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Timestamp: 2020-03-29 13:14:57
Document Index: 179751504

Matched Legal Cases: ['§ 56', '§ 222', '§ 267', '§ 222', '§ 56', '§ 70', '§ 465']

LG Hamburg, Urteil vom 05.02.2013 - 632 KLs 6/12 - openJur
Urteil vom 05.02.2013 - 632 KLs 6/12
LG Hamburg, Urteil vom 05.02.2013 - 632 KLs 6/12
openJur 2013, 5769
Strafrecht Medizin- und Pharmarecht
§§ 56, 222 StGB
Die Angeklagte F. wird wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von
1 (einem) Jahr und 2 (zwei) Monaten
Die Angeklagte trägt die Kosten des Verfahrens sowie die notwendigen Auslagen des Nebenklägers.
§§ 222, 56 StGB
(abgekürzt nach § 267 Abs.4 StPO)
Die Angeklagte F. wurde am ... in L. geboren und wuchs bei ihren Eltern, die beide Mediziner waren, auf. Ihre Mutter verstarb, als die Angeklagte neun Jahre alt war. Auch ihr Vater ist mittlerweile verstorben. Sie ist seit 1979 geschieden und hat eine 30-jährige Tochter sowie eine Enkelin.
Im Anschluss an ihre schulische Laufbahn, die sie im Jahre 1975 mit dem Abitur abschloss, war die Angeklagte zwei Jahre lang als Krankenpflegerin tätig. Von 1977 bis 1985 studierte sie in G. Medizin und machte danach eine Facharztausbildung im Bereich der Anästhesie, die sie im April 1990 erfolgreich abschloss. Zunächst war sie ein Jahr lang in einem Krankenhaus in W. tätig, bis sie im Mai 1991 nach H. kam und hier für vier Jahre als Stabsärztin im B... Krankenhaus arbeitete. Anschließend war sie in den Jahren 1995/96 im H... Krankenhaus in Teilzeit tätig und arbeitete von 1996 bis 2008 als niedergelassene Ärztin zunächst in einer Gemeinschafts- und später in einer Einzelpraxis. Ab 2008 bis zu dem Tatgeschehen war sie in der A... Klinik in H., für die sie seit dem Jahre 2000 bereits auf Honorarbasis tätig war, angestellt. Seit dem Tatgeschehen übt die Angeklagte ihren Beruf nicht mehr aus. Sie erhält seitdem Krankengeld in Höhe von derzeit 35 € pro Tag und leidet unter Depressionen. Sie hat bereits einen Rentenantrag gestellt.
Aufgrund der Auflösung ihrer Praxis hat die Angeklagte Schulden in Höhe von etwa 500.000 €.
Die Angeklagte ist bislang wie folgt strafrechtlich in Erscheinung getreten:
Am 16.09.2011 verurteilte sie das Amtsgericht Tostedt wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu je 50 €. Die Strafe ist bereits vollstreckt, teils durch Verbüßung einer Ersatzfreiheitsstrafe, weil die Angeklagte aufgrund ihrer Depressionen infolge des Tatgeschehens nicht in der Lage war, ihre finanziellen Angelegenheiten zu regeln und die Strafe zu bezahlen.
Die Feststellungen zur Person beruhen auf den glaubhaften Angaben der Angeklagten in der Hauptverhandlung sowie auf der Verlesung des Bundeszentralregisterauszugs vom 21.12.2012.
Zur Sache hat die Kammer die folgenden tatsächlichen Feststellungen getroffen:
Am 11.01.2011 Uhr begab sich die 23-jährige Geschädigte C. W. gegen 14.00 Uhr gemeinsam mit ihrem Ehemann in die A... Klinik, R... Chaussee ... in ... H., um dort vereinbarungsgemäß eine Brustvergrößerung vornehmen zu lassen. Bei dieser Operation war die Angeklagte als Anästhesistin eingeteilt. Der Operateur Dr. K., begann mit den Vorbereitungen, und die Angeklagte führte das Prämedikationsgespräch. Die Geschädigte hatte in der Vergangenheit bereits vier Brustvergrößerungen vornehmen lassen, war körperlich gesund und litt lediglich an zwei Allergien.
