Source: https://rosawinkel.kulturring.berlin/?ag=projekte
Timestamp: 2019-09-22 07:45:23
Document Index: 357790516

Matched Legal Cases: ['§ 175', '§ 175', '§ 175', '§ 175', '§ 5', '§ 175', '§ 175']

Förderung der Projekte durch öffentliche Mittel der EU, des Bundes und des Landes Berlin
Projektkoordination: Astrid Lehmann, Dr. Wolfgang Engel, Bernhard Korte
Leitung Gabriele Roßbach, Andreas Pretzel
In dem Gründungsprojekt "Rosa Winkel" engagierten wir uns für die Aufhebung der NS-Urteile nach § 175 StGB. Wir erarbeiteten Biografien der Verfolgten und der Täter, die Folgen der Verschärfung des Homosexuellenstrafrechts und die dafür verantwortlichen Institutionen. Erschreckend war die hohe Zahl der Denunziationen aus der Bevölkerung. Sogar Mütter und Väter zeigten ihre eigenen Söhne bei der Gestapo an. Und trotzdem fand homosexuelles Leben statt, gab es homosexuelle Treffpunkte bis 1945. Die Quelle unserer Arbeit waren Akten des Landesarchivs Berlin, vor allem Justizakten. Wir erarbeiteten eine ausführliche Datenbank aus den Beständen A Rep. 358-02 und A Rep. 341-02. Es entstand das Buch „Wegen der zu erwartenden hohen Strafe“. Homosexuellenverfolgung in Berlin 1933-1945.
Es gab eine enge Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum. In derselben Zeit entstand dort von Joachim Müller und Andreas Sternweiler die Ausstellung/das Buch "Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen", an dem Andreas Pretzel mitarbeitete.
Ausstellungsprojekt Schicksale Homosexueller in Berlin-Mitte 1933-1945
Leitung/Erarbeitung Ursula Meinhard
Das NS-Aufhebungsgesetz 1998 hatte die in der NS-Zeit kriminalisierten homosexuellen Männer trotz der Initiativen der Schwulenbewegung nicht berücksichtigt, erst 2002 wurden die NS-Urteile nach §§ 175 und 175 a 4 aufgehoben. Die Ausstellung "Ich ahne nun dass die Luft ganz dick ist". war biografisch orientiert. Sie wurde 2003 im Museum Mitte gezeigt, 2004 im Kriminalgericht Moabit, dem Ort der Täter. Dort wurde sie von Justizsenatorin Karin Schubert eröffnet.
Nachkriegsschicksale verfolgter Homosexueller
Leitung: Dr. Carola Gerlach, Mitarbeit: Vera Kruber
Nach dem Krieg galten Homosexuelle, die in der NS-Zeit nach § 175 StGB bestraft oder im KZ gequält worden waren, als Kriminelle, sowohl in der DDR als auch in der BRD. Sie erhielten weder eine Anerkennung als Opfer des Faschismus (OdF/VDN) noch als politisch rassisch religiös Verfolgte (PrV) sowie keine Entschädigung nach Entschädigungsgesetz. Viele litten unter der weiterwirkenden Berufsaberkennung. Wiederaufnahmeverfahren hatten kaum Erfolg. "Die Hitlerei vernichtet mich erst jetzt", schrieb der Jurist Dr. Kurt Gudell 1952 in seinem Zorn. Nach KZ-Haft, Strafverfolgung durch die NS-Justiz, Dr.-Titel-Aberkennung, Ausbürgerung, Enteignung und Emigration war er nach 1945 völlig verarmt und ohne das Recht, in seinem Beruf zu arbeiten.
Das Projekt erarbeitete auf der Basis der Datenbank Nachkriegsbiografien verfolgter Homosexueller. Quelle waren Justizakten, die Strafregister und OdF-Akten im LAB sowie Entschädigungsakten und Wiedergutmachungsakten.
In den Justizakten 1933-1945 gab es auch viele Hinweise auf 175er Strafsachen nach 1945. Akten dazu fanden wir in der Staatsanwaltschaft Berlin leider nur eine.
Die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin arbeitete unter Leitung von Andreas Pretzel zum gleichen Thema. Es entstand das von Andreas Pretzel herausgegebene Buch "NS-Opfer unter Vorbehalt. Homosexuelle Männer in Berlin nach 1945". Dort konnten wir unsere Arbeiten publizieren.
