Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-eugh-c-619-16-kreuziger-06-11-2018-u.html
Timestamp: 2019-06-17 11:14:50
Document Index: 224236683

Matched Legal Cases: ['Art. 7', 'Art. 267', 'Art. 7', 'Art. 17', 'Art. 7', '§ 9', '§ 7', 'Art. 7', 'Art. 7', '§ 9', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', '§ 9', '§ 9', '§ 9', 'Art. 7', 'Art. 7', '§ 9', 'Art. 31', 'Art. 6', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', '§ 9', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', '§ 9', 'Art. 7', '§ 9', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 7']

„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Ar­beits­zeit­ge­stal­tung - Richt­li­nie 2003/88/EG - Art. 7 - An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub - Na­tio­na­le Re­ge­lung, die den Ver­lust des nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laubs und der fi­nan­zi­el­len Vergütung für die­sen Ur­laub vor­sieht, wenn der Ar­beit­neh­mer vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen Ur­laubs­an­trag ge­stellt hat“
In der Rechts­sa­che C‑619/16
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 14. Sep­tem­ber 2016, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 29. No­vem­ber 2016, in dem Ver­fah­ren
Se­bas­ti­an W. Kreu­zi­ger
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 9. Ja­nu­ar 2018,
- von Herrn Kreu­zi­ger,
- des Lan­des Ber­lin, ver­tre­ten durch B. Pi­ckel und S. Schwerdtfe­ger als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von Rechts­anwältin L. von Laf­fert,
- der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. Pal­mie­ri als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von F. Di Mat­teo, av­vo­ca­to del­lo Sta­to,
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Herrn Se­bas­ti­an W. Kreu­zi­ger und sei­nem frühe­ren Ar­beit­ge­ber, dem Land Ber­lin (Deutsch­land), über des­sen Wei­ge­rung, Herrn Kreu­zi­ger ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len.
3 In den Erwägungs­gründen 4 und 5 der Richt­li­nie 2003/88 heißt es:
(5) Al­le Ar­beit­neh­mer soll­ten an­ge­mes­se­ne Ru­he­zei­ten er­hal­ten. Der Be­griff ,Ru­he­zeit‘ muss in Zeit­ein­hei­ten aus­ge­drückt wer­den, d. h. in Ta­gen, St­un­den und/oder Tei­len da­von. Ar­beit­neh­mern in der [Uni­on] müssen Min­destru­he­zei­ten – je Tag, Wo­che und Jahr – so­wie an­ge­mes­se­ne Ru­he­pau­sen zu­ge­stan­den wer­den. …“
4 Art. 7 („Jah­res­ur­laub“) die­ser Richt­li­nie lau­tet:
5 Nach Art. 17 der Richt­li­nie 2003/88 können die Mit­glied­staa­ten von be­stimm­ten Vor­schrif­ten die­ser Richt­li­nie ab­wei­chen. Ei­ne Ab­wei­chung von Art. 7 der Richt­li­nie ist je­doch nicht zulässig.
6 § 9 der Ver­ord­nung über den Er­ho­lungs­ur­laub der Be­am­ten und Rich­ter vom 26. April 1988 (GVBl. 1988, S. 846, im Fol­gen­den: EUrl­VO) be­stimmt:
„(1) Der Be­am­te soll den ihm zu­ste­hen­den Er­ho­lungs­ur­laub möglichst zu­sam­menhängend neh­men. Der Ur­laub ist auf Wunsch ge­teilt zu gewähren; je­doch ist im All­ge­mei­nen die Tei­lung in mehr als zwei Ab­schnit­te zu ver­mei­den. Wird der Ur­laub ge­teilt, so soll der Be­am­te min­des­tens für zwei Wo­chen zu­sam­menhängend be­ur­laubt sein.
(2) Der Ur­laub soll grundsätz­lich im Ur­laubs­jahr ab­ge­wi­ckelt wer­den. Ur­laub, der nicht in­ner­halb von zwölf Mo­na­ten nach dem En­de des Ur­laubs­jah­res ge­nom­men wor­den ist, verfällt. …“
Die EUrl­VO enthält kei­ne Vor­schrift über die Gewährung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub.
