Source: https://www.gleichsatz.de/b-u-t/can/rec/thyren1zustand.html
Timestamp: 2019-04-22 06:10:47
Document Index: 109859142

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 6', '§ 9', '§ 5', '§ 6', '§ 6']

Johan Thyren - Analyse des momentanen psychischen Zustandes
G. F. Lipps J. Rehmke W. Bechterew J. Bergmann von Kries
JOHAN THYREN
Analyse des momentanen
psychischen Zustandes
"Dieselbe Landschaft kann mit dem Auge des Naturfreundes, welcher ganz im Genuß der Schönheit der Linien aufgeht, oder mit dem Auge des Topographen, welcher die Linien genau observiert um sie nach Höhen- und Tiefenverhältnissen etc. abzuzeichnen, betrachtet werden; dieselbe Melodie von dem sich selbst vergessenden Enthusiasten oder von einem Hyperkritiker, welcher ebenso gespannt horcht, aber nur um dem Sänger einen Fehler abzulauschen, aufgefaßt werden. Die Betrachtung desselben Gesichts kann ein inniges, ja gewaltsames Gefühl oder aber, etwa bei einem Detektiv, welcher nur darauf ausgeht, die Linien scharf im Gedächtnis zu behalten, oder deren Ähnlichkeit mit einer gewissen Photographie festzustellen, einen rein differenzierenden, verstandesmäßigen Bewußtseinszustand erwecken."
"Ein gegebener abstrakter Begriff setzt immer viele andere voraus. Der Begriff Drohung z. B. setzt die Begriffe Zukunft, Nachteil, Persönlichkeit, Handlung, Aussagen etc. voraus. Jeder dieser vorausgesetzten Begriffe muß also im Begriff Drohung gedacht werden, d. h. der Zustand, welcher durch das Wort Drohung in meinem Bewußtsein erweckt wird, muß auch die Abstraktionen Zukunft, Nachteil etc. irgendwie enthalten. Jede dieser Abstraktionen setzt aber ihrerseits wieder andere Begriffe voraus, ohne die sie nicht gedacht werden kann; diese Begriffe wiederum andere usw."
Da die vorliegende Untersuchung sich die Hauptaufgabe gestellt hat, die innere Struktur des Schuldbegriffs darzulegen, habe ich vor allem die Notwendigkeit empfunden, solche komplexen Begriffe, wie Vorsatz, Absicht, Handlung und dgl. entweder gänzlich zu eliminieren oder nur insoweit zu benutzen, als dieselbe möglichst genau in Funktion von den bei einer Analyse des menschlichen Bewußtseins sich ergebenden, einfachsten Elementen ausgedrückt worden sind. Es wird demnach der Versuch gemacht werden, die bei einer derartigen analytischen Betrachtung hervortretenden Faktoren klarzulegen und zwar wird, um den Überblick zu erleichtern, zunächst soweit möglich von der Zeitform des Bewußtseins abstrahiert werden, also nur die schon bei der Betrachtung eines momentanen psychischen Zustandes hervortretenden Momente berücksichtigt. Wenn wir diese gefunden haben, wird es eine weitere Aufgabe, die Vorgänge zu erörtern, welche hinzutreten, sobald sich der Blick vom momentanen Zustand zu einer sukzessiven Kette solcher Zustände erweitert.
Von allen inhaltlichen Verschiedenheiten zwischen den psychischen Zuständen abgesehen, zeigt sich unter ihnen betreffs des Aktualitätsgrades (Bewußtseinsgrade) eine kontinuierlich Gradation, welche man gewissermaßen als einen formellen Unterschied bezeichnen kann. Jeder gegebene psychische Zustand kann, in sonstigen Beziehungen sich gleichbleibend, im Bewußtsein gleichsam "steigen und sinken", oder, um ein anderes Bild zu benutzen, stärker und schwächer beleuchtet sein. Indem man einen ungefähren, ganz willkürlichen Kreis um die höher aktuellen Zustände zieht, kann man diese als bewußte von den niedriger aktuellen unterscheiden. Diese Grenze hat nicht mehr und nicht weniger Bedeutung als die Grenze zwischen den Empfindungen warm und kalt oder weiß und schwarz. Zwischen weiß und schwarz liegen unzählig viele Zwischenstadien (auf der Reihe weiß ... hellgrau ... dunkelgrau ... schwarz) und gibt keinen fixen Punkt, wo das Weiß beginnt. So ist auch die sogenannte Schwelle des Bewußtseins, bei welcher sich ein diskreter Unterschied zwischen den über und den unter derselben gelegenen psychischen Zuständen ergeben sollte, als eine von der Erfahrung nicht genügend gestützte Fiktion anzusehen. Mit anderen Worten: bei der Abnahme des Aktualitätsgrades gibt es keinen Nullpunkt, von welchem an ein dem "bewußten" Gebiet qualitativ entgegengesetztes "Unbewußtes" anfängt; zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist eben derselbe Unterschied wie zwischen (den Empfindungen) weiß und schwarz, welcher sich nur dadurch als ein diskreter zeigt, daß man zwei entfernte Punkte der Reihe miteinander vergleicht und die kontinuierlichen Zwischenstadien außer Acht läßt. Wir werden im Folgenden vielfach Gelegenheit haben, diese Kontinuität auf verschiedene psychische Gebiete zu verfolgen. Vorläufig sei nur bemerkt, daß die genannte ungefähre Bedeutung der Wörter bewußt, Bewußtheit, Bewußtsein etc. es nicht angemessen erscheinen lsasen, die totale psychische Individualität - wie dies ja ebenfalls oft geschieht - mit dem Wort Bewußtsein zu bezeichnen. Wir werden daher für diesen Begriff das unzweideutigere Wort Psyche (1) verwenden, und bei den Wörtern bewußt, Bewußtsein, Bewußtseinszustand etc. eben nur eine ungefähre Sphäre hoch aktueller Zustände im Auge haben. Zunächst werden wir nur mit diesen zu tun haben.
Zenteraler und peripherischer Faktor
Wenn wir letztgenannte höher aktuelle - wenn man so will bewußte - Zustände betrachten, zeigt sich als ihre innerste Struktur ein sie alle beherrschender und je nach dem Grad der Aktualität (Bewußtheit) stärker hervortretender Gegensatz zwischen einem zentralen und einem peripherischen Faktor, dem Ich und Nichtich. Diese in jedem Bewußtseinszustand (wie in jedem konkreten Moment eines Bewußtseinszustandes) enthaltene Bestimmtheit zeigt sich als eine Spaltung zwischen dem apperzipierenden Prinzip einerseits, dem apperzipierten (sei es als äußeren oder als inneren aufgefaßten) Objekt andererseits, und hängt somit mit dem soeben erwähnten Unterschied zwischen der formellen und der inhaltlichen Seite der Psyche auf das nächste zusammen. Wenn ich ins Zimmer oder in die Landschaft hinausschaue, so läßt sich das "Blickfeld" als aus einer großen Menge von wahrgenommenen Punkten zusammengesetzt auffassen. Von diesen Punkten hat einer, der "Blickpunkt" (gegen welchen beide Augen konvergieren) - etwa das Fenster der Mühle, welche ich jetzt betrachte - den höchsten Aktualitäts- oder Aufmersamkeitsgrad in einem höheren Grad als irgendeinem anderen Punkt des Blickfeldes zu; die übrigen Punkte haben einen Aufmerksamkeitsgrad, welcher durchschnittlich umso geringer ist, je weiter sie vom Blickpunkt entfernt sind. Wenn eine kleine Bewegung oder dgl. im Blickfeld vorgeht, werde ich diese weit eher wahrnehmen, wenn sie dem Blickpunkt nahe als wenn sie vom Blickpunkt entfernt ist, und überhaupt umso eher, je näher dem Blickpunkt sie vorgeht. - Ein qualitativer Gegensatz zwischen der Empfindung des Blickpunktes und den Empfindungen des Blickfeldes ist dagegen nicht zu entdecken (und darum die diesbezüglich bisweilen gemachte Unterscheidung zwischen Apperzeption und Perzeption nur als eine ganz relative zuzugeben). Es steht nun in gewissem Sinn in meiner Wahl die Aufmerksamkeit auf den einen oder anderen Punkt zu richten, ihn zum "Blickpunkt" zu erheben. Mithin kann die Verteilung der Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Punkte des Blickfeldes als variierend gedacht werden, während das Blickfeld (hauptsächlich) dasselbe ist: mit anderen Worten: die Aufmerksamkeit läßt sich als ein von ihrem Objekt gesonderter Faktor des Bewußtseinszustandes denken (woraus natürlich nicht folgt, daß sie etwas an und für sich Existierendes wäre). Die Aufmerksamkeit stellt sich aber der Selbstbeobachtung des Menschen, im Gegensatz zum Objekt, als vom Zentrum des Bewußtseins, vom eigentlichen Ich ausgehend dar: ich bin es, der ich den Entschluß fasse dem einen oder anderen Punkt meine Aufmerksamkeit zuzuwenden: der wahrgenommene Punkt steht als etwas Äußeres, dem den Aufmerksamkeitsgrad bestimmenden Ich relativ Fremdes da.
