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Timestamp: 2018-02-25 21:10:14
Document Index: 126412829

Matched Legal Cases: ['§ 23', '§ 1', '§ 2', '§ 3', '§ 4', '§ 6', '§ 19', '§ 11', 'BGE']

etem Magazin | Ausgabe 4/2017 | Elektro Feinmechanik
Reif für Job und Sicherheit
Strategieziel Gesundheit
Arbeitsschutz als Standortvorteil
"Ich hab' Rücken"
Ergänzende Gefährdungsbeurteilung fehlte
Kaum Stützkraft auf weichem Boden
Die neue EMF-Verordnung
Vergleichbare Grenzwerte
Unfall am Fahrleitungsmast
Unfall an Flachdraht-Isoliermaschine
Branchenkompetenz wird gestärkt
Burn-out-Prävention kommt von oben
Sonnen-UV-Strahlung
Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung 4.2017 Elektro Feinmechanik Qualifizierung von Flüchtlingen Gesund im Job ankommen 13 3-D-Druck 22 Neue EMF-Verordnung 30 UV-Strahlung Wie additive Fertigungsverfahren sicher funktionieren Welche Folgen sich für die betriebliche Praxis ergeben Was sich in der Liste der Berufskrankheiten ändert
editorial Liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle begrüßte Sie bisher immer unser Geschäftsführer Olaf Petermann. Doch diesmal ist alles anders. Olaf Petermann ist wenige Tage vor Redaktionsschluss dieser Ausgabe plötzlich und unerwartet gestorben. Ein Schock für seine Familie, die Mitarbei- terinnen und Mitarbeiter bei der BG ETEM und alle, die ihn kannten und schätzten. Dennoch können wir Ihnen auch diesmal ein informatives Heft bieten. Ganz im Sinne von Olaf Petermann stehen Präventionsthemen im Mittelpunkt. Lernen Sie verschiedene Men- schen und Ansätze kennen, die ein Ziel gemeinsam haben: Arbeit noch sicherer und ge- sünder gestalten und Prävention zum Erfolgsfaktor für Betriebe und Beschäftigte machen. Ihre Redaktion Zum Tod von Olaf Petermann Im Alter von 60 Jahren verstarb am 30. Juni unerwartet Olaf Petermann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medien- erzeugnisse (BG ETEM). Nach dem Studium der Rechtswissenschaft begann Olaf Petermann im Jahr 1986 seinen Weg bei der Berufsgenossenschaft. Seit dem Jahr 2002 stand er an der Spitze der Verwaltung. Mit Weitblick und Klugheit gestaltete er in Zusammenarbeit mit der Selbstverwaltung den Weg der BG ETEM bei der Erfüllung ihres gesetzlichen Auftrags: Unfällen und Krankheiten vorzubeugen sowie Verletzten und Erkrankten schnell und wirksam zu helfen. Seinem Engagement ist es zu verdan- ken, dass die BG ETEM auf diesem Weg weit gekommen ist und außergewöhnliche Ziele erreicht hat. Nicht nur innerhalb der gesetzlichen Unfallversicherung in Deutschland war Olaf Peter- mann ein kluger und geschätzter Ratgeber. Früh erkannte er, dass die Globalisierung auch globale Standards der sozialen Sicherheit erfordert und brachte sein Wissen, sei- ne Erfahrung und sein vermittelndes Wesen in die internationale Zusammenarbeit ein. Olaf Petermann war bei allen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, beliebt, geschätzt und respektiert. Mit ihm verlieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BG ETEM einen inspirierenden Vorgesetzen, der sie motivierte und förderte. Wir sind dankbar für seinen Einsatz und verneigen uns vor seiner Lebensleistung. Allzeit werden wir Olaf Petermanns Andenken bewahren. Für den Vorstand: Dr. Bernhard Ascherl, Hans-Peter Kern Für die Geschäftsführung: Bernd Offermanns, Johannes Tichi Für die Vertreterversammlung: Karin Jung, Dr. Heinz-Willi Mölders Für den Gesamtpersonalrat: Andrea Henrichs Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse
inhalt 10Titelthema Bei einem Stuttgarter Unternehmen wer- den geflüchtete Menschen für den Start in ein neues Leben qualifiziert. Der Aus- bildungsleiter sorgt dafür, dass sie von Anfang an die Bedeutung des Gesund- heitsschutzes bei der Arbeit erkennen. 30Gefahr durch UV-Strahlung Wer überwiegend im Freien arbeitet, trägt ein erhöh- tes Risiko, an Hautkrebs zu erkranken. Das kann im Einzelfall jetzt als Berufskrankheit anerkannt werden. Unternehmer müssen für betroffene Beschäftigte Schutzmaßnahmen ergreifen. 22Neue EMF-Verordnung Seit November 2016 gibt es in Deutschland eine Arbeitsschutzver- ordnung zu elektroma- gnetischen Feldern (EMFV). In der betrieb- lichen Praxis stellen sich daher die Fragen: Was hat sich geän- dert? Was muss be- achtet werden? t d n r A r i i m d a V l , o t o h p k c o t S i / s e g a m I y t t e G ; y e l s r e d n K g n i i l r o D , s e g a m I y t t e G ; R P - t k e j o r P / t d m h c S z t u L i : s o t o F kompakt betrieb & praxis service 4 Zahlen, Fakten, Angebote Meldungen und Meinungen 18 Gesundheitsschutz im Betrieb 26 Vertreterversammlung „Ich hab’ Rücken“ Branchenkompetenz wird gestärkt mensch & arbeit 8 Sicherheit im Straßenverkehr Alles im Blick? 10 Qualifizierung von Flüchtlingen Reif für Job und Sicherheit 13 3-D-Druck Schicht um Schicht 16 Strategieziel Gesundheit Arbeitsschutz als Standortvorteil etem 04.2017 20 Ergänzende Gefährdungs- 27 Neues Maschinenmodell beurteilung fehlte Kaum Stützkraft auf weichem Boden 22 Die neue EMF-Verordnung Vergleichbare Grenzwerte 24 Unfall am Fahrleitungsmast Sturz in die Tiefe Lernen ohne Risiko gesundheit 28 Psychische Gesundheit Burn-out-Prävention kommt von oben 25 Unfall an Flachdraht-Isoliermaschine 30 Sonnen-UV-Strahlung Gefährlicher Zugriff Richtig schützen! 31 Impressum 3
Laserplakat überarbeitet Vorschriften und Maßnah- men zur Lasersicherheit im Überblick: Die BG ETEM hat ihr Laserplakat aktualisiert und überarbeitet. Darauf sind neben den europäi- schen Richtlinien auch Gesetze und Verordnungen sowie Normen und die erfor- derlichen Arbeitsschutzmaß- nahmen übersichtlich und vereinfacht zusammengefasst. Es kann aus dem Netz heruntergeladen werden. → info www.bgetem.de, Webcode 17415564 Setzen Sie auf die Versichertenkarte Mit der Versichertenkarte können Sie Wertschätzung und Schutz für Ihre Beschäftigten sichtbar machen. Zudem wissen durch die Karten alle Beschäftigten, bei welcher Berufsgenossenschaft sie versichert sind, falls es doch einmal zu einem Arbeitsunfall kommen sollte. Das ist beim Arzt sehr nützlich. Die Versichertenkarte gibt es in zwei Varianten: mit oder ohne Ihr Firmen-Logo. Unternehmen können sie über den Webshop bestellen. → info www.bgetem.de, Webcode 17801067 kompakt Medienpakete für Ausbildungsbetriebe Azubis stärken Mit einem besonderen Angebot unterstützt Sie die BG ETEM, neu eingestellte Auszubildende für sicheres Arbeiten zu ge- winnen. Bis zum 31. Oktober erhalten Mitgliedsbetriebe, die einen oder mehrere Azubis einstellen, auch in diesem Jahr ein kostenloses Medienpaket. Aktionsplakate, Broschüren, Film-Module – z. B. zu den Themen elektrischer Strom, Gefahr- stoffe, Lärm oder Verkehrssicherheit – gehören dazu. Die In- formationen sind praxisnah und behandeln grundlegende Aspekte der Arbeitssicherheit. Medienpakete sind erhältlich für die Bereiche ▪ Feinmechanik, ▪ Elektrohandwerke/elektrotechnische Industrie, ▪ Energie- und Wasserwirtschaft, ▪ Druck und Papierverarbeitung, ▪ Textil und Mode sowie ▪ Büro/Verwaltung. Bieten Sie Ihren Auszubildenden eine gute Hilfestellung. Wer die Gefährdungen am Arbeitsplatz und mögliche Schutzmaß- nahmen kennt, hat die besten Voraussetzungen für einen si- cheren Start in den Beruf. → info www.bgetem.de, Webcode 12644577 Jeder Mitgliedsbetrieb, der Auszubildende einstellt, kann im Aktionszeitraum ein Paket kostenlos bestellen. Weitere sind erhältlich zum Stückpreis von 10 Euro (Nicht-Mitgliedsbetriebe zahlen 55 Euro je Paket zzgl. Versandkosten). Außerhalb des Aktionszeitraums kostet jedes Paket 10 Euro für Mitgliedsbe- triebe. 4 etem 04.2017 i o d u t S a v r e n M i , k c o t s r e t t u h S ; s u p l l l u n , a i l o t o F ; l e g o V d n r e B , s l l i t S M R s i b r o C / s e g a m I y t t e G ; M E T E G B : s o t o F
Neue Version für „Praxisgerechte Lösungen“ Gefährdungen am Arbeitsplatz beurteilen und Schutzmaßnahmen ableiten – das fordert das Arbeitsschutzgesetz. Die Soft- ware „Praxisgerechte Lösungen“ unter- stützt schnell und einfach bei der Erstel- lung und Dokumentation der Gefähr- dungsbeurteilung. Die BG ETEM gibt sie jetzt in einer neuen Version 4.3.0 heraus. Integrierte Musterzusammenstellungen erleichtern die Anwendung der Software. Zusätzlich können individuelle Daten- sätze eingetragen und aktuell gehalten werden. Die Objekte sind mit Betriebsan- weisungen, Filmen, Explosionsschutzdo- kumenten, Prüflisten und Unterweisungs- hilfen sowie dem zugehörigen Regelwerk verknüpft. Das Programm enthält ein In- ternet-Update auf aktuelle Gesetze und Vorschriften. → download Kostenloser Download der Installations- datei für Mitgliedsbetriebe unter www. bgetem.de, Webcode 15614844. Auf der gleichen Seite gibt es auch eine Anleitung zum kostenlosen Update für alle, die „Praxisgerechte Lösungen“ bereits instal- liert haben. kompakt Kurztipps für Staplerfahrer Die Last immer sorgfältig und hinten auf der Gabel aufneh- men. Die Last beim Verfahren in möglichst tiefer Stellung halten. Beim Fahren auf schrägen Fahrbahnen immer die Last bergan führen. Diese praktischen Tipps helfen, Gabel- stapler-Unfälle zu vermeiden. 18 Hinweise bietet das neu aufgelegte Faltblatt „Wichtig für Gabelstaplerfahrer“, kurz gefasst und anschaulich illustriert. → bestellen www.bgetem.de, Webcode 12201321 Klicken Sie im Medienshop auf den Bereich „Tipps“ E-Mail: versand@bgetem.de Telefon: 0221 3778-1020, Telefax: 0221 3778-1021 Bestellnummer T 035, Preis: kostenlos für Mitgliedsbetriebe der BG ETEM (andere Besteller zahlen 1,50 Euro zzgl. Ver- sandkostenpauschale). ↓ Termine ▪ 03.-06.09.2017, Singapur XXI. Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit / Internationales Media Festival für Prävention (IMFP) ▪ 20.-22.09.2017, Leipzig efa – Fachmesse für Gebäude- und Elektrotechnik, Licht, Klima und Automation ▪ 26.-27.09.2017, Rheinsberg 10. Rheinsberger Fachtagung „Arbeitssicherheit in der Energieversorgung“ ▪ 17.-20.10.2017, Düsseldorf A+A – Internationale Fachmesse und Kongress → weitere termine www.bgetem.de, Webcode 12568821
kompakt Auszeichnung für Hans-Peter Steimel Die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) hat Hans-Peter Steimel (Foto rechts) von der BG ETEM ausgezeichnet. Steimel, Refe- rent im Fachgebiet „Elektrische Gefährdungen“, erhielt die DKE-Nadel in Silber für sein mehr als zehnjähriges Engagement in nationalen und europäischen Normungs- gremien zu Errichtung und Betrieb von elektrischen Anlagen. Laudator Prof. Dieter Wegener von der Siemens AG (links) hob hervor, dass sich Steimel im Auftrag der BG ETEM und der DGUV weit über das normale Maß hi- naus engagiere und mit seinem fundierten Wissen unter anderem für eine technisch wertvolle Abstimmung mit anderen Themengebieten sorge. Im Rahmen ihres Präventionsauftrags beteiligen sich die Berufsgenossenschaften aktiv an der Normung, um so im Sinne der Arbeitssicherheit positiven Einfluss auf Errichtung, Aufbau und Betrieb von Geräten und Anla- gen zu nehmen. Die von der DKE herausgegebenen Nor- men sind Bestandteil des Deutschen Normenwerks. Seit 13 Jahren werden Experten der Elektrotechnik mit der DKE-Nadel für ihren besonderen Einsatz in der elek- trotechnischen Normung gewürdigt. Neben Hans-Peter Steimel erhielten die Auszeichnung in diesem Jahr Georg Luber (Siemens AG, Regensburg) und Dr. Volker Diers (BASF, Ludwigshafen). Neue Broschüre für Sicherheitsbeauftragte Sicherheitsbeauftragte haben einen wesentlichen Anteil an den Erfolgen der Prävention in den letzten Jahrzehnten. Die neue DGUV Information 211-042 „Sicherheitsbeauf- tragte“ gibt einen Überblick über ▪ ihre Rolle und Aufgaben, ▪ das fachliche Umfeld, in dem sie sich als Arbeitsschützer bewegen, ▪ das notwendige Wissen und ▪ die ebenso wichtige Sozial- und Methodenkompe- tenz als Voraussetzung für ihre erfolgreiche Arbeit. Die Broschüre wendet sich einerseits an Unterneh- merinnen und Unternehmer als diejenigen, die für eine gute Arbeitsschutzorganisation im Betrieb ver- antwortlich sind. Daneben richtet sie sich auch an Sicherheitsbeauftragte selbst. Sie beschreibt zudem die Schnittstellen in den verschiedenen Aufgaben von Sicherheitsbeauftragten und Fachkräften für Ar- beitssicherheit. Die neue DGUV Information ersetzt ein halbes Dut- zend Broschüren, die bisher jeweils Teilaspekte der Aufgaben angesprochen haben. → info http://publikationen.dguv.de, Suche „211-042“ Neue Plakate Die Plakatkampagne 2017 der BG ETEM zeigt typische Alltags- situationen und die damit verbun- denen Gefahren. Da heißt es, hin- schauen und Konsequenzen ziehen – für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz und auf der Straße. → bestellen www.bgetem.de, Webcode: 14822765 Telefon: 0221 3778-1020
