Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteil_Kuendigung_Alkohol_Arbeitsplatz_Kuendigung_wegen_Alkohols_am_Arbeitsplatz_Arbeitsgericht_Berlin_24Ca8017-13.html
Timestamp: 2018-05-23 12:54:52
Document Index: 353694982

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 102', '§ 626', '§ 256', '§ 4', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 622', '§ 256', '§ 4', '§ 1', '§ 1', '§ 8', '§ 1', '§ 626', '§ 8', '§ 102', '§ 611', 'Art. 1', 'Art. 1', '§ 102', '§ 102', '§ 256', 'BGH', '§ 6', '§ 7', '§ 305', '§ 7', '§ 7', '§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 2', '§ 42', '§ 42', '§ 92']

Ent­scheid­ungs­datum: 03.04.2014
hat das Ar­beits­ge­richt Ber­lin, 24. Kam­mer, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 03.04.2014
durch die Rich­te­rin am Ar­beits­ge­richt R als Vor­sit­zen­de
so­wie die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Frau B und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Frau K
Die Par­tei­en strei­ten über die Wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung so­wie über die Zah­lung von Nacht­zu­schlägen.
Der Kläger ist bei der Be­klag­ten, die re­gelmäßig mehr als zehn Ar­beit­neh­mer beschäftigt, seit 29.1.1991 als Kraft­fah­rer bei ei­nem Brut­to­stun­den­lohn von zu­letzt 15,63 € beschäftigt Im Zeit­raum vom 1.1.12013 bis 29.5.2013 er­hielt er von der Be­klag­ten ein Ar­beits­ent­gelt in Höhe von ins­ge­samt 17.828,98 € brut­to.
Die Be­klag­te ist ein Un­ter­neh­men der U-Grup­pe, die mit der Zu­stel­lung von Pa­ke­ten be­fasst ist. Auf­ga­be der Be­klag­ten ist es, Pa­ket­sen­dun­gen, die von Mit­ar­bei­tern ei­nes an­de­ren Un­ter­neh­mens der U -Grup­pe beim Kun­den ab­ge­holt und täglich je­weils bis 20:00 Uhr in die Nie­der­las­sung vor Ort ge­bracht wer­den, von dort in Con­tai­nern zur ent­spre­chen­den Haupt­um­schlags­ba­sis und von dort zur Ziel­nie­der­las­sung zu trans­por­tie­ren. Die Zu­stel­lung der Pa­ke­te von den Ziel­nie­der­las­sun­gen aus zum Empfänger er­folgt wie­der­um durch Mit­ar­bei­ter ei­nes an­de­ren Un­ter­neh­mens der U-Grup­pe.
Die Be­klag­te zahl­te dem Kläger in der Ver­gan­gen­heit für Ar­beits­leis­tun­gen in der Zeit von 21:00 Uhr bis 6:00 Uhr Nacht­zu­schläge wie folgt:
-in der Zeit vom 1.10.2010 bis 30.9.2011: 11,4% des Grund­lohns von 15,30 € brut­to (1,75 €)
-in der Zeit vom 1.10.2011 bis 30.9.2012: 12,16 % des Grund­lohns von 15,63 € brut­to (1,90 €)
-in der Zeit vom 1.10.2012 bis 30.9.2013: 18,69 % des Grund­lohns von 15,63 € brut­to (2,92 €)
In der Nacht von Mon­tag, 1.5.2013 auf Diens­tag, 2.5.2013 ver­ur­sach­te der Kläger mit dem Fir­men-Lkw N mit Anhänger (40-Ton­ner) auf der
Au­to­bahn A 2 ei­nen Auf­fahr­un­fall auf ei­nen auf­grund ei­nes Staus ste­hen­den Last­zug. Der Fah­rer des ste­hen­den Last­zugs wur­de ver­letzt. Aus­weis­lich des ge­gen den Kläger we­gen fahrlässi­ger Körper­ver­let­zung er­gan­ge­nen Straf­be­fehls vom 18.7.2013 (BI. 59 d. A.) er­litt der geschädig­te Fah­rer Prel­lun­gen in Brust­be­reich und Na­cken so­wie ein Schleu­der­trau­ma. An bei­den Fahr­zeu­gen ent­stand ein Sach­scha­den; am Fir­men-Lkw ein wirt­schaft­li­cher To­tal­scha­den. Der den Un­fall auf­neh­men­de Po­li­zei­be­am­te stell­te beim Kläger Al­ko­hol­ge­ruch in der Atem­luft fest. Die Über­prüfung am Un­fall­ort er­gab ei­nen Al­ko­hol­kon­zen­tra­ti­ons­wert von 0,64 Pro­mil­le beim Kläger.
§ 8 Ziff. 9 lit. a.) der Ar­beits­ord­nung der Be­klag­ten lau­tet wie folgt:
„Es ist un­ter­sagt, an­ge­trun­ken zur Ar­beit zu er­schei­nen, al­ko­ho­li­sche Ge­tränke in den Be­trieb mit­zu­brin­gen oder im Be­trieb zu ver­zeh­ren.
Es ist fer­ner ver­bo­ten, im Be­trieb Rausch­mit­tel zu be­sit­zen, wei­ter­zu­ge­ben oder zu ver­zeh­ren."
Die Ar­beits­ord­nung ist dem Kläger be­kannt. Un­ter dem 1.11.1995, 22.7.2002 und 29.4.2011 hat er je­weils den Er­halt der ak­tua­li­sier­ten Ar­beits­ord­nung bestätigt (BI. 87 — 89 d. A.)
Über den Un­fall gab die Au­to­bahn­po­li­zei am 2.5.2013 ei­ne Pres­se­mit­tei­lung her­aus (BI. 83 d. A.). Am sel­ben Tag te­le­fo­nier­te der zuständi­ge Fee­der Ma­na­ger der Be­klag­ten, Herr R K B mit dem Kläger und er­kun­dig­te sich bei ihm nach sei­nem Ge­sund­heits­zu­stand, dem Un­fall­her­gang und der po­li­zei­li­chen Un­fall­be­richt.
Mit Schrei­ben vom 17.5.2013 hörte die Be­klag­te den Be­triebs­rat zur be­ab­sich­tig­ten außer­or­dent­li­chen, hilfs­wei­se or­dent­li­chen Kündi­gung des Klägers an. We­gen der Ein­zel­hei­ten wird auf das in Ab­lich­tung zu den Ak­ten ge­reich­te Anhörungs­schrei­ben nebst An­la­ge (B1. 71 bis 75 d. A.) Be­zug ge­nom­men. Mit Schrei­ben vom 24.5.2013 wi­der­sprach der Be­triebs­rat der or­dent­li­chen Kündi­gung. We­gen der Ein­zel­hei­ten wird auf das in Ab­lich­tung zu den Ak­ten ge­reich­te Schrei­ben des Be­triebs­rats vom 24.5.2013 (BI. 79 d. A.) Be­zug ge­nom­men.
