Source: http://auschwitz-prozess.de/index.php?show=Urteilsbegruendung_2
Timestamp: 2017-04-29 01:41:47
Document Index: 156100219

Matched Legal Cases: ['§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 47']

Der Angeklagte ist einer der wenigen, der wenigstens zum Teil zu seinen Taten steht. Im Ermittlungsverfahren hat der Angeklagte dem Zeugen Aedtner gegenüber gestanden, im Mai oder Juni 1942 zwei Gruppen jüdischer Männer, Frauen und Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren, jeweils etwa 20 Personen, die von der Leitstelle Kattowitz nach Auschwitz gebracht worden waren, auf Befehl des Dienststellenleiters Grabner sofort und ohne Aufnahme in die Lagerstärke in das Kleine Krematorium gebracht zu haben, wo sie zusammen mit Palitzsch erschossen worden sind, nachdem Stark sie in den Erschießungsraum hineingeführt hatte.1 Die Leichen dieser Häftlinge sollen später verbrannt worden sein, und der Angeklagte soll diese Erledigung dann dem RSHA gemeldet haben.
Der Zeuge Bartel hat dann noch einen weiteren Vorfall vorgetragen, bei dem der Angeklagte Stark angeblich zwei Juden mit einem Stuhlbein erschlagen haben soll. Der Zeuge hat diese Darstellung bisher niemals gebracht. Er ist im Jahr 1947 von einem polnischen Richter2 vernommen worden, also zu einer Zeit, als er dem Tatgeschehen viel näher gestanden hat. Er ist dann von dem Staatsanwalt vernommen worden.3 Er hat schließlich bei dem Untersuchungsrichter seine Aussage noch ergänzt und als vollständig beschworen, ohne diesen Vorfall auch nur im geringsten zu erwähnen.4 Dieser Zeuge Bartel ist der einzige Zeuge, der über diesen Vorfall berichtet hat. Und mit Rücksicht auf die Tatsache, daß er bei seinen früheren Vernehmungen von diesem Vorfall nichts geschildert hat, daß dieser Vorfall aber immerhin so grausig war, daß er bestimmt dem Zeugen hätte damals noch besser in Erinnerung sein müssen als in der Hauptverhandlung, unter Berücksichtigung der Tatsache, daß er auch bei dem Untersuchungsrichter seine Aussage sogar als vollständig beschworen hat, glaubt das Gericht nicht, daß der Zeuge sich so genau an diesen Vorfall erinnern kann, daß das Gericht sein Urteil auf diese Aussage stützen könnte.
Es ist dann noch in der Nachtragsanklage5 dem Angeklagten zur Last gelegt worden, und zwar aufgrund der Aussage des Zeugen Kral, daß der Angeklagte bei Block 15 Häftlinge in eine Baugrube getrieben [+ habe] und dort im Grundwasser habe ertränken lassen. Diese Tat ist nach der Schilderung des Kral eine ganz besonders grauenhafte Tat gewesen. Der Angeklagte soll damals im Vorbeigehen aus lauter Laune heraus Häftlinge in dieses Grundwasser hineingetrieben haben und dabei einen Häftling aufgefordert haben, die anderen Häftlinge im Wasser zu ertränken. Bei diesen anderen Häftlingen soll sich auch der Vater dieses Häftlings befunden haben, der also von seinem eigenen Sohn ertränkt worden sein soll. Der Sohn soll darüber wahnsinnig geworden sein und schließlich von dem Angeklagten erschossen worden sein.
Der Glaube des Angeklagten an die Bindung des Befehls kann ihn nicht von Strafe freistellen. Gewiß waren bei der SS strengere Bindungen als bei der Wehrmacht vorgesehen, es war sogar ein blinder Gehorsam gefordert. Ein solcher blinder Gehorsam entbindet jedoch nicht von der Verantwortlichkeit für das eigene Tun, da sonst die Grundlagen für die Verantwortlichkeit des Menschen als Person überhaupt aufgehoben würden. Auch der Kommandant Höß hat auf Seite 133 seiner Niederschrift6, davon berichtet, daß diese ungeheuerliche Arbeit eine außerordentliche Bedrückung für die Menschen bedeutet habe, was er in vertraulichen Gesprächen immer wieder erfahren habe. Er habe immer wieder darauf hingewiesen, daß es sich um einen Führerbefehl handele und daß deshalb die SS-Leute sich damit beruhigen müßten. Trotzdem habe an allen der geheime Zweifel genagt.
