Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/markennutzung-2-347178
Timestamp: 2020-01-17 19:35:41
Document Index: 219946826

Matched Legal Cases: ['§ 115', '§ 49', '§ 26', '§ 242', 'BGH', 'EuG', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'BGH']

Mar­ken­nut­zung | Rechtslupe
Mar­ken­nut­zung
Unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls kann auch ein ein­zi­ger Lie­fer­ver­trag – hier: die Lie­fe­rung von 2.316 Fern­seh­ge­rä­ten – mit einem ein­zel­nen Kun­den für eine ernst­haf­te Benut­zung der Mar­ke aus­rei­chen, wenn der Ver­trag einen nach den Ver­hält­nis­sen des Mar­ken­in­ha­bers erheb­li­chen Umfang hat. Wird mit der Mar­ke gekenn­zeich­ne­te und für einen deut­schen Emp­fän­ger bestimm­te aus­län­di­sche Ware auf des­sen Wei­sung in einem deut­schen Lager aus­ge­lie­fert, steht es einer rechts­er­hal­ten­den Benut­zung der Mar­ke in Deutsch­land nicht ent­ge­gen, dass der Emp­fän­ger die Ware nicht in Deutsch­land in den Han­del bringt, son­dern ent­spre­chend einer schon ursprüng­li­chen Absicht in ande­re Staa­ten aus­führt, damit sie aus­schließ­lich dort an End­ver­brau­cher ver­kauft wer­den.
Die Kla­ge auf Schutz­ent­zie­hung für das Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist gemäß § 115 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit § 49 Abs. 1 Mar­kenG begrün­det, wenn die Mar­ke nach dem Tag der Ein­tra­gung inner­halb eines Zeit­raums von fünf Jah­ren von ihrem Inha­ber nicht gemäß § 26 Mar­kenG ernst­haft im Inland benutzt wor­den ist. Dabei ist von fol­gen­den Grund­sät­zen aus­zu­ge­hen:
Die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die Vor­aus­set­zun­gen der Löschungs­kla­ge hat der Löschungs­klä­ger. Den Mar­ken­in­ha­ber kann aber nach dem auch im Pro­zess­recht gel­ten­den Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) eine pro­zes­sua­le Erklä­rungs­pflicht tref­fen, wenn der Löschungs­klä­ger kei­ne genaue Kennt­nis von den Umstän­den der Benut­zung der Mar­ke hat und auch nicht über die Mög­lich­keit ver­fügt, den Sach­ver­halt von sich aus auf­zu­klä­ren 1.
Die rechts­er­hal­ten­de Benut­zung setzt vor­aus, dass die Mar­ke für die Waren oder Dienst­leis­tun­gen ver­wen­det wird, für die sie geschützt ist, um für die­se Pro­duk­te einen Absatz­markt zu erschlie­ßen oder zu sichern 2. Die Benut­zung muss also erfol­gen, um im Inland Markt­an­tei­le für die durch die Mar­ke geschütz­ten Waren oder Dienst­leis­tun­gen zu behal­ten oder zu gewin­nen 3.
Dar­an fehlt es bei einer blo­ßen unge­bro­che­nen Durch­fuhr, die mit kei­ner Ver­mark­tung der betref­fen­den Waren in Deutsch­land ver­bun­den ist 4. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat ent­schie­den, dass es kei­ne rechts­ver­let­zen­de Benut­zung einer Mar­ke in einem Mit­glied­staat der Uni­on dar­stellt, wenn eine mit der Mar­ke gekenn­zeich­ne­te Ware ledig­lich durch das Gebiet die­ses Mit­glied­staats in einen Dritt­staat beför­dert wird 5. Da der Begriff der rechts­er­hal­ten­den Benut­zung jeden­falls nicht wei­ter ist als der­je­ni­ge der rechts­ver­let­zen­den Benut­zung, kann die nicht rechts­ver­let­zen­de Waren­durch­fuhr auch kei­ne rechts­er­hal­ten­de Benut­zungs­hand­lung dar­stel­len.
Bei der im hier ent­schie­de­nen Ver­fah­ren in Rede ste­hen­den Ware Fern­seh­ge­rä­te mit einem Her­stel­ler­ab­ga­be­preis von ca. 80 € kann eine Lie­fe­rung von 2.316 Gerä­ten an einen ein­zel­nen Kun­den für eine rechts­er­hal­ten­de Benut­zung aus­rei­chen. Dies steht im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, wonach die Fra­ge der rechts­er­hal­ten­den Benut­zung anhand sämt­li­cher rele­van­ter Umstän­de zu prü­fen ist, wobei ins­be­son­de­re die Art der Ware oder Dienst­leis­tung sowie der Umfang und die Häu­fig­keit der Benut­zung der Mar­ke wesent­lich sind 6. Danach kann auch die Belie­fe­rung eines ein­zi­gen Kun­den für eine rechts­er­hal­ten­de Benut­zung aus­rei­chen, wenn sie einen Umfang erreicht, der eine ernst­haf­te Benut­zungs­ab­sicht für einen bestimm­ten räum­li­chen Markt erken­nen lässt 7.
