Source: http://m.hensche.de/Streikrecht_fuer_beamtete_Lehrer_VG_Kassel_28_K_1208-10_KS_D.html
Timestamp: 2018-05-24 19:53:59
Document Index: 347610400

Matched Legal Cases: ['Art. 9', 'Art. 33', 'Art. 33', '§ 50', '§ 113', '§ 28', 'Art. 9', 'EGMR', 'Art. 11', 'Art. 11', 'Art. 11', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'Art. 11', 'EGMR', 'Art. 11', 'EGMR', 'Art. 11', 'Art. 33', 'Art. 11', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 33', 'Art. 11', 'Art. 11', 'Art. 33', 'Art. 11', 'Art. 33', '§ 34', '§ 34', '§ 86', 'Art. 9', '§ 52']

HENSCHE Arbeitsrecht: 28 K 1208/10.KS.D
Akten­zeichen: 28 K 1208/10.KS.D
DISZI­PLI­NAR­KAM­MER BEI DEM
VER­WAL­TUN­GS­GERICHT KASSEL
be­vollmäch­tigt: B.,
ver­tre­ten durch das Staat­li­che Schul­amt für den Land­kreis und die Stadt A-Stadt, Holländi­sche Straße 141, 34127 Kas­sel,
hat die Dis­zi­pli­nar­kam­mer des Ver­wal­tungs­ge­richts Kas­sel durch
Die Miss­bil­li­gung vom 18.03.2010 und der Wi­der­spruchs­be­scheid vom 15.07.2010 wer­den auf­ge­ho­ben.
Das Ur­teil ist we­gen der Kos­ten vorläufig voll­streck­bar. Der Be­klag­te kann die Voll­stre­ckung durch Si­cher­heits­leis­tung in Höhe der fest­ge­setz­ten Kos­ten ab­wen­den, wenn nicht der Kläger zu­vor Si­cher­heit in glei­cher Höhe leis­tet.
Der Kläger wen­det sich ge­gen ei­ne Miss­bil­li­gung auf­grund ei­ner Teil­nah­me an ei­nem Streik.
Der Kläger, ge­bo­ren am , steht als Be­am­ter in Diens­ten des Be­klag­ten. Nach sei­ner schu­li­schen Aus­bil­dung ab­sol­vier­te er zunächst ei­ne Aus­bil­dung zum Bank­kauf­mann und im An­schluss dar­an ein Wirt­schaftspädago­gik­stu­di­um. Die­ses schloss er im Jah­re 1997 als Di­plom­han­dels­leh­rer ab. Am 30.09.1999 be­stand der Kläger die zwei­te Staats­prüfung und wur­de zum 01.11.1999 in ein An­ge­stell­ten­verhält­nis mit dem Land Hes­sen ein­ge­stellt. Mit Ur­kun­de vom 28.02.2000 wur­de der Kläger zum Stu­di­en­rat z. A. er­nannt. Zum 01.05.2001 er­folg­te die Er­nen­nung auf Le­bens­zeit.
Der Kläger ist dis­zi­pli­na­risch nicht vor­be­las­tet.
Am 17.11.2009 nahm der Kläger an ei­nem Streik der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) teil. Er blieb oh­ne Ent­schul­di­gung dem Dienst fern und hielt zwei Un­ter­richts­stun­den nicht.
Mit Schrei­ben vom 12.02.2010 teil­te der Schul­lei­ter der B-Schu­le in A-Stadt dem Kläger mit, dass be­ab­sich­tigt sei, ge­gen ihn we­gen der Teil­nah­me an der Ar­beits­nie­der­le­gung am 17.11.2009 ei­ne schrift­li­che Miss­bil­li­gung aus­zu­spre­chen. Hier­zu nahm der Kläger Stel­lung und führ­te aus, die Teil­nah­me an sei­ner Ar­beits­nie­der­le­gung sei be­rech­tigt ge­we­sen. Der Eu­ropäische Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te ha­be in zwei Ent­schei­dun­gen erklärt, ein ge-
ne­rel­les Streik­ver­bot für al­le Be­am­tin­nen und Be­am­ten ver­s­toße ge­gen die Eu­ropäische Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on.
