Source: https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=VGH%20Baden-W%C3%BCrttemberg&Datum=29.06.2006&Aktenzeichen=11%20S%202299/05
Timestamp: 2020-02-24 06:15:57
Document Index: 211880761

Matched Legal Cases: ['Art 6', 'Art 7', 'Art 14', 'Art 9', 'Art 31', 'Art 31', 'Art 38', '§ 45', '§ 45', '§ 46', '§ 4', '§ 456', 'Art. 9', 'Art. 9', '§ 4', '§ 3', '§ 6', '§ 456', '§ 46', '§ 45', '§ 45', 'Art. 38', 'Art. 9', 'EuG', '§ 68', 'Art. 9', 'Art. 9', '§ 46', '§ 45', '§ 46', 'Art. 9', 'Art. 9', 'Art. 9', 'Art. 9', 'Art. 38', 'Art. 9', 'Art. 9']

VGH Baden-Württemberg, 29.06.2006 - 11 S 2299/05 - dejure.org
https://dejure.org/2006,2168
VGH Baden-Württemberg, 29.06.2006 - 11 S 2299/05 (https://dejure.org/2006,2168)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 29.06.2006 - 11 S 2299/05 (https://dejure.org/2006,2168)
VGH Baden-Württemberg, Entscheidung vom 29. Juni 2006 - 11 S 2299/05 (https://dejure.org/2006,2168)
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Verwaltungsverfahren bei Ausweisungsverfügung gegen nach EWGAssRBes 1/80 Privilegierten; fehlendes Widerspruchsverfahren; dringender Fall; maßgeblicher Zeitpunkt; gerichtliche Kontrolldichte
Art 6 EWGAssRBes 1/80, Art 7 EWGAssRBes 1/80, Art 14 EWGAssRBes 1/80, Art 9 Abs 1 EWGRL 221/64, Art 31 Abs 1 EGRL 38/2004, Art 31 Abs 3 EGRL 38/2004, Art 38 Abs 2 EGRL 38/2004, § ... 3 Abs 3 VwVfG BW, § 45 Abs 1 VwVfG BW, § 45 Abs 2 VwVfG BW, § 46 VwVfG BW, § 4 Abs 3 S 2 AufenthGZustV BW, § 456a StPO
Ausweisung, Türkei, türkischer Staatsangehöriger, örtliche Zuständigkeit, Freizügigkeit, gemeinschaftsrechtliche Verfahrensvorschriften, Widerspruchsverfahren, "Vier-Augen-Prinzip", dringender Fall, Absehen von der Vollstreckung einer Freiheitsstrafe,
Ausweisung und Androhung der Abschiebung eines türkischen Staatsangehörigen in die Türkei; Rechtmäßigkeit einer Ausweisungsverfügung ohne vorherige gesonderte Einschaltung einer "zuständigen Stelle"; Anforderungen an die Dringlichkeitsprüfung nach Art. 9 Abs. 1 der ...
RL 65/221/EWG Art. 9 Abs. 1; AAZuVO § 4 Abs. 3; VwVfG § 3 Abs. 3; AGVwGO § 6 a; StPO § 456 a; VwVfG § 46; VwVfG § 45 Abs. 1 Nr. 5; VwVfG § 45 Abs. 2; RL 2004/38/EG Art. 38 Abs. 2
D (A), Ausweisung, Unionsbürger, Türken, Assoziationsberechtigte, Assoziationsratsbeschluss EWG/Türkei, örtliche Zuständigkeit, gewöhnlicher Aufenthalt, Haft, Zustimmung, Wechsel der örtlichen Zuständigkeit, Ausländerbehörde, Verfahrensrecht, Verfahrensmangel, ...
Ausweisung, Zwischenstaatliche Vereinbarung; ARB 1/80: Ausweisung, Türkei, türkischer Staatsangehöriger, örtliche Zuständigkeit, Freizügigkeit, gemeinschaftsrechtliche Verfahrensvorschriften, Widerspruchsverfahren, "Vier-Augen-Prinzip", dringender Fall, Absehen von der ...
