Source: https://www.reha-recht.de/fachbeitraege/beitrag/artikel/beitrag-d32-2016/
Timestamp: 2020-07-13 11:30:22
Document Index: 43487947

Matched Legal Cases: ['§ 17', '§ 14', '§ 32', 'Art. 26', 'Art. 8', '§ 32', '§ 32']

DVfR Reha-Recht: Peer Counseling: Eine unabhängige Beratungsform von und für Menschen mit Beeinträchtigungen – Teil 1 : Konzept und Umsetzung
11.08.2016 D: Konzepte und Politik Jordan/Wansing: Beitrag D32-2016
Peer Counseling: Eine unabhängige Beratungsform von und für Menschen mit Beeinträchtigungen – Teil 1 : Konzept und Umsetzung
Micah Jordan und Gudrun Wansing befassen sich in ihrem Beitrag mit dem Konzept des Peer Counselings. Im ersten Teil des Beitrags gehen die Autorinnen u. a. auf die rechtlichen Entwicklungen, Konzept und Ziele von Peer Counseling ein.
(Zitiervorschlag: Jordan/Wansing: Peer Counseling: Eine unabhängige Beratungsform von und für Menschen mit Beeinträchtigungen – Teil 1 : Konzept und Umsetzung; Beitrag D32-2016 unter www.reha-recht.de; 11.08.2016)
Die Rechte von Menschen mit Behinderungen[1] auf Selbstbestimmung, Interessenvertretung und gleichberechtigte Teilhabe rücken gegenwärtig im Kontext der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und des Reformvorhabens des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) verstärkt in den Fokus der (gesellschafts-) politischen Aufmerksamkeit. Zur Verwirklichung ihrer Rechte, einschließlich der Inanspruchnahme individueller Leistungen (nach SGB IX) benötigen Menschen mit Behinderungen häufig Beratung. So zeigt sich zum Beispiel bei der Umsetzung des Persönlichen Budgets nach § 17 SGB IX, dass viele Budgetnehmerinnen und Budgetnehmer bzw. am Budget interessierte Personen einen Beratungsbedarf haben, und zwar sowohl während des Budgetbezuges als auch bereits im Vorfeld einer Beantragung.[2] Der Referentenentwurf der Bundesregierung eines Gesetzes zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen (Bundesteilhabegesetz – BTHG) sieht ergänzend zur gesetzlichen Beratungs- und Unterstützungspflicht der Rehabilitationsträger (§§ 14, 15 SGB I) die Förderung von unabhängiger Teilhabeberatung vor (§ 32 SGB IX neu).[3] Unter Unabhängigkeit wird die Parteilichkeit mit dem Ratsuchenden bei weitgehender Freiheit von ökonomischen und haushaltsrechtlichen Interessen und Kostenverantwortung insbesondere der Leistungsträger und Leistungserbringer verstanden.[4] Das niedrigschwellige Angebot soll sich auf die Information und Beratung über Rehabilitations- und Teilhabeleistungen beziehen und insbesondere bereits im Vorfeld der Beantragung von Leistungen zur Verfügung stehen.[5] Zur Sicherstellung bundesweit gleichwertiger Angebote sollen einheitliche Qualitätsstandards der unabhängigen Beratung entwickelt werden. Besondere Berücksichtigung bei der Förderung sollen Angebote des Peer Counseling als Beratung von Betroffenen für Betroffene erhalten. Die Unterstützung durch andere Menschen mit Behinderungen (peer support) wird in der UN-BRK (Art. 26 Abs. 1) als wirksame und geeignete Maßnahme benannt, um Menschen mit Behinderungen in die Lage zu versetzen, ein Höchstmaß an Unabhängigkeit, umfassender körperlicher, geistiger, sozialer und beruflicher Fähigkeiten sowie die volle Einbeziehung in alle Aspekte des Lebens und die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens zu erreichen und zu bewahren. Beratung durch Menschen mit Behinderungen fördert zudem das Bewusstsein für ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten sowie für ihren gesellschaftlichen Beitrag (Art. 8 UN-BRK).
