Source: http://m.hensche.de/Auswirkung_der_Meinungsfreiheit_auf_das_Zivilrecht_Lueth-Urteil_BVerfG_1BvR400-51.html
Timestamp: 2018-02-23 16:29:18
Document Index: 299289331

Matched Legal Cases: ['§ 90', 'Art 5', 'Art 5', '§ 826', 'Art. 5', '§ 826', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', '§ 90', 'Art. 5', '§ 826', 'Art. 5', 'Art. 1', '§ 826', 'Art. 1', '§ 90', 'Art. 5', 'Art. 118', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', '§ 823', '§ 26', '§ 826', '§ 826', 'Art. 5', '§ 826', 'Art. 1', 'Art. 5', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2', '§ 52', '§ 52', 'Art. 5']

HENSCHE Arbeitsrecht: 1 BvR 400/51
Schlag­worte: Meinungsfreiheit
Akten­zeichen: 1 BvR 400/51
Ent­scheid­ungs­datum: 15.01.1958
1. Die Grund­rech­te sind in ers­ter Li­nie Ab­wehr­rech­te des Bürgers ge­gen den Staat; in den Grund­rechts­be­stim­mun­gen des Grund­ge­set­zes verkörpert sich aber auch ei­ne ob­jek­ti­ve Wert­ord­nung, die als ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­ent­schei­dung für al­le Be­rei­che des Rechts gilt.
2. Im bürger­li­chen Recht ent­fal­tet sich der Rechts­ge­halt der Grund­rech­te mit­tel­bar durch die pri­vat­recht­li­chen Vor­schrif­ten. Er er­greift vor al­lem Be­stim­mun­gen zwin­gen­den Cha­rak­ters und ist für den Rich­ter be­son­ders rea­li­sier­bar durch die Ge­ne­ral­klau­seln.
3. Der Zi­vil­rich­ter kann durch sein Ur­teil Grund­rech­te ver­let­zen (§ 90 BVerfGG), wenn er die Ein­wir­kung der Grund­rech­te auf das bürger­li­che Recht ver­kennt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft zi­vil­ge­richt­li­che Ur­tei­le nur auf sol­che Ver­let­zun­gen von Grund­rech­ten, nicht all­ge­mein auf Rechts­feh­ler nach.
4. Auch zi­vil­recht­li­che Vor­schrif­ten können "all­ge­mei­ne Ge­set­ze" im Sin­ne des Art 5 Abs 2 GG sein und so das Grund­recht auf Frei­heit der Mei­nungsäußerung be­schränken.
5. Die "all­ge­mei­nen Ge­set­ze" müssen im Lich­te der be­son­de­ren Be­deu­tung des Grund­rechts der frei­en Mei­nungsäußerung für den frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Staat aus­ge­legt wer­den.
6. Das Grund­recht des Art 5 GG schützt nicht nur das Äußern ei­ner Mei­nung als sol­ches, son­dern auch das geis­ti­ge Wir­ken durch die Mei­nungsäußerung.
7. Ei­ne Mei­nungsäußerung, die ei­ne Auf­for­de­rung zum Boy­kott enthält, verstößt nicht not­wen­dig ge­gen die gu­ten Sit­ten im Sin­ne des § 826 BGB; sie kann bei Abwägung al­ler Umstände des Fal­les durch die Frei­heit der Mei­nungsäußerung ver­fas­sungs­recht­lich ge­recht­fer­tigt sein.
Vor­ins­tan­zen: Landgericht Hamburg, Urteil vom 22.11.1951, 15 O 87/51
Ur­teil des Ers­ten Se­nats vom 15. Ja­nu­ar 1958
in dem Ver­fah­ren über
des Se­nats­di­rek­tors Erich L. in Ham­burg
ge­gen das Ur­teil des Land­ge­richts Ham­burg vom 22. No­vem­ber 1951 - Az. 15. O. 87/51 -.
Ent­schei­dungs­for­mel
Das Ur­teil des Land­ge­richts Ham­burg vom 22. No­vem­ber 1951 - Az. 15. O. 87/51 - ver­letzt das Grund­recht des Be­schwer­deführers aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 des Grund­ge­set­zes und wird des­halb auf­ge­ho­ben. Die Sa­che wird an das Land­ge­richt Ham­burg zurück­ver­wie­sen.
Der Be­schwer­deführer - da­mals Se­nats­di­rek­tor und­Lei­ter der Staat­li­chen Pres­se­stel­le der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg - hat am 20. Sep­tem­ber 1950 anläßlich der Eröff­nung der "Wo­che des deut­schen Films" als Vor­sit­zen­der des Ham­bur­ger Pres­se­klubs in ei­ner An­spra­che vor Film­ver­lei­hern und Film­pro­du­zen­ten u. a. fol­gen­des erklärt:
"Nach­dem der deut­sche Film im Drit­ten Reich sei­nen mo­ra­li­schen Ruf ver­wirkt hat­te, ist al­ler­dings ein Mann am we­nigs­ten von al­len ge­eig­net, die­sen Ruf wie­der­her­zu­stel­len: das ist der Dreh­buch­ver­fas­ser und Re­gis­seur des Films 'Jud Süß'! Möge uns wei­te­rer un­ab­seh­ba­rer Scha­den vor der gan­zen Welt er­spart blei­ben, der ein­tre­ten würde, in­dem man aus­ge­rech­net ihn als Re­präsen­tan­ten des deut­schen Films her­aus­zu­stel­len sucht. Sein Frei­spruch in Ham­burg war nur ein
for­mel­ler. Die Ur­teils­be­gründung war ei­ne mo­ra­li­sche Ver­dam­mung. Hier for­dern wir von den Ver­lei­hern und Thea­ter­be­sit­zern ei­ne Hal­tung, die nicht ganz bil­lig ist, die man sich aber et­was kos­ten las­sen soll­te: Cha­rak­ter. Und die­sen Cha­rak­ter wünsche ich dem deut­schen Film. Be­weist er ihn und führt er den Nach­weis durch Phan­ta­sie, op­ti­sche Kühn­heit und durch Si­cher­heit im Hand­werk, dann ver­dient er je­de Hil­fe und dann wird er ei­nes er­rei­chen, was er zum Le­ben braucht: Er­folg beim deut­schen wie beim in­ter­na­tio­na­len Pu­bli­kum."
Die Fir­ma Dom­nick-Film-Pro­duk­ti­on GmbH, die zu die­ser Zeit den Film "Un­sterb­li­che Ge­lieb­te" nach dem Dreh­buch und un­ter der Re­gie des Film­re­gis­seurs Veit Har­lan her­stell­te, for­der­te dar­auf­hin den Be­schwer­deführer zu ei­ner Äußerung darüber auf, mit wel­cher Be­rech­ti­gung er die vor­erwähn­ten Erklärun­gen ge­gen Har­lan ab­ge­ge­ben ha­be. Der Be­schwer­deführer er­wi­der­te mit Schrei­ben vom 27. Ok­to­ber 1950, das er als "Of­fe­nen Brief" der Pres­se überg­ab, u. a. fol­gen­des:
Das Schwur­ge­richt hat eben­so­we­nig wi­der­legt, daß Veit Har­lan für ei­nen großen Zeit­ab­schnitt des Hit­ler-Rei­ches der 'Na­zi­film-Re­gis­seur Nr. 1' und durch sei­nen 'Jud Süß'-Film ei­ner der wich­tigs­ten Ex­po­nen­ten der mörde­ri­schen Ju­den­het­ze der Na­zis war ... Es mag im In- und Aus­land Geschäfts­leu­te ge­ben, die sich an ei­ner Wie­der­kehr Har­lans nicht stoßen. Das mo­ra­li­sche An­se­hen Deutsch­lands in der Welt darf aber nicht von ro­bus­ten Geld­ver­die­nern er­neut rui­niert wer­den. Denn Har­lans Wie­der­auf­tre­ten muß kaum ver­narb­te Wun­den wie­der­auf­reißen und ab­klin­gen­des Mißtrau­en zum Scha­den des deut­schen Wie­der­auf­baus furcht­bar er­neu­ern. Es ist aus al­len die­sen Gründen nicht nur das Recht anständi­ger Deut­scher, son­dern so­gar ih­re Pflicht, sich im Kampf ge­gen die­sen unwürdi­gen Re­präsen­tan­ten des deut­schen Films über den Pro­test hin­aus auch zum Boy­kott be­reit­zu­hal­ten."
Die Dom­nick-Film-Pro­duk­ti­on GmbH und die Her­zog-Film GmbH (die­se als Ver­lei­he­rin des Films "Un­sterb­li­che Ge­lieb­te" für das Bun­des­ge­biet) er­wirk­ten nun beim Land­ge­richt Ham­burg ei­ne einst­wei­li­ge Verfügung ge­gen den Be­schwer­deführer, durch die ihm ver­bo­ten wur­de,
1. die deut­schen Thea­ter­be­sit­zer und Film­ver­lei­her auf­zu­for­dern, den Film "Un­sterb­li­che Ge­lieb­te" nicht in ihr Pro­gramm auf­zu­neh­men,
2. das deut­sche Pu­bli­kum auf­zu­for­dern, die­sen Film nicht zu be­su­chen.
Das Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg wies die Be­ru­fung des Be­schwer­deführers ge­gen das land­ge­richt­li­che Ur­teil zurück.
Auf An­trag des Be­schwer­deführers wur­de den bei­den Film­ge­sell­schaf­ten ei­ne Frist zur Kla­ge­er­he­bung ge­setzt. Auf ih­re Kla­ge er­ließ das Land­ge­richt Ham­burg am 22. No­vem­ber 1951 fol­gen­des Ur­teil:
"Der Be­klag­te wird ver­ur­teilt, es bei Ver­mei­dung ei­ner ge­richts­sei­tig fest­zu­set­zen­den Geld- oder Haft­stra­fe zu un­ter­las­sen,
1. die deut­schen Thea­ter­be­sit­zer und Film­ver­lei­her auf­zu­for­dern, den bei der Kläge­rin zu 1) pro­du­zier­ten und von der Kläge­rin zu 2) zum Ver­leih im Bun­des­ge­biet über­nom­me­nen Film 'Un­sterb­li­che Ge­lieb­te' nicht in ihr Pro­gramm auf­zu­neh­men,
Das Ur­teil ist ge­gen Si­cher­heits­leis­tung von 110 000 DM vorläufig voll­streck­bar."
Das Land­ge­richt er­blickt in den Äußerun­gen des Be­schwer­deführers ei­ne sit­ten­wid­ri­ge Auf­for­de­rung zum Boy­kott. Ihr Ziel sei, ein Wie­der­auf­tre­ten Har­lans "als Schöpfer re­präsen­ta­ti­ver Fil­me" zu ver­hin­dern. Die Auf­for­de­rung des Be­schwer­deführers lau­fe so­gar "prak­tisch dar­auf hin­aus, Har­lan von der Her­stel­lung nor­ma­ler Spiel­fil­me über­haupt aus­zu­schal­ten, denn je­der der­ar­ti­ge Film könn­te durch die Re­gie­leis­tung zu ei­nem re­präsen­ta­ti­ven Film wer­den". Da Har­lan aber in dem we­gen sei­ner Be­tei­li­gung an dem Film "Jud Süß" ge­gen ihn ein­ge­lei­te­ten Straf­ver­fah­ren rechts­kräftig frei­ge­spro­chen wor­den sei und auf Grund der Ent­schei­dung im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren in der Ausübung sei­nes Be­ru­fes kei­nen Be­schränkun­gen mehr un­ter­lie­ge, ver­s­toße die­ses Vor­ge­hen des Be­schwer­deführers ge­gen "die
de­mo­kra­ti­sche Rechts- und Sit­ten­auf­fas­sung des deut­schen Vol­kes". Dem Be­schwer­deführer wer­de nicht zum Vor­wurf ge­macht, daß er über das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans ei­ne ab­leh­nen­de Mei­nung geäußert ha­be, son­dern daß er die Öffent­lich­keit auf­ge­for­dert ha­be, durch ein be­stimm­tes Ver­hal­ten die Aufführung von Har­lan-Fil­men und da­mit das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans als Film­re­gis­seur unmöglich zu ma­chen. Die­se Boy­kott­auf­for­de­rung rich­te sich auch ge­gen die kla­gen­den Film­ge­sell­schaf­ten; denn wenn der in der Her­stel­lung be­find­li­che Film kei­nen Ab­satz fin­den könne, dro­he ih­nen ein emp­find­li­cher Vermögens­scha­den. Der ob­jek­ti­ve Tat­be­stand ei­ner un­er­laub­ten Hand­lung nach § 826 BGB sei da­mit erfüllt, ein Un­ter­las­sungs­an­spruch al­so ge­ge­ben.
