Source: http://swissblawg.ch/2017/10/4a_2402016-zulaessigkeit-des-pactum-de-palmario-amtl-publ.html
Timestamp: 2017-10-20 10:47:37
Document Index: 259247218

Matched Legal Cases: ['BGer', 'Art. 20', 'BGer', 'Art. 19', 'Art. 12', 'Art. 12', 'Art. 12', 'Art. 12', 'Art. 12', 'Art. 27', 'Art. 36', 'Art. 12']

4A_240/2016: Zulässigkeit des pactum de palmario (amtl. Publ.) - swissblawg
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Martin Rauber	• 5. Oktober 2017
Das Bun­des­ge­richt stell­te klar, dass ein pac­tum de palma­rio, d.h. eine Ver­ein­ba­rung, mit wel­cher das einem Anwalt in jedem Fall geschul­de­te Hono­rar bei erfolg­rei­cher Man­dats­füh­rung erhöht wird, grund­sätz­lich zuläs­sig ist, sofern fol­gen­de Gren­zen ein­ge­hal­ten wer­den:
Das Ver­bot des (rei­nen) Erfolgs­ho­no­rars dür­fe nicht mit einer gering­fü­gi­gen erfolgs­un­ab­hän­gi­gen Ent­schä­di­gung unter­lau­fen wer­den; der Rechts­an­walt müs­se unab­hän­gig vom Ver­fah­rens­aus­gang ein Hono­rar erzie­len, wel­ches nicht nur sei­ne Selbst­ko­sten decke, son­dern ihm auch einen ange­mes­se­nen Gewinn ermög­li­che (mit Ver­weis auf BGer 2A.98/2006, E. 2.2);
Das vom Erfolg abhän­gi­ge Hono­rar dür­fe im Ver­hält­nis zum in jedem Fall geschul­de­ten Hono­rar nicht so hoch sein, dass die Unab­hän­gig­keit des Anwalts beein­träch­tigt sei und die Gefahr einer Über­vor­tei­lung bestehe. Auf die Fest­le­gung einer fixen Ober­gren­ze ver­zich­tet das Bun­des­ge­richt. Klar über­schrit­ten sei die Gren­ze jeden­falls, falls das erfolgs­ab­hän­gi­ge Hono­rar höher sei als das erfolgs­un­ab­hän­gi­ge;
Für den Abschluss des pac­tum de palma­rio bestehe eine zeit­li­che Gren­ze: Es dür­fe nur zu Beginn des Man­dats­ver­hält­nis­ses oder nach Been­di­gung des Rechts­streits abge­schlos­sen wer­den, nicht aber wäh­rend des lau­fen­den Man­dats.
Dem Ver­fah­ren lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de: Der Beschwer­de­füh­rer (Kli­ent) hat­te am 20. Mai 2008 den Beschwer­de­geg­ner (Rechts­an­walt) mit der Wah­rung sei­ner Inter­es­sen betraut. Am 18. Juni 2009 schlos­sen die Par­tei­en einen schrift­li­chen Man­dats­ver­trag, wor­in sie einen Stun­den­an­satz von CHF 700 und eine Erfolgs­be­tei­li­gung des Rechts­an­walts von 6 % ver­ein­bar­ten. Nach Abschluss des Man­dats stell­te der Beschwer­de­geg­ner eine Rech­nung über CHF 1’054’053.90 (Stun­den­ho­no­rar CHF 585’116.40 und Erfolgs­ho­no­rar CHF 468’937.50). Der Beschwer­de­füh­rer bezahl­te die Rech­nung im Umfang von CHF 560’000, wor­auf­hin der Rechts­an­walt den Rest­be­trag gericht­lich ein­for­der­te.
Das Bezirks­ge­richt Zürich wies die Kla­ge ab, ins­be­son­de­re weil es die Hono­rar­ver­ein­ba­rung als sit­ten­wid­rig i.S.v. Art. 20 OR qua­li­fi­zier­te. Das Ober­ge­richt erach­te­te dem­ge­gen­über die Hono­rar­ver­ein­ba­rung als gül­tig und sprach dem Rechts­an­walt — nach Vor­nah­me diver­ser Kür­zun­gen — noch ein Betrag von CHF 294’127.40 zu.
Das Bun­des­ge­richt hies die Beschwer­de des Kli­en­ten gut und wies die Kla­ge des Rechts­an­walts ab. Es ver­wies ein­lei­tend auf die Pra­xis vor und nach Inkraft­tre­ten des BGFA, gemäss wel­cher das pac­tum de quo­ta litis, wonach das gesam­te Hono­rar eines Anwalts in einem Anteil am all­fäl­li­gen Pro­zess­ge­winn besteht, ver­bo­ten ist, und die Zuläs­sig­keit des pac­tum de palma­rio unter­schied­lich beur­teilt wur­de (E. 2.5). Es ver­wies sodann auf die herr­schen­de Leh­re, die das pac­tum de palma­rio unter Ver­weis auf BGer 2A.98/2006, E. 2.2, als zuläs­sig erach­tet, sofern der Anwalt unab­hän­gig vom Ver­fah­rens­aus­gang ein Hono­rar erhält, wel­ches nicht nur sei­ne Selbst­ko­sten deckt, son­dern ihm auch einen ange­mes­sen Gewinn ermög­licht (E. 2.6.1). Auch gemäss Art. 19 der Stan­des­re­geln des Schwei­ze­ri­schen Anwalts­ver­bands ist das pac­tum de quo­ta litis unzu­läs­sig, ein pac­tum de palma­rio jedoch erlaubt (E. 2.6.2). Inter­na­tio­nal bestehe sodann die Ten­denz zur Zuläs­sig­keit von Erfolgs­ho­no­ra­ren (E. 2.6.3 mit Ver­weis auf Deutsch­land, Frank­reich, Ita­li­en und Öster­reich).
