Source: https://issuu.com/kooperationsverbund/docs/kvjs_beitraege6_web
Timestamp: 2018-03-24 09:15:53
Document Index: 280842229

Matched Legal Cases: ['Art. 3', '§ 1', '§ 13', 'Art. 3', 'Art. 12', 'Art. 2', 'Art. 6', 'Art. 23', 'Art. 19', 'Art. 12', 'Art. 1', '§ 45', '§ 13', '§ 1', '§ 13', 'Art. 28', 'Art. 2', 'Art. 12', 'Art. 2', 'Art.\n12', 'Art. 3', 'Art. 6', '§ 1631', '§ 1666', 'Art. 22', 'Art. 21', 'Art. 22', '§ 22', 'Art. 22', 'Art. 12', '§ 8', 'Art. 3', '§ 8', '§ 1', '§ 11', '§ 13', '§ 55', '§ 13']

Beiträge zur Jugendsozialarbeit - Nr. 6 by Annika Koch - issuu
Beitr채ge zur Jugendsozialarbeit
Menschenrechte und Jugendsozialarbeit Die UN-Kinderrechtskonvention im Blick
Nr. 6, herausgegeben vom Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit
In der Reihe „Beiträge zur Jugendsozialarbeit“ wollen wir aktuelle Themen aufgreifen und vertiefen, die zur Weiterentwicklung der Jugendsozialarbeit beitragen können. Im Fokus stehen junge Menschen im Kontext Bildung und Schule, Ausbildung und Beruf.
Liebe Leserinnen und Leser, Kinderrechte und Jugendsozialarbeit – wie
oder privaten Einrichtungen der sozialen Für-
Ihre erste Reaktion, als Sie dieses Beitragsheft
Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist
geht das denn zusammen? Vielleicht war das
in die Hände genommen haben. Laut Kinderreport 2015 des Deutschen Kinderhilfswerks
sind nur vier Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen und drei Prozent der Erwachse-
nen die in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschriebenen Kinderrechte genauer bekannt, jeweils 19 Prozent wissen ungefähr Bescheid. Gleichzeitig wissen 49 Prozent der
Kinder und Jugendlichen bzw. 36 Prozent der
Erwachsenen nicht, was sich hinter der UNKinderrechtskonvention verbirgt.
Es besteht also Informationsbedarf – auch hinsichtlich der Frage, was die Kinderrechte denn nun mit der Jugendsozialarbeit zu tun haben.
Denn tatsächlich geht es hier nicht nur um internationale Rechte und den elementaren
Schutz etwa von Flüchtlingskindern, sondern es geht auch um spezifische Themen der Ju-
gendsozialarbeit wie Partizipation oder das Recht auf Teilhabe und Bildung.
2009 hat Deutschland seinen Vorbehalt zur
UN-Kinderrechtskonvention in Bezug auf
ausländische Kinder zurückgenommen und seit dem 15. Juli 2010 gilt damit Art. 3 Abs. 1 UN-KRK uneingeschränkt für alle Kinder in
Deutschland: „Bei allen Maßnahmen, die Kin-
der betreffen, gleich ob sie von öffentlichen
sorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder
das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.“ Also stellt sich der Zusammenhang zur Jugendhilfe etwa
in § 1 und zur Jugendsozialarbeit in § 13 SGB VIII mit dem Abbau von Benachteiligung und
der Ermöglichung von Teilhabe sehr direkt dar. Jugendsozialarbeit kann sehr davon pro-
fitieren, wenn sie sich an den Kinderrechten orientiert und in diesem Sinne als Menschenrechtsprofession versteht.
Die Jugendsozialarbeit kann und muss ihren Beitrag leisten, um jungen Menschen – insbe-
sondere sozial benachteiligten und individuell
beeinträchtigten – zu ihrem Recht zu verhelfen und sie auf ihrem Weg zu voller gesellschaftlicher Teilhabe zu unterstützen. Dabei fühlt sie
sich den Prinzipien der Partizipation, des Em-
powerments und der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet.
sozialarbeit“ diskutieren die Autorinnen und Autoren eine Auswahl der insgesamt 54 Arti-
kel der UN-Kinderrechtskonvention vor dem Hintergrund,
es für die Jugendsozialarbeit geben kann. Zu Beginn gibt Oliver Trisch einen kurzen historischen Einblick in die UN-KinderrechtskonVorwort
vention und zeigt Möglichkeiten für die Hand-
ziell für die Jugendsozialarbeit – zu verstehen
Kinder und Jugendliche ihre Rechte kennen
diskutieren Manuel Arnegger und Hans-Peter
lungsfelder der Jugendsozialarbeit auf, damit
und auch einfordern können. Anne Thiemann präsentiert verschiedene Strategien für die
Praxis vor Ort, um auf das Thema „Häusliche
Gewalt“ aufmerksam zu machen und sowohl Erwachsene als auch junge Menschen für die
Thematik zu sensibilisieren. Christine Lohn
und in den Angeboten zu etablieren. Am Ende Häußermann die Frage, ob sich die Erfahrungen der Arbeit von Ombudsstellen in den Hilfen zur Erziehung auch für die Jugendsozialarbeit nutzbar machen lassen.
setzt sich in ihrem Beitrag dafür ein, Men-
die Kinder- und Jugendhilfe – und hier spe-
schenrechtsbildung als Bildungsauftrag für
Beiträge zur Jugendsozialarbeit 6
Kinderrechte – eine Einführung in die Entstehung der UN-Kinderrechtskonvention und ihre Umsetzung in Deutschland sowie Anknüpfungspunkte für die Jugendsozialarbeit
Oliver Trisch Häusliche Gewalt – ein Thema für Schule und Jugendsozialarbeit
Anne Thiemann „Ich habe nicht verstanden, was um mich herum passiert.“ Menschenrechtsbildung als spezifischer Auftrag der Jugendsozialarbeit für junge Menschen mit Fluchterfahrungen
Christine Lohn Ombudsstellen in der Jugendhilfe als direkte Unterstützung für Kinder und Jugendliche?
Manuel Arnegger und Hans-Peter Häußermann
Kinderrechte – eine Einführung in die Entstehung der UN-Kinderrechtskonvention und ihre Umsetzung in Deutschland sowie Anknüpfungspunkte für die Jugendsozialarbeit Oliver Trisch
istorisch betrachtet ist
fischer Rechte von Kin-
1989 wurde das Übereinkommen über die Rechte
Antike bis zum Mittelalter wurden Kinder in
– verabschiedet. Sie umfasst insgesamt 54
die Anerkennung spezi-
dern eine moderne Errungenschaft. Von der der Regel als kleine Erwachsene betrachtet, zwischen der Lebenssituation von Kindern
und Erwachsenen wurde kaum unterschieden. Mit der Industrialisierung und der Einführung der Schulpflicht änderte sich dies in
Europa und es setzte auch international eine lebhafte Diskussion um die Lebenssituation von Kindern ein.
Erst vor rund 90 Jahren, am 26. September 1924, verabschiedete der Völkerbund die Gen-
fer Erklärung, die erstmals spezifische Rechte der Kinder benennt und gleichzeitig die Verantwortung der Erwachsenen festschreibt.
1959 folgte eine Erklärung über die Rechte des Kindes, die von der Generalversammlung der
Vereinten Nationen mit dem Ziel verabschiedet wurde, alle Mitgliedsstaaten zur weiteren
Entwicklung und Etablierung von Kinderrechten anzuhalten.
des Kindes – die UN-Kinderrechtskonvention Artikel. Die UN-Kinderrechtskonvention ist das erste rechtsverbindliche Dokument in der
Entwicklung der Kinderrechte und wird da-
her zu Recht oft als Meilenstein bezeichnet.1
Mittlerweile wurde sie – Stand 13. August
2015 – von allen Staaten außer den USA und Somalia ratifiziert.2
Artikel 1 der UN-Kinderrechtskonvention de-
finiert als Kind jeden Menschen, der das 18.
Lebensjahr noch nicht vollendet hat. Genau genommen müsste also von Rechten für Kinder und Jugendliche gesprochen werden.
Auch aus einem anderen Grund ist die UNKinderrechtskonvention
revolutionär: So setzt sie der früheren und auch heute noch durchaus üblichen Sicht auf Kinder – deren Meinungen, Interessen und
Wohl in vielen Entscheidungsprozessen als
zweitrangig zu betrachten – eine Perspek7
tive entgegen, die die Würde der Kinder als
engl.: best interest of the child (Art. 3), sowie
unveräußerlicher Rechte sieht. Mit anderen
auch als Allgemeine Prinzipien bezeichneten
Ausgangspunkt nimmt und Kinder als Träger 3
Worten: Dieser Perspektivwechsel bedeu-
tet eine Hinwendung „von der Objekt- zur Subjektorientierung,
Schutzpflichten hin zu Schutz- und Partizipationsrechten.“
Konkret zeigt sich dieser Blick in der KRK
in der Berücksichtigung des Kindeswohls, 8
im Recht auf Partizipation (Art. 12). Zu diesen Rechten der KRK gehören zudem der Diskriminierungsschutz, d. h. alle Kinderrechte
gelten für alle Kinder und ohne Ausnahme (Art. 2), und der Schutz des Rechts auf Leben,
Überleben und Entwicklung (Art. 6). Diese
vier Artikel gelten übrigens als notstandsfest, d. h. auch in Zeiten einer nationalen Krise dürfen sie nicht außer Kraft gesetzt werden.5
Nach UNICEF (United Nations International
des Denkens, des Gewissens und der Reli-
gründeten Sonderorganisation der Vereinten
•	Schutzrechte – dazu zählen z. B. das Recht
Kinderrechte, lässt sich die KRK zum Über-
oder willkürlicher Trennung von der Fami-
Children´s Emergency Fund), der 1946 geNationen zum Schutz und zur Förderung der blick in drei Gruppen einteilen:
•	Versorgungsrechte – dazu zählen z. B.
das Recht auf Nahrung, auf Wohnen oder medizinische Versorgung, aber auch das Recht auf Bildung, Freizeit, Schule, Freiheit
gion (Art. 23-29, 7, 8),
auf Schutz vor Ausbeutung, Missbrauch lie (Art. 19-22, 30, 32-38),
•	Partizipationsrechte – dazu zählen alle
Rechte, die dem Kind freie Meinungsäußerung und Mitsprache in den die Kinder betreffenden Angelegenheiten garantieren (Art. 12-17, 31).6
Dabei gelten für alle Menschenrechte, also auch für die Kinderrechte, drei Grundprinzipien: Sie sind universell, d. h. sie gelten welt-
(ICERD,
die Frauenrechtskonvention (CEDAW, 1979), die Antifolterkonvention (CAT, 1984), die er-
weit für alle Kinder ohne Unterschiede, sie
wähnte Kinderrechtskonvention (CRC, 1989),
stehen in keinem hierarchischen Verhältnis
Wanderarbeiter/-innen und ihrer Familienan-
sind unteilbar, d. h. die 54 Artikel der KRK
zueinander und lassen sich auch nicht einzeln
herausgreifen, und sie sind interdependent, d. h. sie stehen in einem Gesamtzusammenhang und können nur als Ganzes verwirklicht werden.7
gehörigen (ICRMW, 1990) sowie die Behindertenrechtskonvention (CRPD, 2006) und das
Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen (CPED, 2006).
An diesen Konventionen zeigt sich die beständige Weiterentwicklung des Menschen-
rechtsschutzsystems. Ausgangspunkt dieser
Entwicklung ist in der Regel das entschiede-
Kinderrechte sind Menschenrechte, denn die UN-Kinderrechtskonvention ist ein Teil des
Menschenrechtsschutzsystems der Vereinten
Nationen. Neben der KRK gibt es eine Reihe weiterer rechtsverbindlicher Menschenrechtsverträge.
die Konvention zum Schutz der Rechte aller
der Menschenrechte (AEMR) im Jahr 1948, die zusammen mit den rechtsverbindlichen Verträgen von 1966, dem Internationalen Pakt
ne Eintreten von Interessengruppen für ihre Rechte. Dadurch gelangen weitere Gruppen in den Blick, die einen besonderen Schutz und Unterstützung benötigen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Entstehung der Behinder-
tenrechtskonvention. Menschenrechte werden so kontinuierlich und systematisch
weiter spezifiziert, sie lassen sich daher als „unabgeschlossene[r] Lernprozess in Ant-
wort auf Unrechtserfahrungen“ beschreiben.8 Weiterhin ist hervorzuheben, dass „Men-
über bürgerliche und politische Rechte (IC-
schenrechte das Ergebnis langwieriger in-
wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rech-
und „weder europäische Erfindung noch Er-
CPR) sowie dem Internationalen Pakt über
te (ICESCR) die universelle Charta der Menschenrechte darstellt.
Weitere Spezial-Konventionen des Menschen-
rechtsschutzes, die auf die Gleichstellung, Gleichberechtigung
Schutzbedürftig-
keit marginalisierter Gruppen abzielen oder spezielle einzelne Rechte schützen, sind die 10
ternationaler Aushandlungsprozesse [sind]“
rungenschaft“9. Der Kern der Menschenrechte bildet dabei die allen Menschen innewoh-
nende und unveräußerliche Menschenwürde.
