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Timestamp: 2016-12-03 17:48:25
Document Index: 84108715

Matched Legal Cases: ['Art. 6', 'Art. 6', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGE']

⭐HISTORISCHE VERGANGENHEITSBEARBEITUNG. Gerald D. Feldman WIRTSCHAFT UND WISSENSCHAFT IM VERGLEICH
HISTORISCHE VERGANGENHEITSBEARBEITUNG. Gerald D. Feldman WIRTSCHAFT UND WISSENSCHAFT IM VERGLEICH
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1 Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus Research Program History of the Kaiser Wilhelm Society in the National Socialist Era HISTORISCHE VERGANGENHEITSBEARBEITUNG WIRTSCHAFT UND WISSENSCHAFT IM VERGLEICH Gerald D. Feldman Ergebnisse 132 IMPRESSUM Ergebnisse. Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus Herausgegeben von Carola Sachse im Auftrag der Präsidentenkommission der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. Alle Rechte vorbehalten. Copyright 2003 by Gerald D. Feldman Übersetzung: Norma von Ragenfeld-Feldman/Marc Staudacher Redaktion: Anke Pötzscher Bezugsadresse: Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm- Gesellschaft im Nationalsozialismus Glinkastraße 5 7 D Berlin Tel.: 0049 (0) Fax: 0049 (0) Umschlaggestaltung: punkt 8, Berlin3 INHALT Kurzfassung/Abstract 4 Wirtschaft und Wissenschaft im Vergleich 5 Quellen 22 Literatur 23 Index 26 Autor 274 KURZFASSUNG/ABSTRACT Wirtschafts- und wissenschaftshistorische Forschung erlebt in den letzten Jahren einen deutlichen Aufschwung. Ein Grund dafür sind die Entscheidungen von Regierungen, Unternehmen, Organisationen der Wirtschaft und der Wissenschaft, unabhängige Historikerteams zu finanzieren und ihnen ihre Archive aufzuschließen. Damit wurden neue Perspektiven eröffnet: Statt sich nur mit Persönlichkeiten, Unternehmen und Einrichtungen, ihren Taten und Missetaten zu beschäftigen, können jetzt professionelle Netzwerke und kollektive Mentalitäten erforscht werden. Ältere Lesarten des Verhaltens von Wirtschaft und Wissenschaft im Dritten Reich müssen revidiert werden. Die vielfach verknüpfte Entwicklung von Wirtschaft und Wissenschaft fordert zu einem Vergleich der Strategien historischer Vergangenheitsbearbeitung in beiden Bereichen geradezu heraus: Während des Dritten Reiches arbeiteten Wirtschaft und Wissenschaft oft Hand in Hand, um den rassenpolitischen und imperialistischen Zielen des NS-Regimes zu dienen. Nach 1945 verfolgten sie analoge Strategien, um verwerfliche Taten und unbehagliche Fakten zu unterdrücken und stattdessen eine brauchbare Vergangenheit zu konstruieren. Beide Bereiche versuchten, sich als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen, indem sie dessen Inkompatibilität mit kapitalistischer Organisation bzw. mit reiner Forschung behaupteten. Diese Selbstwahrnehmung ist inzwischen grundlegend erschüttert. Statt, wie es später hieß, das Schlimmste zu verhindern, nutzten Akteure in Wissenschaft und Wirtschaft alle Möglichkeiten, die ihnen die nationalsozialistische Rassen- und Eroberungspolitik bot. Research into the history of business and science has undergone a marked upswing in recent years. A reason for this is the decision of governments, corporations, business organizations and scientific institutions to sponsor independent research and to open up archives previously closed to historical investigators. This research has opened up new perspectives for historical research having to do not only with the deeds and misdeeds of important persons, companies and institutions but also making it possible to investigate professional networks and collective mentalities. The result has been to overturn or significantly revise older views of the performance of business and science in the Third Reich. The comparison between the historical confrontation with the past in business and science is particularly appropriate, not only because of their parallel developments but also because their histories were often intertwined, business working hand-in-hand with science to serve the racial and imperial goals of the National Socialist regime. They also pursued analogous strategies after 1945 to repress what was discomforting about the past while creating a usable past. Both enterprises sought to present themselves as victims of National Socialism, which they viewed as alien to capitalist organization and to a pure science free of political influence. These self-perceptions have been undermined and finally shattered by revelations that contradict them. Both business and science, increasingly began to play the role of active agents and participants rather than preventing the worst.5 Historische Vergangenheitsbearbeitung Wirtschaft und Wissenschaft im Vergleich Gerald D. Feldman Ich möchte diesen Beitrag mit einer Anekdote aus meinem letzten Proseminar eröffnen, das ich im Frühjahr 2002 gehalten habe, bevor ich nach Berlin kam, um hier ein Jahr lang zu forschen und zu schreiben. Am Seminar nahmen nur Freshmen teil, sehr junge Studenten also, und ich hatte beschlossen, ihnen auf dem Weg zum Verlust ihrer Unschuld ein wenig nachzuhelfen, indem ich soziale Gruppen und Berufsstände im Nationalsozialismus zum zentralen Thema machte. Die Pflichtlektüre bestand unter anderen aus Peter Hayes bedeutender Untersuchung über die IG Farben im Dritten Reich und Michael Katers Studie über die nationalsozialistischen Ärzte. 1 Das IG Farben-Buch schockierte die Studenten nicht sonderlich, selbst mit der Darstellung über die Bunawerke in Auschwitz kamen sie zurecht, doch die Nazi-Ärzte erfüllten sie mit blankem Entsetzen. Als ich sie nach ihren so unterschiedlichen Reaktionen befragte, meinten sie, von Unternehmern im Grunde nichts anderes erwarten zu können, da diese ohnehin amoralisch seien und sich bloß für Gewinne interessierten. Das amoralische Verhalten einiger Ärzte und Wissenschaftler hingegen erregte die jungen Seminarteilnehmer und bereitete ihnen schlaflose Nächte. Sogar als ich darauf hinwies, daß einige von ihnen sicherlich selbst einmal in der Wirtschaft landen würden, konnten sie sich des Gefühls nicht erwehren, daß es eine Sache sei, wenn Industrielle Zwangsarbeiter ausbeuteten, um Rüstungsgüter herzustellen, eine völlig andere jedoch, wenn Mediziner ihre Kranken und Behinderten in den Tod schickten und, den Hippokratischen Eid mißachtend, Patienten für Experimente mißbrauchten. Bevor man diese emotional verständlichen Reaktionen unter der Rubrik intellektuelle Unreife abheftet, sollte man sich im klaren darüber sein, daß bereits die bei den Nürnberger Nachfolgeprozessen verkündeten Urteile diese Haltung in hohem Maße widerspiegelten. Industrielle, sofern sie verurteilt wurden, erhielten milde Haftstrafen und wurden bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Sechzehn der angeklagten Ärzte hingegen wurden für schuldig befunden, sieben von ihnen zum Tode verurteilt auch tatsächlich hingerichtet, und fünf erhielten lebenslängliche Haftstrafen. Diese ungleiche Behandlung von Wirtschaftskriminalität und Medizinverbrechen spiegelte zweifellos sehr humane Reaktionen. Außerdem gingen sowohl Anklageerhebungen als auch Urteilssprüche in Nürnberg aus den Vorstellungen und Umständen der unmittelba- 1 Peter Hayes, Industry and Ideology. IG Farben in the Nazi Era, 2. Aufl., Cambridge 2000; Michael Kater, Doctors Under Hitler, 2. Aufl., Chapel Hill 2000.6 6 ren Nachkriegszeit hervor. 