Source: https://www.lwl-massregelvollzug.de/de/Service/Dokumentationen/3-fachtagung-massregelvollzug-und-sucht/
Timestamp: 2018-09-23 13:13:49
Document Index: 247096934

Matched Legal Cases: ['§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64']

LWL | 3. Fachtagung „Maßregelvollzug und Sucht“ - Maßregelvollzug
www.lwl-massregelvollzug.de | 3. Fachtagung „Maßregelvollzug und Sucht“ - Maßregelvollzug - 23.09.2018 URL: https://www.lwl-massregelvollzug.de/de/Service/Dokumentationen/3-fachtagung-massregelvollzug-und-sucht/
3. Fachtagung „Maßregelvollzug und Sucht“
Am 17. und 18. Mai 2017 fand die 3. Fachtagung „Maßregelvollzug und Sucht“ zum Thema „Zwangsheilung oder heilender Zwang?“ im Sport- und Begegnungszentrum der LWL-Klinik Dortmund statt. Anstoß zu dieser bundesweiten Veranstaltung gab der seit einigen Jahren in Deutschland zu beobachtende stetige Anstieg der Unterbringungen suchtkranker Straftäter im Maßregelvollzug gem. § 64 StGB. Vor gut 100 Fachleuten aus den Bereichen Maßregelvollzug, Strafvollzug, Justiz und allgemeiner Suchtkrankenhilfe wurden neben professionellen Standards (z.B. in der therapeutischen Haltung und im Umgang mit Gewalt), auch spezifische und zum Teil kontroverse Fragen und Modelle der Behandlung Suchtkranker, wie beispielsweise motivationale Aspekte bei Therapiemüdigkeit und „Kontrolliertes Trinken“, diskutiert. Die Fachtagung befasste sich außerdem mit suchtbezogenen Fragestellungen aus dem gesellschaftlichen Kontext, wie etwa dem Umgang mit den sogenannten „weichen Drogen“, mit „Designer-. und Partydrogen“ oder dem süchtigen Umgang mit Medien. Weitere Facetten des diesjährigen Schwerpunktthemas waren die besonderen Probleme, die Patienten mit Mehrfachdiagnosen und Suchtkranke mit Migrationshintergrund nicht nur im Maßregelvollzug mit sich bringen.
Organisiert wurde die 3. Fachtagung „Maßregelvollzug und Sucht“ in Kooperation der LWL-Akademie für Forensische Psychiatrie (AFoPs) mit den Maßregelvollzugseinrichtungen in Trägerschaft des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und der Arbeiterwohlfahrt (dem AWO-Psychiatriezentrum in Königslutter und den Maßregelvollzugskliniken des Betriebes Suchthilfe der AWO Hagen-Märkischer Kreis).
Die Vorträge (Abstracts und Präsentationen) der Referentinnen und Referenten finden Sie hier:
Einführung in das Tagungsthema – Rahmenbedingungen, therapeutische Entwicklungen, Behandlungsergebnisse und Perspektiven - Von WOLFGANG MACHE
Veränderte Rechtsprechung und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen haben zu einer Veränderung des Klientels des § 64 StGB geführt. Parallel dazu haben sich aber auch therapeutische Grundannahmen und Vorgehensweisen bei der Behandlung von suchtkranken Straftätern weiterentwickelt, wodurch auch das „Milieu“ der Kliniken beeinflusst wurde. Wie sehen die Behandlungsergebnisse aus? Ausschnitte aus langjährigen katamnestischen Nachuntersuchungen werden hierzu dargestellt. Ein selbstbewusstes Auftreten der Forensiker an konflikthaften Schnittstellen mit Justiz und Gesellschaft wird befürwortet. Perspektivisch bleibt zu überlegen, inwieweit therapeutische Erfahrungen dazu führen müssen, dass wir unsere Vorstellungen von Krankheit, Sucht und Patient verändern müssen.
Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie,
Ein empirischer Blick auf aktuelle Entwicklungen und den Behandlungserfolg bei Unterbringungen nach § 64 StGB - Von JAN QUERENGÄSSER, JAN BULLA, THOMAS ROSS & KLAUS HOFFMANN
Der Vortrag gliedert sich in zwei Teile, er gibt einerseits einen Überblick über aktuelle epidemiologische Trends und stellt andererseits aktuelle Studienergebnisse zum Behandlungserfolg von Unterbringungen gemäß § 64 StGB vor.
