Source: https://www.socialnet.de/rezensionen/26066.php
Timestamp: 2020-07-11 21:22:59
Document Index: 80071281

Matched Legal Cases: ['Art.\u202f3', '§\u202f4', 'Art.\u202f6', '§\u202f1666', '§\u202f24', '§\u202f42', '§\u202f8']

socialnet Rezensionen: Michael Wutzler: Kindeswohl und die Ordnung der Sorge | socialnet.de
Die Veröffentlichung widmet sich dem Kindeswohl, das in den letzten Jahren erheblich an öffentlicher Bedeutung gewonnen hat. Dabei handelt es sich um einen unbestimmten Rechtsbegriff, der folglich von verschiedenen Disziplinen unterschiedlich interpretiert wird und durchaus zu kontroversen Debatten führt. Eine Grundlage dafür ist Art. 3 der UN-Kinderrechtskonvention, der „the best interest of the child“ als vorrangig zu berücksichtigendem Gesichtspunkt bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, betont. Als Übersetzung der englischen Fassung hat sich der Begriff des Kindeswohls eingebürgert. Der Autor verbindet mit der Konjunktur des Kindeswohls, auch im politischen Raum, in gewisser Weise eine veränderte Ordnung der Sorge um Kinder, die Zeichen des Wandels auch im Kinderschutz sei. Obwohl das Kindeswohl derart an Bedeutung gewonnen hat, wird jedoch die Vielschichtigkeit dessen, was im Einzelnen darunter zu verstehen ist, immer größer und damit in gewisser Weise auch immer weniger durchdringbar. Galt in der Vergangenheit die elterliche Gewalt als Postulat der Gesellschaft, erfolgte in den 50er und 60er Jahren ein Paradigmenwechsel dahingehend, dass seit dem die elterliche Sorge als Grundlage gilt, was die Eltern stärker in die Pflicht nimmt und entsprechend Eingang in die Gesetzgebung und gerichtliche Entscheidungen fand. Nach Einschätzung des Autors ist die Sorge für Kinder aber nicht mehr zuvörderst die Pflicht der Eltern, sondern eine Fülle von staatlichen und nicht-staatlichen Stellen und ihren Akteur*innen sind an der Organisation der Sorge beteiligt. Besonders im Fokus steht dabei natürlich die Kinder- und Jugendhilfe, bei der sozusagen die Fäden zusammenlaufen. Daraus folgt wiederum, dass – je mehr Akteur*innen und Einrichtungen und Dienste an der Organisation der Sorge für die Kinder beteiligt sind – es zu unterschiedlichen Wahrnehmungen und Einschätzungen bezüglich des Kindeswohls kommt, das jeweils im Einzelfall einer Konkretisierung und damit eines Aushandlungsprozesses bedarf.
Der Autor hat neben den theoretischen Darlegungen auch Fallstudien bzw. Fallrekonstruktionen durchgeführt, die im zweiten Teil der Veröffentlichung ausführlich darstellt werden.
In seinem Prolog schlägt der Autor einen großen Bogen vom Umgang mit geflüchteten Minderjährigen, Kinderehen, geschlechtsverändernden Operationen, aktuellen Erziehungsstilen, Sterbehilfe für Minderjährige, Minderjährige in der Bundeswehr oder sexualisierte Gewalt in der kath. Kirche. Aktuelle Entwicklungen, die den Autor zu seiner Veröffentlichung veranlassten.
Bei der Veröffentlichung handelt es sich um die Dissertation von Michael Wutzler, die von der Uni Erfurt, dem Max-Weber-Kolleg und der Ernst-Abbe-Stiftung finanziell gefördert wurde, da sowohl Jugendämter wie freie Träger und Einrichtungen an der damit verbundenen Studie beteiligt waren.
Nach dem schon genannten Prolog und einem Abkürzungsverzeichnis
ist das erste Kapitel als Einstieg mit „Auftakt“ überschrieben. Es umfasst folgende Teile: „Präskriptive Handlungsanleitung, praktische Orientierungshilfe oder juristische Leerformel?“, „Die Offenheit des Kindeswohls als Ausgangspunkt“, „Kindeswohl als Herausforderung der Moderne“ und „Zum Gang der Untersuchung“.
