konstruiert. Sie fügt sich in den Umstand ein, dass die Bildung und Entdeckung der sexuellen Identität einen komplexen Prozess darstellt, der nur begrenzt überindividuell feststellbaren, typisierten Mustern folgt und, weil nicht gradlinig, nicht konform zu idealtypischen Sozialisationsrastern verläuft (Berlit/Dörig/Storey, ZAR 2016, 332 [333]). Die Darstellung der Entwicklungsgeschichte, des Bewusstwerdens der eigenen Homosexualität und das Offenbaren dieser Tatsache gegenüber dem Umfeld unterliegt vielmehr intrapersonalen, kulturellen und historischen Einflüssen und kann daher äußerst unterschiedlich ausfallen (VG Stuttgart, Urteil vom 21. März 2017 – A 5 K 3670/16 –, Rn. 25-27, juris).
In der mündlichen Verhandlung hervorgetreten und hervorzuheben ist ferner ein besonderer individueller Umstand im Verfahren des Klägers. Obschon es sich bei den im Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung erreichten 20 Jahren bereits für sich genommen um ein jugendliches Alter handelt, machte der Kläger gleichwohl den Eindruck eines eher noch jüngeren Mannes. Dies betrifft nicht nur sein äußeres Erscheinungsbild, sondern vor allem die Art und Weise seines Vortrags, der durch erkennbare Schüchternheit geprägt war. Erst im Laufe der mündlichen Verhandlung traute er sich, den Begriff „Homosexualität“ und auch weiter damit verbundene Aspekte (z.B. „Sex im Park“) auszusprechen, wenngleich auch dann immer noch recht leise und zurückhaltend. Bereits diese Umstände sind ein gewichtiges Indiz dafür, dass der Kläger tatsächlich während seines ersten Asylverfahrens derart mit Angst besetzt war, dass er seine Homosexualität - selbst unter Inkaufnahme einer bestandskräftigen Ablehnung - verschwieg. Diese an sich allein „selbstverursachte“ Erschwernis lässt sich plausibel und kohärent mit den individuellen Verhältnissen des Klägers erklären: Es liegt auf der Hand, dass der Tod der Mutter in Pakistan, das Verlassen des Landes und das Leben im fremden Griechenland sowie dort vor allem das Verstoßen durch den Vater (mit der Folge, auf der Straße leben und sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen zu müssen) bei einem jungen Menschen im damaligen Alter des Klägers (zwischen 14 und 18 Jahren) nachhaltige Spuren hinterließen. Hierzu fügt sich plausibel an, dass der Kläger, sich zunehmend seiner Homosexualität bewusst, eine – seine erste – sexuelle Beziehung zu einem griechischen Priester (zugleich seinem letzten Arbeitgeber dort) einging, diese dann aber aus Angst nunmehr vor Landsleuten (andere Pakistaner, die für die Kirche arbeiteten) beendete und schließlich Griechenland verließ. Aus diesen Erlebnissen heraus eine Angst vor der Reaktion seiner Umwelt auf die eigene Person gerade wegen ihrer sexuellen Orientierung zu entwickeln, ist besonders naheliegend und plausibel. Von daher glaubt das Gericht dem Kläger gerade auch, dass er in Deutschland - wiederum durch Landsleute – derart verunsichert wurde, dass er selbst hier weiterhin in Angst lebte und diese sogar noch verstärkt wurde, obwohl ihm eigentlich der griechische Priester gesagt hatte, es gebe hier Freiheit für ein homosexuelles Leben. Darauf, ob es wirklich eine Erzählung pakistanischer Landsleute gegeben hat, in Deutschland existiere weiterhin ein Gesetz aus der NS-Zeit, wonach gegen Homosexuelle die Todesstrafe verhängt werde, kommt es für das Gericht nicht mehr entscheidend an. Diesen noch – ersichtlich mit (Formulierungs-)Hilfe durch eine deutsche Betreuerin - hervorgehobenen Gesichtspunkt im schriftlichen Folgeantrag hat der Kläger in der mündlichen Verhandlung zunächst gar nicht mehr selbst vorgebracht, sondern erst auf Nachfrage bestätigt. Entscheidend für das Gericht ist indessen die stets thematisierte und in ihrem Kern glaubhaft gemachte Angst und Einschüchterung.
