Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/prozesskostenhilfe-und-die-ueberspannten-anforderungen-an-die-erfolgsaussichten-3101599
Timestamp: 2019-11-18 07:06:26
Document Index: 155431212

Matched Legal Cases: ['Art. 3', 'Art.20', '§ 114', 'Art. 3', 'Art.20', '§ 138', '§ 812', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 260', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und die über­spann­ten Anfor­de­run­gen an die Erfolgs­aus­sich­ten | Rechtslupe
Prozesskostenhilfe - und die überspannten Anforderungen an die Erfolgsaussichten
Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und die über­spann­ten Anfor­de­run­gen an die Erfolgs­aus­sich­ten
Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG gebie­tet eine weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten bei der Ver­wirk­li­chung des Rechts­schut­zes 1.
Zwar ist es ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe davon abhän­gig zu machen, dass die beab­sich­tig­te Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg hat und nicht mut­wil­lig erscheint. Die Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten darf jedoch nicht dazu die­nen, die Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung selbst in das sum­ma­ri­sche Ver­fah­ren der Pro­zess­kos­ten­hil­fe zu ver­la­gern und die­ses an die Stel­le des Haupt­sa­che­ver­fah­rens tre­ten zu las­sen. Das Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren will den Rechts­schutz, den der Rechts­staats­grund­satz erfor­dert, näm­lich nicht selbst bie­ten, son­dern ihn erst zugäng­lich machen 2.
Aus­le­gung und Anwen­dung der Vor­schrif­ten über die Pro­zess­kos­ten­hil­fe (§§ 114 f. ZPO) oblie­gen dabei in ers­ter Linie den zustän­di­gen Fach­ge­rich­ten. Ver­fas­sungs­recht wird jedoch dann ver­letzt, wenn die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung Feh­ler erken­nen lässt, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung der in Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG ver­bürg­ten Rechts­schutz­gleich­heit beru­hen 3.
Die Fach­ge­rich­te über­schrei­ten den Ent­schei­dungs­spiel­raum, der ihnen bei der Aus­le­gung des gesetz­li­chen Tat­be­stands­merk­mals der hin­rei­chen­den Erfolgs­aus­sicht ver­fas­sungs­recht­lich zukommt, wenn sie einen Aus­le­gungs­maß­stab ver­wen­den, durch den einer unbe­mit­tel­ten Par­tei im Ver­gleich zur bemit­tel­ten die Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung unver­hält­nis­mä­ßig erschwert wird.
Das ist nament­lich dann der Fall, wenn das Fach­ge­richt die Anfor­de­run­gen an die Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung über­spannt und dadurch der Zweck der Pro­zess­kos­ten­hil­fe, dem Unbe­mit­tel­ten den weit­ge­hend glei­chen Zugang zu Gericht zu ermög­li­chen, deut­lich ver­fehlt wird 4.
So hat in dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Rah­men einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de beur­teil­ten Sach­ver­halt das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen 5 die Anfor­de­run­gen an die Erfolgs­aus­sicht der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung über­spannt und damit die Bedeu­tung des ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Anspruchs auf Rechts­schutz­gleich­heit ver­kannt, indem es Zah­lungs­an­sprü­che aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung mit der Begrün­dung ver­neint hat, die­se setz­ten eine Zah­lung ohne Rechts­grund vor­aus, wohin­ge­gen der Beschwer­de­füh­rer Dar­le­hens­ver­trä­ge behaup­te.
Dabei hat das Ober­lan­des­ge­richt außer Betracht gelas­sen, dass nach der vom Bun­des­ge­richts­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ver­tre­te­nen Auf­fas­sung Gegen­stand des – hier beab­sich­tig­ten – Rechts­streits ein pro­zes­sua­ler Anspruch ist; die­ser wird bestimmt durch das all­ge­mei­ne Rechts­ziel und die erstreb­te Rechts­fol­ge, wie sie sich aus dem Kla­ge­an­trag erge­ben, sowie aus dem Lebens­sach­ver­halt (Kla­ge­grund), aus dem die kla­gen­de Par­tei die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet 6. Dabei wird der ein­heit­li­che Lebens­sach­ver­halt nicht dadurch in Fra­ge gestellt, dass unter­schied­li­che mate­ri­ell­recht­li­che Ansprü­che zu ihrer Schlüs­sig­keit zwangs­läu­fig einen mehr oder weni­ger abwei­chen­den Tat­sa­chen­vor­trag erfor­dern, ohne dass dar­in ein Ver­stoß gegen die Wahr­heits­pflicht (§ 138 Abs. 1 ZPO) zu sehen ist. Dem­entspre­chend ist aner­kannt, dass bei einer auf Ver­trags­er­fül­lung gestütz­ten Kla­ge das Gericht, falls es einen wirk­sa­men Ver­trags­schluss ver­neint, auch gesetz­li­che Ansprü­che etwa aus unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung zu prü­fen hat, soweit sie an die ver­meint­lich ver­trag­lich erbrach­ten Leis­tun­gen anknüp­fen und das­sel­be Kla­ge­ziel recht­fer­ti­gen 7.
