Source: https://www.pflegegrad.info/pflege/pflegegrad-1.php
Timestamp: 2019-02-19 04:26:18
Document Index: 123467647

Matched Legal Cases: ['§15', '§ 7', '§ 37', '§ 38', '§ 40', '§ 40', '§ 43', '§ 45', '§ 45', '§ 43']

www.pflegegrad.info - Pflegegrad 1
geringe Beein­trächti­gungen der Selbst­ständigkeit
Pflege­bedürftigkeit im Sinne des SGB XI liegt vor, wenn bei der Begutachtung im Gesamtpunktwert mindestens 12,5 Punkte erreicht werden. Bei Pflegegrad 1 liegen „geringe Beein­trächti­gungen der Selbst­ständigkeit oder der Fähigkeiten“ vor (Definition aus §15 SGB XI).
Jemand kann sich selbst waschen und anziehen – eigentlich, denn mit den Händen können die Füße kaum erreicht werden. So kann zwar der übrige Körper, nicht aber die Füße gewaschen werden. Auch für „ordentliche“ Schuhe braucht es Hilfe. Vorbereitete Tabletten werden zuverlässig eingenommen. Trotz Brille klappt es aber nicht, die verschiedenen Tabletten zuverlässig auseinander zu halten, weshelb eine Pflegeperson ein mal pro Woche die Tabletten in einen Wochendispenser sortiert. Außerhalb der Wohnung geht's gut mit einem Rollator.
So werden meist die Voraussetzungen für den Pflegegrad 1 erfüllt.
Zwei Videos: Tipps zum Umgang mit dem Rolator ; der VdK zeigt einen elektroantrieb für den Rollator (Prototyp)
Bei Pflegegrad 1 gibt es noch kein monatliches Pflegegeld und keine Sachleistungen.
Geldleistungen bei Pflegegrad 1
Seit Januar 2017 hat die Pflegeversicherung von Pflegestufen auf Pflegegrade umgestellt. Die Einstiegs­voraussetz­ungen, um Leistungen aus der Pflege­ver­sicherung zu bekommen, wurden deutlich gesenkt. Für das erste Halbjahr 2017 wird gemeldet, dass etwa 400.000 mehr Menschen Anspruch auf Leistungen haben (Paaßen, 2017a).
Ein Pflegegrad muss von den Versicherten beantragt werden. Dazu genügt ein formloses Schreiben an die Pflegekasse, die über die Kranken­kasse zu erreichen ist. Die gedruckten Begutachtungsrichtlinien haben ~250 Seiten – den Pflegegrad berechnen klappt nicht. Lassen Sie das die Profis machen.
Mehr zum Thema: Pflegegrad beantragen ... (Hier finden Sie auch einen Muster Brief.)
Im Auftrag der Pflegekassen schickt (meist) der MDK Gutachtende zu den Antragstellenden. Sie sollen beurteilen, wie weit die Selbst­ständig­keit erhalten ist. Dazu werden die Verricht­ungen des Alltags in acht Module und 65 Merkmale eingeteilt. Sie sehen: wieviel Stunden für die Pflege aufgewandt werden müssen, also der Zeitaufwand der bei den Pflegestufe so wichtig war, spielt keine Rolle mehr.
Auch ein Kind kann Leistungen von der Pflegeversicherung bekommen.
In Alten­heimen hängt die Zahl der Pflegekräfte von den Pflegegraden der Bewohner­*innen ab. Deshalb ist es sehr schwierig mit Pflegegrad 1 oder Pflegegrad 2 einen Heimplatz zu finden.
