Source: http://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Kuendigung_personenbedingt_BAG_2AZR984-06.html
Timestamp: 2019-02-19 03:28:09
Document Index: 106707937

Matched Legal Cases: ['§ 6', '§ 6', '§ 626', '§ 1', '§ 626', '§ 1', '§ 626', '§ 1', '§ 1', '§ 1', 'Art. 12', '§ 4', '§ 3', '§ 1', '§ 615', '§ 97']

5. Ju­ni 2008
hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 5. Ju­ni 2008 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Rost, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ey­lert und Schmitz-Scho­le­mann so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Kri­chel und Löll­gen für Recht er­kannt:
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Düssel­dorf vom 24. Au­gust 2006 - 11 Sa 535/06 - wird auf Kos­ten der Be­klag­ten zurück­ge­wie­sen.
2. die geis­ti­ge und körper­li­che Eig­nung durch ein amts-oder be­triebsärzt­li­ches Zeug­nis - auf Ver­lan­gen der Behörde ein fachärzt­li­ches Zeug­nis oder das Gut­ach­ten ei­nes amtl. an­er­kann­ten med.-psych. In­sti­tu­tes (MPI) - nach­ge­wie­sen ist.
3. durch ein Zeug­nis die er­folg­rei­che Teil­nah­me an ei­nem Lehr­gang in ‚Ers­ter Hil­fe’ nach­ge­wie­sen ist. ...“
In ei­nem zwei Ta­ge später durch­geführ­ten „Sach­ver­halts­er­mitt­lungs­gespräch“ mit der Fach­ebe­ne Ar­beits- und Ta­rif­recht, zu dem der Kläger mit sei­nem Pro­zess­ver­tre­ter er­schie­nen war, nahm er zu den Er­geb­nis­sen der Son­der­be­ob­ach­tung vom 22. No­vem­ber 2005 schrift­lich Stel­lung.
Die si­cher­heits­re­le­van­ten straßen­ver­kehrs­recht­li­chen Ver­s­toße des Herrn P. (= Klägers) - hier sind im be­son­de­ren das Ver­las­sen des vor­ge­schrie­be­nen Fahr­we­ges nach der Hal­te­stel­le Po (Fahrt über drei Spu­ren), die bei­den Rot­licht­verstöße so­wie die er­heb­li­che Ge­schwin­dig­keitsüber­schrei­tung von mehr als 20 km/h zu nen­nen - wa­ren so gra­vie­rend, dass ich Herrn P. auf Dau­er für un­ge­eig­net hal­te, ei­nen KOM zu len­ken.
Die von Herrn P. vor­ge­leg­te Stel­lung­nah­me zu den Er­geb­nis­sen der Son­der­be­ob­ach­tung kann die ihm ge­mach­ten Vorwürfe nicht ent­kräften, da ich sie als Schutz­be­haup­tung an­se­he. Viel­mehr muss ich mich hier auf die Aus­sa­gen des Fahr­meis­ters ver­las­sen.
Herr P. wird da­her auf Dau­er nicht mehr im Fahr­dienst bei der E-AG ein­ge­setzt.“
Kündi­gung un­verhält­nismäßig. Die Be­klag­te hätte ihn vor Aus­spruch ei­ner Kündi­gung zu­min­dest nach­schu­len müssen.
