Source: https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Bvwg/BVWGT_20180801_W251_2143939_1_00/BVWGT_20180801_W251_2143939_1_00.html
Timestamp: 2019-10-15 22:35:14
Document Index: 233295605

Matched Legal Cases: ['Art. 2', 'Art. 8', '§ 288', '§ 66', 'Art. 8', '§ 3', 'Art. 1', '§ 3', '§ 8', '§ 11', 'Art. 3', 'Art. 2', 'Art. 3', '§ 9', '§ 9', 'Art. 8', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'EGMR', 'Art. 8', 'EGMR', 'EGMR']

W251 2143939-1
W251 2143939-1/29E
Das Bundesverwaltungsgericht erkennt durch die Richterin Dr. Angelika SENFT als Einzelrichterin über die Beschwerde von XXXX, geb. XXXX alias XXXX, StA. Afghanistan, vertreten durch RA Dr. Herbert POCHIESER, gegen den Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl vom 13.12.2016, Zl. XXXX, nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung zu Recht:
1. Der Beschwerdeführer, ein männlicher Staatsangehöriger Afghanistans, stellte am 05.02.2015 einen Antrag auf internationalen Schutz in Österreich.
2. Am 06.02.2015 fand vor einem Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes die niederschriftliche Erstbefragung des Beschwerdeführers statt. Dabei gab der Beschwerdeführer zu seinen Fluchtgründen befragt an, dass er als freiwilliger Helfer für das rote Kreuz gearbeitet habe und deshalb von den Taliban verfolgt und mit dem Tod bedroht worden sei.
3. Am 30.08.2016 fand eine Einvernahme des Beschwerdeführers vor dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (Bundesamt) statt. Zu seinen Fluchtgründen gab er im Wesentlichen an als freiwilliger Helfer beim Roten Kreuz tätig gewesen zu sein. Eines Tages sei ein Polizei-wagen von den Taliban zerstört worden. Er habe mit seinen Kollegen der Hilfsorganisation Erste Hilfe geleistet. Die Taliban hätten deshalb die Mitarbeiter der Organisation mit dem Tode bedroht und er habe einen Drohbrief erhalten, weshalb er Afghanistan verlassen habe.
Begründend wurde im Wesentlichen ausgeführt, dass der Beschwerdeführer seine Fluchtgründe nicht glaubhaft machen konnte und sich auch aus der allgemeinen Lage in Afghanistan nicht ergäbe, dass er einer asylrelevanten Verfolgung ausgesetzt sei. Es drohe dem Beschwerdeführer auch keine Gefahr, die die Erteilung eines subsidiären Schutzes rechtfertigen würde. Der Beschwerdeführer sei ein gesunder, arbeitsfähiger Mann, der noch über ein familiäres Unterstützungsnetz in Afghanistan verfüge und somit bei einer Rückkehr nach Afghanistan nicht in eine ausweglose Situation geraten würde. Der Beschwerdeführer verfüge in Österreich zudem über kein schützenswertes Privat- und Familienleben, das einer Rückkehrentscheidung entgegenstehen würde.
5. Der Beschwerdeführer erhob gegen den Bescheid fristgerecht Beschwerde und brachte im Wesentlichen vor, dass sich das Bundesamt mit dem konkreten Vorbringen des Beschwerdeführers nicht auseinandergesetzt habe, sondern lediglich Nebensächlichkeiten thematisiert worden seien. Der Beschwerdeführer habe sein Vorbringen hinreichend konkret geschildert und sogar Beweismittel zur Untermauerung seines Vorbringens vorgelegt. Das Bundesamt habe es hingegen unterlassen Recherchen anzustellen. Aufgrund der Hilfstätigkeit des Beschwerdeführers sei er ins Augenmerk der Taliban gefallen, weshalb ihm eine individuelle Verfolgung drohe. Zudem bestehe keine innerstaatliche Fluchtalternative, da die Taliban im ganzen Land aktiv sein würden. Darüber hinaus habe sich das Bundesamt nicht mit dem Privat- und Familienleben des Beschwerdeführers in Österreich ausreichend auseinandergesetzt.
6. Mit Stellungnahme vom 28.08.2017 zitierte der Beschwerdeführer Berichte betreffend die Sicherheitslage in Afghanistan. Er brachte vor, dass sich diese keineswegs beruhigt habe und ihm eine Rückkehr nach Afghanistan nicht zumutbar sei. Untereinem legte der Beschwerdeführer Unterlagen betreffend seine Integration in Österreich vor.
7. In der Stellungnahme vom 31.08.2017 setzte sich der Beschwerdeführer ausführlich mit dem Gutachten von Mag. Mahringer auseinander und brachte vor, dass eine erzwungene Rückkehr nach Afghanistan eine ernsthafte Gefährdung seiner Rechte nach Art. 2 und 3 sowie 8 EMRK bedeuten würde, weshalb seine Abschiebung jedenfalls unzulässig sei.
8. Das Bundesverwaltungsgericht führte am 15.09.2017 in Anwesenheit eines Dolmetschers für die Sprache Paschtu und im Beisein des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers eine öffentliche mündliche Verhandlung durch. Die Verhandlung wurde zur fortgesetzten Einvernahme des Beschwerdeführers sowie zur Einvernahme der Zeugin
XXXX vertagt.
9. Mit Stellungnahme vom 31.10.2017 brachte der Beschwerdeführer vor durch seine Tätigkeit beim roten Halbmond zu den Feinden der Taliban und des IS zu zählen, weil er jenen geholfen habe, die diese durch Anschläge verletzt hätten. Die Taliban würden davon ausgehen, dass er mit der Regierung oder der internationalen Gemeinschaft zusammen-arbeite bzw. diese unterstütze, obwohl der rote Halbmond regierungsunabhängig sei. Zudem stelle eine Rückkehrentscheidung einen gravierenden Eingriff in sein durch Art. 8 EMRK gewährleistetes Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens dar. Darüber hinaus werde darauf hingewiesen, dass das Gutachten von Mag. Mahringer einen falschen Befund und ein falsches Gutachten erstatte, was nach § 288 Abs. 1 StGB gerichtlich strafbar ist. Der Beschwerdeführer schließe sich dem im Wege einer Pflichtanzeige durch das Bundesverwaltungsgericht einzuleitenden gerichtlichen Strafverfahren als Opfer und Privatbeteiligter iSd. § 66 StPO an.
10. Am 16.11.2017 wurde die öffentliche mündliche Verhandlung in Anwesenheit eines Dolmetschers für die Sprache Paschtu und im Beisein des Rechtsvertreters des Beschwerde-führers fortgesetzt. Es erfolgte die Einvernahme des Beschwerdeführers sowie die Einvernahme der Zeugin XXXX. Die Verhandlung wurde auf unbestimmte Zeit vertagt.
11. Das Bundesverwaltungsgericht setzte die öffentliche mündliche Verhandlung am 05.07.2018 Verhandlung in Anwesenheit eines Dolmetschers für die Sprache Paschtu und im Beisein des Rechtsvertreters des Beschwerdeführers fort.
12. Mit Stellungnahme vom 19.07.2018 verwies der Beschwerdeführer auf das Gutachten von Friederike Stahlmann vom 28.03.2018, wonach allein aufgrund der Anwesenheit in Afghanistan die Gefahr bestehe einen ernsthaften Schaden hinsichtlich des Lebens oder der körperlichen Unversehrtheit zu erleiden. Zudem führte der Beschwerdeführer wiederum aus, dass er in Österreich aufgrund seiner Verlobung über ein Familienleben verfüge, weshalb er im Falle seiner erzwungenen Rückkehr in seinem Recht nach Art. 8 EMRK verletzt wäre.
Der Beschwerdeführer führt den Namen XXXX und das Geburtsdatum XXXX alias XXXX. Er ist afghanischer Staatsangehöriger, gehört der Volksgruppe der Paschtunen an, bekennt sich zum sunnitisch-muslimischen Glauben und spricht Paschtu als Muttersprache. Er hat keine Kinder (AS 1, 56; Protokoll vom 15.09.2017 = OZ 16 Seite 7).
Der Beschwerdeführer wurde in der Provinz Nangarhar in der Stadt XXXX geboren. Er ist dort aufgewachsen und hat dort 12 Jahre lang die Schule besucht (AS 1, 57, 95 f; OZ 16 Seite 7-9). Er hat dort bei seinen zwei ältesten Brüdern, die beide über Eigentumshäuser in der Stadt XXXX besitzen, gewohnt (AS 58). Nach seinem Schulabschluss ist er zu seiner Mutter in ein Dorf im Bezirk XXXX (beim Bundesamt geschrieben: XXXX) in der Provinz Nangarhar gezogen (AS 56; OZ 16 Seite 9). Er hat dort mit seiner Mutter in einem Haus gelebt (AS 58; OZ 16 Seite 10). Er hat auch einen Englischkurs in Kabul sowie Computerkurse absolviert (AS 87-89). Die Familie des Beschwerdeführers verfügt über Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jirib in Afghanistan, die von Bauern bewirtschaftet wurden (AS 60; OZ 16 Seite 11). Den Unterhalt für sich und seine Mutter hat der Beschwerdeführer aus den Nahrungsmitteln der Ernte sowie aus Einnahmen aus dem Verkauf der Ernten bestritten. Zudem ist der Beschwerdeführer und seine Mutter von seinen zwei ältesten Brüdern finanziell unterstützt worden (AS 60; OZ 16 Seite 8).
Der Beschwerdeführer verfügt in der Stadt XXXX über drei Brüder und zwei Schwestern sowie über eine Schwester in seinem Heimatdorf im Distrikt XXXX. Der älteste Bruder des Beschwerdeführers betreibt zwei eigene Geschäfte, sein zweitältester Bruder führt ein eigenes Lebensmittelgeschäft und sein drittältester Bruder hat sein Studium beendet und geht derzeit keiner beruflichen Tätigkeit nach (AS 58; OZ 16 Seite 10). Die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers besitzen Eigentumshäuser in der Stadt XXXX (AS 58). Die Schwestern des Beschwerdeführers sind alle verheiratet und leben von den Einkünften ihrer Ehemänner (AS 58). Der Beschwerdeführer hat regelmäßig Kontakt mit seinen drei Brüdern in Afghanistan. Es kann nicht festgestellt werden, dass die Geschwister des Beschwerdeführers wegen diesem Probleme in Afghanistan haben.
Die Familie des Beschwerdeführers verfügt nach wie vor über ein Haus im Distrikt XXXX in der Provinz Nangarhar sowie über Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jilibs, die auch nach wie vor bewirtschaftet werden.
Der Beschwerdeführer hat zumindest grundlegende Ortskenntnisse betreffend Kabul.
Der Beschwerdeführer ist unter Umgehung der Grenzkontrollen nach Österreich eingereist und hält sich seit zumindest 05.02.2015 durchgehend in Österreich auf.
Der Beschwerdeführer hat Deutschkurse besucht (AS 71; Beilage ./G, ./H und ./L) und die Deutschprüfung für die Stufe A2 bestanden (AS 253). Der Beschwerdeführer ist dreimal zur Deutschprüfung für die Stufe B1 angetreten, hat diese jedoch nicht bestanden (Beilage ./E, ./F, ./M und ./N). Er hat an einem Erste-Hilfe-Kurs (AS 81) sowie einem Werte- und Orientierungskurs des österreichischen Integrationsfonds teilgenommen (Beilage ./B).
Der Beschwerdeführer erbrachte im Jahr 2016 und 2017 immer wieder Dolmetscher- und diverse Hausmeistertätigkeiten in seiner Unterkunft sowie Arbeiten für Gemeinden (AS 83; Beilage ./C). Im Jahr 2018 begleitet der Beschwerdeführer bei Bedarf Personen ins Krankenhaus (Protokoll vom 05.07.2018 = OZ 27 Seite 5 f).
Der Beschwerdeführer lebt von der Grundversorgung. Er hat eine Einstellungszusage eines Tischlerbetriebs vorgelegt (Beilage ./i). Es kann jedoch nicht festgestellt werden, dass diese Einstellungszusage noch aufrecht ist (OZ 27 Seite 10).
Es kann nicht festgestellt werden, dass sich der Beschwerdeführer sehr um sprachliche und berufliche Integration bemüht.
Der Beschwerdeführer hat freundschaftliche Beziehungen zu Österreichern knüpfen können und er wird von seinen Betreuern auch sehr geschätzt (AS 255; Beilage ./K), jedoch bestehen keine engen sozialen Bindungen zu diesen.
