Source: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/07/31/ibuprofen-nicht-lieferbar-und-dann/chapter:all
Timestamp: 2020-06-03 21:20:37
Document Index: 237878101

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 3', '§ 6', '§ 31', '§ 3', '§ 6', '§ 23', '§ 17', '§ 17', '§ 17']

Eines der gängigsten Analgetika ist nicht oder immer nur häppchenweise lieferbar: Ibuprofen 600 mg. Wie können Apotheken Ibuprofen-Verordnungen beliefern? Darf bei fehlender 20er Packung auch mit zweimal 10 gestückelt werden, oder gar 400 mg Ibuprofen anstelle von 600 mg Ibuprofen abgegeben werden? DAZ.online hat sich unterschiedliche Ibu-Szenarien angeschaut.
Ibuprofen 600 mg ist derzeit eines der apothekerlichen Sorgenkinder. Die Beschaffung ist eine wahre Herausforderung, und trudelt eine Direktlieferung vom Hersteller ein, reicht der Vorrat an Ibuprofen 600 mg meist nicht allzu lange. Apotheker jonglieren mit Sonder-PZN, mit neuen Verordnungen, mit dem Unmut der Kunden, mit Dosisanpassungen – und mit Stückeln. Von Letzterem lässt man erfahrungsgemäß jedoch eher die Finger. Denn die Erfahrung lehrt: Man verbrennt sie sich allzu leicht.
Was ist erlaubt, was nicht? Dürfen Apotheken Ibuprofen 600 mg gegen Ibuprofen 400 mg austauschen, wenn kein einziges Ibuprofen mit der verordneten Stärke mehr verfügbar ist? Oder erlauben die Krankenkassen das Stückeln, wenn einzelne Packungsgrößen fehlen? DAZ.online hat mit den Retax-Experten des LAV Baden-Württemberg (LAV BaWü) und des DeutschenApothekenPortals (DAP) gesprochen.
Erfolgt eine Verordnung nur mit der N-Bezeichnung, „Ibuprofen 600 mg N1“, schreibt der Rahmenvertrag vor, dass bei Rabattverträgen ein Rabattarzneimittel aus diesem N-Bereich abzugeben ist. Die Packungsgrößen-Verordnung ordnet Ibuprofen als Antiphlogistikum folgenden Kategorien zu:
N1 = 16 – 24; N2 = 45 – 55 und N3 = 95 bis 100
Wenn nun aber keines der Rabatt-Ibuprofene aus dem verordneten N1-Bereich lieferbar ist – darf die Apotheke, so vorrätig, Ibuprofen 600 mg 10 St x 2 abgeben? Die Antwort ist hier nicht ganz einfach. Die Retax-Experten des LAV Baden-Württemberg raten, bei Nichtlieferbarkeit der 20er Packung den Patienten lediglich mit der nächstkleineren Packung (hier: Ibuprofen 600 mg 10 Stück), zu versorgen – und zwar mit einer einzigen. Sie begründen dieses Vorgehen damit, „dass bei den Krankenkassen die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund steht“, so der LAV. Zusätzlich gibt der LAV zu bedenken, dass bei zwei abgegebenen Arzneimittelpackungen auch für den Patienten die doppelte Zuzahlung anfällt. Ihr Tipp: „Schicken Sie den Patienten rechtzeitig wieder zum Arzt, dass er sich um eine Neuverordnung des Arzneimittels kümmert.“ Die erneute Zuzahlung umgeht der Patient allerdings so auch nicht.
Rahmenvertrag erlaubt Stückeln – unter Umständen
Gesetzlich zugrunde liegt dem Stückeln der Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung.
Entspricht die nach Stückzahl verordnete Menge, die keinem N-Bereich nach der geltenden Packungsgrößenverordnung zugeordnet werden kann, keiner im Handel befindlichen Packungsgröße, so sind, nach wirtschaftlicher Auswahl aus den zulässigen Packungsgrößen, verschreibungspflichtige Arzneimittel bis zur verordneten Menge abzugeben.
Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung § 6 Absatz 2
Stückeln bei N-Verordnungen kein Retaxgrund, wenn wirtschaftlich
Im aktuell betrachteten Fall „Ibuprofen 600 mg N1“ liegt aber keine Stückzahlverordnung vor, sondern eine Normgrößenverordnung. Dazu findet man im Rahmenvertrag ein kleines Hintertürchen, in § 3 Abs. 7e:
Der Vergütungsanspruch des Apothekers entsteht trotz nicht ordnungsgemäßer vertragsärztlicher Verordnung oder Belieferung dann, wenn (…) die Apotheke bei einer Verordnung, für die § 6 dieses Vertrages keine Regelung enthält, unter Beachtung der Wirtschaftlichkeit und des Vorranges der Abgabe rabattbegünstigter Arzneimittel Packungen bis zu der vom Arzt insgesamt verordneten Menge abgibt (§ 31 Absatz 4 SGB V).
Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung § 3 Absatz 7e
Aufgedröselt bedeutet das: § 6 enthält keine Regelung für Verordnungen nach Normgrößen, er bezieht sich nur auf die Stückzahl. Stückelt der Apotheker also Verordnungen mit N-Größen, agiert hier aber wirtschaftlich für die Krankenkassen und berücksichtigt Rabattverträge, darf die GKV ihn deswegen nicht retaxieren.
Wann ist eine Therapie aber „wirtschaftlich? Der AOK Bundesverband definiert: „Das angestrebte therapeutische oder diagnostische Ziel muss durch die Leistung effektiv und effizient zu erreichen sein.“ Weil das anscheinend nicht so ganz leicht festzustellen ist, rät der LAV BaWü, wie erwähnt, vom Stückeln ab.
Notdienst oder fünf Minuten vor Ladenschluss am Samstagnachmittag: Wenn kein einziges Ibuprofen 600 mg mehr in der Apotheke verfügbar ist, darf die Apotheke dann das Rezept mit einem teilbaren Ibuprofen 400 mg beliefern, dem Patienten die korrekte Dosierung erklären und einen entsprechenden Vermerk mit Unterschrift darüber auf das Rezept aufbringen?
Abweichend von Absatz 5 Satz 1 darf der Apotheker bei der Dienstbereitschaft während der Zeiten nach § 23 Absatz 1 Satz 2 ein anderes, mit dem verschriebenen Arzneimittel nach Anwendungsgebiet und nach Art und Menge der wirksamen Bestandteile identisches sowie in der Darreichungsform und pharmazeutischen Qualität vergleichbares Arzneimittel abgeben, wenn das verschriebene Arzneimittel nicht verfügbar ist und ein dringender Fall vorliegt, der die unverzügliche Anwendung des Arzneimittels erforderlich macht.
Apothekenbetriebsordung § 17 Absatz 5a
Ibuprofen 400 mg statt Ibuprofen 600 mg? Das abgegebene Arzneimittel muss „nach Art und Menge der wirksamen Bestandteile identisch“ mit dem verschriebenen Arzneimittel sein, während die Darreichungsformen vergleichbar sein können. Das bedeutet, auch § 17 Apothekenbetriebsordnung schafft keine Legitimation Wirkstärken im Notfall – bei Akutversorgung oder Nichtlieferbarkeit – auszutauschen. Die einzige Ausnahme, die dieser Abschnitt schafft, ist, dass im Notdienst auch von der Vorgabe Rabatt-Arzneimittel oder bei Nichtverfügbarkeit vom namentlich verordneten oder einem der drei preisgünstigsten abgewichen werden kann. Der LAV Baden-Württemberg empfiehlt auch in diesem Fall, dies schriftlich auf dem Rezept zu begründen, eventuell auch § 17 Apothekenbetriebsordnung zu erwähnen und abzuzeichnen. Diese Ausnahme gilt allerdings ausschließlich zu den Notdienstzeiten der Apotheke.
Apothekenpflichtiges teilbares Ibuprofen 400 mg
Bei Ibuprofen haben Apotheker natürlich durch die Selbstmedikation mit 400 mg Ibuprofen einen gewissen Handlungsspielraum. Lässt sich zwar ein Ibuprofen-600-mg-Rezept nicht mit Ibuprofen 400 mg beliefern und zulasten der GKV abrechnen, können Apotheker dem Patienten ein apothekenpflichtiges und teilbares Ibuprofen 400 mg mitgeben und auf die ärztlich vorgesehene Dosierung verweisen. Unter Umständen kommt dies den Patienten nicht teurer zu stehen als die Zuzahlung.