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Timestamp: 2016-10-23 14:29:26
Document Index: 209740982

Matched Legal Cases: ['BGE', 'Art. 82', 'Art. 82', 'Art. 21', 'BGE', 'Art. 6', 'Art. 6', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

U 334/03 (15.11.2004)
K.________, 1954, Beschwerdegegner, vertreten durch Rechtsanwalt Carlo K�hl, Bahnhofstrasse 8, 7000 Chur
K.________, geboren 1954, war als Bauarbeiter (Maschinist, Kranf�hrer) bei der Firma P.________ AG angestellt und bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) obligatorisch gegen die Folgen von Berufs- und Nichtberufsunf�llen sowie Berufskrankheiten versichert. Am 21. Oktober 1984 wurde er von einem Personenwagen angefahren, wobei er sich eine Schulterluxation rechts mit Plexuszerrung sowie eine Radialisparese zuzog. Wegen der Restfolgen dieses Unfalls (insbesondere m�ssige Einschr�nkung der Schulterfunktion rechts, geringe Bewegungseinschr�nkung des rechten Handgelenks und deutliche Krafteinbusse der rechten Hand) sprach ihm die SUVA mit Verf�gung vom 10. April 1986 eine Integrit�tsentsch�digung auf Grund einer Einbusse von 15% zu.
Am 1. Januar 2001 geriet das von K.________ gelenkte Fahrzeug auf der Autobahn aus unbekannten Gr�nden auf die Gegenfahrbahn, streifte einen entgegenkommenden Personenwagen, stiess seitlich-frontal in ein weiteres Automobil, wurde dadurch abgedreht und kollidierte mit einem dritten auf der Gegenfahrbahn herannahenden Fahrzeug. Der Versicherte erlitt ein Polytrauma mit Commotio cerebri (mit Tinnitus), stumpfem Thoraxtrauma, stumpfem Abdominaltrauma mit kleiner Leberruptur sowie eine Luxationsfraktur des unteren Sprunggelenkes (USG) links mit mehrfragment�rem Abriss des Processus lateralis tali (seitlicher Fortsatz des Sprungbeins), oss�rem Ausriss der Peronealsehnenscheiden und Fraktur des Sustentaculum tali des Calcaneus (Wadenbein). Der Heilungsverlauf der Frakturen war komplikationslos (Bericht des Dr. med. R.________, Allgemeine Medizin FMH, vom 28. Mai 2001). Bereits w�hrend der Hospitalisation im Spital C.________ vom 1. Januar bis 25. Januar 2001 waren psychische Beeintr�chtigungen (Anpassungsst�rung, mittelgradige depressive Episode) aufgetreten, die zu einem Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik W.________ vom 25. Januar bis 14. M�rz 2001 Anlass gaben. Die �rzte der Klinik V.________, wo sich der Versicherte vom 23. Juli bis 18. August 2001 zur Rehabilitation aufhielt, best�tigten aus rheumatologischer Sicht eine volle Arbeitsf�higkeit f�r eine leichte, wechselbelastende T�tigkeit und aus psychiatrischer Sicht eine Arbeitsf�higkeit von mindestens 50%. In dem von der SUVA anschliessend eingeholten Gutachten der Psychiatrischen Klinik W.________ vom 21. Februar 2002 wurde eine station�re psychiatrische Behandlung empfohlen, welche vom 14. M�rz bis 25. Juni 2002 stattfand und keine wesentliche Besserung der psychischen Erkrankung brachte (Bericht der Psychiatrischen Klinik W.________ vom 3. Juli 2002). Die �rzte stellten die Hauptdiagnose "F23.22 (recte: F 43.22) Anpassungsst�rung mit Angst und depressiver Reaktion gemischt" und die Nebendiagnose "F68.01 (recte: F68.1) artifizielle St�rung (absichtliches Erzeugen oder Vort�uschung von k�rperlichen oder psychischen Symptomen oder Behinderungen)". Nach einer kreis�rztlichen Abschlussuntersuchung vom 27. August 2002 sprach die SUVA dem Versicherten eine Invalidenrente auf Grund einer Erwerbsunf�higkeit von 20% ab 1. November 2002 sowie eine Integrit�tsentsch�digung bei einer Einbusse von 15% zu (Verf�gung vom 16. Oktober 2002). Dabei ging sie davon aus, dass die psychischen St�rungen nicht in einem ad�quat kausalen Zusammenhang mit dem versicherten Unfall standen und ausschliesslich die organischen Unfallfolgen zu entsch�digen waren. Daran hielt sie mit Einspracheentscheid vom 15. April 2003 fest.
