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Timestamp: 2018-07-17 23:24:34
Document Index: 186945709

Matched Legal Cases: ['Art. 5', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 52', 'Art. 52', 'Art. 5', 'Art. 52', 'Art. 52', 'Art. 260', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 8', 'Art. 140', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 5', 'Art. 21', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 11', 'Art. 10', 'Art. 41', 'Art. 4', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 52', 'Art. 8', 'Art. 52', 'Art. 52', 'Art. 8', 'Art. 52', 'Art. 53', 'Art. 52', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 8', 'Art. 61', 'Art. 7', 'Art. 24', 'Art. 21', 'Art. 11', 'Art. 5', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 52', 'Art. 52', 'Art. 8', 'Art. 52', 'Art. 52', 'Art. 8', 'Art. 52', 'Art. 4', 'Art. 7', 'Art. 114', 'Art. 13', 'Art. 6', 'Art. 10', 'Art. 12', 'Art. 21', 'Art. 1', 'Art. 1', 'Art. 10', 'Art. 12', 'Art. 14', 'Art. 22', 'Art. 1', 'Art. 6', 'Art. 15', 'Art. 13', 'Art. 5', 'Art. 6', 'Art. 13', 'Art. 15', 'Art. 1', 'Art. 5', 'Art. 15', 'Art. 5', 'Art. 15', 'Art. 15', 'Art. 13', 'Art. 11', 'Art. 15', 'Art. 15', 'Art. 1', 'Art. 3', 'Art. 5']

SCHLUSSANTRÄGE DES GENERALANWALTS. PEDRO CRUZ VILLALÓN vom 12. Dezember Rechtssache C-293/12 - PDF
SCHLUSSANTRÄGE DES GENERALANWALTS. PEDRO CRUZ VILLALÓN vom 12. Dezember Rechtssache C-293/12
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1 SCHLUSSANTRÄGE DES GENERALANWALTS PEDRO CRUZ VILLALÓN vom 12. Dezember Rechtssache C-293/12 Digital Rights Ireland Ltd gegen The Minister for Communications, Marine and Natural Resources, The Minister for Justice, Equality and Law Reform, The Commissioner of the Garda Síochána, Irland und The Attorney General (Vorabentscheidungsersuchen des High Court of Ireland [Irland]) und Rechtssache C-594/12 1 Originalsprache: Französisch. Kärntner Landesregierung, Michael Seitlinger DE Slg.
2 DIGITAL RIGHTS IRELAND UND SEITLINGER U. A. und Christof Tschohl, Andreas Krisch, Albert Steinhauser, Jana Herwig, Sigrid Maurer, Erich Schweighofer, Hannes Tretter, Scheucher Rechtsanwalt GmbH, Maria Wittmann-Tiwald, Philipp Schmuck, Stefan Prochaska u. a. (Vorabentscheidungsersuchen des Verfassungsgerichtshofs [Österreich]) Elektronische Kommunikation Richtlinie 2006/24/EG Vorratsspeicherung von Daten, die bei der Bereitstellung elektronischer Kommunikationsdienste erzeugt oder verarbeitet werden Gültigkeit Art. 5 Abs. 4 EUV Verhältnismäßigkeit von Unionshandlungen Charta der Grundrechte Art. 7 Achtung des Privatlebens Art. 8 Schutz personenbezogener Daten Art. 52 Abs. 1 Eingriff Qualität des Gesetzes Verhältnismäßigkeit der Grenzen der Grundrechtsausübung VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013 I - 1
3 SCHLUSSANTRÄGE VON HERRN CRUZ VILLALÓN VERBUNDENE RECHTSSACHEN C-293/12 UND C-594/12 1. Der Gerichtshof ist in den vorliegenden Rechtssachen mit je zwei Vorlagefragen nach der Gültigkeit der Richtlinie 2006/24/EG 2 befasst, die ihm Gelegenheit geben, sich zu den Voraussetzungen zu äußern, unter denen es der Europäischen Union verfassungsrechtlich möglich ist, eine Einschränkung der Ausübung von Grundrechten im besonderen Sinne von Art. 52 Abs. 1 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union 3 mittels einer Richtlinie und ihrer nationalen Umsetzungsmaßnahmen 4 vorzunehmen. Die streitgegenständliche Einschränkung hat die Form einer Verpflichtung, mit der Wirtschaftsteilnehmern vorgeschrieben wird, eine große Menge von Daten, die im Rahmen der von den Bürgern im gesamten Unionsgebiet getätigten elektronischen Kommunikation erzeugt oder verarbeitet werden, zu erheben und für einen bestimmten Zeitraum auf Vorrat zu speichern, um ihre Verfügbarkeit zum Zweck der Ermittlung und Verfolgung schwerer Straftaten zu gewährleisten und das reibungslose Funktionieren des Binnenmarkts sicherzustellen. Ich beabsichtige, diese Fragen in drei Teilen zu beantworten. 