Source: https://aug.dguv.de/epaper/04-19/
Timestamp: 2019-07-18 11:40:09
Document Index: 230254139

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 45', '§ 46', '§ 47', '§ 48', '§ 50', '§ 44', '§ 56', 'BGH', 'BGH']

DGUV-aug-04-19
&arbeit gesundheit Das Magazin für Sicherheitsbeauftragte Spezial Fehlerkultur Mit Aushang Vernetzt Intelligente Schutzausrüstung Statt Kreidetafel Neue Formen des Lernens Gemeinsam für Sicherheit Lernender Arbeitsschutz beim Versandhändler Amazon Ausgabe 4 | 2019
inhalt Online-Umfrage zur „arbeit & gesundheit“ mit Gewinnmöglichkeit → Seite 4 4 Meldungen Rund um sicheres und gesundes Arbeiten 19 Briefe an die Redaktion Expertinnen und Experten beantworten Ihre Fragen 12 6 Gemeinschaftsaufgabe Sicherheit Konzept zur Unfallvermeidung bei Amazon 12 Im Überblick Die Entschädigungsleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung 14 Wegeunfälle vermeiden Ursachen und aktuelle Zahlen 15 – 18 SPEZIAL Der Extrateil zum Herausnehmen mit diesen Themen: • Umgang mit Beinahe-Unfällen • Beitrag zur Fehlerkultur leisten Mit Aushang zum Thema „So gehen alle im Betrieb konstruktiv mit Fehlern um“ 20 Weiterbildung für Beschäftigte Neues Arbeiten, neues Lernen 22 Erfahrungen weitergeben Methoden, die das Wissen im Betrieb sichern 24 Interview Ein Blick auf die Persönliche Schutzausrüstung der Zukunft 26 Alles, was Recht ist Neue und geänderte Regelungen 27 Medienangebote 28 Meldungen 30 Unterhaltung Gewinnspiel, Sudoku, Cartoon und „Das Allerletzte“ Gesetzliche Unfallversicherung Welche Entschädigungsleistungen es gibt 20 Bildungsmaßnahmen Was es mit dem Lernen 4.0 auf sich hat 22 Wissenstransfer Wie Erfahrungen bei Be- schäftigtenwechsel nicht verloren gehen Impressum arbeit & gesundheit, 71. Jahrgang, erscheint zweimonatlich. Bezugsentgelt der Zeitschrift im Mitgliedsbeitrag enthalten. Herausgegeben von: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e. V. (DGUV) Vorsitzende des Vorstandes: Manfred Wirsch, Volker Enkerts Hauptgeschäftsführung: Dr. Stefan Hussy Anschrift: Glinkastraße 40, 10117 Berlin Telefon: 030 13001-0 (Zentrale) Fax: 030 13001-6132 E-Mail: info@dguv.de Internet: dguv.de Umsatzsteuer-Identifika- tionsnummer: DE123382489 Vereinsregister- Nummer: VR 751 B beim Amtsgericht Charlottenburg Redaktionsbeirat: Jens Ackermann, Milena Bähnisch, Renate Bantz, Gregor Doepke, Julia Fohmann, Karsta Herrmann-Kurz, Prof. Dr. Frauke Jahn, Dirk Lauterbach, Dr. Ralf Michaelis, Ina Neitzner, Michael Quabach, Rike Schmickler-Bouvet, Manfred Sterzl, Dr. Ronald Unger, Dr. Martin Weber, Dr. Thorsten Wiethege, Christiane Witek, Dr. Monika Zaghow, Holger Zingsheim, Dr. Klaus Zweiling Chefredaktion: Kathrin Baltscheit (verantwortlich), Stefan Boltz (Stellvertretung), DGUV Redaktion: Kai Stiehl (Redaktionsleiter), Markus Fischer, Lena Markmann, Manuela Müller, Maren Zeidler Telefon: 0800 888 5440 Fax: 0800 888 5445 E-Mail: redaktion@dguv-aug.de Leserservice für Adressänderungen, Abbestel- lungen u. Ä.: aug.dguv.de/kontakt/abonnement Verlag: CW Haarfeld GmbH, ein Unternehmen der Wolters Kluwer Deutschland GmbH, Robert-Bosch-Straße 6, 50354 Hürth, cwh.de Druck: Druckhaus Ernst Kaufmann GmbH & Co. KG, Raiffeisenstraße 29, 77933 Lahr Grafisches Konzept: CW Haarfeld Titelbild dieser Ausgabe: Markus Breig Stand dieser Ausgabe: 1. Juli 2019 Die nächste Ausgabe erscheint am 3. September 2019. 2 g i e r B s u k r a M ; c i v o k t e P n a s u D , f f o k n e d o r o G , o i d u t S a c i r f A / k c o t s r e t t u h S : r e d l i B 4|2019 arbeit & gesundheit
Die Erfahrungen von Sicherheitsbeauftragten sind uns wichtig. Schreiben Sie uns, wo Sie besonders herausgefordert sind und wie Sie Lösungen finden. redaktion@dguv-aug.de Reportage ab Seite 6 » Wir achten auch auf vermeintliche Kleinig- keiten und sprechen die Beschäftigten auf Augenhöhe an. « Oezge Sahin und Samra Demirtas, Sicherheitsbeauftragte bei Amazon in Dortmund 3 arbeit & gesundheit 1|2017
meldungen Hätten Sie’s gewusst? 4 Millionen Erwerbstätige in Deutschland haben einen riskan- ten Alkoholkonsum. Um die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu gewährleisten, ist gezielte Prävention in den Betrieben notwendig. Quelle: DAK-Gesundheitsreport „Sucht 4.0“ → Online-Umfrage mit Gewinnmöglichkeit Wie zufrieden sind Sie mit der „arbeit & gesundheit“? → Erleichtern Lasten- pedelecs die Arbeit? 100 Powerbanks im Design der aktuellen Präventionskampagne der Berufsge- nossenschaften und Unfallkassen, kommmitmensch. Damit haben Sie Energiereserven – auch dann, wenn kein Strom mehr fließt. Die Teilnahme am Gewinnspiel ist optional. Danke für Ihre Mitarbeit – wir freuen uns auf Ihr Feedback bis zum 16. August 2019! Hier geht es zur Online-Umfrage: befragungen.dguv.de TAN/Losung: aundg_2019 Mitmachen. Jede Zeitschrift lebt vom Feedback ihrer Leserschaft. Deshalb möchte die Redaktion von „arbeit & gesundheit“ gerne Ihre Meinung zum Magazin wissen. Wir würden uns freuen, wenn Sie an unserer Online-Umfrage teilnehmen. Unter anderem erwarten Sie folgende Fragen: Wie gefallen Ihnen die Themen in „arbeit & gesundheit“? Wie hilfreich sind die Informationen für die Funktion von Sicherheitsbeauftrag- ten? Wie gefällt Ihnen das Spezial in der Heftmitte zum Aushängen? Kennen und nutzen Sie die Website der Zeitschrift? Welche Wünsche und Anregungen haben Sie insgesamt? Die Teilnahme an der Umfrage ist einfach: Über den Kurzlink oder den QR-Code gelangen Sie zum On- line-Fragebogen. Rechnen Sie mit ca. zehn Minuten Ausfüllzeit. Wenn Sie mögen, machen Sie anschließend auch beim On- line-Gewinnspiel mit. Bitte geben Sie Ihre Anschrift an und gewinnen Sie eine von Vibrationsbelastung. Elektrisch unter- stützte Lastenfahrräder, sogenannte Las- tenpedelecs, versprechen zunächst eine Arbeitserleichterung. In einigen Berufs- feldern wie der Postzustellung oder der ambulanten Pflege werden die Lastenpe- delecs bereits eingesetzt. Die LIA.fakten „Good Vibrations?! Unterschätztes Risiko von Vibrationen bei Lastenpedelecs“ zei- gen, dass der Einsatz der Pedelecs nicht nur Vorteile mit sich bringt. Zum einen müssen die Fahrenden aufgrund des verstärkten Rahmens und Akkus ein deut- lich höheres Leergewicht bewegen. Zum anderen entstehen Belastungen durch Hand-Arm- und Ganzkörper-Vibrationen. Diese Vibrationen werden vor allem über das Gesäß in den Rücken übertragen und in den gesamten Körper weitergeleitet. Dies kann von Schmerzen in Gesäß und Rücken bis hin zu Verschleißerscheinun- gen an der Wirbelsäule führen. Werden Lastenpedelecs im Betrieb eingesetzt, sollte bei einer Gefährdungsbeurteilung die Belastung überprüft und entsprechen- de Maßnahmen eingeleitet werden. lia.nrw.de → LIA.fakten 2019 4 4|2019 arbeit & gesundheit
aktuell → Klimaspatz sorgt für optimale Büroluft Digitales Messsystem. Stickige Luft und verschwendete Heizenergie gehören mit dem Büro-Vogel „Piaf“, was auf Franzö- sisch Spatz bedeutet, der Vergangenheit an. Das digitale Messsystem in Vogelform lässt sich oben auf dem Computer-Moni- tor platzieren. Es misst die Luftqualität im Raum und erfasst neben dem CO2 -Wert auch die Temperatur und die relative Luft- feuchte. Bemerkt der Piaf beispielsweise, dass die Luftqualität sinkt, meldet er sich: Er atmet schneller und seine Kehle leuchtet rot. Sobald ausreichend gelüftet wurde, zwitschert der Vogel und seine Brust färbt sich blau. Der Spatz animiert, sich energieeffizienter zu verhalten und die Raumluftqualität wahrzunehmen. Bei 25 Beschäftigten des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), darunter auch der Bun- desumweltministerin Svenja Schulze, hat der Raumklima-Assistent „Piaf“ in einer Testphase für ein gutes Büroklima gesorgt. Medienformate einreichen und gewinnen! Film & Media Festival. Unternehmen sind aufgerufen, sich mit eigenen Videos und Medienproduktionen am kommmitmensch Film & Media Festival der A+A 2019 zu beteiligen. In vier Kategorien können Filme, Videos oder an- dere Medienformate zu Themen der Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit eingereicht werden. Besonders junge Personen möchten die Präventions- kampagne kommmitmensch und die A+A mit der Ausschreibung ansprechen. Die verschiedenen Kategorien bieten ihnen dazu besondere Chancen: → Dein Blick – für Schülerinnen, Schüler sowie Auszubildende aus allen Bereichen → Mit Sicherheit Kunst – für Filmschaffende und Studierende an Film- und Medienhochschulen → Fokus Betrieb – Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im Unterneh- men und im öffentlichen Dienst, besonderer Fokus: kleine und mittel- ständische Betriebe → A+A-Sonderpreis für Aussteller: Hauptsache sicher – Industriefilme zu den Themen persönlicher Schutz sowie betriebliche Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit wupperinst.org → Piaf Bewerbungsunterlagen gibt es auf der Festival-Website, Bewerbungs- schluss ist der 30. Juli 2019. Bekannt gegeben werden die Gewinnerinnen und Gewinner am 7. November 2019 im Messekino auf der Fachmesse A+A. kommmitmensch.de/film-und-media-festival-2019 5 G B K U , t u t i t s n I l a t r e p p u W ; k c o t s r e t t u h S : r e d l i B arbeit & gesundheit 4|2019
