Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/4583e7ff1b034008163a5cd73283af4a1550d8d12e29ea8ac7f07ff89572df72
Timestamp: 2018-10-22 15:17:55
Document Index: 41109185

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 19', '§ 42', '§ 40', '§ 40', 'Art. 19', '§ 40', '§ 40', '§ 54', '§ 41', '§ 47', 'BGH', '§ 339', 'BGH', '§ 54', '§ 41', 'BGH', 'BGH', '§ 47', '§ 47', '§ 47', '§ 339', '§ 354']

BGH, 2 StR 276/00: BGH (antrag, vollstreckung der strafe, tochter, verwaltungsgericht, stadt, zpo, sache, samstag, partei, anordnung)
Urteil des BGH vom 27.01.2000, 2 StR 276/00
2 StR 276/00
BGH (antrag, vollstreckung der strafe, tochter, verwaltungsgericht, stadt, zpo, sache, samstag, partei, anordnung)
Antrag, Vollstreckung der strafe, Tochter, Verwaltungsgericht, Stadt, Zpo, Sache, Samstag, Partei, Anordnung
Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 20. September 2000, an der teilgenommen haben:
der Richter am Bundesgrichtshof
Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Wiesbaden vom 27. Januar 2000 mit den Feststellungen
über die Kosten des Rechtsmittels, an eine Strafkammer des
Landgerichts Frankfurt am Main zurückverwiesen.
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Rechtsbeugung zu einer
Bewährung ausgesetzt. Die gegen dieses Urteil gerichtete Revision des Angeklagten, mit der er die Verletzung formellen und materiellen Rechts rügt, hat mit
der Sachrüge Erfolg.
Der Angeklagte war seit 1979 Richter, seit 1989 Direktor des Amtsgerichts R. . Am Wochenende 6./7. Juni 1998 war er für den Bereitschaftsdienst am Amtsgericht E. eingeteilt.
Am Samstag, den 6. Juni 1998, ging beim Amtsgericht E. ein an das
Verwaltungsgericht W. gerichteter Schriftsatz der Tochter des Angeklagten, der Zeugin S. , ein, den der Rechtspfleger gegen 10.00 Uhr vorfand.
Darin beantragte sie, eine einstweilige Anordnung gegen die Stadt E. zu
erlassen mit dem Inhalt, der Antragstellerin während des Erdbeerfestes vom
12. bis 15. Juni 1998 die Zufahrt mit PKW zu ihrem Wohnhaus zu ermöglichen,
der Stadt zu untersagen, das Abspielen von Musik und die Herstellung lauter
Geräusche während des Festes zu gestatten und der Stadt aufzugeben, solchen Lärm zu verhindern. In einem Begleitschreiben teilte die Zeugin mit, sie
habe am selben Tag versucht, den Antrag beim Verwaltungsgericht W.
einzureichen, was ihr jedoch nicht gelungen sei, da dieses geschlossen sei.
Wegen der außerordentlichen Eilbedürftigkeit richte sie ihren Antrag daher an
das Amtsgericht E. . Zugleich bat die Zeugin per Fax darum, ihren Antrag
wegen der außerordentlichen Dringlichkeit sofort dem Sachbearbeiter bzw.
Richter vorzulegen.
