Source: https://weinbeeren.wordpress.com/2019/03/17/fundstueck-erbstueck/?replytocom=816
Timestamp: 2020-05-29 14:49:19
Document Index: 321097538

Matched Legal Cases: ['§ 22', '§ 24', '§ 42', '§ 44', 'Art. 10', 'Art. 10']

Fundstück Erbstück | Weinbeeren
Lazy Sunday, und beim Aufräumen einer Schublade kommt ein altes Erbstück zum Vorschein, das mir vor vielen Jahren von einer Kollegin zur treuen Verwahrung übergeben wurde. Ich denke, es hätte der Kollegin gefallen, dies anlässlich des Equal Pay Days am 18. März 2019 wieder ans Licht zu bringen.
Bestimmungen über die Aufnahme weiblicher Kräfte im Telephonumschaltedienste, über die zu erbringenden Ausweise und die Bezugsverhältnisse
Die Aufnahme in den Umschaltedienst bei den staatlichen Telephonanlagen kann von weiblichen Personen unter folgenden Voraussetzungen nachgesucht werden:
Zurückgelegtes 16. und nicht überschrittenes 25. Lebensjahr
Vollkommene Gesundheit,
Ungetrübter Leumund,
Lediger Stand,
Zugehörigkeit zu einer achtbaren Familie oder Anschluß an eine solche,
Gute Schulbildung und die Fähigkeit ein französisches oder englisches Diktat ohne große Verstöße niederschreiben und übersetzen zu können.
Der Besitz des Absolutoriums einer höheren Töchterschule oder eines anderen anerkannt guten Institutes gewährt die Anwartschaft auf Vorzug vor anderen Bewerberinnen mit geringerer Vorbildung bei der Aufnahme.
Die Bewerberinnen haben folgende Ausweise beizubringen:
a) Geburtszeugnis,
b) Zeugnisse über die genossene Schulbildung und die erlangten Kenntnisse im Französischen oder Englischen,
c) einen von der Bewerberin selbst verfaßten und geschriebenen Lebenslauf,
d) Leumundszeugnis,
e) glaubhafte Atteste über Beschäftigung und Führung seit dem Austritte aus der Unterrichtsanstalt, wenn die Bewerberin nicht unmittelbar aus einer Unterrichtsanstalt kommt,
f) im Falle der Minderjährigkeit der Bewerberin, die schriftliche Erklärung des Vaters oder des Vormundes, daß derselbe mit dem Eintritt in den Telephondienst einverstanden ist,
g) ein von einem Amtsarzte ausgestelltes Zeugniß über den Gesundheitszustand der Bewerberin unter ausdrücklicher Erwähnung des Seh- und Hörvermögens und der Athmungsorgane, dann des Befreitseins von äußerlichen Gebrechen und von Hysterie, sowie des Besitzes einer deutlichen Aussprache,
h) Nachweis über den Anschluß an eine achtbare Familie, wenn die Bewerberin keine Eltern mehr besitzt oder die Eltern sich nicht am gleichen Orte befinden.
Der definitiven Aufnahme einer Telephonistin hat eine Probedienstleistung und das Bestehen der Fachprüfung vorauszugehen. Die Dauer der Probedienstleistung wird auf 6 Wochen festgelegt, damit vollkommene Sicherheit darüber gewonnen wird, daß sich die Bewerberin wirklich für den Umschaltedienst in jeder Beziehung eignet.
Die Fachprüfung hat sich der den Telephonistinnen gestellten Aufgabe entsprechend auf die Kenntnis der Allgemeinen Dienstesvorschriften, der Organisation der bayerischen Post- und Telegraphenbehörden, die beim Umschaltedienst vorzunehmenden Manipulationen, den Zweck dieser Manipulationen, die in Bezug auf den Umschaltedienst insbesondere das den Telephontheilnehmern gegenüber zu beobachtende Verhalten geltenden besonderen Vorschriften, die Kenntniß der bestehenden Ortstelefonnetze und interurbanen Verbindungen, die Kenntnisse der in Bezug auf die Benützung der Umschaltestellen, soweit letzteres nothwendig erscheint, zu erstrecken.
