Source: https://schillipaeppa.net/2018/07/29/atomobst/?replytocom=2244
Timestamp: 2019-07-22 16:33:11
Document Index: 268563629

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 2', 'EuG', 'EuG', 'Art. 3', 'Art. 34', 'EuG', 'EuG']

Atomobst – schillipaeppa.net
Juli 29, 2018 schillipaeppa Ernährung, Genome Editing, Gentechnik, Gesundheit, Landwirtschaft, Lobbyismus, Natur, Pflanzenschutz, Transparenz, Wissenschaft 4 Kommentare
Unter „1.“ heißt es im Urteil:
„Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. März 2001 über die absichtliche Freisetzung genetisch veränderter Organismen in die Umwelt und zur Aufhebung der Richtlinie 90/220/EWG des Rates ist dahin auszulegen, dass die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese gewonnenen Organismen genetisch veränderte Organismen im Sinne dieser Bestimmung darstellen.“
Damit ist eindeutig festgelegt, dass auch Züchtungen, die auf chemischer oder physikalischer Mutation beruhen, genetisch veränderte Organismen (GVO) im Sinne der Richtlinie sind. Die Begründung für diese Festlegung liegt in der vom Gericht maximal weit gefassten Auslegung der Definition von „GVO“:
„Nach der Begriffsbestimmung in Art. 2 Nr. 2 der Richtlinie 2001/18 ist ein GVO ein Organismus mit Ausnahme des Menschen, dessen genetisches Material so verändert worden ist, wie es auf natürliche Weise durch Kreuzen und/oder natürliche Rekombination nicht möglich ist.
Damit sind im Grunde alle Züchtungen, bei denen im Labor nachgeholfen wurde, GVOs. In unserem Sprachgebrauch setzen wir „GVO“ mit „Gentechnik“ gleich, „GVO“ wird in der Regel mit „gentechnisch veränderter Organismus“ ausbuchstabiert. Das Gericht macht da einen Unterschied.
Ein Problem ist die Frage, was „natürlich“ in dieser Definition bedeutet. Denn wie Ottoline Leyser, Direktor des Sainsbury Laboratory an der Universität Cambridge, in ihrer Stellungnahme zum Urteil feststellt, ist es in der Pflanzenzucht schwierig, eine Linie zwischen natürlich und künstlich zu ziehen:
„Yet drawing a line between the natural and artificial is difficult to say the least. After thousands of years of careful human intervention, most “natural” crops look nothing like their wild ancestor. They have many characteristics that mean they would not last more than a few generations if they had to compete in the wild.“
Unsere heutigen Nutzpflanzen haben mit ihren wilden Urahnen nicht mehr viel zu tun und sie wären ohne jahrhundertelange Auslese und Kombination nie entstanden.
Züchtungen, bei deren Entstehung Strahlung oder Chemikalien zum Einsatz kamen, sind dem EuGH-Urteil zufolge GVOs, aber von der Richtlinie ausgenommen, weil es die Verfahren bereits lange gibt und weil sie als sicher gelten. Viele Lebensmittel unseres täglichen Lebens basieren auf induzierter Mutation, zum Beispiel Hartweizen für Nudeln, Braugerste und Pink Grapefruit.
Die Welternährungsorganisation FAO und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA führen eine gemeinsame Datenbank, in der bislang rund 3.200 Sorten aufgeführt sind. Es dürfte noch mehr Sorten geben, weil der Eintrag in diese Datenbank nicht verpflichtend ist.
http://www-naweb.iaea.org/nafa/resources-nafa/Plant-Mutation-breeding.mp4
Von der reinen Methode her betrachtet, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Verfahren der induzierten Mutation sicherer seien als gerichtete Mutation mit Genome Editing. Die off-Target-Effekte, also die nicht-beabsichtigten Folgen, sind bei den ungerichteten Mutagenese-Verfahren viel zahlreicher und gravierender als bei der gerichteten Mutation. Zum Teil sind die Ergebnisse dieser Verfahren sogar gar nicht lebensfähig. Holger Puchta, Geschäftsführender Direktor des Botanischen Instituts am Karlsruhe Institute of Technology (KIT), erklärte gegenüber Spiegel Online:
„Das Urteil klingt so, als wenn die Richter eine Schrotflinte erlauben, aber ein Skalpell verbieten wollen.“
In Kanada werden neue Sorten ohne Ansehung des Zuchtverfahrens zugelassen. Die entscheidende Frage ist dort, wie neuartig das Produkt ist, egal ob es mit strahleninduzierter Mutation, mit klassischer Gentechnik oder mit Genome Editing erreicht worden ist. Das ist auch konsequent, denn auch bei konventioneller Züchtung, selbst bei natürlicher Kreuzung, können Ergebnisse entstehen, die die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen können. So machte vor ein paar Jahren ein Fall Schlagzeilen, bei dem ein Mann nach dem Genuss selbst gezogener Zucchini gestorben war. Das Gemüse enthielt den Bitterstoff Cucurbitacin, der normalerweise durch Züchtung aus den heutigen Kürbisgewächsen entfernt worden ist.
Ist ein Bisschen Gentechnik o.k.? Vielen Dank an Twitter-User @5tanco für das Logo!
Vor diesem Hintergrund ist unverständlich, warum für die Schrotflinten-Züchtungen mit Chemikalien und Radioaktivität eine Ausnahme von der GVO-Richtlinie gemacht werden soll. Das sehen auch Grüne Politiker*innen so:
„Spannende“ Frage: wenns so einfach auf natürliche Weise zustande käme, wozu bräuchte man dann Gentechnik? Und zur Frage Mutagenese-Ausnahme: dem einen Fehler gleich den zweiten hinterherwerfen? Klingt nicht logisch.
— Harald Ebner (@ebner_sha) June 26, 2018
Harald Ebner bezeichnet die alte Mutagenese-Ausnahme also als Fehler. Nun, der Weg steht jetzt offen. Das EuGH-Urteil lässt den Mitgliedsstaaten explizit Möglichkeiten, nationale Sonderwege zu gehen. Im Urteilsspruch heißt es unter „3.“:
„Art. 3 Abs. 1 der Richtlinie 2001/18 ist in Verbindung mit Nr. 1 ihres Anhangs I B, da er die mit Verfahren/Methoden der Mutagenese, die herkömmlich bei einer Reihe von Anwendungen angewandt wurden und seit langem als sicher gelten, gewonnenen Organismen vom Anwendungsbereich der Richtlinie ausschließt, dahin auszulegen, dass den Mitgliedstaaten durch ihn nicht die Befugnis genommen wird, solche Organismen unter Beachtung des Unionsrechts, insbesondere der in den Art. 34 bis 36 AEUV aufgestellten Regeln über den freien Warenverkehr, den in der Richtlinie vorgesehenen Verpflichtungen oder anderen Verpflichtungen zu unterwerfen.“
Damit wäre es z. B. möglich, nationale Vorschriften für eine Kennzeichnungspflicht zu erlassen. Damit könnte man „GVOs durch die Hintertür“ verhindern und Wahlfreiheit für die Verbraucher sicherstellen. Herr Ebner übernehmen Sie – oder ist etwa ein bisschen Gentechnik nicht so schlimm?
Harald Ebner schreibt in einem Gastkommentar für die Deutsche Welle:
„Bei der Regulierung nach der Freisetzungsrichtlinie geht es um die Sicherstellung von Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Kennzeichnung auch für die, die sich – egal ob aus ethischen, gesundheitlichen oder ökologischen Gründen – gegen die Nutzung oder den Verzehr von Gentechnik-Produkten entscheiden.“
Und auf seiner Website schreibt der Grüne Bundestagsabgeordnete:
„Wer versucht, den Menschen heimlich Genfood unterzujubeln, verspielt wertvolles Vertrauen in Politik und Lebensmittelwirtschaft. Denn die Menschen wollen „wissen, was drin ist“.“
Ich meine ja nur: Wer will schon freiwillig Atomobst essen?
AngstAtomobstBioEUEuGHGenome EditingGentechnikGesundheitMutageneseRisikoStrahleninduzierte Mutation
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August 6, 2018 um 5:00 pm Uhr
Neue Geschäftsidee: Feldfrüchte aus der Gegend rund um Tschernobyl werden als BIO-Saatgut verkauft. Das Saatgut wird von „Gen-Forschern“ auf Genom-Veränderungen untersucht, und bei gewünschten Eigenschaften weitervermehrt.
So viele Vorteile: Die Ukraine erhält Geld, die Forscher haben Arbeit, neue Sorten Bio-Früchte …
August 10, 2018 um 8:33 pm Uhr
Genome-Editing kann man selbstverständlich als „gerichtete Mutation“ bezeichnen, wenn man „Mutation“ simpel mit „Veränderung“ übersetzt.
Doch besteht nicht ein himmelweiter Unterschied zwischen einer künstlichen, ungerichteten Erhöhung der Fehlerquote im Genom, die den ständig und natürlich vorkommenden Fehlern vollkommen gleicht, und dem gezielten Einsetzen von ganzen Gen-Abschnitten, also von bestimmten, kodierten Eigenschaften anderer Organismen in ein Genom?
Genau das kann durch natürliche Züchtung niemals erreicht werden.
Und genau hier liegt das Problem: wenn derart veränderte Organismen freigesetzt werden und sich auf natürliche Weise vermehren (können), unterliegen sie auch den Mendel’schen Gesetzen der Vererbung (Aufspaltung, Rekombination etc) sowie der natürlichen Mutation.
Was dann aus diesen künstlich eingesetzten Gen-Abschnitten wird, kann niemand vorhersagen.
Die Auswirkungen sind ganz sicher noch weitaus unberechenbarer als die Auswirkungen, die das Aussetzen einer neuen Tierart (z.B. Kaninchen in Australien, Waschbär in Europa) bzw. das Freisetzen eines neuen Schadorganismus (z.B. Amerikanischer Stachelbeer-Mehltau, Kartoffel-Braunfäule-Pilz in Europa) in einem anderen Kontinent hatte.
Gegen Quarantäne-Vorschriften und sonstige gesetzliche Regelungen, die diese Auswirkungen verhindern sollen und die sogar den Warenverkehr zwischen us-amerikanischen und australischen Bundesstaaten reglementieren, wird selten Widerspruch laut.
Vernebeln Sie uns bitte nicht die Sinne durch das Gleichsetzen von Genome-Editing mit (künstlich ausgelöster) Mutation!
Gen-technisch veränderte Organismen müssen weitaus strengeren Quarantäne-Vorschriften unterliegen als jeder (fremde) Schadorganismus!
Robert Hoffie sagt:
August 11, 2018 um 1:37 pm Uhr
Sehr geehrter Herr Müller-Lütken,
Sie haben völlig Recht, Lebewesen sind permanent genetischen Veränderungen ausgesetzt. Diese Mutationen sind die Grundlage von Evolution, von Domestikation und von Züchtung.
Im Rahmen der Züchtung wurde ab den 1930er Jahren die natürliche Mutationsrate mittels radioaktiver Bestrahlung und später auch mit mutagenen Chemikalien erhöht. Diese Mutagenese ist ebenfalls ungerichtet und löst eine Vielzahl von Mutationen in den behandelten Organismen aus. Durch Selektion werden dabei solche Eigenschaften weitergenutzt, die Vorteile in der Pflanzenzüchtung versprechen. Wie von Frau Günther beschrieben, erzeugen diese Techniken laut juristischer Definition „gentechnisch veränderte Organismen“ (GVOs), die aber von den strengen Regulierungen des Gentechnikrechts ausgenommen sind.
Nun gibt es seit einigen Jahren Methoden, genetische Veränderungen, die in Art und Umfang ebenfalls spontanen Mutaionen gleichen, gezielt an vorherbestimmten Positionen im Erbgut der Pflanzen zu erzeugen. Dabei geht es nicht um die Übetragung von Genen aus anderen Organismen (Transgenese). Dennoch wurden sie nun mit dem EuGH-Urteil solchen transgenen Organismen gleichgesetzt und damit den gleichen strengen Regeln unterworfen, während unspezifische Mutagenese weiter unreguliert ist.
Dann beziehen Sie sich weiterhin auf transgene Organismen und sehen in Ihnen größere Risiken, als in invasiven Arten. Das entbehrt jeder Grundlage.
Die von Ihnen angesprochene Braunfäule hat im 19. Jahrhundert in Irland schwere Hungersnöte ausgelöst, diverse invasive Arten in Australien bedrohen massiv das dortige Ökosystem. Nichts vergleichbares ist beim Anbau von transgenen Pflanzen in nun über 20 Jahren Anwendung jemals aufgetreten.
Es besteht ein wissenschaftlicher Konsens, dass Gentechnik nicht risikoreicher ist, als alle anderen Züchtungstechniken. Es erschließt sich mir deshalb nicht, dass trangene Pflanzen derart strengen Regulierungen in Europa unterworfen sind, dass ihre Anwendung weitestgehend verhindert wird. Noch weniger verstehe ich, warum gezielte Mutagenese ebenfalls diesen Auflagen unterworfen wird.
August 13, 2018 um 11:04 pm Uhr
Sehr geehrter Herr Hoffie,
Sie mögen diesen Gegensatz noch so oft verschleiern wollen: eine gezielte genetische Veränderung an vorher bestimmten Positionen im Erbgut ist etwas vollkommen anderes als eine unspezifische Mutagenese (gezielt – unspezifisch/ungezielt), da beißt die Maus keinen Faden ab.
Und wenn es nicht so tragisch wäre, müsste ich bei Ihrem Satz „Nichts vergleichbares ist beim Anbau von transgenen Pflanzen in nun über 20 Jahren Anwendung jemals aufgetreten.“ schmunzeln: 20 Jahre mit „jemals“ gleichzusetzen, finde ich schon ziemlich haarsträubend.
Nein, schärfste Kontrolle, ausgiebiger gesellschaftlicher Dialog über Sinn, Zweck und mögliche Folgen sowie strenges Vorsorge-Prinzip sind mir bei gezielten Eingriffen ins Erbgut weitaus lieber als gedankenloses Machen mit der Versicherung „Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sehen wir weiter, dann wird uns schon was einfallen!“
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