Der Beschwerdeführer hat sich am 22.09.2017 mit einer österreichischen Staatsbürgerin (in der Folge als Verlobte bezeichnet) verlobt (Protokoll vom 16.11.2017 = OZ 23 Seite 6, 11), die er im Juli 2015 im Zuge von Aktivitäten mit seinen Betreuern des Flüchtlingscamps kennengelernt hat (OZ 23 Seite 10). Der Beschwerdeführer steht seit Juli 2015 regelmäßig mit seiner Verlobten in Kontakt, sie haben jedoch nie im gemeinsamen Haushalt gelebt. Es kann nicht festgestellt werden, dass beim Beschwerdeführer und seiner Verlobten ein tatsächlicher Heiratswille oder die Planung einer gemeinsamen Zukunft vorliegt. Es kann auch nicht festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer und seine Verlobte beabsichtigen in absehbarer Zeit gemeinsam in einem Haushalt zu leben oder zu heiraten. Der Beschwerdeführer steht zu seiner Verlobten in keinem Abhängigkeitsverhältnis.
Der Beschwerdeführer verfügt über keine Verwandte in Österreich.
Der Beschwerdeführer leidet an keinen schwerwiegenden oder lebensbedrohlichen Krankheiten, er ist gesund (AS 54; OZ 16 Seite 16; OZ 27 Seite 7).
Es kann nicht festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer für das Rote Kreuz bzw. den Roten Halbmond in Afghanistan (freiwillige) Tätigkeiten erbracht hat. Es kann daher auch der Vorfall, wonach der Beschwerdeführer bei einem Einsatz des Roten Halbmond nach einem Raketenanschlag auf ein Polizeiauto geholfen hat, nicht festgestellt werden.
Weiters kann weder festgestellt werden, dass der Beschwerdeführer einen Drohbrief von den Taliban erhalten hat noch, dass er von den Taliban konkret und individuell mit der Ausübung von physischer und/oder psychischer Gewalt bedroht worden ist.
Dem Beschwerdeführer würde bei einer Rückkehr in die Provinz Nangarhar ein Eingriff in seine körperliche Unversehrtheit drohen.
Die Wohnraum- und Versorgungslage ist in Kabul sehr angespannt. Bei einer Rückkehr nach Afghanistan und einer Ansiedelung in der Stadt Kabul kann der Beschwerdeführer jedoch grundlegende und notwendige Lebensbedürfnisse, wie Nahrung, Kleidung sowie Unterkunft, befriedigen, ohne in eine ausweglose bzw. existenzbedrohende Situation zu geraten. Er kann zumindest anfänglich mit finanzieller Unterstützung seiner zwei ältesten Brüder und der Familie seiner Verlobten rechnen. Zudem kann der Beschwerdeführer auf die Einnahmen durch den Verkauf der Ernte sowie auf das in Afghanistan vorhandene Vermögen seiner Familie zurückgreifen, weshalb er dann selber in Afghanistan für sein Auskommen und Fortkommen sorgen kann.
Es ist dem Beschwerdeführer somit möglich nach anfänglichen Schwierigkeiten nach einer Ansiedlung in der Stadt Kabul Fuß zu fassen und dort ein Leben ohne unbillige Härten zu führen, wie es auch andere Landsleute führen können.
Wegen einer Serie von öffentlichkeitswirksamen (high-profile) Angriffen in städtischen Zentren, die von regierungsfeindlichen Elementen ausgeführt wurden, erklärten die Vereinten Nationen (UN) im Februar 2018 die Sicherheitslage für sehr instabil (Länderinformationsblatt für Afghanistan vom 29.06.2018 - LIB 29.06.2018, S. 20).
Für das Jahr 2017 registrierte die Nichtregierungsorganisation INSO (International NGO Safety Organisation) landesweit 29.824 sicherheitsrelevante Vorfälle. Im Jahresvergleich wurden von INSO 2016 landesweit 28.838 sicherheitsrelevante Vorfälle registriert und für das Jahr 2015 25.288. Zu sicherheitsrelevanten Vorfällen zählt INSO Drohungen, Überfälle, direkter Beschuss, Entführungen, Vorfälle mit IEDs (Sprengfallen/ Unkonventionelle Spreng- oder Brandvorrichtung - USBV) und andere Arten von Vorfällen (LIB 29.06.2018, S. 20).
Im Jänner 2018 waren 56.3% der Distrikte unter der Kontrolle bzw. dem Einfluss der afghanischen Regierung, während Aufständische 14.5% der Distrikte kontrollierten bzw. unter ihrem Einfluss hatten. Die übriggebliebenen 29.2% der Distrikte waren umkämpft. Die Provinzen mit der höchsten Anzahl an Distrikten, die von Aufständischen kontrolliert werden, waren mit Stand Jänner 2018 Uruzgan, Kunduz und Helmand. Alle Provinzhauptstädte befanden sich unter der Kontrolle bzw. dem Einfluss der afghanischen Regierung (LIB 29.06.2018, S. 32).
Die Anzahl der öffentlichkeitswirksamen (high-profile) Angriffe hatte sich von 1.6. - 20.11.2017 im Gegensatz zum Vergleichszeitraum des Vorjahres erhöht. In den ersten Monaten des Jahres 2018 wurden verstärkt Angriffe bzw. Anschläge durch die Taliban und den IS in verschiedenen Teilen Kabuls ausgeführt. Als Antwort auf die zunehmenden Angriffe wurden Luftangriffe und Sicherheits-operationen verstärkt, wodurch Aufständische in einigen Gegenden zurückgedrängt wurden; auch wurden in der Hauptstadt verstärkt Spezialoperationen durchgeführt, wie auch die Bemühungen der US-Amerikaner, Terroristen zu identifizieren und zu lokalisieren (LIB 29.06.2018, S. 25).
Landesweit haben Aufständische, inklusive der Taliban und des IS, in den Monaten vor Jänner 2018 ihre Angriffe auf afghanische Truppen und Polizisten intensiviert; auch hat die Gewalt Aufständischer gegenüber Mitarbeiter/innen von Hilfsorganisationen in den letzten Jahren zugenommen. Die Taliban verstärken ihre Operationen, um ausländische Kräfte zu vertreiben; der IS hingegen versucht, seinen relativ kleinen Einflussbereich zu erweitern. Die Hauptstadt Kabul ist in diesem Falle für beide Gruppierungen interessant (LIB 29.06.2018, S. 25).
Die Auflistung der high-profile Angriffe zeigt, dass die Anschläge in großen Städten, auch Kabul, hauptsächlich im Nahebereich von Einrichtungen mit Symbolcharakter (Moscheen, Tempel bzw. andere Anbetungsorte), auf Botschaften oder auf staatliche Einrichtungen stattfinden. Diese richten sich mehrheitlich gezielt gegen die Regierung, ausländische Regierungen und internationale Organisationen (LIB 29.06.2018, S. 26 ff, 30).
Die Taliban konzentrierten sich auf den Aufbau einer "Regierungsführung" der Taliban (Engl. "governance") bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Gewalt gegen die afghanische Regierung, die ANDSF und ausländische Streitkräfte. Nichtsdestotrotz erreichten die Taliban, die Hauptziele dieser "Kampfsaison" nicht. Auch wollten sich die Taliban auf jene Gegenden konzentrieren, die vom Feind befreit worden waren. Das Scheitern der Taliban-Pläne für 2017 ist auf aggressive ANDSF-Operationen zurückgeführt, aber auch auf den Umstand, dass die Taliban den IS und die ANDSF gleichzeitig bekämpfen müssen (LIB 29.06.2018, S. 34).
Die Veränderungen des Konfliktschemas wirken sich auf die Rekrutierungsstrategien der Taliban aus. Die Taliban sind aktiver als bisher bemüht, Personal mit militärischem Hintergrund oder militärischen Fertigkeiten zu rekrutieren. Da das Personal der afghanischen Streitkräfte über diese Fähigkeiten verfügt, versuchen die Taliban diese auf ihre Seite zu ziehen. Aufgrund der Schwerpunktlegung auf militärisches Wissen ist auch das Durchschnittsalter der Rekruten gestiegen (Beilage ./VIII, S. 8).
Menschen schließen sich den Taliban zum einen aus materiellen und wirtschaftlichen Gründen zum anderen aus kulturellen und religiösen Gründen an. Die Rekruten sind durch Armut, fehlende Chancen und die Tatsache, dass die Taliban relativ gute Löhne bieten, motiviert. Es spielt auch die Vorstellung, dass die Behörden und die internationale Gemeinschaft den Islam und die traditionellen Standards nicht respektieren würden, eine zentrale Rolle, wobei sich die Motive überschneiden (Beilage ./VIII, S. 12-13). Die Taliban waren mit ihrer Expansion noch nicht genötigt Zwangsmaßnahmen zur Rekrutierung anzuwenden. Zwangsrekrutierung ist noch kein herausragendes Merkmal für den Konflikt. Die Taliban bedienen sich nur sehr vereinzelt der Zwangsrekrutierung, indem sie männliche Dorfbewohner in von ihnen kontrollierten Gebieten, die mit der Sache nicht sympathisieren, zwingen, als Lastenträger zu dienen (Beilage ./VIII, S. 18). Taliban haben keine Schwierigkeiten beim Zugang zu neuen Rekruten (Beilage ./VIII, S. 8).
Die Taliban nehmen heute vermehrt auf die Wünsche und Bedürfnisse der Gemeinschaften Rücksicht. Die Organisation der Taliban betreibt Zwangsrekrutierung nicht systematisch und Personen, die sich gegen eine Mobilisierung wehren, werden keine rechtsverletzenden Reaktionen angedroht. Zudem steht eine auf Zwang beruhende Mobilisierungspraxis den im Pashtunwali (Rechts- und Ehrenkodex der Paschtunen) enthaltenen fundamentalen Werten von Familie, Freiheit und Gleichheit entgegen. Es kommt nur in sehr beschränkten Ausmaß und in Ausnahmefällen zu unmittelbaren Zwangsrekrutierungen durch die Taliban, da die Taliban ausreichend Zugriff zu freiwilligen Rekruten haben. Zudem ist es schwierig einen Afghanen zu zwingen, gegen seinen Willen gegen jemanden oder etwas zu kämpfen (Beilage ./VIII, S. 19).
Die Taliban sind zwar im gesamten Staatsgebiets Afghanistans miteinander verbunden, sie verfolgen jedoch nur jene Personen, deren Tätigkeit bei ausländischen Kräften einen Schaden für die Taliban verursacht haben oder dass die Taliban davon ausgehen, dass diese mit den Ausländern an die Front gehen würden, also ausschließlich Personen, die nach wie vor eine Gefahr für die Taliban darstellen oder die nach wie vor aktive Mitarbeiter und Mitglieder der ausländischen Behörden sind (Beilage ./V).
Die Taliban verfolgen das Schreiben von Drohbriefen nicht mehr und die meisten Drohbriefe sind Fälschungen. Ein Taliban-Sprecher hat dazu angegeben: "Wenn ein Kämpfer vermutet, dass jemand mit der Regierung oder den Sicherheitskräften arbeitet, wird dessen Familie kontaktiert und aufgefordert, diese Tätigkeit einzustellen. Wir senden keine Drohbriefe, das ist nicht unser Stil. Nur sehr selten verwenden wir das Telefon, wenn wir auf ernsthafte Probleme stoßen. All diese Talibanbriefe sind gefälscht". Gefälschte Briefe werden auf dem Briefpapier des islamischen Emirats für USD 1.000 pro Stück verkauft. Ein Fälscher ging davon aus, dass aktuell nur 1% der Briefe ernsthafte Drohungen beinhalten würde (Beilage ./VI, Seite 2f)
Die Provinz Nangarhar liegt im Osten von Afghanistan. Im Norden grenzt sie an die Provinzen Kunar und Laghman, im Westen an die Hauptstadt Kabul und die Provinz Logar und an den Gebirgszug Spinghar im Süden. Die Provinzhauptstadt Jalalabad ist 120 Kilometer von Kabul entfernt. Die Bevölkerungszahl der Provinz wird auf
1.573.973 geschätzt. Die Provinz Nangarhar besteht, neben der Hauptstadt Jalalabad aus 21 Distrikten (LIB 29.06.2018, S. 150).
In den letzten Jahren hat sich die Sicherheitslage in der Provinz Nangarhar verschlechtert. Nangahar war seit dem Sturz des Taliban-Regimes eine der relativ ruhigen Provinzen im Osten Afghanistans, jedoch versuchen bewaffnete Aufständische in den letzten Jahren ihre Aktivitäten in der Provinz auszuweiten. In den letzten Jahren versuchen Aufständische der Taliban und des IS in abgelegenen Distrikten Fuß zu fassen. Befreiungsoperationen, in denen auch Luftangriffe gegen den IS getätigt werden, werden in den unruhigen Distrikten der Provinz durchgeführt. Angriffe auch auf lokale Beamte und Sicherheitskräfte in der Provinz werden regelmäßig von Aufständischen der Taliban und dem IS durchgeführt (LIB 29.06.2018, S. 151).
