Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-ebay-auktion-und-das-grobe-missverhaeltnis-zwischen-leistung-und-gegenleistung-389648
Timestamp: 2019-11-17 03:16:57
Document Index: 285275706

Matched Legal Cases: ['§ 437', '§ 280', '§ 281', '§ 119', '§ 138', '§ 138', '§ 242', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 242']

Die eBay-Auk­ti­on – und das gro­be Miss­ver­hält­nis zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung | Rechtslupe
Zur Wirk­sam­keit eines im Wege der Inter­net­auk­ti­on ("eBay") abge­schlos­se­nen Kauf­ver­tra­ges, bei dem ein gro­bes Miss­ver­hält­nis zwi­schen Leis­tung und Gegen­leis­tung besteht hat der Bun­des­ge­richts­hof erneut 1 Stel­lung genom­men. Anlass hier­für gabe dem Bun­des­ge­richts­hof eine abge­bro­che­ne Gebraucht­wa­gen-Auk­ti­on:
Der Ver­käu­fer stell­te einen gebrauch­ten VW Pas­sat für zehn Tage zur Inter­net­auk­ti­on bei eBay mit einem Start­preis von 1 € ein. Der Käu­fer nahm das Ange­bot weni­ge Minu­ten spä­ter an, wobei er ein Maxi­mal­ge­bot von 555, 55 € fest­leg­te. Nach rund sie­ben Stun­den brach der Beklag­te die Auk­ti­on ab. Zu die­ser Zeit war der Käu­fer der ein­zi­ge Bie­ter. Auf des­sen Nach­fra­ge teil­te der Ver­käu­fer mit, dass er einen Käu­fer außer­halb der Auk­ti­on gefun­den habe. Der Käu­fer nimmt den Ver­käu­fer dar­auf­hin auf Scha­dens­er­satz in Höhe von 5.249 € mit der Behaup­tung in Anspruch, dass das Fahr­zeug 5.250 € wert gewe­sen sei.
Die Kla­ge hat­te vor dem erst­in­stanz­lich hier­mit befass­ten Land­ge­richt Mühl­hau­sen dem Grun­de nach Erfolg 2, das Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richt hat die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung des Ver­käu­fer zurück­ge­wie­sen 3. Und auch der Bun­des­ge­richts­hof wies nun die Revi­si­on des Ver­käu­fer zurück:
Wie schon die Vor­in­stan­zen bejah­te der Bun­des­ge­richts­hof dem Grun­de nach einen Anspruch des Käu­fers auf Scha­dens­er­satz statt der Leis­tung gemäß § 437 Nr. 3, § 280 Abs. 1, 3, § 281 Abs. 1 BGB.
Zwi­schen den Par­tei­en ist ein Kauf­ver­trag über das Fahr­zeug zustan­de gekom­men. Der Ver­käu­fer hat die Inter­net­auk­ti­on ohne berech­tig­ten Grund vor­zei­tig abge­bro­chen und war auch nicht zur Anfech­tung sei­nes Ange­bots wegen Irr­tums nach §§ 119 ff. BGB berech­tigt.
Der Scha­dens­er­satz­an­spruch schei­tert auch nicht dar­an, dass der mit dem Ver­käu­fer geschlos­se­ne Kauf­ver­trag als wucher­ähn­li­ches Rechts­ge­schäft wegen Sit­ten­wid­rig­keit nich­tig wäre (§ 138 Abs. 1 BGB). Bei einer Inter­net­auk­ti­on recht­fer­tigt ein gro­bes Miss­ver­hält­nis zwi­schen dem Maxi­mal­ge­bot eines Bie­ters und dem (ange­nom­me­nen) Wert des Ver­stei­ge­rungs­ob­jekts nicht ohne Wei­te­res den Schluss auf eine ver­werf­li­che Gesin­nung des Bie­ters im Sin­ne von § 138 Abs. 1 BGB. Es bedarf viel­mehr zusätz­li­cher – zu einem etwai­gen Miss­ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung hin­zu­tre­ten­der – Umstän­de, aus denen bei einem Ver­trags­schluss im Rah­men einer Inter­net­auk­ti­on auf eine ver­werf­li­che Gesin­nung des Bie­ters geschlos­sen wer­den kann 4.