2. In einem ersten Teil werde ich auf die Frage der Verhältnismäßigkeit der Richtlinie 2006/24 im Sinne von Art. 5 Abs. 4 EUV eingehen. In einem zweiten Teil werde ich prüfen, ob die Voraussetzung in Art. 52 Abs. 1 der Charta, dass jede Einschränkung der Ausübung von Grundrechten gesetzlich vorgesehen sein muss, als erfüllt angesehen werden kann. Schließlich werde ich in einem dritten Teil untersuchen, ob die Richtlinie 2006/24 mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wiederum im Sinne von Art. 52 Abs. 1 der Charta im Einklang steht. 3. Bevor ich mit der Prüfung dieser drei Problemkreise beginne, werde ich jedoch auf drei Fragen eingehen, die mir für das Verständnis der Probleme unerlässlich erscheinen, die durch die vom High Court (Irland) und vom Verfassungsgerichtshof (Österreich) zur Vorabentscheidung vorgelegten Fragen nach der Gültigkeit aufgeworfen worden sind. 2 Es geht im vorliegenden Fall um die Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. März 2006 über die Vorratsspeicherung von Daten, die bei der Bereitstellung öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste oder öffentlicher Kommunikationsnetze erzeugt oder verarbeitet werden, und zur Änderung der Richtlinie 2002/58/EG (ABl. L 105, S. 54). 3 Im Folgenden: Charta. 4 Es ist darauf hinzuweisen, dass die Umsetzung der Richtlinie 2006/24 zu mehreren Vertragsverletzungsklagen geführt hat und dass eine Klage, die sich auf Art. 260 Abs. 3 AEUV stützt, immer noch anhängig ist (Rechtssache Kommission/Deutschland, C-329/12). I - 2 VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013
4 DIGITAL RIGHTS IRELAND UND SEITLINGER U. A. I Rechtlicher Rahmen A Unionsrecht 4. Die wichtigsten Bestimmungen des Unionsrechts, die für die Prüfung der dem Gerichtshof in den vorliegenden Rechtssachen zur Vorabentscheidung vorgelegten Fragen relevant sind, sind außer denen der Richtlinie 2006/24, um deren Gültigkeit es in beiden Rechtssachen geht, und denen der Charta die Bestimmungen der Richtlinie 95/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr 5 und der Richtlinie 2002/58/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. Juli 2002 über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre in der elektronischen Kommunikation (Datenschutzrichtlinie für elektronische Kommunikation) 6. Diese Richtlinien und ihre wichtigsten Bestimmungen werden, soweit es für die Darlegungen erforderlich ist, im Lauf der folgenden Ausführungen dargestellt. B Nationales Recht 1. Irisches Recht (Rechtssache C-293/12) 5. Art der irischen Verfassung sieht vor, dass keine Bestimmung der Verfassung staatliche Gesetze, Handlungen oder Maßnahmen ungültig macht, die zur Erfüllung der Pflichten aus der Mitgliedschaft in der Europäischen Union oder den Gemeinschaften notwendig sind, oder verhindert, dass Gesetze, Handlungen oder Maßnahmen, die von der Europäischen Union, den Gemeinschaften, ihren 5 ABl. L 281, S. 31. Zu den durch die Umsetzung dieser Richtlinie entstandenen Rechtsstreitigkeiten vgl. Urteile vom 9. März 2010, Kommission/Deutschland (C-518/07, Slg. 2010, I-1885), und vom 16. Oktober 2012, Kommission/Österreich (C-614/10, noch nicht in der amtlichen Sammlung veröffentlicht); vgl. auch allgemeiner Urteile vom 20. Mai 2003, Österreichischer Rundfunk u. a. (C-465/00, C-138/01 und C-139/01, Slg. 2003, I-4989), vom 6. November 2003, Lindqvist (C-101/01, Slg. 2003, I-12971), vom 16. Dezember 2008, Huber (C-524/06, Slg. 2008, I-9705) und Satakunnan Markkinapörssi und Satamedia (C-73/07, Slg. 2008, I-9831), vom 7. Mai 2009, Rijkeboer (C-553/07, Slg. 2009, I-3889), vom 9. November 2010, Volker und Markus Schecke und Eifert (C-92/09 und C-93/09, Slg. 2010, I-11063) vom 24. November 2011, Scarlet Extended (C-70/10, Slg. 2011, I-11959), und ASNEF und FECEMD (C-468/10 und C-469/10, Slg. 2011, I-12181), sowie vom 30. Mai 2013, Worten (C-342/12, noch nicht in der amtlichen Sammlung veröffentlicht). 6 ABl. L 201, S. 37. Zu den durch die Umsetzung dieser Richtlinie entstandenen Rechtsstreitigkeiten vgl. Urteile vom 28. April 2005, Kommission/Luxemburg (C-375/04) und Kommission/Belgien (C-376/04), sowie vom 1. Juni 2006, Kommission/Griechenland (C-475/04); vgl. auch allgemeiner Urteil vom 29. Januar 2008, Promusicae (C-275/06, Slg. 2008, I-271), Beschluss vom 19. Februar 2009, LSG-Gesellschaft zur Wahrnehmung von Leistungsschutzrechten (C-557/07, Slg. 2009, I-1227), Urteile vom 5. Mai 2011, Deutsche Telekom (C-543/09, Slg. 2011, I-3441), Scarlet Extended, vom 19. April 2012, Bonnier Audio u. a. (C-461/10, noch nicht in der amtlichen Sammlung veröffentlicht), und vom 22. November 2012, Probst (C-119/12, noch nicht in der amtlichen Sammlung veröffentlicht). VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013 I - 3
