Source: http://m.hensche.de/Mindestlohn_Zeitungszusteller_Zusteller_Mindestlohn_fuer_Zeitungs_Zusteller_Arbeitsgericht_Nienburg_14.08.2015_2Ca15115.html
Timestamp: 2018-03-22 15:30:12
Document Index: 160499805

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 24', 'Art.5', '§ 24', '§ 24', '§ 24', '§ 24', '§ 24', '§ 24']

05.10.2015. Seit neun Mo­na­ten gilt in Deutsch­land der all­ge­mei­ne Min­dest­lohn nach dem Min­dest­l­ohn­ge­setz (Mi­LoG).
§ 1 Abs.1 Mi­LoG schreibt vor, dass al­le Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch auf ein Ar­beits­ent­gelt in Hö­he des Min­dest­lohns ha­ben. Und die­ser be­trägt, so § 1 Abs.2 Mi­LoG, ab An­fang 2015 pro St­un­de 8,50 EUR brut­to.
Wie weit reicht die Ausnahmeregelung für Zeitungsausträger beim Mindestlohn?
§ 24 Abs.2 Mi­LoG enthält ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung vom Min­dest­lohn zu­las­ten von Zei­tungs­zu­stel­lern. Sie müssen sich für ei­ne Über­g­angs­zeit von drei Jah­ren (An­fang 2015 bis En­de 2017) mit ei­nem ge­rin­ge­ren Lohn als 8,50 EUR zu­frie­den ge­ben.
im Jahr 2015 6,38 EUR (ent­spricht 75 Pro­zent des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns)
im Jahr 2016 7,23 EUR (ent­spricht 85 Pro­zent des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns)
Nach der Be­gründung des Aus­schus­ses für Ar­beit und So­zia­les soll die Aus­nah­me­re­ge­lung da­zu die­nen, die Pres­se­frei­heit (Art.5 Abs.1 Satz 2 Grund­ge­setz - GG) zu schützen.
Denn oh­ne Zei­tungs­zu­stel­lung kei­ne funk­tio­nie­ren­de freie Pres­se, so die of­fi­zi­el­le Ar­gu­men­ta­ti­on. Und da der Min­dest­lohn die Zu­stel­lung und da­mit die Zei­tun­gen teu­rer macht, wäre die freie Pres­se in länd­li­chen und struk­tur­schwa­chen Re­gio­nen durch den Min­dest­lohn von 8,50 EUR für Zei­tungs­zu­stel­ler be­droht. Da­her gibt es ei­ne stu­fen­wei­se An­he­bung des Min­dest­lohns für die Zei­tungs­zu­stel­lung, die 2015 zunächst nur 6,38 EUR brut­to be­kom­men.
§ 24 Abs. 2 Satz 2 Mi­LoG stellt klar, wer un­ter die­se Aus­nah­me­re­ge­lung fällt. Da­nach sind
"Zei­tungs­zu­stel­le­rin­nen und Zei­tungs­zu­stel­ler [...] Per­so­nen, die in ei­nem Ar­beits­verhält­nis aus­sch­ließlich pe­ri­odi­sche Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten an End­kun­den zu­stel­len; dies um­fasst auch Zu­stel­le­rin­nen und Zu­stel­ler von An­zei­gen­blättern mit re­dak­tio­nel­lem In­halt."
An­ge­sichts die­ser Re­ge­lung fragt sich, was al­les un­ter "Zu­stel­len" fällt. Ist da­mit die rei­ne Ver­teiltätig­keit ge­meint oder fal­len auch Hilfs- und Ne­bentätig­kei­ten wie das Be­la­den von Wa­gen usw. dar­un­ter?
Un­klar ist auch, wann das Zu­stel­len von Wer­be­pro­spek­ten von der Aus­nah­me­re­gel um­fasst ist. Denn nach § 24 Abs.2 Satz 2 Mi­LoG gilt der ver­rin­ger­te Min­dest­lohn
für das "Zu­stel­len"
von "pe­ri­odi­schen Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten" so­wie
von "An­zei­geblättern mit re­dak­tio­nel­lem In­halt".
Hier kann man ar­gu­men­tie­ren, dass das Zu­stel­len von Wer­be­pro­spek­ten, die un­selbständi­ger Teil ei­ner "nor­ma­len" Zei­tung sind, zum Zei­tungs­zu­stel­len da­zu­gehört. Denn wenn so­gar An­zei­geblätter (mit re­dak­tio­nel­lem Teil) un­ter § 24 Abs.2 Satz 2 Mi­LoG fal­len, soll­te das erst Recht für Wer­be­pro­spek­te gel­ten, die Be­stand­teil ei­ner "nor­ma­len" Zei­tung sind.
