Source: https://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-VG-Duesseldorf-2K7427-17-08.08.2017-diskriminierung-geschlecht-u.html
Timestamp: 2019-08-26 07:05:00
Document Index: 240110533

Matched Legal Cases: ['Art. 33', 'Art. 3', '§ 113', 'Art. 33', 'Art 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 12', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 3', 'Art. 3', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 3', 'Art. 33', '§ 139', '§ 47', 'Art. 3', '§ 154', '§ 167', '§ 708', '§ 711', '§ 124', '§ 52']

Ver­wal­tungs­ge­richt Düssel­dorf, 2 K 7427/17
Das be­klag­te Land wird un­ter Auf­he­bung des Be­schei­des des M. Nord­rhein-West­fa­len vom 5. April 2017 ver­ur­teilt, die Kläge­rin zum wei­te­ren Aus­wahl­ver­fah­ren für die Ein­stel­lung in den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst in Nord­rhein-West­fa­len im Jahr 2017 zu­zu­las­sen.
Die Kos­ten des Ver­fah­rens trägt das be­klag­te Land.
Das Ur­teil ist we­gen der Kos­ten vorläufig voll­streck­bar. Das be­klag­te Land darf die Voll­stre­ckung durch Si­cher­heits­leis­tung oder Hin­ter­le­gung in Höhe von 110 % der auf Grund des Ur­teils voll­streck­ba­ren Kos­ten ab­wen­den, wenn nicht die Kläge­rin vor der Voll­stre­ckung Si­cher­heit in Höhe von 110 % der je­weils voll­streck­ba­ren Kos­ten leis­tet.
2 Die am 00.00.1990 ge­bo­re­ne Kläge­rin be­warb sich am 14. Sep­tem­ber 2016 für die Ein­stel­lung in den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len im Jahr 2017. Für die­ses Ein­stel­lungs­ver­fah­ren wird in Zif­fer 3 des Er­las­ses des Mi­nis­te­ri­ums für In­ne­res und Kom­mu­na­les des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len (nun­mehr Mi­nis­te­ri­um des In­ne­ren des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len) vom 24. Mai 2016 (Az. 403-26.00.07-A; im Fol­gen­den: Er­lass vom 24. Mai 2016) fest­ge­legt, dass die Min­dest­größe bei Be­wer­be­rin­nen 163 cm und bei Be­wer­bern 168 cm beträgt. Bei der po­li­zeiärzt­li­chen Haupt­un­ter­su­chung am 3. Fe­bru­ar 2017 wur­de bei der Kläge­rin ei­ne Körper­größe von 161,5 cm ge­mes­sen. Mit Schrei­ben vom sel­ben Tag hörte das M. Nord­rhein-West­fa­len (M.) die Kläge­rin da­zu an, dass sie we­gen Un­ter­schrei­tung der im Er­lass vom 24. Mai 2016 fest­ge­leg­ten Min­dest­größe für Be­wer­be­rin­nen von 163 cm bei der Ein­stel­lung nicht mehr berück­sich­tigt wer­den könne und gab Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me bin­nen zwei Wo­chen. Un­ter dem 11. Fe­bru­ar 2017 er­hob die Kläge­rin „Ein­spruch“ ge­gen den be­ab­sich­tig­ten Aus­schluss vom Be­wer­bungs­ver­fah­ren und ver­wies auf ak­tu­el­le Recht­spre­chung, wo­nach Po­li­zis­tin­nen kei­ne Min­dest­größe mehr erfüllen müss­ten.
3 Nach Be­tei­li­gung der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten teil­te das M. der Kläge­rin mit Be­scheid vom 5. April 2017 mit, dass sie den all­ge­mei­nen Be­din­gun­gen für ei­ne Ein­stel­lung in den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len nicht ent­spre­che, da sie mit ih­rer Körper­größe von 161,5 cm die er­for­der­li­che Min­dest­größe von 163 cm un­ter­schrei­te und so­mit ei­ne we­sent­li­che Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung nicht erfülle.
