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Timestamp: 2016-12-09 05:49:43
Document Index: 152800440

Matched Legal Cases: ['Art. 73', 'Art. 10', 'Art. 10', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 1']

⭐Vorratsdatenspeicherung in Deutschland - Symbol des sicherheitspolitischen Wandels und des zivilgesellschaftlichen Protests? 22
Vorratsdatenspeicherung in Deutschland - Symbol des sicherheitspolitischen Wandels und des zivilgesellschaftlichen Protests? 22
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1 ISBN Heft 1 November 2011 Herausgegeben von: Mathias Bug Prof. Dr. Ursula Münch Prof. Dr. Viola Schmid LL.M. PROF. DR. VIOLA SCHMID LL.M. (Harvard) 2. SIRA Conference Series: Innere Sicherheit - auf Vorrat gespeichert? 2 JÜRGEN MAURER, Vizepräsident beim Bundeskriminalamt Mindestspeicherfristen Praktische Erfahrungen aus Sicht der Polizei 12 Dr. des. SEBASTIAN BUKOW Vorratsdatenspeicherung in Deutschland - Symbol des sicherheitspolitischen Wandels und des zivilgesellschaftlichen Protests? 22 RA SEBASTIAN SCHWEDA Umsetzungsunterschiede der Vorratsdatenspeicherungsrichtlinie in Europa ein Bericht aus dem Forschungsprojekt InVoDaS im Mai Dr. SUSANNE BECK LL.M. (LSE) Vorratsdatenspeicherung und aktuelle Entwicklungen in der Inneren Sicherheit im Vereinigten Königreich eine Analyse im Mai Innere Sicherheit auf Vorrat gespeichert? Tagungsband 2. SIRA Conference Series2 Viola Schmid 2. SIRA Conference Series: Innere Sicherheit auf Vorrat gespeichert? 1. Zu SIRA Der Forschungsverbund Sicherheit im öffentlichen Raum (SIRA) besteht aus acht Teilprojekten 1. Kennzeichnend ist die Zusammarbeit zwischen Vertretern/innen der Politikwissenschaft, der Kulturanthropologie, der Soziologie, der Rechtswissenschaft, der Ökonomie und der Informationstechnologie. Hervorzuheben ist auch, dass SIRA-Endanwender entsprechend der Begleitforschungskonzeption des Bundesministeriums für Bildung und Forschung in das Projekt eingebunden sind. 2. Zur Conference Series Ein erstes Ergebnis von SIRA ist die SIRA Conference Series, die sich in ihrer zweiten Abteilung am 26. und 27. Mai 2011 an der Universität der Bundeswehr, München, dem Thema Innere Sicherheit auf Vorrat gespeichert? gewidmet hat. Auf der Konferenz wurde die polizeiliche Praxis durch den Vizepräsidenten beim Bundeskriminalamt, Herrn Jürgen Maurer, repräsentiert. Vier Vertreter/innen der Wissenschaft ein Politikwissenschaftler und drei Rechtswissenschaftler präsentierten verfassungsrechtliche wie europarechtliche Konturen der Herausforderungen, die die Thematik Vorratsdatenspeicherung mit sich bringt. Der Politikwissenschaftler Dr. des. Sebastian U. Bukow von der Universität Düsseldorf stellte die Frage, in wie weit die Vorratsdatenspeicherung Symbol des sicherheitspolitischen Wandels und zivilgesellschaflichen Protests in Deutschland ist. Ergänzt wurden diese Fragestellungen durch Informationen über die Umsetzung der Vorratsdatenspeicherungsrichtlinie in den einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten. Diese Informationen wurden von Herrn Rechtsanwalt Sebastian Schweda vom Institut für europäisches Medienrecht e.v. aufbereitet. Eine Kombination von sicherheitspolitischen Erwägungen und Vorratsdatenspeicherungstendenzen in einem Mitgliedsstaat im Vereinigten Königreich bot die Rechtswissenschaftlerin 1 Nähere Informationen: 23 Dr. Susanne Beck, LL.M. (LSE) von der Universität Würzburg an. Abschließend lieferte Prof. Dr. Viola Schmid, LL.M. (Harvard) von der Technischen Universität Darmstadt eine Analyse der Vorratsdatenspeicherungsentscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die Eckpfeiler für eine Charta des internationalen (IT-) Sicherheitsrechts sein könnte. Organisiert wurde die Konferenz von Prof. Dr. Ursula Münch von der Universität der Bundeswehr München und Prof. Dr. Viola Schmid, LL.M. (Harvard) von der Technischen Universität Darmstadt. 3. Zum Thema Vorratsdatenspeicherung a) Zur Terminologie Zunächst hervorzuheben ist, dass in einer informationstechnologischen und datenschutzrechtlichen Betrachtung der Titel Vorratsdatenspeicherung missverständlich ist. Selbstverständlich geht es nicht nur um die Erhebung bzw. Speicherung von Daten auf Vorrat, sondern auch um die Übermittlung und Nutzung dieser Daten. Diese unterschiedlichen Informationstechnologien finden sich in 3 Abs. 3-5 Bundesdatenschutzgesetz wieder. (3) Erheben ist das Beschaffen von Daten über den Betroffenen. (4) Verarbeiten ist das Speichern, Verändern, Übermitteln, Sperren und Löschen personenbezogener Daten. Im Einzelnen ist, ungeachtet der dabei angewendeten Verfahren: 1. Speichern das Erfassen, Aufnehmen oder Aufbewahren personenbezogener Daten auf einem Datenträger zum Zweck ihrer weiteren Verarbeitung oder Nutzung, 2. Verändern das inhaltliche Umgestalten gespeicherter personenbezogener Daten, 3. Übermitteln das Bekanntgeben gespeicherter oder durch Datenverarbeitung gewonnener personenbezogener Daten an einen Dritten in der Weise, dass a) die Daten an den Dritten weitergegeben werden oder b) der Dritte zur Einsicht oder zum Abruf bereitgehaltene Daten einsieht oder abruft 4. Sperren das Kennzeichnen gespeicherter personenbezogener Daten, um ihre weitere Verarbeitung oder Nutzung einzuschränken, 5. Löschen das Unkenntlichmachen gespeicherter personenbezogener Daten. 