Source: http://www.vatican.va/content/pius-xii/de/encyclicals/documents/hf_p-xii_enc_30091943_divino-afflante-spiritu.html
Timestamp: 2019-12-06 10:01:39
Document Index: 55306291

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 3', '§ 4', '§ 2', '§ 3', '§ 4', '§ 5']

Divino Afflante Spiritu (30. September 1943) | PIUS XII
Rundschreiben «Providentissimus Deus»
Zur Feier des 50. Jahrestages
Unter der Eingebung des göttlichen Geistes haben die heiligen Schriftsteller jene Bücher verfasst, die Gott in seiner Vatergüte dem Menschengeschlecht schenken wollte „zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Zurechtweisung und zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der gottgeweihte Mensch vollkommen sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk“ (2 Tim 3,16 f). In diesem vom Himmel verliehenen Schatz sieht die Kirche die kostbare Quelle und die göttliche Norm für ihre Glaubens- und Sittenlehre. Kein Wunder also, dass sie ihn, den sie aus den Händen der Apostel unversehrt empfing, mit aller Sorgfalt bewahrt, vor jeder falschen und unrechten Erklärung geschützt und in der Arbeit am übernatürlichen Heil der Seelen eifrig benutzt hat, wie fast unzählige Zeugnisse aller Jahrhunderte einleuchtend dartun. Als in unserer Zeit der göttliche Ursprung der heiligen Bücher und ihre richtige Erklärung in hohem Maße gefährdet waren, übernahm sie deren Schutz und Verteidigung mit noch größerer Hingabe und Sorgfalt. So erklärte der heilige Kirchenrat von Trient in einem feierlichen Beschluß, die biblischen Bücher seien „ganz, mit allen ihren Teilen, als heilig und zum Kanon gehörig“ anzusehen, so „wie man sie in der katholischen Kirche zu lesen pflegt und die alte allgemein verbreitete lateinische Übersetzung (Vulgata) sie enthält.“ [1] Um falsche Lehren über die Inspiration zu verurteilen, hat dann in unseren Tagen das Vatikanische Konzil erklärt, diese biblischen Bücher seien als heilig und zum Kanon gehörig anzusehen „nicht deshalb, weil sie, in rein menschlicher Tätigkeit verfasst, hernach durch ihre, der Kirche, Autorität anerkannt worden seien; auch nicht bloß deshalb, weil sie die Offenbarung ohne Irrtum enthalten, sondern deshalb, weil sie unter Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben, Gott zum Verfasser haben und als solche ihr, der Kirche, übergeben worden seien“ [2]. Durch diese feierliche Erklärung der katholischen Lehre wurde „den ganzen Büchern mit allen ihren Teilen“ eine göttliche Autorität zuerkannt, die Irrtümer jeder Art ausschließt. Doch im Widerspruch hierzu unterfingen sich in der Folgezeit einige katholische Schriftsteller, die Wahrheit der Heiligen Schrift auf die bloßen Glaubens- und Sittenfragen einzuschränken, während sie für den ganzen übrigen Inhalt der Bücher, sei er naturwissenschaftlicher oder geschichtlicher Natur, als nur „nebenbei gesagt“, die Verbindung mit der Glaubenslehre leugneten. Diese Irrtümer hat Unser Vorgänger unvergesslichen Andenkens, Leo XIII., durch das Rundschreiben Providentissimus Deus vom 18. November 1893 mit Fug und Recht verurteilt und zugleich das Studium der Heiligen Bücher durch weise Vorschriften und Richtlinien geregelt.
Den 50. Jahrestag der Veröffentlichung dieses Rundschreibens, das als Grundgesetz der biblischen Studien gilt, feierlich zu begehen, ist gewiß geziemend. Wir, die Wir von Beginn Unseres Pontifikates an der heiligen Wissenschaft Unsere besondere Sorge zugewandt haben [3], glauben diesen Gedenktag nicht würdiger feiern zu können, als wenn Wir das, was Unser Vorgänger weise angeordnet hat und was seine Nachfolger zur Bekräftigung und zur Vervollkommnung seines Werkes beigetragen haben, auch Unserseits bestätigen und einzuschärfen und gleichzeitig das bestimmen, was die Gegenwart verlangt, um auf diese Weise alle Söhne der Kirche, die sich diesen Studien widmen, zu einer so notwendigen und löblichen Arbeit mehr und mehr anzuspornen.
DIE LETZTEN PÄPSTE UND DIE HEILIGE SCHRIFT
§ I - LEO XIII.
Die erste und vornehmlichste Sorge Leos XIII. war es, die Lehre von der Wahrheit der heiligen Bücher darzulegen und gegen Einwände zu verteidigen. Mit ernsten Worten erklärte er daher, dass keinerlei Irrtum vorliege, wenn sich der biblische Schriftsteller, wie der engelgleiche Lehrer sagt [4], beim Reden über Naturvorgänge „an das hält, was von den Sinnen wahrgenommen wird“, und in „einer Art bildlicher Rede spricht oder so, wie der gewöhnliche Brauch es damals mit sich brachte und das alltägliche Leben auch heute noch in vielen Dingen es mit sich bringt, auch bei ganz gebildeten Leuten“. „Die biblischen Schriftsteller, oder besser der Heilige Geist, Der durch sie sprach, wollten ja, wie der heilige Augustin sagt [5], die Menschen nicht über das innerste Wesen der sinnenfälligen Dinge belehren, was für das Seelenheil von keinem Nutzen gewesen wäre.“ [6] Diesen Grundsatz „übertrage man nützlicherweise auch auf die verwandten Wissensgebiete, besonders auf die Geschichte, d.h. „in ganz ähnlicher Weise widerlege man die falschen Behauptungen der Gegner“ und „verteidige die geschichtliche Glaubwürdigkeit der heiligen Schrift gegen deren Angriffe.“ [7]
Ebensowenig dürfe man es dem biblischen Schriftsteller als Irrtum anrechnen, wenn von den Schreibern „beim Abschreiben der Handschriften etwas weniger richtig wiedergegeben worden sei“, oder „wenn der eigentliche Sinn einer Stelle zweifelhaft bleibe“. Endlich sei es ganz unzulässig, die „Inspiration bloß auf einige Teile der Heiligen Schrift zu beschränken oder zuzugeben, der heilige Schriftsteller selbst habe geirrt“, denn „die göttliche Inspiration schließt nicht nur jeden Irrtum aus, sondern die Verwerfung und der Ausschluß der Irrtums sind ihr so wesentlich notwendig, wie es wesentlich notwendig ist, dass Gott, die höchste Wahrheit, nicht der Urheber eines Irrtum ist. Das ist der alte und beständige Glaube der Kirche.“ [8]
Diese Lehre, die Unser Vorgänger Leo XIII. mit so gewichtigem Ernst dargelegt hat, legen auch Wir kraft Unserer Autorität vor und dringen darauf, dass sie von allen gewissenhaft festgehalten wird. Wir bestimmen ferner, dass den Mahnungen und Anregungen, die Leo XIII. für seine Zeit mit großer Weisheit beigefügt hat, auch heute ebenso eifrig Folge geleistet wird. Die Vorurteile des allenthalben verbreiteten Rationalismus, besonders aber die Schriftdenkmäler des Altertums, die überall im Orient ausgegraben und erforscht wurden, brachten nämlich neue,, nicht geringe Schwierigkeiten mit sich. Um nun die herrliche Quelle der Offenbarung zum Besten der Herde des Herrn sicherer und reicherer fließen, vor allem aber, um sie in keiner Weise antasten zu lassen, wünschte Unser Vorgänger aus gewissenhafter Sorge für sein apostolisches Amt dringend, „es sollten eine größere Zahl Gelehrter den Schutz der Heiligen Schrift in gehöriger Weise übernehmen und dauernd leisten; vor allem aber sollten diejenigen, die Gottes Gnade zum Priesterstand berufen habe, Tag für Tag, wie es recht und billig sei, mehr Sorge und Fleiß darauf verwenden, die heiligen Bücher zu lesen, zu betrachten und zu erklären.“ [9]
Aus diesen Erwägungen heraus hatte der Papst schon früher die Schule für die biblischen Schulen gelobt und gutgeheißen, die der Generalobere des Dominikanerordens an der St. Stephans-Kirche in Jerusalem gegründet hatte; „durch sie“, so äußerte er sich, „hat die Bibelwissenschaft schon beträchtliche Förderung erfahren und erhofft deren noch größere.“ [10] Aus dem gleichen Grund fügte er in seinem letzten Lebensjahre noch eine andere Maßnahme hinzu, wodurch diese im Rundschreiben Providentissimus Deus so angelegentlich empfohlenen Studien immer mehr vervollkommnet und möglichst sicher gefördert werden sollten: durch das Apostolische Schreiben Vigilantiae vom 30. Oktober 1902 setzte er einen aus bedeutenden Gelehrten bestehenden Ausschuß, eine sogenannte Kommission, ein, „deren Aufgabe es sein sollte, mit allen Mitteln dafür wirksam zu sorgen, dass der Heiligen Schrift überall bei den Katholiken die von den Zeitverhältnissen geforderte sorgfältige Behandlung zuteil werde und von ihr nicht nur jeder Hauch des Irrtums, sondern auch jegliche allzu freie Ansicht ferngehalten werde.“ [11] Diesen Ausschuß haben auch wir, nach dem Beispiel unserer Vorgänger, durch die Tat bestätigt und gefördert und uns, wie es früher öfters geschehen ist, seiner bedient, um den Erklärern der Heiligen Bücher die heilsamen Regeln der katholischen Exegese ins Gedächtnis zu rufen, die die heiligen Väter, die Kirchenlehrer und die Päpste überliefert haben. [12]
§ 2 - DIE NACHFOLGER LEOS XIII.