In den vergangenen Jahren stiegen die Belegungszahlen untergebrachter Patienten nach § 64 StGB deutlich an, was vor allem auf eine geänderte Anordnungspraxis zurückzuführen ist. Ein überproportionaler Anstieg zeigt sich bei drogenabhängigen Patienten und solchen mit BtMG-Delikten; die Zunahme voll schuldfähiger Patienten geht zudem einher mit längeren durchschnittlichen parallelen Haftstrafen.
Der "Erfolg" einer Unterbringung nach § 64 StGB bemisst sich in verschiedenen Dimensionen. Gleichbleibend hohe Quoten an vorzeitigen Erledigungen wegen Aussichtslosigkeit von rund 50% stehen im Gegensatz zu den Resultaten von Fragebogenstudien, in denen "erledigte" Patienten aus subjektiver Sicht trotz Therapieabbruch ein eher positives Fazit ziehen. Befragte Therapeuten werten den Therapieerfolg im konkreten Einzelfall zwar kritischer, neigen aber in Querschnittsbefragungen ebenfalls zu Optimismus hinsichtlich des Nutzens einer forensischen Suchttherapie. Ob die Unterbringung den gesetzlich vorgesehenen Zweck erfüllt, ergibt sich allerdings erst aus der Deliktrückfälligkeit nach Entlassung: Studienergebnissen zur Legalbewährung zufolge begeht knapp die Hälfte aller regulär entlassenen Patienten innerhalb von drei Jahren erneute Straftaten. Patienten mit Therapieabbruch werden im selben Risikozeitraum sogar zu über 70% deliktrückfällig, darunter die Hälfte mit einschlägigen und ein Drittel mit Gewaltdelikten.
Insofern stellen die hohen Abbruchquoten nicht nur ein Ärgernis für Patienten und Behandler dar - es stellt sich auch die Frage, ob ein Scheitern in der Therapie für sich genommen die Rückfallgefahr erhöht. Kriminalprognostisch betrachtet handelt es sich bei Patienten mit Therapieabbruch jedenfalls um eine Hochrisikogruppe.
Eine sich verändernde Klientel und interpretationswürdige Behandlungsergebnisse bleiben also auch weiterhin eine Herausforderung für den MRV gemäß § 64 StGB.
Abstinenz als Primärziel der Behandlung: Ist kontrolliertes Trinken für Patienten des Maßregelvollzuges eine Option? - Von JOACHIM KÖRKEL
Das Erreichen von Alkoholabstinenz ist bei vielen suchtbelasteten Menschen mit einer Reihe positiver Folgen für sie selbst, ihr soziales Nahumfeld und die Gesellschaft verbunden (Körkel, 2014a). Ein Kardinalproblem ist darin zu sehen, dass lebenslange Abstinenz im deutschen Suchthilfesystem (Entzugsstationen, ambulante Suchtberatung, medizinische Reha, Selbsthilfegruppen etc.; Ausnahme: niedrigschwellige Suchtarbeit) und sozialen Behandlungs-/Überwachungssystemen (Maßregelvollzug, JVA, Bewährungshilfe etc.) als einzig legitimes Ziel gilt. Die meisten Menschen mit Substanzkonsumstörungen sind nämlich für ein gänzlich alkoholfreies Leben und entsprechende Behandlungen nicht zu gewinnen, weil lebenslange Abstinenz ihren Lebensvorstellungen nicht entspricht, sie damit überfordert sind oder eine Karriere des Scheiterns mit Abstinenzbehandlungen hinter ihnen liegt (Körkel 2014b). Wird – wie vielfach – eine Abstinenzbehandlung auf äußeren Druck (z.B. des Arbeitgebers) oder Zwang (z.B. der Justiz oder Führerscheinbehörde) begonnen, ist mit zielbedingtem Widerstand (z.B. „Durchziehen“ der Behandlung ohne Abstinenzbereitschaft, „tricksen“) und nur mäßigen Therapieerfolgen zu rechnen (Körkel, 2015).
Inzwischen hat das Ziel der Alkoholkonsumreduktion vermehrt Beachtung gefunden. Neben Pharmakotherapien und mäßigungsorientierten Selbsthilfegruppen stellen verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze zum selbstkontrollierten Trinken (KT) eine von drei – prinzipiell kombinierbaren – Behandlungsvarianten zum Erreichen einer Trinkmengenreduktion dar (Mann & Körkel, 2013).
