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Timestamp: 2018-07-19 02:34:17
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Matched Legal Cases: ['Art. 5', 'Art. 6', 'Art. 5', 'Art. 18', 'Art. 13', 'Art. 6', 'Art. 3', 'Art. 8', 'Art. 4', 'Art. 1', 'Art. 7', 'Art. 5', 'Art. 7', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 2', 'Art. 4', 'Art. 2', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 4', 'Art.2']

Die Ahndung von Menschenrechtsverletzungen an Frauen durch das Völkerstrafrecht am Beispiel des Sudan - PDF
Die Ahndung von Menschenrechtsverletzungen an Frauen durch das Völkerstrafrecht am Beispiel des Sudan
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1 Nora Anna Morgenstern Seminararbeit Die Ahndung von Menschenrechtsverletzungen an Frauen durch das Völkerstrafrecht am Beispiel des Sudan Seminar Gender im Völker- und Europarecht Jun.-Prof. Dr. Ulrike Lembke Universität Hamburg im WiSe 2010/11
2 Literaturverzeichnis Ambos, Kai Internationales Strafrecht, München An-Na im, Abdullahi Deng, Francis Mading Self-Determination and Unity: The Case of Sudan, in: Law & Policy (L&P) 1996, S Bock, Stefanie Das Opfer vor dem internationalen Strafgerichtshof, Berlin Cassese, Antonio (Hg.) The Rome Statute of the International Criminal Court, Volume I, Oxford Cassese, Antonio International Criminal Law, Oxford Dahm, Georg Delbrück, Jost Wolfrum, Rüdiger Völkerrecht, Band 1,3, Berlin De Than, Claire Shorts, Edwin International Criminal Law and Human Rights, London FAZ Vergewaltigung im Krieg oft ein Instrument der Politik, FAZ vom , TE=9&WID= _10 ( ). Gardam, Judith Gail Jarvis, Michelle J. Women, Armed Conflict and International law, Den Haag Gardam, Judith Gail Charlesworth, Hilary Protection of Women in Armed Conflict, in: Human Rights Quarterly (HRQ) 22 (2000), S II
3 Herik, Larissa Cernic, Jernej Letnar Regulating Corporations under International Law From Human Rights to International Criminal Law and Back Again, in: Journal of International Criminal Justice (JICJ) 2010, S Human Rights Watch Five Years On. No Justice for Sexual Violence in Darfur, 6. April 2008, ( ). Human Rights Watch Commentary to the Preparatory Commission on the International Criminal Court. Elements of Crimes and Rules of Procedure and Evidence, Juni Kapur, Ratna Revisioning the role of law in women s human rights struggles, in: Cali Meckled-Garcia (Hg.), The Legalization of Human Rights, London 2006, S Kerr, Rachel The International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia: an Exercise in Law, Politics, and Diplomacy, Oxford Kimmenich, Otto Hobe, Stephan Einführung in das Völkerrecht, Tübingen Markard, Nora Adamietz, Laura Herausforderungen an eine zeitgenössische feministische Menschenrechtspolitik am Beispiel sexualisierter Kriegsgewalt, in: KritV 2008, S May, Larry Crimes Against Humanity, Cambridge III
4 Mischkowski, Gabriela damit es niemandem in der Welt widerfährt ; Das Problem mit Vergewaltigungsprozessen Ansichten von Zeuginnen, ChefanklägerInnen und RichterInnen über die Strafverfolgung sexualisierter Gewalt während des Krieges im früheren Jugoslawien, Medica Mondiale Bericht, Köln Mischkowski, Gabriela Damit die Welt es erfährt; Sexualisierte Gewalt vor Gericht; Der Foca Prozess vor dem internationalen Kriegsverbrechertribunal zum ehemaligen Jugoslawien, Medica Mondiale Bericht/Materialien zur Gleichstellungspolitik, Köln Mischkowski, Gabriela Verbrechen an Frauen international straffrei? Zum Stand der Verhandlungen des Internationalen Gerichtshofs in New York, in: Medica Mondiale Journal 2000 Nr.1, S Möller, Christina Völkerstrafrecht und Internationaler Strafgerichtshof kriminologische, straftheoretische und rechtspolitische Aspekte, Münster Möller, Christina Sexuelle Gewalt im Krieg, in: Jana Hasse, Erwin Müller, Patricia Schneider (Hg.), Humanitäres Völkerrecht: politische, rechtliche und strafgerichtliche Dimensionen, Baden-Baden 2001, S Morris, Virginia Scharf, Michael P. The International Criminal Tribunal for Rwanda, Band I, New York IV
5 Mühlhäuser, Regina Sexuelle Gewalt als Kriegsverbrechen: eine Herausforderung an die Internationale Strafgerichtsbarkeit, in: Mittelweg 36, Nr. 2/2004, S O Kane, Maggie Reporting on Women during Armed Conflict: A War Journalist s Perspective, in: Helen Durham/Tracey Gurd (Hg.), Listening to the Silences: Women and War, Leiden 2005, S Ruffert, Matthias Walter, Christian Ruff-O Herne, Jan Institutionalisiertes Völkerrecht, München Fifty Years of Silence: Cry of the Raped, in: Helen Durham/Tracey Gurd (Hg.), Listening to the Silences: Women and War, Leiden 2005, S Schilling, Theodor Internationaler Menschenrechtsschutz, Tübingen Susskind, Yifat Indigenous Women s Anti-Violence Strategies, in: Sanja Bahun-Radunovic/Julie Rajan (Hg.), Violence and Gender in the Globalized World. The intimate and the Extimate, Hampshire 2008, S Torgovnik, Jonathan Kinder des Krieges, Ruanda und die unbekannten Folgen des Krieges, Frankfurt Triffterer, Otto Commentary on the Rome Statute of the International Criminal Court, Baden-Baden Webseiten: (zuletzt aufgerufen am ) V