34 (5) Nutzen ist jede Verwendung personenbezogener Daten, soweit es sich nicht um Verarbeitung handelt. b) Zur Relevanz Durch die Wahl des Themas wird die besondere Bedeutung der Vorratsdatenspeicherung für das Datenorganisationsrecht 2 wie das Sicherheitsrecht der Gegenwart und der Zukunft hervorgehoben. Die Bedeutung der Vorratsdatenspeicherung für den in der Politikwissenschaft diskutierten erweiterten Sicherheitsbegriff und eine neue Sicherheitsarchitektur ist wohl unbestritten. Optisch und thematisch sehr simplifiziert bringt dies etwa auch das Video des Designstudenten Alexander Lehmann mit dem Titel Du-bist- Terrorist.de zum Ausdruck, welches unterschiedliche Datenorganisationsoptionen (vom Körperscanner bis zur Telekommunikationsverkehrsdatenspeicherung und nutzung bis zur Online-Durchsuchung) kombiniert. Auf dieses Video wird nicht mit einer Wertung Bezug genommen, es wird zitiert, um die Bedrohungsszenarien, die der Diskussion von Aktivisten zugeführt werden, zu verdeutlichen. Es gibt eben Pro- Cyberprotagonists, die die in der Digitalisierung geborenen Überwachungsstrategien für die Erhöhung von Sicherheit einsetzen wollen. Und es gibt eben Anti- Cyberprotagonists, die diese Nutzung grundsätzlich ablehnen. Die Konferenz mit ihren Experten mit polizeilicher, rechtswissenschaftlicher und politikwissenschaftlicher Expertise, konnte diesen Konflikt durch die Präsentation von Erfahrungen, von juristischen Texten (Rechtsprechung und Rechtsetzung) und Akzeptanzanalysen Argumentationsmaterial zuführen. Eine Argumentationsgrundlage, die sicher hervorzuheben ist, ist die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom (1 BvR 256/08, 1 BvR 263/09, 1 BvR 586/08) geboten. Das Rechtssystem in der Bundesrepublik Deutschland ist seit dieser Entscheidung um grundlegende Erkenntnisse bereichert. 2 In der Terminologie des Fachgebiets Öffentliches Recht an der Technischen Universität Darmstadt handelt es sich um einen Oberbegriff für die in 3 Abs. 3-5 Bundesdatenschutzgesetz genannten Optionen des Umgangs mit Daten. 45 c) Die Vorratsdatenspeicherungsentscheidung des Bundesverfassungsgerichts Eckpfeiler für eine Charta des (internationalen) (IT-)Sicherheitsrechts? Die folgenden Ausführungen rollen die Überschrift Eckpfeiler für eine Charta des (internationalen) (IT-)Sicherheitsrechts? von hinten auf. Zunächst bleibt auch nach dem Ende der SIRA Conference Series wie auch am Ende dieser Veröffentlichung das? bestehen. Trotz des eindrucksvollen Postulats des Vizepräsidenten des Bundeskriminalamts muss es angesichts der existierenden Skepsis von Aktivisten wie etwa dem Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung aus wissenschaftlicher Sicht bei einem? bleiben. Auch handelt es sich um eine globale Frage, die eben nicht nur für die Bundesrepublik Deutschland oder die europäischen Mitgliedsstaaten Bedeutung hat. Die Zukunft wird beantworten, in wie weit die Entscheidung des höchsten deutschen Gerichts auch über die Bundesrepublik Deutschland hinaus für andere Rechtsordungen, etwa im Wege der rechtsvergleichenden Wissenschaft, Bedeutung erlangen wird. Jedenfalls enthält die Entscheidung hinsichtlich des weiteren Überschriftenbestandteils Recht den Hinweis auf eine neuere Tendenz. Im informationstechnologischen Sicherheitsrecht in Deutschland mag es eine Karlsruher Republik geben. Belege dafür, dass das Bundesverfassungsgericht im informationstechnologischen Sicherheitsrecht als Reservegesetzgeber tätig wird, lassen sich in den Entscheidungen zur Akustischen Wohnraumüberwachung (1BvR 2378/98) Polizeirechtlichen Telekommunikationsüberwachung (1BvR 668/04) Rasterfahndung (1 BvR 518/02) Kennzeichenscanning (1 BvR 2074/05) Online-Druchsuchung (1 BvR 370/07) Videosurveillance am Denkmal (1 BvR 2368/06) Verkehrsüberwachung (2 BvR 941/08) Kontostammdaten (1BvR 1550/03) finden. In all diesen Fällen hat das Bundesverfassungsgericht (den Gesetzgeber) gezwungen, einen neuen und anderen Kurs einzuschlagen. Die Konsequenz dieser Rechtsprechungserfahrung ist, dass aus rechtswissenschaftlicher Sicht Sicherheit nicht eine statische Definition zugrunde liegt, sondern es sich um einen Prozess handelt, der zu optimieren ist. Die Digitalisierung, die zu einer ubiquitären und 56 allzeitigen Durchdringung unserer Umwelt mit Informationstechnologie führt, führt auch zu einer neuen Relation zwischen Sicherheit und IT-Sicherheit: Sicherheit und IT-Sicherheit bedingen sich gegenseitig. Im Zeitalter des Ubiquitous Computing, des Ambient Assisted Living oder der Connected World und des Internet of Things kann weder Sicherheit ohne IT-Sicherheit noch IT-Sicherheit ohne Sicherheit erzielt werden. Deswegen ist die Klammer (IT-), die eine Verknüpfung von IT- Sicherheit und Sicherheit symbolisiert, gerechtfertigt. Bereits bei den Ausführungen zum? wurde angedeutet, welche Bedeutung das Bundesverfassungsgericht für