Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_aktuell_Maennliche_Erzieher_im_Maedcheninternat_LAG_Rheinland-Pfalz_2Sa51_08.html
Timestamp: 2017-01-21 19:46:06
Document Index: 261618571

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 2', '§ 7', '§ 11', '§ 8', '§ 15', '§ 8']

HENSCHE Arbeitsrecht: Männliche Erzieher im Mädcheninternat?
Männ­li­che Er­zie­her im Mäd­chen­in­ter­nat?
Die ge­ziel­te Su­che nach Er­zie­he­rin­nen für ein Mäd­chen­in­ter­nat ist kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung männ­li­cher Be­wer­ber: Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 20.03.2008, 2 Sa 51/08
01.08.2008. Män­ner und Frau­en sind für be­stimm­te Ar­beits­auf­ga­ben nicht in glei­cher Wei­se ge­eig­net. Ein Grund kann das Scham­ge­fühl der Kun­den sein, die sich schä­men wür­den, wür­den sie von ei­nem ei­nem Mann bzw. von ei­ner Frau be­dient.
Sol­che Kun­den­wün­sche bwz. "cust­o­m­er pre­fe­ren­ces" sind ein an­er­kann­ter Sach­grund da­für, bei der Stel­len­be­set­zung nur nach Män­nern bzw. nur nach Frau­en Aus­schau zu hal­ten, d.h. ei­ne nicht ge­schlechts­neu­tra­le Stel­len­aus­schrei­bung und/oder Stel­len­be­set­zung ist dann kei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung.
In ei­nem ak­tu­el­len Fall des Lan­des­ar­beits­ge­richts (LAG) Rhein­land-Pfalz ging es um sol­che Kun­den­wün­sche, wo­bei die "Kun­den" hier die Mäd­chen ei­nes Mäd­chen­in­ter­nats wa­ren und die zu be­set­zen­de Stel­le die ei­nes be­treu­en­den Päd­ago­gen, der im In­ter­nat zu woh­nen und die Mäd­chen auch in Wasch- und Schlaf­räu­men zu be­treu­en hat­te: LAG Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 20.03.2008, 2 Sa 51/08.
Darf der Betreiber eines Mädcheninternats für eine Erzieherstelle nur Frauen suchen?
Die Vor­schrif­ten des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes (AGG) ver­bie­ten un­ter an­de­rem Dis­kri­mi­nie­rung aus Gründen des Ge­schlechts (§ 1 AGG), ins­be­son­de­re bei der Ein­stel­lung von Ar­beit­neh­mern (§ 2 AGG, § 7 AGG). Zu be­set­zen­de Ar­beitsplätze müssen da­her grundsätz­lich ge­schlechts­neu­tral aus­ge­schrie­ben wer­den (§ 11 AGG), da an­sons­ten be­reits die Aus­schrei­bug ei­ne ver­bo­te­ne Be­nach­tei­li­gung dar­stellt. Da­ge­gen ist ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Ge­schlechts bei der Ein­stel­lung von Ar­beit­neh­mern und bei der Stel­len­aus­schrei­bung aus­nahms­wei­se zulässig, wenn das Ge­schlecht we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern der Zweck rechtmäßig und die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist (§ 8 Abs.1 AGG).
