Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-eugh-c-518-15-21.02.2018-rufbereitschaft-arbeitszeit-u.html
Timestamp: 2018-10-21 02:01:39
Document Index: 287880138

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 17', 'Art. 267', 'Art. 2', 'Art. 17', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 15', 'Art. 17', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 186', 'Art. 11', 'Art. 39', 'Art. 40', 'Art. 17', 'Art. 2', 'Art. 153', 'Art. 153', 'Art. 7', 'Art. 2', 'Art. 17', 'Art. 1', 'Art. 1', 'Art. 17', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 17', 'Art. 3', 'Art. 17', 'Art. 3', 'Art. 17', 'Art. 2', 'Art. 17', 'Art. 17', 'Art. 17', 'Art. 2', 'Art. 15', 'Art. 2', 'Art. 15', 'Art. 15', 'Art. 1', 'Art. 15', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 15', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 153', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 17', 'Art. 2', 'Art. 15', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2']

21. Fe­bru­ar 2018(*)
„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - Richt­li­nie 2003/88/EG - Schutz der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit der Ar­beit­neh­mer - Ar­beits­zeit­ge­stal­tung - Art. 2 - Be­grif­fe ‚Ar­beits­zeit‘ und ‚Ru­he­zeit‘ - Art. 17 - Ab­wei­chun­gen - Feu­er­wehr­leu­te - Be­reit­schafts­zeit - Be­reit­schafts­dienst zu Hau­se“
In der Rechts­sa­che C-518/15
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht von der Cour du tra­vail de Bru­xel­les (Ar­beits­ge­richts­hof Brüssel, Bel­gi­en) mit Ent­schei­dung vom 14. Sep­tem­ber 2015, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 28. Sep­tem­ber 2015, in dem Ver­fah­ren
Vil­le de Ni­vel­les
Ru­dy Matz­ak
un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten J. L. da Cruz Vi­laça, der Rich­ter E. Le­vits (Be­richt­er­stat­ter) und A. Borg Bart­het, der Rich­te­rin M. Ber­ger so­wie des Rich­ters F. Bilt­gen,
Kanz­ler: V. Gi­a­cob­bo-Pey­ron­nel, Ver­wal­tungsrätin,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 15. De­zem­ber 2016,
- der Stadt Ni­vel­les, ver­tre­ten durch L. Mar­key, avo­ca­te,
- von Herrn Matz­ak, ver­tre­ten durch P. Jo­as­sart, A. Per­cy und P. Kna­epen, avo­cats,
- der bel­gi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Ja­cobs und L. Van den Bro­eck als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von F. Ba­ert und J. Cles­se, avo­cats,
- der nie­derländi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. K. Bul­ter­man, M. No­ort und J. Lan­ger als Be­vollmäch­tig­te,
- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch G. Brown, S. Sim­mons und D. Ro­bert­son als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von R. Hill und B. Lask, Bar­rist­ers,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch D. Mar­tin und J. Tom­kin als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin in der Sit­zung vom 26. Ju­li 2017
1 Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 2 und Art. 17 Abs. 3 Buchst. c Ziff. iii der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 2003, L 299, S. 9).
2 Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Stadt Ni­vel­les und Herrn Ru­dy Matz­ak über das Ar­beits­ent­gelt für Leis­tun­gen, die im Feu­er­wehr­dienst der Stadt er­bracht wur­den.
3 In Art. 1 der Richt­li­nie 2003/88 heißt es:
(3) Die­se Richt­li­nie gilt un­be­scha­det ih­rer Ar­ti­kel 14, 17, 18 und 19 für al­le pri­va­ten oder öffent­li­chen Tätig­keits­be­rei­che im Sin­ne des Ar­ti­kels 2 der Richt­li­nie 89/391/EWG [des Ra­tes vom 12. Ju­ni 1989 über die Durchführung von Maßnah­men zur Ver­bes­se­rung der Si­cher­heit und des Ge­sund­heits­schut­zes der Ar­beit­neh­mer bei der Ar­beit (ABl. 1989, L 183, S. 1)].
(4) Die Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 89/391 … fin­den un­be­scha­det stren­ge­rer und/oder spe­zi­fi­scher Vor­schrif­ten in der vor­lie­gen­den Richt­li­nie auf die in Ab­satz 2 ge­nann­ten Be­rei­che voll An­wen­dung.“
4 Art. 2 („Be­griffs­be­stim­mun­gen“) der Richt­li­nie 2003/88 sieht in den Nrn. 1 und 2 vor:
2. Ru­he­zeit: je­de Zeit­span­ne außer­halb der Ar­beits­zeit“.
5 Art. 15 („Güns­ti­ge­re Vor­schrif­ten“) die­ser Richt­li­nie lau­tet:
6 In Art. 17 („Ab­wei­chun­gen“) der Richt­li­nie 2003/88 heißt es:
„(1) Un­ter Be­ach­tung der all­ge­mei­nen Grundsätze des Schut­zes der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit der Ar­beit­neh­mer können die Mit­glied­staa­ten von den Ar­ti­keln 3 bis 6, 8 und 16 ab­wei­chen …
(3) Gemäß Ab­satz 2 die­ses Ar­ti­kels sind Ab­wei­chun­gen von den Ar­ti­keln 3, 4, 5, 8 und 16 zulässig:
iii) Pres­se-, Rund­funk-, Fern­seh­diens­ten oder ki­ne­ma­to­gra­fi­scher Pro­duk­ti­on, Post oder Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on, Am­bu­lanz-, Feu­er­wehr- oder Ka­ta­stro­phen­schutz­diens­ten,
7 Die Loi du 14 décem­bre 2000 fixant cer­ta­ins as­pects de l’aménage­ment du temps de tra­vail dans le sec­teur pu­blic (Ge­setz vom 14. De­zem­ber 2000 zur Fest­le­gung be­stimm­ter As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung im öffent­li­chen Sek­tor, Bel­gi­sches Staats­blatt vom 5. Ja­nu­ar 2001, S. 212) setzt die Richt­li­nie 2003/88 im öffent­li­chen Dienst um.
