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Timestamp: 2016-10-20 19:45:57
Document Index: 281376952

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 10', 'Art. 16', 'Art. 24', 'Art. 18', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 9', 'Art. 6', 'Art. 6']

U 319/06 (24.11.2006)
U 319/06
Urteil vom 24. November 2006
L.________, Beschwerdef�hrer, vertreten durch F�rsprecher Thomas Schwarz, Marktgasse 23/25,
4902 Langenthal,
(Entscheid vom 1. Juni 2006)
Der 1977 geborene L.________ arbeitete seit August 2000 als Betriebsmitarbeiter (Ofenf�hrer) bei der Firma G.________ und war somit obligatorisch bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) gegen die Folgen von Unf�llen versichert. Am 31. Januar 2003 erlitt er w�hrend der Arbeit einen Unfall, als er sich bei der Reinigung einer Maschine den rechten Vorderarm einklemmte. Dabei zog er sich mehrere Rissquetschwunden zu. In der Folge trat ein schmerzhaftes Logensyndrom auf, welches noch gleichentags operativ behandelt wurde. Am 25. April 2003 schloss der behandelnde Mediziner Dr. R.________, Facharzt f�r orthop�dische Chirurgie, die Behandlung mit der Feststellung ab, der Vorderarm habe sich fast vollst�ndig erholt; ab dem 28. April 2003 sei eine Arbeitsf�higkeit von 50 % und ab dem 5. Mai 2003 eine solche von 100 % zu erwarten. Die SUVA erbrachte f�r die Unfallfolgen Heil- und Taggeldleistungen.
Im Mai 2003 meldete sich der Versicherte nach einem Arbeitsversuch erneut arbeitsunf�hig. Vom 26. November 2003 bis 14. Januar 2004 hielt sich L.________ in der Rehaklinik B.________ auf. Im Fr�hjahr 2004 erfolgte eine mehrw�chige station�re Psychotherapie in der Privatklinik W.________. Schliesslich f�hrte der Kreisarzt Dr. I.________ am 23. Dezember 2004 eine Abschlussuntersuchung durch und sch�tzte den Integrit�tsschaden auf 5 %. Mit Verf�gung vom 24. Januar 2005 stellte die SUVA die Leistungen mit dem 15. Februar 2005 ein. Die verbliebene Leistungseinschr�nkung sei psychogener Natur und stehe nicht in rechtserheblichem Zusammenhang mit dem Unfallereignis. Demzufolge lehnte es der Unfallversicherer auch ab, eine Invalidenrente auszurichten, sprach dem Versicherten hingegen eine Integrit�tsentsch�digung von 5 % zu. Auf Einsprache hin hielt die SUVA an ihrer Beurteilung fest (Entscheid vom 6. April 2005).
L.________ liess gegen den Einspracheentscheid Beschwerde erheben und die Zusprechung einer ganzen Invalidenrente sowie eine Anpassung der Integrit�tsentsch�digung beantragen. Das Verwaltungsgericht des Kantons Bern wies die Beschwerde mit Entscheid vom 1. Juni 2006 ab.
Mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde l�sst L.________ den vorinstanzlich gestellten Antrag erneuern.
Die SUVA schliesst auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde. Das Bundesamt f�r Gesundheit verzichtet auf Vernehmlassung.
Zu pr�fen ist der Anspruch auf eine Invalidenrente der Unfallversicherung sowie auf eine Integrit�tsentsch�digung auch f�r die nichtorganischen Gesundheitssch�digungen, wie sie nach dem Unfall eingetreten sind. Der Rechtsstreit betrifft allein noch die Frage, ob die Ad�quanz des Kausalzusammenhangs zwischen dem Unfallereignis vom 31. Januar 2003 und dem nachmaligen psychischen Gesundheitsschaden gegeben sei.
