Source: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Pertussis.html,
Timestamp: 2020-08-05 20:08:13
Document Index: 302739329

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 34', '§ 34', '§ 2', '§ 34', '§ 34', '§ 34']

Die Herausgabe dieser Reihe der RKI-Ratgeber erfolgt durch das Robert Koch-Institut (RKI) auf der Grundlage des § 4 Infektionsschutzgesetz (IfSG). Zielgruppe der RKI-Ratgeber sind Fachkreise, u.a. Ärztinnen und Ärzte, medizinisches Fachpersonal und der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD). Informationen zu wichtigen Infektionskrankheiten sollen aktuell und konzentriert der Orientierung dienen. Die Beiträge werden in Zusammenarbeit mit den Nationalen Referenzzentren (NRZ), Konsiliarlaboren (KL) sowie weiteren Expertinnen und Experten erarbeitet. Die RKI-Ratgeber sind auf der Internetseite des RKI (www.rki.de/ratgeber) abrufbar. Neu erstellte RKI-Ratgeber und deutlich überarbeitete Folgeversionen werden im Epidemiologischen Bulletin (www.rki.de/epidbull) veröffentlicht.
Erstveröffentlichung im Epidemiologischen Bulletin Oktober 43/2001, überarbeitete Fassung vom November 2017. Letzte Aktualisierungen:
Abschnitt "Gesetzliche Grundlage" und "Beratung und Spezialdiagnostik" vom Februar 2018;
Abschnitt "Präventiv- und Bekämpfungsmaßnahmen" vom November 2019;
Abschnitt Vorkommen sowie Präventiv- und Bekämpfungsmaßnahmen und Ausgewählte Informationsquellen vom April 2020.
Pertussis kommt ganzjährig vor, die Inzidenz ist im Herbst und Winter etwas höher als im Rest des Jahres. Ähnlich wie in anderen westlichen Ländern[2] werden in Deutschland trotz hoher Impfquoten bei jüngeren Kindern – im Jahr 2018 lag die Impfquote der Schulanfänger bei ca. 93%[3] – weiterhin zyklische Anstiege von Pertussis im Abstand von 4 bis 6 Jahren beobachtet.[4] Seit Einführung der bundesweiten Keuchhusten-Meldepflicht im Jahr 2013 wurden dem RKI bundesweit zwischen 11 und 20 Erkrankungen (Erkr.) pro 100.000 Einwohner (Einw.) jährlich nach dem Infektionsschutzgesetz (IfSG) übermittelt. Säuglinge sind mit Inzidenzen von über 100 Erkr./100.000 Einw. in epidemischen Jahren am stärksten betroffen und benötigen häufig eine Kranken­haus­behandlung.[36] Deshalb hat die STIKO 2020 eine Pertussisimpfung für Frauen während der Schwangerschaft empfohlen (s.u.).[37] Bedingt durch ein schnelles Nachlassen des Immunschutzes nach der Impfung[38] treten auch bei älteren Kindern und Jugendlichen Keuchhusten-Erkrankungen häufig auf. Auch wenn die Inzidenz bei Erwachsenen niedriger liegt, treten inzwischen rund 60% aller Erkrankungen bei Personen ≥ 18 Jahre auf. Dazu trägt eine unzureichende Umsetzung der empfohlenen Auffrischimpfungen insb. bei Jugendlichen und Erwachsenen (s.u.) bei.[39,40]
In den Jahren 2015-2018 wurden 3-4% der übermittelten Keuchhusten-Erkrankungen durch B. parapertussis verursacht; 2019 stieg dieser Anteil auf 9%.
