Source: https://www.steuerberater-center.de/50834.htm
Timestamp: 2019-02-16 17:15:53
Document Index: 31038642

Matched Legal Cases: ['§ 233', '§ 238', '§ 187', '§ 108', '§ 233', '§ 233', '§ 122', '§ 233', '§ 102', '§ 233', '§ 108', '§ 187', '§ 238', '§ 238', '§ 233', '§ 187', '§ 108', '§ 187', '§ 108', '§ 187', '§ 233']

Die Beispiele 14 und 15 zu Nr. 70.1.2 AEAO zu Â§ 233a halten, soweit dort fÃ¼r den Beginn des "fiktiven Zinslaufs" nicht auf den Tag der freiwilligen Zahlung, sondern erst auf den Folgetag abgestellt wird, die gesetzlichen Grenzen des Ermessens nicht ein. FÃ¼r die Ermittlung der vollen Monate i.S.d. Â§ 238 Abs. 1 S. 2 AO ist bei Erstattungszinsen der Tag der Zahlung mitzurechnen und das Ende des (ersten) vollen Monats gem. Â§Â§ 187 Abs. 2, 188 Abs. 2 Variante 2 BGB i.V.m. Â§ 108 AO zu bestimmen.
Zwischen den Beteiligten ist streitig, in welchem Umfang festgesetzte Nachzahlungszinsen wegen sachlicher Unbilligkeit zu erlassen sind. Die KlÃ¤gerin, eine Kapitalgesellschaft, teilte dem Finanzamt schriftlich mit, dass aufgrund einer laufenden BetriebsprÃ¼fung KÃ¶rperschaftsteuernachzahlungen zu erwarten seien. Sie kÃ¼ndigte eine freiwillige KÃ¶rperschaftsteuerzahlung in entsprechender HÃ¶he fÃ¼r die Jahre 1998 bis 2000 an. Der Betrag wurde am 30.4.2007 auf einem Konto der FinanzbehÃ¶rde gutgeschrieben und von dieser angenommen. Nach Abschluss der BetriebsprÃ¼fung erlieÃŸ das Finanzamt geÃ¤nderte KÃ¶rperschaftsteuerbescheide fÃ¼r die Jahre 1998 bis 2000 und setzte unter dem Datum des 26.11.2010 Steuern sowie Nachzahlungszinsen gem. Â§ 233a AO fest.
Wenige Tage spÃ¤ter beantragte die KlÃ¤gerin auf der Grundlage von Nr. 70.1.1 S. 2 AEAO zu Â§ 233a AO aus sachlichen BilligkeitsgrÃ¼nden den Erlass von Nachzahlungszinsen zur KÃ¶rperschaftsteuer 1998 bis 2000. Zur BegrÃ¼ndung verwies sie auf ihre freiwillige Leistung im April 2007. Die KlÃ¤gerin ging hierbei davon aus, dass Zinsen fÃ¼r 43 volle Monate im Zeitraum 30.4.2007 bis zum 29.11.2010 zu erlassen sind. Bei ihrer Berechnung bezog sie den Zahlungstag 30.4.2007 vollstÃ¤ndig ein. Unter Einschluss des Tages des Wirksamwerdens der Steuerfestsetzung - Bekanntgabe gem. Â§ 122 Abs. 2 Nr. 1 AO - am 29.11.2010 seien exakt 43 volle Monate erreicht.
Das Finanzamt gab diesem Antrag nur teilweise statt. In seinen Bescheiden Ã¼ber eine abweichende Festsetzung der Zinsen zur KÃ¶rperschaftsteuer fÃ¼r 1998, 1999 und 2000 aus BilligkeitsgrÃ¼nden ging es von einem erlassfÃ¤higen aus, den es auf der Grundlage von 42 vollen Zinsmonaten ermittelt hatte. Nach den Beispielen 14 und 15 zu Nr. 70.1.2 AEAO zu Â§ 233a beginne der "fiktive Zinslauf", der Ã¼ber das AusmaÃŸ der zu erlassenden Zinsen entscheide, erst am Tage nach der Zahlung. Folglich gehe es um den Zeitraum vom 1.5.2007 bis zum 29.11.2010. FÃ¼r das Erreichen des vollen 43. Monats fehle damit ein Tag.
Das FG hat ohne Rechtsfehler dahin erkannt, dass die Bescheide vom 8.7.2011 Ã¼ber die abweichende Zinsfestsetzung aus BilligkeitsgrÃ¼nden rechtswidrig sind, weil das Finanzamt i.S.d. Â§ 102 FGO ermessensfehlerhaft gehandelt hat. Denn es ist nicht ermessensgerecht, fÃ¼r den Beginn des "fiktiven Zinslaufs" nicht auf den Tag der freiwilligen Zahlung, sondern erst auf den Folgetag abzustellen.
