Source: https://www.proasyl.de/hintergrund/das-asylbewerberleistungsgesetz-asylblg/
Timestamp: 2019-03-24 15:23:15
Document Index: 141216647

Matched Legal Cases: ['Art 1', '§ 4', '§ 4', '§ 3', '§ 1', '§ 1', '§ 1']

Das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) | PRO ASYL
Foto: Chris Grodotzki / jib-collective
Das so genann­te »Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz« (Asyl­bLG) regelt, wel­che Sozi­al­leis­tun­gen Asyl­su­chen­de, »Gedul­de­te«, und »voll­zieh­bar Aus­rei­se­pflich­ti­ge« und ihre Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen erhal­ten. Dass all die­se Betrof­fe­nen des »Asyl­bLG« nicht schlicht die­sel­ben Sozi­al­leis­tun­gen wie ande­re unter­stüt­zungs­be­dürf­ti­ge Men­schen in Deutsch­land erhal­ten, ist Teil einer auf Abschre­ckung und Aus­gren­zung zie­len­den Flücht­lings­po­li­tik.
»Die in Art 1. Abs. 1 GG garan­tier­te Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons-poli­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren.«
Jah­re­lang erhiel­ten Flücht­lin­ge in Deutsch­land auf der Grund­la­ge des Asyl­bLG extrem nied­ri­ge Sozi­al­leis­tun­gen, die weit unter den Hartz-IV-Sät­zen lagen und über­dies jahr­zehn­te­lang ein­fach nicht an die stei­gen­den Lebens­hal­tungs­kos­ten ange­passt wur­den. Nach jah­re­lan­gem Streit hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) die­ses Unrecht am 18. Juli 2012 been­det und die gekürz­ten Leis­tun­gen für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt. Die Min­der­leis­tun­gen sei­en »evi­dent unzu­rei­chend, um das men­schen­wür­di­ge Exis­tenz­mi­ni­mum zu gewähr­leis­ten«. Auf­grund die­ses Urteils wur­den die Sät­ze ange­passt – die Betrof­fe­nen erhiel­ten für eini­ge Zeit Unter­stüt­zung auf annä­hernd Hartz-IV-Niveau.
Doch schon im Herbst 2015 begann die Bun­des­re­gie­rung, den Lebens­un­ter­halt von Flücht­lin­gen nach Asyl­bLG erneut zu beschnei­den. Für 2017 sind wei­te­re dras­ti­sche Leis­tungs­kür­zun­gen geplant. Auch die neu­er­li­chen Ein­schnit­te dürf­ten schwer in Ein­klang zu brin­gen sein mit dem Dik­tum des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts: »Die Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren.«
Über­dies bestehen die struk­tu­rel­len Pro­ble­me, die das Asyl­bLG ver­ur­sacht, wei­ter fort, zum Bei­spiel hin­sicht­lich der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung.
Leistungsan­spruch für Flüchtlinge nach dem AsylbLG
AsylbLG: Medizinische Versorgung nur im Notfall?
Flücht­lin­ge sol­len nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers nur eine medi­zi­ni­sche Not­ver­sor­gung nach §§ 4 und 6 Asyl­blG erhal­ten. In der Pra­xis füh­ren die­se Bestim­mun­gen zu gro­ßen Pro­ble­men – ange­fan­gen beim umständ­li­chen Erhalt von Kran­ken­schei­nen bis hin zur Ver­wei­ge­rung von offen­kun­dig not­wen­di­ger Behand­lung. Einen Über­blick über den genau­en Leis­tungs­um­fang gesund­heit­li­cher Vor­sor­ge und Behand­lung fin­det sich auf dem Info­por­tal der Medi­net­ze. Dort ist auch erklärt, wie die unbe­stimm­ten Rechts­be­grif­fe »aku­te Erkran­kun­gen« und »Schmerz­zu­stän­de« in der Pra­xis gehand­habt wer­den.