In die­sem Zusam­men­hang muss der Lie­fer­um­fang von 2.316 Fern­seh­ge­rä­ten ins Ver­hält­nis zu Struk­tur und Grö­ße der Beklag­ten gesetzt wer­den. Bei der Beklag­ten han­delt es sich zwar um ein klei­ne­res Unter­neh­men han­de­le, das aber doch einen Zuschnitt hat, der ihm eine inter­na­tio­na­le Tätig­keit ermög­licht. Hier­aus kann, so der Bun­des­ge­richts­hof, geschlos­sen wer­den, dass der fest­ge­stell­te Lie­fer­um­fang unter den Umstän­den des vor­lie­gen­den Falls über einen nur sym­bo­li­schen Gebrauch der Mar­ke zur Auf­recht­erhal­tung ihrer Schutz­fä­hig­keit hin­aus­geht und grund­sätz­lich die Absicht bele­gen kann, einen Absatz­markt zu erschlie­ßen.
Die­se Beur­tei­lung wird auch nicht dadurch in Fra­ge gestellt, dass der gesam­te Lie­fer­um­fang auf nur einen ein­zi­gen Auf­trag ent­fiel. Zwar kön­nen Ver­wen­dun­gen, die in dem betref­fen­den Wirt­schafts­zweig nicht als gerecht­fer­tigt anzu­se­hen sind, um Markt­an­tei­le für die durch die Mar­ke geschütz­ten Waren oder Dienst­leis­tun­gen zu behal­ten oder zu gewin­nen, gegen eine ernst­haf­te Benut­zung spre­chen 8. Das könn­te etwa der Fall sein, wenn mit der Lie­fe­rung allein bezweckt wird, ein Über­an­ge­bot von Waren auf einem bestimm­ten Markt dadurch zu besei­ti­gen, dass die­se Waren in einer ein­ma­li­gen Akti­on zu Schleu­der­prei­sen in einem ande­ren räum­li­chen Markt ver­kauft wer­den 9. Lie­fert der Mar­ken­in­ha­ber dage­gen Waren in einem für eine ernst­haf­te Benut­zung aus­rei­chen­den Umfang im Rah­men sei­ner übli­chen Han­dels­ge­schäf­te in einen bestimm­ten Markt, so ist es für die Beur­tei­lung der ernst­haf­ten Benut­zung uner­heb­lich, ob das gesam­te Lie­fer­vo­lu­men auf meh­re­re Lie­fe­run­gen oder Auf­trä­ge auf­ge­teilt oder auf eine Lie­fe­rung kon­zen­triert wird. Denn die mit die­sem Lie­fer­um­fang ver­bun­de­ne Markt­er­schlie­ßungs­wir­kung ist in bei­den Fäl­len die­sel­be. Unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls kann daher auch ein ein­zi­ger Lie­fer­ver­trag mit einem ein­zel­nen Kun­den für eine ernst­haf­te Benut­zung aus­rei­chen, wenn sie einen nach den Ver­hält­nis­sen des Mar­ken­in­ha­bers erheb­li­chen Umfang hat.
Einer rechts­er­hal­ten­den Benut­zung der Mar­ke in Deutsch­land ste­he nicht ent­ge­gen, dass der Kun­de des Mar­ken­in­ha­bers die Ware nicht in Deutsch­land in den Han­del gebracht, son­dern sogleich in ande­re Mit­glied­staa­ten der Uni­on wei­ter­ge­lei­tet hat, damit sie aus­schließ­lich dort an End­ver­brau­cher ver­kauft wird.
Im hier ent­schie­de­nen Fall kamen die aus Ungarn an den Kun­den gelie­fer­ten Fern­seh­ge­rä­te in Deutsch­land nie in den Ein­zel­han­del, son­dern wur­den aus den Lagern in Alb­stadt-Tail­fin­gen und Ham­burg an die Kon­zern­ge­sell­schaf­ten des Kun­den in Grie­chen­land, Por­tu­gal und Spa­ni­en wei­ter­ge­lie- fert. Das ent­sprach von Anfang an den kon­zern­in­ter­nen Dis­po­si­tio­nen des Kun­den, die in dem mit der beklag­ten Mar­ken­in­ha­be­rin abge­schlos­se­nen Glo­bal­auf­trag auch ent­spre­chend doku­men­tiert waren. Für die Fra­ge der rechts­er­hal­ten­den Benut­zung der Mar­ke der Beklag­ten in Deutsch­land ist aber ohne Bedeu­tung, ob des­sen Kun­de die Fern­seh­ge­rä­te von vorn­her­ein für ihre Aus­lands­ge­sell­schaf­ten in Por­tu­gal, Spa­ni­en und Grie­chen­land und auf deren Rech­nung ein­kauf­te und ob die beklag­te Mar­ken­in­ha­be­rin dies gege­be­nen­falls erken­nen konn­te.
