Source: https://myk.bund-rlp.de/themen-projekte/lebendige-gewaesser/
Timestamp: 2019-06-18 13:26:29
Document Index: 285596662

Matched Legal Cases: ['§ 38', '§7', '§7', '§7', '§7', '§7']

Auch zu den Gewässern 3. Ordnung gelten 5 m Mindestabstand nach Bundes Wasserhaushaltsgesetz (WHG) § 38 Gewässerrandstreifen. Foto: Gavin Grosvenor 2018
Der BUND Mayen-Koblenz ruft alle Bauern & Landwirte auf,
freiwillig zum Wohle aller hier lebenden Wesen die Mindestabstände zu Flüssen, Bächen, Wasserläufen, Sumpfzonen und Quellen einzuhalten.
Auch bei Wegen, Feldwegen und Straßen gelten wichtige Mindestabstände zum Wohle unserer Natur und Artenvielfalt.
Die ökologische Rolle unserer Fließgewässer
Feuersalamander, Salamandra salamandra terrestris, 5.4.2018, Schutzstatus: BNatSchG §7EG-VO 338/97: besonders geschützt! Er braucht zum Überleben sehr saubere und kühle Quellbäche, Quelltümpel und quellwassergespeiste Kleingewässer im Schutz von Laubgehölzen. Foto: Gavin Grosvenor
Fließende Gewässer sind die Lebensadern unserer Natur. Sie besitzen seit alters her das Potential auch das artenreichste Lebensmilieu zu sein. Durch unser menschliches Verschulden zählen sie nunmehr zu den am stärksten bedrohten Umweltbereichen in Deutschland. Flüsse und Bäche bilden individuell geprägte Kleinlebensräume. Sie schaffen Artenkorridore und vernetzen Lebensräume und Landschaften miteinander. Sauberes Wasser ist für alle Lebewesen essentiell und eines unserer kostbarsten Ressourcen. Die biotoptypischen Lebensgemeinschaften aus Tier- und Pflanzenwelt sind in erster Linie abhängig von der Wasserqualität. Dazu kommt die wichtige Rolle des Struktur- und Substratreichtums der Gewässer, die das Vorhandensein typischer Ufervegetationen auf extensiven oder ungenutzte Uferstreifen und Bachauenbereichen ermöglichen. Des Weiteren spielt auch die Fließgeschwindigkeit eine Rolle, die besonders durch Mäander, Bodenmulden, Kiesbänke und Steine beeinflusst wird. Die klimatischen Bedingungen werden durch die Vegetation am Ufer und im Gewässer und durch seine gesamte Strukturierung stark beeinflusst. Abschnittsweise wechseln so die Licht- und Temperaturverhältnisse in Fließgewässern. Einzelne Lebensgemeinschaften bekommen individuelle Vorteile. Das begünstigt insgesamt den Artenreichtum.
Der tatsächliche Zustand unserer Flüsse und Bäche
Auf den landwirtschaftlichen Flächen in Mayen-Koblenz sehen viele Bäche ähnlich aus. Stark begradigt und wie so oft werden die gesetzlich vorgeschriebenen 5 m Mindestabstand zu Fließgewässern von den Landwirten nicht eingehalten. Keine Gehölzrandstreifen oder Sukzessionsgesellschaften. Das Wasser stark eutrophiert und somit für Fische und andere Wasserlebewesen nahezu unbewohnbar. Foto: 25.3.2018
Mit der europäischen Wasserrahmenrichtlinie (2000/60/EG) wurde eine umfassende Bewertung des ökologischen Zustandes der Flüsse und Bäche eingeführt. Demnach sollten die Bundesländer eigene Bewirtschaftungspläne erstellen, in denen Maßnahmen zur Verbesserung der Gewässerqualität festgelegt werden sollten. Der ökologische Zustand ergibt sich aus dem Vergleich der im Wasser lebenden Organismen mit dem Bestand, der natürlicherweise dort vorhanden sein sollte. In Deutschland sind 9000 sogenannte Flusswasserkörper (definierte Gewässer Abschnitte) registriert. Nach EU Kriterien sind davon nur noch 0,1 % in einem sehr guten Zustand und 6,6% in einem guten Zustand. In den übrigen 93,3 % unserer Oberflächengewässer gibt es Probleme. Dort kann man die lebensraumtypischen Fische, Kleintiere, Wasserorganismen und auch Pflanzen nicht mehr auffinden. Allein in RLP gibt es bei mindestens 70% aller Fließgewässer noch erheblichen Handlungsbedarf um einen guten ökologischen Zustand zu erreichen. Siehe WRRL – Rheinland-Pfalz auf dem Weg Bis zum Jahr 2015 sollten zu 100% alle Flüsse mindestens in einem "guten ökologischen Zustand" sein. Dieses Ziel wurde sehr deutlich verfehlt. Es ist dringend erforderlich, dass wir spätestens bis 2027 die Ziele der EG-WRRL (Wasserrahmenrichtlinie) erreichen! Dazu sind robuste Gesetze und Erlasse zur Durchführung notwendig. Der Fortschritt der Maßnahmen um 12,5% p.a. ab 1.1.2019 muss jährlich evaluiert werden. Zu langsame Sanierung muss zur Verschärfung der Vorschriften und zu Konsequenzen führen. Ein schnelleres Tempo sollte belohnt werden.