Nangarhar war die Provinz mit den meisten im Jahr 2017 registrierten Anschlägen. Im gesamten Jahr 2017 wurden in Nangarhar 862 zivile Opfer (344 getötete Zivilisten und 518 Verletzte) registriert. Hauptursache waren Bodenoffensiven, gefolgt von IEDs und gezielten Tötungen. Dies bedeutet eine Steigerung von 1% im Gegensatz zum Vergleichsjahr 2016 (LIB 29.06.2018, S. 152).
In der Provinz werden regelmäßig militärische Operationen ausgeführt, um gewisse Distrikte von Aufständischen zu befreien. Ebenso werden Luftangriffe durchgeführt bei denen Aufständische getötet wurden, darunter auch IS-Kämpfer (LIB 29.06.2018, S. 152).
Anhänger der Taliban, als auch des IS haben eine Präsenz in mehreren südlichen Distrikten. Nachdem die Grausamkeit des IS ihren Höhepunkt erreicht hat, sind die Taliban in Nangarhar beliebter geworden und haben an Einfluss gewonnen. Auch ist es dem IS nicht mehr so einfach möglich, Menschen zu rekrutieren (LIB 29.06.2018, S. 152).
Obwohl militärische Operationen durchgeführt werden, um Aktivitäten der Aufständischen zu unterbinden, sind die Taliban in einigen Distrikten der Provinz aktiv. In Nangarhar kämpfen die Taliban gegen den IS, um die Kontrolle über natürliche Minen und Territorium zu gewinnen; insbesondere in der Tora Bora Region, die dazu dient, Waren von und nach Pakistan zu schmuggeln. Bewaffnete Zusammenstöße zwischen Taliban und IS fanden statt, dabei ging es um Kontrolle von Territorium. In einem Falle haben aufständische Taliban ihren ehemaligen Kommandanten getötet, da ihm Verbindungen zum IS nachgesagt wurden (LIB 29.06.2018, S. 152).
Seit dem Jahr 2014 gibt es einen Anstieg von Aktivitäten des IS in manchen abgelegenen Teilen der Provinz - dazu zählt auch der Distrikt Achin. Der IS zeigte weiterhin große Widerstandsfähigkeit, wenngleich die afghanischen und internationalen Kräfte gemeinsame Operationen durchführten. Die Gruppierung führte mehrere Angriffe gegen die zivile Bevölkerung und militärische Ziele aus - insbesondere in Kabul und Nangarhar (LIB 29.06.2018, S. 152 f).
Eine Anzahl Aufständischer der Taliban und des IS haben sich in der Provinz Nangarhar dem Friedensprozess angeschlossen (LIB 29.06.2018, S. 153).
Die Provinzhauptstadt von Kabul und gleichzeitig Hauptstadt von Afghanistan ist Kabul-Stadt. Die Stadt hat 22 Stadtgemeinden und 14 administrative Einheiten. Die Bevölkerungszahl der Provinz wird auf
4.679.648 geschätzt (LIB 29.06.2018, S. 46).
In der Hauptstadt Kabul leben unterschiedliche Ethnien: Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Turkmenen, Belutschen, Sikhs und Hindus. Ein Großteil der Bevölkerung gehört dem sunnitischen Glauben an, dennoch lebt eine Anzahl von Schiiten, Sikhs und Hindus nebeneinander in Kabul Stadt. Menschen aus unsicheren Provinzen, auf der Suche nach Sicherheit und Jobs, kommen nach Kabul - beispielsweise in die Region Shuhada-e Saliheen. In der Hauptstadt Kabul existieren etwa 60 anerkannte informelle Siedlungen, in denen 65.000 registrierte Rückkehrer/innen und IDPs wohnen (LIB 29.06.2018, S. 46).
Selbstmordangriffe und komplexe Attacken, aber auch andere Vorfallsarten, in denen auch IEDs verwendet wurden, erhöhten die Anzahl ziviler Opfer in Kabul. Dieser öffentlichkeitswirksame (high-profile) Angriff im Mai 2017 war alleine für ein Drittel ziviler Opfer in der Stadt Kabul im Jahr 2017 verantwortlich (LIB 29.06.2018, S. 48).
Regelmäßig werden in der Hauptstadt Sicherheitsoperationen durch die Regierung in unterschiedlichen Gebieten ausgeführt. Im Rahmen des neuen Sicherheitsplanes sollen außerdem Hausdurchsuchungen ausgeführt werden. Um die Sicherheitslage in Kabul-Stadt zu verbessern, wurden im Rahmen eines neuen Sicherheitsplanes mit dem Namen "Zarghun Belt" (der grüne Gürtel), der Mitte August 2017 bekannt gegeben wurde, mindestens 90 Kontrollpunkte in den zentralen Teilen der Stadt Kabul errichtet. Die afghanische Regierung deklarierte einen Schlüsselbereich der afghanischen Hauptstadt zur "Green Zone" - dies ist die Region, in der wichtige Regierungs-institutionen, ausländische Vertretungen und einige Betriebe verortet sind. Kabul hatte zwar niemals eine formelle "Green Zone"; dennoch hat sich das Zentrum der afghanischen Hauptstadt, gekennzeichnet von bewaffneten Kontrollpunkten und Sicherheitswänden, immer mehr in eine militärische Zone verwandelt. Die neue Strategie beinhaltet auch die Schließung der Seitenstraßen, welche die Hauptstadt Kabul mit den angrenzenden Vorstädten verbinden; des Weiteren, werden die Sicherheitskräfte ihre Präsenz, Personenkontrollen und geheimdienstlichen Aktivitäten erhöhen. Damit soll innerhalb der Sicherheitszone der Personenverkehr kontrolliert werden. Die engmaschigen Sicherheitsmaßnahmen beinhalten auch eine erhöhte Anzahl an Sicherheitskräften und eine Verbesserung der Infrastruktur rund um Schlüsselbereiche der Stadt. Auch übernimmt die ANA einige der porösen Kontrollpunkte innerhalb der Stadt und bildet spezialisierte Soldaten aus, um Wache zu stehen. Des Weiteren soll ein kreisförmiger innerer Sicherheitsmantel entstehen, der an einen äußeren Sicherheitsring nahtlos anschließt - alles dazwischen muss geräumt werden (LIB 29.06.2018, S. 49).
Sowohl die Taliban als auch der IS verüben öffentlichkeitswirksame (high-profile) Angriffe in der Stadt Kabul, auch das Haqqani-Netzwerk soll Angriffe in der Stadt Kabul verübt haben. So existieren in der Hauptstadt Kabul scheinbar eine Infrastruktur, Logistik und möglicherweise auch Personal ("terrorists to hire"), die vom Haqqani-Netzwerk oder anderen Taliban-Gruppierungen, Splittergruppen, die unter der Flagge des IS stehen, und gewaltbereiten pakistanischen sektiererischen (anti-schiitischen) Gruppierungen verwendet werden (LIB 29.06.2018, S. 49).
Zum Beispiel wurden zwischen 27.12.2017 und 29.1.2018 acht Angriffe in drei Städten ausgeführt, zu denen neben Jalalabad und Kandahar auch Kabul zählte - fünf dieser Angriffe fanden dort statt. Nichtsdestotrotz deuten die verstärkten Angriffe - noch - auf keine größere Veränderung hinsichtlich des "Modus Operandi" der Taliban an (LIB 29.06.2018, S. 49).
Ethnische Paschtunen sind die größte Ethnie Afghanistans. Sie sprechen Paschtu/Pashto; die meisten ihrer Regierungsvertreter sprechen auch Dari. Pashtunwali ist ein komplexes System von Wertvorstellungen und Verhaltensrichtlinien, die besagen, dass es für einen Paschtunen nicht ausreicht, Paschtu zu sprechen, sondern dass man auch die Regeln dieses Ehren- und Verhaltenskodex befolgen muss. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stammlinienverband bedeutet viele Verpflichtungen, aber auch Rechte, weshalb sich solche Verbände als Solidaritätsgruppen verstehen lassen (LIB 29.06.2018, S. 275).
Auf dem Korruptionswahrnehmungsindex für 2017 von Transparency International, belegt Afghanistan von 180 Ländern den 177. Platz. 83,7% der Afghanen betrachten die Korruption als ein Hauptproblem des Landes. Die Provinzen mit der höchsten Korruptionswahrnehmung sind Kabul mit 89,6%, Uruzgan mit 87,9%, Nangarhar mit 87,8% und Helmand mit 86,9% (LIB 29.06.2018, S. 244).
Das Gesetz sieht zwar strafrechtliche Sanktionen für amtliche Korruption vor, jedoch setzt die Regierung diese Vorschriften nicht effektiv um. Beamte gehen oft ungestraft korrupten Praktiken nach. Korruption ist in der afghanischen Gesellschaft verbreitet und die Geldflüsse des Militärs, der internationalen Geldgeber und des Drogenhandels verschärfen das Problem zusätzlich. Verschiedene Bereiche sind von Korruption betroffen. Auch im Justizsystem ist Korruption weit verbreitet, insbesondere im Strafrecht und bei der Anordnung von Haftentlassungen. Es wird auch von illegaler Aneignung von Land durch staatliche und private Akteure berichtet (LIB 29.06.2018, S. 245).
Bestechung bleibt im öffentlichen Sektor weiterhin verbreitet und Schmiergeldzahlungen können direkt oder indirekt von Beamten gefordert oder auch von den Bürgern und Bürgerinnen selbst angeboten werden. Afghanen zahlen in den folgenden Bereichen Bestechungsgelder: Rechtswesen, Arbeitsmarkt, an administrativen Behörden auf Provinz- und Distriktebene, Sicherheitsbehörden sowie im Bildungs- und Gesundheitswesen. Trotz der Bemühungen der Geldgeber und der afghanischen Regierung Mechanismen zur Förderung von Verantwortlichkeit und Transparenz zu entwickeln, wurde ein erheblicher Teil der Hilfsgelder für Afghanistan durch Korruption und Fehlleitung veruntreut (LIB 29.06.2018, S. 245).
NGOs, internationale Menschenrechtsorganisationen und Zivilgesellschaft
Korruption in den Behörden, bürokratische Meldepflichten und Bedrohungen durch militante Gruppierungen behindern manchmal die Aktivitäten der NGOs. Im Jahr 2017 musste das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) wegen einiger erlittener Angriffe auf Personal und Gesundheitseinrichtungen seine Tätigkeiten in bestimmten Gegenden im Norden Afghanistans einstellen. Im Jänner 2018 fand ein Angriff auf das Büro von Save The Children in Jalalabad statt. NGO-Personal und Mitarbeiter von internationalen Menschenrechtsorganisationen sind in der Regel Ziele aufständischer Gruppierungen. Zwischen Jänner und Februar 2018 wurden 31 Gewaltvorfälle gegenüber NGOs registriert. 30% dieser Vorfälle waren Einschüchterungen und Drohungen (LIB 29.06.2018, S. 248).
Die Bedrohung von NGOs ist jedoch rückläufig und afghanische NGO-Arbeitnehmer werden nicht mehr systematisch von den Aufständischen verfolgt. Unter bestimmten Umständen kann dies dennoch der Fall sein: Arbeit für eine US-finanzierte oder eine US-Organisation oder wenn es um Aktivitäten geht die von den Aufständischen als politisch erachtet werden. Das Risiko einer derartigen Bedrohung ist jedoch in den Städten Kabul, Mazar-e Sharif und Herat gering. Wenn ein afghanischer Zivilist seine Arbeit für eine NGO, eine internationale Organisation oder für ein ausländisches Unternehmen beendet und in eine sicher Gegend umsiedelt, besteht für ihn - sofern keine spezifischen individuellen Umstände, welche zu einer Verfolgung führen bestehen - die Möglichkeit sich den Bedrohungen der Aufständischen zu entziehen (Beilage ./IV, S. 11 f).
Angesichts des langsamen Wachstums, sicherheitsbedingter Versorgungsunterbrechungen und schwacher landwirtschaftlicher Leistungen, nimmt die Armut weiterhin zu (LIB 29.06.2018, S. 311).
