Source: https://studylibde.com/doc/7285662/%C3%A4rztliche-ethik-in-der-medizinischen-forschung-am-menschen-1
Timestamp: 2019-07-19 17:29:54
Document Index: 351134921

Matched Legal Cases: ['Art. 28', 'Art. 30', 'Art. 28', 'Art. 83', 'Art. 3', '§ 15', '§ 40', '§ 20']

Ärztliche Ethik in der medizinischen Forschung am Menschen 1
Ärztliche Ethik in der medizinischen Forschung am Menschen
im Spiegel der Deklaration von Helsinki und der Berufsordnungen
Vortrag, gehalten am 10. Mai 2014
auf dem 14. Symposium der Berliner Stiftung für Dermatologie in Berlin
1. Humanärztliche Ethik......................................................................................................................... 1
2. Wie können wir wissen, was „ethisch“ ist? ........................................................................................ 2
a) Der Eid ................................................................................................................................................................................................2
b) Geschriebene Standesregeln ....................................................................................................................................................2
3. Eigenarten geschriebener Ethik ........................................................................................................ 3
a) Mindeststandards ..........................................................................................................................................................................3
b) Leitlinien, keine Einzelfallentscheidung .............................................................................................................................3
c) Verfallsdaten ....................................................................................................................................................................................3
d) Gewillkürte Grenzziehungen und -überschreitungen ..................................................................................................4
Grenzziehung ...................................................................................................................................................................4
Grenzüberschreitung ...................................................................................................................................................4
4. Die Überführung der Ethik ins Recht ................................................................................................. 6
a) Der Bedarf .........................................................................................................................................................................................6
b) Die Technik ......................................................................................................................................................................................6
Verweis ...............................................................................................................................................................................6
Übernahme .......................................................................................................................................................................7
c) Gemeinsamkeiten ..........................................................................................................................................................................8
d) Unterschiede ...................................................................................................................................................................................8
5. Zerbröselung der Ethik durch Verrechtlichung ................................................................................ 8
a) Regionale Zerbröselung ..............................................................................................................................................................9
(1) National: der Bundesstaat .................................................................................................................................................9
(2) International ............................................................................................................................................................................9
c) Bereichsspezifische Zerbröselung .........................................................................................................................................9
6. Folgerungen und Wünsche ................................................................................................................. 9
1. Humanärztliche Ethik
Ethik meint Regeln, die unser Verhalten in dieser Welt und unsere Einstellung zu dieser
Welt und zu den anderen betreffen. Sie erlauben, gebieten und verbieten, was sich im
Interesse des gesitteten Auskommens und Überlebens aller von selbst versteht und
deswegen weder des Nachweises noch der Sanktion bedarf. Wir folgen diesen Regeln,
weil wir meinen, es sei gut so, wenn wir alle es täten, und sind aus demselben Grunde
geneigt, ihre Nichtbefolgung durch uns oder andere zu verurteilen. Wir akzeptieren, daß
Pestalozza – Ärztliche Ethik in der medizinischen Forschung am Menschen – Vortrag 10. Mai 2014
ihre Anforderungen hoch und nicht bequem sind, wir würden nicht akzeptieren, daß sie
uns regelhaft überfordern. Sie sind konsensfähig (und friedensstiftend), weil sie uns einleuchten und wir sie erfüllen können.
In dem Maße, in dem wir Besonderes tun oder können, treten zu den allgemeinen Verhaltensregeln besondere hinzu, die von uns mehr oder anderes erwarten als von denen, die
nichts oder etwas anderes Besonderes tun oder können. Auch sie leuchten von selbst ein,
sowohl drinnen wie draußen.
Alles davon gilt auch für die Ärzte und deren Forschung am Menschen, um die es auch heute
vormittag geht und deren Leistungen Sie zu Recht dankbar und zugleich erwartungsfroh
Neun ethische Regeln für den Beruf des Humanarztes meint der Nichtarzt erkennen zu können, je drei in drei Gruppen.
Erste Gruppe, der Arzt: Er muß
1. sein Potential ausschöpfen, erhalten und in den Dienst der anderen stellen,
2. unabhängig und unbestechlich sein,
3. seinen Beruf als nicht gewerblich begreifen.
Zweite Gruppe, der Arzt und sein Patient: Der Arzt muß
1. helfen, nicht schaden, insbesondere nicht töten wollen,
2. aufklären und überzeugen, nicht überreden wollen,
3. seinen Patienten als Person ohne Ansehung der Person respektieren.
