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Timestamp: 2019-09-17 22:54:40
Document Index: 146495404

Matched Legal Cases: ['Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 2', 'Art. 2', '§ 136', 'Art. 25', 'Art. 59', '§ 72', 'Art. 59', 'Art. 20', 'Art. 2', 'Art. 20', 'Art. 21', '§ 72', '§ 72', '§ 72', '§ 72', 'Art. 3', 'Art. 67', '§ 14', '§ 72', 'BGH']

Rechts­hil­fe aus der Schweiz und das Pro­zess­grund­recht eines fai­res Ver­fah­ren | Rechtslupe
Der Rechts­hil­fe­ver­kehr zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft voll­zieht sich im Wesent­li­chen auf der Grund­la­ge des Euro­päi­schen Über­ein­kom­mens über die Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen vom 20. April 1959 (Euro­päi­sches Rechts­hil­fe­über­ein­kom­men)1. Die Ver­trags­par­tei­en sind grund­sätz­lich ver­pflich­tet, sich ein­an­der in allen straf­recht­li­chen Ver­fah­ren, die von Jus­tiz­be­hör­den des ersu­chen­den Staa­tes aus­ge­hen, so weit wie mög­lich Rechts­hil­fe zu leis­ten (Art. 1 EuRHÜbk). Die Rechts­hil­fe kann jedoch aus­nahms­wei­se ver­wei­gert wer­den, wenn sich das Ersu­chen auf straf­ba­re Hand­lun­gen bezieht, die vom ersuch­ten Staat als fis­ka­li­sche straf­ba­re Hand­lun­gen ange­se­hen wer­den (Art. 2 Buch­sta­be a EuRHÜbk). Dar­un­ter sind Abga­ben-, Steuer‑, Zoll- und Devi­sen­straf­sa­chen zu ver­ste­hen2. Von die­sem Recht macht die Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft Gebrauch, da eine Hand­lung, die auf eine Ver­kür­zung fis­ka­li­scher Abga­ben gerich­tet erscheint, nach schwei­ze­ri­schem Recht mit Aus­nah­me des Abga­be­be­trugs nicht rechts­hil­fe­fä­hig ist3.
Die Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft hat in Bezug auf Art. 2 EuRHÜbk einen Vor­be­halt erklärt. Danach behält sie sich unter ande­rem das Recht vor, Rechts­hil­fe nur unter der aus­drück­li­chen Bedin­gung der Spe­zia­li­tät zu leis­ten. Dies bedeu­tet, dass die durch Rechts­hil­fe erhal­te­nen Infor­ma­tio­nen im ersu­chen­den Staat in Straf­ver­fah­ren wegen Taten, bei denen Rechts­hil­fe in der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft nicht zuläs­sig ist, nicht ver­wen­det wer­den dür­fen. Unab­hän­gig von der Bedin­gung der Spe­zia­li­tät darf der ersu­chen­de Staat aller­dings die durch Rechts­hil­fe erhal­te­nen Infor­ma­tio­nen wei­ter ver­wen­den, wenn die Tat, auf die sich das Ersu­chen bezieht, einen ande­ren Straf­tat­be­stand dar­stellt, für den Rechts­hil­fe in der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft zuläs­sig wäre oder wenn sich das Straf­ver­fah­ren des ersu­chen­den Staa­tes gegen ande­re Per­so­nen rich­tet, die an der straf­ba­ren Hand­lung teil­ge­nom­men haben4.
