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Timestamp: 2019-03-24 23:33:32
Document Index: 367104642

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'Art. 6', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 22', '§ 8', '§1', '§ 8', '§ 1666', '§ 22']

Familien im Fokus. Wie Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen ... | Diplomarbeiten24.de
1. Kindertagesstätten haben einen Schutzauftrag
2. Gegenstandsbeschreibung
2.1 Kindertagesstätten
2.2 Personal in Kindertagesstätten
2.3 Ziele und Aufgaben von Kindertagesstätten
2.3.1. Kinderschutz als Aufgabe von Kindertageseinrichtungen
3.2 Kindeswohlgefährdung
3.2.1 Vernachlässigung
3.2.2 Körperliche Misshandlung
3.2.3 Psychische, emotionale oder seelische Misshandlung
3.2.5 Risikofaktoren
4.1 Elternrecht im GG Art. 6
4.2 Staatliches Wächteramt im GG Art. 6 Abs. 2 Satz 2
4.2.1 Schutzauftrag im § 8a SGB VIII
5. Professionalität im Kinderschutz
5.1 Handlungsschritte nach § 8a ABS. 4 SGB VIII
5.1.1 Wahrnehmen gewichtige Anhaltspunkte
5.1.2 Gefährdungseinschätzung vornehmen
5.1.3 Hinzuziehen einer insofern erfahrenen Fachkraft
5.1.4 Auf geeignete Hilfe hinwirken und überprüfen
5.2 Was Fachkräfte in Kindertagesstätten wissen und können
5.2.1 Kurzdarstellung einer empirischen Untersuchung
5.3 Zusammenfassung und Ausblicke
5.3.1 Normative Vorstellungen von Familie
Erzieherin 1: „ Ich denke auch im U-3 Bereich, wir haben ja (..) einen sehr genauen Blick auch auf die Familien und auch auf die Interaktion, weil wir die Eltern und die Kinder oft gemeinsam erleben. Die kommen ja jeden Tag gemeinsam an und haben noch so eine gewisse Ü bergangssituation. Ich denke, wir können unheimlich viel abspüren was da an Beziehung da ist oder was in der Familie auch so läuft. “ 1
Die Themen Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung stehen seit geraumer Zeit ver- stärkt in der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Der geäußerte Wunsch nach einem nachhaltig verbesserten Kinderschutz erklingt häufig im Zuge medialer Berichterstat- tung tragischer Fälle der Kindesmisshandlungen oder Vernachlässigung. Im Tenor dieser öffentlichen Diskussion sind in den vergangenen Jahren entspre- chende gesetzliche Entwicklungen zu verzeichnen. So wurde im November 2000 der für viele Fachleute längst überfällige Paragraph 1631 Abs. 2 BGB (Bürgerliches Ge- setzbuch) zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung eingeführt, das Kindern ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung zuspricht und körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen als unzulässig deklariert. Als weitere zentrale Neuerung in der Kinderschutzdebatte gilt auch die im Jahr 2005 er- folgte Einführung des § 8a SGB VIII Abs. 4 (Sozialgesetzbuch, Achtes Buch, Kinder- und Jugendhilfe), die den Schutzauftrag der Kinder- und Jugendhilfe bei Gefährdun- gen des Kindeswohls konkretisiert.2 Der Gesetzgeber richtet seine Forderung zur Ausübung des Schutzauftrages darin an die freien Träger der Kinder -und Jugendhilfe sowie an die dazugehörigen Institutionen, zu denen unter anderem Kindertagesstätten gezählt werden können. Eine genaue Betrachtung der beruflichen Anforderungen, die dieser Schutzauftrag für die dortigen Beschäftigten mit sich bringt, soll zentraler Ge- genstand dieser Arbeit sein. Unter der Frage, wie Fachkräfte in Kindertagesstätten Kinderschutz definieren und gestalten, findet zunächst eine übersichtliche Beschrei- bung des Arbeitsfelds „Kindertagestätten“ statt.
