Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_krankheitsbedingte_Kuendigung_Betriebsrat_Anhoerung_LAG_Hamm_15Sa302-10.html
Timestamp: 2018-04-22 14:15:13
Document Index: 343787458

Matched Legal Cases: ['§ 84', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 4', '§ 102', '§ 102', '§ 102', '§ 102', '§ 102', '§ 187', '§ 188', '§ 187', '§ 193', '§ 102', '§ 102']

HENSCHE Arbeitsrecht: 15 Sa 302/10
Akten­zeichen: 15 Sa 302/10
Ent­scheid­ungs­datum: 05.08.2010
Vor­ins­tan­zen: Arbeitsgericht Iserlohn, Urteil 17.11.2009, 5 Ca 1370/09
5 Ca 1370/09
Verkündet am 05.08.2010
Wulf-Rei­zig
Re­gie­rungs­beschäftig­te als Ur­kunds­be­am­tin der
Auf die Be­ru­fung des Klägers wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn vom 17.11.2009 - 5 Ca 1370/09 - ab­geändert und fest­ge­stellt, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 14.04.2009 außer­or­dent­lich mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 30.11.2009 auf­gelöst wor­den ist.
Die Par­tei­en strei­ten um die Wirk­sam­keit der Kündi­gung, wel­che die Be­klag­te dem Kläger mit Schrei­ben vom 14.04.2009 zum 30.11.2009 aus­ge­spro­chen hat.
Der am 04.04.1952 ge­bo­re­ne und le­di­ge Kläger ist seit dem 01.01.1989 bei der Be­klag­ten beschäftigt, bei der re­gelmäßig mehr als 10 Ar­beit­neh­mer tätig sind. Im Be­trieb der Be­klag­ten ist ein Be­triebs­rat gewählt. Der Kläger er­hielt zu­letzt ein durch­schnitt­li­ches Brut­to­mo­nats­ent­gelt von 2.853,74 Eu­ro. Der Kläger ist schwer­be­hin­dert mit ei­nem Grad der Be­hin­de­rung von 100. Der Kläger ist nach den Be­stim­mun­gen des Man­tel­ta­rif­ver­tra­ges für die Ar­beit­neh­mer des Ei­sen-, Me­tall-, Elek­tro- und Zen­tral­hei­zungs­in­dus­trie NW nicht mehr or­dent­lich künd­bar.
Die Par­tei­en ha­ben im Ver­fah­ren 15 Sa 848/08 am 16.10.2008 vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm ei­nen Ver­gleich ge­schlos­sen, in dem es u.a. heißt:
„Die Be­klag­te ver­pflich­tet sich, den Kläger be­hin­der­ten­ge­recht im Wa­ren­ver­teil­zen­trum der Be­klag­ten zu beschäfti­gen."
Am 20.10.2008 nahm der Kläger die Ar­beit im Wa­ren­ver­teil­zen­trum der Be­klag­ten auf. Die ver­pack­ten und kom­mis­sio­nier­ten Pa­ke­te wer­den dort über ein Trans­port­band an den so­ge­nann­ten Scan­ner­platz geführt, an dem die Pa­ke­te ge­scannt und ge­wo­gen wer­den. Darüber hin­aus ist mit Hil­fe ei­nes Com­pu­ters ein Adress­auf­kle­ber aus­zu­dru­cken, der am Pa­ket an­ge­bracht wer­den muss. So­dann wird das Pa­ket über ein so­ge­nann­tes Sam­mel­band zum En­de des Trans­port­ban­des ge­scho­ben. Die­se Tätig­kei­ten, die 2/3 der Ar­beits­zeit aus­ma­chen, kann der Kläger im Sit­zen vor­neh­men. Zu be­stimm­ten Zei­ten muss der Kläger auf­ste­hen, an das En­de des Sam­mel­ban­des ge­hen und die dort lie­gen­den Pa­ke­te auf Pa­let­ten sta­peln, wel­che sich in ei­nem Ra­di­us von et­wa 5 Me­tern vom Trans­port­band be­fin­den. Klei­ne und leich­te Pa­ke­te muss er oh­ne Hilfs­mit­tel auf ei­ne Pa­let­te le­gen, während für schwe­re Pa­ke­te ei­ne He­be­hil­fe ge­nutzt wer­den kann, die sich in un­mit­tel­ba­rer Nähe des Sam­mel­ban­des be­fin­det und mit Un­ter­druck ar­bei­tet. Die ge­hen­den und ste­hen­den Tätig­kei­ten ma­chen 1/3 der Ar­beits­zeit des Klägers aus.