Der Be­schwer­deführer leg­te ge­gen die­ses Ur­teil Be­ru­fung zum Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg ein. Gleich­zei­tig hat er Ver­fas­sungs­be­schwer­de er­ho­ben, in der er die Ver­let­zung sei­nes Grund­rechts auf freie Mei­nungsäußerung (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG) rügt. Er ha­be am Ver­hal­ten Har­lans und der Film­ge­sell­schaf­ten po­li­ti­sche und mo­ra­li­sche Kri­tik geübt. Da­zu sei er be­rech­tigt, denn Art. 5 GG verbürge nicht nur die Frei­heit der Re­de oh­ne Wir­kungs­ab­sicht, son­dern ge­ra­de auch die Frei­heit des Wir­kens durch das Wort. Sei­ne Äußerun­gen stell­ten Wert­ur­tei­le dar. Das Ge­richt ha­be ir­ri­ger­wei­se ge­prüft, ob sie in­halt­lich rich­tig sei­en und ge­bil­ligt wer­den könn­ten, während es nur dar­auf an­kom­me, ob sie recht­lich zulässig sei­en. Das aber sei­en sie, denn das Grund­recht der Mei­nungs­frei­heit ha­be so­zia­len Cha­rak­ter und gewähre ein sub­jek­ti­ves öffent­li­ches Recht dar­auf, durch geis­ti­ges Han­deln die öffent­li­che Mei­nung mit­zu­be­stim­men und an der "Ge­stal­tung des Vol­kes zum Staat" mit­zu­wir­ken. Die­ses Recht fin­de sei­ne Gren­ze aus­sch­ließlich in den "all­ge­mei­nen Ge­set­zen" (Art. 5 Abs. 2 GG). So­weit durch die Mei­nungsäußerung in das öffent­li­che, po­li­ti­sche Le­ben hin­ein­ge­wirkt wer­den sol­le, könn­ten als "all­ge­mei­ne Ge­set­ze" nur sol­che an­ge­se­hen wer­den, die öffent­li­ches Recht ent­hiel­ten, nicht aber die Nor­men des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs über un­er­laub­te Hand­lun­gen. Was da­ge­gen in der Sphäre des bürger­li­chen Rechts sonst un­er­laubt sei, könne durch Ver­fas­sungs­recht in der Sphäre des öffent­li­chen Rechts ge­recht­fer­tigt sein; die Grund­rech­te als sub­jek­ti­ve Rech­te mit Ver­fas­sungs­rang sei­en für das bürger­li­che Recht "Recht­fer­ti­gungs­gründe mit Vor­rang".
Dem Bun­des­mi­nis­ter der Jus­tiz, dem Se­nat der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg und den bei­den Film­ge­sell­schaf­ten wur­de Ge­le­gen­heit zur Äußerung ge­ge­ben. Der Se­nat hat mit­ge­teilt, daß er sich den Ausführun­gen der Ver­fas­sungs­be­schwer­de an­sch­ließe. Die Film­ge­sell­schaf­ten hal­ten das Ur­teil des Land­ge­richts für zu­tref­fend.
In der münd­li­chen Ver­hand­lung wa­ren der Be­schwer­deführer und die bei­den Film­ge­sell­schaf­ten ver­tre­ten.
Die Ak­ten des Land­ge­richts Ham­burg 15 Q 35/50 und 15 O 87/51 so­wie das Ur­teil des Schwur­ge­richts I in Ham­burg vom 29. April 1950 - (50) 16/50 / 14 Ks 8/49 wa­ren Ge­gen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung.
Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist zulässig; die Vor­aus­set­zun­gen für die An­wen­dung des § 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG (Ent­schei­dung vor Erschöpfung des Rechts­we­ges) lie­gen vor.
Der Be­schwer­deführer be­haup­tet, das Land­ge­richt ha­be durch das Ur­teil sein Grund­recht auf freie Mei­nungsäußerung aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 des Grund­ge­set­zes ver­letzt.
1. Das Ur­teil des Land­ge­richts, ein Akt der öffent­li­chen Ge­walt in der be­son­de­ren Er­schei­nungs­form der recht­spre­chen­den Ge­walt, kann durch sei­nen In­halt ein Grund­recht des Be­schwer­deführers nur ver­let­zen, wenn die­ses Grund­recht bei der Ur­teils­fin­dung zu be­ach­ten war.
Das Ur­teil un­ter­sagt dem Be­schwer­deführer Äußerun­gen, durch die er an­de­re da­hin be­ein­flus­sen könn­te, sich sei­ner Auf­fas­sung über das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans an­zu­sch­ließen und ihr Ver­hal­ten ge­genüber den von ihm ge­stal­te­ten Fil­men ent­spre­chend ein­zu­rich­ten. Das be­deu­tet ob­jek­tiv ei­ne Be­schränkung des Be­schwer­deführers in der frei­en Äußerung sei­ner Mei­nung. Das Land­ge­richt be­gründet sei­nen Aus­spruch da­mit, daß es die Äußerun­gen des Be­schwer­deführers als ei­ne un­er­laub­te Hand­lung nach § 826 BGB ge­genüber den Kläge­rin­nen be­trach­tet und die­sen da­her auf Grund der
Vor­schrif­ten des bürger­li­chen Rechts ei­nen An­spruch auf Un­ter­las­sung der Äußerun­gen zu­er­kennt. So führt der vom Land­ge­richt an­ge­nom­me­ne bürger­lich-recht­li­che An­spruch der Kläge­rin­nen durch das Ur­teil des Ge­richts zu ei­nem die Mei­nungs­frei­heit des Be­schwer­deführers be­schränken­den Aus­spruch der öffent­li­chen Ge­walt. Die­ser kann das Grund­recht des Be­schwer­deführers aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG nur ver­let­zen, wenn die an­ge­wen­de­ten Vor­schrif­ten des bürger­li­chen Rechts durch die Grund­rechts­norm in­halt­lich so be­ein­flußt wer­den, daß sie das Ur­teil nicht mehr tra­gen.
Die grundsätz­li­che Fra­ge, ob Grund­rechts­nor­men auf das bürger­li­che Recht ein­wir­ken und wie die­se Wir­kung im ein­zel­nen ge­dacht wer­den müsse, ist um­strit­ten (über den Stand der Mei­nun­gen sie­he neu­es­tens Lauf­ke in der Fest­schrift für Hein­rich Leh­mann, 1956, Band I S. 145 ff., und Dürig in der Fest­schrift für Na­wi­as­ky, 1956, S. 157 ff.). Die äußers­ten Po­si­tio­nen in die­sem Streit lie­gen ei­ner­seits in der The­se, daß die Grund­rech­te aus­sch­ließlich ge­gen den Staat ge­rich­tet sei­en, an­de­rer­seits in der Auf­fas­sung, daß die Grund­rech­te oder doch ei­ni­ge und je­den­falls die wich­tigs­ten von ih­nen auch im Pri­vat­rechts­ver­kehr ge­gen je­der­mann gälten. Die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kann we­der für die ei­ne noch für die an­de­re die­ser ex­tre­men Auf­fas­sun­gen in An­spruch ge­nom­men wer­den; die Fol­ge­run­gen, die das Bun­des­ar­beits­ge­richt in sei­nem Ur­teil vom 10. Mai 1957 - NJW 1957, S. 1688 - aus den Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17. und 23. Ja­nu­ar 1957 (BVerfGE 6, 55 und 6, 84) in die­ser Hin­sicht zieht, ge­hen zu weit. Auch jetzt be­steht kein An­laß, die Streit­fra­ge der so­ge­nann­ten "Dritt­wir­kung" der Grund­rech­te in vol­lem Um­fang zu erörtern. Zur Ge­win­nung ei­nes sach­ge­rech­ten Er­geb­nis­ses genügt fol­gen­des:
Oh­ne Zwei­fel sind die Grund­rech­te in ers­ter Li­nie da­zu be­stimmt, die Frei­heits­sphäre des ein­zel­nen vor Ein­grif­fen der öffent­li­chen Ge­walt zu si­chern; sie sind Ab­wehr­rech­te des Bürgers ge­gen den Staat. Das er­gibt sich aus der geis­tes­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung der Grund­rechts­idee wie aus den ge­schicht­li­chen Vorgängen, die zur Auf­nah­me von Grund­rech­ten in die Ver­fas­sun­gen der ein­zel­nen Staa­ten geführt ha­ben. Die­sen Sinn ha­ben auch die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes, das mit der Vor­an­stel­lung des Grund­rechts­ab­schnitts den Vor­rang des Men­schen und sei­ner Würde ge­genüber der Macht des Staa­tes be­to­nen woll­te. Dem ent­spricht es, daß der Ge­setz­ge­ber den be­son­de­ren Rechts­be­helf zur Wah­rung die­ser Rech­te, die Ver­fas­sungs­be­schwer­de, nur ge­gen Ak­te der öffent­li­chen Ge­walt gewährt hat.
Eben­so rich­tig ist aber, daß das Grund­ge­setz, das kei­ne wert­neu­tra­le Ord­nung sein will (BVerfGE 2, 1 [12] ; 5, 85 [ 134 ff., 197 ff. ] ; 6, 32 [40 f.]), in sei­nem Grund­rechts­ab­schnitt auch ei­ne ob­jek­ti­ve Wert­ord­nung auf­ge­rich­tet hat und daß ge­ra­de hier­in ei­ne prin­zi­pi­el­le Verstärkung der Gel­tungs­kraft der Grund­rech­te zum Aus­druck kommt (Klein-v. Man­goldt, Das Bon­ner Grund­ge­setz, Vor­bem. B III 4 vor Art. 1 S. 93). Die­ses Wert­sys­tem, das sei­nen Mit­tel­punkt in der in­ner­halb der so­zia­len Ge­mein­schaft sich frei ent­fal­ten­den men­sch­li­chen Persönlich­keit und ih­rer Würde fin­det, muß als ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­ent­schei­dung für al­le Be­rei­che des Rechts gel­ten; Ge­setz­ge­bung, Ver­wal­tung und Recht­spre­chung emp­fan­gen von ihm Richt­li­ni­en und Im­pul­se. So be­ein­flußt es selbst­verständ­lich auch das bürger­li­che Recht; kei­ne bürger­lich-recht­li­che Vor­schrift darf in Wi­der­spruch zu ihm ste­hen, je­de muß in sei­nem Geis­te aus­ge­legt wer­den.
Der Rechts­ge­halt der Grund­rech­te als ob­jek­ti­ver Nor­men ent­fal­tet sich im Pri­vat­recht durch das Me­di­um der die­ses Rechts­ge­biet un­mit­tel­bar be­herr­schen­den Vor­schrif­ten. Wie neu­es Recht im Ein­klang mit dem grund­recht­li­chen Wert­sys­tem ste­hen muß, so wird be­ste­hen­des älte­res Recht in­halt­lich auf die­ses Wert­sys­tem aus­ge­rich­tet; von ihm her fließt ihm ein spe­zi­fisch ver­fas­sungs­recht­li­cher Ge­halt zu, der fort­an sei­ne Aus­le­gung be­stimmt. Ein Streit zwi­schen Pri­va­ten über Rech­te und Pflich­ten aus sol­chen grund­recht­lich be­ein­flußten Ver­hal­tens­nor­men des bürger­li­chen Rechts bleibt ma­te­ri­ell und pro­zes­su­al ein bürger­li­cher Rechts­streit. Aus­ge­legt und an­ge­wen­det wird bürger­li­ches Recht, wenn auch sei­ne Aus­le­gung dem öffent­li­chen Recht, der Ver­fas­sung, zu fol­gen hat.
Der Ein­fluß grund­recht­li­cher Wert­maßstäbe wird sich vor al­lem bei den­je­ni­gen Vor­schrif­ten des Pri­vat­rechts gel­tend ma­chen, die zwin­gen­des Recht ent­hal­ten und so ei­nen Teil des ord­re pu­blic - im wei­ten Sin­ne - bil­den, d. h. der Prin­zi­pi­en, die aus Gründen des ge­mei­nen Wohls auch für die Ge­stal­tung der Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen den ein­zel­nen ver­bind­lich sein sol­len und des­halb der Herr­schaft des Pri­vat­wil­lens ent­zo­gen sind. Die­se Be­stim­mun­gen ha­ben nach ih­rem Zweck ei­ne na­he Ver­wandt­schaft mit dem öffent­li­chen Recht, dem sie sich ergänzend anfügen. Das muß sie in be­son­de­rem Maße dem Ein­fluß des Ver­fas­sungs­rechts aus­set­zen. Der Recht­spre­chung bie­ten sich zur Rea­li­sie­rung die­ses Ein­flus­ses vor al­lem die "Ge­ne­ral­klau­seln", die, wie § 826 BGB, zur Be­ur­tei­lung men­sch­li­chen Ver­hal­tens auf außer-
zi­vil­recht­li­che, ja zunächst über­haupt außer­recht­li­che Maßstäbe, wie die "gu­ten Sit­ten", ver­wei­sen. Denn bei der Ent­schei­dung darüber, was die­se so­zia­len Ge­bo­te je­weils im Ein­zel­fall for­dern, muß in ers­ter Li­nie von der Ge­samt­heit der Wert­vor­stel­lun­gen aus­ge­gan­gen wer­den, die das Volk in ei­nem be­stimm­ten Zeit­punkt sei­ner geis­tig-kul­tu­rel­len Ent­wick­lung er­reicht und in sei­ner Ver­fas­sung fi­xiert hat. Des­halb sind mit Recht die Ge­ne­ral­klau­seln als die "Ein­bruch­stel­len" der Grund­rech­te in das bürger­li­che Recht be­zeich­net wor­den (Dürig in Neu­mann-Nip­per­dey-Scheu­ner, Die Grund­rech­te, Band II S. 525).