Neu: Der Newsletter zum Magazin Holen Sie sich die aktuellen News zu jeder etem-Ausgabe auf Ihr Smartphone oder Ihren PC. Jetzt abonnieren! Einfach unter www.bgetem.de (Webcode 16462742) anmelden und jeden zweiten Monat gut informiert sein. Schleiftest in Straßenkleidung Mit dem Bike ins Büro. Super, aber leider sieht man immer wie- der Motorrad- oder Rollerfahrer, die mit Arbeitskleidung unter- wegs sind. Wie wichtig adäquate Motorradkleidung ist, demonstriert Stuntman Holger Schumacher. In Blaumann, Frei- zeitkleidung und im guten Anzug lässt er sich hinter einem Auto über die Straße schleifen. Das Ergebnis ist erschreckend und macht klar: Motorrad und Roller nur in Schutzkleidung fahren. → video ansehen www.youtube.de, Suchbegriff: BG ETEM Schleiftest Neues Aktionsmedium zur Ladungssicherung Seit Juni können Mitgliedsbetriebe der BG ETEM das neue Ladungssicherungs-Modell ausleihen. Mit dem Modell können praxisnah und anschaulich alle gängigen Zurrarten de- monstriert und geübt werden. Zur Verfügung stehen hierfür auch branchentypische Lade- güter, wie zum Beispiel ein Transformator, ein Schaltschrank, Papierrollen etc. im Maß- stab 1:4. Ein fachkundiger Moderator erläutert die verschiedenen Methoden zur Ladungs- sicherung. → reservieren www.aktionsmedien-bgetem.de > Innerbetrieb- licher Transport und Ladungssicherung a n n a z l u , a i l o t o F ; M E T E G B : s o t o F etem 04.2017 www.bgetem.de
mensch & arbeit Sicherheit im Straßenverkehr (II) Alles im Blick? Immer mehr Autofahrer benutzen auch während der Fahrt ein Smartphone – und werden dadurch oft gefährlich abgelenkt. Neue Assistenzsysteme können helfen, das Risiko für Fahrer und andere Beteiligte im Straßenverkehr zu reduzieren. Im ersten Teil der Serie „Sicherheit im Straßenverkehr“ hatten wir in „etem“ 3/2017 (S. 8-11) auf die besonderen Ge- fährdungen für Fahrrad- sowie Moped- und Motorradfahrer aufmerksam gemacht. In dieser Ausgabe wenden wir uns den Gefahren zu, die durch die Ablenkung von Autofahrern auftreten können. Pkw-Unfälle durch Ablenkung Ein sonniger Nachmittag. Die Autobahn ist mäßig befahren. Ein Pkw-Fahrer über- holt mit seinem Fahrzeug auf der linken Fahrspur mit ca. 150 km/h mehrere an- dere Autos. Zeugen sagen später aus, dass der Wagen plötzlich nach rechts „ge- schossen“ und ungebremst auf das rechte Heck eines Lkw aufgefahren sei. Der Fah- rer erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma und verstirbt wenig später im Krankenhaus. Bei der Unfallaufnahme stellt die Polizei fest, dass der Fahrer vor dem Unfall WhatsApp-Nachrichten versendet und während der Fahrt aus dem Pkw heraus mehrere Fotos gemacht hat. Lange Zeit waren die Hauptursachen für tödliche Verkehrsunfälle zu hohe Ge- schwindigkeit, Fehler beim Überholen und der Verstoß gegen die Gurtpflicht. In den letzten Jahren ist ein weiterer Faktor hinzugekommen: Ablenkung, insbeson- dere durch moderne Informationsgeräte wie Smartphone oder Tablet. Den meisten Tätern ist zwar bekannt, dass die Benut- zung eines Smartphones während der Fahrt verboten ist (§ 23 der Straßenver- kehrsordnung). Auch der Gefahr durch die damit verbundene Ablenkung sind sich die meisten Autofahrer bewusst. Entge- gen aller Vernunft scheinen viele von ih- nen dennoch nicht auf die Nutzung des Smartphones während der Fahrt verzich- ten zu wollen. Technische Lösungen Sicher können Unternehmen hierauf nur bedingt Einfluss nehmen. Einige Ansatz- punkte bieten sich dennoch – insbeson- dere bei Dienstfahrten mit dem Pkw oder Firmenfahrzeugen. So gibt es bereits zahl- reiche technische Lösungen, die verspre- Ablenkung als Unfallursache Blick auf das Smartphone – und den Verkehr vor sich dennoch unter Kontrolle? Eine gefähr- liche Illusion. in % 40 35 30 25 20 15 10 5 0 37,1 38,3 34,7 31,5 31,7 22,3 13,6 11 12 12 14 2010 2011 2012 2013 2014 2015 Unfälle mit Personenschaden (Statistik Austria) Unfälle mit Getöteten (Statistik Austria) Unfälle mit Getöteten (BMI) Anteil der Unfälle (in Prozent) mit der vermutlichen Hauptunfallursache Unaufmerksamkeit/ Ablenkung in Österreich (BMI, 2011-2016 und Statistik Austria. 2013-2015; ohne Balken: keine Daten) 8 etem 04.2017
mensch & arbeit Mögliche Inhalte einer betrieblichen Regelung Betriebliche Regelungen zur Kom- munikation auf Dienstwegen können zum Beispiel festlegen: ▪ Während der Fahrt müssen Be- schäftigte auf jegliche Form von Telefonaten bzw. Nutzung von Informations- und Kommunikati- onstechnologien verzichten. ▪ Bei dringenden Telefonaten sollte die oder der Beschäftigte an einer sicheren Stelle anhalten und den Motor abstellen. ▪ Vor Fahrtbeginn muss im Dienst- Smartphone der „Fahrmodus“ ak- tiviert werden. Anrufern wird dann per Smartphone (etwa mithilfe der Apps „MyPassi“, „AutoMate“, „Ultimate Car Dock“ und anderen) automatisch eine Nachricht mit Hinweis auf schnellstmöglichen Rückruf geschickt. Andere Apps, wie zum Beispiel „Drive Safely Keep Focused“, blockieren be- stimmte Funktionen des Smart- phones, sobald es sich schneller als 6,5 km/h bewegt. Inzwischen gibt es sogar Apps, die die Nicht- benutzung des Smartphones während der Fahrt belohnen („goSmart“). ▪ Personen, die offensichtlich ge- rade ein Fahrzeug führen, werden um Rückruf zu einem späteren Zeitpunkt gebeten. Schriftlich festgehalten und im Betrieb entsprechend kommuniziert (z. B. bei Unterweisungen, Aktionstagen oder be- trieblichen Kampagnen), können diese Festlegungen zu einem Umdenken der Be- schäftigten bei betrieblichen, aber auch privaten Fahrten führen. Vorausgesetzt, Geschäftsleitung und Führungskräfte ge- hen mit gutem Beispiel voran. Ina Papen → info Die BG ETEM unterstützt Sie bei Fragen zur Verkehrssicherheit: www.bgetem.de, Webcode 16692593 9 Ablenkungsschäden durch Spurhalte-, Abstands- und Notbremssysteme beein- flusst werden könnte. Allerdings ist der Verbreitungsgrad von FAS bisher noch vergleichsweise gering. Denn bei der An- schaffung von Firmenwagen stehen meist andere Kriterien im Fokus. Dabei können sich FAS in Dienstfahr- zeugen gleich in mehrfacher Hinsicht loh- nen. Weniger Unfälle bedeuten weniger Personenschäden, weniger Arbeitsausfäl- le, niedrigere Versicherungsprämien durch sinkende Schadenquoten, zudem höhere Fahrzeugrestwerte und sinkende Repara- turkosten. Nicht zuletzt tragen Unterneh- men damit zur Sicherheit des gesamten Fahrzeugbestandes in Deutschland bei. Denn meist werden geschäftlich genutzte Fahrzeuge nach drei bis vier Jahren in den privaten Sektor verkauft. Betriebliche Regelungen Grundsätzlich sollte auch die Frage ge- klärt werden, ob es wirklich im Sinne des Unternehmens ist, dass Mitarbeiter wäh- rend einer Fahrt zum Beispiel mit Kunden telefonieren, Termine vereinbaren oder E-Mails beantworten. Unternehmen, die ihre Fürsorgepflicht ernst nehmen, sollten zu diesen Punkten verbindliche betriebli- che Regelungen treffen (siehe Kasten). Eine Freisprechanlage erlaubt das Telefonieren auch während der Fahrt. Aber ist das nötig? chen, die Unfallgefahr zu reduzieren. In vielen Firmenwagen sind etwa bereits Freisprechanlagen und Sprachsteuerun- gen an Bord. Auch gibt es inzwischen Möglichkeiten zur Kopplung des Smart- phones mit dem Fahrzeug, sodass der Fahrer die Funktionen des Handys wäh- rend der Fahrt nutzen kann. Der Grad der Ablenkung ist jedoch der gleiche und da- mit auch das Unfallrisiko im Vergleich zur händischen Nutzung. Verschiedene Fahrerassistenzsysteme (FAS) haben laut Allianz Zentrum Technik (AZT) das Potenzial, ablenkungsbedingte Unfälle zu vermeiden. „Ablenkungsun- fälle“ ereignen sich oft in Form von Auf- fahrunfällen. Das AZT schätzt, dass annähernd die Hälfte der mutmaßlichen etem 04.2017 m o c . e b o d a . k c o t s - g r e b l e d i e H - n o R ; . e b o d a . k c o t s - 0 0 0 3 d n © : s o t o F
mensch & arbeit Qualifizierung von Flüchtlingen Reif für Job und Sicherheit Bei einem Stuttgarter Unternehmen werden geflüchtete Menschen für den Start in ein neues Berufsleben qualifiziert. Der Ausbildungsleiter sorgt dafür, dass sie von Anfang an die Bedeutung des Gesundheitsschutzes bei der Arbeit erkennen. Einen kompletten Vortrag über betriebli- che Prävention könnte Awet Mehari wohl noch nicht in der Sprache seiner neuen Heimat halten. Aber wann er in den mechanischen Anlagen einer Tochter- firma der Stuttgarter Lapp Gruppe seine Schutzbrille aufsetzen muss, das braucht ihm keiner mehr zu erzählen. Die Metall- späne, die ihm bei den Schleif- und Fräs- arbeiten auch mal um die Ohren fliegen, sind nicht ungefährlich für seine Augen. Deshalb könne er auf die Gläser in kei- nem Fall verzichten, erklärt der 23-jährige Qualifikant aus Eritrea schon in passab- lem Deutsch. Das gilt ebenso für Mohammad Haza- rah, der eine Halle weiter ebenfalls für eine Ausbildung zum Maschinen- und An- lagenführer qualifiziert wird. Die Arbeits- schuhe mit den Stahlkappen, Schutzbrille und Handschuhe: unerlässliche Utensi- lien für den Einsatz in den Abläng- und Bedruckanlagen, die zur Kabelkonfektion gehören. „Kabelkonfektion“: Ein schwieri- ges Wort, doch der 20-jährige Afghane spricht es inzwischen fast perfekt aus. Ebenso wie „Schutzkleidung“, „Gehör- schutz“ oder „Förderunterricht“. Nach ei- nem halben Jahren kein Problem, wie er auf der Stelle demonstrieren kann. Positive Erfahrungen Awet und Mohammad: Zwei von Zigtau- send jungen Menschen mit Fluchthinter- grund, die den langen und oft lebensge- fährlichen Weg nach Europa gewählt ha- ben. Sie alle sind längst auch zum Thema geworden auf den Etagen der Führungs- kräfte, die über den angemessenen Um- gang mit ihnen nachdenken und debat- tieren – nicht zuletzt, was ihre Integration in die Arbeitswelt betrifft. Hier und da sind Unternehmen das Thema bereits sehr konkret angegangen. Wie zum Beispiel die Lapp Group in Stutt- gart-Vaihingen – einer der weltweit füh- 10 etem 04.2017
mensch & arbeit rungen allerdings für sich. Bisher konnte fast jeder aus dem EQJ in eine Ausbildung wechseln. Ein Dritter aus Syrien war in Fa- chinformatik so stark, dass er ein Stu- dium aufnehmen konnte. Erfolgsmodell macht die Runde So etwas spricht sich schnell herum. In- zwischen haben Neugierige aus über 60 Unternehmen, viele Initiativen sowie auch Baden-Württembergs Wirtschaftsministe- rin Nicole Hoffmeister-Kraut das Ausbil- dungszentrum der Lapp Gruppe besucht. Auch etliche TV- bzw. Zeitungsredaktio- nen vor Ort berichteten von dem Erfolgs- modell. Das ist „Wasser auf die Mühlen“ eines technischen Ausbilders, der sich in seinem pragmatischen Optimismus be- stätigt sieht. Und mit etwas Geduld und Empathie kann die Integration in die Ar- beitswelt auch gelingen – denn sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine gesell- schaftliche Integration der Geflüchteten. Zahlt sich die Investition der Unterneh- men in die Integration aus? Je nach Anforderungsgrad können die neuen Mit- arbeiter schon nach kurzer Zeit in der Produktion eingesetzt werden, wie Aus- bildungsleiter Lindner versichert. Und: „Dass da Geflüchtete was nicht verstan- den haben und die Zahl der Arbeitsunfälle nach oben gegangen ist, dem ist hier nicht so. Die sehen ihre Chance und er- greifen sie, während andere sagen, wir suchen noch.“ Bertram Job → info Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter www.dguv.de/fluechtlinge und www.germanroadsafety.de (Deutscher Verkehrssicherheitsrat zu „Fahrradsicher- heit für Geflüchtete und Zugewanderte“) Start gelungen (v.l.n.r.): Suleman Cheway, Thilo Lindner, Mohammad Hazarah, Gulleit Abdulahi und Florian Kraugmann (BG ETEM). der erste Geflüchtete in den Lapp-Werken, überzeugte durch hohe Motivation, vor- bildliches Sozialverhalten und rasche Auf- fassungsgabe – auch wenn es um Ar- beitssicherheit ging. Außerdem strahlte er mit seiner besonnenen Art auch auf seine jüngeren Azubi-Kollegen positiv aus. Das öffnete im Endeffekt allen Nachfolgenden die Türen, so Lindner, „und dann ging das hier eigentlich Schlag auf Schlag.