Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Krankheitsdaten_im_Muell_Datenspeicherung_bei_Lidl_Mercedes-Benz_Mueller.html
Timestamp: 2018-01-17 06:41:14
Document Index: 234212641

Matched Legal Cases: ['§ 5', '§ 28', '§ 3', '§ 28', '§ 28', '§ 3', '§ 28']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/082
Krank­heits­be­zo­ge­ne Da­ten sind be­son­ders sen­si­bel
15.05.2009. Wird ein Ar­beit­neh­mer ar­beits­un­fä­hig krank, hat er dem Ar­beit­ge­ber un­ver­züg­lich mit­zu­tei­len, dass er krank­heits­be­dingt nicht zur Ar­beit er­schei­nen kann. Au­ßer­dem muss er sa­gen, wie lan­ge er vor­aus­sicht­lich feh­len wird. Bei ei­ner län­ger als drei Ta­ge dau­ern­den Ar­beits­un­fä­hig­keit hat er zu­dem ein ärzt­li­ches At­test bei­zu­brin­gen, in dem die Ar­beits­un­fä­hig­keit und de­ren vor­aus­sicht­li­che Dau­er be­schei­nigt wird (§ 5 Abs. 1 Ent­gelt­fort­zah­lungs­ge­setz - EFZG).
Die­se An­ga­ben rei­chen Ar­beit­ge­bern of­fen­bar nicht im­mer. In letz­ter Zeit häu­fen sich Fäl­le, in de­nen Un­ter­neh­men An­ga­ben über die Art der Krank­heit von ih­ren Be­schäf­tig­ten er­frag­ten und spei­cher­ten.
Als ers­tes ge­riet der Le­bens­mit­tel­dis­coun­ter Lidl (wie­der) in die Schlag­zei­len. In ei­ner Bo­chu­mer Müll­ton­ne wur­den fir­men­in­ter­ne Un­ter­la­gen ent­deckt, die In­for­ma­tio­nen über die Krank­heits­ur­sa­chen der Mit­ar­bei­ter ent­hiel­ten. Dort fand sich et­wa der Ver­merk über ei­ne Ar­beit­neh­me­rin: „Will schwan­ger wer­den. Be­fruch­tung nicht funk­tio­niert.“ Lidl räum­te die Spei­che­rung sol­cher In­for­ma­tio­nen ein, gab aber an, die­se Pra­xis En­de 2008 ein­ge­stellt zu ha­ben (Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 06.04.2009 „Neue Da­ten­af­fä­re mit Kran­ken­ak­ten von Lidl“).
Kurz dar­auf er­hielt Ra­dio Bre­men ei­nen an­ony­men Hin­weis, dass ein Mer­ce­des-Benz Werk in Bre­men Ak­ten mit Krank­heits­da­ten sei­ner Mit­ar­bei­ter an­ge­legt ha­be. Die er­krank­ten Ar­beit­neh­mer sei­en nach ih­rer Rück­kehr vom Meis­ter nach der Krank­heit be­fragt wor­den. Dies sei dann in ei­nem Kran­ken­ord­ner ge­spei­chert und auf ei­ner wö­chent­li­chen Sit­zung vom Ab­tei­lungs­lei­ter mit Team­lei­tern, Meis­tern und ei­nem Mit­glied des Be­triebs­rats aus­ge­wer­tet wor­den. Der Kon­zern gab an, dass es sich um ei­nen Ein­zel­fall han­de­le, für den nur ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter, nicht der Kon­zern selbst, ver­ant­wort­lich ge­we­sen sei.
Schließ­lich mel­de­te die Süd­deut­sche Zei­tung, dass die Dro­ge­rie­ket­te Mül­ler eben­falls die Kran­ken­ge­schich­te ih­rer Mit­ar­bei­ter aus­for­sche. Dort hat man an­schei­nend als „Kran­ken­rück­kehr­ge­spräch“ be­zeich­ne­te For­mu­la­re ver­wen­det, die Mit­ar­bei­ter und Vor­ge­setz­te ge­mein­sam aus­ge­füllt hät­ten. Die Be­schäf­tig­ten hät­ten dar­über Aus­kunft ge­ben müs­sen, ob sie we­gen der­sel­ben Ur­sa­che im lau­fen­den Ka­len­der­jahr be­reits krank ge­we­sen sei­en und ob die Ge­ne­sung voll­stän­dig ab­ge­schlos­sen sei.
