Source: https://www.jusmeum.de/urteil/vg_duesseldorf/0e94948b118bae723de16c52512175ca029c090a9fe4907dad29b5a2f3263c41
Timestamp: 2018-08-17 11:02:50
Document Index: 267564252

Matched Legal Cases: ['§ 26', '§ 27', '§ 6', '§ 113', '§ 34', '§ 26', '§ 34', '§ 34', '§ 36', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 42', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 45', '§ 45', '§ 46', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', '§ 42', 'Art. 33', '§ 26', '§ 26', '§ 26', '§ 154', '§ 167', '§ 708']

VG Düsseldorf, 13 K 5027/09: VG Düsseldorf (kläger, bbg, stress, auf lebenszeit, amt, land, verwendung, versetzung, vorsteher, erkrankung)
Urteil des VG Düsseldorf vom 22.10.2010, 13 K 5027/09
13 K 5027/09
VG Düsseldorf (kläger, bbg, stress, auf lebenszeit, amt, land, verwendung, versetzung, vorsteher, erkrankung)
Kläger, Bbg, Stress, Auf lebenszeit, Amt, Land, Verwendung, Versetzung, Vorsteher, Erkrankung
Verwaltungsgericht Düsseldorf, 13 K 5027/09
Aktenzeichen: 13 K 5027/09
Schlagworte: Ruhestand Zurruhesetzung Dienstunfähigkeit Stress stressfreier Arbeitsplatz
Tenor: Der Bescheid der Oberfinanzdirektion Rheinland vom 10. Juli 2009 wird aufgehoben.
Dem beklagten Land wird gestattet, die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung oder Hinterlegung in Höhe des auf Grund des Urteils vollstreckbaren Betrages abzuwenden, wenn nicht der Kläger vor der Vollstreckung Sicherheit in Höhe des zu vollstreckenden Betrages leistet.
1Der im Jahr 1950 geborene Kläger wendet sich gegen seine Versetzung in den Ruhestand wegen Dienstunfähigkeit. Er steht als Steueramtsrat im Dienst des beklagten Landes und war zuletzt bei dem Finanzamt E-Mitte beschäftigt.
2Im Jahre 1996 unterzog der Kläger sich wegen einer koronaren Dreigefäßerkrankung einer Bypassoperation. Im April 2008 erfolgte eine weitere Bypassoperation, weil mehrere Bypässe verschlossen waren. Ab dem 3. April 2008 war der Kläger deswegen dienstunfähig erkrankt. Im August 2008 wurden ihm im Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen in C mehrere Stents eingesetzt.
3Unter dem 13. Oktober 2008 bat der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte das Gesundheitsamt der Stadt E, den Kläger amtsärztlich zu untersuchen und u.a. zu der Frage der dauernden Dienstunfähigkeit des Klägers Stellung zu nehmen. Dem Schreiben beigefügt war ein Formblatt, in dem es zu der von dem Kläger ausgeübten Funktion u.a. heißt: " Herr H erledigt die ihm übertragenen Aufgaben in eigener Verantwortung und ist für die rechtzeitige, sachgerechte und wirtschaftliche Erfüllung der Aufgaben verantwortlich. Bei größeren Rückstandsfällen (insbesondere im Rahmen von Durchsuchungen) ist auch eine aktive Unterstützung des Vollstreckungsaußendienstes erforderlich. Daneben obliegt ihm die Verhandlungsführung mit einem schwierigen Klientel. Er steuert zudem als Koordinator die Aufgabenerledigung in einem
Erhebungsbezirk und trägt die Verantwortung für die sachgerechte Auslastung der übrigen Beschäftigten in seiner Organisationseinheit. Die Tätigkeit ist regelmäßig mit einer über das Normalmaß hinausgehenden psychischen Belastung verbunden. Konfliktsituationen sind an der Tagesordnung."
Nachdem der Amtsarzt, Städtischer Medizinalirektor T, den Kläger am 7. November 2008 untersucht hatte, erstellte er unter dem 3. Dezember 2008 mit einem entsprechenden Formblatt eine Mitteilung des Ergebnisses der Begutachtung zur Überprüfung der Dienstfähigkeit im Rahmen der vorzeitigen Zurruhesetzung. In dieser Mitteilung heißt es u.a., der Kläger sei derzeit nicht in der Lage, in dem jetzigen Aufgabenbereich uneingeschränkt Dienst zu verrichten. Mit der Wiederherstellung der uneingeschränkten Dienstfähigkeit innerhalb der nächsten sechs Monate sei nicht zu rechnen; die Wiederherstellung innerhalb eines längeren Zeitraums erscheine nicht wahrscheinlich. Der Beamte werde auf Dauer für nicht mehr in der Lage gehalten, die Dienstpflichten im derzeit ausgeübten Aufgabenbereich zu erfüllen. Zur Begründung wird auf die unter dem 18. November 2008 erstellte Anlage verwiesen. In dieser heißt es unter der Überschrift "Beurteilung" abschließend:
5"Im Vordergrund des Krankheitsbildes steht eine schwere koronare Dreigefäßerkrankung. In der Vergangenheit mussten zwei koronare Bypassoperationen vorgenommen werden (1996 und in 4/2008), trotzdem kam es zu Bypassverschlüssen, so dass jetzt nur noch ein Bypass offen ist. Im August dieses Jahres wurde die koronare Durchblutungssituation durch eine aufwändige Rekonstruktion mittels Implantation von sechs Stents optimiert. Der Patient selbst ist somit beschwerdefrei, er gibt keine pektanginösen Beschwerden mehr an. Als Grund für die Entstehung der schweren koronaren Herzerkrankung kann neben genetischen Faktoren auch die hohe Stressbelastung (anamnestisch hat der Patient eine lange konfliktbeladene Ehe hinter sich, die mit einem "Scheidungskrieg" endete, auch geht die berufliche Belastung mit einem erheblichen Konflikt und Stresspotential einher. Herr H ist seit Jahren in der Finanzverwaltung als Steueramtsrat tätig mit der Bearbeitung von Großrückstandsfällen, von Insolvenzfällen, mit Vollstreckungsmaßnahmen) gesehen werden. Aus hiesiger Sicht ist Herr H daher nur noch dienstfähig, sofern ihm ein Arbeitsplatz zugewiesen wird, der "stressfrei" ist. Sollte dies aber aus personaltechnischen Gründen keineswegs möglich sein, liegen aus hiesiger Sicht die Voraussetzungen zur vorzeitigen Versetzung in den Ruhestand vor, da mit einer erheblichen Besserung des Krankheitsverlaufes auf Dauer nicht mehr gerechnet werden kann."
