Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/beweisverwertungsverbote-sachvortragsverbote-arbeitsgerichtsverfahren-3134052
Timestamp: 2019-09-17 08:32:30
Document Index: 49666198

Matched Legal Cases: ['Art. 103', 'Art. 1', '§ 1', '§ 1', '§ 32', '§ 138', '§ 611', '§ 286', '§ 286', 'BGH']

Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­te und Sach­vor­trags­ver­bo­te im Arbeits­ge­richts­ver­fah­ren | Rechtslupe
Weder die Zivil­pro­zess­ord­nung noch das Arbeits­ge­richts­ge­setz ent­hal­ten Bestim­mun­gen, die die Ver­wert­bar­keit von Erkennt­nis­sen oder Beweis­mit­teln ein­schrän­ken, die eine Arbeits­ver­trags­par­tei rechts­wid­rig erlangt hat. Ein Ver­wer­tungs­ver­bot kann sich zwar aus einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung des Ver­fah­rens­rechts erge­ben.
Da der Anspruch auf recht­li­ches Gehör aus Art. 103 Abs. 1 GG grund­sätz­lich gebie­tet, den Sach­vor­trag der Par­tei­en und die von ihnen ange­bo­te­nen Bewei­se zu berück­sich­ti­gen, kommt ein "ver­fas­sungs­recht­li­ches Ver­wer­tungs­ver­bot"1 jedoch nur in Betracht, wenn dies wegen einer grund­recht­lich geschütz­ten Posi­ti­on einer Pro­zess­par­tei zwin­gend gebo­ten ist2. Das setzt in aller Regel vor­aus, dass bereits durch die Infor­ma­ti­ons- oder Beweis­be­schaf­fung das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht der Par­tei ver­letzt wor­den ist, ohne dass dies durch über­wie­gen­de Belan­ge der ande­ren Par­tei gerecht­fer­tigt gewe­sen wäre. Über­dies müs­sen die betrof­fe­nen Schutz­zwe­cke des bei der Gewin­nung ver­letz­ten Grund­rechts der Ver­wer­tung der Erkennt­nis oder des Beweis­mit­tels im Rechts­streit ent­ge­gen­ste­hen3. Die pro­zes­sua­le Ver­wer­tung muss selbst einen Grund­rechts­ver­stoß dar­stel­len4. Das ist der Fall, wenn das nach Art. 1 Abs. 3 GG unmit­tel­bar an die Grund­rech­te gebun­de­ne Gericht ohne Recht­fer­ti­gung in eine ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­te Posi­ti­on einer Pro­zess­par­tei ein­grif­fe, indem es eine Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zung durch einen Pri­va­ten per­p­etu­ier­te oder ver­tief­te. Inso­fern kommt die Funk­ti­on der Grund­rech­te als Abwehr­rech­te gegen den Staat zum Tra­gen. Auf eine nicht gerecht­fer­tig­te Beein­träch­ti­gung des Per­sön­lich­keits­rechts durch einen Pri­va­ten darf kein ver­fas­sungs­wid­ri­ger Grund­rechts­ein­griff durch ein Staats­or­gan "auf­ge­sat­telt" wer­den5. Nicht abschlie­ßend geklärt ist, ob die Gerich­te jen­seits der sie tref­fen­den Pflicht, unge­recht­fer­tig­te Grund­rechts­ein­grif­fe zu unter­las­sen, wegen einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz­pflicht gehal­ten sein kön­nen, einer Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts durch Pri­va­te aktiv zu begeg­nen und Sach­vor­trag oder Beweis­an­trit­te einer Par­tei aus Grün­den der Gene­ral­prä­ven­ti­on außer Acht zu las­sen. Dafür wäre jeden­falls Vor­aus­set­zung, dass die ver­letz­te Schutz­norm in den betref­fen­den Fäl­len ohne ein pro­zes­sua­les Ver­wer­tungs­ver­bot leer­lie­fe6.
