Source: https://www.rechtslupe.de/sozialrecht/das-erbe-fuer-die-bestattungskosten-316391
Timestamp: 2020-07-04 02:47:11
Document Index: 333099865

Matched Legal Cases: ['§ 74', '§ 631', '§ 1601', '§ 1615', '§ 74', '§ 74', '§ 74', '§ 74', '§ 2', '§ 1968', '§ 31', '§ 21', '§ 90', '§ 102', '§ 34', '§ 1968', '§ 1924', '§ 15', '§ 31', '§ 21', '§ 74', '§ 74', '§ 74', '§ 8']

Das Erbe für die Bestattungskosten | Rechtslupe
Zur Beglei­chung der anfal­len­den Bestat­tungs­kos­ten hat der Bestat­tungs­pflich­ti­ge vor­ran­gig den Nach­lass zu ver­wen­den. Zumut­bar ist dabei nach einem Urteil des Sozi­al­ge­richts Karls­ru­he der Ein­satz des gesam­ten vor­han­de­nen Nach­las­ses. Eine Auf­rech­nung gegen den Nach­lass­wert mit Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten ist nicht zuläs­sig.
Nach § 74 SGB XII wer­den die erfor­der­li­chen Kos­ten einer Bestat­tung über­nom­men, soweit den hier­zu Ver­pflich­te­ten nicht zuge­mu­tet wer­den kann, die Kos­ten zu tra­gen. Die Ver­pflich­tung, die Kos­ten einer Beer­di­gung zu tra­gen, kann sich aus Ver­trag, z.B. mit dem Bestat­tungs­un­ter­neh­men gemäß § 631 BGB, aus einer Unter­halts­pflicht, z.B. als Abkömm­ling gemäß § 1601 ff., § 1615 Abs. 2 BGB [1] oder nach lan­des­recht­li­chem öffent­lich-recht­li­chem Bestat­tungs­recht [2] erge­ben.
In dem vom Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Rechts­streit war zwi­schen den Betei­lig­ten nicht strei­tig und nicht zwei­fel­haft, dass der Klä­ger jeden­falls als Erbe ver­pflich­tet war, die Kos­ten der Beer­di­gung sei­nes Vaters zu tra­gen. Ihm ist, so das Sozi­al­ge­richt, auch zuzu­mu­ten, die erfor­der­li­chen Kos­ten der Bestat­tung aus dem Nach­lass zu tra­gen. Der Beur­tei­lungs­maß­stab dafür, was dem Ver­pflich­te­ten zuge­mu­tet wer­den kann, ergibt sich ins­be­son­de­re aus den all­ge­mei­nen Grund­sät­zen des Sozi­al­hil­fe­rechts [3]. Da § 74 SGB XII den Anspruch auf Kos­ten­über­nah­me nicht zwin­gend an die Bedürf­tig­keit des Anspruchs­in­ha­bers (des Ver­pflich­te­ten) knüpft, son­dern die eigen­stän­di­ge Leis­tungs­vor­aus­set­zung der Unzu­mut­bar­keit ver­wen­det [4], nimmt § 74 SGB XII im Recht der Sozi­al­hil­fe aber eine Son­der­stel­lung ein. Die Rege­lung unter­schei­det sich von ande­ren Leis­tun­gen des 5. bis 9. Kapi­tels u.a. dadurch, dass der Bedarf bereits vor­zei­tig (vor Antrag­stel­lung) gedeckt sein kann, eine Not­la­ge, die ande­re Sozi­al­hil­fe­an­sprü­che regel­mä­ßig vor­aus­set­zen, also nicht mehr gege­ben sein muss. Die Ver­pflich­tung des zustän­di­gen Trä­gers der Sozi­al­hil­fe setzt nach § 74 SGB XII nur vor­aus, dass die (ggf. bereits begli­che­nen) Kos­ten "erfor­der­lich" sind und es dem Ver­pflich­te­ten nicht "zuge­mu­tet" wer­den kann, die­se Kos­ten zu tra­gen, ohne aus­drück­lich und aus­schließ­lich auf die Bedürf­tig­keit abzu­stel­len [5]. Je enger das Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis oder die recht­li­che Bezie­hung war, des­to gerin­ger sind in der Regel die Anfor­de­run­gen an die Zumut­bar­keit des Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ein­sat­zes.