Dritte Gruppe, der Arzt und die Welt: Der Arzt muß
1. die Schöpfung achten und nicht verändern wollen,
2. sich von der Not der anderen leiten lassen,
3. seine Person hinter seine Aufgabe stellen.
In diesen Regeln sind für die Forschung des Arztes am Menschen drei weitere Regeln bereits angelegt:
1. Der Arzt ist frei zu forschen; er ist nicht bedingungslos frei, am Menschen zu
2. Seine Forschung am Menschen muß den Menschen nutzen können,
3. Seine Forschung am Menschen muß, wenn sie verletzen kann, unumgänglich
und konsentiert sein.
2. Wie können wir wissen, was „ethisch“ ist?
a) Der Eid
Einiges von derartigen und anderen Regeln scheint im Eid auf, den alle von Ihnen geleistet
haben oder noch leisten werden. Seine Formel verdanken wir Ärzten; sie spiegelt das
konsentierte Selbstverständnis des Standes, aber sie ist zu kurz, um mehr als ein gebündeltes Versprechen zu sein, das auf Anderes und Genaueres verweist.
b) Geschriebene Standesregeln
Dieses Andere und Genauere findet sich in weiteren und ausführlicheren Dokumenten,
am authentischsten in solchen Dokumenten, die von der Ärzteschaft selbst stammen – wie
in der Deklaration des Weltärztebundes von Helsinki 1964 , am verläßlichsten in solchen
Dokumenten, die zudem die Billigung der Nichtärzte gefunden haben. Der Gefahr einer
ethischen Selbstunterforderung sind viele von uns ausgesetzt, und dann ist es gut, wenn
die von uns selbst gesetzten Regeln auch von anderen, die sie nicht einhalten müssen,
aber von ihrer Einhaltung und Nichteinhaltung betroffen sein können, für gut befunden
worden sind – so wie die von den zuständigen Landesbehörden genehmigten Berufsordnungen unserer 17 Ärztekammern.
3. Eigenarten geschriebener Ethik
Vier Eigenarten geschriebener Ethik-Regeln fallen ins Auge.
a) Mindeststandards
Erstens: Typischerweise setzen diese Regeln Mindeststandards. Sofern sie nicht ein bestimmtes Verhalten vorschreiben und nur es zulassen, erlauben sie, sie an ethischer
Strenge zu übertreffen. Deswegen sind sie auch für die akzeptabel, die an sich und andere
höhere als die geschriebenen Anforderungen stellen.
b) Leitlinien, keine Einzelfallentscheidung
Zweitens: Weil sie, wenn sie weithin gelten wollen, knapp und allgemein formuliert sein
müssen, nehmen sie dem Arzt nicht in jedem Einzelfall eine eigenständige und höchstpersönliche ethische Entscheidung und mit ihr das Risiko der Fehlentscheidung ab. Sie
sagen, er soll nicht töten, aber sie sagen nicht, wann er es dennoch darf oder sogar sollte.
Sie sagen, er darf ein placebo einsetzen, wenn Risiko und Belastung gering sind, aber sie
sagen weder, was das heißt, noch, ob für diesen Patienten das eine oder andere oder
beides zutrifft.
c) Verfallsdaten
Drittens: Man sollte denken, ethische Regeln, jedenfalls die für den Umgang des Arztes
mit Menschen, gelten ein für allemal – d.h. nicht nur für alle Fälle, sondern auch für alle
Zeiten. Ihre Überzeugungskraft verdanken sie ja auch dem Eindruck ihrer Unverbrüchlichkeit. Aber die ist, schaut man genauer hin, nur eine vorbehaltliche. Alle DokumentAutoren behalten sich oder den Späteren die Möglichkeit der Änderung des Dokuments
vor. Die, die sich an das Dokument halten sollen, müssen darauf gefaßt sein, daß die
ethischen Mindeststandards gesenkt, gehoben, erweitert, begrenzt werden. Für denjenigen, der ein langes Berufsleben hat, kann dies eine Herausforderung sein, weil er nicht
jede Änderung als Verbesserung empfinden wird. Den Berufsneuling mag die wechselhafte Geschichte des Dokuments, auf das er verpflichtet wird, weniger stören.