Einer von vielen verschmutzten Bächen im Landkreis Mayen-Koblenz. Foto: März 2018. Starkes Algenwachstum ist ein Hinweis auf zu hohe Düngemittelgehalte. Das Toilettenpapier zeigt, das der Bach als Überlauf einer Kanalisation genutzt wird. Wasserproben ergaben abgestorbene Abwasserpilze, tote Fadenalgen, Schmieralgen, sauerstoffarmes Wasser, schlechter Kanal- und Waschmittelgeruch.
Auch nach eigener Einschätzung unserer Bundesregierung sind fast alle unsere Oberflächengewässer in keinem guten Zustand mehr. Nach Anfrage der GRÜNEN gab die Bundesregierung zu, dass 79% durch Ausbau "in ihrer Struktur deutlich bis vollständig verändert" seien. Viele deutsche Medien und auch das ZDF berichteten am 2.4.2018, dass unsere Gewässer und Auen stark bedrohte Lebensräume sind und dass der ökologische Zustand große Sorge bereitet. Auch der WWF bestätigt, dass bei mehr als 90% der deutschen Fließgewässer die gesteckten Ziele der Wasserrahmenrichtlinie nicht erfüllt wurden. Das Umweltbundesamt führt die häufigsten Ursachen dafür, dass ein „guter ökologischer Zustand“ der Fließgewässer in Deutschland nicht erreicht wird, auf folgende Faktoren zurück:
• Zu hohe, meist aus der Landwirtschaft stammende Belastungen durch Nährstoffe, Feinsedimenteinträge und Pestizide
• Hydromorphologische Degradation der Gewässer durch Verbauung, Begradigung und Unterbrechung
Auch unser Landkreis Mayen-Koblenz hat in dieser Hinsicht noch eine große Verantwortung und Aufgabe vor sich. Hier spielt im Augenblick die Einsicht bei vielen Verantwortlichen, dass dieses Problem tatsächlich existiert, eine große Rolle. Statt Gewohnheiten zu verteidigen, muss in Offenheit ein Gespür für die Fakten in das menschliche Gedankengebäude Einzug halten. Der beste Zeitpunkt etwas für unsere Gewässer zu tun war gestern. Der zweitbeste Zeitpunkt ist heute!
Maßnahmen zur Renaturierung und Verbesserung der Gewässerqualität
Lebendige Gewässer sind abwechslungsreich und sauber. Sie beherbergen viele Arten und sie haben zugleich einen hohen Erholungswert für uns Menschen. Auch der Tourismus profitiert davon. Foto Martina Grosvenor 2017
Was kann man konkret tun, um den ökologischen Zustand unserer Fließgewässer zu verbessern? Das Zauberwort heißt Renaturierung. Unter Renaturierung versteht man die Rückführung eines Ökosystems in einen Zustand, der mit dem Zustand vor der anthropogenen Störung vergleichbar ist und der gemäß der EU Wasserrahmenrichtlinie mindestens dem "guten ökologischen Zustand" entspricht! Viele einzelne individuell angepasste Entwicklungsschritte sind dazu notwendig, von denen die folgenden Themen nur einen groben Überblick geben.
