Source: https://evjusa.de/soja-sachsen/fachstandards.html
Timestamp: 2020-04-05 14:04:54
Document Index: 7117899

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 11', '§ 8', '§ 13', '§ 4', '§ 77']

Fachstandards der Sozialdiakonischen Kinder- und Jugendarbeit in Sachsen in den Handlungsfeldern Offen, Mobil, Schulbezogen und Schulsozialarbeit
Fachstandards der LAG SOjA(pdf , 2.73 MB)
Die Landesarbeitsgemeinschaft Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit (LAG SOjA) arbeitet auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes. Gottes „Ja“ zur Schöpfung und das Vertrauen in Gott prägen unser Handeln. Dieses beinhaltet praktizierte Nächstenliebe und drückt sich im aktiven Einsatz für alle, insbesondere für benachteiligte junge Menschen, aus. Es ist unser Auftrag, sich dafür einzusetzen, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Dabei gehen wir von der Einzigartigkeit eines jeden Menschen aus.(1)
Wir fördern die Teilhabe junger Menschen am Leben mit seinen vielfältigen Chancen und Möglichkeiten in den Kontexten von mobiler, offener, schulbezogener Kinder- und Jugendarbeit und Schulsozialarbeit.
Die LAG SOjA unterstützt diese Arbeit vor allem durch Begleitung und Beratung der Mitglieder, Fachaustausch, Netzwerkbildung, Fort- und Weiterbildungsangebote und Interessenvertretung. Die Mitarbeiter*innen nehmen regelmäßig an den Treffen der Regionalgruppen, dem Frühjahrskonvent und der jährlichen Fachtagung teil und engagieren sich in Arbeitskreisen. Der Fachverbund ist durch eine Ordnung strukturiert.(2)
Die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit organisiert sich seit über 30 Jahren aus der Zugehörigkeit christlicher Gemeinden, die über ihre Grenzen hinaus soziale Verantwortung für junge Menschen in ihrem Umfeld wahrnehmen. Dieses bürgerschaftlich-gesellschaftliche Engagement nährt sich aus dem Grundverständnis: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“(3)
Die Fachstandards beschreiben verschiedene Handlungsfelder. Sie gelten als Fachempfehlung und Orientierung von Qualitätsentwicklung in der Sozialdiakonischen Kinder- und Jugendarbeit.
(1) Bibel, Matthäus 25, 35-36
(2) SOjA-Ordnung 2018, Siehe: https://www.evjusa.de/soja-sachsen/downloads.html
(3) Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 560
1 Auftrag und Zielgruppe
Die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit ist ein kontinuierliches, professionelles Angebot, das von sozialpädagogischen Fachkräften in Städten und Gemeinden vorgehalten wird.
Sie erfüllt den Auftrag des SGB VIII(4), die „erforderlichen Angebote zur Verfügung zu stellen“, entsprechend der §§ 1 ff. und §§ 11-14 SGB VIII. Die Angebote richten sich grundsätzlich an alle Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
In diesem Sinne wirkt sie an der Umsetzung des Erziehungs- und Bildungsauftrags der Kinder- und Jugendhilfe. Hieraus leiten sich folgende Schwerpunkte ab:
• Begleitung der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen
• Förderung von Akzeptanz und Wertschätzung
• Bewältigung und Mitwirkung an der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen
• Gelingende Teilhabe im sozialen, schulischen und beruflichen Kontext
• Beteiligung der Heranwachsenden an der Gestaltung von Lern- und Lebensorten
• Förderung von Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion, Barrierefreiheit und Diversität
• Stärkung des Kinder- und Jugendschutzes und Umsetzung von Maßnahmen entsprechend §§ 8a und 8b SGB VIII (5)
Im Sinne eines systemischen und ganzheitlichen Arbeitens der Fachkräfte richtet sich das Handeln an die Zielgruppen Kinder, Jugendliche und deren Familien. Insbesondere wendet sich die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit an die jungen Menschen, die zum Ausgleich sozialer Benachteiligung und zur Überwindung individueller Beeinträchtigung in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind (§ 13 SGB VIII).