4 Die Kläge­rin hat am 2. Mai 2017 Kla­ge er­ho­ben. Zur Be­gründung trägt sie vor: Das be­klag­te Land sei nicht be­rech­tigt, die von ihr be­gehr­te Ein­stel­lung in den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst we­gen Un­ter­schrei­tung der Min­destkörper­größe ab­zu­leh­nen. Nach dem Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Gel­sen­kir­chen vom 14. März 2016 – 1 K 3788/14 – (ju­ris) bedürfe die Fest­le­gung von Min­destkörper­größen für den Po­li­zei­voll­zugs­dienst im Hin­blick auf die ein­her­ge­hen­de Be­schränkung des grund­rechts­glei­chen Rechts aus Art. 33 Abs. 2 GG ei­nes hin­rei­chend fun­dier­ten und nach­voll­zieh­ba­ren Ver­fah­rens zur Er­mitt­lung der ge­for­der­ten Körper­größe. Dar­an ha­be es laut der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung für das Ein­stel­lungs­ver­fah­ren 2016 ge­fehlt. Glei­ches gel­te für das hier streit­be­fan­ge­ne Aus­wahl­ver­fah­ren 2017, in dem an der nicht aus­rei­chen­den Er­lass­re­ge­lung zum vor­an­ge­hen­den Ver­fah­ren fest­ge­hal­ten wor­den sei. Die vom be­klag­ten Land fest­ge­setz­ten Min­destkörper­größen sei­en auch des­we­gen nicht nach­voll­zieh­bar, weil die Bun­des­po­li­zei und an­de­re Bun­desländer ge­rin­ge­re Größen­an­for­de­run­gen auf­stell­ten, sich die po­li­zei­li­chen Auf­ga­ben in NRW aber von de­nen in an­de­ren Ländern bzw. beim Bund nicht un­ter­schie­den. Zu­dem sei zu berück­sich­ti­gen, dass in Nord­rhein-West­fa­len der Po­li­zei­voll­zugs­dienst bis in das Jahr 2007 auch oh­ne gel­ten­de Min­dest­größen funk­tio­niert ha­be. Des Wei­te­ren sei es bis vor kur­zem üblich ge­we­sen, dass sich Po­li­zei­voll­zugs­be­am­te aus an­de­ren Bun­desländern nach Nord­rhein-West­fa­len ha­ben ver­set­zen las­sen können, oh­ne die vom be­klag­ten Land ge­for­der­ten Min­dest­größen zu erfüllen. Der in­zwi­schen vom be­klag­ten Land er­stell­te Be­richt der Ar­beits­grup­pe „Min­dest­größe in der Po­li­zei Nord­rhein-West­fa­len“ sei nicht ge­eig­net, die recht­li­chen Be­den­ken ge­gen die fest­ge­leg­ten Min­destkörper­größen aus­zuräum­en. Der nachträgli­che Be­richt könne nicht Grund­la­ge für die Be­gründung des zeit­lich früher her­aus­ge­ge­be­nen Er­las­ses vom 24. Mai 2016 sein. Fer­ner han­de­le es sich um ei­ne ziel­ge­rich­te­te Ar­beit, wel­che die Auf­ga­be ge­habt ha­be, die be­ste­hen­den Größen­an­for­de­run­gen zu bestäti­gen. Wei­ter sei dem Be­richt zu ent­neh­men, dass im Be­reich von 160 cm bis 162,9 cm, in den sie, die Kläge­rin, fal­le, nicht zwin­gend von ei­ner feh­len­den Po­li­zei­dienst­taug­lich­keit aus­ge­gan­gen wer­den könne, son­dern hier die Möglich­keit be­ste­he, ei­nen et­wai­gen Man­gel an Körper­größe durch an­de­re körper­li­che Ei­gen­schaf­ten zu kom­pen­sie­ren. Der vom Be­richt er­weck­te Ein­druck, klei­ne­re Po­li­zei­voll­zugs­be­am­te sei­en be­son­ders gefähr­det oder gefähr­lich, könne in ex­tre­men Auswüch­sen rich­tig sein, dies gel­te aber nicht für den All­tag. Sch­ließlich würden die im Be­richt in Be­zug ge­nom­me­nen In­ter­views nicht vor­ge­legt oder nach­prüfbar aus­ge­wer­tet.
5 Die Kläge­rin be­an­tragt,
6 das be­klag­te Land un­ter Auf­he­bung des Be­schei­des des M. Nord­rhein-West­fa­len vom 5. April 2017 zu ver­ur­tei­len, sie zum wei­te­ren Aus­wahl­ver­fah­ren für die Ein­stel­lung in den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst in Nord­rhein-West­fa­len im Jahr 2017 zu­zu­las­sen.
7 Das be­klag­te Land be­an­tragt,
8 die Kla­ge ab­zu­wei­sen.
