Source: https://fundraising-knigge.de/stiftung-wert-erhalten/
Timestamp: 2018-06-21 12:16:21
Document Index: 260110336

Matched Legal Cases: ['§ 58', '§ 58', '§ 55', '§ 58', '§ 55', '§ 55', '§ 14']

Stiftungen im Wert erhalten - Fundraising-Knigge
Neben der Erfüllung ihres Stiftungszwecks haben Stiftungen noch eine weitere wichtige Aufgabe: Sie müssen ihr Vermögen erhalten. Dies kann nun auf zwei Wegen geschehen:
1. Der einfachere Weg: Erhalt des nominalen Vermögens
Hierbei ist eine Stiftung nur bemüht, keine Verluste bei der Mittelanlage einzufahren, beispielsweise durch Kursverluste bei Aktienanlagen. Aus diesem Bemühen heraus erklärt sich auch die hohe Vorliebe von Stiftungen für festverzinsliche Anlagen, gerne in Staatspapieren. Diese Strategie des nominalen Vermögenserhalts wird nach meiner Erfahrung meist auch bei Stiftungen betrieben, welche von Banken oder sonstigen per Testament benannten Treuhändern verwaltet werden.
2. Der sinnvollere Weg: Erhalt der Kaufkraft der Stiftung
Da eine Stiftung auf Dauer angelegt ist und nicht in jedem Fall damit rechnen kann, später nennenswerte Zustiftungen zu erhalten, sinkt bei sehr vielen Stiftungen die Leistungsfähigkeit mit steigendem Alter. Die nominale Höhe des Stiftungsvermögens stagniert und aufgrund des jährlichen Kaufkraftverlustes durch Inflation sinkt der Wert des Zinsertrages. Eine 1949 mit 100.000 DM errichtete Stiftung hatte seinerzeit ausreichend Zinserträge, um wirkungsvoll tätig zu sein. Heute hätte diese Stiftung bei unverändertem Vermögen noch rund 51.000 Euro Kapital und die Zinsen würden gerade mal die Verwaltungskosten decken.
Der Weg aus dieser – absehbaren – Misere ist, jährlich einen Inflationsausgleich vorzunehmen. Dabei werden die Zins- und sonstigen Erträge der Stiftung zusammengerechnet und die Kosten der Stiftungsverwaltung abgezogen. Der sich nun ergebende Netto-Überschuss der Stiftung wird nun nicht zur Gänze zugunsten der Förderzwecke ausgeschüttet, sondern zu einem Teil den Stiftungsvermögen zugeführt.
In Idealfall entspricht dieser Inflationsausgleich der Inflationsrate des Vorjahres. Dabei würde das Stiftungsvermögen zu Beginn des Vorjahres als Berechnungsgrundlage genommen werden.
Also: 1 Mio. Euro Kapital zu Beginn des Jahres 2012 –> 2 % Inflation –> der Inflationsausgleich, buchbar zum 31.12.2012 betrüge im Idealfall 20.000 Euro, das Vermögen erhöhte sich auf 1.020.000 Euro.
Aber: Jetzt wurden vielleicht nur 2,5% Rendite erwirtschaftet.
Wenn davon dann 80% zurück ins Stiftungskapital fließen würden, wäre dies weder den Stiftern, noch der Stiftungsaufsicht oder der Öffentlichkeit erklärbar. Und … es ist nicht zulässig.
Im Rahmen des Gemeinnützigkeitsrechts stehen für den Inflationsausgleich nur die Mittel der freien Rücklage (§ 58 Nr. 7a Abgabenordnung) zur Verfügung. Nur in diesem Rahmen dürfen Erträge aus dem Stiftungsvermögen dem Stiftungsvermögen zugeführt werden. Eine darüber hinausgehende Zuführung ist gemeinnützigkeitsrechtlich nicht erlaubt. Nach § 58 Nr. 72 AO darf die Stiftung höchstens ein Drittel des Überschusses der Einnahmen über die Unkosten aus Vermögensverwaltung und darüber hinaus höchstens 10 Prozent ihrer sonstigen nach § 55 Abs. 1 Nr. 5 zeitnah zu verwendenden Mittel (also z.B. Spenden) einer freien Rücklage zuführen.
Kurzum: Die Stiftung darf demnach bis zu ein Drittel des Überschusses der Einnahmen über die Unkosten aus der Vermögensverwaltung eines Jahres als Inflationsausgleich dem Stiftungskapital zuführen.
Aus dem obigen Beispiel:
1.000.000 Euro Vermögen
2.5% Rendite
1.400 Euro Verwaltungskosten
–> 25.000 Euro Einnahmen – 1.400 Euro Ausgaben = 23.600 Euro Netto-Ertrag
Von diesen 23.600 Euro dürften nun maximal 1/3 für den Inflationsaugleich herangezogen werden, also 7.900 Euro.
Damit erhöht sich das Stiftungskapital auf 1.007.900 Euro.
Als Ausschüttung für den Stiftungszweck verbleiben 23.600 – 7.900 = 15.700 Euro.
Letztendlich gelingt es so nicht, tatsächlich einen vollständigen Vermögenserhalt zu bewerkstelligen. Dafür war die Rendite zu gering. Aber es ist ein Schritt in diese Richtung, der sich – über die Jahre addiert – sehr bemerkbar machen wird.
Für alle, welche gerne Schlupflöcher suchen, einige Klärungen:
Wird die vorgenannte Höchstgrenze in einem Jahr nicht ausgeschöpft, so ist eine Nachholung in späteren Jahren nicht zulässig (AEAO Nr. 13 zu § 58 AO, Anhang 1).
Unkostenüberschüsse eines Jahres sind vorzutragen, da nur dann gewährleistet ist, dass insgesamt nicht mehr als ein Drittel des Überschusses aus Vermögensverwaltung der freien Rücklage zugeführt werden.
Daneben darf die Stiftung 10% der sonstigen nach § 55 Abs. 1 Nr.1 AO zeitnah zu verwendenden Mittel in die Rücklage einstellen. Mittel in diesem Sinne sind alle Mittel im Sinne des § 55 AO (Spenden, Mitgliederbeiträge, Gewinne aus Zweckbetrieben und wirtschaftlichen Geschäftsbetrieben im Sinne des §§ 14, 64 AO).
So, das war jetzt noch etwas theoretisch zum Schluss geworden.
Wer bei seiner Stiftung eine völlig konservative Mittelanlage bevorzugt, wird sich mit dem Inflationsausgleich schwer tun. Gerade Bundeswertpapiere hatten meist einen Ertrag, der nicht nennenswert über der Inflationsrate lag. Ein gewisser Mix mit leicht dosiertem höheren Risikoanteil hilft, Mittel für den Inflationsausgleich und damit für den Werterhalt der Stiftung zu erwirtschaften.
Wer sehenden Auges auf einen Inflationsausgleich verzichtet, ruiniert – bei langfristiger Betrachtung über einige Jahrzehnte – die ihm anvertraute Stiftung.
Kategorien Stiftung Schlagwörter Inflation, Inflationsausgleich, Stiftung, Teuerungsrate, Vermögenserhalt
Matthias Schwarz 4. März 2013 um 10:26 Antworten
Sehr fundiert, kompetent und anschaulich erläutert.
Wohl dem, der aufgrund langfristiger und bereits länger zurückliegender Anlageformen noch 2,5 % Rendite erwirtschaftet.
Diese Rendite ist aktuell nicht zu erzielen, bei konservativer Anlage.