Das Gesagte gilt nicht nur von der direkten Wahrnehmung, sondern ebenso wohl auf den übrigen Gebieten des Bewußtseins. Wie ich hier sitze, kann ich vor meinem "inneren Auge" das eine oder andere Bild heraufbeschwören, z. B. den Kölner Dom, San Marco in Venedig, das Matterhorn etc. Unter mehreren solchen sich in der Dämmerung des Bewußtseins darbietenden Vorstellungen kann ich die eine oder andere - z. B. die Vorstellung von San Marco - herausgreifen und lebendiger machen, indem ich meine Aufmerksamkeit auf sie konzentriere und von den übrigen hinwegwende; ferner kann ich die Aufmerksamkeit auf den einen oder anderen Teil des vorgestellten (inneren) Bildes richten, z. B. auf die Pferde von San Marco, auf das Portal, auf eine der Kuppeln etc. Das aktualisierende Prinzip tritt also auch hier hervor, und zwar auch in der mit dem Vorgang bei der direkten Wahrnehmung ganz analogen Weise, daß es, nachdem die eine oder andere Vorstellung gleichsam aus der verborgenen Tiefe der Psyche heraufgestiegen ist, die Aufmerksamkeit dem einen oder anderen Teil der heraufgestiegenen Vorstellung zuwendet (genauer: die kontinuierlich abgestuften Aufmerksamkeitsgrade über die Extensität jener Vorstellung in gewisser Weise verteilt). Es scheidet sich also psychologisch das genannte Prinzip auch von diesem inneren Bild: ich bin es, der ich das Bild von San Marco hervorrufe, dagegen fasse ich nicht dieses Bild als = Ich, wenn ich auch die Empfindung habe, daß es auf meinem Ich hervorgegangen ist und keine andere Realität als diejenige eine Vorstellung des Ich zu sein besitzt.
Nicht weniger deutlich läßt sich dieses aktualisierende Prinzip bei den Innervationszuständen [Nervenimpulse - wp] ausscheiden. Die menschliche Psyche schließt die Möglichkeit einer großen Zahl von Innervationen ein, welche gesondert hervorzurufen in der Macht des Menschen steht. Je nachdem ich den einen oder anderen von diesen psychischen Zuständen wach rufe, wird die eine oder andere Körperbewegung erfolgen: der Kopf wird sich rechts beugen, der linke Daumen sich erheben, der rechte Fuß sich vorwärts strecken usw. - alles in gewisser genau (vom Ich) bestimmbarer Richtung und mit gewisser Intensität. Der Innervationszustand muß sehr genau unterschieden werden sowohl von der Vorstellung der auszuführenden Körperbewegung (welche Vorstellung sehr wohl ohne die Innervation und somit ohne daß die betreffende Bewegung wirklich erfolgt, vorhanden sein kann) wie auch von den aus der wirklich ausgeführten Bewegung stammenden Bewußtseinszuständen (Muskelsensationen etc., welche das Stattfinden der Bewegung voraussetzen, während die Innervation sehr wohl ohne wirkliche Bewegung vorhanden sein kann, z. B. wenn man eine plötzliche Lähmung des innervierten motorischen Nerven annimmt). Die (aktive) Körperbewegung setzt immer die Innervation, die Innervation immer die Vorstellung der Körperbewegung voraus; in beiden Fällen aber nicht umgekehrt. Wegen des Näheren über diese Unterschiede vgl. weiter unten. Hier ist aber darauf aufmerksam zu machen, daß sich die Innervation auch von dem sie hervorrufenden Zentralprinzip des Bewußtseins scharf unterscheidet. wenn die Innervation a die Bewegung A (des Kopfes), die Innervation b die Bewegung B (des linken Daumens), die Innervation c die Bewegung C (des rechten Fußes) hervorrufen wird, so kommt es im entscheidenden Augenblick darauf an, ob im Bewußtsein die Innervaton a, b oder c aktualisiert wird. Das Prinzip, welches unter diesen drei (nebst unzähligen anderen) Innervationen eine gewisse, z. b. die a, wählt (2) und aktualisiert, kann nicht eine unter den vielen koordinierten Innervationen (etwa die a selbst), sondern muß offenbar ein irgendwie über sie alle stehendes, sie gleichsam überblickendes Prinzip sein. Dies wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, daß das Wählen nach Motiven geschieht. Wenn das Motiv α auf die Bewegung A (und somit auf die Innervation a), das Motiv β auf die Bewegung B (und somit auf die Innervation b), das Motiv γ auf die Bewegung C (und somit auf die Innervation c) hinwirkt, so ist ja das siegende Motiv, etwa α, nicht an und für sich mit der Innervation a verbunden (es kann ja ein anderes Mal die Innervation c dazu dienen das Motiv α zu realisieren usw.). Wenn eine unter unzähligen denkbaren Motivvorstellungen mit einer unter unzähligen denkbaren Innervationen verbunden werden soll, so ist dies vielmehr nur dadurch möglich, daß sämtliche Motivvorstellungen und sämtliche Innervationsvorstellungen sich in demselben Zentralpunkt, welcher unter ihnen alle möglichen Verbindungsmodi herstellen kann, begegnen. Das Wählen unter jenen drei Bewegungen ist derselbe Vorgang wie das Wählen unter den drei Vorstellungen rot, gelb, blau oder unter jenen Vorstellungen des Kölner Doms, von San Marco und des Matterhorns: überall ist es ein einheitliches Etwas, das eine Vielheit von Möglichkeiten vor sich sieht und unter diesen eine gewisse zur Aktualisierung herausnimmt. Nur insofern soll indessen hier die Identität dieser Vorgänge behauptet werden, als das Verhältnis zwischen dem wählenden, akutalisierenden, zentralen, einheitlichen Faktor einerseits und dem gewählten, aktualisierten, peripherischen, vielfältig wechselnden Faktor andererseits betrifft.
Wenn man nun das Wort Wille bei den Innervationszuständen zu Anwendung bringen wollte, so könnte dies in drei verschiedenen Weisen geschehen: entweder könnte unter jenem Wort das wählende Zentralprinzip selbst oder die gewählten periperischen Momente oder schließlich die Synthese von beiden verstanden werden. Im ersten Sinn wäre der Wille bei den Innervationszuständen ganz dasselbe wie die Aufmerksamkeit (oder wie man sonst das Zentralprinzip nennen mag) bei allen Bewußtseinszuständen überhaupt; böte demnach bei den Innervationszuständen nichts Besonderes dar (man vergleiche die Vornahme der freiwilligen Körperbewegung z. B. mit dem bewußten Hervorrufen und Leitung der inneren "theoretischen" Zustände etwa bei der Lösung eines mathematischen Problems oder dgl.). Im zweiten Sinne wäre die inhaltliche Seite jeder besonderen Innervation ein besonderer Willenszustand; dann müßte aber, um unter diesen verschiedenen Willenszuständen zu wählen, ein höheres - der Annahme nach außerhalb des Willens gelegenes - Prinzip angenommen werden. Wird schließlich der Wille im dritten Sinn genommen, so läßt er sich in zwei psychologisch unterscheidbare Faktoren analysieren, nämlich
1) das zentrale Prinzip, welches der "Wille" (nach dieser Terminologie) mit sonstigen Bewußtseinsgebieten gemein hat, und
2) die (inhaltliche Seite der) verschiedenen Innervationen, welche zu jenem einheitlichen Prinzip in demselben Verhältnis stehen wie überhaupt die Vielheit des Bewußtseins zum Zentralprinzip.
Somit ist das Wort Wille, auch wenn man es auf die Innervationszustände zu beschränken sucht, immer zweideutig genug, und wir werden im gegebenen Fall soweit wie möglich von seinem Gebrauch Abstand nehmen.
Wie schon bemerkt, faßt das Subjekt von jenen beiden unabhängig variierenden Faktoren - dem zentralen und dem peripherischen - jedes Bewußtseins immer den apperzipierenden Faktor, nie den apperzipierten, als das eigentlich Ich, als das Subjekt selbst, auf. Vor allem ist dies klar, wenn es sich um die Wahrnehmung eines äußeren Gegenstandes handelt. Aber auch die innere Vorstellung fasse ich, obgleich dem Ich entstiegen, in demselben Augenblick, in dem sie als fertiges Bild vor meinem inneren Auge steht, als etwas vom Ich Abgesondertes und stelle sie, wenn ich mich auch im normalen wachen Zustand und innerhalb gewisser Grenzen ihren Mangels an äußerer Realität bewußt bin, dem eigentlichen Ich gewissermaßen gegenüber.
Die Synthese jener beiden Faktoren ist die innerste Tatsache des Bewußtseins, wenn dieses Wort in dem oben angegebenen Sinn genommen wird, also unter sich die relativ hoch aktuellen psychischen Zustände befaßt.
