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Timestamp: 2019-11-19 04:39:41
Document Index: 322881884

Matched Legal Cases: ['§\u200910', '§\u20095', '§\u20096', '§\u20096', '§\u200912', '§\u200926', '§\u200926', '§\u200926']

1.3 Wirtschaftspolitische Maßnahmen und Beschäftigung
Ein anhaltender Rückgang der volkswirtschaftlichen
Endnachfrage – sei es im Konsum-, Investitions- oder
Exportbereich – geht in der Regel einher mit Beschäftigungseinbußen. Statistisch ist ein enger Zusammenhang zwischen Investitionstätigkeit (Sach­kapital) und
Beschäftigungszahl nachzuweisen. Die sogenannte
an­gebotsorientierte Wirtschaftstheorie argumentiert
daher, dass eine Zunahme der Beschäftigung nur
durch eine Zunahme der Investi­tionen zu erreichen sei.
Quelle: Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik, 8. Aufl., Stuttgart
Abb. 1.15: „Es geht aufwärts, Jungs!“, Esslinger Zeitung, 1994, S. 2
Seit der Ölkrise 1973/74 ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland treppenförmig angestiegen. Der Höhepunkt lag
mit fast 5 Mio. Arbeitslosen im Jahr 2005. In jedem Wirtschaftsboom glaubten Politiker an eine Wende, weil sich
die Arbeitsmarktzahlen etwas verbessert hatten, aber in
der folgenden Wirtschaftsflaute ergaben sich noch höhere Arbeitslosenzahlen als zuvor. Haben die wirtschaftspolitischen Maßnahmen versagt?
Ein Grund für die scheinbare Wirkungslosigkeit der Wirtschaftspolitik ist in der Tatsache begründet, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland nach Schätzungen nur etwa
zu 20 % konjunkturell bedingt ist. Der weitaus größere
Teil der Arbeitslosigkeit hat strukturelle Ursachen. Folglich können nur die konjunkturell bedingten Ursachen der
Unterbeschäftigung durch entsprechende konjunkturpolitische Maßnahmen beeinflusst werden. Strukturelle
Probleme der Beschäftigung sind eher eine Aufgabe der
sogenannten Arbeitsmarktpolitik (vgl. Kapitel 1.4). Dennoch gehen die Meinungen über die richtige Wahl der Mittel weit auseinander. Ein zusätzliches Problem ist, dass sich
konjunkturelle und strukturelle Probleme oft überlagern.
Anhänger der klassischen bzw. der neoklassischen Theorie sind überzeugt, dass sich der Staat aus dem Wirtschaftsgeschehen weitgehend heraushalten soll, weil der
Markt durch Angebot und Nachfrage von selbst alles regeln würde. Staatliche Konjunkturpolitik wird deshalb als
schädlich bzw. störend angesehen. Allerdings erwarten
die Anhänger von Adam Smith und Jean-Baptiste Say, dass
die Löhne nach unten flexibel sind, sodass auch auf dem
Arbeitsmarkt ein Gleichgewicht entstehen kann. Ähnlich
denken Anhänger des Monetarismus, nach deren Auffassung allein die am Wachstumspotenzial zu messende stetige Geldmengenerweiterung konjunkturelle Ausschläge
verhindern kann. Auf dieser Basis wollen Vertreter der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik (vgl. Wirtschaft
und Recht 11, Kapitel 4) vor allem die Unternehmensseite
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In jüngerer Zeit – als eine Auswirkung der Finanz- und
Wirtschaftskrise 2008/2009 – ist John Maynard Keynes
wieder populärer geworden. Eine antizyklische, nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik (vgl. Wirtschaft und
Recht 11, Kapitel 4) lässt sich in vielen Konjunkturprogrammen des Jahres 2008 erkennen. Bei diesem Konzept spielt
das Eingreifen des Staates eine entscheidende Rolle.
