Source: http://www.hensche.de/Verhaltensbedingte_Kuendiung_nach_formell_unwirksamer_Abmahnung_wirksam_Kuendigung_trotz_unwirksamer_Abmahnung_BAG_2AZR603-07-u.html
Timestamp: 2018-02-25 21:22:38
Document Index: 109994310

Matched Legal Cases: ['§ 626', '§ 13', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 626', '§ 611', '§ 611', '§ 174', '§ 1', '§ 626', '§ 1', '§ 626', '§ 16', '§ 4', '§ 4', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1']

BAG, Urteil vom 19.02.2009, 2 AZR 603/07 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 19.02.2009, 2 AZR 603/07
Schlagworte: Kündigung: Außerordentlich, Abmahnung
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bremen-Bremerhaven, Urteil vom 19.01.2006, 1 Ca 1381/05
2 Sa 51/06
hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 19. Fe­bru­ar 2009 durch den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Ey­lert als Vor­sit­zen­den, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmitz-Scho­le­mann, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Ber­ger so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Schier­le und Gans für Recht er­kannt:
Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Bre­men vom 23. Au­gust 2006 - 2 Sa 51/06 - auf­ge­ho­ben.
2005 rech­ne­te der Kläger ab, oh­ne der Ab­rech­nung Be­le­ge bei­gefügt und oh­ne Geld ab­ge­lie­fert zu ha­ben. Nach te­le­fo­ni­scher Auf­for­de­rung durch sei­ne Team­lei­te­rin Frau H über­sand­te er ei­nen Teil der feh­len­den Be­le­ge. Für den 12. Ju­ni 2005 war im Dienst­plan des Klägers Ar­beits­zeit für die Ab­rech­nung vor­ge­se­hen. Ei­ne Ab­rech­nung wäre dem Kläger bis zum 13. Ju­ni 2005 möglich ge­we­sen. Gleich­wohl gab er das MT nicht ab.
1. fest­zu­stel­len, dass so­wohl die frist­lo­se als auch die hilfs­wei­se aus­ge­spro­che­ne or­dent­li­che Kündi­gung vom 29. Ju­li 2005 so­zi­al un­ge­recht­fer­tigt ist;
2. die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, ihn bis zum rechts­kräfti­gen Ab­schluss des Rechts­streits als Zug­be­glei­ter wei­ter­zu­beschäfti­gen.
A. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat aus­geführt, die Kündi­gung sei un­wirk­sam. Ein wich­ti­ger Grund lie­ge nicht vor. Die Pflicht­ver­let­zun­gen sei­en auch in ei­ner Ge­samt­schau nicht ge­eig­net, die außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen. Sie wögen nicht so schwer, ei­ne Ab­mah­nung sei nicht ent­behr­lich ge­we­sen. Die dem Kläger im Jah­re 2002 er­teil­ten Ab­mah­nun­gen könn­ten ihm nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, weil sie nach rechts­kräfti­gem Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Han­no­ver aus der Per­so­nal­ak­te hätten ent­fernt wer­den müssen. Ein drin­gen­der Ver­dacht, der Kläger ha­be sich die ver­ein­nahm­ten Gel­der an­eig­nen wol­len, be­ste­he nicht. Ins­ge­samt er­ge­be sich das Bild ei­nes durch Grip­pe­er­kran­kung be­ein­träch­tig­ten Ar­beit­neh­mers, der sich nicht mit der er­war­te­ten Sorg­falt ver­hal­ten ha­be. Der Kläger ha­be nichts ge­tan, was den Nach­voll­zug der Ab­rech­nung be­hin­dert hätte.
I. Mit der von ihm ge­ge­be­nen Be­gründung durf­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt der Kla­ge nicht statt­ge­ben.
1. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die von der Be­klag­ten dem Kläger an­ge­las­te­ten Pflicht­ver­let­zun­gen in ih­rer Ge­samt­heit dar­auf­hin über­prüft, ob sie ei­nen wich­ti­gen Grund zur außer­or­dent­li­chen Kündi­gung nach § 626 Abs. 1 BGB bil­den. Das ist nicht zu be­an­stan­den, son­dern ent­spricht der Recht­spre­chung des Se­nats (17. Ju­ni 1998 - 2 AZR 599/97 -). Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Pflicht­ver­let­zun­gen in ih­rer Ge­samt­heit je­doch nicht als wich­ti­gen Grund aus­rei­chen las­sen, weil die Be­klag­te den Kläger nicht wirk­sam ab­ge­mahnt ha­be. Sie ha­be zwar im Jah­re 2002 Ab­mah­nun­gen aus­ge­spro­chen. Die­se könn­ten aber nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, weil die Be­klag­te sie auf­grund rechts­kräfti­gen Ur­teils des Ar­beits­ge­richts Han­no­ver aus der Per­so­nal­ak­te des Klägers ha­be ent­fer­nen müssen.
a) Da­mit hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt, wie die Re­vi­si­on zu Recht rügt, die Recht­spre­chung des Se­nats zur kündi­gungs­recht­li­chen Wir­kung for­mell feh­ler­haf­ter Ab­mah­nun­gen nicht rich­tig an­ge­wandt. Nach den vom Se­nat ent­wi­ckel­ten Grundsätzen kann auch ei­ne we­gen Nicht­anhörung des Ar­beit­neh­mers nach § 13 Abs. 2 Satz 1 BAT for­mell un­wirk­sa­me Ab­mah­nung die re­gelmäßig vor ei­ner ver­hal­tens­be­ding­ten Kündi­gung nach § 1 Abs. 2 KSchG er­for­der­li­che War­nung dar­stel­len (Se­nat 21. Mai 1992 - 2 AZR 551/91 - AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 28 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 42). Es kommt für die Erfüllung der Warn­funk­ti­on auf die sach­li­che Be­rech­ti­gung der Ab­mah­nung und dar­auf an, ob der Ar­beit­neh­mer aus ihr den Hin­weis ent­neh­men kann, der Ar­beit­ge­ber erwäge für den Wie­der­ho­lungs­fall die Kündi­gung. Sind die­se Vor­aus­set­zun­gen ge­ge­ben, ist der Ar­beit­neh­mer un­abhängig von for­mel­len Un­voll­kom­men­hei­ten der Ab­mah­nung ge­warnt (Se­nat 15. März 2001 - 2 AZR 147/00 - EzA BGB § 626 nF Nr. 185). In sei­ner Ent­schei­dung vom 5. Au­gust 1992 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt wei­ter aus­ge­spro­chen, ei­ne Ab­mah­nung, die we­gen ei­ner Mehr­zahl von Vorwürfen aus­ge­spro­chen ist und ent­fernt wer­den muss, weil ein Teil der Vorwürfe un­zu­tref­fend ist, behält hin­sicht­lich der zu­tref­fen­den Vorwürfe als münd­li­che Ab­mah­nung ih­re Gel­tung (- 5 AZR 531/91 - AP BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 8 = EzA BGB § 611 Ab­mah­nung Nr. 25). Wie­der­holt hat der Se­nat auch aus­geführt, in ei­ner un­wirk­sa­men Kündi­gung könne ei­ne kündi­gungs­recht­lich wirk­sa­me Ab­mah­nung lie­gen (vgl. 19. April 2007 - 2 AZR 180/06 - AP BGB § 174 Nr. 20). Die­se Recht­spre­chung ist in der ar­beits­recht­li­chen Li­te­ra­tur nicht auf Ab­leh­nung ges­toßen (vgl. et­wa APS/Dörner 3. Aufl. § 1 KSchG Rn. 403; KR/Fi­scher­mei­er 8. Aufl. § 626 BGB Rn. 267; Be­ckOK R/G/K/U/Rolfs KSchG § 1 Rn. 234, 241; ErfK/Müller-Glöge 9. Aufl. § 626 BGB Rn. 32; aA nämlich für ein ge­ne­rel­les Ver­wer­tungs­ver­bot bei zu ent­fer­nen­den Ab­mah­nun­gen: Moll/Ei­sen­beis MAH Ar­beits­recht 2. Aufl. § 16 Rn. 42, der al­ler­dings die Ent­schei­dung des Fünf­ten Se­nats vom 5. Au­gust 1992 of­fen­bar miss­ver­steht).
aa) Der Zweck der Kündi­gung ist nicht ei­ne Sank­ti­on für ei­ne be­gan­ge­ne Ver­trags­pflicht­ver­let­zung, son­dern die Ver­mei­dung des Ri­si­kos wei­te­rer er­heb­li­cher Pflicht­ver­let­zun­gen. Es geht um die Ver­wirk­li­chung der Ver­trags­pflich­ten in der Zu­kunft. Wenn sie nicht mehr er­war­tet wer­den kann, er­scheint die ein­sei­ti­ge Lösung vom Ver­trag als ge­recht­fer­tigt. Die ver­gan­ge­ne Pflicht­ver­let­zung muss sich des­halb noch in der Zu­kunft be­las­tend aus­wir­ken (st. Rspr., vgl. zu­letzt Se­nat 13. De­zem­ber 2007 - 2 AZR 818/06 - AP KSchG 1969 § 4 Nr. 64 = EzA KSchG § 4 nF Nr. 82; 31. Mai 2007 - 2 AZR 200/06 - Rn. 15, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 57 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kündi­gung Nr. 71). Ei­ne ne­ga­ti­ve Pro­gno­se liegt vor, wenn aus der kon­kre­ten Ver­trags­pflicht­ver­let­zung und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Ver­tragsstörung ge­schlos­sen wer­den kann, der Ar­beit­neh­mer wer­de auch zukünf­tig den Ar­beits­ver­trag nach ei­ner Kündi­gungs­an­dro­hung er­neut in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se ver­let­zen (ErfK/Oet­ker 9. Aufl. § 1 KSchG Rn. 197). Die Ab­mah­nung dient der Ob­jek­ti­vie­rung der ne­ga­ti­ven Pro­gno­se. Liegt ei­ne ord­nungs­gemäße Ab­mah­nung vor und ver­letzt der Ar­beit­neh­mer er­neut sei­ne ver­trag­li­chen Pflich­ten, kann re­gelmäßig da­von aus­ge­gan­gen wer­den, es wer­de auch zukünf­tig zu wei­te­ren Ver­tragsstörun­gen kom­men (ErfK/Oet­ker § 1 KSchG Rn. 199). Aus der for­mel­len Un­wirk­sam­keit ei­ner Ab­mah­nung kann der Ar­beit­neh­mer nicht ent­neh­men, der Ar­beit­ge­ber bil­li­ge das ab­ge­mahn­te Ver­hal­ten. Der Ar­beit­neh­mer bleibt auch dann ge­warnt, wenn die Ab­mah­nung an ei­nem Form­feh­ler lei­det.
Anhörung des Klägers für un­wirk­sam erklärt wor­den. Die­se Be­gründung steht, wie die vor­ste­hen­den Erwägun­gen zei­gen, nicht im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Se­nats.
kein so großes Ge­wicht bei­zu­mes­sen, als dass sie ei­ne außer­or­dent­li­che Kündi­gung zu recht­fer­ti­gen in der La­ge wären.
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