5 SCHLUSSANTRÄGE VON HERRN CRUZ VILLALÓN VERBUNDENE RECHTSSACHEN C-293/12 UND C-594/12 Organen oder den nach den Verträgen zuständigen Einrichtungen erlassen wurden, Gesetzeskraft erlangen. 6. Der mittlerweile aufgehobene Part 7 des Gesetzes von 2005 über terroristische Straftaten (Criminal Justice [Terrorist Offences] Act 2005) 7 enthielt Vorschriften über die Vorratsspeicherung von Daten des Telefonverkehrs. Er verpflichtete die Anbieter von Telekommunikationsdiensten, Verkehrs- und Standortdaten für einen gesetzlich festgelegten Zeitraum zum Zweck der Verhütung, Feststellung, Ermittlung und Verfolgung von Straftaten und des Schutzes der Sicherheit des Staats zu speichern. Das Strafgesetz von 2005 gab den zuständigen staatlichen Behörden, u. a. dem Commissioner of the Garda Síochána, die Möglichkeit, für die genannten Zwecke die Herausgabe dieser Daten nach einem festgelegten Verfahren zu verlangen, und sah Garantien in Form eines Beschwerdeverfahrens unter Federführung einer unabhängigen quasigerichtlichen Stelle vor. 7. Mit dem zur Umsetzung der Richtlinie 2006/24 erlassenen Gesetz über Kommunikation (Vorratsdatenspeicherung) von 2011 (Communications [Retention of Data] Act 2011) wurde Part 7 des Strafgesetzes von 2005 aufgehoben und die Vorratsdatenspeicherung neu geregelt. 2. Österreichisches Recht (Rechtssache C-594/12) 8. Der im Verfassungsrang stehende 1 des Bundesgesetzes über den Schutz personenbezogener Daten 8 sieht ein Grundrecht auf Datenschutz vor. 9. Die Richtlinie 2006/24 wurde durch Bundesgesetz 9, mit dem ein neuer 102a in das Telekommunikationsgesetz eingefügt wurde, der die Anbieter öffentlich zugänglicher Kommunikationsdienste zur Vorratsspeicherung der darin aufgeführten Daten verpflichtet 11, in österreichisches Recht umgesetzt. 7 Im Folgenden: Strafgesetz von Datenschutzgesetz 2000, BGBl. I Nr. 165/1999 in der Fassung BGBl. I Nr. 112/2011, im Folgenden: DSG. 9 Bundesgesetz, mit dem das Telekommunikationsgesetz 2003 TKG 2003 geändert wird, BGBl. I Nr. 27/ Im Folgenden: TKG Zum Wortlaut dieses Artikels vgl. Anhang I Abschnitt III.2. I - 4 VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013
6 DIGITAL RIGHTS IRELAND UND SEITLINGER U. A. II Sachverhalt der Ausgangsverfahren A Rechtssache C-293/12, Digital Rights Ireland 10. Die Klägerin des Ausgangsverfahrens, die Digital Rights Ireland Ltd 12, ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die sich nach ihrer Satzung mit der Förderung und dem Schutz der Bürger- und Menschenrechte insbesondere in der Welt der modernen Kommunikationstechnologien befasst. 11. DRI, die angibt, Eigentümerin eines am 3. Juni 2006 registrierten Mobiltelefons zu sein, das sie seit diesem Tag nutze, erhob eine gegen zwei Minister der irischen Regierung, The Minister for Communications, Marine and Natural Resources und The Minister for Justice, Equality and Law Reform, den Leiter der irischen Polizei (The Commissioner of the Garda Síochána), Irland sowie den Attorney General des irischen Staates gerichtete Klage, in deren Rahmen sie im Wesentlichen geltend macht, dass die irischen Behörden die mit ihren Kommunikationsvorgängen verbundenen Daten rechtswidrig verarbeitet, auf Vorrat gespeichert und kontrolliert hätten. 12. Daher beantragt sie zum einen die Nichtigerklärung der verschiedenen innerstaatlichen Rechtsakte, mit denen die irischen Behörden ermächtigt werden, Maßnahmen zu treffen, die die Anbieter von Telekommunikationsdiensten zur Vorratsspeicherung von Telekommunikationsdaten verpflichten, da sie diese Maßnahmen für unvereinbar mit der irischen Verfassung und dem Unionsrecht hält. Zum anderen stellt sie die Gültigkeit der Richtlinie 2006/24 im Hinblick auf die Charta und/oder die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten 13 in Frage und fordert das vorlegende Gericht auf, den Gerichtshof mit mehreren Vorlagefragen nach der Gültigkeit der genannten Richtlinie zu befassen. B Rechtssache C-594/12, Seitlinger u. a. 13. Am 6. April 2012 brachte die Kärntner Landesregierung beim Verfassungsgerichtshof einen Antrag gemäß Art. 140 Abs. 1 des österreichischen Bundes-Verfassungsgesetzes 14 ein, mit dem sie die Nichtigerklärung mehrerer Bestimmungen des TKG 2003, insbesondere seines 102a in der am 1. April 2012 in Kraft getretenen Fassung nach der Umsetzung der Richtlinie 2006/24, begehrt. 