Source: http://www.hensche.de/Arbeitsrecht_Urteile_Lohnfortzahlung_Alkoholismus_Lohnfortzahlung_bei_Alkoholismus_BAG_10AZR99-14.html
Timestamp: 2017-11-19 05:08:29
Document Index: 230224910

Matched Legal Cases: ['§ 115', '§ 3', '§ 115', '§ 563', '§ 3', '§ 8', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 276', '§ 1', '§ 616', '§ 63', '§ 133', '§ 277', '§ 277', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 617', '§ 616', '§ 617', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 49', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 1', 'EuG', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 1', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 138', '§ 3', '§ 563', '§ 416', '§ 3', '§ 115', '§ 97']

hat der Zehn­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 18. März 2015 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Linck, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Rein­fel­der, die
Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Bru­ne so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Die­ner und Ef­fen­ber­ger für Recht er­kannt:
1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Köln vom 16. Ja­nu­ar 2014 - 13 Sa 516/13 - wird zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über Ent­gelt­fort­zah­lungs­ansprüche aus über­ge­gan­ge­nem Recht (§ 115 Abs. 1 SGB X).
Die Kläge­rin ist ei­ne ge­setz­li­che Kran­ken­kas­se. Ihr 1959 ge­bo­re­nes Mit­glied L. war seit 2007 bei der Be­klag­ten beschäftigt.
Am 23. No­vem­ber 2011 wur­de der al­ko­hol­abhängi­ge Herr L. mit ei­ner Al­ko­hol­ver­gif­tung (4,9 Pro­mil­le) bei völli­ger körper­li­cher und geis­ti­ger Be­we­gungs­lo­sig­keit in ein Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert, wo er in­ten­siv­me­di­zi­nisch be­han­delt wur­de. Er war zunächst bis 15. Ja­nu­ar 2012 in sta­ti­onärer Be­hand­lung, dar­an schlos­sen sich wei­te­re Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te an. Ins­ge­samt war er über zehn Mo­na­te ar­beits­unfähig er­krankt. In ei­nem von der Kläge­rin vor­ge­leg­ten So­zi­al­me­di­zi­ni­schen Gut­ach­ten des MDK N vom 14. Mai 2013 heißt es ua.:
„Bei dem Ver­si­cher­ten be­steht auf­grund der vor­lie­gen­den me­di­zi­ni­schen Un­ter­la­gen zwei­fels­frei ei­ne langjähri­ge, chro­ni­sche Al­ko­hol­krank­heit mit den ty­pi­schen Fol­ge­er­kran­kun­gen wie z. B. die äthyl­to­xi­sche Le­ber­zir­rho­se mit Gal­len­kom­pli­ka­tio­nen. Aus den vor­lie­gen­den Un­ter­la­gen geht her­vor, dass der Ver­si­cher­te be­reits zwei­mal ei­ne sta­ti­onäre Ent­zugs­the­ra­pie durch­geführt hat. Es ist je­doch of­fen­sicht­lich im­mer wie­der zu Rückfällen ge­kom­men und so­mit auch zu dem Al­ko­hol­ex­zess am 23.11.2011, der bei dem Ver­si­cher­ten ei­nen ko­matösen, be­at­mungs­pflich­ti­gen Zu­stand her­vor­rief bei re­spi­ra­to­ri­scher Insuf­fi­zi­enz in­fol­ge der Al­ko­holin­to­xi­ka­ti­on. Im Rah­men der not­wen­di­gen
Lang­zeit­be­at­mung kam es dann zu den ty­pi­schen Kom­pli­ka­tio­nen im Ver­lauf, wie tu­busas­so­zi­ier­te, no­so­ko­mia­le Pneu­mo­nie, Aspi­ra­ti­ons­pneu­mo­nie und no­so­ko­mia­ler Si­nu­si­tis ma­xil­la­ris.
Auch die he­pa­to­bi­liären Kom­pli­ka­tio­nen sind, zu­min­dest zum Teil, Fol­ge langjähri­gen, ex­zes­si­ven Al­ko­hol­kon­sums (Le­ber­zir­rho­se).
Es ist hier­aus zu fol­gern, dass der in­ten­si­ve Al­ko­hol­kon­sum, der am 23.11.2011 zur sta­ti­onären Be­hand­lungs­not­wen­dig­keit und zur Ar­beits­unfähig­keit führ­te, im Rah­men ei­ner langjähri­gen, chro­ni­schen Er­kran­kung (Al­ko­hol­krank­heit) er­folg­te und nicht wil­lent­lich durch den Ver­si­cher­ten hätte ver­hin­dert oder ver­mie­den wer­den können ( Sucht­druck).
Selbst­ver­schul­den ist so­mit me­di­zi­nisch aus­zu­sch­ließen.“
Mit Schrei­ben vom 28. No­vem­ber 2011 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis frist­los. Hier­ge­gen er­hob Herr L. Kündi­gungs­schutz­kla­ge. Die Kläge­rin leis­te­te an ihn für den Zeit­raum vom 29. No­vem­ber 2011 bis zum 30. De­zem­ber 2011 Kran­ken­geld in Höhe von 1.303,36 Eu­ro. Mit Schrei­ben vom 5. März 2012 erklärte die Be­klag­te ge­genüber der Kläge­rin, dass sie für den Fall, dass das Ar­beits­verhält­nis durch Ur­teil oder Ver­gleich im Ar­beits­ge­richts­ver­fah­ren verlängert würde, auf die Ein­re­de des Lohn­ver­falls ver­zich­te. Am 21. Ju­ni 2012 ei­nig­ten sich die Be­klag­te und Herr L. im Kündi­gungs­schutz-ver­fah­ren auf ei­ne Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses zum 30. De­zem­ber 2011. Mit Schrei­ben vom 18. Ju­li 2012 ver­lang­te die Be­klag­te von Herrn L. Aus­kunft über „al­le für die Ent­ste­hung der be­haup­te­ten Al­ko­hol­abhängig­keit er­heb­li­chen Umstände“. Die­ser re­agier­te nicht. Die Kläge­rin mach­te mit Schrei­ben vom 19. Ju­li 2012 Ansprüche auf Ent­gelt­fort­zah­lung aus über­ge­gan­ge­nem Recht in Höhe von 1.303,36 Eu­ro ge­genüber der Be­klag­ten gel­tend.
