Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F18-05-2001-U_474-2000
Timestamp: 2016-10-20 19:46:19
Document Index: 267021693

Matched Legal Cases: ['Art. 11', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE']

U 474/00 (18.05.2001)
U 474/00 Vr
Bundesrichter Sch�n, Spira und Bundesrichterin Widmer; Gerichtsschreiber Ackermann
Urteil vom 18. Mai 2001
B.________, 1965, Beschwerdef�hrerin, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Bruno H�fliger, Schwanenplatz 7, 6005 Luzern,
Winterthur-Versicherungen, Generaldirektion, General Guisan-Strasse 40, 8401 Winterthur, Beschwerdegegnerin, vertreten durch Rechtsanwalt Reto Zanotelli, Weinbergstrasse 43, 8006 Z�rich,
A.- B.________, geboren 1965, arbeitete als Verk�uferin bei der Firma M.________ AG und war bei der Secura gegen Berufs- und Nichtberufsunf�lle versichert; der Versicherungsvertrag wurde am 1. Januar 1996 an die Winterthur-Versicherungen (nachstehend "Winterthur") �bertragen. Am 12. August 1992 unterzog sich B.________ einer Varizenoperation, in deren Verlauf der Chirurg eine Arterie durchtrennte, sodass eine �berf�hrung ins Spital X.________ notwendig wurde. In der folgenden Operation wurde der Defekt zuerst mit einer Fussvene �berbr�ckt, wobei sich diese als zu kleinkalibrig erwies und durch ein Kunststoffinterponat ersetzt werden musste. Die Stammvaricosis blieb unbehandelt. B.________ nahm ihre T�tigkeit als Verk�uferin am 21. September 1992 wieder auf; Ende 1996 wurde ihr wegen Konkurses der Arbeitgeberin gek�ndigt.
Am 20. Dezember 1996 meldete B.________ der "Winterthur" einen R�ckfall zum Unfall vom 12. August 1992. Die "Winterthur" lehnte mit Verf�gung vom 20. November 1998 den Leistungsanspruch ab, weil kein nat�rlicher Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und den r�ckfallweise gemeldeten Beschwerden vorliege. Diese Verf�gung wurde mit Einspracheentscheid vom 23. April 1999 best�tigt.
B.- Die gegen den Einspracheentscheid erhobene Beschwerde wies das Verwaltungsgericht des Kantons Luzern mit Entscheid vom 23. Oktober 2000 ab, nachdem von Frau Dr. med. R.________, FMH Psychiatrie und Psychotherapie, ein psychiatrisches Gutachten eingefordert worden war.
C.- B.________ l�sst Verwaltungsgerichtsbeschwerde f�hren mit dem Antrag, unter Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheides und des Einspracheentscheides seien ihr ab dem 1. November 1996 Taggelder zu entrichten und es sei der Rentenanspruch zu pr�fen.
Die "Winterthur" beantragt Abweisung der Verwaltungsgerichtsbeschwerde, w�hrend das Bundesamt f�r Sozialversicherung auf eine Stellungnahme verzichtet.
1.- a) Nach Art. 11 UVV werden die Versicherungsleistungen auch f�r R�ckf�lle und Sp�tfolgen gew�hrt, f�r Bez�ger von Invalidenrenten jedoch nur unter den Voraussetzungen von Artikel 21 des Gesetzes. Bei einem R�ckfall handelt es sich um das Wiederaufflackern einer vermeintlich geheilten Krankheit, sodass es zu �rztlicher Behandlung, m�glicherweise sogar zu (weiterer) Arbeitsunf�higkeit kommt. Von Sp�tfolgen ist die Rede, wenn ein scheinbar geheiltes Leiden im Verlaufe l�ngerer Zeit organische oder psychische Ver�nderungen bewirkt, die zu einem oft v�llig anders gearteten Krankheitsbild f�hren k�nnen (RKUV 1997 Nr. U 275 S. 191 Erw. 1c mit Hinweisen). R�ckf�lle und Sp�tfolgen schliessen somit begrifflich an ein bestehendes Unfallereignis an. Entsprechend k�nnen sie eine Leistungspflicht des (damaligen) Unfallversicherers nur ausl�sen, wenn zwischen den erneut geltend gemachten Beschwerden und der seinerzeit beim versicherten Unfall erlittenen Gesundheitssch�digung ein nat�rlicher und ad�quater Kausalzusammenhang besteht (BGE 118 V 296 Erw. 2c mit Hinweisen; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 327 f. Erw. 2).
b) Der Unfallversicherer ist f�r den R�ckfall nur leistungspflichtig, wenn der nat�rliche Kausalzusammenhang zum Unfall mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt ist (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 Erw. 3b). Zu beachten ist dabei, dass in der Sozialversicherung kein Grundsatz besteht, dass die Verwaltung oder der Richter im Zweifel zu Gunsten des Versicherten entscheiden m�ssen (BGE 126 V 322 Erw. 5a mit Hinweis).
