Source: http://tarneden-inhestern.de/unterhaltsansprueche-volljaehriger-behinderter-kinder.html
Timestamp: 2018-04-19 11:45:50
Document Index: 170610302

Matched Legal Cases: ['§ 94', '§ 43', '§ 16', '§ 41', '§ 94', '§ 94', '§ 53', '§ 61', '§ 94', '§ 94', '§ 1611', '§ 1603', '§ 94']

In letzter Zeit häufen sich die Fälle, in denen Eltern volljähriger Kinder sich an mich wenden, die eine sogenannte Überleitungsanzeige nach § 94 SGB XII vom Sozialamt erhalten haben mit der Aufforderung, Auskunft zu erteilen über Einkommen und Vermögen, damit Unterhaltsansprüche beziffert werden können. Nach Auskunftserteilung fordert das Sozialamt von den Eltern dann konkrete, monatlich zu zahlende Beträge. Hintergrund ist, dass die Kinder Leistungen nach dem SGB XII beziehen, und das Sozialamt sich das insoweit gezahlte Geld wiederholen will. Die Forderungen des Sozialamtes sind meist überzogen. Nachstehende Vorschriften werden von den Sozialämtern oft nicht beachtet:
1. § 43 Abs. 2 SGB XII - Bruttoeinkommen unter 100.000 €
Zu beachten ist, dass § 16 SGB IV das Bruttoeinkommen meint. Zu beachten ist weiter, dass die 100.000 € - Grenze nur für Leistungen gilt, die der Sozialhilfeträger an den Berechtigten nach dem Vierten Kapitel des SGB XII erbringt. Leistungsberechtigt nach dem Vierten Kapitel des SGB XII ist nach § 41 SGB XII, wer das 65. Lebensjahr vollendet hat, oder wer dauerhaft voll erwerbsgemindert ist. Ein Kind ist dann nicht voll erwerbsgemindert, wenn es zwar eine volle Erwerbsminderungsrente bezieht, diese aber befristet ausgesprochen ist. Für die Unterhaltsschuldner hat das zur Folge, dass sie sich nicht auf die 100.000 € - Grenze berufen können. In derartigen Fällen sollte das Kind dazu angehalten werden, den befristeten Rentenbescheid mit dem Ziel anzugreifen, einen unbefristeten zu erhalten.
2. § 94 Abs. 2 SGB XII, pflegebedürftige oder behinderte Kinder
Ist das Kind nicht dauerhaft voll erwerbsgemindert, dann bekommt es Leistungen nach dem Dritten Kapitel des SGB XII. In diesem Fall ist einem Regress des Sozialamtes die Vorschrift des § 94 SGB XII entgegen zu halten. Die Vorschrift hat folgenden Wortlaut: "Der Anspruch einer volljährigen unterhaltsberechtigten Person, die behindert im Sinne von § 53 oder pflegebedürftig im Sinne von § 61 ist, gegenüber ihren Eltern wegen Leistungen nach dem Sechsten und Siebten Kapitel geht nur in Höhe von bis zu 26 Euro, wegen Leistungen nach dem Dritten Kapitel nur in Höhe von bis zu 20 Euro monatlich über."
3. § 94 Abs. 3 SGB XII - Unbilligkeit
Die Vorschrift des § 94 Abs. 3 SGB XII schließt einen Anspruchsübergang zugunsten des Sozialamtes aus, wenn
die unterhaltspflichtige Person Leistungsberechtigte nach dem Dritten Kapitel ist oder bei Erfüllung des Anspruchs würde oder
Die erste Variante ist weniger von Bedeutung, weil der Bezug von Leistungen nach dem SGB XII durch den Unterhaltspflichtigen in aller Regel dessen unterhaltsrechtliche Leistungsfähigkeit entfallen lässt. Eine unbillige Härte im Sinne zweiten und praktisch bedeutsameren Variante der sozialrechtlichen Überleitungsvorschrift ist anzunehmen, wenn der Unterhaltspflichtige seine Unterhaltspflichten vor Eintreten der Sozialhilfe über das zumutbare Maß hinaus erfüllt hat.
Überdies kommt auch ein Entfall der Unterhaltsverpflichtung nach bürgerlichem Recht in Frage, wenn die Verpflichtung zur Zahlung von Unterhalt unbillig erscheint. Das kann nach § 1611 BGB bei eigener Herbeiführung der Bedürftigkeit durch den Unterhaltsberechtigten der Fall sein, oder schweren Verfehlungen des Unterhaltsberechtigten zum Nachteil des Verpflichteten oder seinen Angehörigen. Gemeint sind hier einerseits Bedürftigkeit aufgrund von Alkohol - Spiel - oder Drogensucht, andererseits Straftaten gegenüber dem Unterhaltsverpflichteten. Ob durch solche Umstände eine Reduzierung oder Ausschluss einer Unterhaltsverpflichtung in Frage kommt, muss stets im Einzelfall geprüft werden.
5. § 1603 BGB, Einkommensbereinigung
Kann eine Zahlungsverpflichtung nicht vollständig aus der Welt geschafft werden, so stellt sich die Frage, ob die Zahlungsverpflichtung gemindert werden kann. Hierzu muss geschaut werden, ob das Sozialamt das unterhaltsrechtliche relevante Einkommen korrekt ermittelt hat. Meine Erfahrung zeigt, dass Fehler hier oft in der Nichtberücksichtigung von Verbindlichkeiten, Altersvorsorge und Fahrtkosten sowie den Selbstbehalten zu finden sind. Wie das unterhalsrechtliche Einkommen konkret zu bereinigen ist, wird regional unterschiedlich gehandhabt, und ist den unterhalsrechtlichen Leitlinien des Oberlandesgerichtes des jeweiligen Bezirkes zu entnehmen.
Zu beachten ist noch, dass Unterhalt regelmäßig von dem Zeitpunkt an gefordert werden, in dem die Rechtswahrungsanzeige zugeht, vgl. § 94 Abs. $ SGB XII. Zu beachten ist weiter, dass die Sozialämter den Unterhalt nicht per Bescheid gegen den Verpflichteten festsetzen können. Wird nicht freiwillig gezahlt, muss das Sozialamt den Unterhalt beim Familiengericht einklagen. Handeln auf eigene Faust kann sich nachteilig auswirken, so dass Sie bei Zugang einer Rechtswahrungsanzeige anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen sollten.