Source: https://de.slideshare.net/foodwatch_de/foodwatch-2014-rechtlos-im-supermarkt-d
Timestamp: 2017-05-29 23:09:30
Document Index: 344212485

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 169', 'Art 153', 'Art. 169', 'Art. 95', 'Art. 114', 'EuG', '§ 5', '§ 11', 'Art. 7', 'EuG', '§ 12', '§ 44', '§ 47', '§ 130', '§ 30', '§ 130', 'EuG']

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Die schönsten Seiten der Steiermark...
Anspruch und Praxis des Lebensmittelrechts
Vorwort	04
Rechtlos im Supermarkt –
ZusammenfassunG / THesen	06
1. Kapitel	Die EU entdeckt den Verbraucherschutz	08	1.1.	EU-Verbraucherschutz und der
„mündige Verbraucher“	08	1.2.	Die BSE-Katastrophe als Auslöser eines
neuen Lebensmittelrechts	10
Gesundheitsgefährdung und Täuschung/
Irreführung in der Rechtspraxis	13	2.1.	Unzureichender Gesundheitsschutz	13	2.2.	Unzureichender Täuschungsschutz	17
Rechtliche Defizite des Gesundheits-
schutzes und des Täuschungsverbotes	20
4. Kapitel	Lobby gegen Prävention	27	4.1.	Nachsorgender statt präventiver Schutz
der Verbraucher	27	4.2.	Prävention: Kosten für die Betriebe,
Ersparnisse für die Gesellschaft	28
Vom Reparaturbetrieb zur Prävention:
Rechtliche MaSSnahmen	31
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Vor mehr als zehn Jahren – im Jahr 2001 – erreichte der „Rinderwahnsinn“ BSE seinen vorläufigen Höhe-
punkt. Bis heute starben mehr als 150 Menschen in Europa durch den Verzehr von Rindfleisch. Die Tiere
waren mit nicht ausreichend sterilisiertem Tiermehl, das von erkrankten Rindern stammte, gefüttert
worden. Die Ereignisse machten auf schockierende Weise deutlich, dass die Praktiken der Futter- und
Lebensmittelindustrie die Gesundheit der Verbraucher massiv gefährdet und geschädigt hatten. Es wurde
aber auch deutlich, dass der Staat durch unzureichende Regulierungen der Futtermittelindustrie und der
Rinderhalter seiner Schutzpflicht nur ungenügend nachgekommen war und damit das Grundrecht der
Verbraucher auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) verletzt hatte. Verbraucher hatten
keine Chance, sich zu wehren oder zu erkennen, welche Risiken sie beim Verzehr von Rindfleisch ein-
gingen. Niemand wurde für diese Katastrophe zur Verantwortung gezogen.
In Europa bedeutete die BSE-Krise eine Zeitenwende für den Verbraucherschutz. Ein europäisches „Grund-
gesetz“ des Lebensmittelrechts (EU-Verordnung 178/2002) wurde beschlossen und in ein neues nationa-
les Lebensmittelrecht übertragen (Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch – LFGB). Eine europäische
Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wurde etabliert. In Deutschland und in anderen EU-Mitglied-
staaten wurden Verbraucherministerien geschaffen.
Die BSE-Krise führte in Deutschland zu einer umfassenden Neuorganisation der behördlichen Risikobe-
wertung von Lebensmitteln und zur Errichtung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittel-
sicherheit (BVL) und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).
Aber wie sieht es heute aus? Hat sich die rechtliche Stellung der Verbraucher wirklich entscheidend ver-
bessert? Sind die grundlegenden Verbraucherrechte, die J. F. Kennedy vor 50 Jahren formulierte, nämlich
das Recht auf Schutz der Gesundheit, das Recht, Informationen zu erfragen und gehört zu werden, und
das Recht, auswählen zu können, wirklich realisiert? Kann der Verbraucher auf Augenhöhe mit den Her-
stellern und Händlern agieren? Kann er seine Rolle als „mündiger“ Verbraucher wirklich wahrnehmen?
Ist er souverän im Markt oder ist seine rechtliche Stellung schwach, und schließlich: Ist er Gestalter des
Lebensmittelmarktes oder dessen Opfer?
Diesen Fragen will das vorliegende Papier nachgehen. In einem ersten Kapitel werden die Bedeutung des
Verbraucherschutzes im Europäischen Primärrecht sowie die lebensmittelrechtlichen Grundlagen im Unions-
und nationalen Recht beschrieben. Es folgen in Kapitel 2 Beispiele für den ungenügenden Gesundheits-
schutz und den weitverbreiteten Tatbestand der – nach dem Lebensmittelrecht verbotenen – Irreführung
und Täuschung. In Kapitel 3 werden die rechtlichen Defizite, die für die Diskrepanz zwischen hohem the-
oretischem Schutzniveau des Lebensmittelrechts und der rechtlichen Praxis verantwortlich sind, analysiert.
Kapitel 4 geht auf die Ursachen und Implikationen der festgestellten Defizite ein. Im abschließenden
Kapitel 5 werden die foodwatch-Forderungen für eine verbesserte rechtliche Stellung der Verbraucher im
Lebensmittelmarkt zusammengefasst.
Die Forderungen beziehen sich sowohl auf nationalstaatliche als auch auf europäische Rechtsvorschrif-
ten. Im Hinblick auf das eigentliche Lebensmittelrecht, also auf die Herstellung, das Inverkehrbringen,
die Kennzeichnung von Lebensmitteln etc. sind die erforderlichen nationalstaatlichen und europäischen
Maßnahmen wegen der weitgehenden Harmonisierung des Lebensmittelrechts nahezu identisch. Unter-
schiede zwischen den EU-Mitgliedsstaaten gibt es vor allem deshalb, weil das flankierende Recht, das
beispielsweise die Ausgestaltung der Lebensmittelkontrollen, Informationsrechte sowie zivil- und straf-
rechtliche Regelungen umfasst, unterschiedlich ausgestaltet ist.
Zusammenfassung / Thesen
Das deutsche und das europäische Lebens-	mittelrecht postulieren unmissverständlich
den präventiven Schutz der Verbraucher vor Gesundheitsgefahren und vor Täuschung/
Irreführung. Eine Gesundheitsgefährdung bzw. Täuschung
eines Produktes/Verfahrens liegt bereits dann vor, wenn
ein Produkt/Verfahren die Eignung dazu aufweist. Eine
tatsächliche Gesundheitsgefährdung/Täuschung ist nicht
Gegenwärtig ist der Verbraucher jedoch er-	heblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, und
Täuschung und Irreführung sind an der Tages	ordnung. Die einschlägigen Rechtsvorschriften
wirken nicht präventiv, sondern nachsorgend. Werden
Täuschung oder Gesundheitsgefährdung festgestellt, ist
das fragliche Lebensmittel in den allermeisten Fällen
schon verzehrt.
Beispiele für unzureichenden Gesundheits	schutz: gesundheitlich riskante Zusatzstoffe
in Lebensmitteln (z. B. Azo-Farbstoffe), ge-	sundheitsgefährdende Kontaminanten (z. B.
Acrylamid in stärkehaltigen Lebensmitteln), Dioxinbelas-
tungen von Milch, Fleisch, Eiern aufgrund kontaminierter
Futtermittel, Antibiotika-Resistenzen in der Humanmedi-
zin, u. a. durch massiven Antibiotika-Einsatz in der Nutz-
tierhaltung, Risiken durch (versteckte) hohe Mengen an
Nährstoffen wie Zucker, Salz oder Fett in verarbeiteten
Lebensmitteln, Risiken durch Wiedereintrag von Fleisch-
abfällen in die Lebensmittelkette („Gammelfleisch“).
Gegen das Täuschungs- und Irreführungsver-	bot wird regelmäßig in großem Maßstab ver-
stoßen (Pferdefleisch in der Rindfleisch-Lasag-	ne, falsch deklarierte Bio-Eier). Es wird aber
oftmals auch formalrechtlich „legal“ – durch die bestehen-
den gesetzlichen Regelungen für Aufmachung und Pro-
duktinformationen – unterlaufen. Diese täuschen die
Verbraucher im Hinblick auf Herkunft, Geschmack, Nähr-
werte, Inhaltsstoffe, Herstellungsweise und gesundheit-
liche Auswirkungen von Lebensmitteln („legaler Etiketten-
schwindel“).
Die Verstöße gegen die ohnehin unzureichen-
den Bestimmungen des Gesundheitsschutzes
oder gegen das Täuschungsverbot werden durch mangelnde Abschreckung (Strafen/
Bußgelder) begünstigt. Die Durchsetzung zivilrechtlicher
Ansprüche der Verbraucher bei Gesundheitsgefährdung
hat wenig Aussicht auf Erfolg, weil die Kausalität zwi-
schen verzehrtem Lebensmittel und Gesundheitsschaden
in den seltensten Fällen nachgewiesen werden kann.
Klagen von Verbrauchern bzw. Verbraucherverbänden
bei Verstößen gegen das Täuschungsverbot zeigen keine
flächendeckende Wirkung.
Informationsrechte, die die Verbraucher bei der Erfüllung ihres Anspruchs auf Schutz vor Gesundheitsgefahren und Täuschung unterstützen könnten, sind wenig effektiv.
Verbraucher können in der Praxis behördliche und be-
triebliche Informationen nicht so zeitnah und kosten-
günstig einfordern, dass sie sich gegen risikobehaftete
Produkte oder Täuschung wehren können. Ebenso un-
zureichend sind die Informationspflichten der Behörden
bei Gesundheitsgefährdung, bei Täuschung und bei ekel-
erregenden Zuständen.
Die Lebensmittelüberwachung ist in Deutsch-	land nicht effektiv organisiert – auf Kosten der Verbraucherrechte. Beispielsweise ist der Anteil von Falschdeklarationen bei Lebens-
mittelbetrieben und in der Gastronomie, von Verstößen
gegen Hygienebestimmungen in Lebensmittelbetrieben
(einschließlich Restaurants) und von Höchstmengenüber-
schreitungen bei Pflanzenschutzmitteln in Obst und Ge-
müse seit Jahren unverändert hoch.
Die Diskrepanz zwischen theoretisch hohem Schutzniveau und rechtlicher Praxis ist Folge
einer mangelhaften Umsetzung und Durch-	setzung verbindlicher Rechtsgrundsätze (z. B.
Vorsorgeprinzip, Rückverfolgbarkeit) sowie der diese Grund-
sätze konkretisierenden Rechtsvorschriften zum Gesund-
heitsschutz und zum Täuschungsverbot. Der Nahrungs-
mittelindustrie ist es durch Lobbyeinfluss auf allen Ebenen
gelungen, den präventiven Ansatz des Lebensmittelrechts
auszuhöhlen.
Die Verhinderung des Präventivprinzips zahlt
sich für die Lebensmittelindustrie aus. Denn präventiv wirkende Vorschriften auf Hersteller-
und Händlerseite würden die Kosten des Ge-
sundheitsschutzes und des Täuschungsverbotes privati-
sieren. Der lediglich nachsorgende Schutz vor Täuschung
und Gesundheitsgefährdung hingegen sozialisiert die Kos-
ten, entlastet die Unternehmen und belastet die Allgemein-
heit. Die Politik hat darin versagt, diese Entwicklung auf-
zuhalten und hat damit die Steuerungshoheit über den
Markt an die Nahrungsmittelindustrie abgegeben.
Das gesetzliche Regelwerk muss umfassend geändert werden, sodass die zentralen Leit	prinzipien des Lebensmittelrechts, das Vor-
sorgeprinzip und das Gebot der Rückverfolg-
barkeit, effektiv in der Praxis umgesetzt und die Verbrau-
cher damit präventiv geschützt werden. Informations-
pflichten der Behörden und Unternehmen, Informations-
rechte der Verbraucher sowie ergänzende straf- und zivil-
rechtliche Sanktions- und Haftungsregeln müssen diese
Veränderung des gesetzlichen Rahmens ergänzen und
gleichermaßen eine starke präventive Wirkung ausüben.
Ein präventiv ausgerichtetes Lebensmittel	-
recht wird zum Abbau der Bürokratie beitra-	gen, denn Transparenz, Haftung und effektive
Sanktionen sind wirksame Elemente der
Selbststeuerung von Märkten. Eine grundlegende Ver-
besserung der rechtlichen Stellung der Verbraucher muss
darüber hinaus Demokratiedefizite des Verbraucherschut-
zes, die auf europäischer und nationaler Ebene bestehen,
beseitigen. Die Rechtsetzung auf EU-Ebene ist nicht aus-
reichend demokratisch kontrolliert. Sie bietet deshalb
ein Einfallstor für Lobbyinteressen der Lebensmittelwirt-
schaft zum Nachteil der Verbraucher (z. B. Komitologie-
verfahren bei der Festsetzung von Grenzwerten).
Gleichermaßen wird die noch verbleibende nationale
Rechtsetzung in Deutschland durch die Interessen der
Lebensmittelwirtschaft dominiert (Beispiel: Festlegung
der Verkehrsbezeichnungen/Leitsätze für Lebensmittel
durch die „Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission“).
