Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/erbst/erbschaftsteuer-in-der-diskussion-391332
Timestamp: 2019-11-13 20:53:06
Document Index: 136007462

Matched Legal Cases: ['§ 165', '§ 165', '§ 13', '§ 19', '§ 1', '§ 15', '§ 165']

Erbschaftsteuer in der Diskussion - Rechtslupe
Zur Zeit ist die Erb­schaft­steu­er wie­der mal in aller Mun­de: Die Plä­ne des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ters zur Reform der Erb­schaft­steu­er sto­ßen auf har­ten Wider­stand – beson­ders bei den Unter­neh­mern. Strit­tig ist die Fra­ge, in wie weit das Pri­vat­ver­mö­gen von der Erb­schaft­steu­er ver­schont wird, wenn das Unter­neh­men und die dor­ti­gen Arbeits­plät­ze dadurch in Gefahr gera­ten.
Nach einem grund­le­gen­den Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 17. Dezem­ber 2014 1 besteht für den Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter drin­gen­der Hand­lungs­be­darf im Bereich Erb­schaft­steu­er: Denn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat Tei­le des Erb­schaft­steu­er- und Schen­kungsteu­er­ge­set­zes (ErbStG) für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Bis spä­tes­tens zum 30. Juni 2016 ist dem Gesetz­ge­ber auf­ge­ge­ben wor­den, eine neue Rege­lung zu ver­ab­schie­den. Bis dahin bleibt es bei der bis­he­ri­gen Rege­lung. Die obers­ten Finanz­be­hör­den der Län­der haben daher in einem gemein­sa­men Erlass fest­ge­legt, dass die Fest­set­zun­gen der nach dem 31. Dezem­ber 2008 ent­stan­de­nen Erb­schaft­steu­er (Schen­kungsteu­er) gemäß § 165 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 AO in vol­lem Umfang vor­läu­fig durch­zu­füh­ren sind. Aller­dings soll in den Steu­er­be­schei­den zukünf­tig eine Erklä­rung mit fol­gen­dem Text ent­hal­ten sein: "Die Fest­set­zung der Erb­schaft­steu­er (Schen­kungsteu­er) ist gemäß § 165 Abs. 1 S. 2 Nr. 2 AO im Hin­blick auf die durch das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts … ange­ord­ne­te Ver­pflich­tung zur gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung in vol­lem Umfang vor­läu­fig. Soll­te auf­grund der gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung die­ser Steu­er­be­scheid auf­zu­he­ben oder zu ändern sein, wird die Auf­he­bung oder Ände­rung von Amts wegen vor­ge­nom­men.“ 2
Das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts
Die Ent­wick­lung der Erb­schaft­steu­er
Geplan­te Neu­re­ge­lun­gen bei der Erb­schaft­steu­er
Fazit: Sinn­vol­le Rege­lun­gen zu Leb­zei­ten
Das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]
Mit dem Erb­schaft­steu­er­re­form­ge­setz 3 von 2008 ist eine neue Rege­lung getrof­fen wor­den, mit der im Fal­le einer Betriebs­nach­fol­ge der Erbe von sei­ner Steu­er­pflicht in einem erheb­li­chen Maße oder sogar kom­plett befreit wer­den konn­te. Die­se Pri­vi­le­gie­rung des Betriebs­ver­mö­gens bei der Erb­schaft­steu­er ist nach einem ent­spre­chen­den Vor­la­gen­be­schluss des Bun­des­fi­nanz­ho­fes 4 vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wor­den. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sind seit dem Inkraft­tre­ten des Erb­schaft­steu­er­re­form­ge­set­zes zum 1. Janu­ar 2009 die §§ 13a und 13b ErbStG, jeweils in Ver­bin­dung mit § 19 Abs. 1 ErbStG, mit Arti­kel 3 Abs. 1 GG nicht ver­ein­bar. So ist die Pri­vi­le­gie­rung des unent­gelt­li­chen Erwerbs betrieb­li­chen Ver­mö­gens ohne eine Bedürf­nis­prü­fung unver­hält­nis­mä­ßig, wenn die Ver­scho­nung über den Bereich klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men hin­aus­geht. Zwar gesteht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dem Gesetz­ge­ber einen Ent­schei­dungs­spiel­raum zu, zur Siche­rung mit­tel­stän­di­scher Unter­neh­men, die in per­so­na­ler Ver­ant­wor­tung geführt wer­den, und zum Erhal­tung der dor­ti­gen Arbeits­plät­ze, die Frei­stel­lung von der Erb­schaft­steu­er ganz oder teil­wei­se zu ermög­li­chen – aber dazu bedarf es trag­fä­hi­ger Recht­fer­ti­gungs­grün­de. Geht die Steu­er­ver­scho­nung über den Bereich klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men hin­aus, ist die Pri­vi­le­gie­rung unver­hält­nis­mä­ßig. Grund­sätz­lich ist dann die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit eines Steu­er­ge­set­zes gege­ben, wenn dadurch Mög­lich­kei­ten fest­ge­legt wer­den, die zu Steu­er­ent­las­tun­gen füh­ren kön­nen, die es nicht bezweckt und die gleich­heits­recht­lich nicht zu recht­fer­ti­gen sind.