Ein Angebotsüberhang auf dem Arbeitsmarkt führt
[…] nicht – wie auf dem Gemüsemarkt – zu sinkenden
Preisen, d. h. Löhnen, sodass sich ein sogenanntes Unterbeschäftigungsgleichgewicht ein­stellte. Im Gegensatz zu den Theorien der vollständigen Konkurrenz ergab sich aus den Marktkräften kein Ausgleich zwischen
Angebot und Nachfrage. Hierauf fußt u. a. die These
von John Maynard Key­nes, die auch die Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik lange Zeit nachhaltig beeinflusst hat: Da die private Wirtschaft angesichts einer
Rezession keine Veranlassung zu erhöhter Nachfrage
nach Arbeits­kräften sieht, andererseits aber auch nicht
sinkende Löhne zu einem Beschäftigungseffekt führen
können, sei es Aufgabe des Staates, durch gezielte
Maßnahmen im Rahmen von Beschäftigungsprogram­
men die Nachfrage nach Arbeitskräften anzuregen.
2007, S. 100
Beschäftigungswirksame wirtschaftspolitische Maßnahmen lassen sich grob folgendermaßen zuordnen:
•• Steuerung von Einnahmen und
Ausgaben des Staats
•• Beeinflussung von Geldmenge
und Zinssätzen
•• Einwirkung auf Import und Export
Abb. 1.16: Die traditionellen Bereiche der Wirtschaftspolitik
Maßnahmen der Geldpolitik und der Außenwirtschaftspolitik werden in den folgenden Kapiteln ausführlich
dargestellt, deshalb erfolgt zunächst eine Konzentration auf die Beschäftigungswirkungen finanzpolitischer
Maßnahmen. Dazu ist eine Begriffsklärung nötig:
Unter Fiskalpolitik im weiteren Sinn, englisch fiscal
policy, versteht man die finanzpolitischen Maßnahmen
des Staates im Dienste der Konjunktur- und Wachstumspolitik. Fiskalpolitik im engeren Sinn meint die
auf die Wirtschaftstheorie von J. M. Keynes zurück­
gehende Wirtschaftspolitik im Sinne einer bewussten
Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage (antizyklische Finanzpolitik). In Deutschland wurde die Fiskalpolitik im Stabilitätsgesetz verankert.
­Zunehmende Kritik an der Fiskalpolitik führte zum
Konzept einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik.
Lohnzurückhaltung bzw. Lohnsenkung
Unbestritten kann eine Lohnzurückhaltung Arbeitsplätze
sichern bzw. zusätzliche Arbeitsplätze ermöglichen. Voraussetzung für diese „angebotsorientierte“ Maßnahme
ist, dass die Löhne geringer ansteigen als der Produktivitätszuwachs. In der Folge sinken bei den betroffenen
Unternehmen die Lohnstückkosten. Die Wirkungskette
→ Gewinnzunahme
Erweiterungs­
Lohnzurück­
Bearbeitet nach: Der Brockhaus multimedial 2009, Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus, Mannheim 2009
Verwendet man den Begriff Fiskalpolitik im weiteren Sinn
(lat. „fiscus“ = Geldkorb, Staatshaushalt), lässt sich folgender Überblick über zentrale beschäftigungswirksame
wirtschaftspolitische Maßnahmen geben:
•• Steuersatzsenkungen
•• Innovationsförderung
•• Erhöhung der
•• Steuersenkungen
•• Lohnsenkung
•• Lohnerhöhung
Abb. 1.17: Beschäftigungswirksame wirtschaftspolitische Maßnahmen
Wie bereits erwähnt, garantiert die Tarifautonomie in
Deutschland, dass Lohnvereinbarungen nicht von staatlicher Seite beeinflusst werden. Dennoch sind Löhne aus
konjunktureller und beschäftigungspolitischer Sicht von
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Konsumgüter­
nachfrage steigt/
Produktion nimmt
zu/Stückkosten
Abb. 1.18: Lohnzurückhaltung
In den vergangenen 15 Jahren haben Arbeitnehmer in
Deutschland wirtschaftspolitische Verantwortung gezeigt, indem sie sich mit sehr bescheidenen Nominallohnzuwächsen begnügt haben. Tendenziell sind die
Reallöhne in dieser Zeit sogar gesunken.
Der Bruttolohn je Beschäftigten ist im Jahr 2013 um 2,2
Prozent gestiegen, netto, also nach Lohnsteuer und
Sozialabgaben, um 2,1 Prozent. Die Teuerung (1,5 %)
hat diesen Zuwachs zu zwei Drittel aufgefressen, sodass ein reales Lohnplus (mehr Kaufkraft) von gerade
mal 0,6 Prozent blieb. [...] Zu den Zielsetzungen der
Gewerkschaften zählt eine produktivitätsorientierte
Reallohnentwicklung. Das bedeutet, die Lohnerhöhungen sollten den Anstieg der Lebenshaltungskosten
ausgleichen (Inflationsrate) und die Reallöhne mindestens in Höhe des Produktivitätszu­wachses steigen. [...]