titelthema titelthema Sicherheit in geordneten Bahnen Konzept zur Unfallvermeidung In Schichtarbeit verarbeiten mehr als 1.600 Beschäftigte in einer 55.000 Quadratmeter großen Halle unzählige Pakete. Um ihre Sicherheit und Ge- sundheit bei der Arbeit zu gewährleisten, ist ein ausgereiftes Sicherheitskonzept unabding- bar. Was sich dahinter verbirgt, ist bei Amazon am Standort Dortmund zu erfahren. 6 4|2019 arbeit & gesundheit
Zaghaft bahnen sich erste Sonnenstrahlen ihren Weg durch die riesigen rechteckigen Deckenfenster. Noch liegt eine fast unwirkliche Stille über der 55.000 Qua- dratmeter messenden Halle des Versandunterneh- mens Amazon am Standort Dortmund. Doch das ändert sich schlagartig mit Beginn der Frühschicht. Unzählige Beschäftig- te strömen durch den Eingangsbereich. Einige begeben sich auf den gekennzeichneten Wegen direkt an den Arbeitsplatz. Andere bleiben zunächst vor einer großen weißen Abtrenn- wand stehen. Dort informieren sie sich auf zwei Tafeln über Neuigkeiten. Die Beschäftigten erfahren, was in der letzten Schicht passiert ist. Sie können aber auch den tagesaktuel- len Sicherheitstipp nachlesen oder selbst zum Stift greifen und ihre Meinung kundtun. Nach und nach besetzen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeitsbereiche. Die Stille weicht den Geräuschen von Förderbändern, fahrenden Flurförderzeugen, dem Klacken von sich auftürmenden Kunst- → stoffkisten und menschlichen Stimmen. g i e r B s u k r a M : o t o F arbeit & gesundheit 4|2019 7
titelthema Oezge Sahin bei der Arbeit. Ohne Sicherheitsschuhe, Warnweste und Handschuhe läuft nichts. Auf Laien mag die riesige Halle unübersichtlich wirken. Abläufe und Sicherheit sind aber bestens organisiert. » Auf soge- nannten Safety Saves können die Beschäftigten alles eintragen, was vorgefallen ist. « Samra Demirtas, Sicherheitsbeauftragte 8 Im Auftrag der Sicherheit. Zwei der Stim- men gehören zu Samra Demirtas und Oezge Sahin. Wie ihre Kolleginnen und Kollegen sind beide mit Sicherheitsschuhen, Warnwesten, Handschuhen und Gehörschutzstöpseln aus- gestattet. Die beiden Mitarbeiterinnen sor- tieren an Förderbändern die ankommenden Pakete. Seit der Eröffnung im Jahr 2017 zählen sie zur Belegschaft des Verteilerzentrums, in dem Pakete vorsortiert und anschließend zu anderen Amazon-Standorten verschickt wer- den. In einer Sache unterscheiden sich die beiden Frauen dann aber doch von den meis- ten anderen: Sie sind Teil des 40-köpfigen Teams der Sicherheitsbeauftragten. Gefahren erkennen und beheben. Als Si- cherheitsbeauftragte setzen Samra Demirtas und Oezge Sahin sich tagtäglich für die Si- cherheit und Gesundheit bei der Arbeit ein. Wenn sie beispielsweise feststellen, dass Si- cherheitsvorschriften bei der Arbeit nicht ein- gehalten werden, sprechen sie die jeweiligen Mitarbeitenden direkt an. „Manche vergessen, ihre Weste oder Handschuhe anzuziehen, andere lehnen sich über das Förderband, um mit ihrem Gegenüber zu sprechen. Das geht natürlich nicht, weil es gefährlich ist“, erzählt Oezge Sahin. Es mögen Kleinigkeiten sein, die vergessen oder nicht beachtet werden, aber genau solche Kleinigkeiten können zu einem Unfall führen. „Wenn ich sehe, dass je- mand keine Handschuhe trägt oder keine bei sich hat, schicke ich die betreffende Person zu einem der Automaten, wo sich alle nach Bedarf neue Handschuhe, Warnwesten oder Gehörschutz ziehen können“, erklärt die Si- cherheitsbeauftragte. Dokumentation zur Unfallvermeidung. Die beiden Frauen wollen ihre Kolleginnen und Kollegen keineswegs überwachen oder gar bloßstellen. Vielmehr tragen sie durch gezieltes Ansprechen als Kollegin auf Augen- höhe dazu bei, dass alle Beschäftigten ihre Arbeit sicher und gesund ausüben können. Um Unfälle auch künftig zu vermeiden, halten sie jeden Vorfall anonym schriftlich fest, ma- chen je nach Schwere oder Häufigkeit auch Fo- tos. „Wir benutzen Zettel, sogenannte Safety Saves. Auf ihnen können wir alles eintragen, was vorgefallen ist“, erklärt Samra Demirtas. Dieses Tool können alle Beschäftigten nutzen, um Hinweise oder Verbesserungsvorschläge 4|2019 arbeit & gesundheit
1 Ohne Sanktionen mel- den: Beschäftigte haben keine Negativfolgen zu befürchten. 2 Vertraulich melden: Beinahe-Ereignisse wer- den anonym vorgestellt. Stichwort: Beinahe-Unfälle Ein Beinahe-Unfall ist ein plötzlich ein- tretendes, ungeplantes Ereignis, bei dem es beinahe zu einer Verletzung, Krank- heit oder einem Schaden gekommen ist. Fünf Schritte gibt es für den konstruk- tiven Umgang mit Beinahe-Unfällen. 5 Verständliches Meldeverfahren: Meldungen werden über ein eingängiges System vorgenommen. 4 Fokus auf Systeme und Prozesse: Die Empfeh- lungen konzentrieren sich auf Veränderungen von Systemen, Prozessen oder Produkten. 3 Zeitnahe Rückmel- dung und Umsetzung: Die Ereignisse werden rasch analysiert und in Empfehlungen umgesetzt. einzureichen. „Und in dringenden Fällen sprechen wir sofort einen EHS-Supporter di- rekt an, damit er oder sie sich umgehend da- rum kümmert“, so Oezge Sahin. EHS steht für Environment (Umwelt), Health (Gesundheit) und Safety (Sicherheit). Um diese drei Anlie- gen kümmern sich die EHS-Supporter. Begehungen vor Ort. Stefan Kryszat ist EHS-Supporter. Er tauscht sich regelmäßig mit den Sicherheitsbeauftragten aus. „Kommuni- kation ist ein wichtiges Tool, um für Sicherheit zu sorgen“, erklärt er. Unter anderem prüft Stefan Kryszat, ob die ankommenden Pakete richtig in die schwarzen Kunststoffkisten ge- legt und nicht zu hoch aufeinandergestapelt werden. Denn das wäre unfallträchtig. Rasten die Kisten nicht richtig ein, weil sie falsch be- füllt sind, können eingeklemmte Finger die Folge sein. Sind die Kisten zu hoch gestapelt, können weniger groß gewachsene Beschäftig- te sie nicht mehr sicher abstapeln. Oder sie könnten beim Transport umkippen. Passiert doch einmal etwas, nimmt der EHS-Supporter den Vorfall selbst auf oder lässt sich von den Sicherheitsbeauftragten informieren: „Ich er- frage genau, was passiert und wo es passiert ist. War der oder die Betroffene bei den Be- triebssanitäterinnen und -sanitätern? Wie geht es ihm oder ihr am nächsten Tag? Auch solche Fragen helfen uns anschließend, Verbesserun- gen auf den Weg zu bringen.“ Bei seinen regelmäßigen Begehungen entgeht den geschulten Augen des EHS-Sup- porters kein Detail. Hier eine scharfe Kante, dort ein lockeres Kabel, eine falsch abgestellte Kiste oder ein verdeckter Feuerlöscher – wenn Stefan Kryszat auffällt, dass bestimmte Dinge öfter vorkommen, setzt er das auf die Themen- liste für das wöchentliche Sicherheitsbeauf- tragten-Meeting. Meeting der Sicherheitsbeauftragten. Die Sicherheitsbeauftragten-Meetings gestaltet Stefan Kryszat gemeinsam mit Hubert Michels. Er ist EHS-Koordinator und als solcher koordi- niert er am Standort Dortmund die Sicherheit aufgrund der Beobachtungen von EHS-Sup- portern und Sicherheitsbeauftragten. Um die Beschäftigten für die Arbeitssicherheit zu sen- sibilisieren, finden regelmäßige Schulungen statt. Alle neuen Mitarbeiterinnen und Mit- arbeiter – beispielsweise auch die Aushilfs- → kräfte zur Weihnachtszeit – durchlaufen g i e r B s u k r a M : s o t o F arbeit & gesundheit 4|2019 » Es geht nicht darum, jemandem eine Schuld zu ge- ben, sondern um das Sensibilisieren für Fehler. « Emmanuel Frank, EHS-Manager 9
titelthema Information über das „Weiße Brett“. Sicherheit ist ein bedeutendes Thema in der Kommunikation mit der Dortmunder Belegschaft. Ergonomisch: So weit wie möglich werden Lasten nicht mit Muskelkraft gehandhabt. » Bei Meetings sprechen wir Feh- ler an, erarbeiten Verbesserungs- vorschläge und schauen, wie diese umgesetzt werden können. « Hubert Michels, EHS-Koordinator 10 → zuerst eine Sicherheitsschulung, um die grundlegenden Regeln kennenzulernen. Bei den Schulungen der Sicherheitsbeauftragten, aber auch der Fachkräfte für Arbeitssicherheit, arbeitet Amazon eng mit der Berufsgenossen- schaft Handel und Warenlogistik (BGHW) zu- sammen. So wurden in jüngerer Vergangenheit zwei spezielle Seminare für Sicherheitsbeauf- tragte im Haus von der BGHW durchgeführt. Darüber hinaus versammeln sich alle Si- cherheitsbeauftragten einmal in der Woche. „Bei den Meetings sprechen wir Fehler an, er- arbeiten Verbesserungsvorschläge und schau- en, wie diese umgesetzt werden können“, sagt Hubert Michels. In den Meetings berichten die Sicherheitsbeauftragten, was ihnen aufgefal- len ist und was sie ihrer Meinung nach besser oder anders machen würden. Eine wichtige Rolle spielen auch Beinahe-Unfälle. Denn diese weisen oft auf Schwachstellen hin, die es dann zu eliminieren gilt. Wo die Fäden zusammenlaufen. Emma- nuel Frank, EHS-Manager, und Carmen Bütt- ner, EHS-Specialist, bilden die EHS-Manage- ment-Ebene am Standort Dortmund – sie sind die Fachkräfte für Arbeitssicherheit im Haus. Das Sichten der von Hubert Michels aufgelis- teten Unfälle und Beinahe-Unfälle, das Veran- lassen von Maßnahmen sowie die Kontrolle, ob bereits veranlasste Maßnahmen umgesetzt wurden, fällt in ihren Aufgabenbereich. Dazu gehen sie mehrmals in der Woche durch die Halle. „Wichtig ist uns, auch in den Risikobe- reichen präsent zu sein. Das sind Arbeitsbe- reiche, die potenziell gefährlicher sind als andere“, so Emmanuel Frank. Zu nennen wäre etwa der Warentransport mit den Flurförderzeugen. „Wir bitten Fahre- rinnen, Fahrer und andere Beschäftigte, dass sie uns Gefahrenstellen melden“, sagt Car- men Büttner. Wird beispielsweise Ware nicht ordnungsgemäß auf den gekennzeichneten Flächen abgestellt, kann dadurch die Sicht auf den Weg versperrt werden. Wer einen solchen Fall beobachtet, kann die Vorgesetzten anspre- chen. Diese fotografieren die Gefahrenstelle. Der ganze Vorgang erfolgt anonymisiert. „Es geht nicht darum, irgendjemandem eine Schuld zu geben, sondern um das Sensibilisieren für Fehler“, betont Emmanuel Frank. Damit alle aus begangenen Fehlern lernen können, werden einmal pro Woche sämtliche Rückmeldungen, Vorkommnisse und die Fotos gemeinsam ange- sehen und analysiert. „Seitdem sind die Fehler deutlich weniger geworden“, resümiert Carmen Büttner, die in diesem Zusammenhang von einem lernenden Arbeitsschutz spricht. 4|2019 arbeit & gesundheit
