Source: https://www.rehm-verlag.de/verwaltung/aktuelle-beitraege-zum-pass-ausweis-und-melderecht/bedingter-sperrvermerk-bei-richterlich-angeordneter-freiheitsentziehung/
Timestamp: 2019-04-22 10:21:00
Document Index: 23403077

Matched Legal Cases: ['§ 64', '§ 27', '§ 63', '§ 52', '§ 52', '§ 52', 'Art. 27']

Bedingter Sperrvermerk bei richterlich angeordneter Freiheitsentziehung | rehm. Beste Antwort
Doppelausgabe November/Dezember 2018:
Bedingte Sperrvermerke verursachen bei der Erteilung von Melderegisterauskünften viel Aufwand. Aus der Sicht der Meldeämter ist das vergeudete Mühe. Dass eine Melderegisterauskunft wegen eines Sperrvermerks verweigert werden muss, kommt nämlich so gut wie nie vor. Aus diesem Grund plädieren viele Praktiker dafür, ihn wieder abzuschaffen. Dazu kann es irgendwann einmal kommen. Bis dahin zählt der bedingte Sperrvermerk jedoch zum geltenden Recht, das zu beachten ist. Umso willkommener sind drei Gerichtsentscheidungen, die der Praxis die eine oder andere Erleichterungen bieten.
1. Zwei interessante Sachverhalte
1.1 Fall 1: Untersuchungshäftling in einer Justizvollzugsanstalt
1.2 Fall 2: Insasse einer Entziehungsanstalt
2.1 Verwaltungsgericht München zu Fall 1
2.2 Bayerischer Verwaltungsgerichtshof zu Fall 1
2.3 Verwaltungsgericht Regensburg zu Fall 2
3. Besonderheiten der Meldepflicht bei richterlich angeordneter Freiheitsentziehung
4. Anknüpfungspunkt der Regelungen für den bedingten Sperrvermerk
Bei Fall 1 ging es um die Erteilung einer einfachen Melderegisterauskunft über einen Gefängnisinsassen. Die Besonderheit dabei: Der Häftling befand sich in Untersuchungshaft. Er galt deshalb rechtlich gesehen als unschuldig, denn rechtskräftig verurteilt war er noch nicht. Dass Untersuchungshäftlinge am Ende überhaupt nicht verurteilt, sondern schlicht wieder freigelassen werden, kommt übrigens häufiger vor, als man meint. In solchen Überlegungen sah der Häftling seine Chance. Er argumentierte, die Unschuldsvermutung führt dazu, dass eine Melderegisterauskunft über einen Untersuchungshäftling, der in einer Justizvollzugsanstalt gemeldet ist, dessen Interessen immer in unzulässiger Weise beeinträchtigen würde. Mit Fall 1 befasste sich in erster Instanz das Verwaltungsgericht München (Gerichtsbescheid vom 13.11.2017-M 13 K 17.2571), in zweiter Instanz der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (Beschluss vom 23.04.2018 – 5 ZB 17.2581). Somit wurde dieser Fall von zwei Gerichten rechtlich bewertet.
Gegenstand von Fall 2 war die Erteilung einer einfachen Melderegisterauskunft über eine Person, die zwangsweise in einer „Entziehungsanstalt“ untergebracht war. Er wurde vom Verwaltungsgericht Regensburg entschieden (Gerichtsbescheid vom 17.10.2018 – RO 9 K 17.300). Der Begriff „Entziehungsanstalt“ hört sich für viele etwas seltsam an. Er stammt aus § 64 Strafgesetzbuch (StGB). Dort ist folgendes geregelt:
Falls eine Person den Hang hat, alkoholische Getränke oder andere berauschende Getränke im Übermaß zu sich zu nehmen, dann soll das zuständige Gericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt anordnen, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind:
Die Person muss wegen einer Tat verurteilt worden sein, die sie im Rausch begangen hat oder die auf ihren Hang zu berauschenden Getränken zurückgeht. Alternativ genügt es, dass sie eine solche Tat begangen hat und nur deshalb nicht verurteilt wurde, weil ihre Schuldunfähigkeit erwiesen ist oder weil ihre Schuldunfähigkeit nicht auszuschließen ist.
Es muss die Gefahr bestehen, dass die Person infolge ihres Hanges auch in der Zukunft erhebliche rechtswidrige Taten begehen wird.
