Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F30-11-2004-U_161-2004
Timestamp: 2016-10-28 19:39:07
Document Index: 156921799

Matched Legal Cases: ['Art. 132', 'Art. 6', 'BGE', 'BGE', 'Art. 43', 'Art. 61', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

U 161/04 (30.11.2004)
U 161/04
Pr�sident Ferrari, Bundesrichterin Widmer und nebenamtlicher Richter B�hler; Gerichtsschreiber Ackermann
Der 1944 geborene X.________ ist kantonaler Angestellter und gest�tzt auf dieses Arbeitsverh�ltnis bei der "Z�rich" Versicherungs-Gesellschaft (im Folgenden: "Z�rich") obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunf�llen sowie Berufskrankheiten versichert. Am 16. November 2001 liess er der "Z�rich" eine Unfallmeldung zugehen, wonach er am 12. Oktober 2001 in seinem Haus in Z.________ einen wie folgt geschilderten Unfall erlitten habe: "Aufr�umen./Beim Aufnehmen eines Balkens von der Leitertreppe nach hinten gest�rzt und mit der Schulter angeschlagen, sodass der Kopf nach hinten flog und die Halswirbels�ule �berdehnte. Ca. 15-20 Min. Bewusstlosigkeit./Keine Personen beteiligt."
Die "Z�rich" zog einen Formularbericht des Hausarztes Dr. med. J.________, FMH f�r Innere Medizin, vom 30. November 2001 sowie den Austrittsbericht der Klinik f�r Neurologie des Spitals G.________ vom 8. November 2001 bei. In Letzterer war X.________ vom 12. bis zum 19. Oktober 2001 hospitalisiert gewesen, wobei der Befund "lakun�re[r] Hirnstamminfarkt im Kerngebiet N. trochlearis rechts" aufgenommen worden und die Diagnose einer lakun�ren Hirnstamm-Isch�mie (ICD-10 E63.9) mit/bei Trochlearisparese rechts sowie vaskul�ren Risikofaktoren Hypercholesterin�mie und Nikotinabusus gestellt worden ist. Auf Intervention des X.________ hin formulierte die Chef- und Ober�rztin der Klinik f�r Neurologie des Spitals G.________ mit Schreiben vom 24. Juni 2002 diese Diagnose um in: "Trochlearisparese rechts bei Verdacht auf lakun�re Hirnstammisch�mie". Die "Z�rich" besprach die medizinischen Befunde und Untersuchungen am 1. Juli 2002 mit Prof. Dr. med. B.________, Leitender Arzt Neurologie des Spitals R.________, und erstellte am 3. Juli 2002 ein von diesem unterzeichnetes Besprechungsprotokoll. Nach Gew�hrung des rechtlichen Geh�rs lehnte die "Z�rich" mit Verf�gung vom 28. Oktober 2002 ihre Leistungspflicht ab. Dies im Wesentlichen mit der Begr�ndung, die erlittene Trochlearisparese rechts sei nicht mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit durch den am 12. Oktober 2001 erlittenen Unfall verursacht worden. Die dagegen erhobene Einsprache wies die "Z�rich" nach Beizug der vom Institut f�r Radiologie des Spitals G.________ erstellten R�ntgenbilder mit Einspracheentscheid vom 15. April 2003 ab.
Beschwerdeweise beantragte X.________ die Durchf�hrung eines gerichtlichen Augenscheins am Unfallort, die Befragung dreier Zeugen und die Einholung eines neurologischen Gutachtens zur Richtigkeit der Diagnose "lakun�rer Hirnstamminfarkt". Nach Durchf�hrung eines doppelten Schriftenwechsels holte das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen vom neurologischen Spezialarzt F.________, einen Bericht vom 9. Januar 2004 zu den h�ufigsten Ursachen der Trochlearisparese ein. In der Folge erg�nzte X.________ die Akten seinerseits durch ein e-mail des Neurologen Dr. med. S.________, vom 23. Januar 2004 und ein Zeugnis des Augenarztes Dr. med. B.________, Facharzt FMH f�r Ophtalmologie und Ophtalmochirurgie, vom 22. Januar 2004. Mit Entscheid vom 24. M�rz 2004 wies das Versicherungsgericht des Kantons St. Gallen die Beschwerde ab.
X.________ f�hrt Verwaltungsgerichtsbeschwerde mit dem Antrag, unter Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides und des Einspracheentscheides sei die Leistungspflicht der "Z�rich" festzustellen.
