Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/produktgestaltung-rueckschluss-herkunft-3110194
Timestamp: 2020-07-07 01:05:25
Document Index: 278280516

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 4', 'BGH', '§ 8', '§ 3', '§ 5', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Produktgestaltung - und der Rückschluss auf die betriebliche Herkunft | Rechtslupe
Die Merk­ma­le und die Gestal­tung eines Pro­dukts sind regel­mä­ßig nicht geeig­net, einen Rück­schluss auf sei­ne betrieb­li­che Her­kunft zu ermög­li­chen, wenn es sich bei dem ange­spro­che­nen Ver­kehr um den End­ver­brau­cher han­delt und iden­ti­sche Pro­duk­te unter ver­schie­de­nen Her­stel­ler­mar­ken ange­bo­ten wer­den.
Der Ver­trieb einer Nach­ah­mung ist nach § 4 Nr. 9 UWG wett­be­werbs­wid­rig, wenn das nach­ge­ahm­te Pro­dukt wett­be­werb­li­che Eigen­art auf­weist und beson­de­re Umstän­de – wie eine ver­meid­ba­re Täu­schung über die betrieb­li­che Her­kunft (§ 4 Nr. 9 Buchst. a UWG) oder eine unan­ge­mes­se­ne Aus­nut­zung der Wert­schät­zung des nach­ge­ahm­ten Pro­dukts (§ 4 Nr. 9 Buchst. b UWG) – hin­zu­tre­ten, aus denen die Unlau­ter­keit folgt. Dabei besteht eine Wech­sel­wir­kung zwi­schen dem Grad der wett­be­werb­li­chen Eigen­art, der Art und Wei­se und der Inten­si­tät der Über­nah­me sowie den beson­de­ren wett­be­werb­li­chen Umstän­den. Je grö­ßer die wett­be­werb­li­che Eigen­art und je höher der Grad der Über­nah­me sind, des­to gerin­ge­re Anfor­de­run­gen sind an die beson­de­ren Umstän­de zu stel­len, die die Unlau­ter­keit der Nach­ah­mung begrün­den und umge­kehrt [1].
Ein Erzeug­nis besitzt wett­be­werb­li­che Eigen­art, wenn die kon­kre­te Aus­ge­stal­tung oder bestimm­te Merk­ma­le des Erzeug­nis­ses geeig­net sind, die inter­es­sier­ten Ver­kehrs­krei­se auf sei­ne betrieb­li­che Her­kunft oder sei­ne Beson­der­hei­ten hin­zu­wei­sen [2]. Ein Erzeug­nis hat kei­ne wett­be­werb­li­che Eigen­art, wenn der ange­spro­che­ne Ver­kehr die prä­gen­den Gestal­tungs­merk­ma­le des Erzeug­nis­ses nicht (mehr) einem bestimm­ten Her­stel­ler oder einer bestimm­ten Ware zuord­net [3]. Für die wett­be­werb­li­che Eigen­art kommt es zwar nicht dar­auf an, ob der Ver­kehr den Her­stel­ler der Ware nament­lich kennt; erfor­der­lich ist aber, dass der Ver­kehr annimmt, die Ware stam­me von einem bestimm­ten Her­stel­ler, wie auch immer die­ser hei­ßen möge, oder sei von einem mit die­sem ver­bun­de­nen Unter­neh­men in Ver­kehr gebracht wor­den [4].
Der Ver­kehr kann sich grun­dätz­lich nur an den äuße­ren Gestal­tungs­merk­ma­len einer Ware ori­en­tie­ren [5]. Nicht erfor­der­lich ist es, dass die Ver­brau­cher die Beson­der­hei­ten, die eine Gestal­tung des Erzeug­nis­ses gera­de im Gebrauch auf­weist, bereits auf den ers­ten Blick erken­nen [6].
Ästhe­ti­sche Merk­ma­le eines Pro­dukts kön­nen sei­ne wett­be­werb­li­che Eigen­art begrün­den, wenn sie sich eig­nen, es von ver­gleich­ba­ren Pro­duk­ten ande­rer Her­stel­ler abzu­gren­zen.
