Source: http://m.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Unfallversicherung_EuGH_C350-07.html
Timestamp: 2018-04-25 00:31:10
Document Index: 54611440

Matched Legal Cases: ['Art. 81', 'Art. 49', 'Art. 234', 'Art. 49', 'Art. 81', '§ 1', '§ 152', '§ 153', '§ 157', '§ 161', '§ 176', '§ 153', '§ 104', '§ 26', '§ 85', 'Art. 49', 'Art. 82', '§ 153', '§ 81', '§ 153', 'Art. 81', 'Art. 81', 'Art. 234', 'Art. 81', 'Art. 49', 'Art. 82', 'Art. 86', 'Art. 234', 'Art. 49', 'Art. 82', 'Art. 81', '§ 1', '§ 153', '§ 152', '§ 153', '§ 157', '§ 176', '§ 153', '§ 161', '§ 85', '§ 153', '§ 153', '§ 85', '§ 157', 'Art. 81', 'Art. 81', 'Art. 49', 'Art. 82', 'Art. 82', 'Art. 49', 'Art. 49', 'Art. 49', 'Art. 49', 'Art. 49', 'Art. 49', 'Art. 81', 'Art. 49']

HENSCHE Arbeitsrecht: C-350/07
Schlag­worte: Unfallversicherung
Akten­zeichen: C-350/07
Vor­ins­tan­zen: Vorabentscheidungsersuchen eingereicht vom Sächsischen Landessozialgericht (Deutschland)
„Wett­be­werb – Art. 81 EG, 82 EG und 86 EG – Pflicht­ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten – Be­griff ‚Un­ter­neh­men‘ – Miss­brauch ei­ner be­herr­schen­den Stel­lung – Frei­er Dienst­leis­tungs­ver­kehr – Art. 49 EG und 50 EG – Be­schränkung – Recht­fer­ti­gung – Er­heb­li­che Gefähr­dung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts des Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit“
In der Rechts­sa­che C‑350/07
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 25. Ju­li 2007, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 30. Ju­li 2007, in dem Ver­fah­ren
Katt­ner Stahl­bau GmbH
Ma­schi­nen­bau- und Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft
un­ter Mit­wir­kung des Kam­mer­präsi­den­ten A. Ro­sas, der Rich­ter A. Ó Cao­imh (Be­richt­er­stat­ter), J. Klučka und U. Lõhmus so­wie der Rich­te­rin P. Lindh,
– der Katt­ner Stahl­bau GmbH, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt R. Mau­er,
– der Ma­schi­nen­bau- und Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt H. Pla­ge­mann,
– der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten, ver­tre­ten durch V. Kreu­schitz und O. We­ber als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 18. No­vem­ber 2008
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung der Art. 49 EG und 50 EG so­wie der Art. 81 EG, 82 EG und 86 EG.
Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen der Katt­ner Stahl­bau GmbH (im Fol­gen­den: Katt­ner) und der Ma­schi­nen­bau- und Me­tall-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft (im Fol­gen­den: MMB) über die Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner bei die­ser Be­rufs­ge­nos­sen­schaft im Rah­men der ge­setz­li­chen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten.
In Deutsch­land ist das ge­setz­li­che Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten im Sieb­ten Buch des So­zi­al­ge­setz­buchs (Ge­setz vom 7. Au­gust 1996, BGBl 1998 I S. 1254, im Fol­gen­den: SGB VII) ge­re­gelt, das am 1. Ja­nu­ar 1997 in Kraft trat. § 1 SGB VII sieht vor, dass die­se Ver­si­che­rung zur Auf­ga­be hat,
„1. mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie ar­beits­be­ding­te Ge­sund­heits­ge­fah­ren zu verhüten,
2. nach Ein­tritt von Ar­beits­unfällen oder Be­rufs­krank­hei­ten die Ge­sund­heit und die Leis­tungsfähig­keit der Ver­si­cher­ten mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln wie­der­her­zu­stel­len und sie oder ih­re Hin­ter­blie­be­nen durch Geld­leis­tun­gen zu entschädi­gen“.
Aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung und den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen geht her­vor, dass die­ses Sys­tem ins­be­son­de­re auf fol­gen­den Be­stand­tei­len be­ruht.
Pflicht­mit­glied­schaft
Im Rah­men des ge­nann­ten Sys­tems sind al­le Un­ter­neh­men ver­pflich­tet, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft bei­zu­tre­ten, die sach­lich und ört­lich für sie zuständig ist. Die ver­schie­de­nen Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten ha­ben den Sta­tus öffent­lich-recht­li­cher Körper­schaf­ten und ver­fol­gen kei­ne Ge­winn­ab­sicht. Nach den An­ga­ben der deut­schen Re­gie­rung und der Kom­mis­si­on der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten gibt es zur­zeit 25 Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten. Je­de Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ist nach den ent­spre­chen­den Tätig­keits­sek­to­ren in meh­re­re Zwei­ge auf­ge­teilt.
§ 152 SGB VII („Um­la­ge“) be­stimmt in Abs. 1:
„Die Beiträge wer­den nach Ab­lauf des Ka­len­der­jah­res, in dem die Bei­trags­ansprüche dem Grun­de nach ent­stan­den sind, im We­ge der Um­la­ge fest­ge­setzt. Die Um­la­ge muss den Be­darf des ab­ge­lau­fe­nen Ka­len­der­jah­res ein­sch­ließlich der zur An­samm­lung der Rück­la­ge nöti­gen Beträge de­cken. Darüber hin­aus dürfen Beiträge nur zur Zuführung zu den Be­triebs­mit­teln er­ho­ben wer­den.“
§ 153 SGB VII („Be­rech­nungs­grund­la­gen“) sieht vor:
„(1) Be­rech­nungs­grund­la­gen für die Beiträge sind, so­weit sich aus den nach­fol­gen­den Vor­schrif­ten nicht et­was an­de­res er­gibt, der Fi­nanz­be­darf (Um­la­ge­soll), die Ar­beits­ent­gel­te der Ver­si­cher­ten und die Ge­fahr­klas­sen.