Der Rich­ter hat kraft Ver­fas­sungs­ge­bots zu prüfen, ob die von ihm an­zu­wen­den­den ma­te­ri­el­len zi­vil­recht­li­chen Vor­schrif­ten in der be­schrie­be­nen Wei­se grund­recht­lich be­ein­flußt sind; trifft das zu, dann hat er bei Aus­le­gung und An­wen­dung die­ser Vor­schrif­ten die sich hier­aus er­ge­ben­de Mo­di­fi­ka­ti­on des Pri­vat­rechts zu be­ach­ten. Dies ist der Sinn der Bin­dung auch des Zi­vil­rich­ters an die Grund­rech­te (Art. 1 Abs. 3 GG). Ver­fehlt er die­se Maßstäbe und be­ruht sein Ur­teil auf der Außer­acht­las­sung die­ses ver­fas­sungs­recht­li­chen Ein­flus­ses auf die zi­vil­recht­li­chen Nor­men, so verstößt er nicht nur ge­gen ob­jek­ti­ves Ver­fas­sungs­recht, in­dem er den Ge­halt der Grund­rechts­norm (als ob­jek­ti­ver Norm) ver­kennt, er ver­letzt viel­mehr als Träger öffent­li­cher Ge­walt durch sein Ur­teil das Grund­recht, auf des­sen Be­ach­tung auch durch die recht­spre­chen­de Ge­walt der Bürger ei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen An­spruch hat. Ge­gen ein sol­ches Ur­teil kann - un­be­scha­det der Bekämp­fung des Rechts­feh­lers im bürger­lich-recht­li­chen In­stan­zen­zug - das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im We­ge der Ver­fas­sungs­be­schwer­de an­ge­ru­fen wer­den.
Das Ver­fas­sungs­ge­richt hat zu prüfen, ob das or­dent­li­che Ge­richt die Reich­wei­te und Wirk­kraft der Grund­rech­te im Ge­biet des bürger­li­chen Rechts zu­tref­fend be­ur­teilt hat. Dar­aus er­gibt sich aber zu­gleich die Be­gren­zung der Nach­prüfung: es ist nicht Sa­che des Ver­fas­sungs­ge­richts, Ur­tei­le des Zi­vil­rich­ters in vol­lem Um­fan­ge auf Rechts­feh­ler zu prüfen; das Ver­fas­sungs­ge­richt hat le­dig­lich die be­zeich­ne­te "Aus­strah­lungs­wir­kung" der Grund­rech­te auf das bürger­li­che Recht zu be­ur­tei­len und den Wert­ge­halt des Ver­fas­sungs­rechts­sat­zes auch hier zur Gel­tung zu brin­gen. Sinn des In­sti­tuts der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist es, daß al­le Ak­te der ge­setz­ge­ben­den, voll­zie­hen­den und rich­ter­li­chen Ge­walt auf ih­re "Grund­rechtsmäßig­keit" nach­prüfbar sein sol­len (§ 90 BVerfGG). So­we­nig das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­ru­fen ist, als Re­vi­si­ons- oder gar "Su­per­re­vi­si­ons"-In­stanz ge­genüber den Zi­vil­ge­rich­ten tätig zu wer­den, so­we­nig darf es von der Nach­prüfung sol­cher Ur­tei­le all­ge­mein ab­se­hen und an ei­ner in ih­nen et­wa zu­ta­ge tre­ten­den Ver­ken­nung grund­recht­li­cher Nor­men und Maßstäbe vorüber­ge­hen.
2. Die Pro­ble­ma­tik des Verhält­nis­ses der Grund­rech­te zum Pri­vat­recht scheint im Fal­le des Grund­rechts der frei­en Mei­nungsäußerung (Art. 5 GG) an­ders ge­la­gert zu sein. Die­ses Grund­recht ist - wie schon in der Wei­ma­rer Ver­fas­sung (Art. 118) - vom Grund­ge­setz nur in den Schran­ken der "all­ge­mei­nen Ge­set­ze" gewähr­leis­tet (Art. 5 Abs. 2). Oh­ne daß zunächst un­ter­sucht wird, wel­che Ge­set­ze "all­ge­mei­ne" Ge­set­ze in die­sem Sin­ne sind, ließe sich die Auf­fas­sung ver­tre­ten, hier ha­be die Ver­fas­sung selbst durch die Ver­wei­sung auf die Schran­ke der all­ge­mei­nen Ge­set­ze den Gel­tungs­an­spruch des Grund­rechts von vorn­her­ein auf den Be­reich be­schränkt, den ihm die Ge­rich­te durch ih­re Aus­le­gung die­ser Ge­set­ze noch be­las­sen. Das Er­geb­nis die­ser Aus­le­gung müsse, so­weit es ei­ne Be­schränkung des Grund­rechts dar­stel­le, hin­ge­nom­men wer­den und könne des­halb nie­mals als ei­ne "Ver­let­zung" des Grund­rechts an­ge­se­hen wer­den.
Dies ist in­des­sen nicht der Sinn der Ver­wei­sung auf die "all­ge­mei­nen Ge­set­ze". Das Grund­recht auf freie Mei­nungsäußerung ist als un­mit­tel­bars­ter Aus­druck der men­sch­li­chen Persönlich­keit in der Ge­sell­schaft ei­nes der vor­nehms­ten Men­schen­rech­te über­haupt (un des droits les plus précieux de l"hom­me nach Ar­ti­kel 11 der Erklärung der Men­schen- und Bürger­rech­te von 1789). Für ei­ne frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Staats­ord­nung ist es schlecht­hin kon­sti­tu­ie­rend, denn es ermöglicht erst die ständi­ge geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung, den Kampf der Mei­nun­gen, der ihr Le­bens­ele­ment ist (BVerfGE 5, 85 [205]). Es ist in ge­wis­sem Sinn die Grund­la­ge je­der Frei­heit über­haupt, "the ma­trix, the in­dis­pensa­ble con­di­ti­on of ne­ar­ly every other form of free­dom" (Car­do­zo).
Aus die­ser grund­le­gen­den Be­deu­tung der Mei­nungsäußerungs­frei­heit für den frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Staat er­gibt sich, daß es vom Stand­punkt die­ses Ver­fas­sungs­sys­tems aus nicht fol­ge­rich­tig wäre, die sach­li­che Reich­wei­te ge­ra­de die­ses Grund­rechts je­der Re­la­ti­vie­rung durch ein­fa­ches Ge­setz (und da­mit zwangsläufig durch die Recht­spre­chung der die Ge­set­ze aus­le­gen­den Ge­rich­te) zu über­las­sen. Es gilt viel­mehr im Prin­zip auch hier, was oben all­ge­mein über das Verhält­nis
der Grund­rech­te zur Pri­vat­rechts­ord­nung aus­geführt wur­de: die all­ge­mei­nen Ge­set­ze müssen in ih­rer das Grund­recht be­schränken­den Wir­kung ih­rer­seits im Lich­te der Be­deu­tung die­ses Grund­rechts ge­se­hen und so in­ter­pre­tiert wer­den, daß der be­son­de­re Wert­ge­halt die­ses Rechts, der in der frei­heit­li­chen De­mo­kra­tie zu ei­ner grundsätz­li­chen Ver­mu­tung für die Frei­heit der Re­de in al­len Be­rei­chen, na­ment­lich aber im öffent­li­chen Le­ben, führen muß, auf je­den Fall ge­wahrt bleibt. Die ge­gen­sei­ti­ge Be­zie­hung zwi­schen Grund­recht und "all­ge­mei­nem Ge­setz" ist al­so nicht als ein­sei­ti­ge Be­schränkung der Gel­tungs­kraft des Grund­rechts durch die "all­ge­mei­nen Ge­set­ze" auf­zu­fas­sen; es fin­det viel­mehr ei­ne Wech­sel­wir­kung in dem Sin­ne statt, daß die "all­ge­mei­nen Ge­set­ze" zwar dem Wort­laut nach dem Grund­recht Schran­ken set­zen, ih­rer­seits aber aus der Er­kennt­nis der wert­set­zen­den Be­deu­tung die­ses Grund­rechts im frei­heit­li­chen de­mo­kra­ti­schen Staat aus­ge­legt und so in ih­rer das Grund­recht be­gren­zen­den Wir­kung selbst wie­der ein­ge­schränkt wer­den müssen.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das durch das Rechts­in­sti­tut der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Wah­rung der Grund­rech­te letzt­lich be­ru­fen ist, muß dem­gemäß auch hier die recht­li­che Möglich­keit be­sit­zen, die Recht­spre­chung der Ge­rich­te dort zu kon­trol­lie­ren, wo sie in An­wen­dung ei­nes all­ge­mei­nen Ge­set­zes den grund­recht­lich be­stimm­ten Raum be­tre­ten und da­mit mögli­cher­wei­se den Gel­tungs­an­spruch des Grund­rechts im Ein­zel­fall un­zulässig be­schränken. Es muß zu sei­ner Kom­pe­tenz gehören, den spe­zi­fi­schen Wert, der sich in die­sem Grund­recht für die frei­heit­li­che De­mo­kra­tie verkörpert, al­len Or­ga­nen der öffent­li­chen Ge­walt, al­so auch den Zi­vil­ge­rich­ten, ge­genüber zur Gel­tung zu brin­gen und den ver­fas­sungs­recht­lich ge­woll­ten Aus­gleich zwi­schen den sich ge­gen­sei­tig wi­der­strei­ten­den, hem­men­den und be­schränken­den Ten­den­zen des Grund­rechts und der "all­ge­mei­nen Ge­set­ze" her­zu­stel­len.
3. Der Be­griff des "all­ge­mei­nen" Ge­set­zes war von An­fang an um­strit­ten. Es mag da­hin­ste­hen, ob der Be­griff nur in­fol­ge ei­nes Re­dak­ti­ons­ver­se­hens in den Ar­ti­kel 118 der Reichs­ver­fas­sung von 1919 ge­langt ist (sie­he da­zu Häntzschel im Hand­buch des deut­schen Staats­rechts, 1932, Band II S. 658). Je­den­falls ist er be­reits während der Gel­tungs­dau­er die­ser Ver­fas­sung da­hin aus­ge­legt wor­den, daß dar­un­ter al­le Ge­set­ze zu ver­ste­hen sind, die "nicht ei­ne Mei­nung als sol­che ver­bie­ten, die sich nicht ge­gen die Äußerung der Mei­nung als sol­che rich­ten", die viel­mehr "dem Schut­ze ei­nes schlecht­hin, oh­ne Rück­sicht auf ei­ne be­stimm­te Mei­nung, zu schützen­den Rechts­guts die­nen", dem Schut­ze ei­nes Ge­mein­schafts­werts, der ge­genüber der Betäti­gung der Mei­nungs­frei­heit den Vor­rang hat (vgl. die Zu­sam­men­stel­lung der in­halt­lich ü er­ein­stim­men­den For­mu­lie­run­gen bei Klein-v. Man­goldt, aaO, S. 250 f., so­wie Veröffentl. der Ver­ei­ni­gung der Deut­schen Staats­rechts­leh­rer, Heft 4, 1928, S. 6 ff., bes. S. 18 ff., 51 ff.). Dem stim­men auch die Aus­le­ger des Grund­ge­set­zes zu (vgl. et­wa Ridder in Neu­mann-Nip­per­dey-Scheu­ner, Die Grund­rech­te, Band II S. 282: "Ge­set­ze, die nicht die rein geis­ti­ge Wir­kung der rei­nen Mei­nungsäußerung in­hi­bie­ren").
Wird der Be­griff "all­ge­mei­ne Ge­set­ze" so ver­stan­den, dann er­gibt sich zu­sam­men­fas­send als Sinn des Grund­rechts­schut­zes:
Die Auf­fas­sung, daß nur das Äußern ei­ner Mei­nung grund­recht­lich geschützt sei, nicht die dar­in lie­gen­de oder da­mit be­zweck­te Wir­kung auf an­de­re, ist ab­zu­leh­nen. Der Sinn ei­ner Mei­nungs äußerung ist es ge­ra­de, "geis­ti­ge Wir­kung auf die Um­welt" aus­ge­hen zu las­sen, "mei­nungs­bil­dend und über­zeu­gend auf die Ge­samt­heit zu wir­ken" (Häntzschel, HdbDStR II, S. 655). Des­halb sind Wert­ur­tei­le, die im­mer ei­ne geis­ti­ge Wir­kung er­zie­len, nämlich an­de­re über­zeu­gen wol­len, vom Grund­recht des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG geschützt; ja der Schutz des Grund­rechts be­zieht sich in ers­ter Li­nie auf die im Wert­ur­teil zum Aus­druck kom­men­de ei­ge­ne Stel­lung­nah­me des Re­den­den, durch die er auf an­de­re wir­ken will. Ei­ne Tren­nung zwi­schen (geschütz­ter) Äußerung und (nicht geschütz­ter) Wir­kung der Äußerung wäre sinn­wid­rig.