Gegensatz zwischen Verstand und Gefühl
Wenn wir ein beliebiges Bewußtseinssegment (3) betrachten, zeit es sich unter sonst gleichbleibender Beschaffenheit in gewisser Hinsicht einer polaren Variation (4) fähig, welche Grund ist des der gewöhnlichen Sprache und Auffassung geläugigen Gegensatzes zwischen Verstand und Gefühl. Schon bei den einfachsten Empfindungen, z. B. bei einer Farben-, Ton-, Geschmacksempfindung, bietet sich dem Zentralprinzip gleichsam eine Wahl zwischen zwei entgegengesetzten Richtungen dar. Es kann sich auf das Angenehme (oder Unangenehme) der Farbe, des Tones usw. richten. So wird fast immer der Fall sein, wenn ein Kind oder ein Wilder das erste Mal Zucker schmeckt, ein rotes Tuch sieht, einen Flötenton hört etc. Das Bewußtsein kann sich aber auch, unter denselben objektiven Voraussetzungen und in demselben Grad von der fraglichen Empfindung absorbiert, in ganz anderer Weise verhalten, nämlich sich - ohne in einem nennenswerten Grad angenehm oder unangenehm affiziert zu werden - auf das Bestimmen der Empfindung betreffs einer gewissen (abstrakten) Seite: Farbennuance, Tonhöhe, Klangfarbe usw. richten. Der Musiker, welcher sein Instrument stimmt und auf die Tonhöhe mit gespannter Aufmerksamkeit achtgibt, um die Saite nicht zu hoch aber auch nicht zu tief zu stimmen; der Maler, welcher ein Gemälde kopiert und auf seiner Palette dieselbe Farbennuance wie diejenige des Originals zu treffen sucht, sind typische Beispiele dieser Richtung des Bewußtseins bei elementaren Empfindungen. Teilweise hat man diesen Gegensatz durch die Terme sensitiv und perzeptiv auszudrücken beabsichtigt; da man aber bei dieser Terminologie auch andere Gesichtspunkte hineingemischt hat (5), werden wir besser die genannten Richtungen des Bewußtseins integrierend und differenzierend bezeichnen. Es zeigt sich nämlich bei der letzteren Richtung ein Aussondern, Hervorheben einer oder mehrerer besonderer (abstrakter) Seiten (Differentiationselemente) z. B. bei einer Tonempfindung: Tonhöhe, Klangfarbe, Intensität, Zeitdauer der konkreten Empfindung; bei der ersteren dagegen ein Verwischen aller dieser Unterschiede, ein Zusammenschmelzen zu einem (relativ) einheitlichen Gefühl, welchem das Bewußtsein sich hingibt. Der Bewußtseinsprozeß bei der Differentiationsrichtung läßt sich nun auf einen Vergleich - also eine Differentiation - zwischen einem Differentiationselement einer Empfindung und dem entsprechenden Differentiationselement einer oder mehrerer anderweitigen (äußeren oder inneren) Empfindungen reduzieren: die Tonhöhe z. B. läßt sich nur durch den Vergleich mit anderen (direkt wahrgenommenen oder vorgestellten) Tonhöhen bestimmen usw. Es erhellt sich, daß das maximal integrierte und das maximal differenzierte Stadium durch eine kontinuierlich variierende Reihe von Zwischenstadien verbunden ist. In der Tat sind in jedem Bewußtseinssegment beide Richtungen enthalten, mit größerem oder geringerem Übergewicht für die eine. (6)
Der Unterschied dieser Richtungen wird durchgreifender, zu je höheren Bewußtseinszuständen wir hinaufsteigen. Dieselbe Landschaft kann mit dem Auge des Naturfreundes, welcher ganz im Genuß der Schönheit der Linien aufgeht, oder mit dem Auge des Topographen, welcher die Linien genau observiert um sie nach Höhen- und Tiefenverhältnissen etc. abzuzeichnen, betrachtet werden; dieselbe Melodie von dem sich selbst vergessenden Enthusiasten oder von einem Hyperkritiker, welcher ebenso gespannt horcht, aber nur um dem Sänger einen Fehler abzulauschen, aufgefaßt werden. Die Betrachtung desselben Gesichts kann ein inniges, ja gewaltsames Gefühl oder aber, etwa bei einem Detektiv, welcher nur darauf ausgeht, die Linien scharf im Gedächtnis zu behalten, oder deren Ähnlichkeit mit einer gewissen Photographie festzustellen, einen rein differenzierenden, verstandesmäßigen Bewußtseinszustand erwecken. Natürlich kann dieser Unterschied - was gewöhnlich der Fall sein wird - noch mehr dadurch verstärkt werden, daß sich der einen oder anderen Richtung besondere Vorstellungsreihen assoziieren - bei der einen Richtung Reihen, welche das Gefühlsmoment, bei der anderen Reihen, welche das Differentiationsmoment wesentlich erhöhen. Aber auch hiervon abgesehen, kann aus jedem gegebenen Inhalt, je nachdem er im Bewußtsein mehr integriert oder mehr differenziert auftritt, dasjenige was die gewöhnliche Sprache ein Gefühl oder was sie einen Verstandesakt nennt, entstehen. Betrachten wir einen sogenannten Affektzustand, z. B. einen Zustand von Furcht, so finden wir diesen durch eine hochgradige Integration ausgezeichnet: viele Vorstellungen von zukünftigem Unbehagen, von den Vorgängen, welche diesen verursachen können, von verschiedenen Weisen diesem Unbehagen zu entweichen etc. sind zu einer mehr oder weniger konfusen Einheit verschmolzen. Welche Vorstellungen wir aber auch in diesem Zustand aufsuchen - immer werden ganz dieselben als in einem überwiegend verstandesmäßigen, differenzierenden Bewußtseinszustand eingehend gedacht werden können, indem die Vorstellungen der gefahrvollen Vorgänge, des eventuellen künftigen Unbehagens, der Mittel zum Entfliehen etc. klar und ruhig, ohne nennenswerten Affekt, auseinandergehalten werden. Ganz in derselben Weise können die den Inhalt des Zornaffektes bildenden Vorstellungen von der beleidigenden Person, der Beleidigung, dem eigenen Wert, den Mitteln dem Feind einen Schaden zuzufügen etc., alle auch bei einem ruhigen und besonnenen Bewußtsein vorkommen: durch allmähliche Variation geht der Zorn ganz wie die Furch in den Zustand kalter Berechnung über. Diese Variation braucht mithin nicht den Vorstellungsinhalt des Affekts zu berühren, sondern nur jenes Verhältnis zwischen dem zentralen und dem peripherischen Faktor, welches sich als eine höhere oder geringere Integration, bzw. Differentiation äußert. Wie der einfache Ton vom angenehmen Gefühl zum Objekt des indifferenten Vergleichs variieren kann, so wird überhaupt in keinem Affekt irgendein Inhalt ausfindig zu machen sein, welcher nicht in einen Verstandeszustand eingehen könnte.
Allerdings bleibt der Gegensatz immer ein relativer, was sich eben an den genannten Beispielen zeigt. Es gibt keinen Bewußtseinszustand, welcher ein absolutes Gefühl, und keinen, welcher ein absoluter Verstandesakt wäre. Jeder Zustand, welcher ein Gefühl enthält, muß zunächst als Ganzes in eine gewisse Klasse eingereiht werden, muß als Farbe, nicht als Ton, oder als Ton, nicht als Farbe, dann als Farbe oder Ton von gewisser Nuance, Intensität usw. aufgefaßt werden, setzt mithin einen Vergleich, eine Differentiation voraus. Bei höhren Gefühlszuständen ruht das Gefühl offenbar auf einem weitverzweigten System von differenzierten Momenten; so bei der Landschaft, dem Drama usw. Wenn das Bewußtsein nicht die Linien der Landschaft, des Gesichts, die Intervalle einer Melodie, die Handlungen etc. des Dramas für sich irgendwie geschieden, differenziert hielte, wie könnten verschiedene Landschaften, Melodien etc. einen so verschiedenen ästhetischen Eindruck machen? In dem Augenblick, wo die Differentiation völlig = 0 würde, würde auch das dieser Landschaft etc. eigene Gefühle verschwinden, und nicht nur das: es würde vom betroffenen Bewußtseinssegment absolut nichts zurückbleiben. Die Differentiation bleibt also auch im Integrationszustand, aber sie tritt mehr in den Hintergrund, oder besser: sie wird die dunkler bewußte Grundlage der Integrationsseite; es ist jetzt gewissermaßen die Resultante der vielen differenzierten Moment, welche als Gefühl das Bewußtsein dominiert. - Ebensowenig wie die Integration, kann die Differentiation eine absolute sein: sie kann nicht so weit getrieben werden, daß alle und jede Integration schwindet. Der Gefühlston kann oft sehr schwach werden, sich der Indifferenz nähern, aber nie auf 0 stehen bleiben, schon weil 0 nur ein Durchgangspunkt vom Angenehmen zum Unangenehmen ist, also einer unter unendlich vielen Fällen. Auch mathematische, philosophische und dgl. Verstandesprozesse haben ihre Gefühlsseite: in der Tat würde kein Mensch sich diesen Beschäftigungen widmen, wenn sie nicht fähig wären, ein positives Gefühl zu erwecken. Das Interesse, welches man an diesen logischen Prozessen verspürt, ist eben ihr Gefühlsmoment, welches sich prinzipiell nicht vom Genuß der schönen Landschaft oder des Tonstückes unterscheidet, nur daß jenes bei wenigeren Menschen in einem höheren Grad auftritt, dann wohl auch meistens die momentane Intensität vermissen läßt, welche die letztgenannten Gefühle auszeichnet.