Peer Counseling ist eine Beratungsmethode, die Professionalität und eigene Betroffenheit verbindet.[6] Zentrale Merkmale der Peer Beratung sind die Parteilichkeit im Sinne der ratsuchenden Person sowie die eigene Beeinträchtigung und Behinderung(-serfahrung) der Berater und Beraterinnen, durch die spezifisches Expertenwissen entsteht, das in der Beratungsarbeit geteilt und vermittelt wird. Menschen mit Beeinträchtigungen stellen eine ausgesprochen heterogen zusammengesetzte soziale Gruppe dar. Nicht allein der soziobiografische Hintergrund, sondern auch Art und Ausmaß der Beeinträchtigung(-en), Zugriffsmöglichkeiten auf individuelle und soziale Ressourcen, Problembewältigungsstrategien, Persönlichkeitsmerkmale, Lebensstil, Unterstützungs- und Pflegebedürftigkeit u. a. m. beeinflussen die Möglichkeiten einer selbstbestimmten und unabhängigen Lebensführung und der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Um individuelle Lebensentwürfe umsetzen zu können, ist es für beeinträchtigte Menschen hilfreich, die eigenen Ressourcen zu (er-)kennen, über Rechte und Leistungsansprüche aufgeklärt zu werden, andere Lebensmodelle kennenzulernen und ggf. auch über einen längeren Zeitraum in ihrem Entwicklungs- und Veränderungsprozess bestärkt und begleitet zu werden. Hier setzt die Methode des Peer Counseling an. Die inhaltliche Bandbreite der Beratung reicht dabei von allgemeinen Fragestellungen der Alltagsbewältigung, über (leistungs-)rechtliche Themen bis hin zu grundlegenden Veränderungen der Lebenssituation, zum Beispiel in den Bereichen Wohnen und Arbeitsleben. Durch das Peer Counseling sollen selbstgesteuerte Lösungs- und Bewältigungsstrategien (Empowermentprozesse) initiiert werden, die nach bisherigen empirischen Erkenntnissen als Wirkungen und Ergebnisse des Peer Counseling beschrieben werden können.[7] Es geht um Problemanalyse und Zielfindung, um Veränderung oder Stabilisierung des Lebensumfeldes sowie um Persönlichkeitsentwicklung.[8] Dabei zeigt sich, dass sowohl die Ratsuchenden als auch die Beratenden selbst von den Erfahrungen im Peer Counseling profitieren.[9] Insgesamt zeichnet sich ab, dass der Ansatz des Peer Counseling deutlich über eine reine Beratungstätigkeit hinausgeht. Neben die Zielsetzung, Ratsuchende zu ermutigen und zu ermächtigen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zu stärken und zu mehr Unabhängigkeit von der Unterstützung durch Dritte zu gelangen, tritt eine politische Dimension der Interessenvertretung behinderter/chronisch kranker Menschen sowie des Kampfes um Gleichberechtigung und Anerkennung.[10]
Ausgehend von ersten Peer Counseling-Ansätzen in der US-amerikanischen Independent Living-Bewegung in den 1960er Jahren werden in den USA Peer Counseling-Programme für Schülerinnen und Schüler und Studierende mit Behinderung seitdem erfolgreich durchgeführt. Diese Beratungsmethode fand in den 1980er Jahren auch in die deutsche Behindertenbewegung Eingang und entwickelte sich sukzessive zu einem festen Bestandteil der heutigen Selbsthilfekultur für Menschen mit unterschiedlichen Erkrankungen, insbesondere auch psychischen Erkrankungen, einschließlich Sucht.[14]
Ausgehend von den speziellen Bedürfnissen und Anforderungen in der Beratungsarbeit mit psychisch kranken Menschen hat sich im letzten Jahrzehnt der Beratungsansatz des Experienced-Involvement (dt.: EX-IN-Genesungsbegleitung) für diese Personengruppe bundesweit durchgesetzt, bei dem Psychiatrie-Erfahrene auf der Basis ihres Erfahrungswissens als sog. Genesungsbegleiter und -begleiterinnen tätig sind.[18]
Ähnlich der Peer Counseling-Schulung erfolgt die Qualifizierung der EX-IN-Genesungsbegleiter und -begleiterinnen in Ausbildungsmodulen.