Das zweite Kapitel widmet sich den Dimensionen des Kindeswohls unter den Überschriften „Verletzbarkeit“, „Autonomie“, „Soziale Gerechtigkeit“ und „Offenheit: Abwägung statt Fixpunkt“.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich sodann mit der Ordnung der Sorge um Kinder. Beleuchtet werden „Der Nexus von familialer und öffentlicher Sorge“ und die „Transformationsprozesse der Sorge um Kinder“. Thematisiert wird die Veränderung vom Elternrecht zum Kindeswohl, „Das Gespenst der Gefahr“, die Wandlungsprozesse in der Kinder- und Jugendhilfe sowie die „Öffnung und Neuordnung der Sorge“. Der Autor verwendet in seiner Veröffentlichung zur Beschreibung der aktuellen Situation den Begriff des „Kooperationsregimes der Sorge“ und stellt „Transparenztechnologien“ und „Kontrolltechnologien“ dar. Das Kapitel schließt mit Ausführungen zu „Kooperation: Biopolitik statt Sakralität“.
Das vierte Kapitel beschreibt die Fallrekonstruktionen, anhand derer der Autor seine Thesen untermauert. Überschrieben ist es mit „Falldynamiken im Kinderschutz und die Aushandlung des Kindeswohls“. Zunächst werden das methodische Vorgehen und die Datenbasis der Untersuchung dargelegt. Sodann werden drei Fälle dargestellt, und zwar der Fall Oskar, der Fall Josephine und Emily sowie der Fall der Familie K. Die Fallrekonstruktionen folgen dabei alle identisch der Struktur Fallverlauf, Falldynamik (mit unterschiedlichen Perspektiven) und Kindeswohl. Das Kapitel schließt mit Schlussfolgerungen aus den Fallrekonstruktionen unter der Überschrift „Aushandlungen: Falldynamik statt Kontingenz“.
Im fünften und letzten Kapitel erfolgt schließlich ein Ausblick mit den Überschriften „Die Analyse von Falldynamiken und das methodische Fallverstehen in der Kinderschutzpraxis“, „Das Dispositiv der Generativität und die Soziologie der Sorge“, „Das Kooperationsregime und die Persistenz der Heteronormativität“ und „Widerstände und Umbruch“.
Die Veröffentlichung schließt mit einer Danksagung des Autors, einem umfangreichen Literaturverzeichnis und einer Auswahl an Quellen für den Prolog.
Unbestreitbar ist der Begriff des Kindeswohls ein unbestimmter (Rechts-)Begriff, der im Einzelfall der Konkretisierung bedarf. Daraus kann gefolgert werden, dass sich die damit verbundenen Auslegungen und Interpretationen entsprechend der jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen verändern. Unbestreitbar ist auch, dass durch die Erweiterung des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung durch den § 4 des Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG), der im Zuge des Bundeskinderschutzgesetzes 2012 in Kraft trat, weitere Berufsgruppen außerhalb der Kinder- und Jugendhilfe dem Kinderschutz und damit dem Kindeswohl verpflichtet sind. Insofern stellt der Autor richtigerweise fest, dass zur Sicherstellung des Kindeswohls mittlerweile sehr viele Akteur*innen neben den Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern eingebunden sind und damit die Kooperation dieser unterschiedlichen Disziplinen zu einem „Kooperationsregime“ führt. Daraus erwächst wiederum die Notwendigkeit, das Kindeswohl im Einzelfall aus der Perspektive der unterschiedlichen Akteur*innen zu definieren und zu konkretisieren. Es ist dabei aber keine neue Erkenntnis, dass vor dem Hintergrund verschiedener beruflicher Aufträge, Zuständigkeiten und Blickwinkel die Interpretationen des Kindeswohls unterschiedlich ausfallen und es daher enormer Anstrengungen bedarf, einen gemeinsamen Nenner zwischen allen Beteiligten zu finden.
