Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/ausgleichszahlungen-fuer-flugannullierung-344970
Timestamp: 2020-01-23 11:58:06
Document Index: 193643894

Matched Legal Cases: ['Art. 7', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', 'EuG', 'Art. 5', 'BGH', 'BGH']

Aus­gleichs­zah­lun­gen für Flug­an­nul­lie­rung | Rechtslupe
Aus­gleichs­zah­lun­gen für Flug­an­nul­lie­rung
Flug­pas­sa­gie­ren steht kein Anspruch auf eine Aus­gleichs­zah­lung nach der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung für Flug­an­nul­lie­rung zu, die im Zusam­men­hang mit den von der Pilo­ten­ver­ei­ni­gung Cock­pit ange­kün­dig­ten Pilo­ten­streiks erfolg­ten.
Dies ent­schied jetzt der Bun­des­ge­richts­hof in zwei bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren, in denen die Klä­ger jeweils Aus­gleichs­zah­lun­gen nach Art. 7 Abs. 1c, Art. 5 Abs. 1c Flug­gast­rech­te­veror­dung (Ver­ord­nung (EG) Nr. 261/​2004) ver­lan­gen, weil ihre für Febru­ar 2010 vor­ge­se­he­nen Flü­ge von Mia­mi nach Deutsch­land von der beklag­ten Luft­han­sa AG wegen eines Streik­auf­rufs der Ver­ei­ni­gung Cock­pit annul­liert wor­den waren.
In der ers­ten Sache 1 wur­de der für den 22. Febru­ar 2010 vor­ge­se­he­ne Rück­flug nach Düs­sel­dorf annul­liert und die Rei­sen­den wur­den auf einen ande­ren Rück­flug umge­bucht, mit dem sie am 25. Febru­ar 2010 in Düs­sel­dorf ein­tra­fen. In der zwei­ten Sache 2 wur­de der für den 23. Febru­ar 2010 vor­ge­se­he­ne Rück­flug nach Frank­furt am Main annul­liert die Rei­sen­den wur­den auf einen Flug am 1. März 2010 umge­bucht. In bei­den Fäl­len geht es nicht um die Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen (Mahl­zei­ten, Hotel­un­ter­brin­gung), die das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men bei Annul­lie­rung eines Flugs anbie­ten muss, son­dern – jeden­falls in der Revi­si­ons­in­stanz – aus­schließ­lich um die Fra­ge, ob Luft­han­sa auch die pau­scha­le Aus­gleichs­leis­tung in Höhe von 600 € je Flug­gast zu zah­len hat, die die Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung grund­sätz­lich vor­sieht, wenn ein Inter­kon­ti­nen­tal­flug annul­liert wird.
Nach Art. 5 Abs. 3 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung ent­fällt die­se Ver­pflich­tung, wenn eine Annul­lie­rung auf "außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de" zurück­geht, die sich auch dann nicht hät­ten ver­mei­den las­sen, wenn alle zumut­ba­ren Maß­nah­men ergrif­fen wor­den wären. Luft­han­sa hat gel­tend gemacht, von der Pflicht zu Aus­gleichs­zah­lun­gen nach der Ver­ord­nung befreit zu sein, weil es sich bei dem Streik ihrer Pilo­ten um ein außer­ge­wöhn­li­ches und für sie unab­wend­ba­res Ereig­nis gehan­delt habe und sie alle zumut­ba­ren Maß­nah­men zur Redu­zie­rung der Zahl der annul­lier­ten Flü­ge ergrif­fen habe.
Die in ers­ter Instanz zustän­di­gen Amts­ge­rich­te haben Luft­han­sa in bei­den Fäl­len zur Leis­tung der Aus­gleichs­zah­lun­gen ver­ur­teilt 3. In den Beru­fungs­ver­fah­ren haben die zustän­di­gen Land­ge­rich­te dage­gen unter­schied­lich geur­teilt:
In dem ers­ten Ver­fah­ren 1 hat das Land­ge­richt Köln die Beru­fung zurück­ge­wie­sen, weil ein Streik eige­ner Mit­ar­bei­ter des aus­füh­ren­den Luft­fahrt­un­ter­neh­mens kein außer­ge­wöhn­li­ches Ereig­nis im Sin­ne des Art. 5 Abs. 3 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung dar­stel­le 4.
Dage­gen hat im zwei­ten Ver­fah­ren 2 das Land­ge­richt Frank­furt am Main auf die Beru­fung der Luft­han­sa hin das erst­in­stanz­li­che Urteil abge­än­dert und die Kla­ge abge­wie­sen 5. Ein Streik, auch der­je­ni­ge des eige­nen Per­so­nals des Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens stel­le ein unab­wend­ba­res Ereig­nis im Sin­ne des Art. 5 Abs. 3 der Ver­ord­nung dar. Luft­han­sa habe die Annul­lie­rung des Rück­flu­ges auch nicht durch zumut­ba­re Maß­nah­men ver­mei­den kön­nen. Ins­be­son­de­re sei sie nicht ver­pflich­tet gewe­sen, ande­re Pilo­ten zur Aus­hil­fe anzu­stel­len.
Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied nun­mehr, dass außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de im Sin­ne des Art. 5 Abs. 3 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung anzu­neh­men sein kön­nen, wenn der Flug­plan eines Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens infol­ge eines Streiks ganz oder zu wesent­li­chen Tei­len nicht wie geplant durch­ge­führt wer­den kann. Dies ergibt sich für den Bun­des­ge­richts­hof aus Wort­laut und Zweck des Art. 5 Abs. 3 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung und steht im Ein­klang mit der Aus­le­gung die­ser Vor­schrift durch die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on. Die vom EuGH für tech­ni­sche Defek­te ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be sind auch für ande­re als Ursa­che außer­ge­wöhn­li­cher Umstän­de in Betracht kom­men­de Vor­komm­nis­se, wie etwa die in Erwä­gungs­grund 14 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung genann­ten, her­an­zu­zie­hen. Auch inso­weit ist maß­geb­lich, ob die Annul­lie­rung auf unge­wöhn­li­che, außer­halb des Rah­mens der nor­ma­len Betriebs­tä­tig­keit des Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens lie­gen­de und von ihm nicht zu beherr­schen­de Gege­ben­hei­ten zurück­geht. Dabei spielt es bei einem Streik, der in Erwä­gungs­grund 14 aus­drück­lich als Ursa­che außer­ge­wöhn­li­cher Umstän­de genannt ist, grund­sätz­lich kei­ne Rol­le, ob der Betrieb des Unter­neh­mens durch eine Tarif­aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Drit­ten (z.B. beim Flug­ha­fen­be­trei­ber oder einem mit der Sicher­heits­kon­trol­le betrau­ten Unter­neh­men) oder dadurch beein­träch­tigt wird, dass eige­ne Mit­ar­bei­ter des Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens in den Aus­stand tre­ten. Ein Streik­auf­ruf einer Gewerk­schaft wirkt – auch soweit er zu einem Aus­stand der eige­nen Beschäf­tig­ten führt – "von außen" auf das Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men ein und ist nicht Teil der nor­ma­len Aus­übung sei­ner Tätig­keit, die durch den Streik als Arbeits­kampf­mit­tel gera­de gezielt beein­träch­tigt oder gar lahm gelegt wer­den soll. Eine sol­che Situa­ti­on ist in aller Regel von dem betrof­fe­nen Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men auch nicht beherrsch­bar, da die Ent­schei­dung zu strei­ken, von der Arbeit­neh­mer­sei­te im Rah­men der ihr zukom­men­den Tarif­au­to­no­mie und damit außer­halb des Betriebs des aus­füh­ren­den Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­mens getrof­fen wird.
In den ent­schie­de­nen Fäl­len war dem­entspre­chend die Strei­kan­kün­di­gung der Ver­ei­ni­gung Cock­pit geeig­net, außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de im Sin­ne des Art. 5 Abs. 3 der Flug­gast­rech­te­ver­ord­nung her­bei­zu­füh­ren. Luft­han­sa hat­te, nach­dem zu erwar­ten war, dass die über­wie­gen­de Zahl der ange­spro­che­nen Mit­ar­bei­ter dem Streik­auf­ruf nach­kom­men und somit kei­ne zur Ein­hal­tung des gesam­ten Flug­plans aus­rei­chen­de Anzahl von Pilo­ten zur Ver­fü­gung ste­hen wür­de, Anlass, den Flug­plan so zu reor­ga­ni­sie­ren, dass zum einen die Beein­träch­ti­gun­gen der Flug­gäs­te durch den Streik so gering wie unter den gege­be­nen Umstän­den mög­lich aus­fal­len wür­den und sie zum ande­ren in der Lage sein wür­de, nach Been­di­gung des Streiks sobald wie mög­lich zum Nor­mal­be­trieb zurück­zu­keh­ren. Schöpft ein Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men unter Ein­hal­tung die­ser Anfor­de­run­gen die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Res­sour­cen in dem gebo­te­nen Umfang aus, kann die Nicht­durch­füh­rung eines ein­zel­nen Flugs in der Regel nicht allein des­halb als ver­meid­bar ange­se­hen wer­den, weil statt­des­sen ein ande­rer Flug hät­te annul­liert wer­den kön­nen.
Danach hat der Bun­des­ge­richts­hof im zwei­ten Ver­fah­ren 2 die Revi­si­on der Klä­ger zurück­ge­wie­sen, weil das Land­ge­richt Frank­furt fest­ge­stellt hat, dass Luft­han­sa mit einem Son­der­flug­plan geeig­ne­te und zumut­ba­re Maß­nah­men ergrif­fen hat­te, um Annul­lie­run­gen infol­ge des Streiks auf das unver­meid­ba­re Maß zu beschrän­ken, und daher rechts­feh­ler­frei ange­nom­men hat, dass die Absa­ge des Flu­ges der Klä­ger nicht zu ver­mei­den war. Im ers­ten Ver­fah­ren 1 konn­te der Bun­des­ge­richts­hof dage­gen nicht abschlie­ßend über die gel­tend gemach­ten Aus­gleichs­an­sprü­che ent­schei­den, da vom Land­ge­richt Köln Fest­stel­lun­gen zu den von Luft­han­sa ergrif­fe­nen Maß­nah­men noch zu tref­fen sind.
Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 21. August 2012 – X ZR 138/​11 und X ZR 146/​11
BGH – X ZR 138/​11[↩][↩][↩]
BGH – X ZR 146/​11[↩][↩][↩]
AG Köln, Urteil vom 25.10.2010 – 142 C 153/​10; AG Frank­furt am Main, Urteil vom 24.03.2011 – 32 C 2262/​10-41[↩]
LG Köln, Urteil vom 27.10.2011 – 6 S 282/​10[↩]
LG Frank­furt am Main, Urteil vom 08.11.2011 – 2 – 24 S 80/​11[↩]
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