Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/foermliche-zustellungen-und-die-umsatzsteuer-3106420
Timestamp: 2020-01-29 21:16:57
Document Index: 45352152

Matched Legal Cases: ['§ 4', 'Art 132', 'Art. 132', 'Art. 3', 'Art. 132', 'Art. 3', 'Art. 132', 'Art. 3', 'Art. 3', '§ 11', '§ 4', '§ 11', '§ 1', '§ 4', '§ 4', '§ 1', '§ 5', '§ 12', '§ 13', 'Art 132', '§ 11', '§ 4', '§ 1', 'Art 3', '§ 1', '§ 35', '§ 33', '§ 418', '§ 191', '§ 4', '§ 4', '§ 1', '§ 11', '§ 1', '§ 33', 'Art 3', 'Art 2', 'Art 2', 'Art 8', 'Art 2', '§ 7', 'Art 8', 'Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 3', 'Art 132', 'Art 132', 'Art 132', 'Art 3', 'Art 8', '§ 4', 'Art 4', 'Art 87', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 4', 'EuG', 'Art 12']

Förm­li­che Zustel­lun­gen – und die Umsatz­steu­er | Rechtslupe
Die Durch­füh­rung von Post­zu­stel­lungs­auf­trä­gen zählt nach Ansicht des Finanz­ge­richts Baden-Württ­tem­berg nicht zu den sog. Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen und ist damit nicht nach euro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben von der Umsatz­steu­er befreit.
Vor dem Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg geklagt hat­te der Insol­venz­ver­wal­ter über das Ver­mö­gen eines Hol­ding­un­ter­neh­mens, das durch ver­schie­de­ne Organ­ge­sell­schaf­ten Post­zu­stel­lungs­auf­trä­ge im gesam­ten Bun­des­ge­biet aus­ge­führt und sich dafür eines bun­des­weit struk­tu­rier­ten Zustell­net­zes bedient hat­te. Das Unter­neh­men hat­te die Durch­füh­rung die­ser förm­li­chen Zustel­lun­gen – die im Auf­trag von Behör­den und Gerich­ten erfolgt waren und zum Nach­weis des Zugangs der von ihnen ver­sand­ten Schrift­stü­cke bestimmt waren – als umsatz­steu­er­frei ange­se­hen. Das Finanz­amt hat­te dies anders gese­hen und die Umsatz­steu­er im Anschluss an eine Außen­prü­fung nach­ge­for­dert.
Das Finanz­ge­richt Baden-Würt­tem­berg hat sich jedoch der Auf­fas­sung des Finanz­amts ange­schlos­sen: Als nach natio­na­lem deut­schen Umsatz­steu­er­recht steu­er­frei hat er nur die unmit­tel­bar dem Post­we­sen die­nen­den Umsät­ze der Deut­schen Post AG ange­se­hen. Die Hol­ding konn­te sich nach Ansicht des Finanz­ge­richts auch nicht auf vor­ran­gig anzu­wen­den­des Euro­pa­recht beru­fen, weil die von ihr erbrach­ten förm­li­chen Zustel­lun­gen nicht zu den Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen zähl­ten. In der Sys­te­ma­tik des Post­ge­set­zes wer­de – so das Finanz­ge­richt – näm­lich zwi­schen "Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen" einer­seits und "Förm­li­chen Zustel­lun­gen nach öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten" ande­rer­seits unter­schie­den. Auch euro­pa­recht­lich wer­de in der sog. Post-Richt­li­nie ledig­lich ein Min­dest­maß an Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen defi­niert und der Post­zu­stel­lungs­auf­trag nicht erwähnt. Von der Uni­ver­sal­dienst­leis­tung der Ein­schreib­sen­dung unter­schei­de sich der Post­zu­stel­lungs­auf­trag in wesent­li­chen Punk­ten, da er den Cha­rak­ter eines Hoheits­akts habe, bei dem die Beför­de­rung nur eines von meh­re­ren Dienst­leis­tungs­ele­men­ten dar­stel­le, und da er gera­de nicht der All­ge­mein­heit, son­dern nur – im Inter­es­se einer funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge – Behör­den und Gerich­ten zur Ver­fü­gung ste­he.