8 § 7 Abs. 4 des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes vom 8. Ja­nu­ar 1963 (BGBl. 1963 S. 2) in der Fas­sung vom 7. Mai 2002 (BGBl. 2002 I S. 1529) (im Fol­gen­den: BUrlG) sieht vor:
9 Herr Kreu­zi­ger ab­sol­vier­te vom 13. Mai 2008 bis 28. Mai 2010 als Rechts­re­fe­ren­dar beim Land Ber­lin sei­nen ju­ris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst in ei­nem öffent­lich-recht­li­chen Aus­bil­dungs­verhält­nis, je­doch außer­halb des Be­am­ten­verhält­nis­ses. Mit der er­folg­rei­chen Ab­le­gung sei­ner münd­li­chen Prüfung für das Zwei­te Staats­ex­amen am 28. Mai 2010 en­de­ten der Vor­be­rei­tungs­dienst und das Aus­bil­dungs­verhält­nis beim Land Ber­lin.
10 Herr Kreu­zi­ger ent­schied sich dafür, in der Zeit vom 1. Ja­nu­ar 2010 bis zur Be­en­di­gung sei­ner Aus­bil­dung kei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub in An­spruch zu neh­men. Am 18. De­zem­ber 2010 be­an­trag­te er, ihm für den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ei­ne fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung zu gewähren. Die­ser An­trag wur­de zunächst mit Be­scheid der Präsi­den­tin des Kam­mer­ge­richts (Deutsch­land) vom 7. Ja­nu­ar 2011 und so­dann nach Ein­le­gung ei­nes Wi­der­spruchs mit Wi­der­spruchs­be­scheid des Ge­mein­sa­men Ju­ris­ti­schen Prüfungs­amts der Länder Ber­lin und Bran­den­burg (Deutsch­land) vom 4. Mai 2011 ab­ge­lehnt, da die EUrl­VO ei­nen sol­chen Ab­gel­tungs­an­spruch nicht vor­se­he, die Richt­li­nie 2003/88 nur für Ar­beit­neh­mer gel­te und de­ren Art. 7 Abs. 2 für die fi­nan­zi­el­le Vergütung je­den­falls vor­aus­set­ze, dass der Ur­laub aus vom Ar­beit­neh­mer nicht zu ver­tre­ten­den Gründen nicht ha­be in An­spruch ge­nom­men wer­den können.
11 Die von Herrn Kreu­zi­ger beim Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin (Deutsch­land) er­ho­be­ne Kla­ge auf Auf­he­bung die­ser Be­schei­de wur­de mit Ur­teil vom 3. Mai 2013 ab­ge­wie­sen. In die­sem Ur­teil wies auch das Ver­wal­tungs­ge­richt dar­auf hin, dass die EUrl­VO kei­nen An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung des bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs vor­se­he. Ob­wohl Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 un­mit­tel­ba­re Wir­kung ha­be, ver­lei­he auch er Herrn Kreu­zi­ger kei­nen sol­chen An­spruch, da die­ser vor­aus­set­ze, dass der Ar­beit­neh­mer aus von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen nicht in der La­ge ge­we­sen sei, sei­nen An­spruch auf Jah­res­ur­laub vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses wahr­zu­neh­men.
12 Der Ar­beit­neh­mer sei nach § 9 EUrl­VO ver­pflich­tet, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men und zu be­an­tra­gen. Ei­ne sol­che na­tio­na­le Re­ge­lung se­he Mo­da­litäten für die Wahr­neh­mung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vor und sei da­her mit Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 ver­ein­bar. Da Herr Kreu­zi­ger frei­wil­lig da­von ab­ge­se­hen ha­be, ei­nen Ur­laubs­an­trag zu stel­len, ob­wohl für ihn ab­seh­bar ge­we­sen sei, dass sein Ar­beits­verhält­nis am 28. Mai 2010 en­den wer­de, sei sein An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub mit die­sem Tag ver­fal­len.
13 Herr Kreu­zi­ger leg­te ge­gen die­ses Ur­teil Be­ru­fung beim vor­le­gen­den Ge­richt, dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg (Deutsch­land), ein. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hebt sei­ner­seits her­vor, dass sich der EUrl­VO kei­ne Re­ge­lung ent­neh­men las­se, die ei­nen An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu­guns­ten von Herrn Kreu­zi­ger be­gründen könne, so dass ein sol­cher An­spruch al­len­falls aus der un­mit­tel­ba­ren Wir­kung von Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 we­gen un­ter­blie­be­ner Um­set­zung die­ser Be­stim­mung in das na­tio­na­le Recht herrühren könne.
14 Zur un­mit­tel­ba­ren Wir­kung führt das vor­le­gen­de Ge­richt aus, Herr Kreu­zi­ger fal­le als Rechts­re­fe­ren­dar in den persönli­chen An­wen­dungs­be­reich der Richt­li­nie 2003/88.