Die - so ver­stan­de­ne - Mei­nungsäußerung ist als sol­che, d.h. in ih­rer rein geis­ti­gen Wir­kung, frei; wenn aber durch sie ein ge­setz­lich geschütz­tes Rechts­gut ei­nes an­de­ren be­ein­träch­tigt wird, des­sen Schutz ge­genüber der Mei­nungs­frei­heit den Vor­rang ver­dient, so wird die­ser Ein­griff nicht da­durch er­laubt, daß er mit­tels ei­ner Mei­nungsäußerung be­gan­gen wird. Es wird des­halb ei­ne "Güter­abwägung" er­for­der­lich: Das Recht zur Mei­nungsäußerung muß zurück­tre­ten, wenn schutzwürdi­ge In­ter­es­sen ei­nes an­de­ren von höhe­rem Rang durch die Betäti­gung der Mei­nungs­frei­heit ver­letzt würden. Ob sol­che über­wie­gen­den In­ter­es­sen an­de­rer vor­lie­gen, ist auf Grund al­ler Umstände des Fal­les zu er­mit­teln.
4. Von die­ser Auf­fas­sung aus be­ste­hen kei­ne Be­den­ken da­ge­gen, auch Nor­men des bürger­li­chen
Rechts als "all­ge­mei­ne Ge­set­ze" im Sin­ne des Art. 5 Abs. 2 GG an­zu­er­ken­nen. Wenn das bis­her in der Li­te­ra­tur im all­ge­mei­nen nicht ge­sche­hen ist (wor­auf auch Klein-v. Man­goldt, aaO, S. 251, hin­weist), so kommt dar­in nur zum Aus­druck, daß man die Grund­rech­te le­dig­lich in ih­rer Wir­kung zwi­schen Bürger und Staat ge­se­hen hat, so daß fol­ge­rich­tig als ein­schränken­de all­ge­mei­ne Ge­set­ze nur sol­che in Be­tracht ka­men, die staat­li­ches Han­deln ge­genüber dem ein­zel­nen re­geln, al­so Ge­set­ze öffent­lich-recht­li­chen Cha­rak­ters. Wenn aber das Grund­recht der frei­en Mei­nungsäußerung auch in den Pri­vat­rechts­ver­kehr hin­ein­wirkt und sein Ge­wicht sich hier zu­guns­ten der Zulässig­keit ei­ner Mei­nungsäußerung auch dem ein­zel­nen Mitbürger ge­genüber gel­tend macht, so muß auf der an­dern Sei­te auch die das Grund­recht un­ter Umständen be­schränken­de Ge­gen­wir­kung ei­ner pri­vat­recht­li­chen Norm, so­weit sie höhe­re Rechtsgüter zu schützen be­stimmt ist, be­ach­tet wer­den. Es wäre nicht ein­zu­se­hen, war­um zi­vil­recht­li­che Vor­schrif­ten, die die Eh­re oder an­de­re we­sent­li­che Güter der men­sch­li­chen Persönlich­keit schützen, nicht aus­rei­chen soll­ten, um der Ausübung des Grund­rechts der frei­en Mei­nungsäußerung Schran­ken zu set­zen, auch oh­ne daß zu dem glei­chen Zweck Straf­vor­schrif­ten er­las­sen wer­den.
Der Be­schwer­deführer befürch­tet, daß durch Be­schränkung der Re­de­frei­heit ei­nem ein­zel­nen ge­genüber die Ge­fahr her­auf­geführt wer­den könn­te, der Bürger wer­de in der Möglich­keit, durch sei­ne Mei­nung in der Öffent­lich­keit zu wir­ken, all­zu­sehr be­engt und die un­erläßli­che Frei­heit der öffent­li­chen Erörte­rung ge­mein­schafts­wich­ti­ger Fra­gen sei nicht mehr gewähr­leis­tet. Die­se Ge­fahr be­steht in der Tat (vgl. da­zu Ernst Hel­le, Der Schutz der persönli­chen Eh­re und des wirt­schaft­li­chen Ru­fes im Pri­vat­recht, 1957, S. 65, 83-85, 153). Um ihr zu be­geg­nen, ist es aber nicht er­for­der­lich, das bürger­li­che Recht aus der Rei­he der all­ge­mei­nen Ge­set­ze schlecht­hin aus­zu­schei­den. Es muß nur auch hier der frei­heit­li­che Ge­halt des Grund­rechts ent­schie­den fest­ge­hal­ten wer­den. Es wird vor al­lem dort in die Waag­scha­le fal­len müssen, wo von dem Grund­recht nicht zum Zwe­cke pri­va­ter Aus­ein­an­der­set­zun­gen Ge­brauch ge­macht wird, der Re­den­de viel­mehr in ers­ter Li­nie zur Bil­dung der öffent­li­chen Mei­nung bei­tra­gen will, so daß die et­wai­ge Wir­kung sei­ner Äußerung auf den pri­va­ten Rechts­kreis ei­nes an­de­ren zwar ei­ne un­ver­meid­li­che Fol­ge, aber nicht das ei­gent­li­che Ziel der Äußerung dar­stellt. Ge­ra­de hier wird das Verhält­nis von Zweck und Mit­tel be­deut­sam. Der Schutz des pri­va­ten Rechts­guts kann und muß um so mehr zurück­tre­ten, je mehr es sich nicht um ei­ne un­mit­tel­bar ge­gen die­ses Rechts­gut ge­rich­te­te Äußerung im pri­va­ten, na­ment­lich im wirt­schaft­li­chen Ver­kehr und in Ver­fol­gung ei­gennützi­ger Zie­le, son­dern um ei­nen Bei­trag zum geis­ti­gen Mei­nungs­kampf in ei­ner die Öffent­lich­keit we­sent­lich berühren­den Fra­ge durch ei­nen da­zu Le­gi­ti­mier­ten han­delt; hier spricht die Ver­mu­tung für die Zulässig­keit der frei­en Re­de.
Es er­gibt sich al­so: Auch Ur­tei­le des Zi­vil­rich­ters, die auf Grund "all­ge­mei­ner Ge­set­ze" bürger­lich- recht­li­cher Art im Er­geb­nis zu ei­ner Be­schränkung der Mei­nungs­frei­heit ge­lan­gen, können das Grund­recht aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG ver­let­zen. Auch der Zi­vil­rich­ter hat je­weils die Be­deu­tung des Grund­rechts ge­genüber dem Wert des im "all­ge­mei­nen Ge­setz" geschütz­ten Rechts­guts für den durch die Äußerung an­geb­lich Ver­letz­ten ab­zuwägen. Die Ent­schei­dung kann nur aus ei­ner Ge­samt­an­schau­ung des Ein­zel­fal­les un­ter Be­ach­tung al­ler we­sent­li­chen Umstände ge­trof­fen wer­den. Ei­ne un­rich­ti­ge Abwägung kann das Grund­recht ver­let­zen und so die Ver­fas­sungs­be­schwer­de zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­gründen.
Die Be­ur­tei­lung des Fal­les auf Grund der vor­ste­hen­den all­ge­mei­nen Dar­le­gun­gen er­gibt, daß die Rüge des Be­schwer­deführers be­rech­tigt ist. Ge­gen­stand der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prüfung ist da­bei der In­halt des land­ge­richt­li­chen Ur­teils, wie er sich aus Te­nor und Ent­schei­dungs­gründen er­gibt. Ob die Ent­schei­dung des Ge­richts auch dann ver­fas­sungs­recht­li­chen Be­den­ken un­terläge, wenn sie - im An­schluß an die Ausführun­gen im Ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg im Ver­fah­ren der einst­wei­li­gen Verfügung - auf die Be­stim­mung des § 823 Abs. 1 BGB gestützt wor­den wäre, kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht ab­sch­ließend ent­schei­den, weil nicht oh­ne wei­te­res un­ter­stellt wer­den darf, daß das Land­ge­richt sich die Be­gründung des Ober­lan­des­ge­richts in al­len Ein­zel­hei­ten zu ei­gen ge­macht ha­ben würde. We­gen der sich hier er­ge­ben­den Pro­ble­me mag auf die Ausführun­gen von Hel­le, aaO, S. 75 ff. (bes. S. 83-85) ver­wie­sen wer­den.
1. In der münd­li­chen Ver­hand­lung ist erörtert wor­den, ob das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt an die tatsächli­chen Fest­stel­lun­gen, die das Land­ge­richt sei­nem Ur­teil zu­grun­de ge­legt hat, ge­bun­den ist. Das
ist nicht le­dig­lich mit dem Hin­weis zu be­ant­wor­ten, daß nach § 26 BVerfGG im Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der Grund­satz der ma­te­ri­el­len Wahr­heits­fin­dung gilt; denn der hier an­ge­grif­fe­ne Akt der öffent­li­chen Ge­walt ist in ei­nem Ver­fah­ren zu­stan­de ge­kom­men, das sei­ner­seits von der "Dis­po­si­ti­ons­ma­xi­me" be­herrscht wird. Die Fra­ge braucht je­doch hier nicht grundsätz­lich ent­schie­den zu wer­den. Die äußeren Tat­sa­chen, na­ment­lich der Wort­laut der Äußerun­gen des Be­schwer­deführers, sind un­be­strit­ten; un­be­strit­ten ist auch, daß der Be­schwer­deführer als Pri­vat­mann, nicht als Ver­tre­ter des ham­bur­gi­schen Staa­tes, ge­spro­chen hat. In der Deu­tung der Äußerun­gen kann dem Land­ge­richt je­den­falls so­weit ge­folgt wer­den, als es dar­in ei­ne "Auf­for­de­rung zum Boy­kott", auch in Rich­tung ge­gen die Film­ge­sell­schaf­ten, sieht. Der Be­schwer­deführer selbst hat in­so­weit kei­ne Be­den­ken er­ho­ben. Was das Ziel der Äußerun­gen an­langt, so ist es un­be­denk­lich, wenn das Land­ge­richt fest­stellt, daß der Be­schwer­deführer "ein Wie­der­auf­tre­ten Har­lans als Schöpfer re­präsen­ta­ti­ver Fil­me" ha­be ver­hin­dern wol­len; ob die dar­an ge­knüpfte Fol­ge­rung, daß dies "prak­tisch dar­auf hin­aus­lau­fe", Har­lan von der Her­stel­lung nor­ma­ler Spiel­fil­me über­haupt aus­zu­schal­ten, an­ge­sichts des Wort­lauts der Äußerun­gen nicht doch zu weit geht, muß frei­lich zwei­fel­haft er­schei­nen, kann aber da­hin­ge­stellt blei­ben, da es für die Ent­schei­dung oh­ne Be­deu­tung ist.
Für die recht­li­che Be­ur­tei­lung ist da­von aus­zu­ge­hen, daß "Boy­kott" kein ein­deu­ti­ger Rechts­be­griff ist, der als sol­cher schon ei­ne un­er­laub­te (sit­ten­wid­ri­ge) Hand­lung be­zeich­net. In der Recht­spre­chung ist mit Recht dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den (so be­son­ders RGZ 155, 257 [276 f.]), daß es kei­nen fest um­grenz­ten Tat­be­stand des sit­ten­wid­ri­gen Boy­kotts gibt, daß es viel­mehr im­mer dar­auf an­kommt, ob ein Ver­hal­ten in sei­nem kon­kre­ten Zu­sam­men­hang als "sit­ten­wid­rig" an­zu­se­hen ist. Auch aus die­sem Grun­de ist es un­be­denk­lich, die Deu­tung des Land­ge­richts zu über­neh­men; denn sie sagt über die recht­li­chen Fol­gen die­ser Be­ur­tei­lung noch nichts Ent­schei­den­des aus. Man muß sich von der Sug­ges­tiv­kraft des Be­griffs "Boy­kott" frei­hal­ten und das Ver­hal­ten des Be­schwer­deführers im Zu­sam­men­hang mit al­len sei­nen Be­gleit­umständen se­hen.
2. Das Land­ge­richt hat die Ver­ur­tei­lung des Be­schwer­deführers auf § 826 BGB gestützt. Es nimmt an, daß das Ver­hal­ten des Be­schwer­deführers im Sin­ne die­ser Be­stim­mung ge­gen die gu­ten Sit­ten, ge­gen die "de­mo­kra­ti­sche Rechts- und Sit­ten­auf­fas­sung des deut­schen Vol­kes", ver­s­toßen ha­be und des­halb ei­ne un­er­laub­te Hand­lung dar­stel­le, da ein Recht­fer­ti­gungs­grund nicht er­kenn­bar sei. Da­bei brau­che der­je­ni­ge, des­sen Recht sit­ten­wid­rig be­ein­träch­tigt wer­de, nicht mit dem Geschädig­ten iden­tisch zu sein.
Nach dem oben zu II 4 Aus­geführ­ten muß § 826 BGB, der grundsätz­lich al­le Rech­te und Güter ge­gen sit­ten­wid­ri­ge An­grif­fe schützt, als ein "all­ge­mei­nes Ge­setz" im Sin­ne des Art. 5 Abs. 2 GG an­ge­se­hen wer­den. Die Prüfung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts be­schränkt sich da­nach auf die Fra­ge, ob das Land­ge­richt bei der An­wen­dung die­ser Ge­ne­ral­klau­sel Be­deu­tung und Reich­wei­te des Grund­rechts der frei­en Mei­nungsäußerung rich­tig er­kannt und ge­gen die In­ter­es­sen Har­lans und der Film­ge­sell­schaf­ten ab­ge­wo­gen hat.
