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Timestamp: 2020-04-05 14:19:47
Document Index: 194874370

Matched Legal Cases: ['§ 2', 'Art.73', '§ 3', '§ 6', '§ 2', '§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 2', '§ 1', '§ 2', '§ 2', '§ 3', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 3', '§ 3', '§ 2', '§ 2', '§ 2']

Deutschrechtliche Exegese des Sachsenspiegel Landrechts. ...
Hausarbeit (Hauptseminar) 1996 36 Seiten
A. Textdarstellung
I. Text : Ssp. Ldr. I 59 § 2
III. Beschreibung der Rechtsquelle
3. Die Zeit Eikesund des Sachsenspiegels
IV. Textwahl und Textkritik
B. Textinterpretation
I. Auslegung der Textstelle
1. " Es darf kein Richter echtes Ding abhalten . "
2. "Darum soll er den Schultheißen..“
3. "Wenn ihm bestätigt wird ...“
II. Vergleich der Textstelle mit Parallelstellen
I. Geschichtliche Weiterentwicklung
II. Vergleich mit dem geltenden Recht
III. Gesamtzusammenfassung
„Iz ne mach nichen richtere, de bi koninges banne dinget [a], echt ding haben ane sinen schulteiten, vor deme her sich zu rechte bieden sol; dar umme sol her den schulteiten des ersten ordeles vragen, ob iz dingzit si, unde dar nach, ob her virbieden muze dincslete unde unlust. Swen yme daz gevunden wirt, so clage manlich, daz ime werre, mit vorsprechen, durch daz her sich nicht virsume. “
„Es darf kein Richter echtes Ding abhalten ohne seinen Schultheißen, vor dem er sich zum Recht erbieten soll. Darum soll er den Schultheißen zum ersten nach seinem Urteil fragen, ob es Dingzeit sei und danach, ob er verbieten solle "dingslete"[1] und "Unlust“[2] Wenn ihm das bestätigt wird, so klage jedermann, was ihn beschwere, mit seinem Fürsprech, damit er sich "nicht versäume“.[3]
Die auszulegende Textstelle stammt aus dem Landrecht des Sachsenspiegels, einer privaten Rechtsaufzeichnung aus dem 13.Jahrhundert.
Im Unterschied zu den Rechtsbüchern Deutschenspiegel, Schwabenspiegel und Frankenspiegel ist beim Sachsenspiegel der Verfasser bekannt. Am Ende der Reimvorrede nennt er seinen Namen: es ist der ostsächsische Ritter Eike vonRepgow aus dem anhaltischen Dorf Reppichau im Gau Serimunt ("Regierungsbezirk Köthen") bei Dessau und Aken an der Elbe.[4]
Eike von Repgow, der als der erste deutsche Rechtsdenker und größter deutscher Jurist im Mittelalter[5] gilt, ist nachweislich in sechs Urkunden der Jahre 1209 - 1233 verzeichnet, die seine Anwesenheit bei Rechtshandlungen bezeugen.[6]
Hatte er zu dieser Zeit bereits ein gewisses Ansehen erlangt, so wird man seine Geburt um das Jahr 1180 datieren müssen.[7]
Seine Eltern waren wahrscheinlich der nobilis von Repgow castellanus auf Giebichenstein[8] und Mechthild von Ricklingen.[9]
Sein Sterbedatum könnte auf das Jahr 1233 zurückzuführen sein[10]. Dafür spricht, daß Eike neben dem Sachsenspiegel noch der Verfasser der Sächsischen Weltchronik war.[11]
Seine Schulbildung ist weithin ungeklärt: Zwar will Eike sein Werk ursprünglich in Latein abgefaßt haben, so daß er über detaillierte Kenntnisse der Grammatik verfügen mußte, doch läßt sich nicht belegen, daß er die Dom- oder Klosterschule in Magdeburg oder Halberstadt, die ein Brennpunkt geistiger, insbesondere juristischer Bildung[12] war, besucht hat[13]. Rückschlüsse über seine Bildung lassen sich nur mittelbar über verarbeitete Quellen ziehen. Allerdings konnte Eike lesen und schreiben[14] und hatte einen Begriff für die kanonische Literatur.[15] Den Sachsenspiegel hat er aber wahrscheinlich diktiert und nicht eigenhändig niedergeschrieben.[16] Für einen Laien war er sehr gebildet, aber sicher nicht wissenschaftlich gelehrt.
