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Timestamp: 2019-02-22 21:37:35
Document Index: 201060368

Matched Legal Cases: ['Art. 1104', 'Art. 18', 'Art. 1059', 'Art. 1060', 'Art. 1043', 'Art. 1108', 'Art. 1122', 'Art. 1130', 'Art. 1169', 'Art. 907', 'Art. 233']

Gericht bvwg entscheidungsdatum 22. 05. 2018 Geschäftszahl - səhifə 9
Aufgrund der Schwierigkeit für Frauen am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, ist der familiäre Rückhalt für alleinstehende Frauen umso bedeutender. Jedoch erhalten manche Frauen, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm leben (wie zum Beispiel lesbische Frauen od. Prostituierte), keine Unterstützung durch die Familie und werden Opfer von häuslicher Gewalt und Zwangsheirat (ÖB Teheran 10.2016).
Gesetzliche Regelungen räumen geschiedenen Frauen das Recht auf Alimente ein. Geschiedene Frauen haben auch das Recht auf Entschädigung für erbrachte Hausarbeit während der Ehe, vor allem wenn der Mann die Scheidung ohne triftigen Grund verlangt hat. Angaben über (finanzielle) Unterstützung vom Staat für alleinerziehende Frauen sind nicht auffindbar. Das Gesetz sieht vor, dass geschiedenen Frauen vorzugsweise das Sorgerecht für ihre Kinder bis zu deren siebentem Lebensjahr gegeben werden soll. Danach soll das Sorgerecht dem Vater übertragen werden, außer dieser ist dazu nicht im Stande. Heiraten geschiedene Frauen erneut, verlieren sie das Sorgerecht für Kinder aus einer früheren Ehe (ÖB Teheran 10.2016).
Krisenzentren und Frauenhäuser nach europäischem Modell existieren im Iran nicht. Angeblich sollen staatlich geführte Einrichtungen für alleinstehende Frauen, Prostituierte, Drogenabhängige oder Mädchen, die von Zuhause davon gelaufen sind, vorhanden sein. Jedoch sind Informationen über diese Einrichtungen der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Genauere Informationen über mögliche Unterstützungen des Staates für alleinstehende Frauen sind nicht eruierbar (ÖB Teheran 10.2016).
Alleinstehende, nicht geschiedene Frauen haben Schwierigkeiten, selbstständig eine Wohnung zu mieten und alleine zu wohnen, da gesellschaftliche Normen verlangen, dass eine unverheiratete Frau im Schutze ihrer Familie oder eines männlichen Familienmitglieds lebt. Im Gegensatz dazu dürfte es gesellschaftlich akzeptiert sein, dass geschiedene Frauen alleine wohnen (ÖB Teheran 10.2016).
Alleinstehende Frauen, die nicht geschieden sind, sind laut Gesetz in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Es wird berichtet, dass Frauen - vorwiegend in ländlichen Regionen - oft eine Zustimmung eines männlichen gesetzlichen Vertreters benötigen, um alleine zu reisen. Alleinreisende Frauen in ländlichen Regionen sind demnach Belästigungen durch staatliche und nicht staatliche Akteure ausgesetzt. Zusammenfassend ist zu sagen, dass alleinstehende Frauen im Iran Unterstützung vom Staat und der Gesellschaft nur beschränkt erwarten können. Vorwiegend Frauen, denen kein familiärer Rückhalt zuteilwird und die außerhalb der gesellschaftlichen Normen leben (Prostituierte, Betroffene des Frauenhandels, weggelaufene Mädchen, Geschiedene, lesbische Frauen) sind Diskriminierungen und Unterdrückung durch Staat und Gesellschaft ausgesetzt. Die schwierige wirtschaftliche Lage und die hohe Arbeitslosigkeit unter Frauen, vor allem in ländlichen Regionen, veranlassen Frauen, das Land zu verlassen und in die Stadt zu ziehen oder zu emigrieren (ÖB Teheran 10.2016).