Für ca. ein Drittel der Bevölkerung ist die Landwirtschaft (inklusive Tiernutzung) die Haupteinnahmequelle. Die Arbeitslosigkeit betrifft hauptsächlich gering qualifizierte bildungsferne Personen; diese sind auch am meisten armutsgefährdet. Es müssten jährlich geschätzte 400.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, um Neueinsteiger in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Mehr als ein Drittel der männlichen Bevölkerung (34,3%) Afghanistans und mehr als die Hälfte der weiblichen Bevölkerung (51,1%) sind nicht in der Lage, eine passende Stelle zu finden (LIB 29.06.2018, S. 312).
Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist angespannt und die Arbeitslosigkeit ist hoch. Sogar für gut ausgebildete und gut qualifizierte Personen ist es schwierig ohne ein Netzwerk einen Arbeitsplatz zu finden, wenn man nicht empfohlen wird oder dem Arbeitgeber nicht vorgestellt wird. Vetternwirtschaft ist gang und gebe. Arbeitgeber bewerten persönliche Beziehungen und Netzwerke höher als formelle Qualifikationen. Es gibt lokale Webseiten, die offene Stellen im öffentlichen und privaten Sektor annoncieren. Die meisten Afghanen sind unqualifiziert und Teil des informellen, nicht-regulierten Arbeitsmarktes. Der Arbeitsmarkt besteht Großteiles aus manueller Arbeit ohne Anforderungen an eine formelle Ausbildung und spiegelt das niedrige Bildungsniveau wieder. In Kabul gibt es öffentliche Plätze, wo sich Arbeitssuchende und Nachfragende treffen. Viele bewerben sich, nicht jeder wird engagiert. Der Lohn beträgt für Hilfsarbeiter meist USD 4,3 und für angelernte Kräfte bis zu USD 14,5 pro Tag (EASO Afghanistan Netzwerke aus Jänner 2018, S. 29 - 30).
Auch wenn scheinbar kein koordinierter Mechanismus existiert, der garantiert, dass alle Rückkehrer/innen die Unterstützung erhalten, die sie benötigen, und dass eine umfassende Überprüfung stattfindet, können Personen, die freiwillig oder zwangsweise nach Afghanistan zurückgekehrt sind, dennoch verschiedene Unterstützungsformen in Anspruch nehmen. Eine Reihe unterschiedlicher Organisationen ist für Rückkehrer/innen und Binnenvertriebene (IDP) in Afghanistan zuständig. Außerdem erhalten Rückkehrer/innen Unterstützung von der afghanischen Regierung, den Ländern, aus denen sie zurückkehren, und internationalen Organisationen (z.B. IOM) sowie lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGO) (z. B. IPSO und AMASO). Nichtsdestotrotz scheint das Sozialkapital die wichtigste Ressource zu sein, die Rückkehrer/innen zur Verfügung steht, da keine dezidiert staatlichen Unterbringungen für Rückkehrer existieren und familiäre Unterbringungsmöglichkeiten für Rückkehrer/innen daher als die zuverlässigste und sicherste Möglichkeit erachtet werden. So kehrt der Großteil der (freiwilligen bzw. zwangsweisen) Rückkehrer/innen direkt zu ihren Familien oder in ihre Gemeinschaften zurück. Für jene, die diese Möglichkeit nicht haben sollten, stellen die Regierung und IOM eine temporäre Unterkunft zur Verfügung, wo Rückkehrer/innen für maximal zwei Wochen untergebracht werden können (LIB 29.06.2018, S. 326 f).
IOM, IRARA, ACE und AKAH bieten Unterstützung und nachhaltige Begleitung bei der Reintegration einschließlich Unterstützung bei der Suche nach einer Beschäftigung oder Schulungen an. NRC bietet Rückkehrer/innen aus Pakistan, Iran und anderen Ländern Unterkunft sowie Haushaltsgegenstände und Informationen zur Sicherheit an und hilft bei Grundstücksstreitigkeiten. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (ICRC) unterstützt Rückkehrer/innen dabei, ihre Familien zu finden (LIB 29.06.2018, S. 327 f).
Psychologische Unterstützung von Rückkehrer/innen wird über die Organisation IPSO betrieben - alle Leistungen sind kostenfrei. Diejenigen, die es benötigen und in abgelegene Provinzen zurückkehren, erhalten bis zu fünf Skype-Sitzungen von IPSO. Für psychologische Unterstützung könnte auch ein Krankenhaus aufgesucht werden; möglicherweise mangelt es diesen aber an Kapazitäten (LIB 29.06.2018, S. 328).
Die Großfamilie ist die zentrale soziale Institution in Afghanistan und bildet das wichtigste soziale Sicherheitsnetz der Afghanen. Alle Familienmitglieder sind Teil des familiären Netzes. Die Großfamilie trägt zu Schutz, Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder bei. Sie bildet auch eine wirtschaftliche Einheit; die Männer der Familie sind verpflichtet, die Mitglieder der Großfamilie zu unterstützen und die Familie in der Öffentlichkeit zu repräsentieren. Auslandsafghanen pflegen zumeist enge Kontakte mit ihren Verwandten in Afghanistan. Nur sehr wenige Afghanen in Europa verlieren den Kontakt zu ihrer Familie. Die Qualität des Kontakts mit der Familie hängt möglicherweise auch davon ab, wie lange die betreffende Person im Ausland war bzw. wie lange sie tatsächlich in Afghanistan lebte, bevor sie nach Europa migrierte. Der Faktor geographische Nähe verliert durch technologische Entwicklungen sogar an Wichtigkeit. Der Besitz von Mobiltelefonen ist mittlerweile "universell" geworden und digitale Kommunikation wird eine zunehmende Selbstverständlichkeit, vor allem in den Städten. Ein fehlendes familiäres Netzwerk stellt eine Herausforderung für die Reintegration von Migrant/innen in Afghanistan dar. Dennoch haben alleinstehende afghanische Männer, egal ob sie sich kürzer oder länger außerhalb der Landesgrenzen aufhielten, sehr wahrscheinlich eine Familie in Afghanistan, zu der sie zurückkehren können. Eine Ausnahme stellen möglicherweise jene Fälle dar, deren familiäre Netze in den Nachbarstaaten Iran oder Pakistan liegen (LIB 29.06.2018, S. 329 f).
Ein Netzwerk ist für das Überleben in Afghanistan wichtig. So sind einige Rückkehrer/innen auf soziale Netzwerke angewiesen, wenn es ihnen nicht möglich ist, auf das familiäre Netz zurückzugreifen. Die Rolle sozialer Netzwerke - der Familie, der Freunde und der Bekannten - ist für junge Rückkehrer/innen besonders ausschlaggebend, um sich an das Leben in Afghanistan anzupassen. Sollten diese Netzwerke im Einzelfall schwach ausgeprägt sein, kann die Unterstützung verschiedener Organisationen und Institutionen in Afghanistan in Anspruch genommen werden (LIB 29.06.2018, S. 330).
Beweis wurde erhoben durch Einsicht in den Verwaltungsakt sowie in den Gerichtsakt, durch Einvernahme des Beschwerdeführers sowie der Zeuginnen XXXX (Verlobte des Beschwerdeführers), XXXX (Schwester der Verlobten des Beschwerdeführers) und XXXX (Mutter der Verlobten des Beschwerde-führers) in der mündlichen Verhandlung und durch Einsichtnahme in die zum Akt genommenen Urkunden Beilage ./I bis ./IX (Konvolut ZMR, GVS, Strafregister - Beilage ./I;
Länderinformationsblatt der Staatendokumentation über Afghanistan vom 02.03.2017 mit Aktualisierung vom 30.01.2018 - Beilage ./II;
Gutachten von Mag. Mahringer vom 05.03.2017 - Beilage ./III;
Anfragebeantwortung der Staatendokumentation betreffend die Gefährdungslage von Dolmetschern und Regierungsmitgliedern vom 11.02.2014 - Beilage ./IV; Gutachterliche Stellungnahme Dr. Rasuly vom 13.06.2012, Tätigkeit für ausländische Organisationen - Beilage ./V; Anfragebeantwortung der Staatendokumentation betreffend Drohbriefe der Taliban vom 28.07.2016 - Beilage ./VI;
Länderinformationsblatt der Staatendokumentation über Afghanistan vom 29.06.2018 - Beilage ./VII; Bericht Landinfo betreffend Nachrichtendienst der Taliban und die Einschüchterungskampagne in Afghanistan vom 23.08.2017 - Beilage ./VIII; EASO-Bericht betreffend Netzwerke in Afghanistan aus Jänner 2018 - Beilage ./IX) und Beilage ./A bis ./N (Kopie der Tazkira - Beilage ./A; Teilnahmebestätigung Werte und Orientierungskurs vom 13.07.2017 - Beilage ./B;
Bestätigung gemeinnützige Tätigkeit vom 11.09.2017 - Beilage ./C;
Konvolut von Fotos, 5 Seiten - Beilage ./D; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 20.06.2017 - Beilage ./E; ÖSD Zertifikat B1, Aufgliederung - Beilage ./F; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 2 vom 31.05.2017 - Beilage ./G;
Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 1 vom 10.04.2017 - Beilage ./H; eine Bestätigung über eine Arbeitseinstellungszusage vom 24.10.2017 - Beilage ./i; ein Foto des Beschwerde-führers mit der Weste des roten Halbmondes (Beschwerdeführer gibt an, dass das Foto vom Jahr 2011 oder 2012 ist) - Beilage ./J; Empfehlungsschreiben der Regionalleitung der Caritas vom 15.11.2017 - Beilage ./K; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B2, Teil 1 vom 24.01.2018 - Beilage ./L; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 02.01.2018 - Beilage ./M; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 09.02.2018 - Beilage ./N) sowie durch Einsichtnahme in die Stellungnahme vom 28.08.2017 (OZ 13), vom 31.08.2017 (OZ 14), vom 31.10.2017 (OZ 22) und vom 19.07.218 (OZ 28) sowie in die mit Stellungnahme vom 28.08.2017 vorgelegten Urkunden (Beilagen zu OZ 13: Teilnahmebestätigung Werte und Orientierungskurs vom 13.07.2017 [ident mit Beilage ./B]; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 2 vom 31.05.2017 [ident mit Beilage ./G]; Kursbesuchsbestätigung Deutsch B1, Teil 1 vom 10.04.2017 [ident mit Beilage ./H]; Zertifikat ÖSD Prüfung Deutsch B1 nicht bestanden vom 20.06.2017 samt Aufgliederung [ident mit Beilage ./E und ./F]).
Die einzelnen Feststellungen beruhen auf den jeweils in der Klammer angeführten Beweismitteln.
Die Feststellungen zur Staatsangehörigkeit des Beschwerdeführers, seiner Volksgruppen- und Religionszugehörigkeit, seiner Muttersprache, seinem Lebenslauf (sein Aufwachsen sowie seine familiäre und wirtschaftliche Situation in Afghanistan, seine Schulausbildung) sowie zu den Eigentumsverhältnissen seiner Familie gründen sich auf seine diesbezüglich im Wesentlichen gleich gebliebenen Aussagen des Beschwerdeführers, weshalb das Bundesverwaltungsgericht keine Veranlassung hat, an diesen zu zweifeln.
Dass der Beschwerdeführer und seine Mutter in Afghanistan durch seine zwei ältesten Brüder finanziell unterstützt worden sind, ergibt sich aus seinen diesbezüglich schlüssigen Angaben beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung. Dass es sich dabei um seine zwei ältesten Brüder gehandelt hat, ergibt sich daraus, dass der Beschwerdeführer angegeben hat, dass sein drittältester Bruder noch studiert und in einem Studentenheim in XXXX gewohnt habe (AS 60; OZ 16 Seite 9). Es ist daher davon auszugehen, dass dieser nicht genügend Geld gehabt habe um den Beschwerdeführer und seine Mutter finanziell zu unterstützen. Die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers waren hingegen schon im Besitz von Eigentums-häusern und haben eigene Geschäfte betrieben (AS 58; OZ 16 Seite 10). Es war daher festzustellen, dass die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers den Beschwerdeführer und seine Mutter finanziell in ihrem Heimatdorf unterstützt haben.