Pertussis ist hoch kontagiös. Die Übertragung erfolgt durch Tröpfchen­infektion, die durch engen Kontakt mit einer infektiösen Person innerhalb eines Abstandes bis zu ca. 1 Meter durch Husten, Niesen oder Sprechen erfolgen kann.[5] Während ein anhaltendes Trägertum von Bordetellen im Nasenrachen­raum nicht beschrieben wurde, wurde gelegentlich bei Personen im Umfeld von Ausbrüchen – darunter auch gegen Pertussis Geimpfte – B. pertussis im Nasenrachen­raum nachgewiesen.[6,7] Jugendliche und Erwachsene spielen als Überträger auf Säuglinge eine wichtige Rolle.[8-10]
Meist 9-10 Tage (Spanne: 6-20 Tage)[5]
Die Ansteckungs­fähigkeit beginnt am Ende der Inkubationszeit, erreicht ihren Höhepunkt während der ersten beiden Krankheitswochen und kann bis zu drei Wochen nach Beginn des Stadium convulsivum (s.u.) andauern. Bei Durchführung einer antibiotischen Therapie verkürzt sich die Dauer der Ansteckungs­fähigkeit je nach angewendetem Antibiotikum auf etwa drei bis sieben Tage nach Beginn der Therapie.[5,11] Dabei sind die Ergebnisse verschiedener Studien - auch bei gleichem Antibiotikum – relativ divers, was u.a. an unterschiedlichen Patientenprofilen sowie Methoden zur Probenabnahme und Kulturdiagnostik liegen könnte. Bei der Verwendung von Azithromycin konnte in 2 Studien eine Eradikation aus dem Nasopharynx von 97% nach 2 bis 3 Tagen[12] bzw. von 100% nach 5 Tagen[13] nach Beginn der Therapie gezeigt werden. Für Clarithromycin und Erythromycin wurde eine vollständige mikrobiologische Eradikation 7 Tage nach Beginn der Therapie nachgewiesen.[14,15] Ohnehin sinkt die Menge der isolierten Bakterien ab Beginn der Behandlung rapide, weshalb generell eine Isolierung der Patienten für 5 Tage nach Beginn der Therapie, im Falle von Azithromycin ggf. kürzer, empfohlen wird[5,16]. Die Elimination der Mikroorganismen spielt insbesondere eine Rolle bei Personen, die näheren Kontakt zu Hochrisiko­patienten haben (Säuglinge, Gesundheits­personal, Schwangere im letzten Monat vor Geburt).
Pertussis kann mehrere Wochen bis Monate andauern. Die typische Erstinfektion bei Ungeimpften verläuft in drei Stadien:[17,18]
Stadium catarrhale (Dauer 1-2 Wochen; Intervall 5-21 Tage): Es ist durch erkältungs­ähnliche Symptome, wie Schnupfen und leichten Husten, meist aber kein oder nur mäßiges Fieber gekennzeichnet.
Stadium convulsivum (Dauer 4-6 Wochen): In diesem Stadium kommt es zu den klassischen Symptomen der anfallsweise auftretenden Husten­stöße (Stakkatohusten), gefolgt von inspira­torischem Ziehen. Das typische Keuchen oder Juchzen entsteht durch die plötzliche Inspiration gegen eine geschlossene Glottis am Ende des Anfalles. Die Husten­attacken gehen häufig mit Hervorwürgen von zähem Schleim und anschließendem Erbrechen einher. Die Attacken können sehr zahlreich sein und treten bei manchen Patienten gehäuft nachts auf. Fieber fehlt weiterhin oder ist gering ausgeprägt; höhere Temperaturen können auf eine bakterielle Sekundärinfektion hinweisen.
Stadium decrementi (Dauer 6-10 Wochen): Es kommt zum allmählichen Abklingen der Hustenanfälle.
