Source: http://m.hensche.de/Kuendigungsschutz-nach-Entlassungsverlangen-des-Betriebsrats-BAG-2AZR551-16.html
Timestamp: 2017-06-26 01:58:09
Document Index: 338348827

Matched Legal Cases: ['§ 104', '§ 75', '§ 104', '§ 626', '§ 1', '§ 104', '§ 1', '§ 103']

HENSCHE Arbeitsrecht: Kündigungsschutz nach Entlassungsverlangen des Betriebsrats
Vor­ges­tern hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass ein Ge­richts­ver­fah­ren über die Pflicht des Ar­beit­ge­bers zur Ent­las­sung prä­ju­di­zie­ren­de Wir­kung hat für ei­nen spä­ter ge­führ­ten Kün­di­gungs­schutz­pro­zess, mit dem sich der ent­las­se­ne Ar­beit­neh­mer ge­gen sei­ne Kün­di­gung zur Wehr setzt: BAG, Ur­teil vom 28.03.2017, 2 AZR 551/16.
Welche Wirkungen hat ein Prozess zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber über dessen Pflicht zur Entlassung eines betriebsstörenden Arbeitnehmers für eine spätere Kündigungsschutzklage?
Gemäß § 104 Satz 1 Be­trVG kann der Be­triebs­rat vom Ar­beit­ge­ber die Ent­las­sung oder Ver­set­zung ei­nes be­triebsstören­den Ar­beit­neh­mers ver­lan­gen. Be­triebsstörend ist ein Ar­beit­neh­mer, der sich ge­setz­wid­rig verhält und/oder die in § 75 Abs.1 Be­trVG ge­nann­ten Grundsätze des fai­ren Ver­hal­tens im Be­trieb ver­letzt, z.B. durch frau­en­feind­li­che, ras­sis­ti­sche oder frem­den­feind­li­che Betäti­gun­gen,
den Be­triebs­frie­den stört, und zwar wie­der­holt und ernst­lich.
Im Streit: Gewalttätige Bürokraft wird auf Verlangen des Betriebsrats gekündigt
Im Streit­fall hat­te ei­ne Büroan­ge­stell­te, die seit 1993 bei ei­nem großen Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men an­ge­stellt war, im Ok­to­ber 2014 ei­nen Kol­le­gen tätlich an­ge­grif­fen, weil die­ser ein Fens­ter zum Lüften geöff­net hat­te. Nach­dem der Kol­le­ge das Fens­ter trotz ei­nes Wut­aus­bruchs der An­ge­stell­ten nicht wie­der schließen woll­te, stürm­te die­se auf ihn zu, riss sei­ne Hand vom Fens­ter­griff los und schloss das Fens­ter. Im Ja­nu­ar 2015 gab es (trotz ei­ner zwi­schen­zeit­li­chen Ab­mah­nung des tätli­chen An­griffs vom Ok­to­ber 2014) er­neut ei­nen ähn­li­chen Vor­fall. Hier hat­te ei­ne Ar­beits­kol­le­gin ei­nen Roll­la­den her­un­ter­ge­las­sen, um nicht von der Son­ne ge­blen­det zu wer­den, wor­auf­hin sie von der An­ge­stell­ten wütend da­zu auf­ge­for­dert wur­de, den Roll­la­den wie­der hoch­zu­fah­ren. Als sie dies nicht tat, schlug die An­ge­stell­te sie mit vol­ler Wucht auf den Arm.