Pius X.: Die akademischen Grade. Studienordnung für die Seminarien.
An dieser Stelle scheint es nicht unangebracht zu sein, dankbar in Erinnerung zu bringen, was unsere Vorgänger in der Folgezeit an besonders nützlichen Maßnahmen zum gleichen Zweck beigetragen haben, Maßnahmen, die man Ergänzungen oder Früchte der glücklichen Initiative Leos XIII. nennen könnte. Pius’ X. Absicht war es, „ein wirksames Mittel zu schaffen, wodurch eine reiche Zahl von Lehrern bereitgestellt würde, die mit anerkannter, ernster und gründlicher Gelehrsamkeit in den katholischen Schulen die Heilige Schrift erklären“. Daher schuf er „die akademischen Grade des Lizentiates und des Doktorates in der Bibelwissenschaft, die von der Bibelkommission erteilt werden sollten.“ [13] Weiterhin wollte er erreichen, dass die künftigen Priester nicht nur selbst über eine genaue Kenntnis der Bedeutung, der Eigenart und der Lehre der Bibel verfügten, sondern dass sie den Dienst des Wortes Gottes auch richtig und geschickt versehen und die von Gott inspirierten Bücher gegen die Einwürfe verteidigen könnten. Daher erließ er eine Bestimmung über die in den Klerikalseminarien zu beobachtende Studienordnung für die biblischen Fächer. [14] Endlich wollt er, „dass in der Stadt Rom ein Mittelpunkt des höheren Bibelstudiums bestehe, um in möglichst wirksamer Weise die Bibelwissenschaft und die zu dieser gehörigen Studien nach dem Geiste der Katholischen Kirche zu fördern“. So gründete er das Päpstliche Bibelinstitut, das er der Sorge der Gesellschaft Jesu anvertraute und „mit Lehrkanzeln für die höheren Fächer und mit allen Hilfsmitteln der biblischen Ausbildung ausgestattet“ wissen wollte, und gab dafür die Anordnungen und Vorschriften, eine Gründung, bei der er, seinen eigenen Worten gemäß, einen heilsamen und fruchtbaren Gedanken Leos XIII. zur Ausführung brachte. [15]
Alle diese Maßnahmen und Einrichtungen vervollkommnete dann Unser unmittelbarer Vorgänger Pius XI. seligen Gedenkens. So bestimmte er unter anderem, es dürfe „niemand in den Seminarien die biblischen Fächer vortragen, wenn er nicht besondere Studien in diesem Fach gemacht und bei der Bibelkommission oder dem Bibelinstitut rechtmäßig die akademischen Grade erworben“ hätte. Diese Grade sollten die gleichen Rechte und Wirkungen haben, wie die rechtmäßig erworbenen Grade in der Theologie oder im Kirchenrecht. Ebenso ordnete er an, es dürfe keinem ein Benefizium verliehen werden, das kirchenrechtlich die Verpflichtung mit sich bringe, dem Volk die Heilige Schrift zu erklären, wenn er nicht, außer den übrigen Erfordernissen, das Lizentiat oder das Doktorrat in der Bibelwissenschaft besitze. Gleichzeitig ermahnt er die Generaloberen der Orden und religiösen Genossenschaften und ebenso die Bischöfe der ganzen katholischen Welt, die Fähigsten ihrer Alumnen zum Besuch der Vorlesungen und zur Erwerbung der akademischen Grade an das Päpstliche Bibelinstitut zu schicken. Diese Aufforderung bekräftigte er durch sein eigenes Beispiel und stiftete freigebig zu diesem Zweck einen jährlichen Beitrag [16].
Unter Billigung und Gutheißung Pius´X. war im Jahre 1907 „den Benediktinern der Auftrag erteilt worden, Forschungen und Studien zu unternehmen, auf die sich einen Neuausgabe der lateinischen Bibelübersetzung, der sogenannten Vulgata, stützen könne.“ [17] Dieses „arbeitsvolle und schwierige Unternehmen“, das viel Zeit und große Kosten verlangt, hatte inzwischen seinen großen Nutzen erwiesen durch die ausgezeichneten Bände, die bereits erschienen waren. Um es nun sicher und fest zu begründen, errichtete Pius XI. in Rom das Kloster des heiligen Hieronymus, das sich dieser Arbeit ausschließlich widmen soll, und stattete es reichlich mit einer Bibliothek und mit anderen Forschungsmitteln aus. [18]
§ 3 - SORGE FÜR DEN GEBRAUCH DER HEILIGEN SCHRIFT
An dieser Stelle darf auch nicht übergangen werden, wie eindringlich Unsere Vorgänger bei gegebener Gelegenheit das Studium, die Predigt, die fromme Lesung und Betrachtung der Heiligen Schrift empfohlen haben. So hat Pius X. den Verein des heiligen Hieronymus besonders gebilligt, der unter den Gläubigen die lobenswerte Gewohnheit zu fördern sucht, die heiligen Evangelien zu lesen und zu betrachten und diese Übung tunlichst erleichtern möchte. Er ermunterte zu eifriger Beständigkeit in diesem Unternehmen, das er eine „überaus nützliche, höchst zeitgemäße Gründung“ nannte, „die nicht wenig beitrage zur Beseitigung der Ansicht, al ob die Kirche einen Gegnerin der Lesung der Heiligen Schrift in der Muttersprache sei oder diese irgendwie behindere.“ [19] Benedikt XV. schärfte gelegentlich des 1500. Jahrestages des Todes des heiligen Hieronymus, des großen Meisters der Schrifterklärung, die Weisungen und das Beispiel dieses Lehrers, ebenso wie die von Leo XIII. und von ihm selbstaufgestellten Grundsätze und Regeln angelegentlichst ein, gab andere auf diesem Gebiet äußerst zeitgemäße Anregungen, die nie in Vergessenheit geraten dürften, und ermahnte „alle Söhne der Kirche, besonders den Klerus, zur Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift, verbunden mit frommer Lesung und beständiger Betrachtung“. „In diesen Blättern ist“, so führte er aus, „die Speise zu suchen, die das geistliche Leben zur Vollkommenheit nährt“, und weiterhin: „ihre hauptsächlichste Verwendung findet die heilige Schrift die Heilige Schrift, wo es sich darum handelt, das Predigtamt treu und erfolgreich zu verwalten“. Aufs neue belobte er die Wirksamkeit des Vereins vom heiligen Hieronymus, der für möglichst weite Verbreitung der Evangelien und der Apostelgeschichte Sorge trage, „so dass es bereits keine christliche Familie mehr gebe, die sie nicht besäße, und alle sich an deren tägliche Lesung und Betrachtung gewöhnten.“ [20]
§ 4 - DIE FRÜCHTE DIESER VIELFÄLTIGEN BEMÜHUNGEN
Es ist geziemend und angenehm, es auszusprechen, dass so die Bibelwissenschaft und der Gebrauch der Bibel unter den Katholiken große Fortschritte gemacht haben. Der Grund dafür liegt jedoch nicht bloß in den Einrichtungen, Anordnungen und Ermunterungen Unserer Vorgänger, sondern auch in den Arbeiten und Bemühungen aller derer, die ihnen treu Folge geleistet haben, sei es durch Betrachtung, Forschung und schriftstellerische Tätigkeit, sei es durch Belehrung, Predigt, Übersetzung und Verbreitung der Heiligen Schrift. Aus den Schulen, in denen die höheren Fächer der Theologie und Bibelwissenschaft gelehrt werden, und besonders aus Unserem päpstlichen Bibelinstitut, sind bereits viele Verehrer der Heiligen Schrift hervorgegangen und gehen täglich weitere hervor, die in feuriger Liebe zu den heiligen Büchern den jungen Klerus mit gleicher Liebe erfüllen und ihm das Wissen, das sie selbst erworben haben, mit hingebendem Eifer vermitteln. Nicht weniger von ihnen haben die Bibelwissenschaft auch durch Veröffentlichungen vielseitig gefördert und fördern sie, mögen sie die Bibeltexte nach Textkritischen Grundsätzen herausgeben, sie erklären, beleuchten, in moderne Sprachen übersetzen oder die Heilige Schrift den Gläubigen zu frommer Lesung und Betrachtung darbieten oder endlich profane Fächer, die für die Erklärung der Heiligen Schriftförderlich sind, pflegen und nutzbar machen. Diese und andere Unternehmungen, die sich stets weiter verbreiten und wachsen, wie Bibelvereine, Kongresse, biblische Wochen, biblische Büchereien, Vereine zur Betrachtung der Evangelien, geben uns die sichere Hoffnung, dass auch in Zukunft die Verehrung, der Gebrauch und die Kenntnis der Heiligen Schrift allüberall zum Heil der Seelen mehr und mehr zunehmen werden, wenn nur alle das von Leo XIII. vorgeschriebene, von seinen Nachfolgern eingehender und vollkommener erklärte, von Uns bestätigte und geförderte Programm des Bibelstudiums – das einzig sichere und durch die Erfahrung bewährte – entschieden, eifrig und vertrauensvoll festhalten, ohne sich irgendwie hindern zu lassen durch die Schwierigkeiten, die, wie überall im menschlichen Leben, auch bei diesem herrlichen Werke niemals fehlen werden.