6 Internationaler Strafgerichtshof: Haftbefehle: Internationaler Strafgerichtshof, Entscheidungsgründe der Vorverfahrenskammer: Al Bashir: Ahmad Harun/Ali Kushayb: Internationaler Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien: Statut: Urteile: Internationaler Strafgerichtshof für Ruanda: Statut: Urteile: VI
7 Gliederung A. Einleitung...1 B. Verletzungen an Frauen...2 C. Wirkung und Ziele des Völkerstrafrechts hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen an Frauen...4 I. Menschenrechte im Völkerstrafrecht...4 II. Umsetzung des Völkerstrafrechts und der Menschenrechte...5 III. Bedeutung für die Menschenrechte der Frauen...7 IV. Ergebnis...7 D. Frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen im Völkerstrafrecht...8 E. Die Vorschriften des Rom-Statuts...9 I. Völkermord Begehungsformen...10 a) Verursachung schwerer körperlicher Schäden...11 b) Auferlegung von zerstörenden Lebensbedingungen...11 c) Verhängung auf Geburtenverhinderung gerichteter Maßnahmen...11 d) Keine sexualisierte Gewalt als eigenständiges Tatbestandsmerkmal Kein Völkermord wegen Zerstörung aufgrund des Geschlechts Ergebnis...13 II. Kriegsverbrechen Vergewaltigung Sexuelle Sklaverei Zwangsprostitution Zwischenergebnis...16 III. Verbrechen gegen die Menschlichkeit Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei und Zwangsprostitution Das Erfordernis der aktiven staatlichen Förderung Verfolgung aus Gründen des Geschlechts Ergebnis...19 IV. Weitere frauenspezifische Vorschriften V. Hürden und Grenzen bei der Zielverwirklichung in der Praxis VII
8 VI. Ergebnis F. Völkerstrafrecht und Menschenrechte der Frau im Sudan I. Verletzungen an Frauen im Sudan II. Die Verfahren vor dem IStGH Zuständigkeit des IStGH Die Haftbefehle gegen Al Bashir...23 a) Erster Haftbefehl b) Zweiter Haftbefehl c) Frauenspezifischer Bezug...23 d) Zwischenergebnis Die Haftbefehle gegen Ahmad Harun und Ali Kushayb Ergebnis der laufenden Verfahren...26 III. Ergebnis G. Fazit VIII
9 A. Einleitung In den 1990er Jahren gelangte das ungeheure Ausmaß von Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt an Frauen in Kriegszeiten in das Blickfeld der breiten Öffentlichkeit. Schlagzeilen wie Vergewaltigung im Krieg oft ein Instrument der Politik 1 und Evil of Serbs Rape Camp 2 spiegelten die erstmalige völkerstrafrechtliche Aufarbeitung dieser Verbrechen gegen Frauen durch das Kriegsverbrechertribunal im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) wider. Gleichzeitig nahm das UN-Komitee zur Errichtung des permanenten Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) seine Arbeit auf. Mit dem Ziel, der Straflosigkeit von schwersten Verbrechen ein Ende zu setzen, wurde 1998 das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs verabschiedet. Es stellt sich die Frage, welche Mechanismen zum Schutz der Menschenrechte von Frauen das aktuelle Völkerstrafrecht beinhaltet. Sind die Erkenntnisse des ICTY und anderer Tribunale im Hinblick auf Menschenrechtsverletzungen an Frauen umfassend genug in das heutige Völkerstrafrecht einbezogen? Versprechen die Tatbestände des Rom-Statuts diesbezüglich Erfolg? Welchen Aufschluss bieten erste Verfahren darüber? Und was bedeutet der Strafgerichtshof für die Menschenrechte von Frauen in Staaten fernab westlicher Strafrechtskultur? Nachdem zunächst ein Überblick über die verschiedenen Menschenrechtsverletzungen an Frauen gegeben wird (Teil B), folgt eine Darstellung der Wechselbeziehung zwischen Menschenrechtsschutz und Völkerstrafrecht (Teil C). Sodann werden die Verletzungen herausgearbeitet, die frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen sind (Teil D), um ihre Einbeziehung in die Tatbestände des Rom-Statuts zu untersuchen (Teil E). Mit der Darstellung der Situation im Sudan und der Analyse der laufenden Verfahren des IStGH gegen die Akteure des Darfurkonflikts (Teil F) schließt die Untersuchung mit einem aktuellen Beispiel ab. 1 Vergewaltigung im Krieg oft ein Instrument der Politik, FAZ vom , ( ). 2 Mark Dowdney, Evil of Serbs Rape Camp, The Mirror London vom , ( ).
