Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/strafvollstreckungsrecht/sicherungsverwahrung-und-die-ueberschreitung-der-ueberpruefungsfrist-3108226?pk_campaign=feed&pk_kwd=sicherungsverwahrung-und-die-ueberschreitung-der-ueberpruefungsfrist
Timestamp: 2019-08-19 10:23:09
Document Index: 110117673

Matched Legal Cases: ['§ 66', '§ 67', '§ 67', 'Art. 2', 'Art. 2', '§ 95', 'Art. 2', 'Art. 104', '§ 66']

Die Frei­heit der Per­son darf nur aus beson­ders gewich­ti­gen Grün­den und unter stren­gen for­mel­len Gewähr­leis­tun­gen ein­ge­schränkt wer­den. Zu die­sen wich­ti­gen Grün­den gehö­ren in ers­ter Linie sol­che des Straf­rechts und des Straf­ver­fah­rens­rechts. Ein­grif­fe in die per­sön­li­che Frei­heit auf die­sem Gebiet die­nen vor allem dem Schutz der All­ge­mein­heit 1. Zugleich haben die gesetz­li­chen Ein­griff­s­tat­be­stän­de jedoch auch eine frei­heits­ge­währ­leis­ten­de Funk­ti­on, da sie die Gren­zen zuläs­si­ger Ein­schrän­kung bestim­men 2. Das gilt auch für die Unter­brin­gung eines Straf­tä­ters in der Siche­rungs­ver­wah­rung nach Maß­ga­be des § 66 StGB.
Der Gesetz­ge­ber hat im Hin­blick auf das Gewicht des Frei­heits­an­spruchs des Unter­ge­brach­ten für die Voll­stre­ckung der Maß­re­gel beson­de­re Rege­lun­gen getrof­fen. So kann die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer die Aus­set­zungs­rei­fe der Maß­re­gel jeder­zeit über­prü­fen; sie ist dazu seit der zum 1.06.2013 in Kraft getre­te­nen Ände­rung des § 67e Abs. 2 StGB durch das Gesetz zur bun­des­recht­li­chen Umset­zung des Abstands­ge­bo­tes in der Siche­rungs­ver­wah­rung vom 05.12 2012 3 jeweils spä­tes­tens vor Ablauf eines Jah­res ver­pflich­tet 4. Vor die­sem Zeit­punkt betrug die Über­prü­fungs­frist gemäß § 67e Abs. 2 StGB a.F. zwei Jah­re.
Die Vor­schrif­ten über die regel­mä­ßi­ge Über­prü­fung der wei­te­ren Voll­stre­ckung der Siche­rungs­ver­wah­rung die­nen der Wah­rung des Über­maß­ver­bots bei der Beschrän­kung des Grund­rechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG 5. Ihre Miss­ach­tung kann die­ses Grund­recht ver­let­zen, wenn es sich um eine nicht mehr ver­tret­ba­re Fehl­hal­tung gegen­über dem das Grund­recht sichern­den Ver­fah­rens­recht han­delt, die auf eine grund­sätz­lich unrich­ti­ge Anschau­ung von der Bedeu­tung des Grund­rechts schlie­ßen lässt 6.
Zwar führt nicht jede Ver­zö­ge­rung des Geschäfts­ab­laufs in Unter­brin­gungs­sa­chen, die zu einer Über­schrei­tung der ein­schlä­gi­gen Frist­vor­ga­ben führt, auto­ma­tisch auch zu einer Grund­rechts­ver­let­zung, weil es zu sol­chen Ver­zö­ge­run­gen auch bei sorg­fäl­ti­ger Füh­rung des Ver­fah­rens kom­men kann 7. Es muss jedoch sicher­ge­stellt sein, dass der Geschäfts­gang der Kam­mer in der Ver­ant­wor­tung des Vor­sit­zen­den oder des Bericht­erstat­ters eine Fris­ten­kon­trol­le vor­sieht, die die Vor­be­rei­tung einer recht­zei­ti­gen Ent­schei­dung vor Ablauf der Jah­res­frist sicher­stellt. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Betrof­fe­ne in aller Regel per­sön­lich anzu­hö­ren ist und dass auch für eine sach­ver­stän­di­ge Begut­ach­tung aus­rei­chend Zeit ver­bleibt, soweit die Kam­mer eine sol­che für erfor­der­lich hal­ten soll­te. Die gesetz­li­che Ent­schei­dungs­frist lässt dafür aus­rei­chend Raum 8. Grün­de für eine etwai­ge Frist­über­schrei­tung sind zur ver­fah­rens­recht­li­chen Absi­che­rung des Grund­rechts aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG in der Fort­dau­er­ent­schei­dung dar­zu­le­gen 9.
