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Timestamp: 2019-02-22 02:36:08
Document Index: 218205318

Matched Legal Cases: ['§ 10', '§ 90', '§10', '§ 58', '§10', '§10']

Der Akt zum Volksgerichtsverfahren gegen Adolf Neugschwandtner wirkt irgendwie befremdlich. Er trägt zum Beispiel eine Aktenzahl aus dem Jahr 1955, das Verfahren wurde also in diesem Jahr neu aufgesetzt, aber anscheinend nur, um es wegen der in der Zwischenzeit geltenden Amnestien und Gesetzesänderungen auch sofort beenden zu können, ohne dass man Neugschwandtner auch nur wenigstens aufgestöbert hätte. Eine gewisse innerfamiliäre Ungerechtigkeit liegt jedenfalls in diesem Fall, denn der Bruder von Adolf, Sepp, war zwar auch nicht unschuldig, bewegte sich jedoch nicht annähernd in den Sphären wie Adolf, versteckte sich nicht nach dem Krieg, stellte sich seiner Verantwortung und wurde schließlich zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, währenddessen Adolf untertauchte und 1955 schließlich sozusagen amtlich amnestiert wurde und keinen Tag Gefängnis erleben musste.
Die Staatsanwaltschaft Wien ersucht am 19. April 1955 um folgende Erhebungen:
Beischaffung der Strafkarte, Leumundserhebungen am letzten Wohnort, Anfrage an das BMI, Abt. II und „Widerruf der Ausschreibung“.1
Schon am 3. Mai 1955 widerruft das Landesgericht für Strafsachen Abt. VG 8 die Ausschreibung im staatspolizeilichen Fahndungsblatt 1119/46 „über Antrag der Staatsanwaltschaft Wien vom 19.04.1955. (letzte Anschrift: Krems a.d.D., Dienstlstraße 14.)“.2
Dann ist im Akt eine Karte, welche der Zusendung des Gauaktes durch das BMI an das Volksgericht beigelegt war:
Am 3. Oktober 1955 schreibt schließlich die Staatsanwaltschaft Wien an den Untersuchungsrichter im Landesgericht für Strafsachen, „dass kein Grund zu einer weiteren Verfolgung des Adolf Neugschwandtner wegen §§ 10, 11 VG 1947 gefunden wird (§ 90 StPO, Entschließung des Bundespräsidenten vom 19.9.1955). Beigefügt wird, dass der Adolf Neugschwandtner betreffende Gauakt vom Bundesministerium für Inneres, Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit, zurückbehalten wurde.“
1) Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Landesgericht für Strafsachen, Vg 8e Vr 105/55, Blatt 1.
Im Gauakt finden sich drei nachträglich eingelegte Auszüge aus Staatspolizeilichen Fahndungsblättern, in denen Adolf Neugschwandtner zur Festnahme ausgeschrieben war: Blatt 11/1946, Blatt 9/1947 und Blatt 5/21952. Im Fahndungsblatt 4/1955 wurde die Ausschreibung zur Festnahme widerrufen. Hier der Text der Ausschnitte im Akt:
F.Bl.Nr 11, StaPo 1946
1119 Neugschwandtner Alois [so!], SA-Brigadeführer, 20./04. 01 Storwitz [so!] g., Wien Reichsrathstr. 32 whg., weg. §10, 11 Verbotsges. (§ 58 St.G.). PolDion Wien, 10./4. 46 (Zl. I/R I/f).
F.Bl.Nr 9, StaPo 1947
754 Neugschwandtner Adolf, SA-Führer, 20./04. 01 Strobnitz, CSR. g., Krems a. d. D., Dienstlstr. 14 whg., 171 cm gß, kräftig, rd. Ges., dklbld. zurückgel. H., weg. §10, 11, 12 Verbotsges. Magistrat der Stadt Krems a. d. D., 8./3. 47 (E. Nr. 789 a/46).
F.Bl.Nr 5, StaPo 1952
F.Bl.Nr 4, StaPo 1955
R Widerruf
280 Neugschwandtner Adolf, SA-Führer, 20./04. 01 Strobnitz, CSR. g., Krems a. d. D., Dinstlstr. 14 whg., 171 cm gß, kräftig, rd. Ges., dklbld. H., weg. §10, 11 Verbotsges. Magistrat d. Stadt Krems a. d. D., Krim-Abt., 29./7. 52(Zl. 789/46).
Gefunden hatte man Adolf in dieser Zeit nicht.
Im Frühjahr 1944 wird Adolf Neugschwandtner von der obersten SA-Führung dem Reichsminister der Justiz als ehrenamtliches Mitglied für den Volksgerichtshof vorgeschlagen, die Parteikanzlei in München bekommt am 12. Mai von der Gauleitung Wien Adolfs Eignung wegen seiner politischen Zuverläsigkeit bestätigt.1
Der Volksgerichtshof Berlin verhandelte in verschiedenen Städten, so auch in Wien, Fälle von Hoch- und Landesverrat, Wehrmittelbeschädigung, Spionage, Öffentliche Zersetzung der Wehrkraft, Vorsätzliche Wehrdienstentziehung und unterlassene Denunziation. Die Senate bestanden aus zwei Berufs- und drei Laienrichtern, die nach ihrer politischen Zuverlässigkeit (SA-, SS- und NS-Funktionäre) ausgewählt wurden.
