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Timestamp: 2020-08-04 12:03:18
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Matched Legal Cases: ['Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 4', 'Art. 6', '§1', '§2', '§10', '§11', '§12']

Die Innere Mission und die Anfänge der Sozialgesetzgebung - GRIN
Theodor Lohmanns Denkschrift von 1884 als christlich-konservative Stellungnahme zur Sozialpolitik des Deutschen Kaiserreiches
von Sylvia E. Kleeberg (Autor)
1.1 Die Entstehung der sozialen Frage
1.2 Die Innere Mission
1.3 Kaiserreich und Sozialgesetzgebung
2 Die Denkschrift des Central-Ausschusses für Innere Mission (1884)
2.1 Der Verfasser: Theodor Lohmann (1831-1905)
2.2 Entstehung und Verbreitung der Denkschrift
3 Zum Inhalt der Denkschrift
Aufbau der Denkschrift
Weltbild und Prägung Theodor Lohmanns
Inhaltliche Gliederung der Denkschrift
4 Die Denkschrift und ihre Bedeutung in den 1880er Jahren
Der Protestantismus in Preußen
Sozialgesetzgebung und Wirkung der Denkschrift
Anhang A - Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte
Anhang B - Auszüge aus dem Oktoberedikt von
Anhang C - Hauptdaten der Sozialgesetzgebung
Das 19. Jahrhundert stellte eine Zeit großer Veränderungen dar, die nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern vor allem auch gesellschaftlich bedeutend waren. Das Anbrechen eines neuen technisierten Zeitalters unter den Bedingungen einer anfänglich noch absolutistisch geprägten und sich erst allmählich aus diesen Strukturen lösender Gesellschaft warf bis dahin unbekannte soziale Probleme auf. Zum besseren Verständnis dieser Zeit soll im folgenden Kapitel zunächst die soziale Frage skizziert werden, um anschließend auf Lösungsversuche der Inneren Mission der evangelischen Kirche, wie auch von staatlicher Seite näher eingehen zu können.
Die Revolution von 1789 in Frankreich zeichnete sich dadurch aus, dass sie die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage stellte, d.h. die Ständeordnungen und damit einhergehenden sozialen Unterschiede nicht mehr als „gottgegeben“ ansah, sondern von der Ansicht ausgehend, dass alle Menschen gleich seien und damit die gleiche Würde und die gleichen Rechte besäßen1 auch einen Anspruch auf ein menschenwürdiges, freies Leben hätten. Die Lebensbedingungen waren also veränderbar und mit dieser Feststellung kam erstmals die so genannte soziale Frage2 zur öffentlichen und politischen Debatte. Diesem Vorbild folgend wurde sie im 19. Jahrhundert zu einem sozialpolitisch bestimmenden Faktor, der bald die Tagespolitik lenkte und in den 1880er Jahren im Deutschen Reich schließlich Anlass für eine bis dahin beispiellose staatliche Sozialgesetzgebung war.3
Auf deutschem Gebiet begann die eigentliche Industrialisierung erst in den 1830er Jahren mit dem Bau der Eisenbahn, die die Grundlage für den Aufstieg der Schwerindustrie zum wichtigsten Wirtschaftssektor und damit den Beginn der Hochphase der industriellen Revolution bedeutete.4
Die sozialen Probleme dagegen begannen sich bereits seit den Anfängen der Industrialisierung stetig wachsend zu entwickeln. Sie setzten mit der neuen Mobilität der Menschen ein, die durch das Edikt zur Bauernbefreiung von 18075 - das die vollkommen eigenständige Auswahl von Wohnort und Arbeitsstelle erlaubte - begonnen hatte. Mit dieser neuen Freiheit gingen gleichzeitig jedoch auch neue Probleme einher, denn die Menschen verloren ihre existentielle Absicherung, d.h. gesicherten Wohnraum auf dem Besitz ihres Herrn und eine Kranken- und Altersversorgung durch ihre Familie, die bis dahin noch generationsübergreifend und strukturiert durch eine feste Rollenverteilung zusammengelebt hatte.