Diese Aussagen des Klägers zu einer nachhaltigen Angst stehen zu den sonstigen für seinen Fall relevanten, verfügbaren besonderen und allgemeinen Informationen gerade nicht im Widerspruch (vgl. auch insoweit Art. 4 Abs. 5 Buchst. c QRL). Vielmehr fügt sich die Schilderung der Angst vor Offenbarung der Homosexualität problemlos in die Erkenntnisse zu Pakistan bzw. zur Prägung der pakistanischen Gesellschaft ein, wie sie in seinem Fall konkret in der Person seines Vaters und weiterer pakistanischer Landsleute in Griechenland und in Deutschland verkörpert wurde. Danach ist Homosexualität in Pakistan tabuisiert und führt, wird sie entdeckt oder offenbart, zur Gefahr der Bestrafung sowie ferner zu gesellschaftlicher Stigmatisierung und Repression (wegen Einzelheiten und Nachweisen siehe dazu unten bei 2.b.). Das Gericht hat keinen Zweifel, dass der Kläger während einer wesentlichen Zeitspanne der Entwicklung seiner sexuellen Identität diesen Umstand verinnerlichte.
Auch die mit fortschreitender mündlicher Verhandlung konkretisierten Aussagen des Klägers und sodann die Beweisaufnahme haben die Überzeugung des Gerichts von seiner homosexuellen Orientierung weiter gefestigt. Wie im schriftlichen Folgeantrag noch im Zusammenhang mit der Angst vor Bestrafung in Deutschland vorgetragen, hat der Kläger hier zunächst auch heterosexuelle Beziehungen gesucht. Dies spricht indessen nicht gegen ihn. Die sexuelle Orientierung ist nicht für alle Menschen etwas, das ihnen von Geburt an in einer von zwei klar abgrenzbaren Formen innewohnt, und nur entdeckt werden muss, um fortan lebenslang identitätsprägend zu wirken. So gibt es Menschen, die trotz Pflege gleichgeschlechtlicher sexueller Kontakte sich nicht als schwul identifizieren, eine fluide sexuelle Orientierung besitzen oder sich sogar im Laufe ihres Lebens umorientieren (Markard, NVwZ 2015, 135 m.w.N.). Für die Glaubhaftigkeit des Klägers spielt ferner eine entscheidende Rolle, dass er das Leben bzw. die Identifizierung mit seiner Homosexualität in der mündlichen Verhandlung nachvollziehbar als Entwicklungsvorgang schildern konnte. Danach habe er Klarheit über sich in Griechenland gewonnen und dort seine erste sexuelle Beziehung mit dem Priester begonnen. In Deutschland habe er tatsächlich versucht, zunächst auch Beziehungen zu Frauen aufzubauen, dabei aber entdeckt, dass er Männer möge und lieber mit diesen zu tun haben wolle. Für das Gericht handelte es sich hierbei um eine überaus authentisch wirkende Antwort. Wie auch sonst, wirkten diese Angaben alles andere als gedanklich konstruiert oder schematisch.
Dass der Kläger schließlich hier in Deutschland seine Homosexualität weiter prägend (er-)lebt, indem er seit November 2016 eine Beziehung mit dem Zeugen S. hat, rundet diesen ohnehin bereits stimmigen Vortrag ab. Beide Männer haben in ihrer getrennten Vernehmung übereinstimmende Aussagen zum gegenseitigen Kennenlernen, der erst späten wechselseitigen „Offenbarung“ und schließlich zu ihrer seither existierenden (Paar-)Beziehung gemacht. Besonders deutlich ist bei beiden auch hier erneut die Angst vor der Reaktion pakistanischer Landsleute und die daraus resultierende Geheimhaltung ihrer Beziehung selbst in Deutschland hervorgegangen. Daran, dass diese Beziehung, worauf es vorliegend allein ankommt, für den Kläger eine Bestätigung und auch Vertiefung seiner sexuellen Orientierung darstellt, hegt das Gericht keinen vernünftigen Zweifel. Nach alldem kann auch von einer generellen Glaubwürdigkeit des Klägers ausgegangen werden (vgl. Art. 4 Abs. 5 Buchst. e QRL).