DOKTRINELLER TEIL
DIE HEILIGE SCHRIFT HEUTE
Daß sich die Lage der biblischen Wissenschaft und ihrer Hilfsfächer in den letzten fünfzig Jahren bedeutend geändert hat, kann jedermann unschwer wahrnehmen. Als Unser Vorgänger das Rundschreiben Providentissimus Deus herausgab, war, um anderes zu übergeben, kaum der eine oder andere Ort in Palästina durch wissenschaftliche Ausgrabungsarbeit erforscht. Heute dagegen sind derartige Forschungen viel zahlreicher geworden und liefern uns, dank der strengeren Methode und der durch Erfahrung vervollkommneten Technik, viel reichere und gesicherter Ergebnisse. Wieviel Licht aus diesen Unternehmungen für eine richtigere und vollkommenere Erklärung der biblischen Bücher gewonnen wird, weiß jeder Fachmann, wissen alle, die diese Studien pflegen. Die Wichtigkeit dieser Forschungen wird noch erhöht durch die vielfache Auffindung von Schriftdenkmälern, die zur Kenntnis ältester Sprachen, Literaturen, Ereignisse, Sitten und Formen der Gottesverehrung wesentlich beitragen. Von nicht geringerer Bedeutung ist heute die so häufige Entdeckung und Untersuchung von Papyri, die die Kenntnis der Literatur und der Einrichtungen des öffentlichen und privaten Lebens, besonders der Zeit unseres Heilandes, erfolgreich gefördert haben. Fernerhin hat man alte Handschriften der heiligen Bücher aufgefunden und sorgfältig veröffentlicht; die Schrifterklärung der Kirchenväter ist allgemeiner und gründlicher untersucht worden; die Sprechweise, Erzählungsart und Schreibweise der Alten lässt sich durch ungezählte Beispiele beleuchten. Alle diese Ergebnisse, die unserer Zeit, nicht ohne besondere Absicht der göttlichen Vorsehung, erzielt hat, laden sozusagen Erklärer der Heiligen Schrift ein und mahnen sie, dieses strahlende, uns zuteil gewordene Licht freudig zu benutzen, um Gottes Wort tiefer zu durchforschen, heller zu beleuchten und klarer vorzulegen. Wenn wir, zu Unserem großen Troste, sehen, daß die Exegeten dieser Einladung schon eifrig entsprochen haben, so ist das sicherlich nicht die letzte und geringste Frucht des Rundschreibens Providentissimus Deus Unseres Vorgängers Leos XIII. er hat, dieses neue Aufblühen der Bibelwissenschaft gewissermaßen vorausahnend, die katholischen Exegeten zur Arbeit gerufen und ihnen in Weisheit die Arbeitsmethode vorgezeichnet. Daß die Arbeit nicht nur unverdrossen fortgehe, sondern immer vollkommener und fruchtbarer werde, das ist auch das Ziel dieses Unseres Rundschreibens: Wir wollen allen zeigen, was noch zu tun übrig bleibt und in welchem Geiste die katholischen Exegeten heute an ihr großes und erhabenes Amt gehen sollen, und Wir möchten den Arbeitern, die eifrig im Weinberg des Herrn tätig sind, neue Begeisterung und neuen Mut zu geben.
§ I - DIE BENUTZUNG DER URTEXTE
Dem katholischen Exegeten, der sich mit dem Verständnis und der Erklärung der Heiligen Schrift befasst, haben schon die Kirchenväter, besonders Augustinus, das Studium der alten Sprachen und die Heranziehung der Urtexte ans Herz gelegt [21]. So wie aber damals die wissenschaftlichen Verhältnisse lagen, kannten die hebräische Sprache nur wenige, und auch sie nur unvollkommen. Im Mittelalter, als die scholastische Theologie in hoher Blüte stand, hatte seit langem auch die Kenntnis des Griechischen im Abendland so abgenommen, dass selbst die großen Lehrer der damaligen Zeit für die Erklärung der Heiligen Bücher ausschließlich auf die lateinische Übersetzung, die sogenannte Vulgata, angewiesen waren. In unseren Tagen hingegen ist nicht nur das Griechische, das seit der Zeit der humanistischen Renaissance zu neuem Leben erstanden ist, fast allen Kennern des Altertums und der Literatur vertraut, sondern auch die Kenntnis des Hebräischen und anderer orientalischer Sprachen ist unter den Gelehrten weit verbreitet. Ferner steht zur Erlernung dieser Sprachen heute eine solche Menge von Hilfsmitteln zur Verfügung, dass der Bibelerklärer dem Vorwurf der Leichtfertigkeit und Fahrlässigkeit nicht entgehen könnte, wenn er sich durch Vernachlässigung des Sprachenstudiums den Weg zu den Urtexten verschlösse. Ist es doch Pflicht des Exegeten, auch das Kleinste, das unter der Eingebung des Heiligen Geistes aus der Feder des heiligen Schriftstellers geflossen ist, mit größter Sorgfalt und Ehrfurcht aufzugreifen, um dessen Gedanken möglichst tief und vollständig zu erfassen. Daher soll er gewissenhaft daran arbeiten, sich eine immer größere Kenntnis der biblischen und auch anderen orientalischen Sprachen anzueignen, und seine Schriftauslegung durch alle die Hilfsmittel führen, die die verschiedenen Zweige der Philologie bieten. Das wollte seinerzeit der heilige Hieronymus mit Sorgfalt leisten, soweit der damalige Stand der Sprachenkunde es erlaubte; das erstrebten auch mit unermüdlichem Eifer und mit nicht geringem Erfolg nicht wenige der großen Exegeten des 16. und 17. Jahrhunderts, obwohl damals die Kenntnis der Sprachen noch viel geringer war als heute. Nach den gleichen Grundsätzen muß man darum den Urtext erklären: vom heiligen Schriftsteller selbst geschrieben, hat er höhere Autorität und größeres Gewicht als jede, sei es auch die beste, Überlieferung aus alter oder neuer Zeit. Diese Aufgabe lässt sich um so leichter und erfolgreicher leisten, wenn der Exeget mit der Sprachenkenntnis auch einen gründliche Schulung in der Textkritik verbindet.
Wieviel Bedeutung der Textkritik beizumessen ist, sagt zutreffend schon Augustinus, der unter den Regeln, die er für das Bibelstudium aufstellt, an erster Stelle die Sorge für einen kritisch richtigen Text erwähnt. „Der Verbesserung der Handschriften“, sagt der berühmte Kirchenlehrer, „muß die wachsame Sorge derer, die die Heilige Schrift kennen wollen, in erster Linie gelten: hinter den verbesserten Handschriften müssen die unverbesserten zurücktreten.“ [22] Diese Wissenschaft der Textkritik, die bei der Herausgabe von Profanschriften anerkennenswert und erfolgreich angewandt wird, betätigt sich heute mit Fug und Recht auch an den heiligen Büchern, gerade wegen der Ehrfurcht, die wir dem Worte Gottes schulden. Ihre Aufgabe ist es ja, den heiligen Text, soweit möglich, in vollkommenster Weise wiederherzustellen, ihn von den Verderbnissen, die aus der Unzuverlässigkeit der Abschreiber stammen, zu reinigen und ihn tunlichst zu befreien von Zusätzen und Lücken, von Umstellungen und Wiederholungen und von anderen derartigen Fehlern, die sich bei jahrhundertlanger Überlieferung in die Schriftwerke einzuschleichen pflegen. Die Textkritik, die manche Gelehrte vor einigen Jahrzehnten noch ganz willkürlich angewandt haben, nicht selten so, dass man hätte meinen können, sie täten es, um ihre vorgefaßten Ansichten in den heiligen Text hineinzutragen, hat heute – es ist kaum nötig, dies zu bemerken – eine derartige Festigkeit und Sicherheit in ihren Regeln erreicht, dass sie ein treffliches Werkzeug geworden ist, um die Heilige Schrift reiner und genauer herauszugeben, und dass sich anderseits jeder Mißbrauch leicht feststellen lässt. Es braucht hier auch nicht daran erinnert zu werden – allen, die sich mit dem Studium der Heiligen Schrift befassen, ist es ja bekannt und geläufig-, wie hoch die Kirche von Anfang an bis heute die textkritischen Studien gehalten hat. Heute, nach dieses Fach zu so hoher Vollkommenheit gelangt ist, ist es daher für die Vertreter der Bibelwissenschaft eine ehrenvolle, wenn auch nicht immer leichte Pflicht, mit allen Mitteln dafür zu sorgen, dass katholischerseits möglichst bald kritische Ausgaben sowohl der biblischen Bücher als auch der alten Übersetzungen hergestellt werden, die mit vollster Ehrfurcht gegen den heiligen Text eine gewissenhafte Beobachtung aller kritischen Regeln verbinden. Diese langwierige Arbeit ist nicht nur notwendig, um die aus göttlicher Eingebung stammenden Heiligen Schriften richtig zu verstehen; sie ist auch – dies mögen alle wissen – eine gebieterische Forderung der Dankbarkeit, die wir Gottes Vorsehung dafür schulden, seiner Herrlichkeit gesandt hat.