Die Ent­wick­lung der Erb­schaft­steu­er[↑]
Im Jah­re 1906 ist in Deutsch­land das ers­te Mal eine Erb­schaft­steu­er ein­ge­führt wor­den, die Ehe­gat­ten und Kin­der von der Besteue­rung aus­nahm. Zwar haben die Ehe­gat­ten seit 1955 wie­der gene­rell Erb­schaft­steu­er zu zah­len, aber durch immer wie­der ange­ho­be­ne Frei­be­trä­ge wird die­se Steu­er­last erheb­lich mini­miert. Die der­zeit in der Bun­des­re­pu­blik gel­ten­de Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er belas­tet gemäß §§ 1, 3, 7 und 8 ErbStG Erwer­be von Todes wegen, Schen­kun­gen unter Leben­den, Zweck­zu­wen­dun­gen und Fami­li­en­stif­tun­gen. Sie stellt als Erb­an­fall­steu­er auf den kon­kre­ten Erwerb eines Erben oder Pflicht­teils­be­rech­tig­ten ab und nicht auf das vom Erb­las­ser hin­ter­las­se­ne Ver­mö­gen als Gan­zes (Nach­lass­steu­er). Gemäß § 15 ErbStG sind die Erben in drei Steu­er­klas­sen ein­zu­tei­len, die von ihrem per­sön­li­chen Ver­hält­nis zum Erb­las­ser abhän­gig sind:
So gehö­ren zur Steu­er­klas­se I Ehe­gat­ten, Lebens­art­ner, Kin­der und Stief­kin­der sowie deren Abkömm­lin­ge und Eltern und Vor­el­tern bei Erwerb von Todes wegen.
Der Steu­er­klas­se II wer­den die Eltern und Vor­el­tern (soweit sie nicht zur Steu­er­klas­se I gehö­ren), Geschwis­ter und deren Abkömm­lin­ge ers­ten Gra­des, Stief- und Schwie­ger­el­tern, Schwie­ger­kin­der und geschie­de­ne Ehe­gat­ten (auch Lebens­part­ner einer auf­ge­ho­be­nen Lebens­part­ner­schaft) zuge­rech­net.
In die Steu­er­klas­se III wer­den alle übri­gen Erwer­ber zusam­men­ge­fasst.
Geplan­te Neu­re­ge­lun­gen bei der Erb­schaft­steu­er[↑]
Nach­dem bis Ende Juni 2016 eine neue Rege­lung bezüg­lich der Erb­schaft­steu­er gefun­den wer­den muss, sind eini­ge vom Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter geplan­ten Neu­re­ge­lun­gen bekannt gewor­den, die von vie­len Sei­ten schwer­wie­gen­de Aus­wir­kun­gen auf die Fami­li­en­un­ter­neh­men befürch­ten las­sen: In Zukunft soll für Erben gro­ßer Fami­li­en­un­ter­neh­men eine Bedürf­nis­prü­fung ein­ge­führt wer­den, mit der fest­ge­stellt wer­den soll, ob dem Erben – ohne Ein­satz betrieb­li­chen Ver­mö­gens – eine Zah­lung der Erb­schaft­steu­er mög­lich ist. Dabei soll ein Unter­neh­men bis zu einem Wert von 1 Mil­li­on € in den Genuss von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen kom­men. Eine Bedürf­nis­prü­fung ist ab einer Unter­neh­mens­grö­ße vor­ge­se­hen, bei der 20 Mil­lio­nen Euro und mehr an einen Erben über­ge­hen. Die­se Gren­ze erscheint vie­len Wirt­schafts­ver­bän­den und Fami­li­en­un­ter­neh­men für viel zu nied­rig ange­setzt und for­dern eine Gren­ze für die Bedürf­nis­prü­fung bei 100 bis 300 Mil­lio­nen Euro. Genau­so regt sich Wider­stand bei dem Kon­zept des Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ters bezüg­lich des Ein­sat­zes von Pri­vat­ver­mö­gen zur Zah­lung der Erb­schaft­steu­er. Nach der bis­he­ri­gen Pla­nung soll im Fall eines geerb­ten gro­ßen Betriebs­ver­mö­gens die hier­auf zu zah­len­de Erb­schaft­steu­er zur Hälf­te auch aus dem Pri­vat­ver­mö­gen zu beglei­chen sein. So soll es dem Erben eines flo­rie­ren­den Betrie­bes zumut­bar sein, gege­be­nen­falls mit Hil­fe eines Kre­dits die Erb­schaft­steu­er­pflicht zu erfül­len.
