Source: http://m.hensche.de/Kuendigung_Rufschaedigung_Kuendigung_eines_BVG-Busfahrers_wegen_Rufschaedigung_wirksam_LAG_Berlin-Brdbg_6Sa2558-10-u.html
Timestamp: 2018-03-21 05:13:35
Document Index: 379566738

Matched Legal Cases: ['§ 269', '§ 102', '§ 103', '§ 15', '§ 102', '§ 626', '§ 626', '§ 513', '§ 64', '§ 314', '§ 626', '§ 15', '§ 626', '§ 622', '§ 241', '§ 626', '§ 102', '§ 1', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 91']

HENSCHE Arbeitsrecht: 6 Sa 2558/10
Schlag­worte: Kündigung: Außerordentlich, Kündigung: Fristlos, Kündigung: Beleidigung, Whistleblowing
Akten­zeichen: 6 Sa 2558/10
Ent­scheid­ungs­datum: 06.05.2011
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 20.10.2010, 29 Ca 10262/10
29 Ca 10262/10
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 29. April 2011
so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter S. und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin U.
1. Das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 20.10.2010 – 29 Ca 10262/10 – ist wir­kungs­los, so­weit die Be­klag­te zur vorläufi­gen Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers ver­ur­teilt wor­den ist.
2. Im Übri­gen wer­den auf die Be­ru­fung der Be­klag­ten das an­ge­foch­te­ne Ur­teil geändert und die Kla­ge ab­ge­wie­sen.
Der am …i 1964 ge­bo­re­ne Kläger stand seit dem 27. No­vem­ber 2000 als Bus­fah­rer in den Diens­ten der Be­klag­ten, de­ren Auf­trag­ge­ber die B. ist. Sei­ne Vergütung be­trug zu­letzt durch­schnitt­lich 2.859,58 € brut­to mo­nat­lich.
Der Kläger war Be­wer­ber bei ei­ner Be­triebs­rats­wahl vom 19. Mai 2010.
Mit zwei Schrei­ben vom 28. Mai 2010 (Abl. Bl. 55-58 d.A.) mahn­te die Be­klag­te den Kläger u.a. we­gen Ver­las­sens sei­nes mit Fahrgästen be­setz­ten Bus­ses des­halb ab, weil er dies ge­tan hat­te, um sich mit Kaf­fee bzw. Nah­rungs­mit­teln zu ver­sor­gen. We­gen wei­te­rer Vorfälle vom 26. und 30. Mai und 4. Ju­ni 2010 kündig­te die Be­klag­te dem Kläger mit Zu­stim­mung des Be­triebs­rats durch Schrei­ben vom 21. Ju­ni 2010 (Abl. Bl. 4 d.A.) frist­los zum 22. Ju­ni 2010 und hilfs­wei­se frist­ge­recht zum 30. Sep­tem­ber 2010.
Das Ar­beits­ge­richt Ber­lin hat fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der durch außer­or­dent­li­che noch durch or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten be­en­det wor­den sei, und die­se zur vorläufi­gen Wei­ter­beschäfti­gung des Klägers ver­ur­teilt. Zur Be­gründung hat es im We­sent­li­chen aus­geführt, es ge­he da­von aus, dass es am 26. Mai 2010 zu ei­nem Miss­verständ­nis ge­kom­men sei, da kei­ne Mo­ti­va­ti­on des Klägers er­sicht­lich sei, aus der er den von ihm ge­lenk­ten Bus un­be­auf­sich­tigt an ei­ner Hal­te­stel­le soll­te ab­ge­stellt ha­ben, um sich so­dann mit der U-Bahn zum Be­triebs­hof zu be­ge­ben. Die Ab­mah­nun­gen vom 28. Mai 2010 sei­en nicht ein­schlägig ge­we­sen, weil die­se ein vorsätz­li­ches Ver­las­sen des Bus­ses zum Ge­gen­stand ge­habt hätten.
So­weit dem Kläger vor­ge­wor­fen wer­de, am 30. Mai 2010 die Kon­trol­le der Fahr­schei­ne von Fahrgästen über die sog. Be­schal­lungs­an­la­ge be­kannt ge­ge­ben zu ha­ben, feh­le es eben­falls an ei­ner ein­schlägi­gen Ab­mah­nung.
