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Timestamp: 2020-01-23 19:44:25
Document Index: 170754944

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 4', 'BGH', '§ 25', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'Art. 15', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 34', 'BGH', '§ 5', 'BGH', '§ 3', 'BGH', 'Art. 15', 'Art. 25', 'Art. 26', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 25', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 25', '§ 25', 'BGH']

BGH, IV ZR 171/99: Leitsatzentscheidung
Urteil des BGH vom 10.05.2000, IV ZR 171/99
Aktenzeichen: IV ZR 171/99
IV ZR 171/99 Verkündet am: 10. Mai 2000 Schick Justizangestellte als Urkundsbeamtin der Geschäftsstelle
BGH, Urteil vom 10. Mai 2000 - IV ZR 171/99 - KG Berlin LG Berlin
Der IV. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes hat durch den Vorsitzenden Richter Dr. Schmitz und die Richter Prof. Römer, Dr. Schlichting,
Terno und Seiffert auf die mündliche Verhandlung vom 10. Mai 2000
Die Revision der Kläger gegen das Urteil des 12. Zivilsenats des Kammergerichts in Berlin vom 10. Juni 1999
Die Kläger machen Ansprüche wegen der Restitution von Grundstücken an die Beklagte als Erbin geltend. Der Erblasser war USamerikanischer Staatsangehöriger und mit der Beklagten, die ebenfalls
die US-amerikanische Staatsangehörigkeit hat, in zweiter Ehe verheiratet. Er hatte sie durch ein in seinem Heimatstaat Ohio errichtetes und
dessen Vorschriften entsprechendes Testament zur Alleinerbin eingesetzt. Der Erblasser starb am 9. Januar 1995 in Ohio. Die Kläger sind
seine einzigen Kinder und stammen aus seiner ersten Ehe, die ebenfalls
mit einer US-amerikanischen Staatsangehörigen geschlossen war.
Der Vater des Erblassers war Miteigentümer zweier Grundstücke
in Berlin, die in den Jahren 1938 und 1939 als jüdisches Vermögen veräußert wurden. Die Grundstücke lagen im Ostteil der Stadt, wurden in
den 60er Jahren von der DDR unter staatliche Verwaltung gestellt und
1982 bzw. 1986 in das Eigentum des Volkes überführt. Der Erblasser
machte als Erbe seines Vaters im Jahre 1990 Rückübertragungsansprüche nach dem Vermögensgesetz geltend. Die beiden Grundstücke wurden 1997 an die Beklagte und einen weiteren Miteigentümer zurückübertragen.
Nach dem Urteil des Landgerichts steht den Klägern als Pflichtteilsberechtigten je 1/12 des Wertes der in Berlin belegenen Erbschaftsgegenstände zu. Auf die Berufung der Beklagten hat das Kammergericht
die Klage insgesamt abgewiesen. Dagegen wenden sich die Kläger mit
1. Nach Auffassung des Berufungsgerichts ist die testamentarische Einsetzung der Beklagten als Alleinerbin wirksam. Der Erblasser
sei nach dem Recht des Staates Ohio beerbt worden, das ein Pflichtteilsrecht nicht kenne. Hinsichtlich des unbeweglichen Nachlasses verweise das Recht Ohios jedoch auf das Recht der belegenen Sache, dem
es auch die Qualifikation überlasse, ob es sich um unbewegliches Ver-
mögen handelt. Aufgrund dieser Rückverweisung sei gemäß Art. 4
Abs. 1 Satz 2 EGBGB nach deutschem Recht zu entscheiden, ob die
beim Erbfall bestehenden Ansprüche des Erblassers aus dem Vermögensgesetz bewegliches Vermögen waren, so daß das Erbrecht Ohios
anzuwenden ist und die Kläger daran keine Rechte erlangt haben, oder
ob die Ansprüche als unbewegliches Vermögen mit der Folge anzusehen
sind, daß den Klägern nach deutschem Erbrecht daran der Pflichtteil zusteht. Soweit nimmt auch die Revision die zutreffenden Ausführungen
des Berufungsgerichts hin.
