Source: https://www.rechtslupe.de/familienrecht/versorgungsausgleich-und-der-verminderte-zugangsfaktor-3100797
Timestamp: 2020-07-07 07:30:30
Document Index: 94284156

Matched Legal Cases: ['§ 27', '§ 1', '§ 3', '§ 10', '§ 39', '§ 43', '§ 41', '§ 39', '§ 5', '§ 77', '§ 63', '§ 63', '§ 77', '§ 63', '§ 109', '§ 39', '§ 39', '§ 43', 'BGH', 'BGH', '§ 1587', '§ 27', '§ 27', '§ 27', '§ 27', '§ 27', 'BGH', '§ 43', '§ 5', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 41', 'BGH', '§ 27', 'BGH', '§ 27', 'BGH', '§ 1587', '§ 43']

Versorgungsausgleich - und der verminderte Zugangsfaktor | Rechtslupe
Versorgungsausgleich - und der verminderte Zugangsfaktor
Ver­sor­gungs­aus­gleich – und der ver­min­der­te Zugangs­fak­tor
Nach dem ab 01.09.2009 gel­ten­den Recht des Ver­sor­gungs­aus­gleichs erfolgt die Durch­füh­rung des Aus­gleichs einer Anwart­schaft in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung allein nach den erziel­ten Ent­gelt­punk­ten. Ein ver­min­der­ter Zugangs­fak­tor des Aus­gleichs­pflich­ti­gen auf­grund vor­zei­ti­gen Ruhe­stands bleibt unbe­rück­sich­tigt. In Här­te­fäl­len kommt unter Umstän­den eine Kor­rek­tur nach § 27 VersAus­glG in Betracht.
Gemäß § 1 VersAus­glG sind im Ver­sor­gungs­aus­gleich die in der Ehe­zeit erwor­be­nen Antei­le von Anrech­ten jeweils zur Hälf­te zwi­schen den geschie­de­nen Ehe­gat­ten zu tei­len. Die Ehe­zeit beginnt mit dem ers­ten Tag des Monats der Ehe­schlie­ßung und endet am letz­ten Tag des Monats vor Zustel­lung des Schei­dungs­an­trags, § 3 Abs.1 VersAus­glG. Nach § 10 Abs. 1 VersAus­glG über­trägt das Fami­li­en­ge­richt für die aus­gleichs­be­rech­tig­te Per­son zulas­ten des Anrechts der aus­gleichs­pflich­ti­gen Per­son ein Anrecht in Höhe des Aus­gleichs­wert bei dem Ver­sor­gungs­trä­ger, bei dem das Anrecht der aus­gleichs­pflich­ti­gen Per­son besteht (inter­ne Tei­lung). Die Bewer­tung der aus­zu­glei­chen­den Anwart­schaft rich­tet sich nach §§ 39 ff. VersAus­glG. Für Anrech­te aus der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung gel­ten die Grund­sät­ze der unmit­tel­ba­ren Bewer­tung, § 43 Abs.1 VersAusgl, auch für ein Anrecht in der Leis­tungs­pha­se, also bei Bezug einer Ren­te, § 41 Abs.1 VersAus­glG. Gemäß § 39 Abs. 1 VersAus­glG ent­spricht daher der Wert des Ehe­zeit­an­teils dem Umfang der auf die Ehe­zeit ent­fal­len­den Bezugs­grö­ße. Gemäß § 5 Abs. 2 S. 1 VersAus­glG ist maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Bewer­tung das Ende der Ehe­zeit.
Ent­spre­chend § 77 Abs. 2 Ziff. 2b SGB VI erfolgt im Fall der vor­zei­ti­gen Inan­spruch­nah­me der Alters­ren­te eine Ver­min­de­rung des Zugangs­fak­tors für jeden Kalen­der­mo­nat um 0, 003, aus­ge­hend von einem Zugangs­fak­tor von 1, 0. Die­se durch den ver­min­der­ten Zugangs­fak­tor ver­rin­ger­te lau­fen­de Ren­te ist aber nicht dem Ver­sor­gungs­aus­gleich zugrun­de zu legen, son­dern allein die wäh­rend der Ehe­zeit erwor­be­nen Ent­gelt­punk­te.
