Source: https://studylibde.com/doc/2408063/interdisziplin%C3%A4rer-workshop
Timestamp: 2019-08-19 00:23:12
Document Index: 6855208

Matched Legal Cases: ['§ 135', '§ 137', '§ 6', '§ 7', '§ 6', '§ 5', '§ 135', '§ 87', '§ 135', '§ 137', '§ 137', '§ 137', '§ 11', '§ 137']

Notwendiges Evidenzlevel und verfügbare
Verfahrenswege der Erstattungsfähigkeit von
prognostischen und prädiktiven diagnostischen Tests:
Janine Biermann, M.A.
Dr. Sarah Mostardt
Janine Biermann, M.A. (Janine.Biermann@medman.uni-due.de)
Dr. Sarah Mostardt (Sarah.Mostardt@medman.uni-due.de)
Abbildungsverzeichnis ............................................................................................................................. II Tabellenverzeichnis ................................................................................................................................ III Abkürzungs- / Akronymverzeichnis ....................................................................................................... IV 1. Einleitung ....................................................................................................................................... 1 2. Methodik ....................................................................................................................................... 2 3. Ergebnis ......................................................................................................................................... 2 4. 3.1.
Verfahren der Aufnahme biomarkerbasierter diagnostischer Tests in die Regelversorgung . 2 3.2
Was ist die bestmögliche Evidenz bei Genexpressionstests? .................................................. 6 Schlussfolgerung .......................................................................................................................... 14 Literaturverzeichnis ............................................................................................................................... 15 I Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Strategie für prädiktive Marker: Randomisierung bzgl. der Diagnostik (in Standard plus
Biomarker vs. Standard) .......................................................................................................................... 8 Abbildung 2: Markerstrategie für prädiktive Marker; Randomisierung bzgl. der Art der Therapie zur
Prüfung von Therapieeffekten in den Markergruppen und von Wechselwirkungen bzw. Interaktionen
von Markerstatus/Therapieeffekt ............................................................................................................ 9 II Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Einordung der Elemente von Tumormarkerstudien hinsichtlich des Level of Evidence .... 12
Tabelle 2: Evidenzstufen unter Berücksichtigung der Validierung mittels prospektiv-retrospektiver
Studien ......................................................................................................................................................................... 13 III Abkürzungs- / Akronymverzeichnis
DRG-EKV
Diagnoses Related Groups- Entgeltkatalogverordnung
Genexpressionsassay
Das Mammakarzinom stellt mit einem Anteil von 30% die am häufigsten auftretende
Krebserkrankung bei Frauen dar. Rund 72.000 Neuerkrankungen werden pro Jahr bei Frauen in
Deutschland diagnostiziert. Die Hälfte der betroffenen Frauen erkrankt vor dem 65. Lebensjahr, jede
zehnte ist bei Diagnosestellung jünger als 45 (vgl. RKI 2012).
Nach der Diagnosestellung erfolgt häufig ein chirurgischer Eingriff (brusterhaltende Operation oder
Mastektomie). Nach der Operation eines örtlich begrenzten bösartigen Tumors in der Brust wird
den meisten Frauen zu einer ergänzenden, sogenannten adjuvanten Therapie wie der
Antihormontherapie und/oder der Chemotherapie geraten, um das Risiko eines Rückfalls zu
verringern, im bestmöglichen Fall die Patientin zu heilen. Der generelle Einsatz der Chemotherapie
beim Östrogenrezeptor-positiven frühen Brustkarzinom erhöht das Fernmetastasen-freie 10-Jahres
Überleben nur um ca. 4-5%. Der Nutzen für die einzelne Patientin hängt jedoch entscheidend von
ihrem individuellen Ausgangsrisiko ohne Chemotherapie und der Sensitivität des Tumors für die
Chemotherapie ab: So haben Frauen mit einem geringen Rezidivrisiko nur einen geringen absoluten
Nutzen durch eine adjuvante Chemotherapie (Peto et al. 2012), in der Gruppe mit einem hohen
Rezidivrisiko sind es hingegen ca. 30% (Paik et al 2006). Zur Identifikation der Patienten, die einen
Nutzen der adjuvanten Chemotherapie haben bedarf es genauer prognostischer1 und prädiktiver2
Faktoren, die helfen zu beurteilen, welche Frau adjuvant behandelt werden soll beziehungsweise
welche Patientin eine so gute Ausgangssituation hat, dass sie keine zusätzliche adjuvante
Chemotherapie benötigt, da kein Ansprechen der Chemotherapie zu erwarten ist. In der aktuellen
Versorgungssituation stellen die Tumorgröße und das Stadium, die Histologie, das Alter, die
Familienanamnese sowie der Menopausenstatus berücksichtigte prognostische Faktoren dar. Diese
werden häufig nicht als ausreichend empfunden. Der Einsatz von Biomarkern auf Basis von
Genexpressionsanalysen könnte die Prognoseabschätzung bezüglich der Notwendigkeit der
adjuvanten Chemotherapie verbessern und weitere, bisher nicht vorhandene prädiktive Aussagen
zum zu erwartenden Ansprechen auf diese Therapieform (über die bisher etablierten prädiktiven
Marker bei Brustkrebs für die Antihormontherapie mit dem Östrogenrezeptor und für die
Herceptintherapie mit dem HER2-Rezeptor hinaus) ermöglichen. Als genomische Biomarkerassays
sind bereits verschiedene Verfahren auf dem Markt verfügbar (Oncotype DX, EndoPredict,
Mammaprint, usw.). Bisher wird der Einsatz dieser Verfahren nicht regelhaft von der gesetzlichen
Unter einer Prognose versteht man in der Medizin jegliche Messung, die eine Vorhersage des
wahrscheinlichen Krankheitsverlaufs ermöglicht.