Auf dieser Grundlage sind Menschenrechte Rechte, die jedem Menschen ohne Ausnahmen zukommen. Menschenrechte werden in
diesem Zusammenhang oft als Freiheitsrechte bezeichnet, weil sie direkt an das Mensch-
sein anknüpfen und nicht an Merkmale
von den jeweiligen Vertragsstaaten benannt
Grundlegend ist zudem das Gebot der Nicht-
Rhythmus Staatenberichte an, diskutieren
wie Staats- oder andere Zugehörigkeiten. Diskriminierung. Dieses ist in allen menschenrechtlichen Verträgen enthalten. Der
Schutz vor Diskriminierung kann daher als
ein Strukturprinzip der Menschenrechte be-
zeichnet werden. Im ersten Satz des Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte
von 1948 werden diese Aspekte präzise formuliert: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“
Überwachung der Menschenrechtsverträge Zur Umsetzung der Menschenrechtsverträ-
ge sind die Staaten verpflichtet. In diesem
Zusammenhang wird oft von Achtungs-, Schutz- und Gewährleistungspflichten der
Staaten gesprochen: Sie müssen die jeweiligen Rechte achten und dürfen diese nicht verlet-
werden. Sie nehmen in einem regelmäßigen diese mit den Delegationen der einzelnen Mitgliedsstaaten und geben am Ende Empfehlungen ab (Concluding Observations). Für
die Diskussion und die Verfassung der Emp-
fehlungen greifen die Ausschüsse zusätzlich auf die sogenannten „ergänzenden Berichte“ oder „Parallelberichte“ zurück, die von nichtstaatlichen Organisationen und unabhängigen Einrichtungen vorgelegt werden. Dazu
findet auch ein eigenes Treffen des jeweiligen Fachausschusses mit den unabhängigen
Einrichtungen statt. Zudem gibt es einige
weitere Menschenrechtsinstrumente wie die Sonderberichterstatter/-innen, die die Einhaltung einzelner Rechte überwachen. So gibt es
zum Beispiel den Sonderberichterstatter zum
Recht auf Bildung (Special Rapporteur on the
right to education), aktuell ist dies Kishore Singh aus Indien.10
zen, sie müssen die Rechte und die Rechts-
Des Weiteren existiert bei einigen Menschen-
bis 18 Jahre) vor Gewalt durch Dritte schützen
dualbeschwerde. 2014 ist das Individualbe-
subjekte (in der KRK Kinder und Jugendliche und sie müssen Maßnahmen ergreifen, die die Umsetzung der Rechte ermöglichen.
rechtsverträgen die Möglichkeit einer Indivischwerdeverfahren zur KRK in Kraft getreten,
auch Deutschland hat dieses Zusatzprotokoll
unterzeichnet.11 Eine Individualbeschwerde
Die Einhaltung aller Menschenrechtsverträ-
bedeutet die Einreichung einer Beschwer-
– wird überwacht. Diese Aufgabe wird von
Menschenrechtsvertrages, in Bezug auf die
ge – also auch der Kinderrechtskonvention
den jeweiligen Vertragsausschüssen erfüllt,
bei der KRK ist dies der UN-Kinderrechts-
ausschuss (Committee on the Rights of the Child). Diese Fachausschüsse (UN Treaty Bodies) bestehen aus Sachverständigen, die
de beim jeweils zuständigen Ausschuss des
KRK ist dies der UN-Kinderrechtsausschuss. Eine Individualbeschwerde kann jedoch immer erst nach Ausschöpfung des innerstaatlichen Rechtsweges eingelegt werden.
raus lässt sich aber nicht schließen, dass Kin-
Die Kenntnis von Menschenrechten und da-
treten können; denn dieselbe Untersuchung
mit auch des Menschenrechtsschutzsystems ist nicht selbstverständlich. Bei einer Befra-
gung der Altersgruppe von 14 bis 92 Jahren zeigte sich in Deutschland im Durchschnitt nur die Kenntnis von drei Menschenrechtsartikeln. Eine europaweite Untersuchung, die 12
sich auf die Altersgruppe von 15 bis 18 Jahren bezieht, kommt zu dem Ergebnis, dass gut
der und Jugendliche für ihre Rechte auch einkommt auf die Frage, welche Herausforderungen sie in Bezug auf die Verteidigung ihrer Rechte sehen, zu dem Schluss, dass die Ju-
gendlichen zu 79 Prozent nicht wissen, wie sie
ihre Rechte verteidigen können und zu wem sie gehen sollen, und zu 76 Prozent sich nicht
bewusst sind über ihre spezifischen Rechte.13 Menschenrechtsbildung (MRB) als pädagogi-
zwei Drittel der Befragten sich bewusst sind
sche Disziplin der Menschenrechte setzt hier
von Kindern (in Deutschland 63 Prozent). Da-
für die Menschenrechte.14 Konkret geht es um
über die generelle Existenz besonderer Rechte
an und zielt auf das Lernen über, durch und
Lernen über Menschenrechte zielt hier auf
die Kenntnis und Auseinandersetzung mit Schlüsselbegriffen wie Freiheit, Gleichheit,
Menschenwürde, Gerechtigkeit und Nicht-Diskriminierung, aber auch auf die Kenntnis von
Verträgen, Dokumenten und Deklarationen,
die Auseinandersetzung mit den Menschenrechten als Bezugsrahmen für Verhaltensregeln
in der Gesellschaft, die historische Betrachtung
der Menschenrechte sowie von unterschiedlichen Zugängen und Legitimationen. Werte und Einstellungen
Lernen durch Menschenrechte zielt auf die ei-
gene Sensibilisierung und das Empowerment der eigenen Person sowie die Entwicklung
ger Verein mit dem Titel „National Coaliti-
on Deutschland – Netzwerk zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention e. V.“ Dem
Verein gehören rund 110 bundesweit tätige Organisationen und Institutionen an. Zu seinen Aufgaben zählt u. a. die Erstellung und Koordination der ergänzenden Berichte oder
Parallelberichte zum Staatenbericht. Eine zentrale Forderung des Vereins ist seit Langem: „Kinderrechte ins Grundgesetz.“16 Diese
Forderung wird von Seiten der Politik unterschiedlich bewertet. Aus einer menschenrechtlichen Perspektive heraus bestehen jedoch die besten Chancen für die Realisierung
und den Schutz der Kinderrechte darin, dass ein Staat sie in nationales Recht übernimmt.
von Empathie und Solidarität. Verschiedene
Ein wichtiges Instrument zum Schutz und
ihre mögliche Überwindung stehen dabei im
Nationale Aktionspläne (NAP), mit denen
Formen von Menschenrechtsverletzung und Mittelpunkt der Betrachtung. Handlungskompetenzen
Lernen für die Menschenrechte zielt auf die Erweiterung der eigenen Handlungs- und
Kommunikationskompetenzen, die Schulung kritischen Denkens sowie das Erlernen von
Kooperation und Konfliktlösungsstrategien in Gruppen.
Kinderrechte in Deutschland Ein wichtiger Akteur zur Förderung der
Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland ist die National Coalition. Die National Coalition
ist mittlerweile ein eigenständi-
zur Umsetzung der Menschenrechte sind
ein Land spezifische Ziele und Vorhaben für einen bestimmten Zeitraum festlegen kann.
Für die Umsetzung der Kinderrechte verabschiedete die Bundesregierung unter der
Federführung des Bundesministeriums für
Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2005 den Nationalen Aktionsplan „Für ein kindergerechtes Deutschland 2005–2010“.17 Mit
dem NAP konkretisierte die Bundesregie-
rung Ziele und Maßnahmen zur Förderung
der Kinderrechte. Es wurden sechs Handlungsfelder identifiziert, u. a. zu Bildung, Ge-
sundheit, der Beteiligung von Kindern und
Jugendlichen sowie zu den internationalen Verpflichtungen und Vorgaben durch die
Vereinten Nationen. Nach 2010 gab es keinen weiteren NAP, dennoch wurden einige 13
bedeutende Hindernisse zur Umsetzung der
te versteht. Das KJHG, welches sich heute
Berücksichtigung neuerer Entwicklungen
Kinderrechte in Deutschland aus dem Weg
•	Deutschland hatte die UN-Kinderrechts-
konvention 1992 nur unter Vorbehalt ra-
tifiziert. Der Vorbehalt beinhaltete u. a., dass Minderjährige in asyl- und ausländer-
rechtlichen Verfahren bereits ab 16 Jahren wie Erwachsene behandelt werden und in Abschiebungshaft genommen werden
im SGB VIII wiederfindet, wird durch die zum Schutz der Rechte von Kindern beständig weiterentwickelt. Ein Beispiel dafür sind
die Beteiligungs- und Beschwerderechte von
Kindern in § 45 SGB VIII zur Erteilung einer Betriebserlaubnis einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe.
zurückgenommen worden. Für hier leben-
UN-Kinderrechtskonvention und Jugendsozialarbeit
in vollem Umfang wie für alle anderen
Welchen Mehrwert hat die Auseinanderset-
•	Seit 2014 ist in Deutschland das Individu-
derrechten für die Jugendsozialarbeit? Ziel
können. Dieser Vorbehalt ist im Jahr 2010 de Flüchtlingskinder gilt seitdem die KRK Kinder auch.
albeschwerdeverfahren zur KRK in Kraft.
Damit wird Kindern ein Instrument gegeben, mit dem sie selbst ihre Rechte durchsetzen können. Die konkrete Ausgestaltung dieses Instruments steht jedoch noch an ihrem Anfang.
•	Der UN-Ausschuss für die Rechte der Kin-
der hat in seinen Empfehlungen zum Staatenbericht wiederholt die Einrichtung einer
Monitoringstelle zur KRK gefordert.18 Die
Bundesregierung hat nun darauf reagiert.
Die Monitoring-Stelle wird am Deutschen Institut für Menschenrechte angesiedelt
und im Laufe des Jahres 2015 ihre Arbeit aufnehmen.
Für den deutschen Kontext ist zudem das
1990 bzw. 1991 eingeführte Kinder- und Ju-
gendhilfegesetz (KJHG) zu erwähnen, das Kinder nun explizit als Träger eigener Rech14
zung mit den Menschenrechten bzw. den Kin-
der Jugendsozialarbeit ist nach § 13 SGB VIII die Förderung und Unterstützung benachteiligter Jugendlicher. Sozial oder individuell benachteiligte Jugendliche können somit als eine marginalisierte Gruppe bezeichnet
werden. Wie oben kurz angerissen, verfolgen Menschenrechte das Ziel, die Gleichstellung, Gleichberechtigung
keit marginalisierter Gruppen herzustellen. Insofern kann von einer Übereinstimmung
der Ziele gesprochen werden. Der Bezug zu den Menschenrechten und speziell zu den Kinderrechten kann helfen, nach außen die
eigenen Argumente in Bezug auf benachteiligte Jugendliche zu stärken – denn es klingt durchaus „gewichtiger“, wenn neben § 1 oder
§ 13 im SGB VIII auch die Kinderrechte mit ihren jeweils infrage kommenden Artikeln herangezogen werden. So könnte der Bezug auf
Art. 28e der KRK (Recht auf Bildung/Maß-
nahmen für einen regelmäßigen Schulbesuch) ein Argument für ein flächendeckendes Angebot von Schulsozialarbeit (mancherorts Ju-
gendsozialarbeit an Schule) und für Angebote zur Begegnung von Schulabsentismus sein.
Im Anschluss daran ist zu überlegen, ob sich
Jugendsozialarbeit (bzw. die gesamte Jugend-
hilfe) nicht grundlegend und explizit (auch) als menschenrechtsbasierte Arbeit verstehen
sollte.19 Soziale Arbeit begreift sich durchaus
bereits als Menschenrechtsprofession, wie
sich bspw. am seit 2002 existierenden Kooperationsstudiengang „Master of Social Work – Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“ in Berlin ablesen lässt.20
Des Weiteren kann Jugendsozialarbeit von
den Kinderrechten auch nach innen profitieren. So kann uns das Diskriminierungsverbot (Art. 2 KRK) dazu veranlassen, immer wieder neu zu überprüfen, welche Gruppen
benachteiligt sind und – wie auch in der Ent-
wicklung der Menschenrechte abzulesen ist – welche Gruppen von der Jugendsozialarbeit neu adressiert werden müssen. Zum Beispiel ist der Blick auf LGBTIQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersexual, Queer)Jugendliche, auch in Verbindung mit ihrer
sozialen oder ethnischen Herkunft, noch sehr wenig ins Blickfeld der Jugendsozialarbeit auf Bundesebene gelangt.21 Ein weiteres zentrales Thema der KRK ist Partizipation. Bedauerlicherweise ist trotz vieler gut gemeinter
Maßnahmen oft festzustellen, dass Partizipation an den entscheidenden Stellen meist
nicht vollständig verwirklicht wird. Wenn
zum Beispiel in der Schule im Rahmen des 15
Demokratie-Lernens einerseits partizipativ
die Jugendsozialarbeit ließe sich daran an-
ten Bereichen wie Schulnotenvergabe oder
besteht, unsere Arbeit (umfassend) partizipa-
gearbeitet wird und andererseits in relevanSchulsteuerung keinerlei Mitsprache vorgesehen ist, wird dies oftmals – und meines
Erachtens zu Recht – als Scheinpartizipation wahrgenommen. Dies bestätigen auch Unter-
suchungen. Demnach schätzen Kinder und Jugendliche ihre „Mitsprachemöglichkeiten
insbesondere in der Schule und am Wohnort als gering ein“.22 Für die Schule würde eine umfassende Umsetzung des Rechts auf Parti-
zipation (Art. 12 KRK) beispielsweise bedeu-
ten, dass „das Alleinbestimmungsmonopol von Lehrer_innen aufzubrechen“ wäre.23 Für
knüpfend fragen, inwieweit eine Bereitschaft
tiv zu öffnen und zum Beispiel grundlegende Entscheidungen gemeinsam mit (benachteiligten) Kindern und Jugendlichen zu treffen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob sich
nicht Jugendsozialarbeit (bzw. Jugendhilfe)
im Gesamten an den allgemeinen Prinzipien der UN-Kinderrechtskonvention ausrichten sollte: am
oben dargestellten Diskriminierungsverbot (Art. 2) und dem Recht auf Partizipation (Art.