9 Zur Be­gründung trägt es vor: Der Aus­schluss der Kläge­rin vom wei­te­ren Aus­wahl­ver­fah­ren auf­grund der Un­ter­schrei­tung der im Er­lass vom 24. Mai 2016 fest­ge­leg­ten Min­destkörper­größe sei rechtmäßig. Das vom Ver­wal­tungs­ge­richt Gel­sen­kir­chen in sei­nem Ur­teil vom 14. März 2016 ge­for­der­te sub­stan­ti­ier­te Ver­fah­ren für die fest­ge­leg­ten Min­destkörper­größen lie­ge nun­mehr vor. Es sei ei­ne Ar­beits­grup­pe ein­ge­rich­tet wor­den, die sich mit ak­tu­el­len sta­tis­ti­schen Da­ten über die Körper­größe in der deut­schen Bevölke­rung aus­ein­an­der­ge­setzt und die der­zeit gel­ten­den Min­dest­größen­re­ge­lun­gen im Verhält­nis zu den ak­tu­el­len prak­ti­schen An­for­de­run­gen des Po­li­zei­voll­zugs­diens­tes un­ter­sucht ha­be. Der Be­richt der Ar­beits­grup­pe ge­lan­ge zu dem Er­geb­nis, dass die fest­ge­leg­ten Körper­größen von 163 cm für weib­li­che und 168 cm für männ­li­che Be­wer­ber wei­ter­hin ge­bo­ten sei­en. Als Kon­kre­ti­sie­rung der Fürsor­ge­pflicht des Dienst­herrn ge­genüber den be­reits im Po­li­zei­dienst be­find­li­chen so­wie zukünf­ti­gen Po­li­zei­be­am­ten ei­ner­seits und der gleich­ran­gi­gen Not­wen­dig­keit der ef­fek­ti­ven Erfüllung po­li­zei­li­cher Auf­ga­ben zum Schutz der Ge­sell­schaft an­de­rer­seits müsse die fest­ge­leg­te Min­dest­größe si­cher­stel­len, dass der ganz über­wie­gen­de An­teil der mögli­chen An­for­de­run­gen des Po­li­zei­be­rufs dau­er­haft oh­ne schwer­wie­gen­de ge­sund­heit­li­che Nach­tei­le der Po­li­zei­voll­zugs­be­am­ten wahr­ge­nom­men wer­den könne. Ab ei­ner Körper­größe von 163 cm sei ge­si­chert von ei­ner dau­er­haf­ten Po­li­zei­dienst­taug­lich­keit für die ganz über­wie­gen­den Auf­ga­ben­be­rei­che der Po­li­zei NRW aus­zu­ge­hen. Die ab­wei­chen­den Re­ge­lun­gen für Be­wer­ber ge­genüber Be­wer­be­rin­nen sei­en durch Art. 3 Abs. 2 GG ge­bo­ten, um die tatsächli­che Gleich­be­rech­ti­gung von Männern und Frau­en zu rea­li­sie­ren. Sch­ließlich er­ge­be sich aus dem Be­schluss des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs vom 25. Au­gust 2016 – 1 B 976/16 – (ju­ris), dass die in Hes­sen fest­ge­leg­te Min­dest­größe für Frau­en von 160 cm kei­nen recht­li­chen Be­den­ken be­geg­ne. Den Ausführun­gen des Ge­richts sei zu ent­neh­men, dass die durch­schnitt­li­che sta­tis­ti­sche Körper­größe von Männern und Frau­en in Deutsch­land deut­lich über der in Hes­sen fest­ge­setz­ten Min­dest­größe von 160 cm lie­ge. Vor die­sem Hin­ter­grund könne nicht be­an­stan­det wer­den, wenn in Nord­rhein-West­fa­len ei­ne Min­destkörper­größe be­stimmt wer­de, die der durch­schnitt­li­chen Körper­größe näher kom­me. Dem Hin­weis der Kläge­rin, Ver­set­zungs­be­wer­ber aus an­de­ren Bun­desländern würden oh­ne Ein­hal­tung der Körper­größen­an­for­de­run­gen ein­ge­stellt, könne nicht ge­folgt wer­de; im Rah­men ei­ner Ver­set­zung er­fol­ge ei­ne vollständi­ge ärzt­li­che Un­ter­su­chung, bei wel­cher auch die je­wei­li­ge Min­dest­größe vor­lie­gen müsse.
10 We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf den In­halt der Ge­richts­ak­te und des bei­ge­zo­ge­nen Ver­wal­tungs­vor­gangs Be­zug ge­nom­men.
11 Ent­schei­dungs­gründe:
12 Die zulässi­ge Kla­ge ist be­gründet.
13 Die Kläge­rin hat ei­nen An­spruch auf Zu­las­sung zum wei­te­ren Aus­wahl­ver­fah­ren für die Ein­stel­lung in den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst in Nord­rhein-West­fa­len im Jahr 2017, § 113 Abs. 5 Satz 1 Vw­GO ana­log. Der ent­ge­gen­ste­hen­de Be­scheid des M. vom 5. April 2017 ist rechts­wid­rig. Das be­klag­te Land hat der Kläge­rin zu Un­recht ei­ne Min­destkörper­größe von 163 cm ent­ge­gen­ge­hal­ten. Aus­ge­hend da­von, dass Aus­nah­men von dem in Art. 33 Abs. 2 GG verbürg­ten Leis­tungs­grund­satz ei­ner par­la­ments­ge­setz­li­chen Grund­la­ge bedürfen (I.), verstößt die auf Zif­fer 3 des Er­las­ses vom 24. Mai 2016 be­ru­hen­de Ver­wal­tungs­pra­xis des be­klag­ten Lan­des, wo­nach für weib­li­che Be­wer­ber ei­ne Min­dest­größe von 163 cm und für männ­li­che Be­wer­ber von 168 cm ge­for­dert wird, ge­gen Art 33 Abs. 2 GG und ist rechts­wid­rig, da sie al­lein aus Gleich­stel­lungs­gründen ei­ne höhe­re Min­dest­größe für männ­li­cher Be­wer­ber fest­legt, da­mit eig­nungs­fer­ne Zwe­cke ver­folgt und den Ge­set­zes­vor­be­halt auslöst (II). Die vom be­klag­ten Land fest­ge­setz­ten Min­dest­größen­an­for­de­run­gen sind so­wohl in Be­zug auf männ­li­che als auch in Be­zug auf weib­li­che Be­wer­ber und so­nach auch ge­genüber der Kläge­rin un­wirk­sam (III.).