2. Das Berufungsgericht vertritt den Standpunkt, die Ansprüche
aus dem Vermögensgesetz seien schuldrechtliche Ansprüche, die sich
gegen den Staat richten, und könnten daher nicht dem unbeweglichen
Vermögen zugeordnet werden. Hierfür bezieht sich das Berufungsgericht
u.a. auf die Entscheidung BGHZ 131, 22, 28 zu § 25 Abs. 2 DDR-RAG.
Daß die Restitution nach Sinn und Zweck des Vermögensgesetzes an
denjenigen erfolge, der das Grundstück ohne die enteignende Maßnahme geerbt hätte, rechtfertige es nicht, die Ansprüche aus dem Vermögensgesetz ebenso wie Grundstücke zu behandeln. Vielmehr stehe
durchaus nicht fest, daß das Grundstück ohne die enteignende Maßnahme in den Nachlaß des Berechtigten gefallen wäre. Im vorliegenden
Fall liege im Gegenteil nahe, daß der Erblasser die Grundstücke veräußert haben würde, weil er sie zu Wohnzwecken nicht benötigte und seine
Kinder aus erster Ehe von der Erbfolge vollständig ausschließen wollte.
Dem hält die Revision entgegen, daß die Entscheidung BGHZ 131,
22 nur die innerdeutschen Verhältnisse betreffe. Für das internationale
Kollisionsrecht sei die Frage der Qualifikation von Ansprüchen nach dem
Vermögensgesetz als zum beweglichen oder unbeweglichen Vermögen
gehörend dagegen unentschieden. Unter den Begriff des unbeweglichen
Vermögens in diesem Sinne könne nach BGHZ 24, 352, 358 ff. ungeachtet seiner Rechtsnatur auch ein schuldrechtlicher Anspruch fallen.
Entscheidend komme es auf Inhalt und Gegenstand des Anspruchs an.
Die Rückübertragungsansprüche nach dem Vermögensgesetz zielten
aber auf die Wiederherstellung des früheren Rechtszustands ab, soweit
dies möglich sei. Der Anspruch auf Restitution unbeweglichen Vermögens trete bis zur Restitution an die Stelle desselben.
3. Dem folgt der Senat nicht.
a) Zwar wird in dem Urteil BGHZ 24, 352 in einer die Entscheidung
nicht tragenden Erwägung die Auffassung vertreten, daß der im Rückerstattungsgesetz der früheren amerikanischen Besatzungszone geregelte
Anspruch auf Rückerstattung von Grundstücken zum unbeweglichen
Vermögen (im Sinne der Rückverweisung nach kalifornischem Erbrecht)
zu rechnen sei (und deshalb insoweit Pflichtteilsansprüche nach deutschem Erbrecht bestünden). Entscheidend war dafür, daß der Rückerstattungsanspruch, auch wenn er kein dinglicher Anspruch war, sich auf
"Wiedereinsetzung des ... Betroffenen in seinen früheren Rechtsstand"
richtete (BGHZ aaO, 361). Gemäß Art. 15 des Rückerstattungsgesetzes
der amerikanischen Zone hatte eine dem Rückerstattungsanspruch
stattgebende Entscheidung die Wirkung, daß der Verlust des Vermögensgegenstandes grundsätzlich als nicht eingetreten und später erworbene Rechte Dritter als nicht erworben galten (BGHZ aaO, 359; Godin,
Rückerstattungsgesetze 2. Aufl. 1950 S. 46). Durch diesen besonderen
Inhalt unterschied sich der Rückerstattungsanspruch von einer schlechthin auf Leistung gerichteten Forderung; er stand einem dinglichen Anspruch nahe.