VG Karlsruhe, 05.09.2005 - 3 K 3786/04
ESVGH 57, 57
VBlBW 2007, 109
Die formelle Rechtmäßigkeit von Verfügungen gegen den von Art. 9 Abs. 1 RL 64/221/EWG erfassten Personenkreis ist nach dem Grundsatz des intertemporalen Verwaltungsverfahrensrechts, dass neues Verfahrensrecht auf abgeschlossene Verwaltungsverfahren keine Anwendung findet, nach der Rechtslage z.Z. der letzten Behördenentscheidung zu prüfen (Einschränkung gegenüber den Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts vom 3.8.2004 - 1 C 30.02 -, BVerwGE 121, 297 und - 1 C 29.02 -, BVerwGE 121, 315, ebenso im Ergebnis 11. Senat, Urteil vom 29.06.2006 - 11 S 2299/05 - und OVG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 5.7.2006 - OVG 7 B 16.05 -, InfAuslR 2006, 395).
Der 11. Senat des erkennenden Gerichtshofs hat seinen gegenteiligen Standpunkt, wonach die vom EuGH geforderte rechtliche Prüfungsdichte im deutschen Verwaltungsprozess gewährleistet sei, weil beim Begriff der Zweckmäßigkeit nicht vom deutschen Rechtsverständnis dieses Begriffes im Sinne von § 68 Abs. 1 Satz 1 VwGO ausgegangen werden dürfe (vgl. Urteil vom 21.7.2004 - 11 S 535/04 -, VBlBW 2004, 481), im Anschluss an die oben zitierte Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts aufgegeben (vgl. Urteil vom 29.6.2006 - 11 S 2299/05 -, zur Veröffentlichung bestimmt).
Hinsichtlich der Überprüfung, ob eine Ausweisung dringlich im Sinne des Art. 9 Abs. 1 RL 64/221/EWG ist, besteht kein Letztentscheidungsrecht der Verwaltung, vielmehr unterliegt dieses Tatbestandsmerkmal der vollen gerichtlichen Kontrolle (vgl. dazu ausführlich VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.6.2006 - 11 S 2299/05 - m.z.N. aus Rechtsprechung und Literatur).
Bei einem Ausländer, der sich - wie der Kläger - während des Ausweisungsverfahrens in Haft befindet, scheidet daher die Annahme eines dringenden Falles in aller Regel aus, wenn vor dem Entlassungszeitpunkt oder der beabsichtigten Abschiebung aus der Haft ausreichend Zeit zur Einschaltung der in Art. 9 Abs. 1 RL 64/221/EWG geforderten zweiten Stelle besteht; anders ist es, wenn auch in diesem Zeitraum vom Ausländer eine erhebliche Gefahr ausgeht (vgl. dazu und auch zu der Frage, auf welchen Zeitpunkt - Erlass der Ausweisungsverfügung oder Entscheidung des Gerichts - insoweit abzustellen ist VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.6.2006 - 11 S 2299/05 - ).
Überwiegend wird vertreten, dass diese Norm ebenso wenig wie auf sog. absolute Verfahrensfehler (vgl. dazu näher BVerwG, Urteil vom 15.1.1982 -4 C 26.78-, BVerwGE 64, 325 ff.) auf Verfahrensvorschriften des Gemeinschaftsrechts und solche nationalen Vorschriften, die auf Gemeinschaftsrecht beruhen, anwendbar sei; dies wird aus dem Erfordernis effektiver, einheitlicher Wirkung des EU-Rechts in allen Mitgliedsländern (…sog. "effet utile", vgl. dazu etwa Kenntner, Rechtsschutz in Europa, in Bergmann/Kenntner, Deutsches Verwaltungsrecht unter europäischem Einfluss, 2002, S. 76) geschlossen (…vgl. Kopp/Ramsauer, VwVfG, 7. Aufl., Rn 20 zu § 46;… Stelkens/Bonk/Sachs, VwVfG, 6. Aufl., RN 176 ff zu § 45; VG Stuttgart, Urteil vom 7.2.2006 - 5 K 5146/04 -, [Vensa] und VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.6.2006 - 11 S 2299/05 -, m.N. auch zur gegenteiligen Auffassung und zum europarechtlichen Verständnis des Verwaltungsverfahrens).