Die häufigste Komplikation ist eine Pneumonie, meist durch Super­in­fektionen mit anderen bakteriellen Erregern, insbesondere Pneumokokken oder nicht bekapselten Haemophilus influenzae, verursacht.[18] Bis zu 10% der erkrankten Säuglinge und älteren Menschen sind von Pneumonien betroffen, bei älteren Kindern und jüngeren Erwachsenen kommt dies seltener vor.[17] Als weitere Komplikationen werden Otitiden, Sinusitis, Inkontinenz, Hernien, Rippen­frakturen sowie subkon­junktivale oder selten sogar zerebrale Blutungen berichtet.[19-21] Als seltene neurologische Komplikationen vor allem bei hospitalisierten Säuglingen können zerebrale Krampfanfälle und Enzephalo­pathien auftreten.[17,22,23] Die Todesursache bei Säuglingen ist häufig eine Hyper­leukozytose mit bis zu 100.000/mm3, durch die es zu einer schweren Hypoxämie und pulmonalen Hypertension kommt.[18]
Da Pertussis insbesondere bei Erwachsenen, aber auch bei älteren Kindern und Jugendlichen, häufig nicht mit der klassischen Symptomatik auftritt, ist die Labordiagnostik für die Diagnose­stellung entscheidend. Bei Patienten mit Husten (unabhängig von dessen Dauer) sollte eine Labor­diagnostik für Keuchhusten durchgeführt werden, wenn Kontakt zu einem bestätigten Keuchhustenfall stattgefunden hat oder bei Vorliegen von klassischen Symptomen wie Hustenattacken, inspiratorischem Stridor oder Erbrechen nach den Hustenattacken[24]; bei länger persis­tierendem Husten (>14 Tage Dauer) auch wenn diese fehlen. Dabei ist eine vorliegende Impfung kein Ausschlussgrund.
Die Art der Labor­diagnostik ist abhängig vom Krankheits­stadium, d.h. in den ersten 2 bis 3 Wochen nach Husten­beginn ist ein Nachweis von B. pertussis und B. parapertussis aus tiefen Naso­pharyngeal­abstrichen, naso­pharyn­gealen Sekreten oder Material, das beim Absaugen gewonnen wurde, mittels Kultur oder Nukleinsäure­amplifikations­technik (NAT), meist PCR, dringend zu empfehlen. Rachen­abstriche oder Abstriche aus dem vorderen Nasen­raum sind ungeeignet, da sich Bordetellen vorrangig auf dem Flimmer­epithel des hinteren Naso­pharynx ansiedeln.[25] Zur Entnahme eines Naso­pharyngeal­abstrichs wird der Tupfer vorsichtig durch die Nase bis zur hinteren Naso­pharynx-Wand eingeführt und dort mehrfach gedreht (siehe Abbildung). Dabei sollten Rayon-, Nylon- oder Polyester-Tupfer auf flexiblem Aluminium­draht verwendet werden, nicht jedoch Kalzium­alginat- oder Baumwoll­tupfer, denn diese können nicht für die PCR verwendet werden. Die Tupfer sollten entweder trocken (für PCR-Unter­suchungen) oder in Amies-Medium (erlaubt Kultur und PCR) in sterilen Röhrchen an das Labor verschickt werden.
Zur Minimierung des Kontami­nations­risikos sollten bei der Proben­abnahme Handschuhe getragen werden.[25] Probleme und Un­erfah­ren­heit bei der Material­entnahme sowie beim Transport können die Sensi­tivität insbesondere der Kultur deutlich senken. Während die Kultur definitions­gemäß 100% spezifisch ist, schwankt ihre Sensitivität zwischen maximal 70% (frühes Krank­heits­stadium bei unge­impften Säuglingen) und unter 5% (Jugendliche und Erwachsene).[18]
Die PCR ist mit verschiedenen Protokollen möglich. Meist wird eine Ampli­fikation von sogenannten IS-Elementen durchgeführt (z.B. IS481 für B. pertussis und B. holmesii, IS1001 für B. parapertussis, IS1002 für B. pertussis und B. parapertussis, PT-promoter für B. pertussis), wobei zu beachten ist, dass IS481 und IS1002 keine absolute Spezifität für B. pertussis besitzen. Die PCR ist schnell und sehr sensitiv und kann somit auch bei Geimpften sowie bei Jugend­lichen und Erwachsenen mit deutlich höherer Sensitivität als die Kultur eingesetzt werden. Sie ist jedoch apparativ aufwändig und relativ teuer; falsch negative und falsch positive Ergebnisse kommen vereinzelt vor. Die Erfahrung des jeweiligen Labors ist entscheidend. Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) hat für die Durchführung der PCR-Diagnostik bei Pertussis Empfehlungen herausgegeben.[25]
