Source: http://m.hensche.de/Massenentlassungsanzeige_fehlerhaft_keine_Heilung_einer_fehlerhaften_Massenentlassungsanzeige_durch_Bescheid_der_Arbeitsagentur_LAG_Duesseldorf_12Sa1321-10.html
Timestamp: 2017-02-27 11:08:28
Document Index: 110713267

Matched Legal Cases: ['§ 17', '§ 125', '§ 18', '§ 187', '§ 20', '§ 17', '§ 102', '§ 102', '§ 125', '§ 125', '§ 1', '§ 125', '§ 138', '§ 125', '§ 17']

HENSCHE Arbeitsrecht: 12 Sa 1321/10
Der Ver­s­toß ge­gen die Muss­vor­schrift des § 17 Abs. 3 Satz 2, 3 KSchG hat die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung zur Fol­ge. Un­er­heb­lich ist, dass die Agen­tur für Ar­beit die ihr (nicht ord­nungs­gemäß) an­ge­zeig­te Mas­sen­ent­las­sung nicht be­an­stan­det hat.
Arbeitsgericht Solingen, Urteil vom 24.06.2010, 1 Ca 649/09 lev Nachgehend Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 28.06.2012, 6 AZR 780/10
1 Ca 649/09 lev Ar­beits­ge­richt So­lin­gen Verkündet am 10. No­vem­ber 2010
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte P., L. & Kol­le­gen,L.-C.-Str. 11, M.,
Pro­zess­be­vollmäch­tig­te: Rechts­anwälte L. & A.,D.-U.-Str. 1, E.,
hat die 12. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 10.11.2010durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Dr. Plüm als Vor­sit­zen­den so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Gei­sen und den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Ur­ba­ni­ak
T A T B E S T A N D : Die Par­tei­en strei­ten über die Rechts­wirk­sam­keit ei­ner or­dent­li­chen ar­beit­ge­ber­sei­ti­gen Kündi­gung vom 11.03.2009, die der Be­klag­te nach ei­nem In­ter­es­sen­aus­gleich mit Na­mens­lis­te aus­ge­spro­chen hat.Der Kläger be­strei­tet die ord­nungs­gemäße Anhörung des Be­triebs­rats. Des Wei­te­ren be­an­stan­det er die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge. Sch­ließlich stellt er die Be­triebs­be­dingt­heit der Kündi­gung in Ab­re­de und hält die Bil­dung des aus­wahl­re­le­van­ten Per­so­nen­krei­ses für grob feh­ler­haft.Der Be­klag­te be­ruft sich dem­ge­genüber auf die durch § 125 Abs. 1 Satz 1 In­sO be­gründe­te Ver­mu­tung der Be­triebs­be­dingt­heit der Kündi­gung und die auf gro­be Feh­ler­haf­tig­keit be­schränk­te So­zi­al­aus­wahl­kon­trol­le. Er macht gel­tend, den Be­triebs­rat münd­lich und schrift­lich zur Kündi­gung an­gehört zu ha­ben. Sch­ließlich ver­tei­digt er die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge als ord­nungs­gemäß und hält den Einwänden des Klägers ent­ge­gen, dass die zuständi­ge Agen­tur für Ar­beit der Mas­sen­ent­las­sung zu­ge­stimmt hat.
Der Kläger, am 11.5.1970 ge­bo­ren, le­dig, trat am 23.10.1990 als Che­mie­fach­wer­ker in die Diens­te der U. GmbH M., Rechts­vorgänge­rin der U. G. GmbH. Gemäß Über­lei­tungs­ver­trag vom 08.08.2007 ging das Ar­beits­verhält­nis auf die U. G. Ser­vices GmbH über. Die U. G. Ser­vices GmbH ist in­ner­halb der U. G. Grup­pe, die Brems­beläge für Per­so­nen­kraft­wa­gen und Nutz­fahr­zeu­ge her­stellt, im We­sent­li­chen mit dem Ver­trieb der Pro­duk­te im Er­satz­teil­markt be­fasst und nimmt für die Grup­pe die Auf­ga­ben der For­schung und Ent­wick­lung wahr. Der Kläger war seit dem Jahr 1997 als Ver­suchs­fah­rer in der Ab­tei­lung R&D Ve­hi­cle Tes­ting (Fahr­ver­such) im Be­reich Pas­sen­ger Cars tätig.Die U. G. Ser­vices GmbH beschäftig­te zu­letzt ca. 544 Ar­beit­neh­mer, da­von 445 im Be­trieb M..