10 B. Verletzungen an Frauen Die Verletzung der Menschenrechte von Frauen findet auf verschiedenen rechtlichen Ebenen in Form von ökonomischen Nachteilen bis hin zu Verletzungen der menschlichen Würde durch gewaltsame Eingriffe in die Intimsphäre statt. Besonders deutlich und völkerrechtlich relevant sind hierbei die schweren körperlichen und seelischen Schäden durch massive und systematische Vergewaltigungen an Frauen im Rahmen von bewaffneten Konflikten. Diese existieren seit Menschengedenken, 3 und blieben bis in die jüngste Zeit weitestgehend straffrei. Eine Ahndungsmöglichkeit bestand teilweise im Rahmen des humanitären Völkerrechts, entsprechende Tatbestände wurden aber nicht explizit ausformuliert oder nicht als schwerwiegende Verbrechen klassifiziert. 4 Auch wenn der Vergewaltigung die meiste Aufmerksamkeit zukommt, 5 ist sie keineswegs die einzige Form von sexualisierter Gewalt; ebenso zerstörerisch und gesundheitsgefährdend sind sexuelle Verstümmelung, erzwungene Sterilisation und Zwangsprostitution. Auch wenn beide Geschlechter, Männer und Frauen, besonders in Kriegszeiten, betroffen sind, sind Frauen öfter das Ziel und zudem weiteren Risiken wie zum Beispiel der Zwangsschwangerschaft ausgesetzt. 6 Im Rahmen bewaffneter Konflikte werden Frauen gefangen gehalten, um in Vergewaltigungscamps den Soldaten zur sexuellen Belohnung zur Verfügung zu stehen. 7 Teilweise werden sie gezwungen, die Entführer zu begleiten, um ihnen die Ehefrau zu ersetzen. 8 Die Gewalt wird aber auch zur Einschüchterung der Frauen genutzt, oder ihre Erniedrigung soll im Rahmen eines Völkermords eine ethnische Gruppe von innen heraus zerstören. Hierbei werden auch sehr junge minderjährige Mädchen und schwangere Frauen nicht verschont. 9 Die sexualisierte Gewalt wird teilweise über Tage oder Monate fortgesetzt Vgl. die Bezugnahme auf die Antike, Mittelalter und Kriege des 19. Jahrhunderts Gabriela Mischkowski, damit es niemandem in der Welt wiederfährt. Das Problem mit Vergewaltigungsprozessen - Ansichten von Zeuginnen, ChefanklägerInnen und RichterInnen über die Strafverfolgung sexualisierter Gewalt während des Krieges im früheren Jugoslawien, Medica Mondiale Bericht, 2009, S. 6, 8. 4 Regina Mühlhäuser, Sexuelle Gewalt als Kriegsverbrechen: eine Herausforderung an die Internationale Strafgerichtsbarkeit, Mittelweg 36 (2004), S. 33 (33). 5 Claire de Than/Edwin Shorts, International Criminal Law and Human Rights, 2003, S. 347 f. Rn Claire de Than/Edwin Shorts, International Criminal Law and Human Rights, 2003, S. 346 f. Rn Vgl. die ausführlichen Beschreibungen eines Opfers, Jan Ruff-O Herne, Fifty Years of Silence: Cry of the Raped, in: Durham/Gurd (Hg.), International Humanitarian Law Series Listening to the Silences: Women and War, 2005, S Jonathan Torgovnik, Kinder des Krieges, Ruanda und die unbekannten Folgen des Krieges, 2009, S Claire de Than/Edwin Shorts, International Criminal Law and Human Rights, 2003, S. 353 f. Rn Jan Ruff-O Herne, in: Durham/Gurd (Hg.), Women and War, 2005, S
11 Zusätzlich erfahren die Opfer eine zweite Viktimisierung, die sie infolge der sexualisierten Gewalt seitens ihres eigenen sozialen Umfelds erfahren. 11 Vergewaltigungsopfer gelten oft als unrein, werden als geschändet betrachtet und bleiben stigmatisiert. Aus den Vergewaltigungen gehen Kinder hervor, die von der Gesellschaft oftmals ausgegrenzt werden, und damit auch die Mütter. 12 Die Opfer haben mitunter das Gefühl, selbst schuld zu sein. 13 Die Kriegsumstände bringen auch eine Trennung vom Mann als Einkommensquelle der Familie, 14 die für Frauen oft die einzige Überlebensmöglichkeit bedeutet, während sie auf der anderen Seite durch ihre Rolle als fürsorgendes Element in der Familie 15 meist noch mehr Personen als vorher zu versorgen haben. Die besonderen Schwierigkeiten finanzieller Art für Frauen 16 werden durch mangelhafte Bildung und Qualifikationen verschärft. 17 Weitere Hürden ergeben sich bei der Verteilung von Hilfsgütern. Diese erreichen die Frauen nicht, weil sie räumlich zu weit entfernt sind und durch Männer aufgeteilt werden, 18 wobei sich Essensknappheit für Frauen auch innerhalb der eigenen Familien aufgrund kultureller Begebenheiten verstärkt, die den Männern ein Anrecht darauf geben, vor den Frauen zu essen. 19 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich in bewaffneten Konflikten und im Nachfeld die geschlechterorientierten Ungleichheiten vertiefen, die in unterschiedlichen Formen und Tragweiten in jeder Gesellschaft existieren. 20 Die genannten Verletzungen von Frauen stellen nur die offensichtlichsten und in Konfliktsituationen am häufigsten auftretenden Verletzungen dar, da diese für das Völkerrecht aufgrund seiner weitgehend auf diese zugespitzte, beschränkte, und im Weiteren darzustellende, Zuständigkeit am wichtigsten sind. 11 Regina Mühlhäuser, Mittelweg 36 (2004), S. 33 (35). 