Ein Jahr nachdem Erwin Rüddel (MdB, CDU) am 3.2.2018 „konsequentes Handeln“ der Politik ankündigte, können überall in Deutschland Pflegebedürftige zu Hause nicht versorgt werden: „Alle ambulanten Pflegedienste berichten mir von Aufnahmestopps. Ohne Ausnahme. Egal ob in West-, Ost-, Nord- oder Süddeutschland, egal ob privat oder Wohlfahrt. Es gibt sogar einige, die Verträge kündigen, weil sie eine verlässliche ambulante Versorgung nicht mehr gewährleisten können.“ (Prof. Andreas Büscher, 2019)
📎 Pflegeberatung (§ 7a SGB XI)
📎 Beratung in der eigenen Häuslichkeit (§ 37(3) SGB XI)
📎 Zusätzliche Leistungen für Pflege­bedürftige in ambulant betreuten Wohn­gruppen (§ 38a SGB XI)
📎 Bis zu 40 €/Monat für Pflegehilfsmittel und mehr (§ 40 Abs. 1 bis 3 und Abs. 5 SGB XI)
📎 Finanzielle Zuschüsse für Maßnahmen zur Verbesserung des individuellen oder gemeinsamen Wohnumfeldes (§ 40 Abs. 4 SGB XI)
📎 Zusätzliche Betreuung und Aktivierung in stationären Pflege­einrichtungen (§ 43b SGB XI)
📎 Pflegekurse für Angehörige und ehrenamtliche Pflege­personen (§ 45 SGB XI)
📎 Entlastungs­betrag (125 €; § 45b SGB XI)
Bei den Pflegegraden 2 bis 5 gibt es deutlich mehr Unterstützung aus der Pflege­versicherung.
Überlegungen zur Zukunft der Pflegeversicherung ...
Bei Pflegegrad 1 gibt es den monatlichen Entlastungs­betrag (125 €). Der ist in erster Linie für „Hauswirt­schaft und Betreuung“ gedacht. Das kann auch eine Putzhilfe sein. Dieser Betrag kann aber nur mit einer anerkannten Einrichtung abgerechnet werden. Privat organisierte Haushaltshilfen können damit nicht bezahlt werden. Es ist möglich nicht beanspruchte Entlastungsbeträge bis zum Juni des Folgejahres zu verbrauchen (DAlzG, 2018a).
In vielen Gemeinden gibt es Projekte, die Alltagshilfen anbieten. Langzeitarbeitslose bekommen „1–Euro–Jobs“ und Senior*innen können länger selbständig in ihrer Wohnung leben (Rheinische Post). Im Main-Tauber Kreis schließen sich Landfrauen zusammen, um auch in diesem Bereich arbeiten zu können (Mannheimer Morgen). Ob es in Ihrer Nähe passende Angebote gibt? Ein Anruf im Pflegestützpunkt sollte genügen. Im Dezember 2018 wird im Sonntagsblatt wieder betont, dass nur wenige Versicherte den Entlastungsbetrag (125 €/Monat) nutzen. Fragen Sie bei Pflegekasse oder Pflegestützpunkt nach! [Zeitungsartikel über die Arbeit im Pflegestützpunkt in Alzey (2016)]
Bis zu 40 € stehen jeden Monat für „zum Verbrauch bestimmte Pflege­hilfs­mittel“ zur Verfügung. Dazu gehören zum Beispiel Einmal-Handschuhe für Allergie­kranke oder Hände­desin­fektions­mittel. Ihr Sanitäts­haus berät sicher gern.
Aus organisatorischen Gründen ist es sehr schwierig mit Pflegegrad 1 oder Pflegegrad 2 einen Platz in einem Altenheim zu finden. Ein Altenheim bekommt als Zuschuss 125 € von der Pflegekasse (§ 43 Abs. 3 SGB XI). Die Eigenanteile der Pflegebedürftigen für die Versorgung im Altenheim steigen stetig. Im Januar 2019 berichtet der MDR über höhere Altenheim Rechnungen in Sachsen. In Einzelfällen werden 450€ pro Monat mehr verlangt.
Es gibt nicht viel soziale Unterstützung bei Pflegegrad 1. Um so wichtiger ist es, sich beraten zu lassen. In Bayern erfahren Sie dann zum Beispiel: Seit 2018 gibt es 1000 € pro Jahr (Landes)Pflegegeld für die Landeskinder (Augsburger Allgemeine, 2018a) Dies werde nicht auf Leistungen aus der Sozialhilfe wie Grundsicherung oder Hilfe zur Pflege angerechnet (kobinet, 2018). [Zum Stichwort Pflegegeld in der Sozialfibel.] Monatliches Pflegegeld oder Sachleistungen von der Pflegekasse gibt es erst ab Pflegegrad 2.