Die Umsatz aus den Post­zu­stel­lauf­trä­gen fal­len nicht unter die Steu­er­be­frei­ungs­vor­schrift des § 4 Nr. 11b UStG a.F., da nach die­ser Norm nur die unmit­tel­bar dem Post­we­sen die­nen­den Umsät­ze der Deut­schen Post AG steu­er­frei sind.
Der Unter­neh­mer kann sich auch nicht unmit­tel­bar auf Art 132 Abs. 1 Buchst. a MwSt­Sys­tRL beru­fen, da S nicht als öffent­li­che Post­ein­rich­tung im Sin­ne der MwSt­Sys­tRL anzu­se­hen ist, denn die von ihr erbrach­ten förm­li­chen Zustel­lun­gen zäh­len nicht zu den Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen.
Nach Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL befrei­en die Mit­glieds­staa­ten die von öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen erbrach­ten Dienst­leis­tun­gen und dazu­ge­hö­ri­ge Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den mit Aus­nah­me von Per­so­nen­be­för­de­rungs- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen von der USt.
Öffent­li­che Post­ein­rich­tun­gen sind öffent­lich oder pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­te Betrei­ber, die sich ver­pflich­ten, in einem Mit­glied­staat den gesam­ten Uni­ver­sal­post­dienst, wie er in Art. 3 der Post-RL gere­gelt ist, oder einen Teil davon zu gewähr­leis­ten 1. Gemäß der Über­schrift von Titel – IX Kapi­tel 2 MwSt­Sys­tRL bezweckt die Steu­er­be­frei­ung in Art. 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL die För­de­rung bestimm­ter dem Gemein­wohl die­nen­der Tätig­kei­ten. Die­ser all­ge­mei­ne Zweck mün­det im Post­be­reich in den spe­zi­fi­sche­ren Zweck ein, pos­ta­li­sche Dienst­leis­tun­gen, die den Grund­be­dürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung ent­spre­chen, zu ermä­ßig­ten Kos­ten anzu­bie­ten 2. Ein sol­cher Zweck stimmt im Kern mit dem ver­folg­ten Zweck der Post-RL, einen Uni­ver­sal­post­dienst anzu­bie­ten, über­ein. Nach Art. 3 Abs. 1 der Post-RL ent­spricht ein sol­cher Dienst dem flä­chen­de­cken­den Ange­bot pos­ta­li­scher Dienst­leis­tun­gen einer bestimm­ten Qua­li­tät zu trag­ba­ren Prei­sen für alle Nut­zer 3. Unbe­scha­det des­sen, dass die Post-RL kei­ne Grund­la­ge für die Aus­le­gung von Art. 132 der MwSt­Sys­tRL bil­den kann, stellt die Post-RL den­noch einen zweck­dien­li­chen Anhalts­punkt für die Aus­le­gung zum Zwe­cke der Umsatz­steu­er­frei­heit dar 4.
Nach Art. 3 Abs. 1 der Post-RL stel­len die Mit­glied­staa­ten sicher, dass den Nut­zern ein Uni­ver­sal­dienst zur Ver­fü­gung steht, der stän­dig flä­chen­de­ckend pos­ta­li­sche Dienst­leis­tun­gen einer bestimm­ten Qua­li­tät zu trag­ba­ren Prei­sen für alle Nut­zer bie­tet. Nach Art. 3 Abs. 4 der Post-RL erlässt jeder Mit­glied­staat die erfor­der­li­chen Maß­nah­men, damit der Uni­ver­sal­dienst min­des­tens fol­gen­des Ange­bot umfasst:
Abho­lung, Sor­tie­ren, Trans­port und Zustel­lung von Post­sen­dun­gen bis 2 kg;
Abho­lung, Sor­tie­ren, Trans­port und Zustel­lung von Post­pa­ke­ten bis 10 kg;
die Diens­te für Ein­schreib- und Wert­sen­dun­gen.
