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Timestamp: 2020-01-23 22:25:20
Document Index: 387990329

Matched Legal Cases: ['§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41', '§ 41']

Nüsken, Prof.Dr. D.: Bildung in den Hilfen zur Erziehung? | HEZ - die Heim und ErzieherInnen Zeitschrift
2011 3»
17.Jun2011
Zur Wahrnehmung von Bildungsprozessen durch Nutzerinnen und Nutzer der Hilfen für junge Volljährige
„Bildung ist der umfassende Prozess der Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, zu lernen, Leistungspotenziale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten. Junge Menschen in diesem Sinne zu bilden, ist nicht allein Aufgabe der Schule.“ Diese Auslegung des Bildungsbegriffs wurde zur aktuellen bildungspolitischen Bildungsdebatte in den Leipziger Thesen (Bundesjugendkuratorium/Sachverständigenkommission 2002, S. 1) definiert. Die Position dieser These schließt eine lebensweltbezogene Aneignung von Bildung ein, die nicht ausschließlich durch formale Bildung in der Schule erlangt werden kann.
In Konsequenz dieses erweiterten Bildungsverständnisses sind die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe nicht einfach flankierendes Angebot, welches durch Schule funktionalisiert werden kann (Münchmeier, 2003, S. 94), sondern versehen mit einem eigenen Bildungsauftrag. Bei den traditionell “bildungsnahen” (ebd.) Arbeitsfeldern der Jugendhilfe wie etwa den Kindertagesstätten oder der Jugendbildungsarbeit fällt es vergleichsweise leicht einem Bildungsauftrag nachzuspüren, wie lässt sich jedoch die „Bildungshaltigkeit“ (Bundesjugendkuratorium 2002, S. 170) der Hilfen zur Erziehung fassen und wie lassen sich Bildungsprozesse in den Hilfen zur Erziehung aufzeigen? Diesen Fragen geht die vorliegende Zusammenfassung am Beispiel der Hilfen für junge Volljährige gemäß § 41 SGB VIII nach. Eine ausführlichere Darstellung findet sich bei Nüsken im Band „Heimerziehung und Bildung“ (IGfH-Eigenverlag, 2009).
Dass rechtliche Zäsuren oder Mündigkeitsstufen wie etwa Volljährigkeit oder Geschäftsfähigkeit mittlerweile lebensaltersspezifisch erreicht werden, lange bevor die Jugendphase abgeschlossen ist und dass dementsprechend jugendspezifische Problemlagen auch bei jungen Volljährigen auftreten, war nach Mrozynski (1996, S. 160) und Will (2001, S. 684) für den Gesetzgeber Entstehungsanlass der Regelungen des § 41 SGB VIII. Mit Einführung des § 41 SGB VIII zielte der Gesetzgeber darauf ab, die Hilfen für junge Volljährige wesentlich zu verbessern. Jugendspezifische Problemlagen bei jungen Erwachsenen sollten durch das auf diese Problemlagen spezialisierte Hilfesystem der Jugendhilfe bearbeitet werden. Wie in anderen Erziehungshilfen auch, werden durch Hilfen für junge Volljährige junge Menschen erreicht, deren Lebenskompetenz – aus welchen Gründen auch immer – beeinträchtigt und deren Zugang zu Bildungsgelegenheiten erschwert oder verstellt ist (Münchmeier, 2003, S. 95). Bildungsleistungen der Hilfen für junge Volljährige bestehen somit zum einen darin, es jungen Volljährigen zu ermöglichen an Bildungsprozessen (wieder) teilzunehmen. Hinsichtlich der Teilnahme an formellen Bildungsangeboten wie der Schule oder einer Berufsausbildung ist dies leicht nachvollziehbar. Hilfen für junge Volljährige zielen jedoch darauf ab, jungen Menschen Hilfe für die Persönlichkeitsentwicklung und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung zu leisten (§ 41 SGB VIII, Abs. 1). Die Bildungsleistung der Jugendhilfe besteht deshalb insbesondere darin, dass sie gemeinsam mit den jungen Erwachsenen deren Strategien der Lebensführung und Lebensbewältigung reflektiert und nach neuen Ansatzpunkten für einen „gelingenden Alltag“ oder anders formuliert zur „Lebensbewältigung“ (vgl. Böhnisch u.a. 2005) sucht. Dies stellt einen Bildungsprozess eigener Art dar (vgl. Münchmeier 2003), der jedoch viel schwieriger aufzuzeigen ist. Im Unterschied zur Schule, in der ein Schüler nicht in seiner ganzen Persönlichkeit beurteilt wird, sondern als Lernender, der Englisch, Mathematik und Geschichte besser oder schlechter beherrscht, umfasst der Bildungsbegriff der HzE hier die ganze Persönlichkeit und orientiert sich nicht an universalistischen Maßstäben, sondern forciert die Vermittlung von Lebensmustern und Lebenskompetenzen als soziale Praxis, die heute offensichtlich notwendiger denn je sind (vgl. Otto, 2003). Daraus ergibt sich die Fragestellung, wie sich solche Lebenskompetenzen zur Lebensbewältigung beschreiben lassen, welche sich junge Volljährige im Rahmen eines Bildungsprozesses der Jugendhilfe aneignen? Vor dem Hintergrund der Regelungen des § 41 SGB VIII und den Zielstellungen der Persönlichkeitsentwicklung und der eigenverantwortlichen Lebensführung verweist Leitner (2007) darauf, dass die Selbstständigkeit junger Menschen eine grundlegende Voraussetzung für eine eigenständige und eigenverantwortliche Lebensführung im Erwachsenenalter ist. In Abgrenzung zum lebensbiografischen Abschnitt der Kindheit und Jugend der durch Abhängigkeit geprägt ist, führt er ein Konzept der Verselbständigung durch Unabhängigkeit aus. Die Verselbständigung der jungen Volljährigen erhält dabei eine soziale, eine ökonomische und eine emotionale Dimension:
In der Kompetenz zu einer eigenverantwortlichen und eigenständigen Alltagsgestaltung sieht Leitner dabei die soziale Dimension. Ein eigener Einkommenserwerb stellt die ökonomische und die eigenverantwortliche und eigenständige Gestaltung von Beziehungen einschließlich eines ebensolchen Umgangs mit sich selbst die emotionale Dimension dar.