14. Am 25. Mai 2012 brachte Herr Michael Seitlinger beim Verfassungsgerichtshof einen Antrag gemäß Art. 140 Abs. 1 B-VG ein, mit dem 12 Im Folgenden: DRI. 13 Im Folgenden: EMRK. 14 Im Folgenden: B-VG. VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013 I - 5
7 SCHLUSSANTRÄGE VON HERRN CRUZ VILLALÓN VERBUNDENE RECHTSSACHEN C-293/12 UND C-594/12 er rügt, 102a TKG 2003 sei verfassungswidrig und verletze ihn in seinen Rechten. Diese Bestimmung, die die Verpflichtung seines Kommunikationsnetzbetreibers zur Speicherung von Daten ohne Anlass, ohne technische Notwendigkeiten und nicht zum Zweck der Rechnungsstellung sowie gegen seinen Willen vorsehe, verstoße u. a. gegen Art. 8 der Charta. 15. Am 15. Juni 2012 ging beim Verfassungsgerichtshof schließlich ein weiterer Antrag gemäß Art. 140 B-VG ein, mit dem Personen geltend machen, die Verfassungswidrigkeit der Verpflichtung zur Vorratsspeicherung der in 102a TKG 2003 aufgeführten Daten verletze ihre Rechte und insbesondere Art. 8 der Charta. III Vorlagefragen und Verfahren vor dem Gerichtshof A Rechtssache C-293/12, Digital Rights Ireland 16. In der Rechtssache C-293/12 legt der High Court dem Gerichtshof folgende Fragen zur Vorabentscheidung vor: 1. Ist die sich aus den Erfordernissen der Art. 3, 4 und 6 der Richtlinie 2006/24 ergebende Beschränkung der Rechte der Klägerin des Ausgangsverfahrens bezüglich der Nutzung des Mobilfunks mit Art. 5 Abs. 4 EUV unvereinbar, weil sie unverhältnismäßig und nicht erforderlich bzw. ungeeignet zur Erreichung der berechtigten Ziele ist, die darin bestehen, a) sicherzustellen, dass bestimmte Daten zwecks Ermittlung, Feststellung und Verfolgung schwerer Straftaten zur Verfügung stehen, und/oder b) sicherzustellen, dass der Binnenmarkt der Europäischen Union reibungslos funktioniert? 2. Insbesondere: (i) Ist die Richtlinie 2006/24 mit dem in Art. 21 AEUV verankerten Recht der Bürger vereinbar, sich im Hoheitsgebiet der Mitgliedstaaten frei zu bewegen und aufzuhalten? (ii) Ist die Richtlinie 2006/24 mit dem in Art. 7 der Charta und Art. 8 EMRK verankerten Recht auf Privatleben vereinbar? (iii) Ist die Richtlinie 2006/24 mit dem in Art. 8 der Charta verankerten Recht auf Schutz personenbezogener Daten vereinbar? I - 6 VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013
8 DIGITAL RIGHTS IRELAND UND SEITLINGER U. A. (iv) Ist die Richtlinie 2006/24 mit dem in Art. 11 der Charta und Art. 10 EMRK verankerten Recht auf Freiheit der Meinungsäußerung vereinbar? (v) Ist die Richtlinie 2006/24 mit dem in Art. 41 der Charta verankerten Recht auf eine gute Verwaltung vereinbar? 3. Inwieweit hat ein nationales Gericht nach den Verträgen insbesondere nach dem in Art. 4 Abs. 3 EUV verankerten Grundsatz der loyalen Zusammenarbeit die Vereinbarkeit der nationalen Maßnahmen zur Umsetzung der Richtlinie 2006/24 mit dem durch die Charta einschließlich deren Art. 7 (in dem der Gedanke des Art. 8 EMRK zum Ausdruck kommt) gewährten Schutz zu prüfen und festzustellen? B Rechtssache C-594/12, Seitlinger u. a. 17. In der Rechtssache C-594/12 legt der Verfassungsgerichtshof dem Gerichtshof folgende Fragen zur Vorabentscheidung vor: 1. Zur Gültigkeit von Handlungen von Organen der Union: Sind die Art. 3 bis 9 der Richtlinie 2006/24 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. März 2006 über die Vorratsspeicherung von Daten, die bei der Bereitstellung öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste oder öffentlicher Kommunikationsnetze erzeugt oder verarbeitet werden, und zur Änderung der Richtlinie 2002/58/EG mit den Art. 7, 8 und 11 der Charta vereinbar? 