Die Kläge­rin hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, es ha­be ei­ne von Herrn L. nicht ver­schul­de­te Krank­heit vor­ge­le­gen. Dies wer­de durch das Gut­ach­ten des Me­di­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­kas­sen bestätigt. Ihr ste­he da­her aus über­ge­gan­ge­nem Recht ein Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruch für den Zeit­raum vom 29. No­vem­ber 2011 bis zum 30. De­zem­ber 2011 in Höhe des ge­leis­te­ten Kran­ken­gel­des zu.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, das ge­zahl­te Kran­ken­geld für die Zeit vom 29. No­vem­ber 2011 bis zum 30. De­zem­ber 2011 in Höhe von 1.303,36 Eu­ro zu er­stat­ten.
Die Be­klag­te hat Kla­ge­ab­wei­sung be­an­tragt. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Er­kran­kung sei ver­schul­det ge­we­sen. Wer­de ein Ar­beit­neh­mer nach ei­ner sta­ti­onären Ent­zie­hungs­kur rückfällig, spre­che dies für ein Ver­schul­den. In ei­ner sol­chen Kur würden stets Hin­wei­se zur Ver­mei­dung je­den Al­ko­hol­ge­nus­ses ge­ge­ben.
Ar­beits­ge­richt und Lan­des­ar­beits­ge­richt ha­ben der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt die Be­klag­te wei­ter­hin Kla­ge­ab­wei­sung.
Die zulässi­ge Re­vi­si­on ist un­be­gründet. Zwar kann der Kla­ge nicht mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­ge­be­nen Be­gründung statt­ge­ge­ben wer­den, wo­nach ein Rück­fall ei­nes al­ko­hol­abhängi­gen Ar­beit­neh­mers nach ei­ner durch­geführ­ten The­ra­pie stets als un­ver­schul­det iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG an­zu­se­hen ist. Die Ar­beits­unfähig­keit des Herrn L. im streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum war aber im kon­kre­ten Fall un­ver­schul­det im ent­gelt­fort­zah­lungs­recht­li­chen Sinn. Herr L. hat­te da­her ei­nen An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung ge­gen die Be­klag­te, der gemäß § 115 Abs. 1 SGB X in Höhe des von der Kläge­rin ge­zahl­ten Kran­ken­gel­des auf die­se über­ge­gan­gen ist. Die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts er­weist sich da­mit im Er­geb­nis als zu­tref­fend (§ 563 Abs. 3 ZPO).
I. Der Ar­beit­neh­mer L. hat­te ge­gen die Be­klag­te An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung nach § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG für die Zeit von 29. No­vem­ber 2011 bis 30. De­zem­ber 2011. Er hat die zur Ar­beits­unfähig­keit führen­de Krank­heit nicht iSd. Be­stim­mun­gen des EFZG ver­schul­det.
1. Das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en en­de­te nicht durch die außer­or­dent­li­che Kündi­gung vom 28. No­vem­ber 2011, son­dern gemäß dem In­halt des im Kündi­gungs­schutz­ver­fah­ren ge­schlos­se­nen Ver­gleichs vom 21. Ju­ni 2012 erst mit dem 30. De­zem­ber 2011. Es konn­ten da­her - un­abhängig von § 8 EFZG - noch Ent­gelt­fort­zah­lungs­ansprüche für den streit­ge­genständ­li­chen Zeit­raum ent­ste­hen.
2. Nach § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG hat ein Ar­beit­neh­mer An­spruch auf Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall durch den Ar­beit­ge­ber für die Zeit der Ar­beits­unfähig­keit bis zur Dau­er von sechs Wo­chen, wenn er durch Ar­beits­unfähig­keit in­fol­ge Krank­heit an sei­ner Ar­beits­leis­tung ver­hin­dert ist, oh­ne dass ihn ein Ver­schul­den trifft. Nach in­zwi­schen all­ge­mei­ner Auf­fas­sung han­delt es sich bei ei­ner Al­ko­hol­abhängig­keit und den dar­aus re­sul­tie­ren­den Fol­gen um ei­ne Krank­heit iSd. EFZG (grund­le­gend BAG 1. Ju­ni 1983 - 5 AZR 536/80 - zu I 2 und 4 der Gründe, BA­GE 43, 54; of­fen ge­las­sen noch von BAG 22. März 1973 - 5 AZR 567/72 - zu 1 der Gründe; Sch­mitt 7. Aufl. § 3 EFZG Rn. 51 mwN; vgl. auch zur erst­ma­li­gen An­er­ken­nung der „Trunk­sucht“ als Krank­heit iSd. RVO: BSG 18. Ju­ni 1968 - 3 RK 63/66 - BS­GE 28, 114). Durch die­se Krank­heit des Herrn L. ist Ar­beits­unfähig­keit ein­ge­tre­ten.