Mit Da­tum vom 18.03.2010 sprach dar­auf­hin der Schul­lei­ter der B-Schu­le ge­gen den Kläger ei­ne schrift­li­che Miss­bil­li­gung aus. Mit Schrei­ben vom 16.04.2010 leg­te der Kläger ge­gen die­se schrift­li­che Miss­bil­li­gung Wi­der­spruch ein, der mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 15.07.2010, dem Kläger persönlich über­ge­ben am 11.08.2010, zurück­ge­wie­sen wur­de. We­gen der Ein­zel­hei­ten des Wi­der­spruchs­be­schei­des so­wie der Miss­bil­li­gung wird auf Blatt 191 und 197 ff. der Behörden­ak­te ver­wie­sen.
Am 09.09.2010 hat der Kläger Kla­ge er­ho­ben. Er trägt vor, Streik und Streik­teil­nah­me von Be­am­tin­nen und Be­am­ten sei­en nicht rechts­wid­rig, viel­mehr gewähr­leis­te das Grund­recht des Art. 9 Abs. 3 GG mit der Ko­ali­ti­ons­frei­heit auch das Streik­recht der Be­am­ten. Dies fol­ge be­reits aus in­ner­staat­li­chem Recht. Darüber hin­aus be­ste­he aber auch nach der No­vel­lie­rung des Art. 33 Abs. 5 GG der aus­drück­li­che Ver­fas­sungs­auf­trag, das Be­am­ten­recht im Rah­men der all­ge­mei­nen Ent­wick­lung des de­mo­kra­ti­schen Rechts­staats fort­zu­ent­wi­ckeln. Dies schließe auch ei­ne ge­stei­ger­te Pflicht zur völker­rechts­freund­li­chen Aus­le­gung ein. Die­se führe zu dem Er­geb­nis, dass ein all­ge­mei­nes Streik­ver­bot für Be­am­te dem Grund­ge­setz nicht ent­nom­men wer­den könne. Auch der kon­kre­te Streik sei rechtmäßig. Mitt­ler­wei­le wer­de in der Recht­spre­chung des BAG ein so­ge­nann­ter Un­terstützungs­streik an­er­kannt.
die Miss­bil­li­gung des Lei­ters der B-Schu­le in A-Stadt vom 18.03.2010 in der Fas­sung des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 15.07.2010 auf­zu­he­ben.
Er trägt vor, ein Streik­recht ste­he ver­be­am­te­ten Lehr­kräften des Lan­des Hes­sen nicht zu. Das Streik­ver­bot gehöre zu den her­ge­brach­ten Grundsätzen des Be­rufs­be­am­ten­tums nach Art. 33 Abs. 5 GG und ha­be Ver­fas­sungs­rang.
Mit Schriftsätzen vom 04. und 11.02.2011 ha­ben die Be­tei­lig­ten ihr Ein­verständ­nis mit ei­ner Ent­schei­dung im schrift­li­chen Ver­fah­ren erklärt.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Sach- und Streit­stan­des wird Be­zug ge­nom­men auf die Ge­richts­ak­te, die Per­so­nal­ak­te des Klägers (2 Hef­ter), die Ak­te be­tref­fend die Miss­bil­li­gung (1 Hef­ter) so­wie die Ge­richts­ak­te des Hes­si­schen LAG mit dem Ak­ten­zei­chen 2 Sa 57/11.
Die Kla­ge, über die gem. § 50 Satz 5 HDG die Dis­zi­pli­nar­kam­mer des Ver­wal­tungs­ge­richts Kas­sel zur Ent­schei­dung be­ru­fen ist, ist als An­fech­tungs­kla­ge zulässig. Sie ist auch be­gründet, denn die Miss­bil­li­gung vom 18.03.2010 in Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 15.07.2010 ist rechts­wid­rig und ver­letzt den Kläger in sei­nen Rech­ten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 Vw­GO). Ge­gen den Kläger durf­te auf­grund der Teil­nah­me an dem Streik der Ge­werk­schaft Er­zie­hung und Wis­sen­schaft (GEW) am 17.11.2009 kei­ne Miss­bil­li­gung aus­ge­spro­chen wer­den.
