Source: http://stockm.vs120047.hl-users.com/blog/?m=201608
Timestamp: 2018-12-11 09:00:55
Document Index: 316842191

Matched Legal Cases: ['Art. 140', '§ 1', '§ 3', 'Art. 3', '§ 81', 'Art. 6', 'Art. 7']

stock-macht-den-blog.de » 2016 » August
Das müssen Sie nicht beantworten…
… kann Sie aber die Chance auf den Job kosten!!!
Ein Leser dieser meiner Zeilen kontaktierte mich jüngst mit einer Unstimmigkeit:
Welche Fragen dürfen im Rahmen einer Bewerbung nicht gestellt werden???
Durchaus berechtigt – hört man doch immer wieder von Fehltritten der Personalchefs oder Unternehmer, von Fragen, deren Antwort diese partout nichts angehen, da sie mit der Privat- oder gar Intimssphäre des Interessenten zu tun haben. So wurde beispielsweise der vorhin angesprochene Leser nach einer Bewerbung für eine nicht-theologische Stelle bei einer deutschen Landeskirche befragt:
“In Ihren Bewerbungsunterlagen konnte ich leider keinen Hinweis auf Ihre Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche finden. Aus verständlichen Gründen ist dies für uns ein wichtiges Einstellungskriterium. Darf ich Sie herzlich bitten, mir noch eine kurze Information bezüglich Ihrer Konfessionszugehörigkeit zukommen zu lassen?”
Padautz! Das war eine richtiggehende Bärenfalle! Ein Fauxpas, der keinem passieren dürfte, der es mit Bewerbern zu tun hat! Durch diese Frage wurde das Grundgesetz (österr.: Die Verfassung) gebrochen. Auch der mögliche Chef würde eine solche Frage als Angriff auf seine Persönlichkeitsrechte verstehen und das Gespräch abbrechen, obgleich er möglicherweise mit Eifer seiner Religion nachgeht. In Deutschland beispielsweise arbeiten rund 1,3 Mio Menschen für einen kirchlichen Arbeitgeber. Die Kritik der Gewerkschaft besteht darin, dass sich diese immer wieder nicht an arbeitsrechtliche Grundlagen halten, sondern häufig ihr eigenes Süppchen kochen und sich auf das grundrechtlich fixierte Selbstbestimmungsrecht der Kirchen und somit die eigene Gerichtsbarkeit berufen (GG Art. 140 in Deutschland; In Österreich durch das Österreichische Konkordat festgelegt). Da wird der Status “Kirchlich verheiratet” schon mal zum positiven Einstellungskriterium gegenüber beispielsweise eines “nur” standesamtlich Verheirateten, auch wenn dieser besser qualifiziert wäre. Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach der Konfession. Allerdings existiert hierzu ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Die Frage ist für sog. “Tendenzträger” (“verkündungsnaher Bereich”) rechtlich erlaubt. Dies sind Personen, die die Werte der Kirche nach aussen hin verkörpern: Pfarrer, Lehrer an kirchlichen Schulen, die Leiter eines kirchlichen Pflegedienstes wie der Caritas oder des Diakonie-Hilfswerkes uam. Somit hängt es also davon ab, für welche Funktion sich der Leser dieser Zeilen beworben hat. Für Mitarbeiter ohne repräsentativen Charakter gilt dies nicht – ausser es gehört zu den “geschuldeten Tätigkeiten” im Rahmen des Arbeitsvertrages (das tägliche Beten der Kindergarten-Pädagogin mit den Kindern etwa). Offiziell beschränken sich hier viele Kirchen auf die “christlichen Werte” – ist moralisch weitaus besser vertretbar. Schliesslich mutet es schon etwas komisch an, wenn in einem katholischen Altersheim der Caritas eine Putzkraft mit Kopftuch sauber macht. Doch ist dies durchaus zulässig, solange sie keine Werbung für den Islam macht. Das widerspräche den Loyalitätspflichten, die ein Mitarbeiter seinem Arbeitgeber gegenüber hat. Auch denke ich mir, hat die Israelitische Kultusgemeinde nichts gegen einen evangelischen Koch, solange das Essen koscher ist! Nur im Islam ist es etwas diffiziler, sind dort doch alle Nicht-Moslems Ungläubige (Absolutheitsanspruch – gibt’s auch in der katholischen Kirche! Aber das, ja das ist wieder ein ganz anderes Thema!). In der christlichen Kirche gibt’s hierzu die sog. “Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse” (“Loyalitätsobliegenheiten”) in deren Rahmen von jedem Mitarbeiter die Achtung der „Werte und Wahrheiten des Evangeliums“ verlangt wird. Eine Scheidung, eine wilde Ehe etc. haben alsdann zumeist in allen Jobs der römisch-katholischen Kirche eine Auswirkung! Wird jedoch gerichtlich immer im speziellen Falle beurteilt. So wurde die Klage gegen die Entlassung eines Kirchenchorleiters in Essen für ihn entschieden, während beispielsweise der Mitarbeiter der deutschen Mormonenkirche, der ebenfalls aufgrund seiner ausserehelichen Beziehungen entlassen wurde, leer ausging. Auch das Urteil des Bundesarbeitsgerichtes für einen entlassenen Chefarzt eines kirchlichen Krankenhauses, weil er zum zweiten Mal heiratete, wurde vom Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe aufgehoben. Ergo – mehr als diffizil! Übrigens – bewusst aus der Kirche Ausgetretene werden keine Chance auf eine Anstellung bei diesem Arbeitgeber haben. Ansonsten jedoch verstösst die Frage nach der Konfession oder einer kirchlichen Heirat ganz eindeutig gegen das Diskriminierungsverbot und wirft zudem nicht wirklich ein gutes Bild auf eine “weltoffene Kirche” – egal ob katholisch oder evangelisch. Ausserdem:
Ist die Kirchenzugehörigkeit ein Zeichen für den wirklichen Glauben eines Menschen???
Eine weitere, gern gestellte Frage ist jene nach Kindern und einer Schwangerschaft. Beide Informationen sind für den Arbeitgeber nicht unerheblich, steht wohl für die Mutter in 99 % der Fälle die Familie im Vordergrund, wodurch dies auch Auswirkungen auf die Arbeit haben kann: Teilzeit, Gleitzeit, Urlaub,… Auch die Frage betreffs des Kinderwunsches ist eigentlich verständlich. Stellt doch niemand gerne eine neue Mitarbeiterin ein, die nach sechs Monaten in die Karrenz bzw. den Mutterschutz geht, deren Platz jedoch freigehalten werden muss! Allerdings ist die Frage nach zweiterem nicht statthaft. Sie verstösst gegen das Diskriminierungsverbot des § 1 Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) bzw. in Österreich § 3 des Gleichbehandlungsgesetzes und in der Schweiz Art. 3 des Gleichstellungsgesetzes. Informationen zum Familienstand allerdings kann der Interviewer erhalten.
