Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/sportwettenkonzessionen-vor-dem-bundesverfassungsgericht-3105865
Timestamp: 2020-01-21 21:17:56
Document Index: 90525763

Matched Legal Cases: ['Art. 100', 'Art. 267', '§ 44', '§ 93', '§ 23', '§ 92', '§ 90', '§ 44']

Sport­wet­ten­kon­zes­sio­nen vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt | Rechtslupe
Sport­wet­ten­kon­zes­sio­nen vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt
Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Gewäh­rung von Eil­rechts­schutz hin­sicht­lich der Ver­ga­be von Sport­wett­kon­zes­sio­nen ohne Erfolg, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an.
Die Beschwer­de­füh­re­rin, ein Sport­wett­un­ter­neh­men, macht eine Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te und grund­rechts­glei­chen Rech­te durch die Gewäh­rung von Eil­rechts­schutz in einem ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren über die Ver­ga­be von Sport­wett­kon­zes­sio­nen gel­tend.
Sie hat­te sich in einem vom Hes­si­schen Minis­te­ri­um des Inne­ren und für Sport durch­ge­führ­ten Ver­ga­be­ver­fah­ren um eine von zwan­zig bun­des­wei­ten Kon­zes­sio­nen für die Ver­an­stal­tung von Sport­wet­ten bewor­ben. Nach Abschluss des Aus­wahl­ver­fah­rens hat­te das Minis­te­ri­um ange­kün­digt, dass eine der Kon­zes­sio­nen dem Sport­wett­un­ter­neh­men erteilt wer­den sol­le. Die vier Kon­kur­renz­un­ter­neh­men, die nach der Ankün­di­gung des Minis­te­ri­ums kei­ne Kon­zes­si­on erhal­ten soll­ten, begehr­ten gegen die Kon­zes­si­ons­ver­ga­be vor­beu­gen­den Eil­rechts­schutz. Dar­auf­hin unter­sag­ten die Ver­wal­tungs­ge­rich­te Wies­ba­den und Frank­furt am Main in ins­ge­samt vier Ver­fah­ren, zu denen das im Aus­wahl­ver­fah­ren erfolg­rei­che Sport­wett­un­ter­neh­men bei­gela­den wur­de, dem Land Hes­sen einst­wei­len die Kon­zes­si­ons­ver­ga­be 1. Die Kon­kurr­renz­un­ter­neh­men hät­ten einen Anord­nungs­an­spruch, da das durch­ge­führ­te Kon­zes­si­ons­ver­fah­ren gegen das uni­ons­recht­li­che Gebot eines trans­pa­ren­ten Aus­wahl­ver­fah­rens ver­sto­ßen habe 2.
Die dage­gen gerich­te­ten Beschwer­den des Sport­wett­un­ter­neh­men wies der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof durch die vier ange­grif­fe­nen Beschlüs­se zurück 3. Das im Glücks­spiel­staats­ver­trag gere­gel­te Kon­zes­si­ons­sys­tem für Sport­wet­ten ver­let­ze die Kon­kur­renz­un­ter­neh­men in ihrer Berufs­frei­heit, da die vor­ge­se­he­ne Über­tra­gung der ver­bind­li­chen Ent­schei­dung über die Kon­zes­si­ons­ver­ga­be auf ein Glücks­spiel­kol­le­gi­um, das aus Ver­tre­tern der 16 Bun­des­län­der bestehe und mit Zwei­drit­tel­mehr­heit ent­schei­de, der bun­des­staat­li­chen Ord­nung des Grund­ge­set­zes wider­spre­che und das Kol­le­gi­um nicht hin­rei­chend demo­kra­tisch legi­ti­miert sei.
Das Sport­wett­un­ter­neh­men sieht ins­be­son­de­re durch das Abse­hen des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs von einer Vor­la­ge zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gemäß Art. 100 Abs. 1 GG und von der Ein­lei­tung eines Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens zum Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 AEUV sein Recht auf den gesetz­li­chen Rich­ter ver­letzt. In kei­ner der vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dun­gen habe der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die jetzt ange­nom­me­ne Ver­fas­sungs­wid­rig­keit auch nur ange­deu­tet, son­dern viel­mehr die Beschwer­de­füh­re­rin auf § 44a VwGO ver­wie­sen.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, da die Annah­me­vor­aus­set­zun­gen des § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht vor­lie­gen und auch im Übri­gen eine Annah­me nicht gebo­ten ist. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unzu­läs­sig, da das Sport­wett­un­ter­neh­men nach Ein­schät­zung Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht in einer den Anfor­de­run­gen der § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG ent­spre­chen­den Wei­se dar­ge­legt hat, dass sei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de dem Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät aus § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG gerecht wird.