1 Krankenkasse (GKV) erstattet. Die Prüfung der Erstattungsfähigkeit von biomarkerbasierten
diagnostischen Tests in Deutschland ist unter anderem abhängig von der vorliegenden Evidenz.
Es stellt sich die Frage, welche Evidenz für einen biomarkerbasierten diagnostischen Tests vorliegen
muss, damit dieser dem Versichertenkollektiv im Rahmen der Regelversorgung zur Verfügung gestellt
Im März 2013 wurde in Berlin ein interdisziplinärer Workshop über „Methodenfragen in der
stratifizierten Medizin - Stratifizierte Medizin mit Hilfe gendiagnostischer Analysen: welcher
Evidenzlevel entscheidet über den Routineeinsatz in Deutschland?“ abgehalten. Der Teilnehmerkreis
bestand aus ausgewählten internationalen und nationalen Experten aus unterschiedlichen Sektoren
(Wissenschaft, Kassenvertreter/ Medizinischer Dienst der GKV, Industrie). Es wurden fünf
Fachvorträge gehalten sowie im Anschluss eine Diskussionsrunde „Welches methodisches Regelwerk
benötigen wir für das deutsche Gesundheitssystem“ von Professor Wasem moderiert.
Im Folgenden sollen die zentralen Diskussionspunkte sowie die unterschiedlichen Sichtweisen der
einzelnen Akteure im System dargelegt werden. Zunächst wird in Abschn. 3.1 auf die Verfahrenswege
zur Aufnahme biomarkerbasierter diagnostischer Tests in die Regelversorgung der GKV eingegangen;
in Abschn. 3.2. wird auf die Frage des erforderlichen Evidenzniveaus eingegangen.
3.1. Verfahren der Aufnahme biomarkerbasierter diagnostischer Tests in die
In der Diskussion wurde deutlich, dass es verschiedene Verfahrenswege gibt, wie die Erstattung von
biomarkerbasierten diagnostischen Tests beantragt werden kann. Zu unterscheiden ist hier vor allem,
in welchem Sektor der Gesundheitsversorgung der Test angewendet werden soll. Im Folgenden
werden zur besseren Verständlichkeit kurz die einzelnen Verfahren zur Erstattungsfähigkeit für den
stationären Sektor (Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode (NUB), Zusatzentgelte und
OPS- und DRG-Anpassung) und den ambulanten Sektor (Aufnahme in den EBM, neue
Unter Prädiktion versteht man in der Medizin jegliche Messung, die den Nutzen bzw. dessen Ausbleiben
durch eine bestimmte Therapie vorhersagt.
2 Untersuchungs-und Behandlungsmethode nach § 135 Abs. 1 SGB, Erprobung von Untersuchungsund Behandlungsmethoden gem. § 137e SGB V) dargelegt.