das nationale und internationale (IT-)Sicherheitsrecht haben könnte. In seiner Entscheidung (1 BvR 256/08) hat das Bundesverfassungsreicht nicht behauptet, dass in der Verfassung alles über Sicherheit und IT-Sicherheit in Bezug auf Telekommunikationsverbindungsdaten steht. Es hat aber im Wege einer dynamischtechnikorientierten Auslegung rechtliche Mindeststandards entwickelt, die sich auch in den Beiträgen zum Tagungsband wiederfinden. Im Rahmen dieser Einfühung seien nur einige dieser Mindeststandards hervorgehoben: zum einen die Antiprofilierungsratio. Diese Antiprofilierungsratio lässt sich als ständige Rechtsprechung seit der bahnbrechenden Volkszählungsentscheidung (BVerfGE 65, 1 (43)) nachweisen: Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß. Diese Antiprofilierungsratio wird auch in der Vorratsdatenspeicherungsentscheidung (Rn.241) aufrecht erhalten: <241>: Eine vorsorglich anlasslose Speicherung aller Telekommunikationsverkehrsdaten über sechs Monate ist unter anderem deshalb ein so schwerwiegender Eingriff, weil sie ein Gefühl des ständigen Überwachtwerdens hervorrufen kann; sie erlaubt in unvorhersehbarer Weise tiefe Einblicke in das Privatleben, ohne dass der Rückgriff auf die Daten für den Bürger unmittelbar spürbar oder ersichtlich ist. Der 67 Einzelne weiß nicht, was welche stattliche Behörde über ihn weiß, weiß aber, dass die Behörden vieles, auch Höchstpersönliches über ihn wissen können. Der zweite Minimalstandard, der hervorgehoben werden soll, ist die Differenzierungsratio. Es geht eben unter Zugrundelegung von 3 Abs. 3 5 BDSG um die Erhebung, Speicherung, Übermittlung und Nutzung von Daten ( ESÜN ). Belegen lässt sich diese informationstechnologisch differenzierte Betrachtungsweise des Bundesverfassungsgerichts in der Vorratsdatenspeicherungsentscheidung (Rn. 250), wo sogar eine Differenzierung zwischen Pushund Pull-Betrieb vorgenommen wird: <250>: Zur Wirksamkeit der Kontrolle gehört es auch, dass die Daten aufgrund der Anordnung von den Telekommunikationsunternehmen als speicherungs-verpflichteten Dritten herausgefiltert und übermittelt werden, das heißt den Behörden also nicht ein Direktzugriff auf die Daten eröffnet wird. Auf diese Weise wird die Verwendung der Daten auf das Zusammenwirken verschiedener Akteure verwiesen und damit in sich gegenseitig kontrollierende Entscheidungsstrukturen eingebunden. Die dritte, maßgebende Ratio ist und bleibt die Kernbereichsratio im informationstechnologischen Sicherheitsrecht. Es gibt eben einen Kreis auf besondere Vertraulichkeit angewiesener Telekommunikationsverbindungen, und für diese ist ein Übermittlungsverbot vorzusehen. <238>: Verfassungsrechtlich geboten ist [ ], zumindest für einen engen Kreis von auf besondere Vertraulichkeit angewiesenen Telekommunikationsverbindungen ein grundsätzliches Übermittlungsverbot vorzusehen. Zu denken ist hier etwa an Verbindungen zu Anschlüssen von Personen, Behörden und Organisationen in sozialen oder kirchlichen Bereichen, die grundsätzlich anonym bleibenden Anrufern ganz oder überwiegend telefonische Beratung in seelischen oder sozialen Notlagen anbieten und die selbst oder deren Mitarbeiter insoweit anderen Verschwiegenheitsverpflichtungen unterliegen (vgl. 99 Abs. 2 TKG). 78 Eine weitere Ratio ist die Kombinationsratio. Wer die Erhebung, Speicherung und Übermittlung von Daten regelt (Art. 73 Abs. 1 Nr. 7 GG Telekommunikationsrechtliche Kompetenz ), muss klare Kriterien zur Nutzung zugrunde legen ( Sachkompetenz ). Grundsätzlich ist die Erhebung und Speicherung von Daten auf Vorrat zu unbestimmten oder noch nicht bestimmbaren Zwecken verfassungsrechtlich strikt untersagt. <264> 5. Die [ ] den Verhältnismäßigkeitsanforderungen genügenden normenklaren Begrenzung der Datenverwendung ist ein untrennbarer Bestandteil der Anordnung der Speicherungsverpflichtung und obliegt deshalb dem die Verpflichtung auferlegenden Bundesgesetzgeber. [ ] <213> Allerdings entspricht es der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, dass dem Staat eine Sammlung von personenbezogenen Daten auf Vorrat zu unbestimmten oder noch nicht bestimmbaren Zwecken verfassungsrechtlich strikt untersagt ist (vgl. BVerfGE 65, 1 <46>; 100, 313 <360>; 115, 320 <350>; 118, 168 <187>). <266> Demgegenüber ist es unzulässig, unabhängig von solchen Zweckbestimmungen einen Datenpool auf Vorrat zu schaffen, dessen Nutzung je nach Bedarf und politischem Ermessen der späteren Entscheidung verschiedener staatlicher Instanzen überlassen bleibt. Nicht nur ein regulatorisches Prinzip wie die Kombinationsratio, die verpflichtet über Erhebung und Speicherung auf der einen uno actu mit der Übermittlung und Nutzung zu entscheiden, ist in der Entscheidung enthalten: vielmehr ist IT-Sicherheit als Verfassungsprinzip konturiert. Zunächst wird die Qualität der IT-Sicherheit beschrieben und ein besonders hoher Standard verlangt. <221> Eine Speicherung der Telekommunikationsverkehrsdaten im Umfang des 113a TKG bedarf der gesetzlichen Gewährleistung eines besonders hohen Standards der Datensicherheit. Das Bundesverfassungsgericht begnügt sich aber