2. Zur Auslegung der Verträge: 2.1 Sind im Licht der Erläuterungen zu Art. 8 der Charta, die gemäß Art. 52 Abs. 7 der Charta als Anleitung zur Auslegung der Charta verfasst wurden und vom Verfassungsgerichtshof gebührend zu berücksichtigen sind, die Richtlinie 95/46/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 24. Oktober 1995 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten und zum freien Datenverkehr und die Verordnung (EG) Nr. 45/2001 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 18. Dezember 2000 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten durch die Organe und Einrichtungen der Gemeinschaft und zum freien Datenverkehr (ABl. 2001, L 8, S. 1) für die Beurteilung der Zulässigkeit von Eingriffen gleichwertig mit den Bedingungen nach Art. 8 Abs. 2 und Art. 52 Abs. 1 der Charta zu berücksichtigen? VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013 I - 7
9 SCHLUSSANTRÄGE VON HERRN CRUZ VILLALÓN VERBUNDENE RECHTSSACHEN C-293/12 UND C-594/ In welchem Verhältnis steht das in Art. 52 Abs. 3 letzter Satz der Charta in Bezug genommene Recht der Union zu den Richtlinien im Bereich des Datenschutzrechts? 2.3 Sind angesichts dessen, dass die Richtlinie 95/46 und die Verordnung Nr. 45/2001 Bedingungen und Beschränkungen für die Wahrnehmung des Datenschutzgrundrechts der Charta enthalten, Änderungen als Folge späteren Sekundärrechts bei der Auslegung des Art. 8 der Charta zu berücksichtigen? 2.4 Hat unter Berücksichtigung des Art. 52 Abs. 4 der Charta der Grundsatz der Wahrung höherer Schutzniveaus in Art. 53 der Charta zur Konsequenz, dass die nach der Charta maßgeblichen Grenzen für zulässige Einschränkungen durch Sekundärrecht enger zu ziehen sind? 2.5 Können sich im Hinblick auf Art. 52 Abs. 3 der Charta, Abs. 5 der Präambel und die Erläuterungen zu Art. 7 der Charta, wonach die darin garantierten Rechte den Rechten nach Art. 8 EMRK entsprechen, aus der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu Art. 8 EMRK Gesichtspunkte für die Auslegung des Art. 8 der Charta ergeben, die die Auslegung des zuletzt genannten Artikels beeinflussen? C Verfahren vor dem Gerichtshof 18. In der Rechtssache C-293/12 haben die Irish Human Rights Commission 15, die irische, die französische, die italienische und die polnische Regierung, die Regierung des Vereinigten Königreichs sowie das Europäische Parlament, der Rat der Europäischen Union und die Europäische Kommission schriftliche Erklärungen vorgelegt. 19. In der Rechtssache C-594/12 haben Herr Seitlinger und Herr Tschohl, die spanische, die französische, die österreichische und die portugiesische Regierung sowie das Parlament, der Rat und die Kommission schriftliche Erklärungen vorgelegt. 20. Die beiden Rechtssachen sind durch Beschluss des Präsidenten des Gerichtshofs vom 6. Juni 2013 zu gemeinsamem mündlichen Verfahren und gemeinsamer Entscheidung verbunden worden. 21. Im Hinblick auf die Durchführung einer gemeinsamen mündlichen Verhandlung in den beiden Rechtssachen hat der Gerichtshof die Verfahrensbeteiligten, die mündlich verhandeln wollten, gemäß Art. 61 seiner 15 Im Folgenden: IHRC. I - 8 VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013
10 DIGITAL RIGHTS IRELAND UND SEITLINGER U. A. Verfahrensordnung aufgefordert, ihre jeweiligen Standpunkte aufeinander abzustimmen, ihr Vorbringen auf die Vereinbarkeit der Richtlinie 2006/24 mit den Art. 7 und 8 der Charta zu konzentrieren und bestimmte Fragen zu beantworten. Darüber hinaus hat er den Europäischen Datenschutzbeauftragten 16 in Anwendung von Art. 24 Abs. 2 der Satzung des Gerichtshofs aufgefordert, Auskunft zu geben. 22. DRI und die IHRC (Rechtssache C-293/12), Herr Seitlinger und Herr Tschohl (Rechtssache C-594/12) sowie die irische, die spanische und die österreichische Regierung, die Regierung des Vereinigten Königreichs, das Parlament, der Rat, die Kommission und der EDSB haben in der gemeinsamen öffentlichen Sitzung, die am 9. Juli 2013 stattgefunden hat, mündlich verhandelt. IV Zur Zulässigkeit 23. In ihren schriftlichen Erklärungen in der Rechtssache C-293/12 machen das Parlament, der Rat und die Kommission im Wesentlichen geltend, der High Court habe nicht hinreichend begründet, was ihn veranlasst habe, die Gültigkeit der Richtlinie 2006/24, insbesondere im Hinblick auf Art. 21 AEUV sowie die Art. 11 und 41 der Charta, in Zweifel zu ziehen. Diese Ungenauigkeiten des Vorabentscheidungsersuchens des High Court können den Gerichtshof jedoch nicht veranlassen, es als unzulässig zurückzuweisen. V Zur Beantwortung der Fragen 24. Mit den verschiedenen Vorabentscheidungsersuchen des High Court in der Rechtssache C-293/12 und des Verfassungsgerichtshofs in der Rechtssache C-594/12 werden vier Fragenkomplexe aufgeworfen. 