Fixe Basis der Psyche
Das Zentralprinzip des Bewußtseins kann also mit einer gewissen Freiheit ein gegebenes Material zu einem überwiegend integrierten oder zu einem überwiegend differenzierten Zustand formen (ungefährer ausgedrückt: das Subjekt kann nach seinem Belieben einen gegebenen Inhalt mehr gefühlsmäßig oder mehr verstandesmäßig auffassen). Das Zentralprinzip vermag aber keineswegs aus einem gegebenen Material ein beliebig starkes Gefühl oder einen beliebig genau differenzierten Zustand zu erschaffen. Von einer gegebenen Farben- oder Tonempfindung, Landschaft, Melodie etc. kann das Bewußtsein zwar immer ein Gefühl bilden, aber das Angenehme dieses Gefühls kann nicht bis ins Unendliche gesteigert werden, sondern es gibt eine Grenze, und zwar ist diese Grenze, unabhängig vom Zentralprinzip, sowohl bei verschiedenen Bewußtseinssegmenten desselben Subjekts, wie bei einander ähnlichen Bewußtseinssegmenten verschiedener Subjekte, eine verschiedene. Zwei Segmente, deren Integrationsgrad (d. h. die Richtung des Bewußtseins auf die Verschmelzung der verschiedenen Seiten) derselbe ist, in welchem also die Verschmelzung der Seiten zu einer Einheit gleich vollkommen ist, können darum in Bezug auf einen Lust- oder Unlustgrad sehr verschieden sein. Eine unangenehme Geschmacksempfindung z. B. wird bei den meisten Menschn, wie gefühlsmäßig sie auch aufgefaßt werden mag, nie den Unlustgrad eines heftigen Zahnschmerzes entfernt erreichen können. Besonders ist hier der Unterschied zwischen der realen Lust- oder Schmerzempfindung und der erinnerten (reproduzierten) zu beachten: letztere stellt sich meistens nur als ein schwaches Abbild der ersteren dar (vgl. § 8). Dies gilt nicht nur von den (direkt) aus äußeren, sondern auch von den aus inneren Vorgängen (vgl. § 6) stammenden Lust- oder Schmerzempfindungen: auch die letzteren lassen sich nicht, wenn die Umstände verändert sind, in beliebiger Stärke wieder aufwecken.
Ebensowenig kann, was die Differentiationsseite betrifft, das Ich die Unterscheidung zwischen verschiedenen Farbnuancen, Tonhöhen etc. in einem gegebenen Zeitpunkt beliebig steigern: auch hier kommt eine Grenze, welche trotz aller Aufmerksamkeit nicht überschritten werden kan. Das eine Subjekt kann Unterschiede der Tonhöhe, Klangfarbe etc. auffassen, welche dem anderen trotz der gespanntesten Anstrengung (und trotz des natürlich immer vorhandenen psychischen Unterschiedes - vgl. 'THYREN, Abhandlung I, Bemerkungen zu den kriminalistischen Kausalitätstheorien, Seite 32) nicht vernehmbar sind (7).
Das Entsprechende gilt von den höheren Gefühlszuständen, wie denn nichts gewöhnlicher ist, als daß dasselbe, was dem einen Subjekt hohe Lust, dem anderen (bei gleich vollkommener Integration, Verschmelzung) nur geringe Lust oder gar Unlust bereitet. Der Unmusikalische, welcher dem Vorspiel zu Tristan und Isolde lauscht, wird, wie viel er sich auch anstrengen mag im Gefühl zu versinken, oft nur Unlust und jedenfalls keine besonders starke Lust daran zu empfinden imstande sein. Überhaupt ist auf allen ästhetischen Gebieten die Genußfähigkeit der verschiedenen Subjekte eine außerordentlich verschiedene. Dasselbe gilt von den höheren Differentiationszuständen. Wie die Fähigkeit der Subjekte Tonhöhen etc. zu unterscheiden, so ist auch ihre Fähigkeit höhere Bewußtseinssegmente zu differenzieren, d. h. abstrakt zu denken, eine Abstraktion durchzuführen - also eben ihre "reine Verstandesbegabung" (indem man nämlich von ihren verschiedenen Kenntnissen und Erfahrungen wegsieht) - eine sehr verschiedene (freilich kaum so verschieden wie auf der Gefühlsseite).
Die Aufmerksamkeit, "der Wille", oder wie man sonst das Zentralprinzip des Bewußtseins ausdrücken will, stößt also, sowohl beim Gefühls- wie beim Verstandeszustand, früher oder später auf eine bei verschiedenen Bewußtseinssegmenten wie bei verschiedenen Subjekten sehr verschiedene Grenze: das Subjekt hat die Richtung auf das Fühlen oder auf das Verstehen in seiner Hand, was aber aus dieser Richtung resultiert, das Fühlen oder das Verstehen selbst, ist insofern unabhängig vom Ich bestimmt, als es eine unabhängig von ihm gesetzte Grenze gibt, über die das Ich trotz allen Willens nicht (in einem gegebenen Zeitpunkt) gelangen kann. Wir können dies so ausdrücken, daß die oben genannte peripherische Seite eine (relativ) unveränderliche Bestimmtheit, gleichsam eine fixe Basis der Psyche enthält. Sein Verstandes- oder Gefühls vermögen momentan zu verändern steht nicht in der Macht des Subjekts: die genannten Vermögen lösen sich darum gewissermaßen von einem spontanen Prinzip (von dem was das Subjekt als seine Selbstbestimmtheit auffaßt) als eine unabhängig vom Subjekt bestehende Naturnotwendigkeit ab. Wie wichtig für die Auffassung des Schuldbegriffs dieser Gegensatz zwischen dem variablen, spontanen und dem fixen, naturnotwendigen Faktor des Bewußtseins ist, habe ich schon an anderer Stelle (a. a. O., Kausalitätstheorien, Seite 119f) hervorgehoben und werden im Folgenden darauf zurückzukommen haben. Freilich kann die fixe Basis u. a. durch eine wiederholte Aktualisierung des betreffenden Bewußtseinssegments wesentlich verändert werden - mithin geht aus ihr, streng genommen, nur eine für den gegebenen Zeitpunkt geltende Grenze hervor. Der Einfluß der Wiederholung zeigt sich bei der Integrationsseite unter gewissen Vorausetzungen (worauf hier nicht näher eingegangen werden kann) in einer Zunahme, unter anderen Voraussetzungen in einer Abnahme (Blasiertheit) des Gefühlsvermögens in Bezug auf das fragliche Bewußtseinssegment. An der Differentiationsseite zeigt sich der genannte Einfluß, allgemein gesprochen, in einer immer fortschreitenden Differentiabilität der aktualisierten Differenatiationselemente. Durch "Übung" lernt das Subjekt Tonhöhen oder Klangfarben oder Tonintensitäten - je nachdem es sich an einer Beobachtung der Tonhöhen oder Klangfarben etc. geübt hat - immer feiner zu unterscheiden (ohne daß es möglich wäre, in dieser Hinsicht eine absolute, nie zu übersteigende Grenze anzugeben). Das Gesagte gilt ganz ebenso von den Innervationszuständen. Der Einfluß der "Übung" besteht auch hier in einer immer feineren Nuancierung, wie sich überall zeigt, wo es auf fein differenzierte Körperbewegungen ankommt, z. B. beim Klavierspielen, Fechten und dgl. Wenn jemand, um ein "sicheres Auge" zu erwerben, Degenstöße gegen ein in Quadrate eingeteilte Scheibe von 1 Meter Durchmesser vornimmt, wird er, wenn er anfänglich mit Sicherheit nur größere Quadrate, etwa von 6 cm beim Ausfall treffen konnte, allmählich dazu fortschreiten Quadrate von 4, 3, 2, 1 Zentimeter treffen zu können. Wenn man nun denjenigen, welcher jenes beliebige Quadrat von 1 Zentimeter mit demjenigen, welcher nur jedes Quadrat von 5 Zentimeter treffen kann, vergleicht, so läßt sich sagen, der erstere kann, wenn er die Scheibe treffen will, zwischen 100 x 100 = 10000 verschiedenen Innervationen wählen, von welchen sein Bewußtsein (d. h. das Zentralprinzip) jedes beliebige augenblicklich aktualisieren kann; der zweite aber nur zwischen 20 x 20 = 400. Es ist dies derselbe psychologische Unterschied wie zwischen dem Unmusikalischen, welcher innerhalb des Umfangs einer Quinte etwa 10 oder 20 verschiedene Tonhöhen, und dem geübten Musiker, welcher innerhalb desselben Umfangs mehrere hundert verschiedene Tonhöhen unterscheiden kann. Auch bei der Innervation löst sich also der variable, spontane Faktor von der wohl durch Übung etc. veränderlichen, momentan aber fixen Basis ab. Der Innervationszustand fällt somit weder mehr noch weniger als irgendein anderer (innerer) Zustand in den Bereich der subjektiven Willkür. (8)
Wie die Fixheit des peripherischen Faktors nur eine relative ist, so gilt dasselbe von der spontanen Variabilität des zentralen Faktors. Auch für seine eigene Auffassung ist das Subjekt nicht ausschließlich aktiv beim Richten der Aufmerksamkeit (oder besser: Aktualisation, weil man beim Wort Aufmerksamkeit meist an das Erhöhen schon ziemlich hoch aktualisierter Segmente denkt). Gewisse, sowohl äußere wie innere Vorgänge (z. B. ein blendend starker Blitz, ein heftiger Schmerz etc.) "ziehen" die Aufmerksamkeit auf sich, "drängen" sich ihr auf. Auch bei der Aktualisierung der Innervationszustände können unter Umständen so starke Reize mitwirken, daß die ausgelösten Bewegungen dicht an der Grenze der Reflexbewegungen stehen. Indessen hindert dies aber nicht, daß das Subjekt im Großen und Ganzen den zentralen Faktor als einen spontanen auffaßt. - Eine ganz andere, später einigermaßen zu besprechende Frage ist es, inwiefern in Wirklichkeit (von der eigenen Auffassung des Subjekts abgesehen) die Bestimmtheit des spontanen Faktors eine reine Selbstbestimmtheit ist oder eine Determination durch anderweitige Realitäten erleidet - eine Frage, die mehr metaphysischer als psychologischer Natur ist (wenn man nämlich unter psychologischer Erörterung eine solche versteht, welche das Bewußtsein untersuchen - nämlich den Zusammenhang der verschiedenen Bewußtseinszustände aufweisen - will, wie es sich selbst vorkommt, nicht aber in seinem Verhältnis - als Erscheinung, Phänomen - zum dahinterliegenden Ding-ansich).