Nach dem Sys­tem des Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ge­setz wer­den die in der Ehe­zeit erwor­be­nen gesetz­li­chen Ent­gelt­punk­te als maß­geb­li­che Bezugs­grö­ße aus­ge­gli­chen [1]. Nach dem 6. Sozi­al­ge­setz­buch ist zu unter­schei­den zwi­schen dem Erwerb von Ent­gelt­punk­ten (§ 63 Abs. 2 SGB VI) und der erst in einem wei­te­ren Schritt vor­zu­neh­men­den Mul­ti­pli­ka­ti­on mit dem Zugangs­fak­tor, einem indi­vi­du­el­len Para­me­ter, wel­cher an die ren­ten­be­rech­tig­te Per­son gebun­den ist, zur Ermitt­lung der per­sön­li­chen Ent­gelt­punk­te zur Bemes­sung der dem Ver­si­cher­ten indi­vi­du­ell zuste­hen­den Ren­te (§§ 63 Abs. 5, 64 Nr. 1 SGB VI). Der Zugangs­fak­tor nach § 77 SGB VI soll die finan­zi­el­len Aus­wir­kun­gen einer unter­schied­lich lan­gen Ren­ten­be­zugs­dau­er infol­ge der vor­zei­ti­gen bzw. hin­aus­ge­scho­be­nen Inan­spruch­nah­me der Alters­ren­te aus­glei­chen, vgl. § 63 Abs. 5 SGB VI. Der Bestand der Ent­gelt­punk­te aber ver­än­dert sich durch eine vor­zei­ti­ge Inan­spruch­nah­me der Ren­te nicht. Ent­spre­chend § 109 Abs. 6 SGB VI errech­nen sich die gemäß § 39 VersAus­glG zu ermit­teln­den Ent­gelt­punk­te aus der Berech­nung einer Voll­ren­te wegen Errei­chens der Regel­al­ters­gren­ze [2]. Der Ehe­zeit­an­teil von Anrech­ten in der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung ist unmit­tel­bar zu bewer­ten, § 39 Abs. 2 Nr 1 i.V.m. § 43 Abs. 1 VersAus­glG. Auch bei einer lau­fen­den Ren­te sind Tei­lungs­ge­gen­stand die Ent­gelt­punk­te, nicht der tat­säch­li­che oder fik­ti­ve Ren­ten­be­trag im Leis­tungs­fall. Der Zugangs­fak­tor bleibt daher gene­rell außer Betracht [3]. Weil der ehe­zeit­li­che Ver­sor­gungs­er­werb auf der Basis der jewei­li­gen Bezugs­grö­ße aus­zu­glei­chen ist und die Ren­ten­hö­he kei­ne Rol­le spielt, ent­spricht es dem Wil­len des Gesetz­ge­bers [4], den Ver­sor­gungs­ab­schlag als Fol­ge vor­zei­ti­ger Inan­spruch­nah­me der Ver­sor­gung unbe­ach­tet zu las­sen.