Auch über seine berufliche Tätigkeit ist wenig bekannt. Aus den bereits erwähnten Urkunden läßt sich entnehmen, daß Eike bei Rechtshandlungen auftrat. Fraglich, ob als Zeuge[17] oder Schöffe[18]. Selbst Rechtsberater soll er gewesen sein[19]. Fest steht, daß sich der Sachsenspiegel ohne langjährige Erfahrung und grundlegende Kenntnisse der zeitgenössischen Rechtspraxis seitens seines Verfassers nicht denken läßt.
Eine klare und eindeutige Antwort ist ohne neue Quellen, mit denen aber nicht zu rechnen ist,[20] auch auf seine ständerechtliche Zugehörigkeit nicht zu geben. Eike selbst spricht in der Reimvorrede den Grafen Hoyer von Falkenstein, den Stiftsvogt von Quedlinburg, der ihn zur Übersetzung aus dem Lateinischen ins Niederdeutsche angeregt haben soll, als " herre“ an.[21] Nebenbei stellen die Verse 261 - 280 das erste Widmungsgedicht der deutschen Literatur an einen Grafen dar.[22] Allgemein wird mit "herre " ein Abhängigkeitsverhältnis gekennzeichnet,[23] was für die Zugehörigkeit Eikes in den Stand der Ministerialität spricht. Allerdings läßt sich diese Interpretation schlecht damit vereinbaren, daß Eike jede An von Unfreiheit ablehnt.[24] Es wäre ein Widerspruch einerseits, ein vehementer Verfechter der Freiheit zu sein und Unfreiheit auf "dwange . unde unrechter gewalt"[25] zurückzuführen, andererseits aber diese freiwillig auf sich genommen zu haben. Stattdessen ist diese Anrede als Höflichkeitsform zu interpretieren.[26]
Somit bleibt seine rechtliche Stellung anhand der sechs Urkunden zu klären: Zumindest 1209 und 1215 ist Eike in den Urkundenlisten unter den "nobiles viri" aufgeführt. Ob er zu den Freien Herren oder den Schöffenbaren gezählt hat, ist den Urkunden nicht zu entnehmen. Johann von Buch, auf den zum Teil die Einteilung des Sachsenspiegels zurückzuführen ist,[27] behauptet, daß Eike"en scepenbare vri“ war.[28]
Auch kann aus dem Umstand, daß Eikedas Recht der schöffenbar - edelfreien Leute besonders intensiv spiegelte, geschlossen werden, daß er eben dieser Gruppe angehörte.[29] Den Dokumenten von 1218 und 1224 ist diesbezüglich keine Aussagekraft beizumessen, da sie nicht nach Standesrängen geordnet sind. In der Urkunde von 1233 steht Eikemitten unter zwei verschiedenen Gruppen von Dienstmannen, denen in der Liste die "nobilis" vorangehen.[30] Dies mag so bewertet werden, daß Eikezu diesem Zeitpunkt zu den Ministerialen gehört hat.
Höchstwahrscheinlich ist Eikezwischen 1215 und 1218 in die Ministerialität übergetreten.[31] Diese These wird auch dadurch erhärtet, daß seine Nachfahren als Dienstmannen in den Zeugenlisten erscheinen.[32] Der Erwerb eines Dienstlehens war im 12. und 13. Jahrhundert durchaus keine Seltenheit.[33] Dieser Prozeß hängt mit der Entstehung der Landesherrschaft der Fürsten zusammen. Jene hatten nun Interesse daran, ihre Vasallen verstärkt an sich zu binden und Beamte für den Hof- und Provinzialverwaltungsdienst zu gewinnen, die ihnen treu ergeben waren. Der Eintritt in das Ministerialverhältnis beschränkte die rechtliche und gesellschaftliche Stellung nicht mehr als unbedingt notwendig. Außerdem versprach er eine Verbesserung der sozialen Lage durch Besitz, Ansehen und Macht.[34] Die Bezeichnung des "scepenbare vri" ist so zu verstehen, daß bezüglich des Schöffenamtes und aller damit verbundenen Aufgaben Freiheit bestand, obwohl diese Männer ansonsten Ministeriale waren.[35]