Entgradigung
Fließgewässer Renaturierung und Verbesserungen bedeutet Entgradigung. Entgradigung bedeutet Entschleunigung. Man schafft naturtypische Nischen und Auen mit kleinräumig wechselnden Strömungsverhältnissen, in denen angepasste Lebewesen Zuflucht und Versteckmöglichkeiten finden. Betonrinnen und Rohre müssen dringend entfernt werden, weil sie den Bodenkontakt und den Bodenaustausch verhindern, die Fließgeschwindigkeit beschleunigen und den Wasserlebewesen keine Nischenlebensräume bieten. Bäche brauchen Platz. Sie sind sehr dynamisch und verändern sich in Form und Geschwindigkeit je nach Wassermenge und Jahreszeit. Deshalb ist die Respektierung der Gewässerrandstreifen auch so wichtig! Je verschlungener ein Fließgewässer, je mehr Windungen, Seitenarme, je langsamer es dadurch fließt, je mehr Vertiefungen es aufweist, desto mehr verschiedene Lebensräume können für die Artenvielfalt entstehen.
Erdkröte, Bufo Bufo, bei der Eiablage unter Wasser, Sevenich 3.4.2018, Schutzstatus: Rote Liste gefährdeter Arten V (RLP), BNatSchG §7EG-VO 338/97: besonders geschützt, Arten dürfen nicht gefangen, verletzt oder getötet werden! Foto: G. Grosvenor
Gewässerabwärts renaturieren
Bei Renaturierungs-Maßnahmen sollte man an den Quellbereichen beginnen und von dort Bachabwärts / Flussabwärts fortführen, da von hier aus die Wasserqualität und die Belebung aller nachfolgend tiefer liegenden Zonen mit beeinflusst werden.
Eigendynamische Weiterentwicklung
Wenn die Grundvoraussetzungen für eine Renaturierung geschaffen worden sind, ist die eigendynamische Weiterentwicklung des Gewässerbettes zu bevorzugen. Dazu kann man im Vorfeld eine Uferbefestigung entfernen oder zumindest lokal öffnen.
Gehölzrandstreifen
Uferstreifen mit Gehölzen und Sukzessionsgesellschaften sind insbesondere in landwirtschaftlich intensiv genutzten Bereichen enorm wichtig und müssen ausgebaut werden. Intensivbewirtschaftung, Entwässerung und Flurbereinigung haben den Fließgewässern im wahrsten Sinne des Wortes "jahrelang das Wasser abgegraben". Dies gilt es rückgängig zu machen. Gehölzrandstreifen sind wichtige Lebensräume für viele Arten. Sie helfen überdies Gefahrstoffeinträge aus der Umgebung abzuschirmen und zu verringern.
Feuersalamander, Salamandra salamandra terrestris, auf Partnersuche am 5.4.2018, Schutzstatus: BNatSchG §7EG-VO 338/97: besonders geschützt! Feuersalamander sind durch Begradigung von Bächen und durch die Verschmutzung ihrer Fortpflanzungsgewässer sehr gefährdet. Foto: G. Grosvenor
Wasserspeicher wie Sümpfe, Moore, Feuchtwiesen, Bruchwälder und Auen sind wichtige Ergänzungen. Jede Art von Wassereinzugsgebiet und Überschwemmungszone hat einen nicht zu unterschätzenden, großen Einfluss auf Wassermenge, Qualität, Artenreichtum, die ökologische Stabilität und die horizontale Vernetzung der Artenkorridore. Daher müssen sie in jegliche Renaturierungs-Maßnahmen mit einbezogen werden.
Gewässerkontinuum
Bauliche Unterbrechungen, wie Wehre und menschengemachte Stürze gilt es zu entfernen oder zumindest stark abzumildern, damit Fische und andere Wasserlebewesen ihr natürliches Wanderverhalten ausüben können.
Abwässer und Schadstoffe
Ungeklärte Abwässer und Schadstoffe aus intensiv bewirtschafteten Flächen dürfen auf keinen Fall in die Gewässer geleitet werden. Maßnahmen zur Verbesserung der Wasserqualität dienen gleichzeitig dem Naturschutz und dem Artenschutz. Auch hier ist das oberste Gebot mit Gülle, Düngern aller Art, Pestiziden und Herbiziden großen Abstand zu den Gewässern einzuhalten. Wichtig ist es beim Bewirtschaften von landwirtschaftlichen Flächen wenigstens auf die Mindestabstände von 5 Meter zu Fließgewässern zu achten. Der Gewässer-Eintrag von Schadstoffen aller Art muss gesetzlich stärker geahndet werden. Klarere, eindeutige und vereinfachte Regelungen, die bei Missachtung harte Strafen zur Folge haben, sind zum Schutz unserer Gewässer und den darin lebenden Wesen unverzichtbar.
