Source: http://www.wif.swiss/prozesse/platzierungsprozess
Timestamp: 2018-02-22 14:19:27
Document Index: 92338148

Matched Legal Cases: ['Art. 310', 'Art. 11', 'Art. 15', 'Art. 25', 'Art. 308', 'Art. 310', 'Art. 311']

Platzierungsprozess - WiF.swiss
Der Platzierungsprozess wird hier verstanden als Zeitraum zwischen einem behördlichen Auftrag oder einem formalen elterlichen Auftrag für eine Fremdplatzierung eines jungen Menschen und dessen Eintritt in ein für seine Bedarfslage geeignetes Angebot (im Heim- oder Pflegekinderbereich).
Dicke Pfeile im Hintergrund: zeigen die Themen „Zusammenarbeit mit jungen Menschen und ihrem Bezugssystem“ und „Fallführung, Fallbegleitung und
Beistandschaft“, die den gesamten Prozess massgeblich mitprägen.
Bis es zur „Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung“ im Auftrag der KESB kommt, waren in den meisten Fällen bereits verschiedene professionelle Akteure involviert. Auch (teil)ambulante Massnahmen kamen davor häufig bereits zum Einsatz. Dieser Schritt steht deshalb immer für eine Zäsur zwischen Prozessen, die eine Kindeswohlgefährdung vermuteten, wahrnahmen und diagnostizierten, und den Prozessen der Platzierung selbst, die darauf folgen. Deshalb werden hier auch Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung als Einheit gedacht.
Die bis hierhin und hieran beteiligten Personen und Vorgehensweisen/Instrumente wie auch die festgehalten Informationen prägen den weiteren Verlauf der Platzierung massgeblich mit. Ab hier startet WiF – die Wissenslandschaft Fremdplatzierung, stets mit dem Bewusstsein, dass das Vorher in die weiteren Überlegungen miteinbezogen werden muss.
Siehe auch: Partizipation
Siehe auch: Zusammenarbeit Fachpersonen
Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung als Nadelöhr?
Falls es zu einer (angeordneten) Platzierung eines jungen Menschen kommt, stellt die Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung eine markante Zäsur dar. Denn die Argumente, die seitens der Behörden (KESB/ Jugendstrafbehörde (JStrB)) für den Entscheid einer Platzierung verwendet werden, basieren massgeblich darauf. Vor allem aus Sicht der jungen Menschen und ihrem Bezugssystem kann dieser Entscheid manchmal auch plötzlich alles nachhaltig verändern. Deshalb kommt den Kindeswohlabklärungsinstrumenten zu Recht auch eine grosse fachliche Aufmerksamkeit zu. Sie teilen den Prozess oft auf in ein davor und ein danach. Zudem abstrahieren sie die Realität und schaffen so stets auch schriftliche Tatsachen für weitere Entscheide.
Risiken beim Einsatz von Abklärungsinstrumenten
Die Notwendigkeit fachlich ausdifferenzierter und auf im Einzelfall angewandter Abklärungsinstrumente scheint gerade auch bezüglich der verantwortungsvollen Entscheidungsfindungen deutlich zu sein. Fachlich ist es deshalb zu begrüssen, dass Abklärungsinstrumente, die empirisch abgesichert und transparent eingesetzt werden, zunehmend auch in der Schweiz ausgearbeitet und eingesetzt werden (vgl. „Weiterführende und vertiefende Literatur zu Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung“)
Wie sich in der Praxis zeigt, können Fachpersonen in einem starken Fokus auf ein Instrument jedoch auch vergessen, dass zur umfassenden Abklärung und Einschätzung auch Bereiche gehören können, die das verwendete Instrument nicht berücksichtigt. Nicht nur was abgeklärt wird, sondern auch wie die Abklärung durch einzelne Fachpersonen vorgenommen wird, sind entscheidende Faktoren. Auch bei Abklärungsinstrumenten können relevante Wissensbestände vergessen gehen, oder aber andere zu sehr gewichtet werden.
Andererseits kommt es auch vor, dass Abklärungen oder Präzisierungen, die auf die entscheidenden Kindeswohlabklärungen oder Bedarfseinschätzungen folgten, einzelne Ergebnisse kritiklos übernehmen. Das kann dazu führen, dass Veränderungen im Umfeld des Kindes übersehen oder die Zusammenarbeit mit den jungen Menschen und ihrem Bezugssystem vernachlässigt wird, weil man sich auf die Ergebnisse der Kindeswohlabklärung beruft, die zu Beginn des Platzierungsprozesses stand. Viele Instrumente verstehen sich jedoch nicht als statische Faktenlieferanten, sondern als Hypothesenbildner.
