Source: https://www.hensche.de/Rauchfreier_Arbeitsplatz_Rauchfreier_Arbeitsplatz_contra_Unternehmerfreiheit_BAG_9AZR347-15_10.05.2016_11.03.html
Timestamp: 2019-03-19 21:05:58
Document Index: 320924536

Matched Legal Cases: ['§ 618', '§ 5', '§ 618', '§ 5', '§ 5', '§ 618', '§ 1', '§ 2', '§ 5', '§ 2', '§ 5']

Rauchfreier Arbeitsplatz contra Unternehmerfreiheit - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 16/156
Rauch­frei­er Ar­beits­platz con­tra Un­ter­neh­mer­frei­heit
Hes­si­sche Spiel­bank­mit­ar­bei­ter kön­nen nicht im­mer ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz ver­lan­gen: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.05.2016, 9 AZR 347/15
11.05.2016: Vor ei­ni­gen Jah­ren hat­te das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ei­nem Ber­li­ner Ca­si­no­an­ge­stell­ten Recht ge­ge­ben, der von sei­nem Ar­beit­ge­ber ver­lang­te, an ei­nem rauch­frei­en Ar­beits­platz ein­ge­setzt zu wer­den (BAG, Ur­teil vom 19.05.2009, 9 AZR 241/08, wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/125 Rauch­freie Ar­beits­plät­ze für Crou­piers in Ber­lin).
Ges­tern hat­ten die Er­fur­ter Rich­ter er­neut über die Kla­ge ei­nes Crou­piers zu ent­schei­den, der sich vom Ta­baks­qualm an sei­nem Ar­beits­platz be­läs­tigt fühl­te und da­her vor Ge­richt zog.
An­ders als in dem Ber­li­ner Fall hat­te der hes­si­sche Crou­pier vor dem BAG kei­nen Er­folg: BAG, Ur­teil vom 10.05.2016, 9 AZR 347/15 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts).
Ha­ben Ar­beit­neh­mer ei­nen An­spruch auf ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz?
Der Fall des BAG: Hes­si­scher Crou­pier muss zwei­mal pro Wo­che in ei­nem ver­rauch­ten Spiel­saal ar­bei­ten
BAG: Gibt es kein ge­ne­rel­les Rauch­ver­bot, müssen sich Ar­beit­neh­mer mit ei­ner Ab­tren­nung von Rau­cherräum­en und ei­ner zeit­li­chen Be­gren­zung ih­res Ein­sat­zes in ver­rauch­ten Räum­en ab­fin­den
Im Prin­zip können Ar­beit­neh­mer ver­lan­gen, nicht un­ter Qualm ar­bei­ten zu müssen, doch gilt das nicht für al­le Ar­beit­neh­mer bzw. für al­le Ar­beitsplätze. Grund­la­ge für den Schutz von Ar­beit­neh­mern ge­gen das Pas­siv­rau­chen sind nämlich § 618 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) und § 5 Ar­beitsstätten­ver­ord­nung (Ar­bStättV), und die­se Vor­schrif­ten sind ziem­lich all­ge­mein ge­hal­te­ne "Ge­ne­ral­klau­seln".
Nach § 618 Abs.1 BGB muss der Ar­beit­ge­ber be­trieb­li­che Räume so ein­rich­ten bzw. un­ter­hal­ten, dass der Ar­beit­neh­mer ge­gen Le­bens- und Ge­sund­heits­ge­fah­ren "so­weit geschützt ist, als die Na­tur der Dienst­leis­tung es ge­stat­tet". Kon­kre­ter wird da schon § 5 Ar­bStättV. Abs.1 die­ser Vor­schrift lau­tet:
"Der Ar­beit­ge­ber hat die er­for­der­li­chen Maßnah­men zu tref­fen, da­mit die nicht rau­chen­den Beschäftig­ten in Ar­beitsstätten wirk­sam vor den Ge­sund­heits­ge­fah­ren durch Ta­bak­rauch geschützt sind. So­weit er­for­der­lich, hat der Ar­beit­ge­ber ein all­ge­mei­nes oder auf ein­zel­ne Be­rei­che der Ar­beitsstätte be­schränk­tes Rauch­ver­bot zu er­las­sen."
