Source: http://juden-in-wuerttemberg.de/meisenheim_synagoge.htm
Timestamp: 2020-04-07 17:03:03
Document Index: 382486343

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 3', '§ 39', '§ 40', '§ 41', '§ 42', '§ 43', '§ 44', '§ 45', '§ 46']

Die Synagoge in Meisenheim (Kreis Bad Kreuznach)
Meisenheim (Landkreis Bad Kreuznach)
(erstellt unter Mitarbeit von Wolfgang Kemp)
- Zur Geschichte des Rabbinates
- Zur Geschichte der israelitischen Schule sowie der Lehrer und Vorbeter
- Die Gemeinde- und Synagogenordnung von 1849
In Meisenheim lebten Juden möglicherweise bereits im Mittelalter, nachdem der Ort 1315 die Stadtrechte verliehen bekam. Urkundlich wird jedoch erst 1551 ein Jud Moses genannt, der ein Wohnhaus in der Schweinsgasse verkaufte. 1569 wurden die Juden aus der Stadt verwiesen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren zwei jüdische Familien in der Stadt zugelassen.
1740 sollte die Anzahl der jüdischen Familien auf vier begrenzt bleiben, was aber wohl oft nicht eingehalten wurde. Der entsprechende Erlass gibt vorwiegend wirtschaftliche Gründe für diese Beschränkung an.
.. Vierzehendens sollen in hiesiger Statt mehr nicht, als vier Judenfamilien wohnen und gedultet werden; Es haben sich zwaren solche unter der hochfürstlichen Gustavischer Landesregierung biß auf 7 vermehret, . . . welche dann nicht nur denen hiesigen Krähmern durch das beständige Haußiren, und denen Metzgern durch das Schächten grossen schaden und abgang der Nahrung verursachen, sondern auch bereits viele bürger und bauern ins Verderben gesetzet haben, und noch beständig setzen, daß das wenige Schutzgeldt welches Ew. Hochfürstl. Durchl. von solchen Ziehen bey weitern den schaden nicht ersetzet, welchen Ew. Hochfürstl. Durchl. an dero treuesten unterthanen leiden. Ob auch wohlen wegen des Haußirens und schächtens einige Verordnungen, absonderl. der Metzger Zunftarticul ergangen sind, so stöhren sich dannoch diese Juden als ein hartnäckiges und unartiges Volck daran wenig, sondern fangen nach Verlauf einiger Zeit ihren mißbrauch wieder von neuem an; wir bitten demnach unterthänigst, daß Ew. Hochfürstl. Durchl. gnädigst geruhen wollen, die Juden allhier zur grösten consolation der bürgerschaft wieder auf 4 zu reduciren, so dann die Verordnungen wegen des verbottenen Hausirens und der Metzgerzunft articul wegen des übermäßigen schächtens zu schärfen.
(Quelle: LHA Koblenz Abt. 24, Nr. 1194; hier zitiert aus: Meisenheimer Heft Nr. 30, S. 237).
In der Folge des Erlasses von 1740 wichen die Juden auf die umliegenden Dörfer aus, blieben aber in der Nähe des "Marktes", der für sie überlebensnotwendig war, aber natürlich auch notwendig war für den wirtschaftlichen Aufschwung. Die "Krämer" und vor allem Metzger konnten also ihre Konkurrenz nicht gänzlich loswerden, zumal die Regierung gute Steuerzahler zu schätzen wusste. Dieser Wechseleffekt galt auch über Grenzen hinweg, also nicht nur für die zum Canton Meisenheim gehörenden Dörfer, sondern auch die angrenzenden pfälzischen Orte wie Odenbach. (Hinweis: auf diese Wechselwirkung von Land- und Stadtjuden geht W. Kemp in seinem Referat näher ein, siehe Lit.; darin ist auch eine Steuerrolle der Juden im Canton Meisenheim abgedruckt, die zeigt, welche Steuerlast die Juden der umliegenden Dörfer - Medard, Breitenheim, Schweinschied, Löllbach, Merxheim, Bärweiler, Meddersheim, Staudernheim, Hundsbach - tragen mussten. (zitiert aus: Günther F. Anthes: Beiträge zur Geschichte der Juden..., s. Lit. S. 15-16.).
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Nach einem Bericht von 1860 war der damals noch älteste lesbare Stein im Meisenheimer Friedhof von 1725. Vermutlich konnten damals wieder Juden in der Stadt leben. In der Zeit vor der Französischen Revolution waren es einige wenige Familien, unter denen sich ein Metzger befand, der sein Gewerbe in der Stadt ausüben konnte. Um 1800 flüchteten offenbar mehrere Familien in die Stadt auf Grund der Streifzüge des Johannes Bückler ("Schinderhannes").
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Einwohner vor allem durch Zuzug von jüdischen Dörfern im Bereich des Hunsrück stärker zu. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich wie folgt: 1808 161 jüdische Einwohner, 1860 260, 1864 198 (12 % der Einwohnerschaft), 1871 160 (8,73 % von 1832 Einwohnern), 1885 120 (7,05 % von 1701), 1895 87 (5,01 % von 1738), 1902 89 (5,01 % von 1777). Zur jüdischen Gemeinde Meisenheim gehörten auch die in Breitenheim lebenden jüdischen Einwohner (1924 zwei).
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), spätestens seit 1826 eine israelitische Elementar- bzw. eine Religionsschule (seit 1842 im Gebäude Wagnerstraße 13), ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiösen Aufgaben der Gemeinde war neben dem Rabbiner (s.u.) ein jüdischer Elementar- bzw. Religionslehrer angestellt, der teilweise zugleich als Vorbeter und Schochet (Schächter) tätig war. Zeitweise war die Stelle des Vorbeters (Kantors) auch zusätzlich neben dem Elementarlehrer ausgeschrieben. Im 19. Jahrhundert wirkte als Elementarlehrer von 1837 bis 1887 (50 Jahre lang) Benjamin Unrich. Er unterrichtete 1830 32 Kinder, 1845 46, 1882 21 Kinder. Mit der Zurruhesetzung Unrichs bzw. seinem Tod 1890 wurde die jüdische Elementarschule geschlossen; die Kinder besuchten seitdem die evangelische Schule und erhielten an der jüdischen Religionsschule ihren Religionsunterricht. Von 1875 bis 1909 war Heyman de Beer Kantor und Religionslehrer der Gemeinde. Letzter jüdischer Religionslehrer war von 1924 bis 1928 Julius Voos (geb. 1904 in Kamen, Westfalen, umgekommen 1944 im KZ Auschwitz). Er unterrichtete 1924 noch 15, 1928 nur noch sieben Kinder. Nach seinem Weggang wurden die nur noch wenigen schulpflichtigen jüdischen Kinder durch den Lehrer aus Sobernheim unterrichtet (Julius Voos promovierte 1933 in Bonn und war zwischen 1936 und 1943 Rabbiner in Guben, Lausitz, dann in Münster, von wo er 1943 nach Auschwitz deportiert wurde).
Meisenheim war im 19. Jahrhundert Sitz eines Rabbinates (als "Landesrabbiner" zuständig für das hessisch-homburgische Oberamt Meisenheim bzw. in der preußischen Zeit als "Kreisrabbiner"). Als Rabbiner waren tätig:
- vor 1835 als vermutlich erster Rabbiner in Meisenheim Isaac Hirsch Unrich. Dann blieb das Rabbinat zehn Jahre lang unbesetzt, da die finanziellen Mittel fehlten.
- 1845 bis 1861 Rabbiner Baruch Hirsch Flehinger (geb. 1809 in Flehingen, gest. 1890): studierte nach 1825 an der Mannheimer Jeschiwa, 1830 bis 1833 an der Universität Heidelberg; 1845 bis 1861 Landesrabbiner in Meisenheim, danach in Merchingen; zuständig seit 1870 auch für den Rabbinatsbezirk Tauberbischofsheim.
- 1863 bis 1869 Rabbiner Lasar Latzar (geb. 1822 in Galizien, gest. 1869 in Meisenheim); war um 1856 Bezirksrabbiner in Kikinda, Woiwodina, wo er 1860 seine Stelle durch die Magyarisierung von Schule und Kultus verloren hat; 1861 Landesrabbiner in Meisenheim.
