Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/kapitalanlagerecht/die-wiederaufgelebte-kommanditistenhaftung-und-die-belehrungspflicht-des-anlageberaters-3176122
Timestamp: 2020-07-08 07:40:23
Document Index: 181069980

Matched Legal Cases: ['§ 172', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 172', 'BGH']

Die wiederaufgelebte Kommanditistenhaftung - und die Belehrungspflicht des Anlageberaters | Rechtslupe
Die wiederaufgelebte Kommanditistenhaftung - und die Belehrungspflicht des Anlageberaters
Der Anla­ge­be­ra­ter schul­det eine anle­ge­rund objekt­ge­rech­te Bera­tung. Er hat den Kun­den recht­zei­tig, rich­tig und sorg­fäl­tig sowie ver­ständ­lich und voll­stän­dig zu bera­ten.
In Bezug auf das Anla­ge­ob­jekt muss der Anla­ge­be­ra­ter den Inter­es­sen­ten ins­be­son­de­re über die Eigen­schaf­ten und Risi­ken unter­rich­ten, die für die Anla­ge­ent­schei­dung wesent­li­che Bedeu­tung haben oder haben kön­nen [1].
Der Umfang der Beleh­rungs­pflicht rich­tet sich nach den Umstän­den des kon­kre­ten Falls und hängt dabei vom Wis­sens­stand und der Risi­ko­be­reit­schaft des Kun­den sowie den all­ge­mei­nen und beson­de­ren Risi­ken, die sich aus den Eigen­hei­ten des Anla­ge­ob­jekts erge­ben, ab [2].
Inso­weit ist grund­sätz­lich auch beim Treu­ge­ber, der dem Rück­griff des Treu­hand­kom­man­di­tis­ten aus­ge­setzt ist über das Risi­ko des Wie­der­auf­le­bens der Kom­man­di­tis­ten­haf­tung nach § 172 Abs. 4 HGB auf­zu­klä­ren, und zwar unge­ach­tet des­sen, dass die Haft­sum­me wie hier nur 10 % der Ein­la­ge betrug [3].
Dem lässt sich nicht ent­ge­gen­hal­ten, nach der vor­lie­gen­den Kon­zep­ti­on der Betei­li­gung habe kein Risi­ko des Wie­der­auf­le­bens der Kom­man­di­tis­ten­haf­tung bestan­den. Im vor­lie­gen­den Fall heißt es dazu im Emis­si­ons­pro­spekt: "Gemäß Gesell­schafts­ver­trag beträgt die ins Han­dels­re­gis­ter ein­zu­tra­gen­de Haft­sum­me 10 % der Zeich­nungs­sum­me. Gemäß Pro­gno­se lebt kei­ne Kom­man­di­tis­ten­haf­tung durch Aus­schüt­tun­gen auf."
Ob sich die­se Pro­gno­se als zutref­fend her­aus­stel­len wür­de, war unge­wiss. Hier­nach soll­ten die Aus­schüt­tun­gen bis zu der geplan­ten Ver­äu­ße­rung der Solar­an­la­ge nach zehn Jah­ren bezo­gen auf das Kom­man­dit­ka­pi­tal 80 % der Ein­la­ge betra­gen. Der zur Deckung der Haft­sum­me erfor­der­li­che Betrag der Ein­la­ge soll­te unbe­rührt blei­ben. Erst bei Ver­äu­ße­rung der Antei­le am Ende der geplan­ten Lauf­zeit soll­te mit einer dann in Aus­sicht genom­me­nen Gesamt­aus­schüt­tung von 205 % ein die Haft­sum­me angrei­fen­der Ver­lust ent­ste­hen. Im Zeit­punkt der Zeich­nung der Kapi­tal­an­la­ge ließ sich jedoch nicht sicher vor­her­se­hen, ob sich dies bewahr­hei­tet. Eine sol­che Ent­wick­lung hing wor­auf bereits das Land­ge­richt zutref­fend abge­stellt hat unter ande­rem davon ab, ob die in der Pro­gno­se­rech­nung vor­aus­ge­setz­ten Prä­mis­sen ent­spre­chend der geplan­ten Betriebs­dau­er und anschlie­ßen­den Ver­äu­ße­rung der Solar­an­la­ge nach