Eike fühlte sich nicht als unfrei durch die Annahme eines Lehen, lediglich seine Verfügungsbefugnisse wurden begrenzt. Daher fand auch das Dienstrecht keinen Eingang in den Spiegel der Sachsen.[36] Allerdings ist teilweise zumindest das Recht der Magdeburger Ministerialen geregelt.[37]
Der Sachsenspiegel ist eine private Sammlung geltender Rechtssätze, wie sie sich aus der ostfälischen Gerichtspraxis und ungeschriebenen Gewohnheiten des Rechtsalltags bildeten.[38]
Es wird heute davon ausgegangen, daß der Sachsenspiegel zwischen 1215 und 1235 entstanden ist,[39] während früher als Entstehungsjahr 1190 - aber nicht vor 1180 - als nicht unwahrscheinlich galt.[40] Dies läßt sich anhand der ins Werk aufgenommenen und verarbeiteten politischen Beschlüsse belegen: So kennt die erste deutsche Fassung die Gesetze des Frankfurter Hoftages von 1221.[41] Auch das 4. Laterankonzil von 1215, das Geistlichen die Mitwirkung an Ordatien verbat, findet Berücksichtigung, während der Mainzer Landfrieden von 1235 mit dem relativen Fehdeverbot nicht im Sachsenspiegel vermerkt ist.[42] Ebenfalls nicht aufgeführt wird das 1235 errichtete Herzogtum Braunschweig unter den sächsischen Fahnlehn.[43]
Es stellt sich die Frage, ob eine Arbeit dieses Umfangs als Einheit[44] geschrieben worden ist oder aber kontinuierlich überarbeitet[45] wurde. Für die schichtweise Entstehung spricht die Tatsache, daß im Landrecht kein Rechtssatz doppelt erscheint, bzw. widersprüchlich ist, so daß von Streichungen und weiteren Änderungen ausgegangen werden muß.
Zwei Fassungen werden Eikezugeschrieben, von denen die erste vor 1224 vollendet worden ist, da sie die Landfriedensgesetzgebung der Treuga Henrici (1224) nicht erfaßt und die Existenz eines Thronfolger-Königtums übergeht.[46] Insgesamt ist von vier verschiedenen Fassungen, die in jeweils 219 Fassungen von ursprünglich etwa 1000 noch erhalten sind, auszugehen, die mehrfach überarbeitet wurden.[47]. Ein Entwurf soll, wie aus Vers 274 der Reimvorrede hervorgeht, in Latein abgefaßt gewesen sein, der später ins Elbostfälisch - Niederdeutsche übersetzt wurde.[48]
Dem eigentlichen Rechtstext des Sachsenspiegels ist äußerlich eine Reimvorrede, die die Funktion der Einleitung des Werkes übernimmt,[49] ein Prologus und ein Textus Prologi in Prosa vorangestellt. Die gereimte Vorrede ist nur teilweise (Verse 97 – 280) auf Eike von Repgowzurückzuführen, während die Verse 1 - 96 auf der Nachahmung durch einen jüngeren Zeitgenossen beruhen.[50]
Der Sachsenspiegel wurde bereits durch Eikein zwei Teile gegliedert: Lehnrecht und Landrecht.[51] Letzteres ist in drei Bücher gegliedert, was jedenfalls noch auf das 13. Jahrhundert[52] und wohl auf Johann von Buch[53] zurückgeht, und handelt die Gebiete des Privatrechts (Ldr. l), des Strafrechts (Ldr. ll) und des öffentlichen Rechts (Ldr. lll) ab, wobei diese dogmatische Einteilung im Mittelalter aber noch unbekannt war.