Mit Schrei­ben vom 27.5.2013 (BI. 12 d. A.), das dem Kläger am 29.5.2013 zu­ging, kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis des Klägers frist­los, vor­sorg­lich or­dent­lich zum 31.12.2013.
In der Zeit vom 29.5.2013 bis 17.6.2013 be­fand sich der Kläger auf­grund ei­ner Al­ko­hol­pro­ble­ma­tik in sta­ti­onärer Be­hand­lung. Auf den In­halt der in Ab­lich­tung zu den Ak­ten ge­reich­ten vorläufi­gen Epi­kri­se der I Klink R Ab­tei­lung für Psych­ia­trie, Psy­cho­the­ra­pie und Psy­cho­so­ma­tik vom 17.6.2013 (BI. 53 bis 55 d. A.) wird Be­zug ge­nom­men.
Von ei­ner Al­ko­ho­lerkran­kung des Klägers hat­te die Be­klag­te zur Zeit des Aus­spruchs der Kündi­gung kei­ne Kennt­nis.
Der Kläger wen­det sich mit der der Be­klag­ten am 18.6.2013 zu­ge­stell­ten Kla­ge ge­gen die Kündi­gung vom 27.5.2013 Darüber hin­aus ver­langt er Wei­ter­beschäfti­gung, und zwar so­wohl auf der Grund­la­ge des all­ge­mei­nen Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruchs als auch gemäß § 102 Abs. 5 Be­trVG.
Sch­ließlich be­gehrt der Kläger für den Zeit­raum von Ja­nu­ar 2011 bis April 2013 je­weils für die Zeit von 23:00 Uhr bis 6:00 Uhr Zah­lung rest­li­cher Nacht­zu­schläge auf der Grund­la­ge ei­nes Nacht­zu­schla­ges von 30% des je­wei­li­gen Brut­to­stun­den­loh­nes so­wie die Fest­stel­lung, dass ihm die Be­klag­te auch künf­tig Nacht­zu­schläge in die­ser Höhe zu gewähren hat. We­gen der Ein­zel­hei­ten der Be­rech­nung der Zah­lungs­for­de­rung wird auf Sei­te 2 des Schrift­sat­zes des Klägers vom 28.3.2014 Be­zug ge­nom­men.
Der Kläger ist der An­sicht, die frist­lo­se Kündi­gung sei be­reits des­we­gen un­wirk­sam, weil die Be­klag­te die Zwei­wo­chen­frist des § 626 Abs. 2 BGB nicht ein­ge­hal­ten ha­be. Die Be­klag­te müsse sich die Kennt­nis ih­res Fee­der Ma­na­ger, Herrn K B las­sen, da die­ser Vor­ge­setz­ter des Klägers sei und
sämt­li­che Per­so­nal­verfügun­gen ge­genüber dem Kläger um­ge­setzt ha­be. Der Kläger be­haup­tet, auch der Per­so­nal­lei­ter Herr G Sch sei noch am
2.5.2013 vollständig über das Ge­sche­hen in­for­miert wor­den. Herr Sch ha­be am 2.5.2013 ge­gen Mit­tag den Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Herrn E an­ge­ru­fen und die­sen da­zu be­fragt, ob er Kennt­nis von dem Un­fall ha­be. Am sel­ben Tag ha­be er — der Kläger — eben­falls mit dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Herrn E te­le­fo­niert und ihm den Sach­ver­halt ge­schil­dert. Herr E dar­auf­hin ei­ne Email an Herrn Sch ge­schrie­ben, auf wel­che die­ser auch ge­ant­wor­tet ha­be. Auf den im Kam­mer­ter­min am 3.4.2014 über­reich­ten Emai­l­aus­druck vom 2.5.2013 und vom 3.5.2013 wird Be­zug ge­nom­men.
Der Kläger meint, die vor­sorg­li­che or­dent­li­che Kündi­gung sei - ins­be­son­de­re man­gels Ver­schul­dens - so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt.
Hier­zu be­haup­tet der Kläger, er sei zur Zeit des Aus­spruchs der Kündi­gung al­ko­hol­krank ge­we­sen. Dies er­ge­be sich be­reits aus dem Schrei­ben der I Kli­nik vom 17.6.2013 (BI. 53 ff. d. A.). Er ha­be als Spie­gel­t­rin­ker nicht während der Ar­beits­zeit ge­trun­ken, son­dern noch ei­ne Rest­al­ko­ho­li­sie­rung vom Ta­ge auf­ge­wie­sen.
Über­dies sei­en so­wohl die frist­lo­se wie auch die or­dent­li­che Kündi­gung auf­grund sei­ner lan­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit un­verhält­nismäßig.
Der Kläger be­strei­tet mit Nicht­wis­sen, dass der Be­triebs­rat ord­nungs­gemäß zur Kündi­gung an­gehört wur­de.
Der Kläger meint, die von der Be­klag­ten ge­zahl­ten Nacht­zu­schläge sei­en nicht an­ge­mes­sen. Die Be­klag­te ha­be ihm Nacht­zu­schläge in Höhe von 30 % der Brut­to­stun­den­vergütung zu zah­len.
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die frist­lo­se Kündi­gung vom 27.5.2013 nicht be­en­det wor­den ist,
2. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die or­dent­li­che Kündi­gung vom 27.5.2013 nicht zum 31.12.2013 oder zu ei­nem an­de­ren Ter­min be­en­det wor­den ist,
3. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Rechts­streits bei un­veränder­ten Ar­beits­be­din­gun­gen gemäß Ar­beits­ver­trag vom 22.1.1991 in sei­ner Ge­stalt vom 16.10.1995 als Kraft­fah­rer zu beschäfti­gen,
4. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an ihn 7.906,92 € zuzüglich Zin­sen in Höhe von 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit Rechtshängig­keit zu zah­len,
5. fest­zu­stel­len, dass die Be­klag­te ver­pflich­tet ist, ihm ab dem 01.05.2013 ei­nen Nacht­schicht­zu­schlag in Höhe von 30 % auf den Brut­to­stun­den­lohn zu zah­len oder ei­nen Frei­zeit­aus­gleich für 90 ge­leis­te­te Nacht­stun­den von 2 Ar­beits­ta­gen zu gewähren.
