Source: https://www.hensche.de/Befristung-von-Aerzten-in-der-Weiterbildung-setzt-Planung-der-Weiterbildung-voraus-BAG-7AZR597-15-20.06.2017_17.00.html
Timestamp: 2019-06-25 14:53:39
Document Index: 144008336

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 1', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 14', '§ 1', '§ 14', '§ 1', '§ 1', '§ 14', '§ 1', '§ 14', '§ 1']

Befristung von Ärzten in der Weiterbildung setzt Planung der Weiterbildung voraus - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 17/164
Be­fris­tung von Ärz­ten in der Wei­ter­bil­dung setzt Pla­nung der Wei­ter­bil­dung vor­aus
Die Ar­beits­ver­trags­be­fris­tung ge­mäß § 1 ÄArbV­trG setzt ei­ne zeit­li­che und in­halt­li­che Struk­tu­rie­rung der ge­plan­ten Wei­ter­bil­dung bei Ver­trags­schluss vor­aus: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.06.2017, 7 AZR 597/15
20.06.2017. Das Ge­setz über be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge mit Ärz­ten in der Wei­ter­bil­dung (ÄArbV­trG) ent­hält ei­ne spe­zi­ell für ap­pro­bier­te Ärz­te gel­ten­de Be­fris­tungs­mög­lich­keit.
Da­nach kön­nen Ärz­te zum Zwe­cke der Fach­arzt­wei­ter­bil­dung oder um an­de­re Zu­satz­qua­li­fi­ka­tio­nen zu er­wer­ben zeit­lich be­fris­tet be­schäf­tigt wer­den.
In ei­nem letz­te Wo­che er­gan­ge­nen Ur­teil hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) klar­ge­stellt, dass der Ar­beit­ge­ber die be­ab­sich­tig­te Wei­ter­bil­dung bei Ver­trags­schluss sehr ge­nau pla­nen muss, da die Be­fris­tung an­dern­falls un­wirk­sam ist: BAG, Ur­teil vom 14.06.2017, 7 AZR 597/15 (Pres­se­mel­dung des BAG).
Wie ge­nau muss der Ar­beit­ge­ber die Wei­ter­bil­dung ei­nes Arz­tes pla­nen, mit dem er ei­nen be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag gemäß § 1 Abs.1 ÄArbV­trG ver­ein­ba­ren möch­te?
Im Streit: Fachärz­tin für in­ne­re Me­di­zin ver­ein­bart ei­nen Zwei­jah­res­ver­trag, um die An­er­ken­nung für den Schwer­punkt Gas­tro­en­te­ro­lo­gie zu er­wer­ben
BAG: Bei ei­ner Wei­ter­bil­dungs­be­fris­tung muss der Ar­beit­ge­ber pla­nen, wel­che Wei­ter­bil­dungs­in­hal­te in wel­chen Zei­ten ver­mit­telt wer­den sol­len
Gemäß § 14 Abs.1 Teil­zeit und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) braucht der Ar­beit­ge­ber für die Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges ei­nen sach­li­chen Grund, der zum Zeit­punkt der Be­fris­tungs­ver­ein­ba­rung ob­jek­tiv vor­ge­le­gen ha­ben muss (ei­ne recht­lich zu­tref­fen­de An­ga­be im Ar­beits­ver­trag ist nicht un­be­dingt nötig).
Die wich­tigs­ten der in § 14 Abs.1 Satz 2 Tz­B­fG ge­nann­ten Sach­gründe set­zen ei­ne Zu­kunfts­pla­nung („Pro­gno­se“) des Ar­beit­ge­bers vor­aus. Der Ar­beit­ge­ber muss da­her bei Ab­schluss des be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges kon­kret ab­se­hen können, wie lan­ge z.B. ein vorüber­ge­hen­der Be­darf an der Ar­beits­leis­tung vor­aus­sicht­lich be­steht (§ 14 Abs.1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG) oder ei­ne ab­we­sen­de Stamm­kraft vor­aus­sicht­lich ver­tre­ten wer­den muss (§ 14 Abs.1 Satz 2 Nr. 1 Tz­B­fG).
