Source: http://m.hensche.de/Verdachtskuendigung_Beteiligung_Personalrats_Verdachtskuendigung_Beteiligung_des_Personalrats_BAG_2AZR98-07.html
Timestamp: 2017-01-17 08:49:34
Document Index: 28762850

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 63', '§ 61', '§ 61', '§ 61', '§ 74', '§ 108', '§ 1', '§ 1', '§ 626', '§ 626', '§ 72', '§ 79', '§ 102', '§ 102']

HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 98/07
Arbeitsgericht Brandenburg an der Havel, Urteil vom 20.04.2005, 4 Ca 891/04Landesarbeitsgericht Brandenburg, Urteil vom 04.06.2006, 9 Sa 446/05
2 AZR 98/07 9 Sa 446/05Lan­des­ar­beits­ge­richtBran­den­burg Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am27. No­vem­ber 2008
- 3 - se­xu­el­le Hand­lun­gen an sich vor­ge­nom­men und se­xu­ell anzügli­che Be­mer­kun­gen ge­genüber Schüle­rin­nen ge­macht, ins­be­son­de­re ge­genüber der Schüle­rin N geäußert, „er würde es gern mit der Schüle­rin E ‚französisch’ ma­chen“. Fer­ner teil­ten ein­zel­ne Schüler mit, der Kläger ha­be Ju­gend­li­chen Al­ko­hol an­ge­bo­ten, ins­be­son­de­re min­derjähri­gen Schülern im Al­ter von 16 und 17 Jah­ren am 5. März 2004 in der Dis­ko­thek, al­ko­ho­li­sche Mix­ge­tränke - ua. „Co­la-Whis­ky“, „Wod­ka-Le­mon“, so­wie „Bier bis har­te Ge­tränke“ - aus­ge­ge­ben so­wie Ju­gend­li­chen mit sei­nem Pkw das Fah­ren oh­ne Fahr­er­laub­nis ermöglicht.
Auf­grund die­ser Be­fra­gun­gen hat sich der Ver­dacht ei­nes Fehl­ver­hal­tens des Herrn L verstärkt. Ins­be­son­de­re ha­ben sich An­halts­punk­te dafür er­ge­ben, dass Herr L- se­xu­el­le Hand­lun­gen vor den Au­gen von Schülern vor­ge­nom­men hat,- ju­gend­gefähr­den­de Schrif­ten ver­teilt hat,- min­derjähri­ge Schüler zum Ge­nuss al­ko­ho­li­scher Ge­tränke auf­ge­for­dert hat,- sich mit min­derjähri­gen Schülern oh­ne Be­glei­tung von Per­so­nen­sor­ge­be­rech­tig­ten nach 24 Uhr in Gaststätten auf­ge­hal­ten und
- 5 - Je­den­falls könne, nach­dem das be­klag­te Land we­sent­li­che Kündi­gungs­vorwürfe fal­len ge­las­sen ha­be, nicht mehr von ei­ner ord­nungs­gemäßen Per­so­nal­rats­be­tei­li­gung aus­ge­gan­gen wer­den.
Der Kläger hat be­an­tragt fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung vom 11. Mai 2004 we­der frist­los noch frist­gemäß auf­gelöst wor­den ist.
Der Kläger hat be­an­tragt, den Auflösungs­an­trag zurück­zu­wei­sen. Das Ar­beits­ge­richt hat der Kla­ge - nach Be­weis­auf­nah­me - hin­sicht­lich der frist­lo­sen Kündi­gung statt­ge­ge­ben, bezüglich der or­dent­li­chen Kündi­gung hat es sie ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die hier­ge­gen nur von - 6 - dem Kläger ein­ge­leg­te Be­ru­fung - nach wei­te­rer Be­weis­auf­nah­me - zurück­ge­wie­sen. Mit der vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (- 3 AZN 660/06 -) zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­folgt der Kläger sei­ne Kündi­gungs­schutz­kla­ge be­tref­fend die or­dent­li­che Kündi­gung wei­ter.
B. Dem stimmt der Se­nat nur in ei­nem Teil der Be­gründung zu. - 7 - I. Die von Amts we­gen zu be­ach­ten­den Pro­zess­fort­set­zungs­vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat - oh­ne dies näher zu ver­tie­fen - die Be­ru­fung des Klägers für zulässig er­ach­tet. Dies ist nicht zu be­an­stan­den. Das be­klag­te Land er­hebt in­so­weit in der Re­vi­si­on auch kei­ne Einwände mehr.
- 8 - 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 49 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 65). Die­sem Über­prüfungs­maßstab wird das Be­ru­fungs­ur­teil nicht ge­recht.
- 10 - Kündi­gung gestützt wer­den könn­te (v. Ho­y­nin­gen-Hue­ne/Linck aaO; Lö-wisch/Spin­ner aaO).
- 11 - Kündi­gung Nr. 53 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 67). Auf die­ser Grund­la­ge hat ei­ne Lehr­kraft auch im Rah­men zufälli­ger Be­geg­nun­gen mit Schülern in der Frei­zeit ihr Ver­hal­ten so ein­zu­rich­ten, dass die Ver­wirk­li­chung ei­nes ihr auf­grund des be­ste­hen­den Ar­beits­verhält­nis­ses zu­kom­men­den Er­zie­hungs­auf­trags je­den­falls nicht ernst­haft gefähr­det wird.
