Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bverwg/bverwg_4-B-5-02
Timestamp: 2019-06-25 05:35:53
Document Index: 159914183

Matched Legal Cases: ['§ 132', '§ 1', '§ 1', '§ 132', '§ 1', '§ 132', '§ 1', '§ 1', '§ 132', '§ 86', '§ 133', '§ 86', '§ 14', '§ 13', '§ 73', '§ 25']

BVerwG, 4 B 5.02: Firma, Umwandlung, Bebauungsplan, Gemeinde
Urteil des BVerwG vom 13.02.2002, 4 B 5.02
4 B 5.02
Firma, Umwandlung, Bebauungsplan, Gemeinde
Firma, Umwandlung, Bebauungsplan, Gemeinde, Ausweisung, Gestaltungsspielraum, Normenkontrolle, Verwaltungsgerichtsbarkeit, Stillschweigend, Kollision
BVerwG 4 B 5.02 OVG 1 L 3779/00
hat der 4. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 13. Februar 2002 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. P a e t o w und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Dr. L e m m e l und G a t z
Die Beschwerde der Klägerin gegen die Nichtzulassung der Revision in dem Urteil des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 18. September 2001 wird zurückgewiesen.
Der Wert des Streitgegenstandes wird unter Änderung des Streitwertbeschlusses des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vom 18. September 2001 für sämtliche Rechtszüge auf 51 000 € (früher 100 000 DM) festgesetzt.
Die auf sämtliche Zulassungsgründe des § 132 Abs. 2 VwGO gestützte Beschwerde hat keinen Erfolg. Das Beschwerdevorbringen
Das Berufungsgericht hat die Rechtmäßigkeit der Beanstandung
des Bebauungsplans Nr. 96 "Gewerbepark Achmer" durch den Beklagten mit der Begründung bestätigt, der Plan trage den Interessen der Firma E. am Fortbestand und der Entwicklung ihres
im Plangebiet gelegenen Abfallbehandlungsbetriebs nicht ausreichend Rechnung und verstoße deshalb gegen das Abwägungsgebot des § 1 Abs. 6 BauGB. Die Klägerin habe - erstens - die
Voraussetzungen des von ihr zugunsten der Firma E. in Anspruch
genommenen § 1 Abs. 10 BauNVO verkannt, und ihr sei
- zweitens - die Abwägung im Zusammenhang mit der Festsetzung
der Teilfläche GE 13 und der Umwandlung des bisherigen Gewerbegebiets unmittelbar östlich der August-Bödeker-Straße in ein
Mischgebiet misslungen. Ist eine Berufungsentscheidung wie
hier auf mehrere selbständig tragende Begründungen gestützt,
so kann die Revision nur zugelassen werden, wenn hinsichtlich
jeder dieser Begründungen ein Revisionszulassungsgrund geltend
gemacht wird und vorliegt (BVerwG, Beschluss vom 9. Dezember
1994 - BVerwG 11 PKH 28.94 - Buchholz 310 § 132 Abs. 2 Ziff. 1
VwGO Nr. 4). Ist nur bezüglich einer Begründung ein Zulas-
sungsgrund gegeben, kann diese Begründung nämlich hinweggedacht werden, ohne dass sich der Ausgang des Verfahrens ändert. Da es hinsichtlich der zweiten Begründung - Abwägungsfehler bei der Ausweisung der Fläche GE 13 und der Umwandlung
des Gewerbegebietes östlich der August-Bödeker-Straße in ein
Mischgebiet - an einem Grund für die Zulassung der Revision
fehlt, kommt es auf die grundsätzliche Bedeutung von Fragen im
Zusammenhang mit der ersten, sich mit § 1 Abs. 10 BauNVO beschäftigenden Begründung nicht an und die Zulassung der Revision nicht in Betracht.