3. Schuld­haft iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG han­delt nur der Ar­beit­neh­mer, der in er­heb­li­chem Maße ge­gen die von ei­nem verständi­gen Men­schen im ei­ge­nen In­ter­es­se zu er­war­ten­de Ver­hal­tens­wei­se verstößt.
a) Bei dem Ver­schul­den iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG han­delt es sich nicht um ein Ver­schul­den iSv. § 276 BGB, der das Maß an Ver­hal­ten­s­an­for­de­run­gen des Schuld­ners ge­genüber Drit­ten be­stimmt. Da­ge­gen be­trifft das Ent­ste­hen ei­ner Krank­heit und/oder die dar­aus re­sul­tie­ren­de Ar­beits­unfähig­keit die Per­son des Ar­beit­neh­mers selbst. Es gilt des­halb fest­zu­stel­len, ob ein „Ver­schul­den ge­gen sich selbst“ vor­liegt. Schuld­haft im Sin­ne des Ent­gelt­fort­zah­lungs­rechts han­delt nach der zu den in­halts­glei­chen Vorgänger­re­ge­lun­gen (§ 1 Abs. 1 LohnFG, § 616 Satz 1 BGB, § 63 Abs. 1 Satz 1 HGB, § 133c Satz 1 Ge­wO) er­gan­ge­nen Recht­spre­chung des­halb nur der Ar­beit­neh­mer, der in er­heb­li­chem Maße ge­gen die von ei­nem verständi­gen Men­schen im ei­ge­nen In­ter­es­se zu
er­war­ten­de Ver­hal­tens­wei­se verstößt (vgl. zu­letzt BAG 27. Mai 1992 - 5 AZR 297/91 - zu II 2 der Gründe; 11. No­vem­ber 1987 - 5 AZR 497/86 - zu I 1 der Gründe, BA­GE 56, 321). Da­bei ist - an­ders als bei der Haf­tung für Sorg­falt in ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten nach § 277 BGB (vgl. da­zu Pa­landt/Grüne­berg 74. Aufl. § 277 Rn. 3) - von ei­nem ob­jek­ti­ven Maßstab aus­zu­ge­hen. Er­for­der­lich ist ein gro­ber oder gröbli­cher Ver­s­toß ge­gen das Ei­gen­in­ter­es­se ei­nes verständi­gen Men­schen und da­mit ein be­son­ders leicht­fer­ti­ges oder vorsätz­li­ches Ver-hal­ten (ErfK/Rein­hard 15. Aufl. § 3 EFZG Rn. 23; MüKoBGB/Müller-Glöge 6. Aufl. § 3 EFZG Rn. 36; Sch­mitt § 3 EFZG Rn. 121; Vo­gel­sang Ent­gelt­fort­zah­lung Rn. 126 je­weils mwN). So­weit Tei­le des Schrift­tums - auch un­ter Hin­weis auf § 617 Abs. 1 Satz 1 BGB - di­rekt auf den Maßstab „Vor­satz und gro­be Fahrlässig­keit“ zurück­grei­fen (grund­le­gend Hof­mann ZfA 1979, 275, 310 ff.; wohl auch Stau­din­ger/Oet­ker Neu­be­ar­bei­tung 2011 § 616 Rn. 244 mwN; Braun Der Be­griff des Ver­schul­dens im Recht der Lohn­fort­zah­lung im Krank­heits­fall Diss. 1993 S. 64 f.), schlägt sich dies im Er­geb­nis nicht nie­der (so zu­tref­fend Stau­din­ger/Oet­ker aaO; Sch­mitt aaO). Viel­mehr un­ter­schei­det sich die in der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­te For­mel, an der auch für das EFZG fest­zu­hal­ten ist, der Sa­che nach nicht vom Maßstab des § 617 BGB, durch den für be­stimm­te Dienst­verhält­nis­se kon­kre­ti­siert wird, wel­ches Ver­schul­den als er­heb­lich an­zu­se­hen ist.
b) Kein Tat­be­stands­merk­mal des § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG ist hin­ge­gen der Ge­dan­ke, dass es un­bil­lig wäre, dem Ar­beit­ge­ber vom Ar­beit­neh­mer selbst ver­schul­de­te Ent­gelt­fort­zah­lungs­kos­ten auf­zubürden (miss­verständ­lich BAG 1. Ju­ni 1983 - 5 AZR 536/80 - zu I 3 a der Gründe, BA­GE 43, 54). Es han­delt sich um ein bloßes Be­gründungs­ele­ment zur Recht­fer­ti­gung der Be­schränkung des grundsätz­lich be­ste­hen­den Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruchs (ErfK/Rein­hard § 3 EFZG Rn. 23; MüKoBGB/Müller-Glöge § 3 EFZG Rn. 36; aA Sch­mitt § 3 EFZG Rn. 124 „ob­jek­ti­ves Ele­ment“). Da­bei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Ent­gelt­fort­zah­lung bei Ar­beits­unfähig­keit nicht nur den In­di­vi­dual­in­ter­es­sen des Ar­beit­neh­mers dient, son­dern § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG ei­ne ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te Ri­si­ko­ver­tei­lung zwi­schen Ar­beit­ge­ber und Kran­ken­ver­si­che­rung fest­legt. Der Ar­beit­ge­ber hat grundsätz­lich für den Zeit­raum von bis zu sechs Wo­chen
Ent­gelt­fort­zah­lung zu leis­ten. Oh­ne den ge­gen den Ar­beit­ge­ber ge­rich­te­ten Ent­gelt­fort­zah­lungs­an­spruch nach § 3 Abs. 1 EFZG könn­te der Ar­beit­neh­mer von der Kran­ken­kas­se die Zah­lung von Kran­ken­geld ver­lan­gen. Die Ver­pflich­tung zur Zah­lung ruht, so­lan­ge der Ver­si­cher­te Zah­lun­gen vom Ar­beit­ge­ber erhält (§ 49 Abs. 1 Nr. 1 SGB V). § 3 EFZG dient ganz we­sent­lich der Ent­las­tung der ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen und da­mit mit­tel­bar al­ler Bei­trags­zah­ler (BAG 12. De­zem­ber 2001 - 5 AZR 255/00 - zu B II 2 b der Gründe, BA­GE 100, 130).
c) Aus der sprach­li­chen Fas­sung des § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG folgt, dass das Ri­si­ko der Un­aufklärbar­keit der Ur­sa­chen ei­ner Krank­heit oder Ar­beits­unfähig­keit und ei­nes mögli­chen Ver­schul­dens des Ar­beit­neh­mers dar­an beim Ar­beit­ge­ber liegt (st. Rspr., zB BAG 1. Ju­ni 1983 - 5 AZR 536/80 - zu II 1 der Gründe, BA­GE 43, 54); dies gilt auch im Fall des An­spruchsüber­gangs (BAG 7. Au­gust 1991 - 5 AZR 410/90 - zu II der Gründe, BA­GE 68, 196).
