Source: http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?lang=de&zoom=&type=show_document&highlight_docid=aza%3A%2F%2F23-11-2010-9C_749-2010
Timestamp: 2016-10-23 01:28:50
Document Index: 272814489

Matched Legal Cases: ['Art. 7', 'Art. 8', 'Art. 4', 'BGE', 'Art. 4', 'Art. 3', 'Art. 6', 'BGE', 'in fine', 'BGE', 'Art. 105', 'BGE', 'in fine', 'in fine', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 28', 'Art. 16']

9C_749/2010 (23.11.2010)
9C_749/2010
vertreten durch F�rsprecher Peter Kaufmann,
Beschwerde gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Bern vom 5. August 2010.
Der 1972 geborene S.________ zog sich bei zwei am 9. Oktober 2002 und 1. Mai 2003 erlittenen Verkehrsunf�llen u.a. HWS-Distorsionen zu. Er meldete sich am 16. Juni 2004 bei der Invalidenversicherung zum Rentenbezug an. Nach einer am 30. Januar 2006 begonnenen und am 14. M�rz 2006 vorzeitig abgebrochenen beruflichen Abkl�rung und namentlich gest�tzt auf das Gutachten des Zentrums X.________ vom 21. Dezember 2006 sowie die Untersuchungsberichte des Regionalen �rztlichen Dienstes (RAD) vom 18. M�rz 2008 und 23. April 2008 verf�gte die IV-Stelle Bern am 24. Dezember 2008 die Ablehnung des Leistungsbegehrens (Invalidit�tsgrad von 17 %).
Die hiegegen erhobene Beschwerde wies das Verwaltungsgericht des Kantons Bern mit Entscheid vom 5. August 2010 ab.
S.________ l�sst Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten f�hren und beantragen, es sei, unter Aufhebung des angefochtenen Entscheids, eine ganze Rente der Invalidenversicherung zuzusprechen.
Die IV-Stelle schliesst auf Abweisung der Beschwerde, w�hrenddem sich das Bundesamt f�r Sozialversicherungen nicht vernehmen l�sst.
Die Vorinstanz hat die gesetzlichen Bestimmungen und die von der Rechtsprechung entwickelten Grunds�tze, namentlich diejenigen �ber die Begriffe der Erwerbsunf�higkeit (Art. 7 ATSG) und der Invalidit�t (Art. 8 Abs. 1 ATSG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 IVG), �ber die Bemessung des Invalidit�tsgrades und den Umfang des Rentenanspruchs sowie zum Beweiswert und zur Beweisw�rdigung �rztlicher Berichte und Gutachten (BGE 125 V 351 E. 3a S. 352 mit Hinweis), richtig dargelegt. Hierauf wird verwiesen.
Zu pr�fen ist der Anspruch auf eine Invalidenrente. Unstreitig liegt den vom Beschwerdef�hrer subjektiv geklagten Beschwerden - mit Ausnahme des Tinnitus - kein organisches Korrelat zugrunde, sondern eine somatoforme Schmerzst�rung und eine mittelschwere depressive Episode.