Nach den zutreffenden Ausf�hrungen von Verwaltung und Vorinstanz, auf welche verwiesen werden kann, setzt die Leistungspflicht des Unfallversicherers nach Art. 6 Abs. 1 UVG voraus, dass zwischen Unfallereignis und eingetretenem Gesundheitsschaden (Krankheit, Invalidit�t, Tod) ein nat�rlicher (BGE 129 V 181 Erw. 3.1 mit Hinweisen) und ad�quater (BGE 129 V 181 Erw. 3.2, 405 Erw. 2.2, 125 V 461 Erw. 5a) Kausalzusammenhang besteht. Die Kriterien der Ad�quanzbeurteilung bei psychischen Fehlentwicklungen mit Einschr�nkung der Arbeits- und Erwerbsf�higkeit nach Unf�llen ohne Distorsion der Halswirbels�ule oder vergleichbaren K�rpereinwirkungen (BGE 115 V 133) sind ungeachtet der konkret in Betracht fallenden Leistungen (wie Heilbehandlung [Art. 10 UVG], Taggeld [Art. 16 UVG], Integrit�tsentsch�digung [Art. 24 UVG] oder Invalidenrente [Art. 18 UVG]) massgebend (BGE 127 V 102).
Der Beschwerdef�hrer l�sst im Wesentlichen geltend machen, dass die bei ihm bestehende psychische St�rung eine ad�quate Folge des versicherten Unfallereignisses sei und dass sich diese Beeintr�chtigung demzufolge bei der Bemessung des Invalidit�tsgrads und der Integrit�tsentsch�digung auswirken m�sse.
2.1 Die Vorinstanzen haben die Frage der Ad�quanz des Kausalzusammenhangs gest�tzt auf eine Pr�fung der von der Rechtsprechung entwickelten Kriterien (vgl. dazu BGE 115 V 140 Erw. 6c) verneint. Dabei haben sie den Unfall aufgrund des tats�chlichen Geschehensablaufs zu Recht als mittelschwer eingestuft (zur Kasuistik vgl. etwa RKUV 2005 Nr. U 555 S. 324 Erw. 3.4, 1999 Nr. U 330 S. 122 Erw. 4b/bb). Im �brigen kommt die Rechtsprechung zur Beurteilung des ad�quaten Kausalzusammenhangs bei psychischer Sch�digung nach Schreckereignissen (BGE 129 V 177) nicht zur Anwendung; diese ist denjenigen F�llen vorbehalten, in denen kein eigentlicher Unfall - in Gestalt einer unmittelbaren Einwirkung auf den K�rper der versicherten Person - geschehen ist.
2.2 In Anwendung der von der Rechtsprechung entwickelten Kriterien (vgl. den Verweis in Erw. 1 hievor) ergibt sich Folgendes:
2.2.1 F�r die Beantwortung der Frage, ob der Unfall besonders dramatische Begleitumst�nde oder eine besondere Eindr�cklichkeit aufwies, ist - im Hinblick auf die Gebote der Rechtssicherheit und der rechtsgleichen Behandlung der Versicherten - nicht auf das subjektive Erleben abzustellen, sondern auf die objektive Eignung der Umst�nde, bei den Betroffenen psychische Beeintr�chtigungen auszul�sen (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc).
2.2.1.1 In formeller Hinsicht r�gt der Beschwerdef�hrer in diesem Zusammenhang, die Vorinstanz habe die "einseitige Darstellung der SUVA betreffend den Unfallhergang" �bernommen und es unterlassen, ein eigenes Beweisverfahren durchzuf�hren. Somit habe sie gegen das Willk�rverbot (Art. 9 BV) und gegen Art. 6 EMRK verstossen. Der Beschwerdef�hrer hat indes nicht stichhaltig dargelegt, inwiefern das Willk�rverbot und Art. 6 EMRK verletzt sein sollten. Auch aus den Akten ergeben sich diesbez�glich keine Anhaltspunkte.
