Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Bezugnahmeklausel_Uebung_Arbeitsvertragliche_Bezugnahmeklauseln_begruenden_keine_betriebliche_Uebung_LAG_RP_9Sa57-13.html
Timestamp: 2017-03-29 13:11:47
Document Index: 9790176

Matched Legal Cases: ['§ 256', '§ 242', '§ 4', '§ 242', '§ 5', '§ 3', '§ 1', 'EuG', '§ 242', '§ 242', '§ 286']

HENSCHE Arbeitsrecht: 9 Sa 57/13
Bezugnahmeklausel, Betriebliche Übung
Arbeitsgericht Mainz - Auswärtige Kammern Bad Kreuznach, Urteil vom 13.11.2012 - 6 Ca 517/12
Ak­ten­zei­chen:9 Sa 57/13 6 Ca 517/12ArbG Mainz- AK B.- Verkündet am:20.09.2013
D, Jus­tiz­beschäftig­te als Ur­kunds­be­am­tin der Geschäfts­stel­le
LAN­DES­AR­BEITS­GERICHTRHEIN­LAND-PFALZ
TAT­BESTAND: Die Par­tei­en strei­ten darüber, ob die Kläge­rin in den TVöD über­zu­lei­ten war so­wie um hier­aus re­sul­tie­ren­de Dif­fe­renz­lohn­ansprüche.
Bei der Be­zug­nah­me­klau­sel des Ar­beits­ver­tra­ges han­de­le es sich um ei­ne Gleich­stel­lungs­ab­re­de, so dass nach Aus­schei­den aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band die in Be­zug ge­nom­me­nen Ta­rif­verträge nur noch sta­tisch fort­wirk­ten. Auch aus dem Ak­ti­en­kauf­ver­trag fol­ge nichts an­ders. Die­ser Ver­trag bin­de sie nicht. Ihr Vor­stand sei ak­ti­en­recht­lich auch nicht an Wei­sun­gen der Ak­ti­onäre ge­bun­den. Die im Ak­ti­en­kauf­ver­trag vor­ge­se­he­ne Ver­pflich­tung be­inhal­te auch kei­ne sol­che zur dy­na­mi­schen Fort­ent­wick­lung des Be­sitz­stan­des, son­dern nur zum sta­ti­schen Er­halt des­sel­ben. Für ei­nen Bin­dungs­wil­len da­hin­ge­hend, sich auch zukünf­ti­gen, nicht mehr be­ein­fluss­ba­ren Ta­ri­fent­wick­lun­gen zu un­ter­wer­fen, sei­en kei­ne An­halts­punk­te ge­ge­ben. Die An­nah­me ei­nes sol­chen Bin­dungs­wil­lens ste­he auch in Wi­der­spruch zum As­pekt der ne­ga­ti­ven Ver­trags­frei­heit, den der Eu­ropäische Ge­richts­hof im Ur­teil vom 18.7.2013 (C-426/11 Alemo Per­ron) be­son­ders be­tont ha­be. Ins­ge­samt ent­hal­te der Ak­ti­en­kauf­ver­trag nur in­ter­ne un­ter den Ak­ti­onären gel- - 6 -
ENT­SCHEI­DUN­GSGRÜNDE: I. Die Be­ru­fung der Be­klag­ten ist zulässig. Das Rechts­mit­tel ist an sich statt­haft. Die Be­ru­fung wur­de auch form- und frist­ge­recht ein­ge­legt und -auch in­halt­lich den ge­setz­li­chen An­for­de­run­gen ent­spre­chend- be­gründet.
II. In der Sa­che hat das Rechts­mit­tel kei­nen Er­folg.
Mit die­sem In­halt ist der Fest­stel­lungs­an­trag zulässig, ins­be­son­de­re be­steht das für den Fest­stel­lungs­an­trag er­for­der­li­che Fest­stel­lungs­in­ter­es­se, § 256 Abs. 1 ZPO. Die Fra­ge, wel­che Vergütungs­ord­nung auf das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei- - 8 -
2.Die Kla­ge ist auch be­gründet.Die Be­klag­te ist nach den Grundsätzen der be­trieb­li­chen Übung ver­trag­lich ver­pflich­tet, die Kläge­rin in An­wen­dung der Vergütungs­ord­nung des TVöD zu vergüten.
