Source: http://swissblawg.ch/2015/12/bvger-bestatigt-busse-von-chf-156-mio.html
Timestamp: 2017-07-27 04:33:07
Document Index: 63514647

Matched Legal Cases: ['Art. 5', 'Art. 2', 'Art. 5', 'Art. 5', 'Art. 5', 'EuG']

BVGer bestätigt Busse von CHF 156 Mio. gegen BMW wegen Verhinderung von Parallelimporten - swissblawg
Next4A_170/2015, 4A_168/2015: Anspruch eines Bankkunden auf Barauszahlung bejaht, auch ohne vorherige Unterzeichnung einer Steuerkonformitätsbescheinigung
Oliver Kaufmann	• 7. Dezember 2015
IP/IT und Wettbewerb	Mit Urteil vom 13. Novem­ber 2015 hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt eine Bus­se der Wett­be­werbs­kom­mis­si­on gegen die Bay­ri­sche Moto­ren Wer­ke AG, Mün­chen (BMW), in der Höhe von CHF 156 Mio. bestä­tigt. Das Gericht erkann­te in einer ver­trag­li­chen Abre­de, wel­che den BWM-Händ­lern im Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum (EWR) Expor­te in Län­der ausser­halb des EWR und damit auch Expor­te in die Schweiz unter­sag­te, eine unzu­läs­si­ge ver­ti­ka­le Gebiets­ab­re­de im Sin­ne von Art. 5 Abs. 4 KG.
Auf­grund des im Aus­land ver­or­te­ten Sach­ver­hal­tes befass­te sich das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zunächst mit der Fra­ge der Anwend­bar­keit des Schwei­zer Kar­tell­ge­set­zes. Das Gericht erwog dies­be­züg­lich, dass von einem wei­ten ört­li­chen Anwen­dungs­be­reich des Schwei­zer Kar­tell­ge­set­zes aus­zu­ge­hen sei. Das in Art. 2 Abs. 2 KG ver­an­ker­te Aus­wir­kungs­prin­zip sol­le der Anwen­dung des Kar­tell­ge­set­zes expli­zit auch dort zum Durch­bruch ver­hel­fen, wo ein Wett­be­werbs­ver­stoss im Aus­land began­gen wur­de. Zur kon­kre­ten Beur­tei­lung des Vor­lie­gens von Aus­wir­kun­gen hielt das Gericht ins­be­son­de­re fest [E 2.3.10]:
Für die Beant­wor­tung der Fra­ge der Natur einer Aus­wir­kung ist ein Abstel­len auf die abstrak­ten Begrif­fe “Spürbarkeit”,“Unmittelbarkeit”, “Tat­säch­lich­keit” und “Vor­her­seh­bar­keit” mit erheb­li­chen Unsi­cher­hei­ten für die Rechts­un­ter­wor­fe­nen ver­bun­den. Ziel­füh­ren­der ist es, Markt­aus­wir­kun­gen dort zu beja­hen, wo durch Ver­wirk­li­chung eines Sach­norm­tat­be­stan­des der Anwen­dungs­an­spruch einer Rechts­ord­nung aus­ge­löst wird […]. Der dadurch breit gefass­te Anwen­dungs­be­reich wer­de durch die Anwen­dung der mate­ri­el­len Bestim­mun­gen des Kar­tell­ge­set­zes wie­der ein­ge­schränkt. Dies ver­hin­de­re, “dass gegen Unter­neh­men Sank­tio­nen aus­ge­spro­chen wer­den für Wett­be­werbs­be­schrän­kun­gen, wel­che nur geri­ne­ge oder kei­ne Aus­wir­kun­gen in der Schweiz zei­ti­gen”. Für die Begrün­dung der Anwend­bar­keit des Schwei­zer Kar­tell­ge­set­zes erach­te­te es das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt folg­lich als ent­schei­dend, dass BMW “Abre­den getrof­fen [habe], wel­che den Ver­kauf von Pro­duk­ten in die Schweiz und somit den Schwei­zer Markt betref­fen”.
Im Kern des Ent­schei­des stand aller­dings die Fra­ge nach der Erheb­lich­keit der Wett­be­werbs­ab­re­de — mit­hin die Fra­ge, ob bei Vor­lie­gen einer qua­li­ta­tiv erheb­li­chen Wett­be­werbs­ab­re­de auf die Prü­fung quan­ti­ta­ti­ver Kri­te­ri­en ver­zich­tet wer­den kann.
Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hielt hier­zu zwar zunächst fest, dass die Erheb­lich­keit grund­sätz­lich sowohl anhand qua­li­ta­ti­ver als auch quan­ti­ta­ti­ver Ele­men­te zu beur­tei­len sei. Die­ser Grund­satz erfah­re aber bei beson­ders pro­ble­ma­ti­schen Abre­den eine Ein­schrän­kung [E 9.1.4]:
Ver­ein­ba­run­gen, durch wel­che akti­ve und pas­si­ve Ver­käu­fe in ein Ter­ri­to­ri­um unter­bun­den wer­den (sog. abso­lu­te Gebiets­schutz­klau­seln) gehö­ren zu den kar­tell­recht­lich schäd­lich­sten Abre­den. Wenn das Gesetz bei ihrem Vor­lie­gen die Ver­mu­tung sta­tu­iert, dass sie den wirk­sa­men Wett­be­werb besei­ti­gen, so ist a maio­re ad minus davon aus­zu­ge­hen, dass sie sich auch erheb­lich auf den Wett­be­werb aus­wir­ken […]. Die­se Aus­le­gung ist umso mehr gebo­ten, als die Schweiz auf­grund ihrer Nicht-Mit­glied­schaft im EWR einen geson­der­ten Markt auf­weist, wel­cher anfäl­lig ist für Gebiets­ab­schot­tun­gen. Sie ent­spricht, wie erwähnt, auch dem Wil­len des Gesetz­ge­bers, der mit der Ein­füh­rung des Art. 5 Abs. 4 KG der Vor­in­stanz eine Hand­ha­be geben woll­te, um ins­be­son­de­re gegen den Schwei­zer Markt abschot­ten­de Klau­seln vor­zu­ge­hen und Par­al­lel­im­por­te zu ermög­li­chen.
Nicht gel­ten liess das Gericht in die­sem Zusam­men­hang den Ein­wand, dass mit dem fak­tisch allei­ni­gen Abstüt­zen auf qua­li­ta­ti­ve Ele­men­te ein ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­ges per se-Ver­bot sta­tu­iert wer­de. Es lie­ge kein per se-Ver­bot vor, solan­ge eine Recht­fer­ti­gung aus Effi­zi­enz­grün­den mög­lich sei.
In der Fol­ge hielt das Gericht fest, dass es sich bei beim ver­trag­li­chen Export­ver­bot um eine qua­li­ta­tiv erheb­li­che Wett­be­werbs­be­schrän­kung hand­le. Es lie­ge somit auch ins­ge­samt eine den Wett­be­werb erheb­lich beein­trä­ti­gen­de Abre­de vor.
Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt beton­te im Anschluss, dass sich sei­ne Erwä­gun­gen zur Prü­fung qua­li­ta­ti­ver und quan­ti­ta­ti­ver Ele­men­te nur auf den kon­kre­ten Fall bezie­hen. Der Fra­ge, ob “bei einem ande­ren Sach­ver­halt” nach der Fest­stel­lung qua­li­ta­ti­ver Erheb­lich­keit auch noch quan­ti­ta­ti­ve Ele­men­te zu prü­fen sei­en, müs­se nicht nach­ge­gan­gen wer­den. Gera­de die­se zen­tra­le Fra­ge ist der­zeit aller­dings Gegen­stand der vor Bun­des­ge­richt hän­gi­gen Beschwer­den in Sachen Elmex bzw. Gaba/Gebro. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat wegen den damit ver­bun­de­nen Unsi­cher­hei­ten dann vor­sichts­hal­ber doch auch noch eine Prü­fung quan­ti­ta­ti­ver Ele­men­te vor­ge­nom­men, wel­che nach Ansicht des Gerich­tes “den Schluss unter­mau­ern, wonach das Export­ver­bot eine den wirk­sa­men Wett­be­werb erheb­lich beein­träch­ti­gen­de Abre­de i.S.v. Art. 5 Abs. 1 i.V.m. Art. 5 Abs. 4 KG dar­stellt”.
Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: Medi­en­mit­tei­lung (PDF), Urteil vom 13. Novem­ber 2015 (PDF).
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