Die Menschen strömten auf der Suche nach Arbeit in die Städte, was zu einer raschen Urbanisierung führte, bei der sich das Wachstum der Bevölkerung in keinem Verhältnis zu vorhandenen bzw. entstehenden Arbeitsplätzen befand. Daran schloss sich ebenfalls ein Kampf um Wohnraum, ärztliche Versorgung und in den 1840er Jahren6 auch um Nahrung an. Die soziale Frage wurde so zu einer „Frage der menschlichen Gemeinschaft überhaupt […]“7. Es galt also nicht mehr einfach nur die Entwicklung der Wirtschaft in die Staatsstrukturen zu integrieren, sondern auch eine neue gesellschaftliche Ordnung mit dem Ziel der Bekämpfung von Pauperismus8, verfallender Familienstrukturen und des Verlustes fester traditioneller Normsysteme zu schaffen, was schließlich die Kirche, auf protestantischer Seite insbesondere die Innere Mission , als ihre soziale Aufgabe wahrnahm.
Es mangelte bis zu den 1880er Jahren des 19. Jahrhunderts an einer effektiven staatlichen Sozialpolitik. Eine Folge dessen war seit Beginn des Jahrhunderts die Entstehung von Sozialsicherungsmaßnahmen im privaten Bereich, d.h. auf Initiative von Unternehmern oder Arbeitervereinen. Im religiösen Bereich kam es vor allem zuerst auf katholischer, später aber auch auf protestantischer Seite zu Gründungen von Armenpflegevereinen, Waisenhäusern und Rettungshäusern.
Einen besonderen Stellenwert genoss hierbei die Innere Mission der evangelischen Kirche. Sie war 1848 offiziell von Johann Hinrich Wichern gegründet worden, nachdem er auf dem evangelischen Kirchentag in Wittenberg eine überzeugende Rede zur Aufgabe der Kirche in Anbetracht der sozialen Frage gehalten hatte. Er hatte darauf hingewiesen, dass sich das Selbstverständnis der Kirche nicht „in Lehre und Gottesdienst erschöpfen darf, sondern angesichts der Entfremdung der Masse des Volkes von der Kirche der äußeren Mission eine innere“9 Mission mit der Aufgabe tätiger Nächstenliebe zur Seite zu stellen sei. Bereits ein Jahr darauf gründete Wichern den Central-Ausschuss für Innere Mission und veröffentlichte „Die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche. Eine Denkschrift an die deutsche Nation, im Auftrage des Centralauschusses für die Innere Mission“, worin er besonders hervorhob:
„Die Innere Mission ist nicht eine Lebensäußerung außer oder neben der Kirche, will auch weder jetzt noch einst die Kirche selbst sein, wie man von ihr gefürchtet hat, sondern sie will eine Seite des Lebens der Kirche selbst offenbaren, und zwar das Leben des Geistes der gläubigen Liebe, welche die verlorenen, verlassenen, verwahrlosten Massen sucht, bis sie sie findet.“10
Zu den drei Hauptaufgaben zählten, ausgehend von diesem Grundverständnis, die Familie, als Keimzelle für die eigentlichen Probleme, die erst zur sozialen Frage führen, der Staat, dem laut lutherischem Verständnis der Obrigkeitsgehorsam zusteht und den es durch christliche Tätigkeit in seinen Belangen für das Volk zu unterstützen gilt sowie die Kirche selbst, die durch Taten der Barmherzigkeit unterstützt werden soll.11 Der Central-Ausschuss übernahm hierbei die Rolle des organisierenden und überwachenden Organs, d.h., dass er sich mit den für die Zusammenarbeit wichtigen kirchlichen und staatlichen Institutionen auseinandersetzte und auf die Einhaltung der von Wichern für die Innere Mission festgelegten Arbeitsmethoden, Organisationsformen und Ziele achtete. Besonders wichtig war für Wichern die Arbeit der Inneren Mission in Form von Vereinen, die ihre Arbeitsmethoden stets auf die realen Probleme abstimmen und im Geiste des Evangeliums verrichten sollten. Wichern betonte die Überparteilichkeit und die christlich-soziale Ausrichtung der Inneren Mission , mit dem Ziel, den Staat in seinen sozialpolitischen Ambitionen zu unterstützen und sogar die Kirche selbst noch auf sozialem Gebiet zu reformieren.12 Zu den drei Größen mit denen es sich dafür zu beschäftigen galt, zählten Familie, Eigentum und Arbeit, denn auf diesen Gebieten galt es Maßnahmen zu ergreifen, gegen „die Zerrüttung des Familienlebens, zur Pflege der Armen (und) zur christlichen Gestaltung der Besitzverhältnisse“13.
