Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Verfahrensfehler_Betriebsratsbeschluss_bei_Ladung_fehlende_Tagesordnung_BAG_1ABR2-13_A_u.html
Timestamp: 2018-06-22 18:59:51
Document Index: 22656380

Matched Legal Cases: ['§ 33', '§ 32', '§ 45', '§ 77', '§ 77', 'Art. 14', 'Art. 2', 'Art. 1', '§ 75', '§ 75', '§ 77', '§ 77', '§ 77', '§ 77', '§ 77', 'Art. 80', '§ 25', '§ 25', '§ 25', '§ 29', '§ 29', '§ 33', '§ 29']

BAG, Beschluss vom 09.07.2013, 1 ABR 2/13 (A) - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Be­schluss vom 09.07.2013, 1 ABR 2/13 (A)
Schlagworte: Betriebsrat: Beschluss, Betriebsrat: Sitzung
Leitsätze: Der Erste Senat möchte die Auffassung vertreten, dass die Ladung zu einer Betriebsratssitzung ohne Mitteilung der Tagesordnung nicht zur Unwirksamkeit eines in dieser Betriebsratssitzung gefassten Beschlusses führt, wenn sämtliche Mitglieder des Betriebsrats rechtzeitig geladen sind, der Betriebsrat beschlussfähig iSd. § 33 Abs. 2 BetrVG ist und die anwesenden Betriebsratsmitglieder einstimmig beschlossen haben, über den Regelungsgegenstand des später gefassten Beschlusses zu beraten und abzustimmen. Nicht erforderlich ist, dass in dieser Sitzung alle Betriebsratsmitglieder anwesend sind.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Darmstadt, Beschluss vom 24.03.2011, 10 BV 15/10
Hessisches Landesarbeitsgericht, Beschluss vom 17.09.2012, 16 TaBV 109/11
hat der Ers­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der Anhörung vom 9. Ju­li 2013 durch die Präsi­den­tin des Bun­des­ar­beits­ge­richts Schmidt, die Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Linck und Prof. Dr. Koch so­wie den eh­ren-amt­li­chen Rich­ter Dr. Hann und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin Spoo für Recht er­kannt:
schafts­be­triebs. In die­sem ist der zu 3. be­tei­lig­te Be­triebs­rat am 11. Fe­bru­ar 2010 gewählt wor­den (Be­triebs­rat). Zu­vor war der von den Mit­ar­bei­tern der Rechts­vorgänge­rin der Ar­beit­ge­be­rin­nen der Stand­or­te D und W gewähl­te Be­triebs­rat für die­sen Be­trieb zuständig (Be­triebs­rat We). Durch Ta­rif­ver­trag wur­de des­sen Über­g­angs­man­dat bis zum 28. Fe­bru­ar 2010 verlängert.
„... wird vor dem Hin­ter­grund der ak­tu­el­len, im Sep­tem­ber 2009 in Kraft ge­tre­te­nen ar­beits­recht­lich re­le­van­ten Ände­run­gen des Bun­des­da­ten­schut­zes, ins­be­son­de­re des § 32 BDSG, ist ei­ne An­pas­sung der der­zei­ti­gen be­trieb­li­chen Re­ge­lung über die Durchführung von Tor­kon­trol­len, wie folgt er­for­der­lich:
Die­se Ver­ein­ba­rung gilt für al­le Beschäftig­ten am Stand­ort DC W und al­le dort ein­ge­setz­ten Ar­beit­neh­mer von Zeit­ar­beits­un­ter­neh­men.
ta­gung hat­te der Be­triebs­rat We mit E-Mail vom 12. No­vem­ber 2009 oh­ne Beifügung ei­ner Ta­ges­ord­nung ge­la­den.
Die Ar­beit­ge­be­rin­nen ha­ben be­an­tragt
fest­zu­stel­len, dass die Be­triebs­ver­ein­ba­rung über die Durchführung von Tor­kon­trol­len im Dis­tri­bu­ti­on Cen­ter der We GmbH, Stand­ort W, zwi­schen der We GmbH und dem Be­triebs­rat des Ge­mein­schafts­be­trie­bes We D/W vom 8. De­zem­ber 2009 durch die Kündi­gung des Be­triebs­rats vom 13. Au­gust 2010 nicht vor dem 1. Au­gust 2012 en­den wird.
nicht wirk­sam zu­stan­de ge­kom­men. Darüber hin­aus grei­fe die Be­triebs­ver­ein­ba­rung in un­verhält­nismäßiger Wei­se in das all­ge­mei­ne Persönlich­keits­recht der Ar­beit­neh­mer ein.