6In einem daraufhin am 17. Dezember 2008 geführten Gespräch erläuterte der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte dem Kläger, dass sich dessen Versetzung in den Ruhestand mangels eines geeigneten "stressfreien" Arbeitsplatzes voraussichtlich nicht vermeiden lasse. Ausweislich des über das Gespräch gefertigten Vermerks bat der Kläger darum, eine im Januar 2009 anstehende Untersuchung bei seinem behandelnden Arzt in E abzuwarten, um mit diesem abzuklären, ob auch aus dessen Sicht eine Dienstaufnahme aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich sei.
Am 5. Januar 2009 legte der Kläger einen Wiedereingliederungsplan seines Hausarztes X vor. Die dort vorgeschlagene stufenweise Wiederaufnahme der Tätigkeit wurde allerdings nicht umgesetzt. Am 15. Januar 2009 legte der Kläger sodann ein Schreiben des ihn behandelnden Kardiologen L vom B-Krankenhaus in E vom 9. Januar 2009 vor. 4
In diesem Schreiben heißt es unter der Überschrift "zusammenfassende Beurteilung" unter anderem:
8"Herr H fühlt sich gut, er gibt keine Beschwerden unter körperlicher Belastung an. Damit in Einklang zu bringen ist auch das insgesamt gute Ergebnis nach oben beschriebenen Interventionen von RCX und dem Venen-Bypass auf dem Ramus postero-lateralis sinister. … Im Belastungs-EKG sind dennoch diskrete ischämietypische Kammerendteil-Veränderungen vorhanden, so dass die körperliche Belastung auf ein mittelgradiges Limit begrenzt sein sollte. Eine Herzfrequenz > 120 sollte nicht überschritten werden. Herr H ist aus unserer Sicht arbeitsfähig. Die Arbeit sollte nicht zu stark mit psychischen oder physischen Stress verbunden sein."
9Dieses Schreiben übersandte der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte dem Amtsarzt. In dem hierüber am 18. Februar 2009 geführten Telefonat brachte Letzterer ausweislich des entsprechenden Telefonvermerks zum Ausdruck, dass er auch unter Würdigung dieses Schreibens zu keiner abweichenden Diagnose und Bewertung komme. Er sehe - so der Vermerk weiter - in der von L gewählten Formulierung keine signifikante Differenz zu seiner in Anführungszeichen gesetzten Wertung eine "stressfreie" Arbeit käme in Betracht. Gerade die von dem Kläger bisher ausgeübte Tätigkeit im Vollstreckungsdienst sei aber eine mit zu hohem Stress verbundene Tätigkeit, wie er es in seinem Gutachten niedergelegt habe.
10In dem Vermerk vom 18. Februar 2009 führte der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte sodann weiter aus, dass dem Gutachten des Amtsarztes insbesondere aus Fürsorgegründen zu folgen sei. Für den Kläger sei im Finanzamt E-Mitte kein Arbeitsplatz vorstellbar, der für ihn stressfrei bzw. stressarm genug sei, um ihn ausfüllen zu können. Dabei sei zu berücksichtigen, dass der Kläger seit Jahrzehnten praktisch nur im Erhebungsbereich tätig gewesen sei und daher ein Einsatz im Festsetzungsbereich - längere Umschulungszeiten wären notwendig - zumindest temporär mit noch größerem Stress verbunden sei.
11Mit Schreiben vom 27. Februar 2009 teilte der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte dem Kläger mit, dass nach den amtsärztlichen Feststellungen bei dem Kläger derzeit von einer dauernden Dienstunfähigkeit auszugehen sei. Dieser Auffassung schließe er sich als Dienstvorgesetzter an. Er bitte deshalb um Stellungnahme des Klägers, ob dieser beabsichtige, einen Antrag auf vorzeitige Versetzung in den Ruhestand zu stellen. Andernfalls werde er das Verfahren zur Zurruhesetzung fortführen und der Oberfinanzdirektion die Versetzung des Klägers in den Ruhestand vorschlagen.
12Mit Schreiben seiner jetzigen Prozessbevollmächtigten vom 13. März 2009 widersprach der Kläger seiner beabsichtigten Zurruhesetzung. Zur Begründung verwies er darauf, dass von keiner dauernden Dienstunfähigkeit auszugehen sei. Ausweislich der ärztlichen Berichte der Klinik in C und des Arztes L sei er in der Lage, seine Dienstpflichten ordnungsgemäß zu erfüllen. Die amtsärztlichen Feststellungen seien unzureichend und könnten eine dauernde Dienstunfähigkeit nicht begründen. Die Ausführungen des Amtsarztes zu den Gründen seiner Herzerkrankung seien unzutreffend. Auch hätten dem Amtsarzt nicht alle erforderlichen ärztlichen Stellungnahmen vorgelegen. Schließlich sei die Bezugnahme auf einen stressfreien Arbeitsplatz nicht nachvollziehbar; dieser Begriff sei weder inhaltlich noch rechtlich ausfüllbar.
13Nachdem die Beteiligten ihre gegensätzlichen Standpunkte nochmals schriftsätzlich ausgetauscht hatten, versetzte die Oberfinanzdirektion Rheinland den Kläger mit Bescheid vom 10. Juli 2009 wegen dauernder Dienstunfähigkeit in den Ruhestand. Zur Begründung heißt es in dem Bescheid, der Kläger sei wegen seiner Erkrankung seit längerer Zeit dienstunfähig und nach den vorliegenden amtsärztlichen Zeugnissen sei vorerst nicht mit einer Wiederherstellung der vollständigen Dienstfähigkeit zu rechnen. In dem am gleichen Tag gefertigten Vermerk heißt es ferner, die von dem Kläger erhobenen Einwendungen seien von ihm nicht stichhaltig begründet worden. Nach Art und Schwere der Erkrankung komme auch kein anderweitiger Einsatz gemäß § 26 Abs. 1 bis 3 Beamtenstatusgesetz in Betracht; es liege auch keine begrenzte Dienstunfähigkeit im Sinne des § 27 Beamtenstatusgesetz vor.
