Source: http://www.iza.ch/wutausbruch-mit-folgen/
Timestamp: 2018-11-19 01:04:03
Document Index: 273915895

Matched Legal Cases: ['Art. 9', 'Art. 9', 'BGer', 'Art. 4', 'Art. 9', 'Art. 4', 'Art. 12']

Wutausbruch mit Folgen | Iza
Arbeitssicherheit allgemein Berufskrankheiten Stress
Wer kennt ihn nicht – den Wutausbruch? Es ist, als würde im Inneren eine kleine Bombe gezündet und urplötzlich ist man gereizt und hochexplosiv: Man möchte vor lauter Wut schreien, toben, Schimpfwörter herausrufen und so richtig heftig auf den Tisch schlagen. Doch wer vernünftig ist, macht das alles dann doch besser nicht und stellt sich lieber unter die kalte Dusche oder rennt zwecks Abreagieren eine Runde im Park.
Ausgangslage: Der Sachverhalt präsentiert sich denkbar einfach. Am 11. Februar 2014 schlug A. aus Stress, Ärger oder Wut mit der rechten Faust in eine Wand und zog sich dabei einen subkutanen Strecksehnenausriss am rechten kleinen Finger zu.
Die Unfallversicherung verneinte in der Folge jedoch einen Anspruch auf Versicherungsleistungen, da weder ein Unfall noch eine unfallähnliche Körperschädigung vorliege, nachdem sich der Versicherte die Schädigung absichtlich zugefügt habe. Der Fall gelangte in die Mühlen der Justiz und endete mit einem (Fehl-)Entscheid des Bundesgerichts.1
Rechtslage:2 Als «Unfall» im Rechtssinne gilt grundsätzlich die plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper, die eine Beeinträchtigung der körperlichen, geistigen oder psychischen Gesundheit oder den Tod zur Folge hat.3
Gemäss der Verordnung über die Unfallversicherung4 sind jedoch «Sehnenrisse», sofern sie nicht eindeutig auf eine Erkrankung oder eine Degeneration zurückzuführen sind, auch ohne ungewöhnliche äussere Einwirkung Unfällen gleichgestellt.
Nun könnte man davon ausgehen, dass der Sehnenriss als Unfall gilt? Doch so einfach ist es nicht. Die Unfall-Definition und damit verbunden auch die Leistungspflicht des Unfallversicherers ist – auch wenn einer der in Art. 9 Abs. 2 lit. a bis h UVV unter dem Titel «unfallähnliche Körperschädigungen» aufgeführten Befunde wie der Sehnenriss erhoben wird – nur dann gegeben, wenn die Verletzung auf eine plötzliche, nicht beabsichtigte, schädigende Einwirkung eines äusseren Faktors zurückzuführen ist.
Bei den unfallähnlichen Körperschädigungen im Sinne von Art. 9 Abs. 2 UVV entfällt im Vergleich zu den eigentlichen Unfällen nach dem Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts5 einzig das Tatbestandselement der Ungewöhnlichkeit. Alle übrigen Begriffsmerkmale eines Unfalls müssen hingegen auch bei unfallähnlichen Körperschädigungen erfüllt sein.
Eine schädigende Einwirkung eines äusseren Faktors auf den menschlichen Körper kann auch in einer körpereigenen Bewegung gesehen werden, sofern diese eine physiologisch normale und psychologisch beherrschte Beanspruchung übersteigt, was vorliegend durch den Faustschlag gegen die Wand gegeben ist. Damit sind zwei weitere Begriffsmerkmale erfüllt.
Jetzt stellt sich lediglich noch die Frage, ob die schädigende Einwirkung «beabsichtigt» war oder nicht. Und hier scheiden sich die richterlichen Geister.
Die Vorinstanz bejahte die unfallähnliche Körperschädigung und damit die Leistungspflicht des Unfallversicherers und argumentierte dabei wie folgt: A. habe sich mit dem Faustschlag Erleichterung von seinem Ärger und seiner Wut verschafft. Aufgrund der Wut sei eine alltägliche Geste unkontrollierbar geworden und hierin liege auch der für die Annahme einer unfallähnlichen Körperschädigung vorausgesetzte äussere Faktor. Die Verletzung habe A. damit aber nicht in Kauf genommen und sich auch nicht mit dieser Möglichkeit abgefunden. Es liege daher kein Eventualvorsatz6 vor. Da der Versicherte nicht eventualvorsätzlich gehandelt habe, erübrige sich auch die Klärung der Frage, ob ein solcher (Faustschlag aus Wut) als absichtliche Herbeiführung des Gesundheitsschadens gelte.