Die Beschwerde beanstandet mit der Divergenzrüge (§ 132 Abs. 2
Nr. 2 VwGO) eine Abweichung des Berufungsurteils von den Entscheidungen des Bundesverwaltungsgerichts vom 12. Dezember
1969 (BVerwG 4 C 105.66 - BVerwGE 34, 301 ff.) und vom 5. Juli
1974 (BVerwG 4 C 50.72 - BVerwGE 45, 309 ff.): Während nach
Auffassung des Bundesverwaltungsgerichts die Gewichtung der
von der Planung berührten öffentlichen Belange grundsätzlich
Ausdruck planerischer Gestaltungsfreiheit und fehlerhaft erst
dann sei, wenn im Abwägungsvorgang oder im Abwägungsergebnis
einer der Belange in einer Weise berücksichtigt werde, der zu
seinem objektiven Gewicht außer Verhältnis stehe, habe das Berufungsgericht eine eigene Gewichtung vorgenommen und deshalb
dem Rechtssatz des Bundesverwaltungsgerichts einen abweichenden des Inhalts gegenübergestellt, dass das Gericht die Gewichtung nach objektiven Kriterien vornehmen und eine eigene
Abwägungsentscheidung treffen dürfe.
seiner Prüfung des § 1 Abs. 6 BauGB die vom Senat im Urteil
vom 12. Dezember 1969 entwickelten und im Urteil vom 5. Juli
1974 bekräftigten Kriterien vorangestellt, anhand derer die
Rechtmäßigkeit einer planerischen Abwägungsentscheidung zu
messen ist. Danach ist das Gebot gerechter Abwägung verletzt,
wenn eine (sachgerechte) Abwägung überhaupt nicht stattfindet,
wenn in die Abwägung an Belangen nicht eingestellt wird, was
nach Lage der Dinge in sie eingestellt werden muss, wenn die
Bedeutung der betroffenen Belange verkannt oder wenn der Ausgleich zwischen den von der Planung berührten öffentlichen und
privaten Belangen in einer Weise vorgenommen wird, der zur objektiven Gewichtigkeit einzelner Belange außer Verhältnis
steht. Innerhalb des so gezogenen Rahmens wird das Abwägungsgebot jedoch nicht verletzt, wenn sich die zur Planung berufene Gemeinde in der Kollision zwischen verschiedenen Belangen
für die Bevorzugung des einen und damit notwendig für die Zurückstellung eines anderen entscheidet. Diesen Rechtssätzen
hat das Berufungsgericht im Verlauf der Prüfung des § 1 Abs. 6
BauGB weder ausdrücklich noch stillschweigend abweichend formulierte Rechtssätze gegenübergestellt. Indem es der Klägerin
vorgehalten hat, sie habe der Wohnnutzung auf drei Grundstücken im Gewerbegebiet östlich der August-Bödeker-Straße wegen
deren Illegalität "ein zu großes Gewicht beigemessen" (UA
S. 17) mit der Folge, dass das genannte Gewerbegebiet nicht zu
Lasten der bisher als Industriegebiet festgesetzten Betriebsfläche der Firma E., deren Interessen besonders schutzwürdig
seien, in ein Mischgebiet habe umgeplant werden dürfen, hat es
sich nicht das Recht angemaßt, selbst planen zu dürfen. Es hat
sich vielmehr auf die ihm obliegende Kontrolle beschränkt, ob
sich die Klägerin im Rahmen des von ihm respektierten planerischen Freiraums gehalten hat, jenseits dessen das Entscheidungsvorrecht einer planenden Gemeinde in der Tat endet. Keine
Frage der Divergenz ist, ob das Gericht die maßgeblichen, die
Grenzen des gemeindlichen Planungsermessens kennzeichnenden
und von ihm nicht infrage gestellten Rechtssätze zutreffend
Die Beschwerde greift die Annahme des Vorrangs der besonders
schutzwürdigen Interessen der Firma E., die in der Vergangenheit aufgrund einer genehmigten Nutzung viele Millionen DM in
ihren Standort investiert habe, vor der Wohnnutzung im Misch-
gebiet mit der Verfahrensrüge der unzureichenden Sachverhaltsermittlung an (§ 132 Abs. 2 Nr. 3 in Verbindung mit § 86
Abs. 1 VwGO). Das Berufungsgericht habe nicht festgestellt,
sondern nur unterstellt, dass dem Firmeninhaber zum Schutz der
in dem Mischgebiet vorhandenen Wohnbebauung betriebsbeschränkende Auflagen gemacht werden müssten. Wären tatsächliche
Feststellungen getroffen worden, hätte sich ergeben, dass betriebsbeschränkende Auflagen nicht notwendig seien.