Vulgata, Sinn des Dekrets des Konzils von Trient
In der angedeuteten Verwendung des kritisch bearbeiteten Urtextes soll niemand einen Verstoß gegen die weisen Vorschriften des Konzils von Trient über die lateinische Vulgata sehen [23]. Denn, wie aus den Geschichtsquellen feststeht, erhielten die Konzilspräsidenten den Auftrag, im Namen des heiligen Konzils den Papst zu bitten – wie sie es auch wirklich taten -, es möchte zunächst ein nach Möglichkeit verbesserter lateinischer, dann aber auch ein griechischer und ein hebräischer Text der heiligen Schrift hergestellt [24] und seinerzeit zum Nutzen der Heiligen Kirche Gottes herausgegeben werden. Wenn diesem Wunsch damals wegen der schwierigen Zeitverhältnisse und sonstiger Hindernisse nicht voll entsprochen werden konnte, so wird er sich heute, so hoffen Wir zuversichtlich, durch die Zusammenarbeit der katholischen Gelehrten um so vollkommener und weitgehender erfüllen lassen. Wenn das Trienter Konzil wollte, dass die Vulgata diejenige lateinische Übersetzung sei, „die alle als authentische gebrauchen“, so gilt diese Bestimmung, wie jedermann weiß, nur für die lateinische Kirche, und zwar für den offiziellen Gebrauch der Heiligen Schrift; die Autorität und Bedeutung der Urtexte mindert sie, das steht außer Zweifel, in keiner Weise. Es handelte sich damals ja nicht um die Urtexte, sondern um die in jener Zeit umlaufenden lateinischen Übersetzungen; unter diesen, so ordnete das Konzil mit Recht an, sollte sie den Vorzug besitzen, die „durch viele Jahrhunderte langen Gebrauch in der Kirche selbst bewährt ist“. Diese überragende Autorität der Vulgata, ihre sogenannte Authentizität, ist also vom Konzil nicht in erster Linie aus kritischen Gründen behauptet worden, sondern wegen der rechtmäßigen, viele Jahrhunderte dauernde Verwendung in den Kirchen. Diese Verwendung beweist, wie die Kirche sie verstanden hat und versteht, in Glaubens- und Sittenfragen frei ist von jedem Irrtum, so dass sie, wie die Kirche selbst bezeugt und bestätigt, in Disputationen, Vorlesungen und Predigten sicher und ohne Gefahr eines Irrtums verwendet werden kann. Diese Authentizität ist also nicht in erster Linie eine kritische, sondern vielmehr eine juridische zu nennen. Daher verbietet die Autorität der Vulgata in Fragen der kirchlichen Lehre keineswegs, eben diese Lehre auch aus den Urtexten zu beweisen und zu bestätigen, ja, sie erfordert es beinahe; ebenso wenig verwehrt sie, allenthalben die Urtexte zu Hilfe zu nehmen, um den richtigen Sinn der Heiligen Schrift überall mehr und mehr zu finden und zu erklären. Das Dekret des Trienter Konzils verbietet auch nicht, zum Gebrauch und Nutzen der Gläubigen und zum leichteren Verständnis des Wortes Gottes Übersetzungen in der Muttersprache anzufertigen, auch aus den Urtexten, wie es, mit Billigung der kirchlichen Autorität, schon vielerseits, wie Wir wissen, löblicherweise geschehen ist.
§ 2 - DIE ERKLÄRUNG DER HEILIGEN SCHRIFT
Mit der Kenntnis der alten Sprachen und mit den Hilfsmitteln der Textkritik trefflich gerüstet, soll der katholische Exeget an die Aufgabe herangehen, die von allem ihm gestellten die höchste ist, an die Auffindung und Erklärung des wahren Sinnes der heiligen Bücher. Dabei mögen die Schrifterklärer sich gegenwärtig halten, dass es ihre erste und angelegentliche Sorge sein muß, klar zu erkennen uns zu bestimmen, welches der Literalsinn der biblischen Worte ist. Diesen Literalsinn der Worte sollen sie mit aller Sorgfalt durch die Kenntnis der Sprachen ermitteln, unter Zuhilfenahme des Zusammenhangs und des Vergleichs mit ähnlichen Stellen – Hilfsmittel, die man alle auch bei der Erklärung profaner Schriften heranzuziehen pflegt, damit der Gedanke des Schriftstellers klar zum Ausdruck kommt. Die Erklärer der Heiligen Schrift mögen sich aber daran erinnern, dass es sich hier um das inspirierte Gotteswort handelt, das Gott selbst der Kirche zur Hut und zur Erklärung anvertraut hat, und deshalb mit nicht weniger Sorgfalt den Erklärungen und Bestimmungen des kirchlichen Lehramts Rechnung tragen, sowie auch den Auslegungen der heiligen Väter und der „Analogie des Glaubens“, wie Leo XIII. in seinem Rundschreiben Providentissimus Deus weise bemerkt hat [25]. Mit besonderem Eifer aber sollen sie darauf bedacht sein, dass sie nicht bloß – wie es zu Unserem Bedauern in einigen Kommentatoren der Fall ist – die Dinge erläutern, die der Geschichte, Archäologie, Philologie und anderen derartigen Wissenschaften angehören. Gewiß sollen sie derartiges, soweit es der Exegese nützlich ist, in zweckdienlicher Weise vorbringen; aber vor allem müssen sie zeigen, welches der theologische Lehrgehalt der einzelnen Bücher und Texte in Glaubens- und Sittenfragen ist. Dadurch soll ihre Schrifterklärung nicht bloß den Theologen bei der Darlegung und dem Beweis der Glaubenslehren von Nutzen sein, sondern ebenso den Priestern bei der Verkündigung der christlichen Lehre vor dem Volke dienen und schließlich allen Gläubigen dazu behilflich sein, ein heiliges, eines Christen würdiges Leben zu führen.
Wenn die katholischen Exegeten eine derartige Schriftauslegung geben, die, wie gesagt, vor allem theologischer Natur ist, werden sie die wirksam zum Schweigen bringen, die immer wieder behaupten, sie fänden in den Bibelkommentaren kaum etwas, was den Geist zu Gott erhebe, die Seele nähre und das innere Leben fördere, und darum geltend machen, sie müssten ihre Zuflucht nehmen zu einer geistigen und, wie sie sagen, mystischen Erklärung. Wie wenig diese Leute mit einer solchen Behauptung Recht haben, zeigt gerade die Erfahrung der vielen, die, Gottes Wort immer wieder erwägend und betrachtend, ihre Seele vervollkommnet und sich mit warmer Liebe zu Gott erfüllt haben; das gleiche zeigen klar auch die beständigen Anweisungen der Kirche und die Mahnungen der angesehensten Lehrer. Gewiß ist nicht jeder geistige Sinn aus der Heiligen Schrift ausgeschlossen. Aussprüche und Geschehnisse des Alten Testamentes hat Gott in Seiner Weisheit so angeordnet und eingerichtet, dass das Vergangene geistigerweise das vorausbedeutete, was im Neuen Bund der Gnade geschehen sollte. Wie darum der Exeget den Literalsinn der Worte, den der heilige Schriftsteller beabsichtigte und ausdrückte, auffinden und erklären muß, so auch den geistigen, sofern nur gebührend feststeht, dass Gott diesen Sinn wirklich gewollt hat. Denn nur Gott konnte diesen geistigen Sinn kennen und uns offenbaren. Diesen Sinn zeigt und lehrt uns in den Evangelien der göttliche Heiland selbst; ihn verkünden auch, nach dem Beispiel des Meisters, die Apostel in Wort und Schrift; ihn zeigt die ununterbrochene Überlieferung der Kirche; ihn beweist endlich die uralte Verwendung in der Liturgie, wo immer das bekannte Wort: „Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens“ in berechtigter Weise angewandt werden kann. Diesen geistigen Sinn also, den Gott selbst gewollt und angeordnet hat, sollen die katholischen Exegeten mit der Sorgfalt aufhellen und darlegen, die die Würde des Wortes Gottes fordert; andere übertragene Bedeutungen dagegen als echten Sinn der Heiligen Schrift vorzutragen, mögen sie sich gewissenhaft hüten. Gewiß kann, besonders bei der Ausübung des Predigtamtes, ein weitgehender, mit übertragenen Wortbedeutungen arbeitender Gebrauch des heiligen Textes zur Erläuterung und Empfehlung der Glaubens- uns Sittenlehren dienlich sein, wenn dabei nur das Maß und Ziel beobachtet werden, aber diese Verwendung der Heiligen Schrift ist ihr, was man nie vergessen darf, gewissermaßen äußerlich und zusätzlich und dazu, besonders heute, nicht ohne Gefahr; denn die Gläubigen, vor allem, wenn sie in den heiligen und profanen Wissenschaften gebildet sind, wollen wissen, was Gott selbst in der Heiligen Schrift uns lehrt, nicht was ein beredter Prediger oder Schriftsteller mit geschickter Verwendung biblischer Worte vorträgt. „Das lebendige Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, durchdringend, bis es Seele und Geist, Mark und Bein scheidet, Richter über die Gedanken und die Gesinnungen des Herzens (Hebr 4,12), bedarf keineswegs der Künstelei oder der menschlichen Zustutzung, um die Seele zu rühren und zu erschüttern. Die heiligen Bücher, durch die Eingebung des göttlichen Geistes verfasst, sind aus sich selbst überreich an echtem Sinn; mit göttlicher Kraft erfüllt, sind sie aus sich selbst mächtig; mit himmlischer Schönheit geschmückt, leuchten und strahlen sie aus sich selbst, wenn sie nur vom Schrifterklärer so richtig und genau ausgelegt werden, dass alle Schätze der Weisheit und Einsicht, die sie enthalten, zutage gefördert werden.