In der Zeit vom 27.10.2008 bis zum 02.11.2008 war der Kläger ar­beits­unfähig krank. Im An­schluss an die Ar­beits­unfähig­keit leg­te der Kläger der Be­klag­ten ein Schrei­ben sei­nes be­han­deln­den Arz­tes Dr. H4 vom 27.10.2008 vor, in dem die­ser at­tes­tier­te, dass der Kläger auf Dau­er nur noch in der La­ge sei, ei­ne sit­zen­de Tätig­keit aus­zuüben; ein Orts­wech­sel sei un­be­dingt zu ver­mei­den. Ab dem 03.11.2008 wei­ger­te der Kläger sich, auf­zu­ste­hen und das Pa­ket­band leer­zuräum­en. Nach mehr­fa­cher Wei­ge­rung, die­se Tätig­kei­ten im Wa­ren­ver­teil­zen­trum zu ver­rich­ten, schick­te die Be­klag­te den Kläger nach Hau­se. Zwi­schen dem 21.11.2008 und dem 02.01.2009 be­fand der Kläger sich im Er­ho­lungs­ur­laub. Nach Wie­der­auf­nah­me der Ar­beit am 05.01.2009 wei­ger­te sich der Kläger er­neut, auf­zu­ste­hen und das Pa­ket­band leer­zuräum­en. Am 30.01.2009 er­schien der Kläger zur Ar­beit, wei­ger­te sich aber auf­zu­ste­hen. Er wur­de dar­auf­hin von der Be­klag­ten nach Hau­se ge­schickt und nahm sei­ne Ar­beit seit­dem nicht mehr auf. Die Be­klag­te schick­te den Kläger dar­auf­hin wie­der nach Hau­se. Vom 16.02.2009 bis zum 27.03.2009 leg­te er der Be­klag­ten Ar­beits­unfähig­keits­be­schei­ni­gun­gen vor.
Be­reits am 23.01.2009 hat­te im Rah­men des Präven­ti­ons­ver­fah­rens nach § 84 Abs. 1 SGB IX ein Gespräch statt ge­fun­den, an dem Ver­tre­ter der Be­klag­ten, ein Be­vollmäch­tig­ter des Klägers, der Be­triebs­rat, die Schwer­be­hin­der­ten­ver­tre­tung der
Be­klag­ten, ein Ver­tre­ter des Ar­beits­me­di­zi­ni­schen Diens­tes H5, ei­ne Ver­tre­te­rin des In­ge­nieur­fach­diens­tes des Land­schafts­ver­ban­des West­fa­len-Lip­pe - In­te­gra­ti­ons­amt West­fa­len -, ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für be­hin­der­te Men­schen im Be­reich des Märki­schen Krei­ses und ei­ne Ver­tre­te­rin des Land­schafts­ver­ban­des West­fa­len-Lip­pe - In­te­gra­ti­ons­amt West­fa­len - teil­nah­men. Da­bei führ­te der Ar­beits­me­di­zi­ner aus, nach dem At­test des be­han­deln­den Arz­tes Dr. H4 sei es aus­sch­ließlich möglich, den Kläger im Sit­zen zu beschäfti­gen. Bei ei­ner an­sch­ließen­den Be­ge­hung des Ar­beits­plat­zes stell­te die be­ra­ten­de In­ge­nieu­rin, Frau B2, im Rah­men ei­ner fach­dienst­li­chen Stel­lung­nah­me fest, dass der An­teil der sit­zen­den Tätig­keit mit 66 % ein­zu­stu­fen ist. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten die­ser Stel­lung­nah­me wird auf Blatt 38 - 40 der Ak­ten Be­zug ge­nom­men.
