Source: https://www.ifb.de/arbeitnehmervertreter-im-aufsichtsrat/fachartikel/kein-buch-mit-sieben-siegeln-bilanzen-lesen-und-verstehen
Timestamp: 2019-05-24 16:58:47
Document Index: 288143417

Matched Legal Cases: ['§ 267', '§ 250', '§ 272', '§ 272', '§ 272', '§ 150', '§ 249']

Kein Buch mit sieben Siegeln - Bilanzen lesen und verstehen - ifb
Ein Jahresabschluss besteht – je nach Größenklasse des Unternehmens (vgl. § 267 HGB [Handelsgesetzbuch]) – aus der Bilanz, der Gewinn- und Verlust-Rechnung sowie gegebenenfalls dem Anhang und dem Lagebericht. Die Bilanz besteht aus zwei Seiten, deren Summen jeweils ausgeglichen sein müssen. Das Beispiel einer Bilanz findet sich in der Abbildung 1 auf der Seite 21. Die linke Seite der Bilanz wird Aktivseite, die rechte Seite wird Passivseite genannt. Die Aktivseite stellt das Vermögen eines Unternehmens dar. Die Passivseite macht Angaben über die Herkunft des Kapitals, das zur Finanzierung des Vermögens benötigt wird. Die Bilanz ist somit die Gegenüberstellung von Vermögen und Kapital eines Unternehmens.
Die immateriellen Vermögensgegenstände sollen dem Unternehmen langfristig zur Verfügung stehen. Hierzu gehören beispielsweise Patente und Lizenzen. Ein besonderer Wert in diesem Zusammenhang ist der Firmenwert – auch Goodwill genannt. Der Wert eines Unternehmens bemisst sich neben seinen immateriellen und materiellen Wirtschaftsgütern auch nach dem so genannten innewohnenden Wert. Dieser Wert wird allgemein als selbstständiges Wirtschaftsgut anerkannt und bei Veräußerungen honoriert. Er bemisst sich als Differenz zwischen dem Ertragswert eines Unternehmens und der Summe aller übrigen aktivierbaren Vermögensgegenstände (ohne Schulden). Ein daraus sich ergebender Mehrwert ist der Goodwill.
Das Sachanlagevermögen soll dem Unternehmen ebenfalls langfristig zur Verfügung stehen. Neben Grundstücken und Gebäuden nutzt ein Unternehmen vor allem Maschinen und technische Anlagen. Die Gebäude werden mit Betriebs- und Geschäftsausstattungen versehen. In den Finanzanlagen werden die Bestandteile dargestellt, in denen sich ein Unternehmen an anderen Unternehmen beteiligt, sowie die Wertpapiere des Anlagevermögens, die das Unternehmen hält, aufgelistet. Im Anlagespiegel wird die Entwicklung des Anlagevermögens und seiner Abschreibungen detailliert dargestellt.
Im Umlaufvermögen werden diejenigen Vermögensgegenstände beschrieben, die einem Unternehmen eher kurzfristig zur Verfügung stehen. Hierzu gehören Vorräte (z.B. Rohstoffe), Waren und Erzeugnisse, Forderungen des Unternehmens, Wertpapiere des Umlaufvermögens und „flüssige Mittel“ (Bargeld, Bankguthaben). Die Forderungen werden in Fristigkeiten unterteilt: kurzfristige Forderungen sind solche mit einer Fristigkeit von bis zu einem Jahr, mittelfristige Forderungen betreffen einen Zeitraum von ein bis fünf Jahren. Alle darüber hinausgehenden Forderungen gelten als langfristig.
Der Rechnungsabgrenzungsposten ist eine besondere Form der Darstellung von Vermögen (auf der Aktivseite) und Kapital (auf der Passivseite). Er grenzt bestimmte Buchungsvorgänge voneinander ab. Aktive Rechnungsabgrenzungsposten werden nach § 250 Abs. 1 HGB gebildet, wenn Zahlungen vor einem Stichtag für Leistungen nach einem Stichtag erfolgen, etwa wenn im Oktober die Miete für das kommende Jahr gezahlt wird. Der passive Rechnungsabgrenzungsposten muss gebildet werden, wenn das Unternehmen die Mietzahlung für ein Jahr erhält.
