Source: https://www.ra-kotz.de/tennismatch.htm/
Timestamp: 2019-09-22 04:56:03
Document Index: 290628117

Matched Legal Cases: ['§ 276', '§ 254', '§ 242', 'BGH', 'BGH', '§ 823', '§ 823', 'BGH', '§ 538', '§ 538', 'BGH', '§ 708']

Az.: 1-15 U 78/04
Der Kläger nimmt den Beklagten aus einem Unfall beim Tennisspiel auf bezifferten Schadensersatz, Schmerzensgeld, Verdienstausfall und Schadensersatzfeststellung in Anspruch. Die Parteien spielten am 17. Februar 2001 gegen 19.30 Uhr als Doppelpartner in einer Sporthalle in D auf derselben Seite des Netzes ein Trainingsspiel gegen die Zeugen L und P. Alle vier sind seit Jahren aktive Tennisspieler und auch im Doppelspiel erfahren. Zu dem Unfall kam es wie folgt:
Nachdem der Beklagte, der auf der rechten Seite seines Spielfeldes an der Grundlinie stand, aufgeschlagen hatte,
wurde der Ball durch den Zeugen L retourniert. Dieser spielte den Ball im Wege eines kurzen Stopps hinter das Netz diagonal auf die rechte Seite des Feldes zurück. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der Kläger in der linken Spielhälfte am Netz. Beide Parteien liefen zum Ball, um diesen zurückzuspielen. Der Beklagte lief dabei von der Grundlinie aus nach vorn, während der Kläger sich von der vorderen linken Seite des Feldes zur Seite in den rechten Bereich des Feldes bewegte. Der Beklagte traf bei dem Versuch den Ball zu schlagen den Kopf des Klägers. Bei diesem zeigten sich zunächst leichte Schwellungen und Schürfungen im Gesicht. Die Parteien setzten das Spiel mit den Zeugen L. und P. sodann fort. Der Kläger, der Arzt ist, begann im Anschluss daran noch ein Einzelspiel mit dem Zeugen P., welches er aber abbrach, um mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht zu werden. Dort wurde eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Der Kläger verließ noch am selben Abend auf eigenen Wunsch das Krankenhaus.
Der Kläger hat behauptet: Er habe sich näher am Ball befunden und habe diesen auch eher erreicht als der Beklagte.
Dieser habe ihn mit seinem Körper und seiner linken Hand auf die linke Seite geschlagen, um sich für seinen Schlag Platz zu verschaffen. Der Beklagte habe sich dabei sogar seine linke Hand eingequetscht. Der Beklagte habe, obwohl er, der Kläger, ihm zugerufen habe “ich habs”, nicht versucht, den Schlag abzubremsen, sondern mit voller Kraft statt des Balles seinen Kopf getroffen.
Er hat beantragt, den Beklagten zu verurteilen, an ihn
Er hat bestritten, einen Regelverstoß begangen zu haben. Selbst wenn dies der Fall gewesen sei, sei dies nicht schuldhaft geschehen. Dazu hat er behauptet, dass er die bessere Position zum Ball gehabt und diesen demgemäß auch vor dem Kläger habe schlagen können. Es sei keinesfalls so gewesen, dass sich der Kläger nur einen Schritt nach rechts habe bewegen müssen, um den Ball zu spielen. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte der Kläger den Ball schon weggeschlagen gehabt, bevor er, der Beklagte, diesen erreicht habe. Es gebe weder eine Regel, nach der derjenige, der näher am Netz stehe, für die kurzen Bälle zuständig sei, noch eine, wonach Körperkontakt zwischen Doppelpartnern regelwidrig sei. Bei einem Doppel im Tennis bestehe auch unter Beachtung der Spielregeln und insbesondere beim Kampf um die Punkte die Gefahr, den Doppelpartner zu verletzen. Daher sei von einer gegenseitigen Inkaufnahme solcher Verletzungen auszugehen, die trotz Einhaltung der Spielregeln einträten. Dies führe zu einem Haftungsausschluss.
Das Landgericht hat gemäß Beweisbeschluss vom 16. September 2003 (Bl. 82 d.A.) durch die Vernehmung der Zeugen P. (Bl. 128 d.A.) und L.(BI. 125 d.A.) Beweis über den Hergang des Unfalls erhoben.
Mit Teil-Grundurteil hat das Landgericht die Klage hinsichtlich der Leistungsanträge auf Schadensersatz und
Schmerzensgeld dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt, soweit der Anspruch nicht auf Sozialversicherungsträger übergegangen sei.