Der § 47 des Militärstrafgesetzbuchs7 ist niemals außer Kraft gesetzt worden, er galt auch im Konzentrationslager Auschwitz und auch für die dortigen SS-Angehörigen. Diese Vorschrift macht es aber jedem Befehlsempfänger zur Pflicht, zu prüfen, ob der ihm gegebene Befehl nicht ein krasses Verbrechen darstelle. Diese Prüfungspflicht bestand selbstverständlich auch den Vorgesetzten gegenüber, denn wem gegenüber hätte er sonst bestehen sollen? Blinder Gehorsam darf von dem Vorgesetzten nicht verlangt werden, wenn dieser erkannt hat, daß der Befehl ein Verbrechen zum Gegenstand hat. Von einem Befehlsnotstand kann bei dem Angeklagten überhaupt nicht gesprochen werden, weil er sich niemals geweigert hat oder weigern wollte, die Befehle auszuführen, sondern weil er die Befehle selbstverständlich ausgeführt hat, mit Rücksicht auf seine Eigenschaft als Angehöriger der SS.
Der Zeuge Beranovský hat früher gesagt, Boger habe er bei dieser Kommission gesehen. Jetzt behauptet er, Dylewski habe den Kramacz zur Erschießung ausgesucht u nd erschossen. Der Zeuge Włoch hat behauptet, Dylewski und Stark hätten beide über das Schicksal der Häftlinge bei sogenannten Bunkerentleerungen entschieden. Der Zeuge mußte jedoch auf Vorhalt einräumen, daß die Sachbearbeiter überhaupt nur entschieden hätten, wenn Grabner oder Aumeier nicht dagewesen seien. Er konnte keinen konkreten Fall nennen, in dem Dylewski entschieden hatte. In seinem Aufsatz über das Bunkerbuch8 hat dieser Zeuge den Angeklagten Dylewski nicht genannt, sondern er hat die Entscheidung über das Leben und den Tod der einsitzenden Häftlinge nur dem Leiter der Politischen Abteilung oder dem Lagerführer zur Last gelegt.
Einen ähnlichen Vorfall hat der Zeuge Fabian geschildert. Der Zeuge hat nun im Vorverfahren, und zwar bei seiner Vernehmung in Prag, erklärt, die von ihm geschilderte Erschießung habe im Herbst beziehungsweise im November 1943 stattgefunden.9 Der Zeuge hat in der Hauptverhandlung aber angegeben, er habe diesen Vorfall nicht im Herbst und Ende November, sondern bereits im Frühjahr 1943 beobachtet. Dem Zeugen sind offensichtlich Erinnerungsfehler unterlaufen. So hat er unter anderem auch angeblich den Angeklagten Mulka gesehen, der jedoch bereits am 9.3.43, also vor der Ankunft des Zeugen in Auschwitz, das Lager verlassen hat, so daß der Zeuge ihn auch niemals gesehen und kennengelernt haben kann.
Der Zeuge Myłyk hat bei se iner früheren Vernehmung am 18.8.62 gesagt, Dylewski habe er bei Vernehmungen nicht gesehen, insbesondere nicht bei der Vernehmung an der »Schaukel«.10 In der Hauptverhandlung hat er behauptet, er habe den Angeklagten doch gesehen.
Der Zeuge Knuth-Siebenlist konnte leider von dem Schwurgericht nicht mehr vernommen werden, da er inzwischen gestorben ist. Infolgedessen hatte das Schwurgericht keinen persönlichen Eindruck dieses Zeugen. Dieser Zeuge hat früher ausgesagt, und seine Aussage ist hier verlesen worden, Broad habe im Jahr 43 und 44 auf der Rampe selektiert.11 Aber die Aussage dieses Zeugen ist bedenklich, da auch bei dem Angeklagten Baretzki seine Angaben nicht gestimmt haben. Und da das Schwurgericht einen persönlichen Eindruck von diesem Zeugen nicht hatte, konnte es auch ein Urteil auf seine Aussage nicht stützen.