Im Falle des Nichtbestehens der Fachprüfung ist nur eine einmalige Wiederholung und zwar erst nach einer weiteren 4wöchigen Probedienstleistung zulässig.
Das im Telephonumschaltedienste verwendete weibliche Personal ist während der Probedienstzeit mit einem Taggelde von 2 M und nach bestandener Fachprüfung und erfolgter definitiver Aufnahme mit einem solchen von 2 M 20 Pf zu entlohnen.
Eine Aussicht auf Beförderung bzw. Einrückung in eine statusmäßige Stelle kann diesem Personal nicht eröffnet werden, dagegen werden die Bezüge desselben in Angleichung an die Bezüge der Amtsgehilfen nach Ablauf einer dreijährigen Dienstzeit auf jährlich
1020 M für das 1. mit 3.
1200 “ “ “ 4. “ 5.
1290 “ “ “ 6. “ 10.
1380 “ “ “ 11. “ 15.
1470 “ “ “ 16. “ 20.
1560 “ “ “ 21. “ 25.
Jahr und 1650 M vom 26. Jahre des Eintritts in einen fixen Jahresbezug an festgelegt.
Im Falle der Erkrankung werden dem gegen diätarische Besoldung im Telephonumschaltedienste verwendeten weiblichen Personale – vom Augenblick der Aufnahme in die Probedienstleistung an – für die Dauer von dreizehn Wochen nach der Erkrankung die Bezüge voll fortbezahlt.
Bei eintretender Funktionsunfähigkeit werden jenen Telephonistinnen, welche bereits drei Jahre im Telephonumschaltedienste zurückgelegt haben, feste Sustentationsanwarthschaften eingeräumt.
Die Sustentationen werden unter Berücksichtigung der vom 4. Dienstjahre an sich ergebenden Dienstzeit nach dem beim Eintritte der Dienstesunfähigkeit innegehabten, jedoch um 60 m zu kürzenden Aktivitätsbezuge, d. i. dem Betrage, welcher dem pensionsfähigen Gehalte eines Amtsgehilfen mit gleicher Dienstzeit entspricht, in analoger Anwendung der grundsätzlichen Vorschriften in § 22 Abs. 1, § 24 Abs. 3 und § 42 der Allerhöchsten Verordnung vom 26. Juni 1894, die Dienstverhältnisse der nichtpragmatischen Staatsbeamten und Staatsbediensteten betreffend (Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Bayern Nr. 29 v. J. 1894), bemessen, jedoch mit der einschränkenden Bestimmung, daß der Höchstbetrag der Sustentation den Jahresbetrag von 1200 M nicht übersteigen darf.
Sofern die Funktionsunfähigkeit Folge eines im Dienste erlittenen Unfalles ist, wird die Sustentationsberechnung aus dem gesammten Aktivitätsbezuge nach dem in § 44 der angeführten Allerhöchsten Verordnung festgesetzten Maßstabe erfolgen.
München, im September 1900.
Generaldirektion der k. b. Posten und Telegraphen.
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein, Gedöns und getaggt mit Equal Pay Day, Fräulein vom Amt, Früher war fast gar nix besser am 17. März 2019 von Diander.
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5 Gedanken zu „Fundstück Erbstück“
Diander Autor 17. März 2019 um 19:01
Bis Ende des 19. Jahrhunderts war das Fräulein vom Amt ein Mann, ab dann gab es unter den obigen Voraussetzungen für Frauen die Möglichkeit, praktisch außerhalb der üblichen Beamtenlaufbahnen Tätigkeiten im Telegraphendienst aufzunehmen. Somit entstand eine Aufspaltung des behördlichen Arbeitsmarktes in einen weiblichen Zweig und in „männliche Beamtenlaufbahnen“ mit vielfältigen Aufstiegsmöglichkeiten.
Das erwähnte, besoldungstechnische – also bei der Bezahlung vergleichbare – männliche Pendant „Amtsgehilfe“ ist das Eingangsamt des Einfachen Dienstes (A 1), das niedrigste aller möglichen Ämter. Grundvoraussetzung für die Erlangung eines Amtes des einfachen Dienstes war eine Ausbildung wie Hauptschulabschluss
Um als Frau also eine vergleichbare Bezahlung zu erhalten, war die Voraussetzung die Höhere Mädchen- oder Töchterschule. Damals ca. vergleichbar mit Realschulen. Gymnasien mit Abschluss Abitur und mit Qualifikation zum Hochschulabschluss hingegen waren Buben vorbehalten.