Die Feststellungen, dass der Beschwerdeführer noch über drei Brüder und zwei Schwestern in der Stadt XXXX sowie eine Schwester in seinem Heimatdorf im Distrikt XXXX verfügt sowie zu deren Lebenssituation in Afghanistan, ergeben sich aus seinen diesbezüglich stringenten Aussagen beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung (AS 58; OZ 16 Seite 10). Dass der Beschwerdeführer Kontakt mit seinen drei Brüder hat ergibt sich aus seiner Aussage beim Bundesamt, wonach er mit seinem drittältesten Bruder per Handy Kontakt habe und mit den Anderen wenig Kontakt habe (AS 58) sowie aus den Länderfeststellungen. Diesen ist zu entnehmen, dass die Großfamilie die zentrale soziale Institution in Afghanistan ist, zu der alle Familienmitglieder zählen. Die Großfamilie trägt zu Schutz, Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder bei. Sie bildet auch eine wirtschaftliche Einheit; die Männer der Familie sind verpflichtet, die Mitglieder der Großfamilie zu unterstützen und die Familie in der Öffentlichkeit zu repräsentieren. Auslandsafghanen pflegen zumeist enge Kontakte mit ihren Verwandten in Afghanistan und verlieren nur selten den Kontakt zu ihrer Familie. Insbesondere durch technologische Entwicklungen verliert der Faktor geographische Nähe an Wichtigkeit. Der Besitz von Mobiltelefonen ist mittlerweile "universell" geworden und digitale Kommunikation wird eine zunehmende Selbstverständlichkeit, vor allem in den Städten. Die Familien in Afghanistan halten in der Regel Kontakt zu ihren nach Europa ausgewanderten Familienmitgliedern und wissen genau Bescheid, wo sich diese aufhalten und wie es ihnen in Europa ergeht. Dieser Faktor wird in Asylinterviews meist heruntergespielt und viele Migranten, vor allem Minderjährige, sind instruiert zu behaupten, sie hätten keine lebenden Verwandten mehr oder jeglichen Kontakt zu diesen verloren (vgl. Punkt II.1.5.). Sofern der Beschwerdeführer in Beschwerdeverhandlung daher nunmehr angab nur mehr mit seinem drittältesten Bruder Kontakt zu haben (OZ 16 Seite 10 f; OZ 23 Seite 5; OZ 27 Seite 7), ist dies nicht glaubhaft. Dies insbesondere auch deshalb, weil der Beschwerdeführer einige Zeit bei seinen zwei ältesten Brüdern gelebt hat und von diesen auch finanziell unterstützt worden ist (AS 58, 60; OZ 16 Seite 8), sodass davon auszugehen ist, dass er eine gute Beziehung zu seinen zwei ältesten Brüdern gehabt hat. Der Beschwerdeführer hat beim Bundesamt zwar angegeben, dass er abgesehen von seinem drittältesten Bruder nur wenig Kontakt zu den Anderen habe (AS 58), dennoch ist aus den soeben ausgeführten Gründen davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer nach wie vor - wenn auch nur wenig - Kontakt zu seinen drei Brüdern in Afghanistan hat.
Der Beschwerdeführer gab beim Bundesamt an, dass Menschen, die nicht bei der Regierung arbeiten normal leben können. Da seine Brüder privat tätig seien, hätten sie keine Probleme und können normal leben (AS 58). Auch in der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017 gab der Beschwerdeführer an, dass es seinem Bruder gut gehe (OZ 16 Seite 11). Sofern der Beschwerdeführer nunmehr in der fortgesetzten Beschwerdeverhandlung am 16.11.2017 angab, dass sein Bruder seinetwegen Probleme in Afghanistan habe (OZ 23 Seite 5), ist dies nicht glaubhaft. Einerseits sind die Angaben des Beschwerdeführers zum Fluchtvorbringen nicht glaubhaft (siehe Punkt II.2.2.), sodass es unplausibel ist, dass nunmehr der Bruder des Beschwerdeführers seinetwegen Probleme haben sollte. Andererseits sind die diesbezüglichen Angaben des Beschwerdeführers derart vage, dass nicht ersichtlich ist worin die Probleme bestehen, die sein Bruder seinetwegen haben soll. Darüber hinaus hätte der Beschwerdeführer bereits beim Bundesamt oder der ersten mündlichen Verhandlung die Gelegenheit gehabt etwaige Probleme seiner Geschwister in Afghanistan vorzubringen. Der Beschwerdeführer hat hingegen ausdrücklich angegeben, dass sie keine Probleme haben und es ihnen gut gehe (AS 58; OZ 16 Seite 11). Dass die Probleme des Bruders des Beschwerdeführers erst nach der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017, somit mehr als 4 1/2 Jahre nach seiner Ausreise aus Afghanistan [Anm. BVwG: Ausreise aus Afghanistan am 31.12.2012 (AS 57; OZ 16 Seite 10)], angefangen haben sollen, ist unplausibel. Es konnte daher nicht festgestellt werden, dass die Geschwister des Beschwerdeführers wegen diesem Probleme in Afghanistan haben.
Dass die Familie des Beschwerdeführers nach wie vor über ein Haus im Distrikt XXXX in der Provinz Nangarhar sowie über Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jilibs verfügt, ergibt sich aus den diesbezüglich stringenten Angaben des Beschwerdeführers beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung (AS 58; OZ 16 Seite 11). Dass die Grundstücke nach wie vor bewirtschaftet werden, ergibt sich daraus, dass diese schon damals von Bauern bewirtschaftet wurden und lediglich die Ernte von der Familie des Beschwerdeführers verkauft wurde (AS 58). Es ist daher davon auszugehen, dass die Grundstücke weiterhin von den Bauern bewirtschaftet und die Ernte von den Brüdern des Beschwerdeführers verkauft wird.
Die Feststellung, dass der Beschwerdeführer zumindest grundlegende Ortskenntnisse über Kabul verfügt, ergibt sich aus seiner Aussage, wonach er 1 1/2 Monate in Kabul verbracht habe bevor er Afghanistan verlassen habe (AS 57; OZ 16 Seite 20). Da die Angaben des Beschwerdeführers zum Fluchtvorbringen nicht glaubhaft sind (siehe Punkt II.2.2.), ist es für das Gericht unplausibel, dass er sich in Kabul versteckt habe und das Haus nicht verlassen habe (OZ 16 Seite 20). Zudem legte der Beschwerdeführer ein Zertifikat des "Kabul English Language and Computer Center" vor, weshalb das Gericht davon ausgeht, dass er einen Kurs in Kabul absolviert hat (AS 91 f).
Die Feststellungen zur Einreise sowie das Datum der Antragstellung ergeben sich aus dem Akteninhalt.
Die Feststellungen zum Leben des Beschwerdeführers in Österreich (insbesondere zur Aufenthaltsdauer, seinen Deutschkenntnissen, seinen familiären oder engen sozialen Anknüpfungspunkten in Österreich und seiner Integration in Österreich) stützen sich auf die Aktenlage (vgl. insbesondere den Auszug aus dem Grundversorgungs-Informationssystem), auf die Angaben des Beschwerdeführers sowie der Zeuginnen in der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht (OZ 16 Seite 13-19; OZ 23; OZ 27) sowie auf die vom Beschwerdeführer in der mündlichen Verhandlung vorgelegten Unterlagen (Beilage ./A bis ./N).
Dass der Beschwerdeführer dreimal zur ÖSD Deutsch Prüfung für die Stufe B1 angetreten ist, diese jedoch nicht bestanden hat, ergibt sich aus den jeweils vorgelegten ÖSD Zertifikaten (Beilage ./E, ./F, ./M und ./N). Aus der jeweiligen Aufgliederung der Prüfungsergebnisse geht hervor, dass der Beschwerdeführer insbesondere beim dritten Antritt hinsichtlich der schriftlichen Prüfung im Vergleich zu seinen zwei vorherigen Prüfungsantritten am wenigsten Punkte erreichen konnte. Auch hinsichtlich der mündlichen Prüfung hat sich der Beschwerdeführer im Vergleich zu den vorherigen Prüfungsantritten punktemäßig nicht verbessern könne (Beilage ./F, ./M und ./N). Das Gericht leitet daraus ab, dass die Bemühungen des Beschwerdeführers an einer sprachlichen Integration nachgelassen haben.
Der Beschwerdeführer hat eine Einstellungszusage eines Tischlerbetriebs vom 24.10.2017 vorgelegt. Dieser ist zu entnehmen, dass der Beschwerdeführer aufgrund der derzeitigen Auftragslage als Tischler eingestellt werden kann (Beilage ./i). Da die Einstellungszusage bereits mehr als ein halbes Jahr zurückliegt und ausdrücklich wegen der damaligen Auftragslage erfolgt ist und sich der Beschwerdeführer nicht erkundigt hat, ob diese noch aufrecht ist (OZ 27 Seite 10), konnte nicht festgestellt werden, dass die Einstellungszusage noch aufrecht ist. Zudem lässt das Unterlassen der Nachfrage beim Tischlerbetrieb am Interesse des Beschwerdeführers einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen zweifeln.
Dass zu den in Österreich geknüpften freundschaftlichen Beziehungen keine engen sozialen Bindungen bestehen, ergibt sich daraus, dass der Beschwerdeführer in der Beschwerde-verhandlung zwar drei Vornamen seiner Freunde nannte, jedoch sonst keine weiteren Angaben zu ihnen gemacht hat (OZ 16 Seite 15). Der Beschwerdeführer hat diese - bis auf das eine Mal - im Verfahren nicht wieder erwähnt.
Die Feststellungen betreffend die Verlobung des Beschwerdeführers ergeben sich aus den Aussagen des Beschwerdeführers und der Zeuginnen. Der Beschwerdeführer gab in der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017 an: "Seit über 2 Jahren sind wir zusammen. Wir werden in der Zukunft sehen, ob wir heiraten. Zuerst muss ich einen Asylstatus, ein Einkommen und eine Arbeit haben. Dann werden wir sehen, ob wir heiraten. Ich möchte unbedingt dieses Mädchen heiraten." (OZ 16 Seite 7). Die Angaben des Beschwerdeführers sind in sich widersprüchlich, da er zum einen angibt, er werde sehen, ob sie heiraten, zum anderen jedoch angibt, dass er seine nunmehrige Verlobte unbedingt heiraten wolle. Überraschend ist daher, dass der Beschwerdeführer am 22.09.2017 (OZ 23 Seite 6, 11), somit lediglich eine Woche nach der Beschwerdeverhandlung am 15.09.2017, seiner nunmehrigen Verlobten einen Heiratsantrag gemacht hat, zumal der Beschwerdeführer auch angegeben hat, dass er erstmal einen Aufenthaltsstatus, ein Einkommen und eine Arbeit haben möchte und dann sehe, ob er seine nunmehrige Verlobte heirate (OZ 16 Seite 7). Hochzeitspläne habe bisher jedoch weder der Beschwerdeführer noch seine Verlobte getroffen. So gab der Beschwerdeführer an erst heiraten zu wollen, wenn er Geld, eine Arbeit und einen positiven Aufenthaltsstatus habe. Sobald er dann einen positiven Aufenthaltsstatus habe werde er mit seiner Verlobten bezüglich der Hochzeit Rücksprache halten (OZ 23 Seite 7). Auch die Verlobte des Beschwerdeführers gab an noch nicht mit dem Beschwerdeführer über ein Hochzeitsdatum gesprochen zu haben. Zudem wolle sie sich erstmal auf ihr Studium konzentrieren (OZ 23 Seite 12). Insbesondere in der Beschwerdeverhandlung am 05.07.2018 gab die Verlobte des Beschwerdeführers an, dass sie in letzter Zeit nicht so oft über das Thema Hochzeit gesprochen haben und dies verschieben, weil sie zuerst ihr Studium beenden wolle, welches noch ca. fünf Jahre dauere (OZ 27 Seite 9, 11). Weiters sind die Angaben der Verlobten des Beschwerdeführers zu ihren gemeinsamen Zukunftsplänen sehr allgemein gehalten. Sie gab lediglich an, dass sie Kinder und eine gemeinsame Wohnung haben und gemeinsam glücklich sein wollen (OZ 23 Seite 13). Dass der Beschwerdeführer und seine Verlobte konkret eine gemeinsame Zukunft planen ist daraus jedoch nicht abzuleiten, zumal sie auch angegeben hat, dass sie erst darüber reden werden wann sie Kinder haben wollen (OZ 23 Seite 12) und auch noch nicht besprochen haben welches Religionsbekenntnis diese haben sollen (OZ 23 Seite 13). Auch daraus, dass der Beschwerdeführer in der Beschwerdeverhandlung am 05.07.2018 angegeben hat, dass sie nach dem Abschluss ihres Studiums heiraten werden und zwei Kinder haben wollen (OZ 27 Seite 8), kann noch keine konkrete gemeinsame Zukunftsplanung abgeleitet werden, zumal die Angaben des Beschwerdeführers und seiner Verlobten derart vage sind.
