Source: http://www.hensche.de/Eilantraege_Tarifeinheitsgesetz_Eilantraege_gegen_Tarifeinheit_BVerfG_1BvR157-15_1BvR1588-15_1BvR1582-15.html
Timestamp: 2020-07-10 09:31:14
Document Index: 184054591

Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', 'Art.9', '§ 4', 'Art.9', '§ 32', '§ 4', '§ 32', '§ 4', '§ 4', 'BVerG']

Eilanträge gegen Tarifeinheitsgesetz gescheitert - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 15/292
Sie­ges­zug der Ta­rif­ein­heit?
Das Ge­setz ent­wer­tet die von sog. Min­der­heits­ge­werk­schaf­ten ab­ge­schlos­se­nen Ta­rif­ver­trä­ge, in­dem es die Ta­rif­ver­trä­ge der­je­ni­gen Ge­werk­schaf­ten, die im je­wei­li­gen Be­trieb die meis­ten Ar­beit­neh­mer or­ga­ni­sie­ren, vor­ran­gig zur An­wen­dung kom­men lässt.
Drei Spar­ten­ge­werk­schaf­ten woll­ten das Ta­rif­ein­heits­ge­setz da­her mit Eil­an­trä­gen vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) stop­pen. Das BVerfG hat die An­trä­ge zu­rück­ge­wie­sen: BVerfG, Be­schluss vom 06.10.2015, 1 BvR 1571/15, 1 BvR 1588/15, 1 BvR 1582/15.
War­um steht das Ta­rif­ein­heits­ge­setz in dem Ver­dacht, ver­fas­sungs­wid­rig zu sein?
Im Streit: Mar­bur­ger Bund, Deut­scher Jour­na­lis­ten-Ver­band und die Pi­lo­ten-Ver­ei­ni­gung Cock­pit in Karls­ru­he
BVerfG: Den Ge­werk­schaf­ten ist das Ab­war­ten der endgülti­gen Ent­schei­dung durch das BVerfG zu­zu­mu­ten
Ist da­her z.B. ein Kran­ken­pfle­ger Mit­glied der Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft ver.di und sein Ar­beit­ge­ber (als Ta­rif­ver­trags­par­tei ei­nes Haus­ta­rifs oder als Mit­glied ei­nes Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des) eben­falls an die Kran­ken­haus­ta­rif­verträge der ver.di ge­bun­den, dann ste­hen dem Kran­ken­pfle­ger gemäß § 4 Abs.1 TVG au­to­ma­tisch al­le Rech­te zu, die sich aus den für das Kran­ken­haus gel­ten­den ver.di-Ta­rif­verträgen er­ge­ben, an­ge­fan­gen vom Lohn über Ur­laubs­ta­ge bis hin zu ta­rif­li­chen Unkünd­bar­keits­re­geln.
Das­sel­be gilt gemäß § 4 Abs.1 TVG auch für ei­nen Kran­ken­haus­arzt des­sel­ben Kran­ken­hau­ses, wenn er Mit­glied der Ärz­te­ge­werk­schaft Mar­bur­ger Bund ist, vor­aus­ge­setzt sein Ar­beit­ge­ber ist nicht nur an die ver.di-Ta­rif­verträge, son­dern außer­dem an die vom Mar­bur­ger Bund aus­ge­han­del­ten Kran­ken­haus­ta­rif­verträge ge­bun­den. Dann kann der Arzt ver­lan­gen, nach die­sen Ta­rif­verträgen be­zahlt, be­ur­laubt und vor Kündi­gun­gen geschützt zu wer­den.
Die­ses Ne­ben­ein­an­der von ver.di-Ta­rif­verträgen, die für Kran­ken­pfle­ger, für sons­ti­ges Kran­ken­haus­per­so­nal (aber auch für Ärz­te) gel­ten, und von Mar­bur­ger-Bund-Ta­rif­verträgen, die nur für Ärz­te gel­ten, ist vie­len Po­li­ti­kern der großen Ko­ali­ti­on, vor al­lem der SPD, ein Dorn im Au­ge, letzt­lich weil große Ge­werk­schaf­ten den so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Wünschen nach ei­ner (an­geb­lich) "so­li­da­ri­schen" und möglichst brei­ten Ar­beit­neh­mer­ver­tre­tung näher ste­hen als (an­geb­lich) "ego­is­ti­sche" Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten.