Wie systematische Reviews (Körkel, 2015; van Amsterdam & van den Brink, 2013) zeigen, sind Einzel- und Gruppenbehandlungen sowie Selbsthilfemanuale zum KT über das gesamte Spektrum der Alkoholkonsumstörungen kurz- und langfristig wirksam (Reduktion des Alkoholkonsums und alkoholassoziierter Probleme, Förderung des Übergangs zur Abstinenz). Prognostisch bedeutsam sind v.a. der Zielentscheid des Patienten pro KT und seine Zuversicht in die Realisierbarkeit von KT.
Angesichts der Wirksamkeit von KT-Behandlungen sowie gesundheitspolitischer, ethischer, therapeutischer und ökonomischer Überlegungen sollten Reduktionsbehandlungen gleichrangig neben Abstinenzbehandlungen in die ärztliche Grundversorgung und das Suchtbehandlungssystem, aber auch in alle auf soziale Kontrolle ausgerichtete Sektoren (wie Straffälligenhilfe) integriert werden (Körkel & Nanz, 2016).
Körkel, J. (2014a). Das Paradigma Zieloffener Suchtarbeit: Jenseits von Entweder – Oder. Suchttherapie,15, 165–173.
Körkel, J. (2014b). Alkoholtherapie: Vom starren Abstinenzparadigma zu einer patientengerechten Zielbestimmung. Suchtmedizin, 16, 211–222.
Körkel, J. (2015). Kontrolliertes Trinken bei Alkoholkonsumstörungen: Eine systematische Übersicht. Sucht, 61, 147–174.
Körkel, J. & Nanz, M. (2016). Das Paradigma Zieloffener Suchtarbeit. In akzept e.V., Deutsche AIDS-Hilfe & JES-Bundesverband (Hrsg.), 3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016 (S. 196-204). Lengerich: Pabst Science Publishers. [herunterladbar unter http://alternativer-drogenbericht.de/wpcontent/uploads/2016/06/ADSB2016_Bericht.pdf].
Van Amsterdam, J. & van den Brink, W. (2013). Reduced-risk drinking as a viable treatment goal in problematic alcohol use and alcohol dependence. Journal of Psychopharmacology, 27, 987– 997.
Prof. Dr. phil. Joachim Körkel
Institut für innovative Suchtbehandlung und Suchtforschung,
Die Förderung der Behandlungsmotivation Abhängigkeitskranker im Maßregelvollzug - Von GERHARD REYMANN
Die Tatsache, dass ein Gericht den Abhängigkeitskranken zum Antritt der Behandlung gem. § 64 verurteilt, beschädigt die Motivation des Patienten oft ähnlich intensiv wie die Bezeichnung der Therapie als Maßregel. Die zwangsweise Durchsetzung von Suchtmittelabstinenz ruft nicht selten im Patienten nachhaltige Reaktanz hervor: In jeder freien Minute wird das Fehlen des Suchtmittels bedauert, das wesentliche Ereignis der Zukunft ist der so grausam fern liegende Zeitpunkt, zu dem endlich das Suchtmittel wieder seine Wirkung entfalten wird. Die Raffinesse, mit der Suchtmittel eingeführt und Abstinenzkontrollen im Maßregelvollzug umgangen werden, entspricht dieser Reaktanz auf Handlungsebene.
Andererseits tut sich mit der erzwungenen Suchtmittelfreiheit für den Abhängigkeitskranken ein mehrmonatiger konkreter Erfahrungsraum auf, der durchaus zu weiterer Suchtmittelfreiheit motivieren kann.
Der Vortrag regt zunächst an, die oben skizzierten Beschädigungen der Motivation nicht durch unprofessionelle Rahmenbedingungen oder Bemerkungen unnötig weiter zu verstärken. Er gibt im Weiteren vor dem Hintergrund der Motivierenden Gesprächsführung nach Miller und Rollnick Anregungen, wie die sich im Maßregelvollzug ergebenden Motivationsansätze begünstigen, verstetigen und verbreitern lassen.
