Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/veroeffentlichung-der-anklageschrift-vor-der-hauptverhandlung-379465
Timestamp: 2020-07-14 16:20:04
Document Index: 250983056

Matched Legal Cases: ['§ 353', 'Art. 103', 'Art. 5', 'Art. 2', 'Art. 1', '§ 353', '§ 31', '§ 31', '§ 353', '§ 353', 'Art. 100', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', '§ 353', 'Art. 5', '§ 353', '§ 353', '§ 353', '§ 353', 'Art. 5', '§ 353', '§ 16', '§ 35', '§ 41', '§ 5', '§ 9', '§ 3', '§ 12', '§ 33', '§ 40', '§ 33', '§ 353', '§ 261', '§ 353', 'Art. 5', '§ 353', 'Art. 5', 'Art. 103', '§ 353', 'Art. 2', 'Art.20']

Veröffentlichung der Anklageschrift vor der Hauptverhandlung | Rechtslupe
Ver­öf­fent­li­chung der Ankla­ge­schrift vor der Haupt­ver­hand­lung
Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen das Ver­bot der Ver­öf­fent­li­chung von Ankla­ge­schrif­ten vor der Haupt­ver­hand­lung blieb jetzt vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in Karls­ru­he ohne Erfolg, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm sie nicht zur Ent­schei­dung an: Der Straf­tat­be­stand des § 353d Nr. 3 Straf­ge­setz­buch, der unter ande­rem ver­bie­tet, eine Ankla­ge­schrift im Wort­laut öffent­lich mit­zu­tei­len, bevor sie in öffent­li­cher Ver­hand­lung erör­tert wur­de, ist mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar.
Kein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 2 GG
Kei­ne Ver­let­zung der Mei­nungs­frei­heit, Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG
Kei­ne Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts, Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG
Der Beschwer­de­füh­rer war wegen gewerbs­mä­ßi­gen Betrugs in Tat­ein­heit mit gewerbs­mä­ßi­ger Urkun­den­fäl­schung ange­klagt. Über die­ses Ver­fah­ren wur­de im Mai 2009 in den Medi­en berich­tet. Im Dezem­ber 2009 ließ das Land­ge­richt die Ankla­ge teil­wei­se zu und eröff­ne­te das Haupt­ver­fah­ren; im Übri­gen lehn­te es die Eröff­nung des Haupt­ver­fah­rens aus tat­säch­li­chen Grün­den ab. In der ers­ten Dezem­ber­hälf­te 2009 stell­te der Beschwer­de­füh­rer die­sen Beschluss sowie Tei­le der Ankla­ge­schrift auf sei­ner Home­page als Down­load zur Ver­fü­gung. Durch Urteil vom 08.04.2010 ver­ur­teil­te das Amts­ge­richt Rin­teln den Beschwer­de­füh­rer wegen ver­bo­te­ner Mit­tei­lung über Gerichts­ver­hand­lun­gen (§ 353d Nr. 3 StGB) zu einer Geld­stra­fe in Höhe von zehn Tages­sät­zen à 16 € [1]. Beru­fung und Revi­si­on des Beschwer­de­füh­rers blie­ben vor dem Land­ge­richt Bücke­burg [2] und dem Ober­lan­des­ge­richt Cel­le [3] ohne Erfolg.
Soweit der Beschwer­de­füh­rer die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung angreift, fehlt ihm das Rechts­schutz­be­dürf­nis. Das Urteil des Amts­ge­richts ist durch die nach­fol­gen­de Beru­fungs­ent­schei­dung des Land­ge­richts pro­zes­su­al über­holt [4].