Nachgefragt bei ... Dr. Hans-Peter Kany, Leiter des Fachbereichs Handel und Logistik bei der Berufs- genossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) und Experte auf dem Gebiet des Arbeits- und Gesund- heitsschutzes in der Intralogistik. Welche Vorteile haben Maßnahmen der Automatisierung für Beschäftigte? Der große Vorteil ist natürlich die Entlastung der Mitarbeitenden. Schwere Arbeiten, wie das Stapeln, Heben und Transportieren von Waren, sind gerade für die Gelenke und den Rücken ei- ne hohe Belastung und können sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Ebenso zu nennen sind Arbeiten, bei denen zum Beispiel beladene Paletten per Hand mit Folie umwickelt werden. Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel in Form von Robotik, die speziell an die Standort- gegebenheiten angepasst sind, u. a. Palettierer oder Folienwickelmaschinen, werden solche Ar- beiten deutlich leichter oder sie entfallen ganz. Und welche Nachteile können sich beim Einsatz solcher technischen Hilfsmittel ergeben? Für Unternehmen bedeutet die Automatisierung bestimmter Abläufe immer, dass sie speziell geschultes Personal vor Ort benötigen, das imstande ist, die technischen Einrichtungen zu bedienen und bei Störungen oder Ausfällen die- se auch schnell zu reparieren. Denn ein großer Nachteil bei zu viel Robotik ist, dass die Unter- nehmen natürlich darauf vertrauen müssen, dass stets alles reibungslos funktioniert. Sollte das einmal nicht der Fall sein, könnte womöglich der ganze Betrieb zum Erliegen kommen. 11 Hinter Gittern: Der Zutritt zum Bereich mit den Palettier- robotern ist aus Arbeitsschutzgründen streng geregelt. Neben der Unfallvermeidung hat das EHS-Team die Ge- sundheit der Beschäftigten im Blick. Hierzu arbeitet es eng mit der Gesundheitsmanagerin und ihrem Team zusammen. Das Ziel lautet, über Präventionsmaßnahmen zu einem langfristig gesunden Arbeitsklima beizutragen. Dazu sind auch regelmä- ßig Ergotherapeutinnen und -therapeuten im Logistikzentrum unterwegs, die den Mitarbeitenden Hilfestellung geben. Roboter schaffen Entlastung. Um die Belegschaft ergo- nomisch weiter zu entlasten, werden in Dortmund Palettier- roboter eingesetzt: Nachdem die Beschäftigten die Pakete in den schwarzen Kunststoffkisten vorsortiert haben, werden die- se per Förderband zu einem Roboter transportiert, der die Kis- ten zur weiteren Beförderung auf Paletten stapelt. Acht solcher Palettierroboter sind im Einsatz, die nur von eigens geschultem Personal bedient werden dürfen. Die Roboter befinden sich hinter Gitterzäunen, damit niemand in ihren Gefahrenbereich gerät. Eine Woche dauert die Schulung der Beschäftigten, die mit der Robotik arbeiten. „Es hat sich gezeigt, dass der Einsatz der Robotik eine deutliche Entlastung für die Beschäftigten darstellt“, sagt Emmanuel Frank. Deshalb gibt es bereits Pläne, die Robotik am Standort weiter auszubauen. Dies geschieht mit einer Perspektive, die weit über Dortmund hinaus reicht: Wenn an einem Standort etwas gut läuft, wird geprüft, ob das auch für andere Standorte in Frage kommt. Egal ob in Deutsch- land, Europa oder gar weltweit. So behält das Unternehmen das Thema „sicheres und ge- sundes Arbeiten“ auch weiterhin ganzheitlich im Blick, tatkräf- tig unterstützt von den Akteurinnen und Akteuren in Dortmund. arbeit & gesundheit 4|2019 W H G B ; g i e r B s u k r a M : s o t o F
leistungsangebot Schutz für den Lebensunterhalt Entschädigungsleistungen Wer aufgrund einer Berufskrankheit, eines Arbeits- oder Wegeunfalles weniger oder kein Geld verdienen kann, braucht einen finanziell gesicherten Unterhalt. Um entgangenes Entgelt zu ersetzen, gibt es die Entschädigungsleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung. 12 4|2019 arbeit & gesundheit
Nach einem Arbeits- oder Wegeunfall hilft die ge- setzliche Unfallversicherung unabhängig vom Ver- schulden der versicherten Person. Zunächst steht die Rehabilitation im Vordergrund. Schon während dieser Zeit greifen Entschädigungsleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung, um entgangenes Entgelt zu ersetzen. Auch nach Abschluss der Rehabilitation zahlen die Unfallversiche- rungsträger Entschädigungsleistungen, die sich an den Bedürf- nissen der jeweiligen Betroffenen in ihrer Situation orientieren. Die folgenden vier Fälle geben einen Überblick. 1 Sabine S. war auf dem Weg zu einem Kunden, als sie die Kontrolle über ihren Dienstwagen verlor und sich überschlug. Wegen ihrer Verletzungen muss Frau S. insgesamt zwölf Wochen im Kran- kenhaus und in der Rehaklinik verbringen. Danach kann sie voraussichtlich an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Wer durch einen Arbeitsunfall, einen Wegeunfall oder eine Berufskrankheit arbeitsunfähig wird, erhält von der gesetz- lichen Unfallversicherung das sogenannte Verletztengeld. Da die Arbeitgeber erkrankten Beschäftigten zunächst für sechs Wochen den vollen Lohn bezahlen müssen, beginnt die Zahlung des Verletztengeldes in der Regel ab der siebten Woche der Arbeitsunfähigkeit. Das Verletztengeld der gesetz- lichen Unfallversicherung beträgt grundsätzlich 80 Prozent vom regelmäßigen Bruttoentgelt, jedoch nicht mehr als das Nettoentgelt. 2 Hoch oben auf Fernmeldemasten kann Ludwig L. seit seinem Arbeitsunfall nicht mehr tätig sein. Doch die Chancen stehen gut, dass er nach Ab- schluss seiner Weiterbildung zum Netzwerkspe- zialisten bald wieder ins Arbeitsleben zurückkehrt. Aber bis es so weit ist, muss Herr L. ja auch seinen Lebensunterhalt bestreiten können. Während der Teilnahme an einer berufsfördernden Maßnah- me können Verletzte nicht für ihren Unterhalt bzw. den ihrer Familie sorgen. Dafür haben sie Anspruch auf Übergangsgeld. Seine Höhe richtet sich nach den Einkommensverhältnissen vor Beginn der Arbeitsunfähigkeit und nach den Familienver- hältnissen: Bei Versicherten, die mindestens ein Kind haben, beträgt das Übergangsgeld 75 Prozent, ansonsten 68 Prozent des Verletztengeldes (siehe Fall 1). 3 In die Gemeinschaft der Kolleginnen und Kolle- gen eingebunden sein, am Arbeitsleben teilha- ben – für Tatjana T. ist das ein wichtiges Anlie- gen, so wie für die meisten Beschäftigten. We- gen der Folgen eines Verkehrsunfalls, den Frau T. vor einem Jahr auf dem Weg zur Arbeit erlitten hat, ist es ihr aber nicht mehr möglich, in Vollzeit zu arbeiten. Im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber hat sie ihre Stelle dauerhaft auf 50 Prozent reduziert. Nicht immer ist es möglich, die Erwerbsfähigkeit vollständig wiederherzustellen. Sind alle Behandlungsmöglichkeiten er- schöpft und ist die Erwerbsfähigkeit auch 26 Wochen nach dem Unfall noch immer dauerhaft eingeschränkt, erhalten die Versicherten eine Rente. Voraussetzung: Der Grad der Minde- rung der Erwerbsfähigkeit (MdE) liegt bei mindestens 20 Pro- zent. Wie hoch die Rente ausfällt, ist abhängig vom Grad der MdE sowie vom Jahresarbeitsverdienst. Können Versicherte gar nicht mehr arbeiten, erhalten sie eine Vollrente in Höhe von zwei Dritteln des vor dem Unfall erzielten Jahresarbeitsver- dienstes. Ist die Erwerbsfähigkeit teilweise beeinträchtigt, so wie bei Frau T., gibt es eine entsprechende Teilrente. 4 Der Beschäftigte Rüdiger R. hat eine Querschnitt- lähmung vom Hals abwärts erlitten. Nachdem die gesetzliche Unfallversicherung Umbaumaßnah- men in seinem Eigenheim finanziert hat, kann er zwar weiter dort wohnen, das geht aber nur mit der Unterstüt- zung durch professionelle Pflegekräfte. In Fällen wie dem von Herrn R. wird Pflegegeld gezahlt oder Haus- bzw. Heimpflege gewährt. Das Pflegegeld hat den Zweck, pflegebedingte Mehraufwendungen pauschaliert abzugelten, um die notwendige Betreuung und Hilfe bei den gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens so weit wie möglich sicherzustellen. Die Pflege soll hilfsbedürftigen Personen ein selbstbestimmtes, bedürfnisorientiertes Leben ermöglichen. Entschädigungsleistungen im Überblick: dguv.de Webcode: d1545 Wo steht das im Gesetz? Wichtigste Rechtsquelle für die Entschädigungsleistungen der gesetzlichen Unfallversicherung ist das Siebte Buch Sozialgesetzbuch (SGB VII). Darin sind geregelt: → Voraussetzungen für das Verletztengeld: § 45 → Beginn und Ende des Verletztengeldes: § 46 → Höhe des Verletztengeldes: § 47 → Verletztengeld bei Wiedererkrankung: § 48 → Höhe und Berechnung des Übergangsgeldes: § 50 → Leistungen bei Pflegebedürftigkeit: § 44 → Versichertenrente: § 56 gesetze-im-internet.de/sgb_7 o i d u t S a c i r f A / k c o t s r e t t u h S : d l i B 13 arbeit & gesundheit 4|2019
