Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bverwg/bverwg_4-BN-55-09
Timestamp: 2020-06-06 20:23:39
Document Index: 27422745

Matched Legal Cases: ['§ 132', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 12', '§ 10', '§ 214', '§ 12', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 154', '§ 159', '§ 162', '§ 47', '§ 52']

BVerwG, 4 BN 55.09: Bekanntmachung, Bebauungsplan, Aktenwidrige Feststellung, Gemeinde
Urteil des BVerwG vom 03.06.2010, 4 BN 55.09
Aktenzeichen: 4 BN 55.09
Bekanntmachung, Bebauungsplan, Aktenwidrige Feststellung, Gemeinde
BVerwG 4 BN 55.09 OVG 1 KN 13/08
hat der 4. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 3. Juni 2010 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Rubel, den Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. Jannasch und die Richterin am Bundesverwaltungsgericht Dr. Bumke
Die Beschwerde der Antragstellerinnen gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Schleswig- Holsteinischen Oberverwaltungsgerichts vom 23. Juli 2009 wird zurückgewiesen.
Die Antragstellerinnen tragen die Kosten des Beschwerdeverfahrens als Gesamtschuldner mit Ausnahme der außergerichtlichen Kosten der Beigeladenen, die diese selbst trägt.
1Die auf sämtliche Zulassungsgründe des § 132 Abs. 2 VwGO gestützte Beschwerde gegen die Nichtzulassung der Revision bleibt ohne Erfolg.
21. Die Beschwerde rügt als Verfahrensfehler eine Verletzung des rechtlichen
Gehörs sowie eine aktenwidrige Feststellung des Sachverhalts. Beide Rügen
beziehen sich auf folgende Ausführungen des Oberverwaltungsgerichts (UA
S. 18):
Gemäß § 10 Abs. 3 S. 4 BauGB ist der Bebauungsplan mit seiner Bekanntmachung am 5. Juni 2008 in Kraft getreten. Falls die Antragsgegnerin den Bebauungsplan nicht zu jedermanns Einsicht bereit hält, so liegt darin ein
Verstoß gegen § 10 Abs. 3 S. 2 BauGB. Der Bebauungsplan wird dadurch jedoch nicht unwirksam (...).
3Die Antragstellerinnen sind der Auffassung, mit diesen Ausführungen habe das
Gericht ihren Vortrag nicht ausreichend zur Kenntnis genommen und gewürdigt.
Dem ist jedoch nicht zu folgen; die Rüge bleibt daher ohne Erfolg.
4Zum einen haben die Antragstellerinnen vorgetragen, an einem bestimmten
näher bezeichneten Datum habe der Bebauungsplan nicht im Bauamt der Antragsgegnerin zur Einsicht ausgelegen; vielmehr habe er sich im Amtsraum des
Bürgermeisters befunden, so dass ein namentlich benannter Rechtsanwalt an
diesem Tag keine Einsicht habe nehmen können. Diesen Sachvortrag hat das
Oberverwaltungsgericht offensichtlich zur Kenntnis genommen und gewürdigt;
dass es nicht die rechtlichen Schlüsse daraus zieht, die die Antragstellerinnen
anstreben, begründet keine Verletzung des rechtlichen Gehörs.
5Die Antragstellerinnen haben ferner vorgetragen, der Bebauungsplan habe
nicht nur für eine kurze Zeit nicht für eine Einsichtnahme zur Verfügung gestanden, sondern werde dauerhaft und systematisch vorenthalten. Daraus ziehen die Antragstellerinnen die rechtliche Schlussfolgerung, dass die Bekanntmachung des Bebauungsplans nicht wirksam erfolgt sei.
6Auch dieses tatsächliche und rechtliche Vorbringen hat das Oberverwaltungsgericht ersichtlich zur Kenntnis genommen und gewürdigt. Es ist zu dem Ergebnis gelangt, der Bebauungsplan sei wirksam in Kraft getreten. Ein Verstoß
gegen die Pflicht, den Bebauungsplan zur Einsicht bereit zu halten, führe nicht
zur Unwirksamkeit der Bekanntmachung und des Bebauungsplans.
7Im Übrigen lässt sich dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts keine Feststellung dahingehend entnehmen, der Bebauungsplan werde dauerhaft und systematisch der Öffentlichkeit vorenthalten und habe zu keinem Zeitpunkt an dem
in der Bekanntmachung genannten Ort (Bauamt) zur Verfügung gestanden. Auf
diesen Tatsachenvortrag brauchte das Gericht auf der Grundlage seiner rechtlichen und tatsächlichen Würdigung nicht näher einzugehen; ein Gericht ist
nicht verpflichtet, sich mit jedem Vorbringen in den Entscheidungsgründen aus-
drücklich zu befassen. Damit ist dieser Vortrag jedoch entgegen der Beschwerdebegründung (S. 4) nicht unstrittig geworden. Der Vortrag der Antragsgegnerin
in einem früheren Schriftsatz bezieht sich auf einen anderen Sachverhalt.