Der behauptete Verfahrensmangel ist nicht im Sinne des § 133
Abs. 3 Satz 3 VwGO hinreichend bezeichnet. Wird ein Verstoß
gegen § 86 Abs. 1 VwGO geltend gemacht, muss der Beschwerdeführer substanziiert darlegen, hinsichtlich welcher tatsächlichen Umstände Aufklärungsbedarf bestanden hat, welche für geeignet und erforderlich gehaltenen Aufklärungsmaßnahmen hierfür in Betracht gekommen wären und welche tatsächlichen Feststellungen bei Durchführung der unterbliebenen Sachverhaltsaufklärung voraussichtlich getroffen worden wären;
weiterhin muss entweder dargelegt werden, dass bereits im
mündlichen Verhandlung, auf die Vornahme der
Sachverhaltsaufklärung, deren Unterbleiben nunmehr bemängelt
sich aus hätten aufdrängen müssen (BVerwG, Beschluss vom
19. August 1997 - BVerwG 7 B 261.97 - NJW 1997, 3328). Diesen
Anforderungen entspricht die Aufklärungsrüge der Klägerin
Die Feststellung des Berufungsgerichts, dass sich das "Entwicklungsinteresse" der Firma E. auch nicht unter Hinweis auf
den Bedarf an Gewerbeflächen überwinden lasse (UA S. 18), korrespondiert mit der für die Entscheidung zu Lasten der Klägerin maßgeblichen Aussage, ein Abwägungsmangel bestehe darin,
dass die Klägerin den Interessen der Firma E. am Fortbestand
und der Entwicklung ihres Abfallbehandlungsbetriebes nicht
ausreichend Rechnung getragen habe (UA S. 14). Im Zusammenhang
mit der zweiten Begründung - Abwägungsfehler bei der Ausweisung der Fläche GE 13 und der Umwandlung des Gewerbegebietes
östlich der August-Bödeker-Straße in ein Mischgebiet - besagt
sie, dass sich das Gewicht der Interessen der Firma E. gegenüber den Interessen der benachbarten Wohnanlieger nicht dadurch entscheidend mindert, dass die Gewerbeflächen benötigt
werden. Wenn das Berufungsgericht zu dem Ergebnis gekommen
ist, die Klägerin habe den Bedarf an Gewerbeflächen überschätzt und damit fehlgewichtet, so hat es ihr damit attestiert, den ihr zukommenden planerischen Gestaltungsspielraum
verlassen zu haben. Rechtssätze, die den vom Bundesverwaltungsgericht in den Entscheidungen vom 12. Dezember 1969 und
5. Juli 1974 formulierten widersprächen, hat es nicht aufgestellt.
Streitwertentscheidung auf § 14 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3, § 13
Abs. 1 Satz 1, § 73 Abs. 1 GKG. Der Senat folgt mit seiner
Streitwertfestsetzung dem erstinstanzlichen Gericht. Die Klägerin verteidigt ihren Bebauungsplan formell zwar gegenüber
dem Beklagten, der Sache nach aber gegenüber der Firma E. Es
handelt sich damit gleichsam um den umgekehrten Fall einer
Normenkontrolle gegen einen Bebauungsplan. Für diese sieht der
aktuelle Streitwertkatalog für die Verwaltungsgerichtsbarkeit
(NVwZ 1996, 563 ff.) einen Streitwert von höchstens 100 000 DM
vor (II. Nr. 7.7). Hiervon nach oben abzuweichen, besteht kein
Anlass. Die Befugnis des Senats, den vorinstanzlichen Streitwertbeschluss zu ändern, ergibt sich aus § 25 Abs. 2 Satz 2