Der Kläger hat am 1. August 2009 Klage erhoben. 14
15Zu deren Begründung macht er geltend, im vorliegenden Fall sei das Landesbeamtengesetz alter Fassung anwendbar, es komme auf den Zeitpunkt der Einleitung des entsprechenden Verfahrens an. Hiernach hätte neben der Untersuchung durch den Amtsarzt eine weitere Untersuchung durch einen als Gutachter beauftragten Arzt durchgeführt werden müsse. Außerdem sei der Personalrat zu Unrecht nicht beteiligt worden. Schließlich sei die Beklagte auch ihrer Fürsorgepflicht nicht nachgekommen, indem sie die vorgeschlagene Wiedereingliederungsmaßnahme abgelehnt habe.
16Darüber hinaus sei er nicht dauernd dienstunfähig. Die amtsärztliche Stellungnahme sei unzureichend und fehlerhaft. Der Amtsarzt sei in dieser Stellungnahme von sachfremden und darüberhinaus objektiv falschen Voraussetzungen ausgegangen. In der amtsärztlichen Stellungnahme werde bestätigt, dass er - der Kläger - beschwerdefrei sei. Dies stehe im Widerspruch zu der Aussage, dass mit einer erheblichen Besserung des Verlaufs nicht mehr zu rechnen sei. Im Übrigen seien die Feststellungen des Amtsarztes zu den Ursachen seiner Herzerkrankung unzutreffend. Die Vermeidung von Stress, wie sie auch in dem Schreiben von L vom 9. Januar 2009 empfohlen werde, sei nicht hinreichend bestimmt möglich. Sie stelle deshalb auch kein Kriterium für die Feststellung der Dienstunfähigkeit dar. Er bestreite zudem, dass der Vollstreckungsdienst für ihn eine mit zu hohem Stress verbundene Tätigkeit sei.
den Bescheid der Oberfinanzdirektion Rheinland vom 10. Juli 2009 aufzuheben. 18
Zur Begründung wiederholt und vertieft es seine vorprozessualen Ausführungen. Ergänzend macht es geltend, dass es für die Beurteilung der Sach-und Rechtslage auf den Zeitpunkt der Zurruhesetzung ankomme. Entsprechend sei hier keine Begutachtung durch einen weiteren Arzt erforderlich gewesen. Auch der Personalrat sei nicht zu beteiligen gewesen. Zum Zeitpunkt der Zurruhesetzung habe die Oberfinanzdirektion Rheinland nach eigenen Erkenntnissen und unter Berücksichtigung des amtsärztlichen 21
Gutachtens davon ausgehen können, dass der Kläger dauernd dienstunfähig sei. Der Amtsarzt habe eine Dienstfähigkeit des Klägers nur für den Fall bejaht, dass diesem ein stressfreier Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt werde. Auch die privatärztlichen Stellungnahmen bestätigten, dass der Amtsarzt seiner Prognose das zutreffende Krankheitsbild zu Grunde gelegt habe und dass der Kläger bis heute an schwerwiegenden Erkrankungen leide und erhebliche Belastungseinschränkungen aufweise. Überdies käme amtsärztlichen Äußerungen regelmäßig ein größerer Beweiswert zu als privatärztlichen Berichten und Bescheinigungen. Schließlich sei der Amtsarzt in hinreichender Weise auf das Schreiben von L vom 9. Januar 2009 eingegangen. Er sei auch nach Würdigung dieses Schreibens zu keiner abweichenden Einschätzung der Dienstunfähigkeit des Klägers gekommen. Die Erstellung eines erneuten schriftlichen Gutachtens sei nicht erforderlich gewesen.
22Materiell sei Prüfungsmaßstab für die Beurteilung der Dienstfähigkeit des Klägers dessen Stellung als Steueramtsrat im Finanzamt E-Mitte. Den einem Steueramtsrat übertragenen Aufgaben sei der Kläger im Zeitpunkt der Zurruhesetzung nicht gewachsen gewesen. Im Finanzamt E-Mitte habe es weder im Zeitpunkt der Zurruhesetzung noch in absehbarer Zukunft Dienstposten gegeben, deren Aufgaben der Kläger auch unter Berücksichtigung seiner gesundheitlichen Einschränkungen in vollem Umfang hätte wahrnehmen können. Seine Belastbarkeit sei in einem mit den dienstlichen Anforderungen nicht zu vereinbarenden Ausmaß reduziert gewesen. Jeder für den Kläger in Betracht kommende Dienstposten sei in Zeiten von Personalreduzierungen in der Finanzverwaltung mit Stress in Form von Leistungs- und Termindruck behaftet, den der Kläger gerade vermeiden solle. Zudem bringe die Aufgabe der Finanzverwaltung, Steuern festzusetzen und zu erheben, regelmäßig konfliktbeladene Situationen mit Steuerpflichtigen mit sich. Die Einschränkungen des Amtsarztes seien mithin so weitreichend, dass ein amtsangemessener Einsatz des Klägers ausgeschlossen gewesen sei. Im Übrigen würde der Einsatz des Klägers im Finanzamt E-Mitte eine nicht unerhebliche Entlastung durch Vorgesetzte, Vertreter oder Mitarbeiter erforderlich machen. Dadurch würde in erheblichem Maß Arbeitskraft gebunden und der Dienstbetrieb in nicht zumutbarer Weise beeinträchtigt. Es bestehe keine Verpflichtung des Dienstherrn, durch personelle und organisatorische Maßnahmen einen für den Kläger stressfreien Arbeitsplatz zu schaffen.
23Das Gericht hat zu der Frage der Dienstunfähigkeit des Klägers Beweis erhoben durch Vernehmung des sachverständigen Zeugen T. Wegen des Ergebnisses der Beweisaufnahme wird auf das Protokoll der mündlichen Verhandlung vom 22. Oktober 2010 Bezug genommen.
24Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt der Gerichtsakte und der beigezogenen Verwaltungsvorgänge verwiesen.
26Der Einzelrichter ist für die Entscheidung zuständig, da der Rechtsstreit durch Beschluss der Kammer vom 1. September 2010 gemäß § 6 Abs. 1 Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) dem Berichterstatter als Einzelrichter zur Entscheidung übertragen worden ist.
Die Klage ist zulässig und begründet. 27
28Der Bescheid der Oberfinanzdirektion Rheinland vom 10. Juli 2009 ist rechtswidrig und verletzt den Kläger in seinen Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO). Der Bescheid kann sich nicht auf § 34 Beamtengesetz für das Land Nordrhein-Westfalen (Landesbeamtengesetz - LBG NRW) und § 26 Gesetz zur Regelung des Statusrechts der Beamtinnen und Beamten in den Ländern (Beamtenstatusgesetz - BeamtStG) stützen.