So ist die weithin angesehene Deklaration von Helsinki des Weltärztebundes aus dem
Jahre 1964 zur ärztlichen Ethik in der medizinischen Forschung am Menschen unterdessen neunmal, zuletzt – eher kosmetisch – im Oktober 2013, revidiert worden, immer mit
dem Anspruch, es gelte die jeweils letzte Fassung. Unsere Kammer-Berufsordnungen für
Ärzte sind nicht beständiger, in den letzten anderthalb Jahrzehnten sind sie bis zu siebzehnmal (Niedersachsen) geändert worden, in Berlin elfmal.
Je häufiger solche Änderungen vorgenommen werden, je öfter sie denselben Gegenstand
betreffen, um so geringer werden die Überzeugungskraft des Dokumentes und die Gewißheit, es gehe um Ethik. Die schiere Häufigkeit erregt unseren Argwohn, weil wir zu denken
geneigt sind, daß Ethik nicht altert und Neues kaum hinzukommt; warum also sollten alte
Regeln abgeschafft oder geändert, warum neue hinzugenommen werden? Und ein Hin
und Her in einem Themenbereich – Beispiele: placebo, Einwilligung nach Aufklärung,
Einbeziehung besonders verletzlicher Gruppen – verstärkt diesen Argwohn noch und läßt
uns fragen, wie das eine eine zeitlang „ethisch“ oder unethisch sein konnte und das andere
d) Gewillkürte Grenzziehungen und -überschreitungen
Viertens: Eine Eigenart, vielleicht auch Schwäche, der Dokumente ärztlicher Ethik liegt in
ihren gewillkürten Grenzziehungen und -überschreitungen. Ich nenne sie gewillkürt, weil
sie sich nicht aus der Ethik, sondern aus anderen Umständen erklären.
(1) Grenzziehung
Die häufigste Grenzziehung dieser Art liegt in der Regionalisierung: Dokumente ärztlicher
Ethik stoßen trotz des grundsätzlichen Anspruchs der in ihnen enthaltenen Regeln,
allgemein zu gelten, regelmäßig auf territoriale Grenzen. Die Berufsethik kennt derartige
Grenzen an sich nicht von Haus aus. Beispiele:
Die Berufsordnung der Ärztekammer Berlin gilt für ihre Mitglieder, nicht auch für andere,
und die Mitgliedschaft erklärt sich aus terrritorialer Verknüpfung des Arztes mit dem
Kammerbezirk Berlin (Berufstätigkeit oder Wohnsitz).
Die Konvention des Europarates über Menschenrechte und Biomedizin von 1997 (in Kraft
getreten 1999) gilt – ungeachtet der Verallgemeinerungsfähigkeit ihres Inhalts – für
diejenigen Staaten und Organisationen, die sie ratifizieren. 29 Mitglieder von 47 – darunter aus nicht besonders überzeugenden Gründen nicht Deutschland – haben sie ratifiziert. Das Zusatzprotokoll des Europarates von 2005 (in Kraft getreten 2007), betreffend
Biomedizinische Forschung, ist bislang von nur 9 Mitgliedern – wiederum nicht auch
Deutschland – ratifiziert worden. Beide überaus wichtigen und weithin überzeugenden
Dokumente gelten also bei weitem nicht einmal Europarats-weit.
Die Deklaration des Weltärztebundes von Helsinki gilt (in welchem Sinne auch immer),
obwohl für ärztliche Forschung am Menschen weltweit gedacht, für die 106 Standesorganisationen, die Mitglied des Weltärztebundes sind, darunter auch solche Organisationen, die bei weitem nicht die gesamte Ärzteschaft ihres Landes repräsentieren.
Die territorialen Grenzen, die all diesen Dokumenten gesetzt sind, haben ihre natürliche
Erklärung in der Begrenztheit der Regelsetzungsgewalt ihrer Autoren. Sie sind dennoch
gewillkürt, weil sie sich nicht (oder doch kaum) aus dem Inhalt der Regeln ergeben. Und
in dem Maße, in dem Inhalt und Geltung auseinanderklaffen, schwächen sie die innere
Autorität der Texte.
(2) Grenzüberschreitung
Gleichzeitig – und gewichtiger – leiden die Dokumente mehr oder weniger an Grenzüberschreitungen.
Sie sind am deutlichsten bei der Deklaration von Helsinki des Weltärztebundes, wo sie drei
unterschiedliche, aber gleicherweise irritierende Gestalten annehmen.