All­ge­mein an­er­kannt ist da­bei im Prin­zip, dass von ei­ner „we­sent­li­chen und ent­schei­den­den be­ruf­li­che An­for­de­rung“ nur dann die Re­de sein kann, wenn das vom Ar­beit­ge­ber bei der Ein­stel­lung erwünsch­te bzw. zur Ein­stel­lungs­be­din­gung ge­mach­te Ge­schlecht un­ver­zicht­bar für die Ausübung der Tätig­keit ist, da man an­sons­ten in der Ge­fahr wäre, al­le „vernünf­ti­gen“ Sach­gründe von Ar­beit­ge­bern für die Be­vor­zu­gung des ei­nen oder an­de­ren Ge­schlechts recht­lich ab­zu­seg­nen. Und ge­nau das soll nicht pas­sie­ren, da das recht­li­che Ver­bot der ge­schlechts­be­zo­ge­nen Dis­kri­mi­nie­rung an­sons­ten kei­ne Verände­run­gen im Ar­beits­le­ben be­wir­ken würde. Fak­tisch oder recht­lich un­ver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung ist das ei­ne oder an­de­re Ge­schlecht im­mer dann, wenn der Ein­satz ei­nes Be­wer­bers mit dem „fal­schen“ Ge­schlecht aus tatsächli­chen oder recht­li­chen Gründen unmöglich wäre. Fälle die­ser Art (männ­li­che Ani­mier­da­me, weib­li­cher Spie­ler ei­ner Männ­er­fußball­mann­schaft) sind zwar ein­deu­tig, dafür aber lei­der eher sel­ten.
Strei­tig und in der Be­wer­tung hei­kel sind da­ge­gen die weit­aus häufi­ge­ren Fälle, in de­nen be­stimm­te, ziem­lich kla­re „Vor­lie­ben“ der Kun­den des Ar­beit­ge­bers be­ste­hen, die zum Bei­spiel in der Oper nun ein­mal ger­ne ei­ne Frau als Be­set­zung der weib­li­chen Haupt­rol­le se­hen würden oder et­wa (jun­ge) Männer und kei­ne (älte­ren) Frau­en bei der Präsen­ta­ti­on ei­ner Her­ren­mo­de­kol­lek­ti­on.
Auf der ei­nen Sei­te ist in sol­chen Fällen zwar be­greif­lich, dass und war­um der Ar­beit­ge­ber sehr ger­ne ei­nen Be­wer­ber mit dem „pas­sen­den“ Ge­schlecht ha­ben möch­te. An­de­rer­seits bleibt stets die Ge­fahr, dass die ge­ge­be­nen (oder nur be­haup­te­ten?) „cust­o­m­er pre­fe­ren­ces“ zu ei­ner dau­er­haf­ten Ver­fes­ti­gung ge­schlechts­be­zo­ge­ner Vor­ur­tei­le führen, d.h. ge­nau zu der Art von Be­nach­tei­li­gung, die das AGG ab­bau­en möch­te.
Über ei­nen sol­chen Fall der cust­o­m­er pre­fe­ren­ces hat­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Rhein­land-Pfalz mit Ur­teil vom 20.03.2008 (2 Sa 51/08) zu ent­schei­den.
Der Streitfall: In einer Stellenausschreibung wird für ein Mädcheninternat eine "Erzieherin" gesucht
Der Kläger, ein Di­plom-So­zi­alpädago­ge, be­warb sich im Mai 2007 um die öffent­lich aus­ge­schrie­ben Stel­le ei­ner Er­zie­he­rin in ei­nem vom Land Rhein­land-Pfalz ge­tra­ge­nen Mädchen­in­ter­nat. In der nicht ge­schlechts­neu­tral ge­hal­te­nen Stel­len­aus­schrei­bung hieß es un­ter an­de­rem:
„Wir su­chen ei­ne Er­zie­he­rin/Sport­leh­re­rin/So­zi­alpädago­gin, die be­reit ist, Haus­auf­ga­ben­be­treu­ung zu über­neh­men und das sport­li­che so­wie das Frei­zeit­an­ge­bot für un­se­re In­ter­natsschüle­rin­nen und -schüler (Bas­ket­ball, Vol­ley­ball, Bad­min­ton, Gym­nas­tik, Tanz, Out­door-Sport­ar­ten) durch­zuführen und zu ergänzen. Die Schu­le verfügt über ei­ne Sport­hal­le, ein Schwimm­bad und ei­nen Sport­platz."