Die "Z�rich" schliesst auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde, w�hrend das Bundesamt f�r Gesundheit auf eine Vernehmlassung verzichtet.
Im Beschwerdeverfahren um die Bewilligung oder Verweigerung von Versicherungsleistungen ist die �berpr�fungsbefugnis des Eidgen�ssischen Versicherungsgerichts nicht auf die Verletzung von Bundesrecht einschliesslich �berschreitung oder Missbrauch des Ermessens beschr�nkt, sondern sie erstreckt sich auch auf die Angemessenheit der angefochtenen Verf�gung; das Gericht ist dabei - entgegen der Auffassung der "Z�rich" in ihrer Vernehmlassung - nicht an die vorinstanzliche Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts gebunden und kann �ber die Begehren der Parteien zu deren Gunsten oder Ungunsten hinausgehen (Art. 132 OG).
2.1 Gem�ss Art. 6 Abs. 1 UVG werden die Versicherungsleistungen, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, bei Berufsunf�llen, Nichtberufsunf�llen und Berufskrankheiten gew�hrt. Die Leistungspflicht eines Unfallversicherers gem�ss UVG setzt zun�chst voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden (Krankheit, Invalidit�t, Tod) ein nat�rlicher Kausalzusammenhang besteht. Ursachen im Sinne des nat�rlichen Kausalzusammenhangs sind alle Umst�nde, ohne deren Vorhandensein der eingetretene Erfolg nicht als eingetreten oder nicht als in der gleichen Weise bzw. nicht zur gleichen Zeit eingetreten gedacht werden kann. Entsprechend dieser Umschreibung ist f�r die Bejahung des nat�rlichen Kausalzusammenhangs nicht erforderlich, dass ein Unfall die alleinige oder unmittelbare Ursache gesundheitlicher St�rungen ist; es gen�gt, dass das sch�digende Ereignis zusammen mit anderen Bedingungen die k�rperliche oder geistige Integrit�t des Versicherten beeintr�chtigt hat, der Unfall mit andern Worten nicht weggedacht werden kann, ohne dass auch die eingetretene gesundheitliche St�rung entfiele (BGE 129 V 181 Erw. 3.1, 406 Erw. 4.3.1, 119 V 337 Erw. 1, 118 V 289 Erw. 1b, je mit Hinweisen).
2.2 Die Leistungspflicht des Unfallversicherers setzt im Weiteren voraus, dass zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Schaden ein ad�quater Kausalzusammenhang besteht. Bei somatischen Unfallfolgen spielt indessen die Ad�quanz als rechtliche Eingrenzung der aus dem nat�rlichen Kausalzusammenhang sich ergebenden Haftung des Unfallversicherers praktisch keine Rolle, weil der Unfallversicherer auch f�r seltenste, schwerwiegendste Komplikationen haftet, welche nach der unfallmedizinischen Erfahrung im Allgemeinen gerade nicht einzutreten pflegen (BGE 118 V 291 Erw. 3a, 117 V 365 Erw. 5d/bb; RKUV 2004 Nr. U 505 S. 249 Erw. 2.1).
2.3 Die Vorinstanz hat die hier weiter massgebende Bedeutung des Untersuchungsgrundsatzes, nach welchem der rechtserhebliche Sachverhalt sowohl im unfallversicherungsrechtlichen Verwaltungsverfahren (Art. 43 Abs. 1 ATSG) als auch im Verfahren vor dem kantonalen Versicherungsgericht (Art. 61 lit. c ATSG) zu ermitteln ist, zutreffend dargelegt. Sie hat auch richtig festgehalten, dass die Beweislastregel, wonach im Falle von Beweislosigkeit zu Ungunsten jener Partei zu entscheiden ist, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten will, erst dann Platz greift, wenn es sich als unm�glich erweist, im Rahmen des Untersuchungsgrundsatzes auf Grund einer Beweisw�rdigung einen Sachverhalt zu ermitteln, der zumindest die Wahrscheinlichkeit f�r sich hat, der Wirklichkeit zu entsprechen (BGE 117 V 264 Erw. 3b mit Hinweis). Darauf wird verwiesen.
