Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/entscheidungserheblicher-prozessstoff-und-das-rechtliche-gehoer-333954
Timestamp: 2019-12-14 18:33:37
Document Index: 43518578

Matched Legal Cases: ['Art. 103', 'Art. 103', '§ 285', 'Art. 103', '§ 285', '§ 156', '§ 296', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Pro­zess­stoff und das recht­li­che Gehör | Rechtslupe
Entscheidungserheblicher Prozessstoff und das rechtliche Gehör
Ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Pro­zess­stoff und das recht­li­che Gehör
Wird einer Par­tei ein Schrift­satz­recht zur Stel­lung­nah­me zu einem erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung erteil­ten Hin­weis vom Gericht ein­ge­räumt und wird in einem dar­auf­hin ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz neu­er ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Pro­zess­stoff ein­ge­führt, so muss das Gericht die münd­li­che Ver­hand­lung wie­der­eröff­nen oder in das schrift­li­che Ver­fah­ren über­ge­hen, um dem Geg­ner recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren.
Nach dem Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs ist im vor­lie­gen­den Fall das recht­li­che Gehör in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se gemäß Art. 103 Abs. 1 GG ver­letzt wor­den. Das Beru­fungs­ge­richt ist unter ent­schei­dungs­er­heb­li­chem Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG zu der Annah­me gelangt, der Klä­ger sei ord­nungs­ge­mäß auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch gela­gert wor­den. Die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de rügt mit Erfolg, dass das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Über­zeu­gungs­bil­dung die erst mit nach­ge­las­se­nem Schrift­satz vom 8. Novem­ber 2010 und damit nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­leg­ten Ope­ra­ti­ons­pro­to­kol­le über die Neck-Dis­sec­tion, die Tumor­re­sek­ti­on und den mikro­chir­ur­gi­schen Gewe­be­trans­fer sowie den Arbeits­zeit­er­fas­sungs­aus­druck zugrun­de gelegt hat, ohne zuvor die Ver­hand­lung wie­der zu eröff­nen, um dem Klä­ger Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zu geben und über das Beweis­ergeb­nis zu ver­han­deln (§ 285 ZPO).
Das Beru­fungs­ge­richt hat sei­ne Über­zeu­gung von einer ord­nungs­ge­mä­ßen Lage­rung des Klä­gers auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch auf die Anga­ben des Zeu­gen W. und die von der Beklag­ten mit Schrift­satz vom 8. Novem­ber 2010 vor­ge­leg­ten Urkun­den (Ope­ra­ti­ons­pro­to­kol­le und Arbeits­zeit­er­fas­sungs­aus-druck) gestützt. Der Zeu­ge W. hat­te ange­ge­ben, dass er für den ope­ra­ti­ven Ein­griff ein­ge­teilt und u.a. für die Instru­men­te und für Ver­brauchs­ma­te­ri­al zustän­dig gewe­sen sei. Er habe Früh­dienst gehabt, so dass er vom Beginn der Ope­ra­ti­on bis etwa 15.30 Uhr dabei gewe­sen sei. An die kon­kre­te Art und Wei­se, wie der Klä­ger gela­gert wor­den sei, habe er kei­ne Erin­ne­rung. Er kön­ne nur dazu etwas sagen, wie in sol­chen Fäl­len stan­dard­ge­mäß ver­fah­ren wer­de. Nach­dem der Klä­ger aus­ge­führt hat­te, dass der Zeu­ge W. aus­weis­lich der Ope­ra­ti­ons­be­rich­te ledig­lich dem letz­ten Teil der Ope­ra­ti­on – dem mikro­chir­ur­gi­schen Gewe­be­trans­fer – bei­gewohnt habe, hat das Beru­fungs­ge­richt die Beklag­te in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 20. Okto­ber 2010 auf Wider­sprü­che zwi­schen dem vor­ge­leg­ten Ope­ra­ti­ons­pro­to­koll über die Tra­cheo­to­mie, wonach der Zeu­ge W. zuge­gen gewe­sen sei, und den vier Ope­ra­ti­ons­be­rich­ten, wo-nach der Zeu­ge W. ledig­lich wäh­rend des letz­ten Teils der Ope­ra­ti­on anwe-send gewe­sen sei, hin­ge­wie­sen. Mit nach­ge­las­se­nem Schrift­satz vom 8. Novem­ber 2010 hat die Beklag­te dar­auf­hin ergän­zend vor­ge­tra­gen und erst­mals auch die Ope­ra­ti­ons­pro­to­kol­le über die Neck-Dis­sec­tion, die Tumor­re­sek­ti­on und den mikro­chir­ur­gi­schen Gewe­be­trans­fer sowie einen Aus­druck der Arbeits­zeit­er­fas­sung vor­ge­legt. Ohne die Ver­hand­lung wie­der­zu­eröff­nen und ohne dem Klä­ger Gele­gen­heit zur Erwi­de­rung zu geben, hat das Beru­fungs­ge­richt sei­ne Über­zeu­gung von einer ord­nungs­ge­mä­ßen Lage­rung des Klä­gers auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch u.a. auf die nach Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­leg­ten Urkun­den gestützt und die Kla­ge abge­wie­sen.