14 I. Rechts­staats­prin­zip und De­mo­kra­tie­ge­bot ver­pflich­ten den Ge­setz­ge­ber, die für die Grund­rechts­ver­wirk­li­chung maßgeb­li­chen Re­ge­lun­gen im We­sent­li­chen selbst zu tref­fen und die­se nicht dem Han­deln und der Ent­schei­dungs­macht der Exe­ku­ti­ve zu über­las­sen. Wann es auf­grund der We­sent­lich­keit ei­ner Ent­schei­dung ei­ner Re­ge­lung durch den par­la­men­ta­ri­schen Ge­setz­ge­ber be­darf, hängt vom je­wei­li­gen Sach­be­reich und der Ei­gen­art des be­trof­fe­nen Re­ge­lungs­ge­gen­stan­des ab. Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Wer­tungs­kri­te­ri­en sind da­bei den tra­gen­den Prin­zi­pi­en des Grund­ge­set­zes, ins­be­son­de­re den dar­in verbürg­ten Grund­rech­ten zu ent­neh­men. Da­nach be­deu­tet we­sent­lich im grund­rechts­re­le­van­ten Be­reich in der Re­gel „we­sent­lich für die Ver­wirk­li­chung der Grund­rech­te". Als we­sent­lich sind al­so Re­ge­lun­gen zu ver­ste­hen, die für die Ver­wirk­li­chung von Grund­rech­ten er­heb­li­che Be­deu­tung ha­ben und sie be­son­ders in­ten­siv be­tref­fen. Die Tat­sa­che, dass ei­ne Fra­ge po­li­tisch um­strit­ten ist, führt da­ge­gen für sich ge­nom­men nicht da­zu, dass die­se als we­sent­lich ver­stan­den wer­den müss­te. Ei­ne Pflicht zum Tätig­wer­den des Ge­setz­ge­bers be­steht ins­be­son­de­re in mehr­di­men­sio­na­len, kom­ple­xen Grund­rechts­kon­stel­la­tio­nen, in de­nen mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren­de Frei­heits­rech­te auf­ein­an­der tref­fen und de­ren je­wei­li­ge Gren­zen fließend und nur schwer aus­zu­ma­chen sind. Ei­ne sol­che Pflicht ist re­gelmäßig auch dann an­zu­neh­men, wenn die be­trof­fe­nen Grund­rech­te nach dem Wort­laut der Ver­fas­sung oh­ne Ge­set­zes­vor­be­halt gewähr­leis­tet sind und ei­ne Re­ge­lung, wel­che die­sen Le­bens­be­reich ord­nen will, da­mit not­wen­di­ger­wei­se ih­re ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten Schran­ken be­stim­men und kon­kre­ti­sie­ren muss. Hier ist der Ge­setz­ge­ber ver­pflich­tet, die Schran­ken der wi­der­strei­ten­den Frei­heits­ga­ran­ti­en je­den­falls so weit selbst zu be­stim­men, wie ei­ne sol­che Fest­le­gung für die Ausübung die­ser Frei­heits­rech­te we­sent­lich ist. Denn nach der Ver­fas­sung sind die Ein­schränkung von grund­recht­li­chen Frei­hei­ten und der Aus­gleich zwi­schen kol­li­die­ren­den Grund­rech­ten dem Par­la­ment vor­be­hal­ten, um zu gewähr­leis­ten, dass Ent­schei­dun­gen von sol­cher Trag­wei­te aus ei­nem Ver­fah­ren her­vor­ge­hen, das der Öffent­lich­keit Ge­le­gen­heit bie­tet, ih­re Auf­fas­sun­gen aus­zu­bil­den und zu ver­tre­ten, und die Volks­ver­tre­tung da­zu anhält, Not­wen­dig­keit und Aus­maß von Grund­rechts­ein­grif­fen in öffent­li­cher De­bat­te zu klären. Es geht dar­um si­cher­zu­stel­len, dass die we­sent­li­chen Re­ge­lun­gen aus ei­nem Ver­fah­ren her­vor­ge­hen, das sich durch Trans­pa­renz aus­zeich­net und die Be­tei­li­gung der par­la­men­ta­ri­schen Op­po­si­ti­on gewähr­leis­tet. Zu­gleich sol­len staat­li­che Ent­schei­dun­gen möglichst rich­tig, das heißt von den Or­ga­nen ge­trof­fen wer­den, die dafür nach ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­on, Zu­sam­men­set­zung, Funk­ti­on und Ver­fah­rens­wei­se über die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen verfügen. Die­ses Ziel darf nicht durch ei­nen Ge­wal­ten­mo­nis­mus in Form ei­nes um­fas­sen­den Par­la­ments­vor­be­halts un­ter­lau­fen wer­den.
15 Vgl. Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG), Be­schluss vom 21. April 2015 – 2 BvR 1322/12 und 2 BvR 1989/12 –, ju­ris, Rn. 52 f.
16 Die dar­ge­leg­ten Grundsätze gel­ten auch im Be­am­ten­verhält­nis. Dass die Grund­rech­te dort in glei­cher Wei­se Gel­tung be­an­spru­chen, ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts an­er­kannt; zu­gleich sind die grund­rechts­glei­chen Be­rech­ti­gun­gen aus Art. 33 GG zu be­ach­ten. Die Re­ge­lungs­form des Ge­set­zes ist für das Be­am­ten­verhält­nis ty­pisch und sach­an­ge­mes­sen; die we­sent­li­chen In­hal­te des Be­am­ten­rechts sind da­her durch Ge­setz zu re­geln. Ob be­stimm­te Re­ge­lun­gen in der Ver­gan­gen­heit durch Rechts­ver­ord­nung er­folgt sind, ist da­bei nicht ent­schei­dend. Die Fra­ge der We­sent­lich­keit und da­mit der Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge kann sich un­ter ei­nem ak­tua­li­sier­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Blick­win­kel an­ders dar­stel­len als noch vor ei­ni­gen Jah­ren oder gar Jahr­zehn­ten.
