Source: https://www.rechtslupe.de/allgmeines/die-fehlende-anlage-392825
Timestamp: 2019-12-07 07:05:30
Document Index: 194782763

Matched Legal Cases: ['Art. 103', '§ 96', '§ 96', '§ 355', '§ 357', 'BGH']

Die feh­len­de Anla­ge | Rechtslupe
Die fehlende Anlage
Die feh­len­de Anla­ge
Ein Finanz­ge­richt ver­letzt das Recht der Klä­ge­rin auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO), indem es ver­säumt, die Klä­ge­rin dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ein von ihr bezeich­ne­tes Schrift­stück nicht zur Gerichts­ak­te gelangt ist. Auf die­sem Feh­ler kann das Urteil beru­hen.
Nach § 96 Abs. 2 FGO, der im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren der Ver­wirk­li­chung des ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten Anspruchs auf recht­li­ches Gehör dient, darf das Urteil nur auf Tat­sa­chen und Beweis­ergeb­nis­se gestützt wer­den, zu denen die Betei­lig­ten sich äußern konn­ten. Aus die­ser Vor­schrift folgt u.a. das Ver­bot von Über­ra­schungs­ent­schei­dun­gen. Danach darf ein bis­her nicht erör­ter­ter Gesichts­punkt, der dem Rechts­streit eine Wen­dung gibt, mit der ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Betei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf des Ver­fah­rens nicht hat rech­nen müs­sen, nicht zur Grund­la­ge der Ent­schei­dung gemacht wer­den 1.
Eine der­ar­ti­ge Über­ra­schungs­ent­schei­dung liegt hier vor, weil das Finanz­ge­richt sein Urteil u.a. dar­auf gestützt hat, dass die Klä­ge­rin das strei­ti­ge Schrei­ben vom 03.05.2013 dem Finanz­ge­richt nicht vor­ge­legt habe. Die Klä­ge­rin hat mit der Kla­ge­be­grün­dung vom 17.10.2013 Beweis ange­bo­ten durch Vor­la­ge des Schrei­bens vom 03.05.2013 und mit dem Hin­weis "Anla­ge K 1" zum Aus­druck gebracht, dass die­se Anla­ge dem Schrift­satz bei­gefügt sei. Für das Finanz­ge­richt war erkenn­bar, dass die Klä­ge­rin von der ‑unzu­tref­fen­den- Annah­me aus­ging, dass das Schrei­ben dem Finanz­ge­richt damit vor­lie­ge. Unter die­sen Umstän­den durf­te das Finanz­ge­richt sein Urteil nicht (auch) auf die Nicht­vor­la­ge des Schrei­bens vom 03.05.2013 stüt­zen, ohne die Klä­ge­rin zuvor dar­über in Kennt­nis zu set­zen, dass das Schrei­ben tat­säch­lich nicht vor­lag.
Auf die­sem Ver­fah­rens­man­gel kann die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt beru­hen.
Das Finanz­ge­richt hat im hier ent­schie­de­nen Fall sein Urteil 2 dar­auf gestützt, dass der Ein­spruch ver­fris­tet war. Die Ein­spruchs­frist des § 355 Abs. 1 Satz 1 AO ist nur gewahrt, wenn der Ein­spruch der Behör­de (§ 357 Abs. 2 AO) recht­zei­tig zuge­gan­gen ist. Dafür trägt der Ein­spruchs­füh­rer die Fest­stel­lungs­last 3.
Die Klä­ge­rin hat den Beweis des recht­zei­ti­gen Zugangs des Schrei­bens vom 03.05.2013 zwar nicht geführt. Das Finanz­ge­richt ist aber zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass eine schuld­haf­te Beweis­ver­ei­te­lung, die anzu­neh­men ist, wenn ein Pro­zess­be­tei­lig­ter einen Gegen­stand ver­nich­tet oder ver­nich­ten lässt, obwohl für ihn erkenn­bar ist, dass jenem eine Beweis­funk­ti­on zukom­men kann, oder er dem Geg­ner auf sons­ti­ge Wei­se die Beweis­füh­rung schuld­haft unmög­lich macht, zu Beweis­erleich­te­run­gen bis hin zur Umkehr der Beweis­last füh­ren kann 4. Nach den Fest­stel­lun­gen des Finanz­ge­richt hat­te die Fami­li­en­kas­se die Nach­voll­zieh­bar­keit des genau­en Ablaufs des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens anhand des Akten­be­stan­des schuld­haft ver­ei­telt. Das Finanz­ge­richt hat des­halb zwar eine Umkehr der Beweis­last in Betracht gezo­gen, im Ergeb­nis aber des­halb nicht ange­nom­men, weil die Klä­ge­rin das Schrei­ben vom 03.05.2013 nicht vor­ge­legt und die ange­kün­dig­te eides­statt­li­che Ver­si­che­rung nicht abge­ge­ben habe. Die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt wäre des­halb mög­li­cher­wei­se anders aus­ge­fal­len, wenn die Klä­ge­rin Kennt­nis davon erhal­ten hät­te, dass das Schrei­ben vom 03.05.2013 dem Finanz­ge­richt tat­säch­lich nicht vor­lag und es dem Finanz­ge­richt noch recht­zei­tig vor­ge­legt hät­te.
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. März 2015 – V B 83/​14
BFH, Urteil vom 21.08.2007 – VII R 37/​04, HFR 2008, 254, unter II.; BFH, Beschlüs­se vom 22.07.2014 – XI B 103/​13, BFH/​NV 2014, 1761, unter II. 2.a und b; vom 01.02.2012 – VI B 71/​11, BFH/​NV 2012, 767, unter Grün­de 2.d[↩]
Sächs. Finanz­ge­richt, Urteil vom 02.06.2014 – 6 K 1308/​13 (Kg) [↩]
vgl. BFH, Beschlüs­se vom 24.07.2008 – VII B 41/​08; vom 21.09.2007 – IX B 79/​07, BFH/​NV 2008, 22[↩]
BFH, Urteil vom 03.03.2004 – X R 17/​98, BFH/​NV 2004, 1237, unter II. 4.; BFH, Beschluss vom 07.04.2003 – V B 28/​02, BFH/​NV 2003, 1195, unter II. 2.; vgl. auch BGH, Urtei­le vom 24.01.2012 – II ZR 119/​10, DB 2012, 794, unter II. 2.a; vom 12.03.2007 – II ZR 315/​05, NJW 2007, 3130, unter II. 2.a bb; vom 01.02.1994 – VI ZR 65/​93, NJW 1994, 1594, 1595; vom 15.11.1984 – IX ZR 157/​83, Zeit­schrift für Wirt­schafts­recht 1985, 312, 314, unter II. 2.e[↩]
BeweisvereitelungFinanzgerichtsverfahren