Zwar hat der Kläger den maßgeblichen Umstand seiner Homosexualität nicht zum frühestmöglichen Zeitpunkt, der im Erstverfahren gewesen wäre, vorgetragen. Jedenfalls im Kontext der sehr sensiblen Frage sexueller Ausrichtung dürfte indessen der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) dem Vorgehen eine Absage erteilt haben, die Aussagen eines Asylbewerbers deshalb nicht als glaubhaft anzusehen, weil er seine behauptete sexuelle Ausrichtung nicht bei der ersten ihm gegebenen Gelegenheit zur Darlegung seiner Verfolgungsgründe geltend gemacht hat (vgl. EuGH, Urt. v. 02.12.2014 – C-148/13 bis C-150/13, juris). Aus dem oben Dargelegten ergibt sich hier jedoch im Einzelfall plausibel und stimmig, dass der Kläger aufgrund Einschüchterung und Angst gute Gründe für sein langes Verschweigen hatte, so dass ihm eine frühzeitigere Darlegung nicht möglich war (vgl. Art. 4 Abs. 5 Buchst. d QRL). Dass erst die nachhaltige Einwirkung und Überzeugungsarbeit von zwei Frauen ihn in die Lage versetzte, sich nunmehr in einem weiteren Asylverfahren zu offenbaren, erachtet das Gericht angesichts der oben dargelegten „Vorgeschichte“ für lebensnah und nachvollziehbar. Insoweit schließt es zugleich auch aus, dass der Kläger suggestiv beeinflusst bzw. dass ihm von Außenstehenden die Homosexualität aus verfahrenstaktischen Gründen „eingeredet“ worden sein könnte.
Eines weitergehenden Nachweises bedurfte es vor diesem Hintergrund nicht. Wenden die Mitgliedstaaten - wie hier Deutschland in §§ 25, 15 AsylG, § 86 Abs. 1 VwGO - den Grundsatz an, wonach der Antragsteller seinen Antrag auf internationalen Schutz begründen muss, und fehlen für Aussagen des Antragstellers Unterlagen oder sonstige Beweise, so bedürfen diese Aussagen gemäß Art. 4 Abs. 5 QRL keines Nachweises, wenn - wie zuvor dargelegt - die Voraussetzungen der Buchstaben a) bis e) dieser Bestimmung erfüllt sind.
<bb.> Die glaubhafte Homosexualität ist schließlich ein Umstand, der in einem weiteren Asylverfahren aufgrund klagestattgebender Rechtsprechung (VG Gelsenkirchen, Urt. v. 14.10.2016 – 2a K 5150/16.A –, juris; VG Freiburg, Urt. v. 16.12.2015 - A 6 K 2708/13 - [unveröffentlicht]; VG Freiburg, Urt. v. 23.11.2015 - A 7 K 384/13 - [unveröffentlicht]; VG Augsburg, Urt. v. 31.10.2014 – Au 3 K 14.30222 –, juris) eine dem Kläger günstigere Entscheidung zumindest möglich erscheinen lässt (andere Auffassung aus jüngerer Zeit, soweit ersichtlich, bislang nur VG Oldenburg, Urt. 20.03.2017 - 5 A 3921/15 - [recherchiert in MILo] und VG Ansbach, Urt. v. 20.12.2012 – AN 11 K 12.30387 –, Rn. 28 ff., juris).
2.) Auf den damit verfahrensrelevanten, da zulässigen und begründeten Folgeantrag hin ist das Verwaltungsgericht verpflichtet, in der Sache "durchzuentscheiden" (BVerwG, Beschl. v. 08.12.2000 – 9 B 426.00 –, juris; Urt. v. 10.02.1998 – 9 C 28.97 –, juris). Die neuere Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts zur isolierten Anfechtungsklage betrifft Fälle der (bereits durch das Bundesamt erfolgten) Ablehnung der Durchführung eines weiteren Asylverfahrens bei Folge- und Zweitanträgen (vgl. BVerwG, Urt. v. 14.12.2016 – 1 C 4/16 –, juris) und ist auf die vorliegende Konstellation nicht anwendbar.