Diese verlangen, dass die formelle Rechtmäßigkeit von Ausweisungsverfügungen weiterhin nach der Rechtslage zur Zeit der letzten Behördenentscheidung zu überprüfen ist (so auch VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.6.2006 - 11 S 2299/05 -, a.a.O.; und OVG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 5.7.2006 - OVG 7 B 16.05 -, InfAuslR 2006, 395).
Es kann offenbleiben, ob § 46 LVwVfG überhaupt auf einen Verstoß gegen Art. 9 Abs. 1 RL 64/221/EWG anwendbar ist (vgl. dazu VGH Mannheim, Urteil vom 29. Juni 2006 - 11 S 2299/05 - VBlBW 2007, 109 m.w.N.).
Denn dieses sieht lediglich eine Kontrolle der Gesetzmäßigkeit der Ausweisungsverfügung vor und ist insbesondere bei behördlichen Ermessenserwägungen auf die Überprüfung beschränkt, ob die gesetzlichen Grenzen des Ermessens überschritten sind bzw. von dem Ermessen in einer dem Zweck der gesetzlichen Ermächtigung entsprechenden Weise Gebrauch gemacht wurde (…BVerwG, Urt. v. 13.09.2005, a.a.O.;… Urt. v. 06.10.2005, a.a.O., Urt. v. 09.08.2007; Urteil des Senats v. 29.06.2006 - 11 S 2299/05 -, VBlBW 2007, 109 = EzAR-NF 40 Nr. 5).
Denn die Anforderung des Art. 9 Abs. 1 RL 64/221/EWG betrifft das Verwaltungsverfahren, und dieses war bereits im Oktober 2002 abgeschlossen (vgl. BVerwG…, Urteil vom 09.08.2007, a.a.O.; Urteil des Senats v. 29.06.2006, a.a.O.).
Schließlich lag auch kein dringender Fall im Sinne des Art. 9 Abs. 1 RL 64/221/EWG vor, der es ausnahmsweise erlaubt hätte, die Ausweisung ohne die Einschaltung einer zweiten unabhängigen Stelle zu verfügen (zu den Anforderungen an einen "dringenden Fall" vgl. Urteil des Senats v. 29.06.2006, a.a.O.).
Allerdings wird die Übertragung dieser Regelung auf türkische Staatsangehörige, welche ein Aufenthaltsrecht nach dem Assoziationsratsbeschluss Nr. 1/80 besitzen, diskutiert und teilweise auch bejaht (so u.a.: VG Karlsruhe, Beschl. v. 09.03.2007 - 6 K 2907/06- und Urt. v. 09.11.2006 - 2 K 1559/06 - offengelassen: VGH Bad.-Württ., Urt. v. 29.06.2006 - 11 S 2299/05 - Vorabentscheidungsersuchen VGH Bad.-Württ., Beschl. v. 22.07.2008 - 13 S 1917/07 - Hess. VGH, Beschl. v. 12.07.2006 - 12 TG 494/06 - und OVG Rheinland-Pfalz, Urt. v. 05.12.2006 - 7 A 10924/06 -, verneinend: OVG Nordrhein-Westfalen, Beschl. v. 16.03.2005 - 18 B 1751/04 -, Nieders.
OVG, Beschl. v. 06.06.2005 - 11 ME 39/05 - offen gelassen: VGH Bad.-Württ., Urt. v. 29.06.2006 - 11 S 2299/05 - siehe auch Hess. VGH, Beschl. v. 12.07.2006 - 12 TG 494/06 - und OVG Rheinland-Pfalz, Urt. v. 05.12.2006 - 7 A 10924/06 -, verneinend: VG Karlsruhe, Beschl. 09.03.2007 - 6 K 2907/06 - und Urt. v. 09.11.2006 - 2 K 1559/06 -).