Es vermag nicht jeder Ausl�ser im Sinne eines bloss �usseren Anlasses einen nat�rlichen Kausalzusammenhang mit einem pathologischen Geschehen zu begr�nden. Bei psychischen St�rungen, die nach l�ngerem beschwerdefreiem Intervall eintreten, nimmt die Wahrscheinlichkeit eines urs�chlichen Zusammenhangs mit einem Unfall mit fortschreitendem Zeitablauf ab, weil ein Unfallerlebnis in der Regel mit der Zeit verarbeitet und verkraftet wird. Je gr�sser der zeitliche Abstand zwischen Unfall und Eintritt psychischer St�rungen ist, desto strengere Anforderungen sind an den Wahrscheinlichkeitsbeweis des nat�rlichen Kausalzusammenhangs zu stellen. Denn medizinische Aussagen �ber den Kausalverlauf bei psychischen Beschwerden, welche - bei beschwerdefreiem Intervall - erst mehrere Jahre nach einem Unfall auftreten, werden mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Unfall immer schwieriger und hypothetischer. Bei konkurrierenden Ursachen kommt einem �rztlich als Ausl�ser bezeichneten Faktor daher nicht ohne weiteres die Bedeutung einer relevanten Teilursache zu. Diese setzt vielmehr voraus, dass die �rzte einen urs�chlichen Zusammenhang klarerweise bejahen und insbesondere �berzeugend zu begr�nden verm�gen, weshalb ein lange zur�ckliegender Unfall mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit eine psychische Fehlentwicklung erm�glicht oder beg�nstigt hat. Andernfalls l�sst sich die Gefahr nicht mehr von der Hand weisen, dass schon bei nicht auszuschliessender oder bloss m�glicher Kausalkette der nat�rliche Kausalzusammenhang angenommen oder einfach unterstellt wird und damit das die Unfallversicherung beherrschende Kausalit�tsprinzip unterlaufen wird (nicht ver�ffentlichtes Urteil B. vom 23. Dezember 1991, U 73/89).
c) Der Auffassung der Beschwerdef�hrerin, dass sich die Beweislosigkeit zulasten des Versicherers auswirke, ist nicht zu folgen. Vielmehr hat die Versicherte als Leistungsansprecherin den nat�rlichen Kausalzusammenhang zwischen dem neuen Beschwerdebild und dem Unfall nachzuweisen (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 328 Erw. 3b; vgl. auch RKUV 2000 Nr. U 363 S. 46 Erw. 2), wobei der Untersuchungsgrundsatz die Beweislast im Sinne einer Beweisf�hrungslast ausschliesst (RKUV 1994 Nr. U 206 S. 327 Erw. 1).
2.- a) Die Vorinstanz geht davon aus, dass die Scheidung 1997 und der Verlust des Arbeitsplatzes Ende 1996 die Hauptgr�nde f�r die Chronifizierung des Leidens darstellen und die Beschwerdef�hrerin auch ohne die Belastung durch die Operation depressiv reagiert h�tte. Die Versicherte macht demgegen�ber geltend, wenn Scheidung und Arbeitslosigkeit die Hauptgr�nde seien, dann bilde der Unfall ebenfalls einen Grund f�r die vorliegenden St�rungen, womit Teilkausalit�t vorliege. Die Beschwerdef�hrerin argumentiert zudem, dass gem�ss BGE 121 V 326 eine Teilkausalit�t von 10 bis 15 % zur Annahme des nat�rlichen Kausalzusammenhanges ausreiche. In diesem Urteil wurde jedoch nur best�tigt, dass es f�r die Bejahung des nat�rlichen Kausalzusammenhanges gen�ge, wenn der Unfall eine Teilursache darstellt (BGE 121 V 329 Erw. 2a); eine Quantifizierung dieser Teilkausalit�t erfolgte weder im erw�hnten noch in einem anderen Urteil. Die prozentuale Beteiligung des Unfalls an den geltend gemachten Gesundheitssch�den ist zahlenm�ssig n�mlich gar nicht sch�tzbar und kann deshalb auch nicht entscheidend f�r die Bedeutung einer Teilursache sein. Massgebend ist vielmehr - wie dies die Vorinstanz zu Recht ausf�hrt - ob der Unfall nicht weggedacht werden kann, ohne dass die gesundheitliche St�rung entfiele (BGE 119 V 337 Erw. 1, 118 V 289 Erw. 1b).
