Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Hochbahn_Zwangspensionierung_Tarifvertrag_ArbG_Hamburg_22Ca33-10.html
Timestamp: 2018-03-19 16:22:33
Document Index: 318718969

Matched Legal Cases: ['§ 7', '§ 8', 'EuG', '§ 10', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 8', '§ 10', '§ 8', '§ 10', 'EuG']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 10/173
Zwangs­pen­sio­nie­run­gen: Nur mit gu­tem Grund!
06.09.2010. Ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen, nach de­nen Ar­beits­ver­hält­nis­se au­to­ma­tisch mit Be­ginn des Ren­ten­al­ters en­den ("Zwangs­pen­sio­nie­run­gen") sind ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters. Sie sind nur dann nicht dis­krim­nie­rend, wenn es für sie gu­te Grün­de gibt. Was als Grund ge­nügt, ist al­ler­dings um­strit­ten.
Das Ar­beits­ge­richt Ham­burg hat kürz­lich in ei­nem von un­se­rer Kanz­lei er­strit­te­nen Ur­teil die Zwangs­be­ren­tung ei­nes Ar­beit­neh­mers der Ham­bur­ger Hoch­bahn für un­wirk­sam er­klärt, da es die zu­grun­de­lie­gen­de ta­rif­ver­trag­li­che Vor­schrift als dis­kri­mi­nie­rend be­wer­te­te: Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 26.07.2010, 22 Ca 33/10.
Sind Al­ters­gren­zen im­mer ge­recht­fer­tigt?
Der Fall: Hal­te­stel­lenwärter der Ham­bur­ger Hoch­bahn möch­te auch mit 65 Jah­ren noch ar­bei­ten
Ar­beits­ge­richt Ham­burg: Abs­trak­te Zie­le wie Beschäfti­gungsförde­rung sind kein Sach­grund für die Al­ters­be­fris­tung
Nach den Vor­schrif­ten des AGG kann die ver­trag­lich im vor­aus fest­ge­leg­te oder ta­rif­ver­trag­lich ge­re­gel­te Be­en­di­gung ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses al­lein auf­grund ei­ner be­stimm­ten Al­ters­gren­ze ei­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des § 7 Abs. 1 AGG dar­stel­len. Ei­ne Schlech­ter­stel­lung we­gen des Al­ters liegt dar­in al­le­mal. Frag­lich und um­strit­ten ist al­lein, ob die­se ge­recht­fer­tigt und da­mit im Er­geb­nis recht­lich zulässig ist.
Ei­ne mögli­che Ge­set­zes­grund­la­ge für ei­ne Recht­fer­ti­gung der Zwangs­pen­sio­nie­run­gen ist § 8 Abs. 1 AGG. Dies setzt un­ter an­de­rem vor­aus, dass ein nicht ganz so ho­hes Al­ter „we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt“.
Das kann bei Be­ru­fen der Fall sein, bei de­nen mit Blick auf ex­tre­me Si­cher­heits­ri­si­ken höchs­te An­for­de­run­gen an körper­li­che und geis­ti­ge Leis­tungsfähig­keit der Be­rufs­träger ge­stellt wer­den, wie z.B. bei Pi­lo­ten. Da­her hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) die Kla­ge ei­ni­ger Luft­hans­a­pi­lo­ten ab­ge­wie­sen, die ge­gen die ta­rif­lich fest­ge­leg­te Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se mit 60. Jah­ren ge­klagt hat­ten (Ur­teil vom 15.10.2007, 17 Sa 809/07 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/79: Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren bei Luft­hans­a­pi­lo­ten ist rech­tens). Das Ver­fah­ren ist der­zeit beim Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) anhängig, das beim EuGH an­ge­fragt hat, ob Flug­si­cher­heits­gründe ta­rif­li­che Al­ters­gren­zen­re­ge­lung von 60 Jah­ren für Pi­lo­ten recht­fer­ti­gen können oder nicht (Be­schluss vom 17.06.2009, 7 AZR 112/08 (A) - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/118: Ist die Zwangs­ver­ren­tung von Pi­lo­ten mit 60 Jah­ren doch eu­ro­pa­rechts­wid­rig?).
Frag­lich ist dann im wei­te­ren, ob Zwangs­pen­sio­nie­run­gen gemäß § 10 Sätze 1 und 2 AGG ge­recht­fer­tigt wer­den können. Da­nach kann ei­ne Schlech­ter­stel­lung we­gen des Al­ters ge­recht­fer­tigt sein, wenn sie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen und durch ein le­gi­ti­mes Ziel ge­recht­fer­tigt ist“; zu die­sen Zie­len kann es auch gehören, für ei­ne ar­beits­markt­po­li­tisch sinn­vol­le (Um-)Ver­tei­lung vor­han­de­ner Ar­beitsmöglich­kei­ten zwi­schen jünge­ren und älte­ren Ar­beit­neh­mern zu sor­gen. Al­ler­dings genügt hier ei­ne sol­che Ziel­set­zung als sol­che noch nicht, son­dern die ein­ge­setz­ten Mit­tel - hier al­so die Zwangs­ver­ren­tung durch star­re Al­ters­gren­zen - müssen „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sein.