- 1870 bis 1879 Rabbiner Dr. Israel Mayer (Meyer) (geb. 1845 in Müllheim, Baden gest. 1898 in Zweibrücken): studierte 1865 bis 1871 am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, seit 1870 Landesrabbiner in Meisenheim. Nachdem die neuen preußischen Machthaber 1873 den Zuschuss zum Rabbinergehalt streichen, legt er das Amt nieder, das 1877 auf den Vorsänger Unherich übertragen wird; 1879 wird er als Rabbiner nach Zweibrücken berufen.
- 1879 bis 1882 Rabbiner Dr. Salomon (Seligmann) Fried (geb. 1847 in Ó-Gyalla, Ungarn, gest. 1906 in Ulm): studierte 1871 bis 1879 an der Universität und am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau; 1870 Kreisrabbiner in Meisenheim, 1883 Rabbiner in Bernburg a.d. Saale, 1884 in Ratibor, seit 1888 bis zu seinem Tod 1906 Rabbiner in Ulm.
- 1882 bis 1883 für kurze Zeit Rabbiner Dr. Moritz Janowitz (geb. 1850 in Eisenstadt, Ungarn, gest. 1919 in Berlin): studierte 1871 bis 1878 an der Universität und am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau: 1876 Rabbiner in Pisek, Böhmen, 1882 in Meisenheim, danach Dirschau in Westpreußen, um 1896 Rabbiner und Leiter des Religionsschule des Synagogenvereins "Ahawas Thora" in Berlin.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Leo Sender (geb. 12.7.1893 in Hennweiler, gef. 20.10.1914). Außerdem ist gefallen: Alfred Moritz (geb. 16.5.1890 in Meisenheim, vor 1914 in Kirn wohnhaft, gef. 20.6.1916).
Um 1924, als noch 55 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (3 % von ca. 1800-1900 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Moritz Rosenberg, Simon Schlachter, Albert Kaufmann, Hermann Levy. Der Repräsentanz gehörten an: Louis Strauß, Levi Bloch, Albert Cahn, Siegmund Cahn. Als Lehrer war Julius Voos angestellt. Er unterrichtete an der Religionsschule der Gemeinde und erteilte den jüdischen Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen. 1932 waren die Gemeindevorsteher Moritz Rosenberg (1. Vors.), Simon Schlachter (2. Vors.) und Felix Kaufmann (3. Vors.). Inzwischen hatte die Gemeinde keinen eigenen Lehrer mehr. Den Unterricht der damals noch sechs schulpflichtigen jüdischen Kinder erteilte Lehrer Felix Moses aus Sobernheim. Von den jüdischen Vereinen war damals insbesondere noch der Israelitische Frauenverein auf dem Gebiet der Armenunterstützung aktiv (1932 Vorsitzende Frau Schlachter).
1933 lebten noch 38 jüdische Einwohner in 13 Familien in Meisenheim. In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bereits 1933 kam es zu einschüchternden Maßnahmen: Schächtermesser wurden durch SA und "Stahlhelm" beschlagnahmt. Mehrere der bekannten Meisenheimer jüdischen Geschäftsleute (Getreidegroßhändler Hugo Weil, Weinhändler Julius Levy, Vieh- und Getreidegroßhändler) wurden in sog. "Schutzhaft" genommen. Die jüdischen Gewerbebetriebe wurden "arisiert", die letzten im Juni 1938 (Adlerkellerei und Likörfabrik Julius Levy an Alfons Treitz und Paul Risch sowie die Firma Jakob Weil). Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge erheblich beschädigt (siehe unten). Die noch am Ort befindlichen jüdischen Männer wurden verhaftet. Mit der Deportation der letzten in Meisenheim lebenden jüdischen Personen im Oktober 1940 nach Südfrankreich endete die Geschichte der jüdischen Gemeinde am Ort.
Von den in Meisenheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", verglichen mit den Angaben aus W. Dörr s. Lit.; kritisch durchgesehen und ergänzt von Wolfgang Kemp): Ferdinand Altschüler (1865), Thekla Bär geb. Fränkel (1862), Hedwig de Beer (1887), Klara de Beer (1889), Cäcilia (Zili) de Beer (1891), Sigmund Cahn (1874), Ida Cahn geb. Kaufmann, Ehefrau von Sigmund (1885), Adolf David (1879), Julius David (1883), Leo Fränkel (1867), Julius Fränkel (1873), Karl Josef Fränkel (1902), Pauline Goldmann, geb. Fränkel(1864), Frieda Hamburger, geb. Schlachter (1885), Willy Hamburger, Sohn von Frieda (1911), Albert Löb (1870), Flora Löb geb. de Beer (1895), Julius Maas (1876), Martha Mayer geb. Fränkel (1866), Georg Meyer (1894), Selma Meyer, geb. Schlachter, Ehefrau von Georg, Tochter von Simon und Elise (1894), Johanna Nathan geb. Strauss(1873), Moritz Rosenberg (1866), Auguste Rosenberg geb. Stern, Ehefrau von Moritz (1863), Elsa (Else) Rosenberg Tochter von Moritz und Auguste (1894), Flora Sandel geb. de Beer (1884), Justine Scheuer geb. Fränkel (1861), Simon Schlachter (1858), Schlachter, Elisabeth Elise, geb. Sonnheim, Ehefrau von Simon (1867), Adele Silberberg geb. David (1871), Simon Schlachter (1877), Isidor (Juda, Justin) Stern (1893), Walter Stern (1899), Ida Strauss geb. Strauss (1862), Isaac Julius Strauss (1866), Isaac (gen. 'Louis/Ludwig') Strauss (1887), Laura Strauss geb. Michel, Ehefrau von 'Louis' (1883), Lilli Strauss, Tochter von 'Louis' und Laura (1924), Rudolf Strauss, Sohn von Louis und Laura (1928), Isidor Weil, Bruder von Jakob (1875), Friederike 'Rika' Weil geb. Stein, Witwe von Jakob (1875), Dr. Otto Weil, Sohn von Jakob und seiner ersten Ehefrau Therese geb. Schwartz (1894), Hedwig Weil geb. Mayer (Ehefrau von Hugo Emanuel, Sohn von Jakob und seiner zweiten Frau Friederike geb. Stein) (1911), Alfred Abraham Weil, Sohn von Hedwig und Hugo (1936).
Nach 1945 kam nur ein jüdisches Ehepaar nach Meisenheim zurück (Otto David und Frau).
Anmerkung: Die Zeitzeugen, die für das "Meisenheimer Heft Nr. 39" aussagten, erinnerten sich an die folgenden Familien, die in den 20er und 30er Jahren in Meisenheim lebten:
Familie Ludwig Bloch, emigriert mit zwei Söhnen, die Ehefrau war verstorben; Familie Sigmund Cahn, die Eltern ermordet; Familie Albert Cahn, emigriert; Familie Adolph David, emigriert, Adolph in Dachau ermordet; Familie Albert Kaufmann, emigriert; Familie Felix Kaufmann, emigriert; Familie Hermann Levy, emigriert - sie sind die einzigen, die noch emigrieren konnten, nachdem sie die Pogromnacht in Meisenheim erleben mussten; Albert Loeb, ermordet; Familie Julius Loeb, unbekannt; Familie Moritz Rosenberg, Eltern und Tochter ermordet, eine weitere Tochter emigriert, ein Sohn früh verstorben; Familie Simon Schlachter, bis auf Jakob alle ermordet; Familie Isaak Strauß, ermordet; Friederike Unrich, verstorben; Familie Jakob Weil, Jakob war 1937 nach einem Treppensturz verstorben, seine Witwe Friederike ("Rika) wurde in Sobibor ermordet, Sohn Hugo überlebte Auschwitz und konnte von einem "Todesmarsch" fliehen, Hugos Ehefrau Hedwig und der Sohn Alfred Abraham wurden in Auschwitz umgebracht. Die Ehefrau von Dr. jur. Otto Weil, Edith "Settchen" geb. Meier, überlebte mit den beiden Söhnen Edwin in Ralf Bergen-Belsen, ihre Eltern Isidor und Sophie sind mit "Rika" zusammen in Sobibor umgebracht worden. .