25. Der erste Komplex, der durch die erste Frage in der Rechtssache C-293/12 gebildet wird, betrifft die Gültigkeit der Richtlinie 2006/24 im Hinblick auf Art. 5 Abs. 4 EUV. Der High Court fragt sich nämlich ganz konkret, ob die Richtlinie 2006/24 grundsätzlich verhältnismäßig im Sinne dieser Vorschrift ist, d. h., ob sie zur Erreichung der mit ihr verfolgten Ziele, die darin bestehen, die Verfügbarkeit bestimmter Daten zum Zweck der Ermittlung, Feststellung und Verfolgung schwerer Straftaten zu gewährleisten und/oder sicherzustellen, dass der Binnenmarkt reibungslos funktioniert, erforderlich und geeignet ist. 26. Der zweite Komplex, der sich aus der zweiten Frage in der Rechtssache C-293/12 und der ersten Frage in der Rechtssache C-594/12 zusammensetzt, betrifft die Vereinbarkeit mehrerer Bestimmungen der Richtlinie 2006/24 mit mehreren Bestimmungen der Charta, hauptsächlich mit ihrem Art. 7, der das Recht auf Achtung des Privatlebens betrifft, und ihrem Art. 8 über das Recht auf Schutz personenbezogener Daten und allgemeiner die Verhältnismäßigkeit der mit ihr auferlegten Maßnahmen im Sinne von Art. 52 Abs. 1 der Charta. Diese 16 Im Folgenden: EDSB. VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013 I - 9
11 SCHLUSSANTRÄGE VON HERRN CRUZ VILLALÓN VERBUNDENE RECHTSSACHEN C-293/12 UND C-594/12 Gültigkeitsfrage steht zweifellos im Mittelpunkt der durch diese Rechtssachen aufgeworfenen Probleme. 27. Mit der zweiten Frage des Verfassungsgerichtshofs in der Rechtssache C-594/12 wird ein dritter Fragenkomplex aufgeworfen, und zwar die Auslegung der allgemeinen Bestimmungen der Charta über deren Auslegung und Anwendung, konkret ihrer Art. 52 Abs. 3, 4 und 7 sowie 53. Im Einzelnen möchte der Verfassungsgerichtshof wissen, in welchem Verhältnis Art. 8 der Charta, in dem das Recht auf Schutz personenbezogener Daten verankert ist, zu erstens den Bestimmungen der Richtlinie 95/46 und der Verordnung Nr. 45/2001 in Verbindung mit Art. 52 Abs. 1 und 3 der Charta (Fragen 2.1, 2.2 und 2.3), zweitens den Verfassungstraditionen der Mitgliedstaaten (Frage 2.4) in Verbindung mit Art. 52 Abs. 4 der Charta und drittens dem Recht der EMRK, insbesondere deren Art. 8, in Verbindung mit Art. 52 Abs. 3 der Charta (Frage 2.5), steht. 28. Mit seiner dritten Vorlagefrage in der Rechtssache C-293/12, die den vierten und letzten Fragenkomplex bildet, möchte der High Court vom Gerichtshof schließlich wissen, wie Art. 4 Abs. 3 EUV auszulegen ist, genauer, ob die nationalen Gerichte aufgrund der Pflicht zur loyalen Zusammenarbeit die Vereinbarkeit der nationalen Vorschriften zur Umsetzung der Richtlinie 2006/24 mit den Bestimmungen der Charta, insbesondere deren Art. 7, zu prüfen und festzustellen haben. 29. Vorab sei klargestellt, dass sich meine Prüfung im Wesentlichen auf die ersten beiden Fragenkomplexe erstrecken wird und dass es in Anbetracht ihrer Beantwortung nicht notwendig sein wird, spezielle Antworten auf die letzten beiden Fragenkomplexe zu geben. Bevor ich auf diese Fragen eingehe, bedarf es jedoch einiger einleitender Klarstellungen. A Vorbemerkungen 30. Um die verschiedenen von den vorlegenden Gerichten aufgeworfenen Fragen voll und ganz beantworten zu können, ist auf drei Gesichtspunkte hinzuweisen, die entscheidend zum Profil der vorliegenden Rechtssachen beitragen, nämlich erstens auf die funktionelle Besonderheit der Richtlinie 2006/24, zweitens auf die nähere Bestimmung des Eingriffs in die fraglichen Grundrechte und drittens schließlich darauf, wie sich das Urteil vom 10. Februar 2009, Irland/Parlament und Rat 17, mit dem der Gerichtshof die auf den Vorwurf einer falschen Rechtsgrundlage gestützte Nichtigkeitsklage gegen die genannte Richtlinie abgewiesen hat, auf die vorliegenden Rechtssachen auswirkt. 17 C-301/06, Slg. 2009, I-593. I - 10 VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013