Peer Counseling stellt eine mögliche Form ergänzender unabhängiger Teilhabeberatung dar, wie sie nach bisherigem Kenntnisstand mit § 32 SGB IX neu gefördert werden soll. Es handelt sich um ein niedrigschwelliges Angebot, das die Umsetzung der Grundsätze der UN-BRK unterstützen und die Position der Menschen mit Behinderungen gegenüber Leistungsträgern und Leistungserbringern stärken kann. Angesichts der mehrdimensionalen Ziele und angestrebten Wirkungen von Peer Counseling sowie des breiten Spektrums an lebensweltlichen Beratungsthemen in der Umsetzung stellt sich jedoch die Frage, inwiefern eine inhaltliche Engführung der geplanten Förderung von Angeboten auf die Information und Beratung über Rehabilitations- und Teilhabeleistungen im Rahmen des BTHG (§ 32 Abs. 2) sinnvoll und praktisch realisierbar ist. Offen ist zudem, auf welche Weise eine Verständigung über bundeseinheitliche Standards von Peer Counseling-Angeboten möglich ist. Akteure aus der Praxis des Peer Counseling beschreiben diese Beratungsform als grundsätzlich wirksam im Sinne der gesetzten Ziele des Empowerment und einer selbstbestimmten Lebensführung, und sie setzen sich für professionelle Standards wie die Qualifizierung von Peer Beratern und Beraterinnen ein. Belastbare empirische Studien liegen allerdings bislang kaum vor. Eine aktuell laufende Evaluationsstudie zu Peer Counseling Anlaufstellen und Beratungsangeboten im Rheinland, an der die Autorinnen dieses Beitrags beteiligt sind, untersucht Einflussfaktoren, Wirkungen und Ergebnisse von Peer Counseling unter den Bedingungen sehr unterschiedlicher Träger- und Organisationsstrukturen. Die empirischen Ergebnisse dieser Studie können Hinweise für die Ausgestaltung unabhängiger Teilhabeberatung, einschließlich notwendiger Standards liefern. Der nächste Teil dieses Beitrages soll darüber informieren.
ARMBRUSTER, Christa; KEIM, Christoph; SCHÖNEMANN, Hanna und VÖTTER, Willi (2009): Schulung für Peer-Berater/innen. Unveröffentlichtes Konzept, Freiburg im Breisgau. (Pdf-Dokument online verfügbar unter: www.freiburg.de/pb/ site/Freiburg/get/params_E-1154079502/381085/KonzeptionPeer-BeraterInnen.pdf, letzter Zugriff erfolgte am: 20.04.2016).
ARBEITSKREIS LEBEN FREIBURG e. V.: Peerberatung. (Online verfügbar unter: www.akl-freiburg.de/mitmachen/peerberatung, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
ARBEITSKREIS SUCHTHILFE FREIBURG: Vereinshomepage (online verfügbar unter: www.freiburg.de/pb/site/Freiburg/get/params_E-1154079502/381085/ KonzeptionPeer-BeraterInnen.pdf, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
BEAUFTRAGTE DER BUNDESREGIERUNG für die Belange behinderter Menschen (Hrsg.) (2011): Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. (Pdf-Dokument online verfügbar unter: www.behindertenbeauftragte.de/DE/Wissenswertes/Publikationen/publikationen_node.html, zuletzt geprüft am: 20.04.2016).