15 Er erfülle auch die in Art. 7 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie aus­drück­lich be­zeich­ne­ten Vor­aus­set­zun­gen. Im Zeit­punkt der Gel­tend­ma­chung der fi­nan­zi­el­len Ab­gel­tung sei sein Ar­beits­verhält­nis nämlich be­en­det ge­we­sen und er ha­be bis zur Be­en­di­gung nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men, auf den er An­spruch ge­habt ha­be.
Es sei je­doch nicht hin­rei­chend klar, ob der An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung für nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub über die­se bei­den aus­drück­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hin­aus, wie dies das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin ent­schie­den ha­be, aus­ge­schlos­sen sei, wenn der Ar­beit­neh­mer vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen Ur­laubs­an­trag ge­stellt ha­be, ob­wohl ihm dies möglich ge­we­sen sei, und ob ein sol­cher An­spruch all­ge­mein vor­aus­set­ze, dass der Ar­beit­neh­mer aus von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen nicht in der La­ge ge­we­sen sei, sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vor dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses wahr­zu­neh­men.
17 Un­ter die­sen Umständen hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin‑Bran­den­burg be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. Ist Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, wo­nach der An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung bei Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses aus­ge­schlos­sen ist, wenn der Ar­beit­neh­mer kei­nen An­trag auf Gewährung des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs ge­stellt hat, ob­wohl ihm dies möglich war?
2. Ist Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, wo­nach der An­spruch auf fi­nan­zi­el­le Ab­gel­tung bei Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses vor­aus­setzt, dass der Ar­beit­neh­mer aus von sei­nem Wil­len un­abhängi­gen Gründen nicht in der La­ge war, sei­nen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vor En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­zuüben?
18 In der Vor­la­ge­ent­schei­dung ist aus­geführt, dass die auf das Aus­gangs­ver­fah­ren an­wend­ba­re na­tio­na­le Re­ge­lung kei­ne Vor­schrift ent­hal­te, die vor­se­he, dass Rechts­re­fe­ren­da­ren ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub gewährt wer­de. Die Vor­schrift des BUrlG, die ei­ne sol­che Vergütung vor­se­he, sei auf sie nicht an­wend­bar.
Da­her könne dem An­trag des Klägers des Aus­gangs­ver­fah­rens auf Gewährung ei­ner sol­chen Vergütung nur statt­ge­ge­ben wer­den, wenn sich ein ent­spre­chen­der An­spruch für ihn un­mit­tel­bar aus Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 er­ge­be.
In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass sich der Ein­zel­ne nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs in al­len Fällen, in de­nen die Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie in­halt­lich un­be­dingt und hin­rei­chend ge­nau sind, vor den na­tio­na­len Ge­rich­ten ge­genüber dem Staat auf die­se Be­stim­mun­gen be­ru­fen kann, wenn die­ser die Richt­li­nie nicht frist­gemäß oder nicht ord­nungs­gemäß in na­tio­na­les Recht um­ge­setzt hat (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 33 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Zu­dem kann der Ein­zel­ne, wenn er sich dem Staat ge­genüber auf ei­ne Richt­li­nie be­ru­fen kann, dies un­abhängig da­von tun, ob der Staat in sei­ner Ei­gen­schaft als Ar­beit­ge­ber oder als Ho­heits­träger han­delt. In dem ei­nen wie dem an­de­ren Fall muss nämlich ver­hin­dert wer­den, dass der Staat aus der Nicht­be­ach­tung des Uni­ons­rechts Nut­zen zie­hen kann (Ur­teil vom 24. Ja­nu­ar 2012, Do­m­in­guez, C‑282/10, EU:C:2012:33, Rn. 38 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
21 Auf­grund die­ser Erwägun­gen hat der Ge­richts­hof an­er­kannt, dass sich der Ein­zel­ne auf nicht von Be­din­gun­gen abhängi­ge und hin­rei­chend ge­naue Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie ge­genüber ei­nem Mit­glied­staat so­wie u. a. al­len Trägern sei­ner Ver­wal­tung ein­sch­ließlich der de­zen­tra­li­sier­ten Behörden be­ru­fen kann (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 7. Au­gust 2018, Smith, C‑122/17, EU:C:2018:631, Rn. 45 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs stellt Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 für die Ent­ste­hung des An­spruchs auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung kei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung auf als die­je­ni­ge, dass zum ei­nen das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist und zum an­de­ren der Ar­beit­neh­mer nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men hat, auf den er bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch hat­te. Die­ser An­spruch er­gibt sich un­mit­tel­bar aus der Richt­li­nie und kann nicht von an­de­ren Vor­aus­set­zun­gen als den in ihr aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen abhängen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 23 und 28, so­wie vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 27). Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 erfüllt da­her die Kri­te­ri­en der Un­be­dingt­heit und hin­rei­chen­den Ge­nau­ig­keit und da­mit die für ei­ne un­mit­tel­ba­re Wir­kung er­for­der­li­chen Vor­aus­set­zun­gen.
