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Timestamp: 2017-11-21 00:35:40
Document Index: 49044048

Matched Legal Cases: ['§ 1004', '§ 23', '§ 823', '§ 22', '§ 23', '§ 23', '§ 23', '§ 823']

LG Hamburg, Urteil vom 14. Oktober 2011 - Az. 324 O 196/11
Urteil vom 14. Oktober 2011 - Az. 324 O 196/11
LG Hamburg · Urteil vom 14. Oktober 2011 · Az. 324 O 196/11
openJur 2011, 98626
Zivilrecht IT- und Medienrecht Presse- und Äußerungsrecht §§ 1004 Abs. 1 Satz 2, 823 Abs. 1 BGBBürgerliches Gesetzbuch; §§ 23, 22 KunstUrhGKunsturheberrechtsgesetz
I. Der Beklagte wird bei verurteilt, es bei Vermeidung eines vom Gericht für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Ordnungsgeldes bis zu 250.000,00 Euro, ersatzweise Ordnungshaft, oder Ordnungshaft bis zu sechs Monaten, es zu unterlassen,
Der Kläger ist Journalist und Moderator, der Beklagte Inhaber des S... Verlags, in dem unter anderem das Buch "Ich war G... J... Punching-Ball!" von P... W... erschien (vgl. Anlage K 1).
Der Kläger ist der Auffassung, die Veröffentlichung verletzte sein Recht am eigenen Bild in rechtswidriger Weise. Die perspektivische Verzerrung sei subtil und nicht auf den ersten Blick erkennbar. Da Fotos Authentizität suggerierten, gehe der Betrachter davon aus, dass die Kläger in der Realität so aussehe wie abgebildet. Der Kläger ist der Meinung, insoweit seien die vom Bundesverfassungsgericht in der "Ron-Sommer-Entscheidung" aufgestellten Grundsätze maßgeblich. Die dort aufgestellten Grundsätze müssten auch hier gelten; dort sei die Fotografie des dortigen Klägers sogar noch in einen satirischen Kontext gestellt worden, was hier nicht der Fall sei, so dass es für den Betrachter keinerlei Anhaltspunkte für den Charakter des Fiktiven gebe. Bei dem Buch, auf dessen Cover das streitgegenständliche Foto abgebildet sei, handele es sich um eine Veröffentlichung, in der ein "Quizshow-Tourist" auspackt - satirische Anknüpfungspunkte gebe es in diesem Zusammenhang nicht. Die Bildnisveröffentlichung sei aufgrund ihrer Verzerrung eine unwahre Behauptung. Zudem fehle es ihr an dem erforderlichen Informationszweck, denn einen solchen könne es gerade wegen der Verzerrung (und damit der Unwahrheit) nicht geben.
das auf dem Cover des Buches "Ich war G... J... Punching-Ball!" veröffentlichte Foto des Klägers erneut - wie geschehen - zu veröffentlichen und/oder verbreiten zu lassen;
Der geltend gemachte Unterlassungsanspruch sei unbegründet; eine schwerwiegende Persönlichkeitsrechtsverletzung liege ebenso wenig vor wie eine Verletzung des Rechts am eigenen Bild. Es handele sich um ein Bildnis aus dem Bereich der Zeitgeschichte, der Kläger sei prominent. Für eine Veröffentlichung seiner Bildnisse sei daher keine Einwilligungerforderlich. Eine unwahre Tatsachenbehauptung liege nicht vor, da jeder Betrachter die perspektivische Verzerrung auf den ersten Blick erkenne. Für diesen Fall existiere kein Unterlassungsanspruch. 98,4% der Deutschen (vgl. Pressemeldung Anlage B 1) wüssten, dass der Kläger nicht die Hände eines Kleinkindes habe. Es könne daher von einer Realitätsbehauptung keine Rede sein. Die "Ron-Sommer-Entscheidung" des Bundesverfassungsgerichts sei nicht einschlägig, denn dort sei es um Veränderungen im einstelligen Prozentbereich gegangen, während hier die Veränderung offenkundig sei. Im vorliegenden Fall trage das Bild an sich schon karikaturartige Züge. In Kombination mit dem satirischen Buchtitel werde zudem ein satirischer Rahmen gesetzt, der die Bildwahrnehmung lenke. Von einer Authentizitäts-Suggestion könne daher keine Rede sein. Das Bundesverfassungsgericht habe in der "Ron-Sommer-Entscheidung" gerade auf die subtile Veränderung einer nur 5%igen Streckung im Kopfbereich abgestellt, die gerade nicht offenkundig gewesen sei.
Im Hinblick auf die Widerklage trägt die Beklagte vor, dass er wegen der Androhung der Erwirkung einer einstweiligen Verfügung (Anlage K 4) gezwungen gewesen sei, eine Schutzschrift zu hinterlegen (Anlage B 2). Die hierfür vorgerichtlich angefallenen Kosten in Höhe von 2.386,78 Euro verlangt er nun widerklagend, wobei er einen Gegenstandswert von 50.000 Euro zugrunde legt und eine 1,8-Gebühr für die außergerichtliche Rechtsanwaltstätigkeit veranschlagt. Zudem habe der Kläger die 45,-- Euro für die Hinterlegung im Schutzschriftenregister sowie Rechtsanwaltskosten für den gerichtlichen Teil zu tragen.
Dem Kläger steht der geltend gemachte Unterlassungsanspruch aus §§ 823 Abs. 1, 1004 Abs. 1, Satz 2 BGB i.V.m. §§ 22, 23 KUG zu, denn die Veröffentlichung des Bildnisses auf dem Cover des Buchs "Ich war G... J... Punching-Ball!" gem. Anlage K 1 verletzt bei fortbestehender Wiederholungsgefahr sein Recht am eigenen Bild.
