Source: https://www.anwalt.de/rechtstipps/privatscheidung-in-deutschland-nicht-anerkannt-private-divorce-not-accepted-before-german-law_152506.html
Timestamp: 2019-02-18 02:15:17
Document Index: 31159579

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art. 14', 'Art. 14']

Die Frage, ob in Deutschland Ehescheidungen privater Scharia-Gerichte im Ausland anerkannt werden, hat die Gerichte immer wieder beschäftigt – mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen.
Noch im Jahr 2013 hat der Präsident des Oberlandesgerichts München dem Antrag auf Anerkennung einer vor einem Scharia-Gericht in Syrien ausgesprochenen Ehescheidung stattgegeben. Der Beschwerde der geschiedenen Ehefrau des Antragstellers gegen diese Entscheidung half der Präsident des Oberlandesgerichts nicht ab.
Dies begründete er damit, dass die für die Frage der Anerkennung einer ausländischen Ehescheidung maßgebliche EU-Verordnung „Rom III“ auch auf Privatscheidungen anwendbar sei. Auch sei die Ehefrau zureichend an dem Scheidungsverfahren beteiligt gewesen. Sie habe die Scheidung ferner letztlich akzeptiert, da sie – wie vor dem Scharia-Gericht vereinbart – zur Abgeltung der Scheidungsfolgen 20.000 US-Dollar von Ihrem Ehemann angenommen habe.
Europäischer Gerichtshof (EuGH) – Privatscheidung wird nicht anerkannt
Das Oberlandesgericht München setzte daraufhin das Beschwerdeverfahren aus und legte die Frage der Anwendbarkeit der Rom-III-Verordnung auf Privatscheidungen in einem Vorabentscheidungsverfahren dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) vor. Dieser verneinte schließlich mit Urteil vom 20.12.2017 (Az. C-372/16) die Anwendbarkeit der Verordnung auf Privatscheidungen und somit auf private Scharia-Gerichte.
Der EuGH entschied, dass die durch eine einseitige Erklärung eines Ehegatten vor einem geistlichen Gericht bewirkte Ehescheidung nicht in den sachlichen Anwendungsbereich der Verordnung falle.
Zwar seien Privatscheidungen nicht ausdrücklich von deren Anwendungsbereich ausgenommen. Jedoch werde aufgrund mehrerer Verweisungen in der Verordnung auf das Tätigwerden eines Gerichts deutlich, dass ausschließlich Ehescheidungen vom Geltungsbereich der Verordnung umfasst seien, die entweder von einem staatlichen Gericht oder einer öffentlichen Behörde bzw. unter deren Kontrolle ausgesprochen werden.
Der Generalanwalt am EuGH, dessen Antrag der EuGH mit seiner Entscheidung gefolgt ist, hat ferner ausgeführt, dass ausländisches Recht in EU-Staaten nicht übernommen werden müsse, wenn es diskriminierend sei – so wie seiner Meinung nach im vorliegenden Fall das syrische Eherecht gegenüber der von der Scheidung betroffenen Ehefrau.
Dies bedeutet, dass eine ausländische Privatscheidung vor einem Scharia-Gericht in Deutschland also nicht (mehr) anerkannt wird – und zwar unabhängig davon, ob – wie im vorliegenden Fall das Scharia-Gericht in Syrien – das Gericht in dem Staat, in dem es seinen Sitz hat, von staatlichen Stellen anerkannt wird oder nicht. Dies ergibt sich nach Auffassung des EuGH aus der insoweit einschlägigen EU-Verordnung „Rom III“, sodass in Zukunft eine Änderung der Rechtslage nur durch eine Änderung der Verordnung durch den EU-Gesetzgeber möglich ist.
Für die Ehegatten, die sich vor einem privaten Scharia-Gericht im Ausland haben scheiden lassen und sich bisher als rechtskräftig geschieden wähnten, wird die rechtliche Situation also zunächst einmal etwas komplizierter als zuvor, da sie ein neues, in Deutschland anerkennbares Scheidungsverfahren im Ausland bzw. ein Scheidungsverfahren vor einem deutschen Gerichtdurchlaufen müssen.
