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Timestamp: 2020-08-12 13:14:44
Document Index: 35031179

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', '§ 3', '§ 850', '§ 3', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 574', '§ 850', '§ 850', '§ 3', '§ 3', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 8', '§ 3', '§ 3', '§ 850', '§ 850', 'Art. 1', '§ 3', '§ 850', 'Art. 5', '§ 3', '§ 850', '§ 3', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 8', '§ 3', '§ 850', '§ 850', '§ 3', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 850', '§ 3', '§ 3']

BGH Beschluss vom 29.06.2016 - VII ZB 4/15 | Haufe Personal Office Platin | Personal | Haufe
BGH Beschluss vom 29.06.2016 - VII ZB 4/15
Nachtarbeitszuschläge sind, soweit sie dem Schuldner von seinem Arbeitgeber steuerfrei i.S.v. § 3b EStG gewährt werden, als Erschwerniszulagen i.S.v. § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbar.
LG Stendal (Beschluss vom 06.02.2015; Aktenzeichen 25 T 208/14)
AG Stendal (Beschluss vom 24.10.2014; Aktenzeichen 7 M 1296/14)
Auf die Beschwerden der Gläubigerin werden die Beschlüsse des AG - Vollstreckungsgericht - Stendal vom 24.10.2014 zu Ziff. 2. und der 5. Zivilkammer des LG Stendal vom 6.2.2015 teilweise aufgehoben. Ziff. 2. des Beschlusses des AG - Vollstreckungsgericht - Stendal vom 24.10.2014 wird wie folgt neu gefasst:
Es wird bestimmt, dass Nachtarbeitszuschläge, soweit sie dem Schuldner steuerfrei i.S.d. § 3b EStG gewährt werden, gem. § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbar sind.
Im Übrigen wird der Antrag des Schuldners vom 7.10.2014 zurückgewiesen.
Die Gläubigerin betreibt gegen den Schuldner die Zwangsvollstreckung aus einem Beschluss des AG S. vom 19.11.2012, mit dem Unterhaltsforderungen der Gläubigerin gegen den Schuldner tituliert wurden. Auf Antrag der Gläubigerin hat das AG - Vollstreckungsgericht - am 25.6.2014 einen Pfändungs- und Überweisungsbeschluss erlassen, mit dem Forderungen des Schuldners gegen seine Arbeitgeberin, die Drittschuldnerin, gepfändet und der Gläubigerin zur Einziehung überwiesen worden sind.
Am 7.10.2014 hat der Schuldner beantragt, die Pfändung von Nachtschichtzuschlägen gem. § 850a Nr. 3 ZPO aufzuheben. Der Schuldner hat hierzu Verdienstbescheinigungen vorgelegt, aus denen sich ergibt, dass er steuerfreie Nachtschichtzuschläge i.H.v. 25, 40 und 50 Prozent erhält. Nach Anhörung der Gläubigerin hat das AG - Vollstreckungsgericht - mit Beschluss vom 24.10.2014 unter Ziff. 2. die Nachtschichtzuschläge gem. § 850a Nr. 3 ZPO für unpfändbar erklärt und angeordnet, dass die Drittschuldnerin die einbehaltenen Beträge an den Schuldner auszuschütten habe. Die dagegen gerichtete sofortige Beschwerde der Gläubigerin hat das Beschwerdegericht zurückgewiesen und die Rechtsbeschwerde zugelassen.
Mit der Rechtsbeschwerde beantragt die Gläubigerin, die angefochtenen Beschlüsse aufzuheben und den Antrag des Schuldners vom 7.10.2014 zurückzuweisen.
Die gem. § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO statthafte Rechtsbeschwerde der Gläubigerin hat nur in geringfügigem Umfang Erfolg.
