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Matched Legal Cases: ['Art. 123', 'Art. 5', '§ 4', '§ 25', '§ 4', '§ 4', '§ 38', '§ 38']

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MMDoku/Dokumentation/1991/Bericht Ströker-Kommission
Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität: Bericht der Kommission in Sachen Doktorgradentziehung Professor Dr. Ströker, 25.03.1991 (Entwurfsfassung), abgedruckt in: Marion Soreth: Dokumentation zur Kritik an Elisabeth Strökers Dissertation, 2., um einen zweiten Teil erweiterte Aufl., Köln 1996 (1. Aufl. 1991), S. 46-55
"I. Kommissionsauftrag
In der Sitzung vom 17.10.1990 hat die Philosophische Fakultät, veranlaßt durch Veröffentlichungen über eine angebliche Täuschung im Promotionsverfahren von Frau Prof. Dr. Ströker, eine Kommission eingesetzt mit dem Auftrag,
den Sachverhalt in der genannten Angelegenheit zu ermitteln,
auf der Basis des Ermittlungsergebnisses der Fakultät einen Vorschlag zu unterbreiten, ob es geboten ist, gegen Frau Prof. Dr. Ströker mit dem Ziel der Titelentziehung einzuschreiten.
II. Zusammensetzung der Kommission
[Ergänzung in Endfassung v. 16.04.1991: Honnefelder]
Wiss.M. Dr. Herborn
Frau Dr. Brigitte Mühlenbruch (als Frauenbeauftragte der Universität)
III. Verlauf der Kommissionsarbeit
Die Kommission hat am 30.11.1990 und 23.01.1991 getagt.
In ihrer ersten Sitzung am 30.11.1990 hat sie sich über den rechtlichen Rahmen der Prüfung verständigt und die Sachverhaltsermittlung vorbereitet. Sie hat dafür die Kollegen Marx und Stuhlmann-Laeisz mit der Berichterstattung über die Dissertation und auch über die Gepflogenheiten der Literaturverwendung im engeren Kreis der Lehrer der Doktorandin beauftragt. Diese Berichte sind in der zweiten Sitzung am 09.01.1991 erstattet worden. Die Kommission hat Frau Ströker durch Einladung von 10.01.1991 Gelegenheit gegeben, sich zu den erhobenen Vorwürfen zu äußern. Frau Ströker hat sich der Kommission gegenüber durch Schreiben vom 21.01.1991 eingelassen.
IV. Rechtlicher Rahmen der Kommissionsarbeit
Die Kommission geht mit der einschlägigen Rechtsprechung davon aus, daß das Gesetz über die Führung akademischer Grade (GFaG) vom 07. Juni 1939 (RGBl. I S. 985) für die Entziehung eines Doktorgrades wegen Täuschung fortgilt, folglich Ermächtigungsgrundlage für die Entziehung eines Doktorgrades ist. Im Verhältnis zu der Promotionsordnung von 1950, die ihrem Text nach davon ausgeht, daß der Doktorgrad bei Täuschung entzogen wird, bleibt aus dem GFaG beachtlich, daß die Entziehung des Doktortitels nach dem Gesetz eine Ermessensentscheidung ist, also im Fall der Täuschung eingeschritten werden darf, aber nicht eingeschritten werden muß.
Die Kommission bejaht auch die Zuständigkeit der Fakultät, obgleich die Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Führung akademischer Grade vom 21. Juli 1939 (RGBl. I S. 983) das Dekane-Konzil für zuständig erklärt hat. Sie hält die Vorschrift nicht für fortgeltendes Recht, weil das damalige Dekane-Konzil entsprechend dem Führerprinzip aus ernannten Dekanen bestand, deren Zuständigkeit begründet worden war, um so gesicherten Außeneinfluß auf die Entziehungsentscheidungen nehmen zu können. Eine solche Zuständigkeitsordnung gilt unter dem Grundgesetz nicht fort (Art. 123 Abs. 1 GG). Im übrigen ist das ius promovendi, dazu gehört naturgemäß auch das Recht in einem Prüfungsverfahren die Täuschungsqualität einer Arbeit festzustellen, – verfassungsgeschützt (Art. 5 Abs. 3 GG) – Fakultätsangelegenheit, so daß eine abweichende Zuständigkeit auch daran scheitern müßte. Jedenfalls ist die Zuständigkeitsnorm dadurch untergegangen, daß das Nordrhein-Westfälische Hochschulrecht bezüglich der Organe der Hochschule durch Erlaß des Hochschulgesetzes eine abschließende Regelung getroffen hat, neben der keine dort nicht vorgesehenen Organe für hochschulrechtliche Entscheidungen bestehen können. Spätestens durch Erlaß des WissHG ist also die Zuständigkeitsnorm der Durchführungsverordnung untergegangen. Die Zuständigkeit der Fakultät folgt also aus § 4 Abs. 1 S. 2 GFAG i.V.m. § 25 Abs. 2 WissHG.