BMAS – Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2016): Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen (Bundesteilhabegesetz – BTHG). Bearbeitungsstand 26.04.2016. (Online verfügbar unter: www.gemeinsam-einfach-machen.de/SharedDocs/Downloads/DE/AS/BTHG/Referentenentwurf_BTHG.pdf, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
BRATTER, Bernice und FREEMAN, Evelyn (1990): The Maturing of Peer Counseling. In: Counseling and Therapy. Journal of the American Society on Aging, Vol. 14 (1), S. 49–52. (Online verfügbar unter: www.aaspc-programs.org/sandbox/wp-content/uploads/2015/06/1990-The-Maturing-of-Peer-Counseling.pdf, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
CARITAS GELSENKIRCHEN: Homepage (online verfügbar unter: www.caritas.de/magazin/zeitschriften/sozialcourage/essen/es-gibt-immer-einen-ausweg, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016.)
CARITAS ESSEN: Es gibt immer einen Ausweg. (Online verfügbar unter: www.caritas.de/magazin/zeitschriften/sozialcourage/essen/es-gibt-immer-einen-ausweg, letzter Zugriff erfolgte am: 20.04.2016).
EXPERTEN DURCH ERFAHRUNG IN DER PSYCHIATRIE: Startschuss für die EX-IN Bewegung. (Online verfügbar unter: www.ex-in.de/index.php/ex-in-deutschland/geschichte.html, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
FOKUS Hannover e. V.: Peer Counseling (Beratungsstelle). (Online verfügbar unter: www.fokus-hannover.de/peer-counseling-beratungsstelle/index.html, letzter Zugriff erfolgte am: 20.04.2016).
HENKEL, Melanie; HEIMER, Andreas; BRAUKMANN, Jan; WANSING, Gudrun; SCHREINER, Mario; JORDAN, Micah und WINDISCH, Matthias (2015): Evaluation von Peer Counseling Anlaufstellen und Beratungsangeboten im Rheinland. Erster Zwischenbericht. (Online verfügbar unter: www.lvr.de/de/nav_main/soziales_1/menschenmitbehinderung/wohnen/anlaufstellen/peer_counseling/peer_counseling_1.jsp, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
KATZ, Alfred Hyman und BENDER, Eugene I. (1976): The Strength in US: Self-Help Groups in the Modern World. New Viewpoints: Third Party Pub Co.
LVR – Landschaftsverband Rheinland (2016): Internetauftritt Beratungsstellen (online verfügbar unter: www.lvr.de/de/nav_main/soziales_1/menschenmitbehinderung/wohnen/anlaufstellen/peer_counseling/peer_counseling_1.jsp, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
METZLER, Heidrun; MEYER, Thomas; RAUSCHER, Christine; SCHÄFERS, Markus und WANSING, Gudrun (2007): Das Trägerübergreifende Persönliche Budget. Abschlussbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hg.), Berlin. (Online verfügbar unter: www.budget.bmas.de/MarktplatzPB/SharedDocs/Publikationen/DE/begleitung_auswertung_erprobung_traeger%C3%BCbergreifenders_persoenliches_budget.pdf, letzter Zugriff erfolgte am: 20.04.2016).
Psychiatrienetz: EX-In. (Online verfügbar unter: www.psychiatrie.de/arbeit/ex-in/, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
RÖSCH, Matthias (1995): Peer Counseling und Psychotherapie. In: Die Randschau – Zeitschrift für Behindertenpolitik, 2. (Online verfügbar unter: www.peer-counseling.org/index.php/peer-counseling-online-bibliothek/peer-counseling-und-psychotherapie-matthias-roesch, letzter Zugriff erfolgte am 20.04.2016).
Beitrag von Dipl.-Soz.arb./-päd. (FH) Micah Jordan, M.A. und Prof. Dr. Gudrun Wansing, beide Universität Kassel
[15] Vgl. LVR 2016; Henkel et al. 2015.
[18] Siehe hierzu das Beispiel Psychiatrienetz.
Beratung, UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), Bundesteilhabegesetz (BTHG), Empowerment
Beitrag D32-2016 (PDF/ 185 KB)
D59-2016: Wansing: Peer Counseling – Eine unabhängige Beratungsform von und für Menschen mit Beeinträchtigungen – Teil 2: Wirkfaktoren und Gelingensbedingungen