Die Erhöhung der Löhne hat aber in den vergangenen
13 Jahren lediglich knapp den Anstieg des Verbraucherpreisindex ausgeglichen (-1 % pro Beschäftigten).
Fred Schmid, isw-wirtschafsinfo 48, April 2014, S. 15
Angesichts der Tatsache, dass der private Konsum nach
wie vor die wichtigste Nachfragekomponente beim Bruttoinlandsprodukt ist (knapp 60 %), liegt nahe, dass sich
Politiker und Wirtschaftswissenschaftler auch Sorgen
über eine zu geringe Binnennachfrage gemacht haben.
Schließlich mussten viele Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren den Gürtel enger schnallen. Eher offen
bleibt, wie erfolgreich die gezeigte Lohnzurückhaltung
aus volkswirtschaftlicher Sicht gewesen ist. Sicher ist, dass
Wachstumsschübe im letzten Jahrzehnt großenteils auch
von Außenhandelsüberschüssen getragen wurden. Die
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen durch Lohnzurückhaltung hat entsprechend
zum außenwirtschaftlichen Erfolg mit beigetragen.
Ob das eigentliche Ziel der Lohnzurückhaltung, nämlich
die Investitionstätigkeit der Unternehmen anzuregen,
erreicht wurde, ist nicht eindeutig zu beurteilen. Trotz
relativer Lohnzurückhaltung in den Jahren 2007–2009
und 2012–2013 haben die Investitionen (parallel zur Entwicklung des BIP) jeweils deutlich abgenommen. Im Jahr
2011 haben die Investitionen der Unternehmen trotz relativ hoher Lohnsteigerungen andererseits kräftig zum
Wachstum des BIP in Deutschland beigetragen.
Auch die Beschäftigungswirkung der Lohnzurückhaltung in den vergangenen Jahren ist nicht eindeutig
zu bewerten. Die Zahl der Arbeitslosen ist seit ihrem
Höhepunkt im Jahr 2005 mit 4,86 Mio. Arbeitslosen in
weniger als zehn Jahren überraschend stark auf knapp
unter 3 Mio. gesunken. Geht man davon aus, dass die
Beschäftigungsentwicklung hinter der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung herhinkt, dann sprechen die Zahlen
(Zuwachs in %)
(Anstieg in %)
Unternehmensund Vermögens­
–12,6 11,2
zum Teil für einen Erfolg. Angesichts unterschiedlicher
wirtschaftspolitischer und arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen im selben Zeitraum ist eine monokausale Erklärung der Entlastung des Arbeitsmarktes durch die Lohnzurückhaltung nicht möglich.
Theoretisch hätte eine Lohnzurückhaltung auch negative
Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben können.
Die Wirkungskette sähe dann wie folgt aus:
­Einkommen
­stagniert/sinkt
sinken erneut
der Konsum­ausgaben
Beschäftigung/­
Abb. 1.20: Lohnzurückhaltung
Vor allem Vertreter der Gewerkschaften fordern in Zeiten
schwacher Gesamtnachfrage deutliche Lohnerhöhungen.
Der Grund liegt in der Überzeugung, dass ein höheres Einkommen zu entsprechend höherer Konsumgüternachfrage der Haushalte führt, wodurch wiederum Produktion
und Beschäftigung angeregt würden (Kaufkrafttheorie;
nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik). Dieser expansive Effekt ist durchaus möglich, vor allem wenn die Lohnerhöhungen im Rahmen des Produktivitätsfortschritts
liegen, aber das Risiko der kostenbedingten Inflation bzw.
das Risiko einer sinkenden Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen bleibt bestehen (vgl. Kapitel 1.2).
