Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/berufungseinlegung-ausgangsgericht-weiterleitung-3111507?pk_campaign=feed&pk_kwd=berufungseinlegung-ausgangsgericht-weiterleitung
Timestamp: 2020-04-03 01:23:49
Document Index: 105569206

Matched Legal Cases: ['Art. 103', 'Art. 2', 'Art. 2', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Beru­fungs­ein­le­gung beim Aus­gangs­ge­richt – und die Wei­ter­lei­tung erst nach Frist­ab­lauf | Rechtslupe
Lei­tet ein unzu­stän­di­ges Gericht die ver­se­hent­lich bei ihm ein­ge­reich­te Beru­fungs­schrift erst nach über einer Woche – kurz nach Ablauf der Beru­fungs­frist – an das zustän­di­ge Beru­fungs­ge­richt wei­ter, so ver­letzt dies den Beru­fungs­klä­ger weder in sei­nem Anspruch auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) noch in sei­nem ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­ten Anspruch auf wir­kungs­vol­len Rechts­schutz (Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip), der es den Gerich­ten ver­bie­tet, den Par­tei­en den Zugang zu einer in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se zu erschwe­ren 1.
Die schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten – die fal­sche Adres­sie­rung der Beru­fungs­schrift – ist für die Frist­ver­säu­mung kau­sal gewor­den. Die Behand­lung des Beru­fungs­schrift­sat­zes im Geschäfts­gang des Land­ge­richts ver­stößt nicht gegen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch des Recht­su­chen­den auf ein fai­res Ver­fah­ren (Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip).
Der Anspruch des Recht­su­chen­den auf ein fai­res Ver­fah­ren ver­pflich­tet das Gericht zur Rück­sicht­nah­me auf die Par­tei­en. Geht ein frist­ge­bun­de­ner Rechts­mit­tel­schrift­satz bei dem Aus­gangs­ge­richt ein, ist das ange­ru­fe­ne Gericht ver­pflich­tet, den Schrift­satz im ordent­li­chen Geschäfts­gang an das zustän­di­ge Rechts­mit­tel­ge­richt wei­ter­zu­lei­ten. Soweit der Schrift­satz beim unzu­stän­di­gen Gericht so zei­tig ein­geht, dass mit einer frist­ge­rech­ten Wei­ter­lei­tung zu rech­nen ist, darf die Par­tei dar­auf ver­trau­en, dass der Schrift­satz noch recht­zei­tig beim Rechts­mit­tel­ge­richt ein­ge­hen wird. Geschieht dies tat­säch­lich nicht, wirkt sich das Ver­schul­den der Par­tei oder ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nicht mehr aus, so dass ihr Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren ist 2.
Die Wie­der­ein­set­zung begeh­ren­de Par­tei hat dar­zu­le­gen und glaub­haft zu machen, dass der ein­ge­reich­te Schrift­satz im ord­nungs­ge­mä­ßen Geschäfts­gang frist­ge­mäß an das zustän­di­ge Beru­fungs­ge­richt wei­ter­ge­lei­tet wer­den konn­te 3. Hier­zu hat der Beklag­te kei­nen über den aus der Akte ersicht­li­chen Ver­fah­rens­gang hin­aus­ge­hen­den Vor­trag gehal­ten. Allein der Zeit­ab­lauf zwi­schen Ein­gang der Beru­fungs­schrift am 21.05.2015 und Ablauf der Beru­fungs­frist am 27.05.2015 ist nicht geeig­net, die schüt­zens­wer­te Erwar­tung des Beklag­ten zu begrün­den, sei­ne Beru­fungs­schrift wer­de bei einer Wei­ter­lei­tung im ordent­li­chen Geschäfts­gang noch recht­zei­tig beim Rechts­mit­tel­ge­richt ein­ge­hen.