12 Jonathan Torgovnik, Kinder des Krieges, 2009, S Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Judith G. Gardam/Hilary Charlesworth, Protection of Women in Armed Conflict, HRQ 2000, S. 148 (153). 15 Judith G. Gardam/Hilary Charlesworth, HRQ 2000, S. 148 (153). 16 Judith G. Gardam/Hilary Charlesworth, HRQ 2000, S. 148 (153). 17 Judith G. Gardam/Hilary Charlesworth, HRQ 2000, S. 148 (153). 18 Judith G. Gardam/Hilary Charlesworth, HRQ 2000, S. 148 (154). 19 Judith G. Gardam/Hilary Charlesworth, HRQ 2000, S. 148 (154). 20 Judith G. Gardam/Hilary Charlesworth, HRQ 2000, S. 148 (150). 3
12 C. Wirkung und Ziele des Völkerstrafrechts hinsichtlich Menschenrechtsverletzungen an Frauen Fraglich ist, in welchem Zusammenhang Menschenrechte und das Völkerstrafrecht stehen, wie diese umgesetzt werden, und was sich daraus grundsätzlich für den völkerstrafrechtlichen Schutz der Menschenrechte von Frauen ergibt. I. Menschenrechte im Völkerstrafrecht Tatbestandlich erfasst das Völkerstrafrecht im engsten Sinne nur die Kernverbrechen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Aggression (Art. 5 Rom-Statut) und damit schweren Menschenrechtsverletzungen. 21 Kennzeichnend ist, dass es hierbei um individuelle Verantwortlichkeit einzelner Personen geht. 22 Das Völkerstrafrecht besteht hauptsächlich aus dem vertikalen Schutz der grundlegendsten Normen. 23 Die Spanne der Menschenrechte ist mit zivilen, politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Rechten wesentlich weiter als der Inhalt der Kernverbrechen. 24 Die Struktur der Menschenrechte ist staatsorientiert und zielt auf eine breite, horizontale Umsetzung. 25 Die Wirkung des internationalen Strafrechts ist primär präventiver Natur. 26 Im Sinne von Spezialprävention sollen Täter/innen durch das Unwerturteil der Strafe von weiteren Taten abgeschreckt und resozialisiert werden. Generalpräventiv soll die Strafandrohung die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Rechtsverletzungen mindern. 27 Neben die Signal- und punktuelle Schutzwirkung des Völkerstrafrechts treten jedoch noch weitere Elemente. Zum Beispiel muss sich der/die einzelne Täter/in dessen bewusst sein, dass seine/ihre Verfolgung auch dann möglich ist, wenn von Organen des Heimatstaates das verbotene Verhalten befohlen oder toleriert wurde, beziehungsweise der Staat von strafrechtlicher Verfolgung absieht. 28 Im Idealfall schrecken Täter/innen vor der Ausführung völkerstrafrechtswidriger Befehle zurück. Insofern soll der Schutz von Individuen abgebaut werden, die eine Politik 21 Matthias Ruffert/Christian Walter, Institutionalisiertes Völkerrecht, 2009, S Matthias Ruffert/Christian Walter, Institutionalisiertes Völkerrecht, 2009, S Vgl. Larissa Herik/Jernej L. Cernic, Regulating Corporations under International Law From Human Rights to International Criminal law and Back Again, JICJ 2010, S. 725 (741 f). 24 Vgl. AEMR, IPbpR, IPwirtR. 25 Vgl, Larissa Herik/Jernej L. Cernic, JICJ 2010, S. 725 (741 f). 26 Georg Dahm u.a., Völkerrecht, 2002, S Christina Möller, Völkerstrafrecht und Internationaler Strafgerichtshof kriminologische, straftheoretische und rechtspolitische Aspekte, 2003, S Georg Dahm u.a., Völkerrecht, 2002, S
13 ausführen, die gegen das Völkerrecht verstößt. 29 In weitreichender Sicht ist der Effekt dieses generalpräventiven Mechanismus so auch die Stärkung der grundlegenden Menschenrechte durch Normenverankerung in der Gesellschaft. Dies ist Ausdruck der Metaebene, die den völkerrechtlichen Gesichtspunkt des Völkerstrafrechts widerspiegelt, das auf Basis des Strafrechts allein auf die Vermeidung von Verletzungen hinausliefe. Hier vermischen sich die Auswirkungen der Ansätze der verschiedenen Rechtsgebiete. Auf der Metaebene werden schlichtweg Wertentscheidungen hinsichtlich der völkerrechtlichen Strafbedürftigkeit und Würdigkeit bestimmter Verhaltensweisen demonstriert. 30 Deutlich wird dies zum Beispiel im Tatbestand des Völkermords, der seinen völkerrechtlichen Unwert erst dadurch erhält, dass eine Gruppe aus ethnischen, religiösen etc. gründen verletzt wird. (vgl. Art. 6 Rom-Statut). Die Tötung einer bestimmen ethnischen Gruppe ist für das Leben nicht gefährlicher als die Tötung einer Gruppe, die unverbunden ist. Es wird hier vielmehr gegen die Ausübung menschenverachtenden Verhaltens vorgegangen. Diese Tatbestände verdeutlichen den Einfluss von Menschenwürdeaspekten auf die Schutzinhalte des Völkerstrafrechts. II. Umsetzung des Völkerstrafrechts und der Menschenrechte Sowohl im Menschenrechtsschutz als auch bei der Durchsetzung des Völkerstrafrechts bestehen große Schwierigkeiten in der Umsetzung. Durch die Menschenrechtsverträge entstehen großenteils keine konkreten Rechtsverpflichtungen für die Staaten und sie beinhalten keine Mechanismen zur Durchsetzung. 