Materiell rechtlich folgt eine Entziehungsentscheidung aus § 4 Abs. 1 lit. a) GFaG i.V.m. der Promotionsordnung der Philosophischen Fakultät von 1950. Die Entscheidung über die Täuschung ist an keine Frist gebunden. Selbst wenn man davon ausgeht, daß § 4 GFaG keine abschließende Regelung ist, sondern durch das Verwaltungsverfahrensgesetz vom 21.12.1976 (GV NW S. 348) ergänzt wird, so daß Rücknahmeentscheidungen grundsätzlich an eine Jahresfrist gebunden sind, so gilt das doch nicht für die Fälle der Täuschung, wie § 38 Abs. 4 S. 2- i.V.m. § 38 Abs. 2 S. 3 Nr. 2 VwVfG NW zeigt. Der Maßstab der Täuschung wird durch die Promotionsordnung von 1950 dahingehend bestimmt, daß derjenige täuscht, der die verwendeten Quellen nicht 'angibt'; diese Formulierung weicht von späteren Pflichtumschreibungen, was den Sorgfaltsmaßstab betrifft, ab: Es wird nur die Angabe der verwendeten Literatur verlangt, nicht ausdrücklich 'die Kenntlichmachung' jedes einzelnen sinngemäß oder wörtlich verwendeten Textes. Dementsprechend lautete auch die von der Doktorandin abzugebende Eidesstattliche Versicherung, die diese Verpflichtung bekräftigte.
Adressat der Täuschung müssen die damaligen Prüfpersonen gewesen sein. Rechtlich ist die Kommission deshalb verpflichtet gewesen, ihrer Rechtsentscheidung auf den personalen und zeitlichen Horizont des Zeitpunktes der damaligen Promotion einzurichten; das schließt ein, daß die Vorstellungen über die Genauigkeit, mit der handwerkliche Regeln zu handhaben sind, in der Zeit differieren können, so daß abweichende Sorgfaltsstandards bei den damaligen Prüfpersonen rechtlich beachtlich sind.
Von einer Täuschung, die für die Titelverleihung kausal gewesen sein muß, kann man dabei nur sprechen, wenn die Prüfungsarbeit im damaligen Verleihungsverfahren, hätte man die Täuschung erkannt, deshalb aus dem Prüfungsverfahren eliminiert worden wäre. Dabei sind die äußersten Toleranzschwellen nach oben und nach unten leicht benennbar: Wenn fremdes Geistesgut in der Arbeit überhaupt nicht quellenmäßig genannt wird, aber durchgängig fremdes Geistesgut so verwertet wird, als handele es sich um selbst erarbeitete Erkenntnisse, ist die Täuschung evident und die Rechtsfolge der Aberkennung trotz des Ermessensspielraums zwingend. Genauso klar ist, daß es plausible Erklärung dafür geben kann, daß bei einzelnen Sätzen die Kennzeichnung als Zitat fehlt, ohne daß deshalb der Vorwurf der Täuschung erhoben werden könnte, weil das verwendete Werk als Quelle angegeben ist.
Zwischen diesen eindeutigen Toleranzgrenzen sind schwierige Ermessensentscheidungen zu treffen, die die relative Geringfügigkeit oder relative Massivität einer Täuschung zu der Eigenständigkeit der Arbeit und der Schwere der Rechtsfolge Titelentziehung in Beziehung setzen müssen. Dies ist eine wertende Entscheidung, die abstrakt schwerlich weiter programmierbar ist. Die Kommission hat sich insoweit auch an den Entscheidungen des VGH Baden-Württemberg vom 18. November 1980 – IV 1302/78 - KMK- HSchR 1981 S. 148 und des OVG Hamburg vom 13. August 1984 -Bf'III 92/80 KMK-HSchR 1986 S. 940 als Zeitlinie orientiert.
