Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bgh/3ddcae925bd6e1d1c0b0937e149b65f0ee2b930d7bb41c4a691640a6e20f8272
Timestamp: 2018-05-24 00:38:57
Document Index: 49912483

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'in dubio', 'BGH', 'BGH', 'in dubio', '§ 223', '§ 212', '§ 227', '§ 224', 'in dubio', 'BGH', '§ 261', '§ 261', '§ 18', '§ 227', '§ 224', 'BGH', '§ 223', '§ 301', '§ 51', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 56', '§ 473']

BGH, 3 StR 159/08: BGH (in dubio pro reo, vollstreckung der strafe, stgb, eintritt, tod, strafkammer, staatsanwaltschaft, strafe, alkohol, verurteilung)
Urteil des BGH vom 26.06.2008, 3 StR 159/08
BGH (in dubio pro reo, vollstreckung der strafe, stgb, eintritt, tod, strafkammer, staatsanwaltschaft, strafe, alkohol, verurteilung)
In dubio pro reo, Vollstreckung der strafe, Stgb, Eintritt, Tod, Strafkammer, Staatsanwaltschaft, Strafe, Alkohol, Verurteilung
Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat in der Sitzung vom 26. Juni 2008,
Landgerichts Osnabrück vom 29. November 2007 mit den
2. Auf die Revision des Angeklagten wird das vorgenannte Urteil
im Strafausspruch dahin abgeändert, dass die Strafaussetzung
zur Bewährung entfällt.
Verfahrens- und die Sachrüge erhebt, führt lediglich zum Wegfall der Strafaussetzung zur Bewährung.
I. Nach den Feststellungen waren der erheblich alkoholisierte Angeklagte 2
und die ebenfalls stark angetrunkene und zusätzlich unter dem Einfluss verschiedener Medikamente stehende Geschädigte in der gemeinsamen Wohnung
in einen längeren Streit geraten. Schließlich begab sich die Geschädigte in das
Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Nachdem der Angeklagte ihr gefolgt war,
kam es nunmehr auch zu einem Gerangel, in dessen Verlauf der Angeklagte
der Geschädigten mehrere Büschel Haare ausriss. Außerdem drückte er das
Gesicht der auf dem Bauch liegenden, schimpfenden und schreienden Frau in
der Absicht, sie zur Ruhe zu bringen, von hinten mindestens einige Sekunden,
jedenfalls aber so lange auf das Kopfkissen, bis sie keinen Laut mehr von sich
gab. Im zeitlichen Zusammenhang mit diesem Geschehen verstarb die Geschädigte.
II. Revision der Staatsanwaltschaft 3
1. Das Landgericht hat das Ausreißen der Haare und das Drücken des
4 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt und deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt. Mit ihrer zu Ungunsten des Angeklagten eingelegten, auf die Sachrüge gestützten Revision beanstandet die Staatsanwaltschaft die tatrichterliche Beweiswürdigung. Das vom Generalbundesanwalt vertretene Rechtsmittel hat Erfolg. Die Revision des Angeklagten, mit der er eine
Kopfes in das Kissen als vorsätzliche Körperverletzung (§ 223 StGB) gewürdigt.
An einer Verurteilung wegen Totschlags (§ 212 StGB) oder Körperverletzung
mit Todesfolge (§ 227 StGB) hat es sich gehindert gesehen, weil eine Kausalität
des Handelns des Angeklagten für den Eintritt des Todes der Geschädigten
nicht sicher festgestellt werden könne. Außerdem sei nicht nachweisbar, dass
der Angeklagte diese Straftatbestände in subjektiver Hinsicht erfüllt habe. Wegen der auf jahrelangem Alkoholmissbrauch beruhenden kognitiven Defizite des
Angeklagten, einer möglicherweise im Tatzeitpunkt vorliegenden affektiven Erregung und der hohen Alkoholisierung sei nicht feststellbar, dass der Angeklagte den Tod des Opfers gewollt oder mit ihm gerechnet und ihn billigend in Kauf
genommen habe. Ebenso wenig sei sicher festzustellen, dass der Eintritt des
Todes für den Angeklagten voraussehbar gewesen sei. Eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung (§ 224 Abs. 1 Nr. 5 StGB) scheide aus, weil
die Tat nicht auf eine Lebensgefährdung angelegt gewesen sei.
Diese Ausführungen halten sachlichrechtlicher Überprüfung nicht stand. 5
a) Soweit das Landgericht gemeint hat, nicht ausschließen zu können, 6
dass allein die Alkoholisierung des Opfers im Zusammenwirken mit dem Medikamenteneinfluss eine Atemstörung und dadurch den Tod verursacht habe, hat
es den Grundsatz "in dubio pro reo" vor einer ausreichenden Würdigung der
erhobenen Beweise und damit rechtsfehlerhaft angewendet.