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en we­der durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 6. De­zem­ber 2005 noch durch die hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che Kündi­gung der Be­klag­ten vom 12. De­zem­ber 2005 auf­gelöst wor­den ist,
Die Be­klag­te hat zur Be­gründung ih­res Kla­ge­ab­wei­sungs­an­trags aus­geführt: Es lie­ge ein wich­ti­ger Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung vor. Der Kläger sei nicht mehr in der La­ge, sei­ne Ar­beit als KOM-Fah­rer ord­nungs-gemäß aus­zuführen. Durch den Ent­zug der be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis durch den dafür al­lein zuständi­gen Be­triebs­lei­ter v. D. könne sie den Kläger nicht mehr auf Dau­er als KOM-Fah­rer ein­set­zen. Die be­trieb­li­che Fahr­er­laub­nis sei für ei­ne Tätig­keit als KOM-Fah­rer gemäß § 6 Nr. 9 der Dienst­an­wei­sung für den Fahr­dienst mit Bus­sen (DFBus) zwin­gend not­wen­dig. Beim Ent­zug der in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis han­de­le es sich um ei­ne nicht an­fecht­ba­re An­ord­nung des Be­triebs­lei­ters, der sei­ne Rechts­stel­lung nach öffent­lich-recht­li­chen Vor­schrif­ten er­lan­ge. Sie könne sich auch der be­gründe­ten und sie bin­den­den Ent­schei­dung des Be­triebs­lei­ters nicht wi­der­set­zen. Im Übri­gen sei­en die vom Kläger am 22. No­vem­ber 2005 be­gan­ge­nen si­cher­heits­re­le­van­ten Ver­kehrs­verstöße - ua. zwei Rot­licht­verstöße und Ge­schwin­dig­keitsüber­tre­tun­gen - so schwer­wie­gend, dass sie den Ent­zug der Fahr­er­laub­nis recht­fer­tig­ten. Ei­ne an­de­re Ein­satzmöglich­keit ha­be in ab­seh­ba­rer Zeit nicht
be­stan­den. Der Kläger ha­be auch kei­nen An­spruch auf Ar­beits­vergütung aus Ver­zug, da er auf Grund des Ent­zugs der be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis als KOM-Fah­rer leis­tungs­unfähig ge­we­sen sei.
sei­nes Ar­beits­verhält­nis­ses dar. Der Ar­beit­ge­ber könne nämlich den Ar­beit­neh­mer oh­ne Fahr­er­laub­nis nicht ver­trags­gemäß ein­set­zen. Bei der durch den Be­triebs­lei­ter der Be­klag­ten ent­zo­ge­nen Be­triebs­fahr­be­rech­ti­gung iSv. § 6 Nr. 9 Abs. 1 DFBus han­de­le es sich hin­ge­gen um ei­ne zusätz­li­che be­trieb­li­che Fahr­er­laub­nis. Die­se wer­de von der Be­klag­ten bzw. ih­ren Be­triebs­lei­tern zu-sätz­lich zum Führer­schein er­teilt und könne von ihr oh­ne Wei­te­res wie­der ent­zo­gen wer­den. Der Ver­lust ei­ner be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis könne je­doch nicht mit dem Ver­lust ei­ner behörd­lich vor­ge­schrie­be­nen Fahr­er­laub­nis gleich-ge­stellt wer­den. An­sons­ten hätte es der Ar­beit­ge­ber weit­ge­hend selbst in der Hand, Kündi­gungs­gründe zu schaf­fen. Dies wi­der­spre­che der Un­ab­ding­bar­keit des ge­setz­li­chen Kündi­gungs­schut­zes.
aber kei­ne Be­fug­nis­se zu ho­heit­li­chem Han­deln ein. Sch­ließlich könne auch das in­ter­ne Schrei­ben des Be­triebs­lei­ters vom 2. De­zem­ber 2005 an die Fach-ebe­ne Ar­beits- und Ta­rif­recht nicht als Ver­wal­tungs­akt qua­li­fi­ziert wer­den. Es ha­be we­der Außen­wir­kung noch sei es an den Kläger adres­siert ge­we­sen.
Al­lein die Ent­zie­hung der in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis durch den Be­triebs­lei­ter der Be­klag­ten v. D. recht­fer­tigt ei­ne Kündi­gung aus per­so­nen­be­ding­ten Gründen nicht.