Wenden sie sich an ein deutsches Gericht, stellt sich, sofern dieses zuständig ist, die Frage, welches nationale Scheidungsrecht überhaupt anwendbar ist. Denn was viele nicht wissen: Bei entsprechendem Auslandsbezug kann vor deutschen Familiengerichten durchaus ausländisches Scheidungsrecht anwendbar sein. Dies kann also beispielsweise im Fall syrischer Staatsbürger dazu führen, dass das deutsche Familiengericht, sofern es zuständig ist, möglicherweise syrisches Scheidungsrecht anwendet.
Dies gilt auch für das vorliegende Verfahren: Nach Auffassung des Oberlandesgerichts München (Beschluss vom 13.03.2018, Az. 34 WX 146/14) folgt auch in diesem Fall das Scheidungsstatut dem Ehewirkungsstatut des Art. 14 EGBGB (Einführungsgesetz BGB).
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Rechtsanwältin Vera Mueller-Lehnert
The question of whether a divorce decision of private Sharia courts are accepted abroad in Germany has been discussed repeatedly – with quite different results, until now.
In 2013 the President of the Munich Higher Regional Court upheld the application for recognition of a divorce pronounced before a Sharia court in Syria. The appeal of the divorced wife of the applicant against this decision was not remedied by the President of the Higher Regional Court.
He justified this by stating that the EU regulation "Rome III" which is relevant for the question of the recognition of a foreign divorce is also applicable to private decisions. Also, the wife had been adequately involved in the divorce proceedings. She also finally accepted the divorce because, as agreed before the Sharia Court, she accepted $ 20,000 from her husband to settle the divorce consequences.
European Court of Justice (ECJ) – Private decision not legally accepted
The Higher Regional Court in Munich subsequently suspended the appeal proceedings and referred the question of the applicability of the Rome III Regulation to private decisions in a preliminary ruling procedure to the European Court of Justice (ECJ). By decision of 20/12/2017 (case C-372/16), the latter finally rejected the applicability of the regulation to private decisions and thus to private Sharia courts.
The ECJ ruled that the divorce caused by a unilateral declaration by a spouse before a religious court did not fall within the material scope of the regulation.
It is true that private decisions are not expressly excluded from their scope. However, on the basis of several references in the regulation to intervention by a court, it is clear that only divorces are covered by the scope of the regulation, either by a state court or public authority or under its control.
The Advocate General at the ECJ whose motion was followed by the ECJ's decision further stated that foreign law should not be adopted in EU Member States if it were discriminatory – as in his view, the Syrian marriage law is incompatible with that of the divorce affected wife.
This means that a foreign private decision in a Sharia court in Germany is not (anymore) legally accepted and valid – regardless of whether – as in the present case, the Sharia court in Syria – the court in the state in which it it is handled is recognized by government agencies or not. In the opinion of the European Court of Justice this results from the relevant EU Regulation "Rome III" so that in the future a change of the legal situation is only possible through an amendment of the regulation by the EU legislation.
For the spouses who got divorced before a private Sharia court abroad and thought they were already officially divorced the legal situation is a bit more complicated than before because they have a new, in Germany admissible divorce proceedings abroad or have to go through a divorce proceedings before a German court.
If you turn to a German court the question arises as to which national divorce law is applicable at all if it has jurisdiction. For what many do not know: With a corresponding foreign reference, foreign divorce law can be applicable before German family courts. For example in the case of Syrian nationals this may result in the German family court, if it has jurisdiction, possibly applying Syrian divorce law.
This also applies to the present proceedings: In the opinion of the Higher Regional Court of Munich (decision of 13.03.2018, ref. 34 WX 146/14), the divorce statute follows the marriage statute of Art. 14 EGBGB (Introductory Act BGB).
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Attorney Vera Mueller-Lehnert
Rechtstipp aus der Themenwelt Trennung und Scheidung und den Rechtsgebieten Familienrecht, Zivilprozessrecht