Die ge­genüber dem Kläger aus­ge­spro­che­ne Miss­bil­li­gung vom 23.02.2010 ist zwar un­ter Be­ach­tung der ein­schlägi­gen Ver­fah­rens­vor­schrif­ten er­gan­gen, ins­be­son­de­re wur­de dem Kläger zu­vor Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me gem. § 28 des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­zes - HV­wVfG - ge­ge­ben. Die Miss­bil­li­gung er­weist sich je­doch des­halb als ma­te­ri­ell rechts­wid­rig, weil der Kläger durch die Teil­nah­me an dem Streik am 17.11.2009 nicht ge­gen Dienst­pflich­ten ver­s­toßen hat und auch in sons­ti­ger Wei­se die­se Streik­teil­nah­me kei­nen An­lass zu ei­ner Be­an­stan­dung sei­nes dienst­li­chen Ver­hal­tens gibt.
Ge­gen die­se Be­am­ten­pflich­ten hat der Kläger nicht ver­s­toßen, weil er durch die Streik­teil­nah­me am 17.11.2009 sein grund­ge­setz­lich ga­ran­tier­tes (Art. 9 Abs. 3 Grund­ge­setz - GG - ) Streik­recht wahr­ge­nom­men hat, das nach An­sicht der Kam­mer ent­ge­gen der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung auch Be­am­ten zu­ste­hen kann, es sei denn, sie sind ho­heit­lich tätig. Die Teil­nah­me an dem rechtmäßigen Streik stellt ei­nen Recht­fer­ti­gungs­grund dar, so dass der Kläger nicht rechts­wid­rig ge­han­delt hat.
Wie durch die jüngs­te Recht­spre­chung des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) bestätigt, verstößt die­ses aus­nahms­los gel­ten­de Streik­recht für jeg­li­che Be­am­tin­nen und Be­am­te in­des ge­gen Art. 11 Abs. 2 der Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten - EM­RK -. Nach die­ser Vor­schrift ha­ben
al­le Men­schen das Recht, sich fried­lich zu ver­sam­meln und sich frei mit an­de­ren zu­sam­men­zu­sch­ließen, ein­sch­ließlich des Rechts zum Schut­ze ih­rer In­ter­es­sen, Ge­werk­schaf­ten zu bil­den und die­sen bei­zu­tre­ten. Ein­schränkun­gen die­ser Rech­te sind nur zulässig, wenn sie im In­ter­es­se der äußeren und in­ne­ren Si­cher­heit, zur Auf­recht­er­hal­tung der Ord­nung, zur Ver­bre­chens­verhütung, zum Schut­ze der Ge­sund­heit und der Mo­ral oder zum Schut­ze der Rech­te und Frei­hei­ten an­de­rer not­wen­dig sind, wo­bei Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK aus­drück­lich klar­stellt, dass die Ausübung der Rech­te aus Art. 11 für Mit­glie­der der Streit­kräfte, der Po­li­zei oder der Staats­ver­wal­tung ge­setz­li­chen Ein­schränkun­gen un­ter­wor­fen wer­den kann.
Zur Über­zeu­gung der Kam­mer hat die­se Recht­spre­chung des EGMR nicht nur zur Fol­ge, dass die kon­kre­te Streik­teil­nah­me ein­zel­ner Be­am­tin­nen und Be­am­ter, die im nicht ho­heit­li­chen Be­reich tätig sind, nicht dis­zi­pli­na­risch ge­ahn­det wer­den kann (so VG Düssel­dorf, Ur­teil vom 15.12.2010 - 31 K 3904/10.O -, ZBR 2011, 177 ff.), viel­mehr hat sich durch die für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­bind­li­che Aus­le­gung der EM­RK durch den EGMR
der her­ge­brach­te Grund­satz des Be­rufs­be­am­ten­tums, der zu­vor ei­nen Streik aus­nahms­los ver­bot, der­ge­stalt ge­wan­delt, dass nun­mehr un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen auch die Streik­teil­nah­me von Be­am­ten als mit ih­ren Be­am­ten­pflich­ten ver­ein­bar an­ge­se­hen wer­den muss.
