Source: https://www.wpwatch.de/aktuelles/wpk-berufspolitik.html?tx_news_pi1%5B%40widget_0%5D%5BcurrentPage%5D=2&cHash=1eb50dc433737992e998b5fb7b87b5c3
Timestamp: 2020-08-07 00:53:33
Document Index: 141170304

Matched Legal Cases: ['§ 823', '§ 323', '§ 67', '§ 71', '§ 319', '§ 321', '§ 317', '§ 17', '§ 43', '§ 316', '§ 321', '§ 322', '§ 321', '§ 238', '§ 320']

WPK / Berufspolitik - Seite 2 von 75
Wirecard und das Haftungsrecht der Wirtschaftsprüfer
Da reibt man sich schon die Augen: Ein seit 9 Jahren von EY uneingeschränkt testiertes Geschäftsmodell von Wirecard mit einer Marktkapitalisierung von über 100 Mrd. € fällt innerhalb weniger Wochen wie ein Kartenhaus zusammen und löst sich in Schall und Rauch auf. - Systemversagen der Finanzaufsicht sagen die einen, Unfähigkeit der Wirtschaftsprüfer sagen die anderen.
Alle stehen unter Schock und spielen ihre Rolle:
Politiker verlangen eine Neuordnung der Finanzaufsicht (BaFin, DPR) und schärfere gesetzliche Vorschriften,
IDW e.V. und Lobbyisten des Berufsstandes sprechen von nicht prüfbarer krimineller Energie der Betrüger und
Anlegeranwälte sammeln Mandate und hoffen auf millionenschweren Schadensersatz.
Hierzu ist zunächst einmal festzustellen, dass EY gemäß §§ 823 II BGB, 332 HGB auch Dritten gegenüber haftet. Gemäß § 323 II HGB (und den AAB des IDW e.V.) ist die Haftung jedoch auf vier Mio. € begrenzt. Eine höhere Haftung kann dispositiv mit dem Mandanten vereinbart werden, ist jedoch die Ausnahme. Lediglich dann, wenn man EY im Klagewege Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit (bedingten Vorsatz) nachweisen kann, gilt die gesetzliche Haftungsbegrenzung nicht mehr. Dies erfuhr bspw. KPMG seinerzeit im Bilanzskandal Flowtex, wo man letztlich an die geschädigten Banken 100 Mio. DM Schadensersatz zahlen musste, die durch die Wiesbadener Versicherungsstelle gezahlt wurden. Derartige Prozesse ziehen sich über Jahre hin, sofern man nicht einen "Deal" mithilfe der Vermögenschaden-Haftpflichtversicherung macht - um aus den Medien heraus zu kommen.
Verfahren gegen die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer werden hierbei in der Regel abgetrennt bzw. gegen Zahlung von Geldauflagen eingestellt. Dies erfuhren die beiden verantwortlichen EY-Kollegen im Zusammenhang mit der Schlecker-Insolvenz. Deren Verfahren auf Zahlung von Schadenersatz wurden gegen Zahlung von (nur) 40 T€ bzw. 20 T€ eingestellt.
Berufsaufsichtsrechtlich und berufsgerichtlich wird gemäß §§ 67 ff. WPO lediglich das "Fehlverhalten" von natürlichen Personen im Berufsstand sanktioniert, d.h. dass EY von der WPK bzw. im Wege der Berufsgerichtsbarkeit (§§ 71a ff. WPO) nichts zu befürchten hat. Ob ein berufsgerichtliches Verfahren gegen EY eingeleitet wird, entscheidet die sechsköpfige Vorstandsabteilung Berufsaufsicht (VOBA) der WPK mit Mehrheit. Da es sich bei Wirecard jedoch um ein PIE-Mandat (§ 319a HGB) handelt, obliegt der Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) die letztinstanzliche Fachaufsicht. Auch hier dürfte EY nicht viel zu befürchten haben, da sich die APAS fast ausschließlich aus ehemaligen Big4-Mitarbeitern rekrutiert.