2 Gerade deshalb sollten Historiker, die sich mit dem Dritten Reich befassen, bei der Interpretation der Nürnberger Prozesse äußerste Vorsicht walten lassen und sie eher als historische Quellen, denn als verläßliche Richtlinien nutzen, nach denen sich eine befriedigende Untersuchung über das Gefüge von Staat und Gesellschaft im nationalsozialistischen Regime erstellen ließe. Bei der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit tritt das Ende der Unschuld mit der Erkenntnis ein, daß es innerhalb der deutschen Gesellschaft keine nennenswerten sozialen oder professionellen Gruppen gab, die sich einer weißen Weste hätten rühmen können. Auch wenn das jeweilige Ausmaß der Verstrickung Einzelner und ganzer Gruppen in das Regime variierte, so ist dennoch die Feststellung wichtig, daß sie durch ihre Verstrickung in dessen Verbrechen im Endeffekt auch untereinander verstrickt waren. Betrachten wir beispielsweise den Fall von Dr. Heinrich Kraut, einem Ernährungswissenschaftler, der auf das Verhältnis zwischen Ernährung und Leistungsfähigkeit spezialisiert war, im Jahre 1956 das Max-Planck-Institut (MPI) für Ernährungsphysiologie in Dortmund errichtete und dessen Gründungsdirektor wurde. Beim bedeutenden jüdischen Chemiker Richard Willstätter 1925 habilitiert, wurde Kraut 1928 zum Leiter der chemischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts (KWI) für Arbeitsphysiologie ernannt. Abgesehen von punktuellen Informationen über Kraut 1937 trat er der Partei bei, 1942 wurde er wissenschaftliches Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) scheint über sein Wirken im Nationalsozialismus bis vor kurzem noch wenig veröffentlicht worden zu sein übernahm er am Dortmunder Institut die Leitung einer eigenständigen Abteilung für Ernährungsphysiologie, die er fünf Jahre später in ein eigenständiges Max-Planck-Institut umwandelte. Aus dem knappen historischen Abriß auf der Website des Dortmunder Instituts, des heutigen MPI für Molekulare Physiologie, erfährt man folgendes über Kraut: Er habe danach gestrebt, seine Forschungen zum Nutzen der Menschen einzusetzen, seine Arbeit sei von den Auswirkungen der Unterernährung auf die deutsche Nachkriegsbevölkerung geprägt gewesen, und er habe die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gegründet und geleitet. In den 1960er Jahren habe er sich den Problemen unterentwikkelter Länder zugewandt und sei vermutlich auch in dieser Hinsicht von den deutschen Nachkriegserfahrungen angeregt worden, die Beschäftigung mit diesen Ländern voranzutreiben und die Deutsche Welthungerhilfe zu gründen. Für seine Arbeiten, so heißt es weiter, habe er neben anderen Auszeichnungen auch das Große Bundesverdienstkreuz erhalten; ein Preis in seinem Namen werde seither regelmäßig an verdienstvolle Entwicklungshelfer verliehen. 3 Kraut hatte auch das große Glück, erst 1992 im stolzen Alter von 99 Jahren dahinzuscheiden, ein überzeugender Beweis dafür, was eine angemessene Ernährungsweise in Verbindung mit guten Taten bewirken kann. Und so segnete 2 3 Paul Weindling, Ärzte als Richter: Internationale Reaktionen auf die Medizinverbrechen des Nationalsozialismus während des Nürnberger Ärzteprozesses in den Jahren , in: Claudia Wiesemann/Andreas Frewer (Hg.), Medizin und Ethik im Zeichen von Auschwitz. 50 Jahre Nürnberger Ärzteprozeß, Erlangen 1996, S ; Joachim Scholtyseck, Die USA vs. The Big Six. Der gescheiterte Bankenprozeß nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Bankhistorisches Archiv. Zeitschrift zur Bankengeschichte 26/1, 2000, S ; Frank Buscher, The U.S. War Crimes Trial Program in Germany, , Westport 1989, S URL: Stand:7 7 er das Zeitliche, wenige Jahre bevor Dietrich Eichholtz die Tatsache aufdeckte, daß Ruhr-Betriebe, die mit den schwachen Leistungen ihrer italienischen und sowjetischen Arbeiter unzufrieden waren, Kraut im Frühjahr 1944 zu Rate zogen, woraufhin er die sogenannte Krautaktion ins Leben rief, derzufolge die Arbeiter bei Leistungssteigerung zusätzliche Kost erhielten, die Ernährungszulagen ihnen aber bei verminderter Leistung verwehrt wurden. Zum Kenntnisstand über diesen Aspekt der Karriere Krauts trug auch Ernst Klee mit seiner Untersuchung Deutsche Medizin im Dritten Reich maßgeblich bei, indem er Krauts Rolle in Nürnberg als Sachverständiger bei der Verteidigung der Konzerne Flick, Krupp und IG Farben enthüllte. Laut Kraut seien Zwangsarbeiter in Auschwitz ausreichend ernährt worden und hätten täglich sogar 20 überschüssige Kalorien erhalten. Zwangsarbeiter, behauptete Kraut ferner, die nur einen freien Tag jede zweite Woche statt den für normale Arbeiter üblichen einen freien Tag pro Woche erhalten hätten, hätten weniger Freizeitkalorien zum Ausgleich ihrer außerberuflichen körperlichen Beanspruchungen bedurft. 4 Die Verantwortlichen der Dortmunder MPI-Website haben diese ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse und Ideen Krauts bislang nicht angeführt, und es bleibt abzuwarten, ob sie dies in Zukunft tun werden. Gleichwohl liefert der Fall Kraut eines der zahlreichen Beispiele für die Verflechtungen von Wirtschaft und Wissenschaft im Nationalsozialismus, die neuerdings häufiger zutage treten; an ihnen läßt sich die weitgehende Bedeutung eines komparativen Ansatzes zur historischen Vergangenheitsbearbeitung von Wirtschaft und Wissenschaft dokumentieren, zumal beide Bereiche an vielen Schnittpunkten eine gemeinsame Vergangenheit miteinander teilen, die es aufzuarbeiten gilt. 5 Wie aber könnte solch eine vergleichende Geschichte geschrieben werden und was ließe sich aus ihr lernen? Zunächst ist festzustellen, daß sich die anvisierten historischen Parallelen nicht einfach im Rahmen der Erkenntnisse darstellen lassen, die aus den wissenschaftlichen Untersuchungen über Wissenschaft und Wirtschaft in der NS-Zeit gewonnen worden sind. Erstaunlicherweise hat es fast fünfzig Jahre gedauert, bis man mit der systematischen Erforschung der Geschichte dieser beiden Bereiche begonnen hat, und man kann sich nicht damit befassen, ohne auch die Art und Weise zu erhellen, in der diese Geschichte in vergangenen Jahren bearbeitet oder aber verdrängt worden ist. Mit anderen Worten: Wie verhielten sich die Dinge zwischen Kriegsende und Mitte der neunziger Jahre, bevor der historiographische Dammbruch in letzter Zeit eine Flut von organisierten Forschungsarbeiten auslöste? Es handelt sich hier, dies sei betont, um organisierte Forschung, die sich qualitativ und quantitativ maßgeblich von den bis dahin durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen unterscheidet. Für die Vielzahl neuer Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Unternehmensgeschichte des Dritten Reiches scheint sich eine oberflächlich betrachtet 4 5 Dietrich Eichholtz, Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft , 3 Bde., Berlin 1996, Bd. 3, S ; Ernst Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945, Frankfurt/Main 2001, S Siehe z. B. Doris Kaufmann (Hg.), Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Perspektiven der Forschung, 2 Bde., Göttingen 2000, S ; Helmut Maier (Hg.), Rüstungsforschung im Nationalsozialismus. Organisation, Mobilisierung und Entgrenzung der Technikwissenschaften, Göttingen 2003.8 8 relativ einfache Erklärung anzubieten. Der politische und ideologische Zusammenbruch des Ostblocks, die Öffnung der hinter dem Eisernen Vorhang befindlichen Archive und die Sammelklagen in den Vereinigten Staaten ließen eine Fülle neuer Möglichkeiten für die historische Forschung entstehen, und Regierungen sowie Konzerne wurden unter Zwang gestellt, den Zugang zu ihren Archiven zu gewährleisten. 