Source: http://m.hensche.de/Gehaltsrueckforderung_Insolvenzverwalter_Gehaltsrueckforderung_durch_Insolvenzverwalter_begrenzt_BAG_6AZR345-12.html
Timestamp: 2016-12-08 07:54:45
Document Index: 30188134

Matched Legal Cases: ['§ 130', '§ 142', '§ 130', '§ 142', '§ 133', '§ 133', '§ 133', 'Art.1', 'Art.20', '§ 133', 'BGH', '§ 133', '§ 130', '§ 133']

HENSCHE Arbeitsrecht: Gehaltsrückforderung durch Insolvenzverwalter weiter begrenzt
Ge­halts­rück­for­de­rung durch In­sol­venz­ver­wal­ter wei­ter be­grenzt
Kennt­nis der Zah­lungs­un­fä­hig­keit ge­nügt für Vor­satz­an­fech­tung nicht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12
27.03.2014. Bei ei­ner In­sol­venz des Ar­beits­ge­bers über­nimmt der In­sol­venz­ver­wal­ter das Ru­der und prüft Un­ter­la­gen, Kon­ten, of­fe­ne For­de­run­gen und Zah­lun­gen, die der Ar­beit­ge­ber kurz vor der Plei­te ge­leis­tet hat.
Nach der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) kann der Ver­wal­ter da­bei in be­stimm­ten Fäl­len Lohn­zah­lun­gen nach­träg­lich wie­der her­aus­ver­lan­gen ("In­sol­venz­an­fech­tung"). Die Recht­spre­chung hat das Recht des Ver­wal­ters zur In­sol­venz­an­fech­tung in den letz­ten Jah­ren zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer er­heb­lich be­grenzt. In die­se Rich­tung geht auch ein ak­tu­el­les Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG), das schon im Ja­nu­ar durch ei­ne BAG-Pres­se­mel­dung be­kannt wur­de. Jetzt hat das BAG die Ur­teils­grün­de ver­öf­fent­lich: BAG, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12.
Wann kann der Insolvenzverwalter länger zurückliegende Lohnzahlungen vor der Insolvenz durch eine "Vorsatzanfechtung" herausverlangen?
Dass Ar­beit­neh­mer zu­recht ge­leis­te­te Lohn- bzw. Ge­halts­zah­lun­gen wie­der zurücker­stat­ten müssen, klingt zunächst völlig ab­we­gig. Denn schließlich be­kommt man ja sein Geld für die schon er­brach­te (!) Ar­beit, so dass ei­ne Rücker­stat­tung den Aus­tausch von Leis­tung und Ge­gen­leis­tung nachträglich stören würde. Trotz­dem passt die­ser ge­plan­te Lohn­aus­fall ins In­sol­venz­ar­beits­recht hin­ein.
Denn zum ei­nen er­hal­ten auch an­de­re Gläubi­ger des in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­bers wie z.B. Hand­wer­ker für ih­re vor der In­sol­ven­zeröff­nung er­brach­ten Leis­tun­gen kein Geld mehr und müssen sich da­her mit dem be­gnügen, was der In­sol­venz­ver­wal­ter ih­nen aus der In­sol­venz­mas­se nach Ab­zug der Ver­fah­rens­kos­ten aus­keh­ren kann, und das ist oft we­nig bis nichts.
Und zum an­de­ren sind die Lohn­ausfälle für die letz­ten drei Mo­na­te des Ar­beits­verhält­nis­ses vor der In­sol­venz durch das In­sol­venz­geld ab­ge­si­chert. Ar­beit­neh­mer können da­her den sie tref­fen­den For­de­rungs­aus­fall - je­den­falls für die­se drei Mo­na­te - bes­ser ver­kraf­ten als an­de­re Gläubi­ger.
Aus die­sen Gründen tref­fen die ge­setz­li­chen Rück­for­de­rungs­rech­te des In­sol­venz­ver­wal­ters auch Ar­beit­neh­mer und die­nen da­mit der Gleich­be­hand­lung der Gläubi­ger des in­sol­ven­ten Ar­beit­ge­bers. Wich­tigs­te ge­setz­li­che Grund­la­ge ist § 130 Abs.1 In­sol­venz­ord­nung (In­sO), dem zu­fol­ge Ar­beit­neh­mer Lohn­zah­lun­gen der letz­ten drei Mo­na­ten vor dem In­sol­venz­an­trag wie­der her­ausrücken müssen, al­ler­dings nur un­ter der Vor­aus­set­zung, dass sie zum Zah­lungs­zeit­punkt die Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers kann­ten.