Die Haftung von EY im Falle Wirecard ist auf (lächerliche) 4 Mio.€ begrenzt.
Mehr Schadensersatz gibt es nur (von der Versicherung), wenn man EY nachweisen kann, dass dort grob fahrlässig geprüft wurde (mühsam, aber wohl nicht ganz aussichtslos).
Die "A-Karte" im Spiel haben die verantwortlichen Wirtschaftsprüfer Budde, Dahmen, Treitz, Worthmann und Loetscher.
EY, IDW e.V., WPK und die gesamte WP-Branche hoffen jetzt wohl auf eine medienwirksame Inszenierung des weltweiten Betrugsfalles Wirecard mit weltweiter Suche nach untergetauchten Verantwortlichen, Aufdeckung verschwundener Milliarden und spektakulären Details. Dies lenkt so schön vom Fehlverhalten oder schlampigen Prüfen der Big4 ab. Von deren Mitverantwortung und den Sanktionen wird im Zweifel die Öffentlichkeit nichts erfahren.
Der Bilanzskandal Wirecard sollte für alle Beteiligten Anlass sein, sich der Realität zu stellen, eine ehrliche Diskussion zu führen und den Berufsstand neu auszurichten. Ansonsten ist die "Selbstverwaltung" des freien Berufs in Gefahr. - Jeder muss jetzt den Knall gehört haben!
Prof. Marten: Hurra! - bald dürfen wir in die Wirecard-Prüfungsberichte schauen!
Nachdem das IDW und die WPK im Falle Wirecard aus ihrer Schockstarre erwacht sind und erste Stellungnahmen abgegeben haben, melden sich auch erste professorale "Experten" in der Sache zu Wort. Allen voran Prof. Dr. Kai-Uwe Marten, Uni Ulm. Übrigens eine jener Unis, die in dem gefakten Ranking des manager magazins unter die "TOP-Adressen für Wirtschaftsprüfer" kam (vgl. mein Newsletter Nr. 82).
"Experte" Prof. Marten (58) macht im manager magazin den Wirecard-Gläubigern "Hoffnung", da diese gemäß § 321a HGB nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens unter bestimmten Voraussetzungen die EY-Prüfungsberichte 2016-2018 einsehen dürfen. Sollten Betroffene Einsicht in die Berichte fordern, so Experte Marten, würde es "spannend".
"Dann kann man sehen, was die Wirtschaftsprüfer im Fall Wirecard gemacht haben, ob es Verdachtsfälle gab und wenn ja, wie sie dem nachgegangen sind."
Bei dieser Aussage fragt man sich tatsächlich,
ob Experte Marten weiß, was in einem Prüfungsbericht berufsüblich drin steht (IDW PS 450 n.F.)?
Weiterhin wird man sich kaum vorstellen können, was in den abschließenden EY-Prüfungsberichten noch drinsteht, wenn die "Bande von Aschheim" das Leseexemplar bearbeitet hat!?
Wie will man denn seitens EY in der Vergangenheit "uneingeschränkt" testiert haben, wenn man im Prüfungsbericht bedeutende "Verdachtsfälle" aufgelistet sehen und erfahren würde, wie EY damit umgegangen ist!?
Experte Marten nimmt in seinem Pressestatement offensiv EY in Schutz und erläutert der erstaunten Öffentlichkeit:
Es ist ein großer Unterschied, ob man eine normale gesetzliche Abschlussprüfung durchführt oder gezielt nach Betrug sucht. EY habe lediglich den Auftrag gehabt zu prüfen, ob der Wirecard-Abschluss mit den gesetzlichen Bestimmungen und den IFRS übereinstimme. Unterschied: An einer Sonderprüfung, wie KPMG sie dann durchgeführt habe, seien - so erfährt man vom Experten - beispielsweise "ehemalige Kriminalkommissare" beteiligt.