Da der Beschwerdef�hrer eine Trochlearisparese rechts, d.h. einen somatischen Gesundheitsschaden, erlitten hat, ist streitig und zu pr�fen, ob ein nat�rlicher Kausalzusammenhang zwischen dieser Gesundheitsst�rung und dem Unfallereignis vom 12. Oktober 2001 besteht oder nicht. Es ist also zu untersuchen, ob die beim Beschwerdef�hrer aufgetretene Trochlearisparese rechts eine nat�rlich kausale Folge des Sturzes vom 12. Oktober 2001 ist und nicht umgekehrt die Trochlearisparese sowie die als Folge davon beim Beschwerdef�hrer aufgetretenen Doppelbilder zu jenem Sturz gef�hrt haben. Die ad�quate Kausalit�t spielt demgegen�ber eine untergeordnete Rolle (vgl. Erw. 2.2 hievor).
3.1 Der Nachweis des nat�rlichen Kausalzusammenhanges zwischen dem Unfallereignis und dem eingetretenen Gesundheitsschaden kann unmittelbar anhand der initialen Unfallakten erfolgen, wenn die geklagten Beschwerden, die erhobenen Befunde und der diagnostizierte Gesundheitsschaden mit dem Unfallgeschehen oder der Unfallschilderung des Versicherten zwanglos korrelieren und der Gesundheitsschaden ohne weiteres als Folge des erlittenen Unfalles erscheint. Ist das nicht der Fall, kann der Nachweis, dass es sich beim vorhandenen Gesundheitsschaden um eine nat�rlich kausale Unfallfolge handelt, nur durch mittelbaren Beweis mit Hilfe von Indizien geleistet werden. Als Indizien, mit welchen die nat�rliche Unfallkausalit�t nachgewiesen werden kann, fallen dabei vorab der Zeitpunkt und das Motiv der Unfallmeldung, die Zeitspanne zwischen Ereignis und Meldung sowie die Anamnese, namentlich ob diese fr�here gleiche oder analoge Gesundheitsst�rungen enth�lt, in Betracht. Von erheblicher Bedeutung f�r die Beweisw�rdigung ist dabei - gleich wie beim Unfallbeweis als solchem (vgl. dazu BGE 121 V 47 Erw. 2a mit Hinweisen) - die Beweismaxime, dass die spontanen "Aussagen der ersten Stunde" in der Regel unbefangener und zuverl�ssiger sind als sp�tere Darstellungen, die bewusst oder unbewusst von nachtr�glichen �berlegungen versicherungsrechtlicher oder anderer Art beeinflusst sein k�nnen. Dem Umstand, dass die erste Schilderung des Unfallgeschehens mit sp�teren Darstellungen in wesentlichen Punkten nicht �bereinstimmt, kommt nach dieser Beweisw�rdigungsregel auch f�r den Beweis der nat�rlichen Unfallkausalit�t ausschlaggebende Bedeutung zu. Sie kann aber auch hier nur zur Anwendung gelangen, wenn von weiteren Beweismassnahmen keine neuen Erkenntnisse zu erwarten sind (Urteil S. vom 19. Mai 2004, U 236/03; Alfred B�hler, Der Unfallbegriff, in: Alfred Koller [Hrsg.], Haftpflicht- und Versicherungsrechtstagung 1995, St. Gallen 1995, S. 268). Anders als beim Unfallbeweis als solchem (vgl. dazu RKUV 1990 Nr. U 86 S. 51 Erw. 2; B�hler, a.a.O., S. 268; Alfred Maurer, Schweizerisches Unfallversicherungsrecht, Bern 1985, S. 264) sind hingegen die medizinischen Erkenntnisse bez�glich der traumatischen oder pathologischen Ursachen eines Gesundheitsschadens f�r den Nachweis der nat�rlichen Unfallkausalit�t nicht bloss ein Indiz, sondern regelm�ssig von ausschlaggebender (Beweis-) Bedeutung. Denn es ist Aufgabe des Unfallmediziners, den Ursache-/Wirkungszusammenhang zwischen einem Unfallereignis und einer vorhandenen (somatischen) Gesundheitsst�rung zu kl�ren und namentlich dazu Stellung zu nehmen, ob ein bestimmtes Unfallgeschehen nach unfallmedizinischer Erfahrung physiologisch geeignet war - allenfalls als blosse Teilursache, aber mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit - zur fraglichen Gesundheitsst�rung zu f�hren.