3.1 Ob eine anhaltende somatoforme Schmerzst�rung nach ICD-10 F45.4 einen invalidisierenden Gesundheitsschaden im Sinne von Art. 4 Abs. 1 IVG sowie Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 ATSG darstellt, beurteilt sich danach, ob und inwiefern, allenfalls bei geeigneter therapeutischer Behandlung, bei objektiver Betrachtungsweise von der versicherten Person trotz des Leidens willensm�ssig erwartet werden kann zu arbeiten (BGE 127 V 294 E. 4b/cc in fine und E. 5a S. 297 ff.). Umst�nde, welche bei Vorliegen dieses Krankheitsbildes die Verwertung der verbliebenen Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt als unzumutbar erscheinen lassen k�nnen, sind das Vorliegen einer mitwirkenden psychisch ausgewiesenen Komorbidit�t von erheblicher Schwere, Intensit�t, Auspr�gung und Dauer oder aber das Vorhandensein anderer qualifizierter, mit gewisser Intensit�t und Konstanz erf�llter Kriterien. So sprechen unter Umst�nden chronische k�rperliche Begleiterkrankungen mit mehrj�hrigem Krankheitsverlauf bei unver�nderter oder progredienter Symptomatik ohne l�ngerfristige Remission, sozialer R�ckzug, ein verfestigter, therapeutisch nicht mehr angehbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missgl�ckten, psychisch aber entlastenden Konfliktbew�ltigung (prim�rer Krankheitsgewinn), unbefriedigende Ergebnisse von konsequent durchgef�hrten Behandlungen (auch mit unterschiedlichem therapeutischem Ansatz) und gescheiterte Rehabilitationsmassnahmen bei vorhandener Motivation und Eigenanstrengung der versicherten Person f�r die ausnahmsweise Vor�berwindbarkeit der somatoformen Schmerzst�rung (BGE 132 V 65 E. 4.2.2 S. 71; 130 V 352 E 2.2.3 S. 353ff.; Urteil 9C_1061/2009 vom 11. M�rz 2010 E. 5.4.3.1.1).
3.2 Feststellungen der Vorinstanz zum Vorliegen einer anhaltenden somatoformen Schmerzst�rung und bejahendenfalls, ob eine psychische Komorbidit�t oder weitere Umst�nde gegeben sind, welche die Schmerzbew�ltigung behindern, betreffen den Sachverhalt und sind daher lediglich unter eingeschr�nktem Blickwinkel �berpr�fbar (Art. 105 Abs. 1 und 2 BGG). Dagegen ist frei pr�fbare Rechtsfrage, ob eine festgestellte psychische Komorbidit�t hinreichend erheblich ist und ob einzelne oder mehrere der festgestellten weiteren Kriterien in gen�gender Intensit�t und Konstanz vorliegen, um gesamthaft den Schluss auf eine im Hinblick auf eine erwerbliche T�tigkeit nicht mit zumutbarer Willensanstrengung �berwindbare Schmerzst�rung zu gestatten (Urteil I 683/06 vom 29. August 2007 E. 2.2, in: SVR 2008 IV Nr. 23; vgl. auch BGE 132 V 393 E. 3.2 in fine S. 399; Urteil 9C_161/2009 vom 18. September 2009 E. 3). Die Pr�fung schliesst die Beurteilung der Frage ein, inwiefern die �rztliche Einsch�tzung der psychisch bedingten Arbeitsunf�higkeit invalidit�tsfremde Gesichtspunkte (insbesondere psychosoziale und soziokulturelle Belastungsfaktoren; vgl. zu deren Bedeutung f�r die Frage des invalidisierenden Charakters einer somatoformen Schmerzst�rung: Urteil 9C_161/2009 vom 18. September 2009 E. 2.2 in fine mit Hinweisen) mitber�cksichtigt (BGE 130 V 352 E. 2.2.5 S. 355 f.; Urteil 9C_511/2009 vom 30. November 2009 E. 4.3.1).
4.1 Die Vorinstanz erwog, beim Beschwerdef�hrer sei die F�higkeit zur willentlichen Schmerz�berwindung bei vorhandener somatoformer Schmerzst�rung objektiv gegeben. Eine psychische Komorbidit�t von erheblicher Schwere, Intensit�t, Auspr�gung und Dauer fehle und die �brigen Kriterien seien nicht erf�llt (vgl. E. 3.1 hievor).
