Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Teilzeit_Sabbatical_Teilzeit_als_Sabbatical_kann_abgelehnt_werden_BAG_9AZR786-11.html
Timestamp: 2019-06-25 01:42:01
Document Index: 31457945

Matched Legal Cases: ['§ 242', 'BGH', 'BGH', '§ 253', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 242', '§ 8', '§ 9', '§ 15', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 242', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 242', '§ 7', '§ 139']

11. Ju­ni 2013
hat der Neun­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Be­ra­tung vom 11. Ju­ni 2013 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Brühler, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Suckow und Klo­se so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Wull­horst und Neu­mann-Red­lin für Recht er­kannt:
1. Die Re­vi­si­on des Klägers ge­gen das Ur­teil des Hes­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 22. Au­gust 2011 - 17 Sa 133/11 - wird zurück­ge­wie­sen.
Der Kläger ver­langt von der Be­klag­ten, sei­ne re­gelmäßige Ar­beits­zeit um 3,29 % zu ver­min­dern und die re­du­zier­te Ar­beits­zeit so zu ver­tei­len, dass er je­weils vom 22. De­zem­ber ei­nes Jah­res bis zum 2. Ja­nu­ar des Fol­ge­jah­res nicht zu ar­bei­ten hat.
Der Kläger ist seit dem 20. Ja­nu­ar 1988 im Luft­fahrt­un­ter­neh­men der Be­klag­ten als Flug­zeugführer beschäftigt, zu­letzt als Ka­pitän. Mit Schrei­ben vom 5. Ja­nu­ar 2010 ver­lang­te er un­ter Be­zug­nah­me auf das Tz­B­fG von der Be­klag­ten, ihn je­weils vom 22. De­zem­ber des Jah­res bis ein­sch­ließlich 2. Ja­nu­ar des Fol­ge­jah­res von der Ver­pflich­tung zur Ar­beits­leis­tung frei­zu­stel­len. Die Be­klag­te lehn­te den An­trag un­ter dem 6. April 2010 ab.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ei­ner Re­du­zie­rung sei­ner jähr­li­chen Ar­beits­zeit um 3,29 % auf 96,71 % der re­gel-mäßigen Vol­l­ar­beits­zeit durch block­wei­se Frei­stel­lung von zwölf Ar­beits­ta­gen je­weils vom 22. De­zem­ber ei­nes Jah­res bis zum 2. Ja­nu­ar des Fol­ge­jah­res ab dem 22. De­zem­ber 2010 zu­zu­stim­men, gemäß Teil­zeit­an­trag vom 5. Ja­nu­ar 2010.
Die Be­klag­te hat die Ab­wei­sung der Kla­ge mit der Be­gründung be­an­tragt, das Be­geh­ren des Klägers sei rechts­miss­bräuch­lich. Sein Ver­rin­ge­rungs-ver­lan­gen und sein Ver­tei­lungs­wunsch entsprächen nicht den Ziel­set­zun­gen des Tz­B­fG. Der Kläger ver­su­che, sich Son­der­ur­laub zu ver­schaf­fen, auf den er kei­nen An­spruch ha­be.
Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten ab­geändert und die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der Re­vi­si­on er­strebt der Kläger die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils.
Die Re­vi­si­on des Klägers ist un­be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge zu Recht ab­ge­wie­sen. Der Kläger hat kei­nen An­spruch auf die be­gehr­te Ver­rin­ge­rung und Neu­ver­tei­lung sei­ner Ar­beits­zeit. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat in re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den­der Wei­se an­ge­nom­men, dem An­spruch des Klägers ste­he der Ein­wand der un­zulässi­gen Rechts­ausübung (§ 242 BGB) ent­ge­gen.