Allerdings wird die Übertragung dieser Regelung auf türkische Staatsangehörige, welche ein Aufenthaltsrecht nach dem Assoziationsratsbeschluss Nr. 1/80 besitzen, diskutiert und teilweise auch bejaht (so u.a.: VG Karlsruhe, Beschl. 09.03.2007 - 6 K 2907/06 - und Urt. v. 09.11.2006 - 2 K 1559/06 - offen gelassen: VGH Bad.-Württ., Urt. v. 29.06.2006 - 11 S 2299/05 - Hess. VGH, Beschl. v. 12.07.2006 - 12 TG 494/06 - und OVG Rheinland-Pfalz, Urt. v. 05.12.2006 - 7 A 10924/06 -, verneinend: OVG Nordr.
Sie verstößt zunächst nicht gegen die zum Zeitpunkt der Ausweisungsentscheidung geltenden gemeinschaftsrechtlichen Verfahrensvorschriften des Art. 9 Abs. 1 RL 64/221/EWG in der Auslegung, die sie durch das Bundesverwaltungsgericht (Urteil vom 13.9.2005 - 1 C 7.04 -, InfAuslR 2006, 110; Urteil vom 6.10.2005 - 1 C 5.04 -, InfAuslR 2006, 114; vgl. ebenso: VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.6.2006 - 11 S 2299/05 -) erfahren hat.
Ob hieran die nach Abschluss des Verwaltungsverfahrens erfolgte Aufhebung der RL 64/221/EWG durch Art. 38 Abs. 2 RL 2004/38/EG (mit Wirkung vom 30.4.2006) etwas zu ändern vermag (vgl. dazu einerseits: VGH Bad.-Württ., Urteil vom 29.6.2006, a.a.O.; andererseits: Niedersächs. OVG, Urteil vom 16.5.2006 - 11 LC 324/05 - VG Düsseldorf, Beschluss vom 10.2.2006 - 24 L 2122/05 -, InfAuslR 2006, 263), bedarf hier keiner weiteren Erörterung.
Ist ein belastender Verwaltungsakt unter Verletzung einer zur Zeit seines Erlasses geltenden Verfahrensvorschrift ergangen und damit rechtswidrig, führt der spätere Wegfall der Verfahrensvorschrift nicht zu einer "Umwandlung" eines rechtswidrigen in einen rechtmäßigen Verwaltungsakt, wenn nicht der Gesetzgeber ausnahmsweise etwas anderes bestimmt (VGH Bad.-Württ. vom 29.6.2006, Az. 11 S 2299/05; BayVGH vom 30.1.2006, Az. 24 B 05.1832; VG München vom 25.7.2006, Az. M 10 S 06.1849).
Auch das zwischenzeitliche Außerkrafttreten der Richtlinie 64/221/EWG ändert daran nichts (BVerwG vom 6.10.2005, Az. 1 C 5/04, BVerwGE 124, 243 = InfAuslR 2006, 114 = DVBl 2006, 376 = NVwZ 2006, 475 = BayVBl 2006, 251; VGH Bad.-Württ. vom 29.6.2006, Az. 11 S 2299/05; VG München vom 26.4.2006, Az. M 23 K 05.661).
Danach sind europarechtliche Vorschriften so auszulegen, dass ihnen größtmögliche praktische Wirksamkeit zukommt (vgl. etwa VGH BW, Urteil vom 29. Juni 2006 - 11 S 2299/05 -, juris).
Es kommt deshalb nicht mehr darauf an, ob ein "dringender Fall" i.S.d. Art. 9 Abs. 1 der Richtlinie 64/221/EWG vorliegt (vgl. zum Ganzen VGH Bad.-Württ., Urt. v. 29.06.2006 VBlBW 2007, 109).
VGH Baden-Württemberg, Urteil vom 29. Juni 2006 - 11 S 2299/05 -, ZAR 2006, 417 (Leitsatz), zugrunde legt, dass ein Verstoß gegen Art. 9 Abs. 1 der Richtlinie 64/221/EWG unbeschadet ihrer späteren Aufhebung weiterhin beachtlich ist, wenn im Zeitpunkt der Aufhebung das Verwaltungsverfahren bereits abgeschlossen war.
VGH Bayern, 17.08.2007 - 19 C 07.1537
D (A), Ausweisung, Zuständigkeit, örtliche Zuständigkeit, Haft, Inhaftierung, …