Schließlich müssen die Verbraucher durch ein Verbands-
klagerecht auf nationaler/europäischer Ebene die Mög-
lichkeit erhalten, die Einhaltung der lebensmittel- und
verbraucherschutzrechtlichen Anforderungen einzukla-
gen. Verbandsklagen käme insoweit auch eine Bünde-
lungsfunktion für individuelle Verbraucherinteressen zu.
Europäische und nationalstaatliche Maßnah-	men: Die in diesem Bericht erhobenen For-	derungen, die sich auf das Lebensmittelrecht im engeren Sinne, also die Herstellung und
Kennzeichnung von Lebensmitteln beziehen, können in
der Regel nur auf europäischer Ebene beschlossen wer-
den. Die Forderungen nach verbesserten Informations-
rechten, effektiveren Lebensmittelkontrollen sowie wirk-
samen zivil- und strafrechtlichen Maßnahmen beziehen
sich auf die deutsche Situation und können national-
staatlich umgesetzt werden. Trotz weitgehender europä-
ischer Harmonisierung des Lebensmittelrechts gibt es
also durchaus Möglichkeiten, durch nationalstaatliche,
flankierende Maßnahmen die rechtliche Stellung der Ver-
braucher im Lebensmittelmarkt zu stärken. Kapitel 5 un-
terscheidet deshalb zwischen Maßnahmen, die national-
staatlich bzw. europäisch umgesetzt werden müssen.
1.) 4.)
7.) 11.)
Wenn es eines Beweises bedarf, dass zuvorderst die Interessen der Wirtschaft
und nicht diejenigen der Verbraucher beim Zusammenschluss der europäi-
schen Staaten Priorität hatten, dann ist es der Zeitpunkt, an dem die EU die
Rechte der Verbraucher als gemeinschaftlich erstmals vertraglich festhält.
Erst seit dem Vertrag von Maastricht 1992 kennt das Recht der Europäischen
Union eine eigenständige Rechtsgrundlage für Maßnahmen des Verbraucher-
schutzes im Primärrecht. Diese ist im heutigen Art. 169 AEUV (Vertrag über
die Arbeitsweise der Europäischen Union, ex-Art 153 EGV) normiert, dessen
Absatz 1 lautet: „Zur Förderung der Interessen der Verbraucher und zur Ge-
währleistung eines hohen Verbraucherschutzniveaus leistet die Union einen
Beitrag zum Schutz der Gesundheit, der Sicherheit und der wirtschaftlichen
Interessen der Verbraucher sowie zur Förderung ihres Rechtes auf Informa-
tion, Erziehung und Bildung von Vereinigungen zur Wahrung ihrer Interes-
sen.“ Art. 169 Abs. 2 AEUV ermächtigt die Union, zur Verwirklichung des
Verbraucherschutzes Maßnahmen zu erlassen, die sich a) im Rahmen der
Verwirklichung des Binnenmarktes darstellen und b) der Unterstützung, Er-
gänzung und Überwachung der Politik der Mitgliedstaaten dienen. Bereits
seit der Einheitlichen Europäischen Akte 1986 war die Gemeinschaft ver-
pflichtet, die für die Herstellung des Binnenmarktes erforderliche Rechtsan-
gleichung mit qualifizierter Mehrheit und durch ein hohes Verbraucher-
schutzniveau (ex-Art. 95 EGV, jetzt: Art. 114 AEUV) durchzuführen.
Der Verbraucherschutz ist im europäischen Primär- und Sekundärrecht ver-
gleichbar stark ausgeprägt wie der Umweltschutz. Zu den wesentlichen Prin-
zipien zählt dabei das sogenannte Vorsorgeprinzip. Das Vorsorgeprinzip wird
zwar im AEUV ausdrücklich nur im Umweltbereich erwähnt, findet aber
auch im Bereich des Verbraucher- und Gesundheitsschutzes Anwendung.1
Auf der Grundlage des Primärrechts sind sodann Rechtsakte zum Zweck
der Rechtsangleichung und auch zum Schutz der Verbraucher in Form von
Richtlinien und Verordnungen ergangen. Hinsichtlich der Rechtsakte, die
den Täuschungsschutz des Verbrauchers regeln, ist Ausgangspunkt der Regu-
lierung das Verbraucherleitbild des „durchschnittlich informierten, aufmerk-
samen und verständigen Durchschnittsverbrauchers“.2
1.1. EU-Verbraucherschutz und der
„mündige Verbraucher“
Vgl. Mitteilung der Kommission zur Anwendung des Vorsorgeprinzips, KOM (2000) 1 endg.; vgl. auch Abschnitt 1.2.
EuGH Rs. C-210/96, Slg. 1998, I-4657 – „Gut Springenheide GmbH/Oberkreisdirektor des Kreises Steinfurt“.
Was dieses Verbraucherleitbild im Einzelnen kennzeichnet, ist trotz der euro-
parechtlichen Definition weiterhin umstritten und im Fluss. Während für die
einen ein hohes gesetzliches Schutzniveau den übergreifenden, paternalisti-
schen Staat erfordert, gebietet es für andere lediglich ein Minimum staatlicher
Vorsorge, das es dem Verbraucher ermöglicht, mündig und informiert zu han-
deln. Die konkrete Interpretation des Verbraucherleitbildes ist ein fortlaufen-
der Prozess, der von der Rechtsprechung geprägt sowie der gesellschaftlichen
Entwicklung und dem politischen Diskurs beeinflusst wird.
Bezogen auf den Lebensmittelmarkt geht die Interpretation des „mündigen“
Verbrauchers in der aktuellen Rechtsprechung oftmals von einem Verbrau-
cherleitbild aus, das nach Ansicht von foodwatch die Informationsbedürfnis-
se von Verbrauchern nicht adäquat widerspiegelt. Ein Beispiel aus dem Le-
bensmittelrecht ist die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zum Joghurt
„Monsterbacke“. Das Gericht befand, der Werbespruch für dieses Produkt:
„So wichtig wie das tägliche Glas Milch“ sei nicht irreführend, obwohl der
Joghurt mit 13 % Zucker mehr als doppelt so viel wie Milch enthält. Das
Gericht begründete die Entscheidung damit, dass Verbraucher den Zuckerge-
halt aus der Kennzeichnung der Zutaten auf der Packung ersehen können.3
Für foodwatch ist nicht die Masse an Informationen entscheidend, auf die
Verbraucher ein Anrecht haben sollten, sondern vor allem, ob die Informati-
onen eine zügige und einfache Qualitätsauswahl ermöglichen. Dass „alles
drauf steht, was drin ist“ reicht eben nicht aus, denn diese notwendige
Voraussetzung garantiert noch lange nicht die Möglichkeit der zügigen und
einfachen Qualitätsauswahl. Angesichts einer wachsenden und oft unver-
ständlichen Informationsflut müssen Informationen zudem so aufgearbeitet
sein, dass sie für Angehörige aller Bildungsschichten schnell verständlich
sind. Zudem sei hier erwähnt, dass längst nicht immer alles „drauf steht,
was drin ist“ (z. B. die Verwendung von Zusätzen tierischen Ursprungs bei
vermeintlich pflanzlichen Lebensmitteln wie Gelatine in Multivitaminsaft).
3	foodwatch-Internetseite, Informieren, Verbrauchertäuschung, Werbelügen, http://www.foodwatch.org/de/informieren/
werbeluegen/aktuelle-nachrichten/monsterbacke-beschaeftigt-europaeischen-gerichtshof/ (30.04.2013).
Die EU entdeckt den VerbraucheRschutz
Das Lebensmittelrecht kann als ein Teil des Verbraucherrechts angesehen
werden. Die BSE-Krise wirkte wie ein heilsamer Schock. Das Lebensmittel-
recht wurde völlig neu gestaltet. Maßgebliches Indiz dafür ist die Verord-
nung (EG) Nr. 178/2002 („Basisverordnung“), gewissermaßen die „Ver-
fassung“ des Lebensmittelrechts. Die Basisverordnung stellt die Rechte der
Verbraucher ins Zentrum des Lebensmittelrechts. Sie legt die allgemeinen
Grundsätze und Anforderungen des Lebensmittelrechts fest und gilt seit
1.1.2005 in allen Mitgliedstaaten.
Am 7.9.2005 trat in Deutschland flankierend das Lebensmittel- und Futter-
mittelgesetzbuch (LFGB) in Kraft. Es löste das Lebensmittel- und Bedarfs-
gegenständegesetz (LMBG) ab. Das LFGB kann als Dachgesetz angesehen
werden, das allgemeine Grundsätze und Begriffsbestimmungen für Lebens-
mittel enthält. Infolge der unmittelbaren Wirkung der EU-Verordnungen
in allen Mitgliedstaaten bedeuten die Verweise im LFGB auf die Basisver-
ordnung, dass die lebensmittelrechtlichen Schlüsselbegriffe ebenso wie die
zentralen Ge- und Verbote auf Unionsrecht zurückzuführen sind.4
Das europäische Lebensmittelrecht und die darauf beruhende nationale
Gesetzgebung, insbesondere das LFGB, ruhen auf zwei Pfeilern: dem Ge-
sundheitsschutz (§ 5 LFGB) und dem Täuschungsverbot (§ 11 LFGB). Der
Verbraucher und dessen individuellen Rechte auf Schutz seiner Gesundheit
und auf Schutz vor Täuschung bzw. Irreführung bilden also den Kern des
Lebensmittelrechts. Sowohl der Gesundheitsschutz als auch das Täuschungs-
verbot sind unmissverständlich formuliert. Im Hinblick auf den Gesundheits-
schutz reicht schon die „Eignung“ zur Gesundheitsschädigung aus, um den
Tatbestand der Gesundheitsschädigung zu erfüllen. Eine tatsächliche Schä-
digung im Einzelfall ist nicht erforderlich. Auch beim Tatbestand der Täu-
schung/Irreführung reicht die Eignung zur Täuschung aus. Die Irreführung
des Verbrauchers wird hervorgerufen, wenn anhand seiner Auffassung und
Gewohnheit die Gefahr einer Beeinflussung seines wirtschaftlichen Verhal-
tens besteht.5
Das Lebensmittelrecht gewährleistet somit seinem Anspruch nach ein hohes
Schutzniveau. Dieses wird auch durch das im Lebensmittelrecht explizit
festgeschriebene Vorsorgeprinzip (Art. 7 Basisverordnung) sowie durch das
ebenfalls in der Basisverordnung enthaltene generelle Gebot der Rückverfolg-
barkeit der Warenströme auf allen Produktions-, Verarbeitungs- und Vertriebs-
stufen gewährleistet.6
Die lückenlose Rückverfolgbarkeit ist gleichermaßen für
die Lebensmittelsicherheit (z. B. für die schnelle Identifikation von Eintrags-
pfaden für Risikostoffe) als auch für Verbraucherinformationszwecke (z. B.
Herkunft eines Produktes) notwendig.
Das Vorsorgeprinzip soll sicherstellen, dass auch bei Unsicherheit über das
Ausmaß bestehender Gefahren notwendige Schutzmaßnahmen ergriffen
werden. In prozessrechtlicher Sicht bedeutet das so verstandene Vorsorge-
prinzip in der Sache eine Umkehr der Beweislast. Das heißt, dem potentiel-
len Verursacher obliegt der Nachweis, dass von der von ihm geplanten Maß-
nahme kein Risiko für die Gesundheit ausgeht.7
Das bedeutet, dass – wenn
es um Gesundheit, Leib und Leben geht – Informationen über Gefahren nicht
mehr ausreichen, sondern Verbraucher durch Ver- und Gebote geschützt
werden müssen. Es bedeutet ebenfalls, dass Hersteller und Händler zur Ri-
sikominimierung Vorsorgemaßnahmen ergreifen und Lebensmittel nur so
herstellen und verbrauchen müssen, wie es dem neuesten Stand von Wissen-
schaft und Forschung entspricht.
Aus dem Vorsorgeprinzip kann die Forderung abgeleitet werden, dass der
Lebensmittelmarkt so organisiert wird, dass er präventiv Gesundheitsge-
fahren ausschließt bzw. minimiert. Sowohl die einschlägigen gesetzlichen
Regelungen als auch die damit verbundenen Kontroll- und Prüfpflichten füh-
ren allerdings, wie im Folgenden dargelegt wird, nicht zu einem präventiv,
sondern zu einem nachsorgend organisierten System. Dies ist offensichtlich
ein eklatantes Defizit, denn wie die regelmäßigen „Lebensmittelskandale“
zeigen, sind Täuschung und Gesundheitsgefahren gerade bei der Nahrungs-
mittelversorgung irreversibel. Anders ausgedrückt, das „Corpus Delicti“ ist
in den meisten Fällen bereits unwiederbringlich verzehrt, wenn Täuschung
und Gesundheitsgefährdung bzw. Schädigung der Gesundheit offenbar
Allerdings hängt die rechtliche Stellung des Verbrauchers nicht nur vom
Niveau des Gesundheitsschutzes und der Effektivität des Täuschungsverbots
ab. Diese ergibt sich auch aus den Rechten, die Verbraucher als Akteure im
Markt, in ihrer Beziehung zum Staat, zu den Herstellern und dem Handel
besitzen, und zwar nicht nur als Individuen, sondern auch im Zusammen-
schluss als Verbände. Denn der Schutz der Verbraucher kann nicht allein
durch Stärkung der Individualrechte Gesundheitsschutz und Täuschungsver-
bot gewährleistet werden. Auch die rechtliche Stellung der Verbraucher in
Relation zu den Rechten anderer Akteure, z. B. im Hinblick auf den Grund-
rechtsschutz und die Möglichkeit, sich aktiv für die Durchsetzung und
Weiterentwicklung ihrer Rechte einzusetzen, ist bedeutsam.