6 Eine eher untergeordnete Rolle indes spielten diese Faktoren meines Erachtens im Hinblick auf die organisierte historische Forschung zur deutschen Wissenschaft, die in den Arbeiten der MPG und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) während der NS-Zeit ihren Niederschlag fand. MPG-Präsident Hubert Markl hat die Kommission zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus nicht deshalb 1998 ins Leben gerufen, weil die MPG verklagt wurde oder unter einem mit der Wirtschaft vergleichbaren internationalen Druck stand, und ein Großteil der MPGund DFG-Quellenbestände existierte zumindest realiter, auch wenn sie über Jahre hinweg nicht unbedingt verfügbar waren. Anlaß für die Einrichtung der Kommission war tatsächlich der 50. Jahrestag der Gründung der MPG im Februar 1948, wofür nicht das Argument geltend gemacht wurde, die MPG sei die rechtliche Nachfolgerin der KWG, die sie ja im Gegensatz zum Verhältnis Bundesrepublik und Drittes Reich tatsächlich nicht ist. Ausschlaggebend war vielmehr der Status der KWG als historische Vorgängerin der MPG im Hinblick auf ihre Mitarbeiter sowie auf ihren institutionellen Charakter. 7 Der Entschluß, mit der eigenen historischen Vergangenheit ins Reine zu kommen, ist eines der bemerkenswertesten Phänomene der Wende zum 21. Jahrhundert, das sogar zu einem gesamteuropäischen geworden ist, und auch wenn die amerikanischen Sammelklagen zum Auslöser wissenschaftlicher Forschungsprojekte geworden sind, läßt sich deren explosionsartige Vermehrung dennoch nur anhand einer kritischen Masse anderer Faktoren erklären. Deshalb ist es wichtig, die Tatbestände zu benennen, die zur Aufarbeitung der Vergangenheit beigetragen haben. Ich kann an dieser Stelle keinen Anspruch auf ihre vollständige Erfassung erheben, ebensowenig wie ich in der Lage bin, eine auch nur annähernd erschöpfende Erklärung zu bieten. Gleichwohl möchte ich einige Thesen darlegen, die sich freilich leichter vortragen als beweisen lassen. Drei Phänomene, die den zuvor erörterten Entwicklungen zugrunde liegen, sind meines Erachtens besonders bezeichnend. Erstens handelt es sich bei der neuen historischen Forschung um eine Reaktion auf wesentliche Forschungsimperative. Zweitens ist diese Forschung aufgrund des Generationenwechsels sowohl 6 7 Gerald D. Feldman, Unternehmensgeschichte des Dritten Reichs und die Verantwortung der Historiker. Raubgold und Versicherungen, Arisierung und Zwangsarbeit, in: Norbert Frei/Dirk van Laak/Michael Stolleis (Hg.), Geschichte vor Gericht. Historiker, Richter und die Suche nach Gerechtigkeit, München 2000, S ; ders., H olocau st A ssets and G erm an B usiness H istory : Beginning o r En d?, in: G erman S tu dies Review 25/1, 2002, S Wir dürfen nichts verschweigen. Rede des Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, anläßlich der Enthüllung des Mahnmals für die Opfer nationalsozialistischer Euthanasie-Verbrechen am 14. Oktober 2000 in Berlin-Buch, in: Max Planck Forschung 4/2000, S Weitere Informationen zum Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser- Willhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus : Stand: sowie HYPERLINK zur Forschergruppe zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft unter: Geschichte/, Stand:9 9 psychologisch als auch institutionell vertretbar, ja sogar notwendig geworden. Und drittens spiegelt sie ein Bedürfnis wider, das durch eine Reihe gegenwärtig erlebter Umbruchsituationen entstanden ist. Was die Forschung über das Dritte Reich betrifft, so landete sie in den frühen neunziger Jahren in einer Art Sackgasse, denn nicht nur waren die ideologischen Begriffsbestimmungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mittlerweile überholt, sondern auch die auf den herkömmlichen Kategorien beruhenden Erklärungen, etwa der Intentionalismus und der Funktionalismus, um die prominentesten zu nennen, hatten sich als unbefriedigend erwiesen. Die ideologischen Komponenten des Nationalsozialismus, allen voran Rassismus und Imperialismus, mußten stärker beachtet werden; individuelles Handeln mußte wieder in den Vordergrund rücken, während Gruppenmentalitäten entschlüsselt und die Verfolgungsnetzwerke entwirrt werden mußten, um so das Verhältnis zwischen individuellem und kollektivem Handeln erhellen zu können. Dies schien mir der grundlegende Impuls der letzten Jahre zu sein. Aufgrund der Verlagerung von Forschungsschwerpunkten in der Unternehmensgeschichte von der Rolle der Unternehmer vor 1933 mit ihrem Anteil an der nationalsozialistischen Machtübernahme hin auf ihre Rolle im NS-Regime selbst, und der Unmengen von erstmals verfügbarem Quellenmaterial entstanden fortschreitend neue, wahrhaft zwingende Forschungsimperative. Selbst wenn Konzerne nicht durch Gerichtsklagen dazu verpflichtet worden wären, ihre Archive der Forschung zu öffnen, hätten die in den öffentlichen Archiven vorhandenen Informationen ausgereicht, um der Wirtschaft eine Stellungnahme abzuverlangen, die befriedigender gewesen wäre, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Ich bin überzeugt, daß der Entschluß, das KWG-Projekt auf den Weg zu bringen, sehr stark von den Forschungsarbeiten zur Wissenschaftsgeschichte im Nationalsozialismus beeinflußt wurde, die einen Bogen spannen über Publikationen wie Alan Beyerchens 1977 erschienene Studie Scientists under Hitler: Politics and the Physics Community in the Third Reich bis hin zu Ute Deichmanns 1995 veröffentlichter Untersuchung Biologen unter Hitler; aber auch einzelne Arbeiten haben mit Recht beachtliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, zumal die Arbeiten von Benno Müller-Hill und Ernst Klee. 8 Auf der einen Seite tendierte die Forschung in Richtung scientific community insgesamt, einschließlich deren institutioneller Wirksamkeit. Auf der anderen Seite befaßte sie sich vorwiegend mit individuellen Wissenschaftlern, deren Aktivitäten besonders verwerflich waren; aber dadurch, daß man nachdrücklich auch deren institutionelle Einbettung berücksichtigte, gingen beide Ansätze in eine ähnliche Richtung. Allerdings läßt sich die Vielzahl der zutage gebrachten Beweise die sogenannten smoking guns nur bis zu einem gewissen Ausmaß mißachten, obwohl man dies, wie die Quellen zeigen, über einen erstaunlich langen Zeitraum getan hat, bis schließlich Hubert Markl das besagte historische Projekt auf den Weg brachte. 8 Alan Beyerchen, Scientists under Hitler: Politics and the Physics Community in the Third Reich, New Haven 1977; Ute Deichmann, Biologen unter Hitler. Portrait einer Wissenschaft im NS-Staat, Frankfurt/Main 1995; Benno Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft. Die Aussonderung von Juden, Zigeunern und Geisteskranken , Reinbek 1984; Ernst Klee, Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens, Frankfurt/Main 1983.10 10 Was den Begriff Generation angeht, so sind zwei Aspekte zu unterscheiden. Erstens sind nicht mehr viele der Generation am Leben, die die NS-Zeit miterlebt hat; wichtiger noch, die Opfer sterben aus, und dieser Jahre bietet sich eine letzte Möglichkeit, sie anzuerkennen und zu würdigen. Dies liegt auf der Hand, sofern es um finanzielle Wiedergutmachung geht, ist aber gleichermaßen unerläßlich im Hinblick auf die moralische Restitution. Deshalb war es geboten, die Einrichtung des KWG-Forschungsprogramms mit einer offiziellen Entschuldigung gegenüber den Opfern medizinischer Verbrechen zu verbinden, was schließlich zwei Jahre nach der Eröffnung des Forschungsprogramms im Sommer 2001 nachgeholt wurde. 