Sol­che Umstän­de wur­den vor­lie­gend aber gera­de nicht fest­ge­stellt. Auch kann aus der Begren­zung des Gebots auf 555, 55 € nicht auf eine Sit­ten­wid­rig­keit geschlos­sen wer­den, da der Käu­fer nicht bereit gewe­sen sei, einen auch nur annä­hernd dem Markt­preis ent­spre­chen­den Preis zu bie­ten, abge­se­hen davon, dass sich für den Bun­des­ge­richts­hof nicht erschließt, wes­halb ein (Höchst)Gebot unter­halb des Mark­prei­ses sitt­lich zu miss­bil­li­gen sein soll. Gibt der Bie­ter ein Maxi­mal­ge­bot ab, ist er nicht gehal­ten, die­ses am mut­maß­li­chen Markt­wert aus­zu­rich­ten. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, macht es gera­de den Reiz einer Inter­net­auk­ti­on aus, den Auk­ti­ons­ge­gen­stand zu einem "Schnäpp­chen­preis" zu erwer­ben, wäh­rend umkehrt der Ver­äu­ße­rer die Chan­ce wahr­nimmt, durch den Mecha­nis­mus des Über­bie­tens einen für ihn vor­teil­haf­ten Preis zu erzie­len 5.
Der Ver­käu­fer kann dem Käu­fer auch nicht den Ein­wand des Rechts­miss­brauchs (§ 242 BGB) ent­ge­gen­hal­ten. Die Annah­me eines Rechts­miss­brauchs erfor­dert eine sorg­fäl­ti­ge und umfas­sen­de Prü­fung aller maß­geb­li­chen Umstän­de des Ein­zel­fal­les und muss auf beson­de­re Aus­nah­me­fäl­le beschränkt blei­ben 6. Einen sol­chen Fall ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof vor­lie­gend.
Die Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz 7, der Käu­fer sei nicht schutz­wür­dig, weil er von dem nicht zu erwar­ten­den vor­zei­ti­gen Abbruch der Auk­ti­on pro­fi­tie­ren wol­le und nicht damit rech­nen kön­ne, den Kauf­ge­gen­stand bei Fort­gang der Auk­ti­on tat­säch­lich zu dem gerin­gen Gebot zu erwer­ben, ist im Schrift­tum zu Recht auf Ableh­nung gesto­ßen 8. Auch die Recht­spre­chung der Instanz­ge­rich­te hat in ähn­li­chen Fall­ge­stal­tun­gen kei­ne unzu­läs­si­ge Rechts­aus­übung durch den Käu­fer ange­nom­men 9. Denn es ist der Ver­käu­fer, der das Risi­ko eines für ihn ungüns­ti­gen Auk­ti­ons­ver­laufs durch die Wahl eines nied­ri­gen Start­prei­ses unter­halb des Markt­werts ohne Ein­rich­tung eines Min­dest­prei­ses ein­ge­gan­gen ist 10. Zudem hat der Ver­käu­fer in der hier gege­be­nen Fall­ge­stal­tung durch sei­nen frei­en Ent­schluss zum nicht gerecht­fer­tig­ten Abbruch der Auk­ti­on die Ursa­che dafür gesetzt, dass sich das Risi­ko ver­wirk­licht.
Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 28.03.2012 – VIII ZR 244/​10, NJW 2012, 2723[↩]
BGH, Urteil vom 28.03.2012 – VIII ZR 244/​10, NJW 2012, 2723 Rn.20 f.[↩]
BGH, Urteil vom 28.03.2012 – VIII ZR 244/​10, aaO[↩]
BGH, Urtei­le vom 27.04.1977 – IV ZR 143/​76, BGHZ 68, 299, 304; vom 07.01.1971 – II ZR 23/​70, BGHZ 55, 274, 279 f.[↩]
OLG Koblenz, Hin­weis­be­schluss vom 03.06.2009 – 5 U 429/​09, MMR 2009, 630; eben­so bereits die Vor­in­stanz: LG Koblenz, NJW 2010, 159, 160 f.; sie­he auch AG Die­burg, Urteil vom 04.07.2011 – 20 C 65/​11[↩]
Oechs­ler, Jura 2012, 497, 500; Här­ting, Inter­net­recht, 5. Aufl., Rn. 546; Wenn, juris­PR-ITR 16/​2009 Anm. 4; Höh­ne, juris­PR-ITR 9/​2009 Anm. 5; sie­he auch Beck­OK BGB/​Sutschet, Stand: 1.08.2014, § 242 Rn. 93[↩]
LG Det­mold, Urteil vom 22.02.2012 10 S 163/​11 11 ff.; LG Ber­lin, Urteil vom 21.05.2012 – 52 S 140/​11 30 f.; AG Bre­men, Urteil vom 05.12 2012 – 23 C 0317/​12 14 ff.; AG Gum­mers­bach, NJW-RR 2011, 133, 134[↩]
zutref­fend OLG Köln, MMR 2007, 446, 448 f., zum Fall einer regu­lär been­de­ten Inter­net­auk­ti­on[↩]