nicht damit, hohe Qualität der IT- Sicherheit zu fordern, sondern macht auch detaillierte Vorgaben für die Realisierung 89 der Qualitätsanforderungen. Im Wesentlichen können hier sieben Realisierungsdoktrinen unterschieden werden: (1) Getrennte Speicherung der Daten (2) Anspruchsvolle Verschlüsselung (3) Gesichertes Zugriffsregime unter Nutzung etwa des 4-Augen-Prinzips (4) Revisionssichere Protokollierung (5) Einhaltung des Zweckbindungsgrundsatzes (bestimmte Zwecke; mit Erreichen der Zwecke Löschungsverpflichtung) (6) Effektivität der Durchsetzung der IT-Standards bei der Übermittlung: Pedigree (Kennzeichnung) (7) Differenzierung: Push - und Pull-Betrieb Zusammenfassend werden alleine diese IT-Sicherheitsprinzipien in Literatur und Praxis in Zukunft hohe Herausforderungen bieten. Exemplarisch, wie differenziert das BVerfG sich hier auf die Informationstechnologie einlässt, zeigen die Randnummern 223 und 250 der Entscheidung: <223> [Sachverständigenvortrag in der mündlichen Verhandlung und in schriftlichen Stellungnahmen (Ergänzung der Verfasserin):] [ ] ein weites Spektrum von Instrumenten zur Erhöhung der Datensicherheit aufgezeigt. Genannt wurden etwa eine getrennte Speicherung der nach 113a TKG zu speichernden Daten auf auch physisch getrennten und vom Internet entkoppelten Rechnern, eine asymmetrische kryptografische Verschlüsselung unter getrennter Verwahrung der Schlüssel, die Vorgabe des Vier-Augen-Prinzips für den Zugriff auf die Daten verbunden mit fortschrittlichen Verfahren zur Authentifizierung für den Zugang zu den Schlüsseln, die revisionssichere Protokollierung des Zugriffs auf die Daten und deren Löschung sowie der Einsatz von automatisierten Fehlerkorrektur- und Plausibilitätsverfahren. Ergänzend [ ] Schaffung von Informationspflichten bei Datenschutzverletzungen, die Einführung einer verschuldensunabhängigen Haftung oder eine Stärkung der Ausgleichsansprüche für immaterielle Schäden [ ]. <250> Zur Wirksamkeit der Kontrolle gehört es auch, dass die Daten aufgrund der Anordnung von den Telekommunikationsunternehmen als speicherungsverpflichte- 910 ten Dritten herausgefiltert und übermittelt werden, das heißt den Behörden also nicht ein Direktzugriff auf die Daten eröffnet wird. Auf diese Weise wird die Verwendung der Daten auf das Zusammenwirken verschiedener Akteure verwiesen und damit in sich gegenseitig kontrollierende Entscheidungsstrukturen eingebunden. Mit diesen Rationes Decidendi konturiert das Bundesverfassungsgericht ein nationales (IT-) Sicherheitsrecht, dessen Mindeststandards aber auch teilweise europarechtsresilient sein könnten. Als europarechtsresilient könnten sie deswegen interpretiert werden, weil sie Bestandteil des unantastbaren Kerngehalts der Verfassungsidentität des Grundgesetzes (BVerfG-Urteil vom BvE 2/08, Rn. 240) sein könnten und insoweit weder europa- noch völkerrechtlich zur Disposition stehen würden. In seiner Vorratsdatenspeicherungsentscheidung (Rn. 218) hat das Bundesverfassungsgericht auf die Rechtsprechung zum unantastbaren Kerngehalt der Verfassungsidentität des Grundgesetzes auch im Kontext des informationstechnologischen Sicherheitsrechts Bezug genommen: <218> [ ] Dass die Freiheitswahrnehmung der Bürger nicht total erfasst und registriert werden darf, gehört zur verfassungsrechtlichen Identität der Bundesrepublik Deutschland (vgl. zum grundgesetzlichen Identitätsvorbehalt BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 30. Juni BvE 2/08 u.a. -, juris, Rn. 240), für deren Wahrung sich die Bundesrepublik in europäischen und internationalen Zusammenhängen einsetzen muss. Durch eine vorsorgliche Speicherung der Telekommunikationsverkehrsdaten wird der Spielraum für weitere anlasslose Datensammlungen auch über den Weg der Europäischen Union erheblich geringer. Mit diesem Zitat ist deutlich, dass jedenfalls die Antiprofilierungsratio zur verfassungsrechtlichen Identität gehört. Die Zukunft wird erweisen, inwieweit auch die Kombinationsratio nämlich die Verpflichtung über Erhebung und Speicherung auf der einen und Übermittlung und Nutzung auf der anderen uno actu zu entscheiden Anteil an dieser Europarechtsresilienz hat. Die Antwort auf diese Frage wird die 1011 Pfeilerqualität der BVerfG-Entscheidung für eine Charta des nationalen und internationalen IT-Sicherheitsrechts konturieren. Mit der Positionierung dieses Vorworts zur Frage Die Vorratsdatenspeicherungsentscheidung des Bundesverfassungsgerichts Eckpfeiler für eine Charta des (internationalen) (IT-)Sicherheitsrechts? soll auf die Einzelfragen, die in den folgenden Verschriftlichungen der Vorträge behandelt werden, vorbereitet werden. Sie stellen jeweils den Diskussionsstand zum Mai 2011 dar. Die formale Unterschiedlichkeit in der Zitierweise ist dem Usus der Einzeldisziplinen geschuldet. Ein besonderer Dank gilt der Sekretärin des Fachgebiets Öffentliches Recht, Frau Heidi Roßmann, sowie den beiden studentischen Hilfskräften des Lehrstuhls für Innenpolitik und Vergleichende Regierungslehre, Konstantin Seliverstov und Caroline Wegener. Bei der Durchführung der Conference Series sowie bei dieser Veröffentlichung konnte auf deren tatkräftige Unterstützung gebaut werden. Möge dieser Tagungsband viele Interessenten gewinnen und Diskussion initiieren bzw. begleiten. Darmstadt, im November 2011 Prof. Dr. Viola Schmid, LL.M. (Harvard) Prof. Dr. Viola Schmid, LL.M. (Harvard) ist Lehrstuhlinhaberin im Fachgebiet für Öffentliches Recht an der Technischen Universität Darmstadt. 