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Timestamp: 2019-10-24 05:41:26
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Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 66', '§ 66', '§ 66', '§ 66', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 66', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 66']

BGH, 5 StR 113/06: BGH (neue tatsache, stgb, sicherungsverwahrung, anordnung, verurteilung, zeitpunkt, bewertung, therapie, freiheitsstrafe, bundesanwaltschaft)
Urteil des BGH vom 11.07.2006, 5 StR 113/06
Aktenzeichen: 5 StR 113/06
BGH (neue tatsache, stgb, sicherungsverwahrung, anordnung, verurteilung, zeitpunkt, bewertung, therapie, freiheitsstrafe, bundesanwaltschaft)
vom 11. Juli 2006 in der Strafsache
wegen nachträglicher Anordnung der Unterbringung in der Sicherungsver-
Der 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 11. Juli 2006,
Landgerichts Frankfurt (Oder) vom 30. August 2005 wird
Die Kosten des Rechtsmittels und die dem Betroffenen dadurch entstandenen notwendigen Auslagen trägt die Staatskasse.
1Das Landgericht hat die nachträgliche Anordnung der Unterbringung
des Verurteilten in der Sicherungsverwahrung (§ 66b Abs. 1 StGB) abgelehnt. Die hiergegen gerichtete Revision der Staatsanwaltschaft, die von der
Bundesanwaltschaft nicht vertreten wird, bleibt ohne Erfolg.
2Der Verurteilte war durch das Landgericht Frankfurt (Oder) am
22. Februar 2000 wegen Vergewaltigung in zwei Fällen, begangen am
27. April 1998 und am 6. August 1999, zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten sowie – infolge der Zäsurwirkung einer weiteren Verurteilung – zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt
worden. In dem damaligen Verfahren war der Verurteilte im Wesentlichen
geständig. Eine Begutachtung durch einen psychiatrischen Sachverständigen erfolgte nicht.
3Die Strafhaft wegen der Anlassverurteilung endete am 5. März 2005.
Nach der Verbüßung einer sich anschließenden Ersatzfreiheitsstrafe wurde
der Verurteilte am 24. März 2005 aus der Haft entlassen. Seitdem wohnt er
bei seinen Eltern. Vier Tage in der Woche ist er „auswärts auf Montage“. Er
hält regelmäßig Kontakt zu seinem Bewährungshelfer, der im Rahmen der
Führungsaufsicht bestellt worden ist.
4Die beiden eingeholten psychiatrischen Gutachten kommen zum Ergebnis, dass der Verurteilte ausgeprägte dissoziale Merkmale wie fehlende
Empathie, Rücksichtslosigkeit, kriminelle Vielseitigkeit, hohe Selbstbezogenheit, Omnipotenzfantasien und nachhaltige Kränkbarkeit aufweise. Es sei
nicht erkennbar, dass es während der Haft zu einer positiven Veränderung
bei dem Verurteilten gekommen sei. Er habe es trotz seines 13-monatigen
Aufenthalts in der sozialtherapeuthischen Abteilung der Haftanstalt abgelehnt, eine Therapievereinbarung zu unterschreiben, und habe deshalb in
den geschlossenen Vollzug zurückverlegt werden müssen. Insgesamt sei
aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur von einer hohen Rückfallwahrscheinlichkeit auszugehen.
5Das Landgericht hat die Unterbringung des Verurteilten in der Sicherungsverwahrung abgelehnt, weil während des Vollzuges keine wesentlichen
Änderungen eingetreten seien, die als „neue Tatsachen“ im Sinne des § 66b
Abs. 1 StGB zu beurteilen wären.
6Das angefochtene Urteil hält sachlich-rechtlicher Prüfung stand.