Auf An­trag der Be­klag­ten er­teil­te das In­te­gra­ti­ons­amt beim Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe mit Schrei­ben vom 06.04.2009 die Zu­stim­mung zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses des Klägers mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 30.11.2009. We­gen der Ein­zel­hei­ten die­ses Zu­stim­mungs­schrei­bens, das der Be­klag­ten am 06.04.2009 zu­ging, wird auf Blatt 41 der Ak­ten Be­zug ge­nom­men.
Mit Schrei­ben vom 06.04.2009 in­for­mier­te die Be­klag­te den Be­triebs­rat über die be­ab­sich­tig­te außer­or­dent­li­che Kündi­gung des Klägers mit so­zia­ler Aus­lauf­frist. We­gen der Ein­zel­hei­ten des Anhörungs­schrei­bens, das dem Be­triebs­rat am 06.04.2009 zu­ging, wird auf Blatt 42 - 45 der Ak­ten Be­zug ge­nom­men. Der Be­triebs­rat hat zur Kündi­gungs­ab­sicht der Be­klag­ten kei­ne Stel­lung­nah­me ab­ge­ge­ben.
Mit Schrei­ben vom 14.04.2009, wel­ches nach dem Sach­vor­trag der Be­klag­ten am 14.04.2009 in den Brief­kas­ten des Klägers ein­ge­wor­fen wor­den ist, erklärte die Be­klag­te dem Kläger die außer­or­dent­li­che Kündi­gung mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 30.11.2009. Hier­ge­gen rich­tet sich die am 16.04.2009 beim Ar­beits­ge­richt Iser­lohn ein­ge­gan­ge­ne Fest­stel­lungs­kla­ge.
Der Kläger hat vor­ge­tra­gen, die Kündi­gung vom 14.04.2009 sei sei­ner Auf­fas­sung nach rechts­un­wirk­sam. Die Be­klag­te ha­be im Ver­gleich vom 16.10.2008 die Ver­pflich­tung über­nom­men, ihn be­hin­der­ten­ge­recht im Wa­ren­ver­teil­zen­trum zu beschäfti­gen. Der ihm zu­ge­wie­se­ne Ar­beits­platz wer­de die­sen An­for­de­run­gen nicht ge­recht. Die Be­klag­te ha­be da­mit den Ver­gleich nicht erfüllt. Zu­dem sei nicht er­sicht­lich, dass die Be­klag­te die Frist des § 626 Abs. 2 BGB ein­ge­hal­ten. Sch­ließlich sei der Be­triebs­rat nicht ord­nungs­gemäß an­gehört wor­den.
fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 14.04.2009, außer­or­dent­lich mit so­zia­ler Aus­lauf­frist bis zum 30.11.2009, auf­gelöst wor­den ist.
Sie hat vor­ge­tra­gen, der Kläger sei nicht in der La­ge, sei­ne Ar­beits­leis­tung im Wa­ren­ver­teil­zen­trum zu er­brin­gen. Die von ihm ge­schul­de­ten Ar­beits­leis­tun­gen sei­en we­der ver­schieb­bar noch zeit­lich streck­bar. Der Aus­fall des Klägers führe zu er­heb­li­chen Be­triebs­ab­laufstörun­gen. Außer­dem sei­en die an­ge­fal­le­nen Lohn­fort­zah­lungs­kos­ten außer­gewöhn­lich hoch. Wei­te­re Hilfs­mit­tel zur Ge­stal­tung des Ar­beits­plat­zes im Wa­ren­ver­teil­zen­trum sei­en nach dem Er­geb­nis der be­ra­te­nen In­ge­nieu­rin, Frau B2, nicht er­for­der­lich. Ein an­de­rer lei­dens­ge­rech­ter Ar­beits­platz ste­he nicht zur Verfügung.