Es hat zur Begründung im Wesentlichen ausgeführt: Ein Haftungsausschluss liege nicht vor. Das Doppelspiel beim Tennis gehöre nicht zu den sogenannten gefährlichen Sportarten, bei denen in einem gewissen Umfang mit gewöhnlichen Verletzungen gerechnet werden müsse und für die anerkannt sei, dass die Einhaltung der sportlichen Regeln einen Haftungsausschluss begründe. Die Verhaltensanforderungen richteten sich nach § 276 BGB. Es gelte ein gegenseitiges Rücksichtnahmegebot, wonach insbesondere eine Verletzung des Mitspielers bei Ausführung eines Schlages dadurch zu vermeiden sei, dass der Schlag bei zu großer Körpernähe nicht ausgeführt werde. Derjenige, der aufgrund seiner Position den größeren Überblick über das Spielgeschehen und insbesondere den Ballverlauf und die Laufrichtung des Mitspielers habe, müsse größere Zurückhaltung üben. Sehe der von der Grundlinie aufschlagende Spieler, dass der Ball – wie es einem häufigen Spielzug des Gegners entspreche – von diesem diagonal so zurückgeschlagen werde, dass der Ball zwar auf “seine” Seite, aber kurz hinter das Netz gespielt werde und der am Netz und damit vor ihm stehende Tennispartner ebenfalls zu diesem Ball laufe, habe er, entscheide er sich dafür, ebenfalls von hinten nach vorn an das Netz zu laufen, um den Ball dort zu spielen, besondere Rücksicht auf seinen Mitspieler zu nehmen und darauf zu achten, diesen mit seinem Schlag nicht zu verletzen. Dem am Netz agierenden Spieler sei es seinerseits nicht in eben diesem Maße möglich, sich auf das Spiel seines Mitspielers einzustellen, da er diesen in seinem Rücken nicht sehen könne und sich auch nach vorn auf das Spiel und dem Ball konzentrieren müsse.
Der Beklagte sei seiner Pflicht, seine eigenen Schlagbewegungen einzustellen und einen Zusammenstoß mit dem Kläger zu vermeiden, schuldhaft nicht nachgekommen, obwohl er habe erkennen können, dass der am Netz stehende Kläger den Ball vor oder wenigstens gleichzeitig mit ihm erreiche.
Die komplette Aufmerksamkeit der beteiligten Spieler sei am 17. Februar 2001 auf den Ball gerichtet gewesen. Bei der räumlichen Nähe, die während eines Doppelspiels immer wieder entstehe, lasse es sich nicht ausschließen, dass beim Kampf um den Punktgewinn ein Doppelpartner den anderen mit dem Schläger berühre und verletze. Demgemäß müsse bei einem derartigen Spiel von der gegenseitigen Inkaufnahme von Verletzungen ausgegangen werden.
Der Beklagte beantragt, das Teil-Grundurteil des Landgerichts Düsseldorf vom 29. März 2004 abzuändern und die Klage abzuweisen.
1. Es steht außer Frage, dass der Beklagte dem Kläger mit dem Schläger eine Verletzung am Kopf zugefügt hat. Beide Zeugen haben eine derartige Verletzung bestätigt.
2. Ein Rechtfertigungsgrund steht dem Beklagten nicht zur Seite.
3. Die Anwendung des § 254 BGB führt im Streitfall indessen zur Klageabweisung.
a) Von einer Fallkonstellation, die die Freistellung des Beklagten von der Schadensersatzpflicht nahe legt, ist im Streitfall allerdings nicht von vornherein auszugehen. Der Bundesgerichtshof bejaht unter dem Gesichtspunkt des treuwidrigen Selbstwiderspruchs (venire contra factum proprium, § 242 BGB) bei sportlichen Kampfspielen einen Haftungsausschluss für Verletzungen, soweit der Schädiger die Regeln der Sportart nicht verletzt hat (BGH, NJW 2003, 2018): Der Teilnehmer an einem sportlichen Kampfspiel nehme grundsätzlich Verletzungen in Kauf, die auch bei regelgerechtem Spiel nicht zu vermeiden seien. Ein Schadensersatzanspruch gegen einen Mitspieler setzte daher den Nachweis voraus, dass dieser sich nicht regelgerecht verhalten habe. Verletzungen, die auch bei sportgerechtem Verhalten auftreten könnten, nehme jeder Spielteilnehmer in Kauf; deshalb verstoße es jedenfalls gegen das Verbot des treuwidrigen Selbstwiderspruchs, wenn der Geschädigte den beklagten Schädiger in Anspruch nehme, obschon er ebenso gut in die Lage hätte kommen können, in der sich nun der Beklagte befinde, sich dann aber – und mit Recht – dagegen gewehrt haben würde, diesem trotz Einhaltens der Spielregeln Ersatz leisten zu müssen.