In Bezug auf den Eventualvorsatz sah es das Bundesgericht jedoch anders und befand: Schläge der hier gegebenen Art gegen eine Wand oder auf einen Tisch, sei es mit der Hand, der Faust, oder mit dem Fuss, erfolgen in aller Regel aus einer mehr oder weniger heftigen Gemütsbewegung heraus gleichsam eruptiv und zwar mit dem primären Ziel, Druck abzubauen bzw. «Dampf abzulassen». Der Widerstand in Gestalt des geschlagenen Objekts wird dabei gezielt gesucht. Dabei mag es gerade angesichts der affektiv aufgeladenen Situation mitunter vorkommen, dass die schlagende Person eine besondere Beschaffenheit oder Situierung des Zielobjekts verkennt, woraus sich Verletzungsfolgen ergeben können, die nicht vorausgesehen wurden, geschweige denn gewollt waren.
Ausser Frage steht jedoch, dass der Schlag des hier beteiligten Versicherten A. aus einer Gemütsbewegung heraus erfolgt war. Derlei geschieht notwendigerweise mit Wucht und dies, wenn nicht in der Absicht, so doch mit Wissen um den damit verbundenen Schmerz, der in aller Regel auch gewollt ist. Je nach Wucht kann ein solcher Schlag nicht nur schmerzhaft sein, sondern – wie im vorliegenden Fall mit dem erfolgten Strecksehnenausriss – ernsthafte Verletzungsfolgen zeitigen. Je heftiger der Schlag geführt wird, desto näher liegt eine solche Verletzungsfolge und umso eher wird sie vom Wissen der handelnden Person als mögliche Folge erfasst. Daraus darf auf den Willen geschlossen werden, wenn sich dem Handelnden der Eintritt des Erfolgs als so wahrscheinlich aufdrängte, dass die Bereitschaft, ihn als Folge hinzunehmen, vernünftigerweise nur als Inkaufnahme des Erfolgs ausgelegt werden kann.
Aufgrund der hier gegebenen Verletzungsfolge musste A. seinen Schlag heftig ausgeführt haben, zumal nichts auf eine vorbestandene Schädigung hindeutet und auch keine besondere Beschaffenheit oder Anordnung der Aufschlagsfläche vorlag.
Dessen ungeachtet ging der Schlag über das hinaus, was bei alltäglichen Formen des Sich-Abreagierens («Dampfablassen») noch üblich ist. Angesichts der Wucht des Schlages war die Verletzungswahrscheinlichkeit sehr gross, zumal mit Blick darauf, dass es sich beim hier betroffenen Kleinfinger um einen sehr feingliedrigen, entsprechend empfindlichen Körperteil handelt. Damit war das Verletzungsrisiko so nah, dass A. nicht mehr auf das Ausbleiben des Erfolgs vertrauen konnte. Daran ändert die affektive Gemütslage nichts. Vielmehr wurde durch die Aggression die Faust undosiert und unkontrolliert, wider jegliche Sorgfalt gegen die Wand geschlagen. Obwohl zurückhaltend auf Eventualvorsatz zu schliessen ist, liegt nach dem Gesagten in Bezug auf die Schädigung ein solcher vor und die Versicherungsleistung wurde zurecht verweigert.
Fazit: Jetzt wissen wir es: «Dampfablassen» darf man, aber dabei verletzen darf man sich nicht! Fraglich ist nur, ob man die Verletzungswahrscheinlichkeit im Falle einer «affektiven Gemütslage bzw. -bewegung» noch so genau kalkuliert und rationell in Kauf nehmen kann. Denn wer wütend genug ist, um mit der Faust gegen eine Wand zu schlagen, der denkt in diesem «eruptiven» Augenblick mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht an mögliche Verletzungsfolgen.
Wer zu Wutausbrüchen und Jähzorn neigt, dem sei an dieser Stelle geraten: Musik, Spiritualität oder Sport können auch heilsam und beruhigend sein.
1 BGer 8C_555/2016 vom 13.06.2017.
2 Zunächst muss festgehalten werden, dass per 1. Januar 2017 das Unfallversicherungsgesetz und -verordnung revidiert worden sind und sich der Sachverhalt noch nach älterem UVG-Recht beurteilt.
3 Art. 4 ATSG (Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, SR 830.1).
4 Art. 9 Abs. 2 lit. f. UVV (Verordnung über die Unfallversicherung, SR 832.202).
5 Art. 4 ATSG (Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts, SR 830.1).
6 In der Schweiz wird Eventualvorsatz dem Vorsatz gleichgestellt, d.h. vorsätzlich handelt bereits, wer die Verwirklichung der Tat für möglich hält und in Kauf nimmt. Vgl. beispielsweise Art. 12 Abs. 2 StGB (Strafgesetzbuch, SR 311.0).