Source: http://www.lawcommunity.de/volltext/417.html
Timestamp: 2019-09-19 19:04:22
Document Index: 385085245

Matched Legal Cases: ['§ 280', '§ 32', '§ 347', '§ 347', '§ 447', '§ 474', '§ 13', '§ 284']

[ LawCommunity.de - AG Brühl: Widerruf von eBay-Bewertungen ]
AG Brühl: Widerruf von eBay-Bewertungen
BGB §§ 280 Abs. 1, 241 Abs. 2, 823 Abs. 1, 1004 Abs. 1 Satz 2
Aus der vertraglichen Beziehung zwischen Verkäufer und Käufer folgt jedenfalls dann kein Anspruch auf den Widerruf von Werturteilen, die innerhalb des Bewertungsforums eines Internetauktionshauses geäußert wurden, wenn die Werturteile insgesamt gesehen nicht unsachlich und damit unzulässig sind. Die Grenze zur Unsachlichkeit ist erst überschritten, wenn bewusste Fehlurteile oder Verzerrungen vorgenommen werden, oder eine abschließende Bewertung als sachlich nicht mehr vertretbar, d. h. indiskutabel erscheint.
AG Brühl, Urt. v. 07.04.2008 – 28 C 447/07
Der Beklagte wird verurteilt, an den Kläger 5,35 € nebst Zinsen in Höhe von 5 % über dem Basiszins seit dem 21.06.2007 zu zahlen; im Übrigen wird die Klage abgewiesen.
Die Kosten des Rechtsstreits werden dem [Kläger] auferlegt.
Der Beklagte ist auf der eBay-Auktionsplattform unter der Bezeichnung … als gewerblicher Anbieter und so genannter Powerseller von Elektronikware tätig.
Der Kläger erwarb bei ihm am 02.04.2007 eine [Kabelpeitsche] zum Preis von 5,00 € zzgl. Versandkosten in Höhe von 3,90 €.
Am 07.04.2007 erhielt der Kläger die Ware, woraufhin er beim Beklagten rügte, dass der blaue Stecker für den Komponentenausgang nicht kontaktiere. Mit E-Mail vom 10.04.2007 teilte der Beklagte dem Kläger mit, dieser solle entweder von seinem Widerrufsrecht Gebrauch machen oder aber zur Prüfung einer Gewährleistung die Ware zurücksenden.
Der Kläger sandte die Ware zurück, wofür er Kosten von 1,45 € aufwendete. Mit E-Mail vom 21.04.2007 forderte er den Beklagten auf, ihm bis zum 26.04.2007 einen Austauschadapter zu übermitteln. Mit E-Mail vom 23.04.2007 fragte der Beklagte nach der Bankverbindung des Klägers und teilte mit, dass eine Überweisung nach Bestätigung der Auflösung der eBay-Auktion erfolgen werden. Mit E-Mail vom gleichen Tag bestand der Kläger auf der Ersatzlieferung. Der Beklagte antwortete ebenfalls noch am 23.04.2007:
"Kabel-Peitsche geprüft. 100 % funktionstüchtig, daher Widerruf. Bitte gehen Sie entsprechend der vorherigen E-Mail vor".
Wiederum noch am gleichen Tag verlangte der Kläger erneut eine neue Kabelpeitsche. In der Folge zahlte der Beklagte den Kaufpreis von 5 € zurück.
Am 25.04.2007 gab der Kläger über den Beklagten folgende Bewertung bei eBay ab:
"Gewährleistung wird ohne Einwilligung wie Widerruf behandelt ?! (Wert < 40 E)".
Diese ursprünglich mit einem neutralen Bewertungssymbol versehene Bewertung ergänzte er am gleichen Abend um den Zusatz:
"muß natürlich negativ heißen".
Mit E-Mail vom 26.04.2007 erklärte der Kläger den Rücktritt vom Kaufvertrag und forderte den Beklagten auf, die Versandkosten von 3,90 € und die Kosten der Rücksendung von 1,45 € zu erstatten, und zwar bis zum 08.05.2007.
Dieser Bewertung des Klägers fügte der Beklagte am 27.04.2007 folgende Antwort hinzu:
"Kabel 100 % intakt. Er WILL einfach nicht verstehen. Solche KD brauchen wir nicht".
Nahezu zeitgleich gab er über den Kläger folgende Bewertung ab:
"Kabel 100 % ok. Legt Gewährlstg/FernAbsG aus, wie er’s braucht. Traktiert m.mail".