verkehrssicherheit Unfallfrei durch den Straßenverkehr Wegeunfälle Auf dem unmittelbaren Weg zwischen Wohnung und Arbeitsstelle passieren häufig Unfälle. Ein Großteil der Verkehrsunfälle resultiert aus menschlichem Fehlverhalten. Daher ist es wichtig, das eigene Verhalten auf dem Arbeitsweg zu reflektieren sowie Gewohnheiten im Straßen- verkehr zu hinterfragen. Einen meldepflichtigen Unfall hatten im Jahr 2018 187.599 Beschäftigte auf dem Weg von oder zur Ar- beit. Dies zeigen die vorläufigen Arbeitsunfallzahlen der gewerblichen Berufsgenossenschaften und der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand, die Ende März 2019 von der DGUV veröffentlicht wurden. Das waren 3.369 Personen bzw. 1,8 Prozent weniger als im Vorjahr 2017. Ebenfalls im Jahresvergleich gesunken ist die Zahl der nicht meldepflichtigen Wegeunfälle – von 150.710 auf 146.490 und somit um 2,8 Prozent. Ein Anstieg ist jedoch bei den töd- lichen Wegeunfällen zu verzeichnen. Hier hat sich die Zahl von 280 Fällen in 2017 auf 311 Fälle in 2018 erhöht. Verkehrssicherheit fördern. Laut Angaben des Statisti- schen Bundesamts war im Jahr 2017 menschliches Fehlverhal- ten die Ursache von 91,2 Prozent aller Verkehrsunfälle. Um die Unfallzahlen zu senken, können Sicherheitsbeauftragte ihre Kolleginnen und Kollegen für sicheres Verhalten sensibilisie- ren. Sie können über häufige Unfallursachen aufklären und die Beschäftigten so dazu bringen, eigene Gewohnheiten kritisch zu hinterfragen, aufmerksamer zu sein und ihr Verhalten zu ändern. Beispielsweise können Sicherheitsbeauftragte darauf hinweisen, dass: • die meisten Menschen im Straßenverkehr aufgrund einer unangepassten Geschwindigkeit sterben, • Unfälle mit Personenschaden am häufigsten aus Fehlern beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren sowie Ein- und Anfahren resultieren, • Fahrradfahrerinnen und -fahrer am häufigsten wegen fal- scher Straßenbenutzung verunglücken. Dazu zählen das verbotswidrige Nutzen der Fahrbahn oder das Fahren auf der falschen Straßenseite. Die Aktion „Runter vom Gas“ listet die häufigsten Unfallursachen im Straßenverkehr auf: runtervomgas.de/unfallursachen Neuer Film zu Wegeunfällen Der zehnminütige Verkehrssicherheitsfilm „Ich weiß ja, wie es sicher geht“ behandelt auf humorvolle Weise Wege-, Dienstwege- und Arbeitsunfälle im Straßenverkehr. Ziel ist es, zu mehr Verkehrssicherheit beizutragen. vdsi.de/verkehrssicherheitsfilm 14 4|2019 arbeit & gesundheit
spezial Aus Fehlern lernen Offene Fehlerkultur Auch bei der Arbeit machen Menschen Fehler. Das ist ganz normal. Dennoch sollten zur Sicherheit und Gesundheit aller Beschäftigten Missgeschicke und Irrtümer so weit wie möglich reduziert werden. Damit Fehler sich nicht wiederholen und damit ihre Ursachen behoben werden können, ist ein konstruktiver und offener Umgang mit ihnen notwendig. Wenn ein Fehler passiert ist, beruhigen sich vie- le damit, dass es ja noch einmal gut gegangen ist. Diese Reaktion ist ebenso wenig zielführend wie Beschuldigungen oder Beschimpfungen. Für mehr Sicherheit ist vielmehr ein konstruktiver Umgang mit Feh- lern notwendig. Wie der aussehen kann, zeigt das folgende Beispiel: Das Kabel eines Wasserkochers hat einen Riss. Eine Kollegin flickt die gebrochene Stelle mit Klebeband. Die Füh- rungskraft bemerkt die Reparatur und weist die Kollegin, die das Kabel geflickt hat, darauf hin, welche Konsequenzen die notdürftige Reparatur haben kann. Im Team wird anschließend besprochen, wie derartige Fehler in Zukunft vermieden werden können. Zudem wird gemeinsam überlegt, welche organisatori- schen Maßnahmen der Betrieb ergreifen kann, damit so etwas nicht wieder vorkommt. So lässt sich aus Fehlern lernen und es wird Unfällen vorgebeugt. Von Fehlern profitieren. „Die Beschäftigten müssen das Gefühl haben, offen und ehrlich mit Fehlern umgehen zu kön- nen“, sagt Dr. Marlen Cosmar, Referentin der Institutsleitung am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzli- chen Unfallversicherung (IAG). Es muss ihnen klar sein, dass sie nicht an den Pranger gestellt werden, wenn sie einen Fehler gemacht haben und sie diesen melden. So können Beschäftig- te Fehler als Chance auffassen und an ihnen wachsen. Beinahe-Unfälle ernst nehmen Es gibt immer wieder gefährliche Situationen oder Zwischen- fälle, bei denen es nur beinahe zu einem Unfall gekommen wäre. Diese Beinahe-Unfälle werden häufig verharmlost. Doch nur, wenn auch Unfälle, die beinahe passiert sind, gemeldet werden, lassen sich Unfälle im Vorfeld verhindern. Deswegen empfiehlt es sich, ein Meldesystem für Beinahe - Unfälle einzurichten. Eine Meldehilfe für Beinahe-Unfälle gibt es auf der Website der Präventionskampagne: kommmitmensch.de/handlungsfelder/ fehlerkultur ) 2 ( k c o t s r e t t u h S : r e d l i B arbeit & gesundheit 4|2019 Beispiel für fehlerhaftes Handeln: Wenn ein gebrochenes Wasser- kocher-Kabel mit Klebeband geflickt wird, birgt das Gefahren. Fehlerkultur etablieren. Ein offener Umgang mit Fehlern sollte in der Unternehmenskultur verankert sein. Sicherheits- beauftragte können die Führungsebene dazu anregen, eine Fehlerkultur zu entwickeln. Zudem können sie Kolleginnen und Kollegen dazu motivieren, konstruktiv mit Fehlern umzugehen. „Es ist nicht leicht, Prozesse im Betrieb so zu ändern, dass eine neue Fehlerkultur entsteht“, weiß Dr. Marlen Cosmar. Es wird zum Beispiel einige Zeit dauern, bis sich nach der Einführung eines Meldesystems für Unfälle Erfolge einstellen. Umso wich- tiger ist es, dass alle Beteiligten durch- halten und hinter der Fehlerkultur stehen. AUSHANG FÜRS SCHWARZE BRETT Nehmen Sie die folgende Doppelseite aus dem Heft und hängen Sie diese gut sichtbar auf. → arbeit & gesundheit 1|2017
Alle machen mal was falsch Fehler können allen im Betrieb pas- sieren. Wichtig ist, offen darüber zu sprechen. Nur so lässt sich aus Fehlern lernen. Die folgenden Tipps helfen beim angstfreien und lösungsorientier- ten Umgang mit Fehlern. 1 Verantwortung übernehmen Seien Sie mutig und stehen Sie für Ihre Fehler ein. Nur so können Sie, Ihre Kolleginnen und Kollegen und Ihre Vorgesetzten daraus lernen. 2 Fehlerquelle suchen Überlegen Sie, was Sie davon abgehalten hätte, den Fehler zu machen. Welche Unterstützung oder Maß nahme wünschen Sie sich, um den Fehler künftig zu vermeiden? Illustration: Shutterstock; Barbara Höppner
3 Mit anderen darüber sprechen Reden Sie im Team über Ihre Ideen zur Fehlervermeidung. Vielleicht geht es anderen genauso wie Ihnen. Bitte spre- chen Sie auch Ihre Sicherheits- beauftragten oder Führungs- kräfte an. e, den he ahme m den 4 Situation verbessern Damit ein einmal gemachter Fehler nicht erneut passiert, nehmen Sie diesen bitte ernst. Ändern Sie Ihr Verhalten, um den Fehler nicht noch einmal zu begehen. Diesen Aushang finden Sie zum Download unter: aug.dguv.de
spezial Im Auftrag der Fehlerkultur Ansprechpersonen für Beschäftigte Häufig scheuen sich Beschäftigte davor, ihre Fehler den Vorgesetzten zu melden. Aus Sorge vor Beschuldigungen bis hin zur Angst vor dem Jobverlust. In solchen Fällen sind Sicherheitsbeauftragte wichtige Ansprechpersonen und können zwischen den Beschäftigten und Vorgesetzten vermitteln. Sicherheitsbeauftragte bekommen als „Kollegen unter Kollegen“ Fehler häufig frühzeitig mit. Sie sind mit- tendrin im Arbeitsgeschehen, kennen die Arbeits- prozesse und Gefahrenquellen. Insofern können sich Sicherheitsbeauftragte gut für einen konstruktiven Umgang mit Fehlern engagieren. Grundsätzlich sollten sie mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie offen mit ihren eigenen Fehlern umgehen und darüber berichten, was sie daraus bereits gelernt haben. Über Fehler reden. Ein System, das zeigt, wie mit Fehlern im Unternehmen umgegangen wird, erleichtert den Beschäftigten den offenen Umgang mit eigenen Fehlern. Wenn die Beschäftig- ten wissen, was für Konsequenzen sie erwarten, sind sie eher bereit, ihre Fehler zu melden. Sicherheitsbeauftragte können sich dafür einsetzen, dass solch ein System in ihrem Unter- nehmen eingeführt wird. In dem System sollten Sicherheits- beauftragte darüber hinaus eine Rolle als Ansprechpersonen einnehmen. Vielen Beschäftigten fällt es leichter, sich an die Si- cherheitsbeauftragten als an den Arbeitgeber zu wenden, wenn sie einen Fehler gemacht oder beobachtet haben. Wichtig ist auch, dass Beschäftigten, die einen Fehler gemacht haben, je- mand zur Seite steht und hilft, den Fehler aufzuarbeiten. Diese Zuständigkeiten sollten geklärt und bekannt sein. Konsequenzen ergreifen. Wenn ein Fehler passiert ist, lässt er sich nicht mehr rückgängig machen. Es bringt aber nichts, sich an dem Fehler festzubeißen. Vielmehr sollte im Team da- rüber diskutiert werden, wie es zu dem Fehler gekommen ist. Vor allem kann das Team überlegen, wie dieser oder ähnliche Fehler künftig vermieden werden können. Im Team sollte auch besprochen werden, welche Konsequenzen gravierende oder bewusst gemachte Fehler nach sich ziehen. Diese Team-Treffen können Sicherheitsbeauftragte einberufen, wenn Fehler pas- siert sind oder Gefahrenstellen bestehen. Ebenso empfiehlt sich eine klare Regelung für den Umgang mit Beinahe-Unfällen. Denn aus einem „Gerade noch einmal gut gegangen“ wird beim nächsten Mal vielleicht ein schlim- mer Unfall. Maßnahmen ableiten. Alle Fehler, seien sie noch so klein und scheinbar unbedeutend, sollten den Führungskräften ge- meldet werden. Wenn die Beschäftigten die Kommunikation mit den Führungskräften scheuen, können Sicherheitsbeauf- tragte als Sprachrohr fungieren. Manchmal helfen kleine orga- nisatorische Änderungen, damit die Kollegin oder der Kollege beispielsweise nicht mehr auf den Schreibtischstuhl steigt, um an einen Aktenordner zu gelangen. Sicherheitsbeauftragte können sich im Betrieb zudem umhören, um herauszufinden, wie Gefahrenquellen beseitigt werden können. kommmitmensch.de/ handlungsfelder/fehlerkultur 18 4|2019 arbeit & gesundheit