Die Frage nach eine bestehenden Schwerbehinderung hingegen war lange Zeit gestattet. Nun jedoch gilt, dass eine solche Frage nurmehr dann gestellt werden darf, wenn körperliche oder geistige Fähigkeiten zwingende Voraussetzungen für die Erbringung der Arbeit darstellt (§ 81 Abs. 2 SGB IX – ähnliches gilt auch für Österreich und die Schweiz). Will der Arbeitgeber damit aber seiner Pflicht auf Einstellung behinderter Menschen nachkommen, so muss er vorher ausdrücklich darauf hinweisen.
Auch zu den Vermögensverhältnissen eines Bewerbers darf ein Personaler keine Fragen stellen. Vollkommen egal ob der Bewerber Millionär ist oder wegen Lohnpfändungen auf gesetzliches Mindesteinkommen gesetzt wurde. Die Ausnahme hiervon stellen Beschäftigungen dar, die auf einem sehr hohen Maß an Vertrauen aufbauen. Bei Banken beispielsweise, in der Buchhaltung oder bei Jobs mit Beeinflussungsmöglichkeit durch Geschenkannahme.
Ob der Bewerber einer Gewerkschaft angehört, geht den Arbeitgeber nun wahrhaft nichts an.
Auch Vorstrafen dürfen bei der Vergabe eines Arbeitsplatzes eigentlich keine Rolle spielen. Eine Ausnahme gibt es hingegen nach dem Urteil des deutschen Bundesarbeitsgerichtes (BAG v. 20.5.1999 – 2 AZR 320/98 –, AiB 2000, 220): “…wenn es die auszuübende Tätigkeit dies erfordert!” Das bedeutet beispielsweise, dass der Bankangestellte in spe nicht wegen Vermogensdelikte vorbestraft sein darf (Leumund) oder der Berufs-Kraftfahrer schon mehr als die erlaubten Punkte in Flensburg einsammeln durfte. Vorstrafen, die bereits aus dem Strafregister getilgt oder deren Tagessätze abbezahlt wurden, müssen schon mal gar nicht angeführt werden.
Weiters unzulässig sind:
- Fragen nach der Ursache der Beendigung des vorhergehenden Dienstverhältnisses
- Fragen nach Hobbies oder Ehrenämtern (zweitere werden aber immer wichtiger, da sie ein Bild über die sozialen Kompetenzen des Bewerbers geben)
- Fragen zur sexuellen Ausrichtung
- Fragen zum Alter (ausser es besteht eine Altersbeschränkung als Einstellungs-Relevanz für den Job)
- Fragen nach der Anzahl der Krankenstände
- Fragen zur politischen Ausrichtung
“Ein Fragerecht des Arbeitgebers bei den Einstellungs-verhandlungen ist allerdings nur soweit anzuerkennen, wie der Arbeitgeber ein berechtigtes, billigenswertes und schutz-würdiges Interesse an der Beantwortung seiner Frage im Hinblick auf das Arbeitsverhältnis hat.”
(https://www.verdi-bub.de)
Soll heissen, dass nur Fragen gestellt werden dürfen, die im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Arbeitsverhältnis stehen. Anders formuliert, könnte der Bewerber auf eine unzulässige Frage auch nicht wahrheitsgetreu antworten. Experten empfehlen sogar zu lügen, da eine verweigerte Antwort die Chancen auf den Job schmälern oder die Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten (“Gibt es denn für die Ausübung der Tätigkeit entsprechende Voraussetzungen dafür?”). Erfolgt nämlich die nicht wahrheitsgetreue Antwort auf eine zulässige Frage, so kann der Arbeitgeber den Arbeitsvertrag anfechten; ist diese begründet, müssen auch keine Kündigungsfristen eingehalten werden – das Dienstverhältnis endet mit sofortiger Wirkung.
Zum Werkzeug eines Personalers gehören auch jede Menge spezieller Fragen aus ganz bestimmten Themenbereichen:
Etwa – Erzählen Sie doch etwas von sich!
Etwa – Wo liegen Ihre Stärken?
Etwa – Welche für die Stelle revanten Kenntnisse bringen Sie mit?
Etwa – Warum haben Sie sich für diese Stelle beworben?
- Stressfragen
Etwa – Wie schätzen Sie das Vorstellungsgespräch bisher ein?
- Fangfragen oder auch “Brainteaser”
Etwa – Wieviele Hunde leben in Österreich? oder Trauen Sie sich diese Belastung zu?
Par plus – wenn nicht: Hätten Sie sich dann für den Job beworben? Nach all diesen Fragen kommt die für Personalchefs grossteils wichtigste, allesentscheidende Frage: “Haben Sie noch irgendwelche Fragen?” Antworten Sie mit nein, so zeigt dies mangelndes Interesse. Stellen Sie einige wenige Fragen (zwei bis max. vier) zu den Karrierechancen, zur Stelle (Warum wurde die Stelle frei oder eigens geschaffen), zur Einarbeitung, zum Team, zur Unternehmenskultur (Vereinbarkeit Familie und Arbeit etwa),… Eine gute Frage ist sicherlich auch, weshalb sich der Fragende für das Unternehmen entschieden hat. Bitte jedoch keine Fragen zum Gehalt, der Probezeit, …
Das richtige Verhalten im Vorstellungsgespräch wird sicherlich mal ein anderer Themenschwerpunkt werden. Ich habe im Laufe meines Lebens einige Vorstellungsgespräche absolvieren müssen – sei es als Bewerber, sei es als Interviewer. Doch bin ich im Laufe meiner Recherchen auf eines gestossen: Die meisten Bewerbungsgespräche gleichen einem Schauspielcasting, bei dem jener Bewerber, der am meisten schleimt und sich an die vorgefertigten Phrasen hält, den Job auch tatsächlich erhält. Ob er dann auch wirklich qualifizierter ist, wie jener der sachlich blieb und sich vielleicht über Bewerbungscasting nicht dermassen viele Gedanken gemacht hat, sei dahingestellt, da nicht alle Interviewer auf Bewerbungsprofis vorbereitet sind. So wird beispielsweise ein Bewerbungslaie auf die Frage nach seinen Schwächen überlegen und dann ein/zwei Schwächen kurz und bündig aufzählen. Ein Bewerbungsprofi wird gleich mal loslegen und damit enden, dass er an der Bewältigung der Schwäche arbeitet! Deshalb beginnen die meisten guten Personalchefs mit der Erzählung aus dem Leben des Bewerber und stellen dann sofort die Frage nach den Schwächen! Dies geschieht somit in den ersten 2-3 Minuten des Gespräches. Die meisten Interviewer gaben an, dass die Entscheidung für eine Zu- oder Absage innerhalb der ersten 1,5 Minuten des Vorstellungsgespräches getroffen wird. Denn hier entscheiden die sog. “Soft Skills” – jene Merkmale, die aufzeigen, ob die Frau oder der Mann auch in’s Team passen! Die Qualifikation steht ja bereits im Lebenslauf!