In der Recht­spre­chung bis­her nicht geklärt ist die Fra­ge, ob der Ar­beit­ge­ber auch dann ei­ne sol­che Pro­gno­se an­stel­len muss, wenn er ei­ne Be­fris­tung mit ei­nem Arzt auf der Grund­la­ge von § 1 Abs.1 ÄArbV­trG ver­ein­ba­ren möch­te. Die­se spe­zi­ell für Ärz­te in der Wei­ter­bil­dung gel­ten­de ge­setz­li­che Re­ge­lung gibt Ar­beit­ge­bern ei­nen be­son­de­ren Sach­grund an die Hand. Die­se Re­ge­lung bzw. die­ser Sach­grund ist vor­ran­gig ge­genüber den all­ge­mei­nen Sach­gründen, die in § 14 Abs.1 Satz 2 Tz­B­fG ge­nannt wer­den.
§ 1 Abs.1 ÄArbV­trG zu­fol­ge ist die Be­fris­tung des Ar­beits­ver­tra­ges mit ei­nem Arzt durch ei­nen Sach­grund ge­recht­fer­tigt, wenn sie
sei­ner zeit­lich und in­halt­lich struk­tu­rier­ten Wei­ter­bil­dung zum Fach­arzt oder
dem Er­werb ei­ner An­er­ken­nung für ei­nen Schwer­punkt oder
dem Er­werb ei­ner Zu­satz­be­zeich­nung, ei­nes Fach­kun­de­nach­wei­ses oder ei­ner Be­schei­ni­gung über ei­ne fa­kul­ta­ti­ve Wei­ter­bil­dung
„dient“.
Aus § 1 Abs.1 ÄArbV­trG er­gibt sich nicht ein­deu­tig, ob Kran­ken­haus­träger, die mit Ärz­ten auf die­ser Grund­la­ge Zeit­verträge ab­sch­ließen wol­len, ei­ne ähn­lich ge­naue zeit­li­che Pro­gno­se der er­for­der­li­chen Be­fris­tungs­dau­er an­stel­len müssen wie beim Ab­schluss ei­nes sach­grund­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges auf der Grund­la­ge von § 14 Abs.1 Satz 2 Tz­B­fG. Falls sie da­zu ver­pflich­tet sind, müss­ten sie sich kon­kre­te Ge­dan­ken darüber ma­chen, in wel­chen zeit­li­chen Etap­pen und mit wel­chen In­hal­ten die ge­plan­te Wei­ter­bil­dung des Arz­tes ver­lau­fen soll.
Im Streit­fall hat­te ei­ne Fachärz­tin für in­ne­re Me­di­zin Mit­te 2012 mit ei­nem kom­mu­na­len Kran­ken­haus­träger ei­nen auf zwei Jah­re be­fris­te­ten Wei­ter­bil­dungs­ver­trag ab­ge­schlos­sen, um die An­er­ken­nung für den Schwer­punkt Gas­tro­en­te­ro­lo­gie zu er­wer­ben. Da sie zu­vor be­reits bei an­de­ren Kran­kenhäusern 15 Mo­na­te lang be­fris­tet zur Wei­ter­bil­dung mit die­sem Schwer­punkt­ziel beschäftigt war, dien­te die Be­fris­tung der Fort­set­zung ih­rer Wei­ter­bil­dung.
Bei Ab­schluss des be­fris­te­ten Ver­trags hat­ten die Ver­trags­par­tei­en nicht über­prüft, ob auf die ge­plan­te Wei­ter­bil­dung ei­ne älte­re, aus dem Jah­re 1995 stam­men­de Wei­ter­bil­dungs­ord­nung (WBO) der Lan­desärz­te­kam­mer Ba­den-Würt­tem­berg an­zu­wen­den wäre oder aber ei­ne neue­re WBO aus dem Jah­re 2006. Das aber wäre für die Be­wer­tung der be­reits zurück­ge­leg­ten Wei­ter­bil­dungs­zei­ten und die Pla­nung der Wei­ter­bil­dung wich­tig ge­we­sen, denn nach der WBO 1995 hätte die Wei­ter­bil­dung ins­ge­samt nur zwei Jah­re be­tra­gen, nach der WBO 2006 da­ge­gen drei Jah­re.
