Source: http://m.hensche.de/Diskriminierung_Kuendigung_Keine_Diskriminierung_durch_Kuendigung_bei_Schwangerschaft_BAG_8AZR742-12.html
Timestamp: 2017-01-24 19:13:21
Document Index: 32647992

Matched Legal Cases: ['§ 9', '§11', '§ 2', '§ 2', '§ 9', '§ 3', '§ 11', '§ 9', '§ 2']

Frag­lich ist, ob bzw. un­ter wel­chen Um­stän­den die un­wirk­sa­me Kün­di­gung ei­ner schwan­ge­ren Ar­beit­neh­me­rin, die ge­mäß § 9 Abs.1 Satz 1 Mut­ter­schutz (MuSchG) nicht bzw. nur in sel­te­nen Aus­nah­me­fäl­len zu­läs­sig ist, ei­ne Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt. Zu die­ser Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor ei­ni­gen Ta­gen Stel­lung ge­nom­men: BAG, Ur­teil vom 17.10.2013, 8 AZR 742/12.
Wann ist eine Kündigung eine verbotene Diskriminierung wegen des Geschlechts?
Ge­strit­ten wird über das Vor­lie­gen ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung und um Entschädi­gun­gen meist im Zu­sam­men­hang mit Be­wer­bun­gen und Stel­len­aus­schrei­bun­gen, die nach dem Ge­setz dis­kri­mi­nie­rungs­frei sein müssen (§11, § 2 Abs.1 Nr.1 AGG). Die Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te sind aber auch bei der Über­prüfung der Wirk­sam­keit von Kündi­gun­gen her­an­zu­zie­hen, wie das BAG be­reits En­de 2011 ent­schie­den hat (BAG, Ur­teil vom 06.11.2008, 2 AZR 701/07 - wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/116 Kündi­gungs­schutz und Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung - Re­vi­si­ons­ent­schei­dung in Sa­chen Kar­mann). Auf den ers­ten Blick scheint das zwar durch § 2 Abs.4 AGG aus­ge­schlos­sen zu sein, denn nach die­ser Vor­schrift gel­ten für Kündi­gun­gen "aus­sch­ließlich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz". Doch ist die­se Klar­stel­lung des Ge­setz­ge­bers, der da­mit ei­ne Aus­wei­tung des be­ste­hen­den Kündi­gungs­schut­zes durch das AGG ver­hin­dern woll­te, auf­grund der hin­ter dem AGG ste­hen­den EU-Richt­li­ni­en eng aus­zu­le­gen.
Der Streitfall: Ordentliche Kündigung einer Schwangeren während der Probezeit
Was der Ar­beit­ge­ber bei Aus­spruch der Kündi­gung nicht wuss­te: Die Ar­beit­neh­me­rin war am 18.11.2010 schwan­ger und die Kündi­gung da­her gemäß § 9 Abs.1 Satz 1 MuSchG un­wirk­sam, denn we­ni­ge Ta­ge später, am 22.11.2010, in­for­mier­te die Ar­beit­neh­me­rin den Ar­beit­ge­ber über ih­re Schwan­ger­schaft und for­der­te ihn da­zu auf, kurz­fris­tig bis zum 29.11.2010 zu erklären, dass er an der Wirk­sam­keit der Kündi­gung nicht fest­hal­te. Außer­dem leg­te sie am 25.11.2010 ein ärzt­li­ches At­test über die Schwan­ger­schaft so­wie ein ärzt­li­ches Beschäfti­gungs­ver­bot gemäß § 3 Abs.1 MuSchG vor, das ei­ne Beschäfti­gung be­reits vor Be­ginn der sechswöchi­gen Mut­ter­schutz­frist un­ter­sag­te. Da der Ar­beit­ge­ber sich zu der Kündi­gung nicht erklärte, er­hob die Ar­beit­neh­me­rin Kündi­gungs­schutz­kla­ge. In der Fol­ge­zeit ver­han­del­ten die Par­tei­en über ei­ne Auf­he­bung des Ar­beits­verhält­nis­ses. Der Güte­ter­min am 27.01.2011 brach­te kei­ne Ei­ni­gung. Erst am 09.02.2011 erklärte der Ar­beit­ge­ber die "Rück­nah­me" der Kündi­gung und bat die Ar­beit­neh­me­rin An­fang März dar­um, der Kündi­gungsrück­nah­me bzw. dem da­mit zu­gleich erklärten An­ge­bot auf ein­ver­nehm­li­che Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses zu­zu­stim­men. Ei­ne sol­che Zu­stim­mung erklärte die Ar­beit­neh­me­rin nicht. Sch­ließlich er­kann­te der Ar­beit­ge­ber im Kam­mer­ter­min am 05.05.2011 den Kündi­gungs­schutz­an­trag an, wor­auf­hin das Ar­beits­ge­richt durch Tei­la­n­er­kennt­nis­ur­teil fest­stell­te, dass die Kündi­gung vom 18.11.2010 un­wirk­sam war.