Der Kläger fügte dieser Bewertung den Zusatz hinzu:
"Es wurde von mir kein Widerruf ausgesprochen! Rücksendung verweigert → Rücktritt!".
In der Folge verlangte der Kläger vom Beklagten den Widerruf der abgegebenen Bewertungen.
Der Kläger behauptet, die Behauptung des Beklagten, die Kabelpeitsche sei hundertprozentig in Ordnung, sei falsch. Der Kläger beantragt,
2. die im eBay-Bewertungsprofil unter … am 25.07.2007 vorgenommene Bewertung "Kabel 100 % intakt. Er WILL einfach nicht verstehen. Solche KD brauchen wir nicht" sowie die Bewertung vom 27.04.2007 "Kabel 100 % ok. Legt Gewährlstg/FernAbsG aus, wie er’s braucht. Traktiert m.mail" zu widerrufen und zu löschen;
3. künftig die im eBay-Bewertungsprofil unter … am 25.07.2007 vorgenommene Bewertung "Kabel 100 % intakt. Er WILL einfach nicht verstehen. Solche KD brauchen wir nicht" sowie die Bewertung vom 27.04.2007 "Kabel 100 % ok. Legt Gewährlstg/FernAbsG aus, wie er’s braucht. Traktiert m.mail" zu unterlassen;
4. dem Beklagten für jeden Verstoß gegen die Verpflichtung aus Ziffer 3. ein Ordnungsgeld in Höhe von jeweils 5.000 €, ersatzweise Ordnungshaft, anzudrohen.
Er behauptet, die gelieferte Kabelpeitsche sei mangelfrei gewesen.
Das AG Brühl ist örtlich zuständig. Soweit es um den Widerrufs- bzw. Unterlassungsanspruch geht, besteht die Zuständigkeit nach § 32 ZPO. Denn der klägerische Anspruch könnte sich u. a. aus unerlaubter Handlung ergeben. Der Erfolg beispielsweise einer Beleidigung oder Verleumdung wäre aber – wenn sie denn vorläge – im hiesigen Bezirk eingetreten, da der Kläger hier seinen Wohnsitz hat. Soweit es um den Zahlungsanspruch geht, hat der Beklagte sich auf den Hinweis in der mündlichen Verhandlung rügelos eingelassen.
Der Kläger hat lediglich Anspruch gegen den Beklagten auf Erstattung der ihm entstandenen Versendungskosten von 3,90 € sowie 1,45 € nach §§ 347 Nr. 3, 284 BGB. Der Kaufvertrag hatte infolge des vom Kläger erklärten Rücktritts sein Ende gefunden. Das Rücktrittsrecht des Klägers bestand nach §§ 347 Nr. 3, 323 Abs. 1 BGB, da der Kläger dem Beklagten erfolglos eine Frist zur Nacherfüllung gesetzt hatte. Das Recht auf Nacherfüllung seitens des Klägers war gegeben, da davon ausgegangen werden muss, dass die gelieferte Sache mangelhaft war. Die Beweislast diesbezüglich liegt im vorliegenden Fall beim Beklagten. Denn er als Verkäufer hat zu beweisen, dass bis zum Zeitpunkt des Gefahrübergangs die Kaufsache frei von Mängeln war. Gefahrübergang war vorliegend die Ablieferung des Pakets beim Kläger. Die Ausnahmevorschrift über den Versendungskauf, § 447 BGB, findet hier nach § 474 Abs. 2 BGB keine Anwendung. Um einen Verbrauchsgüterkauf handelte es sich hier, da der Kläger Verbraucher i. S. des § 13 BGB, der Beklagte Unternehmer [war]. Der Beklagte hat für seine Behauptung, die Kabelpeitsche sei im Zeitpunkt des Gefahrübergangs mangelfrei gewesen, keinen geeigneten Beweis angeboten. Zwar hat er ein Sachverständigengutachten angeboten. Nachdem aber der Kläger in Abrede gestellt hat, dass der dem Sachverständigen vorzulegende Gegenstand auch der Kaufgegenstand sei, hätte der Beklagte näher darlegen und unter Beweis stellen müssen, dass dies sehr wohl der Fall sein würde, was er indes nicht getan hat. Infolge der Mangelhaftigkeit hatte der Kläger zunächst Anspruch auf die begehrte Nacherfüllung, nach erfolgloser Fristsetzung ein Recht zum Rücktritt. Die Versandkosten sind nach § 284 BGB zu erstatten, da der Kläger sie im Vertrauen auf den Erhalt einer mangelfreien Kaufsache gemacht hatte und auch machen durfte.