Beim Streit mit ei­nem B.-Bus­fah­rer am 4. Ju­ni 2010, dem Stop­pen des Bus­ses und der An­for­de­rung der Po­li­zei ha­be der Kläger ein­deu­tig über­re­agiert. Zu Las­ten des Klägers sei zwar zu berück­sich­ti­gen, dass er da­mit das An­se­hen des Auf­trag­ge­bers der Be­klag­ten aus Sicht der Fahrgäste geschädigt ha­be. Der Kläger verfüge aber über ei­ne Be­triebs­zu­gehörig­keit seit No­vem­ber 2000, und es sei bis zu den Ab­mah­nun­gen im Mai 2010 von ei­nem un­gestörten Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­zu­ge­hen. Fer­ner dürf­te durch ei­ne ein­dring­li­che Ab­mah­nung ei­ner Wie­der­ho­lungs­ge­fahr vor­ge­beugt wer­den können.
Ge­gen die­ses ihr am 25. No­vem­ber 2010 zu­ge­stell­te Ur­teil rich­tet sich die am 2. De­zem­ber 2010 ein­ge­leg­te und am 25. Fe­bru­ar 2011 nach ent­spre­chen­der Verlänge­rung der Be­gründungs­frist be­gründe­te Be­ru­fung der Be­klag­ten. Sie bringt ge­gen ein Miss­verständ­nis am 26. Mai 2010 vor, dass der nach Dar­stel­lung des Klägers ver­meint­lich sei­nen Bus
vor­zei­tig über­neh­men­de Kol­le­ge noch während der An­we­sen­heit des Klägers ei­nen an­de­ren Bus über­nom­men ha­be und da­mit weg­ge­fah­ren sei. Das Ar­beits­ge­richt ha­be es auch un­ter­las­sen, den Vor­wurf des Ar­beits­zeit­be­trugs und der Falsch­an­ga­be im Fahr­zet­tel zu berück­sich­ti­gen. Wäre der Kläger von der Überg­a­be an ei­nen Kol­le­gen aus­ge­gan­gen, hätte er dies im Fahr­zet­tel auch an­ge­ge­ben.
Hin­sicht­lich des Vor­falls vom 30. Mai 2010 sei eben­falls von ei­ner ein­schlägi­gen Ab­mah­nung aus­zu­ge­hen. Durch ei­ne für die Fahrgäste demüti­gen­de Kon­trol­le wer­de der Ein­druck ver­mit­telt, im Li­ni­en­dienst ein­ge­setz­te Fah­rer könn­ten selbst­herr­lich über die Be­nut­zung der Laut­spre­cher­an­la­ge ent­schei­den, was für ihr Image wie für das ih­rer Auf­trag­ge­be­rin ge­nau­so ver­hee­rend sei wie das Ver­las­sen des Bus­ses zur Nah­rungs­be­schaf­fung.
Die In­ter­es­sen­abwägung des Ar­beits­ge­richts hin­sicht­lich des Vor­falls vom 4. Ju­ni 2010 könne nicht über­zeu­gen. Viel­mehr müsse die lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit des Klägers dafür spre­chen, dass ihm sein Fehl­ver­hal­ten be­wusst sei, und hätten die kurz zu­vor aus­ge­spro­che­nen Ab­mah­nun­gen zu be­son­de­rer Sen­si­bi­lität führen müssen. Die Rechts­wid­rig­keit sei­nes Ver­hal­tens sei für den Kläger oh­ne wei­te­res er­kenn­bar und des­sen Hin­nah­me durch sie of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen ge­we­sen. Zu­dem sei auch in­so­weit von der Ein­schlägig­keit der bei­den Ab­mah­nun­gen aus­zu­ge­hen, weil der Kläger in al­len Fällen mas­siv ge­gen ihr schrift­lich nie­der­ge­leg­tes Fah­rer­leit­bild ver­s­toßen ha­be.
Sch­ließlich ha­be das Ar­beits­ge­richt ei­nen fal­schen Zu­mut­bar­keits­maßstab an­ge­legt. Aus­weis­lich der Be­triebs­rats­anhörung ha­be sie dem Kläger hilfs­wei­se mit so­zia­ler Aus­lauf­frist kündi­gen wol­len und nicht von ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung ge­spro­chen. Dies sei für den Kläger auf­grund des der Kündi­gung bei­gefügten Anhörungs­schrei­ben auch er­kenn­bar ge­we­sen.
