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Timestamp: 2016-10-21 22:07:04
Document Index: 316297798

Matched Legal Cases: ['Art. 9', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

U 140/03 (05.12.2003)
U 140/03
K.________, 1957, Beschwerdef�hrer, vertreten durch F�rsprecher Sven Marguth, Genfergasse 3, 3011 Bern,
(Entscheid vom 9. Mai 2003)
Der 1957 geborene K.________, gelernter Spengler und Sanit�tsinstallateur mit eigener Firma und sechs Angestellten, litt nach den Angaben in der der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) am 2. April 2000 erstatteten Unfallmeldung nach einem Zeckenbiss im Herbst 1988 an St�rungen am ganzen K�rper, die ab dem 23. Februar 2000 zur Arbeitsunf�higkeit f�hrten. Dr. med. S.________, Spezialarzt FMH f�r Ohren-, Nasen- und Halskrankheiten, Hals- und Gesichtschirurgie, bei dem K.________ wegen einer progredienten H�rst�rung links in Behandlung war, �usserte 1999 den Verdacht auf Vorliegen einer Borreliose und �berwies den Versicherten an Frau Dr. med. M.________, Fach�rztin f�r Allgemeinmedizin. Die �rztin diagnostizierte in ihrem Bericht vom 17. Mai 2000 eine auf zahlreiche Zeckenbisse zur�ckzuf�hrende Borreliose/Neuroborreliose im Stadium III. Die SUVA holte Berichte der behandelnden �rzte Dres. med. T.________ und S.________ ein. Zudem liess sie den Versicherten in der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Spitals X.________ beurteilen. In dem betreffenden Gutachten vom 19. Dezember 2000 wurde es als sehr unwahrscheinlich bezeichnet, dass die beim Versicherten zur Arbeitsunf�higkeit f�hrenden Symptome mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit auf einen Zeckenbiss zur�ckzuf�hren seien. Nachdem auch Dr. med. C.________, Facharzt FMH f�r Innere Medizin und Arbeitsmedizin, SUVA Abteilung Arbeitsmedizin, in seiner �rztlichen Beurteilung vom 5. Januar 2001 dem Gutachten des Spitals X.________ in vollem Umfang folgte, verneinte die SUVA den Anspruch auf Versicherungsleistungen mit Verf�gung vom 22. Januar 2001, weil es sich bei den vom Versicherten beschriebenen multiplen Beschwerden nicht mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit um eine Zeckenbiss-Folgeerkrankung handle und weder ein Unfall noch eine unfall�hnliche K�rpersch�digung vorliege. An ihrem Standpunkt hielt sie mit Einspracheentscheid vom 4. Dezember 2001 fest.
K.________ liess dagegen Beschwerde erheben und beantragen, in Aufhebung des Entscheids sei festzustellen, dass die bestehenden gesundheitlichen Beeintr�chtigungen auf eine Lyme-Borreliose zur�ckzuf�hren seien; die SUVA sei zu verpflichten, die gesetzlichen Leistungen zu erbringen. Mit Entscheid vom 9. Mai 2003 wies das Verwaltungsgericht des Kantons Bern die Beschwerde ab.
Mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde l�sst K.________ das vor der Vorinstanz gestellte Begehren erneuern.
Im angefochtenen Entscheid werden die f�r die Leistungspflicht des Unfallversicherers geltenden Voraussetzungen, insbesondere die f�r die Beurteilung der zun�chst erforderlichen nat�rlichen Unfallkausalit�t von Gesundheitssch�digungen geltenden Regeln zutreffend dargelegt. Das Gleiche gilt f�r die Ausf�hrungen der Vorinstanz zur Rechtsprechung, wonach der Zeckenbiss s�mtliche Merkmale des Unfallbegriffs (Art. 9 Abs. 1 UVV) erf�llt (BGE 122 V 230 ff.). Darauf wird verwiesen. Korrekt ist auch, dass das am 1. Januar 2003 in Kraft getretene Bundesgesetz �ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000 nicht anwendbar ist, da nach dem massgebenden Zeitpunkt des Erlasses des Einspracheentscheides (hier: 4. Dezember 2001) eingetretene Rechts- und Sachverhalts�nderungen vom Sozialversicherungsgericht nicht ber�cksichtigt werden (BGE 127 V 467 Erw. 1, 121 V 366 Erw. 1b).
