Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Handbuch_Diskriminierung_Verbote_Religion_Weltanschauung.html
Timestamp: 2018-01-22 11:56:57
Document Index: 63935938

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 9', '§ 8', '§ 9', '§ 15', '§ 7']

HENSCHE Arbeitsrecht: Diskriminierungsverbote - Religion oder Weltanschauung
In­for­ma­tio­nen zum The­ma Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te - Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung: Hen­sche Rechts­an­wäl­te, Kanz­lei für Ar­beits­recht
Le­sen Sie hier, wie das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungsg­setz (AGG) Ar­beit­neh­mer vor Dis­kri­mi­nie­run­gen we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung schützt und in wel­chen Aus­nah­me­fäl­len das Ge­setz Be­nach­tei­li­gun­gen we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung er­laubt, weil sie sach­lich ge­recht­fer­tigt sind.
Im Ein­zel­nen fin­den Sie Hin­wei­se da­zu, wann ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung aus Grün­den der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung bei der Stel­len­aus­schrei­bung, bei der Be­wer­be­r­aus­wahl so­wie bei Ent­las­sun­gen vor­liegt.
Da das AGG den Schutz vor re­li­gi­ös oder welt­an­schau­lich be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­run­gen er­heb­lich ver­bes­sert hat, gibt es mitt­ler­wei­le vie­le, für Be­trof­fe­ne wich­ti­ge Ur­tei­le zu die­sem The­ma.
Was bedeutet "Religion oder Weltanschauung" im Sinne des AGG?
"Re­li­gi­on" im Sin­ne des AGG be­zeich­net Glau­bens­vor­stel­lun­gen, die sich auf ein Jen­seits be­zie­hen, d.h. auf ei­ne den Men­schen über­stei­gen­de Wirk­lich­keit. Dem­ge­genüber sind mit „Welt­an­schau­ung“ Über­zeu­gun­gen über die Stel­lung des Men­schen in der Welt ge­meint. Sie müssen nach herr­schen­der Mei­nung ähn­lich grund­le­gend und um­fas­send wie re­li­giöse Vor­stel­lun­gen sein (nur dass sie im Un­ter­schied zu ei­ner Re­li­gi­on ei­ne dies­sei­ti­ge Welt­deu­tung ent­hal­ten). Bloße po­li­ti­sche Mei­nun­gen sind da­her noch kei­ne Welt­an­schau­ung.
Der we­sent­li­che Grund für den be­son­de­ren Schutz von Beschäftig­ten vor ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ih­rer Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung be­steht in dem für den ein­zel­nen Men­schen grund­le­gen­den und zwin­gen­den Cha­rak­ter re­ligöser bzw. welt­an­schau­li­cher Über­zeu­gun­gen.
Wann sind Religion bzw. Weltanschauung unverzichtbare Tätigkeitsvoraussetzung?
Schlech­ter­stel­lun­gen von Beschäftig­ten oder Stel­len­be­wer­bern we­gen ih­rer Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung sind zwar im All­ge­mei­nen, aber nicht aus­nahms­los im­mer un­zulässig bzw. recht­lich ver­bo­ten.
Das AGG er­laubt viel­mehr in ei­ni­gen Fällen ei­ne re­li­gi­ons- bzw. welt­an­schau­ungs­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung, eben­so wie es auch in ei­ni­gen Fällen ei­ne Schlech­ter­stel­lung we­gen des Al­ters, des Ge­schlechts oder ei­ner Be­hin­de­rung zulässt. Man spricht hier von ei­ner "zulässi­gen un­ter­schied­li­chen Be­hand­lung". All­ge­mei­ne In­for­ma­tio­nen zu den nach dem AGG er­laub­ten Schlech­ter­stel­lun­gen fin­den Sie un­ter dem Stich­wort "Dis­kri­mi­nie­rung - Er­laub­te Be­nach­tei­li­gun­gen".
Un­ter Be­ru­fung auf die­se Aus­nah­me­vor­schrift kann ein Opern­haus z.B. bei der Be­set­zung ei­ner weib­li­chen Ge­sangs­rol­le männ­li­che Be­wer­ber aus­sch­ließen, oh­ne dass ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor­liegt. Und in ähn­li­cher Wei­se können auch Per­so­nen mit ei­ner "nicht pas­sen­den" Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung von be­ruf­li­chen Tätig­kei­ten aus­ge­schlos­sen wer­den, bei de­nen es eben dar­auf in be­son­de­rer Wei­se an­kommt.
BEISPIEL: Ei­ne evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che hat ei­ne Pas­to­ren­stel­le zu be­set­zen und sucht ei­nen ent­spre­chend qua­li­fi­zier­ten Be­wer­ber bzw. ei­ne ent­spre­chend qua­li­fi­zier­te Be­wer­be­rin. Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung ist un­ter an­de­rem der christ­li­che Glau­be evan­ge­li­scher Prägung. Ein Mos­lem oder Bud­dist kann da­her eben­so ab­ge­lehnt wer­den wie ein Be­wer­ber mit of­fen athe­is­ti­scher Welt­an­schau­ung. Das heißt im Er­geb­nis, dass Be­wer­ber mit ei­ner "nicht pas­sen­den" Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung bei der Stel­len­be­set­zung we­ni­ger güns­tig be­han­delt wer­den können als sol­che mit ei­ner "pas­sen­den".
