Source: http://m.hensche.de/Kopftuchverbot-am-Arbeitsplatz-kann-rechtens-sein-EuGH-C-157-15_EuGH-C-188-15-14.03.2017.html
Timestamp: 2017-06-25 10:35:21
Document Index: 7074788

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

HENSCHE Arbeitsrecht: Kopftuchverbot am Arbeitsplatz kann rechtens sein
Dürfen private Arbeitgeber von ihren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen eine religiös und weltanschaulich neutrale Bekleidung verlangen?
Nach der ak­tu­el­len Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) kann mus­li­mi­schen Leh­re­rin­nen im öffent­li­chen Schul­dienst das Tra­gen ei­nes Kopf­tu­ches nicht ver­bo­ten wer­den, und zwar selbst dann nicht, wenn sich ein sol­ches Ver­bot aus ei­nem Ge­setz er­gibt, dass al­le Lehr­kräfte zu po­li­ti­scher und welt­an­schau­li­cher Neu­tra­lität im Un­ter­richt ver­pflich­tet (BVerfG, Be­schluss vom 27.01.2015, 1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 15/068 Karls­ru­he kippt Kopf­tuch­ver­bot an Schu­len). Dem­ent­spre­chend ist auch das Ber­li­ner Neu­tra­litäts­ge­setz kei­ne (rechts­si­che­re) Grund­la­ge für Kopf­tuch­ver­bo­te an staat­li­chen Schu­len in Ber­lin (wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 17/045 Kopf­tuch­ver­bot an Ber­li­ner Schu­len).
Entlassen wegen ihres Kopftuchs: Samira Achbita (C-157/15) und Asma Bougnaoui (C-188/15)
In dem bel­gi­schen Vor­la­ge­fall (Ach­bi­ta gg. G4S Se­cu­re So­lu­ti­ons, C-157/15) la­gen ei­ne Be­wa­chungs- und Re­zep­ti­ons­dienst­leis­tungs­fir­ma (G4S Se­cu­re) und ei­ne als Re­zep­tio­nis­tin ein­ge­setz­te mus­li­mi­sche Ar­beit­neh­me­rin, Frau Ach­bi­ta, im Streit. G4S Se­cu­re hat­te nämlich im Ein­ver­neh­men mit dem Be­triebs­rat ei­ne all­ge­mei­ne Be­klei­dungs-Dienst­an­wei­sung er­las­sen, die es al­len Ar­beit­neh­mern vor­schrieb, bei der Ar­beit auf Be­klei­dungsstücke zu ver­zich­ten, mit de­nen ein re­li­giöses, po­li­ti­sches oder welt­an­schau­li­ches Be­kennt­nis zum Aus­druck ge­bracht wird. Frau Ach­bi­ta wei­ger­te sich, die­se Neu­tra­litäts­an­wei­sung zu be­fol­gen und be­stand auf ih­rem Kopf­tuch. Da­her wur­de sie ent­las­sen und klag­te auf Dis­kri­mi­nie­rungs­entschädi­gung. Wie oben erwähnt, schlug Ge­ne­ral­anwältin Ko­kott dem EuGH vor, das Vor­ge­hen des Ar­beit­ge­bers nicht als Dis­kri­mi­nie­rung zu be­wer­ten (Ju­lia­ne Ko­kott, Schluss­anträge vom 31.05.2016, C-157/15).
