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Timestamp: 2020-01-29 01:24:12
Document Index: 356686895

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 3', '§ 12', '§ 4', '§ 7', '§ 7', '§ 3', '§ 3', '§ 3']

BIK BITV-Test | Die BITV 2.0 – Was prüft der BITV-Test, was prüft er nicht?
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Am 21. Mai 2019 ist in Deutschland die neuste Version der BITV 2.0 in Kraft getreten. Diese Version brachte inhaltliche Änderungen mit sich. Und auch die Art, wie die Anforderungen dokumentiert sind, unterscheidet sich von der alten Fassung. Im folgenden Artikel wollen wir die BITV 2.0 genauer ansehen und erläutern, was wir im BITV-Test testen, wo wir auf andere Stellen bzw. Materialien verweisen und für was wir eventuell noch Prüfschritte aufnehmen.
Die Anforderungen an barrierefreien Webcontent
Bis Mai 2019 war die BITV mit sogenannten „Prioritäten“ strukturiert: In der Priorität I waren die normativen Anforderungen zu finden, in der Priorität II weitergehende Anforderungen (die AAA-Anforderungen der WCAG), die nur für spezielle Fälle anzuwenden waren.
Jetzt nennt die BITV die Anforderungen nicht mehr direkt, sondern verweist in § 3 ‚Anzuwendende Standards‘ auf die europäische Norm EN 301 549 (PDF, 2 MB). Der Abschnitt 9 (Web) der Norm gibt die Erfolgskriterien der WCAG 2.1 einschließlich Konformitätsbedingungen (Abschnitt 9.5) wieder.
Im Frühjahr 2019 wurde der BITV-/WCAG-Test entsprechend angepasst: 12 neue Prüfschritte bilden die 12 neuen AA-Erfolgskriterien der WCAG 2.1 ab. Damit überprüft der BITV-/WCAG-Test die WCAG 2.1 auf Konformitätslevel AA sowie den gemäß § 3 BITV 2.0 anzuwendenden Standard für Webangebote: Abschnitt 9 der EN 301 549. Auch die Konformitätsbedingungen finden sich im neuen Bewertungsansatz wieder.
In der europäischen Norm 301 549 gibt es neben den WCAG 2.1-Anforderungen noch weitere Anforderungen, diese sind im Annex A in der Tabelle A1 zu finden. Zu diesen Kriterien, die aktuell nicht in den BITV-/WCAG-Test integriert sind, kommen wir weiter unten in diesem Dokument.
Weitere Anforderungen der BITV 2.0
Neben den genannten Anforderungen aus der EN 301 549 definiert die neue BITV 2.0 weitere Anforderungen, die ‚Öffentliche Stellen des Bundes‘ (Adressatenkreis gemäß § 12 des Behindertengleichstellungsgesetz-BGG) erfüllen müssen.
Dies gilt oft auch für die Landesebene, aktuell herrscht jedoch noch keine abschließende Sicherheit, ob die rechtliche Lage dort absolut deckungsgleich mit der des Bundes ist: Inzwischen sind zwar in allen Bundesländern erste Gesetze erlassen worden; in einigen stehen aber noch Konkretisierungen durch Verordnungen aus (Liste der Landesgesetze zu barrierefreier Informationstechnik).
In der BITV 2.0 gibt es einige alte bzw. neue Anforderungen, die zusätzlich zum Standard, der EN 301 549, genannt werden. Im Folgenden stellen wir sie kurz dar und erläutern, ob sie im bestehenden Prüfverfahren des BITV-/WCAG-Tests berücksichtigt werden (sollen):
§ 4 BITV 2.0 definiert: „Auf der Startseite einer Website einer öffentlichen Stelle sind nach Anlage 2 folgende Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache bereitzustellen:
Hinweise auf weitere in diesem Auftritt vorhandene Informationen in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache.“
Inhaltlich neu sind die Erläuterungen zu den wesentlichen Inhalten der Erklärung zur Barrierefreiheit (Listenpunkt 3). Ansonsten waren Bundesbehörden auch bisher schon zu den genannten Erläuterungen in Leichter Sprache und Gebärdensprache verpflichtet.
