Source: http://m.hensche.de/Keine_Urlaubskuerzung_bei_Teilzeitarbeit_BAG_9AZR53-14_11.02.2015_10.48.html
Timestamp: 2017-02-20 06:13:18
Document Index: 127821371

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art.7', '§ 1', '§ 3', '§ 26', 'EuG', 'EuG']

HENSCHE Arbeitsrecht: Keine Urlaubskürzung bei Teilzeitarbeit
11.02.2015. Ei­ne Ar­beits­zeit­re­du­zie­rung, die mit ei­ner Ver­rin­ge­rung der wö­chent­li­chen Ar­beits­ta­ge ver­bun­den ist, darf nicht zum Weg­fall be­reits er­wor­be­ner Ur­laubs­ta­ge füh­ren. Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) in ei­nem Ur­teil vom gest­ri­gen Ta­ge im An­schluss ei­ne Ent­schei­dung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs (EuGH) vom Som­mer 2013 (EuGH, Be­schluss vom 13.06.2013, C-415/12 - Bran­des) klar­ge­stellt: BAG, Ur­teil vom 10.02.2015, 9 AZR 53/14 (F).
Wie sind offene Urlaubsansprüche bei einer Verringerung der Arbeitszeit umzurechnen?
Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen An­spruch auf ei­nen be­zahl­ten Jah­res­ur­laub im Um­fang von min­des­tens vier Wo­chen. Das schreibt das Eu­ro­pa­recht vor (Art.7 der Richt­li­nie 2003/88/EG), und nach dem deut­schen Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) gilt nichts an­de­res, vgl. § 1 BUrlG und § 3 Abs.1 BUrlG. Al­ler­dings gewährt das BUrlG den Ar­beit­neh­mern kei­nen nach Wo­chen be­rech­ne­ten Ur­laub, son­dern ei­nen Ur­laubs­an­spruch von 24 Werk­ta­gen, wo­bei „Werk­ta­ge“ die sechs Ta­ge von Mon­tag bis Sams­tag sind, aus­ge­nom­men ge­setz­li­che Fei­er­ta­ge. Ei­ne Wo­che oh­ne ge­setz­li­che Fei­er­ta­ge hat so­mit sechs Werk­ta­ge und ein deut­scher Ar­beit­neh­mer dem­nach ei­nen vierwöchi­gen ge­setz­li­chen Min­des­t­ur­laubs­an­spruch, denn 24 Werk­ta­ge Ur­laub ent­spre­chen (24 : 6 =) vier Ur­laubs­wo­chen. Wer we­ni­ger als sechs Ta­ge pro Wo­che ar­bei­tet muss die­se vier Ur­laubs­wo­chen dann wie­der mit sei­nen wöchent­li­chen Ar­beits­ta­gen mul­ti­pli­zie­ren, um die An­zahl sei­ner in­di­vi­du­el­len Ur­laubs­ta­ge zu be­rech­nen. Bei ei­ner Fünf-Ta­ge-Wo­che hat man ei­nen ge­setz­li­chen Ur­laub von (4 Wo­chen x 5 Ar­beits­ta­ge =) 20 Ar­beits- bzw. Ur­laubs­ta­gen, bei ei­ner Vier-Ta­ge-Wo­che ei­nen An­spruch von (4 Wo­chen x 4 Ar­beits­ta­ge =) 16 Ar­beits- bzw. Ur­laubs­ta­gen usw.
Im Streit: Wechsel eines Tarifangestellten im öffentlichen Dienst von einer Fünftagewoche in eine Viertagewoche
Während sei­ner Voll­zeittätig­keit im Jahr 2010 nahm der Ar­beit­neh­mer kei­nen Ur­laub. Sein Ar­beit­ge­ber mein­te, ihm stünden an­ge­sichts des ta­rif­li­chen An­spruchs von 30 Ur­laubs­ta­gen bei ei­ner Fünf­ta­ge­wo­che nach sei­nem Wech­sel in die Teil­zeittätig­keit im Jahr 2010 nur 24 Ur­laubs­ta­ge zu (30 Ur­laubs­ta­ge : fünf Ar­beits­ta­ge x vier Ar­beits­ta­ge). Der Ar­beit­neh­mer mein­te da­ge­gen, ei­ne sol­che Kürzung sei­nes Ur­laubs­an­spruchs sei un­zulässig, so­dass er im Jahr 2010 An­spruch auf 27 Ur­laubs­ta­ge ha­be. Für das ers­te Halb­jahr 2010 be­an­spruch­te er die Hälf­te von 30 Ur­laubs­ta­gen, d.h. 15 Ur­laubs­ta­ge, für die zwei­te Jah­reshälf­te ver­lang­te er - auf der Grund­la­ge ei­nes re­du­zier­ten Jah­res­ur­laubs­an­spruchs von (30 : 5 x 4 =) 24 Ar­beits- bzw. Ur­laubs­ta­gen - den hal­ben Jah­res­ur­laubs­an­spruch, d.h. (24 : 2 =) 12 Ar­beits- bzw. Ur­laubs­ta­ge. Ins­ge­samt kam er so auf (15 + 12 =) 27 Ar­beits- bzw. Ur­laubs­ta­ge für 2010, von de­nen der Ar­beit­ge­ber 24 gewährt hat­te, so dass drei strei­tig blie­ben. Die­se drei Ta­ge klag­te er vor dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main mit Er­folg ein (Ur­teil vom 28.02.2012, 8 Ca 5832/11), während das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) die Kla­ge ab­wies (Ur­teil vom 30.10.2012, 13 Sa 590/12).
BAG: Eine Verringerung der Arbeitszeit darf nicht zum Wegfall bereits erworbener Urlaubstage führen
Zwar schreibt § 26 Abs.1 TVöD u.a., dass sich der für die Fünf­ta­ge­wo­che fest­ge­leg­te Er­ho­lungs­ur­laub nach ei­ner Ver­tei­lung der wöchent­li­chen Ar­beits­zeit auf we­ni­ger als fünf Ta­ge in der Wo­che ver­min­dert, so das BAG. Die Ta­rif­norm ist je­doch nach An­sicht des BAG we­gen des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung von Teil­zeit­kräften un­wirk­sam, so­weit sie da­zu führt, dass die Zahl der während der Voll­zeittätig­keit er­wor­be­nen Ur­laubs­ta­ge nach dem Wech­sel in die Teil­zeit ver­min­dert wird. An die­ser Stel­le folgt das BAG aus­drück­lich dem EuGH: Kann ein voll­zeit­beschäftig­ter Ar­beit­neh­mer, be­vor er in ei­ne Teil­zeit­ar­beit mit we­ni­ger Wo­chen­ar­beits­ta­gen wech­selt, sei­nen Ur­laub nicht (vollständig) neh­men, darf der Ar­beit­ge­ber nach der EuGH-Recht­spre­chung die be­reits er­wor­be­nen Ur­laubs­ta­ge nicht we­gen des Über­gangs in ei­ne Teil­zeit­beschäfti­gung kürzen, so das BAG. Auf­grund die­ser Recht­spre­chung kann "an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts nicht fest­ge­hal­ten wer­den", der zu­fol­ge die Ur­laubs­ta­ge in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on grundsätz­lich um­zu­rech­nen wa­ren.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.02.2015, 9 AZR 53/14 (F), Pres­se­mit­tei­lung des BAG
Bewertung: Kei­ne Ur­laubs­kür­zung bei Teil­zeit­ar­beit