17 So­weit es um Ar­beits­verhält­nis­se des öffent­li­chen Diens­tes geht, trifft Art. 33 Abs. 2 GG ei­ne Art. 12 Abs. 1 Satz 1 GG ergänzen­de Re­ge­lung. Hier­nach wird je­dem Deut­schen das Recht auf glei­chen Zu­gang zu je­dem öffent­li­chen Amt nach Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­cher Leis­tung gewähr­leis­tet. Da­bei zielt die Befähi­gung auf all­ge­mein der Tätig­keit zu­gu­te­kom­men­de Fähig­kei­ten wie Be­ga­bung, All­ge­mein­wis­sen, Le­bens­er­fah­rung und all­ge­mei­ne Aus­bil­dung. Fach­li­che Leis­tung be­deu­tet Fach­wis­sen, Fachkönnen und Bewährung im Fach. Eig­nung im en­ge­ren Sin­ne er­fasst ins­be­son­de­re Persönlich­keit und cha­rak­ter­li­che Ei­gen­schaf­ten, die für ein be­stimm­tes Amt von Be­deu­tung sind. Die Gel­tung die­ser Grundsätze wird von Art. 33 Abs. 2 GG un­be­schränkt und vor­be­halt­los gewähr­leis­tet. Vor­be­halt­los gewähr­te Grund­rech­te wer­den grundsätz­lich nur durch kol­li­die­ren­des Ver­fas­sungs­recht – Grund­rech­te und grund­rechts­glei­che Rech­te Drit­ter so­wie Ge­mein­schafts­wer­te von Ver­fas­sungs­rang – ein­ge­schränkt.
18 Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 21. April 2015 – 2 BvR 1322/12 und 2 BvR 1989/12 –, ju­ris, Rn. 57 ff.
19 Es ist vor­ran­gig Auf­ga­be des Par­la­ments­ge­setz­ge­bers, die Abwägung und den Aus­gleich zwi­schen dem Leis­tungs­grund­satz des Art. 33 Abs. 2 GG und an­de­ren in der Ver­fas­sung geschütz­ten Be­lan­gen vor­zu­neh­men. Aus­nah­men vom Leis­tungs­grund­satz beim Zu­gang zum Be­am­ten­verhält­nis bedürfen dem­nach grundsätz­lich ei­ner (par­la­ments-)ge­setz­li­chen Grund­la­ge.
20 Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 21. April 2015 – 2 BvR 1322/12 und 2 BvR 1989/12 –, ju­ris, Rn. 60.
21 II. Mit die­sen Vor­ga­ben ist die auf Zif­fer 3 des Er­las­ses vom 24. Mai 2016 be­ru­hen­de Ver­wal­tungs­pra­xis des be­klag­ten Lan­des, für die Ein­stel­lung in den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst bei Be­wer­be­rin­nen ei­ne Min­dest­größe von 163 cm und bei Be­wer­bern von 168 cm zu ver­lan­gen, nicht zu ver­ein­ba­ren. Sie ist rechts­wid­rig und kann der Kläge­rin nicht mit dem an­ge­foch­te­nen Be­scheid vom 5. April 2017 ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Die Fest­le­gung un­ter­schied­li­cher Größen­an­for­de­run­gen für Männer und Frau­en ver­folgt eig­nungs­fer­ne Zwe­cke. Im Ge­gen­satz zur Fest­set­zung eig­nungs­be­zo­ge­ner An­for­de­rung (da­zu 1.) be­darf die Fest­le­gung eig­nungs­fer­ner Kri­te­ri­en für den Zu­gang zum Be­am­ten­verhält­nis auf­grund der da­durch be­wirk­ten Be­schränkung des Art. 33 Abs. 2 GG ei­ner (par­la­ments-) ge­setz­li­chen Grund­la­ge (2.).
22 1. Zunächst ist im Grund­satz da­von aus­zu­ge­hen, dass die Fest­le­gung von Min­dest­größen bei der Ein­stel­lung in den Po­li­zei­voll­zugs­dienst kei­ner ge­setz­li­chen Grund­la­ge be­darf. Sol­che An­for­de­run­gen stel­len in Be­zug auf den Po­li­zei­voll­zugs­dienst als Ein­satz­be­ruf ein Eig­nungs­kri­te­ri­um dar und schränken den in Art. 33 Abs. 2 GG verbürg­ten Leis­tungs­grund­satz nicht ein. Die­ser gewähr­leis­tet den Zu­gang zu öffent­li­chen Ämtern ge­ra­de nach Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­cher Leis­tung. Ei­ne Be­schränkung die­ses Schut­zes er­folgt nicht, wenn der Dienst­herr eig­nungs­be­zo­ge­ne Vor­aus­set­zun­gen für den Zu­gang zum Be­am­ten­verhält­nis auf­stellt.
