Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/der-fristgerechte-eingang-beim-richtigen-gericht-382329
Timestamp: 2020-08-05 08:37:38
Document Index: 281322158

Matched Legal Cases: ['Art. 2', '§ 117', '§ 113', '§ 85', '§ 117', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 394']

Der fristgerechte Eingang beim richtigen Gericht | Rechtslupe
Der frist­ge­rech­te Ein­gang beim rich­ti­gen Gericht
Es gehört zu den Auf­ga­ben des Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten, dafür zu sor­gen, dass ein Antrag auf Ver­län­ge­rung der Frist zur Beschwer­de­be­grün­dung inner­halb der lau­fen­den Frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht.
Auf­grund des ver­fah­rens­recht­lich gewähr­leis­te­ten Anspruchs auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip) darf einem Betei­lig­ten die Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand nicht auf­grund von Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten sei­nes Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten ver­sagt wer­den, die nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung nicht ver­langt wer­den und den Par­tei­en den Zugang zu einer in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwe­ren [1].
Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs – auch des Bun­des­ge­richts­hofs – gehört es zu den Auf­ga­ben des Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten, dafür zu sor­gen, dass ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz recht­zei­tig gefer­tigt wird und inner­halb der Frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht [2]. In einer Fami­li­en­streit­sa­che ist die Begrün­dung der Beschwer­de beim Beschwer­de­ge­richt ein­zu­rei­chen (§ 117 Abs. 1 Satz 2 FamFG). Das­sel­be gilt für Anträ­ge auf Ver­län­ge­rung der Frist, über die der Vor­sit­zen­de des Beschwer­de­ge­richts ent­schei­det. Die schuld­haf­te Ver­ken­nung die­ser ein­deu­ti­gen Geset­zes­la­ge ist dem Antrags­geg­ner nach § 113 Abs. 1 FamFG i.V.m. § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen.
Selbst wenn sich die Akten mit der ein­ge­leg­ten Beschwer­de noch beim Aus­gangs­ge­richt befin­den, ist die Beschwer­de­be­grün­dung oder ein ent­spre­chen­der Ver­län­ge­rungs­an­trag in Ehe- und Fami­li­en­streit­sa­chen nach § 117 Abs. 1 FamFG beim Beschwer­de­ge­richt ein­zu­rei­chen. Auch dar­über konn­te bei der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten des Antrags­geg­ners kein Zwei­fel bestehen [3].
An einen mit der Beschwer­de­ein­le­gung betrau­ten Rechts­an­walt sind hin­sicht­lich der Ermitt­lung des für die Ein­le­gung des Rechts­mit­tels zustän­di­gen Gerichts hohe Sorg­falts­an­for­de­run­gen zu stel­len [4]. Denn die Klä­rung der Zustän­dig­keit fällt in sei­nen Ver­ant­wor­tungs­be­reich. Er ist daher gehal­ten, die Rechts­mit­tel­schrift und ins­be­son­de­re die Emp­fangs­zu­stän­dig­keit des dar­in bezeich­ne­ten Adres­sa­ten auf ihre Rich­tig­keit zu über­prü­fen [5]. Die­sel­ben Maß­stä­be gel­ten für die Ein­rei­chung der Rechts­mit­tel­be­grün­dung und eines dar­auf bezo­ge­nen Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags. Bei der Unter­zeich­nung eines sol­chen Antrags hat der Rechts­an­walt den von der Kanz­lei­an­ge­stell­ten vor­be­rei­te­ten Ent­wurf auf sei­ne Rich­tig­keit, ins­be­son­de­re auf kor­rek­te Adres­sie­rung hin zu über­prü­fen.
Das Ver­schul­den der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten ent­fällt nicht dadurch, dass die Abtei­lungs­rich­te­rin des Fami­li­en­ge­richts eine Frist­ver­län­ge­rung bewil­ligt hat und dies der Kanz­lei­an­ge­stell­ten der Bevoll­mäch­tig­ten auf deren tele­fo­ni­sche Nach­fra­ge mit­ge­teilt wor­den ist. Der dar­aus bei der Kanz­lei­an­ge­stell­ten ent­stan­de­ne Irr­tum, wel­cher sie letzt­lich zur Strei­chung der Frist im Fris­ten­ka­len­der ver­an­lasst hat, lässt die Frist­ver­säu­mung nicht als unver­schul­det erschei­nen, weil er eine schlich­te Fol­ge­wir­kung der von der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten per­sön­lich zu ver­tre­ten­den Fehl­adres­sie­rung ist.
Auch wenn die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te vor Frist­ab­lauf von der Frist­ver­län­ge­rung durch das Fami­li­en­ge­richt erfah­ren hät­te, hät­te sie auf deren Wirk­sam­keit nicht ver­trau­en dür­fen.
Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren
Nach der auf eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zurück­ge­hen­den Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs darf ein Recht­su­chen­der aller­dings dar­auf ver­trau­en, dass ein mit der Sache bereits befass­tes Gericht einen bei ihm ein­ge­reich­ten, aber für das Rechts­mit­tel­ge­richt bestimm­ten Schrift­satz im ordent­li­chen Geschäfts­gang dort­hin wei­ter­lei­ten wird [6]. Das ist im vor­lie­gen­den Fall gesche­hen. Der am 15.01.2013 nach Dienst­schluss ein­ge­gan­ge­ne Ver­län­ge­rungs­an­trag hat der Geschäfts­stel­le am 16.01.2013 vor­ge­le­gen. Dies bewegt sich im Rah­men eines ordent­li­chen Geschäfts­gangs [7].
Dass die Abtei­lungs­rich­te­rin irr­tüm­lich ver­fügt hat, den Ver­tre­tern der Betei­lig­ten sei mit­zu­tei­len, dass Frist­ver­län­ge­rung bis 8.02.2013 gewährt wer­de, hat den ansons­ten ordent­li­chen Geschäfts­gang nur um einen Tag ver­zö­gert. Ohne die­se Ver­zö­ge­rung wäre die Akten­über­sen­dung am Mon­tag, den 21.01.2013, von der Geschäfts­stel­le ver­an­lasst wor­den. Auch in die­sem Fall wäre sie nicht mehr recht­zei­tig am sel­ben Tag, an dem auch die Frist ablief, beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­gan­gen.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. August 2014 – XII ZB 155/​13
vgl. BGH, Beschluss vom 11.06.2008 – XII ZB 184/​07 , FamRZ 2008, 1605 Rn. 6 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 29.06.2011 – XII ZB 691/​10 6; und vom 19.09.2012 – XII ZB 221/​12 7, 9[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10 , FamRZ 2011, 1389 Rn. 10[↩]
vgl. etwa BGH, Beschluss vom 03.11.2010 – XII ZB 197/​10 , FamRZ 2011, 100 Rn.19 mwN[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 19.09.2012 – XII ZB 221/​12 7, 9; BGH Beschlüs­se vom 14.10.2010 – VIII ZB 20/​09 , NJW 2011, 683 Rn. 16; und vom 12.04.2010 – V ZB 224/​09 , NJW-RR 2010, 1096 Rn. 12 mwN[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 23.05.2012 – XII ZB 375/​11 , FamRZ 2012, 1205 Rn. 26; und vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10 , FamRZ 2011, 1389 Rn. 12[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 12.06.2013 – XII ZB 394/​12 , FamRZ 2013, 1384 Rn. 23[↩]
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