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Timestamp: 2019-06-18 17:59:38
Document Index: 377674545

Matched Legal Cases: ['Art. 160', 'Art. 173', '§ 36', '§ 1', '§ 2', '§ 3', '§ 4', '§ 5', '§ 6', '§ 7', '§ 8', '§ 10', '§ 11', '§ 9', '§ 12', 'Art. 129', 'Art. 130', 'Art. 176', 'Art. 102', 'Art. 104', 'Art. 130', 'Art. 130']

Lernzirkel Krisen der WR - Lise-Meitner
Die Weimarer Republik – Ein Lernzirkel
1. Station: Die Reichswehr
Bestimmungen über die Reichswehr
M 1 Versailler Vertrag und Reichswehrgesetz
1. Auszüge aus dem Versailler Vertrag
Art. 160: Spätestens am 31. März 1920 darf das deutsche Heer nicht mehr als 7 Infanterie- und
3 Kavallerie-Divisionen umfassen.
Von diesem Zeitpunkt an darf die Ist-Stärke des Heeres nicht mehr als 100 000 Mann, einschließlich der Offiziere und der Depots, betragen. Das Heer ist nur für die Erhaltung der Ordnung innerhalb des deutschen Gebietes und zur Grenzpolizei bestimmt.
[…] Der deutsche große Generalstab und alle anderen ähnlichen Formationen werden aufgelöst
und dürfen unter keiner Gestalt neu gebildet werden.
Art. 173: Die allgemeine Wehrpflicht wird in Deutschland abgeschafft. Das deutsche Heer darf
nur auf der Grundlage freiwilliger Verpflichtung aufgestellt und ergänzt werden.
(Weitere Bestimmungen: Verbot schwerer Artillerie, Verbot von Luftstreitkräften, Verbot von
Schlachtschiffen, U-Booten und schweren Kreuzern.)
2. Aus dem Reichswehrgesetz vom 23. März 1921
§ 36: Die Soldaten dürfen sich politisch nicht betätigen. Innerhalb des Dienstbereiches ist eine
solche Betätigung auch den Militärbeamten untersagt. Den Soldaten ist die Zugehörigkeit zu
politischen Vereinen und die Teilnahme an politischen Versammlungen verboten.
Für die Soldaten ruht das Recht zum Wählen. […]
(Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1956, 2, S. 156)
M 2 „Demontage“
Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages zählten Sättel für Militärpferde zum Kriegsmaterial. Sie wurden sorgfältig
zerstört und an Altwarenhändler pfundweise verkauft.
(© Bundesarchiv Koblenz)
Fassen Sie die Bestimmungen in zwei Sätzen
Vermuten Sie, welche Reaktionen diese
Bestimmungen bei den
Angehörigen der Reichswehr hervorriefen!
Reichswehrangehörige und die Weimarer Republik
M 3 Generalmajor von Seeckt über die Organisation
der Reichswehrspitze (1920)
Die Einrichtung des parlamentarisch verantwortlichen, parteipolitisch gebundenen, an den
verfassungsmäßigen Aufgaben des Gesamtkabinetts voll beteiligten Reichswehrministers
ergibt ohne weiteres die Notwendigkeit, unter ihm an die Spitze der Armee eine kommandoführende Persönlichkeit, einen Fachmann, also einen General zu stellen. Der eigentliche militärische Führer und Ausbilder der Armee kann und soll der Reichswehrminister nicht sein. […]
Die Reichswehr verlangt in der obersten Spitze eine Persönlichkeit, von der sie sicher ist, dass
sie unbedingt und allein ihre Interessen vertritt, ohne jede politische Bindung, die über die
selbstverständliche verfassungsmäßige hinausgeht. In die Hand dieses Mannes hätte der
Reichswehrminister die Sorge für die Führung der Truppe und für die Ausbildung zu legen.
Dieser Mann, der kommandierende General der Reichswehr, ist dem Minister für beides verantwortlich, er selbst der höchste militärische Vorgesetzte aller Truppen und Einrichtungen der
Reichswehr sowie aller Offiziere derselben. […]
(Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1956 (2) S. 156)
M 4 Staat und Reichswehr
Aus einem Aufruf General von Seeckts, des Chefs der Heeresleitung, vom 18. März 1920 an die
Offiziere der Reichswehr:
1 Mit allen Kräften soll die politische Betätigung jeder Art aus dem Heere ferngehalten werden.
Politische Kämpfe innerhalb der Reichswehr vertragen sich weder mit dem Geist der Kameradschaft noch mit der Disziplin und können die militärische Ausbildung nur schädigen. Wir fragen nicht nach der politischen Färbung des Einzelnen, aber von jedem, der jetzt noch in der
Reichswehr dient, muss ich annehmen, dass er seinen Eid ernst nimmt und sich freien Willens
und als ehrlicher Soldat auf den Boden der Reichsverfassung gestellt hat […]. Es ist nicht zu erwarten, dass ein jeder den Wandel der Zeit in seinem Herzen begrüßt. Durchdrungen muss
aber ein jeder von uns von der inneren Überzeugung sein, dass nur, wenn der Soldat treu zu
seiner verfassungsmäßigen Pflicht steht, der Weg wieder aufwärts führt.
(Günter Schönbrunn: Weltkriege und Revolutionen.1915 –1945. München 1979, S. 171)
M 5 Leutnant Leist
Schreiben des Leutnants Leist an Oberstleutnant Frhr. v. Hammerstein zu den Vorgängen in der
Reichswehr während des Putschversuchs in München 1923:
1 […] Ich hatte von vornherein entschieden den Standpunkt vertreten, dass es sich für uns nur
um die Frage Disziplin oder Indisziplin im Reichsheer handele und dass das Ansehen des Offizierkorps auf dem Spiel stände, wenn man sich leichtfertig über seinen der Reichsregierung geleisteten Eid hinwegsetze. Leider hatte ich dabei nur wenig Anhänger, die meisten brachen in
eine kindische Begeisterung für Bayern und die völkische Bewegung aus […] und steckten sich
schwarzweißrote Kokarden an. Ich und noch ein paar, die zu mir hielten, wurden […] als rote
Hunde, die mit der Judenregierung sympathisieren, bezeichnet […]. Ich bin im Verlauf dieser
Dinge in eine völlig schiefe Lage geraten […]. Die völkische Bewegung, von der ich bei vernünftigem Vorgehen allein das Heil für das Reich erwarte, muss ich in Verbindung mit Meuterei
und Eidbruch als unbedingt zu bekämpfen bezeichnen. Eine Regierung, deren Politik und deren
Mitglieder ich zu allen Teufeln wünsche, halte ich für eine Ehrenpflicht, mit allen Mitteln zu
verteidigen. […] Ich hoffe nun nichts sehnlicher, als mich auf ehrenhafte und anständige Weise
auf die Seite der Völkischen stellen zu können, sehe aber für einen ehrliebenden Soldaten vorläufig nicht die geringste Möglichkeit […].
(Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 1957 (1), S. 95 – 97)
M 6 Oberstleutnant Joachim von Stülpnagel über einen
Krieg Deutschlands (1924)
Die Regierungen der Nachkriegszeit haben unsere Überzeugung bisher nicht oder ganz unzureichend geteilt. Ich spreche keiner dieser Regierungen den Willen ab, Deutschland aus der Not
der Lage retten gewollt zu haben. Ich klage sie aber an, nicht den Mut und die Energie gehabt zu
haben, die Konsequenzen aus dem nur allzu bald erkennbaren Vernichtungswillen Frankreichs
gezogen zu haben und – zum Teil verstrickt in die Theorie eines Marx und Schücking – nur auf
dem Wege der Verhandlung und des wirtschaftlichen Kampfes die Lösung erstrebt zu haben.
Das deutsche Volk hat sich letzten Endes unter dem Druck seiner eigenen Regierungen entwaffnet. Ich verkenne dabei nicht, daß die Faust der Entente der jeweiligen Regierung dauernd
and der Kehle saß und dass die Verquickung mit innerpolitischen Auseinandersetzungen den
republikanischen Regierungen das Auge trüben konnte. Es ist hier nicht der Ort, näher auf die
schmählichen Erfahrungen der vergangenen Jahre einzugehen. Solange wir aber in Deutschland
nicht eine Regierung haben, die sich in klarer Konsequenz auf Vorbereitungen des Befreiungskampfes einstellt und bei aller außenpolitischen Vorsicht die Wehrhaftmachung des deutschen
Volkes als ihre höchste sittliche Verpflichtung betrachtet, ist an eine wirklich praktische Arbeit
in diesem Sinne nicht zu denken. […]
Nicht weniger als die Außenpolitik ist die Innenpolitik, wenn ich sie als Sammelbegriff für alles
innerstaatliche Dasein betrachte. Die Stabilisierung der Staatsautorität, der Ausgleich der Gegensätze der Länder, der Klassen und Berufe, die Gesundung der Wirtschaft sind alles Fragenkomplexe, deren ungeheuere Bedeutung uns in diesen Jahren klar geworden sind (!). Solange
wir in einem Deutschland in einem Krieg aller gegen alle leben, ist an eine Kriegführung nach
außen mit den zu erwartenden Rückschlägen und der ungeheuren Belastung der Volksstimmung gar nicht zu denken. Es ist lächerlich, wenn sich Organisationen und verabschiedete Offiziere mit dem Gedanken brüsten, von sich aus einen Kampf gegen Frankreich aufnehmen zu
können. Diese Utopie wird zum Verbrechen, wenn sie begeisterte Jugend in falsche Bahnen leitet. Auch auf innerpolitischem Gebiet muss eine volle Wandlung eintreten, bevor ernsthaft an
die Aufnahme des Krieges gedacht werden kann. Voraussetzungen dafür sind:
a) die Herstellung einer starken Reichsgewalt unter Ausschaltung der krankhaften parlamentarischen Zustände,
b) die Einstellung aller staatlichen Organe auf die Unterstützung bei Vorbereitung des Befreiungskrieges,
c) die nationale und wehrhafte Erziehung unserer Jugend in Schule und Universität, die Erzeugung von Hass gegen den äußeren Feind,
d) die Erziehung unseres Volkes zum Staatsgedanken – Arbeitspflicht (System Friedrich Wilhelm I.),
e) der vom Staate geführte Kampf gegen Internationale und Pazifismus, gegen alles Undeutsche, die schwersten Strafen für Landesverrat,
f) der Kampf für Sitte und Recht beim Einzelnen und der Volksgesamtheit, […]
Der zugehörige Krieg bedingt von vorneherein den Einsatz der ganzen Volkskraft – das ist die
allgemeine Wehrpflicht –, sei es im Kampf mit der Waffe, sei es in der Kriegsindustrie oder Lebensmittelversorgung, sei es im Stellungs-, Wege- und Rampenbau.
Diktatorische Gesetze, strengste Zucht, höchste Ansprüche an die Führer jeden Grades sind
selbstverständlich. Opfer müssen von jedem Volksgenossen verlangt werden. Gegenseitiges
Vertrauen und Kenntnis der wahren Lage wecken den Gemeinsinn, an dem es uns im letzten
Kriege vielfach fehlte, indem allzu viele aus Unkenntnis oder Selbstsucht wie zwischen Scheuklappen sich bewegten. […]
Noch ist die Zeit zum Handeln nicht reif. Wir brauchen noch Geduld, aber zu dieser führt unmittelbar die Erkenntnis, dass eine Bewegung die ein ganzes Volk ergreift, Zeit braucht. Wir
müssen sie stärken und führen, denn es ist für uns keine andere Wahl, als daß wir entweder zugrunde gehen oder uns durchsetzen. Nichts Großes geschieht in der Welt ohne Leidenschaft.
Wir müssen heute unser heißes Herz noch oft bezwingen, das nenne ich nationale Disziplin.
Es ist den Männern der Befreiungskriege auch nicht anders gegangen, und so kann ich nicht
besser schließen als mit den Worten von Gneisenau im Jahre 1808: „Ein gewisses Vorgefühl
sagt mir, dass der Tag der Rache kommen wird – auf die Möglichkeit dieses Tages sollen alle unsere Bemühungen gerichtet sein.“
Es gilt das Größte zu erringen: Die Freiheit des deutschen Volkes.
(Zit. nach: Heinz Hürten: Das Krisenjahr 1923. Düsseldorf 1980, S. 266 – 272)
Welche Rolle weist Generalmajor von Seeckt der Reichswehr zu?
Wie ist das Verhältnis der Offiziere zur Republik?
M 7 Kurt Tucholsky: Die Reichswehr (1922)
Ich halte es für meine Pflicht, noch einmal die beiden sozialdemokratischen Parteien auf die
Gefahr aufmerksam zu machen, die von der Reichswehr droht. Die Truppe, in Hundert und aber
Hundert überflüssige ihrer Quantität, überflüssig ihrer Qualität nach-, liegt hauptsächlich in
kleinen und kleinsten Orten. Damit die Herren unter sich sind. Der Drill ist genau so wie unter
dem Kaiser - nein, er ist schlimmer, verschärfter, bösartiger, der Zeit noch mehr ins Gesicht
schlagend als schon damals. Ich habe Nachrichten, die alle dasselbe besagen: viele Offiziere politisieren, schikanieren, sind Gegner der Republik -und die Leute fürchten sich. Sie fürchten sich
vor dienstlichen Unannehmlichkeiten; sie fürchten sich, vor eine Republik zu treten, die diesen Schutz gar nicht haben will, und die sie gegen die vorgesetzten Monarchisten nicht
schützt; sie fürchten sich vor der Entlassung und vor noch Ärgerem. Wer die Verhältnisse kennt,
wird diese Andeutung verstehen.
In den Soldatenzimmern wimmelt es von kaiserlichen Abzeichen, von Kaiserbildern, von nationalistischen Broschüren und Zeitungen. Die Offiziere, ältere Generalstäbler oder sehr junge
Herren, pflegen genau dieselbe Lebens- und Staatsauffassung, deren Rückständigkeit uns in jenes
Unglück gestürzt hat. Ihre politische Zuverlässigkeit verträgt keine Prüfung, Der Milliarden-Etat
geht Jahr um Jahr, mit schönen Sparsamkeitsreden begleitet, im Reichstag durch - die Abgeordneten der Mehrheitssozialdemokratie versagen bei Wehrfragen in den Ausschüssen und im Plenum. Die Unabhängigen allein schaffen es nicht. Wirklich sachverständige Militär-Spezialisten
scheint es nicht zu geben. Jedenfalls merkt man nichts von ihnen. Fast gänzlich unbeachtet, in aller Stille, reift hier ein Werk, das heute noch abzutöten ist. Über die Notwendigkeit einer
Reichswehr läßt sich streiten - über die Beschaffenheit dieser Reichswehr gibt es nur eine Meinung: sie muss geändert werden. Geßler zählt nicht - denn er ist nicht Herr über seine Leute. Er
hat alle Eigenschaften Noskes - ohne dessen schlimme. Also gar keine. Einst wird kommen der
Tag, wo wir hier etwas erleben werden. Welche Rolle die Reichswehr bei diesem Erlebnis spielen
wird, beschreiben alle Kenner auf gleiche Weise. Der Kapp-Putsch war eine missglückte Generalprobe. Die Aufführung ist aufgeschoben. Die Realpolitiker, viel klüger und erfahrener als
wir Outsider, werden mir antworten, der Staat habe jetzt keine Zeit -er müsse seine ganze
Kraft an die außenpolitischen Probleme wenden.
Ich will aber nicht in acht Jahren hier eine Serie Standgerichte haben, die die gewissen raschen
Kneifer nicht, wohl aber alle andern treffen werden. Ich will nicht meine Steuern für Menschen
ausgeworfen wissen, die nichts andres im Kopf haben als ihre überlebte Zeit und ihre Ideale Ideale, deren Unwert nur noch von ihren forschen Vertretern übertroffen wird. Ich will nicht.
Viele wollen nicht. Und ich halte es für eine Pflichtverletzung der beamteten und gewählten
Volksvertreter, sich auf Meldungen zu verlassen, die verlogen sind, und auf Gruppen zu hören,
die warten und warten. [. . .] Ihre Zeit kommt. Bedankt euch in acht Jahren bei dieser Regierung, diesem Staatsrat, diesem Reichstag.
Kurt Tucholsky: Ausgewählte Werke 2 Bde. Hamburg 1965. Bd.1, S.263ff.
Wolfram Wette: „Staat im Staate" - das Risiko Reichswehr
„Der Kaiser ging, die Generäle blieben“, lautet der Titel eines Romans von Theodor Plivier,
in dem die revolutionäre Übergangszeit von der Monarchie zur ersten deutschen Republik beschrieben wird. Was der Schriftsteller ausdrücken wollte, ist klar: Der Wandel vollzog sich
auf der Ebene des Staats- und Regierungssystems, nicht aber im Bereich der innenpolitischen
Machtverhältnisse. Wenn „die Generäle blieben", so bedeutete dies, dass jene revolutionsund reformfeindliche gesellschaftliche Elite, die während der Zeit des deutschen Kaiserreichs
eine herausragende Rolle gespielt und die im Verlaufe des Ersten Weltkrieges sogar den Reichsregierungen ihren Willen aufzuzwingen vermocht hatte, noch immer einen innenpolitischen
Machtfaktor ersten Ranges darstellte. Damit ist ein wesentliches Strukturelement der jungen Weimarer Republik treffend ins Blickfeld gerückt.