Maßnahmen im Rahmen der Angebotspolitik
Abb. 1.19: Wirtschaftsdaten (Quellen: destatis, Dt.Bundesbank, iswwirtschaftsinfo 49)
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Die Auffassung, dass der Markt, wenn man nicht eingreift,
von sich aus Angebot und Nachfrage zu einem optimalen
Ausgleich führt, lässt angebotsorientierte Wirtschaftspolitiker auf Maßnahmen blicken, die den Staat aus dem
Wirtschaftsgeschehen zurückdrängen. Neben der so genannten Deregulierung geht es um die Senkung der
Staatsquote in Verbindung mit der Senkung der Steuerund Sozialabgabenlast sowie um die Stimulierung der
Angebotsseite in der Volkswirtschaft. Angebotspolitik
zielt dabei weniger auf die Beeinflussung konjunktureller Schwankungen als auf die Behebung längerfristiger
struktureller Schwächen der sozialen Marktwirtschaft.
Hierzu gehören als mögliche Maßnahmen Steuererleichterungen und Investitionsanregungen.
Senkung leistungsabhängiger Steuern
Die Gründe für die angebotsseitigen Hemmnisse sind
vielschichtig. Sie werden vor allem in leistungs- und
motivationshemmenden Steuern und sozialpolitischen Regelungen sowie in einem Netz staatlicher
Regulierungen und Bevormundungen erkannt. Derartige Faktoren erweisen sich als Innovations- und
Investitionshemm­nisse. Dadurch gerät die für den
volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozess so wichtige Bildung von Sachkapital ins Stocken. Bezüglich
der negativen Rückwir­kungen auf den Arbeitsmarkt
könnte man dann von einer Kapitalmangel-Arbeits­
losigkeit sprechen.
Quelle: Mussel/Pätzold: Grundfragen der Wirtschaftspolitik,
München 2008, S. 79
Angebotstheoretiker gehen davon aus, dass zu hohe
Steuern auf Einkommen und Gewinne Menschen dazu
führen, auf Leistung zu verzichten, in die Schattenwirtschaft auszuweichen oder ins steuergünstigere Ausland
abzuwandern. So sollen Steuersatzsenkungen die Leistungsbereitschaft anregen und wirtschaftliche Dynamik
beschleunigen. Dabei ist in etwa an folgenden Wirkungszusammenhang gedacht:
(v. a. Einkommensteuer)
Haushalte/Unternehmen:
Anregung zur Leistung bzw. Mehrleistung
– Verringerung der Schwarzarbeit
– Beschleunigung der Wachstumsund Einkommensdynamik
– Zunahme der Beschäftigung
aufgrund der Wachstumsdynamik zu einem Mehr an Steuereinnahmen führen. Entsprechend wurde im Jahr 2000 in
Deutschland eine Steuerreform beschlossen, die sich ange­
botstheoretischen Vorstellungen annähert. Der Körperschaftssteuersatz wurde schrittweise auf inzwischen 15 %
abgesenkt. Der Eingangssteuersatz der Einkom­mensteuer
wurde auf 14 % und der Spitzensteuersatz schrittweise auf
42 % („Reichensteuer“ 45 %) gesenkt.
Hinsichtlich der Auswirkungen von Steuersenkungen gibt
es unterschiedliche Meinungen. Die Lafferkurve konnte
empirisch bisher nicht nachgewiesen werden.
Auch wenn eine positive Wirkung auf den Arbeitsmarkt
eintreten sollte, bleibt abzuwägen, ob andere negative
Auswirkungen schwerer wirken.
Sofern die U-förmige Lafferkurve präzise zu ermitteln
wäre, ließe sich ein optimaler Steuersatz bestimmen.
Laffer hat […] durch seine Theorie dazu beigetragen,
dass US-Präsident Reagan im Wahl­kampf 1981 versprach, die Steuern zu senken, um insbesondere Unternehmern Anreize zu beschäftigungsanregenden
Investitionen zu geben. In der Praxis führten die Steuersenkungen jedoch zu so drastischen Rückgängen
der Staatseinnahmen, dass zum einen korrigierende
Steuererhöhungen erforderlich wurden, zum anderen die Staatsverschuldung kräftig erhöht werden
J. Altmann: Wirtschaftspolitik, 8. Aufl., Stuttgart 2007, S. 314 f.
Subventionen, soweit es sich um „Erhaltungssubventionen“ handelt, die marode, nicht überlebensfähige Unternehmen erhalten sollen, werden von Angebotstheoretikern aus bekannten Gründen abgelehnt. Stattdessen ist
eine gezielte Förderung neuer und innovativer Firmen
oder Technologien gewünscht – etwa durch Steuererleichterungen (Abschreibungserleichterungen) oder direkte Subventionen.
