Source: http://heimkinder-ueberlebende.info/Auszuege_vom_Wohlfahrtsblatt_Dez1938_re_Zwangsarbeit_im_Teufelsmoor_No2.html
Timestamp: 2018-11-21 13:56:00
Document Index: 32182784

Matched Legal Cases: ['§ 20', '§ 16', '§ 20', '§ 13', '§ 20', '§ 20', '§ 13', '§ 20', '§ 13', '§ 20', '§ 13', '§ 20', '§ 13']

Das Wirtschaftsunternehmen der Torfgewinnungsgesellschaft im Bethel eigenen Wietingsmoor, im Areal der Anstalt Freistatt, im Hannoverschen, in der Bundesrepublik Deutschland, und dessen jugendlichen deutschen Zwangsarbeiter, im Vergleich zu den jugendlichen - und auch älteren - deutschen Zwangsarbeitern im bremischen Teufelsmoor, ein Wirschaftsunternehmen der "Turba" Torfindustrie G.m.b.H, im Dritten Reich. Was war der Unterschied? Das ersterwähnte wurde (von 1899-1991) von der Diakonie betrieben, das andere (von 1934-1945) vom Staat.
[ Teufelsmoor
Anstalt FreistattI
– Arbeitszwangslager – Arbeitserziehungslager – Arbeitshäuser – Bewahrungshäuser
– geschlossene Arbeitserziehungsanstalt – geschlossenen Wohlfahrtspflegeeinrichtung
– geschlossene Fürsorgeeinrichtung für "Verwahrloste" / "schwererziehbare Jungens" ]
Das Wohlfahrtsblatt erscheint in zwangsloser Folge, in der Regel alle zwei Monate. Für den Inghalt verantwortlich: Präsident Kayser.
9. Jahrgang – Bremen, Dezember 1938 – Nummer 4
[ Teilweise Wiedergabe eines zutreffenden Artikels, eingeleitet vom Führer selbst: ]
Wir wollen durch unseren Fleiß so viel Güter produzieren, daß jeder einzelne Deutsche daran einen immer steigenden Anteil haben kann und wird. Dieser Prozess kann nur gelingen, wenn ein ganzes Volk in seiner Gesamtheit die Interessen aller im Auge behält, um damit auch wieder allen zu dienen. Adolf Hitler
Das bremische Arbeitszwangslager Teufelsmoor.
Eine Erziehungsmaßnahme für Arbeitsscheue, säumige Unterhaltspflichtige und Trinker.
Die vielfältige und weitgehende Fürsorge des Dritten Reiches für alle Volksgenossen, die in irgendeiner Form der Hilfe bedürfen, ist an eine unabdingbare Voraussetzung gebunden, daß nämlich die Volksgenossen dieser Fürsorge würdig sein müssen. Dieser Grundsatz bedarf keines Kommentars. Staatsmittel wie alle von der Gemeinschaft des Volkes aufgebrachten Mittel dürfen nicht für die Unterstützung minderwertiger Elemente verschwendet werden. Die Durchführung des Grundsatzes von Würdigkeit führt in gerader Linie auf das in den letzten Jahren im gesamten Fürsorgewesen lebhaft erörterte Asozialenproblem hin, denn zur Vermeidung fürsorgerischer Fehlleistungen an unwürdige Hilfsbedürftige bedarf es zuvor der Klarstellung, wer asozial zu werten ist und wie sich die Fürsorgestellen mit solchen Hilfsbedürftigen auseinandersetzen sollen. Da Arbeitsscheu in der heutigen Zeit in jeder Form als asozial zu gelten hat, erscheint es auf alle Fälle zweckmäßig, den Anfang zur Lösung des Asozialenproblems mit der Bekämpfung der Arbeitsscheu zu machen.
