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Timestamp: 2017-07-26 08:45:59
Document Index: 193881622

Matched Legal Cases: ['Art. 6', '§ 8', '§ 36', '§ 55', '§ 33', '§ 43', '§ 21', '§ 127', '§ 44', '§ 26', '§ 12', 'Art. 5', 'Art. 5', '§ 21', '§ 90', '§ 504', '§ 532', '§ 10', '§ 31', '§ 732', '§ 493', '§ 560', '§ 125', '§ 128', '§ 149', '§ 267', '§ 1262', '§ 149', '§ 91', '§ 93', '§ 959', '§ 1263', '§ 93', '§ 46', '§ 142', '§ 595', '§ 100', '§ 63', '§ 142', '§ 595']

94 Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Juristischen Fakultät der Universität Regensburg vorgelegt von Kathrin Greve Erstberichterstatter:
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2. Anklage von genderspezifischen Verbrechen, die nicht sexuelle Gewalt betreffen Neben der an Frauen begangenen sexuellen Gewalt ist auch die erzwungene Verrichtung von Hausarbeit von Frauen für Soldaten im Fall Kunarac und andere als Versklavung erkannt worden.2953 Es handelt sich hier deshalb um ein nicht genderneutrales Verbrechen, da es aufgrund des auf dem Balkan vorherrschenden Männerbildes unvorstellbar war, Männer über Art. 6 b IMT-Charta lautet: “War Crimes: namely, violations of the laws or customs of war. Such violations shall include, but not be limited to, murder or ill-treatment or deportation to slave labor or for any other purpose of civilian population of or in occupied territory, murder or ill-treatment of prisoners of war or persons on the seas, killing of hostages, plunder of public or private property, wanton destruction of cities, towns, or villages, or devastation not justified by military necessity” (Hervorhebung der Verfasserin), abgedruckt in: Morris, Scharf, Rwanda, Bd. 2, S. 473-479; s. auch Fenrick, Attacking the Enemy Civilian, S. 562.
S. z.B. Prosecutor v. Tihomir Blaskic, Second Amended Indictment, 25. April 1997, IT-95-14-I, Anklagepunkte 2-10, §§ 8 f.; Prosecutor v. Dario Kordic and Mario Cerkez, Amended Indictment, 30. September 1998, IT-95-14/2-I, Anklagepunkte 1-6, §§ 36-41; Prosecutor v. Stanislav Galic, Indictment, 26. März 1999, ITI, Anklagepunkte 1-7; Prosecutor v. Slobodan Milosevic, Milan Milutinovic, Nikola Saijnovic, Dragoljub Ojdanic, Vlajko Stojiljkovic, Second Amended Indictment, 16. Oktober 2001, IT-99-37-PT (“Kosovo”), Anklagepunkte 1-4, §§ 55-66; Prosecutor v. Slobodan Milosevic, Indictment, 22. November 2001, IT-01-51-I (“Bosnia and Herzegovina”), Anklagepunkte 3, 23-29, §§ 33-35, 43-45; Prosecutor v. Ratko Mladic, Amended Indictment, 10. Oktober 2002, IT-95-5/18-I, Anklagepunkte 9-14, §§ 43 f.; Prosecutor v. Milan Martic, Amended Indictment, 14. Juli 2003, IT-95-11-I, Anklagepunkte 1-4, 15-19, §§ 21-37, 49-55; s. auch Fenrick, Attacking the Enemy Civilian, S. 566-568.
Prosecutor v. Dusko Tadic, Appeals Chamber, Decision on the Defence Motion for Interlocutory Appeal on Jurisdiction, 2. Oktober 1995, IT-94-1-AR72, § 127.
S. z.B. Prosecutor v. Radovan Karadzic and Ratko Mladic, Initial Indictment, 24. Juli 1995, IT-95-5-I, Anklagepunkte 10-12, § 44; Prosecutor v. Slobodan Milosevic, Milan Milutinovic, Nikola Sainovic, Dragoljub Ojdanic, Vlajko Stojiljkovic, Second Amended Indictment, 16. Oktober 2001, IT-99-37-PT (“Kosovo”), Schedule E: Persons known by name killed at Padalishte/Padalishtë; Schedule G: Persons killed at Dakovica/Gjakovë;
Prosecutor v. Slobodan Milosevic, Indictment, 22. November 2001, IT-01-51-I (“Bosnia and Herzegovina”), Schedule E: Sarajevo Sniping Incidents; Prosecutor v. Milan Martic, Amended Indictment, 14. Juli 2003, IT-95I, §§ 26/Annex I: Victims Bacin; Prosecutor v. Stanislav Galic, Trial Chamber I, Summary of Judgment, 5.
