Source: http://m.hensche.de/Urlaubsabgeltung_Beamter_Urlaubsabgeltung_fuer_Beamte_nach_langer_Krankheit_bei_Eintritt_in_Ruhestand_BVerwG_2C10-12.html
Timestamp: 2017-02-20 08:33:14
Document Index: 257300681

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 125', 'EuG']

Urlaubsabgeltung für lange erkrankte Beamte bei Eintritt in den Ruhestand?
Ar­ti­kel 7 Abs.1 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 04.11.2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (Richt­li­nie 2003/88/EG) schreibt vor, dass je­der Ar­beit­neh­mer ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub von min­des­tens vier Wo­chen ha­ben muss. An­fang 2009 stell­te der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) klar, dass der Ver­fall von Rest­ur­laubs­ansprüchen in­fol­ge länge­rer Krank­heit mit dem Eu­ro­pa­recht un­ver­ein­bar ist, da sonst der von der Richt­li­nie 2003/88/EG be­zweck­te Er­ho­lungs­zweck nicht er­reicht würde (EuGH, Ur­teil vom 20.01.2009, C-350/06 - Schultz-Hoff - zu den Aus­wir­kun­gen die­ses Ur­teils sie­he Hand­buch Ar­beits­recht: Ur­laub und Krank­heit). Krank­heits­be­dingt nicht ge­nom­me­ner Ur­laub darf da­her nicht ver­fal­len, son­dern muss oh­ne zeit­li­che Be­gren­zung auf die Fol­ge­jah­re über­tra­gen wer­den. En­det das Ar­beits­verhält­nis nach jah­re­lan­ger Krank­heit, ist da­her ein im Lau­fe der Zeit im­mer größer ge­wor­de­ner Rest­ur­laubs­an­spruch ab­zu­gel­ten. Die deut­schen Ar­beits­ge­rich­te set­zen das Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH rasch um, al­len vor­an das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) An­fang 2009 (BAG, Ur­teil vom 24.03.2009, 9 AZR 983/07, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/057: Aus­le­gung des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes ent­spre­chend dem Schultz-Hoff-Ur­teil des EuGH und in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/126: Kein Ver­fall von Rest­ur­laubs­ansprüchen in­fol­ge von Krank­heit seit dem 02.08.2006).
An­ders als die Ar­beits­ge­rich­te hiel­ten die meis­ten deut­schen Ver­wal­tungs­ge­rich­te aber trotz des Schultz-Hoff-Ur­teils lan­ge Zeit dar­an fest, dass es für langjährig er­krank­te Be­am­te kei­ne Ur­laubs­ab­gel­tung bei Ein­tritt in den Ru­he­stand ge­ben könne. Da­bei be­rie­fen sie sich auf die deut­schen Be­am­ten­ge­set­ze, de­nen zu­fol­ge das Be­am­ten­verhält­nis mit dem Ein­tritt in den Ru­he­stand nicht en­det, so­wie auf die gu­te so­zia­le Ge­samt-Ab­si­che­rung von Be­am­ten. Die­se Auf­fas­sung steht aber auf wack­li­gen Füßen, da die Richt­li­nie 2003/88/EG un­zwei­fel­haft auch Be­am­te er­fasst. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Frank­furt am Main war hier im Jah­re 2010 an­de­rer Mei­nung und frag­te da­her den EuGH, ob ein pen­sio­nier­ter Be­am­ter Ur­laubs­ab­gel­tung auf der Grund­la­ge von Ar­ti­kel 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG ver­lan­gen kann, wenn er we­gen lan­ger Krank­heit nicht in der La­ge war, sei­nen Ur­laub zu neh­men (Be­schluss vom 25.06.2010, 9 K 836/10.F). Der EuGH ent­schied, dass Be­am­te bei ih­rer Pen­sio­nie­rung Ur­laubs­ab­gel­tung ver­lan­gen können, wenn sie zu­vor aus Krank­heits­gründen ih­ren vierwöchi­gen Min­des­t­ur­laub nicht neh­men konn­ten (EuGH, Ur­teil vom 03.05.2012, C-337/10 (Nei­del gg. Frank­furt) - wir be­rich­te­ten darüber in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/180 Ur­laubs­ab­gel­tung nach lan­ger Krank­heit auch für Be­am­te).
