Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/bezahlter-urlaub-fuer-die-wahrnehmung-eines-gerichtstermins-338913
Timestamp: 2019-12-14 15:22:49
Document Index: 321817675

Matched Legal Cases: ['§ 91', '§ 22', '§ 20', '§ 22', '§ 91', '§ 20', '§ 22', '§ 22', '§ 20', '§ 20', '§ 2', '§ 22', '§ 651', '§ 91', '§ 22', '§ 263', '§ 106', '§ 4', '§ 77', '§ 22', '§ 22', '§ 22', '§ 22', '§ 22', '§ 91', 'BGH', '§ 22', '§ 2', '§ 22', '§ 22']

Bezahl­ter Urlaub für die Wahr­neh­mung eines Gerichts­ter­mins | Rechtslupe
Bezahlter Urlaub für die Wahrnehmung eines Gerichtstermins
Bezahl­ter Urlaub für die Wahr­neh­mung eines Gerichts­ter­mins
Einer Par­tei, die zur not­wen­di­gen Wahr­neh­mung von Ter­mi­nen (hier: Gerichts- und Orts­ter­mi­ne) bezahl­ten Urlaub genom­men hat, steht kein Anspruch auf Ver­dienst­aus­fall­ent­schä­di­gung nach § 91 Abs. 1 Satz 2 ZPO i.V.m. § 22 JVEG, son­dern nur ein Anspruch auf Zeit­ver­säum­nis­ent­schä­di­gung gemäß § 20 JVEG zu.
Die Fra­ge, ob eine erstat­tungs­be­rech­tig­te Par­tei, die zur Wahr­neh­mung von gericht­li­chen Ter­mi­nen bezahl­ten Urlaub genom­men hat, Ent­schä­di­gung für Ver­dienst­aus­fall oder nur für Zeit­ver­säum­nis erhält, ist in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur umstrit­ten. Wäh­rend die über­wie­gend ver­tre­te­ne Ansicht nur eine Zeit­ver­säum­nis­ent­schä­di­gung aner­kennt 1, hält die Gegen­an­sicht die Gewäh­rung einer Ver­dienst­aus­fall­ent­schä­di­gung für gerecht­fer­tigt 2.
Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich nun­mehr der erst­ge­nann­ten Mei­nung ange­schlos­sen:
Aus­gangs­punkt aller wei­te­ren Über­le­gun­gen ist der Wort­laut von § 22 JVEG. Die­se Vor­schrift ist auf den Anspruch einer erstat­tungs­be­rech­tig­ten Par­tei ent­spre­chend anwend­bar, weil die Ver­wei­sung in § 91 Abs. 1 Satz 2 ZPO ent­ge­gen ihrem Wort­laut nicht nur die "Zeit­ver­säum­nis" nach § 20 JVEG, son­dern auch den "Ver­dienst­aus­fall" nach § 22 JVEG umfasst 3.
Ent­spre­chend § 22 JVEG erhal­ten Par­tei­en, "denen ein Ver­dienst­aus­fall ent­steht", eine Ent­schä­di­gung, die sich nach dem regel­mä­ßi­gen Brut­to­ver­dienst rich­tet und die für jede Stun­de höchs­tens 17 € beträgt. Der Geset­zes­wort­laut setzt damit einen tat­säch­lich ent­stan­de­nen Ver­dienst­aus­fall vor­aus, wor­an es im Fall des bezahl­ten Urlaubs fehlt, weil die Par­tei wäh­rend die­ses Zeit­raums ihren Lohn bzw. ihr Gehalt unge­schmä­lert wei­ter erhält 4. Tritt ein Ver­dienst­aus­fall nicht ein, kommt folg­lich nur eine Zeit­ver­säum­nis­ent­schä­di­gung nach § 20 JVEG in Betracht.