Gleiches gilt für Ansprüche aus dem Vermögensgesetz jedoch
nicht. Sie treten zwar ihrem Sinn und Zweck nach an die Stelle verlorener Nachlaßwerte (BGHZ 123, 76, 79), richten sich ihrem Inhalt nach
aber auf Rückübertragung durch den Staat (BGHZ 131, 22, 28 f.). Gemäß § 34 Abs. 1 VermG gehen die Rechte grundsätzlich erst mit der Unanfechtbarkeit einer Entscheidung der Behörde über die Rückübertragung auf den Berechtigten über. Der Grundsatz der Restitution wird im
Interesse der Sozialverträglichkeit zugunsten redlicher Erwerber eingeschränkt; ihr guter Glaube an die Rechtsbeständigkeit des Erwerbs wird
geschützt (BGHZ 118, 34, 36 f.). Die Restitution kann auch aus anderen
Gründen ausgeschlossen sein, etwa wenn Gebäude mit erheblichem
Aufwand in ihrer Zweckbestimmung verändert wurden und ein öffentliches Interesse an der Fortdauer der geänderten Nutzung besteht (§ 5
VermG). Danach kommt eine Einordnung des Restitutionsanspruchs
nach dem Vermögensgesetz als unbewegliches Vermögen auch in dem
von BGHZ 24, 352 vertretenen weiteren Sinne nicht in Betracht. Daß die
Abtretung des Restitutionsanspruchs nach § 3 Abs. 1 Satz 2 VermG der
notariellen Beurkundung bedarf, kann für sich genommen nicht zu einem
b) Anders als zur Zeit des Urteils BGHZ 24, 352 kennt das EGBGB
heute den Begriff des unbeweglichen Vermögens (Art. 15 Abs. 2 Nr. 3,
Art. 25 Abs. 2, Art. 26 Abs. 1 Satz 1 Nr. 4). Er schließt nach herrschender Meinung Ansprüche auf Übertragung von Grundstücken nicht ein
(v. Bar, Internationales Privatrecht 2. Bd. 1991, Rdn. 369; MünchKomm/
Birk, 3. Aufl. Art. 25 EGBGB Rdn. 67; Soergel/Schurig, 12. Aufl. Art. 25
EGBGB Rdn. 4; Erman/Hohloch, 9. Aufl. Art. 25 EGBGB Rdn. 18; Palandt/Heldrich, 59. Aufl. Art. 25 EGBGB Rdn. 7; a.A. im wesentlichen
Staudinger/Dörner, 13. Bearb. Art. 25 EGBGB Rdn. 486; alle m.w.N.).
Der hier verwendete Begriff des unbeweglichen Vermögens ist auch im
Rahmen einer Zurückverweisung zugrunde zu legen (Staudinger/Hausmann, Art. 4 EGBGB Rdn. 69; MünchKomm/Sonnenberger, Art. 4 EGBGB
Rdn. 60; Soergel/Schurig, Art. 25 EGBGB Rdn. 81), zumal das zurückverweisende Recht im vorliegenden Fall die Qualifikation dem Recht des
Lageortes überläßt. Der Sinn der Rückverweisung bezüglich des unbeweglichen Vermögens liegt in der Rücksicht auf das Grundstücksrecht
des Lageortes. Die hier zu beurteilende Zurückverweisung unterscheidet
sich mithin in ihren Voraussetzungen nicht wesentlich von der Regelung
des § 25 Abs. 2 DDR-RAG, um die es in der vom Berufungsgericht zugrunde gelegten Entscheidung BGHZ 131, 22, 28 ging.
Danach ist das Berufungsgericht mit Recht zu dem Ergebnis gelangt, daß Ansprüche auf Rückübertragung von Grundstücken nach dem
Vermögensgesetz nicht als unbewegliches Vermögen im Sinne der kollisionsrechtlichen Rückverweisung anzusehen sind.
Dr. Schmitz Prof. Römer Dr. Schlichting
Terno Seiffert
Internationales privatrecht, Erworbene rechte, Guter glaube, Restitution, Erblasser, Berlin, Erbrecht, Inhalt, Ddr, Begriff