Sie be­haup­tet, der kündi­gungs­be­rech­tig­te Per­so­nal­lei­ter ha­be von dem kündi­gungs­re­le­van­ten Sach­ver­halt erst am 16.5.2013 Kennt­nis er­hal­ten.
Sie ist der An­sicht, die Kündi­gung sei we­gen des Fah­rens un­ter Al­ko­hol­ein­fluss ge­recht­fer­tigt. Ei­ner vor­he­ri­gen Ab­mah­nung ha­be es nicht be­durft.
Auf ei­ne Al­ko­ho­lerkran­kung könne sich der Kläger be­reits des­we­gen nicht be­ru­fen, weil er ihr hier­von we­der vor noch als­bald nach der Kündi­gung hier­von Mit­tei­lung ge­macht ha­be.
Die Be­klag­te be­haup­tet, der durch den vom Kläger ver­ur­sach­ten Un­fall ent­stan­de­ne Scha­den am Fir­men-Lkw be­tra­ge nach den An­ga­ben der Ab­tei­lung Au­to­mo­ti­ve über 30.000,00 €.
Sie meint, die von ihr ge­zahl­ten Nacht­zu­schläge sei­en an­ge­mes­sen. Dies fol­ge dar­aus, dass die Nacht­ar­beit bei ihr üblich sei, sie be­reits in der Zeit von 21:00 Uhr bis 23:00 Uhr frei­wil­lig Nacht­zu­schläge leis­te und dem Kläger ei­nen Grund­lohn zah­le, der deut­lich über dem ver­gleich­ba­ren Ta­rif­lohn lie­ge.
Die Be­klag­te be­haup­tet, ca. 90 % der bei beschäftig­ten ca. 500 Kraft­fah­rer würden auf so­ge­nann­ten Nacht­tou­ren ein­ge­setzt und nur 10 % auf Tag­tou­ren.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird auf das Vor­brin­gen der Par­tei­en in der münd­li­chen Ver­hand­lung so­wie auf die ein­ge­reich­ten Schriftsätze und Un­ter­la­gen Be­zug ge­nom­men.
Der Kla­ge­an­trag zu 1) ist be­gründet. Im Übri­gen ist die Kla­ge un­be­gründet.
Die frist­lo­se Kündi­gung vom 27.5.2013 ist un­wirk­sam.
Für den nach §§ 256 ZPO, 46 Abs.. 2 ArbGG, 4, 7, 13 KSchG zulässi­gen Kla­ge­an­trag zu 1) hat der Kläger die Kla­ge­er­he­bungs­frist gemäß § 4 KSchG ge­wahrt.
Es kann da­hin ste­hen, ob die dem Kläger vor­ge­wor­fe­nen Pflicht­ver­let­zun­gen als wich­ti­ger Grund gemäß § 626 Abs. 1 BGB an­zu­se­hen ist.
Denn die streit­ge­genständ­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 27.5.2013 ist nicht in­ner­halb der 14-tägi­gen Kündi­gungs­erklärungs­frist gemäß § 626 Abs. 2 S. 1 BGB aus­ge­spro­chen wor­den und da­her rechts­un­wirk­sam.
Die Be­klag­te hat­te be­reits weit vor dem 13.5.2013 Kennt­nis von dem der Kündi­gung zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt.
Gemäß § 626 Abs. 2 S. 2 BGB be­ginnt die Aus­schluss­frist mit dem Zeit­punkt, in dem der Kündi­gungs­be­rech­tig­te von den für die Kündi­gung maßge­ben­den Tat­sa­chen Kennt­nis er­langt.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts reicht je­doch aus­nahms­wei­se für den Frist­be­ginn die Kennt­nis ei­nes Drit­ten aus, der kei­ne Kündi­gungs­be­fug­nis hat, wenn des­sen Stel­lung im Be­trieb nach den Umständen des Ein­zel­fal­les er­war­ten lässt, er wer­de den Kündi­gungs­be­rech­tig­ten von dem Kündi­gungs­sach­ver­halt un­ter­rich­ten. Der Kündi­gungs­be­rech­tig­te muss sich die Kennt­nis des Drit­ten nach Treu und Glau­ben zu­rech­nen las­sen. Er darf sich dann nicht auf sei­ne erst später er­lang­te Kennt­nis be­ru­fen, wenn dies dar­auf be­ruht, dass die Or­ga­ni­sa­ti­on des Be­trie­bes zu ei­ner Verzöge­rung des Frist­be­ginns führt, ob­wohl ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on sach­gemäß und zu­mut­bar wäre (so BAG vom 05.05.1997 — 2 AZR 297/96, BA­GE 29, 158 ff.; vom 26.11.1987 — 2 AZR 312/87, ju­ris).
Die für die Ein­hal­tung der Kündi­gungs­erklärungs­frist dar­le­gungs- und be­weis­pflich­ti­ge Be­klag­te hat kei­ne hin­rei­chen­den tatsächli­chen Umstände vor­ge­tra­gen, aus de­nen sich er­gibt, dass der Per­so­nal­lei­ter Herr Sch — wie sie be­haup­tet - erst am 16.5.2013 vom Kündi­gungs­sach­ver­halt Kennt­nis er­langt hat. Nicht nur die Pres­se­mit­tei­lung vom 2.5.2013, son­dern ins­be­son­de­re der Email-Ver­kehr zwi­schen Herrn Sch dem Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Herrn R E, vom 2./3.5.2013 so­wie das Te­le­fo­nat zwi­schen den bei­den am 2.5.2013 spre­chen dafür, dass Herr Sch von den Ge­scheh­nis­sen am 2.5.2013 be­reits zu ei­nem deut­lich frühe­ren Zeit­punkt Kennt­nis hat­te, als es die Be­klag­te be­haup­tet. An­ge­sichts die­ser Sach­la­ge war die Be­klag­te ge­hal­ten, näher zu erläutern, auf­grund wel­cher kon­kre­ten Tat­umstände sie den­noch von ei­ner Kennt­nis­er­lan­gung durch Herrn Sch am 16.5,2013 aus­ge­hen darf. Dem ist die Be­klag­te nicht nach­ge­kom­men.