Der Gesetz­ge­ber hat das Pro­blem der Regel­al­ters­gren­ze gese­hen [4] und ist der vom BGH zum frü­he­ren Recht ent­wi­ckel­ten Recht­spre­chung nicht gefolgt. Der BGH hat­te ent­schie­den, dass zur Wah­rung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes § 1587a Abs. 2 Nr. 2 BGB a.F. ver­fas­sungs­kon­form dahin aus­zu­le­gen ist, dass der Zugangs­fak­tor bei der Berech­nung des Ehe­zeit­an­teils nur dann und nur inso­weit außer Betracht bleibt, als die für sei­ne Her­ab­set­zung maß­geb­li­chen Zei­ten vor­zei­ti­gen Ren­ten­be­zugs nicht in der Ehe­zeit zurück­ge­legt wor­den sind [5]. Nach der Neu­re­ge­lung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs fin­det der Aus­gleich der ehe­zeit­lich erlang­ten Ver­sor­gungs­an­wart­schaf­ten aber allein auf der Basis der jewei­li­gen Bezugs­grö­ßen, bei der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung also auf der Basis von Ent­gelt­punk­ten, statt, die Ren­ten­hö­he spielt kei­ne Rol­le. Ohne Rele­vanz ist daher auch, ob der vor­zei­ti­ge Leis­tungs­be­zug vor oder nach Ehe­zei­t­en­de erfolgt [6]. Eben­so erfolgt kei­ne Dif­fe­ren­zie­rung danach, ob der vor­zei­ti­ge Ren­ten­ein­tritt vom gemein­sa­men Wil­len der Ehe­gat­ten getra­gen war, sofern die vor­zei­ti­ge Ren­te bereits vor dem Ehe­zei­t­en­de in Anspruch genom­men wor­den ist, zumal die mit der Fra­ge, ob der vor­zei­ti­ge Ren­ten­ein­tritt ein­ver­nehm­lich erfolgt ist, unzwei­fel­haft mit Beweis­schwie­rig­kei­ten ver­bun­den ist und die­se im for­ma­li­sier­ten Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren nur schwer zu hand­ha­ben sind [7].
Eine Kor­rek­tur der Ent­schei­dung aus Bil­lig­keits­grün­den nach § 27 VersAus­glG erfolgt nicht.
Grund­sätz­lich ist in den Fäl­len des vor­zei­ti­gen Ren­ten­be­zugs eine wer­ten­de Kor­rek­tur im Rah­men des § 27 VersAus­glG mög­lich [8], ins­be­son­de­re wenn eine erheb­li­che Ver­let­zung des Halb­tei­lungs­grund­sat­zes durch die Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Zugangs­fak­tors ent­steht [9]. Aller­dings kann die­ses nur in beson­de­ren Ein­zel­fäl­len erfol­gen, da nach § 27 VersAus­glG eine Kor­rek­tur nur bei gro­ber Unbil­lig­keit in Betracht kommt. Eine gro­be Unbil­lig­keit liegt nur dann vor, wenn und soweit bei Abwä­gung der gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­falls die rein sche­ma­ti­sche Durch­füh­rung des Wert­aus­gleichs unter den beson­de­ren Gege­ben­hei­ten des kon­kre­ten Fal­les dem Grund­ge­dan­ken des Ver­sor­gungs­aus­gleichs, näm­lich eine dau­er­haft gleich­mä­ßi­ge Teil­ha­be bei­der Ehe­gat­ten an den in der Ehe­zeit auf­grund einer gemein­sa­men Lebens­leis­tung ins­ge­samt erwor­be­nen Anwart­schaf­ten zu gewäh­ren, in uner­träg­li­cher Wei­se wider­sprä­che und nicht zu einer ange­mes­se­nen sozia­len Siche­rung bei­der Ehe­gat­ten führ­te [10]. Die­ses ist der Fall, wenn die sys­te­ma­ti­sche Durch­füh­rung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs zu einem erheb­li­chen und damit grob unbil­li­gen wirt­schaft­li­chen Ungleich­ge­wicht zwi­schen den Ehe­gat­ten führt [11]. Aller­dings sol­len über § 27 VersAus­glG nicht sämt­li­che sys­tem­be­ding­te Ungleich­be­hand­lun­gen bzw. Belas­tun­gen kor­ri­giert wer­den [12]. Die Här­te­klau­sel dient nicht einer gene­rel­len Kor­rek­tur der Ergeb­nis­se eines nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten durch­ge­führ­ten Ver­sor­gungs­aus­gleichs, son­dern sie ist nur im Ein­zel­fall anzu­wen­den, wenn nach Abwä­gung aller Umstän­de eine Her­ab­set­zung des Aus­gleichs gebo­ten erscheint [13].
Eine Kor­rek­tur des Ver­sor­gungs­aus­gleichs durch die Berück­sich­ti­gung des Zugangs­fak­tors im Wege des § 27 VersAus­glG kommt aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen vor­lie­gend nicht in Betracht.