1. Das Beschwerdegericht hat die Auffassung vertreten, die vom Schuldner erzielten Nachtschichtzuschläge seien nach § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbar. Mit dem Wortlaut der Norm sei nicht vereinbar, dass gewährte Zulagen für ungünstige Arbeitszeit von der Anwendung des § 850a Nr. 3 ZPO ausgenommen würden. Die Zulage verfolge wie auch die Zulage nach § 3 der Verordnung über die Gewährung von Erschwerniszulagen (Erschwerniszulagenverordnung - EZulV, BGBl. I 1998, 3497) den Zweck, dem betroffenen Arbeitnehmer/Beamten einen Ausgleich für die mit der Arbeitszeit verbundenen Belastungen zu gewähren. Insofern sei eine identische Behandlung in verwaltungsgerichtlicher und zivilgerichtlicher Rechtsprechung angezeigt. Betrachte man den Zweck der Nachtarbeitszuschläge, sei eine gewisse Ähnlichkeit zu den Zuschlägen für gefährliche Arbeit festzustellen. Durch die Nachtarbeit werde der Lebensrhythmus des Arbeitnehmers gestört, was ebenso gesundheitliche Folgen haben könne wie bestimmte gefährliche Arbeiten, für die eine besondere Zulage gewährt werde. Es sei auch nicht festzustellen, dass sich die gewährten Zuschläge außerhalb des Üblichen bewegten.
2. Die Entscheidung des Beschwerdegerichts hält der rechtlichen Überprüfung mit der Maßgabe stand, dass in Abänderung des angefochtenen Beschlusses des AG - Vollstreckungsgericht - bestimmt wird, dass Nachtarbeitszuschläge, soweit sie dem Schuldner steuerfrei i.S.d. § 3b EStG gewährt werden, gem. § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbar sind.
In der vollstreckungsrechtlichen Literatur wird ganz überwiegend bejaht, dass vom Arbeitgeber gewährte Nachtarbeitszuschläge als Erschwerniszulagen anzusehen und damit gem. § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbar sind (vgl. Musielak/Voit/Becker, ZPO, 13. Aufl., § 850a Rz. 5a; BeckOK ZPO/Riedel, Stand: 1.3.2016, § 850a Rz. 14; Hk-ZV/Meller-Hannich, 3. Aufl., § 850a ZPO Rz. 21; Hk-ZPO/Kemper, 6. Aufl., § 850a Rz. 5), zum Teil mit der Einschränkung, dass Nachtarbeitszuschläge nach § 850a Nr. 3 ZPO der Pfändung nur insoweit nicht unterliegen, als sie steuerfrei gewährt werden (vgl. Zöller/Stöber, ZPO, 31. Aufl., § 850a Rz. 10; PG/Ahrens, ZPO, 8. Aufl., § 850a Rz. 12; Seiler in Thomas/Putzo, ZPO, 37. Aufl., § 850a Rz. 4). Vereinzelt wird die Auffassung vertreten, dass Zuschläge für Nachtarbeit § 850a Nr. 3 ZPO nicht unterfallen (vgl. Schuschke/Walker/Kessal-Wulf/Lorenz, ZPO, 6. Aufl., § 850a Rz. 9). Teilweise wird angenommen, dass Zuschläge für Nachtarbeit zwar grundsätzlich nicht gem. § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbar seien, hiervon jedoch eine Ausnahme zu machen sei, wenn der Zuschlag nicht nur einen Ausgleich für ungünstige Arbeitszeit darstelle, sondern eine mit der Nachtarbeit verbundene besondere Erschwernis der Arbeit ausgleichen solle (vgl. Brehm in Stein/Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 850a Rz. 24; Wieczorek/Schütze/Lüke, ZPO, 4. Aufl., § 850a Rz. 27; Smid in MünchKomm/ZPO, 4. Aufl., § 850a Rz. 15; LAG Frankfurt/M., DB 1989, 1732).