- 111 Arbeitgeberfragen im Vorstellungsgespräch: Absichten erkennen, Pluspunkte sammeln, Stolpersteine vermeiden; Elke Eßmann; Goldmann Verlag 2015
- Erfolgreich im Vorstellungsgespräch und Jobinterview: Das Standardwerk für Führungs- und Nachwuchskräfte; Johannes Stärk; GABAL 2012
- Trainingsmappe Vorstellungsgespräch: Die 200 entscheidenden Fragen und die besten Antworten; Christian Püttjer/Uwe Schnierda; Campus Verlag 2015
- Das Vorstellungsgespräch: Die besten Strategien, die schlagkräftigsten Argumente: So überzeugen Sie Ihren neuen Arbeitgeber; Silke Hell; dtv Verlagsgesellschaft 2010
- In 7 Tagen fit fürs Assessment Center; Tobias Meier; CreateSpace Independent Publishing Platform 2014
Tags: Bewerbung, Job, Vorstellung
Erziehung – irgendetwas stimmt da nicht mehr
Als ich dieser Tage eine im Fernsehen moderierende Mutter fragen hörte, ob denn heute noch der Struwwelpeter vorgelesen wird, dachte ich mir insgeheim: Mit ihm sind Generationen von Kindern aufgewachsen – wieso, meine Gute, soll er denn nicht mehr gelesen werden? Haben so viele Eltern seit der Veröffentlichung der Geschichte alsdann pädagogischen Mist gebaut??? Als ich am selben Tag in den Nachrichten von einem 14-jährigen hörte, der gemeinsam mit seinem Freund Strassenlaternen und Bushaltestellen demolierte sowie Reifen bei parkenden Autos zerstach und deren Lack ruinierte oder von jenen Jugendlichen, die die Polizisten lautstark beschimpften, dachte ich mir gleichfalls insgeheim: Schau – der Struwwelpeter ist zu blutrünstig und wird als pädagogisch nicht mehr sinnvoll aus dem Kinderzimmer verbannt, doch die Kinder werden immer aggressiver. Woran liegt das!?
Eines gleich vorweg: Ich werde mich hüten, gut gemeinte Tipps für die Erziehung Ihres Nachwuchses in diese Zeilen reinzupacken. Durch diesen Schlamassel muss jeder selbst durch! Chapeau für alle, die es schaffen! Sinn meiner, heutigen Ausführungen ist es vielmehr, die Klausel “pädagogisch sinnvoll” etwas zu zerlegen. Und siehe da: Während meiner Recherchen bin ich auf Entsetzliches gestossen. Die meisten wissen nicht, was Erziehung tatsächlich ist und wie sie gehandhabt werden soll. Ich gehöre einer Generation an, die noch mit dem Struwwelpeter, Max und Moritz und dem Suppenkasper aufgewachsen ist. Gottlob, denn das mit den Winke-Winke-Typen aus der Glotze finde ich ehrlich gesagt als den Ultra.-Schwachsinn. Und deren Weiterentwicklung in Richtung japanische oder amerikanische Superhelden mehr als bedenklich. Rotkäppchen von Ballermann mit dem Sturmgewehr vielleicht auch noch als “pädagogisch sinnvoll” zu bezeichnen, ist die grösste Verhohnepippelung seit der Einführung der gesüssten Kindertees.
Nachdem die meisten der Busch’schen Protagonisten ein schlimmes Ende nahmen, ist in den Geschichten meines Erachtens mehr an realem Leben und Lernen enthalten als bei den immer wieder mit einem Happy End endenden, erfundenen Geschichten aus der Hollywood-Fantasie-Maschinerie. Unsereins hat zumindest daraus gelernt, dass es gewaltige Probleme geben kann, wenn man versucht, gegen den Strom zu schwimmen. Und v.a. wenn gewisse Grundregeln der Gesellschaft nicht eingehalten werden.
Wäre es da nicht “pädagogisch sinnvoller”, die Kleinen anstatt mittels der Glotze ruhigzustellen mit nachhaltigem und sinnvollem Holzspielzeug zu versorgen? Aber – welches Spielzeug erfüllt derartige Maxime? Als ich das letzte Mal in einer dieser Hallen war, die bei den Kleinen für einen derartigen Ausstoss von Glückshormonen sorgen, mit dessen Intensität ein Erwachsener für ein komplettes Jahr auskommen könnte, wurde ich nahezu erschlagen. Wir spielten, als wir etwas grösser gewesen sind, mit der H0-Eisenbahn, erbauten mit Lego ganze Grossstädte und rasten mit den Rädern durch die Gegend, in der Annahme, irgendwelche Motorrad-Asse oder Formel I-Piloten zu sein. War das alles pädagogisch gar nicht sinnvoll??? Hatten wir dadurch vielleicht sogar ein pädagogisches Defizit während einer schlimmen Kindheit, das uns bis in’s hohe Alter prägen sollte?
Pädagogen von heute fordern Spielzeug, das die Kreativität und die Fantasie der Kleinen anspornt. Sachen, die nicht gleich nach dem zweiten Gebrauch langweilig werden, da ohnedies schon klar ist, was geschieht, wenn die Puppe aufgezogen wurde und zu sprechen beginnt. Das landet dann rasch wieder im Eck. Kann an der Puppe aber gearbeitet werden, wie mit dem kleinen Hungerhaken eines amerikanischen Herstellers, die umgezogen, gebürstet und gebadet werden kann – ist dies dann als pädagogisch sinnvolles Spielzeug zu bezeichnen??? Dass hier jedoch die Körper-Proportionen niemals gestimmt haben und den Mädchen bereits im zarten Alter die Botschaft mit auf den Weg gegeben wird, dass nur super-schlank schön ist, halte ich für einen weitaus grösseren Fehler. Essstörungen und schliesslich Bulimie können einige Jahre später Anzeichen dafür sein. Zudem wurde jede zweite dieser Puppen (jährlich rund 30 Mio) durch Kinderhände unter grauenvollen Umständen in Indonesien zusammengesetzt. Somit legen wir also diese kleine Puppe mit den schönen blonden Haaren doch besser weg.