Dem folgt eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen und Risikofakto- ren der Kindeswohlgefährdung sowie den rechtlichen Gegebenheiten, die eine aus- führlichere Beschreibung der einzelnen Handlungsaufträge für die Fachkräfte enthält. Anschließend diskutiert die vorliegende Arbeit, wie die Fachkräfte ihre Aufgabe im Kinderschutz nach § 8a derzeit umzusetzen versuchen. Anhand professionstheoreti- scher Überlegungen und Ergebnisse zweier empirischer Untersuchungen sollen dar- über hinaus Unstimmigkeiten, Lücken und mögliches Verbesserungspotenzial aufge- zeigt werden. Zuletzt erfolgt eine Auseinandersetzung mit vorhandenen normativen Vorstellungen von Familie, welche auf das professionelle Handeln der Fachkräfte maßgeblich Einfluss nehmen, denen letztlich aber auch gesamtgesellschaftliche Be- deutung zukommt. Begrifflich schließt nachfolgend die Bezeichnung „Fachkräfte“ das gesamte pädagogische Personal in Kindertagesstätten, zu welchem vorrangig Er- zieherinnen und Erzieher sowie Kinderpflegerinnen und Kinderpfleger gezählt wer- den, ein. Eine geschlechtergerechte Sprache findet trotz des überrepräsentativen Frauenanteils in diesem Arbeitsfeld weitestgehend Beachtung. In direkten Zitaten wurde, falls vorhanden die einseitig weibliche Anrede unverändert übernommen. Ge- setze finden eine direkte Erwähnung im Text
Kindertagesstätten sind Einrichtungen, in denen sich Kinder für einen Teil des Tages oder ganztägig aufhalten und in Gruppen betreut und gefördert werden.3 Diese beste- hen hierzulande in der Regel aus Kinderkrippen, für Kinder bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres, Kindergärten für Kinder von der Vollendung des dritten Le- bensjahres bis zum Schuleintritt und Horte für die Betreuung von Schulkindern au- ßerhalb der Unterrichtszeiten. Ein Rechtsanspruch besteht für Krippenkinder seit dem
1. August 2013 auf Grundlage des Kinderförderungsgesetzes (KiföG)4, für Kindegar- tenkinder gibt es einen solchen Rechtsanspruch seit dem Jahr 1996. Anzumerken sei an dieser Stelle, dass sich der nachfolgende Inhalt ausschließlich auf Kindertagesein- richtungen für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren bezieht, da sich die vorlie- gende Arbeit mit dem Kinderschutz der ersten Lebensjahre befasst. Die meisten Kin- dertageseinrichtungen werden hierzulande von freien Trägern, wie gemeinnützigen Vereinen, Kirchen oder freien Wohlfahrtsverbänden bereitgestellt und betrieben. Ge- mäß dem Subsidiaritätsprinzip kann das Jugendamt bzw. die Kommune selbst erst dann als Träger auftreten, wenn freie Träger dies nicht im erforderlichen Maße leis- ten.5 Kindertagesstätten zählen systemrechtlich zum Praxisfeld der Kinder- und Ju- gendhilfe und richten ihr Angebot familienergänzend aus.6 Damit haben sie sich den Wert- und Erziehungsvorstellungen, sowie den Bedürfnissen der Eltern zunächst an- zupassen. Der Besuch der Kinder erfolgt freiwillig, auch wenn vielerorts über eine Kitapflicht diskutiert wird.7
Die Fachkräfte in Kindertagesstätten sind zum Großteil mit rund 70% staatlich aner- kannte Erzieher und Erzieherinnen, die an Fachschulen oder Fachakademien ausge- bildet wurden, gefolgt von an Berufsfachschulen ausgebildeten Kinderpflegern und Kinderpflegerinnen.8 Darüber hinaus setzt sich das einschlägig qualifizierte Personal frühpädagogischer Einrichtungen aus Sozialassistentinnen und Sozialassistenten so- wie einer geringen Anzahl von knapp 4% aus Hochschulabsolventinnen und Hoch- schulabsolventen zusammen. Über 98% der Beschäftigten sind weiblich. Zudem voll- zog sich zurückliegend in den vergangenen 15 Jahren ein deutlicher Anstieg des pä- dagogischen Personals in Kindertageseinrichtungen. Waren es 2008 rund 294 000 Pädagoginnen und Pädagogen ist diese Zahl mittlerweile um weitere mehr als 100 000 Fachkräfte gestiegen. „Insgesamt sind in den Kindertageseinrichtungen zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts knapp 430 000 pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den unterschiedlichsten Qualifikationen enga- giert.“9 Neben der gestiegenen Anzahl an pädagogischen Kräften, ist dazu auch ein Anstieg der Qualifikationen zu verzeichnen. „In den zurückliegenden drei Dekaden realisierte sich demnach ein deutlicher Verfachlichungsprozess (…).“10