[...] In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war es unter friedenspolitischen Gesichtspunkten
daher eine entscheidende Frage, ob es den Anhängern der Republik gelingen würde, die innenpolitische Macht der traditionell einflussreichen militärischen Elite zu brechen oder sie zumindest in eindeutiger Weise - verfassungsrechtlich wie auch tatsächlich - dem Primat der
Politik zu unterwerfen. Deutlicher noch als der Zeitgenosse vermag der aus größerer zeitlicher Distanz zurückblickende Betrachter zu sehen, dass von der Lösung dieser Frage nichts
Geringeres als der Bestand der Republik selbst sowie der mit ihr verknüpften Verständigungspolitik abhing.
Bekanntlich blieben die Generäle. Mit ihnen lebten sowohl antidemokratische Einstellungen als
auch der imperiale Gedanke und das Streben nach einer Weltmachtstellung für das Deutsche
Reich fort. Ein solches Ziel würde ohne den Einsatz kriegerischer Gewalt kaum zu erreichen
sein. Als ein früher und ungemein sprechender Beleg für diese Kontinuität der Weltmachtambitionen führender Militärs können Überlegungen gelten, die bereits am 20. Dezember 1918, wenige Wochen nach dem Abschluss des Waffenstillstands von Compiègne, im Generalstab in
Berlin angestellt wurden. Die Offiziere waren sich darin einig, dass das vorrangige Ziel deutscher
Außenpolitik in der Wiederherstellung der soeben verlorenen Großmachtposition zu bestehen
habe. Die vorhandenen Meinungsunterschiede bezogen sich lediglich auf die Frage des günstigsten Weges zu diesem Ziel. Die deutsche Revolution von 1918/19 bewirkte also bei der militärischen Elite keine grundlegende Neuorientierung des außenpolitischen Denkens. [...]
Nach dem ersten Weltkrieg, besonders in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als die Demobilmachung des Millionenheeres stattfand und sich aufgrund der militärischen Bestimmungen des
Versailler Vertrages eine drastische Verminderung der verbliebenen Truppen und damit auch der
Angehörigen der Führungsschicht abzeichnete, bestand die Chance, unter Anlegung neuer Auswahlkriterien den homogenen Block der monarchistischen Offiziere aufzubrechen und bevorzugt republikanisch eingestellte Offiziere zum Zuge kommen zu lassen. Tatsächlich wurde im
Jahre 1919 ein heftiger Kampf um die Frage geführt, ob in der künftigen Reichswehr der Republik eher die Generalstabsoffiziere oder eher die Frontoffiziere Verwendung finden sollten. Hinter
diesen für den militärischen Laien kaum verständlichen Gruppierungsbezeichnungen versteckte
sich Politisches. Denn bei den Frontoffizieren wurde die Tendenz zu einer republikanischen
Orientierung vermutet, während die Generalstabsoffiziere in wesentlich stärkerem Maße aus
den „erwünschten Kreisen" kamen und daher für eine monarchistische Orientierung standen.
Für den Fortgang der Geschichte der Weimarer Republik war es eine folgenschwere Entscheidung, dass die Generäle v. Seeckt und Groener den Vorrang für die Generalstabsoffiziere und
damit die traditionelle Homogenität durchsetzen konnten. Der sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav Noske hat dieser ganz entscheidenden personalpolitischen Weichenstellung viel zu wenig Bedeutung beigemessen und die Generäle gewähren lassen, wo die Ingangsetzung eines grundlegenden personellen Wandels erforderlich und auch möglich gewesen
wäre. So konnte die durch den Versailler Vertrag erzwungene Verminderung des Offizierskorps
von dessen monarchistischem Kern dazu genutzt werden, die Auswahl erneut nach dem Modell
der „erwünschten Kreise" zu betreiben. Im Ergebnis hatte die Reichswehr der Republik ein geschlossen reaktionäres, „sozialistenreines", antidemokratisch eingestelltes Offizierskorps, das sich
sozial abkapselte und, wie es der Redakteur des sozialdemokratischen „Vorwärts", Erich Kuttner,
schon im Herbst 1919 formulierte, einen „Staat im Staate" bildete.
(Heinrich August Winkler. Alexander Cammann: Weimar. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte. München; Geck 1997, S. 98-100)
1. Was kritisiert Tucholsky an der Reichswehr?
2. Fassen Sie die Thesen Wettes zusammen!
2. Station: Rechtsextremismus
M 1 Gordon A. Craig über den Kapp-Lüttwitz-Putsch
Im Februar [1920] ordnete die Regierung die Ausmusterung zweier bedeutender Freikorps an, der Baltikum-Brigade der Eisernen Division [...], die sich bei der Eroberung Rigas aus den Händen der Bolschewiken im Mai 1919 ausgezeichnet hatte, und der 2. Marinebrigade des Korvettenkapitäns Hermann
Ehrhardt. Ihre Führer wandten sich an Lüttwitz, und der cholerische General stampfte in Eberts Arbeitszimmer und verlangte die Rücknahme der Befehle, die Beendigung der gesamten Politik des Truppenabbaus, die Entlassung des gegenwärtigen Chefs der Reichswehr, General Reinhardt, der trotz der
Rolle, die er in der Krise um die Annahme des Friedensultimatums gespielt hatte, für seine republikanischen Sympathien bekannt war, Neuwahlen und die Ernennung einer nicht parteigebundenen Regierung
von Fachleuten. Leicht fassungslos angesichts dieser Liste von Forderungen, wies Ebert sie doch ohne
Zögern zurück, und Noske, der mit anwesend war, erklärte dem General, er solle, wenn er nicht bereit
sei, sich der Politik der Regierung zu fügen, seine Entlassung einreichen. Lüttwitz tat nichts dergleichen,
sondern erteilte Ehrhardt in Döberitz den Befehl, den Putsch gegen die Regierung mit einem Marsch in
Berlin einzuläuten.
Von einem Journalisten über das informiert, was sich zusammenbraute, berief Noske schnellstens die
Mitglieder des Hauptquartiers im Reichswehrministerium zusammen; im Laufe der Unterredung musste
er zu seiner Verblüffung feststellen, dass er nicht auf die Hilfe der Reichswehr beim Kampf gegen die
Meuterer würde zählen können. Reinhardt forderte zwar ein rasches Vorgehen, aber die untergeordneten
Kommandeure folgten nicht seinen Befehlen, sondern denen des Generals Hans von Seeckt, des Chefs
des Truppenamts der Reichswehr und De-facto-Stabschef. Seeckt der wegen seiner hervorragenden
Leistungen an der Ostfront im Krieg bei allen seinen Kollegen in hohem Ansehen stand, widersetzte
sich in entschiedener Form jeder bewaffneten Verteidigung der Hauptstadt. Die Reichswehr könne nicht
auf ihre Kriegskameraden schießen, ohne sich damit selbst zu zerstören. Die Regierung müsse sich nach
anderen Beschützern umsehen.
Und genau dies tat das Kabinett. Während Seeckt sich in aller Ausführlichkeit verabschiedete und den
Rückzug in sein Hauptquartier antrat und Ehrhardts Truppen triumphierend in Berlin einzogen, wichen
Ebert und seine Minister in kluger Voraussicht zunächst mit dem Auto nach Dresden und dann mit dem
Zug weiter nach Stuttgart aus, von wo aus sie die Arbeiterklasse aufriefen, die Republik zu verteidigen.
Der Generalstreik, der folgte, machte der glücklosen Regierung in Berlin der Nationalen Vereinigung,
die am 13. März in Berlin gebildet worden war, ein rasches Ende, Kapp und Lüttwitz, die sie anführten,
wussten überhaupt nicht, was sie mit der Macht, die ihnen Ehrhardt in die Hände gelegt hatte, anfangen
sollten, und der Zusammenbruch der öffentlichen Dienstleistungen und die Unmutskundgebungen, zu
denen es in einigen Berliner Garnisonen kam, verwirrte sie und ließ sie den Mut verlieren. Am 17. März
war das Abenteuer beendet.
Es hatte freilich eins deutlich werden lassen: dass die Befehlshaber des Heers sich nicht so gewissenhaft
wie Ebert an die am 9. November 1918 geschlossene Vereinbarung gehalten hatten. Die Neutralität Seeckts im Angesicht des Putsches schien zu zeigen, dass die Reichswehr die Republik zwar gegen Angriffe von links verteidigen würde, sich aber nicht verpflichtet fühlte, dieselbe Haltung auch gegen die „nationale" Opposition einzunehmen.
(Heinrich August Winkler, Alexander Cammann: Weimar. München: Beck 1997, S. 96 f.)
M 2 Reichswehrminister Noske über die Ereignisse des
Auf die Meldung hin, dass die Brigade antrete, waren die Generale v. Oldershausen und
v. Oven nach Döberitz gefahren. Sie brachten ein Ultimatum Erhardts mit, das er aus dem
Handgelenk heraus entworfen hatte und das sich mit den deutschnationalen Forderungen nach
baldigen Wahlen, Präsidentenwahl, Berufung von Fachleuten deckte. Die lärmende Agitation
der rechtsstehenden Parteien und die Hetze der Blätter ihrer Parteirichtung hatte den Mann in
den Wahn versetzt, dass er berufen sei, das Vaterland zu retten. Kategorisch erklärte ich, für
mich käme irgendein Verhandeln mit dem Rebellen nicht in Frage. Auf meine spätere Frage an
einen der Generale, weshalb er Ehrhardt nicht eine Kugel durch den Kopf geschossen habe, erfolgte ein Achselzucken.
In meinem Zimmer saßen und standen General Reinhardt, mein Stabschef Major v. Gilsa, die
Generale v. Seeckt, v. Oldershausen, v. Oven, Admiral v. Trotha, mehrere andere Offiziere und
der Ministerialdirektor Rauscher. Die Folgen des Putsches setzte ich den Herren kurz auseinander: Die Marine gebe dem Reiche vielleicht den Rest, das Offizierskorps könne sich als erledigt
betrachten. Doch dürfe man auch jetzt den Mut nicht sinken lassen. Meiner Aufforderung, zu
den Truppen zu gehen und sie zum Kampfe zu führen, wollten jedoch nur General Reinhardt
und Major v. Gilsa entsprechen. Die übrigen Herren machten Einwände, Reichswehr werde
nicht auf Reichswehr schießen, Polizeioffiziere habe man auf dem Weg nach Döberitz gesehen;
der Kampf würde höchstens zu einem fürchterlichen Blutbad führen, mit einer unvermeidlichen Niederlage für die zu schwachen Berliner Truppen. Mit einem Gefühl tiefsten Ekels
brach ich die Verhandlung ab, rief den Reichskanzler und den Reichspräsidenten an und schlug
vor, das Kabinett zusammenzuberufen, das entscheiden möge, was zu tun sei.
Die Mitglieder des Reichskabinetts kamen nach und nach, ebenso einige preußische Minister.
Jeder wollte informiert werden. Zu einer regelrechten Sitzung kam es nicht, so sehr Ebert mit
unerschütterlicher Ruhe bemüht war, eine kühl überlegende Aussprache herbeizuführen. Erneut wurde als Überzeugung des Militärs festgestellt, die Aufnahme des Kampfes bedeute
zweckloses Blutvergießen, da der Erfolg der Rebellen sicher sei.
Darauf erhielt General Reinhardt, der mit im Zimmer des Kanzlers weilte, während die übrigen
Offiziere in der Bibliothek standen, den Befehl, die Truppen zu entlassen. Nach kurzer Aussprache kam man überein, dass es unzweckmäßig sei, wenn alle Minister in Berlin blieben, da
sie durch Verhaftung aktionsunfähig gemacht werden würden. Den Vorschlag, sich vorerst
nach Dresden zu begeben, begründete ich mit der Notwendigkeit, rasch auf die Truppen außerhalb Berlins Einfluss zu gewinnen. Ich war sicher, dass sie in ihrer großen Mehrheit treu bleiben würden.
Meine Zuversicht ist nicht getäuscht worden. Der weitaus größere Teil der Reichswehr, Offiziere wie Mannschaften, hat loyal seine Pflicht getan. Manche Verwirrung und beklagenswerte
Missverständnisse gab es in einer Anzahl von Fällen, weil die Sachlage weder von den Soldaten
noch von den Arbeitern klar erkannt wurde. In verschiedenen Garnisonsstädten ist es zu
Kämpfen gekommen, weil aus tiefstem Misstrauen gegen die Soldaten absolut regierungstreue
Truppen angegriffen wurden. Dort aber, wo Offiziere eidbrüchig wurden oder schwankten, haben sich Mannschaften und Unteroffiziere meist gegen sie erhoben.
(Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Bd. 4, Berlin: Wendler 1958, S. 87 f.)
M 3 Aufruf zum Generalstreik
Der Militärputsch ist da. Die Baltikumslandknechte, die sich vor der bevorstehenden Auflösung fürchten, haben den Versuch unternommen, die Republik zu beseitigen und eine diktatorische Regierung zu bilden.
Mit Lüttwitz und Kapp an der Spitze!
Wir haben die Revolution nicht gemacht, um uns heute wieder einem blutigen Landsknechtsregimente zu unterwerfen. Wir paktieren nicht mit den Baltikum-Verbrechern.
Die Krisenjahre der Weimarer Republik: Rechtsextremismus
Die Arbeit eines ganzen Jahres soll in Trümmer geschlagen, eure schwer erkaufte Freiheit vernichtet werden.
Es geht um alles! Darum sind die schärfsten Abwehrmittel geboten. Kein Betrieb darf laufen,
solange die Militärdiktatur der Ludendorffe herrscht!
Deshalb legt die Arbeit nieder! Streikt! Schneidet dieser reaktionären Clique die Luft ab. Kämpft
mit jedem Mittel um die Erhaltung der Republik! Last allen Zwist beiseite! Es gibt nur ein Mittel gegen die Diktatur Wilhelms II:
Lahmlegung des Wirtschaftslebens!
Keine Hand darf sich rühren!
Kein Proletarier darf der Militärdiktatur helfen!
Generalstreik auf der ganzen Linie!
Proletarier vereinigt euch!
Nieder mit der Gegenrevolution!
Die sozialdemokratischen Mitglieder der Regierung Ebert. Bauer. Noske. Schlicke. Schmidt.
David. Müller.
Der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei Otto Wels
M 4 Kapp-Soldaten mit der Reichskriegsfahne in Berlin 1920
Fassen Sie die Ereignisse zusammen!
Was sind die Ziele der Putschisten?
Wo liegen die Gründe für das Scheitern des Putsches?
M 5 Die Radikalisierung auf der Rechten
Auf der Rechten lebten die Freikorps auch nach ihrer offiziellen Auflösung unter verschiedenen Tarnbezeichnungen (Soldatenvereine, Sportclubs usw.) weiter. Der berüchtigtste dieser Bünde war die „Organisation Consul" (O. C.), eine geheime Nachfolgeorganisation der Brigade Ehrhardt.
Die Aktivisten der Geheimbünde terrorisierten durch Attentate und Fememorde politisch Andersdenkende und konnten zudem noch auf die zustimmende Sympathie im nationalgesinnten Bürgertum rechnen. Der Welle von Anschlägen, die ab 1920 gegen Exponenten der Republik einsetzte, fielen im August
1921 der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger - der wie kaum ein anderer Politiker mit dem neuen
Staat identifiziert wurde - und im Juni 1922 der Außenminister Walther Rathenau zum Opfer. Während
der Mord an Erzberger in nationalen Kreisen freudige Zustimmung fand, hatte der Mord des auch in
weiten Kreisen des Bürgertums respektierten Rathenau eine Welle der Empörung in ganz Deutschland,
vor allem auf dem politisch linken Spektrum und in der Mitte, zur Folge. Um besser gegen die hemmungslose Hetze der
nationalistischen Rechten gegen die Republik und ihre Vertreter vorgehen zu
können, verabschiedete der Reichstag
(gegen die Stimmen der DNVP, BVP und
KPD) ein „Gesetz zum Schutze der Republik", dessen (nicht erreichtes) Ziel es
war, die Nachfolgeorganisationen der
Freikorps zu verbieten und das Treiben
der Mordaktivisten einzudampfen.
615 Unterrichts-Materialien Geschichte Stark Verlag
1701– 2001: Was bleibt vom alten Preußen?
(Walther L. Bernecker: Unruhen, Streiks, Fememorde. Die innenpolitische Entwicklung. In: Die Weimarer Republik.
Das schwere Erbe. München: Bayerische Landeszentrale für politische Bildung 1987, S. 236)
M 6 Die Satzungen der Organisation Consul
Die Ziele unserer Partei ergeben sich aus der Lage
A.) Geistig:
a.) Weiteste Pflege und Verbreitung des nationalen Gedankens.
b.) Bekämpfung alles anti- und internationalen, des Judentums, der Sozialdemokratie und der
linksradikalen Parteien.
c.) Bekämpfung der internationalen Weimarer Verfassung mit Wort und Schrift. Aufklärung
weiter Kreise über die Verfassung.
d.) Propagierung einer für Deutschland allein möglichen Verfassung auf föderalistischer Grundlage.
B.) Materiell:
a.) Sammlung von entschlossenen nationalen Männern zu dem Zweck:
1.) die vollständige Revolutionierung Deutschlands zu verhindern,
2.) bei großen inneren Unruhen deren vollständige Niederwerfung zu erzwingen und durch
Einsetzen einer nationalen Regierung die Wiederkehr der heutigen Verhältnisse unmöglich zu
3.) die durch den Versailler Vertrag angestrebte Entmannung und Entwaffnung unmöglich zu
machen und dem Volke seine Wehrmacht und die Bewaffnung – soweit wie möglich – zu erhalten.
§ 1 Die Organisation ist eine Geheimorganisation und trägt den Namen „Organisation C“.
§ 2 Alle Mitglieder verpflichten sich, die im Vorwort angegebenen Punkte und Ziele nach besten Kräften, an welcher Stelle sie auch seien, zu erfüllen und zu erreichen zu suchen.