4. Nach die­sem Maßstab kann nach dem Stand der wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­se we­der aus der Al­ko­hol­abhängig­keit selbst noch aus de­ren Ent­ste­hen ein Ver­schul­den iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG für da­mit un­mit­tel­bar in Zu­sam­men­hang ste­hen­de Ar­beits­unfähig­keits­zei­ten ab­ge­lei­tet wer­den.
a) Die Recht­spre­chung ging zunächst da­von aus, dass Trunk­sucht und de­ren Fol­gen nach der Le­bens­er­fah­rung je­den­falls in al­ler Re­gel selbst ver­schul­det sind (vgl. zu­letzt zB BAG 7. De­zem­ber 1972 - 5 AZR 350/72 - BA­GE 24, 477; 22. März 1973 - 5 AZR 567/72 -). Mit Ur­teil vom 1. Ju­ni 1983 (- 5 AZR 536/80 - BA­GE 43, 54) wur­de die­se Auf­fas­sung un­ter Hin­weis auf an­ders­lau­ten­de wis­sen­schaft­li­che For­schungs­er­geb­nis­se auf­ge­ge­ben und an­ge­nom­men, dass der Ar­beit­neh­mer nach Ein­tritt der Er­kran­kung nicht mehr schuld­haft im Sin­ne der Lohn­fort­zah­lungs­be­stim­mun­gen han­deln kann. Fest­ge­hal­ten wur­de al­ler­dings an der schon früher ver­tre­te­nen Auf­fas­sung, dass für die Be­ur­tei­lung der Ver­schul­dens­fra­ge in Fällen der Al­ko­hol­abhängig­keit auf das Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers „zu Be­ginn des Al­ko­hol­miss­brauchs“ (BAG 7. De­zem­ber 1972 - 5 AZR 350/72 - aaO) bzw. - nach neu­er For­mu­lie­rung - auf das Ver­hal­ten vor dem Zeit­punkt ab­zu­stel­len ist, in dem die als Krank­heit zu wer­ten­de Al­ko­hol­abhängig­keit ein­ge­tre­ten ist (BAG 1. Ju­ni 1983 - 5 AZR
536/80 - zu I 3 b der Gründe, aaO). Bei an­de­ren Er­kran­kun­gen las­sen sich für ei­ne Er­for­schung der Krank­heits­ur­sa­chen hin­ge­gen kei­ne Bei­spie­le fin­den (so die Kri­tik von Schäfer Al­ko­hol und Ar­beits­verhält­nis Diss. 1995 S. 135 ff.). Um ei­ne sol­che Über­prüfung über­haupt zu ermögli­chen, nahm die Recht­spre­chung ei­ne Mit­wir­kungs­pflicht des Ar­beit­neh­mers bei der Su­che nach den Gründen sei­ner Al­ko­hol­abhängig­keit an, ver­bun­den mit ei­ner ent­spre­chen­den Dar­le­gungs­last des Ar­beit­ge­bers (BAG 1. Ju­ni 1983 - 5 AZR 536/80 - zu II 2 der Gründe, aaO; 7. Au­gust 1991 - 5 AZR 410/90 - zu II der Gründe, BA­GE 68, 196).
b) Hier­an hält der Se­nat un­ter Berück­sich­ti­gung des ak­tu­el­len Stan­des der wis­sen­schaft­li­chen For­schung zur Ent­ste­hung ei­ner Al­ko­hol­abhängig­keit nicht mehr fest. Es kann nach die­sen Er­kennt­nis­sen nicht mit der für die An­nah­me ei­nes Ver­schul­dens iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG er­for­der­li­chen Deut­lich­keit fest­ge­stellt wer­den, was im Ein­zel­fall die Ur­sa­che für die Al­ko­hol­abhängig­keit ist und dass wil­lens­ge­steu­er­tes Ver­hal­ten des Ar­beit­neh­mers in re­le­van­tem Um­fang dar­an ei­nen An­teil hat.
aa) Der Aus­bruch ei­ner Al­ko­hol­krank­heit be­ruht auf ei­ner mul­ti­fak­t­o­ri­el­len Ge­ne­se. Dies be­deu­tet, dass we­der die abhängig­keits­er­zeu­gen­de Wir­kung des Al­ko­hols noch in der Per­son oder auf die­se ein­wir­ken­de Fak­to­ren je­weils für sich ge­nom­men zur Ent­ste­hung der Sucht führen. Viel­mehr han­delt es sich um ei­ne mul­tik­au­sa­le, in­ter­ak­ti­ve Ent­wick­lung. Zu die­ser tra­gen - ne­ben dem Fak­tor Al­ko­hol selbst - un­ter an­de­rem die ge­ne­ti­sche Prädis­po­si­ti­on, die in­di­vi­du­el­le psy­chi­sche Dis­po­si­ti­on, das psy­cho­so­zia­le Um­feld ein­sch­ließlich der Her­kunfts­fa­mi­lie und die so­zia­len Le­bens­be­zie­hun­gen bis hin zu re­li­giösen Ein­flüssen bei (vgl. zB Soy­ka/Küfner Al­ko­ho­lis­mus - Miss­brauch und Abhängig­keit 6. Aufl. S. 69 ff.; Tret­ter Sucht­me­di­zin kom­pakt 2. Aufl. S. 39 ff.). Hin­zu kom­men neu­ro-bio­lo­gi­sche und neu­ro­che­mi­sche Fol­gen des Al­ko­hol­kon­sums und da­mit ver­bun­de­ne ver­hal­tens­re­le­van­te Verände­run­gen der Zell­struk­tur (da­zu Tret­ter Sucht­me­di­zin kom­pakt S. 21 ff.).