Tech­nisch not­wen­di­ge Merk­ma­le, die bei gleich­ar­ti­gen Erzeug­nis­sen aus tech­ni­schen Grün­den zwin­gend ver­wen­det wer­den müs­sen, kön­nen aus Rechts­grün­den kei­ne wett­be­werb­li­che Eigen­art begrün­den. Die Über­nah­me sol­cher – nicht oder nicht mehr unter Son­der­rechts­schutz ste­hen­der – Gestal­tungs­merk­ma­le ist mit Rück­sicht auf den Grund­satz des frei­en Stands der Tech­nik wett­be­werbs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Han­delt es sich dage­gen nicht um tech­nisch not­wen­di­ge Merk­ma­le, son­dern nur um sol­che, die zwar tech­nisch bedingt, aber frei aus­tausch­bar sind, ohne dass damit Qua­li­täts­ein­bu­ßen ver­bun­den sind, kön­nen sie eine wett­be­werb­li­che Eigen­art (mit)begründen, sofern der Ver­kehr wegen die­ser Merk­ma­le auf die Her­kunft der Erzeug­nis­se aus einem bestimm­ten Unter­neh­men Wert legt oder mit ihnen gewis­se Qua­li­täts­er­war­tun­gen ver­bin­det [7].
Wer­den iden­ti­sche Pro­duk­te unter ver­schie­de­nen Her­stel­ler­mar­ken und zu unter­schied­li­chen Prei­sen ange­bo­ten, besteht – wenn es sich bei dem ange­spro­che­nen Ver­kehr um den End­ver­brau­cher han­delt – regel­mä­ßig kei­ne Ver­an­las­sung anzu­neh­men, dass die Pro­duk­te vom sel­ben Her­stel­ler stam­men. Da es die Funk­ti­on der Mar­ke ist, dem Ver­kehr die Ursprungs­iden­ti­tät des damit gekenn­zeich­ne­ten Pro­dukts zu garan­tie­ren [8], wird der Ver­kehr viel­mehr anneh­men, dass ver­schie­de­ne Mar­ken auf eine unter­schied­li­che betrieb­li­che Her­kunft der ent­spre­chend gekenn­zeich­ne­ten Pro­duk­te hin­wei­sen.
Zwar kann es für die Annah­me einer wett­be­werb­li­chen Eigen­art unschäd­lich sein, wenn der Ver­kehr auf­grund ver­schie­de­ner Kenn­zei­chen davon aus­geht, es han­de­le sich bei dem bean­stan­de­ten Pro­dukt um eine neue Serie oder eine Zweit­mar­ke des Ori­gi­nal­her­stel­lers oder es bestün­den zu ihm zumin­dest lizenz- oder gesell­schafts­ver­trag­li­che Bezie­hun­gen. Ob die­se Annah­me im jewei­li­gen Streit­fall gerecht­fer­tigt ist, hängt jedoch von der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung der rele­van­ten Umstän­de des Ein­zel­falls ab [9].
Der ange­spro­che­ne Ver­kehr ver­mu­tet hin­ter jeder Mar­ke ein ande­res Her­stel­ler­un­ter­neh­men. Danach ist aus­ge­schlos­sen, dass die ange­spro­che­nen End­ver­brau­cher die ver­schie­de­nen Mar­ken, mit denen die von der Her­stel­le­rin ver­trie­be­nen Pro­duk­te gekenn­zeich­net sind, als Han­dels- mar­ken auf­fas­sen, hin­ter denen ein Her­stel­ler steht [10]. Nichts ande­res ergibt sich aus der BGH, Ent­schei­dung "Gar­ten­lie­ge" [11]. Im dort ent­schie­de­nen Fall hat­te die Klä­ge­rin ihre Gar­ten­lie­ge klei­ne­ren Anbie­tern gelie­fert, die die Lie­ge unter ihrer eige­nen Mar­ke oder als Eigen­pro­duk­te ver­trie­ben hat­ten. Dies geschah jedoch nicht in gro­ßen Stück­zah­len und war schon des­halb unge­eig­net, die Auf­fas­sung des Ver­kehrs hin­rei­chend zu beein­flus­sen. Auch der Umstand, dass die dor­ti­ge Beklag­te in meh­re­ren auf­ein­an­der­fol­gen­den Jah­ren in ihren zahl­rei­chen Filia­len die in Streit ste­hen­den Gar­ten­lie­gen unter ihrer Eigen­mar­ke ver­trie­ben hat­te, stand der Annah­me nicht ent­ge­gen, dass der ange­spro­che­ne Ver­kehr ange­sichts der ver­wen­de­ten Pro­dukt­merk­ma­le hier­mit Her­kunfts­vor­stel­lun­gen ver­band. Nach den im dor­ti­gen Fall maß­geb­li­chen Fest­stel­lun­gen lag es für maß­geb­li­che Tei­le des Ver­kehrs nahe anzu­neh­men, die Beklag­te ver­trei­be die Waren von Fremd­her­stel­lern [12]. Dass im Streit­fall ein ver­gleich­ba­rer Sach­ver­halt vor­liegt, ist aber gera­de nicht fest­ge­stellt und ist auch nicht anzu­neh­men.