(4) Sozialgesetzbuch Achtes Buch (SGB VIII), Kinder- und Jugendhilfegesetz
(5) Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung und fachliche Beratung und Begleitung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen
Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit basiert auf einer vertrauensvollen und tragfähigen Beziehung zwischen hauptamtlichen
Fachkräften, ehrenamtlich Mitarbeitenden und jungen Menschen. Sichtbar wird dies in der persönlichen Haltung, in der Hoffnungsfähigkeit
und im Interesse am Anderen.
Zentral für die professionelle Umsetzung sind die Prinzipien:
• Offenheit, Freiwilligkeit und Unabhängigkeit
• Aufsuchender Ansatz und Niederschwelligkeit
• Parteilichkeit, Vertrauensschutz und Verschwiegenheit
• Annahme, Akzeptanz und Respekt
• Transparenz und Partizipation
• Verbindlichkeit, Flexibilität und Kontinuität
• Lebensbegleitung und Werteorientierung
• Raum geben für Fragen der Spiritualität und des christlichen Glaubens
• Ressourcenorientierung, Lebensweltorientierung und Stärkung zur Selbsthilfe
Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit eröffnet Bildungsräume und ermöglicht ihren Adressat*innen Selbstbildungsprozesse. Sie geht von den Kindern und Jugendlichen, ihren Interessen, Bedürfnissen und Wünschen aus und wird als umfassender Prozess der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit verstanden. Bildung soll Kinder und Jugendliche zudem befähigen, soziale, gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu verstehen, zu bewerten und (mit-)zu gestalten. Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit hat das Ziel,
Benachteiligung oder Ausgrenzung zu verhindern, mindestens zu verringern.
3 Methoden und Arbeitsformen
Die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit nutzt die Methoden der Sozialen Arbeit, Einzel-, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit. (6)
Dabei differenzieren wir zwischen zielgruppenspezifischen Angeboten, Vernetzungsaktivitäten und dem Engagement für eine kinder-,
jugend- und familienfreundliche Entwicklung im Sozialraum.
Arbeitsformen sind beispielsweise: offene und mobile Angebote, Freizeit- und Feriengestaltung, Rüstzeiten bzw. Gruppenfahrten, Kontakt- und Beratungsarbeit, Krisen- und Konfliktbewältigung, individuelle Förderung, Kurs- und Bildungsangebote, Projektangebote, soziale Gruppenarbeit, spiel, sport- und erlebnispädagogische Angebote, Vermittlung weiterführender Hilfen.
Die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit basiert auf der Grundlage einer Konzeption, die regelmäßig überprüft und angepasst wird. Sie erkennt und beschreibt soziale Lebenslagen Einzelner und gesellschaftliche Entwicklungen, entwirft und gestaltet geeignete Angebote und evaluiert ihre Ergebnisse.
Durch das Mitwirken in (jugend-)politischen und kirchlichen Gremien wird eine Beteiligung an öffentlichen Planungen und gesellschaftlichen Entwicklungen erreicht.
(6) Michael Galuske, Methoden der Sozialen Arbeit, Beltz Juventa, 2010
4 Kooperationspartner, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit
Die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit kooperiert mit Einrichtungen und Diensten der freien und öffentlichen Kinder- und
Jugendhilfe, mit Schulen und Ausbildungsstätten, mit kirchlicher Jugend- und Gemeindearbeit, mit der Kinder- und Jugendarbeit
des CVJM, mit diakonischen Trägern und anderen relevanten Akteuren im Sozialraum. Die Zusammenarbeit ist durch den fachlichen
Dialog getragen.