Lego? Jaaa – freut mich, dass wir als Kinder nicht nur Fehler gemacht haben. Allerdings gab es bei uns eine grosse Waschmitteltrommel, die bis oben hin gefüllt war mit den heiss begehrten Plastik-Bausteinen. Alles andere blieb unserer Fantasie überlassen. Cool, wenn heute auch kleine Elektromotoren mit dabei sind. Weniger cool, wenn der Bausatz längere Zeit auf dem Kasten verbrachte und die Batterie deshalb schon leicht angefressen ist. Und einen Ingenieurstitel brauchten wir ebenfalls nicht, um ein Haus, einen Kran, ein Auto oder was auch immer entstehen zu lassen. Oder werden heutzutage Kinder nurmehr nach dem bemessen, was sie bauen können, das dann auch wirklich funktioniert? Ist Papa besonders stolz, wenn ich eine Fabrikationsstrasse für Schokoplätzchen gebaut habe, der Nachbarssohn hingegen nur einen dreistöckigen “Wolkenkratzer”? Fördert somit den Leistungsdruck bereits im Vorschulalter. Alter Däne – wo doch vollkommen conträr dazu über den Wettbewerbsdruck durch Noten diskutiert wird. Also – auch das heutige Lego wieder weggestellt.
PC-Spiele??? Ei der Daus – hier scheiden sich im wahrsten Sinne des Wortes die Geister voneinander. So ist etwa bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu lesen, dass so manches Spiel die Denkfähigkeit, das Begreifen von Zusammenhängen sowie das Reaktionsvermögen fördern. V.a. Strategie- oder Lern-Spiele (Edutainment) sind somit empfehlenswert, Finger hingegen weg von Ego-Shootern! Und durch die Pokémon-Mania bewegt sich die Jugend auch wieder an der frischen Luft. Läuft die Spielende dabei unachtsam vor ein Auto – na ja, war ohnedies nur eine Misty! Zudem gilt es eines zu berücksichtigen: Am PC ist es immer noch besser als auf dem Handy! Südkorea aber auch Taiwan melden besorgniserregende Zahlen zum Sehvermögen der Jugendlichen: Zwei Drittel der 12-15-jährigen sind kurzsichtig!!! Also – auch den Game Boy oder das Handy als Spielzeug wieder weggelegt!
Experten fordern möglichst vielseitige Formen, Farben, Gerüche etc. Trotzdem sollte es so einfach wie möglich sein, damit die Kreativität der Kleinen angesprochen wird. Wäre da vielleicht ein Chamäleon richtig? Oh Verzeihung – das ist eine Echse und somit ein Tier. Tiere sind kein Spielzeug! Alsdann – wenn ich meinem Kleinen jeden Tag einen kleinen unbearbeiteten Holzblock in’s Kinderzimmer lege – handle ich dann pädagogisch sinnvoll? Oder ist es verantwortungslos, da sich der Kleine beim Bearbeiten des Holzes verletzen könnte! Ooops – ein Holzblock ist wiederum einseitig. Das sollte Spielzeug ja niemals sein. Wenn ich zwischen Tanne, Ahorn, Fichte, Birke, …wechsle? Ergo – der Klotz bleibt im Garten. Spielzeug für Papi, damit er beim Spalten kleine und grosse Holzscheite machen kann. Dabei wäre das sehr sinnvoll gewesen: Nachhaltig, ohne krebserregende Schadstoffe (wie der ganze Plastik-Müll aus China), die Kreativität anregend, …
Erwachsene beurteilen, ob ein Spielzeug pädagogisch sinnvoll ist. Soll heissen, wenn das Spielen damit dem Pädagogik-Experten Prof. DDr. Schönebald Spielhauweg Spass macht, ja dann ist es sicherlich auch das Richtige für den Nachwuchs. Natürlich wurden im Vorfeld hierzu jede Menge Studien durchgeführt. So ist die Wissenschaft im Rahmen dieser Tests drauf gekommen, dass europäische Kinder besser mit den Holzklötzen bauen konnten, während sie von arabischen Kindern gegen das geschlossene Fenster geworfen und von den afrikanischen Kindern in den Mund genommen wurden. Die amerikanischen Kinder haben sie sogleich mit ihren Laserpistolen zerstört! (Achtung – Missverständnis-Gefahr!!!; Anm. des Schreiberlings)
Doch lassen wir das Thema Spielzeug für heute mal ruhen. Für uns Kinder von damals bestand die pädagogisch sinnvolle Erziehung im Kennenlernen der Grenzen – bis hierher kann ich gehen, danach werde ich mit einer Strafe belohnt (für Masochisten) bzw. muss mit Einbussen rechnen (für die Normalos). In der klassischen Konditionierung bezeichnet man dies als “Lernen am negativen Erfolg” – vielfach wurden in der Wissenschaft hierfür Stromstösse verwenden. Nun kann ich als Erziehender ja nicht wie damals strafen (schon gar nicht mit Stromstössen)! Wie kann ich nun meinen Kleinen beibringen, wie sie zu einem wertvollen Baustein der Gesellschaft heranwachsen, in die sie sich integrieren müssen??? Ein kluger Kopf meinte einst, dass die Freiheit des Einzelnen nur so weit geht, als er die Freiheit eines anderen nicht einschränkt. Wie kann ich aufzeigen, dass eine gewisse Grenze überschritten wurde, wenn ich heutzutage nicht mehr strafen darf, da eine Strafe nicht “pädagogisch sinnvoll” ist??? Habe ich als Sportler gegen Spielregeln verstossen, so bekomme ich eine Abmahnung (Zeitstrafe, Gelbe Karte,…) oder werde disqualifiziert bzw, ausgeschlossen. Verstosse ich als Autofahrer gegen die Strassenverkehrsordnung, bekomme ich eine Geldstrafe aufgebrummt oder es wird mir der Führerschein entzogen. Habe ich im Job einen Bock geschossen, erhalte ich eine Abmahnung oder werde entlassen. Wieso soll nicht auch ein Kind bestraft werden, wenn es gegen die von den Eltern aufgestellten Regeln verstossen hat? Die weisse Ledercouch, die mit Filzstiften oder Wasserfarben etwas bunter gestaltet wird – ist das nicht etwa ein gelungener Versuch, die Kreativität der Kleinen zu fördern oder soll ihnen klar gemacht werden, dass sie etwas veranstaltet haben, das sie nicht hätten tun dürfen. Dass sie eine Grenze überschritten haben! Soll ich ihnen die Couch vom Taschengeld abziehen???
In aktuellen pädagogischen Leitfäden für Lehrpersonal steht immer wieder geschrieben, dass es in der Schule keine Strafen gibt (wurde zur Gänze aus dem schulischen Sprachgebrauch gestrichen), da sie keinerlei langfristigen pädagogischen Nutzen haben. Hier spricht man vielmehr von “erzieherischen Massnahmen” oder “Ordnungsmassnahmen”. Holla – sagt nicht eine andere Meinung, dass in den Schulen eigentlich keine Erziehung durchgeführt werden darf, da diese den Eltern obliegt? Dem gegenüber steht allerdings der Erziehungsauftrag der Schulen.