1112 Jürgen Maurer, Vizepräsident beim Bundeskriminalamt Mindestspeicherfristen Praktische Erfahrungen aus Sicht der Polizei Abstract Das BVerfG hat am die Speicherung von Verkehrsdaten nach der damals geltenden Rechtslage für nichtig erklärt. Das Gericht hat in seinem Urteil aber ausdrücklich bestätigt, dass eine Rekonstruktion gerade der Telekommunikationsverbindungen für eine effektive Strafverfolgung und Gefahrenabwehr von besonderer Bedeutung ist. Für die Polizei stellen Daten über die Nutzung elektronischer Kommunikationsmittel sowohl bei der Verfolgung von Straftaten als auch bei der Gefahrenabwehr ein unverzichtbares Ermittlungswerkzeug dar. Die Verkehrsdaten sind oft der erste Ermittlungsansatz für weitere Maßnahmen oder für die Beweisführung gegen oder zu Gunsten des Beschuldigten. Problematisch ist, dass das BVerfG in seinem Urteil keine Übergangsregelung bis zur Schaffung verfassungskonformer Normen eingeräumt hat. Deshalb sind in der polizeilichen Arbeit seit dem nachweislich erhebliche Schutzlücken und Ermittlungsdefizite entstanden. Das BKA hat seit der Entscheidung des BVerfG alle seitens des BKA gestellten Auskunftsersuchen erfasst, ausgewertet und bedeutsame Rechtstatsachen in den Ländern erhoben. Die Speicherdauer von sechs Monaten wäre aus Sicht der Strafverfolgungsbehörden wünschenswert. Einleitung Das Thema Mindestspeicherfristen ist nicht neu, nach wie vor jedoch aktuell und Gegenstand von Debatten. In der heutigen Zeit stellen Daten über die Nutzung elektronischer Kommunikationsmittel ein für die Polizei unverzichtbares Ermittlungswerkzeug dar, und zwar nicht nur bei der Verfolgung von Straftaten, sondern auch für die Gefahrenabwehr. Dies gilt insbesondere für den internationalen Terrorismus und schwere Fälle der Organisierten Kriminalität. Die sogenannten Verkehrsdaten spielen dabei als häufig ersten Ermittlungsansatz für weitere Maßnahmen oder für die Beweisführung gegen oder zu Gunsten eines Beschuldigten eine wichtige Rolle. Am 2. März 2010 hat das BVerfG die Speicherung von Verkehrsdaten, in der damaligen Ausgestaltung, als mit dem Grundgesetz unvereinbar und daher für nichtig erklärt. Das Gericht erkannte gleichzeitig ausdrücklich an, dass eine Rekonstruktion gerade der Telekommunikationsverbindungen für eine effektive Strafverfolgung und Gefahrenabwehr von besonderer Bedeutung ist:13 Sie [die Speicherung der Telekommunikationsverkehrsdaten für sechs Monate] knüpft vielmehr in noch begrenzt bleibender Weise an die besondere Bedeutung der Telekommunikation in der modernen Welt an und reagiert auf das spezifische Gefahrenpotential, das sich mit dieser verbindet. [ ] Eine Rekonstruktion gerade der Telekommunikationsverbindungen ist daher für eine effektive Strafverfolgung und Gefahrenabwehr von besonderer Bedeutung. Folglich erklärte das BVerfG nicht das Instrument der Speicherung und Beauskunftung von Verkehrsdaten der Telekommunikation in Gänze für verfassungswidrig und nichtig, sondern bezog sich allein auf die konkret angefochtenen Regelungen der Speicherung und Beauskunftung von Vorratsdaten. Für eine verfassungsgemäße (Neu-)Regelung sind so das Gericht - Regelungen zur Datensicherheit, zur Begrenzung der Datenverwendung, zur Transparenz und zum Rechtsschutz erforderlich. Für die Polizei ist hinsichtlich der Minderspeicherungsfristen einerseits die anlasslose Speicherung von Verkehrsdaten bei den Providern, andererseits die Auskunftserteilung zu diesen Daten von Bedeutung. Diese Datenerhebung stellt zwar einen Eingriff in das Fernmeldegeheimnis nach Art. 10 GG dar. Die Beauskunftung von Verkehrsdaten ist jedoch nur bei schwerwiegenden Straftaten (siehe 100g StPO) oder erhöhtem Gefahrengrad für ein hochwertiges Rechtsgut (siehe z. B. 20m BKAG) und unter Richtervorbehalt möglich. Dem gegenüber ist die Auskunft zu polizeilich bereits bekannten IP-Adressen lediglich eine Art Anschlussinhaberfeststellung, die zur Identifizierung des Inhabers der IP-Adresse führen soll. Dies stellt keinen gesonderten Eingriff in Art. 10 Abs. 1 GG dar, die verfassungsrechtlichen Anforderungen bei der mittelbaren Nutzung von Verkehrsdaten sind dementsprechend geringer als bei Auskunftsersuchen nach 100g StPO. Das Bundesverfassungsgericht hat dies ausdrücklich bestätigt: Bei Vorliegen eines Anfangsverdachts (unabhängig von der zugrundeliegenden Straftat) oder einer konkreten Gefahr (unabhängig vom betroffenen Rechtsgut) sind 1314 Auskunftsansprüche gegenüber den Diensteanbietern hinsichtlich der Anschlussinhaber bereits bekannter IP-Adressen auf Grundlage der 113 TKG i. V. m. den Generalklauseln (StPO, Polizeirecht) ohne Richtervorbehalt zulässig. Diese Vorgehensweise ist mit der Auskunft zu einer Telefonnummer oder einem