Nachdem der Angeklagte den Antrag durchgesehen hatte, äußerte er
gegenüber dem anwesenden Rechtspfleger, er müsse den Antrag wohl bearbeiten, auch wenn die Antragstellerin seine Tochter sei, ein anderer Richter sei
nicht erreichbar. Bemühungen, andere Kollegen oder das Verwaltungsgericht
W. zu erreichen, unternahm er nicht. Während er mit dem Abfassen des
Beschlusses, den er selbst auf der Maschine schrieb, weil eine Schreibkraft
nicht sogleich zu erreichen war, befaßt war, erschien der Zeuge Dr. M. im
Gericht. Er wurde dem Angeklagten von dem Rechtspfleger zutreffend als
Richter am Amtsgericht E. vorgestellt, worauf der Angeklagte den Zeugen
in barschem Ton aufforderte, das Zimmer zu verlassen, er wolle nicht gestört
Der Angeklagte stellte seinen Beschluß fertig, mit dem er eine einstweilige Anordnung erließ, die dem Antrag seiner Tochter weitgehend entsprach
und lediglich hinsichtlich der Musik die Einschränkung enthielt, daß diese von
der Stadt nicht zu gestatten oder zu dulden sei, soweit sie Zimmerlautstärke
überschreite. In den Gründen des Beschlusses führte er unter anderem aus:
” ... Aus der Rechtsweggarantie des Art. 19 GG folgt, daß das Amtsgericht solange zuständig ist, als das Fachgericht nicht erreicht werden kann und
unaufschiebbare Entscheidungen zu treffen sind. Der Richter ist über den Antrag und seine Zuständigkeit deswegen höchst unglücklich, weil er mit der Antragstellerin im 1. Grad der Hauptlinie verwandt ist. Dessen ungeachtet muß er
dennoch über den Antrag auf Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes befinden, weil es sich um eine unaufschiebbare Angelegenheit handelt und trotz
rechtlichen Ausschlusses von der Entscheidung in einem solchen Fall zu entscheiden ist, §§ 42, 47 ZPO. ... Ein anderer Richter (des AG E. ist
nicht erreichbar). ...”
Die Akte versah der Angeklagte mit der Verfügung:
”1. Ausfertigung an GVollz F. zur Zustellung mit Antragsabschrift
2. Austragen
3. Urschriftlich mit Anlagen dem Verwaltungsgericht in W. übersandt.”
Nachdem der Gerichtsvollzieher mit einer Ausfertigung des Beschlusses
das Gericht verlassen hatte, entschuldigte sich der Angeklagte bei dem Zeugen Dr. M. , den er möglicherweise erst jetzt als Kollegen erkannte, für sein
unfreundliches Verhalten und schilderte ihm den gerade entschiedenen Fall,
wobei er erwähnte, daß seine Tochter den Antrag gestellt habe, er aber leider
habe entscheiden müssen, da der Antrag eilig sei.
Den Gerichtsvollzieher, der zu Bedenken gegeben hatte, daß die Verwaltung der Stadt am Wochenende nicht besetzt sei und er deshalb nicht zustellen könne, hatte er zuvor angewiesen, beim Bürgermeister persönlich an
dessen Wohnanschrift zuzustellen. Da der Gerichtsvollzieher den Bürgermeister am Samstag jedoch nicht erreichte und er die Sache nicht für so eilig hielt,
stellte er ihm den Beschluß am Montag morgen in dessen Diensträumen zu.
Die Akte gelangte am gleichen Tag durch Boten an das Verwaltungsgericht
W. , das nach einer Anhörung am 10. Juni 1998 den Beschluß des Amtsgerichts E. für gegenstandslos erklärte, das Verfahren einstellte, soweit die
Antragstellerin den Antrag zurückgenommen hatte, und im übrigen den Antrag
zurückwies.
Das Landgericht hat den Angeklagten für schuldig befunden, vorsätzlich
aus sachfremden Erwägungen eine Entscheidung zum Vorteil seiner Tochter
getroffen zu haben, indem er seine Familienangehörigkeit zu der rechtsuchenden Partei über seine gesetzliche Pflicht, sich einer Sachentscheidung zu enthalten, gestellt habe.
Die Revision des Angeklagten hat Erfolg, weil die Ausführungen des
Landgerichts zur inneren Tatseite rechtlich zu beanstanden sind.
1. Der Angeklagte hat als Richter bei Erlaß der einstweiligen Anordnung
Verfahrensrecht verletzt.
Mit dem an das Verwaltungsgericht gerichteten Antrag gegen die Stadt
E. wurde ein öffentlich-rechtlicher Anspruch, für den hier der Verwaltungs-
rechtsweg nach § 40 VwGO gegeben war, geltend gemacht. Die Rechtswegregelung des § 40 VwGO bezieht sich auf das gesamte Verfahren, auch
auf die Gewährung vorläufigen Rechtsschutzes, eine subsidiäre Zuständigkeit
der ordentlichen Gerichte gemäß Art. 19 Abs. 4 S. 2 GG kommt nicht Betracht
(Redeker/von Oertzen, VwGO 12. Aufl. 1997, § 40 Rdn. 1; Kopp; VwGO 10.
