Source: https://gameslaw.online/hitler-wird-heiler-von-den-absurditaeten-der-videospielzensur/
Timestamp: 2019-10-18 01:16:12
Document Index: 248105878

Matched Legal Cases: ['§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 131', 'Art. 5', '§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 86', '§ 130', '§ 130', '§ 86', '§ 131']

Hitler wird Heiler – von den Absurditäten der Videospielzensur - GL Hitler wird Heiler – von den Absurditäten der Videospielzensur - GL
Im neuen Wolfenstein heisst Adolf Hitler Herr Heiler und wird dadurch vielleicht sogar glorifiziert. Dafür nimmt man ihm seinen Bart ab, schon ist alles wieder ok – oder nicht? Kann sich durch die Glorifizierung eines als solchen eindeutig zu erkennden Hitlers vielleicht sogar eine Strafbarkeit nach §§ 86, 86a StGB ergeben?
Wohin sich die Videospielindustrie mit der Selbstzensur* – von allem, was im sogenannten dritten Reich symbolträchtig gewesen sein könnte – manövriert, soll in diesem Kommentar kurz beleuchtet werden.
Spiele sind keine Kunst, Filme schon – Blödsinn!
Man erzählt es uns in den Massenmedien wie dem BR und der SZ trotzdem immer wieder: “Für Spiele gilt die Kunstfreiheit nicht.” Dass diese Annahme völlig falsch ist, darüber schreiben Juristen nicht erst seit dem Neurelease der Reihe Wolfenstein mit dem Titel: The new Order. Man will das aber landläufig nicht so recht glauben und verbreitet daher diese journalistischen Enten – Pardon: Fakenews. Und dies, obwohl man sich hinsichtlich dieser Meinung inzwischen sogar in Spielemagazinen wie der Gamestar entsprechend korrigierte. Das einzige mir bekannte Gerücht, das sich hartnäckiger hält, ist die dauerhaft falsch verstandene und in der Regel rechtsunwirksame AGB am Bauzaun oder im Restaurant: “Eltern haften für ihre Kinder!”.
Sowohl Bethesda als auch Activision gehen mit ihren aktuellen Ego-Shooter Titeln, die sich in einem teils fiktiven Szenario um Nationalsozialisten bewegen, den vermeintlich sichersten Weg. Beide Unternehmen lassen auf ihren Websites erklären: “In Deutschland ist das verboten. Spiele sind keine Kunst. Isso!”
Kaum 20 Jahre ist es her, da erging in Deutschland ein Urteil in welchem ein Computerspiel einen Nebendarstellerplatz erhielt. Wolfenstein 3D – welches damals als Shareware über Disketten und vorherrschende Forensoftware im Netz geteilt wurde. Ein Rechtsradikaler machte sich die Beflaggung im Spiel zu eigen und bewarb seinen illegalen Download mit einer Möglichkeit, an Propagandamaterial heranzukommen. Man sehe sogar Hitler im Spiel. Völlig zu Recht urteilte damals das OLG Frankfurt, dass hier eine Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen vorliege. Aber – und hierin liegt des Pudels Kern – nicht etwa ausgehend von dem Spielhersteller, sondern durch die konkrete Verwendung als Propagandamaterial. Der Rest ist Geschichte: die Richter begründeten ihr Urteil u.a. damit, dass bei der Verwendung von Hakenkreuzen in Spielen eine häufigere Verwendung in der Öffentlichkeit kaum unterbunden werden könne, was dem Zweck des § 86a StGB zuwiederlaufe.
Nichts zur Kunstfreiheit, nichts zur Sozialadäquanz. Warum auch? Es galt die Strafbarkeit einer Propagandatat zu prüfen und diese wurde bestätigt. Das Spiel wurde damals auch indiziert, das ist richtig. Aber nicht wegen der Hakenkreuze und Hitlerbilder an den Wänden, sondern wegen der dauerhaften und selbstzweckhaften Gewaltdarstellung.
Kunstfreiheit in Grenzen?
Basierend auf diesem Urteil – und der Unkenntnis selbst bei beratenden Juristen – wurde ein Bann für entsprechende Symbolik in Videospielen etabliert, der von Fachleuten immer wieder widerlegt, aber von der Rechtsprechung nie wieder aufgegriffen wurde (falsch daher auch die Behauptung, dass die Rechtsprechung daran festhalte). Stattdessen werden die wenigen existierenden Beschlagnahmebeschlüsse zitiert, die von Amtsrichtern in Zwei-Minuten-Diktaten fließbandartig erlassen wurden und sich mit den Details oder gar Rechtfertigungsgründen in keiner Weise beschäftigen.
So kam es, dass bei millionenschweren Produktionen wie Call of Duty – World War II (WWII) oder Wolfenstein II – The new Colossus, eine bizarre Eigenzensur entstand. In den Spielen kämpft man nun nicht mehr gegen Nazis sondern gegen “das Regime” welches natürlich klar als das erkennbar ist, was es sein soll. Nur irgendwie inkonsequent. Man nimmt den Nazis den Schrecken, den sie eigentlich im Spiel darstellen sollen.
Dies fällt insbesondere bei Wolfenstein auf. Man könnte das im Spiel Erlebte am besten als spielbare Version eines Inglorious Basterds umschreiben. Viel sinnlose und überflüssige Gewalt (warum hier keine Indizierung wegen Gewaltverherrlichung diskutiert wurde, mag dem sich selbst überholenden System der regulierten Selbstregulierung – USK – geschuldet sein), Hakenkreuze allernorts, um auch ja zu zeigen, dass die bedrohlichen Nazis die Vorherrschaft haben. Im Film scheint das keinen zu stören, Kunst ist eben Geschmacksache – oder?
Ich habe WWII in der Originalversion angespielt. Zumindest in den ersten paar Stunden kann ich keinen Grund für ein Entfernen der verwendeten Symbole finden. Keine Glorifizierung – eher dokumentarisch – im Stile eines “Saving Private Ryan” kämpft man sich durch die Normandie. Hakenkreuzpropaganda findet man selten – etwa in dem Umfang, wie sie damals vorhanden war. Man bekämpft als Soldat die “Krauts” und stellt in Zwischensequenzen fest, dass nicht alle böse und auch die gerade getöteten Feinde Söhne und Väter sind. Von den Tatbestandsmerkmalen der §§ 86, 86a StGB sieht das geschulte Auge nichts, außer einer sozialadäquaten Verwendung eben.
Gewalt – ungeschnittene Gewalt!
Während man in WWII historisch akkurat Köpfe durch Beschuss von deutscher Seite in voller Auflösung großzügig vor unseren Augen explodieren lässt, oder in Wolfenstein die böse Nazibraut vor unseren Augen eine Kameradin enthauptet (wenig später wird der Kopf, mit dem sie ihre dicke Tochter ärgert, noch von einem Offizier zertreten), die Kunstfreiheit wird (auch) dank des geschichtlichen Hintergrunds großzügig ausgenutzt. Man könnte von Gewalt- oder Kriegsverherrlichung sprechen – nennt es aber verharmlosend “Antikrieg”.
Es wird mit der „ungeschnittenen Gewalt“ in einer USK18-Version geworben. Man müsse „die Jungs zusammentrommeln, das neue Call of Duty spielt endlich wieder im zweiten Weltkrieg“ suggeriert uns die Werbeunterbrechung. Gleichzeitig hat man Angst die damalige Symbolik zu zeigen. Natürlich nur die der Nationalsozialisten. Anschließend: Ein Werbetrailer über Hitlers böse Schergen. Hakenkreuzbanner werden bildschirmfüllend und bedeutungsschwanger als Vorschau für eine abendliche Dokumentation eingeblendet.
Wer einerseits behauptet die Kunstfreiheit – oder speziell, die Ausnahmetatbestände nach §§ 86a Abs. 3, 86 Abs. 3 StGB – gelte nicht für Spiele, muss sich die Frage stellen, warum gleichwohl die drastische und selbstzweckhafte Gewaltdarstellung in vielen modernen Titeln dann doch irgendwie durch die Kunstfreiheit gerechtfertigt sein muss. Es handelt sich bei der Darstellung sonst schließlich um eine Straftat nach § 131 StGB oder zumindest einen Indizierungsgrund. Früher regelmäßig indiziert, gelten explizite und drastische Gewaltdarstellungen in aktuellen Titeln als gerade noch so durch Art. 5 GG gerechtfertigt, wie uns die BPjM und USK regelmäßig in ihren Entscheidungen mitteilen – notfalls nach einem Appelationsverfahren. Der Kunstaspekt ist nämlich einer, der bei jeder jugendschutz- und strafrechtlichen Prüfung eines Titels Gewichtung finden muss – und hey: das bisschen Gewalt wird man doch wohl noch zeigen dürfen, die Jugend ist ja heutzutage an Einiges gewöhnt!
Befürchteter Gewöhnungseffekt längst eingetreten
Heute würden die Frankfurter Richter vermutlich anders Urteilen: Nahezu täglich wird in sämtlichen Medien mit Hitler- und Nazidokumentationen geworben. Zeitungen und Magazine zeichnen Hakenkreuze neben unmoralische Personen. In frühester Kindheit wird man mit der “Erbsünde” konfrontiert. Jede nichtliberale Meinung wird sofort mit der Nazikeule erschlagen, sei es als Karikatur oder verbal. Einem solchen Symbol aus dem Weg zu gehen – dafür müsste man Kindern schon sämtliche Medien und die Schule entziehen. Ich erinnere mich noch gut an ein Interview eines Jugendlichen, der nach dem aktuellen deutschen Bundeskanzler gefragt wurde. Die Antwort war: “Hitler?!”.
Die öffentliche Verwendung von Drittreichsymbolik ist heute gang und gäbe, der von den Frankfurter Richtern angenommene Schutzzweck quasi verbraucht. Vermutlich würde man inzwischen auch die Sozialadäquanz berücksichtigen bzw. bejahen. Heute gibt es hierzu eben relevante Rechtsmeinungen, die ein Gericht nicht unbeachtet lassen kann.
Zeigen Adolf Hitlers als Heiler – Verwendung nach § 86a StGB?
Nazis sind böse – zeigen uns diese Spiele. Allerdings tun sie dies nicht mehr, wenn die Nazis plötzlich ein gesichtsloses „Regime“ sind. Wenn ein Hitler politisch ziemlich unkorrekt in einen Heiler verwandelt wird (unter Entfernung des Hitlerbärtchens, denn schließlich hat ja irgendein Gericht einmal entschieden, dass auch das propagandistische Verwenden des Kopfes des ehemaligen Anführers unter §§ 86 f. StGB fallen kann), wird die Eigenzensur absurd.
Eigentlich könnte man genau gegenteiliges Annehmen: Ein Hitler, der zum Heiler wird, ganz klar als solcher erkennbar ist (auch wenn sich sein Reich jetzt “Regime” nennt – wir nehmen hier einmal widerleglich einen Umgehungsversuch an), sich Kanzler nennen lässt und durchaus das ein oder andere Lächeln ob seiner Rolle erringt, könnte man ohne große Not unter Propaganda subsumieren. Zumindest liegt aber die obige Verwendung nach § 86a StGB vor, denn bei der Verwendung an sich kommt es nicht auf die Identifizierung des Täters mit dem Symbol an, sondern auf dessen Erkennbarkeit (Fischer, StGB § 86a Rn. 2a ff.). Letztere ist unzweifelhaft gegeben.
Durch die Verwendung des geschichtlichen und eindeutig erkennbaren Settings und der gleichzeitigen Entfernung vieler Details in der deutschen Version, kann auch eine Straftat wegen Verharmlosung oder Verleugnung des Holocaust nach § 130 Abs. 3 StGB im Raum stehen. Wörter wie “Jude” werden mit “Verräter” übersetzt – strafbar nach § 130 Abs. 1 Nr. 1 StGB?
Als Schelm bezeichnen darf sich, wer die Kombination Heil(er) und Hitler mit einem einschlägigen Grußwort assoziiert.
Alles eine Parodie und deshalb nach § 86a Abs. 3 StGB straflos?
Ich bitte Sie – dann müsste es sich ja um Kunst handeln!
[17.11.2017 Update: Weiteren Link eingefügt, Thema § 131 ergänzt]
09.11.2017 Michael Scheyhing
*gemeint sind Schnitte in deutschen Verkaufsversionen
Blog, Esports, Gameslaw, Medienrecht, Politik, Spielerecht, Strafrecht
| Tags: 86, 86a StGB, Activision, Bethesda, Computerspielzensur, Gewaltdarstellung, Hakenkreuze in Videospielen, Hitler als Heiler, Hitler in Spielen, Holocaustleugnung, Schnitte in Spielen, Sozialadäquanz, The new Colossus, Videospielzensur, Wolfenstein
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4 thoughts on “Hitler wird Heiler – Wolfenstein 2: Straftaten durch Zensur? Von den Absurditäten der Videospielzensur”
Rigolax on	 11. November 2017
Das Problem müsste meiner Ansicht nach relativ einfach mit einer Feststellungsklage zu lösen sein. Die obersten Landesjugendbehörden versagen offenbar nach Aussage* von Felix Falk der BIU den Verwaltungsakt bei Spielen, welche Hakenkreuze und co. enthalten, bezogen auf die USK-Kennzeichnung. Für solch eine Feststellungsklage braucht es ein berechtigtes Interesse an der Klärung, kein konkretes Spiel, welches vorher die Kennzeichnung verweigert bekommen muss für die Möglichkeit der Verpflichtungsklage (im Sinne der Subsidiarität ist dieser Weg ja zuerst zu nutzen, steht aber hier wohl gar nicht offen). Die Entscheidung vermutlich vor dem VG Düsseldorf sollte etwas Klarheit schaffen und die Verwaltungspraxis der USK ändern. Danach dürfte Rechtssicherheit herschen, zumindest sobald die Spiele eine Kennzeichnung erhalten haben. Warum das noch nicht gemacht wurde, ist (nur) etwas unklar.
* http://www.gameswirtschaft.de/politik/wolfenstein-2-interview-felix-falk-biu/
Michael Scheyhing on	 11. November 2017
Dass die Thematik gerichtlich klärbar ist, steht außer Frage, es traut sich halt nur keiner. Herr Falk darf sich auch die Frage gefallen lassen, warum er das erst kritisiert, nachdem er nicht mehr Geschäftsführer der USK ist. Er hatte ja fast ein Jahrzehnt Zeit, dies mit den OLJB zu klären. Dass die Unternehmen lieber kostenintensiv schneiden, ist deren Problem. Dass sie sich nach eigener Ansicht gerade dadurch aber wie hier geschnitten wurde strafbar machten, und das dadurch entstehende Paradoxon, sollte der Beitrag hervorheben.
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