BAG: Kündigt der Arbeitgeber einer Schwangeren entgegen dem Mutterschutzgesetz, stellt das allein noch keine Diskriminierung dar
Die Kündi­gung vom 18.11.2010 konn­te kei­ne Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin we­gen ih­res weib­li­chen Ge­schlechts sein, weil der Ar­beit­ge­ber bei Erklärung der Kündi­gung kei­ne Kennt­nis der Schwan­ger­schaft hat­te, so das BAG. Auch das Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers nach Aus­spruch der Kündi­gung war kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung. Denn der Ar­beit­ge­ber hat­te die Kündi­gung am 09.02.2011 ja wie ver­langt "zurück­ge­nom­men", doch hat­te die Kläge­rin (bzw. de­ren Anwälte) ih­rer­seits dar­auf­hin nicht erklärt, dass sie mit der Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses ein­ver­stan­den ist. Das aber ist bei der "Rück­nah­me" ei­ner Kündi­gung im­mer er­for­der­lich, da Kündi­gun­gen als rechts­ge­stal­ten­de Erklärun­gen zwar ein­sei­tig ab­ge­ge­ben, aber nicht ein­sei­tig "zurück­ge­nom­men" wer­den können. Sch­ließlich lag ei­ne Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung auch nicht des­halb vor, weil die Par­tei­en darüber ge­strit­ten hat­ten, ob der Ar­beit­ge­ber we­gen des Beschäfti­gungs­ver­bots zur Zah­lung von Mut­ter­schutz­lohn ver­pflich­tet war. Denn, so das BAG: Die­ser be­son­de­re An­spruch gemäß § 11 MuSchG steht oh­ne­hin nur Frau­en zu, so dass ein Streit über sei­ne Vor­aus­set­zun­gen nicht als Frau­en­dis­kri­mi­nie­rung be­wer­tet wer­den kann.
Fa­zit: Ei­ne we­gen § 9 Abs.1 Satz 1 MuSchG un­wirk­sa­me Kündi­gung stellt an sich noch kei­ne ge­schlechts­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung dar. Und wenn die Par­tei­en wie hier im Streit­fall nach Aus­spruch der Kündi­gung über ei­ne ein­ver­nehm­li­che Ver­trags­be­en­di­gung spre­chen, kann man vom Ar­beit­ge­ber schlecht ver­lan­gen, dass er die Kündi­gung, die ja Grund­la­ge und Be­zugs­punkt ei­ner mögli­chen Ei­ni­gung ist, un­verzüglich "zurück­nimmt". Ob­wohl sich das BAG auch in die­sem Fall nicht fest­le­gen muss, ob dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gun­gen AGG-Entschädi­gun­gen nach sich zie­hen können oder nicht, meh­ren sich die An­zei­chen dafür, dass die Ar­beits­ge­rich­te und auch das BAG sol­che Ansprüche als grundsätz­lich möglich an­se­hen, d.h. nicht von vorn­her­ein un­ter Be­ru­fung auf § 2 Abs.4 AGG aus­sch­ließen. Für Ar­beit­neh­mer kann es da­her sinn­voll sein, Gel­dentschädi­gun­gen we­gen dis­kri­mi­nie­ren­der Kündi­gun­gen ein­zu­kla­gen.