Die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an Ent­schei­dun­gen wer­den in dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teil­ten Fall die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se des Land­ge­richts Arns­berg 10 und des Ober­lan­des­ge­richts Hamm 11 nicht gerecht:
Dem­ge­gen­über kann als Zeit­punkt des Beginns der Über­prü­fungs­frist auch nicht auf den Beschluss des Land­ge­richts vom 15.05.2012 abge­stellt wer­den. Gegen­stand die­ses Beschlus­ses war, wie im Beschluss selbst aus­drück­lich dar­ge­legt wird, aus­schließ­lich die Fra­ge, ob die Ent­schei­dung, „den Antrag des Antrag­stel­lers auf Zuwei­sung eines grö­ße­ren und bes­ser aus­ge­stat­te­ten Haft­rau­mes (bzw. Unter­brin­gungs­rau­mes, da sich der Antrag­stel­ler nicht in Straf­haft befin­det) zurück­zu­wei­sen, recht­mä­ßig” war. Eine Über­prü­fung und Ent­schei­dung über die Fort­dau­er der Siche­rungs­ver­wah­rung ist mit die­sem Beschluss nicht ver­bun­den. Dem ent­spricht, dass im Voll­stre­ckungs­heft der 11.07.2013 als nächs­ter Über­prü­fungs­ter­min ver­merkt wor­den war.
Dem­ge­mäß ende­te selbst bei Außer­acht­las­sung der mit dem Gesetz zur bun­des­recht­li­chen Umset­zung des Abstands­ge­bo­tes im Recht der Siche­rungs­ver­wah­rung vom 05.12 2012 3 ein­her­ge­hen­den Ver­kür­zung der Über­prü­fungs­frist auf ein Jahr die Frist zur Über­prü­fung der Unter­brin­gung des Beschwer­de­füh­rers spä­tes­tens am 12.07.2013.
Es ist daher gemäß § 95 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG fest­zu­stel­len, dass die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se des Ober­lan­des­ge­richts Hamm vom 20.03.2014 und 11.02.2014 sowie des Land­ge­richts Arns­berg vom 13.11.2013 den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 in Ver­bin­dung mit Art. 104 Abs. 1 GG ver­let­zen. Die Beschlüs­se des Ober­lan­des­ge­richts Hamm sind jedoch nicht auf­zu­he­ben, da sie durch die Fort­dau­er­ent­schei­dung des Land­ge­richts Arns­berg vom 28.04.2015 mitt­ler­wei­le pro­zes­su­al über­holt sind 12.
Siche­rungs­ver­wah­rung – und die Fra­ge der… Die Voll­stre­ckung der Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung ist unver­hält­nis­mä­ßig, wenn dem Ver­ur­teil­ten nach dem 31.05.2013 kei­ne aus­rei­chen­de Betreu­ung im Sin­ne des § 66c StGB ange­bo­ten wor­den ist. Eine Nach­frist­set­zung zur…
vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 10↩
vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 11↩
vgl. BVerfGK 4, 176, 181; 5, 67, 68; BVerfG, Beschluss vom 05.05.2008 – 2 BvR 1615/​07 17; Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16↩
vgl. BVerfGE 18, 85, 93; 72, 105, 114 f.; BVerfGK 4, 176, 181; BVerfG, Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16↩
vgl. BVerfGK 4, 176, 181; BVerfG, Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16; Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 12↩
vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.11.2011 – 2 BvR 1334/​10 16; Beschluss vom 29.11.2011 – 2 BvR 1665/​10 12↩
LG Arns­berg, Beschluss vom 13.11.2013 – III-1 StVK 45/​13↩
OLG Hamm, Beschluss vom 11.02.2014 und 20.03.2014 – III-4 Ws 12/​14↩
vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.11.2014 – 2 BvR 2774/​12 51↩