Etwa gegen 15.00 Uhr betrat die Geschädigte den Operationssaal. Gegen 15.10 Uhr leitete die Angeklagte die Narkose ein, indem sie einen venösen Zugang am linken Arm legte, über den die Narkosemittel und Infusionen gegeben werden sollten. Sodann spritzte sie der ihr aufgeregt und ängstlich erscheinenden Geschädigten das Beruhigungsmittel Dormicum. Außerdem legte sie der Geschädigten auf dem Rücken die Elektroden für das EKG, am linken Arm die Blutdruckmanschette und am rechten Arm die Sonde für die Pulsoxymetrie an. Anschließend verabreichte sie ihr das Narkosemittel Propofol, welches innerhalb von Sekunden wirkte. Da dieses Narkosemittel auch die Atmung lähmt, legte die Angeklagte der Geschädigten zur künstlichen Beatmung eine Larynxmaske (Kehlkopfmaske) der Größe 4 an. Das Beatmungsgerät der Marke Cato stellte sie auf die Versorgung mit einem Liter Sauerstoff und einem Liter Druckluft ein. Das Atemzugsvolumen gab sie mit 480 ml, den maximalen Druck mit 25 mm/hg und die Frequenz von 12 ein, was bedeutete, dass das Gerät pro Minute zwölfmal beatmete. Die Angeklagte überprüfte in diesem Moment nicht, ob der akustische Signalgeber für die Vitalfunktionen am Cato-Gerät sowie der Notalarm eingeschaltet waren. So erkannte sie nicht, dass die Alarmfunktion sowie der Tongeber für die Vitalfunktionen nicht betriebsbereit waren.
Des Weiteren fixierte sie die Larynxmaske mit Pflaster. Anschließend befestigte sie gemeinsam mit der eingeteilten OP-Schwester die OP-Tücher, die am Oberkörper und an den Unterseiten der Arme verklebt werden, so dass der sterile Teil des Operationsbereiches vom unsterilen Teil getrennt wird. Eine Anästhesieschwester, die ihr bei ihren Aufgaben vor und während der Operation behilflich sein könnte, wurde der Angeklagten seitens der A... Klinik nicht zur Verfügung gestellt.
Gegen 15.20 Uhr begann der Operateur Dr. K. mit der Operation. Auch jetzt fiel der Angeklagten nicht auf, dass kein akustisches Signal für die Herztöne ertönte. Dr. K. injizierte das Lokalanästhetikum Mepivacain, eröffnete die rechte Brust der Geschädigten und entnahm das Implantat. Währenddessen zog die Angeklagte nochmals Medikamente auf, überprüfte Lage und Sitz des venösen Zugangs und setzte sich nach einiger Zeit, etwa nach 20 bis 25 Minuten, auf ihren Drehschemel hinter dem Kopfende des Operationstisches, um nun die notwendigen Eintragungen in dem Narkoseprotokoll vorzunehmen. Auf die ausreichende Beatmung der Geschädigten achtete sie nicht. Dazu hätte sie die Werte bezüglich der Herzfrequenz der Geschädigten, der Sauerstoffsättigung und der Kohlendioxydspannung an dem Narkosegerät, welches sich hinter dem Kopfende des Operationstisches befindet, überprüfen müssen. Dies tat die Angeklagte aufgrund mangelnder Sorgfalt jedoch nicht und trug die entsprechenden Parameter auch nicht in das Narkoseprotokoll ein. Etwa gegen 15.45 Uhr – ein genauer Zeitpunkt konnte nicht mehr festgestellt werden – sah die Angeklagte zum Kopf der Geschädigten, deren Hautfarbe ihr ungewöhnlich blass erschien. Auch jetzt achtete die Angeklagte nicht auf die Anzeigen hinsichtlich Herzschlag und Beatmung in dem Narkosegerät, sondern suchte vergeblich den Puls der Geschädigten an deren rechtem Arm und der Halsschlagader. Daraufhin wandte sie sich nun zu dem Narkosegerät und entdeckte auf dem Monitor eine Nulllinie, die sie zuvor nicht bemerkt hatte, weil der akustische Signalton des Gerätes ausgeschaltet war, die Angeklagte nicht auf die Geräte geachtet und daher auch den optischen Alarm nicht erkannt hatte. Die Angeklagte hatte aufgrund der fehlenden Überprüfung der Beatmungsparameter deshalb auch nicht bemerkt, dass die Geschädigte bereits längere Zeit, eventuell sogar 20 Minuten, nicht ausreichend beatmet worden war. Sie hat dabei die für die Tätigkeit einer Anästhesistin erforderliche Sorgfalt außer Acht gelassen. Die Sauerstoffsättigung wird normalerweise alle 30 Sekunden überprüft. Aufgrund der unzureichenden Beatmung und des Sauerstoffmangels trat bei der Geschädigten ein Hirnschaden ein, welcher schließlich den Herzstillstand verursachte. Wie lange die Nulllinie am Narkosegerät beim Entdecken schon angezeigt wurde bzw. wie lange der Herzstillstand der Geschädigten schon bestand, konnte nicht mehr festgestellt werden. Auch die mögliche Ursache des Sauerstoffmangels – ein eventuell abgeklemmter Beatmungsschlauch, ein Verrutschen der Larynxmaske, ein vergessenes Einschalten des Beatmungsgerätes oder vergessenes Umschalten des Schalters von spontaner auf maschinelle Atmung – blieb unklar.
