Source: https://www.socialnet.de/rezensionen/24781.php
Timestamp: 2020-07-05 07:25:10
Document Index: 93702323

Matched Legal Cases: ['§\u202f27', '§\u202f19', '§\u202f41', '§\u202f42', '§\u202f35', '§\u202f27', '§\u202f27', '§\u202f8', '§\u202f36', '§\u202f1688', '§\u202f34', '§\u202f41', '§\u202f8', '§\u202f107', '§\u202f1626', '§\u202f1666', '§\u202f406']

socialnet Rezensionen: Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ), Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V.: Rechte haben - Recht kriegen | socialnet.de
Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ), Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V. (Hrsg.): Rechte haben - Recht kriegen
Die Überarbeitung des Ratgebers vereint Beiträge von insgesamt 19 Autorinnen und Autoren, deren Einzelleistungen nicht aufgeführt sind. Anders als bei den beiden Vorauflagen ist keine Juristin bzw. kein Jurist im Autorenkollektiv ausgewiesen. Wie in der Erstauflage ist wiederum eine Gruppe von Jugendlichen als Mitwirkende aufgeführt.
Das Buch richtet sich an „Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene“. Die Gruppe der 18- bis 27-jährigen jungen Erwachsenen, die in die Leistungen des SGB VIII einbezogen werden können, steht aber nicht im Zentrum der Darstellungen.
Das Handbuch hat zwar eine klare thematische Orientierung nach:
Rechte von Kindern und Jugendlichen,
Rechte von Eltern und
Diese Ausrichtung findet sich aber nicht als Grundprinzip der Gliederung. Die Gliederung stellt vielmehr nach einleitenden Ausführungen in Kapitel 3 die Hilfe zur Erziehung nach §§ 27 ff. SGB VIII dar, wendet sich in Kapitel 4 der Antragstellung und der Hilfeplanung zu und unterscheidet die ambulanten Hilfen (Kapitel 5) von den stationären Leistungen (Kapitel 6). In Kapitel 8 und 9 werden Beteiligungs- und Beschwerderechte vertieft und, als Exkurs bezeichnet, in Kapitel 10 die Unterstützung in Strafverfahren angesprochen.
Die genannte Orientierung findet Ausdruck in einem der Gliederung angefügten Stichwortverzeichnis, das wiederum in das umfassendere Stichwortverzeichnisses auf Seiten 198 – 200 eingearbeitet ist. Praktisch nützlich sind ein Adressverzeichnis der Institutionen und Stellen, deren Aufgabe die Unterstützung ratsuchender Kinder und Jugendlicher oder die Verdeutlichung der Anliegen und Interessen von Kindern und Jugendlichen ist, und zahlreiche Hinweise im Text auf Informationsangebote im Netz.
Stilistische Ausrichtung: Offenbar um Kindern und Jugendlichen den Zugriff auf den Ratgeber zu erleichtern, werden diese als Adressaten im Text durchgehend direkt angesprochen (Du-Form) und sind die Darlegungen meist als Antworten auf Fragen gestaltet. Die Sprache ist der Alltagssprache angelehnt, was nicht selten die begriffliche Genauigkeit hinsichtlich rechtlicher Topoi beeinträchtigt. Zur Illustration werden gelegentlich kurze Falldarstellungen eingestellt.
Kapitel 2. Im Anfangskapitel werden besonders häufige Anlässe zu Konflikten von Kindern und Jugendlichen mit den Eltern und sonstigen Erziehungsberechtigten genannt (Umgang, abendliches Fernbleiben von zu Hause, schulische und berufliche Anforderungen, Mobbing, Drogenkonsum, Internetgebrauch, häusliche Pflichten, sexuelle Orientierung), es werden aber auch innerfamiliären Not- und Konfliktlagen einbezogen.