zehn Jah­ren tat­säch­lich ein­tre­ten. Dies stand mit Blick auf die inso­weit ledig­lich abge­ge­be­nen Absichts­er­klä­run­gen des Betrei­bers und die dem Anle­ger erst­ma­lig zum 31.12 2034 zuste­hen­de Kün­di­gungs­mög­lich­keit kei­nes­wegs fest. Eben­so wenig ließ sich aus­schlie­ßen, dass die Gesell­schaf­ter höhe­re Aus­schüt­tun­gen beschlie­ßen, bei einer Ver­äu­ße­rung der Anla­ge nach einer zehn­jäh­ri­gen Lauf­zeit Fremd­ver­bind­lich­kei­ten noch bestehen oder aus ande­ren Grün­den nicht plan­mä­ßi­ge Ver­lus­te ent­ste­hen. Der Kom­man­di­tist haf­tet auch nach sei­nem Aus­schei­den oder nach Auf­lö­sung der Gesell­schaft bis zur Höhe der Haft­sum­me für die bis dahin begrün­de­ten Gesell­schafts­ver­bind­lich­kei­ten [4]. Es kann daher nicht ange­nom­men wer­den, ein Wie­der­auf­le­ben der Kom­man­di­tis­ten­haf­tung sei aus­ge­schlos­sen gewe­sen. Dem­entspre­chend ist im Pro­spekt das Risi­ko der Kom­man­di­tis­tenund Treu­ge­ber­haf­tung auch aus­drück­lich erwähnt wor­den.
Eine ord­nungs­ge­mä­ße Auf­klä­rung kann nicht nur münd­lich, son­dern auch durch Über­ga­be von Pro­spekt­ma­te­ri­al erfol­gen, sofern der Pro­spekt nach Form und Inhalt geeig­net ist, die nöti­gen Infor­ma­tio­nen wahr­heits­ge­mäß und ver­ständ­lich zu ver­mit­teln, und er dem Anla­ge­in­ter­es­sen­ten so recht­zei­tig vor Ver­trags­schluss über­ge­ben wird, dass sein Inhalt noch zur Kennt­nis genom­men wer­den kann [5].
Eine sol­che Auf­klä­rung der Anle­ge­rin hat indes­sen im hier ent­schie­de­nen Fall nicht statt­ge­fun­den. Zwar ent­hält der Emis­si­ons­pro­spekt des Solar­fonds eine inhalt­lich zutref­fen­de Auf­klä­rung unter ande­rem über das Risi­ko des Wie­der­auf­le­bens der Kom­man­di­tis­ten­haf­tung. Er ist der Anle­ge­rin oder ihrem Ehe­mann jedoch schon nach den Anga­ben in dem per­sön­li­chen Bera­ter­bo­gen zu spät, näm­lich erst am Tag der Zeich­nung, aus­ge­hän­digt wor­den. Auch in dem Bera­ter­bo­gen fand sich kein geson­der­ter Hin­weis auf die­ses Risi­ko.
Ent­schei­dend ist daher, ob die Anle­ge­rin bezie­hungs­wei­se ihr für sie han­deln­der Ehe­mann von dem Bera­ter anläss­lich des vor der Zeich­nung der Anla­ge geführ­ten Gesprächs nicht über die­ses Risi­ko auf­ge­klärt wor­den sind.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Sep­tem­ber 2019 – III ZR 73/​18
st. Rspr., zB BGH, Urtei­le vom 07.02.2019 – III ZR 498/​16, WM 2019, 448 Rn. 9; vom 23.03.2017 – III ZR 93/​16, WM 2017, 799 Rn. 11; vom 18.02.2016 – III ZR 14/​15, WM 2016, 504 Rn. 15; und vom 21.03.2013 – III ZR 182/​12, WM 2013, 836 Rn. 12; jeweils mwN[↩]
vgl. zB BGH, Urtei­le vom 07.02.2019 aaO Rn. 14; und vom 21.03.2013 aaO[↩]
BGH, Urteil vom 04.12 2014 – III ZR 82/​14, WM 2015, 68 Rn. 10[↩]
vgl. Strohn in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 3. Aufl., § 172 Rn. 38[↩]
zB BGH, Urtei­le vom 07.02.2019 aaO Rn. 12; vom 18.02.2016 aaO Rn. 16; und vom 24.04.2014 – III ZR 389/​12, NJW-RR 2014, 1075 Rn. 9; jeweils mwN[↩]
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