Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/alternative-klagebegruendungen-und-der-anwaltliche-vortrag-3104239
Timestamp: 2020-08-13 12:38:25
Document Index: 126231633

Matched Legal Cases: ['§ 139', 'BGH', 'BGH', '§ 2', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Alternative Klagebegründungen - und der anwaltliche Vortrag | Rechtslupe
Alternative Klagebegründungen - und der anwaltliche Vortrag
Wird eine Kla­ge auf meh­re­re selb­stän­di­ge Ver­trags­ver­let­zun­gen (hier: feh­ler­haf­ter Trans­port sowie unzu­rei­chen­de Ver­si­che­rung ver­schiff­ter Güter) gestützt, hat der Rechts­an­walt zu den jewei­li­gen Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen sub­stan­ti­iert vor­zu­tra­gen [1].
Es ist Auf­ga­be des Rechts­an­walts, der einen Anspruch sei­nes Man­dan­ten kla­ge­wei­se gel­tend machen soll, die zuguns­ten sei­ner Par­tei spre­chen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­te so umfas­send wie mög­lich dar­zu­stel­len, damit sie das Gericht bei sei­ner Ent­schei­dung berück­sich­ti­gen kann [2].
Die­ser Ver­pflich­tung zu schlüs­si­gem Sach­vor­trag [3] hin­sicht­lich des ver­säum­ten Abschlus­ses einer All-Risk-Ver­si­che­rung hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hier nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht genügt:
Der Rechts­an­walt durf­te sich ent­ge­gen der Wür­di­gung des Beru­fungs­ge­richts in dem Vor­pro­zess nicht auf den erst­in­stanz­li­chen Vor­trag beschrän­ken, dass von der Gegen­sei­te die ver­ein­bar­te All-Risk-Ver­si­che­rung nicht abge­schlos­sen wor­den sei. Da es sich bei die­ser spe­zi­el­len Ver­si­che­rungs­art nicht um einen – wie etwa Eigen­tum – jeder­mann geläu­fi­gen ein­fa­chen Rechts­be­griff han­delt [4], bedurf­te es der – tat­säch­lich jedoch unter­blie­be­nen – Erläu­te­rung, dass eine sol­che Ver­si­che­rung ver­schul­dens­un­ab­hän­gig sämt­li­che bei der Beför­de­rung erlit­te­nen Beschä­di­gun­gen aus­ge­gli­chen hät­te. Dar­auf auf­bau­end war die­ser eigen­stän­di­ge Ver­trags­an­spruch durch die wei­te­re Dar­le­gung zu unter­mau­ern, dass bei Abschluss einer All-Risk-Ver­si­che­rung der ein­ge­tre­te­ne Scha­den unab­hän­gig von einer Ver­ur­sa­chung durch die Pro­zess­geg­ne­rin allei­ne wegen der Mög­lich­keit einer Inan­spruch­nah­me des Ver­si­che­rers ver­mie­den wor­den wäre. Des­we­gen äußer­te sich aus der War­te der Klä­ge­rin die maß­geb­li­che scha­den­sur­säch­li­che Pflicht­ver­let­zung der Rechts­an­walt des Vor­pro­zes­ses dar­in, dass die­se den ver­ein­bar­ten Ver­si­che­rungs­schutz nicht geschaf­fen und dadurch den Regress gegen den Ver­si­che­rer ver­ei­telt hat­te. Die­se aus der Inter­es­sen­la­ge der von ihm ver­tre­te­nen Par­tei anspruchs­tra­gen­den recht­li­chen Zusam­men­hän­ge hat der Rechts­an­walt pflicht­wid­rig nicht aus­rei­chend zum Aus­druck gebracht [5]. Infol­ge der Sorg­falts­pflicht­ver­let­zung des Rechts­an­walts hat sich das Land­ge­richt ent­spre­chend der durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me ledig­lich mit den Umstän­den des Schiffs­trans­ports befasst, ohne die eigen­stän­di­ge Fra­ge der Ein­de­ckungs­pflicht über­haupt zu erör­tern.