Der Kläger nimmt mit Ein­verständ­nis der Be­klag­ten sei­nen auf vorläufi­ge Wei­ter­beschäfti­gung ge­rich­te­ten An­trag zurück und be­an­tragt im Übri­gen,
Er tritt den An­grif­fen der Be­ru­fung ent­ge­gen und weist ins­be­son­de­re dar­auf hin, dass sei­ne Tour am 26. Mai 2010 be­reits be­en­det ge­we­sen sei und er den Bus hätte ab­sch­ließen können, ei­nen Im­biss ein­neh­men und dann zum Be­triebs­hof fah­ren können.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Par­tei­vor­brin­gens wird auf den Tat­be­stand des an­ge­foch­te­nen Ur­teils und die in der Be­ru­fungs­in­stanz ge­wech­sel­ten Schriftsätze nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.
1. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil ist wir­kungs­los, so­weit der Kläger sei­nen An­trag auf vorläufi­ge Wei­ter­beschäfti­gung mit Rück­sicht auf ei­ne er­neu­te Kündi­gung der Be­klag­ten mit de­ren Ein­verständ­nis zurück­ge­nom­men hat (§ 269 Abs. 3 Satz 1 ZPO).
2. Die frist­gemäß und form­ge­recht ein­ge­leg­te und in­ner­halb der verlänger­ten Be­gründungs­frist ord­nungs­gemäß be­gründe­te Be­ru­fung der Be­klag­ten ist auch in der Sa­che be­gründet. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ist durch die dem Kläger am fol­gen­den Tag zu­ge­gan­ge­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 21. Ju­ni 2010 frist­los auf­gelöst wor­den.
2.1 Die Kündi­gung ist nicht ana­log § 102 Abs. 1 Satz 3 Be­trVG we­gen feh­ler­haf­ter Anhörung des Be­triebs­rats un­wirk­sam. Es war unschädlich, dass die Be­klag­te den Be­triebs­rat um des­sen Zu­stim­mung gem. § 103 Abs. 1 Be­trVG er­sucht hat, ob­wohl für den Kläger als Wahl­be­wer­ber nach Be­kannt­ga­be des Wahl­er­geb­nis­ses gem. § 15 Abs. 3 Satz 2 Ts. 1 KSchG le­dig­lich sechs Mo­na­te lang die or­dent­li­che Künd­bar­keit sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses aus­ge­schlos­sen war. Das Zu­stim­mungs­ver­fah­ren stellt ei­ne ge­genüber dem Anhörungs­ver­fah­ren nach § 102 Abs. 1 Be­trVG qua­li­fi­zier­te Be­tei­li­gungs­form dar, auf wel­che die für die­ses Ver­fah­ren gel­ten­den Grundsätze ent­spre­chend an­zu­wen­den sind (BAG, Ur­teil vom 02.04.1987 – 2 AZR 818/86 – AP BGB § 626 Nr. 96 zu A II 2 c aa der Gründe).
2.2 Die Vor­aus­set­zun­gen des § 626 Abs. 1 BGB wa­ren erfüllt. Da­nach kann das Ar­beits­verhält­nis vom Ar­beit­ge­ber aus wich­ti­gem Grund oh­ne Ein­hal­tung ei­ner Kündi­gungs­frist gekündigt wer­den, wenn Tat­sa­chen vor­lie­gen, auf­grund de­ren dem Ar­beit­ge­ber un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des Ein­zel­falls und un­ter Abwägung der In­ter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le die Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses bis zum Ab­lauf der Kündi­gungs­frist nicht zu­ge­mu­tet wer­den kann.
2.2.1 Die Kam­mer war nicht gemäß §§ 513 Abs. 1, 546 ZPO, § 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG dar­auf be­schränkt, das an­ge­foch­te­ne Ur­teil auf ei­ne Rechts­ver­let­zung zu über­prüfen. Viel­mehr kam ihm auf­grund des Neu­vor­trags der Be­klag­ten zur Fra­ge ei­nes Miss­verständ­nis­ses am 26. Mai 2010 die un­ein­ge­schränk­te Funk­ti­on ei­ner wei­te­ren Tat­sa­chen­in­stanz zu.
