Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Schriftformerfordernis_Inanspruchnahme_Elternzeit_Schriftformerfordernis_bei_Inanspruchnahme_der_Elternzeit_LAG_Hessen_9Sa1079-14.html
Timestamp: 2019-11-15 02:08:05
Document Index: 375054254

Matched Legal Cases: ['§ 16', '§ 16', '§ 133', '§ 16', '§ 6', '§ 16', '§ 16', '§ 72']

Die Par­tei­en schlos­sen am 30. April 2013 bei dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main im Rechts­streit 10 Ca 8802/12 ei­nen Ver­gleich, wo­nach ihr Ar­beits­verhält­nis fort­be­stand und für den Zeit­raum vom 1. Okt. 2012 bis zum 4. April 2013 be­stimm­te Beträge ab­ge­rech­net und ge­zahlt wer­den. Außer­dem hat­te der Be­klag­te den Zu­schuss zum Mut­ter­schafts­geld ab­zu­rech­nen und zu zah­len, so­weit die­ses von der Kläge­rin be­zo­gen wird. Da­mit wa­ren die Vergütungs­ansprüche bis zum 4. April 2013 er­le­digt.
Die Kläge­rin über­sand­te dem Be­klag­ten am 10. Ju­ni 2013 ein Te­le­fax mit dem Be­treff "El­tern­zeit" und fol­gen­dem In­halt (Bl. 40 d. A.):
1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung des Be­klag­ten vom 15. Nov. 2013 we­der zum 15. Dez. 2013 noch zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt auf­gelöst wor­den ist;
2. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis über den 15. Dez. 2013 hin­aus fort­be­steht.
Der Ein­wand der man­geln­den Schrift­form des El­tern­zeit­ver­lan­gens ist dem Be­klag­ten nicht als rechts­miss­bräuch­lich (vgl. da­zu BAG Ur­teil vom 26. Ju­ni 2008 - 2 AZR 23/07 - [...]) ver­wehrt. Ei­ne Sach­la­ge, wo­nach der Be­klag­te der Kläge­rin El­tern­zeit gewährt hätte, ob­wohl ihm be­kannt war, dass die Vor­aus­set­zun­gen hierfür - vor al­lem ei­ne feh­len­de Schrift­form -mögli­cher­wei­se nicht vor­lie­gen, kann nicht fest­ge­stellt wer­den. Er hat kei­ne Erklärun­gen ab­ge­ge­ben oder ein Ver­hal­ten ge­zeigt, wo­nach er ei­ne El­tern­zeit der Kläge­rin auf­grund des Te­le­fa­xes der Kläge­rin vom 10. Ju­ni 2013 ak­zep­tiert hätte. So hat er mit Schrei­ben vom 31. Ju­li 2013 gerügt, die Kläge­rin ha­be nicht an­ge­zeigt, dass sie ent­bun­den ha­be und wann, er bit­te um Vor­la­ge ei­ner Ge­burts­ur­kun­de. Den Emp­fang ei­ner E-Mail-Über­mitt­lung der Ge­burts­ur­kun­de am 2. Aug. 2013 be­strei­tet er. Dass der Be­klag­te nicht et­wa we­gen un­ent­schul­dig­ten Feh­lens der Kläge­rin nach Ab­lauf der Mut­ter­schutz­frist ab dem 22. Ju­li 2013 bis zur Kündi­gung vom 14. Nov. 2013 ar­beits­recht­li­che Kon­se­quen­zen ge­zo­gen hat, stellt kei­ne Zu­stim­mung zu ei­ner El­tern­zeit der Kläge­rin dar. Die­se hat nach der vor­he­ri­gen Kündi­gung des Be­klag­ten seit En­de Au­gust 2012 nicht mehr beim Be­klag­ten ge­ar­bei­tet und al­lein die Hin­nah­me ih­rer Ab­we­sen­heit nach Ab­lauf der Mut­ter­schutz­frist ist kei­ne aus­rei­chen­de kon­klu­den­te Wil­lensäußerung des Be­klag­ten hin­sicht­lich der El­tern­zeit der Kläge­rin.