Die Be­deu­tung die­ses Rück­for­de­rungs­rechts ist al­ler­dings auf­grund ei­ner BAG-Ent­schei­dung aus dem Jah­re 2011 prak­tisch gleich null (BAG, Ur­teil vom 06.10.2011, 6 AZR 262/10). Denn in die­ser Ent­schei­dung hat das BAG klar­ge­stellt, dass je­de Lohn­zah­lung, mit der die in den vor­aus­ge­gan­ge­nen drei Mo­na­ten ge­leis­te­te Ar­beit be­zahlt wird, als sog. Bar­geschäft gemäß § 142 In­sO an­zu­se­hen ist mit der Fol­ge, dass sie ge­genüber ei­ner In­sol­venz­an­fech­tung gemäß § 130 Abs.1 In­sO von vorn­her­ein recht­lich ab­ge­si­chert ist (wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/195 Lohn­ansprüche bei In­sol­venz - BAG be­grenzt In­sol­venz­an­fech­tung).
Wer da­her von sei­nem fi­nan­zi­ell an­ge­schla­ge­nen Ar­beit­ge­ber im­mer wie­der Lohn­zah­lun­gen erhält, steht mit Blick auf ei­ne mögli­che künf­ti­ge In­sol­venz prak­tisch im­mer auf der si­che­ren Sei­te, so­lan­ge die Ar­beits­leis­tung und Zah­lung nicht länger als drei Mo­na­te aus­ein­an­der lie­gen.
Al­ler­dings hat die­se Si­cher­heit ei­ne Aus­nah­me: Auch wenn ei­ne Lohn­zah­lung als Bar­geschäfts-Zah­lung gemäß § 142 In­sO an­zu­se­hen ist, ist es denk­bar, dass Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer mit die­ser Lohn­zah­lung ei­ne vorsätz­li­che Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung gemäß § 133 Abs.1 In­sO be­gan­gen ha­ben. Die­se Vor­schrift lau­tet:
"An­fecht­bar ist ei­ne Rechts­hand­lung, die der Schuld­ner [= Ar­beit­ge­ber] in den letz­ten zehn Jah­ren vor dem An­trag auf Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens oder nach die­sem An­trag mit dem Vor­satz, sei­ne Gläubi­ger zu be­nach­tei­li­gen, vor­ge­nom­men hat, wenn der an­de­re Teil [= Ar­beit­neh­mer] zur Zeit der Hand­lung den Vor­satz des Schuld­ners [= des Ar­beit­ge­bers] kann­te. Die­se Kennt­nis wird ver­mu­tet, wenn der an­de­re Teil [= Ar­beit­neh­mer] wußte, daß die Zah­lungs­unfähig­keit des Schuld­ners [= des Ar­beit­ge­bers] droh­te und daß die Hand­lung die Gläubi­ger be­nach­tei­lig­te."
Wie der lan­ge Zeit­raum von zehn Jah­ren (!) vor In­sol­ven­zeröff­nung deut­lich macht, geht es hier um die wis­sent­li­che Be­nach­tei­li­gung an­de­rer Gläubi­ger durch das Ver­schie­ben von Vermögens­wer­ten. Ob­wohl die­se Vor­schrift da­her auf nor­ma­le Lohn­zah­lun­gen vor der In­sol­ven­zeröff­nung nicht wirk­lich passt, könn­te sie ein letz­tes klei­nes Schlupf­loch sein, das In­sol­venz­ver­wal­ter für Lohnrück­for­de­run­gen of­fen steht.
Der Fall des BAG: Buchhalterin wird vom Insolvenzverwalter auf Rückzahlung von sieben Gehälter verklagt, die vor Insolvenzeröffnung gezahlt worden waren
Im Streit­fall ging es um sie­ben Mo­nats­gehälter, die ei­ne an­ge­stell­te Buch­hal­te­rin von ih­rem Ar­beit­ge­ber für die Mo­na­te Ja­nu­ar bis Ju­li 2007 und da­mit vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens (Sep­tem­ber 2007) er­hal­ten hat­te.
Der Ver­wal­ter ver­lang­te die­se Ge­halts­zah­lun­gen, im­mer­hin 10.023,30 EUR net­to, für die In­sol­venz­mas­se wie­der her­aus, wo­bei er sich auf § 133 Abs.1 In­sO be­rief. Sein Ar­gu­ment: Wenn ei­ne an­ge­stell­te Buch­hal­te­rin nicht weiß, dass ihr Ar­beit­ge­ber demnächst zah­lungs­unfähig ist, wer dann? Und da die Lohn­zah­lun­gen die Mas­se schmäler­ten, be­nach­tei­lig­ten sie die an­de­ren Gläubi­ger.
Das Ar­beits­ge­richt Elms­horn (Ur­teil vom 05.05.2011, 3 Ca 1995 d/10) und das Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Schles­wig-Hol­stein wie­sen die Kla­ge des Ver­wal­ters ab (LAG Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 10.11.2011, 5 Sa 227/11). Be­gründung des LAG: Fort­lau­fen­de Lohn­zah­lun­gen be­nach­tei­li­gen nicht un­be­dingt die an­de­ren Gläubi­ger, weil oh­ne sie der Be­trieb so­fort zu­sam­men­bre­chen und die an­de­ren Gläubi­ger dann erst recht in die Röhre gu­cken würden.
