Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=VGH%20Baden-W%C3%BCrttemberg&Datum=20.10.2011&Aktenzeichen=11%20S%201929/11
Timestamp: 2020-04-06 18:18:45
Document Index: 333411318

Matched Legal Cases: ['§ 53', 'Art 8', 'Art 8', '§ 56', 'Art. 8', '§ 81', '§ 53', 'Art. 8', 'Art. 2', 'Art. 8', 'Art. 8', '§ 25', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 53', '§ 53', 'Art. 8', 'Art. 2', 'Art. 8', '§ 54', '§ 53', 'Art. 8', 'Art. 2', 'Art. 8']

VGH Baden-Württemberg, 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - dejure.org
https://dejure.org/2011,1921
VGH Baden-Württemberg, 20.10.2011 - 11 S 1929/11 (https://dejure.org/2011,1921)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 20.10.2011 - 11 S 1929/11 (https://dejure.org/2011,1921)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 20. Januar 2011 - 11 S 1929/11 (https://dejure.org/2011,1921)
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§ 53 AufenthG 2004, Art 8 Abs 2 MRK, Art 8 Abs 1 MRK
VG Stuttgart, 15.02.2011 - 12 K 1301/10
NVwZ-RR 2012, 163
DVBl 2011, 1566
Abgesehen davon hat das Regierungspräsidium zu Recht ausgeführt, dass Zeiten der Fiktionswirkung nicht dem (tatsächlichen) Besitz einer Aufenthaltserlaubnis im Sinne des § 56 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AufenthG gleichgestellt werden können, wenn später die Erteilung des Titels unanfechtbar abgelehnt wurde (vgl. Senatsurteil vom 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - InfAuslR 2012, 1, m.w.N.).
Vielmehr sind die Straftaten gegebenenfalls bei der nach Art. 8 Abs. 2 EMRK erforderlichen Abwägung aller Umstände entsprechend zu gewichten (vgl. dazu Senatsurteil vom 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - InfAuslR 2012, 1, m.w.N.).
Der Besitz einer Fiktionsbescheinigung gemäß § 81 Abs. 4 AufenthG genügt nicht (BayVGH, U.v. 4.7.2011 - 19 B 10.1631 - juris Ls 1, Rn. 41, VGH Baden-Württemberg, U.v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - juris Rn. 23).
Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und der Obergerichte (vgl. BVerfG, B.v. 10.8.2007 - 2 BvR 535/06 - juris Rn. 18 ff., OVG Hamburg, U.v. 24.3.2009 - 3 Bf 166/04 - juris Rn. 80, OVG Nordrhein-Westfalen, B.v. 26.5.2009 - 18 E 1230/08 - juris Ls. 1, Rn. 11, VGH Baden-Württemberg, U.v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - juris Rn. 25 m.w.N., OVG Lüneburg, B.v. 12.12.2013 - 8 ME 162/13 - juris Rn. 31) ist auch eine zwingende Ausweisung nach § 53 AufenthG grundsätzlich einzelfallbezogen auf ihre Vereinbarkeit mit dem in Art. 8 Abs. 1 EMRK geschützten Anspruch auf Achtung des Privat- und Familienlebens hin zu überprüfen.
Der mit der Ausweisung verbundene Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit des Klägers nach Art. 2 Abs. 1 GG ist ebenso als verhältnismäßig zu beurteilen, weil hierfür keine anderen Maßstäbe als für die Rechtfertigung eines Eingriffs in Art. 8 Abs. 1 EMRK gelten (VGH Baden-Württemberg, U.v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - juris Rn. 26).
Diese Rechtauffassung ist in Rechtsprechung und Literatur allerdings nicht unumstritten; insoweit wird vielfach die Ansicht vertreten, die Frage der Rechtsmäßigkeit des Aufenthalts sei vielmehr im Rahmen der Schrankenprüfung des Art. 8 Abs. 2 EMRK zu würdigen (…vgl. etwa VGH BW, Urt. v. 13.12.2010 - 11 S 2359/10 -, DVBl 2011, 370 [372], RdNr. 31 ff.; Urt. v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 -, InfAuslR 2012, 1 [2 f.], RdNr. 28;… Burr, a.a.O., § 25 RdNr. 149, m.w.N.).
Streitig und, soweit ersichtlich, noch nicht höchstrichterlich geklärt ist die Frage, ob diese Rechtsprechung im Hinblick auf die Argumentation des Bundesverwaltungsgerichts, angesichts des schematischen Blicks der Verwaltung auf die Ist- und Regelausweisung biete die Ermessensentscheidung höhere Gewähr für die Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls, auch Ausweisungen nach § 53 AufenthG betrifft und eine Ermessensentscheidung daher nicht nur bei Regelausweisungen, sondern auch bei Ist-Ausweisungen nach § 53 AufenthG erfordert (vgl. in diesem Sinne Thym, DVBl 2008, 1346/1352;… Beichel-Benedetti in Huber, AufenthG, 2010, § 53 Rn. 5; K.-G. Mayer, VerwArch 2010, 482/491 ff.;… a.A. BayVGH, B.v. 27.9.2010 - 19 ZB 09.715 - juris Rn. 10; VGH BW, U.v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - juris Rn. 26;… Hailbronner, Ausländerrecht, Stand: April 2013, vor § 53 Rn. 10;… Bauer in Renner/Bergmann/Dienelt, Ausländerrecht, 10. Aufl. 2013, § 53 Rn. 9).