Im Vergleich mit der Liste der Opfer ergibt sich, dass das idyllische und beschauliche Meisenheim gerne von werdenden Müttern zur Entbindung aufgesucht wurde. Es gibt deutlich mehr in Meisenheim Geborene als dort dann auch Wohnende. Drei Personen, die auch zwar in Meisenheim geboren sind, aber dort nicht ihren Lebensmittelpunkt hatten, lebten in Mannheim in einem jüdischen Altenheim und kamen dadurch in die "Saar/Pfalz/Baden-Aktion" der Gauleiter Bürckel und Wagner und somit nach Gurs; sie entstammen aber durchaus großen Familien in Meisenheim, nämlich Ferdinand Altschüler (76 Jahre) und die Schwestern Ida und Johanna Strauss (79 und 68 Jahre). (s. Lit.).
An viele der aus Meisenheim in der Shoa vertriebenen oder umgekommenen jüdischen Personen erinnern inzwischen sogenannte "Stolpersteine", die - angeregt durch Günter Lenhoff, den Vorsitzenden des Träger- und Fördervereins der Synagoge Meisenheim - auf einstimmigen Beschluss des Rates der Stadt erstmals am 23. November 2007 in der Stadt verlegt wurden.
Dazu: Informationen auf einer Seite des Paul-Schneider-Gymnasiums Meisenheim. Zu den "Stolpersteinen" in Meisenheim siehe https://stolpersteine-guide.de/staedte/146/meisenheim-am-glan.
Zur Geschichte des Rabbinates
Besetzung des Rabbinates mit Rabbiner Baruch Hirsch Flehinger (1845)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Dezember 1845: "Meisenheim (Hessen-Homburg), im November (Privatmitteilung). Nachdem unser Rabbinatssitz aus Mangel an Mitteln zur Besoldung eines Rabbiners über zehn Jahre verwaist war, ist derselbe dieser Tage durch Herrn Flehinger, den Verfasser der größeren und kleineren Erzählungen aus den heiligen Schriften, wieder besetzt worden. Diese Besetzung wäre uns auch jetzt nicht möglich gewesen, wenn nicht unser gütiger Landgraf uns huldvoll die Hand dazu geboten hätte, indem Seine landgräfliche Durchlaucht den vierten Teil des Gehalts aus Staatsmitteln bewilligte. Unser Herr Rabbiner findet ein sehr brach liegendes Feld vor, es kann ihm an Arbeit nicht fehlen. Gott segne sein Wirken, von dem wir uns viel Gutes für Gotteshaus und Schule versprechen!"
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 14. Dezember 1845: "Meisenheim (Hessen-Homburg). Hier ist der durch seine kleinere und größere Geschichte bekannte Flehinger (bisher Religionslehrer in Darmstadt) vor einiger Zeit, durch die Regierung zum Rabbiner angestellt worden, und gibt die Regierung auch zu dessen Gehalt eine nicht unbedeutende Beisteuer sowie dieselbe auch den Rabbiner als Staatsbeamten anerkennt. Man kann sich umso mehr hiermit freuen, als Herr Flehinger entschieden dem Fortschritt huldigt, weshalb derselbe auch früher von dem Darmstädter Auerbach aufs Schändlichste verfolgt ward. Dabei besitzt Herr Flehinger gründliche und gediegene wissenschaftliche talmudische Kenntnisse, und gehört auch seinem Charakter nach zu den ehrlichsten und aufrichtigsten Rabbinen unserer Zeit. Möge er nur in seinen Gemeinden die Anerkennung und das Zutrauen finden, die ihm so vollkommen gebühren."
Bemühungen von Rabbiner Flehinger zur Reform des Gemeindelebens (1847)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 14. März 1847: "Kultus-Verbesserungen. (Meisenheim, im Februar). – Der bessere Geist der Zeit, der alle Wohnungen der deutschen Juden durchzieht, hat nunmehr auch bei uns Einkehr genommen, seitdem Herr Flehinger seine Anstellung als unser Rabbiner erhielt. Er bemüht sich in weiser Umsicht das leider bei uns noch im Argen liegende religiöse Bewusstsein auf eine bessere Weise umzugestalten und es auf die Höhe der Gegenwart zu erheben. Ich tue der von ihm getroffenen Einrichtungen bezüglich der Einführung des Chorgesangs, der äußerlichen Ordnung beim Gottesdienst etc., die anderswo kaum mehr des Aufhebens wert sind – nur aus dem Grunde Erwähnung, weil der größte Teil seiner Gemeindemitglieder orthodox, Herr Flehinger nur altgläubige Vorgänger hatte und sein Rabbinat übernahm, nachdem dasselbe lange ohne geistlichen Hirten gewesen. Überdies ist bei jeder Änderung des Status quo des Gottesdienstes die Zustimmung des jüdischen Vorstandes erforderlich, welche bekanntlich nicht immer mit leichter Mühe zu erlangen ist. Wir können sicher noch Weitergreifende Reformen von unserem Rabbiner erwarten. Erwähnen muss ich noch, dass Herr Flehinger nach dem Schlusse des sabbatlichen Gottesdienstes am Freitage die Jugend vor sich treten lässt und sie segnet, d.i. benscht. Riecht das nicht nach Priesterlichkeit?
Auch eine bürgerliche Verbesserung ist uns zuteil geworden. Unsere Regierung hat nämlich das kaiserliche Dekret des so genannten Moralpatentes außer Kraft gesetzt, und so können wir uns nunmehr als völlig emanzipiert erklären. – Im Ganzen leben in der Landgrafschaft 1.000 jüdische Seelen, die sich der Achtung der Beamten und der Liebe ihrer christlichen Mitbürger erfreuen. Die eigentliche Landgrafschaft Homburg hat einen eigenen Rabbiner, soviel wir wissen vom orthodoxen Genre, Herr Flehinger ist nur Rabbiner in der Herrschaft Meisenheim."
Werbung für Publikationen des Rabbiners Flehinger (1857 / 1859)
Anzeige in der Zeitschrift "Jeschurun" vom Januar 1857: "Anzeige.
In der Jäger’schen Buch-, Papier- und Landkartenhandlung in Frankfurt am Main ist soeben erschienen: Flehinger, B.H., Rabbiner in Meisenheim: Erzählungen und Belehrungen aus den heiligen Schriften der Israeliten, nebst einem Anhange: Begebenheiten in den Tagen Mathithiasus und seiner Söhne. Dargestellt für die reifere israelitische Jugend. Zweite verbesserte Auflage. Preis 18 Sgr. Oder 1 Gulden. Diese zweite Auflage des größeren Werkes des Herrn Verfassers, dessen kleines Lehrbuch bereits die achte Auflage erlebt, ist mannigfach vergrößert, im Preise billiger als die erste und bereits in mehreren Schulen, namentlich in der bayerischen Pfalz, eingeführt.
Israelitische Lehrer, welche dies Werk noch nicht kennen, erhalten von uns gerne auf Verlangen ein Frei-Exemplar geliefert."
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. August 1859: "In der Jäger'schen Buch-, Papier- und Landkartenhandlung in Frankfurt am Main ist erschienen und durch alle Buchhandlungen in Deutschland und der Schwweiz zu erhalten:
Flehinger, B. H. , Rabbiner zu Meisenheim, Erzählungen aus den heiligen Schriften der Israeliten, dargestellt für die kleinere israelitische Jugend. Zehnte, neu durchgesehene Auflage. Preis 27 Kr. oder 7 1/2 Sgr. gebunden.
- Erzählungen und Belehrungen aus den heiligen Schriften der Israeliten, nebst einem Anhange: Begebenheiten in den Tagen Metithjahu's und seiner Söhne. Dargestellt für die reifere israelitische Jugend. Zweite verbesserte Auflage. Preis Fl. 1 oder 18 Sgr.
Die beiden Schriften des rühmlichst bekannten Verfassers schreiten stets weiter vor in der Anerkennung der Herren Religionslehrer und mit jeder neuen Auflage werden solche in weiteren Kreisen zum Unterricht eingeführt.
Es bedarf daher wohl nur der Bekanntmachung, dass solche stets in korrektem Abdruck erhalten werden und jede Buchhandlung bereit ist, denjenigen Herren Lehrern, welchen beide Bücher noch unbekannt sein sollten, ein Exemplar zur Ansicht zu verschaffen."