Unstrittig ist in den deutschsprachig wissenschaftlichen Diskussionen, dass eine generelle Qualifikation in den unterschiedlichen Ebenen notwendig und der Anteil von akademisch qualifizierten Mitarbeitern im Handlungsfeld der Pädagogik der Kindheit zu steigern ist. Strittig ist bisweilen jedoch noch, wie und wann dies geschehen soll. Allgemein besteht die Forderung nach einer allgemeinen Akademisierung der fachschulischen Erzieher und Erzieherinnenausbildung mit dem Ziel zur gesellschaftlichen Aufwertung des Berufstandes und um den beruflichen Professionalisierungsprozess nachhaltig zu stützen. Skepsis besteht hingegen noch dem qualitätssteigernden Ertrag von akademischen Abschlüssen.11
Gemäß § 22 Abs. 2 im Achten Buch des Sozialgesetzbuches sind die Aufgaben von Kindertagesstätten die Förderung der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, die Erziehung und Bildung in der Familie zu unterstützen und zu ergänzen sowie den Eltern dabei zu helfen, Erwerbstätigkeit und Kindererziehung besser miteinander vereinbaren zu können. Der Förderungsauftrag im eigentlichen Sinne umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung des Kindes und bezieht sich auf die soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklung. Er schließt die Vermittlung orientierender Werte und Regeln ein. Dabei soll das einzelne Kind mit seinen spezifischen Fähigkeiten, Interessen, Bedürfnissen und Lebensbedingungen im Mittelpunkt stehen.
Seit einigen Jahren stehen Kindertagesstätten verstärkt in der Aufmerksamkeit bil- dungspolitischer Auseinandersetzungen, deren Debatten unter anderem dazu geführt haben, dass von allen Bundesländern eigene Bildungs- oder Orientierungspläne ent- wickelt und veröffentlicht wurden.12 Begleitet wird diese Entwicklung mitunter von dem Gedanken, dass der Elementarbereich die erste Stufe des Bildungswesens dar- stelle. Dementsprechend haben sich die gegenwärtigen öffentlichen Erwartungen an frühpädagogische Einrichtungen gesteigert: Sie sollen alle Kinder optimal fördern und auf ihre zukünftige Schulkarriere vorbereiten sowie im Besonderen vor Schulbe- ginn die Defizite bei Kindern aus benachteiligten Familien kompensieren und so auch zu sozialer Gerechtigkeit beitragen.13 Auch in der Kinderschutzdebatte tauchen Kin- dertagesstätten in jüngster Zeit verstärkt auf. Welche Argumente für diese Entwick- lung sprechen, soll nun nachfolgend näher erläutert werden.
Dass Kindertageseinrichtungen die Aufgabe des aktiven Kinderschutzes zukommen, lässt sich zunächst aufgrund des beruflichen Selbstverständnisses der dort Tätigen und der Tradition des Arbeitsfeldes begründen. Bereits in den Anfängen des Kinder- gartens war der präventive Gedanke zentral.14 „Zum Beginn der institutionellen Be- treuung vor etwa 150 bis 200 Jahren wurden Kinder zunächst in „Bewahranstalten“ mit einem klaren „sozial- bzw. familienfürsorgerischen Anspruch und als Antwort auf drohende Verwahrlosung von Kleinkindern in proletarischen Familien konzi- piert.“15 Auch heute und auch schon vor Einführung des § 8a SGB VIII war jeder, der mit Kindern arbeitet, dazu aufgefordert, im Sinne des allgemeinen Auftrags der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohlergehen zu schützen (§1 Abs. 3 Ziff. 3 SGB VIII). „Demnach stellt „Kinderschutz“ keine in- haltlich neue Aufgabe dar, aber § 8a Abs. 4 SGB VIII bekräftigt und konkretisiert diese Verpflichtung.16