Die Ent­schei­dung des EGMR vom 21.04.2009 kann auch nicht so ver­stan­den wer­den, dass der bun­des­deut­sche Ge­setz­ge­ber mit der der­zeit gel­ten­den Rechts­la­ge, nach der Be­am­tin­nen und Be­am­te nicht strei­ken dürfen, das Streik­recht je­doch al­len sons­ti­gen Beschäfti­gen im öffent­li­chen Dienst zu­steht, be­reits den Ver­pflich­tun­gen des Art. 11 EM­RK Genüge ge­tan hätte, wie dies in der Li­te­ra­tur (vgl. Lind­ner, DÖV 2011, 305 ff.) ver­tre­ten wird. Der EGMR hat in sei­ner letzt­ge­nann­ten Ent­schei­dung vom Ge­setz­ge­ber des je­wei­li-
gen Mit­glied­staa­tes ver­langt, dass er ei­ne ein­deu­ti­ge und an­hand ma­te­ri­el­ler Kri­te­ri­en nach­voll­zieh­ba­re Un­ter­schei­dung zwi­schen sol­chen Beschäftig­ten des öffent­li­chen Diens­tes trifft, de­nen er ein Streik­recht zu­ge­steht, und sol­chen, de­nen aus über­ge­ord­ne­ten Ge­sichts­punk­ten, ins­be­son­de­re we­gen der Zu­gehörig­keit zur Grup­pe der Staats­be­diens­te­ten i. S. d. Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK, ein sol­ches nicht zu­ge­stan­den wer­den soll. Da­bei geht der EGMR von ei­nem Verständ­nis des öffent­li­chen Diens­tes aus, wie es in den al­ler­meis­ten Un­ter­zeich­ner­staa­ten vor­herrscht, die zwi­schen sta­tus­recht­li­chen Be­am­ten und An­ge­stell­ten nicht un­ter­schei­den. Wenn Lind­ner a. a. O. hier­aus den Schluss zieht, der deut­sche Staat ha­be be­reits Art. 11 EM­RK Genüge ge­tan, weil er nur für ei­ne be­stimm­te Grup­pe der Staats­be­diens­te­ten, nämlich die der Be­am­tin­nen und Be­am­ten, ein Streik­ver­bot aus­ge­spro­chen hat, den übri­gen je­doch ein Streik­recht einräumt, so kann dem nicht ge­folgt wer­den. Die­se Auf­fas­sung über­sieht, dass die Grup­pe der Be­am­tin­nen und Be­am­ten eben nicht auf­grund ih­rer Tätig­keit von der der An­ge­stell­ten im öffent­li­chen Dienst ab­ge­grenzt wer­den kann. Viel­leicht mag dies zu Zei­ten der Ver­ab­schie­dung der EM­RK durch Bun­des­ge­setz der Fall ge­we­sen sein; seit­dem hat sich je­doch das Bild des öffent­li­chen Diens­tes maßgeb­lich verändert. Viel­fach wird ein und der­sel­be Ar­beits­platz par­al­lel für An­ge­stell­te und Be­am­te aus­ge­schrie­ben. In Behörden ver­rich­ten Be­am­te und An­ge­stell­te auf glei­chen Ar­beitsplätzen ih­ren Dienst und ver­ein­zelt ist zu be­ob­ach­ten, dass Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen ih­re städti­schen Be­diens­te­ten, die zu­vor im An­ge­stell­ten­verhält­nis tätig wa­ren, ver­mehrt in Be­am­ten­verhält­nis­se überführen, nur um da­durch öffent­li­che Kas­sen zu ent­las­ten. Ei­ne Grenz­zie­hung zwi­schen im We­ge ei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses Beschäfti­gen ei­ner­seits und Be­am­tin­nen und Be­am­ten an­de­rer­seits, wie sie ursprüng­lich das Grund­ge­setz bei der Schaf­fung des Art. 33 Abs. 4 GG im Au­ge hat­te, ist da­mit weit­ge­hend ob­so­let ge­wor­den und nur noch in den Kern­be­rei­chen ho­heit­li­chen Han­dels, al­so ins­be­son­de­re bei der Ein­griffs­ver­wal­tung, der Po­li­zei und der Lan­des­ver­tei­di­gung an­zu­fin­den. Da­mit ver­wehrt die Bun­des­re­pu­blik nicht le­dig­lich - so Lind­ner a. a. O. - ei­ner for­mell und ma­te­ri­ell ab­grenz­ba­ren Grup­pe das Streik­recht. Viel­mehr wird fak­tisch das Streik­recht all je­nen Beschäftig­ten ver­wehrt, die sich in ei­nem Be­am­ten­verhält­nis be­fin­den, un­ge­ach­tet ih­rer kon­kre­ten Tätig­keit.
