Source: http://m.hensche.de/Kuendigung_HIV-Infektion_Diskriminierung_Behinderung_BAG_6AZR190-12.html
Timestamp: 2016-12-07 12:26:29
Document Index: 225644680

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 15', '§ 622', '§ 1', '§ 242', '§ 138', '§ 15', '§ 1', '§ 2']

HENSCHE Arbeitsrecht: Kündigung aufgrund HIV-Infektion ist Diskriminierung wegen Behinderung
Kün­di­gung auf­grund HIV-In­fek­ti­on ist Dis­kri­mi­nie­rung we­gen Be­hin­de­rung
BAG er­kennt sym­ptom­lo­se HIV-In­fek­ti­on als Be­hin­de­rung an: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.12.2013, 6 AZR 190/12
20.12.2013. Vor knapp zwei Jah­ren hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ber­lin-Bran­den­burg die Kün­di­gungs­schutz- und Ent­schä­di­gungs­kla­ge ei­nes HIV-in­fi­zier­ten Che­misch-Tech­ni­schen As­sis­ten­ten ab­ge­wie­sen, der von ei­nem Arz­nei­mit­tel­her­stel­ler we­gen hy­gie­ni­scher Be­den­ken ge­kün­digt wor­den war (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 13.01.2012, 6 Sa 2159/11 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/018 Kün­di­gung we­gen HIV-In­fek­ti­on wirk­sam).
Ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) die­se Ent­schei­dung auf­ge­ho­ben und ent­schie­den, dass ei­ne sym­ptom­lo­se In­fek­ti­on mit dem HIV-Vi­rus ei­ne Be­hin­de­rung dar­stellt.
Ei­ne Kün­di­gung we­gen ei­ner HIV-In­fek­ti­on stellt da­her ei­ne be­hin­de­rungs­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung dar und kann ei­nen Ent­schä­di­gungs­an­spruch nach sich zie­hen, falls der Ar­beit­ge­ber kei­ne trif­ti­gen Sach­grün­de für ei­ne sol­che Kün­di­gung hat: BAG, Ur­teil vom 19.12.2013, 6 AZR 190/12.‎
Ist eine symptomlose Infektion mit dem HIV-Virus eine Behinderung im Sinne des Antidiskriminierungsrechts?
Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen ei­ner Be­hin­de­rung im Er­werbs­le­ben, de­fi­niert aber nicht, wann ei­ne Be­hin­de­rung vor­liegt. Nach der Recht­spre­chung liegt ei­ne Be­hin­de­rung vor, wenn körper­li­che Funk­tio­nen, geis­ti­ge Fähig­kei­ten oder die see­li­sche Ge­sund­heit lang­fris­tig so ein­ge­schränkt sind, so dass die Teil­ha­be des be­trof­fe­nen Men­schen an der Ge­sell­schaft und am Be­rufs­le­ben be­ein­träch­tigt ist. Die­se De­fi­ni­ti­on ori­en­tiert sich an § 2 Abs.1 Neun­tes Buch So­zi­al­ge­setz­buch (SGB IX). Hier wird "lang­fris­tig" kon­kre­ti­siert mit ei­nem vor­aus­sicht­li­chen Zeit­raum von mehr als sechs Mo­na­ten.
Ob be­reits ei­ne sym­ptom­lo­se HIV-In­fek­ti­on als ei­ne sol­che Ein­schränkung an­ge­se­hen wer­den kann, ist zwei­fel­haft, denn mit dem mitt­ler­wei­le er­reich­ten Stand der Me­di­ka­men­ten­be­hand­lung können HIV-in­fi­zier­te Men­schen in vie­len Hin­sich­ten ein nor­ma­les Le­ben führen. Der Streitfall: Arzneimittelproduzent kündigt einen HIV-infizierten Arbeitnehmer während der Probezeit
Im Streit­fall ging es um ein Phar­ma­un­ter­neh­men, das An­fang De­zem­ber 2010 ei­nen Che­misch-Tech­ni­schen As­sis­ten­ten (CTA) für ein Jahr be­fris­tet ein­ge­stellt hat­te und den Ar­beit­neh­mer bei der Her­stel­lung von Arz­nei­mit­teln im sog. "Rein­raum" ein­set­zen woll­te. Die or­dent­li­che Künd­bar­keit war ab­wei­chend von § 15 Abs.3 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) ver­trag­lich ver­ein­bart wor­den, und zwar während der auf sechs Mo­na­ten fest­ge­leg­ten Pro­be­zeit mit ei­ner verkürz­ten Frist von zwei Wo­chen (§ 622 Abs.3 Bürger­li­ches Ge­setz­buch - BGB).
Bei der Ein­stel­lungs­un­ter­su­chung we­ni­ge Ta­ge nach der Ein­stel­lung teil­te der Ar­beit­neh­mer dem Be­triebs­arzt mit, HIV-in­fi­ziert zu sein. Der Arzt äußer­te Be­den­ken ge­gen ei­nen Ein­satz des Ar­beit­neh­mers im Rein­raum­be­reich und teil­te dem Un­ter­neh­men die HIV-In­fek­ti­on mit, nach­dem er von der ärzt­li­chen Schwei­ge­pflicht ent­bun­den wor­den war. Das Phar­ma­un­ter­neh­men erklärte dar­auf­hin prompt die or­dent­li­che Kündi­gung. Zur Be­gründung wies das Un­ter­neh­men dar­auf hin, den Ar­beit­neh­mer we­gen sei­ner an­ste­cken­den Krank­heit nach sei­nen be­trieb­li­chen Qua­litäts­re­ge­lun­gen nicht ein­set­zen zu können. Der Ar­beit­neh­mer er­hob Kündi­gungs­schutz­kla­ge, wo­bei er sich we­gen der sechs­mo­na­ti­gen War­te­zeit (§ 1 Abs.1 Kündi­gungs­schutz­ge­setz - KSchG) nicht auf den all­ge­mei­nen Kündi­gungs­schutz be­ru­fen konn­te. Statt des­sen ar­gu­men­tier­te er, dass er durch die Kündi­gung we­gen sei­ner Be­hin­de­rung dis­kri­mi­niert wor­den sei. Da­her ver­s­toße die Kündi­gung ge­gen "Treu und Glau­ben" (§ 242 BGB) oder so­gar ge­gen die "gu­ten Sit­ten" (§ 138 BGB) und sei da­her un­wirk­sam. Außer­dem klag­te er auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG in Höhe von drei Mo­nats­gehältern.
Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin wies die Kla­ge ab (Ur­teil vom 21.07.2011, 17 Ca 1102/11) und auch das LAG Ber­lin-Bran­den­burg mein­te, dass hier kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vorläge (Ur­teil vom 13.01.2012, 6 Sa 2159/11). Da­bei leg­te sich das LAG in der Fra­ge nicht fest, ob der Ar­beit­neh­mer we­gen sei­ner HIV-In­fek­ti­on be­hin­dert war oder nicht. Denn auch im Fal­le ei­ner Be­hin­de­rung wäre die Kündi­gung als be­hin­de­rungs­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung letzt­lich ge­recht­fer­tigt ge­we­sen, und zwar we­gen des le­gi­ti­men Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­ses, je­de Be­ein­träch­ti­gung der Me­di­ka­men­ten­her­stel­lung durch er­krank­te Ar­beit­neh­mer aus­zu­sch­ließen.
BAG: Eine Kündigung wegen einer HIV-Infektion ist in der Regel diskriminierend und daher unwirksam
Das BAG hob das LAG-Ur­teil auf und ver­wies den Fall zurück an das LAG. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:
Ein Ar­beit­neh­mer, der an ei­ner sym­ptom­lo­sen HIV-In­fek­ti­on er­krankt ist, ist be­hin­dert im ju­ris­ti­schen Sin­ne, denn auch chro­ni­sche Er­kran­kun­gen können zu ei­ner Be­hin­de­rung führen. Und die ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be von HIV-In­fi­zier­ten, so das BAG, ist ty­pi­scher­wei­se durch Stig­ma­ti­sie­rung und so­zia­les Ver­mei­dungs­ver­hal­ten be­ein­träch­tigt, die auf die Furcht vor ei­ner In­fek­ti­on zurück­zuführen sind. Kündigt der Ar­beit­ge­ber das Ar­beits­verhält­nis ei­nes sol­chen Ar­beit­neh­mers in der ge­setz­li­chen War­te­zeit des § 1 Abs.1 KSchG we­gen der HIV-In­fek­ti­on, ist die Kündi­gung im Re­gel­fall dis­kri­mi­nie­rend und da­mit un­wirk­sam, "wenn der Ar­beit­ge­ber durch an­ge­mes­se­ne Vor­keh­run­gen den Ein­satz des Ar­beit­neh­mers trotz sei­ner Be­hin­de­rung ermögli­chen kann".
Hier im Streit­fall hat­te das LAG es als aus­rei­chend als an­ge­se­hen, dass sich das ver­klag­te Phar­ma­un­ter­neh­men auf sei­ne Re­ge­lun­gen zur Qua­litäts­si­che­rung be­ru­fen hat­te, wo­nach Ar­beit­neh­mer mit ei­ner He­pa­ti­tis- oder ei­ner HIV-In­fek­ti­on im Rein­raum eben nicht ein­ge­setzt wer­den dürfen. Dem BAG war das nicht ge­nug: Das LAG wird nun aufklären müssen, ob das Phar­ma­un­ter­neh­men "durch an­ge­mes­se­ne Vor­keh­run­gen den Ein­satz des Klägers im Rein­raum hätte ermögli­chen können". Fa­zit: Das BAG hat mit die­sem Ur­teil ei­ne sym­ptom­lo­se HIV-In­fek­ti­on als Be­hin­de­rung an­er­kannt und da­mit die Rech­te von HIV-in­fi­zier­ten Ar­beit­neh­mern gestärkt. Außer­dem hat der mit dem Fall be­fass­te Sechs­te BAG-Se­nat oh­ne viel Fe­der­le­sen klar­ge­stellt, dass dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gun­gen un­wirk­sam sind und Entschädi­gungs­ansprüche nach dem AGG zur Fol­ge ha­ben können. Selbst­verständ­lich ist das nicht, denn gemäß § 2 Abs.4 AGG gel­ten für Kündi­gun­gen "aus­sch­ließlich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz". Da­her hat der Ach­te BAG-Se­nat erst vor we­ni­gen Ta­gen in dem Fall ei­ner we­gen ih­rer Schwan­ger­schaft dis­kri­mi­nier­ten Ar­beit­neh­mern die Fra­ge aus­drück­lich of­fen ge­las­sen, "ob und in­wie­weit Kündi­gun­gen auch nach den Be­stim­mun­gen des AGG zum Schutz vor Dis­kri­mi­nie­run­gen zu be­ur­tei­len sind" (BAG, Ur­teil vom 12.12.2013, 8 AZR 838/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/367 Dis­kri­mi­nie­rung we­gen Kündi­gung).
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 19.12.2013, 6 AZR 190/12 (BAG-Pres­se­mel­dung)
Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 21.07.2011, 17 Ca 1102/11 (Pres­se­mit­tei­lung)
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 13/023 Krank­heits­be­ding­te Kündi­gung bei Be­hin­de­rung Ar­beits­recht ak­tu­ell: 12/018 Kündi­gung we­gen HIV-In­fek­ti­on wirk­sam