Aufl. 1994 § 40 Rdn. 1). Der Angeklagte, der der ordentlichen Gerichtsbarkeit
angehört, war schon aus diesem Grund nicht zuständig.
Mit seiner Entscheidung über den Antrag seiner Tochter hat der Angeklagte weiter gegen § 54 Abs. 1 VwGO, § 41 Nr. 3 ZPO verstoßen, weil er in
einer Sache entschieden hat, bei der er als Vater der Antragstellerin von jeglicher Mitwirkung ausgeschlossen war, dies gilt auch für unaufschiebbare Amtshandlungen nach § 47 ZPO.
Die Inanspruchnahme seiner Zuständigkeit war danach grob verfahrensfehlerhaft.
Rechtsbeugung kann durch einen Verstoß gegen Verfahrensvorschriften
begangen werden (RGSt 57, 31, 34; BGHSt 32, 257 f.; 38, 381, 383, 42,
343 f). Nicht jede unrichtige Rechtsanwendung stellt jedoch eine Beugung des
Rechts im Sinne vom § 339 StGB dar; vielmehr enthält dieses Tatbestandsmerkmal ein normatives Element. Erfaßt werden sollen nur elementare Rechtsverstöße, bei denen sich der Täter bewußt und in schwerer Weise von Recht
und Gesetz entfernt (ständige Rechtsprechung, BGHSt 32, 357; 34, 146, 149;
38, 381, 383; 42, 343, 345). In diesem Sinne sind die angesprochenen Verfahrensverstöße, insbesondere aber die Verletzung der § 54 VwGO, §§ 41, 47
ZPO gravierend. Gerade der Ausschluß eines Richters bei naher Verwandt-
schaft (hier Vater-Tochter-Beziehung), ist in allen Verfahrensordnungen geregelt. Auf die Einhaltung dieser Bestimmung vertraut jeder Bürger in besonderem Maße.
Allerdings liegt es bei Verfahrensverstößen nicht ohne weiteres auf der
Hand, daß durch die Rechtsverletzung eine Besserstellung oder Benachteiligung einer Partei bewirkt wird. Die Nichtbeachtung von Zuständigkeitsnormen
kann für sich genommen für das Ergebnis indifferent sein, da der Richter bei
der Sachentscheidung an die gleichen rechtlichen Bestimmungen gebunden
ist, wie der an sich zuständige Richter. Erforderlich ist deshalb, daß durch die
Verfahrensverletzung die konkrete Gefahr einer falschen Entscheidung begründet wurde, ohne daß allerdings ein Vor- oder Nachteil tatsächlich eingetreten sein muß (BGHSt 42, 343, 346, 351). Die Gefahr der bewußten Manipulation des Entscheidungsergebnisses liegt bei Verstößen gegen eine Ausschlußbestimmung wie sie hier vorliegt, jedoch sehr nahe, sie ist jedenfalls
dann anzunehmen, wenn der Richter aus sachfremden Motiven die Zuständigkeit an sich gezogen hat, um der einen Prozeßpartei einen Gefallen zu tun
(BGHSt 42, 353).
2. Eine solche sachfremde Motivation des Angeklagten hat das Landgericht zwar festgestellt. Die Würdigung des Landgerichts zur inneren Tatseite
beruht aber auf einer unzureichenden Grundlage und läßt wesentliche Umstände unberücksichtigt.
Der Angeklagte hatte sich dahin eingelassen, er habe sich wegen der
besonderen Eilbedürftigkeit entsprechend § 47 ZPO zur Entscheidung für befugt und verpflichtet gehalten. Mit der Sperrung der Straße habe am Montag
begonnen werden sollen. Das Landgericht hat dagegen angenommen, der Angeklagte habe gewußt, daß der Antrag nicht außerordentlich eilig gewesen sei.