Al­ler­dings enthält § 5 Abs.2 Ar­bStättV so­gleich ei­ne we­sent­li­che Ein­schränkung die­ser Schutz­ver­pflich­tung, denn hier heißt es:
"In Ar­beitsstätten mit Pu­bli­kums­ver­kehr hat der Ar­beit­ge­ber Schutz­maßnah­men nach Ab­satz 1 nur in­so­weit zu tref­fen, als die Na­tur des Be­trie­bes und die Art der Beschäfti­gung es zu­las­sen."
Das wie­der­um be­deu­tet: Be­treibt der Ar­beit­ge­ber in recht­lich er­laub­ter Wei­se z.B. ein Rau­cher­lo­kal, kann ein dort an­ge­stell­ter Kell­ner nicht ver­lan­gen, in ei­ner rauch­frei­en Um­ge­bung ein­ge­setzt zu wer­den, denn das würde dar­auf hin­aus­lau­fen, dass über den Um­weg des Ar­beit­neh­mer­schut­zes gar kei­ne Rau­cher­lo­ka­le mehr be­trie­ben wer­den könn­ten.
Die Ant­wort auf die Fra­ge, ob Ar­beit­neh­mer ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz ver­lan­gen können oder nicht, ist da­her nicht im Ar­beits­recht, son­dern im Ge­wer­be­recht bzw. in den all­ge­mei­nen Nicht­rau­cher­schutz­vor­schrif­ten zu su­chen. Muss der Ar­beit­ge­ber auf­grund der je­wei­li­gen Lan­des­vor­schrif­ten zum Nicht­rau­cher­schutz be­stimm­te Ver­bo­te bzw. Schutz­vor­schrif­ten ein­hal­ten, pro­fi­tie­ren da­von auch sei­ne Ar­beit­neh­mer. Zur "Na­tur der Dienst­leis­tung" (§ 618 Abs.1 BGB) bzw. zur "Na­tur des Be­trie­bes" und zur "Art der Beschäfti­gung" gehört dann nämlich auch der Nicht­rau­cher­schutz, den der Ar­beit­ge­ber als Be­triebs­in­ha­ber nach den je­wei­li­gen lan­des­recht­li­chen Vor­schrif­ten be­ach­ten muss.
In Hes­sen sind die­se lan­des­recht­li­chen Vor­ga­ben al­ler­dings ziem­lich dünn. Denn ob­wohl gemäß § 1 Abs.1 Nr.11 Hes­si­sches Nicht­rau­cher­schutz­ge­setz (Hess­NRSG) in "Gaststätten" ei­gent­lich nicht ge­raucht wer­den darf, sind Spiel­ban­ken (mit Bar­be­trieb) von die­sem Ver­bot ge­ne­rell aus­ge­nom­men (§ 2 Abs.5 Nr.5 Hess­NRSG).
Aber können hes­si­sche Ca­si­no-An­ge­stell­te vor die­sem recht­li­chen Hin­ter­grund oh­ne jeg­li­che Ein­schränkung vom Ar­beit­ge­ber da­zu ver­pflich­tet wer­den, im Ta­baks­qualm zu ar­bei­ten? Nein, aber ei­nen all­ge­mei­nen An­spruch auf ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz ha­ben sie auch nicht, so das BAG mit Ur­teil vom gest­ri­gen Mitt­woch: BAG, Ur­teil vom 10.05.2016, 9 AZR 347/15 (Pres­se­mel­dung des BAG).
Ge­klagt hat­te ein Crou­pier, der bei ei­ner größeren hes­si­schen Spiel­bank an­ge­stellt war und zwei­mal pro Wo­che je­weils et­wa sechs bis zehn St­un­den an Spiel­ti­schen in ei­nem Rau­cher­raum ar­bei­ten muss­te.
Der Über­gang zwi­schen dem Rau­cher­raum und dem Nicht­rau­cher­raum war zwar mit ei­ner au­to­ma­ti­schen Tür ver­se­hen, doch war das Rau­chen auch in ei­nem wei­te­ren Raum, dem Bar­be­reich, ge­stat­tet, und der Bar­be­reich wie­der­um war nicht durch Türen von an­de­ren, für Nicht­rau­cher vor­ge­se­he­nen Räum­en ge­trennt. Im­mer­hin wa­ren der Rau­cher­raum und der Bar­be­reich mit ei­ner Kli­ma­an­la­ge und ei­ner Be- und Entlüftungs­an­la­ge aus­ge­stat­tet.