Durchblättert man die Fachliteratur auf dieses Problem hin, so mangelt es nicht an Theorien, die den gesamten Kreis der Asozialen durch eine allgemein gültige Formel zu umreißen versuchen, ebensowenig fehlt es an Erörterungen darüber, wie weit im gegebenen gesetzlichen Rahmen gegen sie vorgegangen werden kann und welche Möglichkeiten in Zukunft, wenn das lange erhoffte Bewahrungsgesetz herauskommt, gegeben sein werden. Seltener ließt man von praktischen Maßnahmen gegen Asoziale, obgleich Fürsorgeverbände und Wohlfahrtsämter sich überall bemühen, mit verschärften Bestimmungen gegen Asoziale vorzugehen und ihre Unterbringung in bestehende Arbeits- und Bewahrungshäuser durchzusetzen. So hat z. B. das Landeswohlfahrtsamt Berlin mit Wirkung vom 1. 4. 38 eine neue Verfügung zur Erfassung, Überwachung und Bewahrung der Asozialen erlassen (s. Nachrichtendienst Nr. 5/38 S. 163), wonach außer Verwahrung, vorbeugender Überwachung usw. Bewahrung des Asozialen in geschlossener Anstaltsfürsorge angeordnet werden kann und zwar „solange, als es zum Schutze des Volkes, seiner Familie und zu seinem eigenen Schutz erforderlich und dieser Schutz nicht anderweitig sichergestellt ist, insbesondere nicht [sichergestellt ist] durch polizeiliche oder gerichtliche Maßnahmen“. [ bezw. inbesondere wenn man nicht auf strafrechtliche Weise gegen „solche Elemente“ vorgehen kann ].
In Bremen ist das Asozialenproblem frühzeitig und zwar von der Praxis her in Angriff genommen worden. Die Notwendigkeit hierzu ergab sich zwingend in dem Zeitpunkt, als die Großzügigen Maßnahmen der Arbeitsfürsorge zur Arbeitsbeschaffung für Wohlfahrtserwerbslose [ WE ] durch den Widerstand arbeitsscheuer Erwerbsloser gefährdet wurden. Dieser Widerstand mußte unverzüglich gebrochen und durch wirksame Arbeitserziehung beseitigt werden. Das konnte nur durch rücksichtslose Durchführung von Arbeitszwangsverfahren geschehen.
Das Fehlen einer eigenen Arbeitsanstalt war ein Mangel, der in der bremischen Fürsorgepraxis seit langem empfunden worden war und sich analog dem Anwachsen der Arbeitslosenzahlen verschärft hatte. Schon im Jahre 1925, als es noch kein eigentliches Erwerbslosenproblem gab, verhandelte die bremische Fürsorgebehörde wegen Unterbringung bremischer Korrigenden im Sinne des § 20 RFV [Reichsverordung über die Fürsorgepflicht] mit auswärtigen Arbeitsanstalten, weil die Durchführung von Arbeitszwangsverfahren auf bremischem Gebiet nicht möglich war. Man bemühte sich um Unterbringung bremischer Asozialer in der Arbeitsanstalt Glückstadt und in der zu Hamburg gehörenden Zweiganstalt des Staatlichen Versorgungsheims in Farmsen. Die Einweisungsverfahren waren naturgemäß umständlich und zeitraubend. Die Anträge auf Einweisung mußten mit den zugehörigen Akten an die auswärtigen Behörden gesandt werden und das Prüfungsergebnis und die schriftliche Genehmigung von dort abgewartet werden, bevor praktisch gegen den Arbeitscheuen vorgegangen werden konnte. Ein weiterer Nachteil bestand darin, daß die bremische einweisende Behörde keinen Einfluß auf die Durchführung des Arbeitszwangsverfahrens hatte. – Um diesen Mißständen abzuhelfen, wurden im Jahre 1930 gemeinsam zwischen Bremen, Hamburg, Lübeck und Oldenburg Verhandlungen aufgenommen mit dem Ziel, ein gemeinsames Arbeitshaus für diese Städte einzurichten. Aus dem Plan wurde nichts, weil das Anwachsen der Arbeitslosenzahl, das in diesem Jahre allein für Bremen eine Zunahme von rd. 4000 WE ausmachte, die Fürsorgebehörde vor Aufgaben stellte, deren sie aus eigener Kraft nicht Herr werden konnte.
Gründung des Arbeitszwangslagers Teufelsmoor.