Der Spiegel wird weitgehend durch eine konservative Haltung des Verfassers geprägt, andererseits ist er aber seiner Zeit voraus, wie sich beispielsweise an der Heeresschildordnung[54] und der Königswahl[55] zeigt.[56]
Die tief religiöse, aber nicht klerikale[57] Arbeit verrät Kenntnisse des kanonischen Rechts und macht sich auch biblische Anschauungen zu eigen.[58] Es ist aber eine kaiserliche - imperiale Einstellung zum Papsttum ersichtlich, wie beispielsweise die Interpretation der Zweischwerterlehre zeigt, so daß sogar 1374 auf Betreiben des Augustinerprovinzials Johannes Klenkok14 Sätze, die sogenannten articuli reprobati, in einer Bulle Papst Gregors XI. ("Salvator generis humani") als ketzerisch verworfen wurden.[59]
Dennoch erlangte der Sachsenspiegel über seine Zeit hinaus Bedeutung. Er stellte, insbesonders aufgrund der durch ihn hauptsächlich herbeigeführten Schriftlichkeit des Rechts im sächsischen Gebiet ein Hauptbollwerk gegen die Rezeption des römischen Rechts in Norddeutschland dar.[60] Er verbreitete sich schnell über Teile des deutschsprachigen Raums, insbesonders nach Nord- und Ostdeutschland.[61] Genauer umfaßte der Geltungsbereich des Sachsenspiegels die alten ostfälischen Lande, nämlich das Erzbistum Magdeburg, die Stifte Naumburg und Merseburg, außerdem die ländliche Bevölkerung von Holstein, Mecklenburg, Pommern, der Mark Meißen und schließlich einzelne Städte in Schlesien, Böhmen und Mähren, Polen, Pommern und der Mark Brandenburg.[62] Im Norden Deutschlands wurde er wie ein Gesetz angewandt. Mit der Ostkolonisation drang der Spiegel bis in slawische Gebiete vor.[63] Ferner sind Übersetzungen ins Mittel- und Oberdeutsche, ins Niederländische, Polnische und Tschechische bekannt, auch wurde er ins Lateinische zurückübertragen.[64]
Auch die Rechtsprechung der sächsischen Gerichte wurde durch dieses Rechtsbuch beeinflußt.[65] Sogar einige Städte (Magdeburg, Hamburg, Lübeck, Goslar, Hildesheim und Dortmund) übernahmen den Sachsenspiegel als Recht.[66] Die Aufzeichnung bildete die Basis für die Rechtsfortbildung und erste wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit dem tradierten Recht.[67] Die Glosse des Johann von Buchum 1325[68] ist als erster und einflußreichster Kommentar zum Sachsenspiegel zu verstehen.[69]
Auch im Süden Deutschlands sind die Auswirkungen durch den Deutschen- und den Schwabenspiegel als Nachbildungen des Sachsenspiegels spürbar.[70] Für den leseunkundigen Teil der Bevölkerung entstanden Ende des 13.Jahrhunderts einige mit Abbildungen versehene, sogenannte illustrierte Handschriften, deren Urform, der 1336 im Kloster Rastede niedergeschriebene Oldenburger Bilderhandschrift am nächsten kommt.[71] Am bekanntesten ist die etwa 1350-1370 im Meißnischen geschriebene, im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigte Dresdner Bilderhandschrift, von welcher die Wolfenbüttler (um 1364) abstammt und die näher an der Urform stehende Heidelberger Handschrift (nach 1325).[72]
Als subsidiäres Recht blieb der Sachsenspiegel in Preußen bis zum Erlaß des Allgemeinen Landrechts am 01.06.1794, im Königreich Sachsen bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches für das Königreich Sachsen am 01.03.1865 und in einigen Teilen Deutschlands (Thüringen, Anhalt, Lauenburg und Holstein) bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches am 01.01.1900 gültig.[73] Sogar das Reichsgericht[74] und über die Vorschrift des Regalienrechts in Art.73 EGBGB auch das Bundesverfassungsgericht[75] beriefen sich noch auf den Sachsenspiegel.
Das Leben Eikes von Repgowund die Entstehung des Sachsenspiegels fallen in eine Epoche des geistigen, politischen und wirtschaftlichen Umbruchs.[76] Die Zeit wird gekennzeichnet durch die langjährigen Thronzwistigkeiten zwischen Welfen und Staufern, die durch den Tod von Heinrich VI., dem Nachfolger von Friedrich I. Barbarossa(1152/55 - 1190), im Jahre 1197 eingeleitet wurden.[77]
1198 wurden sowohl der Staufer Philipp von Schwabenals auch der Welfe Otto IV.zum König gewählt, wobei Papst Innozenz III. (1198 - 1216) den letztgenannten unterstützte.[78] Dieser Gegensatz fand sein vorläufiges Ende durch den Tod Philippsim Jahre 1208. Als aber Otto IV.eine gegen die Interessen des Papstes gerichtete Italienpolitik verfolgte, verhalf Innozenz III.dem Staufer Friedrich II.(1215 - 1250) zum politischen Aufstieg. Erst durch die Schlacht von Bouvines im Jahre 1214, in der das französische Heer den mit den Engländern verbündeten Welfen schlug sowie der Kaiserkrönung Friedlich II., kam es zum endgültigen Abschluß des Streites[79].
