Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/7-jahre-zivilprozess-343524
Timestamp: 2019-11-11 20:47:10
Document Index: 272079662

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art.20', 'Art. 2', '§ 411', '§ 356', '§ 411', 'EGMR']

7 Jah­re Zivil­pro­zess | Rechtslupe
7 Jah­re Zivil­pro­zess
Die Dau­er eines zivil­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens von über sie­ben Jah­ren genügt nicht den Anfor­de­run­gen von Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG.
Unver­hält­nis­mä­ßi­ge Ver­fah­rens­dau­er
Für bür­ger­lich­recht­li­che Strei­tig­kei­ten gewähr­leis­tet Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip einen wir­kungs­vol­len Rechts­schutz im mate­ri­el­len Sin­ne 1. Die Fach­ge­rich­te müs­sen Gerichts­ver­fah­ren in ange­mes­se­ner Zeit zu einem Abschluss brin­gen 2. Die Ange­mes­sen­heit der Dau­er eines Ver­fah­rens ist stets nach den beson­de­ren Umstän­den des ein­zel­nen Falls zu bestim­men 3; weder das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te machen in ihrer Recht­spre­chung inso­fern all­ge­mein gül­ti­ge Zeit­vor­ga­ben 4.
Bei der ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung der Fra­ge, ab wann ein Ver­fah­ren unver­hält­nis­mä­ßig lan­ge dau­ert, sind ins­be­son­de­re die Natur des Ver­fah­rens und die Schwie­rig­keit der Sach­ma­te­rie, die Bedeu­tung der Sache und die Aus­wir­kun­gen einer lan­gen Ver­fah­rens­dau­er für die Par­tei­en zu berück­sich­ti­gen sowie das ihnen zuzu­rech­nen­de Ver­hal­ten, vor allem Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen 5.
Im Hin­blick auf Ver­zö­ge­run­gen durch die Tätig­keit von Sach­ver­stän­di­gen müs­sen die Gerich­te die gut­ach­ter­li­che Tätig­keit zeit­nah über­wa­chen und gege­be­nen­falls gemäß § 411 Abs. 1 und 2 ZPO Bear­bei­tungs­fris­ten set­zen und Ord­nungs­gel­der andro­hen 6.
Ver­zö­ge­rung im kon­kre­ten Ver­fah­ren
Gemes­sen an die­sen Vor­aus­set­zun­gen ist im hier ent­schie­de­nen Fall die 7‑jährige Dau­er des Ver­fah­rens vor dem Land­ge­richt mit dem Recht des Beschwer­de­füh­rers auf effek­ti­ven Rechts­schutz unver­ein­bar.
Zwar ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Rechts­streit – wie regel­mä­ßig bei Bau­pro­zes­sen – in tat­säch­li­cher Hin­sicht kom­plex und in der Ver­fah­rens­füh­rung auf­wän­dig war. Es muss­ten meh­re­re Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nebst Ergän­zungs­gut­ach­ten ein­ge­holt wer­den. Das Gericht hat trotz die­ser Schwie­rig­kei­ten durch Beweis­be­schlüs­se, Stel­lung­nah­me­fris­ten und Fort­set­zungs­ter­mi­ne zunächst eine ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den­de Ver­fah­rens­för­de­rung erzielt.
Nach Akten­la­ge erge­ben sich aber Ver­zö­ge­run­gen im wei­te­ren Pro­zess­ver­lauf, die mit den Schwie­rig­kei­ten der Rechts­sa­che nicht erklärt wer­den kön­nen und die auch nicht dem Beschwer­de­füh­rer zuzu­rech­nen sind.
Unter ande­rem wur­de das zwei­te Gut­ach­ten erst mehr als zwei Jah­re nach dem Beweis­be­schluss vor­ge­legt. Grund dafür war zum einen, dass der Beklag­te die not­wen­di­gen Unter­la­gen anfangs nicht zur Ver­fü­gung stell­te und den wei­te­ren Kos­ten­vor­schuss ver­spä­tet über­wies. Man­gels Frist­set­zung durch Beschluss gemäß § 356 ZPO blie­ben die­se Frist­ver­säum­nis­se jedoch beweis­recht­lich ohne Fol­gen. Zum ande­ren ver­zö­ger­te sich die Erstel­lung des Gut­ach­tens selbst, ohne dass das Gericht die pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten des § 411 Abs. 1 und 2 ZPO genutzt und dem Sach­ver­stän­di­gen Bear­bei­tungs­fris­ten gesetzt oder unter Nach­frist­set­zung die Fest­set­zung eines Ord­nungs­gelds ange­droht hät­te. Inso­fern hat das Land­ge­richt das Ver­fah­ren nicht in aus­rei­chen­dem Maße betrie­ben und geför­dert. Ins­be­son­de­re ver­dich­te­te sich mit zuneh­men­der Dau­er des Ver­fah­rens auch die mit dem Jus­tiz­ge­währ­leis­tungs­an­spruch ver­bun­de­ne Pflicht des Gerichts, sich nach­hal­tig um eine Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens und des­sen Been­di­gung zu bemü­hen 7.
Kei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de nach ver­gleichs­wei­ser Erle­di­gung
Nach Abschluss des streit­ge­gen­ständ­li­chen Rechts­streits fehlt dem Beschwer­de­füh­rer für das Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren das Rechts­schutz­be­dürf­nis.
Nach Been­di­gung der gel­tend gemach­ten Grund­rechts­ver­let­zung besteht ein Rechts­schutz­be­dürf­nis nur unter beson­de­ren Umstän­den fort, etwa dann, wenn die beein­träch­ti­gen­den Wir­kun­gen andau­ern, wenn eine Wie­der­ho­lung der ange­grif­fe­nen Maß­nah­me zu besor­gen ist 8 oder wenn der gerüg­te Grund­rechts­ein­griff beson­ders schwer wiegt 9.
Anhalts­punk­te für eine Fort­dau­er des Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses in die­sem Sin­ne hat der Beschwer­de­füh­rer weder schlüs­sig vor­ge­tra­gen noch sind sol­che ersicht­lich. Die vage Mög­lich­keit, erneut einen Rechts­streit vor dem betref­fen­den Land­ge­richt füh­ren zu müs­sen, reicht nicht aus.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Mai 2012 – 1 BvR 359/​09
vgl. BVerfGE 82, 126, 155; 93, 99, 107[↩]
vgl. BVerfGE 55, 349, 369; 60, 253, 269; 93, 1, 13[↩]
vgl. BVerfGE 55, 349, 369[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 02.12.2011 – 1 BvR 314/​11, m.w.N.; EGMR, Urteil der Gro­ßen Kam­mer vom 27.06.2000 – 30979/​96 – Frydlender/​Frank­reich, Tz. 43[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.07.2000 – 1 BvR 352/​00; Beschluss vom 02.12.2011 – 1 BvR 314/​11, m.w.N.[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss der 1. Kam­mer des Ers­ten Senats vom 20.07.2000 – 1 BvR 352/​00, juris, Rn. 16; Beschluss der 3. Kam­mer des Ers­ten Senats vom 20.09.2007 – 1 BvR 775/​07, juris, Rn. 11; Beschluss der 3. Kam­mer des Ers­ten Senats vom 02.09.2009 – 1 BvR 3171/​08, juris, Rn. 35; Beschluss der 3. Kam­mer des Ers­ten Senats vom 23.06.2010 – 1 BvR 324/​10, juris, Rn. 10[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.09.2007 – 1 BvR 775/​05, m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 91, 125, 133; BVerfGK 2, 33, 35 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 104, 220, 233[↩]
Überlange VerfahrensdauerZivilprozess