Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=VIII%20ZR%2091/72
Timestamp: 2019-06-19 00:12:18
Document Index: 328957024

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BGH, 17.10.1973 - VIII ZR 91/72 - dejure.org
https://dejure.org/1973,1708
BGH, 17.10.1973 - VIII ZR 91/72 (https://dejure.org/1973,1708)
BGH, Entscheidung vom 17.10.1973 - VIII ZR 91/72 (https://dejure.org/1973,1708)
BGH, Entscheidung vom 17. Januar 1973 - VIII ZR 91/72 (https://dejure.org/1973,1708)
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Nichtigkeit einer Bierbezugsverpflichtung wegen übermäßig langer Dauer der Verpflichtung - Nichtigkeit einer Vereinbarung, wenn die Vertragsklauseln den Vertragspartner in seiner wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit einschränken - Knüpfung einer Bezugsverpflcihtung von Bier an eine gewisse Mindestmenge, die bei Unterschreiten der vereinbarten Abnahmemengen die Abhnahmepflicht verlängert
MDR 1974, 396
WM 1973, 1360
DB 1974, 333
In der bisherigen, eine nur quantitativ wirkende Nichtigkeit anerkennenden Rechtsprechung der verschiedenen Senate des Bundesgerichtshofs ist stets ausgesprochen worden, daß die genannte geltungserhaltende Reduktion ihre Grenze dort findet, wo die Sittenwidrigkeit einer wettbewerbsbeschränkenden Regelung nicht allein in der zeitlichen Ausdehnung liegt, sondern weitere zur Anwendbarkeit des § 138 BGB führende Gründe hinzutreten (…vg1. z.B. Sen. Urt. v. 28. April 1986 -- II ZR 254/B5, NJW 1986, 2944, 2945;… Sen.Urt. v. 29. Oktober 1990 --II ZR 241/89, WM 51990, 2121, 2123; BGH Urt. v. 17. Oktober 1973 - VIII ZR 91/72 EM BGB § 138 (Bb-) Nr. 35;… ferner Paulusch aaO Rdnr. 148 ff. m.w.N.).
Eine Sittenwidrigkeit liegt vielmehr erst dann vor, wenn durch die Ausschließlichkeitsbindung und ihre Ausgestaltung im Einzelfall die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit und Selbständigkeit des Gastwirts in unvertretbarer Weise eingeengt werden und er dadurch in eine mit den Anschauungen des redlichen geschäftlichen Verkehrs nicht mehr zu vereinbarende Abhängigkeit zur Brauerei gerät (Senatsurteil vom 17. Oktober 1973 - VIII ZR 91/72 = WM 1973, 1360; vgl. auch Senatsurteil vom 14. Juni 1972 - VIII ZR 14/71 = WM 1972, 1224 = NJW 1972, 1459 mit weiteren Nachweisen).
Die Entscheidung über die Sittenwidrigkeit von Bierlieferungsverträgen ist mithin weitgehend Sache tatrichterlicher Würdigung, die im Revisionsrechtszug nur beschränkt nachprüfbar ist (RGZ 152, 251, 253; Senatsurteil vom 17. Oktober 1973 - VIII ZR 91/72 aaO).
Zu Unrecht beruft sich die Revision der Beklagten auf das Senatsurteil vom 17. Oktober 1973 (VIII ZR 91/72 aaO), in dem in einem vergleichbaren Fall die Sittenwidrigkeit bejaht worden sei.
Soweit die Verträge vom 11. Oktober 1954 und 19. September 1958 eine vorzeitige Rückforderung des Darlehens bei Absinken des Jahresumsatzes unter 150 bzw. 200 hl vorsahen, lagen diese Mindestgrenzen - anders als in dem der Entscheidung vom 17. Oktober 1973 (aaO) zugrunde liegenden Fall - von vornherein so erheblich unter dem tatsächlichen Durchschnittsumsatz, daß eine Beeinträchtigung durch diese Bestimmung bei normaler Entwicklung nicht ernsthaft zu befürchten war.
Zusammen mit den Gründen des Berufungsurteils versteht der Senat jedoch die angefochtene Entscheidung dahin, daß die erwähnten Vertragsklauseln nunmehr unwirksam sind (vgl. auch BGH Urt. v. 17. Oktober 1973, VIII ZR 91/72, WM 1973, 1360, 1362), d.h. die Parteien nach Ablauf einer reduzierten Laufzeit nicht mehr binden, eine genaue Festlegung der zulässigen Zeitdauer sich aber erübrigt, weil auch die maximal zulässige Bindungsfrist schon bei Klägerhebung abgelaufen war.
Diese Prüfung ist weitgehend dem Tatrichter vorbehalten (vgl. BGHZ 54, 145, 154 [BGH 09.04.1970 - KZR 7/69]; BGH Urt. v. 17. Oktober 1973, VIII ZR 91/72 = WM 1973, 1360, 1361; v. 22. Januar 1975, VIII ZR 243/73 = WM 1975, 307, 309).
Zu Unrecht hat das Landgericht für sein gegenteiliges Verständnis der Klausel das Senatsurteil vom 17. Oktober 1973 (VIII ZR 91/72 = DB 1974, 333 = WM 1973, 1360 unter II 2 b) in Anspruch genommen.
Dort, wo eine solche eindeutige Ausscheidung des sittenwidrigen Vertragsinhalts nicht möglich war, weil außer der langen Vertragsdauer die vertraglichen Vereinbarungen noch in anderer Hinsicht zu beanstanden waren, ist mangels Teilbarkeit des Rechtsgeschäfts der ganze Vertrag als nichtig angesehen worden (BGH, Urt. v. 17.10.1973 - VIII ZR 91/72, LM BGB § 138 [Bb] Nr. 35; vgl. auch Sen. Urt. BGHZ 44, 158, 162).
Vielmehr müssen die Klägerinnen das Risiko der Nichtigkeit des gesamten Wettbewerbsverbots tragen, da sie die durch § 138 BGB gezogenen Grenzen der Vertragsfreiheit mißachtet haben (vgl. hierzu BGH, Urt. v. 17.10.1973 - VIII ZR 91/72 - LM § 138 (Bb) BGB Nr. 35).
Auch die Möglichkeiten der Weiterverpachtung sind erschwert, da viele Gastwirte bei der Übernahme auf Brauereidarlehen angewiesen sind (vgl. BGH WM 73, 1360).
a) Die Würdigung , ob eine Bierbezugsverpflichtung - unbeschadet ihrer Dauer - sittenwidrig und damit von Anfang nichtig ist, obliegt weitgehend dem Tatrichter und ist daher im Revisionsrechtszug nur beschränkt nach prüfbar (RGZ 152, 251» 253» Senatsurteil vom 17. Oktober 1973 - VIII ZR 91/72 = WM 1973, 1360 = LM BGB § 138 /Bb 7 Nr. 35).