Durch Ur­teil vom 17.11.2009 hat das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Ge­gen die­se Ent­schei­dung, die dem Kläger am 25.11.2009 zu­ge­stellt wor­den ist, rich­tet sich die Be­ru­fung des Klägers, die am Mon­tag, dem 28.12.2009 beim
Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­gen und - nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­frist bis zum 25.02.2010, am 25.02.2010 be­gründet wor­den ist.
Der Kläger ver­tritt wei­ter­hin die Auf­fas­sung, die Kündi­gung vom 14.04.2009 sei als un­wirk­sam an­zu­se­hen. Ins­be­son­de­re ha­be die Be­klag­te kei­nen wich­ti­gen Grund zur Kündi­gung ge­habt. Die Be­klag­te ha­be ihm kei­nen lei­dens­ge­rech­ten Ar­beits­platz im Wa­ren­ver­teil­zen­trum ent­spre­chend der von ihr über­nom­me­nen Ver­pflich­tung im Ver­gleich vom 16.10.2008 zu­ge­wie­sen. Sie ha­be da­mit den Ver­gleich nicht erfüllt. Im Wa­ren­ver­teil­zen­trum ge­be es auch Ar­beitsplätze, auf de­nen le­dig­lich sit­zen­de Tätig­kei­ten ver­langt würden, z.B. in der Zoll­ab­fer­ti­gung, die er, der Kläger, auch fach­lich er­le­di­gen könne. Ge­ge­be­nen­falls müsse die Be­klag­te ei­nen ge­eig­ne­ten Ar­beits­platz frei­ma­chen oder schaf­fen.
Je­den­falls müsse im Rah­men der In­ter­es­sen­abwägung Berück­sich­ti­gung fin­den, dass die Be­klag­te im Ver­gleich vom 16.10.2008 die Ver­pflich­tung über­nom­men ha­be, ihn be­hin­der­ten­ge­recht im Wa­ren­ver­teil­zen­trum zu beschäfti­gen. Es könne nicht zu sei­nen Las­ten ge­hen, wenn die Be­klag­te ge­ge­be­nen­falls schon bei Ab­schluss des Ver­gleichs ge­wusst ha­be, dass sie die­se Pflicht nicht wer­de erfüllen können oder wol­len.
Zu­dem ha­be die Be­klag­te die Frist des § 626 Abs. 2 BGB nicht ein­ge­hal­ten. Die Kündi­gung sei außer­dem nicht un­verzüglich nach Er­tei­lung der Zu­stim­mung durch das In­te­gra­ti­ons­amt aus­ge­spro­chen wor­den. Sch­ließlich sei der Be­triebs­rat nicht ord­nungs­gemäß an­gehört wor­den.
das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Iser­lohn ab­zuändern und fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis zwi­schen den Par­tei­en nicht durch die Kündi­gung der Be­klag­ten vom 14.04.2009, außer­or­dent­lich mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 30.11.2009, auf­gelöst wor­den ist.
Sie ver­tei­digt das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil und trägt vor, sie ha­be ei­nen wich­ti­gen Grund zur Kündi­gung ge­habt. Der Kläger könne nur noch sit­zen­de Tätig­kei­ten ausüben. Ei­nen sol­chen Ar­beits­platz könne sie dem Kläger im Wa­ren­ver­teil­zen­trum nicht an­bie­ten. Ei­ne wei­te­re Um­ge­stal­tung des Ar­beits­plat­zes sei nicht möglich. Lei­dens­ge­rech­te Ar­beitsplätze, auf de­nen der Kläger aus­sch­ließlich mit sit­zen­der Tätig­keit so­wie He­ben und Tra­gen von we­ni­ger als 10 kg ein­ge­setzt wer­den könne, sei­en nicht vor­han­den. In der Zoll­ab­fer­ti­gung könne der Kläger nicht beschäftigt wer­den. Die Tätig­keit dort set­ze ei­ne dreijähri­ge Aus­bil­dung vor­aus.