Die Feststellungen zum regelmäßigen Kontakt des Beschwerdeführers mit seiner Verlobten und dazu, dass sie bisher noch nicht im selben Haushalt gewohnt haben, ergibt sich aus ihren Aussagen in der Beschwerdeverhandlung. Aufgrund des Umstandes, dass die Verlobte des Beschwerdeführers derzeit ihr Studium in einem anderen Bundesland absolviert als der Beschwerdeführer seinen Aufenthaltsort hat, und dieses Studium noch ca. fünf Jahre dauert (OZ 27 Seite 9), ist nicht erkennbar, dass der Beschwerdeführer und seine Verlobte beabsichtigen in absehbarer Zeit gemeinsam in einem Haushalt zu leben. Zudem zeigt auch der Umstand, dass der Beschwerdeführer nunmehr mit zwei Freunden privat in einer Wohnung lebt (OZ 27 Seite 7), dass er nicht in absehbarer Zeit mit seiner Verlobten zusammenziehen werde, zumal er sonst ebenso in eine kleine Wohnung ziehen hätte können, in der er mit seiner Verlobten derzeit jedes zweite Wochenende ungestört verbringen hätte können.
Aus der Aktenlage ist ersichtlich, dass er Beschwerdeführer während seines gesamten Aufenthaltes in Österreich Leistungen aus der Grundversorgung bezogen hat. Da im Rahmen der Grundversorgung die existenziellen Grundbedürfnisse des Beschwerdeführers abgedeckt wurden und nach wie vor werden, kann das erkennende Gericht keine im gegenständlichen Fall zu berücksichtigende Abhängigkeit von seiner Verlobten erkennen. Zudem hat auch die Verlobte des Beschwerdeführers angegeben keine Finanzmittel zusammen zu verwalten (OZ 23 Seite 11).
Die Feststellungen zum Gesundheitszustand gründen auf den diesbezüglich glaubhaften Aussagen des Beschwerdeführers beim Bundesamt und in der mündlichen Verhandlung (AS 54; OZ 16 Seite 16; OZ 27 Seite 7) und auf dem Umstand, dass im Verfahren nichts Gegenteiliges hervorgekommen ist.
Die Feststellung zur strafgerichtlichen Unbescholtenheit des Beschwerdeführers ergibt sich aus der Einsichtnahme in das Strafregister (Strafregisterauszug vom 08.11.2017).
Das Hauptvorbringen des Beschwerdeführers lautet, er sei Mitarbeiter beim "Roten Kreuz" bzw. "Roten Halbmond" gewesen. Die Taliban sollen einen Geländewagen der Polizei mit einer Rakete zerstört haben. Die Hilfsorganisation sei gerufen worden und habe Erste-Hilfe geleistet und die Verletzten ins Spital gebracht. Da die Taliban dies erfahren haben sollen, seien die Mitarbeiter dieser Organisation mit dem Tod bedroht worden. Der Beschwerdeführer habe einen Drohbrief erhalten. Sein Bruder habe ihm geraten zu flüchten, sodass er Afghanistan verlassen habe.
2.2.1. In den wesentlichen Angaben des Beschwerdeführers betreffend seine Fluchtgeschichte sind erhebliche Widersprüche und Ungereimtheiten enthalten, die seine Angaben unglaubhaft scheinen lassen. Das Gericht geht auf Grund nachstehender Widersprüche und Ungereimtheiten davon aus, dass es sich bei den Angaben des Beschwerdeführers betreffend seine Fluchtgeschichte nicht um tatsächlich Erlebtes handelt:
Der Beschwerdeführer gab vor dem Gericht, befragt wie viele Mitarbeiter es in der Organisation gab, an: "Unser Team bestand aus 7 Personen." (OZ 16, Seite 12). Auf die Frage wie die Teammitglieder heißen, nannte der Beschwerdeführer sieben Namen. Dies ist unplausibel, da der Beschwerdeführer seinen eigenen Namen nicht nannte, sondern sieben andere Namen. Diesfalls müsste jedoch das Team aus insgesamt 8 Personen bestanden haben und nicht nur aus sieben.
Der Beschwerdeführer gab vor dem Bundesamt an: "[...] die Dorfältesten [haben] uns gewarnt [...], dass wir die Weste vom roten Halbmond nicht tragen sollen, da auf der Rückseite ein rotes Kreuz Zeichen ist und das ist gegen den Islam." (AS 64). In der Verhandlung gab der Beschwerdeführer dazu im Widerspruch an: "Die Westen sind weiß, am Rücken ist ein Halbmond aufgedruckt." (OZ 16, Seite 22). Absolut nicht nachvollziehbar ist, dass der Beschwerdeführer betreffend seine "Uniform" derart widersprüchliche Angaben gemacht hat, zumal der Beschwerdeführer vier Jahre diese Tätigkeit ausgeübt haben soll (AS 57; OZ 16 Seite 13). Nach der allgemeinen Lebenserfahrung muss es dem Beschwerdeführer daher möglich sein gleichbleibend anzugeben, ob auf der Weste der Hilfsorganisation für die er ca. 4 Jahre tätig gewesen sei, ein Halbmond oder ein Kreuz als Logo abgebildet gewesen sei. Sofern der Beschwerdeführer in der Beschwerdeverhandlung ein Foto von sich in einer weißen Schürze und mit einer Schirmkappe, auf denen jeweils ein roter Halbmond abgebildet ist, vorgelegt hat (Beweis ./J), ist festzuhalten, dass diesem lediglich zu entnehmen ist, dass der Beschwerdeführer zumindest einmal diese Schürze und diese Schirmkappe getragen hat. Das Foto dient daher weder als Beweis dafür, dass der Beschwerdeführer für den "Roten Halbmond" bzw. das "Rote Kreuz" tätig gewesen ist noch, dass ihm diese "Uniform" gehört hat oder er diese "Uniform" tatsächlich auch im Beisein von Leuten getragen habe, zumal er auf dem Foto lediglich auf einer einsamen Grünfläche abgebildet ist (Beweis ./J).
Es fällt auch auf, dass der Beschwerdeführer bezüglich seiner angeblichen Tätigkeit für den "Roten Halbmond" bzw. das "Rote Kreuz" sehr vage Angaben getätigt hat. Der Beschwerdeführer wurde diesbezüglich in der Beschwerdeverhandlung auch zweimal ausdrücklich ermahnt detaillierte Angaben zu machen und nicht nur vage zu erzählen (OZ 16 Seite 12 f).
Den Länderfeststellungen ist zu entnehmen, dass der Korruptionswahrnehmungsindex für Afghanistan sehr hoch ist. Korruption ist in der afghanischen Gesellschaft verbreitet. So gehen Beamte oft ungestraft korrupten Praktiken nach. Darüber hinaus ist den Länderberichten auch zu entnehmen, dass gefälschte Dokumente wie Drohbriefe leicht zu kaufen sind (vgl. Punkt II.1.4.). Es ist daher davon auszugehen, dass es für afghanische Bürger möglich ist sich Dokumente jeglicher Art zu beschaffen.
So ist insbesondere bezüglich der im Verfahren vorgelegten Bestätigung des "Roten Halbmonds" (AS 93) festzuhalte, dass diese einen unseriösen Eindruck macht, weil das Logo abgeschnitten und sehr unscharf abgebildet ist.
Es sind daher auf Grund der unplausiblen Angaben des Beschwerdeführers über seine berufliche Tätigkeit sowie auf Grund des äußeren Erscheinungsbildes der vorgelegten Urkunden Zweifel an der Echtheit und Richtigkeit des vom Beschwerdeführer vorgelegten Ausweises vom "Roten Halbmond" (AS 77) und der Bestätigung des "Roten Halbmonds" (AS 93) gegeben.
Vor dem Hintergrund der Länderberichte bezüglich Korruption und gefälschter Urkunden in Afghanistan ist es dem Beschwerdeführer aufgrund seiner derart vagen und widersprüchlichen Angaben nicht gelungen glaubhaft zu machen, dass er für das Rote Kreuz bzw. den Roten Halbmond in Afghanistan (freiwillige) Tätigkeiten erbracht hat.
2.2.2. Auch die Angaben des Beschwerdeführers zu dem angeblichen Einsatz nach einem Raketenangriff auf ein Polizeiauto und die diesbezügliche Bedrohung durch die Taliban waren nicht glaubhaft:
Nach der allgemeinen Lebenserfahrung scheint es unplausibel, dass die Passagiere eines Geländewagens den Beschuss einer Raketengranate überleben und, zwar mit Blut voll waren, jedoch lediglich eine Knochenzersplitterung des Knies bzw. der rechten Hand, wobei die Knochen zu sehen waren, davon getragen haben (OZ 16 Seite 20). Dies insbesondere auch deshalb, weil der Beschwerdeführer in der Beschwerdeverhandlung angegeben hat, dass das Auto total zerstört gewesen sei und das Auto von der Raketengranate auf der Vorderseite getroffen worden sei (OZ 16 Seite 21).
Der Beschwerdeführer gab in der Verhandlung, befragt wer von seinem
Team vor Ort war, an: "Unser Teamleiter war dort, noch weitere vier Personen und ich." (OZ 16 Seite 21). Befragt welche vier weiteren
Personen dort waren, gab der Beschwerdeführer an: "XXXX, XXXX, XXXX und die 4. Person war ich selber". (OZ 16 Seite 21). Dies ist ein Widerspruch, da der Beschwerdeführer einmal angab, dass 4 weitere Personen dort waren und zusätzlich er selber und einmal soll er einer dieser 4 Personen gewesen sein.
Vor dem Bundesamt gab der Beschwerdeführer an: "Die Taliban erfuhren davon und daraufhin wurden die Mitarbeiter dieser Organisation mit dem Tod bedroht." (AS 59). Weiter gab der Beschwerdeführer vor dem Bundesamt, befragt, ob alle Kollegen von der Organisation Roter
Halbmond betroffen waren, an: "Ich weiß es nicht, ich habe so schnell wie möglich das Land verlassen und ich glaube, dass die anderen auch betroffen waren." (AS 61). In der Verhandlung gab der Beschwerdeführer ebenfalls an, dass er nicht weiß, ob andere Leute aus seinem Team ebenfalls bedroht worden sind (OZ 16, Seite 22). Es ist für das Gericht nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer vor dem Bundesamt in der freien Erzählung angibt, dass "die Mitarbeiter" (Plural) nach dem Vorfall von den Taliban bedroht worden seien und der Beschwerdeführer bei der anschließenden Befragung angibt, dass er es nicht wisse bzw. dass er glaubt, dass die anderen betroffen waren.
Der Beschwerdeführer gab vor dem Bundesamt an: "Ich habe im Büro Bescheid gegeben, dass ich nach diesem Vorfall einen Drohbrief bekam und mich deshalb in Lebensgefahr befinde. Sie haben gesagt, dass das meine Entscheidung sei. Sie sagten auch, dass sie für die Sicherheit keine Garantie abgeben können." (AS 61). In der Verhandlung gab der Beschwerdeführer, auf die Frage, ob er nach dem Vorfall noch Kontakt zur Organisation hatte, an: "Ich habe nach diesem Vorfall nur einmal telefonisch mit dem Teamleiter gesprochen. Ich sagte ihm Bescheid, dass ich nicht mehr arbeiten komme." (OZ 16, Seite 21). Befragt, ob der Beschwerdeführer dem Teamleiter den Grund dafür genannt hat, gab dieser an: "Nein ich habe ihm den Grund nicht gesagt. Ich habe ihm nur gesagt, er soll einen Ersatz für mich suchen." (OZ 16, Seite 21). Es ist für das Gericht widersprüchlich, dass der Beschwerdeführer einmal seiner Organisation mitgeteilt habe, dass er Drohbriefe erhalten habe und der Beschwerdeführer ein anderes Mal angab, dass er seiner Organisation nicht gesagt habe, was der Grund für die Beendigung der Arbeit war.
Es ist für das Gericht in diesem Zusammenhang auch unplausibel, dass er nach dem Erhalt des Drohbriefes die anderen Mitarbeiter nicht informiert oder mit diesen gesprochen haben mag. Da der Beschwerdeführer sich mit seinen Kollegen über mehr als zwei Jahre einmal in der Woche getroffen habe und zusätzlich bei Einsätzen 5-7 Stunden mit diesen zusammengearbeitet habe, ist es für das Gericht nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer seine Kollegen nicht verständigt hat. Auf Grund der engen Zusammenarbeit wäre davon auszugehen, dass es einen besonders starken Zusammenhalt im Team gibt, sodass davon auszugehen wäre, dass der Beschwerdeführer seine Teammitglieder bzw. seine Teammitglieder diesen informieren.
