Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/ungenehmigter-einflug-377469
Timestamp: 2019-11-12 03:58:20
Document Index: 303422270

Matched Legal Cases: ['Art 18', '§ 58', '§ 2', '§ 58', '§ 2', '§ 2', '§ 58', '§ 2', '§ 94', '§ 2', 'Art 5', 'Art 5', 'Art 5', 'Art 18', '§ 30', 'Art. 12', '§ 2', 'Art 18', 'Art 18', 'Art 18', 'Art 18', '§ 2', 'Art 18', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.18', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Unge­neh­mig­ter Ein­flug | Rechtslupe
Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land darf gegen ein Luft­fahrt­un­ter­neh­men, dem von einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on eine Betriebs­ge­neh­mi­gung erteilt wor­den ist, wegen des unge­neh­mig­ten Ein­flugs aus Dritt­staa­ten kei­ne Geld­bu­ße ver­hän­gen, weil das Geneh­mi­gungs­er­for­der­nis gegen Art 18 AEUV ver­stößt 1.
Soweit Flü­ge von Deutsch­land nach Mos­kau ohne die erfor­der­li­che Geneh­mi­gung durch­ge­führt wur­den, folgt der gebo­te­ne Frei­spruch bereits aus den Vor­schrif­ten des Luft­ver­kehrs­ge­set­zes. § 58 Abs. 1 Nr. 12a LuftVG ist nicht ein­schlä­gig, weil sich die­se Vor­schrift nur auf unge­neh­mig­te Ein­flü­ge i. S. d. § 2 Abs. 7 LuftVG bezieht.
Eine Ver­ur­tei­lung kann auch nicht alter­na­tiv auf § 58 Abs. 1 Nr. 12 LuftVG gestützt wer­den, wonach es buß­geld­be­wehrt ist, wenn ein Betrof­fe­ner mit einem Luft­fahr­zeug ohne Erlaub­nis nach § 2 Abs. 6 LuftVG den Gel­tungs­be­reich des Luft­ver­kehrs­ge­set­zes ver­lässt. Gemäß § 2 Abs. 6 LuftVG benö­ti­gen ledig­lich deut­sche Luft­fahr­zeu­ge eine Aus­flug­ge­neh­mi­gung.
Soweit die Betrof­fe­ne ohne Geneh­mi­gung in den Luft­raum der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein­ge­flo­gen ist, kommt eine Ver­ur­tei­lung eben­falls nicht in Betracht. Sie hat durch die unter I dar­ge­stell­ten sie­ben unge­neh­mig­ten Ein­flü­ge zwar den deut­schen Buß­geld­tat­be­stand (§ 58 Abs. 1 Nr. 12a LuftVG) erfüllt. Weil die Flug­zeu­ge der Betrof­fe­nen nicht über eine im Gel­tungs­be­reich der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erteil­te Ver­kehrs­zu­las­sung ver­fü­gen, benö­ti­gen sie nach § 2 Abs. 7 Satz 1 LuftVG eine Ein­flug­ge­neh­mi­gung; die­se war in sämt­li­chen 7 Fäl­len vom zustän­di­gen Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um (§ 94 LuftVZO), das sei­ner­seits die Kom­pe­tenz an das Luft­fahr­bun­des­amt dele­giert hat, nicht erteilt. Die Aus­nah­me­vor­schrift des § 2 Abs. 7 Satz 2 LuftVG, wonach eine Erlaub­nis nicht erfor­der­lich ist, wenn sich aus völ­ker­recht­li­che Abkom­men ein Recht zum geneh­mi­gungs­frei­en Ein­flug ergibt, ist hier nicht ein­schlä­gig. Ins­be­son­de­re folgt ein sol­ches Recht nicht aus Art 5 des Abkom­mens über die Inter­na­tio­na­le Zivil­luft­fahrt vom 7. Dezem­ber 1944 (Chi­ca­go­er Abkom­men), dem die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch Zustim­mungs­ge­setz vom 7. April 1956 2 bei­getre­ten ist. Aus Art 5 Abs. 1 des Abkom­mens ergibt sich ein Recht zum erlaub­nis­frei­en Ein­flug für den Gele­gen­heits­ver­kehr nur bei nicht gewerb­li­chen Lan­dun­gen. Bei ent­gelt­li­cher Beför­de­rung von Pas­sa­gie­ren – wie im vor­lie­gen­den Fall – behal­ten sich die Ver­trags­staa­ten in Art 5 Abs. 2 des Abkom­mens aus­drück­lich wei­te­re Ein­schrän­kun­gen ("regu­la­ti­ons, con­di­ti­ons or limi­ta­ti­ons") vor. Von die­ser Mög­lich­keit hat die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Luft­ver­kehrs­ge­setz Gebrauch gemacht.
Gegen die Betrof­fe­ne durf­te den­noch wegen Ver­sto­ßes gegen Art 18 AEUV kei­ne Geld­bu­ße nach § 30 OWiG (Ver­bands­geld­bu­ße) fest­ge­setzt wer­den. Die Prü­fung der natio­na­len Vor­schrif­ten – hier des LuftVG – obliegt zwar nicht dem Uni­ons­ge­richts­hof 3. Der Uni­ons­ge­richts­hof hat aber aner­kannt, dass der Ver­stoß gegen pri­mä­res Gemein­schafts­recht zur Unan­wend­bar­keit einer natio­na­len Straf- oder Buß­geld­vor­schrift führt 4. Das Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig gibt inso­weit sei­ne gegen­tei­li­ge Recht­spre­chung 5 auf.
Ein Ver­stoß gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot liegt vor. Der Gerichts­hof hat ent­schie­den, dass Luft­fahrt­un­ter­neh­men dem Anwen­dungs­be­reich des Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bots von Art. 12 EGV 6 unter­fal­len 7. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs scha­det es fer­ner nicht, dass es sich bei der Betrof­fe­nen um eine juris­ti­sche Per­son han­delt; sie wer­den eben­falls geschützt 8.
Die Betrof­fe­ne ist zudem – was eben­falls zu for­dern ist 9- im Anwen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts tätig gewor­den. Sowohl das Geneh­mi­gungs­er­for­der­nis des § 2 Abs. 7 LuftVG selbst als auch das kon­kre­te Han­deln des Luft­fahrt­bun­des­amts ver­sto­ßen schließ­lich gegen Art 18 AEUV. Dies ergibt sich aus dem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 18.03.2014 10, in dem das Gericht die Vor­la­ge­fra­gen wie folgt beant­wor­tet hat: Art 18 AEUV, in dem das all­ge­mei­ne Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung aus Grün­den der Staats­an­ge­hö­rig­keit nie­der­ge­legt ist, fin­det auf eine Situa­ti­on wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Anwen­dung, in der ein ers­ter Mit­glied­staat von einem Luft­fahrt­un­ter­neh­men mit einer Betriebs­ge­neh­mi­gung, die von einem zwei­ten Mit­glied­staat erteilt wor­den ist, ver­langt, dass es zur Durch­füh­rung von Bedarfs­flü­gen aus einem Dritt­staat in den ers­ten Mit­glied­staat eine Erlaub­nis zum Ein­flug in den Luft­raum die­ses ers­ten Mit­glied­staats ein­holt, wäh­rend eine sol­che Erlaub­nis für Luft­fahrt­un­ter­neh­men mit einer Betriebs­ge­neh­mi­gung, die von dem ers­ten Mit­glied­staat erteilt wor­den ist, nicht ver­langt wird. Art 18 AEUV ist dahin aus­zu­le­gen, dass er der Rege­lung eines ers­ten Mit­glied­staa­tes ent­ge­gen­steht, mit der zum einen unter Andro­hung einer Geld­bu­ße im Fall ihrer Nicht­be­ach­tung von einem Luft­fahrt­un­ter­neh­men mit einer Betriebs­ge­neh­mi­gung, die von einem zwei­ten Mit­glied­staat erteilt wor­den ist, ver­langt wird, dass es zur Durch­füh­rung von Bedarfs­flü­gen aus einem Dritt­staat in die­sen ers­ten Mit­glied­staat eine Erlaub­nis zum Ein­flug in den Luft­raum des ers­ten Mit­glied­staats ein­holt, wäh­rend eine sol­che Erlaub­nis für Luft­fahrt­un­ter­neh­men mit einer von dem ers­ten Mit­glied­staat erteil­ten Betriebs­ge­neh­mi­gung nicht ver­langt wird, und die zum ande­ren die Ertei­lung die­ser Erlaub­nis von dem Nach­weis abhän­gig macht, dass Luft­ver­kehrs­un­ter­neh­men mit einer von dem ers­ten Mit­glied­staat erteil­ten Betriebs­ge­neh­mi­gung nicht bereit oder in der Lage sind, die­se Flü­ge durch­zu­füh­ren.
Weil ein Ver­stoß gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot (Art 18 AEUV) vor­liegt, durf­te die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land der Betrof­fe­nen kei­ne Ver­bands­geld­bu­ße auf­er­le­gen. Die Betrof­fe­ne ist viel­mehr aus Rechts­grün­den frei­zu­spre­chen. Dies betrifft nicht nur jene Fäl­le, in denen die Geneh­mi­gung vor den Ein­flü­gen aus wirt­schafts­pro­tek­tio­nis­ti­schen Grün­den wegen des Feh­lens der Nicht­ver­füg­bar­keits­er­klä­rung ver­sagt und des­halb Geld­bu­ßen ver­hängt wur­den. Da bereits das Geneh­mi­gungs­er­for­der­nis des § 2 Abs. 7 LuftVG gegen Art 18 AEUV ver­stößt, erfasst das Bestra­fungs­ver­bot auch die übri­gen vier Fäl­le des unge­neh­mig­ten Ein­flugs, die eben­falls mit Geld­bu­ßen geahn­det wur­den.
Ober­lan­des­ge­richt Braun­schweig für Buß­geld­sa­chen, Beschluss vom 14. Mai 2014 – Ss (OWi) 148/​11
anders noch OLG Braun­schweig, Beschluss vom 26.05.2010, Ss (OWi) 82/​09[↩]
BGBl. II S.411[↩]
EuGH, Urteil vom 06.03.2007 – C‑338/​04 68 [Pla­ca­ni­ca][↩]
EuGH, Urteil vom 29.04.1999 – C‑224/​97 34 [Unan­wend­bar­keit einer öster­rei­chi­schen Geld­bu­ße, Cio­la]; EuGH, Urteil vom 06.03.2007 – C‑338/​04 69 [Unan­wend­bar­keit einer ita­lie­ni­schen Straf­vor­schrift, Pla­ca­ni­ca][↩]
OLG Braun­schweig, Beschluss vom 26.05.2010, Ss (OWi) 82/​09[↩]
aktu­ell: Art.18 AEUV[↩]
EuGH, Urteil vom 25.01.2011 – C‑382/​0829 [Neu­kir­chin­ger][↩]
EuGH, Urteil vom 20.10.1993 – C‑92/​92 [Phil Col­lins], ver­bun­den mit C‑326/​92 [EMI] Rn.7, 8, 33, 35; BVerfG, Beschluss vom 19.11.2011 – 1 BvR 1916/​09 76[↩]
EuGH, Urteil vom 20.10.1993 – C‑92/​92 [Phil Col­lins] ver­bun­den mit EuGH, C 326/​92 [EMI] Rn.27[↩]
EuGH, Urteil vom 18.03.2014 – C‑628/​11[↩]
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