§ 3 Sie verpflichten sich, untereinander ein Schutz- und Trutzbündnis zu schließen, wodurch
jeder Angehörige der weitgehendsten Hilfe aller Mitglieder sicher sein kann.
§ 4 Die Mitglieder verpflichten sich, ein Machtfaktor zu sein, um geschlossen als starke Einheit
dazustehen, wenn die Not, die Ehre unseres deutschen Volkes und die Erreichung unserer Ziele
§ 5 Jeder verpflichtet sich zu unbedingtem Gehorsam gegenüber der Leitung der Organisation
und deren Organen.
§ 6 Mitglied kann jeder national-denkende Deutsche werden, der sich verpflichtet, sich den
Satzungen der Organisation zu unterwerfen. Beim Eintritt sind mindestens drei Bürgen zu stellen. Die Aufnahme erfolgt durch den Gauleiter, Übertritt geschlossener Verbände regelt die Leitung.
§ 7 Juden, überhaupt jeder Fremdrassige, ist von der Aufnahme in die Organisation ausgeschlossen.
§ 8 Bei Neuwerbungen darf eine allgemeine Orientierung stattfinden. Über Aufbau, Leitung,
Organisation usw. wird der Neueingestellte erst nach erfolgter Verpflichtung orientiert.
b.) durch Ausweisung infolge unehrenhafter Handlungen
c.) bei Ungehorsam gegen Vorgesetzte
d.) durch freiwilligen Austritt.
§ 10 Jedes Mitglied verpflichtet sich, über alle Nachrichten, die ihm von der Leitung direkt oder
durch andere Mitglieder zugehen, gegenüber jedem nicht der Organisation Angehörigen das
strengste Stillschweigen zu bewahren und in irgendwelchem Schriftverkehr, der mit der Organisation im Zusammenhang steht, die größte Vorsicht walten zu lassen.
§ 11 Verräter verfallen der Feme. Dies gilt auch für die nach § 9, b – d ausgeschiedenen Mitglieder.
§ 12 Die Verpflichtungsformel lautet:
„Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich deutscher Abstammung bin. Ich verpflichte mich ehrenwörtlich durch Handschlag, mich den Satzungen der O. C. zu unterwerfen und nach ihnen zu
handeln. Ich gelobe dem Obersten Leiter der Organisation und meinem Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten und über alle Angelegenheiten der Organisation das strengste
Stillschweigen zu bewahren, auch nach etwaigem Austritt.“
(Gotthard Jasper: Aus den Akten der Prozesse gegen die Erzberger-Mörder. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. (10) 1962, S. 439 f.)
M 7 Politische Morde der radikalen Rechten
15. Januar Ermordung der KP-Politiker Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg in Berlin durch angehörige der Gardeschützen-Kavallerie-Division
21. Febru- Ermordung des bayer. Ministerpräsidenten Kurt Eisner
ar 1919 (USPD) durch den Grafen Arco
Juni Ermordung des USPD-Fraktionsführers Karl Gareis in
Au- Ermordung des Zentrum-Politikers Matthias Erzbergust 1921 ger bei Bad Peterstal-Griesbach im Schwarzwald durch
zwei rechtsradikale Offiziere
24. Juni Ermordung des Außenministers Walther Rathenau
(DDP) in Berlin durch Mitglieder der rechtsradikalen
„Organisation Consul“
M 8 Gordon A. Craig: Leben und Tod Walther Rathenaus
Im Jahre 1921 stellte sich Kurt Tucholsky, der größte deutsche Satiriker nach Heine, in einem
seiner vielen Artikel über den Antisemitismus vor, General Erich Ludendorff treffe vor der
Himmelstür ein und werde dort sehr streng gefragt, wie er den Tod von zwei Millionen Menschen während des Krieges rechtfertigen könne. „Lieber Gott", lässt er Ludendorff antworten,
„es waren die Juden!"
Tucholskys Vorstellungsbild ist keineswegs so übertrieben, wie es scheinen mag. Während des
19. Jahrhunderts machte man die Juden für jedes Unheil verantwortlich, das das Land befiel,
und erklärte man sie im Ersten Weltkrieg nicht zum Sündenbock für die Fehler von Ludendorffs Generalstabsführung, so hieß es doch, sie seien der Armee 1918 in den Rücken gefallen und hätten zu einem schädlichen Friedensvertrag beigetragen. In der Folge wurde ihnen jeder wirtschaftliche Rückschlag angelastet, den die Weimarer Republik erlittdie Inflation von 1922/1923 zum Beispiel - sowie alles, was
an der Außenpolitik des jungen Staates missfiel. [...]
„In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden", schrieb Walter Rathe-nau 1911, „gibt es
einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Ma11
le voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist, und dass keine
Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien können." [...]
Als Sohn des Gründers der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), die sich zu einem der
größten Industriekonzerne im Wilhelminischen Deutschland entwickelte, studierte Walter
Rathenau in Berlin und Straßburg Mathematik, Physik und Chemie und promovierte 1889 mit
einer Arbeit über Lichtabsorption durch Metalle. Während einer zehnjährigen Lehrzeit war er
zunächst in einer Aluminiumfabrik in der Schweiz, dann als Leiter eines elektrochemischen Betriebs in Bitterfeld bei Leipzig tätig. Danach stand fest, dass er alle Fähigkeiten besaß, um Emil
Rathenau an der Spitze der AEG nachzufolgen, denn in ihm verband sich praktisches und administratives Geschick mit einer scharfen kritischen und analytischen Veranlagung. [...]
Er wurde auch in die Politik hineingezogen, obwohl er zu einem Freund sagte, die äußeren
Umstände seien gegen seinen Erfolg gerichtet. „[...] so bin ich, wie Ihnen bekannt sein dürfte",
schrieb er, „als Jude Bürger zweiter Klasse. Ich könnte nicht politischer Beamter werden, nicht
einmal in Friedenszeiten Leutnant. Durch einen Glaubenswechsel hätte ich mich den Benachteiligungen entziehen können, doch hätte ich hierdurch nach meiner Überzeugung dem von
herrschenden Klassen begangenen Rechtsbruch Vorschub geleistet." [...]
Während des Ersten Weltkriegs erhielt Rathenau die erste wirkliche Gelegenheit, seiner Nation zu dienen, und er bewies seine Fähigkeiten durch die überlegte Art und Weise, wie er die
Kriegsrohstoffabteilung in der Krisenzeit 1914/1915 aufbaute und führte. Trotz der Bedeutung
seines Beitrags zur Überwindung des gefährlichen Mangels an strategischen Materialien, dem
sich Deutschland 1914 gegenüber sah, hatte er das Gefühl, seine Arbeit sei ihm sowohl vom
Militär wie von den Industriellen verübelt worden, mit denen er hatte verhandeln müssen, und
als er 1915 zurücktrat, um die Präsidentschaft der AEG zu übernehmen, schrieb er an einen
Freund: „Dass ich als Privatmann und Jude unaufgefordert dem Staat einen Dienst geleistet habe, können beide beteiligten Gruppen mir nicht verzeihen, und ich glaube nicht, dass zu meinen Lebzeiten diese Stellungnahme sich ändert."
Deshalb verweigerte er dem Staat jedoch nicht seine guten Dienste. In den letzten Kriegsjahren
stand er zur Verfügung, wenn man ihn um Rat anging, vor allem in wirtschaftlichen Fragen,
und er schrieb eine Reihe von Berichten, in denen er jene ökonomischen Probleme voraussah,
denen Deutschland und seine Nachbarn nach Kriegsende gegenüberstehen würden. Seine Gedanken darüber und sein großes Finanzwissen machten ihn für die republikanischen Regierungen nach 1919 unentbehrlich; er nahm 1920 an der Reparationskonferenz in Spa teil und wurde im Jahr darauf Wiederaufbauminister im Kabinett Wirth.
Zu einer Zeit, als die Rechtsparteien die Dolchstoßlegende verbreiteten und einen unmöglichen Widerstand gegen die alliierten Forderungen verlangten, bewies Rathenau Mut mit der
Bereitschaft, solch heikle Aufträge zu übernehmen, umso mehr, als er so aufrichtig war, öffentlich auszusprechen, dass Deutschland nichts anderes übrig blieb, als nach besten Kräften den
Bedingungen des Versailler Vertrags nachzukommen, wie unpopulär sie auch sein mochten. Er
wurde zum stärksten Fürsprecher der Erfüllungspolitik in der Hoffnung, diese könne die Alliierten beizeiten veranlassen, die Friedensvertragsbedingungen zu mildern, und er setzte zur Erreichung dieses Ziels bei Verhandlungen mit den westlichen Regierungen seine ganze Energie
ein. „Wir müssen Wege finden", sagte er in einer Ansprache an das deutsche Volk, „uns mit der
Welt wieder zusammenzubringen."
Diese Bemühungen empörten nur die grollenden Patrioten, die in Rathenaus Tätigkeit eine
Fortsetzung der Kapitulation von 1918 sahen, die ihrer Überzeugung nach nicht nötig und von
Verrätern, hauptsächlich Juden, herbeigeführt worden war. Es war deshalb unvermeidlich, dass
diese Leute auf Rathenaus Ernennung zum Außenminister im Februar 1922 leidenschaftlich
reagierten. Nun sei es also so weit gekommen, schrieb ein rechtsgerichtetes Blatt, Deutschland
habe einen jüdischen Außenminister; das sei eine unerhörte Provokation des deutschen Volkes! Und bald sangen die blutrünstigen Gruppen ehemaliger Freikorpskämpfer:
Knallt ab den Walther Rathenau, Die gottverdammte Judensau!
Der Vers war eine Absichtserklärung. Am Morgen des 24. Juni 1922 wurde Rathenau, als er, im
offenen Fond seiner Limousine sitzend, die Königsallee hinunter fuhr, von einem Wagen überholt, in dem sich drei junge Männer befanden, von denen einer eine Handgranate hinüber warf,
während ein anderer mit einer Pistole auf ihn schoss. Er starb wenige Stunden später.
Mit der Ermordung Walther Rathenaus war eine Grenze überschritten, und Deutschland hatte
ein neues und erschreckendes Gebiet betreten, in dem Jude-Sein nicht mehr nur ein Handikap
und gesellschaftlicher Nachteil war; jetzt bedeutete es Gefahr, möglicherweise für Leib und Leben. Denn Rathenaus einziges Verbrechen hatte darin bestanden, dass er ein Jude war, der es
gewagt hatte, sich nicht nur als Deutscher auszugeben, sondern Deutschland auch nach außen
zu vertreten. Sein Tod löste im Land eine Welle des Schauders aus, aber zweifellos betrachteten
viele ihn insgeheim als eine nicht ungerechtfertigte Strafe. Die obszöne Raserei der Antisemiten aus der Vorkriegszeit hatte ihren ersten konkreten Ausdruck gefunden. Der Tod wurde beklagt, aber vernunftmäßig erklärt. Das Undenkbare war denkbar geworden. Bis zur „Reichskristallnacht" waren es nur noch sechzehn Jahre, und die „Endlösung" begann im Hirn des Führers
der Nationalsozialistischen Partei schon Gestalt anzunehmen.
(Heinrich August Winkler, Alexander Cammann: Weimar. München: Beck 1997, S. 117–121)
Beschreiben Sie die Weltanschauung der rechtsradikalen Organisationen!
Welche Methoden wählten sie zur Durchsetzung ihrer Ziele?
M 9 Der Feind steht rechts
Ausschnitt aus der Rede des Kanzlers Wirth (Zentrum) in der Reichstagsdebatte nach der Ermordung Rathenaus (25. Juni 1922):
1 Seine Sprachkenntnisse, die formvollendete Art seiner Darstellung machten ihn in erster Linie
geeignet, an dieser Anknüpfung von Fäden zwischen den Völkern erfolgreich zu arbeiten. (Zustimmung von links.)
Wenn dann ein Mann wie Rathenau über trennende Grenzpfähle hinaus bei aller Betonung des
Deutschen, seines Wertes für die Geschichte, seiner kulturellen Taten, seines Forschungstriebes, seines Wahrheitssuchens, die großen Probleme der Kulturentwicklung Europas und der
Wirtschaft organisatorisch durch seine Arbeiten in allen Ländern, dann als Staatsmann im
Auswärtigen Amt mit den reichen Gaben seines Geistes und unter Anknüpfung von Beziehungen gefördert hat, die im ja das Judentum in der ganzen Welt, das kulturell und politisch
bedeutsam ist, gewährt hat, dann hat er damit dem deutschen Volke einen großen Dienst erwiesen. [] In jeder Stunde, meine Damen und Herren, Demokratie! Aber nicht Demokratie,
die auf den Tisch schlägt und sagt: Wir sind an der Macht! – Nein, sondern jene Demokratie,
die geduldig in jeder Lage für das eigene unglückliche Vaterland eine Förderung der Freiheit
sucht! In diesem Sinne, meine Damen und Herren, Mitarbeit! In diesem Sinne müssen alle
Hände, muss jeder Mund sich regen, um endlich in Deutschland diese Atmosphäre des Mordes,
des Zankes, der Vergiftung zu zerstören!
Da steht (nach rechts) der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. – Da steht
der Feind – und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts! (Stürmischer lang anhaltender Beifall und Händeklatschen in der Mitte und links auf sämtlichen Tribünen. – Große lang
andauernde Bewegung.)
(W. Michalka, G. Niedhardt (Hrsg.): Deutsche Geschichte. Frankfurt a. M.: Fischer 1992, S. 86 ff.)
Der sozialdemokratische Politiker Otto Wels äußerte sich in der
gleichen Reichstagsdebatte zur
Weimarer Justiz. Ein vehementer
Kritiker der politischen Justiz von
Weimar, Emil Julius Gumbel,
hatte ihr in mehreren Büchern
Einseitigkeit vorgeworfen und
diese durch viele Beispiele belegt.
Wir fordern ein rücksichtsloses
Vorgehen der Regierung gegen
die geheimen Organisationen,
welche die Mörderbanden beherbergen. Wir fordern rücksichtsloses Verbot all der Regimentsfeiern und -appelle, die
doch lediglich zum Gegenstand
monarchistischer,
antirepublikanischer
werden. (Lebhafte Zustimmung
links. – Zurufe von der äußersten Linken: und Geßler sitzt
immer noch da!)
Wir fordern rücksichtsloses
Zugreifen seitens der Regierung, die uns im Namen des deutschen Volkes dafür haftbar ist.
(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten. – Zurufe von den Kommunisten: Und eure Minister?)
Auch die! Wir wissen, dass die Ausführung der Verordnung der Regierung das Entscheidende
ist. Wir kennen die Schwierigkeiten, die in dem reaktionären Beamtenheer dem wirkungsvollen Schutz der Republik entstehen. (Zurufe links: Aufräumen mit der Gesellschaft!)
An sie richte ich das Wort: Wer der Republik nicht dienen will, der soll darauf verzichten, von
ihr Gehalt und Einkommen zu beziehen, (Wiederholte lebhafte Zustimmung links.) der soll
aus ihrem Dienst ausscheiden! (Sehr wahr! links.) []
(W. Michalka, G. Niedhardt (Hrsg.): Deutsche Geschichte: Frankfurt a. M.: Fischer 1992, S. 84 ff.)
M 10 „Nie wieder Krieg“
Protestdemonstration republikanischer Jugendverbände am 30. 7. 1922 vor dem Berliner Schloss
gegen die Ermordung von Außenminister Rathenau
M 11 Die Dolchstoßlegende
(Oskar Theuer. In: Klaus Haese, Wolfgang U. Schütte: Frau Republik geht pleite. Deutsche Karikaturen der zwanziger Jahre. Leipzig 1989, S. 31)
Wie reagieren die Politiker von Zentrum und
SPD sowie Teile der Öffentlichkeit?
Die Krisenjahre der Weimarer Republik: Linksextremismus
3. Station: Linksextremismus
Radikalisierung der Linken und Oktoberereignisse 1920
M 1 Parteiprogramm: Spartakus-Bund (1918) und KPD (1919/20)
Die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaftsordnung ist die gewaltigste Aufgabe, die je
einer Klasse und einer Revolution der Weltgeschichte zugefallen ist. Diese Aufgabe erfordert
einen vollständigen Umbau des Staates und eine vollständige Umwälzung in den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der Gesellschaft. Dieser Umbau und diese Umwälzung können
nicht durch irgendeine Behörde, Kommission oder ein Parlament dekretiert, sie können nur
von der Volksmasse selbst in Angriff genommen und durchgeführt werden. […] Die sozialistische Revolution ist die erste, die im Interesse der großen Mehrheit und durch die große Mehrheit der Arbeitenden allein zum Siege gelangen kann. […] Von der obersten Spitze des Staates
bis zur kleinsten Gemeinde muss […] die proletarische Masse die überkommenen Organe der
bürgerlichen Klassengesellschaft, die Bundesräte, Parlamente, Gemeinderäte durch eigene Klassenorgane, die Arbeiter- und Soldatenräte, ersetzen. […] Sozialisierung der Gesellschaft kann
nur durch den zähen, unermüdlichen Kampf der Arbeitermasse in ihrer ganzen Breite verwirklicht werden. […] All dieser Widerstand muss Schritt für Schritt mit eiserner Faust und rücksichtsloser Energie gebrochen werden. […] Der Kampf um den Sozialismus ist der gewaltigste
Bürgerkrieg. […] Nicht wo Lohnsklaven neben den Kapitalisten, der Landproletarier neben dem
Junker in verlogener Gleichheit sitzen, um über ihre Lebensfragen parlamentarisch zu debattieren: dort, wo die millionenköpfige Proletariermasse die ganze Staatsgewalt mit ihrer schwieligen Faust ergreift, um sie, wie der Gott Thor seinen Hammer, den herrschenden Klassen aufs
Haupt zu schmettern: dort allein ist die Demokratie, die kein Volksbetrug ist.
