Source: http://m.hensche.de/AGB_Kontrolle_Widerruf_Privatnutzung_Dienstwagen_nach_Kuendigung_des_Arbeitsverhaeltnisses_LAG_Niedersachsen_13Sa462-10-u.html
Timestamp: 2017-07-23 18:41:09
Document Index: 86244692

Matched Legal Cases: ['§ 64', '§ 7', '§ 307', '§ 308', '§ 7', '§ 308', '§ 622', '§ 622', '§ 6']

HENSCHE Arbeitsrecht: 13 Sa 462/10
Arbeitsgericht Oldenburg, Urteil vom 16.02.2010, 1 Ca 474/09
den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Lan­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ro­senkötter,den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn Raasch,den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Herrn Je­lit­te für Recht er­kannt:
Tat­be­stand Ge­gen­stand des erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­rens wa­ren Ansprüche der Kläge­rin auf Ur­laubs­ab­gel­tung für 1 Ur­laubs­tag (106,13 €), auf Be­rich­ti­gung ei­nes er­teil­ten Zeug­nis­ses und auf Nut­zungs­aus­fall­entschädi­gung in Höhe von 206,80 € für den Ent­zug der Pri­vat­nut­zung des über­las­se­nen Dienst­wa­gens während der Kündi­gungs­frist. Nach­dem das Ar­beits­ge­richt den An­spruch auf Ur­laubs­ab­gel­tung rechts­kräftig ab­ge­wie­sen hat und der An­trag auf Zeug­nis­be­rich­ti­gung durch Teil-Ver­gleich im Be­ru­fungs­ver­fah­ren er­le­digt ist, ist Ge­gen­stand des vor­lie­gen­den Ur­teils al­lein der An­spruch auf Nut­zungs­aus­fall­entschädi­gung für die ent­zo­ge­ne Pri­vat­nut­zung.
2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihr das am 30.06.2009 er­teil­te Zeug­nis im Rah­men der Tätig­keits­be­schrei­bung wie folgt zu ergänzen:"- Steue­rung und Ent­wick­lung der Nie­der­las­sung- Steue­rung der Ak­ti­vitäten und Um­set­zung der Un­ter­neh­mens­zie­le nach er­folgs- und er­geb­nis­ori­en­tier­ten Ge­sichts­punk­ten- Per­so­nel­le und ad­mi­nis­tra­ti­ve Lei­tung der Geschäfts­stel­le als Pro­fit­cen­ter- Um­set­zung der Un­ter­neh­mens­po­li­tik in er­folgs­ver­spre­chen­de re­gio­na­le Maßnah­men- Wei­ter­ent­wick­lung der Geschäftstätig­keit- Pla­nung und Rea­li­sie­rung der Zie­le der Geschäfts­stel­le- Ak­qui­si­to­ri­sche Be­ar­bei­tung des re­gio­na­len Mark­tes- Aus­wahl, Ein­stel­lung und Dis­po­si­ti­on der Zeit­ar­beit­neh­mer- Dis­zi­pli­na­ri­sche Ver­ant­wor­tung der ex­ter­nen Mit­ar­bei­ter- Führung/Ein­ar­bei­tung der in­ter­nen Mit­ar­bei­ter."
das ar­beits­ge­richt­li­che Ur­teil vom 16.02.2010 teil­wei­se ab­zuändern und die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an sie ei­ne Nut­zungs­aus­fall­entschädi­gung in Höhe von ka­len­dertäglich 9,40 € brut­to für den Zeit­raum vom 09.06. - 30.06.2009, ins­ge­samt so­mit 206,80 € brut­to nebst 5 Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz aus ei­nem Be­trag von täglich 9,40 € ab dem 09.06. - 30.06.2009 zu zah­len.
1.Die Be­ru­fung der Kläge­rin ist statt­haft, sie ist form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und be­gründet wor­den und da­mit ins­ge­samt zulässig, §§ 64, 66 ArbGG. Nach Teil-Ver­gleich ist nur noch zu ent­schei­den über den An­spruch auf Nut­zungs­aus­fall­entschädi­gung. In­so­weit ist die Be­ru­fung be­gründet. Die Be­klag­te war ent­spre­chend dem An­trag der Kläge­rin zur Zah­lung ei­ner Nut­zungs­aus­fall­entschädi­gung von 206,80 € zu ver­ur­tei­len, und zwar als Aus­gleich für die ent­gan­ge­ne Pri­vat­nut­zung des Fir­men-PKW für die Zeit vom 09.06. bis 30.06.2009. Der An­spruch ist der Höhe nach un­strei­tig.