Das Grund­recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit aus Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­tet in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip das all­ge­mei­ne Pro­zess­grund­recht auf ein rechts­staat­li­ches, fai­res Ver­fah­ren5. Es ent­hält kei­ne in allen Ein­zel­hei­ten bestimm­ten Gebo­te und Ver­bo­te6, son­dern bedarf der Kon­kre­ti­sie­rung je nach den sach­li­chen Gege­ben­hei­ten. Dabei ist es zunächst Auf­ga­be des Gesetz­ge­bers, das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren aus­zu­ge­stal­ten. Er kann dabei zwi­schen mög­li­chen Alter­na­ti­ven bei der nor­ma­ti­ven Kon­kre­ti­sie­rung der grund­ge­setz­li­chen Anfor­de­run­gen wäh­len. Er kann Rechts­fol­gen ihrer Ver­let­zung nor­mie­ren (vgl. § 136a Abs. 3 Satz 2 StPO), muss dies aber nicht, da lücken­fül­lend das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren zur Anwen­dung gelangt7. Dane­ben kann das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren auch durch Völ­ker­ge­wohn­heits­recht und völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge aus­ge­stal­tet wer­den8. Ist eine völ­ker­recht­li­che Norm in den Rang des Gewohn­heits­rechts erwach­sen, sind die deut­schen Gerich­te gemäß Art. 25 GG grund­sätz­lich dar­an gehin­dert, inner­staat­li­ches Recht in einer die Norm ver­let­zen­den Wei­se aus­zu­le­gen und anzu­wen­den9. Die inner­staat­li­che Gel­tung von völ­ker­recht­li­chen Ver­trä­gen setzt hin­ge­gen einen durch Bun­des­ge­set­ze im Sin­ne von Art. 59 Abs. 2 GG erteil­ten inner­staat­li­chen Rechts­an­wen­dungs­be­fehl vor­aus10. Liegt ein sol­cher vor, müs­sen deut­sche Gerich­te völ­ker­recht­li­che Ver­trä­ge wie ande­re Bun­des­ge­set­ze im Rah­men metho­disch ver­tret­ba­rer Aus­le­gung beach­ten und anwen­den11.
Das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren wird vor­lie­gend durch § 72 IRG kon­kre­ti­siert, da die Bedin­gung der Spe­zia­li­tät im Bereich der sons­ti­gen Rechts­hil­fe (anders als im Bereich der Aus­lie­fe­rung12 kei­ne völ­ker­ge­wohn­heits­recht­li­che Gel­tung erlangt hat13. Die Bedin­gung der Spe­zia­li­tät ergibt sich auch nicht unmit­tel­bar aus dem Euro­päi­schen Rechts­hil­fe­über­ein­kom­men mit der Fol­ge, dass sie bereits nach Art. 59 Abs. 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG inner­staat­lich zu beach­ten wäre. Der von der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft in Bezug auf Art. 2 EuRHÜbk erklär­te Vor­be­halt ändert das Euro­päi­sche Rechts­hil­fe­über­ein­kom­men zwar nach Art. 20 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 21 Abs. 1 WVK zwi­schen der Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft und den übri­gen Ver­trags­staa­ten inhalt­lich in der Wei­se, wie es in dem Vor­be­halt vor­ge­se­hen ist14. Der schwei­ze­ri­sche Vor­be­halt legt die Bedin­gung der Spe­zia­li­tät aber nicht aus­drück­lich fest, son­dern ermög­licht der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft nur, die sons­ti­ge Rechts­hil­fe an die Bedin­gung der Spe­zia­li­tät zu knüp­fen. Die Bewil­li­gung der sons­ti­gen Rechts­hil­fe durch die Schwei­ze­ri­sche Eid­ge­nos­sen­schaft ist damit nicht per se mit der Bedin­gung der Spe­zia­li­tät ver­knüpft, son­dern die Bedin­gung der Spe­zia­li­tät muss bei jeder ein­zel­nen Bewil­li­gung eigens von den zustän­di­gen schwei­ze­ri­schen Behör­den gesetzt wer­den15.
Nach § 72 IRG sind Bedin­gun­gen, die der ersuch­te Staat an die Rechts­hil­fe geknüpft hat, zu beach­ten. Ohne § 72 IRG wäre die von einem ersuch­ten Staat bei der Bewil­li­gung deut­scher Rechts­hil­fe­er­su­chen gesetz­te Bedin­gung regel­mä­ßig nur eine völ­ker­recht­li­che Ver­pflich­tung, deren Beach­tung von den deut­schen Gerich­ten man­gels inner­staat­li­cher Gel­tungs­an­ord­nung nicht gewähr­leis­tet wäre16.
Die Kon­kre­ti­sie­rung des Rechts auf ein fai­res Ver­fah­ren erfolgt nicht nur durch den Gesetz­ge­ber, son­dern auch durch die Fach­ge­richts­bar­keit. Letz­te­rer kommt die Auf­ga­be zu, den Schutz­ge­halt der jeweils in Fra­ge ste­hen­den Ver­fah­rens­norm und anschlie­ßend die Rechts­fol­gen ihrer Ver­let­zung zu bestim­men. Deut­sche Gerich­te lei­ten auf der Grund­la­ge der vom ersuch­ten Staat gesetz­ten Bedin­gun­gen aus § 72 IRG ein Ver­fah­rens- bzw. Voll­stre­ckungs­hin­der­nis bei Aus­lie­fe­run­gen17 und ein Beweis­ver­wer­tungs­ver­bot bei sons­ti­ger Rechts­hil­fe18 ab.
