Source: http://m.hensche.de/Urteil_Kuendigungschutz_bei_kuenstlicher_Befruchtung_BAG_2AZR237-14.html
Timestamp: 2016-12-06 17:56:07
Document Index: 177658075

Matched Legal Cases: ['§ 9', '§ 134', '§ 7', '§ 1', '§ 9', '§ 9', '§ 5', 'EuG', '§ 9', '§ 3', '§ 9', '§ 195', '§ 3', '§ 9', '§ 9', '§ 1', '§ 3', '§ 3', 'Art. 10', '§ 9', '§ 9', 'Art. 2', '§ 85', '§ 174', '§ 543', '§ 569', '§ 1', '§ 134', '§ 7', '§ 2', '§ 134', '§ 242', '§ 2', '§ 97']

HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 237/14
1. Im Fall ei­ner Schwan­ger­schaft auf­grund ei­ner Be­fruch­tung außer­halb des Körpers (In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on) greift das Kündi­gungs­ver­bot des § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG ab dem Zeit­punkt der Ein­set­zung ei­ner be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter (Em­bryo­nen­trans­fer).
2. Ei­ne außer­halb des Gel­tungs­be­reichs des KSchG aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung ist gemäß § 134 BGB iVm. § 7 Abs. 1, §§ 1, 3 AGG nich­tig, wenn sie we­gen der - be­ab­sich­tig­ten - Durchführung ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on und der da­mit ein­her­ge­hen­den Möglich­keit ei­ner Schwan­ger­schaft erklärt wird.
Arbeitsgericht Leipzig, Urteil vom 21.06.2013 - 9 Ca 600/13Sächsisches Landesarbeitsgericht, Urteil vom 7.03.2014 - 3 Sa 502/13
2 AZR 237/14 3 Sa 502/13 Säch­si­schesLan­des­ar­beits­ge­richt Im Na­men des Vol­kes!
hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 29. Ja­nu­ar 2015 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ra­chor, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Nie­mann so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Söller und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Schipp für Recht er­kannt: - 2 - Die Re­vi­si­on des Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Säch­si­schen Lan­des­ar­beits­ge­richts vom 7. März 2014 - 3 Sa 502/13 - wird auf sei­ne Kos­ten zurück­ge­wie­sen.
Am 7. Fe­bru­ar 2013 wur­de bei der Kläge­rin ei­ne Frühschwan­ger­schaft fest­ge­stellt. Un­ter dem 13. Fe­bru­ar 2013 teil­te sie dies dem Be­klag­ten mit. Der Mut­ter­pass der Kläge­rin und ein ärzt­li­ches Schrei­ben vom 16. Mai 2013 be­nen­nen als Da­tum des sog. Em­bryo­nen­trans­fers im Rah­men ei­ner künst­li­chen Be­fruch­tung den 24. Ja­nu­ar 2013. Am 1. Ok­to­ber 2013 wur­de die Toch­ter der Kläge­rin ge­bo­ren. - 3 - Mit der vor­lie­gen­den Kla­ge hat die Kläge­rin sich recht­zei­tig ge­gen die Kündi­gung ge­wandt. Sie hat vor­ge­bracht, bei de­ren Zu­gang sei sie be­reits schwan­ger ge­we­sen. Zu­dem stel­le die Kündi­gung ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ih­res Ge­schlechts dar. Sie sei we­gen ih­rer Ankündi­gung, sich künst­lich be­fruch­ten zu las­sen, erklärt wor­den.
Die Kläge­rin hat be­an­tragt fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 31. Ja­nu­ar 2013 nicht auf­gelöst wor­den ist.
- 4 - I. Nach die­ser Vor­schrift ist ei­ne oh­ne behörd­li­che Zu­stim­mung (da­zu § 9 Abs. 3 MuSchG) aus­ge­spro­che­ne Kündi­gung ge­genüber ei­ner Frau während der Schwan­ger­schaft un­zulässig, wenn dem Ar­beit­ge­ber zur Zeit der Kündi­gung die Schwan­ger­schaft be­kannt war oder sie ihm in­ner­halb zwei­er Wo­chen nach Zu­gang der Kündi­gung mit­ge­teilt wird.
