Source: http://thorwart-online.de/Frame_Psyche%20und%20Krankheit.htm
Timestamp: 2020-05-25 15:07:25
Document Index: 271981562

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 1', '§ 1']

Vorbemerkung: Die Begriffe Psyche und Seele werden nachfolgend (wie auch im allgemeinen Sprachgebrauch) synonym verwandt.
Das Verständnis von Krankheit im Sozialrecht
Definition von Gesundheit: Weltgesundheitsorganisation WHO
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Begriff der Gesundheit 1948 so definiert: "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen".
Bei der 63. Regionalkonferenz des WHO-Regionalkomitees für Europa (Çeşme - Provinz Izmir/Türkei vom 16.–19. September 2013) wurde folgende Definition veröffentlicht (der frühere Link dazu funktioniert nicht mehr) :
Online auf der Seite des WHO-Regionalbüros für Europa (Key terms and definitions in menatl helath) - derzeit nur in der englischen Version:
Mental Health: Mental health is a state of well-being in which an individual can realize his or her own potential, cope with the normal stresses of life, work productively and make a contribution to the community. (Strengthening mental health promotion, Fact sheet No 220, WHO, 2001)
Es gibt dazu ein "Faktenblatt" (siehe oben): Mentalt health: Mental Health: Fact sheet (2019)
Definition von Krankheit BSG:
Das Bundessozialgericht (BSG) hat in seinem Urteil v. 16.05.1972 Krankheit im Sozialrecht (SGB) und damit auch in der gesetzlichen Krankenversicherung als "regelwidrigen, körperlichen, geistigen oder seelischen Zustand der Arbeitsunfähigkeit oder Behandlung oder beides nötig macht" definiert.
Definition von Krankheit in der Psychotherapierichtlinie (Stand: 12/2018)
Die Psychotherapierichtlinie ist als nähere Ausgestaltung des Sozialrechts zu verstehen: Das Verständnis von Krankheit wird in § 2 folgendermaßen formuliert:
"In diesen Richtlinien wird seelische Krankheit verstanden als krankhafte Störung der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Erlebnisverarbeitung, der sozialen Beziehungen und der Körperfunktionen. Es gehört zum Wesen dieser Störungen, dass sie der willentlichen Steuerung durch die Patienten oder den Patienten nicht mehr oder nur zum Teil zugänglich sind." (§ 2 Abs. 1)
Krankheit bzw. "seelische Krankheit" kann nach der Richtlinie in Form
seelischer Symptome
körperlicher Symptome oder
krankhafter Verhaltensweisen
zum Ausdruck kommen bzw. erkennbar werden, "denen aktuelle Krisen seelischen Geschehens, aber auch pathologische Veränderungen seelischer Strukturen zugrunde liegen können" (§ 2, Abs. 2). Seelische Strukturen werden dabei "als die anlagemäßig disponierenden und lebensgeschichtlich erworbenen Grundlagen seelischen Geschehens, das direkt beobachtbar oder indirekt erschließbar ist" verstanden (§ 2, Abs. 3).
"Auch Beziehungsstörungen können Ausdruck von Krankheit sein; sie sind für sich allein nicht schon Krankheit im Sinne dieser Richtlinien, sondern können nur dann als seelische Krankheit gelten, wenn ihre ursächliche Verknüpfung mit einer krankhaften Veränderung des seelischen oder körperlichen Zustandes eines Menschen nachgewiesen wurde." (§ 2, Abs. 4)
Die Richtlinie unterscheidet zwischen seelischer Krankheit und ihrer Symptomatik, die einerseits durch seelische, andererseits durch körperliche Faktoren verursacht sein kann, oder auch durch eine Mischung beider Faktoren. Deshalb ist vor jeder psychotherapeutischen Behandlung eine diagnostische Untersuchung hinsichtlich psycho-somatischer und somato-psychischer Zusammenhänge durchzuführen (bei nichtärztlichen PsychotherapeutInnen ist ein Konsiliarbericht zum körperlichen Befund durch eine/n Ärztin/Arzt zu erstellen (vgl. Kommentar Psychotherapie-Richtlinie (Dieckmann & Dahm & Neher), 11. Aufl. 2018: 117f).
Nur soweit und solange eine seelische Krankheit vorliegt kann Psychotherapie im Rahmen der Richtlinie (also in Form einer vertragsärztlichen Behandlung in der gesetzlichen Krankenversicherung) erbracht werden. Die Feststellung einer seelischen Erkrankung durch die behandelnden PsychotherapeutInnen ist daher unabdingbare (wenn auch nicht hinreichende) Voraussetzung einer Richtlinien-Behandlung (§§ 1 und 2).
Psychotherapeutische Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung können nicht erbracht werden, wenn diese nicht dem Erkennen einer Krankheit, der Heilung, der Verhütung der Verschlimmerung oder Linderung einer Krankheit dient Dies gilt ebenso bei:
Maßnahmen zur beruflichen Anpassung oder zur Berufsförderung
körperbezogenen Therapieverfahren
darstellender Gestaltungstherapie
heilpädagogischen oder ähnlichen Maßnahmen
ärztlicher Beratung über vorbeugende und diätetische Maßnahmen
Erläuterungen und Empfehlungen von übenden, therapiefördernden Begleitmaßnahmen (§ 1 Absatz 5 und 6).
Anmerkungen zum Krankheitsbegriff der Psychotherapie-Richtlinie:
Die Richtlinie verstehen Krankheit ausdrücklich nicht als Beschreibung eines oder mehrerer Symptomen (Syndrom), sondern als einen ätiologisch verursachten Prozeß, der von einer Veränderung des seelischen oder körperlichen Zustandes infolge aktueller Krisen oder pathologische Veränderungen seelischer Strukturen (anlagemäßige Dispositionen und lebensgeschichtlich erworbene Strukturen) bestimmt ist. Dessen ungeachtet erfolgt die Feststellung psychischer (psychosomatischer und körperlicher) Erkrankungen im Rahmen der Internationalen Klassifikation ICD 10, Kapitel V (F): Psychische Störungen. Dort werden jedoch ausschließlich Symptome beschrieben und in nosologischen Einheiten klassifiziert. Auch aus diesem Grund wurde für die beiden Richtlinienverfahren tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie von einem für diese Verfahren qualifizierten Expertengremium eine operationalisierte psychodynamische Diagnostik (OPD) entwickelt. Diese orientiert sich am ICD-Modell, ergänzt es jedoch um psychodynamisch relevante diagnostische Achsen. In der zweiten Fassung (OPD 2) werden auch therapeutische Prozesse, Ressourcen von PatientInnen und die Therapieplanung durch die Bestimmung von Therapieschwerpunkten erfaßt.
Arbeitskreis OPD [Hg.] (1996): Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD). Grundlagen und Manual. Bern: Huber
Arbeitskreis OPD [Hg.] (2006): Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung. Bern: Huber
DIMDI Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Köln): ICD-10-GM (Version für Deutschland 2017)
Dieckmann, M. & Dahm, A. & Neher, M. [Hg.] (2018): Kommentar Psychotherapie-Richtlinien (Faber & Haarstrick). München: Urban & Fischer, 11. Auflage 2018