1.2. Die BSE-Katastrophe als Auslöser eines
neuen Lebensmittelrechts
4	Vgl. Lebensmittelrechts-Handbuch, München 2011, II.A Grundlagen des Lebensmittelrechts.
Zusammenfassend im Weißbuch der Kommission zur Lebensmittelsicherheit vom 12.01.2000, KOM (1999) 719 endg.; siehe ferner das Grünbuch der Kommission, Allgemeine Grundsätze des Lebensmittelrechts vom 30.04.1997,
KOM (1997) 176 endg.
7	Vgl. Cornelia Ziehm, „Vorsorgeprinzip – Handlungsgebot und Beweislastumkehr“, unveröffentlichtes Gutachten für
foodwatch, September 2011.
Im Vergleich mit anderen EU-rechtlich geprägten Rechtsmaterien zeichnet
sich das Lebensmittelrecht durch einen sehr hohen Harmonisierungsgrad
aus; selbst Details sind europarechtlich normiert. Nationale Ausnahmen von
den EU-rechtlichen Vorgaben – z. B. bei den Kennzeichnungsvorschriften
– sind nur in seltenen Fällen und unter Erfüllung hoher Rechtfertigungsan-
forderungen gestattet. Der hohe Harmonisierungsgrad des europäischen Le-
bensmittelrechts beeinflusst die rechtliche Stellung der Verbraucher ent-
scheidend. Auch Detailregelungen werden nicht mehr von den von ihnen
gewählten nationalen Parlamentsabgeordneten beschlossen, sondern von
den Mitgliedern des Europäischen Parlaments, dem Ministerrat sowie insbe-
sondere von der EU-Kommission.8
Es gibt aber auch noch wichtige Bereiche, die den Mitgliedstaaten zur Rege-
lung verbleiben. Dazu gehören die Organisation der Lebensmittelkontrollen,
die Sanktionierung von Verstößen gegen lebensmittelrechtliche Bestimmun-
gen und Informationsrechte der Verbraucher bzw. Informationspflichten der
Behörden/Unternehmen. Im Produktkennzeichnungsbereich gibt es natio-
nale Spielräume durch die sogenannten „Leitsätze“, die von der „Deutschen
Lebensmittelbuch-Kommission“ beschlossen werden. Zum Beispiel ist die
Schriftgröße auf einer Verpackung europarechtlich festgelegt, während der
Mitgliedstaat entscheiden darf, ob ein Hersteller auf der Verpackung eines
Früchtetees die Frucht abbilden darf, obwohl die Frucht gar nicht enthal-
ten ist, sondern nur ein Aroma, das aus einem anderen Rohstoff gewonnen
worden ist.9
In einigen Fällen werden „freiwillige“ Regelungen auf nationaler
Ebene erlassen, da verbindliche Regelungen nur europarechtlich beschlossen
werden können, z. B. das „ohne Gentechnik“-Siegel für Eier, Milch- und
Fleischerzeugnisse. Diese freiwilligen Regelungen entfalten jedoch keine
oder nur eine sehr geringe Lenkungswirkung, weil erfahrungsgemäß nur die-
jenigen Betriebe das Siegel nutzen, die sich unmittelbar einen Vorteil davon
versprechen, und das ist in der Regel die Minderzahl der Betriebe.
„Noch nie war unser Lebensmittelangebot so sicher wie heute, noch nie
wurden höhere Anstrengungen in die Qualitätssicherung auf allen Stufen der
Erzeugung und Vermarktung unternommen.“ – so lautet das Mantra der
Lebensmittelindustrie.10
Dies ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Richtig ist,
dass direkte und gefährliche Kontaminationen von Lebensmitteln, z. B. durch
verseuchtes Wasser, selten geworden sind. Doch treten Risiken durchaus noch
auf, schlimmer noch, sie sind vermeidbar. Beispiele sind die Listerien-Infekti-
onen durch Käse 2010, an denen in Österreich und Deutschland 8 Menschen
starben und die EHEC-Katastrophe im Frühjahr 2011, der in Deutschland
insgesamt 53 Menschen zum Opfer fielen.11
Klassische Risiken sind darüber
hinaus durch neuartige Gefahren ersetzt worden. Dazu gehören die in kleinen
Mengen nicht akut giftigen, aber langfristig krebserregenden und erbgutver-
ändernden Gifte wie Dioxine/Furane, eine unüberschaubare Vielzahl von
Pflanzenschutzmittel- bzw. Tierarzneimittelrückständen einschließlich deren
Stoffwechselprodukte sowie indirekte Risiken wie Übergewicht, Fettleibigkeit
und Diabetes durch unausgewogene, hochgradig verarbeitete, energiereiche
Beispiele für unzureichenden Gesundheitsschutz
in der Rechtspraxis:
Trotz des normativ hohen Niveaus des Gesundheitsschutzes im Lebensmittel-
recht (vgl. Kapitel 1) bestehen in der Rechtspraxis gravierende Defizite. Fol-
gende Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – stellen exemplarisch
den ungenügenden Gesundheitsschutz von Verbrauchern dar.
>>	Gesundheitlich umstrittene Zusatzstoffe:
Etwa die Hälfte der rund 320 erlaubten Zusatzstoffe nach der Zusatz-
stoffzulassungsverordnung in der EU ist bezüglich ihrer gesundheit-
lichen Auswirkungen umstritten.12
Zusatzstoffe werden trotz vermute-
ter negativer gesundheitlicher Auswirkungen eingesetzt; zum Teil müssen sie lediglich durch einen Warnhinweis auf der Verpackung kenntlich gemacht werden (z. B. Azo-Farbstoffe [E 102, 110, 122, 124a und 129] sowie Chinolingelb [E 104], die im Verdacht stehen, 12 13
Irreführung in der Rechtspraxis
2.1. Unzureichender Gesundheitsschutz
8	Vgl. Sabine Schlacke, Rechtliche Möglichkeiten und Grenzen der Angabe von Nährwerten durch eine „Ampelkennzeichnung“ im Rahmen des Verordnungsentwurfs der EU-Kommission KOM (2008) 40 endg.; Gutachterliche Stellungnahme im Auf-	trag von foodwatch, Berlin, 2009 http://www.foodwatch.org/uploads/media/Rechtsgutachten_Ampel_Schlacke_20090717.	pdf (31.10.2012)
9	Vgl. Abschnitt 3, Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission; die europarechtliche Regelung der Schriftgröße tritt 2015
10	Jürgen Abraham, damaliger Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), in:
Consumers‘ Choice ´11 (Publikation des BVE anlässlich der Anuga 2011).
11	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/informationsgesetz/aktuelle-nachrichten/bakterien-	kaese-foodwatch-stellt-strafanzeige/?sword_listB0D=listerien&sword_listB1D=strafanzeige, Berlin, 2010 (31.10.2012).
Vgl. foodwatch-EHEC-Report „Im Bockshorn – Die EHEC-Krise im Frühsommer 2011“, Berlin, 2012 http://www.foodwatch.	org/fileadmin/Themen/EHEC/2012-05-04ImBockshorn_DieEHEC-Krise2011_foodwatch-Analyse_ger.pdf (31.10.2012).
Vgl. Verbraucherzentrale Hamburg, „Was bedeuten die E-Nummern?“, Januar 2011.
ADHS [Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom] auszulösen).
Das Zulassungsverfahren für neue Stoffe setzt das in der Basisverord-
nung verankerte Vorsorgeprinzip, das wiederum eine Umkehr der
Beweislast impliziert (das heißt, nicht die Schädlichkeit der Zusatz-	stoffe muss durch die Kritiker, sondern die Unschädlichkeit der Stoffe
muss durch die Hersteller bzw. Inverkehrbringer nachgewiesen werden),
nicht konsequent um. Dies, obwohl in der Europäischen Zusatzstoff-
Zulassungsverordnung die Anwendung des Vorsorgeprinzips durchaus
gewährleistet wird.13
In der Rechtspraxis sind also, wie das Beispiel der	Azo-Farbstoffe zeigt, tatsächlich Zusatzstoffe auch dann noch erlaubt,
wenn wissenschaftlich fundierte Hinweise auf schädliche Gesundheits-	wirkungen vorliegen.14
>>	Gesundheitsrisiken durch kontaminierte Futtermittel15
Große Lebensmittelskandale haben ihren Ursprung häufig in Futter-	mittelskandalen (BSE, Nitrofen, Dioxin). Das EU-Futtermittelrechts-	regime ist nicht geeignet, die Verbraucher vorbeugend vor Risiken
zu schützen. Zum Beispiel ist für Mischfuttermittelunternehmen das widerrechtliche Untermischen von zu hoch mit Dioxin belaste-	ten Chargen mit dem Ziel, die Dioxinbelastung des Endproduktes unter die zulässigen Höchstgrenzen zu drücken (Verstoß gegen das Verdünnungsverbot), wenig riskant.
>>	Unzureichender Schutz vor Giften (z. B. Pestizide, Dioxine, Uran) oder Kontaminanten (z. B. Acrylamid) durch zu hohe oder nicht existierende Grenzwerte:
Die bestehenden Dioxin-Grenzwerte sind in der EU zu hoch, um das europaweite Ziel der Absenkung der durchschnittlichen Belastung von
2 pg/kg Körpergewicht auf 1 pg/kg Körpergewicht zu erreichen16
Der empfohlene Höchstwert für Uran in Mineralwässern sowie der Grenzwert für Uran im Trinkwasser sind ebenfalls zu hoch angesetzt.17
Der Acrylamidgehalt in stärkehaltigen Lebensmitteln wird nicht kon-	sequent auf das Niveau der „best possible practice“ abgesenkt, sondern die sogenannten „Signalwerte“, die die Hersteller nicht überschreiten sollen, orientieren sich an den höchsten gemessenen Werten.18
Auch die bestehenden Höchstwerte für Pflanzenschutzmittel sind unnötig hoch, sie könnten signifikant gesenkt werden.
Das zeigen die Selbstverpflichtungen großer Einzelhandelsketten19
sowie die Tatsache, dass im Zuge der europäischen Harmonisierung die Höchstwerte generell gelockert wurden. Die Festsetzung von
Grenzwerten (z. B. Dioxin) orientiert sich, wie auch die Zulassung
von Zusatzstoffen, weniger am Gesundheitsschutz als an kommerziellen
Überlegungen. Zum Beispiel sind die Dioxin-Grenzwerte so festgelegt, dass möglichst keine Ware vom Markt genommen werden muss (der
Grenzwert für Dioxine im Fischöl ist aufgrund der simplen Tatsache,
dass Fischöl hoch belastet ist, um ein Vielfaches höher als der Grenz-
wert in anderen Fetten).20
>>	Antibiotika-Resistenzen in der Humanmedizin:
Die in Europa/Deutschland zulässigen und vorwiegend angewandten
Praktiken in der Veterinärmedizin21
sind mit einem exzessiven und ungenügend kontrollierten Einsatz von Antibiotika verbunden, die zu	Antibiotika-Resistenzen führen und damit zu gravierenden Problemen in der human-medizinischen Behandlung von bakteriellen Infektionen beitragen. Eine effektive Vermeidung dieser Risiken lässt sich nicht allein durch verbesserte Management-Techniken der Medikamentation von Tierbeständen erreichen, sondern erfordert eine grundsätzliche Veränderung der zulässigen Tierhaltungsformen.22
>>	Bakterielle Verunreinigungen von Obst/Gemüse:
Die EHEC-Krise im Frühjahr 2011 zeigte, dass eine bakterielle Infektion von scheinbar gesunden Lebensmitteln (wie Rohkost), die eine große Anzahl von Todesopfern zur Folge hat, keineswegs unrealistisch ist. Als die Gegenmaßnahmen der Behörden zur Bekämpfung des Erregers
ergriffen wurden, war die Ansteckungswelle jedoch, wie sich nach	träglich herausstellte, schon abgeklungen. Die verspätete Reaktion der Behörden ist auch der unzureichenden Umsetzung des Gebotes der Rückverfolgbarkeit geschuldet. Bei einem lückenlosen Nachweis der Produktions- und Verbrauchskette hätte beispielsweise der nieder-
sächsische Gartenbaubetrieb, der nachweislich keine belasteten Spros-
sen auslieferte, zeitiger identifiziert werden können.23
>>	Hygiene-Risiken durch verdorbenes Fleisch:
Die gesetzlichen Regelungen, die verhindern sollen, dass Fleischabfälle zurück in die Lebensmittelkette gelangen („Gammelfleisch“), sind unzureichend. Fleischabfälle der Kategorie 3 unterliegen, anders als Abfälle der Kategorie 1 und 2, keinen behördlich kontrollierten Ent-
sorgungsvorschriften und müssen auch nicht durch eine spezielle Einfärbung kenntlich gemacht werden, damit die missbräuchliche Verwendung erschwert wird.24
Vgl. EU-VO 1330/2008.