a) Ei­ne be­trieb­li­che Übung ent­steht durch ein gleichförmi­ges und wie­der­hol­tes Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers, das den In­halt der Ar­beits­verhält­nis­se ge­stal­tet und ge­eig­net ist, ver­trag­li­che Ansprüche auf ei­ne Leis­tung zu be­gründen, wenn und so­weit Ar­beit­neh­mer oder Be­triebs­rent­ner aus dem Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers schließen durf­ten, ih­nen wer­de ei­ne ent­spre­chen­de Leis­tung auch künf­tig gewährt. Auf die sub­jek­ti­ven Vor­stel­lun­gen des Ar­beit­ge­bers und da­mit auf die in­ter­ne Wil­lens­bil­dung kommt es nicht an. Ent­schei­dend ist, ob die Ar­beit­neh­mer dem Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers ei­nen Ver­pflich­tungs­wil­len ent­neh­men können. Da die be­trieb­li­che Übung zu ty­pi­sier­ten Leis­tungs­be­din­gun­gen führt, ist das Ver­hal­ten des Ar­beit­ge­bers los­gelöst von den Umständen des Ein­zel­fal­les nach ob­jek­ti­ven Kri­te­ri­en aus­zu­le­gen (BAG 31.7.2007 -3AZR 189/06- AP Nr. 79 zu § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung).
b) Die Be­klag­te hat auch nach dem Aus­schluss aus dem Ar­beit­ge­ber­ver­band ih­ren Ar­beit­neh­mern Loh­nerhöhun­gen ent­spre­chend den Ta­rif­ab­schlüssen im öffent­li­chen Dienst zum 1.4.1999, 1.8.2000, 1.9.2001, 1.3.2003 und 1.3.2004 gewährt. Da­mit liegt ein wie­der­hol­tes und gleichförmi­ges Ver­hal­ten vor.
c)Aus die­sem Ver­hal­ten durf­ten die Ar­beit­neh­mer, de­ren Ar­beits­ver­trag wie der der Kläge­rin ei­ne um­fas­sen­de Ver­wei­sungs­klau­sel auf die Be­stim­mun­gen des BAT so­wie die die­sen je­weils ergänzen­den, ändern­den oder er­set­zen­den Ta­rif­ver­ein­ba­run­gen enthält, un­ter Berück­sich­ti­gung der ob­jek­ti­ven Umstände schließen, die Be­klag­te wer­de un­ge­ach­tet ih­rer nicht mehr ge­ge­be­nen Ta­rif­bin­dung die Vergütung ta­rif­ge­recht ent­spre­chend der vor­mals be­ste­hen­den Ta­rif­bin­dung vor­neh­men.
aa)Zu­tref­fend ist, dass nach der Recht­spre­chung des BAG (z.B. 16.1.2002 -5 AZR 715/00- EzA § 4 TVG Ta­rif­loh­nerhöhung Nr. 37; 3.11.2004 -5 AZR 622/03- EzA § 242 BGB Be­trieb­li­che Übung Nr. 4) die wie­der­hol­te An­pas­sung von Löhnen und Gehältern in der Ver­gan­gen­heit in der Re­gel oh­ne das Vor­lie­gen deut­li­cher An­halts­punk­te nicht den Schluss zulässt, ein nicht ta­rif­ge­bun­de­ner Ar­beit­ge­ber wol­le auf Dau­er die von den Ta­rif­ver­trags­par­tei­en aus­ge­han­del­ten Ta­rif­loh­nerhöhun­gen über­neh­men. Der­ar­ti­ge deut­li­che An­halts­punk­te lie­gen im Streit­fall bei ei­ner Aus­le­gung des Ver­hal­tens der Be­klag­ten nach ob­jek­ti­ven Kri­te­ri­en aber vor.
bb)Bei die­ser Aus­le­gung ist maßgeb­lich der In­halt des Ak­ti­en­kauf­ver­trags, na­ment­lich § 5 II Ziff. 5 des Ver­tra­ges zu berück­sich­ti­gen.
Die­se ver­trag­li­che Re­ge­lung be­legt, dass den Ver­trags­par­tei­en des Ak­ti­en­kauf­ver­trags und da­mit auch der (sei­ner­zei­ti­gen) Mehr­heits­ak­ti­onärin der Be­klag­ten be­kannt war, dass ein Ver­bleib der Be­klag­ten im ein­schlägi­gen Ar­beit­ge­ber­ver­band zu­min­dest frag­lich, wenn nicht gar aus­ge­schlos­sen war. Die ver­trag­li­che Re­ge­lung soll­te ge­ra­de den Kon­se­quen­zen, die sich –trotz in­so­weit ein­deu­ti­ger For­mu­lie­rung der ar­beits­ver­trag­li­chen Be­zug­nah­me­klau­sel- aus der frühe­ren Recht­spre­chung des BAG (vgl. da­zu nur BAG 18.11.2009 -4 AZR 514/08- EzA § 3 TVG Be- - 10 -
d) Dem­nach ent­stand zu­guns­ten der Kläge­rin un­ter dem Ge­sichts­punkt der be­trieb­li­chen Übung ein ver­trag­li­cher An­spruch des In­halts, ent­spre­chend der Vergütungs­ord­nung des BAT nach Maßga­be ih­rer Ein­grup­pie­rung vergütet zu wer­den. Durch die Er­set­zung des BAT durch den TVöD ist die­se ver­trag­li­che Re­ge­lung lücken­haft ge­wor­den. Ent­spre­chend der Recht­spre­chung des BAG (z.B. Ur­teil vom 25.8.2010 -4 AZR 14/09-, AP Nr 21 zu § 1 TVG Ta­rif­verträge: Arzt) ist ei­ne ergänzen­de Ver­trags­aus­le­gung da­hin­ge­hend ge­bo­ten, dass die Ver­trags­par­tei­en für den Fall der hier vor­lie­gen­den Ta­rif­suk­zes­si­on das nach­fol­gen­de ta­rif­li­che Vergütungs­re­ge­lungs­werk des öffent­li­chen Diens­tes ver­ein­bart hätten.
e) Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten steht die­ser Aus­le­gung des In­halts der be­trieb­li­chen Übung das Ur­teil des EuGH vom 18.7.2013 (C-426/11 Alemo-Her­ron) nicht ent­ge­gen. Vor­lie­gend ist es nicht zu ei­nem Be­triebsüber­gang ge­kom­men. Zu­dem hat vor­lie­gend die Be­klag­te selbst den Rechts­akt in Form der be­trieb­li­chen Übung ge­setzt, der zu ih­rer Bin­dung an die Vergütungs­struk­tur des öffent­li­chen Diens­tes führt.
f)Der durch die be­trieb­li­che Übung ge­stal­te­te In­halt des Ar­beits­ver­trags ist nicht ver­trag­lich ab­geändert wor­den. Ei­ne aus­drück­li­che Ände­rung der durch be­trieb­li­che Übung ent­stan­de­nen ver­trag­li­chen Re­ge­lung ist nicht er­folgt. Die Tat­sa­che, dass die Kläge­rin ei­ne Vergütung nach Maßga­be der seit 2005 ein­ge­tre­te­nen Erhöhun­gen der Ta­rif­gehälter bis zum Jah­re 2012 nicht gel­tend ge­macht hat, ist un­er­heb­lich. Die Rechts­fi­gur der sog. Ge­genläufi­gen be­trieb­li­chen Übung wur­de vom Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG 18.3.2009 -10 AZR 281/08- EzA BGB 2002 § 242 Be­trieb­li­che Übung Nr. 9) mit über­zeu­gen­der Be­gründung auf­ge­ge­ben. Das Schwei­gen der Kläge­rin auf die Nicht­zah­lung ta­rif­lich erhöhter Vergütung kann auch nicht als kon­klu­den­te An­nah­me ei­nes ent­spre­chen­den An­ge­bots der Be­klag­ten auf Ver­tragsände­rung ge­wer­tet wer­den (vgl. BAG 25.11.2009 – 10 AZR 779/08- EzA § 242 BGB 2002 Be­trieb­li­che Übung Nr 11). Die Be­klag­te geht – wie das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren be­legt- da­von aus, ver­trag­lich über­haupt nicht ge­bun­den zu sein. Aus ih­rer Sicht be­stand da­her kei­ne Ver­an­las­sung zu ei­nem Ver­tragsände­rungs­an­ge­bot.
3.In An­wen­dung des in­so­weit ein­schlägi­gen TVÜ-VKA ist die Fest­stel­lungs­kla­ge der Kläge­rin hin­sicht­lich der in An­wen­dung zu brin­gen­den Ent­gelt­grup­pe be­gründet und die Be­ru­fung da­mit oh­ne Er­folg.
4.Die Kla­ge ist auch mit dem Zah­lungs­an­trag be­gründet. Die Dif­fe­renz der tatsächlich von der Be­klag­ten er­hal­te­nen Vergütung und der­je­ni­gen in An­wen­dung der Ent­gelt­grup­pe 4a, Stu­fe 5, be­trug im gel­tend ge­mach­ten Zeit­raum März bis Sep­tem­ber 2012 mo­nat­lich 120,03 EUR, ins­ge­samt al­so 840,21 EUR brut­to, Hin­sicht-lich der Be­rech­nung der Vergütungs­dif­fe­renz wird auf die Ausführun­gen der Kläge­rin in ih­rem Schrift­satz vom 22.10.2012 Be­zug ge­nom­men, de­nen die Be­klag­te nicht wei­ter ent­ge­gen­ge­tre­ten ist. Der gel­tend ge­mach­te Zins­an­spruch folgt aus §§ 286 Abs. 2 Nr. 1, 288 BGB.
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