Steigendes Steueraufkommen
Abb. 1.21: Wirkungszusammenhang einer Steuersatzsenkung
Ein Element der Angebotstheorie ist in diesem Zusammenhang das Laffer-Theorem. Die sogenannte Lafferkurve beschreibt die Tatsache, dass bei steigenden Steuersätzen das
Steueraufkommen zunächst (degressiv) steigt, dann aber
wieder abnimmt, weil imSteueraufkommen
mer höhere Steuersätze zunehmend Widerstand bzw.
Verweigerung hervorrufen.
So soll beispielsweise die
Senkung der als überhöht
empfundenen Einkommen0 %
steuersätze nach Auffassung
der Angebotstheoretiker
Abb. 1.22: Lafferkurve
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­Ertragskraft und
der Investitions­
Investitionen/Wachstum der Inves­ti­tions­
güterindustrie
Konsumgüternach­
frage steigt/Pro­
duktion nimmt zu/
Stückkosten sinken
Abb. 1.23: Innovationsförderung
Maßnahmen im Rahmen der Nachfragepolitik
Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hat zu einer
Renaissance der an John Maynard Keynes orientierten
Nachfragepolitik geführt. Selbst der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung“ befürwortete angesichts des drohenden
Ausmaßes der Krise erstmals nach vielen Jahren ein entsprechendes Eingreifen des Staates.
Als Ursache von Konjunkturschwankungen und konjunktureller Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung sehen
Keynesianer Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage (vgl. Wirtschaft und Recht 11, Kap. 4), also
•• der Bruttoinvestitionen (Ibr),
•• des privaten Konsums (CH),
•• staatlichen Konsums (CSt),
•• des Exports (X).
Um die Nachfrage in der Volkswirtschaft anzukurbeln
und die Krise zu überwinden, soll der Staat auf einzelne
Elemente der Gesamtnachfrage (N) Einfluss nehmen.
­Konsum
N = CH + Ibr + CSt + X
Abb. 1.24: Elemente der Gesamtnachfrage
In Deutschland gilt in diesem Zusammenhang nach wie
vor das Stabilitätsgesetz von 1967, das zur Konjunkturförderung u. a. folgende Maßnahmen vorsieht:
•• Beschleunigung von Investitionsvorhaben (§§ 10, 11)
•• Auflösung der Konjunkturausgleichsrücklage (§§ 5–7,
•• zusätzliche öffentliche Ausgaben (§ 6)
•• Erhöhung der Finanzhilfen (Bund – Länder, Länder
– Kommunen) (§ 6)
•• Subventionen an die private Wirtschaft (strukturelle
Hilfsmaßnahmen) (§ 12)
•• Abschreibungsvergünstigungen (§ 26)
•• Investitionszulage von bis zu 7,5 % der Anschaffungsoder Herstellungskosten, die von der Steuerschuld
abgesetzt werden kann (§ 26)
•• Abschlag von bis zu 10 % auf die Einkommen- und Körperschaftsteuerschuld für längstens ein Jahr (§ 26)
•• zusätzliche Kreditaufnahme (Bund) bis zu 5 Mrd. DM
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Steigert der Staat seine öffentlichen Ausgaben, indem
er unmittelbar Waren und Dienstleistungen kauft, also
direkt investiert, ergeben sich nach Meinung der Nachfragetheoretiker besonders wirksame Verstärkungseffekte
auf die Konsum- und Investitionstätigkeit in der Volkswirtschaft. Der expansive Effekt (Multiplikatorwirkung)
lässt sich wie folgt darstellen:
­gesamtwirtschaftlichen
­Nachfrage (N)
Unternehmen: ­Erhöhung
der ­Produktion,
evtl. Zunahme der
­Investitionstätigkeit
­Konsums (CSt)
­ eschäftigung:
­Wiedereinstellung,
Mehrarbeit usw.