Miller WR, Rollnick S: Motivational Interviewing – Helping People Change. 3 ed. New York London: Guilford Press, 2012
Miller WR, Rollnick S: Motivierende Gesprächsführung. 3. Auflage des Standardwerkes in Deutsch. Lambertus. 2015
LWL-Klinik Dortmund (Abteilung Suchtmedizin),
Rehabilitationzentrum FörderTurm
Komorbidität: Sucht und Persönlichkeitsstörung - Von MARC WALTER
Suchterkrankungen treten bei Patienten mit Persönlichkeitsstörungen häufig auf. Je nach Setting kann bei etwa jedem zweiten Patienten eine komorbide Suchterkrankung diagnostiziert werden. Eine besonders häufige Assoziation wurde zwischen den Cluster B Persönlichkeitsstörungen (Borderline-Persönlichkeitsstörung, Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Histrionische Persönlichkeitsstörung und Narzisstische Persönlichkeitsstörung) und einer komorbider Suchterkrankung gefunden.
Für die medikamentöse Behandlung der Patienten fehlen derzeit noch kontrollierte Studien. Ist die Persönlichkeitsproblematik im Vordergrund werden insbesondere störungsspezifische psychotherapeutische Interventionen mit Erfolg angewandt.
In der Behandlung der Komorbidität Sucht und Persönlichkeitsstörung gilt allgemein der Grundsatz, dass immer beide Störungsbilder behandelt werden sollten. Häufig entscheidet im Alltag zunächst die Spezialisierung oder die Tradition einer Klinik über die jeweilige Behandlungsform. Gerade für Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen sollten ausreichend Psychotherapieplätze bereitgestellt werden, wenn Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung erfolgreich absolviert worden ist.
In dem Vortrag wird insbesondere auf die Diagnostik und evidenzbasierten Behandlungsansätze der Komorbidität aus Sucht und Persönlichkeitsstörung eingegangen. Typische Fälle werden vorgestellt und diskutiert.
PD Prof. Dr. med. Marc Walter
Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel (EPK und Privatklinik)
"Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein …" - Lebenswirklichkeit und Rückfallrisiken nach der Entlassung aus der Maßregel gem. § 64 StGB - Von BERND DIMMEK UND SABRINA WIECEK
Es werden Ergebnisse einer Katamnesestudie berichtet, in der eine Forschungsgruppe aus Vertretern der LWL-Maßregelvollzugsklinik Schloß Haldem, des LWL-Therapiezentrums für Forensische Psychiatrie Marsberg und der AWO-Fachklinik ‚Im Deerth‘, Hagen, den Wiedereingliederungsverlauf von Patienten untersucht haben, die in den Jahren 2006 bis 2009 aus der Maßregel gem. § 64 StGB entlassen wurden. Für diese Studie wurden die Krankenakten der stationären Behandlung und über einen Zeitraum von 3 Jahren nach der Entlassung auch die Ambulanzakten sowie die Strafregisterauszüge aller in Freiheit entlassenen Patienten ausgewertet. Eine ergänzende Untersuchung schloss auch die Patienten selbst ein, die ebenfalls über einen Zeitraum von 3 Jahren schriftlich zu ihrer Lebenssituation und relevanten Ereignissen und Veränderungen befragt wurden. Durch die Zusammenschau aller Datenquellen gelang es, ein relativ vollständiges Bild zur Legalbewährung und zum Verlauf der Wiedereingliederung zu gewinnen. Der Vortrag gibt einen Überblick über diese Studie und stellt Ergebnisse vor, die aus Sicht der ambulanten Nachsorge und aus der Perspektive der Patienten selbst für den Wiedereingliederungsverlauf relevant sind.
Dr. phil. Bernd Dimmek
LWL-Akademie für Forensische Psychiatrie (Fachbereich Qualitätsentwicklung)
Sabrina Wiecek (M.A. Soziologie)
(Fachbereich Qualitätsentwicklung & Fachbereich Bildungsmanagement)
Internet- und Computerspielsucht – Diagnostik, Therapie und Prävention - Von BERT TE WILDT
Die Abhängigkeit von Internet und Computerspielen nimmt nicht nur unter Kindern und Jugendlichen stetig zu, sondern spielt auch bei Erwachsenen eine zunehmend große Rolle. Epidemiologische Studien deuten darauf hin, dass weit mehr als eine halbe Millionen Deutsche bereits darunter leiden und dass bei einer noch größeren Zahl eine entsprechende Suchtgefahr besteht. Der Vortrag gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Erkenntnis hinsichtlich dieser neuartigen Verhaltenssucht, die bereits ähnlich häufig wie die Glücksspielsucht auftritt und auch mit ähnlichen forensischen Folgen assoziiert sein kann. Ziel ist, es eine Orientierung darüber zu vermitteln, wie bei der Diagnostik Internetabhängigkeit und ihrer Begleiterkrankungen zu beachten ist, wie sie zu behandeln ist und wie man sich vor ihr schützen kann. In Vortrag und anschließender Diskussion sollen immer wieder auch forensische Fragestellungen berücksichtigt werden.