(2) Das Ar­beits­ent­gelt der Ver­si­cher­ten wird bis zur Höhe des Höchst­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes zu­grun­de ge­legt.
(3) Die Sat­zung kann be­stim­men, dass der Bei­trags­be­rech­nung min­des­tens das Ar­beits­ent­gelt in Höhe des Min­dest­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes für Ver­si­cher­te, die das 18. Le­bens­jahr voll­endet ha­ben, zu­grun­de ge­legt wird. Wa­ren die Ver­si­cher­ten nicht während des gan­zen Ka­len­der­jah­res oder nicht ganztägig beschäftigt, wird ein ent­spre­chen­der Teil die­ses Be­tra­ges zu­grun­de ge­legt.
(4) Bei der Bei­trags­be­rech­nung kann von der Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr in den Un­ter­neh­men ganz oder teil­wei­se ab­ge­se­hen wer­den, so­weit Auf­wen­dun­gen für Ren­ten, Ster­be­geld und Ab­fin­dun­gen
1. auf Ver­si­che­rungsfällen in sol­chen Un­ter­neh­men be­ru­hen, die vor dem vier­ten dem Um­la­ge­jahr vor­aus­ge­gan­ge­nen Jahr ein­ge­stellt wor­den sind, oder
2. auf Ver­si­che­rungsfällen be­ru­hen, bei de­nen der Zeit­punkt der erst­ma­li­gen Fest­stel­lung vor dem vier­ten dem Um­la­ge­jahr vor­aus­ge­gan­ge­nen Jahr liegt.
Der Ge­samt­be­trag der Auf­wen­dun­gen, die nach Satz 1 oh­ne Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr auf die Un­ter­neh­men um­ge­legt wer­den, darf 30 vom Hun­dert der Ge­samt­auf­wen­dun­gen für Ren­ten, Ster­be­geld und Ab­fin­dun­gen nicht über­stei­gen. Das Nähe­re be­stimmt die Sat­zung.“
§ 157 SGB VII („Ge­fahr­tarif“) be­stimmt:
„(1) Der Un­fall­ver­si­che­rungs­träger setzt als au­to­no­mes Recht ei­nen Ge­fahr­tarif fest. In dem Ge­fahr­tarif sind zur Ab­stu­fung der Beiträge Ge­fahr­klas­sen fest­zu­stel­len. …
(2) Der Ge­fahr­tarif wird nach Ta­rif­stel­len ge­glie­dert, in de­nen Ge­fah­ren­ge­mein­schaf­ten nach Gefähr­dungs­ri­si­ken un­ter Berück­sich­ti­gung ei­nes ver­si­che­rungsmäßigen Ri­si­ko­aus­gleichs ge­bil­det wer­den. …
(3) Die Ge­fahr­klas­sen wer­den aus dem Verhält­nis der ge­zahl­ten Leis­tun­gen zu den Ar­beits­ent­gel­ten be­rech­net.
Nach den An­ga­ben von Katt­ner er­laubt § 161 SGB VII den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten, in ih­rer Sat­zung ei­nen ein­heit­li­chen Min­dest­bei­trag fest­zu­set­zen.
§ 176 SGB VII („Aus­gleichs­pflicht“) be­stimmt in Abs. 1:
„So­weit
1. der Ren­ten­last­satz ei­ner ge­werb­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft das 4,5fache des durch­schnitt­li­chen Ren­ten­last­sat­zes der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten,
2. der Ren­ten­last­satz ei­ner ge­werb­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, die min­des­tens 20 und höchs­tens 30 vom Hun­dert ih­rer Auf­wen­dun­gen für Ren­ten, Ster­be­geld und Ab­fin­dun­gen nach § 153 Abs. 4 oh­ne Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr auf die Un­ter­neh­men um­legt, das Drei­fa­che des durch­schnitt­li­chen Ren­ten­last­sat­zes der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten oder
3. der Entschädi­gungs­last­satz ei­ner ge­werb­li­chen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft das Fünf­fa­che des durch­schnitt­li­chen Entschädi­gungs­last­sat­zes der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten
über­steigt, glei­chen die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten den über­stei­gen­den Las­ten­an­teil un­ter­ein­an­der aus. Über­steigt der Aus­gleichs­be­trag nach Satz 1 Nr. 2 den Be­trag, den die Be­rufs­ge­nos­sen­schaft nach Satz 1 Nr. 2 oh­ne Berück­sich­ti­gung des Gra­des der Un­fall­ge­fahr auf die Un­ter­neh­men um­legt, wird er auf die­sen Be­trag gekürzt.“
Die Ar­beit­neh­mer ha­ben ei­nen un­mit­tel­ba­ren Leis­tungs­an­spruch ge­gen ih­re Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, oh­ne die Haf­tung des Ar­beit­ge­bers gel­tend ma­chen zu müssen (§§ 104 bis 109 SGB VII).
Die Lis­te der Leis­tun­gen und die Vor­aus­set­zun­gen für ih­re Gewährung sind in den §§ 26 bis 103 SGB VII nie­der­ge­legt. Der An­spruch auf die ent­spre­chen­den Leis­tun­gen ent­steht un­abhängig da­von, ob der Ar­beit­ge­ber im­stan­de ist, sei­nen Bei­trag zu zah­len. Nach § 85 SGB VII wer­den für die Be­rech­nung der Leis­tun­gen nur Ar­beits­ent­gel­te zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­ver­dienst berück­sich­tigt.
13 Katt­ner ist ei­ne Ge­sell­schaft mit be­schränk­ter Haf­tung deut­schen Rechts, die am 13. No­vem­ber 2003 ge­gründet wur­de und am 1. Ja­nu­ar 2004 ih­re Tätig­keit im Be­reich des Stahl-, Trep­pen- und Bal­kon­baus auf­nahm.