I. Da die Kla­ge un­be­gründet ist, kann der Se­nat of­fen­las­sen, ob sie man­gels Rechts­schutz­bedürf­nis­ses in­so­weit un­zulässig ist, als der Kläger ei­ne Re­du­zie­rung sei­ner Ar­beits­zeit für die Jah­re 2010 bis 2012 und da­mit für ei­nen in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Zeit­raum be­gehrt (vgl. BGH 26. Sep­tem­ber 1995 - KVR 25/94 - zu B IV der Gründe, BGHZ 130, 390; sie­he fer­ner Zöller/ Gre­ger ZPO 29. Aufl. Vor § 253 Rn. 10).
II. Die Be­klag­te ist nicht gemäß § 8 Abs. 4 Satz 1 Tz­B­fG ver­pflich­tet, der vom Kläger ver­lang­ten Ver­rin­ge­rung und Neu­ver­tei­lung sei­ner Ar­beits­zeit zu­zu­stim­men.
1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Recht an­ge­nom­men, die un­be­fris­te­te jähr­li­che Frei­stel­lung des Ar­beit­neh­mers von der Ver­pflich­tung zur Ar­beits­leis­tung in ei­nem be­stimm­ten Zeit­raum bei ent­spre­chen­der Re­du­zie­rung der Jah­res­ar­beits­zeit und der Vergütung könne ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung iSd. § 8 Tz­B­fG dar­stel­len (vgl. hier­zu BAG 24. Ju­ni 2008 - 9 AZR 313/07 - Rn. 13). Zu­guns­ten des Klägers kann auch da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die in die­ser Be­stim­mung ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen des Ver­rin­ge­rungs­an­spruchs erfüllt wa­ren, die­sem ins­be­son­de­re kei­ne be­trieb­li­chen Gründe iSv. § 8 Abs. 4
Satz 1 Tz­B­fG ent­ge­gen­stan­den. Gemäß § 8 Abs. 2 Satz 2 Tz­B­fG konn­te der Kläger sein Ver­rin­ge­rungs­ver­lan­gen auch mit ei­nem kon­kre­ten Ver­tei­lungs­wunsch ver­bin­den und sein Ände­rungs­an­ge­bot von der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­tei­lung abhängig ma­chen. In ei­nem sol­chen Fall kann der Ar­beit­ge­ber das Ände­rungs­an­ge­bot nur ein­heit­lich an­neh­men oder ab­leh­nen (BAG 18. Au­gust 2009 - 9 AZR 517/08 - Rn. 19 mwN).
2. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat rechts­feh­ler­frei an­ge­nom­men, dem Ver­rin­ge­rungs­ver­lan­gen des Klägers ste­he der Ein­wand der un­zulässi­gen Rechts­ausübung (§ 242 BGB) ent­ge­gen.
a) Der in § 8 Tz­B­fG ge­re­gel­te An­spruch auf Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit und der in § 9 Tz­B­fG ge­re­gel­te An­spruch auf Verlänge­rung der Ar­beits­zeit sol­len den Wech­sel von ei­ner Voll­zeit- in ei­ne Teil­zeit­beschäfti­gung oder um­ge­kehrt er­leich­tern (vgl. BT-Drucks. 14/4374 S. 11; BAG 18. Au­gust 2009 - 9 AZR 517/08 - Rn. 29 mwN). Der An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf Ver­rin­ge­rung und Neu­ver­tei­lung der Ar­beits­zeit dient der Schaf­fung von Teil­zeit­stel­len und vor al­lem der bes­se­ren Ver­ein­bar­keit von Be­ruf und Fa­mi­lie (vgl. BT-Drucks. 