Im vor­lie­gen­den Fall kann da­her der Um­stand, dass das an­wend­ba­re na­tio­na­le Recht kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses von Rechts­re­fe­ren­da­ren nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub vor­sieht, für sich al­lein kein Hin­der­nis dafür dar­stel­len, dass Herr Kreu­zi­ger un­mit­tel­bar auf der Grund­la­ge von Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 ei­ne sol­che Vergütung von sei­nem ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber, dem Land Ber­lin, bei dem es sich um ei­nen Ho­heits­träger han­delt, erhält. So­fern Herr Kreu­zi­ger nach­weis­lich die An­for­de­run­gen aus die­ser Be­stim­mung erfüllt, sind die na­tio­na­len Ge­rich­te dem­nach ver­pflich­tet, die na­tio­na­len Re­ge­lun­gen oder Ge­pflo­gen­hei­ten un­an­ge­wen­det zu las­sen, die der Gewährung ei­ner sol­chen Vergütung ent­ge­gen­ste­hen.
24 Zur ers­ten Fra­ge ist zunächst fest­zu­stel­len, dass das vor­le­gen­de Ge­richt dar­in zwar nicht die na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten nennt, um die es hier ge­hen soll, den An­ga­ben in der Vor­la­ge­ent­schei­dung je­doch ent­nom­men wer­den kann, dass es sich um § 9 EUrl­VO han­delt.
25 Ob­wohl sich nämlich das vor­le­gen­de Ge­richt nicht zur Trag­wei­te von § 9 EUrl­VO im Kon­text des Aus­gangs­ver­fah­rens äußert, ver­weist es, wie aus Rn. 12 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, auf die Aus­sa­ge des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin in dem Ur­teil, ge­gen das beim vor­le­gen­den Ge­richt Be­ru­fung ein­ge­legt wor­den ist, wo­nach § 9 EUrl­VO den Ar­beit­neh­mer ver­pflich­te, ei­nen Ur­laubs­an­trag zu stel­len. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin ist der Auf­fas­sung, dass Herr Kreu­zi­ger die­ser Ver­pflich­tung, die mit Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 ver­ein­bar sei, nicht nach­ge­kom­men sei, so dass sein An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub mit Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ver­fal­len sei.
26 Wie sich aus Rn. 16 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt, führt das vor­le­gen­de Ge­richt wei­ter aus, dass es den Ge­richts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung er­su­che, weil es Zwei­fel ha­be, ob die­se Aus­le­gung des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin mit der Richt­li­nie 2003/88 ver­ein­bar sei.
27 Un­ter die­sen Umständen ist die ers­te Fra­ge da­hin zu ver­ste­hen, dass mit ihr geklärt wer­den soll, ob Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie § 9 EUrl­VO ent­ge­gen­steht, so­fern sie da­zu führt, dass der Ar­beit­neh­mer, der vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, die ihm nach dem Uni­ons­recht bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für die­sen nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub au­to­ma­tisch ver­liert.
In­so­weit ist zunächst zu be­ach­ten, dass das Recht je­des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs als ein be­son­ders be­deut­sa­mer Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on an­zu­se­hen ist, von dem nicht ab­ge­wi­chen wer­den darf und den die zuständi­gen na­tio­na­len Stel­len nur in den Gren­zen um­set­zen dürfen, die in der Richt­li­nie 2003/88 selbst aus­drück­lich ge­zo­gen wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 15 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
29 Das Recht auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub als Grund­satz des So­zi­al­rechts der Uni­on hat zu­dem nicht nur be­son­de­re Be­deu­tung, son­dern ist auch in Art. 31 Abs. 2 der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on, der nach Art. 6 Abs. 1 EUV der glei­che recht­li­che Rang wie den Verträgen zu­kommt, aus­drück­lich verbürgt (Ur­teil vom 30. Ju­ni 2016, Sobc­zy­szyn, C‑178/15, EU:C:2016:502, Rn. 20 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
30 Da es im Aus­gangs­ver­fah­ren um die Ver­wei­ge­rung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für be­zahl­ten Jah­res­ur­laub geht, der bei Be­en­di­gung des zwi­schen den Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens früher be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses noch nicht ge­nom­men wor­den war, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die tatsächli­che In­an­spruch­nah­me des dem Ar­beit­neh­mer zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs, wenn das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist, nicht mehr möglich ist. Um zu ver­hin­dern, dass dem Ar­beit­neh­mer we­gen die­ser Unmöglich­keit je­der Ge­nuss die­ses An­spruchs, selbst in fi­nan­zi­el­ler Form, vor­ent­hal­ten wird, sieht Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 vor, dass der Ar­beit­neh­mer An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für die nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs­ta­ge hat (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 17 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
31 Wie in Rn. 22 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 für das Ent­ste­hen des An­spruchs auf fi­nan­zi­el­le Vergütung kei­ne an­de­re Vor­aus­set­zung auf­stellt als die­je­ni­ge, dass zum ei­nen das Ar­beits­verhält­nis be­en­det ist und dass zum an­de­ren der Ar­beit­neh­mer nicht den ge­sam­ten Jah­res­ur­laub ge­nom­men hat, auf den er bis zur Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses An­spruch hat­te.