“ Arbeitssicherheit und Gesund- heitsschutz richtig vermitteln Es gibt viele Wege ans Ziel, wie Florian Kraugmann, zuständiger technischer Auf- sichtsbeamter der BG ETEM, betont. Ge- rade bei den Inhalten zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz hänge viel davon ab, wie sie vermittelt werden. Wer Qualifi- kanten mit mäßigen Sprachkenntnissen unterweist, tut im Zweifel gut daran, sich das Gesagte wiederholen zu lassen, um eine Rückkoppelung zu haben. Außerdem gibt es inzwischen zahlreiche Unterrichts- medien, die bevorzugt mit Bildern und Piktogrammen arbeiten – von den be- rühmten Napo-Trickfilmen bis zu den in- terAktiv-Lernmodulen der BG ETEM. Sie werden am zusätzlichen Unterrichtstag im eigenen Ausbildungscenter immer wieder herangezogen, wenn es um Arbeitssicher- heit und Gesundheitsschutz geht. Vor allem beim Umgang mit der soge- nannten vulnerablen Gruppe, gering quali- fizierten Kräfte mit wenigen Sprachkennt- nissen, die bei ihrer – oft körperlich schwe- ren – Arbeit häufiger Gefährdungen ausge- setzt sind, kommt der bildgestützten Prä- vention eine besondere Bedeutung zu. Daneben können laut einer Untersuchung des Instituts für Arbeit und Gesundheit (IAG) Peer-Systeme hilfreich sein, Gruppen aus Mitarbeitern gleicher Herkunft und Sprache sowie spezielle Schulungen der Sicherheitsfachkräfte und Aufsichtsperso- nen – „Hilfe für Helfer“, wie es griffig heißt. Solche Schulungen wie „Interkulturelle Kommunikation mit Geflüchteten“ durch- zusetzen, bei denen auch mal die sozio- kulturellen Unterschiede behandelt wer- den: Das war auch für Thilo Lindner nicht so einfach. Die Fach- und Führungskräfte in den Werken müssen dafür nicht nur freigestellt, sondern auch sensibilisiert werden. Das hat eine Weile gedauert, denn „manche Leiter wollen nur perfekte Menschen haben, wo die Prozesse sofort wie am Schnürchen funktionieren“. Mitt- lerweile sprechen die gesammelten Erfah- renden Anbieter von Kabeln, Leitungen, Kabelzubehör und Steckverbindungen. Die mittelständische Unternehmens- gruppe räumt Geflüchteten seit 2015 Pro- gramme und Plätze ein, um sie für den hiesigen Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Zwei solcher Stellen haben derzeit Awet aus Eritrea und Mohammad aus Afghanis- tan inne. Dazu kommen zehn weitere Neu- einsteiger aus Syrien, Iran, Afghanistan, dem Kosovo sowie mehreren afrikani- schen Ländern. Einige von ihnen sind im Einstiegsqualifikationsjahr (EQJ), das auf die Ausbildung vorbereitet, andere befin- den sich schon in der Ausbildung. Doch eines war Thilo Lindner, technischer Aus- bildungsleiter der Lapp Group, von vorn- herein klar: Dieses Projekt kann nur er- folgreich werden, wenn mit der übrigen Performance auch das Sicherheitsverhal- ten seiner Schützlinge stimmt. „Wir könn- ten es gar nicht verantworten, wenn da irgendwas passieren würde“, sagt der Ausbildungsleiter, der sich intensiv für das Programm eingesetzt hat. Reife durch Lebenserfahrung Lindner ist fest davon überzeugt, dass Le- benswege wie die der Geflüchteten „eine gewisse Reife“ mit sich bringen, die viele von ihnen sogar aufmerksamer und ent- schlossener als andere mache – trotz an- fänglicher Hindernisse bei der Verständi- gung. „Man muss natürlich viel reden, im- mer wieder vor Ort sein“, sagt er. „Teambe- treuer und Qualifikant, beide sind ja aufeinander angewiesen. Am Ende wer- den alle daran gemessen, wie reibungslos die Produktion läuft.“ Plötzlich Mitarbeiter zu haben, die stän- dig brav nicken, aber im Grunde kaum et- was verstehen: Das ist vielleicht der größte Vorbehalt, den es in vielen Betrieben die- sem Thema gegenüber gibt. Das gilt vor allem für den sensiblen Aspekt der Ge- sundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz – und dürfte einer der Gründe dafür sein, warum bisher erst sieben Prozent hiesiger Unternehmen Menschen mit Fluchthinter- grund beschäftigen. Menschen, die der Statistik zufolge zu 70 Prozent im arbeits- fähigen Alter und zu gut 50 Prozent noch unter 25 Jahre alt sind. Auch in Stuttgart-Vaihingen jubelten nicht gleich alle, als dort 2013 ein 29-jähri- ger Iraner in Kooperation mit der Bundes- agentur für Arbeit (BA) die Chance auf Qualifikation zum Maschinen- und Anla- geführer erhielt. Doch Washyar Khorsid, etem 04.2017 11 R P - t k e j o r P / t d m h c S z t u L i : s o t o F
mensch & arbeit Interview „Kaum mehr gefährdet als andere“ Joydeep Mukherjee, Ansprechpartner für Migrations- fragen bei der BG ETEM, über Risiken bei der Beschäfti- gung geflüchteter Menschen ?Herr Mukherjee, Sie sind Ansprech- partner bei der BG ETEM für Unterneh- men, die Fragen zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bei der Beschäfti- gung von Geflüchteten haben. Wie sieht das konkret aus? Joydeep Mukherjee: Ich berate Unterneh- men und Ehrenamtliche bei der Integra- tion von geflüchteten Menschen ins Arbeitsleben – speziell zu Fragen der Arbeitssicherheit und des Gesundheits- schutzes. Das sind vor allem Fragen zum Versicherungsschutz, etwa der rechtli- chen Auswirkungen bei Unterweisungen. Wie kann man sichergehen, dass die Ge- flüchteten die Unterweisung auch richtig verstanden haben? Welche Hilfsmittel er- leichtern eine Unterweisung? Oder ich mache darauf aufmerksam, welche so- zio-kulturellen Hintergründe je nach Her- kunftsland zu beachten sind, um mögli- che Missverständnisse zu vermeiden. ?Mit welchen Anliegen kommen Unter- nehmen von sich aus auf Sie zu? Zunächst gab es vorrangig versicherungs- rechtliche Anfragen, die an unsere Grund- satz- und Organisationsabteilung gerichtet wurden. Konkrete Beratungsan- fragen kamen dann nach und nach. Seit Frühjahr 2016 hat das Ganze dann eine enorme Dynamik bekommen. Typische Anliegen sind beispielsweise: Gibt es Un- terstützung seitens der Berufsgenossen- schaft und anderer Institutionen, wenn ich geflüchteten Menschen eine Ausbil- dung bzw. einen Arbeitsplatz anbiete? Welche Leistungen davon übernimmt die BG? Werden Dolmetscher gestellt, die helfen, Sprachprobleme zu überbrücken? ?Und was antworten Sie? Die BG kann natürlich keinen Dolmet- scher bereitstellen und auch nicht die Kosten dafür übernehmen. In erster Linie beraten wir die Unternehmen nach Be- 12 darf bei der Integration der geflüchteten Menschen in das Arbeitsleben. Dabei be- treten wir auch immer wieder Neuland. Vieles entwickelt sich jetzt sukzessive – je nach den konkreten Fragen der ehren- amtlich Tätigen und Verantwortlichen aus unseren Mitgliedsunternehmen. ?Sind Menschen mit Fluchthintergrund im Betrieb generell stärker gefährdet als andere Beschäftigte? Bei Verständigungsproblemen grundsätz- lich ja, aber das gilt auch für andere Mi- grantengruppen. Stellen Sie sich eine akute Notfallsituation vor, wenn der Kol- lege den lauten Zuruf sofort verstehen muss. Oder denken Sie an den Arbeits- weg mit den Gefahren im Straßenverkehr. ?Gibt es Zahlen, die eine erhöhte Un- fallhäufigkeit bei Menschen mit Flucht- hintergrund belegen? Ich kenne keine Zahlen, die auf einen sol- chen Zusammenhang hindeuten, denn es gibt keine Unfallstatistik speziell für „Ge- flüchtete“. Insgesamt gehen wir nur von einem leicht erhöhten Unfallrisiko für Be- schäftigte mit Migrationshintergrund aus. Dieses Risiko ergibt sich aber nicht per se aus dem Status „Geflüchteter“, sondern aus verschiedenen Faktoren, zu denen die deutschsprachlichen Fähigkeiten der einzelnen Person ebenso gehören wie kulturelle Unterschiede im Sicherheits- verhalten und der jeweilige Arbeitsplatz. ?Von Ihrer Seite also Entwarnung? Aus den Betrieben erhalten wir jedenfalls keine Hinweise auf mehr Unfälle. Wir ha- ben mal geprüft, wie sich das Unfallauf- kommen bei Praktikanten darstellt. Hier ist die Zahl der Arbeitsunfälle – ohne Schulpraktikanten – seit 2013 rückläufig. Wenn die Beschäftigung von Asylbewer- bern im Rahmen von Praktika erfolgt, was häufig der Fall ist, lässt sich keine Zunah- Joydeep Mukherjee ist Leiter des Stabsreferats Koordination bei der BG ETEM. me im Unfallgeschehen durch ein erhöh- tes Flüchtlingsaufkommen feststellen. ?Welche Informationsangebote bietet die BG ETEM ihren Mitgliedsbetrieben? Man muss nicht zu jedem Themengebiet selbst Medien entwickeln. Zum Themen- komplex Straßenverkehr gibt es bei- spielsweise vom Deutschen Verkehrs- sicherheitsrat (DVR) hervorragende mehr- sprachige Angebote – nicht ausschließ- lich für Flüchtlinge, sondern auch für Zugewanderte und Multiplikatoren, bei- spielsweise zum Thema „Fahrradsicher- heit für Geflüchtete und Zugewanderte“. Ich empfehle sehr die Webseite der Deut- schen Gesetzlichen Unfallversicherung (siehe „info“, S. 11). Dort werden zentral Informationen und Angebote gesammelt, zum Beispiel Ansprechpartner in Instituti- onen und Verbänden, Seminare, Medien sowie Infoangebote in unterschiedlichen Sprachen oder bildbetonte Medien. Und nicht zuletzt: Unsere Außendienstmitar- beiterinnen und -mitarbeiter sind die ers- ten Ansprechpartner vor Ort. → info Bei Fragen zur Qualifizierung von Flücht- lingen steht Joydeep Mukherjee gern be- reit. E-Mail: mukherjee.joy@bgetem.de etem 04.2017 i p - m u a r / t d m h c S z t u L : o t o F
mensch & arbeit 3-D-Druck Schicht um Schicht 3-D-Druck steht als Sammelbegriff für viele verschiedene additive Fertigungsverfahren. Wie funktionieren diese? Und welche Konsequenzen ergeben sich für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz? Unter dem umgangssprachlichen Be- griff „3-D-Druck“ verbergen sich eine Reihe verschiedener additiver Verfahren, die alle das Ziel verfolgen, dreidimen- sionale Objekte Schicht für Schicht auf- zubauen. Es lassen sich dabei elf Fertigungsverfahren unterscheiden. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hat eine Richtlinie (VDI 3405:2014-12) erarbei- tet, die Grundlagen, Begriffe und Verfah- ren von additiven Fertigungsverfahren beschreibt. Grundlegendes Verfahren Sämtliche additiven Verfahren haben das sogenannte Schichtbauprinzip gemein- sam. Es beruht auf der Annahme, dass alle Objekte in Scheiben geschnitten und somit aus diesen aufgebaut werden können. Um ein Objekt additiv zu fertigen, sind mehrere Arbeitsschritte erforderlich. Diese lassen sich in drei Hauptprozesse unterteilen: ▪ Pre-Prozess: Zu den arbeitsvorbereiten- den Schritten gehören die Daten- und Anlagenvorbereitung. ▪ In-Prozess: Nach der Arbeitsvorberei- tung erfolgt der eigentliche Druck- Prozess, d. h. der Schichtaufbau. ▪ Post-Prozess: Abschließend werden die gefertigten Objekte von Stütz- konstruktionen getrennt bzw. die Oberflächen nachbearbeitet. Je an- spruchsvoller die spätere Anwendung der gefertigten Objekte ist, umso mehr Nachbearbeitungsschritte fallen in der Regel an. Daher ist ein schnelles „Drucken“ ohne weitere Nachbearbeitung nur in Aus- nahmefällen möglich. Besonders beim industriellen Einsatz von additiven Ferti- gungsverfahren sind alle notwendigen Schritte, vom Pre- bis Post-Prozess, auf- einander abzustimmen, damit am Ende ein Objekt entsteht, das die vorher fest- gelegten Anforderungen erfüllt. Einsatzmöglichkeiten des „3-D-Druckers“ In der Industrie werden additive Verfahren immer häufiger eingesetzt. Dabei lösen sie meist nicht die konventionellen Fer- tigungsverfahren ab, sondern ergänzen diese. Oft stößt die konventionelle Ferti- gung an die Grenzen der Machbarkeit sei- tens der Geometrie. Dann können additive Verfahren die Lösung sein. Nahezu jede denkbare Form kann mithilfe des Schicht- etem 04.2017 13
mensch & arbeit Wichtige Hinweise für Käufer Beim Erwerb einer Maschine sollten Käufer auf folgenden Dokumenten und Informationen bestehen: ▪ Konformitätserklärung* ▪ Betriebsanleitung* ▪ CE-Zeichen an der Maschine ▪ Ggf. Sicherheitsdatenblätter* *in deutscher Sprache bauprinzips entstehen. Je nach Verfahren können unterschiedlichste Materialien verwendet werden. Da die Verfahren ste- tig weiterentwickelt werden und damit die Materialauswahl wächst, wird der „3-D-Druck“ auf nahezu sämtliche Bran- chen Einfluss nehmen. Anwendungs- gebiete gibt es beispielsweise in der Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Energieerzeugung, in Motorsport, Medi- zin, Schönheitschirurgie u. v. m. Zu den momentan bekanntesten Ver- fahren gehört das Fused Layer Modelling. Baumärkte, Elektronikfachgeschäfte oder der Onlinehandel bieten entsprechende Geräte bereits an. Bei diesem Verfahren wird ähnlich einer Heißklebepistole ein dünner Kunststoffdraht geschmolzen und anschließend Schicht für Schicht auf eine Bauplattform aufgetragen. Dabei entste- hen Objekte, die sich z. B. zur Dekoration oder als Ersatzteile nutzen lassen. Auswahl des geeigneten Verfahrens Die in der Übersicht unten dargestellten Verfahren unterscheiden sich vor allem in der Art und Weise, wie die Schichten aufgebaut bzw. verbunden werden. Cha- rakteristisch sind zudem verschiedene Ausgangsmaterialien und Einsatzmög- lichkeiten der gefertigten Objekte. Die Ab- bildung auf S. 15 ordnet die Verfahren den jeweiligen Ausgangsmaterialien zu. Die Anforderungen an das zu fertigende Bauteil spielen meist die größte Rolle bei der Auswahl des additiven Verfahrens. Sicherheit und Gesundheitsschutz sollten aber gleichermaßen berücksichtigt wer- den, um teure Nachrüstungen zu vermei- den. Daher sollten Betriebe sich frühzeitig und intensiv damit auseinandersetzen, welche Verfahren bzw. Maschinen infrage kommen, insbesondere auch aus dem Blickwinkel des Arbeitsschutzes. Gefährdungsbeurteilung beginnt vor dem Kauf Mit der Gefährdungsbeurteilung sollten Unternehmen vor dem Kauf einer Ma- schine beginnen, um wesentliche Aspekte der Arbeitssicherheit und des Gesund- „3D-Druck“ umfasst eine Reihe von additiven Fertigungsverfahren. Während des sogenannten In-Prozesses werden dreidimensionale Objekte schichtweise aufgebaut. 