In Gutheissung der hiegegen erhobenen Beschwerde gelangte das Verwaltungsgericht des Kantons Graub�nden zum Ergebnis, dass die f�r die Ad�quanzbeurteilung von psychischen Unfallfolgen massgebenden Kriterien erf�llt seien. Dementsprechend wies es die Sache an die SUVA zur�ck, damit sie �ber den Anspruch auf Invalidenrente und Integrit�tsentsch�digung unter Ber�cksichtigung auch der psychischen Unfallfolgen neu befinde (Entscheid vom 31. Oktober 2003).
Mit Verwaltungsgerichtsbeschwerde beantragt die SUVA, unter Aufhebung des angefochtenen Entscheids sei der Einspracheentscheid vom 15. April 2003 zu best�tigen.
Der Beschwerdegegner schliesst auf Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde. Das Bundesamt f�r Gesundheit (BAG) verzichtet auf Vernehmlassung.
Gem�ss dem in BGE 130 V noch nicht ver�ffentlichten Urteil L. vom 4. Juni 2004, H 6/04, lassen sich aus der �bergangsbestimmung des Art. 82 Abs. 1 des am 1. Januar 2003 in Kraft getretenen Bundesgesetzes �ber den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) vom 6. Oktober 2000, mit Ausnahme der darin besonders geregelten Sachverhalte, keine allgemein g�ltigen intertemporalrechtlichen Schl�sse ziehen. Art. 82 Abs. 1 ATSG hat nur eine beschr�nkte Tragweite und will lediglich F�lle von der Anwendbarkeit des neuen Gesetzes ausnehmen, in welchen �ber die Rechte und Pflichten vor dem 1. Januar 2003 rechtskr�ftig verf�gt worden ist ("... bei seinem Inkrafttreten laufenden Leistungen und festgesetzten Forderungen ..." [Satz 1: Regel]); dies vorbeh�ltlich der Anpassung von rechtskr�ftig verf�gten Leistungsk�rzungen an Art. 21 ATSG mit Wirkung ab 1. Januar 2003 (Satz 2: Ausnahme). In F�llen wie dem vorliegenden, in welchen der Einspracheentscheid der Sozialversicherung zwar nach dem 1. Januar 2003 erlassen worden ist, darin aber auch Sachverhalte beurteilt werden, die vor dem 1. Januar 2003 eingetreten sind, ist entsprechend dem von der Praxis entwickelten intertemporalrechtlichen Grundsatz, wonach in zeitlicher Hinsicht diejenigen Rechtss�tze massgebend sind, die bei Verwirklichung des zu Rechtsfolgen f�hrenden Sachverhalts in Geltung standen (BGE 129 V 4 Erw. 1.2, 169 Erw. 1, 356 Erw. 1, je mit Hinweisen), f�r die Beurteilung der streitigen Verh�ltnisse bis zum 31. Dezember 2002 altes Recht, ab 1. Januar 2003 neues Recht (ATSG) zu Grunde zu legen. Das ATSG hat allerdings an der Bestimmung �ber den Anspruch auf Leistungen der obligatorischen Unfallversicherung (Art. 6 Abs. 1 UVG) und an der Rechtsprechung zu dem f�r die Leistungspflicht des Unfallversicherers vorausgesetzten nat�rlichen und ad�quaten Kausalzusammenhang zwischen dem versicherten Unfall und dem Gesundheitsschaden sowie der damit verbundenen Beeintr�chtigung der Arbeits- bzw. Erwerbsf�higkeit nichts ge�ndert. Die Vorinstanz hat Art. 6 Abs. 1 UVG und die erw�hnte Praxis zutreffend dargelegt. Darauf wird verwiesen.
Gegenstand des vorliegenden Verfahrens bildet allein die Unfallkausalit�t der bestehenden psychischen St�rungen. Dass diese in einem nat�rlichen Kausalzusammenhang mit dem Unfall vom 1. Januar 2001 stehen, wird von der SUVA nicht ausdr�cklich bestritten und ist im Sinne der vorinstanzlichen Erw�gungen mit dem im Sozialversicherungsrecht �blichen Beweisgrad der �berwiegenden Wahrscheinlichkeit (BGE 126 V 360 Erw. 5b, 125 V 195 Erw. 2, je mit Hinweisen) anzunehmen. Streitig und zu pr�fen ist einzig, ob auch die Ad�quanz des Kausalzusammenhangs zu bejahen ist, was sich nach den f�r psychische Unfallfolgen geltenden Kriterien (BGE 115 V 133) beurteilt. Der Fall w�re selbst dann gem�ss dieser Rechtsprechung zu beurteilen, wenn der Beschwerdegegner - wie in der Vernehmlassung zur Verwaltungsgerichtsbeschwerde in Erw�gung gezogen wird - beim Unfall vom 1. Januar 2001 ein Schleudertrauma der Halswirbels�ule (HWS) oder eine diesem �quivalente Verletzung der HWS erlitten h�tte, wof�r sich aus den medizinischen Akten allerdings keine Anhaltspunkte ergeben. Es steht fest, dass schon kurz nach dem Unfall die psychischen Beeintr�chtigungen ganz im Vordergrund gestanden haben, weshalb die Ad�quanzbeurteilung auch bei Annahme eines HWS-Traumas nach den f�r psychische Unfallfolgen geltenden Kriterien zu erfolgen h�tte (BGE 123 V 98).