Auch hat sie nicht da­zu Stel­lung ge­nom­men, wes­halb die Kennt­nis des Vor­ge­setz­ten des Klägers, Herrn K B der be­reits am 2.5.2013 Kennt­nis von den Ge­scheh­nis­sen er­langt hat­te, im Rah­men des § 626 Abs. 2 BGB ir­re­le­vant sein soll. Da es zwi­schen den Par­tei­en un­strei­tig ist, dass Herr K B sämt­li­che Per­so­nal­verfügun­gen ge­genüber dem Kläger um­ge­setzt hat, liegt ein Sach­ver­halt vor, auf­grund des­sen' der Kläger er­war­ten durf­te, dass Herr
K B Herrn Sch von dem Kündi­gungs­sach­ver­halt un­ter­rich­tet. So­weit die Be­klag­te dies an­ders se­hen möch­te, hätte sie sub­stan­ti­iert zu ih­rer dies­bezügli­chen be­trieb­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on vor­tra­gen müssen.
Der Kla­ge­an­trag zu 2) war ab­zu­wei­sen.
Die or­dent­li­che Kündi­gung vom 27.5.2013 ist wirk­sam und hat das Ar­beits­verhält­nis un­ter Ein­hal­tung der ge­setz­li­chen Kündi­gungs­frist gemäß § 622 Abs. 2 BGB zum 31.12.2013 be­en­det.
Für den nach §§ 256 ZPO, 46 Abs. 2 ArbGG, 4, 7 KSchG zulässi­gen Kla­ge­an­trag zu 1) hat der Kläger die Kla­ge­er­he­bungs­frist gemäß § 4 KSchG ge­wahrt.
Die Kündi­gung ist nicht so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt gemäß § 1 Abs. 1 KSchG. Denn es lie­gen ver­hal­tens­be­ding­te Gründe für ei­ne Kündi­gung des Klägers gemäß § 1 Abs. 2 KSchG vor.
Das Ver­hal­ten des Klägers am 2.5.2013, nämlich das al­ko­ho­li­sier­te Führen des Fir­men-Lkw und der un­ter Al­ko­hol­ein­fluss durch den Kläger ver­ur­sach­te Auf­fahr­un­fall stel­len nach Auf­fas­sung der Kam­mer schwer­wie­gen­de Pflicht­ver­let­zun­gen dar, die die Be­klag­te zum Aus­spruch ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung be­rech­tig­ten. Ob der Kläger zum Zeit­punkt des Aus­spruchs der Kündi­gung al­ko­ho­lerkrankt war, ist hier­bei oh­ne Be­lang.
Der Ar­beit­ge­ber darf bei ei­nem Be­rufs­kraft­fah­rer, oh­ne dass dies in re­gelmäßigen Abständen wie­der­holt wird, er­war­ten, dass die­ser nüchtern zum Fahrt­an­tritt er­scheint und auch während der Fahrt kei­ne al­ko­ho­li­schen Ge­tränke zu sich nimmt (LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 11.1.2007 — 6 Sa 731/06), Hier kommt noch hin­zu, dass bei der Be­klag­ten gemäß § 8 Ziff. 9 der Ar­beits­ord­nung, die dem Kläger aus­weis­lich der Emp­fangs­bestäti­gun­gen (BI. 87 ff, d. A.) be­kannt war, ein aus­drück­li­ches Al­ko­hol­ver­bot be­steht. Ge­ra­de der Um­stand, dass der Kläger Be­rufs­kraft­fah­rer ist und ar­beits­ver­trag­lich Fahr­ten mit ei­nem 40-Ton­nen-Lkw un­ter­nimmt, muss zwin­gend da­zu führen, dass er sich des Al­ko­hol­ge­nus­ses enthält.
Be­reits bei ei­nem Grad von 0,3 Pro­mil­le tritt ei­ne leich­te Ver­min­de­rung der Seh­leis­tung ein, Auf­merk­sam­keit, Kon­zen­tra­ti­on, Kri­tik- und Ur­teilsfähig­keit so­wie Re­ak­ti­ons­vermögen las­sen nach, Die Ri­si­ko­be­reit­schaft steigt an. Beim Kläger wur­den zur Tat­zeit so­gar 0,64 Pro­mil­le fest­ge­stellt.
Das Maß der kon­kre­ten ar­beits­ver­trag­li­chen Pflicht­ver­let­zung ist er­heb­lich. Dies be­ruht dar­auf, dass nicht nur ei­ne Gefähr­dung für an­ver­trau­te Vermögens­wer­te des Ar­beit­ge­bers be­stand und ein er­heb­li­cher Scha­den am Lkw der Be­klag­ten auch tatsächlich ein­ge­tre­ten ist, son­dern dass der Kläger durch die Al­ko­hol­fahrt auch Le­ben und Ge­sund­heit von mögli­cher­wei­se meh­ren bis meh­re­ren hun­dert Per­so­nen gefähr­det hat. Darüber hin­aus sind durch den Un­fall auch ein Vermögens­scha­den Drit­ter, nämlich an dem an­de­ren Lkw, so­wie ei­ne Körper­ver­let­zung ein­ge­tre­ten. Der Fah­rer des Lkw, auf den der Kläger auf­ge­fah­ren ist, er­litt Prel­lun­gen in Brust­be­reich und Na­cken so­wie ein Schleu­der­trau­ma.
Ent­ge­gen der An­sicht des Klägers ist die Pflicht­ver­let­zung, nämlich die Trun­ken­heits­fahrt, dem Kläger auch vor­werf­bar.
Hier­bei kann es da­hin ste­hen, ob der Kläger zur Zeit des kündi­gungs­re­le­van­ten Er­eig­nis­ses tatsächlich al­ko­hol­krank war und dies durch die vorläufi­ge Epi­kri­se der I Kli­nik P vom 17.6.2013 (BI. 53 ff. d. A.) hin­rei­chend sub­stan­ti­iert be­legt ist.
Al­ler­dings konn­te der Kläger — ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten - im Kündi­gungs­schutz­pro­zess Al­ko­hol­abhängig­keit ein­wen­den, ob­wohl er die Be­klag­te we­der vor noch als­bald nach der Kündi­gung hierüber in­for­miert hat­te. Denn die So­zi­al­wid­rig­keit ei­ner Kündi­gung be­ur­teilt sich nach der ob­jek­ti­ven Sach­la­ge bei Kündi­gungs­zu­gang. Der Ein­wand feh­len­den Ver­schul­dens ist nicht dar­an ge­bun­den, dass sich der Ar­beit­neh­mer als­bald nach Zu­gang der ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung auf Al­ko­hol­abhängig­keit be­ruft (LAG Thürin­gen, Ur­teil vom 17.8.2010 - 7 Sa 417109 - LA­GE § 1 KSchG Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 107).
Al­ler­dings er­weist sich der Pflich­ten­ver­s­toß des Klägers auch bei ei­ner un­ter­stell­ten Al­ko­ho­lerkran­kung als vor­werf­bar.