Unplausibel ist zudem, dass der Beschwerdeführer nur einen Drohbrief erhalten habe und davor und danach nicht. Der Beschwerdeführer habe auch weder mit Angehörigen der Taliban geredet noch Anrufe oder Droh-SMS bekommen (OZ 16, Seite 21). Im Drohbrief ist jedoch enthalten, dass der Beschwerdeführer begonnen habe gegen uns (Taliban) zu arbeiten. Er sei daher mehrmals gewarnt worden. Man (Taliban) habe ihm mitgeteilt, dass er seine Arbeit beenden solle und es würde dem Beschwerdeführer verziehen werden. Der Beschwerdeführer habe jedoch keine Reaktion gezeigt und sei weiter seiner Arbeit nachgegangen. Bei einem Gefecht mit der Polizei habe er dieser geholfen. Das Urteil sei daher der Tod (AS 73, Übersetzung AS 69). Es ist nicht nachvollziehbar, dass im Brief steht, dass der Beschwerdeführer mehrfach gewarnt worden sei, wenn der Beschwerdeführer selber angibt, dass er nur einen Drohbrief erhalten habe und weder davor noch danach bedroht worden sei.
Zu beachten ist hier auch die Anfragebeantwortung der Staatendokumentation (Beilage ./VI, Seite 2f). Dort wird der Talibansprecher zitiert: "Wenn ein Kämpfer vermutet, dass jemand mit der Regierung oder den Sicherheitskräften arbeitet, wird dessen Familie kontaktiert und aufgefordert, diese Tätigkeit einzustellen. Wir senden keine Drohbriefe, das ist nicht unser Stil. Nur sehr selten verwenden wir das Telefon, wenn wir auf ernsthafte Probleme stoßen. All diese Talibanbriefe sind gefälscht" Die Angaben des Beschwerdeführers, er habe nur einen Drohbrief erhalten und sonst nichts, sind daher auch aus diesem Grund nicht glaubhaft.
Der Beschwerdeführer gab beim Bundesamt an, dass er sich am 02.09.1391 (22.11.2012) beschlossen habe Afghanistan zu verlassen. Sein letzter Arbeitstag sei der 01.09.1391 (21.11.2012) gewesen (AS 57). Vor dem Gericht gab der Beschwerdeführer jedoch an, dass er sich an dem Tag, als er den Drohbrief erhalten habe, entschlossen habe Afghanistan zu verlassen. Der Tag an dem er den Drohbrief erhalten habe, sei auch sein letzter Arbeitstag gewesen (OZ 16, Seite 23). Nach den Angaben des Beschwerdeführers bei Gericht habe er sich daher an seinem letzten Arbeitstag entschlossen Afghanistan zu verlassen. Im Widerspruch dazu lag nach seinen Angaben beim Bundesamt jedoch ein Tag dazwischen (vom 01.09 auf den 02.09). Die Angaben des Beschwerdeführers sind daher nicht glaubhaft.
In diesem Zusammenhang fällt auch auf, dass der Beschwerdeführer laut seinen Angaben beim Bundesamt den Entschluss Afghanistan zu verlassen am 21.11.2012 (AS 57), somit noch vor dem Erhalt des Drohbriefes, der nämlich mit 28.12.2012 datiert ist (AS 69), gefasst hat.
Der Beschwerdeführer gab bei Gericht an, dass er das Datum von dem Vorfall, als er die Polizisten in das Spital gebracht habe, nicht mehr genau angeben kann. Er könne auch den Monat nicht genau angeben (OZ 16, Seite 20). Dies ist für das Gericht jedoch nicht nachvollziehbar, da der Beschwerdeführer in der Verhandlung angab, dass dieser Vorfall eine Woche vor dem Erhalt der Briefe lag und der Beschwerdeführer beim Bundesamt, ein Jahr zuvor und mehrere Jahre nach der Ausreise, bei dem Tag seiner Ausreise, seines Entschlusses das Land zu verlassen und bei dem letzten Arbeitstag auf den Tag genau das Datum nennen konnte. Es ist für das Gericht daher nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer nicht einmal den genauen Monat des behaupteten Vorfalles in der Verhandlung angeben konnte.
Den Länderinformationen (Beilage ./IV, Seite 11f) ist zu entnehmen, dass die Bedrohung von NGOs rückläufig sei, es könne aber noch unter bestimmten Umständen der Fall sein: Arbeiten für eine US-finanzierte oder eine US-Organisation oder wenn es um Aktivitäten gehe, die von Aufständischen als politisch erachtet werden. Der Beschwerdeführer hat jedoch für keine US-finanzierte Organisation und auch für keine US-Organisation gearbeitet. Zudem sei er, nach seinen Angaben, dort nicht angestellt, sondern nur freiwilliger Helfer. Es ist für das Gericht zudem nicht schlüssig, dass die Arbeit des Roten Kreuzes oder des Roten Halbmondes als politisch eingestuft werden sollte, wenn erst einmal Polizisten geholfen worden wäre und die Organisation bereits über mehrere Jahre dort tätig wäre. Zudem ist nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer als freiwilliger Helfer bedroht worden wäre und nicht der Teamleiter oder die dortigen Führungskräfte. Die Angaben des Beschwerdeführers sind in sich nicht schlüssig.
Der Beschwerdeführer präsentierte zudem lediglich eine vage Rahmengeschichte, die er erst auf wiederholtes Nachfragen konkretisierte. Das Gericht hatte daher nicht den Eindruck, dass es sich bei der erzählten Geschichte um ein tatsächliches Erlebnis handelt.
Dem Verfolgungsvorbringen des Beschwerdeführers kommt aus den oben dargelegten Gründen daher keine Glaubhaftigkeit zu.
2.2.3. Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG liegt es am Beschwerdeführer, entsprechend glaubhaft zu machen, dass ihm im Herkunftsstaat eine Verfolgung im Sinne des Art. 1 Abschnitt A Z 2 Genfer Flüchtlingskonvention droht. Wie oben dargestellt ergab sich eine Vielzahl von Widersprüchen und Unplausibilitäten in wesentlichen Punkten der Aussage des Beschwerdeführers.
Es ist dem Beschwerdeführer daher nicht gelungen, sein Verfolgungsvorbringen glaubhaft zu machen. Es konnte somit das Verfolgungsvorbringen nicht festgestellt werden.
In der Stellungnahme vom 19.07.2018 (OZ 28) verwies der Rechtsvertreter auf das Stahlmann-Gutachten vom März 2018, welches im Auftrag des Verwaltungsgerichtes Wiesbaden erstellt wurde, dass dem Bundesverwaltungsgericht jedoch nicht als Beweismittel vorgelegt wurde. Zunächst ist zu beachten, dass der pauschale Verweis des Beschwerdeführers respektive von seinem Rechtsvertreter auf das Gutachten von Friederike Stahlmann vom 28.03.2018, 7 K 1757/16.WI.A nicht geeignet ist, eine konkrete und individuell den Beschwerdeführer treffende Bedrohung bzw. eine Verfolgung aufzuzeigen.
Schließlich weist dieses Gutachten für das erkennende Gericht auch nicht denselben Beweiswert auf, wie länderkundliche Informationen (LIB, UNHCR-Richtlinien, etc.), die einen qualitätssichernden Objektivierungsprozess für die Gewinnung von Informationen zur Lage im Herkunftsstaat durchliefen, sodass das Gericht seine Feststellungen auf das Länderinformationsblatt der Staatendokumentation, den Bericht von EASO und Landinfo sowie auf die Anfragebeantwortungen der Staatendokumentation stützt.
Die Feststellungen zu den Folgen einer Rückkehr des Beschwerdeführers in seine Herkunftsprovinz Nangarhar ergeben sich aus den o.a. Länderberichten. Daraus geht unter anderem hervor, dass die Herkunftsprovinz des Beschwerdeführers volatil ist.
Dass die Wohnraum- und Versorgungslage angespannt ist ergibt sich aus den Länderberichten, wonach in Kablu zwar an sich Wohnraum zur Verfügung steht, es jedoch eine erhebliche Anzahl an Rückkehrern gibt, sodass die Lage angespannt ist. Auch gibt es nicht genügend Arbeitsplätze.
Dass der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan von seinen zwei ältesten Brüdern - zumindest anfänglich - finanziell unterstützt werden kann, ergibt sich aus seiner Aussage beim Bundesamt und in der Beschwerdeverhandlung, wonach seine Brüder ihn und seine Mutter als er noch in Afghanistan gelebt habe bereits finanziell unterstützt haben (AS 60; OZ 16 Seite 8). Die zwei ältesten Brüder des Beschwerdeführers verfügen über Eigentumshäuser und betreiben Geschäfte (AS 58; OZ 16 Seite 10), sodass davon auszugehen ist, dass es ihnen nach wie vor finanziell möglich ist den Beschwerdeführer finanziell zu unterstützen. Zudem verfügt die Familie des Beschwerdeführers über ein Haus und Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jirib im Heimatdorf des Beschwerdeführers, die nach wie vor bewirtschaftet werden. Der Beschwerdeführer kann somit auf die regelmäßigen Einnahmen durch den Verkauf der Ernte sowie auf das vorhandene Vermögen durch seine Familie zurückgreifen. Darüber hinaus ist den Länderberichten zu entnehmen, dass die Großfamilie die zentrale soziale Institution in Afghanistan bildet und zu Schutz, Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder beiträgt sowie eine wirtschaftliche Einheit bildet, in der die Männer der Familie verpflichtet sind, die Mitglieder der Großfamilie zu unterstützen (vgl. Punkt II.1.5.). Die Angaben des Beschwerdeführers in der Beschwerdeverhandlung, wonach er mit keinerlei Unterstützung durch seine Brüder rechnen kann, weil sie dadurch mehr Probleme bekommen würden und sein Bruder nicht mit ihm zusammenwohnen habe wollen (OZ 23 Seite 9), sind vor dem Hintergrund der Länderfeststellungen und wie bereits unter Punkt II.2.1. ausgeführt nicht glaubhaft. Der Beschwerdeführer kann daher im Falle seiner Rückkehr nach Afghanistan mit finanzieller Unterstützung durch seine in der Stadt XXXX lebenden zwei ältesten Brüder rechnen.
Dass der Beschwerdeführer im Falle seiner Rückkehr nach Afghanistan zumindest anfänglich mit finanzieller Unterstützung durch die Familie seiner Verlobten rechnen kann, ergibt sich aus seiner Aussage in der Beschwerdeverhandlung, wonach die Familie seiner Verlobten bereit sei ihn in jeder Hinsicht zu unterstützen (OZ 23 Seite 9).
Der Beschwerdeführer hat 12 Jahre die Schule besucht und abgeschlossen sowie Computer- und Englischkurse absolviert. Der Beschwerdeführer verfügt daher über eine gute Ausbildung. Dazu hat der Beschwerdeführer in Österreich Dolmetschertätigkeiten, Hausmeistertätigkeiten und Arbeiten für die Gemeinde erbracht. Der Beschwerdeführer ist daher grundsätzlich in der Lage sich schnell zu Recht zu finden und sich an neue Situationen anzupassen.
Der Beschwerdeführer ist zudem im erwerbsfähigen Alter, gesund, volljährig und arbeitsfähig. Der Beschwerdeführer hat keine Sorgepflichten.
3.1.2. Es konnte jedoch keine Verfolgung durch die Taliban oder durch andere Personen festgestellt werden. Weder der Beschwerdeführer noch seine Familie wurden jemals in Afghanistan bedroht. Es ist daher keine Verfolgung des Beschwerdeführers und auch keine Verfolgungsgefahr aus einem Konventionsgrund erkennbar.
3.1.3. Die Beschwerde gegen Spruchpunkt I. des angefochtenen Bescheides war daher gemäß § 3 Abs. 1 AsylG als unbegründet abzuweisen.
3.2.2. Gemäß § 8 Abs. 3 AsylG sind Anträge auf internationalen Schutz bezüglich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten abzuweisen, wenn eine innerstaatliche Fluchtalternative (§ 11 AsylG) offen steht.
Aus dem vorliegenden Berichtsmaterial geht hervor, dass Anschläge, insbesondere auf Einrichtungen mit Symbolcharakter, in Kabul nicht auszuschließen sind und in unregelmäßigen Abständen auch stattfinden. Hierzu ist auszuführen, dass die weltweit zu verzeichnende Zunahme von Terroranschlägen für sich alleine betrachtet noch nicht die Schlussfolgerung zu tragen vermag, dass die Ausweisung in einen von Terroranschlägen betroffenen Staat automatisch gegen Art. 3 EMRK verstoßen würde bzw. für den Betroffenen unzumutbar wäre. Die in der Stadt Kabul verzeichneten Anschläge ereignen sich hauptsächlich im Nahebereich staatlicher Einrichtungen und richten sich mehrheitlich gezielt gegen die Regierung und internationale Organisationen. Die genannten Gefährdungsquellen sind in reinen Wohngebieten nicht anzunehmen, weshalb die Sicherheitslage in der Stadt Kabul nach wie vor als ausreichend sicher zu bewerten ist.
