Source: https://gameslaw.online/jugendschutz-auf-der-gamescom-dead-rising-4/
Timestamp: 2019-01-18 16:10:01
Document Index: 125482893

Matched Legal Cases: ['§ 15', '§ 86', '§ 130', '§ 130', '§ 131', '§ 131', '§ 131', '§ 24', '§ 131', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15']

Jugendschutz auf der gamescom – Dead Rising 4 | Jugendschutz auf der gamescom – Dead Rising 4 – GamesLaw
Letzte Woche fand, wie bereits berichtet, der gamescom congress und damit der VGBA European Summit: Game Business and Legal Affairs abseits des Unterhaltungsprogramms der weltgrößten Spielemesse statt. Über die jugendschutzrechtlichen Eindrücke, die ich in der Entertainment-Area gewinnen konnte, dreht sich der folgende Beitrag.
Die USK wirbt mit ihren besonderen Jugenschutzaktivitäten während der Gamescom. „Auf der gamescom sorgen wir als USK für einen besonders hohen Jugendschutzstandard. Eltern können ihre Kinder also problemlos die Hallen erkunden lassen und dort mit ihnen gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen“ heißt es in einer Pressemitteilung. So wurden an die Besucher USK-Bändchen gemäß ihres Alters verteilt, die, je nach Spiel, dann durch das Messepersonal Zutritt gewähren oder verwehren sollten. Auf die Einhaltung der Altersbeschränkungen wurde nach eigenen Beobachtungen geachtet. So weit so gut.
Jugendschutz auf der gamescom und Dead Rising 4 – passt das zusammen?
Dead Rising 4 zum Anspielen auf der Gamescom 2016.
Besser wäre es meines Erachtens, rein aus jugendschutzrelevanten Gründen – sofern man selbigen ernst nimmt, um dann tatsächlich Kinder problemlos die Hallen erkunden zu lassen – wenn man eine (oder mehrere) “Ü18-Halle” einrichten würde und dort Kindern und Jugendlichen der Zutritt ganz verwehrt würde. Das wird aber weder von den Ausstellern noch von der Messeleitung gewünscht, die Gründe hierfür dürften klar sein. Die Ü18-Titel (alle die keine oder eine entsprechende USK-Freigabe erhalten haben) wurden auffällig stark beworben, wobei dies ein sehr subjektiver Eindruck ist. Jedenfalls ging es an den entsprechenden “Ballerständen” auffällig militärisch, laut und mit massig Entertainment zur Sache. Die im Vorfeld mittels nachgereichter AGB verbannten Schaumstoffschwerter diverser Cosplayer wurden elegant durch mit vollautomatischen Anscheinswaffen hochgerüstete Söldner an diversten Ständen ersetzt. Egal ob Battlefield 1, Gears of War 4 oder der neueste Ableger der bislang stets indizierten Reihe Dead Rising, alle Titel wurden mit großen Plakaten in für Kinder- und Jugendliche zugänglichen Bereichen beworben. Dabei hilft es auch nichts, wenn die Spiele selbst hinter schwarzen Vorhängen gezockt wurden: die Neugier ist erst einmal geweckt – Mami wird dann schon kaufen. Klar: (fast) alles Gesetzeskonform und daher im Bereich Jugendschutz zumindest irgendwie ok, auch wenn mancher da eine andere romantische Idee von haben mag.
Werbeverbot auch ohne Indizierung?
Aus rechtlicher Sicht könnte sich aber zumindest das Bewerben des Titels Dead Rising 4 als problematisch darstellen. Zwar verbietet § 15 Abs. 1 Nr. 6 JuSchG nur das Bewerben indizierter Spiele. Die Vorschrift dehnt sich aber auch dahingehend aus, dass Titel den selben Beschränkungen unterliegen, die “einen der in § 86, § 130, § 130a, § 131, … des Strafgesetzbuches bezeichneten Inhalte haben, ohne dass es einer Aufnahme in die Liste und einer Bekanntmachung bedarf, oder … besonders realistische, grausame und reißerische Darstellungen selbstzweckhafter Gewalt beinhalten, die das Geschehen beherrschen, … [sowie] auch, ohne dass es einer Aufnahme in die Liste und einer Bekanntmachung bedarf, Trägermedien, die mit einem Trägermedium, dessen Aufnahme in die Liste bekannt gemacht ist, ganz oder im Wesentlichen inhaltsgleich sind.”