Siehe auch: Diagnostik und Abklärung
Biesel, Fellmann, Müller, Schär & Schnurr (2017)
Biesel, Jud, Lätsch, Schär, Schnurr, Hauri & Rosch (2017)
Hauri, Jud, Lätsch & Rosch (2016).
Estermann et al. 2016 (S. 198)
Rosch 2012 (S. 433f)
Lätsch, Hauri, Jud & Rosch (2015)
Themenverwandte Literaturhinweise zu Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung
ANGEORDNETE PLATZIERUNG
Kommen durch Behörden beauftragte Kindeswohlabklärungen und Bedarfseinschätzungen zum Schluss, dass das Kindeswohl im bisherigen Umfeld des Aufwachsens (vorübergehend) gefährdet ist, folgt ein behördlicher Entscheid zur Platzierung der jungen Menschen. Angeordnete Platzierungen können entweder als zivilrechtliche Kindesschutzmassnahme durch die KESB (Art. 310 ZGB: Aufhebung des Aufenthaltsbestimmungsrechts) oder als Jugendstrafmassnahme durch die Jugendstrafbehörde/JStrB (Art. 11 Abs. 1 JStG (Strafe zusätzlich zur Schutzmassnahme); Art. 15 ff JStG (Unterbringung); Art. 25ff JStG (Freiheitsentzug)) erfolgen.
Ein zentrales Ziel ist in beiden Fällen die Sicherung des Kindeswohls. Das kann auch gegen den Willen der jungen Menschen und deren Erziehungsberechtigten geschehen. Folglich kann eine angeordnete Platzierung je nach Ablauf für betroffene junge Menschen und deren Bezugssystem einschneidend oder ohnmächtig erlebt werden. Auch deshalb gilt es möglichst nach den Grundsätzen der Subsidiarität, Komplementarität und Verhältnismässigkeit zu handeln. Wichtig ist auch der Grundsatz, dass nach der Platzierung möglichst auf eine Zusammenführung der jungen Menschen und ihres Bezugssystems hingearbeitet wird
Blülle 2013
Häfeli 2016
Rosch & Hauri 2016
Empfehlungen KOKES
Überblick Kindesschutz Schweiz
Themenverwandte Literatur zur angeordneten Platzierung
Behördenentscheid Platzierung KESB / JStrB
Basierend auf den zusammengezogenen Erkenntnissen, Ergebnissen und Empfehlungen der „Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung“ entscheidet die zuständige Behörde (KESB/Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde oder JStrB/Jugendstrafbehörde — beide jeweils in einem Gremium), ob eine Platzierung des Kindes und somit der offizielle Start eines Platzierungsprozesses anzuordnen ist. Falls die Ergebnisse der vorliegenden Abklärungsberichte und Diagnosen diesen Entscheid eindeutig stützen, wird eine Platzierung angeordnet sowie eine erste Finanzierungsfrist festgelegt.
Speziell zu beachten: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
Kommen minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung von Erziehungsberechtigten in der Schweiz an (und wird die Minderjährigkeit im Asylverfahren anerkannt), kommt es zu einer Kombination zwischen einem Behördenentscheid (KESB) mit Einrichtung einer Beistandschaft und dem (Regel-)Platzierungsprozess des Asylverfahrens (Staatssekretariat für Migration). Hier gilt es insbesondere kinderrechtliche Grundsatzfragen in einer doppelten Behördenlogik stets als höchstes Gut zu wahren.
Zur Lage unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge in der Schweiz
Mey & Keller 2016
Mit dem Behördenentscheid für eine Fremdplatzierung wird in der Regel eine Beistandschaft errichtet (Art. 308 Abs. 1 u. 2 ZGB). Falls bereits davor eine Fallführung bestand, kann es auch zur Umwandlung, Anpassung oder Erweiterung der Beistandschaft kommen. Die Beistandschaft hat den Auftrag, im Prozess der Platzierung und Betreuung den jungen Menschen ausdifferenziert und stets bezogen auf den Einzelfall zu vertreten. Hierzu gehören auch die Überwachung seiner Rechte oder auch die Erziehungsberechtigten mit Rat und Tat zu unterstützen. Auf dieser Basis umfasst ihr Mandat die Fallführung bzw. Platzierungsbegleitung.