Wie bereits erwähnt, lagen die Verhältnisse im Jahre 1934 derart, daß die Arbeitsfürsorge bei der Arbeitsbeschaffung für Wohlfahrtserwerbslose durch arbeitsunwillige Elemente erheblich behindert wurde, die – obwohl an Zahl klein – durch Hetzen und Wühlen, Beunruhigung und Widerstände unter den zu Vermittelnden erzeugten. Die Leitung der »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen« entschloß sich daher im Herbst 1934 ein eigenes Arbeitszwangslager einzurichten.
Das Lager befindet sich in einem ca. 32 Km von Bremen entfernten Moorgelände, dem Teufelsmoor, und liegt weit ab von den in dieser Gegend vorhandenen bäuerlichen Siedlungen. Die Bestimmung des bremischen Zwangsarbeitslagers Teufelsmoor besteht in Arbeitserziehung für Arbeitsscheue und säumige Unterhaltspflichtige sowie der Entwöhnung und Arbeitserziehung von Trunksüchtigen. Es werden nicht nur bremische Asoziale, sondern auch von auswärtigen Behörden Eingewiesene aufgenommen. Weibliche Erziehungsbedürftige finden im Lager Teufelsmoor keine Aufnahme.
Rechtsgrundlagen für die Einweisungen.
Um Einweisungen in das Arbeitszwangslager ohne Zeitverlust durchzuführen und Störenfriede unter den Arbeitslosen zur Ordnung zu bringen, sind die gegebenen Rechtsgrundlagen, nach denen die Bewahrung Asozialer möglich ist, in Bremen rechtsschöpferisch ausgelegt und in zielbewußter Zusammenarbeit mit allen beteiligten Stellen, insbesondere der Polizeibehörde, angewandt worden.
Das Arbeitszwangslager Teufelsmoor ist von der bremischen Aufsichtsbehörde auf Grund des § 16 des bremischen Ausführungsgesetzes zur [Reichsverordung über die Fürsorgepflicht] RFV. v. 25.7.33 (brem. Gesetzbl. S. 261) in Verbindung mit § 20 Abs. 1 der RFV. als geeignete Unterbringung von Arbeitsscheuen und säumigen Unterhaltspflichtigen anerkannt worden, ebenso gemäß § 13 der Reichsgrundsätze [RGr] über Voraussetzung, Art und Maß der öffentlichen Fürsorge zur Anordnung der geschlossenen Fürsorge, wenn die Voraussetzungen für die Durchführung des Arbeitszwangsverfahrens nach § 20 RFV. nicht hinreichend gegeben sind, jedoch das ganze Verhalten des Unterstützten offenbar erkennen läßt, daß Arbeitscheu vorliegt, oder wenn der Unterstützte durch Verhetzung oder in anderer Weise dazu beigetragen hat, daß Arbeitswillige angebotene Arbeit niederlegen, oder wenn derselbe durch eigenes Verschulden seine Arbeit verloren hat. Einweisungen [auch] von entmündigten Trinkern erfolgen durch Bestimmung des Wohnortes seitens des Vormundes.
Das gerade im Teufelsmoor das bremische Arbeitszwangslager gegründed wurde, erklärt sich damit, daß hier die besten Möglichkeiten gegeben waren, um alle Zwangsarbeiter zu produktiver Arbeit heranzuziehen. Das Gelände, auf dem das Lager errichtet wurde, hat direkte Verbindung mit dem einer Torfgewinnungsgesellschaft, der „Turba“ Torfindustrie G.m.b.H., die ein ausgedehntes Moorgebiet und entsprechende Fabrikanlagen im Teufelsmoor besitzt. Die „Turba“ betreibt die Gewinnung und Verarbeitung von Torf und hat im Rahmen des Vierjahreplanes wichtige Aufgaben zu erfüllen und zwar sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Wehrmacht. Außerdem ist das Werk nicht unwesentlich am deutschen Exportgeschäft beteiligt. Wie hoch diese Arbeiten bewertet werden, erhellt am besten daraus, daß die „Turba“ staatliche Genehmigung zur Einstellung ausländischer Arbeiter erhalten hat, als sich die Arbeitslosigkeit im Laufe der letzten Jahre in einen Arbeitermangel wandelte. Man darf es daher wohl als eine ebenso zweckmäßige wie weitschauende Maßnahme bezeichnen, daß die [ zwangsverpflichteten ] Insassen des bremischen Arbeitszwangslagers von Anfang an auf Grund vertraglicher Abmachungen mit der „Turba“ diese werteschaffende Arbeit im Torfwerk geleistet haben. Infolge Anerkennung der „Turba“ als für die Durchführung des Vierjahreplanes wichtiger Betrieb werden die in dem bremischen Arbeitszwangslager Untergebrachten auch nicht auf Grund des Erlasses des Reichs- und Preußischen Ministers des Innern [ Dr. jur. Wilhelm Frick (1877-1946) (hanged 16. Oktober 1946, Nürnberg Prison) ] – Nr. VW I/4/387226 – vom 14. 4. 1938 durch die Staatspolizeistelle in Schutzhaft genommen, sondern können im Teufelsmoor verbleiben, soweit nicht in besonders gelagerten Ausnahmefällen davon abgesehen werden muß.