§ 826 BGB ver­weist auf den Maßstab der "gu­ten Sit­ten". Es han­delt sich hier nicht um ir­gend­wie vor­ge­ge­be­ne und da­her (grundsätz­lich) un­veränder­li­che Prin­zi­pi­en rei­ner Sitt­lich­keit, son­dern um die An­schau­un­gen der "anständi­gen Leu­te" da­von, was im so­zia­len Ver­kehr zwi­schen den Rechts­ge­nos­sen "sich gehört". Die­se An­schau­un­gen sind ge­schicht­lich wan­del­bar, können da­her - in ge­wis­sen Gren­zen - auch durch recht­li­che Ge­bo­te und Ver­bo­te be­ein­flußt wer­den. Der Rich­ter, der das hier­nach so­zi­al Ge­for­der­te oder Un­ter­sag­te im Ein­zel­fall er­mit­teln muß, hat sich, wie aus der Na­tur der Sa­che folgt, ihm aber auch in Art. 1 Abs. 3 GG aus­drück­lich vor­ge­schrie­ben ist, da­bei an je­ne grundsätz­li­chen Wer­tent­schei­dun­gen und so­zia­len Ord­nungs­prin­zi­pi­en zu hal­ten, die er im Grund­rechts­ab­schnitt der Ver­fas­sung fin­det. In­ner­halb die­ser Wert­ord­nung, die zu­gleich ei­ne Wer­trang ord­nung ist, muß auch die hier er­for­der­li­che Abwägung zwi­schen dem Grund­recht aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG und den sei­ne Ausübung be­schränken­den Rech­ten und Rechtsgütern vor­ge­nom­men wer­den.
Für die Ent­schei­dung der Fra­ge, ob ei­ne Auf­for­de­rung zum Boy­kott nach die­sen Maßstäben sit­ten­wid­rig ist, sind zunächst Mo­ti­ve, Ziel und Zweck der Äußerun­gen zu prüfen; fer­ner kommt es dar­auf an, ob der Be­schwer­deführer bei der Ver­fol­gung sei­ner Zie­le das Maß der nach den Umständen not­wen­di­gen und an­ge­mes­se­nen Be­ein­träch­ti­gung der In­ter­es­sen Har­lans und der Film­ge­sell­schaf­ten nicht über­schrit­ten hat.
a) Si­cher­lich haf­tet den Mo­ti­ven, die den Be­schwer­deführer zu sei­nen Äußerun­gen ver­an­laßt ha­ben,
nichts Sit­ten­wid­ri­ges an. Der Be­schwer­deführer hat kei­ne ei­ge­nen In­ter­es­sen wirt­schaft­li­cher Art ver­folgt; er stand na­ment­lich we­der mit den kla­gen­den Film­ge­sell­schaf­ten noch mit Har­lan in Kon­kur­renz­be­zie­hun­gen. Das Land­ge­richt hat selbst be­reits in sei­nem Ur­teil im Ver­fah­ren der einst­wei­li­gen Verfügung fest­ge­stellt, die münd­li­che Ver­hand­lung ha­be nicht die ge­rings­ten An­halts­punk­te dafür er­ge­ben, daß der Be­schwer­deführer et­wa "aus ei­gennützi­gen bzw. nicht ach­tens­wer­ten Mo­ti­ven" ge­han­delt ha­be. Dem ist von kei­ner Sei­te wi­der­spro­chen wor­den.
b) Das Ziel der Äußerun­gen des Be­schwer­deführers war, wie er selbst an­gibt, Har­lan als re­präsen­ta­ti­ven Ver­tre­ter des deut­schen Films aus­zu­schal­ten; er woll­te ver­hin­dern, daß Har­lan wie­der als Schöpfer re­präsen­ta­ti­ver deut­scher Fil­me her­aus­ge­stellt wer­de und da­mit der An­schein ent­ste­he, als sei ein neu­er Auf­stieg des deut­schen Films not­wen­dig mit der Per­son Har­lans ver­bun­den. Die Ge­rich­te ha­ben nicht zu be­ur­tei­len, ob die­se Ziel­set­zung sach­lich zu bil­li­gen ist, son­dern nur, ob ih­re Be­kun­dung in der vom Be­schwer­deführer gewähl­ten Form recht­lich zulässig war.
Die Äußerun­gen des Be­schwer­deführers müssen im Rah­men sei­ner all­ge­mei­nen po­li­ti­schen und kul­tur­po­li­ti­schen Be­stre­bun­gen ge­se­hen wer­den. Er war von der Sor­ge be­wegt, das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans könne - vor al­lem im Aus­land - so ge­deu­tet wer­den, als ha­be sich im deut­schen Kul­tur­le­ben ge­genüber der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zeit nichts geändert; wie da­mals, so sei Har­lan auch jetzt wie­der der re­präsen­ta­ti­ve deut­sche Film­re­gis­seur. Die­se Befürch­tun­gen be­tra­fen ei­ne für das deut­sche Volk sehr we­sent­li­che Fra­ge, im Grun­de die sei­ner sitt­li­chen Hal­tung und sei­ner dar­auf be­ru­hen­den Gel­tung in der Welt. Dem deut­schen An­se­hen hat nichts so ge­scha­det wie die grau­sa­me Ver­fol­gung der Ju­den durch den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Es be­steht al­so ein ent­schei­den­des In­ter­es­se dar­an, daß die Welt ge­wiß sein kann, das deut­sche Volk ha­be sich von die­ser Geis­tes­hal­tung ab­ge­wandt und ver­ur­tei­le sie nicht aus po­li­ti­schen Op­por­tu­nitäts­gründen, son­dern aus der durch ei­ge­ne in­ne­re Um­kehr ge­won­ne­nen Ein­sicht in ih­re Ver­werf­lich­keit.
Die Befürch­tun­gen des Be­schwer­deführers sind von ihm nicht nachträglich kon­stru­iert, sie ent­spre­chen der Sach­la­ge, wie sie sich da­mals für ihn dar­stell­te. Das ist später un­ter an­de­rem da­durch bestätigt wor­den, daß z.B. in der Schweiz der Ver­such, den Film "Un­sterb­li­che Ge­lieb­te" zu zei­gen, zu leb­haf­ten Pro­tes­ten, ja so­gar zu ei­ner In­ter­pel­la­ti­on im Na­tio­nal­rat und zu ei­ner amt­li­chen Stel­lung­nah­me des Bun­des­rats geführt hat (vgl. Neue Zei­tung Nr. 70 vom 22./23. März 1952 und Neue Zürcher Zei­tung, Fern­aus­ga­be Nr. 327 vom 28. No­vem­ber 1951); der Film wur­de ein­hel­lig nicht we­gen sei­nes In­halts, son­dern we­gen der Mit­wir­kung Har­lans ab­ge­lehnt und in­fol­ge die­ser zahl­rei­chen nach­drück­li­chen In­ter­ven­tio­nen auch nicht auf­geführt. Auch in meh­re­ren deut­schen Städten wur­de aus den glei­chen Gründen ge­gen die Aufführung des Films de­mons­triert. Der Be­schwer­deführer konn­te al­so in dem Wie­der­auf­tre­ten Har­lans ei­nen im In­ter­es­se der deut­schen Ent­wick­lung und des deut­schen An­se­hens in der Welt zu be­kla­gen­den Vor­gang se­hen. Die sich hier­mit - nach sei­ner Auf­fas­sung - an­bah­nen­de Ent­wick­lung woll­te er ver­hin­dern.
Das Land­ge­richt hält es für zulässig, daß der Be­schwer­deführer über das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans ei­ne Mei­nung geäußert hat, macht ihm aber zum Vor­wurf, daß er die Öffent­lich­keit auf­ge­for­dert ha­be, durch ein be­stimm­tes Ver­hal­ten das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans unmöglich zu ma­chen. Bei die­ser Un­ter­schei­dung wird über­se­hen, daß der Be­schwer­deführer, wenn man ihm schon ge­stat­ten will, über das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans ei­ne (ab­leh­nen­de) Mei­nung zu äußern, kaum über das hin­aus­ging, was in die­sem Wert­ur­teil be­reits ent­hal­ten war. Denn die Auf­for­de­rung, Har­lan-Fil­me nicht ab­zu­neh­men und nicht zu be­su­chen, er­gab sich als Wir­kung des ne­ga­ti­ven Wert­ur­teils über das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans ge­ra­de­zu von selbst. Das sach­li­che An­lie­gen des Be­schwer­deführers war es, die Ge­fahr na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ein­flüsse auf das deut­sche Film­we­sen von vorn­her­ein ab­zu­weh­ren; von da her hat er fol­ge­rich­tig das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans bekämpft. Har­lan er­scheint hier als persönli­cher Ex­po­nent ei­ner be­stimm­ten, vom Be­schwer­deführer ab­ge­lehn­ten kul­tur­po­li­ti­schen Ent­wick­lung. Der zulässi­ge An­griff ge­gen die­se führ­te mit ei­ner ge­wis­sen Not­wen­dig­keit zu ei­nem Ein­griff in die persönli­che Rechts­sphäre Har­lans.
Der Be­schwer­deführer war durch sei­ne be­son­ders na­he persönli­che Be­zie­hung zu al­lem, was das deutsch-jüdi­sche Verhält­nis be­traf, le­gi­ti­miert, sei­ne Auf­fas­sung in der Öffent­lich­keit dar­zu­le­gen. Er war da­mals be­reits durch sei­ne Be­stre­bun­gen um Wie­der­her­stel­lung ei­nes wah­ren in­ne­ren Frie­dens mit dem jüdi­schen Vol­ke be­kannt ge­wor­den. Er war führend in der Ge­sell­schaft für christ­lich-jüdi­sche Zu­sam­men­ar­beit tätig; er hat­te kurz vor­her in Rund­funk und Pres­se die Ak­ti­on "Frie­de mit Is­ra­el"
ein­ge­lei­tet, die in Deutsch­land und im Aus­land leb­haft dis­ku­tiert wor­den war und ihm zahl­rei­che Zu­stim­mungs­erklärun­gen ein­ge­bracht hat­te. Es ist be­greif­lich, daß er befürch­te­te, al­le die­se Be­stre­bun­gen könn­ten durch das Wie­der­auf­tre­ten Har­lans gestört und durch­kreuzt wer­den. Er durf­te aber auch da­von aus­ge­hen, daß man in der Öffent­lich­keit ge­ra­de von ihm ei­ne Äußerung da­zu er­war­te, zu­mal er aus An­laß ei­ner "Wo­che des deut­schen Films" oh­ne­dies zu ak­tu­el­len Film­fra­gen zu spre­chen hat­te und die un­mit­tel­bar be­vor­ste­hen­de Aufführung des ers­ten neu­en Har­lan-Films in Fach­krei­sen si­cher­lich als ein wich­ti­ges Er­eig­nis ge­wer­tet wur­de. Der Be­schwer­deführer konn­te die Emp­fin­dung ha­ben, daß er hier ei­ner Stel­lung­nah­me nicht aus­wei­chen dürfe. Dar­aus er­gab sich für ihn ei­ne de­fen­si­ve Si­tua­ti­on, die sei­ne Äußerun­gen nicht als ei­nen un­mo­ti­vier­ten und je­den­falls un­pro­vo­zier­ten An­griff, son­dern als ei­ne verständ­li­che Re­ak­ti­on der Ab­wehr er­schei­nen läßt.
