Source: https://www.hausarbeiten.de/document/191605
Timestamp: 2017-12-17 23:05:58
Document Index: 17318472

Matched Legal Cases: ['§ 7', 'Art. 3', '§ 1', '§ 3', '§ 4', '§ 11']

Internet für alle? | Hausarbeiten publizieren
Barrierefreie Internetnutzung im Bibliothekssektor
1. Einleitung und Gegenstand
2. Theorie, Gesetze, Verordnungen und Organisationen
2.1 BITV
2.2 WCAG
2.3 BIENE
3.1 Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf
3.2 Zentral- und Landesbibliothek Berlin
3.3 Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin
1. Einleitung und GegenstandAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
In der heutigen Gesellschaft, speziell seit den 1990er Jahren, bestimmt das Internet das alltägliche Leben. Kaum ein Haushalt nutzt nicht „Google“ und Co. um wichtige Informationen zu bekommen. Von den über sechs Milliarden Menschen weltweit schätzt man, dass etwa 26 Prozent[1] online sind. Mehrere Milliarden Webseiten bieten den Nutzern die Möglichkeit, möglichst schnell und unkompliziert an die gewünschten bzw. benötigten Informationen zu kommen. Doch stellt sich die Frage, inwieweit die Internetseiten wirklich für alle Nutzer optimal zugänglich sind. Denn zu den Internetnutzern gehört auch eine Vielzahl von Menschen, die mit Behinderungen zu kämpfen haben. Die Behinderung zeigt sich dabei sowohl im gesundheitlichen Zustand (z.B. seh- oder hörbehindert) als auch, gerade in der digitalen Welt, in der technisch-informativen Einschränkung. Man schätzt, dass weltweit 750 Millionen[2] Menschen eine Behinderung haben, davon leben 37 Millionen in Europa. In Deutschland lebten 2007 etwa 6,9 Millionen Menschen mit einer Schwerstbehinderung (jeder 12. Einwohner)[3]. Diese Zahlen belegen, dass es in der digitalen Welt Handlungsbedarf gibt, Informationen für Menschen mit Behinderungen zugänglich zu machen, da dieses Medium nicht selten den einzigen Kontakt nach außen darstellt.
In der Architektur ist es beispielsweise bei öffentlichen Gebäuden, wie z. B. Rathäusern oder S- u. U-Bahnhöfen notwendig, behindertengerechte Zugänge für Menschen mit Behinderungen und anderen Einschränkungen zu schaffen, um ein Teilhaben an der Öffentlichkeit zu gewährleisten. So können z. B. Fahrstühle oder Rampen für Rollstuhlfahrer und Farbleitsysteme für Sehbehinderte mit verbaut werden um dieses sicherzustellen. Doch wie sieht es mit öffentlichen oder kommerziellen Seiten im Internet aus und wie gelingt es Leuten mit Einschränkungen die Informationen im Internetzeitalter zu benutzen oder wahrzunehmen? Ferner stellt sich die Frage, ob rechtliche Vorschriften unabdingbar sind, um einen verbindlichen und somit verpflichtenden Charakter zu schaffen? Diese Fragen sollen in der folgenden Arbeit näher untersucht werden. Diese ist wie folgt gegliedert. Im ersten Teil werden Definitionen der zentralen Begrifflichkeiten „Usability“ und „Accessibility“ gegeben. Ferner werden Theorien, Gesetze und Verordnungen bezüglich der barrierefreien Nutzung des Internets erläutert. Drei Organisationen, die sich dem Thema der behindertengerechten Nutzung von Internetseiten angenommen haben, werden näher untersucht, sowie Zusammenhänge zwischen ihnen aufgezeigt. Im zweiten Teil der Arbeit steht die Umsetzung der Anforderungen, die von den zuvor erläuterten Institutionen entwickelt wurden, anhand von drei Praxisbeispielen, hier Bibliotheken, im Mittelpunkt. Dies erfolgt exemplarisch mittels ausgewählter Anforderungen. Die Auswahl der Bibliotheken erfolgte vor dem Hintergrund, möglichst verschiedene Bibliothekstypen mit unterschiedlicher Nutzerschaft zu untersuchen. Zum Abschluss wird eine Zusammenfassung des Themas gegeben sowie positive und negative Aspekte bei der bisherigen Umsetzung durch die ausgewählten Bibliotheken erläutert.