Die Art der im Teufelsmoor von den Lagerinsassen zu leistenden Arbeit unterscheidet dieses Lager von der sonst üblichen geschlossenen Arbeitshäusern und Arbeitsanstalten. Die bremischen Zwangsarbeiter haben täglich anstrengende körperliche Arbeit im Freien von durchschnittlich zehnstündiger Dauer auszuführen, wobei auf größtmögliche Arbeitsleistung besonders geachtet wird. Das Arbeitspensum ist vorgeschrieben und wird kontrolliert. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die Verpflegung der Arbeit[er] angemessen und kräftig ist. Mehrleistungen über das vorgeschriebene Arbeitspensum hinaus werden durch Zulagen belohnt, während umgekehrt, wenn das der körperlichen Konstitution angepaßte Arbeitsmaß nicht erreicht wird, Strafen verhängt werden oder vorübergehend eine Schmälerung der Verpflegungsration erfolgt. Im übrigen können die Arbeiten so eingeteilt werden, daß in dem Lager auch nicht voll erwerbsfähige Männer aufgenommen werden können, die dann ihren Kräften entsprechend zur Arbeit herangezogen oder aber auch innerhalb des Lagers (z. B. mit Kalfaktordiensten und ähnlichem) beschäftigt werden.
Die körperliche Arbeit im Freien bekommt den Insassen, insbesondere den Trinkern, durchweg so gut, daß sie sich gesundheitlich herausmachen und ihr Körper arbeits- und widerstandsfähig wird. Andererseits sorgt die Abgeschiedenheit des Lagers, die schwere Arbeit und die strenge Lagerordnung dafür, daß der Wunsch, bald wieder entlassen zu werden, bei den Insassen lebendig bleibt.
Von der Praxis der Arbeitserziehung im Teufelsmoor gibt der folgende Bericht des Lagerführers ein anschauliches Bild:
„ . . . . . Die in das Arbeitszwangslager Teufelsmoor eingewiesenen Asozialen und Trinker stammen aus allen möglichen Berufen. Der z. Zt, jüngste ist 19 Jahre, der älteste 64 Jahre alt. So verschieden wie Beruf und Alter ist auch die körperliche und geistige Verfassung der Eingewiesenen. Neben kräftigen, robusten Gestalten findet man Leute von schwächlichem Körperbau, vernachlässigter Muskulartur und wahre menschliche Ruinen.
