Source: https://diekolumnisten.de/2018/03/31/das-puigdemont-problem/
Timestamp: 2019-06-17 19:37:23
Document Index: 135164714

Matched Legal Cases: ['Art. 1', 'Art. 1', 'Art. 2', '§ 80', '§ 81', '§ 80', '§ 81']

Das Puigdemont-Problem – Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.
Heinrich Schmitz	31. März 2018 Politik, Recht, Recht klar
Warum der katalanische Politiker Carles Puigdemont ausgerechnet mit dem PKW von Finnland zurück über Deutschland nach Belgien gefahren ist, weiß er wohl nur selbst. Fühlte er sich unantastbar und glaubte, trotz der spanischen Bemühungen um seine Festnahme unbehelligt durch Europa touren zu können? Oder glaubte er der Propaganda der besorgten Bürger, dass in Deutschland ein rechtloser Zustand herrsche, mit offenen Grenzen und staatlichen Institutionen, die nichts mehr unter Kontrolle haben? Oder legte er es darauf an, gerade in Deutschland festgenommen zu werden? Kann alles sein. Ich weiß es nicht.
Nun hängt er erst einmal in Neumünster fest und es kann eine Weile dauern, bis die Justiz über den Fortgang des Verfahrens entscheidet. Die erste Stufe beim Amtsgericht Neumünster ist absolviert. Da wurde aber nur festgestellt, ob Puigdemont auch Puigdemont ist und ob die Formalien des Haftbefehls in Ordnung sind.
Der Prüfungsrahmen der deutschen Justiz im Falle eines europäischen Haftbefehls ist recht eng. Es handelt sich dabei nicht um einen echten Haftbefehl, wie wir ihn in Deutschland in der Strafprozessordnung finden, sondern um ein Verfahren, das das bis zum 1.1. 2004 geltende Auslieferungsverfahren innerhalb Europas drastisch vereinfacht und erheblich beschleunigt hat. Grundgedanke ist dabei, dass die europäischen Staaten grundsätzlich alle Rechtsstaaten sind, die die jeweiligen nationalen Haftbefehle wechselseitig anerkennen und diese eben nicht auf ihre eigentliche Berechtigung hin überprüfen. Im Rahmenbeschuss heißt es:
Am 2.8.2006 trat dann das zu dem Rahmenbeschluss der EU gehörende nationale „Gesetz zur Umsetzung des Rahmenbeschlusses über den Europäischen Haftbefehl und die Übergabeverfahren zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union“ (Europäisches Haftbefehlsgesetz – EuHbG) in Kraft.
Nach Art. 1 Abs. 1 des Rahmenbeschlusses handelt es sich beim europäischen Haftbefehl um eine gerichtliche Entscheidung eines Mitgliedstaates (sog. Ausstellungsstaat), hier ist das Spanien, die die Festnahme und Übergabe einer gesuchten Person durch einen anderen Mitgliedstaat zur Strafverfolgung oder zur Strafvollstreckung bezweckt. Entsprechend Art. 1 Abs. 2 des Rahmenbeschlusses sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, jeden europäischen Haftbefehl zu vollstrecken.
Der europäische Haftbefehl ist nach Art. 2 des Rahmenbeschlusses nur auf einen bestimmten Katalog von Delikten anwendbar. Der Katalog enthält folgende Delikte:
Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, Terrorismus, Menschenhandel, sexuelle Ausbeutung von Kindern und Kinderpornografie, illegaler Handel mit Drogen und psychotropen Stoffen, mit Waffen, Munition und Sprengstoffen, Korruption, Betrug und Betrugsdelikte, Geldwäsche von Erträgen aus Straftaten, Geldfälschung und Euro-Fälschung, Fälschung von Zahlungsmitteln, Cyberkriminalität, Umweltkriminalität einschließlich des illegalen Handels mit bedrohten Tierarten oder mit bedrohten Pflanzen- und Baumarten, Beihilfe zur illegalen Einreise und zum illegalen Aufenthalt, vorsätzliche Tötung, schwere Körperverletzung, illegaler Handel mit Organen und menschlichem Gewebe, Entführung, Freiheitsberaubung und Geiselnahme, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Diebstahl in organisierter Form oder schwerer Raub, illegaler Handel mit Kulturgütern, einschließlich Antiquitäten und Kunstgegenständen, Erpressung und Schutzgelderpressung, Nachahmung und Produktpiraterie, Fälschung von amtlichen Dokumenten und Handel damit, illegaler Handel mit Hormonen und Wachstumsförderern, illegaler Handel mit nuklearen und radioaktiven Substanzen, Kraftfahrzeugkriminalität, Vergewaltigung, Brandstiftung.
