Source: https://www.deutsche-anwaltshotline.de/c/ebs/zivilrecht/stornierung-von-konzerttickets-wegen-irrefuehrender-angaben-des-verkaeufers-858
Timestamp: 2020-01-29 20:28:06
Document Index: 97966552

Matched Legal Cases: ['§ 312', '§ 355', '§ 312', '§ 312', '§ 123', '§ 119', '§ 119', '§ 29', '§ 263', '§ 312', '§ 119', '§ 123']

Irreführende Angaben: Kann ich Konzerttickets stornieren? | Deutsche Anwaltshotline
Ich habe auf einer Internetplattform zwei Tickets für ein Konzert am in einer Halle, Block C6, bestellt (Bestellwert 227 Euro). Auf der Plattform befindet sich eine grafische Übersicht, auf dessen Basis die Sitzplatzposition/Blockzuweisung für die entsprechend ausgewählte Karte dargestellt wird. Ich habe die Karten gekauft, weil Block C6 gemäß der Darstellung eindeutig vor der Bühne liegt. Leider erst im Nachhinein habe ich aber auf der original Webseite des Veranstaltungsortes festgestellt, dass Block C6 ausschließlich hinter der Bühne ist. Tickets hinter der Bühne interessieren mich aber nicht, daher habe ich per Mail versucht meine Bestellung sofort noch am selben Tag zu stornieren. Mehrere Kontaktaufnahmen haben leider nichts gebracht - die Antworten sind immer, dass die Bestellung gemäß AGB verbindlich ist.
Meine Frage ist daher, ob es wirklich keine Möglichkeit der Stornierung einer Bestellung auf so einer Ticket-Plattform gibt und ob die Plattform hier nicht bewusst falsche Tatsachen vortäuscht und für die inkorrekte Darstellung von Ticketinformationen zur Rechenschaft gezogen werden kann.
Ihre Fragen beantworte ich wie folgt ):
Frage Teil 1: Meine Frage ist daher, ob es wirklich keine Möglichkeit der Stornierung einer Bestellung auf so einer Ticket-Plattform gibt
Antwort Rechtsanwalt
Ein Storno bzw. eine Stornierung kommt nicht in Frage, da dies eigentlich nur auf Buchungsfehler bezogen ist und mindestens das Einvernehmen Ihres Geschäftspartners voraussetzt, an dem es hier gerade fehlt.
Das bekannte Widerrufsrecht bei Fernabsatzverträgen, das dem Verbraucher bei außerhalb von Geschäftsräumen geschlossenen Verträgen und bei Fernabsatzverträgen gemäß § 312g BGB 1) i.Vb.m. § 355 BGB zusteht, gilt bei Ticket-Verkäufen normaler Weise nicht, vgl. § 312g Abs. 2 Ziff. 9 BGB 1) (vor der Reform nach der Verbraucherrichtlinie am 30.6.2015 schon gleichlautend geregelt in § 312b Abs. 3 Ziff. 6 BGB).
Danach gilt das Widerrufsrecht nicht bei Verträgen zur Erbringung von Dienstleistungen u.a. zur Erbringung weiterer Dienstleistungen im Zusammenhang mit Freizeitbetätigungen, wenn der Vertrag für die Erbringung einen spezifischen Termin oder Zeitraum vorsieht. Das ist bei Tickets der Fall.
In Betracht kommt juristisch aber besonders eine Anfechtung des Vertrags gem. § 123 BGB 2) wegen arglistiger Täuschung bzw. wegen Irrtums nach § 119 BGB 3).
Benötigt werden einerseits eine fristgerechte Anfechtungserklärung und andererseits ein Anfechtungsgrund. Die Erklärung sollten Sie, sofern noch nicht erfolgt, formal nachholen. Es reicht im Prinzip der Wortlaut aus „hiermit erkläre ich die Anfechtung des Vertrags wegen arglistiger Täuschung, hilfsweise wegen Irrtums.“ Dies sollte mit formalem Brief erfolgen, per Einschreiben. In der Anlage finden Sie einen Link auf entsprechende Musterschreiben 4).