a) Nach § 63 Abs. 1 Nr. 17 Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz für das Land Bran­den­burg (Pers­VG Bbg) be­stimmt der Per­so­nal­rat bei ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung mit. Ei­ne der Mit­be­stim­mung des Per­so­nal­rats un­ter­lie­gen­de Maßnah­me kann gemäß § 61 Abs. 1 Pers­VG Bbg nur mit sei­ner vor­he­ri­gen Zu­stim­mung ge­trof­fen wer­den. Nach § 61 Abs. 3 Satz 1 Pers­VG Bbg un­ter­rich­tet der Lei­ter der Dienst­stel­le den Per­so­nal­rat von der be­ab­sich­tig­ten Maßnah­me und be­an­tragt sei­ne Zu­stim­mung. Nach § 61 Abs. 3 Satz 3 Pers­VG Bbg ist der Be­schluss des Per­so­nal­rats über die be­an­trag­te Zu­stim­mung dem Lei­ter der Dienst­stel­le in­ner­halb von zehn Ar­beits­ta­gen mit­zu­tei­len. - 13 - b) Gemäß § 74 Abs. 3 Satz 1 Pers­VG Bbg ist die Durchführung ei­ner Maßnah­me, die oh­ne die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Be­tei­li­gung oder un­ter Ver­s­toß ge­gen die Ver­fah­rens­vor­schrif­ten er­folgt ist, un­zulässig. § 108 Abs. 2 BPers­VG, der un­mit­tel­bar in den Ländern an­wend­bar ist, be­stimmt, dass ei­ne durch den Ar­beit­ge­ber aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ei­nes Beschäftig­ten un­wirk­sam ist, wenn die Per­so­nal­ver­tre­tung nicht be­tei­ligt wor­den ist. Es ent­spricht der ständi­gen Recht­spre­chung des Se­nats (zu­letzt et­wa 13. März 2008 - 2 AZR 88/07 - AP KSchG 1969 § 1 Nr. 87 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 73; 27. April 2006 - 2 AZR 426/05 - AP BGB § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 40 = EzA BGB 2002 § 626 Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lung Nr. 5) und der ein­hel­li­gen Auf­fas­sung in der Li­te­ra­tur (statt vie­ler: KR/Et­zel 8. Aufl. §§ 72, 79, 108 Abs. 2 BPers­VG Rn. 53 ff.; Ben­ecke in Ri­char­di/Dörner/We­ber Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht 3. Aufl. § 79 Rn. 119 mwN), dass ei­ne Kündi­gung nicht nur un­wirk­sam ist, wenn der Ar­beit­ge­ber gekündigt hat, oh­ne den Per­so­nal­rat über­haupt zu be­tei­li­gen, son­dern auch dann, wenn er ihn nicht rich­tig be­tei­ligt hat (Se­nat 13. März 2008 - 2 AZR 88/07 - aaO; 27. No­vem­ber 2003 - 2 AZR 654/02 - AP Be­trVG 1972 § 102 Nr. 136 = EzA Be­trVG 2001 § 102 Nr. 6).
aa) Das be­klag­te Land hat den Per­so­nal­rat mit dem Anhörungs­schrei­ben vom 28. April 2004 über das Er­geb­nis der von ihm durch­geführ­ten Er­mitt­lun­gen um­fas­send un­ter­rich­tet und deut­lich ge­macht, dass die Kündi­gung we­gen des Ver­dachts ei­nes im Anhörungs­schrei­ben näher dar­ge­stell­ten Fehl­ver­hal­tens des Klägers ge­genüber Schülern er­fol­gen soll. Un­ter Berück­sich­ti­gung der dem Anhörungs­schrei­ben bei­gefügten Schriftstücke, ins­be­son­de­re der Pro­to­kol­le über die durch­geführ­ten Be­fra­gun­gen von Schülern so­wie ein­zel­ner El­tern und - 14 - des ge­sam­ten, dies­bezüglich mit dem Kläger geführ­ten Schrift­ver­kehrs hat­te das be­klag­te Land dem Per­so­nal­rat die den Ver­dacht aus sei­ner da­ma­li­gen Sicht stützen­den Kündi­gungs­tat­sa­chen um­fas­send mit­ge­teilt. Das ge­naue Al­ter des Klägers spielt in­so­weit er­sicht­lich kei­ne Rol­le.
- 15 - spre­chen­den Ver­dachts hat fal­len las­sen. Die­ser Um­stand berührt auch die ma­te­ri­ell­recht­li­che Wirk­sam­keit der Kündi­gung nicht. Der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on, es lie­ge hier ein „um­ge­kehr­ter Fall des Nach­schie­bens von Kündi­gungs­gründen“ vor mit der Fol­ge, dass es dem be­klag­ten Land ver­wehrt wäre, sich auf die ver­blie­be­nen Vorwürfe zu be­ru­fen, oh­ne den Per­so­nal­rat er­neut zu be­tei­li­gen, kann nicht ge­folgt wer­den.
(2) Der Hin­weis der Re­vi­si­on auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts zur sog. „Sam­me­lab­mah­nung“ über­zeugt nicht. Zwar muss der Ar­beit­ge­ber ein Ab­mah­nungs­schrei­ben, in dem meh­re­re Pflicht­ver­let­zun­gen gleich­zei­tig gerügt wer­den, von de­nen nur ei­ni­ge (aber nicht al­le) zu­tref­fen, auf Ver­lan­gen des Ar­beit­neh­mers aus der Per­so­nal­ak­te ent­fer­nen. Das Ab-mah­nungs­schrei­ben kann dann nicht teil­wei­se auf­recht­er­hal­ten blei­ben (BAG 13. März 1991 - 5 AZR 133/90 - BA­GE 67, 311, 313 ff.). Die Ab­mah­nung hat - 16 - je­doch mit dem Vor­gang der Un­ter­rich­tung des Per­so­nal­rats er­sicht­lich nichts zu tun.
Rost Schmitz-Scho­le­mann Ber­ger
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