4.2 Dem h�lt der Beschwerdef�hrer entgegen, gem�ss dem von ihm veranlassten Gutachten vom 7. August 2009 sei mit einer mittelgradigen Depression eine Komorbidit�t nachgewiesen. Laut Gutachten liege allenfalls gar eine schwere depressive Episode vor. Nach Sichtweise der Expertin, Frau Dr. med. L.________, Fach�rztin f�r Psychiatrie und Psychotherapie, im psychiatrischen Teilgutachten vom 29. Oktober 2008 sei die zumutbare Willensanstrengung klar eingeschr�nkt. Sodann h�tten auch die Gutachter des Zentrums X._______ eine deutliche und schwere Komorbidit�t bejaht, die eine Verwertung der Arbeitsf�higkeit nicht zulasse. Die dar�ber hinaus massgeblichen Kriterien seien erf�llt. Nicht abgestellt werden k�nne auf den Untersuchungsbericht vom 18. M�rz 2008 der RAD-�rztin Frau Dr. med. G.________; dieser sei weder umfassend noch schl�ssig.
4.3.1 Die vorinstanzliche Tatsachenfeststellung, wonach keine psychische Komorbidit�t besteht, ist nach Lage der Akten nicht offensichtlich unrichtig. Gem�ss Gutachten des Zentrums X.________ vom 21. Dezember 2006 f�llt eine mittelgradige depressive Episode unter die Diagnose der somatoformen Schmerzst�rung, weswegen sie hier nicht eine unabh�ngige psychische Erkrankung darstellt. Die Gutachter stehen damit in Einklang mit der Rechtsprechung, gem�ss welcher die mittelgradige depressive Episode keine von depressiven Verstimmungszust�nden klar unterscheidbare andauernde Depression (BGE 127 V 294 E. 5a S. 299) im Sinne eines verselbstst�ndigten Gesundheitsschadens darstellt (Urteil 9C_830/2007 vom 29. Juli 2008 E. 4.2, in: SVR 2008 IV Nr. 62 S. 203), die unabh�ngig von der somatoformen Schmerzst�rung als erhebliche psychische Komorbidit�t ausnahmsweise auf die Unzumutbarkeit einer willentlichen Schmerz�berwindung schliessen liesse (vgl. BGE 130 V 352 E. 3.3.1 S. 358; Urteil 9C_803/2008 vom 29. Mai 2009 E. 5.3.2, Urteil 8C_591/2009 vom 27. November 2009 E. 4.1; Urteil 9C_131/2007 vom 3. Juli 2007 E. 3). Die Expertise des Zentrums X.________ vom 21. Dezember 2006 beschreibt denn auch das depressive Leiden einl�sslich als ein mit der somatoformen Schmerzst�rung einhergehendes Geschehen (BGE 130 V 352 E. 3.3.1 S. 358). Ferner stehen ausweislich des Gutachtens und �berhaupt nach der gesamten Aktenlage seit Jahren psychosoziale Belastungen und damit verbundene emotionale Konflikte im Vordergrund, welche Faktoren sich nicht klar vom medizinischen Leiden selber trennen lassen (BGE 127 V 294 E. 5a S. 299; Urteil 8C_591/2009 vom 27. November 2009 E. 4.1). Das Parteigutachten des Y._________ vom 7. August 2008 �ndert am Fehlen einer hinl�nglichen Komorbidit�t nichts.