Bei der Erfüllung dieser seiner Aufgabe bietet dem katholischen Exegeten eine treffliche Hilfe das Studium der Werke, in denen die heiligen Väter, die Lehrer der Kirche und die hervorragenden Schrifterklärer der Vorzeit die heiligen Bücher erklärt haben. An profaner Bildung und an Sprachenkenntnis kamen diese alten Schriftausleger bisweilen unseren heutigen Exegeten zwar nicht gleich; aber kraft der Aufgabe, die Gott ihnen in der Kirche gestellt hat, zeichnen sie sich aus durch gemütstiefe Schau der himmlischen Dinge und durch wunderbare Geistesschärfe, wodurch sie weit eindringen in die Tiefen des göttlichen Wortes und alles herausarbeiten, was dazu dienen kann, Christi Lehre zu beleuchten und die Heiligkeit des Lebens zu fördern. Es ist bedauerlich, dass diese kostbaren Schätze des christlichen Altertums manchen unserer heutigen Schriftsteller zu wenig bekannt sind, und dass die Vertreter der Geschichte der Exegese noch nicht alles geleistet haben, was zur gehörigen Erforschung und rechten Einschätzung eines o wichtigen Gebietes notwendig ist. Möchten sich doch recht viele Gelehrte finden, die die Verfasser und die Werke der katholischen Schrifterklärung eifrig studieren, die fst unermesslichen von ihnen gesammelten Schätze heben und so wirksam dazu beitragen, dass mehr und mehr zutage tritt, wie tief die göttliche Lehre der Heiligen Bücher durchschaut und wie herrlich sie diese erläutert haben, und dass sich auch die heutigen Schriftausleger daran ein Beispiel nehmen und nützlichen Stoff daraus schöpfen. Auf diese Weise wird schließlich eine glückliche und fruchtbare Verbindung zustande kommen zwischen der Lehre und geistlichen Salbung der Alten und der größeren Bildung und vollkommeneren Methode der Neueren, eine Verbindung, die neue Früchte zeitigen wird auf dem Feld der biblischen Bücher, das sich nie genug bearbeiten, nie vollständig abernten lässt.
§ 3 - NEUE AUFGABEN DER SCHRIFTERKLÄRUNG
Daß dabei auch unsere Zeit zur tieferen und genaueren Auslegung der Heiligen Schrift etwas beitragen kann, lässt sich mit vollem Recht hoffen. Denn nicht wenige Fragen, besonders auf geschichtlichem Gebiet, sind von den Erklärern der früheren Jahrhunderte kaum oder nur ungenügend erörtert: fehlten ihnen doch fast alle Kenntnisse, die zu einer genaueren Behandlung solcher Gegenstände notwendig sind. Wie schwierig und sozusagen unzugänglich gewisse Punkte selbst für die heiligen Väter waren, zeigen, um anderes zu übergehen, die wiederholten Ansätze zur Erklärung der ersten Kapitel der Genesis, die manche von ihnen machten, ebenso wie die mehrmaligen Versuche des heiligen Hieronymus, die Psalmen so zu übersetzen, dass deren Literalsinn oder Wortsinn klar zutage träte. Bei anderen biblischen Büchern oder Stellen hat erst die Neuzeit die Schwierigkeiten wahrgenommen, nachdem eine eindringendere Kenntnis des Altertums neue Fragen aufgeworfen hatte, die einen tiefen Einblick in die Sachlage geben. Zu Unrecht behaupten daher Leute, die die Lage der Bibelwissenschaft nicht genau kennen, dem katholischen Exegeten unserer Tage bleibt nichts hinzuzufügen zu dem, was das christliche Altertum geleistet habe; im Gegenteil, unsere Zeit hat gar vieles vorgebracht, was einer neuen Untersuchung und einer neuen Prüfung bedarf und den heutigen Exegeten nicht wenig zu eifrigem Studium anspornt.
Wenn indes unsere Zeit neue Fragen aufwirft und neue Schwierigkeiten bringt, so bietet sie, der Schriftauslegung auch neue wertvolle Hilfsmittel. In dieser Hinsicht dürfte die Tatsache besonders erwähnenswert sein, dass die katholischen Theologen im Anschluß an die Lehre der heiligen Väter und vor allem des Engelgleichen und Allgemeinen Lehrers, die Natur und die Wirkungen der biblischen Inspiration genauer und vollkommener erforscht und vorgelegt haben, als es in den vergangenen Jahrhunderten der Fall war. Sie gehen dabei von dem Gedanken aus, dass der heilige Schriftsteller bei der Abfassung des biblischen Buches „Organ“ oder Werkzeug des Heiligen Geistes ist, und zwar ein beseeltes und vernünftiges Werkzeug, und schließen daraus mit Recht, dass unter dem göttlichen Einfluß seine Kräfte und Fähigkeiten so anwendet, „dass man au der durch seine Arbeit entstandenen Schrift mit Leichtigkeit die Eigenart und sozusagen die charakteristischen Merkmale und Züge des menschlichen Schriftstellers“ [26] leicht erkennen kann. Der Exeget muß daher mit aller Sorgfalt, ohne eine Erkenntnis zu vernachlässigen, die die neuere Forschung gebracht hat, festzustellen suchen, welches die Eigenart und Lebenslage des biblischen Schriftstellers war, in welcher Zeit er lebte, welche mündlichen und schriftlichen Quellen er benutzte, welcher Redegattung er sich bediente. Auf diese Weise wird er vollkommener erkennen, wer der biblische Schriftsteller war und was er mit seinem Werke beabsichtigte. Es kann ja keinem entgehen, dass die wichtigste Regel für die Auslegung die ist, dass man genau bestimme, was der Schriftsteller zu sagen beabsichtigte. So mahnt schon der heilige Athanasius: „Hier muß man, wie es an allen anderen Stellen der Heiligen Schrift zu geschehen hat, darauf achten, aus welchem Anlaß der Apostel redet; man muß genau und gewissenhaft beachten, wer der Verfasser ist und welches die Sache, derentwegen er geschrieben hat, damit man nicht aus Unwissenheit oder Missverständnis vom richtigen Sinn abweicht.“ [27]
Der Literalsinn einer Stelle liegt indes bei den Worten und Schriften altorientalischer Autoren oft nicht so klar zutage, wie bei unseren heutigen Schriftstellern. Was die alten Orientalen mit ihren Worten ausdrücken wollten, lässt sich nicht durch die bloßen Regeln der Grammatik und Philologie oder allein aus dem Zusammenhang bestimmen; der Exeget muß sozusagen im Geiste zurückkehren in jenen fernen Jahrhunderte des Orients und mit Hilfe der Geschichte, der Archäologie, der Ethnologie und anderer Wissenschaften genau bestimmen, welche literarischen Arten die Schriftsteller jener alten Zeit anwenden wollten und in Wirklichkeit anwandten. Die alten Orientalen bedienen sich nämlich zum Ausdruck ihrer Gedanken nicht immer der gleichen Formen und Sprechweisen wie wir, sondern vielmehr derjenigen, die bei den Menschen ihrer Zeit und ihres Landes üblich waren. Welches diese Redeformen waren, kann der Exeget nicht „a priori“ feststellen, sondern nur mit Hilfe einer sorgfältigen Durchforschung der altorientalischen Literatur. Diese Durchforschung nun, die in den letzten Jahrzehnten mit größerer Sorgfalt und Aufmerksamkeit gemacht worden ist als früher, hat klarer gezeigt, welche Redegattungen in der alten Zeit für die dichterische Schilderung, für die Darstellung der Regeln und Gesetze des Lebens sowie für die Erzählung geschichtlicher Tatsachen und Ereignisse verwendet wurden. Diese Durchforschung hat gleicherweise klar erwiesen, dass das israelitische Volk in der Geschichtsschreibung die anderen alten Völker des Orients bedeutend übertrifft hinsichtlich des Alters der Berichte, wie auch durch die Treue in der Wiedergabe der Tatsachen, ein Vorzug, der sicherlich seinen Ursprung hat im Charisma des göttlichen Inspiration und in der besonderen religiösen Zielsetzung der biblischen Geschichtsdarstellung. Wer einen richtigen Begriff von der biblischen Inspiration hat, wird sich nicht wundern, dass trotzdem auch bei den biblischen Schriftstellern, wie bei den anderen alten Autoren, gewisse Formen der Darstellung und Erzählung vorkommen, gewisse Eigenheiten, die besonders den semitischen Sprachen angehören, Darstellungen, die man „angenähert“ nennen könnte, gewisse hyperbolische Redeweisen, ja bisweilen paradoxe Ausdrücke, die dazu dienen, die Dinge dem Geiste besser einzuprägen. Ist ja doch den heiligen Büchern keine jener Redeformen fremd, deren sich die menschliche Sprache bei den Alten, besonders im Orient, zum Ausdruck der Gedanken zu bedienen pflegte, allerdings unter der Bedingung, dass die angewandte Redegattungen keiner Weise der Heiligkeit und Wahrhaftigkeit Gottes widerspricht. So sagt schon, scharfsinnig wie immer, der heilige Thomas: „In der Heiligen Schrift wird das Göttliche uns vorgelegt in der Weise, wie es die Menschen zu tun pflegen.“ [28] Wie nämlich das wesenhafte Wort Gottes den Menschen in allem ähnlich geworden ist, „die Sünde ausgenommen“ (Hebr 4,15), so sind auch Gottes Worte, durch menschliche Zungen ausgedrückt, in allem der menschlichen Sprache ähnlich geworden, den Irrtum ausgenommen. Diese aus der Vorsehung Gottes stammende „Herablassung“ hat schon der heilige Johannes Chrysostomus hoch gefeiert und ihr Vorhandensein in den Heiligen Büchern immer wieder vermerkt. [29]