Abs. 2 GG gewähr­leis­tet, dass eine Tat nur bestraft wer­den kann, wenn die Straf­bar­keit gesetz­lich bestimmt war, bevor die Tat began­gen wur­de. Für die Recht­spre­chung folgt aus die­sem Erfor­der­nis ein Ver­bot straf­be­grün­den­der oder straf­ver­schär­fen­der Ana­lo­gie [5]. Dabei ist Ana­lo­gie nicht im enge­ren tech­ni­schen Sin­ne zu ver­ste­hen; aus­ge­schlos­sen ist viel­mehr jede Rechts­an­wen­dung, die über den Inhalt einer gesetz­li­chen Sank­ti­ons­norm hin­aus­geht [6]. Da gemäß § 31 Abs. 2 BVerfGG bestimm­te Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Geset­zes­kraft erwach­sen, liegt dem­nach auch ein Ver­stoß gegen das Ana­lo­gie­ver­bot vor, wenn ein Gericht eine straf­recht­li­che Ver­ur­tei­lung aus­spricht, die auf der Anwen­dung einer Norm des mate­ri­el­len Straf­rechts beruht, wel­che zuvor durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als nich­tig oder mit dem Grund­ge­setz als unver­ein­bar erklärt wor­den ist.
Jedoch ergibt sich aus dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 3. Dezem­ber 1985 [7] kei­ne der Geset­zes­kraft gemäß § 31 Abs. 2 BVerfGG unter­fal­len­de Fest­stel­lung, dass § 353d Nr. 3 StGB mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar oder nich­tig ist, sofern die Ver­öf­fent­li­chung mit dem Wil­len des Betrof­fe­nen erfolgt.
Geset­zes­kraft besitzt ledig­lich die im Tenor ent­hal­te­ne Fest­stel­lung der Gül­tig­keit oder Ungül­tig­keit eines Geset­zes; die Grün­de der Ent­schei­dung kön­nen dem­ge­gen­über nur zur Aus­le­gung des Tenors her­an­ge­zo­gen wer­den [8].
Gemes­sen hier­an ent­fal­tet aus­schließ­lich die im Tenor der Ent­schei­dung vom 3. Dezem­ber 1985 ent­hal­te­ne Fest­stel­lung, dass § 353d Nr. 3 StGB "mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar [ist], soweit die in die­ser Bestim­mung unter Stra­fe gestell­te wört­li­che öffent­li­che Mit­tei­lung der Ankla­ge­schrift oder ande­rer amt­li­cher Schrift­stü­cke ohne oder gegen den Wil­len des von der Bericht­erstat­tung Betrof­fe­nen erfolgt ist", Geset­zes­kraft. Eine aus­drück­li­che Fest­stel­lung, dass die Norm in jedem ande­ren Anwen­dungs­fall – nament­lich bei Sach­ver­hal­ten, in denen die Ver­öf­fent­li­chung mit dem Wil­len des Betrof­fe­nen erfolgt – unver­ein­bar mit der Ver­fas­sung sei, wird nicht getrof­fen. Die­se Fest­stel­lung kann auch nicht im Wege des Umkehr­schlus­ses abge­lei­tet wer­den. Aus den Grün­den der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung geht – wor­auf schon das Land­ge­richt zutref­fend hin­ge­wie­sen hat – klar her­vor, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits sei­nen Prü­fungs­um­fang auf die im Tenor aus­ge­spro­che­ne Fest­stel­lung beschränkt hat, da nur die­se im Sin­ne des Art. 100 Abs. 1 GG ent­schei­dungs­er­heb­lich war [9]. Über ande­re Sach­ver­halts­kon­stel­la­tio­nen – ein­schließ­lich der vor­lie­gen­den – soll­te dem­nach gera­de kei­ne Fest­stel­lung getrof­fen wer­den.
Der Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG ist eröff­net. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kön­nen auch Tat­sa­chen­mit­tei­lun­gen – hier die Ankla­ge­schrift und der Eröff­nungs­be­schluss – dem Schutz der Mei­nungs­frei­heit unter­fal­len, weil und wenn sie Vor­aus­set­zung der Bil­dung von Mei­nun­gen sind [10]. Soweit Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen aber nicht schon von vorn­her­ein wegen erwie­se­ner oder bewuss­ter Unrich­tig­keit außer­halb des Schutz­be­reichs von Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG ver­blei­ben, sind sie jedoch Ein­schrän­kun­gen auf­grund von all­ge­mei­nen Geset­zen (Art. 5 Abs. 2 GG) leich­ter zugäng­lich als dies bei Mei­nungs­äu­ße­run­gen der Fall ist [11].