9 Mein zweiter Punkt allerdings bezieht sich auf die inzwischen offenkundige Tatsache, daß es einer neuen Generation von Wirtschaftsführern und Wissenschaftsmanagern, von persönlich unbelasteten sowie historisch informierten Personen bedurfte, um Verhaltensweisen zu überwinden, die vormals von Verdrängung und Verheimlichung geprägt waren. Mit Sicherheit gehört Hubert Markl zu dieser Generation, ebenso der Initiator des Projekts der Deutschen Bank: Die Deutsche Bank , Alfred Herrhausen, der einem Attentat zum Opfer fiel, und seine Nachfolger Hilmar Kopper und Rolf Breuer sowie Henning Schulte-Noelle, der das Programm Die Allianz und die deutsche Versicherungswirtschaft bei der Versicherungsgesellschaft Allianz ins Leben rief. Abschließend geht es um die Frage und hier glaube ich mich auf sehr dünnem Eis zu bewegen nach dem Umbruch in Wirtschaft und Wissenschaft. Im Fall der Wirtschaftsunternehmen bewirkten die wachsenden Konsolidierungsund Globalisierungsprozesse, daß ihr institutionelles Selbstbild, ihre corporate identity, herausgefordert wurde, während man ihrem Verantwortungsbewußtsein eine größere Bedeutung zumaß. Für die Konzerne, die sich mit den gegenwärtigen Transformationen befassen, hat die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine beträchtliche Rolle gespielt. Im Fall der Wissenschaft waren die Betreffenden gezwungen, sich mit der Frage einer vertretbaren Wissenschaft sowohl in den Forschungsbereichen Biologie und Genetik als auch auf anderen mit der physikalischen und chemischen Forschung verbundenen Gebieten auseinanderzusetzen. Dies hat den Geschehnissen der Jahre 1933 bis 1945 unweigerlich eine höhere Relevanz verliehen, als einem vielleicht lieb sein mag. Schließlich und hier wird das Eis noch dünner ist das Bewußtsein Europas, seiner Zivilisation sowie seiner Werte und seiner Zivilgesellschaft aufgrund der europäischen Vereinigung und des Zusammenbruchs diktatorischer Regierungen stark im Wachsen begriffen. Wenn der Holocaust, wie Dan Diner argumentiert hat, nicht nur einen Zivilisationsbruch, sondern auch eine gemeinsame europäische Erfahrung darstellt, 10 und wenn sowohl Industrieunternehmen als auch Wissenschaftsorganisationen wesentliche Komponenten dieser Zivilisation 9 10 Symposium Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Die Verbindung nach Auschwitz am 7./8. Juni 2001 in Berlin. Ansprache des Präsidenten der MPG, Hubert Markl, in: Carola Sachse (Hg.), Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Die Verbindung nach Auschwitz. Dokumentation eines Symposiums (im Erscheinen). Dan Diner, Zivilisationsbruch, Gegenrationalität, Gestaute Zeit. Drei interpretationsleitende Begriffe zum Thema Holocaust, in: Hans Erler/Ernst Ludwig Ehrlich/Ludger Heid (Hg.), Meinetwegen ist die Welt erschaffen. Das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums, Frankfurt/Main 1997, S. 513; ders. Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichte, München 2003.11 11 sind, dann scheint es mir heute dringlicher denn je, sich mit diesem Zivilisationsbruch in den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft auf eine Art und Weise auseinanderzusetzen, wie dies vormals in den siebziger und achtziger Jahren nicht geschehen ist. Von den überlieferten Verhaltensweisen jedenfalls haben sich die Wortführer derjenigen Konzerne und Institutionen losgesagt, die neue Ansätze zur Aufarbeitung ihrer Vergangenheit förderten. Gleich nach Kriegsende nahmen führende Persönlichkeiten und Organisationen in Wissenschaft und Wirtschaft eine in beiden Bereichen bemerkenswert ähnliche Schutzhaltung gegenüber den Besatzungsmächten ein, von denen sie sich bedroht glaubten. Besonders die Unternehmer waren überrascht und fühlten sich gedemütigt, plötzlich in Internierungslagern eingeschlossen zu sein, des Rechts beraubt, ihre Firmen oder Organisationen weiterhin zu leiten, und ständigen Verhören unterworfen, die gegebenenfalls zu ihrer Inhaftierung führen konnten. Manche Wissenschaftler indes waren von so großem Interesse für die Alliierten, daß sich ihr Internierungsaufenthalt angenehmer gestaltete. In Farm Hall oder andernorts wurde ihnen z. B. gestattet, nach Herzenslust in den mit Abhörvorrichtungen ausgestatteten Räumen zu sprechen oder gar ermöglicht, außerhalb der Lager ein neues Leben im Dienste der Siegermächte zu beginnen. Die weniger prominenten Wissenschaftler hingegen, jene zumal, die die Alliierten nicht sonderlich interessierten, litten unter der Ungewißheit ihrer Situation. Solche Erfahrungen versetzten sie allerdings in die Lage, gewisse Fertigkeiten im Erstellen von Rationalisierungsund Verteidigungsstrategien zu entwickeln, die, so seltsam es auch klingen mag, zweifellos von den Nürnberger Prozessen begünstigt wurden, zumal bei den sogenannten Nachfolgeprozessen, in denen einzelne Industrielle Gustav Krupp, Karl Rasche von der Dresdner Bank und verschiedene IG Farben- Manager als mehr oder weniger exemplarische Fälle sowie auch einige besonders mörderische Ärzte verklagt wurden. Die Tatsache, daß Anklagen und Urteile gegen Einzelpersonen gerichtet waren, führte im allgemeinen zu der Tendenz, von dem Problem abzulenken, wie man soziale Gruppen und Institutionen beurteilen sollte. Sicherlich stimmte man darin überein, daß Deutschland weder Waffen produzieren noch Rüstungsforschung betreiben dürfe. Indes bewirkten die Nachkriegsprozesse und Entnazifizierungsmaßnahmen eine Auffassung vom Nationalsozialismus als ein in einzelne Teile zerlegbares Phänomen und nicht als ein gesamtgesellschaftliches und gesamtpolitisches Geschehen. Dies hatte zur Folge, daß die Bewertung der Rolle, die Wirtschaft und Wissenschaft im NS-Regime gespielt hatten, letztlich den Akteuren selbst, den Unternehmern, Wissenschaftlern und den Managern ihrer jeweiligen Organisationen, überlassen wurde. Im Fall der Wirtschaft bedeutete dies, wie allgemein bekannt, daß führende Unternehmer jegliche Mitschuld an den Verbrechen des Regimes abstritten und darüber hinaus in zunehmendem Maße auf ihrer Opferrolle beharrten, mit der Erklärung, das Regime habe ihre Firmen dazu angehalten, sich an den Kriegsanstrengungen zu beteiligen, Zwangsarbeiter zu beschäftigen und dergleichen mehr. Dabei unterschied man scharf zwischen den Zielen der Wirtschaft einerseits und denen des Regimes andererseits und klagte endlos darüber, wie schwierig es gewesen sei, die Wirtschaft vor der Nazifizierung zu bewahren und so das Schlimmste zu verhüten. Ein besonders aufschlußreiches Beispiel für diese Haltung war Eduard Hilgard von der Allianz AG, der zwischen 1933 und12 das Amt des Leiters der Reichsgruppe Versicherung innehatte. Hilgard war ein fähiger Manager und Organisator mit beachtlichem diplomatischen Geschick, der sich in der Tat gewaltig anstrengte, um die privaten Versicherer vor den radikalen Nazis zu schützen, die das öffentlich-rechtliche Versicherungswesen begünstigten. Dessenungeachtet verdankte er seinen Erfolg großenteils der Tatsache, daß er den Kontakt zu Göring pflegte und mit hochrangigen Nazi-Funktionären zusammenarbeitete. Sicherlich spielte sich eine der dramatischsten Episoden in Hilgards Karriere im Zusammenhang mit den Versicherungsfragen ab, die durch den Pogrom vom 9./10. November 1938 entstanden waren. Infolge der vom Regime manipulierten Ausschreitungen gegen die Juden wurde deren Eigentum weitgehend zerstört, Hunderte von ihnen wurden angegriffen, niedergeschlagen oder interniert. Zwar hatte Hitler angeordnet, den Juden keine Versicherungsleistungen auszubezahlen, da sie ja, wie es hieß, die kollektive Verantwortung für den Mord von Legationsrat Ernst vom Rath in Paris trugen. Dennoch hielt Göring es für angebracht eine seinerseits durch und durch willkürliche Maßnahme selbst von den Versicherungen 20 Millionen Reichsmark zu fordern, obwohl für öffentliche Unruhen, die von der Regierung organisiert worden waren, keine Schadensersatzpflicht bestand. Es war Hilgards große Leistung, Görings Forderung auf 1,3 Millionen Reichsmark herabzumindern, indem er auf seinem Standpunkt beharrte, daß eine diesen Betrag überschreitende Zahlungssumme eine ungerechte Last für die arischen Versicherten darstelle. Bei seinen Ausführungen ließ er zudem Goebbels sche Phrasen einfließen, um den Pogrom zu rechtfertigen. Er arbeitete nicht nur mit der Regierung zusammen, um die für den Pogrom Verantwortlichen zu decken, sondern sorgte auch dafür, daß sich die Ansprüche, die von Juden gegenüber Versicherungen erhoben worden waren, als angebliche Zahlungen niederschlugen. 