Der Kläger ist Flüchtling, da er sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe außerhalb seines Herkunftslandes befindet und dessen Schutz nicht in Anspruch nehmen kann bzw. wegen dieser Furcht nicht in Anspruch nehmen will (§ 3 Abs. 1 AsylG). Seine Furcht, wegen seiner sexuellen Orientierung (zum Verfolgungsgrund unter a.) in Pakistan menschenrechtswidrigen Handlungen ausgesetzt zu sein, ist begründet, da ihm diese aufgrund der in seinem Herkunftsland gegebenen Umstände und in Anbetracht seiner individuellen Lage tatsächlich, d.h. mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit drohen (zu Verfolgungshandlung und Prognose unter b.).
a.) In der Person des Klägers liegt der Verfolgungsgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe i.S.v. §§ 3 Abs. 1 Nr. 1, 3b AsylG vor.
Homosexuelle Menschen wie der Kläger gehören in Pakistan zu einer sozialen Gruppe im Sinne von § 3b Abs. 1 Nr. 4 AsylG. Die sexuelle Ausrichtung einer Person stellt ein Merkmal dar, das im Sinne von § 3b Abs. 1 Nr. 4 a) AsylG so bedeutsam für die Identität ist, dass sie nicht gezwungen werden darf, auf sie zu verzichten. Diese Auslegung wird durch § 3b Abs. 1 Nr. 4b), zweiter Halbsatz AsylG und den - darin umgesetzten - Art. 10 Abs. 1 Buchst. d Unterabs. 2 QRL bestätigt, wonach je nach den Gegebenheiten im Herkunftsland als eine soziale Gruppe auch eine Gruppe gelten kann, die sich auf das gemeinsame Merkmal der sexuellen Ausrichtung gründet (vgl. zu Art. 10 der Vorgänger-Richtlinie 2004/83/EG: EuGH, Urt. v. 07.11.2013 – C-199/12 u.a. -, Rn. 46 und 67 ff., juris). Die Qualifikationsrichtlinie ordnet das Merkmal der sexuellen Orientierung weder den angeborenen noch den unveränderbaren, sondern den Merkmalen zu, die so bedeutsam für die Identität sind, dass der Antragsteller nicht gezwungen werden sollte, auf dieses zu verzichten. Sie ist damit offener als das bisherige nationale Recht, welches eine unentrinnbar festgelegte homosexuelle Neigung im Sinn eines unveränderbaren Merkmals voraussetzte. Internationale Menschenrechtsnormen knüpfen im Ausgangspunkt an das Selbstverständnis des Rechtsträgers an. Nicht erst eine zwingende unentrinnbare Neigung, sondern bereits eine in freier Selbstbestimmung getroffene Entscheidung für bestimmte sexuelle Praktiken ist grundsätzlich anerkannt und stellt ein Merkmal für die Identität dar (Marx, Handbuch zum Flüchtlingsschutz, Erläuterungen zur Qualifikationsrichtlinie, 2. Aufl. 2012, § 25 Rn. 2-4 mit weiteren Nachweisen; vgl. auch Rn. 32: „Die unentrinnbare homosexuelle Neigung hat gerade keine die Ermittlungen begrenzende Funktion“).
Diese Personengruppe besitzt in Pakistan ferner eine deutlich abgegrenzte Identität, da sie von der sie umgebenden Gesellschaft als andersartig betrachtet wird, § 3b Abs. 1 Nr. 4 b AsylG. Das folgt aus der Existenz spezifisch Homosexuelle betreffender Strafrechtsbestimmungen (EuGH, Urt. v. 07.11.2013, a.a.O., Rn. 47 und 48). Hierbei handelt es sich insbesondere um Art. 377 PPC. Dort wird Homosexualität als „gewollter unnatürlicher Geschlechtsverkehr“ verboten. Das Strafmaß beträgt im Regelfall zwei bis zehn Jahre Freiheitsstrafe, in besonders schweren