Source: http://www.hensche.de/verringerung-der-jaehrlichen-arbeitszeit-um-einen-monat-lag-nuernberg-6-sa-110-19-23.06.2020-15.13.html
Timestamp: 2020-08-13 03:22:42
Document Index: 139977096

Matched Legal Cases: ['§ 8', '§ 242', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 7', '§ 8']

Verringerung der jährlichen Arbeitszeit um einen Monat - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 20/076
Ver­rin­ge­rung der jähr­li­chen Ar­beits­zeit um ei­nen Mo­nat
Kei­ne Ver­rin­ge­rung der Jah­res­ar­beits­zeit um den Fe­ri­en­mo­nat Au­gust zu­las­ten der Ur­laubs­wün­sche an­de­rer Ar­beit­neh­mer: Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg, Ur­teil vom 27.08.2019, 6 Sa 110/19
23.06.2020. Wer si­cher weiß, dass er in den kom­men­den Jah­ren sei­nen Jah­res­ur­laub im­mer in ei­nem be­stimm­ten Mo­nat neh­men möch­te, kann ver­su­chen, läs­ti­ge Ur­laubs­an­trä­ge zu um­ge­hen und da­mit das Ri­si­ko, dass der Ur­laub ein­mal nicht ge­neh­migt wird.
Vor­aus­ge­setzt, man kann auf ein Zwölf­tel sei­ner Jah­res­ar­beits­zeit und da­mit sei­nes Jah­res­ge­halts ver­zich­ten, be­steht näm­lich die Mög­lich­keit, ei­nen Teil­zeit­an­trag zu stel­len.
In ei­nem ak­tu­el­len Fall hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Nürn­berg al­ler­dings ent­schie­den, dass ein sol­ches Vor­ge­hen rechts­miss­bräuch­lich ist: LAG Nürn­berg, Ur­teil vom 27.08.2019, 6 Sa 110/19.
Wie weit geht das Recht zur block­wei­sen Ver­rin­ge­rung der Jah­res­ar­beits­zeit?
Im Streit: TÜV-In­ge­nieur möch­te sei­ne Jah­res­ar­beits­zeit um den Fe­ri­en­mMo­nat Au­gust ver­rin­gern
LAG Nürn­berg: Kei­ne Ver­rin­ge­rung der Jah­res­ar­beits­zeit um den Fe­ri­en­mo­nat Au­gust zu­las­ten der Ur­laubswünsche an­de­rer Ar­beit­neh­mer
Der An­spruch auf dau­er­haf­te Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit gemäß § 8 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) be­inhal­tet auch das Recht auf ei­ne be­stimm­te Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit. Da­her können Ar­beit­neh­mer ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung als als Ver­rin­ge­rung ih­rer Jah­res­ar­beits­zeit ver­lan­gen, z.B. in Form von ein oder zwei ar­beits­frei­en Mo­na­ten pro Jahr.
Wer da­bei so weit geht, dass er Jah­res­ar­beits­zeit nur um ca. drei Pro­zent "ver­rin­gern" will, das aber im­mer durch ei­ne Frei­stel­lung vom 22. De­zem­ber bis zum 2. Ja­nu­ar, han­delt al­ler­dings rechts­miss­bräuch­lich, so dass der Teil­zeit­an­trag gemäß § 242 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) un­wirk­sam ist. Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) be­reits vor länge­rem ent­schie­den (BAG, Ur­teil vom 11.06.2013, 9 AZR 786/11, Rn.11, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 13/246 Teil­zeit als Sab­ba­ti­cal). Denn in Wahr­heit geht es hier nicht um ei­ne Verkürzung der Ar­beits­zeit, son­dern um ei­ne Ab­si­che­rung von Ur­laubswünschen.
Aber wo ist hier die Gren­ze? Liegt be­reits Rechts­miss­brauch vor, wenn ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung um ei­nen vol­len (Som­mer-)Mo­nat ver­langt wird, d.h. um et­wa acht Pro­zent der Jah­res­ar­beits­zeit? Ei­ni­ge Ge­rich­te se­hen hier kei­nen Rechts­miss­brauch (LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 23.02.2017, 5 Sa 1745/16, Leit­satz), an­de­re da­ge­gen schon (LAG Köln, Ur­teil vom 24.05.2017, 3 Sa 830/16, Rn.32; Ur­teil vom 18.01.2018, 7 Sa 365/17, Rn.29-33).
Ein TÜV-Sach­verständi­ger ar­bei­te­te seit gut sie­ben Jah­ren bei ei­nem Ar­beit­ge­ber der TÜV-Grup­pe mit mehr als 15 Ar­beit­neh­mern, so dass er ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung gemäß § 8 Tz­B­fG be­an­spru­chen konn­te. An­fang 2018 be­an­trag­te er ei­ne Ver­rin­ge­rung sei­ner Jah­res­ar­beits­zeit um den Mo­nat Au­gust, der in Bay­ern tra­di­tio­nell ein Fe­ri­en­mo­nat ist.
