Source: https://m.hausarbeiten.de/document/170771
Timestamp: 2019-11-18 12:00:45
Document Index: 39966923

Matched Legal Cases: ['§ 263', '§ 261', '§ 331', '§ 399', '§ 82', '§ 369', '§ 45', '§ 30']

Wirtschaftskriminalität - Phänomenologie und aktuelle ...
2. Zur Geschichte der Wirtschaftskriminalität
3. Definition/ Begriffserklärung
4. Das Täterprofil
4.1. Das Opfer
5. Die Schäden der Wirtschaftskriminalität
6. Erscheinungsformen der Wirtschaftskriminalität
6.1 Finanzierungsdelikte
6.2 Anlagedelikte
6.3 Arbeitsdelikte
6.4 Wettbewerbsdelikte
6.5 Insolvenzdelikte
6.6 Gesundheitsdelikte und Abrechnungsbetrug
7. Prävention und Bekämpfungsmaßnahmen
7.1 Ethische Kodizes
7.2 Corporate Governance und Compliance
7.3 Das Whistleblowing-System
9.1 Internetquellenverzeichnis
Seitdem es wirtschaftliches Verhalten gibt, existiert auch die zugehörige Kriminalität. Seit den bekannten Fällen von Enron, Barings-Bank, Biodata und Mannesmann/Vodafone steigt jedoch die öffentliche Aufmerksamkeit und das Kriminalitätsbewusstsein im Hinblick auf Bilanzmanipulationen, Kapitalanlagebetrug, Untreue, Industriespionage, Korruption und weitere Delikte. Zu Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise steigt zugleich auch die angespannte Erwartung zur Entwicklung der Wirtschaftskriminalitätsdelikte. Nach neuesten Erkenntnissen des Wirtschaftsprüfungsunternehmens PricewaterhouseCoopers ist in dem Erhebungszeitraum der Studie zur Wirtschaftskriminalität 2007, knapp jedes zweite Unternehmen Deutschlands zum Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden. Das Deliktsfeld der Wirtschaftskriminalität ist in sich kein homogenes Gebilde von Straftaten, sondern umfasst deren viele verschiedene.
In der folgenden Hausarbeit beschäftige ich mich zunächst mit der historischen Entwicklung der Wirtschaftskriminalität anhand von kurzen und berühmten Beispielen der Weltgeschichte. Wirtschaftkriminalität wurde zwar schon von Anbeginn klassischer Kriminalität begangen, doch erst zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland als offizielle Straftat angesehen. Des Weiteren widme ich mich den Begriffserklärungen und Definitionsversuchen von Wirtschaftskriminalität, welche durchaus komplex erscheinen. Zum einen wird versucht Wirtschaftskriminalität kriminologisch zu erklären, zum anderen pragmatisch. Doch man kommt zu keiner allgemein gültigen Definition, sondern zählt Wirtschaftskriminalität in 200 verschiedenen Gesetzesbüchern auf.
Daraufhin gehe ich auf die Täter- und Opfereigenschaften ein und fundiere diese anhand kriminalstatistischer Daten. Im Nachhinein zähle ich die monetären und immateriellen Schäden der Wirtschaftskriminalität auf und zeige die Schadensentwicklung seit dem Jahr 2004. Anschließend komme ich zu den verschiedenen Erscheinungsformen von Wirtschaftskriminalität, welche sich im Laufe des technischen Fortschritts stetig weiterentwickeln. Zum Ende hin skizziere ich kurz die möglichen Präventions- und Bekämpfungsmaßnahmen von Wirtschaftskriminalität, um zum Schluss meiner Hausarbeit in meinem Fazit noch einmal die Entwicklung der Wirtschaftskriminalität zu betrachten und die aktuelle Lage im Bezug auf die Wirtschafts- und Finanzkrise zu beleuchten.
Das Phänomen Korruption bildet einen eigenen Bereich der Wirtschaftskriminalität, auf den ich nicht weiter eingegangen bin, da es den Rahmen meiner Hausarbeit sprengen würde.