Erstens: Die Deklration verlangt vom Arzt stellenweise mehr, als er gewöhnlich leisten
kann. Beispiele: Die Nachversorgung des Studienteilnehmers nach Beendigung der Studie
(Post Trial Provisions, Ziff. 33 Deklaration) ist nichts, was der Arzt allein oder vor allem
bewirken kann, gelegentlich sogar etwas, was alle von Ziff. 33 Angesprochenen
zusammen nicht leisten können. Oder: Der Arzt kann (entgegen Ziff. 20 Satz 2)
regelmäßig nicht garantieren, daß die teilnehmende vulnerable group Nutzen aus den
Ergebnissen der Studie zieht. Oder: Ob eine Ethik-Kommission einzuschalten ist (Ziff. 23),
wenn ja welche und mit welchen Funktionen, hängt nicht vom Arzt ab. Er kann eine solche
Kommission nicht einberufen und für zuständig erklären. Oder: Einen individuellen
Heilversuch nachträglich zum Thema einer klinischen Studie zu machen (Ziff. 35), liegt
regelmäßig nicht in der Hand des den Einzelpatienten behandelnden Arztes.
Zweitens: Die Deklaration verlangt vom Arzt stellenweise mehr, als er – nach geltendem
Recht – leisten muß. Zwar gibt sie ihm auf, andere nationale und internationale Regeln zu
beachten, doch dürften diese, so sagt sie, den Schutzstandard der Deklarationff nicht
unterschreiten. Tun sie es, darf er m.a.W. diese Unterschreitung nicht nutzen. Damit
schreibt die Deklaration zwar nicht den Rechtsbruch im Konfliktsfall vor, doch sucht sie
dem Arzt Forschungsprivilegien zu nehmen, die ihm andere Regelungen, insbesondere
das Recht, gewähren.
Diese Anmutung ist allerdings verständlich und angebracht, soweit die Deklaration nur
Mindeststandards setzt und diese nun von jenen anderen Regelungen unterschritten
werden. Beispiel: Die EU-Verordnung über Klinische Prüfungen mit Humanarzneimitteln
vom 16. April 2014, die Mitte 2016 in Kraft sein wird, läßt (in Art. 28 Abs. 2) den „broad
consent“ für die Verwertung der Teilnehmerdaten außerhalb des Prüfplans der klinischen
Prüfung und (in Art. 30) in bestimmten Fällen ein vereinfachtes Zustimmungsverfahren
zu. Beides unterschreitet das Niveau sowohl der bisher geltenden EU-Richtlinien von
2001 und 2005 als auch der Deklaration (zum broad consent vgl. dort Ziff. 32). Was den
„broad consent“ anlangt, eröffnet allerdings der letzte Satz des Art. 28 Abs. 2 mit seinem
Verweis auf den Datenschutz die Chance, daß die vor der Verabschiedung stehende, im
März bereits durch das Europäische Parlament grundsätzlich gebilligte Allgemeine
Datenschutzverordnung (speziell Art. 83) zu Eingrenzungen führt. Für den forschenden
Arzt, der das bisher geltende consent-Niveau nicht unterschreiten will, bleibt, wenn er
nicht zugleich Sponsor der Studie ist und der Sponsor von den neuen Möglichkeiten
Gebrauch machen will, nur die Wahl, sich an der Studie nicht zu beteiligen oder seine
Ansprüche zurückzustellen; der Appell der Deklaration bleibt dann wirkungslos.
Drittens: Die Deklaration stellt Anforderungen nicht nur an den forschenden Arzt,
sondern auch an andere an der Forschung Beteiligte wie Sponsoren, nichtärztliches Personal, Kontrolleure (Ethik-Kommissionen) und Rechtsetzer. Dafür hat der Weltärztebund, wie er weiß und zugesteht (Ziff. 2), kein Mandat, aber das hindert ihn nicht. Beispiele finden sich etwa ausdrücklich in Ziff. 9 und 12 (Verantwortung von „other health
care professionals“ für den Schutz der Studienteilnehmer), 23 (Ethik-Kommissionen), 34
(Veranwortung von „sponsors, researchers and host country governments“ für post-trial
access der Studienteilnehmer zu Interventionen, die sich während der Studie als nützlich
erwiesen haben) und 36 (Verantwortung von „researchers, authors, sponsors, editors
and publishers“ für die Veröffentlichung und Verbreitung der Studienergebnisse) sowie
der Sache nach (also ohne einzelne Adressaten zu nennen, aber nicht nur die Ärzte
meinend) in Ziff. 11 (Verantwortung für die Umwelt), 13 (Einbeziehung unterrepräsentierter Gruppen in die Studie) und 15 (Schadensersatz und Behandlung verletzter Studienteilnehmer).