Danach hat ein Beschwer­de­füh­rer den Rechts­weg nicht nur for­mal zu beschrei­ten, son­dern er muss von den fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten in einer Wei­se Gebrauch machen, die gewähr­leis­tet, dass sich das Fach­ge­richt mit sei­nem Vor­brin­gen sach­lich aus­ein­an­der­ge­setzt hat 4. Daher hat er auch dar­zu­le­gen, dass der Rechts­weg in gehö­ri­ger Wei­se erschöpft wur­de, er also die zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten zur Ver­mei­dung oder Besei­ti­gung eines Grund­rechts­ver­sto­ßes genutzt hat 5. Dazu gehört es, dass er ent­spre­chen­de Rechts­mit­tel­schrift­sät­ze vor­legt oder ihrem Inhalt nach wie­der­gibt, da andern­falls nicht über­prüft wer­den kann, ob ein Beschwer­de­füh­rer selbst den Erfolg sei­nes Rechts­mit­tels durch eine nicht genü­gen­de Begrün­dung ver­ei­telt hat 6.
Das Sport­wett­un­ter­neh­men hat weder Schrift­sät­ze der Aus­gangs­ver­fah­ren noch die erst­in­stanz­li­chen Beschlüs­se vor­ge­legt. Auch aus den ange­grif­fe­nen Beschlüs­sen des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs geht nicht her­vor, was es zur Begrün­dung sei­ner Beschwer­den vor­ge­bracht hat. Ent­spre­chen­de Aus­füh­run­gen wären aber erfor­der­lich gewe­sen, um dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Prü­fung zu ermög­li­chen, ob dem Sport­wett­un­ter­neh­men – ins­be­son­de­re durch die Begrün­dung sei­ner Beschwer­den – dem Sub­si­dia­ri­täts­grund­satz genügt und alle zur Ver­fü­gung ste­hen­den pro­zes­sua­len Mög­lich­kei­ten ergrif­fen hat, um die gerüg­ten Grund­rechts­ver­let­zun­gen zu ver­hin­dern.
Dem Sport­wett­un­ter­neh­men war zumut­bar, bereits im Aus­gangs­ver­fah­ren auf die The­ma­tik der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Kon­zes­si­ons­ver­fah­rens, auf wel­che der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die Zurück­wei­sung ihrer Beschwer­den stütz­te, ein­zu­ge­hen und inso­fern den Eil­rechts­schutz­an­trä­gen der Kon­kur­renz­un­ter­neh­men ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die­se hat­ten – wie sich aus den erst­in­stanz­li­chen Beschlüs­sen ergibt 7 – die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit bereits in ers­ter Instanz aus­drück­lich vor­ge­bracht. Es war für das Sport­wett­un­ter­neh­men auch klar erkenn­bar, dass sich der Hes­si­sche Ver­wal­tungs­ge­richts­hof anders als in sei­nen vor­an­ge­gan­ge­nen Beschlüs­sen nicht auf § 44a VwGO stüt­zen wür­de, da er nun­mehr erst­mals in der Sache über die Eil­rechts­schutz­an­trä­ge gegen die Kon­zes­si­ons­ver­ga­be zu ent­schei­den hat­te.
Von dem Sport­wett­un­ter­neh­men konn­ten ent­spre­chen­de Aus­füh­run­gen zur Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Kon­zes­si­ons­ver­fah­rens ver­langt wer­den. Dies steht nicht im Wider­spruch dazu, dass von einem Beschwer­de­füh­rer grund­sätz­lich nicht gefor­dert wer­den kann, bereits das fach­ge­richt­li­che Ver­fah­ren als "Ver­fas­sungs­pro­zess" zu füh­ren 8. Etwas ande­res gilt aber in Fäl­len, in denen bei ver­stän­di­ger Ein­schät­zung der Rechts­la­ge und der jewei­li­gen ver­fah­rens­recht­li­chen Situa­ti­on ein Begeh­ren nur Aus­sicht auf Erfolg haben kann, wenn ver­fas­sungs­recht­li­che Erwä­gun­gen in das fach­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ein­ge­führt wer­den. Das ist ins­be­son­de­re der Fall, soweit der Aus­gang des Ver­fah­rens von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Vor­schrift abhängt 9. Im Aus­gangs­ver­fah­ren ging es gera­de (unter ande­rem) um die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des Kon­zes­si­ons­ver­fah­rens.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Febru­ar 2016 – 1 BvR 3078/​15
unter ande­rem VG Wies­ba­den, Beschluss vom 05.05.2015 – 5 L 1453/​14.WI; VG Frank­furt am Main, Beschluss vom 27.05.2015 – 2 L 3002/​14.F, BeckRS 2015, 46878[↩]
VG Wies­ba­den, a.a.O., Rn. 51 ff.; VG Frank­furt am Main, a.a.O.[↩]
Hess. VGH, Beschlüs­se vom 02.11.2015 – 8 B 1125/​15; und vom 05.11.2015 – 8 B 1210/​15; 1153/​15 und 1015/​15[↩]
vgl. BVerfGE 112, 304, 314 f.[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 22.05.2012 – 2 BvR 2207/​10 7[↩]
VG Wies­ba­den, a.a.O., Rn. 29; VG Frank­furt am Main, a.a.O.[↩]
BVerfGE 112, 50, 61[↩]
BVerfGE 112, 50, 62[↩]