Gemäß gesetzlichem Auftrag (§ 317 I 3 HGB) war es die Aufgabe von EY die Prüfung von Wirecard so anzulegen,
"dass Unrichtigkeiten und Verstöße ... bei gewissenhafter Berufsausübung erkannt werden."
Aber vielleicht versucht es Experte Marten einmal mit den berufsständischen Verlautbarungen des Lobbyvereins der Big4, dem IDW e.V.:
Nach IDW PS 302 n.F. (Tz. 20 und A25f.) hätte EY bei einem Volumen von 1,9 Mrd.€ zwingend Bankbestätigungen mit einem vorgeschriebenen Mindestinhalt einholen müssen (Tz. 21 und A27 ff.). Anforderung zur Einholung von Dritt- bzw. Bankbestätigungen ist in jedem Falle, dass der Abschlussprüfer "(jederzeit) die Kontrolle über das Bestätigungsverfahren bewahren muss." (vgl. IDW PS 302 n.F., Tz. 8 und A10) und sich nicht mit Screenshots, Kopien oder anderen Taschenspielertricks abspeisen lässt.
Um zu diesen Erkenntnissen zu kommen, muss man übrigens kein "Experte" sein. Die eigenverantwortliche und nicht manipulierbare Einholung von Bestätigungen Dritter gehört im WP-Examen zum Einstiegsthema "Wirtschaftsprüfung for beginners"!
Der Berufsstand und die Öffentlichkeit haben für solche Experten-Statements kein Verständnis. Dies sieht wohl eher nach Lobbyarbeit aus!
PwC kauft sich eine halbe Uni
Über die ausufernde Marktmacht der Big4 und deren weltweites System der Intransparenz habe ich bei wpwatch schon des öfteren geschrieben. Die massive Einflussnahme der Big4-Lobbyisten auf Gesetzgebungsverfahren und deren tägliche Omnipräsenz durch gefakte "Studien on demand" sowie vorgespielte Besserwisserei nerven schon gewaltig.
Dass die Big4 auch wie Kraken in Wissenschaft und Forschung agieren, ist allseits bekannt. Stiftungslehrstühle, Promotionsfabriken und die Vervollständigung der Titelsammlungen der "Big4-Führungs-Elite" gehören ebenso zum Tagesgeschäft wie agressives Personalrecruiting bei den Studierenden.
Unter dem Motto: "Wehret den Anfängen!" sowie dem Ethos "Freiheit und Unabhängigkeit der Lehre" beobachte ich eine weitere Stufe des Eingriffs in Grundwerte unserer Gesellschaft. In einer Pressemeldung heißt es:
Digitaler geht nicht: PwC und DBU setzen auf praxisnahe Lerninhalte in Sachen Digitalkompetenz. Die Digital Business University of Applied Sciences (DBU), Berlin, sekundiert als Hochschule: „Gemeinsam mit neuem Investor: DBU baut mit PwC die digitalen Bildungsangebote der Zukunft aus.“
Beiden geht es also um Digitalkompetenz. Das Vehikel dafür ist der Erwerb von 49,9 Prozent der Geschäftsanteile der DBU durch PwC. DBU ist eine in 2018 gegründete Wirtschaftshochschule, die ihre Studienangebote konsequent auf die digitalisierte Wirtschafts- und Arbeitswelt ausrichtet.
Die Hochschule bietet aktuell verschiedene Bachelor-Studiengänge an, zum Beispiel
Digital Business Management,
Digital Marketing & Communication Management und
Data Science & Business Analytics.
Durch PwC soll nun spezielle Expertise in den Bereichen
Digital Ethics und
Finance Transformation hinzukommen.
