Source: http://www.seidenberg.ch/pages/abtreibung/fragen-und-antworten.php
Timestamp: 2018-07-18 19:44:28
Document Index: 68948435

Matched Legal Cases: ['Art 118', 'Art 116', 'Art 118', 'Art 119', 'Art 119', 'Art 119', 'Art 119']

Dr. Seidenberg - Schwangerschaftsabbruch: Fragen und Antworten
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Schwangerschaftsabbruch: Fragen und Antworten
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Wird beim Schwangerschaftsabbruch ein Kind getötet?
Nein! Eine Schwangerschaft ist ein Teil des Körpers der schwangeren Frau. Ein Embryo oder ein Fetus ist noch lange kein Kind. Mindestens bis zur 23. Woche ist es nur als körperlicher Teil der Frau lebensfähig. Die Frau kann darüber im Wesentlichen selber und sogar allein entscheiden, ob sie in sich und als Teil ihrer Selbst ihr Kind, heranwachsen lassen und austragen will.
Macht sich eine Frau strafbar, wenn sie eine Schwangerschaft selber abbricht?
Nein! Allerdings ist es nicht ratsam und kann gefährlich sein, auf ärztliche Hilfe zu verzichten.
Das Schweizer Strafgesetzbuch StGB behandelt den Schwangerschaftsabbruch SAB im Kapitel strafbare Handlungen gegen Leib und Leben. Handlungen gegen den eigenen Leib und Leben sind in der Schweiz prinzipiell nicht strafbar und vor der Revision der Art 118-120 StGB war genau dieser Aspekt auch so stossend, dass der Schwangerschaftsabbruch als Handlung der Frau gegen ihren eigenen Leib als strafbar angenommen wurde. Die Tatsache, dass Frauen eine Schwangerschaft selber und ohne fremde Hilfe abbrechen kann, wird vom Gesetz nicht erfasst und ist somit kein Straftatbestand. Das Gesetz will mit der Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs nur die schwangere Frau unter besonderen Schutz des Gesetzes stellen.
Vor der Geburt nimmt das schweizerische Recht den Embryo / Fetus als Teil des Körpers der Frau wahr. Mit Beginn der Geburt ändert das: in Art 116 StGB heisst es immer noch: Tötet eine Mutter ihr Kind während der Geburt oder solange sie unter dem Einfluss des Geburtsvorganges steht, so wird sie mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft. Der besonderen existentiellen Situation der Frau wird durch das Gesetz Rechnung getragen.
In Art 118 StGB wird der strafbare SAB definiert: Wer eine Schwangerschaft mit Einwilligung der schwangeren Frau abbricht oder eine schwangere Frau zum Abbruch der Schwangerschaft anstiftet oder ihr dabei hilft, ohne dass die Voraussetzungen nach Artikel 119 erfüllt sind. Der Wortlaut ist immer als Handlung gegen die Frau / die körperliche Integrität der Frau formuliert.
Der Art 119 StGB definiert, wann der Schwangerschaftsabbruch straflos erfolgen kann. Da eine Handlung gegen den eigenen Leib aber nicht als strafbar gilt, trifft der Art 119 StGB nicht zu, wenn eine Frau einen Schwangerschaftsabbruch selber durchführt. Es handelt sich nicht um einen Schwangerschaftsabbruch im Sinne des Gesetzes.
Pränataldiagnostik und Fristenlösung
Die Pränataldiagnostik spielt für die Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch im Zeitrahmen der Fristenlösung (StGB Art 119 abs 2) bis 12 Wochen kaum eine Rolle, da das Resultat der Pränataldiagnostik meist erst nach der 12. Woche vorliegt. Das Strafgesetz fordert gemäss Art 119 Abs 1 nach der 12. Schwangerschaftswoche nicht nur die alleinige Entscheidung der Frau sondern auch die ärztliche Beurteilung der Notwendigkeit eines Schwangerschaftsabbruchs, damit von der schwangeren Frau die Gefahr einer schwerwiegenden körperlichen Schädigung oder einer schweren seelischen Notlage abgewendet werden kann. Die Gefahr muss umso grösser sein, je fortgeschrittener die Schwangerschaft ist. In den meisten Fällen mit ungünstigen Resultaten der Pränataldiagnostik kommt damit nicht eine Fristenlösung sondern eine Indikationenlösung zum tragen. Die aktuell sich so schnell wandelnde (gen-analytische) Pränataldiagnostik führt bei ungünstigen Resultaten meist von der 12. bis zur 16. Schwangerschaftswoche zu einem Schwangerschaftsabbruch.
Der staatliche Gesetzgeber hat sich dabei allerdings nicht zum Richter und Verfasser von medizinisch fragwürdigen Indikationskatalogen aufgeworfen sondern vertraut der ärztlichen Beurteilung des Einzelfalles, denn der Gesetzgeber weiss, wie schwierig es für ärztliche oder ärztlich geleitete subjektiv Teams ist, bei einer fortgeschrittenen Schwangerschaft einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Der Staat vertraut der Menschlichkeit und dem Urteil unserer Ärzte. Missbrauch kann das Strafgesetz durchaus den nötigen Riegel schieben, aber Missbrauch kommt mit der seit 2002 eingeführten Gesetzgebung kaum vor.
Dr. med. André Seidenberg
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