Ein weiteres Argument ergibt sich aus der besonderen Nähe von Kita- Fachkräften zu Kindern und deren Familien. Durch den täglichen, freiwilligen Besuch des Kindes, handelt es sich um ein äußerst niederschwelliges Angebot der Kinder- und Jugend- hilfe. „Im Kontrast du anderen institutionalisierten, kindheitspädagogischen Angebo- ten, etwa den Hilfs- und Unterstützungsangeboten der erzieherischen Hilfen oder etwa therapeutisch-pädagogische und therapeutisch-medizinischen Fördermaßnah- men, stellen Kindertageseinrichtungen, (…), ein gesellschaftlich vorgehaltenes Handlungsfeld dar, das nach Bedarf und freiwillig von allen Kindern in Anspruch genommen werden kann.“17 Begründet wird das Engagement um den dortigen Kin- derschutz auch mit der hohen Zahl der Kinder, die in Deutschland eine Kindertages- einrichtung besuchen. „Insbesondere der Besuch von Kindergärten stellt inzwischen für die Mehrzahl aller Kinder der Bundesrepublik Deutschland wesentlicher Bestand- teil der Normalbiographie dar.18 Ebenfalls ist bei den Besuchszahlen der Kinder unter drei Jahren seit Jahren eine stetig steigende Zunahme festzustellen.19 „Vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Veränderungen, wie der doppelten Erwerbstätigkeit beider Eltern, vermehrte Bildungsanstrengungen, Veränderungen im familiären Lebensumfeld verlagert sich das Eintrittsalter in außerfamiliäre Betreu- ung immer weiter nach unten, die Besuchszeiten verlängern sich insgesamt und auch die täglichen Besuchszeiten sind erhöht.“20 Die Bedeutung des Kinderschutzes in der frühen Kindheit und damit in Kindertagesstätten wird auch hinsichtlich der Ergeb- nisse entwicklungspsychologischer Forschung deutlich. So liegen in den ersten Le- bensjahren eines Kindes große Chancen und Risiken für dessen weitere Entwicklung. Säuglinge sowie Klein- und Kindergartenkinder sind in besonderem Maße auf ver- lässliche Fürsorge angewiesen. Sie verfügen kaum über Ressourcen sich selbst zu versorgen oder gegenüber Gefahren zu schützen.21 Die Vulnerabilität, also der Grad der Verletzlichkeit, ist bei Säuglingen und Kleinkindern zusätzlich sehr hoch, sodass ist es nur schlüssig ist, die Möglichkeiten zur Früherkennung von Gefahren zu ver- bessern.22
Ergebnisse aus der Familienforschung zeigen überdies, dass der Übergang von der Partnerbeziehung zur familiären Dreierbeziehung neben großer Freude auch mit gro- ßen Schwierigkeiten im Leben und Erleben der jungen Eltern verbunden sein kann. Die wechselseitige Zufriedenheit der Partner mit ihrer Beziehung verringert sich be- reits kurze Zeit nach der Geburt und sinkt in den folgenden Jahren weiterhin.23 Mit der Geburt eines zweiten Kindes stehen die Eltern und die Familie vor weiteren Her- ausforderungen. Der erhöhte finanzielle Aufwand, neu auftretende Geschwisterkon- flikte, die nötige Rollenübernahme der Eltern seien hier nur beispielhaft für Einflüsse genannt, die sich für die Familie zu schwerwiegenderen Belastungen entwickeln kön- nen. Somit zeigt sich, dass das Lebensereignis „Kinder bekommen“ eine nicht unkri- tische Phase darstellt. Zum Ziel der Prävention und der besseren Früherkennung sind in den letzten Jahren verstärkt Initiativen wie die „Frühe Hilfen“ ins Leben gerufen worden, die für den Schutz von ungeborenen Kindern, Säuglingen und Kleinkindern im Schnittfeld der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens agieren. Kitas bleiben in den Planungen und Überlegungen dennoch weitgehend unberücksichtigt. Dabei wäre es zu empfehlen, besonders die Fachkräfte in Kindertagesstätten für diese Aufgabe zu qualifizieren und entsprechende Kompetenzen in deren Wissen und Können zu vergegenwärtigen. Schätzungsweise sind etwa 5% aller Kinder von Formen der Kin- deswohlgefährdung betroffen, was statistisch jede Kindertageseinrichtung mit ent- sprechenden Fällen in Berührung kommen lässt. Nicht ungeachtet bleiben sollte da- bei auch die Tatsache, dass Fachkräfte in Kitas häufig auch mit werdenden Müttern und Eltern Kontakt haben, sofern diese bereits ein älteres Geschwisterkind in der Ein- richtung betreuen lassen. „Kinderschutz ist, wenn auch teilweise unbewusst, elemen- tarer Bestandteil der pädagogischen Praxis von ErzieherInnen.“24 Kindertagesein- richtungen nehmen s als Leistungsträger der Kinder- und Jugendhilfe eine wichtige Stellung beim Schutzauftrag in Fällen von Kindeswohlgefährdungen ein. Ihnen wird neben der Aufgabe der Zusammenarbeit mit dem Jugendamt eine eigenständige und aktive Rolle vom Gesetzgeber zugewiesen.25 Um sich diesem Rollenverständnis an- zunähern soll nun vorab erläutert werden, um welchen „Gegenstand“ es sich handelt, den es laut diesem Auftrag zu schützen gilt.