Die DBU möchte nach Eigenangaben die Expertise der Berater nutzen, um die Lerninhalte besser auf die Bedürfnisse zukünftiger Arbeitgeber der Studierenden auszurichten. PwC selber sagt, dass von den Weiterbildungsangeboten der DBU auch die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitieren werden. Ihnen sollen sogenannte Microlearnings zur Verfügung stehen, also kleinere Lernhappen, für die eine Berufstätigkeit nicht längerfristig unterbrochen werden muss. Außerdem möchte PwC an der DBU die „digitalen Pioniere von morgen ausbilden“.
Das eine Hochschule Investoren sucht, ist nicht verwunderlich, da der Markt der privaten Wirtschaftshochschulen in den vergangenen Jahren stark gewachsen und hart umkämpft ist. Interessant ist die Beteiligung aber, da sie in dieser Konstellation ein Novum darstellt und sich verschiedene Fragen zur Motivation aufdrängen:
Braucht die Hochschule PwC tatsächlich als verlängerten Marktforschungsarm, um zu erkennen, welche Skills benötigt und nachgefragt werden?
Sieht der Beratungs- und Prüfungsriese die DBU als lohnendes (Finanz-) Investitionsobjekt?
Ist PwC vielleicht ein versteckter Vertriebsarm, um an neue Studierendengruppen, die sich aus den PwC-Kunden rekrutieren, herantreten zu können?
Dient die Hochschule als Nebentätigkeitsspielplatz (oder gar Ruhesitz) für erfahrene und verdiente Seniorberater und Partner?
Steigt PwC selber in den tertiären Ausbildungsmarkt ein, um den Eigen- oder gar Fremdbedarf an Berufseinsteigern zu decken?
Probiert die Beratung neue Wege aus, um die circa 12.000 Mitarbeiter/innen inhaltlich passgenau und dabei orts- und zeitunabhängig fortbilden zu können?
Übrigens: PwC beriet sich bei diesem Deal selbst. Due Dilligence und Vertragsgestaltung erfolgten von PwC-Legal AG für die WPG.
Offensichtlich haben wir damit eine neue Stufe der Einflussnahme der Big4 im Hochschul- und Bildungsbereich erreicht: Man begnügt sich nicht mehr mit Lehraufträgen oder Stiftungsprofessuren, sondern kauft gleich den halben Laden, um letztlich mit der wirtschaftlichen Potenz den Hochschulbetrieb nach Belieben bestimmen zu können.
Wirecard: Das Systemversagen und der alte Zopf mit der Verschwiegenheit
Der Fall Wirecard hat in der unrühmlichen Reihe deutscher Bilanzskandale die Qualität eines Erdbebens. Experten sprechen mittlerweile von einem kollektiven Aufsichtsversagen von BaFin, DRP und Wirtschaftsprüfern. Das Vertrauen in die Finanzberichterstattung ist (mal wieder) dahin!
Während sich die deutsche Bilanzpolizei (DPR) und die BaFin auf ihren Websites aktuell mit Nicht-Zuständigkeit zu rechtfertigen suchen, verschanzt man sich im Berufsstand hinter der berufsmäßigen Verschwiegenheit (§§ 17, 43 I WPO).
Die DPR lässt in einer Pressemitteilung vom 01.07.2020 wissen
„dass im Fall Wirecard zu keinem Zeitpunkt Mängel im Prüfablauf vorlagen und die Prüfung jederzeit streng nach den Vorgaben des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) und des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) erfolgt ist. Auch die Kommunikation mit der BaFin hat im üblichen Maß und in der etablierten Frequenz stattgefunden“.
Von 4-Augen-Prinzip und Funktionstrennung bei der Prüfung scheint man bei der DPR bisher wohl noch nichts gehört zu haben, da man mit der Wirecard-Prüfung nur einen Mitarbeiter beauftragt habe...