Dezember 2003, S. 3.
Askin, War Crimes, S. 296.
Prosecutor v. Dragan Gagovic, Gojko Jankovic, Janko Janjic, Radomir Kovac, Zoran Vukovic, Dragan Zelenovic, Dragoljub Kunarac and Radovan Stankovic, Indictment, 26. Juni 1996, IT-96-23, Anklagepunkte 56para 10.6; Anklagepunkt 61, §§ 12.1 f.
Monate hinweg zur Hausarbeit zu zwingen. Gleiches gilt für die in Omarska internierten Frauen.2954 Im Fall Krstic befasste die Strafkammer sich unter anderem mit dem erzwungenen Transfer der Zivilbevölkerung, zum ganz überwiegenden Teil Frauen und Kinder, aus Srebrenica, sowie mit den psychischen Folgen der Ungewissheit für die Überlebenden über das Schicksal der damals „Verschwundenen“, die zum größten Teil Männer waren.2955 Sie wertete die Leiden der Überlebenden als Zufügung schweren körperlichen oder seelischen Schadens und damit als Völkermord.2956 Dagegen erfüllte der erzwungene Transfer der muslimischen Bevölkerung die Tatbestände der Verfolgung gemäß Art. 5 h und anderer unmenschlicher Handlungen gemäß Art. 5 i ICTY.2957 Der ICTR hat den Gründer, Eigentümer und Herausgeber der Zeitschrift Kangura, Hassan Ngeze, aufgrund seiner Propaganda wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Diese Propaganda richtete sich unter anderem gezielt gegen Tutsi-Frauen und verbreitete sexistische Klischees.2958 Ebenso verurteilte der Gerichtshof den Gründer und Direktor der Radiostation RTML, Ferdinand Nahimana, und seinen Stellvertreter Jean-Bosco Barayagwiza wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch sexistische Propaganda gegen die Tutsi-Frauen zu lebenslanger Haft bzw. zu 35 Jahren Haft.2959 Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2. November 2001, IT-98-30/1-T, §§ 21, 71, 559-561.
Prosecutor v. Radislav Krstic, Trial Chamber I, Judgment, 2. August 2001, IT-98-33-T, §§ 90-94.
Prosecutor v. Radislav Krstic, Trial Chamber I, Judgment, 2. August 2001, IT-98-33-T, § 504.
Prosecutor v. Radislav Krstic, Trial Chamber I, Judgment, 2. August 2001, IT-98-33-T, §§ 532, 538.
Prosecutor v. Ferdinand Nahimana, Jean-Bosco Barayagwiza, Hassan Ngeze, Trial Chamber I, Summary of Judgment, 3. Dezember 2003, ICTR-99-52-T, §§ 10, 64, S. 29 f.
Prosecutor v. Ferdinand Nahimana, Jean-Bosco Barayagwiza, Hassan Ngeze, Trial Chamber I, Summary of Judgment, 3. Dezember 2003, ICTR-99-52-T, § 31, S. 28-31. S. auch Prosecutor v. Jean-Paul Akayesu, Trial Chamber I, Judgment, 2. September 1998, ICTR-96-4-T, § 732; Gardam, Jarvis, Women, Armed Conflict and International Law, S. 204.
– – –1. Gendersensitive Argumentation In vielerlei Hinsicht haben die Urteile in Fällen von Sexualgewalt eine gendersensitive Argumentation verwendet, die das Bemühen der Richterinnen und Richter widerspiegelt, sich in die Lage der betroffenen Frauen zu versetzen. Dazu gehört etwa die Thematisierung des Umstandes, dass die Vergewaltigung von Frauen und nur von Frauen in den Lagern Celebici und Omarska Diskriminierung und damit einen verbotenen Zweck darstelle, was die Qualifizierung von Vergewaltigung als Folter ermöglichte.2961 Dies macht zudem deutlich, dass nicht nur Frauen Opfer männlicher Gewalt werden und trägt dazu bei, dass auch die stark tabuisierte sexuelle Gewalt an Männern angesprochen wird und überkommene Vorstellungen von Männlichkeit in Frage gestellt werden.