Dies ent­spricht auch der Geset­zes­be­grün­dung zu §§ 20, 22 JVEG, die auf die frü­her für die Zeu­gen­ent­schä­di­gung gel­ten­den Rege­lun­gen in § 2 ZSEG (Gesetz über die Ent­schä­di­gung von Zeu­gen und Sach­ver­stän­di­gen) ver­weist 5. Den Geset­zes­ma­te­ria­li­en zu die­ser Vor­schrift wie­der­um ist zu ent­neh­men, dass ein Zeu­ge für sei­nen Ver­dienst­aus­fall nur dann ent­schä­digt wird, wenn er einen sol­chen tat­säch­lich erlit­ten hat 6. Auch vor der Ein­füh­rung des ZSEG hat nichts ande­res gegol­ten. Bereits in der Begrün­dung für die bis dahin gel­ten­de Gebüh­ren­ord­nung für Zeu­gen und Sach­ver­stän­di­ge 7 wur­de aus­ge­führt, dass die Erwerbs­ver­säum­nis bei der Bemes­sung der Zeu­gen­ent­schä­di­gung nur dann berück­sich­tigt wird, wenn sie tat­säch­lich ange­fal­len ist.
Es besteht kein Anlass, § 22 JVEG über des­sen Wort­laut hin­aus dahin­ge­hend erwei­ternd aus­zu­le­gen, dass die­ser auch dann eine Ver­dienst­aus­fall­ent­schä­di­gung ermög­licht, wenn ein Ver­dienst­aus­fall – wie im Fall des bezahl­ten Urlaubs – tat­säch­lich nicht ein­tritt.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de ist eine sol­che Aus­le­gung nicht schon des­halb gebo­ten, weil die nutz­los auf­ge­wen­de­te Urlaubs­zeit unter scha­dens­er­satz­recht­li­chen Gesichts­punk­ten als aus­gleichs­pflich­ti­ger Ver­mö­gens­scha­den – vgl. z.B. § 651f Abs. 2 BGB – aner­kannt ist.
Das Ent­schä­di­gungs­sys­tem des JVEG kann nach sei­nem Sinn und Zweck nicht mit einer Scha­dens­er­satz­re­ge­lung gleich­ge­stellt wer­den 8. Der Gesetz­ge­ber erstrebt kei­nen vol­len Aus­gleich des an einem Ver­fah­ren teil­neh­men­den Zeu­gen; die­ser erfüllt mit sei­ner Teil­nah­me am Ter­min viel­mehr eine all­ge­mei­ne staats­bür­ger­li­che Pflicht und erhält dafür aus Bil­lig­keits­grün­den eine Ent­schä­di­gung für die ihm erwach­se­nen Nach­tei­le 9. Daher begrenzt das JVEG den Ver­dienst­aus­fall auf einen Höchst­be­trag, der jeden­falls für die weni­ger ver­die­nen­den Arbeit­neh­mer einen vol­len Aus­gleich ermög­li­chen soll 10, und mutet damit zugleich einem gro­ßen Teil der Zeu­gen aus staats­bür­ger­li­cher Ver­pflich­tung einen Ver­dienst­aus­fall zu 11. Die­se Beschrän­kun­gen des Ent­schä­di­gungs­an­spruchs sind im Rah­men der ent­spre­chen­den Anwen­dung auf not­wen­di­ge Ter­mins­wahr­neh­mun­gen einer Pro­zess­par­tei nach § 91 Abs. 1 Satz 2 ZPO eben­falls zu beach­ten.