7Der vom Landgericht gehörte Sachverständige hat ausgeführt, als Todesursache komme sowohl eine spurenarme Tötung, ein Erstickungstod zusammen mit der Alkoholbeeinflussung oder allein die Alkoholbeeinflussung zusammen mit der Medikamentenaufnahme in Betracht. Die ersten beiden Alternativen, bei denen die Kausalität des Handelns des Angeklagten für den Tod
des Opfers zu bejahen wäre, hat der Sachverständige als "möglich" und "denkbar" bezeichnet. Demgegenüber hat er es als "nicht nahe liegend" bewertet,
dass der Alkohol- und Medikamenteneinfluss allein ohne eine Unterbrechung
der Sauerstoffzufuhr tödlich gewesen sei, da bei der trinkgewohnten Geschä-
digten eine Alkoholbeeinflussung von 3 bis 5 Promille erforderlich gewesen sei,
um tödlich zu wirken; es sei bei ihr aber nur von einer Blutalkoholkonzentration
von 2,6 Promille auszugehen. Es sei jedoch gleichwohl "nicht auszuschließen",
dass allein die Alkoholisierung im Zusammenwirken mit dem Medikamenteneinfluss eine Atemstörung verursacht und dadurch die Todesursache gesetzt habe.
8Diesen Ausführungen folgend ist das Landgericht allein mit dem Hinweis
darauf, es könne nicht festgestellt werden, wie lange das Anpressen des Kopfes des Opfers gegen das Kissen gedauert habe, von der letzten, fern liegenden Möglichkeit ausgegangen. Damit hat es nicht bedacht, dass der Zweifelssatz eine Entscheidungsregel ist, die das Tatgericht erst dann anzuwenden hat,
wenn es nach abgeschlossener Beweiswürdigung nicht die volle Überzeugung
vom Vorliegen einer für den Schuld- oder Rechtsfolgenausspruch unmittelbar
entscheidungserheblichen Tatsache zu gewinnen vermag (st. Rspr.; vgl. BGH
NStZ-RR 2005, 209; NStZ 2001, 609). Das Landgericht hätte deshalb vor Anwendung des Zweifelssatzes eine umfassende Würdigung aller relevanten tatsächlichen Umstände vornehmen müssen. Dabei wäre etwa zu erwägen gewesen, dass das Opfer bereits längere Zeit im Übermaß dem Alkohol zugesprochen und Medikamente eingenommen hatte, ohne dass es in der Vergangenheit zu lebensbedrohlichen Situationen gekommen war. Vor diesem Hintergrund
hätte sich die Strafkammer dazu verhalten müssen, dass es der allgemeinen
Lebenserfahrung widerspricht, dass die Geschädigte gerade in unmittelbarem
zeitlichen Zusammenhang damit, dass sie von dem Angeklagten körperlich
misshandelt und ihr Gesicht so lange in ein Kissen gedrückt wurde, bis sie sich
nicht mehr rührte, allein aufgrund des Alkohol- und Medikamenteneinflusses
verstorben sein soll. Statt eine solche Würdigung vorzunehmen und zu bedenken, dass eine mathematische, jede Möglichkeit eines abweichenden Geschehensablaufs ausschließende, von niemandem mehr anzweifelbare Gewissheit
nicht erforderlich ist und die bloße gedankliche, abstrakt theoretische Möglichkeit, dass der Tathergang auch anders gewesen sein könnte, die Verurteilung
nicht hindern darf (vgl. Schoreit in KK 5. Aufl. § 261 Rdn. 4; Meyer-Goßner,
StPO 51. Aufl. § 261 Rdn. 2 jeweils m. w. N.), ist das Landgericht jedoch für
den Fall, dass der Eintritt des Todes des Opfers völlig unabhängig von der verübten Gewalt als "zuviel Zufall" anzusehen sei, vorschnell auf die Prüfung der
subjektiven Tatseite ausgewichen.
9b) Auch die Verneinung der Voraussetzungen des subjektiven Tatbestands jedenfalls der Körperverletzung mit Todesfolge und der gefährlichen
Körperverletzung begegnet indes durchgreifenden rechtlichen Bedenken.
10aa) Das Landgericht hat bei der Prüfung, ob dem Angeklagten hinsichtlich der Verursachung des Todes zumindest Fahrlässigkeit vorzuwerfen ist
(§ 18 StGB), zunächst zutreffend darauf abgestellt, ob vom Angeklagten in seiner konkreten Lage nach seinen persönlichen Kenntnissen und Fähigkeiten der
Eintritt des Todes des Opfers vorausgesehen werden konnte.