23 Vgl. in­so­weit übe­rein­stim­mend Ver­wal­tungs­ge­richt (VG) Ber­lin, Ur­teil vom 1. Ju­ni 2017 – 5 K 219/16 –, ju­ris, Rn. 18; a. A., weil nicht zwi­schen eig­nungs­be­zo­ge­nen und eig­nungs­fer­nen Kri­te­ri­en dif­fe­ren­zie­rend VG Schles­wig, Ur­teil vom 16. März 2016 – 11 A 308/15 –, ju­ris, Rn. 40.
24 Es ist dem pflicht­gemäßen Er­mes­sen des Dienst­herrn über­las­sen, in wel­cher Wei­se er den Grund­satz des glei­chen Zu­gangs zu je­dem öffent­li­chen Amt nach Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­cher Leis­tung ver­wirk­licht, so­fern nur das Prin­zip selbst nicht in Fra­ge ge­stellt ist. In­so­weit bleibt es auch Sa­che des Dienst­herrn, darüber zu be­fin­den, wel­che An­for­de­run­gen er an die Eig­nung für die Lauf­bah­nen der Po­li­zei­voll­zugs­be­am­ten stellt. Er kann sein Er­mes­sen durch Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten bin­den, um si­cher zu stel­len, dass die Be­wer­ber sach­gemäß aus­gewählt und da­bei ein­heit­lich und gleichmäßig be­han­delt wer­den.
25 Vgl. VG Düssel­dorf, Ur­teil vom 2. Ok­to­ber 2007 – 2 K 2070/07 –, ju­ris, Rn. 21.
26 2. An­ders verhält es sich dem­ge­genüber mit der Fest­le­gung nicht eig­nungs­be­zo­ge­ner Vor­aus­set­zun­gen für den Zu­gang zum Be­am­ten­verhält­nis. Eig­nungs­fer­ne An­for­de­run­gen schränken den in Art. 33 Abs. 2 GG vor­be­halt­los ga­ran­tier­ten Leis­tungs­grund­satz ein und lösen da­her nach den oben dar­ge­stell­ten Maßga­ben den Ge­set­zes­vor­be­halt aus. So verhält es sich mit der hier in Streit ste­hen­den, auf Zif­fer 3 des Er­las­ses vom 24. Mai 2016 be­ru­hen­den Ver­wal­tungs­pra­xis des be­klag­ten Lan­des. Denn sie legt al­lein aus Gründen der Gleich­stel­lung für männ­li­che Be­wer­ber ei­ne höhe­re Min­dest­größe als für weib­li­che Be­wer­ber fest. Die vom be­klag­ten Land in­ten­dier­te Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­rech­ti­gung von Männern und Frau­en stellt in­des ein von Art. 33 Abs. 2 GG nicht ge­deck­tes eig­nungs­fer­nes Kri­te­ri­um dar. Un­er­heb­lich ist da­bei, dass die vom be­klag­ten Land mit der Fest­le­gung ei­ner erhöhten Größen­an­for­de­rung für Männer an­ge­streb­te Gleich­stel­lung for­mal be­trach­tet mit der Min­destkörper­größe an ein (körper­li­ches) Eig­nungs­kri­te­ri­um an­knüpft. Denn es kommt we­sent­lich dar­auf an, wel­chen Zwe­cken ein Ein­stel­lungs­kri­te­ri­um dient und wel­che Zie­le es ver­folgt.
27 Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 21. April 2015 – 2 BvR 1322/12 und 2 BvR 1989/12 –, ju­ris, Rn. 77.
28 Zu Hin­ter­grund und Ziel der fest­ge­setz­ten Größen­an­for­de­run­gen hat das be­klag­te Land im Schrift­satz vom 10. Mai 2017 mit­ge­teilt, dass ab ei­ner Körper­größe von 163 cm ge­si­chert von ei­ner Po­li­zei­dienst­taug­lich­keit aus­ge­gan­gen wer­den könne und „die ab­wei­chen­den Re­ge­lun­gen für Be­wer­ber ge­genüber Be­wer­be­rin­nen […] durch Art. 3 Abs. 2 GG ge­bo­ten [sei­en], um die tatsächli­che Gleich­be­rech­ti­gung von Männern und Frau­en zu rea­li­sie­ren.“ In dem vom be­klag­ten Land zum Ver­fah­ren ge­reich­ten Be­richt der Ar­beits­grup­pe „Min­dest­größe in der Po­li­zei Nord­rhein-West­fa­len“ heißt es in die­sem Zu­sam­men­hang (Sei­te 64), es wer­de Wert auf die Fest­stel­lung ge­legt, dass ei­ne ge­schlech­ter­be­zo­ge­ne Dif­fe­ren­zie­rung im Rah­men der Über­le­gun­gen zu ei­ner „tech­ni­schen“ Min­dest­größe kei­ne Rol­le ge­spielt ha­be; ei­ne sol­che Dif­fe­ren­zie­rung könne ge­bo­ten sein, je­doch aus­sch­ließlich auf Grund­la­ge recht­li­cher Be­trach­tun­gen im Rah­men des Gleich­heits­sat­zes aus Art. 3 GG. In die­sem Sin­ne schließt der Ar­beits­grup­pen­be­richt mit dem Hin­weis (Sei­te 71): „Die Fest­stel­lung der Min­dest­größe für Be­wer­ber auf ei­ne Körper­größe von 168 cm ist aus­sch­ließlich un­ter Berück­sich­ti­gung des recht­lich in­ten­dier­ten Vor­teils­aus­gleich von 5 cm not­wen­dig.“