Die Serodiagnostik ist für die Frühdiagnostik einer Pertussis-Erkrankung ungeeignet, da spezifische Antikörper im Serum erst ca. 3 Wochen nach Hustenbeginn nachweisbar sind.[19] Bei Säuglingen sollte immer der Direkt­nachweis angestrebt werden, da die sero­logische Diagnostik durch eventuell noch vorhandene maternale Antikörper nicht aussage­kräftig ist. In Ausnahme­fällen kann die Diagnose bei Säuglingen jedoch durch einen Antikörper­anstieg bestätigt werden. Die Methode der Wahl für die serolo­gische Diagnostik ist die Durch­führung eines Enzyme Linked Immunosorbent Assays (ELISA) zum Nachweis von IgG-Anti­körpern gegen PT. ELISA-Testkits, die weitere Antigene enthalten, z.B. das filamentöse Hämagglutinin, sollten nicht verwendet werden, weil diese für andere Erreger kreuzreaktiv sein können.[19] IgG-Antikörper­nachweise gegen PT sind am besten für die Keuchhusten­diagnostik validiert. IgA-Antikörper können zur Bestätigung eines IgG-PT-Antikörper­befundes im Graubereich (s. unten) verwendet werden. IgM-Antikörper gegen Pertussis sind nicht aussage­kräftig. Eine Standardi­sierung von kommerziellen ELISA-Tests konnte bislang nur begrenzt erreicht werden, sodass eine Vergleich­barkeit der Test­systeme nicht gegeben ist. Das ECDC und das Europäische Labor­netzwerk für Pertussis haben für die Durchführung der sero­lo­gischen Diagnostik Empfehlungen herausgegeben.[27,28]
Für die serologische Diagnostik in Deutschland werden folgende Grenzwerte empfohlen:[21]
Andere serologische Methoden als ELISA sind nicht zu empfehlen.[19] Die Mikro­agglutination ist unzureichend spezifisch, Immunblots sind nicht quantifizierbar. Wenn innerhalb der letzten 12 Monate gegen Pertussis geimpft wurde, ist eine serologische Diagnostik nicht aussage­kräftig. Es sollte daher immer eine PCR erfolgen.[28] Schließlich ist der serologische Nachweis von anderen Bordetellen, inkl. B. parapertussis, ist nicht möglich; diese können nur mittels PCR oder Kultur nachgewiesen werden.
Eine antibio­tische Therapie kann grund­sätzlich nur dann die Dauer und Heftigkeit der Husten­attacken beeinflussen, wenn sie möglichst früh (d.h. vor dem Beginn oder in den ersten 1-2 Wochen ab Beginn des Hustens) verabreicht wird. Sie kann jedoch für die Unter­brechung der Infektions­ketten von erheblicher Bedeutung sein. In diesem Sinne ist der Einsatz von Antibiotika nur sinnvoll, solange der Patient Bordetellen ausscheidet (positiver Erreger­nachweis im Naso­pharyngeal­sekret mittels Kultur oder PCR, bzw. in der Regel vom Ende der Inkubations­zeit im Stadium catarrhale bis zu drei Wochen[bei Säuglingen auch bis zu 6 Wochen] nach Beginn des Stadiums convulsivum).
Langjährige Erfahrungen bestehen vor allem mit dem Makrolid Erythromycin; die Makrolide Azithromycin und Clarithromycin sind jedoch ebenso wirksam[22] und wegen ihrer besseren Verträglichkeit und einfacheren Anwendung heute Mittel der Wahl. Makrolid-Resistenzen wurden bislang nur sehr selten beobachtet. Als Alternative zu den Makroliden kann Cotrimoxazol verwendet werden.[29] Oral-Penicilline und Cephalo­sporine sind zur Eradizierung von B. pertussis im Nasen­rachen­raum nicht geeignet.[30] Genaue Angaben zu Dosierungen und Therapie­dauer der empfohlenen Antibiotika wurden von der Deutschen Gesellschaft für pädia­trische Infektiologie[18] sowie von Riffelmann et al. im Deutschen Ärzteblatt[31] veröffentlicht (Tabelle). Bei einer Makrolid­therapie sind Wechsel­wirkungen mit anderen vom Patienten eingenommenen Medikamenten zu beachten (s. Fach­infor­mationen). Bei Säuglingen ist zudem eine stationäre Aufnahme vor allem zur Überwachung von Apnoen zu empfehlen. Für die Wirksamkeit weiterer unterstützender Maßnahmen gibt es wenig Evidenz[32]; es ist sinnvoll, zumindest eine ausreichende Flüssig­keits­zufuhr zu sichern und bei ausge­prägten Husten­anfällen häufigere, kleinere Mahlzeiten zu verabreichen.