Zu­sam­men­fas­send bleibt da­mit fest­zu­hal­ten, dass durch Art. 11 EM­RK das all­ge­mein gel­ten­de Streik­ver­bot des Art. 33 Abs. 5 GG in­so­weit fort­ent­wi­ckelt wur­de, als nun­mehr nur noch sol­che Be­am­tin­nen und Be­am­te ei­nem Streik­ver­bot un­ter­fal­len, die im ho­heit­li­chen
Be­reich tätig sind. Nur die­se Aus­le­gung des Art. 33 Abs. 5 GG im Lich­te der Eu­ropäischen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­hilft den Grund­frei­hei­ten der Kon­ven­ti­on zu vol­ler Gel­tung und gewähr­leis­tet ein kon­ven­ti­ons­kon­for­mes Ver­hal­ten al­ler staat­li­chen Behörden.
Der Kläger un­terfällt als be­am­te­ter Leh­rer nicht dem Streik­ver­bot des Art. 33 Abs. 5 GG i. V. m. Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK, da er nicht zu den dort ab­sch­ließend ge­nann­ten Per­so­nen­grup­pen gehört. Dass es sich bei Leh­rern nicht um öffent­li­che Be­diens­te­te han­delt, de­nen Auf­ga­ben i. S. d. Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK über­tra­gen wur­den, hat be­reits der Eu­ropäische Ge­richts­hof in sei­ner Ent­schei­dung vom 15.09.2009 (- 30947/04 -, Ka­ya und Sey­han) fest­ge­stellt. Wenn dem­ge­genüber der Be­kla­ge die Auf­fas­sung ver­tritt, bei ver­be­am­te­ten Lehr­kräften han­de­le es sich um sol­che öffent­li­chen Be­diens­te­ten, die ho­heit­li­che Auf­ga­ben zum Wohl der All­ge­mein­heit wahr­neh­men, weil sie ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern ent­spre­chen­de Maßnah­men, wie z.B. Zurück­stel­lung vom Schul­be­such, No­ten­ver­ga­be, Ver­set­zungs­ent­schei­dun­gen, Er­tei­lung von Ab­schluss­zeug­nis­sen etc. zu ver­ant­wor­ten hätten, so ver­mag die Kam­mer die­ser Auf­fas­sung nicht zu fol­gen. Wäre dies so, würden al­so al­le Lehr­kräfte auch ho­heit­li­che Maßnah­men i. S. d. Art. 33 Abs. 4 GG und Art. 11 Abs. 2 Satz 2 EM­RK vor­neh­men, so dürf­te das be­klag­te Land nicht, wie weit ver­brei­tet und nicht sel­ten an­zu­tref­fen, Lehr­kräfte auch im An­ge­stell­ten­verhält­nis beschäfti­gen, und zwar nicht nur le­dig­lich zu Ver­tre­tungs­zwe­cken. So­wohl im Bun­des­land Hes­sen als auch in an­de­ren Bun­desländern wird weit­ge­hend die Auf­fas­sung ver­tre­ten, Lehr­kräfte könn­ten zwar, müss­ten al­ler­dings nicht als Be­am­tin­nen und Be­am­te beschäftigt wer­den.
