Source: https://www.bag-urteil.com/29-11-2007-verdachtskundigung-anhorung-arbeitnehmer-2/
Timestamp: 2020-04-04 11:48:57
Document Index: 349174062

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 53', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 1', '§ 1', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 1', '§ 1', '§ 626']

﻿ ﻿ BAG – 2 AZR 724/06 | bag-urteil.com
BAG – 2 AZR 724/06
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 29.11.2007, 2 AZR 724/06
2 AZR 724/06 > Rn 1
2 AZR 724/06 > Rn 2
2 AZR 724/06 > Rn 3
2 AZR 724/06 > Rn 4
2 AZR 724/06 > Rn 5
2 AZR 724/06 > Rn 6
2 AZR 724/06 > Rn 7
2 AZR 724/06 > Rn 8
2 AZR 724/06 > Rn 9
2 AZR 724/06 > Rn 10
2 AZR 724/06 > Rn 11
2 AZR 724/06 > Rn 12
2 AZR 724/06 > Rn 13
2 AZR 724/06 > Rn 14
2 AZR 724/06 > Rn 15
2 AZR 724/06 > Rn 16
2 AZR 724/06 > Rn 17
2 AZR 724/06 > Rn 18
2 AZR 724/06 > Rn 19
2 AZR 724/06 > Rn 20
2 AZR 724/06 > Rn 21
2 AZR 724/06 > Rn 22
2 AZR 724/06 > Rn 23
B. Dem folgt der Senat im Ergebnis und in wesentlichen Teilen der Begründung. Die beklagte Stadt hat keine ausreichenden objektiven Tatsachen dargelegt, aus denen sich hinreichende Verdachtsmomente ergeben, dass der Kläger seine vertraglichen Pflichten erheblich verletzt bzw. eine gegen den Arbeitgeber gerichtete strafbare Handlung begangen hat. Deshalb liegt weder ein wichtiger Grund für eine außerordentliche Kündigung vor, noch sind die Voraussetzungen für eine verhaltensbedingte Kündigung iSv. § 1 Abs. 2 KSchG erfüllt.
2 AZR 724/06 > Rn 24
2 AZR 724/06 > Rn 25
2 AZR 724/06 > Rn 26
Der in § 53 Abs. 1 Satz 1 BMT-G II enthaltene und inhaltsgleich in § 626 Abs. 1 BGB verwandte Rechtsbegriff des wichtigen Grundes ist ein unbestimmter Rechtsbegriff. Seine Anwendung durch die Tatsachengerichte kann im Revisionsverfahren nur daraufhin überprüft werden, ob das Berufungsgericht den Rechtsbegriff selbst verkannt hat, ob es bei der Unterordnung des Sachverhalts unter diese Rechtsnorm Denkgesetze oder allgemeine Erfahrungssätze verletzt hat und ob es alle vernünftigerweise in Betracht kommenden Umstände, die für oder gegen die außerordentliche Kündigung sprechen, widerspruchsfrei beachtet hat (st. Rspr. des Senats 31. Januar 1996 – 2 AZR 158/95 – BAGE 82, 124; 11. März 1999 – 2 AZR 427/98 – AP BGB § 626 Nr. 150 = EzA BGB § 626 nF Nr. 177; 18. November 1999 – 2 AZR 743/98 – BAGE 93, 1) .
2 AZR 724/06 > Rn 27
2 AZR 724/06 > Rn 28
a) Das Landesarbeitsgericht ist zutreffend davon ausgegangen, dass nicht nur eine erwiesene erhebliche Vertragspflichtverletzung, sondern auch schon der dringende, schwerwiegende Verdacht einer strafbaren Handlung mit Bezug zum Arbeitsverhältnis oder einer Verletzung von erheblichen arbeitsvertraglichen Pflichten einen wichtigen Grund zur außerordentlichen Kündigung gegenüber einem verdächtigten Arbeitnehmer darstellen kann (vgl. BAG 8. Juni 2000 – 2 AZR 638/99 – BAGE 95, 78; 6. November 2003 – 2 AZR 631/02 – AP BGB § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 39 = EzA BGB 2002 § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 2) .