Da die Aus­le­gung und Anwen­dung ein­fach­recht­li­cher Nor­men wie § 72 IRG grund­sätz­lich Auf­ga­be der Fach­ge­richts­bar­keit ist, kann sie vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – abge­se­hen von Ver­stö­ßen gegen das Will­kür­ver­bot – nur dar­auf über­prüft wer­den, ob sie Aus­le­gungs­feh­ler ent­hal­ten, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung des betrof­fe­nen Grund­rechts, ins­be­son­de­re vom Umfang sei­nes Schutz­be­reichs beru­hen19. Das ist der Fall, wenn die von den Fach­ge­rich­ten vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung der Nor­men im Ergeb­nis zu einer unver­hält­nis­mä­ßi­gen Beschrän­kung des betrof­fe­nen Grund­rechts führt20. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dies für das Recht auf ein fai­res Ver­fah­ren ange­nom­men, wenn die Fach­ge­rich­te den Schutz­ge­halt einer ver­letz­ten Ver­fah­rens­norm ver­kannt oder die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me eines Ver­wer­tungs­ver­bots hin­sicht­lich rechts­wid­rig gewon­ne­ner Bewei­se über­spannt haben21.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Juni 2010 – 2 BvR 432/​07 und 2 BvR 507/​08
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BGBl 1964 II S. 1369, 1386; BGBl 1976 II S. 1799 [↩]
vgl. Grützner/​Pötz/​Kreß, Inter­na­tio­na­ler Rechts­hil­fe­ver­kehr in Straf­sa­chen, 3. Aufl., III. A 3.1 "Euro­päi­sches Rechts­hil­fe­über­ein­kom­men", Rn. 7, Novem­ber 1992 [↩]
vgl. Art. 3 Abs. 3 des schwei­ze­ri­schen Bun­des­ge­set­zes über inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen (SR 351.1) [↩]
vgl. inso­weit auch Art. 67 Abs. 2 des schwei­ze­ri­schen Bun­des­ge­set­zes über inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen [↩]
vgl. BVerfGE 26, 66, 71; 38, 105, 111; 40, 95, 99; 65, 171, 174; 66, 313, 318; 77, 65, 76; 86, 288, 317 [↩]
vgl. BVerfGE 63, 45, 61 [↩]
vgl. BVerfGK 9, 174, 188 [↩]
vgl. BVerfGK 9, 174, 189 [↩]
vgl. BVerfGE 112, 1, 27 [↩]
vgl. BVerfGE 90, 286, 364; 104, 151, 209 [↩]
vgl. BVerfGE 57, 9, 27 f. [↩]
vgl. Schultz, Das neue Schwei­zer Recht der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit in Straf­sa­chen, ZStW 96 (1984), 595, 613 f.; Böse, Die Ver­wer­tung im Aus­land gewon­ne­ner Beweis­mit­tel im deut­schen Straf­ver­fah­ren, ZStW 114 (2002), 148, 174 [↩]
vgl. Heint­schel von Hein­egg, in: Ipsen, Völ­ker­recht, 5. Aufl. 2004, § 14 Rn. 10 [↩]
vgl. Schus­ter, Ver­wert­bar­keit im Aus­land gewon­ne­ner Bewei­se im deut­schen Straf­pro­zess, S. 139 [↩]
vgl. Vogler/​Walter, in: Grützner/​Pötz/​Kreß, a.a.O., § 72 IRG Rn. 1 [↩]
vgl. OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 27.07.1999 – 1 AR 34/​99, NStZ 1999, 639; OLG Olden­burg, Beschluss vom 05.09.2003 – 1 Ws 363/​03, NStZ 2004, 405 [↩]
BFH, Urteil vom 21.06.1989 – X R 20/​88, NJW 1990, S. 2492, 2493; vgl. auch BGHSt 34, 334, 341, 344 [↩]
vgl. BVerfGE 99, 145, 160 [↩]
vgl. BVerfGE 18, 85, 92 f., 96; 85, 248, 258 f.; 87, 287, 323 [↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 07.07.1995 – 2 BvR 326/​92, NStZ 1995, 555 [↩]
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