Hier­durch hat es den Anspruch des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt. Art. 103 Abs. 1 GG gibt dem an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten das Recht, sich zu dem einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­den Sach­ver­halt und zur Rechts­la­ge zu äußern. Das Gericht darf nur sol­che Tat­sa­chen und Bewei­se ver­wer­ten, zu denen die Betei­lig­ten Stel­lung neh­men konn­ten 1. Räumt das Gericht einer Par­tei ein Schrift­satz­recht zur Stel­lung­nah­me zu einem erst in der münd­li­chen Ver­hand­lung erteil­ten Hin­weis ein und wird in einem dar­auf­hin ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz neu­er ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Pro­zess­stoff ein­ge­führt, so muss das Gericht die münd­li­che Ver­hand­lung wie­der­eröff­nen oder in das schrift­li­che Ver­fah­ren über­ge­hen, um dem Geg­ner recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren 2. Dies gilt umso mehr, wenn – wie im vor­lie­gen­den Fall – im nach­ge­las­se­nen Schrift­satz prä­sen­te Beweis­mit­tel vor­ge­legt wer­den, die gemäß § 285 Abs. 1 ZPO zum Gegen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung zu machen sind 3.
Die Gehörs­ver­let­zung ist auch ent­schei­dungs­er­heb­lich. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt den Beweis für eine ord­nungs­ge­mä­ße Lage­rung des Klä­gers auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch nicht als geführt ange­se­hen hät­te, wenn es die münd­li­che Ver­hand­lung wie­der­eröff­net und dem Klä­ger Gele­gen­heit zur Erwi­de­rung gege­ben hät­te.
Bei der neu­en Ver­hand­lung wird das Beru­fungs­ge­richt Gele­gen­heit haben, sich auch mit den wei­te­ren Ein­wän­den der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de zu befas­sen. Für das wei­te­re Ver­fah­ren weist der erken­nen­de Senat dar­auf hin, dass die Behand­lungs­sei­te bei Auf­tre­ten ope­ra­ti­ons­be­ding­ter Lage­rungs­schä-den wie im Streit­fall die Beweis­last nicht nur für die tech­nisch rich­ti­ge Lage­rung des Pati­en­ten auf dem Ope­ra­ti­ons­tisch und die Beach­tung der dabei zum Schutz des Pati­en­ten vor etwai­gen Lage­rungs­schä­den ein­zu­hal­ten­den ärzt­li­chen Regeln, son­dern auch dafür trägt, dass die rich­ti­ge Lage­rung vor und wäh­rend der Ope­ra­ti­on in stan­dard­ge­mä­ßem Umfang kon­trol­liert wor­den ist 4.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Sep­tem­ber 2011 – VI ZR 5/​11
BVerfG NJW 1994, 1210[↩]
vgl. Musielak/​Stadler, ZPO, 8. Aufl., § 156 Rn. 4; Zöller/​Greger, ZPO, 28. Aufl., § 296a Rn. 4[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 20.12.2005 – VI ZR 307/​04, BGH-Report 2006, 529[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 24.01.1984 – VI ZR 203/​82, VersR 1984, 386; vom 24.01.1995 – VI ZR 60/​94, VersR 1995, 539; OLG Köln, VersR 1991, 695 mit NA-Beschluss des BGH vom 20.11.1990; OLG Olden­burg, VersR 1995, 1194 mit NA-Beschluss des BGH vom 11.07.1995[↩]
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