bb) Zwar gibt es in­ner­halb der Wis­sen­schaft je nach Fach­ge­biet und
Schu­le ver­schie­de­ne Erklärungs­ansätze für das Ent­ste­hen von Al­ko­ho­lis­mus, die auch die Fak­to­ren un­ter­schied­lich ge­wich­ten (hier­zu Gast­par/Mann/ Rom­mel­s­pa­cher Lehr­buch der Such­ter­kran­kun­gen S. 28 ff.). Al­le Ansätze ha-en aber ge­mein, dass ei­ne sin­guläre - wil­lent­lich steu­er­ba­re - Ur­sa­che dafür, war­um bei ei­ner ein­zel­nen Per­son ei­ne Al­ko­hol­abhängig­keit ein­tritt, nicht fest­stell­bar ist. So wird heu­te in der Me­di­zin zur Erklärung der Ur­sa­chen des Al­ko­ho­lis­mus im All­ge­mei­nen auf ein Ur­sa­chend­rei­eck ver­wie­sen, in dem sich die Dro­ge Al­ko­hol, das be­trof­fe­ne In­di­vi­du­um und die so­zia­len Be­zie­hun­gen wech­sel­sei­tig be­din­gen (Soy­ka/Küfner S. 20 f.; Tret­ter Sucht­me­di­zin kom­pakt S. 12 ff.). Dies be­deu­tet in­des­sen nicht, dass nicht durch wil­lens­ge­steu­er­te Hand­lun­gen die Ent­ste­hung von Al­ko­hol­abhängig­keit auch bei Ri­si­ko­grup­pen be­ein­fluss­bar wäre. Doch kann den heu­ti­gen me­di­zi­ni­schen Er­kennt­nis­sen nicht ent­nom­men wer­den, dass der wil­lens­ge­steu­er­te An­teil am Ent­ste­hen der Al­ko­hol­sucht der­art im Vor­der­grund ste­hen kann, dass er als vorsätz­li­ches oder be­son­ders leicht­fer­ti­ges Ver­hal­ten iSv. § 3 Abs. 1 EFZG ge­wer­tet wer­den kann. Das In­ein­an­der­grei­fen der ganz un­ter­schied­li­chen phy­si­schen und psy­chi­schen Dis­po­si­tio­nen und die da­mit ein­her­ge­hen­den kom­ple­xen wech­sel­sei­ti­gen sti­mu­lie­ren­den und hem­men­den Wir­kungs­zu­sam­menhänge ste­hen in Be­zug auf Ar­beits­unfähig­keits­zei­ten, die un­mit­tel­bar aus der Al­ko­hol­abhängig­keit re­sul­tie­ren oder un­trenn­bar mit die­ser zu­sam­menhängen (vgl. zur Ab­gren­zung BAG 30. März 1988 - 5 AZR 42/87 - BA­GE 57, 380 zum Fall der Kfz-Nut­zung in noch steue­rungsfähi­gem Zu­stand), der An­nah­me ent­ge­gen, Al­ko­hol­sucht könne vorsätz­lich oder be­son­ders leicht­fer­tig wil­lens­ge­steu­ert her­bei­geführt wer­den.
c) Es be­darf vor die­sem Hin­ter­grund kei­ner Ent­schei­dung, ob oder ggf. in wel­chen Fällen es sich bei Al­ko­hol­abhängig­keit um ei­ne Be­hin­de­rung iSd. § 1 AGG und iSd. RL 2000/78/EG han­delt (vgl. zum Be­griff BAG 19. De­zem­ber 2013 - 6 AZR 190/12 - Rn. 57 ff. mwN), wo­bei in­so­weit an­er­kannt ist, dass es nicht auf die Ur­sa­che ei­ner Be­hin­de­rung, ins­be­son­de­re in­wie­weit der Be­tref­fen­de zu ih­rem Ent­ste­hen bei­ge­tra­gen hat, an­kommt (zu­letzt EuGH 18. De­zem­ber 2014 - C-354/13 - [FOA] Rn. 53 mwN, 55 f.). Eben­so we­nig ist zu ent­schei­den, wel­che Schluss­fol­ge­run­gen hier­aus ggf. für das Recht der Ent­gelt­fort­zah­lung zu zie­hen wären.
5. An­ders als das Lan­des­ar­beits­ge­richt an­ge­nom­men hat, gibt es al­ler­dings kei­ne hin­rei­chend deut­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Be­le­ge dafür, dass auch im Fall des Rück­falls nach ei­ner „er­folg­reich“ durch­geführ­ten Ent­zie­hungs­kur mit an­sch­ließen­der The­ra­pie in kei­nem Fall von ei­nem Ver­schul­den iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG aus­ge­gan­gen wer­den kann. In­so­weit er­weist sich die an­ge­grif­fe­ne Ent­schei­dung als rechts­feh­ler­haft. Zwar wird im Hin­blick auf die mul­tik­au­sa­len Ur­sa­chen der Al­ko­hol­abhängig­keit zu­meist ein sol­ches Ver­schul­den auch bei ei­nem Rück­fall nicht fest­stell­bar sein. Aus­zu­sch­ließen ist dies im Ein­zel­fall nach dem Stand der me­di­zi­ni­schen For­schung aber nicht, so dass die­ser Um­stand bei ent­spre­chen­dem Vor­trag und Be­strei­ten des Ar­beit­ge­bers der Aufklärung - re­gelmäßig durch Ein­ho­lung ei­nes Sach­verständi­gen­gut­ach­tens - be­darf.