Obwohl die Vor­schrif­ten des BDSG aF nicht die Zuläs­sig­keit von Par­tei­vor­brin­gen und sei­ne Ver­wer­tung im Ver­fah­ren vor den Gerich­ten für Arbeits­sa­chen begren­zen, und obgleich es für das Ein­grei­fen eines Ver­wer­tungs­ver­bots dar­auf ankommt, ob bei der Erkennt­nis- oder Beweis­ge­win­nung das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht ver­letzt wor­den ist, sind die ein­fach­recht­li­chen Vor­ga­ben inso­fern nicht ohne Bedeu­tung. Die Bestim­mun­gen des BDSG aF über die Anfor­de­run­gen an eine zuläs­si­ge Daten­ver­ar­bei­tung kon­kre­ti­sie­ren und aktua­li­sie­ren für den Ein­zel­nen den Schutz sei­nes Rechts auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung und am eige­nen Bild (§ 1 Abs. 1 BDSG aF). Sie regeln, in wel­chem Umfang im Anwen­dungs­be­reich des Geset­zes Ein­grif­fe durch öffent­li­che oder nicht-öffent­li­che Stel­len im Sin­ne des § 1 Abs. 2 BDSG aF in die­se Rechts­po­si­tio­nen erlaubt sind. War die betref­fen­de Maß­nah­me nach den Vor­schrif­ten des BDSG aF zuläs­sig, liegt inso­weit kei­ne Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts in Gestalt des Rechts auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung und am eige­nen Bild vor7. Ein Ver­wer­tungs­ver­bot schei­det von vorn­her­ein aus. So liegt es nament­lich, wenn die umfas­sen­de Abwä­gung der wider­strei­ten­den Inter­es­sen und Grund­rechts­po­si­tio­nen im Rah­men der Gene­ral­klau­seln des § 32 Abs. 1 BDSG aF zuguns­ten des Arbeit­ge­bers aus­fällt. Nur dann, wenn die frag­li­che Maß­nah­me nach den Bestim­mun­gen des BDSG aF nicht erlaubt war, muss geson­dert geprüft wer­den, ob die Ver­wer­tung von im Zuge die­ser Maß­nah­me gewon­ne­nen Erkennt­nis­sen oder Beweis­mit­teln durch das Gericht einen Grund­rechts­ver­stoß dar­stel­len wür­de. Dar­an kann es zum einen feh­len, wenn die Unzu­läs­sig­keit der vom Arbeit­ge­ber durch­ge­führ­ten Maß­nah­me allein aus der (Grund-)Rechtswidrigkeit der Daten­er­he­bung(en) gegen­über ande­ren Beschäf­tig­ten resul­tiert oder die ver­letz­te ein­fach­recht­li­che Norm kei­nen eige­nen "Grund­rechts­ge­halt" hat8. Zum ande­ren kann es sein, dass die gericht­li­che Ver­wer­tung weder einen unge­recht­fer­tig­ten Grund­rechts­ein­griff dar­stell­te noch auf­grund einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Schutz­pflicht zu unter­las­sen ist, weil durch sie die unge­recht­fer­tig­te "vor­pro­zes­sua­le" Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts einer Pro­zess­par­tei nicht per­p­etu­iert oder ver­tieft wür­de und der Ver­wer­tung auch Grün­de der Gene­ral­prä­ven­ti­on nicht ent­ge­gen­ste­hen9.
Das Bun­des­ar­beits­ge­richt unter­schei­det zwi­schen Sach­vor­trags- und Beweis­ver­wer­tungs­ver­bo­ten. Ein Sach­vor­trags­ver­wer­tungs­ver­bot spielt kei­ne Rol­le, wenn der Arbeit­neh­mer den betref­fen­den Vor­trag des Arbeit­ge­bers aus­rei­chend bestrei­tet. Dann greift die Geständ­nis­fik­ti­on des § 138 Abs. 3 ZPO schon ein­fach­recht­lich nicht ein. Sie muss nicht erst in ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung der Vor­schrift "aus­ge­schal­tet" wer­den. Sieht der Arbeit­neh­mer hin­ge­gen von einem – ggf. wahr­heits­wid­ri­gen – Bestrei­ten ab, bewirkt ein Sach­vor­trags­ver­wer­tungs­ver­bot, dass das inkri­mi­nier­te Vor­brin­gen des Arbeit­ge­bers gleich­wohl als bestrit­ten zu behan­deln ist. Damit wird der Streit auf die Beweis­ebe­ne geho­ben. Dort greift zulas­ten des Arbeit­ge­bers ggf. ein kor­re­spon­die­ren­des Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot mit der Fol­ge, dass er für sei­nen – als strei­tig anzu­se­hen­den – Vor­trag beweis­fäl­lig bleibt. Inso­fern bedeu­tet ein Ver­bot der "Ver­wer­tung", dass das Gericht den frag­li­chen Vor­trag sei­ner Ent­schei­dung weder als unstrei­tig (Sach­vor­trags­ver­wer­tungs­ver­bot) noch als auf­grund des inkri­mi­nier­ten Beweis­mit­tels bewie­sen (Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot) zugrun­de legen darf10.
