Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Auszahlung_Arbeitszeitkontos_Vertrauensarbeitszeit_Auszahlung_des_Arbeitszeitkontos_bei_vereinbarter_Vertrauensarbeitszeit_BAG_5AZR767-13.html
Timestamp: 2017-03-28 17:47:51
Document Index: 73961823

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 1', '§ 7', '§ 7', '§ 12', '§ 611', '§ 7', '§ 611', '§ 7', '§ 288', '§ 286', '§ 193', '§ 193', '§ 286', '§ 286', '§ 286', '§ 7', '§ 7', '§ 286', '§ 92']

HENSCHE Arbeitsrecht: 5 AZR 767/13
Die Ver­ein­ba­rung von Ver­trau­ens­ar­beits­zeit steht we­der der Führung ei­nes Ar­beits­zeit­kon­tos ent­ge­gen noch schließt sie die Ab­gel­tung ei­nes aus Mehr­ar­beit des Ar­beit­neh­mers re­sul­tie­ren­den Zeit­gut­ha­bens aus.
Arbeitsgericht Herford, Urteil vom 24.10.2012 - 2 Ca 380/12Landesarbeitsgericht Hamm, Urteil vom 2.7.2013 - 14 Sa 1706/12
5 AZR 767/13 14 Sa 1706/12Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am23. Sep­tem­ber 2015
- 2 - I. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm vom 2. Ju­li 2013 - 14 Sa 1706/12 - un­ter Zurück­wei­sung der Re­vi­si­on im Übri­gen teil­wei­se auf­ge­ho­ben und zur Klar­stel­lung wie folgt neu ge­fasst:
Die Par­tei­en strei­ten über die Aus­zah­lung ei­nes Ar­beits­zeit­gut­ha­bens. Die Kläge­rin wur­de von der Be­klag­ten, die meh­re­re Tex­til­ein­zel­han­dels­geschäfte be­treibt, zum 1. Ju­ni 2007 als Büro­f­ach­kraft ein­ge­stellt. Sie er­le­dig­te Se­kre­ta­ri­ats- und As­sis­tenztätig­kei­ten für die Geschäftsführung und lei­te­te zu­letzt das so­ge­nann­te „Back Of­fice“. Ih­re Haupt­auf­ga­ben ver­rich­te­te sie im Vor­zim­mer der Geschäftsführung. Das Ar­beits­verhält­nis en­de­te auf­grund ei­ner von der Kläge­rin aus­ge­spro­che­nen Kündi­gung am 31. März 2012.
- 3 - „§ 3 Vergütung
Die Ar­beits­zeit ist fle­xi­bel und rich­tet sich nach der be­triebsübli­chen Zeit. Ver­ein­bart wer­den mo­nat­lich 163 St­un­den oh­ne die Berück­sich­ti­gung von Pau­sen. Mehr bzw. Min­der­stun­den wer­den über ein Zeit­kon­to ab­ge­rech­net. Bei Aus­tritt aus dem Un­ter­neh­men wird der Sal­do mit dem durch­schnitt­li­chen St­un­den­lohn ver­rech­net. Ar­beits­be­ginn und Ar­beits­en­de rich­ten sich nach der je­wei­li­gen Per­so­nal­ein­satz­pla­nung. Die Fir­ma ist be­rech­tigt, aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Er­for­der­nis­sen ei­ne Ände­rung der Ar­beits­zeit­ein­tei­lung vor­zu­neh­men....
- 4 - Mit For­mu­lar­ar­beits­ver­trag vom 13./27. No­vem­ber 2008 (im Fol­gen­den Ar­beits­ver­trag 2008), der gemäß § 1 Abs. 1 mit Wir­kung zum 1. Ja­nu­ar 2009 den Ar­beits­ver­trag vom 28. April 2007 so­wie den Nach­trag 1 vom 22. Fe­bru­ar 2008 er­setz­te, ver­ein­bar­ten die Par­tei­en ua. bei gleich­blei­ben­der Vergütung in § 7 Abs. 1 ei­ne Verlänge­rung der mo­nat­li­chen Ar­beits­zeit auf 173 St­un­den. Im Übri­gen blieb § 7 un­verändert. Die §§ 12 bis 14 stim­men mit de­nen des Ar­beits­ver­trags 2007 übe­rein.