> 6 Mo­na­te, Klein­kin­der, Kinder 10 mg/kg KG in 1 Dosis am Tag 1; 5 mg/kg KG/d an Tagen 2-5 (max.: 500 mg) 40 mg/kg KG/d (max.: 2 g/d) in 2 Dosen für 14 Tage 15 mg/kg KG/d in 2 Dosen für 7 Tage (max.: 1 g/d) TMP: 8 mg/kg KG/d, SMX 40 mg/kg KG/d in 2 Dosen für 14 Tage
Er­wach­sene 500 mg in 1 Dosis am Tag 1; 250 mg an Tagen 2-5 2 g/d in 2 Dosen für 14 Tage 1 g/d in 2 Dosen für 7 Tage TMP: 320 mg/d, SMX 1600 mg/d in 2 Dosen für 14 Tage
Aus heutiger Sicht ist eine Eradikation von Pertussis im Gegensatz zu anderen impf­präven­tablen Krank­heiten nicht möglich. Wegen der begrenzten Dauer der Immunität sowohl nach natür­licher Erkrankung als auch nach vollständiger Impfung kann sich jede Person mehrmals im Leben neu infizieren und erkranken. Ziele der gegen­wärtigen Impf­strategie in Deutschland sind daher ein möglichst früh­zeitiger und voll­ständiger Impf­schutz für die durch B. pertussis besonders gefähr­deten Säuglinge und Klein­kinder (Grund­immu­nisierung). Darüber hinaus ist die Auf­frischung der Immunität sowohl im Vorschul- und Jugend­alter als auch bei Erwach­senen notwendig, um die klinische Wirk­samkeit des Impfschutzes aufrecht zu erhalten und die Übertragung auf ungeimpfte und nicht-immune Personen zu minimieren.
Zur Prophylaxe von B.-pertussis-Infektionen stehen in Deutschland azelluläre Impfstoffe in Kombination mit anderen Antigenen zur Verfügung. B.-parapertussis- und B.-holmesii-Infektionen sind durch Pertussis-Impfstoffe nicht verhinderbar. In Anbetracht der epide­miolo­gischen Pertussis-Situation in Deutschland und der Schwere des klinischen Verlaufs des Keuchhustens im Säuglings­alter sollten die aktuellen Empfehlungen der STIKO zur Pertussis-Impfung alters­gerecht umgesetzt werden. Da kein monovalenter Pertussis-Impfstoff zur Verfügung steht, wird die Gabe von Kombinations­impfstoffen zu den jeweiligen Impf­terminen empfohlen. Die Grund­immunisierung der Säuglinge und Kleinkinder sollte zum frühest­möglichen Zeit­punkt, d.h. unmittelbar nach Vollendung des 2. Lebens­monats, begonnen und zeitgerecht fortgeführt werden. Empfohlen werden je eine Impfung im Alter von 2, 3 und 4 Monaten sowie eine weitere Impfung im Alter zwischen 11 und 14 Monaten. Auffrisch­impfungen erfolgen mit den dazu zugelassenen Impfstoffen in Kombination mit Tetanus und Diphtherie (Tdap), erstmals mit 5 bis 6 Jahren (s.a. Epid Bull 3/2006). Eine weitere Dosis wird zwischen 9 und 17 Jahren verabreicht (s.a. Epid Bull 17/2000), kombiniert mit Td- und inakti­viertem Polio­impfstoff (Tdap-IPV). Für alle Erwachsenen empfiehlt die STIKO die nächste fällige Td-Impfung einmalig in Kombination mit einem Pertussis-Impfstoff zu verabreichen (Tdap, bei entsprechender Indikation zusätzlich in Kombination mit Tdap-IPV).