Friedrich II.verlagerte seine Politik vollständig nach Italien. In Deutschland regierte in seinem Auftrag sein Sohn Heinrich VII[80]. Folglich mußte der Kaiser den Fürsten weitreichende Zugeständnisse machen, um die Königswahl seines Sohnes zu erreichen und sich die Unterstützung seiner Ziele zu sichern. Die Privilegien, Confoederatio cum principibus ecclesiasticis von 1220[81] und das Statutum in favorem principum[82] -von Heinrich1231 erlassen und von Friedrich1232 bestätigt - , bedeuten den Rückzug der Reichsgewalt aus den Territorien. Gerichtsbarkeit, Münz-, Zoll- Markt- und Befestigungsrecht gehen auf die Fürsten über, die ihre Landeshoheit weiter ausbauten.[83] Zwar versuchte Friedrich II. nach der Entthronung seines Sohnes auf dem Mainzer Reichstag von 1235 den Fürstenpartikularismus einzudämmen, doch dies mißlang.[84]
Weiterhin gab es Auseinandersetzungen zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Auf dem 4. Laterankozil stellte Innozenz III.1215 seinen Anspruch heraus, der weltlich - geistliche Oberherrscher zu sein. Die Legitimation des Kaisers sei abgeleitet von der Gewalt des Papstes (Zweigewaltenlehre).[85] Auch dem kaiserlichen Machtstreben im Mittelmeerraum versuchte die Kirche Einhalt zu gebieten.[86] Während der Regierungszeit Friedrich I. Barbarossa´s kam es zu einer Blüte der ritterlichen Kultur.[87]
Die dominierende Stellung der Kirche nahm ab. Das neue Lebensgefühl der Ritter und des sich formierenden Bürgertums, das auf diesseitige Werte gerichtet war, fand seinen Ausdruck in Minnesang und höfischer Dichtung. Hauptvertreter dieser Richtung waren Hartmann von der Aue, Wolfram von Eschenbachund Walther von der Vogelweide.
Das Äquivalent in der bildenden Kunst war Gotik: Den archaischen Formen der Romanik wurden nun sensibel differenzierte Einzelformen gegenübergestellt.[88]
Die antike Philosophie wird durch das Werk Aristoteleswiederentdeckt. Die Wissenschaft wird von der Scholastik geprägt, die in der Arbeit des Thomas von Aquin(1225-1274) ihren Höhepunkt hat.[89] In diese Zeit fällt auch der Übergang vom Personalitäts- zum Territorialitätsprinzip.[90]
Ferner ist für die Entwicklung des Rechts die Erblichkeit der Lehen[91] von Bedeutung, was mit der Landflucht infolge der Stadtgründung und der Kolonisation des Ostens in Zusammenhang steht.
Als Grundlage für die Textinterpretation wurde auf die erste deutsche Urfassung von Eikezurückgegriffen. Sie ist abgedruckt in der Ausgabe „Das Landrecht des Sachsenspiegel, 2. Bearbeitung, 1955 von Karl August Eckhardt.“ Der Text soll dem ursprünglichen Werk Eikesentstammen, angereichert von ihm selbst eingefügte Novellen, wie sie in der Quedlinburger Handschrift erhalten waren.[92] Das Original, das seit 1945 verschollen ist, wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts geschrieben.[93]
Eckhardtversuchte, dem Urtext der Quelle durch Vergleich einer Vielzahl von Handschriften und Fragmenten näherzukommen, beispielsweise durch das Berliner Fragment und die Bremer Handschrift.[94]
Auf die Abschrift der Quedlinburger Handschrift wurde verzichtet, da dieser Archetypus lediglich für Philologen interessant ist, aber einer historischen und juristischen Betrachtung nicht genügen kann.[95]
Richten, Richter und Gericht sind zentrale Termini des deutschen Rechts. Eine Definition läßt sich nur schwerlich finden, da ihr Bedeutungsinhalt sehr vielfältig ist. Am ehesten noch kann das Gericht als die zur Ausübung der Rechtspflege bestimmte Behörde bezeichnet werden. Innerhalb dieser ist der Richter die Person, die nach den bestehenden Gesetzen Recht spricht. Jene Tätigkeit des Richters im Gericht ist das Richten.
Die allgemeine Auffassung von der sog. germanischen Gerichtsverfassung war die, daß die Rechtspflege als eine Angelegenheit des Volkes beschrieben wurde. Dieses bildete die öffentlichen Gerichte. Den Vorsitz im öffentlichen Gericht führte der Richter, der aber das Recht nicht selbst fand oder sprach, sondern von dem am Gericht teilnehmenden Volk erfragte.[96] Richter in der Volksversammlung der Königsstaaten war der König, in den staatlichen Unterverbänden der adlige Führer. Den Gerichtsumstand bildete das Volk. Das germanische Gericht tagte unter freiem Himmel. Die Gerichtsversammlung wurde durch feierliche Hegung mittels Einfriedung der Gerichtsstätte eingeleitet. Ursprünglich hat der Richter vielleicht selbst der Gerichtsgemeinde einen Urteilsvorschlag gemacht, den er später jedenfalls nur noch erfragte. Der Vorschlag bedurfte der Zustimmung der ganzen Gerichtsgemeinde, um zum Urteil zu werden, das der Richter ausgab.