Auch die In­ter­es­sen­abwägung müsse zu Las­ten des Klägers aus­ge­hen. Sie, die Be­klag­te, sei ih­ren Pflich­ten aus dem Ver­gleich vom 16.10.2008 nach­ge­kom­men. Dass der Kläger im Nach­hin­ein nicht mehr in der La­ge sei, die Ar­beit im Wa­ren­ver­teil­zen­trum aus­zuführen und dau­er­haft ar­beits­unfähig sei, ge­he zu sei­nen Las­ten.
Sie, die Be­klag­te, ha­be auch die Frist des § 626 Abs. 2 BGB ein­ge­hal­ten und die Kündi­gung un­verzüglich aus­ge­spro­chen. Auch die Be­triebs­rats­anhörung sei ord­nungs­gemäß er­folgt.
Der Sa­che nach hat die Be­ru­fung des Klägers Er­folg. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en ist durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 14.04.2009 nicht mit so­zia­ler Aus­lauf­frist zum 30.09.2009 auf­gelöst wor­den. Dies hat der Kläger in­ner­halb der Frist der §§ 4 Satz 1, 13 KSchG ge­richt­lich gel­tend ge­macht.
1. Die Kündi­gung vom 14.04.2009 ist be­reits gemäß § 102 Abs. 1 Satz 3 Be­trVG als un­wirk­sam an­zu­se­hen.
a) Die Be­triebs­rats­be­tei­li­gung bei ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung un­ter Gewährung ei­ner Aus­lauf­frist ge­genüber ei­nem ta­rif­lich unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mer muss grundsätz­lich wie bei ei­ner or­dent­li­chen Kündi­gung er­fol­gen. Stellt das Ge­setz für die Mit­wir­kung des Be­triebs­rats bei der or­dent­li­chen Kündi­gung schärfe­re An­for­de­run­gen auf als bei der außer­or­dent­li­chen Kündi­gung, so würde sich im Er­geb­nis der ta­rif­li­che Aus­schluss der or­dent­li­chen Kündi­gung ge­gen den be­tref­fen­den Ar­beit­neh­mer aus­wir­ken, würde man die Mit­wir­kung des Be­triebs­rats nur an den er­leich­ter­ten Vor­aus­set­zun­gen bei ei­ner außer­or­dent­li­chen Kündi­gung mes­sen (vgl. BAG, Ur­teil v. 18.01.2001 - 2 AZR 616/99 -, DB 02, 100 f.; Ur­teil v. 05.02.1998 - 2 AZR 227/97 -, NZA 98, 771, 775 j.m.w.N.). Im Hin­blick auf die Be­triebs­rats­anhörung nach § 102 Be­trVG be­deu­tet dies, dass der Be­triebs­rat bei sei­ner even­tu­el­len Stel­lung­nah­me nicht an die Frist von drei Ta­gen nach § 102 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG ge­bun­den ist; es gilt viel­mehr die Wo­chen­frist des § 102 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG.