Ausschreibung des Rabbinates (1861)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Mai 1861: "Anzeige. Die hiesige Rabbinatsstelle, seit 15 Jahren von Herrn Rabbiner Flehinger verwaltet, ist durch dessen Weiterbeförderung mit dem 1. Mai dieses Jahres anderweitig zu besetzen. - Außer den Kasualien ist die Stelle mit einem fixen Gehalte von 600 Gulden verbunden. Es wird daher ein tüchtiger Mann, welcher seine Fähigkeit gehörig nachzuweisen hat, für diese Stelle gesucht, der sich recht baldigst an den unterzeichneten Vorsteher, welcher ihm die nötige Auskunft erteilen wird, zu wenden hat.
Meisenheim am Glan, Landgrafschaft Hessen-Homburg, den 15. April 1861.
Der Vorsteher der israelitischen Gemeinde. Jacob Haas."
Zu Rabbiner Latzar - Rabbiner in Meisenheim seit 1863
Artikel in der Zeitschrift "Chananja" vom 1. Juli 1867: "Meisenheim, 5. Juni. Der ehrwürdige Rabbiner von Gr.-Kikinda (im Banat*), der seit vier Jahren in unserer Gemeinde fungiert, ist bei dem Übergange der Regierung unseres Ländchens Hessen-Homburg an Preußen im Auftrag des königlichen Zivilkommissärs vom Landrat wie die anderen Staatsbeamten in Eid genommen worden. Es scheint also, dass die israelitischen Verhältnisse in den neuerworbenen Ländern in status quo erhalten werden sollen. Herr Rabbiner Latzar, der aus Ungarn hierher kam, hat sich in kurzer Zeit die allgemeine Zuneigung erworben."
* heute Kikinda in Serbien an der Grenze zu Rumänien
Zum Tod von Rabbiner Latzar (Lazar) - Aufruf zur Hilfe für seine Familie (1869)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. September 1869: "Hilferuf! Ein trauriger Fall führte die Unterzeichneten heute hier zusammen. Wir hatten unserem würdigen Kollegen Lazar dahier die letzte Ehre zu erweisen. Derselbe wirkte sieben Jahre in segensreichster Weise für den hiesigen Bezirk, aber irdischer Segen für sein Haus war in diesem kleinen, nicht sehr reichen Kreise nicht zu erwerben. Er hinterlässt einen guten Ruf, schöne Früchte seiner Tätigkeit und - ein noch junges Weib und zwei kleine Waisenknaben, beide hilflos dastehend. Die wenig zahlreichen und wenig begüterten Gemeinden Gemeinden sind nicht imstande, der Witwe und der Waisen ausreichende Hilfe zu gewähren, sie haben alle Kräfte aufzubieten, um für die Anstellung eines Nachfolgers Sorge zu tragen. Wir haben uns von der hilflosen Lage der Hinterlassenen, sowie von der Machtlosigkeit derer, die zunächst zu helfen berufen wären, persönlich überzeugt, und halten uns daher berechtigt und berufen, unseren Brüdern nahe und ferne zuzurufen: helfet! helfet! Solcher Ruf ist in Israel noch niemals fruchtlos verhallt, besonders wenn er von seinen Lehrern und für seine Lehrer und Führer ertönte. Gaben zu diesem Zwecke - möchten sie reichlich fließen - nimmt der israelitische Vorstand dahier, die verehrliche Redaktion dieses Blattes und die Unterzeichneten gerne in Empfang und werden dieselben für die richtige Verwendung der Gelder Sorge tragen.
Meisenheim, den 26. Juli 1869.
Flehinger, Rabbiner in Merchingen. S. Bamberger, Rabbiner in Kreuznach.
Wir sind bereit, Unterstützungen für die unglücklichen Hinterlassenen in Empfang zu nehmen und darüber in diesem Blatt zu quittieren. Mögen sie recht reichlich fließen. Die Redaktion."
1870 bis 1879: Rabbiner Dr. Israel Mayer - Artikel zu seinem Tod in Zweibrücken (1898)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1898. "Zweibrücken, 24. Mai (1898). Die Pfälzische Presse schreibt: Dieser Tage verschied nach kurzem Krankenlager infolge einer schweren Lungenentzündung Bezirksrabbiner Dr. Israel Mayer. Der Trauerfall ruft hier in allen Kreisen die größte Teilnahme hervor, zumal der Verblichene allgemein hoch geschätzt und ein sehr toleranter Mensch war. Der Verstorbene erreichte ein Alter von 55 Jahren. Er war geboren am 14. Januar 1843 in Müllheim in Baden, besuchte die Mittelschule und das Lyceum in Karlsruhe, bezog dann die Universität in Breslau, machte 1869 das Doktorexamen in Freiburg im Breisgau und wurde 1870 Rabbiner in Meisenheim. 1879 wurde er nach Zweibrücken berufen und verblieb dann daselbst als Bezirksrabbiner. Er war Mitarbeiter verschiedener wissenschaftlicher und populärer Zeitschriften, Ehrenvorsitzender und Ehrenmitglied mehrerer von ihm begründeter Wohltätigkeitsvereine. Zahlreiche Beileidsbekundungen auswärtiger Korporationen und Freunde sind bereits eingelaufen und geben Zeugnis von der großen Beliebtheit und Wertschätzung des Verblichenen."
Ausschreibung des Rabbinates (1879)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1879: "Die hiesige Rabbinatsstelle soll wieder besetzt werden. Gehalt 1.100 Mark. Bevorzugt werden solche Kandidaten, welche unverheiratet und in modernen Sprachen Privatunterricht erteilen wollen, wodurch die Nebeneinkünfte beträchtlich vermehrt werden können. Meldungen mit Zeugnissen zu richten an den unterzeichneten Vorstand. Meisenheim (Rheinprovinz). Abraham Klein."
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. August 1879: "Die hiesige Rabbinatsstelle soll wieder besetzt werden. Gehalt 1.100 Mark. Bevorzugt werden solche Kandidaten, welche unverheiratet (sind) und in modernen Sprachen Privatunterricht erteilen wollen, wodurch die Nebeneinkünfte beträchtlich vermehrt werden können. Meldungen mit Zeugnissen zu richten an den unterzeichneten Vorstand. Meisenheim (Rheinprovinz). Abraham Klein."
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Januar 1883: "Die hiesige Rabbinats-Stelle ist vom Januar 1883 ab zu besetzen und werden die etwaigen Bewerber ersucht, ihre Zeugnisse respektive Abschriften an den Unterzeichneten einzusenden. – Es wird ein junger lediger Mann gewünscht, der womöglich in Breslau studierte und Deutscher ist.
Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. M. Dinkelspiel. (Kreis) Meisenheim."
Zum Tod von Rabbiner Baruch Hirsch Flehinger (1890)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1890: "Darmstadt. Vor kurzem starb hier der pensionierte Bezirks- und Konferenz-Rabbiner B.H. Flehinger im Alter von 80 Jahren. Derselbe war früher Rabbiner in Meisenheim und in Merchingen im Großherzogtum Baden. Als Konferenz-Rabbiner war er auch Mitglied des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten. Er war Verfasser zweier biblischer Geschichtsbücher, wovon das für die ‚kleinere Jugend’ 20 und das für die ‚reifere Jugend’ 5 Auflagen erlebte."
Zum Tod von Rabbiner Dr. Seligmann Fried (1906, Rabbiner in Meisenheim zwischen 1879 und 1883)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. Februar 1906: "Ulm, 8. Februar (1906). Am 2. dieses Monats in den ersten Morgenstunden ist sanft und kampflos, nach langem, schweren Leiden, infolge einer Herzlähmung, unser Rabbiner Herr Dr. M. Fried entschlafen. Er hat in unserer Gemeinde 18 Jahre lang gewirkt, nachdem er zuvor in Meisenheim, Bernburg und Ratibor gewesen.
Bei Interesse am weiteren Text Textabbildung anklicken oder siehe auf einer Seite zur jüdischen Geschichte in Ulm.
Zur Geschichte der israelitischen Schule sowie der Lehrer und Vorbeter
Ausschreibungen der Stellen des Religionslehrers, Vorbeters und Schochet -
1846 Vorsänger und Lehrer im Bezirk / 1865, 1873 und 1874 Kantor und Schächter in Meisenheim
/ 1909 Religionslehrer, Kantor und Schächter in Meisenheim
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Oktober 1846: "Vakanzen.