Die Behörden gingen 2016 weiterhin massiv gegen Menschenrechtsverteidigerinnen vor und setzten zunehmend jegliche Initiative, die sich mit Feminismus oder Frauenrechten befasste, mit strafbaren Handlungen gleich. Die Revolutionsgarden unterzogen Frauenrechtlerinnen, die sich für eine stärkere Beteiligung von Frauen an den Parlamentswahlen im Februar 2016 einsetzten, ausgedehnten und repressiven Verhören und drohten ihnen mit Anklagen wegen Verstößen gegen die nationale Sicherheit und Gefängnisstrafen (AI 22.2.2017).
- ACCORD (12.2015): COI compilation Iran: Women, children, LGBTI persons, persons with disabilities, "moral crimes", http://www.ecoi.net/file_upload/1226_1451977796_568a98324.pdf, Zugriff 25.4.2017
- AI - Amnesty International (2.2.2017): Jahresbericht 2016/17 - Iran, http://www.ecoi.net/local_link/336510/479174_de.html, Zugriff 25.4.2017
http://liportal.giz.de/iran/gesellschaft/, Zugriff 25.4.2017
- HRW - Human Rights Watch (12.1.2017): World Report 2017 - Iran, http://www.ecoi.net/local_link/334693/476446_de.html, Zugriff 25.4.2017
- Landinfo (22.5.2009): Honour killings in Iran, http://www.landinfo.no/asset/960/1/960_1.pdf, Zugriff Zugriff 25.4.2017
- US DOS - US Department of State (3.3.2017): Country Reports on Human Rights Practices 2016 Iran, http://www.ecoi.net/local_link/337185/479948_de.html, Zugriff 25.4.2017
18.1. Rechtliche Bestimmungen bez. Frauen
Aufenthaltsbestimmungsrecht: Der Ehemann hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht für sich und seine Frau (Art. 1104 des iranischen Zivilgesetzbuchs, iZGB). Sie benötigt die schriftliche Einwilligung ihres Ehemannes, um einen Reisepass zu beantragen (Art. 18 III Passgesetz). Der Ehemann hat das Recht, jederzeit ohne Angabe von Gründen eine Ausreisesperre gegen seine Ehefrau zu verhängen. In einigen Städten benötigen allein reisende Frauen eine behördliche Erlaubnis, um in öffentlichen Hotels und Gästehäusern übernachten zu können (AA 9.12.2015).
Volljährigkeit: Mädchen werden mit dem 9. Lebensjahr volljährig, Jungen mit Vollendung des 15. Lebensjahres. Geschäftsfähigkeit erlangen beide in der Regel erst mit 18 Jahren (AA 9.12.2015).
Eherecht: Die Ehe eines nicht-muslimischen Mannes mit einer Muslimin ist verboten (Art. 1059 ZGB); für die Ehe einer iranischen Frau mit einem Ausländer ist eine behördlichen Sondergenehmigung erforderlich (Art. 1060 ZGB). Eine ledige Frau benötigt unabhängig von ihrem Alter zur ersten Eheschließung die Zustimmung des gesetzlichen Vormunds, in der Regel die des Vaters (Art. 1043 ZGB). Laut Art. 1108 ZGB hat eine Ehefrau, die ihre Ehepflichten (Gehorsam und Ehebeziehungen) nicht erfüllt, keinen Anspruch auf Unterhalt. Der Ehemann hat das Recht zur Vielehe (bis zu vier Frauen) (AA 9.12.2015).
Scheidungsrecht: Der Ehemann hat das Recht zur Scheidung, ohne dass er den Scheidungsantrag begründen muss. Ebenso kann er nach einer widerrufbaren Scheidung die Ehe innerhalb von drei Monaten wieder aufnehmen. Eine Frau kann bei Geisteskrankheit und Impotenz des Ehemanns (Art. 1122, 1125 ZGB), wegen einer unerträglichen Härte im Falle der Fortführung der Ehe z.B. bei stark unislamischer Lebensführung des Ehemanns oder bei Verletzung der Unterhaltspflicht (Art. 1130 ZGB) die Scheidung beantragen. Zusätzlich zu diesen gesetzlich geregelten Fällen werden in standardisierten, notariell beurkundeten Eheverträgen oft weitere Scheidungsgründe vereinbart (z.B. für die Frau gefährliche Erkrankung, Drogenkonsum, weitere nicht-konsentierte Heirat des Ehemanns). Das Vorliegen der Scheidungsbedingungen nachzuweisen ist für die Frau sehr schwierig. Im Streitfall kann sich ein solcher Rechtsstreit über mehrere Jahre hinziehen. Die Frau hat jedoch in den meisten Fällen die Möglichkeit, dem Mann gegen die Scheidung die Morgengabe zu schenken, wobei es sich häufig um große Summen handelt. Lässt sich der Mann scheiden, muss er diese der Frau auszahlen. Die Zahl der Scheidungen im ersten Quartal des iranischen Jahres 1394 (21.3.-20.6. 2015) ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 17,5 % gestiegen. Einen besonders hohen Anteil stellen einvernehmliche Scheidungen dar (AA 9.12.2015).