Kooperationen und Vernetzungen eröffnen Kindern und Jugendlichen wie auch den Fachkräften den Zugang zu anderen Institutionen und unterstützen das Zusammenleben im sozialen Umfeld. Sie erleichtern Übergänge, senken Hemmschwellen und erweitern Hilfsangebote. Fachbezogene Netzwerkarbeit ermöglicht kontinuierliche Zusammenarbeit mit Kommunen, Behörden, Institutionen
und Akteuren vor Ort. Sie verstärken das Engagement aller Beteiligten für den Sozialraum. Kooperationsvereinbarungen regeln zu erbringende Leistungen und legen Inhalte und Verantwortlichkeiten fest.
Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit präsentiert ihre Leistungen im Rahmen einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit. Dazu gehört, ihre Angebote, Inhalte, Programme, Bildungsleistungen zu formulieren, die Umsetzung transparent zu dokumentieren und in geeigneter Form nach außen zu vertreten.
Die Vernetzung der Mitglieder in den und durch die Gremien der LAG SOjA (Frühjahrskonvent, Regionalgruppen, Jahrestagung) ermöglicht eine identitätsstiftende und qualitätsfördernde Weiterentwicklung.
5 Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Arbeit
Die Landkreise, kreisangehörigen Kommunen und die kreisfreien Städte in Sachsen tragen die Verantwortung (Subsidiaritätsprinzip) (7) für eine verlässliche personelle, räumliche und finanzielle Ausstattung der Sozialdiakonischen Kinder- und Jugendarbeit. (8)
Die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, das Diakonische Werk der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens e.V. und der CVJM-Landesverband Sachsen e.V. tragen zur Wahrnehmung und Umsetzung dieser Verantwortung bei. (9)
Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit ist kontinuierlich und bedarfsgerecht personell auszustatten. Sie wird in der Regel mit sozialpädagogisch qualifizierten, geeigneten Fachkräften (Hochschulabschluss) durchgeführt. Weiterhin können geeignete Personen die Arbeit unterstützen (z.B. Ehrenamtliche, Honorarkräfte, Menschen in Freiwilligendiensten).
Für die Arbeit in Offenen Kinder- und Jugendhäusern und in der Mobilen Kinder- und Jugendarbeit sind mindestens 2,0 VzÄ (10) Personalstellen anzustreben, möglichst geschlechterparitätisch. Für die Schulsozialarbeit verweisen wir auf die aktuelle Fachempfehlung zur Schulsozialarbeit des Freistaates Sachsen. (11)
Kontinuierliche Fachberatung, Praxisreflexion (Fallberatung, Supervision oder Coaching) und Fort- und Weiterbildung sind für die professionelle Arbeit unabdingbar.
Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit wird als Regelangebot kontinuierlich und auskömmlich finanziert (Personal-, Sach- und Investitionskosten). Die Fachkräfte sollen tarifgerecht entsprechend geltender Arbeitsrechtsregelungen bezahlt werden. Um eine personelle Kontinuität zu sichern, sind die Leistungsverträge mit den Kommunen für mindestens drei Jahre zu schließen.
Die Einrichtungen der Sozialdiakonischen Kinder- und Jugendarbeit sind mit einem Büro für die Fachkräfte mit zeitgemäßer technischer Ausstattung zu versehen. Für Gruppen- und Einzelarbeit stehen attraktive Räume in hoher Gestaltungsqualität der Innenausstattung und pädagogisches Material zur Verfügung. Die Einrichtungen sind möglichst barrierefrei einzurichten. Notwendige Renovierungs- und Modernisierungsarbeiten sind regelmäßig durchzuführen, Lärmschutzmaßnahmen sind zu berücksichtigen.
Öffnungs- und Angebotszeiten
Sie sind an die Lebensrhythmen junger Menschen anzupassen. Während der Kontaktzeit ist eine Doppelbesetzung der Fachkräfte anzustreben. Es gilt der Grundsatz: Arbeitszeit ist nicht gleich Öffnungs- und Angebotszeit. Mindestens 20 % der Arbeitszeit müssen für pädagogische Vor- und Nachbereitung zur Verfügung stehen. Weiterhin sind Planungs- und Verwaltungstätigkeiten, Gremien-,
Vernetzungsarbeit und Dienstbesprechungen arbeitszeitlich einzuplanen.
