Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/unterbliebene-bestellung-eines-dolmetschers-im-bussgeldverfahren-399287
Timestamp: 2020-07-09 13:33:15
Document Index: 288742844

Matched Legal Cases: ['§ 338', '§ 185', '§ 46', '§ 338', '§ 185', 'BGH', 'BGH', '§ 338', 'BGH', 'BGH', '§ 338', 'BGH', 'BGH', '§ 190', '§ 190', '§ 185', '§ 185', '§ 185']

Unterbliebene Bestellung eines Dolmetschers im Bußgeldverfahren | Rechtslupe
Beruht die Ent­schei­dung des Tatrich­ters, bei einem der deut­schen Spra­che nur teil­wei­se mäch­ti­gen Betrof­fe­nen kei­nen Dol­met­scher zur Haupt­ver­hand­lung hin­zu­zu­zie­hen, allein auf dem Ver­zicht des Betrof­fe­nen und einer Erklä­rung des Ver­tei­di­gers, sich für den Betrof­fe­nen ein­zu­las­sen und selbst als Dol­met­scher über die not­wen­di­gen Sprach­kennt­nis­se zu ver­fü­gen, so ist sie ermes­sens­feh­ler­haft und begrün­det einen Ver­stoß nach §§ 338 Nr. 5 StPO, 185 GVG.
st der Betrof­fe­ne der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig, muss nach § 185 Abs. 1 GVG i. V. m. § 46 Abs. 1 OWiG ein Dol­met­scher grund­sätz­lich wäh­rend der gan­zen Haupt­ver­hand­lung zuge­gen sein. Ist dies nicht der Fall, greift der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 5 StPO [1]. Ist der Betrof­fe­ne der deut­schen Spra­che nur teil­wei­se mäch­tig, so bleibt es dem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Tatrich­ters über­las­sen, in wel­chem Umfang er unter Mit­wir­kung des Dol­met­schers mit den Pro­zess­be­tei­lig­ten ver­han­deln will [2]. Die­ses Ermes­sen kann vom Revi­si­ons­ge­richt nur dahin über­prüft wer­den, ob sei­ne Gren­zen ein­ge­hal­ten sind. Nur bei Vor­lie­gen eines Ermes­sens­feh­lers kön­nen die Ver­fah­rens­vor­schrif­ten der §§ 185 GVG, 338 Nr. 5 StPO ver­letzt sein [3].
Im vor­lie­gen­den Fall erweist sich die Ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den, kei­nen Dol­met­scher zur Haupt­ver­hand­lung hin­zu­zu­zie­hen, als ermes­sens­feh­ler­haft. Der dienst­li­chen Erklä­rung des Vor­sit­zen­den ist nicht zu ent­neh­men, dass er davon über­zeugt war, dass die deut­schen Sprach­kennt­nis­se des Geschäfts­füh­rers der Betrof­fe­nen aus­reich­ten, um der gesam­ten Haupt­ver­hand­lung ohne Dol­met­scher fol­gen und sei­ne Rech­te wahr­neh­men zu kön­nen. Sie stützt sich allein auf den aus­drück­li­chen Ver­zicht auf einen Dol­met­scher und auf die Erklä­rung des Ver­tei­di­gers, sich für den Geschäfts­füh­rer der Betrof­fe­nen ein­zu­las­sen und selbst als Dol­met­scher für die pol­ni­sche Spra­che über die not­wen­di­gen Sprach­kennt­nis­se zu ver­fü­gen. Dem steht jedoch ent­ge­gen, dass der am Ver­fah­ren betei­lig­te Ver­tei­di­ger in der Haupt­ver­hand­lung nicht zugleich als Dol­met­scher fun­gie­ren kann [4] und dass auf die not­wen­di­ge Hin­zu­zie­hung eines Dol­met­schers nicht wirk­sam ver­zich­tet wer­den kann [5]. Der deut­schen Spra­che nicht mäch­tig ist auch ein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter, der zwar gewis­se deut­sche Sprach­kennt­nis­se besitzt, die aber nicht aus­rei­chen, sodass er dem Ver­fah­ren nicht genü­gend fol­gen und er des­halb sei­ne Rech­te schon aus sprach­li­chen Grün­den nicht genü­gend wahr­neh­men kann [6]. Das Gericht ist nicht an die Erklä­run­gen des Betei­lig­ten über sei­ne Sprach­kennt­nis­se gebun­den. Im Zwei­fel ist ein Dol­met­scher bei­zu­zie­hen [7].
BGHSt 3, 285; BGH NStZ 2002, 275; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt StPO 58. Aufl., § 338 Rn. 44[↩]
BGHSt 3, 285; BGHR StPO, § 338 Nr. 5 Dol­met­scher 2, 3; BGH, NStZ 2002, 275[↩]
BGH NStZ 1984, 328; OLG Stutt­gart NJW 2006, 3796[↩]
vgl. Die­mer in KK-StPO 7. Aufl. § 190 GVG Rn. 1; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt aaO § 190 GVG Rn. 1[↩]
Wickern in Löwe-Rosen­berg, StPO 26. Aufl., § 185 GVG, Rn. 7; Die­mer, a. a. O. § 185 GVG Rn. 6; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt aaO § 185 GVG Rn. 4[↩]
BVerfGE 64, 135[↩]
Wickern, a. a. O. Rn. 2[↩]
Über­set­zung der Ankla­ge­schrift Ein Ange­klag­ter kann auf die das Straf­ver­fah­ren abschlie­ßen­de Ent­schei­dung nur dann hin­rei­chend Ein­fluss neh­men, wenn ihm der Ver­fah­rens­ge­gen­stand in vol­lem Umfang bekannt ist. Dies setzt…
BußgeldverfahrenDolmetscherrechtliches Gehör