Speziell der Bereich des Informationsdesigns hat sich dem Thema „Barrierefreiheit im Internet“ angenommen. Der Begriff „Informationsdesign“ ist oft ungenau definiert. Einen Ansatz gibt diese Definition: „Information design is defined as the art and science of preparing information so that it can be used by human beings with efficiency and effectiveness”[4]. Begriffe wie Usability und Accessibility stehen dabei im Mittelpunkt von Web-Designern, denn gerade in der öffentlichen Hand ist die Gestaltung von Webseiten rechtlich vorgeschrieben. Aber auch private und kommerzielle Anbieter verschiedenster Internetdienste zeigen immer mehr Verantwortung und soziale Kompetenz hinsichtlich der behindertengerechten Nutzung ihrer Seiten. Neben Umsatzgewinnen versprechen sich die Unternehmen auch technische Vorteile, wie z. b. die Suchmaschinenoptimierung oder die Geräteunabhängigkeit.[5] „Gut für die einen, notwendig für die anderen“[6], so beschreibt Tressl die Situation zwischen Anbieter und Nutzer mit Behinderungen. Gleichzeitig erkennt man die Synergie, die sich zwischen Usability und Accessibility entwickelt hat. Doch was genau versteht man unter diesen Begriffen? „Usability macht Dinge einfach zu benutzen. […] Die Aufgabe liegt darin dem Benutzer das Erreichen einer ihm gestellten Aufgabe so einfach wie möglich zu machen […].“[7] Gerade die Suche nach Informationen, was hauptsächlich in der Bibliotheks- u. Informationswissenschaft im Mittelpunkt steht, unterliegt dem wichtigen Kriterium der Usability, sprich Nutzbarkeit. Das oberste Ziel muss dabei sein, die Befriedigung des Benutzerbedürfnisses zu erreichen.[8]
Die Accessibility stellt ein Teilbereich der Usability dar. Der Sinn ist, dass Aufgaben des täglichen Lebens von jedem Menschen, also auch von Denen mit Einschrän-kungen, bewältigt werden können. Dabei werden in der Informationstechnologie zwei Arten von Einschränkungen unterschieden. Zum einen die technisch bedingten Einschränkungen, die aufgrund unterschiedlicher Betriebssysteme oder falscher Browser deutlich werden. Zum anderen die Benutzereinschränkungen, die als körperliche Defizite oder Behinderungen (z. B. Sehbehinderungen) definiert werden. Das Ziel der Accessibility besteht in der Gewährleistung, dass alle Anwendungen für alle Menschen nutzbar sind.[9] Von der Accessibility im Allgemeinen wird zudem die Web-Accessibility abgegrenzt. Diese ist ähnlich der Accessibility nur auf das Benutzen von Web-Inhalten übertragen. Im Fokus steht dabei, für Behinderte Menschen das Medium Internet leichter zugänglich zu machen. Ziel ist hier den Zugriff auf die Informationen des Internets zu ermöglichen.[10]
Um sich mit dem Thema der Barrierefreiheit näher zu beschäftigen und einen Ansatzpunkt zu haben, ist es unbedingt erforderlich die zentralen Begrifflichkeiten „Behinderung“ bzw. „Einschränkungen“ zu definieren. Dazu gibt es mehrere Möglich-keiten, von denen eine das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG) von 2002 ist. Das Gesetz hat als Bundesgesetz grundsätzlich einen verbindlichen Charakter, jedoch erfolgt durch die einzelnen Ländergesetze eine Spezifizierung. Schon im Grundgesetz (GG) steht: „Niemand darf wegen einer Behinderung benachteiligt werden“[11], was als Grundlage für das in 2002 neu geschaffene BGG zu werten ist. Das BGG regelt, dass die Benachteiligung behinderter Menschen zu beseitigen ist und ihnen eine Teilnahme an der Gesellschaft zugesichert wird.