cc) Die Prozesskostenhilfe kann auch nicht deshalb versagt werden, weil die streitige Frage, ob auch bei Vorliegen von Ausweisungsgründen nach § 53 AufenthG eine Ausweisung nur auf der Grundlage einer Ermessensentscheidung erfolgen darf, wenn durch höherrangiges Recht oder Vorschriften der Europäischen Menschenrechtskonvention geschützte Belange des Ausländers eine Einzelfallwürdigung unter Berücksichtigung der Gesamtumstände des Falles gebieten, im Prozesskostenhilfeverfahren zu Lasten des Klägers dahingehend entschieden werden könnte, dass bei Ist-Ausweisungen anders als bei Regelausweisungen eine Ermessensentscheidung nicht geboten sei (…so im Hauptsacherfahren: BayVGH, B.v. 27.9.2010 - 19 ZB 09.715 - juris Rn. 10; VGH BW, U.v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - juris Rn. 26).
Die höchstrichterlich noch nicht entschiedene Frage der Erforderlichkeit einer Ermessensentscheidung in Fällen des § 53 AufenthG ist angesichts der dazu in Rechtsprechung und Literatur vertretenen unterschiedlichen Auffassungen (vgl. einerseits Thym, DVBl 2008, 1346/1352;… Beichel-Benedetti in Huber, AufenthG, 2010, § 53 Rn. 5; K.-G. Mayer, VerwArch 2010, 482/491 ff.;… vgl. andererseits BayVGH, B.v. 27.9.2010 - 19 ZB 09.715 - juris Rn. 10; VGH BW, U.v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - juris Rn. 26;… Hailbronner, Stand: April 2013, vor § 53 Rn. 10;… Bauer in Renner/Bergmann/Dienelt, Ausländerrecht, 10. Aufl. 2013, § 53 Rn. 9) aber nicht einfach zu beantworten.
Die zwingende Ausweisung des Antragstellers ist auch nicht mit Blick auf die hier allein einschlägigen Bestimmungen des Völkervertragsrechts in Art. 8 Abs. 1 EMRK und des Verfassungsrechts in Art. 2 Abs. 1 GG als ausnahmsweise unverhältnismäßig anzusehen (vgl. zur dogmatischen Begründung und Erforderlichkeit einer solchen Verhältnismäßigkeitsprüfung bei einer einfachgesetzlich zwingenden Ausweisung: BVerfG, Beschl. v. 10.8.2007 - 2 BvR 535/06 -, NVwZ 2007, 1300 f.;… BVerwG, Urt. v. 14.2.2012 - BVerwG 1 C 7.11 -, BVerwGE 142, 29, 38 f.; Beschl. v. 11.7.2003 - BVerwG 1 B 252.02 -, Buchholz 140 Art. 8 EMRK Nr. 14; VGH Baden-Württemberg, Urt. v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 -, juris Rn. 25 f.).
Der Bedeutung durch die Vorschriften der EMRK geschützter Belange kann bei einer zwingenden Ausweisung - anders als bei den durch ein Regel-Ausnahme-Verhältnis geprägten Ausweisungen nach § 54 AufenthG - durch eine Einzelfallprüfung hinreichend Rechnung getragen werden, vgl. OVG NRW, Urteil vom 5. Juli 2012 - 18 A 1450/09 - Beschluss vom 28. November 2014 - 18 E 1269/13 -, und Verwaltungsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg, Urteil vom 20. Oktober 2011 - 11 S 1929/11 -, InfAuslR 2012, 1.
vgl. VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 20. Oktober 2011 - 11 S 1929/11 -, InfAuslR 2012, 1; VG Oldenburg, Urteil vom 18. April 2012 - 11 A 1369/11 -, juris, Rn. 25; vgl. auch Naumann, Die Prüfung der Verhältnismäßigkeit im Rahmen gebundener Entscheidungen, DÖV 2011, 96.".
Auch eine zwingende Ausweisung nach § 53 AufenthG ist jedoch grundsätzlich einzelfallbezogen auf ihre Vereinbarkeit mit dem in Art. 8 Abs. 1 EMRK geschützten Anspruch auf Achtung des Privat- und Familienlebens hin zu überprüfen (vgl. BVerfG, B. v. 10.8.2007 - 2 BvR 535/06 - juris Rn. 18 ff., OVG Hamburg, U. v. 24.3.2009 - 3 Bf 166/04 - juris Rn. 80, OVG Nordrhein-Westfalen, B. v. 26.5.2009 - 18 E 1230/08 - juris Ls. 1, Rn. 11, VGH Baden-Württemberg, U. v. 20.10.2011 - 11 S 1929/11 - juris Rn. 25 m.w.N., OVG Lüneburg, B. v. 12.12.2013 - 8 ME 162/13 - juris Rn. 31).
Der mit der Ausweisung verbundene Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit des Klägers nach Art. 2 Abs. 1 GG ist ebenso als verhältnismäßig zu beurteilen, weil hierfür keine anderen Maßstäbe als für die Rechtfertigung eines Eingriffs in Art. 8 Abs. 1 EMRK gelten (VGH Baden-Württemberg, U. v. 20.10.2011, a.a.O., juris Rn. 26).