Inwiefern damit aber auch eine Neuordnung der Sorge um Kinder und Jugendliche verbunden ist, wie es der Autor darlegt, ist zu diskutieren. Die Privatheit der Familie ist in Deutschland ein hohes, schützenswertes Gut. Art. 6 des Grundgesetzes garantiert den Eltern das natürliche Recht, für die Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu sorgen und dieser Ver­pflich­tung nach den je eigenen Vorstellungen und Mög­lich­kei­ten gerecht zu werden. Der Staat ist nur berechtigt einzugreifen, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Dies wiederum garantiert das Wächteramt des Staates nach § 1666 BGB, für dessen Umsetzung und Ausübung die Jugendämter und Familiengerichte zuständig sind und welches in verschiedenen Abwandlungen bereits seit mehr als 100 Jahren gilt. Wie schwierig die Grenzziehung zwischen einerseits der Autonomie der Familie und andererseits dem Wohl und Schutz der Kinder ist, verdeutlicht der aktuelle, gesellschaftliche und politische Diskurs um Kinderrechte ins Grundgesetz. Die „Gegner“ befürchten, dies bedeute einen zu großen Eingriff in die elterliche Autonomie und die Kinderrechte würden auf diese Weise quasi vor die Elternrechte gestellt. Die Befürworter wiederum argumentieren, dass eine Stärkung der Kinderrechte auch eine Stärkung der Elternrechte bedeute, weil die Belange von Kindern bei allen Angelegenheiten, die sie betreffen, vorrangig zu berücksichtigen seien und dies eben auch im Interesse der Familie liegt.
Festgestellt werden kann, dass sich der Alltag von Kindern im Vergleich zur Vergangenheit sehr verändert hat. Über das Recht von Kindern auf einen Kitaplatz mit Vollendung des ersten Lebensjahres (§ 24 SGB VIII) sowie Formen der offenen und gebundenen Ganztagsschule ist die heutige Kindheit sehr viel mehr eine institutionalisierte Kindheit als in früheren Zeiten. Damit wiederum verbunden sind zahlreiche weitere Bezugspersonen für die Kinder und ihre Familien, die aufgrund der zeitlichen Dimension sowie der Regelmäßigkeit des Kontaktes andere Wahrnehmungen und Beobachtungen über das Wohlergehen und mögliche diesbezügliche Störungen, Gefährdungen oder Entwicklungsrisiken haben. So wird beispielsweise aus der jährlichen Gefährdungsstatistik der Jugendämter deutlich, dass gerade Erzieher*innen und Lehrer*innen eine nicht unwesentliche Rolle bei Gefährdungsmeldungen im Hinblick auf betreute Kinder an die Jugendämter spielen. Mit der Zunahme weiterer Bezugspersonen über diese institutionellen Kontakte steigt naturgemäß auch die Anzahl derer, die in Fällen von Kindeswohlgefährdung einbezogen sind oder sein sollten. Dass aber damit – so der Autor – Kindeswohl nur noch im Gefährdungskontext gesehen und nur noch mögliche Risiken im Blick sind, kann aus meiner Sicht nicht so nicht bestätigt werden. Es ist gut, wenn Kinderschutz als gemeinsame Verantwortung begriffen wird und diejenigen, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen im Kontakt sind, sensibilisiert und aufmerksam für Anzeichen einer Gefährdung sind. Das bedeutet aber aus meiner Sicht nicht, dass das Wohlergehen von Kindern nur noch mit der „Risikobrille“ betrachtet wird.