14 heitsschutzes im Vorfeld abklären zu können. So hat der „3-D-Drucker“ etwa die Anforderungen der jeweils geltenden EU- Richtlinie zu erfüllen. „3-D-Drucker“, die für den industriellen Einsatz konzi- piert sind, müssen den Vorgaben der Ma- schinenrichtlinie 2006/42/EG entspre- chen. Betreiber können das meist nur for- mal abklären, indem sie sich auf die An- gaben des Herstellers in der Konformi- tätserklärung verlassen. Das auf dem Ty- penschild vorhandene CE-Zeichen ist kein Prüfzeichen, sondern lediglich eine Erklärung des Herstellers, die zutref- fende EU-Richtlinie angewandt zu haben. Hat die Maschine zusätzlich ein GS-Prüf- zeichen, bedeutet das, dass eine unab- hängige Prüfstelle bereits grundlegende Sicherheitsanforderungen überprüft hat (Informationen zur Prüfstelle Druck und Papierverarbeitung: siehe Infobox auf der rechten Seite). Weitere wichtige zugehörige Doku- mente sind Sicherheitsdatenblätter und Betriebsanleitung. Die Betriebsanleitung muss die erforderlichen Hinweise zu den Themen Sicherheit, Aufstellung, Betrieb, Beschicken, Wartung, Reinigung und Stö- rungsbeseitigung beinhalten. Sie bildet eine wichtige Grundlage für die Unter- weisung der Beschäftigten. Vor dem Kauf sollten Betriebe zusam- men mit dem Maschinenhersteller klären, welche Schritte eine erfolgreiche Bau- teilherstellung (Pre- bis Post-Prozess) erfordert und welche Bedingungen ein sicheres Arbeiten voraussetzt. So sollten beispielsweise die Aufstellbedingungen, also definierte Anforderungen an Tempe- ratur, Luftfeuchte und Luftwechselrate, bekannt sein und im Vorfeld auf Umsetz- barkeit überprüft werden. Wartungs- und Reinigungsarbeiten sollten nutzerfreund- lich und gefahrlos durchgeführt werden können. Werden UV-Strahler oder Laser (z. B. Laser-Sintern) eingesetzt, so müs- sen diese ausreichend abgeschirmt sein. Sind für die Arbeit Gefahrstoffe (z. B. Ausgangsmaterialien oder Reinigungs- lösungen) notwendig, haben Lieferanten Sicherheitsdatenblätter in deutscher Sprache zur Verfügung zu stellen. Stäube und Gefahrstoffe Beim Umgang mit pulverförmigem Aus- gangsmaterial müssen Betriebe darauf achten, dass staubarm gearbeitet wird. Bei Tätigkeiten mit Stäuben, die nicht oder schwer wasserlöslich und nicht etem 04.2017
anderweitig reguliert sind, sind die Anfor- derungen der Technischen Regel für Ge- fahrstoffe (TRGS) 504 zu beachten und der Allgemeine Staubgrenzwert einzuhalten (siehe Infobox rechts). Der Einsatz von ge- eigneten Saugern oder das Arbeiten mit Handschuhkästen („Glove-Box“) kann die Staubbelastung in der Arbeitsumgebung erheblich reduzieren. Ist das Ausgangs- material als krebserzeugend eingestuft (z. B. Kobalt), müssen weitergehende Maßnahmen getroffen werden (siehe u. a. TRGS 910 und TRGS 560). Auch infolge des Druckprozesses kön- nen sich unterschiedliche Gefahrstoffe (u. a. leichtflüchtige Substanzen) bilden. Das sehr intensiv riechende Gas Ozon kann beim Einsatz von UV-Strahlern ent- stehen. Diese werden beim Poly-Jet- Modelling-Verfahren genutzt, um Flüssig- harze auszuhärten. Ozon wirkt schon in niedrigen Konzentrationen reizend auf Augen, Nase, Rachenraum und Lunge. Daher muss es an der Entstehungsstelle abgesaugt werden. Am wirksamsten er- fassen lässt es sich bei einer geschlos- senen Bauweise des „3-D-Druckers“. Auch bei 3-D-Druckverfahren, bei de- freigesetzte Gefahrstoffe bislang nen nicht nachgewiesen werden konnten, kommt es häufig zu unangenehmen Gerü- chen. Aus diesem Grund ist es empfeh- lenswert, generell „3-D-Drucker“ außer- Haben Betriebe alle Gefährdungen er- mittelt, beurteilt und Schutzmaßnahmen festgelegt, müssen sie die Beschäftigten im sicheren Umgang mit dem „3-D- Drucker“ regelmäßig unterweisen. So- wohl Gefährdungsbeurteilung als auch Unterweisung sind zu dokumentieren. Diese Dokumentationen dienen als Basis, um den betrieblichen Arbeitsschutz nachvollziehbar und transparent zu kom- munizieren. Fertiges Objekt Additive Verfahren bieten Anwendern ei- nen enormen gestalterischen Spielraum, um Objekte in nahezu jeder Form ent- stehen zu lassen. Die additive Fertigung von Ersatzteilen für Maschinen oder Anla- gen stellt dabei eine von vielen Möglich- keiten dar. Es muss jedoch beachtet wer- den, dass das Material des fertigen Ob- jekts in der Regel andere Eigen- schaften (z. B. mechanische, thermische, elektrische, chemische) aufweist vergli- chen mit Ersatzeilen aus herkömmlichen Fertigungsverfahren. Aus diesem Grund sollen Anwender beim Herstellen von sicherheitsrelevan- ten Bauteilen mittels additiver Ferti- gungsverfahren ein besonderes Augen- merk darauf legen, dass die fertigen Pro- Additive Verfahren und zugehörige Ausgangsmaterialien Pulver Draht Folie Flüssigkeit Laser-Sintern1 ,2, 3 Fused Layer Modelling1 Layer Laminated Manufactoring1 ,2, 3, 5 Stereolithografie1 l z t a P n a i t s i r h C , a p d / e c n a i l l a e r u t c i p ; a y a k s d a p o r o k S _ a n i r a M , o t o h p k c o t S i / s e g a m I y t t e G : o t o F Laser- Strahlschmelzen2 Elektronen- Strahlschmelzen2 3-D-Drucken1 ,2, 3, 4 Thermotransfer- Sintern1 etem 04.2017 Multi-Jet- Modelling1 Poly-Jet- Modelling1 Digital Light Processing1 1 Kunststoff 2 Metall 3 Keramik 5 Papier 4 Gips mensch & arbeit halb von Arbeitsbereichen, möglichst in separaten Räumen, aufzustellen. dukte die notwendigen Materialeigen- schaften mitbringen. Die folgenden etem-Ausgaben beschäf- tigen sich näher mit den Verfahren Laser- strahl-Schmelzen, Poly-Jet-Modelling, und 3-D-Druck (Pulverdruck), die am häufigsten in den Branchen der BG ETEM eingesetzt werden. Dabei wird es insbesondere um Aspekte des Arbeitsschutzes gehen. Valentin Kazda Weitere Informationen ▪ Allgemeine Informationen zum 3-D-Druck unter www.bgetem.de, Webcode 15172052 ▪ Informationen zur Prüfstelle Druck und Papierverarbeitung unter www.bgetem.de, Webcode 12103651 ▪ „Sicher Investieren – Handlungs- hilfe zu Arbeitssicherheit und Ge- sundheitsschutz beim Kauf einer 3-D-Druckmaschine (Polyjetver- fahren)“ unter www.bgetem.de, Webcode 11205644 > Druck und Papierverarbeitung > Downloads ▪ Informationen zur Maschinen- richtlinie 2006/42/EG unter www.baua.de, Suchbegriff „Maschinenrichtlinie“ ▪ VDI 3405:2014-12 „Additive Ferti- gungsverfahren – Grundlagen, Begriffe, Verfahrensbeschreibun- gen“ (kostenpflichtig unter www.beuth.de) ▪ Wichtige Informationen zum Thema Staub siehe Artikel „Staub am Arbeitsplatz – Nicht zu unter- schätzen“ in etem 1/2017, S. 10–13 ▪ TRGS 504 „Tätigkeiten mit Exposi- tion gegenüber A- und E-Staub“ zum Download: www.baua.de, Suchbegriff „TRGS 504“ ▪ TRGS 560 „Luftrückführung bei Tätigkeiten mit krebserzeugenden, erbgutverändernden und frucht- barkeitsgefährdenden Stäuben“ zum Download: www.baua.de, Suchbegriff „TRGS 560“ ▪ TRGS 910 „Risikobezogenes Maß- nahmenkonzept für Tätigkeiten mit krebserzeugenden Gefahr- stoffen“ zum Download: www.baua.de, Suchbegriff „TRGS 910“ 15
mensch & arbeit Strategieziel Gesundheit Arbeitsschutz als Standortvorteil Werben Sie doch mal mit Arbeits- schutz! Ein Gespräch mit Kommu- nikationswissenschaftler und Unternehmensberater Dr. Guido Wolf zeigt: Der Umgang mit die- sem Thema ist in vielen Firmen längst ein Teil der Führungskultur. ?Herr Dr. Wolf, Sie vertreten die Auffassung, dass Arbeits- und Gesundheitsschutz ein Thema mit stra- tegischer Bedeutung für die Unternehmen ist. In- wiefern? Dr. Guido Wolf: Bis vor einigen Jahren galt das Thema Arbeitsschutz in vielen Unternehmen als lästige Pflicht, die mit möglichst wenig Aufwand zu erledigen war. Das hat sich deutlich gewandelt. Die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeiter, aber auch der offene und unbelastete Umgang miteinan- der haben längst Eingang in die Unternehmensleit- linien und Führungsprinzipien gefunden. ?Wie kam es zu diesem Wandel? Eine sichere, stabile und motivierende Arbeitsumge- bung ist für exzellente Leistungen unabdingbar. Das hat sich herumgesprochen. Unfälle oder belastungs- bedingte Krankheiten erzeugen Ausfalltage, was unmittelbare betriebswirtschaftliche Folgen hat. Aber auch mit Blick auf den in manchen Unterneh- men akut werdenden Mangel an guten Nachwuchs- kräften wird ein nachweisbar gelebter Arbeitsschutz zum Argument. ?Haben Sie ein Beispiel? „Da kann man hingehen, die kümmern sich um ihre Mitarbeiter“, hörte ich vor Kurzem in einem Ge- spräch über einen meiner Auftraggeber. Der sitzt in der niedersächsischen Provinz, was eigentlich ein Standortnachteil gegenüber einer nicht weit entfernt liegenden Großstadt wäre. Doch schon, wenn man das Unternehmen betritt, wird unmittelbar sichtbar, dass Mitarbeiterorientierung hier sehr ernst genom- men wird. Die Verantwortung für sicheres Arbeiten ist fest in der Organisation verankert und ein Teil des variablen Gehalts der Führungskräfte ist abhängig von der Unfallentwicklung, auch bei Beinaheunfäl- len. Da werden Programme zum aktiven Gesund- heitsschutz aufgelegt, die große Resonanz erfahren. ?Wie steht es um das Verhältnis von Arbeitsschutz und Kommunikation? Arbeitsschutz ist seit jeher ein Thema in der Mitar- beiterkommunikation. Und auch hier ist der Wandel angekommen. Folienstapel mit langweiligen Beleh- rungen zur Arbeitssicherheit werden durch aufmerk- samkeitsstarke Medien ersetzt. Und für die externe Kommunikation gewinnt Arbeits- und Gesundheits- schutz an Bedeutung, seitdem die Themen Nachhal- tigkeit sowie Social Responsibility, also soziale Ver- antwortung, für die Unternehmen auf der Agenda stehen. Man kann sich sogar nach solchen Stan- dards zertifizieren lassen und auch das erhält eine zunehmende strategische Bedeutung. ?Das gilt aber doch eher für die großen Unter- nehmen? Auch kleinere Unternehmen müssen sich kritischen Fragen stellen, zur Schaffung und Sicherung von Ar- 16 etem 04.2017
mensch & arbeit beitsplätzen, zum Umweltschutz oder zur sozialen Verantwortung des Unternehmens in seinem gesell- schaftlichen Umfeld. Und dabei stößt auch die Frage, wie der Betrieb es mit dem Arbeits- und Ge- sundheitsschutz für seine Mitarbeiterinnen und Mit- arbeiter hält, auf öffentliches Interesse. Im schlechten Fall läuft es so: Arbeits- und Gesund- heitsschutz werden erst zum Thema, wenn etwas passiert. Von den Negativschlagzeilen erholt sich ge- rade ein kleines Unternehmen mit fester Verwurze- lung in einer Region nicht so leicht. ?Kennen Sie ein konkretes Beispiel, wie sich eine negative Berichterstattung über schlechten „Ar- beitsschutz“ auswirken kann? Ein negatives Beispiel aus der jüngsten Vergangen- heit: Die Schlagzeilen über gesundheitsgefährden- des Arbeiten und katastrophale Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie Bangladeschs haben auch deutsche Handelsketten unter Druck gesetzt. Für die Kaufentscheidung der Verbraucher spielt es zuneh- mend eine Rolle, ob an dem angebotenen T-Shirt sprichwörtlich Blut klebt. Geiz ist da alles andere als geil. ?Und was kann eine positive Berichterstattung bewirken? Ich möchte den bereits angesprochenen Fachkräfte- mangel hervorheben. Eine gute Reputation im En- gagement für gesunde und sichere Arbeitsplätze, ein hoher Stellenwert des Gesundheitsschutzes in den Unternehmensleitlinien und eben auch in ihrer prak- tischen Umsetzung sind starke Argumente, um die eine und andere Fachkraft zu überzeugen, diesem „guten Ruf“ zu folgen. ?Wie sehen Sie die Rolle der Berufsgenossen- schaften hierbei? Die Berufsgenossenschaften haben sich lange Jahre viel zu sehr auf die Rolle der Ermahner und Überprü- fer reduziert. Dabei soll keineswegs der Eindruck entstehen, als seien die gesetzlichen Vorschriften oder BG-Grundsätze überflüssig: Sie sind eine unab- dingbare Pflicht. Aber in Zeiten, in denen auf vielen Gebieten die Erkenntnis gereift ist, dass Prävention die beste Investition ist, sollten die Berufsgenossen- schaften ihre längst vorhandenen Angebote viel of- fensiver kommunizieren. ?Die da wären? Ich weiß, dass die BG ETEM alle zwei Jahre einen Präventionspreis und einen Rehabilitationspreis ausschreibt. Das schafft für die Unternehmen An- reize und gleichzeitig Anlässe für die interne wie die externe Kommunikation. Die Unterstützung be- trieblicher Veranstaltungen, wie zum Beispiel Ge- »Eine sichere, stabile und motivierende Arbeitsumgebung ist für exzellente Leistungen unabdingbar.« Dr. Guido Wolf sundheitstage, zu denen Meinungsführer wie Abgeordnete aus dem politischen Bereich und Mei- nungsbildner wie Journalisten eingeladen werden, schaffen ebenfalls Anreize für Berichterstattung. Nicht zuletzt die Angebote für die Einführung und Zertifizierung von Arbeitsschutzmanagement- Systemen. ?Wagen wir einen kleinen Blick nach vorn: Wo wird das Thema Arbeitsschutz und Kommunikation in fünf Jahren stehen? Es wird weiter an Bedeutung gewonnen haben. Der Moment rückt näher, in dem man sich rechtfertigen muss, wenn Arbeits- und Gesundheitsschutz nicht nachweisbar strategisch, organisatorisch und kom- munikativ verankert sind. Denn dann werden die Kunden daran zweifeln, ob ein solches Unternehmen überhaupt in der Lage ist, zuverlässig und sicher zu liefern. Wer kann das wollen? Zur Person Der habilitierte Kommunikationswissenschaft- ler Dr. Guido Wolf arbeitet seit 1990 als Unter- nehmensberater und Coach für große Konzerne, aber auch mittelständische und kleine Unternehmen unterschiedlicher Bran- chen. Wolf, der auch an Hochschulen und Uni- versitäten unterrichtet, gründete 1998 das „conex. Institut für Consulting, Training, Management Support“ in Bonn. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Arbeitsschutz. etem 04.2017 17 M E T E G B : o t o F