Am 27. Ja­nu­ar 2004 teil­te die MMB Katt­ner mit, dass sie der gemäß den Vor­schrif­ten des SGB VII für Katt­ner ge­setz­lich zuständi­ge Träger der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten sei und sie die­ses Un­ter­neh­men da­her als Mit­glied der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft auf­ge­nom­men und ihm im Übri­gen be­stimm­te Ge­fahr­klas­sen zu­ge­teilt ha­be.
15 Mit Schrei­ben vom 1. No­vem­ber 2004 teil­te Katt­ner der MMB ih­re Ab­sicht mit, sich pri­vat ge­gen die be­ste­hen­den Ri­si­ken ab­zu­si­chern, und kündig­te ih­re Pflicht­mit­glied­schaft zum Jah­res­en­de 2004.
Am 15. No­vem­ber 2004 teil­te die MMB Katt­ner mit, dass ein Aus­tritt bzw. ei­ne Kündi­gung der Mit­glied­schaft recht­lich nicht möglich sei, weil sie der für Katt­ner ge­setz­lich zuständi­ge Träger der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten sei, und dass ei­ne Ent­las­sung von Katt­ner aus der Mit­glied­schaft da­her ab­ge­lehnt wer­de. Mit Wi­der­spruchs­be­scheid vom 20. April 2005 er­hielt die MMB die­se Ent­schei­dung auf­recht.
17 Am 21. No­vem­ber 2005 wies das So­zi­al­ge­richt Leip­zig die von Katt­ner er­ho­be­ne Kla­ge ab.
18 Katt­ner leg­te beim Säch­si­schen Lan­des­so­zi­al­ge­richt Be­ru­fung ein und macht vor die­sem Ge­richt zunächst gel­tend, dass die Zwangs­mit­glied­schaft bei der MMB die Dienst­leis­tungs­frei­heit gemäß den Art. 49 EG und 50 EG be­schränke. Katt­ner legt dafür ein An­ge­bot ei­ner däni­schen Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft vor, sie zu den­sel­ben Be­din­gun­gen wie die MMB ge­gen Ar­beits­unfälle, Be­rufs­krank­hei­ten und We­ge­unfälle zu ver­si­chern. Über­dies entsprächen die von die­ser Ge­sell­schaft er­brach­ten Leis­tun­gen den Leis­tun­gen, die das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge deut­sche Sys­tem vor­se­he. So­dann ver­s­toße die Aus­sch­ließlich­keits­stel­lung der MMB ge­gen die Art. 82 EG und 86 EG. Es ge­be kei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses, der ei­ne Mo­no­pol­stel­lung der deut­schen Träger der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten in ih­rem je­wei­li­gen Be­reich recht­fer­ti­gen könne.
Das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt legt in sei­ner Vor­la­ge­ent­schei­dung dar, dass grundsätz­li­che Un­ter­schie­de zwi­schen dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Sys­tem und dem im Ur­teil vom 22. Ja­nu­ar 2002, Ci­sal (C‑218/00, Slg. 2002, I‑691), be­han­del­ten ita­lie­ni­schen Sys­tem der ge­setz­li­chen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bestünden, so dass nicht al­le Fra­gen, die sich in dem bei ihm anhängi­gen Rechts­streit stell­ten, an­hand der vom Ge­richts­hof in die­sem Ur­teil ge­ge­be­nen Hin­wei­se be­ant­wor­tet wer­den könn­ten.
Nach An­sicht des vor­le­gen­den Ge­richts ist nämlich zunächst frag­lich, ob die MMB ei­ne Ein­rich­tung ist, die durch Ge­setz mit der Ver­wal­tung ei­nes Sys­tems der ob­li­ga­to­ri­schen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten be­traut ist. Ein we­sent­li­cher Un­ter­schied des ita­lie­ni­schen Sys­tems ge­genüber dem deut­schen be­ste­he in­so­weit dar­in, dass das Isti­tu­to na­zio­na­le per l’as­si­cu­ra­zio­ne con­tro gli in­for­tu­ni sul la­voro (INAIL) (Staat­li­che Un­fall­ver­si­che­rungs­an­stalt), um das es in der Rechts­sa­che Ci­sal ge­gan­gen sei, ein Mo­no­pol in­ne­ha­be, während das deut­sche Sys­tem auf ei­ner Oli­go­pol­struk­tur be­ru­he. Außer­dem sei die MMB nicht mit der Ver­wal­tung ei­nes Sys­tems der ob­li­ga­to­ri­schen Ver­si­che­rung be­traut, son­dern bie­te die­se Ver­si­che­rung selbst an. Die Ver­wal­tungstätig­keit der MMB ent­spre­che im We­sent­li­chen der von Wirt­schafts­teil­neh­mern, ins­be­son­de­re der Tätig­keit von Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten.
21 Im Übri­gen meint das vor­le­gen­de Ge­richt, dass die Pflicht­mit­glied­schaft bei dem deut­schen Sys­tem ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten auch nicht für des­sen fi­nan­zi­el­les Gleich­ge­wicht oder die Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität un­erläss­lich sei. Da sich die Bei­tragshöhe aus von je­der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft au­to­nom fest­ge­setz­ten Re­ge­lun­gen er­ge­be und der Tätig­keits­be­reich der ein­zel­nen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft geändert wer­den könne, führe nämlich die Bil­dung von Fach- und Ge­biets­mo­no­po­len oh­ne Be­zug zu dem ent­spre­chen­den Ri­si­ko je nach willkürlich ge­bil­de­ter Ge­fah­ren­ge­mein­schaft zu un­ter­schied­li­chen Ta­ri­fen bei glei­chem Ri­si­ko. Außer­dem ge­be es kei­ne Re­ge­lung, nach der der Bei­trag bei ho­hen Ri­si­ken ei­nen be­stimm­ten Höchst­be­trag nicht über­schrei­ten dürfe. Über­dies sei der Min­dest­ver­dienst, der nach § 153 Abs. 3 SGB VII für die Bei­trags­be­rech­nung berück­sich­tigt wer­den könne, nicht zwin­gend vor­ge­se­hen, son­dern könne durch die Sat­zung fest­ge­legt wer­den. Nach den §§ 81 ff. so­wie § 153 Abs. 2 SGB VII rich­te sich auch die Fest­le­gung des Höchst­ver­diensts im Sin­ne der letzt­ge­nann­ten Vor­schrift, der so­wohl für die Leis­tungs- als auch für die Bei­trags­be­rech­nung her­an­ge­zo­gen wer­de, nach der Sat­zung. Sch­ließlich sei­en die Leis­tun­gen, je­den­falls die meis­ten un­ter ih­nen, von der Höhe des Ar­beits­ent­gelts der Ver­si­cher­ten abhängig. Dar­aus fol­ge, dass das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge deut­sche Sys­tem kei­nen so­zi­al­po­li­tisch in­ten­dier­ten Um­ver­tei­lungs­me­cha­nis­mus ken­ne.
