Source: https://www.integrationsaemter.de/druckversion/2006-ZB-1/229c/index.html
Timestamp: 2019-04-25 14:23:42
Document Index: 114303175

Matched Legal Cases: ['§ 59', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 92', '§ 85']

Integrationsämter - "Die berufliche Integration soll gestärkt werden!"
ZB 1-2006
geboren in Neheim in NRW
Mitglied im SPD-Vorstand
Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen, Städtebau und Verkehr
Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales
Rein in die Betriebe – schon während der Schule und erst recht danach für eine Qualifizierung oder Ausbildung: Lassen sich so die Chancen behinderter junger Menschen auf dem Arbeitsmarkt verbessern?
Was können Sie tun, wenn Sie behinderte oder schwerbehinderte junge Menschen ausbilden oder beschäftigen wollen?
Wenden Sie sich an das zuständige Integrationsamt oder an einen Integrationsfachdienst. Kontakt: www.integrationsaemter.de
Nehmen Sie Kontakt auf zu einer Schule für behinderte Menschen in Ihrer Nähe oder zu einem Berufsbildungswerk. Kontakt: www.bagbbw.de
Nutzen Sie die finanziellen Hilfen und die vielen Angebote an praktischer Unterstützung.
Wie ein ganz normaler Azubi
Sabrina Haug hat ein Berufsziel: Verkäuferin für Damentrikotagen. Sie ist eine von über 70 Teilnehmern bei V.A.M.B., einem Projekt zur verzahnten Ausbildung zwischen mehreren Berufsbildungswerken und der METRO Group Deutschland.
„Das macht zusammen 29 Euro 50“, Sabrina Haug öffnet die Kasse, gibt das Wechselgeld heraus und überreicht mit einem freundlichen Lächeln der Kundin die Tüte. Keinem fällt auf, dass die junge Frau lernbehindert ist. Sie macht ihre Arbeit so gut, dass sie nach ihrer zweijährigen Ausbildung zur Verkaufshelferin und dem erfolgreichen Abschluss im vergangenen Jahr nun ein drittes Lehrjahr anhängt, um „Verkäuferin für Damentrikotagen“ zu werden. Seit August 2003 besucht Sabrina Haug das Kolping Berufsbildungswerk in Essen. Nach dem ersten Jahr wurde sie in das Projekt V.A.M.B. – „Verzahnte Ausbildung mit den Berufsbildungswerken“ aufgenommen. Darin haben die METRO Group Deutschland und sieben Berufsbildungswerke eine Kooperation zur verzahnten Ausbildung für lernbehinderte junge Menschen vereinbart. Verzahnung bedeutet, dass die Jugendlichen sowohl im Berufsbildungswerk als auch in einem Unternehmen der METRO Group ausgebildet werden, zum Beispiel bei Galeria Kaufhof in Oberhausen. Dort absolvierte Sabrina Haug das gesamte letzte Ausbildungsjahr zur Verkaufshelferin. Jetzt wird sie am gleichen Platz zur Verkäuferin ausgebildet. Birgit von Elmpt-Hybel, die im Berufsbildungswerk als Ausbilderin arbeitet, erlebt immer wieder, wie sehr die Jugendlichen von der Betriebspraxis profitieren: „Viele machen einen riesengroßen Sprung, werden offener, selbstständiger und selbstbewusster!“
Neben der Ausbildung im Kaufhaus besucht Sabrina Haug an zwei Tagen in der Woche die Berufsschule. An den beiden Nachmittagen stehen Warenkunde sowie zusätzlicher Stützunterricht zum Üben des Lernstoffs auf dem Stundenplan der 21-Jährigen. Birgit von Elmpt-Hybel spricht mit ihr und den anderen Auszubildenden natürlich auch über die im Betrieb gesammelten Erfahrungen. Sie versucht, bei Problemen zu helfen, zum Beispiel, wenn es Unsicherheiten im Umgang mit Kollegen gibt, und sie beantwortet Fragen, die sich vielleicht mancher im Betrieb nicht zu stellen traut, zum Beispiel „Wie funktioniert eigentlich eine Retoure, also die Rücknahme von Waren?“
Die Ausbildungsverantwortung liegt während der gesamten Ausbildung beim Berufsbildungswerk. Dies beginnt bei der Auswahl geeigneter Schüler für die Ausbildungsplätze in dem Partnerbetrieb. Welche Lerninhalte vermittelt werden, gibt der Ausbildungsrahmenplan vor. Wo sie vermittelt werden, stimmen die beiden Kooperationspartner ab. Denn bei der „Verzahnung“ sollen sich beide Lernorte sinnvoll ergänzen. „Wenn es im Betrieb Gesprächsbedarf gibt, sind wir zur Stelle. Auch sonst halten wir engen Kontakt mit den Ausbildern vor Ort“, beschreibt Birgit von Elmpt-Hybel die Zusammenarbeit.