In der Rechtsprechung der Arbeits- und VG wird verbreitet angenommen, dass Nachtarbeitszuschläge als Erschwerniszulagen i.S.d. § 850a Nr. 3 ZPO zu qualifizieren und daher unpfändbar seien (vgl. LAG Berlin-Brandenburg, Urt. v. 9.1.2015 - 3 Sa 1335/14, juris Rz. 43 ff.: zu § 8 TVöD; OVG Lüneburg, Urt. v. 17.9.2009 - 5 M.E. 186/09, juris Rz. 3 ff.; VG Kassel, JurBüro 2013, 599, juris Rz. 17 ff.; VG Stuttgart, Urt. v. 11.6.2012 - 3 K 878/12, juris Rz. 18 ff.; VG Düsseldorf, Urt. v. 4.5.2012 - 13 K 5526/10, juris Rz. 22 ff.; jeweils zu § 3 EZulV; so auch LG Hannover, Beschl. v. 21.3.2012 - 11 T 6/12, juris Rz. 10 ff.).
b) Der Senat entscheidet die Frage dahin, dass Nachtarbeitszuschläge, soweit sie dem Schuldner von seinem Arbeitgeber steuerfrei i.S.v. § 3b EStG gewährt werden, als Erschwerniszulagen i.S.v. § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbar sind.
bb) Nach früherem Verständnis wurden Zuschläge für Nachtarbeit überwiegend als pfändbar angesehen. § 850a ZPO, der durch Art. 1 Nr. 12 des Gesetzes über Maßnahmen auf dem Gebiete der Zwangsvollstreckung vom 20.8.1953 (BGBl. I, 952) eingeführt worden ist, ersetzte § 3 Nr. 3 der Verordnung zur einheitlichen Regelung des Pfändungsschutzes für Arbeitseinkommen vom 30.10.1940 (Lohnpfändungsverordnung) in der Fassung des Gesetzes zur Änderung von Vorschriften über den Pfändungsschutz für Arbeitseinkommen vom 22.4.1952 (BGBl. I, 247), die mit Einführung des insoweit wortgleichen § 850a Nr. 3 ZPO aufgehoben wurde (vgl. Art. 5 Nr. 18 des Gesetzes über Maßnahmen auf dem Gebiete der Zwangsvollstreckung vom 20.8.1953). In einem Bescheid vom 13.8.1952 hat der Bundesminister der Justiz den Begriff der Schmutz- und Erschwerniszulagen i.S.d. § 3 Nr. 3 Lohnpfändungsverordnung im Einvernehmen mit dem Bundesminister für Arbeit dahin erläutert, dass darunter nur solche Lohnzuschläge zu verstehen seien, die zur Abgeltung einer durch die Eigentümlichkeit der Arbeit verursachten Erschwernis gewährt würden. Dazu gehörten Zuschläge für Hitze-, Wasser-, Säure-, Staub-, Schacht- und Tunnel-, Druckluft- und Taucher- sowie Stacheldrahtarbeiten. Zuschläge für Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit hingegen könnten nicht als Erschwerniszulagen angesehen werden (vgl. BB 1952, 859). Danach wären Zuschläge für Nachtarbeit nur dann gem. § 850a Nr. 3 ZPO als Nachfolgeregelung zu § 3 Nr. 3 Lohnpfändungsverordnung unpfändbar, wenn mit ihnen besondere Erschwernisse der Nachtarbeit ausgeglichen würden (vgl. in diesem Sinne Brehm in Stein/Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 850a Rz. 24; Wieczorek/Schütze/Lüke, ZPO, 4. Aufl., § 850a Rz. 27; Smid in MünchKomm/ZPO, 4. Aufl., § 850a Rz. 15; LAG Frankfurt/M., DB 1989, 1732).