Der Umset­zung der Post-RL die­nen dar­über hin­aus wei­te­re natio­na­le Rege­lun­gen. Nach § 11 Abs. 1 Sät­ze 1 bis 3 PostG zählt zu Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen ein Min­destan­ge­bot an Post­dienst­leis­tun­gen nach § 4 Nr. 1 PostG, die flä­chen­de­ckend in einer bestimm­ten Qua­li­tät und zu einem erschwing­li­chen Preis erbracht wer­den. Der Uni­ver­sal­dienst ist auf lizenz­pflich­ti­ge Post­dienst­leis­tun­gen und Post­dienst­leis­tun­gen, die zumin­dest in Tei­len beför­de­rungs­tech­nisch mit lizenz­pflich­ti­gen Post­dienst­leis­tun­gen erbracht wer­den kön­nen, beschränkt. Er umfasst nur sol­che Dienst­leis­tun­gen, die all­ge­mein als unab­ding­bar ange­se­hen wer­den.
Nach § 11 Abs. 2 Satz 1 PostG wird die Bun­des­re­gie­rung ermäch­tigt, durch Rechts­ver­ord­nung, die der Zustim­mung des Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes bedarf, nach Maß­ga­be des Absat­zes 1 Inhalt und Umfang des Uni­ver­sal­diens­tes fest­zu­le­gen. Hier­von hat die Bun­des­re­gie­rung Gebraucht gemacht und mit § 1 Abs. 1 PUDLV vom 15.12 1999 5 als Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen fol­gen­de Post­dienst­leis­tun­gen bestimmt:
die Beför­de­rung von Brief­sen­dun­gen im Sin­ne des § 4 Nr. 2 des Geset­zes, sofern deren Gewicht 2.000 Gramm und deren Maße die im Welt­post­ver­trag und den ent­spre­chen­den Voll­zugs­ver­ord­nun­gen fest­ge­leg­ten Maße nicht über­schrei­ten,
die Beför­de­rung von adres­sier­ten Pake­ten, deren Ein­zel­ge­wicht 20 Kilo­gramm nicht über­steigt und deren Maße die im Welt­post­ver­trag und den ent­spre­chen­den Voll­zugs­ver­ord­nun­gen fest­ge­leg­ten Maße nicht über­schrei­ten,
die Beför­de­rung von Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten im Sin­ne des § 4 Nr. 1 Buch­sta­be c des Geset­zes. Hier­zu zäh­len peri­odisch erschei­nen­de Druck­schrif­ten, die zu dem Zwe­cke her­aus­ge­ge­ben wer­den, die Öffent­lich­keit über Tages­er­eig­nis­se, Zeit- oder Fach­fra­gen durch pres­se­üb­li­che Bericht­erstat­tung zu unter­rich­ten.
Nach § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV umfasst die Brief­be­för­de­rung auch die Sen­dungs­form Ein­schreib­sen­dung.
Zwar ver­fü­gen im hier ent­schie­de­nen Fall die Hol­ding bzw. ihre Organ­ge­sell­schaf­ten über ein bun­des­weit struk­tu­rier­tes Zustell­netz. Alle gemäß § 5 PostG erteil­ten Lizen­zen zur gewerbs­mä­ßi­gen Beför­de­rung von Brief­sen­dun­gen sind bun­des­weit gül­tig. Die Gesell­schaf­ten des Organ­krei­ses über­schrei­ten außer­dem den in § 12 Abs. 1 PostG genann­ten Jah­res­um­satz. Sie sind damit gemäß § 13 Abs. 2 PostG grund­sätz­lich ver­pflich­tet, auf Anfor­de­rung der Bun­des­netz­agen­tur bun­des­weit Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen zu erbrin­gen.