Die Beru­fungs­schrift des Beklag­ten ging am Don­ners­tag, dem 21.05.2015, zu einer nicht akten­kun­dig gewor­de­nen Uhr­zeit bei der gemein­sa­men Brief­an­nah­me­stel­le von Amts, Land­ge­richt und Staats­an­walt­schaft in P. ein. Mit einem Ein­gang des Schrift­sat­zes auf der Geschäfts­stel­le der zustän­di­gen Kam­mer des Land­ge­richts konn­te daher frü­hes­tens am Frei­tag, dem 22.05.2015, gerech­net wer­den. Im Rah­men eines ordent­li­chen Geschäfts­gan­ges ist anzu­neh­men, dass die Akte dem zustän­di­gen Rich­ter an dem auf die Ver­fü­gung der Geschäfts­stel­le fol­gen­den Werk­tag vor­ge­legt wird. Dies wäre auf­grund der Pfingst­fei­er­ta­ge am Diens­tag, dem 26.05.2015, anzu­neh­men gewe­sen. Die Bear­bei­tung der rich­ter­li­chen Ver­fü­gung durch die Geschäfts­stel­le und die Ver­sen­dung der Akte an das Beru­fungs­ge­richt wären dem­nach im übli­chen Geschäfts­gang erst am Mitt­woch, dem 27.05.2015, zu erwar­ten gewe­sen.
Auf einen Ein­gang der Rechts­mit­tel­schrift beim Beru­fungs­ge­richt noch am 27.05.2015, dem letz­ten Tag der Frist, konn­te der Beklag­te daher nicht ver­trau­en. Im Fall einer Vor­la­ge an den zustän­di­gen Rich­ter am 26.05.2015 wäre mit einem Ein­gang der Beru­fungs­schrift beim zustän­di­gen Ober­lan­des­ge­richt am 27.05.2015 nur dann zu rech­nen gewe­sen, wenn die rich­ter­li­che Ver­fü­gung noch am sel­ben Tag zur Geschäfts­stel­le gelangt, dort aus­ge­führt und zur Post gege­ben wor­den wäre 4. Die­ser beschleu­nig­te Ver­fah­rens­ab­lauf ist jedoch – eben­so­we­nig wie die von der Rechts­be­schwer­de ohne ent­spre­chen­de Tat­sa­chen­grund­la­ge ange­nom­me­ne Bear­bei­tungs­zeit von nur ein oder zwei Werk­ta­gen – für einen ordent­li­chen Geschäfts­gang nicht gefor­dert.
Über das übli­che Maß hin­aus­ge­hen­de Anstren­gun­gen des unzu­stän­di­gen Gerichts wie eine sofor­ti­ge Prü­fung der Zustän­dig­keit oder eine beschleu­nig­te Wei­ter­lei­tung unrich­tig adres­sier­ter Schrift­sät­ze sind auch von Ver­fas­sungs wegen nicht gebo­ten 5. Das im Rah­men einer fai­ren Ver­fah­rens­ge­stal­tung an rich­ter­li­cher Für­sor­ge Gebo­te­ne darf sich nicht nur an dem Inter­es­se der Rechts­su­chen­den an einer mög­lichst weit­ge­hen­den Ver­fah­rens­er­leich­te­rung ori­en­tie­ren, son­dern muss auch berück­sich­ti­gen, dass die Jus­tiz im Inter­es­se ihrer Funk­ti­ons­fä­hig­keit vor zusätz­li­cher Belas­tung geschützt wer­den muss, wes­halb der Par­tei und ihrem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten die Ver­ant­wor­tung für die zutref­fen­de Adres­sie­rung eines Schrift­sat­zes nicht all­ge­mein abge­nom­men und auf das unzu­stän­di­ge Gericht ver­la­gert wer­den kann 6.
BVerfG, NJW-RR 2002, 1004; BGH, Beschluss vom 12.06.2013 – XII ZB 394/​12, Fam­RZ 2013, 1384 Rn. 8; jeweils mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 06.11.2008 – IX ZB 208/​06, Fam­RZ 2009, 320 Rn. 7; vom 23.05.2012 – XII ZB 375/​11, NJW 2012, 2814 Rn. 26; jeweils mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 06.11.2008, aaO Rn. 7; vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10, NJW 2011, 2887 Rn. 12[↩]
vgl. hier­zu auch BGH, Beschluss vom 12.06.2013 – XII ZB 394/​12, Fam­RZ 2013, 1384 Rn. 23[↩]
BGH, Beschluss vom 24.06.2010 – V ZB 170/​09, WuM 2010, 592 Rn. 10; vom 12.06.2013, aaO Rn.20 mwN[↩]
BVerfGE 93, 99, 114; BVerfG, NJW 2006, 1579 Rn. 10[↩]