betrieb & praxis Gesundheitsschutz im Betrieb „Ich hab’ Rücken“ Eine ungewöhnlich große Zahl an Krankmeldungen, vor allem wegen Rückenbeschwerden, führte bei der EAB – G. Sandow GmbH zu Konsequenzen. Ein Team von Mitarbeitern entwickelte ein passgenaues Maßnahmenpaket – mit Erfolg. Fast 400 registrierte Krankheitstage in nur einem Jahr – und das in einem Unternehmen mit gerade einmal 60 Be- schäftigten: Das Jahr 2013 war nicht das glücklichste in der inzwischen 26-jäh- rigen Firmengeschichte der Dessauer EAB – G. Sandow GmbH, wenn man auf die damalige Gesundheitssituation vieler Mitarbeiter in der auf den Brand- und Einbruchschutz sowie auf Videotechnik spezialisierten Firma schaut. „Wir hatten 2013 einen sehr hohen Krankenstand“, stellt Geschäftsführer Thomas Kaluza rückblickend fest. „Aus der Analyse haben wir erkannt, dass wir vor allem viele Rückenprobleme, d. h. Muskel-Skelett-Erkrankungen, im Unter- nehmen haben.“ Gemeinsam mit dem Osteopathen Frank Höhne habe man daraufhin in einem Workshop versucht, Ansätze zur Bekämpfung der Rückenpro- bleme zu finden, erläutert Kaluza (siehe Kasten „Präventionsmaßnahmen“). Gezielte Maßnahmen Um diese Rückenbeschwerden zu mini- mieren, habe das Unternehmen je nach Arbeitsort der Beschäftigten unterschied- liche Maßnahmen eingeleitet, so Kaluza. Dazu zählen ▪ auf der Baustelle: Unterweisung im richtigen Heben, richtigen Tragen, rich- tigen Bewegen; ▪ auf der Fahrt zur Baustelle: ein vom Osteopathen empfohlenes Sitzkissen; ▪ im Büro: Therabänder, Sitzkissen, ergo- nomische Computer-Maus und höhen- verstellbare Tische. „Die Maus wurde am Anfang von unseren Kollegen sehr skeptisch aufge- nommen“, erinnert sich Unternehmens- Mitinhaber Kaluza. Mittlerweile habe sich das bis dahin ungewohnte Arbeitsmittel aber „bei uns eingelebt“. So werde die Maus gern genommen, um die Rücken- Wie sich Gegen- stände rückenscho- nend heben lassen, lernen Beschäftigte in betrieblichen Unterweisungen. muskulatur zu entlasten. Aber auch der mögliche Wechsel von stehender und sitzender Tätigkeit werde von den Be- schäftigten gern aufgegriffen. Ein Befund, der vom Sicherheitsbeauf- tragten des sachsen-anhaltinischen Un- ternehmens, Stefan Gehre, geteilt wird. Im Büro habe man die Probleme schnell beheben können, weil die notwendigen Maßnahmen relativ leicht umzusetzen gewesen seien. „Lange haben wir aber überlegt, was wir für die Kollegen auf der Baustelle tun können“, erklärt der Sicher- heitsbeauftragte. Ein wichtiger Punkt beim Thema Rückenprobleme sei „immer wieder das Heben und Tragen von Lasten“ gewesen, so Gehre. Heute achte das Unternehmen deshalb darauf, dass schon die Auszu- bildenden richtig unterwiesen würden. Ein Sitzkissen stabilisiert beim Fahren den Rücken. 18 etem 04.2017
Höhenverstellbare Arbeitsplätze sorgen dafür, dass Beschäf- tigte regelmäßig zwischen sitzenden und stehenden Tä- tigkeiten wechseln können. betrieb & praxis Zudem hätten die betroffenen Mitarbeiter jetzt die Möglichkeit, „mit dem Theraband Dehnübungen zu machen“. Der Blick auf die Krankheits-Entwick- lung seit dem „Negativrekord“ von 2013 macht Stefan Gehre Mut, dass die EAB – G. Sandow GmbH jetzt „auf dem richtigen Weg“ sei. So sank durch die eingeleiteten Präventionsmaßnahmen die Zahl der Krankheitstage im Jahr 2015 auf nur noch 245. Ein Erfolg, den auch die BG ETEM be- merkenswert fand – und mit einem der Präventionspreise 2016 auszeichnete! → info Ein Video über die Lösungsansätze des Unternehmens ist zu finden unter www.bgetem.de, Webcode 16347434 Präventionsmaßnahmen der EAB – G. Sandow GmbH ▪ Beim Führen von Fahrzeugen wer- den „Sitzkissen“ zur Stabilisie- rung des Rückens eingesetzt. ▪ Zur Entspannung des Rückens er- hält jeder Mitarbeiter nach Bedarf ein „Stretching-Band“ und kann Übungen vor Ort auf der Baustelle durchführen. ▪ Alle Büroarbeitsplätze sind mit ergonomisch geformter Tastatur und Maus ausgestattet. ▪ Für Entspannungsübungen des Rückens erhält jeder Büroarbeits- platz ein „Sitzkissen“. ▪ Um Abwechslung zwischen Sitz- und Stehtätigkeit zu erreichen, wurde ein höhenverstellbarer Ar- beitsplatz eingerichtet. ▪ Das Heben und Tragen von schwe- ren Gegenständen wird geübt. etem 04.2017 19 r e h c a m u h c S r a m l E : s o t o F
mensch & arbeit Selbst frostige Temperaturen sorgten nicht für Stabilität: Ein Ausleger der Hubarbeitsbühne sank ein, der gesamte Lkw kippte. Ergänzende Gefährdungsbeurteilung fehlte Kaum Stützkraft auf weichem Boden Schwerer Arbeitsunfall mit einer Hubarbeitsbühne bei Filmdreharbeiten. Bei Dreharbeiten wurde zur Beleuch- tung des Drehortes eine Hubarbeits- bühne eingesetzt. Wegen eines nicht ausreichend tragfähigen Untergrundes sanken die Stützen der Bühne ein. Die Hubarbeitsbühne kippte um. Ein Mitar- beiter, der sich im Korb der Hubarbeits- bühne befand, stürzte dabei 20 Meter in die Tiefe und wurde sehr schwer verletzt. Die Chronologie eines vermeidbaren Ar- beitsunfalls: Organisation: Die Vorbereitungen für den Drehtag liefen wie geplant. Schauspieler und Filmcrew waren disponiert, der Dreh- ablauf stand fest und eine Gefährdungs- beurteilung lag vor. Ein Mitglied der Film- crew, in diesem Fall ein Oberbeleuchter, von Hubarbeitsbühnen“ war für die Aufstellung und Bedienung der Hubarbeitsbühne zuständig und im Besitz eines entsprechenden Befähigungsnach- weises nach dem Grundsatz der Berufsge- nossenschaft – dem DGUV Grundsatz „Ausbildung und Beauftragung der Bedie- ner (DGUV Grundsatz 308-008). Zum Arbeitseinsatz kam eine Lkw-Teleskop-Arbeitsbühne mit 37 Meter Teleskophubarmweite. Unfallhergang: Geplant war ein Nacht- dreh. Positionierung und Aufbau der Hub- arbeitsbühne begannen gegen 17:30 Uhr. An diesem Abend Ende April war es kalt, es herrschten Temperaturen um den Ge- frierpunkt mit leichtem Schneefall. Der Boden war vermutlich an der Oberfläche gefroren. Allerdings war er wohl nur leicht gefroren, denn beim Einfahren ins Ge- lände hinterließ die Hubarbeitsbühne tiefe Spuren, die leider wenig Aufmerk- samkeit erhielten. Die Hubarbeitsbühne Zulässige Bodenpressungen Bodenart zulässige Bodenpres- sung in N/cm2 0-10 0 a) Angeschütteter, nicht künstlich ver- dichteter Boden B) Gewachsener, offensichtlich unbe- rührter Boden: 1. Schlamm, Moor, Torf, Treibsand 20 etem 04.2017
mensch & arbeit war schnell auf- und die Platten zur Vertei- lung der Auflagekräfte – ohne vorherige Prüfung der Bodentragfähigkeit – unterge- baut. Zur Probe wurde das Teleskop unter Last mit angebauten Lampen einmal rundum gedreht, alles schien stabil und sicher zu sein. Der Arbeitskorb, der mit diversen Scheinwerfern bestückt und mit einem Mitarbeiter der Filmcrew besetzt war, hatte gerade seine Arbeitsposition er- reicht, als plötzlich die Hubarbeitsbühne in Bewegung kam. Erst langsam, dann ganz schnell sank eine Stützstrebe der Hinterachse in den Boden. Die Hubar- beitsbühne kippte um. Der Korb mit dem Beleuchter stürzte etwa 20 Meter in die Tiefe und schlug auf dem Boden auf, wo- bei der Beleuchter aus dem Korb ge- schleudert wurde. Dabei zog er sich sehr schwere Verletzungen zu. Unfallursache: Die Dreharbeiten fanden in einem Nationalpark statt. Der Unter- grund bestand aus kaum tragfähigen Torf. Genauere Angaben zur zulässigen Boden- pressung finden sich in jeder Bedienungs- anleitung einer Hubarbeitsbühne. Aus der Tabelle (S. 20) lässt sich leicht ersehen, dass die Hubarbeitsbühne auf torfigem Untergrund nicht hätte aufgestellt werden dürfen. Die zulässige Bodenpressung wurde überschritten. Die Bodenbeschaffenheit ist ein wichti- ges und zentrales Thema beim Aufstellen von schweren Arbeitsgeräten. Hohlräume wie Schächte, Höhlen, Schrägen und auch weicher Untergrund wie Moore oder torf- haltige Wiesen etc. sind schwer einzu- schätzen. Sicherheit zur Einhaltung der Bedienungsanleitung hätte eine Anfrage zur Bodenbeschaffenheit bei der Natio- nalparkverwaltung gebracht oder eine ausreichend gute Prüfung der Untergrund- tragfähigkeit vor Ort. Fazit: Der Verletzte wird noch lange an den Folgen seines Absturzes leiden und vielleicht nie mehr vollständig gesund werden. Es laufen strafrechtliche und Re- gressermittlungen sowie Schadenersatz- forderungen, die sich aus dem Bürger- lichen Gesetzbuch ableiten. Lehrreiche Schlüsse In der Prävention geht es nicht um die Schuldfrage, sondern darum, wie Unfälle in Zukunft verhindert werden können. Das bedeutet, aus Unfällen zu lernen. Aus dem geschilderten Unfall lassen sich wichtige Schlüsse ziehen: etem 04.2017 Kaum Halt für eine tonnenschwere Last im weichen Torfboden. 1. Beim Aufstellen von Hubarbeits- bühnen muss der Untergrund hohe Flächenpressungen aufnehmen. Der Bo- denbeschaffenheit gebührt daher, auch wegen der möglichen Unfallschwere, be- sonders große Aufmerksamkeit. Das standardmäßige Unterlegen von Platten und Hölzern muss nachvollzieh- bar berechnet werden. 2. Bei kurzfristigen Einsatzstellen oder speziellen Arbeiten wie Bau- arbeiten oder Drehaufnahmen entstehen immer besondere Arbeitsplätze, die nur kurze Zeit bestehen. Hier sollte eine spe- zielle „Ergänzende Gefährdungsbeurtei- lung“ erstellt werden. Diese Maßnahme senkt Unfallrisiken deutlich. Auf der Homepage der BG ETEM kann eine nützliche Vorlage oder auch eine App dafür heruntergeladen werden (siehe „info“ rechts). 3. Im Arbeitskorb einer Teleskop- bühne sollten Personen wegen des möglichen Peitscheneffektes mittels Gurt gegen Herausschleudern gesichert wer- den. Bei Scherenhubarbeitsbühnen gibt es keinen Peitscheneffekt, eine Sicherung ist dort nicht zwingend. 4. Die bestimmungsgemäße Verwen- dung einer Hubarbeitsbühne als Ersatz für einen Beleuchtungsmast ist in- frage zu stellen. Gerade Windlasten und Statik werden durch diese Verwendung stark beeinflusst. Man sollte sich sehr si- cher sein, dass die Hubarbeitsbühne noch im erlaubten Bereich betrieben und nicht zweckentfremdet wird. Im Zweifel sollte der Hersteller oder Ver- leiher schriftlich um Stellungnahme zur Verwendung der geplanten Hubarbeits- bühne gebeten werden. Gute Verleiher bieten die Beurteilung als Dienstleistung an. Franz Weber (BG ETEM) Susan Schmidt (Gewerbeaufsichtsamt München) → info Die App „Ergänzende Gefährdungsbeur- teilung“ gibt es unter www.bgetem.de, Webcode: 13542847. Regelwerke zum Bedienen von Hubarbeitsbühnen: ▪ Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) ▪ Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) ▪ Technische Regeln für Betriebssicher- heit (TRBS) ▪ Betreiben von Arbeitsmitteln (DGUV- Regel 100-500), Kapitel 2.10, „Betrei- ben von Hebebühnen“ ▪ Prüfung von Hebebühnen (DGUV Grundsatz 308-002) ▪ Prüfbuch für Hebebühnen (DGUV Grundsatz 308-003) ▪ Ausbildung und Beauftragung der Be- diener von Hubarbeitsbühnen (DGUV Grundsatz 308-008) ▪ Sicherer Umgang mit Hubarbeitsbüh- nen (DGUV Information 208-019) 21