Eine herausragende Bedeutung erhielt die Arbeit der Inneren Mission jedoch erst im Kaiserreich, denn ab dieser Zeit kann eigentlich von dem endgültigen Übergang vom Agrar- zum Industriestaat14 gesprochen werden. Mit dem Beginn der Hochindustrialisierung setzte auch eine neue Dringlichkeit der sozialen Frage ein, die es schließlich unumgänglich machte ab 1881 eine staatliche Sozialgesetzgebung einzuführen. Eine wichtige Rolle spielten hierbei die Kämpfe des Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck gegen die Sozialdemokratie und seine Lösungsbestrebungen zur sozialen Frage 15, die Unruhen unter den Arbeitern und vor allem auch Theodor Lohmann, der nicht nur einer der aktivsten Mitstreiter Bismarcks bei dem Vorhaben einer Sozialgesetzgebung war, sondern 1884 auch eine bedeutende Denkschrift im Auftrag des Central-Ausschusses für Innere Mission verfasste.16 Die Innere Mission selbst agierte Wicherns Vorstellungen entsprechend, d.h. sie erwartete vom Staat, dass „er in umfassenden sozialpolitischen Bemühungen die Überwindung der Massennöte durch eine entsprechende Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpolitik“17 leistete - was er letztlich durch die Sozialgesetzgebung der 1880er und 1890er Jahre auch tat.
Der Staatsapparat des Kaiserreiches war unsicher, was seine Vorgehensweise betraf. Dies hing zum einen mit den verschiedenen politischen Strömungen zusammen von denen er sich distanzieren, bzw. mit denen er sich identifizieren wollte18, und zum anderen mit dem Fehlen eines die wirtschaftlichen und damit die gesellschaftlichen Veränderungen begleitenden politischen Gesamtkonzeptes.
Die Gründung des Deutschen Reiches hatte vor dem Hintergrund eines Konjunkturschwunges stattgefunden, der zwar bereits in den 1860er begonnen, jedoch erst nach dem Krieg von 1870/1871 seinen richtigen Höhepunkt erreichte und zwar „getragen von einer Welle von Unternehmensgründungen und von einem Börsenboom von noch die dagewesenem Ausmaß“19. Die Folge waren auf wirtschaftlichem Gebiet ein Aufschwung im Eisenbahnbau, der Schwerindustrie und eine vermehrte Gründung von Aktiengesellschaften. Auf gesellschaftlichem Gebiet spielte der Wohnungsbau aufgrund einer seit den späten 60er Jahren einsetzenden Urbanisierungswelle - verursacht durch eine der bis dahin größten Binnenwanderungsbewegungen - eine große Rolle. Diese Gründerzeit zog jedoch, durch entstandene Überkapazität an Investitionsanlagen und eine Überschuldung der Wirtschaft, ab 1873 den Gründerkrach nach sich.20 Die folgende Depressionsphase sollte mehr als 20 Jahre anhalten und erreichte ihren Tiefpunkt erst 1879. Für die Bevölkerung bedeutete diese Situation nicht nur eine wirtschaftliche Belastung, sondern hatte auch sozialpsychologische Konsequenzen. Die Menschen erlebten eine Welle der Armut, der Existenzangst und marktwirtschaftlicher Unsicherheit.21 Die Folgen waren verstärkte Kritik an Staat und Wirtschaft, eine Radikalisierung verschiedener ideologischer Strömungen und sowie zwischen 1881 und 1882 eine Massenauswanderung nach Amerika. All diese Faktoren führten zu einem psychischen wie auch ideologischen Umschwung, der als „Diskreditierung des Liberalismus“ bezeichnet wurde und der „eine Reihe weitreichender wirtschafts sozial- und ordnungspolitischer Veränderungen, wie die dramatische handelspolitische Wende zum Protektionismus 1879 (und) die Anfänge der staatlichen Sozialversicherung 1881“22 bewirkte, die mit der kaiserlichen Botschaft vom 17. November 1881 ihren offiziellen Anfang nahm und in den folgenden Jahren durch zahlreiche Gesetze23 erweitert wurde. Aus dem Kaiserreich wurde so der erste Wohlfahrts- bzw. Sozialstaat dieser Zeit, für dessen Entstehen neben Bismarcks politischem Kampf an zwei Fronten24 vor allem die Arbeit Theodor Lohmanns und die eindeutige Positionierung der Inneren Mission und evangelischen Kirche zur Sozialpolitik durch die Denkschrift von 1884 bedeutsam waren.