29Nach § 34 Abs. 2 Satz 3 LBG NRW ist ein Beamter, wenn seine Dienstunfähigkeit festgestellt wird, mit dem Ende des Monats, in dem ihm oder seinem Vertreter die Verfügung zugestellt worden ist, in den Ruhestand zu versetzen. Gemäß § 34 Abs. 2 Satz 1 LBG NRW trifft die nach § 36 Abs. 1 LBG NRW zuständige Stelle - regelmäßig die für die Ernennung zuständige Stelle - die Entscheidung über die Zurruhesetzung.
30Wann ein Beamter dienstunfähig ist, regelt § 26 BeamtStG: Nach § 26 Abs. 1 Satz 1 BeamtStG sind Beamtinnen auf Lebenszeit und Beamte auf Lebenszeit in den Ruhestand zu versetzen, wenn sie wegen ihres körperlichen Zustands oder aus gesundheitlichen Gründen zur Erfüllung ihrer Dienstpflichten dauernd unfähig (dienstunfähig) sind. Als dienstunfähig kann gemäß § 26 Abs. 1 Satz 2 BeamtStG auch angesehen werden, wer infolge Erkrankung innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten mehr als drei Monate keinen Dienst getan hat und keine Aussicht besteht, dass innerhalb einer Frist, deren Bestimmung dem Landesrecht vorbehalten bleibt, die Dienstfähigkeit wieder voll hergestellt ist.
31Von der Versetzung in den Ruhestand soll allerdings gemäß § 26 Abs. 1 Satz 3 BeamtStG abgesehen werden, wenn eine anderweitige Verwendung möglich ist. Eine anderweitige Verwendung ist nach § 26 Abs. 2 Satz 1 BeamtStG möglich, wenn der Beamtin oder dem Beamten ein anderes Amt derselben oder einer anderen Laufbahn übertragen werden kann. In diesen Fällen ist die Übertragung eines anderen Amtes ohne Zustimmung zulässig, wenn das neue Amt zum Bereich desselben Dienstherrn gehört, es mit mindestens demselben Grundgehalt verbunden ist wie das bisherige Amt und wenn zu erwarten ist, dass die gesundheitlichen Anforderungen des neuen Amtes erfüllt werden (§ 26 Abs. 2 Satz 2 BeamtStG). Beamtinnen und Beamte, die nicht die Befähigung für die andere Laufbahn besitzen, haben an Qualifizierungsmaßnahmen für den Erwerb der neuen Befähigung teilzunehmen (§ 26 Abs. 2 Satz 3 BeamtStG).
32Die vorzeitige Versetzung in den Ruhestand wegen Dienstunfähigkeit ist danach regelmäßig nur zulässig, wenn die Voraussetzungen des § 26 Abs. 1 und 2 BeamtStG kumulativ erfüllt sind. Das lässt sich hier aber nicht feststellen.
33Dass die materielle Rechtmäßigkeit der Versetzung des Beamten in den Ruhestand in der Regel von den Erkenntnissen abhängt, die der zuständigen Behörde im maßgeblichen Zeitpunkt der letzten Behördenentscheidung zur Frage der Dienstunfähigkeit zur Verfügung stehen,
34Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 16. Oktober 1997 – 2 C 7.97 –, BVerwGE 105, 267 (269),
35bedeutet nicht, dass der Behörde ein gerichtsfreier Beurteilungsspielraum zukäme. Einen solchen Spielraum räumt ihr das Gesetz nicht ein. So unterliegt nicht nur der vollen gerichtlichen Kontrolle, ob der Sachverhalt hinreichend sorgfältig ermittelt wurde, sondern im Rahmen der tatrichterlichen Würdigung auch die Frage, ob der ermittelte
Sachverhalt die Feststellung der dauernden Dienstunfähigkeit rechtfertigt. Das schließt etwaige Feststellungen oder Schlussfolgerungen in ärztlichen Gutachten grundsätzlich mit ein. Auch diese sind vom Gericht - in den Grenzen der erforderlichen Sachkenntnis - nicht ungeprüft zu übernehmen, sondern selbstverantwortlich zu überprüfen und nachzuvollziehen.
36Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 21. Oktober 1966 – VI C 46.63 –, Buchholz 232 § 42 BBG Nr. 8, S. 36 (42); Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Urteile vom 28. Mai 2003 – 1 A 2150/00 –, juris, Rdn. 95, vom 29. Oktober 2009 – 1 A 3598/07 -, juris, Rdn. 50 ff. und vom 22. Januar 2010 - 1 A 2211/07 -, juris, Rdn. 37.
37Diesen Prüfungsrahmen zugrundelegend kann das Gericht hier nicht feststellen, dass der Kläger im maßgeblichen Zeitpunkt der letzten Verwaltungsentscheidung dauernd dienstunfähig gewesen ist.
38Der Begriff der (dauernden) Dienstunfähigkeit, wie er in § 26 Abs. 1 BeamtStG normiert ist, ist spezifisch beamtenrechtlicher (dienstrechtlicher) Art. Er stellt dabei nicht allein auf die Person des Beamten bzw. auf Art und Ausmaß seiner gesundheitlichen Beeinträchtigung ab. Vielmehr sind letztlich die Auswirkungen der jeweiligen Erkrankung auf die Fähigkeit, die Dienstpflichten weiter zu erfüllen, und damit auch die Auswirkungen auf den Dienstbetrieb entscheidend. Das bedeutet zugleich, dass es jedenfalls nicht in allen Fällen auf die Erhebung exakter und zutreffender medizinischer Befunde ankommt, sondern vielmehr darauf, ob der Beamte nach seiner gesamten Konstitution zur Erfüllung seiner Dienstpflichten dauernd unfähig ist, weil auf absehbare Zeit eine Behebung im Sinne einer nachhaltigen Besserung seines Zustandes nicht zu erwarten ist. Aus diesem Grund stellt die ärztliche Begutachtung nicht das einzige und stets ausschlaggebende Beweismittel für die Klärung der Dienstunfähigkeit dar; namentlich ist es nicht Sache des begutachtenden Arztes, die Dienstpflichten des jeweiligen Beamten zu bestimmen.
39Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 16. Oktober 1997 – 2 C 7.97 –, BVerwG 105, 267 (269); Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Urteile vom 28. Mai 2003 – 1 A 2150/00 –, juris, Rdn. 98, vom 11. März 2009 – 6 A 2615/05 –, juris, Rdn. 44 ff., vom 29. Oktober 2009 – 1 A 3598/07 -, juris, Rdn. 57, und vom 22. Januar 2010 - 1 A 2211/07 -, juris, Rdn. 43.