Auch die Verteidigungsstrategie der BaFin konzentriert sich nun offenbar auf eine Nichtzuständigkeitsdebatte. Nachdem deren Chef Felix Hufeld am 23.6.2020 im Rahmen einer Tagung hinsichtlich Wirecard von einer
„Schande“ für Deutschland (vgl. FAZ vom 23.6.2020, S. 15) gesprochen hatte, ging es in einer Anhörung nur eine Woche später um technisch anmutende Zuständigkeitsaspekte dahingehend, ob die Wirecard AG als Finanzholding anzusehen ist oder nicht.“
Im Auge des Sturms ist mittlerweile auch EY:
Beispielsweise schätzte der Prozessfinanzierer FORIS AG die Lage laut Mitteilung vom 2.7.2020 wie folgt ein:
„Da EY die Wirecard-Bilanzen bereits seit 2009 durchgehend geprüft – und bestätigt – hat, stehen nun die Wirtschaftsprüfer selbst im Rampenlicht, wenn es um die Durchsetzung der milliardenhohen Schadenersatzforderungen geschädigter Anleger geht.“
Von den EY-Prüfern selbst, vom ansonsten so redseligen Big4-Lobbyverein IDW e.V.. und der Berufs(aufsichts)kammer WPK ist NICHTS zu hören - Schweigen im Walde. Versuche von EY, das Systemversagen zu relativieren und zu erklären, dass man selbst betrogen worden sei, helfen hier überhaupt nicht weiter.
Erinnert man sich doch noch an die vollmundigen Worte des EY-Deutschland-Chef Hubert Barth
„Wir haben uns sehr früh mit der Digitalisierung in der Wirtschaftsprüfung auseinandergesetzt und tätigen seit Jahren große Investitionen in Know-how und neue Technologien. Dazu gehören unsere weltweite digitale Prüfungsplattform Canvas und Tools zur Datenanalyse sowie zur automatisierten Unterstützung der Prüfungsdurchführung. Wir nehmen heute eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung der Abschlussprüfung ein. Die digitale Abschlussprüfung von EY bietet Sicherheit, Zuverlässigkeit und neue Einblicke in das Finanzwesen und die Prozesslandschaft von Unternehmen.“
Fraglich ist jedoch, inwieweit "kritische Grundhaltung" und "gesunder Menschenverstand" durch Aufrüstung digitaler Prüfungstools ersetzt werden können.
Mein Tipp wäre jedoch noch ein anderer:
Vielleicht sollten Gesetzgeber und Berufsstand überlegen, die "Verschwiegenheit" (des ach so elitären Berufsstandes) zur Disposition zu stellen. Wie kann der Berufsstand für sich in Anspruch nehmen, dass er eine "systemrelevante Funktion in der Wirtschaftsordnung" hat und sich gleichzeitig im Zeitalter der Transparenz systematisch verweigern. Dies dient nicht der Glaubwürdigkeit und lässt eher vermuten, dass man - wie in der Vergangenheit - eher auf ein "Vergessen" hofft.
Nachrichten über die prozessuale Aufarbeitung von Bilanzskandalen sind ohnehin in deutschen Medien rar gesät und werden - wenn überhaupt - Jahre auf sich warten lassen.
Rankings in der WP-Branche: Das schlug ein, wie eine Bombe!
Die Reaktionen aus dem Berufsstand über den im gestrigen Newsletter (Nr. 82 (1) ) veröffentlichten "Erfahrungsbericht" eines Kollegen zur Erlangung eines Ranking-Platzes im manager magazin schlugen ein wie eine Bombe. Sie reichten vom schallenden Gelächter bis hin zur Schockstarre.
Meine Berichterstattung über "wissenschaftliche Studien" und Rankings im Berufsstand (Newsletter Nr. 80 und 81) hatte eine erhebliche Resonanz ausgelöst. Mehrere Kollegen/innen nahmen unsere Berichterstattung zum Anlass und "outeten" sich, dass sie in Vorjahren an solch teuren "Theaterveranstaltungen" der Presse teilgenommen hatten.