Fallrekonstruktionen bei Fällen von Kindeswohlgefährdung sind ein probates Mittel, um mögliche Falldynamiken, nicht nur in den Familien, sondern auch im Helfersystem, sowie getroffene Entscheidungen und Maßnahmen in einer Rückschau zu analysieren. Sie sind außerordentlich hilfreich für zukünftige Fallbearbeitungen im Kinderschutz. Zu berücksichtigen ist dabei, dass gerade auch Fälle von Kindeswohlgefährdung sich oftmals erst im Prozess als solche herausstellen. Die beteiligten Akteur*innen müssen immer wieder prüfen, ob der vereinbarte Hilfeplan und die getroffenen Entscheidungen tatsächlich tragfähig zur Abwendung einer Gefährdung und Sicherstellung des Kindeswohls sind. Fachliche Prognosen, wie sich Kinder und Familien mit bestimmten Unterstützungsmaßnahmen im Kontext von Risiken entwickeln, sind ein sehr komplexes Unterfangen. Da es keine einfachen Ursache-Wirkungszusammenhänge gibt und die Familien sowie die involvierten Helfer*innen ihre eigenen Dynamiken haben, können fachliche Prognosen oftmals erst als Momentaufnahme aufgrund vorliegender Informationen und Einschätzungen erfolgen und müssen im weiteren Fallverlauf und Prozess einer ständigen Überprüfung unterliegen. Fachkräfte stehen also quasi „vor dem Fall“ und insofern sind Fallrekonstruktionen außerordentlich hilfreich, in der Rückschau andere Perspektiven auf ein Fallgeschehen zu entwickeln.
Fallrekonstruktionen machen den zweiten Teil der Veröffentlichung aus. Der Autor hat dazu als methodisches Vorgehen die „Grounded-Theory-Methodologie“ nach Anselm Strauss gewählt. Ohne diese Methode genauer zu kennen, irritiert, dass bereits seit Jahren vorliegende Veröffentlichungen zu Fallrekonstruktionen und möglichen Methoden, wie z.B. von Christian Schrapper oder Christine Gerber, keine Berücksichtigung gefunden haben und demzufolge auch in der Literaturliste keine Erwähnung finden.
Es wurden Fallakten herangezogen, Interviews mit Jugendamtsmitarbeitenden und – wenn möglich – Interviews mit betroffenen Eltern geführt. Die direkte Einbeziehung der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist in keinem der drei beschriebenen Fälle geglückt.
Die Fallrekonstruktionen hinterlassen insgesamt mehr Verwirrung als Klärung. Sie sind in gewisser Weise bruchstückhaft und oftmals interpretierend statt sachlicher Darstellung und neutraler Benennung von Fakten. Die Kriterien, die den Autor zu seinen Interpretationen und Wertungen veranlassen, erschließen sich dabei nicht. Es fällt darüber hinaus schwer, ein vollständiges Bild der Fälle zu gewinnen, da beispielsweise der Autor im dritten Fall darauf hinweist, auf die konkreten Probleme der Kinder und auf die Problembeschreibung im Hilfeplan zu verzichten, da sie zunächst zweitrangig waren. Damit werden jedoch Schlussfolgerungen des Autors kaum nachvollziehbar und es stellen sich mehr Fragen als es Antworten gibt.
Auch wenn die Eltern vor allem die Anspruchsberechtigten des SGB VIII sind, gibt es zahlreiche gesetzliche Erfordernisse, die die Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen zwingend verlangen. Das gilt insbesondere für die Hilfeplanung (§ 42 SGB VIII) sowie für die Einbeziehung bei der Gefährdungseinschätzung nach § 8a SGB VIII, wenn das Kindeswohl dadurch nicht weiter gefährdet wird. Der Anspruch auf Beteiligung der Kinder und Jugendlichen ist bis heute in der Praxis nicht zufriedenstellend eingelöst, was jedoch in den beschriebenen Fällen eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Mehr noch gibt es Widersprüche in der Interpretation der Fälle. Wird beispielsweise im ersten Fall thematisiert, dass der Kindeswille (eines 14-Jährigen) mehr Berücksichtigung fand als die Interessen seiner Eltern, wird im zweiten Fall die fehlende Berücksichtigung des Kindeswillens als „nicht partizipativ“ festgestellt. Den Begriff der Parteilichkeit für Kinder und Jugendliche und ihr Wohlergehen lässt die gesamte Veröffentlichung vermissen.