Auch wenn die Verwirklichung grundlegender sozialer und wirtschaftlicher Bedürfnisse, wie etwa der Zugang zu Arbeit, Nahrung, Wohnraum und Gesundheitsversorgung häufig nur sehr eingeschränkt möglich ist, so ist die Versorgung der afghanischen Bevölkerung in Kabul dennoch zumindest grundlegend gesichert.
Wie festgestellt wurde, ist der Beschwerdeführer gesund sowie im erwerbsfähigen Alter. Er verfügt über einen Schulabschluss und hat an Computer- und Englischkursen teilgenommen. Der Beschwerdeführer verfügt in Kabul über keine sozialen bzw. familiären Anknüpfungspunkte, er hat jedoch zumindest grundlegende Ortskenntnisse von Kabul, so dass ihm eine städtische Struktur nicht gänzlich unbekannt ist. Zudem hat er den überwiegenden Teil seines Lebens in Afghanistan verbracht, wodurch er mit den kulturellen Gepflogenheiten seines Herkunftsstaates vertraut ist. Er spricht Paschtu, eine der Landessprachen Afghanistans, als Muttersprache.
Des Weiteren verfügt der Beschwerdeführer nach wie vor über seine sechs Geschwister in Afghanistan. Er steht mit seinen Brüdern auch in regelmäßigem Kontakt und kann zumindest anfänglich mit finanzieller Unterstützung seiner zwei ältesten Brüder rechnen. Die Familie des Beschwerdeführers verfügt noch über ein Haus und landwirtschaftlich genutzte Grundstücke im Ausmaß von 3 oder 4 Jilibs im Heimatdorf des Beschwerdeführers. Der Beschwerdeführer könnte daher auch auf die Einnahmen durch den Verkauf der Ernte sowie das vorhandene Vermögen durch seine Familie zurückgreifen.
Weiters kann der Beschwerdeführer mit Unterstützung durch die Familie seiner Verlobten rechnen. Es ist auch nicht ersichtlich, weshalb eine räumliche Trennung die Brüder des Beschwerdeführers bzw. die Familie der Verlobten des Beschwerdeführers außer Stande setzen sollte, ihn finanziell zu unterstützen.
Darüber hinaus kann der Beschwerdeführer durch die Inanspruchnahme von österreichischer Rückkehrhilfe zumindest übergangsweise in Kabul das Auslangen finden, weshalb auch nicht zu befürchten ist, dass er bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr und noch bevor er in der Lage wäre, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen, in eine existenzbedrohende bzw. wirtschaftlich ausweglose Lage geraten könnte.
Dem Beschwerdeführer ist es daher aufgrund der dargelegten Umstände auch ohne unmittelbar in Kabul bestehende familiäre Anknüpfungspunkte möglich, sich dort - etwa auch durch Hilfs- und Gelegenheitsarbeiten, wobei dem Beschwerdeführer seine Schulausbildung und Fortbildung durch Computer- und Englischkurse zu Gute kommt - eine Existenz aufzubauen und diese zu sichern. Der Beschwerdeführer gehört auch keinem Personenkreis an, von dem anzunehmen ist, dass er sich in Bezug auf die individuelle Versorgungslage qualifiziert schutzbedürftiger darstellt als die übrige Bevölkerung, die ebenfalls für ihre Existenzsicherung aufkommen kann. Es gibt somit keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer in Ansehung existentieller Grundbedürfnisse (z.B. Nahrung, Unterkunft) einer ausweglosen bzw. existenzbedrohenden Situation ausgesetzt wäre.
3.2.4. Die Angaben des Beschwerdeführers legen eine Exzeptionalität der Umstände oder eine konkrete Betroffenheit nicht dar:
Ziel des Refoulementschutzes ist es nicht, Menschen vor unangenehmen Lebenssituationen, wie es die Rückkehr nach Afghanistan sein kann, zu beschützen, sondern einzig und allein Schutz vor exzeptionellen Lebenssituationen zu geben. Der Beschwerdeführer hat für seinen Einzelfall keine individuellen, konkret seine Person treffenden exzeptionellen Umstände aufgezeigt bzw. diese glaubhaft gemacht.
3.2.5. Unter Berücksichtigung der Länderberichte und der persönlichen Situation des Beschwerdeführers ist in einer Gesamtbetrachtung nicht zu erkennen, dass er im Fall seiner Abschiebung nach Afghanistan und einer Ansiedlung in der Stadt Kabul in eine ausweglose Lebenssituation geraten und real Gefahr laufen würde, eine Verletzung seiner durch Art. 2 EMRK, Art. 3 EMRK oder der durch die Protokolle Nr. 6 oder Nr. 13 zur Konvention geschützten Rechte zu erleiden. Es liegen keine exzeptionellen Gründe vor, die einer Ansiedlung in der Stadt Kabul entgegenstehen würden. Die Prüfung der maßgeblichen Kriterien führt im konkreten Fall zu dem Ergebnis, dass dem Beschwerdeführer eine Ansiedlung in der Stadt Kabul möglich und auch zumutbar ist.
3.2.4. Die Beschwerde betreffend Spruchpunkt II. des angefochtenen Bescheides war daher abzuweisen.
Unter Bedachtnahme auf alle Umstände des Einzelfalls ist eine gewichtende Abwägung des öffentlichen Interesses an einer Aufenthaltsbeendigung mit den gegenläufigen privaten und familiären Interessen des Fremden, insbesondere unter Berücksichtigung der in § 9 Abs. 2 BFA-VG genannten Kriterien und unter Einbeziehung der sich aus § 9 Abs. 3 BFA-VG ergebenden Wertungen, in Form einer Gesamtbetrachtung vorzunehmen (vgl. VwGH 20.10.2016, Ra 2016/21/0198; VwGH vom 25.01.2018 Ra 2017/21/0218).
Nach der ständigen Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte ist das nach Art. 8 EMRK geschützte Familienleben nicht auf durch Heirat rechtlich formalisierte Beziehungen beschränkt, sondern erfasst auch andere faktische Familienbindungen, bei denen die Partner außerhalb des Ehestandes zusammenleben (vgl. EGMR vom 22.07.2010, P.B. und J.S. gegen Österreich, 18984/02 mit Verweis auf EGMR vom 26.05.1994, 16.969/90, Keegan v. Irland; VwGH vom 16.12.2010, 2007/01/0388). Dabei können Faktoren wie Dauer und gemeinsame Kinder unter Beweis stellen, dass die Beziehung hinreichend konstant ist (EGMR vom 22.4.1997, 21.830/93, X, Y und Z v UK). Schließlich ist denkbar, dass zwischen noch nicht zusammenlebenden Verlobten bereits ein Familienleben besteht (EKMR vom 01.10.1990, 15.817/89, Wakefield gg. Vereinigtes Königreich; EGMR vom 28.05.1985, 15/1983/71/107-109, Abdulaziz, Cabales und Balkandali gg. Vereinigtes Königreich).
Allerdings setzt Art. 8 EMRk das Bestehen einer Familie voraus und gelangt deshalb nur zur Anwendung, wenn im Zeitpunkt des Eingriffes ein reales Familienleben existiert (EGMR vom 12.07.2001, 25.702/94, K u T v. Finnland).
Der Beschwerdeführer verfügt im Bundesgebiet über keine familiären Anknüpfungspunkte. Soweit der Beschwerdeführer vorgebracht hat, dass er mit einer österreichischen Staatsangehörigen verlobt ist, ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer zwar regelmäßig Kontakt mit seiner Verlobten hat, sie jedoch weder bisher einen gemeinsamen Haushalt geführt haben noch das Vorliegen eines gemeinsamen Haushaltes in absehbarer Zeit festgestellt werden konnte. Zudem war kein tatsächlicher Heiratswille oder die Planung einer gemeinsamen Zukunft erkennbar, sodass schon vor diesem Hintergrund eine einer familiären Bindung gleichkommende Nahebeziehung zwischen dem Beschwerdeführer und seiner Verlobten nicht abzuleiten ist. Zudem ist dem Beschwerdeführer entgegenzuhalten, dass er die Beziehung trotz unsicheren Aufenthaltsstatus sowie seine Verlobung überhaupt erst zu einem Zeitpunkt eingegangen ist, als sein Asylverfahren in Österreich vom Bundesamt bereits negativ entschieden war. Es liegt auch kein wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis des Beschwerdeführers zu seiner Verlobten vor.
Ein schützenswertes Familienleben im Bundesgebiet im oben dargestellten Sinn liegt daher jedenfalls nicht vor. Die aufenthaltsbeendende Maßnahme könnte daher allenfalls lediglich in das Privatleben des Beschwerdeführers eingreifen.
3.3.2.3.2. Im gegenständlichen Fall ist der Beschwerdeführer unter Umgehung der Grenzkontrollen und somit illegal in das österreichische Bundesgebiet eingereist. Der Beschwerdeführer hält sich seit seiner Antragstellung im Februar 2015, somit seit fast 3 1/2 Jahren, im Bundesgebiet auf. Der bisherige Aufenthalt des Beschwerdeführers in Österreich ist ausschließlich auf seinen Antrag auf internationalen Schutz gestützt, wodurch er nie über ein Aufenthaltsrecht abgesehen des bloß vorübergehenden Aufenthaltsrechts aufgrund seines Antrags auf internationalen Schutz, verfügt hat. Die Dauer des Verfahrens übersteigt mit fast 3 1/2 Jahren auch nicht das Maß dessen, was für ein rechtsstaatlich geordnetes, den verfassungsrechtlichen Vorgaben an Sachverhaltsermittlungen und Rechtschutz-möglichkeiten entsprechendes Asylverfahren angemessen ist. Es liegt somit jedenfalls kein Fall vor, in dem die öffentlichen Interessen an der Einhaltung der einreise- und fremdenrechtlichen Vorschriften sowie der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung angesichts der langen Verfahrensdauer oder der langjährigen Duldung des Aufenthaltes im Inland nicht mehr hinreichendes Gewicht haben, die Rückkehrentscheidung als "in einer demokratischen Gesellschaft notwendig" scheinen zu lassen (vgl. VfSlg 18.499/2008, 19.752/2013; EGMR 04.12.2012, Fall Butt, Appl. 47.017/09).
Der Beschwerdeführer hat Deutschkurse besucht und die Deutschprüfung für die Stufe A2 bestanden. Der Beschwerdeführer ist dreimal zur Deutschprüfung für die Stufe B1 angetreten, hat diese jedoch nicht bestanden. Er hat an einem Erste-Hilfe-Kurs sowie einem Werte- und Orientierungskurs des österreichischen Integrationsfonds teilgenommen.
Im Jahr 2016 und 2017 erbrachte er immer wieder Dolmetscher- und diverse Hausmeistertätigkeiten in seiner Unterkunft sowie Arbeiten für Gemeinden. Im Jahr 2018 begleitet der Beschwerdeführer bei Bedarf Personen ins Krankenhaus. Der Beschwerdeführer lebt jedoch von der Grundversorgung. Er hat eine Einstellungszusage eines Tischlerbetriebs vorgelegt, wobei jedoch nicht festgestellt werden konnte, dass diese Einstellungszusage noch aufrecht ist.
Insgesamt kann daher von einer zufriedenstellenden, jedoch nicht außergewöhnlichen Integration ausgegangen werden. Zudem sind Zweifel an seinem Interesse um sprachliche und berufliche Integration aufgekommen.
Darüber hinaus ist auch nach wie vor von einer engen Bindung des Beschwerdeführers nach Afghanistan auszugehen, zumal er dort den Großteil seines bisherigen Lebens - nämlich ca. 22 Jahre - verbracht hat. Er wurde in Afghanistan sozialisiert und bestritt dort seinen Lebensunterhalt. Er spricht eine Landessprache Afghanistans als Muttersprache. Hinzu kommt, dass er nach wie vor familiäre Anknüpfungspunkte (seine sechs Geschwister) in Afghanistan hat. Aufgrund der relativ kurzen Ortsabwesenheit von ca. 5 1/2 Jahren (Ausreise Ende des Jahres 2012) kann auch nicht gesagt werden, dass der Beschwerdeführer seinem Kulturkreis völlig entrückt wäre, sodass sich der Beschwerdeführer in Afghanistan problemlos wieder eingliedern wird können.
Darüber hinaus ist der Zeitraum des Aufenthalts des Beschwerdeführers mit fast 3 1/2 Jahren im Sinne der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes (vgl. VwGH 30.07.2015, Ra 2014/22/0055, mwH) und der oben getroffenen Ausführungen als relativ kurz zu werten.
ECLI:AT:BVWG:2018:W251.2143939.1.00