14/4374 aaO). An­ders als § 15 Abs. 7 Satz 1 Nr. 3 BEEG enthält § 8 Tz­B­fG kei­ne Vor­ga­ben hin­sicht­lich des Um­fangs der Ver­tragsände­rung und knüpft den An­spruch auf Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit nicht an ein Min­dest­maß der Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung. Dies be­wirkt, dass ein Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich auch An­spruch auf ei­ne verhält­nismäßig ge­ringfügi­ge Ver­rin­ge­rung sei­ner Ar­beits­zeit ha­ben kann. Ver­langt ein Ar­beit­neh­mer, dass sei­ne Ar­beits­zeit nur ge­ringfügig re­du­ziert wird, in­di­ziert dies nicht per se ei­nen Rechts­miss­brauch. An­de­ren­falls würde das Ziel des Ge­setz­ge­bers un­ter­lau­fen, der die Ansprüche aus § 8 Abs. 1 und Abs. 4 Satz 1 Tz­B­fG nicht an ein be­stimm­tes Rest­ar­beits­zeit­vo­lu­men ge­bun­den hat (vgl. BAG 18. Au­gust 2009 - 9 AZR 517/08 - Rn. 37). Lie­gen al­ler­dings im Ein­zel­fall be­son­de­re Umstände vor, die dar­auf schließen las­sen, der Ar­beit­neh­mer wol­le die ihm gemäß § 8 Tz­B­fG zu­ste­hen­den Rech­te zweck­wid­rig da­zu nut­zen, un­ter In­k­auf­nah­me ei­ner un­we­sent­li­chen Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit und der Ar­beits­vergütung ei­ne be­stimm­te Ver­tei­lung der Ar­beits­zeit zu er­rei­chen, auf die er oh­ne die Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung kei­nen
An­spruch hätte, kann dies die An­nah­me ei­nes gemäß § 242 BGB rechts­miss­bräuch­li­chen Ver­rin­ge­rungs­ver­lan­gens recht­fer­ti­gen (vgl. aus dem ar­beits­recht­li­chen Schrift­tum: Ha­Ko-Tz­B­fG/Boecken 3. Aufl. § 8 Rn. 87a; Mei-nel/Heyn/Herms Tz­B­fG 4. Aufl. § 8 Rn. 28 und 30; Men­gel in An­nuß/Thüsing Tz­B­fG 3. Aufl. § 8 Rn. 189 mwN; ein­schränkend Be­ckOK ArbR/Bay­reu­ther Stand 1. Ju­ni 2013 § 8 Tz­B­fG Rn. 13). Die ein­zel­fall­be­zo­ge­ne Würdi­gung sol­cher Umstände durch die Tat­sa­chen­ge­rich­te ist in der Re­vi­si­ons­in­stanz als An­wen­dung ei­nes un­be­stimm­ten Rechts­be­griffs nur ein­ge­schränkt dar­auf über­prüfbar, ob das an­ge­foch­te­ne Ur­teil den Rechts­be­griff des Rechts­miss­brauchs ver­kannt hat, ob es bei der Un­ter­ord­nung des Sach­ver­halts un­ter § 242 BGB Denk­ge­set­ze oder all­ge­mei­ne Er­fah­rungssätze ver­letzt hat, ob es al­le we­sent­li­chen Umstände berück­sich­tigt hat und ob es in sich wi­der­spruchs­frei ist (vgl. BAG 16. Ok­to­ber 2012 - 9 AZR 183/11 - Rn. 25).