40Maßstab für die Beurteilung ist in diesem Zusammenhang nicht das auf einem bestimmten Dienstposten wahrgenommene Amt im konkret-funktionellen Sinne, sondern das dem Beamten zuletzt übertragene Amt im abstrakt-funktionellen Sinne. Dieses umfasst alle bei der Beschäftigungsbehörde dauerhaft eingerichteten Dienstposten, auf denen er amtsangemessen – d. h. gemessen an der Wertigkeit der übertragenen Aufgaben seinem Amt im statusrechtlichen Sinne entsprechend – beschäftigt werden kann. Daher setzt die Dienstunfähigkeit voraus, dass bei der Beschäftigungsbehörde kein Dienstposten zur Verfügung steht, der seinem statusrechtlichen Amt zugeordnet und gesundheitlich für ihn geeignet ist.
41Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 –, BVerwGE 133, 297 (300); ebenso die Parallelentscheidung vom gleichen Tage - 2 C 46.08 -, juris, Rdn. 15; ferner etwa Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 22. Januar 2010 - 1 A 2211/07 -, juris, Rdn. 45.
Das statusrechtliche Amt wird grundsätzlich durch die Zugehörigkeit zu einer Laufbahn und Laufbahngruppe, durch das Endgrundgehalt der Besoldungsgruppe und durch die dem Beamten verliehene Amtsbezeichnung gekennzeichnet. In abstrakter Weise wird dadurch seine Wertigkeit in Relation zu anderen Ämtern zum Ausdruck gebracht. Das abstrakt-funktionelle Amt bezieht sich demgegenüber auf die dienstlichen Aufgaben des Beamten und knüpft insofern an dessen Beschäftigung an. Gemeint ist damit der einem statusrechtlichen Amt entsprechende Aufgabenkreis, der einem Inhaber dieses Statusamtes bei einer bestimmten Behörde auf Dauer zugewiesen ist.
43Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 22. Juni 2006 – 2 C 26.05 – BVerwGE 126, 182 (183 f.); Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 22. Januar 2010 - 1 A 2211/07 -, juris, Rdn. 47.
44Reicht die Leistungsfähigkeit des Beamten für einen Teil der amtsangemessenen Dienstposten aus, sind diese aber besetzt, so hängt die Dienstunfähigkeit von den personellen und organisatorischen Gegebenheiten bei der Beschäftigungsbehörde ab. Der Beamte ist weiterhin dienstfähig, wenn ein geeigneter Dienstposten entweder für ihn freigemacht oder durch organisatorische Änderungen eingerichtet werden kann. Daran fehlt es, wenn derartige Maßnahmen die sachgemäße und reibungslose Erfüllung der dienstlichen Aufgaben beeinträchtigen würden. Störungen des Betriebsablaufs dürfen nicht über das Maß hinausgehen, das mit Änderungen vorübergehend zwangsläufig verbunden ist.
45Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 -, BVerwGE 133, 297 (300); Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 22. Januar 2010 - 1 A 2211/07 -, juris, Rdn. 49.
46Nach diesen Maßstäben kann eine dauernde Dienstunfähigkeit des Klägers im Juli 2009 nicht festgestellt werden. Die auf die entsprechende Aussage des Amtsarztes gestützte Annahme der Oberfinanzdirektion Rheinland, der Kläger sei nur dienstfähig, wenn ihm ein "stressfreier" Arbeitsplatz gestellt werde, ansonsten also dienstunfähig, und ein entsprechender Dienstposten stehe für ihn im Finanzamt E-Mitte nicht zur Verfügung, bildet keine ausreichende Grundlage für die hier erforderliche Feststellung, der Kläger werde die Aufgaben seines Amtes dauerhaft nicht erfüllen können. Sonstige Umstände, die die Dienstunfähigkeit des Klägers im Zeitpunkt der letzten Behördenentscheidung begründen könnten, sind weder vorgetragen noch anderweitig ersichtlich.
47Dabei kann in diesem Zusammenhang offen bleiben, ob die Aussage des Amtsarztes, der Kläger sei dienstfähig, wenn ihm ein "stressfreier" Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt werde, ihrerseits auf einer hinreichend gesicherten Tatsachengrundlage beruht. Da der Amtsarzt - wie er auch in der mündlichen Verhandlung ausdrücklich bestätigt hat - keine verlässlichen Aussagen zu den Gründen der Erkrankung des Klägers machen konnte, sondern auch in seiner Stellungnahme lediglich mögliche Krankheitsursachen benannt hat, stellt sich schon die Frage, ob die Beschränkung auf einen stressfreien Arbeitsplatz hinreichend durch objektive Umstände gestützt wird. Andererseits ist festzuhalten, dass auch der den Kläger behandelnde Kardiologe L in seinem Schreiben vom 9. Januar 2009 den Aspekt der Stressbelastung immerhin ausdrücklich anführt.
Diese Frage bedarf jedoch keiner abschließenden Entscheidung, da selbst auf der Grundlage der Feststellungen des Amtsarztes keine hinreichend verlässliche Aussage 42
über die Dienst(un)fähigkeit des Klägers möglich ist. Der Verweis des Amtsarztes und der ihm folgenden Oberfinanzdirektion Rheinland auf das Erfordernis eines "stressfreien" Arbeitsplatzes enthält keine hinreichend objektivierte Aussage zu den Defiziten des Klägers bei der Erfüllung seiner Dienstpflichten. Dies ergibt sich schon daraus, dass zwar über die Auswirkungen bzw. die Erscheinungsformen von Stress eine gewisse Einigkeit bestehen dürfte, die Ursachen von Stress dagegen keiner objektiven, personenunabhängigen Bestimmung zugänglich sind.
49Vgl. etwa die Definition von Stress in Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch: "Reaktion des Organismus (erhöhte Sympathikusaktivität, vermehrte Ausschüttung von Katecholaminen, Blutdrucksteigerung u.a.) auf versch. unspezif. Reize (Inf., Verletzung, Verbrennung, Strahleneinwirkung, emotionale Belastung u.a. Stressfaktoren)".