fragen & antworten An die Redaktion Bitte schreiben Sie Ihre Fragen an: redaktion@dguv-aug.de Zuschriften aus der Leserschaft In dieser Rubrik haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Möglichkeit, Fragen rund um die Themen Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu stellen. Expertinnen und Experten geben Ihnen Antwort. → „Kletterhelm“ am Arbeitsplatz? → Radtour zur Betriebsveranstaltung? „In einem Artikel in Ausgabe 2/2019 wurde erklärt, bei wel- chen Tätigkeiten ein Industrieschutzhelm zu tragen ist. Es gibt ja auch die sogenannten Kletterhelme, die ähnlich aus- sehen wie die Modelle, die man beim Bergsteigen trägt. Wie ist deren Einsatz geregelt?“ Bernd Springer, Waghäusel ? Peter Frener, Leiter des Sachgebiets Kopfschutz im Fachbereich Persönliche Schutzausrüstungen (PSA) der DGUV: Während beim „klassischen“ Industrieschutzhelm der Schutz vor herabfallenden Gegenständen im Vordergrund steht, muss der Helm im „Bergsteigerdesign“ dank seines Kinnriemens gewährleisten können, dass er auch bei einem Sturz auf dem Kopf bleibt. Die gesetzliche Unfallver- sicherung befürwortet ausdrücklich den Einsatz von Helmen mit Vier- punkt-Kinnriemen. Ganz wichtig ist aber: Für den gewerblichen Einsatz ist ein Helm nach DIN EN 397 „Industrieschutzhelme“ vorgeschrieben. Daher sind Helme, die tatsächlich für den Bergsport ge- dacht sind und über einen Kinnriemen mit sehr großer Haltekraft verfügen, wegen der möglichen Strangulationsgefahr untersagt. Verschiedene Hersteller bieten jedoch Helme im „Berg- steigerdesign“ an, die sämtliche Vorgaben der Industrieschutz- helmnorm DIN EN 397 erfüllen und somit für den gewerblichen Einsatz zugelassen – und empfohlen – sind. Eine Übersicht, welche Art von Helm auf welche Anforderungen ausgerichtet ist, findet sich in dem Fachartikel „Geeigneter Kopfschutz – Indus- trieschutzhelm/Kletterhelm“. Er kann von der Website der DGUV als PDF heruntergeladen werden. dguv.de, Webcode: d1181657 s o t n e m i z i z , d a m h A r e s a N / k c o t s r e t t u h S ; r e t ü H l e a h c i M : r e d l i B „Eine betriebliche Veranstaltung ﬁndet außerhalb des Unternehmens statt, rund 200 Kilometer von der Ar- beitsstätte entfernt. Als begeisterte Sportlerin möchte ich mit dem Fahrrad dorthin fahren. Ist die Hin- und Rückfahrt versicherungstechnisch durch die Berufs- genossenschaft abgesichert?“ Anfrage aus einem Mitgliedsbetrieb der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) Karl Heinz Schwirz von der BGHM: Zwar sind die Teilnahme an Firmenveranstaltungen, der Weg dorthin und wieder zurück grundsätzlich genauso versichert wie der Weg zum Arbeitsplatz, jedoch handelt es sich bei dem geschilderten Fall um etwas, das in der Rechtsprechung als „Verrichtung mit gespaltener Hand- lungstendenz“ oder „gemischter Motivlage“ bezeichnet wird: Einerseits wollen Sie als Beschäftigte zu dem Ort der betrieblichen Veranstaltung gelangen, um daran teilzu- nehmen. Das ist die sogenannte betriebliche Handlungs- tendenz. Auf der anderen Seite nutzen Sie aber diesen Weg für Ihr Hobby Radsport – eine zweifellos private Handlungstendenz. Da in dem geschilderten Fall anzunehmen ist, dass die Wahl des Fahrrads als Verkehrsmittel ihren Grund al- lein in der privaten Motivation als leidenschaftliche Sportle- rin hat, liegt hier kein Versi- cherungsschutz vor. 19 arbeit & gesundheit 4|2019
arbeitswelt Die neue Art des Lernens Wissensvermittlung 4.0 Immer mehr Unternehmen setzen auf neue Formen der Wissens- vermittlung und Kompetenzentwicklung. Davon profitieren auch Sicherheitsbeauftragte bei ihrer Arbeit – und bei ihrer Mittlerrolle im Arbeitsschutz. Die Arbeitswelt entwickelt sich rasant weiter. Immer mehr Abläufe werden digitalisiert, auch damit sie schneller werden. Dabei muss der Mensch Schritt halten können und die Chance haben, sein Wissen entsprechend zu erweitern. „Die Wissensvermittlung erfolgt zunehmend über webbasierte Lernplattformen, Apps und Vi- deos. Doch auch Mischformen, die klassische Seminare und elektronische Medien vereinen, werden genutzt“, erklärt Joa- chim Schiefer, Leiter des Bereichs „Lernen und elektronische Medien“ am Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG). Selbstgesteuertes Lernen. Mit Videos und Apps können sich Beschäftigte dank mobiler Endgeräte selbstständig Berufliche Weiterbildung: Der Trend der letzten Jahre 15 % 2005 15 % 2010 26 % 2015 sowie zeit- und ortsunabhängig Wissen aneignen. In Video- tutorials lassen sich beispielsweise komplexe Fertigungspro- zesse erklären, die ansonsten nur schwer nachvollziehbar sind. Apps können etwa beim Kennenlernen neuer Maschi- nen unterstützen. Schiefer weist jedoch darauf hin, dass eine sachkundige Interpretation der App notwendig ist, um die Gefahren in einer konkreten betrieblichen Situation richtig bewerten zu können. Dies gilt besonders, wenn es um ar- beitsplatzspezifische Aspekte geht. „Für Sicherheitsbeauftragte sind Apps besonders gut geeignet“, weiß Schiefer. Mit ihnen können sie Vorgaben unmittelbar vor Ort abrufen, das eigene Wissen auffrischen, neue Informationen an die Belegschaft weitergeben sowie das Bewusstsein für Risiken stärken. Die Verwaltungs-Be- rufsgenossenschaft (VBG) hat dies erkannt und mit SiB eine App speziell für Sicherheitsbeauftragte entwickelt. Aufgeteilt in die drei Bereiche Infodienst, Arbeitsschutzlexikon und Ter- mine informiert sie rund um den Arbeitsschutz. Das Statistische Bundesamt hat in Fünfjahres- abständen Zahlen erhoben, welcher Prozentsatz der Unternehmen in Deutschland auf Formen des selbstgesteuerten Lernens zur Weiterbildung der Beschäftigten setzt. Darunter fallen auch die Formen des E-Learnings, bei denen die Lernenden selbst entscheiden können, wann (und gegebe- nenfalls wo) sie die Lernmedien nutzen. 20 4|2019 arbeit & gesundheit
Spielerisches Lernen. Eine weitere digitale Lerntechnolo- gie ist die Gamification. Eine der bekanntesten Anwendungen nennt sich „Ribbon Hero“. In eine kleine Geschichte eingebet- tet wird spielerisch der Umgang mit Microsofts Office-Anwen- dungen vermittelt. Spiele zur Wissensvermittlung lassen sich für alle Themenbereiche konzipieren. Sie können auch einge- setzt werden, um die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit zu fördern. Etwa, wenn die Spielfigur auf ihrem Streifzug durch den Betrieb Gefahrenquellen erkennen und beseitigen muss. darin, dass Teilnehmende im Vorfeld digitale Unterlagen ge- stellt bekommen, um sich auf das Präsenzseminar vorzube- reiten. Dies gewährleistet, dass alle Teilnehmenden beim Seminar auf demselben Kenntnisstand sind. All diese neuen Methoden der Wissensvermittlung eignen sich zur Weiterbildung und Qualifizierung. Sicherheitsbeauf- tragte können bei der Auswahl geeigneter Mittel unterstützen. „Wichtig ist, dass die Inhalte immer auf die Unternehmen zu- geschnitten sind“, betont Joachim Schiefer. Webbasiertes Lernen. Bei Web-Seminaren, sogenann- ten Webinaren, erfolgt die Teilnahme ortsunabhängig über das Internet zu einem bestimmten Zeitpunkt. Webinare sind ähnlich wie herkömmliche Präsenzseminare interaktiv aus- gelegt. Lehrende und Teilnehmende können sich während des Seminars meistens über eine Webcam und ein Mikrofon austauschen. Zur Wissensvermittlung eignen sich auch Web- based Trainings (WBT). Die Lernenden greifen online auf ein Lernprogramm zu und bearbeiten dort Übungen und Aufga- ben zu bestimmten Themen. Gemischte Formen. Im Gegensatz zu reinen webbasierten Lernmethoden werden beim Blended Learning Präsenzver- anstaltung und E-Learning kombiniert. Eine Variante besteht f f o k n e d o r o G / k c o t s r e t t u h S : d l i B Nanorama – E-Learning Bei der E-Learning-Anwendung „Nanorama“ der DGUV befinden sich die User in einem virtuellen Raum. Im 360- Grad-Panorama sehen sie Produkte, Materialien und Berufssituationen, die in der jeweiligen Industrie mit Nano- materialien und -technologien in Verbindung stehen. Ziel ist es, alle Situationen zu finden und die Fragen, die beim Anklicken der einzelnen Situationen erscheinen, richtig zu beantworten. Das Nanorama gibt es bislang für fünf Industrie- bereiche: Bau, Labor, Kfz-Werkstatt, Textil und Produktion. nano.dguv.de/nanoramen 21 arbeit & gesundheit 4|2019