Fällen bis zu lebenslanger Freiheitsstrafe (Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl Österreich - Länderinformationsblatt der Staatendokumentation: Pakistan, 22.03./02.08.2017, Seite 109/110; International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association <ilga>, State-sponsored Homophobia, Mai 2017, Seite 133; Freedom House, Jahresbericht zu politischen und bürgerlichen Freiheiten im Jahr 2016, Januar 2017 [unter Sektion F]; Auswärtiges Amt, Lagebericht vom 30.05.2016, Seite 17; EASO, Pakistan Länderüberblick August 2015, Seite 112/113; Schweizerische Flüchtlingshilfe vom 11.06.2015, Seite 1; Auswärtiges Amt, Auskunft vom 29.06.2012 an VG Wiesbaden; Schweizerische Flüchtlingshilfe vom 14.05.2012, Seite 1). Zwar gibt es keinen weltweit geltenden gemeinsamen Maßstab für die Frage zulässiger staatlicher Reaktion. Den Staaten steht insoweit bei der Regelung des öffentlichen Lebens ein gewisser Ermessensspielraum zu. Etwas anderes gilt jedoch für den Einsatz strafrechtlicher Mittel. Nach den heute herrschenden gesellschaftlichen Anschauungen lässt sich die Anwendung strafrechtlicher Mittel zur Abwehr homosexuellen Verhaltens, welches im gegenseitigen Einvernehmen im Privaten und unter Erwachsenen stattfindet - anders als im Fall der Vergewaltigung oder des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger - nicht mehr mit öffentlicher Sittlichkeit und Moral begründen (Marx, a.a.O., Rn. 29 m.w.N.). Darauf, ob auch die Scharia-Gesetzgebung mit ihren Strafen wie Peitschenhiebe und Steinigung Homosexualität erfasst (bejahend: Schweizerische Flüchtlingshilfe, a.a.O.; UK Home Office, COI Guidance Pakistan: Sexual orientation and gender identity, Seite 12; verneinend: LandInfo - Norwegian COI Centre, Mai 2013, Seite 6/7; vgl. auch die Darstellung dieser unterschiedlichen Auffassungen bei EASO, Country of Origin Information Report vom August 2015, Seite 104), kommt es an dieser Stelle somit nicht (mehr) an.
b.) Der 2011 nicht vorverfolgt aus seinem Heimatland ausgereiste Kläger hat wegen seiner Homosexualität bei Rückkehr nach Pakistan Verfolgung in Gestalt unverhältnismäßiger oder diskriminierender Strafverfolgung oder Bestrafung begründet zu befürchten (§ 3a Abs. 1, Abs. 2 Nr. 3, Abs. 3 AsylG). Diese Verfolgung droht ihm durch den Staat sowie ferner, ohne dass der pakistanische Staat wirksamen Schutz hiervor bieten würde, durch nichtstaatliche Akteure (§§ 3c, 3d AsylG). Interner Schutz hiervor (§ 3e AsylG) steht dem Kläger nicht zur Verfügung.
<aa.> Das pakistanische Strafrecht wird tatsächlich im Fall von Homosexualität angewendet. Freiheitsstrafe, mit der eine Rechtsvorschrift bewehrt ist, die wie hier homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt, kann für sich alleine eine Verfolgungshandlung im Sinne § 3a Abs. 1 Nr. 2 AsylG darstellen, wenn sie im Herkunftsland, das eine solche Regelung erlassen hat, tatsächlich verhängt wird. Eine solche Strafe verstößt gegen Art. 8 der EMRK und Art. 7 der EU-Grundrechtecharta und stellt eine unverhältnismäßige oder diskriminierende Bestrafung im Sinne von Art. 9 Abs. 2 Buchst. c QRL dar (EuGH, Urt. v. 07.11.2013, a.a.O., Rn. 54 ff.).
