Source: https://www.rechtslupe.de/allgmeines/vaterschaftsanfechtung-durch-den-leiblichen-vater-2-3134607
Timestamp: 2020-08-11 19:43:58
Document Index: 7040252

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'Art. 6', '§ 1600', '§ 1600', '§ 1600', '§ 1600']

Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG schützt das Inter­es­se des leib­li­chen Vaters eines Kin­des, die recht­li­che Stel­lung als Vater ein­zu­neh­men. Dem leib­li­chen Vater ist Zugang zu einem Ver­fah­ren zu gewäh­ren, um auch recht­lich die Vater­stel­lung erlan­gen zu kön­nen. Prü­fung und Fest­stel­lung der Vater­schaft sind Teil der ver­fah­rens­recht­li­chen Gewähr­leis­tung aus Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG [1].
Zwar ist ver­fas­sungs­recht­lich grund­sätz­lich nicht zu bean­stan­den, wenn der leib­li­che Vater zum Schutz einer bestehen­den recht­lich-sozia­len Fami­lie von der Vater­schafts­an­fech­tung aus­ge­schlos­sen ist [2]. Das gilt auch in Fäl­len, in denen der leib­li­che Vater vor und in den Mona­ten nach der Geburt eine sozi­al-fami­liä­re Bezie­hung zum Kind auf­ge­baut hat [3]. Selbst wenn der leib­li­che Vater vie­le Jah­re mit sei­nem Kind zusam­men­ge­lebt hat, kann die recht­li­che Vater­schaft eines ande­ren Man­nes wegen des­sen sozi­al-fami­liä­rer Bezie­hung zum Kind Bestand haben, sofern der leib­li­che Vater auch nach der Tren­nung von der Kin­des­mut­ter über vie­le Jah­re hin­weg die recht­li­che Vater­schaft hät­te erlan­gen kön­nen und dies nur des­halb nicht gesche­hen ist, weil er die ihm selbst oblie­gen­den Schrit­te dazu nicht unter­nom­men hat, ohne dass er dar­an erkenn­bar gehin­dert gewe­sen wäre [4].
Auch wenn zwi­schen dem recht­li­chen Vater und den Kin­dern zum Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung eine sozi­al-fami­liä­re Bezie­hung besteht, recht­fer­tigt dies den end­gül­ti­gen Aus­schluss des leib­li­chen Vaters vom Zugang zur recht­li­chen Eltern­stel­lung in einer sol­chen Kon­stel­la­ti­on nicht ohne Wei­te­res. Der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kann ent­ge­gen der Ansicht des Fami­li­en­ge­richts nichts Gegen­tei­li­ges ent­nom­men wer­den. Der Anfech­tungs­aus­schluss wur­de in der zitier­ten Ent­schei­dung [5] gera­de des­halb als ver­fas­sungs­recht­lich gerecht­fer­tigt ange­se­hen, weil der leib­li­che Vater die erfor­der­li­chen Schrit­te zu Erlan­gung der recht­li­chen Vater­schaft nicht unter­nom­men hat­te. Hin­ge­gen ist in der hier zu beur­tei­len­den Son­der­kon­stel­la­ti­on, in der ein leib­li­cher Vater – als ihm die recht­li­che Vater­schaft offen stand – alles getan hat, die­se zu erlan­gen, das Inter­es­se am Gleich­lauf der recht­li­chen Vater­schaft mit der sozi­al-fami­liä­ren Bezie­hung regel­mä­ßig nicht stark genug, um die erheb­li­che Här­te zu recht­fer­ti­gen, die das end­gül­ti­ge Schei­tern der recht­li­chen Vater­schaft für den leib­li­chen Vater bedeu­tet. Der vom Amts­ge­richt benann­te Zweck des § 1600 Abs. 2 BGB, „die bestehen­de Fami­lie davor zu schüt­zen, ihre Inter­na im Ein­zel­nen auf­de­cken zu müs­sen“, läuft weit­ge­hend ins Lee­re, wenn die leib­li­che Vater­schaft des Anfech­ten­den unstrei­tig ist und der recht­li­che Vater erst deut­lich nach der Geburt eine sozi­al-fami­liä­re Bezie­hung zu den Kin­dern begrün­det hat. Dass der aktu­el­le Ehe­mann der Mut­ter nicht der Erzeu­ger ihrer Kin­der ist, ist dann für sich genom­men kein Umstand, vor des­sen Auf­de­ckung die Rechts­ord­nung schüt­zen müss­te. Auch der vom Ober­lan­des­ge­richt ange­spro­che­ne Zweck des § 1600 Abs. 2 BGB, davor zu schüt­zen, dass der leib­li­che Vater nach Erlan­gung der recht­li­chen Eltern­stel­lung die bestehen­de sozia­le Fami­lie beein­träch­ti­gen könn­te, indem er sei­ne Eltern­rech­te gel­tend macht, kann die beson­de­re Här­te nicht auf­wie­gen, die das Schei­tern der Vater­schafts­fest­stel­lung in der vor­lie­gen­den Son­der­kon­stel­la­ti­on für den leib­li­chen Vater bedeu­tet. Soweit sich eine sol­che Beein­träch­ti­gung erge­ben soll­te, müss­te die­ser im Regel­fall im Rah­men der Sor­ge- und Umgangs­re­ge­lun­gen Rech­nung getra­gen wer­den.
Aus die­sen Grün­den wur­de die hier ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg [6] den Anfor­de­run­gen des Eltern­rechts des Beschwer­de­füh­rers nicht gerecht. Sie ver­let­zen im Ergeb­nis den grund­recht­lich geschütz­ten Anspruch des Beschwer­de­füh­rers auf Zugang zu einem hin­rei­chend effek­ti­ven Ver­fah­ren zur Erlan­gung der recht­li­chen Vater­stel­lung.
Die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen ver­let­zen den Beschwer­de­füh­rer aus den genann­ten Grün­den in sei­nem ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Eltern­recht. Ob dies durch die Anwen­dung des gel­ten­den Rechts beho­ben wer­den kann, indem etwa die bestehen­den Anfech­tungs­mög­lich­kei­ten so aus­ge­legt wer­den, dass dem leib­li­chen Vater auch in der kon­kre­ten Son­der­si­tua­ti­on ein hin­rei­chend effek­ti­ves Ver­fah­ren zur Erlan­gung der recht­li­chen Vater­schaft zur Ver­fü­gung steht, ist von den Fach­ge­rich­ten zu klä­ren. Der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [5] kann dabei nicht ent­nom­men wer­den, von Ver­fas­sungs wegen müs­se der nach § 1600 Abs. 3 Satz 1 BGB maß­geb­li­che Zeit­punkt, in dem das Bestehen einer sozi­al-fami­liä­ren Bezie­hung zwi­schen recht­li­chem Vater und Kind nach § 1600 Abs. 2 BGB die Anfech­tung durch den leib­li­chen Vater aus­schließt, zwangs­läu­fig der Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung sein.