Bei erheblicher Gefährdung des Kindeswohls kann den Eltern in der Errichtung einer Beistandschaft das Aufenthaltsbestimmungsrecht (Art. 310 ZGB) entzogen werden. Wird gar beiden Eltern die Sorge um das Kind entzogen (Art. 311 ZGB), erhalten die Kinder einen Vormund (ebd.), was allerdings nur sehr selten vorkommt. Die KESB muss im Entscheid-Dispositiv in jedem Falle die Aufgabe des Beistandes und allfällige Beschränkungen der elterlichen Sorge festhalten
Rieder et al. 2016
Rosch und Hauri 2016 (425f.)
Estermann et al. 2016 (198)
Grundlagendokument zur Zusammenarbeit Mandatszentren AJB und KESB ZH (2016)
Beistandschaft im Kindesschutzrecht (kescha)
Die zuständige Behörde (KESB oder JStrB) formuliert jeweils einen ausdifferenzierten, auf den Einzelfall bezogenen Auftrag, den eine Mandatsführung umsetzen wird. Hierfür greift sie zurück auf verfügbare (oder auch ausgewählte) Informationen aus der Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung.
Aus den darin erkannten Ressourcen und Problemkonstellationen seitens der jungen Menschen und ihres Bezugssystems leiten die Behörden die Inhalte des Auftrags ab. Der Auftrag kann aber auch weitere Ausdifferenzierungen, Abklärungsberichte und Diagnosen durch Mandatsführung fordern.
Sobald der Auftrag formuliert ist, wird er an die Stelle(n) oder Person(en) übergeben, die für die konkrete Umsetzung der Kindesschutzmassnahme in Form einer Platzierung zuständig sind. Er stellt die Grundlage des künftigen Mandats, der (zumeist parallel zur Formulierung des Auftrags) errichteten Beistandschaft dar.
Weiterführendes und Vertiefendes zur Formulierung des Auftrags durch KESB/JStrB siehe auch:
Zusammenarbeit Fachpersonen
Eine Präzisierung des Auftrags besteht häufig nicht nur aus einer Ausdifferenzierung der im Auftrag genannten Themen und Ziele. Sie beinhaltet stets auch die Möglichkeit einer kritischen Reflexion darüber, wie, warum und wer zu den vorliegenden Themen im Auftrag gelangt ist – und welche ggf. noch fehlen. Falls eine fundierte Präzisierung des Auftrags notwendig wird um mit einer fallbezogenen Suche eine Platzierungsortes beginnen zu können, führen unterschiedliche fachliche Haltungen, Vorstellungen, Gewichtungen und Methoden immer wieder auch zu unterschiedlichem Fallverstehen und unterschiedlichen Auftragsvorstellungen. Falls dies eintrifft, ist es Aufgabe der fallführenden Person/Stelle diese Differenzen im Sinne eines ganzheitlichen Fallverstehens aufeinander zu beziehen, anstatt sie gegeneinander auszuspielen. Beiständinnen und Beistände können Anträge auf weitere Auftragsinhalte stellen.
Kritische Reflexionen zusammen mit den jungen Menschen und ihrem Bezugssystem gestalten
Die Zusammenarbeit mit jungen Menschen und ihrem Bezugssystem stellt neben fachlichen Argumenten ein zentrales Bestandteil der kritischen Reflexion dar. Wie sich in der Praxis zeigt, kann ungenügende Zusammenarbeit zu Rückzug, Furcht oder zum Einschalten eines Anwalts führen. Das erschwert eine gemeinsame, kritische Reflexion der Auftragsinhalte zusätzlich.
Hingegen helfen Qualitätsstandards wie bspw. Quality for Children jungen Menschen und ihrem Bezugssystem kritische Fragen zu stellen. In Bezug auf Information und Beratung von Personen, die von einer Massnahme des Kindes- oder des Erwachsenenschutzes betroffen sind und die direkt betreffende Auftragsinhalte nicht verstehen, infrage stellen oder kritisieren, gibt es zudem seit 2017 auch die Anlaufstelle kescha.
Zur Rollenklärung zwischen KESB als Auftraggebende und Beiständinnen und Beistände als Auftragnehmende
Der formale Ablauf des Platzierungsprozesses hält fest, dass die KESB dem Beistand/der Beiständin den ausdifferenzierten Auftrag zur Platzierung des Kindes/der Jugendlichen erteilt. Wie das Mandat geführt wird, ist hingegen Sache der Beiständinnen und Beistände, wodurch der Auftrag fachlich gesehen zu einem gemeinsamen Auftrag der KESB und der Mandatsführung wird, und nicht zu einer Unterordnung. Wie sich in Forschung und Praxis zeigt, gibt es in diesem dynamischen Auftragsverhältnis im Sinne einer Wahrung von Fachlichkeit noch verschiedene Klärungsbedarfe.