Einige Vorsänger- und Religionslehrerstellen sind zu besetzen. Auf portofreie Anfragen erteilt die unterzeichnete Stelle nähere Auskunft. Meisenheim. Das landgräfliche Rabbinat. Flehinger".
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Juli 1865: "Ein unverheirateter, musikalisch gebildeter Vorbeter, Toravorleser und Schächter kann, bei einem jährlichen Gehalte von 100 Talern und ca. 150 Talern Nebeneinkommen, in unsere Gemeinde am 15. September dieses Jahres eintreten.
Reflektanten belieben sich unter Einreichung ihrer Qualifikations-Atteste in portofreien Briefen beim Gefertigten baldigst zu melden.
Es wird noch bemerkt, dass für gebildete Männer sich dahier die Gelegenheit darbietet, durch Privatunterricht die pekuniären Verhältnisse bedeutend zu verbessern.
Meisenheim am Glan, den 28. Juni 1865. L. Latzar, Landgräflicher Rabbiner."
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Juli 1873: "Vakanz.
Wir suchen bis 1. Januar 1874 einen musikalisch gebildeten Kantor und Schächter. Unverheiratete bevorzugt. Fester Gehalt nach Leistungen und Übereinkunft. Nebeneinkünfte circa 300 Gulden. Meldungen sind baldigst zu richten an den Vorstand der Synagogengemeinde in Meisenheim (Rheinprovinz)."
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Februar 1874: "Die hiesige Kantor- und Schächterstelle ist vakant. Bewerber wollen sich wenden an den Vorstand der Synagogen-Gemeinde zu Meisenheim, Regierungs-Bezirk Koblenz."
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. August 1909: "Wir suchen per 1. September einen seminaristisch geprüften jüngeren Lehrer als Religionslehrer, Kantor und Schächter. Garantiertes Mindesteinkommen Mark 1.500. Offerten an den Vorstand
Louis David. Meisenheim am Glan."
Gutes Miteinander zwischen jüdischem Lehrer und den evangelischen Lehrern (1855)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelitische Volksschullehrer" vom Februar 1855: "Aus Meisenheim (Landgrafschaft Hessen) wird uns als schönes Zeichen freundlichen Zusammenlebens der verschiedenen Konfessionen berichtet, dass, als der jüdische Lehrer durch Unwohlsein an dem Abhalten der Schule auf längere Zeit verhindert war, die drei evangelischen Lehrer sich freiwillig erboten, sich die jüdischen Kinder zu teilen und sie bis zur vollständigen Wiedererkräftigung ihres früheren Lehrers in die eigene Schule aufzunehmen. Auf Verwenden des dortigen Rabbiners gab auch die Schulinspektion und die Schulkommission, an deren Spitze ein streng orthodoxer Geistlicher steht, die bereitwilligste Zustimmung dazu."
Regelungen im Blick auf den jüdischen Religionsunterricht und Probleme mit einem katholischen Pastor (1854)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Februar 1854: "Meisenheim, im Februar. Als ein Zeichen der Zeit mag folgendes Vorkommnis ein allgemeines Interesse beanspruchen dürfen. Auf Anregung des Rabbiners unseres Landesteils hatte die hohe Regierung die, beiläufig gesagt, von allen Gesetzen zu Gunsten der Juden aus dem Jahre 1848 auch noch kein Jota zurückgenommen oder geschmälert hat, schon im Jahre 1847 verfügt, dass da, wo keine besonderen israelitischen Elementarschulen bestehen, Versäumnisse des israelitischen Religionsunterrichtes ebenso bestraft werden sollen, wie Versäumnisse beim Elementarunterrichte; sodass also die betreffenden christlichen Geistlichen, die an der Spitze der Ortsschulkommissionen stehen, das Straferkenntnis für Versäumnisse auch beim israelitischen Religionsunterrichte zu erlassen hätten. Bisher fand dieses auch nicht den geringsten Anstand. – Ein katholischer Pastor in unserer Nähe war der erste, der sich weigerte, ein solches Straferkenntnis zu erlassen und motivierte seine Weigerung mit den Worten: *Dieses kann als etwas gegen ihr Gewissen Gehendes, weil in Sachen, die gegen ihre religiöse Überzeugung sind, derselben nicht zugemutet werden.’ Zartes Gewissen, das lieber die Religionslosigkeit, als ein akatholisches Glaubensbekenntnis in Schutz nehmen zu müssen glaubt! Denn nur zwischen beiden war hier zu wählen. Die Sache liegt indessen hoher Landesregierung zur Entscheidung vor, auf die wir sehr gespannt sind. B.H."
Lehrer Benjamin Unrich tritt in den Ruhestand (1887)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Dezember 1887: "Meisenheim, 15. November (1887). Herr Unrich, der Lehrer der israelitischen Schule, welcher krankheitshalber schon seit Jahresfrist an der Ausübung seines Amtes verhindert war, ist nun in den wohl verdienten Ruhestand getreten. Für seine große Treue und seinen Pflichteifer während seiner fünfzigjährigen Wirksamkeit wurde ihm von Seiner Majestät unserem König der Adler des Hohenzollernschen Hausordens verliehen. Anlässlich der Überreichung desselben fand heute Morgen in dem ehemaligen Schulsaale des Jubilars eine einfache, erhebende Feier statt. Nach Absingung eines Liedes seitens der zur Konferenz dahier versammelten Lehrer des Konferenzbezirks Meisenheim dekorierter Herr Landrat Schlenther, im Auftrag der Königlichen Regierung Herrn Unrich. Herr Kreisschulinspektor Bornemann gedachte in lobender Anerkennung der gewissenhaften, treuen Amtsführung desselben. Herr Lehrer Martin beglückwünschte den Dekorierten im Namen seiner Kollegen und gedachte des liebevollen kollegialischen Entgegenkommens desselben. Auch Herr Superintendent Gerlach drückte ihm die herzlichsten Glückwünsche aus. Als der Vertreter der Gemeinde war Herr Bürgermeister von Holwede erschienen. Tief ergriffen dankte Herr Unrich für die ihm gewordene Auszeichnung und die herzlichen Glückwünsche. Von ganzem Herzen stimmen wir ein in den Wunsch der Gratulanten, dem Jubilar möge nach so langjähriger mühevoller aber auch segensreicher Lehrertätigkeit ein langer, ungetrübter Lebensabend beschieden sein."
Zum Tod von Lehrer Benjamin Unrich 1890
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. März 1890: "Meisenheim, 4. März (1890). Unter sehr zahlreicher Beteiligung der hiesigen Einwohner und der Lehrer des Konferenzbezirks Meisenheim fand gestern Nachmittag die Beerdigung des israelitischen Lehrers, Herrn Benjamin Unrich statt. Herr Rabbiner Maier (sc. Dr. Israel Mayer) aus Zweibrücken, der früher lange Jahre an der hiesigen israelitischen Gemeinde tätig war, hielt am Grabe des im 78. Lebensjahre Dahingeschiedenen die Leichenrede. Der Verstorbene war im November 1887 krankheitshalber genötigt, nach 50 jähriger Wirksamkeit sein Amt niederzulegen. Bei jener Gelegenheit wurde er für seine große Treue und seinen Pflichteifer von unserem hochseligen König Wilhelm I. mit dem Adler des Hohenzollernschen Hausordens bedacht. Herr Unrich war bei seinen Mitbürgern durch seine gewissenhafte Amtsführung und sein freundliches Benehmen im Umgang allgemein geachtet und beliebt. Ehre seinem Andenken!"
Über den Kantor und Religionslehrer Heyman de Beer (Kantor von 1875 bis 1909)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 16. November 1909: "Meisenheim am Glan. Vor kurzer Zeit legte Herr Heyman de Beer, der langjährige Kantor der hiesigen israelitischen Gemeinde, sein Amt nieder. Im Jahre 1875 kam Herr de Beer nach Meisenheim, damals noch Sitz eines Rabbiners und einer staatlichen israelitischen Volksschule. Nachdem durch den allgemeinen Zug nach der Großstadt die Gemeinde infolge ihrer Verminderung die beiden letzten Institutionen aufgeben musste, verblieb Herr de Beer als alleiniger Kultusbeamter. Er hat seines Amtes fast 35 Jahre lang ununterbrochen gewaltet. Die hiesige Gemeinde bereitete ihm zum Abschied eine kleine Feier, wobei ihm die Ältesten im Namen der Gemeinde als Andenken an Meisenheim und in Anerkennung seiner verdienstvollen Tätigkeit in feierlicher Weise ein Ehrengeschenk (bestehend aus einem Ruhesessel und einer silbernen Bowle) überreichten. Herr de Beer siedelte nach Frankfurt am Main über, um seinen Lebensabend im Kreise seiner Familie bei seinen Kindern zu verbringen."
