Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/sicherungsverwahrung-und-die-urteilsfeststellungen-zur-hangtaeterschaft-3171266
Timestamp: 2019-09-18 05:35:18
Document Index: 364223338

Matched Legal Cases: ['§ 66', 'BGH', 'BGH', '§ 66', 'BGH', 'BGH', '§ 66']

Siche­rungs­ver­wah­rung – und die Urteils­fest­stel­lun­gen zur Hang­tä­ter­schaft | Rechtslupe
Sicherungsverwahrung - und die Urteilsfeststellungen zur Hangtäterschaft
Das – wahr­schein­li­che – Vor­lie­gen eines Hangs im Sin­ne eines gegen­wär­ti­gen Zustands (vgl. § 66a Abs. 2 Nr. 3 StGB) ist vom Tat­ge­richt auf der Grund­la­ge einer umfas­sen­den Ver­gan­gen­heits­be­trach­tung in eige­ner Ver­ant­wor­tung wer­tend fest­zu­stel­len und in den Urteils­grün­den nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen1. In die­se umfas­sen­de Ver­gan­gen­heits­be­trach­tung sind alle bedeut­sa­men, für und gegen eine wahr­schein­li­che Hang­tä­ter­schaft spre­chen­den Umstän­de ein­zu­be­zie­hen2.
An der erfor­der­li­chen umfas­sen­den Ver­gan­gen­heits­be­trach­tung und einer für das Revi­si­ons­ge­richt nach­voll­zieh­ba­ren und lücken­lo­sen Dar­le­gung der für und gegen eine wahr­schein­li­che Hang­tä­ter­schaft spre­chen­den Umstän­de fehl­te es im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall:
Das sach­ver­stän­dig bera­te­ne Land­ge­richt hat sei­ne Über­zeu­gung, dass der Ange­klag­te – wahr­schein­lich – einen Hang zur Bege­hung der Anlass­ver­ur­tei­lung ver­gleich­ba­rer, gegen Leib und Leben ande­rer gerich­te­ter Taten habe, auf die Per­sön­lich­keit des Ange­klag­ten und – maß­geb­lich – auf den Umstand gestützt, dass er bereits im Jahr 2002 eine ver­gleich­ba­re Straf­tat began­gen hat. Im Hin­blick auf sei­ne Per­sön­lich­keit hat es – dem Sach­ver­stän­di­gen fol­gend – ange­nom­men, dass es sich bei dem Ange­klag­ten um einen "unko­ope­ra­ti­ven, wenig ver­träg­li­chen, sei­ner Umwelt feind­se­lig und miss­trau­isch ent­ge­gen­tre­ten­den Men­schen" han­de­le, "der sei­ne Mei­nung hart­nä­ckig ver­tre­te", ohne die­se kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Dar­über hin­aus habe er bereits im Jahr 2002 einen Finanz­be­am­ten kör­per­lich ange­grif­fen, nach­dem die­ser sich einer For­de­rung des Ange­klag­ten wider­setzt habe. Auch damals sei der Ange­klag­te zunächst "ver­bal aus­ge­ras­tet" und habe sodann kör­per­li­che Gewalt ange­wen­det, um sei­nem Wil­len Nach­druck zu ver­lei­hen.
Die­se Erwä­gun­gen sind lücken­haft. Das Land­ge­richt hat nicht erkenn­bar bedacht, dass die zum Nach­teil eines Finanz­be­am­ten began­ge­ne und als sym­pto­ma­tisch ange­se­he­ne Tat nun­mehr bereits 16 Jah­re zurück­liegt. Dass der Ange­klag­te seit­her mit moti­va­to­risch ver­gleich­ba­ren Hand­lun­gen auf­fäl­lig gewor­den ist, ist nicht ersicht­lich.
Dar­über hin­aus hat das Land­ge­richt nicht erkenn­bar in sei­ne Hang­prü­fung ein­ge­stellt, dass der im Jahr 2007 aus dem Straf­voll­zug ent­las­se­ne Ange­klag­te letzt­mals im Jahr 2011 wegen Kör­per­ver­let­zung straf­fäl­lig gewor­den und des­halb zu einer Geld­stra­fe (40 Tages­sät­ze zu je 10 €) ver­ur­teilt wor­den ist. Seit­her ist er straf­recht­lich nicht mehr in Erschei­nung getre­ten.
Schließ­lich hat das Land­ge­richt nicht erkenn­bar in den Blick genom­men, dass der seit sei­ner letz­ten Haft­ent­las­sung im Jahr 2007 in einer Obdach­lo­sen­un­ter­kunft woh­nen­de Ange­klag­te nach den Fest­stel­lun­gen ein "wei­test­ge­hend unauf­fäl­li­ges, […] sehr geord­ne­tes und nach sei­nen fes­ten Regeln bestimm­tes Leben" führ­te und sich – wie das Land­ge­richt dem Ange­klag­ten im Rah­men der Straf­zu­mes­sung aus­drück­lich zugu­te­ge­hal­ten hat – auf­grund der durch die Staats­an­walt­schaft ver­an­lass­ten Kon­to­pfän­dung zur Tat­zeit in einer "finan­zi­el­len Not­la­ge" befand. Die­se Umstän­de hät­ten in die Hang­prü­fung ein­ge­stellt und Anlass zur Prü­fung der Fra­ge geben müs­sen, ob die Anlas­s­tat Aus­nah­me­cha­rak­ter trägt. Hier­zu hät­te nicht zuletzt auch des­halb Anlass bestan­den, weil der von der Straf­kam­mer hin­zu­ge­zo­ge­ne Sach­ver­stän­di­ge im Rah­men der Gefähr­lich­keits­pro­gno­se aus­ge­führt hat, dass "gewalt­tä­ti­ges Ver­hal­ten […] kein habi­tu­ell in sei­ner Per­sön­lich­keit ver­an­ker­tes Mit­tel zur Durch­set­zung des eige­nen Wil­lens" dar­stel­le.
Unge­ach­tet des von der Kam­mer gezeich­ne­ten Per­sön­lich­keits­bil­des und der Äuße­run­gen des Ange­klag­ten in der Haupt­ver­hand­lung, jeder­zeit wie­der so han­deln zu wol­len, füh­ren die auf­ge­zeig­ten Erör­te­rungs­män­gel zur Auf­he­bung des Maß­re­gel­aus­spruchs mit den zugrun­de­lie­gen­den Fest­stel­lun­gen. Die Sache bedarf inso­weit neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Mai 2019 – 4 StR 34/​19
vgl. BGH, Beschlüs­se vom 09.01.2019 – 5 StR 476/​18 5; und vom 24.05.2017 – 1 StR 598/​16, BGHR StGB § 66 Abs. 1 Hang 5; Urtei­le vom 26.04.2017 – 5 StR 572/​16 Rn. 9, inso­weit nicht abge­druckt in Stra­Fo 2017, 246; und vom 06.05.2014 – 3 StR 382/​13, NStZ-RR 2014, 271; Beschluss vom 25.05.2011 – 4 StR 87/​11, NStZ-RR 2011, 272, 273 [↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 19.07.2017 – 4 StR 245/​17, BGHR StGB § 66a Abs. 1 Nr. 3 nF Vor­aus­set­zun­gen 1 [↩]
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