Vgl. EU-VO 1333/2008; vgl. Abschnitt 1.2, FN 5.
Vgl. foodwatch-Futtermittelreport „Lug und Trog“, Berlin, 2005, http://www.foodwatch.org/uploads/media/foodwatch_
Futtermittelreport_komplett_0405.pdf (31.10.2012).
Vgl. foodwatch-Report „Die Tiermehl-Schmuggler“, Berlin, 2007, http://www.foodwatch.org/uploads/media/Kurzfassung_	Tiermehlschmuggler_fin_korrigiert_270207_mit_Umschlag_01.pdf (31.10.2012).
Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/dioxine-und-pcb/mehr-zum-thema/hintergrund-	grenzwerte/ (10.02.1014).
Vgl. foodwatch-Internetseite http://www.foodwatch.org/de/informieren/uran-im-wasser/mehr-zum-thema/grenzwert
debatte/ (31.10.2012).
18	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/acrylamid/mehr-zum-thema/foodwatch-
forderungen/ (30.04.2013).
19	Vgl. http://www.welt.de/wirtschaft/article971514/Warum-Lidl-sich-Greenpeace-unterworfen-hat.html (31.10.2012).
20	Vgl. foodwatch-Internetseite http://www.foodwatch.org/de/informieren/dioxine-und-pcb/aktuelle-nachrichten/eu-erlaubt-	noch-mehr-dioxin-im-fisch/, Berlin, 2008 (31.10.2012).
21	Arzneimittelgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 12. Dezember 2005 (BGBl. I S. 3394), zuletzt geändert durch Artikel 1 der Verordnung vom 19. Juli 2011 (BGBl. I S. 1398).
22	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/tierhaltung/, Berlin, 2012 (31.10.2012).
23	Vgl. foodwatch-EHEC-Report, a. a. O. Dass sich die Infektion überhaupt ausbreiten konnte, lag auch am Fehlen adäquater Hygiene- und Überwachungsstandards von sensibler Rohkost.
24	Vgl. foodwatch-Internetseite http://www.foodwatch.org/de/informieren/bse-und-tiermehl/, Berlin, 2010 (31.10.2012). Allerdings wird anstelle des geplanten Einsatzes einer sichtbaren Farbe bei Fleischabfällen der Kategorie 1 und 2 jetzt ein farb- und geruchloses Agens verwendet.
>>	Hygiene-Risiken in Lebensmittelbetrieben:
Die Beanstandungsquote der hygienischen Risiken in Lebensmittelbe-
trieben (z. B. Restaurants, Metzgereien) ist seit Jahren unverändert hoch und dokumentiert potentielle gesundheitliche Gefährdungen der Kunden.25
>>	Risiken durch unausgewogene Nährwertzusammensetzungen:
Verarbeitete Nahrungsmittel sind häufig zu salzig, zu fettig und/oder zu zuckerhaltig und tragen zur Fehlernährung bei. Eine unverständliche
und teilweise irreführende Kennzeichnungspflicht für diese Nährstoffe
sorgt dafür, dass Verbraucher den tatsächlichen Nährstoffgehalt von Produkten nicht unmittelbar erkennen und vergleichen können. Die von der Industrie entwickelte GDA-Kennzeichnung (Guideline Daily Amount) erleichtert nicht den Vergleich von Lebensmitteln mit unter-
schiedlichen Gehalten an Fett, Zucker und Salz, sondern erschwert ihn sogar.26
Übergewicht und Fettleibigkeit sind u. a. Folgen eines unausgewogenen Nahrungsmittelangebotes. Die Gesundheitskosten für ernährungsbedingte Krankheiten belaufen sich in Deutschland auf rund 70 Milliarden Euro pro Jahr.27
>>	Risiken durch unzureichenden Schutz vor radioaktiver Strahlung:
Sollte es zu einem nuklearen Unfall in Europa kommen, der zu hohen radioaktiven Belastungen von Nahrungsmitteln führt, wären die Bür-	ger großen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Die gültigen Strahlen-	schutzwerte in Europa entsprechen nicht den Ansprüchen eines vor-	sorgenden Gesundheitsschutzes und fallen weit hinter den aktuell in	Japan geltenden Standard zurück.28
>>	Risiken durch den globalen Nahrungsmittelhandel:
Regelmäßig werden Überschreitungen der zulässigen Höchstwerte von Pestiziden vor allem in aus Drittländern importiertem Obst und	Gemüse gemessen, wie die jährlichen Statistiken des Bundesamtes
für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) belegen.29
Aber auch andere Verunreinigungen von global gehandelten Lebens-	mitteln sind ein häufiges Phänomen.30
Täuschung und Irreführung der Verbraucher bei der Herstellung und der Ver-
marktung von Lebensmitteln sind an der Tagesordnung – im Großen wie im
Kleinen. Im Februar 2013 erschütterte der „Pferdefleisch-Skandal“ die Ver-
braucher in ganz Europa. Lasagne und andere Fertigprodukte, die als Ware
mit Rindfleisch gekennzeichnet und vertrieben worden war, enthielten in
unterschiedlichen Anteilen Pferdefleisch. Hersteller und Händler konnten
durch das Untermischen von nach offiziellen Angaben mindestens 750 Tonnen
des billigeren Pferdefleisches erhebliche unrechtmäßige Zusatzgewinne
erzielen. Betroffen waren nicht nur Produkte mittlerer und kleiner Unter-
nehmen, sondern auch die Eigenmarken großer Handelshäuser wie Kaiser’s
Tengelmann, Rewe, Aldi u. a.31
Ebenfalls in ganz großem Stil wurden Verbraucher in Deutschland mit falsch
deklarierten Eiern getäuscht. Der Fall kam im Februar 2013 ans Licht. Meh-
rere Millionen Eier, die nicht den Vorschriften des ökologischen Landbaus
entsprechen, wurden den Verbrauchern als Bio-Eier verkauft. Auch bei Frei-
landeiern und Eiern aus Bodenhaltung ist offenbar betrogen worden – in den
Ställen waren deutlich mehr Tiere gehalten worden, als erlaubt ist.
Die jährlichen Berichte des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebens-
mittelsicherheit (BVL) dokumentieren, dass die im Vergleich zum Pferde-
fleisch-Skandal „kleinen“ Verstöße gegen das Irreführungs- und Täuschungs-
verbot weit verbreitet sind. Etwa 15 Prozent aller bei Lebensmittelkontrollen
beanstandeten Fälle sind Falschdeklarationen.32
Falschdeklarationen finden
sich vor allem bei unverpackten Lebensmitteln und im Gaststättengewerbe.
Bekannte Beispiele sind der sogenannte „Analogkäse“, also Käse-Imitat aus
pflanzlichen Rohstoffen, der als scheinbar echter Käse auf Pizzen verkauft
wird, oder „Schinkenimitate“, also kein „echter“ den lebensmittelrechtlichen
Vorschriften entsprechender Schinken, sondern „Pökelware“ mit zu hohem
Wasseranteil oder nicht als solcher gekennzeichneter „Klebeschinken“.33
2.2. Unzureichender Täuschungsschutz
25	Wie lange Behörden hygienisch unhaltbare Zustände tolerieren und der Öffentlichkeit vorenthalten, zeigte das Beispiel der bayerischen Metzgereikette Vinzenzmurr im Oktober 2012. Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/	de/presse/pressemitteilungen/pressestatement-foodwatch-zu-den-hygiene-maengeln-bei-der-grossmetzgerei-vinzenzmurr/ (31.10.2012): Vgl. auch „Von Maden und Mäusen“, foodwatch-Report 12/2013 http://www.foodwatch.org/uploads/media/
2013-12-12_foodwatch-Report_Lebensmittelueberwachung.pdf (20.12.2013).
26	Vgl. foodwatch-Internetseite http://www.foodwatch.org/de/informieren/ampelkennzeichnung/mehr-zum-thema/industrie-	kennzeichnung-gda/, (31.10.2012).
27	Vgl. foodwatch-Internetseite http://www.foodwatch.org/de/informieren/ampelkennzeichnung/aktuelle-nachrichten/
deutscher-gesundheitssektor-fordert-die-naehrwert-ampel/?sword_list[0]=milliarden (17.02.2014).
28	Vgl. foodwatch-Report „Kalkulierter Strahlentod – Die Grenzwerte für radioaktiv verstrahlte Lebensmittel in der EU und in Japan“, Berlin, 2011 http://www.foodwatch.org/de/informieren/strahlenbelastung/mehr-zum-thema/foodwatch-report-	kalkulierter-strahlentod/ (31.10.2012).
29	Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), Kontrollprogramme, Auswertungen und Berichte zu
Pflanzenschutzmittelrückständen in Lebensmitteln, Quartalsauswertungen, http://www.bvl.bund.de/DE/01_Lebensmittel/
01_Aufgaben/02_AmtlicheLebensmittelueberwachung/09_PSMRueckstaende/lm_nbpsm_was_ist_das_basepage.html?nn=	1399970#doc1400058bodyText3 (31.10.2012).
30	Melamin in Milchpulver führte 2008 in China zu 6 Todesfällen und 300.000 erkrankten Babys. Auch in Deutschland wurde	in einigen Fällen Melamin nachgewiesen. Vgl. http://www.sueddeutsche.de/panorama/milchskandal-in-china-zum-macht	erhalt-sollen-koepfe-rollen-1.474018 (2008); Verunreinigte Tiefkühl-Erdbeeren aus China führten jüngst (10/2012) zu 11.000 Brech-Durchfallerkrankungen an ostdeutschen Schulen, vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/
informieren/smiley-system/aktuelle-nachrichten/kontrollergebnisse-fuer-schulkantinen-veroeffentlichen/ Berlin, 2012 (31.10.2012).
31	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/pferdefleisch/mehr-zum-thema/uebersicht-ueber-	den-pferdefleisch-skandal/ (30.04.2013).
32	Vgl. BVL Jahresberichte, http://www.bvl.bund.de/DE/08_PresseInfothek/04_Publikationen/03_Berichte/infothek_berichte_
node.html (29.11.2013).
33	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/werbeluegen/mehr-zum-thema/hintergrund/, Berlin, 2009 (31.10.2012).
Beispiele für „legalen Etikettenschwindel34
>>	Darüber hinaus besteht auch das Phänomen des sogenannten „legalen	Etikettenschwindels“: Produktverpackungen, Produkt- und Verkehrs-	bezeichnungen, die rechtlich nicht zu beanstanden sind, führen den-	noch den Verbraucher in die Irre. Aus Sicht von foodwatch stellt der „legale Etikettenschwindel“ ein erhebliches Problem dar: Er verhin-
dert, dass Verbraucher die Qualität von Produkten einfach und zügig unterscheiden können. Der „legale Etikettenschwindel“ ist daher auch
eine Ursache dafür, dass weniger ein Qualitätswettbewerb denn ein Preiswettbewerb besteht – zum Nachteil der wirklichen Qualitätsan-	bieter.
>>	Ein Lebensmittel darf mit der Bezeichnung „ohne Geschmacksver-	stärker“ verkauft werden, obwohl ihm „Hefeextrakt“ zugesetzt wurde, das die geschmacksverstärkende Glutaminsäure enthält. Hefeextrakt ist laut Zusatzstoffzulassungsverordnung kein deklarationspflichtiger Zusatzstoff, sondern eine Zutat.
>>	Die Nährwertkennzeichnung GDA (Guideline Daily Amount), ein von der Industrie erdachter Richtwert für die Tageszufuhr von Nährstoffen, täuscht über den tatsächlichen Nährwertgehalt hinweg, da es die Möglichkeit gibt, den Nährstoffgehalt in unterschiedlichen Portions-	größen zu deklarieren.35
Des Weiteren suggeriert das System, es gebe	einen Tagesbedarf für Zucker. Tatsächlich existiert lediglich ein Maxi-
malwert, der aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht überschritten werden sollte (nicht mehr als 10 % der täglichen Ener-	giezufuhr sollten aus zugesetztem Zucker stammen).
