Source: http://swissblawg.ch/2017/08/5a_3962015-keine-zuteilung-der-lose-durch-den-richter-amtl-publ.html
Timestamp: 2017-09-24 19:24:07
Document Index: 330392334

Matched Legal Cases: ['Art. 612', 'Art. 612', 'Art. 607', 'Art. 608', 'Art. 612', 'Art. 611', 'Art. 612', 'Art. 611', 'Art. 4', 'Art. 611', 'Art. 612', 'Art. 611', 'Art. 611', 'Art. 611', 'Art. 612', 'Art. 611', 'Art. 611']

5A_396/2015: Keine Zuteilung der Lose durch den Richter (amtl. Publ.) - swissblawg
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Sabine Herzog	• 23. August 2017
Im vor­lie­gen­den Ent­scheid hat­te das Bun­des­ge­richt erst­mals zu klä­ren, ob dem Tei­lungs­ge­richt die Kom­pe­tenz zukommt, den Par­tei­en direkt und ohne Befol­gung der gesetz­li­chen Tei­lungs­vor­schrif­ten, d.h. nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en und rich­ter­li­chem Ermes­sen Lose zuzu­wei­sen. Das Bun­des­ge­richt ent­schied, dass wenn die Vor­aus­set­zun­gen für die Bil­dung von Losen erfüllt sind und sich die Erben auf die Zuwei­sung der Lose nicht eini­gen kön­nen, das Gericht die Lose nicht nach eige­nem Ermes­sen an die ein­zel­nen Erben zuwei­sen darf. Der Rich­ter bleibt an die im Gesetz vor­ge­se­he­nen Vor­keh­ren gebun­den.
Dem Urteil des Bun­des­ge­richts vom 22. Juni 2017 lag zusam­men­ge­fasst der fol­gen­de Sach­ver­halt zugrun­de: Aus der Ehe zwi­schen D. und C. gin­gen die Kin­der A., B. und E. her­vor. Nach dem Tod des Vaters D. und des Soh­nes E. leb­ten A. (Beschwer­de­füh­rer) und B. (Beschwer­de­geg­ne­rin) und die Mut­ter C. bis zu einem Ver­trag betref­fend par­ti­el­le Erb­tei­lung in einer Erben­ge­mein­schaft. Im Novem­ber 1999 lei­te­te der Beschwer­de­füh­rer ein Erb­tei­lungs­ver­fah­ren ein. Mit Urteil vom 14. Dezem­ber 2010 leg­te das Bezirks­ge­richt Ples­sur die Erb­be­rech­ti­gung der Par­tei­en fest. Auf die Begeh­ren um Ver­sil­be­rung bzw. rea­ler Tei­lung und Zuwei­sung von Gegen­stän­den trat das Bezirks­ge­richt nicht ein, da die rea­le Tei­lung dem Kreis­prä­si­den­ten und nicht dem Bezirks­ge­richt oblie­ge. Das Urteil erwuchs in Rechts­kraft.
Im Jahr 2011 ver­lang­te der Beschwer­de­füh­rer beim Bezirks­ge­richt Ples­sur die Tei­lung der Nach­läs­se D. und E. unter Mit­wir­kung der zustän­di­gen Behör­de. Es sei gemäss Art. 612 Abs. 3 ZGB eine inter­ne, even­tu­ell eine öffent­li­che Ver­stei­ge­rung anzu­ord­nen. C. und die Beschwer­de­geg­ne­rin bean­trag­ten Nicht­ein­tre­ten, even­tua­li­ter Abwei­sung des Gesuchs. Sub­e­ven­tua­li­ter ver­lang­ten sie die Bil­dung von Losen und stell­ten Anträ­ge zur Real­tei­lung.