[12] In Paragraph drei wird der Begriff der Behinderung erläutert. Demnach gelten Menschen als behindert, wenn „ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweich[t] und daher [die] Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“[13] Leider ist diese Definition nur an körperlichen bzw. geistigen Defiziten orientiert, doch was ist wenn man durch technische Beschrän-kungen, wie z. B. fehlender Software beeinträchtigt ist? Eine Antwort darauf gibt das Gesetz leider nicht. Unter der oben schon erwähnten Barrierefreiheit, definiert der Gesetzesgeber folgendes: „Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informations-verarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikations-einrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“[14] Der entscheidende Teil der Passage verbirgt sich im zweiten Teil: nämlich, dass Systeme der Informationsbearbeitung ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar gemacht werden müssen. Dazu zählen ohne weiteres auch Internetseiten z. B. für Online-Banking, Ämter, Kultureinrichtungen oder eben Bibliotheken mit ihren Katalogen und Ausleihsystemen. Für öffentliche Bundeseinrichtungen wird daher folgendes festgelegt: „Träger öffentlicher Gewalt im Sinne des § 7 Abs. 1 Satz 1 BGG gestalten ihre Internetauftritte und -angebote sowie die von ihnen zur Verfügung gestellten grafischen Programmoberflächen, die mit Mitteln der Informationstechnik dargestellt werden, nach Maßgabe der nach Satz 2 zu erlassenden Verordnung schrittweise technisch so, dass sie von behinderten Menschen grundsätzlich uneingeschränkt genutzt werden können.“[15] Leider ist dieser Punkt nur für öffentliche Webseiten gesetzlich geregelt. Bei kommerziellen Seiten ist aber ein positiver Trend in dieser Hinsicht zu verzeichnen, denn schließlich stellt die Masse der Menschen mit Behinderungen auch ein gewisses Käufer- bzw. Nutzerpotential dar. Beispiele zur praktischen Umsetzung werden in Kapitel drei der Arbeit näher erläutert.
Um sich einer optimalen barrierefreien Nutzung im Internet durch Menschen mit Behinderungen anzunehmen, erstellten verschiedene Organisationen und Gremien Leitlinien, damit eine bessere Nutzbarkeit erreicht wird. Die Bedeutendsten sollen im Folgenden kurz erläutert werden.
Die offiziell genannte Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BITV) ist eine Rechtsvorschrift vom 17.07.2002, die eine Gesetzesgrundlage, in dem Fall das BGG, hat. Im Gegensatz zum Gesetz wird eine Verordnung von der Exekutive erlassen.
Die Verordnung ist in sechs Paragraphen gegliedert, in denen die Umsetzung des BGG geregelt ist. Der erste Paragraph beinhaltet den „sachlichen Geltungsbereich“, wonach die Verordnung für alle (öffentlichen) Internetauftritte und –angebote sowie allen zugänglichen Programmoberflächen der Behörden der Bundesverwaltung gilt[16]. Es folgt ein Paragraph zu den „einzubeziehenden Gruppen behinderter Menschen“, die „anzuwendenden Standards“, dessen Umsetzung und das Inkrafttreten der Verordnung. Die zentralen Punkte der Verordnung sind hingegen in der Anlage zu finden. Es handelt sich um Anforderungen, geordnet nach Prioritäten, die an eine Homepage gestellt werden. Jede Anforderung enthält wiederum mehrere Be-dingungen, die erfüllt sein müssen, damit der Internetauftritt als barrierefrei gelten kann. Die Anforderungen und Bedingungen beziehen sich allein auf die der Nutzerin/ dem Nutzer angebotenen elektronischen Inhalte und Informationen. Sie basieren grundsätzlich auf den Zugänglichkeitsrichtlinien für Web-Inhalte 1.0 (Web Content Accessibility Guidelines 1.0 des World Wide Web Consortiums vom 5. Mai 1999), die nachfolgend noch näher erläutert werden. Im Folgenden kann nur auf ausgewählte Beispiele eingegangen werden. Zur besseren Übersicht sind in der Anlage die Anforderungen der Stufe Priorität I aufgelistet.
Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) richten sich an die Entwickler von Web-Inhalten und haben analog zu der BITV das Ziel, eine barrierefreie Gestaltung der Inhalte von Internetangeboten zu schaffen.[17] Dazu zählt etwa eine bessere Navigier-barkeit zu erreichen oder Informationen schneller zugänglich zu machen. Die WCAG bilden in dessen den Ursprung all jener Bemühungen, den Internetauftritt allen Menschen ohne Einschränkungen zur Verfügung zu stellen. Denn schon im Jahr 1999 wurden von der Web Accessibility Initiative (WAI) und dem World Wide Web Consortium (W3C) diese Richtlinien aufgestellt; leider nur mit einem empfehlenden Charakter, d.h. gesetzlich nicht bindend. Das änderte sich für Deutschland erst, als auf Grundlage der Guidelines das BGG sowie die BITV beschlossen worden sind. Der Aufbau der Richtlinien ist fast identisch mit denen der BITV. Grundlage bilden drei Prioritäten A-AAA (muss, sollte, kann), die den Konfirmitätsgrad einer Website beschreiben[18]. An diese Prioritäten sind wiederum 14 Anforderungen mit Bedingungen geknüpft. In einem Web Accessibility Workshop wurde zur Umsetzung von Richtlinien vermerkt: „Guidelines need to be quickly adaptable to new technologies and best practice, and it is important to have the ability to quickly include guidelines for different activities like search engine results navigation and the semantic delivery of information“[19].
[1] http://www.internetworldstats.com/stats.htm (02.04.10).
[2] http://www-3.ibm.com/able/reasons.html (05.03.10).
[3] http://www.gbebund.de/oowa921install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=3&p_aid=95367148&nummer=215&p_sprache=D&p_indsp=-&p_aid=50042041 (Statistisches Bundesamt) (02.04.10).
[4] Jacobson, Robert: Information design. Massachusetts 1999, S.15.
[5] Vgl.: Tressl, Markus: Universelle Benutzbarkeit und Barrierefreiheit bei Webseiten der breiten Masse und der öffentlichen Hand: Grundlagen, Erklärungen und Lösungswege zur Erstellung von behindertengerechten, gesetzeskonformen Webangeboten (Studien 2002), Hamburg 2002, Abstract.
[6] Tressl, Markus: Abstract.
[7] Tressl, Markus: S. 5.
[8] Vgl.: Tressl, Markus: S. 6.
[9] Vgl.: Tressl, Markus: S. 7.
[10] Vgl.: Tressl, Markus: S. 16.
[11] Grundgesetz: Art. 3, Abs. 3.
[12] Vgl.: BGG (2002), § 1.
[13] BGG (2002), § 3.
[14] BGG (2002), § 4.
[15] BGG (2002), § 11.
[16] Vgl.: Tressl, Markus, S.46.
[17] Vgl.: Tressl, Markus, S. 85.
[18] Vgl.: Tressl, Markus, S. 86.
[19] Harper, Simon; Yesilda Yeliz; Goble, Carole: W4A –International Cross Disciplinary Workshop on Web Accessibility 2004, Workshop Report. In: The ACM digital libary, Nr. 76 (2003), S. 3.
V191605
9783656165248
9783656165651
BITV BIENE WCAG Stadtbibliothek Marzahn-Hellersdorf Zentral- und Landesbibliothek Berlin Universitätsbibliothek
André Rekulowitsch (Autor), 2010, Internet für alle?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/191605
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