>>	Die 2012 in Kraft getretene Health Claims Verordnung (HCVO) regelt die Werbung mit den gesundheitlichen Wirkungen eines Produktes. Ursprünglich war vorgesehen, solche Aussagen nur für Lebensmittel mit einem ausgewogenen Nährwertprofil zuzulassen. Diese Bedingung hat die Lebensmittelindustrie erfolgreich gekippt. Als Folge, insbeson-	dere durch den Zusatz von Vitaminen, dürfen jetzt auch Produkte mit positiven gesundheitlichen Auswirkungen beworben werden, die nicht Gegenstand einer regelmäßigen ausgewogenen Ernährung sein sollten.36
>>	Die irreführende, EU-rechtlich geregelte Herkunftskennzeichnung „geografisch geschützte Angabe“ (g. g. A.): Obwohl das Fleisch für den Schinken nicht aus der Region des Schwarzwaldes stammt, darf von einem Schwarzwälder Schinken behauptet werden, er sei „aus-	schließlich im Schwarzwald hergestellt“.
>>	Wenn auf dem Etikett eines Erdbeer-Joghurts „Natürliches Aroma“ steht, muss es nichts mit Erdbeeren zu tun haben. Es darf als solches bezeichnet werden, obwohl es nicht aus dieser Frucht, sondern aus anderen in der Natur vorkommenden Rohstoffen hergestellt wird.
>>	Lebensmitteleinzelhandel: Unter Sauerstoff-Schutzatmosphäre ver-
packtes Fleisch täuscht Frische und Qualität vor.37
>>	Auf Früchteteepackungen dürfen Früchte groß abgebildet werden, auch wenn weder Früchte noch Aromen aus dieser Frucht enthalten sind.
Die Tatsache, dass Verbraucher sich durch meistens legale Produktinforma-
tionen, Aufmachung, Verpackung getäuscht sehen, ist mittlerweile nicht nur
durch die foodwatch-Kampagne abgespeist.de und entsprechende foodwatch-
Umfragen dokumentiert. Ein Beleg ist auch die von den Verbraucherzentralen
betriebene und von der Bundesregierung finanzierte Plattform lebensmittel-
klarheit.de, die zum Ziel hat, „… Verbraucherinnen und Verbrauchern, die
sich durch die Aufmachung von Produkten oder die Werbung dafür getäuscht
fühlen, allgemeine Informationen zur Kennzeichnung zu geben, Fragen zu
konkreten Produkten zu beantworten und Raum für Diskussionen zu bieten“.38
Schließlich dokumentiert auch eine von der Lebensmittelwirtschaft selbst in
Auftrag gegebene Untersuchung, dass Verbraucher die Qualität von Lebens-
mitteln nicht erkennen können – und deshalb auch der Lebensmittelindustrie
in hohem Maße misstrauen: Nach dieser Umfrage geben etwa 80 Prozent
der Verbraucher an, sie könnten die Qualität von Lebensmitteln nur schwer
erkennen.39
34	foodwatch hat seit 2007 regelmäßig auf der Internetplattform www.abgespeist.de die Täuschungen im Supermarkt
dokumentiert. Vgl. foodwatch-Internetseite, www.abgespeist.de (31.10.2012).
35	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/ampelkennzeichnung/mehr-zum-thema/industrie-	kennzeichnung-gda/, Berlin, 2009 (31.10.2012).
36	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/gesundheitswerbung/2-minuten-info/, Berlin, 2013 (17.12.2013).
37	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://foodwatch.de/kampagnen__themen/fleisch_in_schutzatmosphaere/index_ger.html, Berlin, 2008 (31.10.2012).
38	Vgl. Internetseite der Verbraucherzentralen, www.lebensmittelklarheit.de (31.10.2012).
39	Jürgen Abraham, a. a. O.
Europäischen Schnellwarnsystems (RASFF) unter namentlicher Nennung der
Verantwortlichen statt. Informationspflichten der Behörden über hygienisch
bedingte Risiken in Lebensmittelbetrieben sind zu lasch. Die von foodwatch
geforderte Einführung des „Smiley-Systems“ wird seit Jahren von der Politik
und Lobby-Verbänden verhindert. Der Pferdefleisch-Skandal und auch der Eier-
Falschdeklarierungs-Skandal haben darüber hinaus gezeigt, dass Behörden/
Unternehmen nicht effektiv verpflichtet sind, Verbraucher rechtzeitig über
täuschende/irreführende Produkte zu unterrichten.42
Die Bewerbung von Produkten mit vorgeblich positivem gesundheitlichen
Nutzen („Health Claims“) ist nicht nur im Hinblick auf die tatsächlichen ge-
sundheitlichen Effekte fraglich, sondern kann sogar gesundheitliche Risiken
implizieren. Spezifische Gesundheitsaussagen der Hersteller sind von der Euro-
päischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zu genehmigen (z. B.
die Aussage „senkt den Cholesterinspiegel“). Eine Genehmigung solcher Aus-
sagen durch die EFSA bedeutet jedoch noch nicht, dass dem vorbeugenden
Gesundheitsschutz hinreichend Genüge geleistet wird (vgl. „Becel pro.activ“
– senkt zwar den Cholesterinspiegel, aber ob es dazu beiträgt, koronaren
Herzerkrankungen vorzubeugen, ist zweifelhaft; der enthaltene Wirkstoff
steht sogar im Verdacht, eigens Herzerkrankungen zu verursachen).43
über hinaus beziehen sich die Health Claims immer nur auf einzelne Stoffe
(z. B. Vitamine oder Mineralien). Viele Hersteller setzen diese dann ganz
gezielt unausgewogenen (z. B. zucker- und fetthaltigen) Produkten zu, um
diese als „gesund“ vermarkten zu können.44
Asymmetrischer Schutz für Unternehmen und Verbraucher bei der
Durchsetzung ihrer Grundrechte
Unternehmen haben, wenn sie der Ansicht sind, dass behördliche Maßnah-
men unzulässig in ihre Grundrechte (insb. Eigentums- und Berufsfreiheit)
eingreifen, die Möglichkeit, Rechtsmittel einzulegen und im Einzelfall eine
höchstrichterliche Entscheidung (bis zum EuGH) zu erzwingen. Das gilt
sowohl beim Gesundheitsschutz als auch beim Täuschungsverbot. Verbrau-
cher hingegen haben kaum effektive Optionen, ihre Grundrechte direkt oder
indirekt (vermittelt etwa über das Zivil- oder Ordnungswidrigkeitenrecht)
gegenüber den Lebensmittelunternehmen durchzusetzen, nicht zuletzt
aufgrund der oben aufgeführten Schwierigkeiten, eine Kausalität zwischen
Gesundheitsgefährdung und Schaden herzustellen. Eine Besserstellung der
Verbraucher gegenüber Unternehmen wäre beispielsweise gegeben, wenn
Verbraucherverbände sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene ein Ver-
bandsklagerecht hätten. Verbandsklagerechte für Verbraucherverbände auf
nationaler und europäischer Ebene sind unerlässlich, um eine „Waffengleich-
heit“ zwischen Verbrauchern und Unternehmen herzustellen.
Die Defizite des Gesundheitsschutzes und des Täuschungsverbotes sind auf
die unzureichenden lebensmittelrechtlichen Gesetze und Verordnungen zu-
rückzuführen. Aber auch Defizite in anderen Rechtsgebieten, die für die effektive
Umsetzung des Gesundheitsschutzes sowie des Täuschungsverbotes relevant
sind (Strafrecht, Haftungsrecht, Informationsrechte) sowie die Ausgestaltung
der Lebensmittelüberwachung höhlen das Recht der Verbraucher auf Schutz
ihrer Gesundheit aus.
Materiell-rechtliche Regulierungsdefizite:
Viele materiell-rechtliche Regelungen, die den Gesundheitsschutz und das
Täuschungsverbot gewährleisten sollen, sind unzureichend. Dazu gehören
beispielsweise die Zusatzstoffzulassungsverordnung sowie die Aromenverord-
nung, die Regelungen zu Testpflichten von Futtermitteln und zur Entsorgung
von Fleischabfällen, die Tierhaltungsstandards, die Grenzwert-Regelungen für
Kontaminanten, Gifte und radioaktiv belastete Nahrungsmittel, die Produkt-
informationsverordnung, insbesondere die Kennzeichnungspflichten für Nähr-
werte in verarbeiteten Lebensmitteln sowie die Herkunftskennzeichnungsre-
Unzureichende Informationsrechte der Verbraucher/Informations-
pflichten der Behörden/Unternehmen:
Transparenz über die Eigenschaften und Herstellung von Lebensmitteln dient
nicht nur dazu, dass Verbraucher sich vor Irreführung und Täuschung
schützen, sondern auch gesundheitliche Risiken vermeiden können. Trans-
parenzvorschriften stellen einen relativ geringen Eingriff in Eigentumsrechte
der Unternehmen dar und gewährleisten eine effiziente Selbststeuerung des
Marktes.40
Verbraucher haben jedoch nach wie vor nicht das Recht, in der Praxis schnell
und zeitnah die Namen von Herstellern und Händlern risikobehafteter Pro-
dukte zu erfahren. Behörden verzögern z. B. Auskünfte über Rechtsverstöße
durch langatmige Verfahren, so dass die erforderliche „Zeitnähe“ dieser Infor-
mationen nicht gewährleistet ist.41
Die Informationspflichten der Behörden im Hinblick auf Gesundheitsgefahren
durch Lebensmittel sind nach wie vor nicht ausreichend. Zum Beispiel findet
keine automatische Veröffentlichung der Meldungen des behördeninternen
Rechtliche Defizite des Gesundheitsschutzes
und des Täuschungsverbotes
40	Vgl. Thilo Bode, „Wo bleiben die Verbraucherrechte?“, Zeitschrift für Rechtspolitik (ZRP), 3/2006.
41	Vgl. foodwatch-Report, „abschrecken, abservieren, abkassieren“, Berlin, 2008 http://www.foodwatch.org/uploads/media/	foodwatch-Report_Praxistest-VIG_05.12.2008.pdf (31.10.2012).
42	Vgl. foodwatch-Report „Von Maden und Mäusen“, Berlin, 2013 http://www.foodwatch.org/uploads/media/2013-12-12_	foodwatch-Report_Lebensmittelueberwachung.pdf (17.12.2013)
Das Smiley-System sieht eine Veröffentlichung der Kontrollberichte der Lebensmittelüberwachung vor, einschließlich einer zusammenfassenden Bewertung eines Smileys im Internet und an der Tür eines jeden Lebensmittelbetriebes.
Vgl. auch Unterpunkt „Zahnlose Lebensmittelüberwachung“ in diesem Abschnitt.
43	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.abgespeist.de/becel_proactiv/index_ger.html, Berlin, 2011 (31.10.2012).
44	Vgl. Abschnitt 2.2 und FN 33.
Voraussetzungen auch signifikante Geldstrafen gegen Unternehmen verhängt
werden.49
Klagerechte: wenig effektiv
Der schwierige Nachweis eines kausalen Zusammenhangs gesundheitlicher
Schädigung durch kontaminierte Nahrungsmittel ist auch ein wesentlicher
Grund dafür, dass Verbraucher sich äußerst selten mit einer Klage gegen
Gesundheitsgefährdung bzw. Gesundheitsschädigung zur Wehr setzen. Eine
Beweislastumkehr in solchen Fällen, in denen der Hersteller gegen bestehende
Rechtsvorschriften verstößt, würde die Rechte der Verbraucher erheblich
stärken. Es wäre dann nicht mehr der Verbraucher, der beweisen müsste,
dass der Rechtsverstoß des Herstellers zu dem Gesundheitsschaden geführt
hat. Der Hersteller müsste vielmehr beweisen, dass der gesundheitliche
Schaden des Verbrauchers nicht auf dem rechtswidrig produzierten Lebens-
mittel beruht.
Verbraucherklagen gegen Täuschung/Irreführung sind ebenfalls wenig
effektiv. Verbraucherverbände wie foodwatch oder der Verbraucherzentrale
Bundesverband (vzbv), aber auch Mitbewerber von Unternehmen können
zwar auf der Grundlage des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb klagen
(UWG). Dieses Instrument reicht aber nicht aus, um die Missstände wirklich
zu beheben. Angesichts der hohen Anzahl an Verstößen haben Verbraucher-
organisationen keine Möglichkeit, durch Wettbewerbsklagen den Markt
wirklich zu verändern. Es bleibt somit beim exemplarischen Aufgreifen von
Einzelfällen. Irreführung lohnt für die Unternehmen, denn Bußgelder wer-
den kaum verhängt oder wirken aufgrund ihrer Höhe nicht abschreckend.
Auch einzelne Verbraucher können gegen Unternehmen klagen, wenn sie
Irreführung vermuten. Aber hier würde die Klage im Rahmen eines zwei-
seitigen Vertragsverhältnisses zwischen Hersteller/Händler und Verbraucher
geführt. Hersteller/Händler können von dem Vertrag zurücktreten und den
Verbrauchern den Kaufpreis erstatten. Damit ist der Fall aus der Welt. Eine
gerichtliche Verurteilung im Einzelfall entfaltet keine Geltung (Rechtskraft)
für identische Verstöße gegenüber anderen Verbrauchern.