4. Die Überführung der Ethik ins Recht
Wenden wir uns nun der Überführung der Ethik ins Recht, ihrem Bedarf und ihren Techniken, zu.
Erstens, der Bedarf für Verrechtlichung. Ethische Regeln, auch solche, die jedem einsichtig
sind, werden gelegentlich gebrochen. Sie selbst sanktionieren den Regelbruch nicht.
Wenn uns daran gelegen ist, daß die Regeln eingehalten werden, müssen wir uns also um
ethik-externe Sanktionen kümmern. Sie können dazu beitragen, daß wir uns erstens vergewissern, welche Regeln überhaupt existieren, und daß wir zweitens der Versuchung,
sie zu brechen, widerstehen.
Darum kümmert sich das Recht. Es übernimmt alle oder ausgewählte Ethik-Regeln und
sanktioniert ihre Nichtbeachtung. Es konstituiert die Regeln nicht, aber es schützt sie.
Zweitens die Technik der Verrechtlichung. Wie gelangt die Ethik der ärztlichen Forschung
am Menschen ins Recht?
Zwei Verfahren sind geläufig und äußerlich unterscheidbar: der Verweis und die Übernahme.
Erstens der Verweis. Hier nennt der Rechtstext den Ethik-Text bei seinem Namen und
erklärt ihn, ohne den Text zu wiederholen, für auch rechtlich beachtlich. Diese Ehre
widerfährt vor allem (wenn auch nicht überall und nicht nur) der Deklaration. Beispiele:
(a) An erster Stelle sind die Bestimmungen der Europäischen Union zu nennen. Sie erfassen
wegen der Begrenztheit der Zuständigkeit der EU im Humanforschungsbereich nicht das
gesamte Terrain, wohl aber die besonders bedeutsamen Ausschnitte Arzneimittel und
Zur Arzneimittelforschung: Die RL 2001/20/EG (Erwägungsgrund (2)) nennt die
Deklaration von Helsinki in der Fassung von 1996 als beispielgebend. Die RL 2001/83/EG
(Anhang I Teil 4 B 1.1. Satz 1) verpflichtet deutlicher, alle klinischen Studien im Einklang
mit den in der geltenden revidierten Fassung der Erklärung von Helsinki niedergelegten
ethischen Grundsätzen durchzuführen, RL 2005/28/EG (Art. 3 Abs. 2) erklärt ausdrücklich (und statisch) die Version von 1996 für maßgeblich. Und jüngst verweist die EUVerordnung vom 16. April 2014 einmal (Erwägungsgrund (43)) auf die Deklaration als
Ursprung der Grundsätze, auf denen die maßgeblichen ICH-Leitlinien beruhten, und
erklärt zum anderen (Erwägungsgrund (80)), sie, die Verordnung, entspreche der Fassung 2008 der Deklaration und der guten klinischen Praxis, die dort ihren Ursprung habe.
Zur Medizinprodukteforschung: RL 93/42/EG (Anhang X 2.2) verwies zunächst auf die
Deklaration von Helsinki i.d.F. von 1989, seit 2007 verweist sie auf die „letzte vom Weltärztekongreß geänderte Fassung“. Die für aktive implantierbare Geräte geltende RL
90/385/EG verweist (Anhang 7 2.2) auf die Fassung der Deklaration von 1983. Der
aktuelle Entwurf einer EU-Medizinprodukte-Verordnung verweist auf die aktuelle
Fassung der Deklaration (Erwägungsgrund (47)) bzw. (Anhang XIV 1) auf die Version von
2008 als die seinerzeit (2012) aktuellste Fassung.
Diese Verweise sind auch für das nationale Recht der Mitgliedstaaten maßgeblich, also für
deren Arzneimittel- und das Medizinprodukterecht.