Der Zeuge Hirsch hat im Vorverfahren auf Blatt 532 erklärt: »Broad beteiligte sich oft an Selektionen und Fahrten zum Krematorium.« 12 In der Hauptverhandlung hat der Zeuge ausgesagt, er glaube sich erinnern zu können, daß Broad auf dem Trittbrett eines Lkws mitfuhr. Der Zeuge war Kapo in Auschwitz, und er hat verschiedene Angaben gemacht, die nicht stimmen können. Namentlich hat er Grund und Zeit seiner Aufnahme in den Bunker verschiedentlich dargestellt, auch seine Schilderung von der Verhaftung ist mit seinen früheren Angaben nicht identisch. Seine Aussage ist nicht so glaubhaft, daß ein Urteil darauf gestützt werden kann.
Die Zeugin Wasserstrom hat früher einmal erklärt, der Angeklagte habe auch Menschen beim Verhör getötet.13 In der Hauptverhandlung hat sie diese Behauptung nicht aufrechterhalten. Sie sagt, der Angeklagte habe die Häftlinge höflich Platz nehmen lassen, zum Beispiel bei der Vernehmung eines Russen. Dann habe er plötzlich den Mann angeschrien, ihn beleidigt, ihn »russisches Schwein« genannt – »Wie kannst du sitzenbleiben?« – und habe sich über die Verwirrung dieses Mannes amüsiert. Nach Angabe dieser Zeugin hat Broad allerdings sehr stark geschlagen, aber nicht die »Schaukel« in Anspruch genommen und auch nach Auffassung dieser Zeugin niemanden getötet.
Der Zeuge Aedtner, der den Angeklagten zunächst vernommen hat, bestätigt, daß Broad erklärt habe, es könne möglich sein, daß er geschossen habe: »Jakob hat mir einmal gesagt, daß ich ihm bald in die Hand geschossen hätte.« 14 Er sei sich bewußt, daß es ein Unrecht gewesen sei, was er getan habe. Es ist aber nicht festgestellt, daß Broad Fluchtfälle bearbeitet hat und daß einer seiner Fälle entschieden worden ist bei den »Bunkerentleerungen« sowie daß er bei diesen »Bunkerentleerungen« und den nachfolgenden Erschießungen eine Überwachungsfunktion ausgeübt hat.
Das Gericht hat deshalb auch bei dem Zeugen Fabian besondere Vorsicht walten lassen müssen, zumal dieser Zeuge in Prag bei seiner Vernehmung von diesem Vorfall nichts geschildert hat.15 Der Zeuge ist im Herbst 1943 nach Auschwitz gekommen; in der Hauptverhandlung spricht er allerdings vom Frühjahr 43. Er will auch den Zeugen [sic!] Palitzsch gekannt haben, obwohl dieser von Frühjahr 43 ab nicht mehr in Auschwitz war, sondern mit Hofmann nach Birkenau gekommen war, weshalb er seinerzeit in Auschwitz nicht mehr von dem Zeugen gesehen worden sein kann. Broad war im Herbst 43 bis Sommer 44 in Birkenau. Der Zeuge Fabian hat sich aber auch geirrt in anderen Fällen, so will er zum Beispiel den Angeklagten Mulka gesehen haben, obwohl dieser nachgewiesenermaßen bereits am 9.3.43 aus Auschwitz wegversetzt worden ist.