Die Angeklagte informierte den Operateur Dr. K. über den Herzstillstand, der die Operation sofort abbrach und der Geschädigten einen präcordialen Faustschlag versetzte. Dieser Faustschlag entsprach nicht mehr den medizinischen Leitlinien der Europäischen Vereinigung zur Wiederbelebung aus dem Jahre 2010. Ob Dr. K. den Faustschlag auf Anweisung der Angeklagten durchführte, konnte nicht festgestellt werden. Jedenfalls wies diese Dr. K. auch nicht auf sein nicht mehr leitliniengerechtes Vorgehen hin, wobei die Überwachung und Durchführung von Reanimationsmaßnahmen in ihren Verantwortungsbereich als Anästhesistin fällt. Dr. K. begann sodann mit einer Herzdruckmassage, wie sie den Leitlinien entspricht. Die Angeklagte spritzte der Geschädigten eine Ampulle Adrenalin. Sodann wies die Angeklagte Dr. K. an, den Defibrillator einzusetzen, der sich aus nicht feststellbaren Gründen zunächst nur auf 250 statt auf 360 Joule einstellen ließ. Zuvor verabreichte sie der Geschädigten noch ein zweites Mal Adrenalin. Nach dem Einsatz des Defibrillators zeigte sich auf dem Monitor des Cato-Gerätes immer noch keine genügende Herztätigkeit. Dr. K. setzte die Herzdruckmassage nun fort. Währenddessen spritzte die Angeklagte der Geschädigten eine dritte Ampulle Adrenalin und wies Dr. K. an, den Defibrillator, der sich wieder nur auf 250 Joule einstellen ließ, erneut einzusetzen. Sodann setzte Dr. K. die Herzdruckmassage weiter fort. Auf dem Monitor des Cato-Gerätes zeigten sich kleine Ausschläge, so dass die Angeklagte sich entschloss, den Defibrillator, der sich nun auf 360 Joule einstellen ließ, ein drittes Mal einzusetzen. Des Weiteren verabreichte sie der Geschädigten eine vierte Ampulle Adrenalin. Daraufhin erschien auf dem Monitor des Cato-Gerätes ein ordentlicher Sinus-Rhythmus mit anschließendem Kammerkomplex.
Die durchgeführten Reanimationsmaßnahmen entsprachen teilweise nicht den Leitlinien. Dies gilt – wie bereits erwähnt – für den präcordialen Faustschlag sowie für die Defibrillation, die nur bei Kammerflimmern, nicht jedoch bei einem Herzstillstand indiziert ist. Auch dies hätte die Angeklagte wissen können und müssen, wenn sie auf dem aktuellen medizinischen Kenntnisstand gewesen wäre. Allerdings kann nicht eindeutig festgestellt werden, dass die nicht leitliniengerechte Durchführung der Reanimation für den Tod der Geschädigten kausal geworden ist.
Nachdem Herz und Kreislauf der Geschädigten wieder stabil waren, gab die Angeklagte ihr Medikamente in Form von Soludecortin und Dexamethason, um einer Hirnschwellung entgegenzuwirken.
Dr. K. rief um 16.26 Uhr den Notarzt. Bis zum Eintreffen des Notarztes in der A... Klinik beendete Dr. K. die Operation. Die Angeklagte entfernte die Larynxmaske und intubierte die Geschädigte für den Transport. Diese hatte weite, entrundete Pupillen, die nicht auf Licht reagierten, was auf einen schweren Hirnschaden hindeutete.