Die­ses Recht zur Un­gleich­be­hand­lung wird - über die all­ge­mei­ne Vor­schrift des § 8 AGG hin­aus - noch­mals in § 9 Abs.1 AGG spe­zi­ell für Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten klar­ge­stellt.
Hier heißt es nämlich, dass "un­ge­ach­tet des § 8" ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung bei der Beschäfti­gung durch Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die ih­nen zu­ge­ord­ne­ten Ein­rich­tun­gen oh­ne Rück­sicht auf ih­re Rechts­form oder durch Ver­ei­ni­gun­gen, die sich die ge­mein­schaft­li­che Pfle­ge ei­ner Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be ma­chen, "auch zulässig" ist, wenn ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung un­ter Be­ach­tung des Selbst­verständ­nis­ses der je­wei­li­gen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft oder Ver­ei­ni­gung im Hin­blick auf ihr Selbst­be­stim­mungs­recht oder nach der Art der Tätig­keit ei­ne ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt.
Wann liegt eine Diskriminierung wegen der Religion oder Weltanschauung bei der Einstellung vor?
Hat ei­ne christ­li­che ka­ri­ta­ti­ve Ein­rich­tung ei­ne Stel­le zu be­set­zen, be­steht im­mer die Ver­su­chung, das Be­kennt­nis zum christ­li­chen Glau­ben zur Ein­stel­lungs­vor­aus­set­zung zu er­he­ben und dem­ent­spre­chend nicht- oder an­dersgläubi­ge Be­wer­ber schlech­ter zu stel­len. Hier­in kann ei­ne recht­lich un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung lie­gen, wenn die zu be­set­zen­de be­ruf­li­che Po­si­ti­on der Verkündung des christ­li­chen Glau­bens fern steht, so dass die­ser kei­ne "ge­recht­fer­tig­te be­ruf­li­che An­for­de­rung" (§ 9 Abs.1 AGG) dar­stellt.
So hat­te z.B. das Dia­ko­ni­sche Werk in Ham­burg ei­ne zeit­lich be­fris­te­te So­zi­al­ar­bei­ter­stel­le aus­ge­schrie­ben, de­ren Zweck in der bes­se­ren be­ruf­li­chen In­te­gra­ti­on von Zu­wan­de­rern be­stand ("In­te­gra­ti­ons­lot­se"). Die Stel­len­aus­schrei­bung ver­lang­te von den Be­wer­bern die Zu­gehörig­keit zu ei­ner christ­li­chen Kir­che.
Ei­ne gebürti­ge Türkin mos­le­mi­schen Glau­bens be­warb sich um die Stel­le und wur­de ab­ge­lehnt, nach­dem sie den ihr na­he­ge­leg­ten Kir­chen­bei­tritt ver­wei­ger­te. Hier­in lag nach Auf­fas­sung des Ar­beits­ge­richts Ham­burg ei­ne un­zulässi­ge re­li­gi­ons­be­ding­te Dis­kri­mi­nie­rung, so dass das Dia­ko­ni­sche Werk ei­ne Gel­dentschädi­gung gemäß § 15 Abs.2 AGG in Höhe von drei Mo­nats­gehältern zu zah­len hat­te (Ar­beits­ge­richt Ham­burg, Ur­teil vom 04.12.2007, 20 Ca 105/07 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 08/028 Wer die Mu­sik be­zahlt, be­stimmt, was ge­spielt wird).
Was ist eine Diskriminierung wegen der Religion oder Weltanschauung während des Arbeitsverhältnisses?
Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on ver­bie­tet nicht nur Be­nach­tei­li­gun­gen we­gen der Zu­gehörig­keit zu ei­ner Re­li­gi­on(sge­mein­schaft) an sich, son­dern auch Be­nach­tei­li­gun­gen, die auf die Ausübung ei­ner Re­li­gi­on zurück­zuführen sind. Das hin­ter dem Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot (auch) ste­hen­de Grund­recht auf Re­li­gi­ons­frei­heit er­laubt nämlich nicht nur das "Ha­ben", son­dern natürlich auch das Äußern und Le­ben ei­ner Re­li­gi­on.
Da­her können Ar­beit­ge­ber Ar­beit­neh­me­rin­nen mos­le­mi­schen Glau­bens im All­ge­mei­nen das Tra­gen ei­nes Kopf­tuchs nicht ver­bie­ten, da die­se Art der Be­klei­dung Teil der geschütz­ten Re­li­gi­on ist. Möglich ist al­ler­dings ein Kopf­tuch­ver­bot aus­nahms­wei­se dann, wenn ei­ne sol­che An­wei­sung durch über­wie­gen­de, mit der Art der Ar­beit oder der be­ruf­li­chen Po­si­ti­on der Ar­beit­neh­me­rin zu­sam­menhängen­de sach­li­che Gründe im Sin­ne von §§ 7, 8 AGG ge­recht­fer­tigt ist.
So kann ei­ne christ­li­che Ein­rich­tung zwar mögli­cher­wei­se nicht von ei­ner Pfle­ge­diens­t­hel­fe­rin, aber si­cher­lich von der Pfle­ge­dienst­lei­tung (PDL) ver­lan­gen, dass sie kein "mos­le­mi­sches Kopf­tuch" trägt. Darüber hin­aus können nach ei­ni­gen Länder­ge­set­zen öffent­li­che Schu­len von Lehr­kräften und So­zi­al­ar­bei­tern ver­lan­gen, dass sie - ent­spre­chend der re­li­giösen Neu­tra­lität der Schu­le - während der Dienst­zeit kein Kopf­tuch tra­gen.
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