Ent­spre­chen­des gilt dann, wenn die kla­gen­de Par­tei sich das ihr Kla­ge­be­geh­ren im Ergeb­nis stüt­zen­de Vor­brin­gen der Gegen­sei­te zumin­dest hilfs­wei­se zu eigen gemacht hat 8.
Der Beschwer­de­füh­rer hat für den – auch von den Fach­ge­rich­ten ange­nom­me­nen – Fall, dass ein Dar­le­hen im Sin­ne einer Art Kon­to­kor­rentab­re­de nicht in Betracht kom­me, die beab­sich­tig­te Kla­ge hilfs­wei­se auf unge­recht­fer­tig­te Berei­che­rung (§ 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 2 BGB) gestützt, weil dann die unstrei­tig durch den Antrags­geg­ner zu sei­nen Guns­ten getä­tig­ten Abbu­chun­gen ohne Rechts­grund erfolgt sei­en. Damit hat er sich jeden­falls der Sache nach das Vor­brin­gen des Antrags­geg­ners zu eigen gemacht, in dem die­ser die Exis­tenz von Dar­le­hens­ver­ein­ba­run­gen als Rechts­grund für die streit­ge­gen­ständ­li­chen Über­wei­sun­gen in Abre­de gestellt und er zugleich im Zusam­men­hang mit etwai­gen unbe­rech­tig­ten Über­wei­sun­gen die Ein­re­de der Ver­jäh­rung erho­ben hat.
Der Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts ver­kennt offen­sicht­lich die genü­gen­de Erfolgs­aus­sicht der Rechts­ver­fol­gung des Beschwer­de­füh­rers und beruht hier­nach auf einer Ver­let­zung des Anspruchs auf Rechts­schutz­gleich­heit. Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass die unter­blie­be­ne Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten der beab­sich­tig­ten Rechts­ver­fol­gung unter dem Gesichts­punkt der unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung zu einer ande­ren, dem Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­ren Ent­schei­dung geführt hät­te 9.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 15. Okto­ber 2015 – 1 BvR 1790/​13
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vgl. BVerfGE 9, 124, 130 f.; 10, 264, 270; 22, 83, 86; 51, 295, 302; 63, 380, 394 f.; 67, 245, 248[↩]
vgl. BVerfGE 56, 139, 144; 81, 347, 357 f.; BVerfGK 2, 279, 281; 20, 187, 191[↩]
vgl. BVerfGE 81, 347, 358[↩]
OLG Mün­chen, Beschluss vom 18.02.2013 – 7 W 241/​13[↩]
vgl. nur BGH, Urteil vom 18.07.2002 – III ZR 287/​01, NVwZ 2002, S. 1535, 1536; BGH, Urteil vom 19.11.2003 – VIII ZR 60/​03, NJW 2004, S. 1252, 1253; stRspr[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 18.07.2002 – III ZR 287/​01, NVwZ 2002, S. 1535, 1536; fer­ner Ass­mann, in: Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Auf­la­ge 2013, § 260 Rn. 9; Voll­kom­mer, in: Zöl­ler, ZPO, 30. Auf­la­ge 2014, Ein­lei­tung Rn. 70 f.[↩]
vgl. nur BGH, Urteil vom 23.06.1989 – V ZR 125/​88, NJW 1989, S. 2756; BGH, Urteil vom 14.02.2000 – II ZR 155/​98, WM 2000, S. 670, 671; BGH, Urteil vom 10.05.2001 – VII ZR 248/​00, WM 2001, S. 1421, 1422[↩]
vgl. BVerfGE 7, 239, 241; 18, 147, 150; 112, 185, 206; stRspr[↩]
ErfolgsaussichtenProzesskostenhilfe