Source: https://www.versicherungspraxis24.de/aktuelles/interview-des-monats/interview-des-monats-november-2017/
Timestamp: 2017-12-17 17:22:08
Document Index: 341944468

Matched Legal Cases: ['BGH', 'EuG', 'EuG', 'BGH', 'EuG', 'BGH']

Gründer und Geschäftsführer von Helpcheck
Fehlerpotenzial bei Lebensversicherungen beflügelt digitale Rechtsdienstleister
Seit knapp zwei Jahren gibt es das Internetportal www.helpcheck.de. Versicherungsnehmer können dort kostenlos überprüfen lassen, ob es sich lohnt, eine Lebensversicherung zu widerrufen. Mit Peer Schulz, einem der beiden Gründer und Geschäftsführer, sprach VersicherungsPraxis24 darüber, wie sein Geschäftsmodell funktioniert.
Herr Schulz, was genau ist das Angebot von Helpcheck?
Schulz: Wir unterstützen Versicherungskunden dabei, aus einem laufenden Renten- oder Lebensversicherungsvertrag herauszukommen. Zudem helfen wir denen, die ihren Vertrag bereits vor Jahren gekündigt und Geld erhalten haben bzw. denen, deren Vertrag regulär ausgelaufen ist. Das gilt für alle Verträge, die zwischen dem 27. Juli 1994 und dem 31. Dezember 2007 abgeschlossen wurden.
Wieso gerade für diese Verträge?
Schulz: Es gibt mittlerweile über 300 BGH-Urteile und auch ein EuGH-Urteil, die zugunsten der Verbraucher festgestellt haben, dass etwa 80 % der Renten- und Lebensversicherungsverträge, die in diesem Zeitraum abgeschlossen wurden, unkorrekte Widerspruchsbelehrungen bzw. ganz konkret Fehler enthalten. Die Allianz sagte bei der Verhandlung vor dem EuGH aus, dass gut 100 Mio. Verträge betroffen seien, die eindeutige Fehler aufwiesen, wobei rund 5 % der Versicherer es lieber gar nicht auf einen Prozess ankommen lassen, sondern sich außergerichtlich mit den Kunden einigen.
Schulz: Es gab damals schon klare gesetzliche Vorgaben, welche Rechte die Verbraucher haben, aber die Versicherer haben sich nicht daran gehalten und sie für sich angepasst. So wurde in den Vertragsunterlagen beispielweise die vorgeschriebene gesetzliche Widerspruchsfrist von 14 Tagen auf zehn Tage verkürzt oder die Widerspruchsbelehrung wurde nicht extra hervorgehoben, beispielsweise durch Fettdruck oder einen Kasten. Andere Kunden haben die Bedingungen erst nach Vertragsschluss oder gar nicht erhalten. Insgesamt gibt es dabei über 30 Fehlermöglichkeiten. Wir konzentrieren uns dabei nur auf Fehler, die bereits durch ein BGH- oder EuGH-Urteil festgestellt wurden.
Das sind dann also Fehler vonseiten der Versicherer, keine Beratungsfehler der Vermittler?
Schulz: Richtig. Viele Makler unterstützen ihre Kunden darin, mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir haben noch eine zweite Website, www.hc-institutional.de, die sich vor allem an Finanzberater richtet. Darüber suchen wir auch die Zusammenarbeit mit Maklern, die ihren Kunden diese Dienstleistung anbieten wollen. Sie profitieren dann auch von unserer Provision.
Wann wurde Helpcheck gegründet und wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, sich in diesem Bereich zu engagieren?
Schulz: Ich hatte einen Fall in der Familie, wo ich sah, wie gering die Summe ausfallen kann, wenn man einen Lebensversicherungsvertrag kündigt. Zeitgleich waren mein Partner Phil Sokowicz und ich mit unserem betriebswirtschaftlichen Masterstudium fertig und es gab die ersten BGH-Urteile. Das war Mitte 2015. Wir haben dann zunächst ein Pilotprojekt gestartet und sind im Januar 2016 offiziell an den Start gegangen. Ein Vorbild war für uns ein Webportal, über das man Unterstützung bei Ansprüchen wegen Flugverspätungen bekommen kann. Im Versicherungsbereich gab es dagegen noch nichts.