Becker-Lenz et al. (2017)
Messmer (2017)
Eberitzsch et al. (2017)
Zur Vertiefung des Themas siehe auch: Diagnostik und Abklärung
Die Fallführung, Fallbegleitung oder die Beistandschaft, die den Auftrag der Platzierung eines jungen Menschen ausführt, startet in der Regel damit, den Auftrag sowie gegebenenfalls weiterführende Erkenntnisse aus Abklärungen für eine angemessene Umsetzung zu konkretisieren. Das Ziel der Präzisierung ist es, jeweils eine detaillierte Passung zwischen (interdisziplinären) Auftragsinhalten, Bedürfnissen der jungen Menschen und ihrem Bezugssystem sowie bestehenden Angeboten auszuarbeiten. Je nach Dringlichkeit und Komplexität des Falls sowie Ausarbeitungsgrad des Auftrags, ist eine Präzisierung in wenigen Arbeitsschritten gemacht oder aber bedarf aus fachlicher Sicht weiterer Abklärungsberichte und Diagnosen sowie kritischer Reflexionen.
Präzisierungen sind sowohl in angeordneten wie auch nichtangeordneten Platzierungen wichtige Bestandteile des Prozesses. Deshalb werden diese zwei unterschiedlichen Prozesswege ab diesem Prozessschritt auch zusammengeführt.
Weiterführendes und Vertiefendes zur Präzisierung des Auftrags findet sich auch in den Themen:
Nach der Präzisierung des Auftrags bzw. als Ergebnis der Präzisierung besteht für die Fallführung auch die Möglichkeit die weiteren Prozessschritte (Angebotssuche, Entscheidung über Platzierungsort, Aufnahmeprozess) durch Dienstleistungsanbieter durchführen zu lassen. Hierbei kann unterschieden werden zwischen DAF (Dienstleistungsanbietern in Familienpflege – oft Familienplatzierungsorganisationen bzw. FPO) und Dienstleistungsanbietern ausserhalb Familienpflege. Entgeltliche wie auch unentgeltliche Dienstleistungsanbieter sind in der Regel gegenüber der zentralen kantonalen Behörde meldepflichtig und deren Aufsicht unterstellt.
Weiterführendes und Vertiefendes zum Thema der Prozessbegleitung durch Dienstleistungsanbieter:
Dienstleistungsanbietern in Familienplatzierung
PAVO 4a. Abschnitt: Dienstleistungsangebote in der Familienpflege
Welche Form der Platzierung den Bedarfslagen, Bedürfnissen und Zielen der jungen Menschen am meisten entspricht, wird idealerweise in einer kritischen Übersetzung aller bisherigen Erkenntnisse auf den individuellen Fall abgeleitet. Entsprechend ist die Angebotslandschaft nach Angeboten abzusuchen, die die definierten Ansprüche abdecken. Die Suche basiert einerseits auf bisherigem Erfahrungswissen der fallführenden Person oder Stelle, andererseits aber auch auf Anfragen bisher nicht bekannter Angebote, die gesuchte Bedingungen anbieten. Diese Auswahl dient als Grundlage der tatsächlichen Entscheidung über den Platzierungsort.
Die Auswahl ist aber nicht als abschliessend und unveränderbar anzusehen, sondern bleibt offen für weitere.
Weiterführendes und Vertiefendes zum Thema der Angebotssuche und -auswahl findet sich in den Themen:
Übersicht Angebote von casadata
Häufige Herausforderungen in der Angebotssuche
Wie sich in der Praxis zeigt,
entsteht die Angebotsauswahl schliesslich zu oft noch auf pragmatischen anstatt auf einzelfallbezogenen Erkenntnissen (bspw. da, wo es Platz hat, wo man jemanden kennt). Die ausdifferenzierten Abklärungsberichte und Diagnosen oder umsichtig aufgegleiste Zusammenarbeit mit jungen Menschen und ihrem Bezugssystem können dann – falls vorhanden – im Missverhältnis zur geringen Differenzierung der pragmatischen Angebotssuche stehen.
Gleichzeitig besteht ein Teil des professionellen Handelns auch darin, dass man sich auch auf individuelles Erfahrungswissen der Fachpersonen verlässt: Das Wissen über das „Innenleben“ von Angeboten ist mehr als „nur“ das Wissen über Angebote, das auf Konzepten oder Internetseiten basiert. Hinzu kommt, dass sich das „Schnuppern“ der jungen Menschen und entsprechend auch die gesamte Übergangsgestaltung manchmal schwierig gestalten, bspw. wegen fehlender Ressourcen bei Angeboten. Schliesslich kommt (spätestens) in dieser Phase auch immer wieder die polarisierende Frage nach Heim oder Pflegefamilie auf.