Mit For­mu­lar­schrei­ben vom 25.02.2009 zeig­te die Schuld­ne­rin bei der Agen­tur für Ar­beit die Mas­sen­ent­las­sung von 37 Mit­ar­bei­tern an. In ei­ner der An­zei­ge bei­gefügten Lis­te sind die Mit­ar­bei­ter oh­ne Na­mens­nen­nung nach Ge­schlecht, Staats­an­gehörig­keit, Al­ter, Fa­mi­li­en­stand, Beschäfti­gungs­ort, Be­ruf, zu­letzt aus­geübte Tätig­keit und Ein­stel­lungs­jahr bei An­ga­be des 27.02.2009 als vor­ge­se­he­nem Kündi­gungs­da­tum auf­geführt. Der Kläger ist in der Lis­te un­ter Nr. 19 er­fasst.Die Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge ging bei der Agen­tur für Ar­beit Ber­gisch-Glad­bach (nach­fol­gend: AfA) per Fax am 26.02.2009, 11:48 Uhr ein. Mit Schrei­ben vom 26.02.2009 an die Schuld­ne­rin bestätig­te die AfA den Ein­gang der An­zei­ge. Wei­ter heißt es: „Da­mit be­ginnt die in § 18 Abs. 1 KSchG fest­ge­setz­te Frist von ei­nem Mo­nat am 27.02.2009 und en­det am 26.03.2009 (§§ 187 Abs. 1, 188 Abs. 2 BGB). In­ner­halb die­ser Frist wer­den Kündi­gun­gen nur mit Zu­stim­mung des in § 20 KSchG be­zeich­ne­ten Ent­schei­dungs­trägers wirk­sam. ...“Am 26.02.2009, 17:00 Uhr, ging der AfA per Fax ein von der Be­triebs­rats­vor­sit­zen­den Frau B. un­ter­zeich­ne­tes Schrei­ben vom 26.02.2009 (Bl. 186 GA) zu, wo­nach „der Be­triebs­rat der U. G. Ser­vices GmbH darüber in­for­miert (wur­de), dass ein An­trag auf Ent­las­sun­gen gemäß § 17 Kündi­gungs­schutz­ge­setz an die Agen­tur für Ar­beit ge­sen­det wur­de.“ Eben­falls am 26.02.2009 um 20:04 Uhr er­hielt die AfA per Fax ei­nen „In­ter­es­sen­aus­gleich vom 23./ 24.02.2009“. Da­bei han­delt es sich nicht um den zwi­schen der Schuld­ne­rin und dem Be­triebs­rat am 24.02.2009 ab­ge­schlos­se­nen In­ter­es­sen­aus­gleich, son­dern um den im Schwes­ter­un­ter­neh­men U. G. GmbH mit dem dor­ti­gen Be­triebs­rat ge­schlos­se­nen In­ter­es­sen­aus­gleich. Wei­te­re Un­ter­kla­gen ließen die Schuld­ne­rin bzw. der Be­klag­te der AfA im Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge­ver­fah­ren nicht zu­kom­men.
Der Be­klag­te be­haup­tet:In den Gesprächen mit dem Be­triebs­rat am 23.02.2009 sei das Anhörungs­ver­fah­ren nach § 102 Be­trVG mit den Ver­hand­lun­gen über den In­ter­es­sen­aus­gleich ver­bun­den wor­den. In der 44 Ar­beit­neh­mer um­fas­sen­den Na­mens­lis­te sei­en noch die Mit­ar­bei­ter E., G., K. und O., die ihr Ar­beits­verhält­nis be­reits selbst gekündigt hat­ten (was un­strei­tig ge­wor­den ist) und vor dem 01.03.2009 aus­ge­schie­den wa­ren, ent­hal­ten ge­we­sen. In der Mas­sen­ent­las­sungs­zei­ge sei­en die­se vier Mit­ar­bei­ter und wei­te­re drei Mit­ar­bei­ter nicht mehr berück­sich­tigt wor­den. Dies führe – so meint der Be­klag­te – nicht zur Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung.
E N T S C H E I D U N G S G R Ü N D E : Die Be­ru­fung des Be­klag­ten hat kei­nen Er­folg. Die Kündi­gung vom 11.03.2009 ist rechts­un­wirk­sam und hat da­her das Ar­beits­verhält­nis nicht auf­gelöst.