(b) An zweiter Stelle nenne ich die Berufsordnungen der Ärztekammern, die sich auf der
Grundlage der Heilberufe- und Kammergesetze der Länder auch der Forschung der Ärzte
am Menschen annehmen und sie (in ihrem § 15) übereinstimmend speziell auf die Beachtung der Deklaration von Helsinki verpflichten. Die Kammern Berlin, Bremen, Nordrhein
und Rheinland-Pfalz nennen keine bestimmte Fassung, die anderen Kammern die von
2008. Zusätzliche eigene Forschungsmaßstäbe enthalten die Berufsordnungen – anders
als die soeben genannten EU- und Bundesnormen – kaum. Was einige von ihnen zur
Publikation von Forschungsergebnissen, zur Schweigepflicht oder zu Interessenkonflikten des forschenden Arztes zu sagen haben, findet sich mehr oder weniger bereits in
der Deklaration. Zusätzlich schreiben alle Berufsordnungen, wiederum Anforderungen
der Deklaration wiederholend, eine berufsrechtliche und -ethische Beratung durch eine
Ethik-Kommission vor, nehmen von dieser Beratungspflichtigkeit – nicht auch stets von
der Verpflichtung auf die Deklaration – allerdings (in unterschiedlichem Maße) bestimmte, offenbar für harmlos gehaltene Forschungsvorhaben aus.
Ich erwähne am Rande, daß das Nebeneinander der Beratungsregelung und der Verpflichtung des Arztes auf die Deklaration in den Berufsordnungen zwei Widersprüche
birgt: Erstens nehmen die Berufsordnungen, wie gesagt, anders als die Deklaration bestimmte Forschungsvorhaben von der Beratungspflichtigkeit aus, zweitens kennen sie
zwar eine Beratungspflichtigkeit, aber keine Zustimmungspflichtigkeit. Beides widerspricht der Deklaration. Der forschende Arzt kann aus eigenem derlei Widersprüche nicht
(c) Wenn der Verweis des Rechtstextes auf den Ethik-Text durch eigene (gleichsinnige
oder abweichende) Regelungen des Rechtstextes ergänzt wird – wie insbesondere im
Falle des EU-Rechts –, so hat der in Bezug genommene Ethik-Text vor allem die Aufgabe,
Lücken des Rechtstextes zu füllen oder in Zweifelsfällen die Auslegung des Rechtstextes in
eine bestimmte Richtung zu lenken. Vielleicht wichtigstes Beispiel: Voraussetzungen und
Grenzen des Einsatzes von placebo. Die Rechtstexte wissen von ihnen natürlich, aber sie
reden von ihnen nicht. Soweit der Einsatz von placebo wissenschaftlich für unumgänglich
gehalten wird, wird ihr Schweigen nicht als Verbot, sondern als Lücke gedeutet. Sie wird
von den Ethik-Texten gefüllt, auf die die Rechtstexte verweisen.
(2) Übernahme
Die zweite Variante der Verrechtlichung, die Übernahme (Rezpetion, Inkorporierung)
besteht darin, daß der Rechtstext den Ethik-Text inhaltlich übernimmt, ohne seinen Namen zu nennen. Beispiele: Die Regelungen des Arzneimittelgesetzes und des Medizinproduktegesetzes zu den allgemeinen und besonderen Voraussetzungen klinischer Prüfungen am Menschen (§§ 40-42b AMG, §§ 20-24 MPG) entsprechen in weiten Bereichen
inhaltlich dem, was die Deklaration von Helsinki fordert. Der deutsche Gesetzgeber hat
sich inhaltlich deutlich an der Deklaration orientiert, wegen der zuvor schon erwähnten
Bezugnahme des vorrangigen Europäischen Rechts auf die Deklaration auch orientieren
Gemeinsam sind beiden Techniken, dem Verweis und der Übernahme, die Überlegung der
Rechts-Autoren, daß es lohnenswert und richtig ist, sich den Ethik-Text zu eigen zu machen, und die Wirkung der Rezeption, die in der Verdoppelung des so oder so übernommenen Textes (Er bleibt Ethik-Text und wird zusätzlich Rechts-Text) besteht.
d) Unterschiede
Zugleich gibt es Unterschiede beider Verrechtlichungstechniken, die beträchtlich sein
Die Übernahme (die Rezeption) des Ethik-Textes hat den Vorzug der Eindeutigkeit und
Zugänglichkeit. Der Leser erkennt zwar nicht die ursprüngliche Quelle, wohl aber ohne
weiteres den Inhalt dessen, was gelten soll (und das ist ja das, worauf es ankommt).
Der bloße Verweis auf den Ethik-Text bereitet mehr Mühe und ist unter Umständen mehrdeutig.
Die Mühe für den Leser: Er muß den Ethik-Text aufsuchen, denn er liegt dem Rechtstext
nicht bei. Wenn zudem auf die „ethischen Grundsätze“ im Ethik-Text verwiesen wird,
kommt die Unsicherheit hinzu, ob, wenn ja: welche Teile des Ethik-Texte wohl vom Verweis ausgenommen sein mögen.