OPS-Code- und DRG-Anpassung
Ein geeigneter OPS-Code ist Voraussetzung dafür, dass das DRG-Institut (InEK) anhand der
Kostenanalyse in den Kalkulationskrankenhäusern überprüfen kann, inwieweit die Innovation im
DRG-System nicht sachgerecht vergütet wird. Daher steht ein Antrag auf einen neuen OPS-Code,
den grundsätzlich jeder beim DIMDI stellen kann, in der Regel am Beginn der Erstattung im DRGSystem. Die Anträge werden vor einer Entscheidung des DIMDI in der gemeinsamen
Selbstverwaltung beraten. Für die im nächsten Schritt notwendige Anpassung des DRG-Systems
antrags- bzw. vorschlagsberechtigt sind bei Medizinprodukteherstellern z.B. der BVMed, medizinische
Fachgesellschaften, Bundesärztekammer und Träger der Selbstverwaltung in der stationären
Versorgung. Die Selbstverwaltung priorisiert die Anträge und entscheidet abschließend. Der Prozess
der Abbildung der Innovation im DRG-System durchläuft mindestens einen zeitlichen Rahmen von 2
Jahren. Innerhalb des ersten Jahres wird eine Innovation von wenigen Krankenhäusern angeboten. Mit
einer Anpassung der DRG kann durch das InEK frühestens erst ab dem dritten Jahr gerechnet
werden. Gegenwärtig existiert ein OPS Kode „1-992“ zur Durchführung von Genmutationsanalysen
und Genexpressionsanalysen bei soliden bösartigen Neubildungen.
Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode (NUB) gem. § 6 Abs. 2 KHEntgG
Für einen biomarkerbasierten diagnostischen Test kann die Aufnahme als ein neues stationäres
Behandlungs- oder Untersuchungsverfahrens (NUB) beantragt werden. Die Aufnahme in die
Erstattung nach NUB erfolgt über zwei Verfahrensschritte: die Beantragung durch das Krankenhaus,
das die Innovation einsetzen will, beim InEK und die Verhandlung der jeweiligen Krankenhäuser mit
den sie belegenden Krankenkassen (positiver Bescheid, NUB Status 1).
Der Antrag auf Aufnahme in die Erstattung nach NUB wird vom InEK geprüft. Während die
faktischen Kriterien für diese Prüfung im Allgemeinen als intransparent beschrieben werden,
beschränkt sich der formelle Prüfauftrag darauf, ob die beantragte Leistung mit bestehenden
Entgelten bereits sachgerecht vergütet werden kann. Eine Prüfung hinsichtlich medizinischer Aspekte
des Nutzens oder der Wirtschaftlichkeit ist insoweit nicht vorgesehen. Die Entscheidungen des InEK
können dabei vier Status annehmen. Status 1 beschreibt, dass die beantragte Leistung den NUBKriterien entspricht und ein Entgelt vereinbart werden kann. Status 2 wird dann vergeben, wenn die
3 NUB-Kriterien nicht erfüllt werden, eine Entgeltvereinbarung ist somit nicht möglich. Kann ein
Antrag nicht innerhalb der Frist bearbeitet werden, wird Status 3 vergeben, eine Entgeltverhandlung
ist möglich. Ist ein Antrag nicht nachvollziehbar oder enthält er unplausible Angaben, erhält dieser
Status 4, eine Verhandlung über die Entgelte ist dann nur in Ausnahmefällen möglich.
Nach Vergabe eines positiven Status 1 durch das InEK finden Entgeltverhandlungen statt. Ergebnis der
Verhandlung kann entweder eine Vereinbarung eines krankenhausindividuellen Entgeltes und damit
die Erstattung über die GKV, oder das Scheitern der Verhandlungen sein. Bei rd. 40% der NUBs mit
Status 1 werden letztlich keine Entgelte vereinbart.
Zusatzentgelte:
Zusatzentgelte stellen eine ergänzende Finanzierung von Leistungen, Leistungs-komplexen und
Arzneimitteln dar. Zusatzentgelte können als bundeseinheitliche, gem. § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2
KHEntgG, oder krankenhausindividuelle Entgelte, gem. § 6 Abs. 1 KHEntgG, festgelegt werden. Der
Antrag auf Erstattung im Rahmen eines Zusatzentgelts kann dabei einmal jährlich, zusammen mit dem
DRG-Antrag initiiert werden. Im Allgemeinen werden die Kriterien für die Bewilligung eines Entgeltes
als intransparent beschrieben. Verhandlungen für krankenhausindividuelle Entgelte finden im Rahmen
der Budgetverhandlungen zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern krankenhausspezifisch statt.
Bundeseinheitliche Zusatzentgelte werden zwischen dem GKV-Spitzenverband und der Deutschen
Krankenhausgesellschaft vereinbart und in Anlage 4 bzw. 6 DRG-EKV 2012 (§ 5 FPV 2012)
veröffentlicht. Anders als bei den NUB stellen die Krankenkassen für Zusatzentgelte keine
zusätzlichen Finanzmittel zur Verfügung.