Ein Erlass der Nachzahlungszinsen in HÃ¶he vergleichbar berechneter Zinsen ist eine mÃ¶gliche ErmessensausÃ¼bung. Die freiwillige Leistung der - ermittelten, aber noch nicht festgesetzten - Steuer hat zur Folge, dass die Steuer im Zeitraum zwischen angenommener Zahlung und Festsetzung Ã¼berzahlt ist. Es besteht ein Guthaben zugunsten des Steuerpflichtigen. Sachgerecht ist dann, wenn Zinsen fÃ¼r den Ã¼berzahlten Betrag ("fiktive Erstattungszinsen") berechnet und im Erlasswege dadurch berÃ¼cksichtigt werden, dass in HÃ¶he der "fiktiven Erstattungszinsen" die Nachzahlungszinsen reduziert werden. Es ist allerdings nicht sachgerecht und keine rechtmÃ¤ÃŸige ErmessensausÃ¼bung, bei der Berechnung des Erlassbetrages den Zinslauf der "fiktiven Erstattungszinsen" ("fiktiver Zinslauf") abweichend von den fÃ¼r Erstattungszinsen geltenden Regelungen zu bestimmen. Davon gehen die Richtlinien in den Beispielen 14 und 15 zu Nr. 70.1.2 AEAO zu Â§ 233a aber aus. Denn dort wird als Beginn des "fiktiven Zinslaufs" nicht auf den Tag der freiwilligen Leistung, sondern auf den Folgetag abgestellt.
BegrÃ¼ndet wird dies mit der Ã¼ber Â§ 108 Abs. 1 AO anzuwendenden Fristvorschrift des Â§ 187 Abs. 1 BGB. Danach ist, wenn fÃ¼r den Anfang einer Frist ein Ereignis maÃŸgebend ist, der Tag, in den das Ereignis fÃ¤llt, nicht mitzurechnen. Hinsichtlich des Beginns des Zinslaufs bestimmt jedoch Â§ 238 Abs. 1 S. 2 AO, dass Zinsen von dem Tag an, an dem der Zinslauf beginnt, zu zahlen sind. Die Formulierung "von dem Tag an" ist zweifelsfrei in dem Sinne zu verstehen, dass der erste Tag des Zinslaufs von Anfang an, also ab 0 Uhr, bei der Berechnung des Zinslaufs und der Ermittlung der vollen Monate mitzuzÃ¤hlen ist. Die Regelung in Â§ 238 Abs. 1 S. 2 AO gilt - mangels entgegenstehender Bestimmungen - auch fÃ¼r die Bestimmung des Zinslaufs bei Erstattungszinsen. Die Verzinsung beginnt hier frÃ¼hestens mit dem Tag der Zahlung (Â§ 233a Abs. 3 S. 3 Halbs. 2 AO). Der Zahlungstag ist demnach von Anfang an ("von dem Tag an"), d.h. ab Tagesbeginn um 0 Uhr, bei der Berechnung der Dauer des Zinslaufs und der Ermittlung der vollen Monate einzubeziehen.
Die gesetzlich angeordnete BerÃ¼cksichtigung des gesamten ersten Tages fÃ¼r die Ermittlung der Dauer des Zinslaufs und der vollen Monate hat sodann zur Folge, dass sich die Fristberechnung nicht nach Â§Â§ 187 Abs. 1 ("Ereignis"), 188 Abs. 2 Var. 1 BGB i.V.m. Â§ 108 Abs. 1 AO, sondern nach Â§Â§ 187 Abs. 2, 188 Abs. 2 Var. 2 BGB i.V.m. Â§ 108 Abs. 1 AO richtet. Danach wird, wenn der Beginn eines Tages der fÃ¼r den Anfang einer Frist maÃŸgebende Zeitpunkt ist, dieser Tag bei der Berechnung der Frist mitgerechnet. Das Fristende ist dann mit dem Ablauf desjenigen Tages des letzten Monats erreicht, welcher dem Tage vorhergeht, der durch seine Zahl dem Anfangstage der Frist entspricht. Die Ermittlung der Anzahl der "vollen Monate" gem. Â§Â§ 187 Abs. 2, 188 Abs. 2 Var. 2 BGB entspricht der herrschenden Meinung in der Literatur, der sich der BFH anschlieÃŸt.
Es ist also kein Grund ersichtlich, warum bei der Berechnung "fiktiver Erstattungszinsen" der Zinslauf abweichend von der durch die AO vorgegebenen Regelungssystematik bestimmt werden sollte. Nr. 70.1.2 AEAO zu Â§ 233a ist an diese Systematik angelehnt. Es ist daher nicht ermessensgerecht, davon ohne triftigen Grund abzuweichen und zu unterstellen, dass im Falle der freiwilligen Leistung das Kapital dem Steuerpflichtigen am Zahltag noch zur alleinigen Nutzung zur VerfÃ¼gung gestanden hat, im Falle einer Leistung nach vorheriger Festsetzung (z.B. von Vorauszahlungen) aber nicht.
Verlag Dr. Otto Schmidt vom 08.01.2018 11:41