“Der Staat ist in der Schule nicht auf das ihm durch Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG zugewiesene Wächteramt beschränkt. Vielmehr ist der staatliche Erziehungsauftrag in der Schule (Art. 7 Abs. 1 GG) dem elterlichen Erziehungsrecht nicht nach-, sondern gleichgeordnet. Weder dem Elternrecht noch dem Erziehungsauftrag des Staates kommt ein absoluter Vorrang zu.”
(Deutsches BVerwG 6 B 65.07, Beschluss vom 8. Mai 2008)
Zudem: Sind Lehrer nicht auch Ersatzeltern für jene Kinder, die ihren leiblichen Eltern über den Kopf wachsen bzw. die für sie keine Zeit haben??? Empfiehlt also der Gesetzgeber von erzieherischen Strafen Abstand zu nehmen – ja – was denn dann!? Der Ruf nach Sozialarbeitern an den Schulen wird deshalb immer lauter, da viele der Lehrer/-innen die Ansicht vertreten, dass sie nicht noch zusätzlich Kapazitäten für pädagogische Interventionen aufbringen können, um das auszubügeln, was die Eltern “verpfuscht” haben. Wie häufig durfte sich meine Generation mit Strafarbeiten oder dem Nachsitzen herumschlagen? Später dann im Militär gab es Nachschulungen (nach dem Dienstende unter der Woche) oder gar FND (Freitag nach Dienst). Wirkt das nicht, dann hofft man auf die Gruppendynamik und lässt den ganzen Zug dafür büssen. Doch zurück zur Schule, da hier derartige Kollektivstrafen verboten sind. Als Lehrer habe ich primär die Aufgabe der Wissensvermittlung. Wie soll ich aber agieren, wenn aufgrund eines Schülers oder einiger weniger Schüler die Abhaltung des Unterrichts nicht möglich ist? “Ich darf das Handy im Unterricht nicht benutzen!” – einhundertmal im Schulheft niedergeschrieben, verbunden mit einer Mitteilung an die Eltern, dass deren Tochter während des Unterrichts auf Pikachu-Fang gegangen ist! Ist das nun eine Strafarbeit oder eine “Ordnungsmassnahme”? Denn – das Handy abnehmen, das kann wiederum auf mich als Lehrperson zurückfallen. Wie wäre es mit einem Test über fünf zu lösende Fragen, gleichzeitig drönt über Lautsprecher im Klassenzimmer eine Dauerschleife mit Handy-Klingeltönen, SMS-Piepsern, Spielmelodien,… Ist das eine Art Folter, die mir eine Suspendierung einbringen würde?
Konstruktive Ideen sind ebenso vonnöten wie ein mehr als dickes Fell der Unterrichtenden. Und dennoch wird es auch bei einer noch so guten Idee irgend jemanden geben, der dies verurteilt und in der Schuldirektion vorspricht. Strafen, tja, das sollte ich als Lehrer ja nicht. Erzieherische Massnahmen darf ich als Lehrer (je nach Meinung der Pädagogik-Experten) auch keine setzen. Also bleiben nurmehr die Ordnungsmassnahmen zur Aufrechterhaltung des Unterrichtes um aufzuzeigen, dass es besser ist, wenn das Handy nur in der grossen Pause oder nach dem Unterricht eingeschaltet ist. Hierbei spricht der Gesetzgeber vom “Suchen eines konstuktiven Dialogs”! Beschämungen zählen hier schon gar nicht dazu, zeigen sie doch die unprofessionelle Einstellung des Lehrers zu seinem Beruf auf und können extreme Folgen für das Sozialverhalten des Kindes mit sich führen. Und die Vergabe von schlechten Noten deshalb ist verpönt. Schliesslich stehen die Noten nach wie vor für eine objektive Leistungsbeurteilung. Auch eine durch das Klassenzimmer fliegende Kreide stellt keine Lösung dar. Einerseits wird von Gewaltmethoden im Unterricht gesprochen, andererseits steht der Lehrer wie in meinem Falle damals mehr als blöde da, wenn der eigentlich zu Treffende die Kreide lässig mit einer Hand auffängt und wieder zurückwirft (für mich als Handball- und Volleyballspieler eine leichte Übung). Und das mit dem “Vor-die-Tür-Setzen”, wie soll ich das jetzt sagen, ohne Tausenden von Pädagog(en)-innen auf den Schlips zu treten: Verboten, da es eine Verletzung der Aufsichtspflicht ist!
In den meisten Schulgesetzen wird von einer Bestrafung abgeraten – zuerst sollten alle sozialpädagogischen Massnahmen ausgenutzt werden (Gespräche, mündliche Abmachungen,…). Nur wenn sie als Konsequenz am Ende einer Entwicklung unvermeidbar ist, sprich eine Strafe tatsächlich nicht mehr umgangen werden kann, so empfehlen die Spezialisten: Transparent, sinnvoll, berechenbar, emotionslos und rückstandslos zu strafen. Eine Strafe muss zuvor angedroht werden, damit der Protagonist die Möglichkeit hat, diese zu vermeiden. Rückstandslos soll heissen, dass eine Strafe für die Tat ausgesprochen wird, danach aber keinerlei weitere Folgen gegeben sind, damit das Kind die Strafe ganz eindeutig seinem Verhalten zuordnen kann und den Unterschied zum straflosen Verhalten erkennt. Doch mal ehrlich: Wenn sie jemanden abgestraft haben und diese Strafe ist abgesessen, können Sie das dann ohne weiteres vergessen? Von den Lehrern aber wird dies gefordert!
Gleiches gilt natürlich auch für das Zuhause. Wie setze ich mich als Elternteil durch, damit am Frühstückstisch weder das Handy noch das Tablet verwendet werden. Da die Strafe längerfristig “pädagogisch nicht sinnvoll” ist – klassische Konditionierung am positiven Erfolg”? Gibt’s etwa den heiss begehrten Schokolade-Aufstrich mit dem “N” nur, wenn die Technik am Essenstisch nicht verwendet wird? Züchte ich mir da selbst nicht Adipositaskinder oder Diabetiker oder andererseits Essstörungen heran??? Nachdem eine Psychologin der Mutter gesagt hatte, dass – sofern der Kleine eine Grenze überschritten hatte – sie diesen mit zwei Fingern am Oberarm fassen und ihm erklären solle, was er falsch gemacht hatte, war dieser beim ersten Mal etwas verwirrt, später befreite er sich aus dem Griff, indem er auf die Hand der Mutter schlug und sie auslachte!