8 Art. 3 des Ge­set­zes be­stimmt:
„Für die An­wen­dung des vor­lie­gen­den Ge­set­zes ver­steht man un­ter:
1. Ar­beit­neh­mern: Per­so­nen, die im Rah­men ei­nes sta­tu­ta­ri­schen oder ver­trag­li­chen Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter der Au­to­rität ei­ner an­de­ren Per­son Ar­beits­leis­tun­gen er­brin­gen, ein­sch­ließlich der Per­so­nal­mit­glie­der auf Pro­be und der zeit­wei­li­gen Per­so­nal­mit­glie­der,
2. Ar­beit­ge­bern: Per­so­nen, die die in Nr. 1 erwähn­ten Per­so­nen beschäfti­gen.“
9 Nach Art. 8 des Ge­set­zes ist un­ter „Ar­beits­zeit“ „die Zeit zu ver­ste­hen, während de­ren der Ar­beit­neh­mer dem Ar­beit­ge­ber zur Verfügung steht“.
10 Art. 186 der Loi du 30 décem­bre 2009 portant des dis­po­si­ti­ons di­ver­ses (Ge­setz vom 30. De­zem­ber 2009 über ver­schie­de­ne Be­stim­mun­gen, Bel­gi­sches Staats­blatt vom 31. De­zem­ber 2009, S. 82925) be­stimmt:
„Ar­ti­kel 3 des Ge­set­zes vom 14. De­zem­ber 2000 zur Fest­le­gung be­stimm­ter As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung im öffent­li­chen Sek­tor ist da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass die Frei­wil­li­gen der öffent­li­chen Feu­er­wehr­diens­te und der im Ge­setz vom 15. Mai 2007 über die zi­vi­le Si­cher­heit vor­ge­se­he­nen Hil­fe­leis­tungs­zo­nen und die Frei­wil­li­gen der Ein­satz­ein­hei­ten des Zi­vil­schut­zes nicht un­ter die De­fi­ni­ti­on der Ar­beit­neh­mer fal­len.“
11 Das Règle­ment or­ga­ni­que du ser­vice d’in­cen­die de la vil­le de Ni­vel­les (Ver­ord­nung über die Or­ga­ni­sa­ti­on des Feu­er­wehr­diens­tes von Ni­vel­les), das zur Durchführung des Arrêté roy­al du 6 mai 1971 fixant les ty­pes de règle­ments com­mu­naux re­la­tifs à l’or­ga­ni­sa­ti­on des ser­vices com­mu­naux d’in­cen­die (König­li­cher Er­lass vom 6. Mai 1971 zur Be­stim­mung der Mus­ter von Ge­mein­de­ver­ord­nun­gen über die Or­ga­ni­sa­ti­on der kom­mu­na­len Feu­er­wehr­diens­te, Bel­gi­sches Staats­blatt vom 19. Ju­ni 1971, S. 7891) er­las­sen wur­de, enthält Re­ge­lun­gen be­tref­fend die Mit­glie­der der Feu­er­wehr­diens­te.
12 Die­se Ver­ord­nung enthält ei­ge­ne Be­stim­mun­gen für Be­rufs­mit­glie­der und für frei­wil­li­ge Mit­glie­der. Hin­sicht­lich der An­wer­bung, de­ren Vor­aus­set­zun­gen für bei­de Ka­te­go­ri­en gleich sind, be­stimmt ihr Art. 11a Nr. 1:
„Nach Ab­lauf des ers­ten Jahrs der Pro­be­zeit muss das frei­wil­li­ge Mit­glied auf Pro­be … hin­sicht­lich sei­nes Wohn­sit­zes fol­gen­des Er­for­der­nis erfüllen:
1. Das Per­so­nal, das zur Ka­ser­ne von Ni­vel­les gehört
Muss sei­nen Wohn­sitz oder sei­nen Auf­ent­halt an ei­nem Ort ha­ben, von dem aus die Ka­ser­ne von Ni­vel­les bei nor­ma­lem Ver­kehrs­fluss und un­ter Ein­hal­tung der Straßen­ver­kehrs­ord­nung in höchs­tens acht Mi­nu­ten er­reicht wer­den kann.
Während der Zei­ten der Ruf­be­reit­schaft muss je­des für die Feu­er­wehr­ka­ser­ne von Ni­vel­les täti­ge frei­wil­li­ge Mit­glied:
sich je­der­zeit in ei­ner Ent­fer­nung von der Feu­er­wehr­ka­ser­ne auf­hal­ten, die es ihm er­laubt, sie bei nor­ma­lem Ver­kehrs­fluss in höchs­tens acht Mi­nu­ten zu er­rei­chen;
be­son­ders dar­auf ach­ten, für die ver­schie­de­nen tech­ni­schen Mit­tel emp­fangs­be­reit zu sein, die für die Ein­be­ru­fung des Per­so­nals ver­wen­det wer­den, und bei der Ein­be­ru­fung des Per­so­nals im Ruf­be­reit­schafts­dienst so­fort mit dem ge­eig­nets­ten Mit­tel auf­zu­bre­chen“.
13 In Be­zug auf das Ar­beits­ent­gelt und die Entschädi­gung des Per­so­nals be­stimmt Art. 39 der Ver­ord­nung über die Or­ga­ni­sa­ti­on des Feu­er­wehr­diens­tes von Ni­vel­les, dass die Be­rufs­mit­glie­der des Feu­er­wehr­diens­tes nach den Be­din­gun­gen be­zahlt wer­den, die im Fi­nanz­sta­tut für das Per­so­nal der Stadt Ni­vel­les fest­ge­legt sind.
14 Die frei­wil­li­gen Mit­glie­der des Feu­er­wehr­diens­tes er­hal­ten die in Art. 40 der Ver­ord­nung näher be­stimm­ten Bezüge. Die­se wer­den an­tei­lig zu den ge­leis­te­ten St­un­den be­rech­net. Für ih­ren „Be­reit­schafts­dienst zu Hau­se“ wird ei­ne jähr­li­che Entschädi­gung fest­ge­setzt. Sie ent­spricht der der Be­rufs­mit­glie­der.
15 Der Feu­er­wehr­dienst von Ni­vel­les um­fasst Be­rufs­feu­er­wehr­leu­te und frei­wil­li­ge Feu­er­wehr­leu­te.
16 Die frei­wil­li­gen Feu­er­wehr­leu­te neh­men an den Einsätzen teil. Zu den wei­te­ren ih­nen über­tra­ge­nen Auf­ga­ben gehören u. a. die Wahr­neh­mung der Wach- und Be­reit­schafts­diens­te in der Ka­ser­ne, de­ren Zeit­plan zu Jah­res­be­ginn fest­ge­legt wird.
17 Herr Matz­ak trat am 1. Au­gust 1980 in den Dienst der Stadt Ni­vel­les ein und wur­de ein Jahr später frei­wil­li­ger Feu­er­wehr­mann. Außer­dem ist er An­ge­stell­ter ei­nes Pri­vat­un­ter­neh­mens.
18 Am 16. De­zem­ber 2009 streng­te Herr Matz­ak ein Ge­richts­ver­fah­ren mit dem Ziel an, die Ver­ur­tei­lung der Stadt Ni­vel­les zu er­rei­chen, ihm ei­nen vorläufi­gen Be­trag von ei­nem Eu­ro als Scha­dens­er­satz dafür zu zah­len, dass ihm in sei­nen Dienst­jah­ren kein Ar­beits­ent­gelt für sei­ne Leis­tun­gen als frei­wil­li­ger Feu­er­wehr­mann, ins­be­son­de­re sei­nen Be­reit­schafts­dienst zu Hau­se, ge­zahlt wor­den sei.
19 Mit Ur­teil vom 22. März 2012 gab das Tri­bu­nal du tra­vail de Ni­vel­les (Ar­beits­ge­richt Ni­vel­les, Bel­gi­en) der Kla­ge von Herrn Matz­ak weit­ge­hend statt.
20 Die Stadt Ni­vel­les leg­te ge­gen die­ses Ur­teil Rechts­mit­tel bei der Cour du tra­vail de Bru­xel­les (Ar­beits­ge­richts­hof Brüssel, Bel­gi­en) ein.
21 Das vor­le­gen­de Ge­richt gab dem Rechts­mit­tel mit Ur­teil vom 14. Sep­tem­ber 2015 teil­wei­se statt. Es fragt sich im Hin­blick auf das Ar­beits­ent­gelt, das für die Be­reit­schafts­diens­te zu Hau­se ge­for­dert wird, die Herrn Matz­ak zu­fol­ge als Ar­beits­zeit ein­zu­ord­nen sind, ob sol­che Be­reit­schafts­diens­te un­ter die De­fi­ni­ti­on der Ar­beits­zeit im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88 fal­len.
22 Un­ter die­sen Umständen hat die Cour du tra­vail de Bru­xel­les (Ar­beits­ge­richts­hof Brüssel) das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof die fol­gen­den Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
1. Ist Art. 17 Abs. 3 Buchst. c Ziff. iii der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass die Mit­glied­staa­ten be­stimm­te Ka­te­go­ri­en von Feu­er­wehr­leu­ten, die bei öffent­li­chen Feu­er­wehr­diens­ten beschäftigt sind, vollständig von den Vor­schrif­ten zur Um­set­zung die­ser Richt­li­nie, ein­sch­ließlich der Vor­schrift, in der die Ar­beits­zeit und die Ru­he­zeit de­fi­niert wer­den, aus­neh­men dürfen?
2. Ist die Richt­li­nie 2003/88, da sie nur Min­dest­stan­dards re­gelt, da­hin aus­zu­le­gen, dass sie den na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber nicht dar­an hin­dert, ei­ne we­ni­ger re­strik­ti­ve De­fi­ni­ti­on der Ar­beits­zeit bei­zu­be­hal­ten oder ein­zuführen?
3. Ist Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 un­ter Berück­sich­ti­gung des Art. 153 Abs. 5 AEUV und der Ziel­set­zun­gen die­ser Richt­li­nie, so­weit er die Grund­be­grif­fe der Richt­li­nie, ins­be­son­de­re die Be­grif­fe „Ar­beits­zeit“ und „Ru­he­zeit“ de­fi­niert, da­hin aus­zu­le­gen, dass er nicht für den Ar­beits­zeit­be­griff gilt, der für die Be­stim­mung des für den Be­reit­schafts­dienst zu Hau­se ge­schul­de­ten Ar­beits­ent­gelts maßgeb­lich ist?
4. Ver­bie­tet es die Richt­li­nie 2003/88, die Be­reit­schafts­zeit zu Hau­se als Ar­beits­zeit zu wer­ten, wenn die Be­schränkun­gen, de­nen der Ar­beit­neh­mer, ob­wohl der Be­reit­schafts­dienst bei ihm zu Hau­se statt­fin­det, während die­ser Zeit un­ter­liegt (wie et­wa die Ver­pflich­tung, ei­nem Ruf des Ar­beit­ge­bers zum Ein­satz in­ner­halb ei­ner Frist von acht Mi­nu­ten Fol­ge zu leis­ten), die Möglich­keit, an­de­ren Tätig­kei­ten nach­zu­ge­hen, er­heb­lich ein­schränken?
23 Ein­lei­tend ist ers­tens dar­auf hin­zu­wei­sen, dass so­wohl die Stadt Ni­vel­les als auch die Eu­ropäische Kom­mis­si­on gel­tend ma­chen, dass die Vor­la­ge­fra­gen, so­weit sie sich auf den Be­griff des Ar­beits­ent­gelts be­zie­hen, un­zulässig sei­en. Die auf Art. 153 Abs. 2 AEUV be­ru­hen­de Richt­li­nie 2003/88 sei nämlich nach Abs. 5 die­ses Ar­ti­kels nicht auf das Ar­beits­ent­gelt der von ih­rem Gel­tungs­be­reich er­fass­ten Ar­beit­neh­mer an­wend­bar. Ge­gen­stand des Rechts­streits im Aus­gangs­ver­fah­ren sei je­doch die Ent­schei­dung über die Fra­ge des Ar­beits­ent­gelts von Herrn Matz­ak für die als frei­wil­li­ger Feu­er­wehr­mann der Stadt Ni­vel­les er­brach­ten Be­reit­schafts­diens­te zu Hau­se.
24 In­so­weit ist fest­zu­stel­len, dass sich die Richt­li­nie 2003/88 mit Aus­nah­me des in ih­rem Art. 7 Abs. 1 ge­re­gel­ten be­son­de­ren Fal­les des be­zahl­ten Jah­res­ur­laubs dar­auf be­schränkt, be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung zu re­geln, um den Schutz der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit der Ar­beit­neh­mer zu gewähr­leis­ten, so dass sie grundsätz­lich kei­ne An­wen­dung auf die Vergütung der Ar­beit­neh­mer fin­det (Ur­teil vom 26. Ju­li 2017, Hälvä u. a., C-175/16, EU:C:2017:617, Rn. 25 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
25 Die­se Fest­stel­lung be­deu­tet je­doch nicht, dass die Fra­gen, die dem Ge­richts­hof hier zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­lie­gen, nicht zu be­ant­wor­ten wären.
26 Wie die Ge­ne­ral­anwältin in Nr. 20 ih­rer Schluss­anträge aus­geführt hat, geht aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung nämlich her­vor, dass das na­tio­na­le Ge­richt wis­sen möch­te, wie Art. 2 und Art. 17 Abs. 3 Buchst. c Ziff. iii der Richt­li­nie 2003/88 aus­zu­le­gen sind, was sei­ner Auf­fas­sung nach er­for­der­lich ist, um den bei ihm anhängi­gen Rechts­streit zu ent­schei­den. Dar­auf, dass es in die­sem Rechts­streit letzt­lich um ei­ne Fra­ge des Ar­beits­ent­gelts geht, kommt es in die­sem Zu­sam­men­hang nicht an, da es Sa­che des na­tio­na­len Ge­richts und nicht des Ge­richts­hofs ist, die­se Fra­ge im Rah­men des Aus­gangs­rechts­streits zu ent­schei­den.
27 Zwei­tens hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass die Richt­li­nie 2003/88 auf die Tätig­kei­ten der Feu­er­wehr auch dann an­wend­bar ist, wenn die­se Tätig­kei­ten – un­abhängig da­von, ob sie der Brand­bekämp­fung oder ei­ner an­de­ren Hil­fe­leis­tung die­nen – von Kräften im Ein­satz­dienst aus­geübt wer­den, so­fern sie nur un­ter gewöhn­li­chen Umständen gemäß der dem be­tref­fen­den Dienst über­tra­ge­nen Auf­ga­be aus­geübt wer­den, und zwar selbst dann, wenn die Einsätze, die mit die­sen Tätig­kei­ten ver­bun­den sein können, ih­rer Na­tur nach nicht vor­her­seh­bar sind und die ein­ge­setz­ten Ar­beit­neh­mer hier­bei be­stimm­ten Ge­fah­ren für ih­re Si­cher­heit und/oder Ge­sund­heit aus­ge­setzt sein können (Be­schluss vom 14. Ju­li 2005, Per­so­nal­rat der Feu­er­wehr Ham­burg, C-52/04, EU:C:2005:467, Rn. 52).
28 Drit­tens ist im Hin­blick auf die Ein­ord­nung von Herrn Matz­ak als „Ar­beit­neh­mer“ dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ar­beit­neh­mer­be­griff für die Zwe­cke der An­wen­dung der Richt­li­nie 2003/88 nicht nach Maßga­be der na­tio­na­len Rechts­ord­nun­gen un­ter­schied­lich aus­ge­legt wer­den kann, son­dern ei­ne ei­genständi­ge uni­ons­recht­li­che Be­deu­tung hat (Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 2010, Uni­on syn­di­ca­le So­li­dai­res Isère, C-428/09, EU:C:2010:612, Rn. 28). Nach ein­schlägi­ger ständi­ger Recht­spre­chung ist als „Ar­beit­neh­mer“ je­der an­zu­se­hen, der ei­ne tatsächli­che und ech­te Tätig­keit ausübt, wo­bei Tätig­kei­ten außer Be­tracht blei­ben, die ei­nen so ge­rin­gen Um­fang ha­ben, dass sie sich als völlig un­ter­ge­ord­net und un­we­sent­lich dar­stel­len. Das we­sent­li­che Merk­mal, das ein Ar­beits­verhält­nis de­fi­niert, bleibt, dass je­mand während ei­ner be­stimm­ten Zeit für ei­nen an­de­ren nach des­sen Wei­sung Leis­tun­gen er­bringt, für die er als Ge­gen­leis­tung ei­ne Vergütung erhält (Ur­teil vom 26. März 2015, Fe­noll, C-316/13, EU:C:2015:200, Rn. 27 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
29 Fer­ner hat der Ge­richts­hof fest­ge­stellt, dass die Rechts­na­tur ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses nach na­tio­na­lem Recht kei­ne Be­deu­tung für die Ar­beit­neh­mer­ei­gen­schaft im Sin­ne des Uni­ons­rechts ha­ben kann (Ur­teil vom 20. Sep­tem­ber 2007, Ki­iski, C-116/06, EU:C:2007:536, Rn. 26 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
30 So­mit ist es in Be­zug auf das Aus­gangs­ver­fah­ren für die Ein­ord­nung von Herrn Matz­ak als „Ar­beit­neh­mer“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88 oh­ne Be­deu­tung, dass er nach na­tio­na­lem Recht nicht den Sta­tus ei­nes Be­rufs­feu­er­wehr­manns, son­dern ei­nes frei­wil­li­gen Feu­er­wehr­manns hat.
31 Vor die­sem Hin­ter­grund ist ei­ne Per­son, die sich in der La­ge von Herrn Matz­ak be­fin­det, als „Ar­beit­neh­mer“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88 ein­zu­ord­nen, da aus den dem Ge­richts­hof zur Verfügung ste­hen­den In­for­ma­tio­nen her­vor­geht, dass Herr Matz­ak in den Feu­er­wehr­dienst der Stadt Ni­vel­les auf­ge­nom­men wur­de und für die­sen be­stimm­te tatsächli­che und ech­te Tätig­kei­ten, die vergütet wur­den, auf Wei­sung ei­ner an­de­ren Per­son aus­geübt hat. Ob dies zu­trifft, hat das vor­le­gen­de Ge­richt zu prüfen.
32 Vier­tens ist die vom Ge­richts­hof vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung der Art. 1 bis 8 der Richt­li­nie 93/104/EG des Ra­tes vom 23. No­vem­ber 1993 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung (ABl. 1993, L 307, S. 18) in der Fas­sung der Richt­li­nie 2000/34/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 22. Ju­ni (ABl. 2000, L 195, S. 41) auf die Art. 1 bis 8 der Richt­li­nie 2003/88 über­trag­bar, da de­ren Wort­laut im We­sent­li­chen iden­tisch ist (Be­schluss vom 4. März 2011, Gri­go­re, C-258/10, nicht veröffent­licht, EU:C:2011:122, Rn. 39 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 17 Abs. 3 Buchst. c Ziff. iii der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Mit­glied­staa­ten im Hin­blick auf be­stimm­te Ka­te­go­ri­en von bei öffent­li­chen Feu­er­wehr­diens­ten beschäftig­ten Feu­er­wehr­leu­ten von al­len Ver­pflich­tun­gen aus der Richt­li­nie, ein­sch­ließlich de­ren Art. 2, in dem ins­be­son­de­re die Be­grif­fe „Ar­beits­zeit“ und „Ru­he­zeit“ de­fi­niert sind, ab­wei­chen dürfen.
34 Hier­zu hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 nicht zu den Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie gehört, von de­nen ab­ge­wi­chen wer­den darf (Be­schluss vom 4. März 2011, Gri­go­re, C-258/10, nicht veröffent­licht, EU:C:2011:122, Rn. 45).
35 Nach dem Wort­laut von Art. 17 Abs. 1 der Richt­li­nie 2003/88 können die Mit­glied­staa­ten nämlich von den Art. 3 bis 6, 8 und 16 der Richt­li­nie ab­wei­chen, und Art. 17 Abs. 3 der Richt­li­nie stellt klar, dass für die dar­in ge­nann­ten Diens­te, dar­un­ter die der Feu­er­wehr, Ab­wei­chun­gen von den Art. 3, 4, 5, 8 und 16 der Richt­li­nie zulässig sind.
36 Der Wort­laut von Art. 17 der Richt­li­nie 2003/88 selbst ge­stat­tet so­mit kei­ne Ab­wei­chung von de­ren Art. 2, der die zen­tra­len Be­grif­fe die­ser Richt­li­nie de­fi­niert.
37 Zu­dem gibt es, wie die Ge­ne­ral­anwältin in Nr. 27 ih­rer Schluss­anträge aus­geführt hat, kei­nen Raum für ei­ne wei­te Aus­le­gung von Art. 17 der Richt­li­nie, die über den aus­drück­li­chen Wort­laut der dar­in ge­stat­te­ten Aus­nah­men hin­aus­ge­hen könn­te.
38 Nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs zu den in der Richt­li­nie 2003/88, ins­be­son­de­re ih­rem Art. 17, vor­ge­se­he­nen Ab­wei­chungsmöglich­kei­ten müssen nämlich die­se Ab­wei­chun­gen als Aus­nah­men von der Uni­ons­re­ge­lung über die Ar­beits­zeit­ge­stal­tung so aus­ge­legt wer­den, dass ihr An­wen­dungs­be­reich auf das zur Wah­rung der In­ter­es­sen, de­ren Schutz sie ermögli­chen, un­be­dingt Er­for­der­li­che be­grenzt wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 14. Ok­to­ber 2010, Uni­on syn­di­ca­le So­li­dai­res Isère, C-428/09, EU:C:2010:612, Rn. 39 und 40).
39 Nach den vor­ste­hen­den Erwägun­gen ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 17 Abs. 3 Buchst. c Ziff. iii der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Mit­glied­staa­ten im Hin­blick auf be­stimm­te Ka­te­go­ri­en von bei öffent­li­chen Feu­er­wehr­diens­ten beschäftig­ten Feu­er­wehr­leu­ten nicht von al­len Ver­pflich­tun­gen aus der Richt­li­nie, ein­sch­ließlich de­ren Art. 2, in dem ins­be­son­de­re die Be­grif­fe „Ar­beits­zeit“ und „Ru­he­zeit“ de­fi­niert sind, ab­wei­chen dürfen.
40 Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 15 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er es den Mit­glied­staa­ten ge­stat­tet, ei­ne we­ni­ger re­strik­ti­ve De­fi­ni­ti­on des Be­griffs „Ar­beits­zeit“ bei­zu­be­hal­ten oder ein­zuführen als die in Art. 2 der Richt­li­nie.
41 Zur Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge ist der Wort­laut von Art. 15 der Richt­li­nie 2003/88 mit Blick auf das von der Richt­li­nie ge­schaf­fe­ne Sys­tem und de­ren Ziel­set­zung zu prüfen.
42 Nach dem Wort­laut von Art. 15 der Richt­li­nie 2003/88 bleibt das Recht der Mit­glied­staa­ten un­berührt, für die Si­cher­heit und den Ge­sund­heits­schutz der Ar­beit­neh­mer güns­ti­ge­re Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an­zu­wen­den oder zu er­las­sen. Aus die­sem Ar­ti­kel folgt, dass es sich bei den na­tio­na­len Be­stim­mun­gen, auf die er Be­zug nimmt, um sol­che han­delt, die mit de­nen der Richt­li­nie 2003/88 über die Si­cher­heit und den Ge­sund­heits­schutz der Ar­beit­neh­mer ver­gleich­bar sind.
43 Da­bei kann es sich nur um Be­stim­mun­gen han­deln, die durch ih­re Funk­ti­on und Ziel­set­zung da­zu be­stimmt sind, ein Min­dest­ni­veau für den Schutz der Si­cher­heit und der Ge­sund­heit der Ar­beit­neh­mer fest­zu­le­gen. Bei den Be­stim­mun­gen der Ka­pi­tel 2 und 3 der Richt­li­nie ist dies der Fall. Die Be­stim­mun­gen von Ka­pi­tel 1 der Richt­li­nie, das ih­re Art. 1 und 2 um­fasst, sind hin­ge­gen an­de­rer Art. Sie le­gen nämlich we­der Min­destru­he­zei­ten fest, noch be­tref­fen sie an­de­re As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung, son­dern sie ent­hal­ten die De­fi­ni­tio­nen, die er­for­der­lich sind, um den Ge­gen­stand und den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2003/88 ab­zu­gren­zen.
44 So­mit er­gibt sich aus dem Wort­laut von Art. 15 der Richt­li­nie 2003/88 im Licht des durch die­se Richt­li­nie ge­schaf­fe­nen Sys­tems, dass sich das in die­ser Vor­schrift vor­ge­se­he­ne Recht nicht auf die De­fi­ni­ti­on des Be­griffs „Ar­beits­zeit“ in Art. 2 der Richt­li­nie er­streckt.
45 Die­se Fest­stel­lung wird durch die Ziel­set­zung der Richt­li­nie 2003/88 bestätigt. Wie die Ge­ne­ral­anwältin in Nr. 33 ih­rer Schluss­anträge dar­ge­legt hat, soll die Richt­li­nie nämlich auf den Ge­bie­ten, die ih­rem Gel­tungs­be­reich un­ter­fal­len, ei­nen Min­dest­schutz si­cher­stel­len, der für al­le Ar­beit­neh­mer in der Uni­on gilt. Zu die­sem Zweck und um die vol­le Wirk­sam­keit der Richt­li­nie si­cher­zu­stel­len, dürfen die De­fi­ni­tio­nen in ih­rem Art. 2 nicht abhängig vom na­tio­na­len Recht un­ter­schied­lich aus­ge­legt wer­den, son­dern ha­ben, wie in Rn. 28 des vor­lie­gen­den Ur­teils für den Be­griff „Ar­beit­neh­mer“ klar­ge­stellt, ei­ne ei­genständi­ge uni­ons­recht­li­che Be­deu­tung (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 1. De­zem­ber 2005, Del­las u. a., C-14/04, EU:C:2005:728, Rn. 44 so­wie die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
46 In die­sem Kon­text ist je­doch klar­zu­stel­len, dass die Mit­glied­staa­ten zwar nicht das Recht ha­ben, die De­fi­ni­ti­on der „Ar­beits­zeit“ im Sin­ne von Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 zu ändern, ih­nen aber, wie in Rn. 42 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, frei­steht, in ih­rem je­wei­li­gen na­tio­na­len Recht Re­ge­lun­gen zu tref­fen, die güns­ti­ge­re Ar­beits- und Ru­he­zei­ten für Ar­beit­neh­mer vor­se­hen als die in der Richt­li­nie fest­ge­leg­ten.
47 Dem­nach ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 15 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er es den Mit­glied­staa­ten nicht ge­stat­tet, ei­ne we­ni­ger re­strik­ti­ve De­fi­ni­ti­on des Be­griffs „Ar­beits­zeit“ bei­zu­be­hal­ten oder ein­zuführen als die in Art. 2 der Richt­li­nie.
48 Mit sei­ner drit­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­tet, das Ar­beits­ent­gelt für Be­reit­schafts­zei­ten zu Hau­se wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen in Abhängig­keit da­von fest­zu­le­gen, ob die­se Zei­ten als „Ar­beits­zeit“ oder als „Ru­he­zeit“ ein­ge­stuft wer­den.
49 Hier­zu ist übe­rein­stim­mend mit dem vor­le­gen­den Ge­richt dar­auf hin­zu­wei­sen, dass fest­steht, dass die Richt­li­nie 2003/88 nicht die Fra­ge des Ar­beits­ent­gelts für Ar­beit­neh­mer re­gelt, da die­ser As­pekt nach Art. 153 Abs. 5 AEUV außer­halb der Zuständig­keit der Uni­on liegt.
50 So­mit ha­ben die Mit­glied­staa­ten zwar das Recht, das Ar­beits­ent­gelt der Ar­beit­neh­mer im Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2003/88 ent­spre­chend den De­fi­ni­tio­nen der Be­grif­fe „Ar­beits­zeit“ und „Ru­he­zeit“ in Art. 2 der Richt­li­nie fest­zu­le­gen, ver­pflich­tet sind sie da­zu aber nicht.
51 Die Mit­glied­staa­ten können so­mit in ih­rem na­tio­na­len Recht be­stim­men, dass das Ar­beits­ent­gelt ei­nes Ar­beit­neh­mers für die „Ar­beits­zeit“ von dem für die „Ru­he­zeit“ ab­weicht, und dies so­gar so weit, dass für letz­te­re Zei­ten gar kein Ar­beits­ent­gelt gewährt wird.
52 In An­be­tracht des­sen ist auf die drit­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er die Mit­glied­staa­ten nicht ver­pflich­tet, das Ar­beits­ent­gelt für Be­reit­schafts­zei­ten zu Hau­se wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen in Abhängig­keit da­von fest­zu­le­gen, ob die­se Zei­ten als „Ar­beits­zeit“ oder als „Ru­he­zeit“ ein­ge­stuft wer­den.
53 Mit sei­ner vier­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Be­reit­schafts­zeit, die ein Ar­beit­neh­mer zu Hau­se ver­bringt und während de­ren er der Ver­pflich­tung un­ter­liegt, ei­nem Ruf des Ar­beit­ge­bers zum Ein­satz in­ner­halb von acht Mi­nu­ten Fol­ge zu leis­ten, wo­durch die Möglich­keit, an­de­ren Tätig­kei­ten nach­zu­ge­hen, er­heb­lich ein­ge­schränkt ist, als „Ar­beits­zeit“ an­zu­se­hen ist.
54 In die­sem Zu­sam­men­hang ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof be­reits Ge­le­gen­heit hat­te, sich zu der Fra­ge zu äußern, ob Be­reit­schafts­zei­ten, die Ar­beit­neh­mer leis­ten, die in den Gel­tungs­be­reich der Richt­li­nie 2003/88 fal­len, als „Ar­beits­zeit“ oder als „Ru­he­zeit“ ein­zu­ord­nen sind.
55 In die­sem Kon­text hat der Ge­richts­hof zunächst klar­ge­stellt, dass die Be­grif­fe „Ar­beits­zeit“ und „Ru­he­zeit“ ein­an­der aus­sch­ließen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 3. Ok­to­ber 2000, Si­map, C-303/98, EU:C:2000:528, Rn. 47, so­wie vom 10. Sep­tem­ber 2015, Fe­der­a­ción de Ser­vici­os Pri­va­dos del sin­di­ca­to Co­mi­sio­nes obre­ras, C-266/14, EU:C:2015:578, Rn. 26 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung). So­mit ist fest­zu­stel­len, dass beim der­zei­ti­gen Stand des Uni­ons­rechts die Be­reit­schafts­zeit, die ein Ar­beit­neh­mer im Rah­men sei­ner für sei­nen Ar­beit­ge­ber er­brach­ten Tätig­kei­ten ver­bringt, ent­we­der als „Ar­beits­zeit“ oder als „Ru­he­zeit“ ein­zu­ord­nen ist.
56 Außer­dem gehören zu den we­sent­li­chen Merk­ma­len des Be­griffs „Ar­beits­zeit“ im Sin­ne von Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 nicht die In­ten­sität der vom Ar­beit­neh­mer ge­leis­te­ten Ar­beit oder des­sen Leis­tung (Ur­teil vom 1. De­zem­ber 2005, Del­las u. a., C-14/04, EU:C:2005:728, Rn. 43).
57 Des Wei­te­ren wur­de ent­schie­den, dass die persönli­che An­we­sen­heit und die Verfügbar­keit des Ar­beit­neh­mers am Ar­beits­platz während des Be­reit­schafts­diens­tes zur Er­brin­gung sei­ner be­ruf­li­chen Leis­tun­gen als Be­stand­teil der Wahr­neh­mung sei­ner Auf­ga­ben an­zu­se­hen ist, auch wenn die tatsächlich ge­leis­te­te Ar­beit von den Umständen abhängt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 3. Ok­to­ber 2000, Si­map, C-303/98, EU:C:2000:528, Rn. 48).
58 Fie­le nämlich der Be­reit­schafts­dienst in Form persönli­cher An­we­sen­heit am Ar­beits­platz nicht un­ter den Be­griff „Ar­beits­zeit“, würde das Ziel der Richt­li­nie 2003/88 gefähr­det, die Si­cher­heit und Ge­sund­heit der Ar­beit­neh­mer zu gewähr­leis­ten, in­dem ih­nen Min­destru­he­zei­ten so­wie an­ge­mes­se­ne Ru­he­pau­sen zu­ge­stan­den wer­den (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 3. Ok­to­ber 2000, Si­map, C-303/98, EU:C:2000:528, Rn. 49).
59 Außer­dem ist nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs für die Ein­ord­nung als „Ar­beits­zeit“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88 ent­schei­dend, dass sich der Ar­beit­neh­mer an dem vom Ar­beit­ge­ber be­stimm­ten Ort auf­hal­ten und die­sem zur Verfügung ste­hen muss, um ge­ge­be­nen­falls so­fort die ge­eig­ne­ten Leis­tun­gen er­brin­gen zu können. Die­se Ver­pflich­tun­gen, auf­grund de­ren der be­trof­fe­ne Ar­beit­neh­mer sei­nen Auf­ent­halts­ort während der Be­reit­schafts­zei­ten nicht frei be­stim­men kann, sind als Be­stand­teil der Wahr­neh­mung sei­ner Auf­ga­ben an­zu­se­hen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 9. Sep­tem­ber 2003, Ja­e­ger, C-151/02, EU:C:2003:437, Rn. 63, so­wie Be­schluss vom 4. März 2011, Gri­go­re, C-258/10, nicht veröffent­licht, EU:C:2011:122, Rn. 53 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
60 Sch­ließlich ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass et­was an­de­res gilt, wenn der Ar­beit­neh­mer ei­nen Be­reit­schafts­dienst nach dem Sys­tem der Ruf­be­reit­schaft er­bringt, die sei­ne ständi­ge Er­reich­bar­keit, nicht je­doch zu­gleich sei­ne An­we­sen­heit am Ar­beits­platz er­for­dert. Selbst wenn er sei­nem Ar­beit­ge­ber in dem Sin­ne zur Verfügung steht, dass er er­reich­bar sein muss, kann er in die­ser Si­tua­ti­on frei­er über sei­ne Zeit verfügen und ei­ge­nen In­ter­es­sen nach­ge­hen. Un­ter die­sen Umständen ist nur die Zeit, die für die tatsächli­che Er­brin­gung von Leis­tun­gen auf­ge­wandt wird, als „Ar­beits­zeit“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88 an­zu­se­hen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 9. Sep­tem­ber 2003, Ja­e­ger, C-151/02, EU:C:2003:437, Rn. 65 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
61 Im Rechts­streit des Aus­gangs­ver­fah­rens muss­te Herr Matz­ak nach den dem Ge­richts­hof zur Verfügung ste­hen­den In­for­ma­tio­nen, de­ren Über­prüfung Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts ist, während sei­nes Be­reit­schafts­diens­tes nicht nur er­reich­bar sein. Zum ei­nen war er ver­pflich­tet, ei­nem Ruf sei­nes Ar­beit­ge­bers zum Ein­satz­ort in­ner­halb von acht Mi­nu­ten Fol­ge zu leis­ten, und zum an­de­ren muss­te er an ei­nem von sei­nem Ar­beit­ge­ber be­stimm­ten Ort persönlich an­we­send sein. Je­doch han­del­te es sich bei die­sem Ort um sei­nen Wohn­sitz und nicht, wie in den Rechts­sa­chen, die zu der oben in den Rn. 57 bis 59 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten Recht­spre­chung geführt ha­ben, um sei­nen Ar­beits­platz.
62 In­so­weit er­gibt sich aus der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs, dass die Be­grif­fe „Ar­beits­zeit“ und „Ru­he­zeit“ im Sin­ne der Richt­li­nie 2003/88 uni­ons­recht­li­che Be­grif­fe dar­stel­len, die an­hand ob­jek­ti­ver Merk­ma­le un­ter Berück­sich­ti­gung des Re­ge­lungs­zu­sam­men­hangs und des Zwecks der Richt­li­nie zu be­stim­men sind, der dar­in be­steht, Min­dest­vor­schrif­ten zur Ver­bes­se­rung der Le­bens- und Ar­beits­be­din­gun­gen der Ar­beit­neh­mer auf­zu­stel­len (Ur­teil vom 10. Sep­tem­ber 2015, Fe­der­a­ción de Ser­vici­os Pri­va­dos del sin­di­ca­to Co­mi­sio­nes obre­ras, C-266/14, EU:C:2015:578, Rn. 27).
63 Die Ver­pflich­tung, persönlich an dem vom Ar­beit­ge­ber be­stimm­ten Ort an­we­send zu sein, so­wie die Ein­schränkung, die sich aus geo­gra­fi­scher und zeit­li­cher Sicht aus dem Er­for­der­nis er­gibt, sich in­ner­halb von acht Mi­nu­ten am Ar­beits­platz ein­zu­fin­den, können ob­jek­tiv die Möglich­kei­ten ei­nes Ar­beit­neh­mers in Herrn Matz­aks La­ge ein­schränken, sich sei­nen persönli­chen und so­zia­len In­ter­es­sen zu wid­men.
64 An­ge­sichts die­ser Ein­schränkun­gen un­ter­schei­det sich die Si­tua­ti­on von Herrn Matz­ak von der ei­nes Ar­beit­neh­mers, der während sei­nes Be­reit­schafts­diens­tes ein­fach nur für sei­nen Ar­beit­ge­ber er­reich­bar sein muss.
65 Un­ter die­sen Umständen ist der Be­griff „Ar­beits­zeit“ in Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen, dass ei­ne Si­tua­ti­on dar­un­ter fällt, in der ein Ar­beit­neh­mer ver­pflich­tet ist, die Zeit des Be­reit­schafts­diens­tes zu Hau­se zu ver­brin­gen, für sei­nen Ar­beit­ge­ber verfügbar zu sein und sich in­ner­halb von acht Mi­nu­ten an sei­nem Ar­beits­platz ein­fin­den zu können.
66 Nach al­le­dem ist auf die vier­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass die Be­reit­schafts­zeit, die ein Ar­beit­neh­mer zu Hau­se ver­bringt und während de­ren er der Ver­pflich­tung un­ter­liegt, ei­nem Ruf des Ar­beit­ge­bers zum Ein­satz in­ner­halb von acht Mi­nu­ten Fol­ge zu leis­ten, wo­durch die Möglich­keit, an­de­ren Tätig­kei­ten nach­zu­ge­hen, er­heb­lich ein­ge­schränkt ist, als „Ar­beits­zeit“ an­zu­se­hen ist.
67 Für die Par­tei­en des Aus­gangs­ver­fah­rens ist das Ver­fah­ren ein Zwi­schen­streit in dem beim vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streit; die Kos­ten­ent­schei­dung ist da­her Sa­che die­ses Ge­richts. Die Aus­la­gen an­de­rer Be­tei­lig­ter für die Ab­ga­be von Erklärun­gen vor dem Ge­richts­hof sind nicht er­stat­tungsfähig.
1. Art. 17 Abs. 3 Buchst. c Ziff. iii der Richt­li­nie 2003/88/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 4. No­vem­ber 2003 über be­stimm­te As­pek­te der Ar­beits­zeit­ge­stal­tung ist da­hin aus­zu­le­gen, dass die Mit­glied­staa­ten im Hin­blick auf be­stimm­te Ka­te­go­ri­en von bei öffent­li­chen Feu­er­wehr­diens­ten beschäftig­ten Feu­er­wehr­leu­ten nicht von al­len Ver­pflich­tun­gen aus der Richt­li­nie, ein­sch­ließlich de­ren Art. 2, in dem ins­be­son­de­re die Be­grif­fe „Ar­beits­zeit“ und „Ru­he­zeit“ de­fi­niert sind, ab­wei­chen dürfen.
2. Art. 15 der Richt­li­nie 2003/88 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er es den Mit­glied­staa­ten nicht ge­stat­tet, ei­ne we­ni­ger re­strik­ti­ve De­fi­ni­ti­on des Be­griffs „Ar­beits­zeit“ bei­zu­be­hal­ten oder ein­zuführen als die in Art. 2 der Richt­li­nie.
3. Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass er die Mit­glied­staa­ten nicht ver­pflich­tet, das Ar­beits­ent­gelt für Be­reit­schafts­zei­ten zu Hau­se wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen in Abhängig­keit da­von fest­zu­le­gen, ob die­se Zei­ten zu­vor als „Ar­beits­zeit“ oder als „Ru­he­zeit“ ein­ge­stuft wur­den.
4. Art. 2 der Richt­li­nie 2003/88 ist da­hin aus­zu­le­gen, dass die Be­reit­schafts­zeit, die ein Ar­beit­neh­mer zu Hau­se ver­bringt und während de­ren er der Ver­pflich­tung un­ter­liegt, ei­nem Ruf des Ar­beit­ge­bers zum Ein­satz in­ner­halb von acht Mi­nu­ten Fol­ge zu leis­ten, wo­durch die Möglich­keit, an­de­ren Tätig­kei­ten nach­zu­ge­hen, er­heb­lich ein­ge­schränkt ist, als „Ar­beits­zeit“ an­zu­se­hen ist.
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