Source: https://csl.mpg.de/de/forschung/projekte/evaluation-bkag-zur-abwehr-von-gefahren-des-internationalen-terrorismus/
Timestamp: 2020-07-05 20:04:48
Document Index: 351475300

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 20', '§ 20', '§ 4', '§ 20', '§ 20', '§ 4', '§ 20']

Projekt: Evaluation der §§ 4a, 20j, 20k BKAG zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus
Evaluation der §§ 4a, 20j, 20k BKAG zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus
Im Auftrag des Bundesministeriums des Innern wurde die Anwendung verschiedener Normen aus dem Bundeskriminalamtsgesetz zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus evaluiert: § 4a (Zuständigkeit des Bundeskriminalamtes zur Abwehr von Gefahren des internationalen Terrorismus), § 20j (Rasterfahndung) und § 20k BKAG (verdeckter Eingriff in informationstechnische Systeme, sog. 'Online'-Durchsuchung). Hierauf aufbauend wurden auch (verfassungs-)rechtliche Fragestellungen im Hinblick auf möglichen Reformbedarf behandelt und Empfehlungen für eine Weiterentwicklung des aktuellen Normenbestandes erarbeitet.
Pro­jekt­dau­er: Pro­jekt Start­da­tum: 2015
Prof. Dr. Ralf Po­scher
Telefon:+49 761 7081-500
Dr. Phil­ipp Lassahn LL.M. (Uni­ver­si­tät Frei­burg) (ext)
Ziel des im Auf­trag des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des In­nern durch­ge­führ­ten Pro­jekts war die Un­ter­su­chung der An­wen­dungs­pra­xis von § 4a (Zu­stän­dig­keit des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes zur Ab­wehr von Ge­fah­ren des in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus), § 20j (Ras­ter­fahn­dung) und § 20k BKAG (ver­deck­ter Ein­griff in in­for­ma­ti­ons­tech­ni­sche Sys­te­me, sog. 'On­li­ne'-Durch­su­chung). Die­se Maß­nah­men sind for­mell im Ge­fah­ren­ab­wehr­recht an­ge­sie­delt; die Ana­ly­se ih­rer An­wen­dungs­pra­xis er­gänzt die kri­mi­no­lo­gi­schen Un­ter­su­chun­gen zum re­pres­si­ven Ein­satz ver­deck­ter Maß­nah­men. Die vor­lie­gen­de Dar­stel­lung kon­zen­triert sich auf die Zu­sam­men­fas­sung der em­pi­ri­schen Ana­ly­sen. Hier­auf auf­bau­end wur­den von den Pro­jekt­part­nern der Uni­ver­si­tät der Re­form­be­darf im Hin­blick auf die ak­tu­el­le Ge­set­zes­fas­sung iden­ti­fi­ziert und – un­ter Be­rück­sich­ti­gung der Lei­taus­sa­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus der Ent­schei­dung vom 20.4.2016 – Emp­feh­lun­gen für ei­ne Wei­ter­ent­wick­lung des Nor­men­be­stan­des er­ar­bei­tet.
Aus­gangs­punkt der Ar­beits­vor­gän­ge ist ei­ne Grund­ge­samt­heit von 1.850 po­ten­zi­el­len Ver­dachts­fäl­len im Un­ter­su­chungs­zeit­raum (2009–2014). Aus die­sen Aus­gangs­sach­ver­hal­ten wur­den nach vor­läu­fi­ger Prü­fung durch das BKA n = 17 förm­li­che Ge­fah­ren­ab­wehr­vor­gän­ge ge­ne­riert und wei­ter­ge­führt. Dies sind die ein­schlä­gi­gen Fäl­le ge­mäß § 4a BKAG (sog. 4a-La­gen), ins­ge­samt ein An­teil von 0,9 % der Aus­gangs­sach­ver­hal­te. Di­rek­te Ziel­per­so­nen der in den förm­li­chen Vor­gän­gen ein­ge­setz­ten ver­deck­ten Er­mitt­lungs­maß­nah­men zur Ge­fah­ren­ab­klä­rung wa­ren 86 Per­so­nen; das sind im Durch­schnitt 5,4 di­rekt Be­trof­fe­ne pro Vor­gang (po­ten­zi­el­le Ge­fah­ren­ver­ur­sa­cher). Weitaus grö­ßer war der Kreis der in­di­rekt (mit-)be­trof­fe­nen Per­so­nen. Ih­re An­zahl sum­miert sich auf min­des­tens 1.621; das er­gibt ei­ne durch­schnitt­li­che Streu­brei­te von ca. 101 mut­maß­lich un­be­tei­lig­ten Drit­ten pro Fall­kom­plex (Höchst­wert 612; nur in drei Fäl­len wa­ren kei­ne un­be­tei­lig­ten Per­so­nen von Maß­nah­men be­trof­fen).