Kfz-Kennzeichen vergleichbar. Diese klare Differenzierung der Abfragemodalitäten ist zu begrüßen. Der Senat hat damit die Auskunft zu bereits polizeilich bekannten IP-Adressen strikt von der Erhebung von Verkehrsdaten getrennt, so dass das Urteil zunächst auch keine direkten Auswirkungen auf Auskunftsersuchen zu Anschlussinhaberdaten zu einer IP-Adresse hat. Um das Auskunftsersuchen zu einer bekannten IP-Adresse zu beantworten, muss der Diensteanbieter jedoch auf Verkehrsdaten zurückgreifen. Das bedeutet, dass für Fälle, in denen diese Verkehrsdaten nicht zu Abrechnungszwecken erforderlich sind und deshalb auch nicht gespeichert werden dürfen, selbst diese Auskunftsersuchen ohne Mindestspeicherfristen ins Leere gehen. Die Problematik der IP-Adresse als erster und erfolgversprechendster Ermittlungsansatz ist im Phänomenbereich Cybercrime besonders offenkundig. Die Notwendigkeit von Mindestspeicherfristen wird ebenso im Bereich Kinderpornografie und in Gefahrenabwehrfällen wie z. B. bei Amok- oder Suizidankündigungen im Internet deutlich. Höchste Bedeutung hat diese Form der Nutzung von Verkehrsdaten vor allem angesichts der zunehmenden Verbreitung von sogenannten Flatrate-Geschäftsmodellen, bei denen Abrechnungsdaten gar nicht mehr vorhanden sind bzw. ohne Vorratdatenspeicherungsverpflichtung gar nicht gespeichert werden dürfen. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil wider Erwarten keine Übergangsregelung bis zur Schaffung verfassungskonformer Normen eingeräumt. Deshalb sind in der polizeilichen Arbeit seit dem 2. März 2010 nachweisbar erhebliche Schutzlücken und Ermittlungsdefizite entstanden. Insgesamt lassen sich hierzu drei Fallkategorien bilden: die Identifizierung einer polizeilich bekannten IP-Adresse, die Erhebung von retrograden Verkehrsdaten und die sogenannte Standortabfrage. Die genannten Kategorien möchte ich anhand folgender Beispiele erläutern: 1. Kategorie: Identifizierung des Inhabers einer polizeilich bekannten IP-Adresse 1415 Beispielsfall 1 (Strafverfolgung) Die polnischen Behörden fahndeten im Rahmen der Strafvollstreckung europaweit nach einem Mörder. Der Gesuchte meldete sich regelmäßig bei seinem Account eines polnischen sozialen Netzwerks an. Die polnischen Behörden übermittelten eine Liste der Login-Daten einschließlich der beim Anmelden genutzten IP-Adressen mit der Bitte um Feststellung der hinter diesen stehenden Kundendaten. Da jedoch der Zeitpunkt der letzten Anmeldungen länger als sieben Tage zurück lag, konnte durch die deutschen Provider keine Zuordnung zu den Kundendaten mehr erfolgen. Die hierzu erforderlichen Verkehrsdaten werden bei einzelnen Providern nur sieben Tage bzw. überhaupt nicht vorgehalten. Die Provider konnten in diesem Fall keine Auskunft geben. Durch die polnischen Behörden wurde mitgeteilt, dass es sich bei den übermittelten IP-Adressen der letzten Login-Daten um den bislang einzigen Fahndungsansatz in Deutschland handelt und folglich weitere Ermittlungen zur Festnahme des gesuchten Mörders dadurch verhindert wurden. Beispielsfall 2 (Gefahrenabwehr / Strafverfolgung) Aufgrund eines anonymen Hinweises auf einen möglichen Amoklauf in Hessen wurde in einem Internet-Forum tatsächlich eine Ankündigung eines Amoklaufs an einer bestimmten Schule festgestellt. Über die IP zum Eintrag konnte der Provider festgestellt werden. Erste Ermittlungen zur Person des Absenders verliefen jedoch negativ, da der Provider keine retrograden Verbindungsdaten mehr speichert. Die Person des Absenders/Täters konnte später nur zufällig durch Recherchen über seinen Nickname festgestellt werden, da der Täter in einem anderen Forum mit demselben Nickname angemeldet war und dabei Bruchstücke seines Namens und der Adresse angegeben hatte. Der Täter wurde festgenommen, war geständig und wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Beim Täter wurde ein hohes Maß an tatsächlicher Amok-Bereitschaft festgestellt. Ort und Datum des Amok-Laufs waren bereits festgelegt. Der Täter hatte bereits erfolglos versucht, sich eine "scharfe" Schusswaffe zu verschaffen. Wegen der fehlenden Verkehrsdaten konnte die Gefahr erst zu einem späteren Zeitpunkt beseitigt und die Tat nur wesentlich erschwert aufgeklärt werden. 1516 Beispielsfall 3 (Gefahrenabwehr): Seit dem verschickte ein unbekannter Täter über ein Briefzentrum mehr als 100 Briefe, adressiert an Schulen, Universitäten und Privatpersonen im gesamten Bundesgebiet. Die Briefe enthielten die Androhung eines Sprengstoffanschlags im Fall der Nichtzahlung einer geforderten Geldsumme. Mit vom trat der unbekannte Verfasser erstmals mit einer Geschädigten über deren Profil bei dem Netzwerk studivz in Kontakt. Der Betreiber von studivz wurde daraufhin um Benennung der IP-Adresse des Absenders ersucht. Diese wurde herausgegeben. Mittels der IP-Adresse wurde der festgestellte Anbieter um Benennung des hinter der IP mit Zeitstempel stehenden Anschlusses ersucht. Dieser teilte jedoch mit, dass aufgrund des BVerfG-Urteils diese Daten nicht mehr gespeichert werden, da die Speicherung der dynamischen IP-Adresse für Abrechnungszwecke nicht