Aufnahme als erstattungsfähige Leistung in den EBM
Hinsichtlich neuer Leistungen, die keine Neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden im Sinne
des § 135 Abs. 1 SGB V sind, ohne dass es schon eine EBM-Position dazu gibt, gilt, dass der
Bewertungsausschuss verpflichtet ist, den EBM „in bestimmten Zeitabständen auch daraufhin zu
überprüfen, ob die Leistungsbeschreibungen und ihre Bewertungen noch dem Stand der
medizinischen Wissenschaft und Technik…entsprechen“ (vgl. § 87 Abs. 2 Satz 2 SGB V). Zur Frage,
ob die Überprüfungsverpflichtung für den Bewertungsausschuss in einer Verpflichtung zur
Neuaufnahme neuer Leistungen in den EBM resultiert, hat das BSG allerdings entschieden: „Eine
4 solche Pflicht besteht lediglich hinsichtlich der Leistungen, ohne die eine umfassende ambulante
Versorgung der Versicherten nicht möglich ist“. Man wird dem Bewertungsausschuss daher einen
Ermessensspielraum hinsichtlich der Resultate seiner regelmäßigen Überprüfung des EBM zubilligen
müssen. Realistisch wird man davon ausgehen können, dass bei der Wahrnehmung des
Ermessensspielraumes die Partner des Bewertungsausschusses auch ihre Interessenlage reflektieren
Erstattung für den ambulanten Bereich gem. § 135 I SGB V
Liegt eine neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode zur Leistungserbringung im ambulanten
Bereich vor, ist im Rahmen des sog. „Erlaubnisvorbehalts“ ein positiver Beschluss des G-BA zu
Erstattungsfähigkeit. Anträge auf Einleitung eines Überprüfungsverfahrens können dabei Vertreter der
Vertragsärzte (die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung), der
GKV-Spitzenverband und die nach der Patientenbeteiligungsverordnung anerkannten Organisationen
stellen. Der neue § 137e SGB V gestaltet das schon vorher vom BSG gesehene Antragsrecht der
Hersteller in Gestalt einer Erprobungsregelung aus (vgl. Ausführungen unten).
Inhalt des Antrags ist dabei die Beschreibung der Art der Methode, die angestrebte Indikation sowie
die therapeutische, indikationsspezifische Zielsetzung. Die Anträge werden unter Umständen vom GBA an das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) oder andere
fachlich unabhängige Institutionen oder Sachverständige zur Prüfung weitergeleitet, können jedoch
auch durch den GBA selber abschließend geprüft werden.
Der diagnostische und therapeutische Nutzen wird bei der Prüfung neuer Verfahren beurteilt durch
ein Abwägen des patientenrelevanten Nutzens gegen ihre Risiken, d.h. einer Bewertung erwünschter
und unerwünschter Folgen der Therapie oder Untersuchung. Die medizinische Notwendigkeit der
neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethode wird beurteilt, indem die Relevanz der
medizinischen Problematik betrachtet wird und diagnostische und therapeutische Alternativen
betrachtet werden. Die Wirtschaftlichkeit der Methode wird geprüft, indem eine Kosten-NutzenAbwägung pro Patient oder in Bezug auf die Gesamtpopulation vorgenommen wird.
Die Prüfung durch den GBA kann drei Ergebnisse haben. Erstens, die Erlaubnis. Hierbei akzeptiert
Bundesmantelverträge eine Vergütungsregelung treffen, d.h. insbesondere eine EBM-Position schaffen
und Aussagen zur Budget-Relevanz machen. Geschieht dies nicht in angemessener Frist, liegt ggfs.
Systemversagen vor und der Patient kann von der Krankenkasse eine Kostenzusage oder
Kostenerstattung einer selbst beschafften Leistung begehren. Zweitens, die Erlaubnis mit Auflagen.
5 Hierbei akzeptiert der GBA die Methode nur unter Auflagen, zum Beispiel der Beschränkung der
Umstände der Erstattung oder der Generierung weiterer Daten. Diese beiden Ergebnisse
ermöglichen die Erstattung der neuen Methode im ambulanten Bereich. Drittens, ein vollständiges
Verbot. Hierbei verbietet der GBA eine Erstattung der Methode im ambulanten Bereich; dies wirkt
sich auch auf den stationären Bereich aus, da eine Erstattung der gleichen Methode auch im
stationären Bereich ausgeschlossen wird. Bei positivem Beschluss wird die Methode in die Anlage 1
der G-BA-RL Methoden Vertragsärztliche Versorgung aufgenommen.