In keiner Stelle des Gesetzes steht, was unter dem Begriff Kindeswohl genau zu ver- stehen ist und dennoch normiert sich die internationale, europäische und deutsche Gesetzgebung an ihm. Er entzieht sich einer allgemeinen Definition, ist damit ein sogenannter unbestimmter Rechtsbegriff und bedarf daher einer Interpretation im Einzelfall. Weitgehende Einigung herrscht zwar darüber, dass es dabei um das körperliche, seelische und geistige Wohl des Kindes, seiner Sicherheit und ein Aufwach- sen ohne Gewalt geht.26 Die Meinungen aber was und unter welchen Umständen im Interesse des Kindes oder Jugendlichen liegt, gehen bei Professioneller unterschied- lichen Disziplinen, wie der Medizin, der Juristik oder der Pädagogik und nicht zuletzt bei Eltern häufig auseinander.27 Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht kommt beispielsweise der Vorschlag, die Kindeswohlkriterien in Bezug auf kindliche Grund- bedürfnisse zu begründen. Zentrale Anknüpfungspunkte bilden dabei die UN-Kon- vention über die Rechte des Kindes und - anlehnend an die WHO und das entwick- lungspsychologische Konzept der „Basic Need“, die elementaren Bedürfnisbereiche eines Kindes. Dennoch ist das, was als gut für Kinder gilt, nicht allgemeingültig be- stimmbar, sondern unterliegt immer kulturell, historisch-zeitspezifisch oder ethnisch geprägten Vorstellungen. „Die Konkretisierung dieses unbestimmten Rechtsbegriffes erfordert eine kindzentrierte Ermittlung und die fachlich fundierte Einschätzung der Gesamtsituation, bezogen auf die individuellen Bedürfnisse und Interessen des Kin- des.“28
Aufgrund der Unmöglichkeit, den Begriff „Kindeswohl“ allgemeingültig zu bestim- men, beseht der Vorschlag, sich über den Weg der „Gefährdung“ anzunähern.29 Nach § 1666 Abs. 1 BGB liegt eine Kindeswohlgefährdung dann vor, wenn das körperli- che, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet wird und die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, diese Gefahr abzuwenden. Weiter versteht die Rechtsprechung unter einer Gefährdung eine gegenwärtige in einem sol- chen Maße vorhandenen Gefahr, dass sich bei weiterer Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt.30 Mit dieser Definition ist die Schädigung noch nicht gegenwärtig zu erkennen, sondern muss zukunftsgerichtet vorhergesagt werden. Damit wird der durchaus legitime Versuch getätigt, Gefährdungen für das Kindeswohl vor einer realen Schädigung festzustellen. Dementsprechend schwierig ist dabei aber das richtige und rechtzeitige Erkennen. In den meisten Fällen, in denen Fachkräfte in Kindertagesstätten konfrontiert werden, sind darüber hinaus Eindeutigkeiten nicht gegeben, die Grenzend fließend und der Spielraum für Interpretationen groß. Somit gilt es den Akteuren verschiedener Disziplinen, vornehmlich aus dem Jugendhilfe- und dem Gesundheitswesen, diesen unbestimmten Rechtsbegriff für die Praxis handhabbar zu machen.31 Die gängigen Formen in der Kinderschutzdebatte finden nun skizzenhaft Erläuterung.
„Vernachlässigung ist die andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns durch sorgeverantwortliche Personen welches zur Sicherstellung der phy- sischen und psychischen Versorgung des Kindes notwendig wäre.“32 Weiter könne diese Unterlassung wissentlich oder unbewusst geschehen. Aktive Vernachlässigung beziehe sich auf eine Verweigerung von Handlungen durch die sorgeverpflichtete Person, obwohl diese den Bedarf des Kindes erkenne, nachvollziehen und die Hand- lungen leisten könne. Passive Vernachlässigung ergebe sich hingegen durch fehlende Einsicht oder Handlungsmöglichkeiten.33 Konkret zeigt sich Vernachlässigung in un- zureichender Pflege, Ernährung, unpassender und witterungsungünstiger Kleidung, mangelnde emotionale Zuwendung, unzureichender Schutz vor Gefahren sowie ver- letzen der Aufsichtspflicht und Formen von mangelnder körperlicher und geistiger Anregung.