(7) Nach § 4 SGB VIII - Zusammenarbeit der öffentlichen Jugendhilfe mit der freien Jugendhilfe
(8) Nach § 77 SGB VIII – Vereinbarung über die Höhe der Kosten
(9) Siehe Beschluss der 24. Ev.-Luth. Landessynode Sachsens: „die Sozialdiakonische Offene Jugendarbeit ist eine unverzichtbare Aufgabe der Kirche…“
(10) Das Vollzeitäquivalent (Abkürzung: VZÄ) oder Vollbeschäftigtenäquivalent ist eine Hilfsgröße bei der Messung von Arbeitszeit.
(11) https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/17165-FRL-Schulsozialarbeit
Das gemeinsame Engagement von kreisfreien Städten bzw. Landkreisen und den kreisangehörigen Kommunen sowie Kirche, diakonischen Werken und christlichen Verbänden als freie Träger der Jugendhilfe soll die qualifizierte Handlungsfähigkeit und Weiterentwicklung der Sozialdiakonischen Kinder- und Jugendarbeit in einer sich wandelnden Gesellschaft gewährleisten.
Es sind Verantwortungs- und Entscheidungsmöglichkeiten für junge Menschen zu fördern sowie Zugangs- und Hemmschwellen herabzusetzten. Gemeinschaft braucht Akzeptanz von Vielfalt und soll ohne Ausgrenzungen erlebt werden. Beteiligung ist mehr als Teilnahme, sie ermutigt, Grenzen zu überwinden, sie befähigt zu demokratischem Miteinander und stärkt Kinder und Jugendliche,
gesellschaftliche Prozesse zu gestalten.
Kinder und Jugendliche müssen in einer komplexen Welt eigene Entscheidungen treffen. Für ihre Fragen und Antworten, die nach dem Sinn des Lebens ausgerichtet sind, wollen die Fachkräfte kompetente Gesprächspartner*innen sein. Dabei ist die Perspektive des christlichen Glaubens und die damit verbundene Haltung zu fördern. Die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit will als
„Brückenbauerin“ zwischen der traditionellen kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit und der klassischen Sozialarbeit in einer pluralen Gesellschaft wirksam sein.
Durch den demografischen Wandel sind die ländlichen Regionen besonders stark von sinkenden Zahlen junger Menschen betroffen. Um weiterhin wirksam für Kinder und Jugendliche bleiben zu können, muss die arbeitsfähige Infrastruktur der Kinder- und Jugendarbeit im ländlichen Raum stabilisiert werden. Weniger Kinder und Jugendliche heißt nicht gleich weniger Bedarf.
Laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) finden 70 % der Bildungsprozesse außerhalb der Schule statt: in offenen, alltäglichen Situationen, in Familien, in der Peergroup und in der Kinder- und Jugendarbeit. Die Kinder- und Jugendarbeit stellt einen wesentlichen Lernort für informelle Bildungsprozesse dar. Dabei liegt die Stärkung der sozialen und
personalen Kompetenzen junger Menschen besonders im Fokus (Selbstvertrauen, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit).
Die Sozialdiakonische Kinder- und Jugendarbeit ist herausgefordert, sich als eigenständige Bildungsakteurin zu profilieren. Dies soll inner- wie auch außerschulisch gestaltet werden. Dadurch werden Zugänge und Hilfen zu den unterschiedlichen Lebenswelten und Lernorten von Kindern und Jugendlichen möglich.
Diskutiert und beraten im Frühjahrskonvent der LAG SOjA am 05. März 2018 in Krummenhennersdorf. Beschlossen im Vorstand der LAG SOjA am 29. August 2018 in Dresden.
LAG SOjA im Landesjugendpfarramt