Als der Notarzt kurze Zeit darauf, um 16.45 Uhr, in der A... Klinik eintraf, ergänzte die Angeklagte schnell das angefangene Narkoseprotokoll, ohne jedoch die Werte bezüglich der Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung oder Kohlendioxydspannung nachzutragen. Diese Werte wären auch noch nachträglich in dem Narkosegerät ablesbar gewesen; die Angeklagte kontrollierte die Werte jedoch auch jetzt nicht.
Später fertigte die Angeklagte für die Polizei ein weiteres Narkoseprotokoll an, in das sie die Daten aus ihrer Erinnerung heraus eintrug. In diesem Protokoll vermerkte sie versehentlich falsche Zeiten für die Alarmierung des Notarztes (15.45 Uhr) und für den Wechsel von der Larynxmaske auf Intubation (7.00 Uhr). Beide Uhrzeiten korrigierte sie später auf dem in der Klinik verbliebenen Exemplar (16.15 Uhr und 17.00 Uhr). Auch in dem weiteren Narkoseprotokoll fehlen die Beatmungsparameter. Die Blutdruckwerte trug die Angeklagte in den Protokollen fälschlicherweise für die Zeit nach dem Herzstillstand mit stabilen Werten von 100/75 mmHg ein, obwohl der Blutdruck nach der Gabe von 4 Ampullen Adrenalin nicht stabil sein kann.
Die Geschädigte wurde schließlich mit dem Rettungswagen ins UKE eingeliefert, wo sie am 20.01.2011 infolge einer hypoxisch-ischämischen Enzephalopathie, die zu einer tödlichen Hirnlähmung führte, verstarb.
Die Einnahme von Hormonen konnte nicht nachgewiesen werden, ebenso wenig ein Drogen- oder Medikamentenkonsum der Geschädigten.
Die Angeklagte hat den oben festgestellten Sachverhalt teilweise gestanden. So hat sie eingeräumt, das Cato-Gerät nicht darauf überprüft zu haben, ob der Alarmknopf für die Vitalfunktionen eingeschaltet war. Sie habe übersehen, dass dieser ausgeschaltet war, und dadurch auch die Nulllinie zu spät bemerkt. Dafür trage sie die Verantwortung. Der Herzstillstand könne jedoch maximal 5 Minuten angedauert haben, weil auf dem Monitor noch eine Blutdruckanzeige ablesbar gewesen sei.
In Bezug auf die Beatmung erklärte die Angeklagte, dass die Geschädigte ausreichend über die Larynxmaske beatmet worden sei. Die Maske habe ordnungsgemäß gesessen und sei auch nicht verrutscht. Bei einem Verrutschen der Maske hätte man Geräusche hören müssen. Die Geschädigte sei auch nicht blau angelaufen, sondern sei lediglich etwas blass im Gesicht gewesen. Die Beatmungsparameter habe sie nicht in das Protokoll eingetragen, weil dazu keine Zeit gewesen sei, aber sie habe die Werte laufend kontrolliert und nachträglich eintragen wollen. Das Beatmungsgerät sei ordnungsgemäß eingeschaltet gewesen und habe auch keinen Alarm ausgelöst. Auch den Schalter am Beatmungsgerät zur Umstellung von der spontanen auf die maschinelle Atmung habe sie betätigt. Sie habe auch keine Erklärung dafür, wie es zu dem Herzstillstand gekommen sein könne, möglicherweise handele es sich um einen Vagusreflex, der durch eine starke Überstreckung des Kopfes ausgelöst werden könne, wobei hier jedoch keine Überstreckung erfolgt sei.
Hinsichtlich der Reanimationsmaßnahmen erklärte die Angeklagte, dass Dr. K. den präcordialen Faustschlag ohne ihre Anweisung eigeninitiativ vorgenommen habe, sie aber auch nichts dagegen gesagt habe, da dieser Faustschlag bei einem Herzstillstand eine seit Jahrzehnten anerkannte medizinische Maßnahme sei. Im Übrigen wisse sie, dass ein Defibrillator grundsätzlich nicht bei einem Herzstillstand, sondern bei einem Kammerflimmern einzusetzen sei. In diesem Fall sei sie jedoch überzeugt, dass der Einsatz des Defibrillators – speziell der dritte Einsatz – das Herz der Geschädigten wieder zu einem regelrechten Schlagen gebracht habe.