2.2.2 Der Vor­fall vom 4. Ju­ni 2010 gab auch nach der ei­ge­nen Ein­las­sung des Klägers ei­nen wich­ti­gen Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung ab. Selbst wenn der Kläger von
ei­nem zu­ge­stie­ge­nen Fah­rer der B. te­le­fo­nisch zu Un­recht be­schul­digt wor­den sein soll­te, sich mit Fahrgästen zu un­ter­hal­ten, be­rech­tig­te ihn dies doch kei­nes­falls da­zu, sei­ne Fahrt an der nächs­ten Hal­te­stel­le zu un­ter­bre­chen und die Po­li­zei an­zu­for­dern, nach­dem der an­de­re Mit­ar­bei­ter sei­ner Auf­for­de­rung nicht nach­ge­kom­men war, den Bus nicht zu ver­las­sen. Dies stell­te sich nicht nur als Ar­beits­ver­wei­ge­rung dar, son­dern ging darüber hin­aus, in­dem der Kläger sie in Ge­gen­wart von Fahrgästen als Kun­den der Auf­trag­ge­be­rin vor­nahm und da­mit auch den Ruf der Auf­trag­ge­be­rin schädig­te. Da­bei stei­ger­te er die ne­ga­ti­ve Außen­wahr­neh­mung durch das völlig un­be­gründe­te An­for­dern von Po­li­zei noch zusätz­lich. Auch sprach er nach in­so­weit un­wi­der­spro­che­ner Dar­stel­lung der Be­klag­ten den er­schie­ne­nen Po­li­zis­ten ge­genüber in eben­falls rufschädi­gen­der Wei­se von „men­schen-unwürdi­gen“ Ar­beits­be­din­gun­gen bei der Be­klag­ten.
2.2.3 Die Be­klag­te brauch­te sich nicht dar­auf ver­wei­sen zu las­sen, den Kläger we­gen sei­nes Fehl­ver­hal­tens vom 4. Ju­ni 2010 bloß ab­zu­mah­nen.
2.2.3.1 Al­ler­dings ist bei ei­ner Pflicht­ver­let­zung, die auf steu­er­ba­rem Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers be­ruht, grundsätz­lich da­von aus­zu­ge­hen, dass sein künf­ti­ges Ver­hal­ten schon durch die An­dro­hung von Fol­gen für den Be­stand des Ar­beits­verhält­nis­ses po­si­tiv be­ein­flusst wer­den kann. Die des­halb re­gelmäßig er­for­der­li­che Ab­mah­nung dient zu­gleich der Ob­jek­ti­vie­rung ei­ner ne­ga­ti­ven Pro­gno­se. Sie ent­spricht auch dem Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit, was durch §§ 314 Abs. 2, 323 Abs. 2 BGB ei­ne ge­setz­ge­be­ri­sche Bestäti­gung er­fah­ren hat. Ei­ner Ab­mah­nung be­darf es in An­se­hung des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes des­halb nur dann nicht, wenn ei­ne Ver­hal­tensände­rung in Zu­kunft selbst da­nach nicht zu er­war­ten steht oder es sich um ei­ne so schwe­re Pflicht­ver­let­zung han­delt, dass ei­ne Hin­nah­me durch den Ar­beit­ge­ber of­fen­sicht­lich – auch für den Ar­beit­neh­mer er­kenn­bar – aus­ge­schlos­sen ist (BAG, Ur­teil vom 10.06.2010 - 2 AZR 541/09 - NZA 2010, 1227 R 34-37).