11 Als Hilgard in einem Verhör nach dem Krieg zu seiner Haltung in dieser Sache Stellung nehmen sollte, räumte er ein, an einem Betrug beteiligt gewesen zu sein, indem er dem Reich, dessen Regierung die Ausschreitungen veranlaßt hatte, Schadensersatz zubilligte und dabei gleichzeitig den Anschein erweckte, daß die Zahlungen an die tatsächlich Geschädigten gegangen seien, während die Juden in Wirklichkeit keinen Pfennig erhielten. Allerdings, wie Hilgard insistierte, habe er keine andere Wahl gehabt, denn sonst hätte ja das Reich die 20 Millionen Reichsmark erhalten, und dies habe er aufgrund seiner erfolgreich geführten Verhandlungen unterbinden können. Dessenungeachtet bestand der Vernehmungsbeamte auf der Frage nach Hilgards persönlicher Verantwortung. Seine Reaktion darauf läßt sich am besten mit einem Auszug aus dem Verhör veranschaulichen: Frage: Sie haben mit dem Reich verhandelt? Antwort: Ich musste. Frage: Wer konnte Sie zwingen? Antwort: Ich hätte eines machen können, hätte sagen können, lasst mich in Frieden, ich lege meine Reichsgruppe nieder. Frage: Wäre das moralisch gesehen nicht das Ehrenhafteste gewesen? Antwort: Das wäre eine Feigheit gewesen, eine ausgesprochene Feigheit, das war die Zeit, wo ich, das kann eine Anzahl von Zeugen bestätigen, eigentlich abdanken 11 Gerald D. Feldman, Die Allianz und die Deutsche Versicherungswirtschaft , München 2001, S13 13 wollte, ich war drauf und dran, meinen Posten niederzulegen. Die ganze Allianz ist zu mir gekommen und hat gesagt: Um Gottes Willen, gehen Sie nicht weg! Wenn Sie weggehen, ist das letzte Bollwerk der Verparteilichung gefallen. Das wollte ich vermeiden. Das ist mein Lebenskampf: die Versicherungen über das Dritte Reich zu führen, ohne die Partei. Das ist mein Verdienst, das kann mir keiner rauben. Diesem habe ich alles untergeordnet. Wenn ich 1938 oder 1939 abgetreten wäre, wären an meine Stelle Herr Bothe und Goebbels getreten, dann wären die Versicherungsgesellschaften in die Partei gekommen und alle Gelder im Korpus des Krieges verschwunden. 12 Hilgard gab sich normalerweise ruhiger als in diesem Fall, und sein bemerkenswerter Gefühlsausbruch wurde zweifellos durch die direkte persönliche Herausforderung provoziert, doch wird seine Reaktion den Historikern, die sich mit der KWG in dieser Zeit beschäftigen, kaum unbekannt sein. Im Endeffekt unterscheidet sie sich wenig von Otto Hahns Zurückweisung des Vorwurfs von Lise Meitner, er habe mit dem Regime kooperiert und versäumt, seine Stimme zu erheben: Hättest Du, wenn Du in unserer Lage gewesen wärst, anders gehandelt als so viele von uns, nämlich notgedrungene Konzessionen zu machen und innerlich dabei unglücklich zu sein? Was musste selbst der von dir und uns allen so hochverehrte Geheimrat Planck für Konzessionen machen! Du kannst gegen ein Terrorregime doch nichts ausrichten! 13 Allerdings begnügten sich die Autoren der Selbstverteidigungsstrategien nicht mit der Behauptung, die führenden Persönlichkeiten in Wirtschaft und Wissenschaft hätten das Schlimmste verhütet, eine Argumentationslinie, die in der Zeit der Nürnberger Prozesse und Entnazifizierungsverfahren häufig aufgegriffen wurde. Ihr Standpunkt war vielmehr, daß die Integrität von Wirtschaft und Wissenschaft abgesehen von einigen schwarzen Schafen gar nicht erst verlustig gegangen sei, und eigentlich hätten sich beide Bereiche eine grundsätzliche Redlichkeit während der gesamten NS-Zeit bewahrt. Die schwarzen Schafe erwiesen sich in der Tat als recht nützlich, denn sie konnten ausgesondert und zumindest in gewissem Umfang verstoßen werden, so daß die verbleibenden Schafe sich in ein günstigeres Licht rücken konnten. Im Fall der Industrie zum Beispiel gab es eine Gruppe von NS-Managern, die das Regime benutzten, um in hohe Positionen besonders unter Speer aufzusteigen, obwohl sie Außenseiter waren. Solchen Personen prominente Beispiele sind Walter Roland, Hans Kehrl, Paul Pleiger und Karl Saur wurde es nicht gestattet, erneut eine führende Rolle zu spielen und in eine herausgehobene Stellung zu gelangen. Sofern sie Nachkriegskarrieren einschlugen, waren sie mehr oder minder zu Positionen von Beratern verurteilt. 14 Dies hieß allerdings nicht, daß sie sich nicht als außerordentlich effiziente Manager erwiesen hätten, deren Beitrag zu Deutschlands anhaltenden Kriegsanstrengungen von maßgeblicher Bedeutung war und deren Begabung und Gewandtheit von angeseheneren Kollegen durchaus anerkannt und geschätzt wurden Vernehmung von Eduard Hilgard, 14. November 1947, Interrogation No. 2376, Staatsarchiv Nürnberg, Rep. 502, H 135. Otto Hahn an Lise Meitner, 16. Juni 1948, zitiert in: Mark Walker, Otto Hahn. Verantwortung und Verdrängung (= Ergebnisse. Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus ; 10), Berlin 2003, S. 54. Paul Erker/Toni Pierenkemper (Hg.), Deutsche Unternehmer zwischen Kriegswirtschaft und Wiederaufbau. Studien zur Erfahrungsbildung von Industrie-Eliten, München 1999, S. 10.14 14 In der Wissenschaft freilich gab es einige besonders grauenhafte Fälle wie Josef Mengele und Karin Magnussen. Mengele entzog sich der Justiz, indem er nach Lateinamerika floh, während Magnussen bis zu ihrer Pensionierung in den siebziger Jahren den Lehrerberuf ausübte ein Karrierewechsel, den ich nicht als sonderlich beruhigend empfinde. Allerdings ist es eine in den letzten Jahren deutlicher zutage tretende Tatsache, daß auch die Akteure im Bereich der Wissenschaften keine Bestien außer im übertragenen Sinn waren, und daß ihre Forschung, wie die anderer Wissenschaftler, die sich mit medizinischen Experimenten an Menschen befaßten, denn doch nicht ganz so bizarr und abstrus war, wie lange Zeit behauptet wurde. Sie alle beschäftigten sich mit Fragen, die sehr gut in die damaligen, keinesfalls nur nationalsozialistischen Forschungsprogramme von Wissenschaftlern paßten, deren Karrieren nach 1945 bestimmt keinen Abbruch erlitten. 15 Was die Bereiche Wirtschaft und Wissenschaft betrifft, so ist eines der wichtigsten Forschungsergebnisse der letzten zwei Jahrzehnte zweifellos die Erkenntnis, daß das Dritte Reich eher ein Irrenhaus für seine Opfer als für seine Täter war. Wirtschaftsunternehmen erwiesen sich als bemerkenswert erfinderisch und einfallsreich, viele Geschäfte wurden ganz normal getätigt trotz staatlicher Einmischung in die Wirtschaft, in zahlreichen Fällen gerade wegen der Staatsinterventionen, die neue Möglichkeiten schufen und nicht etwa unterbanden. Auch gegen die Wissenschaften erließen die Nationalsozialisten keine Verbote, sondern förderten sie vielfach, obgleich bevorzugt in solchen Richtungen, die hinsichtlich ihrer rassenpolitischen, militärischen und imperialistischen Prioritäten wichtig waren für die Partei, und so ging es den Forschungsinstituten, die sich auf die erwünschten Gebiete spezialisierten, finanziell relativ gut. Sowohl Unternehmer als auch Wissenschaftler hatten mittlerweile Übung in der Wahrung ihrer eigenen Interessen, und sie wußten recht gut, wie man unter den gegebenen Umständen zu Erfolgen kommt. Diese Fähigkeiten, so lautet meine These, kamen ihnen nach 1945 sehr zupaß, zunächst in der Zeit von 1945 bis 1948/1949, als sie noch in der Defensive waren und guten Grund hatten, die Stillegung ihrer Einrichtungen zu befürchten, und dann in den darauffolgenden Jahren, als sie ihre Gegenoffensiven starteten mit dem Ziel, den institutionellen Wiederaufbau mit der Behauptung moralischer Wertvorstellungen zu untermauern. Meines Erachtens kann und darf sich der Prozeß der historischen Vergangenheitsbearbeitung nicht einfach auf die Untersuchung der Geschehnisse zwischen 1933 und 1945, also während der NS-Zeit selbst, beschränken. Ebenso wichtig ist es, die Art und Weise zu erhellen, in der diese verdrängt oder unter kollektiver und bewußter Beteiligung sozialer Gruppen uminterpretiert wurden, um eine sowohl nützliche als auch für die historischen Akteure und die Außenwelt brauchbare Geschichte zu konstruieren. Diesen Punkt hat Mitchell Ash im Hinblick auf die Wissenschaft und die 15 Carola Sachse/Benoit Massin, Biowissenschaftliche Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten und die Verbrechen des NS-Regimes. Informationen über den gegenwärtigen Wissensstand (= Ergebnisse. Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus ; 3), Berlin 2000, S , 36-40; und Achim Trunk, Zweihundert Blutproben aus Auschwitz. Ein Forschungsvorhaben zwischen Anthropologie und Biochemie ( ) (= Ergebnisse. Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus ; 12), Berlin 2003, S15 15 Wissenschaftler nachdrücklich hervorgehoben, doch kann er für die Unternehmer und die Wirtschaft insgesamt gleichermaßen geltend gemacht werden. 16 Ein wesentliches Verteidigungsmittel, das in der Besatzungs- und Entnazifizierungszeit vielfach zur Anwendung gelangte, war der berühmte Persilschein ein Attest, mit dem unbescholtene oder vermeintlich unbescholtene Personen denjenigen, die sich den Entnazifizierungsverfahren unterwerfen mußten, einen nicht-nazistischen Charakter bescheinigten. Hilgard zum Beispiel erhielt Unterstützung nicht nur von früheren jüdischen Allianz-Angestellten oder von Personen mit jüdischen Ehepartnern, die er geschützt hatte, sondern auch von französischen und anderen europäischen Versicherungsbeamten, die sein korrektes Verhalten während der deutschen Okkupation priesen. Gleiches galt in noch stärkerem Maße für Hilgards Vorgesetzten bei der Allianz, den damaligen Generaldirektor der Münchener Rückversicherungsgesellschaft, Kurt Schmitt, der von 1933 bis 1934 Reichswirtschaftsminister war. In Schmitts Fall boten einige jüdische Exilanten sogar ihre Unterstützung an, bevor er sie überhaupt darum gebeten hatte. Darüber hinaus erhielt er Absolutionsbriefe von Martin Niemöller, der übrigens eine Reihe von Persilscheinen für Entnazifizierungsprozesse erstellte, und von anderen Personen, die am Widerstand beteiligt waren, von anti-nationalsozialistischen Akademikern oder von Geschäftsbekannten aus der Vorkriegszeit. 17 Angesichts der schieren Masse von Persilscheinen läßt sich von einer regelrechten Persilscheinkultur, wie Carola Sachse es bezeichnet, sprechen. In Lutz Niethammers Mitläuferfabrik entfalten die Persilscheine ihre Wirkung gleichsam als Wegbereiter in den Entnazifizierungsverfahren nach und nach werden alle Katzen grau, kaum erkennbar, verwandelt in bloße Mitläufer, die zwar in einigen Fällen Geldstrafen erhielten, doch fast unweigerlich in ihre früheren Positionen zurückkehren durften oder sogar befördert wurden. 18 Daß die Persilscheine für Wissenschaftsmanager und führende Wissenschaftler der KWG und der DFG ebenso wichtig waren wie für Unternehmer, braucht nicht eigens betont zu werden. Renommierte Wissenschaftler wie Arnold Sommerfeld oder Werner Heisenberg produzierten solche Dokumente gleichsam am Fließband. 19 In zunehmendem Maße verachteten sowohl Unternehmer als auch Wissenschaftler die Entnazifizierungsprozesse schrieb Boris Rajewski vom KWI für Biophysik an seinen Kollegen, den Leiter des KWI für Biochemie Adolf Butenandt: Einstweilen versinkt man in einem Meer von Fragebögen, Anträgen, Gesuchen, Bescheinigungen, Laufereien und des Wartens in Vorzimmern aller möglichen Behörden. Das Einzige, was unerbittlich vorwärts geht, ist die Zeit. 20 Noch abwertender und zynischer war das Gratulations Mitchell G. Ash, Verordnete Umbrüche Konstruierte Kontinuitäten: Zur Entnazifizierung von Wissenschaftlern und Wissenschaften nach 1945, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 10, 1995, S Feldman, Allianz, S Carola Sachse, Persilscheinkultur. Zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Kaiser- Wilhelm/Max-Planck-Gesellschaft in: Bernd Weisbrod (Hg.), Akademische Vergangenheitspolitik. Beiträge zur Wissenschaftskultur der Nachkriegszeit, Göttingen 2002, S ; Lutz Niethammer, Die Mitläuferfabrik. Die Entnazifizierung am Beispiel Bayerns, 2. Aufl., Berlin Sachse, Persilscheinkultur, S Boris Rajewski an Otto Butenandt, 14. Juni 1946, zit. in: Robert N. Proctor, Adolf Butenandt ( ). Nobelpreisträger, Nationalsozialist und MPG-Präsident. Ein erster Blick in den Nachlaß (= Ergebnisse. Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser- Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus ; 2), Berlin 2000, S. 11.16 16 schreiben, das Carl Goetz von der Dresdner Bank an Kurt Schmitt sandte. Goetz tröstete ihn, gratulierte ihm aber gleichzeitig zur Widerrufung seines Status als Entlasteter, infolgederer Schmitt in die Kategorie der Mitläufer eingestuft wurde. Wie aus dem Schreiben eines Kollegen hervorgehe, meinte Goetz, befürchte [er] entlastet zu werden und strebe an, zum Mitläufer gestempelt zu werden, denn er müsse wahrscheinlich bald nach Südamerika, und dort wäre man als Entlasteter nicht sehr geschätzt. 21 Allerdings fand ein Wandel von der defensiven zur offensiven Haltung bereits während der Entnazifizierungsprozesse statt. Er beschleunigte sich noch, als diese in den Jahren zu Ende gingen. Der Flugzeugbauer Ernst Heinkel, der sich mit Erfolg den Status eines Entlasteten erkämpfte, stellte sich nicht nur als Gegner des NS-Regimes mit der Behauptung dar, es sei unfähig gewesen, aus seiner genialen technischen Begabung Kapital zu schlagen, sondern er griff auch die Entnazifizierungsvorgänge selbst an, die er als schwerfällig und unfair empfand und dafür verantwortlich machte, daß seine potenziellen Leistungen Deutschland weiterhin vorenthalten blieben. In diesem Zusammenhang schrieb Heinkel an die Spruchkammer in Ansbach: Ich wurde 1946 und auch 1947 gezwungen, untätig zuzusehen, wieviele Pläne, die an mich herangetragen wurden und die ich selber hatte, Pläne, die dem deutschen Wirtschaftsaufbau dienen sollten, zunichte wurden, nur weil meine formale Entlastung immer noch nicht durchgeführt wurde. So habe ich auch noch den Anfang des Jahres 1948 in dieser Situation gelebt und kann es nun wirklich nicht mehr ertragen, mich noch weiterhin mit dem Totschlagen kostbarer Zeit zu beschäftigen. 22 Eine ähnliche Argumentationslinie verfolgte auch Boris Rajewski, der, wie zuvor erwähnt, nicht nur den Verlust der Zeit beklagte, sondern auch die Unfähigkeit anprangerte, die zum Wiederaufbau erforderlichen wissenschaftlichen Kräfte heranzuziehen: Vor allem ist es schwer, in einer Atmosphäre, die von der Befriedigung und Beilegung politischer Leidenschaft geschwängert ist, die Geister der reinen und wahren Wissenschaft zu finden und herbeizurufen, und diese guten Geister brauchen wir dringend. 