Rechtlich gesehen ist diese Form der zwangsweisen Unterbringung ebenso eine Freiheitsentziehung wie ein Strafbefehl oder eine Untersuchungshaft. Sie erfolgt in Bayern durch zwangsweise Unterbringung in einem „Bezirkskrankenhaus". In anderen Bundesländern tragen die entsprechenden Einrichtungen andere Namen.
Der Kläger bei Fall 2 argumentiert, er wolle nicht, dass sein Aufenthalt in einer solchen Anstalt der Öffentlichkeit bekannt wird. Ferner wolle er nicht, dass seine Daten zu Werbezwecken verwendet würden.
In beiden Fällen haben die beteiligten Gerichte die Klagen als unbegründet angesehen. Dabei haben sie eine ganze Reihe von Punkten festgehalten, die für die Praxis wichtig sind. Sie werden im Folgenden dargestellt.
Das Verwaltungsgericht München (erste Instanz bei Fall 1) hat sich besonders mit den formalen Abläufen befasst, die von der Meldebehörde zu beachten sind. Dabei befasst es sich zunächst mit der grundsätzlichen Funktion eines Sperrvermerks. Dazu führt es aus:
Ein bedingter Sperrvermerk blockiert nicht etwa die Auskunft aus dem Melderegister, sondern verpflichtet zunächst einmal lediglich dazu, die betroffene Person anzuhören. Nach dem Ergebnis der Anhörung entscheidet sich dann, ob die Auskunft erteilt werden kann oder nicht.
Auf das Argument der Klägerin, sie habe sich „mit einer Auskunft nicht einverstanden erklärt“ geht das Gericht nicht einmal ein. „Anhörung“ bedeutet eben lediglich, dass sich die betroffene Person äußern kann. Das ist nicht damit zu verwechseln, dass ihre Zustimmung nötig wäre.
Wenn die betroffene Person keine „wirklich triftigen Argumente“ (so das Gericht wörtlich) vorbringt, kann die Auskunft auch gegen ihren Willen erteilt werden.
In der Praxis kommt es häufig vor, dass die betroffene Person angehört wird, sie sich aber nicht äußert. Dann kann die Meldebehörde nach Auffassung des Gerichts daraus folgende Schlussfolgerung ziehen: „Äußert sich ein Anstaltsinsasse bei einer Anhörung einer beantragten Auskunft nicht, so kann die Meldebehörde davon ausgehen, dass die Auskunft keine schutzwürdigen Interessen verletzt.“
Zu der Frage, wie lang die Anhörungsfrist bemessen sein muss, sagt das Gericht:
Eine Frist von zwei Wochen genügt in der Regel. Dabei zitiert das Gericht Nr. 52.2.1 der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Durchführung des Bundesmeldegesetzes. Dort heißt es: „Die Frist soll in der Regel zwei Wochen betragen.“
Demnach hält das Gericht diese Frist für ausreichend, wenn nicht im Einzelfall besondere Umstände zu erkennen sind, die für eine längere Frist sprechen. Mit dem Argument der Klägerin, bei Personen in Untersuchungshaft sei der Postweg erfahrungsgemäß länger, setzt sich das Gericht nicht näher auseinander.
Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (zweite Instanz bei Fall 1) legt das Schwergewicht seiner Darlegungen auf die Frage, wann Gründe vorliegen, die einer Auskunft entgegenstehen können. Hierzu führt er aus:
Die bloße Tatsache, dass jemand seinen Wohnsitz in einer Justizvollzugsanstalt hat, steht einer Auskunft nicht entgegen. Das ergibt sich aus der Systematik des Gesetzes (siehe dazu schon oben das Verwaltungsgericht München: Das Gesetz verpflichtet bei einem bedingten Sperrvermerk zwar zur Anhörung, blockiert eine Auskunft aber nicht generell.)
Das gilt auch bei Untersuchungshaft. Das Gesetz macht nämlich keinen Unterschied zwischen Untersuchungshaft und Strafhaft. Die Unschuldsvermutung ändert daran nichts. Auch bei Untersuchungshäftlingen führt ein Wohnsitz in der Justizvollzugsanstalt für sich allein noch nicht dazu, dass schutzwürdige Interessen des Häftlings beeinträchtigt wären.
Das Verwaltungsgericht Regensburg (Gericht, das Fall 2 entschieden hat), kannte die beiden Entscheidungen zu Fall 1 bereits und schließt sich ihnen in den zentralen Punkten an:
Der bloße Wohnsitz in einer Entziehungsanstalt steht einer Melderegisterauskunft nicht entgegen.
Er führt für sich allein nicht dazu, dass schutzwürdige Interessen verletzt werden.