31 Auf universeller Ebene findet allerdings zunehmend eine inhaltliche Kodifizierung statt. So beinhaltet das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau von 1979 (CEDAW) 32 konkrete Verpflichtungen für die Umsetzung der Gleichheit auf politischer, rechtlicher und exekutiver Ebene. Zusätzlich zu den weitreichenden Themen des Inhalts wird selbst auf tiefgreifende kulturelle Ebenen eingegangen (vgl z.b. Art. 5 CEDAW, Überwindung von Verhaltensmustern). Neben der Verpflichtung der Vertragsstaaten, alle vier Jahre einen Bericht vorzulegen (Art. 18 CEDAW), besteht nach dem Fakultativprotokoll 33 die 29 Georg Dahm u.a., Völkerrecht, 2002, S Kai Ambos, Internationales Strafrecht, 2. Aufl. 2008, S. 5, Vgl. bei den Menschenrechten Otto Kimmenich/Stephan Hobe, Einführung in das Völkerrecht, 2004, S. 395 ff. 32 Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, Resolution 34/180 der Generalversammlung vom , in Kraft seit dem Optional Protocol to the Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women, Resolution 54/4 der Generalversammlung vom , in Kraft seit dem
14 Möglichkeit einer Individualbeschwerde zum CEDAW-Ausschuss und eines Untersuchungsverfahrens. Der Menschenrechtsschutz ist allerdings aufgrund der Staatensouveränität weitgehend auf die Kooperation der Staaten angewiesen. Das internationale Strafrecht weist ähnliche Probleme auf. Selbst das Rom-Statut begründet keine speziellen Umsetzungspflichten und die Vertragsstaaten haben einen weiten Gestaltungsspielraum, was ihre Unterwerfung angeht. 34 Eine Schwäche des Rom-Statuts ist auch, dass weitgehend gegenläufige Interessen aufgenommen werden mussten, wodurch die Demonstration der Wertentscheidungen leidet. 35 Letztlich bietet das Rom-Statut jedoch in Situationen, die die internationale Sicherheit betreffen, die Möglichkeit, dass auf Antrag des UN-Sicherheitsrats ein Verfahren eingeleitet wird (Art. 13 lit. b Rom-Statut). 36 Dann ist es für die Ausübung der Gerichtsbarkeit nicht mehr Voraussetzung, dass der Staat, in dem die Verletzung stattgefunden hat, Vertragspartei ist oder sich der Gerichtsbarkeit unterworfen hat. Insoweit kann auch gegen den Willen des Staates ermittelt werden. Das bietet Raum für die umfangreiche Dokumentation der Verbrechen im Rahmen der Ermittlungsverfahren. Schon ihre Bedeutung darf nicht unterschätzt werden, da sie auch Grundlage neuer Analysen über die jeweiligen Ursachen der Rechtsverletzungen ist. 37 Die Untersuchungen und eventuellen Haftbefehle im Vorfeld der Verurteilung verdeutlichen bereits den Willen der Internationalen Gemeinschaft und den Norminhalt in ganz konkreten Fällen. 38 So kommt dem Völkerstrafrecht neben den internationalen Menschenrechtsschutzverträgen zunehmend Bedeutung beim Schutz der Menschenrechte zu. 39 Letztlich hängen die Möglichkeiten einer Verurteilung, durch die das Völkerstrafrecht erst seine volle Kraft entfalten kann, jedoch auch von der Kooperation der Staaten ab. Schwierig ist in diesem Zusammenhang die Wahrnehmung der Verfahren des IStGH als show trial 40. Die internationale Strafgerichtsbarkeit wird als Manifestation faktischer Hegemonien wahrgenommen, weil hauptsächlich Angehörige von ökonomisch und politisch schwachen Staaten angeklagt werden. 34 Kai Ambos, Internationales Strafrecht, 2. Aufl. 2008, S Kai Ambos, Internationales Strafrecht, 2. Aufl. 2008, S Oft ist aber auch der UN-Sicherheitsrat selbst ein Problem, indem er aus politischen Gründen eine Blockadehaltung einnimmt. 37 Regina Mühlhäuser, Mittelweg 36 (2004), S. 33 (46). 38 Regina Mühlhäuser, Mittelweg 36 (2004), S. 33 (46). 39 Matthias Ruffert/Christian Walter, Institutionalisiertes Völkerrecht, 2009, S Rachel Kerr, The International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia: an Exercise in Law, Politics, and Diplomacy, 2004, S
15 III. Bedeutung für die Menschenrechte der Frauen Im Zusammenhang mit Menschenrechten von Frauen wird auch darauf hingewiesen, dass bei der Kodifizierung von Menschenrechten die Gefahr besteht, dass bereits bestehende Grundsätze, die der Stärkung von Frauen zuwiderlaufen, noch verfestigt werden. 41 Damit ist gemeint, dass durch den spezifischen Schutz von Frauen auch kulturelle Inhalte verfestigt werden, die Frauen aus der Perspektive von Männern darstellen, die diese Kultur ursprünglich geschaffen haben. 42 Als alarmierender Beleg dafür wird angeführt, dass trotz der neuen Mechanismen, Etablierung von Beschwerdeverfahren und erheblicher finanzieller Mittel die Verletzung von Frauen, insbesondere durch Gewalt, nicht abnimmt. 