Der Fall des BVerwG: Polizeibeamter tritt nach mehr als einjähriger krankheitsbedingter Dienstunfähigkeit in den Ruhestand
BVerwG: Auch Beamte können bei Eintritt in den Ruhestand Abgeltung des Urlaubs verlangen, den sie infolge langer Krankheit nicht nehmen konnten Das BVerwG hat hier an­ge­sichts des oben ge­nann­ten EuGH-Ur­teils vom 03.05.2012 nicht mit­ge­macht und ent­schie­den, dass Be­am­te „nach den Maßga­ben der Recht­spre­chung des EuGH“ Ab­gel­tung des eu­ro­pa­recht­lich ga­ran­tier­ten Min­des­t­ur­laubs ver­lan­gen können, wenn sie die­sen krank­heits­be­dingt bis zum Ein­tritt in den Ru­he­stand nicht mehr neh­men konn­ten.
Al­ler­dings ist die­ser An­spruch, so das BVerwG auf den von der Richt­li­nie gewähr­leis­te­ten Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen pro Jahr be­schränkt. Da­her er­fasst er we­der ei­nen über 20 Ta­ge im Jahr hin­aus rei­chen­den Er­ho­lungs­ur­laub noch Ar­beits­zeit­verkürzungs­ta­ge. Auch der Schwer­be­hin­der­ten­zu­satz­ur­laub nach § 125 SGB IX ist nicht ab­zu­gel­ten, so das BVerwG in Ab­wei­chung von der Recht­spre­chung des BAG. Denn nach der Recht­spre­chung des BAG ist auch der Zu­satz­ur­laub vor ei­nem Ver­fall im Fol­ge­jahr geschützt (BAG, Ur­teil vom 23.03.2010, 9 AZR 128/09 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell 10/065 Zu­satz­ur­laub für Schwer­be­hin­der­te nach dem SGB IX). Außer­dem be­grenzt das BVerwG die­sen Ab­gel­tungs­an­spruch noch in ei­ni­gen wei­te­ren Hin­sich­ten:
Drit­tens verfällt der Jah­res­ur­laub in Fällen langjähri­ger Er­kran­kung je­weils 18 Mo­na­te nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res. Wer al­so z.B. von An­fang 2009 bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung An­fang Ok­to­ber 2012 durch­ge­hend dienst­unfähig er­krankt war, erhält Ur­laubs­ab­gel­tung nur für 2011 und die ers­ten neun Mo­na­te des Jah­res 2012, da der Ur­laubs­an­spruch für 2009 be­reits am 30.06.2011 ver­fal­len ist und der Ur­laubs­an­spruch für 2010 am 30.06.2012. An die­ser Stel­le weicht das BVerwG zu­guns­ten des Be­am­ten von der Recht­spre­chung des BAG ab, das im An­schluss an das EuGH-Ur­teil vom 22.11.2011 (C-214/10 - KHS gg. Schul­te) die An­sicht ver­tritt, dass der Ur­laubs­an­spruch ge­ne­rell be­reits 15 Mo­na­te nach Ab­lauf des Ur­laubs­jah­res verfällt, d.h. je­weils zum 31. März des übernächs­ten Ka­len­der­jah­res (BAG, Ur­teil vom 07.08.2012, 9 AZR 353/10). Der An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung muss nicht for­mell be­an­tragt wer­den, so das BVerwG. Es verjährt in der re­gelmäßigen Verjährungs­frist von drei Jah­ren. Sie be­ginnt mit dem En­de des Jah­res, in dem der Be­am­te in den Ru­he­stand tritt.
Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Ur­teil vom 31.01.2013, 2 C 10.12 Letzte Überarbeitung: 7. Dezember 2016
Bewertung: Ur­laubs­ab­gel­tung für Be­am­te