Source: http://examensrelevant.de/bgh-strafnormen-als-schutzgesetz-und-verbotsirrtum/
Timestamp: 2018-07-19 16:56:08
Document Index: 14934329

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 823', 'BGH', '§ 823', '§ 17', '§ 32', '§ 54', '§ 823', '§ 32', '§ 823', 'BGH', '§ 1', '§ 32', '§ 54', '§ 823', '§ 14', '§ 27', '§ 830', '§ 27', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 823', 'BGH', '§ 17', '§ 823', '§ 17', '§ 823', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 17', 'BGH', '§ 15', '§ 17', 'BGH', 'BGH', '§ 17', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 17', 'BGH', 'BGH', '§ 823', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

BGH: Strafnormen als Schutzgesetz und Verbotsirrtum | Examensrelevant.de
Von Examensrelevant 4. Januar 2018 Aktuelles, Urteile, Zivilrecht Keine Kommentare
Ist das Schutzgesetz im Sinne von 823 Abs. 2 S. 1 StGB eine Strafnorm, so muss der Vorsatz nach strafrechtlichen Maßstäben beurteilt werden.
Dies gilt auch, falls das verletzte Schutzgesetz selbst keine Strafnorm ist, seine Missachtung aber unter Strafe gestellt
Führt ein unvermeidbarer Verbotsirrtum gemäß 17 S. 1 StGB zur Schuldlosigkeit, so schließt dies auch eine Haftung nach § 823 Abs. 2 BGB aus (Anschluss Senat, Urteile vom 15.05.2012 – VI ZR 166/11, NJW 2012, 3177; vom 10.07.1984 – VI ZR 222/82, NJW 1985, 134).
BGH, Urteil vom 16.05.2017 – VI ZR 266/16 – BeckRS 2017, 116909
Relevante Rechtsnormen: § 823 Abs. 2 BGB, § 17 S. 1 StGB
Fall: Der Kläger nimmt die Beklagten wegen Mitwirkung an einem unerlaubten Bankgeschäft auf Schadensersatz in Anspruch. Er beruft sich darauf, dass die Beklagten die nach § 32 Abs. 1 S. 1 KWG erforderliche Erlaubnis der Aufsichtsbehörde zum Betreiben von Bankgeschäften nicht hatten und damit gegen die Strafnorm des § § 54 Abs. 1 Nr. 2 KWG verstoßen habe. Daher lägen die Voraussetzungen für einen Anspruch nach § 823 Abs. 2 BGB vor.
I. Verstoß gegen Schutzgesetz
„Das Berufungsgericht ist zutreffend davon ausgegangen, dass § 32 Abs. 1 S. 1 KWG ein Schutzgesetz im Sinne von § 823 Abs. 2 BGB darstellt (Senat, Urteile vom 19.03.2013 – VI ZR 56/12, BGHZ 197, 1 Rn. 11 m.w.N.; vom 07.07.2015 – VI ZR 372/14, NJW-RR 2015, 1144 Rn. 25, auch zum Schutzzweck bei Einlagengeschäften).
Weiter tragen die getroffenen Feststellungen die Annahmen des Berufungsgerichts, dass die E.-Aktiengesellschaft ohne Erlaubnis ein Bankgeschäft (Einlagengeschäft) betrieben habe (§ 1 Abs. 1 S. 1 und 2 Nr. 1 Alt. 2, § 32 Abs. 1 S. 1 KWG), was gemäß § 54 Abs. 1 Nr. 2 KWG strafbar sei, und dass der Beklagte zu 1 dazu objektiv Beihilfe geleistet habe (§ 823 Abs. 2 BGB, § 14 Abs. 1 Nr. 1, § 27 Abs. 1 StGB bzw. § 830 Abs. 1 S. 1, Abs. 2 BGB; vgl. zur Hilfeleistung i.S.v. § 27 Abs. 1 StGB etwa Senat, Urteil vom 10.07.2012 – VI ZR 341/10, BGHZ 194, 26 Rn. 15).“ (BGH a.a.O.)
a) Prüfungsmaßstäbe
Fraglich ist jedoch, ob sich das für eine Haftung notwendige Verschulden nach zivilrechtlichen oder nach strafrechtlichen Maßstäben beurteilt.
„Im Zivilrecht setzt das Verschulden durch vorsätzliches Verhalten das Bewusstsein der Rechtswidrigkeit voraus, welches bei einem Verbotsirrtum fehlt (Senat, Urteil vom 12.05.1992 – VI ZR 257/91, BGHZ 118, 201, 208).
Ist allerdings das Schutzgesetz im Sinne von § 823 Abs. 2 S. 1 StGB eine Strafnorm, so muss der Vorsatz nach strafrechtlichen Maßstäben beurteilt werden. Dies gilt auch, falls das verletzte Schutzgesetz selbst keine Strafnorm ist, seine Missachtung aber unter Strafe gestellt wird (Senat, Urteile vom 15.05.2012 – VI ZR 166/11, NJW 2012, 3177 Rn. 22; vom 10.07.1984 – VI ZR 222/82, NJW 1985, 134 f.).“ (BGH a.a.O.)
b) Relevanz eines Verbotsirrtums
Im Strafrecht führt ein unvermeidbarer Verbotsirrtum gemäß § 17 S. 1 StGB zur Schuldlosigkeit, lässt den Vorsatz jedoch unberührt. Fraglich ist daher, welche Relevanz ein unvermeidbarer Verbotsirrtum für die Haftung nach § 823 Abs. 2 BGB hat, wenn das Schutzgesetz eine Strafnorm ist.