betriebspraxis Erfahrungen und Wissen weitergeben Wissenstransfer Wenn Arbeitsverhältnisse enden, verlieren Unternehmen nicht nur Fachkräfte, sondern oft auch wertvolles Know-how. Um das zu verhindern, helfen individuelle Konzepte des Wissenstransfers. Bei der Gestaltung und Umset- zung des Transfers können Sicherheitsbeauftragte gewinnbringend unterstützen. 22 4|2019 arbeit & gesundheit
Kurz erklärt: Drei Methoden des Wissenstransfers 1Storytelling: Im Rahmen eines Inter- views erzählen langjährige Beschäf- tigte den „Neuen“ ihre Erfahrungs- Beschäftigte eignen sich im Laufe ihres Arbeits- lebens viel Wissen an und sammeln wichtige Erfahrungen. Dieses Wissen ist für Unternehmen essentiell. Es si- chert den Erfolg und gewährleistet die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Grundlegend unterschei- det man zwischen explizitem und impli- zitem Wissen. Das explizite Wissen lässt sich gut in Worte fassen und dokumentie- ren. Dazu zählt beispielsweise, wie bestimmte Arbeitsabläufe durchzuführen sind. Das implizite Wissen entsteht durch persönliche Erfahrungen, die Beschäftigte über einen längeren Zeitraum machen. Sie wissen gut, wie etwas geht, können es aber unter Umstän- den nur schwer erklären oder aufschreiben. Das implizite Wissen ist für die Arbeit von besonderer Wichtigkeit. geschichten, z. B. Erlebnisse mit Kunden. Hintergrund: Das Gedächtnis speichert Geschichten leichter als reine Informa- tionen. Das Gespräch wird von einer Mode- ratorin oder einem Moderator begleitet. 2 Wissenslandkarte: In einer Wissenslandkarte halten die Beschäftigten grafisch fest, wo welche Informationen zu ganz bestimmten Aufgaben zu finden sind. Hinweise auf Ansprechpersonen sind ebenso möglich wie Verweise auf die Ablageorte von Ablaufplänen. 3 Mentoring: Neuen Beschäftigten stehen erfahrene Kolleginnen und Kollegen als Mentorinnen und Mentoren zur Seite, etwa jene, die kurz vor der Rente stehen. Diese geben ihr Erfahrungswissen an die unerfahreneren Beschäftigten weiter. Hierbei liegt der Fokus auf sozialem Wissen, weniger auf fachlichem. Individuelles Konzept. Wenn Beschäftigte kündigen oder in Rente gehen, droht das erworbene Wissen wegzufallen. Ein individuelles Konzept für den Wissenstransfer hilft dabei, dieses zu sichern und an die Nachfolgerin oder den Nach- folger weiterzugeben. Das Konzept sollte in Anlehnung an die Unternehmensstrukturen erstellt und intern einheitlich geregelt sein. Es empfiehlt sich zudem, das Konzept in der Betriebsvereinbarung festzuhalten. Weitergabe von Wissen. Für den Wissenstransfer steht eine Vielzahl von Methoden zur Auswahl. Um explizites Wissen festzuhalten und weiterzugeben, eignen sich beson- ders Checklisten, Arbeitsanweisungen und Ablaufbeschrei- bungen. Beim impliziten Wissen hingegen sind Methoden sinnvoll, die den ausscheidenden Beschäftigten zum einen helfen, sich das eigene Wissen bewusst zu machen, und zum anderen, die Arbeit zu reflektieren. Dazu zählen etwa das Storytelling oder die sogenannten Wissenslandkarten (sie- he Grafik oben). Auch Methoden, bei denen der Fokus auf sozialem Wissen liegt, helfen, wichtiges Know-how weiter- zugeben. Zu nennen wäre hier das Mentoring. Konzept auch umgesetzt wird. In größeren Unternehmen unter- stützt die Personalabteilung oft die Planung und die praktische Anwendung. Den Transfer mitgestalten. Sicherheitsbeauftragte können ebenfalls dazu beitragen, dass gewonnenes Wissen im Unter- nehmen gehalten und weitergegeben wird. Sie können aktiv bei der Gestaltung und Durchführung des Wissenstransfers unterstützen. Die persönliche Nähe zu den Kolleginnen und Kollegen sowie zum Arbeitsgeschehen ist hier von Vorteil. So können sie beispielsweise gut bei der Gestaltung von Verfah- rensanweisungen und Checklisten mitwirken. Wenn Sicherheitsbeauftragte merken, dass der Wis- senstransfer verbesserungswürdig ist und infolgedessen Sicherheitsmängel zu befürchten sind, empfiehlt es sich, das Gespräch mit der Führungsebene zu suchen. Zudem können sie die Kolleginnen und Kollegen für das Thema sensibilisieren und um Feedback bitten. So erfahren sie, wo die Beschäftigten Verbesserungspotenzial in puncto Wissensweitergabe sehen – insbesondere beim Thema Ar- beitssicherheit. Die Rückmeldungen sollten an die Führungs- ebene weitergegeben werden, um Lösungsmöglichkeiten zu finden, etwa spezielle Schulungen oder Unterweisungen. Teil der Unternehmenskultur. In erster Linie ist es Aufgabe der Führungskräfte, den Wissenstransfer zu sichern. Sie sollten dafür sorgen, ein Konzept zu entwickeln und eine Organisa- tionskultur zu schaffen, in der der Wissenstransfer verankert ist. Sie sind zudem dafür zuständig, zu überprüfen, ob das Werkzeugkasten „Wissen weitergeben“ mit wichtigen Instru- menten und Vorlagen zum internen Wissenstransfer: → Werkzeugkasten Wissen weitergeben fu-berlin.de c i v o k t e P n a s u D / k c o t s r e t t u h S : d l i B 23 arbeit & gesundheit 4|2019
sicherheit Informieren und Schützen wachsen zusammen Persönliche Schutzausrüstung Die Arbeitswelt verändert sich, vieles wird digitalisiert. Das gilt auch für die Persönliche Schutzausrüstung (PSA). Prof. Dipl.-Ing. Frank Werner, Leiter des Fachbereichs Persönliche Schutzausrüstungen der DGUV, erklärt, warum das Zukunftsthema „intelligente PSA“ schon heute große Bedeutung im Arbeitsschutz hat. Herr Professor Werner, was ist es, das eine Per- sönliche Schutzausrüstung zur „intelligenten“ PSA macht? Zwei wichtige Schlagworte unserer Zeit lauten „Arbeiten 4.0“ und „Digitalisierung“. Es geht al- so um Technik. Und die kann man dann als in- telligent bezeichnen, wenn Komponenten sich vernetzen und interagieren – untereinander und mit dem Menschen. Das Erfassen von Daten, et- wa von bestimmten Umgebungsbedingungen an einem Einsatzort, gehört dazu ebenso wie die orts- und zeitgerechte Bereitstellung von Informationen. Wenn man diese Chance nutzt, kann die PSA künftig wesentlich mehr sein als heute. Gegenwärtig ist die Persönliche Schutz- ausrüstung bekanntlich die letzte Möglichkeit in der Rangfolge der Schutzmaßnahmen – so ist es im Arbeitsschutzgesetz verankert. Das klingt nach zukunftsgerichteter Hightech. Findet denn so eine Interaktion zwischen PSA und Menschen schon heute statt? Ein bekanntes Beispiel ist eine neuartige Schutz- kleidung für Feuerwehrleute. Mit ihr lassen sich die lebenswichtigen Vitalfunktionen der Einsatzkräfte permanent überwachen. Wenn ein kritischer Zustand erkennbar wird, kann die Einsatzleitung sofort reagieren. 24 Intelligente PSA ist also etwas für Extrem- situationen? Keineswegs nur dafür. Intelligente PSA wird – so meine Prognose – gegenüber der heute üb- lichen PSA einen Wertewandel erfahren. Das ist ähnlich wie die Entwicklung vom Mobiltelefon zum Smartphone, das man sich inzwischen gar nicht mehr wegdenken kann. Nehmen wir das Beispiel einer Schutzbrille: Man stelle sich vor, dass in einer großen Industrieanlage ein Absperrschieber zu wechseln ist. Die Monteu- rinnen und Monteure bekommen vor Ort alle relevanten Informationen zu den notwendigen Arbeiten, den benötigten Werkzeugen, den Gefährdungen sowie den festgelegten Schutz- maßnahmen direkt in die Schutzbrille proji- ziert. So würde zudem sichergestellt, dass die Beschäftigten die Schutzbrillen auch wirklich tragen. Auf diese Weise werden die Schutz- funktion der Brille und die Bereitstellung aller relevanten Informationen sinnvoll miteinan- der verknüpft. Lässt sich absehen, wie dadurch Unfallzahlen gesenkt werden können? Nicht stattgefundene Unfälle zu beziffern ist natürlich schwierig. Auf Grundlage von Wahr- scheinlichkeiten und bekannter Entstehungs- » Persönliche Schutzausrüstung wird intelligent, indem Komponenten sich vernetzen und interagieren. « 4|2019 arbeit & gesundheit
Schutzkleidung für Feuerwehr- leute, wobei Körperfunktionen mittels Sensoren überwacht werden, ist ein Beispiel für intelligente Persönliche Schutz- ausrüstung (Symbolbild). muster kann man Algorithmen, also eine Art technischer Rezepte, entwickeln, die bei ent- sprechender Datenlage die Menschen warnen, selbsttätig Maschinen abschalten oder ein Einschalten gar nicht zulassen – um einige Bei- spiele zu nennen. Darin liegt eine große Chance intelligenter PSA. Woher können Akteurinnen und Akteure aus den Betrieben Informationen über intelligente PSA bekommen? Die erste Informationsquelle liefern die Her- steller quasi frei Haus. Sie informieren auf ihren Webseiten, in der Fachpresse oder auch auf Messen über ihre Produkte. In diesem Jahr findet vom 5. bis 8. November die A+A in Düs- seldorf statt, das internationale Highlight unter den Fachveranstaltungen im Arbeitsschutz. Dort gibt es alle Neuheiten buchstäblich zum Anfassen. Und auch wir vom Fachbereich PSA begleiten die Prozesse aktiv. Wir beraten und unterstützen bei der Entwicklung neuer Produk- te und werden parallel zur weiteren Entwicklung Informationen erarbeiten und veröffentlichen. Sehen Sie Chancen für Sicherheitsbeauftragte, das Thema „intelligente PSA“ im eigenen Un- ternehmen voranzutreiben? Gemeinsam mit Fachkräften für Arbeitssicher- heit sowie Betriebsärztinnen und Betriebsärz- ten unterstützen Sicherheitsbeauftragte die Unternehmen dabei, ihr wertvollstes „Gut“ zu schützen: gesunde und motivierte Beschäftig- te. Nur mit ihnen ist unternehmerischer Erfolg dauerhaft möglich. Da wäre es fatal, wenn die Stimme der Sicherheitsbeauftragten nicht ge- hört wird. Gerade sie wissen, wo in der betrieb- lichen Praxis der Schuh am meisten drückt. Vor- gesetzte und Unternehmensleitungen, die den Sicherheitsbeauftragten nicht zuhören, wären schlecht beraten. Website des DGUV Fachbereichs Persönliche Schutzausrüstungen: Webcode: d25049 dguv.de l l i L o t o h P / i r e h a T z a n h a h S / U A B G B : r e d l i B 25 arbeit & gesundheit 4|2019
