Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/persoenliche-anhoerung-durch-das-beschwerdegericht-in-zurueckschiebungssachen-369265
Timestamp: 2019-07-20 22:03:59
Document Index: 95536054

Matched Legal Cases: ['§ 68', '§ 68', '§ 69', 'Art. 2', '§ 420', 'Art. 104', 'Art. 103', 'Art. 104', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Persönliche Anhörung durch das Beschwerdegericht in Zurückschiebungssachen | Rechtslupe
Nach § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG kann das Beschwerdegericht von der Durchführung eines Termins, einer mündlichen Verhandlung oder einzelner Verfahrenshandlungen absehen, wenn diese bereits im ersten Rechtszug vorgenommen wurden und von einer erneuten Vornahme keine zusätzlichen Erkenntnisse zu erwarten sind. Obwohl das Beschwerdeverfahren als volle Tatsacheninstanz ausgestaltet ist, wird es in das pflichtgemäße Ermessen des Beschwerdegerichts gestellt, in welchem Umfang es Ermittlungen und Beweiserhebungen wiederholt. Die Vorschrift dient der effizienten Nutzung gerichtlicher Ressourcen in der Beschwerdeinstanz, indem unnötige doppelte Beweisaufnahmen verhindert werden und auf die Durchführung eines Termins verzichtet werden kann, wenn die Sache bereits in der ersten Instanz im erforderlichen Umfang mit den Beteiligten erörtert wurde1. § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG räumt daher auch in einem Freiheitsentziehungsverfahren dem Beschwerdegericht die Möglichkeit ein, von einer erneuten Anhörung des Betroffenen abzusehen, etwa wenn die erstinstanzliche Anhörung des Betroffenen nur kurze Zeit zurückliegt, sich nach dem Akteninhalt keine neuen entscheidungserheblichen Tatsachen oder rechtliche Gesichtspunkte ergeben, das Beschwerdegericht das in den Akten dokumentierte Ergebnis der erstinstanzlichen Anhörung nicht abweichend werten will und es auf den persönlichen Eindruck des Gerichts von dem Betroffenen nicht ankommt. Macht das Beschwerdegericht von dieser Möglichkeit Gebrauch, muss es in seiner Entscheidung die Gründe hierfür in nachprüfbarer Weise darlegen2. Auch ein ausdrücklich erklärter Verzicht des Betroffenen auf eine erneute persönliche Anhörung kann in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein, da der Betroffene hierdurch zu erkennen gibt, dass von einer erneuten Anhörung aus seiner Sicht keine zusätzlichen Erkenntnisse zu erwarten sind.
Allerdings kann in einem Beschwerdeverfahren nicht von einer Wiederholung solcher Verfahrenshandlungen abgesehen werden, bei denen das Gericht des ersten Rechtszugs zwingende Verfahrensvorschriften verletzt hat3. In diesem Fall muss das Beschwerdegericht vorbehaltlich der Möglichkeiten nach § 69 Abs. 1 Satz 2 und 3 FamFG, die in Haftsachen wegen des aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG abzuleitenden Beschleunigungsgrundsatzes4 praktisch nicht zum Tragen kommen den betreffenden Teil des Verfahrens nachholen. Dies gilt insbesondere dann, wenn das erstinstanzliche Gericht bei der Anhörung des Betroffenen zwingende Verfahrensvorschriften verletzt hat5. Die Anhörung des Betroffenen in Freiheitsentziehungssachen nach § 420 Abs. 1 FamFG dient der Verwirklichung der in Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG garantierten Rechte eines Betroffenen. Danach darf die Freiheit einer Person nur aufgrund eines förmlichen Gesetzes und unter Beachtung der darin vorgeschriebenen Formen beschränkt werden. Verfahrensfehler bei der Durchführung der Anhörung verletzen den Betroffenen deshalb nicht nur in seinem Anspruch auf Gewährung rechtlichen Gehörs aus Art. 103 Abs. 1 GG, sondern auch in seinem grundrechtsgleichen Recht aus Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG6.
Bundesgerichtshof, Beschluss vom 10. Oktober 2013 – V ZB 127/12
BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 346/10, NJW 2011, 2365 Rn. 12 unter Hinweis auf BT-Drucks. 16/6308 S.207 re. Sp. [↩]
zum Unterbringungsverfahren: BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 346/10, aaO Rn. 13 mwN [↩]
BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 346/10, aaO Rn. 15 mwN; BGH, Beschluss vom 18.08.2010 – V ZB 119/10; Beschluss vom 08.02.2012 – V ZB 260/11 [↩]
BVerfGE 20, 45, 49 f.; 46, 194, 195 [↩]
zum Unterbringungsverfahren: BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 346/10, aaO Rn. 14 mwN [↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 02.03.2011 – XII ZB 346/10, aaO Rn. 15 mwN [↩]
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