Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=wistra%202010,%20341
Timestamp: 2019-04-21 15:09:43
Document Index: 164273391

Matched Legal Cases: ['§ 393', 'Art 2', 'Art 1', 'Art 100', 'Art 1', 'Art 2', '§ 30', '§ 30', '§ 393', '§ 393', '§ 393', '§ 393', '§ 393', 'EGMR', 'Art. 2', 'Art. 1', 'EGMR', 'Art. 2', 'Art. 1']

BVerfG, 27.04.2010 - 2 BvL 13/07 - dejure.org
Unzulässige Richtervorlage zur Vereinbarkeit von § 393 Abs 2 S 2 AO 1977 mit Art 2 Abs 1 GG, Art 1 Abs 1 GG hinsichtlich der Freiheit von Zwang zur Selbstbelastung (nemo-tenetur-Grundsatz) - unzureichende Darlegung der Entscheidungserheblichkeit der vorgelegten Norm
Art 100 Abs 1 GG, Art 1 Abs 1 GG, Art 2 Abs 1 GG, § 30 Abs 2 Nr 1 Buchst b AO 1977, § 30 Abs 4 Nr 1 AO 1977
Vereinbarkeit der abgabenrechtlichen Vorschrift über das Verhältnis des Strafverfahrens zum Besteuerungsverfahren des § 393 Abs. 2 S. 2 Abgabenordnung (AO) mit der Freiheit vom Selbstbelastungszwang; Rechtmäßigkeit der umfangreichen Auskunfstpflichten und Mitwirkungspflichten eines Steuerpflichtigen in einem Besteuerungsverfahren und somit der Selbstbelastung; Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Einschränkung der Selbstbelastungsfreiheit in einem Besteuerungsverfahren durch das Verbot der Weitergabe von Informationen durch eine Finanzbehörde an Strafverfolgungsbehörden; Annahme des erforderlichen "zwingenden öffentlichen Interesses" zur Beeinträchtigung des Steuergeheimnisses bei Verdacht auf Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt und Betrug; Aussetzung eines Verfahrens ausschließlich aufgrund von Bedenken bzgl. der Verfassungmäßigkeit des Verwendungsverbotes § 393 Abs. 2 S. 2 AO
Vereinbarkeit der abgabenrechtlichen Vorschrift über das Verhältnis des Strafverfahrens zum Besteuerungsverfahren des § 393 Abs. 2 S. 2 Abgabenordnung ( AO ) mit der Freiheit vom Selbstbelastungszwang; Rechtmäßigkeit der umfangreichen Auskunfstpflichten und Mitwirkungspflichten eines Steuerpflichtigen in einem Besteuerungsverfahren und somit der Selbstbelastung; Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Einschränkung der Selbstbelastungsfreiheit in einem Besteurungsverfahren durch das Verbot der Weitergabe von Informationen durch eine Finanzbehörde an Strafverfolgungsbehörden; Annahme des erforderlichen "zwingenden öffentlichen Interesses" zur Beeinträchtigung des Steuergeheimnisses bei Verdacht auf Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt und Betrug; Aussetzung eines Verfahrens ausschließlich aufgrund von Bedenken bzgl. der Verfassungmäßigkeit des Verwendungsverbotes § 393 Abs. 2 S. 2 AO
Verwertung von Erkenntnissen aus Steuerakten zur Verfolgung von Allgemeindelikten
Kurznachricht zu "Steine statt Brot - die Feststellung der Verfassungswidrigkeit von § 393 Abs. 2 Satz 2 AO ist aufgeschoben" von Dr. Martin Wulf und Alexander Ruske, original erschienen in: Stbg 2010, 443 - 447.
Stellungnahme der Bundesrechtsanwaltskammer zum Vorlagebeschluss des Landgerichts Göttingen vom 11.12.2007 (8 KLs 1/07)
LG Göttingen, 07.11.2014 - 8 KLs 1/07
BVerfGK 17, 253
wistra 2010, 341
Er umfasst die Freiheit eines Beschuldigten, sich zum Tatvorwurf zu äußern oder von seinem Schweigerecht Gebrauch zu machen, und seine aktive Mitwirkung an der Aufklärung des Sachverhaltes zu verweigern (vgl. BVerfG, Beschl. v. 27.4.2010 - 2 BvL 13/07 -, juris Rn. 2 m.w.N.).
Vielmehr können solche anderweitigen Mitwirkungspflichten nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts namentlich zum Schutz von Gemeinwohlbelangen verfassungsrechtlich gerechtfertigt sein (BVerfG, Beschluss vom 27. April 2010 - 2 BvL 13/07, BVerfGK 17, 253 Rn. 54 mwN auch aus der Rechtsprechung des EGMR).
a) Allerdings ist das auch grundrechtlich durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG garantierte Verbot des Selbstbelastungszwangs, vgl. BVerfG, Kammerbeschluss vom 27. April 2010 - 2 BvL 13/07 -, BVerfGK 17, 253 ; Kammerbeschluss vom 21. April 1993 - 2 BvR 930/92 -, NStZ 1993, 482; Beschluss vom 13. Januar 1981 - 1 BvR 116/77 -, BVerfGE 56, 37 , entgegen der angefochtenen Entscheidung des Verwaltungsgerichts nicht nur im Rahmen des Ordnungswidrigkeitenverfahrens selbst, sondern grundsätzlich auch im Verwaltungsverfahren des Bundesamtes zu beachten.
vgl. BVerfG, Kammerbeschluss vom 27. April 2010 - 2 BvL 13/07 -, BVerfGK 17, 253 ; Kammerbeschluss vom 21. April 1993 - 2 BvR 930/92 -, NStZ 1993, 482; Beschluss vom 13. Januar 1981 - 1 BvR 116/77 -, BVerfGE 56, 37 .
vgl. BVerfG, Kammerbeschluss vom 27. April 2010 - 2 BvL 13/07 -, BVerfGK 17, 253 mit Verweis auf EGMR, Urteil vom 11. Juli 2006, Jalloh ./. Deutschland, Beschwerde Nr. 54810/00, Rn. 102 = NJW 2006, 3117 ; Urteil vom 3. Mai 2001, J. B. ./. Schweiz, Beschwerde Nr. 31827/96, Rn. 68 = NJW 2002, 499 , und Urteil vom 17. September 1996, Saunders ./. Vereinigtes Königreich, Beschwerde Nr. 19187/91, Rn. 69 = Slg. 1996-VI, 2044 .
Vielmehr können solche Mitwirkungspflichten nach der Rechtsprechung des BVerfG namentlich zum Schutz von Gemeinwohlbelangen gerechtfertigt sein (BVerfG, 2. Kammer des Zweiten Senats, wistra 2010, 341).
33 Nach allgemeiner Ansicht wird zwar aus dem Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG entspringenden allgemeinen Persönlichkeitsrecht der Grundsatz hergeleitet, dass niemand gezwungen werden darf, aktiv die Voraussetzung für die eigene Bestrafung zu liefern ("nemo tenetur se ipsum accusare"; BVerfG, Beschluss vom 27. April 2010, 2 BvL 13/07, Rn. 2, m.w.N., zit. n. Juris; BVerfG…, Beschluss vom 13. Mai 2009, 2 BvL 19/08, Rn. 74f., m.w.N., zit. n. Juris).
Dabei kann dahinstehen, ob die Auflage den Kernbereich der grundgesetzlichen Freiheit vom Zwang zur Selbstbelastung tangiert (vgl. BVerfG, B.v. 27.4.2010 - 2 BvL 13/07 - juris m.w.N.).