Aller­dings han­delt es sich bei der förm­li­chen Zustel­lung nicht um eine Uni­ver­sal­dienst­leis­tung i.S. von Art 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL.
Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag ist weder nach den vom deut­schen Gesetz­ge­ber geschaf­fe­nen Rege­lun­gen noch nach der Post-RL Teil der Post-Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen.
In der Sys­te­ma­tik des PostG wird unter­schie­den zwi­schen "Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen", gere­gelt in Abschnitt 3 des PostG, und "Förm­li­che Zustel­lung nach öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten", nor­miert in Abschnitt 7 des PostG. Der Uni­ver­sal­dienst ist nach § 11 Abs. 1 PostG in Ver­bin­dung mit § 4 Nr. 1 PostG auf lizenz­pflich­ti­ge Post­dienst­leis­tun­gen und Post­dienst­leis­tun­gen, die zumin­dest in Tei­len beför­de­rungs­tech­nisch mit lizenz­pflich­ti­gen Leis­tun­gen erbracht wer­den kön­nen, beschränkt und umfasst nur sol­che Dienst­leis­tun­gen, die all­ge­mein als unab­ding­bar ange­se­hen wer­den.
In § 1 Abs. 1, Abs. 2 PUDLV wer­den Inhalt und Umfang des Post-Uni­ver­sal­diens­tes genau­er gere­gelt und in die­sem Zusam­men­hang die Post­dienst­leis­tun­gen, bei denen es sich nach natio­na­lem Recht um Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen han­delt, kon­kret auf­ge­führt. Förm­li­che Zustel­lun­gen wer­den nicht auf­ge­führt, so dass die­se nach natio­na­lem Post­recht nicht zu den Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen gehö­ren 6.
Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag wird auch in Art 3 Abs. 4 der Post-RL nicht aus­drück­lich erwähnt. Dort wird ledig­lich ein Min­dest­maß an Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen defi­niert. Über die auf­ge­führ­ten Post­dienst­leis­tun­gen hin­aus steht es den Mit­glied­staa­ten frei, dem Uni­ver­sal­dienst wei­te­re Post­dienst­leis­tun­gen zuzu­ord­nen.
Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag ist auch nicht von der Defi­ni­ti­on der Ein­schreib­sen­dung umfasst.
Nach § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV ist Ein­schreib­sen­dung eine Brief­sen­dung, die pau­schal gegen Ver­lust, Ent­wen­dung oder Beschä­di­gung ver­si­chert ist und gegen Emp­fangs­be­stä­ti­gung aus­ge­hän­digt wird. Im Ver­gleich hier­zu feh­len der Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de wesent­li­che Ele­men­te, da bei der förm­li­chen Zustel­lung gera­de kei­ne Ver­si­che­rung gegen Ver­lust, Ent­wen­dung oder Beschä­di­gung erfolgt. Eine sol­che ist weder nach § 35 PostG vor­ge­se­hen – dort ist nur eine Scha­den­er­satz­pflicht nach den Vor­schrif­ten über die Scha­den­er­satz­pflicht eines öffent­lich-recht­li­chen Dienst­herrn für sei­ne Bediens­te­ten im hoheit­li­chen Bereich gere­gelt – noch aus den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der S ersicht­lich. Dane­ben umfasst der Post­zu­stel­lungs­auf­trag