Sorgerecht: Das Sorgerecht gliedert sich nach den Vorschriften des iZGB in zwei Kategorien: Die Vermögenssorge sowie alle Fragen der Stellvertretung (sog. "Welayat") liegen immer beim Vormund des Kindes, in der Regel also beim Vater. Über Fragen des körperlichen und geistigen Wohls des Kindes (sog. "Hezanat") entscheiden beide Ehegatten gemeinsam. Bei einer Scheidung erhält die Frau für Kinder bis zum Alter von sieben Jahren die "Hezanat" (Sorgerecht in Bezug auf körperliches und geistiges Wohl des Kindes) (Art. 1169 ZGB). Bei Erreichen der Altersgrenze fällt sie automatisch an den Vater. Nur in Fällen der Beeinträchtigung des physischen oder moralischen Wohls der Kinder kann das Sorgerecht ausnahmsweise durch ein Gericht auch nach Erreichen der Altersgrenze der Mutter zugesprochen werden. Sie verliert das Sorgerecht, wenn sie wieder heiratet (AA 9.12.2015).
Erbrecht: Bei mehreren Abkömmlingen erhalten männliche Kinder doppelt so viel von der Erbmasse wie weibliche Kinder (Art. 907 ZGB). Auch der Ehemann erhält einen größeren
Erbteil als die Ehefrau, wenn der Partner verstirbt (AA 9.12.2015).
Strafmündigkeit: Nach dem neuen Strafgesetz wird bei der Bestimmung der Straffähigkeit zwischen Jungen und Mädchen nicht mehr unterschieden. Für Kinder zwischen neun und 15 Jahren können ausschließlich Jugendstrafen angewendet werden (AA 9.12.2015).
Blutgeld (Diyat): Das Blutgeld für eine Frau beträgt halb so viel wie für das Leben eines Mannes. Versicherungsleistungen (z.B. nach einem tödlichen Autounfall) werden allerdings seit 2006 in gleicher Höhe ausgezahlt. Dies ist im Strafgesetz so vorgesehen (AA 9.12.2015).
Bekleidungsvorschriften: Von den die Nichtbeachtung der Kleidungsvorschriften betreffenden
Strafen sind ausschließlich Frauen betroffen (AA 9.12.2015).
Zeugen: Der Aussage zweier Frauen wird so viel Gewicht beigemessen wie der Aussage eines Mannes (AA 9.12.2015).
Staatsangehörigkeit: Die ausländische Ehefrau eines Iraners erwirbt durch die Eheschließung automatisch die iranische Staatsangehörigkeit und wird dann ausschließlich als Iranerin behandelt. Erwirbt die iranische Ehefrau unmittelbar durch eine Eheschließung die Staatsangehörigkeit ihres ausländischen Ehemannes, verliert sie die iranische Staatsangehörigkeit. Nach dem Tod des Ehemanns oder nach Trennung der Eheleute hat die Frau ein Recht auf Wiedererwerb der iranischen Staatsangehörigkeit. Wird der Ehemann eingebürgert, erwerben Ehefrau und minderjährige Kinder automatisch ebenfalls die iranische Staatsangehörigkeit. Eine mit einem iranischen Staatsangehörigen verheiratete Frau kann weder eine andere Staatsangehörigkeit erwerben noch aus der iranischen Staatsangehörigkeit entlassen werden. Das Kind eines iranischen Vaters erwirbt seine Staatsangehörigkeit. Das Kind erwirbt in der Regel aber nicht die Staatsangehörigkeit von seiner iranischen Mutter, es kann sich jedoch nach Erreichen der Volljährigkeit einbürgern lassen (AA 9.12.2015).