EuGH: Ein generelles Verbot religiös motivierter Bekleidung am Arbeitsplatz kann europarechtlich in Ordnung sein, ein Kopftuchverbot im Einzelfall aufgrund von Kundenwünschen dagegen nicht
In der Rechts­sa­che Ach­bi­ta (C-157/15) zeigt der EuGH Verständ­nis für das Vor­ge­hen des Ar­beit­ge­bers und folgt da­mit den Ent­schei­dungs­vor­schlägen von Ge­ne­ral­anwältin Ko­kott. Auf­grund der all­ge­mein Gel­tung der Be­klei­dungs­vor­schrift für al­le Re­li­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen lag hier kei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin we­gen ih­rer mus­li­mi­schen Re­li­gi­on vor, so der EuGH. Al­ler­dings könn­te ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung ge­ge­ben sein, falls die dem An­schein nach "neu­tra­le" Be­klei­dungs­vor­schrift fak­tisch zu ei­ner be­son­de­ren Be­las­tung mus­li­mi­scher Ar­beit­neh­me­rin­nen führt. Ei­ne sol­che mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung wäre aber wie­der­um rech­tens, wenn da­mit das un­ter­neh­me­ri­sche Ziel ver­folgt wird, den Kun­den des Un­ter­neh­mens ein Bild der Neu­tra­lität zu ver­mit­teln. In ei­nem letz­ten Schritt, so der EuGH, müss­te der bel­gi­sche Kas­sa­ti­ons­hof noch prüfen, ob der Ar­beit­ge­ber an­statt ei­ner Ent­las­sung von Frau Ach­bi­ta nicht viel­leicht die Möglich­keit ge­habt hätte, sie auf ei­nen Ar­beits­platz oh­ne Kun­den­kon­takt zu ver­set­zen. Falls nicht, war hier laut EuGH eu­ro­pa­recht­lich al­les in Ord­nung.
Fa­zit: Die Mit­glieds­staa­ten der Eu­ropäischen Uni­on können es oh­ne Ver­s­toß ge­gen die Richt­li­nie 2000/78/EG pri­va­ten Ar­beit­ge­bern er­lau­ben, all­ge­mei­ne be­trieb­li­che Be­klei­dungs­vor­schrif­ten zu er­las­sen, de­nen zu­fol­ge das Tra­gen von re­li­giösen, po­li­ti­schen oder welt­an­schau­li­chen Zei­chen ver­bo­ten ist. Das gilt je­den­falls dann, wenn der Ar­beit­ge­ber mit sol­chen Be­klei­dungs­vor­schrif­ten er­rei­chen möch­te, dass die Ar­beit­neh­mer ge­genüber Kun­den ein Bild der Se­rio­sität und Neu­tra­lität ver­mit­teln. Die re­li­giös mo­ti­vier­te Be­klei­dung von In­nen­dienst­kräften darf dem­ent­spre­chend nicht durch sol­che Vor­ga­ben ein­ge­schränkt wer­den. Außer­dem können Ar­beit­ge­ber kei­ne Ein­zel­fall-Wei­sun­gen ge­genüber mus­li­mi­schen Ar­beit­neh­me­rin­nen verhängen, weil ein Kun­de nicht ger­ne von kopf­tuch­t­ra­gen­den Ar­beit­neh­me­rin­nen be­dient wer­den möch­te.
Im Er­geb­nis hat der EuGH pri­va­ten Ar­beit­ge­bern kei­nen Frei­brief ge­ge­ben, mus­li­mi­schen Ar­beit­neh­me­rin­nen den Hi­dschab zu ver­bie­ten. Ein sol­ches Ver­bot darf nämlich kei­ne An­wei­sung ge­genüber ei­ner ein­zel­nen mus­li­mi­schen Ar­beit­neh­me­rin sein, mit der der Ar­beit­ge­ber ei­nen Kun­den­wunsch um­set­zen möch­te,
es darf nur er­las­sen wer­den, wenn der Ar­beit­ge­ber aus sach­li­chen Gründen das Ziel ver­folgt, dass sei­ne Ar­beit­neh­mer/In­nen ge­genüber Kun­den neu­tral auf­tre­ten, und es darf ei­ne neu­tra­le Be­klei­dung nur den Mit­ar­bei­tern mit Kun­den­kon­takt ab­ver­lan­gen (muss dann aber für al­le Mit­ar­bei­ter/In­nen mit Kun­den­kon­takt in glei­cher Wei­se gel­ten).
Letzte Überarbeitung: 18. März 2017