Im Man­tel­ta­rif­ver­trag für die Un­ter­neh­men des Ein­zel­han­dels in Nord­rhein-West­fa­len vom 25. Ju­li 2008 (im Fol­gen­den MTV), ab­ge­schlos­sen mitWir­kung zum 1. Ja­nu­ar 2007, ist ua. ge­re­gelt:
- 5 - Die Be­klag­te händig­te der Kläge­rin für den Zeit­raum 1. Ju­ni 2007 bis 25. No­vem­ber 2008 mit „Be­richt Ar­beits­zeit Verkäufer“ über­schrie­be­ne Auf­stel­lun­gen aus, in de­nen Be­ginn und En­de ih­rer Ar­beits­zeit, die Ge­samt­stun­den, die Pau­sen so­wie die be­zahl­te Ar­beits­zeit aus­ge­wie­sen sind. Die Plus-Dif­fe­renz zwi­schen ge­leis­te­ten und vergüte­ten St­un­den be­lief sich da­nach auf 414 St­un­den. In der Fol­ge­zeit er­fass­te die Be­klag­te die Ar­beits­zeit der Kläge­rin nicht mehr und händig­te ihr kei­ne wei­te­ren Be­rich­te aus.
Mit ih­rer am 23. März 2012 ein­ge­reich­ten Kla­ge hat die Kläge­rin zu­letzt die Ab­gel­tung des von ihr für den Zeit­raum 1. Ju­ni 2007 bis 31. März 2012 be­haup­te­ten Zeit­gut­ha­bens ver­langt. Sie hat gel­tend ge­macht, der Geschäftsführer der Be­klag­ten ha­be sich am 26. Ja­nu­ar 2009, als er ihr das nicht vollständi­ge Ar­beits­zeit­kon­to für No­vem­ber 2008 über­ge­ben ha­be, ge­wei­gert ih­re Ar­beits­zeit­auf­stel­lun­gen ent­ge­gen zu neh­men und auch für die Zu­kunft die Führung ei­nes Ar­beits­zeit­kon­tos ab­ge­lehnt. Er ha­be die An­wei­sung er­teilt, ih­re Ar­beits­zei­ten nicht mehr zu er­fas­sen. Zu den in ih­ren Ar­beits­zeit­auf­stel­lun­gen ge­nann­ten Zei­ten ha­be sie im Be­trieb der Be­klag­ten ge­ar­bei­tet. Durch ih­re Tätig­keit im Vor­zim­mer des Geschäftsführers sei die­ser auch je­der­zeit über ih­re Ar- - 6 -
- 7 - § 611 Abs. 1 BGB iVm. § 7 Abs. 1 Satz 3 und Satz 4 Ar­beits­ver­trag An­spruch auf Vergütung in Höhe von 7.178,76 Eu­ro brut­to nebst Ver­zugs­zin­sen in ge­setz­li­cher Höhe. Im Übri­gen ist die Kla­ge un­be­gründet.
1. Die Kläge­rin hat ein Zeit­gut­ha­ben von 414 St­un­den schlüssig dar­ge­legt. a) Ein Ar­beits­zeit­kon­to hält fest, in wel­chem zeit­li­chen Um­fang der Ar­beit­neh­mer sei­ne Haupt­leis­tungs­pflicht nach § 611 Abs. 1 BGB er­bracht hat oder auf­grund ei­nes Ent­gelt­fort­zah­lungs­tat­be­stands nicht er­brin­gen muss­te (vgl. BAG 21. März 2012 - 5 AZR 676/11 - Rn. 20, BA­GE 141, 88) und des­halb Vergütung be­an­spru­chen kann, bzw. in wel­chem Um­fang er noch Ar­beits­leis­tung für die ver­ein­bar­te Vergütung er­brin­gen muss. Be­gehrt der Ar­beit­neh­mer die Ab­gel­tung ei­nes Zeit­gut­ha­bens, macht er den Vergütungs­an­spruch für vor­ge­leis­te­te Ar­beit gel­tend (vgl. BAG 24. Sep­tem­ber 2003 - 10 AZR 640/02 - zu II 2 a der Gründe, BA­GE 108, 1; 28. Ju­li 2010 - 5 AZR 521/09 - Rn. 13, BA­GE 135,197). Da die­ses Zeit­gut­ha­ben nur in an­de­rer Form den Vergütungs­an­spruch des Ar­beit­neh­mers aus­drückt, genügt für die Schlüssig­keit ei­ner Kla­ge, die auf Aus­gleich des Gut­ha­bens auf ei­nem Ar­beits­zeit­kon­to ge­rich­tet ist, dass der Kläger die Ver­ein­ba­rung ei­nes Ar­beits­zeit­kon­tos und das Be­ste­hen ei­nes Gut­ha­bens zum ver­ein­bar­ten Aus­zah­lungs­zeit­punkt dar­legt (BAG
