Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/hintergrundmusik-in-der-zahnarztpraxis-395655
Timestamp: 2019-09-15 16:58:23
Document Index: 152178888

Matched Legal Cases: ['§ 15', '§ 22', '§ 78', 'Art. 3', 'Art. 8', 'EuG']

Hin­ter­grund­mu­sik in der Zahn­arzt­pra­xis | Rechtslupe
Die Wie­der­ga­be von Hin­ter­grund­mu­sik in Zahn­arzt­pra­xen stellt im All­ge­mei­nen kei­ne – ver­gü­tungs­pflich­ti­ge – öffent­li­che Wie­der­ga­be im Sin­ne des Urhe­ber­rechts­ge­set­zes dar.
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te die Gesell­schaft für musi­ka­li­sche Auf­füh­rungs- und mecha­ni­sche Ver­viel­fäl­ti­gungs­rech­te (GEMA) gegen einen Zahn­arzt geklagt, der eine zahn­ärzt­li­che Pra­xis betreit, in deren War­te­be­reich Hör­funk­sen­dun­gen als Hin­ter­grund­mu­sik über­tra­gen wer­den. Die GEMA nimmt die ihr von Kom­po­nis­ten, Text­dich­tern und Musik­ver­le­gern ein­ge­räum­ten Rech­te zur Nut­zung von Wer­ken der Ton­kunst (mit oder ohne Text) wahr. Sie ist von der Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft Wort (VG Wort) und der Gesell­schaft zur Ver­wer­tung von Leis­tungs­schutz­rech­ten (GVL) ermäch­tigt, die von die­sen wahr­ge­nom­me­nen Rech­te und Ansprü­che der Urhe­ber von Sprach­wer­ken (VG Wort) sowie der aus­üben­den Künst­ler und Ton­trä­ger­her­stel­ler (GVL) gel­tend zu machen. Der Beklag­te ist Zahn­arzt und betreibt eine zahn­ärzt­li­che Pra­xis. In deren War­te­be­reich wer­den Hör­funk­sen­dun­gen als Hin­ter­grund­mu­sik über­tra­gen.
Die Par­tei­en haben am 6.08.2003 einen urhe­ber­recht­li­chen Lizenz­ver­trag geschlos­sen, mit dem die GEMA dem Zahn­arzt das Recht zur Nut­zung des Reper­toires der GEMA, der VG-Wort und der GVL zur Wie­der­ga­be von Hör­funk­sen­dun­gen in sei­ner Pra­xis gegen Zah­lung einer Ver­gü­tung ein­ge­räumt hat. Der Zahn­arzt hat der GEMA zum 17.12.2012 die frist­lo­se Kün­di­gung des Lizenz­ver­trags erklärt. Die­se hat er damit begrün­det, dass die Wie­der­ga­be von Hin­ter­grund­mu­sik in Zahn­arzt­pra­xen nach dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 15.03.20121 kei­ne öffent­li­che Wie­der­ga­be dar­stel­le.
Die GEMA hat den Zahn­arzt mit ihrer Kla­ge auf Zah­lung der für den Zeit­raum vom 01.06.2012 bis zum 31.05.2013 geschul­de­ten Ver­gü­tung von 113,57 € in Anspruch genom­men. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Düs­sel­dorf hat den Zahn­arzt zur Zah­lung von 61,64 € nebst Zin­sen ver­ur­teilt und die Kla­ge im Übri­gen abge­wie­sen2. Die Beru­fung der GEMA blieb vor dem Land­ge­richt Düs­sel­dorf ohne Erfolg3. Das Land­ge­richt Düs­sel­dorf hat ange­nom­men, die GEMA kön­ne von dem Zahn­arzt ledig­lich die Zah­lung einer antei­li­gen Ver­gü­tung für den Zeit­raum vom 01.06.2012 bis zum 16.12 2012 in Höhe von 61,64 € bean­spru­chen. Der Lizenz­ver­trag sei durch die frist­lo­se Kün­di­gung des Zahn­arzt mit Wir­kung zum 17.12.2012 been­det wor­den.