Um den heutigen Erfordernissen der Bibelwissenschaft zu entsprechen, muß deshalb der katholische Exeget bei der Auslegung der Heiligen Schrift und beim Nachweis ihrer Irrtumslosigkeit auch dieses Hilfsmittel in kluger Weise benutzen zu sehen, was die Redegattung oder literarische Art, die der heilige Schriftsteller gebraucht, für die richtige und zutreffende Erklärung bedeutet, und er soll überzeugt sein, dass er diese Seite seiner Aufgabe ohne großen Nachteil für die katholische Exegese nicht vernachlässigen darf. Nicht selten nämlich – um nur dies eine zu berühren-, wenn manche Leute immer wieder den Vorwurf erheben, die biblischen Schriftsteller seien von der geschichtlichen Treue abgewichen oder hätten die Tatsache weniger genau berichtet, handelt es sich offensichtlich nur um die gebräuchlichen, den Alten eigenen Rede- und Erzählungsarten, die man im gegenseitigen Verkehr allenthalben anzuwenden pflegte und die anerkanntermaßen im täglichen Umgang als erlaubt betrachtet wurden. Die Billigkeit und Gerechtigkeit des Urteils verlangt daher, dass derartige Ausdrucksweisen, wenn sie sich in den für die Menschen nach Menschenweise ausgedrückten Wort Gottes finden, ebenso wenig des Irrtums geziehen werden, als wenn sie im tagtäglichen Leben gebraucht werden. Kennt man also diese Rede- und Schreibarten der Alten und beurteilt man sie richtig, so lassen sich viele Einwürfe widerlegen, die gegen die Wahrhaftigkeit und geschichtliche Treue der Heiligen Bücher erhoben werden. Ebenso nützlich ist ein Studium dieser Frage auch für das tiefere und klarer Verständnis der Gedanken des heiligen Schriftstellers.
Unsere Vertreter der Bibelwissenschaft sollen also auch in diesem Punkt gebührende Aufmerksamkeit schenken und nicht unberücksichtigt lassen, was die Archäologie, die alte Geschichte und die Geschichte der alten Literatur an Neuem gebracht hat und was dazu dient, dass man die Absicht der alten Schriftsteller und ihre Art uns Weise zu denken, zu erzählen und zu schreiben, richtig erfasst. In dieser Hinsicht müssen auch die katholischen Laien daran denken, dass sie nicht nur einen nützlichen Beitrag zum profanen Wissen leisten, sondern sich auch um das Christentum höchst verdient machen, wenn sie sich mit allem gebührenden Eifer und Fleiß der Erforschung und Untersuchung des Altertums widmen und an der Lösung solcher bisher nicht geklärter Fragen nach Kräften mithelfen. Jede menschliche Erkenntnis, auch wenn sie nicht religiösen Charakters ist, hat schon in sich ihre eigene Würde und Hoheit – ist sie doch eine endliche Anteilnahme an Gottes unendlicher Erkenntnis -; wenn sie aber dazu verwendet wird, Fragen die Gott oder Göttliches betreffen, heller zu beleuchten, so erhält sie dadurch eine neue, höhere Würde und Weihe.
§ 4 - DIE BEHANDLUNG SCHWIERIGER FRAGEN
Die oben erwähnte eingehendere Erforschung des alten Orients, das genauere Studium des Urtextes der Heiligen Schrift, die ausgedehntere und vollkommenere Kenntnis der Sprachen der Bibel und des Orients im allgemeinen hatten, mit Gottes Hilfe, glücklicherweise zur Folge, dass nunmehr nicht wenige der Fragen völlig geklärt sind, die zur Zeit Unseres Vorgängers Leo XIII. von Kritikern, die außerhalb der Kirche standen oder ihr sogar feindselig gesinnt waren, gegen die Echtheit, das Alter die Unverfälschtheit und die geschichtliche Zuverlässigkeit der biblischen Bücher vorgebracht wurden. Die katholischen Exegeten haben die gleichen wissenschaftlichen Waffen, die die Gegner nicht selten missbrauchten, in der richtigen Weise gebraucht und so Erklärungen vorgelegt, die einerseits mit der katholischen Lehre und der echten alten Überlieferung im Einklang stehen, anderseits den Schwierigkeiten gewachsen sind, welche die neueren Forschungen und Funde brachten oder die das Altertum unserer Zeit ungelöst hinterlassen hat. So ist es gekommen, dass das Vertrauen auf die Autorität und die geschichtliche Treue der Bibel, das durch die vielen Anfechtungen bei manchen erschüttert war, heute bei den Katholiken wiederhergestellt ist; ja, es fehlt sogar auch unter den Nichtkatholiken nicht an Schriftstellern, die durch ruhige und sachliche Forschung dazu geführt worden sind, die neueren Ansichten aufzugeben und, wenigstens da und dort, zu den älteren Anschauungen zurückzukehren. Diese Änderung der Lage ist zu einem großen Teil der unverdrossenen Arbeit zu verdanken, mit der sich die katholischen Schriftausleger, unbeirrt durch Schwierigkeiten und Hindernisse aller Art, aus voller Kraft bemühten, die Ergebnisse der heutigen gelehrten Forschung auf dem Gebiet der Archäologie, der Geschichte und der Sprachwissenschaft für die Lösung der neuen Fragen nutzbar zu machen.
Es braucht sich indes niemand zu wundern, dass bis jetzt noch nicht alle Schwierigkeiten restlos bereinigt sind, sondern daß es auch heute noch Fragen gibt, die den katholischen Exegeten nicht wenig zu schaffen machen. Bei dieser Lage der Dinge darf man sicherlich nicht den Mut verlieren; man darf auch nicht vergessen, dass es in der menschlichen Wissenschaft nicht anders geht als in der Natur; die Unternehmungen wachsen langsam, und die Frucht kann man erst nach vieler Arbeit pflücken. So ging es mit manchen Fragen, die in der Vergangenheit ungelöst und unbeantwortet geblieben waren und erst in der Gegenwart durch den Fortschritt des Wissens eine glückliche Erledigung gefunden haben. Daher steht zu hoffen, dass auch die Schwierigkeiten, die heute noch ganz verwickelt und völlig undurchdringlich scheinen, im Lauf der Zeit durch unablässige Arbeit endgültig geklärt werden. Wenn die ersehnte Lösung lange ausbleibt und der glückliche Erfolg nicht uns beschieden ist, sondern vielleicht erst späteren Geschlechtern zuteil wird, so kann sich niemand darüber grämen, denn billigerweise gilt auch für uns, was die Väter, vor allem Augustinus [30], zu ihrer Zeit betonten: Gott habe in den von ihm inspirierten Heiligen Büchern absichtlich Schwierigkeiten gelassen, damit wir zu eifrigem Studium und Forschen angespornt und, der Grenzen unseres Geistes uns heilsam bewusst, in der geziemenden Demut geschult werden. Darum wäre es auch nicht zu verwundern, wenn sich für die eine oder andere Frage überhaupt nie eine voll befriedigende Antwort finden ließe; denn es handelt sich bisweilen um dunkle Dinge, die von der Gegenwart und von der Erfahrung der Jetztzeit allzuweit abliegen, und auch die Exegese darf wie andere bedeutende Wissenschaften ihre Geheimnisse haben, die unserem Geist unzugänglich bleiben und durch keinerlei Bemühen enträtselt werden können.