Bei ar­beits­ver­trag­li­chen Pflicht­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers in­fol­ge Al­ko­hol­abhängig­keit kann nicht au­to­ma­tisch von ei­nem feh­len­den Ver­schul­den aus­ge­gan­gen wer­den (vgl. BAG, Ur­teil vom 30.09.1993 - 2 AZR 188/93 - EzA § 626 BGB n. F. Nr. 152; LAG Ber­lin, Ur­teil vom 31.10.1997 - 6 Sa 74/97).
Ob der an Al­ko­ho­lis­mus lei­den­de Ar­beit­neh­mer auf­grund die­ser Er­kran­kung in kon­kre­ten Le­bens­si­tua­tio­nen nicht in der La­ge ge­we­sen ist, sein Ver­hal­ten im Sin­ne ei­ner Vor­werf­bar­keit oder ei­nes Ver­schul­dens zu steu­ern, muss der
Be­ur­tei­lung im kon­kre­ten Ein­zel­fall über­las­sen blei­ben (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vorn 15.12.1997 — 18 Sa 1390/97, auch BAG, Ur­teil vom 30.09.1993 a.a.O.).
Der Schwer­punkt der Vor­werf­bar­keit liegt vor­lie­gend dar­in, dass der Kläger die Fahrt be­zie­hungs­wei­se sei­ne Ar­beit trotz Al­ko­ho­li­sie­rung über­haupt an­ge­tre­ten und hier­mit an­de­re gefähr­det hat (vgl. auch LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 22.2.2001 — 5 Sa 640/00).
Es kann nicht an­ge­nom­men wer­den, dass sich der Kläger hin­sicht­lich der Ent­schei­dung über die­sen Fahrt­an­tritt in ei­nem die freie Wil­lens­be­stim­mung aus­sch­ließen­den Zu­stand be­fun­den hat.
Wenn der Kläger noch zu kei­nem Zeit­punkt im Be­trieb der Be­klag­ten mit Al­ko­hol­pro­ble­men auffällig ge­wor­den ist und als so­ge­nann­ter „Spie­gel­t­rin­ker" kei­nen Al­ko­hol während der Ar­beit zu sich ge­nom­men hat, so zeigt dies zunächst, dass er nicht völlig außer Stan­de war, sei­nen Al­ko­hol­kon­sum zu steu­ern. Auch be­fand er sich nicht stets in ei­nem der­art al­ko­ho­li­sier­ten Zu­stand, dass grundsätz­lich von ei­ner Schuld­unfähig­keit aus­zu­ge­hen ist. Darüber hin­aus ist der vorläufi­gen Epi­kri­se vom 17.6.2013 zu ent­neh­men, dass der Kläger sei­nen Al­ko­hol­kon­sum seit ca. drei Jah­ren als „pro­ble­ma­tisch" emp­fin­det, was zeigt, dass ihm sein Al­ko­hol­ver­hal­ten durch­aus be­wusst war. AN dies spricht dafür, dass der Kläger noch in frei­er Wil­lens­be­stim­mung darüber zu ent­schei­den in der La­ge war, ob er trotz Al­ko­hol­ge­nus­ses die Fahrt an­tritt oder nicht.
Ei­nen Be­ur­tei­lungs­spiel­raum gab es hier­bei für den Kläger nicht. So­weit er im Kam­mer­ter­min erklärt hat, er ha­be sich bei Fahrt­an­tritt trotz des Al­ko­hol­kon­sums fit gefühlt, spielt dies an­ge­sichts des ab­so­lu­ten Al­ko­hol­ver­bots kei­ne Rol­le.
Die Ge­fahr ar­beits­recht­li­cher Kon­se­quen­zen für den Fall, dass er die Fahrt nicht an­tritt be­zie­hungs­wei­se der Be­klag­ten sei­ne Al­ko­hol­abhängig­keit of­fen­bart, mögen den Kläger in ei­ne Zwangs­la­ge ge­bracht ha­ben. Ein Aus­schluss der frei­en Wil­lens­be­stim­mung ist hier­durch je­doch nicht ein­ge­tre­ten.
Auch un­ter Berück­sich­ti­gung des Al­ters und vor al­lem der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit des Klägers so­wie der in der Ver­gan­gen­heit ab­ge­leis­te­ten Ar­beit, bei der der Kläger je­den­falls nicht we­gen Al­ko­hol­kon­sums auf­ge­fal­len war, er­gibt sich, dass die Ver­trags­ver­let­zung so schwer­wie­gend ist, dass das In­ter­es­se der Be­klag­ten an ei­ner Ver­trags­be­en­di­gung vor­ran­gig ist vor dem Be­stands­in­ter­es­se des Klägers im Hin­blick auf sein Ar­beits­verhält­nis. Auch ei­ne vor­he­ri­ge ein­schlägi­ge Ab­mah­nung des Klägers war ent­behr­lich.
Hier­bei wa­ren nach Auf­fas­sung der Kam­mer die In­ter­es­sen der All­ge­mein­heit, Ri­si­ken im Zu­sam­men­hang mit dem Fah­ren ei­nes 40-Ton­nen-Lkw möglichst zu mi­ni­mie­ren, zu berück­sich­ti­gen. Denn die­se In­ter­es­sen darf der Ar­beit­ge­ber, der Mit­ar­bei­ter mit der­art gefähr­li­chen Ar­bei­ten beschäftigt, nicht außer Acht las­sen. Ihm ob­liegt bei der Führung und Or­ga­ni­sa­ti­on sei­nes Un­ter­neh­mens auch ei­ne Ver­ant­wor­tung ge­genüber der All­ge­mein­heit. Die­se Ver­ant­wor­tung führt da­zu, dass die All­ge­mein­in­ter­es­sen im Rah­men der Ar­beit­ge­ber­in­ter­es­sen bei der In­ter­es­sen­abwägung Berück­sich­ti­gung zu fin­den ha­ben (vgl. LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 29.07.2003 — 2 Sa 175/03).
Darüber hin­aus muss ei­nem Be­rufs­kraft­fah­rer be­wusst sein, dass ein Al­ko­hol­ver­ge­hen im Straßen­ver­kehr sei­nen Ar­beits­platz gefähr­det (LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 11.1.2007 — 6 Sa 731/06). Vor­lie­gend be­stand im Be­trieb der Be­klag­ten zu­dem noch ein aus­drück­li­ches Al­ko­hol­ver­bot gemäß § 8 Ziff. 9 lit. a. der Ar­beits­ord­nung.