32 In­so­weit geht aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs her­vor, dass Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ein­zel­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten oder Ge­pflo­gen­hei­ten ent­ge­gen­steht, nach de­nen dem Ar­beit­neh­mer am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­zahlt wird, wenn es ihm nicht möglich war, den ge­sam­ten be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, der ihm vor dem En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­stand, weil er sich z. B. während des ge­sam­ten Be­zugs- und/oder Über­tra­gungs­zeit­raums oder ei­nes Teils da­von im Krank­heits­ur­laub be­fand (Ur­tei­le vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 62, vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 31, so­wie vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 65).
Der Ge­richts­hof hat fer­ner ent­schie­den, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht da­hin aus­ge­legt wer­den kann, dass der An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und da­mit auch der An­spruch auf die in Art. 7 Abs. 2 die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung durch den Tod des Ar­beit­neh­mers un­ter­ge­hen können. Da­bei hat der Ge­richts­hof ins­be­son­de­re be­tont, dass, wenn die Pflicht zur Aus­zah­lung ei­ner sol­chen Vergütung we­gen der durch den Tod des Ar­beit­neh­mers be­ding­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses erlöschen würde, die­ser Um­stand zur Fol­ge hätte, dass ein unwägba­res Vor­komm­nis rück­wir­kend zum vollständi­gen Ver­lust des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub selbst, wie er in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­an­kert ist, führen würde (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 25, 26 und 30).
34 In Be­zug auf das Aus­gangs­ver­fah­ren ist fest­zu­stel­len, dass nach den An­ga­ben in der Vor­la­ge­ent­schei­dung und wie in den Rn. 25 bis 27 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt die Wei­ge­rung des frühe­ren Ar­beit­ge­bers von Herrn Kreu­zi­ger, ihm ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für den vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu zah­len, u. a. auf ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, im vor­lie­gen­den Fall § 9 EUrl­VO, gestützt ist, auf de­ren Grund­la­ge die­ser Ur­laubs­an­spruch grundsätz­lich nicht we­gen der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses als sol­cher un­ter­ge­gan­gen ist, son­dern auf­grund der Tat­sa­che, dass Herr Kreu­zi­ger während des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf In­an­spruch­nah­me des Ur­laubs ge­stellt hat.
35 Im vor­lie­gen­den Fall stellt sich so­mit im We­sent­li­chen die Fra­ge, ob Herr Kreu­zi­ger vor dem Hin­ter­grund der in Rn. 31 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung bei Be­en­di­gung des im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen Ar­beits­verhält­nis­ses noch An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub hat­te, der sich we­gen der Be­en­di­gung in ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung um­wan­deln konn­te.
36 Die­se Fra­ge be­trifft dem­nach in ers­ter Li­nie die Aus­le­gung von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 und geht da­hin, ob er es aus­sch­ließt, dass der An­spruch, den er verbürgt, im Fall nicht ge­nom­me­nen Ur­laubs au­to­ma­tisch erlöschen kann, wenn der Ar­beit­neh­mer während des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung die­ses An­spruchs ge­stellt hat.
37 Hier­zu ist ers­tens fest­zu­stel­len, dass aus der in den Rn. 30 bis 33 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht ab­ge­lei­tet wer­den kann, Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 wäre da­hin aus­zu­le­gen, dass der An­spruch nach Abs. 1 und – im Fall der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – der An­spruch auf die Vergütung, die gemäß Abs. 2 an sei­ne Stel­le tre­ten kann, dem Ar­beit­neh­mer völlig un­abhängig von den Umständen er­hal­ten blei­ben müss­ten, die da­zu geführt ha­ben, dass er den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ge­nom­men hat.