Erprobung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden gem. § 137e SGB V
Seit Verabschiedung des GKV-Versorgungsstrukturgesetzes am 1. Januar 2012 besteht die
Möglichkeit, die Anwendung einer neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethode nach § 137e SGB
V einer Erprobung zu unterziehen.. Dabei werden neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden
zeitlich befristet in die Erstattung durch die GKV aufgenommen und deren Nutzen im Rahmen einer
wissenschaftlichen Begleitung evaluiert, bevor eine endgültige Entscheidung über die Erlaubnis zur
Erstattung dieser Methode getroffen wird. Antragsberechtigt ist hier auch der Hersteller. Ziel der
Erprobungsrichtlinie ist somit die Schaffung notwendiger Erkenntnisse für die Bewertung des Nutzens
der neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethode. Die Anwendung der Untersuchungs- und
Behandlungsmethode beschränkt sich auf berechtigte Leistungserbringer, also solche, die für die
vertragsärztliche Versorgung oder Krankenhausversorgung zugelassen sind und die in der Richtlinie
definierten Inhalte erfüllen. Die wissenschaftliche Begleitung findet während der Erprobung der
Methode statt. Dazu beauftragt der GBA unabhängige Institutionen. Die für die wissenschaftliche
Begleitung entstehenden Kosten werden von den Herstellern in angemessener Höhe getragen, wenn
diese die Erprobung beantragen. In allen anderen Fällen trägt das System die anfallenden Kosten.
Wird im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der Erprobung ein Nutzen nachgewiesen, erlässt
der GBA eine Richtlinie über die Anwendung der neuen Methode. Wird keine ausreichende,
zweckmäßige und wirtschaftliche Erprobung nachgewiesen, wird die weitere Anwendung untersagt.
Bisher gibt es noch keine Erfahrungen mit diesem Verfahrensweg, da erst im Juni 2013 die
Veröffentlichung im Bundesanzeiger erfolgte, was bedeutet, dass erste Anträge nun eingereicht
3.2 Was ist die bestmögliche Evidenz bei Genexpressionstests?
Wie zuvor beschrieben trifft der GBA seine Entscheidung bezüglich des patientenrelevanten Nutzens
einer neuen Methode auf Grund der zur Verfügung stehenden Evidenz. Es besteht Konsens zwischen
den teilnehmenden Akteuren des Workshops, dass die bestmögliche Evidenz für die neuen Methoden
6 Diskurs besteht allerdings hinsichtlich der Fragen, was bei prädiktiven Biomarkern die bestmögliche
Evidenz darstellt bzw. auf welchem Weg diese erlangt wird. Die zentrale Fragestellung ist somit,
welche Evidenz muss vorliegen, damit es zu einem positiven Beschluss des GBA kommen kann.
Für die Entscheidung über den Nachweis des medizinischen Nutzens einer Intervention legt die
Verfahrensordnung des GBA die zu Grunde zu liegenden Evidenzlevel fest (vgl. 2 Kap. § 11 (2)). Bei
der Klassifizierung der Unterlagen zu diagnostischen Methoden gelten damit folgende Evidenzstufen:
Systematische Übersichtsarbeiten von Studien der Evidenzstufe I b
Andere Interventionsstudien
Systematische Übersichtsarbeiten von Studien zur diagnostischen Testgenauigkeit der
Evidenzstufe 2 b
Querschnitts- und Kohortenstudien, aus denen sich alle diagnostischen Kenngrößen
zur Testgenauigkeit (Sensitivität und Spezifität, Wahrscheinlichkeitsverhältnisse,
positiver und negativer prädiktiver Wert) berechnen lassen
Andere Studien, aus denen sich die diagnostischen Kenngrößen zur Testgenauigkeit
(Sensitivität und Spezifität, Wahrscheinlichkeitsverhältnisse) berechnen lassen
Assoziationsbeobachtungen,
Darstellungen, Einzelfallberichte, u. ä.; nicht mit Studien belegte Meinungen
anerkannter Expertinnen und Experten, Berichte von Expertenkomitees und
Im Workshop kristallisierten sich zwei Positionen heraus, im Folgenden als A und B bezeichnet:
Zur Prüfung des (Zusatz-)Nutzen einer neuen Genexpressionsassay (GEP)-basierten Therapie (entscheidung) im Vergleich zur Standardtherapie ist Evidenz gemäß dem ersten Evidenzlevel
notwendig. Das hier geforderte Studiendesign muss eine prospektive, randomisiert kontrollierte
Studie darstellen (RCT). Es muss dabei ein belastbarer Vergleich gegenüber dem Standard of Care
7 durchgeführt werden. Als Outcomeparameter müssen patientenrelevante Endpunkte (insbesondere:
Overall Survival (OS), nach Therapieindikation und –zeit) fungieren. Die Studienauswertung und –
konzeption muss den biometrischen Anforderungen entsprechen.