Bei einzelnen germanischen Stämmen waren Männer vorhanden, die des Rechts kundig waren und infolgedessen als ständige Urteilfinder im Gericht herangezogen wurden, nämlich bei den Friesen den „asega“ und bei oberdeutschen Stämmen den „judex“ oder „esago“. Die Franken kannten seit dem 6. Jahrhundert einen Ausschuß von Urteilsfindern, die Rachinburgen, die vom Richter bestellt wurden.[97]
Um den Richter selbst, dessen Tätigkeit sowie dessen Befugnisse nach dem Sachsenspiegel darstellen zu können, bedarf es einer Erläuterung der Gerichtsverfassung des Sachsenspiegels. Es gab nach Eikeeine ganze Reihe von Gerichten, namentlich das Grafengericht, das Schultheißengericht und das Gografengericht. Die Unterschiede lagen vor allem in der ständischen und sachlichen Zuständigkeit. Die schöffenbarfreien Leute, deren Grundeigentum mindestens drei Hufen umfaßte, hatten das Grafengericht aufzusuchen. Die Pfleghaften, d.h. Zinspflichtigen - auch Bargilden oder Biergilden genannt-, deren Grundeigentum weniger als drei Hufen betrug, mußten zum Gericht des Schultheißen. Für die Landsassen schließlich, die zwar kein eigenes Grundeigentum hatten, aber auch nicht an die Scholle eines anderen gebunden waren, war das Gografengericht zuständig.[98] Allen diesen Leuten war gemeinsam, daß sie Freie waren.[99]
Jedes Gericht war an eine Autorität gebunden, die die Gerichtsgewalt repräsentierte und dem Gericht den Namen gab: Graf, Schultheiß, Graf. Die Wurzel von Grafen- und Schultheißenamt war das Königtum, denn „den König wählt man zum Richter über Eigengut und Lehen eines jeden Mannes.“[100] Der Kaiser kann aber nicht in allen Ländern zugleich sein und deshalb nicht alle Verbrechen jederzeit richten. Deshalb verleiht er den Fürsten das Grafenamt und den Grafen das Schultheißenamt. Der Gograf wurde ebenfalls gewählt und zwar nach dem freien Willen der Landleute.[101]
Die Bindung der Gerichtsgewalt an eine personale Autorität, den „Richter", bedeutet nicht, daß im Gerichtsverfahren eine persönliche Herrschaft ausgeübt wurde.[102] Graf, Schultheiß oder Gograf konnten der Gerichtsgemeinde nicht ihre Vorstellungen von Recht oder Unrecht aufzwingen. Herrschaft im Sinne einseitiger Anordnungsbefugnis erfolgte im Bereich der Grundherrschaft, der Herrschaft über Land und Leute.[103]
[a] Dies stellt einen späteren Zusatz dar, der für den Sachsenspiegel überflüssig ist, da der Richter nur der Richter bei Königsbann, d.h. der Graf ist.