BV-Tor­kon­trol­le ist je­doch for­mell feh­ler­haft zu­stan­de ge­kom­men, da die La­dung al­ler Be­triebs­rats­mit­glie­der zu der Be­triebs­rats­sit­zung oh­ne Mit­tei­lung ei­ner Ta­ges­ord­nung er­folg­te. Nach Auf­fas­sung des Se­nats führt dies al­ler­dings nicht zur Un­wirk­sam­keit der Be­schluss­fas­sung. Die bei der Sit­zung des Be­triebs­rats We im Übri­gen ord­nungs­gemäß ge­la­de­nen an­we­sen­den 16 Mit­glie­der des 19-köpfi­gen Be­triebs­rats konn­ten ein­stim­mig be­sch­ließen, in die­ser Sit­zung über die BV-Tor­kon­trol­le zu be­ra­ten und ab­zu­stim­men. Hier­durch wur­de die Fort­wir­kung des La­dungs­feh­lers auf die Be­schluss­fas­sung des Be­triebs­rats be­sei­tigt. Un­ter Zu­grun­de­le­gung die­ser Rechts­auf­fas­sung hätte die Rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin­nen in­so­weit Er­folg, da die Anträge des Be­triebs­rats ab­zu­wei­sen wären. Der er­ken­nen­de Se­nat weicht - un­ter Auf­ga­be sei­ner Recht­spre­chung - hier­mit al­ler­dings von der Rechts­auf­fas­sung des Sieb­ten Se­nats ab. Da­nach ist die Hei­lung ei­ner La­dung zu ei­ner Be­triebs­rats­sit­zung oh­ne Mit­tei­lung der Ta­ges­ord­nung nur möglich, wenn der Be­triebs­rat vollständig ver­sam­melt ist und ein­stim­mig sein Ein­verständ­nis erklärt, ei­nen neu­en Be­ra­tungs­punkt auf die Ta­ges­ord­nung auf­zu­neh­men und darüber zu be­sch­ließen. Hier­nach hätte die Rechts­be­schwer­de der Ar­beit­ge­be­rin­nen kei­nen Er­folg und wäre zurück­zu­wei­sen. Nach § 45 Abs. 3 Satz 1 ArbGG be­darf es des­halb ei­ner An­fra­ge beim Sieb­ten Se­nat, ob er an sei­ner bis­he­ri­gen Rechts­auf­fas­sung festhält.
13. Au­gust 2010 je­den­falls zum 31. Ju­li 2012 ge­en­det hat und für die Zeit da­nach gemäß § 77 Abs. 6 Be­trVG le­dig­lich nach­wirkt.
Rechts­be­schwer­de nicht in Ab­re­de, dass die BV-Tor­kon­trol­le seit dem 1. Au­gust 2012 nach § 77 Abs. 6 Be­trVG nach­wirkt.
Persönlich­keit der im Be­trieb beschäftig­ten Ar­beit­neh­mer zu schützen (BAG 26. Au­gust 2008 - 1 ABR 16/07 - Rn. 16 f., aaO).
(2) Die Be­ein­träch­ti­gun­gen des Persönlich­keits­rechts durch die in der BV- Tor­kon­trol­le vor­ge­se­he­nen Ta­schen­kon­trol­len genügen je­doch den An­for­de­run­gen des Verhält­nismäßig­keits­grund­sat­zes.