Kapitel 3. Der Abschnitt 3.1 führt unterschiedliche Formen der Hilfe zur Erziehung z.T. stark vereinfachend auf. Die Hilfe nach § 19 SGB VIII (in Einrichtungen für Mütter/Väter und Kind(er)) und die Hilfe für junge Volljährige nach § 41 Abs. 1 SGB VIII werden gestreift und als „Angebot“ außerdem die Inobhutnahme nach § 42 SGB VIII einbezogen; auf einen rechtlich konkretisierenden Hinweis zu den Aufgaben des Kinderschutzes wird allerdings verzichtet. Die Jugendhilfebehörden und Leistungserbringen werden unter 3.2 angesprochen, dort findet sich aber auch ein Hinweis auf die Aufgaben eines bestellten Vormunds nach Sorgerechtsentzug. Der Abschnitt 3.3 greift mit dem Hinweis auf die Antragsbefugnis des Personensorgeberechtigten für Hilfe zur Erziehung auf Kapitel 4 vor, thematisiert eingehender aber, dass die Hilfe Mädchen und Jungen gleichermaßen und gleichberechtigt zukommen soll, ohne dass geschlechtsbezogene Ausrichtung der Hilfe ausgeschlossen wird. Einbezogen wird S. 52 die Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII. Das Verhältnis zur Hilfe zur Erziehung bleibt vage. Auch in diesem Abschnitt wird die (vorläufige) Inobhutnahme als eine Form der Hilfe (zur Erziehung) einbezogen, ohne auf die rechtlichen Besonderheiten einzugehen.
Kapitel 4. Aus rechtlicher Sicht ist das 4. Kapitel von besonderer Bedeutung, da der Zugang zum Hilfesystem erläutert wird. Für den Nutzer verwirrend und rechtlich unzutreffend ist das System der Leistungen des SGB VIII erneut unter einem Oberbegriff zusammengefasst und als Hilfen zur Erziehung bezeichnet, ohne von der Hilfe zur Erziehung (§§ 27 ff. SGB VIII) im engeren Sinne begrifflich hinreichend unterschieden zu werden. Korrekt sind jedoch die Ausführungen in Hinsicht auf die Inanspruchnahme von Hilfe zur Erziehung nach § 27 Abs. 1 SGB VIII. Im Vorfeld der Inanspruchnahme steht die Beratung über die Voraussetzungen und die konkreten Hilfeoptionen auch dem betroffenen Minderjährigen zu. Diese Beteiligungsrecht werden in § 8 Abs. 1 und 2 SGB VIII verortet. S. 65 ff. finden sich daran angeschlossenen ausführlichere Passagen zur Gefährdungseinschätzung und zur Inobhutnahme auf Bitten des Minderjährigen. Für die Hilfeplanung wird § 36 SGB VIII zu Grunde gelegt, als Hilfeplan wird die Verschriftlichung der ausgewählten Form der Hilfe davon unterschieden. Ausführlich sind die Passagen über die Hilfeplangespräche und betreffenden Rechte und Unterstützungsmöglichkeiten für betroffene Minderjährige. Der Abschnitt wird durch einen Fragenkatalog abgerundet, dessen Beantwortung für Betroffene erkennbar werden lässt, ob ihre Partizipation gewährleistet ist.
Kapitel 5 und 6. Die genannten Kapitel führen in die ambulanten, teilstationären und stationären Formen der Hilfe zur Erziehung (einschl. der Aufnahme in geschlossene Einrichtungen, S. 109) ein, immer mit Blick auf die Zielgruppen. Im Abschnitt über die Aufgabenverteilung zwischen Eltern und Pflegeeltern findet sich auch eine Passage zu den Ausübungsbefugnissen (nach § 1688 BGB). Ergänzend gibt es Ausführungen über familiengerichtliche Regelungsbefugnisse in Sorgerechts- und Umgangssachen, im Abschnitt über die Unterbringung auch eine Zusammenstellung der Verfahrensrechte betroffener Minderjähriger im Unterbringungsverfahren. Auch insoweit ist offenbar auf eine eher kindgerechte Darstellung geachtet, und werden die Rechtsgrundlagen nicht genannt. Anschaulich werden für die stationären Leistungen nach §§ 34 und 35 SGB VIII (S. 112 ff.) Fragen der Hausordnung, der Ausgestaltung des bewohnten Zimmers, der Anspruch auf Taschengeld, weitere wirtschaftliche Hilfen, deren Finanzierung, Grundlagen des Schadensersatzrechts und datenschutzrechtliche Belange locker gereiht abgehandelt.
Kapitel 7. Das Kapitel 7 wendet sich der Zielgruppe der Volljährigen zu, und damit der Hilfe nach § 41 Abs. 1 SGB VIII. Es geht aber darüber hinaus um weitere Leistungen nach anderen Teilen des Sozialgesetzbuchs und der diesem zugeordneten Gesetze.