Dies bedeutet, dass Frauen in diesem Beruf ein Viertel weniger als ausbildungsmäßig vergleichbare Männer verdienten. Gute hundert Jahre später sind es laut Statistischem Bundesamt (siehe Equal Pay Day) im Schnitt nur noch 21%, yippieh…
Weiteres Fundstück aus einer schönen Chronik bei der „Emma“:
Im Weisungsbuch des Telefonamts: „Das weibliche Postpersonal bedarf zur Eingehung einer Ehe der Erlaubnis der zuständigen Dienstbehörde. Da sich aber aus der Verwendung von verheirateten Beamtinnen (…) Schwierigkeiten verschiedener Art ergeben können, kann dem unterstellten weiblichen Personal (…) die Erlaubnis zur Eingehung einer Ehe nicht erteilt werden.“
doimlinque 19. März 2019 um 8:32
Ebenso amüsant wie frappierend. Irgendwer muss im Kapitalismus halt ausgebeutet werden, und wenn die Arbeiter aufmucken, sind eben die Arbeiterinnen dran.
Immerhin saßen die Telephonistinnen in gewisser Weise an den Schalthebeln der Macht, denke ich gerade. Für derlei Wissensvorsprünge über ihre Kundschaft, wie sie die Damen im Laufe ihrer Arbeit zwangsläufig in so ziemlich allen sozialen Feldern des eben aus der Taufe gehobenen Freistaates anhäufen mussten, zahlen große Unternehmen heuer den Plattformen der erzsozialen Medien Abermillionen von Werbegeldern.
Diander Autor 19. März 2019 um 20:59
Ebenso amüsant wie frappierend.
Jow, fand ich auch irgendwie, drum habe ich das Papierchen immer gehütet. Besonders frappierend oder verstörend in dem Ding fand ich immer den Zwang für Frauen, sich zwischen Heirat oder Berufstätigkeit entscheiden zu müssen. Noch skandalöser ist aber btw, dass es bis 1977 (in Worten: neunzehnhundertsiebenundsiebzig) dauerte, bis die sogenannte Hausfrauenehe aus dem BGB abgeschafft wurde:
Danach ist die Frau in erster Linie zur Haushaltsführung, der Mann zum finanziellen Unterhalt der Familie verpflichtet. Die Ehefrau darf nur dann berufstätig sein, wenn sie dadurch ihre familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt; wenn die Einkünfte des Mannes für den Familienunterhalt nicht reichen, ist sie aber verpflichtet zu arbeiten. Im Beruf oder Geschäft des Mannes muß sie mitarbeiten, „soweit dies nach den Verhältnissen, in denen die Ehegatten leben, üblich ist.“ Für diese Mitarbeit innerhalb des Üblichen bekommt sie nichts.
Das bedeutet: die Frau eines Beamten oder eines Rechtsanwalts darf gegen den Willen ihres Mannes auch dann nicht berufstätig sein, wenn sie aus ihrem Arbeitseinkommen eine Haushälterin bezahlen könnte und wollte, die Bauersfrau, die Gastwirtsfrau und die Frau eines Lebensmittelhändlers müssen ohne Bezahlung mitarbeiten, egal, wie viele Kinder sie haben.
Janö, auch da wieder ein kleiner Blick in die Gesetzestexte, ein gewisses Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Art. 10 GG) schiebt da (übrigens aus der Rubrik „Oma erzählt vom Krieg“) einen Riegel vor. Kwasi, um im kirchlichen Slang zu bleiben, eine Art Beichtgeheimnis. Googles Alptraum also eher. Da gab es einen Fall (und jetzt wirklich „Oma erzählt vom Krieg“), den ich aus der Zeit kenne, aus der dieses obige Erbstück stammt. Das Fernmeldegeheimnis wurde sooo ernst genommen, dass eine Kollegin, die als Telephonistin im Fernamt Kenntnis über Details einer Straftat (Totschlag, Mord…) gehört hatte, dafür damals selbst in so einem Fall für eine Zeugenaussage nicht vom Fernmeldegeheimnis entbunden wurde. Diese „Entbindung“ wäre damals lediglich zur Verhinderung einer Straftat möglich gewesen, nicht aber zur Aufklärung.