Natürlich ist es nicht einfach aus solchen Elementen eine disziplininierte Arbeitskolonne zu bilden und damit die unserem Lager gestellte Aufgabe zu lösen. Vor allem ist es nicht leicht, die vielen Eingewiesenen ihre – je nach Einstellung – krankhafte oder böswillige Abneigung gegen jede anhaltende körperliche Arbeit abzugewöhnen. Es ist erstaunlich, wie konsequent und hartnäckig sich solche Männer gegen die gräßliche Zumutung wehren, ihren eingerosteten alten Adam den fürchterlichen Qualen regelmäßiger Arbeit auszusetzen. [ . . . . . . . . . . ] Andere, ähnlich geartete Insassen machen in „seelischen Depressionen“, Nervenschmerzen und sonstigen Dingen, um sich von der Arbeit zu drücken. Wieder andere klappern ein ganzes Register von vorgeschützten und eingebildeten Krankheiten herunter, das so ziemlich alles umfaßt, was es an Krankheiten gibt, bis unserem tüchtigen Lagerarzt der zu stark beanspruchte Gedultsfaden reißt, und er der ewigen Litanei körperlicher Defekte ein kurzes, wirkungsvolles Ende bereitet. – Sodann gibt es Leute, die in vorbildlichem Stil epileptische Anfälle markieren und so der verhaßten Arbeit nach besten Kräften aus dem Wege gehen möchten, bis ihnen klipp und klar bewiesen wird, daß ihre Schwindelanfälle nichts anderes sind als eben – Schwindel. Und schließlich sollen auch die wackeren Männer nicht unerwähnt bleiben, die es zu wahrer Meisterschaft im verschlucken von Löffelstielen, Hosenknöpfen, Drahtenden und anderen schönen Sachen gebracht haben.
Glücklicherweise haben wir gelernt, solche Gestalten individuell zu behandeln und sie freundlich auf den Pfad der Tugend zurückzugeleiten. Daß hierzu die Methoden einer Sonntagsschule nicht geeignet sind, dürfte verständlich sein. Sanfte Ermahnungen sind hier nicht mehr am Platz. Ebenso kann man jemanden nicht gut ins Gewissen reden, der keines mehr hat. Um die Arbeits- und Lagerdisziplin unter allen Umständen hochzuhalten, muß man in solchen Fällen schon etwas deutlicher werden. Das gilt auch solchen Elementen gegenüber, die sich der verhaßten Diszipline durch die Flucht zu entziehen versuchen.
Dem Grundsatz nach, das Arbeit immer noch die beste Medizin ist, sorgen wir dafür, daß diese Medizin in nicht zu kleinen Dosen verabreicht wird (s. S. 6 „Tagesordnung“). [ . . . . . . . . . . ]
Die Arbeiten im Moor sind verschiedenster Art und richten sich nach der Jahreszeit. Im Winter Stechen von Torf und Verladen, im Frühjahr Stuken (Umpacken), im Sommer und Herbst Einmieten. [ . . . . . . . . . . ]
Das Pensum und Tempo der Arbeit ist nicht dem Wohlwollen jedes einzelnen Insassen überlassen. Wo es eben möglich ist, wird das tägliche bezw. wöchentliche Pensum der Arbeit genau vorgeschrieben und kontrolliert. [ . . . . . . . . . . ]
In dem Verwaltungsgebäude befindet sich außer den Zimmern des Lagerführers, der Aufseher, des Kochs usw. die Lagerküche und Kleiderkammer. Die Kleiderkammer dient zur Aufbewahrung der von den Insassen abgegebenen Kleidung sowie zur Aufbewahrung der Anstaltskleidung. Die Kleidung der Insassen ist besonders gekennzeichnet; schwierige oder fluchtverdächtige Insassen haben auf dem Rücken der Jacke ein großes TM [als Kennzeichen für Teufelsmoor] in Blockschrift sowie Hosen, deren eines Bein dunkelblau und deren anderes blauweiß gestreift ist. Für regnerisches Wetter – die Insassen müssen bei jeder Witterung ihre Arbeit im Moor ausführen – sind Regenmäntel vorhanden, die aus zweierlei Stoff angefertigt, also auch besonders kenntlich gemacht sind.
Außerdem befindet sich im Verwaltungsgebäude eine Einzelzelle, die zur Unterbringung solcher Insassen dient, die sich schwere Verstöße gegen die Lager- und Arbeitsordnung haben zuschulden kommen lassen. Wenn ihre körperliche Konstitution es zuläßt, werden diese Insassen nicht etwa den ganzen Tag eingesperrt, sondern nur des Nachts bezw. nach der Rückkehr von der Arbeit.
Bei Aufstellung der Lagerordnung für das Arbeitszwangslager Teufelsmoor ist Bedacht darauf genommen worden, daß sie die Durchführung straffer militärischer Disziplin unterstützt. Das gesamte Leben im Arbeitszwangslager ist auf militärische Ordnung und Pünktlichkeit abgestellt. Die wichtigsten Bestimmungen der Lagerordnung seien nachstehend aufgeführt:
Arbeitszwang.