regelungen Alles, was Recht ist Auf der sicheren Seite! Sofern nicht ausdrücklich anders vermerkt, sind die hier vorgestellten Publikationen über die Datenbank der DGUV zu beziehen: publikationen.dguv.de Dort gibt es eine praktische Stichwortsuche. Neu Geändert → → → Im Februar 2019 wurde die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A4.3 „Erste-Hilfe-Räume, Mittel und Einrichtungen zur Ersten Hilfe“ geän- dert. Überarbeitet wurden die Bestimmungen zur Verteilung von Verbandkästen. baua.de → ASR A4.3 Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A1.6 „Fenster, Oberlichter, lichtdurchlässige Wände“ wurde im Februar 2019 überarbeitet. Geändert wurde der Passus zur Absturzsicherung von Ar- beitsplätzen oder Verkehrswegen, die an Fenster grenzen, deren Brüstungshöhe zur Absturz- sicherung nicht ausreicht. baua.de → ASR A1.6 Im Februar 2019 wurde die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A1.5/1,2 „Fußböden“ ausgeweitet. Ergänzend zu Fußböden an Ar- beitsplätzen wurden aufgenommen: Fußböden in Sanitär-, Pausen- und Bereitschaftsräumen, in Kantinen, in Erste-Hilfe-Räumen und in Unter- künften. baua.de → ASR A1.5/1,2 → → → Seit dem 21. April 2019 dürfen Hersteller Persönliche Schutzausrüstungen (PSA) nur noch vertreiben, wenn diese der EU Verordnung über PSA 2016/425 entspre- chen. In dieser Verordnung wird Gehörschutz neu als PSA in der Kategorie III eingestuft. Zudem müssen Un- terweisungen mit Übungen für die Benutzerinnen und Benutzer durchgeführt werden. bmas.de → EU Verordnung über PSA Aktualisiert Die bisherige BGG/GUV-G 948 wurde im Mai 2019 durch den DGUV Grundsatz 304-001 „Ermächtigung von Stellen für die Aus- und Fortbildung in der Ersten Hilfe“ ersetzt. Er gibt an, welche Voraussetzungen Stellen erfüllen müssen, um Personen in Erster Hilfe aus- und fortzubilden. Zudem listet er Kriterien für die Feststellung der Eignung von Stellen zur Aus- und Fort- bildung von Lehrpersonal in Erster Hilfe. Im März 2019 wurde die Technische Regel für Gefahr- stoffe TRGS 554 „Abgase von Dieselmotoren“ neu ge- fasst. Die TRGS greift bei Tätigkeiten, bei denen die Be- schäftigten mit Abgasen von Dieselmotoren in der Luft in Kontakt kommen können. Die Regel gilt für Arbeits- bereiche, die ganz oder teilweise geschlossen oder im Freien sind. Darüber hinaus ist die TRGS auch anzuwen- den, wenn alternative Kraftstoffe wie Rapsöl-Methylester (RME, sogenannter Biodiesel) eingesetzt werden. baua.de → TRGS 554 26 4|2019 arbeit & gesundheit
medienangebote Was gibt’s Neues? → Zuhören ist angesagt → Wissen verbessert Arbeitssituation → Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt Kurzfilm. Was passiert, wenn der Chef die Bedenken seines Teams konsequent überhört? Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in wichtige Ent- scheidungen einbezogen werden? Ein von der Präventionskampagne kommmitmensch produzierter Video- Clip zeigt es: Ein Architekt verfällt auf die Idee, ein turmartiges Bauwerk in Form eines Flamingos zu planen. Er lässt ein Modell anfertigen. Kein Wort der anderen Teammitglieder nimmt der Chef wahr, ob- wohl sie alle massive Bedenken zu haben scheinen. Nachdem das Gebäudemodell in Gestalt eines Flamingos steht, verlässt er zufrieden den Raum. Dann stürzt das Modell ein. Auch wenn es nur ein Modell war, wird deutlich: Wenn man zuhört sowie kri- tische Meinungen wahr- und annimmt, können mögliche Probleme frühzeitig erkannt und gemeinsam gelöst werden. kommmitmensch.de/ toolbox/videos n i h k o m a S n a m o R , 8 8 t l a b o c , z c i w o h c e r K b u k a J / k c o t s r e t t u h S : r e d l i B Web-Dokumentationen. Welchen Beitrag können Wissenschaft und For- schung zur Gestaltung und Sicherung menschengerechter Arbeitsplätze leisten? Dieser Frage geht die Bundes- anstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsme- dizin (BAuA) in Web-Dokumentationen nach, die im Rahmen des Projekts „Wis- sen scha(f)ft gesunde Arbeit – Arbeits- welten der Zukunft menschengerecht gestalten“ erstellt wurden. Die Doku- mentationen widmen sich den Themen: • Arbeitszeiten der Zukunft – flexibel um jeden Preis? • Staub von morgen • Kollege Roboter Die multimedialen Reportagen be- inhalten neben Texten und Fotos auch Audio- und Videosequenzen. Wissen- schaftlerinnen und Wissenschaftler erklären, wie Forschung abläuft. Zudem verdeutlichen Beispiele, wie sich das in der Forschung gewonnene Wissen umsetzen lässt und Arbeitssituationen verbessern kann. Infoportal. Arbeit so zu gestalten, dass die psychische Gesundheit geschützt und gestärkt wird – darum geht es beim Projekt „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ (psyGA). Die Web- site des Projekts wurde Anfang 2019 gerelauncht. Das Infoportal ist nun noch intuitiver gestaltet. Nutzerinnen und Nutzer werden durch fundierte Informationen rund um die psychische Gesundheit bei der Arbeit gelotst. Er- gänzend zu den Informationen gibt es Praxisinstrumente und Handlungshil- fen. Dazu zählen E-Learning-Tools, Bro- schüren, Kurzchecks und ein Hörbuch. Darüber hinaus umfasst das Spektrum des Projekts über 15 weitere Produkte. Neu ist zum Beispiel die Rubrik „Fo- kus“. Sie informiert über aktuelle The- men zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt. Damit bleiben Sicher- heitsbeauftragte stets auf dem Laufen- den und können wichtige Neuigkeiten an Vorgesetzte und Kolleginnen und Kollegen weitergeben. psyga.info wissenschaftsjahr.baua.de 27 arbeit & gesundheit 4|2019
meldungen → Tätigkeit beeinflusst Art und Dauer der Erkrankung → Präventionskultur häufig noch lückenhaft Aktuelle Analyse. Die berufliche Tätig- keit wirkt sich auf krankheitsbedingte Fehlzeiten und die Art der Erkrankung aus. Das zeigt eine Analyse des Wissen- schaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Untersucht wurden Daten von knapp 14 Millionen AOK-versicherten Arbeit- nehmerinnen und Arbeitnehmern. Fazit: Berufsgruppen mit einer hohen körperlichen Arbeitsbelastung weisen die höchste Anzahl an Krankheitstagen auf. Über 30 Fehltage verzeichneten 2018 Berufsgruppen aus den Bereichen der Ver- und Entsorgung, Straßen- und Tunnelwartung sowie Berufe in der industriellen Gießerei. Die niedrigsten Fehlzeiten hatten Beschäftigte in der Hochschullehre und -forschung mit 4,6 Fehltagen. Auch die Art der Er- krankung wird durch den Beruf beein- flusst. So treten beispielsweise Mus- kel-Skelett-Erkrankungen besonders häufig bei Berufen mit körperlich belas- tenden Tätigkeiten auf. Psychische Er- krankungen finden sich dagegen eher in den dienstleistungsorientierten Berufen. Um das Krankheitsrisiko zu verringern, eignen sich gezielte Präventionsmaß- nahmen. Hier können Sicherheitsbeauf- tragte unterstützen. wido.de → Krankheitsbedingte Fehlzeiten 28 schutz demnach vordergründig das Ver- halten der Beschäftigten. Die Beschäf- tigten werden als die stärkste Ressource des Unternehmens betrachtet. Sie sind zugleich aber auch die Hauptquelle von Fehlern und Sicherheitsrisiken. Laut der Autorinnen des Berichts gibt es in vielen Unternehmen unter anderem Lücken im Arbeitsschutzverständnis. Um Betriebe beim Ausbau und dem Erhalt der Präventionskultur zu unterstützen, schließt der Forschungsbericht mit Emp- fehlungen. Diese lehnen sich an die fünf erarbeiteten Präventionskultur-Typen an und können gewinnbringend im eigenen Unternehmen angewendet werden. Eine gelebte Präventionskultur in Betrieben und Organisationen zu verankern, das ist auch das Ziel der Präventionskampagne kommmitmensch. baua.de → Projekt F 2342 Forschungsbericht. Wie organisieren deutsche Betriebe Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Gesundheitsför- derung? Das ist Thema des Forschungs- berichts „Formen der Präventionskultur in deutschen Betrieben“ der Bundesan- stalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedi- zin (BAuA). Neben dem grundsätzlichen betrieblichen Vorgehen analysiert der Bericht, wie sich Betriebsgröße und Branchenzugehörigkeit auf dieses Engagement auswirken. Basierend auf Telefoninterviews mit 375 deutschen Betrieben arbeitet der Bericht fünf ver- schiedene Typen der Präventionskultur heraus: • die Standardsetzer (Typ Eigene Kultur) • die Systematiker (Typ Kennzahlen) • die Fehlervermeider (Typ Mensch im Zentrum) • die Techniker (Typ Priorität Technik) • die Do-it-yourselfer (Typ Selbstbezug) Am häufigsten kommt in deutschen Be- trieben der „Fehlervermeider“ vor – und zwar in allen Branchen und Betriebsgrö- ßen. Bei knapp einem Drittel der Betrie- be in Deutschland betrifft der Arbeits- 4|2019 arbeit & gesundheit