Abb. 1.25: Erhöhung der Staatsausgaben
Zur Konjunkturbelebung sind auch Subventionen, z. B.
in Form von Investitionszulagen, denkbar. Bei der Erhöhung von staatlichen Unterstützungszahlungen (Transferzahlungen) wie Wohngeld oder Bafög ist jedoch zu
bedenken, dass Erhöhungen in diesem Bereich aus politischen Gründen kaum rückgängig zu machen sind. Die
Verstärkungswirkung ist zudem viel geringer als bei Direktinvestitionen des Staates.
Durch die Senkung der Steuerbelastung, z. B. durch
Konjunkturabschläge auf die Steuerschuld oder durch
Abschreibungserleichterungen ebenso wie durch
die Senkung der Steuersätze bei der Lohnsteuer bzw.
Körperschaftssteuer, steigen die verfügbaren Einkommen der Haushalte bzw. die Gewinne der Unternehmen.
Eine erhöhte Konsumgüternachfrage bzw. eine höhere
Nachfrage nach Investitionsgütern wäre nach Ansicht
der Nachfragetheoretiker die Folge. Auch hierbei wird
ein sich verstärkender expansiver Effekt erwartet. Da
die gesamtwirtschaftliche Nachfrage aber nur indirekt
beeinflusst werden kann, ist die Wirkungsweise unsicher,
womit die Grenzen und Probleme antizyklischer Finanzpolitik angesprochen sind.
Die Grenzen antizyklischer Finanzpolitik
Bei der genannten Maßnahme besteht die Gefahr, dass
Steuerersparnisse mit Blick auf die schlechte Wirtschaftslage und wegen der Angst um den Arbeitsplatz gar nicht
ausgegeben werden („Angstsparen“) und so auch die
gesamtwirtschaftliche Nachfrage nicht stützen können.
Gleiches gilt für einen erhofften Anstieg bei den Inves-
titionen. Unternehmer investieren, wenn die Absatzerwartungen positiv sind. Diese sind aber in der Krise unter
Umständen nicht positiv genug.
Generell werden mit Bezug auf die antizyklische Finanzpolitik auch folgende Grenzen bzw. Probleme genannt
(vgl. auch Wirtschaft und Recht 11, S. 75):
•• Keine Wirkung bei struktureller Arbeitslosigkeit:
Keynes‘sche Fiskalpolitik ist auf den Ausgleich kurz- bis
mittelfristiger Nachfrageschwankungen ausgelegt. Sie
kann aber die Probleme meist langfristiger struktureller
Arbeitslosigkeit nicht lösen.
•• Staatsverschuldung: Es besteht, wie die Erfahrung
zeigt, die Gefahr einer ständigen, zum Teil gravierenden
Zunahme der Staatsverschuldung. „Deficit Spending“
(Geld ausgeben auf Kredit) fällt Politikern leichter als
„Surplus Saving“ (überschüssiges Geld sparen).
•• Vernachlässigung der Preisniveaustabilität: Das
Beschäftigungsziel genießt Vorrang („Phillipskurve“,
vgl. Wirtschaft und Recht 11, S. 39).
•• Verdrängungseffekt („Crowding out“): Es besteht
die Gefahr, dass kreditfinanzierte Staatsnachfrage pri­
vate Nachfrage teilweise verdrängt und dass es durch
staatliche Kreditaufnahme bei zunehmender Staatsver­
schuldung zu einem Anstieg des Zinsniveaus kommt.
Mögliche Folgen wären z. B. Rückgang der privaten
Investitionen bzw. Rückgang der Exporte durch Auf­
wertung der Inlandswährung.
•• Entscheidungs- und Wirkungsverzögerungen: Die
Wirkung antizyklischer Finanzpolitik tritt häufig mit
erheblicher zeitlicher Verzögerung ein. Bei folgenden
Stationen im Prozess der Umsetzung antizyklischer
Wirtschaftspolitik sind Verzögerungen (time-lags)
zu erwarten: Diagnose der Krise → Planung der Ziel-­
Mittel-Kombination → Entscheidung → Durchführung
bestimmter Maßnahmen → Reaktion der Adressaten →
Umsetzung durch Adressaten. Zwischen dem Eintritt ei­
ner konjunkturellen Störung und dem Wirksamwerden
entsprechender Instrumente können Jahre vergehen,
sodass nunmehr sogar eine Verstärkung der konjunk­
turellen Entwicklung möglich ist.