Ei­ne Vor­ge­hens­wei­se von Ar­beit­ge­bern wie in den oben ge­nann­ten drei Fäl­len ver­stößt ge­gen das Da­ten­schutz­recht. Auch ar­beits­recht­li­che Re­ge­lun­gen er­lau­ben es dem Ar­beit­ge­ber nicht, sie vom Ar­beit­neh­mer zu ver­lan­gen oder gar zu spei­chern.
Ei­ne Da­ten­ver­ar­bei­tung, und da­zu zählt so­wohl das Er­fra­gen von In­for­ma­tio­nen als auch das Spei­chern die­ser In­for­ma­tio­nen in Ak­ten, ist ge­mäß § 28 Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz (BDSG) nur un­ter en­gen Vor­aus­set­zun­gen er­laubt. Grund­sätz­lich gilt, dass der Be­trof­fe­ne ent­we­der in die Da­ten­ver­ar­bei­tung ein­wil­li­gen oder die Da­ten­ver­ar­bei­tung zur Wahr­neh­mung be­rech­tig­ter In­ter­es­sen er­for­der­lich sein muss.
Bei In­for­ma­tio­nen, die die Krank­heit selbst und nicht nur die An­zahl der Fehl­ta­ge be­tref­fen, gilt zu­dem ei­ne Be­son­der­heit. Es han­delt sich ge­mäß § 3 Abs. 9 BDSG hier­bei um so ge­nann­te sen­si­ti­ve Da­ten, bei de­nen der Be­trof­fe­ne be­son­ders schutz­be­dürf­tig ist. Hier gel­ten stren­ge­re Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne Da­ten­ver­ar­bei­tung (§ 28 Abs. 6 BDSG).
Ei­ne wirk­sa­me Ein­wil­li­gung der Ar­beit­neh­mer dürf­te vor­lie­gend aus­zu­schlie­ßen sein. Dass Ar­beit­neh­mer näm­lich auf Nach­fra­ge „frei­wil­lig“ An­ga­ben über ih­re Krank­heit ma­chen, ist für ei­ne Ein­wil­li­gung nicht aus­rei­chend. Sie muss schrift­lich und vor­ab ge­ge­ben wer­den und es braucht ei­nen Hin­weis auf den Um­fang und Zweck der Da­ten­ver­ar­bei­tung. Ei­ne Ein­wil­li­gung kann zwar – theo­re­tisch – auch in for­mu­lar­ver­trag­lich und vor­ab im Ar­beits­ver­trag er­teilt wer­den, muss dann be­son­ders her­vor­ge­ho­ben und in­halt­lich „trans­pa­rent“ sein, was oft nicht der Fall ist. Zu­dem sind Krank­hei­ten wie er­wähnt „sen­si­ti­ve“ Da­ten, bei de­nen der Be­trof­fe­ne über den kon­kre­ten In­halt der Da­ten, die ver­ar­bei­tet wer­den sol­len, Be­scheid wis­sen muss, was mit ei­ner im Ar­beits­ver­trag ent­hal­te­nen Vor­abein­wil­li­gung un­ver­ein­bar ist.
Au­ßer­dem ist auch die Da­ten­ver­ar­bei­tung un­zu­läs­sig, da sie nicht er­for­der­lich im Sin­ne von § 28 Abs. 1 BDSG ist. Recht­lich „er­for­der­lich“ sind für den Ar­beit­ge­ber nur In­for­ma­tio­nen über die Fehl­zei­ten sel­ber.
Dies än­dert sich auch nicht da­durch, dass der Ar­beit­ge­ber ge­mäß § 3 EFZG zu ei­ner Ent­gelt­fort­zah­lung nicht ver­pflich­tet ist, wenn der Ar­beit­neh­mer in­ner­halb ei­nes Sechs­mo­nats­zeit­raums mehr als sechs Wo­chen we­gen der­sel­ben Krank­heit ar­beits­un­fä­hig ist. Ei­ne sol­che Fol­ge­er­kran­kung liegt et­wa vor, wenn ein Ar­beit­neh­mer we­gen ei­nes Arm­bru­ches krank ist und nach sei­ner Ge­ne­sung er­neut fehlt, weil die ein­ge­setz­ten Schrau­ben ent­fernt wer­den müs­sen. Der Ar­beit­ge­ber braucht in die­sem Fall nur die In­for­ma­ti­on, ob ei­ne Fol­ge­er­kran­kung vor­liegt oder nicht, was der be­han­deln­de Arzt ggf. be­schei­ni­gen muss.