Die Begründung der Anfechtung können Sie im Prinzip so lassen, wie Sie es dargestellt haben. Ob eine arglistige Täuschung vorlag, ist zweifelhaft. Sie hätten dafür die Beweislast, und besonders ein diesbezüglicher Vorsatz ist immer schwer nachweisbar. Eine vorsätzliche falsche räumliche Darstellung der Sitzplätze in den Lageplänen könnte immerhin ein Indiz dafür sein, dürfte aber nicht ausreichen, wenn für eine absichtliche Irreführung der Vertragspartner nicht noch weitere Anhaltspunkte hinzukommen.
Tipp: Sie sollten jedenfalls die falsche Darstellung der Sitzplätze so sichern, z.B. durch Ausdrucke oder Fotos der jeweiligen Seiten (sogenannte Screen-Shots) daß das gegebenenfalls vor Gericht vorgelegt werden kann.
Zumindest aber ein Irrtum bei Ihnen über eine verkehrswesentliche Eigenschaft der gekauften Tickets im Sinne von § 119 BGB scheint hier relativ klar vorzuliegen. Die Rechtsfolge einer erfolgereichen Anfechtung ist, daß der Vertrag von Anfang an wegfällt (sogenannte Unwirksamkeit des Vertrags ex tunc) und die schon gewährten Leistungen zurück zu erstatten sind, es entsteht dann ein sogenanntes Rückabwicklungsschuldverhältnis.
Sofern der Betrag per Lastschrift eingezogen wird, können bzw. sollten Sie der Abbuchung widersprechen. Denken Sie auch daran, etwaige Einzugsermächtigungen zu stornieren und die Bank zu informieren. Wenn das Geld schon überwiesen wurde, muss es zurück gefordert werden.
Hier ist die übliche Abfolge, wenn das Geld nicht erstattet wird, eine Mahnung Fristsetzung und dann Mahnbescheid oder Klage. Gegebenenfalls können Sie die Klage nach § 29c ZPO am Gerichtsstand des Verbrauchergers geltend machen.
Frage Teil 2: und ob die Plattform hier nicht bewußt falsche Tatsachen vortäuscht und für die korrekte Darstellung von Ticketinformationen zur Rechenschaft gezogen werden kann.
Man könnten über das oben Gesagte hinaus auch an eine Strafanzeige/ Strafantrag wegen Betrugs denken, § 263 StGB.
Das sollte aber nur geschehen, wenn es weitere Anhaltspunkte für eine absichtliche Täuschung und Irreführung gibt. Das wäre etwa dann der Fall, wenn auf Ihre Rückfragen hin immer noch zusätzlich falsche Angaben gemacht worden wären, obwohl bekannt war, daß diese nicht stimmten. So reicht das aber wohl noch nicht aus.
Ihre Frage/n ist/ sind damit beantwortet.
Bei Bedarf zur im Zusammenhang mit Ihrer Frage kostenlosen Nachbewertung können Sie Korrespondenz, Bescheide, Urteile etc. gerne noch nachreichen, bitte immer mit dem Bearbeitungszeichen oben im Betreff und cc an meine Emailadresse rechtsanwalt@anif.de zur schnelleren Bearbeitung.
Für weitere Rückfragen stehe ich gerne bei der Deutsche Anwaltshotline zu Ihrer Verfügung.
*1) § 312g Widerrufsrecht
*2) § 119 BGB Anfechtbarkeit wegen Irrtums
*3) § 123 BGB Anfechtbarkeit wegen Täuschung oder Drohung
(2) Hat ein Dritter die Täuschung verübt, so ist eine Erklärung, die einem anderen gegenüber abzugeben war, nur dann anfechtbar, wenn dieser die Täuschung kannte oder kennen musste. Soweit ein anderer als derjenige, welchem gegenüber die Erklärung abzugeben war, aus der Erklärung unmittelbar ein Recht erworben hat, ist die Erklärung ihm gegenüber anfechtbar, wenn er die Täuschung kannte oder kennen musste.
4) http://www.bild.de/media/vw-pdf-9024114/Download/2.bild.pdf
5) 29c ZPO Besonderer Gerichtsstand für Haustürgeschäfte
Weiterführender Links zur alten (insoweit aber durch die Reform inhaltlich nicht geänderten) Rechtslage
http://www.internetrecht-rostock.de/widerruf-ticket.htm
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