(L. Bertholt und E. Diehl: Revolutionäre deutsche Parteiprogramme. [Ost-]Berlin 1967, S. 109 ff.)
M 2 Die Entwicklung der KPD von 1920 –1923
Noch unter dem Eindruck des Kapp-Lüttwitz-Putsches und der Arbeiteraufstände wurden im
Juni 1920 die Wahlen zum 1. Reichstag der Republik abgehalten. Ihr Ergebnis zeigte eine deutliche Radikalisierung auf der Rechten wie auf der Linken, während die SPD einen guten Teil ihrer Stimmen verlor. Die Parteien der Weimarer Koalition (SPD, DDP, Zentrum), die sich als
Stützen der Republik verstanden, blieben fortan in der Minderheit.
Ende 1920 gewann die KPD infolge der USPD-Spaltung eine breite Basis: Im Oktober 1920
zerbrach die Partei der Unabhängigen über der Frage eines Anschlusses an die Kommunistische
Internationale. Die ca. 300 000 Befürworter eines Anschlusses schlossen sich der KP an, die
damit plötzlich von einer politischen Sekte zu einer revolutionären Massenpartei wurde; in der
Arbeiterschaft des mitteldeutschen Industriegebietes konnte sie eine deutliche Mehrheit erringen.
Der Massenzulauf zur KPD führte dazu, dass diese ihr revolutionäres Poten-zial überschätzte
und -ermutigt durch die Komintern- sich Ende März 1921 zu einer bewaffneten Aktion in Mitteldeutschland (sächsisches Industriegebiet) entschloss.
Der Aufruf zum Generalstreik in ganz Deutschland wurde nur ausnahmsweise (zum Beispiel in
Hamburg) befolgt; schon bald entglitt der Parteizentrale die Leitung der Bewegung, und Gewalttaten und Plünderungszüge - diese meist unter der Führung des schon zuvor aus der Partei
ausgeschlossenen Bandenchefs Max Hölz - kennzeichneten die Aktion bis zu ihrem völligen
Der nächste KPD-Versuch einer Revolution erfolgte 1923 im Zusammenhang mit dem Ruhrkampf. Die Verelendung großer Arbeitermassen infolge der Inflation und die hohe Arbeitslosigkeit führten den Kommunisten erneut viele Sympathisanten zu. In Moskau hatte man die
Die Krisenjahre der Weimarer Republik
Hoffnung auf einen „deutschen Oktober" und den Beginn der Weltrevolution. In Sachsen und
Thüringen, wo unter den Ministerpräsidenten Erich Zeigner und August Frölich SPDRegierungen mit starker Linkstendenz an der Macht waren, wurden „proletarische Hundertschaften" aufgestellt, die als Sturmtruppe des Proletariats im Kampf um die Macht fungieren
Nachdem die Reichsregierung den Ausnahmezustand verhängt hatte, um gegen eine mögliche
nationale Erhebung in Bayern vorbereitet zu sein, waren die legalen Voraussetzungen für eine
Reichsexekution gegen Thüringen und Sachsen geschaffen. Dort waren seit dem 12./13. Oktober 1923 Kommunisten an den Regierungen beteiligt („Regierung der republikanischproletarischen Verteidigung"). In offener Auflehnung gegen das Reich weigerten sich diese Regierungen, der Aufforderung zur Auflösung der „proletarischen Hundertschaften" nachzukommen. Ende Oktober marschierte die Reichswehr in Sachsen ein. Nach Einsetzung eines
Reichskommissars und Absetzung der sächsischen Regierung wählte der Landtag den Sozialisten Fellisch zum neuen Ministerpräsidenten. Angesichts ihrer ungenügenden Stärke verzichteten die Kommunisten darauf, die Revolution in Gang zu setzen. Der „deutsche Oktober" fand
(Walther L. Bernecker: Unruhen, Streiks, Fememorde. Die innenpolitische Entwicklung. In: Die Weimarer Republik. Das schwere Erbe.
München: Bayerische Landeszentrale für politische Bildung 1987, S. 235)
M 3 Aufruf der Führung der Aufständischen, Ende März 1921
Das werktätige Volk der Mansfelder Kreise hat die politische Macht selbst übernommen und
mich zum politischen Kommissar bestellt. Kraft dieser Bestellung ordne ich an:
Alle Amtsvorsteher und Gemeindevorsteher unterstehen nur noch meinen Anordnungen und
haben Anordnungen von irgendwelcher anderen Seite, den Landräten und sonstigen bisherigen
Behörden, keine Folge zu leisten.
Alle Amts- und Gemeindevorsteher erhalten bis zur Wahl von Arbeiterräten einen politischen
Beirat, der für die Durchführung meiner Anordnungen verantwortlich ist.
Die politischen Beiräte tragen mit Sorge für die sofortige Besetzung der Post- und Telegrafenanstalten mit zuverlässigen Arbeitern. Der Telegrafenbetrieb wird vorläufig unterbunden. Der
Postbetrieb bleibt, jedoch nur für die Mansfelder Kreise, bestehen.
Beschlagnahmungen irgendwelcher Art geschehen nur auf meine Anweisung. Plünderungen
werden mit dem Tode bestraft.
Die Versorgung der Bevölkerung wird sichergestellt. Alle Vorräte an Lebensmitteln sind durch
mich beschlagnahmt und hat jeder derzeitige Inhaber dieselben zu meiner Verfügung zu halten.
Es wird von jedermann über die Verwendung Rechenschaft gefordert.
Die Arbeiterschaft trägt die volle Verantwortung für die Durchführung meiner Anweisungen.
Jeder Widerstand gegen die Macht der Arbeiterklasse wird mit allen Mitteln gebrochen.
Arbeiter, handelt nach dem Vorbild, welches Euch von der Reaktion bei den früheren Kämpfen
gegeben wurde!
(Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen
Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Bd. 4, Berlin: Wendler 1958, S. 165)
M 4 Aus einem Schreiben Dr. Stresemanns an den sächsischen Ministerpräsidenten
Dr. Zeigner vom 27. Oktober 1923
1 Die Propaganda der Kommunistischen Partei hat unter Führung der Ihrem Kabinett angehörenden kommunistischen Mitglieder Formen angenommen, die den gewaltsamen Sturz der
Reichsverfassung und ihre Zertrümmerung zum Ziele haben und herbeiführen können. Auf
das Unhaltbare dieser Situation hat bereits Herr General Müller, dem von Reichswegen die
vollziehende Gewalt für Sachsen übertragen ist, in seinem Schreiben vom 17. Oktober d. Js.
nachdrücklich hingewiesen. Seine an Sie gerichtete Anfrage ist von Ihnen ohne Antwort gelassen worden. Der Geist der Widersetzlichkeit und Gewalttätigkeit der Kommunistischen Partei
zeigt sich in den Ausführungen des Leiters Ihrer Staatskanzlei, Herrn Ministerialdirektor
Brandler, der in Chemnitz am 21. Oktober öffentlich zum Kampf gegen die Reichswehr aufgefordert hat. Er zeigt sich in einem Aufsatz desselben Leiters der Staatskanzlei in dem offiziellen
Organ der russischen kommunistischen Partei „Prawda“, in dem er unter Bezugnahme auf die
Organisation proletarischer Hundertschaften davon spricht, dass es an der Zeit sei, zu handeln.
In einem Flugblatt, das der Landesverband der Kommunistischen Partei Deutschlands und die
sächsische Landtagsfraktion, der Ihre kommunistischen Minister im Kabinett angehören, erlassen haben, wird General Müller, der mit der vollziehenden Gewalt von der Reichsregierung beauftragt ist, verhöhnt, und es wird zur Nichtbefolgung seiner Anordnungen aufgereizt. Es wird
weiter aufgereizt zur Mobilisierung der Massen, zur Aufstellung neuer Hundertschaften, zur
Bildung von Aktionsausschüssen.
Ein Einschreiten gegen die Urheber dieser Hetzereien ist deshalb unmöglich, weil sie unter
dem Schutze der Immunität der Landtagsabgeordneten stehen. Die Ansage des offenen Kampfes an die Reichsregierung muss notwendig das Ziel der Regierung, Ruhe, Ordnung und Sicherheit im Lande aufrechtzuerhalten, stören und unmöglich machen. Die Beseitigung dieses
Zustandes ist unerlässlich. Im Auftrag der Reichsregierung fordere ich Sie deshalb hierdurch
auf, den Rücktritt der sächsischen Landesregierung zu vollziehen, weil die Teilnahme kommunistischer Mitglieder an der Landesregierung angesichts dieser Vorgänge mit verfassungsmäßigen Zuständen unvereinbar ist.
Ich ersuche Sie, mir über den Rücktritt der Regierung innerhalb des morgigen Tages, des
28. Oktober, Nachricht zu geben. Falls eine Neubildung der Regierung auf anderer Grundlage
ohne Mitwirkung kommunistischer Mitglieder nicht sofort herbeigeführt und dadurch die Ruhe, Sicherheit und Ordnung des Landes weiter gefährdet werden sollte, wird der Inhaber der
vollziehenden Gewalt einen Reichskommissar bestellen, der die Verwaltung des Landes bis zur
Wiederherstellung verfassungsmäßiger Zustände in die Hand nimmt.
(Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Bd. 5, Berlin: Wendler 1958, S. 498 f.)
M 5 Thesen zur Oktoberniederlage der KPD, 1. Dezember 1923
I. Zur Oktoberniederlage:
1. Der Oktoberrückzug war unvermeidlich und richtig.
2. Die grundlegenden Ursachen der Oktoberniederlage sind objektiver Art und nicht wesentlichen taktischen Fehlern der KPD geschuldet. Die entscheidende Ursache ist der noch zu starke
hemmende Einfluss der Sozialdemokratie. Die Mehrzahl der Arbeiterklasse war nicht mehr bereit, für die Novemberdemokratie zu kämpfen, die ihnen bereits materiell nichts mehr gab, und
noch nicht bereit, für die Rätediktatur und den Sozialismus zu kämpfen.
Oder anders ausgedrückt: Die Mehrheit der Arbeiterklasse war noch nicht für den Kommunismus gewonnen.
3. Der gemeinsame Fehler der Exekutive wie der Zentrale der KPD war falsche Beurteilung des
Kräfteverhältnisses innerhalb der Arbeiterklasse, zwischen SPD und KPD.
Die KPD hat in dieser Beziehung sich kritisch gegenüber der Exekutive verhalten, aber nicht
genügend energisch. Die Exekutive hat dieser Kritik nicht das genügende Gewicht beigelegt.
4. Die Folgen dieser falschen Beurteilung des Kräfteverhältnisses waren:
a) ein zu früher Termin des Endkampfes,
b) die Vernachlässigung der Teilkämpfe und der politischen Vorbereitung,
c) infolge der mangelnden Verbindung zwischen politischer und technischer Vorbereitung litt
auch die militärisch-technische Vorbereitung.
5. Mängel zweiter und dritter Ordnung waren:
a) in Sachsen und Thüringen nicht genügende Ausnützung der gegebenen Positionen sowohl
in Bezug auf Zersetzung der SPD und Heranziehung der SPD-Arbeiter an die KPD, wie auch in
Bezug auf die Organisation der militärischen Abwehr.
b) Schwerfälligkeit der organisatorischen Umstellung der Partei für den Bürgerkrieg.
6. Alle diese Fehler und Mängel ändern nichts Wesentliches an dem grundlegenden Kräfteverhältnis zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse.
(Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Bd. 5, Berlin: Wendler 1958,
S. 504 f.)
Stellen Sie die Gegensätze zwischen den Vorstellungen der Kommunisten und den Verhältnissen in
der Weimarer Republik zusammen!
Fassen Sie knapp zusammen,
auf welchem Weg die KPD das Weimarer System ändern wollte und
woran sie dabei scheiterte!
Die Krisenjahre der Weimarer Republik: Die Parteien
4. Station: Die Parteien
M 1 Wahlplakate aus den frühen Zwanziger Jahren
M 2 Aus dem Programm des Spartakus vom Oktober 1918
II. Auf politischem und sozialem Gebiete:
2. Beseitigung aller Parlamente und Gemeinderäte und Übernahme ihrer Funktionen durch
Arbeiter- und Soldaten-Räte sowie deren Ausschüsse und Organe.
3. Wahl von Arbeiterräten über ganz Deutschland durch die gesamte erwachsene Arbeiterschaft beider Geschlechter in Stadt und Land, nach Betrieben sowie von Soldatenräten durch
die Mannschaften, unter Ausschluss der Offiziere und Kapitulanten. Recht der Arbeiter und
Soldaten zur jederzeitigen Rückberufung ihrer Vertreter.
4. Wahlen von Delegierten der Arbeiter- und Soldaten-Räte im ganzen Reich für den Zentralrat
der Arbeiter- und Soldaten-Räte, die den Vollzugsrat als das oberste Organ der gesetzgebenden
und vollziehenden Gewalt zu wählen hat.
5. Zusammentritt des Zentralrats vorläufig mindestens alle drei Monate – unter jedesmaliger
Neuwahl der Delegierten – zur ständigen Kontrolle über die Tätigkeit des Vollzugsrates und zur
Herstellung einer lebendigen Fühlung zwischen der Masse der Arbeiter- und Soldaten-Räte im
Reiche und ihrem obersten Regierungsorgan. Recht der lokalen Arbeiter- und Soldaten-Räte
zur jederzeitigen Rückberufung und Ersetzung ihrer Vertreter im Zentralrat, falls diese nicht im
Sinn ihrer Auftraggeber handeln. Recht des Vollzugsrates, die Volksbeauftragten sowie die
zentralen Reichsbehörden und -beamten zu ernennen und abzusetzen.
6. Abschaffung aller Standesunterschiede, Orden und Titel. Völlige rechtliche und soziale
7. Einschneidende soziale Gesetzgebung, Verkürzung der Arbeitszeit zur Steuerung der Arbeitslosigkeit und unter Berücksichtigung der körperlichen Entkräftung der Arbeiterschaft
durch den Weltkrieg; sechsstündiger Höchstarbeitstag.
8. Sofortige gründliche Umgestaltung des Ernährungs-, Wohnungs-, Gesundheits- und Erziehungswesens im Sinne und Geiste der proletarischen Revolution. […]
Der Spartakus-Bund lehnt es ab, mit Handlangern der Bourgeoisie, mit den ScheidemannEbert, die Regierungsgewalt zu teilen, weil er in einer solchen Zusammenwirkung einen Verrat
an den Grundsätzen des Sozialismus, eine Stärkung der Gegenrevolution und eine Lähmung
der Revolution erblickt.
(Wilhelm Mommsen (Hrsg.): Deutsche Parteiprogramme. München 1960, S. 435 ff.)
M 3 Wahlaufruf und Leitsätze des Zentrums vom 30. Dezember 1918
Durch gewaltsamen Umsturz ist die alte Ordnung Deutschlands zerstört, sind die bisherigen
Träger der Staatsgewalt teils beseitigt, teils lahm gelegt worden. Eine neue Ordnung ist auf dem
Boden der gegebenen Tatsachen zu schaffen; diese Ordnung darf nach dem Sturz der Monarchie nicht die Form der sozialistischen Republik erhalten, sondern muss eine demokratische
An der großen und schweren Aufgabe mitzuarbeiten, ist in erster Linie die deutsche Zentrumspartei berufen und bereit. Ihre alten, sturmerprobten Grundsätze bestimmen auch für die
neuen Arbeitsziele Richtung und Maß. […]
Zum ersten Mal treten diesmal auch die Frauen auf den politischen Kampfplatz; sie sind uns im
Kampf für eine heilige Sache willkommen. Mögen auch sie an der Seite der Männer mit all ihrer
Kraft eintreten für Wahrheit, Recht und Freiheit! […]
b) Die Leitsätze
1. Schleunige Schaffung einer neuen Verfassung für Reich und Bundesstaaten auf demokratischer, alle politischen Bevorzugungen ausschließender Grundlage. Schutz der deutschen Nationalversammlung, die nicht in Berlin tagen kann, und Schutz der Durchführung ihrer Beschlüsse durch Truppen Freiwilliger.
2. Wahrung der Reichseinheit, Stärkung des Reichsgedankens. Erhaltung des bundesstaatlichen
Charakters des Reichs zum Schutz der Eigenart der deutschen Stämme. Dem Reich ist die ausschließliche Regelung der wehrpolitischen und außenpolitischen Fragen, den Bundesstaaten
die ausschließliche Regelung der kirchen- und schulpolitischen Fragen vorbehalten. Reichseinheit und Zusammenschluss mit allen anschlussbereiten deutschen Stämmen.
4. Volksregierungen, die des Vertrauens der Volksvertretung für ihre Amtsführung bedürfen,
mit starker Vollzugsgewalt in Reich und Bundesstaaten.
5. Ausbau der Selbstverwaltung und Schulung des Volkes für die gleichberechtigte Teilnahme
aller Volksschichten an den öffentlichen Ämtern in Staat und Gemeinden ohne Kastengeist
und Klassenbevorzugung. […]
7. Grundrechte, welche allen Staatsbürgern ohne Unterschied des politischen und religiösen
Bekenntnisses auf dem Boden des gemeinen Rechts und im Geist hochsinnig erfasster Freiheit
den ungehinderten Ausdruck ihrer Überzeugung in Wort und Schrift sowie deren unbe20
schränkte Bestätigung in Versammlungen, Vereinen und Genossenschaften aller Art gewährleisten. […]
B. Wirtschafts- und Sozialpolitik
24. Geordneter Aufbau der Volkswirtschaft im Dienste der sozialen Gerechtigkeit und des Gemeinwohls auf Grundlage der produktiven Arbeit. Grundsätzliche Erhaltung der auf persönlichem Eigentum beruhenden, nach dem Solidaritätsprinzip dem Gesamtwohl der Gesellschaft
untergeordneten Privatwirtschaft.