Das Bezirks­ge­richt Ples­sur ord­ne­te für die Tei­lung der Nach­läs­se von D. und E. eine inter­ne Stei­ge­rung gemäss Art. 612 Abs. 3 ZGB an. Die dage­gen ein­ge­leg­te Beru­fung hiess das Kan­tons­ge­richt gut und ord­ne­te die Real­tei­lung der Nach­läs­se des D. und des E. an. Der Beschwer­de­füh­rer ver­langt vor Bun­des­ge­richt die Auf­he­bung des Ent­scheids des Kan­tons­ge­richts und die Bestä­ti­gung des Urteils des Bezirks­ge­richts Ples­sur.
Das Bun­des­ge­richt hielt vor­ab zu den Tei­lungs­grund­sät­zen fest, dass die Erben die Tei­lung, wo es nicht anders ange­ord­net ist, frei ver­ein­ba­ren kön­nen (Art. 607 Abs. 2 ZGB). Man­gels Eini­gung sei­en die Tei­lungs­vor­schrif­ten des Erb­las­sers für die Erben ver­bind­lich, soweit nicht die Aus­glei­chung einer vom Erb­las­ser nicht beab­sich­tig­ten Ungleich­heit der Tei­le not­wen­dig wird (Art. 608 Abs. 1 und 2 ZGB). Wo sich die Erben nicht eini­gen könn­ten und auch der Erb­las­ser kei­ne Tei­lungs­vor­schrif­ten auf­ge­stellt habe, fän­den die gesetz­li­chen Tei­lungs­re­geln Anwen­dung (E. 4.2.). Gemäss Bun­des­ge­richt ist der Grund­satz der Anspruchs­gleich­heit ober­ste Richt­schnur für die Erb­tei­lung (E. 4.3.). Es rief in Erin­ne­rung, dass ein wei­te­rer Tei­lungs­grund­satz aus Art. 612 Abs. 1 ZGB fol­ge, wonach eine Erb­schafts­sa­che, die durch die Tei­lung an Wert wesent­lich ver­lie­ren wür­de, einem der Erben unge­teilt zuge­wie­sen wer­den soll (E. 4.4.). Zum Ver­hält­nis zwi­schen Art. 611 und Art. 612 Abs. 2 ZGB führ­te das Bun­des­ge­richt aus (E. 4.6.):
“Es ist nach Art. 611 ZGB vor­zu­ge­hen, solan­ge die Erb­schafts­sa­che in einem Los Platz hat und damit einem Erben zuge­wie­sen wer­den kann. Sogar wenn die Erb­tei­le klei­ner sind als der Wert der Sache, ist die Zuwei­sung mit Aus­gleichs­zah­lung gegen­über der Ver­äu­sse­rung vor­zu­zie­hen, sofern die Dif­fe­renz nicht erheb­lich ist […]. Die Zuläs­sig­keit einer Aus­gleichs­zah­lung ist auf Grund der Umstän­de des kon­kre­ten Ein­zel­falls nach Recht und Bil­lig­keit (Art. 4 ZGB) zu prü­fen, wobei das rich­ti­ge Ver­hält­nis zwi­schen Aus­gleichs­sum­me und Wert des Erb­teils nicht sche­ma­tisch fest­ge­legt wer­den kann […]. Ein Ver­kauf — oder auf Ver­lan­gen eines Erben die Ver­stei­ge­rung — ist nur mög­lich, wenn der Weg nach Art. 611 ZGB ver­schlos­sen ist […]. Ande­rer­seits darf […] der Grund­satz der Bevor­zu­gung der Zuwei­sung in natu­ra nicht der­art ver­stan­den wer­den, dass dar­aus die Zuläs­sig­keit einer behörd­li­chen Zuwei­sung von Erb­schafts­sa­chen an einen bestimm­ten Erben oder an meh­re­re unter sich eini­ge Erben abzu­lei­ten ist, wenn sich auf die­se Wei­se ein Ver­kauf ver­mei­den lie­sse, denn sonst ver­lö­re Art. 612 Abs. 2 ZGB prak­tisch fast jede Bedeu­tung, was dem Sinn des Geset­zes wider­spricht, das bei Unmög­lich­keit der kör­per­li­chen Tei­lung und der Tei­lung auf dem Weg der Los­bil­dung und -zie­hung die Ver­stei­ge­rung vor­sieht.”