Die Mühe für den Verweiser, also den Rechtsetzer: Er muß sich anfangs entscheiden, auf
welche Version des Ethik-Textes er verweisen will, und später, ob er diese Version gegen
eine neuere austauschen möchte.
Die Mehrdeutigkeit des Verweises:
Erstens, wenn der Ethik-Text mehrere Versionen kennt und der Rechtstext (wie z.B. in
Berlin) die eben genannte Mühe scheut, also keine von ihnen benennt, ist undeutlich,
welche von ihnen er meint: die für den Leser aktuelle (heute also, wenn wir an die Deklaration denken, die von 2013) oder die zur Zeit der Verabschiedung des Rechtstextes
geltende (in Berlin zum Beispiel also die von 2008). Der Unterschied kann, je nachdem,
worum es geht, gewichtig sein. Das vielleicht markanteste Beispiel liefert der Einsatz von
placebo; die Version von 1996 (die für unser Arzneimittelrecht bis 2016 maßgeblich ist)
sieht ihn nicht unerheblich strenger als die folgenden Versionen 2002, 2008 und 2013.
Zweitens, auf welche Sprache verweist der Rechtstext, wenn der Ethik-Text mehrsprachig
daherkommt? Im Falle der Deklaration: Der ursprünglich von der Generalversammlung
angenommene Text ist englisch; spanische und französische Fassungen werden
nachträglich gefertigt und gelten dann ebenfalls als „offiziell“; die deutsche Übersetzung
ist und bleibt, wie kompetent auch immer, privat. Wir wissen, daß die Sprach-Fassungen
nicht immer übereinstimmen. Was also gilt aufgrund des Verweises?
5. Folgen: Die Zerbröselung der Ethik durch Verrechtlichung
Die Überführung der Ethik ins Recht auf die eine oder andere Weise begünstigt ihren
Zerfall und mindert ihre Verläßlichkeit. Daß sich im Laufe der Zeit manches ändert oder
von Beginn an regionale Unterschiede kennt, ist auch aus der Ethik vertraut und nicht nur
dem Recht zu eigen. Aber die Verrechtlichung kann zusätzlich zu einer Art der Zerbröselung der Ethik führen, die nur das Recht, nicht auch die Ethik zu verantworten hat.
a) Regionale Zerbröselung
(1) National: der Bundesstaat
National wird diese Zerbröselung vor allem durch bundesstaatliche Strukturen gefördert,
und zwar in zweifacher Weise. Bundestaat bedeutet Aufteilung von Zuständigkeiten zwischen Bund und Gliedern.
Die Zuständigkeit der Glieder des Bundes, bei uns der Bundesländer und in ihnen vor allem
der Landessatzungsgeber, bedeutet Chance und Risiko unterschiedlicher Rechtsgestaltung von Rechtsetzer zu Rechtsetzer. Die 17 Berufsordnungen sind ein lebhaftes Beispiel.
Wie kann es sein, daß sich der forschende Arzt unterschiedlichen ethischen Anforderungen ausgesetzt sieht, je nachdem, wo er forscht und welcher Kammer er angehört? Wie
kann es sein, daß, selbst wenn die Anforderungen von Kammerbezirk zu Kammerbezirk
übereinstimmen, sie von der jeweils für ihn zuständigen Ethik-Kommission unterschiedlich beurteilt werden können? Wie soll ein multizentrisches Vorhaben, das über einen
Kammerbezirk hinausreicht, mit beidem, den unterschiedlichen Texten und der unterschiedlichen Auslegung übereinstimmender Texte, zurechtkommen? Wie ein Arzt, der
zwei Kammern angehört?
Hinzu kommt im Bundesstaat das manchmal beziehungslose Nebeneinander von Bundesund Landeszuständigkeiten. Der Bund muß in seinem Bereich nicht darauf achten, daß er
Ethik-Standards der Länder in ihrem Bereich nicht über- oder unterschreitet, und umgekehrt sind die Länder auf ihrem Terrain frei, ohne Bedacht auf das vom Bund Geforderte
oder Erlaubte ethische Standards einzuführen oder abzuschaffen.