Sondergericht Berlin
Leitung: Andreas Pretzel
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden zahllose Sondergesetze und Verordnungen erlassen, um die Strafmöglichkeiten zu erweitern und die Strafen zu erhöhen. Dazu gehörten u.a. VO zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933, das Heimtücke-Gesetz, die Rundfunk-VO, die Volksschädlings-VO, das Gewohnheitsverbrecher-Gesetz. Das schwerwiegendste war das Gesetz zur Änderung des StGB vom 4.9.1941. Es führte zur Todesstrafe. Von diesen Verordnungen und Sondergesetzen waren auch homosexuelle Männer und lesbische Frauen betroffen. Die Verfahren wurden von den Sondergerichten durchgeführt, die die Rechte der Beschuldigten stark einschränkten. So gab es für sie keine Möglichkeit der Berufung oder Revision.
Das Projekt erstellte anhand der Akten, die sich damals noch im LAB befanden und im neuen annotierten Augias recherchierbar waren, umfangreiche biografisch orientierte Erfassungsprotokolle. Sie wurden verkürzt in das Schema der Datenbank des Kulturrings eingefügt. Besondere Recherchen entstanden zu den Verfahren wegen "Bündischer Umtriebe" und zu den Todesurteilen gegen Homosexuelle, zu denen Andreas Pretzel publizierte. Es entstand die Ausstellungstafel „Ausmerzen statt Strafen. Sondergericht Berlin", mit den Biografien der Lobetaler Homosexuellen Hans Festersen, Fritz Lemme, Friedrich Riemann und Ernst Hirning. Sie wurden am 13.07.1943 vom Sondergericht Berlin nach §§ 175, 51, 2 StGB und Gesetz zur Änderung des StGB vom 4.9.1941 zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet.
Anlässlich der Ausstellung "Das Hausgefängnis" der Gestapo-Zentrale in Berlin. Terror und Widerstand 1933-1945 in der Stiftung Topographie des Terrors (2005) hatten wir dort Gespräche zur besseren Präsentation der homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Unsere Vorschläge wurden bei der Neugestaltung der Dauerausstellung berücksichtigt.
Beginn der Täterforschung, Dr. Klaus Jaschinski.
In dem Aktenkonvolut "Strafsache gegen Angehörige von Sondergerichten wegen Mordes", Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin, 3 P (K) AR 10/80, LAB B Rep. 058 vol. 7112 entdeckten wir Material zu den Todesurteilen gegen Homosexuelle und Lebensdaten zu den beteiligten Richtern und Staatsanwälten. Die Recherche wurde später im Bundesarchiv weitergeführt. Es entstand die Ausstellungstafel "Täter aus der Justiz. Richter und Staatsanwälte."
Die Akten Sondergericht Berlin befinden sich heute im BLHA Potsdam
Projekt "Rosa Winkel", Berlin-Mitte
Leitung Joachim Wagner, Dr. Klaus Berndl, Gestalter Joachim Schmidt-Timmermann
Katalog zur Ausstellung im Deutschen Bundestag und in der Akademie der Künste Berlin 2006
Weiterführung der Erfassung der Verfahrensakten Landgericht Berlin gegen Homosexuelle in der Datenbank. Neu erschließbar aus Augias im LAB waren Wehrmachtsurteile gegen Homosexuelle. Für den Strafvollzug war das Landgericht Berlin zuständig.
Erweiterung und völlige Neugestaltung der Ausstellung des Kulturrings. Unter dem Titel "Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft. Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit" wurde sie erstmals 2006 im Deutschen Bundestag präsentiert, kurz danach in der Akademie der Künste als Hintergrundinformation für die Entwürfe des Homosexuellendenkmals im Tiergarten. Die Ausstellung war repräsentativ für Berlin, auch hinsichtlich der Verfolgungsinstitutionen. Sie wurde in den Folgeprojekten mit zusätzlichen Ausstellungstafeln erweitert, zu den Opfern und zu den Tätern.