§ 353d Nr. 3 StGB ist ein all­ge­mei­nes Gesetz im Sin­ne des Art. 5 Abs. 2 GG. Beden­ken, es han­de­le sich um ein Son­der­ge­setz, bestan­den bereits im Jahr 1985 nicht mehr [12].
Bei der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Kon­trol­le der Zweck­taug­lich­keit von Geset­zen gebie­tet die Funk­tio­nen­tei­lung zwi­schen gesetz­ge­ben­der und recht­spre­chen­der Gewalt Zurück­hal­tung [13]. Es ist prin­zi­pi­ell Auf­ga­be des Gesetz­ge­bers, zu ent­schei­den, mit wel­chen Mit­teln der von einer Rege­lung ver­folg­te Zweck zu errei­chen sei. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann die die­ser Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Erwä­gun­gen und Wer­tun­gen nicht bean­stan­den, solan­ge nicht ein­deu­tig erwie­sen ist, dass sie von unrich­ti­gen tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen aus­gin­gen oder mit der Ver­fas­sung in Wider­spruch ste­hen [14]. Geset­ze wer­den daher nur einer beschränk­ten Kon­trol­le unter­zo­gen und ledig­lich dar­auf geprüft, ob das ein­ge­setz­te Mit­tel "objek­tiv" oder "schlecht­hin" unge­eig­net ist [15]. Dies gilt auch für mate­ri­el­le Straf­ge­set­ze [16]. Die Geeig­net­heit wäre dem­nach im vor­lie­gen­den Fall nur zu ver­nei­nen, wenn § 353d Nr. 3 StGB und die mit die­ser Vor­schrift ver­bun­de­ne Grund­rechts­ein­schrän­kung zum Schutz der Rechts­gü­ter, dem sie die­nen, schlecht­hin unge­eig­net wären.
Dies ist nicht der Fall. § 353d Nr. 3 StGB ver­folgt nach ein­hel­li­ger Auf­fas­sung eine dop­pel­te Schutz­rich­tung [17]. Deren Ele­men­te ste­hen in einem Alter­na­tiv­ver­hält­nis zuein­an­der [18].
Die Straf­vor­schrift soll in ers­ter Linie ver­hin­dern, dass Betei­lig­te an Ver­fah­ren, die straf- oder dis­zi­pli­nar­recht­li­cher Auf­klä­rung und Ahn­dung die­nen, ins­be­son­de­re Lai­en­rich­ter und Zeu­gen, durch die vor­zei­ti­ge Ver­öf­fent­li­chung amt­li­cher Schrift­stü­cke in ihrer Unbe­fan­gen­heit beein­träch­tigt wer­den [19]. Der durch eine vor­weg­ge­nom­me­ne öffent­li­che Dis­kus­si­on amt­li­chen Pro­zess­ma­te­ri­als – oft ver­bun­den mit ein­sei­ti­gen Stel­lung­nah­men oder gar unmit­tel­bar auf Ein­fluss­nah­me ange­leg­ten Wer­tun­gen – dro­hen­den Vor­ein­ge­nom­men­heit und den dar­in lie­gen­den Gefah­ren für die Wahr­heits­fin­dung und für ein gerech­tes Urteil soll ent­ge­gen­ge­tre­ten wer­den [18]. Damit dient die straf­recht­li­che Sank­tio­nie­rung mit­tel­bar einer­seits der Ermitt­lung des wah­ren Sach­ver­halts, ohne den sich das mate­ri­el­le Schuld­prin­zip, auf dem das gesam­te Straf­recht beruht [20], nicht ver­wirk­li­chen lässt [21]. Ande­rer­seits gewähr­leis­tet das straf­be­wehr­te Ver­bot der Ver­öf­fent­li­chung bestimm­ter amt­li­cher Schrift­stü­cke die unbe­ding­te Neu­tra­li­tät und Distanz des Gerichts gegen­über allen Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und dem Ver­fah­rens­ge­gen­stand, die zen­tra­ler Bestand­teil der rechts­staat­li­chen Gesamt­kon­zep­ti­on des Grund­ge­set­zes sind [22]. Bei­des hat zudem mit­tel­ba­ren Ein­fluss auf die Funk­ti­ons­tüch­tig­keit der Straf­rechts­pfle­ge, die ihrer­seits Ver­fas­sungs­rang genießt [23].