Internationales Privatrecht: Haben die Ehegatten unterschiedliche Staatsangehörigkeiten, richtet sich das auf die persönlichen und finanziellen Beziehungen anzuwendende Recht nach dem Heimatrecht des Ehemannes. Das Recht, welches auf die Beziehung zwischen Eltern und Kindern anzuwenden ist, richtet sich nach der Staatsangehörigkeit des Vaters (AA 9.12.2015).
Einwilligungsvorbehalt: Der Ehemann einer iranischen Frau hat das Recht, der Ehefrau die Ausübung eines Berufs zu versagen, wenn dies den Interessen der Familie widerspricht und seiner Würde zuwiderläuft (AA 9.12.2015).
Sozialversicherung: Das Sozialversicherungswesen ist darauf ausgelegt, dass der Mann die Familie unterhält. Der Fall, dass eine Frau für das Familieneinkommen sorgt, obwohl auch der Mann dazu in der Lage wäre, ist nicht vorgesehen. Eine Frau erhält in der Regel lediglich dann Leistungen aus der Sozialversicherung, wenn sie die einzige Ernährerin der Familie ist (AA 9.12.2015).
19. Sexuelle Minderheiten
Verboten ist im Iran jede sexuelle Beziehung, die außerhalb der heterosexuellen Ehe stattfindet, also auch homosexuelle Beziehungen, unabhängig der Religionsangehörigkeit. Auf homosexuelle Handlungen, welche auch als "Verbrechen gegen Gott" gelten, stehen offiziell Auspeitschung oder Todesstrafe (dies besagen diverse Fatwas, die von beinahe allen iranischen Klerikern ausgesprochen wurden) (ÖB Teheran 10.2016, vgl. FH 2017). Für homosexuelle Handlungen zwischen Männern setzt Art. 233 ff. iStGB als Regelstrafe die Todesstrafe fest, wofür allerdings die Beweisanforderungen sehr hoch sind (vier männliche Zeugen, Ermittlungsverbot in Fällen, in denen zu wenige Zeugenaussagen vorliegen, hohe Strafen für Falschbeschuldigungen). Bei Minderjährigen und in weniger schwerwiegenden Fällen sind Peitschenhiebe vorgesehen (auch hierfür zwei männliche Zeugen erforderlich). Homosexuelle Handlungen zwischen Frauen werden mit bis zu 100 Peitschenhieben, bei der vierten Verurteilung mit der Todesstrafe geahndet. Aufgrund der mangelnden Transparenz des Gerichtswesens lässt sich der Umfang der strafrechtlichen Verfolgungsmaßnahmen wegen Homosexualität nicht eindeutig bestimmen. Dennoch werden homosexuelle Beziehungen im entsprechenden soziokulturellen westlich-beeinflussten, liberalen Umfeld in
Einzelfällen auch de facto "geduldet" bzw. "ignoriert" (AA 8.12.2016, vgl. ÖB Teheran 10.2016, ACCORD 12.2015). Die Bestrafung von gleichgeschlechtlichen Handlungen zwischen Männern ist meist schwerwiegender als die für Frauen. Gleichfalls ist Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung nicht verboten. Die Todesstrafe wird vor allem bei homosexuellen Vergewaltigungen verhängt (Vergewaltigung ist generell mit der Todesstrafe bedroht). Im Falle von einvernehmlichen homosexuellen Handlungen werden zumeist Freiheits- sowie Körperstrafen verhängt. Da Homosexualität offiziell als Krankheit gilt, werden Homosexuelle vom Militärdienst befreit und können keine Beamtenfunktionen ausüben. Es ist davon auszugehen, dass Verurteilungen im Falle von Homosexualität auf andere Straftatbestände lauten. Manche Verurteilungen basieren auf Geständnissen, die durch Folter erzwungen wurden (ÖB Teheran 10.2015, vgl. US DOS 3.3.2017). Sicherheitskräfte schikanierten und verhafteten Personen, die sie als Homosexuelle oder Transgender-Personen verdächtigten. In einigen Fällen wurden von Sicherheitskräften Razzien in Häusern durchgeführt und einige Websites überwacht, mit dem Ziel, Informationen über LGBTI-Personen zu erhalten. Die Regierung zensierte alle Materialien mit LGBTI-Inhalten. Personen, die der Unzucht angeklagt sind, sehen sich oft kurzen Verhandlungen gegenüber, die auch nicht immer auf den Standards der Beweisführung ruhen. Es gibt Berichte, dass LGBTI-Personen von Sicherheitsbeamten in Gefängnissen gefoltert wurden. Ebenso geht Missbrauch und Schikane auch von Familienmitgliedern, religiösen Persönlichkeiten, Schuldirektoren und Gemeindeältesten aus (US DOS 3.3.2017).