BAG: Die Fälle einer Vorsatzanfechtung gemäß § 133 InsO müssen eng begrenzte Ausnahmen bleiben
Auch das BAG ent­schied ge­gen den Ver­wal­ter. In den Ur­teils­gründen über­le­gen die Er­fur­ter Rich­ter lang und breit, ob die ge­sam­te In­sol­venz­an­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen nicht mögli­cher­wei­se aus Ver­fas­sungs­gründen auf den Teil von Ar­beits­ein­kom­men be­schränkt wer­den müss­te, der ober­halb der Pfändungs­frei­gren­ze liegt. Denn im­mer­hin gibt es nach dem Grund­ge­setz (GG), d.h. auf­grund des Men­schenwürde-Ar­ti­kels (Art.1 Abs.1 GG) in Ver­bin­dung mit dem So­zi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs.1 GG) ein Grund­recht auf Gewähr­leis­tung ei­nes men­schenwürdi­gen Exis­tenz­mi­ni­mums.
Die­se Über­le­gun­gen lässt das BAG dann aber im Er­geb­nis of­fen, da es dem LAG dar­in zu­stimmt, dass die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Vor­satz­an­fech­tung gemäß § 133 Abs.1 In­sO hier im Streit­fall so oder so nicht vor­la­gen. Da­bei geht das BAG auf Dis­tanz zu der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH), der zu­fol­ge es für den Vor­satz der Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung vor al­lem dar­auf an­kommt, ob der Schuld­ner und der Zah­lungs­empfänger von der be­reits ein­ge­tre­te­nen oder zu­min­dest dro­hen­den Zah­lungs­unfähig­keit des Schuld­ners Kennt­nis hat­ten oder nicht. Die­se Kennt­nis kann nur ei­nes von vie­len In­di­zi­en sein, die für oder ge­gen den Vor­satz ei­ner Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung spre­chen. Denn, so das BAG:
"Er­folgt die Ent­gelt­zah­lung im We­ge des Bar­geschäfts, kann sich auch bei Kennt­nis der ei­ge­nen Zah­lungs­unfähig­keit der Wil­le des Ar­beit­ge­bers dar­in erschöpfen, ei­ne gleich­wer­ti­ge Ge­gen­leis­tung für die Ar­beits­leis­tung zu er­brin­gen, die zur Fortführung des Un­ter­neh­mens nötig ist und da­mit den Gläubi­gern auch nützen kann, so dass ihm ei­ne mit der Zah­lung ver­bun­de­ne mit­tel­ba­re Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung nicht be­wusst ge­wor­den ist (...)."
Und auch auf der Sei­te des Ar­beit­neh­mers kann es kei­nes­wegs nur oder in ers­ter Li­nie auf sei­ne Kennt­nis der dro­hen­den Zah­lungs­unfähig­keit des Ar­beit­ge­bers an­kom­men. Denn die Vor­satz­an­fech­tung gemäß § 133 Abs.1 In­sO ist für sel­te­ne Aus­nah­mefälle des Ver­schie­bens von Vermögen ge­dacht, nicht aber für den Re­gel­fall, dass der Ar­beit­neh­mer brav ar­bei­tet (und ar­bei­ten muss!) und dafür sein Geld be­kommt. Oder mit den Wor­ten der Er­fur­ter Rich­ter:
"Be­jah­te man gleich­wohl bei Kennt­nis der Zah­lungs­unfähig­keit stets die sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der Vor­satz­an­fech­tung, würde nicht ein durch miss­bil­lig­tes Ver­hal­ten er­lang­ter Son­der­vor­teil der Be­klag­ten rückgängig ge­macht, son­dern im Re­gel­fall vom Ar­beit­neh­mer, der oh­ne adäqua­te Hand­lungs­al­ter­na­ti­ve ver­pflich­tet war, sei­ne Ar­beits­leis­tung wei­ter zu er­brin­gen, ein Son­der­op­fer ver­langt (...)."
Fa­zit: Lohn­zah­lun­gen vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens sind letzt­lich im­mer vor den Ar­beits­ge­rich­ten "an­fech­tungs­fest", so­lan­ge sie nur ei­ni­ger­maßen pünkt­lich zu­fließen, d.h. so­lan­ge nicht mehr als drei Mo­na­te zwi­schen Ar­beits­leis­tung und Lohn­zah­lung lie­gen. In­sol­venz­ver­wal­ter ha­ben da­her in al­ler Re­gel kei­ne ech­te Chan­ce, Lohn­zah­lun­gen im Nach­hin­ein durch ei­ne In­sol­venz­an­fech­tung zurück­zu­er­hal­ten. Das gilt nicht nur für die An­fech­tung auf der Grund­la­ge von § 130 Abs.1 In­sO, son­dern auch für die Vor­satz­an­fech­tung gemäß § 133 Abs.1 In­sO. Nähe­re In­for­ma­tio­nen fin­den sie hier:
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12 (BAG-Pres­se­mel­dung Nr. 6/14 vom 29.01.2014)
Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig-Hol­stein, Ur­teil vom 10.11.2011, 5 Sa 227/11
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 06.10.2011, 6 AZR 262/10