a) Die Recht­spre­chung hat bis­her an­ge­nom­men, dass der Ar­beit­neh­mer, der ei­ne Ent­zie­hungs­kur mit an­sch­ließen­der The­ra­pie durch­geführt hat, auf die Ge­fah­ren des Al­ko­hol­ge­nus­ses hin­ge­wie­sen wur­de, die­se kennt und er­mahnt wor­den ist, in Zu­kunft je­den Al­ko­hol­ge­nuss zu ver­mei­den. Wer­de ein sol­cher Ar­beit­neh­mer nach er­folg­rei­cher Be­en­di­gung der Kur und ei­ner länge­ren Zeit der Ab­sti­nenz den­noch rückfällig, spre­che die Le­bens­er­fah­rung dafür, dass er die ihm er­teil­ten drin­gen­den Rat­schläge miss­ach­tet und sich wie­der dem Al­ko­hol zu­ge­wandt hat. Ein sol­ches Ver­hal­ten be­gründe im All­ge­mei­nen den Vor­wurf ei­nes Ver­schul­dens ge­gen sich selbst (BAG 11. No­vem­ber 1987 - 5 AZR 497/86 - zu II 2 der Gründe, BA­GE 56, 321; 11. Mai 1988 - 5 AZR 445/87 - zu II der Gründe; 27. Mai 1992 - 5 AZR 297/91 - zu II 2 und 3 der Gründe). In ähn­li­cher Wei­se geht das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt da­von aus, dass der Rück­fall ei­nes al­ko­hol­abhängi­gen Be­am­ten in die Al­ko­hol­sucht ei­ne Dienst­pflicht­ver­let­zung dar­stel­len kann. Es nimmt ein vor­werf­ba­res Ver­hal­ten an, wenn der Be­am­te ei­ne sta­ti­onäre Ent­zie­hungs­be­hand­lung durch­geführt hat und über die Fol­gen ei­nes Rück­falls dienst­lich be­lehrt wur­de. Da­bei darf al­ler­dings kein vernünf­ti­ger Zwei­fel be­ste­hen, dass der Be­am­te durch die Be­hand­lung in die La­ge ver­setzt wor­den ist, dau­er­haft al­ko­hol­ab­sti­nent zu le­ben (vgl. zB BVerwG 10. Ja­nu­ar 1984 - 1 D 13.83 - BVerw­GE 76, 128; 15. März 1994 - 1 D 42.93 -; 16. Fe­bru­ar 2012 - 1 D 2.11 -).
b) Die Auf­fas­sun­gen im Schrift­tum sind ge­spal­ten. Teil­wei­se wird aus ei­nem Rück­fall nach sta­ti­onärer Be­hand­lung und ent­spre­chen­der Aufklärung ei­ne Um­kehr der Be­weis­last ab­ge­lei­tet (MüKoBGB/Müller-Glöge § 3 EFZG Rn. 43), nach an­de­rer Auf­fas­sung kann in ei­nem Rück­fall je­den­falls ein wich­ti­ges In­diz für ein Ver­schul­den ge­se­hen wer­den (ErfK/Rein­hard § 3 EFZG Rn. 27; Feicht­in­ger/Malk­mus/P. Feicht­in­ger EFZG 2. Aufl. § 3 Rn. 150). Ei­ne ver­brei­te­te An­sicht sieht hin­ge­gen die Ge­fahr von Rückfällen als Teil des Krank­heits­bil­des. Da nach ei­ner er­folg­reich ver­lau­fen­den Heil­be­hand­lung zwar die phy­si­sche Abhängig­keit nicht wei­ter fort­be­ste­he, je­doch die psy­chi­sche Abhängig­keit un­verändert be­ste­hen blei­be (Künzl NZA 1998, 122, 123), sei auch un­ter Berück­sich­ti­gung der ho­hen Rück­fall­quo­te zwei­fel­haft, ob ei­ne auf ei­nem Al­ko­hol­miss­brauch be­ru­hen­de Ar­beits­unfähig­keit nach ei­nem Rück­fall schuld­haft iSd. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG her­bei­geführt wor­den sei (Tre­ber EFZG 2. Aufl. § 3 Rn. 80; Vo­gel­sang Ent­gelt­fort­zah­lung Rn. 150; Lep­ke Kündi­gung bei Krank­heit 15. Aufl. Rn. 380; APS/Dörner/Vos­sen 4. Aufl. § 1 KSchG Rn. 230; ähn­lich Bro­se DB 2013, 1727, 1728 im Hin­blick auf die Not­wen­dig­keit ei­nes BEM; vgl. mit um­fas­sen­der Kri­tik an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung Schäfer Al­ko­hol und Ar­beits­verhält­nis S. 144 ff.).
c) Der Se­nat geht nach dem Stand der der­zei­ti­gen wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­se nicht mehr da­von aus, dass bei ei­nem Rück­fall re­gelmäßig ein Ver­schul­den an­ge­nom­men wer­den kann, und hält auch in­so­weit an der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung nicht mehr fest. Al­ler­dings kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass im Ein­zel­fall ein Ver­schul­den iSd. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG vor­liegt. Ei­nem ent­spre­chen­den Ein­wand des Ar­beit­ge­bers ist des­halb nach­zu­ge­hen.