b) Der Bundesgerichtshof hat in seinen früheren Entscheidungen betont, dass die eingangs beschriebenen Grundsätze zum Haftungsausschluss ausschließlich auf sportliche Kampfspiele Anwendung finden sollen (BGH, NJW-RR 1995, 857, 858). Diese klare Abgrenzung sportlicher Kampfspiele zu sogenannten parallel ausgeübten Sportarten – zu diesen zählt auch das Tennisdoppel (OLG Braunschweig, NJW 1990, 987; Spindler in Bamberger/Roth, BGB, Aktualisierung August 2004, § 823 BGB, Rdnr. 396; Palandt/Sprau, BGB, 64. Aufl., § 823 BGB, Rdnr. 216) – hat der Bundesgerichtshof allerdings mittlerweile aufgegeben. Er hat im Fall eines Autorennens – hierbei handelt es sich um eine parallel ausgeübte Sportart – einen konkludenten Haftungsausschluss der Teilnehmer untereinander bejaht: Die Grundsätze, die zur Inkaufnahme von Schädigungen bei regelgerechtem Kampfspiel entwickelt worden seien, hätten allgemein Geltung für Wettkämpfe mit nicht unerheblichem Gefahrenpotential, bei denen typischerweise auch bei Einhaltung der Wettkampfregeln oder geringfügiger Regelverletzung die Gefahr gegenseitiger Schadenszufügung bestehe (BGH, NJW 2003,2018,2020).
c) Die vom Bundesgerichtshof formulierte neue Regel, die Grundsätze, die bisher zur Inkaufnahme von Schädigungen bei regelgerechtem Kampfspiel entwickelt worden seien, gälten allgemein für Wettkämpfe mit nicht unerheblichem Gefahrenpotential, bei denen typischerweise auch bei Einhaltung der Wettkampfregeln oder geringfügiger Regelverletzung die Gefahr gegenseitiger Schadenzufügung bestehe, greift trotzdem auch für das Tennisdoppelspiel Platz. Dieses ist ohne weiteres als ein derartiger Wettkampf einzuordnen.
Das Tennisspiel birgt schon, wenn es als Einzel gespielt wird, wegen seiner Schnelligkeit ein erhebliches Gefahrenpotential. Häufig sind schnelle, gegenläufige Bewegungswechsel nötig, die bei einem unglücklichen Verlauf zum Umknicken eines Spielers führen können. Eine Fehleinschätzung eines einen Ball annehmenden Spielers kann dazu führen, dass er von einem mit hoher Geschwindigkeit geschlagenen Ball unglücklich getroffen und verletzt wird.
Das Gefahrenpotential ist beim Spiel in der Halle – wie im Streitfall – zudem höher als auf einem Sand- oder Rasenplatz, da der Ball in der Halle höhere Geschwindigkeiten erreicht.
In diese Gefahr geraten die Doppelpartner auch nicht nur etwa bei der Verletzung der für ihren Sport aufgestellten Regeln, sondern ebenso bei regelgerechtem Spiel. Die Tennisregeln der International Tennis Föderation enthalten zwar in Regel 36 Bestimmungen dazu, welcher der beiden Doppelpartner einen Aufschlag zurückzuschlagen hat. Um eine derartige Situation geht es im Streitfall jedoch nicht. Die Regeln schreiben nicht vor, welcher der beiden Spieler während des weiteren Spiels – eine solche Lage steht in Rede – für die Ballannahme zuständig ist.
4. Ist nach alledem die Haftung des Beklagten ausgeschlossen, so kann der Senat, da eine weitere Verhandlung in der Sache nicht erforderlich ist, abschließend entscheiden.
Von einer Zurückverweisung der Sache nach § 538 Abs. 2 Satz 1 Ziffer 7 ZPO sieht der Senat jedoch ab. Aus der Wendung “das Berufungsgericht darf die Sache … zurückverweisen” in § 538 Abs. 2 Satz 1 ZPO folgt, dass die Zurückverweisung an das erstinstanzliche Gericht beim Vorliegen eines von diesem erlassenen unzulässigen Teilurteils keinesfalls zwingend ist. Vielmehr darf das Berufungsgericht im Fall eines vom Landgericht unzulässig erlassenen Teil-Grundurteils aus Gründen der Prozesswirtschaftlichkeit den dort noch anhängig gebliebenen Teil des Rechtsstreits an sich ziehen und über diesen mitentscheiden (BGH, 1992, 511, 512).
Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit beruht auf §§ 708 Ziffer 10, 711, 108 ZPO. Ein begründeter Anlass für die Zulassung der Revision besteht nicht. Der Streitwert für den Berufungsrechtszug wird wie folgt festgesetzt:
Klageantrag zu Ziffer 1 : 1.098,83 EUR