Weiterführendes und Vertiefendes zu häufigen Herausforderungen in der Angebotssuche:
Pflegefamilie oder Heim? (Blülle 2013)
Die Zusammenarbeit mit den jungen Menschen und ihrem Bezugssystem – von Beginn an – ist zentral wichtig für den Verlauf und die Wirkung der gesamten Platzierung. Sie ist deshalb in allen Prozessschritten und auch bei komplexen Bezugssystemen angemessen zu unterstützen und zu fördern.
Wie sich in der Praxis zeigt, kann vor allem bei unterschiedlicher Wahrnehmung der Ist- und Soll-Situation die Zusammenarbeit eine grosse Herausforderung darstellen. Die Fachpersonen müssen im Kontext von Hilfe und Kontrolle teils mit Widerstand, und Konfrontation umgehen, aber insbesondere auch an der Lebenswelt und den Wünschen der jungen Menschen und ihres Bezugssystems anschliessen. So können Widerstände teils genau die Themen sichtbar machen, an denen gearbeitet werden muss. Ziel ist es dabei immer „mit“ und nicht nur „über“ die jungen Menschen und ihr Bezugssystem zu einem möglichst lebensweltnahen Fallverstehen und – daraus abgeleitet – zu angemessenen Entscheidung zu kommen.
Grundlegende Erkenntnisse zur Zusammenarbeit mit den jungen Menschen und ihres Bezugssystems im Rahmen von Fremdplatzierungen finden sich im Thema Partizipation.
Im Betreuungsprozess muss die Zusammenarbeit mit den jungen Menschen und ihres Bezugssystems im jeweiligen Einzelfall sichergestellt werden:
Die umfassende Partizipation der jungen Menschen wird durch die Fachpersonen am Betreuungsort sowie durch die Beistandschaft und/oder fallführende Fachperson der platzierenden Stellen gefördert und gewährleistet.
Mitrovic, Jud & Rosch der in der nächsten Ausgabe der ZKE
Fremdplatzierungen von jungen Menschen müssen hohen fachlichen Ansprüchen genügen und kosten deshalb in der Regel viel Geld. Je nach Platzierungsgrund müssen oder sollten Gemeinde, Kanton und/oder der Bund dafür aufkommen. Die Erziehungsberechtigten sind nämlich selten in der Lage die Kosten für die Platzierung selbst zu tragen. In der jeweiligen Ausgestaltung der Finanzierung gibt es (kantonal) jedoch sehr unterschiedliche Modelle (siehe z.B. Bretscher 2015, S. 25ff).
Auch wenn die Fachlichkeit als entscheidendes Argument für eine Fremdplatzierung eines jungen Menschen gilt, wird sowohl bei angeordneten wie auch bei nichtangeordneten Massnahmen schliesslich zwischen Aufwand und prognostiziertem Ertrag abgewogen. Die involvierten Akteure und entsprechend auch ihre Argumente haben dabei aber ein unterschiedliches Gewicht.
Das starke ökonomische Argument
Bei nichtangeordneten Platzierungen kommt je nach Kanton der jeweiligen Gemeinde bzw. der verantwortlichen Schulbehörde die definitive Entscheidung über die Finanzierung der massgeschneiderten Platzierung zu. Bei angeordneten Platzierungen durch KESB oder Jugendstrafbehörde (JStrB) sollten die Kosten für eine nachweislich geeignete Platzierung gedeckt sein.
Wie sich in der Praxis zeigt, können Gemeinden je nach Kanton auch bei angeordneten Platzierungen den Platzierungsprozess beeinflussen oder hemmen.
Sobald die Entscheidung unter (bestmöglicher) Beteiligung der jungen Menschen und ihres Bezugssystems sowie der Heime bzw. Pflegefamilien getroffen werden konnte, beginnt die Aufnahmephase. Dessen Ausgestaltung ist abhängig von vorgesehenen Abläufen bzw. individuellen Ausgestaltungsmöglichkeiten seitens der Angebote und seitens der platzierenden Stelle. Sie sollte jedoch auch den Bedingungen und Erwartungen der Kinder und Jugendlichen selbst angepasst sein.
Der Übergang stellt für Kinder und Jugendliche sowie deren Familiensystems häufig eine hoch sensible und für den weiteren Verlauf entscheidende Phase in Bezug auf Kontinuitäten/Diskontinuitäten dar. Die Übergänge müssen deshalb umsichtig ausgestaltet (vgl. Thema Partizipation) und in Bezug auf Verantwortungs- und Rollenbereiche deutlich mit bisherigen und neu involvierten Akteuren (vgl. Thema Zusammenarbeit der Fachpersonen) geklärt werden.