In der Recht­spre­chung der deut­schen Ar­beits­ge­richts­bar­keit wur­den ta­rif­li­che und be­am­ten­ge­setz­li­che Al­ters­gren­zen un­ter Ver­weis auf die­se Vor­schrift bzw. die ihr wört­lich ent­spre­chen­den Vor­ga­ben der Richt­li­nie 2000/78/EG ge­recht­fer­tigt. Ins­be­son­de­re das BAG hat dies in ei­ner zu ta­rif­li­chen Al­ters­gren­zen er­gan­ge­nen Ent­schei­dung aus dem Jah­re 2008 an­ge­nom­men (BAG, Ur­teil vom 18.06.2008, 7 AZR 116/07 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/077: Ta­rif­li­che Auflösung von Ar­beits­verhält­nis­sen mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters ist rech­tens).
Die­se Recht­spre­chung ist al­ler­dings fragwürdig, da sie an­ge­sichts der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des EuGH wahr­schein­lich eu­ro­pa­rechts­wid­rig ist. So be­tont der EuGH neu­er­dings, dass die so­zi­al- und ar­beits­markt­po­li­ti­schen Zweck­set­zun­gen, die hin­ter ge­setz­li­chen Zwangs­ver­ren­tungs­vor­schrif­ten ste­hen, von den Ge­rich­ten der Mit­glied­staa­ten ge­nau er­mit­teln und dar­auf­hin über­prüft wer­den müssen, ob Mit­tel und Zweck in ei­nem an­ge­mes­se­nen Verhält­nis ste­hen. Außer­dem darf das im Grund­satz be­ste­hen­de Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, so der EuGH, nicht aus­gehöhlt wer­den (Ur­teil vom 05.03.2009, C-388/07, Age Con­cern – wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 09/038: Ist die Ent­las­sung in die Ren­te dis­kri­mi­nie­rend?).
Das Ge­richt gab der Kla­ge statt und ver­ur­teil­te die Hoch­bahn AG da­zu, den Kläger vorläufig bis zur rechts­kräfti­gen Be­en­di­gung des Rechts­streits wei­ter zu beschäfti­gen. Aus­ge­hend von der un­strei­ti­gen An­nah­me, dass Zwangs­ver­ren­tun­gen ei­ne al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung des be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mers dar­stel­len, prüfte es ein­ge­hend die mögli­chen Recht­fer­ti­gungs­gründe des § 8 AGG und des § 10 AGG.
Ei­ne Recht­fer­ti­gung der strei­ti­gen Be­en­di­gungs­vor­schrift gemäß § 8 AGG schließt das Ge­richts zu­recht aus, da die da­zu von sei­ten des Ar­beit­ge­bers vor­ge­brach­ten Tat­sa­chen viel zu schwam­mig wa­ren. Al­lein die Be­haup­tung ei­ner „ver­ant­wor­tungs­vol­len Po­si­ti­on“ des Klägers reich­te dem Ge­richt nicht. Außer­dem bemängel­te das Ge­richt, dass der MTV Hoch­bahn un­ter­schieds­los al­le un­ter ihn fal­len­den Ar­beit­neh­mer „in die Ren­te“ schickt, d.h. kei­ne Un­ter­schei­dung nach der Art der Tätig­keit der be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer vor­sieht - und ge­fah­renträch­ti­ge Tätig­kei­ten üben si­cher­lich nicht al­le Beschäftig­ten in glei­cher Wei­se aus. Fer­ner wären re­gelmäßige Ge­sund­heits­un­ter­su­chun­gen denk­bar, um Ri­si­ken aus­zu­sch­ließen, so das Ge­richt. Im Er­geb­nis konn­te die Kam­mer nicht ver­ste­hen, war­um ein un­ter den MTV Hoch­bahn fal­len­der Ar­beit­neh­mer „ei­nen Tag vor Er­rei­chen der Re­gel­al­ters­gren­ze noch voll ein­setz­bar sein, ei­nen Tag später je­doch - al­lein auf­grund sei­nes Ge­burts­ta­ges - ei­ne Ge­fahr für die öffent­li­che Si­cher­heit und Ord­nung so­wie Drit­te dar­stel­len soll.“
Wei­ter­hin mein­te das Ge­richt, dass die ta­rif­li­che Zwangs­pen­sio­nie­rung auch nicht gemäß § 10 Sätze 1 und 2 AGG ge­recht­fer­tigt ist. Zur Recht­fer­ti­gung be­zog sich die Kam­mer ausführ­lich auf das ein­gangs erwähn­te Ur­teil des EuGH vom 05.03.2009, C-388/07 (Age Con­cern) und stell­te wei­ter­hin klar, dass es dem Ur­teil des BAG vom 18.06.2008 (7 AZR 116/07) nicht fol­gen wol­le.
Vor die­sem Hin­ter­grund prüfte das Ge­richt sehr ge­nau, ob die hier strei­ti­ge ta­rif­li­che Be­en­di­gungs­vor­schrift durch ein le­gi­ti­mes Ziel der Ar­beits­markt­po­li­tik ge­recht­fer­tigt ist und ob die zwangs­wei­se Be­en­di­gung von Ar­beits­verhält­nis­sen mit Er­rei­chen des Ren­ten­ein­tritts­al­ters als Mit­tel zur Ziel­er­rei­chung auch „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ ist.
Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 26.07.2010, 22 Ca 33/10