Die Auszubildenden der Berufsbildungswerke haben bei METRO und seinen Unternehmen die gleichen Rechte und Pflichten wie deren „eigene“ Auszubildenden. Auch bei internen Schulungen sind sie selbstverständlich mit dabei. Diese „Gleichbehandlung“ ist eines der Prinzipien von V.A.M.B. Sie zeigt den behinderten Jugendlichen, dass sie gebraucht und auch ernst genommen werden.
„Kunden zu beraten, macht mir Spaß“, so Sabrina Haug. „Ich kann ihnen weiterhelfen, weil ich nun mal über Kleidung besser Bescheid weiß als sie.“
Bei einem Kalenderprojekt haben sie sich kennen gelernt: Patrick Dinkelbach, damals Schüler der Comenius-Schule für geistig behinderte Menschen in Essen, und die Druckerei Wehlmann. Nach Praktikum und Qualifizierung winkt nun eine Festanstellung.
Wenn Patrick Dinkelbach das Papier anfasst, dann tut er das mit geübtem, aber geradezu sanftem Handgriff. Seit dem vergangenen Sommer absolviert der 22-Jährige eine betriebliche Berufsvorbereitungsmaßnahme bei der Firma Wehlmann in Essen, die vorwiegend technische Kataloge produziert und druckt.
„Vor drei Jahren haben die Schüler der Comenius-Schule einen Kunstkalender gestaltet. Den wollten sie bei uns drucken lassen“, erzählt Thomas Wehlmann, der 25 Mitarbeiter in seinem Unternehmen beschäftigt. „Dabei entstand die Idee, einigen Schülern ein Praktikum in unserer Druckerei anzubieten.“ Für Patrick Dinkelbach blieb es nicht bei dem einen. Das letzte Praktikum erstreckte sich sogar über mehrere Monate. Seit einem halben Jahr wird Patrick Dinkelbach nun für einfache Helfertätigkeiten in der Druckerei angelernt. Begleitet wird er dabei von Thomas Altenkamp. Der Mitarbeiter des Integrationsfachdienstes Pro Mobil in Essen ist auch zuständig für die praktische Umsetzung der Qualifizierung. Er klärt zum Beispiel organisatorische Fragen, stimmt die Durchführung der Berufsvorbereitung mit der Arbeitsagentur ab und bespricht mit dem Betrieb, welche Tätigkeiten für Patrick Dinkelbach geeignet sind. „Ich bin Ansprechpartner bei Problemen aller Art, egal ob es sich um persönliche Nöte oder um betriebliche Fragen handelt“, so Thomas Altenkamp. Für die Einarbeitung von Patrick Dinkelbach, der geringe Lese- und Schreibkenntnisse hat, organisierte er ein spezielles Training durch einen Job-Coach, das vom Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland in Köln gefördert wird.