29 Vor die­sem Hin­ter­grund wird deut­lich, dass das be­klag­te Land von ei­ner Eig­nung für den ge­ho­be­nen Po­li­zei­voll­zugs­dienst für Männer und Frau­en glei­cher­maßen ab ei­ner Min­dest­größe von 163 cm aus­geht und aus­sch­ließlich aus Gleich­stel­lungs­gründen für Männer ei­ne fünf cm höhe­re Min­dest­größe ver­langt wird, nämlich um die An­zahl der im Bevölke­rungs­durch­schnitt größeren männ­li­chen Be­wer­ber im Verhält­nis zur An­zahl durch­schnitt­lich klei­ne­rer weib­li­cher Be­wer­ber zu re­du­zie­ren. Da­mit wird in den in Art. 33 Abs. 2 GG vor­be­halt­los verbürg­ten und nur durch kol­li­die­ren­des Ver­fas­sungs­recht be­schränk­ba­ren Leis­tungs­grund­satz, wo­nach der Zu­gang zu ei­nem öffent­li­chen Amt nur von Eig­nung, Befähi­gung und fach­li­cher Leis­tung abhängig ge­macht wer­den kann, ein­ge­grif­fen. Die mit Blick auf die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau vor­ge­nom­me­ne Fest­set­zung ei­ner höhe­ren Min­dest­größe für Männer kon­kre­ti­siert da­mit ei­ne ver­fas­sungs­im­ma­nen­te Schran­ke von Art. 33 Abs. 2 GG und ver­folgt die In­ten­ti­on, zwei kol­li­die­ren­de Rechtsgüter von Ver­fas­sungs­rang – den Leis­tungs­grund­satz aus Art. 33 Abs. 2 GG ei­ner­seits und die Gleich­be­rech­ti­gung nach Art. 3 Abs. 2 GG an­de­rer­seits – ge­gen­ein­an­der ab­zuwägen und in Aus­gleich zu­brin­gen. Die be­ab­sich­tig­te Her­stel­lung prak­ti­scher Kon­kor­danz zwi­schen die­sen bei­den grund­ge­setz­lich ver­an­ker­ten In­ter­es­sen im grund­rechts­sen­si­blen Be­reich kann in­des nicht der Ver­wal­tungs­pra­xis über­las­sen wer­den; sie ist Auf­ga­be des Par­la­ments­ge­setz­ge­bers.
30 Aus den vor­an­ge­hen­den Erwägun­gen nimmt die Kam­mer von ih­rer im Ur­teil vom 2. Ok­to­ber 2007 – 2 K 2070/07 – (ju­ris, Rn. 27) geäußer­ten Rechts­an­sicht Ab­stand, wo­nach die Fest­le­gung von ge­schlechts­be­zo­gen dif­fe­ren­zie­ren­der Min­dest­größen durch die auf ei­nem Er­lass be­ru­hen­de Ver­wal­tungs­pra­xis des be­klag­ten Lan­des kei­nen Be­den­ken be­geg­ne­te.
31 III. Der sich aus der Fest­set­zung ei­ner erhöhten Min­dest­größe für Männer von 168 cm er­ge­ben­de Ver­s­toß ge­gen Art. 33 Abs. 2 GG führt zur Rechts­wid­rig­keit der auf Zif­fer 3 des Er­las­ses vom 24. Mai 2016 be­ru­hen­den Ver­wal­tungs­pra­xis zu Min­dest­größen­an­for­de­run­gen ins­ge­samt und be­wirkt auch die Un­wirk­sam­keit der Fest­le­gung der Min­dest­größe für Frau­en auf 163 cm, de­ren Un­ter­schrei­tung der Kläge­rin im an­ge­foch­te­nen Be­scheid des M. vom 5. April 2017 ent­ge­gen­ge­hal­ten wird. Bei­de Größen­fest­set­zun­gen be­din­gen sich wech­sel­sei­tig und sind recht­lich nicht von­ein­an­der ab­trenn­bar. Ent­schei­dend für die Be­ur­tei­lung, wie weit die Un­wirk­sam­keit reicht, ist der Be­griff der Ab­trenn­bar­keit; ab­trenn­ba­re Tei­le ei­ner Norm bzw. ei­nes Norm­kom­ple­xes wer­den von dem Un­wirk­sam­keits­grund nicht er­fasst und be­hal­ten Be­stand. Ab­trenn­bar ist (un­ter Her­an­zie­hung der Rechts­ge­dan­ken des § 139 BGB) der Teil ei­ner Norm bzw. ei­nes Norm­kom­ple­xes, der mit dem ge­sam­ten rest­li­chen Norm­gefüge nicht so ver­floch­ten ist, dass die Rest­be­stim­mun­gen oh­ne den ab­ge­trenn­ten nicht sinn­voll be­ste­hen können, et­wa weil der ver­blei­ben­de Teil al­lein nicht der Rechts­ord­nung ent­spricht, z. B. ei­ne un­ter Gleich­heits­as­pek­ten un­zu­rei­chen­de Re­ge­lung dar­stellt, oder den ge­setz­li­chen Re­ge­lungs­auf­trag ver­fehlt.