43 Im vorliegenden Zusammenhang ist zu beachten, dass es sich bei den zu untersuchenden Schutzmechanismen um die des Völkerstrafrechts handelt und nicht die gesamte Breite des Menschenrechtsinhalts. Auch aus feministischer Sicht wurde in Bezug auf die gerade im Völkerstrafrecht problematische sexualisierte Gewalt scharf kritisiert, dass nicht genügend Verbrechen an Frauen bestraft würden, da der Schutz insbesondere des humanitären Völkerrechts als Ursprung und nun Bestandteil eher auf den Schutz der Ehre des Mannes zugeschnitten ist. 44 Hierbei wurden traditionell Verbrechen an Frauen nur als Ehrverletzung des Mannes gesehen und bestraft. Der Schutz des Körpers und der eigenen Menschenwürde der Frau würden hinter diesem zurückfallen. 45 Das an Frauen orientierte Ziel ist im Völkerstrafrecht dementsprechend zunächst, dass ein Schutz des Körpers, des Lebens und der grundlegenden Würde der Frauen gewährleistet wird. IV. Ergebnis Das Völkerstrafrecht kann nur schwerste Verstöße gegen Menschenrechte ahnden. Aufgrund der besonderen Möglichkeiten des Völkerstrafrechts kommt diesem insbesondere in Konfliktsituationen zunehmend Bedeutung für die Umsetzung von Menschenrechten zu. Durch die generelle Benachteiligung und die traditionelle Schutzlosigkeit von Frauen, insbesondere gegen sexualisierte Gewalt, ist der völkerstrafrechtliche Schutz für Frauen von großer Wichtigkeit. Durch ihn werden grundlegende Güter geschützt. Vor allem ist für den 41 Ratna Kapur, Revisioning the role of law in women s human rights struggles, in: Meckled-Garcia (Hg.), The Legalization of Human Rights, 2006, S. 101 (106). 42 Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Ratna Kapur in: Meckled-Garcia (Hg.), The Legalization of Human Rights, 2006, S. 101 (106). 44 Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Regina Mühlhäuser, Mittelweg 36 (2004), S. 33 (35). 7
16 Schutz von Frauen im Hinblick auf sexualisierte Gewalt im Krieg, aber auch die Kodifizierung des Norminhalts durch das Rom-Statut und das Ergebnis der Untersuchungen durch den IStGH von Bedeutung. Entgegen der Tradition der Straflosigkeit dieser Verbrechen werden die Taten hierdurch ausformuliert, dokumentiert und im Idealfall geahndet. D. Frauenspezifische Menschenrechtsverletzungen im Völkerstrafrecht Zunächst ist fraglich, welche Menschenrechtsverletzungen frauenspezifisch sind, 46 und somit Gegenstand der folgenden Untersuchung der Tatbestände des Rom-Statuts sein sollen. Das materielle internationale Strafrecht dient der Durchsetzung des Völkerrechts, indem es die Verletzung bestimmter Rechtsgüter unter Strafe stellt. 47 Zu diesen gehören die supraindividuellen, kollektiven Rechtsgüter globaler Friede und internationale Sicherheit, 48 und daneben der strafrechtliche Schutz der grundlegenden Menschenrechte. 49 Frauen sind Trägerinnen aller Menschenrechte aufgrund ihrer Eigenschaft als Mensch. So beinhalten die klassischen Freiheitsrechte 50 zum Beispiel das Recht auf Leben (Art. 6 I IPbpR (Internationaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte), Art. 3 AEMR (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948), Freiheit von Sklaverei (Art. 8 I, II IPbpR, Art. 4 AEMR) und von Folter (Art. 1 I UN -Folterkonvention (Übereinkommen gegen Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe); Art. 7 I IPbpR; Art. 5 AEMR). Gleichheitsrechte gewähren, dass eine Freiheit oder ein Recht ohne Diskriminierung ausgeübt werden kann oder sollen die Gleichbehandlung als solche garantieren. Die Verletzung dieser Rechte an Frauen durch Straftaten ist in verschiedener Weise denkbar. Zum einen gibt es Verbrechen, bei denen die Verletzung sowohl an Frauen als auch an Männern begangen werden kann. Der betreffende Tatbestand schützt also weder durch seine Schutzrichtung noch durch explizite Nennung noch durch die faktische Betroffenheit insbesondere Frauen. Hierunter fallen auch Taten, die gerade Männer praktisch häufiger betreffen. So finden zum Beispiel die Vorschriften des humanitären Völkerrechts, welche den 46 Vgl. ausführlicher zum Thema geschlechtsspezifischer Menschenrechtsverletzungen auch an Männern Nora Markard/Laura Adamietz, Herausforderungen an eine zeitgenössische feministische Menschenrechtspolitik am Beispiel sexualisierter Kriegsgewalt, KritV 2008, S Georg Dahm u.a., Völkerrecht, S Kai Ambos, Internationales Strafrecht, 2. Aufl. 2008, S. 5, 3; 7, Antonio Cassese, International Criminal Law, 2008, S Otto Kimmenich/Stephan Hobe, Einführung in das Völkerrecht, 2004, S