Verhältnis des einzelnen Bewußtseinssegments
zur psychischen Totalität
Wir haben bisher die Betrachtung auf ein gegebenes höher aktualisiertes psychisches Segment als einen abgeschlossenen Zustand beschränkt. Es fragt sich, wie sich dieses höher aktualisierte Segment zu den geringer aktualisierten Gebieten verhält: inwiefern die Bestimmtheit des ersteren von der Bestimmtheit der letzteren abhängig ist? Der Möglichkeit nach schließt ja die Psyche immer eine fast unendliche Vielheit von äußeren Eindrücken, Innervationszuständen, Erinnerungsbildern, abstrakten Gedankenprozessen etc. ein. Von diesem unermeßlichen potentiellen Inhalt kann in jedem gegebenen Augenblick nur ein verschwindend kleiner Teil zu höherer Aktualität - zum "Bewußtsein" - gelangen. Durch das ständige Wechseln der Aktualisierung - Beleuchtung - der Psyche kommt nun das Subjekt dazu, sich als das Zentrum stets neuer und voneinander der Hauptsache nach unabhängiger Zustände zu empfinden, indem, da jeder Augenblick eine neue Aktualitätsverteilung bringt - das helle Licht an eine andere Stelle wirft - die jedesmaligen dunklen Punkte sich nicht für die sich zunächst darbietende Auffassung bemerkbar machen. In dieser Beziehung ist das weiter oben beschriebene Verhältnis beim Blickfeld ein einfaches Bild der ganzen psychischen Totalität; auch diese hat ihr Blickfeld mit dessen Blickpunkt, wie man dann auch seit 'WUNDT den Wörtern Blickfeld und Blickpunkt oft im übertragenen Sinn begegnet.
Wie verhalten sich nun alle diese mehr oder weniger selbständig aktualisierbaren (d. h. einer Erhöhung des Aktualitätsgrades fähigen) psychischen Segmente zueinander? Es zeigt sich bei näherer Betrachtung, daß jedes derartige ausgeschnittene Segment immer die Existenz anderer Segmente voraussetzt. Mit anderen Worten: wenn auch die Aktualität - das Licht des Bewußtseins - in einem gegebenen Zeitpunkt vorzüglich auf einen beschränkten Teil der Psyche fällt, so folgt daraus nicht, daß der übrige Inhalt der Psyche als nichtexistierend gedacht werden kann, oder daß er beim erstgenannten Aktualisationszustand gar keine Rolle spielt. Dies zeigt sich schon an den einfachsten Bewußtseinssegmenten. Wenn ich eine gewisse Tonempfindung habe und die Aufmerksamkeit auf die Differenzierung der Tonhöhe richte, so setzt dieser Zustand notwendig voraus, daß ich mir einer ganzen Reihe von Tonhöhen mehr oder weniger dunkel bewußt bin, in welche Reihe ich den jetzt gehörten Ton an einen gewissen Punkt hineinstelle. Wenn die gegebene Tonhöhe meine Psyche ganz allein ausfüllen würde ohne in ein Verhältnis zu irgendwelchen anderen vorgestellten Tonhöhen gestellt zu werden, würde es mir nicht möglich sein, den Ton als hoch oder als tief aufzufassen. Je feiner ich die betreffende Tonhöhenempfindung nuanciere, umso mehr Glieder muß die dunkelbewußte Tonhöhenreihe, welche die Basis der einzelnen Tonhöhenempfindung ausmacht, enthalten. Wie würde es möglich sein, wenn zwei derartige Empfindungen sukzessiv aktualisiert werden, ihre Entfernung voneinander (z. B. in Bezug auf die Tonhöhe) als geringer oder größer aufzufassen - wie würde es überhaupt möglich sein, die Ungleichheit zweier Empfindungen irgendwie zu quantifizieren, wären nicht die beiden als ungleich aufgefaßten Zustände durch (dunkler bewußte) Zwischenstadien in der Psyche verbunden? Die einzelne Tonhöhenempfindung zeigt sich darum bei näherer Prüfung = die ganze der Psyche immanente Tonhöhenreihe, in einem besonderen Punkt stärker aktualisiert - was den Anschein hervorbringen kann, als ob in jenem Augenblick der besonders beleuchtete Punkt allein das ganze Bewußtsein ausmacht. Vergleichen wir zwei verschiedene Tonhöhenempfindungen, so sind also beide = die immanente Tonhöhenreihe der Psyche, scheiden sich aber dadurch, daß die höher aktualisierten Punkte dieser Reihe nicht dieselben sind in den beiden Fällen: wenn das Licht auf einen Punkt fällt, entsteht die Tonhöhenempfindung c, wenn es auf einen anderen Punkt fällt, die Empfindung g etc. - Das entsprechende gilt von der Auffassung der Klangfarbe, Farbennuance, etc. eine Empfindung, obwohl die betreffenden Reihen selten so streng geschlossen (bestimmt geordnet) sind, wie bei der Tonhöhenempfindung. Da nun jede Empfindung mehrere "Differentiationselemente" enthält, und jedes derartige Element eine dem Bewußtsein immanente, abgestufte Reihe der genannten Art als Basis voraussetzt, so folgt, daß jede Empfindung mehrere Reihen voraussetzt. Die jedesmal aktualisierte Empfindung ist also ihrem Differentiationszustand nach = die Totalität jener auf besondere Weise aktualisierten Reihen; die Tonempfindung z. B., setzt, weil sie hinsichtlich der Tonhöhe bestimmt ist, die der Psyche immanente Klangfarbenreihe voraus usw.; d. h. sie ist = sämtlichen diesen Reihen in gewisser Weise aktualisiert. Zwei verschiedene Empfindungen derselben Art sind beide = der genannten Totalität, und scheiden sich nur dadurch, daß das stärkste Licht auf verschiedene Punkte fällt (ganz wie - um ein einfacheres Beispiel desselben Verhältnisses heranzuziehen - jedes Kraftzentrum = das ganze Universum ist, die verschiedenen Kraftzentren aber sich darin unterscheiden, daß sich ihre Maxima in verschiedenen Punkten vorfinden - vgl. a. a. O., Kausalitätstheorien, Seite 11).