Un­ter die­sen Umständen hat das Säch­si­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt das Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt:
1. Han­delt es sich bei der MMB um ein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Art. 81 EG und 82 EG?
2. Verstößt die Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner bei der MMB ge­gen ge­mein­schafts­recht­li­che Vor­schrif­ten?
23 Die MMB und die Kom­mis­si­on tra­gen zur ers­ten Fra­ge vor, dass das vor­le­gen­de Ge­richt zum ei­nen um ei­ne Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts er­su­che und zum an­de­ren nicht an­ge­be, auf­grund wel­cher Umstände ei­ne Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Art. 81 EG und 82 EG dar­stel­len könne. Die Kom­mis­si­on ergänzt zur zwei­ten Fra­ge, dass das vor­le­gen­de Ge­richt die aus­zu­le­gen­den Nor­men des Ge­mein­schafts­rechts nicht hin­rei­chend ge­nau be­zeich­ne. Im Übri­gen macht die MMB gel­tend, dass die bei­den vor­ge­leg­ten Fra­gen nicht zu ei­ner für das vor­le­gen­de Ge­richt nütz­li­chen Ant­wort führen könn­ten, da die­ses die Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner des­halb nicht be­en­den könne, weil die ursprüng­li­che Ent­schei­dung vom 27. Ja­nu­ar 2004 über die Mit­glied­schaft nicht an­ge­foch­ten wor­den sei.
Was ers­tens den Wort­laut der Vor­la­ge­fra­gen be­trifft, ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof im Ver­fah­ren nach Art. 234 EG nicht be­fugt ist, die Nor­men des Ge­mein­schafts­rechts auf ei­nen Ein­zel­fall an­zu­wen­den, und so­mit auch nicht dafür zuständig ist, Be­stim­mun­gen des in­ner­staat­li­chen Rechts un­ter ei­ne sol­che Norm ein­zu­ord­nen. Er kann aber dem in­ner­staat­li­chen Ge­richt al­le Hin­wei­se zur Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts ge­ben, die die­sem bei der Be­ur­tei­lung der Wir­kun­gen die­ser Be­stim­mun­gen dien­lich sein können (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 24. Sep­tem­ber 1987, Coe­nen, 37/86, Slg. 1987, 3589, Rand­nr. 8, und vom 5. Ju­li 2007, Fendt Ita­lia­na, C‑145/06 und C‑146/06, Slg. 2007, I‑5869, Rand­nr. 30). Hier­zu hat der Ge­richts­hof die ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen ge­ge­be­nen­falls um­zu­for­mu­lie­ren (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 8. März 2007, Cam­pi­na, C‑45/06, Slg. 2007, I‑2089, Rand­nr. 30, und vom 11. März 2008, Ja­ger, C‑420/06, Slg. 2008, I‑1315, Rand­nr. 46).
Im vor­lie­gen­den Fall trifft es zwar zu, dass das vor­le­gen­de Ge­richt den Ge­richts­hof mit sei­ner ers­ten Fra­ge er­sucht, die Art. 81 EG und 82 EG auf den Aus­gangs­rechts­streit an­zu­wen­den und selbst zu ent­schei­den, ob die MMB ein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten dar­stellt, und dass es die für ei­ne sol­che Qua­li­fi­zie­rung er­heb­li­chen Umstände nicht ge­nau be­zeich­net, doch hin­dert nichts die Um­for­mu­lie­rung die­ser Fra­ge, um dem ge­nann­ten Ge­richt ei­ne Aus­le­gung der ent­spre­chen­den Vor­schrif­ten zu ge­ben, die ihm für die Ent­schei­dung des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits dien­lich ist.
Im Übri­gen ist auch dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof, wenn in ei­ner Vor­la­ge­fra­ge nur auf das Ge­mein­schafts­recht ver­wie­sen wird, oh­ne die Vor­schrif­ten die­ses Rechts, auf die Be­zug ge­nom­men wird, zu nen­nen, nach der Recht­spre­chung aus dem ge­sam­ten von dem vor­le­gen­den Ge­richt über­mit­tel­ten Ma­te­ri­al, ins­be­son­de­re aus der Be­gründung der Vor­la­ge­ent­schei­dung, die­je­ni­gen Vor­schrif­ten des Ge­mein­schafts­rechts her­aus­zu­ar­bei­ten hat, die un­ter Berück­sich­ti­gung des Ge­gen­stands des Rechts­streits ei­ner Aus­le­gung bedürfen (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­teil vom 20. April 1988, Be­ka­ert, 204/87, Slg. 1988, 2029, Rand­nrn. 6 und 7).