Subsumiert man die Tatbestandsmerkmale am vorliegenden Spiel, kann der Inhalt nach § 131 Abs. 1 Nr. 1 StGB sehr schnell bejaht werden. Schon alleine deshalb wären die Einschränkungen vorliegend anzuwenden. Nimmt man sich zudem der Historie der Dead Rising Spielereihe an, stellt man fest, dass alle bisherigen Titel auf Listenteil B indiziert und Dead Rising, sowie Dead Rising 2 wegen ihrer strafbaren Inhalte nach § 131 StGB beschlagnahmt sind. Dass Dead Rising 3 nicht beschlagnahmt wurde, liegt einzig daran, dass hierüber kein Gericht entschieden hat, obwohl der Titel auf Listenteil B indiziert ist, § 24 Abs. 4 JuSchG. Die zuständige Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren aufgrund von “Nichtverbreitung durch den deutschen Handel” ein, wobei man darüber natürlich geteilter Ansicht sein mag. Der Autor dieses Artikels jedenfalls erhielt seine Kopie über den deutschen Handel. Zudem ist eine “Nichtverbreitung” anzunehmen schon deshalb absurd, weil der massenhafte Import aus dem EU-Ausland eben zu einer solchen führt. Wer an einer Verbreitung dennoch zweifelt, möge sich einschlägige Facebook-Verkaufsgruppen ansehen, auf welchen das Spiel nahezu täglich zum Verkauf angeboten wird. Zwar kann nur aufgrund der inhaltlichen Tatbestandserfüllung bisheriger Teile nicht auf eine selbige nach § 131 StGB geschlossen werden, dennoch liegt zumindest eine Indizwirkung vor, der nachgegangen werden müsste.
Darüber hinaus treffen auch die anderen Tatbestandsmerkmale:
Inhaltlich sind die Titel in ihrem Wesen grundsätzlich gleich. Zwar ist die Inhaltsgleichheit restriktiv auszulegen und anzuwenden, aber da sie nicht das gesamte Spiel umfasst, sondern nur die jugendgefährdenden Inhalte einer Betrachtung unter Berücksichtigung des Gesamteindrucks zu unterziehen sind (vgl. Spürck/Erdemir, in JuSchR, § 15 JuSchG, Rn. 35, 79), kann dies hier jedenfalls bejaht werden. Man kämpft als einer der wenigen Überlebenden gegen zigtausende Zombies und zerfleddert, -häckselt und -bombt mit diversen kunstvoll arrangierten Mordwerkzeugen. Das zerschnetzeln der gegnerischen Zombiehorden und Menschen passiert – wie die BPjM in der Indizierungsentscheidung bspw. zu Dead Rising 3 feststellte – fließbandartig, besonders grausam und in allen realistischen Details die in eine “spielerische Zelebrierung von Gewalt” mündet. Nichts anderes geschieht in Teil 4 der Reihe.
Im Plüschkostüm macht das Zombimatschen gleich noch einmal so viel Spaß.
Auch wenn das Spiel daher mit seiner Story und in weiteren Teilbereichen, wie dem umstrittenen Zeitlimit, vom Vorgänger abweicht, so ist der Wesensgehalt derselbe. Denn Dead Rising ist und bleibt ein “fröhliches” selbstweckhaftes und kunstvoll inszeniertes Zombieschnetzeln und Menschentöten. Die Beschränkungen des § 15 JuSchG müssen nach hiesiger Ansicht gem. § 15 Abs. 2 Nr. 3a, Abs. 3 JuSchG also auch ohne, dass es bislang bei dem neuesten Ableger der Reihe zu einer Aufnahme in die Liste der jugendgefährdenden Medien durch die BPjM kam, auf diesen Titel angewendet werden. Die selbstzweckhafte und reißerische Darstellung der Gewalt, sowie in Teilen auch deren Verharmlosung (Zombie-Selfie vor dem Kill, Teddy-Bär-Bomben, Plüschkostüme, Zombiewurfmaschinen), ist so offensichtlich und eindeutig, dass man hier nicht guten Gewissens sagen kann, der Titel würde nicht unter § 15 Abs. 2 JuSchG subsumiert werden können. Dies umso mehr, wenn man die bisherige Spruchpraxis der BPjM zugrunde legt. Ob das Mortal Kombat X-Argument, die Gewalt wäre durch die Überzeichnung oder nicht genutzte technische Möglichkeiten bei der Realitätsdarstellung widerum unrealistisch dargestellt und würde daher keine Jugendgefährdung hervorrufen hier gleichermaßen angesetzt werden könnte, kann stark bezweifelt werden, da es sich im Gegensatz zur Mortal Kombat X-Entscheidung schon nicht um Phantasiewesen in einer Phantasiewelt handelt sondern um menschenähnliche Wesen in einer grundsätzlich real dargestellten Welt.
Die zuständigen Behörden hätten nach alledem zumindest eine eingehende Prüfpflicht im Bezug auf die bereits bekannten Vorgänger gehabt. Auf Nachfrage bei der USK erklärte man, dass die verantwortlichen Bediensteten der Stadt Köln die Messe vor der Eröffnung und während des Betriebs begangen hätten und zumindest nach dortiger Kenntnis keine Gesetzesverstöße feststellen konnten. Die meisten Titel seien vor der gamescom einer beantragten Prüfung unterzogen worden und hätten auch eine USK-Bewertung erhalten. Eine detaillierte Nachfrage, ob Dead Rising 4 eine entsprechende USK 18 Freigabe erhielt oder ob diese vom Hersteller beantragt wurde, wurde leider nicht beantwortet. Eine Antwort des Ordnungsamtes der Stadt Köln zu den obigen Ausführungen steht derzeit noch aus.
Dead Rising 4 wurde von Capcom (aus gutem Grund) nicht für einen Vertrieb in Deutschland angekündigt.
Michael Scheyhing, 25.08.2016
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