Hin­sicht­lich der i. S. v § 102 Be­trVG ord­nungs­gemäßen Anhörung des Be­triebs­rats gilt ei­ne ab­ge­stuf­te Dar­le­gungs­last (BAG, Ur­teil vom 23.06.2005 – 2 AZR 193/04 – Ju­ris Rn. 13). Hat der Ar­beit­ge­ber ei­ne ord­nungs­gemäße Be­triebs­rats­anhörung im De­tail schlüssig dar­ge­legt, ist es Sa­che des Ar­beit­neh­mers, kon­kret zu be­an­stan­den, in wel­chen Punk­ten er die Be­triebs­rats­anhörung für feh­ler­haft hält. Er­gibt sich im Pro­zess aus den Dar­le­gun­gen des Ar­beit­ge­bers, dass die Anhörung des Be­triebs­rats ord­nungs­gemäß er­folgt ist, darf sich der Ar­beit­neh­mer nicht dar­auf be­schränken, die ord­nungs­gemäße Be­triebs­rats­anhörung wei­ter pau­schal mit Nicht­wis­sen zu be­strei­ten; viel­mehr hat er sei­ner­seits dar­zu­tun, ob der Be­triebs­rat ent­ge­gen der Be­haup­tung des Ar­beit­ge­bers über­haupt nicht an­gehört wor­den sei oder in wel­chen Punk­ten die Be­triebs­rats­anhörung für falsch oder für un­vollständig ge­hal­ten wer­de (BAG 20.09.2006 – 6 AZR 219/06 – Ju­ris Rn. 22, BAG 24.04.2008 – 8 AZR 520/07 – Ju­ris Rn. 25).In die­sem Zu­sam­men­hang ist zu be­ach­ten, dass es ei­ner nähe­ren Dar­le­gung der Kündi­gungs­gründe durch den Ar­beit­ge­ber nicht be­darf, wenn der Be­triebs­rat bei Ein­lei­tung des Anhörungs­ver­fah­rens be­reits über den er­for­der­li­chen Kennt­nis­stand verfügt, um zu der kon­kret be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung ei­ne sach­ge­rech­te Stel­lung­nah­me ab­ge­ben zu können (BAG 23.10.2008 – 2 AZR 163/07 – Ju­ris Rn. 21). So pfle­gen dem Ab­schluss ei­nes In­ter­es­sen­aus­gleichs, der mit ei­ner Na­mens­lis­te der zu kündi­gen­den Ar­beit­neh­mer ver­bun­den ist, länge­re Ver­hand­lun­gen vor­an­zu­ge­hen, auf Grund de­rer beim Be­triebs­rat er­heb­li­che Vor­kennt­nis­se über die vom Ar­beit­ge­ber gel­tend ge­mach­ten Kündi­gungs­gründe und auch die viel­leicht mit dem Be­triebs­rat zu­sam­men vor­ge­nom­me­ne So­zi­al­aus­wahl vor­han­den sein können. Die dem Be­triebs­rat aus die­sen Ver­hand­lun­gen be­kann­ten Tat­sa­chen muss der Ar­beit­ge­ber im Anhörungs­ver­fah-
1. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 125 Abs. 1 In­sO sind erfüllt. Es liegt ei­ne Be­triebsände­rung vor, de­rent­we­gen ein wirk­sa­mer In­ter­es­sen­aus­gleich zwi­schen dem Be­klag­ten und dem Be­triebs­rat ab­ge­schlos­sen wur­de und in dem die Kläge­rin na­ment­lich als zu kündi­gen­de Ar­beit­neh­me­rin auf­geführt ist. Der In­ter­es­sen­aus­gleich (Sei­te 7) sieht die Re­du­zie­rung der Pro­jek­te und Tests und den Ab­bau u. a. des Ar­beits­plat­zes des Klägers vor (Bl. 95 GA). Da­mit ist der Kläger von den im In­ter­es­sen­aus­gleich ge­nann­ten Maßnah­men be­trof­fen. Die dar­aus fol­gen­de ge­setz­li­che Ver­mu­tung, die Kündi­gung sei aus be­triebs­be­ding­ten Gründen ge­recht­fer­tigt, hat der Kläger nicht wi­der­legt.Zwar ist nicht zu über­se­hen, dass in der Pra­xis die Veräußerung ei­nes in­sol­ven­ten Be­triebs da­durch ermöglicht bzw. gefördert wird, dass durch weit­rei­chen­den und ge­ziel­ten Per­so­nal­ab­bau der Be­trieb für po­ten­ti­el­le Er­wer­ber „in­ter­es­sant“ ge­macht wird und das In­stru­men­ta­ri­um des § 125 In­sO ge­le­gent­lich