Source: http://m.hensche.de/Europarecht_Mindesturlaub_vier_Wochen_ohne_Mindestarbeitszeit_Europarecht_Urlaub_EuGH_C-282-10.html
Timestamp: 2017-07-26 02:37:20
Document Index: 269292603

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Frankreichs Arbeitsgesetzbuch verstößt gegen das EU-Recht - und nun?
Das franzöische Ar­beits­ge­setz­buch sieht vor, dass Ar­beit­neh­mer nur dann Ur­laub be­an­spru­chen können, wenn sie min­des­tens zehn Ta­ge im Jahr ef­fek­tiv ge­ar­bei­tet ha­ben. Sind Ar­beit­neh­mer länger als ein Jahr oh­ne Un­ter­bre­chung ar­beits­unfähig, ha­ben sie da­her kei­nen An­spruch auf Jah­res­ur­laub. Die­se Ge­set­zes­la­ge wi­der­spricht der Richt­li­nie 2003/88/EG und der da­zu er­gan­ge­nen Recht­spre­chung des EuGH, v.a. dem Schultz-Hoff-Ur­teil. Da­nach darf der Min­des­t­ur­laub von vier Wo­chen nicht von ei­ner Min­dest­ar­beits­zeit im Ur­laubs­jahr abhängig sein. Al­ler­dings sind EU-Richt­li­ni­en nicht di­rekt an die Bürger der EU-Staa­ten ge­rich­tet, son­dern an die Staa­ten selbst. Das un­ter­schei­det Richt­li­ni­en von Rechts­ver­ord­nun­gen der EU, die un­mit­tel­bar in den Mit­glieds­staa­ten gel­ten und von de­ren Bürgern zu be­ach­ten sind. Richt­li­ni­en ver­pflich­ten da­ge­gen die EU-Mit­glieds­staa­ten zum Er­lass be­stimm­ter Rechts­re­geln. Ver­s­toßen die Staa­ten da­ge­gen, droht ein ih­nen Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren. Die eu­ro­pa­rechts­wid­ri­gen Ge­set­ze blei­ben aber erst ein­mal wei­ter in Kraft. Von die­ser Li­nie ist der EuGH in ei­ni­gen Fällen ab­ge­wi­chen, in de­nen es um das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ging. Hier hat der EuGH be­haup­tet, das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung sei Teil der all­ge­mei­nen "Grundsätze des Eu­ro­pa­rechts", und als ein sol­cher Grund­satz ge­he er den Ge­set­zen der EU-Mit­glieds­staa­ten vor (so zu­letzt mit Ur­teil vom 19.01.2010, C-555/07, Kücükde­ve­ci, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/018 Dis­kri­mi­nie­rung jünge­rer Ar­beit­neh­mer). Dem­ge­genüber hat die Ge­ne­ral­anwältin Trs­ten­jak in der Rechts­sa­che Do­m­in­guez dafür plädiert, die­se Recht­spre­chung nicht wei­ter aus­zu­bau­en und je­den­falls nicht auf das Ur­laubs­recht zu über­tra­gen (Schluss­anträge vom 08.09.2011, C-282/10 - wir be­rich­te­ten in: Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/181 Eu­ro­pa­recht und Ur­laubs­an­spruch: Ur­laubs­an­spruch darf nicht von Min­dest­ar­beits­zeit abhängen). Die­sen Ent­schei­dungs­vor­schlägen hat sich der EuGH ges­tern im we­sent­li­chen an­ge­schlos­sen. EuGH: Lässt sich das französche Gesetzesrecht nicht "richtlinienkonform" auslegen, zwingt das EU-Recht nicht dazu, Privatunternehmen zu einer über das französche Gesetz hinausgehenden Urlaubsgewährung zu verurteilen
Im Streit­fall war ei­ne Ar­beit­neh­me­rin, Frau Do­m­in­guez, un­fall­be­dingt über ein Jahr lang ar­beits­unfähig. Des­halb kam es mit ih­rem Ar­beit­ge­ber, ei­nem pri­va­ten Un­ter­neh­men, zum Streit über den ihr zu­ste­hen­den Ur­laub. Die französi­schen Ge­rich­te lehn­ten den Ur­laubs­an­spruch un­ter Hin­weis auf die Ge­set­zes­la­ge ab. Der Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof leg­te dem EuGH schließlich die Fra­ge vor, ob es das ge­gen Uni­ons­recht ver­s­toßen­de französi­sche Recht nicht an­wen­den soll.