3.1 Die Vorinstanz hat erwogen, dass es sich beim Unfall vom 1. Januar 2001 um einen schweren bzw. um einen schweren Unfall, der dem mittleren Bereich zuzuordnen sei, handle. Die SUVA bezeichnet den Unfall als mittelschwer mit Hinweis auf die Urteile A. vom 29. Mai 2002, U 220+248/01, und S. vom 12. Februar 2003, U 170/02, des Eidgen�ssischen Versicherungsgerichts. Im zuerst zitierten Fall ging es um eine Frontalkollision zwischen einem Lastwagen und einem Lieferwagen, welcher davor von einem Lastenzug angefahren worden war. Dieser Unfall, der mit dem zur Beurteilung stehenden Sachverhalt nicht durchwegs vergleichbar ist, wurde in Best�tigung der vorinstanzlichen Qualifikation als mittelschwer bezeichnet. Im zweitgenannten Urteil, welchem ein �hnlicher Sachverhalt wie dem vorliegenden Fall zugrunde lag (der Lenker eines Personenwagens ger�t in einem Tunnel auf die Gegenfahrbahn und kollidiert mit mehreren entgegenkommenden Fahrzeugen), hat das Eidgen�ssische Versicherungsgericht die Frage offen gelassen, ob der Unfall als mittelschwer oder als mittelschwer im Grenzbereich zu den schweren Unf�llen zu qualifizieren war. Einen Verkehrsunfall, der sich in einem Tunnel mit drei beteiligten Fahrzeugen ereignete und bei welchem eine Person starb und mehrere weitere Personen verletzt wurden, z�hlte das Gericht zu den schweren F�llen im mittleren Bereich (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 207). Gleich beurteilt wurde eine Mehrfachkollision auf der Autobahn bei einer Geschwindigkeit von rund 80 km/h, wobei es sich beim ersten Zusammenstoss um eine Streifkollision in gleicher Fahrtrichtung mit geringer Geschwindigkeitsdifferenz und bei den anschliessenden Zusammenst�ssen um seitliche und seitlich-frontale Kollisionen handelte (Urteil P. vom 15. Dezember 2000, U 105/00). Im Lichte dieser Rechtsprechung (vgl. auch die �bersichten zur Praxis in RKUV 1995 Nr. U 215 S. 90 und 1999 Nr. U 330 S. 122) ist der Unfall vom 1. Januar 2001, bei welchem der vom Beschwerdegegner gesteuerte Personenwagen mit einer Geschwindigkeit von rund 80 km/h in einem Tunnel auf die Gegenfahrbahn geriet und mit drei entgegenkommenden Fahrzeugen zusammenstiess, der Versicherte mittelschwer verletzt, eine Person get�tet und drei weitere leicht bis schwer verletzt wurden, den schwereren Unf�llen im mittleren Bereich zuzuordnen. F�r die Bejahung des ad�quaten Kausalzusammenhangs gen�gt es daher, wenn ein einziges der unfallbezogenen Beurteilungskriterien erf�llt ist (BGE 115 V 140 Erw. 6c/bb).