Die Kammer ist überzeugt, dass sich das Tatgeschehen – über die geständige Einlassung der Angeklagten hinausgehend – so zugetragen hat, wie oben dargestellt. Sie stützt sich dabei auf die überzeugenden Ausführungen des medizinischen Sachverständigen Prof. Dr. v. K.. Danach gebe es keine andere Erklärung für den Herzstillstand der Geschädigten als eine unzureichende Beatmung. Diese habe die Angeklagte nicht kontrolliert. Sie sei mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, hätte aber die Werte bezüglich Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Beatmung alle 30 Sekunden überprüfen müssen. Eine fehlende Sauerstoffsättigung führe bereits nach 3 bis 5 Minuten zu schweren Hirnschäden. Eine Kontrolle der Beatmung sei hier nicht erfolgt; es fehle auch die entsprechende Dokumentation im Narkoseprotokoll. Aufgrund dieser längeren Zeit des Sauerstoffmangels, der bis zu 20 Minuten gedauert haben könne (vom Beginn der Operation bis zum Entdecken der Nulllinie), sei es zu einem schweren Hirnschaden der Geschädigten gekommen und infolge dessen schließlich zu dem Herzstillstand. Bei dessen Erkennen habe die Angeklagte wiederum nicht auf die Parameter in der Geräteanzeige geschaut, sondern umständlich den Puls der Geschädigten gesucht.
Eine andere Ursache für den Herzstillstand sei auszuschließen. Die Geschädigte sei gesund gewesen (sie habe keinen Herzfehler und auch keine Lungenembolie gehabt) und habe keine Drogen, Hormone oder Medikamente konsumiert. Durch das Lokalanästhetikum M. könne der Herzstillstand auch nicht ausgelöst worden sein, da dieses Medikament hier nur in geringer Dosis und fächerförmig injiziert worden sei. Um einen Herzstillstand zu verursachen, müsse M. in weitaus größerer Menge und intravenös verabreicht werden. Auch der von der Angeklagten erwähnte Vagusreflex komme hier nicht als Ursache in Betracht. Ein Vagusreflex trete allenfalls bei einer Operation des Augenmuskels oder bei Operationen an der Herzschlagader auf; bei einer Brust-Operation sei dies extrem unwahrscheinlich, und es gebe dafür hier keinerlei Anhaltspunkte. Ein plötzlicher Herzstillstand aus dem Nichts heraus habe nicht stattgefunden. Aber selbst dann – bei einem plötzlichen Herzstillstand – würde das Gehirn noch mit Sauerstoff versorgt werden, und dem Herzstillstand könne mit Wiederbelebungsmaßnahmen begegnet werden, ohne dass es zu Hirnschäden, bedingt durch Sauerstoffmangel, komme.
Dass die Geschädigte nicht blau im Gesicht gewesen sei, sondern nur blass, spreche nicht gegen eine länger andauernde Fehlbeatmung. Im OP-Saal sei eine bläuliche Verfärbung des Gesichts ohnehin nur schwer zu erkennen, weil es auf die Lichteinstrahlung sowie auf die Farbe der verwendeten OP-Tücher ankomme. Demnach könne es bereits zu einem schweren Sauerstoffmangel gekommen sein, ohne dass der Patient im Gesicht erkennbar bläulich verfärbt sei.
Dass der Alarm des Beatmungsgerätes nicht ausgelöst worden sei, spreche ebenfalls nicht gegen die Annahme einer Sauerstoffmangelversorgung, weil es keine Erkenntnisse darüber gebe, wie die Voreinstellungen für diesen Alarm gewesen seien, d.h. ob und nach welcher Zeit er überhaupt ausgelöst werde.