Die Wirtschaftskriminalität ist keineswegs eine nur moderne Erscheinung, sondern zeigte sich schon in einzelnen Prägungen vor mehr als zweitausend Jahren. Vor allem entwickelte sich die Wirtschaftskriminalität mit der Entdeckung weltweiter Verkehrswege und –möglichkeiten. Die erste bekannte Form der Wirtschaftskriminalität zeigte sich 500 Jahre vor Christus, als die Inder chinesische Seidenraupen aus dem Land schmuggelten und so das Seidenmonopol Chinas auflösten. Durch die neu entstandenen Seewege breiteten sich Auskundschafterverhalten und Schmuggel weitestgehend aus. Die deutschen erschlichen von einem arabischen Gewürzhändler 1389 die Rezeptur zur Herstellung von Papier. Im 18. Jahrhundert baute der Engländer Richard Arkwright mit seinem ausspionierten Wissen die erste Spinnmaschine Englands. Der heute weltbekannte deutsche Krupp-Stahl wurde im 19. Jahrhundert den Engländern ausspioniert.[1]
Anscheinend genauso alt wie die historische Entwicklung der Wirtschaftskriminalität ist auch das Klagen über die lückenhafte strafrechtliche Verfolgung und über die unzureichende Prävention. Das berühmteste Beispiel stammt von dem europäischen Humanisten des 15./ 16. Jahrhunderts Erasmus von Rotterdam: „Stiehlt einer ein Geldstück, dann hängt man ihn. Wer öffentliche Gelder unterschlägt, wer durch Monopole, Wucher und tausenderlei Machenschaften und Betrügereien noch soviel zusammenstiehlt, der wird unter die vornehmen Leute gerechnet. Wer irgend jemanden Gift verabfolgt, wird wie ein Giftmörder bestraft; wer durch gepanschten Wein oder verdorbenes Öl das Volk vergiftet, geht frei aus.“[2] Die Entwicklung der Wirtschaftskriminalität geht auf die Notzeit des 1. Weltkrieges und die Zeit der Planwirtschaft des Nationalsozialismus zurück, in der eine wirtschaftsverwaltungsrechtliche Normierung zur Direktion der Bedarfsdeckung erfolgte.
Durch das Gesetz zur Vereinfachung des Wirtschaftstrafrechts erfolgte 1949 eine umfassende Kodifikation, welches dem damaligen Wirtschaftsverwaltungsrecht entsprechend, zahlreiche Tatbestände, wie Verletzung der Buchführungspflicht, Warenhortung, Preistreiberei, Verstöße gegen Meldevorschriften u.a. vorsah und auch ein eigenes Verfahrensrecht und Sanktionen einführte. Durch die Änderung von einer planwirtschaftlichen Steuerung in eine soziale Marktwirtschaft kam es 1954 mit dem Wirtschaftsstrafgesetz zum Wegfall zahlreicher Wirtschaftsstraftatbestände und zu einer Vereinfachung des Wirtschaftsstrafrechts, welches heute jedoch nur noch wenige Straf- und Bußgeldtatbestände beinhaltet.
Die für das Wirtschaftsstrafrecht zentrale neue Gesetzgebung war das 1. Gesetz zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität (1. WiKG) von 1976 und das 2. WiKG von 1986. Auf diese Gesetze geht die Einführung von §§ 263 a, 264 a, 265 b, 266 a, 266 b, 269, 303 a, 303 b und StGB[3] und die Neuordnung weiterer strafrechtlicher Gegenstände, wie Bankrott, Wucher u.v.m.), aber auch die außerstrafrechtliche Reform des Gesellschaftsrechts zurück. Neue Beifügungen des Wirtschaftsstrafrechts brachten die EG-Richtlinien (u.a. § 261 StGB: Geldwäsche) und das Korruptionsbekämpfungsgesetz von 1997. Zum Zwecke des europäischen Einklangs gehen weitere Gesetzesänderung auf verschiedene Gesetzbücher über.[4]
Bei der Definition von Wirtschaftskriminalität scheiden sich die Geister. Es gibt keine einheitliche und allgemeine Begriffserklärung der Wirtschaftskriminalität. Verschiedene Begriffsbestimmungen streben bestimmte inhaltliche Aspekte an, decken aber nicht alle Punkte ab. Nach dem strafrechtlichen Verbrechensbegriff ist unter Wirtschaftskriminalität das „sozial schädliche Verhalten im Wirtschaftsleben“[5] zu verstehen, soweit dieses mit einer Strafe verbunden ist. Des Weiteren wird Wirtschaftsstrafrecht als „Sammelbegriff für sämtliche Vorschriften, die im Bereich der Wirtschaft liegenden Tatbestände entweder als Straftaten im engeren Sinne mit Freiheitsstrafe oder Geldstrafe (Kriminalstrafe) oder als Ordnungswidrigkeit (als ‚nicht-kriminelle‘ Handlungen) mit Geldbuße (Ordnungsstrafe)[6] “ geahndet.