Das Ver­lan­gen, der Be­schwer­deführer hätte bei die­ser Sach­la­ge von der Kund­ga­be sei­ner Auf­fas­sung, daß Har­lan von der Mit­wir­kung an re­präsen­ta­ti­ven Fil­men aus­ge­schal­tet wer­den sol­le, mit Rück­sicht auf die be­ruf­li­chen In­ter­es­sen Har­lans und die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen der ihn beschäfti­gen­den Film­ge­sell­schaf­ten trotz­dem ab­se­hen müssen, ist un­be­rech­tigt. Die Film­ge­sell­schaf­ten mögen bei ih­rem Ent­schluß, Har­lan wie­der zu beschäfti­gen, for­mal kor­rekt ver­fah­ren sein. Wenn sie da­bei aber die darüber hin­aus ver­blei­ben­de mo­ra­li­sche Pro­ble­ma­tik des Fal­les nicht berück­sich­tigt ha­ben, dann kann das nicht da­zu führen, das Vor­ge­hen des Be­schwer­deführers, der ge­ra­de die­se Pro­ble­ma­tik auf­griff, als "un­sitt­lich" zu be­zeich­nen und ihm so die Frei­heit der Mei­nungsäußerung zu be­schnei­den. Da­mit würde der Wert, den das Grund­recht der frei­en Mei­nungsäußerung für die frei­heit­li­che De­mo­kra­tie ge­ra­de da­durch be­sitzt, daß es die öffent­li­che Dis­kus­si­on über Ge­genstände von all­ge­mei­ner Be­deu­tung und erns­tem Ge­halt gewähr­leis­tet, emp­find­lich ge­schmälert. Wenn es dar­um geht, daß sich in ei­ner für das Ge­mein­wohl wich­ti­gen Fra­ge ei­ne öffent­li­che Mei­nung bil­det, müssen pri­va­te und na­ment­lich wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen ein­zel­ner grundsätz­lich zurück­tre­ten. Die­se In­ter­es­sen sind dar­um nicht schutz­los; denn der Wert des Grund­rechts zeigt sich ge­ra­de auch dar­in, daß je­der von ihm Ge­brauch ma­chen kann. Wer sich durch die öffent­li­che Äußerung ei­nes an­dern ver­letzt fühlt, kann eben­falls vor der Öffent­lich­keit er­wi­dern. Erst im Wi­der­streit der in glei­cher Frei­heit vor­ge­tra­ge­nen Auf­fas­sun­gen kommt die öffent­li­che Mei­nung zu­stan­de, bil­den sich die ein­zel­nen an­ge­spro­che­nen Mit­glie­der der Ge­sell­schaft ih­re persönli­che An­sicht. Der Be­schwer­deführer hat zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, daß es z.B. grundsätz­lich zulässig ist, aus ernst­haf­ten Mo­ti­ven in der Öffent­lich­keit den Ab­satz be­stimm­ter Wa­ren oder be­stimm­te Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men des Ver­kaufs zu bekämp­fen, auch wenn bei Er­folg sol­cher Mei­nungsäußerun­gen wirt­schaft­li­che Un­ter­neh­men zum Er­lie­gen kämen, Ar­beitsplätze ver­lo­ren­gin­gen u. dgl. Sol­che Äußerun­gen können nicht schon we­gen die­ser mögli­chen Fol­gen ge­richt­lich un­ter­sagt wer­den - den An­ge­grif­fe­nen steht es aber frei, sich durch Dar­le­gung ih­rer Auf­fas­sung zur Wehr zu set­zen.
In die­sem Zu­sam­men­hang hat das Land­ge­richt auf Art. 2 GG hin­ge­wie­sen. Es geht da­von aus, Har­lan dürfe sei­nen Be­ruf als Film­re­gis­seur wie­der auf­neh­men und ausüben, da er vom Schwur­ge­richt, vor dem er we­gen ei­nes Ver­bre­chens ge­gen die Men­sch­lich­keit nach dem Kon­troll­rats­ge­setz Nr. 10 an­ge­klagt war, frei­ge­spro­chen, im Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren als "Ent­las­te­ter" ein­ge­stuft wor­den sei und die Spit­zen­or­ga­ni­sa­ti­on der Film­wirt­schaft (Spio) al­le Tätig­keits­be­schränkun­gen ge­gen ihn auf­ge­ho­ben ha­be. Ar­ti­kel 2 wir­ke al­ler­dings nur ge­gen die öffent­li­che Ge­walt; zu­gleich kom­me aber in der Be­stim­mung die sitt­li­che Auf­fas­sung des deut­schen Vol­kes zum Aus­druck, mit der Fol­ge, daß die ei­genmäch­ti­ge Be­schränkung die­ses Grund­rechts, "von wem sie auch kom­men mag", ge­gen die gu­ten Sit­ten ver­s­toße. Dar­an ist rich­tig, daß auch Art. 2 GG zu dem grund­recht­li­chen Wert­sys­tem gehört und die Vor­stel­lun­gen da­von, was wi­der die "gu­ten Sit­ten" verstößt, maßgeb­lich be­ein­flus­sen kann. Trotz­dem wird hier die Be­deu­tung des Ar­ti­kels 2 nicht rich­tig ge­se­hen. Daß der Staat, die öffent­li­che Ge­walt, nur in den Schran­ken der Ge­set­ze ge­gen Har­lan vor­ge­hen durf­te und darf, ist selbst­verständ­lich. Dar­aus folgt aber nichts dafür, was der ein­zel­ne Bürger ge­genüber Har­lan un­ter­neh­men und äußern darf. Denn hier ist ent­schei­dend, daß je­der ein­zel­ne Träger der­sel­ben Grund­rech­te ist. Da im Zu­sam­men­le­ben in ei­ner großen Ge­mein­schaft sich not­wen­dig ständig In­ter­es­sen- und Rechts­kol­li­sio­nen zwi­schen den ein­zel­nen er­ge­ben, hat im so­zia­len Be­reich ständig ein Aus­gleich und ei­ne Abwägung der ein­an­der ent­ge­gen­ste­hen­den Rech­te nach dem Gra­de ih­rer Schutzwürdig­keit statt­zu­fin­den. Was als Er­geb­nis ei­ner sol­chen Abwägung an Be­schränkung der frei­en Ent­fal­tungsmöglich­keit für den ein­zel­nen ver­bleibt, muß hin­ge­nom­men wer­den. Nie­mand kann sich hier auf die an­geb­lich ab­so­lut geschütz­te Po­si­ti­on des Art. 2 GG zurück­zie­hen und je­den An­griff auf sie, "von wem er auch kom­men mag", als Un­recht oder Ver­s­toß ge­gen die gu­ten Sit­ten an­se­hen (vgl. auch H. Leh­mann, MDR 1952, S. 298). Die Ar­gu­men­ta­ti­on
des Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg im Ver­fah­ren der einst­wei­li­gen Verfügung: "weil der Staat das Recht (zu ge­wis­sen Maßnah­men) nicht hat, so kann die­ses Recht erst recht nicht der ein­zel­ne Bürger ha­ben", ist ir­rig, weil sie Nicht-Zu­sam­men­gehöri­ges in ein ein­fa­ches Verhält­nis von mehr und we­ni­ger brin­gen will.
Die Ausführun­gen des Land­ge­richts könn­ten auch so ge­deu­tet wer­den, daß es in den Äußerun­gen des 56 Be­schwer­deführers ei­nen Ein­griff in den Kern der künst­le­ri­schen Persönlich­keit Har­lans er­blickt, den "letz­ten un­an­tast­ba­ren Be­reich men­sch­li­cher Frei­heit" (BVerfGE 6, 32 [41]), ei­nen Ein­griff al­so, der durch kei­ne noch so ge­wich­ti­gen In­ter­es­sen des Be­schwer­deführers ge­recht­fer­tigt wer­den könne und des­halb, weil er die Men­schenwürde Har­lans ver­let­ze, un­ter al­len Umständen sit­ten­wid­rig sei. Ei­ne so weit­rei­chen­de Fol­ge­rung läßt aber der fest­ge­stell­te Sach­ver­halt nicht zu. Selbst wenn man - über den Wort­laut der Äußerun­gen hin­aus - mit dem Land­ge­richt an­nimmt, bei Er­folg der Auf­for­de­rung wer­de Har­lan als Re­gis­seur von Spiel­fil­men völlig aus­ge­schal­tet, würden die­sem doch noch an­de­re künst­le­ri­sche Betäti­gungsmöglich­kei­ten - auch im Film­we­sen - ver­blei­ben, so daß von ei­ner gänz­li­chen Ver­nich­tung sei­ner künst­le­ri­schen und men­sch­li­chen Exis­tenz nicht ge­spro­chen wer­den könn­te. Ei­ne sol­che An­nah­me würde aber über­haupt die In­ten­sität des in den Äußerun­gen lie­gen­den Ein­griffs er­heb­lich überschätzen. Die Äußerun­gen konn­ten als sol­che die künst­le­ri­sche und men­sch­li­che Ent­fal­tungs­frei­heit Har­lans un­mit­tel­bar und wirk­sam über­haupt nicht be­schränken. Dem Be­schwer­deführer stan­den kei­ner­lei Zwangs­mit­tel zu Ge­bo­te, um sei­ner Auf­for­de­rung Nach­druck zu ver­lei­hen; er konn­te nur an das Ver­ant­wor­tungs­be­wußtsein und die sitt­li­che Hal­tung der von ihm An­ge­spro­che­nen ap­pel­lie­ren und mußte es ih­rer frei­en Wil­lens­ent­schließung über­las­sen, ob sie ihm fol­gen woll­ten. Daß er auf die Sub­ven­tio­nie­rung von Fil­men durch den ham­bur­gi­schen Staat Ein­fluß ge­habt hätte, al­so durch die Dro­hung mit dem Ent­zug oder der Ver­sa­gung von Sub­ven­tio­nen ei­nen ge­wis­sen Druck we­nigs­tens auf die Film­pro­du­zen­ten hätte ausüben können, ist nicht dar­ge­tan.
c) Die Geg­ner des Be­schwer­deführers ha­ben in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt be­son­de­res Ge­wicht dar­auf ge­legt, daß die vom Be­schwer­deführer bei der Boy­kott­auf­for­de­rung an­ge­wand­ten Mit­tel je­den­falls in ei­ner Hin­sicht in sich schon sit­ten­wid­rig ge­we­sen sei­en. Der Be­schwer­deführer ha­be nämlich die ob­jek­tiv un­wah­re Be­haup­tung auf­ge­stellt, Har­lan sei vom Schwur­ge­richt nur for­mell frei­ge­spro­chen wor­den, die Ur­teils­gründe sei­en ei­ne mo­ra­li­sche Ver­dam­mung ge­we­sen.
Es mag da­hin­ste­hen, ob die­ser Vor­wurf, wenn er ge­recht­fer­tigt wäre, ein so um­fas­sen­des Ver­bot be­gründen könn­te, wie es im Ur­teil des Land­ge­richts aus­ge­spro­chen ist. Das Land­ge­richt selbst ist der Auf­fas­sung, "daß die Ver­wen­dung sit­ten­wid­ri­ger Mit­tel wohl ein Ver­bot der Boy­kott­auf­for­de­rung mit die­sen Mit­teln, nicht aber ein Ver­bot der Boy­kott­auf­for­de­rung schlecht­hin recht­fer­ti­gen würde". In­des­sen kann nicht an­er­kannt wer­den, daß der Be­schwer­deführer sich mit die­ser Kenn­zeich­nung des Schwur­ge­richts­ur­teils ei­nes Sit­ten­ver­s­toßes schul­dig ge­macht ha­be.