Da die Här­te­klau­sel kei­ner gene­rel­len Kor­rek­tur des nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten durch­ge­führ­ten Ver­sor­gungs­aus­gleich dient, kann die Kür­zung des Zugangs­fak­tors allein kei­nen Här­te­fall begrün­den, eben­so wenig der Umstand, dass bereits wäh­rend der Ehe die gekürz­te Ren­te bezo­gen wor­den ist [14]. Ent­schei­dend kann es auch nicht allein dar­auf ankom­men, ob der vor­zei­ti­ge Ren­ten­be­zug auf­grund eines gemein­sa­men Ent­schlus­ses erfolgt ist, zumal mit den mit die­ser Fra­ge ver­bun­de­nen Beweis­schwie­rig­kei­ten in dem for­ma­li­sier­ten Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­ren nur schwer umzu­ge­hen ist [7]. Viel­mehr hat eine Abwä­gung sämt­li­cher Umstän­de des Ein­zel­falls ins­be­son­de­re unter Berück­sich­ti­gung der gegen­wär­ti­gen und zukünf­ti­gen wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on der Ehe­leu­te zu erfol­gen. Bei der Betrach­tung sämt­li­cher Umstän­de ist fest­zu­stel­len, dass es sich vor­lie­gend nicht um einen Ein­zel­fall han­delt, der von der all­ge­mei­nen Pro­ble­ma­tik eines sich aus­wir­ken­den Zugangs­fak­tors abweicht.
Holz­warth in: Schwab, Hand­buch des Schei­dungs­rechts, Kapi­tel VI Rn. 100[↩]
BGH FamRZ 2012, 851 Rz. 25[↩]
OLG Frank­furt, Beschluss vom 13.04.2015 – 6 UF 310/​13, juris; Holz­warth in: Johannsen/​Henrich Fami­li­en­recht, 6. Auf­la­ge, § 43 VersAus­glG Rdn. 30 f.; Holz­warth FamRZ 2011, 933/​941; Ruland, Ver­sor­gungs­aus­gleich, 3. Aufl., Rdn. 388, 360 – 362; Wick, Der Ver­sor­gungs­aus­gleich, 3. Aufl., Rdn. 177 ff.; Borth, Ver­sor­gungs­aus­gleich, 7. Aufl., Rdn. 323 ff.; Nor­poth in: Ermann BGB Kom­men­tar § 5 VersAus­glG Rn 10[↩]
BT-Drs. 16/​10144, S. 80[↩][↩]
BGH FamRZ 2009, 948; BGH FamRZ 2009, 107; BGH FamRZ 2009, 28; BGH FamRZ 2007, 1542; BGH FamRZ 2005, 1455[↩]
Nor­poth, Fam­FR 2013, 363; Hauß, FamRZ 2012, 771[↩]
Holz­warth in: Schwab, Hand­buch des Schei­dungs­rechts, Kapi­tel VI Rn. 213; BT Drs. 16/​10144, S. 80[↩][↩]
BT Drs. 16/​10144[↩]
Vief­hu­es in: Herberger/​Martinek/​Rüßmann/​Weth juris-PK-BGB § 41 VersAus­glG Rn 11[↩]
BGH FamRZ 2013, 106; FamRZ 2012, 434 Rn. 10; FamRZ 2011, 877 Rn. 11[↩]
Holz­warth in: Johannsen/​Henrich Fami­li­en­recht, 6. Auf­la­ge, § 27 VersAus­glG Rn 55[↩]
so in Bezug auf den Weg­fall des Rent­ner­pri­vi­legs BGH FamRZ 2015, 1004 Rn. 10; Holz­warth in: Johannsen/​Henrich Fami­li­en­recht, 6. Auf­la­ge, § 27 VersAus­glG Rn 51[↩]
BGH zu § 1587c BGB a.F. FamRZ 1990, 1341[↩]
BT Drs. 17/​10144, S.80; Wick, Der Ver­sor­gungs­aus­gleich, 3. Aufl., Rn 177; Palandt/​Brudermüller § 43 VersAus­glG Rn 10[↩]