38 Zwei­tens darf zwar nach ständi­ger Recht­spre­chung Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, um si­cher­zu­stel­len, dass das im Uni­ons­recht ver­an­ker­te Grund­recht des Ar­beit­neh­mers auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub be­ach­tet wird, nicht auf Kos­ten der Rech­te, die dem Ar­beit­neh­mer nach die­ser Richt­li­nie zu­ste­hen, re­strik­tiv aus­ge­legt wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 12. Ju­ni 2014, Bol­la­cke, C‑118/13, EU:C:2014:1755, Rn. 22 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). Es ist je­doch eben­falls zu be­ach­ten, dass das in Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie vor­ge­schrie­be­ne Ur­laubs­ent­gelt es dem Ar­beit­neh­mer ermögli­chen soll, den Ur­laub, auf den er An­spruch hat, tatsächlich zu neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 49).
39 Nach ständi­ger Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs wird mit dem in Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 ver­an­ker­ten An­spruch auf Jah­res­ur­laub nämlich der Zweck ver­folgt, es dem Ar­beit­neh­mer zu ermögli­chen, sich zum ei­nen von der Wahr­neh­mung der ihm nach sei­nem Ar­beits­ver­trag ob­lie­gen­den Auf­ga­ben zu er­ho­len und zum an­de­ren über ei­nen Zeit­raum der Ent­span­nung und Frei­zeit zu verfügen (Ur­teil vom 20. Ju­li 2016, Ma­schek, C‑341/15, EU:C:2016:576, Rn. 34 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
40 In­dem Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88 vor­sieht, dass der be­zahl­te Min­dest­jah­res­ur­laub außer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses nicht durch ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung er­setzt wer­den darf, soll im Übri­gen ins­be­son­de­re gewähr­leis­tet wer­den, dass der Ar­beit­neh­mer über ei­ne tatsächli­che Ru­he­zeit verfügen kann, da­mit ein wirk­sa­mer Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit gewähr­leis­tet ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 60 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
41 Drit­tens ist es, wie sich schon aus dem Wort­laut von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 und aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs er­gibt, Sa­che der Mit­glied­staa­ten, in ih­ren in­ner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten die Vor­aus­set­zun­gen für die Wahr­neh­mung und die Um­set­zung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub fest­zu­le­gen und da­bei die kon­kre­ten Umstände zu be­zeich­nen, un­ter de­nen die Ar­beit­neh­mer die­sen An­spruch gel­tend ma­chen können (Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 28 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
42 Dies hat der Ge­richts­hof u. a. da­hin präzi­siert, dass Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 grundsätz­lich ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung, die für die Wahr­neh­mung des mit die­ser Richt­li­nie aus­drück­lich ver­lie­he­nen An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub Mo­da­litäten vor­sieht, die so­gar den Ver­lust die­ses An­spruchs am En­de ei­nes Be­zugs­zeit­raums oder ei­nes Über­tra­gungs­zeit­raums um­fas­sen, nicht ent­ge­gen­steht, al­ler­dings un­ter der Vor­aus­set­zung, dass der Ar­beit­neh­mer, des­sen An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub er­lo­schen ist, tatsächlich die Möglich­keit hat­te, den ihm mit der Richt­li­nie ver­lie­he­nen An­spruch wahr­zu­neh­men (Ur­teil vom 20. Ja­nu­ar 2009, Schultz-Hoff u. a., C‑350/06 und C‑520/06, EU:C:2009:18, Rn. 43).
Ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie § 9 EUrl­VO fällt in den Be­reich der Mo­da­litäten für die Wahr­neh­mung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Sin­ne von Art. 7 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 und der in der vor­ste­hen­den Rand­num­mer an­geführ­ten Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs.
44 Ei­ne Re­ge­lung sol­cher Art gehört zu den auf die Fest­le­gung des Ur­laubs der Ar­beit­neh­mer an­wend­ba­ren Be­stim­mun­gen und Ver­fah­ren des na­tio­na­len Rechts, die zum Ziel ha­ben, den ver­schie­de­nen wi­der­strei­ten­den In­ter­es­sen Rech­nung zu tra­gen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 10. Sep­tem­ber 2009, Vicen­te Pe­re­da, C‑277/08, EU:C:2009:542, Rn. 22).
45 Wie aus Rn. 42 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, ist je­doch dafür Sor­ge zu tra­gen, dass die An­wen­dung sol­cher na­tio­na­len Be­stim­mun­gen nicht zum Erlöschen der vom Ar­beit­neh­mer er­wor­be­nen Ansprüche auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub führen kann, wenn es ihm tatsächlich nicht möglich war, die­se Ansprüche wahr­zu­neh­men.