12) sowie dem Recht auf Berücksichtigung des
Kindeswohls (Art. 3) und dem Recht auf Leben und bestmögliche Entwicklung (Art. 6).24
Der Autor: Dr. Oliver Trisch ist Referent für Jugendsozialarbeit im Deutschen Roten Kreuz e. V. Generalsekretariat. E-Mail: trischo@drk.de Literatur: BIELEFELDT, Heiner (2006): „Menschenrechte als Antwort auf historische Unrechtserfahrungen“. In: Deutsches Institut für Menschenrechte et al. (Hrsg.): Jahrbuch Menschenrechte 2007. Privat oder Staat. Menschenrechte verwirklichen. Frankfurt am Main, S. 135–142.
EUROPEAN COMMISSION (Hrsg.) (2008): The Rights of the Child. Summary. Flash Eurobarometer 235. KRAPPMANN, Lothar (2009): „Anspruch und Kerngehalte der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen“. In: Kinder und Jugendliche. Jahrbuch Menschenrechte 2010. Wien, Köln, Weimar, S. 15–25. LOHN, Christine (2011): „Das auch noch?!? Menschenrechtsbildung als impliziter Auftrag von Jugendsozialarbeit“. In: Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (Hrsg.): Lebensmittel Bildung. Themenheft 1/2011. Stuttgart, S. 45–48. LOHRENSCHEIT (2006): „Einführung – Kinderrechte sind Menschenrechte“. In: Deutsches Institut für Menschenrechte (Hrsg.): Die Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen stärken: Dokumentation eines Fachgesprächs über die Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland. Berlin, S. 6–9. MAYWALD, Jörg; Skutta, Sabine (2009): „Den Vorrang des Kindeswohls umsetzen. Der Kinderrechtsansatz in der Kinder- und Jugendhilfe“. In: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (Hrsg.): Übergänge – Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. Berlin, S. 195–216. REITZ, Sandra (2015): Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Partizipation. Was aus menschenrechtlicher Sicht im Bildungsbereich getan werden muss. Policy Paper. Deutsches Institut für Menschenrechte (Hrsg.). Berlin. SAX, Helmut (2009): „Im besten Interesse des Kindes – Kindeswohlprüfung als kinderrechtliche Herausforderung“. In: Kinder und Jugendliche. Jahrbuch Menschenrechte 2010. Wien, Köln, Weimar, S. 37–56. SOMMER, Gert; Stellmacher, Jost; Brähler, Elmar (2005): „Menschenrechte in Deutschland: Wissen, Einstellungen und Handlungsbereitschaft“. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Der Bürger im Staat: Menschenrechte. 55. Jahrgang. Heft 1/2. Stuttgart, S. 57–61. SKUTTA, Sabine (2012): „Grünes Licht für neuen UN-Vertrag zu Kinderrechten! Kinder können ihre Rechte aus der UN-Kinderrechtskonvention nun auch bei den Vereinten Nationen einfordern“. In: Forum Jugendhilfe 1/2012. Berlin, S. 38–41. THIEMANN, Anne (2007): „Sexuelle Orientierung – (k)ein Thema in der Schule?“ In: Prengel, Annedore; Overwien, Bernd (Hrsg.): Recht auf Bildung – Zum Besuch des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen in Deutschland. S. 285–299. TRISCH, Oliver (2013): Der Anti-Bias-Ansatz. Beiträge zur theoretischen Fundierung und Professionalisierung der Praxis. Stuttgart. VON WERTHERN, Katjuscha; Nguyen, Toan Quoc (2014): „Kinderrechte im schulischen Alltag wahren und stärken. Eine partizipatorisch-demokratische Perspektive“. In: Reader Schulsozialarbeit 2014. Hintergründe und Empfehlungen zu Querschnittsthemen eines komplexen Handlungsfeldes. Band 2. Berlin, S. 50–82. Anmerkungen: Vgl. Lohrenscheit (2006), S. 6. https://treaties.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?src=TREATY&mtdsg_no=IV-11&chapter=4&lang=en (geöffnet am 16.07.2015). UNICEF erklärt hingegen in einer Pressemitteilung vom 20. Januar 2015, dass Somalia die KRK mittlerweile ebenfalls ratifiziert habe: http://www.unicef.de/presse/2015/somalia-ratifiziert-kinderrechtskonvention/70796
Vgl. Krappmann (2010), S. 19. Reitz (2015), S. 7. 5 Vgl. Sax (2009), S. 43. 6 Vgl. www.unicef.de/ueber-uns/unicef-und-kinderrechte (geöffnet am 13.08.2015). 7 Vgl. Lohrenscheit (2006), S. 6 f. 8 Bielefeldt (2006), S. 137 f. 9 von Werthern; Nguyen (2014), S. 51. 10 www.ohchr.org/EN/Issues/Education/SREducation/Pages/SREducationIndex.aspx (geöffnet am 12.08.2015). 11 Vgl. Skutta (2012). 12 Vgl. Sommer; Stellmacher; Brähler (2005), S. 57. 13 Vgl. European Commission (2008), S. 7 f. 14 Vgl. Trisch (2013), S. 167. 15 www.netzwerk-kinderrechte.de (geöffnet am 13.08.2015). 16 www.netzwerk-kinderrechte.de/themen/grundgesetz.html (geöffnet am 13.08.2015). 17 www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/nap/Nationaler-aktionsplan/iii-perspektiven-fuer-eine-nachhaltige-entwicklung-zueinem-kindergerechten-deutschland.html (geöffnet am 17.08.2015). 18 www.netzwerk-kinderrechte.de/themen/monitoringsystem.html (geöffnet am 17.08.2015). 19 Vgl. Lohn (2011), S. 48. 20 www.mrma-berlin.de//MRMA/ (geöffnet am 13.08.2015). 21 Vgl. Thiemann (2007). 22 Reitz (2015), S. 6 f. 23 von Werthern; Nguyen (2014), S. 67. 24 Vgl. Maywald; Skutta (2009), S. 200 ff. 3 4
Häusliche Gewalt – ein Thema für Schule und Jugendsozialarbeit Anne Thiemann
as Recht auf gewaltfreie
Sie kennzeichneten über lange Zeit legiti-
land seit dem Jahr 2000
familialen Übergriffen erstmalig als Gewalt.
Erziehung ist in Deutsch-
gesetzlich verankert. International ist der Schutz vor Gewalt in der Familie in Artikel
19 der UN-Kinderrechtskonvention aufge-
nommen und damit für alle Staaten bindend, welche die Konvention ratifiziert haben. Die
Festschreibung dieses Rechts wäre nicht denkbar ohne vorangegangene historische
gesellschaftliche Veränderungsprozesse, die
den Blick auf Kinder und das Verständnis von Gewalt tiefgreifend verändert haben.
Die sogenannte Züchtigungsgewalt des Mannes bzw. Vaters gegenüber Frauen und Kindern innerhalb der Familie war wie in vielen
Ländern auch in Deutschland bis ins 20. Jahrhundert hinein geduldet und im Familienrecht des BGB staatlich legitimiert. Erst seit
den 1960er-Jahren veränderte sich in West-
mierte und normalisierte Formen von innerWährend die Forderung nach respektvoller
Behandlung und körperlicher Unversehrtheit des Kindes durch Erwachsene von den
Pionieren/-innen der Kinderrechte (so z. B.
Ellen Key, Janusz Korczak) bereits Anfang des 20. Jahrhunderts proklamiert wurde, dauerte es noch ein Jahrhundert, bis dies in Deutschland als tatsächliche Rechtsnorm umgesetzt
werden sollte. Erst im November 2000 wurde in Deutschland das Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung verabschiedet. Seit diesem Zeitpunkt haben Kinder in Deutschland laut § 1631 Abs. 2 BGB das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Dem Gesetzestext
zufolge sind körperliche Bestrafungen, seeli-
sche Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen unzulässig.
deutschland die Einschätzung dessen, was
Eine Verletzung dieses Rechts bedeutet gleich-
gungen wie die Frauenrechtsbewegung und
solche liegt dann vor, wenn Kinder in ihrer
als Gewalt angesehen wurde. Soziale Bewe-
neu entstandene Initiativen im Kinderschutz
schoben diese Entwicklung maßgeblich an.
zeitig eine Gefährdung des Kindeswohls. Eine
körperlichen, seelischen oder geistigen Entwicklung gefährdet und die Sorgeberechtigten 19
nicht gewillt oder in der Lage sind, die Gefahr
sprechen. Abschließend werden Beispiele ge-
pen wie Lehrkräfte und in der Kinder- und
an Information und Prävention für Kinder und
abzuwenden (§ 1666 Abs. 1 BGB). BerufsgrupJugendhilfe tätige Fachkräfte sind bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung verpflichtet, die Situation mit dem
Kind oder dem/der Jugendlichen zu besprechen und in Absprache mit der Schulleitung
bzw. der Leitung der Einrichtung ggf. weitere Maßnahmen zu ergreifen.
Als Erscheinungsformen einer Kindeswohlge-
nannt, wie Kinder- und Jugendsozialarbeit sich Jugendliche wirkungsvoll beteiligen können.
Ausmaß häuslicher Gewalt in Deutschland heute – Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche1
fährdung gelten u. a.:
Die 2004 vom Bundesministerium für Fami-
•	körperliche und seelische Misshandlung,
in Auftrag gegebene Studie „Lebenssituati-
•	Vernachlässigung,
•	sexualisierte Gewalt/sexueller Missbrauch, •	häusliche Gewalt.
Um Anzeichen bei Kindern und Jugendlichen für diese Gewaltformen zu erkennen, braucht
es Informationen und gezielte Sensibilisierung durch Fortbildungen von in diesen Bereichen arbeitenden Fachkräften. Die Thematisierung
und der Austausch zu Unsicherheiten in der
Kommunikation mit Kindern über diese sehr persönlichen und belastenden Erlebnisse ist hier ein wichtiger Baustein.
Aufgrund meiner Tätigkeit als Koordinatorin
bei BIG Prävention, dem Präventionsprojekt zu häuslicher Gewalt in Berlin, möchte ich den Fokus im Folgenden auf Ausmaß und Auswir-
kung von häuslicher Gewalt auf Kinder und Jugendliche legen. Es sollen Barrieren aufgezeigt werden, die es ihnen erschweren, mit anderen
Menschen über die Gewalt in der Familie zu 20
lie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) on, Sicherheit und Gesundheit von Frauen
in Deutschland“ belegt, dass jede vierte Frau
in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Mann/Lebenspartner erlebt hat.
Etwa zwei Drittel der Betroffenen berichteten
von wiederholten Gewalthandlungen. Ca. 65
Prozent erlitten dabei körperliche Verletzungen wie Prellungen, Hämatome, Knochenbrüche, Kopf- und Gesichtsverletzungen, also
deutliche Anzeichen für langfristige und mas-
siv verübte Gewalt. In den meisten Fällen geht diese mit Beleidigungen, Drohungen, De-
mütigungen und Isolierung von Freunden/ -innen und Familie einher, auch als psychische Gewalt bezeichnet. Mehr als die Hälfte
der in der Studie befragten Frauen gaben an, in der von Gewalt belasteten Beziehung mit Kindern zusammengelebt zu haben.