des Ei­gen­tums­rechts der Ar­beit­ge­be­rin­nen aus Art. 14 Abs. 1 GG Re­ge­lun­gen ge­trof­fen, die nur ge­ringfügi­ge Be­ein­träch­ti­gun­gen des durch Art. 2 Abs. 1 iVm. Art. 1 Abs. 1 GG geschütz­ten all­ge­mei­nen Persönlich­keits­rechts be­wir­ken. Die Aus­wahl der zu kon­trol­lie­ren­den Per­son er­folgt nach Nr. 4.2 BV-Tor­kon­trol­le durch ei­nen Zu­falls­ge­ne­ra­tor. Dies ver­mei­det ei­ne Stig­ma­ti­sie­rung, da hier­durch für al­le Ar­beit­neh­mer klar­ge­stellt ist, dass die Kon­trol­le nicht durch ein Ver­hal­ten der je­weils kon­trol­lier­ten Per­son ver­an­lasst ist. Die Durchführung der Kon­troll­maßnah­men in dem von außen nicht ein­seh­ba­ren Pfört­ner­raum gewähr­leis­tet, dass an­de­re Ar­beit­neh­mer die Kon­trol­le nicht be­ob­ach­ten können. Des Wei­te­ren ist die Kon­troll­in­ten­sität in Nr. 4.3 BV-Tor­kon­trol­le ge­staf­felt und abhängig von kon­kre­ten Ver­dachts­umständen. Zunächst wird ei­ne Sicht­kon­trol­le der mit­geführ­ten Behält­nis­se vor­ge­nom­men. Nur in be­gründe­ten Ver­dachtsfällen ist die Lee­rung sämt­li­cher Klei­der­ta­schen vor­ge­se­hen, im Fal­le der Wei­ge­rung, die Durchführung die­ser Kon­troll­maßnah­me durch die Po­li­zei. Der Kon­troll­zy­klus ist an­ge­mes­sen. Pro Jahr wer­den an 30 Ta­gen ins­ge­samt 86 Ar­beit­neh­mer kon­trol­liert. Dass die Kon­trol­le „durch da­zu be­stimm­te Per­so­nen“ - ggf. al­so auch ex­ter­ne Si­cher­heits­mit­ar­bei­ter - und oh­ne Hin­zu­zie­hung ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds durch­geführt wird, ist nicht zu be­an­stan­den. Es ist nicht er­sicht­lich, dass ei­ne Kon­trol­le durch ei­ge­ne Mit­ar­bei­ter und in An­we­sen­heit ei­nes Be­triebs­rats­mit­glieds das Persönlich­keits­recht der Ar­beit­neh­mer we­ni­ger be­ein­träch­ti­gen würde.
Viel­mehr ist ei­ne Be­triebs­ver­ein­ba­rung am Maßstab des § 75 Be­trVG zu über­prüfen.
d) Die in Nr. 6 ver­ein­bar­te erst­ma­li­ge Künd­bar­keit der BV-Tor­kon­trol­le zum 31. Ju­li 2012 verstößt nicht ge­gen höher­ran­gi­ges Recht (§ 75 Abs. 1 Be­trVG). Es steht den Be­triebs­par­tei­en frei, kürze­re oder länge­re Kündi­gungs-fris­ten als in § 77 Abs. 5 Be­trVG vor­ge­se­hen zu ver­ein­ba­ren (Fit­ting Be­trVG 26. Aufl. § 77 Rn. 145; Kreutz GK-Be­trVG 9. Aufl. § 77 Rn. 363; Löwisch/Kai­ser Be­trVG 6. Aufl. § 77 Rn. 95; HSW­GNR/Worz­al­la Be­trVG 8. Aufl. § 77 Rn. 221). Der Wirk­sam­keit der Kündi­gungs­re­ge­lung steht auch nicht ent­ge­gen, dass die Kündi­gung erst nach Be­ginn der Amts­zeit ei­nes neu gewähl­ten Be­triebs­rats wirk­sam wird. En­det auf­grund ei­ner Neu­wahl das Amt ei­nes Be­triebs­rats, wird nach dem Prin­zip der Funk­ti­ons­nach­fol­ge und dem Grund­ge­dan­ken der Kon­ti­nuität be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­cher In­ter­es­sen­ver­tre­tun­gen der neu gewähl­te Be­triebs­rat Funk­ti­ons­nach­fol­ger sei­nes Vorgängers. Die ge­schlos­se­nen Be­triebs­ver­ein­ba­run­gen gel­ten da­her grundsätz­lich fort und bin­den das per­so­nell neu zu­sam­men­ge­setz­te Be­triebs­rats­gre­mi­um (BAG 24. Au­gust 2011 - 7 ABR 8/10 - Rn. 15, BA­GE 139, 127).