Im Fall Furundzija wurde durch den Rechtsmittelführenden geltend gemacht, dass die ihm zur Last gelegten Verbrechen, selbst wenn sie ausreichend bewiesen worden wären, keine Folter darstellten. Die Anklagebehörde habe nicht bewiesen, dass er durch die angeklagten Handlungen oder Unterlassungen einer anderen Person vorsätzlich große Schmerzen oder schwere Leiden physischer oder psychischer Natur zu einem verbotenen Zweck zugefügt habe. In Bezug auf die Befragung Zeugin As durch den offensichtlich verärgerten Anto Furundzija, während der Angeklagte B die nackte Zeugin A mit einem Messer und dem Herausschneiden ihrer Geschlechtsorgane bedrohte und die zuschauenden Soldaten lachten und sie anstarrten, bemerkte die nur mit Richtern besetzte Rechtsmittelkammer, es sei schwierig, die einschüchternden und erniedrigenden Aspekte dieser Szene und deren zerstörerischen Effekt auf den physischen und seelischen Zustand Zeugin As zu ignorieren. Weiterhin ist es laut Rechtsmittelkammer unvorstellbar, dass argumentiert werden könne, diese Handlungen seien nicht schwerwiegend genug, um Folter darzustellen.2962 Gleiches gilt für die Begründung, mit der die Rechtsmittelkammer im Fall Kunarac und andere das Vorbringen der Rechtsmittelführer zurückwies, der Nachweis der Vergewaltigung erSellers, Gender-Specific Crimes, S. 120.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 493; Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2.
November 2001, IT-98-30/1-T, § 560.
S. o. S. 235 f., 240.
fordere den „fortgesetzten“ bzw. „echten“ Widerstand des Opfers:2963 Diese „kühne Behauptung“ sei „rechtlich falsch und angesichts der Fakten absurd.“2964 In verschiedenen Urteilen wurden auch Handlungen als Folter oder erschwerende Tatumstände gewertet, die keine physische Verletzungen des Opfers nach sich ziehen, dieses aber demütigen, wie etwa der Zwang, die an Verwandten begangenen Misshandlungen zu beobachten,2965 oder die Gegenwart anderer Personen, insbesondere von Familienangehörigen, bei einer Vergewaltigung.2966 Sensibel äußerte sich die Strafkammer im Fall Krstic auch zu den Folgen des Völkermordes an den bosnischen Muslimen für Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft: Die Tötung praktisch aller Männer habe es für die überlebenden Frauen beinahe unmöglich gemacht, ihr Leben wieder aufzubauen.2967 Die Überlebenden von Srebrenica haben spezifische Schwierigkeiten bei ihrer Heilung, die als „Srebrenica-Syndrom“ bezeichnet werden und eine neue pathologische Kategorie darstellen, so die Kammer. Eine der Hauptursachen dafür ist die Ungewissheit der meisten Überlebenden, was das Schicksal ihrer Angehörigen angeht. Für bosnische Musliminnen sei es von essentieller Bedeutung, einen eindeutigen Familienstand zu haben; Frauen, deren Ehemänner vermisst werden, sind nach lokaler Anschauung aber weder ledig, noch verheiratet, noch verwitwet.2968 Auf psychologischer Ebene können diese Frauen den Prozess der Heilung ohne den Schlusspunkt, der sich aus der Kenntnis des Schicksals der Vermissten und dem Trauerprozess ergeben würde, nicht fortsetzen. Die Strafkammer ging auch auf die kollektiven Schuldgefühle ein, an denen Frauen leiden, weil sie die Vorfälle in Potocari im Gegensatz zu ihren Ehemännern, Brüdern und Vätern überlebten.2969 Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Appeals Chamber, Judgment, 12. Juni 2002, IT-96-23-A & IT-96-23/1-A, § 125.
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and Others, Appeals Chamber, Judgment, 12. Juni 2002, IT-96-23-A & IT-96-23/1-A, § 128 (Übersetzung der Verfasserin).
Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2. November 2001, IT-98-30/1-T, § 149 zitiert Prosecutor v. Anto Furundzija, Trial Chamber II, Judgment, 10. Dezember 1998, IT-95-17/1-T, § 267 ii, wo das Ansehenmüssen der Vergewaltigung einer Bekannten als Folter gewertet wurde.
Oktober 1998, IT-96-21-T, §§ 1262 ff.; Prosecutor v. Miroslav Kvocka and Others, Trial Chamber I, Judgment, 2. November 2001, IT-98-30/1-T, § 149.
Prosecutor v. Radislav Krstic, Trial Chamber I, Judgment, 2. August 2001, IT-98-33-T, § 91.