Da es bei häuslicher Gewalt ein hohes Dunkelfeld gibt, ist eine genauere Bestimmung,
wie viele Kinder und Jugendliche auf welche Weise betroffen sind, nur schwer möglich. Laut mehrerer Prävalenzstudien werden zwi-
schen zehn und 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Verlauf ihrer Kindheit Zeugen von häuslicher Gewalt.2 In vielen Fällen
werden sie ebenfalls Opfer direkter Gewalt-
Laut Aussage der befragten Frauen hatten 57 Prozent der Kinder die Gewalttaten gehört
und 50 Prozent diese gesehen. Etwa ein Viertel der Kinder war in die Auseinandersetzung hineingeraten und jedes zehnte Kind wurde dabei selbst körperlich angegriffen. Werden die Kinder selbst danach befragt, was sie miterlebt
haben, wird unmittelbar deutlich, dass sie
weit stärker betroffen sind als die Mütter wissen oder glauben: Fast alle Kinder (99 Prozent)
wissen von der Gewalt zwischen den Erwachsenen, 95 Prozent sehen sie mit eigenen Augen
und 77 Prozent erfahren sie am eigenen Leib.3
Die Differenz in den Aussagen der Mütter und
der Kinder lässt u. a. vermuten, wie sehr die
Mütter vom Geschehen absorbiert sind, sodass die Kinder oft nicht wahrgenommen werden und auf sich alleine gestellt sind.
Kinder nehmen das Gewaltgeschehen in der
Familie mit allen Sinnen wahr. Sie hören, wie Eltern sich gegenseitig beleidigen und demütigen, sie hören Schläge und Gegenstände, die
zu Bruch gehen. Sie sehen, wie einem Eltern-
teil wehgetan wird, und kümmern sich später oft um die Verletzungen. Zum Teil beschrei-
ben sie die ausgeübte Gewalt, als wäre sie
gegen sie selbst gerichtet: „Die Schläge, die 21
Beitr채ge zur Jugendsozialarbeit 6
meine Mama bekam, spürte ich in meinem Bauch (…)“, so ein zwölfjähriges Mädchen.
Oft nehmen Kinder die angespannte Atmosphäre und die beginnende Eskalation frühzeitig deutlich wahr.
In zahlreichen internationalen Studien wird
die Situation von Mädchen und Jungen im Kontext häuslicher Gewalt seit Ende der
1990er-Jahre thematisiert. Nahezu alle befragten Kinder beschreiben das Miterleben
von Partnerschaftsgewalt als sehr belastend und angstauslösend. Eine Mehrheit betroffener Kinder und Jugendlicher zeigt einzelne
Belastungsanzeichen, die von eher körperlichen Reaktionen (wie Schlafstörungen, Alb-
der Kinder diesen häuslichen Gewaltbedingungen ausgesetzt waren, desto tiefgreifender
sind sie in ihrer psychischen Gesamtentwicklung belastet. Aus der Hirnforschung ist be-
kannt, dass länger andauernde psychische Überlastung und emotionale Überforderung
(Stress, Ängste) Auswirkungen auf die Hirnentwicklung haben können. Mit der Beendi-
gung der familiären Gewaltsituation und dem Erleben empathischer Fürsorge oder elterlicher Unterstützung beim Verständnis und
Umgang mit Gefühlen sind laut internationaler Studien Veränderungen in Physiologie
und Gehirnentwicklung nachträglich beeinflussbar.7
träumen, psychosomatischen Beschwerden,
Es gibt zwei Risikopfade, auf denen betrof-
Daumenlutschen) über Verhaltensauffällig-
Zum einen werden sie in ihrem Bildungs-
keiten (innere emotionale Erstarrung, starke Anhänglichkeit) bis hin zu posttraumatischen
Belastungsstörungen reichen können.5 Nach Heinz Kindler, Diplom-Psychologe am Deut-
schen Jugendinstitut, überwiegen bei beiden
Geschlechtern in der psychischen Verarbei-
tung tendenziell eher nach innen gerichtete
Auffälligkeiten, die von Erwachsenen leichter übersehen werden als nach außen gerichtetes
Verhalten wie Unruhe und Aggressionen. Es 6
gibt jedoch kein „Schema“, mit dem Kinder
fene Kinder und Jugendliche sich bewegen:
weg beeinträchtigt. Vielen von ihnen fällt es
schwer, sich auf die Schule und das eigene Lernen zu konzentrieren, da sie viel an zu
Hause denken oder unter ständiger Müdig-
keit leiden. Manche gehen nicht oder nur unregelmäßig zur Schule, weil sie denken,
die Mutter so beschützen zu können. Folglich
sinken ihre Schulleistungen ab, sie erzielen schlechtere Noten und erreichen schlechtere Schulabschlüsse.
und Jugendliche ihre innere Not und Über-
Der zweite Risikopfad betrifft ihre sozialen Be-
und Schwere der (mit)erlebten Gewalt spielt
Fähigkeiten zur konstruktiven Konfliktbewäl-
forderung nach außen tragen. Die Häufigkeit
hierbei ebenso eine Rolle wie das Vorhanden-
sein von Bezugspersonen, denen sie vertrauen und mit denen sie über das Erlebte sprechen können. Je früher, dauerhafter und umfassen-
ziehungen. Sie haben weniger Möglichkeiten,
tigung zu entwickeln. Dies kann Konsequen-
zen für ihre Freundschaften und vor allem für ihre späteren Liebesbeziehungen haben, wenn
diese weniger glücklich verlaufen. Auch die23
ser Risikopfad hat Auswirkungen auf ihr ge-
innerhalb der Familie als familiäres Geheim-
Lebensqualität nachhaltig.8
sie nicht darüber. Viele fühlen sich schuldig,
samtes weiteres Leben und beeinträchtigt die
In der Studie des BMFSFJ wurde nachge-
wiesen, dass in der Herkunftsfamilie erlebte Gewalt einer der stärksten Risikofaktoren
für Frauen und Mädchen ist, als Erwachsene in gewalttätigen Beziehungen zu leben. Vergleichbare Zahlen für Männer liegen leider
nicht vor. Es wird von einer Verdreifachung
nis nicht nach außen dringen soll – sprechen weil sie die Gewalt nicht verhindern konnten
und weil sie annehmen, dass sie der Auslöser für die gewalttätigen Handlungen sind. Für
die Bewältigung und mögliche Veränderung
der Familiensituation ist es für Kinder und Jugendliche jedoch ungemein wichtig, Unterstützung zu erhalten.
der Wahrscheinlichkeit ausgegangen, in spä-
Die Suche nach den Hemmschwellen für Kin-
zu erdulden. Hier kann auch von einem Kreis-
gegenüber Verwandten oder auch in der Schu-
teren Partnerschaften Gewalt auszuüben oder lauf gesprochen werden, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. An dieser Stelle ist es jedoch ebenso wichtig zu betonen,
dass auch viele Mädchen und Jungen das Leid
in der Herkunftsfamilie zum Anlass nehmen und sich aufgrund des eigenen Erlebens sehr bewusst dafür entscheiden, niemals Gewalt auszuüben oder zu erdulden, wie sie dies in der Herkunftsfamilie beobachtet haben.
Sich anvertrauen und Unterstützung erfahren – ein Resilienzfaktor Es lässt sich immer wieder feststellen, wie schwer es Kindern und Jugendlichen fällt, Worte für ihre eigenen Erfahrungen zu fin-
der und Jugendliche, sich mit dem Erlebten le anzuvertrauen, ist Gegenstand der 2006 in der Schweiz erschienenen Studie „Häusliche Gewalt aus Sicht von Kindern und Jugendlichen“. Corinna Seith befragte hier 1.405 zufällig ausgewählte Schüler/-innen im Alter
zwischen neun und 17 Jahren zu ihrer Sicht auf die Thematik. Mit anderen über die Gewaltsituation zwischen den Eltern sprechen
zu können, sieht Seith als wichtigen Schritt
im Prozess der Enttabuisierung des gesam-
ten Themenfeldes „Häusliche Gewalt“ an wie
auch als Vorbedingung für das Erhalten von sozialer Unterstützung. Die Thematisierung soll den betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen, die Situation einzuordnen und
den Umgang mit der familiären Belastung zu erleichtern, sowie Möglichkeiten für Hilfe und Unterstützung klären.9
den und mit anderen darüber zu sprechen.
Für eine sinnvolle Strategie, die Thematisie-
sam und denken, Gewalt finde nur in ihrer
spricht auch, dass sechs von zehn der befrag-
Manche von ihnen fühlen sich zutiefst einFamilie statt. Aus Scham – oder auch, weil es 24
rung auch im Kontext von Schule zu stärken,
ten Schüler/-innen befürworten, in der Schu-
le über häusliche Gewalt umfassend aufgeklärt zu werden.
Bei den befragten Kindern und Jugendlichen wird eine große Ambivalenz bei der Frage deutlich, ob betroffene Kinder über ihre familiäre Situation sprechen sollten. Nur vier von zehn befürworten einen solchen Schritt ohne weitere Bedingungen. Jüngere Kinder haben
größere Vorbehalte als die 15- bis 17-Jährigen
und unterliegen stärker dem Familiengebot,
das, was in der Familie passiere, sei „privat“. Altersunabhängig befürworten die befragten
Mädchen ein sich Anvertrauen deutlich stärker als die Jungen.
Die ersten und wichtigsten Bezugspersonen, denen Kinder und Jugendliche sich in Fällen
häuslicher Gewalt anvertrauen würden, sind
die eigenen Geschwister und Freunde/-innen. Während gleich auf die Peer-Group die eige-
nen Großeltern folgen, die gerade für jüngere
Kinder und eingewanderte Jungen von großer Bedeutung sind, taucht im Bereich der formellen Unterstützungsmöglichkeiten das (anonyme) Sorgentelefon als die niedrigschwelligste
Wahl auf. Die Option, mit Lehrern/-innen
über familiäre Probleme zu sprechen, halten nur 12 Prozent der Befragten für einfach, die
Hälfte für eher schwierig und jede/-r vierte Schüler/-in äußerte Bedenken.10
Allgemein sind Zweifel an der vertraulichen Behandlung der Informationen, die Sorge um
das Ansehen der Familie und die Vorstellung, dass es sich um ein privates Problem han-
delt, die am meisten genannten potenziellen
Hemmnisse, über die Gewalt in der Familie
zu sprechen. Während jüngere Kinder ihre
Lehrer/-innen eher ins Vertrauen ziehen würden, fällt Jugendlichen diese Vorstellung deutlich schwerer. Sie betrachten Lehrer/-innen als
Menschen, die Wissen vermitteln, und nicht als Vertrauenspersonen. Genau hier liegt das
besondere Potenzial von Schulsozialarbeit, da diese Kinder und Jugendliche auf einer persönlichen Ebene erreichen und unterstützen
kann. Manche befürchten auch, dass die Thematisierung der familiären Gewalt die Eltern in ein schlechtes Licht rücken und dies soziale
und schulische Konsequenzen nach sich ziehen würde. Aus meiner eigenen Erfahrung
trifft dies besonders auf Kinder und Jugend-
liche aus den Familien zu, die sich aufgrund
der familiären Einwanderungsgeschichte oder dem Bezug von Sozialleistungen wie Hartz IV
von Seiten der Lehrer-/-innenschaft bereits
„unter Beobachtung“ fühlen und kein weiteres gesellschaftliches Stigma auferlegt bekom-
men wollen. Häufig wird die Sorge nach dem Umgang mit den Informationen genannt und
die Angst vor Konsequenzen für die Familie. Gerade jüngere Kinder haben immer wieder die Befürchtung, sie würden aus der Familie herausgerissen und ins Heim gegeben.
Wie Seith abschließend zusammenfasst, existiert bei vielen Kindern eine große Angst davor, dass über ihren Kopf hinweg entschieden
wird, sie nicht in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und Dinge geschehen, die
sie nicht wollen.11 Diesen Befürchtungen kann und sollte durch Präventionsanstrengungen begegnet werden, durch Information über 25
häusliche Gewalt und über Interventions-
mit wichtigen Notrufnummern für Kinder
Kummer, Kinder- und Jugendnotdienste)
möglichkeiten, die mit dem Kind transparent
Häusliche Gewalt – Information und Begleitung für Kinder und Jugendliche In den vergangenen zehn Jahren konnte die
Betroffenheit von Kindern und Jugendlichen
und Jugendliche aus (z. B. Nummer gegen und besprechen Sie, aus welchen möglichen Gründen Kinder und Jugendliche dort anru-
fen könnten. Benennen Sie dabei das Thema.
•	Recherchieren Sie, ob es in Ihrer Nähe ein
Präventionsprojekt gibt, das Sie in Ihre Einrichtung einladen können. In Berlin kön-
nen Sie sich an BIG Prävention wenden (www.big-praevention.de). Hier finden Sie
auch zahlreiche Materialien zum Download.
in Fällen häuslicher Gewalt in Deutschland
•	Surfen Sie mit einer Gruppe auf der Website
Aufgrund der Erkenntnis, dass von häuslicher
kindgerecht über häusliche Gewalt und
als Thema im Kinderschutz verankert werden. Gewalt betroffene Kinder und Jugendliche ihre
www.gewalt-ist-nie-ok.de. Diese informiert zeigt Hilfemöglichkeiten auf.
Sorgen und Nöte zuerst mit Freunden/-innen
•	Holen Sie die interaktive Ausstellung ECHT
matik für alle Kinder und Jugendlichen un-
bis 8. Klasse in Ihre Einrichtung. Diese wird
aus der Peer-Group teilen würden, ist die Themittelbar relevant. Dabei wird der in manchen Familien herrschenden Vorstellung, Gewalt in der Familie sei „normal“, eine andere Perspek-
tive entgegengesetzt und das Recht des Kindes auf Gewaltfreiheit in der Erziehung gestärkt.