2. Die Denkschrift des Central-Ausschusses für Innere Mission(1884)
Eine herausgehobene Rolle im Prozess der Sozialgesetzgebung des Deutschen Kaiserreiches spielte Theodor Lohmann, der sich aus christlich-sozialer Verantwortung heraus beständig dafür eingesetzt hatte gesetzliche Absicherungen für die arbeitende Bevölkerung zu schaffen. Nachdem er als erster Mitarbeiter des Reichskanzlers Fürst Otto von Bismarck ausschied, engagierte er sich im Central- Ausschuss für Innere Mission . Für diesen verfasste er 1884 eine Denkschrift, die große Bedeutung als Dokument zur sozialpolitischen Positionierung der Inneren Mission und der evangelischen Kirche gegenüber Staat und Wirtschaft erlangte. Um dieses beispielhafte sozialpolitische Engagement in seiner geschichtlichen Bedeutung nachvollziehbar zu machen, soll im Folgenden zunächst auf Theodor Lohmanns Tätigkeit im Staatsdienst, wie auf sein nebenamtliches Engagement und schließlich auf die Entstehung und Verbreitung der Denkschrift von 1884 näher eingegangen werden.
Der Verfasser: Theodor Lohmann (1831-1905)
Theodor Lohmann, 1831 in Winsen a.d. Aller bei Celle geboren, studierte in Göttingen Jura und Nationalökonomie, war anschließend von 1855 bis 1861 Amts- Auditor und -Assessor in verschiedenen Ministerien Hannovers, arbeitete von 1861 bis 1871 für das hannoversche Kultusministerium und engagierte sich ab 1863 auch auf dem Gebiet der Kirchenpolitik. Dort war er maßgeblich an der Organisation der hannoverschen Landeskirche zu einer selbstständigen Rechtsgemeinschaft beteiligt,25 was ihm sogar einen Konflikt mit dem preußischen Kultusministerium und eine zeitweilige Strafversetzung nach Minden einhandelte.26 Erst mit dem Eintritt in das preußische Handelsministerium im Jahre 1871 begann jedoch seine Tätigkeit als sozialer Politiker. Er setzte sich 1872 beispielsweise für den Ausbau von Arbeitsschutz und Fabrikgesetzgebung ein, verfasste 1876 das Hilfskassengesetz und war auch maßgeblich an der Novelle zur Gewerbeordnung von 1878 beteiligt. Darauf folgend formulierte er erste Invaliditäts- und Krankenversicherungsgesetze , wie auch grundlegende Entwürfe eines Unfallversicherungsgesetzes , das schließlich zum Kern der sozialpolitischen Initiative Bismarcks im Jahre 1880 wurde.27 Dieser holte Theodor Lohmann 1881 schließlich als seinen ersten Mitarbeiter ins Reichsamt des Inneren, wo er nicht nur das Referat über die gewerbliche Arbeiterfrage28 erhielt, sondern auch Protokollführer der sozialpolitischen Konferenz wurde. Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck wollte bereits seit dem Herbst 1870 einen Kampf an zwei Fronten führen, der nicht nur Repressivmaßnahmen gegen die Sozialdemokratie, sondern gleichzeitig auch die Lösung der Arbeiterfrage zum Ziel haben sollte. Er ging in seiner Gesamtpolitik von der Überzeugung aus, dass zur Bekämpfung der Sozialdemokratie die berechtigten Teile ihre Forderungen einfach nur weitestgehend erfüllt werden müssten.29 Der Effekt wäre dann ein Anerkennen des bestehenden Staates und kein weiterer Zulauf mehr auf sozialdemokratischer Seite. Aufgrund dieses Konzeptes begann die Arbeit an einer staatlichen Sozialgesetzgebung, die vor allem durch Theodor Lohmann starke Impulse erhielt. Während der Arbeit an der Sozialgesetzgebung zwischen 1880 und 1883 kam es - die Unfallversicherungsgesetzgebung betreffend - zu schweren Konflikten zwischen Bismarck und Lohmann, die letztlich zu einer Trennung der Wege beider Staatsmänner im Dezember 1883 führten.30 Die folgenden Jahre verbrachte Lohmann weniger politisch aktiv, sondern