„Führt ein unvermeidbarer Verbotsirrtum gemäß § 17 S. 1 StGB zur Schuldlosigkeit, so schließt dies auch eine Haftung nach § 823 Abs. 2 BGB aus (Senat, Urteile vom 15.05.2012 – VI ZR 166/11, NJW 2012, 3177 Rn. 22; vom 10.07.1984 – VI ZR 222/82, NJW 1985, 134 f.; BGH, Urteil vom 26.02.1962 – II ZR 22/61, NJW 1962, 910, 911; Beschluss vom 24.11.2010 – III ZR 260/09, juris Rn. 9).
Für das Vorliegen eines haftungsausschließenden Rechtsirrtums ist der Anspruchsgegner darlegungs- und beweispflichtig (vgl. Senat, Urteil vom 21.04.2009 – VI ZR 304/07, NJW-RR 2009, 1207 Rn. 23; BGH, Urteil vom 16.06.1977 – III ZR 179/15, BGHZ 69, 128, 143 f.).“ (BGH a.a.O.)
c) Anforderungen an das Vorliegen eines unvermeidbaren Verbotsirrtums
„Die zutreffende rechtliche Beurteilung normativer Tatbestandsmerkmale gehört nicht zum Vorsatz. Insoweit genügt eine „Parallelwertung in der Laiensphäre“, die eine ausreichende Bedeutungskenntnis beinhaltet (Senat, Urteile vom 15.05.2012 – VI ZR 166/11, NJW 2012, 3177 Rn. 21; vom 10.07.1984 – VI ZR 222/82, NJW 1985, 134, 135; BGH, Urteile vom 03.04.2008 – 3 StR 394/07, BGHR StGB § 17 Vermeidbarkeit 8 Rn. 30; vom 24.09.1953 – 5 StR 225/53, BGHSt 4, 347, 352).
Fehlvorstellungen oder -bewertungen über normative Tatbestandsmerkmale können je nach dem Stand der (Un-)Kenntnis des Täters zu einem den Vorsatz und damit die Strafbarkeit ausschließenden Tatbestandsirrtum (§§ 15, 16 StGB) oder zu einem vermeidbaren oder unvermeidbaren Verbotsirrtum (§ 17 StGB) führen, wobei die sachgerechte Einordnung derartiger Irrtümer unter Rückgriff auf wertende Kriterien und differenzierte Betrachtungen vorzunehmen ist. Insoweit kann das Vertrauen des Täters in juristische Auskünfte sowohl im Rahmen des Tatbestandsvorsatzes Bedeutung erlangen als auch sich im Bereich der Schuld auf die Strafbarkeit auswirken (BGH, Urteil vom 03.04.2008 – 3 StR 394/07, BGHR StGB § 17 Vermeidbarkeit 8 Rn. 36).
Ein Täter hat bereits dann eine den Verbotsirrtum ausschließende, ausreichende Unrechtseinsicht, wenn er bei Begehung der Tat mit der Möglichkeit rechnet, Unrecht zu tun, und dies billigend in Kauf nimmt. Es genügt mithin das Bewusstsein, die Handlung verstoße gegen irgendwelche, wenn auch im Einzelnen nicht klar vorgestellte gesetzliche Bestimmungen (BGH, Urteile vom 23.12.2015 – 2 StR 525/13, BGHSt 61, 110 Rn. 53 f.; vom 11.10.2012 – 1 StR 213/10, BGHSt 58, 15 Rn. 65 jeweils m.w.N.; verfassungsrechtlich unbedenklich: BVerfG [K], Beschluss vom 16.03.2006 – 2 BvR 954/02, NJW 2006, 2684, 2686).
Ein Verbotsirrtum ist im Sinne von § 17 S. 1 StGB unvermeidbar, wenn der Täter trotz der ihm nach den Umständen des Falles, seiner Persönlichkeit sowie seines Lebens- und Berufskreises zuzumutenden Anspannung des Gewissens die Einsicht in das Unrechtmäßige nicht zu gewinnen vermochte. Im Zweifel trifft ihn eine Erkundigungspflicht (Senat, Urteil vom 10.07.1984 – VI ZR 222/82, NJW 1985, 134 135; BGH, Urteil vom 07.03.1996 – 4 StR 742/95, NJW 1996, 1604, 1606; Beschluss vom 27.01.1966 – KRB 2/65, BGHSt 21, 18, 20 f.). Für jemanden, der im Geschäftsleben steht, ist kaum jemals ein Irrtum über das Bestehen eines Schutzgesetzes unvermeidbar, das für seinen Arbeitsbereich erlassen wurde, weil jeder im Rahmen seines Wirkungskreises verpflichtet ist, sich über das Bestehen von Schutzgesetzen zu unterrichten (Senat, Urteile vom 15.05.2012 – VI ZR 166/11, NJW 2012, 3177 Rn. 23; vom 21.12.1955 – VI ZR 280/54, LM § 823 (Bc) BGB Nr. 1; vom 10.07.1984 – VI ZR 222/82, NJW 1985, 134, 135; BGH, Beschluss vom 02.04.2008 – 5 StR 354/07, BGHSt 52, 182, 190).“ (BGH a.a.O.)
d) Anwendung auf den Fall
„Die getroffenen Feststellungen tragen nicht die Annahmen des Berufungsgerichts, dass der Beklagte zu 1 einem Verbotsirrtum unterlegen und dass dieser unvermeidbar gewesen sei. [wird ausgeführt]“ (BGH a.a.O.)
normative tatbestandsmerkmaleparallelwertung in der laiensphäreschuldlosigkeitschutzgesetztatbestandsirrtumunrechtseinsichtunvermeidbarer verbotsirrtumverbotsirrtumvorsatz