a) Die re­gelmäßigen Bu­chun­gen auf dem Ar­beits­zeit­kon­to stel­len nicht rechts­geschäft­li­che Erklärun­gen, son­dern tatsächli­che Hand­lun­gen im Sin­ne so­ge­nann­ter Wis­sens­erklärun­gen dar. Der Ar­beit­neh­mer, der Kennt­nis von der Bu­chung erhält, kann nicht an­neh­men, es han­de­le sich um ei­ne auf Bestäti­gung oder gar Verände­rung der Rechts­la­ge ge­rich­te­te Wil­lens­erklärung im Sin­ne ei­nes de­kla­ra­to­ri­schen oder kon­sti­tu­ti­ven Schuld­an­er­kennt­nis­ses (vgl. BAG 19. März 2008 - 5 AZR 328/07 - Rn. 26). Der Ar­beit­ge­ber stellt je­doch mit der vor­be­halt­lo­sen Aus­wei­sung von Gut­ha­ben­stun­den in ei­nem für den ein­zel­nen Ar­beit­neh­mer geführ­ten Ar­beits­zeit­kon­to des­sen Sal­do streit­los (vgl. BAG 28. Ju­li 2010 - 5 AZR 521/09 - Rn. 19, BA­GE 135, 197). Er bringt da­mit re­gelmäßig zum Aus­druck, dass be­stimm­te Ar­beits­stun­den tatsächlich und mit sei­ner Bil­li­gung ge­leis­tet wur­den. Will der Ar­beit­ge­ber im Nach­hin­ein den sich aus dem Ar­beits­zeit­kon­to zu­guns­ten des Ar­beit­neh­mers er­ge­ben­den Sal­do er­heb­lich be­strei­ten, ob­liegt es ihm aus­ge­hend von ei­ner ge­stuf­ten Dar­le­gungs­last, im Ein­zel­nen dar­zu­le­gen, auf­grund wel­cher Umstände der aus­ge­wie­se­ne Sal­do un­zu­tref­fend sei oder sich bis zur ver­ein­bar­ten Sch­ließung des Ar­beits­zeit­kon- - 9 - tos re­du­ziert ha­be. Erst dann hat der Ar­beit­neh­mer vor­zu­tra­gen, wann er Ar­beit ver­rich­tet oder ei­ner der Tat­bestände vor­ge­le­gen ha­be, der ei­ne Vergütungs­pflicht oh­ne Ar­beit re­gelt (vgl. BAG 18. April 2012 - 5 AZR 248/11 - Rn. 14 ff., BA­GE 141, 144 zur Dar­le­gungs- und Be­weis­last im Vergütungs­pro­zess). Trägt der Ar­beit­ge­ber hin­ge­gen nichts vor oder lässt er sich nicht sub­stan­ti­iert ein, gilt der im Ar­beits­zeit­kon­to vor­be­halt­los aus­ge­wie­se­ne Sal­do als zu­ge­stan­den.
- 11 - noch schließt sie die Ab­gel­tung ei­nes aus Mehr­ar­beit des Ar­beit­neh­mers re­sul­tie­ren­den Zeit­gut­ha­bens aus.
- 12 - a) Gemäß § 7 Abs. 1 Satz 4 Ar­beits­ver­trag war der sich aus dem Ar­beits­zeit­kon­to er­ge­ben­de Sal­do „bei Aus­tritt aus dem Un­ter­neh­men“ mit dem durch­schnitt­li­chen St­un­den­lohn zu ver­rech­nen. Der Ab­gel­tungs­an­spruch ist da­nach bei Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses, dh. mit Ab­lauf des 31. März 2012, ent­stan­den und fällig ge­wor­den. Die von der Be­klag­ten - ent­ge­gen den ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen - un­ter­las­se­ne Fortführung des Ar­beits­zeit­kon­tos führ­te nicht zu ei­ner frühe­ren Fällig­keit.