Dem skizzierten konzeptionellen Ansatz durchaus vergleichbar, werden Hilfen für junge Volljährige in der Praxis überwiegend mit Zielen aus den Komplexen Schule, Beruf (vgl. ökonomische Dimension), Selbstständigkeit (vgl. soziale Dimension) und mit psychisch determinierten Zielen (vgl. emotionale Dimension) konkretisiert (vgl. Nüsken 2008). Auch wenn die genannten Dimensionen sicher nicht in jedem Fall genügend Trennschärfe gewährleisten, so lassen sie sich doch als Folie nutzen, um danach zu fragen in wie weit es gelingt, dass sich junge Volljährige solche Lebenskompetenzen im Rahmen eines Bildungsprozesses der Jugendhilfe aneignen können. Will man Bildungsprozesse der Jugendhilfe deutlich machen werden aufgrund der zahlreichen Herausforderungen der Erfolgsmessung erzieherischer Hilfen (vgl. Nüsken, 2006) und des Diktums des „strukturellen Technologiedefizits“ der Pädagogik[4], nicht nur klinische Modelle kausal-linearer Ziel-Mittel-Relation unzulässig, sondern es wird aufgrund der zumindest ko-produktiven Mitwirkung derjenigen, die Hilfen in Anspruch nehmen, erforderlich, sich den Adressaten, den Nutzern zuzuwenden (vgl. Oelerich/Schaarschuch 2005, S. 80). „Die Frage lautet dann, was die Nutzerinnen und Nutzer an den sozialen Dienstleitungen aus ihrer Perspektive als nutzbringend im Zusammenhang mit den sich ihnen stellenden Aufgaben der Lebensführung betrachten“ (ebd). In dieser der neueren Dienstleistungstheorie folgenden Perspektive bestimmen sich gelingende Bildungsprozesse erzieherischer Hilfen als die Gebrauchswerthaltigkeit professioneller Hilfe im Hinblick auf die Aneignungsprozesse und die Nachhaltige Auseinandersetzung der Nutzer mit den Anforderungen, die sich aus den sich ihnen stellenden Aufgaben der Lebensführung ergeben (vgl. ebd. S. 81).
Diese theoretischen Grundlagen führen dazu im Rahmen dieses Beitrages folgenden Fragestellungen nachzugehen:
·Welche Bildungsprozesse (Kompetenzaneignungen) bringen junge Volljährige retrospektiv mit der Zeit in den Hilfen für junge Volljährige in Verbindung?
·Welchen Beitrag daran schreiben sie der Jugendhilfe zu?
Die Datengrundlage für eine Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung bildeten 21 problemzentrierte Interviews nach Witzel (1996, 2000), die im Rahmen der 18plus-Studie (Nüsken 2006) mit ehemaligen Nutzerinnen und Nutzern von Hilfen für junge Volljährige geführt wurden. Die qualitative Befragung wurde im Abstand von mindestens 12 Monaten nach Beendigung der HzE durchgeführt. Die Kontaktaufnahme zu den jungen Erwachsenen erfolgte mit Hilfe acht unterschiedlicher Träger der Hilfen für junge Volljährige.
Durchführung und Auswertungsmethode
Die Auswertung der 21 Interviews erfolgte durch eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (1995, 2000).
Interviewauswertung junge Volljährige
Die Auswertung und der inhaltliche Schwerpunkt der qualitativen Befragung wurden in folgende drei Kategorien unterteilt:
·Eigenständige Alltagsgestaltung
·Beziehungsgestaltung
·Formelle Bildung und ökonomische Verselbstständigung
Kategorien zur Dimension eigenständige Alltagsgestaltung
„Reflektierte Selbständigkeit“
In nahezu allen Ausführungen der jungen Erwachsenen wurde eine höhere Selbstständigkeit im Anschluss an die erfahrene Hilfe für junge Volljährige festgestellt. Die Kategorie wurde im Zuge dieser Untersuchung wie folgt definiert:
Benennung: Reflektierte Selbständigkeit
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) Selbständigkeit ausdrücklich thematisieren und damit reflektieren. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn die IP davon berichten etwas zu tun oder zu lassen und dies ausdrücklich in Zusammenhang mit ihrer persönlichen Entwicklung bringen.
Ankerbeispiel: „Bei ´nem Amt lass ich mich heute nicht mehr abwimmeln, ich mach mich vorher schlau und sag denen dann was ich will, da bin ich einfach erwachsener geworden.“
17 interviewte junge Erwachsene bringen diese Selbständigkeit ursächlich mit Leistungen der Jugendhilfe in Verbindung (50 der insgesamt 71 Codierungen).
Florian beispielsweise wurde schon zu Beginn der HzE mit neuen Anforderungen und Herausforderungen im Bezug auf seine Selbstständigkeit konfrontiert: „Ich kann als 18 jähriger nicht alles alleine machen. Das geht einfach nicht. So selbständig – weiß ich nicht – bin ich nicht großgeworden. Ich bin dahin gekommen und da fing meine Selbständigkeit an. Ich musste gucken, dass ich das selbst gebacken kriege. Aber mit 18 ging das noch nicht. Ich frag ja heute noch manchmal nach, wie ich etwas machen muss“.