Sexuelle Minderheiten im Iran erfahren regelmäßig Diskriminierungen, Belästigungen und Missbrauch auch durch nichtstaatliche Akteure, wie Familienmitglieder und der Gesellschaft. Lesbische Frauen erleben häusliche Gewalt und werden zur Heirat gezwungen. Aus Furcht vor Bestrafung werden Missbräuche durch die Gesellschaft auch nicht angezeigt, was Mitglieder von sexuellen Minderheiten noch anfälliger für Menschenrechtsverletzungen macht (ÖB Teheran 10.2016).
Transsexualität ist im Iran seit 1987 erlaubt, wird aber laut Gesetz als Geisteskrankheit definiert. Laut einer Fatwa Ayatollah Khomeneis sind Geschlechtsumwandlungen für "diagnostizierte Transsexuelle" erlaubt. Operationen zur Geschlechtsumwandlung werden durch finanzielle Unterstützung seitens des Staates gefördert (ÖB Teheran 102016, vgl. US DOS 3.3.2017, AA 8.12.2016), wobei die Qualität der medizinischen Versorgung dabei zweifelhaft erscheint (ÖB Teheran 10.2016). Geschlechtsumwandlungen werden in voller Höhe von Krankenversicherungen erstattet. Sie gelten allerdings häufig als Weg, von der Heterosexualität abweichende sexuelle Orientierungen oder Identitäten in die Legalität zu bringen (AA 8.12.2016). Es gibt Berichte, die darauf hinweisen, dass Transsexuelle unter Druck gesetzt werden, sich für ein Geschlecht zu entscheiden. Transsexuelle Personen werden häufig sozial stigmatisiert, auch im Berufsumfeld und in der eigenen Familie, sodass sie in die Prostitution gedrängt werden (ÖB Teheran 10.2016, vgl. US DOS 3.3.2017). Geschlechtsumwandlungen sind erlaubt. In diesem Punkt ist der Iran vermeintlich liberaler als viele westliche Länder. Schon lange gilt das Land als eine Art Pilgerort für Transsexuelle. Aus dem gesamten Nahen Osten kommen Menschen, um sich in der Islamischen Republik operieren zu lassen. Die Zahl der Geschlechtsumwandlungen im Iran ist nach Thailand die zweithöchste der Welt. Problematisch ist, dass unter den Transsexuellen viele Homosexuelle sind, die aus Angst vor Entdeckung eine Operation vornehmen lassen. Auf diese Art können sie ganz legal mit gleichgeschlechtlichen Partnern verkehren. Khomeini hielt Transsexualität für eine Krankheit, ebenso wie Homosexualität. Wer im Iran seine Homosexualität offen auslebt, dem droht die Todesstrafe. Dass das eine verboten wurde, das andere aber nicht, hat einen einfachen Grund: Im Koran wird die sexuelle Transformation nicht erwähnt, somit kann sie auch nicht als Sünde gelten. Homosexualität ist hingegen gemäß Koran verpönt (Welt 13.2.2014).
Gerichtliche Verfolgung von homosexuellen Taten passiert relativ selten, da sie sehr schwierig zu beweisen sind. Man braucht dafür Augenzeugen und Personen, die jemanden fälschlicherweise der Sodomie bezichtigen, drohen hohe Strafen. Es ist anzunehmen, dass Homosexuelle wegen moharebeh (Feindschaft gegen Gott) angeklagt werden. Homosexualität wird auf dem Land eher schwerer bestraft als in großen Städten, somit variiert die Höhe der Strafe stark, je nach Richter. Trotzdem tendieren die meisten Gerichte zu Auspeitschungen und nicht zur Todesstrafe (BZ 7.5.2015).
