Source: https://www.steuerberater-center.de/44519.htm
Timestamp: 2019-02-17 07:31:44
Document Index: 238752006

Matched Legal Cases: ['Art. 60', '§ 62', '§ 64', 'EuG', 'EuG', '§ 62', '§ 64', 'Art. 60', 'EuG', 'EuG']

BFH 4.2.2016, III R 17/13 u.a.
Kindergeld: PersÃ¶nliche Anspruchsberechtigung bei grenzÃ¼berschreitenden Sachverhalten
Die Fiktion des Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009, wonach die Situation der gesamten Familie in einer Weise zu berÃ¼cksichtigen ist, als wÃ¼rden alle Beteiligten unter die Rechtsvorschriften des betreffenden Mitgliedstaats (hier: Deutschland) fallen und dort wohnen, kann dazu fÃ¼hren, dass der Anspruch auf Kindergeld nach Â§Â§ 62 ff. EStG nicht dem in Deutschland, sondern dem im EU-Ausland lebenden Elternteil zusteht. Kann wegen der Trennung der Eltern nicht fingiert werden, dass diese in Deutschland in einem gemeinsamen Haushalt leben, ist nach Â§ 64 Abs. 2 S. 1 EStG der Elternteil kindergeldberechtigt, der das Kind in seinem Haushalt aufgenommen hat.
Der in Deutschland wohnende KlÃ¤ger ist von seiner frÃ¼heren Ehefrau, die zusammen mit dem im April 2000 geborenen gemeinsamen Sohn in Polen lebt, geschieden. Er bezog im streitigen Zeitraum (Januar 2011 bis Oktober 2012) zunÃ¤chst Arbeitslosengeld. Von November 2011 bis zum 11.1.2012 sowie vom 1. bis zum 22.2.2012 war er in Deutschland nichtselbstÃ¤ndig beschÃ¤ftigt, danach bezog er Leistungen nach dem SGB II.
Die frÃ¼here Ehefrau, die polnische StaatsangehÃ¶rige ist, ging in Polen einer ErwerbstÃ¤tigkeit nach. Sie hatte wegen der nach polnischem Recht bestehenden Einkommensgrenze keinen Anspruch auf polnische Familienleistungen fÃ¼r den hier streitigen Zeitraum. Einen Antrag auf Familienleistungen nach deutschem oder polnischem Recht hat sie nicht gestellt. Im August 2012 beantragte der KlÃ¤ger, der die deutsche StaatsbÃ¼rgerschaft besitzt, Kindergeld fÃ¼r seinen Sohn. Die beklagte Familienkasse lehnte den Antrag ab, da die Kindsmutter vorrangig zum Bezug von Kindergeld nach deutschem Recht berechtigt sei.
Das FG gab der hiergegen gerichteten Klage statt und verpflichtete die Familienkasse, Kindergeld fÃ¼r den Sohn ab Januar 2011 zu gewÃ¤hren. Gegen die Entscheidung des FG wendet sich die Familienkasse mit ihrer Revision. Der BFH setzte das Verfahren aus und legte dem EuGH hinsichtlich der sog. Wohnsitzfiktion verschiedene Fragen zur Vorabentscheidung vor. Nach dem Urteil des EuGH hob der BFH das Urteil des FG auf und wies die Klage ab.
Das FG hat zu Unrecht entschieden, dass der Anspruch auf Kindergeld dem KlÃ¤ger zusteht. Vielmehr hat die in Polen lebende Kindsmutter einen vorrangigen Anspruch auf Kindergeld.
Der Anspruch auf Kindergeld nach den Vorschriften des EStG setzt gem. Â§ 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG u.a. voraus, dass der Berechtigte einen Wohnsitz oder seinen gewÃ¶hnlichen Aufenthalt im Inland hat. Kindergeldrechtlich zu berÃ¼cksichtigen sind u.a. Kinder, die - wie der Sohn des KlÃ¤gers - einen Wohnsitz oder ihren gewÃ¶hnlichen Aufenthalt in einem Mitgliedstaat der EU haben. Vorliegend sind die Anspruchsvoraussetzungen nach den nationalen Rechtsvorschriften in der Person des KlÃ¤gers und nicht in der seiner geschiedenen Ehefrau erfÃ¼llt. Letztere lebt in Polen und hat in Deutschland weder einen Wohnsitz noch ihren gewÃ¶hnlichen Aufenthalt.
Dennoch ist die Kindsmutter vorrangig anspruchsberechtigt. Denn nach Â§ 64 Abs. 2 S. 1 EStG wird bei mehreren Berechtigten das Kindergeld demjenigen gezahlt, der das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hat. Die Vorschrift ist anzuwenden, da gem. Art. 60 Abs. 1 S. 2 der VO Nr. 987/2009 zu unterstellen ist, dass die Kindsmutter zusammen mit dem Sohn in einem eigenen Haushalt in Deutschland lebt - eine unionsrechtliche Vereinheitlichung der nationalen Regelungen zur sozialen Sicherheit. Danach ist bei AnsprÃ¼chen auf Familienleistungen in grenzÃ¼berschreitenden Sachverhalten die gesamte Familie so zu behandeln, als wÃ¼rde sie in dem Mitgliedstaat wohnen, dessen Familienleistungen beansprucht werden (Wohnsitzfiktion).
Da das deutsche Kindergeldrecht nicht danach unterscheidet, ob die Eltern eines Kindes verheiratet sind oder nicht, ist auch die geschiedene Ehefrau FamilienangehÃ¶rige. Somit gilt sie als mit dem Kind in Deutschland lebend. Damit steht ihr der Anspruch auf Kindergeld zu, da nach deutschem Recht das Kindergeld bei getrennt lebenden Eltern vorrangig an den Elternteil ausgezahlt wird, der das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hat. Der EuGH bestÃ¤tigte insoweit in seinem Urteil vom 22.10.2015 (C-378/14, Rechtssache Trapkowski), dass die Wohnsitzfiktion zu einem Wechsel der persÃ¶nlichen Anspruchsberechtigung von dem in Deutschland lebenden Elternteil zu dem im EU-Ausland lebenden anderen Elternteil fÃ¼hren kann. Daran Ã¤ndert sich auch dann nichts, wenn der im EU-Ausland lebende Elternteil keinen Antrag auf deutsches Kindergeld gestellt hat.
Inhaltsgleich hat der BFH in einem zweiten Urteil vom 10.3.2016 (III R 62/12) entschieden. Hier lebten die beiden TÃ¶chter des in Deutschland wohnenden KlÃ¤gers bei ihrer in Griechenland lebenden GroÃŸmutter. Nach deutschem Recht kann ein Anspruch auf Kindergeld auch einem GroÃŸelternteil zustehen, der sein Enkelkind in seinen Haushalt aufgenommen hat. Der BFH folgte auch hier dem EuGH-Urteil Trapkowski. Somit war auch hier zu fingieren, dass die GroÃŸmutter mit ihren beiden Enkelinnen in Deutschland lebte. Ein Anspruch auf Kindergeld steht somit ihr zu und nicht dem KlÃ¤ger.
Verlag Dr. Otto Schmidt vom 08.06.2016 12:25
Quelle: BFH PM Nr. 42 vom 8.6.2016