Source: https://www.oegari.at/arbeitsgruppen/sektion-notfallmedizin/1112
Timestamp: 2019-05-20 22:52:36
Document Index: 21012105

Matched Legal Cases: ['§ 40', '§ 6', '§ 40', '§ 40', '§ 40', '§ 40']

Notarztausbildung NEU– a never ending story ?
Von Helmut Trimmel und Michael Baubin
Die in Österreich gesetzlich festgelegte Notarztausbildung (§ 40 ÖÄG 1998) hat mit der medizinischen Entwicklung der vergangenen 20 Jahre in keiner Weise Schritt gehalten. Seit mehr als 10 Jahren bemüht sich die Sektion Notfallmedizin der ÖGARI daher intensiv um Verbesserung und Angleichung an europäische Ausbildungen ... im Folgenden soll ein kurzer Abriss dieser Aktivitäten gegeben und der aktuelle Status quo dargestellt werden.
Bereits in den AIC-News 2009 der ÖGARI wurde das Dreistufen-Modell zur Notarztausbildung publiziert:
- Stufe 1: Allgemeine Notfallmedizin
Als notfallmedizinische Basisausbildung für alle Ärzte konzipiert, wurde diese Stufe mittlerweile in § 6 (2) der Ärzteausbildungsordnung 2015 gesetzlich verankert. Die Ausbildung zielt auf das Beherrschen von „Notfallsituationen, insbesondere primär akut lebensbedrohlicher Zustände, das Setzen von Erstmaßnahmen und die Versorgung der Patientin/des Patienten mit den vorhandenen Möglichkeiten bis zum Eintreffen weiterer höherwertiger Hilfe“ im intramuralen Bereich.
- Stufe 2: Spezielle Notfallmedizin
Der Reformvorschlag der ÖGARI zielt hier vor allem auf die Implementierung klinischer Ausbildungsinhalte und definierter Kompetenzen („skills“), die bis dato in der gesetzlich vorgeschriebenen Notarztausbildung völlig fehlen. Diese Ausbildungsstufe ist für ÄrztInnen im organisierten Notarztdienst bzw. in interdisziplinären Notfallaufnahmen vorgesehen und soll im Wesentlichen den aktuellen § 40 (2) ersetzen. In Ansätzen wurde dieses Modell in der ÄAO 2015 im Modul „Notfallmedizin“ der Ausbildung zum / zur Facharzt / Fachärztin für Anästhesie umgesetzt.
- Stufe 3: Additivfach Notfallmedizin
Diese Ausbildungsstufe soll allen Fächern offenstehen und wird dem in einigen (v.a. ost-) europäischen Ländern bestehenden Ausbildungsmodell eines „Facharztes für Notfallmedizin“ gegenübergestellt. Bei gleicher Fachkompetenz wird durch ein Additivfach breitere Einbindung aller notfallmedizinisch relevanten Fächer ermöglicht; zudem kann damit dem / der einzelnen Arzt / Ärztin ein größeres berufliches Entwicklungsspektrum geboten werden.
Bezüglich der legistischen Anforderungen an eine zeitgemäße notfallmedizinische Ausbildung ist Österreich mittlerweile europäisches Schlusslicht. Dabei würden eben nicht nur die prähospitalen NotfallmedizinerInnen endlich eine zeitgemäße Ausbildung benötigen, sondern auch die KollegInnen in den zahlenmäßig deutlich zunehmenden Notfallaufnahmen. Auch die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) hat die Zeichen der Zeit erkannt und den ÖGARI Vorschlag in ihrem Notfallreferat intensiv diskutiert: der daraus hervorgehende Konsens wurde schließlich 2012 als Vorschlag zur Reform des § 40 ÖÄG an das Gesundheitsministerium übermittelt. Viele Gespräche und Diskussionen, v.a. mit den Vertretern der Länder (Finanz- und Gesundheitsreferenten) und der Krankenanstaltenträger folgten ... Schließlich „überholte“ auch noch die Novelle zur Ärzteausbildungsordnung 2015 alle Bemühungen um die Reform des § 40.
Gegen Ende 2015 trat das Gesundheitsministerium an die ÖGARI als notfallmedizinische Fachgesellschaft mit der Bitte heran, die vorliegenden Entwürfe aus fachlicher Sicht in Hinblick auf die Möglichkeit zu prüfen, notärztliche Tätigkeit auch vor Erreichen des ius practicandi als Allgemeinmediziner oder Facharzt auszuüben. Dies hat den Hintergrund eines sich abzeichnenden Mangels an AllgemeinmedizinerInnen bzw. von AssistenzärztInnen, die über ein ius practicandi als AllgemeinmedizinerInnen verfügen. Diese beiden Gruppen stellen nämlich bis dato jedoch das Gros der prähospital tätigen NotfallmedizinerInnen, insbesondere in den krankenhausgestützten, bodengebundenen Systemen.