Ähnlich erging es David, für den die Hilfe für junge Volljährige die erste Leistung der Jugendhilfe war: „Wenn ich völlig neu als Jugendlicher in diese Stadt komme, nie mit irgendwelchen Ämtern was zu tun hatte, weil das meine Eltern geregelt haben, dann stehe ich erst mal wie ein Ochs vorm Berg. Du hast da tausend Sachen zu erledigen. Weil ich vielleicht ein bisschen schludrig bin habe ich die Sachen dann aufgeschoben bis zum letzten Punkt und hier haben wir das dann abgearbeitet und dann lief es eigentlich auch immer besser“.
Einige junge Erwachsene reflektieren im Zusammenhang mit dem Thema Selbständigkeit auch, was aus ihnen geworden wäre, wenn sie keine Hilfe für junge Volljährige bekommen hätten: „Die haben Schritt für Schritt – immer mit dir – in die Selbständigkeit reingearbeitet, das hat viel gebracht, weil wenn die mich ohne irgendetwas in die eigene Wohnung gesetzt hätten, dass wär’ schiefgegangen. […] Ich hätte das alles nicht allein hingekriegt, wenn ich ehrlich bin, Schule, Ausbildung und viele Sachen um die Ohren. Ich war zu der Zeit noch nicht soweit, ich hatte noch nicht so einen festen Stand.“ (John)
Einige junge Erwachsene thematisieren Veränderungen ihrer Wohnsituation bzw. ihres Wohnempfindens (30 der insgesamt 38 Codierungen) und weisen auf Zusammenhänge mit Leistungen der Jugendhilfe hin.
Benennung: Wohnen
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) das ihre Wohnsituation thematisieren. Dazu zählen insbesondere die Wohnungssuche, die Wohnungseinrichtung, Umzüge, Kontakte zu Vermietern und Nachbarn, aber auch das wohnen i.S.v. “ein Zuhause haben” (Dwelling), sich eine Wohnung aneignen.
Ankerbeispiel: „Ja, ich bin nach oben gezogen, also bin nach oben ins Appartement gegangen, ja und habe dann da ein Jahr, 18, 17 ½, ein Jahr, 1 ½ Jahre gut, war ich dann oben im Appartement. Bei mir hat sich das ein bisschen hingezogen, weil da hatte ich etwas Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, sonst wäre ich schon eher aus dem Heim ausgezogen. Ja, und dann bin ich vom Appartement direkt in eine eigene Wohnung und da zusammen mit Theo der hat mich da dann damals betreut.“
Die Schilderungen der jungen Erwachsenen zum Thema Wohnen beim retrospektiven Blick auf ihre Zeit in den Hilfen gemäß § 41 SGB VIII beziehen sich im Wesentlichen auf drei Aspekte: Zum einen berichten die jungen Volljährigen von der Vorbereitung und Realisierung von Wohnungswechseln (Wohnungssuche, Umzug, Wohnungsverlust etc.), zum anderen thematisieren sie Wohnqualität (Beurteilung der Wohnung) und ihr Wohnempfinden (Erfahrungen der Einsamkeit, Aneignungsprozesse u.ä.).
Ihren nicht ganz freiwilligen Wohnungswechsel thematisiert z.B. Annika: “Was heißt jetzt ausgezogen, rausgeflogen. I: Du bist rausgeflogen? A: Ja. I: Was hast Du angestellt?
A: Zuviel. Nicht mitgearbeitet, Schule geschwänzt und Schlägereien mit Erziehern. I:
Wohnungswechsel zu Beginn bzw. im Verlauf von Hilfen für junge Volljährige geschehen aber auch konfliktfreier und geplanter wie Volker berichtet: „Ja, ich bin nach oben gezogen, also bin nach oben ins Appartement gegangen, ja und habe dann da ein Jahr, 18, 17 ½, ein Jahr, 1 ½ Jahre gut, war ich dann oben im Appartement. Bei mir hat sich das ein bisschen hingezogen, weil da hatte ich etwas Schwierigkeiten, eine Wohnung zu finden, sonst wäre ich schon eher aus dem Heim ausgezogen. Ja, und dann bin ich vom Appartement direkt in eine eigene Wohnung und da zusammen mit Theo, der hat mich da dann damals betreut.” (Volker)
Veränderungen der Wohnqualität schildert Florian: „Ja, vorher war hier noch Teppich drin und alles total versifft, aber ich kam hier rein, es wurde alles neu gemacht. Sogar unsere Schreinerei hat hier den Boden verlegt. I: Und wie lange willst Du hier noch wohnen bleiben? F: Solange wie möglich. Es ist eine superschöne Wohnung.“ Florians Wunsch, so lange wie möglich in seiner Wohnung bleiben zu wollen, weist bereits auf Aneignungsprozesse hin, die in den Codings zum Thema Wohnen häufig zu finden sind.
Insbesondere die eigene Schlüsselgewalt (Daniela), „meine eigenen vier Wände“ (Martin, Vera) und die freie Entscheidung über Art und Zeit der Verpflegung (Susanne) werden von den interviewten jungen Erwachsenen als positive Veränderungen mit der eigenen Wohnung oder dem Appartement in Verbindung gebracht. Als belastend erleben die jungen Volljährigen dagegen Momente des Alleinseins in der eigenen Wohnung, in denen sie sich zumindest anfangs einsam fühlen: „Ja, das Alleine sein. Man genießt es irgendwo. Minuten oder stündlich ist das schön, alleine zu sein und dann auf einmal so, mir fehlt was. Da war das eigentlich so gerade der Anfang. Da war das auch schon so gedacht, dass ich in kurzen Abständen immer, ich weiß gar nicht, ob das erst täglich war oder alle zwei Tage, dass der Betreuer eben auch kam.” (Evelyn)
Kategorien zur Dimension Beziehungsgestaltung
Kategorie „Selbstwertgefühl“
Veränderungen ihres Selbstwertgefühls thematisieren 15 der interviewten jungen Erwachsenen. Von den 27 Codierungen weist knapp die Hälfte auf Veränderungsprozesse im Zusammenhang mit Leistungen der Jugendhilfe hin.