aa) Der Al­ko­ho­lis­mus als Krank­heit ist nicht heil­bar in dem Sin­ne, dass die Krank­heit und ih­re Ur­sa­chen ein für al­le Mal be­sei­tigt wären. Auch nach durch­geführ­ter The­ra­pie be­steht wei­ter ein Rück­fall­ri­si­ko. Die Ge­fahr des Rück­falls und die ho­he An­zahl der Rückfälle sind Teil des Krank­heits­bil­des (Lep­ke Rn. 380 mwN). Die Be­ur­tei­lung des Be­hand­lungs­er­folgs hängt da­bei maßgeb­lich von Art und Dau­er der The­ra­pie so­wie von In­ter­ven­tio­nen zur Rück­fall­bewälti­gung ab. Die sta­tis­ti­schen Er­he­bun­gen va­ri­ie­ren dem­zu­fol­ge (ausführ­lich
Lep­ke Rn. 380 ff.; zur Me­tho­den­kri­tik an der Eva­lu­ie­rung der The­ra­pi­en Soy­ka/Küfner S. 429 ff.). Als Faust­re­gel kann je­doch an­ge­nom­men wer­den, dass nach sta­ti­onärer Entwöhnungs­be­hand­lung ca. 50 % der Al­ko­hol­abhängi­gen ein Jahr nach der Be­hand­lung durch­ge­hend al­ko­hol­ab­sti­nent sind (Soy­ka/Küfner S. 444). Nach an­de­ren Un­ter­su­chun­gen sind et­wa 50 % der Per­so­nen, die an ei­ner Al­ko­hol­entwöhnungs­the­ra­pie teil­ge­nom­men ha­ben, nach 5 und 10 Jah­ren ab­sti­nent, et­wa die Hälf­te von ih­nen hat­te zwi­schen­zeit­lich je­doch ei­nen oder meh­re­re Rückfälle (Trie­big/Kent­ner/Schie­le/Kup­fer Ar­beits­me­di­zin 3. Aufl. S. 716 Ziff. 35.10). Bei der Be­wer­tung des Rück­fall­ri­si­kos ste­hen nach der­zei­ti­gem Stand der For­schung in­tra­per­so­na­le Ein­fluss­fak­to­ren und un­an­ge­neh­me Gefühls­zustände wie bei­spiels­wei­se Ängs­te und De­pres­si­vität an der Spit­ze der Rück­fall­be­din­gun­gen, während bei­spiels­wei­se Al­ko­hol­ver­lan­gen, das Aus­tes­ten der ei­ge­nen Kon­trollfähig­keit, die Trin­kauf­for­de­rung oder das Zu­sam­men­sein mit Men­schen, die trin­ken, ei­ne ver­gleichs­wei­se ge­rin­ge­re Rol­le spie­len (Soy­ka/Küfner S. 386).
bb) Da­nach kann nicht an­ge­nom­men wer­den, dass re­gelmäßig ei­ne der Ver­schul­dens­fest­stel­lung iSd. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG zugäng­li­che wil­lent­li­che Ent­schei­dung des Al­ko­hol­abhängi­gen zu ei­nem Rück­fall führt oder für die­sen zu­min­dest mit­ursächlich ist. Hier­auf kann auch nicht oh­ne Wei­te­res aus ei­ner ent­spre­chen­den Be­leh­rung im Rah­men ei­ner The­ra­pie ge­schlos­sen wer­den. Eben­so we­nig gibt es aber im Ge­gen­satz zur An­nah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts ge­si­cher­te wis­sen­schaft­li­che Er­kennt­nis­se, die ein Ver­schul­den iSd. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG ge­ne­rell aus­schlössen. Zwar wird die Mul­tik­au­sa­lität der Al­ko­hol­abhängig­keit sich häufig in den Ur­sa­chen ei­nes Rück­falls wi­der­spie­geln und des­halb ein schuld­haf­tes Ver­hal­ten im ent­gelt­fort­zah­lungs­recht­li­chen Sinn nicht fest­zu­stel­len sein. Ge­nau­en Auf­schluss über die Ver­schul­dens­fra­ge im Ein­zel­fall kann aber nur ei­ne fach­me­di­zi­ni­sche Be­gut­ach­tung ge­ben; de­ren Er­geb­nis darf nicht oh­ne ent­spre­chen­de all­ge­meingülti­ge Er­kennt­nis­se vor­weg­ge­nom­men wer­den. Nur durch ei­ne sol­che Be­gut­ach­tung ist es möglich, un­ter Berück­sich­ti­gung der Schwe­re der Al­ko­hol­abhängig­keit und al­ler zum Rück­fall führen­den Fak­to­ren hierüber ei­ne Aus­sa­ge zu tref­fen.