betrieb & praxis Die neue EMF-Verordnung Vergleichbare Grenzwerte Seit November 2016 gibt es in Deutschland eine Arbeitsschutzverord- nung zu elektromagnetischen Feldern (EMFV). In der betrieblichen Praxis stellen sich daher die Fragen: Was hat sich geändert? Was muss beachtet werden? Die EMFV gehört zu den umfangreiche- ren Arbeitsschutzverordnungen. Da- her werden hier die wichtigsten Aspekte der Verordnung vorgestellt. Sieht man ein- mal von der Definition des Anwendungs- bereichs (§ 1) und den Begriffsbestim- mungen (§ 2) ab, kann die Verordnung in zwei Abschnitte eingeteilt werden: einen mit allgemeingültigen Festlegungen sowie einen mit besonderen Regelungen für spe- zielle Frequenzbereiche oder Anwen- dungsfälle. Der allgemeine Teil thematisiert das Er- stellen einer Gefährdungsbeurteilung be- züglich EMF (§ 3). Er enthält eine Auf- listung wichtiger Aspekte, die bei einer Gefährdungsbeurteilung beachtet werden sollen. Dazu gibt es Hinweise darauf, dass zusätzlich zum üblichen Produktionsbe- trieb auch Betriebszustände wie Instand- haltung oder Wartung betrachtet werden müssen. Schutzmaßnahmen für Beschäf- tigte mit Implantaten (Herzschrittmacher Schutzkonzept EMF-Verordnung etc.) sind ebenfalls berücksichtigt. Daran schließt sich der Teil zur Messung und Be- wertung der Felder an (§§ 4 und 5). Die EMFV verlangt, dass Gefährdungsbeurtei- lungen, Messungen und Berechnungen fachkundig geplant, durchgeführt und be- wertet werden. Grenzwerte Das Schutzkonzept der Verordnung ba- siert auf der Einhaltung von Expositions- grenzwerten (EGW) und Auslöseschwellen (s. Abb. unten). Die Expositionsgrenzwer- te benennen die physikalisch zulässigen Werte im Körper des Beschäftigten. Da Felder unterschiedlicher Frequenz im menschlichen Körper unterschiedlich wir- ken, wird zwischen nicht-thermischen und thermischen Wirkungen differenziert. Für nicht-thermische Wirkungen sind zwei Expositionsgrenzwerte definiert: der EGW für sensorische Wirkungen und der für gesundheitliche Wirkungen. Bei Über- Nicht-thermische Wirkungen Thermische Wirkungen Expositionswert gesundheitliche Wirkungen Obere Auslöseschwelle Expositionswert sensorische Wirkungen Untere Auslöseschwelle 22 Expositionswert Auslöseschwelle schreiten des EGW für sensorische Wir- kungen könnten Nervenzellen durch die äußeren Felder gesundheitlich unbedenk- lich gereizt werden. Erst bei Überschrei- ten des EGW für gesundheitliche Wirkungen können gesundheitliche Fol- gen nicht mehr ausgeschlossen werden. Deshalb darf dieser Wert nicht überschrit- ten werden. Für die thermische Wirkung existiert nur ein EGW. Er soll eine unzulässige Erwär- mung des Körpergewebes verhindern. Da diese Werte nicht direkt messbar sind, definiert die Verordnung zu jedem EGW Auslöseschwellen. Diese können mit messbaren Größen der Felder verglichen werden und garantieren die Einhaltung des zugehörigen EGW. Die weiteren Abschnitte des allgemei- nen Teils beschreiben Maßnahmen zum Schutz vor einer unzulässigen Exposition (§ 6) sowie die Unterweisung der Be- schäftigten (§ 19). Sollten Felder einer Anlage Auslöse- schwellen überschreiten, so definieren besondere Festlegungen, ob und unter welchen Bedingungen dies zulässig ist. Dieser Abschnitt ist nach Art der Wirkung (nicht-thermisch/thermisch) und nach der Frequenz des zu bewertenden Feldes unterteilt. Für die Bewertung einer Mikrowellenan- lage sind die Paragrafen 15 bis 17 rele- vant, während an einer Anlage mit starken statischen Magnetfeldern die Paragrafen 7 bis 9 beachtet werden müssen. Handlungsbedarf Mit dem Inkrafttreten der EMFV stellt sich die Frage, wie vorhandene Gefährdungs- beurteilungen an die neuen Rahmenbe- dingungen angepasst werden können. Vergleicht man die Werte der EMFV und etem 04.2017
betrieb & praxis Hintergrund Die elektromagnetischen Felder sind seit dem Jahr 2001 bereits Re- gelungsgegenstand der Unfallver- hütungsvorschrift DGUV Vorschrift 15. Auf europäischer Ebene wurde im Juni 2013 eine Richtlinie zum Schutz der europäischen Arbeit- nehmer vor Gefährdungen durch elektromagnetische Felder verab- schiedet, die die Nationalstaaten der EU bis 2016 umsetzen mussten. In Deutschland geschah dies durch die Veröffentlichung der EMFV im November letzten Jahres. Zusammenfassung Die neue Arbeitsschutzverordnung zu elektromagnetischen Feldern (EMFV) ist seit November 2016 parallel zur DGUV Vor- schrift 15 in Kraft. Da die zulässigen Werte der DGUV Vorschrift 15 in weiten Teilen identisch oder niedriger als die Auslöse- schwellen der EMFV sind, können die meisten Gefährdungsbeurteilungen leicht auf die neuen Rahmenbedingungen über- tragen werden. Besondere Beachtung und ggf. eine Neubewertung ist aber im Be- reich der elektrischen Felder bis 1,65 MHz sowie bei Magnetfeldern der Frequenzen 3 kHz bis 10 MHz notwendig. Die Techni- schen Regeln zur EMFV werden voraus- sichtlich nicht vor Ende 2018 erscheinen. Stephan Joosten weise gibt es nur wenige industrielle Anla- gen, die in diesen Frequenzbereichen arbeiten. Voraussichtlich 95 Prozent der Betriebe sind nicht betroffen. Weitere Probleme können sich zum jet- zigen Zeitpunkt auch bei der Bewertung von speziellen Expositionen, wie bei ge- pulsten Feldern, ergeben. Sowohl für ge- pulste Felder an z. B. Widerstands- schweißanlagen als auch im Hochfre- quenzbereich (bisherige 6-Minuten-Rege- lung) fehlt in der EMF-Verordnung eine eindeutige Beschreibung der Bewertungs- verfahren. Hier müssen Technische Regeln Klar- heit schaffen. Die Arbeiten an den Techni- schen Regeln zur EMFV haben begonnen. Sie werden jedoch voraussichtlich frühes- tens Ende 2018 fertiggestellt sein. Bis da- hin wird empfohlen, die Regelungen der DGUV Vorschrift 15 sowie der dazugehöri- gen DGUV Regel 103-013 und der DGUV In- formationen 203-038 und 203-043 anzuwenden. In den EMF-Seminaren der BG ETEM werden laufend neue Informati- onen eingearbeitet. Sie spiegeln immer den aktuellen Stand wider, um eine rechtssichere Gefährdungsbeurteilung zum Thema EMF erstellen zu können. B 1 T 1 mT 1 uT der DGUV Vorschrift 15, zeigt sich, dass Auslöseschwellen und Werte der DGUV Vorschrift 15 in weiten Frequenzbereichen entweder identisch sind oder die Auslö- seschwellen oberhalb der bisherigen Werte liegen. Betreibt ein Betrieb Anlagen in diesen Frequenzbereichen gemäß der DGUV Vor- schrift 15, besteht also kein akuter Hand- lungsbedarf. Anlagen, bei denen elektri- sche Felder im Frequenzbereich bis 1,65 MHz bzw. magnetische Felder im Übergangsbereich zwischen nicht-thermi- scher und thermischer Wirkung (100 kHz bis 10 MHz) oder im Bereich erhöhter Ex- position (ab 3 kHz) auftreten, müssen je- doch genauer betrachtet und gegebenen- falls neu bewertet werden. Glücklicher- 100 kV/m E 10 kV/m 1 kV/m 100 V/m 10 V/m t t a t s k r e w t t a b l , a i l o t o F ; y e l s r e d n K g n i i l r o D , s e g a m I y t t e G : s o t o F 1 Hz 1 kHz 1 MHz 1 GHz 1 Hz 1 kHz 1 MHz 1 GHz Vergleich der zulässigen Werte in elektrischen Feldern der DGUV Vor- schrift 15 (gestrichelte Linien) mit denen der EMFV (durchgezogene Linien). Problematisch ist der Bereich bis 1,65 MHz. Vergleich der zulässigen Werte in Magnetfeldern der DGUV Vorschrift 15 (gestrichelte Linien) mit denen der EMFV (durchgezogene Linien). Prob- lematisch ist der Übergangsbereich zwischen 100 kHz und 10 MHz. f f etem 04.2017 23
betrieb & praxis Unfall am Fahrleitungsmast Sturz in die Tiefe Ein Beschäftigter führte an einem Ober- leitungsmast Restmontagearbeiten aus. Dabei stürzte er aus großer Höhe ab und verletzte sich an der Wirbelsäule. Ein Mitarbeiter einer Fahrleitungs- baufirma sollte an einem Oberlei- tungsmast Restmontagearbeiten am Radspanner ausführen. Dazu war er mit einem Auffanggurt samt Halteseil und Schutzhelm ausgerüstet. Das Gleis auf Seiten der Arbeitsstelle war als Baugleis ausgewiesen, die zu- lässige Höchstgeschwindigkeit betrug 20 km/h. Die Oberleitung war freigeschal- tet und bahngeerdet. Auf dem anderen Streckengleis war eine Langsamfahrstelle mit 40 km/h eingerichtet. Ungesicherter Aufstieg Der Mitarbeiter hatte den Mast bis zu einer Arbeitshöhe von etwa 4 m bestie- gen. Den Helm trug er zwar, war aber nicht gegen Absturz gesichert. Er führte einen Teil seiner Arbeiten aus, wobei er einen Auffanggurt mit Halteseil als Positionier- hilfe verwendete. Daraufhin löste er das Halteseil und stieg wiederum ungesi- chert weiter hinauf. An der neuen Arbeits- stelle befestigte er das Halteseil wieder als Positionierhilfe beidseitig am Gurt, aber offensichtlich ohne es vorher um den Mast oder durch diesen hindurch zu ziehen. Als der Beschäftigte sich dann in den Gurt lehnen wollte, stürzte er ab und verletzte sich dabei an der Wirbelsäule. Da sein Helm sehr gut passte, blieb er bis zum Aufprall auf dem Kopf, was ihn vor zusätzlichen schweren Schädelverletzun- gen bewahrte. Zum Absturz konnte es nur kommen, weil der Mitarbeiter sich während des Steigens nicht dagegen gesichert hatte. Eine solche Sicherung gegen Absturz hätte zu jedem Zeitpunkt der Arbeiten gewährleistet sein müssen. Damit wäre Bild 1: Erster Strang verbunden, Auffangsystem ist wirksam. Bild 2: Vorbeisteigen und zweiten Strang verbinden. 1 2 der Fall nach wenigen Metern gebremst worden und der Betroffene nicht auf dem Boden aufgeschlagen. Die Verletzungen wären dann wohl deutlich weniger schlimm ausgefallen. Schlussfolgerung Oberleitungsmasten zu besteigen, ist mit Absturzgefährdungen verbunden. Im Falle eines Absturzes muss mit schwerwie- genden bzw. tödlichen Verletzungsfolgen gerechnet werden. Die sogenannte Drei- Punkt-Methode stellt beim Besteigen von Masten keine geeignete Maßnahme dar, um vor Absturz zu schützen. Bei dieser Methode haben beide Hände und ein Fuß oder beide Füße und eine Hand gleichzeitig Kontakt mit Konstruktions- teilen von Freileitungsmasten. Die „Drei-Punkt-Methode“ ist nicht mehr Stand der Technik und gehört im Freileitungsbau bereits seit vielen Jahren der Vergangenheit an (siehe DGUV Infor- mation 203-047 „Schutz gegen Absturz beim Bau und Betrieb von Freileitungen“, mehr unter info). Deshalb wurde die DGUV Information 203-014 „Schutz gegen Absturz beim Bau und Betrieb von Ober- leitungsanlagen“, Ausgabe 2000, zurück- gezogen. In der Neuausgabe der DGUV Information 203-019 „Arbeiten an Fahrlei- tungsanlagen“ werden die überarbeiteten Inhalte der zurückgezogenen DGUV Infor- mation 203-014 zusammengefasst. Beim Besteigen (Auf- und Absteigen) von und beim Arbeiten auf Masten müssen sich die Beschäftigten mit Persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) sichern. Bei der Positionierung am Ar- beitsplatz sichern sich die Beschäftigten mittels Halteseil um ein tragfähiges Bau- element des Mastes. Diese zweisträngige Arbeitsplatzpositionierung stellt jedoch keine Sicherung gegen Absturz dar. Beim Besteigen von Masten hat sich u.a. die Y-Seil-Methode als geeignete Me- thode zum Schutz gegen Absturz bewährt. Bei der Y-Seil-Methode werden zwei Ver- bindungsmittel mit der Auffangöse des Auffanggurtes verbunden. Dabei sind bei- de Verbindungsmittel mit je einem Karabi- ner und einem gemeinsamen Falldämpfer ausgestattet. Beim Besteigen des Mastes sind die Verbindungsmittel abwechselnd zur Sicherung gegen Absturz einzusetzen. Es ist sicherzustellen, dass zu jedem Zeit- punkt mindestens ein Strang des Y-Seils mit dem Mast verbunden ist. Bernd Grodde → info Die DGUV Information 203-047 „Schutz gegen Absturz beim Bau und Betrieb von Freileitungen“ finden Sie unter: publikationen.dguv.de, Suche „203-047“ n e r o l F . J / M E T E G B : s o t o F 24 etem 04.2017
betrieb & praxis Unfall an Flachdraht-Isoliermaschine Gefährlicher Zugriff An einer Flachdraht-Isoliermaschine griff ein Mitarbeiter in eine ungesicherte Einzugsstelle am Raupenabzug und quetschte sich zwei Finger. Das auf Maß gezogene Kupfer wird in einem Betrieb für spezielle Kupfer- drähte mit verschiedenen Isolierungen überzogen. Ein gewisser Anteil wird mit Isolierfolie umwickelt, wozu eine Flach- draht-Isoliermaschine dient. Um eine gleichmäßige Führung und Spannung des Drahtes zu erreichen, der umwickelt wer- den soll, treiben diesen sogenannte Rau- pen vor und hinter der Wickelstation an. Keine seitliche Verdeckung Da Verdeckungen teilweise fehlen, können Beschäftigte in die Einzug‚stellen dieser Raupen von den Seiten eingreifen. Auf der Vorderseite gibt es eine bewegliche Ver- deckung, die mit der Steuerung verriegelt ist. Diese verhindert aber keinen seitli- chen Zugriff. An der Maschine kam es in der Nacht- schicht häufiger zu Störungen. Gegen ein Uhr war es wieder so weit: Die Steuerung setzte deshalb die Maschine gezielt still und verringerte dazu die Geschwindig- keit. Zu diesem Zeitpunkt griff ein Mitar- beiter aus nicht geklärten Gründen mit der Hand in die Raupe und wurde einge- zogen. Dabei wurden seine Finger einge- quetscht. Wegen der Störung stoppte die Raupe aber unmittelbar nach diesem Vor- fall komplett, sodass der Mitarbeiter nicht weiter eingezogen wurde. Im Normal- betrieb hätte das wesentlich schlimmer ausgehen können. Mittlerweile war ein Kollege herbeigeeilt. Da die Maschine gesteuert stillgesetzt worden war, konnte dieser die Raupen- antriebe nicht sofort auseinanderfahren. Erst nachdem der Kollege den Fehler quittiert hatte, konnte er den Verletzten befreien. Fazit An derartigen Maschinen müssen sämt- liche Einzugsstellen unbedingt gesichert werden, am besten mit einer festen Ver- deckung. Da der Abstand zur Einzugs- stelle einige Zentimeter beträgt, kann die Verdeckung mit relativ großen Durch- brüchen ausgestattet sein. Bernd Grodde 2 1 3 e d d o r G . B / M E T E G B : s o t o F 1. Raupe mit geschlossener Verdeckung; 2. Raupe mit geöffneter Verdeckung; 3. seitliche ungesicherte Öffnung etem 04.2017 25