b) Die Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts, der Kläger ver­lan­ge die Ver­rin­ge­rung und Neu­ver­tei­lung sei­ner Ar­beits­zeit rechts­miss­bräuch­lich, ist frei von re­vi­si­blen Rechts­feh­lern. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zu Recht berück­sich­tigt, dass die vom Kläger be­gehr­te block­wei­se Frei­stel­lung je­weils vom 22. De­zem­ber ei­nes Jah­res bis zum 2. Ja­nu­ar des Fol­ge­jah­res und da­mit an Weih­nach­ten, Sil­ves­ter, Neu­jahr und der Zeit „zwi­schen den Jah­ren“ ei­nen Zeit­raum um­fasst, in dem er­fah­rungs­gemäß vie­le Flug­zeugführer der Be­klag­ten von der Ver­pflich­tung zur Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt wer­den wol­len. Sei­ne An­nah­me, der Kläger ver­fol­ge mit sei­nem ge­ringfügi­gen Ver­rin­ge­rungs­ver­lan­gen un­ter In­k­auf­nah­me ei­ner un­we­sent­li­chen Re­du­zie­rung sei­ner Ar­beits­vergütung die Ga­ran­tie frei­er Ta­ge je­weils vom 22. De­zem­ber ei­nes Jah­res bis zum 2. Ja­nu­ar des Fol­ge­jah­res, oh­ne da­mit rech­nen zu müssen, dass ein Ur­laubs­an­trag für die­se Zeit gemäß § 7 Abs. 1 Satz 1 BUrlG we­gen ent­ge­gen­ste­hen­der Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten Vor­rang ver­dien­ten, ab­ge­lehnt wer­den könn­te, ist re­vi­si­ons­recht­lich nicht zu be­an­stan­den. Dies gilt auch, so­weit das Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­geführt hat, der Rechts­miss­brauch fol­ge aus der sog. Zweck-Mit­tel-Re­la­ti­on, wo­nach
der Kläger ei­ne for­ma­le Rechts­po­si­ti­on nut­ze, um ei­nen An­spruch gel­tend zu ma­chen, an dem er iso­liert be­trach­tet kein er­kenn­ba­res In­ter­es­se ha­be, um die­sen wie­der­um zu nut­zen, um ei­ne un­abhängig vom Ar­beits­zeit­vo­lu­men in sei­nem In­ter­es­se lie­gen­de Ar­beits­zeit­ge­stal­tung zu er­rei­chen, auf die er iso­liert be­trach­tet kei­nen An­spruch ha­be.
c) So­weit der Kläger auf die Ent­schei­dung des Ar­beits­ge­richts Stutt­gart vom 23. No­vem­ber 2001 (- 26 Ca 1324/01 -) hin­weist, über­sieht er, dass je­ne Kläge­rin ei­ne ge­ringfügi­ge Re­du­zie­rung der Re­gel­ar­beits­zeit ver­bun­den mit ei­ner Neu­ver­tei­lung der ver­blei­ben­den Ar­beits­zeit wünsch­te, um ih­re Ar­beits­zeit an die Öff­nungs­zei­ten der Kin­der­ta­gesstätte an­zu­pas­sen, in der ihr Kind be­treut wur­de. An­ders als im Ent­schei­dungs­fall ging es nicht um die Durch­set­zung ei­ner block­wei­sen Frei­stel­lung auch bei mögli­cher­wei­se ent­ge­gen­ste­hen­den Ur­laubswünschen an­de­rer Ar­beit­neh­mer, die un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten Vor­rang ver­die­nen.
d) Auch die Rüge des Klägers, das Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­be es un­ter Ver­s­toß ge­gen § 139 ZPO un­ter­las­sen, ihn dar­auf hin­zu­wei­sen, dass er ein nach­voll­zieh­ba­res In­ter­es­se an der gewünsch­ten Ver­rin­ge­rung und Neu­ver­tei­lung der Ar­beits­zeit nicht vor­ge­tra­gen ha­be, ver­hilft der Re­vi­si­on nicht zum Er­folg. Rügt ei­ne Par­tei ei­ne Ver­let­zung der ge­richt­li­chen Hin­weis­pflicht, ob­liegt es ihr, im Ein­zel­nen vor­zu­tra­gen, wel­che kon­kre­ten ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen sie auf den un­ter­las­se­nen Hin­weis hin vor­ge­bracht hätte. Nur so kann das Re­vi­si­ons­ge­richt fest­stel­len, ob die gerügte Ver­let­zung für das an­ge­foch­te­ne Ur­teil mögli­cher­wei­se kau­sal war (BAG 19. Ja­nu­ar 2010 - 9 AZR 426/09 - Rn. 44 mwN). Der Kläger hat in der Re­vi­si­ons­be­gründung kei­ne Gründe für die von ihm be­an­trag­te Ver­rin­ge­rung und Neu­ver­tei­lung der Ar­beits­zeit dar­ge­tan, die über den Wunsch, im Zeit­raum vom 22. De­zem­ber je­den Jah­res bis zum 2. Ja­nu­ar des Fol­ge­jah­res nicht ar­bei­ten zu müssen, hin­aus­ge­hen.
Wull­horst
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