‚Erläuterungen in Leichter Sprache und Gebärdensprache‘ zu prüfen, ist nicht Teil des BITV-/WCAG-Tests. Das hatte bisher vornehmlich zwei Gründe: Zum einen ist die Gesetzgebung auf Bundes- und Länderebene nicht durchgehend deckungsgleich. Es müsste also vorab geprüft werden, ob der anfragende Anbieter überhaupt verpflichtet ist. Zum anderen ist es nicht einfach, die Qualität insbesondere von Deutscher Gebärdensprache bewerten zu können. Es ist beispielsweise nicht ausreichend, formale Kriterien zu prüfen, etwa ob die Kleidung der Sprecher*in dunkel ist, sondern auch die Verständlichkeit der Gebärden.
Wir führen daher in der Beschreibung des Prüfverfahrens in den Punkten 1 und 4 an, dass wir Erläuterungen in Leichter Sprache und Gebärdensprache nicht testen, verweisen aber auf den BIK-Leitfaden Leichte Sprache und Gebärdensprache, der die Umsetzung unterstützt.
§ 7 BITV 2.0 definiert, dass Websites und mobile Anwendungen öffentlicher Stellen eine ‚Erklärung zur Barrierefreiheit‘ einbinden müssen. Der Artikel sowie der Durchführungsbeschluss (EU) 2018/1523 erläutern, wie die Erklärung zur Barrierefreiheit inhaltlich gestaltet und veröffentlicht werden muss.
Natürlich kann der Test die Grundlage der ‚Erklärung zur Barrierefreiheit‘ liefern, da die Angaben ja auf der Basis einer tatsächlichen Bewertung zu erstellen sind (laut § 7 Absatz 5 BITV 2.0). Die Überprüfung der Erklärung zur Barrierefreiheit selbst aber ist nicht Teil des BITV-/WCAG-Tests und wird auch nicht in den Test integriert. Das hat folgenden Grund: Die Erklärung ist zwar eine Anforderung der BITV als Verordnung, aber kein Teil der Standards gemäß § 3 BITV 2.0.
Wir weisen in der Beschreibung des Prüfverfahrens unter den Punkten 1 und 4 darauf hin. Daneben erläutern wir in unserem Artikel Die Erklärung zur Barrierefreiheit, wie die Erklärung umgesetzt werden muss. Dort findet man auch einen Link zur Mustererklärung der EU-Kommission, die als Grundlage dienen sollte, sowie Verweise auf (zukünftige) Ressourcen der Bundesfachstelle Barrierefreiheit bzw. der Überwachungsstellen der Länder. Bei erfolgreichen Zertifizierungen weisen wir die Anbieter explizit auf die rechtlichen Vorgaben zur Umsetzung der Erklärung hin.
Zu Websites gehören auch PDF-Dokumente und auch diese müssen barrierefrei zur Verfügung gestellt werden. Die BITV 2.0 definiert in § 3 Absatz 3: "Soweit Nutzeranforderungen oder Teile von Angeboten, Diensten oder Anwendungen nicht von harmonisierten Normen abgedeckt sind, sind sie nach dem Stand der Technik barrierefrei zu gestalten." Das bedeutet, dass für die barrierefreie Gestaltung von PDF-Dateien neben dem Abschnitt 10 (Non-web documents) der EN 301 549 auch die ISO-Norm 14289-1:2012-07 (PDF/UA) berücksichtigt werden muss. Dass PDF/UA in der Begründung der Neufassung der BITV 2.0 im Bundesgesetzblatt genannt wird zeigt, dass der Standard für die Umsetzung relevant ist.
Wir prüfen im BITV-Test nur HTML. PDF-Dokumente werden nicht mit dem BITV-/WCAG-Test geprüft. Darauf weisen wir in der Beschreibung des Prüfverfahrens unter den Punkten 1 und 4 hin.
Für PDF-Dokumente ist ein separates Prüfverfahren notwendig, das ähnlich umfassend ist, wie der BITV-Test selbst. Eine Herausforderung zeigt sich beispielsweise bereits in der Auswahl der zu prüfenden PDF-Dokumente. Insbesondere bei größeren Webangeboten gibt es sehr viele PDF-Dokumente, die aus unterschiedlichen Quellen kommen. Wollte man ähnlich repräsentativ vorgehen, wie hinsichtlich HTML-Prüfverfahren, müsste man eine separate repräsentative Auswahl für Dokumente machen, denn die Aussage über ein PDF, das zufällig in der Seitenauswahl des Webauftritts ist, ist nicht sehr aussagekräftig im Hinblick auf den gesamten Webauftritt.