Das UN Children's Committee berichtete, dass LGBTI-Kinder mit Elektroschocks "behandelt" wurden, um ihre "Krankheiten" zu heilen (HRW 12.1.2017).
- ACCORD (12.2015): COI compilation Iran: Women, children, LGBTI persons, persons with disabilities, "moral crimes", http://www.ecoi.net/file_upload/1226_1451977796_568a98324.pdf, Zugriff 27.4.2017
- BZ - Netherlands Ministry of Foreign Affairs (7.5.2015):
Thematisch ambtsbericht situatie van Christenen en van LHBT's 2015, http://www.rijksoverheid.nl/bestanden/documenten-en-publicaties/ambtsberichten/2015/05/07/thematisch-ambtsbericht-situatie-van-christenen-en-van-lhbt-s-2015/tab-iran-positie-christenen-en-lhbt.pdf, in: ACCORD - Austrian Centre for Country of Origin and Asylum Research and Documentation: Iran: Women, children, LGBTI persons, persons with disabilities, "moral crimes"; COI Compilation, Dezember 2015, http://www.ecoi.net/file_upload/1226_1451977796_568a98324.pdf, Zugriff 27.4.2017
- FH - Freedom House (2017): Freedom in the World 2017, https://freedomhouse.org/report/freedom-world/2017/iran, Zugriff 27.4.2017
- HRW - Human Rights Watch (12.1.2017): World Report 2017 - Iran, http://www.ecoi.net/local_link/318407/457410_de.html, Zugriff 27.4.2017
- Welt (13.2.2014): Iranische Nationalspielerinnen als Männer entlarvt,
http://www.welt.de/sport/fussball/article124790806/Iranische-Nationalspielerinnen-als-Maenner-entlarvt.html, Zugriff 27.4.2017
20. Bewegungsfreiheit
20.1. Aus/Einreise
20.2. Gefälschte Dokumente
21. Flüchtlinge
Im Iran gibt es momentan rund 3,6 Mio. afghanische Flüchtlinge, von denen nur rund 1 Mio. dokumentiert sind und damit auch Zugang zu staatlichen Leistungen im Gesundheits- und Bildungsbereich haben. Einige sind seit 30 Jahren im Land, rund 20% seit den letzten fünf Jahre und 5-7% seit den letzten sechs Monaten. Die UN-Hilfsorganisationen helfen nur den dokumentierten Flüchtlingen, die anderen werden soweit überhaupt möglich von NGOs versorgt. Die Mehrzahl dieser Flüchtlinge lebt in den städtischen Zentren, nur rund 3% der dokumentierten Flüchtlinge leben in Lagern. 40% der Haushalte werde von Frauen geführt, 14% von älteren Geschwistern. Die meisten Flüchtlinge stammen aus der (schiitischen) Bevölkerungsgruppe der Hazaras, auch viele Tadschiken sind darunter, weniger Paschtunen. Für die Flüchtlinge gilt, dass ihre Ausgaben in der Regel über den Einnahmen liegen und sie daher über kurz oder lang in Abhängigkeiten geraten. Ein Teil der Flüchtlinge ist im Rahmen eines schrittweisen Ansatzes von Migration zunächst in den Iran geflüchtet, um später weiterzuziehen. Der Iran hat im letzten Jahr eine Reihe außerordentlicher positiver pragmatischer Schritte gesetzt, etwa den Zugang zu Grundschulausbildung auch für nicht dokumentierte afghanische Flüchtlingskinder geöffnet (eine Entscheidung des obersten Führers im Sinne des Innenministeriums und gegen den Widerstand des Unterrichtsministeriums) und die öffentliche Krankenversicherung für dokumentierte afghanische Flüchtlinge zugänglich gemacht. Diese pragmatischen, positiven Bemühungen Irans, die auch vor dem Hintergrund eigenen Sicherheitsinteresses und der Vermeidung von Radikalisierung zu sehen sind, sollten politisch von der EU positiv anerkannt werden. Der Iran ist seit einiger Zeit um eine viel positivere pragmatische Zusammenarbeit mit internationalen und iranischen NGOs bemüht und ersucht diese um Unterstützung, öffnet neue