Aus dem In­halt des Schwur­ge­richts­ur­teils ist fest­zu­stel­len: Das Ur­teil schil­dert den Le­bens­gang Har­lans, ins­be­son­de­re sei­ne Lauf­bahn als Film­re­gis­seur, die nach 1933 be­gann und ihn als­bald zum "Pres­ti­ge­re­gis­seur" (so kenn­zeich­net Har­lan selbst sei­ne Stel­lung in der Schrift "Mei­ne Be­zie­hung zum Na­tio­nal­so­zia­lis­mus", S. 21) auf­stei­gen ließ. Das Ur­teil stellt dann die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Films "Jud Süß" und die Be­tei­li­gung Har­lans an die­sem Film als Re­gis­seur und Dreh­buch­mit­au­tor im ein­zel­nen dar. Es schreibt dem Film "kla­re an­ti­se­mi­ti­sche Ten­denz" zu, würdigt ihn im Zu­sam­men­hang mit den all­ge­mei­nen Umständen zur Zeit sei­ner Ent­ste­hung und ers­ten Aufführung (1940) da­hin, daß er durch die ten­den­ziöse Be­ein­flus­sung der öffent­li­chen Mei­nung im ju­den­feind­li­chen Sinn mit­ursächlich für die Ju­den­ver­fol­gung ge­we­sen sei, und kenn­zeich­net ihn des­halb in ob­jek­ti­ver Hin­sicht als ein "An­griffs­ver­hal­ten"" wie es nach der Recht­spre­chung für den Be­griff des Ver­bre­chens ge­gen die Men­sch­lich­keit im Sin­ne des Kon­troll­rats­ge­set­zes Nr. 10 er­for­dert wer­de. Da Har­lan als Mit­ge­stal­ter des Dreh­buchs und Re­gis­seur ob­jek­tiv zum Kreis der An­griffstäter gehöre und da er auch die mit dem Film ver­folg­ten Ab­sich­ten er­kannt so­wie mit den vor­aus­sicht­li­chen Wir­kun­gen des Films ge­rech­net ha­be, kommt das Ur­teil zur Fest­stel­lung, daß er durch sei­ne maßge­ben­de Mit­wir­kung bei der Schaf­fung die­ses Films "in ob­jek­ti­ver und sub­jek­ti­ver Hin­sicht den Tat­be­stand des Ver­bre­chens ge­gen die Men­sch­lich­keit erfüllt" ha­be. Es spricht ihn trotz­dem frei, weil es ihm den Schuld­aus­sch­ließungs­grund des so­ge­nann­ten Nöti­gungs­not­stands (§ 52 StGB) zu­bil­ligt. Da­zu wird im ein­zel­nen aus­geführt:
"Nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me steht fest, daß Har­lan sich nicht um die Mit­wir­kung an der Her­stel­lung des Films 'Jud Süß' bemüht hat, son­dern im
Ge­gen­teil erst auf Grund des ihm vom Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter Go­eb­bels er­teil­ten Be­fehls tätig ge­wor­den ist. Zur Be­ur­tei­lung der Fra­ge, wie Go­eb­bels sich im Fall der of­fe­nen oder ver­steck­ten Ab­leh­nung Har­lans ver­hal­ten ha­ben würde, war zunächst auf Grund all­ge­mei­ner ge­richts­no­to­ri­scher Tat­sa­chen fest­zu­stel­len, daß im No­vem­ber 1939 be­reits der Kriegs­zu­stand zwi­schen Deutsch­land und Po­len und die Möglich­keit der wei­te­ren Aus­deh­nung des Krie­ges auf an­de­re Staa­ten be­stand. Go­eb­bels ver­trat die The­se, daß im Krie­ge je­der Deut­sche sei­ne Auf­ga­be an dem Platz zu erfüllen ha­be, an den er ge­stellt sei, und daß je­der Deut­sche 'Sol­dat des Führers' sei. Go­eb­bels selbst be­trach­te­te sich in sei­ner Ei­gen­schaft als Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter als Ge­ne­ral des Führers und die un­ter ihm ar­bei­ten­den Be­am­ten des Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­ums und al­le sei­nem Mi­nis­te­ri­um un­ter­stell­ten Per­so­nen, auch Film­pro­du­zen­ten, Re­gis­seu­re, Schau­spie­ler usw. als un­ter sei­nem Be­fehl ste­hen­de Sol­da­ten. Die Nicht­ausführung ei­nes von Go­eb­bels ge­ge­be­nen Be­feh­les wur­de seit Be­ginn des Krie­ges von ihm als Ver­wei­ge­rung ei­nes kriegs­dienst­li­chen Be­feh­les an­ge­se­hen und es be­darf kei­ner Erörte­rung darüber, daß ei­ne sol­che von den da­ma­li­gen Macht­ha­bern mit den schärfs­ten Stra­fen, auch mit der To­des­stra­fe, be­legt wor­den wäre. In der­ar­ti­gen Fällen be­wies Go­eb­bels ei­ne un­mensch­li­che Härte und Skru­pel­lo­sig­keit zur Durchführung sei­ner Ab­sich­ten, so daß die Möglich­keit ei­ner of­fe­nen Ab­leh­nung von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen war. Darüber hin­aus be­wie­sen die an­geführ­ten Ein­zel­bei­spie­le, wie un­be­re­chen­bar und gefähr­lich Go­eb­bels in sei­nen Hand­lun­gen sein konn­te. Wei­ter zeigt die Tat­sa­che, daß Go­eb­bels als Pro­pa­gan­da­mi­nis­ter jah­re­lang zu­ge­se­hen hat, wie deut­sche Men­schen, deut­sche Städte durch ei­nen sinn­lo­sen Krieg zu­grun­de­ge­rich­tet wur­den und wie Mil­lio­nen un­schul­di­ger Men­schen durch die Willkürmaßnah­men des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gimes in ei­ner je­der Men­sch­lich­keit Hohn spre­chen­den Art und Wei­se ge­quält, ge­demütigt, ja so­gar ge­mor­det wur­den, und daß Go­eb­bels al­le die­se Ta­ten durch sei­ne Pro­pa­gan­da zu recht­fer­ti­gen such­te, wie skru­pel­los und oh­ne mo­ra­li­sche Hem­mun­gen die­ser Pro­pa­gan­da­dik­ta­tor war. Un­ter dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­walt­sys­tem sind fer­ner ei­ne große An­zahl be­deu­ten­der und im Vol­ke außer­or­dent­lich an­ge­se­he­ner Männer aus den ein­flußreichs­ten Stel­lun­gen ent­fernt wor­den, in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­bracht, zum Selbst­mord ge­trie­ben oder hin­ge­rich­tet wor­den, und zwar in vie­len Fällen oh­ne daß auch nur der Schein des Rech­tes ge­wahrt wor­den wäre. Al­le die­se Tat­sa­chen er­hel­len, das Go­eb­bels zur Durch­set­zung sei­ner Ab­sich­ten eben­so wie die an­dern na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber vor kei­ner Ge­walt­tat zurück­schreck­te.
Als Go­eb­bels im Jah­re 1938 die Auf­la­ge an die Film­ge­sell­schaf­ten er­teil­te, je ei­nen an­ti­se­mi­ti­schen Film­stoff her­aus­zu­brin­gen, ver­folg­te er planmäßig die im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­gramm fest­ge­leg­ten an­ti­se­mi­ti­schen The­sen. Im Jah­re 1939 mußte die an­ti­se­mi­ti­sche Pro­pa­gan­da nach der Auf­fas­sung der da­ma­li­gen Macht­ha­ber ei­ne noch weit größere Be­deu­tung er­lan­gen, da sie das Welt­ju­den­tum als den Feind Eu­ro­pas und als ih­ren stärks­ten Geg­ner be­trach­te­ten, wie das auch in den Re­den Adolf Hit­lers ständig zum Aus­druck ge­kom­men ist. Die Durchführung der von Go­eb­bels er­teil­ten Auf­la­ge ge­wann da­her zu­neh­mend größere Be­deu­tung. Sie mußte so­gar von sei­nem Stand­punkt aus von größtem staats­po­li­ti­schen Wert sein. Go­eb­bels war da­her schon aus den hier auf­ge­zeig­ten Gründen an der Durchführung sei­ner Be­feh­le auf das hef­tigs­te in­ter­es­siert. Bei dem Film 'Jud Süß' kam je­doch hin­zu, daß Go­eb­bels auch persönlich durch den von den Schau­spie­lern ge­leis­te­ten Wi­der­stand ge­gen das Film­pro­jekt äußerst ge­reizt war. Es galt für ihn, sei­nen Wil­len in dik­ta­to­ri­scher Wei­se ge­genüber je­dem Wi­der­stand durch­zu­set­zen. Un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler die­ser Umstände konn­te zu­min­dest die Möglich­keit nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, daß für Har­lan im Fal­le ei­ner of­fe­nen oder ver­steck­ten Ab­leh­nung, falls die­se von Go­eb­bels er­kannt wur­de, Ge­fahr für Leib und Le­ben be­stand. Das Schwur­ge­richt ist darüber hin­aus so­gar der Auf­fas­sung, daß die­se Le­bens­be­dro­hung bei der 'Persönlich­keit Go­eb­bels' durch­aus ernst­haft ge­ge­ben
war und zwar um so mehr, als das Verhält­nis zwi­schen Go­eb­bels und Har­lan be­son­ders im Jah­re 1939/40 außer­or­dent­lich ge­spannt war. Von der großen Zahl der zu die­sem Punkt ver­nom­me­nen Zeu­gen hat nicht ein ein­zi­ger mit Si­cher­heit sa­gen können, wel­che Fol­ge­wir­kun­gen für Har­lan hätten ent­ste­hen können. Sie stimm­ten je­doch weit­ge­hend dar­in übe­rein, daß Go­eb­bels in ir­gend­ei­ner Wei­se sei­ne furcht­ba­re Macht Har­lan hätte spüren las­sen. Für die recht­li­che Ent­schei­dung kann es je­doch nicht von Be­deu­tung sein, ob Go­eb­bels ge­gen Har­lan als Ver­wei­ge­rer ei­nes kriegs­dienst­li­chen Be­fehls et­wa ein Ver­fah­ren vor dem Son­der­ge­richt in die We­ge ge­lei­tet oder ihn der Willkürbe­hand­lung im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger übe­r­ant­wor­tet hätte, oder ob er schließlich ir­gend­ei­nen an­de­ren, nicht im Zu­sam­men­hang mit dem Film­pro­jekt ste­hen­den Vor­wand ge­sucht und ge­fun­den hätte, Har­lan als po­li­ti­schen Geg­ner, Sa­bo­teur oder we­gen ir­gend­ei­nes an­de­ren De­lik­tes den glei­chen Maßnah­men aus­zu­set­zen. Daß die Har­lan dro­hen­de Ge­fahr ei­ne ge­genwärti­ge war, be­darf kei­ner wei­te­ren Ausführun­gen, da die Fol­gen der Nicht­ausführung des Go­eb­bels­be­feh­les in je­dem Au­gen­blick ein­tre­ten konn­ten, in dem Go­eb­bels Har­lans wah­re Ab­sich­ten er­kann­te."
Es wird dann ge­prüft, ob Har­lan zu sei­ner Mit­ar­beit an dem Film et­wa durch an­de­re Be­weg­gründe be­stimmt wor­den sei. Sol­che Mo­ti­ve las­sen sich nach Auf­fas­sung des Schwur­ge­richts nicht fest­stel­len. Es heißt dann wei­ter:
"Es ist be­reits aus­geführt wor­den, daß die of­fe­ne Ab­leh­nung der Mit­ar­beit an dem Film­pro­jekt 'Jud Süß' für Har­lan ei­ne schwe­re Be­dro­hung und Le­bens­ge­fahr be­deu­tet hätte. Es war aber wei­ter zu prüfen, wel­che Möglich­kei­ten für ihn be­stan­den ha­ben, durch ver­steck­tes Aus­wei­chen die­ser Ge­fahr zu ent­ge­hen und sich den­noch der Be­tei­li­gung an der Film­ar­beit zu ent­zie­hen. Der An­ge­klag­te hat nun be­haup­tet, er ha­be al­le Möglich­kei­ten, um den Go­eb­bels"schen Be­fehl her­um­zu­kom­men, voll aus­geschöpft, an­de­re Möglich­kei­ten als die von ihm ver­such­ten hätten ihm nicht zur Verfügung ge­stan­den.
Dem An­ge­klag­ten konn­te nicht wi­der­legt wer­den, daß er ver­schie­de­ne Aus­weich­manöver ver­sucht hat und zwar, daß er das Dreh­buch bei Go­eb­bels gründ­lich ver­ris­sen, sich zur Dar­stel­lung rein ne­ga­ti­ver Per­so­nen unfähig erklärt, auf sei­ne drin­gen­den Ar­bei­ten an sei­nem Film 'Pe­dro soll hängen' und an dem neu­en Pro­jekt 'Agnes Ber­nau­er' ver­wie­sen hat und daß er sich schließlich frei­wil­lig zum Kriegs­dienst ge­mel­det hat. So­weit es sich bei den von dem An­ge­klag­ten be­haup­te­ten Aus­weich­manövern um Ein­wen­dun­gen künst­le­ri­scher Art han­del­te, konn­te sei­ne Hal­tung ih­re Erklärung auch in der Be­sorg­nis ei­nes Re­gis­seurs fin­den, der auf Grund ei­nes schlech­ten Dreh­buchs ei­nen schlech­ten Film zu dre­hen fürch­te­te. Trotz­dem konn­te das Ge­richt nicht mit Si­cher­heit aus­sch­ließen, daß al­le die­se Maßnah­men Har­lans aus ei­ner in­ne­ren Ab­leh­nung ge­gen das Film­pro­jekt als sol­che er­grif­fen wur­den. Es war da­her die wei­te­re Fra­ge zu prüfen, ob sich Har­lan über die von ihm be­haup­te­ten Aus­weich­ver­su­che hin­aus wei­te­re Möglich­kei­ten zum Aus­wei­chen ge­bo­ten ha­ben könn­ten. Das Ge­richt hat sol­che Möglich­kei­ten nicht fest­stel­len können."
Das Ur­teil legt dann im ein­zel­nen dar, daß zu der Zeit, als Har­lan mit der Ge­stal­tung des Films be­auf­tragt wur­de, für ihn kaum noch Möglich­kei­ten be­stan­den hätten, sich der Mit­ar­beit zu ent­zie­hen, den Film zu sa­bo­tie­ren oder sei­nen an­ti­se­mi­ti­schen In­halt we­sent­lich zu mil­dern; daß er das letz­te­re we­nigs­tens ver­sucht ha­be, wird ihm aus­drück­lich be­schei­nigt. In die­sem Zu­sam­men­hang wird ge­sagt:
"Dem An­ge­klag­ten konn­te auch nicht zum straf­recht­li­chen Vor­wurf ge­macht wer­den, daß er den Film in ei­ner sei­nen künst­le­ri­schen Fähig­kei­ten ent­spre­chen­den Form ge­stal­tet hat. Es wird wohl zu­tref­fen, daß der Film un­ter Zu­grun­de­le­gung des Metz­ger-Möller"-schen Dreh­bu­ches oder un­ter der Re­gie Dr. Brau­ers ei­nen weit ge­rin­ge­ren Zu­lauf bei dem Film­pu­bli­kum er­reicht hätte. Es ist lo­gisch und zwin­gend, daß in die­sem Fal­le die an­ti­se­mi­ti­sche Ten­denz des Films kei­ne so wei­te Ver­brei­tung hätte fin­den können, wie dies bei dem von Har­lan her­ge­stell­ten Film der
Fall war. Es war hier­bei zu berück­sich­ti­gen, daß Har­lan durch ei­ne künst­le­risch nicht so hoch zu wer­ten­de Ge­stal­tung sei­nen Ruf als großer Re­gis­seur auf das schwers­te hätte gefähr­den können. Das Schwur­ge­richt ist je­doch der An­sicht, daß ein Künst­ler - ob er nun frei­wil­lig oder ge­zwun­gen an die Erfüllung ei­nes Auf­tra­ges geht - gar nicht im­stan­de ist, zu be­stim­men, ob er ei­nen gu­ten, zug­kräfti­gen oder ei­nen schlech­ten Film her­stellt. In je­dem Fal­le wird der Film so aus­fal­len, wie es sei­ner künst­le­ri­schen Be­ga­bung ent­spricht."