erforderlich ist. Der Täter konnte aus diesem Grund nicht ermittelt werden. Beispielsfall 4 (Gefahrenabwehr) Aufgrund eines Hinweises aus Luxemburg nach der im Rahmen eines dortigen Ermittlungsverfahrens erfolgten Auswertung eines beschlagnahmten Commandund Control-Servers eines Botnetzes wurde bekannt, dass dieser zu DDos-Attacken, als Proxy-Rechner zur Verschleierung der Täterkommunikation und zur Erlangung der digitalen Identität der User diente. Es wurden deutsche IP-Adressen, die auf den Server zugriffen, an das BKA übermittelt. Primäres Ziel war es, im Rahmen der Gefahrenabwehr durch die Länderpolizeien die betroffenen Opfer, also die Inhaber der Rechner zu informieren bzw. zu warnen. Die daraufhin gestellten Auskunftsersuchen durch die Länderpolizeien gingen nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom weitgehend ins Leere. Von den infizierten Rechnern geht nach wie vor eine Gefahr für die Öffentliche Sicherheit und Ordnung aus. 2. Kategorie: Erhebung von retrograden Verkehrsdaten (Vorratsdatenspeicherung im engeren Sinne) Beispielsfall 5 (Strafverfolgung) 1617 Nach dem Bandendiebstahl von PKW und hochwertigen Baumaschinen wurden diese in Einzelteile zerlegt durch die Täter über die Internetplattform ebay veräußert. Im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens wegen gewerbsmäßiger Bandenhehlerei wurden Beschlüsse zur Herausgabe retrograder Verbindungsdaten für die Handyund Festnetznummern, die polizeilich anderweitig bekannt geworden waren, erlassen. Die retrograden Verkehrsdaten konnten jedoch nicht beauskunftet werden. Somit kann ein Großteil der Täterstruktur, nämlich die Diebe und deren Übergabeorte, nicht mehr ermittelt werden. Der Tatnachweis anhand der Koordinaten (Tatorte) ist nicht mehr möglich, Treffpunkte für Absprachen sind nicht mehr lokalisierbar. Die Identifizierung der Täter ist unmöglich, begangene Straftaten sind nicht aufklärbar. Beispielsfall 6 (Gefahrenabwehr) Hintergrund waren Hinweise US-amerikanischer und libanesischer Behörden auf Anschlagsplanungen durch Mitglieder einer Gruppe der Fatah al-islam in Deutschland in Die durchgeführten Gefahrenabwehrmaßnahmen dienten zunächst der Identifizierung und Lokalisierung möglicher Zellenmitglieder in Deutschland sowie der Gewinnung von Erkenntnissen zur gruppeninternen Kommunikation. Letztlich konnte lediglich eine der genannten Personen in Deutschland identifiziert werden. Gegen diese Person, welche sich unter Benutzung von Falschpersonalien in Deutschland aufhielt, lag ein Haftbefehl der libanesischen Behörden wegen allgemeinkrimineller Delikte vor; die Person wurde festgenommen und befindet sich in Auslieferungshaft. Der Gefahrenverdacht gegen diese Person wegen eines terroristischen Anschlags konnte ausgeräumt werden. Alle weiteren Maßnahmen gegen die Gruppe liefen ins Leere, weil die Vorratsdaten nicht oder nur unvollständig von den Providern zur Verfügung gestellt wurden. 3. Kategorie: Funkzellen- und Standortabfrage Beispielsfall 7 (Strafverfolgung) 1718 Nach dem Mord an einem Polizeibeamten flüchtete/n die/der Täter mit dem PKW des Opfers. Die Tatortuntersuchung erbrachte keine weiterführenden Hinweise zu einem Tatverdächtigen, Augenzeugen sind nicht bekannt. Für einen bestimmten Funkzellenbereich bestand die Annahme, dass die Täter das Fluchtfahrzeug nach dem Abstellen verlassen und eine Beförderungsmöglichkeit (z. B. Taxi) per Handy anforderten. Aufgrund des Funkzellenabfrage-Beschlusses für einen potentiell in Frage kommenden Netzbetreiber (höchste Netzabdeckung) teilte dieser mit, dass keine Verkehrsdaten mehr vorliegen. Diese hätten den aussichtsreichsten Ermittlungsansatz geboten. Beispielsfall 8 (Strafverfolgung) Unmittelbar an einer Straßenböschung wurde ein zunächst nicht identifiziertes Mordopfer aufgefunden. Nach wenigen Tagen konnte die Identität des Mannes als 43-jähriger italienischer Staatsangehöriger ermittelt werden. Der Mann hielt sich unangemeldet in Köln auf. Italienische Behörden hatten zwischenzeitlich mitgeteilt, der Geschädigte stünde der Mafia nahe. Im Rahmen der Ermittlungen gelang es ca. drei Monate nach der Tat den möglichen Tatort und vier mögliche Tatbeteiligte zu ermitteln. Für das Ermittlungsverfahren ist es unerlässlich, die retrograden Daten zu der Telefonie aller Tatbeteiligten auswerten zu können. Das Auskunftsersuchen wurde jedoch nicht gestellt, da die Staatsanwaltschaft Köln die Stellung eines Antrags zur Anordnung eines Auskunftsersuchens nach dem Urteil des BVerfG abgelehnt hat. Nun kann nicht mehr überprüft werden, ob die drei Tatverdächtigen, die den Mord begangen haben sollen, sich in dem Zeitraum, in dem die Leiche abgelegt wurde, am Ablageort oder im tatrelevanten Zeitraum am möglichen Tatort befunden und in einer relevanten Funkzelle telefoniert haben. Die Aufklärung der Tat ist zumindest wesentlich erschwert. Die Ermittlungen dauern an. Vor dem Hintergrund der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 2. März 2010 hat das BKA seitdem alle seitens des BKA gestellten Auskunftsersuchen erfasst und ausgewertet. Ich möchte einen kurzen Überblick