3.2 Ein direkter Beweis, dass die beim Beschwerdef�hrer am 12. Oktober 2001 aufgetretene und von der Klinik f�r Neurologie des Spitals G.________ diagnostizierte Trochlearisparese rechts durch einen Sturz (von der Leiter) verursacht wurde, ist im vorliegenden Fall nicht m�glich, da der Beschwerdef�hrer dabei keine f�r eine Sch�del- /Hirnverletzung mit konsekutiver Trochlearisl�hmung signifikanten Kopfverletzungen erlitten hat. Ebenso wenig klagte der Beschwerdef�hrer unmittelbar nach dem Unfall �ber Symptome wie Kopfweh, �belkeit, Erbrechen, Schwindel, Sensibilit�tsst�rungen oder Paresen, welche auf ein Sch�del-/Hirntrauma h�tten schliessen lassen. Als �usserlich feststellbare Befunde wurden vom erstbehandelnden Hausarzt Dr. med. J.________ einzig nicht n�her lokalisierte, "multiple Kontusionen" und in der Klinik f�r Neurologie Sch�rfwunden am linken Oberarm sowie im Bereich der linken H�fte erhoben. Dabei handelte es sich offensichtlich nicht um das �ussere Korrelat der diagnostizierten Trochlearisparese.
3.3 Das Fehlen von f�r ein Sch�del-/Hirntrauma typischen Kopfverletzungen und Symptomen steht auch dem mittelbaren Nachweis einer unfallbedingten Ursache der erlittenen Trochlearisparese entgegen. Denn der von der "Z�rich" im Juli 2002 konsiliarisch befragte Neurologe Prof. Dr. med. B.________ hat �berzeugend darauf hingewiesen, dass eine Trochlearisparese nur durch eine schwere Sch�del-/Hirnverletzung traumatisch verursacht werden kann. Der Umstand, dass der Beschwerdef�hrer kein Sch�del-/Hirntrauma in der f�r eine Trochlearisl�hmung erforderlichen Schwere erlitten hat, stimmt sodann mit seinen ersten, unmittelbar nach dem Unfall in der Klinik f�r Neurologie des Spitals G.________ gemachten anamnestischen Angaben �berein. Dort hat er den Unfall so geschildert, dass beim Hochheben eines Balkens - und nicht etwa erst nach einem Sturz (von der Leiter) - Doppelbilder aufgetreten seien. An einen Sturz vermochte sich der Versicherte gar nicht zu erinnern, sondern er schloss lediglich aus der Tatsache, dass seine Brille am Boden lag, darauf, er k�nnte "vielleicht doch gest�rzt und kurzzeitig bewusstlos gewesen sein". Diese mit den medizinischen Befunden korrelierenden "Aussagen der ersten Stunde" sind ausschlaggebend. Sie k�nnen nicht nachtr�glich durch einen aus relativ grosser H�he - der Beschwerdef�hrer hat im Verwaltungsverfahren eine solche von drei Metern, in seiner vorinstanzlichen Beschwerdeschrift eine solche von zwei Metern genannt - erfolgten Sturz (von der Leiter) und ein dabei erlittenes schweres Sch�del- /Hirntrauma ersetzt werden, weil hief�r die erforderlichen medizinischen Befunde g�nzlich fehlen. Damit ist auch der Kausalit�tsbeurteilung durch den vom Beschwerdef�hrer auf elektronischem Weg konsultierten Neurologen Dr. med. S.________ der Boden entzogen. Dieser hat n�mlich einen "Sturz von der Leiter" als feststehend angenommen. Weiter ist zu ber�cksichtigen, dass sich dieser Arzt nur im Rahmen einer Anfrage per e-mail kurz ge�ussert hat und offensichtlich nicht �ber Aktenkenntnis verf�gte (vgl. BGE 125 V 352 Erw. 3a), weshalb schon in dieser Hinsicht nicht entscheidwesentlich auf diese �usserung abgestellt werden kann.
3.4 Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Nachweis eines nat�rlichen Kausalzusammenhanges zwischen der vom Beschwerdef�hrer erlittenen Trochlearisparese rechts und dem Unfallereignis vom 12. Oktober 2001 zu Recht verneint. Die dargelegten Indizien lassen es vielmehr gerade umgekehrt als �berwiegend wahrscheinlich erscheinen, dass der Beschwerdef�hrer am 12. Oktober 2001 wegen des Auftretens von Doppelbildern, die durch eine pathologische Trochlearisparese rechts ausgel�st wurden, gest�rzt ist und sich dabei Sch�rfungen am linken Oberarm und an der linken H�fte zugezogen hat. Es kann letztlich offen bleiben, ob der Versicherte am 12. Oktober 2001 �berhaupt von der Leiter gefallen ist (was die "Z�rich" zu bestreiten scheint) oder ob er nur (aber immerhin) gest�rzt ist.