Auch ist zu be­den­ken, dass bei ei­ner Al­ko­hol­fahrt, die nur zu ei­ner Ab­mah­nung führt, die Aus­wir­kung auf die Grup­pe der an­de­ren Fah­rer er­heb­lich sein kann. Ergäbe sich bei dem Kläger, dass des­sen Ar­beits­verhält­nis fort­ge­setzt wer­den müss­te, so könn­te die Be­klag­te im Be­trieb zu­min­dest bei langjährig beschäfti­gen Fah­rern die 0,0 Pro­mil­le­gren­ze nicht durch­hal­ten. Je­der der an­de­ren Fah­rer könn­te da­mit kal­ku­lie­ren, dass zunächst ei­ne ge­rin­ge Al­ko­hol­men­ge, so­lan­ge nichts pas­siert, we­nigs­tens ein­mal to­le­riert wer­den muss. Das In­ter­es­se der
Be­klag­ten, ei­ne sol­che Vor­stel­lung bei den an­de­ren Fah­rern nicht ent­ste­hen zu las­sen, ist nach An­sicht der Kam­mer durch­aus erwägens­wert und zu Las­ten des Klägers zu berück­sich­ti­gen. Die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers würde ei­nen grup­pen­dy­na­mi­schen Ef­fekt ha­ben, der dem Ziel der Be­klag­ten, Al­ko­hol­fahr­ten aus­zu­sch­ließen, ent­ge­gen­wirkt (vgl. LAG Köln, Ur­teil vom 8.11.2010 — 2 Sa 612/10 — AuA 2011, 304).
Wei­ter­hin war bei der Ge­wich­tung des Kündi­gungs­grun­des zu berück­sich­ti­gen, dass ge­ra­de die vor­lie­gen­de Ver­trags­pflicht­ver­let­zung, nämlich mit Blut­al­ko­hol ei­ne Trans­port­fahrt durch­geführt zu ha­ben, re­gelmäßig nur schwer fest­stell­bar ist. Ver­trags­pflich­ten, die nach ih­rer Art durch den Ar­beit­ge­ber nur schlecht zu kon­trol­lie­ren sind, set­zen des­halb zunächst ei­nen er­heb­li­chen Ver­trau­ens­vor­schuss durch den Ar­beit­ge­ber vor­aus. Die­ses Ver­trau­en ist durch die durch­geführ­te Al­ko­hol­fahrt er­heb­lich ent­wer­tet wor­den. Denn dem Ar­beit­ge­ber ist es letzt­lich nicht möglich, für je­de St­un­de oder Se­kun­de, die der Kläger in Zu­kunft ei­nen Ge­fahr­gut­trans­por­ter führen würde, si­cher zu sa­gen, dass der Kläger al­ko­hol­frei fährt, dass al­so die Ver­trags­pflicht tatsächlich ein­ge­hal­ten wird. Je schwie­ri­ger der Ver­trags­ver­s­toß in der Zu­kunft zu kon­trol­lie­ren ist und je heim­li­cher der Ver­s­toß vor­ge­nom­men wird, des­to eher kann ge­sagt wer­den, dass ein ob­jek­ti­ver vernünf­ti­ger und so­zi­al agie­ren­der Ar­beit­ge­ber kein Ver­trau­en mehr in den Ar­beit­neh­mer ha­ben muss. Vor­lie­gend müss­te die Be­klag­te den Kläger min­des­tens zwei- bis drei­mal am Tag ei­ner Ate­m­al­ko­hol­kon­trol­le un­ter­zie­hen, um si­cher­zu­ge­hen, dass der Kläger nicht al­ko­ho­li­siert fährt. Das In­ter­es­se der Be­klag­ten an der größtmögli­chen Si­cher­heit, kei­nen Fah­rer mit Blut­al­ko­hol­ge­halt auf ei­nem LKW sit­zen zu ha­ben, ist des­halb nach An­sicht der Kam­mer ein er­heb­li­ches be­rech­tig­tes In­ter­es­se, wel­ches der Kläger ver­letzt hat (vgl. LAG Köln, Ur­teil vom 8.11.2010 — 2 Sa 612/10 — AuA 2011, 304).
Sch­ließlich ließen nach Auf­fas­sung der Kam­mer auch die Äußerun­gen des Klägers im Kam­mer­ter­min, wo­nach man oh­ne­hin nicht er­ken­nen könne, ob ein Lkw- oder Bus­fah­rer al­ko­ho­li­siert und es des­we­gen un­er­heb­lich sei, ob man von ei­nem al­ko­ho­li­sier­ten oder nicht al­ko­ho­li­sier­ten Fahr­zeugführer über­fah­ren wer­de auch nicht auf ei­ne wirk­li­che Ein­sicht des Klägers in die Er­for­der­lich­keit der Be­ach­tung des Al­ko­hol­ver­bots schließen.
Die Kündi­gung ist auch nicht we­gen man­geln­der Be­triebs­rats­anhörung un­wirk­sam gemäß § 102 Abs. 1 S. 3 Be­trVG.
Mit dem Schrei­ben vom 17.5.2013 (BI. 71 f. d. A.) hat die Be­klag­te den Be­triebs­rat ord­nungs­gemäß über die So­zi­al­da­ten des Klägers, die be­ab­sich­tig­te Kündi­gungs­art und den der Kündi­gung zu­grun­de lie­gen­den Sach­ver­halt in­for­miert. Da die Be­triebs­rats­anhörung sub­jek­tiv de­ter­mi­niert ist, war es unschädlich, dass die Be­klag­te dem Be­triebs­rat kei­ne Mit­tei­lung über die - ihr zur Zeit des Kündi­gungs­aus­spruchs un­be­kann­te — vom Kläger be­haup­te­te Al­ko­ho­lerkran­kung ge­macht hat.
Der Kläger hat kei­nen Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch ge­gen die Be­klag­te.
Zunächst folgt ein Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch des Klägers nicht aus §§ 611, 242 BGB un­ter Berück­sich­ti­gung der Art. 1, 2 GG.
