Source: https://www.rechtslupe.de/arbeitsrecht/wiederaufnahmeverfahren-und-die-erst-spaeter-erstellte-oeffentliche-urkunde-3114935
Timestamp: 2020-05-28 13:13:08
Document Index: 171627514

Matched Legal Cases: ['§ 586', '§ 586', '§ 589', '§ 580', '§ 580', '§ 580', '§ 580', '§ 580', '§ 415', '§ 420', '§ 580', '§ 580', '§ 580', '§ 580']

Wiederaufnahmeverfahren - und die erst später erstellte öffentliche Urkunde | Rechtslupe
Wiederaufnahmeverfahren - und die erst später erstellte öffentliche Urkunde
Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren – und die erst spä­ter erstell­te öffent­li­che Urkun­de
Eine nach der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung des Beru­fungs­ge­richts erstell­te Urkun­de kommt als Resti­tu­ti­ons­grund nur dann aus­nahms­wei­se in Betracht, wenn es sich um eine öffent­li­che Urkun­de han­delt, die Tat­sa­chen bekun­det, die bis zu die­sem Zeit­punkt ver­or­tet sind, die Urkun­de aber schlech­ter­dings nicht vor Abschluss des Vor­pro­zes­ses errich­tet wer­den konn­te, z. B. die Geburts­ur­kun­de zur Bestim­mung des Emp­fäng­nis­zeit­punk­tes oder der nach­träg­li­che Aner­ken­nungs­be­scheid über die Schwer­be­hin­de­rung im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess.
Die Resti­tu­ti­ons­kla­ge muss gemäß § 586 Abs. 1 ZPO i. V. m. 79 ArbGG vor Ablauf einer Not­frist von einem Monat erho­ben wer­den. Die Frist beginnt mit dem Tag, an dem die Par­tei von dem Anfech­tungs­grund Kennt­nis erlangt hat, jedoch nicht vor ein­ge­tre­te­ner Rechts­kraft des Urteils, § 586 Abs. 2 ZPO. Gemäß § 589 Abs. 2 ZPO sind die Tat­sa­chen, die erge­ben, dass die Kla­ge vor Ablauf der Not­frist erho­ben ist, glaub­haft zu machen. Die Beklag­te beruft sich im hier ent­schie­de­nen Fall mit ihrer Resti­tu­ti­ons­kla­ge aus­schließ­lich auf den Resti­tu­ti­ons­grund des § 580 Nr. 7b ZPO. In die­sem Fal­le ist die Resti­tu­ti­ons­kla­ge nur zuläs­sig, wenn der Zeit­punkt des Auf­fin­dens der Urkun­de unstrei­tig ist oder der Klä­ger die­sen Zeit­punkt glaub­haft macht.
Nach § 580 Nr. 7 b ZPO fin­det die Resti­tu­ti­ons­kla­ge statt, wenn eine Par­tei eine Urkun­de auf­fin­det, die eine ihr güns­ti­ge­re Ent­schei­dung her­bei­ge­führt haben wür­de. Die­se Mög­lich­keit kann jedoch nur bei Urkun­den bestehen, die bei der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz des Vor­pro­zes­ses über­haupt hät­ten vor­ge­legt; und vom Gericht berück­sich­tigt wer­den kön­nen; § 580 Nr. 7 b ZPO fin­det daher grund­sätz­lich nur bezüg­lich sol­cher Urkun­den Anwen­dung, die zum Zeit­punkt des frü­he­ren Ver­fah­rens bereits exis­tiert haben. Maß­geb­lich ist dabei der Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Beru­fungs­in­stanz des Vor­pro­zes­ses (hier: 11.03.2014) bzw. der Ablauf der Beru­fungs­frist beim nicht ange­grif­fe­nen erst­in­stanz­li­chen Urteil.
Aus­nahms­wei­se ist auch eine nach­träg­lich errich­te­te Urkun­de als gesetz­li­cher Resti­tu­ti­ons­grund anzu­er­ken­nen. Dabei ist aber der Kreis der nach § 580 Nr. 7 b ZPO zuzu­las­sen­den nach­träg­lich errich­te­ten Urkun­den eng zu zie­hen, weil mit der Resti­tu­ti­on stets die nur aus­nahms­wei­se zuläs­si­ge Durch­bre­chung der Rechts­kraft des Urteils ein­her­geht und bei nach­träg­lich errich­te­ten Urkun­den die Gefahr des Miss­brauchs besteht 1. Eine nach der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung des Beru­fungs­ge­richts erstell­te Urkun­de kommt als Resti­tu­ti­ons­grund mit­hin nur dann aus­nahms­wei­se in Betracht, wenn es sich um eine öffent­li­che Urkun­de han­delt, die Tat­sa­chen bekun­det, die bis zu die­sem Zeit­punkt ver­or­tet sind, die Urkun­de aber schlech­ter­dings nicht vor Abschluss des Vor­pro­zes­ses errich­tet wer­den konn­te, z. B. die Geburts­ur­kun­de zur Bestim­mung des Emp­fäng­nis­zeit­punk­tes, nach­träg­li­cher Aner­ken­nungs­be­scheid über die Schwer­be­hin­de­rung im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess 2.
Urkun­den sind im Sin­ne von § 580 Nr. 7 b ZPO die Urkun­den nach §§ 415 ff. ZPO, die schrift­lich ver­kör­per­te Gedan­ken­er­klä­run­gen ent­hal­ten und durch deren Vor­la­ge ein Urkun­den­be­weis gemäß § 420 ZPO geführt wer­den kann 3.
Auch das von der Beklag­ten ein­ge­reich­te Ver­neh­mungs­pro­to­koll des Arbeits­ge­richts Neu­müns­ter ist grund­sätz­lich nicht geeig­net, einen Resti­tu­ti­ons­grund nach § 580 Nr. 7b ZPO dar­zu­stel­len 4. Selbst wenn dem Lan­des­ar­beits­ge­richt die­ses Ver­neh­mungs­pro­to­koll vor­ge­le­gen hät­te, wäre es an die pro­to­kol­lier­ten Aus­sa­gen der Zeu­gen nicht gebun­den gewe­sen. Es hät­te mög­li­cher­wei­se die Zeu­gen erneut ver­nom­men.
Lan­des­ar­beits­ge­richt Schles­wig ‑Hol­stein, Urteil vom 26. Mai 2016 – 5 Sa 472/​15
BAG, Urteil vom 22.01.1998 – 2 AZR 455/​97, Rn. 22[↩]
PG/­Mel­ler-Han­nich, ZPO, 8. Aufl., Rn. 14 zu § 580[↩]
OLG Köln, Urteil vom 18.12.2014 – 7 U 106/​14[↩]
BAG, Urteil vom 22.01.1998 – 2 AZR 455/​97; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 74. Aufl., Rn. 13 zu § 580; PG/­Mel­ler-Han­nich, a.a.O, Rn. 14 zu § 580 ZPO[↩]
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