Zivilrecht: geringe Haftungsrisiken für Hersteller/Handel
Für Gesundheitsschäden können Verbraucher die Hersteller/Händler prak-
tisch nicht haftbar machen, denn eine Haftungsklage ist nur erfolgreich, wenn
eine Kausalität zwischen verzehrtem Lebensmittel und Gesundheitsschaden
festgestellt wird. Das ist bei Lebensmitteln kaum möglich, weil der Kausali-
Straf- und Ordnungswidrigkeitenrecht – geringe Abschreckung:
Strafen/Bußgelder haben kaum eine abschreckende Wirkung, weil Verstöße
gegen das Lebensmittelrecht (z. B. Kontamination von Futtermitteln) sich nur
schwer nachweisen lassen. Die eindeutige kausale Zuordnung gesundheit-
licher Schädigung durch kontaminierte Nahrungsmittel ist selten belegbar.
Insbesondere Vorsatz sowie Schuld im Strafrecht bzw. individuelle Verant-
wortlichkeit im Ordnungswidrigkeitengesetz (§ 12 OWiG) können nur
schwer nachgewiesen werden. Dieser Umstand wird dadurch begünstigt,
dass die verwaltungsrechtlichen Vorschriften (z. B. die Abwesenheit der von
foodwatch geforderten hundertprozentigen Chargentestpflicht bei Futter-
mitteln) nicht so formuliert sind, dass sich z. B. ein Vorsatz verlässlich nach-
weisen lässt. § 44 Abs. 6 LFGB („Verwendungsverbot“) schützt zudem Lebens-
sowie Futtermittelhersteller auch dann vor Ermittlungen der Staatsanwalt-
schaft, wenn sie die Kontamination freiwillig, aber erst dann an die Behör-
den melden, nachdem die kontaminierte Ware schon weiterverkauft und
diese bereits verfüttert wurde.45
Im Futtermittelrecht besteht also geradezu ein Anreiz, nicht präventiv zu
handeln, sondern darauf zu hoffen, dass eine Kontamination nicht entdeckt
wird bzw. wegen mangelnder Testpflichten auf Straffreiheit durch Berufung
auf das Verwendungsverbot zu hoffen.46
Eine vergleichbare Situation lag im
Pferdefleisch-Skandal vor. Obwohl falsch deklarierte Produkte sogar als Eigen-
marken großer Handelsketten verkauft wurden, kann den Ketten wegen Ab-
wesenheit gesetzlich vorgeschriebener spezieller Prüfpflichten kein Vorsatz
bzw. keine Fahrlässigkeit nachgewiesen werden.47
Bußgelder haben auch deshalb eine geringe Abschreckungswirkung, weil
keine Ermittlungspflicht der Behörden bei Ordnungswidrigkeiten besteht
(sog. Opportunitätsprinzip, vgl. § 47 Abs. 1 OWiG). Darunter leidet auch
die Möglichkeit, Aufsichtspflichtverletzungen (§ 130 OWiG) zu ahnden oder
eine Geldbuße gegen das Unternehmen („kleine Unternehmensstrafe“, § 30
OWiG) zu verhängen. Ein Großteil der bußgeldrechtlichen (= ordnungswid-
rigkeitsrechtlichen) Verfahren läuft daher ins Leere.
Wie generell bei der Verfolgung von strafrechtlichen Wirtschaftsdelikten ist
auch im Lebensmittelrecht erschwerend, dass in Deutschland kein „Unter-
nehmens-Strafrecht“48
existiert (wie z. B. in Österreich oder Frankreich),
sondern eine Individualschuld vorliegen muss. Lediglich im Rahmen des
OWiG/kleinen Unternehmensstrafrechts (s. o.) können unter bestimmten
45	Vgl. foodwatch-Dioxin-Report „Chronisch vergiftet“, Berlin, 2011, http://www.foodwatch.org/uploads/media/Chronischver	giftet_foodwatch-Report2011-12-12_02.pdf (31.10.2012).
Vgl. Cornelius Knappmann-Korn, Kurzgutachten im Auftrag von foodwatch zum Verwendungsverbot, (unveröffentlicht, Berlin, 2012).
46	Dies ist z. B. der Grund, warum die Staatsanwaltschaft die Verantwortlichen des großen Dioxinskandals 2010 nicht wegen
Inverkehrbringen gesundheitsgefährdender Futtermittel anklagen konnte. Die Verantwortlichen konnten sich damit her-	ausreden, sie hätten nicht gewusst, dass die verwendeten Industriefette zur Mischfuttermittelherstellung mit Dioxin belastet gewesen seien. Vgl. Presseerklärung der Staatsanwaltschaft Itzehoe vom 15.3.2013.
47	Vgl. foodwatch-Internetseite: http://www.foodwatch.org/de/informieren/pferdefleisch/mehr-zum-thema/uebersicht-ueber-	den-pferdefleisch-skandal/ (30.4.2013).
48	Im Mai 2013 legte das Land Nordrhein-Westfalen den Entwurf eines Unternehmensstrafrechts vor. Ob und in welcher Form dieses letztlich in Deutschland eingeführt wird, ist derzeit (November 2013) noch offen. Siehe dazu: http://www.justiz.nrw.	de/JM/Presse/PresseJM/archiv/2013_02_Archiv/2013_11_14_PM_Unternehmensstrafrecht_JuMiKo/index.php
(Abgerufen 17.02.2014).
49	Vgl. foodwatch-Internetseite http://www.foodwatch.org/de/informieren/informationsgesetz/aktuelle-nachrichten/lidl-zahlt-	millionen-strafe-nach-toedlichem-listerienfall/?sword_list[0]=listerien (30.4.2013).
sowie der Aushang der Ergebnisse im Internet und an der Betriebstür, etwa
ein „Smiley-System“ nach dänischem Vorbild, kann präventiv Regelverstöße
vermeiden.51
Wirkliche Effektivität können die Lebensmittelkontrollen zudem nur entfal-
ten, wenn diese auf gesetzlich vorgeschriebenen und sanktionsbewehrten
Eigenkontroll- und Prüfpflichten für Unternehmen aufbauen.
Nationale Rechtsetzung: Die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission
fördert den legalen Etikettenschwindel
Die von der Bundesregierung ernannte Deutsche Lebensmittelbuch-Kommis-
sion (DLMBK) formuliert Leitsätze/Verkehrsbezeichnungen von Produkten,
die das „vermutete Verständnis“ der Verbraucher unterstellen sollen. Die Leit-
sätze sind zwar keine Rechtsnormen, werden aber in gerichtlichen Auseinan-
dersetzungen als Sachverständigengutachten behandelt, sodass ihnen eine
faktische Bindungswirkung beigemessen werden kann, die sich von der Wir-
kung, die Rechtsnormen zukommt, im Ergebnis kaum unterscheidet. Die Zu-
sammensetzung der Lebensmittelbuch-Kommission und die Arbeitsweise sind
aber so organisiert, dass sich Verbraucherinteressen regelmäßig nicht durch-
setzen können. Die Kommission ist vordergründig paritätisch aus Kreisen der
Wissenschaft, Lebensmittelüberwachung, Lebensmittelwirtschaft und der
Verbraucherschaft zusammengesetzt. Tatsächlich sind nur 8 von 32 Mitgliedern
der Kommission explizite Verbrauchervertreter (Vertreter der Verbraucher-
zentralen und der Verbraucherinitiative), so dass verbraucherfreundliche Ent-
scheidungen von der Lebensmittelwirtschaft und den anderen Gruppen ver-
hindert werden können. Da stets Konsensentscheidungen angestrebt werden,
besitzen die Vertreter der Lebensmittelwirtschaft de facto ein „Vetorecht“ für
jedwede Entscheidung. Insbesondere bei Vertretern der Wissenschaft ist oft-
mals ein besonderes Näheverhältnis zur Lebensmittelwirtschaft zu beobach-
ten. In gerichtlichen Auseinandersetzungen fällt es regelmäßig schwer, einen
unbefangenen und nicht für die Lebensmittelwirtschaft arbeitenden Wissen-
schaftler als gerichtlichen Sachverständigen zu finden. Deshalb kommt es zu
Leitsätzen, die ganz und gar nicht dem „vermuteten“ Verständnis der Verbraucher
entsprechen. Beispiel: Ein Früchtetee „Mirabelle“ darf sich beispielsweise ge-
mäß des Leitsatzes so nennen und Mirabellen auf der Verpackung abbilden,
obwohl weder eine entsprechende Frucht noch das Aroma aus diesen Früchten
enthalten ist.52
tätsnachweis nur schwer geführt werden kann (s. o.). Zudem müsste Vorsatz
oder Fahrlässigkeit nachgewiesen werden. Die zivilrechtliche Haftung von
Herstellern/Händlern für Täuschungsdelikte ist vernachlässigbar. Sie besteht
in der Rücknahme bzw. Kaufpreiserstattung des falsch deklarierten Produktes
(das meistens aber schon verzehrt ist).
Unzureichende Produktverantwortlichkeiten von Importeuren
und Einzelhandel:
Die aktuelle Gesetzeslage ermöglicht es dem Einzelhandel bzw. den Impor-
teuren, sich bei Täuschungsdelikten bzw. Gesundheitsrisiken darauf zu be-
rufen, nichts gewusst zu haben. Spezifische, sanktionsbewehrte Prüfpflichten
würden die Produktverantwortlichkeiten des Einzelhandels erhöhen. Bei
einer Prüfpflicht für seine Eigenmarken könnte sich der Einzelhandel – wie
es im Pferdefleisch-Skandal der Fall war – nicht mehr darauf berufen, von
der Verwendung von Pferdefleisch statt Rindfleisch nichts gewusst zu haben
(also kein Vorsatz) und auch nicht argwöhnen haben zu müssen (keine Fahr-
lässigkeit). Gleiches gilt für den Gesundheitsschutz. Entsprechende Prüf-
pflichten für Handel/Importeure wären ein wirksames Mittel, um z. B. die
chronischen Überschreitungen der Höchstgrenzen für Pflanzenschutzmittel
Zahnlose Lebensmittelüberwachung:
Die Lebensmittelkontrollen sind nicht wirksam genug, weil die Kompetenzen
in aller Regel auf unterschiedliche Ebenen der Landesverwaltung (Vollzug
meist auf kommunaler Ebene) verteilt und nicht bei einer Landesbehörde
zentralisiert sind. Zudem sind die Behörden mitunter nicht ausreichend
personell und sachlich ausgestattet. Die ergriffenen verwaltungsrechtlichen
Maßnahmen sind überdies langwierig und bleiben so oft wirkungslos. Auch
die Interessenskonflikte zwischen Wirtschaftsinteressen (Arbeitsplätze, Steu-
ereinnahmen) und Verbraucherinteressen auf kommunaler Ebene verhindern
oftmals, dass die kommunalen Behörden wirksam gegen Missstände vorgehen.
In der behördlichen Praxis werden jahrelang skandalöse Missstände geduldet,
bis die Öffentlichkeit schließlich darüber informiert wird.50
Lebensmittelkontrollen haben grundsätzlich nachsorgenden Charakter. Zu
erwarten, (mehr) Kontrollen allein könnten Hersteller/Händler zu präventi-
vem Handeln beim Gesundheitsschutz und beim Täuschungsverbot veranlas-
sen, ist wenig realistisch. Dazu sind zusätzlich präventiv wirkende Anreize
nötig, um Regelverstöße zu vermeiden. Nur eine verpflichtende umfassende
Veröffentlichung der Ergebnisse aller amtlichen Lebensmittelkontrollen,
50	„Im Fall der bayerischen Großbäckerei Müller wussten die Behörden seit März 2010 von gravierenden Hygiene-Mängeln. Ahnungslose Verbraucher haben seit März 2010 mehr als 640 Millionen Brötchen und 45 Millionen Brotlaibe von Müller-	Brot gegessen, während bayerische Beamte wegen Mäusekot und Kakerlaken in der Großbäckerei ein und aus gingen. Jetzt tun die bayerischen Behörden so, als hätten sie nicht informieren können. Tatsächlich konnten sie das nicht nur, sondern sie „sollten“ es schon laut bisherigem Gesetzestext ausdrücklich. Trotzdem haben sie nicht informiert – und den Ermessensspielraum, den ihnen das Wort „sollen“ ließ, damit eben nicht im Interesse der Verbraucher genutzt, sondern zum Schutz des betroffenen Unternehmens Müller-Brot.“ Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/	informieren/informationsgesetz/aktuelle-nachrichten/keine-informationspflichten-bei-gammelfleisch/, Berlin, 2012 (31.10.2012).
51	Vgl. foodwatch-Internetseite, http://www.foodwatch.org/de/informieren/smiley-system/2-minuten-info/, Berlin, 2010 (31.10.2012).
52	Vgl. z. B. die „Leitsätze für Tee, teeähnliche Erzeugnisse, deren Extrakte und Zubereitungen“ vom 2.12.1998, BAnz. Nr. 66a vom 9.4.1999.