Die Tatsachenlage zu Pakistan (zu diesem Prüfungspunkt vgl. auch Art. 4 Abs. 3 Buchst. a QRL) ist zwar wenig umfassend. Allerdings liegt dies gerade auch daran, dass es an einem systematischen Sammeln und Aufbereiten von Informationen über Strafverfolgungs- und Bestrafungspraxis in Fällen von Homosexualität fehlt (LandInfo, a.a.O., Seite 7). Nicht gerechtfertigt ist somit der Schluss, dass Strafverfolgung nicht stattfinde. Das folgt auch daraus, dass Angehörige der Gruppe der LGBTI-Personen regelmäßig versuchen, ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität geheim zu halten, um nicht Opfer von Repressionen zu werden, gegen die das Gesetz keinen Schutz bietet (US Department of State, Jahresberichte vom 03.03.2017 und 13.04.2016 zur Menschenrechtslage in den Jahren 2016 und 2015 [unter: Acts of Violence, Discrimination and Other Abuses Based on Sexual Orientation and Gender Identity]). Insoweit kommt auch der Aussage des Auswärtigen Amts im Lagebericht vom 30.05.2016 (Seite 17) kein gegenteiliges Gewicht zu, es seien keine Strafverfahren gegen männliche oder weibliche Homosexuelle bekannt, die Beziehungen auf einvernehmlicher Basis unterhielten (ähnlich LandInfo, a.a.O., Seite 8: Die vorhandenen Informationen geben Anhaltspunkte dafür, dass Strafvorschriften nur bei sexuellem Missbrauch angewendet werden). Durch Quellen sind indessen genügend Fälle belegt, die zur Überzeugung des Gerichts den hinreichenden Schluss auf eine beachtlich wahrscheinliche Strafverfolgung wegen Homosexualität zulassen:
Im Mai 2005 wurden in der Khyber-Region zwei Männer wegen homosexueller Handlungen öffentlich ausgepeitscht (zumindest dieser Fall ist bislang das einzige Indiz für die Anwendung auch einer Scharia-Strafe). Reuters berichtete im Jahr 2010, dass die Polizei in Peshawar eine gesamte Hochzeitsgesellschaft verhaftet habe, da sie Homosexualität gefördert hätte. Die Betroffenen, ein Mann und eine Transgender-Person, blieben zwei Wochen in Haft. Die Neengar Society, eine pakistanische NGO, kennt aus dem Jahr 2011 zehn Fälle von Personen, die in Multan aufgrund des Artikels 377 PPC angeklagt wurden. Zwei Personen erhielten eine zehnjährige Haftstrafe; bis November 2011 gab es bei den anderen Fällen noch keine Gerichtsentscheide (Schweizerische Flüchtlingshilfe 14.05.2012, Seite 1/2 mit Quellennachweisen). Die beiden Personen, die zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wurden, befanden sich laut Abklärung des Präsidenten der Neengar Society in Multan über ein Jahr lang in Haft, bevor sie aufgrund außergerichtlicher Einigung ihrer Familien mit dem (An-)Kläger entlassen wurden (Schweizerische Flüchtlingshilfe 11.06.2015, Seite 2 mit Quellennachweisen). EASO (COI - Pakistan Länderüberblick, August 2015, Seite 105) berichtet weiterhin von 2 jungen Männern, die im Jahr 2012 wegen Verstoßes gegen Art. 377 PPC inhaftiert und später gegen Kaution freigelassen wurden, da die Strafverfolgung mangels Zeugen eingestellt wurde. Auch das UK Home Office berichtet in seiner Country Information and Guidance vom April 2016 (Sexual orientation and gender identity, Seite 10) unter Berufung auf das Immigration and Refugee Board of Canada (Situation of sexual minorities, 13.01.2014) von diesem Fall. Laut dem Präsidenten der Neengar Society wurde Anfang 2015 ein 17-jähriger Junge wegen Verstoßes gegen Artikel 377 PPC festgenommen, da er einen 15-jährigen Jungen vergewaltigt haben soll. Auf Druck der Polizei ließ die Familie des Opfers die Anzeige fallen und erhielt eine Kompensationszahlung von der Familie des Angeklagten. Der 17-jährige Angeklagte wurde am 04.05.2015 wieder aus der Haft entlassen. Laut Angaben der Neengar Society sei der ältere Bruder des Opfers homosexuell. Der jüngere Bruder, das Opfer, könnte mit der Vergewaltigung dafür bestraft worden sein (Schweizerische Flüchtlingshilfe, 11.06.2015, Seite 3).
Diese Fallzahl genügt zur Überzeugung des Gerichts, um mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit drohende staatliche Verfolgung zu bejahen. Hinzu kommt, dass man mit hoher Sicherheit angesichts der fehlenden systematischen Erhebungen (s.o.) von der Existenz einer relevanten Dunkelziffer ausgehen muss. Dass, gerade auch in neuerer Zeit, neben diesen wenigen keine weiteren Fälle berichtet worden sind, liegt nach Auffassung des Gerichts gerade auch wesentlich daran, dass homosexuelle Menschen neben der von ihnen selbst ausgehenden Geheimhaltung im Rahmen ihres sozialen Umfelds bzw. ihrer Familie erheblich „abgekapselt“ sind. Im Allgemeinen werden insbesondere familiäre Konflikte innerhalb der Familie beigelegt, ohne dass die Polizei gerufen wird oder das Opfer Anzeige erstattet. Durch Bestechung von Polizeibeamten oder das Unterlassen einer Anzeige vermeiden pakistanische Familien die „Entehrung“, die sonst mit der Festnahme eines Familienmitglieds wegen einer auf sexueller Orientierung beruhenden Straftat einhergehen würde (EASO, a.a.O., Seite 115).
