Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/die-bevorstehende-vaterschaft-als-abschiebeschutz-383422
Timestamp: 2020-04-06 12:54:29
Document Index: 371790166

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', 'Art. 6', '§ 11']

Die bevor­ste­hen­de Vater­schaft als Abschie­be­schutz | Rechtslupe
Die bevorstehende Vaterschaft als Abschiebeschutz
Eine Abschie­bung kann wegen der bevor­ste­hen­den Vater­schaft des Aus­län­ders in Vor­wir­kung des Schut­zes aus Art. 6 GG recht­lich unmög­lich sein.
Dies setzt vor­aus, dass
der aus­län­di­sche Vater gegen­über den zustän­di­gen Behör­den sei­ne Vater­schaft (mit Zustim­mung der Mut­ter) aner­kannt hat und bei­de bereits in Ver­hält­nis­sen leben, wel­che die gemein­sa­me Über­nah­me der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung und eine gemein­sa­me Erzie­hung und Betreu­ung des Kin­des sicher erwar­ten las­sen, und das
dem Aus­län­der eine (vor­über­ge­hen­de) Aus­rei­se zur Durch­füh­rung eines Sicht­ver­merks­ver­fah­rens nicht mehr zumut­bar ist, weil nach den im Ein­zel­fall gege­be­nen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Ver­hält­nis­sen mit sei­ner Rück­kehr vor dem vor­aus­sicht­li­chen Geburts­ter­min nicht gerech­net wer­den könn­te 1.
Im vor­lie­gen­den Fall erscheint es als zwei­fel­haft, ob der Antrag­stel­ler und die Kin­des­mut­ter, Frau S., bereits in Ver­hält­nis­sen leben, wel­che die gemein­sa­me Über­nah­me der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung und eine gemein­sa­me Erzie­hung und Betreu­ung des Kin­des sicher erwar­ten las­sen.
Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Schutz von Aus­län­dern aus Art. 6 GG vor auf­ent­halts­be­en­den­den Maß­nah­men, die im Bun­des­ge­biet in schutz­wür­di­gen fami­liä­ren Gemein­schaf­ten mit klei­nen Kin­dern leben 2 ist von den fol­gen­den Grund­sät­zen aus­zu­ge­hen: Auch wenn Art. 6 GG unmit­tel­bar kei­nen Auf­ent­halts­an­spruch gewährt, müs­sen Aus­län­der­be­hör­den und Ver­wal­tungs­ge­rich­te gemäß der in Art. 6 GG ent­hal­te­nen Grund­satz­norm bei der Ent­schei­dung über auf­ent­halts­be­en­den­de Maß­nah­men die fami­liä­ren Bin­dun­gen des Aus­län­ders an im Bun­des­ge­biet leben­de Per­so­nen ange­mes­sen berück­sich­ti­gen. Ent­schei­dend für den Schutz des Art. 6 GG ist die tat­säch­li­che Ver­bun­den­heit zwi­schen den Fami­li­en­mit­glie­dern, ohne dass es in die­sem Zusam­men­hang zwin­gend dar­auf ankä­me, ob eine Haus­ge­mein­schaft vor­liegt. Von einer fami­liä­ren Gemein­schaft wird in der Regel im Fal­le eines regel­mä­ßi­gen Umgangs des aus­län­di­schen Eltern­teils, der dem auch sonst Übli­chen ent­spricht, aus­zu­ge­hen sein. Die Fol­gen einer vor­über­ge­hen­den Tren­nung haben ins­be­son­de­re dann hohes, gegen die Auf­ent­halts­be­en­di­gung spre­chen­des Gewicht, wenn ein noch sehr klei­nes Kind betrof­fen ist, das den nur vor­über­ge­hen­den Cha­rak­ter einer räum­li­chen Tren­nung mög­li­cher­wei­se nicht begrei­fen kann. Kann die Lebens­ge­mein­schaft zwi­schen einem Aus­län­der und sei­nem Kind nur in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land statt­fin­den, etwa weil das Kind deut­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit und ihm wegen der Bezie­hun­gen zu sei­ner Mut­ter das Ver­las­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht zumut­bar ist, so drängt die Pflicht des Staa­tes, die Fami­lie zu schüt­zen, ein­wan­de­rungs­po­li­ti­sche Belan­ge regel­mä­ßig zurück.
Ist der betrof­fe­ne Aus­län­der wegen einer schwe­ren Straf­tat ver­ur­teilt, so set­zen sich nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bei einer Aus­wei­sung auch gewich­ti­ge fami­liä­re Belan­ge gegen­über gegen­läu­fi­gen öffent­li­chen Inter­es­sen an einer zumin­dest zeit­wei­li­gen Fern­hal­tung des Aus­län­ders nicht ohne wei­te­res durch; die fami­liä­ren Belan­ge sind aller­dings, soweit noch nicht gesche­hen, im Befris­tungs­ver­fah­ren des § 11 Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG zu wür­di­gen 3.
Ange­sichts des­sen geht es bei der Befris­tung der Abschie­bung nicht um ein­wan­de­rungs­po­li­ti­sche Belan­ge, son­dern um den Schutz der öffent­li­chen Sicher­heit im Hin­blick auf die Rechts­gü­ter Leben, Gesund­heit und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit, dem die Fern­hal­tung des Antrag­stel­lers aus spe­zi­al­prä­ven­ti­ven Grün­den die­nen soll.
vgl. OVG Ham­burg, Beschluss vom 10.12.2009, NVwZ-RR 2010, 701 f.[↩]
vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se vom 31.08.1999, NVwZ 2000, 59; vom 08.12.2005, InfAuslR 2006, 122; vom 23.01.2006, NVwZ 2006, 320; vom 10.05.2008, InfAuslR 2008, 347; vom 01.12.2008, 2 BvR 1830/​08, juris; vom 09.01.2009, NVwZ 2009, 387; vom 05.06.2013, NVwZ 2013, 1207[↩]
vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schl. v. 23.01.2006, a. a. O. 23[↩]
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