Von mehr als 2100 Österreichern und Österreicherinnen, deren Fälle vom Volksgerichtshof verhandelt wurden, bestrafte man etwa 800 mit dem Todesurteil, zumindest 681 davon wurden vollstreckt. 451 Personen wurden im Landgericht Wien durch das Fallbeil hingerichtet, die restlichen Urteile wurden in anderen Städten wie Graz, Berlin oder München vollstreckt.
Ich konnte die genaue Karriere Neugschwandtners beim Volksgerichtshof noch nicht erforschen. Dass er zumindest für drei himmelschreiende, unmenschliche und Unrecht darstellende Todesurteile mitverantwortlich ist, lässt sich aus zwei online zugänglichen Akten des Volksgerichtes ersehen:
Bei der Hauptverhandlung am 1. November 19442 stellen Dr. Merten als Vorsitzender, Dr. Makart, SA-Brigadeführer Neugschwandtner, NSKK-Obergruppenführer Seydel und Abschnittsleiter Seydel den Senat. An diesem Tag wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ die 54jährige Krankenpflegerin Anna Ecker zu zwei Jahren Zuchthaus, die 62jährige Witwe Rosa Janku und der 57jährige Straßenbahnangestellte Rudolf Fellner zum Tod verurteilt. „Die Kosten des Verfahrens tragen die Angeklagten“.
Bei der Hauptverhandlung am 23. November 19443 waren die Berufsrichter Dr. Lämmle und Dr. Köhler und die Laien Gauamtsleiter Holezius, SA-Obergruppenführer Heß und SA-Brigadeführer Neugschwandtner der Senat. An diesem Tag wurde der 35jährige Pfarrer Heinrich dalla Rosa4 wegen einer Nichtigkeit zum Tode verurteilt: er habe unter Missbrauch seines Seelsorgeramtes Wehrkraftzersetzung betrieben, indem er eine kritische Bemerkung zum Kriegsausgang einer ihn denunzierenden Prethalerin (Stmk.) gegenüber gemacht hatte. Der ursprünglich aus Südtirol stammende dalla Rosa gilt heute in der katholischen Kirche als Märtyrer.
1) Archiv der Republik (AT-OeStA/AdR), BMI/Gauakten, Gauakt Adolf Neugschwandtner, Blätter 9 und 10.
2) Online: <http://www.doew.at/cms/download/42g9p/19793_36.pdf>
3) Online: <http://www.doew.at/cms/download/8917s/19793_151.pdf>
4) Zu Heinrich dalla Rosa siehe Google
Es ist bekannt, dass die frühen Mitglieder und insbesondere jene, die sich illegal für den Nationalsozialismus betätigt haben, bei der Verteilung des geraubte jüdischen Eigentums bevorzugt wurden. Adolf Neugschwandtner hatte für seine „Wünsche“ als gut vernetzter SA-Brigadeführer hochrangige Unterstützer.
Im Gauakt findet sich ein Empfehlungsschreiben des Sektionsleiters Dr. Max Stadler im Haupternährungsamt Wien an den Oberverwaltungsrat beim Haupternährungsamt Dr. Fritz Schiettinger, in dem es um die geplante Arisierung der bekannten Großmühle Brach & Lessing in Wien geht:
Wien, 22. September 1939
Der Führer der SA-Brigade 92, SA-Oberführer Adolf Neugschwandtner, Ehrenzeichen – und Blutordensträger, hat sich vor längerer Zeit gemeinsam mit jemand anderem um die Mühle Brach & Lessing beworben. Neugschwandtner ist Mühlenfachmann. Die Angelegenheit wurde seinerzeit aus bekannten Gründen zurückgestellt. Nun hört Neugschwandtner, dass eventuell doch eine Arisierung des Mühlenbetriebes in Frage käme. Er meldet nun seine alten Ansprüche wieder an, um nicht neben anderen Bewerbern ins Hintertreffen zu geraten.
Neugschwandtner, der gelernte Müller ist plötzlich Mühlenfachmann, der nicht vergessen werden soll, wenn dieses Filetstück unter den geraubten Schätzen verteilt wird. Genauere Nachforschungen wären nötig um herauszufinden, was damals aus der Mühle geworden ist. Heute steht auf den ehemaligen Brachmühlgründen das neue „Citygate“ und ein Nachfahre der rechtmäßigen Besitzer ist der bekannte Wiener Fotograf Erich Lessing.
Die Raffgier Neugschwandtners dokumentiert ein zweites Empfehlungsschreiben. Anstatt sich Geschirr, Küchengeräte und andere einfache Wohnutensilien zu kaufen, lässt er den Gaustabsamtsleiter und Gaugeschäftsführer von Wien, Heinrich Laube, einen Brief an den berüchtigten stellvertretenden Leiter und obersten Judenreferenten der Geheimen Staatspolizei Wien, Karl Ebner, schreiben, indem er sich moralisch soweit hinunter begibt, auch um „2 Garnituren Bettwäsche“ zu ersuchen!
