Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Text=2%20BvR%201230/10
Timestamp: 2019-03-26 03:15:23
Document Index: 256491836

Matched Legal Cases: ['Art. 20', 'Art. 103', '§ 17', '§ 356', 'BGH', 'Art 103', 'Art 20', '§ 17', '§ 356', '§ 146', 'BGH', '§ 17', 'Art. 103', '§ 356', 'BGH', 'BGH', 'Art. 103', 'BGH', 'Art. 103', '§ 1', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 103', 'Art. 15', 'Art. 14', 'Art. 3']

BVerfG, 16.05.2011 - 2 BvR 1230/10 - dejure.org
Art. 20 Abs. 3 GG; Art. 103 Abs. 2 GG; § 17 StGB; § 356 StGB
Rechtsstaatsprinzip; Rückwirkungsverbot (Rechtsprechungsänderung); Vertrauensschutz; Verbotsirrtum; Parteiverrat
Strafrechtliche Verurteilung eines Rechtsanwalts wegen Parteiverrats bei zeitlich aufeinander folgender Vertretung sowohl des Haupttäters als auch des Anstifters einer Straftat verletzt keine Grundrechte - BGHSt 3, 400 begründete insofern keinen Verbotsirrtum
Art 103 Abs 2 GG, Art 20 Abs 3 GG, § 17 StGB, § 356 Abs 1 StGB, § 146 StPO
Nichtannahmebeschluss: Strafrechtliche Verurteilung eines Rechtsanwalts wegen Parteiverrats bei zeitlich aufeinander folgender Vertretung sowohl des Haupttäters als auch des Anstifters einer Straftat verletzt keine Grundrechte - BGHSt 3, 400 begründete insofern keinen Verbotsirrtum <§ 17 StGB> - Anforderungen an Verstoß gegen Bestimmtheitsgrundsatz durch Rechtsprechungsänderung
Änderung einer ständigen höchstrichterlichen Rechtsprechung ist unter dem Gesichtspunkt des Vertrauensschutzes grundsätzlich im Falle einer hinreichenden Begründung zulässig; Zulässigkeit der Änderung einer ständigen höchstrichterlichen Rechtsprechung unter dem Gesichtspunkt des Vertrauensschutzes im Falle einer hinreichenden Begründung
Vertrauenstatbestand in Rechtsprechung setzt eine Kontinuität voraus; Art. 103 Abs. 2 GG, § 356 StGB
Zum Vertrauensschutz bei belastenden Rechtsprechungsänderungen (Prof. Dr. Lothar Kuhlen; HRRS 3/2012, 114)
LG Potsdam, 15.09.2006 - 23 KLs 62/04
BGH, 31.07.2008 - 5 StR 109/07
LG Potsdam, 03.04.2009 - 25 KLs 16/08
BGH, 14.03.2011 - 5 StR 109/07
BVerfGK 18, 430
cc) Ein Vertrauenstatbestand für den Angeklagten lag mangels gefestigter Rechtsprechung nicht vor (vgl. BVerfG, Beschluss vom 16. Mai 2011 - 2 BvR 1230/10).
Die Verwerfung der Revisionen ist auch nicht deshalb verfassungsrechtlich zu beanstanden, weil der Bundesgerichtshof den Schuldspruch mit einer Begründung bestätigt hat, die von früheren fachgerichtlichen Entscheidungen abgewichen ist (vgl. BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 16. Mai 2011 - 2 BvR 1230/10 -).
Das Bundesverfassungsgericht hat die Verfassungsbeschwerde des Klägers nicht angenommen (Beschluss vom 16. Mai 2011 - 2 BvR 1230/10).
Auch auf die bislang vom Bundesverfassungsgericht verneinte Frage, ob Art. 103 Abs. 2 GG auf Rechtsprechungsänderungen im Strafrecht Anwendung finden kann (vgl. BVerfG (Kammer), Beschluss vom 16. Mai 2011 - 2 BvR 1230/10, BVerfGK 18, 430 sowie BGH, Beschluss vom 28. Oktober 2011 - AnwZ (Brfg) 30/11, NJW-RR 2012, 189), kommt es hier somit nicht an.
Es handelt sich jedoch nicht um (inhaltsgleich im Grundgesetz enthaltene) Verfahrensgrundrechte, deren Einhaltung der Verfassungsgerichtshof bei Verfassungsbeschwerden gegen in bundesrechtlich geregelten Verfahren ergangene Entscheidungen prüfen könnte (s. o. 2. a), sondern um materielle Grundrechtsgarantien, die der staatlichen Strafgewalt sachliche Grenzen setzen (vgl. VerfGHE 35, 39/45; BVerfG vom 7.5.2008 NJW 2008, 3205/3206; vom 16.5.2011 - 2 BvR 1230/10 - juris Rn. 15).
Darauf, dass bei einer Änderung der Rechtsprechung das in Art. 103 II GG, § 1 StGB normierte Rückwirkungsverbot nicht tangiert wird (vgl. nur BVerfG, Kammerbeschl. vom 27.06.1994 - 2 BvR 1269/94 = NJW 1995, 125 = VRS 88, 1 [1995] = NZV 1995, 76 = BA 32 [1995], 127 = DAR 1995, 103;… BGH, Urt. v. 20.03.1995 - 5 StR 111/94 = BGHSt 41, 101 = NStZ 1995, 401 = MDR 1995, 945 = NJW 1995, 2728 = NJ 1995, 539 = BGHR GG Art. 103 II Rückwirkung 4; Beschluss vom 08.04.2010 - 5 StR 491/09 = wistra 2010, 263; BVerfG, Nichtannahmebeschl. v. 16.05.2011 - 2 BvR 1230/10 = BVerfGK 18, 430 [offen gelassen für den Fall, dass die frühere Rechtsprechung durch ein Mindestmaß an Kontinuität einen Vertrauenstatbestand begründen konnte]), kommt es deshalb nicht an.
c) Soweit der Beschwerdeschrift darüber hinaus die Rüge einer Verletzung der in Art. 15 i. V. m. Art. 14 Abs. 1 und Art. 3 Abs. 3 SächsVerf verbürgten Garantien der Unschuldsvermutung und des ihr zugrunde liegenden Prinzips, dass keine Strafe ohne Schuld verhängt werden darf, zu entnehmen sein sollte, hätte der Beschwerdeführer in gleicher Weise nichts dafür dargelegt, dass der Sanktionsanspruch des Staates hier nicht in einem justizförmig geordneten Verfahren durchgesetzt worden wäre, welches eine wirksame Sicherung der Grundrechte des Betroffenen und den Nachweis von Handlung und Schuld gewährleistet (vgl. BVerfG, Beschluss vom 26. März 1987, BVerfGE 74, 358 [370 ff.]; Beschluss vom 16. Mai 2011, BVerfGK 18, 430 [434]; Beschluss vom 4. Februar 1959, BVerfGE 9, 167 [169]).