Die Verbreitung des Bildnisses des Klägers erfolgte ohne dessen Einwilligung; der Beklagte hat nicht dargetan, dass der Kläger in die Veröffentlichung seiner Fotografie auf dem in Rede stehenden Buchcover ausdrücklich eingewilligt hat. Der Beklagte konnte auch nicht von einer konkludenten Einwilligung ausgehen. Dies ergibt sich - obgleich davon auszugehen ist, dass das Foto ursprünglich zu Veröffentlichungszwecken aufgenommen wurde - aus der nachträglichen Bildbearbeitung. Denn davon, dass eine Einwilligung in die Veröffentlichung eines Bildnisses zugleich auch die Veröffentlichung mit perspektivischen Verzerrungen und einer vertikalen Stauchung wie im vorliegenden Fall umfasst, kann nicht ausgegangen werden. Das Bundesverfassungsgericht hat hinsichtlich der Veränderung von Bildnissen in der Entscheidung vom 14.2.2005 1 BvR 240104 (NJW 2005, 3271 ff. - Ron Sommer, zitiert nach Juris, Juris Abs. 25) ausgeführt:
Im vorliegenden Fall ist das Foto unstreitig perspektivisch verzerrt und vertikal gestaucht worden - und zwar ebenfalls unstreitig über rein reproduktionstechnisch bedingte und für den Aussagegehalt unbedeutende Veränderungen hinaus. Diese Bildmanipulation hat zur Folge, dass die Bildaussage unzutreffend wird und unter Zugrundelegung des vom Bundesverfassungsgericht aufgestellten Maßstabs nicht mehr als von einer konkludenten Einwilligung des Klägers umfasst angesehen werden kann.
Die perspektivische Verzerrung des Bildes verändert das Erscheinungsbild des Klägers erheblich; er wirkt gedrungen und deformiert. Dies ist - entgegen der Auffassung des Klägers _ auch für den Durchschnittsbetrachter offenkundig. Die Kammer vermag dies mit eigenem Sachverstand festzustellen, so dass die Beauftragung eines Sachverständigen nicht erforderlich war. Im Presserecht ist die Sicht des sorgfältigen Durchschnittsrezipienten zugrunde zu legen. Bei einem sorgfältigen - nicht nur flüchtigen - Blick des durchschnittlichen Betrachters auf das streitgegenständliche Foto fällt vorliegend wegen des Umfangs der Veränderungen (der Kläger ist gestaucht und zudem nach unten schmaler werdend dargestellt, was zur Folge hat, dass die abgebildeten Hände im Verhältnis zum Kopf unnatürlich klein wirken) die perspektivische Verzerrung sofort ins Auge. Diese Bildbearbeitung verändert das Erscheinungsbild des Klägers und damit den Aussagegehalt des Bildes. Der Kläger erscheint als körperlich unproportioniert und fehlgebildet, was tatsächlich nicht der Fall ist.
Die Veröffentlichung des Bildnisses ist nicht aufgrund von § 23 Abs. 1 KUG ohne Einwilligung rechtmäßig. Denn selbst wenn das Buch über die von dem Kläger moderierte Quizshow, auf dessen Cover das Bild befindlich ist, ein zeitgeschichtliches Ereignis im Sinne dieser Vorschrift darstellen mag (§ 23 Abs. 1 Nr. 1 KUG), werden durch die streitgegenständliche Veröffentlichung berechtigte Interessen des Klägers gemäß § 23 Abs. 2 KUG verletzt. Das Bildnis ist in einer Art und Weise verändert worden, die den Kläger als körperlich fehlgebildet und unproportioniert darstellt, was nicht den Tatsachen entspricht. Wie das Bundesverfassungsgericht in der "Ron-Sommer-Entscheidung" (s.o.) ausgeführt hat, hat der Träger des Persönlichkeitsrechts ein Recht, dass ein fotografisch erstelltes Abbild nicht manipulativ entstellt ist, wenn es Dritten ohne Einwilligung zugänglich gemacht wird, denn die Manipulation, die über rein reproduktionstechnisch bedingte und für den Aussagegehalt unbedeutende Veränderungen hinausgeht, ist persönlichkeitsrechtsverletzend. So verhält es sich - wie oben ausgeführt - hier.
Das Bild ist darüber hinaus auch nicht in einen satirischen Kontext eingebettet, so dass entgegen der Auffassung des Beklagten weder durch den Buchtitel noch den Klappentext oder den Inhalt ein satirischer Rahmen gesetzt wird, der die Bildwahrnehmung lenkt. Das streitgegenständliche Foto illustriert vielmehr ein Buch, das eine Art Erfahrungsbericht eines "Quiz-Touristen" zum Gegenstand hat. Weder anhand des Titels noch ausweislich des den Inhalt beschreibenden Textes auf der Buchrückseite ergeben sich Hinweise auf einen satirischen Inhalt.
Auch die mit dem Antrag zu Ziffer 11. begehrte Zahlung von 700,32 Euro ist begründet (0,75 Gebühr auf einen Streitwert von Euro 30.000,- nebst Euro 20,-- Telekommunikationspauschale). Da der geltend gemachte Unterlassungsanspruch besteht, stellte die Abmahnung eine zweckmäßige Rechtsverfolgungsmaßnahme dar, die einen ersatzfähigen Schaden im Sinne des § 823 Abs. 1 BGB begründet. Auch der Höhe nach ist der Anspruch begründet. Der zugrunde gelegte Streitwert von 30.000,- Euro ist angemessen.
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