Recht­lich un­er­heb­lich ist auch, dass häu­fi­ge oder lang­wie­ri­ge Er­kran­kun­gen ei­nen Grund für ei­ne krank­heits­be­ding­te Kün­di­gung dar­stel­len, wenn dies zu ei­ner ne­ga­ti­ven Pro­gno­se in be­zug auf die künf­ti­ge Leis­tungs­fä­hig­keit führt. Um über ei­ne krank­heits­be­ding­te Kün­di­gung zu ent­schei­den, kann sich der Ar­beit­ge­ber näm­lich nach der Recht­spre­chung zu­nächst auf die ihm er­kenn­ba­ren As­pek­te der Krank­heit – sprich: die Fehl­zei­ten – be­zie­hen. Es ist dann Auf­ga­be des ge­kün­dig­ten Ar­beit­neh­mers, im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess dar­zu­le­gen, wel­che Krank­heits­ur­sa­chen für die Fehl­zei­ten ver­ant­wort­lich wa­ren und war­um da­her ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se nicht be­grün­det ist. Erst in die­ser Si­tua­ti­on be­steht für den Ar­beit­neh­mer die Ob­lie­gen­heit, den ihn be­han­deln­den Arzt von sei­ner Schwei­ge­pflicht zu ent­bin­den.
Auch das In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers zu ver­hin­dern, dass ei­ne Er­kran­kun­gen vor­ge­täuscht wird, macht In­for­ma­tio­nen über Krank­heits­ur­sa­chen und de­ren Spei­che­rung nicht er­for­der­lich. Der Ar­beit­ge­ber darf nur bei ei­nem kon­kre­ten Ver­dacht prü­fen, ob der Ar­beit­neh­mer ei­ne krank­heits­be­ding­te Ar­beits­un­fä­hig­keit vor­täuscht. Dem trägt das be­ste­hen­de Recht durch die Mög­lich­keit Rech­nung, dass der Me­di­zi­ni­sche Dienst der Kran­ken­kas­sen den Ar­beit­neh­mer ein­be­stel­len und ärzt­lich auf die be­haup­te­te Ar­beits­un­fä­hig­keit hin un­ter­su­chen las­sen kann. An wel­cher Krank­heit der Ar­beit­neh­mer lei­det, geht da­her auch in die­sem Fall den Ar­beit­ge­ber recht­lich nichts an.
Als ein­zi­ge Aus­nah­me von der Re­gel, dass Krank­heits­ur­sa­chen den Ar­beit­ge­ber recht­lich nichts an­ge­hen, wer­den in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur an­ste­cken­de und zu­gleich ge­fähr­li­che Krank­hei­ten ge­nannt, da der Ar­beit­ge­ber ein recht­lich schüt­zens­wer­tes In­ter­es­se dar­an hat, die An­ste­ckung von an­de­ren Mit­ar­bei­tern oder von Kun­den zu ver­mei­den. Im Ver­hält­nis da­zu wiegt das In­ter­es­se des Ar­beit­neh­mers, sei­ne Krank­heits­dia­gno­se ge­heim­zu­hal­ten, we­ni­ger schwer. Je nach La­ge des Ein­zel­falls kann da­her in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on aus­nahms­wei­se ein­mal ein Aus­kunfts­an­spruch des Ar­beit­ge­ber be­ste­hen. Ar­beit­neh­mer soll­ten da­her wis­sen, dass sie An­ga­ben über die Ur­sa­chen ih­rer krank­heits­be­ding­ten Ar­beits­un­fä­hig­keit im All­ge­mei­nen ver­wei­gern kön­nen. Ar­beit­ge­ber soll­ten wis­sen, dass sie den­noch er­lang­te In­for­ma­tio­nen über Krank­hei­ten bzw. Krank­heits­ur­sa­chen nicht spei­chern dür­fen. Bei Ver­stö­ßen soll­te der (be­trieb­li­che) Da­ten­schutz­be­auf­trag­te ein­ge­schal­tet wer­den.
"Neue Da­ten­af­fä­re im Han­del. Mül­ler forscht Mit­ar­bei­ter aus.": www.sued­deut­sche.de, 17.04.2009
09/025 Was darf die Bahn?
20.02.2009. Der mas­sen­haf­te Ab­gleich per­so­nen­be­zo­ge­ner Da­ten von Mit­ar­bei­tern der Deut­schen Bahn ist zur Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung we­der er­for­der­lich noch ver­hält­nis­mä­ßig. Da­her ist er durch § 28 ...