Der Kläger hat gegen den Beklagten keinen Anspruch auf Widerruf der abgegebenen Erklärungen. Widerruf könnte lediglich hinsichtlich der Behauptung "Kabel 100 % ok" verlangt werden, da nur dieser Teil der Erklärung eine Tatsachenbehauptung beinhaltet. Die übrigen Erklärungen sind lediglich Werturteile, bezüglich derer generell kein Anspruch auf Widerruf besteht. Die Äußerung "Legt Gewährlstg/FernAbsG aus, wie er’s braucht" stellt keine Tatsachenbehauptung dar. Die Frage, wie jemand ein Gesetz auslegt oder auszulegen hat, kann nicht mit einer einzigen zutreffenden Antwort – d. h. im einschlägigen Sinn wahrheitsgemäß - beantwortet werden; vielmehr richtet sich die Antwort nach der Ansicht desjenigen, der insoweit die Entscheidung zu treffen hat. Die Äußerung "Traktiert m.mail" ist ebenfalls keine Tatsachenbehauptung, da die Formulierung "traktieren" bereits ein Werturteil darstellt, wobei der Beklagte sich möglicherweise schon von zehn E-Mails traktiert fühlt, wohingegen eine andere Person dies auch nach zwanzig E-Mails noch nicht so empfinden würde. Die Äußerung "Er WILL einfach nicht verstehen" ist ebenfalls ein Werturteil. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass der Beklagte letztlich nicht mit hinreichender Sicherheit wissen kann, ob der Kläger nicht verstehen will oder nicht verstehen kann. Die Formulierung "Solche Kunden brauchen wir nicht" könnte man zwar als Tatsachenbehauptung einordnen, da objektiv festgestellt werden könnte, ob und welche Kunden der Beklagte benötigt. In der Weise, wie der Beklagte die Äußerung aber verstanden haben will, und wie der Kläger sie auch verstanden hat, stellt sie lediglich ein Werturteil dar.
Auch aus der vertraglichen Beziehung zwischen den Parteien in Verbindung mit den von eBay aufgestellten Kriterien über die Bewertung ergibt sich ein Widerrufsanspruch hinsichtlich dieser Werturteile nicht. Unabhängig davon, ob sich grundsätzlich hieraus ein solcher Anspruch ergeben könnte, liegt er hier schon deshalb nicht vor, weil ein Verstoß gegen die eBay-Kriterien nicht gegeben ist. Ob eine Bewertung unzutreffend ist, ist im Falle der Abgabe von Werturteilen letztlich wiederum eine Frage der Bewertung. Die vom Beklagten abgegebenen Werturteile sind insgesamt gesehen nicht unsachlich und damit unzulässig. Vielmehr ist die Grenze zur Unsachlichkeit erst dann als überschritten anzusehen, wenn bewusste Fehlurteile oder Verzerrungen vorgenommen werden, oder eine abschließende Bewertung als sachlich nicht mehr vertretbar, d. h. indiskutabel erscheint. Hiervon waren aber die Äußerungen des Beklagten weit entfernt. Würde man dies anders sehen, würde die Bewertungsmöglichkeit bei eBay auch gar keinen Sinn mehr machen. Allein schon die Möglichkeit der "Bewertung" lässt den Schluss zu, dass hier die persönliche Meinung gefragt ist, nicht die eines "objektiven Dritten".
Aber auch hinsichtlich der Tatsachenbehauptung "Kabel 100 % ok" hat der Kläger keinen Widerrufsanspruch. Denn er hat für seine Behauptung, diese Erklärung des Beklagten sei unwahr, keinen Beweis angeboten. Im Gegensatz zur Beweislastverteilung bei Streitigkeiten über die mit dem Klageantrag zu 1. verfolgte Kostenerstattung, d. h. über Ansprüche aus dem Kaufvertrag als solchem, liegt die Beweislast im Falle der Geltendmachung eines Widerrufsanspruchs beim Anspruchsteller, dem Kläger. Er muss die Tatsachen darlegen und beweisen, aus denen sich die Unwahrheit der angegriffenen Behauptung ergibt.
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