Sollten Sie nun in diese Zeilen hineininterpretieren, dass nur Zucht und Ordnung für eine gute Erziehung sorgen, so liegen sie grundsätzlich falsch. Die Prügelstrafe ist einerseits ein Zeichen dafür, dass Mann/Frau mit der Erziehung am Ende ist und kann andererseits enorme Auswirkungen für das weitere Leben der Kinder haben: Beachten der Regeln nurmehr bei Schmerzeinwirkung, derjenige, der den grössten physischen Druck ausübt, ist der Mächtigste,… Interessant übrigens die Tatsache, dass sie in der damaligen Ostzone (DDR) bereits 1949, in Westdeutschland hingegen erst 1973 in der Schule verboten wurde und in Bayern galt das “gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht” gar bis 1980 (Verbot in Österreich 1974, in Frankreich ist die körperliche Züchtigung als Erziehungsmethode nach wie vor erlaubt). Ich wollte vielmehr aufzeigen, dass die heutige Pädagogik an einem Punkt angelangt ist, der lachhafter nicht sein kann. Sind doch die Experten selbst untereinander dermassen zerstritten, dass eine Einigung auf eine zielführende Conclusio unmöglich erscheint. Also wird ein Mittelweg beschritten, der den Betroffenen mehr schaden als helfen kann (“Experimentalerziehung”). Wenn ein Unternehmen keine Lehrlinge mehr ausbildet, da der Lehrlingsbeauftragte zu häufig monierte, dass viele erstmal einen Crashkurs in gutem Benehmen und Motivation benötigen, so spricht dies nicht gerade für eine vorhergehende “pädagogisch sinnvolle” Erziehung. Wenn bereits nicht-strafmündige Kinder ihrer Aggression zum Schaden anderer bzw. der Gesellschaft freien Lauf lassen, so ist zuvor etwas falsch gelaufen. Das verursacht nun die noch grössere Arbeit, schliesslich kann man derartige Menschen nicht ein Leben lang wegsperren um die restliche Bevölkerung zu schützen!
Ach ja – und da war doch noch die Geschichte vom Nikolaus und dem Knecht Ruprecht. Die guten Kinder werden belohnt, die schlechten bekommen eins mit der Rute auf den A… Allerwertesten! Wann wird wohl diese Geschichte nicht mehr erzählt werden dürfen, da sie “pädagogisch nicht sinnvoll” ist???
Ordnungsmassnahmen lt Schulgesetzen der deutschen Länder
- Mündliche oder schriftliche Ermahnung
- Nachsitzen bis zu zwei/vier Unterrichtsstunden (vier nur durch Schulleiter)
- Die Beauftragung mit Aufgaben, die geeignet sind, die Schülerin oder den Schüler das Fehlverhalten erkennen zu lassen [“Strafarbeit”]
- Der strenge Verweis durch den Schulleiter
- Androhung des zeitweiligen Ausschlusses vom Unterricht
- Unterrichtsausschluss (bis zum Ende der Stunde, des Tages, bis zu fünf Tagen, bis zu sechs Tagen, bis zu vier Wochen)
- Der Ausschluss von besonderen Klassen- oder Schulveranstaltungen
- Androhung des Schulausschlusses
- Zeitweise Wegnahme von Gegenständen
- Überweisung in eine Parallelklasse
Die härteren dieser Strafen dürfen nur von der Schulleitung (evtl. in Übereinkunft mit Schulamt o.ä.) verhängt werden.
.) Lob der Disziplin: Eine Streitschrift; Bernhard Bueb; List 2006
.) Kinderstärkende Pädagogik und Didaktik in der Grundschule; Miller / Velten; Kohlhammer 2015
.) Leitfaden Schulpraxis: Pädagogik und Psychologie für den Lehrberuf; Dr. Gislinde Bovet/Prof. Volker Huwendiek; Cornelsen Scriptor 2014
.) Spielideen, Lernspaß & Förderimpulse; Läsker / Penka; Olzog 2016
.) Schulen im Aufbruch – Eine Anstiftung; Margret Rasfeld/Stephan Breidenbach; Kösel-Verlag 2014
.) Soziale Arbeit; Brake / Deller; UTB 2014
.) Pädagogik außerschulischer Lernorte: Eine interdisziplinäre Annäherung; Jan Erhorn/Jürgen Schwier; transcript 2016
Tags: Erziehung, Schule, Strafe
IOC – der elitäre Kreis
Die Olympischen Sommerspiele von Rio 2016 laufen auf Hochtouren, doch bekam ich vor deren Eröffnung eigentlich nurmehr den Eindruck, dass es hier schon längst nicht mehr um den Sport geht. Die Aktiven selbst werden zu kleinen Spielzeugfiguren, die auf dem Brettspiel hin und her bewegt werden. Tatsächlich ist vom Olympischen Gedanken der alten Griechen schon seit langer Zeit rein gar nichts mehr übrig. Da spielen auch die Sportler selbst mit, steigert doch ein Olympiasieger-Titel das Preisgeld enorm. Anders lässt es sich wohl nicht erklären, dass dermassen viele Profisportler an den Spielen teilnehmen. Früher war der Olympiasieg der Einstieg in’s Profilager!
Sportler, die nur des Geldes wegen an Wettkämpfen teilnehmen, missbrauchen die pädagogisch und sozial ausgerichteten Prinzipien des Sports.
Olympia – das Riesengeschäft!
Uns allen werden höchstwahrscheinlich noch die Bilder aus Peking 2008 in Erinnerung sein. Millionen Chinesen mussten für die Machtdemonstration des Politbüros herhalten. Hunderttausende wurden umgesiedelt, ganze Regionen verbaut. Die Spiele sollten die grössten und phänomenalsten Spiele der Neuzeit werden. Gottlob erkannten sowohl Vancouver/Kanada (Winterspiele 2010) als auch London (Sommerspiele 2012), dass es Irrsinn und verantwortungslos wäre, ein solches Spektakel zu toppen. Der Steuerzahler musste trotzdem tief in die Tasche greifen, damit ein derartiges Grossereignis überhaupt finanziert werden konnte. Wladimir Putin ging es bei den Winterspielen von Sotschi 2014 gewiefter an und holte sich Berater aus dem Westen. Auch hier rollte der Rubel in rauhen Mengen – jedoch nicht zu jenen, die sich ebenfalls ein neues Zuhause suchen mussten, da sie einer Liftanlage oder Rennstrecke weichen mussten. 51 Milliarden Dollar (Angaben lt. Financial Times) wurden für die Putin-Spiele ausgegeben.
