Source: https://kpw-recht.de/umweltstrafrecht-begriff-und-tatbestaende/
Timestamp: 2018-06-25 08:26:07
Document Index: 249048920

Matched Legal Cases: ['§ 324', '§ 324', '§ 324', '§ 330', '§ 324', '§ 324', '§ 325', '§ 326', '§ 327', '§ 328', '§ 329', '§ 329', '§ 330', '§ 330', '§ 71', '§ 30']

Umweltstrafrecht - Begriff und Tatbestände - kpw Rechtsanwälte - Fachanwälte für Strafrecht | kpw Rechtsanwälte – Fachanwälte für Strafrecht
Was ist das Umweltstrafrecht? In vielen Bereichen des Strafrechts ist völlig klar, welche Verhaltensweisen unter Strafe gestellt werden, und welches Rechtsgut hierdurch geschützt werden soll. Für den vielfach verwendeten Begriff des Umweltstrafrechts gilt dies nicht ohne Weiteres. Eine gesetzliche Definition gibt es nicht, die Regelungsmaterie ist komplex und im Einzelnen undurchsichtig. Das Strafgesetzbuch enthält zwar im 29. Abschnitt unter der Überschrift “Straftaten gegen die Umwelt” die §§ 324 ff. StGB, welche dem Schutz der Umwelt dienen. Die Vorschriften sind allerdings zum einen bereits anhand ihrer kasuistischen Fassung nicht ohne weiteres verständlich. Hinzu tritt, dass es sich um ein Rechtsgebiet handelt, welches durch erhebliche Einflüsse des europäischen Rechts gekennzeichnet ist. Gerade dieser Verweis und Rückgriff auf europäische Normen führt dazu, dass die Vorschriften in der Praxis schwierig anzuwenden sind. Zudem finden sich strafrechtliche Vorschriften, die den Umweltschutz bezwecken, vielfach auch in Spezialgesetzen.
Insgesamt ist diese Ausgangslage durchaus misslich. Denn gerade für Unternehmen haben die Vorschriften durchaus erhebliche Bedeutung. Dies gilt zum einen für die strafrechtliche Ahndung konkreter Verstöße, zum anderen für die Strukturen, welche erforderlich sind, um etwaigen Verstößen zu begegnen. Die wirtschaftlichen Folgen einer im Zusammenhang mit einem Unternehmen begangenen Umweltstraftat können über Unternehmensgeldbuße und Einziehung ganz erheblich sein. Daneben tritt oft auch ein ganz erheblicher Reputationsschaden ein.
1. Kerntatbestände im StGB
Die §§ 324 StGB – 330d StGB regeln das Umweltstrafrecht im StGB. §§ 324– 329 StGB enthalten dabei die Kerndelikte von Umweltstraftaten. § 330d StGB enthält dabei höchst bedeutsam Begriffsbestimmungen.
Die Vorschriften sind grundsätzlich verwaltungsrechtsakzessorisch. Dies bedeutet, dass die jeweilige Tathandlung einen Verstoß gegen zugrunde liegende Gebote des Verwaltungsrechts voraussetzt. Dies kommt regelmäßig in die Merkmal “unbefugt“ oder im Abstellen auf ein Handeln gegen verwaltungsrechtliche Pflichten zum Ausdruck. Liegt einem bestimmten Handeln eine behördliche Genehmigung zu Grunde, scheidet auch eine Strafbarkeit grundsätzlich aus. Die Abhängigkeit des strafrechtlichen Gebots von verwaltungsrechtlichen Vorschriften ist – auch unter dem Gesichtspunkt der Gewaltenteilung – nicht unbedenklich. Der praktischen Anwendung ist sie gleichwohl zu beachten.
§ 324 StGB regelt die Gewässerverunreinigung, § 324a StGB die Bodenverunreinigung, § 325 StGB erfasst die Luftverunreinigung. Tatbestandsmäßig ist dabei die unbefugte nachteilige Veränderung von Gewässern, Boden oder Luft. Zu beachten ist, dass die Vorschriften regelmäßig auch eine Fahrlässigkeitsstrafbarkeit vorsehen.§ 326 StGB betrifft den unerlaubten Umgang mit Abfällen, § 327 StGB das unerlaubte Betreiben von Anlagen, § 328 StGB den unerlaubten Umgang mit radioaktiven Stoffen, § 329 StGB die Gefährdung schutzbedürftiger Gebiete. Beispielhaft für die komplexe Regelungstechnik im Umweltstrafrecht sei insofern § 329 Abs. 4 StGB zitiert, welcher wie folgt lautet:
“(4) Wer unter Verletzung verwaltungsrechtlicher Pflichten in einem Natura 2000-Gebiet einen für die Erhaltungsziele oder den Schutzzweck dieses Gebietes maßgeblichen
erheblich schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.”
Bereits dies sollte verdeutlichen, wie problematisch die Regelungstechnik des Gesetzgebers insoweit ist.§ 330 StGB enthält Vorschriften zu besonders schweren Fällen, welch eine Mindeststrafe von immerhin sechs Monaten freier Strafe vorsehen. § 330d StGB enthält Begriffsbestimmungen, etwa zum Begriff des Gewässers, der kerntechnischen Anlage oder der verwaltungsrechtlichen Pflicht.
2. Weitere Delikte und Ordnungswidrigkeiten
Daneben gibt es umweltstrafrechtliche Vorschriften in Spezialgesetzen. Verwiesen sei hier etwa auf § 71 Bundesnaturschutzgesetz. Die Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren enthalten in Abschnitt 268 RiStBV eine Übersicht über insoweit in Betracht kommende Gesetze und Vorschriften. Vereinzelt gibt es insoweit echte Strafvorschriften, vielfach handelt es sich auch um Ordnungswidrigkeiten. Gerade letzteren kommt jedoch im Zusammenhang mit Unternehmen durchaus Bedeutung zu. Zum einen spielen diese verwaltungsrechtlich in Bezug auf Erlaubnisse und Genehmigungen durchaus eine Rolle. Regelmäßige Verstöße können zu erheblichen verwaltungsrechtlichen Sanktionen – bis hin zum Widerruf von Genehmigungen oder Betriebserlaubnissen – führen. Zum anderen ermöglichen es §§ 30, 130 OwiG, eine sogenannte Unternehmensgeldbuße (siehe hierzu auch ) zu verhängen, wenn Aufsichtspflichtverletzungen innerhalb des Unternehmens festzustellen sind.
Ohnehin stellt sich bei Straftaten im Zusammenhang mit unternehmerischem Handeln regelmäßig die Frage nach der Zuordnung des Handelns zu einer konkreten Person. Für Geschäftsführer und Vorstände ist es selbstverständlich zulässig, einzelne Pflichten zu delegieren. Dies setzt aber eine sorgfältige Auswahl der Beauftragten und eine wirksame Kontrolle voraus. Art und Umfang der insoweit bestehenden Pflichten richten sich nach den Umständen des Einzelfalls; gerade bei einer gewerblichen Tätigkeit im Zusammenhang mit umweltgefährdenden Stoffen gelten hier jedoch durchaus hohe Anforderungen.
Durch die komplexe Regelungstechnik und die Einbindung des Europarechts bieten Vorwürfe aus dem Bereich des Umweltstrafrechts vielfältige Anknüpfungspunkte für die Verteidigung. Dies gilt sowohl für den einzelnen Beschuldigten, als auch insbesondere für das betroffene Unternehmen. Andererseits sind auch die rechtlichen und wirtschaftlichen Folgen entsprechender Straftaten für die Betroffenen regelmäßig erheblich.