2 AZR 724/06 > Rn 29
2 AZR 724/06 > Rn 30
Eine Verdachtskündigung kommt aber nur in Betracht, wenn dringende, auf objektiven Tatsachen beruhende schwerwiegende Verdachtsmomente vorliegen und diese geeignet sind, das für die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses erforderliche Vertrauen bei einem verständigen und gerecht abwägenden Arbeitgeber zu zerstören. Der Arbeitgeber muss alle zumutbaren Anstrengungen zur Auflösung des Sachverhalts unternommen, insbesondere dem Arbeitnehmer Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben haben (BAG 4. Juni 1964 – 2 AZR 310/63 – BAGE 16, 72; 30. Juni 1983 – 2 AZR 540/81 -; zuletzt 10. Februar 2005 – 2 AZR 189/04 – AP KSchG 1969 § 1 Nr. 79 = EzA KSchG § 1 Verdachtskündigung Nr. 3) . Dabei sind an die Darlegung und Qualität der schwerwiegenden Verdachtsmomente besonders strenge Anforderungen zu stellen, weil bei einer Verdachtskündigung immer die Gefahr besteht, dass ein “Unschuldiger” betroffen ist (vgl. BAG schon 4. Juni 1964 – 2 AZR 310/63 – BAGE 16, 72; zuletzt 26. September 2002 – 2 AZR 424/01 – AP BGB § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 37 = EzA BGB 2002 § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 1 mwN) . Der notwendige, schwerwiegende Verdacht muss sich aus den Umständen ergeben bzw. objektiv durch Tatsachen begründet sein. Er muss ferner dringend sein, dh., bei einer kritischen Prüfung muss eine auf Beweisanzeichen (Indizien) gestützte große Wahrscheinlichkeit für die erhebliche Pflichtverletzung (Tat) gerade dieses Arbeitnehmers bestehen (vgl. zu dem Maßstab und den Anforderungen: Senat 30. Juni 1983 – 2 AZR 540/81 -; 18. November 1999 – 2 AZR 743/98 – BAGE 93, 1; 26. September 2002 – 2 AZR 424/01 – aaO; 6. Dezember 2001 – 2 AZR 496/00 – AP BGB § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 36 = EzA BGB 2002 § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 11; 6. November 2003 – 2 AZR 631/02 – AP BGB § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 39 = EzA BGB 2002 § 626 Verdacht strafbarer Handlung Nr. 2; zuletzt 6. September 2007 – 2 AZR 722/06 -) . Bloße auf mehr oder weniger haltbare Vermutungen gestützte Verdächtigungen reichen dementsprechend zur Rechtfertigung eines dringenden Tatverdachts nicht aus (BAG 30. Juni 1983 – 2 AZR 540/81 -; 10. Februar 2005 – 2 AZR 189/04 – AP KSchG 1969 § 1 Nr. 79 = EzA KSchG § 1 Verdachtskündigung Nr. 3) . Schließlich muss der Arbeitgeber alles ihm Zumutbare zur Aufklärung des Sachverhalts getan haben (BAG 4. Juni 1964 – 2 AZR 310/63 – aaO und 10. Februar 2005 – 2 AZR 189/04 – aaO) . Insbesondere muss er zunächst selbst eine Aufklärung des Sachverhalts unternommen haben. Möglichen Fehlerquellen muss er nachgehen. Der Umfang der Nachforschungspflichten richtet sich nach den Umständen des Einzelfalles (vgl. Stahlhacke/Preis/Vossen-Preis Kündigung und Kündigungsschutz im Arbeitsverhältnis 9. Aufl. Rn. 761) .
2 AZR 724/06 > Rn 31
2 AZR 724/06 > Rn 32
2 AZR 724/06 > Rn 33
2 AZR 724/06 > Rn 34
2 AZR 724/06 > Rn 35
2 AZR 724/06 > Rn 36
2 AZR 724/06 > Rn 37
2 AZR 724/06 > Rn 38
dd) Soweit schließlich die beklagte Stadt zur Stützung ihres Vorwurfs weiter auf das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft und die richterlichen Durchsuchungsanordnungen verweist, begründen auch diese Aspekte keinen dringenden Tatverdacht (vgl. KR-Fischermeier 8. Aufl. § 626 BGB Rn. 213) .
2 AZR 724/06 > Rn 39
2 AZR 724/06 > Rn 40
2 AZR 724/06 > Rn 41
2 AZR 724/06 > Rn 42
2 AZR 724/06 > Rn 43
Das Urteil BAG – 2 AZR 724/06 wird zitiert in:
> BAG, 27.06.2017 – 9 AZR 576/15
> BAG, 27.11.2008 – 2 AZR 98/07
> BAG, 05.06.2008 – 2 AZR 234/07
> BAG, 28.11.2007 – 5 AZR 952/06