Die Vor­in­stanz ging über die dar­ge­leg­ten gesetz­li­chen Tei­lungs­re­geln hin­aus, indem sie die Erb­schafts­ge­gen­stän­de auf die drei Par­tei­en auf­teil­te und damit den Erb­quo­ten ent­spre­chen­de Lose bil­de­te, die Ver­tei­lung der­sel­ben aber weder einer Par­tei­ver­ein­ba­rung noch dem Los­zie­hungs­ver­fah­ren gemäss Art. 611 Abs. 3 ZGB über­liess, son­dern nach eige­nem Ermes­sen und teil­wei­se expli­zit gegen die Anträ­ge der Erben eine Zutei­lung vor­nahm. Das Bun­des­ge­richt hat­te daher zu prü­fen, ob der Vor­in­stanz die Kom­pe­tenz zukam, den Par­tei­en direkt und ohne Befol­gung der gesetz­li­chen Tei­lungs­vor­schrif­ten, d.h. nach objek­ti­ven Kri­te­ri­en und rich­ter­li­chem Ermes­sen die Lose zuzu­wei­sen (E. 5).
Das Bun­des­ge­richt ver­neint dies mit fol­gen­den Argu­men­ten (E. 5.9.): Das Tei­lungs­ge­richt ist dazu beru­fen, auf Antrag eines Erben hin Lose zu bil­den (Art. 611 Abs. 2 ZGB).
“Eini­gen sich die Erben nicht über die Zutei­lung der so gebil­de­ten Lose — oder auf ein ande­res Vor­ge­hen-, so hat eine Los­zie­hung gemäss Art. 611 Abs. 3 ZGB statt­zu­fin­den, wenn die Erben die Durch­füh­rung der Tei­lung und nicht ledig­lich die Behand­lung ein­zel­ner Teil­as­pek­te der Erb­tei­lung ver­langt haben. Anders als die Tei­lungs­be­hör­de kann der Rich­ter das Ergeb­nis der Los­zie­hung in sein Urteil auf­neh­men und so die Erb­tei­le ver­bind­lich den Erben zuwei­sen, womit die For­de­rung nach einem voll­streck­ba­ren Urteil erfüllt ist. Damit besteht auch kei­ne Geset­zes­lücke, die Raum böte, dem Tei­lungs­ge­richt über das Gesetz hin­aus­ge­hen­de Kom­pe­ten­zen zuzu­ge­ste­hen. Zwar kann das Los­bil­dungs­ver­fah­ren bei unglei­chen Erb­quo­ten dazu füh­ren, dass grö­sse­re, wert­vol­le Erb­schafts­sa­chen und Sach­ge­samt­hei­ten nicht in die Lose pas­sen und zu Lasten des Prin­zips der Natur­altei­lung ver­sil­bert wer­den müs­sen. Dies ist inso­fern in Kauf zu neh­men, als das Prin­zip der Erben­gleich­heit vor­geht und das Gesetz die­se Fäl­le in Art. 612 ZGB auch expli­zit regelt.” (E. 5.9.)
Gemäss Bun­des­ge­richt ist kein zwin­gen­des Argu­ment der Befür­wor­ter einer frei­en rich­ter­li­chen Zuwei­sungs­kom­pe­tenz ersicht­lich, wes­halb der Erb­tei­lungs­rich­ter nicht an Art. 611 Abs. 3 ZGB gebun­den sein soll. Sei­en die Vor­aus­set­zun­gen für eine Anwen­dung von Art. 611 ZGB erfüllt, kön­ne der Rich­ter den Erben nicht nach eige­nem Gut­dün­ken Erb­schafts­ge­gen­stän­de zuwei­sen. Das Bun­des­ge­richt kam zum Schluss, dass die Vor­in­stanz mit der direk­ten Zuwei­sung der Lose nach eige­nem rich­ter­li­chen Ermes­sen Bun­des­recht ver­letzt hat (E.5.10.).