Im vor­lie­gen­den Fall wer­den die aus­zu­le­gen­den Vor­schrif­ten des Ge­mein­schafts­rechts zwar im Text der zwei­ten Fra­ge nicht be­zeich­net, doch geht aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung klar her­vor, dass mit die­ser Fra­ge geklärt wer­den soll, ob die Pflicht­mit­glied­schaft bei ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft wie der MMB ent­spre­chend dem Vor­brin­gen von Katt­ner im Aus­gangs­rechts­streit ei­ne nach den Art. 49 EG und 50 EG ver­bo­te­ne Be­schränkung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs oder ein nach Art. 82 EG, ge­ge­be­nen­falls in Ver­bin­dung mit Art. 86 EG, un­ter­sag­ter Miss­brauch sein kann, so dass sich die Fra­ge in die­sem Sin­ne um­for­mu­lie­ren lässt.
Was zwei­tens die Nütz­lich­keit der von dem vor­le­gen­den Ge­richt ge­stell­ten Fra­gen be­trifft, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es im Rah­men der durch Art. 234 EG ge­schaf­fe­nen Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen dem Ge­richts­hof und den na­tio­na­len Ge­rich­ten al­lein Sa­che des mit dem Rechts­streit be­fass­ten na­tio­na­len Ge­richts ist, in des­sen Ver­ant­wor­tungs­be­reich die zu er­las­sen­de ge­richt­li­che Ent­schei­dung fällt, im Hin­blick auf die Be­son­der­hei­ten der Rechts­sa­che so­wohl die Er­for­der­lich­keit ei­ner Vor­ab­ent­schei­dung zum Er­lass sei­nes Ur­teils als auch die Er­heb­lich­keit der dem Ge­richts­hof von ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen zu be­ur­tei­len. Be­tref­fen al­so die vor­ge­leg­ten Fra­gen die Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts, so ist der Ge­richts­hof grundsätz­lich ge­hal­ten, darüber zu be­fin­den (vgl. u. a. Ur­teil vom 23. No­vem­ber 2006, As­nef‑Equi­fax und Ad­mi­nis­tra­ción del Esta­do, C‑238/05, Slg. 2006, I‑11125, Rand­nr. 15 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Aus­nahms­wei­se hat der Ge­richts­hof al­ler­dings zur Prüfung sei­ner ei­ge­nen Zuständig­keit die Umstände zu un­ter­su­chen, un­ter de­nen er von dem in­ner­staat­li­chen Ge­richt an­ge­ru­fen wird. Denn der Geist der Zu­sam­men­ar­beit, in dem das Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren durch­zuführen ist, ver­langt auch, dass das na­tio­na­le Ge­richt auf die dem Ge­richts­hof über­tra­ge­ne Auf­ga­be Rück­sicht nimmt, zur Rechts­pfle­ge in den Mit­glied­staa­ten bei­zu­tra­gen, nicht aber Gut­ach­ten zu all­ge­mei­nen oder hy­po­the­ti­schen Fra­gen ab­zu­ge­ben. Die Zurück­wei­sung des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens ei­nes na­tio­na­len Ge­richts ist al­ler­dings nur möglich, wenn of­fen­sicht­lich ist, dass die er­be­te­ne Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des Aus­gangs­rechts­streits steht, wenn das Pro­blem hy­po­the­ti­scher Na­tur ist oder der Ge­richts­hof nicht über die tatsächli­chen und recht­li­chen An­ga­ben verfügt, die für ei­ne zweck­dien­li­che Be­ant­wor­tung der ihm vor­ge­leg­ten Fra­gen er­for­der­lich sind (Ur­teil As­nef‑Equi­fax und Ad­mi­nis­tra­ción del Esta­do, Rand­nrn. 16 und 17 und die dort an­geführ­te Recht­spre­chung).
Im vor­lie­gen­den Fall er­gibt sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung, dass es im Aus­gangs­rechts­streit um die Rechtmäßig­keit der Pflicht­mit­glied­schaft von Katt­ner bei der MMB für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten geht. In die­sem Rah­men fragt sich das vor­le­gen­de Ge­richt ins­be­son­de­re, ob die­se Pflicht­mit­glied­schaft zum ei­nen mit den Art. 49 EG und 50 EG und zum an­de­ren mit den Art. 82 EG und 86 EG ver­ein­bar ist.
Un­ter die­sen Umständen ist nicht of­fen­sicht­lich, dass die er­be­te­ne Aus­le­gung des Ge­mein­schafts­rechts in kei­nem Zu­sam­men­hang mit der Rea­lität oder dem Ge­gen­stand des bei dem vor­le­gen­den Ge­richt anhängi­gen Rechts­streits steht, der ganz of­fen­sicht­lich nicht hy­po­the­tisch ist.
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen ist so­mit zulässig.
Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die Art. 81 EG und 82 EG da­hin aus­zu­le­gen sind, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die MMB, der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bei­tre­ten müssen, ein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten ist.
Nach ständi­ger Recht­spre­chung um­fasst der Be­griff des Un­ter­neh­mens im Rah­men des Wett­be­werbs­rechts je­de ei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit ausüben­de Ein­heit, un­abhängig von ih­rer Rechts­form und der Art ih­rer Fi­nan­zie­rung (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 23. April 1991, Höfner und El­ser, C‑41/90, Slg. 1991, I‑1979, Rand­nr. 21, und vom 11. De­zem­ber 2007, ETI u. a., C‑280/06, Slg. 2007, I‑10893, Rand­nr. 38).
Im vor­lie­gen­den Fall ist zunächst dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie die MMB als öffent­lich-recht­li­che Körper­schaf­ten an der Ver­wal­tung des deut­schen Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit mit­wir­ken und in­so­weit ei­ne so­zia­le Auf­ga­be wahr­neh­men, die oh­ne Ge­winn­erzie­lungs­ab­sicht aus­geübt wird (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom 16. März 2004, AOK Bun­des­ver­band u. a., C‑264/01, C‑306/01, C‑354/01 und C‑355/01, Slg. 2004, I‑2493, Rand­nr. 51).