Patrick arbeitet zurzeit hauptsächlich als Unterstützung an der großen Druckmaschine. Hier reinigt er täglich die Rakel – eine Auffangvorrichtung für überschüssige Farbe –, leert die Waschlösungsbehälter, sortiert Lappen, besorgt Papierpaletten aus dem Kellerlager und folgt den weiteren Anweisungen der beiden Vorarbeiter“, so die Trainerin Sophia Krey-Kolios, die alle neuen Arbeitsabläufe mit Patrick Dinkelbach einübt. Zum Beispiel erklärt sie anhand von Zeichnungen und Fotos, an welchen Stellen die Druckmaschine besonders gründlich geputzt werden muss. Um seine Konzentrationsfähigkeit zu trainieren, hat sie ein spezielles Computerprogramm mitgebracht.
„Falzen gefällt mir am besten!“, erklärt Patrick Dinkelbach, der bei seiner Lieblingstätigkeit schon einmal fast vergessen hat, abends nach Hause zu gehen. Im Juli ist die „Maßnahme“ zu Ende. Aller Voraussicht nach wird Patrick Dinkelbach dann in eine Festanstellung übernommen. „Klar,wenn man nur in betriebswirtschaftlichen Kategorien denkt, kann man das nicht machen“, erklärt Thomas Wehlmann. „Aber wir haben Arbeit für Patrick und er entlastet uns.“
Mit seinen Kollegen versteht sich Patrick Dinkelbach bestens. Zwei Mal in der Woche während der Mittagspause trifft sich eine kleine Gruppe zum Laufen. „Wir trainieren für den Ruhr-Marathon in Essen“, verrät der behinderte junge Mann und lächelt verschmitzt. „Dann zeigen wir’s allen!“
Ausgleichsabgabe auch für Filialunternehmen zulässig
Kündigungsschutz bei befristeter Rente wegen voller Erwerbsminderung
1. Wird eine unbefristete Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung und eine befristete Rente wegen voller Erwerbsminderung gewährt, so ruht das Arbeitsverhältnis nach § 59 Abs. 1 Unterabs. 1 Satz 4 und 5 BAT.
2. In diesem Fall kann eine Zustimmung des Integrationsamtes nach § 92 SGB IX nicht erteilt werden. (Nicht amtlicher Leitsatz)
OVG Koblenz, Urteil vom 17.12.2004 – 12 A 11602/04 – in br 4/2005, S. 116 ff
Die Arbeitgeberin begehrte beim zuständigen Integrationsamt die Zustimmung zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses gemäß § 92 Sozialgesetzbuch (SGB) IX mit der schwerbehinderten Arbeitnehmerin. Diese war bis zu ihrer Erkrankung als Angestellte im öffentlichen Dienst beschäftigt. Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte gewährte der Arbeitnehmerin sowohl eine Rente auf Dauer wegen teilweiser Erwerbsminderung als auch eine zeitlich befristete Rente wegen voller Erwerbsminderung. Nachdem die Arbeitnehmerin keinen Antrag auf Weiterbeschäftigung gestellt hatte, beantragte die Arbeitgeberin nunmehr beim Integrationsamt unter Hinweis auf die Bewilligung der unbefristeten Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung die Zustimmung nach § 92 SGB IX.
Diesen Antrag lehnte das Integrationsamt ab. Es begründete seine Entscheidung damit, dass aufgrund der Gewährung der befristeten Rente wegen voller Erwerbsminderung das Arbeitsverhältnis ruhe. Somit könne eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses nicht erfolgen.
Grundsätzlich erläuterte das Oberverwaltungsgericht, (OVG), dass gemäß § 92 SGB IX die Beendigung des Arbeitsverhältnisses eines schwerbehinderten Menschen auch dann der Zustimmung des Integrationsamtes bedarf, wenn sie in Fällen des Eintritts einer teilweisen Erwerbsminderung, der Erwerbsminderung auf Zeit, der Berufsunfähigkeit oder der Erwerbsunfähigkeit auf Zeit ohne Kündigung erfolgt. In all diesen Fällen gelten die Vorschriften über die Voraussetzungen einer ordentlichen Kündigung eines Arbeitsverhältnisses mit einem schwerbehinderten Arbeitnehmer nach §§ 85 ff SGB IX. Hiernach hat das Integrationsamt eine Ermessensentscheidung unter Abwägung der widerstreitenden Interessen der Parteien zu treffen.