[1] Wird gedeutet mit "Dingflucht"
[2] Wird gedeutet mit "Unaufmerksamkeit"
[3] Wird gedeutet mit: „keinen Nachteil erleidet"
[4] Ebel, HRG 29. Lieferung, Sp.1229; Eckardt, SspIV,S10; Heck, Blut und Stand, S.71; Laufs
S.6 ff, Schlosser HRG 1 Sp.896; Planitz S.5; Thieme S.187, 190; Wolf S.5; a.A.Weiske s.18,41ff
[5] Creifelds S.943; Fehr ZRG 37 S.131
[6] Kleinheyer / Schröder S.79; Köbler, Bilder S.125 ; Thieme, Reclam - Einl.,S.1; a. A., nämlich 5 Urkunden, Heck , Blut und Stand, S.71
[7] Conrad S.351; Köbler, Bilder S.126; Laufs S.6; Möllenberg S.12; Nowack S.3; Planitz/Eckhardt S. 137; Schwerin S.137; Thieme S.187
[8] Eckhardt Ssp.III, S9; IV, S.13 ff
[9] Wie vor; S. Planitz S. 179
[10] Creifelds S.943; Heck, Eike von Repgow ,S.35; Ignor S.27; Laufs S.7; Möllenberg S.12
[11] Fehr ZRG37, S.134; Geith S.103 ff; Heck, Blut und Stand, S.71; Schlosser HRG 1, Sp.896; Schmidt-Wiegand HRG 29. Lieferung, Sp.1239; Thieme, Reclam-Einl.,S.3; S.8; Kleinheyer/Schröder S. 80ff
[12] Thieme Reclam-Einl.,S.4; Rosenstock S. 116
[13] Eckhardt, Ssp.IV, S.61 ff; SchlosserHRG1, Sp.896; Thieme, S.187,193; a.A. Köbler S.118; Laufs S. 8; Möllenberg S. 12; Rosenstock S.115 ff
[14] Eckard, Ssp.Ldr. 1955, S.11; Laufs S. 8
[15] Schlosser HRG I, Sp.897
[16] Ebel HRG 29. Lieferung Sp.1229
[17] Hirsch S.2; Homeyer S.7; Rosenstock S.122; Thieme S.191
[18] Schlosser HRG I, Sp.897
[19] Laufs S.8; Thieme S.187,189ff
[20] Ebel HRG 29. Lieferung, Sp.1229
[21] vgl. Verse 267 -272
[22] Schmidt - Wiegand HRG 28. Lieferung, Sp.825
[23] Lasch/Borschling
[24] vgl. Ssp. Ldr. III 42 §§ 3,6
[25] vgl. Ssp. Ldr. III 42 §§ 6
[26] Eckardt Ssp. IV, S.22; Möllenberg S.31 f
[27] Planitz S. 180; Planitz/Eckhardt S.138
[28] vgl. Buch'sche Glosse zu Ssp. Ldr. III 26 § 2
[29] Kroeschell S.242; Wolf S.5
[30] Eckhardt Ssp. IV, S.20
[31] Eckhardt Ssp. IV, S.17, 24; PlanitzS.179; v. Zallinger S.260
[32] Eckhardt Ssp. IV, S.17
[33] v. Zallinger S.260
[34] Möllenberg S.38; v. Zallinger S.261, 263 f
[35] Eckhardt Ssp. IV, S.33; v. Zallinger S. 266
[36] Ebel HRG 29. Lieferung, Sp. 1235; Schwerin S.136; Thieme Reclam- Einl. S.4
[37] Ssp.Ldr. I 16; I 38 § 2; II 42 § 3; III 19; 72§ 2: 80 § 2;81 § 1;81 § 2
[38] Laufs S.4; Eckhardt Ssp. IV, S.61; a. A. von Daniels S. XV
[39] Conrad S.352; Laufs S.4; Molitor ZRG 65, S.15,68; Schmidt - Wiegand HRG 28. Lieferung sp.823; Thieme S. 187,192; Zeumer, FS Brunner S. 135
[40] Hugelmann S.442; Weiske S. 18,38 f
[41] Eckhardt Ssp.Ldr.1933 S.5; Homeyer S.4
[42] Hugelmanns S.427ff
[43] Heck, Eike von Repgow, S.37; vgl. Ssp.Ldr.III 62 § 2
[44] Molitor ZRG 65, S.15,17 und 55
[45] v.Daniels S.XVI; Eckhardt Ssp.1V, S. 15; Kleinheyer / Schröder S.79; Krause ZRG 93; S.21; Möllenberg S.17,66; Molitor ZRG 65, S. 15 ff; Thieme S.187,192
[46] Eckhardt Ssp. Ldr.1933, S.5; Eckhardt Ssp. Ldr.1955, S. 7
[47] Köbler, Bilder, S. 125; Kroeschell S.368; Wolf S.6
[48] Ebel HRG 29. Lieferung, Sp. 1229; Eckhardt Ssp. IV, S.61 Fehr S 11; Heck, Blut und Stand; S.71; Hirsch S.49; Planitz / Eckhardt S. 137 f