Die Arbeiter werden ihren Kräften entsprechend beschäftigt. Sie haben die ihnen von den Aufsehern angewiesenen Arbeiten gewissenhaft auszuführen. Zu anhaltender und fleißiger Arbeit sind sie strengstens verpflichtet. Wird die Arbeit vernachlässigt und träge ausgeführt, kann der Lagerführer Strafen verhängen; im Wiederholungsfalle wird der Aufenthalt um einige Monate verlängert.
Bei der Arbeit ist jegliche Unterhaltung strengstens verboten.
Ehrenbezeugung gegen Vorgesetzte.
Die Arbeiter haben sich gegen ihre Vorgesetzten bescheiden und achtungsvoll zu betragen. Die Anrede ist „Lagerführer“ bezw. „Aufseher“, der Gruß „Heil Hitler“.
In den Freistunden haben sie, sobald ein Vorgesetzter die Räumlichkeiten betritt, sich sofort von den Plätzen zu erheben und solange in strammer Haltung stehen zu bleiben, bis der Vorgesetzte das Zimmer verläßt oder zum Niedersetzen auffordert.
Während der Arbeitszeiten in den Räumlichkeiten findet beim Eintritt eines Vorgesetzten ein allgemeines Erheben von den Plätzen [innerhalb Lagergebäuden oder Werkstätten] nicht statt. Jedoch hat der Arbeiter, sobald er von einem Vorgesetzten angeredet wird, sofort aufzustehen und stramme Haltung anzunehmen.
Briefschreiben und Besuche.
Briefe, welche der Arbeiter wegschickt oder welche ihm zugehen, werden vom Lagerführer eingesehen, Briefe mit aufreizendem Inhalt jeglicher Art werden nicht befördert bezw. nicht ausgehändigt. Insassen, die Post unter Umgehung der Lagerleitung aus dem Lager befördern, werden mit 3 Monaten Aufenthaltsverlängerung bestraft.
Jeder Arbeiter darf allmonatlich einen Brief abgeben lassen und einen empfangen. Besuch ist während des Aufenthalts im Lager nicht gestattet.
Auflehnung gegen die Lagerordnung oder gegen die Anordnungen der Vorgesetzten, Versuch der Flucht, Verleitung zur Flucht und Flucht aus dem Arbeitslager wird mit Verlängerung der Aufenthaltsdauer im Lager bestraft. Die Aufseher sind verpflichtet, jeglichen Widerstand sowie Widersäßigkeit jeglicher Art mit Gewalt zu brechen.
Bei mangelnder Arbeitsleistung, die nicht auf körperliche oder geistige Unfähigkeit zurückzuführen ist, kann der Lagerführer eine Schmälerung der Verpflegungsration vornehmen.
Bei fortgesetzt guter Führung kann diejenige Stelle, welche die Unterbringung in das Arbeitslager verfügte, eine Vorzeitige Entlassung anordnen.
Zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager und Kontrolle der Arbeitsleistungen stehen dem Lagerführer sechs Aufseher zur Seite. Sie haben seit dem Bestehen des Lagers sich reiche praktische Erfahrungen in der Behandlung der Insassen erworben und sind den hohen, an sich gestellten Ansprüchen sowohl hinsichtlich der Erziehung als auch der Betreuung und Bewachung der Insassen gewachsen. Zu ihrem persönlichen Schutz sind sie mit Pistolen ausgerüstet, von der Waffe darf jedoch nur in der Notwehr Gebrauch gemacht werden.
Die nachstehende Tageseinteilung, wie sie im allgemeinen im Arbeitszwangslager Teufelsmoor innegehalten wird, wenn nicht besondere Umstände Abweichungen erfordern, zeigt, daß die Insassen immer beschäftigt sind, was zweifellos im Verein mit der anstrengenden Arbeit für die „Turba“ das beste Verfahren ist, um sie wieder an geregelte Arbeit und Lebensführung zu gewöhnen. Wenn der Tag zu Ende geht und auch alle Lagerarbeiten wie Wäschewaschen, Zeugflicken, Kartoffelschälen usw. getan sind, sind alle Insassen rechtschaffen müde und froh, wenn sie sich ausruhen und ins Bett gehen können. Über schlechten Schlaf hat noch kein Insasse des Lagers geklagt.
Verfahren zur Einweisung von Insassen
Die Durchführung der Arbeitszwangsverfahren im Lager Teufelsmoor geschiet für das Land Bremen in folgender Weise:
Für die Antragstellung auf Einleitung des Verfahrens gemäß § 20 RFV. [Reichsverordung über die Fürsorgepflicht] oder § 13 RGr. [Reichsgrundsätze] ist die »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen« zuständig. Anträge von den bremischen Dienststellen (Fürsorgeamt, Jugendamt) werden auf besonderen Formularen eingereicht. Die Entscheidung über Anträge nach § 20 RFV. fällt der Regierende Bürgermeister – Innere Verwaltung – , nach § 13 RGr. der Präsident der »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen«.
Sofort nach Erlaß der Einweisungsverfügung wird die bremische Kriminalpolizeileitstelle unter Übermittlung eines Stückes dieser Verfügung gebeten, den Betreffenden festzunehmen, worauf er durch Beauftragte der »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen« dem Arbeitszwangslager Teufelsmoor zugeführt wird. Gegen die Einweisungsverfügung ist bei Meidung der Rechtsmittel binnen zwei Wochen seit der Bekanntgabe [nur] die Beschwerde an den Regierenden Bürgermeister zulässig. Die Vollstreckung der Verfügung wird hierdurch jedoch nicht aufgehoben, sodaß der Betreffende ohne Rücksicht auf die laufende Beschwerde zunächst dem Arbeitslager zugeführt wird.
Einweisungen von entmündigten Trinkern erfolgen durch Bestimmung des Wohnortes seitens des Vormundes, in Bremen in der Regel durch die Beratungsstelle gegen den Alkoholismus. Es bedarf hierzu also keines besonderen Beschlusses, sondern der Vormund fragt einfach bei der »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen« an, ob und wann die Überführung erfolgen kann. Soweit die Trinker nicht entmündigt sind, kann ein entsprechender Antrag nach § 20 RFV. oder § 13 RGr. gestellt werden. [„Der Beschluss“ oder „die Aufenthaltsbestimmung“ des Vormundes, auch hier, kann wohl als ähnlich dem „Einweisungsverfahren“ von noch nicht mündigen Fürsorgezöglingen in abgelegene geschlossene Erziehungsanstalten angesehen werden, wo auch keine Rechtsmittel für Beschwerde zur Verfügung stehen, aber man sich nur – nachträglich – schriftlich an die einweisende Behörde, das Jugendamt, wenden kann (ein völlig wirkungsloses und zweckloses Unternehmen seitens eines Zöglings)].
Das Arbeitszwangslager Teufelsmoor wird seiner besonderen Vorzüge wegen seit Jahren auch von anderen Städten beschickt. In diesen Fällen ist die Einleitung und Anordnung des Arbeitszwangsverfahrens selbstverständlich Sache der einweisenden Behörde, desgleichen bei entmündigten Trinkern. Ist das Arbeitszwangsverfahren verfügt, so setzt sich die einweisende Behörde mit der »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen, Zentralverwaltung Bremen«, in Verbindung, um sich zu vergewissern, ob und an welchem Zeitpunkt die Aufnahme erfolgen kann. Ist dieser Punkt erklärt, so genügt es, wenn die einweisende Behörde einige Tage vor der beabsichtigten Überführung des Insassen unter Übersendung eines Einweisungsbeschlusses gemäß § 20 RFV. bezw. § 13 RGr. oder der Aufenthaltsbestimmung des Vormundes den Zeitpunkt bekannt gibt, wann der Transport in Bremen-Hauptbahnhof eintrifft. Der Eingewiesene wird dann am Hauptbahnhof Bremen in Empfang genommen und nach dem Arbeitslager Teufelsmoor überführt. Amtsärztliche Bescheinigung der Lagerhaftfähigkeit sowie Anerkenntnis auf Übernahme der entstehenden Kosten sind dabei dem Beauftragten der »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen« zu übergeben.
