Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/der-streit-praeklusion-3115554
Timestamp: 2020-07-03 23:36:01
Document Index: 391077936

Matched Legal Cases: ['Art. 103', '§ 90', 'Art. 93', '§ 92', '§ 90', 'Art. 103', 'Art. 103', '§ 531', 'Art. 103', 'Art. 3', 'Art. 103']

Der Streit um die Präklusion - und die nicht erhobene Anhörungsrüge | Rechtslupe
Der Streit um die Präklusion - und die nicht erhobene Anhörungsrüge
Der Streit um die Prä­k­lu­si­on – und die nicht erho­be­ne Anhö­rungs­rü­ge
Wird mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein Anspruch auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) gel­tend gemacht, so zählt die Anhö­rungs­rü­ge an das Fach­ge­richt zum Rechts­weg, von des­sen Erschöp­fung die Zuläs­sig­keit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de gemäß § 90 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG im Regel­fall abhän­gig ist [1].
Ent­schei­dend ist dabei nicht, wel­ches Grund­recht ein Beschwer­de­füh­rer benennt, son­dern wel­ches er objek­tiv der Sache nach rügt [2]. Rügt er der Sache nach eine Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs, so bedarf es zur Erschöp­fung des Rechts­wegs der Erhe­bung der Anhö­rungs­rü­ge vor dem zustän­di­gen Fach­ge­richt [3].
Der Gegen­stand des Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­rens bestimmt sich, aus­ge­hend von der sub­jek­ti­ven Beschwer des Beschwer­de­füh­rers, nach der behaup­te­ten Ver­let­zung eines der in Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG genann­ten Rech­te [4]. Nach § 92 BVerfGG hat ein Beschwer­de­füh­rer in der Begrün­dung sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de das Recht, das ver­letzt sein soll, zu bezeich­nen. Aber auch wenn ein Beschwer­de­füh­rer bestimm­te kon­kret benann­te und anhand des ein­schlä­gi­gen Grund­ge­setz­ar­ti­kels bezeich­ne­te Grund­rech­te als ver­letzt rügt, kann sei­nem Vor­brin­gen die Rüge der Ver­let­zung eines wei­te­ren oder ande­ren, nicht aus­drück­lich benann­ten Grund­rechts zu ent­neh­men sein [5].
Dabei ist zwar zu beach­ten, dass dem Beschwer­de­füh­rer im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren eine Dis­po­si­ti­ons­frei­heit zukommt, auf­grund derer es ihm frei­steht, die von ihm erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf die Rüge bestimm­ter Grund­rechts­ver­let­zun­gen zu beschrän­ken [6]. Dar­auf kommt es im vor­lie­gen­den Fall aber – unab­hän­gig davon, dass der in § 90 Abs. 2 BVerfGG zum Aus­druck kom­men­de Grund­satz der Sub­si­dia­ri­tät der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­lan­gen kann, dass der Beschwer­de­füh­rer eine Anhö­rungs­rü­ge im fach­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren selbst dann erhebt, wenn er im Rah­men der ihm inso­weit zuste­hen­den Dis­po­si­ti­ons­frei­heit mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de kei­nen Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG rügen will [7] – nicht an.
Im vor­lie­gen­den Fall hat die Beschwer­de­füh­re­rin auf die Rüge einer Gehörsver­let­zung nicht ver­zich­tet, son­dern rügt mit ihrem tat­säch­li­chen Vor­brin­gen und ihren recht­li­chen Erwä­gun­gen der Sache nach jeden­falls auch eine Ver­let­zung von Art. 103 Abs. 1 GG. Sie macht gel­tend, das Ober­lan­des­ge­richt sei gehal­ten gewe­sen, ihr Vor­brin­gen zu den feh­len­den tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on des Klä­gers nach § 531 Abs. 2 ZPO zuzu­las­sen und bei sei­ner Ent­schei­dung zu berück­sich­ti­gen. Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten schrän­ken die Mög­lich­keit zur Wahr­neh­mung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör im Pro­zess ein [8]. Aus­le­gung und Anwen­dung von pro­zes­sua­len Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten sind ver­fas­sungs­recht­lich an Art. 103 Abs. 1 GG zu mes­sen [9]. Der Umstand, dass die Beschwer­de­füh­re­rin ihre Aus­füh­run­gen auf das bei Art. 3 Abs. 1 GG ver­or­te­te Will­kür­ver­bot bezieht, ändert nichts dar­an, dass es sich bei ihren Dar­le­gun­gen der Sache nach um eine Rüge einer Ver­let­zung von Art. 103 Abs. 1 GG han­delt, für die eine Anhö­rungs­rü­ge zum Rechts­weg gehört [10].
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 7. Okto­ber 2016 – 2 BvR 1313/​16
vgl. BVerfGE 122, 190, 198[↩]
vgl. BVerfGK 19, 23, 23 f.; Desens, NJW 2006, S. 1243, 1246; Hein­richs­mei­er, NVwZ 2010, S. 228, 229[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.05.2008 – 1 BvR 27/​08 12; BVerfGK 19, 23, 23 f.[↩]
vgl. BVerfGE 96, 251, 257; 126, 1, 17[↩]
vgl. BVerfGE 79, 174, 201; 84, 366, 369; 85, 214, 217; BVerfGK 19, 23, 24 f.[↩]
vgl. BVerfGE 126, 1, 17 f.; BVerfGK 19, 23, 24 f.[↩]
vgl. BVerfGE 134, 106, 115 Rn. 27[↩]
vgl. BVerfGE 75, 302, 314; BVerfG, Beschluss vom 15.10.2009 – 1 BvR 2333/​09, NJW-RR 2010, S. 421, 421[↩]
vgl. BVerfGE 75, 302, 314 f. m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGK 14, 95, 98; 19, 23, 24[↩]
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