Der Gaustabsamtsleiter
Reg.Rat Pg.Dr. Ebner
Stb.47774/L/h 20.Juli 2 [so!]
Zuweisung von beschlagnahmten jüdischen Gebrauchsgegenständen an den Leutnant Adolf Neugschwandtner, Wien 1, Reichsratstraße 17/30a
Der Obgenannte erschien heute bei mir und bat mich, ihn nach Möglichkeit beim Ankauf beschlagnahmter jüdischer Gebrauchsgegenstände zu unterstützen.
Pg. Neugschwandtner ist Ehrenzeichenträger, Blutordensträger, Besitzer des EK I und EK 2 sowie verschiedener Sturmabzeichen und machte die Feldzüge an allen Fronten mit. Da er sich also ständig im Fronteinsatz befand, hatte er keine Gelegenheit, irgendwelche Gebrauchsgegenstände zu erwerben. Ich bitte daher, diesen verdienten Parteigenossen und Frontkämpfer besonders zu berücksichtigen. Er würde dringendst einige
verschiedene Küchenbedarfsartikel
2 Garnituren Bettwäsche und außerdem dringend
Ich wäre Ihnen, lieber Doktor, sehr dankbar, wenn Sie diesem Manne helfen könnten.
gez. Laube
Ebner konnte sicher helfen, verteilte er doch das geraubte Eigentum von zigtausenden jüdischen Deportierten. Hochrangige Nazis in Wien räkelelten sich in den Betten von Menschen, die mittlerweile in Konzentrationslagern gemartert und ermordert wurden. Eine objektive Stellungnahme dazu? Einfach abscheulich!
Ah – ist Neugschandtner also tatsächlich auch Leutnant geworden! Anständige Offiziere gab es damals.
Zu Stadler: <http://agso.uni-graz.at/spannkreis/biografien/s/stadler_max_1906.html>
Zu Schiettinger: Fritz, Dr., vor 1945: Oberverwaltungsrat beim Haupternährungsamt Wien; Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Metz sowie Gruppenleiter in der Überleitungsstelle für das „volks- und reichsfeindliche Vermögen" in Lothringen
nach 1945: Ministerialdirektor im Bundeswirtschaftsmimsterium, Leiter der Abteilung Geld und Kredit in der BRD
Zu Laube: <wien.gv.at/wiki/>
Zu Ebner: <https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Ebner>
Quellen: Archiv der Republik (AT-OeStA/AdR), BMI/Gauakten, Gauakt Adolf Neugschwandtner, Blätter 11 und 12.
Ende des Jahres 1942 wird Adolf Neugschwandtner auf seine politische Verlässlichkeit hin durchleuchtet, weil er zum Offizier des Beurlaubtenstandes (Reserveoffizier) befördert werden soll. Die Ortsgruppe „Burgviertel“ erstellt folgendes Gutachten über ihn:
„Verhalten in der Verbotszeit: aktiver Einsatz für die NSDAP, war 27 Monate in Haft.
Gegenwärtiges Verhalten: wohnt erst seit 1939 an der angegebenen Anschrift und rückte dann bald ein. Verhalten soweit bekannt einwandfrei und gut.
Spendenbeteiligung: ist selten in Wien. Seine Frau gibt RM 2.- pro Opfersonntag.
Wirtschaftliche Lage: Gut und gesichert.
Charakter: Kämpfer, rauh aber herzlich
Leumund: gut.
Gutachten des Ortsgruppenleiters: 4342/Sch/Hie – Brigadeführer Pg. Neugschwandtner ist Inhaber des Blutordens, der ihm im Juli 1939 verliehen wurde. Außerdem wurde ihm das goldene Parteiabzeichen zuerkannt. War längere Zeit eingerückt und war bis vor Kurzem als Verwundeter in Bad Reichenhall. Seit seiner Genesung ist er wieder tätig aber nicht mehr im militärischen Fronteinsatz, sondern hat eine Aufgabe im Protektorat zu erfüllen. In politischer Hinsicht und charakterlich kann über den Angefragten von Seite der Ortsgruppe „Burgviertel“ nur Gutes berichtet werden. Er wird in der Ortsgruppe „Gauleitung Niederdonau“ im Stande geführt. Die formelle Erledigung einer politischen und charakterlichen Beurteilung müsste daher durch diese Ortsgruppe erfolgen.
Der Personalamtsleiter
Der Ortsgruppenleiter
Oeller"1
Nachdem Neugchwandtner im Februar zum Brigadeführer in der SA avanciert ist, steht seine Beförderung zum Offizier in der Wehrmacht an. Aus den Akten des Archivs der Republik bzw. den Gauakten geht nicht hervor, ob diese Beförderung auch wirklich erfolgt ist. Interessant wäre auch zu wissen, welche Aufgabe Neugschwandtner im Protektorat Böhmen und Mähren aufgetragen bekam.
1) Archiv der Republik (AT-OeStA/AdR), BMI/Gauakten, Gauakt Adolf Neugschwandtner, Blatt 8