Die AG Rosa Winkel (Dr. Carola Gerlach)
erarbeitete mit dem Projekt die Biografien und Dokumente für die Stolpersteine für das Freundespaar Walter Boldes geb. am 13.08.1898 in Breslau, hingerichtet am 14.12.1942 in Plötzensee und Paul Küster, geb. am 17.04.1908 in Berlin, hingerichtet am 19.05.1942 in Brandenburg/Görden. Das Landgericht Berlin begründete das Todesurteil gegen Boldes so: „Der Angeklagte war ein homosexuell veranlagter Jude, der den Judenstern nicht trug und somit seine nichtarische Abstammung verheimlichte. Wenn ein solcher Jude sich mit einem deutschen Soldaten einlässt und ihn verborgen hält, die behördlichen Nachforschungen sabotiert und Fluchtpläne erörtert, so bedarf es keiner näheren Begründung, dass in einem solchen Fall ein minder schwerer Fall im Sinne des Abs.2 des § 5 KSSVO überhaupt nicht in Frage kommen kann. Das Verbrechen der Zersetzung der Wehrkraft, dessen sich der Angeklagte Boldes schuldig gemacht hat, war daher mit dem Tode zu sühnen.“ Die Stolpersteine wurden 2006 in der ehemaligen Wallnertheaterstr. 19 in Berlin-Mitte, heute Gebiet hinter der Singerstr. 1 verlegt. Zur Gedenkfeier am 24. Januar 2007 kamen viele Menschen. An das Schicksal der beiden Männer wird auf der Ausstellungstafel "Plötzensee. Strafgefängnis und Hinrichtungsstätte" erinnert.
Projekt „Rosa Winkel“ Berlin-Spandau
Leitung: Bernd Grünheid
Ziel des Projekts war es, das homosexuelle Leben und die Verfolgung Homosexueller in der konservativen Industrie- und Militärstadt Spandau umfassend zu erkunden, zu dokumentieren und nach Möglichkeit zu publizieren. Dazu wurden die Justizakten neu gelesen, Biografien erarbeitet, Aussagen zu Treffpunkten notiert und in Zusammenarbeit mit dem Archiv in der Zitadelle Spandau illustriert. Es entstanden die Ausstellungstafel "Treffpunkte und Lokale in Berlin-Spandau 1933 -1945" und die Tafeln mit den bewegenden Schicksalen aus der Arbeiterstadt „Große Halle“ auf dem Gelände des heutigen Waldkrankenhauses, zu dem Stadtsekretär der Feuersozietät Reinhold Albrecht, dem Rechtsanwalt der Verfolgten und späteren Spandauer Bürgermeister Dr. Richard Münch.
Erschließung der Polizeiakten homosexueller Männer im Landesarchiv Berlin, Datenbank von Wolfgang Ludwig
Strafgefängnis Spandau (1933-1945) Die Generalakten, Gefangenenakten homosexueller Männer wurden gelesen und umfassend dokumentiert. Das Gefängnis war auch ein profitorientierter Arbeitsort, die Gefangenen Zwangsarbeiter ohne Lohn. Besonders betroffen machte uns die Auseinandersetzung zwischen Kripo und Strafgefängnis um die Entlassung der 175er Gefangenen nach Strafverbüßung. Die KI Vorb verlangte ab 1940 die Rücküberstellung. Trotz positiver Beurteilung im Gefängnis kamen viele Männer dann ins KZ, wie Heinz Schulze, der am 07.08.1942 im KZ Sachsenhausen ermordet wurde (Ausstellungstafel). Es entstand eine Begleitmappe zur Ausstellung, in der das Leben der Häftlinge im Strafgefängnis Spandau dokumentiert wird, u.a. Kurt Hiller, der dort vom 11. April bis 9.Mai 1933 als politischer Schutzhäftling einsaß. Gegenüber den KZs Columbiahaus und Oranienburg erschien ihm das Strafgefängnis Spandau wie ein "Paradies", wie er in "Leben gegen die Zeit" (1969) schrieb.
Ortspolizei Spandau, ein bisher kaum bearbeiteter Forschungsgegenstand.