46 Im vor­lie­gen­den Fall ist der Vor­la­ge­ent­schei­dung zu ent­neh­men, dass § 9 EUrl­VO vom Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin of­fen­bar da­hin aus­ge­legt wird, dass, wenn ein Ar­beit­neh­mer vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs ge­stellt hat, dies au­to­ma­tisch da­zu führt, dass der Ar­beit­neh­mer bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses sei­nen Ur­laubs­an­spruch und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne Vergütung für die­sen nicht ge­nom­me­nen Ur­laub ver­liert.
47 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 34 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, wer­den mit ei­nem sol­chen au­to­ma­ti­schen Ver­lust des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub, der kei­ne vor­he­ri­ge Prüfung vor­aus­setzt, ob der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch wahr­zu­neh­men, die in Rn. 42 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Gren­zen ver­kannt, die von den Mit­glied­staa­ten zwin­gend ein­zu­hal­ten sind, wenn sie die Mo­da­litäten für die Wahr­neh­mung die­ses An­spruchs im Ein­zel­nen fest­le­gen.
48 Der Ar­beit­neh­mer ist nämlich als die schwäche­re Par­tei des Ar­beits­ver­trags an­zu­se­hen, so dass ver­hin­dert wer­den muss, dass der Ar­beit­ge­ber ihm ei­ne Be­schränkung sei­ner Rech­te auf­er­le­gen kann. Auf­grund die­ser schwäche­ren Po­si­ti­on kann der Ar­beit­neh­mer da­von ab­ge­schreckt wer­den, sei­ne Rech­te ge­genüber sei­nem Ar­beit­ge­ber aus­drück­lich gel­tend zu ma­chen, da ins­be­son­de­re die Ein­for­de­rung die­ser Rech­te ihn Maßnah­men des Ar­beit­ge­bers aus­set­zen könn­te, die sich zu sei­nem Nach­teil auf das Ar­beits­verhält­nis aus­wir­ken können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 25. No­vem­ber 2010, Fuß, C‑429/09, EU:C:2010:717, Rn. 80 und 81 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
49 Zu­dem ist die Schaf­fung ei­nes An­rei­zes, auf den Er­ho­lungs­ur­laub zu ver­zich­ten oder die Ar­beit­neh­mer da­zu an­zu­hal­ten, dar­auf zu ver­zich­ten, mit den in den Rn. 39 und 40 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Zie­len un­ver­ein­bar, die mit dem An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­folgt wer­den und u. a. dar­in be­ste­hen, zu gewähr­leis­ten, dass der Ar­beit­neh­mer zum wirk­sa­men Schutz sei­ner Si­cher­heit und sei­ner Ge­sund­heit über ei­ne tatsächli­che Ru­he­zeit verfügt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 6. April 2006, Fe­de­ra­tie Neder­land­se Vak­be­we­ging, C‑124/05, EU:C:2006:244, Rn. 32). Dem­nach verstößt auch je­de Pra­xis oder Un­ter­las­sung ei­nes Ar­beit­ge­bers, die den Ar­beit­neh­mer da­von ab­hal­ten kann, den Jah­res­ur­laub zu neh­men, ge­gen das mit dem Recht auf Jah­res­ur­laub ver­folg­te Ziel (Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 39 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
50 Un­ter die­sen Umständen ist ei­ne Si­tua­ti­on zu ver­mei­den, in der die Auf­ga­be, für die tatsächli­che Wahr­neh­mung des An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu sor­gen, vollständig auf den Ar­beit­neh­mer ver­la­gert würde, während der Ar­beit­ge­ber da­mit die Möglich­keit er­hiel­te, sich un­ter Be­ru­fung auf den feh­len­den Ur­laubs­an­trag des Ar­beit­neh­mers sei­ner ei­ge­nen Pflich­ten zu ent­zie­hen.
51 Zwar kann die Be­ach­tung der Ver­pflich­tung des Ar­beit­ge­bers aus Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 nicht so weit ge­hen, von die­sem zu ver­lan­gen, dass er sei­ne Ar­beit­neh­mer zwingt, ih­ren An­spruch auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub tatsächlich wahr­zu­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 7. Sep­tem­ber 2006, Kom­mis­si­on/Ver­ei­nig­tes König­reich, C‑484/04, EU:C:2006:526, Rn. 43). Er muss den Ar­beit­neh­mer je­doch in die La­ge ver­set­zen, ei­nen sol­chen An­spruch wahr­zu­neh­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 29. No­vem­ber 2017, King, C‑214/16, EU:C:2017:914, Rn. 63).