b) Zur Beantwortung dieser Frage ist von den Umst�nden des Einzelfalles und vor allem von der Person der Versicherten auszugehen, wobei die Entwicklung vor und nach dem Unfall in Betracht zu ziehen ist. Die Vorinstanz st�tzt sich auf das Gutachten der Frau Dr. med. R.________ vom 11. Juli 2000, welches darlegt, dass die Beschwerdef�hrerin auf die Trennung von ihrem Ehemann und den Verlust des Arbeitsplatzes auch ohne die Belastung durch die Operation depressiv reagiert h�tte; der Unfall habe zwar wahrscheinlich zum Teil zur Trennung beigetragen, jedoch sei nicht sicher, dass die Ehe ohne Unfall weiter bestanden h�tte. Gem�ss dem Gutachten des Dr. med. W.________, Sozialpsychiatrie Spital Y.________, vom 7. Oktober 1998 liegt mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Status quo sine vor; entgegen der Ansicht der Vorinstanz besteht kein Grund, diesem Gutachten jeglichen Beweiswert abzusprechen, f�llt es doch nicht aus dem Rahmen der �brigen Berichte und Gutachten und tr�gt so seinen Teil zur Sachverhaltsfeststellung bei. Die Auffassung der Vorinstanz, dass die Versicherte auch ohne die Operation depressiv reagiert h�tte und die Depression auf die Scheidung und den Arbeitsplatzverlust zur�ckzuf�hren ist, ist daher nicht zu beanstanden. Ins Gewicht f�llt dabei vor allem, dass die Beschwerdef�hrerin von September 1992 (ca. f�nf Wochen nach dem Unfall) bis zum Eintritt der Arbeitslosigkeit Ende 1996 in ihrem bisherigen T�tigkeitsbereich vollst�ndig arbeitsf�hig war; bei einer derart grossen zeitlichen Distanz zwischen Unfall und Schaden m�ssten die �rzte einen urs�chlichen Zusammenhang klarerweise bejahen (vgl. Erw. 1b hievor), was aber nicht der Fall ist. Zudem hat die Beschwerdef�hrerin erst nach dem Unfall geheiratet und sich erst im Herbst 1996 - als es sich abzeichnete, dass ihre Ehe zerbrechen werde - in psychiatrische Behandlung begeben. Es ist daher nicht mit �berwiegender Wahrscheinlichkeit erstellt, dass der Unfall vom August 1992 eine Teilursache des R�ckfalls und damit der Arbeitsunf�higkeit der Versicherten ist; die Folgen der Beweislosigkeit treffen diejenige Partei, die aus dem unbewiesen gebliebenen Sachverhalt Rechte ableiten wollte (vgl. Erw. 1c hievor).
c) Die weiteren in der Verwaltungsgerichtsbeschwerde vorgebrachten Einw�nde - Schmerzen und Angst im Zusammenhang mit dem Unfall h�tten zur Hauptsache die Psyche beeintr�chtigt, die Versicherte sei nie beschwerdefrei gewesen, es l�gen keine imagin�ren �ngste vor und die psychischen Beschwerden seien l�ngst vor Stellenverlust und Scheidung in ausgepr�gtem Ausmass vorhanden gewesen - k�nnen am Resultat des fehlenden nat�rlichen Kausalzusammenhanges nichts �ndern, war doch die Beschwerdef�hrerin nach dem Unfall w�hrend einer mehrere Jahre dauernden Periode bis zum Zeitpunkt der Arbeitslosigkeit und der Scheidung vollst�ndig arbeitsf�hig. Wie bereits dargelegt, m�ssten die �rzte den urs�chlichen Zusammenhang klarerweise bejahen; die Beschwerdef�hrerin kann jedoch auf keinen �rztlichen Bericht verweisen, noch legt sie einen solchen ins Recht, der diesen Zusammenhang klar und eindeutig nachweisen w�rde.
3.- Da es schon am nat�rlichen Kausalzusammenhang zwischen dem Unfall und dem 1996 geltend gemachten psychischen Gesundheitsschaden, der die Arbeits- und Erwerbsf�higkeit der Versicherten beeintr�chtigt, mangelt, er�brigt sich die Beurteilung der Ad�quanz.
III.Dieses Urteil wird den Parteien, dem Verwaltungsgericht
des Kantons Luzern, Sozialversicherungsrechtliche
Abteilung, und dem Bundesamt f�r Sozialversicherung
Luzern, 18. Mai 2001