•• Problem der richtigen Dosierung: Es gibt kein objektives Maß, den Umfang einzelner Maßnahmen richtig
zu bemessen. Unterdosierung hat weitgehende Wir­
kungslosigkeit zur Folge, Überdosierung führt zu un­
erwünschten Nebenwirkungen (Beispiele: Zinsanstieg
durch hohe Verschuldung; Inflation durch hohe staat­
liche Nachfrage).
•• Stop-and-go-Politik: Antizyklische Wirtschaftspolitik
ist relativ kurzfristig angelegt. Ein abrupter Wechsel bei
den Maßnahmen führt zu Verunsicherung der Wirtschaft. Folge ist u. a. eine Zurückhaltung bei Investitionen.
•• Theorie der rationalen Erwartungen: Wirtschafts­
subjekte reagieren u. U. nicht wie gewünscht auf be­
stimmte Maßnahmen, weil sie ahnen, dass der Staat
diese in absehbarer Zeit wieder zurücknimmt (Beispiel:
keine Erhöhung der Investitionen trotz Abschreibungs­
erleichterungen).
Auch wenn wegen der Heftigkeit und der Reichweite der
Krise 2009/2010 renommierte Wirtschaftswissenschaftler Konjunkturpakete, also staatliche Nachfragepolitik,
befürwortet haben, ändert dies nichts an der Tatsache,
dass die Keynes’sche antizyklische Finanzpolitik in ihrer
Reinform nur noch wenige Anhänger hat. Nicht zuletzt die
offensichtliche Wirkungslosigkeit Mitte der 1970er-Jahre
(Ölkrise; Stagflation = Stagnation + Inflation; Zunahme der
Arbeitslosigkeit) führte zu einer Rückbesinnung auf die
klassische Wirtschaftstheorie. Auch wenn jüngst erschienene Studien zu dem Ergebnis kommen, dass Keynes’sche
Wirtschaftspolitik unter bestimmten Umständen funktionieren kann …
[…] reibt sich [mancher], angesichts des plötzlichen
Keynes-Revivals verwundert die Augen. Denn bis
vor Kurzem galt Keynes als derjenige, dessen Staatsgläubigkeit ausufernde öffentliche Verschuldung, die
hohen Inflationsraten sowie die steigende Arbeitslosigkeit der späten 1970er-Jahre herbeigeführt habe
und dessen Irrlehren in der modernen Wirtschaftswissenschaft zum Glück überwunden worden seien.
Doch nun meinen viele, die heutige Krise habe die
Neoliberalen vom Schlage eines Milton Friedman genau so gründlich widerlegt wie seinerzeit das Phänomen der Stagflation die Keynesianer widerlegt zu
Straubhaar, Wohlgemut, Zweynert: Rückkehr des Keynesianismus: Anmerkungen aus ordnungspolitischer Sicht, in: Aus
Politik und Zeitgeschichte, Nr. 20/2009 vom 11. Mai 2009, S. 20)
8. „Wenn das Finanzministerium alte Flaschen mit Banknoten füllte, sie in nicht mehr genutzten Bergwerken vergrübe
und es dem privaten Unternehmergeist überließe, sie wieder auszugraben, bräuchte es keine Arbeitslosigkeit mehr
zu geben, und das Realeinkommen der Volkswirtschaft würde wahrscheinlich beträchtlich über dem gegenwärtigen liegen.“ (John Maynard Keynes, zitiert nach Samuelson/Nordhaus: Volkswirtschaftslehre, mi-Fachverlag,
Landsberg 2007, 3. Auflage, S. 1018) – Erläutern Sie auf der Grundlage einer Wirkungskette, inwieweit die vorgeschlagene staatliche Maßnahme in einer Wirtschaftskrise wirksam sein könnte! Wo liegen die Grenzen dieser
9. Hohe Arbeitslosigkeit – Erläutern Sie mögliche Maßnahmen aus der Sicht der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik! Vergleichen Sie einzelne Maßnahmen mit grundlegenden Positionen der Gewerkschaften!
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Ortrun Gauper - DGB
vollbeschäftigung in zeiten der globalisierung?
Kapitel 8 Öffentliche Güter
Stichworte zu Thema VWL
Syllabus - Vorlesungstermine
nachhaltige Wirtschaft, nachhaltiger Konsum und nachhaltige
Thema 1: Definition, Aufgaben und Rahmenbedingungen