12 DIGITAL RIGHTS IRELAND UND SEITLINGER U. A. 1. Zum funktionellen Dualismus der Richtlinie 2006/24 und zu ihrem Verhältnis zur Richtlinie 95/46 und zur Richtlinie 2002/ Zunächst ist die Richtlinie 2006/24 in ihren Kontext einzuordnen, indem der Rechtsrahmen, in den sie sich einfügt und der hauptsächlich aus der Richtlinie 95/46 einerseits und der Richtlinie 2002/58 andererseits besteht, kurz wiedergegeben wird. 32. Gegenstand der Richtlinie 95/46, die sich ebenso wie die Richtlinie 2006/24 auf Art. 114 AEUV stützt, ist die Verpflichtung der Mitgliedstaaten, das Recht natürlicher Personen auf Privatsphäre bei der Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten zu gewährleisten 18, um den freien Verkehr dieser Daten zwischen den Mitgliedstaaten zu ermöglichen 19. Zu diesem Zweck stellt sie u. a. eine ganze Reihe von Regeln auf, mit denen die Voraussetzungen für die Zulässigkeit der Verarbeitung personenbezogener Daten festgelegt, die Rechte der Personen, deren Daten erhoben und verarbeitet werden, insbesondere das Recht auf Information 20, das Auskunftsrecht 21, das Widerspruchsrecht 22 und das Recht auf einen Rechtsbehelf 23, aufgeführt und die Vertraulichkeit und Sicherheit der Verarbeitung gewährleistet werden. 33. Das durch die Richtlinie 95/46 eingeführte Schutzsystem ist mit Ausnahmen und Einschränkungen versehen, die in ihrem Art. 13 festgelegt sind. Die Rechte und Pflichten, die sie in Bezug auf die Qualität der Daten (Art. 6 Abs. 1), die Transparenz der Verarbeitungen (Art. 10 und 11 Abs. 1), das Auskunftsrecht der Personen, deren Daten verarbeitet werden (Art. 12), und die Öffentlichkeit der Verarbeitungen (Art. 21) vorsieht, können durch Rechtsvorschriften eingeschränkt werden, sofern dies u. a. für die Sicherheit des Staates, die Landesverteidigung, die öffentliche Sicherheit oder für die Verhütung, Ermittlung, Feststellung und Verfolgung von Straftaten notwendig ist. 34. Die Richtlinie 2002/58, mit der die Richtlinie 97/66/EG 24 aufgehoben und ersetzt wird, detailliert und ergänzt 25 das mit der Richtlinie 95/46 eingeführte 18 Vgl. Art. 1 Abs. 1 der Richtlinie 95/ Vgl. Art. 1 Abs. 2 der Richtlinie 95/ Vgl. Art. 10 und 11 der Richtlinie 95/ Vgl. Art. 12 der Richtlinie 95/ Vgl. Art. 14 der Richtlinie 95/ Vgl. Art. 22 der Richtlinie 95/ Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. Dezember 1997 über die Verarbeitung personenbezogener Daten und den Schutz der Privatsphäre im Bereich der Telekommunikation (ABl. 1998, L 24, S. 1). 25 Nach dem Wortlaut von Art. 1 Abs. 2 der Richtlinie 2002/58. VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013 I - 11
13 SCHLUSSANTRÄGE VON HERRN CRUZ VILLALÓN VERBUNDENE RECHTSSACHEN C-293/12 UND C-594/12 Schutzsystem für personenbezogene Daten durch spezielle Vorschriften für den Bereich der elektronischen Kommunikation 26. Sie enthält insbesondere Vorschriften, mit denen die Mitgliedstaaten von Ausnahmen abgesehen 27 verpflichtet werden, die Vertraulichkeit nicht nur der Nachrichten, sondern auch der Verkehrsdaten der Teilnehmer und Nutzer elektronischer Kommunikationsdienste sicherzustellen 28. Ihr Art. 6 verpflichtet die Betreiber von Kommunikationsdiensten, die von ihnen verarbeiteten und gespeicherten Verkehrsdaten ihrer Teilnehmer und Nutzer zu löschen oder zu anonymisieren. 35. Von besonderer Bedeutung für die nachstehenden Ausführungen ist, dass Art. 15 Abs. 1 der Richtlinie 2002/58 mit den gleichen Worten wie Art. 13 Abs. 1 der Richtlinie 95/46, auf den er Bezug nimmt, ferner vorsieht, dass die Mitgliedstaaten Rechtsvorschriften erlassen können 29, die die Rechte und Pflichten gemäß der Richtlinie 2002/58, u. a. in Bezug auf die Vertraulichkeit der Kommunikation (Art. 5) und die Löschung der Verkehrsdaten (Art. 6), beschränken. Genauer heißt es dort, dass die Mitgliedstaaten zu diesem Zweck u. a. durch Rechtsvorschriften vorsehen können, dass Daten aus den aufgeführten Gründen während einer begrenzten Zeit aufbewahrt werden, wobei die Grundrechte beachtet werden müssen. 