Es wird unterschieden in systembezogene Wirtschaftsstrafrecht und schadensbezogene Wirtschaftsstrafrecht. Systembezogen wird Wirtschaftsstrafrecht erfasst als „die Summe aller Normen, die Strafen oder Geldbußen androhen für die Verletzung oder Gefährdung der sozialen Marktwirtschaft insgesamt.“[7] In den schadensbezogenen Definitionen dagegen wird unter Wirtschaftsstrafrecht „die Summe aller Normen verstanden, die Strafen oder Geldbußen androhen für die Verletzung oder Gefährdung von überindividuellen (sozialen) Rechtsgütern des Wirtschaftslebens, für ihr Verhalten mit einem Unternehmensbezug oder für wirtschaftlich schädliche Verhaltensweisen.“[8] Die Gesetze zu Wirtschaftsstraftaten befinden sich in ca. 200 verschiedenen Bundesgesetzen. Diese finden sich nicht nur im Strafgesetzbuch, sondern auch im Handelsgesetzbuch (§§ 331 ff HGB), im Aktiengesetz (§§ 399 ff AktG), im GmbH-Gesetz (§§ 82 ff GmbHG), in der Abgabenverordnung (§§ 369 ff AO) und in der Gefahrstoffverordnung (§§ 45 ff GefStoffV).
Aus kriminologischer Sicht wird Wirtschaftskriminalität unter anderem auch als Vertrauensmissbrauch deklariert, die über eine individuelle Schädigung hinaus die Belange der Allgemeinheit berührt.[9] Die klassisch- kriminologische Definition des Soziologen Edwin H. Sutherland beschreibt Wirtschaftskriminalität als „white collar criminality“, was übersetzt „weiße-Kragen-Kriminalität“ heißt. Diese Erklärung zielt auf ein bestimmtes Täterprofil ab und ist somit zu eng gefasst um Wirtschaftskriminalität ausreichend zu beleuchten. Nach Sutherlands Definition begehen Personen hohen Ansehens Wirtschaftsdelikte innerhalb ihres Berufslebens. Er beschreibt sie „as a crime committed by a person of respectability an high social status on the curse of his occupation“[10] Die Grundlage seiner Annahmen bilden empirische Befunde, die zeigen, dass Kriminalität im Bereich der Wirtschaft oft von ehrbaren Person mit einem hohen sozialen Status und während sie ihrem Beruf nachgingen, verübt wurden. Diese Definition umfasst einerseits nur das Täterprofil und ist daher zu eng gefasst, andererseits ist diese zu weit gefasst, da Delikte in allen Berufsgruppen angesprochen werden auch wenn diese keinen Bezug zur Wirtschaft aufweisen.[11]
[1] Vgl. Universität Hamburg, Institut für Kriminologie (Hrsg.): Krimpedia. Die freie Enzyklopädie zur Kriminologie.
[2] Gropp, Walter (Hrsg.): Wirtschaftskriminalität und Wirtschaftsstrafrecht in einem Europa auf dem Weg zu Demokratie und Privatisierung. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 1998: S. 14.
[3] Vgl. Tiedemann, Klaus: Wirtschaftsstrafrecht. Einführung und Allgemeiner Teil mit wichtigen Rechtstexten. 2. Auflage. München: Carl Heymanns, 2007: S. 28.
[4] Vgl. Tiedemann, Klaus ebd.: S. 28.
[5] Zit. Nach: Schwind, Hans-Dieter: Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. 17. Auflage. Heidelberg: Kriminalistik Verlag, 2007: S. 435.
[6] Zit. Schwind, Hans-Dieter ebd.: S. 435.
[7] Gropp, Walter (Hrsg.): Wirtschaftskriminalität und Wirtschaftsstrafrecht in einem Europa auf dem Weg zu Demokratie und Privatisierung. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 1998: S. 20.
[8] Gropp, Walter (Hrsg.) ebd.: S. 20.
[9] Vgl. § 30 Abs. 4 Nr. 5 b AO.
[10] Zit. Nach: Schwind, Hans-Dieter: Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. 17. Auflage. Heidelberg: Kriminalistik Verlag, 2007: S. 438.
[11] Vgl. Gropp, Walter (Hrsg.): Wirtschaftskriminalität und Wirtschaftsstrafrecht in einem Europa auf dem Weg zu Demokratie und Privatisierung. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 1998: S. 18.
9783640898152
9783640898084
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