Eine offene Benennung der Thematik durch pädagogische Fachkräfte tritt zudem der nach wie vor bestehenden gesellschaftlichen und familiären Tabuisierung entgegen und ermutigt Kinder, sich anzuvertrauen.
Die Thematik kann auf verschiedene Art und Weise aufgegriffen werden, hier eine Auswahl: •	Greifen Sie das Thema im Rahmen allge-
FAIR zu (häuslicher) Gewalt für Kinder der 5. von BIG Prävention im gesamten Bundesgebiet an Schulen und Jugendeinrichtungen
kostenpflichtig ausgeliehen. Die Ausstellung
greift das Thema in spielerischer Form auf, die alle Sinne anspricht. Es werden Hilfsangebote aufgezeigt, neue Perspektiven eröff-
net, ein faires Miteinander gefördert und die
Rechte der Schüler/-innen gestärkt (http:// www.big-berlin.info/medien/echt-fair).
•	Informieren Sie sich, ob thematisch passen-
de Theaterstücke in Ihrer Region aufgeführt
werden. So greift z. B. das mobile Theater EUKITEA häusliche Gewalt in dem Musiktheaterstück „Du bist unschlagbar!“ für Ju-
gendliche ab 13 Jahren auf (www.eukitea.de).
meiner Gewaltprävention, von Projekttagen
•	Grenzüberschreitendes Verhalten und Ge-
fensiv auf; hängen Sie gut sichtbar Plakate
hungen Jugendlicher auf. Im Rahmen des
oder anderen passenden Gelegenheiten of-
walt tritt auch in den ersten Liebesbezie-
von der EU geförderten Projektes „Heart-
Wenn Kinder und Jugendliche sich anvertrau-
walt“ ist ein Arbeitspaket mit vielen Metho-
mutiger Schritt, der oft mit der Angst verbun-
beat – Herzklopfen. Beziehungen ohne Geden zur schulischen und außerschulischen Prävention von Gewalt in Teenagerbezie-
hungen entwickelt worden (Download: http://www.frauenhaus-luzern.ch/cmsfiles/files/Arbeitspaket_Heartbeat_Beziehungen_ohne_Gewalt.pdf).
Die offene Benennung häuslicher Gewalt als familiäre Realität vieler Kinder und Jugend-
licher durch Erwachsene kann Anlass für ein vertrauliches Gespräch sein. Sie ist ein Signal
an Kinder und Jugendliche, dass Erwachsene um die als bedrohlich erlebte Thematik wis-
sen. Gerade für Kinder und Jugendliche, die sich vorher noch niemandem anvertraut hatten, hat dies oft eine ermutigende Wirkung.
en, ist dies für sie in der Regel ein großer und
den ist, dass nun Dinge passieren, die sie nicht erfahren oder die sie nicht wollen. Hier ist es
von großer Wichtigkeit, das Recht auf Beteiligung von Kindern und Jugendlichen wirksam
werden zu lassen. Kinder und Jugendliche sind „Experten/-innen“ ihrer eigenen Situation und haben häufig bereits Strategien ent-
wickelt, wie sie sich Erleichterung verschaffen können (z. B. indem sie bei Freunden/-innen
übernachten). Neben dem aktiven Einbeziehen dieser Strategien sollten größtmögliche
Transparenz und ein sensibler Umgang mit
den Ängsten und Befürchtungen der Kinder den weiteren Prozess prägen.
Die Autorin: Anne Thiemann ist seit 2012 Koordinatorin bei BIG Prävention in Berlin und freiberufliche Dozentin und Trainerin in der Menschenrechtsbildung. E-Mail: thiemann@big-praevention.de Literatur: BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (Hrsg.) (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Berlin. KAVEMANN, Barbara; Seith, Corinna (2007): „Es ist ganz wichtig, die Kinder da nicht alleine zu lassen“. Unterstützungsangebote für Kinder als Zeugen und Opfer häuslicher Gewalt. Eine Evaluationsstudie. Arbeitspapier der Landesstiftung Baden-Württemberg, Soziale Verantwortung & Kultur Nr. 3. KAVEMANN, Barbara; Kreyssig, Ulrike (Hrsg.) (2013): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden. KINDLER, Heinz (2013): „Partnergewalt und Beeinträchtigungen kindlicher Entwicklung: Ein aktualisierter Forschungsüberblick“. In: Kavemann, Barbara; Kreyssig, Ulrike (Hrsg.): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt, S. 27–46. KINDLER, Heinz (2015): „Miterlebte Partnerschaftsgewalt und Kindeswohl. Ein Update aus der Forschung“. In: CORAktuell, 38. Jahrgang, Ausgabe August 2015, „Zum Wohle des Kindes“, S. 8–10. MAYWALD, Jörg (2012): Kinder haben Rechte! Weinheim. SEITH, Corinna (2013): „`Weil sie dann vielleicht etwas Falsches tun – Zur Rolle von Schule und Verwandten für von häuslicher Gewalt betroffene Kinder aus Sicht von 9–17-Jährigen“. In: Kavemann, Barbara; Kreyssig, Ulrike (Hrsg.): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden, S. 76–94. STRASSER, Philomena (2013): „`In meinem Bauch zitterte alles´ – Traumatisierung von Kindern durch Gewalt gegen die Mutter“. In: Kavemann, Barbara; Kreyssig, Ulrike (Hrsg.): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden, S. 47–59. WURDAK-SWENSON, Marion (2013): „Therapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die häusliche Gewalt erlebt haben“. In: Kavemann, Barbara; Kreyssig, Ulrike (Hrsg.): Handbuch Kinder und häusliche Gewalt. Wiesbaden, S. 381–389. Anmerkungen: Häusliche Gewalt bezeichnet – unabhängig vom Tatort – Gewalttaten zwischen Personen in einer partnerschaftlichen Beziehung, die noch besteht, die sich in Auflösung befindet, die bereits aufgelöst ist, oder zwischen erwachsenen Personen in einem Angehörigenverhältnis. 2	Seith (2013), S. 79. 3	Vgl. Kavemann; Seith (2007). 4 Strasser (2013), S. 49. 5 Wurdak-Swenson (2013), S. 383. 6 Kindler (2015), S. 10. 7 Kindler (2013), S. 41. 8 Kindler (2013), S. 36. 9 Seith (2013), S. 84. 10 Seith (2013), S. 87. Innerhalb der Studie wird Schule ausschließlich mit der Person der Lehrkraft als Vertrauensperson in Verbindung gebracht, Erzieher/-innen und Schulsozialarbeiter/-innen sind leider nicht Bestandteil der Erhebung. 11 Seith (2013), S. 92. 1
„Ich habe nicht verstanden, was um mich herum passiert.“1 Menschenrechtsbildung als spezifischer Auftrag der Jugendsozialarbeit für junge Menschen mit Fluchterfahrungen Christine Lohn
s genügt nicht, dass Menschen-
zent waren 18- bis 25-jährig und gehören
völkerrechtlich verbrieft sind,
zialarbeit).2 Die Zahlen machen deutlich, dass
rechte niedergeschrieben und
damit ebenso zur Zielgruppe der Jugendso-
sich also eine Nation dazu bekannt hat – um
sich Art. 22 der UN-Kinderrechtskonvention
kennen und wissen, wie man sie in Anspruch
auf einen erheblichen Anteil aller Menschen,
sie wahrnehmen zu können, muss man sie nehmen kann. Diese schlichte Tatsache hat einen außergewöhnlich hohen Stellenwert für
die besonders Schutzbedürftigen, also unter anderem für Kinder im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention und explizit für junge Menschen während und nach ihrer Flucht. Dieser
Beitrag will sich einer Antwort auf die Frage
nicht auf eine Randgruppe bezieht, sondern
die derzeit in Deutschland Schutz suchen. 90 bis 95 Prozent aller Flüchtlingskinder reisen in Begleitung Familienangehöriger ein und
erleben – im Unterschied zu den restlichen unbegleiteten Minderjährigen – keine direkte Zuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe.3
nähern, inwieweit Menschenrechtsbildung als
Minderjährige Flüchtlinge sind gemäß Art. 21
eine spezifische Ausrichtung in der Jugendso-
ihrer Minderjährigkeit eine besonders schutz-
Bildungsauftrag der Kinder- und Jugendhilfe zialarbeit mit jungen Menschen mit Fluchterfahrungen findet.
Minderjährige Flüchtlinge – besonders schutzbedürftig Fast ein Drittel aller Asylanträge wur-
de zum Stichtag 31.12.2014 von bzw. für Minderjährige/-n gestellt (weitere 25,5 Pro-
der EU-Aufnahmerichtlinie schon aufgrund bedürftige Gruppe. Laut UNHCR liegt diese
Schutzbedürftigkeit begründet in ihrer Abhängigkeit, ihrer Gefährdung und ihren be-
sonderen Entwicklungsbedürfnissen: „Sie sind physisch und psychisch weniger als Erwach-
sene in der Lage, für ihre eigenen Bedürfnisse
zu sorgen oder sich vor Schäden zu schützen. Deshalb müssen sie sich auf die Fürsorge und
den Schutz durch Erwachsene verlassen. Die mit Situationen, die zu einer Entwurzelung 31
führen, und mit Entwurzelung selbst verbundenen Traumata stellen für Kinder eine große psychologische Gefährdung dar.“4
bung ebenso wie des Gefühls, angekommen und angenommen zu sein.
Junge Menschen mit Fluchterfahrungen sind
Kriege und Bürgerkriege, Vertreibung und
Gleichzeitig haben junge Flüchtlinge beson-
Zuhauses und oft auch ihrer Herkunftsfamilie
menbedingungen zu bewältigen: Sie müssen
oft traumatisiert, denn sie haben extreme Not, Gewalt, die Zerstörung oder den Verlust ihres erlebt. Ob sie als Kindersoldaten zwangsrekrutiert oder zur Prostitution gezwungen wurden, Inhaftierung und Folter überlebt oder auf der Flucht Gewalt erlebt haben, lässt sich oft erst
nach und nach rekonstruieren und aufarbeiten.
Dazu bedarf es einer als sicher erlebten Umge32
dere Hürden unter extrem ungünstigen Rahsich in einem ihnen fremden Land orientieren, von dem sie weder Sprache noch Kultur
verstehen. Da sie meist bedeutend schneller Deutsch sprechen als ihre erwachsenen Familienangehörigen, werden sie im Asylverfahren nicht selten als Sprachmittler/-innen ein-
gesetzt. Das führt zu einer nicht kindgemäßen
Verantwortungsübernahme und kann gleichzeitig Re-Traumatisierungen bewirken, wenn
sie die Gewalterfahrungen der nächsten Verwandten beim Übersetzen noch einmal durch-
unterlegt, der demnach Flüchtlingen ebenso wie Staatsangehörigen zu gewähren ist.
deren Ausstattung selten kindgerecht gestal-
Kinderrechte für Flüchtlingskinder – Art. 22 der UNKinderrechtskonvention
lichkeiten bieten. Die selbstverständliche Zu-
Die in der UN-Kinderrechtskonvention ver-
den damit verbundenen Leistungsrechten
endung des 18. Lebensjahres zu, sobald es sich
leben müssen. Familien mit Kindern werden in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht,
tet ist und die wenig bis keine Rückzugsmögständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe mit
und Umsetzungsstandards z. B. für die stationäre Unterbringung, wie sie für unbegleitete
Minderjährige im SGB VIII verortet ist, gilt nicht für begleitete Kinder und Jugendliche.
Im Gegenteil: Flüchtlingsfamilien müssen
befürchten, dass die Inanspruchnahme er-
zieherischer Hilfen zu einer „Ermessensausweisung“5 führt. Die AGJ stellt in ihrem
Positionspapier „Kind ist Kind!“ richtig fest, dass dadurch der Bildungs- und Erziehungs-
auftrag der Kinder- und Jugendhilfe in Gän-
ze infrage gestellt wird – unabhängig davon,
ob Kommunen von diesem Recht Gebrauch machen. Dass Auftrag und Angebot der Er6
ziehungshilfe sich deutlich unterscheiden von jenen der Jugendsozialarbeit, der Jugendarbeit oder auch der Tagesbetreuung für Kinder,
ist für Menschen, die gerade erst beginnen, die deutsche Sprache zu lernen und unse-
re Strukturen zu verstehen, schwer bis nicht
nachvollziehbar. Gleichzeitig ist eine solche Regelung nicht mit den Schutzrechten gemäß
§ 22 UN-Kinderrechtskonvention und Genfer Flüchtlingskonvention vereinbar: Erzieheri-
sche Hilfen sind mit einem Rechtsanspruch
brieften Rechte stehen jedem Kind bis zur Vollinnerhalb der Hoheitsgewalt eines Vertragsstaates befindet. Deutschland ist gleichzeitig
Vertragsstaat des Genfer Abkommens vom 28.
Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Genfer Flüchtlingskonvention) sowie des dazu vereinbarten Protokolls vom 31. Januar
1967. Flüchtlingskinder sind damit nach Arti-
kel 23 der Genfer Flüchtlingskonvention in die öffentliche Fürsorge einbezogen. Insoweit wie
auch beim Empfang sonstiger Hilfeleistungen
sind sie grundsätzlich den Staatsangehörigen des Aufnahmestaates gleichzustellen. Mit Art. 22 der UN-Kinderrechtskonvention wird noch
einmal explizit die Anspruchsberechtigung
für jedes in das Bundesgebiet eingereiste Kind, „das die Rechtsstellung eines Flüchtlings be-
gehrt oder nach Maßgabe der anzuwendenden Regeln und Verfahren des Völkerrechts oder des innerstaatlichen Rechts als Flüchtling an-
gesehen wird”, gesondert definiert. Demnach
sind jungen Menschen während und nach der Flucht „angemessener Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der Rechte (…),
die in diesem Übereinkommen (…) festgelegt
sind”, zu gewähren – unabhängig davon, ob 33
sie in Begleitung sorgeberechtigter Erwachse-
dann notwendig, wenn sie unbegleitet einge-
sind. Hilfe zur Rechtswahrnehmung begrün-
ten aus anderen Gründen nicht möglich ist, die
ner oder allein im Vertragsstaat angekommen det sich in der besonderen Schutzbedürftigkeit
minderjähriger Flüchtlinge und ist nicht nur
reist sind oder wenn es Eltern oder VerwandPersonensorge wahrzunehmen.
Exkurs: Die Subjektstellung stärken – Beteiligungsrechte umsetzen
„strukturelle Entscheidungen in der Einrich-
Die UN-Kinderrechtskonvention bringt mit
Unterkünften für Familien nach der Flucht.
Art. 12 eine grundsätzliche Veränderung in
das Bild vom Kind: „es ist anzuhören, ernst zu nehmen und an Entscheidungen zu beteiligen“, und zwar „in sämtlichen Lebensberei-
chen und Rechtsgebieten.“7 Damit wird hier in
besonderer Weise auf die Subjektstellung des Kindes fokussiert. Jedes Kind hat demnach das Recht, seine Meinung „in allen das Kind
berührenden Angelegenheiten frei zu äußern“; der Staat hat diese Meinung „angemessen und
entsprechend seinem Alter und seiner Reife“
tung“ sowie „Beschwerdeverfahren in persön-
lichen Angelegenheiten“, berührt also lediglich
die örtliche und die individuelle Ebene und gilt nicht in Erstaufnahmeeinrichtungen und
Kinder und Jugendliche werden damit nicht umfassend als Rechtssubjekte wahrgenom-
men. Diese Problematik verschärft sich noch, wenn sie nicht in der Lage sind, die Sprache der Mehrheitsgesellschaft zu verstehen bzw.
sich darin zu artikulieren. Das gilt sowohl für junge Menschen mit entsprechenden Behinde-
rungen und/oder sozialen Beeinträchtigungen als auch für solche ohne ausreichende Deutschkenntnisse.
bei seinen Entscheidungen zu berücksichtigen.
Mit Bezug auf die besondere Schutzbedürf-
Die mit Inkrafttreten des Bundeskinderschutz-
nur während und nach der Flucht – ist der Ge-
gesetzes in § 8b (2) SGB VIII verankerten Be-
teiligungs- und Beschwerderechte greifen hier zu kurz, da sie den Begriff des Kindeswohls auf dessen Gefährdung reduzieren und damit
die Intention des Art. 3 UN-Kinderrechtskon-
vention („best interest of the child“) unzulässig
einschränken. Zudem beschränkt sich § 8b auf
tigkeit von Kindern und Jugendlichen – nicht setzgeber daher gefordert, deren Beteiligungsrechte deutlich stärker als bisher im SGB VIII zu verankern und gleichzeitig dafür zu sorgen,
dass die Kinder- und Jugendhilfe ihrer anwaltschaftlichen Funktion bei allen für junge Menschen relevanten Prozessen und Entscheidungen gesetzlich gesichert nachkommen kann.8
Menschenrechtsbildung als Bildungsauftrag der Kinderund Jugendhilfe Bereits die Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte fokussiert den
staatlichen Auftrag, die Achtung der dort de-
finierten universellen Menschenrechte und Grundfreiheiten „durch Unterricht und Erziehung zu fördern“. Die Kultusministerkonfe-
renz empfahl deshalb, Menschenrechtsbildung als Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schulen umzusetzen.9 Für die Kinder- und
Jugendhilfe lässt sich aus § 1 SGB VIII ein ei-
genständiger (non-formaler und informeller) Bildungs- und Erziehungsauftrag ableiten.
Jugendhilfeleistungen sollen zur Verhinderung und zum Abbau von Benachteiligungen,
zur Unterstützung von Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung und zur Schaffung und
Erhaltung positiver Entwicklungsbedingun-
gen beitragen. Ziele sind die Verwirklichung
sozialer Gerechtigkeit sowie die Sicherung eines menschenwürdigen Daseins als eigenverantwortliche und gemeinschaftsfähige Per-
sönlichkeit für jede/-n Einzelne/-n. Die zur
Umsetzung dieses Anspruchs notwendigen Leistungen sollen Hilfe zur Selbsthilfe leisten, befähigen im Sinne von Empowerment. Sie sollen zudem rechtzeitig bereitgestellt werden, was ausdrücklich präventive Maßnahmen einschließt. Speziell als Bildungsauftrag
benannt werden Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in den §§ 11 Jugendarbeit (außerschulische Jugendbildung mit allgemeiner, po-
litischer, sozialer, gesundheitlicher, kultureller, 35
naturkundlicher und technischer Bildung, Ju-
mit den Konventionen, die Begründung von
der Erziehung in der Familie (Familienbildung
Völkerrechts. Auch der politische Auftrag pro-
gendberatung) und 16 Allgemeine Förderung
und -beratung). § 13 Jugendsozialarbeit konkretisiert den Bildungsauftrag der Kinderund Jugendhilfe explizit für die Zielgruppe der jungen Menschen, die sozial benachteiligt
oder individuell beeinträchtigt sind und damit besonderer Förderung bedürfen.
Menschenrechtsbildung schafft über die Vermittlung von Wissen ein Bewusstsein für allge-
meingültige Werte und Normen und fördert die
Maßnahmen und Methoden anhand geltenden fessioneller Sozialer Arbeit, der die Schärfung
des Bewusstseins von Politik und Gesellschaft für soziale Problemlagen und das aktive Ein-
treten für die Menschen, denen soziale Teilhabe
verweigert wird, sowie die professionsethische Bewertung staatlicher Aufträge beinhaltet, ist
in der Kinder- und Jugendhilfe vergleichsweise schwach ausgeprägt.
folgt sie dem Ansatz des hierarchiefreien Mitei-
Auch die Jugendsozialarbeit ist gefordert
Sozialarbeitenden als diejenigen, die Wissen
Mit der Aufnahme von 1 Million Flüchtlingen
die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen,
die Hälfte wird voraussichtlich nicht älter als 25
Entwicklung von Handlungskompetenz. Dabei nanderlernens und wirkt damit sowohl auf die methodisch aufbereitet anbieten, als auch auf
die sich auf dieses Angebot einlassen. Junge Menschen lernen im Kontext von Leistungsangeboten der Kinder- und Jugendhilfe, dass das
Wahrnehmen von Rechten die Pflicht zur Über-
nahme von Verantwortung impliziert; für das
eigene Handeln ebenso wie in der Achtsamkeit gegenüber dem/der Nächsten und der Gesellschaft. Die in der täglichen Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe – explizit ausgerichtet auf
besonders benachteiligte junge Menschen in
den Angeboten der Jugendsozialarbeit – praktizierten Werte wie Partizipation, Diskriminierungsschutz, Förderung von Verantwortungs-
übernahme und Autonomie, Förderung von Geschlechtergerechtigkeit u. v. m. beinhalten
wichtige Elemente der Menschenrechtsbildung, ohne dass dies explizit benannt wird.
Eher die Ausnahme ist die konkrete Arbeit
rechnet die Bundesregierung in 2015 – mehr als Jahre alt sein, knapp ein Drittel minderjährig und damit eindeutige Zielgruppe der Kinder-
und Jugendhilfe und angesichts ihrer individuellen Bedarfe bei der Integration ins Schul- und
Ausbildungssystem explizit der Jugendsozialarbeit. Mit Blick auf die Lage in den Krisengebieten der Welt ist nicht davon auszugehen,
dass die Zahl der Ankommenden in absehbarer Zeit wieder sinken wird. Familien werden bereits heute deutschlandweit verteilt, mit den zu
erwartenden Änderungen im SGB VIII durch
das geplante „Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung
ausländischer Kinder und Jugendlicher“ wird die Verteilung aller Voraussicht nach zukünftig auch für unbegleitete minderjährige Flüchtlin-
ge Realität werden. Sie treffen – je nach Region – auf unterschiedliche Bedingungen, sowohl 37
im Blick auf die konkrete Ausgestaltung von
unter Zuhilfenahme der Möglichkeiten, die
habemöglichkeiten als auch auf alles, was sich
neben geht es um das bewusste Erleben, das
Unterbringung, Bildungs- und weiterer Teilim weiteren Sinn als Willkommenskultur definieren ließe. Neben einer riesigen Welle der
Hilfsbereitschaft deutschlandweit gibt es rassistische Anfeindungen bis hin zu gewalttätigen Anschlägen auf einzelne Flüchtlingsunter-
künfte; die Bilder und Informationen darüber verbreiten sich medial in Windeseile. Wenn
viele junge Flüchtlinge es trotz der oben be-
schriebenen Bedingungen schaffen, ihren Platz in unserer Gesellschaft zu finden, sich im Bildungssystem und im sozialen Umfeld zu inte-
grieren, ist das im besten Sinne beeindruckend – selbstverständlich ist es nicht. Thomas Berthold kritisiert in der UNICEF-Studie „In ers-
ter Linie Kinder“ insbesondere die aus seiner Sicht fehlende kindgerechte Unterstützung für
die jungen Menschen: „Partizipation, Teilhabe
und die Wahrnehmung von Rechten können
sich dann entwickeln, wenn Flüchtlingskinder
und ihre Umgebung ihre Rechte kennen. Die bestehenden Beratungsangebote sind dazu nicht hinreichend entwickelt bzw. sie sehen die
Flüchtlingskinder bislang nicht als Zielgruppe an. Es fehlen insbesondere Informationsangebote für die Kinder und Jugendlichen.“10
Menschenrechtsbildung in der Jugendsozialarbeit Information im Kontext von Menschenrechts-
das Menschenrechtsschutzsystem bietet. Da-
Üben demokratischer Praktiken oder um die Verhandlung der Frage, wie weit die Rechte
jedes/-r Einzelnen reichen und was zu tun ist, wenn mein Recht mit dem meines Gegenüber
nicht vereinbar ist – dass es dazu eben gerade nicht der Abgrenzung vom Gegenüber bedarf,
sondern eines Aushandlungsprozesses, der auf der Akzeptanz gleichberechtigten Seins,
unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft und Religion etc. basiert.
Junge Flüchtlinge mit ihren Ressourcen und
Bedarfen treffen in den Angeboten der Jugend-
sozialarbeit auf junge Menschen mit völlig anderen Hilfebedarfen und Sozialisationserfahrungen, die sich zusätzlich regional unterscheiden – in der Stadt und auf dem Land,
im Norden und im Süden, aber auch immer noch in Ost und West. Mit Blick auf die Inte-
gration von Flüchtlingen unterscheidet sich das kollektive Bewusstsein in den neuen und
den alten Bundesländern erheblich aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Das rechtfertigt in keiner
Weise Ausschreitungen gegen Menschen, die aus größter Not hierher geflüchtet sind, in einzelnen Regionen Deutschlands. Es macht aber
einmal mehr deutlich, dass Menschenrechtsbildung unterschiedliche Ansätze braucht, um
die notwendige Bewusstseinsbildung differenziert ermöglichen zu können.
bildung meint sowohl formale Auskunft
„Ich habe nicht verstanden, was um mich he-
Möglichkeiten ihrer Inanspruchnahme, auch
Flüchtlinge, sondern auch für alle anderen
über individuelle Rechte als auch über die
rum passiert.“ – Das gilt nicht nur für junge
Kinder und Jugendlichen, die aus den unter-
Förderung aller Prozesse, die nötig sind, um
ren. Jugendsozialarbeit hat sowohl die Chance
damit die Basis zu schaffen für Anerkennung,
schiedlichsten Gründen Benachteiligung erfah-
als auch den konkreten anwaltschaftlichen Auftrag, neben formaler Beratung und individueller Begleitung einen Beitrag zu leisten zur
gegenseitiges Verstehen zu ermöglichen – und Akzeptanz, gelingende Integration und auf lange Sicht Inklusion.
Die Autorin: Christine Lohn ist Referentin für Jugendhilfe in Schule bei der Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband, Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. E-Mail: christine.lohn@diakonie.de Literatur: ARBEITSGEMEINSCHAFT DER KINDER- UND JUGENDHILFE – AGJ (2015): Kind ist Kind! Umsetzung der Kinderrechte für Kinder und Jugendliche nach ihrer Flucht. Berlin.