23 Die Tendenz, Wirtschaft und Wissenschaft als von der Politik getrennte Gebiete aufzufassen, erreichte einen Höhepunkt oder besser: einen Tiefpunkt in einer Mitteilung vom September 1949 an Otto Hahn, damaliger Präsident der MPG. Sie sprach sich zugunsten des Wissenschaftlers Otmar Freiherr von Verschuer, Doktorvater von Mengele und ehemaliger Leiter des KWI für Anthropologie, Menschliche Erblehre und Eugenik, aus. Die Verfasser und Unterzeichner dieser Bescheinigung waren neben Rajewski: Max Hartmann vom KWI für Biologie, Wolfgang Heubner vom Pharmakologischen Institut der Freien Universität Berlin sowie der Nobelpreisträger, Leiter des KWI für Biochemie und spätere Präsident und Ehrenpräsident der MPG Adolf Butenandt. Hier handelte es sich nicht um einen Persilschein im klassischen Sinn, da Verschuer den Mitläufer -Status bereits erworben hatte, doch das Schreiben ge Carl Goetz an Kurt Schmitt, 3. März 1949, Firmenhistorisches Archiv der Allianz AG, NL I/17. Brief Heinkels vom 28. Februar 1948, zit. in: Paul Erker/Ernst Heinkel: Die Luftfahrtindustrie im Spannungsfeld von technologischem Wandel und politischem Umbruch, in: Erker/Pierenkemper, Unternehmer, S Rajewski an Butenandt, 14. Juni 1946, zit. in: Proctor, Butenandt, S. 11.17 17 hörte sicherlich zur gleichen Gattung. Sowohl der zweifelhafte Versuch, Verschuer vor der Beschuldigung zu schützen, er habe von Mengeles Arbeit in Auschwitz nicht nur gewußt, sondern diese auch unterstützt, indem er Blutproben und Körperteile an seinem KWI für Anthropologie analysieren ließ, die von Mengeles Opfern in Auschwitz stammten, als auch die Motive derjenigen, die sich an diesem Rechtfertigungsversuch beteiligten, sind von Carola Sachse und anderen untersucht worden, und ich habe dem nichts hinzuzufügen. 24 Verschuer ist der Anklagepunkte für schuldig befunden worden, und selbst seine vier geachteten Fürsprecher konnten weder seine antisemitischen und rassistischen Überzeugungen leugnen, noch der Tatsache widersprechen, daß es sich bei ihm um einen schwierigen Fall handele. Ausschlaggebend allerdings ist, daß die Beteiligten eine geistige Trennlinie zogen zwischen Verschuers Auffassungen und seinem Status als anständiger Mensch und erfahrener Gelehrter, dessen politische Ansichten nichts mit seiner Institutsarbeit zu tun hätten. Nach dem Prozeß erhielt Verschuer eine Professur in Münster und nach seinem Tod schrieb sein alter Freund Butenandt an Verschuers Witwe: Der Name Otmar von Verschuer wird immer mit der Geschichte der Humangenetik untrennbar verbunden bleiben. 25 Bedauerlicherweise mag diese Aussage in einer anderen als der von Butenandt intendierten Weise zutreffen. Daran läßt sich auch der Wandel ermessen, der in den Fragestellungen stattgefunden hat, so daß es in der heutigen Debatte nicht mehr um die Frage geht, wieviel Verschuer von den Bedingungen in Auschwitz wußte und inwieweit er in die Arbeiten Mengeles und anderer Wissenschaftler dort involviert war, sondern darum, wieviel Butenandt wußte und in welchem Umfang er die am KWI für Anthropologie durchgeführte Forschung auf den entsprechenden Gebieten unterstützte. Im Jahre 1949 handelte es sich jedoch um eine andere Frage: Bei den Bemühungen, Verschuer zu schützen, richtete sich das Augenmerk auf das zentrale Thema der Trennung von Wissenschaft und Politik und auf die Notwendigkeit, die Wissenschaft aus ihrer Verbindung mit der Politik zu lösen. Offenbar waren der Kalte Krieg und die Rekonstruktionsprobleme nach Kriegsende wichtige Faktoren, die den auf traditionellen Grundlagen stattfindenden Wiederaufbau von Wirtschaft und Wissenschaft in Deutschland beeinflußten. Es lohnt sich darauf hinzuweisen, daß nicht nur die Spaltung zwischen den westlichen und den sowjetischen Alliierten, sondern auch die Differenzen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien den Rekonstruktionsprozeß in beiden Fällen stark begünstigten. Mark Walkers kürzlich veröffentlichte Arbeit über Otto Hahn zeigt, daß die britische Wissenschaftspolitik wesentlich dazu beitrug, den Blick auf den als guter Deutscher sowie als guter Wissenschaftler geltenden Hahn zu richten, um die neue Wissenschaftsorganisation zu leiten, die zunächst in Göttingen wiedergegründet wurde. Der Auflösung der KWG hatten sich die Briten vergeblich widersetzt, nun beteiligten sie sich maßgeblich an der Entstehung einer Nachfolgeorganisation, und mit Hahn hatten sie eine Person in leitende Stellung gebracht, die, wie Walker verdeutlicht, emsig daran arbeitete, eine vom Nationalsozialismus stark abgegrenzte Geschichte der KWG zu schreiben. 26 Auch teilten die Briten weder die feindliche Haltung der Amerikaner gegenüber den Großbanken noch ihren Wunsch, diese zu zerschla Sachse, Persilscheinkultur, S Butenandt an Erika Freifrau von Verschuer, 14. August 1969, zit. in: ebd., S Vgl. Walker, Hahn, S18 18 gen. Im Gegenteil, sie hielten eine schützende Hand über Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank, den viele der amerikanischen Ermittler als Kriegsverbrecher betrachteten, der aber ab 1957 beim Wiederaufbau des deutschen Bankensystems auf der alten Basis zur Schlüsselfigur werden sollte. 27 Abs wie Hahn bemühten sich lange und intensiv darum, Europa und den Alliierten zu zeigen, daß man einer wiederaufgebauten westdeutschen Wirtschaft und Wissenschaft bedurfte und hierfür auf die alten, vormals führenden Gruppen und Institutionen vertrauen könne. Mit diesen Vorsätzen gingen Wissenschaft und Industrie in der jungen Bundesrepublik in die Offensive, indem sie die Vorwürfe der Verstrickung in das NS- Regime nicht länger einfach nur abwehrten, sondern darüber hinaus darauf beharrten, den Wertvorstellungen der Nationalsozialisten diametral entgegengesetzt gewesen zu sein und in der Tat Ideale und Praktiken verkörpert zu haben, die als wirksamste Verteidigung gegen den Totalitarismus in all seinen Formen weiterhin Geltung hätten. Im Fall der Wirtschaft, wie der amerikanische Historiker Jonathan Wiesen gezeigt hat, machten sich die führenden Industriellen und Bankiers die in den USA entwickelten PR-Methoden im wahrsten Sinne des Wortes zu eigen und benutzten sie zur Konstruktion eines Geschichtsbildes der Wirtschaft entweder als Opfer des Nationalsozialismus, mit dem Argument, sie seien zu Verhaltensweisen gezwungen worden, die sie normalerweise nie an den Tag gelegt hätten, oder, wie es des öfteren hieß, sie seien als unerschütterliche Verfechter der sozialen Marktwirtschaft die eigentliche Quelle des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus gewesen und jetzt als Bollwerk gegen den Kommunismus gleichermaßen unabkömmlich. 28 Die Fachliteratur zur deutschen Wirtschaft, sofern sie aus den entsprechenden Konzernen selbst hervorging, hat die nationalsozialistische Vergangenheit stets geflissentlich gemieden und sie gewöhnlich auf wenige Seiten in den Hochglanz-Festschriften verbannt, in denen der Zweite Weltkrieg als eine Periode der Unterdrückung und Zerstörung und die Firmen als Opfer dargestellt wurden. Besonders grotesk in dieser Hinsicht war die 1990 publizierte Firmengeschichte der Allianz, in der sie als Organisation präsentiert wurde, deren Führungskräfte enge und weitreichende Kontakte mit dem Widerstand gehabt hätten. Noch bizarrer wirkte der Festakt anläßlich der Veröffentlichung der Festschrift, in dessen Verlauf bemerkt wurde, daß Kurt Schmitt 1933 von seinem führenden Amt bei der Allianz zurückgetreten war, um Generaldirektor bei der Münchener Reichsversicherungsanstalt zu werden. Daß er ausschied, um den Posten als Reichswirtschaftsminister anzutreten und unter welchen Umständen dies geschah, wurde indes mit keiner Silbe erwähnt. 