Dauer des Arbeitszwangsverfahrens.
Die Unterbringung im Arbeitslager Teufelsmoor erfolgt regelmäßig für sechs Monate, in schweren Fällen auch für die Dauer von 12 Monaten und kann bei Verstößen gegen die Lagerordnung oder wenn die beabsichtigte Erziehung noch nicht erreicht ist, entsprechend verlängert werden. In diesem Falle berichtet die Lagerführung an die »Behörde für Wohlfahrt und Versicherungswesen« und diese setzt sich dann mit der betr. auswärtigen Behörde in Verbindung und schlägt ihr die Herbeiführung eines entsprechenden Beschlusses bezw. bei Trinkern die Einholung einer entsprechenden Einverständniserklärung des Vormundes vor.
Bei etwa zwei Drittel aller Fälle genügt bisher schon ein sechsmonatlicher Aufenthalt, um die beabsichtigte Erziehungsmaßnahme zum vollen Erfolg zu führen. Eine Ausnahme bilden die Trinker. Bei ihnen ist die erforderliche Dauer ganz vom Einzelfall abhängig. Da zu der Gewöhnung an geregelte Arbeitsleistung noch die Entwöhnung vom Alkohol hinzukommt, scheint es nach den Erfahrungen der Praxis wünschenswert, die Aufenthaltsdauer von vornherein nicht unter einem Jahr festzusetzen.
[ . . . . . . . . . . ] Seit der Gründung des bremischen Arbeitslagers Teufelsmoor im September 1934 sind bisher insgesamt 280 Arbeitszwansverfahren durchgeführt worden. [ . . . . . . . . . ]
Von weit größerer Bedeutung als die praktisch durchgeführten Arbeitszwangsverfahren war von Anfang an die moralische Wirkung des Arbeitszwangslagers auf alle Volksgenossen, die in ihrer Einstellung zur Arbeit unsicher waren. Die in Bremen besonders früh und erfolgreich betriebene Arbeitsvermittlung der Wohlfahrtserwerbslosen [ WE ], die bereits in den Jahren 1933/34 die Zahl der WE. auf weniger als 1/5 des Bestandes von 1932 zurückführte, wäre ohne das Arbeitszwangslager kaum durchführbar gewesen.
Die erfolgreiche Arbeit des Arbeitszwangslagers und der finanzielle Vorteil, den der niedrige Kostensatz bietet, haben bewirkt, daß das Lager auch außerhalb Bremens gesteigertes Interesse findet. So hat z. B. der »Deutsche Gemeindetag Hannover« den ihm angeschlosssenen Städten die Benutzung des bremischen Arbeitslagers empfohlen. – Nach der kurz bevorstehenden Fertigstellung des Ausbaues kann die Belegschaft von bisher rund 50 auf 100 Insassen erhöht werden.
Um das Lager im Interesse der wirtschaftspolitisch wichtigen Torfgewinnungsarbeit immer voll belegt zu halten, ist geplant, in erhöhtem Maße auswärtige Asoziale und Trinker aufzunehmen. Außerdem wird zurzeit mit der Polizei verhandelt, um arbeitsunwillige wilde Wanderer nach Teufelsmoor einzuweisen.
Das Arbeitszwangslager Teufelsmoor bildet nicht die einzige bremische Maßnahme gegen Asoziale; sie wird ergänzt durch die Wohnungsfürsorgeanstalt, eine geschlossenen Wohnkolonie zur Erziehung asozial erscheinender, meist kinderreicher Familien. Beide Einrichtungen werden im Bedarfsfalle kombiniert, um einen bleibenden Erfolg zu gewährleisten. (Einzelheiten über die Wohnungsfürsorgeanstalt s. Wohlfahrtswoche Hannover Nr. 26/1937).
[ Die Hauptüberschrift, kursive, fette, ausgedehnte und in rechteckige Klammern gesetzte und wiedergegebene Schrift, und verschiedene Schriftarten, sowie Farben in diesem Schreiben wurde(n) zum Zwecke der Betonung und Aufklärung von dem jetzigen Redakteur hinzugefügt ]
[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 6. Juli 2004 ] [Hauptüberschrift vom hiesigen Redakteur hinzugefügt ]