Auch das von der Angeklagten vorgebrachte Argument, auf der Anzeige mit der Nulllinie sei noch ein Blutdruckwert verzeichnet gewesen, und diese Anzeige werde alle 5 Minuten aktualisiert, so dass der Herzstillstand maximal 5 Minuten – eher weniger – angedauert habe, vermag keine Zweifel an dem festgestellten Geschehensablauf zu begründen, vor allem nicht an der Feststellung, dass der Sauerstoffmangel bereits längere Zeit, eventuell sogar 20 Minuten seit Beginn der Operation, bestanden hat. Denn nach den überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen könne der Blutdruck auch bei einem bestehenden Sauerstoffmangel noch längere Zeit normal sein. Im Übrigen könnten die Aufzeichnungen der Angeklagten in den Narkoseprotokollen – mit einem stabilen Blutdruck nach dem Herzstillstand – nicht richtig sein. Denn nach einem Herzstillstand, dem erfolgreich mit der Gabe von 4 Ampullen Adrenalin begegnet worden sei, komme es zunächst zu einer kurzen Phase mit niedrigem und sodann zu einer überschießenden Phase mit hohem Blutdruck. Völlig stabile Blutdruckwerte seien nach einer derartigen Therapie mit Adrenalin nicht nachvollziehbar.
Eine unzureichende Beatmung, zum Beispiel infolge Verrutschens der Larynxmaske, müsse man auch nicht immer – wie von der Angeklagten behauptet – anhand von Geräuschen hören. Larynxmasken könnten dadurch verrutschen, dass Druck auf den Brustkorb ausgeübt werde, beispielsweise bei einer Brust-OP, ohne dass sich die falsche Lage der Maske durch Geräusche bemerken ließe. Eine dadurch hervorgerufene unzureichende Beatmung könne lediglich durch ständige Kontrolle der Beatmungsparameter festgestellt werden, was hier unterblieben sei.
Die Sorgfaltspflichtverletzungen der Angeklagten – die fehlende Kontrolle der Beatmungssituation sowie das Nichtbemerken des ausgeschalteten Alarmknopfes – seien auch kausal für den Tod der Geschädigten gewesen. Bei einem Herzstillstand, der durch einen Sauerstoffmangel hervorgerufen worden sei, seien die Überlebenschancen sehr gering, weil meist – wie hier – schon erhebliche Hirnschäden eingetreten seien. Wäre die Fehlbeatmung bereits – durch Überprüfung der Beatmungsparameter – früher festgestellt worden, so wäre es nicht zu derart schweren Hirnschädigungen gekommen und die Geschädigte nicht verstorben. Zudem sei auch noch der als Folge der Hirnschäden eingetretene Herzstillstand aufgrund des ausgeschalteten Alarms zu spät bemerkt worden, was die Überlebenschancen der Geschädigten weiter verringert habe.
Im Übrigen sei auch hinsichtlich der Reanimationsmaßnahmen ein Fehlverhalten der Angeklagten festzustellen. Denn der präcordiale Faustschlag, dem die Angeklagte in ihrer Verantwortung als Anästhesistin für die Wiederbelebungsmaßnahmen auch nicht entgegen trat, werden nach den Leitlinien der Europäischen Vereinigung zur Wiederbelebung aus dem Jahr 2010 nicht mehr empfohlen, da er eine sofortige und kontinuierliche Herzdruckmassage, die bei einem Herzstillstand in Verbindung mit der Gabe von Adrenalin indiziert sei, behindere. Auch der Einsatz eines Defibrillators sei hier nicht erforderlich gewesen, weil kein Kammerflimmern vorgelegen habe. Dass es wieder zu einem normalen Sinusrhythmus der Geschädigten nach dem 3. Einsatz des Defibrillators gekommen sei, beruhe darauf, dass mittlerweile das Adrenalin durch die Herzdruckmassage am Herzen der Geschädigten angekommen sei und dadurch das Herz wieder zum Schlagen gebracht habe.
Allerdings könne nicht eindeutig festgestellt werden, dass die fehlerhaften Reanimationsmaßnahmen für den Tod der Geschädigten ursächlich gewesen seien, weil die bereits zurzeit des Herzstillstandes eingetretene Hirnschädigung so schwer gewesen sei, dass ohnehin kaum Überlebenschancen für die Geschädigte bestanden hätten.
Diesen überzeugenden Ausführungen des Sachverständigen Prof. Dr. von K. schließt sich die Kammer an. Auch sie ist aufgrund der ihr durch den Sachverständigen vermittelten medizinischen Kenntnisse davon überzeugt, dass der Herzstillstand der Geschädigten hier allein Folge einer unzureichenden Beatmung und eines dadurch hervorgerufenen Sauerstoffmangels mit schwerem Hirnschaden hervorgerufen wurde, was die Angeklagte als Anästhesistin zu verantworten hat. Sie trifft nicht nur der Vorwurf, den ausgeschalteten Alarmknopf für die Vitalfunktionen nicht bemerkt zu haben, sondern zuvor bereits die Beatmungssituation nicht überwacht zu haben, wodurch sie die über längere Zeit bestehende Fehlbeatmung nicht erkannte.