cc) Be­haup­tet des­halb der Ar­beit­ge­ber un­ter Vor­trag ent­spre­chen­der An­halts­punk­te, dass ei­ne Ar­beits­unfähig­keit auf ei­nem ver­schul­de­ten Rück­fall nach durch­geführ­ter er­folg­rei­cher The­ra­pie be­ruht, muss sich der Ar­beit­neh­mer gemäß § 138 Abs. 2 ZPO hier­zu erklären. Bei ent­spre­chen­dem Be­weis­an­ge­bot hat er sich im Rah­men sei­ner Mit­wir­kungs­pflicht ei­ner ärzt­li­chen Be­gut­ach­tung zur Fra­ge der schuld­haf­ten Her­beiführung des Rück­falls zu un­ter­zie­hen und in­so­weit ei­ne Ent­bin­dung von der ärzt­li­chen Schwei­ge­pflicht vor­zu­neh­men. Lehnt er dies ab, gilt der Ein­wand des Ar­beit­ge­bers als zu­ge­stan­den und es ist von ei­ner ver­schul­de­ten Ar­beits­unfähig­keit iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG aus­zu­ge­hen. Kennt der Ar­beit­ge­ber - wie häufig - die Ur­sa­chen der Ar­beits­unfähig­keit nicht, hat sich der Ar­beit­neh­mer auf ei­ne ent­spre­chen­de Be­fra­gung des Ar­beit­ge­bers wahr­heits­gemäß auch zu der Fra­ge zu äußern, ob ein Rück­fall in die Al­ko­hol­abhängig­keit vor­liegt. Hin­ge­gen be­steht kein Fra­ge­recht des Ar­beit­ge­bers nach den Gründen des Rück­falls und kei­ne ent­spre­chen­de Aus­kunfts­pflicht des Ar­beit­neh­mers (so aber noch BAG 7. Au­gust 1991 - 5 AZR 410/90 - BA­GE 68, 196), da we­der Ar­beit­ge­ber noch Ge­richt im Hin­blick auf die Mul­tik­au­sa­lität der Rück­fall­ur­sa­chen oh­ne ent­spre­chen­den me­di­zi­ni­schen Sach­ver­stand ei­ne qua­li­fi­zier­te Aus­sa­ge zum Ver­schul­den des Ar­beit­neh­mers tref­fen könn­ten. Hat der Ar­beit­ge­ber nach die­sen Grundsätzen zum Vor­lie­gen ei­nes Rück­falls vor­ge­tra­gen und Be­weis durch Sach­verständi­gen­gut­ach­ten oder ggf. Ver­neh­mung ei­nes sach­verständi­gen Zeu­gen an­ge­bo­ten, ist dem nach­zu­ge­hen, so­weit nicht durch un­strei­ti­gen, me­di­zi­nisch fun­dier­ten Tat­sa­chen­vor­trag die Ver­schul­dens­fra­ge ein­deu­tig geklärt ist. Blei­ben nach der Be­gut­ach­tung Zwei­fel, geht dies zu­las­ten des Ar­beit­ge­bers (st. Rspr., zB BAG 1. Ju­ni 1983 - 5 AZR 536/80 - zu II 1 der Gründe, BA­GE 43, 54).
6. Aus­ge­hend von die­sen Grundsätzen sind nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts An­halts­punk­te für ein Ver­schul­den des Ar­beit­neh­mers L. an dem Rück­fall und der dar­aus fol­gen­den Ar­beits­unfähig­keit nicht er­kenn­bar. Dies gilt auch, wenn man zu­guns­ten der Be­klag­ten von ei­ner durch Herrn L. er­folg­reich durch­geführ­ten The­ra­pie aus­geht. Der Se­nat kann in­so­weit nach § 563 Abs. 3 ZPO selbst ent­schei­den, die Ent­schei­dung des Lan­des­ar­beits­ge­richts er­weist sich da­bei im Er­geb­nis als rich­tig.
Die Kläge­rin hat das So­zi­al­me­di­zi­ni­sche Gut­ach­ten des MDK N vom 14. Mai 2013 vor­ge­legt und sich den In­halt als Sach­vor­trag zu ei­gen ge­macht. Die Be­klag­te hat die­sen Sach­vor­trag nicht be­strit­ten. Dass die im Gut­ach­ten ent­hal­te­nen Erklärun­gen von der be­gut­ach­ten­den Ärz­tin ab­ge­ge­ben wur­den, ist im Übri­gen gemäß § 416 ZPO nach­ge­wie­sen. Nach den ent­spre­chen­den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die auch im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren nicht mit Ver­fah­rensrügen an­ge­grif­fen wur­den, war der Ar­beit­neh­mer L. zum maßgeb­li­chen Zeit­punkt schwerst al­ko­hol­abhängig und litt er­heb­lich un­ter den ver­schie­de­nen hier­aus re­sul­tie­ren­den körper­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen. Er hat­te zwei sta­ti­onäre Ent­zugs­the­ra­pi­en hin­ter sich, wo­bei An­ga­ben zu de­ren „Er­folg“ und die Dau­er „tro­cke­ner“ Pha­sen feh­len. Je­den­falls kam es im­mer wie­der zu Rückfällen, zu­letzt durch den Al­ko­hol­ex­zess vom 23. No­vem­ber 2011, bei dem der Ar­beit­neh­mer L. mit 4,9 Pro­mil­le ins Ko­ma ge­fal­len ist. Die von der ärzt­li­chen Gut­ach­te­rin ge­zo­ge­ne Schluss­fol­ge­rung, dass bei die­ser Vor­ge­schich­te im Hin­blick auf den Sucht­druck ei­ne hin­rei­chen­de wil­lent­li­che Steue­rungsfähig­keit nicht an­ge­nom­men wer­den kann, er­scheint plau­si­bel und ist von der Be­klag­ten nicht in Fra­ge ge­stellt wor­den. Hin­rei­chen­de An­halts­punk­te für ei­nen wil­lent­lich steu­er­ba­ren Ver­hal­tens­an­teil des Ar­beit­neh­mers L. an dem Rück­fall und der dar­aus re­sul­tie­ren­den Ar­beits­unfähig­keit und da­mit für ein Ver­schul­den iSv. § 3 Abs. 1 Satz 1 EFZG be­ste­hen des­halb nicht. Auf den Um­stand, dass sich Herr L. auf die Fra­ge der Be­klag­ten nach den Ur­sa­chen sei­ner Al­ko­hol­abhängig­keit nicht geäußert hat, kommt es nicht an.
II. Der An­spruch des Ar­beit­neh­mers L. ge­gen die Be­klag­te ist nach § 115 Abs. 1 SGB X in Höhe des ge­leis­te­ten Kran­ken­gel­des auf die Kläge­rin über­ge­gan­gen. Die­se hat Kran­ken­geld ge­leis­tet, nach­dem die Be­klag­te nach der zunächst aus­ge­spro­che­nen außer­or­dent­li­chen Kündi­gung kei­ne Ent­gelt­fort­zah­lung er­bracht hat­te. Die Höhe des ge­zahl­ten Kran­ken­gel­des ist un­strei­tig.
III. Die Be­klag­te hat gemäß § 97 Abs. 1 ZPO die Kos­ten ih­rer er­folg­lo­sen Re­vi­si­on zu tra­gen.
D. Die­ner
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