Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/vollstreckung/zwangsversteigerung-und-suizidgefahr-und-die-beschwerde-gegen-den-zuschlagsbeschluss-3202982
Timestamp: 2020-06-02 15:26:51
Document Index: 377184259

Matched Legal Cases: ['§ 100', '§ 83', '§ 765', '§ 1906', 'Art. 2', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Zwangsversteigerung und Suizidgefahr - und die Beschwerde gegen den Zuschlagsbeschluss | Rechtslupe
Zwangsversteigerung und Suizidgefahr - und die Beschwerde gegen den Zuschlagsbeschluss
Einer Beschwer­de gegen den Zuschlags­be­schluss ist nach § 100 Abs. 3 i.V.m. § 83 Nr. 6 ZVG statt­zu­ge­ben, wenn wegen eines Voll­stre­ckungs­schutz­an­trags des Schuld­ners nach § 765a ZPO bereits der Zuschlag wegen einer mit dem Eigen­tums­ver­lust ver­bun­de­nen kon­kre­ten Gefahr für das Leben des Schuld­ners oder eines nahen Ange­hö­ri­gen nicht hät­te erteilt wer­den dür­fen [1].
Das bedeu­tet jedoch nicht, dass die Zwangs­ver­stei­ge­rung ohne Wei­te­res einst­wei­len ein­zu­stel­len oder auf­zu­he­ben wäre, wenn die Fort­füh­rung des Ver­fah­rens mit einer kon­kre­ten Gefahr für Leben und Gesund­heit des Schuld­ners oder eines nahen Ange­hö­ri­gen ver­bun­den ist [2].
Viel­mehr ist zur Wah­rung der eben­falls grund­recht­lich geschütz­ten Inter­es­sen des Voll­stre­ckungs­gläu­bi­gers und des Erste­hers [3] zu prü­fen, ob der Lebens­oder Gesund­heits­ge­fähr­dung auch anders als durch eine Ein­stel­lung oder Auf­he­bung der Zwangs­ver­stei­ge­rung wirk­sam begeg­net wer­den kann [4].
Die Voll­stre­ckungs­ge­rich­te haben in ihrer Ver­fah­rens­ge­stal­tung die erfor­der­li­chen Vor­keh­run­gen zu tref­fen, damit Ver­fas­sungs­ver­let­zun­gen durch Zwangs­voll­stre­ckungs­maß­nah­men aus­ge­schlos­sen wer­den und dadurch der sich aus dem Recht auf Leben und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit erge­ben­den Schutz­pflicht staat­li­cher Orga­ne Genü­ge getan wird [5]. Kann die ernst­haf­te Gefahr einer Selbst­tö­tung des Schuld­ners nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, muss das Voll­stre­ckungs­ge­richt unge­ach­tet des eben­falls schutz­wür­di­gen Inter­es­ses der Gläu­bi­ger an der Fort­set­zung des Ver­fah­rens dafür Sor­ge tra­gen, dass sich die mit der Fort­set­zung des Ver­fah­rens ver­bun­de­ne Lebens­oder Gesund­heits­ge­fahr nicht rea­li­siert [6]. Der auf Tat­sa­chen gestütz­te Ein­wand des Schuld­ners, ihm oder einem nahen Ange­hö­ri­gen dro­he bei Fort­set­zung des Ver­fah­rens die Gefahr der Selbst­tö­tung, ist stets zu berück­sich­ti­gen; er kann es erfor­dern, dass den damit ver­bun­de­nen Beweis­an­ge­bo­ten beson­ders sorg­fäl­tig nach­ge­gan­gen wird [7].
Besteht danach eine Sui­zid­ge­fahr, ist zu prü­fen, ob die­ser anders als durch Ein­stel­lung des Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ver­fah­rens begeg­net wer­den kann, etwa durch die Unter­brin­gung des Schuld­ners nach den ein­schlä­gi­gen Lan­des­ge­set­zen, durch eine betreu­ungs­recht­li­che Unter­brin­gung (§ 1906 BGB) oder ande­re Maß­nah­men der für den Lebens­schutz zustän­di­gen Stel­len [8]. Von der Ein­stel­lung des Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ver­fah­rens darf das Voll­stre­ckungs­ge­richt aber nur abse­hen, wenn es die Geeig­net­heit der in Betracht gezo­ge­nen Maß­nah­men sorg­fäl­tig geprüft und deren Vor­nah­me sicher­ge­stellt hat [9]. Kom­men geeig­ne­te Maß­nah­men nicht in Betracht oder kann ihre Vor­nah­me nicht sicher­ge­stellt wer­den, darf das Gericht das Ver­fah­ren nicht unge­ach­tet der bestehen­den aku­ten Sui­zid­ge­fähr­dung fort­set­zen. Es muss viel­mehr auch dann den Lebens­schutz gewähr­leis­ten, regel­mä­ßig durch eine auch wie­der­hol­te einst­wei­li­ge Ein­stel­lung des Ver­fah­rens [10], in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len auch durch eine dau­ern­de [11].
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts Kiel [12] ent­fällt die Schutz­be­dürf­tig­keit eines Schuld­ners auch nicht dadurch, dass er an der Behand­lung sei­ner psy­chi­schen Erkran­kung, aus der die Sui­zid­ge­fahr resul­tiert, nicht mit­wirkt. Eine sol­che Sicht­wei­se wird dem in Art. 2 Abs. 2 GG ent­hal­te­nen Gebot zum Schutz des Lebens und der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit nicht gerecht. Die­ses Gebot gilt auch dann, wenn der Schuld­ner unfä­hig ist, aus eige­ner Kraft oder mit zumut­ba­rer frem­der Hil­fe die Kon­flikt­si­tua­ti­on ange­mes­sen zu bewäl­ti­gen, und zwar unab­hän­gig davon, ob die­ser Unfä­hig­keit Krank­heits­wert zukommt oder nicht [13]. Die man­geln­de Mit­wir­kung des Schuld­ners ent­hebt das Voll­stre­ckungs­ge­richt daher nicht von der not­wen­di­gen umfas­sen­den, an dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ori­en­tier­ten Wür­di­gung der Gesamt­um­stän­de und der Prü­fung, ob der Gefahr für das Leben des Schuld­ners auf ande­re Wei­se als durch die vor­über­ge­hen­de Ein­stel­lung der Zwangs­voll­stre­ckung begeg­net wer­den kann [14]. Gege­be­nen­falls ist auch zu prü­fen, ob die Durch­füh­rung der ärzt­lich emp­foh­le­nen Behand­lung durch bestimm­te flan­kie­ren­de Maß­nah­men, wie etwa eine vor­über­ge­hen­de Unter­brin­gung des Schuld­ners oder eine ihm auf­zu­er­le­gen­de sta­tio­nä­re Behand­lung sicher­ge­stellt wer­den kann [15].
Mit die­sen Grund­sät­zen steht es nicht in Ein­klang, das Zwangs­ver­stei­ge­rungs­ver­fah­ren im Hin­blick auf den feh­len­den Nach­weis der Erfül­lung gericht­li­cher Auf­la­gen durch die Schuld­ne­rin nun­mehr fort­zu­set­zen, obwohl eine kon­kre­te Sui­zid­ge­fahr für die Schuld­ne­rin fort­be­steht und nicht sicher­ge­stellt ist, dass sie sich im Fal­le des rechts­kräf­ti­gen Zuschlags nicht ver­wirk­licht.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Febru­ar 2020 – V ZB 17/​19
st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschluss vom 19.09.2019 – V ZB 16/​19, WuM 2020, 47 Rn. 4; Beschluss vom 16.03.2017 – V ZB 140/​16, NJW-RR 2017, 695 Rn. 5 jeweils mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 15.07.2010 – V ZB 1/​10, NJW-RR 2010, 1649 Rn. 11 f.; BGH, Beschluss vom 04.05.2005 – I ZB 10/​05, BGHZ 163, 66, 73[↩]
BGH, Beschluss vom 28.01.2016 – V ZB 115/​15, NJW-RR 2016, 336 Rn. 6[↩]
BGH, Beschluss vom 19.09.2019 – V ZB 16/​19, aaO; Beschluss vom 09.06.2011 – V ZB 319/​10, NZM 2011, 789 Rn. 9; Beschluss vom 07.10.2010 – V ZB 82/​10, NJW-RR 2011, 421 Rn. 29[↩]
BVerfG, NJW 2019, 2012 Rn.20[↩]
BGH, Beschluss vom 19.09.2019 – V ZB 16/​19, WuM 2020, 47 Rn. 7[↩]
vgl. BVerfG, NJW 2019, 2012 Rn.20; BGH, Beschluss vom 31.03.2011 – V ZB 313/​10, WuM 2011, 533 Rn. 14[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 07.11.2019 – V ZB 135/​18 11; Beschluss vom 16.03.2017 – V ZB 150/​16, NJW-RR 2017, 695 Rn. 7[↩]
BGH, Beschluss vom 19.09.2019 – V ZB 16/​19, WuM 2020, 47 Rn. 5; BVerfG, NJW 2019, 2012 Rn.20[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 07.11.2019 – V ZB 135/​1820[↩]
vgl. dazu BVerfG, NJW 2019, 2995 Rn. 40[↩]
LG Kiel, Beschluss vom 21.12.2018 13 T 21/​18[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 16.12 2010 – V ZB 215/​09, NJW-RR 2011, 423 Rn. 9[↩]
vgl. zum Gan­zen BGH, Beschluss vom 06.12 2012 – V ZB 80/​12, NJW-RR 2013, 628 Rn. 8[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 16.03.2017 – V ZB 150/​16, NJW-RR 2017, 695 Rn. 10[↩]
BeschwerdeSuizidgefahrZuschlagsbeschlussZwangsversteigerung