In der Pra­xis führt dies da­zu, dass viel­fach aus Kos­ten­gründen Lehr­kräfte in das Be­am­ten­verhält­nis über­nom­men wer­den, um So­zi­al­ver­si­che­rungs­beiträge zu spa­ren, aber ei­ne Beschäfti­gung im An­ge­stell­ten­verhält­nis bei­spiels­wei­se dann vor­ge­nom­men wird, wenn die be­am­ten­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht vor­lie­gen, et­wa die Höchst­al­ters­gren­ze über­schrit­ten wur­de. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat in ständi­ger Recht­spre­chung (vgl. z. B. Be­schluss vom 24.01.2011 - 2 B 2/11 -, NVwZ-RR 2011, 329 ff.) die­se Pra­xis aus­drück­lich ge­bil­ligt, oh­ne je­doch auch nur an­deu­tungs­wei­se auf die Fra­ge ein­zu­ge­hen, ob ei­ne Beschäfti­gung ei­nes Leh­rers im An­ge­stell­ten­verhält­nis über­haupt rech­tens sein kann. Auch dies spricht ge­gen die An­sicht des Be­klag­ten, die Leh­rertätig­keit be­inhal­te zwin­gend ho­heit­li­che Auf­ga­ben und könne des­halb nur im Be­am­ten­verhält­nis vor­ge­nom­men wer­den.
Ob die­se Fra­ge hin­sicht­lich Schul­lei­tungs­stel­len an­ders zu be­ur­tei­len ist, kann vor­lie­gend da­hin­ge­stellt blei­ben.
Auch die kon­kre­te Streik­teil­nah­me des Klägers, dem als be­am­te­ten Leh­rer nach dem Vor­ste­hen­den grundsätz­lich ein Streik­recht zu­steht, an dem Streik der GEW am 17.11.2009 ist nicht zu be­an­stan­den. Die Gren­zen des Streik­rechts be­am­te­ter Leh­rer ha­ben sich an den all­ge­mei­nen von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grundsätzen für die Rechtmäßig­keit von Streiks in der Pri­vat­wirt­schaft bzw. von Beschäfti­gen im öffent­li­chen Dienst zu ori­en­tie­ren. Nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung (vgl. z.B. BVerfG, Be­schluss vom 26.06.1991, - 1 BvR 779/85 -, BVerfGE 84, 212 ff; BAG, Be­schluss vom 28.01.1955, - GS 1/54 -, BA­GE 1, 291; Ur­teil vom 12.09.1984, - 1 AZR 342/83 -, NJW 1985, 85 ff) ist ein Streik nur dann zulässig, wenn er ein ta­rif­lich re­gel­ba­res Ziel ver­folgt, nicht ge­gen die Frie­dens­pflicht verstößt, von ei­ner Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert bzw. von ihr nachträglich über­nom­men wird und verhält­nismäßig ist.
Der Streik am 17.11.2009 erfüllt für den Kläger die­se Vor­aus­set­zun­gen. Für die Be­ur­tei­lung die­ser Fra­ge ist es al­ler­dings nicht von Be­lang, ob der Streik für die nicht ver­be­am­te­ten Leh­rer rechtmäßig war, wie dies ins­be­son­de­re vom Ar­beits­ge­richt Mar­burg (Ur­teil vom 10.12.2010 - 2 CA 270/10 -, nicht rechts­kräftig, Ju­ris) be­strit­ten wird. Nach Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts Mar­burg ver­stieß der Streik der an­ge­stell­ten Leh­rer ge­gen die Frie­dens­pflicht und konn­te auch nicht als rechtmäßiger Un­terstützungs­streik ge­wer­tet wer­den. Hin­sicht­lich der Streik­teil­na­me des be­am­te­ten Klägers grei­fen die­se Erwägun­gen je­doch nicht durch.