2.Nach § 7 des Dienst­wa­gen­ver­tra­ges war die Be­klag­te bei Frei­stel­lung nach Kündi­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses be­rech­tigt, das Fahr­zeug zurück­zu­ver­lan­gen und entschädi­gungs­los die Pri­vat­nut­zung zu ent­zie­hen. Die­se ver­trag­li­che Be­stim­mung ist Teil vor­for­mu­lier­ter Ver­trags­be­din­gun­gen, die die Be­klag­te den Ar­beits­verhält­nis­sen zu­grun­de legt. Es han­delt sich um all­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gun­gen, die der Kon­trol­le nach §§ 307, 308 BGB un­ter­lie­gen. Der Wi­der­rufs­vor­be­halt ist gemäß § 308 Nr. 4 BGB un­wirk­sam.
3.Der Wi­der­rufs­vor­be­halt in § 7 des Dienst­wa­gen­ver­tra­ges ver­knüpft sach­ge­recht dienst­li­che Ver­wen­dung mit Pri­vat­nut­zung. Im Grund­satz soll Pri­vat­nut­zung des PKW's wi­der­ru­fen wer­den können, wenn das Fahr­zeug für dienst­li­che Zwe­cke nicht mehr benötigt wird. Die Ver­trags­re­ge­lung er­gibt, dass die Pri­vat­nut­zung nicht als ei­genständi­ger Ent­gelt­be­stand­teil gewährt wer­den soll, son­dern qua­si als An­nex zum dienst­li­chen Ge­brauch des PKW. Der Ar­beit­ge­ber hat ein schützens­wer­tes In­ter­es­se dar­an, ei­nen Dienst­wa­gen für Pri­vat­nut­zung nur so lan­ge zur Verfügung zu stel­len, wie das Fahr­zeug auch für dienst­li­che Zwe­cke benötigt wird. Auch für den Ar­beit­neh­mer ist es zu­mut­bar, in ei­nem sol­chen Fall den Weg­fall der Pri­vat­nut­zung entschädi­gungs­los hin­zu­neh­men. Sch­ließlich han­delt es sich um ei­ne ver­trag­lich gewähr­te Son­der­leis­tung, die nur ca. 11 % der Ge­samt­vergütung aus­macht.
4.Ei­ne an­de­re Be­wer­tung er­gibt sich aber für den ver­trag­lich ge­re­gel­ten Fall der Frei­stel­lung von der Ar­beits­leis­tung nach der Kündi­gung. Hier wird der Wi­der­ruf nicht ein­ge­setzt, um bei Ver­trags­schluss un­ge­wis­se Ent­wick­lun­gen der Verhält­nis­se auf­fan­gen zu können. Viel­mehr ist hier der Wi­der­ruf der Pri­vat­nut­zung auf ei­nen be­grenz­ten Zeit­raum be­schränkt, nämlich auf die Dau­er der Kündi­gungs­frist. Bei ty­pi­scher Fall­ge­stal­tung er­fol­gen Kündi­gung und Frei­stel­lung in en­gem zeit­li­chen Zu­sam­men­hang, die Wi­der­rufsmöglich­keit wird da­mit ein­geräumt in ei­nem Zeit­punkt, wo ei­ne Neu­ein­stel­lung für den aus­schei­den­den Mit­ar­bei­ter noch nicht er­folgt ist. Die Ge­fahr, dass bei Be­las­sung der Pri­vat­nut­zung für ei­ne Neu­ein­stel­lung ein wei­te­rer Dienst­wa­gen an­ge­schafft wer­den muss, weil zwin­gend für dienst­li­che Nut­zung, dürf­te sich da­mit erst zu ei­nem späte­ren Zeit­punkt et­wa bei länge­ren Kündi­gungs­fris­ten er­ge­ben. Kündi­gung und Frei­stel­lung lösen ty­pi­scher­wei­se da­mit nicht kurz­fris­tig ei­nen Zwang zum Wi­der­ruf der pri­va­ten Nut­zungsmöglich­keit aus.