verlagerte sich wieder mehr auf die Verwaltung und arbeitete sehr engagiert in seinen Nebenämtern. Er war unter anderem Mitglied im Central-Ausschuss der Inneren Mission , im Komitee der Berliner Heidenmission , Vorsitzender des Komitees zur Judenmission , des Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen , Begründer und Mitglied der Staatswissenschaftlichen Gesellschaft und ab 1883 Examinator für das Fach der Finanzwissenschaft und Nationalökonomie in der Prüfungskommission für diplomatische Examina .31 Erst 1890, nach der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler aufgrund starker Differenzen mit dem seit 1888 herrschenden Kaiser Wilhelm II., wurde Theodor Lohmann wieder im Bereich der Sozialgesetzgebung aktiv und war für die Verwirklichung einiger Gesetze - wie z.B. der Gewerbeschutznovelle von 1891 - zuständig, deren Realisation vorher an Bismarck gescheitert war. Mittlerweile galt er als erste Autorität in Fragen gewerbe- und sozialpolitischer Art und übernahm so 1892 den Vorsitz im Ausschuss für Handel und Gewerbe des Bundesrates , war Mitbegründer der Kommission für Arbeiterstatistik , unterstützte die Einrichtung der Zentralstelle für Arbeiter- und Wohlfahrtseinrichtungen und wurde schließlich Leiter der Technischen Deputation für Gewerbe , die die oberste Normsetzungs- und Gutachterbehörde für Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Industrietechnologie darstellte.32
Entstehung und Verbreitung der Denkschrift von 1884
Nach seinem Bruch mit Bismarck zog sich Theodor Lohmann wieder in den Bereich der Verwaltung zurück, denn „Verwaltung, das hieß ja unmittelbare Berührung mit dem täglichen Dasein der einzelnen, Einwirkung auf die Bedingungen christlicher Lebensgestaltung, auf die Materie, deren Bearbeitung göttliches Gebot ist“33. Dieses Verständnis von Beruf und Amt, das Lohmann vertrat, führte ihn auch zu den zahlreichen nebenamtlichen Tätigkeiten in den 1880er Jahren. Ein Produkt dieses Engagements ist die Denkschrift des Central-Ausschusses für Innere Mission aus dem Jahre 1884.
Bereits im Februar 1884 hatte Adolf Stoecker (1835-1909) im Zuge seines politischen Engagements eine Stellungnahme des Central-Ausschusses für Innere Mission zur Arbeiterfrage verlangt und dazu selbst einige Thesen aufgestellt.34 Daraufhin bat der Central-Ausschuss Theodor Lohmann um die Abfassung einer neuen, zeitgemäßen Denkschrift. Dieser stützte sich bei der Ausarbeitung seiner Denkschrift auf das Material Stoeckers, wie auch auf die Erfahrungen, die er während der Mitarbeit an den staatlichen Sozialgesetzen gesammelt hatte.35 Die Denkschrift, die anonym unter dem Titel „Die Aufgabe der Kirche und ihrer inneren Mission gegenüber den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kämpfen der Gegenwart“ vom Central-Ausschuss für Innere Mission 1884 in Berlin veröffentlicht wurde, stellte letztlich eine Stellungnahme zum Auftreten des Christentums in Anbetracht des gegenwärtigen sozialen Lebens dar und sollte nicht nur in der Bevölkerung, sondern vor allem auf politischer Ebene Beachtung finden. Aufgrund dieses Anspruches wurden zwischen 1884 und 1886 circa 10.000 Exemplare36
1 Vgl. Art. 1, Art. 2, Art. 4 und Art. 6 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (26. August 1789) ; siehe zur Veranschaulichung Anhang A.
2 Def.: Soziale Frage , das sozialpolitische Problem, das bei Veränderungen der allgemeinen
Lebensbedingungen auftaucht, sobald bestimmte Schichten der Gesellschaft zugunsten anderer benachteiligt werden oder sich benachteiligt fühlen. (Dtv Lexikon, Bd. 20. 269, Sp. 1).