b) Aus­ge­hend hier­von hat die Be­klag­te die Kündi­gung vom 14.04.2009 vor Ab­lauf der Wo­chen­frist des § 102 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG aus­ge­spro­chen. Nach dem Sach­vor­trag der Be­klag­ten ist das Anhörungs­schrei­ben vom 06.04.2009 dem Be­triebs­rat am 06.04.2009 zu­ge­gan­gen. Gemäß § 187 Abs. 1 BGB wird der 06.04.2009 bei der Be­rech­nung der Wo­chen­frist nicht mit­ge­rech­net. Gemäß § 188 Abs. 2 BGB en­det die Wo­chen­frist im Fal­le des § 187 Abs. 1 BGB mit Ab­lauf des­je­ni­gen Ta­ges der Wo­che, wel­cher durch sei­ne Nen­nung dem Tag ent­spricht, an dem das Er­eig­nis, im vor­lie­gen­den Fall der Zu­gang des Anhörungs­schrei­bens beim Be­triebs­rat, fällt. Die Wo­chen­frist wäre da­nach am Mon­tag, dem 13.04.2009, ab­ge­lau­fen. Da es sich bei die­sem Tag um den Os­ter­mon­tag han­delt, tritt an sei­ne Stel­le gemäß § 193 BGB der nächs­te Werk­tag, al­so der 14.04.2009. Die Frist, in­ner­halb de­rer der Be­triebs­rat zur be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung Stel­lung neh­men konn­te, lief da­mit am 14.04.2009 um 24:00 Uhr ab. Die Be­klag­te hat die streit­be­fan­ge­ne Kündi­gung nach ih­rem Sach­vor­trag aber be­reits am 14.04.2009 in den Brief­kas­ten des Klägers ein­ge­wor­fen. Zu die­sem Zeit­punkt war die Frist zur Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats gemäß § 102 Abs. 2 Satz 1 Be­trVG noch nicht ab­ge­lau­fen. Da das Anhörungs­ver­fah­ren bei Aus­spruch der Kündi­gung noch nicht ab­ge­schlos­sen war, hat dies die Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung gemäß § 102 Abs. 1 Satz 3 Be­trVG zur Fol­ge. Nur im Fal­le ei­ner ab­sch­ließen­den Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats zur be­ab­sich­tig­ten Kündi­gung des Klägers wäre die Be­klag­te vor Ab­lauf der Wo­chen­frist zur Kündi­gung be­rech­tigt ge­we­sen. Ei­ne sol­che Stel­lung­nah­me des Be­triebs­rats ist je­doch un­strei­tig nicht er­folgt.
2. Der er­ken­nen­den Kam­mer er­schien es un­abhängig da­von zwei­fel­haft, ob un­ter den hier ge­ge­be­nen tatsächli­chen Umständen von ei­nem per­so­nen­be­ding­ten wich­ti­gem Grund zur Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses aus­ge­gan­gen wer­den kann. Un­strei­tig können 2/3 der im Wa­ren­ver­teil­zen­trum der Be­klag­ten an­fal­len­den Tätig­kei­ten, die dem Kläger seit dem 20.10.2008 zu­ge­wie­sen wor­den wa­ren, im Sit­zen aus­geübt wer­den. Hier­zu ist der Kläger oh­ne Wei­te­res in der La­ge. Le­dig­lich 1/3 der Ar­bei­ten müssen im Ge­hen und Ste­hen er­le­digt wer­den, wo­zu der Kläger nach dem At­test sei­nes be­han­deln­den Arz­tes nicht in der La­ge ist. Grundsätz­lich kann zwar ei­ne dau­ern­de Leis­tungs­unfähig­keit ei­nes Ar­beit­neh­mers „an sich" als wich­ti­ger Grund für ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung in Be­tracht kom­men. Bei ei­nem
ta­rif­lich unkünd­ba­ren Ar­beit­neh­mer muss der Ar­beit­ge­ber al­ler­dings ver­su­chen, die Kündi­gung mit al­len zu­mut­ba­ren Möglich­kei­ten ei­ner Wei­ter­beschäfti­gung zu ver­mei­den. Es er­scheint frag­lich, ob die Möglich­kei­ten, den Kläger im Be­trieb der Be­klag­ten lei­dens­ge­recht wei­ter zu beschäfti­gen, aus­geschöpft sind. Da der Kläger 2/3 der ihm über­tra­ge­nen Tätig­kei­ten im Wa­ren­ver­teil­zen­trum der Be­klag­ten pro­blem­los ausüben kann, wird zu prüfen sein, ob ihm, z.B. durch ei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on bzw. Ver­tei­lung der Ar­beit im Wa­ren­ver­teil­zen­trum, ein Ar­beits­platz mit aus­sch­ließlich sit­zen­der Tätig­keit zu­ge­wie­sen wer­den kann.
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