Dann könnte man Ihr Unternehmen wohl am besten als Startup bezeichnen?
Schulz: Ja, unsere beiden Portale laufen als LegalTech und als eingetragener Rechtsdienstleister.
Und wie funktioniert Ihr Geschäftsmodell konkret?
Schulz: Der Versicherungsnehmer kann über unsere Website seine Versicherungsunterlagen und einige ergänzende Daten hochladen. Diese werden dann vom Computer über einen Algorithmus ausgewertet. Die Ergebnisse werden dann aus Haftungsgründen von einem darauf spezialisierten Anwalt überprüft, der ihm abschließend sagt, ob es sinnvoll und möglich ist, den Vertrag rückabzuwickeln.
Schaffen Sie mit der ersten Überprüfung durch den Computer nicht Arbeitsplätze für Anwälte ab?
Schulz: Im Gegenteil – wir bringen den beteiligten Kanzleien viele neue Mandanten. Wir hatten die Überprüfung zuerst händisch gemacht, das dauerte 40 Minuten. Der Computer macht das in fünf Minuten. Er ist in der Lage, hochkomplexe Berechnungen durchzuführen, die für jeden Vertrag nicht nur die gezahlten Beiträge und die Abschluss- und Verwaltungskosten berücksichtigen, sondern auch errechnet, welche Erträge das Versicherungsunternehmen während der Laufzeit mit dem Geld des Versicherten erwirtschaftet hat. Wenn dabei z.B. die Beiträge erst an die Hamburg-Mannheimer gingen, die dann später zur Ergo wurde, muss das natürlich auch einkalkuliert werden. Das könnte im Prinzip auch ein Versicherungsmathematiker berechnen, aber das würde den Kunden bestimmt 500 bis 1.000 EUR kosten. Bei uns ist die Überprüfung einschließlich der Empfehlung durch den Anwalt kostenlos, der Kunde zahlt erst im Erfolgsfall eine Provision von 25 % plus Mehrwertsteuer an uns auf den Betrag, den er durch unsere Unterstützung zusätzlich bekommt. Wenn also z.B. der Rückkaufswert 20.000 EUR beträgt und er 30.000 EUR bekommt, wird die Provision nur für die Differenz von 10.000 EUR berechnet. Das gleiche gilt für Verträge, die bereits gekündigt wurden oder ausgelaufen sind und für die der Kunde schon Geld erhalten hat. Wenn er über Helpcheck dann mehr Geld bekommt, muss er nur für diese Differenz eine Provision bezahlen.
Sie sprachen davon, dass rund 80 % aller Renten- und Lebensversicherungsverträge, die zwischen Juli 1994 und Dezember 2007 abgeschlossen wurden, fehlerhaft sind und deshalb rückabgewickelt werden können – gibt es auch Kunden, denen Sie davon abraten?
Schulz: Man muss sich natürlich immer den Einzelfall ansehen und überprüfen, was alles in die Versicherung eingeschlossen ist. Wenn die Lebensversicherung beispielsweise mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung verbunden und der Kunde schon älter ist, wird es schwer sein für ihn, noch einmal eine BU zu bekommen. Dann sollte er den Vertrag lieber nicht anrühren.
Wieviele Versicherungsnehmer haben bisher von Ihrem Angebot Gebrauch gemacht?
Schulz: Wir haben über 5.000 Fälle in Bearbeitung, seit wir gestartet sind.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie und was planen Sie für die Zukunft?
Schulz: Wir haben 13 Mitarbeiter und arbeiten mit einer Leadkanzlei zusammen, die ihrerseits bundesweit Partnerkanzleien hat. Angesichts des riesigen Potenzials werden wir den Fokus vorläufig auf dem Bereich Lebensversicherung lassen. Mitte nächsten Jahres werden wir die Leasingverträge bei Pkw dazunehmen und wir denken auch über die Mietnebenkosten nach. Aber der Lebensversicherungsmarkt ist so groß, dass wir keinen Druck haben, unser Angebot anzupassen.