Source: http://www.hensche.de/Gehaltsrueckforderung_Insolvenzverwalter_Gehaltsrueckforderung_durch_Insolvenzverwalter_begrenzt_BAG_6AZR345-12.html
Timestamp: 2017-08-23 00:37:00
Document Index: 346921447

Matched Legal Cases: ['§ 133', 'Art.1', 'Art.20', '§ 133', 'BGH', '§ 130', '§ 133']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/105
Nach der In­sol­venz­ord­nung (In­sO) kann der Ver­wal­ter da­bei in be­stimm­ten Fäl­len Lohn­zah­lun­gen nach­träg­lich wie­der her­aus­ver­lan­gen ("In­sol­venz­an­fech­tung").
Die Recht­spre­chung hat das Recht des Ver­wal­ters zur In­sol­venz­an­fech­tung in den letz­ten Jah­ren zu­guns­ten der Ar­beit­neh­mer er­heb­lich be­grenzt. In die­se Rich­tung geht auch ein ak­tu­el­les Ur­teil des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG), das schon im Ja­nu­ar durch ei­ne BAG-Pres­se­mel­dung be­kannt wur­de. Jetzt hat das BAG die Ur­teils­grün­de ver­öf­fent­lich: BAG, Ur­teil vom 29.01.2014, 6 AZR 345/12.
Wann kann der In­sol­venz­ver­wal­ter länger zurück­lie­gen­de Lohn­zah­lun­gen vor der In­sol­venz durch ei­ne "Vor­satz­an­fech­tung" her­aus­ver­lan­gen?
Der Fall des BAG: Buch­hal­te­rin wird vom In­sol­venz­ver­wal­ter auf Rück­zah­lung von sie­ben Gehälter ver­klagt, die vor In­sol­ven­zeröff­nung ge­zahlt wor­den wa­ren
BAG: Die Fälle ei­ner Vor­satz­an­fech­tung gemäß § 133 In­sO müssen eng be­grenz­te Aus­nah­men blei­ben
Auch das BAG ent­schied ge­gen den Ver­wal­ter.
In den Ur­teils­gründen über­le­gen die Er­fur­ter Rich­ter lang und breit, ob die ge­sam­te In­sol­venz­an­fech­tung von Lohn­zah­lun­gen nicht mögli­cher­wei­se aus Ver­fas­sungs­gründen auf den Teil von Ar­beits­ein­kom­men be­schränkt wer­den müss­te, der ober­halb der Pfändungs­frei­gren­ze liegt. Denn im­mer­hin gibt es nach dem Grund­ge­setz (GG), d.h. auf­grund des Men­schenwürde-Ar­ti­kels (Art.1 Abs.1 GG) in Ver­bin­dung mit dem So­zi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs.1 GG) ein Grund­recht auf Gewähr­leis­tung ei­nes men­schenwürdi­gen Exis­tenz­mi­ni­mums.
Die­se Über­le­gun­gen lässt das BAG dann aber im Er­geb­nis of­fen, da es dem LAG dar­in zu­stimmt, dass die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­ner Vor­satz­an­fech­tung gemäß § 133 Abs.1 In­sO hier im Streit­fall so oder so nicht vor­la­gen.
Da­bei geht das BAG auf Dis­tanz zu der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH), der zu­fol­ge es für den Vor­satz der Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung vor al­lem dar­auf an­kommt, ob der Schuld­ner und der Zah­lungs­empfänger von der be­reits ein­ge­tre­te­nen oder zu­min­dest dro­hen­den Zah­lungs­unfähig­keit des Schuld­ners Kennt­nis hat­ten oder nicht. Die­se Kennt­nis kann nur ei­nes von vie­len In­di­zi­en sein, die für oder ge­gen den Vor­satz ei­ner Gläubi­ger­be­nach­tei­li­gung spre­chen. Denn, so das BAG:
Fa­zit: Lohn­zah­lun­gen vor Eröff­nung des In­sol­venz­ver­fah­rens sind letzt­lich im­mer vor den Ar­beits­ge­rich­ten "an­fech­tungs­fest", so­lan­ge sie nur ei­ni­ger­maßen pünkt­lich zu­fließen, d.h. so­lan­ge nicht mehr als drei Mo­na­te zwi­schen Ar­beits­leis­tung und Lohn­zah­lung lie­gen. In­sol­venz­ver­wal­ter ha­ben da­her in al­ler Re­gel kei­ne ech­te Chan­ce, Lohn­zah­lun­gen im Nach­hin­ein durch ei­ne In­sol­venz­an­fech­tung zurück­zu­er­hal­ten. Das gilt nicht nur für die An­fech­tung auf der Grund­la­ge von § 130 Abs.1 In­sO, son­dern auch für die Vor­satz­an­fech­tung gemäß § 133 Abs.1 In­sO.