2. Bei natürli­cher Empfäng­nis wird der Be­ginn des Kündi­gungs­ver­bots aus § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG in ent­spre­chen­der An­wen­dung von § 5 Abs. 2 Satz 1 MuSchG in der Wei­se be­stimmt, dass von dem ärzt­lich fest­ge­stell­ten mut­maßli­chen Tag der Ent­bin­dung um 280 Ta­ge zurück­ge­rech­net wird (st. Rspr., vgl. BAG 12. Mai 2011 - 2 AZR 384/10 - Rn. 33; 7. Mai 1998 - 2 AZR 417/97 - - 5 - zu II 1 der Gründe, BA­GE 88, 357). Die­ser Zeit­raum um­fasst die mitt­le­re Schwan­ger­schafts­dau­er, die bei ei­nem durch­schnitt­li­chen Mens­trua­ti­ons­zy­klus zehn Lun­ar­mo­na­te zu je 28 Ta­gen - ge­rech­net vom ers­ten Tag der letz­ten Re­gel­blu­tung an - beträgt. Er mar­kiert die äußers­te zeit­li­che Gren­ze, in­ner­halb de­rer bei nor­ma­lem Zy­klus ei­ne Schwan­ger­schaft vor­lie­gen kann. Da­mit wer­den auch Ta­ge ein­be­zo­gen, in de­nen das Vor­lie­gen ei­ner Schwan­ger­schaft eher un­wahr­schein­lich ist.
- 6 - a) Die In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on ist ei­ne Me­tho­de der künst­li­chen Be­fruch­tung, bei der ent­nom­me­ne Ei­zel­len mit präpa­rier­ten Sper­mi­en be­fruch­tet und die Em­bryos an­sch­ließend in den Ute­rus der Frau trans­fe­riert wer­den (Pschy­rem­bel Kli­ni­sches Wörter­buch 265. Aufl. „In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on“). Der Vor­gang läuft in meh­re­ren Schrit­ten ab, dar­un­ter die hor­mo­nel­le Sti­mu­la­ti­on der Ei­erstöcke mit dem Ziel, meh­re­re Ei­zel­len gleich­zei­tig zur Rei­fung zu brin­gen, die Fol­li­kel­punk­ti­on, die Ent­nah­me der Ei­zel­len, die Be­fruch­tung ei­ner oder meh­re­rer Ei­zel­len mit auf­be­rei­te­ten Sper­mi­en, die Ein­set­zung der be­fruch­te­ten Ei­zel­le oder Ei­zel­len in die Gebärmut­ter und die Ein­nis­tung (vgl. EuGH 26. Fe­bru­ar 2008 - C-506/06 - [Mayr] Rn. 30, Slg. 2008, I-1017).
d) Rich­ti­ger­wei­se be­ginnt ei­ne Schwan­ger­schaft auf­grund ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on auch nicht später als mit dem Em­bryo­nen­trans­fer (eben­so Däub- - 7 - ler/Hjort/Schu­bert/Wol­merath 3. Aufl. § 9 MuSchG Rn. 10; ErfK/Schlach­ter 15. Aufl. § 3 AGG Rn. 6; Göhle-San­der ju­ris­PR-ArbR 40/2014 Anm. 3; Ha­Ko-Fie­big/Böhm 4. Aufl. § 9 MuSchG Rn. 7; Kütt­ner/Poe­che Per­so­nal­buch 2014 Mut­ter­schutz Rn. 5; Töns/Dal­hei­mer MuSchG 2. Aufl. § 195 RVO Rn. 41; Zmarz­lik/Zip­pe­rer MuSchG 9. Aufl. § 3 Rn. 2). Sie be­ginnt nicht erst mit der Ni­da­ti­on (so aber AR-Vos­sen 7. Aufl. § 9 MuSchG Rn. 6; KR/Ba­der/Gall­ner 10. Aufl. § 9 MuSchG Rn. 29; et­was miss­verständ­lich Buch­ner/Be­cker MuSchG 8. Aufl. § 1 Rn. 141a; Rancke/Pep­ping Mut­ter­schutz 3. Aufl. § 3 MuSchG Rn. 5; Roos/Bie­res­born MuSchG § 3 Rn. 118: sie spre­chen je­weils von „er­folg­rei­cher Im­plan­ta­ti­on“).
- 8 - Auch bei der natürli­chen Empfäng­nis be­ginnt die Schwan­ger­schaft mit der Kon­zep­ti­on, nicht erst mit der Ni­da­ti­on.
