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Timestamp: 2018-05-24 08:01:07
Document Index: 88473853

Matched Legal Cases: ['§ 10', '§ 10', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 4', '§ 11', '§ 4', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 8', '§ 1', '§ 22', '§ 9']

BAG, Urteil vom 19.11.2009, 6 AZR 374/08 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 19.11.2009, 6 AZR 374/08
Schlagworte: Arbeitszeit, Lenkzeit
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 05.09.2007, 86 Ca 8349/07
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 27.02.2008, 24 Sa 2086/07
24 Sa 2086/07
19. No­vem­ber 2009
hat der Sechs­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 19. No­vem­ber 2009 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Fi­scher­mei­er, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Spel­ge so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Hoff­mann und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Jer­chel für Recht er­kannt:
1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 27. Fe­bru­ar 2008 - 24 Sa 2086/07 - wird zurück­ge­wie­sen.
Pro­to­kollerklärung zu Abs. 1:
Zur Ar­beits­zeit zählen ins­be­son­de­re Lenk­zei­ten, Vor­be­rei­tungs-und Ab­schluss­zei­ten so­wie be­trieb­lich ver­an­lass­te We­ge­zei­ten.
(2) Es sind fol­gen­de Pau­sen­re­ge­lun­gen an­zu­wen­den:
(8) Für Über­schrei­tun­gen der dienst­planmäßigen tägli­chen Ar­beits­zeit in­fol­ge von Fahr­zeug­ver­spätun­gen erhält der Ar­beit­neh­mer ei­ne ent­spre­chen­de Gut­schrift auf dem Kurz­zeit­kon­to (§ 10 Abs. 4).
§ 10 - Ar­beits­zeit­fle­xi­bi­li­sie­rung
c) Zeit­gut­schrif­ten für Fahr­zeug­ver­spätun­gen (§ 9 Abs. 8) bzw. Dienst an frei­en Ta­gen (§ 9 Abs. 9),
fest­zu­stel­len, dass er im Zeit­raum vom 21. Ja­nu­ar 2007 bis 19. April 2007 223 Mi­nu­ten Ar­beits­zeit über die dienst-planmäßige Ar­beits­zeit hin­aus ge­leis­tet hat, für die er An­spruch auf Zeit­gut­schrift auf dem Kurz­zeit­kon­to hat.
Die Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat dem Kläger zu Recht ei­nen An­spruch auf Zeit­gut­schrift auf dem von der Be­klag­ten ge-
führ­ten Kurz­zeit­kon­to für die Verlänge­rung der im Dienst­plan vor­ge­se­he­nen Lenk­zei­ten auf­grund von Ver­spätun­gen im Bus­be­trieb zu­er­kannt.
run­gen er­folgt. Ins­be­son­de­re ist der Be­griff „Lenk­zeit­un­ter­bre­chun­gen“ durch die Be­zeich­nung „Fahrt­un­ter­bre­chun­gen“ er­setzt wor­den.
a) Der Ar­beit­ge­ber kann sei­ne Ver­pflich­tung zur Gewährung von Pau­sen gem. § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 1 TV-N Ber­lin auch durch Lenk­zeit­un­ter­bre­chun­gen erfüllen. Das setzt vor­aus, dass es sich um Lenk­zeit- bzw. Fahrt­un­ter­bre­chun­gen im ar­beits­schutz­recht­li­chen Sin­ne han­delt, der Bus­fah­rer sich al­so während die­ser Zei­ten nicht für Ar­beits­leis­tun­gen be­reit­hal­ten oder ar­bei­ten muss (vgl. Se­nat 17. Ju­li 2008 - 6 AZR 602/07 - Rn. 22, AP BMT-G-O § 4 Nr. 1).