3.2 Das kantonale Gericht hat die Ad�quanz des Kausalzusammenhangs mit besonders dramatischen Begleitumst�nden bzw. einer besonderen Eindr�cklichkeit des Unfalls bejaht. Dabei ber�cksichtigte es, dass es sich beim Ereignis vom 1. Januar 2001 um einen mehrfachen heftigen Zusammenprall mit entgegenkommenden Fahrzeugen bei einer Geschwindigkeit von anf�nglich 80 km/h handelte, die Kollision in einem Tunnel mit einem ohrenbet�ubenden Knall verbunden gewesen sein d�rfte, wegen der fehlenden Ausweichm�glichkeiten, der abgeschnittenen Fluchtwege und der Erstickungsgefahr bei Brand bedrohlicher erschien als ein vergleichbares Geschehen auf offener Strasse und der Unfall mehrere Verletzte sowie den Tod eines der beteiligten Fahrzeuglenker zur Folge hatte. Diese Umst�nde sind zwar in die Ad�quanzbeurteilung unter dem Aspekt der besonders dramatischen Begleitumst�nde oder der besonderen Eindr�cklichkeit des Unfalls einzubeziehen (vgl. RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc). Mit der SUVA ist jedoch zu anzunehmen, dass sich der Beschwerdegegner zufolge einer retrograden Amnesie weder an das Unfallereignis selbst, noch an dessen Begleitumst�nde zu erinnern vermag. Ob damit, wie die SUVA annimmt, die genannten Umst�nde von vorneherein keinen wesentlichen Einfluss auf die Psyche des Beschwerdegegners haben konnten, kann dahingestellt bleiben. Es gen�gt festzuhalten, dass das Unfallgeschehen wegen der Amnesie zumindest nicht in gleicher Weise wahrgenommen wurde, wie wenn der Versicherte bei vollem Bewusstsein gewesen w�re. Dem Kriterium der besonders dramatischen Begleitumst�nde oder der besonderen Eindr�cklichkeit des Unfalls kann in solchen F�llen daher nicht die gleiche Bedeutung beigemessen werden (Urteil S. vom 12. Februar 2003, U 170/02). Dem steht nicht entgegen, dass nicht auf das subjektive Erleben des Unfallgeschehens, sondern auf dessen objektive Eignung, bei den Betroffenen psychische Beeintr�chtigungen auszul�sen, abzustellen ist (RKUV 1999 Nr. U 335 S. 209 Erw. 3b/cc). Wegen der Amnesie waren die Umst�nde des Unfalls vom 1. Januar 2001 objektiv nicht oder zumindest nicht in gleicher Weise geeignet, sich auf die psychische Gesundheit auszuwirken. Das Kriterium der besonders dramatischen Begleitumst�nde oder der besonderen Eindr�cklichkeit des Unfalls kann daher nicht als erf�llt gelten.
3.3 Nicht gegeben sind auch die �brigen Ad�quanzkriterien, wovon - allerdings ohne n�here Pr�fung - auch die Vorinstanz ausgeht. Nicht erf�llt ist zun�chst das Kriterium der Schwere oder besonderen Art der erlittenen Verletzungen, insbesondere ihre erfahrungsgem�sse Eignung, psychische Fehlentwicklungen auszul�sen. Der Beschwerdegegner hat beim Unfall vom 1. Januar 2001 lediglich mittelschwere Verletzungen erlitten und es kann auch unter Ber�cksichtigung der Commotio cerebri nicht gesagt werden, es habe sich um k�rperliche Sch�digungen gehandelt, die erfahrungsgem�ss geeignet sind, eine Anpassungsst�rung mit Angst und depressiver Reaktion hervorzurufen. Sodann dauerte die �rztliche Behandlung nicht ungew�hnlich lange. Nach der prim�ren medizinischen Versorgung im Spital C.________ und dem Rehabilitationsaufenthalt in der Klinik V.________ vom 23. Juli bis 18. August 2001 wurde der Versicherte mit der Empfehlung, das instruierte Heimprogramm durchzuf�hren, nach Hause entlassen; eine ambulante Physiotherapie oder medizinische Trainingstherapie (MTT) wurde als nicht mehr erforderlich betrachtet. Die folgenden medizinischen Massnahmen dienten in erster Linie der Behandlung der psychischen St�rungen, was im Rahmen der Ad�quanzbeurteilung unber�cksichtigt zu bleiben hat. Weil die gesundheitlichen Beeintr�chtigungen, die �rztliche Behandlung und die Einschr�nkung der Arbeitsf�higkeit schon kurze Zeit nach dem Unfall �berwiegend psychisch bedingt waren, liegen auch die Kriterien der k�rperlichen Dauerschmerzen und von Grad und Dauer der physisch bedingten Arbeitsunf�higkeit nicht vor. Schliesslich fehlen jegliche Anhaltspunkte f�r eine �rztliche Fehlbehandlung, welche die Unfallfolgen erheblich verschlimmert hat, oder f�r einen schwierigen Heilungsverlauf und erhebliche Komplikationen. Somit kann keines der massgebenden Kriterien als erf�llt gelten, weshalb der ad�quate Kausalzusammenhang mit der Feststellung zu verneinen ist, dass dem Unfall vom 1. Januar 2001 keine massgebende Bedeutung f�r die Entwicklung der psychischen Erkrankungen zukommt. Der Einspracheentscheid vom 15. April 2003 ist daher zu best�tigen.
In Gutheissung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde wird der Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Graub�nden vom 31. Oktober 2003 aufgehoben.