2.2.3.2 So ver­hielt es sich im vor­lie­gen­den Fall. Die Un­ter­bre­chung der Fahrt ei­nes mit Fahrgästen be­setz­ten Li­ni­en­bus­ses zwecks An­for­de­rung der Po­li­zei aus ei­nem nich­ti­gen An­lass stell­te ei­ne der­art schwe­re Pflicht­ver­let­zung dar, dass ei­ne Hin­nah­me durch die Be­klag­te of­fen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen war. Nach­dem der Mit­ar­bei­ter der B. den Bus be­reits an der vo­ri­gen Hal­te­stel­le ver­las­sen hat­te, konn­te das An­for­dern der Po­li­zei dem Kläger ein­zig und al­lein da­zu ge­dient ha­ben, sich da­durch Ge­nug­tu­ung zu ver­schaf­fen, dass er sich oh­ne Rück­sicht auf die In­ter­es­sen der Fahrgäste und den Ruf der Be­klag­ten und de­ren Auf­trag­ge­be­rin ein Fo­rum schuf „men­schen­unwürdi­ge“ Ar­beits­be­din­gun­gen an­zu­pran­gern. Die­se Einschätzung fand ih­re Bestäti­gung dar­in, dass der mit den be­trieb­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten ver­trau­te Be­triebs­rat aus­drück­lich sei­ne Zu­stim­mung zur be­ab­sich­tig­ten frist­lo­sen Kündi­gung erklärt hat.
2.2.3.3 Die ge­bo­te­ne In­ter­es­sen­abwägung fiel zu Las­ten des Klägers aus.
2.2.3.3.1 Selbst wenn durch die Beifügung der Be­triebs­rats­anhörung zum Kündi­gungs-schrei­ben von ei­ner hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gung mit so­zia­ler Aus­lauf­frist aus­zu­ge­hen sein soll­te, hätte dies den Be­ur­tei­lungs­maßstab doch nicht zu Guns­ten der Be­klag­ten zu verändern ge­mocht. So­weit dies bei ein­zel- oder ta­rif­ver­trag­li­chem Aus­schluss der or­dent­li­chen Künd­bar­keit zwecks Ver­mei­dung ei­nes Wer­tungs­wi­der­spruchs ge­bo­ten er­scheint (da­zu BAG, Ur­teil vom 11.03.1999 – 2 AZR 427/98 – AP BGB § 626 Nr. 150 zu B II 3 b der Gründe), trifft dies für sog. Man­datsträger der Be­triebs­ver­fas­sung nicht zu. Für ei­ne die­sen ge­genüber aus­ge­spro­che­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ist viel­mehr auf die Frist ei­ner fik­ti­ven or­dent­li­chen Kündi­gung ab­zu­stel­len (BAG, Ur­teil vom 18.02.1993 – 2 AZR 526/92 – AP KSchG 1969 § 15 Nr. 35 zu II 3 b aa der Gründe).
2.2.3.3.2 Im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung zur Be­stim­mung der Fra­ge, ob dem Ar­beit­ge­ber die Ein­hal­tung der Kündi­gungs­frist zu­mut­bar ist, sind u.a. Ge­wicht und Aus­wir­kun­gen ei­ner Pflicht­ver­let­zung, ei­ne mögli­che Wi­der­ho­lungs­ge­fahr, der Grad des Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers so­wie die Dau­er des Ar­beits­verhält­nis­ses und des­sen störungs­frei­er Ver­lauf zu berück­sich­ti­gen (BAG, Ur­teil vom 10.11.2005 – 2 AZR 623/04 – AP BGB § 626 Nr. 196 zu B I 1 b bb (2) der Gründe).
2.2.3.3.3 Es war der Be­klag­ten nicht zu­zu­mu­ten, den Kläger noch mehr als drei Mo­na­te bis zum Ab­lauf der fik­ti­ven Kündi­gungs­frist des § 622 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 BGB wei­ter­zu­beschäfti­gen.
Der Kläger hat­te sei­ne Ar­beits­pflicht und sei­ne Pflicht zur Rück­sicht­nah­me auf de­ren In­ter­es­sen gemäß § 241 Abs. 2 BGB vorsätz­lich schwer ver­letzt, in­dem er die Be­klag­te bzw. de­ren Auf­trag­ge­be­rin gleich­sam „aus Daff­ke“ öffent­lich vor­geführt hat. An­ge­sichts der auch in sei­ner Be­zeich­nung der Ar­beits­be­din­gun­gen als men­schen­unwürdig zum Aus­druck ge­lang­ten Ein­stel­lung des Klägers be­stand die Ge­fahr, dass die­ser bei nächs­ter Ge­le­gen­heit er­neut rück­sichts­los sei­ne auch nur ver­meint­lich be­rech­tig­ten In­ter­es­sen öffent­lich­keits­wirk­sam ver­fol­gen würde. Dies war mit Rück­sicht dar­auf be­son­ders be­deut­sam, dass der Kläger sei­ner Tätig­keit im We­sent­li­chen un­be­auf­sich­tigt nach­zu­ge­hen hat­te.