Gedenktafel am Gebäude des Polizeiabschnitts 21 der Polizeidirektion 2 in der Spandauer Moritzstraße 10
Erkundet wurden die Orte der Verfolgung der Ortspolizei, insbesondere in der Moritzstraße, in der homosexuelle Häftlinge vor ihrer Überstellung ins Polizeipräsidium tagelang festgehalten wurden, und die Lebensläufe der dort tätigen Kriminalisten, ihre Aktivitäten bei der Verfolgung Homosexueller. Meist handelte es sich um Denunziationen aus der Bevölkerung, denen die Polizisten nachgingen. Den "Fall" Reinhold Albrecht fanden wir im "Tätigkeitsbuch" des Reviers 144, 1936-1939 (LAB B Rep. 020, Nr. 6938) 14/39 Unterstützung eines Stapobeamten: „Am 14.1.39, 21 Uhr wurde das Revier durch den KOA Käding Stapo C3 fernmündlich benachrichtigt und um Entsendung eines Beamten gebeten, da in dem Hause Straßburgerstr. 24a einige Personen homosexuellen Verkehr treiben sollten. Die beteiligten Personen, der Stadtsekretär Reinhold Albrecht, 8.12.95 Bln Spandau geb., Spandau, Straßburgerstr.24a wohnhaft und der Arbeiter Walter G. (…) wurden in der Wohnung des Albrecht überrascht, beide befanden sich in nacktem Zustande und waren gerade dem Bade entstiegen. Die Wohnung wurde sofort durchsucht. Albrecht und G. wurden zwecks Einlieferung dem 144. Revier zugeführt.“ Schlutter, Revieroberwarchtmeister.
Es entstanden eine Dokumentation zur Ortspolizei und die Ausstellungstafeln "Die Spandauer Ortspolizei 1933-1945", "Täter aus der Polizei" (Käding/Gestapo, Nölte/144. Revier Spandau, Wolf/141. Revier Spandau). Erschreckend dabei ist die Feststellung, dass die meisten Polizisten nach ihren Verbrechen in der NS-Zeit bald wieder an ihren Dienstsitz zurückkehrten. Richard Wolf, der 1939 zur Kripo im Protektorat versetzt worden war, wurde 1948 als unbelastet entnazifiziert, arbeitete 1952 wieder bei der Kripo und 1955 bei der Kripo Spandau.
Ein Kommando der Spandauer Schutzpolizei erschoss unter dem Befehl von Alfred Wandelt am 24.04.1945 vier Polizisten, weil sie unter dem Verdacht standen, homosexuell zu sein. Danach wurden sie anonym verscharrt. Der Fall ist durch den unnachgiebigen Antrag der Witwe eines der Opfer, Otto Jordan, in die Geschichte eingegangen. Wir entdeckten ihn in dem Beitrag von Michael Schön in "Schwule, Lesben, Polizei", hrsg. von Jens Dobler (1996), lasen die Akten im LAB und Entschädigungsamt und stellten bei dem Polizeipräsidenten Dieter Glietsch den Antrag auf eine Gedenktafel. Von ihm war bekannt, dass er sich für den Schutz von LSBTI in der Polizei besonders einsetzte. Er genehmigte die Gedenktafel, sie wurde 2011 am Polizeigebäude Moritzstraße 10, 13597 Berlin angebracht und würdig eingeweiht.
Die Ausstellung des Kulturring in Berlin e.V. / AG Rosa Winkel „Ausgrenzung aus der Volksgemeinschaft. Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit" wurde im April 2011 im Rathaus Spandau gezeigt. Zur Eröffnung am 05.04.2011 sprachen der Spandauer Bürgermeister Konrad Birkholz, der Vorsitzende des Kulturring Dr. Gerhard Schewe und Andreas Pretzel von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin.
Projekt Rosa Winkel Charlottenburg-Wilmersdorf
Treffpunkte (Detlef Strunk, Karl-Heinz Wüstenham)
Charlottenburg ist als Zentrum schwul-lesbischen Lebens weltweit bekannt. Der Bahnhof Zoo, der Ku'damm in den goldenen 20er Jahren. Ganz Europa folgte dem Glanz der Transvestitenshows, Lesbenclubs und der Maskenbälle "nur für Männer". Das Projekt wollte beweisen, dass es die Treffpunkte trotz der Razzien und trotz der Verfolgung bis 1945 gab, und zwar ganz konkret und en detail.