Provinzen und unterstützt deren Arbeit, auch wenn nicht alle Ebenen der öffentlichen Verwaltung immer dieselbe Linie verfolgten. Es herrschen von offizieller Seite drei Meinungsstränge (Flüchtlinge sollen zurückkehren; pragmatischer Ansatz; Flüchtlinge weiter in die Türkei senden) vor. Derzeit arbeitet der Iran an der Dokumentierung von drei Gruppen von bisher nicht dokumentierten afghanischen Flüchtlingen: Ehepartner in gemischten afghanisch-iranischen Ehen; nicht dokumentierte Flüchtlingsfamilien, deren Kinder nun die iranische Grundschule besuchten und Flüchtlinge, die aufgrund ökonomischer Schwierigkeiten ihre Flüchtlingskarten nicht verlängert hätten. Dies könne eine Dokumentierung von 300.000 bis 600.000 bisher nicht dokumentierten Flüchtlingen bringen, die Prozeduren sind allerdings schwerfällig und erfordert auch Mitarbeit der afghanischen Regierung. Wichtig wäre es, soziale Kohäsion, das öffentliche Schulsystem und den Zugang zum Arbeitsmarkt (für afghanische Flüchtlinge sehr begrenzt, bisher praktisch nur manuelle Arbeit, trotz vieler Schulabgänger) zu fördern. Es gibt sehr informell staatlich tolerierte "Workshops" mit Trainings- und Einkommensmöglichkeiten für Flüchtlinge. Integration der afghanischen Flüchtlinge ist mittlerweile bei den Behörden kein Tabuthema mehr und wird "unter der Hand" teils geduldet und seit einem Jahr ist der Erwerb der Staatsbürgerschaft möglich, allerdings nur für Verdienste für den Iran, darunter auch für Kampf in Milizen etwa in Syrien, für "Märtyrer" und deren Angehörige (der Iran hält hier die Versprechen ein, den Leichnam zu überführen und würdig zu bestatten sowie die Familie zu unterstützen), es gibt keine Anzeichen der Ausübung von Zwang zur Mitwirkung in Milizen, dies ist aufgrund der "attraktiven" Bedingungen auch gar nicht nötig. Eine Mehrheit der afghanischen Flüchtlinge würde wohl in Iran bleiben wollen, wenn die Bedingungen besser und Integration leichter möglich wären. Die neue Politik Irans ist auch Konsequenz der gescheiterten Bemühungen um freiwillige Rückkehr, diese Zahlen sind sehr gering und kaum zu steigern. Die Deportationen blieben zahlenmäßig 2008 bis 2017 relativ konstant, mittlerweile sind es aber weniger junge Männer, sondern auch Familien, die deportiert werden und Personen, bei denen sich die Arbeitgeber die Bezahlung des Lohns sparen wollten. Die Rate der illegalen Migration aus Afghanistan in den Iran liegt bei rund 2.000 Personen pro Tag, trotz harter Maßnahmen inklusive sofortiger Deportation an der Grenze beim Aufgriff und sogar Erschießung von illegalen Migranten und Rücktransport der Leichen über die Grenze. Mittlerweile würden alleinstehende Frauen, Kinder und besonders schutzbedürftige Familien nicht mehr sofort bei Aufgriff an der Grenze deportiert, sondern die Fälle zunächst untersucht. Im Iran gibt es viele soziale und kulturelle Vorurteile gegenüber Afghanen, gemischte Ehen sind nur in zwei iranischen Provinzen zahlenmäßig bedeutsam, ansonsten eher verpönt. Die Regierung versucht Konflikte zwischen iranischer Bevölkerung und afghanischen Flüchtlingen nicht weiter anzufachen, sondern zu vermeiden, daher sei jede zusätzliche Unterstützung für die Flüchtlinge immer politisch sorgsam abzuwägen und zu steuern. Ein Teil der iranischen Bevölkerung steht den Flüchtlingen offen gegenüber (Brüder und Schwestern), ein anderer lehnt deren Anwesenheit im Land ab (ÖB Teheran 8.5.2017).