Da­her ha­ben sich die SPD und die an die­ser Stel­le hin­ter ihr ste­hen­den großen DGB-Ge­werk­schaf­ten im Som­mer die­ses Jah­res mit ih­rer For­de­rung durch­ge­setzt, der Ta­rifp­lu­ra­lität in­ner­halb ei­nes Be­trie­bes ein En­de zu ma­chen. Seit­dem soll das Prin­zip "Ein Be­trieb, ei­ne Ge­werk­schaft" zur An­wen­dung kom­men, d.h. der Grund­satz der Ta­rif­ein­heit. Er wur­de in­fol­ge des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes vom 03.07.2015 mit Wir­kung vom 10.07.215 in dem neu­en § 4a Abs.2 Satz TVG fest­ge­schrie­ben und be­sagt:
In der Zu­kunft sol­len die von den Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten aus­ge­han­del­ten Ta­rif­verträge da­her im Pa­pier­korb lan­den, d.h. gemäß § 4a Abs.2 Satz TVG sol­len sie nicht zur An­wen­dung ge­lan­gen.
Und an die­ser Stel­le kommt die Ver­fas­sung ins Spiel, nämlich Art.9 Abs.3 Grund­ge­setz (GG), der al­len Ar­beit­neh­mern und ih­ren Ge­werk­schaf­ten ein Grund­recht zur ta­rif­ver­trag­li­chen Mit­ge­stal­tung der Ar­beits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen gewährt. Fal­len die Ta­rif­verträge der klei­ne­ren Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten künf­tig dem ju­ris­ti­schen Fall­beil des § 4a Abs.2 Satz TVG zum Op­fer, bleibt von die­sem Grund­recht prak­tisch nichts übrig.
Denn dass man als Ar­beit­neh­mer Ver­ei­ne gründen und im Ver­eins­lo­kal über So­zi­al­po­li­tik de­bat­tie­ren kann, folgt schon aus Art.9 Abs.1 GG, der Ver­ei­ni­gungs­frei­heit. Und auch die Be­rufs­ge­werk­schaf­ten, die sich ne­ben den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mern eben­falls auf das Ko­ali­ti­ons­grund­recht be­ru­fen können, wer­den in ih­rem Be­stand gefähr­det. Denn es ist we­nig sinn­voll, sich als Ar­beit­neh­mer für ei­ne mit Kos­ten ver­bun­de­ne Mit­glied­schaft in ei­ner "Ge­werk­schaft" zu ent­schei­den, die ge­setz­lich für ta­rif­unmündig erklärt wird und da­her nur Pa­pier­korb-Ta­rif­verträge ab­sch­ließen kann.
Auf­grund des auf sie un­ter­nom­me­nen po­li­ti­schen und ju­ris­ti­schen Fron­tal­an­griffs ist es nicht er­staun­lich, dass Be­rufs­grup­pen­ge­werk­schaf­ten wie der Mar­bur­ger Bund, die Pi­lo­ten­ge­werk­schaft Ver­ei­ni­gung Cock­pit, die Ge­werk­schaft Deut­scher Lokführer und an­de­re bis zu­letzt ge­gen das Ta­rif­ein­heits­ge­setz Sturm ge­lau­fen sind (s. da­zu Hand­buch Ar­beits­recht: Ta­rif­ein­heit, Grund­satz der Ta­rif­ein­heit).