Das Gesagte hat auch für höhere Bewußtseinszustände seine Gültigkeit und zwar wird es, sowohl wenn es sich um Verstandeszustände, wie wenn es sich um Gefühlszustände handelt, von der durchgreifendsten Bedeutung. Ein gegebener abstrakter Begriff setzt immer viele andere voraus. Der Begriff Drohung z. B. setzt die Begriffe Zukunft, Nachteil, Persönlichkeit, Handlung, Aussagen etc. voraus. Jeder dieser vorausgesetzten Begriffe muß also im Begriff Drohung gedacht werden, d. h. der Zustand, welcher durch das Wort "Drohung" in meinem Bewußtsein erweckt wird, muß auch die Abstraktionen "Zukunft", "Nachteil" etc. irgendwie enthalten. Jede dieser Abstraktionen setzt aber ihrerseits wieder andere Begriffe voraus, ohne die sie nicht gedacht werden kann; diese Begriffe wiederum andere usw. Noch auffallender ist die immense Komplexität des psychischen Zustandes bei solchen Begriffen wie Stadt, Reichstag, Krieg etc. Was sich zunächst als ein einzelner, von der psychischen Totalität ablösbarer und abgelöster Begriff präsentiert, ist also in Wirklichkeit - ganz wie die scheinbar isolierte Tonhöhenempfindung - ein unüberschaubarer Begriffskomplex, von einem gewissen Gesichtspunkt aus aktualisiert; bei den verschiedenen Begriffen ist der wahre psychologische Inhalt - wenn von der Aktualitätsverteilung weggesehen wird - derselbe, und die verschiedenen Begriffe unterscheiden sich nur dadurch, daß die höher aktualisierten Momente nicht dieselben sind. Wenn auch logisch entfernt nicht alle Momente der Psyche für die Existenz jedes einzelnen Momentes erforderlich sind (wie denn eine gewisse Farbempfindung für die Auffassung einer gewissen Melodie logisch ganz gleichgültig ist), so läßt sich doch die Sache psychologisch nur so denken, daß der Inhalt der Psyche immer als ein Ganzes existiert, daß also die verschiedenen Momente nicht akzidentiell auftreten um dann wieder zu verschwinden und anderen Platz zu machen, sondern alle einander fortwährend durchdringen, in der Weise, daß jedes Moment seinen wahren Gehalt vom Ganzen erhält. Das momentan höher aktualisierte, "bewußte" Gebiet - in Wahrheit nur ein verschwindend kleiner Teil der ganzen psychischen Totalität - ist, was es ist, nur durch das unermeßliche potentielle Gebiet, welches nur nach und nach zur Aktualität aufsteigen kann. - Das Gesagte zeigt sich vielleicht noch deutlicher, wenn man den Differentiationsprozeß in seinem zeitlichen Fortschritt verfolgt. Wenn ich z. B. eine Seite eines Buches durchlese, so ist der psychologische Vorgang in meinem Bewußtsein, weit davon entfernt eine Reihe isoliert auftauchender Zustände auszumachen, vielmehr mit einer stetig wechselnden Beleuchtung eines unendlichen Feldes zu vergleichen: bei jedem neuen Wort, bei jeder neuen Zusammenstellung der Begriffe wird nicht etwa ein vorher nichtexistierendes Gebilde geschaffen oder ein absolut unwirksames Gebilde zum Wirken gedrängt, sondern nur die Beleuchtung, Akzentuierung der schon vorher wirksamen Gebiete geändert. Und doch trifft das Bild nur die äußere Seite des Verhältnisses: die verschiedenen Momente des Bewußtseins fallen nicht wie die verschieden beleuchteten Teile des Feldes getrennt voneinander. Was durch das eine Wort aktualisiert wird, bleibt beim nächsten Wort nicht nur bestehen, sondern lebt in diesem fort und bestimmt seine Bedeutung mit; desgleichen bestimmt der Inhalt des einen Satzes psychologisch den Inhalt des folgenden, die eine Seite die folgende usw. Kurz: anstatt isolierter Aktualisationen verschiedener Differentiationszustände existiert beim Durchlesen des Buches eine innerliche Durchdringung der durch jedes besondere Wort erfolgten Aktualisationen, wodurch eben der Zusammenhang der Darstellung zustande kommt. Nur zu leicht macht die logische (und als solche natürlich ganz befugte) Unterscheidung und Abgrenzung der Begriffe nach ihrem logischen "Inhalt" die tiefere psychologische Einheit - die den logisch verschiedenen Begriffen gemeinsame Basis - vergessen.
Das Gesagte gilt in gleicher Weise von den Gefühlszuständen, was sich schon daraus erhellt, daß jeder höhere Gefühlszustand höhere Differentiationszustände voraussetzt. So setzt der ästhetische Genuß eines Buches jene Durchdringung vieler Bewußtseinszustände voraus, schon weil er die verstandesmäßige Auffassung des Buches als Grundlage voraussetzt. Es läßt sich aber diese Durchdringung bei den Gefühlszuständen leicht auch direkt aufweisen. Wenn man z. B. das durch eine Melodie hervorgebrachte Gefühl in Teile zerlegen wollte, so würde man zunächst auf das durch jedes Intervall hervorgebrachte Gefühl hinauslaufen. Offenbar läßt sich aber die ästhetische Wirkung der Melodie gar nicht als die Summe der Wirkungen der einzelnen Steigungen oder Senkungen konstruieren. Wenn es so wäre, würden wir (zumindest unter der Voraussetzung eines gleichmäßigen Rhythmus) dasselbe ästhetische Resultat erlangen, wenn wir auf viele verschiedene Weisen eine gewisse Anzahl von Steigungen und Senkungen bestimmten Umfangs, z. B. 8 Steigungen und 7 Senkungen pro Sekunde, 3 Steigungen und 5 Senkungen einer großen Terz usw. zusammensetzen würden: anstatt dessen würden sich, bei einem solchen Versuch, aus den verschiedenen Zusammenstellungen ganz verschiedene Resultate ergeben; der Umstand, daß in summa gleich viele Steigungen etc. gegebenen Umfangs in zwei Melodien vorkommen, bürgt gar nicht für ihre Ähnlichkeit. Ein analoges Ergebnis würde sich zeigen, wenn man aus einem Tonstück einen oder mehrere Takte herausnehmen wollte: der eingeschobene Teil würde in dem neuen Zusammenhang entweder sinnlos oder seinem Charakter nach ganz verändert erscheinen. Man wird sich hiervon leicht überzeugen können z. B. durch die in verschiedenem Zusammenhang sehr verschiedene Wirkung derselben Schlußformeln, Modulationen zur Dominante oder sonst oft vorkommenden Gänge. Die psychologische Wirkung der Melodie ist somit nur so zu verstehen, daß beim Hören jedes Intervalls alle übrigen - zumindest alle vorhergehenden, wenn etwa die Melodie dem Hörer bisher unbekannt war - existenz sind, und den Charakter des soeben gehörten beeinflussen: in jedem Glied ist die ganze Empfindungskette, in jedem Teil das Ganze enthalten. Kaum gibt es ein klareres Abbild des Bewußtseins als diese Empfindung einer einheitlichen Tonreihe, die wir Melodie nennen: hier zeigt sich bis zur Evidenz, wie die Totalität in jedem Teil lebt und webt, ihn durchdringt und ihm seine eigentümliche Gestaltung gibt; wie sehr sich der einzelne Teil, auch bei scheinbarer Identität, verändert, sobald die Totalität geändert wird: kurz, wie wenig von der psychischen Realität des einzelnen Bewußtseinsmomentes zurückbleibt, wenn es von der Totalität abgelöst wird.
Das soeben behandelte Beispiel betrifft eine relativ abgeschlossene Sphäre der Psyche, nämlich die Tonempfindungen; diesem Umstand verdankt dasselbe seine leichte Überschaulichkeit. Gewöhnlich aber bestimmt sich das Gefühl viel gleichmäßiger aus der ganzen psychischen Totalität. Wenn wir einen Roman lesen oder ein Drama anhören, so ist der hierdurch hervorgerufene ästhetische Eindruck gleichsam eine Resultante unserer sämtlichen Erfahrungen, Kenntnisse, Neigungen etc.; nicht nur je nach dem Bildungsstandpunkt, sondern überhaupt je nach der ganzen psychischen Beschaffenheit des Menschen wird die Resonanz seiner Psyche der betreffenden Einwirkung gegenüber eine sehr verschiedene sein. Ganz dasselbe gilt aber auch von denjenigen die Psyche treffenden Reizen, welche mehr direkt zur Handlung inzitieren [anregen - wp]. Die Vorstellung eines erlittenen Schimpfes, eines Hindernisses gewisser Art, die Aussicht auf ernste Anstrengung, bedeutenden Geldgewinn, erhöhte soziale Position, wissenschaftlichen oder künstlerischen Ruhm, sinnliche Genüsse - alle dergleichen Bewußtseinssegmente, welche man sich beim ersten Anblick als isolierte psychische Erscheinungen darstellen, existieren in Wirklichkeit nie isoliert, sondern immer nur als besondere Aktualisationszustände der ganzen psychischen Totalität; eben darum spielen auch dieselben Vorstellungen, bezüglich ihrer motivierenden Kraft, bei verschiedenen Personen sowie bei derselben Person zu verschiedenen Zeitpunkten eine sehr verschiedene Rolle. Was den Einen in einen äußersten Affekt bringt, erweckt im Anderen eine ruhige, besonnene Handlungsenergie und läßt vielleicht den Dritten gänzlich unberührt. Zwischen solchen weit geschiedenen Grenzfällen liegen unzählige Nuancen und es läßt sich behaupten, daß ein gegebener Reiz nie denselben Effekt bei zwei verschiedenen Menschen hervorbringen wird, eben weil es keinen Menschen gibt, dessen psychische Totalität mit der psychischen Totalität eines anderen Menschen gänzlich identisch ist.