Mit „gesundem Menschen­verstand“ gilt Frau Mustermann als pflegebedürftig, wenn es ihr nicht mehr möglich ist, selbstständig zu baden. Sie hat Angst beim Aufstehen in der nassen Wanne zu rutschen und benötigt wöchentlich bei dieser Gelegenheit Hilfe. Wer aber Hilfe beim Baden braucht, kann in der Regel kaum noch Treppen oder Fenster putzen. Oft können auch die eigenen Zehen mit den Händen nicht mehr erreicht werden.
Mit „gesundem Menschen­verstand“ ist auch leicht zu verstehen, dass Herr Beispiel der sich nur noch mit Mühe das Gesicht waschen kann, mehr Unterstützung benötigt.
Für den Pflegegrad ist es wichtig, ob und wie viel personelle Hilfe nötig ist, um den Alltag bewältigen zu können. Möchten Sie einen Antrag auf einen Pflegegrad stellen? Hier finden Sie weitere Informationen, auch zur Bearbeitungszeit von Erst-Anträgen.
Im ersten Quartal 2017 erhielten fast 129000 Menschen erstmals Leistungen aus der Pflege­versicherung. Schon in den ersten drei Monaten nach Einführung der Pflegegrade wurden 43434 Versicherten erstmals Leistungen nach Pflegegrad 1 zugesprochen (MDS).
Viele Menschen, denen Pflegegrad 1 zugestanden wurde, leben mit Demenz. Schon wer in Deutschland aufgewachsen ist, hat es nach dem Schock der Erstdiagnose nicht leicht, verlässliche Informationen zu finden. Menschen mit anderer Muttersprache haben es noch viel schwerer. Hier ist eine Link-Sammlung zu Broschüren und Videos in den Sprachen: ⤴︎Russisch, ⤴︎Türkisch, ⤴︎Bengali, ⤴︎Chinesisch (traditionell), ⤴︎Englisch, ⤴︎Gujarati, ⤴︎Hindi, ⤴︎Punjabi, ⤴︎Urdu und ⤴︎Walisisch.
Manchmal helfen schon kleine Dinge, den Alltag erheblich zu erleichtern. Ein Aufsatz um die Toilette zu erhöhen und das Aufstehen zu erleichtern, kann von der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt werden, wenn ein Arzt das verordnet. Auch eine ent­sprech­ende Empfehlung im MDK–Gutachten reicht aus.
Manchen Menschen ist mehr geholfen, wenn ein stabiler Griff neben der Toilette angebracht wird, der beim Aufstehen Halt gibt. Das wäre eine Umbau­maßnahme und kann von der Pflege­kasse bezuschusst werden. Gleiches gilt für Veränder­ungen an der Türschwelle zum Balkon, um sie ohne Hilfe mit einem Rollstuhl überwinden zu können oder für die Instal­lation eines Treppen­lifters. Viele Umbauten im Bad werden von der Pflege­versicherung unterstützt. Auch die Kosten für einen Umzug in eine behinderten­gerechte Wohnung können (teilweise) übernommen werden.
Mal praktisch: Im MDK-Gutachten wurde festgestellt, das bei Treppensteigen ein erhötes Sutzrrisiko besteht und der Einbau eines Treppenlifts empfohlen. Derlei kostet beim Markenhersteller 8000€ bis 12000€ (Müller, 2018). Die ersten 4000€ kämen von der Pflegekasse...
Mehr zu Umbau­maßnahmen ...
Wer einen pflegebedürftigen Familienangehörigen versorgt, erbringt täglich Höchstleistungen! Nicht selten führt das zu körperlicher und psychischer Überlastung. Das Gefühl ständig in Bereitschaft sein zu müssen und immer weniger soziale Kontakte außerhalb der Pflegeverantwortung zu haben, geht an die Substanz. Eigentlich täglich irgend etwas für die Pflegebedürftigen tun zu müssen, lässt kaum Zeit und Energie für eigene Interessen. Die gesellschaftliche Bedeutung der familialen Pflege macht eine Zahl aus England deutlich: über 10% der Gesamtbevölkerung leisten regelmäßig pflegerische Hilfen für Verwandte oder Bekannte (Marsh, 2018). Ein Beispiel: Aus dem Tagebuch einer pflegenden Angehörigen (Romana, 2016).