b) Un­strei­tig müssen die Bus­fah­rer der Be­klag­ten nach § 11 Nr. 13.2.3 der Be­triebs­ord­nung Kraft­ver­kehr nach Ein­tref­fen an der Be­triebs­hal­te­stel­le (End­hal­te­stel­le) noch Ar­bei­ten ver­rich­ten, ins­be­son­de­re die An­kunfts- und Ab­fahrts­zeit im Fahrt­be­richt ein­tra­gen und die Fest­stell­brem­se betäti­gen. Bei Hal­te­zei­ten über zwei Mi­nu­ten ist ein Durch­gang durch den Bus er­for­der­lich, in des­sen Fol­ge even­tu­ell Fund­sa­chen fest­zu­stel­len so­wie Ver­schmut­zun­gen und Beschädi­gun­gen fest­zu­stel­len bzw. zu be­sei­ti­gen sind. Da­mit sind die Bus­fah­rer der Be­klag­ten je­den­falls un­mit­tel­bar nach Er­rei­chen der End­hal­te­stel­le nicht vollständig von der Ar­beits­leis­tung be­freit. Die­se Zeit ist da­her kei­ne Fahrt­un­ter­bre­chung in Sin­ne der ein­schlägi­gen ar­beits­schutz­recht­li­chen Be­stim­mun­gen und kann die nach die­sen Be­stim­mun­gen zu er­tei­len­den Fahrt­un­ter­bre­chun­gen nicht er­set­zen (vgl. Se­nat 17. Ju­li 2008 - 6 AZR 602/07 - Rn. 24, AP BMT-G-O § 4 Nr. 1; BAG 29. Ok­to­ber 2002 - 1 AZR 603/01 - BA­GE 103, 197, 201). Bei Be­ginn der Lenk­zeit­un­ter­bre­chung iSv. § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 TV-N Ber­lin steht noch nicht fest, wann der Bus­fah­rer kei­ner­lei Ar­beits­leis­tung mehr zu er­brin­gen hat, wann al­so die Lenk­zeit- bzw. Fahrt­un­ter­bre­chung im ar­beits­schutz­recht­li­chen Sin­ne tatsächlich be­ginnt und da­mit die Pau­se nach § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 1 Satz 1 TV-N Ber­lin ab­ge­gol­ten wird. Die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ha­ben des­halb mit der Re­ge­lung in § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 TV-N Ber­lin pau­scha­li­sie­rend fest­ge­legt, dass die ers­ten Mi­nu­ten ei­ner Lenk­zeit­un­ter­bre­chung bis zur Ma­xi­mal­dau­er von zehn Mi­nu­ten (noch) in die Ar­beits­zeit ein­zu­rech­nen sind.
tätig­keit während ei­ner Ver­spätung ist je­doch ge­ra­de das Ge­gen­teil ei­ner Lenk­zeit­un­ter­bre­chung im ar­beits­schutz­recht­li­chen Sin­ne. Mit der Ver­wen­dung des fest­ste­hen­den Be­griffs der „Lenk­zeit­un­ter­bre­chung“ ha­ben die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en zum Aus­druck ge­bracht, dass sich die im Dienst­plan vor­ge­se­he­nen Lenk­zeit­un­ter­bre­chun­gen bei Ver­spätun­gen ent­spre­chend verkürzen und die An­rech­nung der ers­ten zehn Mi­nu­ten die­ser Un­ter­bre­chung auf die Ar­beits­zeit erst mit Be­en­di­gung der tatsächli­chen Lenktätig­keit be­gin­nen kann.