In vergleichbarer Weise sehen sich Einheit und Integrationskraft der Ethik gefährdet
durch das internationale Nebeneinander mehrer exklusiv zuständiger Rechtsetzer nationaler oder auch supranationaler Art.
c) Bereichsspezifische Zerbröselung
Diese regionalen Zerbröselungsfaktoren potenzieren sich, wenn einundderselbe Rechtsetzer in verschiedene Rechtsbereiche, für die er (und er allein) zuständig ist, unterschiedliche Ethik-Standards übernimmt, zu der reiognalen also eine bereichsspezifische
Zerbröseung hinzutritt. Die vorhin genannten Beispiele aus dem Recht der Europäischen
Union, das je nach Bereich bald diese, bald jene Version der Deklaration inkorporiert, sind
mißlich.
6. Folgerungen und Wünsche: Gleichmaß und Einheit des
Was folgt aus alledem? Mit Sicherheit nicht, daß auf die Verrechtlichung der Ethik verzichtet werden könnte oder auch nur sollte. Sie ist im Interesse der Ahndung des Regelbruchs unabdingbar.
Aber es folgt daraus, daß diese Verrechtlichung vereinheitlicht werden muß – idealiter so
weit, wie die Einheit der Ethik jeweils reicht.
a) Das Gleichmaß des Rechts
Dazu käme es erstens auf die Konsistenz des einzelnen Rechtsetzers an, darauf also, daß er
mit seinem Recht nicht zur Zersplitterung der Ethik beiträgt.
b) Die Einheit des Rechts
Dazu bräuchte es zweitens zusätzlich eine Verständigung der diversen autonomen
Rechtsetzer auf einen einheitlichen Rechtstext.
Das angemessene Forum dafür sind die Vereinten Nationen. Die Allgemeine Erklärung der
UNESCO über Bioethik und Menschenrechte von 2005 ist ein erster, allerdings, was Inhalt
und Verbindlichkeit anlangt, zu kleiner Schritt; auch wäre, wenn schon nicht die ganz
große Bühne der UN bemüht werden soll, vielleicht die WHO die angemessenere Plattform.
Wer pessimistischer in regionalen Kategorien denkt und plant, deswegen nicht die Welt,
sondern „nur“ Europa im Blick hat: Hier kommt dafür wegen der territorialen und inhaltlichen Begrenztheit ihrer Zuständigkeiten weniger die Europäische Union als der Europarat in Frage. Deutschland könnte dem durch einen späten Beitritt zur Biomedizin-Konvention und dem Forschungs-Zusatzprotokoll einen Schub verleihen; gerade weil das deutsche Recht die von diesen Vereinbarungen gesetzten Mindeststandards zum Teil übertrifft, könnte es andere zögernde Länder mitziehen und diejenigen, die bereits Vertragspartner sind, ermutigen, auf dem eingeschlagenen Weg fortzufahren.
Und in noch kleinerer, nationaler Münze: In unserem Bundesstaat käme es, drittens, sofern sich nicht Bund und Länder auf ein einheitlichen Vorgehen verständigen, auf eine
Verstärkung der Bundeszuständigkeiten im Bereich ärztlicher Forschung an. Ich plädiere
– nach entsprechender Grundgesetzänderung – für ein Humanforschungsgesetz des
Bundes, das bundesweit für alle Forschungsbereiche und alle Forschungsakteure (nicht
nur für den Arzt) gilt.
Daß auch die Autoren der Ethik-Texte, um die es geht, also insbesondere der Deklaration von Helsinki, einiges beitragen
könnten, um die Rechtsetzer zur Einheit und Stimmigkeit der Rechtsregeln, die ihre Ethik-Texte übernehmen oder
berücksichtigen, zu bewegen, ist ein anderes Thema. Nur soviel: Jetzt, wo wir eigentlich alle wissen, was ärztliche Ethik,
auch in der Forschung am Menschen, meint und bedeutet, sollten sie insbesondere daran denken, daß die Rechtsetzer
auf Formulierungshilfen nicht wirklich mehr angewiesen sind und dementsprechend die Wirkmacht der Arzt-Texte
sehr schnell verblassen könnte.
Wohin auch immer die Entwicklung gehen wird – und ich hoffe, sie ist nicht schon am
Ende – Ihnen, meine Damen und Herren, wünsche ich, daß Sie – gelenkt durch die ärztliche
Ethik und unter den Fittichen des wenn auch unvollkommenes Rechts – auch in Zukunft
nach Ihren Vorstellungen am Menschen und mit dem Menschen forschen wollen, können
„Die Helsinki Deklaration des Weltärztebundes – Forschungsethik