Indessen ist wohl darauf zu achten, daß auch wenn das ausnahmslose Vorhandensein einer Durchdringung jedes einzelnen Bewußtseinssegments durch die psychische Totalität zuzugeben ist, diese Durchdringung jedoch nie eine vollkommene ist, vielmehr in einem sehr verschiedenen Grad stattfinden kann - was wiederum mit den verschiedenen Aktualitätsgraden der verschiedenen Momente der psychischen Totalität zusammenhängt. Es gilt nämlich ausnahmslos: alles was eine erweiterte Aktualisation befördert, ist auch der Durchdringung förderlich; alles was jener entgegensteht, ist auch dieser hinderlich; je vollkommener aber die Durchdringung ist, umso mehr ist die Reaktion des Menschen auf den gegebenen Reiz als ein Ausschlag seiner ganzen psychischen Totalität anzusehen. Hieraus folgt u. a., daß das Vorhandensein eines heftigen Affekts, als der Aktualisation sonstiger Bewußtseinselemente hinderlich, die Durchdringung mindert; mithin daß die während eines solchen Affekts stattfindende Reaktion des Bewußtseins nur in einem geringen Grad als ein Ausschlag der psychischen Totalität des Individuums betrachtet werden kann. Ebenso folgt, daß ceteris paribus [unter sonst gleichen Umständen - wp] die Durchdringung umso vollständiger sein muß, je länger das betreffende Motiv hoch aktuell ("bewußt") gewesen ist, indem eine umso größere Zahl von Bewußtseinssegmenten zum Aktualisiertwerden und folglich zum Verstärken oder Abschwächen des erstgenannten Motivs die Gelegenheit gehabt haben.
Subjektive und objektive psychische Zustände
Eine Unterscheidung, welche beim ersten Anblick in weit höherem Grad als die Einteilung in Verstandes- und Gefühlszustände den Anschein hat, wirklich diskret zu sein und keinerlei kontinuierliche Zwischenstadien zuzulassen, ist diejenige in zwei Kategorien, welche als subjektive und objektive (9) Bewußtseinszustände bezeichnen werden. Die objektiven Bewußtseinszustände werden mit psychologischer Notwendigkeit - nämlich kraft einer Jllusion, von welcher der Mensch sich trotz aller Reflexion nicht frei machen kann - als dem Bewußtsein selbst nicht angehörig, nicht innerhalb des Bewußtseins liegend, sondern als "die wirklichen Dinge" außerhalb des Bewußtseins ausmachend aufgefaßt. Die subjektiven Bewußtseinszustände hingegen werden vom Menschen als ihm selbst, seinem inneren Wesen angehörig aufgefaßt, zwar nicht als mit dem Ich identisch aber gleichsam aus dem Ich auftauchend und dem Ich ihre Realität entlehnend. Beim ersten Anblick scheint diese Unterscheidung auf einer unüberwindbaren Kluft zwischen einer äußeren und einer inneren Welt zu beruhen, von denen die erstere eine unbegrenzte Menge von realen Dingen mit ihren Eigenschaften enthält, welche sukzessiv für das Bewußtsein hervortreten können, dennoch aber als toto genere [völlig - wp] außerhalb des Bewußtseins gelegen aufgefaßt werden; die letztere aber als eine unendliche Tiefe, welche auf- und untertauchende Erinnerungen, Phantasiegebilde und dgl. in sich einschließt. Indessen existiert, rein psychologisch betrachtet, zwischen den beiden Gebieten nicht nur keine Kluft, sondern nicht einmal eine feste Grenze. Die inneren (subjektiven) Zustände, insofern sie als Objekt des Bewußtseins, als einen peripherischen Faktor enthaltend (wenn man so will: als ein subjektives Nichtich) aufgefaßt werden, erhalten ihren subjektiven Charakter nur durch eine Art von Hemmung; wenn diese wegfällt, stellt sich das Phantasiegebilde dem Bewußtsein als äußeres, "wirkliches" Objekt dar, d. h. der subjektive Zustand geht zum objektiven über. Ein einfaches Beispiel ist der Übergang vom wachen Zustand zum Schlaf: es wird hier oft ein im Bewußtsein vorgehender Streit zwischen den äußeren Eindrücken und den der inneren Tiefe entsteigenden Erinnerungs- und Phantasiegebilden während geraumer Zeit wahrzunehmen sein; allmählich werden die ersteren von den letzteren verdrängt: das Phantasiegebilde gewinnt eine immer größere Stärke und Lebendigkeit, bis es, im tiefen Schlaf, im "Traum", als fertiges "äußeres" Objekt dasteht. Zwischen dem geträumten Haus und dem wirklich wahrgenommenen läßt sich, solange man sich an den momentanen Bewußtseinszustand hält, psychologisch kein Unterschied aufweisen. Es sind aber auch in den Wahrnehmungen im wachen Zustand vielfach Elemente, welche nicht "peripherally initiated" sind, dennoch aber vom Menschen als etwas wirklich Wahrgenommenes aufgefaßt werden, hineingemischt (als Beispiel mag an die Auffassung der dritten Dimension des Raums bei den Gesichtswahrnehmungen erinnert werden).
Der genannte Unterschied ist nicht nur für die Differentiationsseite, sondern auf für die Gefühlsseite von äußerster Wichtigkeit. Die sogenannten altruistischen Motive gründen sich auf die psychologische Position anderer, außerhalb des eigenen Bewußtsins existierenden, dem Subjekt ähnlichen psychischen Wesen; wenn das Bewußtsein sich rein solipsistisch [im eigenen Saft braten - wp] und keine Realität außerhalb seines selbst ponierte [als gegeben annehmen - wp], wären jene altruistischen Motive nicht herzuleiten. Indem aber der Mensch hinter gewissen Erscheinungskomplexen Wesen seines Gleichen annimmt, oder vielmehr dieselben als ihm selbst unmittelbar gegenüber gestellt auffaßt, werden ihre Lust und Unlust ganz gewaltige (positive sowie negative) Triebkräfte für seine Handlungen. Freilich muß in letzter Hand jedes Motiv insofern ein egoistisches sein, als jede vom Ich angestrebte Veränderung zunächst auf seine eigene Befriedigung hinausgeht; aber es ist durch die genannten Transpositionen dem Ich die Möglichkeit gegeben die eigene Lust oder Unlust eben in der Lust oder Unlust Anderer zu finden. Diejenige Beschaffenheit der Psyche, welche die Moral, sowie diejenige, welche das Recht fordert, läuft in letzter Hand auf das Verhältnis zwischen den altruistischen und den egoistischen Motiven hinaus.
Innervationszustände
Gewissermaßen eine Mittelstufe zwischen den beiden genannten Arten von Bewußtseinszuständen einnehmend, tritt eine Gruppe hervor, deren besondere Eigenschaften dem Gegensatz zwischen "Theoretischem" und "Praktischem" zugrunde liegen. Es sind dies die früher besprochenen Innervationen. Wie das Zentralprinzip Erinnerungen und Phantasiebilder aus der Bewußtseinstiefe hervorrufen kann, so vermag es auch gewisse Zustände zu aktualisieren, mit denen in normalen Fällen eine gewisse Körperbewegung verbunden ist. Das psychologische Verhältnis des Zentralprinzips ist, wie oben bemerkt, in diesen Fällen prinzipiell kein anderes als wenn ich die Farbe rot oder blau vor meinem "inneren Auge" hervorrufe. Spezifisch ist aber den Innervationen, daß sie gleichsam eine Brücke von der Psyche in die objektive Welt hinüber bilden; sie werden vom Menschen als ihm verfügbare Ursachen materieller Veränderungen seines Körpers und mittelbar der ferneren Außenwelt angesehen und sind ihm die unerläßlichen Mittel, um Veränderungen in dieser objektiven Sphäre zu bewirken (10).
Es ist schon weiter oben darauf aufmerksam gemacht, daß die Innervation keineswegs mit der Vorstellung der auszuführenden Körperbewegung zu identifizieren ist; diese Vorstellung kann ganz wohl ohne die Innervation vorhanden sein (nicht aber umgekehrt, insofern es sich um die sogenannte freiwillige Körperbewegung handelt). Ebensowenig ist aber die Innervation mit der wirklich ausgeführten Körperbewegung und den durch diese hervorgerufenen Muskelsensationen etc. zu verwechseln: die Innervation kann ihrerseits ganz wohl ohne die wirkliche Körperbewegung vorhanden sein. Es sind also drei Fälle zu unterscheiden:
1) Vorgestellte Bewegung; weder Innervation noch wirkliche Bewegung;
2) Vorgestellte Bewegung + Innervation; keine wirkliche Bewegung;
3) Vorgestellte Bewegung + Innervation, welche die wirkliche Bewegung hervorruft.
Die Frage, ob die Innervation die wirkliche Bewegung hervorruft oder nicht, hängt nicht von irgendeinem Unterschied des psychologischen Zustandes, sondern von der Leistungsfähigkeit des physiologischen Apparates ab; mithin kann der psychologische Zustand absolut derselbe sein, obgleich in einem Fall die Bewegung wirklich erfolgt, im anderen nicht. Wenn ein Lahmer (oder noch besser: ein zufällig Gelähmter) die Hand zu bewegen versucht, so läßt sich ohne jede Schwierigkeit denken, daß er ganz denselben psychologischen Zustand, welchen er von früher als die betreffende Handbewegung verursachend kennt, den Zustand also, auf welchen unter normalen Verhältnissen die Handbewegung wirklich erfolgen wird, hervorruft (11). Dieser Zustand, welcher sich beim Gelähmten sowohl wie beim Gesunden vorfinden kann, ist das einzige dem Bewußtsein direkt angehörige praktische Moment - die reine Innervation. Denn die Körperbewegung existiert für das Subjekt in Wahrheit nur als wahrgenommen, ganz wie sonstige objektive Vorgänge wahrgenommen werden, nur daß jene eventuell aus einem von einem Subjekt direkt erschaffenen Zustand entsteht. (An dieser Tatsache wird offenbar nichts durch den Umstand geändert, daß die aktige Körperbewegung als solche mit besonderen Muskelsensationen etc. verbunden ist.) LITERATUR Johan Thyren, Abhandlungen aus dem Strafrecht und der Rechtsphilosophie, Bd. II, Über Dolus und Culpa, Lund 1895
1) Ich habe mich dafür entschieden, dieses an und für sich wenig ansprechende Wort zu verwenden, da die beiden Wörter Seele und Geist teils durch den Gegensatz zueinander eine gewissermaßen gefärbte Bedeutung erlangt haben, teils auch leichter den Gedanken auf die hier nicht zu erörternde metaphysische Bestimmthei der psychischen Erscheinungen führen.