Benennung: Selbstwertgefühl
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) eine Bewertung von sich selbst (ihrem Charakter, ihren Fähigkeiten) vornehmen. In positiver Hinsicht ist dies immer dann der Fall, wenn ein Selbstvertrauen (Vertrauen auf das eigene Können, die eigenen Erfahrungen und die Wertschätzung durch andere) erkennbar wird.
Ankerbeispiel: “I: Das war toll. So ungefähr wie hier. So ein ganz großer Schrank, aber ganz toll poliert. Klasse gemacht, wirklich. War gut. Und Du machst ein Stehpult, das ist auch schön. Aber Du bist sicher, dass Du es schaffen kannst?
A: Ja, doch, bin ich.”
Die jungen Erwachsenen nehmen Veränderungen ihres Selbstwertgefühls insbesondere im Rahmen von Reifungsprozessen und anhand der gestärkten Fähigkeit zur Wahrnehmung eigener Interessen wahr. Neben den im Kontext der Jugendhilfe herausgebildeten Verbesserungen des Selbstgefühls weisen eine Reihe von jungen Erwachsenen aber auch darauf hin, wie wichtig ihr (bereits zuvor vorhandenes) Selbstwertgefühl und ihr ernsthafter Wille war, damit es zu bestimmten Entwicklungen kommen konnte. “Ich war eher eingeschüchtert und so was, und das hat auch das Jugendamt immer festgestellt bei jedem Jugendamtsgespräch, dass man offener wurde, dass man viel mehr erzählt und nicht alles aus der Nase gezogen kriegte. Ja und das wurde immer aufgebaut” (John).
“Also, da habe ich mir meine Ziele gesetzt, und zwar meine persönlichen, weil da war ich dann schon ziemlich starrköpfig, sage ich mal. Und das war für mich eigentlich das vorrangigste Ziel, dass ich erst einmal einen vernünftigen Schulabschluss mache. Und das habe ich dann auch durchgezogen. […] Weil ich habe immer ganz klar gemacht, was ich will. Und ich habe mir da nicht irgendwelche Ziele aufdrücken lassen.” (Volker)
Kategorie „Beziehung zu Bezugspersonen der Jugendhilfe“
Eine große Bedeutung spielen in der retrospektiven Betrachtung der jungen Erwachsenen die Beziehungen zu ihren Betreuerinnen und Betreuern. 20 der 21 interviewten jungen Menschen thematisieren diese wie folgt definierten Beziehungen.
Benennung: Beziehung zu Bezugspersonen der Jugendhilfe
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) von Beziehungen zu Bezugspersonen der Jugendhilfe (Bezugserzieher, Betreuer, Fachkraft des Jugendamtes etc.) berichten. Dazu gehören sowohl der Aufbau, wie auch die Pflege (Kontakthäufigkeit, Art, Empfundene Qualität) und mögliche Krisensituationen dieser Beziehungen.
Ankerbeispiel: “Ja, da ich einen sehr guten Kontakt zu Thorsten habe und der ist auch nie abgerissen und er betreut mich eigentlich fast immer noch. Also alle meine Ämtersachen, die ich zu erledigen habe, Telefonate, Briefwechsel usw., weil ich ja auch mich in der Zeit, in der ich eben in der Jugendhilfe war oder auch danach, auch hoch verschuldet habe. So waren dann immer viele Sachen, wo ich mich mit Ämtern usw. auseinandersetzen muss und dabei hilft er mir. Und ich meine, es hat sich auch zu einer echten Freundschaft entwickelt. Das ist nicht nur so eine Beziehung zwischen Jugendhilfeempfänger und Betreuer. Wir essen dann auch Weihnachten zusammen und so.”
Der Aufbau und die Pflege dieser Beziehung wird in fast allen (81 von 87) Codierungen in Verbindung mit Leistungen der Jugendhilfe gebracht. Die jeweiligen Bezugspersonen sind mitunter der einzige verlässliche Ansprechpartner der jungen Volljährigen und eine wichtige Orientierungshilfe, die als prägend auch über die Zeit der Jugendhilfe hinaus empfunden wird. „Die wichtigsten Menschen in meinem Leben bisher waren mein Papa und der Erzieher von der Wohngruppe. Das waren die wichtigsten Menschen bis jetzt in meinem Leben. Mit dem Erzieher hab’ ich auch noch heute sehr engen Kontakt, dann hier mit dem Erzieher, mit dem Herrn Winter auch noch. Das sind schon Sachen, das prägt einen, wenn man dann über einen längeren Zeitraum mit denen zu tun hatte. Die möchte ich aber auch nicht mehr missen, in meinem Leben, weil ich weiß, wenn ich heute noch Probleme hätte, ich könnte ihn anrufen. Und der wär’ für mich da, egal was wär.“ (Simon)
Die Biografien der interviewten jungen Erwachsenen sind zumeist von unzuverlässigen und brüchigen Beziehungen geprägt. Das verlässliche und vertrauensvolle Beziehungsangebot der Betreuerinnen und Betreuer in den Hilfen für junge Volljährige nimmt deshalb in der retrospektiven Bewertung der jungen Erwachsenen eine zentrale Rolle ein. Deutlich wird das an Interviewpassagen wie: „Ich hab ihn ja nicht als Betreuer gesehen oder irgendwie nur geduldet, nein ich hatte ihn unheimlich gern. Es war jemand, auf den ich mich verlassen konnte.“ (Evelyn)
Entsprechend enttäuscht schildern die jungen Erwachsenen Erlebnisse mit unzuverlässigen Bezugspersonen. „Wenn Doris das sehr ernst genommen hätte, hätte mir das auf jeden Fall geholfen. Aber sie hat es leider nicht ernst genommen. […] Die hat mich oft versetzt. Wenn die gesagt hat, die kommt, dann ist die gar nicht gekommen, hat auch nicht abgesagt, hat dann drei Wochen nichts von sich hören lassen. Dann ist sie mal wieder vorbeigekommen. Dann haben wir auch geredet, aber es war halt immer eine Enttäuschung.“ (Susanne)
Eine hohe Bedeutung messen die interviewten jungen Erwachsenen auch spürbaren Momenten der Exklusivität ihrer Beziehung zu den Betreuerinnen und Betreuern bei. „Diese Situation mit Thorsten ist glaube ich aber auch eine besondere, weil ich weiß nicht, ob jeder Mensch so auf mich eingegangen wäre. Er hat wohl irgendwas gesehen, was aus mir werden könnte.“ (David)
Des Weiteren wird in der Bewertung auch der Authentizität der Bezugspersonen und der Gewissheit, ihnen vertrauen zu können, eine große Bedeutung beigemessen: „Im Prinzip waren die Betreuer alle herzensgut, egal welchen man hatte. Das waren alles Menschen und die haben auch alle Gefühle zugelassen, da war nicht einer dabei, der nur eiskalt war.“ (Daniela)
Die wohl bedeutendste Funktion des Betreuers und der Betreuerin nimmt die Orientierungshilfe ein, die den jungen Volljährigen angeboten wird, indem sie beraten, konfrontieren und unterstützen. „Die Sigrid, das war meine Betreuerin. Und die hat mir das immer – wenn irgendetwas falsch war – erklärt, warum, oder warum sie meckert, oder weswegen. Ich finde es gut, einfach zu zeigen, was man falsch gemacht hat, dann hat man auch nicht so einen dicken Hals.“ (Florian)
Insgesamt werden die Betreuerinnen und Betreuer weniger als professionelle Helfer, denn als Freund, Kumpel und Elternersatz wahrgenommen.