Über den letzten jüdischen Lehrer Dr. Julius Voos (geb. 1904 im Kamen, ermordet 1944 in Auschwitz)
Julius Voos (auf dem Foto links mit seiner Frau Stephanie geb. Fuchs 1940 in Münster) ist 1904 in Kamen (Rheinland) als Sohn eines Metzgermeisters geboren, wo er mit fünf Geschwistern aufgewachsen ist; Ausbildung zum Lehrer in der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster. Seite erste Stelle war nach dem Examen 1924 in Meisenheim, wo er bis 1928 als Religionslehrer und Kantor wirkte, zuletzt auch als Lehrer für andere Fächer an der evangelischen Volksschule in Meisenheim. Nach 1928 studierte er in Berlin und Bonn, wo er zum Dr.phil. promovierte. Nach dem Rabbinerexamen fand er in Guben, Niederlausitz eine Anstellung, wo er 1936 Stephanie Fuchs heiratete. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er verhaftet und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Seit Januar 1939 war das Ehepaar in Münster, wo er als letzter Rabbiner und Lehrer tätig war. Die Bemühungen um eine Auswanderung scheiterten. Im März 1942 Zwangsarbeit in Bielefeld, wo er mit Frau und dem Sohn Denny in einem der dortigen "Judenhäuser" wohnte und heimlich mit den verblieben jüdischen Bewohnern Gottesdienste abhielt. A, 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo Frau und Sohn sofort ermordet wurden. Julius Voos kam in das Arbeitslager Auschwitz III. Er starb am 2. November 1944 auf Grund der katastrophalen Arbeitsbedingungen. Nach dem Überlebenden Dr. Unikower aus Breslau war Dr. Julius Voos der einzige Rabbiner in Auschwitz, der das 'Lager erbarmungslos mitgemacht, schwerstgearbeitet, gehungert und gedurstet und seine Kameraden noch aufgerichtet hat".
Zur Erinnerung an ihn gibt es in Münster eine "Julius-Voos-Gasse", gleichfalls in Kamen eine "Julius-Voos-Straße".
Informationen zu Voos und Foto nach einer Seite des DYBBUK-Ensemble
Weitere Informationen: Zwischen Hoffen und Bangen. Filmaufnahmen einer jüdischen Familie im 'Dritten Reich'. Begleitheft zum Film (online zugänglich). Hrsg. vom Westfälischen Landesmedienzentrum. Zu Julius Voos und seiner Familie S. 21ff.
Die Gemeinde- und Synagogenordnung von 1849
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. Juli 1849: "Meisenheim, 8. Juli 1849. Beifolgende Statuten für die hiesige israelitische Kultusgemeinde möchten vielleicht jetzt, wo es sich überall reget zur Neugestaltung und Bildung anderer Grundlagen für unser künftiges Gemeindeleben, auch für das größere Publikum einiges Interesse haben. – Die Genesis derselben ist einfach folgende. Als das stürmische Jahr 1848 auch die israelitischen Gemeindeverhältnisse mit Auflösung bedrohte, dagegen aber auch die Gelegenheit bot, sich selbständig, ungehindert von oben, zu konstituieren, wurde diese Gelegenheit rasch benützt. In einer Plenarversammlung – die Gemeinde zählt nur 32 selbständige Mitglieder – wurden dem Rabbiner sechs Personen beigegeben, um mit denselben gemeinschaftlich einen Entwurf zu einer Gemeindeordnung auszuarbeiten. Dieser so entstandene Entwurf wurde nachher wieder von der ganzen Gemeinde § nach § beraten, größtenteils angenommen und Weniges daran modifiziert. Die landgräfliche Regierung wurde hierauf um Genehmigung ersucht, diese wünschte ebenfalls einige Modifikationen, man vereinbarte sich darüber, und hierauf erfolgte die landgräfliche Sanktion und Publikation im Regierungsblatte.
Dass Vieles darin nur in lokalen Verhältnissen seine Begründung findet, versteht sich von selbst. Das absolute Veto, das in religiösen Angelegenheiten dem Rabbiner eingeräumt ist, möchte mit Recht vielen Tadel finden. Allein wie die Sachen jetzt stehen, ist ein Missbrauch des Rabbiners in dieser Hinsicht nicht zu fürchten; und wendet man ein, dass eine Konstitution ja nicht für gewisse Zustände berechnet sein darf, sondern gerade dazu da ist, um in allen Lagen und gegen alle eventuellen Persönlichkeiten Rechtsschutz zu gewähren, dass ja in unserem Falle das Verhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde später ein umgekehrtes sein könne; so bedenke man, dass eben diesen Umstand die jetzige, vollständige konservative Gemeinde vorbedachte und aus Furcht davor dem Rabbiner das absolute Veto in religiösen Angelegenheiten aufdrang.
[Bemerkung der Redaktion. Wir teilen die folgende Gemeindeordnung allerdings darum mit, weil eine Solche bei der gegenwärtigen Krise von Bedeutung ist, und Vielen willkommen sein möchte.]
Wir Ferdinand, von G.G. souv. Landgraf zu Hessen etc. etc. fügen zu wissen:
Nachdem die israelitische Kultgemeinde zu Meisenheim die nachfolgenden Bestimmungen über die Regelung ihrer Gemeindeverhältnisse im Wege der freiwilligen Vereinbarung angenommen und an uns das Ansuchen gerichtet hat, denselben unsere landesfürstliche Sanktion zu erteilen, so haben wir dieser Bitte zu willfahren beschlossen und sanktionieren daher diese Bestimmungen dergestalt, dass dieselben für die jetzigen und künftigen Mitglieder der israelitischen Kultgemeinde zu Meisenheim, beziehungsweise für Alle, welche nach dem Inhalte derselben zu dieser Gemeinde gehören sollen, als Gesetz gelten und verbindlich sein sollen. Die gedachten Bestimmungen verkünden wir zugleich, wie folgt:
Begriff und Mitgliedschaft.
§ 1. Die israelitische Kultusgemeinde zu Meisenheim ist ein Einzelverband zum Zwecke der Erhaltung, Pflege und Übung der israelitischen Religionsvorschriften, zur Förderung religiösen Sinnes und zu Heiligung des Lebens.
§ 2. Zur israelitischen Kultusgemeinde zu Meisenheim gehören alle dem politischen Bürgerverbande daselbst und in Breidenheim einverleibten Israeliten.
§ 3. Stimmfähiges, vollberechtigtes und verpflichtetes Gemeindeglied…."
Bitte den weiteren Text in den anklickbaren Texten einsehen.
Fortsetzung der Gemeindeordnung mit Schwerpunkt Synagogenordnung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Juli 1849:
§ 39 Kinder, welche die Lehrschule noch nicht besuchen, dürfen auch beim Gottesdienste nicht erscheinen.
§ 40 Kinder vom zehnten Jahre bis nach ihrer Konfirmation werden zum Chorgesang verwendet und sitzen, unter der Aufsicht ihres Lehrers, auf einer eigenen Bank, auf welcher kein Anderer Platz nehmen darf.
§ 41 Jüngere Kinder und ältere Knaben stehen unter der Aufsicht ihrer Eltern, resp. Pflegeeltern, und sind diese für deren Betragen verantwortlich.
§ 42 Erwachsene haben still und geräuschlos einzutreten, sich ebenso ruhig sogleich auf ihren Platz zu begeben, welchen sie vor Beendigung des Gottesdienstes resp. vor Olenugebet, nicht verlassen dürfen. Nur dringende Fälle, zur Befriedigung eines unabweislichen Bedürfnisses, machen hiervon eine Ausnahme.