dd) Der Hin­weis des Be­klag­ten auf ge­rin­ge Er­folgs­aus­sich­ten von In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­tio­nen spielt für den Streit­fall kei­ne Rol­le. Die Kläge­rin hat zwi­schen­zeit­lich ein Kind ent­bun­den. Es be­darf des­halb kei­ner Ent­schei­dung, ob durch den Em­bryo­nen­trans­fer der Be­ginn des be­son­de­ren Kündi­gungs­schut­zes le­dig­lich - 9 - für den Fall be­stimmt wird, dass es in der Fol­ge zu ei­ner Ni­da­ti­on kommt, oder ob der be­son­de­re Kündi­gungs­schutz mit der Ein­set­zung ei­ner be­fruch­te­ten Ei­zel­le in die Gebärmut­ter „un­be­dingt“, al­so in je­dem Fall, ein­setzt und - oh­ne Nach­wir­kung - wie­der en­det, wenn ei­ne Ein­nis­tung aus­bleibt. Die letzt­ge­nann­te Sicht­wei­se könn­te durch Art. 10 Nr. 1 Mut­ter­schutzRL ge­bo­ten sein, ent­spricht der Rechts­la­ge bei natürli­cher Schwan­ger­schaft (bei der die nicht zur Ni­da­ti­on führen­de Kon­zep­ti­on frei­lich oft un­be­merkt blei­ben wird) und ver­wirk­licht den Grund­satz, dass die Wirk­sam­keit ei­nes Rechts­geschäfts zum Zeit­punkt sei­ner Vor­nah­me fest­ste­hen soll (vgl. KR/Ba­der/Gall­ner 10. Aufl. § 9 MuSchG Rn. 64b zur Recht­spre­chung des Se­nats zum Be­ginn der Schwan­ger­schaft bei natürli­cher Empfäng­nis). Die­ser Grund­satz gilt al­ler­dings nicht un­ein­ge­schränkt. In § 9 Abs. 1 Satz 1 MuSchG (vgl. auch Art. 2 Buchst. a der Mut­ter­schutzRL) wird er durch­bro­chen, in­dem ei­ne oh­ne Kennt­nis von der Schwan­ger­schaft erklärte Kündi­gung un­wirk­sam wird, wenn die Ar­beit­neh­me­rin dem Ar­beit­ge­ber frist­ge­recht ent­spre­chen­de Mit­tei­lung macht. In­so­fern wird dem Ar­beit­ge­ber oh­ne­hin ein min­des­tens zweiwöchi­ger - bei feh­len­dem Ver­schul­den der Ar­beit­neh­me­rin so­gar länge­rer - „Schwe­be­zu­stand“ zu­ge­mu­tet. Sol­ches ist dem Ar­beits- und all­ge­mei­nen Zi­vil­recht auch in an­de­ren Zu­sam­menhängen nicht fremd (vgl. für das Ar­beits­recht nur § 85 SGB IX, §§ 174, 180 BGB und zB für das Miet­recht § 543 Abs. 2 Satz 3, § 569 Abs. 3 Nr. 2 BGB).
I. Ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung, die ei­nen Ar­beit­neh­mer, auf den das Kündi­gungs­schutz­ge­setz - noch - kei­ne An­wen­dung fin­det, aus ei­nem der in § 1 AGG ge­nann­ten Gründe dis­kri­mi­niert, ist gemäß § 134 BGB iVm. § 7 Abs. 1 AGG un­wirk­sam. Zwar re­gelt das AGG nicht selbst, wel­che Rechts­fol­ge ei­ne nach § 2 Abs. 1 Nr. 2 AGG un­zulässi­ge Be­nach­tei­li­gung hat. Je­doch er­gibt sich die Rechts­fol­ge aus § 134 BGB. Seit In­kraft­tre­ten des AGG sind des­halb dis­kri­mi­nie­ren­de Kündi­gun­gen nicht mehr am Maßstab des § 242 BGB zu mes­sen. § 2 Abs. 4 AGG steht dem nicht ent­ge­gen (BAG 19. De­zem­ber 2013 - 6 AZR 190/12 - Rn. 14, 18, 22). - 11 - II. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt ist zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, der Be­klag­te ha­be die Kläge­rin durch die Kündi­gung we­gen ih­res Ge­schlechts dis­kri­mi­niert.
- 12 - 4. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, dass maßgeb­li­cher Grund für die Kündi­gung die - ge­plan­te - Durchführung ei­ner In-vi­tro-Fer­ti­li­sa­ti­on und die da­mit ver­bun­de­ne Möglich­keit ei­ner Schwan­ger­schaft wa­ren.
- 13 - ge­gen Rechtssätze, Denk­ge­set­ze oder Er­fah­rungssätze verstößt (BAG 18. Sep­tem­ber 2014 - 8 AZR 753/13 - Rn. 24; 27. März 2014 - 6 AZR 989/12 - Rn. 37).
- 14 - C. Der Be­klag­te hat gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten sei­ner er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.
Kreft Ra­chor Nie­mann
Söller B. Schipp	m.hensche.de
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