https://www.youtube.com/watch?v=tAfgKMXr83I
Und jetzt Rio! Brasilien war zum Zeitpunkt der Vergabe 2009 ein wirtschaftlich starkes Schwellenland, allerdings steht es aufgrund der Kriminalität, der Korruption und der Kurzsichtigkeit seiner Politiker nahezu vor dem Kollaps. Direkt an die Villen und Hochhäuser der Reichen schliessen die Favelas der Armen an. Nirgendwo klafft die Schere zwischen arm und reich weiter auseinander! In gewisse Stadtviertel trauen sich nicht mal die Einheimischen unbewaffnet, Mord und Totschlag stehen an der Tagesordnung. Zudem wurden nicht weniger als 11 Milliarden US-Dollar verbaut – in Sportstätten und Infrastruktur – eine eigene U-Bahn wurde errichtet, damit die Touristen auch wirklich zeitgereicht zu den Wettkampfstätten kommen. Der Bundesstaat Rio de Janeiro musste gar den Notstand ausrufen; nur ein Sonderkredit half, den Berg zu meistern. Die Milliarden wären im Sozialsystem des Landes besser aufgehoben gewesen – in einem Land, das faktisch pleite ist. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass die Wohnungen im Olympischen Dorf danach als Sozialwohnungen verwendet werden. Finanziert haben dieses Olympische Dorf private Investoren – aus ihm soll ein Luxus-Viertel entstehen. Die Familien aus der vorher dort bestehenden Favela wurden weiter stadtauswärts umgesiedelt.
Wer kann sich Olympia denn heutzutage noch leisten?
Schliesslich kassiert das IOC den grössten Batzen der Einnahmen. Alleine die Fernsehrechte bringen der angeblichen Non-Profit-Organisation einen sehr akzeptablen Milliardenbetrag. So gehen die US-Rechte für 1,226 Milliarden $ an den Sender NBC. In Europa bot die EBU dasselbe wie für 2010 und 2012 – 986 Millionen US-Dollar. Das war dem IOC zu wenig, also wurden Einzelverhandlungen aufgenommen. Alleine die beiden deutschen Sender ARD und ZDF zahlen nun 110 Mio für 2014 und 2016. Letztmalig übrigens, da die Europarechte von 2018 bis 2024 für 1,3 Milliarden an Discovery/Eurosport gingen. Im Vergleich dazu zahlte der US-amerikanische Sender ABC für alle TV-Rechte 1964 in Innsbruck noch 297.000 US-Dollar! Hinzu kommen die sonstigen Vermarktungsrechte, die Sponsoren, die Eintrittsgelder etc. Die zumeist älteren, nadelbestreiften Herren in der Zentrale der Organisation im Chateau de Vidy, einem Schloss aus dem 17. Jahrhundert in Lausanne, schwimmen förmlich im Geld. Die Geldmaschine brachte dem IOC etwa zwischen 2012 und 2016 (Olympiade mit Sotschi und Rio) einen kolportierten Gewinn von nicht weniger als 4 Milliarden US-Dollar. 2015 erhielt davon der IOC-Präsident 225.000 €/Jahr als Aufwandsentschädigung. Soweit so gut zum Ehrenamt!!! Fairerweise muss allerdings erwähnt werden, dass das IOC nach eigenen Angaben rund 90 % an die nationalen Olympischen Komitees und Fachverbände weiterleitet. Der Rest verbleibt für “administrative Verwendungen” in der Schweiz! Ob’s dem dann auch wirklich so ist?
Den Veranstaltern bleibt nichts übrig – ausser einem riesigen Loch im Budget! Die Sechs-Millionen-Metropole erhielt den Zuschlag vor Tokio und Chicago. Die damalige Kostenaufstellung lautete:
2,62 Milliarden $ Budget des Organisationskomitees
11,1 Milliarden $ für Infrastruktur
Ergibt mit einigen Aufrundungen und weiteren kleineren Posten 13,92 Milliarden. Jeder weiss, dass dies nicht eingehalten wurde. Durch das IOC fliesst eine Milliarde zurück, nationale Sponsoren sollten 570 Mio bringen, 406 Millionen durch den Ticket-Verkauf eingenommen werden. Damit aber wäre noch nicht mal das Budget für das Organisationskomitee gedeckt. Ein Viertel der Baumassnahmen sollen gar ohne Kostenberechnungen durchgeführt worden sein. Staat und Stadt Rio haben für alle Kosten garantiert.
Mit dem hehren olympischen Gedanken des Begründers der Spiele der Neuzeit, dem Franzosen Pierre de Coubertin, hat all das nichts mehr zu tun. Er träumte davon, die Verständigung unter den Nationen durch sportliche Wettkämpfe friedlich zu fördern. Um es absichtlich etwas krass auszudrücken: Heutzutage musste alsdann befürchtet werden, dass die Russen in Brasilien einmarschieren, da die Anabolika-Olga oder der EPO-Sergej nicht an den Start gehen dürfen. Baron Coubertin setzte damals das “Comité International Olympique (CIO)” aus Vertretern zweier Interessensverbände zusammen:
- 50 % aus Sportlern
- 50 % aus “herausragenden Persönlichkeiten mit Sportinteresse”
Bei den ersten Spielen der Neuzeit 1896 traten 300 Athleten an – in Rio sind es mehr als 10.000! Hoch lebe ausserdem das Funktionärstum, denn sie sind unantastbar. Eine IOC-Vorstands-Akkreditierung wirkt mehr als jeder Reisepass mit Visum und Lippenstift-Abdruck der hübschen Zollbeamtin. Auch in China, hat Peking doch die Winterspiele 2022 zugesagt bekommen.
Ein Sportler hat nur eine begrenzte Zeit seines Lebens um wirkliche Höchstleistungen zu erbringen. Deshalb ist es für jeden umso wichtiger, soviel als möglich in diesen paar Jahren an Ruhm v.a. aber an Geld anzusammeln. Viele gehen alsdann das Risiko einer gesundheitlichen Gefährdung ein: Doping! In Russland soll dies mit viel Unterstützung des Staates geschehen sein: Proben und Berichte verschwanden, die Athleten durften in militärischen Sperrzonen trainieren, damit die Doping-Jäger keinen Zutritt hatten usw. Dies führte zuerst bei den Leichathleten, dann auch bei vielen anderen Disziplinen zu Sperren der russischen Aktiven. Es war von einem gänzlichen Antrittsverbot aller Russen die Rede. IOC-Präsident Thomas Bach relativierte dies, gilt er doch seit spätestens Sotschi als Freund Wladimir Putins. Russland durfte antreten. In einer Pressekonferenz in Rio meinte Bach hierzu:
“Wir können keinen Staatschef oder Minister bestrafen!”