LWL-Universitätsklinikum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Ruhr-Universität Bochum
Neue und alte Drogen – Nachweisproblematik und Bedeutung im klinischen Alltag - Von VOLKER AUWÄRTER
Der Nachweis eines vermuteten Suchtmittelkonsums ist für verschiedenste klinische Fragestellungen von hoher Bedeutung. Insbesondere wenn positive Drogennachweise schwere Konsequenzen nach sich ziehen können, können sich Fragen zu der Aussagesicherheit bzw. der korrekten Interpretation analytischer Befunde ergeben, wobei nicht nur zwischen den unterschiedlichen eingesetzten Analysenverfahren sondern auch zwischen den verschiedenen Untersuchungsmatrices (Urin, Blut, Speichel, Haar) unterschieden werden muss.
Nachdem in den letzten Jahren eine wahre Flut neuer Wirksubstanzen den Drogenmarkt erreichte (jährlich ca. hundert neue Stoffe) ist die Situation noch komplexer geworden. Unter den neuen Drogen stellen die synthetischen Cannabinoide eine der wichtigsten Klassen dar, obwohl es inzwischen für jede Klasse illegaler Drogen Ersatzstoffe aus der Chemieküche gibt. Synthetische Cannabinoide werden meist in Form von „Räuchermischungen“ als Cannabisersatz in den Handel gebracht, finden sich aber auch in „E-Liquids“ für den Konsum in elektronischen Zigaretten. Zunehmend werden auch Reinsubstanzen („Research Chemicals“) angeboten, die von den Konsumenten nach Aufbringen auf Kräuter oder Tabak geraucht werden. Die Wirkung ähnelt je nach Dosis stark der Wirkung von Cannabis, kann aber bei zu hoher Dosierung im Gegensatz zu Cannabis auch zu Krampfanfällen, Übelkeit/Erbrechen und Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma führen. Insbesondere bei unerfahrenen Konsumenten kommt es häufig zu starken, teilweise lebensbedrohlichen Nebenwirkungen.
Der Konsumnachweis für synthetische Cannabinoide gestaltet sich besonders schwierig. Zum einen konnten bisher keine zuverlässigen immunchemischen Vortestverfahren entwickelt werden, sodass für einen sicheren Nachweis regelmäßig sehr aufwändige Analytik betrieben werden muss. Insbesondere für das Screening in Urinproben muss zudem beachtet werden, dass die Stoffe praktisch nicht in unveränderter Form renal ausgeschieden werden und für die Methodenentwicklung jeweils die Ermittlung der Hauptmetaboliten als analytische Targets erforderlich ist.
Als Konsummotivation stehen der legale Erwerb, der niedrige Preis und das Fehlen einfacher Tests zum Konsumnachweis im Vordergrund, wobei der Konsum synthetischer Cannabinoide sich insbesondere im Maßregel- und Justizvollzug zu einem dauerhaften Problem entwickelt hat.