7. Der Zins­an­spruch er­gibt sich aus § 288 Abs. 1, § 286 Abs. 1 Satz 1 BGB. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt konn­te der Kläge­rin an­trags­gemäß Zin­sen ab 1. Mai 2012 zu­spre­chen, oh­ne § 193 BGB außer Acht zu las­sen. Der 1. April 2012 war ein Sonn­tag. Die Leis­tung war nach § 193 BGB am 2. April 2012 zu be­wir­ken. Die Be­klag­te be­fand sich ab dem Fol­ge­tag im Ver­zug, oh­ne dass es ei­ner Mah­nung iSv. § 286 Abs. 1 BGB be­durft hätte. Für die Ab­gel­tung des Ar­beits­zeit­gut­ha­bens war zwar nicht iSv. § 286 Abs. 2 Nr. 1 BGB ei­ne Zeit nach dem Ka­len­der be­stimmt. Ei­ne Mah­nung war je­doch nach § 286 Abs. 2 Nr. 3 BGB ent­behr­lich. Die Kläge­rin for­der­te mit Schrei­ben vom 24. Fe­bru­ar 2012 und vom 5. März 2012 von der Be­klag­ten we­gen Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses un­ter aus­drück­li­cher Be­zug­nah­me auf § 7 Ar­beits­ver­trag die „Ab­rech­nung“ des Ar­beits­zeit­kon­tos. Die Be­klag­te lehn­te dies mit Schrei­ben vom 28. Fe­bru­ar 2012 und vom 6. März 2012 ge­ne­rell mit der Be­gründung ab, das Ar­beits­zeit­kon­to ste­he auf null. Die Kläge­rin muss­te die Schrei­ben nicht nur be­zo­gen auf ei­ne den Ab­rech­nungs-, son­dern auch auf den sich aus § 7 Ar­beits- - 13 - ver­trag er­ge­ben­den Ab­gel­tungs­an­spruch als ernst­haf­te und endgülti­ge Leis­tungs­ver­wei­ge­rung iSv. § 286 Abs. 2 Nr. 3 BGB ver­ste­hen.
- 14 - Wie im Über­stun­den­pro­zess hat er dar­zu­le­gen und - im Be­strei­tens­fall - zu be­wei­sen, dass er Ar­beit in ei­nem die Nor­mal­ar­beits­zeit über­stei­gen­den zeit­li­chen Um­fang ver­rich­tet hat und ge­leis­te­te Über­stun­den vom Ar­beit­ge­ber ver­an­lasst wur­den oder die­sem zu­min­dest zu­zu­rech­nen sind. Denn der Ar­beit­ge­ber muss sich Leis­tung und Vergütung von Über­stun­den nicht auf­drängen las­sen, und der Ar­beit­neh­mer kann nicht durch über­ob­li­ga­to­ri­sche Mehr­ar­beit sei­nen Vergütungs­an­spruch selbst be­stim­men (vgl. BAG 10. April 2013 - 5 AZR 122/12 - Rn. 13).
- 15 - 330). Al­lein die An­we­sen­heit der Kläge­rin im Be­trieb be­gründet kei­ne Ver­mu­tung dafür, Über­stun­den sei­en zur Er­brin­gung der ge­schul­de­ten Ar­beit not­wen­dig ge­we­sen (vgl. BAG 10. April 2013 - 5 AZR 122/12 - Rn. 17).
3. Dass die Be­klag­te die wei­te­re Führung des Ar­beits­zeit­kon­tos ver­trags­wid­rig un­ter­las­sen hat, recht­fer­tigt kei­ne ab­wei­chen­de Ver­tei­lung der Dar­le­gungs­last. Auch bei Fortführung des Ar­beits­zeit­kon­tos hätte es im Streit­fall zu- - 16 - nächst der Kläge­rin ob­le­gen, zur Recht­fer­ti­gung ei­nes Gut­ha­bens, Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen, die ge­eig­net sind, ei­nen An­spruch auf Ein­stel­lung be­haup­te­ter Über­stun­den in das Ar­beits­zeit­kon­to zu be­gründen. Sie hätte auch in die­sem Fall nicht nur die Leis­tung von Über­stun­den, son­dern zusätz­lich schlüssig dar-le­gen müssen, dass die­se von der Be­klag­ten ver­an­lasst wur­den oder ihr zu­zu­rech­nen sei­en.
IV. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 92 Abs. 1 ZPO. Müller-Glöge We­ber Volk
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