Der Ar­beit­neh­mer hat ei­nen all­ge­mei­nen Beschäfti­gungs­an­spruch ge­gen den Ar­beit­ge­ber. Die­ser er­gibt sich aus ei­ner aus Treu und Glau­ben ab­zu­lei­ten­den Pflicht des Ar­beit­ge­bers. Un­ter Berück­sich­ti­gung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Wer­tent­schei­dun­gen der Art. 1 und 2 GG über den Persönlich­keits­schutz er­gibt sich für den Ar­beit­ge­ber ei­ne ar­beits­ver­trag­li­che Förde­rungs­pflicht der Beschäfti­gungs­in­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers. Dies gilt grundsätz­lich auch für die Dau­er ei­nes Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses, wenn die um­strit­te­ne Kündi­gung des Ar­beit­ge­bers un­wirk­sam ist und das Ar­beits­verhält­nis des­halb auch während des
Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses fort­be­steht. Maßge­bend ist hier­bei ei­ne Abwägung des Beschäfti­gungs­in­ter­es­ses des Ar­beit­neh­mers und des In­ter­es­ses des Ar­beit­ge­bers an ei­ner Nicht­beschäfti­gung. Die während der Dau­er ei­nes Rechts­streits be­ste­hen­de Un­ge­wiss­heit über den Fort­be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses be­gründet dann kein über­wie­gen­des schutz­wer­tes In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers an ei­ner Nicht­beschäfti­gung, wenn im Kündi­gungs­schutz­pro­zess ein die In­stanz ab­sch­ließen­des Ur­teil er­geht, das die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung fest­stellt.
Hier­an fehlt es je­doch vor­lie­gend.
Zwar war die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 27.5.2013 als frist­lo­se un­wirk­sam (s.o. 1.), als frist­gemäße hat sie je­doch Be­stand (s.o. II.). Da die Kündi­gungs­frist be­reits ab­ge­lau­fen ist, be­steht kein über­wie­gen­des Beschäfti­gungs­in­ter­es­se des Klägers.
Ein Wei­ter­beschäfti­gungs­an­spruch des Klägers er­gibt sich auch nicht aus § 102 Abs. 5 Be­trVG.
Denn es liegt kein ord­nungs­gemäßer Wi­der­spruch des Be­triebs­rats ge­gen die Kündi­gung des Klägers gemäß § 102 Abs. 3 Be­trVG vor.
Der Be­triebs­rat hat in sei­ner Stel­lung­nah­me vom 24.5.2013 (BI. 79 d. A.) auf kei­nen der Wi­der­spruchs­gründe Be­zug ge­nom­men. Auch der Be­gründung ist nicht zu ent­neh­men, wel­chen Wi­der­spruchs­grund der Be­triebs­rat für ge­ge­ben hält.
Mit den Anträgen zu 5) und 6) war die Kla­ge eben­falls ab­zu­wei­sen.
Es kann da­hin ste­hen, ob für den Kla­ge­an­trag zu 6) das gemäß §§ 256 Abs. 1 ZPO, 46 Abs. 2 ArbGG er­for­der­li­che Fest­stel­lungs­in­ter­es­se be­steht. Denn hier­bei han­delt es sich nicht um ei­ne ech­te Pro­zess­vor­aus­set­zung, de­ren Vor­lie­gen für die Sach­prüfung schlecht­hin un­ab­ding­bar wäre. Es muss viel­mehr le­dig­lich bei der be­gründe­ten Kla­ge ge­ge­ben sein. Steht — wie hier - fest, dass die Kla­ge un­be­gründet ist, wird sie durch Sa­chur­teil ab­ge­wie­sen, oh­ne dass es auf das Vor­lie­gen ei­nes Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses ankäme (vgl. BGH, Ur­teil vom 10.7.1987 — V ZR 285/85, NJW 1987, 2808 m.w.N.).
Der Kläger hat­te kei­nen An­spruch ge­gen die Be­klag­te auf Zah­lung von Nacht­zu­schlägen in Höhe von 30 %. Die von der Be­klag­ten in der Ver­gan­gen­heit ge­zahl­ten Nacht­zu­schläge wa­ren an­ge­mes­sen gemäß § 6 Abs. 5 Arb­ZG, ein Nach­zah­lungs­an­spruch des Klägers be­steht in­so­weit nicht.
Al­ler­dings wären et­wai­ge Ansprüche des Klägers — ent­ge­gen der An­sicht der Be­klag­ten — nicht gemäß § 7 Ziff. 4 der ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Aus­schluss­frist ver­fal­len.
Die Ver­ein­ba­rung die­ser Aus­schluss­frist im Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en vom 22.1.1991 ist un­wirk­sam gemäß § 305 c) Abs. 1 BGB, weil sie ei­ne über­ra­schen­de Klau­sel dar­stellt.
Denn die ar­beits­ver­trag­li­che Aus­schluss­frist ist von der Be­klag­ten nicht be­son­ders kennt­lich ge­macht wor­den ist, son­dern be­fin­det sich als ein Pas­sus
ein­ge­bet­tet un­ter der Über­schrift „§ 7". Sie ist da­her un­ter ei­ner nichts­sa­gen­den Über­schrift ver­steckt (vgl. BAG, Ur­teil vom 31.08.2005 - 5 AZR 545/04 — NZA 2006, 324). In dem de­tail­lier­ten Ar­beits­ver­trag der Par­tei­en muss ein verständi­ger Ar­beit­neh­mer un­ter der Über­schrift „§ 7" nicht mit ei­ner Klau­sel rech­nen, durch die der Ver­fall von Ansprüchen bei nicht recht­zei­ti­ger Gel­tend­ma­chung her­bei­geführt wer­den soll (vgl. BAG, Ur­teil vom 31.08.2005 - 5 AZR 545/04 - a. a. 0.).
We­gen der zwi­schen­zeit­lich er­folg­ten Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses (s.o.) konn­te die vom Kläger ge­leis­te­te Nacht­ar­beit nun­mehr aus­sch­ließlich durch Zah­lung ei­nes Zu­schlags aus­ge­gli­chen wer­den (vgl. BAG 24. Fe­bru­ar 1999 - 4 AZR 62/98 - BA­GE 91, 63, 71).
Die Be­klag­te hat für die vom Kläger ab Ja­nu­ar 2011 bis April 2013 ge­leis­te­te Nacht­ar­beit ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich ge­zahlt. Sie war auch in der Zeit da­nach nicht ver­pflich­tet, dem Kläger über den Grund­lohn hin­aus ei­nen Nacht­zu­schlag in Höhe von 30 % sei­nes Brut­to­stun­den­lohns zu zah­len.
Gemäß § 6 Abs. 5 Arb­ZG hat der Ar­beit­ge­ber dem Nacht­ar­beit­neh­mer für die während der Nacht­zeit ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den ei­ne an­ge­mes­se­ne Zahl be­zahl­ter frei­er Ta­ge oder ei­nen an­ge­mes­se­nen Zu­schlag auf das ihm hierfür zu­ste­hen­de Brut­to­ar­beits­ent­gelt zu gewähren.