Hierbei handelt es sich wohl um die offensichtlichste Form der Kindeswohlgefähr- dung, da sie häufig mit äußeren Verletzungszeichen einhergeht. Physische Misshand- lungen bezeichnen alle Handlungen von Erwachsenen, die mittels physischer Kraft bei Kindern zu physischen aber auch psychischen Schäden führen.34 Dies beinhaltet alle Arten bewusster oder unbewusster Handlungen, die das Kind verletzen oder das Potential dazu haben. Schone empfiehlt, dass alle Professionen, die mit Kindern um- gehen, typische Anzeichen solcher Verletzungen erkennen können, die mutmaßlich und nicht unfallbedingt zugefügt worden sind. Es gäbe dazu beispielsweise die Faust- regel, dass unter Berücksichtigung des Alters und Entwicklungsstandes des Kindes, solche Verletzungen verdächtig sind, bei denen kein plausibler Unfallhergang gege- ben ist.35
Diese Form der Kindeswohlgefährdung lässt sich besonders schwer zuverlässig lo- kalisieren.36 Wo liegt die Grenze, zwischen einem besonders autoritären Erziehungs- stil und unzulässigen Formen von Gewalt? Eine Definition, auf die häufig Bezug ge- nommen wird, stammt von der American Professional Society on Abuse of Children (APSAC 1995). Darin wird psychische Misshandlung beschrieben als: „Wiederholte Verhaltensmuster der Betreuungsperson oder Muster extremer Vorfälle, die Kindern zu verstehen geben, sie seien wertlos, voller Fehler, ungeliebt, ungewollt, sehr in Ge- fahr oder nur dazu nütze, die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu erfüllen.“37 Auch mit dieser Definition bleiben nach wie vor Unklarheiten bezüglich der Band- breite einbezogener elterlicher Verhaltensweisen offen. Zudem sei angemerkt, dass auch jede andere Form der Gefährdung, wie z.B. körperliche Misshandlungen, einem Kind die Botschaft vermitteln können, es sei ungeliebt oder wertlos. Diese Über- schneidung mit anderen Formen der Misshandlung oder Vernachlässigung ist der Grund, weswegen psychische Misshandlung oft auch als „Kern aller Formen von Kindeswohlgefährdung“ beschrieben wird.38
1 Thurn, 2015, S. 167.
2 vgl. Thurn, 2015, S. 25.
3 § 22 SGB VIII Grundsätze der Förderung
4 vgl. Marx, 2011, S.90.
5 vgl. Blossfeld, S.33
6 vgl. Thole, 2012, S.22.
7 vgl. Viernickel, 2007, S.4.
8 vgl. Blossfeld, 2012, S. 27.
9 Thole, 2014, S.19.
10 Thole, 2014, S.20.
11 vgl. Thole, 2014, S.22.
12 vgl. Fröhlich-Gildhoff, 2013, S.81.
13 vgl. Förster, C., 2012, S.8.
14 Eßer, 2014, S.40.
15 Viernickel, 2007, S.3.
16 Feldhoff, 2012, S.78.
17 Thole, 2010, S. 207.
18 vgl. Viernickel, 2007, S.3.
19 vgl. Statistisches Bundesamt, Datenreport 2016, (Stand 19.01.2018).
20 Maywald, 2012, S. 125.
21 vgl. Schutter, 2014, S.446.
22 vgl. Marx, 2011, S.246.
23 vgl. Reichle; Montada. 1999, S.11
24 Troalic, 2015, S.2.
25 vgl. Hundt, 2013, S. 101.
26 vgl. Marx, 2011, S.246.
27 Maywald, 2008, S. 51.
28 Zitelmann, 2014, S.433.
29 vgl. Schone, 2012, S.20.
30 vgl. Schone, 2012, S.21.
31 vgl. Maywald, 2011, S.10.
32 Schone, 1997, S. 21.
33 Schone, 2007, S.36.
34 vgl. Kindler, 2006, S. 5.
35 vgl. Schone, 2012.
36 vgl. Maywald, 2009, S. 29.
37 Kindler 2006, S.4.
38 Maywald 2009, S. 29.
Lena Smikale (Autor)
V446674
9783668827165
9783668827172
Kinderschutz Kindertagesstätten Erzieherinnen Frühe Hilfen
Lena Smikale (Autor), 2018, Familien im Fokus. Wie Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen Kinderschutz definieren und gestalten, München, GRIN Verlag, https://www.diplomarbeiten24.de/document/446674
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