Die Anwesenheit des Angeklagten bei »Bunkerentleerungen« und bei den Erschießungen war Beihilfe, da seine Anwesenheit nötig war, um einen eventuellen Widerstand der Häftlinge zu brechen, die SS-Schützen zu decken und den ganzen Fortgang der Erschießungsaktion sicherzustellen. In subjektiver Beziehung steht fest, daß der Angeklagte das Unrechtmäßige dieser »Bunkerentleerungen« eingesehen hatte. In seinem Bericht schreibt er auf Seite 12: Palitzsch ist »stolz darauf«, diese »unschuldigen Menschen umzubringen.« 16 Auch bei seiner Vernehmung vor dem Zeugen Aedtner hatte er erklärt, er habe seit 43 erkannt, daß die Tätigkeit bei der Politischen Abteilung ein Unrecht war, »das ich gefühlsmäßig als Verbrechen erkannte«.17
Der Angeklagte konnte die Erschießungen bei den »Bunkerentleerungen« auch nicht etwa für rechtmäßig angesehen haben, da ein Exekutionsbefehl oder ein Urteil nicht vorgelegen haben, da die Verhandlungen ja erst in dem Bunker ohne ein Standgericht stattfanden. Er war sich deshalb bewußt, daß durch seine Anwesenheit die Erschießungen gefördert wurden, indem er zum mindesten den Widerstand der Häftlinge von vornherein als aussichtslos gestaltete. Auch den Befehl zur »Bunkerentleerung« und Erschießung hat er als rechtswidrig erkannt im Sinne des § 47 des Militärstrafgesetzbuchs.18 Auch die Kausalität seines Verhaltens ist von dem Gericht bejaht worden, wenn auch von einem auswechselbaren Vollstreckungsinstrument auf seiten der Verteidigung gesprochen worden ist.
Der Vorwurf endlich, der Angeklagte habe an der Leichenkammer [Lager BIb] Erschießungen vorgenommen, ist nicht nachgewiesen. Der einzige Zeuge, der dies gesehen haben will, der Zeuge Wetzler, hat in der Hauptverhandlung zwar einen derartigen Vorwurf erhoben, seine Aussage deckt sich jedoch nicht mit seinen Angaben in dem Vorverfahren.19 Bei der Ortsbesichtigung wurde die Entfernung von dem angeblichen Beobachtungsort dieses Zeugen und der Stelle, an der die Erschießung vorgenommen worden sein soll, nachgemessen. Die Nachmessung ergab 195 Meter. Wenn man bedenkt, daß zu der damaligen Zeit Nebel geherrscht haben muß, so konnte das Gericht nicht als festgestellt ansehen, daß der Zeuge Wetzler mit Bestimmtheit diesen Vorfall mit angesehen hat und dabei auch den Angeklagten erkennen konnte.
Der Zeuge Mikołajski will gesehen haben, wie der Angeklagte Broad und Dylewski bei der Vernichtung eines »Sonderkommandos« das Giftgas eingeworfen hätten. Dies er Zeuge ist jedoch nicht zuverlässig; er hat auch im Vorverfahren keine konkreten Einzelheiten insoweit erwähnt.20
Der Zeuge Motz hat nachgewiesenermaßen eine falsche Aussage zum Nachteil des Angeklagten Stark gemacht. Er behauptete seinerzeit, Stark sei ihm bekanntgeworden, als dieser einen Oberst Kumuniki21 oder Kumuniecki und Niebudek selektiert und auf den Block 11 gebracht habe. Der Zeuge will selbst beobachtet haben, wie Stark die beiden dorthin brachte. Diese Darstellung ist jedoch nicht möglich, da ausweislich des Bunkerbuchs die beiden erst am 25.1.43 in den Bunker gekommen sind, während Stark in dieser Zeit laut Auschwitz-Heften sich gar nicht in Auschwitz befunden haben kann, sondern im Urlaub war.