50Wie auch der Amtsarzt in Übereinstimmung hiermit in der mündlichen Verhandlung ausdrücklich bestätigt hat, hängen die Auswirkungen bestimmter objektiver Umstände für die Stressbelastung des Betroffenen von dessen subjektiver Empfänglichkeit ab. Umstände, die bei einem Betroffenen Stress auslösen, tun dies nicht zwangsläufig auch bei anderen Betroffenen. So mag etwa für einen Betroffenen der Umgang mit Publikum bei der Erfüllung seiner Dienstpflichten stressbehaftet sein; bei einem anderen Beamten ist dies möglicherweise für seine "Stresssituation" völlig unerheblich. Können damit aber stressauslösende Faktoren nicht hinreichend sicher bestimmt werden, kommt auch dem Begriff des "stressfreien Arbeitsplatzes" kein hinreichend objektiver Gehalt zu. Er ist damit nicht geeignet, eine verlässlich Grundlage für eine Einschränkung der Dienstfähigkeit eines Beamten zu begründen.
51Im vorliegenden Fall lassen sich auch aus den sonstigen Umständen, namentlich den Feststellungen des Amtsarztes, keine objektiven Gesichtspunkte ableiten, die denen Begriff des stressfreien Arbeitsplatzes im vorliegenden Fall konkretisieren können. Zwar hat der Amtsarzt in seiner Stellungnahme vom 18. November 2008 auf die berufliche Belastung des Klägers hingewiesen, die mit einem erheblichen Konflikt- und Stresspotenzial einhergehe. Aus dem Gutachten ergibt sich jedoch nicht, welche konkreten Umstände das angenommene Stresspotenzial begründen. Entsprechend ist dem Gutachten auch nicht zu entnehmen, welche konkreten Arbeitsbedingungen - zum Beispiel mit Blick auf Publikumsverkehr, Fristvorgaben, Kontakte mit Vorgesetzten, Mitarbeiterführung - für einen stressfreien Arbeitsplatz im Fall des Klägers erfüllt sein müssten. Auch in der mündlichen Verhandlung hat der Amtsarzt insoweit nur darauf verwiesen, dass er seinen Gesamteindruck von den Arbeitsbedingungen des Klägers aus dessen Schilderungen abgeleitet habe. Welche konkreten Faktoren spezifisch für den Kläger stressbehaftet wären und ggfs. woraus dies abzuleiten sein könnte, vermochte der Amtsarzt nicht anzugeben.
52In diesem Zusammenhang ist überdies zu beachten, dass der Amtsarzt seine Einschätzung, für den Kläger sei ein stressfreier Arbeitsplatz erforderlich, vornehmlich auf die Überlegung gestützt hat, der Kläger müsse vor einer Verschlechterung seiner gesundheitlichen Situation geschützt werden. Dies entspricht dem aus ärztlicher Sicht nachvollziehbaren, vornehmlich fürsorgerischen Ansatz des Amtsarztes, mit dem dieser nach seinem Bekunden zugleich dem Dienstherrn einen Spielraum hinsichtlich des künftigen Einsatzes des Klägers eröffnen wollte. Für die Beantwortung der Frage, ob der Kläger zur Erfüllung seiner Dienstpflichten dauerhaft nicht in der Lage ist, vermag diese Aussage deshalb aber allenfalls einen Hinweis zu geben; eine abschließende Klärung
kann durch den Verweis auf die Notwendigkeit eines "stressfreien" Arbeitsplatzes demnach nicht erfolgen.
53Auch der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte und/oder die Oberfinanzdirektion Rheinland haben keine Umstände anzuführen vermocht, die eine hinreichende Konkretisierung des stressfreien Arbeitsplatzes darstellen könnten.
54Soweit der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte in seinem Untersuchungsauftrag an den Amtsarzt vom 17. Oktober 2008 ausgeführt hat, die Tätigkeit des Klägers sei regelmäßig mit einer über das Normalmaß hinausgehenden psychischen Belastung verbunden, Konfliktsituationen seien an der Tagesordnung, macht schon die Bezugnahme auf ein angebliches "Normalmaß" psychischen Belastung deutlich, dass auch diese Aussage keine objektivierbare Bestimmung der Stressbelastung auf dem Dienstposten des Klägers enthält. Überdies ist ihr auch nicht zu entnehmen, wie sich die dargestellte Arbeitssituation auf die individuelle Stressbelastung des Klägers auswirkt. Schließlich hat auch der Amtsarzt aus dieser Beschreibung keine objektiven Faktoren abgeleitet, mit der er die Stressbelastung des Klägers konkretisiert hätte.
55Etwas anderes folgt auch nicht aus dem Schreiben des Vorstehers des Finanzamts E- Mitte vom 7. April 2009 an den Prozessbevollmächtigten des Klägers. In diesem Schreiben führt der Vorsteher insoweit lediglich aus, es sei aus seiner Sicht aufgrund des hohen gesundheitlichen Gefährdungspotenzials nicht zu verantworten, den Kläger "dem enormen Stress auszusetzen, der in allen für ihn denkbaren Arbeitsbereichen" auftreten würde. Wie dieser "enorme" Stress, der auf allen entsprechenden Dienstposten im Finanzamt E-Mitte bestehen soll, konkret beschaffen ist, ist diesem Schreiben jedoch nicht zu entnehmen.
56Weiter hat auch die Oberfinanzdirektion Rheinland in der Zurruhesetzungsverfügung keine Umstände angeführt, die bezogen auf den Kläger und seine gesundheitliche Situation konkret als stressfördernde Faktoren angesehen werden könnten. Ebenso wenig lässt sich den Verwaltungsvorgängen entnehmen, dass sich der Vorsteher des Finanzamts E-Mitte und/oder die Oberfinanzdirektion Rheinland bemüht hätten, unter nochmaliger Hinzuziehung des Amtsarztes die für die Kläger als maßgeblich erachteten Stressfaktoren näher zu bestimmen. Soweit das beklagte Land im gerichtlichen Verfahren geltend gemacht hat, der Einsatz des Klägers im Finanzamt E-Mitte mache eine nicht unerhebliche Entlastung durch Vorgesetzte, Vertreter oder Mitarbeiter erforderlich, die den Dienstbetrieb in nicht zumutbarer Weise beeinträchtige, ist dem entsprechenden Vorbringen nicht zu entnehmen, woraus diese Annahme abgeleitet wird. Insbesondere sind auch in diesem Zusammenhang keine objektiven Umstände angeführt worden, die die mögliche, dem Kläger nicht zuzumutende Stressbelastung konkretisieren könnten.