Wie nämlich der Ge­richts­hof in Be­zug auf das ita­lie­ni­sche ge­setz­li­che Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten ent­schie­den hat, gehört der Schutz ge­gen die­se Ri­si­ken seit lan­ger Zeit zum so­zia­len Schutz, den die Mit­glied­staa­ten ih­rer ge­sam­ten Bevölke­rung oder ei­nem Teil der­sel­ben gewähren (Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 32).
37 Nach ständi­ger Recht­spre­chung lässt das Ge­mein­schafts­recht die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten für die Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 28. April 1998, Kohll, C‑158/96, Slg. 1998, I‑1931, Rand­nr. 17, vom 12. Ju­li 2001, Smits und Peer­booms, C‑157/99, Slg. 2001, I‑5473, Rand­nr. 44, und vom 16. Mai 2006, Watts, C‑372/04, Slg. 2006, I‑4325, Rand­nr. 92).
Im Übri­gen ver­folgt ein ge­setz­li­ches Sys­tem der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten wie das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge in­so­fern, als es ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche so­zia­le Si­che­rung für al­le Ar­beit­neh­mer vor­sieht, ei­nen so­zia­len Zweck (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 34).
Nach § 1 SGB VII hat die­ses Sys­tem nämlich zur Auf­ga­be, zum ei­nen mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten so­wie ar­beits­be­ding­te Ge­sund­heits­ge­fah­ren zu verhüten und zum an­de­ren die Ge­sund­heit und die Leis­tungsfähig­keit der Ver­si­cher­ten mit al­len ge­eig­ne­ten Mit­teln wie­der­her­zu­stel­len und sie oder ih­re Hin­ter­blie­be­nen durch Geld­leis­tun­gen zu entschädi­gen.
40 Außer­dem geht aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen her­vor, dass die­ses Sys­tem al­len geschütz­ten Per­so­nen ei­ne De­ckung ge­gen die Ri­si­ken ei­nes Ar­beits­un­falls und von Be­rufs­krank­hei­ten gewähren soll, un­abhängig von je­der Pflicht­ver­let­zung des Geschädig­ten oder des Ar­beit­ge­bers und da­mit oh­ne dass der­je­ni­ge zi­vil­recht­lich haft­bar ge­macht wer­den müss­te, der die Vor­tei­le aus der ge­fahr­ge­neig­ten Tätig­keit zieht (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 35).
41 Der so­zia­le Zweck ei­nes sol­chen Sys­tems zeigt sich über­dies dar­an, dass die Leis­tun­gen, wie aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen her­vor­geht, auch dann gewährt wer­den, wenn die fälli­gen Beiträge nicht ent­rich­tet wur­den; dies trägt of­fen­sicht­lich zum Schutz al­ler Ver­si­cher­ten ge­gen die wirt­schaft­li­chen Fol­gen von Ar­beits­unfällen bei (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 36).
42 Al­ler­dings genügt der so­zia­le Zweck ei­nes Ver­si­che­rungs­sys­tems als sol­cher nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs nicht, um ei­ne Ein­stu­fung der be­tref­fen­den Tätig­keit als wirt­schaft­li­che Tätig­keit aus­zu­sch­ließen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 21. Sep­tem­ber 1999, Al­ba­ny, C‑67/96, Slg. 1999, I‑5751, Rand­nr. 86, vom 12. Sep­tem­ber 2000, Pavlov u. a., C‑180/98 bis C‑184/98, Slg. 2000, I‑6451, Rand­nr. 118, und Ci­sal, Rand­nr. 37).
Zu prüfen bleibt ins­be­son­de­re, ob die­ses Sys­tem als Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität an­ge­se­hen wer­den kann und in wel­chem Um­fang es staat­li­cher Auf­sicht un­ter­liegt; die­se Umstände können den wirt­schaft­li­chen Cha­rak­ter ei­ner Tätig­keit aus­sch­ließen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Ci­sal, Rand­nrn. 38 bis 44).
– Zur Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität
Was an ers­ter Stel­le die Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität be­trifft, so er­gibt sich ers­tens aus ei­ner Ge­samt­be­trach­tung des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Sys­tems, dass es eben­so wie das Sys­tem, das in der Rechts­sa­che Ci­sal in Re­de stand (vgl. Ur­teil Ci­sal, des­sen Rand­nr. 39), durch Beiträge fi­nan­ziert wird, de­ren Höhe nicht streng pro­por­tio­nal zum ver­si­cher­ten Ri­si­ko ist.
45 Die Höhe der Beiträge hängt nämlich nicht nur vom ver­si­cher­ten Ri­si­ko ab, son­dern, wie sich aus § 153 Abs. 1 bis 3 SGB VII er­gibt, auch – in den Gren­zen ei­nes Höchst- und ge­ge­be­nen­falls ei­nes Min­dest­be­trags – vom Ar­beits­ent­gelt der Ver­si­cher­ten (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 39).
Außer­dem hängt die Bei­tragshöhe nach § 152 Abs. 1 und § 153 Abs. 1 SGB VII auch von dem Fi­nanz­be­darf ab, der sich aus den von der be­tref­fen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft im je­weils ver­gan­ge­nen Ka­len­der­jahr er­brach­ten Leis­tun­gen er­gibt. Die Berück­sich­ti­gung des Fi­nanz­be­darfs er­laubt es, die mit der Tätig­keit der Mit­glie­der ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ver­bun­de­nen Ge­fah­ren über ih­ren je­wei­li­gen Ge­wer­be­zweig hin­aus auf al­le Mit­glie­der zu ver­tei­len, und schafft so ei­ne Ge­fah­ren­ge­mein­schaft auf der Ebe­ne der Be­rufs­ge­nos­sen­schaft.