V. Die Kommission geht von folgendem Sachverhalt aus: Frau Ströker ist aufgrund ihrer Dissertation 'Zahl und Raum. Wissenschaftstheoretische Studien über zwei fundamentale Kategorien der mathematischen Naturwissenschaft mit besonderer Berücksichtung der Ontologie Nicolai Hartmanns' am 23.12.1953 aufgrund der Gutachten von Theodor Litt, Oskar Becker und Erich Feldmann promoviert worden. Die Arbeit ist mit der Note 'egregia' angenommen worden. Das zeigt, daß die Arbeit damals für hervorragend gehalten worden ist. Auch später, als die Arbeit neuerlich notwendiger Gegenstand wissenschaftlicher Begutachtung gewesen muß, nämlich im Berufungsverfahren, das für Frau Prof. Dr. Ströker mit einem Ruf an die Universität Köln abgeschlossen worden ist, ist offenbar niemand auf die Idee gekommen, daß es sich bei dieser Arbeit um eine Täuschung im Sinne der Inanspruchnahme fremden geistigen Eigentums als eigenes handeln könnte.
Der Kommission haben die Prüfungsakten vorgelegen, darunter auch die Gutachten von Theodor Litt, Oskar Becker und Erich Feldmann. Der Kommission hat allerdings das Prüfungsexemplar der Dissertation nicht vorgelegen. Die Kommission hat insofern nur mit dem Text der für die Veröffentlichung gedruckten Fassung arbeiten können. Diese Fassung ist ersichtlich nicht völlig identisch mit dem Text des Prüfungsexemplars. Sie weist Mängel auf, die sicher z.T. darauf zurückzuführen sind, daß ihr Text für die Drucklegung in dem damals angewendeten reprographischen Verfahren von Schreibkräften der Universität neu geschrieben worden ist. Dabei sind ersichtlich nicht sämtliche Fußnoten des Prüfungsexemplars übernommen worden: So setzt sich Oskar Becker in seinem Promotionsgutachten mit Fußnoten auseinander, die in der publizierten Fassung des Buches offenbar nicht mehr vorhanden sind. Frau Ströker räumt in ihrer Stellungnahme vom 21.01.1991 Mängel der Druckfassung ihrer Dissertation ein; sie habe damals die Korrekturen dieses Textes nicht selbst überwachen können. Auch wenn der Kommission das eigentliche Prüfungsexemplar zum Vergleich nicht vorliegt, kann deshalb die Einlassung von Frau Ströker als plausibel gelten, daß Theodor Litt ihr (so in der Stellungnahme vom 21.01.1991 S. 9) die 'Fußnotenseligkeit' 'ausgetrieben habe'. Bezugspunkt dieser 'Austreibung' ist eine 'erste Fassung' der Dissertation, die nach der für die Kommission nicht widerlegbaren Einlassung von Frau Ströker reichhaltiger mit Fußnoten versehen gewesen ist. War das aber der Fall, dann scheidet natürlich die Möglichkeit einer Täuschung gegenüber der Prüfperson Theodor Litt aus.
Diese Einlassung ist im übrigen für die Kommission nicht nur nicht widerlegbar, sondern sie weist einen hohen Plausibilitätsgrad auf. Dafür sprechen eine Mehrzahl von Indizien:
Nachdem die Vorwürfe gegen Frau Ströker presseöffentlich geworden waren, hat sich von sich aus die letzte Doktorandin von Theodor Litt, Frau Dr. Anna Fischer-Buck, brieflich an den Dekan gewandt mit einen Hinweis auf Gepflogenheiten damaligen Promovierens. In diesem Brief, am 8. Januar 1991 zu den Akten gelangt, heißt es: 'Ich habe 1956 bei Theodor Litt doktoriert als seine letzte Doktorandin und mit dem gleichen Prädikat abgeschlossen. ... Wenn ich die Dissertation betrachte, die mein Sohn z.Z. schreibt, so bin ich beeindruckt von der Fülle der Zitate, der vollständigen Aufarbeitung der Sekundärliteratur und überhaupt der akribischen Weise der gesamten Bearbeitung.
Das wurde damals nicht in dieser Perfektion verlangt. Ich weiß genau, daß wir natürlich Zitate anführen mußten, daß aber bei Texten, die wir dem Sinn nach brachten, der Hinweis auf die Literaturliste am Schluß der Arbeit genügte.
Wir brachten aber nur die Literatur, die wir wirklich benutzt hatten. Es kam Litt mehr auf den umfassenden Gedanken an, der mit Hilfe der dazu passenden Literatur und eigener Denkansätze durchgeführt werden mußte. Ich habe in meiner eigenen Arbeit sehr viel wörtlich zitiert, aber – und auch das weiß ich genau – ich war damals ohne falsche Bescheidenheit davon überzeugt, daß die Übertragung in einer eigenen Diktion besser gewesen wäre. Ich brachte nur diese weitere Verarbeitung nicht fertig. ... Vielleicht könnten die unterschiedlichen Bedingungen, unter den damals und heute eine Dissertation verfaßt wurde/wird, zur Klärung der peinlichen Situation dienen.'