recht forsch ein­ge­setzt wird, um ei­nen an­sch­ließen­den, u. U. be­reits vor­her ab­ge­spro­che­nen Be­triebsüber­gang in Sze­ne zu set­zen. Das ist je­doch nach höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung (vgl. BAG 20.09.2006 – 6 AZR 249/05 – Ju­ris 26 ff./33, [zu § 1 Abs. 5 KSchG] BAG 06.09.2007 – 2 AZR 715/06 – Ju­ris Rn. 25 ff.) im An­satz we­der ein­fach- noch ver­fas­sungs­recht­lich zu be­an­stan­den. Denn ge­gen die ge­setz­li­che Ver­mu­tung des § 125 Abs. 1 Satz 1 In­sO bleibt der Be­weis des Ge­gen­teils zulässig (BAG 23.10.2008 – 2 AZR 163/07 – Ju­ris Rn. 38, 26.04.2007 – 8 AZR 695/05 – Ju­ris Rn. 58). Wenn da­zu sub­stan­ti­ier­ter Tat­sa­chen­vor­trag ge­for­dert wird, der den ge­setz­lich ver­mu­te­ten Um­stand nicht nur in Zwei­fel zieht, son­dern aus­sch­ließt, so kom­men dem Ar­beit­neh­mer doch bei der Führung des Ge­gen­be­wei­ses Er­leich­te­run­gen zu­gu­te, wenn es sich um Ge-
scheh­nis­se aus dem Be­reich des Ar­beit­ge­bers han­delt. Hier min­dert sich die Dar­le­gungs­last des Ar­beit­neh­mers durch ei­ne sich aus § 138 Abs. 1 und 2 ZPO er­ge­ben­de Mit­wir­kungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers. Die Ver­mu­tung der Be­triebs­be­dingt­heit der Kündi­gung ist als wi­der­legt an­zu­se­hen, wenn, was un­ter den vor­erwähn­ten Er­leich­te­run­gen dar­zu­le­gen und zu be­wei­sen ist, der nach dem In­ter­es­sen­aus­gleich in Be­tracht kom­men­de be­triebs­be­ding­te Grund nicht vor­liegt, weil das Beschäfti­gungs­bedürf­nis in Wirk­lich­keit nicht weg­ge­fal­len ist. Das kann et­wa der Fall sein, wenn die Ar­beit nach wie vor vor­han­den ist, gekündig­te Ar­beit­neh­mer durch an­de­re Ar­beit­neh­mer, bei­spiels­wei­se durch Leih­ar­beit­neh­mer er­setzt wer­den (BAG 12.03.2009 – 2 AZR 418/07 – Ju­ris Rn. 23 f., 28, APS/Dörner, 3. Aufl., § 125 In­sO Rn. 22 ff.).Sol­cher Vor­trag ist im Streit­fall vom Kläger nicht ge­kom­men.
2. Der Be­klag­te braucht zur Recht­fer­ti­gung der Kündi­gung kei­ne wei­te­renTat­sa­chen vor­zu­tra­gen. Der Kläger hat sei­ner­seits auch nicht näher dar­ge­tan, dass ein für ihn ge­eig­ne­ter und frei­er Ar­beits­platz vor­han­den ge­we­sen wäre.
1. Das Ar­beits­ge­richt hat die Un­wirk­sam­keit aus § 17 Abs. 3 Satz 4 KSchG und dem ar­beits­markt­po­li­ti­schen Zweck der Vor­schrift her­ge­lei­tet.Rich­tig ist, dass der Be­klag­te ent­ge­gen der in der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge an­ge­zeig­ten 37 Ent­las­sun­gen tatsächlich 40 Ent­las­sun­gen vor­nahm. Al­ler­dings fiel der Kläger nach der bei­gefügten Lis­te als Nr. 13 un­ter die 37 zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer, so dass die AfA in­so­weit durch die fal­sche An­ga­be der zu ent­las­sen­den Ar­beit­neh­mer nicht in ih­rer sach­li­chen Prüfung be­ein­flusst wur­de, ob vor­aus­schau­end Ar­beits­ver­mitt­lungs- und an­de­re ar­beits­markt­po­li­ti­sche Maßnah­men im Hin­blick auf die mögli­che Ar­beits­lo­sig­keit des Klägers und der wei­te­ren 36 Ar­beit­neh­mer ein­zu­lei­ten sei­en (vgl. BAG 28.05.2009 – 8 AZR 273/08 – Ju­ris Rn. 62 ff., LAG Rhein­land-Pfalz 15.01.2008 - 3 Sa 634/07 – Ju­ris Rn. 79).
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