Im Sozialversicherungsrecht hat das Gericht seinen Entscheid, sofern das Gesetz nichts Abweichendes vorsieht, nach dem Beweisgrad der �berwiegenden Wahrscheinlichkeit zu f�llen. Die blosse M�glichkeit eines bestimmten Sachverhalts gen�gt den Beweisanforderungen nicht. Das Gericht hat vielmehr jener Sachverhaltsdarstellung zu folgen, die es von allen m�glichen Geschehensabl�ufen als die Wahrscheinlichste w�rdigt (BGE 121 V 47 Erw. 2a mit Hinweis). F�r die Bejahung des nat�rlichen Kausalzusammenhangs einer m�glichen Ursache gen�gt es jedoch nicht, dass die andern in Betracht fallenden Ursachen als weniger wahrscheinlich erscheinen, sondern es ist auch bez�glich der am ehesten m�glichen Ursache n�her abzukl�ren, welche konkreten Gr�nde f�r die Kausalit�t zwischen dieser Ursache und dem Krankheitsbild sprechen. Die Beweisfrage ist f�r die Beurteilung des vorliegenden Falles entscheidend, weil von Seiten der Gutachter des Spitals X.________ unbestritten ist, dass der Beschwerdegegner Kontakt mit Borrelien hatte, da positive Serologien im Blut dies belegen. Es handelt sich dabei um einen konkreten Anhaltspunkt f�r eine m�gliche urs�chliche Beteiligung von Zeckenbissen an den gesundheitlichen St�rungen.
Streitig und zu pr�fen ist, ob die beim Beschwerdef�hrer aufgetretenen gesundheitlichen Beschwerden, welche im Jahr 2000 zu einer Arbeitsunf�higkeit f�hrten, auf Zeckenbisse zur�ckzuf�hren sind. Massgebend hief�r ist die Rechtsprechung gem�ss BGE 122 V 239 f. Danach ist der geforderte Beweis der �berwiegenden Wahrscheinlichkeit, dass die Leiden auf einen Zeckenbiss zur�ckzuf�hren sind, erbracht, wenn nach einem Zeckenbiss eine Infektion in Erscheinung tritt, welche den von den Zecken der Gattung Ixodes �bertragenen Erregern zugeschrieben werden kann (BGE, a.a.O., S. 240 Erw. 5c).
W�hrend Frau Dr. med. M.________ beim Beschwerdef�hrer eine Borreliose/Neuroborreliose im Stadium III, eine 1988 durchgemachte Lymphadenosis cutis benigna, einen Befall des VIII. Hirnnervs links, Encephalopathie im Rahmen der Borreliose sowie eine positive Babesienserologie diagnostizierte, lautete die Diagnose der Gutachter des Spitals X.________ auf ein diffuses generalisiertes Schmerzsyndrom unklarer �tiologie (am ehesten im Rahmen degenerativer Gelenkver�nderungen), diskrete unspezifische Ged�chtnis- und Konzentrationsst�rung (wahrscheinlich schmerz- und f�higkeitsbedingt) sowie Perzeptions-H�rst�rung links unklarer �tiologie. In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird geltend gemacht, es sei den Gutachtern des Spitals X.________ sowie der Vorinstanz nicht gelungen, in �berzeugender Weise alternative Ursachen f�r das Krankheitsbild des Beschwerdef�hrers aufzuzeigen. Daraus wird gefolgert, die fehlende Erkl�rung alternativer Ursachen liefere ein zus�tzliches Indiz f�r die Richtigkeit der Ausf�hrungen von Frau Dr. med. M.________, da es bei einer Lyme-Borreliose gerade typisch sei, dass oft eine Vielzahl nicht genau definierbarer oder erkl�rbarer Schmerzen vorliege. Sollte aber auf die Ausf�hrungen der �rztin nicht abgestellt werden, m�sste zumindest anerkannt werden, dass in medizinischer Hinsicht noch Abkl�rungsbedarf bestehe, weshalb ein Obergutachten einzuholen sei.