1. Die Ent­schei­dung des Be­ru­fungs­ge­richts über die So­zi­al­wid­rig­keit ei­ner Kündi­gung ist in der Re­vi­si­ons­in­stanz ge­nau­so wie die Prüfung des wich­ti­gen Grun­des nach § 626 Abs. 1 BGB nur be­schränkt über­prüfbar. Bei der Fra­ge der So­zi­al­wid­rig­keit (§ 1 Abs. 2 KSchG) han­delt es sich wie bei der Prüfung des wich­ti­gen Grun­des (§ 626 Abs. 1 BGB) um die An­wen­dung ei­nes un­be­stimm­ten Rechts­be­griffs, die vom Re­vi­si­ons­ge­richt nur dar­auf ge­prüft wer­den kann, ob das Lan­des­ar­beits­ge­richt die­sen Be­griff selbst ver­kannt hat, ob es bei der Un­ter­ord­nung des Sach­ver­halts un­ter die Rechts­norm des § 1 KSchG bzw. des § 626 BGB Denk­ge­set­ze und all­ge­mei­ne Er­fah­rungssätze ver­letzt hat, ob es bei der ge­bo­te­nen In­ter­es­sen­abwägung, bei der dem Tat­sa­chen­rich­ter ein Be­ur­tei­lungs­spiel­raum zu­steht, al­le we­sent­li­chen Umstände berück­sich­tigt hat und ob die Ent­schei­dung in sich wi­der­spruchs­frei ist (vgl. bspw. BAG 10. Ok­to­ber 2002 - 2 AZR 472/01 - BA­GE 103,111).
b) Es ist all­ge­mein an­er­kannt, dass der Ver­lust ei­ner Fahr­er­laub­nis bei
ei­nen wich­ti­gen Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung - dar­stel­len kann (vgl. ins­be­son­de­re BAG 30. Mai 1978 - 2 AZR 630/76 - BA­GE 30, 309; 25. April 1996 - 2 AZR 74/95 - AP KSchG 1969 § 1 Per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung Nr. 18 EzA KSchG § 1 Per­so­nen­be­ding­te Kündi­gung Nr. 14; 31. Ja­nu­ar 1996 - 2 AZR 68/95 - BA­GE 82, 139; Stahl­ha­cke/Preis/Vos­sen Kündi­gung und Kündi­gungs­schutz im Ar­beits­verhält­nis 9. Aufl. Rn. 1207; KR-Grie­be­ling 8. Aufl. § 1 KSchG Rn. 293). Der Ver­lust des Führer­scheins führt zu ei­nem ge­setz­li­chen Beschäfti­gungs­ver­bot. Oh­ne den Führer­schein darf der Ar­beit­ge­ber den Ar­beit­neh­mer im Straßen­ver­kehr nicht wei­ter ein­set­zen. Der Ar­beit­neh­mer kann sei­ne ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung als Kraft­fah­rer (bzw. KOM-Fah­rer) nicht mehr er­brin­gen. Sie ist ihm auf Grund des Ver­lus­tes der Fahr­er­laub­nis recht­lich unmöglich ge­wor­den.
d) Ob für Un­ter­neh­men des öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs Aus­nah­men von dem un­ter b) dar­ge­stell­ten Grund­satz gel­ten können, hat der Se­nat in der zu­vor zi­tier­ten Ent­schei­dung noch da­hin­ste­hen las­sen. In dem da­mals zu ent­schei­den­den Fall hat­te der Se­nat aus­geführt, dass „selbst wenn der Ver­lust der Be­triebs­fahr­be­rech­ti­gung ei­ne Wei­ter­beschäfti­gung des Ar­beit¬neh­mers recht­lich unmöglich ma­chen würde“, die Kündi­gung schon des­halb so­zi­al­wid­rig sei, weil der Ar­beit­ge­ber die in die­sem Fall gel­ten­den Durch-
führungs­be­stim­mun­gen (DZ-Be­trieb) und not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen für den Ent­zug der Be­triebs­fahr­be­rech­ti­gung nicht ein­ge­hal­ten hat­te.