Aus § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 TV-N Ber­lin folgt auch in der Zu­sam­men­schau mit § 9 Abs. 8 TV-N Ber­lin nicht, dass ei­ne Gut­schrift auf das Kurz­zeit­kon­to erst dann er­folgt, wenn am En­de der Dienst­schicht in­fol­ge von Ver­spätun­gen im Bus­be­trieb die dienst­planmäßige Ar­beits­zeit ein­sch­ließlich der ein­ge­plan­ten Lenk­zeit­un­ter­bre­chun­gen über­schrit­ten ist. Zwar ist, wor­auf die Be­klag­te zu Recht hin­weist, je­de ein­ge­plan­te Lenk­zeit­un­ter­bre­chung iSv. § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 TV-N Ber­lin im Dienst­plan mit ma­xi­mal zehn Mi­nu­ten als be­zahl­te Ar­beits­zeit berück­sich­tigt. In­so­weit ist sie Be­stand­teil der dienst­planmäßigen tägli­chen Ar­beits­zeit. Dar­aus folgt aber nicht, dass die dienst­planmäßige Ar­beits­zeit erst dann über­schrit­ten und dem Fah­rer ei­ne Gut­schrift nach § 9 Abs. 8 TV-N Ber­lin zu er­tei­len ist, wenn die ein­zel­ne Ver­spätung mehr als zehn Mi­nu­ten beträgt, die ein­ge­plan­te Lenk­zeit­un­ter­bre­chung al­so be­reits durch die Ver­spätung voll „auf­ge­zehrt“ ist. Aus § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 TV-N Ber­lin er­gibt sich auf­grund der von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en ver­wen­de­ten Be­griff­lich­kei­ten und der be­trieb­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten viel­mehr im Ge­gen­teil, wie aus­geführt, ihr Wil­le, die ers­ten zehn Mi­nu­ten ei­ner im Dienst­plan berück­sich­tig­ten Lenk­zeit­un­ter­bre­chung erst mit Be­en­di­gung der tatsächli­chen Lenktätig­keit be­gin­nen zu las­sen.
Ver­spätun­gen im Bus­be­trieb fal­len al­so in die Ri­si­ko­sphäre der Be­klag­ten. Dies bestätigt die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Ta­rif­ver­trags. Nach dem von der Be­klag­ten vor­ge­leg­ten Son­die­rungs­er­geb­nis mit Stand vom 23. Mai 2003 soll­te zunächst bei Über­schrei­tun­gen der dienst­planmäßigen tägli­chen Ar­beits­zeit in­fol­ge von Fahr­zeug­ver­spätun­gen bis zu 15 Mi­nu­ten kei­ne An­rech­nung auf die Ar­beits­zeit er­fol­gen und erst bei ei­ner Fahr­zeug­ver­spätung von mehr als 15 Mi­nu­ten bis zu ei­ner hal­ben St­un­de und für je­de wei­te­re an­ge­fan­ge­ne hal­be St­un­de ei­ne hal­be St­un­de dem Kurz­zeit­kon­to gut-ge­schrie­ben wer­den. Wenn nun­mehr in § 9 Abs. 8 TV-N Ber­lin un­ein­ge­schränkt ge­re­gelt ist, dass (sämt­li­che) Über­schrei­tun­gen der dienst­planmäßigen tägli­chen Ar­beits­zeit in­fol­ge von Fahr­zeug­ver­spätun­gen als Ar­beits­zeit zu wer­ten und dem Kurz­zeit­kon­to gut­zu­schrei­ben sind, folgt dar­aus, dass es der Be­klag­ten ge­ra­de nicht ge­lun­gen ist, ih­ren Wunsch nach ei­ner Ver­la­ge­rung des aus ge­ringfügi­gen Ver­spätun­gen fol­gen­den Vergütungs­ri­si­kos auf die Ar­beit­neh­mer durch­zu­set­zen. Ei­ne der­ar­ti­ge Ver­la­ge­rung des Vergütungs­ri­si­kos kann des­halb auch nicht ge­gen den Wort­laut des Ta­rif­ver­trags in § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 TV-N Ber­lin hin­ein­ge­le­sen wer­den. Träfe die Auf­fas­sung der Be­klag­ten zu, müss­te § 9 Abs. 8 TV-N Ber­lin et­wa lau­ten „Für Über­schrei­tun­gen der dienst­planmäßigen tägli­chen Ar­beits­zeit in­fol­ge von Fahr­zeug­ver­spätun­gen, die die nach § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 ein­ge­plan­te Zeit über­stei­gen, erhält der Ar­beit­neh­mer ei­ne ent­spre­chen­de Gut­schrift auf dem Kurz­zeit­kon­to“.
