Source: http://m.hensche.de/Praeventionsverfahren_Probezeit_Kein_Praeventionsverfahren_in_der_Probezeit_BAG_8AZR402-14_21.04.2016.html
Timestamp: 2017-06-27 13:58:24
Document Index: 256969246

Matched Legal Cases: ['§ 84', '§ 84', '§ 84', '§ 15', '§ 1', '§ 84', '§ 84', 'Art.2', 'Art.5', '§ 84']

Müssen Arbeitgeber in den ersten sechs Beschäftigungsmonaten vor der Kündigung eines schwerbehinderten Arbeitnehmers ein Präventionsverfahren nach § 84 Abs.1 SGB IX durchführen?
Gemäß § 84 Abs.1 SGB IX muss sich der Ar­beit­ge­ber dar­um bemühen, Pro­ble­me bei Ar­beits­verhält­nis­sen schwer­be­hin­der­ter Ar­beit­neh­mer möglichst frühzei­tig aus dem Weg zu räum­en. Zu­sam­men mit dem be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer so­wie mit dem Be­triebs­rat und der Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung sol­len al­le Möglich­kei­ten be­spro­chen wer­den, da­mit das Ar­beits­verhält­nis fort­ge­setzt wer­den kann. Die­ses "Präven­ti­ons­ver­fah­ren" ähnelt dem be­trieb­li­chen Ein­glie­de­rungs­ma­nage­ment (BEM), das im nächs­ten Ab­satz des­sel­ben Pa­ra­gra­phen ge­re­gelt ist (§ 84 Abs.2 SGB IX). Im Un­ter­schied zum BEM setzt das Präven­ti­ons­ver­fah­ren kei­ne länge­ren krank­heits­be­ding­ten Fehl­zei­ten des Ar­beit­neh­mers vor­aus, gilt dafür aber nur für schwer­be­hin­der­te Ar­beit­neh­mer.
Ei­ne an­de­re Fra­ge ist al­ler­dings, ob das Un­ter­las­sen ei­nes Präven­ti­ons­ver­fah­rens vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung in der Pro­be­zeit den gekündig­ten schwer­be­hin­der­ten Ar­beit­neh­mer dis­kri­mi­niert. Dann könn­te sich der ent­las­se­ne Ar­beit­neh­mer zwar nicht ge­gen die Kündi­gung weh­ren, hätte aber nach den Vor­schrif­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) ei­nen An­spruch auf Entschädi­gung we­gen ei­ner be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung, § 15 Abs.2 AGG. Im Streit: Kündigung einer schwerbehinderten Arbeitnehmerin nach fünf Monaten im öffentlichen Dienst ohne Präventionsverfahren
BAG: Schwerbehinderte können keine Diskriminierungs-Entschädigung verlangen, wenn sie in der Probezeit ohne vorheriges Präventionsverfahren gekündigt werden Auch das BAG ent­schied ge­gen die Kläge­rin, die da­mit in al­len drei In­stan­zen den Kürze­ren zog. In der bis­lang al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:
Ar­beit­ge­ber sind nicht da­zu ver­pflich­tet, in­ner­halb der ers­ten sechs Mo­na­te des Ar­beits­verhält­nis­ses, d.h. während der War­te­zeit nach § 1 Abs.1 KSchG, ein Präven­ti­ons­ver­fah­ren gemäß § 84 Abs.1 SGB IX durch­zuführen. Dar­an ändern die Be­hin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on der Ver­ein­ten Na­tio­nen (UN-BRK) und die Richt­li­nie 2000/78/EG nichts. Denn das Präven­ti­ons­ver­fah­ren gemäß § 84 Abs.1 SGB IX gehört nicht zu den "an­ge­mes­se­nen Vor­keh­run­gen" im Sinn von Art.2 UN-BRK, die der Staat gemäß Art.5 der Richt­li­nie 2000/78/EG zu­guns­ten be­hin­der­ter Men­schen er­grei­fen muss, so das BAG.
Fa­zit: Mit die­sem Ur­teil hat das BAG den An­wen­dungs­be­reich von § 84 Abs.1 SGB IX über des­sen Wort­laut hin­aus wei­ter ein­ge­schränkt. Da Ar­beit­ge­ber während der sechs­mo­na­ti­gen Pro­be­zeit von vorn­her­ein kein Präven­ti­ons­ver­fah­ren durchführen müssen, führt ei­ne sol­che "Un­ter­las­sung" we­der zur Un­wirk­sam­keit ei­ner Pro­be­zeitkündi­gung noch zu ei­ner be­hin­de­rungs­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier:
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/347 Kündi­gung des Aus­bil­dungs­verhält­nis­ses in der Pro­be­zeit Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/223 Kündi­gung in der Pro­be­zeit Ar­beits­recht ak­tu­ell: 15/208 Wie­der­hol­te Kündi­gung als Dis­kri­mi­nie­rung