2.2.1.2 Die Darstellungen der Parteien �ber den Unfallhergang bzw. dessen Begleitumst�nde und die daraus abzuleitende Eindr�cklichkeit des Geschehens gehen stark auseinander. Die in den Akten dokumentierten Erhebungen vor Ort ergeben diesbez�glich kein eindeutiges Bild. Eine abschliessende Rekonstruktion des Ablaufs ist allerdings entbehrlich. Wenn sich das Unfallgeschehen nicht mehr genau nachzeichnen l�sst, kann dessen grunds�tzlicher Schweregrad anhand der erlittenen Verletzungen erfasst werden, also nicht wie sonst �blich anhand des Unfallgeschehens (nicht ver�ffentlichtes Urteil S. vom 31. Dezember 1991, U 7/89, Erw. 5a). �hnlich verh�lt es sich mit der Grundlage f�r der Einsch�tzung der Eindr�cklichkeit sowie der Dramatik der Begleitumst�nde. Einerseits ist die unmittelbare Lebensbedrohlichkeit des Vorgangs an sich aufgrund der Art der erlittenen Verletzungen (mehrere Rissquetschwunden im Bereich des rechten Vorderarms, aber keine oss�ren L�sionen) zu verneinen (vgl. etwa auch das nicht ver�ffentlichte Urteil E. vom 23. Februar 1999, U 133/98, Erw. 3d). Anderseits ist die geltend gemachte Gefahr einer Verbrennung und Abtrennung des eingeklemmten Arms (im Falle eines nicht rechtzeitigen Abschaltens der Maschine) sicherlich geeignet, beim Betroffenen zun�chst einen Schockzustand hervorzurufen. Dass damit auch eine nachhaltige psychische Traumatisierung verbunden war, kann indes nach Lage der Akten nicht angenommen werden: In den �rztlichen Berichten ist vorerst nur von einem postoperativ guten Heilungsverlauf die Rede (Schreiben des Orthop�den Dr. R.________ vom 25. April 2003). Belastungsabh�ngige Schmerzen f�hrten zwar bald wieder zu einer Arbeitsunf�higkeit (Schreiben desselben Arztes vom 14. Mai 2003). Doch erst f�r die Zeit ab Ende Juni 2003 ist eine "posttraumatische Symptombildung" ausgewiesen (Berichte der Psychologin I.________ vom 13. August 2003 und vom 27. Februar 2004; vgl. auch den Bericht des Kreisarztes vom 24. Juli 2003). W�ren das Ereignis und seine Begleitumst�nde objektiv geeignet gewesen, origin�r traumatisch bedingte psychische Beschwerden auszul�sen, so m�sste eine psychologische oder psychiatrische Betreuungsbed�rftigkeit schon f�r einen fr�heren Zeitpunkt ausgewiesen sein. An dieser Feststellung �ndert auch der Umstand nichts, dass psychische Symptome nach einem Unfall h�ufig erst mit einiger Verz�gerung ("Latenz") auftreten. Eine solche ergibt sich typischerweise aus einer zeitlich beschr�nkten Kompensation bzw. Verdr�ngung von bleibenden k�rperlichen Unfallfolgen. Nach einer medizinischen Lehrmeinung beginnt mitunter erst, wenn nach einer mehr oder weniger langen Zeit die Beschwerden persistieren und die Unfallfolgen ihrerseits Konsequenzen zeigen (z.B. Einbusse der Leistungsf�higkeit), eine versp�tete Auseinandersetzung mit dem Ereignis und seinen Folgen, die, wenn sie nicht regelrecht abl�uft, in psychiatrische Krankheitsbilder m�nden kann (J�rg Haefliger/Ulrich Schnyder, Zum Ph�nomen der Latenz in der Psychotraumatologie, unter spezieller Ber�cksichtigung des Unfalltraumas, in: SZS 41/1997, S. 290 f.). Nach dieser Darstellung liegt der Latenz eine Psychodynamik zugrunde, aufgrund welcher erst nach Wegfall von gewissermassen ablenkenden Umst�nden eine tats�chliche Konfrontation mit gravierenden Unfallfolgen stattfindet. Demgegen�ber ist die Eindr�cklichkeit eines gl�cklicherweise noch rechtzeitig abgewendeten betr�chtlich schwereren Verlaufs des Unfalls von Beginn weg manifest; auf sie passt die medizinische Erkl�rung f�r die Latenz demgem�ss nicht.