Auch im Beru­fungs­rechts­zug hat es der Rechts­an­walt ver­säumt, den für sich genom­men die Kla­ge­for­de­rung recht­fer­ti­gen­den Gesichts­punkt der Ver­pflich­tung zum Abschluss einer All-Risk-Ver­si­che­rung in der geschul­de­ten Wei­se durch geeig­ne­ten Sach­vor­trag zu ver­deut­li­chen. Dabei kann dahin­ste­hen, ob – wie die Revi­si­ons­er­wi­de­rung gel­tend macht – das dies­be­züg­li­che erst­in­stanz­li­che Vor­brin­gen bereits auf­grund der all­ge­mei­nen Bezug­nah­me durch die Beru­fungs­be­grün­dung in Ein­klang mit den pro­zes­sua­len Min­dest­an­for­de­run­gen an eine Rechts­mit­tel­be­grün­dung zum Gegen­stand des Beru­fungs­rechts­zugs wur­de. Eine blo­ße Bezug­nah­me genüg­te jeden­falls nicht der ver­trag­lich geschul­de­ten Sorg­falt, weil sich der erst­in­stanz­li­che Vor­trag in der Behaup­tung der Ver­pflich­tung zum Abschluss einer All-Risk-Ver­si­che­rung erschöpft, sich jedoch nicht in schlüs­si­ger Form zu den dar­aus abzu­lei­ten­den Erwä­gun­gen für die Begründ­etheit der Kla­ge ver­hal­ten hat­te. Nach­dem das Erst­ge­richt in sei­nen Urteils­grün­den die Ein­de­ckungs­pflicht nicht ein­mal erwähnt hat­te, muss­te es sich dem Rechts­an­walt – schon zur Ver­mei­dung einer in die­sem Punkt ein­tre­ten­den Rechts­kraft – gera­de­zu auf­drän­gen, im Inter­es­se sei­nes Man­dan­ten die­sen Gesichts­punkt ein­schließ­lich der sich dar­aus für die Scha­dens­er­satz­pflicht erge­ben­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen nun­mehr dem Beru­fungs­ge­richt in aller Klar­heit unmiss­ver­ständ­lich zur Kennt­nis zu brin­gen. Da der Rechts­an­walt dies nicht beach­te­te, hat das Beru­fungs­ge­richt sei­ne recht­li­che und tat­säch­li­che Prü­fung – wie die Vor­in­stanz – auf die Gege­ben­hei­ten des Fracht­ver­laufs beschränkt.
Den Rechts­an­walt ent­las­tet es nicht, falls die Gerich­te des Vor­pro­zes­ses den sich aus der Ein­de­ckungs­pflicht erge­ben­den Rechts­fra­gen nicht das gebo­te­ne Augen­merk gewid­met haben, obwohl der lücken­haf­te Sach­vor­trag mög­li­cher­wei­se Anlass zur Aus­übung der mate­ri­el­len Pro­zess­lei­tungs­pflicht (§ 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO) in Form von Hin­wei­sen gab. Eine etwai­ge feh­ler­haf­te Hand­ha­bung beruht maß­geb­lich auf Feh­lern, deren Auf­tre­ten der Rechts­an­walt durch sach­ge­mä­ßen Vor­trag hät­te ver­hin­dern müs­sen [6].
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Dezem­ber 2015 – IX ZR 272/​14
vgl. BGH, Urteil vom 07.02.2002 – IX ZR 209/​00, NJW 2002, 1413[↩]
BGH, Urteil vom 13.06.2013 – IX ZR 155/​11, WM 2013, 1754 Rn. 8[↩]
vgl. Vill, aaO § 2 Rn. 218, 227[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 29.07.2014 – II ZR 353/​12, BGHZ 202, 180 Rn. 43[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 25.06.1974 – VI ZR 18/​73, NJW 1974, 1865, 1866; vom 18.12 2008 – IX ZR 179/​07, WM 2009, 324 Rn. 8[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 02.04.1998 – IX ZR 107/​97, NJW 1998, 2048, 2050; vom 15.11.2007 – IX ZR 44/​04, BGHZ 174, 205 Rn. 15[↩]
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