service Die Mitglieder der BG ETEM-Vertreterver- sammlung stimmten für die Einrichtung von sechs Branchen- ausschüssen der Selbstverwaltung. Vertreterversammlung Branchenkompetenz stärken Die Selbstverwaltung der BG ETEM reformiert ihre Struktur. Branchenspezifische Aufgaben werden von sechs neuen Ausschüssen wahrgenommen. Der Durch- schnittsbeitrag bleibt trotz gestiegener Entschädigungsleistungen konstant. Die Vertreterversammlung der BG ETEM hat bei ihrer jüngsten Sitzung am 17. und 18. Mai in Berlin die Weichen für die weitere Arbeit der Berufsgenossenschaft und der Selbstverwaltung gestellt. Vor al- lem die Stärkung der Branchenkompetenz stand dabei im Fokus. Die BG ETEM ist das Resultat dreier Fusi- onen zwischen 2008 und 2010. In dieser Zeit vereinigten sich die Unfallversiche- rungsträger der Feinmechanik und Elektro- technik, der Energie- und Wasserwirt- schaft, der Textil- und Bekleidungsgewer- be und des Bereichs Druck und Papierver- arbeitung zur heutigen BG ETEM. Zur Wah- rung der Interessen ihrer Branche wurden sogenannte Branchenvertretungen für die Bereiche Energie- und Wasserwirtschaft sowie Druck und Papierverarbeitung ge- gründet. Mit dem Ziel, die spezifischen Be- lange der Branchen bei der Unfallverhütung zu berücksichtigen, wurden zudem Bran- chenpräventionsausschüsse installiert. Die Vertreterversammlung beschloss, dass künftig an deren Stelle die sechs neuen Branchenausschüsse ▪ Elektrotechnische Industrie, ▪ Elektrohandwerk, ▪ Textil und Mode, ▪ Feinmechanik, ▪ Energie- und Wasserwirtschaft sowie ▪ Druck und Papierverarbeitung branchenbezogene Aufgaben und Fragen, schwerpunktmäßig zur Branchenpräven- tion, beraten und Beschlüsse dem Vor- stand bzw. dem Präventionsausschuss empfehlen. Zudem können den Branchen- ausschüssen weitere Aufgaben übertra- gen werden. In der BG-Satzung (§ 11, siehe „info“) sind Aufgaben und Zusammenset- zung der Branchenausschüsse geregelt. Vorstand und Geschäftsführung prä- sentierten die Bilanz der BG ETEM für 2016. Die Zahl der Arbeits- und Wegeun- fälle stieg leicht, ebenso die Kosten für Entschädigungsleistungen (siehe „info“ und Kasten). Die Vertreterversammlung ist mit je 30 Vertreterinnen und Vertretern der Versi- cherten und der Arbeitgeber das größte Selbstverwaltungsgremium der BG ETEM. Sie wird bei der alle sechs Jahre stattfin- denden Sozialwahl gewählt. In diesem Jahr endet die 11. Wahlperiode. Holger Zingsheim → info ▪ Die Satzung der BG ETEM finden Sie un- ter www.bgetem.de, Webcode 12834110. ▪ Zahlen, Daten und Fakten 2016 enthält der Jahresbericht der BG ETEM: www.bgetem.de, Webcode 12613165 ▪ Die wichtigsten BG ETEM-Kennzahlen finden Sie in der E-Paper-Ausgabe unter www.bgetem.de, Webcode 12484059 Mitgliedsbeitrag der BG ETEM wird nicht erhöht Der Vorstand der Berufsgenossen- schaft Energie Textil Elektro Medie- nerzeugnisse (BG ETEM) hat in seiner Sitzung am 11. Mai einen Beitragsfuß in Höhe von 2,92 be- schlossen. Im Vorjahr hatte dieser Wert bei 2,93 gelegen. Für die Mit- gliedsunternehmen der BG ETEM ergibt sich damit ein Durchschnitts- beitrag von 0,79 Euro je 100 Euro ihrer jeweiligen Lohnsumme. Das entspricht der Höhe des Vorjahres. „Trotz gestiegener Kosten für Ärzte und Krankenhausbehandlungen sowie für die finanzielle Entschädi- gung von Arbeitsunfällen und Be- rufskrankheiten steigt die finan- zielle Belastung für unsere Mit- gliedsbetriebe nicht an“, erläuterte Olaf Petermann, Vorsitzender der Geschäftsführung der BG ETEM. Petermann begründete das mit der gestiegenen Lohnsumme der Unter- nehmen. Der Beitragsfuß ergibt sich aus den BG-Aufwendungen, der Gesamtlohnsumme und den Gefahrklassen der Betriebe. 26 etem 04.2017 m i e h s g n i Z . H , M E T E G B : o t o F
service Neues Maschinenmodell Lernen ohne Risiko Produktion im Kleinformat. An den Maschinen- modellen der BG ETEM können Seminarteilnehmer Sicherheitskonzepte selbst ausprobieren. Gerd Titze (Mitte, kniend) erläutert alternative Betriebsarten am neuen Maschinenmodell. Die BG ETEM hat im Januar 2017 nach einer dreijährigen Planungs-, Aus- schreibungs- und Umsetzungsphase das erste von vier transportablen Maschinen- modellen in Betrieb genommen. Sie kom- men in maschinentechnischen Seminaren zum Einsatz. Die Modelle wurden unter Federführung der Prüfstelle Elektrotechnik der BG ETEM entwickelt und von einem Mitgliedsunternehmen gebaut. Im neuen Modell wird mithilfe moderns- ter Sicherheits- und Antriebskomponenten ein einfacher Produktionsprozess darge- stellt („Pick-and-Place“). Das Schutzkon- zept der Maschine ist dabei so ausgelegt, dass den Seminarteilnehmern Auswahl, Anordnung und Funktionalität verschiede- ner Sicherheitskonzepte vermittelt werden können. Folgende Schutzeinrichtungen und de- ren Funktionalität werden demonstriert: ▪ feststehende und bewegliche tren- nende Schutzeinrichtungen und deren Befestigungsmöglichkeiten Befestigungsmöglichkeiten nach DIN EN ISO 14119: zwangsöffnende Positi- onsschalter, Zuhaltung, Scharnierschal- ter, Näherungsschalter mit definiertem Verhalten unter Fehlerbedingungen ▪ Schlüsseltransfersystem ▪ Kraftbegrenzung eines Antriebssystems ▪ berührungslos wirkende Schutzeinrich- tungen: Lichtvorhänge mit und ohne Muting, Kamerasystem Innerhalb eines Sicherheitskonzepts für Maschinen nimmt die Umsetzung geeigne- ter Betriebsarten eine zentrale Rolle ein. Deshalb wurden vom Automatikbetrieb bis hin zur Prozessbeobachtung etliche Be- triebsarten am Maschinenmodell reali- siert. Die Betriebsarten werden auf unter- schiedlichen Berechtigungsstufen über Schlüsselschalter, oder Transpondersystem ausgewählt. Touchscreen Diese Betriebsarten stehen zur Verfügung: Automatik- / Produktionsbetrieb ▪ alle Schutzeinrichtungen sind in Funk- ▪ Verriegelungseinrichtungen und deren tion ▪ über die Steuerung wird ein manipulier- ter Positionsschalter der Bauart 2 er- kannt. Rüsten / Einstellen ▪ Tippbetrieb ▪ reduzierte Geschwindigkeit plus Zu- stimmschalter (dauerhaft zu betätigen) ▪ reduzierte Energie (Stromüberwachung eines Antriebselements) ▪ Prozessgeschwindigkeit plus Zustimm- schalter. Beobachten ▪ Öffnen einer Schutzeinrichtung ohne Prozessunterbrechung (zeitlich befris- tet, durch Steuerung überwacht). Als weitere Option steht ein Kamerasys- tem zur Verfügung, mit dem Prozessab- läufe ohne Eingriff in den Maschinenraum beobachtet werden können. Am Maschi- nenmodell lässt sich außerdem die Be- wertung einer wesentlichen Veränderung von Maschinen darstellen. Es ist auch nachvollziehbar, wie ein ma- nipulierter Positionsschalter durch das Steuerungskonzept erkannt werden kann. Über eine Schnittstelle kann die Bedien- oberfläche des Maschinenmodells auf einen Beamer übertragen werden. Für das Maschinenmodell liegt außer- dem eine vollständige Dokumentation nach Europäischer Maschinenrichtlinie 2006/42/EG incl. Risikobeurteilung vor. Diese kann künftig ebenfalls für Schu- lungszwecke verwendet werden. Insgesamt wurden von der BG ETEM vier Maschinenmodelle angeschafft, die an den Bildungsstätten Bad Münstereifel, Dresden, Linowsee und Oberaichen (Lein- felden-Echterdingen) eingesetzt werden. Die Modelle sind künftig Bestandteil folgender Seminare: ▪ Einrichten von Pressen (Nr. 264) ▪ Betreiben von Stationären Fertigungs- anlagen (Nr. 265) ▪ Konstruktion nach EU-Richtlinien (Nr. 266) Ekkehard Doll etem 04.2017 27 l l o D d r a h e k k E , M E T E G B : s o t o F
gesundheit Psychische Gesundheit Burn-out-Prävention kommt von oben Die psychische Gesundheit in einem Betrieb ist maßgeblich abhängig von Führungskrä en, sagt Fachbuchautor Professor Matthias Burisch. Matthias Burisch Matthias Burisch war von 1970 bis 2009 Hochschullehrer für Psycholo- gie an der Universität Hamburg. Da- neben arbeitet er seit vielen Jahren als Trainer, Berater und Coach mit den Schwerpunktthemen Kommu- nikation & Kooperation in Teams, Kompetenzdiagnostik, Führung und Burn-out-Prävention. Burisch ist Au- tor vieler Aufsätze und zweier Fach- bücher zum Thema. Weitere Infor- mationen unter: www.burnout-institut.eu ?Herr Burisch, ist Burn-out gestorben? Man hört in letzter Zeit so wenig davon. Der große Hype ist in der Tat einstweilen vorbei. Es ist alles zum Thema gesagt und geschrieben, leider auch viel Unsinn. Die Leitmedien haben die Sache spätes- tens 2012 totgeritten. Die Öff entlichkeit fühlt sich ausreichend informiert, man kann mit dem Thema keinen Blumenpott mehr gewinnen. Höchstens mit der Schlagzeile „Burn-out gibt’s gar nicht!“, die von einigen Psychiatern immer mal wieder in die Welt gesetzt wird. Wer sich in Betrieben, Kliniken, bei Therapeuten oder Coaches umhört, erfährt dass Burn- out kein bisschen tot ist. Allenfalls be- ginnt man mancherorts, sich damit als „Betriebsunfall des modernen Arbeitsle- bens“ abzuﬁ nden. ?Was können Unternehmen tun, um die psychische Gesundheit ihrer Belegschaf- ten zu stärken? Ich habe schon mehrmals dafür plädiert, zuerst bei der Führungskultur anzuset- zen – und anschließend nicht gleich wieder aufzuhören. Die unmittelbare Füh- rungskra ist für die meisten Angestellten nun mal die ausschlaggebende Instanz. Wenn man Vorgesetzte auf ihre Fürsorge- pflicht gegenüber Mitarbeitern anspricht, rollen die nicht selten die Augen und er- zählen hinter vorgehaltener Hand, wie sie geführt werden. Darum habe ich gerade das etwas verschlissene Wort „Kultur“ benutzt: Das alte Motto „Der Mensch in den Mittelpunkt!“, über das heutige Be- schä igte wahrscheinlich bloß noch grie- nen können, muss zum Leben erweckt werden, und zwar auf allen Ebenen! Das gelingt viel leichter im Klein- und Mittel- betrieb, wo die Gesamtverantwortung klar beim Chef liegt, als im Dax-Konzern, wo niemand richtig zuständig ist. Man wo niemand richtig zuständig ist. Man muss natürlich sehen, dass der globali- muss natürlich sehen, dass der globali- sierungsbedingte Konkurrenzdruck tat- sierungsbedingte Konkurrenzdruck tat- sächlich überall eher das Starren auf die sächlich überall eher das Starren auf die Quartalszahlen und Kosten fördert, als Quartalszahlen und Kosten fördert, als auf das echte Interesse an der Beleg- auf das echte Interesse an der Beleg- scha . Das ist nicht nur kurzsichtig, son- scha . Das ist nicht nur kurzsichtig, son- dern geradezu dumm. Es ist nämlich so, dern geradezu dumm. Es ist nämlich so, dass sich Mitarbeiterorientierung durch- dass sich Mitarbeiterorientierung durch- aus rechnet. Dafür gibt es reichlich Be- aus rechnet. Dafür gibt es reichlich Be- lege. Vor Kurzem las ich, dass ein lege. Vor Kurzem las ich, dass ein amerikanischer Weltkonzern 100.000 amerikanischer Weltkonzern 100.000 Dollar pro Person in ein ziemlich techno- Dollar pro Person in ein ziemlich techno- kratisches Präventionsprogramm inves- kratisches Präventionsprogramm inves- tieren will. Allerdings nur für seine CEOs, tieren will. Allerdings nur für seine CEOs, denn da kann ein Ausfall schon mal denn da kann ein Ausfall schon mal 1,8 Milliarden Dollar kosten. Man könnte 1,8 Milliarden Dollar kosten. Man könnte es sicher billiger haben, und zwar für alle es sicher billiger haben, und zwar für alle Hierarchieebenen. Was o fehlt, ist der Hierarchieebenen. Was o fehlt, ist der gute Wille. ?Wie sähe denn eine burn-out-präven- Wie sähe denn eine burn-out-präven- tive Führung aus? tive Führung aus? Vorgesetzte, das muss man Vorgesetzte, das muss man sich klarmachen, können sich klarmachen, können Burn-out von Mitarbei- Burn-out von Mitarbei- tern nicht verhindern, tern nicht verhindern, höchstens bremsen. Sie höchstens bremsen. Sie können Burn-out-Pro- können Burn-out-Pro- zesse aber sehr wohl zesse aber sehr wohl auslösen. Wie das geht, auslösen. Wie das geht, dafür gibt es viele Mög- dafür gibt es viele Mög- lichkeiten. Man kann lichkeiten. Man kann z. B. verantwortungsvolle z. B. verantwortungsvolle und anspruchsvolle Auf- und anspruchsvolle Auf- gaben und Projekte im- gaben und Projekte im- mer an dieselben mer an dieselben vergeben. Man kann vergeben. Man kann auch Menschen auch Menschen Führungsverant- Führungsverant- wortung über- tragen, die weder tragen, die weder führen können noch wollen. Eine noch wollen. Eine dritte Option ist dritte Option ist 28 etem 04.2017