Verschiedene Studiendesigns sind hier möglich:
Ein mögliches Studiendesign ist die sogenannte „Marker Strategie“. Hier wird die Studienpopulation
zunächst randomisiert und dann erhält eine Gruppe den Test sowie die Markergestützte Therapie
(vgl. Abbildung 1). Bei der anderen Gruppe werden die Standard-prädiktiven Faktoren angewandt;
inwieweit gegenwärtig ein Standard bezüglich prädiktiver Faktoren für den Einsatz einer
Chemotherapie beim frühen Brustkrebs besteht, wird allerdings uneinheitlich eingeschätzt.
Biomarker vs. Standard)
8 Ein weitere Möglichkeit ist, dass alle Studienteilnehmer den Test erhalten und anschließend innerhalb
der beiden Testgruppen randomisiert wird bezüglich der Art der Therapie (vgl. Abbildung 2).
Abbildung 2: Markerstrategie für prädiktive Marker; Randomisierung bzgl. der Art der Therapie zur
Prüfung von Therapieeffekten in den Markergruppen und von Wechselwirkungen bzw. Interaktionen von
Markerstatus/Therapieeffekt
Weitere prospektive RCT-Studienkonzepte sind ebenfalls möglich, um Evidenz im Sinne des ersten
Evidenzlevels zu generieren.
Eine Validierung prädiktiver Marker an archivierten Proben aus prospektiven RCTs ist nach dieser
Position nicht ausreichend für einen Nutzenbeleg neuer Genexpressionsanalysen als prädiktive
Chemotherapie. Mit einem solchen Ansatz wird nach dieser Auffassung nur die klinische Validität
belegt und somit nur Evidenzlevel 2 erreicht.
9 Position B:
Im Workshop wurden demgegenüber Positionen deutlich, wonach Studiendesigns in der oben
beschriebenen Art insbesondere dann nicht haltbar sind, wenn umfangreiche und qualitative
hochwertige Nutzenbelege aus prospektiv-retrospektiven Studien bereits vorliegen.
Der Begriff prospektiv-retrospektiv für die Klassifizierung einer Studie ist bisher in Deutschland nicht
gebräuchlich. Nach Simon et al. ist eine prospektiv-retrospektive Studie definiert als die Auswertung,
die nach einem prospektiv entwickelten Design mit prospektiven Studienzielen und Analyseplan,
anhand von archiviertem Material aus abgeschlossenen prospektiven Studie gewonnen wurde. Laut
Position B kann unter bestimmten Voraussetzungen eine gezielte Analyse von archivierten Proben
auf der Basis von bereits durchgeführten klinischen Studien
den medizinischen Nutzen des
Biomarkers in Form einer prospektiv-retrospektiven Validierung belegen. Im Einzelnen bedeutet dies,
dass eine Gewebebank mit archiviertem Gewebematerial von einer ausreichend großen Anzahl von
Patienten aus adäquaten, d.h. dem Evidenzlevel I entsprechenden, randomisiert-kontrollierten Phase
III Studien (RCT) und in gutem Zustand vorliegen muss, welches für die Testdurchführung geeignet
ist. Dies ist vergleichbar dem Design in Position A, Abbildung 2. Die Durchführung des Tests ist
zeitlich verschoben, und zum Zeitpunkt der Testung liegen bereits die entsprechenden klinischen
Verläufe vor. Die Anzahl der analysierbaren Gewebeproben in der Gewebebank ist wichtig, um für
die Validierung des medizinischen Nutzens eine ausreichend große statistische Power nachweisen zu
können und um die Analysen auf ein repräsentatives Patientenkollektiv zu stützen. Voraussetzung ist
dabei, dass es sich um einen für die Anwendung an archiviertem Material analytisch validierten Test
handelt. Der Analyseplan und der Studienendpunkt sollten hierbei im Vorfeld, somit prospektiv, und
in schriftlicher Form festgelegt werden, und sich auf einen einzelnen, vollständig definierten Test mit
festgelegtem „Intended Use“, d.h. festgelegter diagnostischer Anwendung im Behandlungsplan,
beziehen. Die Ergebnisse der ersten Validierungsstudie sollten anschließend anhand von Proben aus
einer weiteren, ähnlichen, aber getrennt durchgeführten Studie reproduziert werden. Mit einem
solchen Validierungsplan ist es nach Position B ebenfalls möglich, Daten mit hohem Evidenzgrad zu
erhalten. Beim Vorliegen von Daten aus einer solchen Validierung am archivierten Gewebematerial
sind insbesondere ethische Aspekte zu betrachten, die die Durchführung einer Prüfung nach Position
A erschweren. Die Ergebnisse der Validierung können nach Position B bei keinem weiterführenden
Studiendesign ignoriert werden, so dass die erreichbare Qualität der Validierung nach Position B
ähnlich hoch oder höher sein kann, als bei einer neu aufzusetzenden Studie. Selbst wenn ein wie von
Position A gefordertes Design ethisch zu rechtfertigen wäre, würden solche Studien sehr lange Zeit
beanspruchen und sehr teuer sein, so dass bis zum Vorliegen der Ergebnisse der Test längst obsolet
geworden wäre und ein möglicher Nutzen vielen Patienten verwehrt bliebe. Aufgrund der
Komplexität der Tumorbiologie steht in vielen Fällen ein diagnostischer Begleittest bei Beginn der
10 Phase-III-Studien eines Medikaments nicht zur Verfügung. So auch in diesem Falle bezüglich des
Zusatznutzens einer Chemotherapie beim frühen Brustkarzinom. Durch die Archivierung der
Gewebeproben der Patienten aus entsprechenden RCT Phase-III-Studien, durch sorgfältige Planung
einer gezielten im Vorfeld definierten Analyse auf der Grundlage des entnommenen Gewebematerials
und durch Einsatz eines analytisch validierten Tests konnten – so die Position B - zuverlässige
Datenüber den medizinischen Nutzen eines prädiktiven Biomarkers gewonnen werden, die nach dem
im Folgenden beschriebenen Methodenwerk Evidenzgrad I ergeben. Das Bestehen auf dem Design
eines RCTs oder auf klinischen Studien im Marker Strategie Design würde nach dieser Auffassung
auch hier dazu führen, dass den Patienten die Vorteile einer markerbasierten Diagnostik unnötig
Zu fordern ist aus dieser Sicht daher nach der Position B, dass die von Position A zugrunde gelegte
Klassifikation von Evidenzleveln überarbeitet wird. Seit Verfügbarkeit von archiviertem Material für
genomische Analysen, welches
die Durchführung von prospektiv-retrospektiven Studiendesigns
überhaupt erst ermöglicht hat, wurde die Klassifizierung der Evidenzstufen weiterentwickelt, um
diese Validierungsformen adäquat zu berücksichtigen. Die Position B verweist darauf, dass das
Klassifizierungssystem, das von Simon et al. (Simon et al. JNCI, 2009) publiziert wurde, die hier
beschriebene prospektiv-retrospektive Validierung, so sie die oben genannten Kriterien erfüllt, der
Evidenzstufe 1b zuordnet (siehe Tabellen1und 2).
Prospective using
PCT designed to address tumor
registry, treatment
aspect to study
Prospectively enrolled, treated
and followed in PCT
in registry, but
follow—up standard
stipulation of treatment
or follow-up, patient
Specimens collected,
and assayed for
Study powered to address
archived prospectively
using generic SOPs
Assayed after trial
Study not prospectively
powered at all
design confounded by
processed and archived
with no prospective
Prospective trial not
to address tumor
marker, but
marker utility
marker requires PRCT
Prospectively enrolled,
and followed in clinical
trial and,
especially it a predictive
is considered, a PRCT
the treatment of interest
processed, and archived
prospectively using
SOPs. Assayed after trial
Study powered to
therapeutic question and
underpowered to
Focused analysis plan tor
before doing assays
Focused analysis plan
for marker question
Result very likely to be
No focused analysis
plan for marker question
developed before doing
Requires subsequent
Result unlikely to be play or
Result rnore likely to be
play of chance that A but
less likely than C
Although preferred,
validation not
powered at all,
*PCT : prospective controlled trial, PRCT e prospective randomized controlled trial, SOPs e standard operating practices
Tabelle 1: Einordung der Elemente von Tumormarkerstudien hinsichtlich des Level of Evidence, Quelle:
Simon et al. (2009)
12 Level of Evidence
Category from Table 1
one or more with consistent
None or inconsistent results
2 or more with consistent
None or 1 with consistent
results or inconsistent
*Levels of Evidence (LOEs) revised from those originally proposed by Hayes et al.