Die Angeklagte hat sich demnach einer fahrlässigen Tötung gemäß § 222 StGB schuldig gemacht. Sie treffen 2 Sorgfaltspflichtverletzungen, nämlich die unzureichende Beatmung der Geschädigten sowie das Nichtbemerken des ausgeschalteten Alarmknopfes, wobei die unzureichende Beatmung schwerer wiegt. Dies hätte die Angeklagte auch erkennen können und müssen, weil diese Aufgaben allein in ihren Verantwortungsbereich als Anästhesistin fielen.
Die Strafzumessung hat die Kammer wie folgt vorgenommen:
Zugunsten der Angeklagten war zu berücksichtigen:
- Sie hat die Tat vor Gericht teilweise eingeräumt, die volle Verantwortung für den Tod der Geschädigten übernommen und dabei ehrliche Reue gezeigt.
- Sie war zur Tatzeit unbestraft.
- Die Tat liegt bereits zwei Jahre zurück.
- Die Angeklagte hat durch die Tat negative beruflich und private Konsequenzen erlitten: Sie praktiziert seit dem Tatgeschehen nicht mehr, hat erhebliche finanzielle Einbußen erlitten und eine stark depressive Phase durchlaufen, in deren Folge sie nicht in der Lage war, die Geldstrafe aus der Verurteilung vom 16.09.2011 zu bezahlen und teilweise eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßte.
- Das Tatgeschehen wurde durch die mangelhafte Organisation in der A... Klinik und die dort herrschenden unzureichenden Zustände während einer Operation mit begünstigt, indem der Angeklagten keine Anästhesieschwester zur Verfügung gestellt wurde, die sie bei ihren Aufgaben während der Operation hätte unterstützen können.
Zu Lasten der Angeklagten wirkte sich aus, dass sie zwei Sorgfaltspflichtverletzungen begangen hat.
Nach Abwägung der genannten Strafzumessungserwägungen hat die Kammer hier auf eine Freiheitsstrafe von
erkannt. Sie hat dabei einen Härteausgleich vorgenommen, weil eine nachträgliche Gesamtstrafenbildung mit der Strafe aus dem Urteil des Amtsgerichts Tostedt vom 16.09.2011 (s.o. Abschnitt I.) nicht mehr möglich war, weil die Strafe bereits vollständig vollstreckt war.
Die Vollstreckung der Strafe konnte gemäß § 56 Abs.2 StGB zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Angeklagte war zur Tatzeit unbestraft. Ihre seitdem einzige Verurteilung war Folge einer schweren depressiven Episode und liegt bereits über ein Jahr zurück. Durch ihr Teilgeständnis hat die Angeklagte Einsicht in ihr Fehlverhalten gezeigt. Sie praktiziert seit dem Tatgeschehen nicht mehr und hat mittlerweile einen Rentenantrag mit Aussicht auf positive Bescheidung gestellt. Da es sich bei dem Fehlverhalten der Angeklagten um einen einmaligen Fehler in ihrer langjährigen Tätigkeit als Anästhesistin handelt, ist die Kammer davon überzeugt, dass sie sich diese Verurteilung als Warnung dienen lassen und künftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzuges keine Straftaten mehr begehen wird.
Ein Berufsverbot gemäß § 70 StGB hat die Kammer nicht verhängt. Es liegen hier keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, dass die Gefahr besteht, die Angeklagte werde bei weiterer Ausübung ihres Berufes weitere erhebliche Straftaten begehen. Abgesehen davon, dass die Angeklagte ohnehin nicht mehr als Anästhesistin arbeiten möchte und bereits einen Rentenantrag gestellt hat, lässt sich eine derartige Gefahr für zukünftige Straftaten aus dem einmaligen Fehlverhakten der Angeklagten in ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit als Anästhesistin nicht herleiten.
Die Kosten- und Auslagenentscheidung folgt aus §§ 465 Abs.1, 472 Abs.1 Satz 1 StPO.
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