Der Anspruch auf Über­nah­me der erfor­der­li­chen Bestat­tungs­kos­ten aus § 74 SGB XII – wie sämt­li­che Leis­tun­gen im Rah­men der Sozi­al­hil­fe (vgl. § 2 Abs. 1 SGB XII) – steht unter dem Vor­be­halt der Nach­ran­gig­keit. Dies bedeu­tet, dass der zur Bestat­tung Ver­pflich­te­te – hier: der Klä­ger als Erbe auf Able­ben sei­nes Vaters (§ 1968 BGB) wie auch als Abkömm­ling (§ 31 Abs. 1 i.V.m. § 21 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 3 BestattG B‑W)) – vor­ran­gig zur Beglei­chung der ange­fal­le­nen Bestat­tungs­kos­ten den Nach­lass zu ver­wen­den hat. Zumut­bar ist dabei der Ein­satz des gesam­ten vor­han­de­nen Nach­las­ses [6]. Dem Bestat­tungs­pflich­ti­gen dabei die gesetz­li­chen Rege­lun­gen zur Ver­mö­gens­scho­nung (§ 90 Abs. 2 und § 102 Abs. 3 SGB XII) nicht zugu­te [7]. Der Klä­ger ist des­halb nicht berech­tigt, gegen das im Zeit­punkt des Todes sei­nes Vaters vor­han­den gewe­se­ne Nach­lass­ver­mö­gen aus Spar- und Wert­pa­pier­kon­ten mit Nach­lass­ver­bind­lich­kei­ten auf­zu­rech­nen. Denn dies wür­de im Ergeb­nis dazu füh­ren, dass der Sozi­al­hil­fe­trä­ger Schul­den des Hil­fe­su­chen­den – hier des Klä­gers als Erbe auf Able­ben sei­nes Vaters – über­neh­men müss­te. Die Über­nah­me von Schul­den ist jedoch – von hier nicht vor­lie­gen­den Aus­nah­me­fäl­len des § 34 Abs. 1 SGB XII abge­se­hen – nicht Auf­ga­be der Sozi­al­hil­fe [8].
Sozi­al­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 19. Janu­ar 2010 – S 1 SO 5729/​08
vgl. BSG vom 29.09.2009 – B 8 SO 23/​08 R), als Erbe (§ 1968 i.V.m. §§ 1924 ff. BGB) ((vgl. BVerw­GE 116, 287, 289[↩]
vgl. BVerw­GE 114, 57, 58f., BVerwG, Buch­holz 436.0 § 15 BSHG Nr. 5; z.B. § 31 Abs. 1 i.V.m. § 21 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 3 des BestattG B‑W[↩]
vgl. Got­zen, ZfF 2006, 1, 3; offen gelas­sen in BVerw­GE 114, 57, 60[↩]
vgl. BVerw­GE 105, 51 ff.[↩]
vgl. BSG vom 29.09.2009 – B 8 SO 23/​08 R[↩]
vgl. OVG NRW, FEVS 48, 446; Gru­be in Grube/​Wahrendorf, SGB XII, 2. Aufl. 2008, § 74, Rdnr. 29, Meu­sin­ger in Fichtner/​Wenzel, SGB XII – Sozi­al­hil­fe und Asyl­bLG, 4. Aufl. 2009, § 74, Rdnr. 5 und Ber­lit in LPK-SGB XII, 8. Aufl. 2008, § 74, Rdnr. 8[↩]
vgl. BVerwG, FEVS 51, 5 sowie Meu­sin­ger, a.a.O. und Ber­lit, a.a.O.[↩]
vgl. inso­weit BVerw­GE 40, 59 und 343; 66, 342, 346; 92, 152, 155 ff.; sowie LSG B‑W vom 14.06.2007 – L 7 SO 3186/​06[↩]
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