Im Übri­gen wird für die Bei­trags­be­rech­nung vor­be­halt­lich be­stimm­ter mögli­cher An­pas­sun­gen in Ver­bin­dung mit der Tätig­keit in­di­vi­du­el­ler Un­ter­neh­men über nach § 157 SGB VII fest­ge­setz­te Ge­fahr­klas­sen auf die Ge­fah­ren des Ge­wer­be­zweigs ab­ge­stellt, dem die Mit­glie­der ei­ner Be­rufs­ge­nos­sen­schaft in­ner­halb der­sel­ben an­gehören, so dass die Mit­glie­der ent­spre­chend den in die­sem Ge­wer­be­zweig be­ste­hen­den Gefähr­dungs­ri­si­ken ei­ne Ge­fah­ren­ge­mein­schaft bil­den.
Über­dies sind die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten nach § 176 SGB VII un­ter­ein­an­der zum Aus­gleich ver­pflich­tet, wenn die Aus­ga­ben ei­ner von ih­nen die durch­schnitt­li­chen Aus­ga­ben al­ler Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten er­heb­lich über­stei­gen. Dar­aus folgt, dass der Grund­satz der So­li­da­rität auf die­se Wei­se auch auf na­tio­na­ler Ebe­ne zwi­schen al­len Ge­wer­be­zwei­gen um­ge­setzt wird, da die ver­schie­de­nen Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten ih­rer­seits in ei­ner Ge­fah­ren­ge­mein­schaft zu­sam­men­ge­schlos­sen sind, die es ih­nen ermöglicht, un­ter­ein­an­der ei­nen Kos­ten- und Ri­si­ko­aus­gleich vor­zu­neh­men (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 17. Fe­bru­ar 1993, Poucet und Pist­re, C‑159/91 und C‑160/91, Slg. 1993, I‑637, Rand­nr. 12, und AOK Bun­des­ver­band, Rand­nr. 53).
49 Zwar weist das vor­le­gen­de Ge­richt dar­auf hin, dass das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge deut­sche Sys­tem an­ders als das ita­lie­ni­sche Sys­tem, das in der Rechts­sa­che Ci­sal be­trof­fen war, zum ei­nen für die Beiträge kei­ne Ober­gren­ze vor­sieht und zum an­de­ren nicht von ei­ner ein­zi­gen Ein­rich­tung mit Mo­no­pol­stel­lung um­ge­setzt wird, son­dern von meh­re­ren Ein­rich­tun­gen, die sich nach den An­ga­ben die­ses Ge­richts in ei­ner Oli­go­pol­si­tua­ti­on be­fin­den.
Die­se bei­den Umstände stel­len al­ler­dings den so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter der Fi­nan­zie­rung ei­nes Sys­tems wie des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht in Fra­ge, der sich im Rah­men ei­ner Ge­samt­be­trach­tung die­ses Sys­tems aus den Fest­stel­lun­gen in den Rand­nrn. 44 bis 48 des vor­lie­gen­den Ur­teils er­gibt.
51 In Be­zug auf den ers­ten Um­stand ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Exis­tenz ei­ner Ober­gren­ze zwar zur Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität beiträgt, ins­be­son­de­re dann, wenn der Fi­nan­zie­rungs­sal­do von al­len Un­ter­neh­men der­sel­ben Klas­se ge­tra­gen wird (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 39), dass al­lein ihr Feh­len aber nicht zur Fol­ge hat, dass ein Sys­tem mit den ge­nann­ten Merk­ma­len sei­nen so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter ver­liert.
Da § 153 Abs. 2 SGB VII aus­drück­lich vor­sieht, dass „[d]as Ar­beits­ent­gelt der Ver­si­cher­ten … bis zur Höhe des Höchst­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes zu­grun­de ge­legt [wird]“, hat das vor­le­gen­de Ge­richt, in des­sen Ent­schei­dung im Übri­gen aus­drück­lich auf die­se Vor­schrift Be­zug ge­nom­men wird, außer­dem in je­dem Fall zu prüfen, ob die­se Vor­schrift, wie die deut­sche Re­gie­rung gel­tend macht und auch aus den Erklärun­gen von Katt­ner her­vor­geht, nicht den so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter des im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Sys­tems da­durch verstärkt, dass die Bei­tragshöhe bei ei­nem ho­hen ver­si­cher­ten Ri­si­ko in­di­rekt be­grenzt wird.
In Be­zug auf den zwei­ten Um­stand, den das vor­le­gen­de Ge­richt anführt, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Ge­mein­schafts­recht, wie be­reits in Rand­nr. 37 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten zur Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt lässt. Wenn sich ein Mit­glied­staat in Ausübung die­ser Zuständig­keit dafür ent­schei­det, die Durchführung ei­nes Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit auf sek­t­o­ri­el­ler und/oder geo­gra­fi­scher Grund­la­ge auf meh­re­re Träger zu ver­tei­len, dann setzt er tatsächlich den Grund­satz der So­li­da­rität um, auch wenn er den Rah­men be­schränkt, in dem die­ser Grund­satz an­ge­wandt wird. Das gilt um­so mehr, wenn die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten, wie es in dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Sys­tem der Fall ist, un­ter­ein­an­der auf na­tio­na­ler Ebe­ne ei­nen Kos­ten- und Ri­si­ko­aus­gleich vor­neh­men.
Sch­ließlich wird der so­li­da­ri­sche Cha­rak­ter der Fi­nan­zie­rung ei­nes Sys­tems wie des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen dem Vor­brin­gen von Katt­ner auch nicht da­durch be­ein­träch­tigt, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten nach § 161 SGB VII be­sch­ließen könn­ten, ei­nen ein­heit­li­chen Min­dest­bei­trag fest­zu­set­zen. Viel­mehr kann die Fest­set­zung ei­nes der­ar­ti­gen Bei­trags, selbst wenn man an­nimmt, dass da­durch, wie Katt­ner gel­tend macht, der auf­zu­tei­len­de Fi­nanz­be­darf re­du­ziert wird, ih­rer­seits zum so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter des Sys­tems bei­tra­gen. Bei Ver­si­cher­ten, de­ren Ar­beits­ent­gelt un­ter dem Ent­gelt liegt, dem der Min­dest­bei­trag ent­spricht, führt des­sen Exis­tenz nämlich da­zu, dass ein Bei­trag er­ho­ben wird, der nicht nur für al­le die­se Ver­si­cher­ten der be­tref­fen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft ein­heit­lich ist, son­dern zu­dem nicht vom ver­si­cher­ten Ri­si­ko und da­mit von dem Ge­wer­be­zweig abhängt, dem die ent­spre­chen­den Ver­si­cher­ten an­gehören.