Die Prüfung von PDF-Dokumenten müsste separat beauftragt werden: Dafür verweisen wir unverbindlich auf die Dienstleistung einzelner Prüfstellen im BITV-Test Prüfverbund bzw. auf andere PDF-Experten.
Ein höchstmögliches Maß an Barrierefreiheit für zentrale Navigations- und Einstiegsangebote sowie Angebote, die eine Nutzerinteraktion ermöglichen
§ 3 Absatz 4 BITV 2.0 definiert: "Für zentrale Navigations- und Einstiegsangebote sowie Angebote, die eine Nutzerinteraktion ermöglichen, beispielsweise Formulare und die Durchführung von Authentifizierungs-, Identifizierungs- und Zahlungsprozessen, soll ein höchstmögliches Maß an Barrierefreiheit angestrebt werden." Vor Mai 2019 galt für „zentrale Navigations- und Einstiegsangebote“ die Priorität II der BITV, in der AAA-Anforderungen der WCAG zu finden waren. Neu ist also der Hinweis auf Angebote, „die eine Nutzerinteraktion ermöglichen, beispielsweise Formulare und die Durchführung von Authentifizierungs-, Identifizierungs- und Zahlungsprozesse“ und die Formulierung „ein höchstmögliches Maß an Barrierefreiheit“. Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit sagt dazu: "Dieser höhere Standard dürfte dem Level AAA der Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 entsprechen." (siehe Artikel Die neue BITV 2.0).
Prüfschritte für AAA-Erfolgskriterien sind bisher kein Bestandteil des BITV-/WCAG-Tests und werden - da es sich bei dem Absatz oben "nur" um eine Soll-Anforderung handelt (zwischen ‚kann‘ als Empfehlung und ‚muss‘ als Verpflichtung) – auch nicht in das BITV-/WCAG-Prüfverfahren integriert. Auf Anfrage prüfen einzelne Prüfstellen zusätzlich auch AAA-Anforderungen.
Relevante Kriterien der Tabelle A1 EN 301 549
Die Anforderungen, die die EN 301 549 im Annex A in der Tabelle A1 aufführt, sind ebenfalls obligatorische Kriterien. Wir sind aktuell dabei ihre Relevanz für Webangebote zu prüfen und mit Experten in- und außerhalb des BITV-Test-Prüfverbundes zu diskutieren. Sobald dieser Prozess abgeschlossen ist und entschieden wurde, welche Anforderungen in neuen Prüfschritten abgebildet und neu in den BITV-/WCAG-Test übernommen werden, informieren wir dazu auf bitvtest.de.
Mit dem BITV-Test bieten wir ein Prüfverfahren für die zuverlässige Prüfung von Webangeboten gemäß Abschnitt 9 (Web) der Europäischen Norm 301 549, auf den die BITV 2.0 Bezug nimmt. Die Anforderungen, die die EN 301 549 im Annex A in der Tabelle A1 aufführt, prüfen und diskutieren wir aktuell mit Fachleuten in- und außerhalb des BITV-Test-Prüfverbunds und informieren auf bitvtest.de, sobald der Prozess abgeschlossen ist.
Weitergehende Anforderungen, etwa die korrekte Umsetzung der Erklärung zur Barrierefreiheit bzw. von Erläuterungen in Leichter Sprache und Gebärdensprache oder die Barrierefreiheit von PDF-Dokumenten sind nicht Bestandteil des Tests. Hierum sollten sich öffentliche Stellen also zusätzlich kümmern, z. B. durch die Beauftragung von spezialisierten Anbietern. Als Hilfe zur Umsetzung haben wir verschiedene Artikel veröffentlicht.
Es ist uns wichtig, dass der Test handhabbar und der Aufwand und damit auch die Kosten für Anbieter und Entwickler von Webangeboten im Rahmen bleiben. Wir bemühen uns, transparent zu machen, was geprüft wird und was nicht, d.h. deutlich zu machen, auf was sich die Testergebnisse beziehen.