(Wilhelm Mommsen (Hrsg.): Deutsche Parteiprogramme. München 1960, S. 481 ff.)
M 4 Aus dem Programm der Bayerischen Volkspartei vom November 1918
1. Die Mitglieder der Bayerischen Volkspartei betrachten den gegenwärtigen staatspolitischen
Zustand Bayerns, wie er durch die Ereignisse in der Nacht vom 7. zum 8. November in München geschaffen wurde, als eine gegebene geschichtliche Tatsache. Sie sind mit der Art, wie sie
herbeigeführt wurde, grundsätzlich nicht einverstanden, erklären aber auf das bestimmteste,
dass sie eine Änderung dieses Zustandes nur auf dem Wege von Recht und Gesetz erstreben.
Äußere Gewalt betrachten sie nicht als erlaubtes Mittel zur Erreichung politischer Zwecke. […]
3. Die Bayerische Volkspartei erwartet von der konstituierenden Nationalversammlung die
Einführung des parlamentarischen Regierungssystems und für besonders wichtige, in der Verfassung festzulegende Fragen die Einführung der direkten Volksabstimmung. Aktiv und passiv
wahlberechtigt für die Volksvertretung und abstimmungsberechtigt bei Plebisziten sind alle
volljährigen männlichen und weiblichen Einwohner des Staates. […]
7. Die Bayerische Volkspartei gibt hinsichtlich der Stellung zu den übrigen deutschen Staaten
die Parole aus:
Die bisherige weitgehende staats-, wirtschafts- und steuerpolitische Abhängigkeit Bayerns von
dem übermächtigen Norden muss unter allen Umständen aufhören. Wir lehnen auf allen diesen Gebieten die bisherige einseitige, rücksichtslose preußische Vorherrschaft ab. Jenes Maß
politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit aber, welches durch die Gemeinsamkeit der
Bedürfnisse der deutschen Staaten von Natur aus sich ergibt, wünschen wir durchaus. Wir
werden uns bestreben, hierfür den geeigneten Rahmen zu finden. Der Forderung, dass alle Einzelstaaten aufgehoben werden und eine einheitliche deutsche Republik geschaffen wird, werden wir den äußersten Widerstand entgegensetzen. Die für das Reich zu schaffende neue Verfassung bedarf der Zustimmung der in den Einzelstaaten demnächst auf der Grundlage des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts und der Verhältniswahl zu wählenden Parlamente.
Berlin darf nicht Deutschland werden und Deutschland nicht Berlin. Voraussetzung des Zusammenschlusses der deutschen Staaten ist, dass die Grundlagen, welche das Wesen der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Selbstständigkeit Bayerns bilden, Bayern verfassungsgemäß gewährleistet und gegen Verfassungsänderungen, die wider den Willen Bayerns erfolgen könnten, sichergestellt werden.
(Wilhelm Mommsen (Hrsg.): Deutsche Parteiprogramme. München 1960, S. 502 ff.)
M 5 Wahlaufruf der Deutschen Demokratischen Partei, 14. 12. 1918
Wir wollen die errungenen politischen Freiheiten nicht wieder preisgeben. Wir treten deshalb
bei den Wahlen ein für die Errichtung einer deutschen Republik, in der alle öffentliche Macht
allein auf dem Willen des souveränen Volkes beruht. In ihr sollen die einzelnen deutschen
Stämme ihre Eigenart selbstständig und frei entwickeln können. Wir fordern die völlige
Gleichheit aller Staatsbürger und Staatsbürgerinnen vor dem Gesetz und in der Verwaltung,
ohne Rücksicht auf Stand, Klasse oder Bekenntnis, und verlangen die Freiheit des Gewissens
und der Religionsausübung. […]
Der ordentlichen Arbeit gebührt als Lohn ein auskömmliches, lebenswertes Dasein und Teilnahme an den Gütern der Kultur. Staatliche Anerkennung der Arbeiter- und Angestelltenverbände, obligatorisches Schiedsgericht sowie Gewährleistung der durch Tarifverträge festgesetzten Arbeitsbedingungen, insbesondere auch der vereinbarten Mindestlöhne und Mindestgehälter, müssen hierzu verhelfen. Auch den wirtschaftlich Schwachen, vor allen den Kriegsbeschädigten, den Witwen und Waisen unserer Gefallenen, muss der Staat eine menschenwürdige Existenz schaffen. Den Tüchtigen dürfen weder Standesvorrechte noch Bürokratismus, weder Geldmacht noch Klassenvorteile am Aufstieg hindern. Der Staat hat allen Befähigten die
gleiche Ausbildung jeder Art auf Schule und Hochschule zu verbürgen. Denn nur der Tüchtige
hat in einer freien Demokratie gerechten Anspruch auf vorwärts kommen.
Notwendig ist eine wirklich soziale Steuerpolitik! Einmalige progressive Vermögensabgabe, auf
angemessene Zeit verteilt. Gestaffelte Einkommensteuer unter möglichster Schonung der kinderreichen Familien, des Arbeitseinkommens und der kleinen Vermögen. Allgemeine Erbschaftssteuer für jeden größeren Nachlass. Vor allem aber schärfste Erfassung der Kriegsgewinne. An diesem Kriege darf kein Deutscher sich bereichert haben.
Solche Lasten aber können nur getragen werden bei Aufrechterhaltung des Privateigentums
und einer Wirtschaftsordnung, die das Interesse des Einzelnen am Erwerb lebendig hält und
ihn zu höchster Tätigkeit anspornt. […] Die Frage der Sozialisierung ist rein sachlich für jeden
Einzelfall danach zu entscheiden, ob eine Steigerung der Erwerbsmöglichkeiten der breiten
Massen und eine Erhöhung des Produktionsertrages erzielt werden kann. Keinesfalls dürfen
Staatseingriffe in der Form der Bürokratisierung des Wirtschaftslebens erfolgen.
(Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Bd. 3, Berlin: Wendler 1958, S. 175 f.)
M 6 Grundsätze der DVP vom 19. 10. 1919
1. Staatsgewalt. Eine starke festgefügte Staatsgewalt – gestützt auf sorgsame Pflege staatsbürgerlichen Pflichtbewusstseins, letzten Endes aber auf die unerlässlichen Machtmittel – ist die
erste Voraussetzung für eine gedeihliche Entfaltung der deutschen Volkskraft nach außen und
innen. Je geringer die Machtmittel des Reiches sind, um so notwendiger ist es, das Pflichtbewusstsein gegen den Staat bis zum Tode, die Manneszucht und Kameradschaft, die Grundpfeiler, auf denen unser deutsches Volksheer aufgebaut war, im deutschen Volke lebendig zu
erhalten. Dafür wird die Deutsche Volkspartei allezeit eintreten.
Sie fordert volle politische Gleichberechtigung aller Staatsbürger; sie erblickt aber in der freiwilligen, vertrauensvollen Gefolgschaft, die das Volk seinen selbstgewählten Führern leistet, eine
wesentliche Vorbedingung für Deutschlands Freiheit und Aufstieg. Sie wird diese Gesinnung
besonders pflegen. […]
3. Staatsform. Die Deutsche Volkspartei wird den Wiederaufbau des Reiches mit allen Mitteln
fördern. Daher wird sie im Rahmen ihrer politischen Grundsätze innerhalb der jetzigen Staatsform mitarbeiten.
Die Deutsche Volkspartei fordert den deutschen Einheitsstaat mit weitgehender Selbstverwaltung und Sicherung der Eigenart der einzelnen geschichtlich, kulturell und wirtschaftlich zusammenhängenden Landschaften. Solange sich aber nicht alle deutschen Länder gleichmäßig
dem deutschen Einheitsstaat einfügen, wird die Deutsche Volkspartei sich jedem Versuch einer
Zertrümmerung Preußens widersetzen.
Wir fordern die Wiederherstellung der ruhmvollen schwarzweißroten Reichsfarben.
Die Deutsche Volkspartei erblickt in dem durch freien Entschluss des Volkes auf gesetzmäßigem Wege aufzurichtenden Kaisertum, dem Sinnbild deutscher Einheit, die für unser Volk
nach Geschichte und Wesensart geeignetste Staatsform.
(Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Bd. 3, Berlin: Wendler 1958, S. 184 ff.)
M 7 Aufruf des Vorstandes der Deutschnationalen Volkspartei vom 27. Dezember 1918
1 Unser Vaterland blutet nach Kriegsnot und Niederlage aus tausend Wunden. Unsere ruhmbedeckten Fahnen, an die auch in diesem Kampf gegen eine Welt von Feinden Sieg auf Sieg sich
geheftet hat, liegen im Staube. Das deutsche Kaisertum, das Werk der großen Hohenzollern
und Bismarcks, ist zerbrochen, der stolze Bau des Reiches zertrümmert. Wehrlos sind wir dem
Willen unbarmherziger Feinde preisgegeben.
Die Revolution hat statt eines Friedens der Verständigung unsere völlige Unterwerfung gebracht und rückt den Frieden selbst noch in weitere Ferne. Statt der verheißenen Freiheit gab
sie uns Klassendiktatur und unerträgliche Willkür, statt des versprochenen Brotes schwerste
Hungersgefahr, statt fruchtbarer Arbeit gefährlichste Zerrüttung unserer Finanzen und unserer
ganzen Wirtschaft. Nach außen wie im Innern drohen uns Auflösung und Vernichtung.
Vieles, was uns heilig und teuer war, ist unwiederbringlich dahin. Aber wir dürfen dem Verlorenen nicht untätig nachtrauern, wenn nicht Deutschland unrettbar zugrunde gehen soll. […]
Gegenüber den Gefahren und Nöten des Augenblicks verlangen wir: Reichseinheit aller deutschen Stämme und Gebiete auf föderalistischer Grundlage; Schutz und Erhaltung unserer bedrohten Grenzmarken in Ost, Nord und West; Schutz für die vertriebenen und bedrängten Auslandsdeutschen.
Schutz der persönlichen und politischen Freiheit und des Privateigentums; wirksame Sicherung gegen bolschewistische Umtriebe; sofortige Beseitigung jeder Willkürherrschaft; gleiches
Unterlassung jeder weiterer Eingriffe in unseren politischen, kulturellen und wirtschaftlichen
Rechtszustand während der Dauer der provisorischen Regierung.
Beseitigung der wirtschaftlichen Unordnung und finanziellen Misswirtschaft; strengste Sparsamkeit; öffentliche Finanzkontrollen.
Wir sind überzeugt, dass auch in der neuen demokratischen Verfassung Deutschlands eine
monarchische Spitze als ein über den Parteien stehender, persönlicher Faktor der Stetigkeit des
Volkes wie der politischen Zweckmäßigkeit entspricht. Wir werden aber in jeder durch die Nationalversammlung geschaffenen Staatsform für das Wohl des Vaterlandes mitarbeiten und unsere politischen Auffassungen zur Geltung zu bringen suchen.
(Werner Liebe: Die Deutschnationale Volkspartei 1918 –1924. Düsseldorf 1956, S. 109)
Stellen Sie anhand der Wahlplakate und der Programme die wesentlichen Aussagen der
Parteien bezüglich des politischen und wirtschaftlichen Systems sowie zur Novemberrevolution tabellarisch gegenüber!
Veranschaulichen Sie in einem Diagramm, wie sich die Summe der Wahlergebnisse für
die republiktragenden Parteien und die ihrer Gegner entwickeln. Teilen Sie diese Entwicklung
in Phasen ein. (Wahlergebnisse 1919-33 in Buchner)
Welche Folgen hatte diese Entwicklung für das politische System der Weimarer Republik?
Die Krisenjahre der Weimarer Republik: Der Hitler-Putsch
5. Station: Der Hitler-Putsch
M 1 Der Historiker Eberhard Kolb über den Hitler-Putsch
Siegreich, wenn man so will, war der Kapp-Putsch in Bayern. Nachdem die mit den Putschisten
sympathisierende Führung des Reichswehrgruppenkommandos in Bayern die von dem Sozialdemokraten Hoffmann geführte Koalitionsregierung zum Rücktritt gezwungen hatte, wurde
eine Regierung gebildet, die einen strammen Rechtskurs steuerte mit dem Ziel, Bayern zur
„Ordnungszelle" des Reiches zu machen. Seit 1920 wurde Bayern ein Eldorado für rechtsextremistische Organisationen und führende Persönlichkeiten des militanten Rechtsradikalismus. [...]
Im Herbst 1923 blickte die nationalistische Rechte erwartungsvoller denn je auf Bayern. Denn
dort geriet die stramm rechtsorientierte Regierung unter zunehmenden Druck von noch weiter
rechts stehenden Kräften, den völkischen, nationalistischen und paramilitärischen Organisationen, die unter der Schirmherrschaft Ludendorffs gemeinsam als „Vereinigte Vaterländische
Verbände" agierten und in Nachahmung des faschistischen „Marsches auf Rom" (Oktober
1922) einen „Marsch auf Berlin" planten, um eine nationale Diktatur zu errichten.
Nach dem Abbruch des passiven Widerstands an der Ruhr verkündete die bayerische Regierung den Ausnahmezustand für das Land und berief einen Generalstaatskommissar, Ritter von
Kahr, einen Parteigänger der „Vaterländischen Verbände". Als im Oktober die in Bayern stationierte 7. Reichswehrdivision unter General von Lossow sich weigerte, Befehle der Reichsregierung auszuführen, gewann die Auflehnung Bayerns gegen das Reich eine neue Dimension. In
den ersten Novembertagen - die Situation in Sachsen und Thüringen war inzwischen bereits
unter der Kontrolle der Reichsregierung - spitzte sich der Konflikt mit Bayern dramatisch zu.
Die Haltung Seeckts, des Chefs der Heeresleitung, war in diesen Tagen undurchsichtig. Die von
Ebert am 3.11. gewünschte Reichsexekution gegen Bayern erklärte Seeckt einerseits für unmöglich, da Reichswehr nicht gegen Reichswehr marschiere; stattdessen wollte er sich von
Ebert Diktaturvollmachten übertragen lassen (was Ebert jedoch ablehnte). Andererseits richtete Seeckt an Kahr und Lossow eine eindringliche Warnung, sich von den völkischen und nationalistischen Extremisten nicht zu sehr ins Schlepptau nehmen zu lassen, und diese Warnung
blieb nicht ohne Wirkung. Die Führer der rechtsextremistischen Organisationen, allen voran
Ludendorff und Hitler, registrierten die sich anbahnende Reserve Kahrs und Lossows gegenüber einem „selbstständigen Losschlagen". Sie entschlossen sich daher, eine von Kahr auf den
8. November in den Münchener Bürgerbräukeller einberufene Versammlung umzufunktionieren zum Auftakt eines Staatsstreiches und so die „nationale Erhebung" doch noch zu erzwingen. Mit bewaffneten SA-Leuten drang Hitler in den Saal ein, erklärte die bayerische Regierung
und die Reichsregierung für abgesetzt und nötigte Kahr, Lossow und Seisser die Zustimmung
zur Proklamierung einer provisorischen Reichsregierung Ludendorff-Hitler-Lossow-Seisser ab.
Doch schon nach wenigen Stunden hatte sich das Blatt gewendet: Kahr, Lossow und Seisser,
die im Lauf der Nacht ihre Handlungsfreiheit wiedergewonnen hatten, widerriefen ihre Zustimmung und beschlossen, den nationalsozialistischen Putsch niederzuwerfen. Als Hitler und
Ludendorff am Morgen des 9. November erkannten, dass sie überspielt worden waren, wollten
sie noch nicht aufgeben. Sie formierten ihre Anhänger zu einem Marsch durch die Münchener
Innenstadt; bei der Feldherrnhalle wurde der Zug durch einen Polizeikordon aufgehalten und
beschossen, die Teilnehmer zerstreuten sich - die „nationale Revolution" war zusammengebrochen. Mit dem Scheitern des Putschversuchs in München war auch der Höhepunkt der inneren Krisensituation überschritten. Seeckt, dem Ebert in der Nacht vom 8./9. November die
vollziehende Gewalt im Reich und den Oberbefehl über die Wehrmacht übertragen hatte,
scheute sich jetzt, den Rubicon zu überschreiten und eine Diktatur auszuüben. Die NSDAP
und andere rechtsextremistische Organisationen sowie die KPD wurden für das ganze Reichsgebiet verboten.
(Eberhard Kolb: Die Weimarer Republik. 2. durchgesehene und ergänzte Auflage. München: Oldenbourg 1988, S. 40 und 52 f.)
M 2 Alfred Rosenberg über Hitlers Handstreich
Schließlich kam am 8. November um 11.30 Uhr Adolf Hitler zu mir in mein Zimmer und sagte
zu mir: „Rosenberg, heute abend geht‘s los! Kahr hält seine Regierungsrede, und da fangen wir
alle zusammen im ,Bürgerbräu‘ ein. Wollen Sie mitkommen?“ Ich antwortete ihm: „Selbstverständlich!“ Es wurde abgemacht, dass der Führer mich in seinem Wagen am Abend abholen
würde. […]
Ungefähr gegen 7.45 Uhr erschien dann Adolf Hitler in meinem Zimmer. Er war durchaus
ernst und ruhig, wir setzten uns wortlos in seinen Wagen und fuhren zum „Bürgerbräukeller“
hinaus. Der ganze Saal war dichtgefüllt, der Generalstaatskommissar sprach in monotoner Weise von seinen Plänen und Absichten. Hitler und ich standen am Eingang neben der Säule. Dort
hatten wir Dr. Max von Scheubner-Richter bereits vorgefunden. Wir verharrten weitere zehn
Minuten beim Anhören der Kahr’schen Rede, als plötzlich die Tür mit einem großen Krach
aufgerissen und ein Maschinengewehr von Schwerbewaffneten in den Saal gerollt wurde. Geschoben wurde dieses MG von dem aktiven Kriminalkommissar der bayerischen Polizei, Pg.