Das Eigenkapital umfasst die Mittel, die dem Unternehmen von seinen Eigentümern ohne zeitliche Begrenzung zur Verfügung gestellt werden (gezeichnetes Kapital), von außen durch Zuführung (Kapitalrücklagen) bzw. von innen durch den Verzicht auf Gewinnausschüttung zugeführt werden. Bilanziell stellt das Eigenkapital die Differenz von Vermögen und Fremdkapital (= Reinvermögen) dar. Das gezeichnete Kapital (vgl. § 272 Abs. 1 HGB, auch Grundkapital genannt) wird von den Gründern eines Unternehmens eingezahlt und ist für das Unternehmen als Haftungskapital dauerhaft hinterlegt. Dieses Kapital besteht aus Geld- und/oder Sachvermögen. Das Unternehmen muss dafür Sorge tragen, dass der in der Bilanz angegebene Wert jederzeit zur Verfügung steht. Die Kapitalrücklage setzt sich gemäß § 272 Abs. 2 HGB aus Kapital zusammen, das von außen zugeführt wurde und nicht gezeichnetes Kapital ist. So wird beispielsweise der Wert, der über dem Nennwert einer ausgegebenen Aktie erzielt wird, in die Kapitalrücklage eingestellt. Die Gewinnrücklage besteht nach § 272 Abs. 3 HGB aus nicht ausgeschütteten Gewinnen der Vergangenheit, das heißt, diese Rücklage wird aus dem Jahresüberschuss realisiert. Bei einer Aktiengesellschaft muss eine gesetzliche Rücklage gebildet werden (vgl. § 150 Abs. 1 AktG [Aktiengesetz]). Sie hat eine Gläubigerschutzfunktion. Satzungsgemäße Gewinnrücklagen werden immer dann gebildet, wenn beispielsweise die Satzung einer GmbH dies vorsieht. Die sonstigen Gewinnrücklagen werden nach Ermächtigung von Gesellschaftern bzw. Aktionären gebildet.
Bilanzgewinn bzw. -verlust
Das Jahresergebnis ergibt sich aus der Gewinn-und-Verlust-Rechnung und stellt den Saldo aus der systematischen Aufstellung von Aufwendungen und Erträgen innerhalb eines bestimmten Zeitraums dar. In vielen Fällen werden weitere Positionen hinzugerechnet bzw. abgezogen (z.B. Entnahmen aus der Kapitalrücklage, Gewinnvorträge aus den Vorjahren). Der Saldo aus diesen weiteren Positionen und dem Jahresüberschuss bzw. -fehlbetrag wird Bilanzgewinn bzw. -verlust genannt.
Auf der Passivseite folgt nach der Darstellung des Eigenkapitals die des Fremdkapitals. Dieses Kapital wird dem Unternehmen für seine Aktivitäten beispielsweise von Banken und Lieferanten zur Verfügung gestellt. Im Fall der Förderung von Unternehmen durch den Staat wird auf der Passivseite ein Sonderposten eingefügt. Diese Mittel stehen dem Unternehmen zur Erfüllung bestimmter Zwecke (z.B. öffentliche Versorgung durch Krankenhäuser) zur Verfügung. Der Fremdkapitalcharakter dieser Mittel entsteht durch die Verpflichtung der Unternehmen, die „geschenkten“ Mittel für die genannten öffentlichen Zwecke einzusetzen.
Rückstellungen stellen Wertminderungen bzw. Vermögensänderungen dar, die für die Zukunft ausreichend sicher erwartet werden und die für die Berichtsperiode Aufwand sind. Sie lassen sich in Rückstellungen für rechtliche und wirtschaftliche Verpflichtungen sowie Aufwandsrückstellungen unterteilen. Gemäß § 249 Abs. 1 HGB müssen folgende Pflichtrückstellungen vorgenommen werden: Pensionsrückstellungen, Steuerrückstellungen und sonstige Rückstellungen (z.B. Überstunden, Urlaubsansprüche).
Die Verbindlichkeiten beschreiben die zum Bilanzstichtag bestehenden Schulden des Unternehmens. Sie werden aufgelistet nach Verbindlichkeiten gegenüber Banken und Kreditinstituten, aus Lieferung und Leistung und gegenüber anderen Unternehmen (Beteiligungen, verbundene Unternehmen).
Der Rechnungsabgrenzungsposten beschreibt auf der Passivseite die Einnahmen des Unternehmens, die auch die nachfolgende Periode betreffen.
Die Bilanzsumme auf der Passivseite stellt die Summe des gesamten Kapitals dar. Die Bilanzsumme der Passivseite muss mit der Summe der Aktivseite identisch sein. Die Abbildung 2 auf dieser Seite zeigt den Fall, dass die Bilanzsummen voneinander abweichen. Dies ist dann der Fall, wenn der Jahresfehlbetrag bzw. Verlust höher ist als das gesamte Eigenkapital. Dieses negative Eigenkapital nennt man „Nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag“. Es wird auf der Aktivseite ausgewiesen. Ist die Summe der Aktivseite höher als die der Passivseite, ist das Unternehmen überschuldet. In den meisten Fällen muss es Insolvenz anmelden.
Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit – ausgehend von diesen Fällen wird deutlich, dass es für Betriebsrat und Wirtschaftsausschuss von großer Bedeutung ist, die Daten einer Bilanz lesen und verstehen zu können. Denn in der Betrachtung der Bilanz – sinnvollerweise über einen längeren Zeitraum – können die Entwicklungen, die zu einer solchen Lage des Unternehmens führen, frühzeitig erkannt werden. Da die Mitglieder des Betriebsrats bzw. des Wirtschaftsausschusses dies jedoch nicht von heute auf morgen erlernen können, ist es empfehlenswert, wenn sie ihr Wissen auf Seminaren und/oder durch die Lektüre von entsprechender Fachliteratur vertiefen. Hierbei ist die Entwicklung von Kennzahlen zur Interpretation der Bilanz von entscheidender Bedeutung.