Wenn jemand neu akut pflegebedürftig wird, können nahe Angehörige Anspruch auf Arbeitsbefreiung (bis 10 Tage) haben. Es gibt auch gesetzliche Regelungen zur teilzeitlichen Befreiung von der Arbeit bis zu 24 Monaten. Für die Begleitung Angehöriger in der letzten Lebensphase wurde ebenfalls ein Rechtsanspruch geschaffen. [... mehr zur Pflegezeit]
Die pflegenden Angehörigen genießen weitgehenden Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung. Von dort gibt es einen Tipp gegen Überforderung: „Nutzen Sie frühzeitig die Beratungsangeote der Pflegestützpunkte, der Verbraucherzentralen, der Pflegekassen, der Wohlfahrtverbände oder anderer Einrichtungen, um sich ausführlich über Unterstützungs- und Finanzierungsmöglichkeiten zu informieren.“ (DGUV, 2018, Seite 8)
Viel zu wenig genutzt werden die Möglichkeiten der Pflegeberatung (MAZ, 2018). Wer Leistungen zum Pflegegrad 1 bekommt, darf (muss aber nicht) zwei mal im Jahr Pflege­beratung in der eigenen Wohnung in Anspruch nehmen. Meistens werden solche Beratungen von ambulanten Pflege­diensten durchgeführt. Häufige Themen sind Hilfsmittel wie Badelifter oder Transfer­hilfen. Oft geht es auch um rücken­schonende Hebe­techniken oder Möglichkeiten der Schmerz­therapie. (Haben Sie Fragen zu „Mophium“? Oft ist ein persönliches Gespräch mit einer Pflegefachperson hilfreicher, als Infoblätter wie dieses.)
Nutzen Sie diese Gelegen­heit, um etwas über Tricks und Unter­stützungs­leistungen zu erfahren, die Ihnen den Alltag erleichtern und Risiken mindern können. Zum Beispiel: Wer bei jedem Gang durch die Wohnung sturzgefährdet ist, könnte jedes mal von einer Pflegeperson begleitet werden. Vielleicht reicht es aber aus einen Rollator zu nutzen, um der Sturzgefahr zu begegnen. Vielleicht sind auch eMobil oder Rollstuhl passende Hilfsmittel. Dann muss eine Pflegeperson oft noch nicht einmal beim Umsetzten zwischen Sofa und Gefährt unterstützen. Scooter oder eMobile können in Wohneinrichtungen zu Problemen mit der Hauswirtschaft und/oder Mitbewohner*innen führen. (rhw, 2018) Zum Beispiel: 2018 sind elektrische Antriebe für Fahrräder weit verbreitet. Jetzt macht sich ein junges Unternehmen an die Arbeit, um Rollatoren mit Hilfsmotor zu vermarkten. Leider sind die noch ziemlich teuer.
Über einen Antrag auf Einstufung in einen Pflegegrad wird von der Pflegekasse beschlossen. Über diese Entschei­dung werden Sie schriftlich informiert (Brief­kasten im Auge behalten!). Mit diesem Bescheid verschicken die Pflege­kassen auch eine Kopie des Gutachtens. Wenn Sie mit der Entscheidung unzufrieden sind, sollten Sie das Gutachten des MDK genau lesen. Darin wird Schritt für Schritt gezeigt, wie die Empfehlung zum Pflegegrad zu stande kam. Sie können gegen die Entscheidung der Pflegekasse Widerspruch einlegen. Dazu können wir Sie individuell beraten.
Die Bundes­regierung will die Umsetzung der Pflege­reformen der Jahre 2012 bis 2017 systematisch wissen­schaftlich begleiten lassen. Die Studie solle vor allem die Frage untersuchen, „inwieweit die beabsich­tigten Wirkungen vor allem des zweiten und dritten Pflege­stärkungs­gesetzes eingetreten seien. Überprüft würden dabei alle beteiligten Akteure, um eventuelle Optimierungs- und Anpas­sungs­möglich­keiten auszuloten.“ (Millich, 2017)