Das Oberverwaltungsgericht Koblenz führt in seiner Entscheidung weiter aus, dass das Integrationsamt im konkreten Fall eine Entscheidung zu Recht verweigern durfte. Denn eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses war nicht gegeben, da nach den Bestimmungen des BAT bei der Gewährung einer befristeten Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit dieses ruht.
Üben, bis es sitzt
Veronika Köller ist leicht geistig behindert. Seit zehn Jahren arbeitet sie auf dem ersten Arbeitsmarkt.
„Ich hab’s geschafft!“ Das kann Veronika Köller mit Fug und Recht behaupten. Sie feierte letztes Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum bei Balda-Heinze in Herford, einem Unternehmen, das Kunststoffteile fertigt, zum Beispiel für Mobiltelefone. Bevor die 44-Jährige den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt wagte, war sie in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt. „Aber ich wollte eine richtige Arbeit machen und mein eigenes Geld verdienen“, erklärt Veronika Köller.
Unterstützt wurde die resolute Westfälin dabei von Renate Vogtländer und Volker Marten, Mitarbeiter beim Integrationsfachdienst in Herford – einem von sieben Diensten, die am „Projekt Integration“ mitgearbeitet haben. Renate Vogtländer vermittelte für Veronika Köller ein mehrwöchiges Praktikum bei ihrem heutigen Arbeitgeber, welches direkt in ein festes Beschäftigungsverhältnis im so genannten Veredelungsbereich mündete. Während des Praktikums konnten sich Betrieb und Mitarbeiterin näher kennen lernen und aufeinander einstellen. Für die schwerbehinderte Frau, die weder lesen noch schreiben kann, war es anfangs eine große Umstellung: „In der Werkstatt ging es lockerer zu und ich musste nicht so viel arbeiten.“
Mit dem Bus zur Arbeit fahren, sich im Betrieb zurechtfinden, mit Kritik umgehen und einen langen Arbeitstag durchhalten … all dies musste Veronika Köller erst lernen. Deshalb stellte Renate Vogtländer einen „Übungsplan“ auf und spielte die Situationen mit ihr mehrmals durch, zum Beispiel wie sich Veronika Köller am Arbeitsplatz Hilfe holen kann, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Die Beraterin arbeitete Veronika Köller auch ein. Später übernahm Volker Marten diese Aufgabe. Die anfallenden Arbeiten sind unterschiedlich: Einmal müssen Handyschalen in einen Behälter gepackt werden, ein anderes Mal wird an einer Maschine gestanzt oder Kunststoffteile sind zu entgraten. Jeder Arbeitsschritt wird so lange erklärt und demonstriert, bis Veronika Köller alles selbstständig umsetzen kann. „Anfangs hatten wir etwas Bedenken wegen der Qualität der Arbeit“, erinnert sich Petra Bahl, stellvertretende Leiterin des Bereichs Veredelung. „Aber wenn man ihr etwas gut erklärt, dann sitzt es auch.“
Trotzdem wurde entschieden, Veronika Köller nicht in den laufenden Arbeitsprozess einzubeziehen, zum Beispiel am Band. Das vorgegebene Arbeitstempo würde Veronika Köller überfordern. Wie ihre 120 Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung arbeitet sie sieben Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche. Der einzige Unterschied: als schwerbehinderte Mitarbeiterin stehen ihr fünf Tage mehr Urlaub zu. „Den nehme ich allerdings nur, wenn es auch wirklich passt“, betont Veronika Köller, „wenn viel zu tun ist und der Schuh drückt, bin ich da!“
ZB 01-2006
Größe: 3,15 MB / Stand: 11.11.2010
URL dieser Seite: http://www.integrationsaemter.de/druckversion/2006-ZB-1/229c/index.html