Gerum, in feldgrauer Uniform. Das war das Zeichen zum Losschlagen.
Adolf Hitler und sein Begleiter Graf, Dr. von Scheubner-Richter und ich zogen unsere Pistolen
aus der Tasche, entsicherten sie und gingen zu viert, Adolf Hitler voran, unter lautloser Stille
zum Podium, auf dem der Generalstaatskommissar verstummt herumstand. Als Adolf Hitler
das Podium bestieg, brandeten erregte Worte zu ihm empor, auch Angstrufe von denen, die das
Maschinengewehr in ihrer Nähe erblickt hatten, sodass der Führer, um sich Ruhe zu verschaffen, einen Schuss in die Saaldecke abgab. Dann trat Ruhe ein.
Adolf Hitler sprach in leidenschaftlicher Weise von der Mission seiner Bewegung, voller Hoffnung, dass das, was ihn als erblindeten Soldaten in die Politik getrieben habe, nunmehr verwirklicht werden könne; er forderte alle Gutwilligen auf, mit der neuen Regierung zu arbeiten,
um ein neues Deutschland der Freiheit aufrichten zu können. Es trat eine kurze Pause ein, in
deren Verlauf Adolf Hitler mit von Kahr, General von Lossow und Oberst Seisser unterhandelte. Ministerpräsident von Knilling geleiteten wir beide bis zur Tür. Adolf Hitler sagte ihm:
„Herr Ministerpräsident, es tut mir leid, Ihnen dies angetan zu haben, aber das Schicksal
Deutschlands hat das notwendig gemacht.“ Knilling ging wortlos neben uns her und wurde
dann weitergeführt.
(Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Bd. 5, Berlin: Wendler 1958, S. 431 f.)
M 3 General von Lossows Pläne
Am 24. Oktober 1923 fand im bayerischen Wehrkreiskommando VII eine Besprechung statt, an
der Vertreter der Reichswehr, der Vaterländischen Verbände und der Landpolizei teilnahmen. General von Lossow erläuterte seine Pläne.
Einmarsch nach Berlin und Ausrufung der Errichtung der nationalen Diktatur.
Weiterwursteln und „Bayern bei der Stange bleiben“.
Trennung Bayerns vom Reich
Für uns in Bayern kommt nur die erste Möglichkeit in Betracht. Und zwar haben wir dazu keine
lange Zeit mehr; sobald alles vorbereitet ist, tritt die erste Möglichkeit in Kraft. Länger als 14
Tage oder drei Wochen warten dürfte den zweiten Punkt hervorrufen!
Ich habe Sie hierher berufen, um Sie zu fragen, wie Sie sich den Aufbau und die Weiterentwicklung bei einem evtl. Vormarsch Ihrer Verbände vorstellen. Nach meiner Ansicht ist nur eine
Eingliederung sämtlicher vaterländischer Verbände in die Reichswehr bzw. Landespolizei als
Mannschaftsreservoir möglich. Eine vollkommen selbstständige Verwendung kann ich mir aus
folgenden Gründen nicht denken: Wer sorgt für die Vaterländischen Verbände? Wer empfängt
sie? Wer bezahlt die Löhnung? Und wer die evtl. spätere Versorgung bei einer Verletzung etc.
Sie werden daraus ersehen, dass wir auf demselben Boden stehen wie Sie als Führer der Vaterländischen Verbände und dass wir unsere Arbeit auch in diesem Sinne eingestellt haben: Wir
haben alle ein Ziel, Deutschland vom Marxismus zu befreien unter dem Banner der schwarzweißroten Fahne.
(Wolfgang Michalka, Gottfried Niedhardt (Hrsg.): Deutsche Geschichte: Zur Innen- und Außenpolitik. Frankfurt a. M.: Fischer 1992, S.
M 4 Der Historiker Hans Mommsen über den Hitler-Putsch
Anfang November [1923] schien sich endgültig zu bestätigen, dass Hitler, dessen Name von
den Direktoriumslisten der rechtsnationalen Honoratioren verschwand, ins politische Abseits
geraten war. Der Parteiführer reagierte darauf mit der für ihn kennzeichnenden Mischung aus
Nervosität und Unschlüssigkeit, zumal er Schwierigkeiten hatte, die Geldmittel aufzutreiben,
um seine auf den Umsturz wartende Privatarmee zusammenzuhalten. In dieser Lage formte
sich bei ihm die Vision, dass nur unmittelbares Handeln die bevorstehende nationale Katastrophe abzuwenden vermöge. [...]
Dass Hitler die für das Wochenende geplante Aktion kurzfristig auf den 4 Abend des 8. November vorverlegte, womit der größere Teil der militärischen Vorbereitungen, insbesondere
die Heranziehung von in der Provinz stehenden Verbänden des Kampfbunds, nicht mehr
durchführbar war, geschah in hektischer Reaktion auf das von Kahr1 am Abend veranstaltete
Treffen von bayerischen Honoratioren im Bürgerbräukeller, hinter dem Hitler die Absicht vermutete, die Kampfbundführung definitiv auszubooten. Auch wenn dies nicht das erklärte Ziel
Kahrs war, der allerdings zögerte, den ewig zur Aktion drängenden Hitler zu empfangen, diente
die Versammlung doch dem Zweck, die in den Vortagen unternommenen Anstrengungen fortzusetzen, die Führer der nationalen Verbände bis zur Klärung in Berlin von der Auslösung gewaltsamer Aktionen - der ursprünglich vereinbarte Zeitpunkt des Losschlagens war der 15.
November - zurückzuhalten.
Bekanntlich suchte Hitler sich in der Versammlung im Bürgerbräukeller mit dem Mittel der Erpressung der Zustimmung des Triumvirats zu versichern, dass er zusammen mit Ludendorff an
die Spitze einer „provisorischen nationalen Regierung" trete. Von Kahr, von Lossow2 und von
Seisser3 hielten sich jedoch nicht an das ihnen [...] abgepresste Ehrenwort und leiteten schon in
der Nacht Gegenaktionen gegen den von den Verbänden des Kampfbundes unternommenen
Staatsstreich ein, der wegen mangelnder logistischer Vorbereitung und Entschlossenheit nicht
zu durchgreifendem militärischen Erfolgen führte.
Angesicht des am frühen Morgen offenkundig werdenden Steckenbleibens der Erhebung verlor
Hitler den Kopf. Er setzte seine Hoffnung auf eine Vermittlung durch den Kronprinzen Rupprecht, dessen Kabinettschef von den Putschisten samt einigen Mitgliedern der bayerischen Regierung in Geiselhaft genommen war und der Hitlers politische Qualitäten ziemlich gering einschätzte. [...]
Hitler, der zunächst unschlüssig war und vergeblich auf eine Antwort des Kronprinzen wartete,
bestand ebenso nachdrücklich wie erfolglos darauf, dass es sich um eine unbewaffnete Demonstration handeln müsse (doch waren Teile des Zuges schwer bewaffnet, und auch Hitler
trug seine Browning-Pistole mit sich). [...] Mit dem Gedanken an einen rauschhaften Propagandamarsch, der die Herzen der Nation erobern sollte, fühlte er sich wieder in seinem Element,
wohingegen er zuvor die militärischen Aktionspläne aus einer Mischung von Rivalität und
Misstrauen skeptisch betrachtet hatte. Er glaubte an die Macht der Propaganda und hielt es für
ausgeschlossen, dass sich die bayerische Landespolizei oder Einheiten der Reichswehr dem nationalen Demonstrationszug in den Weg stellen würden.
Der [...] am späten Vormittag improvisierte Marsch auf die Feldherrnhalle sollte in letzter Minute das vollständige Debakel eines völlig unzureichend vorbereiteten und mit dilettantischen
Mitteln unternommenen Umsturzversuchs ungeschehen machen und das Steuer zugunsten
der erstrebten „nationalen Revolution" herumreißen. Er brach jedoch, wie vorauszusehen war,
am Odeonsplatz unter den Kugeln der Bayerischen Landespolizei kläglich zusammen.
1 Kahr war als bayerischer Regierungschef eigentlich mit Hitler verbündet
2 Lossow war der Oberkommandierende der Wehrmacht in Bayern
3 Seisser war Chef der Bayerischen Polizei
(Heinrich August Winkler, Alexander Cammann: Weimar. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte. München: Beck 1997, S. 137–142)
M 5 Proklamation an das deutsche Volk
Skizzieren Sie das Verhältnis Hitlers zur restlichen rechtsradikalen Opposition gegen die
Fassen Sie die Gründe für das Scheitern des Putsches zusammen!
5.2 Der Hitler-Prozess und seine Folgen
M 6 Die Angeklagten
Die Angeklagten im Hitler-Prozess in einer Aufnahme vom
Frühjahr 1924 (v. l. n. r.): Heinz Pernet (Oberleutnant a. D. und
Bankbeamter), Friedrich Weber (Dr. med. vet.), Wilhelm Frick
(Oberamtmann, Dr. jur.), Hermann Kriebel (Oberstleutnant
a. D.), Erich Ludendorff (General der Infanterie a. D.), Adolf
Hitler (Schriftsteller), Wilhelm Brückner (Student und Oberleutnant der Reserve), Ernst Röhm (Hauptmann a. D.), Robert
Wagner (Leutnant).
M 7 Die Urteilsbegründung
Hitler wurde am 1. 4. 1924 nach einem Prozess, in dessen Verlauf er ungehindert seine politischen Ideen propagieren konnte,
zur Mindeststrafe von fünf Jahren Festungshaft, die jedoch gesetzeswidrig nach sechs Monaten auf dem Begnadigungswege
zur Bewährung ausgesetzt werden konnte, verurteilt.
Auch das Gericht ist zu der Überzeugung gelangt, dass die
Angeklagten bei ihrem Tun von rein vaterländischem Geiste und dem edelsten selbstlosen Willen geleitet waren. Alle Angeklagten, die in die
Verhältnisse genauen Einblick hatten – und die
Übrigen ließen sich von den Mitangeklagten als
ihren Führern und völligen Vertrauensmännern
leiten –, glaubten nach bestem Wissen und Gewissen, dass sie zur Rettung des Vaterlandes
handeln müssten und dass sie dasselbe täten,
was kurz zuvor noch die Absicht der leitenden
bayerischen Männer gewesen war. Das rechtfer27
tigt ihr Vorhaben nicht, aber es gibt den Schlüssel zum Verständnis ihres Tuns.
(Otto Gritschneder: Bewährungsfrist für den Terroristen Adolf H. Der Hitler-Putsch und die bayerische Justiz.
München 1990, S. 69 f.)
M 8 Hitlers Konsequenzen aus dem gescheiterten Putsch
Die schon in den Tagen nach dem gescheiterten Putsch aus dem Boden schießenden Legenden
verwandelten die vernichtende Niederlage der nationalsozialistischen Politik vom 9. November
in einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur inneren Erneuerung Deutschlands. Sofort
ging die nationalsozialistische Propaganda dazu über, den Putschversuch in eine heroische Niederlage umzustilisieren. Mit den jährlich wiederkehrenden Ritualen im Bürgerbräukeller und
dem Aufmarsch der Blutordensträger, der 1933 einsetzte, wurde der 9. November 1923 zu einem zentralen historischen Bezugspunkt des nationalsozialistischen Selbstverständnisses. [...]
Im Grunde war Hitler schon vor dem Putschversuch der Auffassung gewesen, dass die nationale Revolution nicht mit militärischen, sondern allein mit propagandistischen Mitteln durchgesetzt werden müsse, und daher betrachtete er sich als den geborenen Führer, was von den Militärs auch in seiner engeren Umgebung belächelt wurde. Der Ausgang des Marsches auf die
Feldherrnhalle befestigte in ihm die Überzeugung, dass in jedem Falle nicht gegen die bewaffnete Macht gehandelt werden dürfe. [...]
Bei der Neugründung der NSDAP 1925 achtete er peinlich darauf, dass alles auf seine Person
und seine uneingeschränkte Führerrolle abgestellt war. Die Phase der Putschversuche von
rechts war vorüber. Für Hitler galt es, den Siegeszug der „nationalsozialistischen Idee" mit allen
propagandistischen Mitteln zu betreiben. Seine Version blieb die gleiche wie 1923: Die Macht
musste ihm durch die unaufhaltsame Kraft der Bewegung und der „Idee" gleichsam selbsttätig
und nicht als Resultat von Koalitionsabreden und Interessenbündnissen zufallen. Mit diesem
visionären Kalkül eines „Alles oder Nichts" gewann er am 30. Januar 1933 die Regierung und
damit die Macht.
(Hans Mommsen. In: Heinrich August Winkler, Alexander Cammann: Weimar. München: Beck 1997, S. 142)
M 9 Hitler-Tagebuch 9. November 1923
Wenn ich meine Tätigkeit wieder aufnehme, werde ich eine neue Politik befolgen müssen.
Statt die Macht mit Waffengewalt zu erobern, werden wir zum Verdruss der katholischen und
marxistischen Abgeordneten unsere Nasen in den Reichstag stecken. Zwar mag es länger dauern, sie zu überstimmen als sie zu erschießen, am Ende aber wird uns ihre eigene Verfassung
den Erfolg zuschieben. Jeder legale Vorgang ist langsam [], doch werden wir früher oder später die Mehrheit haben – und damit Deutschland.
(Hitler-Tagebuch vom 9. 11. 1923)
Nehmen Sie kurz Stellung zum Urteil im Hitler-Prozess!
Bewerten Sie die Folgen des gescheiterten Hitler-Putsches für den weiteren Weg Hitlers!
6. Station: Die Inflation
M 1 Daten zur Inflation in Deutschland
Index der Geldentwertung gemessen an den:
4 279,0
84 150,0
1 110 100,0
23 540 000,0
444 041,0
23 949 000,0
6 014 300 000,0
7 095 800 000,0
750 000 000 000,0
Die Brotpreise
Für einen Laib Brot zahlte man:
0 – 63 Mark
163,15 Mark
3 465 Mark
1 512 000 Mark
November 1923 210 000 000 000
Der Dollarkurs 1923
M 2 Die Besetzung des Ruhrgebiets
Im Januar 1923 besetzten französische und belgische Truppen schließlich das Ruhrgebiet, um
den wichtigen Teil der deutschen Kohlen- und Eisenproduktion als „Pfand" für die Reparationen und ihre Erträge als unmittelbare Leistungen direkt in die Hand zu bekommen. Industriearbeiterschaft und Bevölkerung leisteten der Besetzung unter erheblichen Entbehrungen einen
hartnäckigen passiven Widerstand. Auch die Reichsregierung wies alle Beamten an, Weisungen der Besatzungsmacht zu ignorieren. Gehälter und Unterstützungsgelder wurden jedoch
weitergezahlt, eine weitere Quelle der mittlerweile astronomische Höhen erreichenden Inflation. Der „Ruhrkampf' scheiterte schließlich im September 1923 an der desolat gewordenen
Wirtschaftslage. Aber auch auf alliierter Seite war die Einsicht in die Problematik gewachsen.
Frankreich willigte in eine Aufhebung der Besetzung bei gleichzeitiger Stabilisierung der Mark
und Abschluss eines neuen Reparationsabkommens ein, das Deutschlands Zahlungsfähigkeit
mit den aus dem Versailles Vertrag herrührenden Verpflichtungen in Einklang bringen sollte.
(Dirk Berg-Schlösser: Im Strudel von Inflation und Reparationen. In: Die Weimarer Republik. Das schwere Erbe.
München: Bayerische Landeszentrale für politische Bildung 1987, S. 333)
M 3 Weitere Ursachen der Inflation
Überragendes Problem der Epoche wurde jedoch die Inflation. Diese hatte, wie bereits angedeutet, mehrere Ursachen. Zum einen war durch die zum größten Teil über die Notenpresse
vorgenommene Kriegsfinanzierung eine erhebliche Zunahme des Geldumlaufs eingetreten, der
kein entsprechendes Warenangebot mehr gegenüberstand. Die Rationierung von Nahrungsmitteln und anderen Gütern im Rahmen der Kriegswirtschaft hatte die Preisentwicklung jedoch zunächst „zurückgestaut". Mit der Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung kamen die inflationären Tendenzen dann voll zum Tragen. Vor einem rechtzeitigen währungspolitischen
Schnitt scheuten die Verantwortlichen in der Hoffnung auf eine allmähliche „Normalisierung"
der Lage und im Vertrauen auf die „Selbstheilkräfte" des Marktes jedoch zurück. Zum zweiten
blieben auch nach Beendigung des Krieges die öffentlichen Haushalte, nicht zuletzt wegen
stark gestiegener Kriegsfolgelasten, in hohem Maße defizitär. Die Erzberger'sche Steuerreformgesetzgebung vermochte [...] an diesem Tatbestand im Grunde nichts zu ändern. Der dritte und
für die rapide Beschleunigung schließlich ausschlaggebende Faktor war die in Devisen aufzubringende Reparationslast. Dies wird auch durch die Tatsache bestätigt, dass der Außenwert der
Mark (gemessen am Dollarkurs) zunächst erheblich stärker fiel als ihre Kaufkraft im Innern.
Der Ruhrkampf und seine Folgen steigerten die Geldentwertungsraten schließlich ins Absurde.