32 Vgl. Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 25. April 2013 – L 36 AS 2095/12 NK –, ju­ris, Rn. 72; Pan­zer, in: Schoch/Schnei­der/Bier, Vw­GO, Kom­men­tar, Lo­se­blatt, Stand: 32. Ergänzungs­lie­fe­rung Ok­to­ber 2016, § 47, Rn. 110; vgl. zum Kri­te­ri­um der Ab­trenn­bar­keit auch Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt (BVerwG), Be­schlüsse vom 6. April 1993 – 4 NB 43.92 –, ju­ris, Rn. 11 und vom 17. Sep­tem­ber 2013 – 4 BN 40.13 –, ju­ris, Rn. 4.
33 Aus der Nich­tig­keit ein­zel­ner Vor­schrif­ten folgt die Nich­tig­keit des gan­zen Ge­set­zes dann, wenn sich aus dem ob­jek­ti­ven Sinn des Ge­set­zes er­gibt, dass die übri­gen mit der Ver­fas­sung zu ver­ein­ba­ren­den Be­stim­mun­gen kei­ne selbständi­ge Be­deu­tung ha­ben; fer­ner dann, wenn die ver­fas­sungs­wid­ri­ge Vor­schrift Teil ei­ner Ge­samt­re­ge­lung ist, die ih­ren Sinn und ih­re Recht­fer­ti­gung verlöre, nähme man ei­nen ih­rer Be­stand­tei­le her­aus, wenn al­so die nich­ti­ge Vor­schrift mit den übri­gen Be­stim­mun­gen so ver­floch­ten ist, dass sie ei­ne un­trenn­ba­re Ein­heit bil­den, die nicht in ih­re ein­zel­nen Be­stand­tei­le zer­legt wer­den kann.
34 Vgl. BVerfG, Be­schluss vom 12. No­vem­ber 1958 – 2 BvL 4/56 –, ju­ris, Rn. 111 m. w. N.
35 Nach die­sen Grundsätzen, die zwar zur Teil­nich­tig­keit von Ge­set­zen im ma­te­ri­el­len Sin­ne als Nor­men mit Außen­wir­kung ent­wi­ckelt wur­den, die aber auf die Nich­tig­keit ein­zel­ner Be­stand­tei­le ei­ner auf ei­nem Ver­wal­tungs­er­lass be­ru­hen­den Ver­wal­tungs­pra­xis über­trag­bar sind, ist die vor­ge­nom­me­ne Fest­le­gung von Min­dest­größen ins­ge­samt, al­so so­wohl für Be­wer­be­rin­nen als auch für Be­wer­ber, un­wirk­sam. Würde nur die Fest­le­gung ei­ner Min­destkörper­größe für Männer als un­wirk­sam er­ach­tet, ver­stieße die ver­blei­ben­de iso­lier­te Fest­le­gung ei­ner Min­dest­größe für Frau­en of­fen­kun­dig ge­gen den Gleich­heits­grund­satz aus Art. 3 Abs. 2 Satz 1 GG, un­terlägen in die­sem Fall nur weib­li­che und nicht auch männ­li­che Be­wer­ber ei­ner Größen­an­for­de­rung. Ei­ne sol­che Ver­wal­tungs­pra­xis könn­te für sich nicht fort­be­ste­hen, son­dern wäre man­gels Ver­ein­bar­keit mit der Ver­fas­sung eben­falls rechts­wid­rig.
36 Sch­ließlich be­steht kein Raum für die An­nah­me, dass bei der hier an­ge­nom­me­nen Un­wirk­sam­keit der erhöhten Körper­größe für Männer von 168 cm die­se An­for­de­rung eo ip­so auf die für Frau­en fest­ge­leg­te Min­dest­größe von 163 cm, bei der das be­klag­te Land grundsätz­lich oh­ne Rück­sicht auf das Ge­schlecht von ei­ner Eig­nung für den Po­li­zei­voll­zugs­dienst aus­geht, zurückfällt. Es ob­liegt dem be­klag­ten Land, zu Fort­be­stand, Aus­ge­stal­tung und Re­ge­lungs­form von Min­dest­größen für Po­li­zei­voll­zugs­be­am­te ei­ne Ent­schei­dung zu tref­fen, der vor­zu­grei­fen das Ge­richt nicht be­ru­fen ist.
37 Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 154 Abs. 1 Vw­GO. Die Ent­schei­dung über die vorläufi­ge Voll­streck­bar­keit ist nach § 167 Vw­GO in Ver­bin­dung mit § 708 Nr. 11, § 711 ZPO er­folgt.
38 Die Be­ru­fung war gemäß §§ 124a Abs. 1 Satz 1, 124 Abs. 2 Nr. 3 Vw­GO we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der Rechts­sa­che zu­las­sen. Denn die Fra­ge der Wirk­sam­keit der auf Zif­fer 3 des Er­las­ses vom 24. Mai 2016 be­ru­hen­den Ver­wal­tungs­pra­xis ist über den Streit­fall hin­aus­ge­hend klärungs­bedürf­tig.
39 Beschluss:
40 Der Streit­wert wird auf die Wert­stu­fe bis 5.000,00 Eu­ro fest­ge­setzt.
41 Gründe:
42 Die Fest­set­zung des Streit­wer­tes ist nach § 52 Abs. 2 GKG er­folgt.
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