17 erzwungenen Einsatz von feindlichen Kombattant/innen in eigenen kriegerischen Einheiten verbieten, eher auf Männer Anwendung. Zwar kann dies auch Frauen betreffen, die meisten Kombattant/innen sind jedoch Männer. Zum anderen gibt es Verbrechen, die zwar an beiden Geschlechtern begangen werden können und auch werden, von denen jedoch vorwiegend Frauen praktisch betroffen sind. Hierunter fällt auch die an Frauen häufiger begangene Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt, die auch Männer (und Jungen) in einer nicht zu unterschätzenden Intensität und Häufigkeit widerfährt, jedoch gerade im Krieg weitaus häufiger Frauen als Männer betrifft. 51 Zudem gibt es Verbrechen, die nur Frauen betreffen können, vor allen eine erzwungene Schwangerschaft. Des Weiteren gibt es Normen, die sich explizit auf das Merkmal Geschlecht beziehen, wie zum Beispiel Art. 7 I lit. h Rom-Statut, der als Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Verfolgung aus Gründen des Geschlechts umfasst. Es sollen Frauen und Männer gleichwertig vor Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts geschützt werden, wobei in der Praxis in diesem Kontext Frauen oftmals häufiger betroffen sind. Die zuletzt genannten Taten verletzen somit insbesondere Frauen und können als frauenspezifisch herausgehoben werden. Auch wenn die Normen, die sich auf das Merkmal Geschlecht beziehen, nicht per se als frauenspezifisch bezeichnet werden können, werden sie hier aus dem eben genannten Grund hinzugezählt. In der vorliegenden Untersuchung des Schutzes von Frauen im Rom-Statut werden nur die soeben als frauenspezifisch herausgehobenen Verbrechen Gegenstand sein. E. Die Vorschriften des Rom-Statuts Fraglich ist, inwieweit die frauenspezifischen Verletzungen von den Tatbeständen des Rom- Statuts umfasst sind und inwiefern ihre Einbeziehung die Entwicklung vorheriger entsprechender Rechtsprechung widerspiegelt. I. Völkermord Der Tatbestand des Völkermords (Art. 6 Rom-Statut) besteht aus fünf möglichen Begehungsformen und einem überschießenden subjektiven Element. Weder unter den Begehungsformen findet sich eine explizite Referenz zu sexualisierter Gewalt, Frauen als 51 Vgl. Claire de Than/Edwin Shorts, International Criminal Law and Human Rights, 2003, S. 346 f. Rn , S. 347 f. Rn
18 Opfer oder geschlechtsspezifischen Verletzungen, noch ist das Geschlecht eine der genannten Gruppen, deren Zerstörung Ziel eines Völkermords sein kann (Art. 6 Rom-Statut). 1. Begehungsformen Obwohl Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt im Statut des ICTY, des ICTR oder der Völkermordkonvention nicht explizit genannt wurden, 52 können diese als Völkermord nach Art. 6 des Rom-Statuts klassifiziert werden, wie bereits das bahnbrechende Akayesu-Urteil des ICTR gezeigt hat. 53 Bei dem Akayesu-Urteil 54 ging es um den systematischen Einsatz sexualisierter Gewalt gegenüber Tutsi-Frauen in einer Gemeinde von Taba während des Völkermordes in Ruanda. Der Angeklagte Jean Paul Akayesu, Bürgermeister dieser Gemeinde, ergriff weder Maßnahmen, um dies zu verhindern, noch um die Täter zu bestrafen. Vielmehr lautete der Vorwurf, er habe die sexualisierte Gewalt sogar angeordnet, zur Tat angestiftet und hierzu Beihilfe geleistet. Der Gerichtshof befand ihn daher des Völkermordes schuldig vor allem auch aufgrund der systematischen sexualisierten Gewalt und verurteilte ihn zu lebenslanger Haft. Die Entscheidung ist vor allem deshalb für das internationale Strafrecht so bedeutend, weil der Gerichtshof sexualisierte Gewalt als wichtigen Teil des Völkermordes in Ruanda anerkannt hat sowie allgemein feststellte, dass Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt als unabhängige Verbrechen, die ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen, anzusehen sind. 55 Zudem wurde Vergewaltigung zum ersten Mal im Völkerstrafrecht definiert, nämlich als a physical invasion of a sexual nature, committed on a person on circumstances which are coercive 56. Sexualisierte Gewalt wurde als any act of a sexual nature which is committed on a person under circumstances which are coercive bestimmt. 57 Insgesamt kann der Tatbestand des Völkermordes durch verschiedene Begehungsarten erfüllt werden: die vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen, die geeignet sind, die Zerstörung herbeizuführen (Art. 6 lit.c Rom-Statut), die Verursachung schwerer körperlicher 52 Vgl. Art. 2 ICTR-Statut (ebenfalls Art. 4 ICTY-Statut; Art. 2 Völkermordkonvention (Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes). 53 ICTR vom , ICtR-96-4-T, vgl. Christina Möller, Sexualisierte Gewalt im Krieg, in: Hasse u.a. (Hg.), Humanitäres Völkerrecht: politische, rechtliche und strafgerichtliche Dimensionen, 2001, S. 280 (290). 54 ICTR vom , ICtR-96-4-T. 55 Vgl. Christina Möller, in: Hasse u.a. (Hg.), Humanitäres Völkerrecht, 2001, S. 280 (290); vgl. Claire de Than/Edwin Shorts, International Criminal Law and Human Rights, 2003, S. 376 f. Rn ICTR vom , ICtR-96-4-T, Abs ICTR vom , ICtR-96-4-T, Abs