(ist somit das Staatsdoping im IOC indirekt geduldet???; Anm. des Schreiberlings). Allerdings nur mit den wirklich sauberen Athleten bzw. jenen, bis zu deren Antreten noch nichts vorlag. Bestätigte doch bis zuletzt das IOC die meisten Sperren der Wada. Bach wirft nun der Welt-Anti-Doping-Kommission Wada vor, Hinweisen nicht zeitig genug nachgegangen zu sein. Ein nicht haltbarer Zustand, waren doch viele der betroffenen, vermeintlich sauberen Athleten bereits im Olympischen Dorf und erhielten dort die Abweisung ihrer Berufung. Sportler anderer Nationen mussten kurzfristig nachnominiert werden. Trainingsrückstand, Unterbringungsprobleme, Reisevorbereitungen,… Richard Pound, seines Zeichens langjähriger Vizepräsident des IOC, hat in diesem Zusammenhang in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung dem Deutschen diskrete Absprachen vorgeworfen. Während die Doping-Affäre noch eine ganze zeitlang brodeln wird, hat Bach hat die Spiele von Rio mit einer politischen Entscheidung auf dem Rücken der Sportler ruiniert (siehe hierzu auch das PS)! Bei der entscheidenden Abstimmung in der Vollversammlung des IOC stimmte nur der ehemalige britische Skeleton-Fahrer Adam Penilly gegen diese Entscheidung – 85 andere waren dafür!
https://www.youtube.com/watch?v=KC_JbXRDpqQ
Pound übrigens leitete ab Dezember 2014 eine Kommission zur Untersuchung der Doping-Vorwürfe bei den russischen Leichtathleten, die bereits im November 2015 mit der Empfehlung schloss, russische Leichtathleten für internationale Wettkämpfe zu sperren.
Neben den Doping-Skandalen bereitet auch ein anderes Thema Sorgen-Falten: Der Müll! So wurde vor noch gar nicht allzu langer Zeit in der Bucht von Guanabara ein Super-Virus entdeckt. Nach wie vor wird der Müll in die Bucht entsorgt. Hier finden in diesen Tagen die Segel-Wettbewerbe statt. Pfui Deibel – jeder, der einen Magen-Darm-Infekt überstanden hat, kann mit den Seglern mitfühlen.
Hinzu kommt auch die ausserordentlich hohe Kriminalität. Böse Zungen sollen ja behaupten, dass Formel I-Boss Bernie Ecclestone über die Entführung seiner Schwiegermutter nicht sonderlich böse gewesen sein soll. Die kolportierten 33 Mio Dollar Lösegeld hingegen sollen ihn sehr geschmerzt haben. Dafür hätte er wohl sehr viele hübsche junge Frauen ohne Mutter bekommen können. V.a. die Australier wissen ein Lied über die brasilianischen Diebe zu singen – sie waren zu Trainingszwecken etwas früher angereist und werden mit weitaus weniger Gepäck die Heimreise antreten. 2008 wurden nicht weniger als 5.700 Morde in Rio verzeichnet – im vergangenen 2014 waren es noch weit über 1.000. Militär und Polizei an allen Ecken versuchen, die Sicherheit aufrecht zu erhalten. Auch der Terror lässt viele vor Schaudern erzittern. So sollen bereits 12 IS-Anhänger verhaftet worden sein.
Und zuletzt das Tengue-Fieber und der Zyka-Virus (schon mal Inhalt dieses kleinen aber durchaus feinen Blogs)! Hier geht es um die Gesundheit der Sportler und Sportlerinnen. Die Zuschauer können es sich selbst aussuchen, ob sie das Risiko eingehen werden.
Wieso werden solche Grossereignisse in Problemzonen abgehalten? Klar – im Sinne der Gleichberechtigung der Kontinente war Südamerika überfällig. Doch ist es das alles tatsächlich auch wert? In Wahrheit stecken wirtschaftliche Interessen dahinter. Wie in der FIFA auch. Die Geldkoffer, schön säuberlich mit Namen versehen. Obgleich in der IOC-Sitzung im Dezember 1999 beschlossen wurde, was ein IOC-Mitglied von einem Bewerber annehmen darf, was nicht mehr und dass während einer solchen Bewerbungsphase IOC-Mitglieder nur mit einem klaren Kontroll-Auftrag in die Bewerberregion fahren dürfen. Trotzdem ermitteln derzeit Staatsanwälte aufgrund dubioser Zahlungen in Millionenhöhe im Rahmen der Vergabe der Spiele 2020 nach Tokio! Offensichtlicher hingegen wird genetworked: Die TV-Senderkette NBC beispielsweise gehörte einst dem Global Player General Electric. Er hat sich aus zumindest diesem Geschäft zurückgezogen, bleibt aber als Sponsor auch weiterhin Partner des IOC. Welch ein Zufall, erschliesst der Konzern zusehends mehr die Märkte China, Russland, Brasilien und Südkorea! Irgendwelche Parallelen sind natürlich rein zufällig!
Galten die wunderschönen Bilder aus den Übertragungen damals als unbezahlbare Werbung für das Ausrichterland, so bleiben immer mehr die Riesenbauten als Mahnmäler zurück. Den Witterungsverhältnissen ausgesetzt, langsam verrottend, da meist nicht mal mehr die Betriebs- oder Instandhaltungskosten bezahlt werden können. 2010 wurde das IOC für den Public Eye Award nominiert, ein Preis, der für unlautere Geschäftspraktiken verliehen wird. Hintergrund dafür waren die riesigen Verbauungen von Indianerland in Vancouver. Die indogene Bevölkerung wurde nahezu komplett vertrieben oder obdachlos. Gleiches droht nun erneut bei den Bauarbeiten zu den Winterspielen in China! Ist das im Sinne der Völkerverständigung durch den Sport – die Idee des Barons de Coubertin???
https://www.change.org/p/do-not-punish-the-whistleblower-julia-stepanowa-yuliya-stepanova-for-rio
PS: Ich finde es übrigens verabscheuungswürdig, dass ausgerechnet jene Sportlerin, die die Staats-Doping-Affäre losgetreten hat (Julia Stepanowa) durch das Ethik-Komitee des IOC für diese Spiele gesperrt wurde (sie erfülle nicht die ethischen Voraussetzungen), während eine Teilnahme durch die WADA und die IAAF als unbedenklich eingestuft wurde!!! Die chinesische Geherin Liu Hong hingegen war nach einem positiven Befund im Mai für nur einen Monat gesperrt und darf über 20 km starten!
- The International Olympic Committee and the Olympic system: the governance of world sport; Jean-Loup Chappelet, Brenda Kübler-Mabbott Chappelet; Routledge, London 2008.
stillmed.olympic.org/Documents/olympic_charter_en.pdf
www.brasilien.info/olympia-2016-rio
publiceyeawards.ch
Tags: IOC, Olympia, Rio
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