Lediglich das Verwaltungsgericht München (Fall 1) geht am Rande darauf ein, dass eine Meldepflicht in einer Justizvollzugsanstalt nach den Regelungen des Bundesmeldegesetzes nur in wenigen Fällen besteht. Einschlägig ist insofern § 27 Abs. 4 Bundesmeldegesetz. Demnach gilt: „Eine Meldepflicht wird nicht begründet durch den Vollzug einer richterlichen Entscheidung über die Freiheitsentziehung, solange die betroffene Person für eine Wohnung im Inland gemeldet ist.“ Bei dieser Regelung sind mehrere Aspekte von Bedeutung:
Sie gilt nicht nur für Insassen einer Justizvollzugsanstalt. Dieser Begriff ist in der Regelung gar nicht erwähnt. Sie knüpft vielmehr an den „Vollzug einer richterlichen Entscheidung über die Freiheitsentziehung" an. Eine solche richterliche Entscheidung liegt nicht nur bei Personen vor, die eine Freiheitsstrafe verbüßen (Strafhaft), sondern auch bei Personen, die sich in Untersuchungshaft befinden. Dasselbe gilt für Personen wie in Fall 2, die aufgrund richterlicher Entscheidung in einer Entziehungsanstalt untergebracht sind. Ein weiteres Beispiel wären Personen, die sich im Maßregelvollzug befinden (Straftäter in der Forensischen Psychiatrie, die dort gemäß § 63, 64 Strafgesetzbuch untergebracht sind).
Solange eine betroffene Person für eine andere Wohnung im Inland gemeldet ist, entsteht auf keinen Fall eine Meldepflicht in der Vollzugseinrichtung. Dies kann jahrelang so sein.
Eine Meldepflicht entsteht aber sehr wohl, wenn die betroffene Person keine andere Wohnung (mehr) im Inland hat.
Die Regelungen hierzu knüpfen interessanterweise nicht an den Begriff „Vollzug einer richterlichen Entscheidung über die Freizeitentziehung“ an. Sie sprechen vielmehr ganz konkret von „Justizvollzugsanstalt“ (§ 52 Abs. 1 Nr. 1 BMG), „Krankenhäusern“ (§ 52 Abs. 1 Nr. 3 BMG) und „Einrichtungen zur Behandlung von Suchterkrankungen“ (§ 52 Abs. 1 Nr. 5 BMG). Bei Fall 1 geht es eindeutig um eine Justizvollzugsanstalt. Bei Fall 2 liegt entweder eine Einrichtung zur Behandlung von Suchterkrankungen vor oder ein Krankenhaus. Im Ergebnis macht dies keinen Unterschied.
Die geschilderten Regelungen gewährleisten, dass es zu einer Meldepflicht in einer entsprechenden Einrichtung nur kommt, wenn der „Aufenthalt zeitlich verfestigt“ ist (so die Formulierung des Verwaltungsgerichts München im Fall 1). Es ist also nicht so, dass jeder, der sich auch nur kurz in einer entsprechenden Einrichtung aufhält, damit rechnen müsste, dass dieser Aufenthalt über eine Melderegisterauskunft nach außen bekannt wird. Dazu kann es nur kommen, wenn er keine andere Wohnung im Inland hat (weitere Details siehe Art. 27 Abs. 4 BMG) und daher in der entsprechenden Einrichtung meldepflichtig ist. Dann muss er es im Normalfall jedoch hinnehmen, dass Auskunft über diese Anschrift erteilt wird. Die Alternative bestünde nämlich darin, dass er beispielsweise für Gläubiger kaum noch zu finden wäre. Damit würden aber die Interessen solche Personen vernachlässigt.
Hinweis: Bei Eingabe des Aktenzeichens ist die Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs im Internet leicht zu finden. Die beiden anderen Entscheidungen sind dort derzeit leider nicht verfügbar.
An der Pegnitz bei Vorra, © Dr. Eugen Ehmann
wieder ist für die Pass-/Ausweis- und Meldebehörden ein abwechslungsreiches Jahr vergangen. Wir danken Ihnen wieder herzlich für Ihre Treue und für Ihr beständiges Interesse an unserem Newsletter. Danke auch für alle Diskussionen und Ihre Unterstützung im vergangenen Jahr!
Wir hoffen, dass dies alles auch 2019 so bleiben wird und wünschen Ihnen, Ihren Kolleginnen und Kollegen, besonders aber auch Ihren Familien, frohe und gesegnete Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!