So ge­langt das Ur­teil schließlich zu dem Er­geb­nis:
"Zu­sam­men­fas­send ist zu sa­gen, daß die Tätig­keit Har­lans in ob­jek­ti­ver und sub­jek­ti­ver Hin­sicht zwar den Tat­be­stand des Ver­bre­chens ge­gen die Men­sch­lich­keit erfüllt hat, ihm je­doch der Ent­schul­di­gungs­grund des § 52 StGB zu­zu­bil­li­gen war."
Das Schwur­ge­richt hat so­nach nicht kon­kre­te Tat­sa­chen fest­ge­stellt, die für Har­lan ei­nen Not­stand be­gründet hätten; es hat die von Har­lan in die­ser Rich­tung vor­ge­tra­ge­nen Ver­tei­di­gungs­be­haup­tun­gen gewürdigt und ist zu dem Schluß ge­kom­men, man müsse an­neh­men, daß bei Ab­leh­nung ei­ner Mit­wir­kung an dem Film für Har­lan Ge­fahr für Leib und Le­ben be­stan­den ha­be; die aus all­ge­mei­nem ge­schicht­li­chen Wis­sen be­kann­ten Cha­rak­terzüge von Go­eb­bels mach­ten ei­ne sol­che Gefähr­dung so­gar wahr­schein­lich.
Die­se Ge­dan­kenführung des schwur­ge­richt­li­chen Ur­teils hat der Be­schwer­deführer zu­sam­men­fas­send da­hin ge­wer­tet, es hand­le sich hier um ei­nen "for­mel­len Frei­spruch" und ei­ne "mo­ra­li­sche Ver­dam­mung".
Was der Be­schwer­deführer zum Aus­druck brin­gen woll­te, war of­fen­bar dies: Es lie­ge hier nicht ein Frei­spruch we­gen er­wie­se­ner Un­schuld vor; Har­lan sei durch die Ur­teils­gründe in Wahr­heit schwer be­las­tet, da er als maßge­ben­der Mit­ge­stal­ter ei­nes Wer­kes er­schei­ne, das als "Ver­bre­chen ge­gen die Men­sch­lich­keit" zu cha­rak­te­ri­sie­ren sei und des­sen mut­maßli­che Wir­kung auf die Be­hand­lung der Ju­den er ge­kannt ha­be; das Ge­richt ha­be ihn nur frei­ge­spro­chen, weil es ihm nicht ha­be wi­der­le­gen können, daß er un­ter Zwang an dem Film mit­ge­wirkt ha­be.
Wenn der Be­schwer­deführer sei­nen Ein­druck vom In­halt des schwur­ge­richt­li­chen Ur­teils in die Wor­te "for­mel­ler Frei­spruch" und "mo­ra­li­sche Ver­dam­mung" zu­sam­men­ge­faßt hat, so geht das nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht über die Gren­ze des in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on ei­nes The­mas von erns­tem Ge­halt Zulässi­gen hin­aus. Es be­deu­tet ei­ne un­an­nehm­ba­re Ein­engung der Re­de­frei­heit in ei­ner frei­heit­li­chen De­mo­kra­tie, wenn das Land­ge­richt hier von dem Be­schwer­deführer, der nicht Ju­rist ist, die Sorg­falt so­gar ei­nes "straf­recht­lich ge­schul­ten Le­sers" for­dert, die ihn hätte ver­an­las­sen müssen, die Kenn­zeich­nung "for­mel­ler Frei­spruch" zu un­ter­las­sen, weil sie nur beim Feh­len ob­jek­ti­ver Vor­aus­set­zun­gen der Straf­bar­keit angängig sei. Die vom Be­schwer­deführer gewähl­ten Be­zeich­nun­gen sind kei­ne Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, de­ren Wahr­heit oder Un­wahr­heit be­wie­sen wer­den könn­te; na­ment­lich wird mit der Be­zeich­nung "for­mel­ler Frei­spruch" kein ein­deu­ti­ger recht­li­cher Tat­be­stand be­zeich­net. Es han­delt sich um ei­ne zu­sam­men­fas­sen­de, wer­ten­de Cha­rak­te­ri­sie­rung des ge­sam­ten Ur­teils­in­halts, die für zulässig ge­hal­ten wer­den muß, weil sie we­der in der Form ver­let­zend ist noch in­halt­lich so sehr den ge­mein­ten Sach­ver­halt ver­fehlt, daß sie bei Hörern und Le­sern ganz ir­ri­ge Vor­stel­lun­gen über den Ur­teils­in­halt er­we­cken müßte, wie es et­wa der Fall wäre, wenn von ei­nem Frei­ge­spro­che­nen oh­ne nähe­re Erläute­rung be­haup­tet würde, er sei "ver­ur­teilt" wor­den. Es ist hier auch von Be­deu­tung, daß der Frei­spruch Har­lans in der brei­te­ren Öffent­lich­keit und erst recht in den Krei­sen der Film­wirt­schaft be­reits be­kannt war. Eben­so war be­kannt, daß Har­lan der Re­gis­seur des Films "Jud Süß" ge­we­sen war. Da­mit stand fest, daß das Ur­teil nicht die völli­ge "Un­schuld" im Sin­ne ei­ner Nicht­be­tei­li­gung Har­lans an der Förde­rung der Ju­den­ver­fol­gung durch die­sen Film fest­ge­stellt ha­ben konn­te, daß mit­hin der Frei­spruch auf ei­nem an­de­ren, ver­gleichs­wei­se "for­ma­len" Ge­sichts­punkt be­ru­hen mußte. Die Äußerung des Be­schwer­deführers kann al­so nicht in Ver­gleich ge­setzt wer­den mit den Fällen, in de­nen ei­ne Boy­kott­auf­for­de­rung durch Ver­brei­tung ei­ner sum­ma­ri­schen Kenn­zeich­nung ei­nes Sach­ver­halts be­gründet wird, die von den Adres­sa­ten nicht oh­ne wei­te­res rich­tig ver­stan­den wer­den kann.
d) Die vom Be­schwer­deführer für sei­ne Mei­nungsäußerung gewähl­ten For­men der An­spra­che vor dem Pres­se­klub und des Of­fe­nen Brie­fes gin­gen nicht über das nach den Umständen Zulässi­ge hin­aus. Die Dom­nick-Film-Pro­duk­ti­on GmbH hat in dem Schrei­ben, das sie nach der An­spra­che des Be­schwer­deführers an die­sen rich­te­te, her­vor­ge­ho­ben, daß ihr dar­an ge­le­gen sei, die frühe­re
künst­le­ri­sche Höhe des deut­schen Films wie­der zu er­rei­chen. In die­sem "Be­stre­ben nach künst­le­risch an­spruchs­vol­len Fil­men" ha­be sie Har­lan zur Mit­ar­beit her­an­ge­zo­gen. Dar­aus er­gibt sich, daß die Ge­sell­schaft sich ge­ra­de von der Mit­wir­kung Har­lans an ih­ren Fil­men viel ver­sprach, und es war selbst­verständ­lich, daß sie die­se Mit­wir­kung in ih­rer Wer­bung ent­spre­chend her­vor­he­ben wer­de. Hier­mit war ein star­kes Her­vor­tre­ten Har­lans in der Öffent­lich­keit auch oh­ne be­son­de­res Zu­tun von sei­ner Sei­te ver­bun­den. Das Mas­sen­un­ter­hal­tungs­mit­tel des Films er­reicht fast gleich­zei­tig Mil­lio­nen von Zu­schau­ern im In- und Aus­land und läßt so die Mit­wir­ken­den, na­ment­lich die Dar­stel­ler und Re­gis­seu­re, rasch in der brei­tes­ten Öffent­lich­keit be­kannt wer­den. Wer aber in die­ser Wei­se vor die Öffent­lich­keit tritt und da­bei an den frühe­ren Ruf ei­nes Mit­wir­ken­den an­knüpft, muß sich ge­fal­len las­sen, daß auch die Kri­tik hier­an vor der Öffent­lich­keit er­folgt; und je in­ten­si­ver mit ei­nem Na­men und un­ter Hin­weis auf die frühe­ren Leis­tun­gen ei­nes Künst­lers auf brei­te Bevölke­rungs­krei­se ge­wirkt wird, des­to ein­dring­li­cher und schärfer darf auch die Form der vor­sorg­li­chen Ab­wehr sol­cher Wir­kung sein. Des­halb ist es nicht zu be­an­stan­den, daß der Be­schwer­deführer für sei­ne Kri­tik die Form ei­ner An­spra­che vor Film­pro­du­zen­ten und Film­ver­lei­hern so­wie die des Of­fe­nen Brie­fes gewählt hat, die letz­te­re übri­gens nur, weil die Dom­nick-Film-Pro­duk­ti­on GmbH ih­rer­seits ihr Schrei­ben der Spio be­kannt­ge­ge­ben hat­te.
Ei­ne ab­sch­ließen­de Ge­samt­be­trach­tung des Fal­les kann schließlich an fol­gen­der Über­le­gung nicht vorüber­ge­hen: Der Be­schwer­deführer hat aus lau­te­ren Mo­ti­ven an das sitt­li­che Gefühl der von ihm an­ge­spro­che­nen Krei­se ap­pel­liert und sie zu ei­ner nicht zu be­an­stan­den­den mo­ra­li­schen Hal­tung auf­ge­ru­fen. Das ist in der all­ge­mei­nen Volks­an­schau­ung nicht ver­kannt wor­den. Der Be­schwer­deführer hat dar­auf hin­wei­sen können, daß er sich bei sei­ner Be­wer­tung des Wie­der­auf­tre­tens Har­lans im Ein­klang mit der Hal­tung an­ge­se­he­ner Persönlich­kei­ten des öffent­li­chen Le­bens im In­land und Aus­land be­fin­de. Be­wei­se dafür lie­gen vor; es mag nur auf die in Nr. 3 der Deut­schen Uni­ver­sitäts­zei­tung vom 8. Fe­bru­ar 1952 veröffent­lich­te Stel­lung­nah­me von 48 Göttin­ger Pro­fes­so­ren ver­wie­sen wer­den, fer­ner et­wa auf die Beiträge in der erwähn­ten Aus­ga­be der Neu­en Zürcher Zei­tung. Vor al­lem aber hat in der 197. Sit­zung des Deut­schen Bun­des­tags am 29. Fe­bru­ar 1952 der Ab­ge­ord­ne­te Dr. Schmid-Tübin­gen fol­gen­des erklärt (Prot. S. 8474):
"In Bonn läuft zur Zeit der Film 'Im­men­see' aus der Pro­duk­ti­on des Ih­nen al­len als Her­stel­ler des Films 'Jud Süß' be­kann­ten Re­gis­seurs Veit Har­lan. Es ist ei­ne Schan­de, daß die Mach­wer­ke die­ses Man­nes in Deutsch­land über­haupt ge­zeigt und be­sucht wer­den können. Man­che be­ru­fen sich dar­auf, daß es kei­ne Ge­set­ze ge­be, die es ermöglich­ten, die Vorführung von Fil­men die­ses Man­nes zu un­ter­sa­gen. Das ist rich­tig, und auch der Bun­des­tag kann ih­re Vorführung nicht ver­hin­dern. Ich glau­be aber, daß man dem wah­ren Rech­te dient, wenn in die­sem Hau­se da­ge­gen Pro­test er­ho­ben wird, daß aus­ge­rech­net am Sit­ze des deut­schen Par­la­ments, das in die­sem Lan­de in ganz be­son­de­rem Maße der Hüter und He­rold ech­ter To­le­ranz zu sein hat, Fil­me ei­nes Man­nes auf­geführt wer­den, der zu­min­dest in­di­rekt mit da­zu bei­ge­tra­gen hat, die mas­sen­psy­cho­lo­gi­schen Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­ga­sun­gen von Ausch­witz zu schaf­fen."
Das Pro­to­koll ver­zeich­net hier­zu "Bei­fall links und bei den Re­gie­rungs­par­tei­en". Für die Be­ur­tei­lung des 74 Ver­hal­tens des Be­schwer­deführers kann die hier zum Aus­druck ge­kom­me­ne Auf­fas­sung des re­präsen­ta­ti­ven Ver­tre­tungs­or­gans des deut­schen Vol­kes nicht gleichgültig sein. Sie macht es unmöglich, in den Äußerun­gen des Be­schwer­deführers ei­nen Ver­s­toß ge­gen die "Auf­fas­sun­gen der verständi­gen, bil­lig und ge­recht den­ken­den Bürger" zu se­hen.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist auf Grund die­ser Erwägun­gen zu der Über­zeu­gung ge­langt, daß das Land­ge­richt bei sei­ner Be­ur­tei­lung des Ver­hal­tens des Be­schwer­deführers die be­son­de­re Be­deu­tung ver­kannt hat, die dem Grund­recht auf freie Mei­nungsäußerung auch dort zu­kommt, wo es mit pri­va­ten In­ter­es­sen an­de­rer in Kon­flikt tritt. Das Ur­teil des Land­ge­richts be­ruht auf die­sem Ver­feh­len grund­recht­li­cher Maßstäbe und ver­letzt so das Grund­recht des Be­schwer­deführers aus Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG. Es ist des­halb auf­zu­he­ben.
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