Die Strafakten Charlottenburg/Wilmersdorf wurden unter dem Gesichtspunkt neu gelesen, die Aussagen der Verfolgten in den Vernehmungen gesammelt, Biografien der Inhaber der Tanzlokale und Bierschenken entdeckt, Bauakten studiert. Es entstand die Karte des Bezirks "Treffpunkte in Charlottenburg und Wilmersdorf" mit genauen Angaben zur Dauer und zu den Inhabern.
Das Ziel, das die AG Rosa Winkel setzte, war die Berlin-Karte. Deshalb wurde danach die Karte zu einem weiteren zentralen Bezirk erarbeitet: Berlin-Tempelhof-Schöneberg. Schwul-lesbische Treffpunkte, Orte der Verfolgung. Zu beiden Karten entstanden detailliert ausgearbeitete Ausstellungsmappen mit vielen Fotos und Anzeigen aus den Freundschaftsblättern. Eine Gruppe des Projekts arbeitete mit dem Archiv des Schwulen Museums und dem damal. Leiter Dr. Jens Dobler zusammen und wertete dort die Freundschaftsblätter systematisch aus.
Doppelverfolgung:
Jüdische Homosexuelle waren von extremer Diskriminierung und nach dem Novemberpogrom 1938 vom Tod bedroht. Dazu arbeitete eine Gruppe des Projekts unter der Leitung von Jochen Knoblauch, anhand von Justiz-und Polizeiakten und fand viele biografische Daten. Es entstand eine Kooperation mit einem Forschungsprojekt an der Humboldt Universität, das in Zusammenarbeit mit der Hebrew-Universität in Jerusalem versucht herauszufinden, welche Rolle Menschen jüdischer Herkunft in der schwul-lesbischen Community und Homosexuellenbewegung in Deutschland gespielt haben und welchen Einfluss die Geflüchtenten und ins Exil /Israel Vertrie-benen auf die Herausbildung einer queeren Kultur dort gehabt haben.
Reichskulturkammer:
Nach § 175 StGB verurteilte Homosexuelle waren vom Berufsverbot bedroht. Dazu gehörten Künstler und in Kulturinstitutionen arbeitende Männer und Frauen. Der Ausschluss aus der Reichskulturkammer und deren Untergliederungen kam einem Berufsverbot gleich. Im Bestand Reichskulturkammer des Bundesarchivs wurden dazu von einer Projektgruppe biografische Fakten erhoben und Fotos gesammelt, die es in anderen Aktenbeständen kaum gibt.
Strafgefängnis Plötzensee
Ein Teilbestand der im Landesarchiv Berlin reponierten Akten (LAB A Rep. 369) wurde unter der Leitung von Roger Naegele biografisch ausgewertet (homosexuelle Gefangene, Bedienstete), die im Projekt Sondergericht entstandene Kartei der in Plötzensee hingerichteten Homosexuellen wurde ergänzt. Es entstand die Ausstellungstafel "Plötzensee- Strafgefängnis und Hinrichtungsstätte"
Biografien homosexueller Männer
Die biografische Forschung stand auch im Charlottenburg-Wilmersdorf-Projekt im Zentrum der Arbeit.
Trotzdem leben! Das versuchte der Charlottenburger Freundeskreis Harry Pauly, gen. Pauline Courage, Heinz Karl Koch, gen. Adele, Joachim Krüger und Paul Hübner, gen. Röschen. Sie lebten im Charlottenburger Kiez in einfachen Verhältnissen. Sie lernten sich mit 15/16 Jahren kennen, entdeckten ihre Homosexualität, hatten Interesse für Kunst, Schauspielerei und Sport, waren gegen die Nazis eingestellt. 1937/38, 1940 gerieten sie in die Verfolgungsmaschinerie gegen Homosexuelle, und trotzdem konnten sie ihr Freundesband bis nach 1945 erhalten. Diese spannende Geschichte wurde von Andreas Gwosdz erforscht und in einer Mappe dokumentiert. Veröffentlichung ist geplant. Es entstanden für die Ausstellung Biografien von: Gottfried Freiherr von Cramm, Tennisspieler, Bruno Balz, Textdichter, vom Liebespaar Richard Schultz, Kellner, und Hans-Theodor Spann, Stadtsekretär.