Fazit: Sinn­vol­le Rege­lun­gen zu Leb­zei­ten[↑]
Aber noch ist nichts ent­schie­den. Wem die Spe­ku­la­tio­nen und Über­le­gun­gen zur Neu­re­ge­lung der Erb­schaft­steu­er zu unge­wiss sind, kann auf der Grund­la­ge der der­zei­tig noch gel­ten­den Geset­ze und Ver­ord­nun­gen Vor­keh­run­gen tref­fen, um even­tu­el­le Pro­ble­me mit der Erb­schaft­steu­er zu ver­mei­den. Gera­de Unter­neh­mer in fort­ge­schrit­te­nem Alter oder auch Inha­ber von Fami­li­en­un­ter­neh­men sind mög­li­cher­wei­se gut bera­ten, wenn sie die Fir­men­nach­fol­ge früh­zei­tig regeln und damit den Bestand und Erhalt des Betrie­bes sichern. Hier bie­tet sich eine vor­aus­schau­en­de Rege­lung schon zu Leb­zei­ten an. Und da die Ver­güns­ti­gun­gen für Unter­neh­men bei der zukünf­ti­gen Erb­schaft­steu­er­re­form mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit erheb­lich beschnit­ten wer­den, kann das finan­zi­el­le und damit auch exis­ten­zi­el­le Aus­wir­kun­gen auf das Unter­neh­men im Erb­fall haben. Die Nach­fol­ge­re­ge­lung eines Unter­neh­mers zu Leb­zei­ten schafft Sicher­heit für den Betrieb und die Arbeits­plät­ze einer­seits und kann unge­wis­se finan­zi­el­le Belas­tun­gen durch die Erb­schaft­steu­er ande­rer­seits ver­min­dern bzw. ver­mei­den. Kommt es tat­säch­lich zu der vom Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter geplan­ten Rege­lung, dass zu 50 % auch das Pri­vat­ver­mö­gen von Fir­men­er­ben für die Zah­lung der Erb­schaft­steu­er ein­zu­set­zen sind, kann der Erbe vor schwie­ri­gen Pro­ble­men ste­hen, wenn die Mit­tel des Unter­neh­mens gebun­den sind. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen fällt es der älte­ren Genera­ti­on in vie­len Fami­li­en­be­trie­ben schwer, der nach­fol­gen­den Genera­ti­on die Wei­ter­füh­rung des Betrie­bes zuzu­mu­ten. Folg­lich muss eine ande­re Lösung gefun­den wer­den – und das bevor der Gesetz­ge­ber end­gül­ti­ge neue Rege­lun­gen im Bereich der Erb­schaft­steu­er getrof­fen hat.
BVerfG, Urteil vom 17.12.2014 – 1 BvL 21/​12, BSt­Bl 2015 II S. 50[↩]
Gleich lau­ten­de Erlas­se der obers­ten Finanz­be­hör­den der Län­der vom 12. März 2015 zur Vor­läu­fi­gen Fest­set­zung (§ 165 Abs. 1 AO) der Erb­schaft­steu­er (Schen­kungsteu­er) [↩]
Erb­schaft­steu­er- und Schen­kungsteu­er­ge­setz in der Fas­sung des Geset­zes zur Reform des Erb­schaft­steu­er und Bewer­tungs­rechts (Erb­schaft­steu­er­re­form­ge­setz) vom 24.12.2008, BGBl. I S. 3018[↩]
BFH, Beschluss vom 27.09.2012 – II R 9/​11[↩]
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