Hinsichtlich der von den Medien angewandten Methode unterscheiden sich die diversen Rankings bei manager magazin, FOKUS, WiWo und brandeins kaum. Die Vorgehensweise der Verlage und somit auch die Motive der "Studienteilnehmer" sind offensichtlich.
Falls Sie den Newsletter nicht bekommen haben: Hier ist noch mal der Link zum "Erfahrungsbericht".
So etwas macht man nicht! Kaufen Sie sich nicht Ihren Lorbeerkranz durch Anzeigenhonorare bei einem Verlag und täuschen damit die Öffentlichkeit. Glänzen Sie nicht durch unglaubwürdige Rankings, sondern lieber durch qualifizierte fachliche Expertise! Profitieren Sie von der kostenlosen Mund-zu-Mund-Propaganda zufriedener Mandanten!
Awado - ein neuer Stern am Prüferhimmel
Für die TOP 25 Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind lt. LÜNENDONK die Plätze in der Regel vergeben. Die Big4 tauschen nach wilden Aufholjagden schon mal die Plätze. Die nachfolgenden Player versuchen es mit Netzwerken, Übernahmen oder sind von dem Virus der Fusionitis befallen. - "Größe" bedeutet schließlich - so nimmt man an - Anerkennung und Marktmacht.
Bei genauerer Betrachtung muss man jedoch zunächst erkennen, dass es eine Zweiteilung im WP-Markt gibt - der öffentliche WP-Markt und der abgeschottete Markt der genossenschaftlichen Prüfungsverbände. Seit den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts müssen genossenschaftlich organisierte Unternehmen einem "genossenschaftlichen Prüfungsverband" anzugehören.
Einer der größten Pflichtverbände ist hierbei der Genossenschaftsverband - Verband der Regionen e.V., Neu-Isenburg bei Frankfurt. Er prüft einen milliardenschweren Pharma-Großhändler ebenso wie Banken. Der Verband macht ca. 170 Mio. € Umsatz im konkurrenzlosen Geschäft der Prüfung von Genossenschaften, erwirtschaftet jedoch über seine Prüfungsgesellschaft Awado weitere 30 Mio. € mit Drittmandaten außerhalb des genossenschaftlichen Bereichs.
Der Genossenschaftsverband möchte jetzt mit Awado in den Angriffsmodus übergehen und dort den Umsatz auf 100 Mio. € mehr als verdreifachen. Damit wäre man insgesamt mit ca. 400 Mio. € unter den TOP 10 der Branche - etwa auf Augenhöhe von BDO, Rödl und Ebner Stolz. Die momentan noch fehlende fachliche Expertise im Industriebereich will man nach Aussage des Verbands-CEO, Kollegen Ingmar Rega (Ex-KPMG-Bereichsvorstand) gezielt angehen. Wegen des fehlendes Auslandsnetzes hat man mit Warth & Klein eine Kooperation geschlossen, die den Zugang zum internationalen Netzwerk Grant Thornton eröffnet. Gleichzeitig denkt man auch über Übernahmen in der Branche nach - zuletzt geschehen mit HANSA Treuhand in Rostock.
Also, es scheint erneut Bewegung in den WP-Markt zu kommen!
Die Anwälte der WPK sollten schleunigst einmal prüfen, ob dieses neue Geschäftsmodell des Genossenschaftsverbandes mit dem "Genossenschafts-Privileg" vereinbar ist und welche ordnungspolitischen Folgen dies für den WP-Markt haben wird. Kann man unter dem Deckmantel einer Genossenschafts-WPG allgemeine Prüfungsmandate bearbeiten? Kann man sich an WPGs im öffentlichen Markt beteiligen? - Oder ist dies vieleicht ein Mißbrauch des Genossenschaftsprivilegs?
Eins bleibt festzustellen: Die Zahl der Super-Strategen im Berufsstand scheint ebenso zuzunehmen wie die Angriffe auf unser Berufsrecht. Wehret den Anfängen!