Die Höhe des an­ge­mes­se­nen Nacht­zu­schlags rich­tet sich nach der Ge­gen­leis­tung, für die sie be­stimmt ist. (BAG 24. Fe­bru­ar 1999 - 4 AZR 62/98 -BA­GE 91, 63). Nach der Art der Ar­beits­leis­tung ist auch zu be­ur­tei­len, ob der vom Ge­setz­ge­ber mit dem Lohn­zu­schlag ver­folg­te Zweck, im In­ter­es­se der
Ge­sund­heit des Ar­beit­neh­mers Ar­beit zu ver­teu­ern, zum Tra­gen kommt (BAG, Ur­teil vom 11.2.2009 - 5 AZR 148/08 — AP Nr. 9 zu § 6 Arb­ZG). So­fern re­gelmäßig und not­wen­di­ger­wei­se Nacht­ar­beit ge­leis­tet wer­den muss, ist die Er­schwe­rung in al­ler Re­gel größten­teils schon mit dem Lohn ab­ge­gol­ten, der we­gen der Nacht­ar­beit höher an­ge­setzt ist (LAG Köln, Ur­teil vom 16.1.2004 12 Sa 1055/03).
Un­ter Be­ach­tung die­ser Grundsätze zahl­te die Be­klag­te dem Kläger in der Ver­gan­gen­heit ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich für die Nacht­ar­beit. Sie ist nicht ver­pflich­tet, Nacht­zu­schläge in Höhe von 30 % des Brut­to­stun­den­lohns an den Kläger zu zah­len.
Hier­bei ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Zweck, die Nacht­ar­beit zu ver­teu­ern, um sie möglichst zu ver­mei­den, vor­lie­gend kei­ne Rol­le spielt. Der Trans­port der Pa­ke­te in Con­tai­nern von den Nie­der­las­sun­gen vor Ort zur ent­spre­chen­den Haupt­um­schlags­ba­sis und von dort zur Ziel­nie­der­las­sung hat nachts zu er­fol­gen. Es han­delt sich nicht, wie z.B. bei ei­ner zusätz­li­chen Pro­duk­ti­on, um Ar­bei­ten, die grundsätz­lich auch tagsüber er­fol­gen könn­ten. Denn so­wohl die Ab­ho­lung der Pa­ke­te beim Kun­den als auch de­ren Zu­stel­lung, die von ei­nem an­de­ren Un­ter­neh­men der U-Grup­pe durch­geführt wer­den, wer­den tagsüber bis 20:00 Uhr vor­ge­nom­men. Folg­lich können die der Be­klag­ten ob­lie­gen­den Trans­port­auf­ga­ben nur im An­schluss an die Ab­ho­lung der Pa­ke­te beim Kun­den und da­mit nachts er­fol­gen.
Die Er­schwe­run­gen der Nach­ar­beit wur­den von der Be­klag­ten be­reits bei der Be­mes­sung der Grund­vergütung mit berück­sich­tigt. Die Be­klag­te zahlt ih­ren Mit­ar­bei­tern ei­nen St­un­den­lohn, der die in der Bran­che übli­chen Sätze er­heb­lich über­steigt. Nach den Er­kennt­nis­sen der Kam­mer wer­den Kraft­fah­rer in Ber­lin mit ei­nem Brut­to­mo­nats­ent­gelt von 1.200,00 € bis ma­xi­mal 1.800,00 € bei 40 bis 48 Wo­chen­stun­den vergütet, wo­bei der über­wie­gen­de Teil der Kraft­fah­rer ei­nen Be­trag von et­wa 1.300,00 € brut­to mo­nat­lich bei ca. 40 Wo­chen­stun­den erhält.
Dies be­deu­tet ei­nen St­un­den­lohn von — im bes­ten Fall — ma­xi­mal 10,38 brut­to, während die Be­klag­te St­un­denlöhne von über 15,00 € brut­to zahlt und auch in der Ver­gan­gen­heit im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum be­reits ge­zahlt hat. Nach den un­be­strit­te­nen An­ga­ben der Be­klag­ten in ih­rem Schrift­satz vom 26.3.2014 war An­lass für die Zah­lung der­art ho­her Grundlöhne der Aus­gleich für die von ih­ren Kraft­fah­rern über­wie­gend zu leis­ten­de Nacht­ar­beit.
Über die­sen ho­hen Grund­lohn hin­aus zahl­te die Be­klag­te im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum noch ge­son­der­te Nacht­zu­schläge von 11,4,% (2010) bis 18,69 % (2013). Hier kommt hin­zu, dass die Be­klag­te die­se Nach­zu­schläge nicht — wie es §§ 6 Abs. 5, 2 Abs. 3 Arb­ZG vor­se­hen - erst ab 23:00 Uhr, son­dern be­reits ab 21:00 Uhr zahl­te. Dies führt fak­tisch da­zu, dass die anläss­lich von Nacht­ar­beit im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum ge­son­dert ge­zahl­ten Zu­schläge — um­ge­rech­net auf die ge­setz­li­che Nacht­zeit gemäß § 2 Abs. 3 Arb­ZG - so­gar bei 15% bis 25 % des Brut­to­stun­den­lohns la­gen.
Grund­lohn und ge­zahl­te Zu­schläge zu­sam­men be­trach­tet er­hal­ten die nachts täti­gen Kraft­fah­rer der Be­klag­ten nach Auf­fas­sung der Kam­mer ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich für die von ih­nen ge­leis­te­te Nacht­ar­beit.
Der Kla­ge­an­trag zu 2) wur­de gemäß § 42 Abs. 2 GKG mit drei Brut­to­mo­nats­ein­kom­men des Klägers be­wer­tet, der Kla­ge­an­trag zu 1) hat dem­ge­genüber kei­nen ei­genständi­gen Wert. Der Wert des Kla­ge­an­trags zu 3) beträgt ein Brut­to­mo­nats­ein­kom­men. Der Wert des An­trags zu 4) ent­spricht dem be­zif­fer­ten Be­trag. Der An­trag zu 5) wur­de gemäß § 42 Abs. 1 GKG mit dem un­gefähren dreijähri­gen Un­ter­schieds­be­trag be­wer­tet.
Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf §§ 92 ZPO, 46 Abs. 2 ArbGG. Da der Kla­ge­an­trag zu 1), mit dem der Kläger al­lein ob­siegt hat, den Streit­wert des
Kündi­gungs­schutz­ver­fah­rens nicht erhöht, wa­ren dem an­sons­ten un­ter­le­ge­nen Kläger die ge­sam­ten Kos­ten des Rechts­streits auf­zu­er­le­gen.
24 Ca 8017113
Ge­gen die­ses Ur­teil kann von den Par­tei­en Be­ru­fung ein­ge­legt wer­den.