29 Ich halte die Feststellung für zutreffend, daß der wichtigste Durchbruch in diesem konzertierten Versuch der Wirtschaft, sich selbst zu ent Theo Horstmann, Die Alliierten und die deutschen Großbanken. Bankenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland, Bonn 1991; Carl-Ludwig Holtfrerich, Die Deutsche Bank vom Zweiten Weltkrieg über die Besatzungsherrschaft zur Rekonstruktion, in: Lothar Gall u. a., Die Deutsche Bank , München 1995, S Vgl. Jonathan S. Wiesen, West German Industry and the Challenge of the Nazi Past, , Chapel Hill 2001; ders., Public Relations as a Site of Memory: The Case of West German Industry and National Socialism, in: Alon Confino/Peter Fritzsche (Hg.), The Work of Memory. New Directions in the Study of German Society and Culture, Urbana- Champaign 2002, S Allianz AG (Hg.), 100 Jahre Allianz. Festansprachen 9. März 1990, München 1990, S , 59-95; Peter Borscheid, 100 Jahre Allianz, München 1990, S19 19 lasten und eine Erinnerungskultur zu schaffen, mit der Veröffentlichung der Firmengeschichte der Deutschen Bank im Jahre 1995 gelang, deren Autoren völlig unabhängig arbeiteten und uneingeschränkten Zugang zu den Quellen hatten, freilich mit Ausnahme des Nachlasses von Hermann Josef Abs, der zur Zeit des Projektes Die Deutsche Bank noch am Leben war. 30 Eine vergleichbare Entwicklung war bei den wissenschaftlichen Institutionen zu verzeichnen, sofern sie über ihre eigene Geschichtsschreibung frei bestimmen konnten. In der deutschen Wissenschaft fanden natürlich zahlreiche Festakte statt, die, ähnlich wie Jubiläumsschriften, Gelegenheit boten, das Ideal der reinen und wahren Forschung zu bekräftigen und das zu erinnern, an das man sich zu erinnern wünscht. Bei der Jubiläumsfeier zu Albert Einsteins 100. Geburtstag im Jahre 1979 zum Beispiel hob der Redner, Präsident der MPG Reimar Lüst, die Freundschaft zwischen Meitner, Hahn, Einstein und von Laue mit dem Hinweis hervor, daß Einsteins und von Laues Freundschaft wie auch die Freundschaft Hahns zu beiden den Krieg überdauerte. Er versuchte nicht, die heiklen Aspekte dieser Beziehungen zu problematisieren, geschweige denn offen zu diskutieren. 31 Auch Butenandts 80. Geburtstag im Jahre 1983 war freilich nicht der geeignete Anlaß zu Reflexionen über die problematischeren Aspekte seiner Karriere oder über die zweifelhafteren Personen, mit denen er in der NS-Zeit Kontakt hatte, und es war sicherlich korrekt, seine bedeutenden Leistungen zu feiern. Seine Leistungen wurden aber gleichwohl zum Anlaß genommen, das Selbstbild der MPG hochzuhalten, das sich in der Person Butenandts als eines Wissenschaftlers widerspiegelte, der sich stets nur der Grundlagenforschung verpflichtet fühlte, der niemals ein Problem unter dem Gesichtspunkt seiner praktischen Bedeutung, einer irgendwie gearteten Anwendung erzielter Ergebnisse für das Leben der Gesellschaft gesucht hat, sondern stets von der These ausging, daß im Erkenntniswert seiner Forschungsergebnisse allein eine ausreichende, ja für ihn sogar die eigentliche Berechtigung seiner Bemühungen liegt. 32 Einen anderen Ton schlug 1986 der Präsident der MPG Heinz A. Staab in seiner Rede anläßlich des 75. Jahrestags der Gründung der KWG/MPG an, als er dezidiert auf den Mißbrauch der Wissenschaften in den anthropologischen und psychiatrischen Instituten verwies und an die Verpflichtung zur Vergangenheitsbearbeitung gemahnte, sofern, wie er feststellte, die ethischen Regeln der Wissenschaften verletzt [worden] waren. Trotzdem betonte Staab vor allem die positiven Aspekte des Institutsbetriebs: Aber selbst in dieser Zeit wurde daneben weiterhin reine Grundlagenforschung in einem Ausmaß betrieben, das uns heute angesichts der äußeren Forschungsbedingungen ganz überraschend groß erscheint Gall u. a., Deutsche Bank. Reimer Lüst, Für eine gezielte Politik der Elite-Förderung. Aus der Begrüßungsansprache des Präsidenten der MPG, in: MPG-Spiegel. Aktuelle Informationen für Mitarbeiter und Freunde der Max-Planck-Gesellschaft 2/79, München 1979, S Eugen Hintsches, Adolf Butenandt 80 Jahre Alt. Ein Detektiv der Naturstoffchemie, in: MPG-Spiegel. Aktuelle Informationen für Mitarbeiter und Freunde der Max-Planck- Gesellschaft 3/83, München 1983, S , hier S. 25. Heinz A. Staab, Kontinuität und Wandel einer Wissenschaftsorganisation: 75 Jahre Kaiser- Wilhelm/Max-Planck-Gesellschaft. Vortrag des Präsidenten Heinz A. Staab bei der Festver-20 20 In den historischen Untersuchungen zu Wirtschaft und Wissenschaft im Dritten Reich ist seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts offensichtlich ein massiver Wandel zu verzeichnen, und ich möchte nochmals unterstreichen, daß dessen Ausmaß großenteils den umfangreichen Forschungsaufträgen zu verdanken ist, die sich nicht nur auf einzelne Personen, sondern in weitaus höherem Maß auf Organisationen, Netzwerke, Großkonzerne und Unternehmen beziehen. Schließlich muß sich historische Vergangenheitspolitik mit Kollektiven und Netzwerken befassen, und die Bandbreite dessen, was erforscht werden soll, erfordert andere projektorientierte Forschungsansätze, was freilich nicht heißen soll, daß es nicht auch zahlreiche Möglichkeiten für allein arbeitende Historiker gibt. In diesem Beitrag habe ich die gegenwärtigen Forschungsarbeiten und verfügbaren Veröffentlichungen nur an der Oberfläche gestreift. Mit Sicherheit wird es auch in den nächsten Jahren eine Vielzahl neuer Publikationen zu diesem Thema geben. Ich möchte mit Nachdruck der Vorstellung entgegentreten, daß ein Schlußstrich gezogen werden kann, wofür nicht allein moralische, sondern auch ganz praktische Gründe sprechen. Abschließend möchte ich zwei Fragen aufwerfen, die sich in der Forschung herauszukristallisieren scheinen und die ich als besonders wichtig erachte. Die erste bezieht sich auf einflußreiche Persönlichkeiten, in der Tat Schlüsselfiguren, deren Rolle auch weiterhin unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und vielleicht auch weiterhin Frustration hervorrufen wird. Für den Bereich der deutschen Wirtschaft ist die herausragende Person von Hermann Josef Abs zu erwähnen. Jüngste Forschungsarbeiten tendieren zu der Erkenntnis, daß Abs, dessen Nachlaß aus der NS-Zeit grundsätzlich verfügbar ist, obwohl er einige persönliche Dokumente vernichtet haben mag, über die Tatsache Bescheid wußte, daß das Gold, mit dem er operierte, Raubgold war. Vermutlich wußte er, daß es sich bei einem Teil dieses Raubgoldes um das Gold jüdischer Opfer handelte. Bekannt ist aber auch seine eher positive Rolle bei der Arisierung von Vermögen prominenter jüdischer Geschäftsleute, mit denen er in gutem Kontakt stand und für die er vielleicht tatsächlich noch Schlimmeres verhütete. Mit dem Großteil der Arisierungen jedoch, sofern er sie persönlich handhabte, ging er recht schonungslos um und verwischte seine Spuren mit aller Sorgfalt. 34 Umfassendere Kenntnisse sind vonnöten, und dies gilt ebenso für Butenandt, dessen Nachlaß vermutlich auch zu Teilen verschwunden ist, und dessen Wissen um die eigentlichen Tätigkeiten Verschuers und anderer nicht mit letzter Sicherheit belegt werden kann soweit ich dies vor dem Hintergrund meiner Lektüre der in letzter Zeit veröffentlichten Forschung einzuschätzen vermag. Fragen nach den Motiven und Zielen und nach dem spezifischen Wissensstand einzelner bedeutender Personen, von denen Heisenberg zweifellos die berühmteste ist, erfordern und verdienen weitere gründliche Untersuchungen, die vor allem 34 sammlung der Max-Planck-Gesellschaft am 13. Juni 1986 in Aachen, in: Jahrbuch der Max- Planck-Gesellschaft 1986, München 1986, S , hier S. 28 f. Vgl. Jonathan Steinberg, Die Deutsche Bank und ihre Goldtransaktionen während des Zweiten Weltkrieges, München 1999, S ; Harold James, Die Deutsche Bank und die Arisierung, München 2001, insbes. S ; vgl. auch Lothar Gall, A man for all seasons? Hermann Josef Abs im Dritten Reich, in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte 2/1998, S Mehr anzeigen
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