19 oder seelischer Schäden (Art. 6 lit.b Rom -Statut) oder die Verhängung auf Geburtenverhinderung gerichteter Maßnahmen (Art. 6 lit.d Rom -Statut). Durch Vergewaltigungen oder andere sexualisierte Gewalt kann jede dieser Tatbestandsalternativen erfüllt sein. a) Verursachung schwerer körperlicher Schäden Die frauenspezifische Verursachung schwerer körperlicher und seelischer Schäden ist durch die Rechtsprechung des ICTY und ICTR bereits deutlich dargelegt worden. Beispielhaft war hierfür die Akayesu-Entscheidung. 58 b) Auferlegung von zerstörenden Lebensbedingungen Dass sexualisierte Gewalt die Auferlegung zerstörender Lebensbedingungen sein kann, wurde ebenfalls durch die Akayesu-Entscheidung ausführlich formuliert. Es wurde dargestellt, dass die sexualisierte Gewalt ein Schritt im Laufe der Gemeinschaft der ethnischen Gruppe der Tutsi war und die Zerstörung der Seele, des Willens zum Leben und des Lebens selbst darstellte. 59 c) Verhängung auf Geburtenverhinderung gerichteter Maßnahmen Das Tatbestandsmerkmal der geburtenverhindernden Maßnahmen bezieht sich recht explizit auf Frauen, kann aber auch an Männern vollzogen werden. Unter anderem ist die Tatausführung durch genitale Verstümmelung aufgrund von sexualisierter Gewalt denkbar. 58 ICTR vom , ICtR-96-4-T, S. 289, Abs ICTR vom , ICtR-96-4-T, S. 274 Abs Ein weiteres Beispiel sind die Erfahrungen der Comfort Women des Japanischen Militärs im Rahmen des zweiten Weltkriegs, die festgehalten wurden, um den Soldaten sexuell zur Verfügung zu stehen. Von ihnen überlebten nur schätzungsweise 30 % den Krieg, Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Vgl. auch die ausführliche Schilderung des Opfers Jan Ruff-O Herne, in: Durham/Gurd (Hg.), Women and War, 2005, S
20 d) Keine sexualisierte Gewalt als eigenständiges Tatbestandsmerkmal Trotz der Möglichkeiten, sexualisierte Gewalt zu erfassen, wird Kritik daran geäußert, dass diese nicht eigenständig als Handlung zur Tatausführung genannt wird. 60 Grund dafür ist, dass bereits der notwendige Nachweis, dass der Täter in subjektiver Hinsicht (Mens Rea) durch sexualisierte Gewalt eine genannte Gruppe zerstören will, an sich bereits schwer zu erbringen ist. 61 Gerade sexualisierte Gewalt ist, wie oben dargelegt, besonders geeignet, eine Gesellschaft oder Gruppe in ihrem Kern zu treffen und zu zerstören. Sie kann unmittelbar den Zerstörungswillen manifestieren, der dem gesamten Völkermord zu Grunde liegt, so dass es künstlich erscheint, die Handlungen sexualisierter Gewalt von anderen Tathandlungen zu trennen. 62 Der Mangel an einem eigenständigen Tatbestandsmerkmal spricht dafür, dass die sexualisierte Gewalt noch nicht als im Vergleich mit den anderen Begehungsformen gleich schwere Handlung eingeordnet wird, sondern anderen Tatbestandsmerkmalen untergeordnet wird. 63 Insofern wird für die Schaffung eines Tatbestandsmerkmals plädiert, das explizit sexualisierte Gewalt umfasst Kein Völkermord wegen Zerstörung aufgrund des Geschlechts Des Weiteren wurde gefordert, dass das Merkmal Geschlecht zu den Gruppen, die Ziel eines Völkermords sein können, 65 hinzugefügt wird. 66 Dies würde einen weiteren geschlechterspezifischen Schutz bedeuten, wenn Frauen allein aufgrund dessen angegriffen werden, dass sie Frauen sind. Regelmäßig fallen sie aber in eine der Gruppen, deren gesamte Zerstörung der Angriff gilt. 67 Für den Fall, dass Frauen an sich angegriffen werden, bieten die Entscheidungen des ICTR Grund zur Annahme, dass auch die Gruppe Frauen als stabile und permanente Gruppe im Sinne des Art. 6 Rom-Statut gelten kann Regina Mühlhäuser, Mittelweg 36 (2004), S. 33 (44); Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Gerade sexualisierte Gewalt wird oft nicht explizit genannt. Wenn insgesamt zur Zerstörung einer Gruppe motiviert wird, kann die sexualisierte Gewalt einer Eigendynamik entspringen. 62 Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Larry May, Crimes Against Humanity, 2005, S Vgl. Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Nationale, ethnische, rassische, religiöse, vgl. Art. 6 Rom-Statut, Art. 4 ICTY-Statut, Art.2 Völkermordkonvention. 66 Virginia Morris/Michael P. Scharf, The International Criminal Tribunal for Rwanda, Band I, 1998, S. 174 f. 67 Judith G. Gardam/Michelle J. Jarvis, Women, Armed Conflict and International law, 2001, S Vgl. ICTR vom , ICtR-96-4-T, S
Sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten und Völkerstrafrecht
Von RiLG Prof. Dr. Kai Ambos, Göttingen* Dem Phänomen der sexuellen Gewalt im Krieg ist lange Zeit nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt worden. 1 Die rasante Entwicklung des humanitären Völkerrechts und
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