»Gesundheit für Geflüchtete«
Ins­be­son­de­re auf­grund der Ein­schrän­kun­gen bei der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung steht das »Asyl­bLg« seit Jah­ren in der Kri­tik. 2014 wand­ten sich zahl­rei­che Orga­ni­sa­tio­nen der medi­zi­ni­schen Flücht­lings­hil­fe mit einem Auf­ruf an den Bun­des­tag, das Asyl­bLg end­lich abs­zu­schaf­fen. Motiv: stopasylblg.de
Beson­ders pro­ble­ma­tisch ist, dass das Asyl­bLG nach wie vor dazu führt, dass sich AsylbLG-Empfänger*innen in der Regel vor einem Arzt­be­such beim Sozi­al­amt einen Kran­ken­schein abho­len müs­sen, da AsylbLG-Empfänger*innen nur in weni­gen Bun­des­län­dern eine Gesund­heits­kar­te erhal­ten. Das führt dazu, dass sich immer wie­der medi­zi­ni­sche Lai­en die Ent­schei­dung anma­ßen, ob ein behand­lungs­wür­di­ger „Not­fall“ vor­liegt oder nicht. Immer wie­der kommt es dazu, dass in Unter­künf­ten Flücht­lin­gen ver­wei­gert wird, einen Not­arzt zu rufen – in man­chen Fäl­len mit gra­vie­ren­den oder gar töd­li­chen Fol­gen.
Dis­kri­mi­nie­rung an der Kas­se: Statt Geld erhal­ten Asyl­su­chen­de vie­ler­orts sol­che Gut­schei­ne.
Zahnentfernung statt Wurzelbehandlung
Erhal­ten Betrof­fe­ne des Asyl­bLG einen Kran­ken­schein, wird die­ser durch das Sozi­al­amt mit Anmer­kun­gen für die Ärzt_innen ver­se­hen, mit­un­ter mit äußerst restrik­ti­ven Aus­le­gun­gen von § 4 Asyl­blG. Vie­le Ärzt_innen zei­gen sich in der Pra­xis ange­sichts der Geset­zes­la­ge über­for­dert, man­che ver­wei­gern selbst die Not­ver­sor­gung oder ent­schei­den sich etwa bei Zahn­schmer­zen zur Zie­hung des Zahns statt zu einer kos­ten­in­ten­si­ve­ren Wur­zel­be­hand­lung.
Für einen Fach­arzt­be­such brau­chen Flücht­lin­ge eine Über­wei­sung des All­ge­mein­arz­tes – doch bevor die Betrof­fe­nen damit den Fach­arzt auf­su­chen, müs­sen sie die Über­wei­sung dem Sozi­al­amt vor­le­gen, das prüft, ob die Kos­ten der kon­kre­ten Behand­lung über­nom­men wer­den.
Sachleistungsprinzip statt Geldzahlungen
»Es wird geges­sen was vom Amt kommt« – Pla­kat­mo­tiv von PRO ASYL
Nach § 3 Asyl­bLG gilt das »Sach­leis­tungs­prin­zip« wäh­rend der Unter­brin­gung in der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tung. Das heißt, dass der not­wen­di­ge Bedarf von Flücht­lin­gen an Ernäh­rung, Hygie­ne­ar­ti­keln, Klei­dung, etc. ihnen über Wert­gut­schei­ne oder etwa Lebens­mit­tel­pa­ke­te zur Ver­fü­gung gestellt wer­den kann. Damit nimmt das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz Men­schen das Recht, sich selbst­be­stimmt zu ernäh­ren und zu ver­sor­gen.
Leistungseinschränkungen des AsylblG
Nach § 1a Asyl­blG kön­nen die gerin­gen Leis­tun­gen wei­ter ein­ge­schränkt wer­den. Dies betrifft vor allem gedul­de­te Men­schen, denen unter­stellt wird, sie wür­den etwa durch man­geln­de Mit­hil­fe bei der Pass­be­schaf­fung ihre Abschie­bung verhindern.Auch in Fäl­len, in denen unter­stellt wird, die Per­son sei nur des­halb nach Deutsch­land geflo­hen, um Asyl­blG-Leis­tun­gen zu bezie­hen, kön­nen die Leis­tun­gen wei­ter gekürzt wer­den. 2015 hat der Gesetz­ge­ber den Kreis der Betrof­fe­nen deut­lich aus­ge­wei­tet. Die Mehr­heit der Gedul­de­ten läuft Gefahr, stark redu­zier­te Leis­tun­gen zum Leben zu erhal­ten.
Die Leis­tungs­kür­zung nach § 1a Asyl­bLG erfolgt durch eine teil­wei­se oder voll­stän­di­ge Kür­zung des Betra­ges für den per­sön­li­chen Bedarf. Aber gera­de durch die­sen Pos­ten wird das ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­te sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­um abge­deckt. PRO ASYL sieht § 1a Asyl­blG des­halb als ver­fas­sungs­wid­rig an. Auch hier gilt, was das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 2012 bezüg­lich der Leis­tungs­sät­ze fest­ge­stellt hat: Die Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren.