Source: http://www.ariwa.org/aktivitaeten/557-schweinezucht-2013.html
Timestamp: 2017-06-29 00:11:37
Document Index: 304278516

Matched Legal Cases: ['§24', '§22', '§24', '§24', '§7', '§24', '§30', '§30', '§30', '§30', '§7', '§30']

Schweinezucht 2013
Obwohl die zeitweilige Gruppenhaltung von Sauen in der Schweinezucht EU-weit seit dem 1.1.2013 geltendes Recht ist, hapert es noch in vielen Ländern an der Umsetzung. Nur 10 von 27 EU-Staaten erfüllen fristgerecht EU-Recht. Auch Deutschland als eines der größten „Schweineländer" hinkt gewaltig hinterher: eigene Zahlen zum Stand der Umsetzung liegen bislang nicht vor, EU-Schätzungen nach verstoßen 30% der deutschen Schweinezuchtbetriebe gegen die „neuen" Richtlinien, die bereits seit 12 Jahren auf ihre Umsetzung warten und bislang durch Übergangsfristen gedeckt waren. Für die Sauen bedeutet das, dass sie nach wie vor ausschließlich bewegungsunfähig in Kastenständen und Abferkelbuchten stehen. In vielen deutschen Schweinezuchtbetrieben wird somit illegal gehandelt, Deutschland drohen nun Vertragsverletzungsverfahren durch die EU. Nicht nur die Richtlinien bezüglich der Gruppenhaltung werden nicht eingehalten, auch andere Änderungen, die nach der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung bis zum 1.1.2013 verwirklicht hätten werden müssen, wurden in vielen Schweine-Betrieben noch nicht umgesetzt. Die Recherchen aus deutschen Schweinezuchtbetrieben, die nun von Animal Rights Watch veröffentlicht wurden, decken auf, dass geltendes Tierschutz-Recht hinter vielen Stalltüren noch nicht angekommen ist. Darüber hinaus zeigt die Recherche, dass Schweinezucht auch in den Betrieben, die gesetzeskonform betrieben werden, massivste Tierquälerei für die Tiere bedeutet. ZDF „Frontal 21" und Spiegel-Online berichten am Dienstag, den 12.2.2013 mit Undercover-Bildmaterial von Animal Rights Watch.
Aktuelles Videomaterial aus deutschen Schweinezuchtbetrieben:
Hintergrund Schweinezucht
Im Jahr 2006 wurden verschiedene Änderungen in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) beschlossen. Unter anderem wurde dort erstmalig die Haltung von Schweinen reglementiert, die zuvor in der Schweinehaltungsverordnung geregelt war. Bei der Schweinehaltung wurden dabei im Jahr 2006 langfristige Übergangsregelungen für verschiedene Neuerungen eingeräumt, von welchen die Wesentlichsten zum 31.12.2012 ausliefen. Motivation für die beschlossenen Änderungen waren EU-Richtlinien aus 2001, welche von den Ländern umgesetzt werden mussten. Nun droht ein Vertragsverletzungsverfahren. Deutschland kassierte bereits in 2005 eine Verurteilung des Gerichtshofs der Europäischen Union, weil es die Richtlinien 2001/88/EG und 2001/93/EG nicht rechtzeitig in nationales Recht umgesetzt hatte. Die europäischen Regelungen wurden daraufhin von Deutschland in etwa übernommen, wobei die einzelnen Länder durchaus das Recht gehabt hätten, über diese Anforderungen hinaus zu gehen.
Die Situation 2013 ist nun so, dass in der Praxis die TierSchNutztV flächendeckend nicht eingehalten wird, was wieder die EU auf den Plan rufen wird. Das betrifft sowohl bereits die vor dem 1.1.2013 gültigen Regelungen als auch insbesondere die ab 1.1.2013 in Kraft getretenen Vorschriften. Mangelnde Kontrollen vor Ort machen dies möglich. Aber auch dort, wo die TierSchNutztV eingehalten wird, leiden die Tiere an den grausamen Haltungsformen in der Schweinezucht. Wirtschaftliche Interessen legitimieren selbst in der neuen Verordnung immer noch unvorstellbare Dinge wie beispielsweise die fixierte Haltung von Sauen im Kastenstand über lange Zeiträume hinweg.
Der Zyklus einer "Zuchtsau"
Die Änderungen der TierSchNutztV betreffen vor allem Regelungen für weibliche Schweine, mit denen die Ferkel für die Schweinemast „produziert" werden; so genannte „Zuchtsauen". Schweine in der Mast leben nur etwa ein halbes Jahr und werden dann im Kindesalter geschlachtet. „Zuchtsauen" hingegen werden über viele Jahre von den spezialisierten Zuchtbetrieben „genutzt". Eine Sau in der Schweinezucht wird mit 9 bis 10 Monaten erstmalig gedeckt. Sie trägt etwa 115 Tage (3 Monate, 3 Wochen und 3 Tage). Nach neuer Verordnung sieht das Leben dieser Tiere folgendermaßen aus: Eine Woche vor und 4 Wochen nach der Befruchtung wird das Tier im Kastenstand fixiert. In der Zeit danach bis eine Woche vor der Geburt werden die Sauen in Gruppen gehalten. Anschließend wird das Tier in einer Abferkelbox fixiert, wo es etwa 4 Wochen verbleibt, bis die Ferkel im Alter von 21 Tagen von der Mutter getrennt werden. Danach kommt die Sau wieder in den Kastenstand zur nächsten Befruchtung und der Zyklus beginnt von vorn. Nach etwa 4-5 Jahren endet das Leben der „Zuchtsau" wegen sinkender Wurf"leistung" im Schlachthof.
Gesetzlich legitimierte Fixierung
Die Nutztierhaltungsverordnung sieht ab 1.1.2013 erstmalig die Gruppenhaltung trächtiger Tiere vor. Trotz dieser Regelung darf eine erwachsene Sau immer noch 44% ihres Lebens fixiert im körpergroßen Kastenstand oder der baulich ähnlichen Abferkelbucht gehalten werden. Dort kann sich das Tier nicht einmal umdrehen. Man fixiert die Tiere im Kastenstand ausschließlich deshalb, um Rauschigkeitstest, Befruchtung und Trächtigkeitsuntersuchungen möglichst einfach und damit kosteneffizient durchführen zu können.
In der anschließenden Gruppenhaltung stehen die Sauen dann in trostlosen Betonbuchten auf Spaltenböden. Durch die ständige Neubildung der Gruppen kommt es zu Stress und Rangkämpfen der Tiere untereinander. Als „Gruppenhaltung" sind gemäß TierSchNutztV (§24.6) auch sogenannte „Fress-Liegebuchten" zulässig. Hier sollen die Schweine selbstständig die Fress-Buchten aufsuchen und verlassen können. Diese sind bisher aber derart ausgeführt, dass Kastenstände als Fressbucht interpretiert werden und die Gänge hinter dem Kastenstand als Fläche zur Gruppenhaltung genutzt werden, indem die Kastenstände vom Betreiber tagsüber für eine gewisse (unkontrollierbare) Zeit aufgeklappt werden. Einmal geschlossen verbleibt das Schwein solange im Kastenstand, bis er manuell vom Personal wieder geöffnet wird. Diese Systeme sind ab 1.1.13 nicht mehr als Gruppenhaltung zugelassen, werden aber oftmals noch so verwendet.
Vorgeschobene Begründung für Fixierung in der Abferkelbox
Eine Woche vor dem erwarteten Geburtstermin kommt die Sau in die Abferkelbucht. Dort verbleibt sie mitsamt Ferkeln bis 20 Tage nach der Geburt. Die Sau ist hier ähnlich wie im Kastenstand derart fixiert, dass sie sich nicht einmal umdrehen kann. Die vorgeschobene Begründung für eine solche Fixierung im sogenannten "Ferkelschutzkorb" ist, dass diese Vorrichtung ein „Totliegen" der Ferkel, also ein Erdrücken der Ferkel durch die Sau, verhindert werden soll. In der Praxis geschieht dies aber trotz – oder grade aufgrund - dieser Vorrichtung sehr wohl. Der wahre Grund für die Fixierung der Sau in der Abferkelbox ist nämlich der, dass die Züchter in den ersten Lebenstagen der Ferkel zur Kastration, zum Schwanz kupieren und für Impfungen an die Ferkel kommen wollen. Eine Sau würde aber einen Mitarbeiter in den Zuchtanlagen nicht ohne Widerstand an ihre Ferkel lassen; insbesondere dann nicht, wenn die Ferkel entnommen und unter Qualen kastriert und kupiert werden und man ihnen ihre Eckzähne abschleift.
Zucht bedeutet Tierquälerei
Statt diese Qualen abzustellen und zumindest die Fixierung von „Zuchtsauen" zu verbieten, zementiert man weiter seitens der Politik systematische Tierquälerei aufgrund wirtschaftlicher Interessen in geltendes Recht. Aus Sicht des Tierschutzes ist die Käfighaltung im Kastenstand inakzeptabel, wo praktisch keine Bewegung und kein Umdrehen möglich ist. Dabei machen es Nachbarländer durchaus vor: In Großbritannien und Schweden sind Kastenstände verboten, in den Niederlanden ist eine Fixierung auf 4 Tage (statt 4 Wochen) nach Decktermin beschränkt, in der Schweiz sind nur Selbstfangfressliegebuchten gestattet und im Abferkelbereich muss sich die Sau frei umdrehen können. In der deutschen Praxis hingegen werden nicht einmal die geltenden Verordnungen eingehalten, da fehlende Kontrollen einen rechtsarmen Raum für die Tierindustrie bieten. Und das, obwohl bereits seit 2006 die Verordnung in Kraft ist und lediglich Übergangsfristen zum 31.12.2012 ausliefen. Von fehlender Zeit für die Umstellung kann also keine Rede sein. Und selbst, wenn alle neuen Regelungen ordnungsgemäß umgesetzt werden, bleibt das Leben der Schweine in den Zuchtbetrieben qualvoll, unwürdig und grausam.
Die trotz geänderter Verordnung anhaltende massive Tierquälerei in der Schweinezucht zeigt erneut, dass Reformen im Tierschutzrecht keine Lösung zur Abschaffung von Tierleid sind. Will man nicht, dass Tiere für den eigenen Teller leiden, bleibt jedem Einzelnen nur der Weg hin zur veganen Ernährung. Zusätzlich ist es sinnvoll sich für die Einhaltung bestehender Verordnungen einzusetzen. Daher haben wir die Schweinezuchtbetriebe, die gegen die Verordnung verstoßen, bei den zuständigen Veterinärbehörden gemeldet. Wir bitten jeden, der Kenntnis von solchen Verstößen erhält, ebenso zu verfahren und uns und den Veterinärbehörden diese Betriebe zu melden. Oft verletzte Vorschriften der Nutztierhaltungsverordnung in der Schweinezucht:
§22.3.4 Maximalmaße für Spaltenbreiten der Böden werden überschritten
§24.2 Mindestbreiten der Buchten bei Gruppenhaltung zu gering
§24.4 Jedes Schwein im Kastenstand muss in Seitenlage Kopf und Gliedmaßen austrecken können (war bereits vor 2006 so geregelt; Schweine-VO §7)
§24.6 In Fress-Liegebuchten müssen die Tiere die Fressbuchten (Kastenstände) selbstständig aufsuchen und wieder verlassen können. Der erste Meter vor dem Trog darf nur zu 15% perforiert sein.
§30.2 Sauen müssen vier Wochen nach der Belegung in die Gruppenhaltung.
§30.2 Die aufgeführten Mindestgrößen hinsichtlich des Platzbedarfs werden oft unterschritten (nun mind. 2,05-2,5qm pro Tier).
§30.2 Es muss ein Liegebereich vorhanden sein, der max. zu 15% perforiert ist.
§30.4 Kastenstand ist nur erlaubt, wenn nicht erkennbar ist, dass diese Haltungsform zu „nachhaltiger Erregung" führt, die auch mit Beschäftigungsmaterial nicht abgestellt werden kann (war bereits vor 2006 so geregelt; Schweine-VO §7; diese Regel wird gänzlich ignoriert).
§30.7 Der Sau soll eine Woche vor dem Abferkeltermin Stroh zum Nestbau zur Verfügung stehen, soweit dies mit der Anlage zur Kot- und Harnentsorgung vereinbar ist (ist bei Spaltenböden nie möglich; diese Regelung ist also eine Farce).
Artikel zur Recherche bei Spiegel-Online
Kolumne zur Recherche von Hilal Sezgin
Online-Beitrag bei RTL.de
Beitrag bei ZDF Frontal21
Kommentar und Richtigstellungen von Animal Rights Watch zum Frontal21-Beitrag
Frontal21 zu den Reaktionen auf den vorhergehenden Beitrag
Tierschutzbund-Fleischlabel in der Kritik: Ferkel für die vom Tierschutzbund zertifizierten Schweinemastbetriebe stammen in der Regel auch aus Zuchtbetrieben mit Kastenstand.
01.07.2017 - Bielefeld
07.07.2017 – Stuttgart
Demo: Ein neuer Blick auf Fische
08.07.2017 - Braunschweig
15.07.2017 - Mannheim