Ein Unter­las­sungs­an­spruch nach § 8 Abs. 1, §§ 3, 5 Abs. 2 UWG besteht eben­falls nicht. Nach § 5 Abs. 2 UWG ist eine geschäft­li­che Hand­lung irre­füh­rend, wenn sie im Zusam­men­hang mit der Ver­mark­tung von Waren oder Dienst­leis­tun­gen ein­schließ­lich ver­glei­chen­der Wer­bung eine Ver­wechs­lungs­ge­fahr mit einer ande­ren Ware oder Dienst­leis­tung oder mit der Mar­ke oder einem ande­ren Kenn­zei­chen eines Mit­be­wer­bers her­vor­ruft. Dies kommt im Streit­fall nur in Betracht, wenn die ange­spro­che­nen Ver­brau­cher trotz der Viel­zahl der Mar­ken, unter denen die in Rede ste­hen­den Ori­gi­nal­pro­duk­te ver­trie­ben wer­den, allein anhand der äuße­ren über­ein­stim­men­den Merk­ma­le davon aus­ge­hen, die­se stamm­ten von einem Her­stel­ler oder aus der Pro­duk­ti­on mit­ein­an­der ver­bun­de­ner Unter­neh­men. Das ist gera­de nicht der Fall.
BGH, Urteil vom 28.05.2009 – I ZR 124/​06, GRUR 2010, 80 Rn. 21 = WRP 2010, 94 – LIKEa­BIKE; Urteil vom 24.01.2013 – I ZR 136/​11, GRUR 2013, 951 Rn. 14 = WRP 2013, 1188 – Regal­sys­tem; Urteil vom 17.07.2013 – I ZR 21/​12, GRUR 2013, 1052 Rn. 15 = WRP 2013, 1339 – Ein­kaufs­wa­gen III[↩]
st. Rspr.; BGH, GRUR 2010, 80 Rn. 23 – LIKEa­BIKE; BGH, Urteil vom 15.04.2010 – I ZR 145/​08, GRUR 2010, 1125 Rn. 21 = WRP 2010, 1465 Femur-Teil; BGH, GRUR 2013, 951 Rn.19 – Regal­sys­tem; GRUR 2013, 1052 Rn. 18 – Ein­kaufs­wa­gen III; BGH, Urteil vom 22.01.2015 – I ZR 107/​13, GRUR 2015, 909 Rn. 10 = WRP 2015, 1090 – Exzen­ter­zäh­ne[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 08.11.1984 – I ZR 128/​82, GRUR 1985, 876, 878 = WRP 1985, 397 – Tchibo/​Rolex I; Urteil vom 11.01.2007 – I ZR 198/​04, GRUR 2007, 795 Rn. 28 = WRP 2007, 1076 – Hand­ta­schen; BGH, GRUR 2015, 909 Rn. 11 – Exzen­ter­zäh­ne[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 15.09.2005 – I ZR 151/​02, GRUR 2006, 79 Rn. 36 = WRP 2006, 75 – Jeans I; Urteil vom 24.05.2007 – I ZR 104/​04, GRUR 2007, 984 Rn. 23 und 32 = WRP 2007, 1455 – Gar­ten­lie­ge; BGH, GRUR 2015, 909 Rn. 11 – Exzen­ter­zäh­ne[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 07.02.2002 – I ZR 289/​99, GRUR 2002, 820, 822 = WRP 2002, 1054 – Brems­zan­gen[↩]
BGH, GRUR 2007, 984 Rn. 21 – Gar­ten­lie­ge[↩]
st. Rspr.; BGH, GRUR 2010, 80 Rn. 27 – LIKEa­BIKE; GRUR 2013, 951 Rn.19 – Regal­sys­tem; GRUR 2013, 1052 Rn. 18 f. – Ein­kaufs­wa­gen III[↩]
st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 09.07.2015 – I ZB 65/​13, GRUR 2015, 1012 Rn 10 = WRP 2015, 1108 – Nivea Blau[↩]
vgl. zur ver­meid­ba­ren Her­kunfts­täu­schung BGH, Urteil vom 19.10.2000 – I ZR 225/​98, GRUR 2001, 443, 445 f. = WRP 2001, 534 – Vien­net­ta; Urteil vom 02.04.2009 – I ZR 199/​06, GRUR 2009, 1073 Rn. 15 = WRP 2009, 1372 – Aus­bein­mes­ser[↩]
vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 02.04.2009 – I ZR 144/​06, GRUR 2009, 1069 Rn. 16 bis 18 = WRP 2009, 1505 – Knob­lauch­würs­te; BGH, GRUR 2015, 909 Rn. 14 – Exzen­ter­zäh­ne[↩]
BGH, GRUR 2007, 984[↩]
BGH, GRUR 2007, 984 Rn. 26 f. – Gar­ten­lie­ge[↩]
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