4.3.2 Zu pr�fen sind die weiteren Kriterien, nach welchen sich die ausnahmsweise invalidisierende Wirkung einer somatoformen Schmerzst�rung bestimmt (E. 3.1 hievor; BGE 130 V 352 E. 2.2.3 S. 354 f.). Diese sind nach richtiger Auffassung der Vorinstanz im Falle des Beschwerdef�hrers nicht hinreichend erheblich erf�llt. Anhand der Akten ist keine chronische k�rperliche Begleiterkrankung ausgewiesen (vgl. E. 3 hievor), wobei die Symptomatik, welche das Schmerzsyndrom aufrecht erh�lt, ausser Acht bleibt (erw�hntes Urteil 9C_709/2009 E. 4.1.4). Dem Tinnitus kommt weder nach dem Privatgutachten des Y._________ vom 7. August 2009 noch der Expertise des Zentrums X.________ vom 21. Dezember 2006 eine wesentliche Bedeutung zu, weshalb auch unter diesem Aspekt ein relevantes chronisches k�rperliches Leiden fehlt. Sodann verneinte das vorinstanzliche Gericht mit Recht einen sozialen R�ckzug. Zwar mag eine gewisse Zur�ckgezogenheit eingetreten sein; hingegen erlauben die Akten nicht den Schluss auf einen R�ckzug in allen Belangen des Lebens, unternimmt er doch Spazierg�nge und f�hrt er Auto. Vor dem Hintergrund der sowohl von den Experten des Y._________ als auch jenen des Zentrums X.________ f�r weiterhin behandelbar erachteten Beschwerden ist zudem ein therapeutisch nicht mehr angehbarer innerseelischer Verlauf einer an sich missgl�ckten, psychisch aber entlastenden Konfliktbew�ltigung zu verneinen (Urteil 9C_662/2009 vom 17. August 2010 E. 3.2.2). Eine konsequent durchgef�hrte Therapie - als weiteres Kriterium - ist deshalb nicht feststellbar, weil Frau Dr. med. L.________ namentlich die Umstellung der medikament�sen Behandlung anregt: Ihrer Ansicht nach vermag die bisherige Medikation die Schmerzen ohne organisches Korrelat nicht zu lindern. Die Gutachter des Zentrums X.________ weisen im Weiteren darauf hin, dass die - nicht in allen Teilen ad�quate - psychiatrische Behandlung die Konzentration des Beschwerdef�hrers auf die Schmerzen zur Folge gehabt habe. Beispielsweise geht gem�ss Gutachten die behandelnde Frau Dr. med. A.________, Fach�rztin f�r Psychiatrie und Psychotherapie, nach wie vor von der seit l�ngerem nicht mehr aufrecht zu erhaltenden Diagnose einer posttraumatischen Belastungsst�rung aus. Selbst ohne Ber�cksichtigung der u.a. im neuropsychologischen Teilgutachten vom 21. Oktober 2008 der Universit�t C.________, Psychologisches Institut, erkannten unzureichenden Leistungsmotivation kann von einer konsequent durchgef�hrten Behandlung nicht gesprochen werden. Im �brigen sprechen die von den neuropsychologischen Sachverst�ndigen in der Testung erhobenen durchg�ngig massiv auff�lligen Werte klar gegen einer invalidisierende psychogene gesundheitliche Beeintr�chtigung (BGE 131 V 49). Insgesamt verneinte die Vorinstanz zu Recht die invalidisierende Wirkung der somatoformen Schmerzst�rung, was - wie gezeigt - auch im Lichte des Parteigutachtens des Y._________ vom 7. August 2009 stand h�lt. Aus diesem Grund dringt die R�ge nicht durch, die Verwaltung habe gegen Treu und Glauben verstossen, weil sie die leistungsabweisende Verf�gung vom 24. Dezember 2008 erliess, ohne den Eingang der Parteiexpertise abzuwarten.
Das kantonale Gericht hat ferner ausgehend von der Zumutbarkeitseinsch�tzung der RAD-�rztin, Frau Dr. med. G._______, wonach eine leichte wechselbelastende T�tigkeit uneingeschr�nkt zumutbar sei, einen Einkommensvergleich durchgef�hrt und einen Invalidit�tsgrad von 13 % ermittelt (Art. 28a Abs. 1 IVG und Art. 16 ATSG). Wie dieses Vorgehen unter dem Gesichtswinkel der nicht invalidisierenden somatoformen Schmerzst�rung ohne anderweitige Befunde mit Einfluss auf die Leistungsf�higkeit rechtlich zu bewerten ist, kann dahingestellt bleiben; so oder anders besteht kein Rentenanspruch. Es bedarf damit nicht der Auseinandersetzung mit dem Beweiswert des RAD-Untersuchungsberichtes der Frau Dr. med. G._______ vom 18. M�rz 2008 (vgl. hiezu Urteil 9C_323/2009 vom 14. Juli 2009 E. 4.3 mit Hinweisen, in: SVR 2009 IV Nr. 56 S. 174).