Soweit die Strafkammer es jedoch für maßgebend gehalten hat, ob der 11
Eintritt des Todes "insbesondere bei einem möglicherweise nur wenige Sekunden dauernden Drücken des Gesichts in das Kissen" für den Angeklagten voraussehbar gewesen sei, ist sie von einem unzutreffenden Ansatzpunkt ausgegangen. Zwar hat sie nicht festzustellen vermocht, wie lange der Angeklagte
den Kopf des Opfers in das Kissen presste. Hierauf kommt es jedoch bei der
Beurteilung der Vorhersehbarkeit des Todeseintritts für den Angeklagten nicht
entscheidend an. Denn nach den Feststellungen wollte er das Gesicht der Geschädigten jedenfalls so lange in das Kissen drücken, bis diese ruhig war, unabhängig davon, wie viel Zeit hierfür konkret erforderlich war. Diesen Plan setzte er auch in die Tat um. Das Landgericht hätte deshalb die konkrete Absicht
des Angeklagten zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen machen und prüfen
müssen, ob vor diesem Hintergrund der Angeklagte vorhergesehen hat oder
vorhersehen konnte, dass es zum Tod des Opfers führen kann, wenn dessen
Gesicht so lange in ein Kissen gedrückt wird, bis es ruhig ist. Auf die Frage, ob
das vom Täter verfolgte Handlungsziel früher eintritt, als er es sich möglicherweise vorgestellt hat, kommt es demgegenüber nicht an. Der Senat kann mit
Blick auf die offensichtliche objektive Gefährlichkeit der Vorgehensweise des
Angeklagten und den Umstand, dass sich die Vorhersehbarkeit nicht auf die
einzelnen physichen Vorgänge erstrecken muss, die als Folge der Körperverletzung im konkreten Fall den Tod herbeiführen (vgl. Stree in Schönke/Schröder, StGB 26. Aufl. § 227 Rdn. 7 m. w. N.), nicht ausschließen, dass das Landgericht in diesem Fall auch bei Berücksichtigung der Beeinträchtigungen des
Angeklagten die Voraussehbarkeit des Eintritts des Todes bejaht hätte.
12bb) Die Ausführungen der Strafkammer zu den subjektiven Voraussetzungen des § 224 Abs. 1 Nr. 5 StGB weisen denselben Rechtsfehler auf. Für
die Beurteilung, ob die Tat des Angeklagten subjektiv auf eine Lebensgefährdung angelegt war (vgl. BGHR StGB § 223 a Abs. 1 Lebensgefährdung 6),
kommt es ebenfalls nicht darauf an, dass das Pressen des Gesichts auf das
Kissen möglicherweise nur kurze Zeit dauerte. Vielmehr ist auch in diesem Zusammenhang entscheidend, dass der Angeklagte das Opfer so lange in das
Kissen drücken wollte, bis es ruhig war, und dies auch tat.
132. Das Rechtsmittel der Staatsanwaltschaft hat teilweise auch zu Gunsten des Angeklagten Erfolg (§ 301 StPO). Es führt zum Wegfall des Ausspruchs
über die Strafaussetzung zur Bewährung; denn die Zeit der erlittenen Untersuchungshaft übersteigt die erkannte Strafe. Von der Möglichkeit, die Untersuchungshaft nicht auf die Strafe anzurechnen (§ 51 Abs. 1 Satz 2 StGB), hat das
Landgericht keinen Gebrauch gemacht. Die erkannte Strafe ist deshalb bereits
vollständig verbüßt und kann nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden
(vgl. BGHSt 31, 25; BGH NJW 2002, 1356). Mit dem Wegfall der Strafaussetzung zur Bewährung sind etwaige Bewährungsauflagen gegenstandslos (vgl.
BGHR StGB § 56 Aussetzung 1).
III. Revision des Angeklagten 14
Auf das Rechtsmittel des Angeklagten ist aus den dargelegten Gründen 15
der Strafausspruch abzuändern, soweit die Vollstreckung der Strafe zur Bewährung ausgesetzt worden ist; im Übrigen hat die Nachprüfung des Urteils aufgrund der Revisionsrechtfertigung aus den Gründen der Antragsschrift des Generalbundesanwalts keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben.
Der geringfügige Teilerfolg des Rechtsmittels macht es nicht unbillig, den 16
Angeklagten mit den gesamten Gebühren und Auslagen zu belasten (§ 473
Abs. 4 Satz 1 StPO).
IV. Sofortige Beschwerde des Angeklagten 17
Die nicht begründete, jedoch ersichtlich gegen die Kostenentscheidung 18
des angefochtenen Urteils eingelegte sofortige Beschwerde des Angeklagten ist
durch die Aufhebung des Urteils gegenstandslos.