Mit neun­ein­halb Jah­ren hat­te sein Ar­beits­verhält­nis noch nicht der­art lan­ge be­stan­den, dass der Be­klag­ten zum Aus­gleich für bis­lang ge­zeig­te kor­rek­te Pflich­terfüllung ein länge­res Zu­war­ten hätte an­ge­son­nen wer­den können. Auch war das Ar­beits­verhält­nis schon bis­lang nicht störungs­frei ver­lau­fen. Zwar konn­te der In­halt der bei­den dem Kläger kurz zu­vor er­teil­ten Ab­mah­nun­gen für die Fra­ge, ob in der Pflicht­ver­let­zung vom 4. Ju­ni 2010 so­gar ein
Wie­der­ho­lungs­fall ge­se­hen wer­den kann, nicht berück­sich­tigt wer­den, weil de­ren In­halt im Anhörungs­schrei­ben an den Be­triebs­rat nicht ein­mal abs­trakt wie­der­ge­ge­ben wor­den war und die Be­klag­te auch nicht vor­ge­tra­gen hat, dem Be­triebs­rat die Ab­mah­nun­gen zu­vor schon ab­schrift­lich zur Kennt­nis ge­ge­ben zu ha­ben (zu die­ser Be­schränkungs­wir­kung des Be­triebs­rats­anhörung BAG, Ur­teil vom 17.03.1988 – 2 AZR 576/87 – BA­GE 58, 37 = AP BGB § 626 Nr. 99 zu II 5 b der Gründe; vgl. auch Ur­teil vom 27.06.1985 – 2 AZR 412/84 – BA­GE 49, 136 = AP Be­trVG 1972 § 102 Nr. 37 zu II 2 b aa der Gründe). Dass der Kläger wie­der­holt we­gen die­ser Pflicht­ver­let­zun­gen ab­ge­mahnt wor­den war, ist da­ge­gen ein­gangs des Anhörungs­schrei­bens erwähnt wor­den und konn­te des­halb für die In­ter­es­sen­abwägung Berück­sich­ti­gung fin­den.
2.3 Die Be­klag­te hat ihr Kündi­gungs­recht nicht da­durch ver­braucht, dass sie den Kläger am 4. Ju­ni 2010 ab­ge­mahnt hat. Die­se eben­falls ein­gangs des Anhörungs­schrei­bens an den Be­triebs­rat erwähn­te Ab­mah­nung soll sich ge­ra­de nicht auf die drei da­nach ge­schil­der­ten Vorfälle vom 26. und 30. Mai und 4. Ju­ni 2010 be­zo­gen ha­ben. Ver­braucht durch ei­nen Ver­zicht im un­tech­ni­schen Sin­ne durch ei­ne Ab­mah­nung wer­den aber nur die dar­in gerügten Pflicht­ver­let­zun­gen des Ar­beit­neh­mers (BAG, Ur­teil vom 26.11.2009 – 2 AZR 751/08 – AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 61 R 12).
2.4 Die zweiwöchi­ge Aus­schluss­frist des § 626 Abs. 2 Satz 1 BGB war mit Zu­gang des Kündi­gungs­schrei­bens am 22. Ju­ni 2010 ge­wahrt. Die­se Frist lief gemäß § 626 Abs. 2 Satz 2 BGB erst ab Kennt­nis der Be­klag­ten von den für die Kündi­gung maßge­ben­den Tat­sa­chen. Hier­zu gehört, den Ar­beit­neh­mer zu den ge­gen ihn er­ho­be­nen Vorwürfe an­zuhören, so­fern dies wie vor­lie­gend bin­nen ei­ner Wo­che ge­schieht (BAG, Ur­teil vom 06.07.1972 – 2 AZR 386/71 – BA­GE 24, 341 = AP BGB § 626 Aus­schluss­frist Nr. 3 zu II 3 der Gründe).
3. Der Kläger hat gem. §§ 91 Abs. 1 Satz 1, 269 Abs. 3 Satz 2 ZPO die Kos­ten des Rechts-streits zu tra­gen.
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