Aber wie steht es mit Wer­be­pro­spek­ten, die we­der druck­tech­nisch als Be­stand­teil zu ei­ner Zei­tung gehören noch fest mit ihr ver­bun­den sind (z.B. durch ei­ne Ver­klam­me­rung), son­dern per Hand vom Zu­stell­bo­ten in die Zei­tung ein­ge­legt wer­den? Zu die­ser Fra­ge hat das Ar­beits­ge­richt Nien­burg Stel­lung ge­nom­men: Ar­beits­ge­richt Nien­burg, Ur­teil vom 14.08.2015, 2 Ca 151/15.
Im Streit: Zeitungszusteller verteilt zusätzlich Werbeprospekte, die er per Hand in die Zeitungen einlegen muss
Der Kläger ar­bei­te­te seit April 2014 als Zei­tungs­zu­stel­ler. Er teil­te an sechs Ta­gen in der Wo­che Ta­ges­zei­tun­gen und An­zei­geblätter aus. Die Wer­be­pro­spek­te la­gen da­bei nicht im­mer in die Zei­tung, wenn sie am Ab­la­de­punkt an­ge­lie­fert wur­den. Teil­wei­se muss­ten der Kläger sie per Hand in die Zei­tung ein­le­gen.
Der Ar­beit­ge­ber zahl­te un­ter Be­ru­fung auf den ver­min­der­ten Min­dest­lohn gemäß § 24 Abs. 2 Satz 2 Mi­LoG pro St­un­de 6,38 EUR. Außer­dem er­hielt der Zu­stel­ler für Wer­be­ka­ta­lo­ge ei­nen Stück­lohn von 0,06 EUR pro Ka­ta­log.
Der Kläger war der Mei­nung, dass die Aus­nah­me­re­ge­lung des § 24 Abs.2 Satz 2 Mi­LoG auf ihn nicht an­zu­wen­den sei und klag­te da­her vor dem Ar­beits­ge­richt Nien­burg ei­ne Lohn­nach­zah­lung auf der Grund­la­ge des Min­dest­lohns von 8,50 EUR ein.
Arbeitsgericht Nienburg: Zeitungsausträger, die Werbeprospekte per Hand in die Zeitungen einlegen und diese dann zustellen, können 8,50 EUR Mindestlohn verlangen
Das Ar­beits­ge­richt Nien­burg gab dem Zei­tungs­aus­träger Recht und ver­ur­teil­te den Ar­beit­ge­ber zu ei­ner Lohn­nach­zah­lung von 619,90 EUR brut­to für die Zeit von Ja­nu­ar bis Mai 2015. Da­bei leg­te das Ge­richt ei­nen St­un­den­lohn von 8,50 EUR brut­to zu­grun­de, d.h. den nor­ma­len Min­dest­lohn.
Denn, so das Ar­beits­ge­richt Nien­burg: Zum "Zu­stel­len" gehören zwar auch Hilfs- und Ne­bentätig­kei­ten wie das Be­pa­cken des Wa­gens, nicht aber das Ein­sor­tie­ren von Wer­be­pro­spek­ten in die Zei­tun­gen, die aus­ge­tra­gen wer­den sol­len. Die­ses "Kon­fek­tio­nie­ren" kann nämlich vom Aus­tra­gen ge­trennt und durch drit­te Per­so­nen er­le­digt wer­den. Und da Aus­nah­me­re­ge­lun­gen wie § 24 Abs.2 Satz 2 Mi­LoG eng aus­zu­le­gen sind, fällt das "händi­sche" Ein­sor­tie­ren von Pro­spek­ten in die Zei­tun­gen nicht mehr un­ter die Aus­nah­me­vor­schrift.
aus­sch­ließlich pe­ri­odi­sche Zei­tun­gen oder Zeit­schrif­ten aus­tra­gen (al­so z.B. kei­ne Wer­be­ka­ta­lo­ge), und die da­bei
aus­sch­ließlich mit Ar­bei­ten der Zu­stel­lung an End­kun­den be­fasst sind (al­so z.B. nicht mit dem Ein­sor­tie­ren von Wer­be­pro­spek­ten in die Zei­tun­gen).
Bewertung: Min­dest­lohn für Zei­tungs­zu­stel­ler 5.0 von 5 Sternen (5 Bewertungen)