Apropos Fernamt: hier weist der oben verlinkte „Emma“-Artikel eine kleine Schwäche auf, die Fräuleins vom Amt sind nicht seit 1966 Vergangenheit. 1966 war vielleicht der Zeitpunkt, an dem sie bei innerdeutschen Telefonaten so gut wie überflüssig wurden, mit Einführung des sogenannten „Selbstwählferndiensts“. Also dass man per Vorwahl und Telefonnummer selber wählen konnte. In andere Länder und Regionen war das viel länger nicht 100pro möglich. Gerade in der Zeit des kalten Krieges glühten in der Handvermittlung innerdeutsch, DDR, in den Ostblock und Krisengebiete ohne funktionierende Infrastruktur die Drähte noch heiß. Oder auch zu Schiffen, Stichwort „Norddeich Radio“ usw. (Grüßle an JustRecently ;)) Bis in die 90er gab es dafür mehrere Fernämter in Deutschland, mit lauter Frolleins bzw. Männern und Frauen. Damals 010 für innerdeutsch, 0010 für internationale Gespräche. Natürlich ist das hier und weltweit abnehmend, aber nicht gänzlich verschwunden. Bis vor kurzem oder sogar heute brauchte man vermutlich Hilfe für Telefongespräche zu entlegenen Farmen irgendwo in Südquampunisien oder so. Also wo der Pfeffer wächst und kein Satellit drüber kreiselt.
doimlinque 20. März 2019 um 8:32
Janö, auch da wieder ein kleiner Blick in die Gesetzestexte, ein gewisses Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Art. 10 GG) schiebt da (übrigens aus der Rubrik „Oma erzählt vom Krieg“) einen Riegel vor. Kwasi, um im kirchlichen Slang zu bleiben, eine Art Beichtgeheimnis. Googles Alptraum also eher.
…weil die Digi-Riesen immer nach den Regeln spielen, meinst Du? Da scheinen mir herbe Überraschungen Deines Wegs zu kommen…
Das Fernmeldegeheimnis wurde sooo ernst genommen, dass eine Kollegin, die als Telephonistin im Fernamt Kenntnis über Details einer Straftat (Totschlag, Mord…) gehört hatte, dafür damals selbst in so einem Fall für eine Zeugenaussage nicht vom Fernmeldegeheimnis entbunden wurde. Diese „Entbindung“ wäre damals lediglich zur Verhinderung einer Straftat möglich gewesen, nicht aber zur Aufklärung.
Es hat in den 1930ern in den USA eine Sherlock Holmes-Serie gegeben, wo in mehr oder minder packenden Hörspielen eigens nue erfundene Detektivgeschichten durch das berühmte Bakerstreet-Duo aufgeklärt wurden. Der Darsteller des Dr. Watson war der große Nigel Bruce, den ich auch in einer Mini-Nebenrolle in irgendeinem alten Hitchcockschinken erinnere. Jedenfalls, als Nigel Bruce dann irgendwann starb wurde die Nachricht unter den Angehörigen und Kollegen natürlich herumtelefoniert, und irgendwann hat sich die Telefonistin mit der bangen Nachfrage eingeschaltet, ob Dr. Watson wirklich tot sei…? So wurde es zumindest in einer Dokumentation berichtet, die auf meinen alten Hörkassetten der Serie hinter die jeweilige Ablieferung drangepappt war.
Natürlich ist das hier und weltweit abnehmend, aber nicht gänzlich verschwunden.
Ich kenne das noch aus den 1990ern aus dem ländlichen Colorado. Oder man höre We’re only in it for the money von den Mothers of Invention, da kommt so ein Operator-Gespräch auch drin vor.
Diander Autor 20. März 2019 um 12:04
Ha, das bringt mich auf die Idee, Videos zum Thema:
So viel zu „sitzende Tätigkeit“…
…Konzentrationsfähigkeit…
…und Impressionen aus den Niederlanden…