<bb.> Selbst wenn man die genannten Referenzfälle noch nicht ausreichen lassen wollte, so ergäbe sich indessen jedenfalls die Gefahr einer beachtlich wahrscheinlichen staatlichen Verfolgung aus einer kumulierenden Betrachtung. Gemäß § 3a Abs. 1 Nr. 2 AsylG (vgl. den darin umgesetzten Art. 9 Abs. 1 Buchst. b QRL) gelten als Verfolgung auch Handlungen, die in einer Kumulierung unterschiedlicher Maßnahmen bestehen, die so gravierend ist, dass eine Person davon in ähnlicher wie der in § 3a Abs. 1 Nr. 1 AsylG beschriebenen Weise betroffen ist. So berichten die Erkenntnisquellen nahezu einhellig davon, dass – gleichsam begleitend zur drohenden Strafverfolgung – Homosexuelle wegen ihrer vermeintlichen/entdeckten sexuellen Orientierung leicht Opfer polizeilicher Erpressung, Nötigung und Missbrauchs werden. Von ihren eigenen Familien verfolgte LGBTI-Personen genießen auch sonst keinen Schutz seitens pakistanischer Behörden. Die Polizei tritt eher als Komplize denn als Beschützer auf. Es werden immer wieder Razzien an LGBTI-Treffpunkten durchgeführt und Ermittlungen erst nach Zahlung von Schmiergeld oder sexuellen Gunsterweisungen eingestellt (LandInfo, a.a.O., Seite 9; Immigration and Refugee Board of Canada, Situation of sexual minorities, 13.01.2014, unter 5.; Schweizerische Flüchtlingshilfe, 11.06.2015, Seite 6/7; EASO, a.a.O., Seite 118; Auswärtiges Amt, Lagebericht vom 30.05.2016, Seite 17).
Beachtlich wahrscheinliche Verfolgung jedenfalls in Anwendung des Kumulationsansatzes des § 3 Abs. 1 Nr. 2 AsylG folgt schließlich auch in der Gesamtschau mit drohenden Maßnahmen nichtstaatlicher Akteure (vgl. zum Folgenden die Nachweise bei Schweizerische Flüchtlingshilfe, 11.06.2015, Seite 5 ff.; LandInfo, a.a.O., Seite 13/14; EASO, a.a.O., Seite 115). Liebe zwischen Menschen des gleichen Geschlechts und das Ausleben einer homosexuellen Identität wird in Pakistan aus religiösen und kulturellen Gründen nicht akzeptiert. Pakistan ist eines der Länder mit einem der höchsten Bevölkerungsanteile, welche sich gegen Homosexualität aussprechen. Personen der LGBTI-Gemeinschaft outen sich in Pakistan nur selten. Laut dem Präsidenten der Neengar Society sowie mehreren Medienberichten ist die «Gay-Community» in der Gesellschaft unsichtbar. Homosexualität wird von Familienmitgliedern und Bekannten als eine Bedrohung für die Einheit der Familie und der religiösen Integrität angesehen. Die Offenbarung der sexuellen Orientierung hat negative Folgen für die betroffenen Personen, da sie sich Gewalt und Diskriminierung von Seiten der Gesellschaft und der Familien aussetzen. Laut dem Country Advisor der International Gay and Lesbian Human Rights Commission (IGLHRC) für Pakistan kommen Gewaltakte gegen LGBTIs am häufigsten innerhalb der Familien vor. Es kommt zu emotionaler, psychischer und finanzieller Vernachlässigung und zu sexueller Gewalt. In manchen Fällen kommt es zu Ermordungen durch Familienangehörige. Junge Männer und Buben, die ihre sexuelle Orientierung nicht aufgeben, sind der Gefahr ausgesetzt, von ihren Familien verstoßen zu werden (vgl. hier etwa den Fall des Klägers). Drohungen oder Gewalt, die von der Familie ausgehen, werden meistens von den Opfern nicht angezeigt und Konflikte werden innerhalb der Familie geregelt. In den letzten Jahren berichteten Medien sowie Organisationen wie die IGLHRC und die Neengar Society über verschiedene gewalttätige Übergriffe und