„Er war einfach immer wie ein Kumpel. Also der war nie von oben herab. Er hat dich immer behandelt, als wenn er praktisch mit dir so befreundet ist. Er beleidigt einen öfter auch mal, aber der kriegt es dann auch zurück und keine Ahnung ne. Der ist wie ein guter Freund. Er hat sich eigentlich von Anfang an benommen, wie ein Freund.“ (David)
Kategorie „Kontakte zur Institution Jugendhilfe“
Ähnlich häufig wie die Beziehung zu den Betreuerinnen und Betreuern thematisieren die jungen Erwachsenen (19 von 21) Erfahrungen mit Institutionen der Jugendhilfe. Erwartungsgemäß werden diese fast ausnahmslos im Zusammenhang mit dem Agieren der Jugendhilfe gesehen (80 von 84).
Benennung: Kontakte zur Institution Jugendhilfe
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) von Kontakten zu Institutionen (nicht Personen) der Jugendhilfe berichten. Dazu gehören sowohl der Wideraufbau, wie auch die Pflege (Kontakthäufigkeit, Art, Empfundene Qualität) und mögliche Krisensituationen dieser Kontakte.
Ankerbeispiel: “Meine Mutter hat das Jugendamt informiert, und die haben mich in das X-Heim nach Y-Stadt gesteckt.“
In den Codierungen zu Veränderungen im Zusammenhang mit Institutionen der Jugendhilfe zeigt sich, dass hier, von wenigen Ausnahmen abgesehen zumeist das Jugendamt genannt wird. Während die Einrichtungen weniger als Institutionen denn als Person wahrgenommen werden, berichten die jungen Erwachsenen von ihren Erfahrungen mit dem Jugendamt indem sie die Institution benennen. Veränderungen im Zusammenhang mit der Institution Jugendamt nehmen die jungen Erwachsenen insbesondere durch die Sicherung ihres Lebensunterhaltes und die Finanzierung einer Wohnung wahr.
“Auch natürlich der finanzielle Aspekt war natürlich auch gegeben, weil ich noch zur Schule gegangen bin. Das war natürlich auch eine gute Sache, dass ich da unterstützt worden bin, weil sonst hätte man ja nichts gehabt.” (Sandra)
Erfahrungen mit der Institution Jugendamt haben die jungen Erwachsenen auch im Rahmen der Hilfeplanung, konkret durch Hilfeplangespräche gemacht. Die gesetzlichen Regelungen zur Hilfeplanung sehen insbesondere vor, dass die jungen Volljährigen vor der Entscheidung über eine Hilfe oder bei Änderung von Art und Umfang der Hilfe zu beraten sind, dass bei der Auswahl der Einrichtung den Wünschen der jungen Volljährigen zu entsprechen ist und dass sie an der Erstellung und regelmäßigen Fortschreibung des Hilfeplanes zu beteiligen sind. Veränderungen der Hilfeform bzw. der Ausgestaltung der Hilfe sind demnach unter Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer im Rahmen der Hilfeplanung zu dokumentieren und zu steuern. Die Erfahrungen der interviewten jungen Erwachsenen speziell mit Hilfeplangesprächen sind allerdings sehr unterschiedlich.