besonders beliebt in Vertriebsorganisati- onen: Zielvorgaben unrealistisch hoch ansetzen und dann auch noch in kurzen Abständen hochschrauben. Solche Bei- spiele ließen sich fortsetzen. Wie ginge es besser? Es gibt nicht den einen richtigen Führungsstil – schon des- wegen, weil nicht jede und jeder gleich geführt werden will. Es kommt vielmehr darauf an, Rahmenbedingungen zu schaf- fen, unter denen Menschen gerne zur Arbeit kommen, am Sinn ihrer Tätigkeit kaum zweifeln und keine Angst haben müssen, Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Solche Rahmenbedingungen ent- stehen leichter, wo sich das Management zur Philosophie der sogenannten Servant Leadership bekennt. Sozusagen „Führung als Dienstleistung“, an einer Sache und an der Belegschaft . Das schafft Vertrau- en, und das ist schon die halbe Miete. Die Mindestanforderung ist: Anständig soll geführt werden. Das will jede und je- der. Das entsprechende Verhalten lässt sich erlernen. Viel wichtiger ist aber die Einstellung zu Menschen. ?Wie schätzen Sie die Gefährdungsbe- Wie schätzen Sie die Gefährdungsbe- urteilung psychische Belastung ein, urteilung psychische Belastung ein, hinter der seit Kurzem mehr politischer hinter der seit Kurzem mehr politischer Druck steht? Druck steht? Denen in den Organisationen, die für das Denen in den Organisationen, die für das Thema immer schon sensibilisiert waren, Thema immer schon sensibilisiert waren, stärkt diese Initiative – die ja bei Gott stärkt diese Initiative – die ja bei Gott nicht neu ist! – den Rücken: „Wir müs- nicht neu ist! – den Rücken: „Wir müs- sen da sowieso ran, das ist jetzt Vor- sen da sowieso ran, das ist jetzt Vor- schrift !“. Und vielleicht kommt so schri !“. Und vielleicht kommt so auch auf den obersten Ebenen, die auch auf den obersten Ebenen, die nun mal dahinterstehen müssen, et- nun mal dahinterstehen müssen, et- was in Bewegung. Die Gefahr ist, was in Bewegung. Die Gefahr ist, dass das wie die jährliche Feuer- dass das wie die jährliche Feuer- schutzübung abgefeiert wird. Am schutzübung abgefeiert wird. Am Ende steht dann ein Papier, mit dem Ende steht dann ein Papier, mit dem man auf Nachfrage wedeln kann, und man auf Nachfrage wedeln kann, und alles ist gut, oﬃ ziell. Wichtiger alles ist gut, oﬃ ziell. Wichtiger wäre ein geändertes Be- wäre ein geändertes Be- wusstsein, ge- wusstsein, ge- rade an der rade an der gesundheit 3 Regeln & 2 Tipps In jeder Problemlage kommt es darauf an ▪ zu ändern, was mit persönlich vertretbarem Aufwand zu ändern ist, ▪ möglichst gelassen zu ertragen, was nicht zu ändern ist (wie das Wetter) und ▪ zwischen veränderbar und unabänderlich sorgfältig zu unter- scheiden. Dafür muss man ▪ die Sache ernst und sich selbst Zeit nehmen, um gründlich nachzudenken. ▪ Wenn das alleine nicht hil , darf man sich nicht scheuen, Hilfe zu suchen. Spitze, das die Belange der Mitarbeiter- schaft ganz selbstverständlich gleichran- gig mit dem wirtschaft lichen Ertrag sieht. Der kommende Fachkräft emangel wird da in absehbarer Zeit eh ein Umdenken er- zwingen. Wer schon jetzt umsteuert, wo es noch überwiegend freiwillig geht, hat später sicher einen Vorteil. ?Abschließend eine Frage, die sicher viele Leser interessieren wird, die sich um ihr eigenes psychisches Gleichge- wicht Sorgen machen: Was raten Sie demjenigen, bei dem es anfängt, brenz- lig zu werden? Es gibt aus meiner Sicht nur drei Grund- regeln, die in jeder Problemlage nützlich sind, und zwei Basis-Tipps zum Umgang mit den Regeln (siehe Kasten). Mein letz- tes Buch handelt im Grunde von nichts anderem. Es kommt darauf an, zu unter- scheiden, ob ein Problem prinzipiell lös- bar ist oder nicht. Wenn nicht, muss man seinen Frieden damit machen, statt sich das Leben zu verbittern oder zu versau- ern. Wenn ja, gilt es, Lösungen zu ﬁ nden. Dazu muss man die Sache ernst nehmen, sich Zeit dafür einräumen und meistens Hilfe suchen. Auf bessere Zeiten hoﬀ en, hil nur selten. Interview: Dr. Just Mields etem 04.2017 Gute Vorgesetzte räumen den Gute Vorgesetzte räumen den Belangen der Beschä igten Belangen der Beschä igten genauso viel Raum ein wie den genauso viel Raum ein wie den Ertragszielen, so Prof. Burisch. Ertragszielen, so Prof. Burisch. t a v i r P : o t o F 29
gesundheit Gefährdung durch Sonnen-UV-Strahlung Richtig schützen! Wer überwiegend im Freien arbeitet, trägt ein erhöhtes Risiko, an Hautkrebs zu erkranken. Das kann im Einzelfall jetzt als Berufskrankheit anerkannt werden. Unternehmer müssen für betroffene Beschäftigte Schutzmaßnahmen ergreifen. Etwa 2,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland arbeiten nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) überwiegend im Freien. Dazu gehören z. B. Beschäftigte im Bauhandwerk, Straßenbau, in Bäderbe- trieben, im Freileitungsbau, in Windener- gieanlagen, im Rohrleitungsbau, in der Kabel- und Leitungsmontage oder in der Seeschifffahrt. Für diese Arbeitnehmer ist die Jahresexposition durch ultraviolette Strahlung (UV-Strahlung) bis zu dreimal höher als für Beschäftigte, die überwie- gend in Gebäuden arbeiten. Inzwischen gilt es als gesichert, dass mit steigender Belastung durch UV-Strah- lung auch das Risiko einer Hautkrebs- erkrankung steigt. Deshalb hat der Ge- setzgeber bestimmte UV-bedingte Formen des weißen Hautkrebses seit Anfang 2015 in die Liste der entschädigungsfähigen Berufskrankheiten (BK) aufgenommen. Dazu zählen ▪ Plattenepithelkarzinome der Haut ein- schließlich der Bowen-Karzinome und ▪ multipel auftretende aktinische Kerato- sen (mehr als 5 aktinische Keratosen pro Jahr einzeln oder zusammenfließend auf einer Fläche von mehr als 4 cm2). Um eine Erkrankung als Berufskrankheit zu entschädigen, muss sie zweifelsfrei von einem Dermatologen (Hautarzt) festgestellt worden sein, ebenso die berufliche Verur- sachung. Bei Plattenepithelkarzinomen ist dazu eine histologische („Gewebe“-) Untersuchung erforderlich, bei aktinischen Keratosen ist sie nicht zwingend notwen- dig. Zudem müssen in jedem Fall sowohl der Verlauf der Erkrankung als auch die ärztliche Behandlung dokumentiert sein. Für andere Hautkrebsarten wie Basal- zellkarzinome oder die verschiedenen Subtypen des malignen Melanoms gibt es aus medizinischer Sicht laut der Bam- berger Empfehlung eines Arbeitskreises unter Beteiligung der Deutschen Gesetzli- Risikofaktor Sonne: Bei Arbeit im Freien muss die Haut gegen die UV-Strahlung geschützt werden. chen Unfallversicherung (DGUV) „zurzeit keine ausreichenden Erkenntnisse über den Wirkungszusammenhang mit der ar- beitsbedingten Exposition“. Hilfsfaktor UV-Index Um das gesundheitliche Risiko durch die UV-Strahlung der Sonne („solare UV-Strah- lung“) abschätzen zu können, ist der UV-Index hilfreich. Er gibt die Bestrah- lungsstärke der Sonne an, gemessen auf einer ebenen Fläche. Der UV-Index wird auf einer Skala mit Werten von 0 bis 11+ angegeben. Die Weltgesundheitsorgani- sation (WHO) empfiehlt ab einem UV- Index-Wert von 3 Schutzmaßnahmen für die Allgemeinbevölkerung. Aus Daten des solaren UV-Monitoring-Netzes Deutsch- land für die Jahre 2000 bis 2008 geht her- vor, dass ein solcher Schutz hierzulande an 135 bis 165 Tagen erforderlich ist. Ab UV-Index 5 (an 60 bis 100 Tagen pro Jahr) sollten „weitergehende Schutzmaßnah- men ergriffen werden“, empfiehlt die BAuA (siehe Tabelle). Schutzmaßnahmen Die Gefährdung durch UV-Strahlung kann außer durch Jahreszeit und Wetter auch durch Arbeitsumfeld und Tätigkeit sowie bereits vorhandene Schutzmaßnahmen variieren. Arbeitgeber müssen für Beschäf- tigte, die im Freien arbeiten, mithilfe einer Gefährdungsbeurteilung die Arbeitstätig- keit konkret beurteilen und – falls not- wendig – geeignete Schutzmaßnahmen 30 etem 04.2017
gesundheit ausreichenden Menge entsprechend den Herstellerempfehlungen ist in der Regel ein Lichtschutzfaktor von ca. 25 Prozent des angegebenen Wertes zu erwarten.) ▪ Sonnenbrille (Schutzfilterstärke für den gewerblichen Bereich ist in der DIN EN 172 festgelegt). Erste Hilfe bei Hitzschlag Ein Hitzschlag mit einer Körperkerntem- peratur über 40 °C muss sofort behandelt werden, da sonst mit schwersten Gesund- heitsschäden zu rechnen ist. Erkennbar ist er an heißer, trockener, roter Haut, taumelndem Gang, Verwirrtheit oder Be- wusstlosigkeit, Herz-Kreislauf-Störungen oder Atemstörungen. Dann sind folgende Schritte notwendig: ▪ Sofort den Rettungsdienst unter Ruf- ▪ Bei Bewusstlosigkeit die betroffene Per- son in die stabile Seitenlage bringen. ▪ Den Körper des Betroffenen mit feuch- ten Tüchern kühlen. → info Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter ▪ www.bgetem.de, Webcode 16779163 („Tipps: Hautschutz bei Tätigkeiten im Freien“) ▪ www.dguv.de, Webcode d681859 (z. B. die DGUV-Arbeitshilfe „Hautkrebs durch UV-Strahlung“) ▪ www.dguv.de, Webcode d649737 ▪ publikationen.dguv.de, Suche „203-085“ und „204-037“ (DGUV Information „Arbeiten unter der Sonne“ und „Erste Hilfe Karte: Akute Hitzeerkrankungen“) nummer 112 alarmieren. ▪ publikationen.dguv.de, ▪ Bei Atemstillstand Wiederbelebungs- maßnahmen einleiten (siehe „info“: DGUV Information 204-001). ▪ Die betroffene Person in den Schatten oder an einen kühlen Ort bringen. ▪ Ggf. schwere Bekleidung entfernen. Suche „DGUV Information 204-001“ ▪ www.baua.de/DE/Angebote/Publikatio- nen/Fokus/UV-Strahlung.html („Schutz vor solarer UV-Strahlung – Eine Auswahl von Präventions- maßnahmen“) Jahres- und Tageszeiten mit erhöhtem Schutzbedarf für die Haut* Datum Tageszeit UV-Index Witterung Gefährdung Januar – Mitte März ganztägig Mitte März – Mitte April 9:30 bis 16:30 Uhr Mitte April – Mitte September 10:30 bis 15:30 Uhr Mitte September – Mitte Oktober 9:30 bis 16:30 Uhr Mitte Oktober – Dezember ganztägig ‹ 3 ≥ 3 > 5 ≥ 3 < 3 auch bei Sonne gering bei Sonne mittel bei Sonne hoch bei Sonne mittel auch bei Sonne gering * Laut vereinfachtem UV-Stufenkalender zur Gefährdung auf Basis des UV-Index für den Arbeitstag an solar exponierten Arbeitsplätzen in Deutschland Quelle: BAuA ergreifen. Da Sonnenstrahlung Krebs aus- lösen und für Menschen mit besonderen (Haut-)Erkrankungen oder bei Einnahme bestimmter Medikamente besonders ge- sundheitsgefährdend sein kann, ist der Betriebsarzt bei der Gefährdungsbeurtei- lung, der Unterweisung von Beschäftigten und der Auswahl sowie Organisation von Schutzmaßnahmen sowie der Organisation der Ersten Hilfe hinzuzuziehen. Dabei gilt das TOP-Prinzip: Technische und organi- satorische Maßnahmen haben Vorrang vor personenbezogenen Schutzmaßnahmen. Technische Schutzmaßnahmen können sein: ▪ Überdachungen ▪ UV-absorbierende Abdeckungen ▪ Sonnenschirme oder -segel ▪ UV-absorbierende Fenster bei Fahrzeugen ▪ Unterstellmöglichkeiten für Pausen. Organisatorische Schutzmaßnahmen können sein: ▪ Unterweisung der Beschäftigten ▪ Beschränkung der Arbeitszeit in der Sonne (z. B. durch Verlegung der Ar- beitszeit in die Morgen- oder Abend- stunden) ▪ Verlegung körperlich anstrengender Arbeiten in die Morgenstunden ▪ Verschiebung nicht zwingend erforderli- cher Arbeiten in eine andere Jahreszeit ▪ Verzicht auf Überstunden bei hohem UV-Index (> 6) und großer Hitze. Personenbezogene Schutzmaßnahmen können sein: ▪ Geeignete körperbedeckende Kleidung (mit ausreichendem UV-Schutz) und Kopfbedeckung ▪ UV-Schutzmittel mit ausreichendem Lichtschutzfaktor (Bei Auftrag einer Impressum etem – Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung. Herausgeber: Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse, Gustav-Heinemann-Ufer 130, 50968 Köln, Tel.: 0221 3778-0, Telefax: 0221 3778-1199, E-Mail: info@bgetem.de. Für den Inhalt verantwortlich: Bernd Offermanns, Johannes Tichi (Geschäftsführung). Redaktion: Christoph Nocker (BG ETEM), Stefan Thissen (wdv Gesellschaft für Medien & Kommunikation mbH & Co. OHG, Dieselstraße 36, 63071 Offenbach). Tel.: 0221 3778-1010, E-Mail: etem@bgetem.de. Bildredaktion: Theresa Rundel (wdv); Gestaltung: Jochen Merget (wdv). Druck: Vogel Druck und Medienservice GmbH. etem erscheint sechsmal jährlich (jeden zweiten Monat). Der Bezugspreis ist durch den Mitgliedsbeitrag abgegolten. Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfreien Papier. Titelbild: Lutz Schmidt/Projekt-PR www.bgetem.de twitter.com/bg_etem youtube.com/diebgetem xing.to/bgetem @bg_etem etem 04.2017 www.bgetem.de Webcode: 13671559 www.facebook.com/ BGETEM 31 t d n r A r i i m d a V l , o t o h p k c o t S i / s e g a m I y t t e G : o t o F
1,5 Mio. Mobbingopfer in 2016 Respekt im Umgang mit anderen! A U C H D E I N T H E M A ! Mobbing ist kein Kavaliersdelikt. Führungskräfte, die es dulden, verletzen ihre Fürsorgepﬂ icht und verursachen erheblichen wirt- schaftlichen Schaden. Seien Sie aufmerksam: „Vergisst“ man immer die gleiche Person zu informieren? Enden Gespräche abrupt, wenn sie hinzutritt? Zieht sich die Person merklich zurück? DULDEN SIE KEIN MOBBING IM KOLLEGENKREIS! 7 1 0 2 / 8 0 0 P . e d h c s h u k n u b w w w . . n l ö k . r e g r e b n e l l e h c s . l h u k . n e t r a g n u b