Der Kläger be­warb sich auf die­se Stel­le und er­hielt ei­ne Ab­sa­ge. Die­se wur­de da­mit be­gründet, die neue Stel­len­in­ha­be­rin müsse auch Nacht­dienst im Mädchen­in­ter­nat leis­ten. Da­her könn­ten bei der Be­set­zung der aus­ge­schrie­be­nen Stel­le aus­sch­ließlich weib­li­che Be­wer­ber berück­sich­tigt wer­den. Der Kläger ver­klag­te dar­auf­hin das Land Rhein­land-Pfalz auf Zah­lung von 2,5 Mo­nats­gehältern Gel­dentschädi­gung für die von ihm aus sei­ner Sicht er­lit­te­ne ge­schlechts­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­rung bei der Ein­stel­lung. Das in ers­ter In­stanz an­ge­ru­fe­ne Ar­beits­ge­richt Trier gab der Kla­ge un­ter Ver­weis auf § 15 Abs.2 AGG statt (Ur­teil vom 21.11.2007, 1 Ca 1288/07). Zur Be­gründung stütz­te es sich auf die Über­le­gung, die Schu­le könn­te den Kläger so zum Schicht­dienst ein­tei­len, dass er sei­ne Nach­diens­te nur in dem (zur sel­ben Schu­le gehören­den) Jun­gen­in­ter­nat ve­rich­ten müss­te. Da­ge­gen rich­te­te sich die Be­ru­fung des be­klag­ten Lan­des.
LAG Rheinland-Pfalz: Da die Mädchen auch in Schlaf- und Waschräumen betreut werden müssen, darf das Internat männliche Bewerber ausschließen
Das LAG Rhein­land-Pfalz hob das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Trier auf, d.h. es ent­schied zu­guns­ten des be­klag­ten Lan­des. Zur Be­gründung heißt es:
Die durch Zeu­gen­ver­neh­mung vom LAG durch­geführ­te Be­weis­auf­nah­me ha­be er­ge­ben, dass ab dem späte­ren Abend und nachts nur noch ei­ne pädago­gi­sche Kraft pro Mädchen- bzw. Jun­gen­in­ter­nat im Haus sei. Die im Mädchen-In­ter­nat woh­nen­den Mädchen sei­en zwi­schen 13 und 22 Jah­re alt. Auf­ga­be des Nacht­diens­tes sei es, für Licht­schluss und Nacht­ru­he zu sor­gen, wo­bei zu kon­trol­lie­ren sei, ob al­le Mädchen im Zim­mer sei­en. Da­zu sei ei­ne Be­ge­hung der Zim­mer er­for­der­lich, ggf. auch ein Auf­su­chen der Dusch­zo­nen bzw. Sa­nitärein­rich­tun­gen, wenn sich ein Mädchen nicht in ih­rem Zim­mer be­fin­de. Mor­gens beim Auf­we­cken sei es er­for­der­lich, dass die Er­zie­he­rin­nen in die ein­zel­nen Zim­mer gin­gen, um nach dem rech­ten zu se­hen und um ggf. noch schla­fen­de Mädchen zu we­cken. Die Mädchen be­weg­ten sich zum Auf­su­chen der Du­schen im Nacht­hemd und kämen häufig mit um­ge­schlun­ge­nen Hand­tuch in die Zim­mer zurück. Im Krank­heits­fall kümme­re sich die Er­zie­he­rin um sie und ent­schei­de, wel­che Maßnah­men an­ge­bracht sei­en. Je­de Er­zie­he­rin ha­be ihr Zim­mer im Mädchen­haus. In die­sen Zim­mern hiel­ten sich die Er­zie­he­rin­nen auch während des Nacht­dienst auf, so dass sie je­der­zeit für An­fra­gen zu er­rei­chen sei­en, et­wa wenn nachts ein Krank­heits­fall auf­tre­te. In den Er­zie­he­rin­nen­zim­mern be­fin­det sich ei­ne Wasch­ge­le­gen­heit und ei­ne Toi­let­te, aber kei­ne Du­sche. Die­se müsse in der Ge­mein­schafts­ein­rich­tung mit­be­nutzt wer­den.