Einige junge Erwachsene berichten von der förderlichen Funktion dieser Gespräche, in denen sie sich als Mittelpunkt erlebten und in denen es um Ziele und Anforderungen ging. „Ich war die Hauptperson, es ging um mich und ich hab’ halt das geäußert, was Sache war, und die anderen genauso – meine Betreuer vom Jugendamt, […] Ja, die Leute hatten nicht viel zu beschweren, weil ich wusste einfach: die Regeln sind da, die Regeln müssen eingehalten werden.“ (Florian)
Für andere stellten Hilfeplangespräche lediglich eine Pflichtübung der Pädagogen dar, die sie relativ unbeteiligt über sich ergehen ließen. „Ich fand’s komisch, ich saß da irgendwie so eingeengt und hab mich gefragt, also o.k., was sagst Du jetzt? Die reden und entscheiden über deinen Kopf hinweg und du hast irgendwie gar nichts zu melden. Also, es war schon komisch, ich dachte toll, du bist jetzt hier und die erzählen und du verstehst nur die Hälfte. Und du weißt nicht wirklich, worum es geht, es war wirklich komisch.“ (Vera)
Andere junge Erwachsene berichten von ambivalenten Erfahrungen, da sie sowohl positive Aspekte wie die gemeinsame Entwicklung von Perspektiven, als auch ihre Enttäuschungen aufgrund des Formalcharakters der Hilfeplangespräche schildern. „Die Hilfeplangespräche waren immer ein bisschen schwierig, da mussten wir immer alles so ein bisschen drehen, wie man das dann richtig vertritt so, weil ich bin ja einer der kommt und geht immer so stur geradeaus. Ja, was wollen Sie denn jetzt machen? Ja, ich weiß es noch nicht, ja Schule. Ja wie, was? Was wollen Sie denn hinterher mal machen? Ja, ich weiß es doch nicht usw. Das war ziemlich schwierig dann, das alles so zu gestalten, weil, die wollten dann ja auch diese Perspektive sehen, wo will der Mann hin, damit wir ihm weiter Geld bezahlen sollen.“ (David)
Im Zuge der Erfahrungen mit der Institution Jugendamt thematisieren die jungen Erwachsenen auch die Beendigung ihrer Hilfe für junge Volljährige. Während für Volker das Ende der Hilfe gemäß § 41 SGB VIII mit dem Erreichen anvisierter Selbstständigkeit einher geht: “Ich brauchte eigentlich keine Jugendhilfe mehr, weil ich war soweit selbstständig, dass ich eigentlich alles allein auf die Reihe gekriegt habe”, erleben sich andere Interviewpartner als Objekte institutionellen Handelns. Die Entscheidung für die Beendigung der Hilfe zur Erziehung war für sie nicht nachvollziehbar. „Ich hätte es eigentlich gerne noch ein bisschen länger gehabt, weil ich ganz ehrlich, meine Betreuerin und die haben auch alle gesagt, sie hätten es auch gern noch ein bisschen länger gehabt. Aber das Jugendamt hat dann da keinen wirklichen Grund mehr gesehen, da großartig noch von der Zuständigen her. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die noch recht jung war und vielleicht noch nicht so lange beim Jugendamt war, und nicht so viel Ahnung von dem, was sie gemacht hatte. Auf jeden Fall hatte ich das Gefühl, auch so wie sie geredet hat, dass sie da nicht so wirklich viel Ahnung hat. Auf jeden Fall, dass man das nicht so gut nachvollziehen konnte.” (Hanna)
Deutlich nehmen einige junge Erwachsene auch den Kostenfaktor wahr, welcher im Zuge von Hilfen für junge Volljährige offensichtlich eine auch für sie spürbare Rolle spielt. “Man führt halt diese Gespräche mit Erziehern und so, weil zu dem Zeitpunkt das Jugendamt schon sehr stark darauf drängte, dass die Jugendlichen recht zügig aus der Hilfe ausscheiden und ihren eigenen Weg gehen. Das ist ja halt auch eine Kostenbelastung.” (Simon)
Zusatzleistungen des Jugendamtes wie etwa Nachhilfe oder therapeutische Hilfen werden von den jungen Erwachsenen ausdrücklich gewürdigt. Diese Würdigung geschieht auch in Kenntnis der Besonderheit solcher Leistungen, die lediglich von einigen Jugendämtern erbracht wurden. „Mein Zuständiger vom Jugendamt war sowieso super toll. Also, egal was ich jetzt für besondere Wünsche hatte oder wenn irgendwas geändert werden sollte, der hat, ja zum einen hat er alles genehmigt, hat das auch, wo andere Jugendämter öfter mal gesagt haben so ne und überhaupt gar nicht oder so, also das habe ich ganz oft bei den anderen mitgekriegt, dass die das überhaupt nicht bekommen haben oder dass die da überhaupt nicht eingesehen haben, dass die Unterstützung dann in den bestimmten Bereichen notwendig wäre, aber also hier beim Jugendamt fand ich das super toll, also die haben mir alles an Unterstützung, die ich haben wollte, habe ich alles gekriegt, egal ob das jetzt heilpädagogisches Reiten oder Voltigieren war, was ich gerne machen wollte, haben die genehmigt.“ (Hanna)
Kategorie „Beziehung zu Familie”
Die Hälfte der interviewten jungen Erwachsenen thematisieren Veränderungen der Beziehungen zu ihren Herkunftsfamilien und führen Gründe für eine Hilfe zur Erziehung aus. Von den insgesamt 31 Codierungen weisen 21 auf Zusammenhänge mit Leistungen der Jugendhilfe hin.
Benennung: Beziehung zu Familie
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) von Kontakten zu ihrer Herkunftsfamilie (Eltern und Geschwister) berichten. Dazu gehören sowohl der Wideraufbau, wie auch die Pflege (Kontakthäufigkeit, Art, Empfundene Qualität) und mögliche Krisensituationen dieser Beziehungen.
Ankerbeispiel: “Ja, ich bin vom Internat geflogen aus einem Grund, den ich hier jetzt nicht unbedingt nennen möchte. Habe dann erst bei einem Freund gewohnt, weil meine Mutter mir praktisch die Tür vor der Nase zugeknallt hat. “So, jetzt sieh zu, wo Du hingehst!” Und hinterher ist sie da auch wieder umgefallen.”
Vor der Inanspruchnahme der Hilfen zu Erziehung wurden die jungen Volljährigen mit Gewalterfahrungen, Aggressivität, Vernachlässigung und sexueller Belästigungen im Zusammenhang mit ihren Herkunftsfamilien konfrontiert. Trotz der oftmals konfliktbeladenen Familiensituation versuchen sie im Rahmen der Hilfen für junge Volljährige, den Kontakt zu Eltern beziehungsweise Elternteilen zu halten oder einen neuen Umgang mit anderen Familienmitgliedern zu gestalten. Offensichtlich ermöglicht die räumliche Trennung im Zuge von Hilfen zur Erziehung sowohl für junge Volljährige, als auch für einige Eltern neue Formen des Kontakts.