Dane­ben tre­ten als Schutz­gut des § 353d Nr. 3 StGB die Per­sön­lich­keits­rech­te der vom Ver­fah­ren Betrof­fe­nen und – hin­sicht­lich des Ange­klag­ten – die Auf­recht­erhal­tung der bis zu einem rechts­kräf­ti­gen Abschluss des Ver­fah­rens zu sei­nen Guns­ten bestehen­den Unschulds­ver­mu­tung, die nicht durch Vor­ab­ver­öf­fent­li­chun­gen amt­li­cher Schrift­stü­cke gefähr­det wer­den sol­len [24].
Auf­grund die­ser dop­pel­ten Schutz­rich­tung des § 353d Nr. 3 StGB ent­fällt die Zweck­taug­lich­keit der Vor­schrift nicht allein dadurch, dass sich ein durch das Ver­fah­ren Betrof­fe­ner durch die ver­früh­te Ver­öf­fent­li­chung amt­li­cher Schrift­stü­cke der­je­ni­gen Rech­te begibt, soweit sie sei­nem Schutz die­nen und damit zu sei­ner Dis­po­si­ti­on ste­hen kön­nen. Bedeu­tung und Trag­wei­te des mate­ri­el­len Schuld­prin­zips und der Neu­tra­li­tät des Gerichts für das rechts­staat­li­che Straf­ver­fah­ren recht­fer­ti­gen bereits iso­liert betrach­tet die Straf­bar­keit sei­nes Han­delns [25]. Dane­ben steht wei­ter­hin der Schutz der Per­sön­lich­keits­rech­te von ande­ren durch das Straf­ver­fah­ren betrof­fe­nen Per­so­nen, etwa von Mit­an­ge­klag­ten oder Neben­klä­gern. Auch die­se kön­nen dadurch beein­träch­tigt wer­den, dass ein Ange­klag­ter ihn ent­las­ten­de amt­li­che Mit­tei­lun­gen vor dem Ver­fah­ren im Wort­laut ver­öf­fent­licht. Ohne die straf­recht­li­che Sank­tio­nie­rung die­ses Han­delns bestün­de die Gefahr, dass Ange­klag­te und Neben­klä­ger durch geziel­te und mög­li­cher­wei­se ent­stell­te Infor­ma­tio­nen, die aber den Ein­druck amt­li­cher Authen­ti­zi­tät erwe­cken, wech­sel­sei­tig ver­su­chen, die Stim­mung der Öffent­lich­keit und die Ein­stel­lung des Gerichts zum Sach­ver­halt vor Beginn der Haupt­ver­hand­lung gezielt in ihrem Inter­es­se – oder auch zu Las­ten etwa eines Mit­an­ge­klag­ten – zu beein­flus­sen.
Dies gilt ins­be­son­de­re, soweit der Gesetz­ge­ber nur die Ver­öf­fent­li­chung im Wort­laut unter Stra­fe gestellt, aber Wie­der­ga­ben in indi­rek­ter Rede vom Tat­be­stand aus­ge­nom­men hat. Die hier­durch bestehen­den Umge­hungs­mög­lich­kei­ten sind der Mei­nungs­frei­heit (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG) geschul­det, die es gebie­tet, nur abso­lut not­wen­di­ge Ein­schrän­kun­gen vor­zu­neh­men. Ver­öf­fent­li­chun­gen im Wort­laut bil­den eine deut­lich grö­ße­re Gefahr für die Unbe­fan­gen­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten und die vom Ver­fah­ren Betrof­fe­nen als eine ledig­lich inhalt­lich berich­ten­de Ver­öf­fent­li­chung in nicht­wört­li­cher Rede [26]. Gegen­über der erkenn­ba­ren Mei­nungs­äu­ße­rung kommt dem Zitat die beson­de­re Über­zeu­gungs- und Beweis­kraft des Fak­t­ums zu [27]. Nur eine wort­ge­treue Wie­der­ga­be von Akten­tei­len erweckt den Ein­druck amt­li­cher Authen­ti­zi­tät und bezweckt die­sen regel­mä­ßig auch. Sie wird des­halb in der Regel wei­ter­ge­hen­de Wir­kung haben als die blo­ße Mit­tei­lung eines Drit­ten, in der über den Inhalt amt­li­cher Akten berich­tet wird.
Gera­de für den Schutz der Unbe­fan­gen­heit der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ist die­ser Unter­schied wesent­lich. Es erscheint nicht aus­ge­schlos­sen, dass Lai­en­rich­ter, wel­che vor­ge­la­ger­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen bereits vor Pro­zess­be­ginn den Inhalt der Akten im Wort­laut haben ent­neh­men kön­nen, ihr Urteil nicht mehr allein auf der Grund­la­ge der Haupt­ver­hand­lung bil­den, wie die Pro­zess­ord­nung es im Inter­es­se eines rechts­staat­li­chen Ver­fah­rens vor­aus­setzt. Eben­so kann die Zuver­läs­sig­keit von Zeu­gen­aus­sa­gen unter vor­zei­ti­ger Unter­rich­tung lei­den. Die­se Gefahr besteht in beson­de­rem Maße, wenn der öffent­li­chen Mit­tei­lung das Gewicht amt­li­cher Authen­ti­zi­tät zukommt [28]. Erfüllt ein Straf­ge­setz jedoch trotz bestehen­der – den Grund­rech­ten geschul­de­ter – Ein­schrän­kun­gen im Übri­gen weit­ge­hend sei­nen Zweck, kann sei­ne gene­rel­le Geeig­net­heit nicht ver­neint wer­den [29].
Die Geeig­net­heit wird kon­zep­tio­nell auch nicht dadurch in Fra­ge gestellt, dass § 353d Nr. 1 StGB nur für amt­li­che Doku­men­te gilt, die den Straf­pro­zess oder ver­gleich­ba­re Ver­fah­ren betref­fen. Zwar sehen auch ande­re Pro­zess­ord­nun­gen die Betei­li­gung von Lai­en­rich­tern (vgl. etwa § 16, § 35 Abs. 2, § 41 Abs. 2 ArbGG, § 5 Abs. 3 Satz 1, § 9 Abs. 3 Satz 1 VwGO, § 3, § 12 Abs. 1 Satz 1, § 33 Abs. 1 Satz 1, § 40 Satz 1 i.V.m. § 33 Abs. 1 Satz 1 SGG) und das Beweis­mit­tel des Zeu­gen­be­wei­ses vor. Aller­dings sind gera­de Straf- und Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren in der Regel mit beson­ders tief­grei­fen­den Grund­rechts­ein­grif­fen ver­bun­den, so dass der Erfor­schung der mate­ri­el­len Wahr­heit eine über­ra­gen­de Bedeu­tung zukommt. Gera­de der Straf­pro­zess ist in der Pra­xis zudem in beson­de­rem Maße auf den Zeu­gen­be­weis ange­wie­sen, so dass bei die­sen Ver­fah­ren die Gefahr beson­ders groß ist, dass durch die nicht auto­ri­sier­te Ver­öf­fent­li­chung amt­li­cher Doku­men­te die Zeu­gen­aus­sa­gen in ihrer kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung oder das Erin­ne­rungs­ver­mö­gen des Zeu­gen beein­träch­tigt wer­den [24]. Schließ­lich sichert § 353d Nr. 3 StGB flan­kie­rend das nur dem Straf­pro­zess eige­ne Unmit­tel­bar­keits­prin­zip (vgl. § 261 StPO) ab, indem es ver­hin­dert, dass das Gericht – ins­be­son­de­re die Lai­en­rich­ter – sei­ne Ent­schei­dung auf Umstän­de stützt, die außer­halb der Haupt­ver­hand­lung, wel­che gera­de der Erfor­schung der mate­ri­el­len Wahr­heit dient, bekannt gewor­den sind.