Ins­ge­samt ka­men in den un­ter­such­ten Ver­fah­ren n = 899 ver­deck­te Er­mitt­lungs­maß­nah­men zum Ein­satz. Das er­gibt ei­ne durch­schnitt­li­che Ein­griffs­brei­te von 56 Ein­zel­maß­nah­men pro Fall. In dem über­wa­chungs­in­ten­sivs­ten Fall­kom­plex wur­den 426 Maß­nah­men durch­ge­führt. Da­bei wur­den na­he­zu al­le im BKAG vor­ge­se­he­nen Er­mitt­lungs­in­stru­men­te ein­ge­setzt: län­ger­fris­ti­ge Ob­ser­va­ti­on, Bild­auf­nah­men, akus­ti­sche Über­wa­chung au­ßer­halb der Woh­nung, Ob­ser­va­ti­on mit sons­ti­gen tech­ni­schen Mit­teln, VP-Ein­satz, Wohn­rau­m­über­wa­chung, Aus­schrei­bung zur po­li­zei­li­chen Be­ob­ach­tung, Ras­ter­fahn­dung, On­li­ne-Durch­su­chung, Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung (TKÜ), Quel­len-TKÜ, Ver­kehrs­da­te­ner­he­bung, IM­SI-Cat­cher. Am sel­tens­ten wur­de mit nur ei­nem ein­zi­gen Ein­satz die Ras­ter­fahn­dung durch­ge­führt, am häu­figs­ten die TKÜ mit 397 so­wie die Ver­kehrs­da­ten­über­wa­chung mit 323 An­wen­dun­gen. An­ders als im re­pres­si­ven Be­reich steht da­bei die TKÜ in der Va­ri­an­te der In­halts­über­wa­chung an der Spit­ze. Dies ist auch plau­si­bel er­klär­bar, da die in­di­vi­du­el­le und in­halts­be­zo­ge­ne In­for­ma­ti­ons­ge­win­nung bei der Ge­fah­ren­ab­schät­zung her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung hat. Die funk­tio­na­le In­for­ma­ti­ons­ge­win­nung aus kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zo­ge­nen Me­ta­da­ten hat quan­ti­ta­tiv zwar eben­falls er­heb­li­che Be­deu­tung, er­scheint aber doch we­ni­ger do­mi­nant als im straf­pro­zes­sua­len Ein­satz. Me­ta­da­ten ste­hen da­bei auch im Zu­sam­men­hang mit der tech­ni­schen Vor­be­rei­tung an­de­rer Maß­nah­men, auch der On­li­ne-Durch­su­chung. Hin­ge­gen er­folg­te im Un­ter­su­chungs­zeit­raum kei­ne ein­zi­ge Funk­zel­len­ab­fra­ge.
Die On­li­ne-Durch­su­chung soll den Si­cher­heits­be­hör­den die Mög­lich­keit ge­ben, auf die ge­spei­cher­ten In­hal­te auf Com­pu­tern po­ten­zi­el­ler Ge­fähr­der zu­grei­fen zu kön­nen. Hier­für muss ei­ne in­di­vi­du­ell pro­du­zier­te und pro­gram­mier­te Soft­wa­re ("Tro­ja­ner") in dem Ziel­sys­tem plat­ziert wer­den. Die Maß­nah­me ist er­folg­reich, wenn es – der pro­gram­mier­ten Funk­tio­na­li­tät der in­stal­lier­ten Späh­soft­wa­re ent­spre­chend – tat­säch­lich zu der Aus­lei­tung und Über­mitt­lung von Da­ten aus dem Ziel­sys­tem kommt. Ins­ge­samt wur­den der­ar­ti­ge Ein­sät­ze ge­gen fünf Ziel­per­so­nen vor­be­rei­tet, be­an­tragt und ge­richt­lich an­ge­ord­net. In vier Fäl­len sind die Maß­nah­men wei­ter bis in das Sta­di­um des Auf­spie­lens der Späh­soft­wa­re in die Ziel­sys­te­me ge­langt. Am En­de kam es dann le­dig­lich in ei­nem Fall tat­säch­lich auch zum er­folg­rei­chen Ab­schluss der Maß­nah­me, d.h. zur kon­kre­ten Da­ten­aus­lei­tung aus den prä­pa­rier­ten Ziel­sys­te­men (ein PC und ein No­te­book). Die Aus­lei­tungs­funk­ti­on war bis zur De­ak­ti­vie­rung über einen Zeit­raum von ins­ge­samt 86 Ta­gen ak­tiv.
Die Un­ter­su­chung hat ge­zeigt, dass die eva­lu­ier­ten Nor­men in der Pra­xis bis­lang nur sel­ten An­wen­dung fin­den. Das liegt im Fall von § 20k BKAG vor al­lem an Schwie­rig­kei­ten bei der Auf­brin­gung der Über­wa­chungs­soft­wa­re. Die­se wird in der Pra­xis auch durch ein hoch­kon­spi­ra­ti­ves und tech­nisch fort­schritt­li­ches Vor­ge­hen der po­ten­zi­el­len Ge­fähr­der er­schwert. Auf der recht­li­chen Ebe­ne wur­de ne­ben Än­de­run­gen im Be­reich des Kern­be­reichs­schut­zes u.a. emp­foh­len, die wis­sen­schaft­li­che Eva­lua­ti­on auch für die Zu­kunft fort­zu­schrei­ben.
Das Gut­ach­ten ist als Bun­des­tags-Druck­sa­che 18/13031 vom 23.6.2017 pu­bli­ziert (auch on­li­ne im Voll­text ver­füg­bar).