Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/auslieferung-und-die-gefahr-menschenrechtswidriger-behandlung-3102181
Timestamp: 2020-08-13 12:27:19
Document Index: 151933039

Matched Legal Cases: ['§ 73', 'Art.20', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 9', 'Art. 23', 'Art. 26', 'EuG', 'EuG']

Auslieferung - und die Gefahr menschenrechtswidriger Behandlung | Rechtslupe
Auslieferung - und die Gefahr menschenrechtswidriger Behandlung
Aus­lie­fe­rung – und die Gefahr men­schen­rechts­wid­ri­ger Behand­lung
Im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren gilt der Grund­satz der Amts­auf­klä­rung [1]. Behör­den und Gerich­te müs­sen sich ver­ge­wis­sern, dass die Aus­lie­fe­rung und die ihr zugrun­de lie­gen­den Akte mit den unab­ding­ba­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­zen ver­ein­bar sind [2]. Ein­fach­recht­lich erklärt § 73 Satz 1 IRG die Aus­lie­fe­rung für unzu­läs­sig, wenn sie wesent­li­chen Grund­sät­zen der deut­schen Rechts­ord­nung wider­spre­chen wür­de.
Zu den unab­ding­ba­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­zen zählt das aus den ein­zel­nen Grund­rech­ten und dem Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) abzu­lei­ten­de Gebot der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Den zustän­di­gen Orga­nen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist es ver­wehrt, einen Ver­folg­ten aus­zu­lie­fern, wenn die Stra­fe, die ihm im ersu­chen­den Staat droht, uner­träg­lich hart, mit­hin unter jedem denk­ba­ren Gesichts­punkt unan­ge­mes­sen erscheint. Tat­be­stand und Rechts­fol­ge müs­sen sach­ge­recht auf­ein­an­der abge­stimmt sein [3]. Eben­so zählt es wegen Art. 1 Abs. 1 GG und Art. 2 Abs. 1 GG zu den unab­ding­ba­ren Grund­sät­zen der deut­schen Ver­fas­sungs­ord­nung, dass eine ange­droh­te oder ver­häng­te Stra­fe nicht grau­sam, unmensch­lich oder ernied­ri­gend sein darf [4].
Ande­res gilt, wenn die zu voll­stre­cken­de Stra­fe ledig­lich als in hohem Maße hart anzu­se­hen ist und bei einer Beur­tei­lung allein am Maß­stab des deut­schen Ver­fas­sungs­rechts nicht mehr als ange­mes­sen erach­tet wer­den könn­te. Da das Grund­ge­setz von der Ein­glie­de­rung Deutsch­lands in die Völ­ker­rechts­ord­nung der Staa­ten­ge­mein­schaft aus­geht (vgl. Prä­am­bel, Art. 1 Abs. 2, Art. 9 Abs. 2, Art. 23 bis Art. 26 GG) [5], gebie­tet es zugleich, im Rechts­hil­fe­ver­kehr mit ande­ren Staa­ten auch dann Struk­tu­ren und Inhal­te frem­der Rechts­ord­nun­gen und ‑anschau­un­gen grund­sätz­lich zu ach­ten [6], wenn sie im Ein­zel­nen nicht mit den inner­staat­li­chen deut­schen Auf­fas­sun­gen über­ein­stim­men. Sol­len der im gegen­sei­ti­gen Inter­es­se bestehen­de Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr und die außen­po­li­ti­sche Hand­lungs­frei­heit der Bun­des­re­gie­rung erhal­ten blei­ben, so dür­fen die Gerich­te nur die Ver­let­zung der wesent­li­chen Grund­sät­ze der deut­schen Ver­fas­sungs­ord­nung als unüber­wind­ba­res Hin­der­nis für eine Aus­lie­fe­rung zugrun­de legen [7].
Die Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung muss erken­nen las­sen, dass das Gericht die Ver­ein­bar­keit der Aus­lie­fe­rung mit den zurück­ge­nom­me­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Stan­dards sorg­fäl­tig geprüft hat. Dabei erhö­hen sich die Anfor­de­run­gen an die Begrün­dung mit dem Aus­maß des dro­hen­den Ein­griffs in die per­sön­li­che Frei­heit des Betrof­fe­nen [8]. Ohne einen Ver­gleich der jewei­li­gen Straf­er­war­tung lässt sich die Fra­ge nach der Zuläs­sig­keit der Rechts­hil­fe sach­ge­recht nicht beur­tei­len; neben den Beson­der­hei­ten des Ein­zel­fal­les müs­sen inso­weit auch die gege­be­nen Umstän­de der Straf­voll­stre­ckung, des Straf­voll­zu­ges und der Straf­aus­set­zung im Blick behal­ten wer­den [9].
Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kei­ne Beden­ken gegen eine Aus­lie­fe­rung zur Straf­ver­fol­gung nach Grie­chen­land, obwohl dem Ver­folg­ten dort eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe droh­te. Die­se Straf­dro­hung hat die Kam­mer nicht für uner­träg­lich hart befun­den, weil die Ankla­ge einen Fall schwe­rer Dro­gen­kri­mi­na­li­tät und damit eine Tat betraf, die auch nach deut­schem Recht mit Frei­heits­stra­fe von 15 Jah­ren bedroht war, und das grie­chi­sche Recht nach einer Ver­bü­ßung von 20 Jah­ren Frei­heits­stra­fe bei guter Füh­rung die Ent­las­sung aus der Haft gewähr­te. Ange­sichts der kon­kre­ten Chan­ce auf vor­zei­ti­ge Ent­las­sung stand die dro­hen­de Frei­heits­stra­fe zu der – schwer­wie­gen­den – Ver­feh­lung nicht so außer Ver­hält­nis, dass sie als schlecht­hin unan­ge­mes­sen anzu­se­hen war [10].