Außerdem konnten wir endlich Amtsgerichtsrat Friedrich Sponer vorstellen, dessen Hass auf Homosexuelle und Transsexuelle in der Unerbittlichkeit seiner Urteile sichtbar wird. Von 1933-1939 war er als Vorsitzender des Schöffengerichts 603 und des späteren Amtsgerichts zuständig für sogenannte Unzuchtsdelikte. Bisher sind 921 Urteile gegen Homosexuelle bekannt.
Unsere Ausstellung wurde vom 27.08. bis 02.10.2013 mit Erfolg im Rathaus Charlottenburg gezeigt.
Lesbenforschung
Dr. Carola Gerlach, Jürgen Michallek, Daniela Fliegner
Seit ein paar Jahren beschäftigen sich die Projekte zur Homosexuellenverfolgung in der NS-Zeit auch mit dem Schicksal lesbischer Frauen. Dazu wurden und werden viele Akten aus den Bereichen Fürsorgeerziehung, Justiz, Polizei und Frauengefängnis Barnimstraße gelesen. Die Suche ist eine andere als bei den nach § 175 StGB verurteilten Männern. Es gab zwar auch bei den gleichgeschlechtlich lebenden Frauen eine Denunziationswut der "lieben" Nachbarn. Da lesbisch aber nach Strafgesetzbuch nicht strafbar war, wurden die Verfahren von der Justiz eingestellt, und meist wurden die Akten auch nicht aufbewahrt. Aus diesem Grund mussten wir die Akten zu anderen Delikten wie Kuppelei, Abtreibung lesen, um lesbische Frauen zu finden. Dabei konnten wir feststellen, dass Kripo und Gestapo sehr wohl die Bestrafung wünschten. Sie führten genau Buch zu den Liebesbeziehungen von Frauen und suchten nach einer außergerichtlichen Bestrafung. Der NS-Staat bot dazu die Möglichkeit, in Ravensbrück, Uckermark, Fehrbellin u.a. Lagern.
Die Wohlfahrtsämter, die Jugendfürsorge und andere staatliche Einrichtungen reagierten ebenfalls auf lesbische Beziehungen mit Strafmaßnahmen. Dazu gehörten unter anderem der Sorgerechtsentzug, die Fürsorgeerziehung, die Aufforderung zum Umzug und anderes.
Die erste Ausstellungstafel zur Verfolgung einer lesbischen Frau, Elsa Conrad (Foto: Hauptstaatsarchiv Hannover), zeigten wir mit unserer Ausstellung zum 1. LSBTI-Kongress der Magnus-Hirschfeld-Stiftung im November 2013. Sie wurde als Lesbenaktivistin und Staatsfeindin von einer Nachbarin angezeigt, nach einem Heimtücke-Verfahren ins KZ Moringen deportiert und 1938 als Jüdin zur Emigration gezwungen. Die Biografie erarbeitet hatte Claudia Schoppmann. Einzelne Ergebnisse unserer eigenen Recherche präsentieren wir auf dieser Website. Der Text zum Schicksal von Luise Goldmann, die 1931 von ihrer Familie verstoßen wurde, erschien im April 2017 in den "Kulturnews" beim Kulturring in Berlin e.V.
LSBTI-Projekt berlinweit
Neubearbeitung der Justizdatenbank. Ziel vollständige Erfassung der Akten zu Lesben, Schwulen, Transsexuellen aus den Beständen LAB A Rep.358-02, LAB A Rep. 341-02, mit Querverweisen auf andere Aktenbestände. Vereinbarung mit dem LAB: Nach Vollendung Übergabe der Datenbank für die öffentliche wissenschaftliche Nutzung.
Neubearbeitung der Polizeidatenbank. Zunächst vollständige Erfassung der Akten zu Lesben, Schwulen, Transsexuellen aus dem Bestand LAB A Pr.Br.030-02-05.
Weiterführung der Lesbenforschung, Erarbeitung von Biografien für die website. Zusammenarbeit mit Lesbenarchiven Spinnboden, FFBIZ.
Beginn der Forschung zu Transsexuellen, ebenfalls Erarbeitung von Biografien für die website.
Arbeitsgruppe Bundesarchiv
Weiterführung Recherchen zur Weiblichen Kriminalpolizei
BDC-Bestand: Recherche nach zusätzlichen Informationen zu LSBTI-Opfern und zu den Täter*innen.
Text: Dr. Carola Gerlach