§ 353d Nr. 3 StGB ist auch bei Ver­öf­fent­li­chung mit dem Wil­len des Betrof­fe­nen erfor­der­lich, den Schutz ver­fas­sungs­recht­lich rele­van­ter Rechts­gü­ter zu bewir­ken. Der Gesetz­ge­ber hat sich auf ein befris­te­tes Ver­bot öffent­li­cher Mit­tei­lun­gen im Wort­laut und damit einen den Schutz­be­reich des Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG so weit­ge­hend wie mög­lich scho­nen­den objek­ti­ven Tat­be­stand beschränkt. Ins­be­son­de­re sind mil­de­re Mit­tel, die einen ver­gleich­ba­ren Schutz der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Straf­rechts­pfle­ge und der Per­sön­lich­keits­rech­te von Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten gewähr­leis­ten, nicht ersicht­lich [30].
Auch die Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­ab­wä­gung im enge­ren Sin­ne fällt zu Guns­ten der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von § 353d Nr. 3 StGB aus, selbst wenn die Ver­öf­fent­li­chung mit dem Wil­len eines Betrof­fe­nen erfolgt. Maß­ge­bend hier­für sind die Bedeu­tung der durch den Grund­rechts­ein­griff zu schüt­zen­den und der grund­recht­lich geschütz­ten Rechts­gü­ter, die Wirk­sam­keit des ange­streb­ten Rechts­gü­ter­schut­zes und das Aus­maß der zu die­sem Zweck nor­mier­ten Grund­rechts­be­schrän­kung [30].
Allein der Umstand, dass der bewirk­te Schutz lücken­haft ist und Umge­hungs­mög­lich­kei­ten bestehen, recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Bewer­tung. Die­se Lücken­haf­tig­keit stellt sich als Kon­se­quenz einer mög­lichst weit­rei­chen­den Scho­nung von Art. 5 Abs. 1 Satz 1 GG einer­seits und – wor­auf das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt schon 1985 hin­ge­wie­sen hat [31] – dem Bestimmt­heits­er­for­der­nis mate­ri­el­ler Straf­nor­men (Art. 103 Abs. 2 GG) ande­rer­seits dar.
Schließ­lich ist zu berück­sich­ti­gen, dass § 353d Nr. 3 StGB für alle Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten des Straf­pro­zes­ses, ein­schließ­lich der Staats­an­walt­schaft und Neben­kla­ge, gilt. Auch die­se sind gehin­dert, etwa die Ankla­ge­schrift vor­zei­tig zu ver­öf­fent­li­chen und hier­durch auf die öffent­li­che Mei­nung oder das Gericht ein­zu­wir­ken [32]. Daher ist auch aus Grün­den der Waf­fen­gleich­heit, die ihrer­seits dem Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art.20 Abs. 3 GG) ent­springt, kein ein­sei­ti­ges Recht zur Ver­öf­fent­li­chung durch einen Ange­klag­ten gebo­ten. Im Gegen­teil wider­sprä­che eine der­ar­ti­ge Berech­ti­gung die­sem Grund­ge­dan­ken und könn­te zu einer Ver­zer­rung der Bericht­erstat­tung füh­ren. Die durch den Beschwer­de­füh­rer ver­tre­te­ne Aus­le­gung wür­de daher die Gefahr einer weit­ge­hen­den Vor­ver­la­ge­rung der Mei­nungs­bil­dung tra­gen und die Wahr­heits­fin­dung als zen­tra­les Ele­ment des Straf­pro­zes­ses zu Guns­ten einer außer­pro­zes­sua­len öffent­li­chen oder media­len Dis­kus­si­on zurück­drän­gen.