Der Crou­pier ver­lang­te von der Spiel­bank im Kla­ge­we­ge, nur in ei­nem Nicht­rau­cher­raum ein­ge­setzt zu wer­den. Er be­rief sich da­bei auf die all­ge­mei­nen Ge­fah­ren des Pas­siv­rau­chens und ver­wies dar­auf, dass in dem Rau­cher­raum nicht nur die dort spie­len­den Gäste, son­dern auch Gäste und Mit­ar­bei­ter aus dem Nicht­rau­cher­raum rau­chen würden. Da­durch sei die Rauch­be­las­tung ex­trem hoch und führe bei ihm zu ei­ner er­heb­li­chen Körper­ver­let­zung.
Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt (Ur­teil vom 02.10.2012, 5 Ca 2439/12) und das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) wie­sen die Kla­ge ab (Ur­teil vom 13.03.2015, 3 Sa 1792/12). Ih­rer Mei­nung nach war die Spiel­bank zwar nicht von vorn­her­ein we­gen der lan­des­ge­setz­li­chen Aus­nah­me vom Rauch­ver­bot aus dem Schnei­der, doch hat­te sie mit den Entlüftungs­an­la­gen ge­nug für den Ge­sund­heits­schutz des Klägers ge­tan.
Auch in Er­furt hat­te der Crou­pier kei­nen Er­folg, der sei­ne Kla­ge da­mit in al­len drei In­stan­zen ver­lor. Zur Be­gründung heißt es in der der­zeit al­lein vor­lie­gen­den Pres­se­mel­dung des BAG:
Der Crou­pier hat­te zwar nach § 5 Abs.1 Satz 1 Ar­bStättV im Prin­zip ei­nen An­spruch auf ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz, doch konn­te sich die Spiel­bank hier im Streit­fall auf § 2 Abs.5 Nr.5 Hess­NRSG be­ru­fen, wo­nach das Rau­chen in Spiel­ban­ken rech­tens ist. Die Spiel­bank muss­te da­her nur be­grenz­te Schutz­maßnah­men tref­fen, d.h. sol­che, die mit der Na­tur ih­res Be­triebs und der Art der Beschäfti­gung ver­ein­bar sind (§ 5 Abs.2 Ar­bStättV). Und die­se be­grenz­te Schutz­pflicht hat­te sie erfüllt, in­dem sie den Rau­cher­spiel­raum von an­de­ren Räum­en ge­trennt hat­te, dort für ei­ne Be- und Entlüftung ge­sorgt hat­te und in­dem sie vom Kläger nur ver­lang­te, in zeit­lich be­grenz­tem Um­fang im Rau­cher­raum zu ar­bei­ten.
Fa­zit: Man­che Ar­beit­neh­mer ha­ben in Deutsch­land ei­nen An­spruch auf ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz, an­de­rer da­ge­gen nicht. Ent­schei­dend sind da­bei die lan­des­recht­li­chen Re­ge­lun­gen zum Nicht­rau­cher­schutz, die in Ber­lin z.B. stren­ger sind als in Hes­sen. Da­her konn­te ein Ber­li­ner Crou­pier vor ei­ni­gen Jah­ren ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz durch­set­zen, während sein hes­si­scher Kol­le­ge jetzt vor Ge­richt schei­ter­te.
Im­mer­hin muss der Ar­beit­ge­ber auch dann, wenn er kein ge­ne­rel­les Rauch­ver­bot be­ach­ten muss, al­les in sei­ner Macht ste­hen­de tun, um Nicht­rau­cher vor den Ge­fah­ren des Pas­siv­rau­chens am Ar­beits­platz zu schützen. Und wer nach ärzt­li­cher Einschätzung be­son­ders gefähr­det ist, kann noch bes­se­re Schutz­maßnah­men ver­lan­gen.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.05.2016, 9 AZR 347/15 (Pres­se­mel­dung des Ge­richts)
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 10.05.2016, 9 AZR 347/15
Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 13.03.2015, 3 Sa 1792/12
09/125 Rauch­freie Ar­beits­plät­ze für Crou­piers in Ber­lin
17.07.2009. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) hat ent­schie­den, dass Ar­beit­neh­mer in Gast­stät­ten An­spruch auf ei­nen rauch­frei­en Ar­beits­platz ha­ben, wenn der Ar­beit­ge­ber Rechts­vor­schrif­ten zum ...