Über eine positive Auswirkung der Hilfen zur Erziehung berichtet Evelyn: „Ich weiß auch gar nicht, woran das lag. Aber als ich dann ins betreute Wohnen gekommen bin, funktionierte das auf einmal, dass man, dass ich mit meiner Mutter überhaupt ein Verhältnis aufbauen konnte. Ich weiß nicht, woran es lag, aber erst dann. Obwohl, ich habe immer gedacht, das liegt am Jugendamt oder an der WG. Obwohl das Jugendamt da immer noch vorhanden war. Die Hilfe kam ja trotzdem vom Jugendamt. Aber es war anders. Es waren vielleicht die Räumlichkeiten, dieses von wegen es ist kein Heim mehr, das ist Deine Wohnung. Man kam sich auf einmal wieder näher. Man hatte wieder eine Basis, auf der man sich entwickeln konnte, zueinander finden konnte.“
Einige Begegnungen mit den Eltern sind jedoch auch mit Enttäuschungen verbunden: „Ich habe natürlich schon ein paar Versuche angestrengt, zu ihr Kontakt aufzunehmen. Das hatte ich schon ein paar Mal gemacht, ja. Wobei das alles nicht fruchtete. Ich hab’ sogar dann danach versucht, als ich schon mit meiner Frau eine eigene Wohnung hatte und wir auch schon unsere Tochter hatten. Hab’ ich dann auch noch mit ihr Kontakt aufgenommen, aber dann auch sehr schnell gemerkt, dass sie halt auf eine tiefe Ebene herabgerutscht ist – also auch sozial dann wirklich, ne. Und das hat dann auch nix gebracht. Von daher habe ich es dann halt irgendwann ruhen lassen. Ich war mit meinem Erzieher auch mal bei meinem Vater gewesen, aber der hat überhaupt keine Ambitionen, da in irgendeiner Form eine Beziehung oder überhaupt mal in die Richtung zu denken.“ (Ralf)
Veränderungen der Kontakte zu den Eltern können auch einen anderen Charakter haben, wie das Beispiel von Sandra zeigt, die im Rahmen der Hilfe gemäß § 41 SGB VIII durch das Gerichtsverfahren angesichts von sexueller Belästigung gegen ihre Eltern begleitet wurde: „Dann kam halt irgendwann die Verhandlungssache auf mich zu mit meinen Eltern. […] da waren sie dann erst einmal wieder für mich da, halt über den Zeitraum. Haben mich dann betreut und standen mir bei, sozusagen.“
Kategorien zur Dimension formelle Bildung und ökonomische Verselbständigung
Die Aufnahme einer angestrebten Ausbildung, wie auch deren Abschluss beziehungsweise Abbruch oder die geplante Umsetzung thematisieren die jungen Erwachsenen im Rückblick auf die Zeit in den Hilfen für junge Volljährige.
Benennung: Ausbildung
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) ihre Berufsausbildung (schulisch wie auch betrieblich) thematisieren. Dazu gehören sowohl die Aufnahme einer angestrebten Ausbildung wie auch der Abschluss, bzw. Abbruch oder auch die geplante Umsetzung (Idee).
Ankerbeispiel: ” Ich wollte erst was ganz anderes werden.
I: Was wolltest Du machen?
A: Floristin.
I: Floristin?
A: Da habe ich Praktikum gemacht. Hab’ keine Ausbildung gekriegt. Und dann hab’ ich halt das Angebot gekriegt mit Schreinerei. Die hab’ ich mir dann angeguckt, hab’ einen Probetag da gemacht, hab’ einen Einstellungstest da gemacht und bin angenommen worden.”
19 der 21 interviewten jungen Erwachsenen berichten im Zuge des Rückblicks auf ihre Zeit in den Hilfen für junge Volljährige davon, wie sie eine Ausbildung vorbereitet, aufgenommen, absolviert aber auch in einigen Fällen abgebrochen haben.
Deutlich werden in der Auswertung die Unterstützungsleistungen der Jugendhilfe, etwa bei der Berufswahl, in der Bewerbungsphase oder durch die stabilisierende Wirkung der HzE während einer Ausbildung. “Dass ich meine Ausbildung zu Ende machen kann, ganz in Ruhe. Das hätte ich, wenn ich mit 18 in eine eigene Wohnung gegangen wäre, wäre ich jetzt nicht hier. Also wäre ich jetzt nicht mehr in meiner Ausbildung. Da hätte ich schon vorher alles hingeschmissen, glaube ich.” (Annika)
Weiterentwicklungen hinsichtlich des Ausbildungsstatus schreiben die jungen Erwachsenen aber in erheblichem Maß sich selbst zu, d.h. ihrem Engagement, ihrem Durchhaltevermögen bzw. im Negativfall ihrem Versagen. Dies zielt auf eine hohe Selbstwirksamkeitswahrnehmung der jungen Erwachsenen hin. “Und als diese kaufmännische Ausbildung dann nach zwei Jahren abgeschlossen hatte, ich hatte ja verkürzt, dadurch dass ich die erste Ausbildung hatte, habe ich dann gesehen, ne, im Endeffekt willste ja noch mehr. Ich habe dann auch neue Freunde kennen gelernt und dann gesehen, ja eigentlich kannste noch mehr aus deinem Leben machen.” (Simon)
Kategorie „Finanzen“
Entwicklungen und Lernerfahrungen im Umgang mit Finanzen thematisieren 15 der 21 interviewten jungen Erwachsenen, dabei weisen 23 der 26 Codierungen auf Zusammenhänge mit Leistungen der Jugendhilfe hin.
Benennung: Finanzen
Erläuterung: Sätze, Textsegmente und keywords in context werden dieser Kategorie zugeordnet, wenn die Interviewpartner (IP) vom Umgang mit Geld berichten. Dazu zählen insbesondere Gelderwerb, Geldeinteilung, Verschuldung, etc.