Zu Recht hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt ver­langt, für den Ent­zug ei­ner in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis müsse zu­min­dest ei­ne kla­re Rechts­grund­la­ge ge­ge­ben sein. Die­ses Er­for­der­nis er­gibt sich schon aus Gründen der Rechts­si­cher­heit und um willkürli­che Ent­schei­dun­gen von Vor­ge­setz­ten aus­zu­sch­ließen. Hin­zu kommt, dass auch der den Kündi­gungs­schutz be­herr­schen­de Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit zu­min­dest for­dert, die Vor­aus­set­zun­gen für den Ent­zug ei­ner sol­chen in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis näher fest­zu­le­gen. Nur un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen ist ge­si­chert, dass der ge­setz­li­che Kündi­gungs­schutz nicht durch ei­ne - nicht nach­prüfba­re - Ver­ga­be oder Ent­zug­s­ent­schei­dung um­gan­gen wird und es ei­ner Dar­le­gung und Prüfung von mögli­chen Ver­trags­pflicht­ver­let­zun­gen ei­nes KOM-Fah­rers nicht mehr be­darf. Das Be­ru­fungs­ge­richt weist zu Recht dar­auf hin, dass mit dem Ent­zug ei­ner in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis in die Be­rufs­ausübungs­frei­heit des Ar­beit­neh­mers (Art. 12 Abs. 1 GG) ein­ge­grif­fen wird. Oh­ne ei­ne klar for­mu­lier­te Rechts­grund­la­ge ist aber für den Ar­beit­neh­mer schon nicht er­kenn­bar, wie er sich zu ver­hal­ten hat und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­ne ihm er­teil­te in­ner­be­trieb­li­che Fahr­er­laub­nis mit ei­ner un­mit­tel­ba­ren Wir­kung für sei­nen Ar­beits­platz wie­der ent­zo­gen wer­den kann. Dies gilt um­so mehr, als nach der
bb) Auch die BO­Kraft be­fasst sich nicht mit der Er­tei­lung oder dem Ent­zug
dass der Un­ter­neh­mer den Be­trieb des Un­ter­neh­mens nicht an­ord­nen oder zu­las­sen (darf), wenn ihm be­kannt ist oder be­kannt sein muss, dass Mit­glie­der des Fahr­per­so­nals nicht befähigt oder ge­eig­net sind, ei­ne si­che­re und ord­nungs­gemäße Beförde­rung zu gewähr­leis­ten. Auch aus die­ser Re­ge­lung er­gibt sich we­der die Not­wen­dig­keit ei­ner in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis noch legt sie die Vor­aus­set­zun­gen fest, un­ter de­nen die Befähi­gung zur Führung von KOM-Bus­sen be­steht. Erst Recht enthält die BO­Kraft kei­ne Be­stim­mun­gen zur Fra­ge des Ent­zugs ei­ner in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis. Dies gilt im Übri­gen auch in den Fällen, in de­nen ein Be­triebs­lei­ter (§ 4 BO­Kraft) be­stellt ist. Auch in den Fällen des § 3 Abs. 2 BO­Kraft, nämlich bei ei­ner be­stimm­ten Größe des Un­ter­neh­mens und der Not­wen­dig­keit des Er­las­ses ei­ner all­ge­mei­nen Dienst­an­wei­sung, stellt die BO­Kraft kei­ne zwin­gen­den Vor­aus­set­zun­gen für den Er­werb ei­ner in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis und vor al­lem für de­ren Ent­zug auf.
II. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on ist die Kündi­gung auch nicht aus ver­hal­tens­be­ding­ten Gründen iSv. § 1 Abs. 2 KSchG so­zi­al ge­recht­fer­tigt.
III. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Be­klag­te schließlich zu Recht zur Zah­lung der Rest­vergütung für den Mo­nat De­zem­ber 2005 aus dem Ge­sichts­punkt des An­nah­me­ver­zugs (§ 615 Satz 1 BGB) ver­ur­teilt. Es hat die Vor­aus­set­zun­gen des An­nah­me­ver­zugs zu­tref­fend be­jaht und den in der aus-ge­ur­teil­ten Höhe un­strei­ti­gen An­spruch zu­er­kannt. Ins­be­son­de­re hat es zu
Recht an­ge­nom­men, dass sich die Be­klag­te durch die un­be­rech­tig­te außer­or­dent­li­che Kündi­gung in An­nah­me­ver­zug be­fand und dem Kläger auf Grund des rechts­wid­ri­gen Ent­zugs der in­ner­be­trieb­li­chen Fahr­er­laub­nis sei­ne Ar­beits­leis­tung als KOM-Fah­rer auch nicht unmöglich ge­wor­den ist.
IV. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 97 ZPO.
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