§ 43 Um das Zusammenströmen von Männern und Frauen vor der Synagogentüre zu verhüten, dürfen die Letzteren schon nach der Mussaph-Keduscha das Gotteshaus verlassen.
§ 44 Alles Aufhalten auf der Treppe in dem Synagogenhofe oder in der zur Synagoge gehörigen Wohnung ist während des ganzen Gottesdienstes streng untersagt.
§ 45 Jedes Plaudern, wenn auch noch so leise, das laute Beten, das Bewillkommnen, das Zurufen von Jascher-Koa und ähnl., das Entfernen von seinem Platze, wenn ihn nicht eine Funktion dazu nötigt, kann nicht gestattet werden.
§ 46 Nach dem Anlegen der Gebetriemen muss Jeder seinen Rock wieder vollständig anziehen und kann es unter keinen Umständen gestattet werden, mit entblößtem Arme in der Synagoge zu verweilen.
Anzeige der Wein- und Speisewirtschaft Ferdinand Fränkel (1876)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1876: "Koscher Restauration Koscher. Empfehle hiermit meine nach streng jüdischem Ritus geführte Wein- und Speisewirtschaft. Ferdinand Fränkel sen., Meisenheim am Glan."
Anzeige der Metzgerei / Wurstfabrik H. Rotschild (1876)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September 1876: "J. Rothschild, Meisenheim. Koscher empfiehlt alle Sorten Würste koscher als: Salami-, Cervelat- und Knoblauch-Würste, sowie Rauch- und Pökelfleisch zu den billigsten Preisen."
Zunächst war jeweils ein Betsaal vorhanden. 1808 wurde eine Synagoge in der Lauergasse erbaut. Nachdem sie für die im 19. Jahrhundert größer werdende Gemeinde nicht mehr ausreichte, beschloss die jüdische Gemeinde 1860 den Neubau einer Synagoge an der städtischen Bleiche, der heutigen Saarstraße.
Aus der ersten Zeit der Spendensammlungen für den Neubau liegt ein Bericht aus der Zeitschrift "Der Israelitische Volkslehrer" vom Oktober 1860 vor:
"Meisenheim. Die hiesige Gemeinde hat diesmal einen sehr schönen Matnat Jad gefeiert. Nachdem sie vor zwei Jahren zur Erweiterung und Verschönerung des Friedhofes bedeutende Summen verwendet, vor einem Jahre zur Erhaltung ihres Rabbiners diesem eine entsprechende Gehaltserhöhung votierte, bewilligte sie an den letzten Festtagen die Summe von 2000 Gulden zum Bau einer neuen Synagoge. Die bisherige war nämlich bei ihrer Gründung vor 52 Jahren auf eine viel kleinere Mitgliederzahl berechnet und auch vor ungefähr 12 Jahren durch Verbauung von Seiten der Nachbarn alles Lichtes beraubt worden; so dass ihr, abgesehen von den Anforderungen eines besseren Geschmacks, Licht, Luft und Raum fehlte. - Wer die Verhältnisse der hiesigen Gemeinde kennt, wird diese Opferwilligkeit nicht gering anschlagen und dem guten Willen der Gemeinde die vollste Anerkennung nicht versagen. Freilich reicht diese Summe noch nicht hin, das Ziel vollständig zu erreichen, allein man hofft umso mehr auf auswärtige Hilfe, als man auch hier nie zurückstand, wenn von Außen ein Hilferuf ertönte."
Die frühere Synagoge wurde einige Jahre darauf abgebrochen. Der Neubau sollte ein repräsentatives Gebäude werden. Die Finanzierung (es entstanden Kosten von 15.200 Gulden) konnte mit einigen Mühen gesichert werden. Am 3. August 1866 fand die feierliche Einweihung der neuen, durch den Architekten Heinrich Krausch entworfenen Synagoge statt. Sie verfügte über 160 Sitzplätze. Zum Inventar gehörten u.a. sechs Torarollen, reichhaltiger Toraschmuck, silberne Leuchter, eine Orgel und eine Bibliothek. In sechs Pulten wurden die Gebetbücher aufbewahrt. Äußerlich war es ein sechsachsiger Saalbau mit einer dreigeschossigen Doppelturmfassade.
In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Meisenheimer Synagoge erheblich beschädigt. Sämtliche Türen, Fenster und große Teile der Empore wurden zertrümmert sowie Feuer gelegt, das jedoch bald wieder gelöscht wurde mit Rücksicht auf ein unmittelbar angrenzendes NS-Haus. Das Gebäude wurde zwar nicht abgebrochen, doch das obere Geschoss der beiden Türme 1940 abgetragen. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude überwiegend als Industriebetrieb zweckentfremdet, danach als städtisches Lagerhaus. Seit 1951 war des privates Lager für Getreide, Futter- und Düngemittel. Beim Umbau wurden die Reste der Frauenemporen entfernt, die Fenster vermauert und Zwischendecken eingezogen. 1982 wurde es unter Denkmalschutz gestellt. 1985 erfolgte die Gründung des "Träger- und Fördervereins Synagoge Meisenheim", der 1986 die ehemalige Synagoge erwarb und restaurieren ließ. Am 9. November 1988 – fünfzig Jahre nach dem Novemberpogrom 1938 – konnte das ehemalige Synagogengebäude als "Haus der Begegnung" der Öffentlichkeit übergeben werden.
Im oberen Stockwerk wurde als sichtbare Erinnerung an die ehemalige Synagoge ein Glasfenster der israelischen Künstlerin Ruth van de Garde-Tichauer angebracht. Das Fenster wurde unter technischer Assistenz von Karl-Heinz Brust aus Kirn ausgeführt. Inhalt des Glasfensters ist die Rückkehr der zwölf Stämme Israels nach Jerusalem auf Grund des Textes aus dem 18-Bitten-Gebet (Schmone-Esre): "Stoße in die große Posaune zu unsrer Befreiung und richte ein Panier auf, all unsre Verbannten zu sammeln von den vier Flügeln der Erde hin nach unserem Land".
Mit Bescheid vom 21. Mai 1997 erhielt das Synagogengebäude den Schutz der Haager Konvention als besonders schützenswertes Kulturgut. Über dem Eingang befindet sich seit 1999 ein von der israelischen Partnerstadt des Kreises Bad Kreuznach Kiryat Motzkin gestifteter David-Stern aus Jerusalem-Kalkstein.
Adresse/Standort der Synagoge: Saarstraße 3
Öffnungszeit des "Hauses der Begegnung": Von April bis Oktober am 1. Sonntag eines jeden Monats von 15 bis 17 Uhr. Eine Besichtigung der ehemaligen Synagoge oder eine Führung durch die Ausstellung ist für Einzelpersonen und Gruppen nach vorheriger Absprache jederzeit möglich.
Träger- und Förderverein Synagoge Meisenheim e.V. Vorsitzender Günther Lenhoff (Tel. 06753/124511)
Stellvertretende Vorsitzende Martha Eicher (Warthstr. 1 55590 Meisenheim, Tel. 06753/3771)
Schatzmeister Wolfgang Schumann (Tel. 06753/3110)
Spendenkonto: Träger- und Förderverein Synagoge Meisenheim. Sparkasse Rhein-Nahe Bad Kreuznach Konto Nr. 7004757 BLZ 560 501 80
(Fotos Hahn, Aufnahmedatum am "Tag des offenen Denkmals" am 11.9.2005; Fotos zweite Fotozeile von Michael Ohmsen, Aufnahmen vom Sommer 2010)
Ansichten des Synagogengebäudes
Rechts: hochauflösende Fotos
(Quelle der Fotos rechts und in den Fotozeilen
darunter: Michael Ohmsen (2010; aus der
Fotoseite von M. Ohmsen; die drei mit *
markierten Fotos sind von Klara Strompf, 2020) *
Blick auf die ehemalige Synagoge Das Eingangsportal
Links Portalinschrift; rechts Hinweis-/
Informationstafel zu den Zehn Geboten Hinweistafel
Ausstellung im Erdgeschoss (Bereich des Betsaales)
Toravorhang, ursprünglich aus
Bad Sobernheim Aufgang zum oberen Bereich auf Höhe der ehemaligen Frauenempore mit
künstlerischen Darstellungen von SchülerInnen
Das Glasfenster der israelischen Künstlern Ruth van de Garde-Tichauer
jüdischen Schule, Wagnergasse 13
(Foto: Michael Ohmsen,
Aufnahme vom Sommer 2010; Fotoseite)
Geschichte des Hauses nach der angebrachten Tafel: "Ehemalige Schule 1751 zweites
lutherisches Pastorat, danach bis 1838 unten Schulraum, oben Lehrerwohnung. 1842-87
jüdische Elementarschule. Erster und einziger Lehrer Benjamin Unrich ab 1839.