BERTHOLD, Thomas (2014): In erster Linie Kinder. Flüchtlingskinder in Deutschland. Hrsg.: Deutsches Komitee für UNICEF e. V. Köln. CREMER, Hendrik (2012): Kinderrechte und der Vorrang des Kindeswohls. Anwaltsblatt 7/2012. FRITSCHE, K. Peter (2009): Menschrechte. Paderborn.
KOOPERATIONSVERBUND JUGENDSOZIALARBEIT (2014): Jungen Flüchtlingen Bildung und Ausbildung sichern! Forderungen der Jugendsozialarbeit zur Verbesserung der Situation junger Menschen ohne langfristig gesicherten Aufenthalt in Deutschland. Juni 2014. KULTUSMINISTERKONFERENZ (KMK) (1980/2000): „Empfehlungen zur Förderung der Menschenrechtserziehung in der Schule“.
SACHVERSTÄNDIGENRAT DEUTSCHER STIFTUNGEN FÜR INTEGRATION UND MIGRATION (SVR) (2015): Junge Flüchtlinge. Aufgaben und Potenziale für das Aufnahmeland, Berlin 2015-2.
UNHCR (1994): Flüchtlingskinder. Richtlinien zu ihrem Schutz und zu ihrer Betreuung. Berlin.
Anmerkungen: 1 2 3 4 5
Interviewzitat, Berthold (2014), S. 44: Zitat eines damals 12-jährigen Mädchens im Interview mit N. Duman. SVR (2015), S. 1.
Berthold (2014), S. 13.
UNHCR (1994), S. 192/193.
§ 55 Abs. 2 Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Aufenthaltsgesetz.
AGJ (2015), S. 4.
Cremer (2012).
AGJ (2015), S. 5. Siehe auch Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit (2014). KMK (1980/2000).
Berthold (2014), S. 44.
Ombudsstellen in der Jugendhilfe als direkte Unterstützung für Kinder und Jugendliche? Manuel Arnegger und Hans-Peter Häußermann
ie Notwendigkeit unab-
dass die gesetzlich formulierten Bestimmun-
als Mittel zur Sicherung
um für Gerechtigkeit zu sorgen. Auf den ers-
von Rechten speist sich aus der Erfahrung,
dass es nicht allein genügt, Rechte zu haben,
sondern dass es in vielen Fällen besonderer Anstrengungen bedarf, um diese Rechte auch realisieren zu können.
Dass die Artikulation und die Umsetzung von Rechten eng miteinander verknüpft werden müssen, ist keine neue Erkenntnis, sondern findet sich in vielen gesetzlich festgeschrie-
benen Verfahrensnormen wieder. Der Staat steht hier in einer besonderen Verantwortung, nicht nur programmatische Sätze zu
formulieren, sondern auch deren Umsetzung
zu gewährleisten: Gegen den Verwaltungsakt
gen im Einzelfall nicht ausreichen könnten,
ten Blick erscheint es, als ob damit ein um-
fassendes, rechtlich codiertes System zum Schutz menschlicher Werte zur Verfügung stünde. Doch gilt das auch für die Rechte von
Kindern und Jugendlichen? Worin besteht der
Beitrag, den Ombudsstellen hier leisten könnten? Braucht es diese zusätzlichen Instanzen
im Verhältnis von Einzelpersonen, Institutionen und Staat? Und falls ja, unter welchen
Voraussetzungen können Ombudsstellen zur
Umsetzung von Kinderrechten beitragen und auf diese Weise benachteiligte Jugendliche unterstützen?1
Bürger/-innen Widerspruch einlegen und
Ombudsstellen als Beitrag zur Umsetzung von Kinderrechten
gibt ein ausdifferenziertes Verfahrensrecht,
Im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe exis-
unterstützt. Auch das grundgesetzlich garan-
gen aus der Arbeit in und mit Ombudsstellen
einer Behörde können die davon betroffenen bei erneuter Ablehnung Klage einreichen. Es
das die Durchsetzung von Rechtsansprüchen
tierte Petitionsrecht zielt in diese Richtung und geht sogar von der Grundannahme aus,
tieren bereits seit über zehn Jahren Erfahrunmit Schwerpunkt im Handlungsfeld der Hil-
fen zur Erziehung und deren Schnittstellen 41
zu anderen Bereichen. Hier hat sich im Lau-
die Kinder- und Jugendhilfe angewiesen sind
herausgebildet, deren genauere Betrachtung
stützung nachsuchen (Leistungsgewährung)
fe der Jahre eine spezifische Arbeitsweise
es ermöglicht, einige Antworten auf die ge-
stellten Fragen zu geben. Nimmt man in den
Blick, wie und unter welchen Umständen die Ombudsstellen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten, welche Herausforde-
rungen hier zu meistern sind, was sich über
die Jahre hinweg bewährt hat und wo auch die Grenzen dieser Arbeitsweise liegen, dann
– sei es, weil sie beim Jugendamt um Unteroder bereits im Rahmen einer Leistung bei einem Jugendhilfeträger Unterstützung erhalten (Leistungserbringung) –, besitzen nicht
das notwendige Wissen und Artikulations-
vermögen, die Beziehungen und finanziellen
Mittel, um in Konfliktfällen ihre Interessen und Rechte durchzusetzen.
sollte eine realistische Einschätzung möglich
Diese Machthierarchie bedeutet, dass die
Umsetzung von Kinderrechten und zur Un-
mit deutlich durchsetzungsstärkeren Macht-
werden, welchen Beitrag Ombudsstellen zur
terstützung benachteiligter Jugendlicher leisten können.
Ausrichtung und Entstehungskontexte der
in Deutschland existierenden Ombudsstellen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe va-
riieren, aber als größte Schnittmenge der im Bundesnetzwerk Ombudsschaft organisierten Ombudsstellen lässt sich zunächst folgende Definition festhalten:
Ombudsschaft bedeutet die unabhängige
Vermittlung in Konflikten im Kontext der Hil-
fen zur Erziehung und ihrer Schnittstellen zu angrenzenden Bereichen auf Grundlage einer fachlichen Parteilichkeit für individuelle
Rechte in den Bereichen der Leistungsgewährung und der Leistungserbringung.
Die Notwendigkeit dieser Art der Unterstüt-
zung lässt sich in der Jugendhilfe durch eine strukturelle Machtasymmetrie begründen: Viele Menschen, die auf Unterstützung durch 42
Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe mitteln ausgestattet sind, zum Beispiel auf-
grund ihrer Ausbildung und ihrer Position. Das heißt zunächst lediglich, dass bei den
Fachkräften eine besondere Verantwortung im Umgang mit diesen Möglichkeiten liegt,
der sie in den allermeisten Fällen auch gerecht werden. Es bedeutet aber auch, dass Situationen, in denen sich Fachkräfte auf der einen
Seite und leistungsberechtigte Eltern und junge Menschen auf der anderen Seite uneins
sind, zu einer stark asymmetrischen Konfliktsituation führen. Fachkräfte können ihrerseits fiskalisch orientierte, durch Überlastung
und fachliche Fehleinschätzungen erzeugte oder auf der zwischenmenschlichen Ebene liegende Konflikte unrechtmäßige Positionen
durchsetzen. Leistungsberechtigte dagegen stehen dem Jugendamt oder freien Jugendhilfeträgern häufig mit einem hohen und oft
ungerechtfertigten Maß an Misstrauen ge-
genüber, das die notwendige vertrauensvolle Kooperation erschwert.
Für die Bearbeitung solcher Konfliktkonstel-
Machtquellenanalyse
lytischen Teils des Beratungs- und Unter-
lationen hat sich ein Vorgehen bewährt, das
Zunächst wird geklärt, ob es sich bei dem Anliegen, das an die Ombudsstellen heran-
getragen wird, um einen Konflikt mit dem Jugendamt oder einem freien Jugendhilfeträ-
ger handelt. Konflikte zum Beispiel zwischen Eltern oder mit anderen Ämtern können von den Ombudsstellen nicht bearbeitet werden,
Ebenfalls Bestandteil des diagnostisch-anastützungsprozesses ist die genauere Untersu-
chung, über welche möglichen Machtquellen die Hilfesuchenden verfügen. Machtquellen
stehen in engem Zusammenhang mit je individuell verfügbaren Ressourcen und ermögli-
chen es im Konfliktfall, die eigenen Interessen auch gegen Widerstände durchzusetzen. Abgeleitet von einer systematischen Differenzie-
rung in unterschiedliche Machtquellen3 sind
sie verfügen nicht über das notwendige In-
folgende Leitfragen zu beantworten:
an entsprechende Beratungsstellen weiterver-
•	Auf welchem Wissensstand befinden sich
Konflikt vorliegt, zielt die Beratung auf eine
wenden, in Bezug auf ihr Anliegen (Defini-
strumentarium dafür. Diese Anfragen werden mittelt. In Situationen, in denen (noch) kein mögliche Vermeidung von Konflikten, indem
die Personen, die sich an die Ombudsstelle tionsmacht)?
notwendiges Wissen zu den rechtlichen und
•	Können diejenigen, die sich an die Om-
Kinder- und Jugendhilfe vermittelt wird und
ren? Verbal und in Schriftform (Artikulati-
organisatorischen Rahmenbedingungen der
im Vorfeld von Jugendamtskontakten auf eine möglichst unvoreingenommene Kontaktaufnahme hingewirkt wird. Analyse des Konflikts
Liegt ein Konflikt2 vor, wird zunächst im Rah-
men einer Konfliktanalyse ein genaueres Bild dieses Konflikts erzeugt. Dazu gehört, den ge-
budsstelle wenden, ihr Anliegen artikulieonsmacht)?
•	Gibt es Unterstützung im Umfeld, die selbst
aktiviert werden kann (Positionsmacht/Organisationsmacht)?
•	Wird eine finanzielle Unterstützung für
Rechtsberatung und/oder Klage benötigt (sozioökonomische Ressourcenmacht)?
nauen Gegenstand des Konflikts zu ermitteln
Entscheidung für Beratungssetting
rekapitulieren (Was ist bisher passiert?) und
den Schritte erfolgen in der Regel im Rahmen
lich ihrer Beziehungen und Grundeinstellun-
lefonisch. Es erfolgt dann eine Entscheidung
(Um was geht es?), den bisherigen Verlauf zu die am Konflikt beteiligten Parteien hinsichtgen zum Konflikt zu betrachten (Wer ist wie am Konflikt beteiligt?).
Die drei ersten, nur funktional zu trennen-
des Erstkontaktes, in den meisten Fällen te-
hinsichtlich des für das weitere Vorgehen als geeignet erscheinenden Beratungssettings:
•	Ist eine einmalige telefonische Beratung
ve fördernde Unterstützung aussehen? Wo
•	Erscheint es sinnvoll, in einen telefoni-
Gelegenheit, Grundsätzliches zu klären? Die
schen Beratungsprozess einzusteigen, der eine engere Begleitung ermöglicht?
•	Welche Person aus dem professionellen
und ehrenamtlichen Umfeld der Ombudsstelle kann zur Sicherstellung des Vier-Augen-Prinzips hinzugezogen werden?
•	Ist ein persönliches Gespräch – gemeinsam
mit dem/der zusätzlichen Berater/-in – sinnvoll und notwendig, z. B. weil (a) Teile
zeichnen sich Kompromisse ab? Wo gibt es letzte Frage zielt auf die Möglichkeit, über einen Einzelfall immer wieder auftauchende
Problemlagen und strittige Konstellationen
für weitere zu erwartende Einzelfälle einer grundsätzlichen Klarstellung zuzuführen.
Das kann zum Beispiel mittels einer gerichtlichen Klärung geschehen oder über Gespräche mit Amtsleitungen.
der oben aufgeführten Aspekte telefonisch
Interventionen der Ombudsstelle
Dokumente gesichtet werden müssen? (c)
sie unter (2) skizziert wurde, nur möglich,
nicht zu ermitteln waren? (b) zunächst
bereits absehbar ist, dass die Ombudsstelle gegenüber Dritten tätig werden sollte und dafür eine Vollmacht erteilt werden muss? Strategieplanung
Auf Grundlage der Konfliktanalyse, der
Machtquellenanalyse und der Entscheidung für ein der Sache angemessen erscheinendes
Beratungssetting wird gemeinsam eine Stra-
tegie für das weitere Vorgehen entwickelt. Entscheidend ist hier, dass diejenigen, die sich
an die Ombudsstelle wenden, zu jeder Zeit
selbst bestimmen, ob und in welcher Form
In vielen Fällen ist eine Konfliktanalyse, wie wenn Informationen von möglichst allen
Konfliktbeteiligten vorliegen. Ein Anruf zum Beispiel bei der fallführenden Fachkraft des Jugendamtes kann jedoch nicht auf diese in-
formationsgewinnende Funktion reduziert
werden, sondern ist bereits eine Intervention, für die die Ombudsstelle zuvor im Rahmen
der Strategieplanung bevollmächtigt werden
muss und die bereits Einfluss auf den Konfliktverlauf nimmt. Ab diesem Zeitpunkt gibt es in Form der Ombudsstelle einen weiteren, am Konflikt beteiligten Akteur.
sie die Unterstützung in Anspruch nehmen.