+ NA = not applicable because LOE lV and V studies will never be satisfactory for determination of medical utility
Tabelle 2: Evidenzstufen unter Berücksichtigung der Validierung mittels prospektiv-retrospektiver Studien,
Quelle: Simon et al. (2009)
D.h. prospektiv-retrospektive Studien können nach der Position B in einigen Fällen Evidenzgrad I
erreichen, abhängig von wesentlichen Schlüsselfaktoren, die die Zuverlässigkeit der Ergebnisse
bestimmen. Position B vertritt die Auffassung, dass international inzwischen mehr und mehr Länder
diese Einstufung als ausreichend für die Kostenübernahme der jeweiligen Gesundheitssysteme
anerkennen würden. Sie verweist darauf, dass in Deutschland die Mammakommission der
Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) diese Kriterien in ihrer Leitlinie
aufgenommen habe (AGO, Guideline Breast, Version 2013.1D, www.ago-online.de).
In Anbetracht der Diskussionen um die Frage des notwendigen Evidenzlevels für eine Erstattung
eines Biomarkers zu Lasten der GKV zeigt sich, dass die Forderungen nach einer prospektiven,
randomisierten Studie zum Nachweis des medizinischen Nutzens zur Zeit nicht erfüllt werden.
Deshalb würde bei Antragsstellung mit der vorliegenden Evidenz derzeit vom GBA voraussichtlich
keine Empfehlung zur Anwendung in der regulären Krankenversorgung ausgesprochen. Es stellt sich
die Frage ob – unter Erfüllung zentraler Voraussetzungen – auch in Deutschland prospektivretrospektive Studien mit archiviertem Tumormaterial einen ausreichenden Evidenzgrad erreichen
können. Es bedarf der weiteren Diskussion, inwiefern die derzeit geforderten Evidenzlevel im Bereich
der prädiktiven Biomarker wünschenswert, sinnvoll und haltbar sind.
Der neue Weg über § 137e SGB V, Erprobung von Untersuchungs- und Behandlungsmethoden,
erscheint derzeit als eine Möglichkeit, wobei leider noch keinerlei Erfahrungen mit diesem Verfahren
bestehen, da Anträge erst ab Juni 2013 eingereicht werden können, und somit unklar ist, in welcher
Form dieses Verfahren dem Zugang zu innovativer Diagnostik dienlich ist.
Somit besteht die Forderung, zeitnah Lösungswegen bzw. der Modellierung bestehender Wege für
die Erstattung validierter, neuer prognostischer und prädiktiver Biomarker in Deutschland
Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO), Guideline Breast, Version 2013.1D, Kapitel
5, S. 73-88, www.ago-online.de
Hayes DF, Bast RC, Desch CE et al. Tumor marker utility grading system: a framework to evaluate
clinical utility of tumor markers . J Natl Cancer Inst 1996 ; 88(20): 1456–66.
Paik S, Tang G, Shak S et al. Gene expression and benefit of chemotherapy in women with nodenegative, estrogen receptor-positive breast cancer. J Clin Oncol 2006; 24(23): 3726-34.
Peto R, Davies C, Godwin J et al. Comparisons between different polychemotherapy regimens for
early breast cancer: meta- analyses of long-term outcome among 100,000 women in 123 randomised
trials. Lancet 2012; 379: 432–44.
Simon RM, Paik S, Hayes DF. Use of Archived Specimens in Evaluation of Prognostic and Predictive
Biomarkers. J Natl Cancer Inst 2009;101: 1446–52.
15 FAKULTÄT
COLON-TRANSITZEIT-BESTIMMUNG Sinn der Untersuchung
p53-Status als prädiktiver Marker
Genmarker: Jetzt im Paket gegen Tropfsaftverlust vorgehen?
Neue Marker für die Dermatopathologie Flyer - medac
Was sind genetische Modulatoren?
Einsatz der Immunhistologie zur Verbesserung der
Zucht auf Gesundheit beim Schwein (Vortrag)
Dear John - ProMann Hamburg
Zelluläre Immunantwort bei makulopapulösen
Entwurf der Tagesordnung Sitzung "Tag der
Inhalt historische Entwicklung historische Entwicklung
Vaterschaftstest - Dna Testing Center
Nachsorge von niedrig-malginen Tumoren der Harnblase in