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Timestamp: 2019-12-15 05:43:29
Document Index: 331769115

Matched Legal Cases: ['§ 29', '§ 3', '§ 29', '§ 27', '§ 27', 'Art. 35', '§ 3']

Auf­sto­cker­kla­gen – und die vor­ran­gi­ge Prü­fung von asyl­recht­li­chen Unzu­läs­sig­keits­grün­den | Rechtslupe
Aufstockerklagen - und die vorrangige Prüfung von asylrechtlichen Unzulässigkeitsgründen
Bestehen Anhalts­punk­te für die Annah­me, dass ein Asyl­an­trag nach § 29 Abs. 1 Nr. 2 bis 5 AsylG unzu­läs­sig ist, darf das Ver­wal­tungs­ge­richt einer Kla­ge auf Zuer­ken­nung inter­na­tio­na­len Schut­zes nur statt­ge­ben, wenn die Vor­aus­set­zun­gen der betref­fen­den Unzu­läs­sig­keits­grün­de nicht vor­lie­gen. Dies gilt auch dann, wenn das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge den Antrag in der Sache beschie­den hat.
Die­ser Ent­schei­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts lag der Fall eines 1998 gebo­re­neb staa­ten­lo­seb Paläs­ti­nen­sers zugrun­de, der die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft begehr­te. Er leb­te bis Ende August 2014 in Syri­en im Flücht­lings­la­ger Nai­rab des Hilfs­werks der Ver­ein­ten Natio­nen für Paläs­ti­naflücht­lin­ge im Nahen Osten (UNRWA). Im Sep­tem­ber 2014 begab er sich nach eige­nen Anga­ben in die Tür­kei und hielt sich dort etwa ein Jahr lang auf. Im Novem­ber 2015 reis­te er nach Deutsch­land ein. Auf sei­nen Asyl­an­trag erkann­te ihm das Bun­des­amt sub­si­diä­ren Schutz zu.
Sei­ne auf die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft gerich­te­te Kla­ge hat­te in den Vor­in­stan­zen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt und dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richts des Saar­lands Erfolg 1. Nach der Wür­di­gung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts des Saar­lan­des ist der Klä­ger als paläs­ti­nen­si­scher Volks­zu­ge­hö­ri­ger sog. ipso fac­to-Flücht­ling (§ 3 Abs. 3 AsylG), weil der Schutz, den er durch UNRWA erhal­ten habe, nicht län­ger gewährt wer­de. Auf die Revi­si­on des BAMF hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts auf­ge­ho­ben:
Mit Blick auf den min­des­tens ein­jäh­ri­gen Zwi­schen­auf­ent­halt des Klä­gers in der Tür­kei hät­te das Beru­fungs­ge­richt der Kla­ge nicht statt­ge­ben dür­fen, ohne zuvor zu klä­ren, dass der Asyl­an­trag nicht nach § 29 Abs. 1 Nr. 4 AsylG unzu­läs­sig ist. Nach die­ser Vor­schrift, die das „Kon­zept des ers­ten Asyl­staats" der Richt­li­nie 2013/​32/​EU umsetzt, ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein Staat, der kein Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on und bereit ist, den Aus­län­der wie­der auf­zu­neh­men, als sons­ti­ger Dritt­staat gemäß § 27 AsylG betrach­tet wird. Vor­aus­set­zung für eine Unzu­läs­sig­keit nach die­ser Rege­lung ist, dass der in Betracht gezo­ge­ne Staat vom Her­kunfts­land des Betrof­fe­nen (das ist bei Staa­ten­lo­sen das Land des gewöhn­li­chen Auf­ent­halts) ver­schie­den ist, dass er bereit ist, den Aus­län­der wie­der auf­zu­neh­men, und dass er die­sem eine den Anfor­de­run­gen des § 27 AsylG i.V.m. Art. 35 Richt­li­nie 2013/​32/​EU ent­spre­chen­de Sicher­heit gewähr­leis­tet. Da das Beru­fungs­ge­richt kei­ne Fest­stel­lun­gen dazu getrof­fen hat, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen hin­sicht­lich der Tür­kei im Fall des Klä­gers erfüllt sind, konn­te der Senat nicht abschlie­ßend ent­schei­den und war der Rechts­streit zur wei­te­ren Auf­klä­rung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.
Bei einer etwa erfor­der­li­chen neu­er­li­chen Sach­ent­schei­dung zum ipso-fac­to-Flücht­lings­schutz nach § 3 Abs. 3 AsylG wird das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu beach­ten haben, dass der aus einem Weg­fall des Schut­zes bzw. Bei­stan­des durch UNRWA resul­tie­ren­de ipso fac­to-Flücht­lings­schutz zuguns­ten eines bei UNRWA regis­trier­ten staa­ten­lo­sen Paläs­ti­nen­sers, der einen Asyl­an­trag in der EU gestellt hat, jeden­falls dann nicht mehr ein­greift, wenn die­ser zuvor einen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in einem Dritt­staat außer­halb des Tätig­keits­be­reichs der UNRWA begrün­det hat­te. Von einem (vom Wil­len des Betrof­fe­nen unab­hän­gi­gen) Weg­fall des Bei­stands bzw. Schut­zes durch UNRWA ist unge­ach­tet einer fort­dau­ern­den Tätig­keit die­ser Orga­ni­sa­ti­on auch dann aus­zu­ge­hen, wenn es dem Betrof­fe­nen – etwa bür­ger­kriegs­be­dingt – nicht mög­lich ist, sich in Sicher­heit und unter men­schen­wür­di­gen Lebens­be­din­gun­gen in dem maß­geb­li­chen UNRWA-Gebiet auf­zu­hal­ten.
Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 25. April 2019 – 1 C 28.18
OVG Saar­land, Urteil vom 16.05.2018 – 1 A 679/​17; VG Saar­land, Urteil vom 29.11.2016 – 3 K 1543/​16[↩]