Ver­fah­rens­vor­schrif­ten Vor­rang vor dem Bedürf­nis nach Rechts­si­cher­heit be­an­spru­chen (vgl. zu den Rechts­fol­gen bei Verstößen ge­gen Art. 80 Abs. 1 Satz 1 GG BVerfG 11. Ok­to­ber 1994 - 1 BvR 337/92 - zu B II 2 c der Gründe, BVerfGE 91, 148).
gewähr­leis­tet und der Ge­fahr ei­ner Über­rum­pe­lung ein­zel­ner Be­triebs­rats­mit­glie­der bei der Be­ra­tung und an­sch­ließen­den Ab­stim­mung ent­ge­gen­ge­wirkt.
keit, das Vor­lie­gen ei­nes Ver­hin­de­rungs­fal­les zu prüfen und darüber zu be­fin­den, ob ei­ne be­ste­hen­de Ter­min­kol­li­si­on zu­guns­ten der Be­triebs­rats­sit­zung oder zu­guns­ten des an­de­ren Ter­mins zu lösen sei.
aa) Die Mit­tei­lung der Ta­ges­ord­nung be­zweckt nicht, ei­nem ver­hin­der­ten (ori­ginären) Be­triebs­rats­mit­glied Ge­le­gen­heit zu ge­ben, sei­ne Be­triebs­rats­kol­le­gen außer­halb der Sit­zung über sei­ne Auf­fas­sung zu un­ter­rich­ten und sie hier­von zu über­zeu­gen (so aber BAG 24. Mai 2006 - 7 AZR 201/05 - Rn. 20). Das folgt aus § 25 Be­trVG. Nach die­ser Vor­schrift hat im Ver­hin­de­rungs­fall ein Er­satz­mit­glied an den Be­ra­tun­gen und Ab­stim­mun­gen teil­zu­neh­men. Die­ses ist bei ei­ner zeit­wei­li­gen Ver­hin­de­rung des or­dent­li­chen Mit­glieds für de­ren Dau­er voll­wer­ti­ges Mit­glied des Be­triebs­rats mit al­len sich aus die­ser Stel­lung er­ge­ben­den Rech­ten und Pflich­ten (vgl. BAG 5. Sep­tem­ber 1986 - 7 AZR 175/85 - zu I der Gründe, BA­GE 53, 23; Fit­ting § 25 Rn. 15; Oet­ker GK-Be­trVG § 25 Rn. 54). An Wei­sun­gen des ori­ginären Be­triebs­rats­mit­glieds ist es eben­so we­nig wie die übri­gen Mit­glie­der des Be­triebs­rats ge­bun­den. Schützens­wer­te Ein­flussmöglich­kei­ten auf die Wil­lens­bil­dung des Be­triebs­rats ste­hen ei­nem zeit­wei­lig ver­hin­der­ten Be­triebs­rats­mit­glied ge­ra­de nicht zu.
An­ga­be der zeit­li­chen und ört­li­chen La­ge der Be­triebs­rats­sit­zung ermöglicht. Die­se An­ga­ben sind der La­dung zu ent­neh­men; der Ta­ges­ord­nung be­darf es da­zu nicht. Fehlt es bei der Be­triebs­rats­sit­zung oh­ne vor­he­ri­ge Mit­tei­lung sei­ner Ver­hin­de­rung, be­steht der Zweck ei­ner Ta­ges­ord­nung nicht dar­in, die Wil­lens­bil­dung ei­nes pflicht­wid­rig ab­we­sen­den Be­triebs­rats­mit­glieds zu schützen.
Rn. 11; Raab GK-Be­trVG § 29 Rn. 55). Da­durch wird die ei­genständi­ge Wil­lens­bil­dung des ein­zel­nen Be­triebs­rats­mit­glieds nicht hin­rei­chend geschützt. Viel­mehr wäre es auf die Un­terstützung an­de­rer Mit­glie­der des Be­triebs­rats an­ge­wie­sen. Dem soll die Ver­fah­rens­vor­schrift des § 29 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG aber ge­ra­de ent­ge­gen­wir­ken. Der ein­stim­mi­ge Be­schluss kann von dem nach Maßga­be von § 33 Abs. 2 Be­trVG be­schlussfähi­gen Be­triebs­rat ge­fasst wer-den. Das vollständi­ge Er­schei­nen al­ler Mit­glie­der des Be­triebs­rats ist nicht er­for­der­lich. Der Norm­zweck des § 29 Abs. 2 Satz 3 Be­trVG ver­langt kei­ne Ein­schränkung der all­ge­mei­nen Re­ge­lung über die Be­schlussfähig­keit des Be­triebs­rats, wenn die­ser über die Ergänzung oder Auf­stel­lung ei­ner Ta­ges­ord­nung in der lau­fen­den Be­triebs­rats­sit­zung zu ent­schei­den hat. Die­sem wird viel­mehr durch das Ein­stim­mig­keits­er­for­der­nis hin­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen.
fragt des­halb der Ers­te Se­nat beim Sieb­ten Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts an, ob die­ser an sei­ner Rechts­auf­fas­sung festhält.
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