Bachforelle, Salmo trutta fario, am 5.9.2016, Foto: Andreas Frey
Quad- & Endurofahrten nicht in Gewässern und deren Randbereichen!
Große Schäden entstehen durch Quad- und Endurofahrten in Bächen, auf Wanderwegen und Traumpfaden. Mit teils wettbewerbstauglichen Maschinen haben Spaßfahrer wiederholt die fragilen Lebensräume rund um die Bäche regelrecht durchpflügt. Wie vielfältig die störende Einflüsse der Menschen für Gewässer ausfallen kann, wird aus einer Meldung über Quadfahrer deutlich. Der Mayen-Koblenzer Gewässer-Experte Andreas Frey machte die VG Maifeld und die Presse auf die erheblichen Probleme durch illegale Quad- und Endurofahrten an den Bachläufen von Elztal und Pommernbach aufmerksam. Er schreibt dazu: "Gerade in den flachen Uferbereichen und Kiesbetten, die bevorzugt durchfahren werden, findet sich die größte Artenvielfalt. Unter jedem Stein sitzt eine Mühlkoppe, Fisch des Jahres 1989 und 2006. Im Lückensystem der Kiesbänke entwickelt sich von November bis in den April hinein die Brut der Bachforelle. Von Februar bis April laicht die Mühlkoppe, die ihre Eier unter größere flache Steine klebt und bewacht. Wenn die ersten Bachforellenbrütlinge schwimmfähig werden, laicht die Äsche.
Quadfahrer Konvoi, abseits der legalen Straßen, im Wallerbachtal im Maifeld. Mit hohem Tempo und großem Lärm auf Kosten der letzten Rückzugsorte für viele empfindliche Tiere und Pflanzen, Foto: Karl Zuckmann 22.4.2018.
Adulte Mühlkoppe, Cottus gobio, Fisch des Jahres 1989 & 2006, Foto Andreas Frey 17.11.2017
Auch Jungfischschwärme der Elritzen und Döbel halten sich bis zum Sommer dort auf, wo fast ganzjährig die Enduros und Quads durchfahren, unzählige Insektenlarven, Kleinkrebse und Edelkrebse überfahren und den Fischen keine Chance zur Flucht geben. Zudem beschädigen die rücksichtslosen Motorsportler Brücken und Stege im Bereich der Elz, die kostenaufwendig errichtet und in vielen Fällen auch ehrenamtlich unterhalten werden. Es handelt sich hier um Sachbeschädigungen und Umweltschadensdelikte. Das kann und darf nicht hingenommen werden, zumal dadurch auch die vielen anständigen Motorsportler in Verruf kommen. Die Bevölkerung wurde durch Pressemeldungen im Frühjahr 2018 aufgefordert jeden nicht legitimierten Enduro- oder Quad-Fahrer anzuzeigen, der in und an den Bächen, auf den Wald- und Forstwegen oder auf Wanderwegen angetroffen wird. Die betroffenen Fahrer können mit recht hohen Strafen rechnen.
Hilfreich wäre, wenn die Kreise spezielle Gelände für diese Sportarten ausweisen und unterstützen würden. Geeignet sind z.B. Teilbereiche von Konversionsgebieten. Zusammen mit Naturschutzverbänden sollten die Sportverbände der Geländesportarten Gebiete für die Ausübung definieren. Motorsport in Naturräumen führt immer zu Zerstörung von Fauna & Flora sowie zu Bodenerosion.
Eines der vielen zarten und empfindlichen Lebewesen die wir vor anthropogenen Eingriffen beschützen müssen. Grasfrosch, Rana temporaria, Schutzstatus: Rote Liste gefährdeter Arten V (RLP), BNatSchG §7EG-VO 338/97: besonders geschützt, FFH Richtlinie Anh. V, auf Sevenicher Feuchtwiesen neben dem Wallerbach, am 12.3.2018. Foto: G. Grosvenor
Wasserfrosch, Rana esculenta, Niederheimersbach bei Kobern-Gondorf, Schutzstatus: BNatSchG §7EG-VO 338/97: besonders geschützt, FFH Richtlinie Anh. V, Foto: Andreas Frey 15.6.2017