Köngeter et al.
Gabriel & Keller
Themenverwandte Literatur zum Übergang im Betreuungsprozess: Ziel: Thema „Partizipation/Materialien“)
Wie sich in der Praxis zeigt, können geringe Stellenprozente pro Mandat – oft pro Fall ein Stellenprozent – wie auch die Position zwischen Auftraggebenden und den jungen Menschen bei den Fallführenden zu Belastungen führen. Immer wieder müssen auch Abstriche in der fachlichen Ausgestaltung gemacht werden.
Im Pflegekinderbereich wird deshalb über die Einstellung von Vertrauenspersonen für Pflegekinder diskutiert.
Im Jugendstrafrecht ist die Fallführung eindeutig der Jugendanwaltschaft (bzw. je nach Kanton dem Jugendgericht) zugeordnet. Bei nichtangeordneten Platzierungen übernimmt die Fallführung in der Regel eine hierfür spezialisierte Stelle. Kriterien, die gemäss Blülle (2013) auf eine nichtangeordnete oder angeordnete Fallführung schliessen lassen, finden sich hier (Blülle 2013, S. 38))
Der zuständigen Behörde wie auch der mandatierten Fallführung steht es offen für den Entscheid über eine Platzierung und/oder für die Formulierung eines Auftrags weitere Fachpersonen beizuziehen. Diese können entweder die am Fall Beteiligten bereits länger fachlich beraten und begleitet haben (bspw. Schulsozialarbeit, Sozialpädagogische Familienbegleitung) oder ein spezifisches Fachwissen zur vorliegenden Konstellation, zur Problemstellung (bspw. Diagnosegruppe) oder zum Umgang mit akuten Krisen (bspw. Krisengruppe) aufweisen.
Wie sich in der Praxis zeigt, ist besonders im Übergang zum Betreuungsprozess dringend zu klären, wer was unter „Fallführung“ versteht, welche Rollen die Fachpersonen nun in Bezug auf Fallführung einnehmen und welche Erwartungen damit im Zusammenhang stehen.
Siehe auch: Zusammenarbeit Fachpersonen.
Im Betreuungsprozess ist in der Praxis häufig zu beobachten, dass platzierende Fachpersonen ihre Aufgaben zur Umsetzung einer Platzierung zuverlässig wahrnehmen. Nach der Aufnahme eines jungen Menschen am Platzierungsort wird ihre Rolle aber in vielen Fällen diffuser. Entgegen dem oben genannten Grundsatz, unterbleiben teils Aktivitäten zur Platzierungsbegleitung ganz oder die Fachpersonen ordnen sich der Handlungslogik des Platzierungsortes unter. Das kann dazu führen, dass eine Platzierung und zukünftige Entscheidungen von den Heimen, Dienstleistungsanbietern in der Familienpflege (DAF) oder Pflegefamilien gesteuert werden und der «Grundsatz der Fallführung» unterlaufen wird.
Hilfreich zur Reflexion der Strukturqualitäten einer Platzierungsbegleitung ist folgende Auflistung von Blülle (2013) (Blülle 2013, S. 44).
Wie sich in der Praxis zeigt, ist die Frage nach Fallführung bei nichtangeordneten Platzierungen häufig ungeklärt. Entsprechend kann es zur Situation kommen, dass niemand offiziell „den Hut aufhat“ und das Wissen bzw. Entscheidungsgrundlagen transparent und partizipativ zusammenführt. Die gilt es im besten Interesse des Kindes zu verhindern.
Weiterführendes und Vertiefendes zur Fallführung im Betreuungsprozess findet sich auch hier:
Ausgelöst durch den formalen Auftrag der Erziehungsberechtigten sowie in Bezugnahme auf bisherige Interventionen und Wissensbestände, startet eine hierfür spezialisierte Stelle (zum Beispiel Sozialdienst) oder Person (zum Beispiel freiwilliger Beistand) den operativen Teil des Platzierungsprozesses. Die spezialisierten Stellen sind je nach Kanton und Gemeinde anders definiert und (fachlich wie auch personell) ausgestattet. Ihre Kompetenzen müssten aber denjenigen einer fachlichen Fallführung, Fallbegleitung und Beistandschaft entsprechen. So ist die spezialisierte Stelle nicht nur zuständig für Abklärungen und Bedarfseinschätzungen, die die Suche nach einem Platzierungsort inhaltlich leiten. Sie soll auch die weiteren Platzierungsprozesse sowie die Zusammenarbeit aller Beteiligten koordinieren und verantworten.