Mass­ge­bend ist die Aus­le­gung von Art. 12 lit. e BGFA und dabei die Fra­ge, ob die Pas­sa­ge “als Ersatz für das Hono­rar” den voll­stän­di­gen Ersatz des Hono­rars durch eine Betei­li­gung am Pro­zess­ge­winn ver­bie­tet oder jede Betei­li­gung am Pro­zess­ge­winn uner­laubt ist:
Das Bun­des­ge­richt kam, nach­dem es die drei Sprach­fas­sun­gen ver­glich, zum Schluss, dass die Aus­le­gung des Wort­lauts der Bestim­mung für die Zuläs­sig­keit eines pac­tum de palma­rio spre­che. Zwar wei­se die fran­zö­si­sche Fas­sung von Art. 12 lit. e BGFA dar­auf hin, dass jede Ver­ein­ba­rung, wel­che das Hono­rar vom Ergeb­nis der anwalt­li­chen Bemü­hun­gen abhän­gig mache, und damit auch ein pac­tum de palma­rio, unzu­läs­sig sei. Aller­dings sei eine sol­che Aus­le­gung nicht mass­ge­bend (E. 2.7.1–2.7.2).
Die Mate­ria­li­en zu Art. 12 lit. e BGFA wür­den, so das Bun­des­ge­richt wei­ter, die Fra­ge der Zuläs­sig­keit des pac­tum de palma­rio nicht beant­wor­ten. In der Bot­schaft wer­de das pac­tum de palma­rio, anders als das pac­tum de quo­ta litis, nicht erwähnt. Sodann sei das pac­tum de palma­rio vor Inkraft­tre­ten des BGFA zwar in den mei­sten Kan­to­nen ver­bo­ten, in ande­ren aber unter gewis­sen Bedin­gun­gen zuläs­sig gewe­sen (E. 2.7.3).
Hin­sicht­lich des Zwecks von Art. 12 lit. e BGFA rief das Bun­des­ge­richt in Erin­ne­rung, dass ein Ver­bot von Erfolgs­ho­no­ra­ren im All­ge­mei­nen die Ver­mei­dung der Gefahr bezwecke, dass der Recht­su­chen­de durch sei­nen Anwalt, der die Pro­zess­aus­sich­ten bes­ser beur­tei­len kön­ne als er, über­vor­teilt wer­de. Zudem sol­le ein sol­ches Ver­bot ver­hin­dern, dass der Rechts­an­walt sei­ne Unab­hän­gig­keit ver­lie­re, weil er wegen der Erfolgs­ab­re­de am Pro­zess­ergeb­nis per­sön­lich inter­es­siert sei. Ein Ver­bot des pac­tum de palma­rio sei, so die Schluss­fol­ge­rung des Bun­des­ge­richts, nicht erfor­der­lich, wohl aber das Set­zen gewis­ser Schran­ken (E. 2.7.4). Damit wer­de der Zweck von Art. 12 lit. e BGFA und ins­be­son­de­re die Wah­rung der Unab­hän­gig­keit des Anwalts sicher­ge­stellt sowie der Gefahr der Über­vor­tei­lung ent­geg­net. Dies auch vor dem Hin­ter­grund, dass eine Beschrän­kung oder ein Ver­bot von Erfolgs­ho­no­ra­ren in die Wirt­schafts­frei­heit (Art. 27 BV) des Anwalts ein­grei­fe und des­halb den Anfor­de­run­gen von Art. 36 BV genü­gen, ins­be­son­de­re ver­hält­nis­mä­ssig sein müs­se (E. 2.7.5).
Im vor­lie­gen­den Fall erach­te­te das Bun­des­ge­richt die letz­te der ein­lei­tend genann­ten Vor­aus­set­zun­gen als nicht gege­ben: Die Par­tei­en hät­ten erst am 18. Juni 2009 und damit erst rund ein Jahr nach Man­dats­über­nah­me (20. Mai 2008) eine Erfolgs­be­tei­li­gung ver­ein­bart. Der Abschluss des pac­tum de palma­rio wäh­rend des lau­fen­den Man­dats ver­let­ze des­halb Art. 12 lit. e BGFA und die Ver­ein­ba­rung des Erfolgs­ho­no­rars sei somit nich­tig (E. 2.7.6; E. 2.8).