5.Für den Ar­beit­neh­mer stellt die Pri­vat­nut­zung ei­nes Dienst­wa­gens ei­nen Ent­gelt­be­stand­teil dar, sie ist Teil der ver­trag­lich ge­schul­de­ten Leis­tung des Ar­beit­ge­bers. Im Frei­zeit­ver­hal­ten, für Fahr­ten im Rah­men der Su­che nach ei­ner neu­en Ar­beits­stel­le, für Ein­kaufs­fahr­ten und Fahr­ten zu Behörden ist PKW-Nut­zung all­ge­mein üblich bzw. teil­wei­se so­gar not­wen­dig. Der Ar­beit­neh­mer, der ei­nen Dienst­wa­gen pri­vat nutzt und dann ty­pi­scher­wei­se auf die An­schaf­fung ei­nes ei­ge­nen PKW ver­zich­tet hat, ist in be­son­de­rer Wei­se schutzwürdig. Er ist ins­be­son­de­re da­vor zu schützen, dass ihm die Nut­zung des Dienst­wa­gens kurz­fris­tig oh­ne Vor­ankündi­gung ent­zo­gen wird.
6.Ei­ne Ge­samt­be­wer­tung er­gibt hier, dass ei­ner­seits ein schützens­wer­tes In­ter­es­se des Ar­beit­ge­bers be­steht, Pri­vat­nut­zung des Dienst­wa­gens nur so lan­ge gewähren zu müssen, wie ei­ne dienst­li­che Nut­zung er­folgt. Er hat ein In­ter­es­se dar­an, die ver­ein­bar­te Ge­stal­tung Pri­vat­nut­zung als An­nex zur dienst­li­chen Ver­wen­dung auch um­zu­set­zen. An­de­rer­seits hat der Ar­beit­neh­mer ein be­son­de­res In­ter­es­se dar­an, nicht kurz­fris­tig im Zu­sam­men­hang mit Frei­stel­lung mit dem Ent­zug der Pri­vat­nut­zung kon­fron­tiert zu wer­den. Er hat ein be­son­de­res In­ter­es­se dar­an, sich auf den Weg­fall der Pri­vat­nut­zung ein­zu­stel­len und ge­ge­be­nen­falls ein Er­satz­fahr­zeug an­zu­schaf­fen. Nach Auf­fas­sung der Kam­mer ist des­halb nur ei­ne Wi­der­rufs­klau­sel in­ter­es­sen­ge­recht und nach § 308 Nr. 4 BGB wirk­sam, wenn ne­ben dem Weg­fall der dienst­li­chen Ver­wen­dung des PKW als Sach­grund ei­ne Ankündi­gungs­frist für den Wi­der­ruf vor­ge­se­hen ist. Die­se Ankündi­gungs­frist soll­te min­des­tens vier Wo­chen be­tra­gen ent­spre­chend § 622 Abs. 1 BGB, erwägens­wert wäre auch ent­spre­chend § 622 Abs. 2 Nr. 1 BGB ei­ne Ankündi­gungs­frist von ei­nem Mo­nat zum En­de des Ka­len­der­mo­nats zu ver­lan­gen. Für ei­ne Ankündi­gungs­frist von ei­nem Mo­nat zum Mo­nats­en­de spricht im Übri­gen, dass die Pri­vat­nut­zung pau­schal mit 1 % des Lis­ten­prei­ses auf mo­nat­li­cher Ba­sis be­steu­ert wird, § 6 Abs. 1 Nr. 4 EStG. Auch wenn Pri­vat­nut­zung nur für Tei­le ei­nes Mo­nats noch gewährt wird, kann nach Steu­er­recht nicht ta­ge­wei­se, son­dern nur mo­nats­wei­se be­rech­net wer­den. Un­abhängig da­von, wel­che An­for­de­run­gen an ei­ne Ankündi­gungs­frist zu stel­len sind, er­gibt sich hier: in­ter­es­sen­ge­recht ist ein so­for­ti­ger Ent­zug nicht, zu ver­lan­gen ist, dass der Wi­der­ruf der Pri­vat­nut­zung mit Ein­hal­tung ei­ner Ankündi­gungs­frist er­folgt. Ei­ne sol­che Ankündi­gungs­frist enthält die vor­lie­gen­de Wi­der­rufs­klau­sel nicht, die Klau­sel ist da­mit ins­ge­samt un­wirk­sam.
Dr. Ro­senkötter Raasch Je­lit­te	m.hensche.de
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