Seit März 2020 empfiehlt die STIKO eine Pertuss-Impfung für schwangere Frauen zu Beginn des 3. Trimenons. Bei erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt sollte die Impfung ins 2. Trimenon vorgezogen werden. Die Impfung soll unabhängig vom Abstand zu vorher verabreichten Pertussis-Impfungen und in jeder Schwangerschaft erfolgen. Das Ziel der Pertussis-Impfung in der Schwangerschaft ist die Reduzierung von Pertussis bei Neugeborenen und jungen Säuglingen.[41]
Auch in anderen Ländern, darunter den USA, im Vereinigten Königreich, in Australien, Argentinien, Belgien, der Schweiz, Spanien und den Niederlanden wird die Pertussis-Impfung in der Schwangerschaft empfohlen. Ergebnisse aus verschiedenen Ländern zeigen, dass die Impfung während der Schwangerschaft zu einem guten klinischen Schutz vor der Erkrankung bei den Säuglingen in den ersten 2-3 Lebensmonaten führt.[41] Es wurden in eine Vielzahl von Studien zudem keine Sicherheitsbedenken identifiziert.[41]
Ist die in der Schwangerschaft empfohlene Impfung nicht erfolgt, sollte die Mutter bevorzugt in den ersten Tagen nach der Geburt geimpft werden.
Sofern in den letzten 10 Jahren keine Pertussis-Impfung stattgefunden hat, besteht eine Indikationsimpfempfehlung mit einer Dosis außerdem für:
Personal im Gesundheitsdienst sowie in Gemeinschaftseinrichtungen,
enge Haushaltskontaktpersonen (z.B. Eltern, Geschwister, Freunde) und Betreuer (z.B. Tagesmütter, Babysitter, ggf. Großeltern) eines Neugeborenen spätestens vier Wochen vor Geburt des Kindes
Bei bestehender Indikation zur Pertussis-Impfung können Pertussis-haltige Kombinations-impfstoffe verwendet werden, auch wenn in einem Zeitraum von weniger als 5 Jahren zuvor ein Td-haltiger Impfstoff verimpft wurde (s. dazu den Hinweis in der Frage und Antwort auf den Impfseiten des RKI).
Jede Auffrischimpfung mit Td (auch im Verletzungsfall) sollte Anlass sein, eine mögliche Indikation einer Pertussis-Impfung zu überprüfen und ggf. einen pertussishaltigen Kombinationsimpfstoff einzusetzen.
Patienten mit Pertussis, die in einem Krankenhaus behandelt werden, sollten für fünf Tage nach Beginn einer antibiotischen Behandlung, jedoch maximal bis zum 21. Tag nach Krankheitsbeginn, von anderen Patienten getrennt untergebracht (isoliert) werden.
Personen, die an Keuchhusten erkrankt oder dessen verdächtig sind, dürfen nach § 34 IfSG in Gemeinschaftseinrichtungen keine Lehr-, Erziehungs-, Pflege-, Aufsichts- oder sonstigen Tätigkeiten ausüben, bei denen sie Kontakt zu den dort Betreuten haben. Als krankheitsverdächtig nach § 34 (1) Nr.7 i.V.m. § 2 (5) IfSG gelten Personen mit Husten, wenn sie Kontakt zu einer Person mit einer bestätigten Keuchhusten-Erkrankung durch B. pertussis oder B. parapertussis hatten, während diese infektiös war. Entsprechend dürfen auch die in Gemeinschaftseinrichtungen Betreuten mit Keuchhusten oder Verdacht auf Keuchhusten die dem Betrieb der Gemeinschaftseinrichtung dienenden Räume nicht betreten, Einrichtungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht benutzen und an Veranstaltungen der Gemeinschaftseinrichtung nicht teilnehmen.
Eine Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen kann für Erkrankte in der Regel fünf Tage nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie (bei Gabe von Azithromycin ggf. nach 3 Tagen) erfolgen bzw. wenn keine antibiotische Behandlung durchgeführt wurde, 21 Tage nach Beginn des Hustens.