Durch die Sachlage darf sich jedoch der katholische Exeget, der eine tätige und starke Liebe zu seinem Fach hat und der heiligen Mutter Kirche aufrichtig ergeben ist, keineswegs davon abhalten lassen, die schwierigen, bisher ungelösten Fragen immer und immer wieder anzugreifen, nicht nur um die Einwendungen der Gegner zu widerlegen, sondern vor allem, um eine positive Lösung herauszuarbeiten, eine Lösung, die mit der Lehre der Kirche im Einklang steht, besonders mit der Überlieferung von der vollen Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, während sie anderseits den gesicherten Ergebnissen der Profanwissenschaften gebührend Rechnung trägt. Die Bemühungen dieser tüchtigen Arbeiter im Weinberg des Herrn soll man nicht nur mit Billigkeit und Gerechtigkeit, sondern auch mit Liebe beurteilen. Dieser Pflicht mögen alle anderen Söhne der Kirche eingedenk sein und sich von einem wenig klugen Eifer fernhalten, da der meint, alles, was neu ist, schon deshalb, weil es neu ist, bekämpfen oder verdächtigen zu müssen. Bei den Anordnungen und Gesetzen, die die Kirche gegeben hat, handelt es sich – das mögen sie sich besonders gegenwärtig halten – um die Glaubens- und Sittenlehre, und unter den vielen Dingen, die in der Heiligen Schrift, in den Gesetztes- und Geschichtsbüchern, in der Weisheits- und Prophetenliteratur enthalten sind, finden sich nur wenige, deren Sinn von der kirchlichen Autorität erklärt worden ist, und auch die Punkte, in denen bei den heiligen Vätern Übereinstimmung herrscht, sind nicht viel zahlreicher. Daher bleiben viele, und zwar ganz wichtige Fragen, bei deren Erörterung und Erklärung die katholischen Exegeten ihren Scharfblick und ihr Talent in voller Freiheit betätigen können und müssen, auf daß ein jeder nach Kräften beitrage zum allgemeinen Nutzen, zu immer wachsendem Fortschritt der kirchlichen Wissenschaft und zur Verteidigung und Ehre der Kirche. Diese echte Freiheit der Kinder Gottes, die einerseits treu festhält an der Lehre der Kirche, anderseits jeden Beitrag der Profanwissenschaften dankbar als Gottesgabe annimmt und verwertet, getragen und gehalten von der Liebe aller, ist Bedingung und Quelle alles wirklichen Erfolges und alles dauerhaften Fortschritts der katholischen Wissenschaft. Trefflich äußert sich darüber Unser unvergesslicher Vorgänger Leo XIII., wenn er sagt: „Nur wenn die Herzen einig und die Prinzipien sichergestellt sind, darf man aus den verschiedenen Arbeiten vieler großer Fortschritte in dieser Wissenschaft erhoffen.“ [31]
§ 5 - DIE HEILIGE SCHRIFT
UND DIE UNTERWEISUNG DER GLÄUBIGEN
Es ist eine gewaltige Arbeit, die die katholische Exegese während fast zwei Jahrtausenden geleistet hat, damit das Wort Gottes, das den Menschen in der Heiligen Schrift geschenkt worden ist, immer tiefer und vollkommener verstanden und stets inniger geliebt werde. Wer diese Leistung betrachtet, wird sich unschwer davon überzeugen, dass es für die Gläubigen, vor allem für die Priester, eine schwere Pflicht ist, den Schatz, den die größten Geister in so vielen Jahrhunderten gesammelt haben, nun auch ausgiebig und treu zu benutzen. Gott hat ja den Menschen die Heiligen Bücher nicht gegeben, um ihre Neugierde zu befriedigen oder um Arbeits- und Forschungsmaterial zu bieten, sondern wie der Apostel bemerkt, damit die Heilige Schrift uns „unterweise zum Heil durch den Glauben an Christus Jesus“ und „der Gottgeweihte Mensch vollkommen sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk“ (vgl. 2 Tim 3,15.17). Die Priester also, denen die Sorge für das ewige Heil der Gläubigen übertragen ist, mögen zunächst selbst die Heiligen Bücher in sorgfältigem Studium durchforschen und sie sich durch Gebet und Betrachtung zu eigen machen; dann aber fallen sie die himmlischen Reichtümer des göttlichen Wortes eifrig austeilen in Predigten, Homilien und Ansprachen und die christliche Lehre durch Worte aus der Heiligen Schrift bekräftigen und durch treffliche Beispiele aus der heiligen Geschichte, besonders aus dem Evangelium Christi des Herrn, beleuchten. Bei all dieser Tätigkeit mögen sie mit gewissenhafter Sorgfalt jene Akkomodationen meiden, die nur aus persönlicher Willkür stammen und weit hergeholt sind – diese sind nicht Gebrauch, sondern Missbrauch des Wortes Gottes -; sie sollen vielmehr alles o beredt, so lichtvoll und klar vortragen, dass die Gläubigen nicht nur zur rechten Lebensführung angespornt und begeistert, sondern auch mit tiefer Verehrung für die Heilige Schrift erfüllt werden. Diese Verehrung sollen sodann die Oberhirten der Sprengel bei den ihnen anvertrauten Gläubigen noch ausdrücklicher von Tag zu Tag mehren und zu vervollkommnen trachten und alle die Unternehmungen fördern, durch die apostolisch gesinnte Männer die Kenntnis der Liebe der Heiligen Schrift unter den Katholiken in lobenswerter Weise zu wecken und zu beheben suchen. Sie mögen also ihre Gunst und Hilfe den frommen Vereinen zuwenden, die sich zur Aufgabe machen, Aufgaben der Heiligen Schrift, besonders der Evangelien, unter den Gläubigen zu verbreiten und deren tägliche fromme Lesung in den christlichen Familien eifrig zu fördern. Die mit Gutheißung der kirchlichen Autorität herausgegebenen Übersetzungen der Heiligen Schrift in die Muttersprache sollen sie durch ihr Wort und, wo die liturgischen Gesetze es zulassen, durch entsprechende Verwendung wirksam empfehlen; öffentliche Vorträge oder Konferenzen über Bibelfragen mögen sie entweder selbst halten oder durch andere gut geschulte geistliche Redner halten lassen. Die Zeitschriften, die in den verschiedenen Ländern löblicherweise und mit großem Nutzen herausgegeben werden, sollen alle Seelsorgspriester nach Kräften unterstützen und unter den verschiedenen Klassen und Ständen ihrer Herde in passender Weise verbreiten, sei es, dass diese Veröffentlichungen die wissenschaftliche Behandlung und Darlegung biblischer Fragen bezwecken, sei es, dass sie die Ergebnisse solcher Untersuchungen für die Seelsorge oder für die Bedürfnisse der Gläubigen verarbeiten. Die Seelenhirten seien überzeugt, dass sie in der Seelsorge eine wirksame Hilfe haben werden an diesen und allen ähnlichen Unternehmungen, die etwa der Seeleneifer und die rechte Liebe zum Worte Gottes zu diesem erhabenen Ziel geeignet findet.
Niemand aber kann es entgehen, dass die Priester al diesen Aufgaben nicht richtig entsprechen können, wenn sie nicht während ihrer Seminarjahre eine tätige und bleibende Liebe zur Heiligen Schrift in sich aufgenommen haben. Darum mögen die Bischöfe, denen die väterliche Fürsorge für ihre Seminarien obliegt, sorgfältig darauf achten, dass auch in diesem Punkt nichts versäumt wird, was zur Erreichung dieses Zieles behilflich sein kann. Die Lehrer der Heiligen Schrift sollen den ganzen biblischen Unterricht in den Seminarien so erteilen, dass sie den jungen Klerikern, die zum Priestertum und zur Seelsorge herangebildet werden, jene Kenntnis der Heiligen Bücher vermitteln und jene Liebe zu ihnen einflößen, ohne die sich im Apostolat keine reiche Frucht erzielen lässt. In der exegetischen Erklärung sollen sie vor allem auf den theologischen Gehalt achten, überflüssige Ausführungen vermeiden und sich nicht bei Fragen aufhalten, die eher die Neugierde befriedigen, als dass sie das echte Wissen und die gesunde Frömmigkeit fördern. Den Literalsinn und vor allem den theologischen Sinn sollen sie so gründlich vortragen, so sachkundig erklären und so begeistert einprägen, dass es ihren Hörern in etwa ergeht wie den Jüngern Jesu Christi auf dem Weg nach Emmaus, als sie auf die Darlegungen des Herrn hin ausriefen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er uns die Schrift erschloß?“ (Lk 24,32). Auf diese Weise möge die Heilige Schrift für die künftigen Priester der Kirche die reine und unversiegliche Quelle werden für das eigene geistliche Leben, für das Predigtamt aber, das sie übernehmen sollen, Nahrung und Kraft. Wenn die Professoren dieses wichtigen Faches in den Seminarien dieses Ziel erreichen, dürfen sie das frohe Bewusstsein haben, zum Heil der Seelen, zur Förderung der Interessen der Kirche und zur Ehre und zur Verherrlichung Gottes erfolgreich beitragen und ein wahrhaft apostolisches Werk vollbracht zu haben.