Im Ver­lauf des Ar­beits­verhält­nis­ses stell­te sich her­aus, dass die An­zahl der von der Ärz­tin vor­zu­neh­men­den spe­zi­el­len Un­ter­su­chun­gen (En­do­sko­pi­en) für ei­ne er­folg­rei­che Wei­ter­bil­dung zu ge­ring war, wor­auf­hin die Par­tei­en über die Ur­sa­chen der zu ge­rin­gen En­do­sko­pie-Zah­len strit­ten. An­ge­sichts der im Som­mer 2014 nicht er­folg­reich ab­ge­schlos­se­nen Wei­ter­bil­dung reich­te die Ärz­tin zu­letzt ent­nervt Ent­fris­tungs­kla­ge ein.
Da­mit hat­te sie vor dem Ar­beits­ge­richt Heil­bronn zunächst kein Glück (28.01.2015, 4 Ca 299/14), dafür aber in der Be­ru­fung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Ba­den-Würt­tem­berg (LAG Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 11.09.2015, 1 Sa 5/15).
Denn das LAG mein­te, der Kran­ken­haus­träger als Ar­beit­ge­ber hätte bei Ver­ein­ba­rung der Be­fris­tung ei­ne Wei­ter­bil­dungs­pla­nung er­stel­len müssen, die zeit­lich und in­halt­lich auf die kon­kre­te Wei­ter­bil­dung der Kläge­rin zu­ge­schnit­ten war. Das hat­te er nicht ge­tan, wes­halb die strei­ti­ge Be­fris­tung aus Sicht des LAG un­wirk­sam war.
Auch in Er­furt hat­te die Ärz­tin mit ih­rer Ent­fris­tungs­kla­ge Er­folg. In der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG heißt es zur Be­gründung:
Bei ei­ner Be­fris­tung nach § 1 Abs.1 ÄArbV­trG muss die Wei­ter­bil­dung die Beschäfti­gung des Arz­tes prägen. Wie im all­ge­mei­nen Be­fris­tungs­recht, d.h. bei Sach­grund­be­fris­tun­gen gemäß § 14 Abs.1 Tz­B­fG, kommt es da­bei auf die Pla­nun­gen und Pro­gno­sen zur Zeit des Ver­trags­schlus­ses an.
Die­se Pla­nun­gen muss der Ar­beit­ge­ber im Fal­le ei­nes Ent­fris­tungs­pro­zes­ses vor Ge­richt be­wei­sen. Da­bei muss er an­ge­ben,
„wel­ches Wei­ter­bil­dungs­ziel mit wel­chem nach der an­wend­ba­ren Wei­ter­bil­dungs­ord­nung vor­ge­ge­be­nen Wei­ter­bil­dungs­be­darf für den be­fris­tet beschäftig­ten Arzt an­ge­strebt wur­de, um je­den­falls grob um­ris­sen dar­zu­stel­len, wel­che er­for­der­li­chen Wei­ter­bil­dungs­in­hal­te in wel­chem zeit­li­chen Rah­men ver­mit­telt wer­den soll­ten.“
Eben­so wie das LAG geht auch das BAG nicht so weit, vom Ar­beit­ge­ber ei­nen schrift­li­chen de­tail­lier­ten Wei­ter­bil­dungs­plan zu for­dern oder gar des­sen Auf­nah­me in den Ar­beits­ver­trag, et­wa als des­sen An­hang.
Fa­zit: Für ei­ne wirk­sa­me Be­fris­tung auf der Grund­la­ge von § 1 Abs.1 ÄArbV­trG genügt es in den meis­ten Fällen nicht, in ei­nem Ar­beits­ver­trags­for­mu­lar an­zu­kreu­zen, dass die Be­fris­tung der ärzt­li­chen Wei­ter­bil­dung dient und dass sich die Wei­ter­bil­dungs­zie­le aus ei­ner WBO er­ge­ben, die dem Ar­beits­ver­trag als An­la­ge bei­gefügt ist. Auch wenn das BAG aus­drück­lich kei­nen dem Ar­beits­ver­trag bei­gefügten „Wei­ter­bil­dungs­plan“ ver­langt, ver­langt es doch kon­kre­te zeit­li­che und in­halt­li­che „Pla­nun­gen“ der Wei­ter­bil­dung. Ob man das nun Wei­ter­bil­dungs­plan nennt oder nicht, bleibt sich am En­de gleich.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.06.2017, 7 AZR 597/15 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts)
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 14.06.2017, 7 AZR 597/15
Lan­des­ar­beits­ge­richt Ba­den-Würt­tem­berg, Ur­teil vom 11.09.2015, 1 Sa 5/15
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/174 Be­fris­tung nach Pro­mo­ti­on