Das Gericht muss – nur – dann von Amts wegen prü­fen, ob ein Ver­wer­tungs­ver­bot ein­greift, wenn ent­spre­chen­de Anhalts­punk­te dazu Anlass geben und die betref­fen­de Par­tei nicht wirk­sam dar­auf ver­zich­tet hat, die – etwai­ge – Ver­let­zung ihres all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts gel­tend zu machen11. Es trifft nicht zu, dass der Arbeit­ge­ber Tat­sa­chen ledig­lich unter Anga­be der genau­en Beschaf­fungs­mo­da­li­tä­ten in den Rechts­streit ein­brin­gen kann12. Viel­mehr ist es der von einer mög­li­cher­wei­se grund­rechts­wid­ri­gen Erkennt­nis- oder Beweis­mit­tel­ge­win­nung betrof­fe­ne Arbeit­neh­mer, der rele­van­te Umstän­de auf­zei­gen muss, wenn sich nicht schon aus dem Vor­brin­gen des Arbeit­ge­bers (ein­schließ­lich der Beweis­an­trit­te) oder sonst wie "Ver­wert­bar­keits­zwei­fel" erge­ben. Bestehen Anhalts­punk­te dafür, dass ein Ver­wer­tungs­ver­bot ein­grei­fen könn­te, gel­ten die all­ge­mei­nen Grund­sät­ze einer Prü­fung von Amts wegen. Es erfolgt kei­ne Amts­er­mitt­lung. Viel­mehr bleibt es beim Bei­brin­gungs­grund­satz. Das Gericht wird begrün­de­ten Zwei­feln durch Hin­wei­se und Auf­la­gen an die Par­tei­en nach­ge­hen und ggf. Beweis zu den tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für das Vor­lie­gen eines Ver­wer­tungs­ver­bots erhe­ben. So wird es regel­mä­ßig Grund zu der Nach­fra­ge haben, aus wel­chem Anlass und auf wel­che Wei­se eine Video­auf­zeich­nung zustan­de gekom­men ist, deren Inaugen­sch­ein­nah­me als (ein­zi­ger) Beweis ange­bo­ten wird13.
Ehmann Anm. AP BGB § 611 Per­sön­lich­keits­recht Nr. 40 [↩]
aus­führ­lich BAG 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15, Rn.20 ff., BAGE 156, 370 [↩]
vgl. BAG 15.08.2002 – 2 AZR 214/​01, zu II 3 b aa der Grün­de, BAGE 102, 190; Musielak/​Voit/​Foerste ZPO 15. Aufl. § 286 Rn. 6 [↩]
Hk-ZPO/­Sa­en­ger 7. Aufl. § 286 Rn.20 [↩]
vgl. BVerfG 31.07.2001 – 1 BvR 304/​01, zu II 1 b bb der Grün­de; BAG 23.04.2009 – 6 AZR 189/​08, Rn. 26, BAGE 130, 347 [↩]
Musielak/​Voit/​Foerste aaO; Nie­mann JbArbR Bd. 55 S. 41, 43; zurück­hal­tend auch BGH 15.05.2018 – VI ZR 233/​17, Rn. 52 [↩]
BAG 27.07.2017 – 2 AZR 681/​16, Rn. 17, BAGE 159, 380; 29.06.2017 – 2 AZR 597/​16, Rn. 22, BAGE 159, 278 [↩]
vgl. BAG 20.10.2016 – 2 AZR 395/​15, Rn. 32 f., BAGE 157, 69 [↩]
näher Nie­mann JbArbR Bd. 55 S. 41, 58 ff. [↩]
aus­führ­lich Nie­mann JbArbR Bd. 55 S. 41, 43 ff. [↩]
BAG 20.10.2016 – 2 AZR 395/​15, Rn.20, BAGE 157, 69; 22.09.2016 – 2 AZR 848/​15, Rn. 25, BAGE 156, 370 [↩]
so Dzida/​Grau NZA 2010, 1201, 1205; Lunk NZA 2009, 457, 458 [↩]
aus­führ­lich Nie­mann JbArbR Bd. 55 S. 41, 63 ff. [↩]
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