Nach § 16 Abs. 1 Satz 1 BEEG muss, wer El­tern­zeit be­an­spru­chen will, die­se spätes­tens sie­ben Wo­chen vor Be­ginn schrift­lich vom Ar­beit­ge­ber ver­lan­gen und gleich­zei­tig erklären, für wel­che Zei­ten in­ner­halb von zwei Jah­ren El­tern­zeit ge­nom­men wer­den soll. Die Erklärung ist so kon­kret zu for­mu­lie­ren, dass sich aus ihr oh­ne wei­te­res Be­ginn und En­de der El­tern­zeit er­ge­ben (Rancke, Mut­ter­schutz / El­tern­geld / El­tern­zeit 2. Aufl. § 16 Rz. 2). Mit ih­rer Te­le­fax­mit­tei­lung vom 10. Ju­ni 2013 (Bl. 40 d. A.) hat die Kläge­rin schrift­lich und aus­drück­lich El­tern­zeit für die Dau­er von zwei Jah­ren ver­langt. Die Erklärung der Kläge­rin ist gemäß §§ 133 , 157 BGB da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen und zu ver­ste­hen, dass sie die El­tern­zeit im Um­fang von zwei Jah­ren im An­schluss an den Mut­ter­schutz ver­langt, was nach § 16 Abs. 1 Satz 2 BEEG da­zu führt, dass die Zeit der Mut­ter­schutz­frist nach § 6 Abs. 1 MuSchG auf den Zeit­raum nach Satz 1 an­ge­rech­net wird. Bei verständi­ger Aus­le­gung ih­rer Erklärung kann der An­trag nicht an­ders ver­stan­den wer­den. Nach dem Be­treff "El­tern­zeit" "erklärte die Kläge­rin: "Ohier­mit tei­le ich Ih­nen mei­ne El­tern­zeit wie folgt mit. Ich wer­de mei­ne El­tern­zeit (Mut­ter­schutz) 2 Jah­re in An­spruch neh­men! Bit­te ver­an­las­sen Sie al­les Not­wen­di­ge!" Der ers­te Satz enthält ein de­fi­ni­ti­ves Ver­lan­gen. Die Kläge­rin teilt die In­an­spruch­nah­me von El­tern­zeit schlicht mit. Der zwei­te Satz be­stimmt die Dau­er, nämlich in­ner­halb von zwei Jah­ren für zwei Jah­re. Der Klam­mer­zu­satz "Mut­ter­schutz" enthält den Hin­weis, dass der Mut­ter­schutz in die El­tern­zeit über­ge­hen soll. Der drit­te Satz enthält die Auf­for­de­rung an den Be­klag­ten, al­les Not­wen­di­ge zu ver­an­las­sen. Dafür, dass die Kläge­rin die El­tern­zeit an­ders ver­teilt oder später in An­spruch neh­men woll­te, er­ge­ben sich aus der Erklärung nicht die ge­rings­ten An­halts­punk­te. Ein Erklärungs­in­halt der­ge­stalt, dass die Kläge­rin nach dem Mut­ter­schutz erst wie­der ar­bei­ten und die El­tern­zeit später in An­spruch neh­men woll­te, kann ein verständi­ger Le­ser vom ob­jek­ti­ven Empfänger­ho­ri­zont dem Te­le­fax nicht ent­neh­men. Da­ge­gen spricht ins­be­son­de­re auch die Bit­te an den Be­klag­ten, al­les Not­wen­di­ge zu ver­an­las­sen, was nur als "jetzt" ver­an­las­sen ver­stan­den wer­den kann. Bei ei­ner Frist von sie­ben Wo­chen be­gann die El­tern­zeit am 29. Ju­li 2013. Ei­ne Ge­burts­ur­kun­de hat der Be­klag­te spätes­tens am 14. Nov. 2013 er­hal­ten.
"Zu § 16
Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on ist we­gen grundsätz­li­cher Be­deu­tung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Rechts­fra­ge, wie die in § 16 BEEG ge­for­der­te Schrift­lich­keit des El­tern­zeit­ver­lan­gens zu qua­li­fi­zie­ren ist, ge­bo­ten, § 72 Abs. 2 ArbGG .
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