Hier wird auch deutlich, dass es bei dem be-
schriftliche Vereinbarung getroffen und die
abzuarbeitenden Prozess geht, sondern viel-
Im persönlichen Gespräch wird hierzu eine Mitarbeiter/-innen der Ombudsstelle werden Dritten gegenüber nur auf Grundlage einer
schriftlichen Vollmacht tätig. Leitfragen für die Strategieplanung sind: Was können die Eltern und jungen Menschen selbst leisten?
Wie kann eine effektive, die Eigeninitiati-
schriebenen Verfahren nicht um einen linear mehr um ein vielfach zirkulär verschränktes Vorgehen. Die möglichen Interventionen
der Ombudsstelle können grundsätzlich als
Formen des Machtausgleiches verstanden und entsprechend den bereits aufgeführten Machtquellen differenziert werden:
Definitionsmacht: In annähernd allen Fällen
Sozioökonomische Ressourcenmacht: Eini-
malen und organisatorischen Grundlagen der
Netzwerk juristischen Beistand zu vermitteln
geht es um die Vermittlung der rechtlich-forKinder- und Jugendhilfe im Allgemeinen und
die Konkretisierung dieser Rahmenbedingungen auf den Einzelfall. Im Idealfall wis-
sen die anfragenden Personen hinterher mehr
darüber, wie ihr Anliegen (jugendhilfe-) rechtlich einzuordnen ist, und können ihre
Position auf der Grundlage dieses erweiterten
ge Ombudsstellen sind in der Lage, über ihr oder finanzielle Unterstützung bei einer im
Rahmen der Strategieplanung als zielführend ermittelten Klage zu gewähren – zum Beispiel
im Sinne einer Grundsatzklärung oder weil
alle vorangegangenen Vermittlungsbemühungen gescheitert sind.
Wissens besser vertreten.
Die in Deutschland existierenden Ombuds-
Artikulationsmacht: Die Ombudsstelle kann
arbeiten unter sehr unterschiedlichen Voraus-
Eltern und junge Menschen darin unterstützen, ihr Anliegen besser zu artikulieren, in-
dem zum Beispiel im Vorfeld eines Termins
beim Jugendamt oder beim Leistungsträger darüber beraten wird, welche Aspekte im Gespräch in welcher Weise und Ausführlich-
keit erwähnt werden sollten, oder auch indem schriftliche Anträge, Widerspruchsschreiben usw. gemeinsam besprochen werden. Die
weitreichendste Intervention stellt hier die stellvertretende Artikulation des Anliegens
durch die Ombudsstelle auf Grundlage einer Bevollmächtigung nach § 13 SGB X dar.
Positionsmacht/Organisationsmacht: Mitarbeiter/-innen der Ombudsstelle schalten
sich dort, wo es angezeigt erscheint, aktiv in einen Konflikt ein, indem sie telefonisch
Kontakt aufnehmen, zu Terminen begleiten, Vermittlungsvorschläge
auch informelle Kontakte nutzen, die eine schnelle Beilegung des Konfliktes im Sinne aller Beteiligten ermöglichen oder unterstützen können. 46
stellen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe setzungen und Rahmenbedingungen. Diese reichen von öffentlich geförderten Projekten mit hauptamtlichen Mitarbeitern/-innen bis
hin zu rein auf ehrenamtlicher Basis arbeiten-
den Projekten mit geringen Finanzmitteln. Um ein qualifiziertes Ombudssystem aufzubauen,
bedarf es regionaler und länderspezifischer Strukturen, die auf der Bundesebene zusam-
mengeführt werden müssen. Wichtig dabei ist die Unabhängigkeit der Ombudsstellen. Dies ist gleichzeitig auch eine große Herausforderung, da es in der Kinder- und Jugendhilfe
kaum einen Träger gibt, der nicht entweder der
öffentlichen Seite oder der freien Trägerseite angehört. Dasselbe gilt auch für die Mitarbeitenden. In der Jugendhilfe erfahrene Fachkräf-
te, die weder von einem öffentlichen noch von einem freien Träger kommen, gibt es wenige,
und das hier skizzierte ombudsschaftliche Vorgehen setzt ein hohes Maß an Erfahrung und
Wissen in Bezug auf die rechtlichen und le-
bensweltlichen Bedingungen der Kinder- und Jugendhilfe voraus, über das in der Regel aber nur Fachkräfte aus diesen Bereichen verfügen.
Eine weitere Herausforderung liegt im Schaffen von Zugängen. Die bestehenden Möglich-
keiten, von der Existenz einer Ombudsstelle zu erfahren und mit dieser in Kontakt zu treten, sind nicht für alle potenziellen Zielgruppen in gleicher Weise geeignet. Insbe-
sondere für junge Menschen ist der Griff zum
Telefonhörer oder das Schreiben einer E-Mail nicht das Mittel der Wahl, um mit Menschen in Kontakt zu treten, die sie vorher noch nie
gesehen haben. Hier zeigt sich, dass das bisherige ombudsschaftliche Instrumentarium an-
hand der Zielgruppe entwickelt wurde, die am häufigsten um Unterstützung nachfragt, und
das sind Menschen, die in der Lage sind, eigenständig per Telefon oder E-Mail in Kontakt
mit der Ombudsstelle zu treten, oder solche, die bereits Kontakt zu Fachkräften haben und von diesen unterstützt und begleitet werden.
Ist eine Erweiterung der Zielgruppe auf die Jugendsozialarbeit möglich? Inwieweit leisten nun Ombudsstellen im Be-
reich der Kinder- und Jugendhilfe vor diesem Hintergrund einen Beitrag zur Umsetzung
von Kinderrechten und zur Unterstützung von benachteiligten Jugendlichen?
Die hier skizzierte Arbeitsweise der Ombudsstellen ist einzelfall- und konfliktorientiert
und hat sich in ausgewählten Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe bewährt. Auch wenn das Verfahren in erster Linie auf Vermittlung
und Vermeidung von Klagen ausgerichtet
zu können, stellt mangels formaler Befugnisse
setzbare Rechte als argumentative, vor allem
in Konflikten dar und ist die Grundlage ihrer
ist, braucht es festgeschriebene und durch-
aber auch als ermächtigende Grundlage. Die Möglichkeit, im Einzelfall Rechte durchsetzen 48
der Ombudsstellen die zentrale Machtquelle
Durchsetzungsfähigkeit. Vor diesem Hinter-
grund erscheint es sinnvoll, Ombudsschaft
auf einen je spezifischen Rechtskreis und ein
ten aber dort ihren Beitrag zur Verwirklichung
ausgewählte Bereiche der Kinder- und Ju-
che mittelbar und unmittelbar erreicht und in
institutionelles System zu begrenzen: hier auf gendhilfe.
„Obwohl das Kinder- und Jugendhilfegesetz
von Kinderrechten, wo Kinder und Jugendliihrem Recht auf Schutz, Förderung und Beteiligung unterstützt werden können.
(SGB VIII) an verschiedenen Stellen Rechtsan-
Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es
derrechtsansatz in diesem für Kinder beson-
oder nur sehr sporadische und lose Anbindun-
sprüche von Kindern formuliert, ist der Kinders wichtigen Gesetz bisher nicht umfassend
verwirklicht.“4 Der Kinderrechtsansatz stellt
eine umfassende und weitreichende Strategie
zur Umsetzung der Kinderrechte dar, die auf einen
Bewusstseinswan-
del und die Wahrnehmung der besonderen
Verantwortung gegenüber Kindern zielt. Die 5
Ombudsstellen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe haben die bedarfsgerechte und
rechtskonforme Umsetzung des SGB VIII zum Ziel. Damit leisten die Ombudsstellen ihren
Beitrag im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zur Verwirklichung und Durchsetzung der
insbesondere für Jugendliche, die noch keine gen an professionelle Unterstützung haben,
schwierig ist, die Möglichkeiten der Ombudsstellen für sich zu sehen und in Anspruch zu
nehmen. Das kann an den relativ hohen Zu-
gangsschwellen und immer noch geringen Beratungskapazitäten der Ombudsstellen liegen, ihrer kaum vorhandenen Präsenz in den
sozialen Medien oder auch daran, dass die Ju-
gendhilfe insgesamt – mit der Eingangspforte Jugendamt – von den Jugendlichen überhaupt nicht als unterstützende Instanz wahrgenommen und in Erwägung gezogen wird.
Kinderrechte dort, wo sich die Bemühungen
Die hier skizzierte Methodik der ombuds-
rungsprozess bereits in konkreten rechtlichen
prinzipiell geeignet, um auch diese Jugend-
um einen gesamtgesellschaftlichen VerändeNormen niedergeschlagen haben.
Die Ombudsstellen im Handlungsfeld der
Hilfen zur Erziehung sind keine primären Instanzen zur Realisierung von Kinderrechten. Ihr Fokus liegt auf einer bedarfsgerechten und
rechtskonformen Umsetzung des SGB VIII, nicht auf der Förderung der Kinderrechte. Die Einzelfall- und Konfliktorientierung des om-
budsschaftlichen Verfahrens braucht mangels formaler Befugnisse konkrete und möglichst einklagbare Rechte. Die Ombudsstellen leis-
schaftlichen Beratung und Unterstützung ist lichen zu unterstützen, erfordert aber in der Regel ein anders gelagertes Verständnis hin-
sichtlich der Kooperation und einen deutlich intensiveren Begleitungsbedarf: Zum einen gilt es, im Kontakt mit Minderjährigen eine Position gegenüber den Sorgeberechtigten
zu finden, die stets im Spannungsverhältnis zwischen Elternrecht und Kinderrechten angesiedelt ist. Zum anderen erfordert die Unterstützung von benachteiligten jungen Men-
schen eine deutlich höhere Verbindlichkeit im persönlichen Kontakt und ein belastbares 49
Beziehungsangebot. Hier kommen die Om-
die Arbeitsweise entsprechend diesem Bedarf
schnell an die Grenzen dessen, was leistbar ist.
intensivere Zusammenarbeit mit den Einrich-
budsstellen mit ihrer derzeitigen Ausstattung
Deshalb wird es bei der Weiterentwicklung
des Ombudssystems in der Kinder- und Jugendhilfe notwendig sein, direkte Wege zu
Kindern und Jugendlichen aufzubauen und
weiterzuentwickeln. Ansätze könnten hier die
tungen der Jugendsozialarbeit und der offenen
Jugendarbeit sein, eine verbesserte Präsenz in jugendrelevanten Medien und der Ausbau der (ehrenamtlichen) Beratungskapazitäten.
Die Autoren: Manuel Arnegger ist Master of Social Work und Mitarbeiter der Initiative Habakuk – Regionalstelle Südbaden in Freiburg. E-Mail: arnegger@initiative-habakuk.de Hans-Peter Häußermann ist Diplom-Sozialpädagoge (FH), Mitarbeiter beim Caritasverband Rottenburg-Stuttgart und Mitinitiator der Initiative Habakuk. E-Mail: haeussermann@caritas-dicvrs.de
Literatur: GLASL, Friedrich (2013): Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte, Beraterinnen und Berater. 11. aktualisierte Auflage. Bern. MAYWALD, Jörg (2012): Kinder haben Rechte! Kinderrechte kennen – umsetzen – wahren. Weinheim und Basel. STAUB-BERNASCONI, Silvia (2007): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis. Ein Lehrbuch. Bern/Stuttgart/Wien
Anmerkungen: Der Artikel ist eine überarbeitete Fassung des Beitrags: Arnegger, Manuel; Häußermann, Hans-Peter: „Leisten Ombudsstellen in der Jugendhilfe einen Beitrag zur Umsetzung von Kinderrechten?“ In: frühe Kindheit, 3/2015, S. 60–63. 2 Zur Definition des Konfliktbegriffs vgl. Glasl (2013), S. 17, zur Konfliktdiagnose vgl. ebd., S. 105 ff. 3 Vgl. Staub-Bernasconi (2007), S. 405 ff. 4 Maywald (2012), S. 80. 5 Vgl. ebd., S. 109 ff. 1
Impressum Beiträge zur Jugendsozialarbeit
S. 12, 15, 21, 22, 27, 32, 35, 36, 44, 47, 48:
ISSN 2193-0554 Herausgeber:
(Rechtsträger: Bundesarbeitsgemeinschaft
S. 8: photocase.de
Katholische Jugendsozialarbeit e. V.)
Beiträge von Autoren/-innen geben nicht
bundes Jugendsozialarbeit wieder.
Doris Beneke (Sprecherin Kooperationsver-
unbedingt die Meinung des KooperationsverDer Nachdruck von Beiträgen, auch auszugs-
weise, ist nur mit Genehmigung der Redaktion gestattet.
bund Jugendsozialarbeit) Redaktion:
Dr. Oliver Trisch, Annika Koch, Andrea Pingel Grafisches Konzept, Layout und Satz: HELDISCH.com, Berlin
Beiträge zur Jugendsozialarbeit - Nr. 6
Menschenrechte und Jugendsozialarbeit. Die UN-Kinderrechtskonvention im Blick