Es ist kein Zeuge vorhanden, der uns zuverlässig eine Tätigkeit des Doktor Schatz auf der Rampe hätte schildern können. Der Zeuge Gibian hat zwar in dieser Richtung eine Aussage gemacht. Diese Aussage ist jedoch nicht zuverlässig genug, um darauf ein Urteil stützen zu können. In der Hauptverhandlung hat er behauptet, er habe Schatz auf der Rampe gesehen, fügte dieser Aussage jedoch ein »Ich glaube es« hinzu. Früher hat er Doktor Schatz mi t Bestimmtheit genannt. Aber auch bei seinen übrigen Aussagen, die er früher gemacht hat, bestehen gewisse Differenzen zu seiner Aussage in der Hauptverhandlung. Dazu kommt, daß der Zeuge Szymański nicht beobachten konnte, daß Doktor Schatz sich an der Lagerselektion beteiligt hat, obwohl er nach der Aussage des Zeugen Gibian zugegen gewesen sein muß.22
Der Zeuge Mikołajski hat früher in einem Bericht23 die Vergasungen aus dem Jahr 1944 geschildert, die angeblich im Kleinen Krematorium stattgefunden haben sollen. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme kann aber als festgestellt angesehen werden, daß im Jahr 44 in dem Kleinen Krematorium Vergasungen nicht mehr stattgefunden haben. Auch im Übrigen bestehen bei der Aussage dieses Mikołajski gewisse Differenzen. Während er in seinem Bericht die Angeklagten Dylewski und Broad nicht erwähnt, hat er in der Hauptverhandlung deren Tätigkeit genau schildern können. Das Gericht hatte deshalb Bedenken ob der Zuverlässigkeit der Aussagen dieses Zeugen und konnte sie infolgedessen auch zu Lasten des Angeklagten Schatz nicht verwerten.
Der Angeklagte Schatz hat nun im Vorverfahren auf Blatt 10.414 selbst gesagt, er sei von der Rampe aus, um nicht aufzufallen, mit dem Transport gegangen und habe den Transport auf dem Weg ins Krematorium begleitet.24 Diese sogenannte Begleitung des Transportes in das Krematorium war aber nicht Aufgabe eines Arztes. Das Abführen der Gefangenen in die Gaskammern wurde durch SS-Leute, Blockführer und andere besorgt. Die Einlassung des Angeklagten, er habe nicht bei den Vergasungen und auch nicht bei den Selektionen mitgewirkt, konnte deshalb mit Bestimmtheit nicht widerlegt werden. Es war nicht mit Sicherheit zu widerlegen, daß Doktor Schatz sich auf der Rampe jeweils zurückgezogen hat, um nicht aufzufallen. Aus diesem Grunde konnte ihm auch nicht das Bewußtsein nachgewiesen werden, daß durch seine Anwesenheit die psychische Stärkung der SS-Leute und die Einschüchterung der Gefangenen bewirkt worden ist.
1940 wurde Scherpe als Sanitäter in Oranienburg ausgebildet und kam im Sommer 1940 nach Auschwitz. Bis zum Mai 1942 wurde er in Auschwitz im Truppenrevier beschäftigt und kam nach seiner Darstellung im Sommer 42 in den Häftlingskrankenbau. Diese Darstellung wird auch bestätigt durch die verlesene Medikamentenanforderung mit Datum vom 16. und 18.7.1942. Außerdem liegt noch eine Phenolanforderung von ihm vor, unterschrieben mit dem Datum vom 24.3.43.25[ Faksimile]
Dieses Verhalten des Angeklagten Scherpe stellt sich objektiv als Mord dar. Das gilt sowohl für die 700 typhuskranken Menschen, die am 29.8.26 ausgesucht worden sind, als auch für die 180 Kranken und für die 20 Kinder aus Zamość, die durch Phenolinjektionen getötet wurden. Alle diese Tötun gen unschuldiger Menschen waren selbstverständlich unerlaubt, sie geschahen auch aus niedrigem Beweggrund. Es handelte sich um unschuldige, kranke, hilflose Menschen, die zum Tode gebracht wurden, anstatt sie zu pflegen und zu versuchen, sie zu retten. Ein solches Verhalten ruft in dem unverbildeten Betrachter das sichere Gefühl der Verachtung einer derartig motivierten Tat hervor. Dies um so mehr, als unter den Vergasten auch Menschen waren, die bereits sich auf dem Wege der Besserung befunden haben und die unbedingt Aussicht hatten, am Leben erhalten zu werden.
Der Angeklagte beruft sich auch nicht auf einen Putativnotstand. Er kann sich auch nicht darauf berufen, da Anlaß zu einem solchen Putativnotstand nicht bestanden hat. Der Angeklagte ist auch nicht durch den § 47 des Militärstrafgesetzbuchs27 geschützt, da er von vornherein gewußt hat, daß der Befehl zur Tötung dieser Menschen ein Verbrechen zum Gegenstand hatte.