Zierfachwerk 1938 freigelegt."
"Stolpersteine" in Meisenheim - unvollständige Zusammenstellung
(Fotos: obere Zeile: Michael Ohmsen, Aufnahmen vom Sommer 2010;
Fotos mit *: Klara Strompf, Aufnahmen vom Februar 2020)
"Stolpersteine" für Familie Cahn (Metzgermeister):
Albert Cahn (1879), Hilde Blumenthal geb. Cahn
(1910), Fritz Max Cahn
(1914), Johanna Cahn geb. Kaufmann (1881),
alle 1937/39 in die USA geflüchtet;
Obergasse, Ecke Rathausgasse.
"Stolpersteine" für Familie Weil
(wohlhabender Getreidehändler):
für Rika Weil geb. Stein (1875,
ermordet nach Deportation in Sobibor), Hugo
Weil (1907, überlebte Auschwitz),
Hedwig Weil geb. Mayer (1912, ermordet in
Auschwitz), Alfred Weil (1936, ermordet in
Auschwitz), Dr. Otto Weil (1894, ermordet
in Bergen-Belsen);
auf der Lindenallee, nahe Obertor/Amtsgasse. "Stolpersteine" für Familie Rosenberg
(Tabakwarenhändler und Mitglied des Stadtrates): Moritz
Rosenberg (1866, umgekommen 1943 in Theresienstadt),
Auguste Rosenberg geb. Stern
(1863, umgekommen 1943 in Theresienstadt),
Johanna Rosenberg (1891, 1938 in die USA
geflüchtet) und Else Rosenberg
(1894, ermordet); liegen von der Lindenallee abbiegend,
in der Herzog-Wolfgang-Straße, 3. Haus
auf der linken Seite der Straße.
kursive Angaben sind Korrekturen gegenüber
der Stolpersteininschrift
"Stolpersteine" für Familie Strauss (Kleinviehhändler,
eine sehr arme Familie): Lili Strauss (1924), Laura S. geb. Michel (1883),
Isaak 'Louis' S. (1887) und Rudolf S. (1928);
fast direkt neben dem Hotel Meisenheimer Hof,
an der Ecke Obergasse und Klenkertor,
direkt vor dem Eingang zur Volksbank. "Stolpersteine" für Familie David (Getreidehändler):
Adolph David (1879), Liesel D. (1919), Erich D.
(1917), Otto D. (1907), Berta D. geb.
Mayer (1896);
Obergasse, zwischen Hammelgasse und
"Stolpersteine" für Familie Kaufmann (Viehhändler)
Rosa Kaufmann geb. Diehl (1883), Gerti Löwenthal
geb. K. (1907), Robert K. (1908), Else K. (1912),
Ellen (Else) Hirsch geb. K. (1930);
Rathausgasse.
"Stolpersteine" für Familie Levy (Kaufmann,
Schnapsbrenner, Wein- und Likörhändler):
Mathilde Levy geb. Adler (1868), Julius L. (1900),
Alfred Henoch L. (1938), Irma L. geb. Leib (1910);
Rathausgasse, schräg gegenüber
eines italienischen Restaurants
Juli 2012: Miriam Lotte Weihl-Steinhardt besichtigt den Tora-Vorhang aus Bad Sobernheim in der Meisenheimer Synagoge
Miriam Lotte Weihl-Steinhardt besucht Stationen ihrer Kindheit (Allgemeine Zeitung, 02.07.2012)
Dezember 2012: Erster jüdischer Gottesdienst nach 74 Jahren
Artikel in der "Rhein-Zeitung" vom 30. Dezember 2012: "Historischer Moment in Meisenheims Synagoge: Erster Gottesdienst nach 74 Jahren
Meisenheim - Ein besonderes Ereignis konnten Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kaiserslautern und Landstuhl sowie der Air Base Ramstein und Besucher in der ehemaligen Synagoge Meisenheim erleben: Nach 74 Jahren wurde erstmals wieder ein jüdischer Gottesdienst in dem Gebäude an der Meisenheimer Saarstraße zelebriert, das nach der Renovierung seit 1988 als Begegnungszentrum genutzt wird und Raum bietet für eine ständige Ausstellung zum Judentum in Meisenheim und Umgebung sowie für kulturelle Angebote..."
Januar 2020: Vielfältiges kulturelles Programm in der ehemaligen Synagoge
Artikel von Jürgen Link im "Wochenblatt-reporter.de" vom 24. Januar 2020: "Volksbildungswerk startet in neue Saison. Abwechslungsreiches Programm vorbereitet
Meisenheim. Der Träger- und Förderverein Synagoge Meisenheim hat in Zusammenarbeit mit dem Volksbildungswerk ein vielseitiges Kulturprogramm für die erste Hälfte des Jahres 2020 vorbereitet. Auf dem Terminplan stehen anspruchsvolle Konzerte mit hochkarätigen Musikern, Musik aus aller Welt und einer großen Bandbreite, hochinteressante Vorträge und gesellige Veranstaltungen. Veranstaltungsort ist jeweils das Haus der Begegnung (ehemalige Synagoge) in Meisenheim. Nachfolgend eine Programmübersicht: ... "
Website der Verbandsgemeinde Meisenheim mit Seite zum Haus der Begegnung - ehemalige Synagoge
Wikipedia-Artikel zur Synagoge Meisenheim
Stolpersteine: https://stolpersteine-guide.de/staedte/146/meisenheim-am-glan
Günter F. Anthes: Beiträge zur Geschichte der Juden und der jüdischen Kultusgemeinde in Meisenheim am Glan. 1988. Reihe: Quellen zur Geschichte der Stadt und Verbandsgemeinde Meisenheim am Glan XII.
Wolfgang Dörr: Zur Geschichte der Juden in Meisenheim und Umgebung. 1991.
Anni Lamb / Kläre Schlarb: Jüdische Mitbürger in den 20er und 30er Jahren - Zeitzeugen berichten. Meisenheimer Heft Nr. 39. Veröffentlichung des Historischen Vereins Meisenheim e.V. XIV. Jahrgang 1992.
Wolfgang Kemp: Zur Geschichte der Meisenheimer Juden. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 5. Jahrgang, Ausgabe 2/95 S. 23-27. Online zugänglich (pdf-Datei).
Wolfgang Kemp: Zur Geschichte der Meisenheimer Juden. Überarbeitete Version des oben genannten Beitrages in SACHOR (Stand November 2011). Online zugänglich (pdf-Datei).
Albrecht Martin: Ansprache bei der Gedenkveranstaltung 60 Jahre Reichspogromnacht am 9. November 1998 in Meisenheim. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 10. Jahrgang, Ausgabe 1/2000, Heft Nr. 18. S. 58-61. Online zugänglich (als pdf-Datei eingestellt).
Thomas Philippi: Gemeinsam auf Spurensuche im jüdischen Meisenheim. Ein schulartübergreifendes Projekt von Bodelschwingh-Sonderschule - Paul-Schneider-Gymnasium und Regionaler Schule in Meisenheim/Glanz. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 7. Jahrgang, Sonderheft Nr. 1 S. 28-29. Online zugänglich (pdf-Datei).
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 265-268 (mit weiteren Literaturangaben).
Meisenheim. Rhineland. The first Jew is mentioned in 1551 and Jews resided in the city without a break from the mid-17th century. Their population reached a peak of 198 (total 1,882) in 1864. In 1836, the community started a Jewish elementary school, which operated intermittently until Worldwar I. A splendid synagogue was consecrated in 1865 and a new cemetery was opened in 1880. The Jewish population dwindled to 38 by the eve of the Nazi era. The synagogue was partially burned on Kristallnacht (9-10 November 1938), when 16 Jews were still living in Meisenheim. One was taken to the Dachau concentration camp in the wake of the pogrom and perished there. About eight were deported to the death camps.