Wenn in der Recht­spre­chung fer­ner ge­for­dert wird, ein Streik dürfe nicht ge­gen die Frie­dens­pflicht ver­s­toßen, so läuft die­se Vor­aus­set­zung im Be­am­ten­be­reich leer. Hin­sicht­lich der Re­ge­lun­gen der Ar­beits­be­din­gun­gen der Be­am­tin­nen und Be­am­ten exis­tiert kei­ne Frie-
dens­pflicht und auch kein ta­rif­lo­ser Zu­stand, da die ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen über Rech­te und Pflich­ten der Be­am­ten, al­so ins­be­son­de­re das Ver­sor­gungs­recht, die Bei­hil­fe­re­ge­lun­gen so­wie Be­sol­dungs- und Ar­beits­zeit­re­ge­lun­gen nicht zeit­lich be­schränkt sind und auch nicht je­weils neu ver­han­delt wer­den müssen. Würde man hier ver­lan­gen, dass Be­am­tin­nen und Be­am­te nur dann strei­ken dürf­ten, wenn ge­setz­li­che Re­ge­lun­gen un­mit­tel­bar be­vorstünden und die­se ver­hin­dert bzw. mo­di­fi­ziert wer­den soll­ten, so wäre ein Be­am­ten­streik wie­der­um kaum möglich. Die Kam­mer ist da­her zu der Über­zeu­gung ge­langt, dass ei­ne Frie­dens­pflicht, die vom Ar­beits­ge­richt Mar­burg für die nicht be­am­te­ten Lehr­kräfte ge­ra­de als Aus­schluss­kri­te­ri­um für die Streik­teil­nah­me ge­wer­tet wur­de, hier nicht von Be­lang sein kann.
Zu­sam­men­fas­send ist mit­hin fest­zu­stel­len, dass sich der Streik am 17.11.2009 auch in­ner­halb der von der Recht­spre­chung für Ar­beitskämp­fe ent­wi­ckel­ten Vor­aus­set­zun­gen hielt, so­weit sie im Rah­men ei­nes Streiks von Be­am­tin­nen und Be­am­ten An­wen­dung fin­den, und aus die­sem Grund ei­ne Streik­teil­nah­me des Klägers nicht ge­gen sei­ne Dienst­pflich­ten ver­stieß.
Ist da­nach ein Streik­recht für sol­che Be­am­tin­nen und Be­am­te im Rah­men des Art. 33
hören, und er­weist sich fer­ner der kon­kre­te Streik am 17.11.2009 als rechtmäßig, so kann dem Kläger auf­grund die­ser rechtmäßigen Teil­nah­me an ei­nem zulässi­gen Streik nicht der Vor­wurf ei­ner Pflicht­ver­let­zung ge­macht wer­den. Dies gilt so­wohl hin­sicht­lich der all­ge­mei­nen Wohl­ver­hal­tens­pflicht des § 34 Satz 3 Be­am­tStG, als auch hin­sicht­lich der Pflicht des vol­len Ein­sat­zes im Be­ruf (§ 34 Satz 1 Be­am­tStG). Der Kläger war auch nicht ver­pflich­tet, gem. § 86 Abs. 1 Satz 1 HBG vor Streik­teil­nah­me ei­ne Ge­neh­mi­gung sei­nes Dienst­vor­ge­setz­ten ein­zu­ho­len. Die Teil­nah­me an ei­nem recht­lich zulässi­gen Streik ist ge­neh­mi­gungs­frei, da hier­durch ver­fas­sungsmäßige Rech­te des Art. 9 Abs. 3 GG wahr­ge­nom­men wer­den. Die auf­grund der Streik­teil­nah­me aus­ge­spro­che­ne Miss­bil­li­gung er­weist sich da­mit als rechts­wid­rig und ver­letzt den Kläger in sei­nen Rech­ten.
In ständi­ger Recht­spre­chung nimmt das Ver­wal­tungs­ge­richt Kas­sel bei Kla­gen ge­gen ei­ne Miss­bil­li­gung ei­nen Streit­wert in Höhe von 500,00 € an. Dies ent­spricht auch vor­lie­gend der Be­deu­tung der Sa­che für den Kläger im Sin­ne des § 52 Abs. 1 GKG.