2.2.2 Bez�glich der Schwere und der besonderen Art der erlittenen Verletzungen ist festzuhalten, dass die Quetschungen am Vorderarm durch einen operativen Eingriff erfolgreich behandelt werden konnten. Auch der postoperative Verlauf an sich war wie erw�hnt komplikationslos. F�r sich allein betrachtet erscheinen die organischen Verletzungen demzufolge nicht geeignet, eine psychische Fehlentwicklung herbeizuf�hren.
2.2.3 Ebensowenig kann von einer langen Dauer der �rztlichen Behandlung oder der Arbeitsunf�higkeit aus k�rperlichen Gr�nden ausgegangen werden. Dr. R.________ stellte bereits zw�lf Wochen nach der Operation eine fast vollst�ndige Erholung des Vorderarms fest. Ab dem 28. April 2003 bestehe eine Arbeitsf�higkeit von 50 % und ab dem 5. Mai 2003 eine solche von 100 % (Bericht vom 25. April 2003). Nach einem R�ckfall, bei dem der Beschwerdef�hrer ab dem 8. Mai 2003 wieder vollst�ndig arbeitsunf�hig wurde, folgten weitere Untersuchungen. Die neurologische Abkl�rung durch den Neurologen Dr. G.________ f�rderte keine sicheren motorischen Defizite zutage (Bericht vom 5. Juni 2003). Ein �hnliches Bild ergab die kreis�rztliche Untersuchung vom 18. September 2003. Dabei kam Dr. I.________ zum Schluss, der Verlauf nach der schweren Armverletzung sei "sehr g�nstig". Am 23. September 2003 hob Dr. G.________ hervor, aus neurologischer Sicht sei eine Arbeitsf�higkeit von 100 % zu postulieren.
Derweil sind die gesundheitlichen Beschwerden, welche die Behandlungsdauer verl�ngerten, vorwiegend psychischer Natur und k�nnen als solche nicht in die Ad�quanzbeurteilung einbezogen werden: In Konsilien vom 8. und 15. Januar 2004 hielt der leitende Arzt der Psychosomatik an der Rehaklink B.________, Dr. K.________, fest, dass sich beim Versicherten eine Pers�nlichkeitsst�rung mit Selbstwertproblematik, unreifen Z�gen und allenfalls histrionischem Agieren abzeichne. Den Schweregrad einer dar�ber hinaus bestehenden psychotraumatischen St�rung sch�tzte er jedoch als eher gering ein. Ebenso ergab die kreis�rztliche Abschlussuntersuchung vom 23. Dezember 2004 eine im Vordergrund stehende psychische Problematik, bestehend aus Angstst�rung, Nervosit�t, sozialem R�ckzug und Vermeidensverhalten.
2.2.4 Wie es sich mit dem vorinstanzlich ebenfalls verneinten Kriterium k�rperlicher Dauerschmerzen verh�lt, bedarf keiner abschliessenden Pr�fung. Denn auch die Erf�llung (allein) dieses Kriteriums reichte praxisgem�ss nicht aus, um dem Unfall vom 31. Januar 2003 eine ad�quanzrechtlich massgebende Bedeutung f�r die Arbeits- und Erwerbsf�higkeit des Beschwerdef�hrers zuzuschreiben. Auch sind weitere unfallbezogene Umst�nde, welche erfahrungsgem�ss eine psychische Fehlreaktion beg�nstigen k�nnten, nicht ersichtlich.
2.3 Nach dem Gesagten ist der ad�quate Kausalzusammenhang zwischen dem versicherten Unfall und den danach eingetretenen Beschwerden zu verneinen. Der Entscheid der Vorinstanzen, die psychischen Leiden bei der Bemessung der Invalidit�t und des Integrit�tsschadens nicht zu ber�cksichtigen, ist mithin zu best�tigen.
Luzern, 24. November 2006