Für Krankheitsverdächtige ist eine Wiederzulassung gemäß § 34 Abs. 1 Nr. 7 IfSG nach Vorliegen eines negativen Befundes mittels NAT (z.B. PCR) aus einem nasopharyngealen Abstrich möglich, es sei denn, der behandelnde Arzt kommt aufgrund der Gesamtbewertung aller vorliegenden klinischen und labordiagnostischer Befunde zu der Einschätzung, dass der Patient dennoch infektiös sein könnte (falsch negativer Befund), oder in der Regel 5 Tage nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie (bei Gabe von Azithromycin ggf. nach 3 Tagen). Falls keine antibiotische Behandlung durchgeführt wurde oder kein negativer labordiagnostischer Befund vorliegt, kann die Wiederzulassung 21 Tage nach Beginn des Hustens erfolgen. Für weitere Informationen siehe die Empfehlungen des RKI für die Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen gemäß § 34 IfSG.
Ein Ausschluss von Personen in Gemeinschaftseinrichtungen, die Kontakt zu Pertussis-Erkrankten hatten, ist nur erforderlich, wenn Husten auftritt. Bei Auftreten von Husten sollten umgehend Untersuchungen zur Feststellung oder zum Ausschluss von Pertussis durchgeführt werden. In der Regel ist es sinnvoll, hierzu Nasopharyngealabstriche mittels PCR und ggf. Kultur zu untersuchen, da es sich meist um vor kurzem aufgetretene Erkrankungen handeln dürfte (s.o.) und zudem dadurch die Infektiosität nachgewiesen wird.
Für ungeimpfte enge Kontaktpersonen von an Keuchhusten Erkrankten, z.B. in der Familie, der Wohngemeinschaft, in Gemeinschafts- oder Gesundheitseinrichtungen, besteht die Empfehlung einer Chemoprophylaxe mit Makroliden (s. Therapie), sofern die Erkrankung durch B. pertussis verursacht wird. Diese sollte so früh wie möglich nach dem Kontakt zur erkrankten Person verabreicht werden. Eine Wiederzulassung ist für Krankheitsverdächtige nach Vorliegen eines negativen Befundes mittels Nukleinsäurenachweis (z.B. PCR) aus einem nasopharyngealen Abstrich möglich, es sei denn, der behandelnde Arzt kommt aufgrund der Gesamtbewertung aller vorliegenden klinischen und labordiagnostischer Befunde zu der Einschätzung, dass der Patient dennoch infektiös sein könnte (falsch negativer Befund), oder in der Regel 5 Tage nach Beginn einer wirksamen Antibiotikatherapie (bei Gabe von Azithromycin ggf. nach 3 Tagen) oder 21 Tage nach Beginn des Hustens, falls kein negativer labordiagnostischer Befund vorliegt bzw. keine antibiotische Behandlung durchgeführt wurde. Für weitere Informationen siehe die Empfehlungen des RKI für die Wiederzulassung zu Gemeinschaftseinrichtungen gemäß § 34 IfSG.
Bei B.-parapertussis-Infektionen, die mit einem leichteren Verlauf einhergehen, ist eine Chemoprophylaxe in der Regel nur dann für enge Kontaktpersonen empfohlen, wenn es sich um Säuglinge < 6 Monate handelt oder um Kontaktpersonen, in deren Haushalt ein Säugling < 6 Monaten lebt oder die als Personal im Gesundheitswesen Säuglinge < 6 Monaten betreuen. In Einzelfällen kann für besonders gefährdete Kontaktpersonen, z.B. mit einer respiratorischen Grunderkrankung oder Immunsuppression, ebenfalls eine Chemoprophylaxe erwogen werden. Dies kann insbesondere sinnvoll sein, um eine Weiterverbreitung auf vulnerable Personen in Altersheimen oder Rehabilitationseinrichtungen zu verhindern.
Die Durchführung einer PCR bei asymptomatischen Kontaktpersonen zur Entscheidung, ob eine Chemoprophylaxe durchgeführt werden sollte, wird nicht empfohlen.
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