über die o.g. Defi­ni­ti­on hin­aus­ge­hen­de wei­te­re nicht unwe­sent­li­che Dienst­ele­men­te im Rah­men der Beur­kun­dung der Über­ga­be, der Ersatz­zu­stel­lung oder der Nie­der­le­gung, die sonst kei­ne ande­re Post­dienst­leis­tung auf­weist 7. Der aus­füh­ren­de Unter­neh­mer ist mit Hoheits­be­fug­nis­sen aus­ge­stat­te­ter Belie­he­ner (§ 33 Abs. 1 S. 2 PostG). Die Zustel­lungs­ur­kun­de ist, anders als die Emp­fangs­be­stä­ti­gung bei der Ein­schreib­sen­dung, eine öffent­li­che Urkun­de (§ 418 ZPO). Folg­lich kön­nen sich auch nur Behör­den und Gerich­te der förm­li­chen Zustel­lung bedie­nen. Eine Pri­vat­per­son kann kei­nen Post­zu­stel­lungs­auf­trag ertei­len, sie muss sich eines Gerichts­voll­zie­hers bedie­nen (§§ 191 f. ZPO). Daher bedarf es auch kei­ner aus­rei­chen­den Anzahl fes­ter Zugangs­punk­te und zufrie­den­stel­len­der Bedin­gun­gen hin­sicht­lich der Häu­fig­keit der Abho­lung und Zustel­lung 8. Auch die Sicher­stel­lung trag­ba­rer Prei­se für die Ver­brau­cher ist bedeu­tungs­los 9. Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag ist damit eine von den Post­dienst­leis­tun­gen nach § 4 Nr. 1 PostG unab­hän­gi­ge Brief­sen­dung, die den Cha­rak­ter eines Hoheits­akts hat, wobei der Dienst­leis­ter bei der Leis­tungs­er­brin­gung mit Hoheits­be­fug­nis­sen aus­ge­stat­tet ist und bei der die Beför­de­rung nur eines von meh­re­ren Dienst­leis­tungs­ele­men­ten dar­stellt 10.
Auch bei sys­te­ma­ti­scher Aus­le­gung ist eine Dif­fe­ren­zie­rung von Post­dienst­leis­tun­gen und dem Post­zu­stel­lungs­auf­trag zu erken­nen. Das Min­destan­ge­bot an Post­dienst­leis­tun­gen ist in §§ 4 Nr. 1, 11 PostG i.V.m. § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV gere­gelt. Dabei steht § 11 PostG im Abschnitt 3 mit der Über­schrift "Uni­ver­sal­dienst" und § 1 Abs. 2 Nr. 1 PUDLV ist eben­falls mit "Uni­ver­sal­dienst" über­schrie­ben. Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag fin­det sich hin­ge­gen in § 33 PostG im Abschnitt 7 mit der Über­schrift "Förm­li­che Zustel­lung nach öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten".
Gegen eine Zuord­nung des Post­zu­stel­lungs­auf­trags als Ein­schreib­sen­dung spricht auch, dass der Post­zu­stel­lungs­auf­trag sys­te­ma­tisch nicht zu den ori­gi­nä­ren Dienst­leis­tun­gen des Post­we­sens gehört und nur aus Grün­den der Effek­ti­vi­tät im Bereich der Post­dienst­leis­tun­gen ver­or­tet wor­den ist. Die förm­li­che Zustel­lung ist not­wen­di­ger Bestand­teil einer ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­wal­tung und Rechts­pfle­ge und dient der Sicher­stel­lung der Ver­sor­gung der Behör­den und Gerich­te mit einem geeig­ne­ten Zustel­lungs­mit­tel 11.
Da sich, wie oben dar­ge­legt, die Dienst­leis­tun­gen Ein­schreib­sen­dung und Post­zu­stel­lungs­auf­trag in wesent­li­chen Punk­ten unter­schei­den, liegt in deren Ungleich­be­hand­lung auch kein Ver­stoß gegen Art 3 GG.