Die Sektion Notfallmedizin der ÖGARI überarbeitete den vorliegenden Vorschlag der ÖÄK und legte ein entsprechendes Positionspapier vor (Anhang). Kernpunkte dieses Papiers sind
36-monatige postpromotionellen Ausbildungsdauer
Abarbeiten aller im Logbuch der ÖÄK vorgesehenen Ausbildungsinhalte
Absolvieren des auf 80h verlängerten Notarztkurses, inkl.
Positiver Abschluss des Kurses mit Prüfung
Lehreinsätze am NAW / NEF (Ausmaß von der ÖÄK festgelegt)
Implementierung eines Stützpunktverantwortliche(n) Notärztin / Notarztes für das jeweilige krankenhausgestützte Notarztsystem
Freigabe des / der angehenden Notarztes / der Notärztin durch diese(n)
Implementierung qualitätssichernder Maßnahmen
Beschränkung der Tätigkeit auf krankenhausgestützte Systeme (Dienstverhältnis zur Krankenanstalt): in allen anderen Systeme ist eine Tätigkeit als Notarzt / Notärztin ausschließlich nach Erlangen der vollen Berufsberechtigung möglich.
Dieser Vorschlag wurde intensiv mit dem Ministerium diskutiert und die daraus entstehenden Kosten im Vergleich zur aktuellen Gesetzeslage berechnet und das Modell sodann wieder den Ländervertretern und den Krankenanstaltenträgern vorgelegt. Hier konnte auf allen Ebenen Zustimmung gefunden werden, da allen Beteiligten klar war, dass nur so der notärztliche Dienst auf längere Sicht in entsprechender Qualität aufrechterhalten werden kann.
Weniger Anklang fand der Vorschlag allerdings bei der ÖÄK: hier wurde argumentiert, dass eine notärztliche Tätigkeit ohne ius practicandi für sie keinesfalls vorstellbar wäre – das Beispiel könne Schule machen und man käme dann in beträchtlichen Argumentationsnotstand. Viele Gespräche auf unterschiedlichsten Ebenen folgten. Schließlich gelang es, die Notfallreferenten der Landesärztekammern wie auch den Bundesvorstand der Kurie der Angestellten Ärzte von diesem Konzept zu überzeugen. Übrig blieb die (völlig legitime) Forderung, eine rechtlich einwandfreie Lösung zu finden, die auch ÄrztInnen ohne ius practicandi, aber nach vollständiger Absolvierung der oben angeführten Ausbildung sowie ausschließlich innerhalb eines qualitätsgesicherten, krankenhausgestützten Systems, rechtlich absichern würde. Damit lag der Ball also wieder bei den Juristen des Ministeriums.
Eine neuerliche Gesprächsrunde zwischen Spitzenvertretern der ÖGARI und hochrangigen JuristInnen des Bundesministeriums für Frauen und Gesundheit folgten. Zwischenzeitlich kolportierte Informationen verschiedener Stellen der ÖÄK des Inhalts „am ius practicandi wird niemals gerüttelt“ ließen jedoch insbesondere im Ministerium immer wieder Zweifel über die Erfolgschancen einer Regelung „Notarzt neu“ aufkommen und verzögerten die notwendigen Schritte.
Der mittlerweile erfolgte Neuwahlantrag ließ kurzfristig Sorge aufkommen, dass die Reform der Notarztausbildung jetzt komplett „unter die Räder kommen würde“. Ein entsprechendes Ansuchen der ÖGARI um einen Gesprächstermin mit der Frau Bundesministerin wurde positiv beantwortet, und so gab es im Juni die Chance, der Kabinettschefin von BMin Dozin. Drin. P. Rendi-Wagner gemeinsam mit Spitzenjuristen des Ministeriums den Sachverhalt nochmals darzustellen, und insbesondere die Dringlichkeit einer Regelung zu erläutern. Denn Faktum ist: es gibt für die österreichische Bevölkerung keine qualitativ dem organisierten Notarztdienst auch nur annähernd nahekommende Lösung. Das von manchen gerne zitierte angloamerikanische Modell eines „Paramedic“-Systems wäre in der dort gelebten Qualität in Österreich nicht finanzierbar, und eine Umsetzung würde wahrscheinlich ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Zudem gibt es klare wissenschaftliche Evidenz, dass richtig indiziert zum Einsatz gebrachte NotärztInnen eine deutlich bessere Versorgungsqualität bieten und dies auch in einem volkswirtschaftlich besseren Kosten-/Nutzen Verhältnis.
Insofern heißt es aktuell nach wie vor – Notarztreform: bitte warten ! Die Zeichen stehen aber nicht so ungünstig: die Juristen des Ministeriums sind auf einem guten Weg, und wenn die Bereitschaft der ÖÄK zur kooperativen Zusammenarbeit im Interesse einer flächendeckenden notärztlichen Versorgung - im Sinne einer dritten Säule der Gesundheitsversorgung, neben stationär und ambulant - über standespolitische Überlegungen stellt, könnte noch vor Jahreswechsel die Reform des § 40 ÖÄG, und damit eine zeitgemäße, an Kompetenzen orientierte Notarztausbildung in Österreich Gesetzeskraft erlangen.