Mit ihrer vom Land­ge­richt Düs­sel­dorf im Beru­fungs­ur­teil zuge­las­se­nen Revi­si­on erstreb­te die GEMA die Ver­ur­tei­lung des Zahn­arzt zur Zah­lung der auf den Zeit­raum vom 17.12.2012 bis zum 31.05.2013 ent­fal­len­den Ver­gü­tung 51,93 €, blieb hier­mit jedoch auch vor dem Bun­des­ge­richts­hof ohne Erfolg:
Die GEMA kann die rest­li­che Ver­gü­tung nicht bean­spru­chen, weil der Lizenz­ver­trag durch die frist­lo­se Kün­di­gung des Zahn­arzt mit Wir­kung zum 17.12.2012 been­det wor­den ist. Der Zahn­arzt war zu einer frist­lo­sen Kün­di­gung berech­tigt, weil die Geschäfts­grund­la­ge des Lizenz­ver­tra­ges durch das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 15.03.2012 ent­fal­len ist.
Die Par­tei­en hat­ten den Lizenz­ver­trag am 6.08.2003 in der damals zutref­fen­den Annah­me geschlos­sen, dass die Recht­spre­chung in der Laut­spre­cher­über­tra­gung von Hör­funk­sen­dun­gen in War­te­zim­mern von Arzt­pra­xen eine – ver­gü­tungs­pflich­ti­ge – öffent­li­che Wie­der­ga­be im Sin­ne von § 15 Abs. 3 UrhG sieht, die zum einen in das aus­schließ­li­che Recht der Urhe­ber von Musik­wer­ken oder Sprach­wer­ken ein­greift, Funk­sen­dun­gen ihrer Wer­ke durch Laut­spre­cher öffent­lich wahr­nehm­bar zu machen (§ 22 Satz 1 Fall 1 UrhG) und zum ande­ren einen Anspruch der aus­üben­den Künst­ler auf ange­mes­se­ne Ver­gü­tung begrün­det, soweit damit Sen­dun­gen ihrer Dar­bie­tun­gen öffent­lich wahr­nehm­bar gemacht wer­den (§ 78 Abs. 2 Nr. 3 Fall 1 UrhG).
Dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 15.03.2012 ist zu ent­neh­men, dass eine öffent­li­che Wie­der­ga­be im Sin­ne von Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft und Art. 8 Abs. 2 Satz 1 der Richt­li­nie 2006/​115/​EG zum Ver­miet­recht und Ver­leih­recht sowie zu bestimm­ten dem Urhe­ber­recht ver­wand­ten Schutz­rech­ten im Bereich des geis­ti­gen Eigen­tums jeden­falls vor­aus­setzt, dass die Wie­der­ga­be gegen­über einer unbe­stimm­ten Zahl poten­ti­el­ler Adres­sa­ten und recht vie­len Per­so­nen erfolgt. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat mit die­sem Urteil fer­ner ent­schie­den, dass die­se Vor­aus­set­zun­gen im All­ge­mei­nen nicht erfüllt sind, wenn ein Zahn­arzt in sei­ner Pra­xis für sei­ne Pati­en­ten Hör­funk­sen­dun­gen als Hin­ter­grund­mu­sik wie­der­gibt.
Der Bun­des­ge­richts­hof ist an die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts durch den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gebun­den und hat die ent­spre­chen­den Bestim­mun­gen des natio­na­len Rechts richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen. Der vom Bun­des­ge­richts­hof zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt stimm­te dar­über hin­aus in allen wesent­li­chen Punk­ten mit dem Sach­ver­halt über­ein, der dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bei sei­ner Ent­schei­dung vor­ge­le­gen hat­te. Der Bun­des­ge­richts­hof hat daher ent­schie­den, dass die Wie­der­ga­be von Hör­funk­sen­dun­gen in Zahn­arzt­pra­xen im All­ge­mei­nen – und so auch bei dem Zahn­arzt – nicht öffent­lich und damit auch nicht ver­gü­tungs­pflich­tig ist.
Fern­se­hen im Hotel­zim­mer Der Betrei­ber eines Hotels muss der GEMA kei­ne Ver­gü­tung für das Bereit­stel­len von Fern­seh­ge­rä­ten in den Hotel­zim­mern zah­len, wenn die Hotel­gäs­te mit die­sen Gerä­ten die…
EuGH, Urteil vom 15.03.2012 – C‑135/​10 [↩]
AG Düs­sel­dorf, Urteil vom 17.10.2013 – 57 C 12732/​12 [↩]
LG Düs­sel­dorf, Urteil vom 04.04.2013 – 23 S 144/​13 [↩]
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