Von den Testpflichten bei der Futtermittelherstellung über das Ausblenden
möglicher Gesundheitsgefährdungen aufgrund der weit verbreiteten Verwen-
dung von Pestizid- oder Tierarzneimittelcocktails bis hin zur Zulassung von
Zusatzstoffen und der Festsetzung von Grenzwerten – die zahlreichen recht-
lichen Defizite des Täuschungsverbots und des Gesundheitsschutzes haben
eine wesentliche Konsequenz: Die Gesundheit der Verbraucher wird nicht
vorsorglich geschützt, sondern vielmehr täglich aufs Spiel gesetzt. Gleicher-
maßen werden die Verbraucher nicht vorsorglich vor Täuschung geschützt,
sondern die Täuschung der Verbraucher ist ein alltägliches Phänomen des
Lebensmittelrechts. Festgestellte Verstöße gegen das Täuschungsverbot und
den Gesundheitsschutz sind im Lebensmittelmarkt in den allermeisten Fällen
irreversibel, weil das Corpus Delicti im Regelfall bereits verzehrt worden ist.
Das Produkt kann nicht mehr umgetauscht werden, ein Schaden ist nur
schwer feststellbar, Gesundheitsschäden können nachträglich nicht mehr zu-
geordnet, geschweige denn rückgängig gemacht werden. Erforderlich wäre es
deshalb, das Regelungssystem so auszurichten, dass effektive Anreize für Un-
ternehmen und Behörden bestehen, Gesundheitsgefährdung und Täuschung
von vornherein, also präventiv, zu verhindern. Die Praxis der gesetzlichen
Marktregulierung wirkt jedoch nicht vorsorglich.
Ein eklatantes Beispiel dafür ist das Futtermittelrecht: Die Verpflichtung, die
Behörden nachträglich über Kontaminationen zu informieren, statt vollständiger,
vorbeugender Chargentestpflichten, ein geringer Sanktionsdruck bei Rechts-
verstößen sowie eine geringe Wahrscheinlichkeit der Feststellung von Verstößen
schaffen eine Situation, in der praktisch in allen bekannt gewordenen Futter-
mittelskandalen ein großer Teil der kontaminierten Ware bereits verfüttert
und die daraus produzierten Nahrungsmittel bereits verzehrt worden waren.
Der Lebensmittelmarkt ist somit ein Markt, in dem Verbraucher nicht präven-
tiv und damit effektiv gegen Täuschung und Gesundheitsgefährdung ge-
schützt werden. Der Mangel an präventivem Verbraucherschutz in der Praxis
des Lebensmittelrechts verstößt nach Auffassung von foodwatch gegen die
Grundsätze und Prinzipien des europäischen Lebensmittelrechts, in dem das
Vorsorgeprinzip, also die Prävention von Risiken für die Verbraucher, eine
zentrale Stellung einnimmt.
Demokratiedefizite der nationalen und europäischen Rechtsetzung
Im weiteren Sinne ursächlich für Umsetzungsdefizite des Verbraucherschutzes
im Lebensmittelrecht sind auch die Demokratiedefizite sowohl im EU- als
auch im nationalen Recht, die die Interessen der Verbraucher gegenüber der
Wirtschaft und Verwaltung schwächen. Das Lebensmittelrecht ist europäi-
sches Recht. Durch die fehlende Unmittelbarkeit der Gesetzgebungsverfahren
auf europäischer Ebene im Verhältnis zu den Bürgern der Mitgliedstaaten
können diese die von ihnen gewählten Repräsentanten nicht mehr effektiv
kontrollieren und damit ihre Anliegen durchsetzen.
Eine Kontrolle des EU-Gesetzgebers (des EU-Parlaments, des Ministerrats und
der Kommission) durch die Bürger ist nur indirekt durch die Wahlen zum
Europäischen Parlament, das aber über kein Gesetzesinitiativrecht, sondern
nur über Mitentscheidungsrechte verfügt, möglich. Damit ist die repräsenta-
tive Demokratie bei Entscheidungen, die den unmittelbaren Lebensbereich
der Bürger betreffen (Ernährung), entscheidend geschwächt.
Die Änderung/Weiterentwicklung von EU-Verordnungen ist zum Teil der
Kontrolle des europäischen Parlaments entzogen, z. B. durch die Durchfüh-
rungsrechtsetzung (Komitologieverfahren); dadurch übt die EU-Verwaltung
bei ungenügender demokratischer Kontrolle wesentliche, rechtsetzende
Funktionen aus (z. B. Erhöhung der Dioxin-Grenzwerte für Fischleber, be-
schlossen vom „Ständigen Ausschuss“, einem Gremium, das sich aus der
Kommission und Delegierten der nationalen Verwaltungen zusammensetzt).53
Die gesetzlichen Maßnahmen der Bundesregierung anlässlich der im Winter
2010/2011 entdeckten Dioxin-Grenzwertüberschreitungen haben die Demo-
kratiedefizite sowohl in der Umsetzung im Verhältnis zum Europarecht als
auch im Rahmen des nationalen Rechts offen gelegt. Wesentliche, weil für
den Gesundheitsschutz weitreichende Regelungen wie z. B. die Frage, ob
es eine hundertprozentige Chargentestpflicht geben soll oder nicht, sind
weder durch parlamentarische Kontrolle noch durch Berücksichtigung von
Verbraucherinteressen und ohne die notwendige Öffentlichkeit beschlossen
worden.54
Auch die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission (siehe vorangegangene
Abschnitte), die Leitsätze für die Verkehrsbezeichnung von Lebensmitteln
festlegt, ist nicht ausreichend demokratisch legitimiert, obwohl die Leitsätze
faktisch normgebenden, gesetzlichen Charakter haben.
Lobby gegen Prävention
4.1. Nachsorgender statt präventiver
53	Vgl. Sabine Schlacke, Gutachterliche Stellungnahme zur Bewertung der Lockerung des BSE Risikoschutzes seit 2001 im Rahmen der Verordnung (EG) Nr. 1774/2002, insbesondere aus demokratietheoretischer Perspektive,
(Unveröffentlicht, 2011).
54	Vgl. foodwatch-Dioxin-Report „Chronisch vergiftet“, Berlin, 2011, http://www.foodwatch.org/uploads/media/Chronisch
vergiftet_foodwatch-Report2011-12-12_02.pdf (31.10.2012).
Beispielsweise würde einerseits eine vollständige Chargentestpflicht für Futter-
mittelbetriebe höhere Kosten für einzelne Futtermittelunternehmen bedeuten
und könnte deshalb die Wirtschaftlichkeit dieser Betriebe gefährden, sie würde
jedoch anderseits der Gesellschaft enorme Kosten durch die effektive Verhin-
derung von Futtermittelskandalen ersparen. Zudem würde eine derartige
Chargentestpflicht den Endverkaufspreis von Fleischprodukten, wenn über-
haupt, nur unwesentlich beeinflussen. Dies liegt daran, dass die anteiligen
Futtermittelkosten der Fleischproduktion gemessen am Endverkaufspreis des
Einzelhandels nur etwa 10 bis 15 Prozent betragen. Eine zehnprozentige Er-
höhung des Futtermittelpreises bei einem Kilopreis für Schweineschnitzel
von 8 Euro im Supermarkt würde für den Verbraucher lediglich einen kaum
fühlbaren Mehrpreis von 12 Cent pro Kilogramm bedeuten.55
Das Aus-
scheiden von Futtermittelbetrieben aus dem Markt, die die Mehrbelastung
durch strengere Testpflichten nicht schultern und damit nicht ausreichende
Sicherheit gewährleisten können, stellt einen wichtigen und erwünschten
marktwirtschaftlichen Ausleseprozess dar.
Die starke Lobby der Futtermittelwirtschaft, die Teil der gesamten Agrarlobby
ist, orientiert sich jedoch nicht an den Präferenzen der Gesellschaft und der
Verbraucher, sondern sie vertritt jeden einzelnen Futtermittelbetrieb, dessen
oberstes Ziel es ist, Kostensteigerungen zu vermeiden – egal welche Kosten
dafür die Gesellschaft zu tragen hat. Vorsorgliche Maßnahmen zum Schutz
der Verbraucher stehen deshalb – im Futtermittelbereich sowie im Lebens-
mittelsektor – den Interessen der Nahrungsmittelindustrie entgegen. Dass sich
bei der Gestaltung und Umsetzung der wegweisenden, präventiven Grund-
sätze des Lebensmittelrechts vorwiegend die Interessen der Nahrungsmittel-
industrie durchgesetzt haben und der Staat es nicht vermocht hat, diesen
Interessen etwas entgegenzusetzen, ist bezeichnend.56
Der politische Einfluss der Lebensmittelwirtschaft ist umfassend. Er manifes-
tiert sich auf allen Ebenen der Gesetzgebung und Rechtsetzung bis hin zur
Lebensmittelüberwachung und dominiert auch die Exekutive, besonders in
Deutschland, wo das zuständige Ministerium als ein Klientelministerium der
Agrarindustrie angesehen werden kann. Zudem reflektieren die personelle
Verflechtung zwischen der Lebensmittelwirtschaft und den formal unabhän-
gigen, staatlichen Institutionen des Verbraucherschutzes wie dem Bundesin-
stitut für Risikobewertung (BfR)57
sowie die Dominanz der Nahrungsmittel-
wirtschaft in vom Staat geförderten Kooperationen wie der „Plattform für
Ernährung und Bewegung“58
das ständige Übergewicht der Wirtschaftsinte-
ressen auf Kosten des Rechtschutzes der Verbraucher. Diesen massiven Ein-
Die rechtlichen Defizite beim Gesundheitsschutz und beim Täuschungs-
verbot sind ursächlich auf die unzureichende Umsetzung der primär- und
sekundärrechtlichen Rechtsgrundsätze, die in den lebensmittelrechtlichen
Dachgesetzen (z. B. LFGB und EU-Basisverordnung) festgehalten sind,
Die Einführung des neuen deutschen Lebensmittelrechts (LFGB) im Jahr
2005 beschränkt sich im Wesentlichen auf die generelle Formulierung sehr
weitreichender, weil präventiver Schutzvorschriften (vgl. 1.2.). Diese haben
sich jedoch nicht in dem umfangreichen und auch unübersichtlichen ge-
setzlichen Regelwerk, das die Anwendung der Rechtsgrundsätze konkretisiert,
niedergeschlagen. Das Defizit besteht vor allem darin, dass das Präventions-
prinzip des Primär- und Sekundärrechts nicht nur nicht konsequent umge-
setzt, sondern im Gegenteil, das gesamte Regelwerk vorwiegend nachsor-
gend ausgerichtet wurde. Die wesentlichen Rechtsgrundsätze des europäi-
schen Lebensmittelrechtes, nämlich das Vorsorgeprinzip und das Gebot der
Rückverfolgbarkeit, wurden bei der rechtlichen Konkretisierung nur unzurei-
chend berücksichtigt.
Vorsorgeprinzip und Rückverfolgbarkeitsgebot können zudem nur dann wirk-
sam um- und durchgesetzt werden, wenn in benachbarten Rechtsgebieten
unterstützende gesetzgeberische Maßnahmen ergriffen werden. Dies ist
bisher nur völlig unzureichend geschehen. Verstöße gegen die lebensmittel-
rechtlichen Bestimmungen werden nicht effektiv verhindert bzw. nicht mit
ausreichender Abschreckung sanktioniert. Auch sind Informationsrechte
der Bürger und Informationspflichten der Behörden/Unternehmen sowie
strafrechtliche und zivilrechtliche Vorschriften nicht so verfasst, dass sie die
Erreichung der lebensmittelrechtlichen Gesetzeszwecke wirksam unterstüt-
zen und ergänzen (vgl. Abschnitt 3).
Diese Entwicklung des europäischen Lebensmittelrechts ist kein Zufall oder
auf die Unwissenheit des Gesetzgebers zurückzuführen. Sie ist dem erfolg-
reichen Einfluss der Lebensmittellobby auf die Gesetzgebung geschuldet.
Präventiver Verbraucherschutz ist gut für die Verbraucher und spart Kosten
für die Gesellschaft, verursacht aber Kosten für die Nahrungsmittelwirtschaft
und stellt damit für jedes einzelne Unternehmen eine Belastung dar.
55	Vgl. foodwatch-Futtermittel-Report „Lug und Trog“, a. a. O.
56	Beispiele dafür, wie sich die Lebensmittelwirtschaft auch gegen breite Mehrheiten der Bevölkerung/der Verbraucher durch-	setzt, sind die Ampelkennzeichnung und das Smiley-System. 93 Prozent der Bevölkerung sind für das Smiley-System und
69 Prozent für die Ampelkennzeichnung. Dennoch setzt der Staat diese nicht gegen die Lebensmittelwirtschaft durch.
Vgl. foodwatch-Internetseite: Emnid: Ampel-Unterstützung wächst – Bürger für Öffnungsklausel (2009)
http://www.foodwatch.org/de/informieren/ampelkennzeichnung/aktuelle-nachrichten/emnid-ampel-unterstuetzung-	waechst-buerger-fuer-oeffnungsklausel/?sword_list[0]=emnid .
