Source: http://www.rechtslupe.de/strafrecht/fristversaeumnis-und-verteidigerverschulden-3112988?pk_campaign=feed&pk_kwd=missbrauch-berufsbezeichnungen-nazi
Timestamp: 2016-09-27 17:15:08
Document Index: 350662375

Matched Legal Cases: ['§ 345', 'Art. 6', '§ 346', 'Art. 6', 'EGMR', '§ 143']

Das Fristversäumnis des Pflichtverteidigers | Rechtslupe
Rechtslupe » Kanzlei und Beruf » Strafrecht » Das Fristversäumnis des Pflichtverteidigers
Das Fristversäumnis des Pflichtverteidigers	12. August 2016 | Kanzlei und Beruf, StrafrechtGeschätzte Lesezeit: 3 Minuten	Beruht die Versäumung der Frist (hier: zur Begründung der Revision des Angeklagten nach § 345 Abs. 1 StPO) auf einem Verteidigerverschulden, ist dies dem Angeklagten nicht zuzurechnen. Dies gilt insbesondere auch bei einem “arbeitsunwilligen” Pflichtverteidiger.
Es handelt sich um einen Fall des “offenkundigen Mangels” der Verteidigung durch den Pflichtverteidiger, welcher den Anspruch des Angeklagten auf eine wirksame Verteidigung gemäß Art. 6 Abs. 3 Buchst. c EMRK verletzt1. Die Verteidigung darf nicht nur formal bestehen.
Nachdem der vom Gericht bestellte Verteidiger im hier vom Bundesgerichtshof entschiedenen Fall namens und im Auftrag des Angeklagten Revision eingelegt hatte, war er mangels Bildung und Bestätigung eines Rücknahmewillens durch den Angeklagten auch verpflichtet, das Rechtsmittel form- und fristgerecht zu begründen. Darauf durfte der Angeklagte trotz des Umstands, dass der Verteidiger bereits im vorangegangenen Revisionsverfahren die Revision nicht (fristgemäß) begründet hatte, auch vertrauen, zumal es aus seiner Sicht – wie es sich seinem Schreiben vom 20.04.2015 entnehmen lässt – keinen Anhalt dafür gab, dass der Verteidiger die Revision nicht ordnungsgemäß begründen würde. Ungeachtet dieser Verpflichtung ist der bestellte Verteidiger untätig geblieben; er hat damit ihm dem Angeklagten gegenüber obliegende Pflichten verletzt und damit dessen Recht auf effektive Verteidigung verletzt.
Auch die Versäumung der Frist zur Nachholung der ursprünglich versäumten Handlung geht auf ein Verschulden des Pflichtverteidigers zurück, das dem Angeklagten nicht zuzurechnen ist. Er hat in Kenntnis seines eigenen Versäumnisses auf die Zustellung des landgerichtlichen Revisionsverwerfungsbeschlusses, die die Frist zur Nachholung der Revisionsbegründung in Gang setzte, nicht reagiert, weshalb die einwöchige Frist ungenutzt verstrichen ist. Er hat auch in der Folge weder auf Anschreiben der Staatsanwaltschaft noch auf die Übersendung des Antrags des Generalbundesanwalts nach § 346 Abs. 2 StPO noch auf eine telefonische Nachfrage des Bundesgerichtshofs Bemühungen unternommen, die Verteidigung des Angeklagten durch Nachholung der Revisionsbegründung und Stellung eines Antrags auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand sicherzustellen.
Die dem Landgericht erkennbare Verletzung von Verteidigungsrechten durch den staatlich bestellten Verteidiger verstößt gegen die Gewährleistung aus Art. 6 Abs. 3 Buchst. c EMRK und hätte – zur Gewährleistung eines fairen Verfahrens – im Verfahren vor dem Landgericht zur Entpflichtung des Rechtsanwalts und Beiordnung eines neuen Pflichtverteidigers führen müssen2. Im Revisionsverfahren ist – nachdem der Angeklagte nunmehr einen Wahlverteidiger beauftragt hat – von Amts wegen Wiedereinsetzung in die Frist zur Nachholung der Revisionsbegründung und in die Frist zur Begründung der Revision zu gewähren.
Bundesgerichtshof, Beschluss vom 28. Juni 2016 – 2 StR 265/15
vgl. EGMR, Urteil vom 10.10.2002 – Nr. 38830/97, NJW 2003, 1229, 1230↩
vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, StPO, 59. Aufl., § 143 Rn. 4↩
Weitere Informationen:Die verzögerte Pflichtverteidigerbestellung – und dieDie versäumte Revisionsbegründungsfrist – und das…Die unterbliebene Beiordnung eines Pflichtverteidigers…Der Pflichtverteidiger, die Revisionsbegründungsfrist und…Anwaltswechsel im Revisionsverfahren – und die…Notwendige Verteidigung – und der verspätet…	Weiterlesen auf der Rechtslupe:
Themenseiten zu diesem Artikel: Fristenkontrolle, Pflichtverteidiger, Strafverfahren, Wiedereinsetzung	Weitere Beiträge aus diesem Rechtsgebiet: Kanzlei und Beruf | Strafrecht
Leser dieses Artikels lasen auch:Richterwechsel – und der Grundsatz der Unmittelbarkeit… Ein Richterwechsel nach einer Beweisaufnahme erfordert jedoch nicht grundsätzlich deren Wiederholung. So können frühere Zeugenaussagen im Wege des Urkundenbeweises durch Auswertung des Vernehmungsprotokolls verwertet werden.…