Prof. Dr. rer. nat. Volker Auwärter
Menschen mit Migrationshintergrund im Maßregelvollzug – sprachliche und kulturelle Herausforderungen - Von KLAUS HOFFMANN
Mehr als ein Drittel der forensisch Untergebrachten in Baden-Württemberg verfügen über einen Migrationshintergrund. Somit liegt der Migranten-Anteil im psychiatrischen Maßregelvollzug deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Dies ist teilweise den unterschiedlichen Alterspyramiden zwischen Migranten und Einheimischen geschuldet – in der „deliktisch problematischen“ Altersgruppe der jungen Erwachsenen sind Migranten deutlich überrepräsentiert, teilweise den nach wie vor bestehenden psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgungsdefiziten der Migranten. Der Beitrag zeigt aktuelle Zahlen aus der forensischen Basisdokumentation Baden-Württemberg (FoDoBa) und stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei Diagnosen, Delikten und Behandlungsdauern dar. In forensischen Institutionen stoßen verschiedene sprachliche und kulturelle Ebenen aufeinander, sowohl was Vorurteile, ausländerfeindliche Meinungen, Haltungen gegenüber Frauen und Einstellungen zu Hausarbeiten wie Kochen, Waschen und Putzen betrifft. Auch die Mitarbeitenden kommen aus verschiedenen sprachlichen und kulturellen Räumen. Das Aufwachsen in stark autoritär geprägten Ländern, unterschiedliche Umgangsformen mit innerfamiliärer Gewalt und Misstrauen als notwendiger Überlebensstrategie bestimmen wesentlich die Einstellungen zum Milieu einer therapeutischen Gemeinschaft und zur Psychotherapie. Die Schilderung praktischer Kasuistiken schließt den Beitrag ab.
Gewalt ist nicht zu leugnen, nur zu zähmen – Behandlungsstandards zum Umgang mit Gewalt - Von ANJA M. WESTENDARP
Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Gewalt und Sucht ist so ähnlich wie die Frage nach der Henne und dem Ei. Bei Blick in die Literatur stellt man fest, dass einige Studien zu der Aussage führen, dass erst Alkohol (oder andere Suchtmittel) den Menschen zum Gewalttäter macht.
Stimmt das? Was sind Aggression und Gewalt? Welche Bedeutung haben sie im Kleinen und im Großen? Wie weit ist Gewalt verbreitet? Und vor allem, wie entsteht Gewalt, welche Ursachen gibt es und welche Rolle spielt der Alkohol? Und wie können wir im Maßregelvollzug mit Aggressionen umgehen und Gewalt vermeiden?
Auf diese Fragen wird es keine endgültigen Antworten geben – jedoch umfassende gut recherchierte und bedachte Ideen und Aussagen, die theoriegeleitet den Hintergrund ausleuchten, klinisch relevante Beispiele benennen und konkrete Handlungsmöglichkeiten zur Diskussion stellen.
Klinik für Forensische Psychiatrie,
Zwischen Zwang, Frust und Hoffnung in der Therapie Suchtkranker - Von CLAUDIA FRANCK UND WERNER NOLTE
Pessimismus, Perspektivlosigkeit und Verzweiflung haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Verfassung der Betroffenen im Maßregelvollzug (Schmidt-Quernheim, 2008). Die von Gerichten angeordnete Unterbringung ist u.U. von langen Aufenthalten in hoch gesicherten Fachkliniken und einer langen Anbindung an Übergangseinrichtungen geprägt. Der mühsame Weg therapeutischer Auseinandersetzung mit der eigenen Problematik, der Umgang mit dem Scheitern in der Lebensgeschichte stellt eine Belastung dar.
Hoffnung ist eine essentielle menschliche Erfahrung (Farran et al., 1999). Sie ist die Basis für eine ausreichende Motivation und kann die Energie zur Erarbeitung einer Lebensperspektive auch unter schwierigen Bedingungen darstellen. In der Praxis ist Hoffnung wenig konkret und der Wechsel zwischen persönlicher Entwicklung und Stillstand an der Tagesordnung. Konflikte entwickeln sich häufig an den differierenden Zielsetzungen der Betroffenen und der Behandler. Der Recovery-Ansatz gibt wichtige Anregungen für die Arbeit unter diesen schwierigen Bedingungen.
Dazu ist die Beziehung als wesentlicher therapeutischer Faktor von Interesse. Alsdann ist der kritische Faktor Zeit als Basis einer nachhaltigen Wirksamkeit sowie das Hoffnung stiftende Potential einer tragfähigen Zukunftsperspektive in den Blick zu nehmen. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema findet aus unterschiedlichen Perspektiven statt; der eines Mitarbeiters einer forensischen Station sowie einer Betroffenen mit Unterbringung im Maßregelvollzug. Die Beschreibung der Thematik wird durch den Blickwinkel aus der Betroffenen-Perspektive vervollständigt.
EX-IN Genesungsbegleiterin, Krefeld
Werner Nolte (B.A. Psychische Gesundheit)