Wie Sie sehen, steht da nichts von Rebellion. Aber das alleine hilft nun Herrn Puigdemont auch nicht viel. Wenn nämlich keine der Katalogtaten vorliegt, dann muss das OLG Schleswig-Holstein nun gemäß der §§ 80 ff. des Gesetzes über die internationale Rechtshilfe in Strafsachen (IRG) prüfen, ob die Handlungen, auf die Puigdemont in dem europäischen Haftbefehl vorgeworfen werden, nach deutschem Recht strafbar sind und zwar unabhängig von den Tatbestandsmerkmalen oder der konkreten Bezeichnung der Straftat.
Einen Tatbestand der Rebellion kennt das deutsche Strafrecht nicht. Es kennt zwar den Hochverrat des
Aber der setzt die Anwendung oder wenigstens die Androhung von Gewalt voraus. Das wird also nichts werden.
Möglicherweise wird es aber eng für Puigdemont wegen des zweiten im europäischen Haftbefehl enthaltenen Vorwurfes der Unterschlagung öffentlicher Gelder, die Spanien damit begründet, dass Puigdemont das vom spanischen Verfassungsgericht vorher für verfassungswidrig erklärte Referendum mit öffentlichen Mitteln finanziert hat, obwohl er wusste, dass dies rechtswidrig war.
Das könnte auch nach deutschem Recht als Unterschlagung oder auch Untreue strafbar sein. Ich kann mich allerdings an keinen Fall entsinnen, in dem ein deutscher Ministerpräsident oder ein Regierender Bürgermeister wegen Unterschlagung oder Untreue verurteilt worden wäre, weil er verfassungswidrig Geld verplempert hätte. Könnte man aber mal drüber nachdenken. Immerhin, in diesem Punkt bestünde für Puigdemont eine reale Gefahr für die Auslieferung an Spanien.
Abwenden könnte er die aber dennoch, wenn das OLG feststellen würde, dass er in Spanien kein faires Verfahren zu erwarten hätte. Angesichts der grundsätzliche wechselseitigen Anerkennung der jeweiligen Justiz wäre das allerdings ein schwerwiegender Vorwurf gegen die spanische Justiz, der kaum zu begründen wäre. Ähnlich schwierig wäre die Feststellung, dass Puigdemont in Spanien politische Verfolgung drohen würde. Wenn das OLG dies feststellen würde, dann dürfte Puigdemont nicht an Spanien ausgeliefert werden. Aber glauben Sie wirklich, dass das OLG Spanien attestieren würde, dort gäbe es kein faires Verfahren und Puigdemont würde politisch verfolgt?
Theoretisch könnte auch die Bundesregierung aus politischen Gründen eine Auslieferung verweigern. Dass das geschehen wird, ist aber eher unwahrscheinlich, hat sie doch bisher die Haltung der spanischen Regierung demonstrativ unterstützt und die katalanische Sezessionsbewegung eher kritisch beäugt.
Puigdemonts Anwälte kündigten bereits an, auch das Bundesverfassungsgericht anrufen zu wollen. Das kann spannend werden.Vielleicht wäre es auch im Hinblick auf die in Katalonien aufkeimenden Unruhen gescheiter, wenn sich die spanische Regierung dazu aufraffen könnte, das Auslieferungsersuch vorerst nicht weiter zu verfolgen. Das setzt allerdings Vernunft voraus, die die Regierung in dieser Causa bisher vermissen lies. So oder so, es sollte eine Lösung geben. Bis es aber soweit ist, wird Herr Puigdemont wohl noch einen längeren Aufenthalt in Deutschland haben. Wäre er doch geflogen.
Deutschand europäischer Haftbefehl Justiz OLG Schleswig-Holstein Puigdemont Rebellion Spanien Unterschlöagung Untreue
4 Antworten zu "Das Puigdemont-Problem"
Sehr interessant. Wer (ver)urteilt in der ‚BRD‘ denn eigentlich, letztendlich, über (möglichen) Hochverrat, Verfassungshochverrat? (§ 81 StGB?)
Hr. RAnwalt, dazu noch eine Frage zum StGB 1. Abschnitt – Friedensverrat, Hochverrat und Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates (§§ 80 – 92b); der § 81, Hochverrat gegen den Bund – wer oder was ist ‚der Bund‘?
“ Grundgedanke ist dabei, dass die europäischen Staaten grundsätzlich alle Rechtsstaaten sind, die die jeweiligen nationalen Haftbefehle wechselseitig anerkennen und diese eben nicht auf ihre eigentliche Berechtigung hin überprüfen.“
Da liegt meiner Ansicht nach der Hase im Peffer. DENKEN!
Interessant was man über den “ Rechtsstaat Spanien “ so erfährt, wenn man Worte wie Folter,Spanien,Journalistin googelt.
Er konnte in Finnland nicht das Flugzeug nehmen, weil er dort möglicherweise im Flughafen verhaftet und nach Spanien ausgeliefert worden wäre. Da schien es sicherer mit dem Auto nach Belgien zu flüchten. Der Ruf der deutschen Grenzkontrollen ist eindeutig. Er nahm dazu aber sein bekanntes belgisches Auto und die spanische Polizei war über seinen Aufenthaltsort informiert. Das führte zur Verhaftung.