Die­se Ge­werk­schaf­ten ha­ben auch bald nach der Ver­ab­schie­dung des Ta­rif­ein­heits­ge­set­zes Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein­ge­legt. Da das BVerfG über die Be­schwer­den aber vor­aus­sicht­lich erst En­de 2016 ent­schei­den wird, ha­ben drei Ge­werk­schaf­ten ne­ben ih­ren re­gulären Ver­fas­sungs­be­schwer­den auch ein Eil­ver­fah­ren vor dem BVerfG an­ge­strengt, um die Ge­set­zes­an­wen­dung be­reits jetzt vorläufig stop­pen zu las­sen, nämlich der Mar­bur­ger Bund e.V., der Deut­scher Jour­na­lis­ten-Ver­band e.V. und die Ver­ei­ni­gung Cock­pit e.V.
Sie woll­ten das BVerfG da­zu brin­gen, durch vorläufi­ge An­ord­nun­gen auf der Grund­la­ge von § 32 Abs.1 Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts­ge­setz (BVerfGG) die An­wen­dung des neu­en § 4a Abs.2 Satz TVG vorläufig, d.h. bis zu der Ent­schei­dung über die Ver­fas­sungs­be­schwer­den En­de 2016, zu stop­pen. § 32 Abs.1 BVerfGG lau­tet:
In dem Eil­ver­fah­ren brach­ten die drei an­trags­stel­len­den Ge­werk­schaf­ten im We­sent­li­chen ähn­li­che Ar­gu­men­te vor. Sie tru­gen vor, dass sich be­reits ei­ni­ge Ar­beit­ge­ber un­ter Hin­weis auf die Neu­re­ge­lung ge­wei­gert hätten, Ta­rif­ver­hand­lun­gen auf­zu­neh­men bzw. die­se ab­ge­bro­chen hätten. Bei Loh­nerhöhun­gen stünden Ar­beit­ge­ber auf dem Stand­punkt, dass die­se höchs­tens in Höhe der von der Mehr­heits­ge­werk­schaft er­ziel­ten Ta­rif­ab­schlüssen möglich sei­en. Die An­trag­stel­ler befürch­te­ten außer­dem, auf­grund ih­res ge­rin­ger wer­den­den Ein­flus­ses Mit­glie­der zu ver­lie­ren und aus den Be­trie­ben ver­drängt zu wer­den.
Ergänzend trug ei­ne der an­trag­stel­len­den Ge­werk­schaft vor, dass die Neu­re­ge­lung die bis­lang gu­te Ko­ope­ra­ti­on mit den Mehr­heits­ge­werk­schaf­ten gefähr­de. Für die Mehr­heits­ge­werk­schaf­ten bestünde nämlich, so das Ar­gu­ment, in­fol­ge der Neu­re­ge­lung kein An­reiz mehr zu ei­ner wei­te­ren Ko­ope­ra­ti­on.
Am 06.10.2015 hat das BVerfG die Eil­anträge zurück­ge­wie­sen (BVerfG, Be­schluss vom 06.10.2015, 1 BvR 1571/15, 1 BvR 1588/15, 1 BvR 1582/15). Die um­strit­te­ne Neu­re­ge­lung des § 4a Abs.2 Satz TVG bleibt da­mit vorläufig in Kraft.
In der Be­gründung stell­ten die Ver­fas­sungs­rich­ter klar, dass es bei der Ent­schei­dung über ei­ne einst­wei­li­ge An­ord­nung nicht um die Er­folgs­aus­sich­ten im Haupt­sa­che­ver­fah­ren geht, son­dern nur um ei­ne Abwägung der Fol­gen, die mit den be­an­trag­ten vorläufi­gen Maßnah­men ver­bun­den wären bzw. sich oh­ne sol­che Eil­maßnah­men er­ge­ben würden.
Denn das BVerfG kann ei­ne ver­fas­sungs­recht­lich um­strit­te­ne Ge­set­zes­re­ge­lung für die Dau­er des Haupt­sa­che­ver­fah­rens nur dann vorläufig außer Kraft set­zen, wenn de­ren Wei­ter­gel­tung bis zur Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che zu schwe­ren und nicht wie­der gut­zu­ma­chen­den ("ir­re­ver­si­blen") Nach­tei­len führen könn­te. Da­bei müssen die Ver­fas­sungs­rich­ter we­gen der an­ge­stamm­ten Zuständig­keit des Par­la­ments für die Ge­setz­ge­bung Zurück­hal­tung üben.