Kapitel 8. Das achte Kapitel greift die Erläuterungen zu § 8 Abs. 1 SGB VIII auf und vertieft interne Beschwerdemöglichkeiten wie externe (Anrufung einer Ombudsstelle). Der Folgetext versteht Beteiligung aber in einem viel weiteren Sinne und spricht grundrechtliche Gewährleitungen, die Frage der Einwilligungsfähigkeit und Grundprinzipien der Rechts der beschränkten Geschäftsfähigkeit nach den §§ 107 ff. BGB an – wiederum in leicht verständlicher Alltagssprache. Nicht mehr auf aktuellem Stand sind die Ausführungen zur Eheschließung vor Erreichen der Volljährigkeit (S. 160 f.). Dass erneut der Anspruch auf Auszahlung des Taschengeldes als Teil der wirtschaftlichen Hilfen angesprochen wird, kann nur mit der gesteigerten Praxisrelevanz begründet werden.
Kapitel 9. Die als Schwerpunkt angesprochenen Rechte der Eltern sind Gegenstand des neunten Kapitels. In diesem Abschnitt geht es vor allem um einfachgesetzliche Pflichten nach §§ 1626, 1627 BGB, um das Verbot entwürdigender Erziehungsmaßnahmen und um Mitwirkungshandlungen gegenüber beschränkt geschäftsfähigen Kindern und Jugendlichen. Unter dem Stichwort „staatliches Wächteramt“ werden die gerichtlichen Eingriffsbefugnisse nach § 1666 BGB erwähnt. Die Autorinnen und Autoren gehen näher auf Grundsätze des Verfahrens in Kindschaftssachen, insbesondere die Verfahrensbeistandschaft, ein. Anschließend kommen sie zurück auf die Ausübungsbefugnisse bei Familienpflege (und bei stationärer Hilfe in Einrichtungen).
Kapitel 10. Der Exkurs betont zuerst die Rechte des minderjährigen Opfers i m Strafverfahren und führt unter den zahlreichen einschlägigen strafprozessualen Regelungen § 406g StPO an. Im Folgenden findet sich eine Zusammenfassung zu Strafmündigkeit und den verfahrensrechtlichen Besonderheiten in Strafsachen gegen Jugendliche. Wichtig ist der Hinweis, dass Auskünfte aus dem Erziehungsregister nur Gerichten und Jugendämtern erteilt werden können.
Das vorliegende Buch ist in vielfacher Hinsicht für Jugendliche ein ihrem Sprachduktus angepasster, anschaulicher und damit praxistaugliche Überblick über ihre Grundrechte, ihre Rechte in unterschiedlichen gerichtlichen und im Verwaltungsverfahren. Nicht nur für die im Buch Angesprochenen ist jedoch die Vermengung der Begriffe „Hilfen zur Erziehung“ als Leistungen und im engeren für die „Hilfe zur Erziehung“ problematisch, zumal die weiteren gestreiften Leistungen nicht durchweg Hilfen zur Gewährleistungen einer kindeswohlgerechten Erziehung sind, sondern teilweise, wie die Eingliederungshilfe(n )und die Hilfe für junge Volljährige, eine andere Zielsetzung verfolgen. Angesichts der enorm gestiegenen Bedeutung der Eingliederungshilfe, auch für den Haushalt der Jugendämter, kann man sich über die Konzentration auf die Hilfe zur Erziehung wundern.
Die zitierten Rechtsvorschriften sind zwar alle von Belang, stellen aber nur einen kleinen Ausschnitt der relevanten Vorschriften dar. Der bewusste Verzicht auf Detailregelungen ist Programm; ob die Verständlichkeit auch der rechtlichen Problemlagen ohne rechtliches Hintergrundwissen gewährleistet ist, lässt sich nur schwer abschätzen.
Unzweifelhaft von Nutzen sind die zahlreichen weiterführenden Hinweise auf sonstige Informationsquellen, Adresslisten und die Tipps für den praktischen Alltag bei Krisen in der Familie oder bei einem Aufwachsen in Pflegefamilien oder jugendhilferechtlichen Einrichtungen.
Alle 2 Rezensionen von Cornelia Bohnert anzeigen.
Cornelia Bohnert. Rezension vom 17.10.2018 zu: Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ), Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V. (Hrsg.): Rechte haben - Recht kriegen. Ein Ratgeberhandbuch für Jugendliche in Erziehungshilfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-3881-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24781.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.