Das Kommissionsmitglied Lassahn erinnert sich daran, daß Theodor Litt sich häufiger über den 'Alexandrinismus' des Zitieren mokiert hat.
Schließlich ist ein Brief Theodor Litts vom 17.04.1957 an Frau Ströker von Belang, der die grundsätzliche Position Litts zum Zitieren etwas erhellt. Frau Ströker hatte offenbar in bezug auf die Originalität eines selbstgefundenen Gedankes Bedenken, weil dieser auch anderenorts schon gedacht worden sein könnte. Dazu merkt Theodor Litt an: 'Liebes Fräulein Strökerl Sie sind ein skrupulöses Menschenkind! Ist denn ein Gedanke, auf den Sie gekommen sind, weniger Ihr Gedanke, weil ein anderer ihn auch schon ausgesprochen hat. Das kommt doch massenhaft vor, weil eben das Wahre für alle Denkenden gültig ist. Und die Literatur ist längst so voluminös geworden, daß kein Mensch sie ganz übersehen kann. Ich komme längst nicht mehr dadurch. Also fort mit diesen Bekenken.'
Nach dem Bericht der Fachvertreter für Philosophie (Marx) und Erziehungswissenschaft (Lassahn) sind die Bücher Theodor Litts und die bei ihm entstandenen Dissertationen damals häufig sparsam im Beleg beim Bericht über den Inhalt bestimmter anderer Meinungen, Seitenangaben sind fast unüblich. Die Bücher von Theodor Litt selbst weisen vielfach keine konkreten Literaturangaben und Zitatnachweise auf. Das Kommissionsmitglied Lassahn weiß aus eigenem Erleben zu berichten, daß die Beherrschung fremder Lehrmeinungen vom Doktoranden erwartet wurde, ohne daß insoweit Einzelnachweise dem Stil Theodor Litts, der auch in den Seminaren üblich war, entsprochen hätten.
Das Literaturverzeichnis der Dissertation von Frau Ströker gibt, wie die Kommission nochmals geprüft hat, die benutzte Literatur vollständig an (soweit sich so etwas je mit Gewißheit sagen läßt); auch bei den jetzt erhobenen Vorwürfen ist nicht auf unzulässigerweise fehlende Titel hingewiesen worden.
Die Dissertation behandelt ein Stück systematischer Philosophie. Der Vorwurf geistigen Diebstahls ist dabei insbesondere gegen den den Ausgangspunkt fixierenden Anfangsteil der Arbeit mit Bezug auf die Arbeiten von Cassirer und Russell erhoben worden. Hier ist die Kommission unter Verwertung der von Frau Ströker unter dem 21.01.1991 verfaßten Stellungnahme zur Wahrung des ihr gewährten Gehörs zu dem Ergebnis gelangt, daß dieser Einleitungsteil unter mehreren Prämissen gesehen werden muß.
(1) Die Verfasserin erhebt in diesem vor allem beanstandeten Bereich erkennbar nicht den Anspruch, das dort Dargelegte als eigene Erkenntnis zu präsentieren, sondern schreibt es deutlich als einen Bericht über fremde Erkenntnisse, der die Grundlage ihrer eigenen Hartmann-Kritik bildet.
(2) Sprachlich bewegt sich die Arbeit hier in den Bahnen des Neukantianismus mit einer das Paradigma kennzeichnenden Schulensprache [in Endfassung v. 16.04.1991: Schulsprache], die für die damalige Zeit eine Fach-Gemeinsprache darstellte. [Satz in Endfassung v. 16.04.1991 durchgestrichen, s.a. Anm.:] Nicht alle sprachlichen Wendungen, die sich bei Cassirer etc. finden mögen, sind deshalb plagiatorisch. Insbesondere für die damaligen Prüfpersonen handelte es sich erkennbar um eine 'Argumentation im Paradigma', wie dies ein Kommissionsmitglied genannt hat.
(3) Die Übereinstimmungen mit Russell und Cassirer sind zudem keine wörtlichen Übernahmen geschlossener Textpassagen, sondern eher unter dem Blickwinkel des eigenen Themas hier und dort 'entlehnte' Mosaiksteine in fremder sprachlicher Fassung, die zu der argumentativen Ausgangsbasis der jedenfalls eigenständig behandelten systematischen Fragestellung führen; eine vollständige Textidentität besteht zumeist nicht.