Die Kammer ist gefordert!
Wirecard - ein Gedicht
Der jähe Absturz von Wirecard - und wieder mal ein "Supergau" im Finanzkapitalismus.
Bilanzmanipulation, Betrug, WP-Versagen, Strafanzeigen, Schadenersatzklagen, superschlaue Anlegeranwälte mit Statements - und all das im Stundentakt ...
Hierzu, anstatt seitenlanger Abhandlungen und Wiederholungen von Nachrichten-Meldungen, das passende Gedicht - zum schmunzeln:
Die Geschichte ähnlich klingt,
wie neulich noch DAX‘ liebstes Kind.
WIRECARD war groß im Kommen,
wie Apple stylisch, heiß begehrt,
Die Anleger ham‘s gern genommen,
doch ahnte man, es läuft verkehrt.
Meldungen gabs schon seit Jahren,
über manch Geschäftsgebaren,
Whistleblower taten kund,
Journalisten schrieben viel,
und es machte längst die Rund‘,
doch unterblieb, weil es missfiel.
Stattdessen droht man Klage an,
zu unterlassen, weil es Rufmord sei,
Ernst & Young ist gleich dabei,
doch jetzt die BAFIN auch mit dran.
Jetzt fliegt der ganze Skandal auf,
die Schlagzeile geht um die Welt,
es stürzt sich wirklich jeder drauf,
Millionen Anleger geprellt.
1,9 Milliarden sind „verloren“,
es scheint, sie waren nie „geboren".
Das Geld es sei in Asien dort,
doch wo genau an welchem Ort?
Zu treuen Händen gab man hin,
der Herr dort leider nie erschien.
Die Summe der Bilanz nun sei,
zu einem Viertel Augenwischerei.
Der CEO hat Angst bekommen,
nun auch gleich vom Thron geklommen.
Sogleich er sich in Haft begeben,
denn fürchtet ja schon neues Beben,
doch bleibt nicht lang, nur über Nacht,
denn hat ja auch was mitgebracht,
5 Millionen sei der Lohn,
für freien Fuß- man nennt’s Kaution.
Woher hat man denn soviel Geld?
Die Frage sich nun jeder stellt.
Die Antwort ist hier gleich gegeben,
man war aktiv noch VOR dem Beben.
Er hat, so sei ja zugegeben,
die Aktien an fremd gegeben
als sie hatte noch nen Wert,
das sei ja schließlich nicht verkehrt.
Pikant dabei, denn das Papier,
bemisst in Euro, exakt vier,
doch war Verkauf, ein jeder weiß,
zu einem etwas höh’ren Preis.
Das Papier, man wird fast schwach,
im Preis war fast mal fünfzigfach.
WIRECARD, der Niedergang,
meldet Insolvenz nun an.
Der Börsenplatz erschüttert schwer,
„es müssen Konsequenzen her“,
fordern jetzt, von Groß bis Klein,
alle aus verschied’nen Reih’n.
Wie lautet nun, ich frag‘ nochmal,
aus dem Skandal denn die Moral?
Hättet mehr gehört,
auf was euch damals hat gestört.
Ungereimt, so manches war,
doch keiner wollte haben wahr.
Leute tuen Kund‘,
dass es läuft nicht rund.
Natürlich kann man nicht erbringen,
den Beweis bei krummen Dingen,
denn darauf ist der Chef erpicht,
dass Belege gibt es nicht!
Doch Mahner gibt es gar zuhauf,
ihr besser einmal hört auch drauf!
Vielen Dank an den dichtenden Münchner Ex-Kollegen!
EY - Wirecard und die Unabhängigkeit des Wirtschaftsprüfers
In diesen Tagen erleben wir wieder ein Musterbeispiel für die "systemrelevante Funktion des Wirtschaftsprüfers in der Wirtschaftsordnung" und seine allumfängliche Unabhängigkeit (§§ 43 I, 17 WPO).