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te auch kei­ne Beden­ken gegen eine Aus­lie­fe­rung nach Indi­en, obwohl dem Ver­folg­ten auch dort eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe wegen Betrugs­de­lik­ten droh­te. Da die ein­zel­nen Staa­ten gera­de im Bereich der Ver­mö­gens­de­lik­te unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen über die Straf­wür­dig­keit hät­ten, sei die­se Straf­dro­hung nicht uner­träg­lich hart im Sin­ne der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [11]. Eben­so wenig hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Aus­lie­fe­rung an die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka bean­stan­det, bei der dem Ver­folg­ten wegen „schwe­ren Mor­des“ eine lebens­lan­ge Frei­heits­stra­fe ohne die Mög­lich­keit der vor­zei­ti­gen Bewäh­rung droh­te [12]. Bei schwers­ten Rechts­gut­ver­let­zun­gen kann die Anord­nung einer lebens­lan­gen Frei­heits­stra­fe mit dem Gebot des sinn- und maß­vol­len Stra­fens ver­ein­bar sein [13], sofern für den Betrof­fe­nen zumin­dest eine prak­ti­sche Mög­lich­keit besteht, sei­ne Frei­heit wie­der­zu­er­lan­gen [14].
Auch wenn im Aus­lie­fe­rungs­ver­fah­ren der Grund­satz der Amts­auf­klä­rung gilt, ist dem ersu­chen­den Staat im Hin­blick auf die Ein­hal­tung der Grund­sät­ze der Rechts­staat­lich­keit und des Men­schen­rechts­schut­zes grund­sätz­lich Ver­trau­en ent­ge­gen­zu­brin­gen. Die­ser Grund­satz kann so lan­ge Gel­tung bean­spru­chen, wie er nicht durch ent­ge­gen­ste­hen­de Tat­sa­chen erschüt­tert wird [15]. Aus­nah­men von die­sem Grund­satz sind nur in beson­ders gela­ger­ten Fäl­len gerecht­fer­tigt [16]. Vor die­sem Hin­ter­grund hat der Ver­folg­te – ähn­lich wie im asyl­recht­li­chen Ver­fah­ren – eine Dar­le­gungs­last, mit der er den an der Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der Aus­lie­fe­rung betei­lig­ten Stel­len zumin­dest hin­rei­chen­de Anhalts­punk­te für ihre Ermitt­lun­gen geben muss [17].
Die von einem Ver­folg­ten behaup­te­te Gefahr men­schen­rechts­wid­ri­ger Behand­lung steht einer Aus­lie­fe­rung nicht schon dann ent­ge­gen, wenn sie auf­grund eines bekannt­ge­wor­de­nen frü­he­ren Vor­falls nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen wer­den kann. Viel­mehr müs­sen begrün­de­te Anhalts­punk­te für die Gefahr men­schen­rechts­wid­ri­ger Behand­lung vor­lie­gen [18]. Es müs­sen stich­hal­ti­ge Grün­de gege­ben sein, nach denen gera­de im kon­kre­ten Fall eine beacht­li­che Wahr­schein­lich­keit besteht, dass in dem ersu­chen­den Staat die unab­ding­ba­ren ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­sät­ze nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Auf kon­kre­te Anhalts­punk­te kommt es nur dann nicht an, wenn in dem ersu­chen­den Staat eine stän­di­ge Pra­xis gro­ber, offen­kun­di­ger oder mas­sen­haf­ter Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te besteht. Die Aus­lie­fe­rung in Staa­ten, die eine stän­di­ge Pra­xis umfas­sen­der und sys­te­ma­ti­scher Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen auf­wei­sen, wird regel­mä­ßig die Wahr­schein­lich­keit einer Ver­let­zung der wesent­li­chen Grund­sät­ze der deut­schen ver­fas­sungs­recht­li­chen Ord­nung begrün­den [19].
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Novem­ber 2015 – 2 BvR 2088 – /​15
vgl. BVerfGE 70, 297, 310; BVerfG, Beschluss vom 20.11.2014 – 2 BvR 1820/​14, wis­tra 2015, S. 96, 99 Rn. 27[↩]
vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.11.2014 – 2 BvR 1820/​14, wis­tra 2015, S. 96, 99 Rn. 27[↩]
vgl. BVerfGE 60, 348, 355 f.; 63, 197, 206; 109, 13, 33; 109, 38, 59[↩]
vgl. BVerfGK 6, 334, 342; BVerfG, Beschluss vom 29.05.1996 – 2 BvR 66/​96, EuGRZ 1996, S. 324, 326[↩]
vgl. BVerfGE 108, 129, 138; BVerfG, Beschluss vom 22.06.1992 – 2 BvR 1901/​91, Rn. 4 juris, Beschluss vom 31.05.1994 – 2 BvR 1193/​93, NJW 1994, S. 2883, 2884; Beschluss vom 29.05.1996 – 2 BvR 66/​96, EuGRZ 1996, S. 324, 326[↩]
vgl. BVerfGE 108, 129, 138 f.; BVerfG, Beschluss vom 15.10.2007 – 2 BvR 1680/​07, NVwZ 2008, S. 71, 72[↩]