3 Vgl. Greschat, Martin: Protestantismus. 671.
4 Vgl. Tilly, Richard H.: Zollverein. 29.
5 Vgl. §1, §2, §10, §11 und §12 des Oktoberedikts; siehe dazu Anhang B.
6 Grund dafür war eine natürlich bedingte Hungersnot, die offiziell als „Agrarkrise“ in die Geschichte eingegangen ist, da sie nicht nur Nahrungsmittelknappheit, sondern auch eine Krise auf dem Arbeitsmarkt nach sich zog; vgl. hierzu Till, Richard H.: Zollverein. 12-29.
7 Steinweg, Johannes: Mission. 422.
8 Mit Pauperismus wird die Massenarmut bezeichnet, die sich im Zeitalter der Industrialisierung aufgrund der zu raschen Urbanisierung unter den Bedingungen fehlender Arbeitsplätze, Niedriglohn, mangelhafter Wohnverhältnisse und fehlender sozialer Absicherungen einstellte. (Anm. d. Verf.).
9 Schick, Manfred: Mission. 515.
10 Wichern, Johann Hinrich: Mission. 272.
11 Vgl. Wichern, Johann Hinrich: Mission. 271-273.
12 Vgl. Steinweg, Johannes: Mission. 424.
13 Steinweg, Johannes: Mission. 424.
14 Vgl. Tilly, Richard H.: Zollverein. 77.
15 Vgl. Greschat, Martin: Protestantismus. 669.
16 Vgl. Lohmann, Theodor: Aufgabe. 124-139.
17 Beyreuther, Erich: Geschichte. 111.
18 Vgl. Beyreuther, Erich: Geschichte. 111.
19 Tilly, Richard H.: Zollverein. 80.
20 Vgl. Tilly, Richard H.: Zollverein. 80.
21 Diese als Gro ß e Depression bezeichneten zwei Jahrzehnte lösten in der Bevölkerung eine Bestürzung aus, die die wirtschaftlichen Verhältnisse teilweise zu sehr dramatisierte und damit eine „Untergangsstimmung“ hervorrief, die der realen Lage nicht entsprach. Denn wirtschaftshistorisch betrachtet handelte es sich um einen durchaus normalen Konjunkturabschwung nach einer Phase extremer Hochkonjunktur; vgl. Ullrich, Volker: Großmacht. 38-45.
22 Tilly, Richard H.: Zollverein. 81.
23 Vgl. dazu Anhang C: Hauptdaten der staatlichen Sozialgesetzgebung.
24 Dieser Kampf hatte sich zum einen die Rückdrängung der Sozialdemokratie und zum anderen die Lösung der sozialen Frage zum Ziel gesetzt. Vgl. Ullrich, Volker: Großmacht. 65.
25 Vgl. Rothfels, Hans: Lohmann. 19.
26 Vgl. Machtan, Lothar (Hg.): Mut. 11.
27 Vgl. . Machtan, Lothar (Hg.): Mut. 11-12; Rothfels, Hans: Lohmann. 18-47.
28 Seit der Industrialisierung und speziell seit dem 1873 erfolgten Gründerkrach ist die soziale Frage zur Arbeiterfrage geworden, da sich jegliche Sozialpolitik der 1870er und 1880er Jahre nur noch mit Regelungen den „vierten Stand“, d.h. die Industriearbeiter bzw. das Proletariat, betreffend, befasste; Vgl. hierzu u.a. Tilly, Richard H.: Zollverein. 130-144;
29 Vgl. Rothfels, Hans: Lohmann. 27.
30 Vgl. Rothfels, Hans: Lohmann. 60.
31 Vgl. Rothfels, Hans: Lohmann. 93.
32 Vgl. Machtan, Lothar (Hg.): Mut. 12.
33 Rothfels, Hans: Lohmann. 12.
34 Vgl. Gerhardt, Martin: Jahrhundert (2). 74.
35 Vgl. Brakelmann, Günter/Jähnichen, Traugott (Hg.): Wurzeln. 18.
36 Vgl. Zitt, Renate: Frage. 143.
9783640780303
9783640780495
v163535
Sozialgesetzgebung Theodor Lohmann Soziale Frage Innere Mission Christlicher Sozialismus Adolf Stoecker Johann Hinrich Wichern Friedrich Julius Stahl christlich-konservativ Christliche Sozialpolitik
Sylvia E. Kleeberg (Autor)