57Eine andere Bewertung ist schließlich auch nicht deshalb geboten, weil der den Kläger behandelnde Kardiologe L in seinem Schreiben vom 9. Januar 2009 zusammenfassend ausführt, dass die Arbeit des Klägers nicht zu stark mit psychischem oder physischem Stress verbunden sein sollte. Zwar deutet diese Aussage ebenfalls darauf hin, dass eine Stressbelastung des Klägers seine Dienstfähigkeit einschränken dürfte; konkrete Umstände, die einen zu hohen psychischen Stress - Anhaltspunkte für einen zu hohen physischen Stress sind nicht ersichtlich - begründen könnten, sind jedoch auch diesem Schreiben nicht zu entnehmen. Vor allem aber kann das genannte Schreiben nicht zur Konkretisierung der Aussage des Amtsarztes herangezogen werden, weil dieser mit
seiner Formulierung der Kläger sei dienstfähig, sofern ihm ein Arbeitsplatz zugewiesen werde, der "stressfrei "sei, offenkundig eine besondere Schutzbedürftigkeit des Klägers zum Ausdruck bringen wollte. Demgegenüber zielt die Aussage von L nach ihrem objektiven Gehalt auf eine Vermeidung übermäßigen, also über das Übliche im Arbeitsleben hinausgehenden Stresses. Unabhängig davon, ob diese Aussage ihrerseits einen hinreichend objektiven Gehalt hat, kann sie jedenfalls wegen ihrer abweichenden Zielrichtung nicht herangezogen werden, um die amtsärztliche Aussage und die darauf gründende Einschätzung der Oberfinanzdirektion Rheinland zur Dienstunfähigkeit des Klägers zu konkretisieren. Im Übrigen kann auch nicht unterstellt werden, dass das beklagte Land annehmen würde, dass jeder in der Finanzverwaltung verfügbare Dienstposten generell mit zu hohem psychischen Stress verbunden wäre.
58Über die bisherigen Erwägungen hinaus ist die Klage allerdings auch dann begründet, wenn man entgegen den obigen Ausführungen zu Gunsten des beklagten Landes annähme, dass das Erfordernis eines "stressfreien" Arbeitsplatzes eine hinreichend aussagekräftige Beschränkung der Dienstfähigkeit des Klägers begründete und für ihn kein entsprechender Dienstposten im Finanzamt E-Mitte zur Verfügung stünde. In diesem Fall ergäbe sich die Rechtswidrigkeit des angefochtenen Bescheides daraus, dass das beklagte Land seinen aus § 26 Abs. 1 Satz 3 und Abs. 2 BeamtStG resultierenden Verpflichtungen nicht in hinreichender Weise nachgekommen ist.
59Wie oben bereits ausgeführt, soll trotz bestehender Dienstunfähigkeit im Sinne von § 26 Abs. 1 Satz 1 BeamtStG gemäß § 26 Abs. 1 Satz 3 BeamtStG von der Versetzung in den Ruhestand abgesehen werden, wenn eine anderweitige Verwendung der Beamtin/des Beamten möglich ist. Eine anderweitige Verwendung ist nach § 26 Abs. 2 Satz 1 BeamtStG möglich, wenn der Beamtin oder dem Beamten ein anderes Amt derselben oder einer anderen Laufbahn übertragen werden kann.
60Im Hinblick auf die Möglichkeit der anderweitigen Verwendung eines dienstunfähigen Beamten hat das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen in seinem Urteil vom 22. Januar 2010, Az.: 1 A 2211/07 -, NRWE und juris, zu den entsprechenden Regelungen in § 42 Bundesbeamtengesetz in der seinerzeit maßgeblichen Fassung Folgendes ausgeführt:
61"§ 42 Abs. 3 BBG a.F. ist Ausdruck des Grundsatzes "Weiterverwendung vor Versorgung". Ein dienstunfähiger Beamter soll nur dann aus dem aktiven Dienst ausscheiden, wenn er dort nicht mehr eingesetzt werden kann.
62Vgl. BVerwG, Urteil vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 -, a.a.O. sowie juris, Rn. 20, unter Hinweis auf BT-Drucks. 11/5372, S. 34 und 13/3994, S. 33.
63Die Vorschrift ist Teil der vielfältigen Bemühungen des Bundesgesetzgebers, Pensionierungen vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze soweit wie möglich zu vermeiden. Hierzu gehören auch die Weiterverwendung begrenzt dienstfähiger Beamter nach § 42a BBG a.F. (heute inhaltlich geregelt in § 45 BBG) und die Reaktivierung von Ruhestandsbeamten nach § 45 BBG a.F. (heute inhaltlich geregelt in § 46 BBG).
Vgl. BVerwG, Urteil vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 -, a.a.O. sowie juris, Rn. 20. 64
Da § 42 Abs. 3 BBG a.F. an die Dienstunfähigkeit nach Absatz 1 anknüpft, kann 65
eine anderweitige Verwendung im Sinne der Vorschrift nur die Übertragung eines Amtes im abstrakt-funktionellen bzw. im konkret-funktionellen Sinne bedeuten, welches nicht dem bisherigen statusrechtlichen Amt des dienstunfähigen Beamten zugeordnet ist. Demzufolge ist eine anderweitige Verwendung im Sinne von § 42 Abs. 3 BBG a.F. bei der bisherigen Beschäftigungsbehörde möglich, wenn dem Beamten dort gleichwertige Funktionsämter einer anderen Laufbahn übertragen werden können. Steht ein dem bisherigen Statusamt entsprechender anderer Dienstposten bei der Beschäftigungsbehörde zur Verfügung, fehlt es dagegen – wie ausgeführt – bereits an der Dienstunfähigkeit im Sinne von § 42 Abs. 1 BBG a.F. Der Anwendungsbereich des § 42 Abs. 3 BBG a.F. hat im Übrigen nicht nur einen Einsatz bei der bisherigen Beschäftigungsbehörde im Blick. Er betrifft vielmehr auch gerade solche anderweitigen Verwendungen, die mit der Versetzung zu einer anderen Behörde verbunden sind. Bei dieser muss dem Beamten ein neues statusrechtliches Amt gleicher Wertigkeit verliehen werden, wenn er nicht auf einem Dienstposten eingesetzt wird, der dem bisherigen statusrechtlichen Amt zugeordnet ist. Neue Funktionsämter, die nicht dem bisherigen Amt im statusrechtlichen Sinne zugeordnet sind, können nur unter Verleihung des entsprechenden Amtes im statusrechtlichen Sinn übertragen werden.
66Vgl. zum Ganzen etwa BVerwG, Urteil vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 –, a.a.O. sowie juris, Rn. 21 bis 24.