Wie sich in der Praxis zeigt müssen die Verantwortungsbereiche und Rollen zwischen Gemeinden oder Schulgemeinden, Erziehungsberechtigten und weiteren Fachpersonen immer wieder ausgehandelt und für alle nachvollziehbar gemacht werden.
Damit es zu einer nichtangeordneten Platzierung kommt, muss von den Erziehungsberechtigten der jeweiligen jungen Menschen formal ein Antrag gestellt oder ein solcher zumindest formal unterzeichnet werden. Entweder übernimmt basierend auf diesem Antrag eine hierfür spezialisierte Stelle, die je nach Kanton anders definiert und ausgestattet wird, die notwendigen Abklärungen und Bedarfseinschätzungen. Oder basierend auf ihrer Abklärung und Bedarfseinschätzung wird ein Antrag erstellt. Auch die weitere Koordination des Platzierungsprozesses und der Zusammenarbeit aller Beteiligten liegt dann (in den meisten Kantonen) bei derselben Stelle.
Informelle Hintergründe des formalen Auftrags
Im Unterschied zur rechtlich angeordneten Platzierung sind in dieser Entscheidung offiziell weder KESB noch Jugendstrafbehörde (JStrB) involviert. Es kommt zu keinem Rechtsspruch. Teilweise können sie aber im Rahmen von bisherigen ambulanten Massnahmen, Abklärungen oder Empfehlungen beteiligt gewesen sein. Schulbehörden oder Sozialdienste der Gemeinden hingegen sind meistens an den Entscheidungsprozessen beteiligt – insbesondere auch bezüglich der Finanzierungsfragen. Denn obschon die Erziehungsberechtigten in jeder nichtangeordneten Platzierung über den Aufenthaltsort ihres Kindes bestimmen können: Konkret sind ihre Bestimmungs- und Entscheidungsmöglichkeiten eng gebunden an fachliche Erkenntnisse spezialisierter Stellen und an Kostenfragen bspw. seitens der Sozialbehörden der Gemeinden. Denn es ist für Privatpersonen kaum möglich, finanziell vollumfänglich für eine Fremdplatzierung aufzukommen. Deshalb wird hier auch vom „formalen Auftrag“ durch Erziehungsberechtigte gesprochen. Denn der Auftrag kann auch die Konsequenz einer engen fachlichen Begleitung oder eines behördlichen Drucks darstellen und von weiteren Interessensgruppen getragen sein
Thema Zusammenarbeit Fachpersonen
Rosch & Hauri 2016 (S. 406)
NICHTANGEORDNETE PLATZIERUNG
Nichtangeordnete Platzierungen erfolgen zumeist auf der Basis von erkannten Problemkonstellationen und Bedarfslagen im bisherigen Umfeld des Aufwachsens eines jungen Menschen. Diese Problemkonstellation kann durch erziehungsberechtigte Personen, Fachpersonen privater oder öffentlicher Angebote, Schulen und Gemeinden oder auch durch Kinder und Jugendliche selbst erkannt werden. Auch eine durch Behörden beauftragte Kindeswohlabklärung, deren Ergebnis keine Platzierung empfahl, kann eine Problemkonstellation deutlich machen und so zu einer nichtangeordneten Platzierung führen. Im Unterschied zur angeordneten Platzierung geben hier Erziehungsberechtigte formal den Auftrag für eine Platzierung.
Der formale Auftrag der Erziehungsberechtigten
Häufig kommt es nicht ohne weitere Einflüsse zu einem formalen Auftrag durch Erziehungsberechtigte. So können sich Erziehungsberechtigte entweder mit einem entsprechenden Vorschlag von Fachpersonen aus den Feldern Kindesschutz oder Schule einverstanden zeigen. Oder aber sie fühlen sich unter Druck gesetzt und dazu gezwungen — trotz der offiziell nichtangeordneten Massnahme. In jedem Falle wird für weitere Entscheidungen im Platzierungs- und Betreuungsprozess eng mit den Erziehungsberechtigten zusammengearbeitet. Dies trifft im besten Falle natürlich auch auf die jungen Menschen zu (vgl. Thema Partizipation).
Das Einverständnis der Kinder und Jugendlichen ist aber keine Voraussetzung für eine nichtangeordnete Platzierung.
Dennoch werden nichtangeordnete Platzierungen oft auch „freiwillige Platzierungen“ genannt. Diese Bezeichnung gibt vor allem die rechtliche Differenz zwischen angeordneten und nichtangeordneten Platzierungen wieder, kann aber auch missverständlich sein.