Die­se Vorfälle be­wer­te­te das (vom Be­triebs­rat an­ge­ru­fe­ne) Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf als Körper­ver­let­zung und da­mit als ge­setz­wid­ri­ges Ver­hal­ten im Sin­ne von § 104 Satz 1 Be­trVG. Da sich die be­trof­fe­nen Kol­le­gen be­droht fühl­ten und mit ihr nicht mehr mit der An­ge­stell­ten zu­sam­men­ar­bei­ten woll­ten, ging das Ar­beits­ge­richt auch von ei­ner ernst­li­chen Störung des Be­triebs­frie­dens aus. Es ver­pflich­te­te da­her den Ar­beit­ge­ber auf An­trag des Be­triebs­rats zur Ent­las­sung der ag­gres­si­ven Büro­kraft (Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf, Be­schluss vom 21.08.2015, 11 BV 100/15). An dem Ver­fah­ren wa­ren der Be­triebs­rat, der Ar­beit­ge­ber und die An­ge­stell­te be­tei­ligt. Da kei­ner ge­gen den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts Be­schwer­de ein­leg­te, wur­de er rechts­kräftig. Ei­ni­ge Mo­na­te später be­folg­te der Ar­beit­ge­ber den Be­schluss des Ar­beits­ge­richts und kündig­te die Büroan­ge­stell­te. Da­bei sprach er so­wohl ei­ne frist­lo­se Kündi­gung aus als auch (hilfs­wei­se) ei­ne or­dent­li­che Kündi­gung. Ge­gen bei­de Kündi­gun­gen er­hob die Ar­beit­neh­me­rin Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Das Ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Ur­teil vom 01.02.2016, 4 Ca 6451/15) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Düssel­dorf als Be­ru­fungs­in­stanz be­wer­te­ten die frist­lo­se Kündi­gung als un­wirk­sam, die frist­ge­rech­te Kündi­gung da­ge­gen als rech­tens (LAG Düssel­dorf, Ur­teil vom 13.06.2016, 9 Sa 233/16). Denn für ei­ne außer­or­dent­li­che und frist­los aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung war die ge­setz­li­che Zwei­wo­chen­frist (§ 626 Abs.2 BGB) be­reits ab­ge­lau­fen, da der Ar­beit­ge­ber zum Kündi­gungs­zeit­punkt schon vie­le Mo­na­te bzw. länger als zwei Wo­chen über die Kündi­gungs­sach­ver­hal­te Be­scheid wuss­te. Dem­ge­genüber hiel­ten bei­de Ge­rich­te die or­dent­li­che Kündi­gung für rech­tens. Denn die gekündig­te Ar­beit­neh­me­rin hat­te zwar Kündi­gungs­schutz nach dem Kündi­gungs­schutz­ge­setz (KSchG), doch half ihr das im Er­geb­nis nichts, da die Kündi­gung so­zi­al ge­recht­fer­tigt war (§ 1 KSchG). Da­bei be­rie­fen sich bei­de Ge­rich­te sich auf die präju­di­zie­ren­de Wir­kung des Vor­pro­zes­ses.
BAG: Muss der Arbeitgeber auf Antrag des Betriebsrat einen betriebsstörenden Arbeitnehmer entlassen, ist dessen Kündigungsschutz eingeschränkt
Hat der Be­triebs­rat in ei­nem ar­beits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren den Ar­beit­ge­ber da­zu ver­pflich­ten können, ei­nen be­triebsstören­den Ar­beit­neh­mer gemäß § 104 Satz 1 Be­trVG zu ent­las­sen, hat der Aus­gang die­ses Ver­fah­rens präju­di­zi­el­le Wir­kung für ein späte­res Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren, mit dem sich der gekündig­te be­triebsstören­der Ar­beit­neh­mer ge­gen die Kündi­gung zur Wehr setzt. Denn in­fol­ge des Vor­pro­zes­ses liegt, so das BAG, für ei­ne späte­re or­dent­li­che Kündi­gung ein drin­gen­des be­trieb­li­ches Er­for­der­nis im Sin­ne von § 1 Abs.1 Satz 2 KSchG vor. Die Ent­schei­dung des BAG passt gut zu der ähn­li­chen Si­tua­ti­on, dass der Ar­beit­ge­ber ein Be­triebs­rats­mit­glied außer­or­dent­lich kündi­gen möch­te. Dafür braucht er gemäß § 103 Be­trVG die Zu­stim­mung des Be­triebs­rats. Ver­wei­gert der Be­triebs­rat die Zu­stim­mung, kann der Ar­beit­ge­ber sie durch das Ar­beits­ge­richt er­set­zen las­sen; in die­sem Pro­zess ist das be­trof­fe­ne Be­triebs­rats­mit­glied zu be­tei­li­gen. Wenn der Ar­beit­ge­ber den Pro­zess ge­winnt und das Be­triebs­rats­mit­glied dem­ent­spre­chend außer­or­dent­lich kündigt, steht in ei­nem späte­ren Kündi­gungs­schutz­pro­zess ver­bind­lich fest, dass ein wich­ti­ger Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung ge­ge­ben ist.