Was zunächst die Tötung der 119 polnischen Knaben aus Zamość am 28.2. beziehungsweise am 1.3.43 anbelangt, so gehen die Aussagen der Zeugen erheblich auseinander. Doktor Głowacki will persönlich gesehen haben, daß Hantl diese Injektionen vorgenommen hat. Das Gericht hat bei der Aussage dieses Zeugen Doktor Głowacki Bedenken insofern, als der Zeuge auch bereits bei der Aussage bezüglich des Angeklagten Dylewski nicht als zuverlässiger Zeuge sich erwiesen hat. Doktor Głowacki hat bei seinen früheren Vernehmungen auf Blatt 7.036 erklärt, der Angeklagte Scherpe habe alle Kinder »abgespritzt«.28 Nach der Darstellung des Angeklagten Scherpe sollen die Phenolinjektionen erfolgt sein, als Scherpe den Hantl wegen seiner Abwesenheit vertreten haben will.
Aber auch der Zeuge Głowa hat auf Blatt 7.056 seiner ersten Aussage erklärt, am e rsten Tag habe er gesehen, daß Scherpe die Kinder getötet habe.29 Der Zeuge erklärt weiter wie... im Vorverfahren. Der Zeuge Głowa kann infol gedessen auch heute nicht das Gegenteil von seiner damaligen Bekundung wissen. Er hat früher noch nicht einmal behauptet, daß Hantl bei diesen Tötungen zugegen war. Jetzt erklärt er, er habe einen völlig zusammengebrochenen Hantl nach dieser Tötung erlebt. Seine Aussage stimmt auch nicht mit derjenigen des Zeugen Doktor Kłodziński überein, der Scherpe mittags allein in den Krankenbau hat kommen sehen, während der Zeuge Głowa Scherpe und Hantl gemeinsam in den Bau hat kommen sehen.
Der Zeuge Doktor Fejkiel hat keine direkte Kenntnis von den damaligen Tötungen. Er hat nur von Hörensagen, und zwar von den Funktionshäftlingen Schwarz und Gebhard erfahren, Scherpe habe mit den Tötungen begonnen, und Hantl habe sie fortgesetzt. Dieser Zeuge hat in dem Vorverfahren gesagt: »Ich habe gesehen, daß Hantl ›abgespritzt‹ hat.« 30 Heute erklärt derselbe Zeuge in der Hauptverhandlung: »Ich habe niemals gesehen, daß Hantl ›abgespritzt‹ hat. Ich habe meine Kenntnis lediglich von Gebhard und Schwarz.«
Der Zeuge Kowalczyk, der im Juni 43 bis Oktober 44 im Krankenbau war, hat nichts davon gehört, daß der Angeklagte Hantl Tötungen vorgenommen haben soll. Der Zeuge Wörl erklärt in der Hauptverhandlung, er habe in einem Fall selbst gesehen, daß Hantl »gespritzt« habe. In seinen früheren Vernehmungen hat er lediglich bekundet, er habe nur gesehen, daß die Leute hineingeführt worden seien.31 Er erklärt weiter: »Es ist möglich, daß es auch die Funktionshäftlinge waren, die die Spritzen verabreicht haben.«
Der Zeuge Weis hat ausgesagt, Hantl habe sich jeweils ans Fenster gestellt, da er diese Tötungen nicht mit [+ eigenen] Augen habe ansehen können. Dieser Zeuge, der bei sehr vielen Tötungen zugegen war, hat niemals feststellen können, daß Hantl selbst eine Tötung mit eigener Hand vorgenommen hat. Er kennt den Hantl unter dem Namen Szewczyk und stellt dem Angeklagten Hantl ein gutes Zeugnis aus, genau wie der Zeuge Karwowski, der den Angeklagten Hantl als einen »anständigen SDG« bezeichnet hat. Der Zeuge Reineck hat bekundet, daß der Angeklagte Hantl sich bei ihm über das schreckliche »Abspritzen« beklagt habe. Auch der Zeuge Sauer ist nie Augenzeuge davon gewesen, daß Hantl selbst Phenolinjektionen mit eigener Hand verabreicht hat. Fest steht aufgrund der dem Gericht vorliegenden Urkunde, daß am 1.4. und am 19.4.43 der Angeklagte je ein Kilogramm Phenol in der Apotheke angefordert hat.32
Der Angeklagte Hantl hat sich nicht auf Befehlsnotstand berufen, er ist auch nicht durch eine Gefahr für Leib und Leben zu diesen Handlungen gezwungen worden. Er hat diese Befehle lediglich ausgeführt, um unangenehme Konsequenzen zu vermeiden. Daß diese Tötungsbefehle auch ein Verbrechen zum Gegenstand hatten im Sinne des § 47 des Militärstrafgesetzbuchs33 bedarf keiner näheren Begründung. Der Angeklagte Hantl hat dies auch erkannt und hat gewußt, daß diese Menschen ohne Berechtigung umgebracht, also ermordet worden sind. Auch nach der damaligen Ansicht im nationalsozialistischen Staat waren diese Tötungen unrechtmäßig, was daraus hervorgeht, daß der Angeklagte Hantl nach seiner unwiderlegten Einlassung selbst in Weimar als Zeuge für diese Tötungen ausgesagt hat.
1. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 23. u. 24.04.1959 in Köln, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 6, Bl. 937-960.
2. Vgl. Vernehmung vom 27.08.1947 durch Untersuchungsrichter Sehn, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 4, Bl. 643-650.
3. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 19. u. 20. u. 21. u. 22.10.1959 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 15, Bl. 2.434-2.455.
4. Vgl. richterliche Vernehmung vom 22.10.1959 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 15, Bl. 2.457-2.457R.
5. Vgl. Nachtragsanklage der Staatsanwaltschaft vom 04.06.1964, Anlage 2 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 05.06.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 99.
6. Angabe nach der Taschenbuchausgabe: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen von Rudolf Höß. Eingeleitet und kommentiert von Martin Broszat. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1963, S. 133.
7. MStGB § 47: »I. Wird durch die Ausführung eines Befehls in Dienstsachen ein Strafgesetz verletzt, so ist dafür der befehlende Vorgesetzte allein verantwortlich. Es trifft jedoch den gehorchenden Untergebenen die Strafe des Teilnehmers: 1. wenn er den erteilten Befehl überschritten hat, oder 2. wenn ihm bekannt gewesen ist, dass der Befehl des Vorgesetzten eine Handlung betraf, welche ein allgemeines oder militärisches Verbrechen oder Vergehen bezweckte. II. Ist die Schuld des Untergebenen gering, so kann von seiner Bestrafung abgesehen werden.« Militärstrafgesetzbuch nebst Kriegssonderstrafrechtsverordnung. Erläutert von Erich Schwinge. 6. Aufl., Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag, 1944, S. 100.
8. Vgl. Franciszek Brol, Gerard Włoch, Jan Pilecki: Das Bunkerbuch, in: Hefte von Auschwitz 1, 1959, S. 7-42.
9. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 20.02.1964 in Prag, 4 Ks 3/63, Hauptakten, Bd. 98, Bl. 18.626-18.638.
10. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 18.08.1962 in Gliwice, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 81, Bl. 15.404-15.408.
11. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmungen vom 02.12.1959 und 03.12.1959 in Hamburg, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 19, Bl. 3.067-3.075 und 3.076-3.093 sowie richterliche Vernehmung vom 04.02.1963 in Hannover, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 77, Bl. 14.421-14.427.
12. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 17.02.1959 in Stuttgart, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 4, Bl. 532.
13. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 18.03.1959 in Paris, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 5, Bl. 763-768.
14. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 30.04. u. 01.05.1959 in Braunschweig, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 7, Bl. 1.068-1.092.
15. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 20.02.1964 in Prag, 4 Ks 3/63, Hauptakten, Bd. 98, Bl. 18.626-18.638.
16. Auschwitz in den Augen der SS, S. 103.
17. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 30.04. u. 01.05.1959 in Braunschweig, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 7, Bl. 1.068-1.092.