67§ 42 Abs. 3 BBG a.F. begründet zugleich die Pflicht des Dienstherrn, nach einer anderweitigen Verwendung zu suchen. Nur dieses Verständnis entspricht dem Ziel der Vorschrift, dienstunfähige Beamte nach Möglichkeit im aktiven Dienst zu halten. Ohne gesetzliche Suchpflicht könnte die Verwaltung über die Geltung des Grundsatzes "Weiterverwendung vor Versorgung" nach Gesichtspunkten der Zweckmäßigkeit entscheiden und autonom festlegen, unter welchen Voraussetzungen und nach welchen Kriterien sie sich um eine anderweitige Verwendung bemüht. Das wäre mit Wortlaut und Zweck des Gesetzes nicht vereinbar.
Vgl. BVerwG, Urteil vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 –, a.a.O. sowie juris, Rn. 25. 68
69Der gesetzliche Vorrang der weiteren Dienstleistung vor der Frühpensionierung wird durch den Wortlaut des Satzes 1 des § 42 Abs. 3 BBG a.F. verdeutlicht, wonach von der Versetzung in den Ruhestand wegen Dienstunfähigkeit abgesehen werden "soll". Soll-Vorschriften gestatten Abweichungen von der gesetzlichen Regel nur in atypischen Fällen, in denen das Festhalten an dieser Regel auch unter Berücksichtigung des Willens des Gesetzgebers nicht gerechtfertigt ist. Anhaltspunkte für einen solchen atypischen Fall sind vorliegend nicht ersichtlich.
70Die Suche nach einer § 42 Abs. 3 BBG a.F. entsprechenden anderweitigen Verwendung ist regelmäßig auf den gesamten Bereich des Dienstherrn zu erstrecken. Dies folgt aus dem Wortlaut des Satzes 2 des § 42 Abs. 3 BBG a.F., wonach die Übertragung eines anderen Amtes zulässig ist, wenn es zum Bereich desselben Dienstherrn gehört. Für diesen Umfang der Suchpflicht spricht auch, dass den Beamten zur Vermeidung der Frühpensionierung auch der Erwerb einer anderen Laufbahnbefähigung zur Pflicht gemacht werden kann. Inhaltliche Vorgaben für eine Beschränkung der Suche auf bestimmte Bereiche der Verwaltungsorganisation des Dienstherrn lassen sich aus § 42 Abs. 3 BBG a.F.
nicht herleiten. Auch die amtlichen Gesetzesbegründungen enthalten keinen Hinweis, dass eine Beschränkung gewollt ist.
71Vgl. BT-Drucks. 11/5372, S. 34 und 13/3994, S. 33, sowie BVerwG, Urteil vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 –, a.a.O. sowie juris, Rn. 27.
72Die Suche nach einer anderweitigen Verwendung muss sich auf Dienstposten erstrecken, die in absehbarer Zeit voraussichtlich neu zu besetzen sind. Eine Beschränkung auf aktuell freie Stellen ließe außer Acht, dass § 42 Abs. 3 BBG a.F. zur Vermeidung von Frühpensionierungen auch die Weiterverwendung in Ämtern einer anderen Laufbahn vorsieht und die dazu erforderliche Laufbahnbefähigung erst nach einer – ggf. längeren – Unterweisungszeit erworben werden kann.
73Bezogen auf all dies ist es (auch im verwaltungsgerichtlichen Verfahren) Sache des Dienstherrn, schlüssig darzulegen, dass er bei der Suche nach einer anderweitigen Verwendung für den Beamten die Vorgaben des § 42 Abs. 3 BBG a.F. beachtet hat. Denn es geht um Vorgänge aus dem Verantwortungsbereich des Dienstherrn, die dem Einblick des betroffenen Beamten in aller Regel entzogen sind. Daher geht es zulasten des Dienstherrn, wenn nicht aufgeklärt werden kann, ob die erforderliche Suche den gesetzlichen Anforderungen entsprochen hat.
74Vgl. BVerwG, Urteile vom 17. August 2005 - 2 C 37.04 -, BVerwGE 124, 99, 108 f. = Buchholz 11 Art. 33 Abs. 2 GG Nr. 32 S. 33, und vom 26. März 2009 – 2 C 73.08 -, a.a.O. sowie juris, Rdn. 30; ebenso OVG NRW, Urteil vom 2. Juli 2009 – 6 A 3712/06 –, DÖD 2009, 312, 314 = juris, Rn. 66."
75Nach diesen Maßstäben, die für § 26 BeamtStG in derselben Weise gelten, weil der Gesetzgeber insoweit keine sachlichen Änderungen vorgenommen hat, vermag das Gericht nicht festzustellen, dass das beklagten Land seinen diesbezüglichen Verpflichtungen nachgekommen ist.
76In der Personalakte des Klägers findet sich mit Blick auf die der Behörde überantwortete Suchpflicht lediglich in dem der Zurruhesetzungsverfügung vorgeschalteten Vermerk ein kurzer Hinweis. Dort wird allerdings nur in Form einer knappen Feststellung darauf verwiesen, dass nach Art und Schwere der Erkrankung kein anderweitiger Einsatz des Klägers gemäß § 26 Abs. 1 bis 3 BeamtStG in Betracht komme. Hieraus ergibt sich, dass die Behörde augenscheinlich mit Blick auf die Erkrankung des Klägers von vornherein eine anderweitige Beschäftigungsmöglichkeit verneint und keine weiteren konkreten Überlegungen, insbesondere Erkundigungen bei anderen Stellen der Finanzverwaltung angestellt hat. Da sie ihren Ansatz aber auch nicht weiter begründet hat, hat sie ihre Suchpflicht so nicht erfüllt. Andere Unterlagen, die zu einer – in Fällen der vorliegenden Art zumindest sinnvollen – Dokumentation der im Einzelnen unternommenen Bemühungen (auch hinsichtlich deren Umfang und räumlicher Ausdehnung) zur Suche einer anderweitigen Verwendung für den Kläger geeignet wären, sind nicht ersichtlich. Auch im gerichtlichen Verfahren hat das beklagte Land hierzu keine näheren Angaben gemacht. Kann damit aber nicht festgestellt werden, dass der Dienstherr des Klägers seiner Suchpflicht aus § 26 Abs. 1 Satz 3 und Abs. 2 BeamtStG nachgekommen ist, geht dies nach den o.g. Grundsätzen hier zu Lasten des beklagten Landes.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO. 77
Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf § 167 VwGO, §§ 708 Nr. 11, 709 Satz 2, 711 Zivilprozessordnung. 78