Vgl. foodwatch-Internetseite: Emnid-Umfrage: Riesenmehrheit für Smileys in Deutschland (04/2010)
http://www.foodwatch.org/de/informieren/smiley-system/mehr-zum-thema/emnid-umfrage/?sword_list[0]=emnid .
57	Christoph Then und Andreas Bauer-Panskus, „Schlecht beraten: Gentechnik-Lobbyisten dominieren Expertengremium – Schwere Interessenskonflikte beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)“, München, 2012.
58	Vgl. Internetseite peb, Plattform für Ernährung und Bewegung e. V., http://www.ernaehrung-und-bewegung.de, (30.04.2013).
4.2. Prävention: Kosten für die Unter-
nehmen, Ersparnisse für die Gesellschaft
Bis in die jüngste Vergangenheit musste die Lebensmittelwirtschaft sich nicht
mit organisierten Verbraucherinteressen auseinandersetzen. Die staatlich finan-
zierten Verbraucherzentralen üben eine wichtige Funktion bei der konkreten
Beratung von Verbrauchern aus und bekämpfen mit Abmahnungen nach dem
UWG (Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb) Falschdeklarationen von
Lebensmitteln. Aufgrund ihrer staatlichen Finanzierung müssen sie jedoch
Rücksicht in der Auseinandersetzung mit Bundes- und Länderregierungen
sowie Unternehmen nehmen. Vor allem mobilisieren sie nicht Verbraucher,
um deren Interessen nachdrücklich gegenüber Staat und Unternehmen zum
Ausdruck zu bringen. Darin unterscheidet sich foodwatch vor allem von den
Verbraucherzentralen.
Aus dem Ungleichgewicht von Wirtschafts- und Verbraucherinteressen bei
der Gestaltung des Marktes leitet sich die Legitimation der foodwatch-Aktivi-
täten ab.59
foodwatch sieht es als Aufgabe, die erörterten Missstände offen-
zulegen, die Beseitigung der ihnen zugrundeliegenden Regulierungs- und
Vollzugsdefizite zu fordern und diese mit und durch die Mobilisierung von
Verbrauchern durchzusetzen.
Um den Zielen des Lebensmittelrechtes, nämlich das Täuschungsverbot und
den Gesundheitsschutz, gerecht zu werden und die rechtliche Stellung der
Verbraucher generell zu stärken, sind umfassende Maßnahmen auf nationa-
ler und europäischer Ebene erforderlich.
Der Lebensmittelmarkt bzw. das Lebensmittelrecht müssen so ausgestaltet
werden, dass die Verbraucher präventiv vor Gesundheitsgefahren und Täu-
schung geschützt werden. Als Prinzip sollte dabei gelten, die Fähigkeit des
Marktes zur Selbststeuerung zu stärken. Wichtige Elemente der Selbststeue-
rung sind eine verbesserte Transparenz, effektive Informationsrechte und
-pflichten sowie wirksame Haftungsregeln und die Anwendung des Vorsorge-
prinzips. Von diesen Elementen geht naturgemäß eine erhebliche präventive
fluss der Lebensmittelwirtschaft auf Politik und staatliche Institutionen gibt
es nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene.
Die Art und Weise, wie die grundlegenden Prinzipien des europäischen Lebens-
mittelrechts nicht nur nicht umgesetzt, sondern sogar ins Gegenteil verkehrt
wurden, dokumentiert, dass der Staat seine Steuerungshoheit gegenüber den
Interessen der Lebensmittelwirtschaft ab- und aufgegeben hat.
Die BSE Krise hatte nur kurzfristig Einsicht und gute Vorsätze einkehren
lassen. Es bestand kurzfristig Einmütigkeit, dass sich eine solche Katastrophe
nicht wiederholen solle. Dieses Versprechen ist nicht eingelöst worden. Ver-
hindert haben es diejenigen, die für die Katastrophe verantwortlich waren.
59	Ampelkennzeichnung und Smiley-System a. a. O.
>>	Werbeverbot für unausgewogene Kinderlebensmittel (Marketing-	verbote müssen wahrscheinlich EU-rechtlich geregelt werden).
2.) Täuschungsverbot:
>>	ein gesetzlicher Vorrang von Produktinformationen vor Werbung (z. B. auf Verpackungen);
>>	eine lesbare Mindestschriftgröße;
>>	verbindliche Mengenangaben für beworbene Zutaten auf der
Schauseite;
>>	eine Herkunftskennzeichnung, die die Auswahl regionaler
Produkte ermöglicht;
>>	Nährwertangaben in Form der Lebensmittelampel auf der Schauseite;
>>	eine verständliche Aromen- und Zusatzstoff-Deklaration;
>>	eine lückenlose Kennzeichnungspflicht für die Anwendung von Gen-	technik, insbesondere die Kennzeichnung von Fleisch und Milchpro-	dukten, die von Tieren stammen, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln gefüttert wurden;
>>	Transparenz über die Herstellungsweise;
>>	die Kennzeichnung herstellungsbedingter Alkoholgehalte (bei alko-	holfreiem Bier ist nationalstaatliche Regelung möglich (siehe Groß-
britannien);
>>	Mindest-Füllmengen für Verpackungen.
>>	„Leitsätze“ der Lebensmittelbuch-Kommission müssen so verfasst sein, dass sie den tatsächlichen „Verkehrsauffassungen“ der Verbraucher entsprechen und eine einfache, zügige Qualitätsauswahl ermöglichen (vgl. auch die grundsätzlichen Forderungen zur Rolle der Lebensmittel-
buch-Kommission, siehe Punkt 8);
>>	Transparenz über die Verwendung tierischer Zutaten.
3.) Tierschutz:
>>	gesetzlich vorgeschriebene tiergerechte Nutztierhaltung.
4.) Lebensmittelkontrollen:
>>	Lebensmittelkontrollen sind nur dann effektiv, wenn sie nicht den zwangsläufig erfolglosen Versuch unternehmen, Prävention zu erset-	zen, sondern die Präventionsmaßnahmen der Futtermittel- und Le-	bensmittelwirtschaft konsequent überwachen. In diesem Sinne müssen Lebensmittelkontrollen durch Zentralisierung der Kompetenzen 32 33
Die Lebensmittelwirtschaft beklagt zu Recht die Regulierungsdichte des Lebens-
mittelrechtes. Aber sie fördert diese auch, weil sie einerseits über den Lobby-
einfluss vor allem auf der untergesetzlichen Ebene undurchsichtige Detailre-
gelungen zu ihren Gunsten forciert und andererseits marktkonforme, selbst-
steuernde Eingriffe (z. B. Transparenz durch Informationspflichten) zu ver-
Obwohl das Lebensmittelrecht in seinen Grundzügen sehr weitgehend har-
monisiertes EU-Recht ist, gibt es auch noch nationale Spielräume, um die
rechtliche Stellung der Verbraucher wesentlich zu verbessern: Einerseits bei
der Umsetzung/Durchführung von EU-Recht im Sinne der Verbraucher auf
nationaler Ebene, sei es durch ministerielle Verordnungen, Landesgesetze
oder die Rechtsanwendung. Andererseits – und dies liegt ausdrücklich und
ausschließlich in der Zuständigkeit der einzelnen Mitgliedstaaten – bei der
Lebensmittelüberwachung, bei den Informationsrechten, bei der Sanktionie-
rung und bei der parlamentarischen Kontrolle/Rechtsetzung auf nationaler
>>	Das Vorsorgeprinzip muss sich in der Gesetzgebung, der Anwendung und Durchsetzung von Gesetzen, in den Kontrollen und in der be-	trieblichen Praxis niederschlagen. Das heißt: Konkretisierung und Anwendung des Vorsorgeprinzips und des Prinzips der Rückverfolg-	barkeit auf allen Ebenen der lebensmittelrechtlichen Bestimmungen;
>>	Sicherstellung der Rückverfolgbarkeit auf allen Stufen der Lebens-	mittelkette.
1.) Präventiver Gesundheitsschutz:
>>	Verbot aller gesundheitlich kritischen Zusatzstoffe (durch konse-	quente Anwendung des Vorsorgeprinzips in Verbindung mit der Umkehr der Beweislast);
>>	Futtermittelrecht: Verhinderung eines Missbrauchs des Verwendungs-	verbotes durch 100-prozentige Chargentestpflicht;
>>	Sicherer Umgang mit Tiermehl durch Herstellerhaftung für ord-	nungswidrige Beseitigung von Fleischabfällen (KAT3-Ware);
>>	Grenzwerte, die sich nicht nach kommerziellen Interessen richten (Dioxin) und effektive Minimierung (best practice) von Kontami	-	nanten (z. B. Acrylamid);
>>	Reduktion des Antibiotika-Einsatzes in der Tiermast durch verbesserte Tierhaltung;
>>	Verbot gesundheitsbezogener Angaben bei Lebensmitteln.
>>	zivilrechtliche Gefährdungshaftung der Unternehmer (mit Regel-	beispielkatalog für abstrakte Gefahren, wie z. B. die Kontamination von Lebensmitteln mit bio-akkumulativen Giftstoffen [Dioxin]);
>>	Ermittlungspflicht der Behörden bei Ordnungswidrigkeiten im Lebens-
mittelrecht (Aufhebung des Opportunitätsprinzips bei § 130 OWiG);
>>	Langfristig: Einführung des Unternehmensstrafrechts und Ablösung des Individualstrafrechts in Deutschland.
7.) Klagerechte für Verbraucher:
Klagerechte für Verbraucher wirken präventiv, weil sie Hersteller/	Handel anhalten, Risiken eventueller Klagen von vornherein zu vermeiden.
>>	Verbandsklagerechte für Verbraucher auf nationaler und EU-Ebene zur Kontrolle der Durchführungsrechtsetzung beim EuGH (z. B. Kontrolle von Positiv- oder Negativlisten).
8.) Parlamentarische Kontrolle/Rechtsetzung:
Überall, wo die parlamentarischen Kontrollen fehlen oder schwach sind, öffnen sich Einfallstore für die Lobbyisten der Lebensmittel-	industrie. Diese versuchen jedoch, präventiv wirkende Maßnahmen zu verhindern (vgl. Kapitel 4).
>>	Effektive parlamentarische Kontrolle der Rechtsetzung unter Beach-
tung des „Wesentlichkeitsprinzips“ auf nationaler und europäischer
Ebene, d. h. des Prinzips, dass wesentliche gesetzliche Maßnahmen
der parlamentarischen Kontrolle bedürfen;
>>	Abschaffung der „Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission“. Statt-	dessen werden in einem demokratisch legitimierten Verfahren unter
Berücksichtigung der Verbrauchererwartung verbindliche Produktbe-
zeichnungen festgesetzt, zum Beispiel auf Initiative des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.
auf Länderebene unabhängig von jedweder politischer Einflussnahme,
unterstützt durch gesetzlich vorgeschriebene, sanktionsbewehrte Eigenkontrollen und Prüfpflichten der Unternehmen sowie durch um-
fangreiche Veröffentlichungspflichten der Behörden gestärkt werden.
5.) Informationsrechte für Verbraucher,
Informationspflichten von Behörden/Unternehmen auf nationaler Ebene:
Informationspflichten und Informationsrechte sind Maßnahmen mit starker präventiver Wirkung. Sie halten Hersteller und Handel an, aus Reputations- und Kostengründen vorsorglich zu handeln.
>>	Veröffentlichung von Herstellernamen/Produktnamen in den Mel-	dungen des Europäischen Schnellwarnsystems;
>>	Umfassende, zeitnahe Veröffentlichung aller Lebensmittelkontroller-	gebnisse, insbesondere aller bei Lebensmittelherstellern festgestellten Verstöße gegen das Lebensmittelrecht, sowohl gegen das Täuschungs-	verbot als auch gegen den Gesundheitsschutz;
>>	Das Recht der Verbraucher, Informationen direkt bei Unternehmen abzufragen und eine Verpflichtung der Unternehmen, diese Informa-	tionen (z. B. über die Herkunft von Zutaten) auch zu liefern;
>>	Einführung des Smiley-Systems, d. h. der Veröffentlichung der Kontrollberichte der Lebensmittelüberwachung einschließlich einer zusammenfassenden Bewertung in Form eines Smileys im Internet und an der Tür eines jeden Lebensmittelbetriebes.
6.) Rechtliche Stellung der Unternehmen: Strafen und zivilrechtliche Haftung:
Ebenso wie Informationspflichten und Informationsrechte wirken Haftungsregelungen präventiv – vorausgesetzt, Haftungsschäden können direkt oder hilfsweise festgesetzt, und Schuld (bei Strafe) kann nachgewiesen werden:
>>	Produktverantwortung des Einzelhandels: sanktionsbewehrte Prüfpflichten, um Täuschung und Gesundheitsgefährdungen prä-	ventiv zu verhindern bzw. diese sanktionieren zu können;
>>	Strafen für abstrakte Gefährdungsdelikte, z. B. für potenzielle
Gesundheitsgefährdung durch bio-akkumulative Giftstoffe;
>>	Umkehr der Beweislast bei Gesundheitsgefährdung durch Her-	steller/Handel;
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