Ermordungen von homosexuellen Männern und LGBTIs. Laut dem Country Advisor für Pakistan der IGLHRC ist Gruppengewalt gegen Personen üblich, die als homosexuell oder transgender wahrgenommen werden. Im Jahr 2014 sorgte die brutale Ermordung von drei homosexuellen Männern durch einen Rettungssanitäter für mediales Aufsehen. Der Täter wollte ein Zeichen gegen das «Übel» der Homosexualität setzen. Laut dem pakistanischen Journalisten L. vom Mai 2014 nimmt die Bevölkerung in Pakistan das Recht selber in die Hand. Er beschreibt Pakistan als ein extrem gefährliches Land für homosexuelle Personen. Familienangehörige von ermordeten LGBTIs zeigen die Morde teilweise aus Scham nicht an oder bestehen darauf, dass das Tatmotiv geändert oder nicht angegeben wird. Im o.g. Fall der drei ermordeten homosexuellen Männer in Lahore im Jahr 2014 haben die Familien aus Scham die Morde nicht angezeigt. Laut dem Country Advisor für Pakistan der IGLHRC konnte der Fall auch nicht vor Gericht kommen, da die Familie keine Anzeige erstattete.
<cc.> Dem Kläger ist es nicht zuzumuten, diese konkrete Gefahr durch eigenes Verhalten abzuwenden. Auch internen Schutz gibt es für ihn in Pakistan nicht. Abgesehen von (hier nicht im Raum stehenden) Handlungen, die nach dem nationalen Recht der Mitgliedstaaten als strafbar gelten, hat der Unionsgesetzgeber andere Arten von Handlungen oder Ausdrucksweisen im Zusammenhang mit der sexuellen Ausrichtung vom Geltungsbereich der Qualifikationsrichtlinie nicht ausnehmen wollen. Der Begriff der sexuellen Ausrichtung erfasst deshalb nicht nur Handlungen in der Privatsphäre, sondern auch solche in der Öffentlichkeit. Es kann deshalb nicht erwartet werden, dass ein Asylbewerber in der Situation des Klägers seine Homosexualität in seinem Herkunftsland geheim hält, um eine Verfolgung zu vermeiden (EuGH, Urt. v. 07.11.2013, a.a.O., Rn. 66 ff.). Dies gilt für alle Landesteile Pakistans.
Zwar mag es Personen aus der oberen Mittelschicht, der Elite oder aus intellektuellen Kreisen in bestimmten Großstädten wie Lahore, Karachi und Islamabad möglich sein, ihre sexuelle Orientierung innerhalb ihrer Gruppierung, deren Organisation hauptsächlich über soziale Medien abläuft, zu leben (Schweizerische Flüchtlingshilfe, 11.06.2015, Seite 5; UK Home Office, COI Guidance, a.a.O., Seite 7; EASO, a.a.O., Seite 116). Zu diesen Personen gehört der Kläger indessen nicht. Ohnehin wäre wohl zu verneinen, dass eine solche „Freiheit“ für die Annahme eines internen Schutzes genügte.
Gemäß § 3 Abs. 4 AsylG ist dem Kläger damit die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. Ausschlussgründe gemäß § 3 Abs. 2 AsylG oder § 60 Abs. 8 Satz 1 AufenthG liegen nicht vor.
3.) Über die Hilfsanträge ist nicht mehr zu entscheiden. Aufzuheben sind neben Ziff. 1 (Ablehnung der Zuerkennung Flüchtlingseigenschaft) gleichwohl auch die Ziff. 3 bis 5 des Bundesamtsbescheids. Da dem Kläger die Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen ist, bleibt für die negative Feststellung zu subsidiärem Schutz und nationalen ausländerrechtlichen Abschiebungsverboten kein Raum mehr (vgl. § 31 Abs. 2 und Abs. 5 AsylG). Auch die Abschiebungsandrohung ist schließlich rechtswidrig, da die Voraussetzungen nach § 34 Abs. 1 Satz 1 AsylG im Zeitpunkt der mündlichen Verhandlung nicht (mehr) vorliegen.
http://www.landesrecht-bw.de/jportal/?quelle=jlink&docid=JURE180007337&psml=bsbawueprod.psml&max=true