Die Be­klag­te mag bei den Ta­rif­ver­trags­ver­hand­lun­gen die sub­jek­ti­ve Vor­stel­lung ge­habt ha­ben, mit der Re­ge­lung in § 9 Abs. 2 Ziff. 2 Un­terabs. 3 Satz 1 TV-N Ber­lin auch Ver­spätun­gen im Ma­xi­mal­um­fang von zehn Mi­nu­ten auf­zu­fan­gen. Sub­jek­ti­ve Vor­stel­lun­gen der Ta­rif­ver­trags­par­tei­en sind je­doch bei der Ta­rif­ver­trags­aus­le­gung, die grundsätz­lich ob­jek­tiv zu er­fol­gen hat (Se­nat 5. Fe­bru­ar 2009 - 6 AZR 114/08 - Rn. 23, EzTöD 100 TVöD-AT § 8 Ruf­be­reit­schafts­ent­gelt Nr. 5), nur zu berück­sich­ti­gen, wenn die­se im Ta­rif­wort­laut Nie­der­schlag ge­fun­den ha­ben (st. Rspr., vgl. nur BAG 23. Fe­bru­ar 1994 - 4 AZR 224/93 - AP TVG § 1 Ta­rif­verträge: Kir­chen Nr. 2 = Ez­BAT BAT §§ 22, 23 F.2 Er­zie­hungs­dienst VergGr. IV b Nr. 2). Dies ist hier nicht der Fall.
4. Für die Aus­le­gung der Be­klag­ten spricht auch nicht, dass die Re­ge­lung in § 9 Abs. 2 Ziff. 2 TV-N Ber­lin grundsätz­lich und da­mit auch in Un­terabs. 3 Satz 1 von den im Dienst­plan vor­ge­se­he­nen Lenk­zeit­un­ter­bre­chun­gen aus­geht. Bei Ver­spätun­gen kann dies da­zu führen, dass Pau­sen nicht mehr in der er­for­der­li­chen Dau­er gewährt wer­den können und des­halb ei­ne Pau­sen­ablösung er­for­der­lich wird, wie es die Be­klag­te in der Dienst­an­wei­sung „Gewährung von un­be­zahl­ten An­tei­len der Lenk­zeit­un­ter­bre­chung laut TV-N“ ge­re­gelt hat. Dies ändert je­doch nichts dar­an, dass die Ta­rif­ver­trags­par­tei­en durch die Ver­wen­dung des fest­ste­hen­den Be­griffs der „Lenk­zeit­un­ter­bre­chung“ zum Aus­druck ge­bracht ha­ben, dass die An­rech­nung der ers­ten Mi­nu­ten ei­ner ein­ge­plan­ten Lenk­zeit­un­ter­bre­chung auf die Ar­beits­zeit nicht für Zei­ten ei­ner Lenktätig­keit er­fol­gen soll. Dar­aus folgt zwin­gend, dass die­se Be­stim­mung bei Ver­spätun­gen erst mit Still­stand des Fahr­zeu­ges Wir­kung ent­fal­tet, die im Dienst­plan vor­ge­se­he­ne Lenk­zeit­un­ter­bre­chung sich bei Ver­spätun­gen al­so um die Dau­er der Ver­spätung verkürzt.
III. Der Kläger ver­langt le­dig­lich für die ers­ten zehn Mi­nu­ten ei­ner ver­spätet be­gon­ne­nen Lenk­zeit­un­ter­bre­chung de­ren Berück­sich­ti­gung als Ar­beits­zeit. Auf die­ser Grund­la­ge ist die Kla­ge­for­de­rung der Höhe nach un­strei­tig. So­weit der Kläger für ein­zel­ne Ta­ge vergütungs­pflich­ti­ge Zei­ten von mehr als zehn Mi­nu­ten
gel­tend macht, han­delt es sich um die Ad­di­ti­on meh­re­rer Ver­spätun­gen an ei­nem Tag.
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