Die Sperrung des Parkplatzes am Rheinufer, die am Montag den 8. Juni 1998
erfolgen sollte, habe noch keine unmittelbare Beeinträchtigung der Zufahrtsmöglichkeiten für seine Tochter bedeutet, die Lärmbelästigung habe erst ab
Beginn des Festes eintreten können. Bei dieser Würdigung setzt sich das
Landgericht jedoch nicht damit auseinander, daß der Angeklagte von einer
Straßensperrung ausgegangen sein will und berücksichtigt auch nicht, daß die
Maßnahmen der Stadt, mit denen die Anordnungen des Beschlusses umzusetzen waren, möglicherweise einen gewissen Vorlauf benötigten. Welche Angaben der Angeklagte zu seinen Vorstellungen über die von der Stadt zu ergreifenden Maßnahmen gemacht hat, hat es nicht mitgeteilt.
Unabhängig davon hält das Landgericht aber auch seine Einlassung für
widerlegt, er sei bei seiner Entscheidung rechtsirrtümlich davon ausgegangen,
entsprechend § 47 ZPO auch als ausgeschlossener Richter wie geschehen
verfahren zu dürfen. Er habe nicht - wie von ihm angegeben - eine Kollegin
angerufen. Bemühungen, andere Kollegen zu erreichen, habe er, wie er selbst
eingeräumt habe, nicht unternommen. Er habe schnell und zielgerichtet gehandelt. Daraus folgt nach Überzeugung der Kammer, daß er spätestens nach
Durchlesen des Antrags selbst im Sinne seiner Tochter habe entscheiden wollen, um zu verhindern, daß andere damit befaßte Kollegen der ordentlichen
Gerichtsbarkeit an diesem Samstag oder auch erst am Montag den Antrag an
das Verwaltungsgericht weiterleiten oder gar zurückweisen würden.
Diese Schlußfolgerungen des Landgerichts sind zwar an sich möglich, sie berücksichtigen aber nicht, daß nach dem Sachverhalt auch Anhaltspunkte dafür
bestehen, daß der Angeklagte sich in Verkennung der Rechtslage zur Entscheidung berechtigt und verpflichtet gehalten haben kann:
So hat er nicht nur im Beschluß selbst auf das - wegen der Namensverschiedenheit nicht offensichtliche - Verwandtschaftsverhältnis zu der Antragstellerin hingewiesen und ausgeführt, daß er wegen der besonderen Eilbedürftigkeit nach § 47 ZPO handeln müsse, sondern diese Rechtsmeinung schon
bei Eingang des Antrags gegenüber dem Rechtspfleger als auch unmittelbar
nach Absetzung und Aushändigung des Beschlusses an den Gerichtsvollzieher gegenüber dem ihm als Kollegen vorgestellten Dr. M. vertreten. Er hat
auch nicht versucht, die Vorlage der Akten an das zuständige Verwaltungsgericht zu verzögern, sondern für die umgehende Übersendung der Akten gesorgt, wodurch sein Handeln sofort offenbar wurde und noch rechtzeitig eine
Entscheidung getroffen werden konnte.
Mit diesen ungewöhnlichen Umständen, die sein Handeln zur Verfolgung
eines seine Tochter begünstigenden Zwecks als wenig sinnvoll erscheinen lassen, hätte sich das Landgericht auseinandersetzen und dabei auch mitteilen
und erörtern müssen, welche Angaben der Angeklagte zu seinen Vorstellungen
vom weiteren Verfahrensablauf beim Verwaltungsgericht gemacht hat.
Die aufgezeigten Fehler führen zur Aufhebung des Urteils. Ein vom Angeklagten beantragter Freispruch durch den Senat kam nicht in Betracht, denn
es ist nicht auszuschließen, daß ein neuer Tatrichter rechtsfehlerfrei Feststellungen treffen kann, die zu einer Verurteilung gemäß § 339 StGB führen.
Der Senat macht von der Möglichkeit des § 354 Abs. 2 Satz 1 StPO Gebrauch und verweist die Sache an das Landgericht Frankfurt am Main zurück.
Jähnke Bode Otten
Rothfuß Elf