Source: https://www.bag-urteil.com/29-11-2007-bag-2-azr-61306/
Timestamp: 2019-01-20 20:14:49
Document Index: 366207223

Matched Legal Cases: ['§ 85', '§ 85', '§ 90', '§ 69', '§ 90', '§ 90', '§ 90', '§ 85', '§ 85', '§ 90', '§ 69', '§ 69', '§ 14', '§ 14', '§ 90', '§ 90']

﻿ ﻿ BAG – 2 AZR 613/06 | bag-urteil.com
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 29.11.2007, 2 AZR 613/06
(NZA 2008, 361)
2 AZR 613/06 > Rn 1
2 AZR 613/06 > Rn 2
2 AZR 613/06 > Rn 3
2 AZR 613/06 > Rn 4
2 AZR 613/06 > Rn 5
2 AZR 613/06 > Rn 6
2 AZR 613/06 > Rn 7
2 AZR 613/06 > Rn 8
2 AZR 613/06 > Rn 9
2 AZR 613/06 > Rn 10
2 AZR 613/06 > Rn 11
2 AZR 613/06 > Rn 12
2 AZR 613/06 > Rn 13
2 AZR 613/06 > Rn 14
2 AZR 613/06 > Rn 15
1. Gemäß § 85 SGB IX bedarf die Kündigung des Arbeitsverhältnisses eines schwerbehinderten Menschen durch den Arbeitgeber der vorherigen Zustimmung des Integrationsamtes. Für schwerbehinderte Menschen findet das Zustimmungserfordernis des § 85 SGB IX gemäß § 90 Abs. 2a SGB IX, eingeführt mit Wirkung ab 1. Mai 2004 durch das Gesetz zur Förderung der Ausbildung und Beschäftigung schwerbehinderter Menschen vom 23. April 2004 (BGBl. I S. 606), keine Anwendung, wenn zum Zeitpunkt des Ausspruchs der Kündigung die Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch nicht nachgewiesen ist oder das Versorgungsamt nach Ablauf der Frist des § 69 Abs. 1 Satz 2 SGG IX eine Feststellung wegen fehlender Mitwirkung nicht treffen konnte. Das heißt, bei Zugang der Kündigung muss entweder bereits die Schwerbehinderung anerkannt (oder eine Gleichstellung erfolgt) oder der Antrag auf Anerkennung der Schwerbehinderung (bzw. der Gleichstellungsantrag) muss vom Arbeitnehmer mindestens drei Wochen vor Zugang der Kündigung gestellt worden sein (BAG 1. März 2007 – 2 AZR 217/06 – EzA SGB IX § 90 Nr. 1 und 6. September 2007 – 2 AZR 324/06 -) .
2 AZR 613/06 > Rn 16
2 AZR 613/06 > Rn 17
a) Zum Zeitpunkt des Zugangs des Kündigungsschreibens vom 28. September 2004, wobei es insoweit auf das Zustellungsdatum nicht ankommt, war die Anerkennung des Klägers als schwerbehinderter Mensch noch nicht erfolgt und damit nicht iSv. § 90 Abs. 2a 1. Alt. SGB IX nachgewiesen (vgl. Senat 1. März 2007 – 2 AZR 217/06 – EzA SGB IX § 90 Nr. 1) . Sie erfolgte vielmehr erst durch den Widerspruchsbescheid vom 27. September 2005. Ein Nachweis im Sinne der gesetzlichen Regelung liegt jedenfalls dann nicht vor, wenn zum Kündigungszeitpunkt das Anerkenntnisverfahren noch nicht abgeschlossen und damit die Schwerbehinderung noch nicht anerkannt ist. Dies gilt selbst dann, wenn die Feststellung der Eigenschaft als schwerbehinderter Mensch später mit Rückwirkung erfolgt (siehe ua. KR-Etzel 7. Aufl. §§ 85-90 SGB IX Rn. 29 b; Griebeling NZA 2005, 494, 496; Schlewing NZA 2005, 1218, 1221; Stahlhacke/Preis/Vossen-Vossen Kündigung und Kündigungsschutz im Arbeitsverhältnis 9. Aufl. Rn. 1472 b; HWK-Zirnbauer §§ 85-92 SGB IX Rn. 27) .
2 AZR 613/06 > Rn 18
2 AZR 613/06 > Rn 19
2 AZR 613/06 > Rn 20
bb) Wie der Senat bereits in seiner Entscheidung vom 1. März 2007 (- 2 AZR 217/06 – EzA SGB IX § 90 Nr. 1; s. weiter 6. September 2007 – 2 AZR 324/06 -) angenommen hat, bleibt hiernach der Sonderkündigungsschutz für schwerbehinderte Menschen trotz fehlenden Nachweises nur dann bestehen, wenn der Antrag so frühzeitig vor dem Kündigungszugang gestellt worden ist, dass eine Entscheidung vor dem Ausspruch der Kündigung bei einer ordnungsgemäßen Mitwirkung des Antragstellers binnen der Frist des § 69 Abs. 1 Satz 2 SGB IX möglich gewesen wäre. § 69 Abs. 1 Satz 2 SGB IX verweist auf die Fristen des § 14 Abs. 2 Satz 2 und 4 sowie Abs. 5 Satz 2 und 5 SGB IX und deren entsprechende Anwendung. Hiernach hat der Rehabilitationsträger normalerweise und regelmäßig – ohne Gutachterbeteiligung – innerhalb von drei Wochen nach Antragseingang über den Antrag zu entscheiden (vgl. § 14 Abs. 2 Satz 2 SGB IX). Nach der Rechtsprechung des Senats muss deshalb der Antrag der erwerbstätigen Person mindestens drei Wochen vor Zugang der Kündigung mit den erforderlichen Angaben gestellt worden sein, so dass über ihn eine positive Entscheidung vor Kündigungsausspruch bei ordnungsgemäßer Bearbeitung hätte ergehen können (vgl. 1. März 2007 – 2 AZR 217/06 – EzA SGB IX § 90 Nr. 1; 6. September 2007 – 2 AZR 324/06 -) . § 90 Abs. 2a 2. Alt. SGB IX erweist sich damit nach der Rechtsprechung des Senats als Bestimmung einer Vorfrist, die dem Zweck der gesetzlichen Regelung, nämlich eine missbräuchliche Antragstellung und die Durchführung eines aussichtslosen Feststellungsverfahrens zu verhindern und der Rechtssicherheit zu dienen, entspricht (vgl. 1. März 2007 – 2 AZR 217/06 – aaO) .
2 AZR 613/06 > Rn 21
2 AZR 613/06 > Rn 22
2 AZR 613/06 > Rn 23