36. In Wirklichkeit nimmt die Richtlinie 2006/24 eine tief greifende Änderung des Rechts vor, das auf Daten im Bereich der elektronischen Kommunikation gemäß den Richtlinien 95/46 und 2002/58 anwendbar ist 30, indem sie vorsieht, dass die Mitgliedstaaten eine Verpflichtung zur Erhebung und Vorratsspeicherung von Verkehrs- und Standortdaten einführen, die sich in den Rahmen der in Art. 13 Abs. 1 der Richtlinie 95/46 und Art. 15 Abs. 1 der Richtlinie 2002/58 vorgesehenen Grenzen des Rechts auf Schutz personenbezogener Daten einfügt. 37. Die Richtlinie 2006/24 ist zunächst durch ihr Ziel der Harmonisierung im vorliegenden Fall der die Vorratsspeicherung von Verkehrs- und Standortdaten im Bereich der elektronischen Kommunikation betreffenden Regelungen der Mitgliedstaaten gekennzeichnet. In Anbetracht der zu harmonisierenden Materie und der Sachlage erfordert dieses Ziel zugleich, dass den Mitgliedstaaten, die nicht über eine solche Regelung verfügen, eine Verpflichtung zur Erhebung und Vorratsspeicherung der genannten Daten auferlegt wird. Daraus folgt, dass die Richtlinie 2006/24 einen funktionellen Dualismus aufweist, dessen Berücksichtigung von wesentlicher Bedeutung ist, um dem Problem, das mit den 26 Vgl. Art. 1 Abs. 1 der Richtlinie 2002/ Vgl. insbesondere, neben Art. 5 Abs. 2, Art. 15 Abs. 1 der Richtlinie 2002/ Vgl. Art. 5 Abs. 1 der Richtlinie 2002/ Hervorhebung nur hier. 30 Vgl. u. a. die ersten sechs Erwägungsgründe der Richtlinie 2006/24. I - 12 VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013
14 DIGITAL RIGHTS IRELAND UND SEITLINGER U. A. vorliegenden Vorabentscheidungsersuchen aufgeworfen wird, in geeigneter Weise begegnen zu können. 38. Mit der Richtlinie 2006/24 sollen nämlich in erster Linie die nationalen Regelungen harmonisiert werden, durch die den Anbietern öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste oder den Betreibern eines öffentlichen Kommunikationsnetzes 31 bereits Verpflichtungen zur Vorratsspeicherung der Verkehrs- und Standortdaten auferlegt werden, die sie festlegt, um sicherzustellen, dass diese Daten zum Zwecke der Ermittlung, Feststellung und Verfolgung von schweren Straftaten, wie sie von jedem Mitgliedstaat in seinem nationalen Recht bestimmt werden 32, zur Verfügung stehen. Damit harmonisiert die Richtlinie 2006/24 also teilweise die Regelungen, die einige Mitgliedstaaten auf der Grundlage der durch Art. 15 Abs. 1 der Richtlinie 2002/58 gebotenen Möglichkeit erlassen haben Die Richtlinie 2006/24 schafft daher eine Regelung, die von den in der Richtlinie 95/46 und der Richtlinie 2002/58 aufgestellten Grundsätzen abweicht 34. Genau genommen stellt sie eine Ausnahme von den in Art. 15 Abs. 1 der Richtlinie 2002/58 festgelegten Ausnahmevorschriften dar, die die Befugnis der Mitgliedstaaten regeln, das Recht auf Schutz personenbezogener Daten und allgemeiner das Recht auf Achtung der Privatsphäre im besonderen Rahmen der Bereitstellung elektronischer Kommunikationsdienste oder öffentlicher Kommunikationsnetze aus den in Art. 13 Abs. 1 der Richtlinie 95/46 aufgeführten Gründen zu beschränken. 40. Durch Art. 11 der Richtlinie 2006/24 wird im Übrigen bemerkenswerterweise ein Abs. 1a in Art. 15 der Richtlinie 2002/58 eingefügt, in dem es heißt, dass Art. 15 Abs. 1 nicht für Daten gilt, für die in der Richtlinie 2006/24 eine Vorratsspeicherung ausdrücklich vorgeschrieben ist. 41. Wie der Gerichtshof in seinem Urteil Irland/Parlament und Rat ausgeführt hat, erfasst die Richtlinie 2006/24 im Wesentlichen die Tätigkeiten der Anbieter elektronischer Kommunikationsdienste 35, indem sie die nationalen Regelungen durch Vorschriften harmonisiert, die im Wesentlichen beschränkt sind 36 auf die 31 Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden schlicht von Anbietern elektronischer Kommunikationsdienste sprechen. 32 Vgl. den 21. Erwägungsgrund und Art. 1 Abs. 1 der Richtlinie 2006/ Vgl. die Erwägungsgründe 4 und 5 der Richtlinie 2006/ In Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2006/24 heißt es, dass die Vorratsspeicherungspflicht, die er vorsieht, abweichend von den Art. 5, 6 und 9 der Richtlinie 2002/58 gilt. 35 Vgl. Randnr So der vom Gerichtshof in Randnr. 80 seines Urteils Irland/Parlament und Rat verwendete Ausdruck. VORLÄUFIGE FASSUNG VOM 12/12/2013 I - 13