(4) Die Prüfer Theodor Litt und Oskar Becker waren in dem erwähnten Paradigma derart zu Hause, daß sie die Entlehnungen bei Cassirer etc. sofort als solche erkannt haben müssen, so wie beispielsweise der Theologe in dem Romanzyklus 'Joseph und seine Brüder' die Bibeltextanspielungen Thomas Manns mühelos als solche erkennt (um einen etwas unangemessenen Vergleich illustrandi causa zu benutzen). Da die 'Zitierweise', die durchaus nicht die Billigung dieser (heutigen) Kommission findet, von den Prüfpersonen trotz der Offenkundigkeit der Fremdtextverarbeitung nicht beanstandet worden ist, können die damaligen Prüfer nicht getäuscht worden sein.
(5) Die Kommission hat keinen Zweifel, daß die Arbeit als Stück systematischer Philosophie (also außerhalb des ersten, die Grundlagen zusammenstellenden Teils) in der eigentlichen Substanz der Hartmann-Kritik eigenständig ist.
VI. Das Ermittlungsergebnis prägt nach Ansicht der Kommission die rechtliche Würdigung deutlich vor: Die damaligen Prüfpersonen sind durch die Arbeit nicht getäuscht worden. Die auch die Kommission gelegentlich irritierende sprachliche Nähe des Textes der Dissertation zu fremden Texten ist unter den konkreten Bedingungen der Entstehung dieser Dissertation und unter dem Einfluß der damaligen Akteure zu sehen. Diese konnten über Grundlagenpositionen des Neukantianismus nicht getäuscht werden, weil ihnen diese im Literaturverzeichnis auch genannten einschlägigen Werke völlig vertraut waren. Die Teile der Arbeit, die am ehesten im Verdacht der unzulässigen Verwendung fremden geistigen Eigentums stehen, sind, auch für den heutigen Betrachter erkennbar, Bericht, Zusammentragen der eigentliche Ausgangsplattform, nicht eigene Erkenntnisse der Doktorandin. Es wird auch nicht behauptet, daß es sich um eigene Erkenntnisse über fremde Texte handelt. In dem Zusammenfügen dieser argumentativen Ausgangsbasis steckt auch ein Stück eigener Leistung, selbst wenn dazu aus heutiger Sicht bedenklich viele Anleihen bei fremden Texten gemacht worden sind. Der – beim Anlegen heutiger Zitiermaßstäbe begreifliche – Vorwurf reduziert sich dann darauf, daß die einzelnen Bausteine dieses Textmosaiks nicht jeweils mit ihrer genauen Fundstelle benannt worden sind.
Bei dieser Sachlage kann die Kommission der Fakultät nur empfehlen,
mit dem Ziel der Titelentziehung gegen Frau Dr. Ströker nicht einzuschreiten.
Bonn, am 25.03.1991"
Soreth stellt auf S. 158 der 2. Aufl. ihrer Dokumentation dar, wie sie 1991 davon Kenntnis erhielt, dass es sich bei dem Kommissionsbericht vom 25.03.1991 um eine Entwurfsfasssung handelt und auch eine "redaktionelle Endfassung" vom 16.04.1991 existiert, die in geringem Maße von der Entwurfsfassung abweicht. Auf S. 156 f. stellt sie die Differenzen synoptisch dar.
Abschließend schreibt sie dazu (S. 158): "Das einzig Interessante an dieser [End-]Fassung ist auf Seite 8 zu finden, wo der folgende Passus durchgestrichen wurde. 'Nicht alle sprachlichen Wendungen, die sich bei Cassirer etc. finden mögen, sind deshalb plagiatorisch.' Seltsamerweise wurde dieser Passus zwar durchgestrichen, ist aber dennoch deutlich lesbar [siehe (55)]. Wenn diese Art der Streichung einen Sinn hat, dann doch höchstens den, daß der Leser sofort wissen soll, was gestrichen wurde. Wenn die Streichung von der Fakultät vorgenommen wurde, hätte der Passus gelöscht oder in irgendeiner anderen Weise völlig unkenntlich gemacht werden können. Die Art der Streichung nährt den Verdacht, daß der Passus, der ein ungünstiges Urteil über Frau Strökers Arbeitsweise enthält, eben nicht von der Bonner Fakultät gestrichen wurde."
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