München: Bayerische Landeszentrale für politische Bildung 1987, S. 336)
M 4 Tagebucheintrag des britischen Botschafters Lord D’Abernon vom 20. August 1923
Es ist wohl kaum eine Übertreibung, wenn man sagt, dass die für die Finanzpolitik des Landes
Verantwortlichen Selbstmord begehen, um sich vor Reparationszahlungen zu drücken. Ich gebe ohne weiteres zu, dass die Reparationsforderungen übertrieben waren, dass die Art, in der
diese Ansprüche geltend gemacht wurden, absurd war - dass Frankreich und Belgien sich beharrlich weigerten einzusehen, dass man ,von einer sterbenden Kuh keine Milch bekommen
kann' -, all dies stimmt vollkommen, aber es rechtfertigt vor den Schranken des gesunden Menschenverstandes noch nicht die Politik, die Deutschland verfolgt. In England und Amerika ist
der Grundsatz, dass je mehr Papiergeld ausgegeben wird, desto geringer der Wert jeder Einheit
des Papiergeldes sein wird - ein Grundsatz, der der Funktion der allgemeinen Regel von Angebot und Nachfrage entspricht-, zu einem Gemeinplatz geworden. [...] Aber hier wird dieser
Gemeinplatz sowohl in Worten wie in Taten geleugnet. Ein auffallendes Beispiel dafür: Havenstein, der Direktor der Reichsbank, hat am Freitag in aller Öffentlichkeit erklärt, dass die Notenpresse der Reichsbank jetzt zwanzig Billionen Mark täglich druckt und der gesamte Notenumlauf sich auf 63 Billionen Mark beläuft. Aber er fügte mit Stolz hinzu, dass in der nächsten
Woche die Reichsbank in der Lage sein wird, 46 Billionen täglich zu drucken. [...] Havenstein
gab die Erklärung vor dem Staatsrat ab, der aus finanziellen und wirtschaftlichen Sachverständigen bestehen soll und trotzdem hat keiner seine Politik kritisiert oder auf ihren Irrsinn hingewiesen. Die Rede wurde ziemlich ausführlich in der gesamten deutschen Presse veröffentlicht, rief jedoch weder Verwunderung noch Empörung hervor.
Es scheint fast unmöglich, auf eine Erholung des Landes zu hoffen, in dem solche Dinge vorkommen können. Man hofft sicherlich vergeblich, solange nicht die Macht den Wahnsinnigen,
die heute die Finanzpolitik leiten, entrissen wird und entweder in die Hände von ausländischen
Sachverständigen oder einer internationalen Kommission mit vernünftigen Ideen gelegt werden kann.
(Viscount D’Abernon. Ein Botschafter der Zeitwende. Band II. Leipzig: Paul List Verlag 1929, S. 279 f.)
Stellen Sie die Ursachen der Inflation zusammen! Gehen Sie dabei besonders auf die Rolle des
Ruhrkampfs ein!
6.3 Leben unter der Inflation
M5 Hjalmar Schacht über Gewinner und Verlierer der Inflation
Im Sommer des Jahres 1923 stieg das Inflationselend in Deutschland auf seinen Höhepunkt.
Fünf Jahre nach Beendigung des Ersten Weltkrieges wand sich Deutschland in einem Fieber,
das seine letzten Kräfte zu verzehren drohte. In Sachsen, Thüringen und Bayern flammten
überall Unruhen auf. [...] Seit drei Jahren diskutierte man die verschiedensten Geldstabilisierungspläne, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Das Kabinett Stresemann fasste endlich
den Entschluss, den Ruhrkampf abzubrechen und den Versuch der Geldstabilisierung zu machen.
Innenpolitisch kam es darauf an, die Rechte und die Linke auf eine gemeinsame Währungspolitik zu einigen. Hierbei spielten die mit der Landwirtschaft besonders stark verbundenen Kreise
der politischen Rechten eine ausschlaggebende Rolle.
Die Landwirtschaft hatte von der Inflation insofern erheblichen Nutzen gezogen, als diese es
ihr ermöglichte, ihre Schulden mit dem entwerteten Geld zurückzuzahlen, weil die deutsche
Rechtsprechung den Grundsatz aufrechterhielt, dass Mark gleich Mark sei. So konnten Schulden, die in Goldmark eingegangen waren, mit dem gleichen Nominalbetrag von entwerteter
Papiermark beglichen werden. Desweiteren schaffte die Landwirtschaft aus ihren Papiermarkeingängen so rasch wie möglich alle nützlichen Maschinen und Einrichtungsgegenstände
an, darunter auch manche unnütze. Es war die Zeit, als man auch in unmusikalischsten Häusern Klaviere und Flügel traf.
Die Agrarkreise fühlten sich als Herren der politischen Situation. Sie waren politisch keine
Freunde von Stresemann, der weit entfernt von ihnen auf dem liberalen Flügel des Reichstages
saß. Aber Stresemann wusste sie einzufangen.
(Wolfgang Michatka, Gottfried Niedbardt (Hrsg.): Deutsche Geschichte: Zur Innen- und Außenpolitik. Frankfurt a.
M.: Fischer 7992, S. 81 ff.)
M6 Aus den Erinnerungen des Schriftstellers Stefan Zweig
Mit einem Ruck stürzte die Mark und es gab kein Halten mehr, ehe nicht die fantastischen Irrsinnszahlen von Billionen erreicht waren. Nun erst begann der wahre Hexensabbat von Inflation [...] Sie zu erzählen mit ihren Einzelheiten, ihren Unglaublichkeiten, würde ein Buch fordern
und dieses Buch würde auf die Menschen von heute wie ein Märchen wirken. Ich habe Tage erlebt, wo ich morgens fünfzigtausend Mark für eine Zeitung zahlen musste und abends hunderttausend; wer ausländisches Geld wechseln musste, verteilte die Einwechslung auf Stunden,
denn um vier Uhr bekam er das Mehrfache von dem, was er um drei und um fünf Uhr wieder
das Mehrfache von dem, was er sechzig Minuten vorher bekommen hätte [...] man zahlte in der
Straßenbahn mit Millionen, Lastwagen karrten das Papiergeld von der Reichsbank zu den Banken und vierzehn Tage später fand man Hunderttausendmarkscheine in der Gosse: ein Bettler
hatte sie verächtlich weggeworfen. Ein Schuhsenkel kostete mehr als vordem ein Schuh, nein,
als ein Luxusgeschäft mit zweitausend Paar Schuhen, ein zerbrochenes Fenster zu reparieren
mehr als früher das ganze Haus, ein Buch mehr als vordem die Druckerei mit ihren Hunderten
Maschinen. Für hundert Dollar konnte man reihenweise sechsstöckige Häuser am Kurfürstendamm kaufen. Fabriken kosteten umgerechnet nicht mehr als früher ein Schubkarren.
[...] Austräger gründeten Bankhäuser und spekulierten in allen Valuten. Über ihnen allen erhob
sich gigantisch die Gestalt des Großverdieners Stinnes. Er kaufte, indem er unter Ausnutzung
des Marksturzes seinen Kredit erweiterte, was nur zu kaufen war. Kohlengruben und Schiffe,
Fabriken und Aktienpakete, Schlösser und Landgüter und alles eigentlich mit Null, weil jeder
Betrag, jede Schuld zu Null wurde. Bald war ein Viertel Deutschlands in seiner Hand und perverserweise jubelte ihm das Volk, das sich in Deutschland immer am sichtbaren Erfolg berauscht, wie einem Genius zu. Die Arbeitslosen standen zu Tausenden herum und ballten die
Fäuste gegen die Schieber und Ausländer in den Luxusautomobilen, die einen ganzen Straßenzug aufkauften wie eine Zündholzschachtel; jeder, der nur lesen und schreiben konnte, handelte und spekulierte, verdiente und hatte dabei das geheime Gefühl, dass sie alle sich betrogen
und betrogen wurden von einer verborgenen Hand, die dieses Chaos sehr wissenschaftlich
inszenierte, um den Staat von seinen Schulden und Verpflichtungen zu befreien.
(Stefan Zweig; Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. ©Bermann-Fischer Verlag
A.B., Stockholm, 1944. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag GmbH, S. 285 f.)
M7 Alltagsleben in Berlin
Augenzeugenbericht von Egon Larson, dem Korrespondenten der Münchener Neuesten Nachrichten und der New York Times, vom Sommer 1923 in Berlin:
Der Tauschhandel griff mehr und mehr um sich. Nicht nur Studenten, sondern auch Ärzte,
Anwälte und andere Angehörige akademischer Berufe zogen es vor, ihre Honorare in Form von
Lebensmitteln zu bekommen. Das galt
auch für Handwerker. Einmal ließ ich
mir für zwei Eier die Haare schneiden;
Uhrmacher klebten Zettel an ihre
Schaufenster: „Reparaturen werden
im Austausch gegen Esswaren ausgeführt." An der Kasse des kleinen Kinos
in meiner Straße wurde ich eines
Abends gefragt, ob ich nicht ein paar
Briketts statt Bargeld für zwei Eintrittskarten bringen könne. [...]
Die augenfälligsten Veränderungen
der Berliner Szene waren die unzähligen Bettler in den Straßen, die langen
Schlangen alter Leute vor den Volksküchen, die in den Arbeitervierteln eingerichtet worden
waren und die Straßenmärkte, die es überall in der Stadt gab. Diese Märkte hatten keine Stände
oder Buden; Männer und Frauen, zumeist respektabel, aber schäbig angezogen, boten
Schmuckstücke, Nippsachen, Uhren, Füllfedern und ähnliche Objekte an. Diese ‚Händler‘ waren sichtlich Leute aus dem Mittelstand, die keinen anderen Weg wussten, um ihren Hunger zu
stillen, als den Verkauf all der Dinge, die sie noch besaßen. Viele waren Altersrentner - zweifellos die von der Inflation am schlimmsten betroffenen Menschen.
Den Kern der Straßenmärkte bildeten jedoch die Schwarzhändler. Sie boten alles an, was irgendwie transportabel war. [...]
Ihre Kunden waren im Allgemeinen besser gekleidet als die Verkäufer, nämlich Leute mit zu
viel Papiergeld, das in ein paar Tagen ohnehin wertlos sein würde und der schwarze Markt bot
ihnen die Gelegenheit zur ‚Flucht in die Sachwerte‘. Auch die Warenhäuser und Läden, die
noch etwas Wertbeständiges anzubieten hatten, konnten sich nicht über Kundenmangel beklagen. Alles wurde gekauft: Möbel, Antiquitäten, Juwelen, Parfüm, Autos. [...] Einer meiner Onkel nahm es (das Geld), um die zynischste aller damaligen Moden mitzumachen - das Klosett
mit Banknoten zu tapezieren. Manche Väter klebten für ihre Kinder Drachen aus Papiergeld zusammen.
Die Arbeiterfrauen hatten eine Methode entwickelt, die ihnen wenigstens genug zu essen für
ihre Familien garantierte. Man sah sie an den Zahltagen -nun mindestens zweimal in der Woche - in Haufen vor den Fabriktoren stehen und auf ihre Männer warten; die Löhne wurden
ebenfalls nach dem Dollar-Index berechnet. Am Nachmittag eines Zahltages kamen Lastwagen
voller Papiergeld von den Banken, wo das Geld nicht mehr gezählt, sondern die Dicke der Bündel mit Linealen gemessen wurde. Sobald sich die Fabriktore öffneten und die Arbeiter mit ihren Lohnpaketen (oft in Zigarrenkisten) herausströmten, begann eine Art Stafettenlauf: Die
Frauen nahmen das Geld, liefen zu den nächsten Läden und kauften ein, ehe die Preise wieder
Die Gehaltsempfänger waren viel schlimmer daran; oft bekamen sie ihr Geld noch immer, wie
üblich, erst am Monatsende.
[...] Ein vertrauter Anblick in den Straßen waren Handkarren und Wäschekörbe voller Papiergeld, die zu oder aus den Banken geschoben oder getragen wurden. Es geschah hier und dort,
dass Diebe nur die leeren Körbe stahlen -nachdem sie erst das Geld auf die Straßen gekippt hatten.
(E. Larsert: Die Weimarer Republik. Ein Augenzeuge berichtet. München 1980, S. 62-67)
M8 Bilder zur Inflation
Das Geld zur Auszahlung der Löhne muss während der Inf lationszeit in Waschkörben transportiert werden.
M8 Stefan Zweig über das Ende der Inflation
Der Tag, da die deutsche Inflation beendet war (1923), hätte ein Wendepunkt in der Geschichte werden können. Als mit einem Glockenschlag je eine Billion emporgeschwindelter Mark gegen eine einzige neue Mark eingelöst wurde, war eine Norm gegeben. Tatsächlich flutete der
trübe Gischt mit all seinem Schmutz und Schlamm bald zurück, die Bars, die Schnapsbuden
verschwanden, die Verhältnisse normalisierten sich, jeder konnte jetzt klar rechnen, was er gewonnen, was er verloren hatte. Die meisten, die riesige Masse, hatte verloren. Aber verantwortlich gemacht wurden nicht die den Krieg verschuldet, sondern die opfermütig - wenn auch unbedankt - die Last der Neuordnung auf sich genommen. Nichts hat das deutsche Volk - dies
muss immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden - so erbittert, so hasswütig, so hitlerreif
gemacht wie die Inflation. Denn der Krieg, so
mörderisch er gewesen, er hatte immerhin
Stunden des Jubels geschenkt mit Glockenläuten und Siegesfanfaren. Und als unheilbar
militaristische Nation fühlte sich Deutschland durch die zeitweiligen Siege in seinem
Stolze gesteigert, während es durch die Inflation sich einzig als beschmutzt, betrogen und
erniedrigt empfand; eine ganze Generation
hat der deutschen Republik diese Jahre nicht
vergessen und nicht verziehen und lieber seine Schlächter zurückgerufen. Aber das lag alles noch im Fernen. Äußerlich schien 1924
die wüste Phantasmaorgie vorüber wie ein
Irrlichttanz. Es war wieder heller Tag, man
sah, wo aus und wo ein. Und schon grüßten
wir in dem Aufstieg der Ordnung den Anfang
einer dauernden Beruhigung. Abermals,
abermals meinten wir, der Krieg sei überwunden. Toren, unheilbare, wie wir es immer
gewesen. Jedoch dieser trügerische Wahn, er
hat uns immerhin ein Jahrzehnt der Arbeit,
der Hoffnung und selbst der Sicherheit geschenkt.
(Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. ßermann-Fiscner
Verlog A.B., Stockholm, 1944. 5. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.)
1. Welche Folgen hatte die Inflation für den
2. Stellen Sie die Gruppe der Nutznießer den
Verlierern der Inflation gegenüber und begründen Sie Ihre Antwort!
3. Welche politischen Auswirkungen hatte die Inflation Ihrer Meinung nach für die Weimarer
7. Station: Das Beamtentum – Verwaltung und Justiz
M 1 Herkunft, Ausbildungsgang und soziale Lage der Beamten, Juristen und Jurastudenten im Kaiserreich und in der Weimarer Republik
(„Im Namen des Deutschen Volkes“. Justiz und Nationalsozialismus. Katalog zur Ausstellung
des Bundesministeriums der Justiz. Köln 1989, S. 11)
M 2 Die Verfassung des Deutschen Reiches vom 11. August 1919
a) Über die Beamten
Art. 129: Die Anstellung der Beamten erfolgt auf Lebenszeit, soweit nicht durch Gesetz etwas
anderes bestimmt ist. Ruhegehalt und Hinterbliebenenversorgung werden gesetzlich geregelt.
Die wohlerworbenen Rechte der Beamten sind unverletzlich. Für die vermögensrechtlichen
Ansprüche der Beamten steht der Rechtsweg offen.
Die Krisenjahre der Weimarer Republik: Das Beamtentum – Verwaltung und Justiz
Die Beamten können nur unter den gesetzlichen Voraussetzungen und Formen vorläufig ihres
Amtes enthoben, einstweilen oder endgültig in den Ruhestand oder in ein anderes Amt mit geringerem Gehalt versetzt werden.
Gegen jedes dienstliche Straferkenntnis muss ein Beschwerdeweg und die Möglichkeit eines
Wiederaufnahmeverfahrens eröffnet sein. In die Nachweise über die Person des Beamten sind
Eintragungen von ihm ungünstigen Tatsachen erst vorzunehmen, wenn dem Beamten Gelegenheit war, sich über sie zu äußern. Dem Beamten ist Einsicht in seine Personalnachweise zu
Art. 130: Die Beamten sind Diener der Gesamtheit, nicht einer Partei.
Allen Beamten wird die Freiheit ihrer politischen Gesinnung und die Vereinigungsfreiheit gewährleistet. []
Art. 176: Alle öffentlichen Beamten und Angehörigen der Wehrmacht sind auf diese Verfassung zu vereidigen. Das Nähere wird durch Verordnung des Reichspräsidenten bestimmt. []
b) Über die Richter
Art. 102: Die Richter sind unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen. []
Art. 104 Die Richter der ordentlichen Gerichtsbarkeit werden auf Lebenszeit ernannt. Sie können wider ihren Willen nur kraft richterlicher Entscheidung und nur aus den Gründen und unter den Formen, welche die Gesetze bestimmen, dauernd oder zeitweise ihres Amtes enthoben
oder an eine andere Stelle oder in den Ruhestand versetzt werden. Die Gesetzgebung kann Altersgrenzen festsetzen, bei deren Erreichung Richter in den Ruhestand treten.
(Günther Franz (Hrsg.): Staatsverfassungen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975, S. 191 ff.)