Frau Dr. med. M.________ in ihrem Bericht vom 17. Mai 2000 und PD Dr. med. U.________ im Gutachten des Spitals X.________ vom 19. Dezember 2000 haben sich ausf�hrlich damit auseinandergesetzt, ob die beim Beschwerdef�hrer aufgetretenen gesundheitlichen Beschwerden, welche im Jahr 2000 zu einer Arbeitsunf�higkeit f�hrten, auf einen Zeckenbiss zur�ckzuf�hren sind. Die Vorinstanz hat die beiden Berichte umfassend gew�rdigt und es kann hier darauf verwiesen werden. In der Verwaltungsgerichtsbeschwerde werden keine Einwendungen gegen diese Beweisw�rdigung erhoben, die nicht bereits vor der Vorinstanz vorgebracht worden sind. Dies betrifft insbesondere auch den zus�tzlichen Bericht von Frau Dr. med. M.________ vom 9. Juni 2003.
5.1 Darin wird neu angemerkt, das Lymphadenoma cutis benignum sei beim Beschwerdef�hrer 1988, kurz bevor der Tinnitus eingesetzt habe, aufgetreten, was ein absolut spezifisches Symptom der Borreliose nach einem Zeckenbiss sei. Im ersten Bericht von Frau Dr. med. M.________ vom 17. Mai 2000 war der zeitliche Ablauf noch weniger pr�zise gefasst. Die �rztin rapportierte - immer gest�tzt auf die Aussagen des Beschwerdef�hrers - zun�chst eine vor�bergehende livid-r�tliche Schwellung und Verh�rtung am rechten Ohrl�ppchen 1988/89, die mehrere Wochen persistierte. In den Jahren 1988 bis 1991 trat links eine signifikante H�rverschlechterung, begleitet von Tinnitus, ein. Dr. med. S.________ best�tigte am 10. Januar 2000 gegen�ber der �rztin, dass ihm der Beschwerdef�hrer bereits 1989 wegen eines Tinnitus zugewiesen worden sei. Den Gutachtern des Spitals X.________ gab der Beschwerdef�hrer an, dass "ca. 1992" �ber ein paar Wochen eine schmerzhafte R�tung am rechten Ohrl�ppchen aufgetreten sei. Auf Grund dieser Abweichungen ist nicht mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass das von Frau Dr. med. M.________ diagnostizierte Lymphadenoma cutis benignum bereits vor dem 1989 von Dr. med. S.________ festgestellten Tinnitus aufgetreten ist. Dies kann jedoch aus den nachstehenden Gr�nden offen bleiben.
5.2 F�r die Einsch�tzung der Gutachter des Spitals X.________ war wesentlich, dass sich in einer detaillierten Liquoranalyse keine pathologischen Befunde zeigten und insbesondere auch keine intrathekale Antik�rper gegen Borrelia burgdorferi nachweisbar waren. Es ergaben sich f�r sie somit keine Anhaltspunkte f�r einen Befall des intrathekalen Kompartiments durch Borrelien. Sie st�tzten sich dabei auf die Ergebnisse der Liquoranalysen im Spital Y.________ (Liquorpunktion im Labor Z.________ vom 21. Februar 2000) und der Diagnostique Parasitaire des Zoologischen Instituts Q.________ vom Februar 2000. Frau Dr. med. M.________ erw�hnte in ihrem ersten Bericht vom 17. Mai 2000, dass im Liquor keine spezifischen Borrelienantik�rper nachgewiesen worden seien. Im zweiten Bericht vom 9. Juni 2003 �ussert sie sich dazu nicht.
