Source: https://www.anwalt24.de/urteile/bverfg/2014-10-10/1-bvr-856_13
Timestamp: 2017-09-26 02:51:13
Document Index: 178833365

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 4', 'Art. 3', 'Art. 13', '§ 191', '§ 4', '§ 191', '§ 191', '§ 191', '§ 191', '§ 191', '§ 191', '§ 191']

BVerfG, 10.10.2014 - 1 BvR 856/13 - Barrierefreie Zugänglichmachung von Prozessunterlagen für blinde und sehbehinderte Personen im gerichtlichen Verfahren | anwalt24.de
Beschl. v. 10.10.2014, Az.: 1 BvR 856/13
Referenz: JurionRS 2014, 24168
Aktenzeichen: 1 BvR 856/13
BGH - 10.01.2013 - AZ: I ZB 70/12
§ 4 Abs. 1 ZMV
BayVBl 2015, 282-283
br 2015, 48-49
FA 2014, 373
FStBW 2015, 378-379
FStHe 2015, 346-347
GV/RP 2015, 16-17
NJW 2014, 3567-3568
SGb 2014, 669
ZAP EN-Nr. 863/2014
ZfSH/SGB 2015, 5-6 (Pressemitteilung)
den Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 10. Januar 2013 - I ZB 70/12 -,
den Beschluss des Landgerichts Dresden vom 23. Mai 2012 - 8 S 596/11 -
1. Das Benachteiligungsverbot des Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG erschöpft sich nicht in der Anordnung, Menschen mit und ohne Behinderung rechtlich gleich zu behandeln. Vielmehr kann eine Benachteiligung auch vorliegen, wenn die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung im Vergleich zu derjenigen nicht behinderter Menschen durch gesetzliche Regelungen verschlechtert wird, die ihnen Entfaltungs- und Betätigungsmöglichkeiten vorenthalten, welche anderen offenstehen (vgl.BVerfGE 96, 288 [BVerfG 08.10.1997 - 1 BvR 9/97] <302 f.>;99, 341 <357>;128, 138 <156>).
Gesetzgeber und Rechtsprechung sind daher gefordert, bei Gestaltung und Auslegung der Verfahrensordnungen der spezifischen Situation einer Partei mit Behinderung so Rechnung zu tragen, dass ihre Teilhabemöglichkeit der einer nichtbehinderten Partei gleichberechtigt ist. Entsprechende Vorgaben enthält auch Art. 13 Abs. 1 der UN-Behindertenrechtskonvention (United Nations Treaty Series, vol. 2515, p. 3), die in Deutschland Gesetzeskraft hat (Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie zu dem Fakultativprotokoll vom 13. Dezember 2006 zum Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vom 21. Dezember 2008,BGBl II S. 1419) und als Auslegungshilfe für die Bestimmung von Inhalt und Reichweite der Grundrechte herangezogen werden kann (vgl.BVerfGE 111, 307 [BVerfG 14.10.2004 - 2 BvR 1481/04] <317 f.>;128, 282 <306>).
a) aa) Mit dem Wortlaut des - mit Wirkung zum 1. Juli 2014 allerdings insoweit geänderten - § 191a Abs. 1 GVG a.F. steht eine Beschränkung des Anspruchs auf Zugänglichmachung bei rechtsanwaltlicher Vertretung und einem übersichtlichen Streitgegenstand im Einklang, wenn der Anspruch der blinden oder sehbehinderten Person auf Zugänglichmachung dort unter die Voraussetzung gestellt wird, dass dies zur Wahrnehmung ihrer Rechte im Verfahren erforderlich ist. Auch der unverändert fortgeltende - § 4 Abs. 1 ZMV begrenzt, wenn auch weniger weitgehend, den Anspruch auf Zugänglichmachung. Danach besteht ein solcher Anspruch, soweit der berechtigten Person dadurch der Zugang zu den ihr zugestellten oder formlos mitgeteilten Dokumenten erleichtert und sie in die Lage versetzt wird, eigene Rechte im Verfahren wahrzunehmen (vgl. BSG, Beschluss vom 4. Februar 2014 - B 3 P 4/13 BH -, BeckRS 2014, 66675 Rn. 3; Beschluss vom 18. Juni 2014 - B 3 P 2/14 B -, [...], Rn. 15, Jacobs, in: Stein/Jonas, ZPO, 22. Aufl. 2011, § 191a GVG Rn. 6; Kissel/Mayer, GVG, 7. Aufl. 2013, § 191a Rn. 9; Lückemann, in: Zöller, ZPO, 30. Aufl. 2014, § 191a Rn. 2; Zimmermann, in: Münchener Kommentar zur ZPO, 4. Aufl. 2013, § 191a GVG Rn. 6; Diemer, in: Karlsruher Kommentar zur StPO, 7. Aufl. 2013, § 191a GVG Rn. 2; Meyer-Goßner, in: Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 57. Aufl. 2014, § 191a GVG Rn. 1; Wickern, in: Löwe/Rosenberg, StPO, 26. Aufl. 2010, § 191a GVG Rn. 5).