zu den Ergebnissen der statistischen Datenerhebung für den Zeitraum vom bis zum aktuellen Stichtag am geben: 1819 Die Auskunftsersuchen bezogen sich auf Anschlüsse, wovon durch die Telekommunikationsanbieter 4.292, also ca. 84 % aller Ersuchen nicht beauskunftet wurden. Die Hauptanwendungsfälle stellten mit rund 90 % Erhebungen der hinter einer IP-Adresse stehenden Kundendaten/Bestandsdaten dar. In rund 9 % waren retrograde Verkehrsdatenerhebungen Gegenstand der Auskunftsersuchen. Hieraus darf aber keine abgestufte Wertigkeit abgeleitet werden, da gerade die Ermittlungen schwerster Straftaten die unmittelbare Auskunft über retrograde Verkehrsdaten erfordern. Dies deckt sich auch mit den Erfahrungen der Länderpolizeien. Nach knapp zwölf Monaten Erhebung im BKA fallen von den bisher erfassten Negativ-Fällen im Bereich der Strafverfolgung Fälle (ca. 39 %) in den Deliktsbereich der Verbreitung, des Erwerbs oder Besitzes kinder- und jugendpornografischer Schriften oder von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung Fälle (ca. 45 %) fallen in den Deliktsbereich des Betrugs sowie Computerund Subventionsbetrugs. In den beiden letztgenannten Fallgruppen handelt es sich fast ausschließlich bis auf einen Fall um Erhebungen der hinter einer IP-Adresse stehenden Kundendaten bzw. Bestandsdaten. Im Bereich der Strafverfolgung waren die Auskunftsersuchen für 93 Anschlüsse bei Straftaten gegen die öffentliche Ordnung, z.b. Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland und für 42 Anschlüsse bei Mord und Totschlag erfolglos. Im Bereich der Strafverfolgung insgesamt konnte in den Fällen einer Negativauskunft die zu Grunde liegende Straftat in rund 83 % der Fälle (3.521 Anschlüsse) gar nicht aufgeklärt werden, die übrigen Straftaten konnten nur teilweise aufgeklärt werden oder die Aufklärung konnte erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen oder war wesentlich erschwert. Die geschilderten und den statistischen Auswertungen zugrunde liegenden Sachverhalte belegen die polizeifachliche Erforderlichkeit der Verkehrsdatenspeicherung für eine Dauer von sechs Monaten. Die Ergebnisse belegen auch, dass die polizeiliche Reaktionszeit nur geringen Einfluss auf diesen polizeilich für erforderlich erachteten Mindestspeicherzeitraum hat. Zwischen dem Zeitpunkt der Kenntniserlangung des BKA über das Vorliegen ermittlungsrelevanter Verkehrsdaten und dem Moment der Stellung des Auskunftsersuchens lagen in 86% der Fälle maximal sieben Tage. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht die polizeiliche Reaktionszeit, sondern das Alter der Verkehrsdaten den erforderlichen Speicherzeitraum bestimmt. Das tatsächliche Alter der relevanten Verkehrsdaten bei Auskunftsersuchenstellung muss daher zumeist annähernd sechs Monate 1920 betragen haben. Polizei bzw. Staatsanwaltschaft haben aber meist keinen Einfluss darauf, wie schnell sie durch Anzeige o. ä. von dem Fall und somit dem Vorliegen möglicherweise ermittlungsrelevanter Verkehrsdaten erfahren. Wie ist das seitens des Justizministeriums favorisierte sog. Quick-Freeze-Verfahren zu bewerten? Statt der Speicherung aller Verkehrsdaten werden nach diesem Verfahren nur auf Antrag Daten ab einem bestimmten Zeitpunkt eingefroren und den Sicherheitsbehörden anlassbezogen zeitnah übermittelt. Die Bedeutung von Verkehrsdaten, die in der Vergangenheit angefallen sind, wird oft jedoch erst im Rahmen der meist umfangreichen und zeitintensiven Ermittlungen offensichtlich. Die nie gespeicherten oder zu diesem Zeitpunkt bereits gelöschten Daten können jedoch nicht mehr eingefroren und beauskunftet werden. Um Herrn Wengenmeir, den bayrischen Landesvorsitzenden des BDK, zu zitieren: Das ist ungefähr so, wie wenn eine Hausfrau ein Steak einfrieren möchte, das der Hund bereits vor drei Tagen gefressen hat. Selbst die Beschwerdeführer vor dem BVerfG hatten vorgetragen, dass das Quick-Freeze-Verfahren nicht gleich gut (wie Mindestspeicherfristen) geeignet ist, weil es ins Leere geht, wenn Verkehrsdaten nicht oder nicht mehr vorhanden sind (Urteil BVerfG vom , Rdnr. 141). Das BVerfG stellte schließlich auch fest (Urteil BVerfG vom , Rdnr. 208), dass sechs Monate Speicherung nicht zu beanstanden und mildere Mittel mit gleicher Eignung nicht erkennbar sind. Insbesondere ist das Quick-Freeze- Verfahren, das Daten aus der Zeit vor der Anordnung ihrer Speicherung nur erfassen kann, soweit sie noch vorhanden sind, kein geeignetes Korrektiv. Die Polizei kann weder im Bereich der Strafverfolgung noch für die Gefahrenabwehr auf die Möglichkeit der Rekonstruktion von Verkehrsdaten verzichten. Seit dem 2. März 2010 bestehen in beiden Bereichen erhebliche Sicherheitslücken. Einhellige Fachmeinung ist, dass es keine anderen Ermittlungsinstrumente gibt, die die fehlenden retrograden Verkehrsdaten im Zeitalter des Internets und der digitalen Kommunikation ersetzen können. Das haben nicht nur die Beschwerdeführer selbst in Karlsruhe vorgetragen, auch das Bundesverfassungsgericht hat dies deutlich zum Ausdruck gebracht. 20 Mehr anzeigen
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