M 3 Die Gesetzesunterworfenheit der Richter
Richter - so will es die Theorie - sind allein dem Gesetz unterworfen, die Bindung an den Gesetzestext steuere ihre Urteile eindeutig. Ein ähnliches Dogma gilt auch für die Verwaltungsbeamten: Sie seien nicht nur dem Gesetz unterworfen, sondern zusätzlich noch von den Weisungen ihrer Vorgesetzten abhängig. Die politische Spitze lenke demnach den hierarchisch strukturierten Staatsapparat bis zum letzten Sekretär. In der parlamentarischen Demokratie will diese
Theorie den Primat der parlamentarischen Regierung über die Verwaltung sichern; erst die
Weisungsgebundenheit der Beamten ermöglicht dem zuständigen Minister die Übernahme der
Verantwortung für sein Ressort gegenüber dem Parlament. Die Sachlichkeit und Neutralität der
Amtsführung, die loyal gegenüber der Politik zu erfolgen hat, gilt darum als vornehmste Pflicht
und zugleich als das hohe Lied des Beamten. Die Weimarer Verfassung brachte diese Idealvorstellung auf die berühmte Formel, die Beamten seien Diener der Gesamtheit und nicht einer
Partei (Art. 130,1 Weimarer Verfassung).
Gleichwohl ist unverkennbar, dass in jedem Verwaltungsapparat der Ermessens- und Handlungsspielraum der Beamten, insbesondere der höheren Beamten, also der Dienststellenleiter
oder der Ministerialräte, ganz erheblich ist. Nur sie verfügen in der Regel über das Detailwissen,
von ihrem Rat und Sachverstand ist der Minister allzu oft abhängig. Das macht politische Steuerung aus der Verwaltung heraus möglich, was dem Bild des bloßen Vollzugsbeamten widerspricht und der Beamtenschaft eigenständiges politisches Gewicht verleiht.
Nichts anderes gilt für die Justiz. Der weisungsfreie unabhängige Richter ist zwar nur dem Gesetz unterworfen, aber die Auslegungsregeln und die Abstraktheit der Gesetzesformeln gewähren auch hier beträchtliche Freiheiten, sodass eine geschlossen agierende Richterschaft auch gegen die Intentionen des parlamentarischen Gesetzgebers ein Gesetz auslegen kann und dadurch
den Willen des Parlamentes in eine andere, so nicht gewollte Richtung zu lenken in der Lage
ist. Der angeblich bloße Rechtsanwender wird zum politischen Gestalter.
Es kommt demnach stark auf die innere Loyalität und die prinzipielle Zustimmung der Beamtenschaft und der Richterschaft zu den Grundlagen des jeweiligen Gemeinwesens an, ferner
auf ihre Bereitschaft, eigene politische Positionen hintanzustellen, wenn ein korrekt zustande
gekommenes Gesetz oder die Weisung eines zuständigen Ministers in Übereinstimmung mit
der Verfassung in eine den richterlichen Wunschvorstellungen entgegengesetzte Richtung
zielt. Ob der Richter und Beamte als Diener der Gesamtheit und nicht einer Partei handelt, das
muss darum immer erst am Einzelfall geprüft werden.
(Gotthard Jasper: Beamtentum und Richterschaft. In: Die Weimarer Republik. Der brüchige Friede. München: Bayerische Landeszentrale
für politische Bildung 1994, S. 296 f.)
M 4 Einschätzung des Beamteneides in Parlament und Regierung
a) Anfrage der deutschnationalen Abgeordneten von Graef, Schiele und Phillip vom
1 (NV-Drs. Nr. 1717; NV-Prot. S. 4057)
[…] Ist die Reichsregierung […] bereit, auch ihrerseits, um Gewissenskonflikte in der Beamtenschaft zu verhindern, eine eindeutige Erklärung darüber abzugeben, dass die nach dem Sprachgebrauch zunächst viel allgemeiner zu verstehende Wendung „Treue der Reichsverfassung“
nur so viel wie „Beobachtung der Verfassung“ bedeuten soll, oder zuzugeben, dass damit doch
das Gelöbnis der Treue zur republikanischen Staatsform überhaupt verlangt wird?
b) Antwort der Reichsregierung vom 16. Dezember 1919 (Unterstaatssekretär Lewald, Reichsamt
des Innern, NV.Prot. S. 4058)
1 Aus der tatsächlichen Entwicklung des Verfahrens, das bei der Leistung des Eides auf die neue
Verfassung durch die Beamtenschaft beobachtet ist, konnte den Antragstellern bekannt sein,
dass es der Reichsregierung fernliegt, durch die Fassung des Eides „Ich schwöre Treue der Verfassung“ etwas anderes zu verlangen, als dass der Beamte in seiner Tätigkeit als Beamter die Bestimmung der Verfassung getreulich zu beachten habe.
Wenn von den Beamten im Hinblick auf die Bestimmung des Art. 130 Abs. 2 der Verfassung
keine Beschränkung der persönlichen politischen Auffassung, insbesondere keine innere Übereinstimmung mit der jetzigen republikanischen Staatsform verlangt worden ist, und ihnen damit die Teilnahme an Bestrebungen auf Änderung der Reichsverfassung, wie sie alle politischen
Parteien in verschiedenen Richtungen anstreben, nicht versagt wird, so muss andererseits erwartet werden, dass der Beamte hierbei jeden Missbrauch seines amtlichen Ansehens vermeidet. Selbstverständlich darf der Beamte nur auf gesetzmäßigen, niemals auf gewaltsamem Wege
Änderungen der Verfassung anstreben.
Dass hierbei einzelne Arten von Beamten, namentlich politische Beamte, deren Amtsführung
eine Zurückhaltung bei der Ausübung der ihnen in der Verfassung gewährleisteten politischen
Rechte erfordert, sich im öffentlichen Leben einer gegen die republikanische Staatsform gerichteten Bestätigung zu enthalten habe, liegt in dem Wesen und der Stellung der politischen Beamten begründet. […]
Die Reichsregierung glaubt, nochmals der Hoffnung Ausdruck geben zu sollen, dass die Beamtenschaft auf Grund der die politische Überzeugung jedes einzelnen schonenden Bestimmungen der Verfassung alle Kräfte einheitlich bereitstellt, um das deutsche Vaterland wieder aufrichten zu helfen.
(Conrad Bornhak: Der Verfassungseid der Beamten. Zs. f. Polizei- und Verwaltungs-Beamte, 1. Jahrg. (1920), S. 2. Zit. nach Hans Hattenhauer: Geschichte der Beamten. Köln 1980, S. 334)
M 5 Bedeutung des Treuegelöbnis in einer zeitgenössischen Interpretation
Da die Staatspersönlichkeit nicht mehr in einem einzelnen Menschen verkörpert ist, soll die
Treue der Reichsverfassung gelobt werden. Damit verschwindet das persönliche, den ganzen
Menschen ergreifende Treueverhältnis. Die Reichsverfassung ist ein Gesetz. Treue gegen ein
Gesetz bedeutet nichts anderes als Gehorsam gegenüber den Gesetzen und dessen gewissen5
hafte Anwendung, soweit man dazu berufen ist. Dazu ist an sich jeder Staatsbeamte auch ohne
eidliches Gelöbnis verpflichtet
Mit der Treue gegen ein Gesetz ist es sehr wohl vereinbar, dessen Abänderung auf gesetzlichem
Wege zu erstreben, soweit man es für verkehrt hält. Mit dem Treuegelöbnis verschreibt man
sich also keineswegs dem Geiste des Gesetzes.
Treue gegen die Reichsverfassung bedeutet also nichts anderes als das Versprechen, Hoch- und
Landesverrat gegen sie zu unterlassen.
Dagegen wird durch den Eid keineswegs Treue gegenüber der durch die Verfassung eingesetzten republikanischen Staatsform gelobt. Durch den Eid bekennt sich niemand zu republikanischen Überzeugungen und zur Vertretung der verfassungsmäßigen Einrichtungen.
(Conrad Bornhak: Der Verfassungseid der Beamten, Zs. f. Polizei- und Verwaltungs-Beamte, 1. Jahrg. (1920),
S. 2. Zit. nach Hans Hattenhauer: Geschichte der Beamten. Köln 1980, S. 334)
M 6 Konservativer Widerstand gegen die Demokratisierung der Verwaltung: Erlebnisse
eines demokratischen Landrats (1921)
Als man mir [Anfang 1921] mit überraschender Kühnheit die Verwaltung eines ostpreußischen Kreises, eben des Kreises Rosenberg, übertragen hatte, bestanden die einzigen schweren
Aufgaben, die mir angekündigt wurden, einmal in der Elektrifizierung des Kreises, die auf
Grund der Kriegsfolgen in den Anfängen steckengeblieben war, und zum anderen in der im
Versailler Friedensvertrag vorgesehenen und bald bevorstehenden Regulierung der nicht weniger als 100 Kilometer messenden neuen Grenze gegenüber Polen. Über meinen Vorgänger in
der Verwaltung des Kreises, einen Regierungsrat v. Versen, hatte ich sich widersprechende Urteile gehört. Seine Abberufung sei erfolgt, wie man mir im Ministerium sagte, weil er mit dem
Elektrizitätsproblem nicht fertig wurde; politisch gehe er ganz mit den Vertretern des Großgrundbesitzes zusammen. Von diesen sprach man wie von einer gegnerischen Macht. Die
nutzbare Bodenfläche des rein landwirtschaftlichen Kreises mit seinen rund tausend Quadratkilometern befand sich zu zwei Dritteln in Händen des Großgrundbesitzes, und an ihrer Spitze
stand außer der formidablen Figur des Elard v. Oldenburg auf Januschau eine Reihe adeliger
Herren, die gewohnt waren, dass der Landrat aus ihren Kreisen kam.
Da ich der erste nichtadelige Landrat war, noch dazu nicht aus dem Kreis stammte und einer
Partei angehörte, die links von den Konservativen stand, also nach Ansicht des Landadels nicht
viel anders zu beurteilen war als die Kommunisten, war ich darauf gefasst, von einem Teil der
Kreisbevölkerung nicht gerade begeistert begrüßt zu werden. Aber auf offenen Widerstand war
ich weder vom Ministerium in Berlin noch vom Oberpräsidium in Königsberg, wo ich mich
vorgestellt hatte - der Regierungspräsident wünschte mich später zu empfangen-, vorbereitet
worden. [...] Ich wurde eines Besseren, oder sagen wir eines Schlechteren belehrt. Am Morgen
[...] fand (ich) im Landratsamt [,..] (Kreisobersekretär) Oehlschläger, in seinem Arbeitszimmer
vor und vier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der staatlichen Abteilung der Kreisverwaltung.
Man muss wissen, dass der Landrat eine Doppelfunktion besaß; er war als commissarius regius
Vertreter der Staatsregierung und verfügte in dieser Eigenschaft über ein besonders kleines Büro. Hier war denn auch alles in Ordnung. Aber in seinem zweiten Gebiet, der kommunalen
Selbstverwaltung des Kreises, vergleichbar der Verwaltung einer größeren Stadt, stand dem
Landrat ein erheblicher bürokratischer Apparat mit etwa 40 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen
zur Seite; hier regierte er, wie ein Oberbürgermeister mit seinem Magistrat, als Vorsitzender eines sechsköpfigen Kollegiums, des Kreisausschusses, auf dessen zustimmenden Beschluss er in
allen wichtigen Fragen angewiesen war. Als ich die so genannten Kreisausschussräume betrat,
fand ich eine gespenstische Öde vor. Mit Ausnahme eines einzigen Schreibtisches, an dem ein
verdrossener, unschlüssig aussehender älterer Herr saß, waren alle Arbeitsplätze unbesetzt. Die
Schreibtische waren leer geräumt, die Stühle übereinander gestellt, eine Kreisverwaltung gab es
Oehlschläger, dessen Zuständigkeit mit den staatlichen Räumen ein Ende gefunden hatte, war
mir auf meine Bitte, wenn auch in offensichtlicher Verlegenheit, gefolgt. „Ich würde empfehlen, jetzt das Landratszimmer aufzusuchen", bemerkte er in beherrschtem Ton. Ich ging in den
preußisch-schmucklosen Raum und fand auf dem Schreibtisch eine wohlgeordnete Anzahl
von offen ausgebreiteten Dokumenten. Als ich das erste aufnahm, las ich das Protokoll: „Der
Kreisausschuss hat in seiner Sitzung vom 10. Januar beschlossen, die Beamten und Angestellten des Kreisausschusses bis auf weiteres zu beurlauben."
„Der Kreisausschuss hat [...] beschlossen, das Kreisauto zu verkaufen und es bis dahin unter
Verschluss zu halten."
„Der Kreisausschuss hat [...] beschlossen, die Dienstwohnung des Landrats in dem dem Kreis
gehörigen Hof Rosenberg für den Preis von 400 Mark jährlich Herrn Regierungsrat v. Versen
unabhängig von seiner dienstlichen Verwendung zunächst bis zum 1. Oktober zu vermieten."
„Der Kreisausschuss hat dem sofortigen Ausscheiden des Kreischauffeurs Grablowski aus dem
Kreisdienst zugestimmt." Wie ich bald erfuhr, hatte ihn mein Vorgänger in seinen persönlichen
Dienst übernommen, nicht ohne ihm sein Gehalt aus der Kreiskasse auf drei Monate im Voraus
Ich fragte nach dem Aufenthalt v. Verens, der mir ja eigentlich die Dienstgeschäfte hätte übergeben müssen. Aber weder Oehlschläger noch der verdrossene einsame ältere Herr vermochten Auskunft zu geben. Es gelang mir trotz Fehlens der Telefonistin, den Fernsprechanschluss
mit der Dienstwohnung herzustellen, und eine weibliche Stimme antwortete, v. Versen sei in
Rosenberg gegenwärtig nicht erreichbar. Noch dreimalige Versuche der gleichen Art blieben
ebenso erfolglos. Aus den Schreibtischpapieren entnahm ich, dass v. Versen die Dienstgeschäfte am Vortage dem Kreisdeputierten - einem der beiden nach der Kreisordnung bestimmten
Vertreter des Landrats - einem Herrn v. Puttkamer, Gr. Plauth, übergeben hatte. Ich rief auch
diesen an, erreichte ihn sogar persönlich und bat ihn zur Übergabe der Geschäfte nach Rosenberg zu kommen. „Im Laufe der nächsten Wochen ist es mir unmöglich, nach Rosenberg zu
fahren!" „Dann bitte ich, sie heute Nachmittag in Groß-Plauth aufsuchen zu dürfen." „Auch das
geht nicht, da ich zu verreisen gedenke." Vollends eröffnete mir nunmehr der verdrosseneinsame Herr, Kreisausschussobersekretär Pietzke, der, wie sich jetzt herausstellte, verdächtig
war, links zu stehen, und der daher in das Komplott nicht einbezogen worden war, dass Herr v.
Puttkammer alle sechs Kreisausschussmitglieder ehrenwörtlich verpflichtet hatte, an keiner
von mir einzuberufenden Sitzung teilzunehmen. Ebenso seien die Amtsvorsteher verpflichtet
worden, kein Schreiben von mir zu beantworten. Ein letzter Strohhalm war der vorgesetzte
Regierungspräsident, Graf v. Baudissin, in dem etwa 30 Kilometer entfernten Marienwerder. Er
hatte die Güte, sich mit mir verbinden zu lassen, erklärte aber auf meine Bitte, mich sofort zu
empfangen, er habe jetzt keine Zeit, ich solle am nächsten Tage kommen. Bei meinem Antrittsbesuch war dann Graf v. B. betont formell und höflich. Auf meine Bitte, gegenüber dem offenbaren Boykott zu vermitteln, der die Kreisinteressen und die Staatsinteressen auf das schwerste
gefährdete, erklärte er jedoch, das sei aussichtslos. Ich solle mich für die unangenehme Lage bei
denen bedanken, die mich gegen Baudissins' Rat nach Rosenberg geschickt hätten!
(Fleming, Krohn, Stegmann, Witt (Hrsg.): Die Republik von Weimar, Bd. 1: Das politische System. Düsseldorf
M 7 Politische Morde
(Emil Julius Gumbel: Vier Jahre politischer Mord. Berlin,
Verlag der Neuen Gesellschaft 1923.
Unveränderter Nachdruck Heidelberg, Wunderhorn
1980, S. 81)
M 8 „Es wird ohne Ansehen der Person vorgegangen“
„Ohne Ansehn der Person –
Nämlich, die wo hinten stehn,
kann sie absolut nicht sehn!
Doch das Mäuslein an der Wand
Trifft sie prompt
mit starker Hand!
Rot hat sie noch stets getroffen
Da sind ihre Augen offen!“
(Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn)
Aus welchen sozialen Schichten
stammten das höhere Beamtentum und
Welche Probleme stellten sich bei ei-
ner personellen Erneuerung?
Inwiefern waren die Beamten auf die Grundsätze der Weimarer Republik verpflichtet?
Welche Spielräume blieben ihnen offen?
Welche politische Einstellung und Haltung zeigte sich bei dem Großteil der Beamtenschaft (vor allem der Justiz) gegenüber dem demokratischen Staat?
2.3 Laufzettel
Stati- Zeit
Zusammen- Schwierigon
fact sheet Weimarer Republik - Lise-Meitner
Die Weimarer Republik - Liceo Classico Psicopedagogico Cesare
Gustav Heinemann zur Reichsgründung 1871
Grundfragen der inneren Entwicklung und des Verhältnisses zum
Literatur vor 1914 bis 1945
Die wichtigsten Parteien der Weimarer Republik und
(3) Ende der Reparationen in Lausanne 1932
2481/AB XXI
Die Regierung der Tschechischen Republik begrüßt mit
Gesetzestexte zur Beschäftigung von Fachkräften
Die Deutsche Außenpolitik im Wandel 1871
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