Nach Art 2 Nr. 9 Post-RL ist Ein­schreib­sen­dung eine Post­sen­dung, die durch den Dienst­an­bie­ter pau­schal gegen Ver­lust, Ent­wen­dung oder Beschä­di­gung ver­si­chert wird und bei der dem Absen­der, gege­be­nen­falls auf sein Ver­lan­gen, eine Bestä­ti­gung über die Ent­ge­gen­nah­me der Sen­dung und/​oder ihre Aus­hän­di­gung an den Emp­fän­ger erteilt wird. Auch nach die­ser Defi­ni­ti­on feh­len der Post­zu­stel­lungs­ur­kun­de einer­seits – wie nach deut­schem Post­recht – wesent­li­che Ele­men­te und ande­rer­seits umfasst der Post­zu­stel­lungs­auf­trag dar­über hin­aus­ge­hen­de Dienst­leis­tungs­ele­men­te. Aus den bereits zum deut­schen Post­recht aus­ge­führ­ten Grün­den ist der Post­zu­stel­lungs­auf­trag nicht von der Defi­ni­ti­on der Ein­schreib­sen­dung nach Art 2 Nr. 9 Post-RL umfasst.
Die­se Ansicht wird auch bestä­tigt durch die Rege­lung in Art 8 der Post-RL, in der den Mit­glied­staa­ten inso­weit gestat­tet wird, einen Post­zu­stel­lungs­auf­trag abwei­chend von Art 2 Nr. 9 Post-RL dem Uni­ver­sal­dienst bewusst zuzu­ord­nen. Von die­ser fakul­ta­ti­ven Mög­lich­keit hat bei­spiels­wei­se der öster­rei­chi­sche Gesetz­ge­ber Gebrauch gemacht, indem er in § 7 Abs. 1 des öster­rei­chi­schen Post­ge­set­zes die Zustel­lung behörd­li­cher Schrift­stü­cke aus­drück­lich dem Uni­ver­sal­dienst zuord­net. Da der Post­zu­stel­lungs­auf­trag aber nicht jeder­mann offen­steht und der deut­sche Gesetz­ge­ber von der Mög­lich­keit des Art 8 Post-RL kei­nen Gebrauch gemacht hat – weder aus­drück­lich noch durch die sys­te­ma­ti­sche Stel­lung der Rege­lung, kann der Post­zu­stel­lungs­auf­trag nicht als Ein­schreib­sen­dung ange­se­hen wer­den 12.
Zwar fin­den sich in der Post-RL statt der ursprüng­li­chen Rege­lung zur "Har­mo­ni­sie­rung der reser­vier­ba­ren Diens­te" in Kapi­tel 3 nun­mehr Vor­ga­ben zur "Finan­zie­rung der Uni­ver­sal­diens­te", wonach für die Ein­rich­tung und Erbrin­gung von Post­diens­ten grund­sätz­lich kei­ne aus­schließ­li­chen oder beson­de­ren Rech­te mehr gewährt wer­den sol­len (vgl. Art. 7 Abs. 1 der Post-RL in der Fas­sung vom 20.02.2008). Nach wie vor fin­det sich in Art. 8 der Post-RL eine Rege­lung, wonach die Mit­glied­staa­ten beson­de­re Rege­lun­gen tref­fen kön­nen für den Dienst, der Zustel­lun­gen im Rah­men von Gerichts- und Ver­wal­tungs­ver­fah­ren aus­führt. Aus die­ser Ände­rung folgt jedoch nicht, dass auch der Post­zu­stel­lungs­auf­trag als Teil des Uni­ver­sal­diens­tes im Sin­ne von Art. 3 der Post-RL ange­se­hen wird 13.
Aus Art 132 Abs. 1 Buch­sta­be a MwSt­Sys­tRL ergibt sich nicht, dass die förm­li­che Zustel­lung allein wegen Aspek­ten des Gemein­wohls umsatz­steu­er­lich begüns­tigt wer­den müss­te.
Wie Kapi­tel 2 zeigt, zu dem Art 132 gehört, ist mit den dort vor­ge­se­he­nen Steu­er­be­frei­un­gen die För­de­rung bestimm­ter dem Gemein­wohl die­nen­der Tätig­kei­ten bezweckt. Den genann­ten Leis­tun­gen ist gemein­sam, dass sie ele­men­ta­re Lebens­be­dürf­nis­se der Bevöl­ke­rung befrie­di­gen und häu­fig von öffent­li­chen, nicht auf Gewinn­erzie­lung aus­ge­rich­te­ten Ein­rich­tun­gen erbracht wer­den. Zu den ele­men­ta­ren Bedürf­nis­sen zählt auch die Ver­sor­gung mit Post­diens­ten. Die­se unent­behr­li­chen Leis­tun­gen sol­len der All­ge­mein­heit kos­ten­güns­tig und ohne Auf­schlag von Mehr­wert­steu­er ange­bo­ten wer­den. Aus Art 132 Abs. 1 Buchst. a MwSt­Sys­tRL kann jedoch nicht her­ge­lei­tet wer­den, dass alle Dienst­leis­tun­gen und die dazu­ge­hö­ri­gen Lie­fe­run­gen von Gegen­stän­den, die von den öffent­li­chen Post­ein­rich­tun­gen aus­ge­führt wer­den und die nicht, wie die Per­so­nen­be­för­de­rungs- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen, aus­drück­lich vom Anwen­dungs­be­reich die­ser Bestim­mung aus­ge­schlos­sen sind, unab­hän­gig von ihrer Natur von der Steu­er­pflicht befreit sind 14. Wegen ihres Aus­nah­me­cha­rak­ters sind die Befrei­ungs­tat­be­stän­de eng aus­zu­le­gen, da die Steu­er­be­frei­ung eine Aus­nah­me von dem Grund­satz dar­stellt, wonach jede Dienst­leis­tung, die ein Steu­er­pflich­ti­ger gegen Ent­gelt erbringt, der Mehr­wert­steu­er unter­liegt. Dar­aus folgt aller­dings nicht, dass die zur Defi­ni­ti­on der Steu­er­be­frei­ung ver­wen­de­ten Begrif­fe in einer Wei­se aus­zu­le­gen sind, die den Befrei­un­gen ihre Wir­kung nimmt.
Nach der Aus­le­gung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on führt die Gemein­wohl­ver­pflich­tung zu dem Zweck der pos­ta­li­schen Befrei­ungs­re­ge­lung dazu, dass die­je­ni­gen Post­dienst­leis­tun­gen, die den Grund­be­dürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung ent­spre­chen, zu ermä­ßig­ten Kos­ten ange­bo­ten wer­den kön­nen. Inso­weit kommt es nicht auf eine all­ge­mei­ne För­de­rung des Gemein­wohls an, son­dern auf die spe­zi­fi­sche Zweck­rich­tung der Norm. Die Grund­be­dürf­nis­se der Bevöl­ke­rung wer­den durch den Uni­ver­sal­dienst sicher­ge­stellt, der sich an den durch­schnitt­li­chen Nach­fra­ger rich­tet 15. Merk­mal des pos­ta­li­schen Schutz­be­rei­ches ist in der Regel die Gewähr­leis­tung eines Mini­mums von uni­ver­sel­len Diens­ten an einem bestimm­ten Zugangs­punkt auch in länd­li­chen und abge­le­ge­nen Regio­nen zu ermä­ßig­ten Kos­ten 14. Hier­zu wird auch nach dem Sinn der Post-RL auf die Anfor­de­run­gen aller Nut­zer, ins­be­son­de­re der Ver­brau­cher bzw. Pri­vat­kun­den sowie klei­ner und mitt­le­rer Unter­neh­men, abge­stellt 16. Die Dienst­leis­tung "Post­zu­stel­lungs­auf­trag" ist nicht für jeder­mann zugäng­lich. Ein Nut­zen für die Bevöl­ke­rung zeigt sich ledig­lich mit­tel­bar in Form einer effek­tiv funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge. Dies genügt jedoch nicht, um im Hin­blick auf die Daseins­vor­sor­ge eine USt-Befrei­ung zu recht­fer­ti­gen. Es liegt eine all­ge­mei­ne För­de­rung des Gemein­wohls, jedoch kei­ne der Zweck­rich­tung der Richt­li­nie – den Grund­be­dürf­nis­sen der Bevöl­ke­rung – ent­spre­chen­de För­de­rung des Gemein­wohls vor. Die Grund­ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung mit Uni­ver­sal­dienst­leis­tun­gen wäre im Übri­gen auch nicht zwin­gend beein­träch­tigt, wenn Behör­den und Gerich­te nicht mehr mit­tels Post­zu­stel­lungs­auf­trag zustel­len wür­den, da eine Zustel­lung grund­sätz­lich auch mit­tels ein­ge­schrie­be­nen Briefs bewirkt wer­den kann 17.
Der Uni­ver­sal­dienst rich­tet sich nach Art 3 Abs. 1 der Post-RL an alle Nut­zer, um die­sen einen leich­ten Zugang zum Post­netz zu ermög­li­chen. Der Post­zu­stel­lungs­auf­trag steht aber gera­de nicht der All­ge­mein­heit, son­dern vor allem Behör­den und Gerich­ten zur Ver­fü­gung. Inso­weit erklärt sich auch das Vor­ge­hen in Art 8 der Post-RL, das es den Mit­glied­staa­ten erlaubt, Son­der­re­ge­lun­gen für die Zustel­lung von Ein­schreib­sen­dun­gen im Rah­men von Gerichts- oder Ver­wal­tungs­ver­fah­ren zu tref­fen, um somit einen Dienst, der nicht allen Nut­zern ange­bo­ten wird und somit grund­sätz­lich nicht unter den Uni­ver­sal­dienst fal­len wür­de, die­sem den­noch zuzu­rech­nen 12.
Es kann dahin­ste­hen, ob § 4 Nr. 11b UStG a.F. gegen Art 4, 98, 10 Abs. 2, 12, 90 – 93 sowie gegen Art 87, 88 EG ver­stößt. Die­sen Ein­wand könn­te der Unter­neh­mer allen­falls im Rah­men einer Kon­kur­ren­ten­kla­ge gegen die Deut­sche Post gel­tend machen mit dem Ziel, die­ser eben­so die Steu­er­frei­heit der von ihr erbrach­ten Umsät­ze aus förm­li­cher Zustel­lung zu ver­sa­gen.
Finanz­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg – Urtiel vom 17. August 2015 – – 9 K 403/​12
EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 36[↩]
EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 33[↩]
EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 34[↩]
EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348, Rz 35[↩]
so auch FG Köln, Urteil vom 11.03.2015 – 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469; Jacobs, UR 2012, 621; aA von Streit in Rau/​Dürrwächter, UStG, § 4 Nr. 11b, Rn 514 ff.[↩]
Jacobs, UR 2012, 621; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469[↩]
Erwä­gungs­grund 12 S. 1 Post-RL[↩]
Erwä­gungs­grund 11 Post-RL[↩]
so auch FG Köln, Urteil vom 11.03.2015 – 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469; Jacobs, UR 2012, 621; a.A. LG Ham­burg, Urteil vom 16.09.2010 – 327 O 507/​10, GRUR-RR- 2011, 76[↩]
sie­he dazu näher: Jacobs UR 2012, 621[↩]
Jacobs, UR 2012, 621[↩][↩]
Urteil des Finanz­ge­richt Köln vom 11.03.2015 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686[↩]
EuGH, Urteil TNT Post UK, EU:C:2009:248, UR 2009, 348[↩][↩]
Jacobs UR 2012, 621[↩]
Erwä­gungs­grund 20, Art 12 Post-RL[↩]
so auch Finanz­ge­richt Köln, Urteil vom 11.03.2015 – 2 K 1707/​11, BB 2015, 1686; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 06.02.2013 – VII-Verg 32/​12, Verg 32/​12, Ver­ga­beR 2013, 469; a.A. LG Ham­burg, Urteil vom 16.09.2010 – 327 O 507/​10, GRUR-RR- 2011, 76[↩]