Prosecutor v. Radislav Krstic, Trial Chamber I, Judgment, 2. August 2001, IT-98-33-T, §§ 93, 595, 720.
Der Respekt der Richterinnen und Richter für die zu sexueller Gewalt aussagenden Zeuginnen zeigt sich unter anderem auch darin, dass deren Aussagen teilweise sehr ausführlich wiedergegeben werden, auch, was ihre Empfindungen anging. Dies gilt für z.B. für Milojka Antic2970 und Grozdana Cecez,2971 die im Celebici-Fall über ihre Vergewaltigungen berichteten ebenso wie für Zeugin DD im Verfahren gegen Krstic, die immer noch in Ungewissheit über das Schicksal ihres jüngsten Sohnes lebte.2972 In mehreren Fällen würdigten ICTY und ICTR die großen Schwierigkeiten der Augenzeuginnen und Augenzeugen, wenn sie sich an so traumatische Ereignisse erinnern und die Erinnerungen artikulieren müssen2973 und den Mut der Aussagenden, ohne die sie ihre Aufgabe nicht erfüllen könnten.2974 Dabei äußerte der ICTR im Urteil gegen Akayesu und Musema auch Verständnis für die kulturell bedingte Sensibilität bei der öffentlichen Diskussion intimer Angelegenheiten und die dadurch bedingten Schwierigkeiten der Zeuginnen bzw. Zeugen, öffentlich über Details der sexuellen Gewalt zu sprechen, die sie erlitten.2975 Die Kammer im Fall Kunarac und andere betonte, dass aufgrund der traumatischen Natur der Erfahrungen der Zeuginnen von diesen vernünftigerweise nicht erwartet werden kann, dass sie sich an die Details der angeklagten Vorfälle, wie etwa den genauen Geschehensablauf, oder die genauen Daten und Uhrzeiten der geschilderten Ereignisse, erinnern könnten. Die Strafkammer legte daher allein Wert darauf, dass die Essenz des Vorfalls in angemessener Prosecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamber II, Judgment, 16.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 959. „Oh, verdammt seiest du, Gott, falls es dich gibt. Warum hast du mich nicht davor bewahrt?“, ebd., § 1263: „Die Wunden, die ich aus Celebici davongetragen habe, werden nie vergehen.“ (Übersetzung der Verfasserin).
Prosecutor v. Dragoljub Kunarac and others, Trial Chamber II, Judgment, 22. Februar 2001, IT-96-23-T & IT-96-23/1-T, 938: „Es war schwierig für mich. Ich war eine Frau, die nur für einen Mann lebte und ich war mein ganzes Leben lang die Seine, und ich glaube, dass ich zu dieser Zeit einfach von meinem Körper getrennt wurde. (…) Ich war psychisch und physisch völlig erschöpft. Sie töten einen seelisch.“ (Übersetzung der Verfasserin.) Prosecutor v. Radislav Krstic, Trial Chamber I, Judgment, 2. August 2001, IT-98-33-T, § 93: „Ich träume immer noch von ihm. Ich träume von ihm, wie er Blumen bringt und sagt: “Mutter, ich bin da.“ Ich umarme ihn und sage: „Wo warst du, mein Sohn?“, und er sagt: „Ich war die ganze Zeit in Vlasenica.“ (Übersetzung der Verfasserin.) Prosecutor v. Dusko Tadic, Trial Chamber II, Decision on the Prosecutor’s Motion Requesting Protective Measures for Victims and Witnesses, 10. August 1995, IT-94-I-T, §§ 46 f.; Prosecutor v. Jean-Paul Akayesu, Trial Chamber I, Judgment, 2. September 1998, ICTR-96-4-T, §§ 142 f.; Prosecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamber II, Judgment, 16. Oktober 1998, IT-96-21-T, § 595; Prosecutor v. Alfred Musema, Trial Chamber I, Judgment and Sentence, 27. Januar 2000, ICTR-96-13-T, § 100. Die Entscheidung Prosecutor v. Alfred Musema, Appeals Chamber, Judgment, 16. November 2001, ICTR-96-13-A, § 63 weist auch darauf hin, dass eine Berücksichtigung möglicher Traumatisierung dem Angeklagten zugute komme.
Prosecutor v. Jean-Paul Akayesu, Trial Chamber I, Judgment, 2. September 1998, ICTR-96-4-T, §§ 142 fProsecutor v. Zejnil Delalic, Zdravko Mucic, Hazim Delic, Esad Landzo, Trial Chamber II, Judgment, 16.
Oktober 1998, IT-96-21-T, § 595.
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