18. MStGB § 47: »I. Wird durch die Ausführung eines Befehls in Dienstsachen ein Strafgesetz verletzt, so ist dafür der befehlende Vorgesetzte allein verantwortlich. Es trifft jedoch den gehorchenden Untergebenen die Strafe des Teilnehmers: 1. wenn er den erteilten Befehl überschritten hat, oder 2. wenn ihm bekannt gewesen ist, dass der Befehl des Vorgesetzten eine Handlung betraf, welche ein allgemeines oder militärisches Verbrechen oder Vergehen bezweckte. II. Ist die Schuld des Untergebenen gering, so kann von seiner Bestrafung abgesehen werden.« Militärstrafgesetzbuch nebst Kriegssonderstrafrechtsverordnung. Erläutert von Erich Schwinge. 6. Aufl., Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag, 1944, S. 100.
19. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 11.02.1964 in Bratislava, 4 Ks 3/63, Hauptakten, Bd. 97, Bl. 18.588-18.603.
20. Vgl. den an das Internationale Auschwitz-Komitee, Warschau, gesandte »Bericht« des Zeugen Mikołajski vom 11.05.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 94, Bl. 18.811-18.816.
21. Phonetisch geschrieben; gemeint ist Karol Kumuniecki.
22. Vgl. kommissarische Vernehmung vom 24.02.1964 in Příbram, 4 Ks 3/63, Hauptakten, Bd. 98, Bl. 18.647-18.651.
23. Vgl. den an das Internationale Auschwitz-Komitee, Warschau, gesandte »Bericht« des Zeugen Mikołajski vom 11.05.1964, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 94, Bl. 18.811-18.816.
24. Vgl. richterliche Vernehmung vom 02.11.1961 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 56, Bl. 10.414-10.422.
25. Vgl. Anlage 5 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 28.01.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 107, Urkunden Nr. 125, 126, 129.
27. MStGB § 47: »I. Wird durch die Ausführung eines Befehls in Dienstsachen ein Strafgesetz verletzt, so ist dafür der befehlende Vorgesetzte allein verantwortlich. Es trifft jedoch den gehorchenden Untergebenen die Strafe des Teilnehmers: 1. wenn er den erteilten Befehl überschritten hat, oder 2. wenn ihm bekannt gewesen ist, dass der Befehl des Vorgesetzten eine Handlung betraf, welche ein allgemeines oder militärisches Verbrechen oder Vergehen bezweckte. II. Ist die Schuld des Untergebenen gering, so kann von seiner Bestrafung abgesehen werden.« Militärstrafgesetzbuch nebst Kriegssonderstrafrechtsverordnung. Erläutert von Erich Schwinge. 6. Aufl., Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag, 1944, S. 100.
28. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 21. u. 22. u. 23.11.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 7.025-7.043b.
29. Vgl. polizeiliche Vernehmung vom 21. u. 22. u. 23.11.1960, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 7.047-7.061.
30. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 07.06.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 34, Bl. 5.790-5.807 und staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 22.11.1960 in Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 40, Bl. 7.072-7.075.
31. Vgl. staatsanwaltschaftliche Vernehmung vom 13.10.1959 in München, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 15, Bl. 2.422-2.432.
32. Vgl. Anlage 7 u. 8 zum Protokoll der Hauptverhandlung vom 28.01.1965, 4 Ks 2/63, Hauptakten, Bd. 107.
33. MStGB § 47: »I. Wird durch die Ausführung eines Befehls in Dienstsachen ein Strafgesetz verletzt, so ist dafür der befehlende Vorgesetzte allein verantwortlich. Es trifft jedoch den gehorchenden Untergebenen die Strafe des Teilnehmers: 1. wenn er den erteilten Befehl überschritten hat, oder 2. wenn ihm bekannt gewesen ist, dass der Befehl des Vorgesetzten eine Handlung betraf, welche ein allgemeines oder militärisches Verbrechen oder Vergehen bezweckte. II. Ist die Schuld des Untergebenen gering, so kann von seiner Bestrafung abgesehen werden.« Militärstrafgesetzbuch nebst Kriegssonderstrafrechtsverordnung. Erläutert von Erich Schwinge. 6. Aufl., Berlin: Junker und Dünnhaupt Verlag, 1944, S. 100.