→ Vielfalt bereichert die Arbeitswelt GUT ZU WISSEN Körperlich harte Arbeit noch immer weit verbreitet Preisverleihung. 47 deutsche Unter- nehmen aus den unterschiedlichsten Branchen haben am Inklusionspreis für die Wirtschaft 2019 teilgenom- men. In ihrer Bewerbung haben sie aufgezeigt, wie sie das Potenzial von Menschen mit Behinderung er- folgreich nutzen. Anfang April 2019 wurden nun die Unternehmen mit den besten Ansätzen ausgezeichnet. Überzeugt haben der Automobilkon- zern Daimler, die Deutsche Telekom, der Onlinehändler Zalando Logistics, der Transportdienstleister Quick Line und der Werkzeughandel Schär. Daimler beispielsweise beeindruckte mit der Gestaltung der Barriere- freiheit. Diese wird nicht nur auf baulicher Ebene, sondern auch bei digitalen Anwendungen wie der Mitarbeiter-App „Daimler4You“ mit Vorlesefunktion, Zoom und Sprach- assistenten umgesetzt. Die Gewin- nerinnen und Gewinner zeigen praxisnah, wie Inklusion gelingen kann. Und sie machen deutlich, wie sowohl Betriebe als auch Beschäftig- te profitieren. Nicht zuletzt gehen sie mit gutem Beispiel voran und motivie- ren zum Nachahmen. inklusionspreis.de l e k n w i l l e B g n a g f l o W ; z t e l P / n e z t e s n e h c i e Z ; k e v a l c a V r t e P / k c o t s r e t t u h S : r e d l i B 80 70 60 50 40 30 20 10 0 54 % der Befragten müssen häufig im Stehen arbeiten. 39 % arbeiten mit den Händen. 23 % müssen schwer heben und tragen. 17 % arbeiten in Zwangshaltung. Deutschland ist keineswegs ein Wirtschaftsstandort, an dem die Be- schäftigten nur noch am Schreibtisch sitzen und sämtliche körperlichen Belastungen bereits aus der Welt geschafft wären. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung der Bundes- anstalt für Arbeitsschutz und Arbeits- medizin (BAuA), deren Ergebnisse im BAuA-Faktenblatt 27 „Körperlich harte Arbeit in Deutschland – immer noch weit verbreitet“ veröffentlicht wurden. Unter „harte Arbeit“ fallen dabei insbesondere häufiges Stehen, schweres Heben und Tragen, Arbeit in Zwangshaltung oder mit den Händen. Dabei ist klar, dass auch in jedem Büro auf der Computertastatur mit den Händen gearbeitet wird. Das ist hier aber nicht gemeint. Vielmehr geht es um Tätigkeiten, bei denen die Hände mit viel Geschick, Schnelligkeit oder großer Kraft eingesetzt werden. Dies trifft beispielsweise auf Berufe in den Bereichen Bau, Ausbau und Gar- tenbau zu. Aber auch Berufsgruppen, die hilfsbedürftige Menschen körper- lich pflegen, zählen dazu. In diesem Zusammenhang gibt die BAuA einige Anregungen, wie möglichen gesundheitlichen Be- schwerden durch körperliche Arbeit effektiv entgegengewirkt werden kann: Entlastend ist eine gesund- heitsförderliche Arbeitsgestaltung, etwa durch ergonomisch eingerich- tete Arbeitsplätze oder die Verwen- dung von Trage- und Transporthilfen. Ebenso wichtig ist, Verhaltensregeln zu beachten, zum Beispiel rücken- schonende Hebe- und Tragetechniken anzuwenden und – nicht zuletzt – Arbeitspausen einzuhalten. baua.de/dok/ 8816194 29 29 arbeit & gesundheit 4|2019
unterhaltung Testen Sie Ihr Wissen Mitmachen und gewinnen Die richtigen Antworten auf unsere Quizfragen finden Sie beim aufmerksamen Lesen dieser Ausgabe von „arbeit & gesundheit“. 1 Was versteht man unter „Blended Learning“? W: Ein Fahrsicherheitstraining, bei dem das richtige Ver- halten bei Blendung durch den Gegenverkehr geübt wird. S: Eine Fortbildung in der Lebensmitteltechnik. Es geht um das Erlernen von Rezepturen, sogenannten Blends. R: Seminare, bei denen Vor-Ort-Veranstaltungen mit Online-Inhalten zum Selberlernen verknüpft werden. 2 Nach einem Arbeitsunfall ist Helmut H. in der neunten Woche krankgeschrieben. Welche Ersatz- leistung bekommt er, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können? O: Krankengeld, ausbezahlt durch die Krankenkasse. E: Verletztengeld von der zuständigen Berufsgenossen- schaft oder Unfallkasse. I: Der Arbeitgeber muss Herrn H.’s Gehalt so lange weiterzahlen, bis der Beschäftigte an den Arbeitsplatz zurückkehren kann. 3 An einem Treppenaufgang wäre eine Kollegin fast gestürzt, aber eben nur fast. Wie geht man damit um? E: Mit der gebotenen Gelassenheit. Es ist ja nichts passiert. G: Beinahe-Unfälle sollten Anlass sein, zu überlegen, wie die Ur- sache behoben werden kann – damit kein „echter“ Unfall passiert. L: Pflichtbewusste Sicherheitsbeauftragte müssen die Beschäftig- ten ab sofort mit Nachdruck am Betreten dieses Bereichs hindern. 4 Was ergibt sich aus den neuen Wegeunfallzahlen? K: Man sollte möglichst sämtliche Arbeitswege mit dem Auto zu- rücklegen. Alle anderen Verkehrsmittel sind zu gefährlich. S: Inzwischen ist der Straßenverkehr so sicher geworden, dass die Zahl der Wegeunfälle auf ein vernachlässigbares Niveau gesunken ist. E: Die Zahl der tödlichen Wegeunfälle hat sich im Jahr 2018 gegen- über 2017 erhöht. Häufige Ursache ist zu schnelles Fahren. 5 Können Betriebe und Belegschaften vom Wissen und der Erfahrung älterer Beschäftigter proﬁtieren? N: Auf jeden Fall. Die „alten Hasen“ könnten z. B. weniger erfahrene Beschäftigte zeitweise als Mentorinnen und Mentoren begleiten. S: Nur wenn es um technisches Wissen geht. Der Austausch per- sönlicher Erfahrungen gehört nicht in den Betrieb. E: Kaum. Meist sind die Älteren ja nicht auf dem neuesten Stand. Sudoku Die leeren Kästchen müssen mit Zahlen gefüllt werden. Dabei gilt: Die Ziffern 1 bis 9 dürfen in jeder Zeile, jeder Spalte und jedem Block nur einmal vorkommen. ! Gewinnen Sie einen von zehn exklusiven Thermobechern im unverwechselbaren „arbeit & gesundheit“-Design. Und so geht’s: → Bilden Sie aus den Buchstaben, die den jeweils richtigen Antworten zugeordnet sind, das Lösungswort. → Schicken Sie uns die Lösung unter Angabe des Stichworts „arbeit & gesund- heit“, Ihres Namens und Ihrer Anschrift. → Per Post an CW Haarfeld GmbH, Redaktion „arbeit & gesundheit“, Robert-Bosch-Str. 6, 50354 Hürth, oder per E-Mail an Teilnahmeschluss: 15. August 2019 Die Gewinnerinnen und Gewinner des Preisrätsels von Ausgabe 3/2019 finden Sie online unter aug.dguv.de redaktion@dguv-aug.de 3 6 4 7 4 1 7 8 7 3 2 2 5 4 1 9 5 4 2 6 3 1 6 5 7 7 3 8 5 Lösung und weiteres Sudoku online unter aug.dguv.de Teilnahmebedingungen: Teilnahmeberechtigt sind ausschließlich volljährige natürliche Personen mit einem ständigen Wohnsitz in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Die Teilnahme am Gewinnspiel ist kostenlos. Beschäftigte des Verlags CW Haarfeld GmbH sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Unter mehreren richtigen Einsendungen entscheidet das Los. Auf den Gewinn gibt es keinen Gewähr- oder Garantieanspruch. CW Haarfeld behält sich das Recht vor, das Gewinnspiel zu jedem Zeitpunkt ohne Vorankündigung zu beenden, wenn aus technischen oder rechtlichen Gründen eine ordnungsgemäße Durchführung nicht gewährleistet werden kann. Eine Barauszahlung von Sachpreisen erfolgt nicht. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Hinweise zum Datenschutz finden Sie auf Seite 31. 3 2 5 8 6 4 1 9 7 30 9 7 1 5 4 6 2 8 3 2 5 8 4 7 9 3 1 6 7 9 6 3 8 1 4 2 5 4|2019 arbeit & gesundheit
s o M a l g e s e h e n . . . y m l e F i a K : n o o t r a C Das Allerletzte Unsere Leserinnen und Leser sind aufmerksam und dokumentieren gefährliche Situationen, um zu zeigen, wie es nicht sein sollte. So nicht: Abstürze aus der Höhe – auch wenn diese Höhe „nur“ zwei oder drei Meter beträgt – bilden einen Schwerpunkt im Arbeitsunfallgeschehen. Leider sieht man es in Betrieben gar nicht selten, dass Gabelstapler zur Hubarbeitsbühne zweckentfremdet werden. Den konkreten Fall hat Ulrich Meyer im Bild festgehalten. Sie haben Sicherheitsverstöße entdeckt? Dann schreiben Sie uns unter redaktion@dguv-aug.de Datenschutzhinweis: Verantwortlich ist die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, Glinkastr. 40, 10117 Berlin, dguv.de; unseren Datenschutzbeauftragten erreichen Sie über datenschutz@dguv.de. Die Teilnehmenden willigen mit der Teilnahme an dem Gewinnspiel bzw. mit dem Zusenden des Schnappschusses ohne jegliche Verpflichtung in die Verarbeitung ihrer personenbezogenen Daten zu dessen Durchführung ein. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen. Die Urheberinnen und Urheber der Fotos werden mit vollem Namen neben dem Bild auf der Homepage (aug.dguv.de) und in der Zeitschrift genannt. Die Gewinnerinnen und Gewinner des Preisausschreibens werden auf der Homepage veröffentlicht. Darüber hinaus werden Ihre Daten nicht an Dritte übermittelt und bis zur Verlosung bzw. zur Entscheidung über die Veröffentlichung gespeichert. Sie haben das Recht auf Auskunft, Berichtigung, Löschung, Einschränkung der Verarbeitung, Datenübertragbarkeit und auf Beschwerde bei einer Aufsichtsbehörde. arbeit & gesundheit 4|2019 31
» Dreh deinen Film ... «Teilnahmebedingungen und Infos unter kommmitmensch.de… zum kommmitmensch Film & Media Festival der 2019 — mehr Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit!shutterstock/LoopAll, Vlad Enculescu