2) Natürlich ist hier, wo von Wahl, Belieben etc. gesprochen wird, gar nicht von der Willensfreiheit in einem metaphysischen Sinn die Rede. Es wird hier nur auf die Tatsache Bezug genommen, daß der Mensch, innerhalb gewisser Grenzen, dasjenige, was er will, frei ausführen kann - sich demnach psychologisch als frei wählend empfindet - die Frage aber, warum der Mensch dies und nicht jenes will, vorläufig ganz beiseite gelassen (vgl. darüber weiter unten § 9).
3) Dieses auch sonst (z. B. bei von HARTMANN) verwendete Wort empfiehlt sich, wenn ausdrücklich betont werden soll, daß nicht an den ganzen psychischen (oder auch nur an den "bewußten") Inhalt in einem gewissen Zeitpunkt gedacht werden soll, sondern nur an ein größeres oder kleineres gleichsam "ausgeschnittenes" Gebiet. Die Wörter Bewußtseinszustand, psychischer Zustand etc. werden leicht im erstgenannten Sinn aufgefaßt werden. Oft ist dieser Unterschied für das Verständnis gleichgültig, nicht aber immer - vgl. § 5.
4) Als polare bezeichne ich die Variation in dem Sinne, daß jedes Glied der Reihe zwei Faktoren a und b enthält, von denen a nach der einen, b nach der anderen Seite hin zuwächst, mithin der eine Endpunkt der Reihe das Maximum des a (und Minimum des b), der andere Endpunkt das Maximum des b (und Minium des a) ausdrückt. (Man vgl. die "magnetische Linie" SCHELLINGs).
5) Besonders indem man zu der "perzeptiven" Seite des Bewußtseinszustandes sein Objektivieren (Zustandekommen der äußeren Wahrnehmung als solcher - vgl. § 6) geführt. Des Näheren hierüber vgl. THYREN, Act. Un. Lund. XIX, Seite 39f. - Die erste Idee der polaren Variation stammt wohl von MAINE de BIRAN (Oeuvr. phil. publ. par COUSIN I, Seite 21f). - Über die vollkommen unmöglichen Versuche, den Unterschied zwischen Verstandes- und Gefühlszuständen auf materiell verschiedene psychische Elemente zurückzuführen (etwa die SPENCERschen relations, welche sich als eine neue Art von feelings zwischen den eigentlichen feelings interpolieren sollen) vgl. THYREN, ib., 42f.
6) Nur beiläufig soll hier an die Hypothesen erinnert werden, welche auch die Qualität der "einfachen" Sensationen aus einer Integration einfachster psychischer ("unbewußter") Elemente herleiten wollen, also auch das für die unmittelbare Selbstbeobachtung nicht weiter analysierbare Objekt der differenzierenden Richtung des Bewußtseins - z. B. die Farbennuance, Klangfarbe etc. - als einen unermeßlich komplexen Bau noch einfacherer Elemente auffassen wollen. Es lag diese Ansicht der NEWTONschen Vibrationstheorie sehr nahe, wurde auch, wie es scheint, von NEWTON selbst angedeutet, und zwar als nicht nur für die Gesichtsempfindungen sondern für alle psychischen Vorgänge überhaupt gültig (Phil. nat. princ. math. Ed. HORSLEY III, Seite 174. Ausdrücklich wurde sie aber von LEIBNIZ ausgesprochen (Med. de cogn. Ed. ERDMANN, Seite 81. In neuester Zeit ist sie in ähnlicher Weise, als generelle Hypothese, u. a. von SPENCER (Princ. of Psych. II Ed. I, Seite 149f) aufgestellt. Vgl. auch die Untersuchungen von HELMHOLTZ u. a. (von welchen SPENCER a. a. O. ausgeht) über die Bedeutung der Aliquottöne [mit dem Grundton mitschwingende Obertöne - wp] und die Funktion der Schnecke - was sich freilich nur auf ein begrenztes Gebiet, nämlich die Klangfarbenempfindungen, bezieht.
7) Bei den äußeren (peripherally initiated) Sensationen ist der Intensitätsgrad ein ähnliches, vom Zentralprinzip fast unabhängiges, "fixes" Moment, welches vor allem nicht mit dem Aktualitäts- (Aufmerksamkeits-)grad zu verwechseln ist. Es sei eine Gehör- oder Gesichtsempfindung noch so schwach: meine Aufmerksamkeit auf dieselbe kann dennoch beliebig wachsen oder abnehmen (ohne daß sie darum stärker, intensiver wird). Wo es sich um innere (subjektive, vgl. § 6) Zustände handelt, ist dagegen, betreffs der Differentiationsseite, die Grenze zwischen Intensität und Aktualität schwer zu ziehen (obwohl die beiden dennoch keineswegs identisch sind); wir haben indessen keinen Anlaß hier näher auf diese schwierige Frage einzugehen.
8) Beiläufig mag bemerkt werden, daß diejenigen Erscheinungen deren exakte Formulierung das sogenannte WEBER-FECHNER'sche Gesetz anstrebt, sich bei den Innervationen in ganz derselben Weise wie bei den "theoretischen" Zuständen zeigen. Wie der Unterschied zwischen dem Übergang von der Lichtstärke einer Kerze zur Lichtstärke von zwei Kerzen einerseits, dem Übergang von 100 Kerzen zu 101 Kerzen andererseits, psychisch ein enormer ist, wenn auch der physische Zuwachs des Reizes derselbe sein mag, so gilt dasselbe, wenn man den Übergang von der Innervationsintensität, welche erforderlich ist um 1 Pfund zu heben, zu derjenigen, welche erforderlich ist um 2 Pfund zu heben, mit dem entsprechenden Übergang von 100 zu 101 Pfund vergleicht.
9) Teilweise hat man diesen Unterschied durch verschiedene anderweitige Terminologien ausdrücken wollen, z. B. durch die Gegensätze direkte : reproduzierte Zustände; peripherally : centrally initiated stats of conciousness; impressions : ideas; vivid : faint feelings. Diese Einteilungen, obwohl zum Teil für andere Zwecke verwendbar, treffen doch nicht dasjenige, worauf es hier ankommt. Was die erste anbelangt, kann zwar der äußere (objektive) Zustand immer als direkt bezeichnet werden (auch wenn er stets reproduzierte Elemente enthält), wobei aber der innere, subjektive nicht immer reproduziert wird: welchen Sinn hat es z. B. einen Zustand von heftigem Zorn oder großer Furcht als reproduziert zu bezeichnen? (Daß er vielfach reproduzierte Elemente enthält, ist selbstverständlich, dies ist aber, wie soeben bemerkt, auch beim äußeren, objektiven Zustand der Fall). Weil die äußere Wahrnehmung eines Gegenstandes zur Erinnerung desselben im Verhältnis vom Original zum stark abgeschwächten Abbild steht, so auch jener reale Zornzustand zu der bei ruhigem Gemüt erfolgenden Erinnerung an ihn. - Was die Bezeichnung peripherally und centrally initiated anbelangt, so ist dieselbe mehr physiologischer als psychologischer Natur. Besonders mag bemerkt werden, daß vom Standpunkt dieser Terminologie aus, es nicht anders möglich ist, als die Traumbilder und Halluzinationen, seien sie psychologisch noch so "objektiv", als centrally initiated zu bezeichnen, mithin mit den als Erinnerungen aufgefaßten Abbildern zusammenzustelen; das heißt aber den psychologischen Gesichtspunkt dem physiologischen opfern. - Die gilt auch von den Termen impressions : ideas. - Die schlechteste Bezeichnung ist schließlich vivid : faint feeling, welche ganz unwahr ist, insofern ein heftiger Affekt viel tausendmal mehr vivid als etwa eine schwache objektive Gehörempfindung sein kann.
10) Man könnte sich versucht fühlen, die Innervationen als transzendent, im etymologischen Sinn dieses Wortes, zu bezeichnen, weil sie sich psychologisch als vom Subjekt zum Objekt übergehend, die Kluft zwischen den beiden Erscheinungsformen gleichsam überbrückend, darstellen. Da indessen das Wort transzendent in einer (oder mehreren) ganz anderen Bedeutungen üblich ist, muß hiervon Abstand genommen werden.
11) Vgl. auch das von BURI, Beiträge zur Theorie des Strafrechts und zum Strafgesetzbuch, Leipzig 1894, Seite 348f, herangezogene Beispiel.