Es muss vorangestellt werden, dass wir uns bei Wirecard AG (noch) in einem laufenden Prüfungsprozess befinden (§§ 316 ff. HGB), d.h. der von der HV gewählte Abschlussprüfer EY seinen Vertrag durch Vorlage des Prüfungsberichts (§ 321 HGB) und Bestätigungsvermerks (§ 322 HGB) bisher noch nicht erfüllt hat. Wie das "Gesamturteil" (auch genannt: Testat) und die EY-Berichterstattung im Prüfungsbericht (§ 321 HGB) letztlich ausfallen werden, ist bisher nicht bekannt.
All dies steht noch aus und wurde nach unerträglichem medialem Gezerre nun für den 18. Juni 2020 angekündigt.
Auf der einen Seite steht der windige Gründer, Hasardeur und Möchte-Gern-Milliardär Markus Braun, der es mit GoB (§ 238 f. HGB), Compliance, Nachweis- und Vorlagepflichten (§ 320 HGB) sowie angemessener Unternehmenskommunikation nicht so erst nimmt, und sein zukunftsweisendes Geschäftsmodell der Zahlungsabwicklung gegen beinharte internationale Konkurrenz durchsetzen möchte.
Andererseits gibt es die gehetzten Wirtschaftsprüfer von EY, die seit 10 Jahren Wirecard uneingeschränkt testiert haben und deren Testate der Vorjahre durch eine Sonderprüfung der KPMG erheblich in Zweifel zu ziehen sind. Kapitalanleger-Anwälte verklagen bereits EY auf Schadensersatz und schreiben ein "Wünsch-Dir-Was-Ergebnis" der 2019´er Jahresabschlussprüfung in die Wolken. Zocker, Traumtänzer, Täuscher, Blender und "Experten" geben sich im Hintergrund ungehindert ein Stelldichein.
Damit sind vordergründig zunächst die Rollen verteilt!
Es ist aber tatsächlich noch komplizierter:
Vorstände von Wirecard geben der Presse schon einmal Interviews, in denen sie erklären, dass EY jetzt "extrem hart prüfen" würde. Gleichwohl erwarte man alsbald ein "uneingeschränktes Testat." Mit solch unüberlegten Äußerungen handelt man sich prompt eine Strafanzeige der BaFin wegen möglicher Marktmanipulation ein. Die Razzia der Staatsanwaltschaft München I folgt auf dem Fuß.
EY andererseits weiß, dass dies die letzte Abschlussprüfung für Wirecard sein wird, da der Aufsichtsrat bereits auf der Suche nach einem Folgeprüfer ist. Also geht es um einen "eleganten Absprung" ohne allzugroßen Reputationsverlust und berufsaufsichtsrechtliche Konsequenzen. Als Pointe am Rande sei angemerkt, dass EY erst im letzten Jahr die Neu-Ausschreibung des Wirecard-Mandats (wieder) gewonnen hatte und die 2019´iger Abschlussprüfung der Beginn einer neuen 10-Jahres-Serie sein sollte.
Der schier unerträgliche "Fall Wirecard" muss für den Berufsstand und die Politik Anlass sein, über grundlegende Fragen nachzudenken:
10 Jahre lang zelebrierter "Qualitätskontroll-Wahnsinn" und Selbstbeschäftigung im Berufsstand mit derart desaströsen Prüfungsmängeln in Vorjahren zeigt, dass es bei den Big4 nicht weit her ist mit "interner Qualitätssicherung" und Nachschau-Prüfung.
Die systemrelevante Rolle von Wirtschaftsprüfern muss vom Gesetzgeber neu definiert werden und
die (finanzielle) Unabhängigkeit des Berufsstands muss endlich umgesetzt werden. Abschlussprüfung ist weder eine "austauschbare Dienstleistung", noch "Prostitution auf hohem Niveau"!