Source: http://swissblawg.ch/2017/10/2c_752016-2c_762016-verkaufsverbot-fuer-schnellwechseleinrichtungen-tragweite-der-norm-sn-en-474-1-amtl-publ.html
Timestamp: 2017-11-24 11:41:07
Document Index: 115550611

Matched Legal Cases: ['BGer', 'BGer', 'BGer', 'BGer', 'BGer', 'BGer', 'Art. 5', 'BGer', 'Art. 5', 'Art. 5', 'BGer', 'BGer']

2C_75/2016, 2C_76/2016: Verkaufsverbot für Schnellwechseleinrichtungen / Tragweite der Norm SN EN 474–1 (amtl. Publ.) - swissblawg
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Fabian Klaber	• 15. Oktober 2017
Im zur amt­li­chen Publi­ka­ti­on vor­ge­se­he­nen Urteil vom 10. April 2017 äusser­te sich das BGer zu einer im Rah­men eines Pro­dukt­kon­troll­ver­fah­rens ergan­ge­nen Ver­fü­gung der SUVA. Das Ver­fah­ren gegen die A. AG wur­de eröff­net, weil die­se soge­nann­te Schnell­wech­sel­ein­rich­tun­gen (im Fol­gen­den “SWE”) des Typs xx in Ver­kehr brach­te. Der­ar­ti­ge SWE führ­ten gemäss Ansicht der SUVA zu zwei tra­gi­schen Unfäl­len. Am 13. März 2014 ver­füg­te die SUVA wie folgt:
Der A. AG wird das wei­te­re Inver­kehr­brin­gen […] von Schnell­wech­sel­ein­rich­tun­gen xx und ver­gleich­ba­re SWE […] ab dem 01.01.2016 ver­bo­ten, solan­ge die­se nicht der Maschi­nen­richt­li­nie 2006/42/EG, ins­be­son­de­re nicht den Anfor­de­run­gen gemäss Erwä­gung 2.1–2.5 ent­spre­chen.
In den Erwä­gun­gen 2.1–2.5 führ­te die SUVA u.a. aus, dass die SWE die Norm SN EN 474–1, wel­che die Maschi­nen­richt­li­nie teil­wei­se kon­kre­ti­sie­re, ein­hal­te. Die Norm SN EN 474–1 decke jedoch nicht alle Risi­ken ab. Ins­be­son­de­re kön­ne durch eine feh­ler­haf­te Ver­rie­ge­lung der SWE in Kom­bi­na­ti­on mit einem Fehl­ver­hal­ten des Maschi­nen­füh­rers das Anbau­ge­rät her­un­ter­fal­len. Nach­dem das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eine Beschwer­de der A. AG gut­hiess, gelang­ten die SUVA und das Eid­ge­nös­si­sche Depar­te­ment für Wirt­schaft, Bil­dung und For­schung (WBF) an das BGer. Das BGer tritt auf die Beschwer­de der SUVA nicht ein, heisst die Beschwer­de des WBF aber gut.
Vor­ab ver­neint das BGer die Beschwer­de­le­gi­ti­ma­ti­on der SUVA. Sie sei im vor­lie­gen­den Fall nicht gleich oder ähn­lich wie eine Pri­vat­per­son betrof­fen. Viel­mehr hand­le es sich bei ihr um die ver­fü­gen­de Vor­in­stanz des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, wel­che gegen den sie des­avou­ie­ren­den Ent­scheid nicht an das BGer gelan­gen kön­ne.
Nach einer aus­führ­li­chen Aus­le­ge­ord­nung zum Zusam­men­spiel zwi­schen dem Bun­des­ge­setz über die Pro­duk­te­si­cher­heit (PrSG; SR 930.11), dem Bun­des­ge­setz über die tech­ni­schen Han­dels­hemm­nis­se (THG; SR 946.51) und der EU-Maschi­nen­richt­li­nie (MRL; Richt­li­nie 2006/42/EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 17. Mai 2006 über Maschi­nen und zur Ände­rung der Richt­li­nie 95/16/EG, Abl. L. 157 vom 9.6.2006), legt das BGer das für den vor­lie­gen­den Fall rele­van­te Prüf­pro­gramm dar:
In einem ersten Schritt ist zu prü­fen, ob das streit­be­trof­fe­ne Pro­dukt die in einer bezeich­ne­ten Norm ent­hal­te­nen Anfor­de­run­gen ein­hält […]. In einem zwei­ten Schritt ist zu prü­fen, ob die Risi­ken, wel­che die SUVA mit ihrer Ver­fü­gung avi­siert, von der Norm erfasst sind […]; ist dies zu ver­nei­nen, muss die Beschwer­de­geg­ne­rin die Ein­hal­tung der Sicher­heits­an­for­de­run­gen nach­wei­sen; ist es zu beja­hen, greift die Kon­for­mi­täts­ver­mu­tung gemäss Art. 5 Abs. 2 PrSG. In die­sem Fall ist in einem drit­ten Schritt zu prü­fen, ob die­se Ver­mu­tung wider­legt ist […]. Da das streit­be­trof­fe­ne Pro­dukt in der EU nach EU-Vor­schrif­ten her­ge­stellt wor­den ist, ist in einem vier­ten Schritt zu fra­gen, wel­chen Ein­fluss das MRA (Mutu­al Reco­gni­ti­on Agree­ment; SR 0.946.526.81) auf den natio­na­len Ent­scheid hat, wenn die Ver­mu­tung wider­legt ist. Schliess­lich ist in einem fünf­ten Schritt zu ent­schei­den, wel­cher Grad von Kon­kret­heit posi­ti­ver behörd­li­cher Anord­nun­gen zuläs­sig ist […]. (E. 5.8.)
Das BGer beant­wor­tet die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen wie folgt:
(1) die streit­be­trof­fe­ne Maschi­ne hält die Norm SN EN 474–1 ein (E. 6.).
(2) das Risi­ko einer unkor­rek­ten Ver­rie­ge­lung der SWE ist von der Norm SN EN 474–1 abge­deckt. Es gilt die Kon­for­mi­täts­ver­mu­tung gemäss Art. 5 Abs. 2 PrSG (E. 7.).
(3) die Kon­for­mi­täts­ver­mu­tung gemäss Art. 5 Abs. 2 PrSG ist im vor­lie­gen­den Fall wider­legt, denn die Norm SN EN 474–1 ver­langt kei­ne Inte­gra­ti­on der Sicher­heit in Kon­struk­ti­on und Bau der Maschi­ne für ver­nünf­ti­ger­wei­se vor­her­seh­ba­re Fehl­an­wen­dun­gen. Inso­fern berück­sich­tigt die Norm einen fun­da­men­ta­len Aspekt der grund­le­gen­den Sicher­heits- und Gesund­heits­an­for­de­run­gen nicht (E. 8.).
(4) das MRA steht der Ver­mu­tungs­wi­der­le­gung nicht ent­ge­gen (E. 9.).
(5) es liegt in der Kom­pe­tenz des Her­stel­lers zu ent­schei­den, wie bzw. mit wel­cher bau­li­chen Mass­nah­me, sofern die­se zumut­bar ist, der Man­gel zu besei­ti­gen ist. Nach Besei­ti­gung des Man­gels kann das Pro­dukt wie­der selbst­ver­ant­wort­lich in Ver­kehr gebracht wer­den (Prin­zip der regu­lier­ten Selbst­re­gu­lie­rung).
Das BGer heisst die Beschwer­de des WBF gut und hebt das Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auf.
Vgl. dazu auch die Medi­en­mit­tei­lung des BGer vom 9. Okto­ber 2017.
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