cc) In Anbetracht des Umstands, dass sich aufgrund neuerer Erkenntnisse, die sich auch in der Rechtsetzung der Europäischen Union niedergeschlagen haben, die Auffassung durchgesetzt hat, dass lange Nachtarbeitszeiten für die Gesundheit der Arbeitnehmer generell nachteilig sind und Maßnahmen zum Schutz und zur Sicherheit der Arbeitnehmer erfordern (vgl. Richtlinie 2003/88/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 4.11.2003 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung, ABl. Nr. L 299 vom 18.11.2003, S. 9 ff., Erwägungsgrund 7; Richtlinie 93/104/EG des Rates vom 23.11.1993 über bestimmte Aspekte der Arbeitszeitgestaltung, ABl. Nr. L 307 vom 13.12.1993, S. 18 ff., Erwägungsgründe), hält es der Senat in Übereinstimmung mit der arbeits- und verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung (vgl. LAG Berlin-Brandenburg, Urt. v. 9.1.2015 - 3 Sa 1335/14, juris: zu § 8 TVöD; OVG Lüneburg, Urt. v. 17.9.2009 - 5 M.E. 186/09, juris; VG Kassel, JurBüro 2013, 599; VG Stuttgart, Urt. v. 11.6.2012 - 3 K 878/12, juris; VG Düsseldorf, Urt. v. 4.5.2012 - 13 K 5526/10, juris: zu § 3 EZulV) nicht für gerechtfertigt, für Nachtarbeit gewährte Zuschläge zum Grundgehalt nur dann nach § 850a Nr. 3 ZPO als Erschwerniszulagen von der Pfändbarkeit auszunehmen, wenn mit der Leistung der Nachtarbeit besondere, über die Lage der Arbeitszeit zur Nachtzeit hinausgehende Erschwernisse verbunden sind. Vielmehr stellt die Leistung von Arbeit zur Nachtzeit eine generell mit gesundheitlichen Risiken für den Schuldner verbundene Erschwernis seiner Arbeit dar, die es rechtfertigt, zur Abgeltung dieser Erschwernis gezahlte Nachtarbeitszuschläge als nach § 850a Nr. 3 ZPO unpfändbare Erschwerniszulagen zu qualifizieren, soweit diese den Rahmen des Üblichen nicht übersteigen.
Als Anhaltspunkt für den üblichen Rahmen gewährter Nachtarbeitszuschläge kann dabei § 3b EStG herangezogen werden, wonach Zuschläge, die für tatsächlich geleistete Nachtarbeit neben dem Grundlohn gezahlt werden, in bestimmtem Umfang steuerfrei sind (vgl. Zöller/Stöber, ZPO, 31. Aufl., § 850a Rz. 10; PG/Ahrens, ZPO, 8. Aufl., § 850a Rz. 12; Seiler in Thomas/Putzo, ZPO, 37. Aufl., § 850a Rz. 4). Entgegen der Ansicht der Rechtsbeschwerde kommt es nach dem Wortlaut des § 850a Nr. 3 ZPO dagegen nicht darauf an, ob die Zahlung von Nachtarbeitszuschlägen für die vom Schuldner ausgeübte Tätigkeit üblich ist.
c) Nach den vorstehenden Grundsätzen sind die dem Schuldner von der Drittschuldnerin gezahlten Nachtarbeitszuschläge gem. § 850a Nr. 3 ZPO insoweit unpfändbar, als sie ihm von der Drittschuldnerin steuerfrei i.S.v. § 3b EStG gezahlt werden. Nach den vom Beschwerdegericht getroffenen Feststellungen handelt es sich bei den dem Schuldner ausweislich der vorgelegten Gehaltsabrechnungen gewährten Nachtarbeitszuschlägen um steuerfrei gewährte Zuschläge i.S.d. § 3b EStG i.H.v. 25, 40 und 50 Prozent. Der Schuldner kann den Nachweis, dass ihm von der Drittschuldnerin steuerfreie Nachtarbeitszuschläge gewährt werden, im Rahmen des Zwangsvollstreckungsverfahrens grundsätzlich durch Vorlage seiner Gehaltsabrechnungen führen. Die Gläubigerin hat demgegenüber keine konkreten Umstände vorgetragen, aus denen sich Zweifel an der Echtheit der vorgelegten Urkunden oder an ihrem Inhalt ergeben.
Haufe-Index 9560788
FA 2016, 271
JurBüro 2016, 601
WuB 2016, 649
ZTR 2016, 650
DGVZ 2016, 252
JZ 2016, 614
KKZ 2017, 22
ZInsO 2016, 1574
GK/BW 2018, 12
InsbürO 2016, 378
InsbürO 2017, 20
ZVI 2016, 494
GK/Bay 2017, 145
LGP 2016, 146
RENO 2016, 11