Soweit dar­auf hin­ge­wie­sen wird, Par­tei­en und Zeu­gen, die sich zur Ter­mins­wahr­neh­mung bezahl­ten Urlaub genom­men hät­ten, müss­ten im Rah­men von § 22 JVEG so ent­schä­digt wer­den, dass sie sich davon in glei­chem Umfang Frei­zeit in Form von unbe­zahl­tem Urlaub "erkau­fen" könn­ten 12, recht­fer­tigt dies kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Bei die­ser allein auf Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen gestütz­ten Aus­le­gung geht es letzt­lich nicht mehr um einen Aus­gleich für tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Ver­dienst­aus­fall, son­dern um den Ersatz für ver­brauch­te Urlaubs­zeit 13. Der Aus­gleich eines sol­chen "fik­ti­ven" Ver­dienst­aus­falls ist weder mit dem Geset­zes­wort­laut 14 noch mit dem bereits dar­ge­stell­ten Gesetz­ge­ber­wil­len zu ver­ein­ba­ren.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Janu­ar 2012 – VII ZB 60/​09
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vgl. OLG Düs­sel­dorf, MDR 1997, 1070 f.; OLG Stutt­gart, Jur­Bü­ro 1992, 123 [Zeu­gen­ent­schä­di­gung]; LAG Düs­sel­dorf, Jur­Bü­ro 1992, 686 und 813; OLG Schles­wig, Jur­Bü­ro 1991, 545 f.; OLG Hamm, Rpfle­ger 1991, 266 f.; OLG Koblenz, MDR 1986, 328 f.; KG, Jur­Bü­ro 1983, 738 ff.; OVG Lüne­burg, Jur­Bü­ro 1983, 1180 f.; OLG Mün­chen, MDR 1981, 163; OLG Mün­chen, Jur­Bü­ro 1973, 349 ff.; Binz/​Dorndörfer/​Petzold/​Zimmermann, GKG etc., 2. Aufl., § 22 JVEG Rn. 3; Hart­mann, Kos­ten­ge­set­ze, 38. Aufl., § 22 JVEG Rn.19 f.; Meyer/​Höver/​Bach, JVEG, 25. Aufl., § 22 Rn. 22.20; Schnei­der, JVEG, 1. Aufl., § 22 Rn. 26; Zim­mer­mann, JVEG, 1. Aufl., § 22 Rn. 6 ff.; Zöller/​Herget, ZPO, 29. Aufl., § 91 Rn. 13 "Zeit­ver­säum­nis"[↩]
vgl. OLG Karls­ru­he, Die Jus­tiz 1987, 156; OLG Cel­le, Jur­Bü­ro 1982, 107 f.; OLG Frank­furt, Jur­Bü­ro 1981, 1700 ff.; LG Frei­burg, MDR 1993, 89; AG Lübeck, Rpfle­ger 1995, 127[↩]
dazu BGH, Beschluss vom 02.12.2008 – VI ZB 63/​07, MDR 2009, 230, 231; Lap­pe, NJW 2006, 270, 275[↩]
Zim­mer­mann, JVEG, 1. Aufl., § 22 Rn. 8[↩]
BT-Drucks. 15/​1971, S. 185 f.[↩]
vgl. BT-Drucks. 2/​2545, S. 213; BT-Drucks. 10/​5113, S. 58[↩]
nach­ge­wie­sen in Weg­ner, Deut­sche Gebüh­ren­ord­nung für Zeu­gen und Sach­ver­stän­di­ge, 8. Aufl. [1934], § 2 Rn. 8, 11[↩]
vgl. OLG Schles­wig, Jur­Bü­ro 1991, 545 f.; OLG Koblenz, MDR 1986, 328 f.; OLG Mün­chen, Jur­Bü­ro 1973, 349, 350 – jeweils noch zum ZSEG[↩]
BT-Drucks. 2/​2545, S. 213[↩]
BT-Drucks. 15/​1971, S. 186[↩]
vgl. OLG Mün­chen, MDR 1981, 163, noch zum ZSEG[↩]
vgl. OLG Cel­le, Jur­Bü­ro 1982, 107, 108; OLG Frank­furt, Jur­Bü­ro 1981, 1700, 1701; AG Lübeck, Rpfle­ger 1995, 127 – jeweils noch zum ZSEG[↩]
Zim­mer­mann, JVEG, 1. Aufl., § 22 Rn. 10[↩]
vgl. KG, Jur­Bü­ro 1983, 738, 740; OLG Mün­chen, MDR 1981, 163; Zim­mer­mann, JVEG, 1. Aufl., § 22 Rn. 10[↩]
22 jveg parteiJVEGPersönliches ErscheinenZeugenentschädigung