Der Ar­beit­ge­ber wies den An­trag zurück und be­rief sich auf ent­ge­gen­ste­hen­de be­trieb­li­che Gründe im Sin­ne von § 8 Abs.4 Satz 1 Tz­B­fG. Der Au­gust gehört, so der Ar­beit­ge­ber, zu den um­satzstärks­ten Mo­na­ten, in dem mehr Über­stun­den an­fal­len als sonst. Außer­dem muss­ten in 2017 und 2018 vie­le Ur­laubs­anträge für Au­gust ab­ge­lehnt oder ver­scho­ben wer­den. Und gemäß ei­ner - mit dem Be­triebs­rat ab­ge­stimm­ten - „Ver­fah­rens­an­wei­sung Ur­laubs­an­trag 2018“ gab es ei­ne Ober­gren­ze für Ur­lau­be in den Som­mer­fe­ri­en von ma­xi­mal 15 Ur­laubs­ta­gen.
Das Ar­beits­ge­richt Nürn­berg folg­te die­ser Ar­gu­men­ta­ti­on und wies die Kla­ge des Sach­verständi­gen auf Zu­stim­mung zu dem Teil­zeit­an­trag ab (Ur­teil vom 09.01.2019, 12 Ca 2177/18).
Auch das LAG gab dem Ar­beit­ge­ber recht. Er konn­te sich laut LAG auf ent­ge­gen­ste­hen­de be­trieb­li­che Gründe gemäß § 8 Abs.4 Satz 1 Tz­B­fG be­ru­fen. Die­se Gründe prüft das LAG im An­schluss an die BAG-Recht­spre­chung in drei Schrit­ten bzw. Stu­fen:
Das Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept des Ar­beit­ge­bers (ers­te Stu­fe) be­stand hier in der „Ver­fah­rens­an­wei­sung Ur­laubs­an­trag 2018“ bzw. in der Ober­gren­ze von 15 Ur­laubs­ta­gen während der Som­mer­fe­ri­en.
Die­ses Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept stand dem Teil­zeit­an­trag des In­ge­nieurs ent­ge­gen, da er während des ge­sam­ten Fe­ri­en­mo­nats Au­gust ar­beits­frei ha­ben woll­te (zwei­te Stu­fe).
Sch­ließlich be­wer­tet das LAG das Ge­wicht der be­trieb­li­chen Gründe als vor­ran­gig (drit­te Stu­fe), wo­bei es auf § 7 Abs.1 Satz 1 Bun­des­ur­laubs­ge­setz (BUrlG) ver­weist (Ur­teil, Rn.40). Denn da­nach muss der Ar­beit­ge­ber die Ur­laubswünsche der Ar­beit­neh­mer fair mit­ein­an­der aus­glei­chen und da­bei so­zia­le Ge­sichts­punk­te be­ach­ten.
Darüber hin­aus be­wer­te­te das LAG den strei­ti­gen Teil­zeit­an­trag als rechts­miss­bräuch­lich (Ur­teil, Rn.45).
Fa­zit: Beim Pro­zess über ei­nen Teil­zeit­an­trag gemäß § 8 Tz­B­fG kommt es ent­schei­dend dar­auf an, ob es im Be­trieb ein (tatsächlich an­ge­wand­tes) Or­ga­ni­sa­ti­ons­kon­zept gibt, mit dem der Teil­zeit­wunsch un­ver­ein­bar ist. Zu die­sem The­ma müssen Ar­beit­ge­ber sehr ausführ­lich und sorgfältig vor­tra­gen, soll der Pro­zess nicht ver­lo­ren ge­hen.
Hier im Streit­fall hat­te das LAG un­abhängig da­von sein Ur­teil auch dar­auf gestützt, dass ei­ne Jah­res-Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung um ei­nen be­lieb­ten Fe­ri­en­mo­nat miss­bräuch­lich sei. Aus Ar­beit­neh­mer­sicht liegt es da­her na­he, ei­ne länge­re Ar­beits­zeit­verkürzung, z.B. von an­dert­halb oder zwei Mo­na­ten pro Jahr, zu be­an­tra­gen, um dem Vor­wurf des Miss­brauchs zu ent­ge­hen.
Ei­ne ausführ­li­che Be­spre­chung der Ent­schei­dung des LAG Nürn­berg fin­den Sie in Up­date Ar­beits­recht 06|2019 vom 11.12.2019 (Abon­ne­ment-Be­reich).
Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg, Ur­teil vom 27.08.2019, 6 Sa 110/19
Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 18.01.2018, 7 Sa 365/17
Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 24.05.2017, 3 Sa 830/16
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 23.02.2017, 5 Sa 1745/16
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Up­date Ar­beits­recht 06|2019 vom 11.12.2019, LAG Nürn­berg: Kei­ne Ver­rin­ge­rung der jähr­li­chen Ar­beits­zeit um den Fe­ri­en­mo­nat Au­gust