5.3 Nach Satz, Klinik der Lyme-Borreliose, 2. Auflage, Bern 2002, S. 184-186 gelingt der Nachweis von spezifischen Antik�rpern gegen Borrelia burgdorferi im Liquor nicht in jedem Fall. Er h�ngt von verschiedenen Faktoren ab, so unter anderem von der Lokalisation der L�sion im Nervensystem (peripheres - zentrales Nervensystem), von der Dauer der Erkrankung, von der Ausdehnung und Intensit�t der Entz�ndung und wahrscheinlich auch von der Anzahl und der Aggressivit�t der Erreger selbst. Der Autor bezeichnet es als wahrscheinlich, dass ein nicht unerheblicher Teil der Antik�rper in Immunkomplexen sequestriert ist und der Messung entgeht. Immerhin geht aus seinen Hinweisen hervor, dass der IgG-Antik�rpertiter bei s�mtlichen Patienten mit einer Krankheitsdauer von mehr als 6 Monaten, welche nach den "case definitions" der CDC (Centers for desease control) die Kriterien einer Neuroborreliose erf�llten, erh�ht war. Auch beim Messverfahren durch den Borrelia-Antik�rperindex gem�ss der Formel von Reiber wurde bei allen 10 Patienten mit �ber sechsmonatiger Krankheitsdauer eine intrathekale Antik�rperproduktion nachgewiesen. Der Autor f�hrt weiter an, dass der direkte Nachweis von spezifischen Antik�rpern sich neu auch mit dem Immunoblot-/Western-Blot-Verfahren erbringen lasse, wobei die diagnostische Auswertung dieser Befunde bisher in der Wissenschaft wenig Eingang gefunden habe. Aus seinen Ausf�hrungen ist aber zu schliessen, dass er diese Methode als feiner einstuft als die bisherigen Methoden, was seines Erachtens auch f�r die ELISA-Capture-Methode f�r den Nachweis einer intrathekalen Antik�rpersynthese gegen borrelia burgdorferi gilt.
5.4 Diese Hinweise bieten keinen Anlass zu Zweifeln daran, dass die Einsch�tzung der Gutachter des Spitals X.________, die wesentlich darauf abst�tzte, dass sich in einer detaillierten Liquoranalyse keine pathologischen Befunde zeigten und insbesondere auch keine intrathekale Antik�rper gegen Borrelia burgdorferi nachweisbar waren, richtig ist. Nach den Ausf�hrungen von Frau Dr. med. M.________ soll der von ihr rapportierte zweite Schub der Lyme-Borreliose beim Beschwerdef�hrer im Sommer 1999 ausgebrochen sein, womit bei der Liquorpunktion im Februar 2000 die 6-Monats-Frist, nach der bei den bisherigen Verfahren bei einer Borreliose regelm�ssig intrathekale Antik�rper nachgewiesen wurden, bereits erreicht war. Sogar bei der von Satz als feiner bezeichneten, beim Beschwerdef�hrer angewandten Methoden fanden sich beim Liquoruntersuch keine positiven Ergebnisse. Das Zoologische Institut Q.________ fand im Liquor nach den Methoden Western-Blot und ELISA nur negative Ergebnisse und stellte keine Evidenz f�r den Kontakt mit Erregern der Lyme-Borreliose fest.
5.5 Dem Gutachten des Spitals X.________ ist nicht nur - aber auch - der Vorzug zu geben, weil es auf Grund interdisziplin�rer Untersuchungen auf universit�rer Ebene erarbeitet worden ist und somit die Meinungen verschiedener Fach�rzte in die Beurteilung einfliessen konnten. Demgegen�ber basiert der Bericht von Frau Dr. med. M.________ vom 17. Mai 2000 einzig auf ihren eigenen Untersuchungen. Das Gutachten des Spitals X.________ setzt sich mit diesem Bericht auseinander und begr�ndet nachvollziehbar, weshalb die vom Beschwerdef�hrer geklagten Leiden nicht mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit auf eine Borreliose-Erkrankung zur�ckzuf�hren sind, und es bietet Erkl�rungsans�tze f�r unfallfremde Ursachen an, deren Kl�rung jedoch nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist. Unter den gegebenen Umst�nden ist keine zus�tzliche medizinische Abkl�rung vorzunehmen. In W�rdigung der gesamten Umst�nde ist ein nat�rlicher Kausalzusammenhang zwischen den gesundheitlichen St�rungen des Beschwerdef�hrers und dem gemeldeten Unfallereignis nicht als �berwiegend wahrscheinlich zu betrachten.