7Die von den Sachverständigen festgestellten Persönlichkeitsdefizite
des Verurteilten sind keine „neuen Tatsachen“ im Sinne von § 66b Abs. 1
8„Neue Tatsachen“ der in § 66b StGB genannten Art sind nur solche,
die nach der letzten Verhandlung in der Tatsacheninstanz und vor Ende des
Vollzugs der verhängten Freiheitsstrafe bekannt oder erkennbar geworden
sind (vgl. BGHSt 50, 180, 187; BGH NJW 2006, 1442, 1444). Ob diese Tatsachen bereits im Ausgangs- oder einem früheren Verfahren Grundlage einer sachverständigen Bewertung waren, ist ohne Belang (vgl. BGH
NStZ 2006, 276, 278). Maßgeblich ist nicht die neue oder – wie hier – sogar
erstmalige Bewertung von Tatsachen. Entscheidend ist vielmehr, ob die dieser Bewertung zugrunde liegenden Anknüpfungstatsachen im Zeitpunkt der
Aburteilung oder der letzten Möglichkeit Sicherungsverwahrung anzuordnen,
bereits vorlagen und bekannt oder erkennbar waren (vgl. BGHSt 50, 275,
278; BGH NJW 2006, 1442, 1444).
9Hierzu hat die Bundesanwaltschaft im Terminsantrag vom
18. April 2006 zutreffend ausgeführt:
10„Die von den Gutachtern getroffenen Schlussfolgerungen beruhen
nicht auf konkreten ‚neuen’ Anknüpfungstatsachen. Vielmehr belegen die
Sachverhalte, die der Verurteilung vom 22. Februar 2000 zugrunde lagen,
dass die nunmehr festgestellten Persönlichkeitsdefizite des Betroffenen und
sein Gefährlichkeitspotenzial bereits zum Zeitpunkt der Verurteilung vorgelegen haben und erkennbar waren. Hierfür spricht insbesondere die offensichtliche Steigerung seiner Gewaltbereitschaft bei Begehung der Taten innerhalb
von knapp eineinhalb Jahren.“
11Zu Recht hat die Strafkammer es für die Anordnung der nachträglichen Sicherungsverwahrung auch nicht für ausreichend erachtet, dass sich
der Verurteilte letztlich geweigert hat, eine Therapievereinbarung zu unterschreiben. Zwar kann die Verweigerung oder der Abbruch einer Therapie
grundsätzlich zu den in § 66b Abs. 1 StGB genannten „neuen Tatsachen“
gehören (vgl. BGHSt 50, 121, 126; 275, 280 f.), auch wenn dieser Umstand
allein für die Anordnung einer nachträglichen Sicherungsverwahrung grund-
sätzlich nicht genügt (vgl. BT-Drucks. 15/2887 S. 13; BGHSt 50, 121, 126 f.).
Die Therapieverweigerung kann allerdings nur dann als berücksichtigungsfähige „neue Tatsache“ angesehen werden, wenn das Ursprungsgericht zum
Zeitpunkt seiner Verurteilung begründet annehmen konnte, der Verurteilte
werde sich im Vollzug einer erfolgversprechenden Therapie unterziehen (vgl.
BGHSt 50, 275, 281; BGH, Beschluss vom 19. Januar 2006 – 4 StR 393/05).
Hiervon kann im vorliegenden Fall jedoch nicht ausgegangen werden, weil
die Frage der Therapiewilligkeit im Urteil vom 22. Februar 2000 nicht erörtert
worden ist, so dass eine grundlegende nachträgliche Haltungsänderung nicht
erkennbar ist (vgl. hierzu BGHSt 50, 275, 280 f.; BGH, Beschluss vom 8. Dezember 2005 – 1 StR 482/05). Im Übrigen beruhte die Weigerung des Verurteilten nicht auf einer generellen Ablehnung therapeutischer Maßnahmen,
sondern auf – jedenfalls aus Sicht eines Strafgefangenen nicht einmal unverständlichen – taktischen Erwägungen; denn im Hinblick auf die vorgesehene
Dauer einer solchen Therapie befürchtete er, die Chance einer vorzeitigen
Entlassung aus der Strafhaft zu verlieren.
12Da somit „neue Tatsachen“ im Sinne von § 66b Abs. 1 StGB nicht vorliegen, ist es unerheblich, dass die Strafkammer abweichend von der Auffassung der Sachverständigen eine hohe Rückfallwahrscheinlichkeit verneint
hat. Dabei ist nicht zu beanstanden, dass sie in diesem Zusammenhang
auch die als positiv zu bewertende Lebensführung des Verurteilten nach seiner Entlassung in ihre Erwägungen einbezogen hat.
Neue tatsache, Stgb, Sicherungsverwahrung, Anordnung, Verurteilung, Zeitpunkt, Bewertung, Therapie, Freiheitsstrafe, Bundesanwaltschaft