8Aus den genannten Gründen bleibt auch die Rüge, die Feststellungen des
Oberverwaltungsgerichts seien aktenwidrig, ohne Erfolg. Diese Verfahrensrüge
bedingt die schlüssig vorgetragene Behauptung, zwischen den in der angegriffenen Entscheidung getroffenen tatsächlichen Annahmen und dem insoweit
unumstrittenen Akteninhalt bestehe ein Widerspruch. Nach der Rechtsprechung
des Bundesverwaltungsgerichts muss dieser Widerspruch offensichtlich sein,
so dass es keiner weiteren Beweiserhebung zur Klärung des richtigen
Sachverhalts bedarf; der Widerspruch muss also „zweifelsfrei“ sein (stRspr; vgl.
Beschlüsse vom 2. November 1999 - BVerwG 4 BN 41.99 - UPR 2000, 226 und
vom 4. Juli 2001 - BVerwG 4 B 51.01). Vorliegend besteht allenfalls ein Widerspruch zwischen den Feststellungen des Oberverwaltungsgerichts und dem
Vortrag der Antragstellerinnen.
9Die in diesem Zusammenhang hilfsweise erhobene Aufklärungsrüge genügt
nicht den Darlegungsanforderungen; insbesondere legt die Beschwerde nicht
dar, dass sie in der mündlichen Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht
eine weitere Sachaufklärung beantragt hätte.
102. Das Beschwerdevorbringen ergibt auch nicht, dass die Revision wegen
grundsätzlicher Bedeutung der Rechtssache zuzulassen wäre.
11Die Antragstellerinnen werfen die Frage auf,
welche Rechtsfolgen daraus resultieren, dass der Bebauungsplan nach der Bekanntmachung nicht zur Einsicht bereit gehalten wird.
12Diese Frage rechtfertigt nicht die Zulassung der Revision wegen grundsätzlicher
Bedeutung. Sie lässt sich vielmehr auf der Grundlage der vorhandenen
Rechtsprechung und mit Hilfe der üblichen Regeln sachgerechter Gesetzesinterpretation ohne Weiteres beantworten.
13Der Bebauungsplan tritt mit der Bekanntmachung in Kraft (§ 10 Abs. 3 Satz 4
BauGB). Wird eine Rechtsnorm selbst nicht veröffentlicht, so ist dem Verkündungserfordernis, das für die Entstehung förmlich gesetzter Rechtsnormen unerlässlich ist, nur dann Genüge getan, wenn sich die Betroffenen auf andere
Weise verlässlich Kenntnis von ihrem Inhalt verschaffen können (BVerfG, Beschluss vom 22. November 1983 - 2 BvL 25/81 - BVerfGE 65, 283 <291>). Die
Bekanntmachung eines Bebauungsplans im Wege der Ersatzverkündung umfasst bei genehmigungsbedürftigen Bebauungsplänen i.S.d. § 10 Abs. 2 Satz 1
BauGB die Bekanntmachung der Erteilung der Genehmigung, bei genehmigungsfreien Bebauungsplänen die Bekanntmachung des Beschlusses des Bebauungsplans (§ 10 Abs. 3 Satz 1 BauGB). Die Bekanntmachung muss einen
Hinweis zur Identifikation des ausliegenden Bebauungsplans enthalten. Der
Hinweis muss nur geeignet sein, das Inkrafttreten neuen Bebauungsrechts in
einem näheren Bereich des Gemeindegebiets dem Normadressaten gegenüber
bewusst zu machen und denjenigen, der sich über den genauen räumlichen
und gegenständlichen Regelungsgehalt des Bebauungsplans informieren will,
zu dem richtigen - bei der Gemeinde ausliegenden - Plan zu führen (Urteil vom
6. Juli 1984 - BVerwG 4 C 22.80 - BVerwGE 69, 344 <350>; Beschlüsse vom
6. Juli 1984 - BVerwG 4 C 28.83 - Buchholz 406.11 § 12 BBauG Nr. 11 - juris
Rn. 11 und vom 16. Mai 1991 - BVerwG 4 NB 26.90 - BVerwGE 88, 204 <207
f.> - juris Rn. 16). In der Bekanntmachung ist daher auch darauf hinzuweisen,
wo der Bebauungsplan eingesehen werden kann (§ 10 Abs. 3 Satz 3 BauGB).
Das Bereithalten des beschlossenen und genehmigten Bebauungsplans zu
jedermanns Einsicht bei der in der Bekanntmachung angegebenen Dienststelle
ist Teil des sich auf die Rechtsetzung beziehenden - zweistufigen -
Verkündungsverfahrens (Urteil vom 5. Dezember 1986 - BVerwG 4 C 29.86 -
BVerwGE 75, 271 <272>): Mit der Bekanntmachung und dem Bereithalten des
Plans zu jedermanns Einsicht wird der Abschluss eines Rechtsetzungsverfahrens förmlich dokumentiert (Urteil vom 5. Dezember 1986, a.a.O. S. 274). Fehlt
es an der Angabe des Orts der Einsichtnahme, liegt ein beachtlicher Bekanntmachungsfehler vor, weil der mit der Bekanntmachung verfolgte Hinweiszweck
nicht erreicht wird (§ 214 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4 BauGB). Ob die Einsicht an dem in
der Bekanntmachung genannten Ort oder an einem anderen Ort erfolgt, betrifft
nicht die Wirksamkeit der Bekanntmachung. Der Bebauungsplan tritt unbeschadet des Erfordernisses, dass er in der Folgezeit zu jedermanns Einsicht
bereitgehalten wird, mit der Bekanntmachung in Kraft (Beschluss vom 9. Mai
1996 - BVerwG 4 B 60.96 - Buchholz 406.11 § 12 BauGB Nr. 21 - juris Rn. 3).