[49] Schmidt-Wiegand HRG 28.Lieferung, Sp.824
[50] Fehr ZRG 37, S. 134; Rosenstock S. 127; Schmidt-Wiegand HRG 28. Lieferung Sp.823 f; a. A. Heck, Eike von Repgow, S.22 ff
[51] Ebel HRG 29. Lieferung, Sp.1234; Laufs/Schroeder HRG II, Sp.1527 f; Schlosser HRG 1, Sp.897; Thieme, Reclam-Einl.,S.4
[52] v.Daniels, S.XVI; Köbler S.118; Laufs S.9; Thieme, Reclam-Einl.,S.4; Weiske S.18
[53] Schlosser HRG I, Sp.526
[54] Ssp. Ldr.I 3 § 3
[55] Ssp. Ldr.lll 52 § 1
[56] Ebel HRG 29.Liefenmg, Sp.1236; Möllenberg S.38; Planitz S. 179; Schlosser HRG I, Sp.896; Schröder/Künßberg S.723; Wolf S.23
[57] Ebel HRG 29. Lieferung Sp.1235; Fehr ZRG 37, S166,217 f; Hugelmann S.428; Laufs S.ll f; Möllenberg S.13; Thieme, Reclam-Einl.,S.5; Wolf S.5
[58] Hugelmann S.428; Planitz S. 179; Schröder/Künßberg S.722
[59] Ebel HRG 29.Lieferung, Sp.1235; Ebel/Thielmann, Rn.212; Fehr S. 11; Köbler S.118; Laufs S. 12; Möllenberg S.22; Schlosser HRG I Sp.896 f; Thieme, Reclam-Einl., S.5; Weiske S.18 f; Wolf S.25
[60] Laufs S.28; Thieme S.200; Thieme, Reclam-Einl.,S.5
[61] Fehr S. 11; Kleinheyer/Schröder S.80; Nowack S. VI
[62] vgl. Landkarte Anlage
[63] Buchda HRG II, Sp.1538; Ebel HRG 29.Lieferung Sp. 1231; Schlosser HRG I , Sp.897 f
[64] Buchda HRG II,Sp.1538; Ebel HRG 29. Lieferung Sp.1230 f; Planitz S.180; Thieme, Reclam- Einl.,S.4; Wolf S.26
[65] Kroeschell S.376, 379
[66] Kroeschell S.370; WolfS.26
[67] Ignor S.31; Planitz S.180; Schlosser HRG I, Sp.896,898
[68] Buchda HRG II,Sp.1540; Ebel HRG 29.Lieferung Sp.1231; Laufs S.10
[69] Schlosser HRG I, Sp.526; Schlosser HRG 1 ,Sp.898; Weiske S.19
[70] Conrad S.362; Thieme S.199
[71] Fehr S 11; Thieme, Reclam-Einl.,S.5
[72] Thieme, Reclam-Einl.,S.5
[73] Laufs S.14; Schlosser HRG I, Sp.898; Wolf S.25
[74] RGZ 7,133 (I 17 § 1); 29,134 (I 31); 137,343 (I 52 § 1)
[75] BVerfG, Beschluß vom 18.05.1988, 2 BvR 579/84; DVBI 1988,839
[76] Ebel HRG 29.Lieferung, Sp.1235; Fehr ZRG 30, S.270; Fehr ZRG 37, S. 132
[77] Möllenberg S.22; Schlosser HRG I, Sp.897 f; Wolf S.4
[78] Knaurs S. 106
[79] Knaurs S.107
[80] Conrad S.253
[81] abgedr. bei Zeumer, Quellensammlung S.42 - 44
[82] abgedr. bei Zeumer, Quellensammlung S.55 f
[83] Grundwissen Geschichte S.30
[84] Conrad S. 188; Knaurs S. 111
[85] Knaurs S.108
[86] Knaurs S.108
[87] Frenzel Bd. 1, S.24
[88] Lexikon der Kunststile, Bd. 1, S 112
[89] Wolf, S. 4
[90] vgl. Ssp. Ldr. I 30 Titelüberschrift
[91] vgl. Ssp. Ldr. I 4; I 6; II 58 § 3; Ssp. Lnr. 20 § 3
[92] Eckhardt Ssp. Ldr. 1955 S.9
[93] Eckhardt Ssp. S.7
[94] Eckhardt Ssp. 111 S.8
[95] Eckhardt Ssp. 111 S.8 f
[96] Köbler, ZRG GA 87, S.57
[97] Conrad S.28
[98] Ignor S.78
[99] Ssp. Ldr I 2
[100] Ssp. Ldr. 111 52 § 2
[101] Ssp. Ldr. I 56
[102] Ignor S.79
[103] Ignor S.79; Ssp. Ldr.lll 42 § 2; Ssp. Lnr. 63 § 2
9783668009905
v302344
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Zivilrecht und Rechtsgeschichte
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