52 Wie auch der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 43 bis 45 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ist der Ar­beit­ge­ber in An­be­tracht des zwin­gen­den Cha­rak­ters des Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub und an­ge­sichts des Er­for­der­nis­ses, die prak­ti­sche Wirk­sam­keit von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 zu gewähr­leis­ten, u. a. ver­pflich­tet, kon­kret und in völli­ger Trans­pa­renz dafür zu sor­gen, dass der Ar­beit­neh­mer tatsächlich in der La­ge ist, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, in­dem er ihn – er­for­der­li­chen­falls förm­lich – auf­for­dert, dies zu tun, und ihm, da­mit si­cher­ge­stellt ist, dass der Ur­laub ihm noch die Er­ho­lung und Ent­span­nung bie­ten kann, zu de­nen er bei­tra­gen soll, klar und recht­zei­tig mit­teilt, dass der Ur­laub, wenn er ihn nicht nimmt, am En­de des Be­zugs- oder ei­nes zulässi­gen Über­tra­gungs­zeit­raums oder am En­de des Ar­beits­verhält­nis­ses, wenn dies in ei­nen sol­chen Zeit­raum fällt, ver­fal­len wird.
53 Die Be­weis­last trägt in­so­weit der Ar­beit­ge­ber (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 16. März 2006, Ro­bin­son-Stee­le u. a., C‑131/04 und C‑257/04, EU:C:2006:177, Rn. 68). Kann er nicht nach­wei­sen, dass er mit al­ler ge­bo­te­nen Sorg­falt ge­han­delt hat, um den Ar­beit­neh­mer tatsächlich in die La­ge zu ver­set­zen, den ihm zu­ste­hen­den be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, ver­stieße das Erlöschen des Ur­laubs­an­spruchs und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – das ent­spre­chen­de Aus­blei­ben der Zah­lung ei­ner fi­nan­zi­el­len Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen Jah­res­ur­laub ge­gen Art. 7 Abs. 1 und ge­gen Art. 7 Abs. 2 der Richt­li­nie 2003/88.
54 Ist der Ar­beit­ge­ber hin­ge­gen in der La­ge, den ihm in­so­weit ob­lie­gen­den Be­weis zu er­brin­gen, und zeigt sich da­her, dass der Ar­beit­neh­mer aus frei­en Stücken und in vol­ler Kennt­nis der sich dar­aus er­ge­ben­den Kon­se­quen­zen dar­auf ver­zich­tet hat, sei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, nach­dem er in die La­ge ver­setzt wor­den war, sei­nen Ur­laubs­an­spruch tatsächlich wahr­zu­neh­men, steht Art. 7 Abs. 1 und 2 der Richt­li­nie 2003/88 dem Ver­lust die­ses An­spruchs und – bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses – dem ent­spre­chen­den Weg­fall der fi­nan­zi­el­len Vergütung für den nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub nicht ent­ge­gen.
55 Wie der Ge­ne­ral­an­walt in den Nrn. 52 und 53 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat und aus Rn. 49 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, wäre je­de Aus­le­gung von Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88, die den Ar­beit­neh­mer da­zu ver­an­las­sen könn­te, aus frei­en Stücken in den be­tref­fen­den Be­zugs- oder zulässi­gen Über­tra­gungs­zeiträum­en kei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub zu neh­men, um sei­ne Vergütung bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu erhöhen, mit den durch die Schaf­fung des Rechts auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­folg­ten Zie­len un­ver­ein­bar.
56 Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, so­fern sie da­zu führt, dass der Ar­beit­neh­mer, der vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, die ihm nach dem Uni­ons­recht bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für die­sen nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­liert, und zwar au­to­ma­tisch und oh­ne vor­he­ri­ge Prüfung, ob er vom Ar­beit­ge­ber z. B. durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses wahr­zu­neh­men.
57 In An­be­tracht der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge ist die zwei­te Fra­ge nicht zu prüfen.
Art. 7 der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, so­fern sie da­zu führt, dass der Ar­beit­neh­mer, der vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses kei­nen An­trag auf Wahr­neh­mung sei­nes An­spruchs auf be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ge­stellt hat, die ihm nach dem Uni­ons­recht bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­ste­hen­den Ur­laubs­ta­ge und ent­spre­chend sei­nen An­spruch auf ei­ne fi­nan­zi­el­le Vergütung für die­sen nicht ge­nom­me­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub ver­liert, und zwar au­to­ma­tisch und oh­ne vor­he­ri­ge Prüfung, ob er vom Ar­beit­ge­ber z. B. durch an­ge­mes­se­ne Aufklärung tatsächlich in die La­ge ver­setzt wur­de, die­sen An­spruch vor Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses wahr­zu­neh­men.
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