Die Kenntnisnahme muss aber tatsächlich möglich sein. Das Oberverwaltungsgericht hebt daher zutreffend hervor, falls eine Gemeinde den Bebauungsplan
nicht zu jedermanns Einsicht bereit halte, liege darin ein Verstoß gegen § 10
Abs. 3 Satz 2 BauGB. Ebenfalls zu folgen ist seiner weiteren rechtlichen
Schlussfolgerung, dadurch werde der Bebauungsplan jedoch nicht unwirksam.
Mit der Bekanntmachung ist der Bebauungsplan als Satzung (§ 10 Abs. 1
BauGB) eine gültige Rechtsnorm und damit Teil der Rechtsordnung. Eine
Rechtsnorm wird aber nicht allein dadurch ungültig, dass die Möglichkeit der
Einsicht in das Originaldokument für kürzere oder längere Zeit erschwert ist.
Auch das mit der Regelung in § 10 Abs. 3 Satz 2 BauGB verfolgte Ziel, den
Betroffenen und Interessenten einen Einblick in den vollständigen Inhalt des
Bebauungsplans zu ermöglichen, rechtfertigt es nicht, den Bebauungsplan unwirksam werden zu lassen, wenn die Gemeinde ihrer entsprechenden Pflicht
nicht ausreichend genügt. Vielmehr ist dem gesetzlichen Gebot dadurch Rechnung zu tragen, dass die Einsicht tatsächlich ermöglicht wird. Selbst der Verlust
oder Teilverlust des Bebauungsplandokuments führt - wie der Senat bereits
entschieden hat (vgl. Beschluss vom 1. April 1997 - BVerwG 4 B 206.96 - BRS
59 Nr. 34 m.w.N.) - nicht schon für sich gesehen zur Ungültigkeit der Norm.
143. Die Divergenzrüge bleibt ebenfalls ohne Erfolg.
15Eine die Revision eröffnende Abweichung, also ein Widerspruch im abstrakten
Rechtssatz, läge nur vor, wenn das Berufungsgericht in Anwendung derselben
Rechtsvorschrift mit einem seine Entscheidung tragenden abstrakten Rechtssatz von einem in der genannten Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts
oder des Bundesverfassungsgerichts aufgestellten ebensolchen Rechtssatz
abgewichen wäre (stRspr).
16Die Beschwerde benennt als vom Bundesverfassungsgericht in seinem Beschluss vom 22. November 1983 - 2 BvL 25/81 - (BVerfGE 65, 283) aufgestell-
ten Rechtssatz, dass die Verkündung einen integrierenden Teil der förmlichen
Rechtsetzung darstelle, also Geltungsbedingung sei. Die Verkündung bedeute
regelmäßig, dass die Rechtsnormen der Öffentlichkeit in einer Weise förmlich
zugänglich gemacht werden, dass die Betroffenen sich verlässlich Kenntnis von
ihrem Inhalt verschaffen könnten (vgl. a.a.O. S. 291). Diesem Rechtssatz hat
das Oberverwaltungsgericht jedoch keinen abweichenden Rechtssatz entgegengesetzt.
17Das Oberverwaltungsgericht hat insbesondere keinen Rechtssatz des Inhalts
aufgestellt, dass es für die Wirksamkeit eines Bebauungsplans nicht auf die
Bekanntmachung ankomme. Hierzu bestand auch kein Anlass, da das Gericht
von der Wirksamkeit der Bekanntmachung ausgegangen ist. Auch die Pflicht
der Gemeinde, den Bebauungsplan zur Einsicht bereit zu halten, stellt es nicht
18Aus denselben Gründen scheidet auch die geltend gemachte Abweichung vom
Beschluss des Bundesverwaltungsgerichts vom 5. Dezember 1986 - BVerwG
4 N 2.86 - (BRS 46 Nr. 15) und vom Urteil des Bundesgerichtshofs vom 30. Oktober 1986 - III ZR 56/85 - (UPR 1987, 182) aus; die Beschwerde bezieht sich
insoweit auf dieselben Rechtssätze wie im genannten Beschluss des Bundesverfassungsgerichts.
19Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2, § 159 Satz 2 VwGO und § 162
Abs. 3 VwGO. Die Streitwertfestsetzung beruht auf § 47 Abs. 1 und 3, § 52
Abs. 1 GKG.
Prof. Dr. Rubel Dr. Jannasch Dr. Bumke
4 BN 55.09
Bekanntmachung, Bebauungsplan, Aktenwidrige Feststellung, Gemeinde, Rechtsnorm, Verkündung, Öffentlichkeit, Rechtsetzung, Upr, Rüge