Bei der Darstellung der Fallverläufe und den Interpretationen des Autors stellt sich auch die Frage, ob die Aufträge der fallzuständigen Jugendamtsmitarbeiter*innen oder der insoweit erfahrenen Fachkräfte hinreichend geklärt sind. Manche Ausführungen lesen sich so, als ob die Jugendamtsmitarbeitenden parentale Aufgaben zu übernehmen haben, statt die Eltern in ihrer elterlichen Verantwortung zu belassen und sie – mit Unterstützung – in die Pflicht zu nehmen, zur Bewältigung ihrer Konflikte aktiv an Lösungen arbeiten zu müssen. Auch ist es nicht die Verantwortung der insoweit erfahrenen Fachkraft eine Kindeswohlgefährdung festzustellen und die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Die Verantwortung für den Fall hat die Fachkraft der Einrichtung, die das betreffende Kind betreut und die insoweit erfahrene Fachkraft hat die Aufgabe, die Fachkraft aufgrund ihrer Kenntnisse über Kindeswohlgefährdungen dahingehend zu beraten. Die Entscheidungen über das weitere Vorgehen verbleiben jedoch bei der Fachkraft der betreuenden Einrichtung.
Schwer aushaltbar ist die Lektüre der Fälle, in denen Kinder von sexualisierter Gewalt in ihrer Familie betroffen sind. Es bleiben Zweifel, ob der Autor hinreichend mit den Dynamiken bei einem solchen Gewalthandeln vertraut ist, folgt man seinen Interpretationen und Aussagen. Hier wäre aus meiner Sicht mehr Vorsicht vor vorschnellen Bewertungen geboten gewesen, gerade auch was das Verhalten der betreffenden Kinder und Jugendlichen betrifft. Aber bereits im theoretischen Teil der Veröffentlichung gibt es „Streifzüge“ zum Thema Familie und Sexualität oder sexualisierte Gewalt, die Befremden hinterlassen.
Aus meiner Sicht wird die Perspektive der Eltern sehr viel stärker betont als die der Kinder und Jugendlichen und dafür geworben, bessere Arbeitsbündnisse mit diesen herzustellen. Auch wenn das im Einzelfall eine berechtigte Forderung sein kann, soll hier sinngemäß eine Schlussfolgerung von Christian Schrapper erwähnt werden, der anhand seiner Fallrekonstruktionen festgestellt hat, dass die Kinder aus dem Blick geraten, wenn sich die Erwachsenen streiten oder aber auch gut verstehen.
Auch wenn das Grundanliegen der Veröffentlichung, nämlich die Herausforderungen für die Kooperation vielfältiger Akteur*innen zur Bestimmung des Kindeswohls im Einzelfall sowie die damit verbundenen Folgen für betroffene Familien darzustellen und damit die Praxis zur Reflexion anzuregen, begrüßenswert ist, so dürfte allein der sprachliche Stil für viele eher eine Abschreckung bedeuten. Insbesondere ist dabei an die vielfältigen Akteur*innen in der Praxis zu denken, für die die geschilderten Herausforderungen Alltag sind und ein Diskurs über die eigenen Rollen und Sichtweisen, auch hinsichtlich der Fragen nach Disziplinierung und Sanktionierung von Familien, natürlich sinnvoll und hilfreich ist.
Bedauerlicherweise gilt dies auch für den eher praktischen Teil der Veröffentlichung, die Fallrekonstruktionen. Unbestreitbar hat der Autor viel Zeit und Mühe in die Aufarbeitung der Fallbeispiele investiert und empirisch gearbeitet, aber dennoch gelingt es ihm aus meiner Sicht nicht, dies für die Lesenden nachvollziehbar und anschlussfähig zu machen. Wenn Wissenschaft hilfreich für die Praxis sein will, muss sie sich um eine verständliche Darlegung bemühen.
Alle 25 Rezensionen von Martina Huxoll-von Ahn anzeigen.
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 16.06.2020 zu: Michael Wutzler: Kindeswohl und die Ordnung der Sorge. Dimensionen, Problematisierungen, Falldynamiken. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6099-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26066.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.