Die Beklag­te hat den Lie­fer­auf­trag von einem deut­schen Unter­neh­men erhal­ten und die Ware auf­trags­ge­mäß an zwei von die­sem Unter­neh­men genutz­te Lager in Deutsch­land gelie­fert. Damit stan­den die Fern­seh­ge­rä­te in Deutsch­land für den Ver­trieb zur Dis­po­si­ti­on des deut­schen Abneh­mers. Mit der Anlie­fe­rung in den deut­schen Lagern befand sich die Ware in Deutsch­land auf der Groß­han­dels­stu­fe im frei­en Ver­kehr. Dabei kommt es weder auf Abspra­chen an, die die Emp­fän­ge­rin kon­zern­in­tern hin­sicht­lich der wei­te­ren Ver­wen­dung getrof­fen hat­te, noch auf Wei­sun­gen, die sie der Beklag­ten zur Kenn­zeich­nung der Waren für die Aus­lands­ge­sell­schaf­ten erteilt hat. Die sub­jek­ti­ven Absich­ten der Kun­den des Mar­ken­in­ha­bers sind für die Fra­ge der rechts­er­hal­ten­den Benut­zung uner­heb­lich. Maß­geb­lich ist viel­mehr, ob die zu beur­tei­len­de Ver­wen­dung der Mar­ke objek­tiv geeig­net ist, einen bestimm­ten Absatz­markt zu erschlie­ßen oder zu sichern. Das ist bei der Lie­fe­rung an ein deut­sches Lager der Fall. Der Lie­fer­vor­gang stellt sich nach sei­nem äuße­ren Erschei­nungs­bild als Ein­fuhr durch einen deut­schen Händ­ler dar, der die Ware sodann expor­tiert.
Der Sach­ver­halt unter­schei­det sich dadurch grund­le­gend von einer zeit­wei­li­gen Lage­rung von Ware in einem inlän­di­schen Zoll­la­ger im Zoll­ver­schluss­ver­fah­ren oder der blo­ßen unge­bro­che­nen Durch­fuhr von für einen aus­län­di­schen Emp­fän­ger bestimm­ter Ware durch das Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land 10. In die­sen Fäl­len kann über die Waren von vorn­her­ein nicht für den inlän­di­schen Markt dis­po­niert wer­den.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. April 2012 – I ZR 156/​10 – Ori­on
BGH, Urteil vom 10.04.2008 – I ZR 167/​05, GRUR 2009, 60 Rn. 37 = WRP 2008, 1544 LOTTOCARD mwN[↩]
vgl. EuGH, Urteil vom 11.03.2003 – C‑40/​01, Slg. 2003, I‑2439 = GRUR 2003, 425 Rn. 43 Ansul/​Ajax; Urteil vom 15.01.2009 – C‑495/​07, Slg. 2009, I137 = GRUR 2009, 410 Rn. 18 Silberquelle/​Maselli; BGH, Urteil vom 09.06.2011 – I ZR 41/​10, GRUR 2012, 180 Rn. 42 = WRP 2012, 980 Wer­be­ge­schen­ke, mwN[↩]
vgl. BGH, GRUR 2009, 60 Rn. 37 = WRP 2008, 1544 LOTTOCARD[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 21.03.2007 – I ZR 66/​04, GRUR 2007, 875 Rn. 13 = WRP 2007, 1184 Durch­fuhr von Ori­gi­nal­wa­re[↩]
EuGH, Urteil vom 23.10.2003 – C‑115/​02, Slg. 2003, I‑12705 Rn. 27 = GRUR Int.2004, 39 Rio­g­lass; Urteil vom 09.11.2006 – C‑281/​05, Slg. 2006, I‑10881 Rn.19 = GRUR 2007, 146 Mon­tex Holdings/​Die­sel[↩]
EuGH, GRUR 2003, 425 Rn. 43 Ansul/​Ajax[↩]
vgl. EuG, Urteil vom 08.07.2004 – T‑203/​02, GRUR Int.2005, 47 Rn. 48 ff. Sunrider/​HABM[↩]
vgl. EuGH, GRUR 2003, 425 Rn. 43 Ansul/​Ajax[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 10.10.2002 – I ZR 235/​00, GRUR 2003, 428, 431 = WRP 2003, 647 BIG BERTHA[↩]
vgl. EuGH, GRUR Int.2004, 39 Rn. 27 Rio­g­lass; GRUR 2007, 146 Rn.19 f. Mon­tex Holdings/​Diesel; BGH, GRUR 2007, 875 Rn. 13 Durch­fuhr von Ori­gi­nal­wa­re[↩]
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