Kon­kret ha­ben die Ver­fas­sungs­rich­ter sich von der Über­le­gung lei­ten las­sen, dass ex­trem schwer­wie­gen­de und ir­re­ver­si­ble Nach­tei­le durch die vorläufi­ge Wei­ter­gel­tung von § 4a Abs.2 Satz TVG bis En­de 2016 nicht wahr­schein­lich sind. Es ist, so das BVerfG, der­zeit
Denn die Neu­re­ge­lung un­ter­sagt den be­trof­fe­nen Spar­ten­ge­werk­schaf­ten we­der das Führen von Ta­rif­ver­hand­lun­gen noch von Streiks noch den Ab­schluss neu­er Ta­rif­verträge.
An­de­rer­seits be­ton­ten die Karls­ru­her Rich­ter, dass die Ver­wei­ge­rung der Auf­nah­me von Ta­rif­ver­hand­lun­gen sei­tens ein­zel­ner Ar­beit­ge­ber un­ter Hin­weis auf den Ta­rif­ein­heits­grund­satz "durch­aus ge­wich­ti­ge Nach­tei­le" sind (Be­schluss, Rand­num­mer 17). Auch die Auf­ga­be bis­lang geführ­ter Ko­ope­ra­tio­nen von Mehr­heits- und Spar­ten­ge­werk­schaf­ten sei nach­tei­lig. Im Er­geb­nis sind al­le die­se Nach­tei­le aber für die Zeit bis zu ei­ner endgülti­gen Ent­schei­dung über die anhängi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den En­de 2016 hin­zu­neh­men.
Auch ein exis­tenz­gefähr­den­des Sin­ken der Mit­glie­der­zahl ist laut BVerfG für die Zeit bis En­de 2016 nicht zu er­war­ten. Eher dürf­ten man­che Ge­werk­schafts­mit­glie­der die Ent­schei­dung des BVerfG in der Haupt­sa­che ab­war­ten, be­vor sie sich für ei­nen Ge­werk­schafts­wech­sel ent­schei­den.
Fa­zit: Die Zurück­wei­sung der Eil­anträge vor dem BVerfG kann nicht als An­zei­chen für ein Schei­tern der Ver­fas­sungs­be­schwer­den En­de 2016 ge­wer­tet wer­den. Die Ver­fas­sungs­rich­ter wei­sen dar­auf hin, dass die Ent­schei­dung im Haupt­sa­che­ver­fah­ren noch völlig of­fen ist. Die Be­gründung des jetzt er­gan­ge­nen Be­schlus­ses zeigt um­ge­kehrt, dass die Ver­fas­sungs­rich­ter die Pro­ble­me der Neu­re­ge­lung, nämlich die Schwächung der Ver­hand­lungs­po­si­ti­on der klei­nen Ge­werk­schaf­ten und die dro­hen­de Ab­wan­de­rung ih­rer Mit­glie­der, durch­aus ernst neh­men. Die Eil­anträge schei­ter­ten schlicht an der man­geln­den Eil­bedürf­tig­keit ei­ner Ent­schei­dung.
Hin­weis: In der Zwi­schen­zeit, d.h. nach Veröffent­li­chung die­ses Ar­ti­kels, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerG) über die Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen das Ta­rif­ein­heits­ge­setz in der Haupt­sa­che ent­schie­den und das Ge­setz für ver­fas­sungs­gemäß erklärt. Nähe­re In­for­ma­tio­nen zu die­sem Ur­teil des BVerfG fin­den Sie hier:
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Ur­teil vom 11.07.2017, 1 BvR 1571/15, 1 BvR 1588/15, 1 BvR 2883/15, 1 BvR 1043/16, 1 BvR 1477/16/15