Was Wir im vorausgehenden dargelegt haben, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, gilt für alle Zeiten, aber ganz vorzüglich für unsere leiderfüllten Tage, in denen fast alle Völker und Nationen in ein Meer von Unglück versenkt sind; in denen ein unmenschlicher Krieg Ruinen auf Ruinen häuft und Blutbad an Blutbad reiht, in denen bitterer Hass der Völker gegeneinander in so vielen, wie Wir mit tiefem Schmerz wahrnehmen, jedes Gefühl nicht nur der christlichen Mäßigung und Liebe, sondern selbst der edeln Menschlichkeit erstickt hat. Wer anders kann diese Todeswunden der menschlichen Gesellschaft teilen als Der, zu dem der Apostelfürst voll Lieben und Vertrauen spricht: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6,69). Zu Ihm also, unserem erbarmungsreichen Erlöser, müssen wir nach Kräften alle zurückführen; Er ist der göttliche Tröster der Trauernden; er ist für alle, für die Regierenden ebenso wie für die Untergebenen, der Lehrer wahrer Rechtlichkeit, echter Gerechtigkeit, hochherziger Liebe; Er, und Er allein, kann das feste Fundament und der wirksame Schutz des Friedens und der Ruhe sein. „Ein anderes Fundament kann niemand legen als das, das gelegt ist, und das ist Christus Jesus.“ (1 Kor 3,11). Ihm aber, Christus, den Urheber unseres Heiles, werden alle um so vollkommener erkennen, um so inniger lieben und um so treuer nachahmen, je mehr sie zur Kenntnis und Betrachtung der Heiligen Schrift, besonders des Neuen Testamentes, angeeifert werden. Denn, wie der heilige Hieronymus sagt: „Die Heilige Schrift nicht kennen, heißt Christus nicht kennen“ [32], und „wenn es etwas gibt, was den Weisen in diesem Leben hält und ihn in den Bedrängnissen und Wirren der Welt den Gleichmut bewahren lässt, dann ist es, meine ich, in erster Linie die Betrachtung und Kenntnis der Heiligen Schrift.“ [33] Hier wird, wen immer Widerwärtigkeit und Unglück heimsuchen und niederdrücken, wahren Trost und göttliche Kraft zum Leiden und zum Ausharren schöpfen; hier, in den heiligen Evangelien, offenbart sich allen Christus, das höchste und vollkommenste Ideal der Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit, und dem zermartertem, angsterfüllten Menschengeschlecht öffnen sich die Quellen der göttlichen Gnade, ohne die die Völker und die Lenker und die Völker keine öffentliche Ruhe und keine geistige Eintracht schaffen und erhalten können. Hier endlich werden alle Christus kennen lernen, „der das Haupt jeglicher Herrschaft und Macht ist“ (Kol 2,10), und „der für uns von Gott her geworden ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung“ (1 Kor 1,30).
Damit haben wir die Anforderungen dargelegt und anempfohlen, die die Bedürfnisse unserer Zeit an die Gestaltung der biblischen Studien stellen. So bleibt Uns denn nur noch übrig, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, alle Vertreter der biblischen Wissenschaft, die ergebene Söhne der Kirche sind und deren Lehre und Anordnungen treu befolgen, mit väterlicher Liebe zu beglückwünschen, dass sie zu einem so erhabenen Amt erwählt und berufen sind, und ihnen zugleich Mut machen, auf dass sie fortfahren, die glücklich übernommene Aufgabe mit täglich neuer Kraft, mit vollem Eifer und mit aller Sorgfalt erfüllen. Wir sagen: die erhabene Aufgabe. Denn was gibt es Höheres, als das Wort Gottes selbst, das durch die Eingebung des Heiligen Geistes den Menschen geschenkt wurde, zu durchforschen, zu erklären, den Glauben vorzutragen, gegen die Ungläubigen zu verteidigen? An dieser geistigen Speise nährt sich die eigene Seele des Schriftauslegers und kräftigt sich „zum Gedanken an den Glauben, zum Trost in der Hoffnung und zur Ermunterung in der Liebe [34]. „In diesen Studien leben, diese Wahrheiten betrachten, nichts anderes kennen, nichts anderes suchen: scheint euch das nicht schon hier auf Erden ein Wohnen im Himmel?“ [35] Mit dieser gleichen Speise mögen auch die Seelen der Gläubigen genährt werden; daraus mögen sie Erkenntnis und Liebe Gottes schöpfen, Fortschritt im inneren Leben und Glück. Die Erklärer der Heiligen Schrift sollen sich alle mit ganzer Seele dieser heiligen Aufgabe widmen. „Sie mögen beten, um Einsicht zu gewinnen“ [36] ; sie mögen arbeiten, um Tag für Tag tiefer in die Geheimnisse der Heiligen Bücher einzudringen; sie mögen lehren und predigen, um die Schätze des Wortes Gottes auch anderen zu erschließen. Was die Schriftausleger in den vergangenen Jahrhunderten mit herrlichem Erfolg geleistet haben, damit sollen auch die Exegeten unserer Tage nach Kräften wetteifern, damit die Kirche, wie in der Vergangenheit, so auch heute hervorragende Meister in der Schrifterklärung habe, und die Gläubigen durch deren Wirken und Arbeiten aus der Heiligen Schrift strahlendes Licht, Aufmunterung und Freude gewinnen. Bei dieser schweren und wichtigen Aufgabe mögen auch sie „Trost an den Heiligen Büchern“ finden (1 Makk 12,9) und des versprochenen Lohnes eingedenk sein; denn so heißt es: „Die Weisen werden leuchten wie der Glanz des Firmamentes, und die viele zur Gerechtigkeit angeleitet haben, wie die Sterne in alle Ewigkeit“ (Dan 12,3).
Und nun wünschen Wir von Herzen allen Söhnen der Kirche, und besonders den Lehrern der Bibelwissenschaft, den jungen Klerikern und den geistlichen Rednern, dass sie, das Wort Gottes beständig betrachtend, verkosten wie gut und lieblich der Geist des Herrn ist (Weish 12,1). Dazu erteilen Wir euch allen und jedem einzelnen, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, als Unterpfand der göttlichen Gaben und als Zeichen Unseres väterlichen Wohlwollens voll Liebe im Herrn den Apostolischen Segen.
Gegeben zu Rom, am Grabe des hl. Petrus, am 30. September, dem Fest des Hl. Hieronymus, im Jahre 1943, dem fünften unseres Pontifikats.
[3] Sermo ad alumnos Semiariorum ... in Urbe (24. Juni 1939); Acta Apost. Sedis [=AAS] XXXI (1939), S. 245-251.
[7] Vgl. Benedikt XV., Enz. Spiritus Paraclitus, AAS. XII (1920), S. 396 ; Ench. Bibl. N. 471.
[10] Apostolisches Schreiben Hierosolymae in coenobio vom 17. September 1892; Leonis XIII Acta XII, S. 240.
[11] Apostolisches Schreiben Vigilantiae vom 30. Oktober 1902; Leonis XIII Acta XXII, S. 232 f ; Ench. Bibl. N. 130-141; N. 130, 132.
[12] Vgl. Schreiben der päpstlichen Bibelkommission an die Erzbischöfe und Bischöfe Italiens vom 20. August 1941; AAS XXXIII (1941), S. 465-472.
[13] Apostolischen Schreiben Scripturae Sanctae vom 23. Februar 1904; Pii X Acta I, S. 176-179; Ench. Bibl. N. 142-150; vgl. N. 143-144.
[14] Apostolisches Schreiben „Quoniam in re biblica“ vom 27. März 1906; Pii X Acta III, S. 72-76; Ench. Bibl. N. 155-173; vgl. N. 155.
[15] Apostolisches Schreiben Vinea electa vom 7. Mai 1909; AAS. 1 (1909), S. 447-449; Ench. Bibl. N. 293-306; vgl. N. 296 und 294.
[16] Vgl. Motu Proprio Bibliorum scientiam vom 27. April 1924; AAS. XVI (1924), S. 180-182; Ench. Bibl. N. 518-525.
[17] Schreiben an den hochwürdigsten Abt D. Aidan Gasquet vom 3. Dezember 1907; Pii X Acta IV, S. 117-119; Ench. Bibl. N. 285 f.
[18] Apostolische Konstitution Inter praecipuas vom 15. Juni 1933; AAS XXVI (1934), S. 85-87.
[19] Schreiben an S. Em. Kard. Casetta Qui piam vom 21. Januar 1907; Pii X Acta IV, S. 23-25.
[20] Rundschreiben Spiritus Paraclitus vom 15. September 1920; AAS. XII (1920), S. 385-422; Ench. Bibl. N. 457-508; vgl. 457, 495, 497, 491.
[25] Leonis XIII Acta XIII, S. 345 f ; Ench. Bibl. N. 94-96.
[26] Vgl. Benedikt XV. Rundschreiben Spiritus Paraclitus; AAS. XII (1920), S. 390; Ench. Bibl. N. 461.
[31] Apost. Schreiben Vigilantiae, Leonis XIII Acta XXII, S. 237; Ench. Bibl. N. 136.