Ungeklärte Fallführung bei nichtangeordneten Platzierungen?
Wie sich in der Praxis zeigt, besteht eine zentrale Herausforderung nichtangeordneter Platzierunge darin, dass die Rollen aller Beteiligten (Erziehungsberechtigte, unterschiedliche fachliche Stellen, je nachdem unterschiedliche Beistandschaften) möglichst frühzeitig explizit geklärt werden müssen. Damit zusammen hängen auch gelegentliche Unsicherheiten über die Verbindlichkeit von Hilfeplänen und Zielsetzungen im Betreuungsprozess seitens der Angebote wie auch seitens der jungen Menschen.
Themenverwandte Literaturhinweise zur nichtangeordneten Platzierung
Bis eine nichtangeordnete Platzierung durch einen formalen Auftrag der Erziehungsberechtigten angestossen wird, bestehen zumeist aus verschiedenen Blickwinkeln bereits Problemkonstellationen, die von den Akteurinnen und Akteuren selbst nicht mehr gelöst werden können. Diese Problemkonstellationen können sich aus umwelt- und/oder personenbezogenen Merkmalen im nahen Bezugssystem der jungen Menschen, in der Schule oder in anderen Kontexten zusammensetzen. Dass ein Bedarf für eine Platzierung besteht, darauf können Kinder und Jugendliche, oder Erziehungsberechtigte selbst, Schulsozialarbeitende oder -psychologen, aber auch Fachpersonen ambulanter Massnahmen oder der KESB und Jugendstrafbehörde (JStrB) hinweisen. Auch wenn oft sehr ähnliche Stellen und Fachpersonen involviert sind: Wichtig ist, dass im Unterschied zur angeordneten Platzierung Erziehungsberechtigte die Problemkonstellation – zumindest formell – anerkennen und ihr Interesse an einer Lösung einbringen. Rechtlich gesehen behalten sie so nämlich die Entscheidungsmacht und müssen folglich einer Platzierung zustimmen und diese in Auftrag geben.
Zur Herausforderung Problemkonstellationen zu erfassen und zu verstehen
Wie sich in der Praxis zeigt, ist häufig unklar, wer einen Überblick über die vielen heterogenen Erfahrungen und Wissensschätze behält, die zum Erkennen und Definieren einer Problemkonstellation geführt haben. Deshalb kann es bis zum offiziellen Start eines nicht angeordneten Platzierungsprozesses auch zu Redundanzen, Widersprüchen, Missverständnissen oder auch zu fehlendem Austausch zwischen den Beteiligten kommen. Dies gilt es zu verhindern, damit der Fokus auf das beste Interesse des Kindes in einer nichtangeordneten Platzierung nicht verloren geht.
Um die jeweilige Bereitschaft der Kinder, Jugendlichen und ihres Bezugssystems hinsichtlich Zusammenarbeit in den Prozessschritten nicht falsch zu verstehen, ist es wichtig, mehr über deren Zusammenarbeitserfahrungen in vorangegangenen Interventionen oder Abklärungen zu erfahren. So lassen sich eventuell auch unangebracht wirkende Reaktionen oder Forderungen besser verstehen bzw. Missverständnisse, die eine Zusammenarbeit im Platzierungs- und Betreuungsprozess hemmen, verhindern.
Der Prozess zur Platzierung junger Menschen kann auf zwei unterschiedliche Wege gestartet werden: Entweder wird er gestartet, wenn eine Kindeswohlabklärung und Bedarfseinschätzung eine Kindeswohlgefährdung feststellt (bei rechtlich angeordneter Platzierung). Oder eine Problemkonstellation im familären Umfeld führt dazu, dass formal die Eltern die Platzierung ihres Kindes in Auftrag geben bzw. sich mit einer Platzierung einverstanden erklären (bei rechtlich nicht angeordneter Platzierung). Das Ziel des Platzierungsprozess ist das gemeinsame Finden eines passenden Ortes des Aufwachsens für Kinder und Jugendliche. Der neue Ort muss die Bedarfslagen der jungen Menschen unter verschiedenen Blickwinkeln erkennen und ihr Wohl sichern können. Formell geht der Platzierungsprozess spätestens ab der Ankunft der jungen Menschen am neuen Platzierungsort in den Betreuungsprozess über. Platzierungsprozesse können sich über Monate hinziehen oder müssen bspw. bei einer Notfallplatzierung in nur wenigen Stunden abgewickelt werden. Insbesondere wenn der Platzierungsprozess unter hohem Zeitdruck stattfindet, sind gewisse Prozessschritte teilweise später, während des Betreuungsprozesses, noch nachzuholen.