Vor dem Hin­ter­grund die­ser vom LAG er­mit­tel­ten tatsächli­chen Umstände sei das weib­li­che Ge­schlecht zwar kei­ne tatsächlich bzw. bio­lo­gisch un­ver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zung für die Tätig­keit als Er­zie­her bzw. Er­zie­he­rin, doch lie­ge hier Un­ver­zicht­bar­keit im wei­te­ren Sin­ne vor, da der Kläger ei­nen großen Teil der für Er­zie­her bzw. Er­zie­he­rin­nen im Mädchen­in­ter­nat an­fal­len­den Auf­ga­ben nur schlech­ter ausüben könne als weib­li­che Kräfte. Letzt­lich lag da­mit ei­ne er­laub­te Be­nach­tei­li­gung männ­li­cher Stel­len­be­wer­ber vor.
Die ge­rin­ge­re Eig­nung bzw. zu er­war­ten­de Min­der­leis­tung des Klägers sei zwar re­flek­tiert durch die von der pädago­gi­schen Kraft zu be­treu­en­den Schüle­rin­nen, aber den­noch primär bio­lo­gisch be­dingt. Hier wer­de die Scham ge­genüber dem an­de­ren Ge­schlecht re­le­vant. Die­ses Scham­gefühl sei nicht als Vor­ur­teil ge­gen das an­de­re Ge­schlecht zu be­wer­ten, son­dern als ein Gefühl, das trotz sei­ner ge­sell­schaft­lich For­mung bio­lo­gisch be­gründet sei.
Fa­zit: Dem LAG Rhein­land-Pfalz ist im Er­geb­nis und in der Be­gründung zu­zu­stim­men. Führt das An­stands- oder Scham­gefühl der vom ein­zu­stel­len­den Ar­beit­neh­mer zu be­treu­en­den Kun­den des Ar­beit­ge­bers da­zu, dass die­se die Be­treu­ung durch ei­nen ge­gen­ge­schlecht­li­chen An­sprech­part­ner nicht oder nur wi­der­wil­lig ak­zep­tie­ren würden, darf der Ar­beit­ge­ber bei der Ein­stel­lung Be­wer­ber mit dem „nicht pas­sen­den“ Ge­schlecht un­berück­sich­tigt las­sen bzw. be­nach­tei­li­gen. Das ist kei­ne ver­bo­te­ne ge­schlechts­be­zo­ge­ne Dis­kri­mi­nie­rung, denn da­zu be­rech­tigt § 8 AGG. So kann der Be­trei­ber ei­nes Da­men­mo­de­geschäftes männ­li­che Be­wer­ber je­den­falls dann bei der Be­set­zung von Verkäufer­stel­len zurück­wei­sen, wenn es um den Ver­kauf von Un­ter- oder Ba­dewäsche geht. Um­ge­kehrt kann auch ein Si­cher­heits­un­ter­neh­men Mit­ar­bei­ter, die aus­sch­ließlich bei der Per­so­nen­kon­trol­le männ­li­cher „Kun­den“ ein­ge­setzt wer­den sol­len, un­ter Berück­sich­ti­gung ih­res Ge­schlechts auswählen, d.h. Be­wer­be­rin­nen aus­sch­ließen.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Ur­teil vom 20.03.2008, 2 Sa 51/08
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/091 Bun­des­ar­beits­ge­richt bestätigt Ab­leh­nung ei­nes männ­li­chen Be­wer­bers für Er­zie­he­rin­nen­stel­le in Mädchen­in­ter­nat.
Hin­weis: Nach Er­stel­lung die­ses Ar­ti­kels hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) über den Fall ent­schie­den und das Ur­teil des LAG Rhein­land-Pfalz ab­ge­seg­net. In­for­ma­tio­nen zu dem BAG-Ur­teil fin­den Sie hier: