Source: http://www.hensche.de/Besoldungsdienstalter_Altersdiskriminierung_BDA_Europarecht_Yves_Bot_C-506-11_Specht.html
Timestamp: 2017-03-29 03:13:12
Document Index: 11038865

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'Art.3', 'EuG']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 13/355
Bald mehr Geld auf­grund dis­kri­mi­nie­ren­der BDAs?
Vor­ga­ben des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs und des Bun­des­ar­beits­ge­richts zum The­ma BAT-Al­ters­stu­fen
Fort­schrei­bung der dis­kri­mi­nie­ren­den BAT-Al­ters­stu­fen durch die Über­lei­tung von Ar­beit­neh­mern aus dem BAT in den TVöD
Be­sol­dungs­dienst­al­ter und Er­fah­rungs­zei­ten
Ist die Vergütung von Be­am­ten nach dem Be­sol­dungs­dienst­al­ter al­ters­dis­kri­mi­nie­rend?
Die Streitfälle: Be­zah­lung gemäß Be­sol­dungs­dienst­al­ters­stu­fen vor und nach der Einführung von Er­fah­rungs­stu­fen
EuGH-Ge­ne­ral­an­walt Bot: Be­sol­dungs­dienst­al­ters­stu­fen führen zu ei­ner un­zulässi­gen Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters
Ist der Über­gang vom Be­sol­dungs­dienst­al­ter zu Er­fah­rungs­zei­ten rech­tens, und wel­che recht­li­chen Fol­gen hätten Dis­kri­mi­nie­run­gen?
Bot: Auch der ge­setz­li­che Über­gang vom Be­sol­dungs­dienst­al­ter zu Er­fah­rungs­zei­ten ist dis­kri­mi­nie­rend
Der EuGH-Ge­ne­ral­an­walt ver­langt An­glei­chung nach oben
Fa­zit: In jun­gen Jah­ren ein­ge­stell­te Be­am­te mit lan­ger Be­rufs­er­fah­rung soll­ten ih­re Ansprüche rasch gel­tend ma­chen
Vor­ga­ben des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs und des Bun­des­ar­beits­ge­richts zum The­ma BAT-Al­ters­stu­fen Im Sep­tem­ber 2011 ent­schied der Eu­ropäische Ge­richts­hof (EuGH) zu den Le­bens­al­ters­stu­fen des Bun­des-An­ge­stell­ten­ta­rif­ver­trags (BAT) auf der Grund­la­ge von zwei EuGH-Vor­la­gen des Bun­des­ar­beits­ge­richts (BAG), dass die­ses Stu­fen­sys­tem eu­ro­pa­rechts­wid­rig ist. Denn wenn älte­re An­ge­stell­te gemäß BAT bei glei­cher Ein­grup­pie­rung und glei­cher Be­rufs­er­fah­rung ein­fach des­halb mehr Geld be­kom­men, weil sie älter sind, wer­den die jünge­ren Ar­beit­neh­mer we­gen ih­res Al­ters dis­kri­mi­niert, so der EuGH.
Fort­schrei­bung der dis­kri­mi­nie­ren­den BAT-Al­ters­stu­fen durch die Über­lei­tung von Ar­beit­neh­mern aus dem BAT in den TVöD Wer als "jünge­rer" Ar­beit­neh­mer vom BAT in den TVöD über­ge­lei­tet wur­de, muss­te fest­stel­len, dass die al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung beim Ge­halt fort­ge­setzt wur­de. Denn in das neue al­ter­s­un­abhängi­ge Vergütungs­sys­tem des TVöD ging je­der Ar­beit­neh­mer mit sei­ner zu­letzt be­zo­ge­nen (und da­mit auf den dis­kri­mi­nie­ren­den BAT-Al­ters­stu­fen be­ru­hen­den) Vergütung über.
Be­sol­dungs­dienst­al­ter und Er­fah­rungs­zei­ten Es gehört nicht viel da­zu, die o.g. Ent­schei­dun­gen des EuGH und des BAG auf die Be­am­ten­be­sol­dung zu über­tra­gen. Sch­ließlich war die Be­zah­lung der Be­am­ten lan­ge Zeit vom Al­ter abhängig und eben da­mit das Vor­bild der Vergütungs­sys­te­ma­tik des BAT:
Ist die Vergütung von Be­am­ten nach dem Be­sol­dungs­dienst­al­ter al­ters­dis­kri­mi­nie­rend? Vor dem Hin­ter­grund der o.g. Ent­schei­dun­gen des EuGH und des BAG wird seit En­de 2011 über die Fra­ge ge­strit­ten, ob Be­sol­dungs­dienst­al­ters­stu­fen in der Be­am­ten­be­sol­dung ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len, und es sind auch mitt­ler­wei­le vie­le ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ur­tei­le da­zu er­gan­gen. Die meis­ten Ent­schei­dun­gen ha­ben die BDAs ab­ge­seg­net, da der Auf­stieg in ei­ne höhe­re BDA auf­grund be­son­ders gu­ter Leis­tun­gen schnel­ler vor­ge­nom­men wer­den kann und weil um­ge­kehrt das planmäßige bzw. rein al­ters­abhängi­ge Aufrücken verzögert wer­den kann, wenn der Be­am­te den Leis­tungs­an­for­de­run­gen nicht ge­recht wird. Die Vergüns­ti­gung von "High Per­for­mern" ist al­ler­dings eben­so wie die War­te­schlei­fe für "Low Per­for­mer" auf we­ni­ge Aus­nah­mefälle be­grenzt.
Die Streitfälle: Be­zah­lung gemäß Be­sol­dungs­dienst­al­ters­stu­fen vor und nach der Einführung von Er­fah­rungs­stu­fen Das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin hat sich vor gut ei­nem Jahr ein Herz ge­fasst und dem EuGH in acht Fällen ei­ne Rei­he von Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt, die die Ver­ein­ba­rung der BDAs mit dem Eu­ro­pa­recht, v.a. mit der Richt­li­nie 2000/78/EG be­tref­fen. In sechs die­ser Fälle hat­ten Ber­li­ner Be­am­te auf höhe­re Be­zah­lung ge­klagt (Tho­mas Specht, Jens Schom­be­ra, Alex­an­der Wie­land, Uwe Schöne­feld, Ant­je Wil­ke und Gerd Schi­ni), in zwei wei­te­ren Fällen ging es um Bun­des­be­am­te (Re­na Schme­el und Ralf Schus­ter).
EuGH-Ge­ne­ral­an­walt Bot: Be­sol­dungs­dienst­al­ters­stu­fen führen zu ei­ner un­zulässi­gen Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters Nach An­sicht des Ge­ne­ral­an­walts führt das Sys­tem der Be­sol­dungs­dienst­al­ters­stu­fen zu ei­ner al­ters­be­ding­ten Be­nach­tei­li­gung jünge­rer Be­am­ter beim Ent­gelt, d.h. zu ei­ner Ent­gelt­dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne von Art.3 Abs.1 Buch­sta­be c Richt­li­nie 2000/78. Denn die BDAs führen da­zu, dass je nach Erstein­stu­fung ei­nes Be­am­ten in ei­ne BDA zwei an­sons­ten ver­gleich­ba­re Be­am­te der­sel­ben Be­sol­dungs­grup­pe ein un­ter­schied­lich ho­hes Grund­ge­halt be­kom­men, und zwar al­lein auf­grund ih­res un­ter­schied­li­chen Al­ters.
Ist der Über­gang vom Be­sol­dungs­dienst­al­ter zu Er­fah­rungs­zei­ten rech­tens, und wel­che recht­li­chen Fol­gen hätten Dis­kri­mi­nie­run­gen? Dass der Ge­ne­ral­an­walt das al­te Sys­tem der Be­sol­dungs­dienst­al­ters­stu­fen als al­ters­dis­kri­mi­nie­rend be­wer­tet, ist nach­voll­zieh­bar und we­nig über­ra­schend. Ei­gent­lich "span­nend" sind zwei wei­te­re Fra­gen, die sich im An­schluss dar­an stel­len:
Bot: Auch der ge­setz­li­che Über­gang vom Be­sol­dungs­dienst­al­ter zu Er­fah­rungs­zei­ten ist dis­kri­mi­nie­rend Bei der Fra­ge der Rechtmäßig­keit der Über­lei­tungs­ge­set­ze kommt der Ge­ne­ral­an­walt zu dem Er­geb­nis, dass die­se eben­falls al­ters­dis­kri­mi­nie­rend sind. Denn das dis­kri­mi­nie­ren­de Über­lei­tungs­sys­tem be­steht "zeit­lich un­be­grenzt fort". Auch wenn es ge­eig­net ist, Ein­kom­mens­ver­lus­te der Be­stands­be­am­ten zu ver­hin­dern, geht es über das hin­aus, was zur Er­rei­chung des Ziels der Be­sitz­stands­wah­rung er­for­der­lich ist. Der deut­sche Ge­setz­ge­ber hätte nämlich nach An­sicht des Ge­ne­ral­an­walts "ein Über­lei­tungs­sys­tem vor­se­hen können, das die Aus­wir­kun­gen der Dis­kri­mi­nie­rung in zeit­li­cher Hin­sicht be­sei­tigt, in­dem es sich nach und nach dem neu­en, auf der Be­rufs­er­fah­rung oh­ne Berück­sich­ti­gung des Le­bens­al­ters be­ru­hen­den Be­sol­dungs­sys­tem annähert. Es wäre (...) möglich ge­we­sen, ei­ne Über­g­angs­re­ge­lung an­zu­wen­den, die dem un­an­ge­mes­sen be­vor­zug­ten Be­stands­be­am­ten die Be­sol­dung in der vor­he­ri­gen Höhe so lan­ge ga­ran­tiert, bis er die nach dem neu­en Be­sol­dungs­sys­tem für die Er­rei­chung ei­ner höhe­ren Be­sol­dungs­stu­fe er­for­der­li­che Er­fah­rung er­wor­ben hat. Da­durch wäre die Dis­kri­mi­nie­rung schritt­wei­se be­sei­tigt wor­den, oh­ne die Be­sol­dung der ge­genüber jünge­ren Be­am­ten im Vor­teil be­find­li­chen Be­stands­be­am­ten schlag­ar­tig her­ab­zu­set­zen."
Der EuGH-Ge­ne­ral­an­walt ver­langt An­glei­chung nach oben Zu der zwei­ten Fra­ge (An­glei­chung nach oben?) schlägt der Ge­ne­ral­an­walt vor, dass die dis­kri­mi­nier­ten jünge­ren Be­am­ten in die­sel­be Be­sol­dungs­stu­fe ein­ge­stuft wer­den müss­ten wie ein älte­rer Be­am­ter, der über ei­ne gleich­wer­ti­ge Be­rufs­er­fah­rung verfügt. Das muss aber, so der Ge­ne­ral­an­walt aus­drück­lich, nicht sche­ma­tisch ei­ne Ein­stu­fung in die höchs­te Al­ters­stu­fe sein. Denn weil die al­ters­be­ding­te Schlech­ter­stel­lung die je­weils jünge­ren Be­am­ten im Ver­gleich zu älte­ren Kol­le­gen mit gleich lan­ger Be­rufs­er­fah­rung trifft, gibt es nicht ein­fach zwei Ver­gleichs­grup­pen, von de­nen ei­ne bes­ser als die an­de­re da­steht (wie das z.B. bei Fällen der ge­schlechts­be­ding­ten Dis­kri­mi­nie­rung der Fall ist). Viel­mehr ist "ei­ne Viel­zahl von Grup­pen zu ver­glei­chen, denn es kann eben­so vie­le Grup­pen ge­ben wie es Per­so­nen un­ter­schied­li­chen Al­ters mit gleich­wer­ti­ger Be­rufs­er­fah­rung gibt."
Fa­zit: In jun­gen Jah­ren ein­ge­stell­te Be­am­te mit lan­ger Be­rufs­er­fah­rung soll­ten ih­re Ansprüche rasch gel­tend ma­chen Sch­ließlich nimmt der Ge­ne­ral­an­walt noch zu ei­nem ver­fah­rens­recht­li­chen Pro­blem Stel­lung. Denn nach der deut­schen Recht­spre­chung sind Be­am­te auf­grund ih­rer Loya­litäts­pflicht ge­hal­ten, Ansprüche auf Geld­leis­tun­gen, die sich nicht un­mit­tel­bar aus ei­nem Ge­setz er­ge­ben, "zeit­nah" gel­tend zu ma­chen. Kon­kret heißt das, dass Be­am­te sol­che Ansprüche noch während des lau­fen­den Haus­halts- bzw. Ka­len­der­jah­res ge­genüber dem Dienst­herrn ein­for­dern müssen. Die­se un­ge­schrie­be­ne be­am­ten­recht­li­che Aus­schluss­frist be­wer­tet der Ge­ne­ral­an­walt als grundsätz­lich an­ge­mes­sen.