Ankerbeispiel: „Ja, mit dem Finanziellen besser umzugehen. Früher, wenn man sein Taschengeld hatte, dann hat man das halt für sich gehabt und dann doch irgendwann damit zu lernen, mit Geld umzugehen, das war schon was anderes. Also Anfangs habe ich halt wöchentlich Geld bekommen, dann zweiwöchentlich, dann drei Wochen und dann vier Wochen. Dann musste man möglichst dann sehen, dass man jetzt irgendwie klarkommt mit diesem Geld, was man hat. Das habe ich doch beibehalten. Das man plant, was kann ich jetzt kaufen, was kann ich nicht kaufen. Da haben sie mir gut bei geholfen.”
Häufigster thematisierter Aspekt der Kategorie Finanzen ist das Erlernen des selbständigen Umgangs mit Geld. Die interviewten jungen Erwachsenen berichten an dieser Stelle davon, wie ihnen in Etappen mehr und mehr Verantwortung für ein selbständiges Wirtschaften übertragen wurde. Dabei werden sie aktiv von ihren Bezugspersonen unterstützt, häufig in Form von zeitlich gestaffelter Geldeinteilung. Grundlage auch für diese Lernerfahrungen ist zumeist eine finanzielle Absicherung durch Leistungen der Jugendhilfe. Diese bilden bei den meisten der interviewten jungen Erwachsenen erst den Rahmen, in dem Verselbständigungsprozesse möglich sind. “Die ersten paar Monate war das Geld immer bei denen, und hinterher habe ich ein eigenes Konto bekommen und konnte da immer dran.” (Christian)
Das Ende einer Hilfe für junge Volljährige ist dagegen oft auch mit einem Bruch dieser Absicherung, mit finanziellen Einbußen und einer entsprechenden Verunsicherung der jungen Menschen verbunden. In einer rückblickenden Betrachtung wird dieser Konsequenz eine große Bedeutung zugerechnet: “Ja, da musste man sich ja erstmal umschauen, tja…, Geld wurde knapp und knapper, teilweise da während der äh, während der dingens, während der Ausbildung. Weil ich war ja noch in der Ausbildung, und dann habe ich mich ganz schön man umgeguckt, wie viel man wirklich zur Verfügung hat und dann wurd es teilweise mal, ja, o.k., ja ich hatte zwar noch genug, weil meine Wohnung nicht teuer war, aber doch, das war, man hat diese Jugendhilfe zu wenig geschätzt, hatte halt sein monatliches Geld halt, sein Essensgeld, man hatte sein Bekleidungsgeld, man hatte sein Hausmittelgeld, man hat die Wohnung bezahlt bekommen, man hat die Nebenkosten bezahlt bekommen. Und danach hat man sich mal ganz schön umgeguckt, was das doch wirklich alles kostet.” (Kevin)
Zu den wahrgenommenen Unterstützungsleitungen der Jugendhilfe zählt bei einigen jungen Erwachsenen auch die Schuldenregulierung: “Hab’ dann halt den Vorschlag bekommen, dass ich Betreutes Wohnen weiterhin haben könnte, weil ich damals auch noch so ein paar Schulden hatte, durch einen Handy-Vertrag und so. Da hab’ ich damals auch ein bisschen Mist gebaut. Und das war zwar alles so ein bisschen so angeleiert, dass das also auch schon anlief, sage ich mal. Aber man wollte das halt noch ein bisschen weiter beobachten. Man wollte halt mir einfach noch ein bisschen den Rücken stärken. Das habe ich natürlich auch gerne angenommen.” (Ralf)
Unter Berücksichtigung, dass es sich bei den interviewten jungen Erwachsenen aufgrund der Zugangswege über die ehemaligen Leistungsträger tendenziell um eher gelungenen „Fälle“ handeln dürfte, zeigt die Analyse der Interviews, dass bei den interviewten jungen Erwachsenen die Intentionen des Gesetzgebers „Hilfen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur eigenständigen Lebensführung“ zu gewährleisten eingelöst werden konnte. Rückblickend lassen die jungen Erwachsenen in ihrer Zeit in den Hilfen für junge Volljährige zahlreiche Bildungsprozesse erkennen und bestätigen damit die eingangs aufgeführten Leipziger Thesen, in denen es heißt: „Bildung ist der umfassende Prozess der Entwicklung und Entfaltung derjenigen Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, zu lernen, Leistungspotenziale zu entwickeln, zu handeln, Probleme zu lösen und Beziehungen zu gestalten.“ (S.1) Junge Menschen in diesem Sinne zu bilden, ist (auch) Aufgabe und Anspruch der Hilfen zur Erziehung – ein Anspruch der wie hier am Beispiel der jungen Volljährigen gezeigt – durchaus eingelöst werden kann.
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[4] Luhmann, N./Schorr, H.-E. 1982
Luhmann/Schorr haben das Technologiedefizit als Problem des Verhältnisses von Kausalität, Rationalität und Selbstreferenz identifiziert. 1982, S. 12. Die pädagogische Relevanz dieses Verhältnisses besteht darin, dass die Idee des Subjekts nicht vereinbar ist mit dem Gedanken, es durch andere als sich selbst – und sei es durch Erziehung – hervorzubringen. Auch Hilfen zur Erziehung verfügen damit über keine Technologien für eine systematisch kontrollierte Steuerbarkeit von Bildungsprozessen. Pädagogisches Handeln hat demnach stets Wagnischarakter und ist durch Unbestimmtheit gekennzeichnet vgl. Hörster 1995, S. 38.
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Prof. Dr. Dirk Michael Nüsken (Jg. 1970)
Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Schwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe, Hilfen zur Erziehung, Kinderschutz und frühe Hilfen, Evaluation, Praxisforschung und Praxisentwicklung
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