Zwei­tens ist – eben­falls ent­spre­chend den Ausführun­gen des Ge­richts­hofs im Ur­teil Ci­sal (Rand­nr. 40) – fest­zu­stel­len, dass der Wert der von den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB er­brach­ten Leis­tun­gen nicht not­wen­di­ger­wei­se pro­por­tio­nal zum Ar­beits­ent­gelt des Ver­si­cher­ten ist.
Auch wenn die Höhe des Ar­beits­ent­gelts bei der Bei­trags­be­rech­nung berück­sich­tigt wird, geht nämlich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung und den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen her­vor, dass die Sach­leis­tun­gen wie Präven­ti­ons- und Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­leis­tun­gen völlig un­abhängig vom Ar­beits­ent­gelt sind. Die­se Leis­tun­gen sind er­heb­lich, da sie nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts rund 12 % der Ge­samt­aus­ga­ben der MMB im Jahr 2002 bzw. nach den An­ga­ben der MMB und der deut­schen Re­gie­rung so­gar zwi­schen 25 % und 30 % die­ser Aus­ga­ben aus­ma­chen.
Hin­sicht­lich der Geld­leis­tun­gen, mit de­nen ein Teil des Ent­gelt­ver­lusts in­fol­ge ei­nes Ar­beits­un­falls oder ei­ner Be­rufs­krank­heit aus­ge­gli­chen wer­den soll, geht fer­ner aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung und den Erklärun­gen ge­genüber dem Ge­richts­hof her­vor, dass nach § 85 SGB VII nur die Ar­beits­ent­gel­te zwi­schen ei­nem Min­dest- und ei­nem Höchst­be­trag – dem „Min­dest­jah­res­ar­beits­ver­dienst“ und dem „Höchst­jah­res­ar­beits­ver­dienst“ – berück­sich­tigt wer­den, was al­ler­dings vom vor­le­gen­den Ge­richt zu bestäti­gen ist. Außer­dem ha­ben so­wohl die deut­sche Re­gie­rung als auch die Kom­mis­si­on vor­ge­tra­gen, dass die Höhe des Pfle­ge­gelds völlig un­abhängig von den ge­zahl­ten Beiträgen sei, was das vor­le­gen­de Ge­richt eben­falls zu prüfen hat.
Un­ter die­sen Umständen führt die Zah­lung ho­her Beiträge wie im Rah­men des Sys­tems, das in der Rechts­sa­che Ci­sal in Re­de stand, mögli­cher­wei­se nur zu be­grenz­ten Leis­tun­gen, und um­ge­kehrt kann die Zah­lung verhält­nismäßig nied­ri­ger Beiträge, wie Katt­ner in ih­ren Erklärun­gen selbst aus­geführt hat, zu ei­nem An­spruch auf Leis­tun­gen führen, die nach ei­nem höhe­ren Ar­beits­ent­gelt be­rech­net wer­den.
Das Feh­len ei­nes un­mit­tel­ba­ren Zu­sam­men­hangs zwi­schen den ent­rich­te­ten Beiträgen und den gewähr­ten Leis­tun­gen be­wirkt so­mit ei­ne So­li­da­rität zwi­schen den am bes­ten be­zahl­ten Ar­beit­neh­mern und den­je­ni­gen, die in An­be­tracht ih­rer nied­ri­gen Einkünf­te kei­ne an­ge­mes­se­ne so­zia­le Ab­si­che­rung hätten, wenn ein sol­cher Zu­sam­men­hang bestünde (vgl. Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 42).
– Zur staat­li­chen Auf­sicht
Was an zwei­ter Stel­le die vom Staat aus­geübte Auf­sicht an­be­langt, geht aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung her­vor, dass das deut­sche Ge­setz den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB zwar die Durchführung der ge­setz­li­chen Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten über­tra­gen hat, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten aber in ih­rer Sat­zung zum ei­nen be­stim­men können, dass gemäß § 153 Abs. 3 SGB VII der Bei­trags­be­rech­nung min­des­tens der Be­trag des Min­dest­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes zu­grun­de ge­legt wird, und zum an­de­ren, wie Katt­ner in ih­ren Erklärun­gen mit Nach­druck be­tont, den Be­trag des Höchst­jah­res­ar­beits­ver­diens­tes, der nach § 153 Abs. 2 SGB VII für die Be­rech­nung der Beiträge und nach § 85 SGB VII für die Be­rech­nung der Leis­tun­gen her­an­ge­zo­gen wird, her­auf­set­zen können. Außer­dem er­gibt sich aus den Erklärun­gen von Katt­ner, die in­so­weit durch die Erklärun­gen der deut­schen Re­gie­rung bestätigt wer­den, dass die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten nach § 157 Abs. 1 SGB VII den Ge­fahr­tarif und die Ge­fahr­klas­sen, die ein Fak­tor für die Bei­trags­be­rech­nung sind, au­to­nom fest­set­zen.
61 Dass Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB im Rah­men ei­nes Selbst­ver­wal­tungs­sys­tems ein sol­cher Hand­lungs­spiel­raum gewährt wird, um Fak­to­ren fest­zu­set­zen, die für die Höhe der Beiträge und der Leis­tun­gen aus­schlag­ge­bend sind, kann je­doch als sol­ches die Na­tur der von den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten aus­geübten Tätig­keit nicht ändern (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil AOK Bun­des­ver­band u. a., Rand­nr. 56).
Aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen geht nämlich her­vor, dass die­ser Hand­lungs­spiel­raum, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 54 sei­ner Schluss­anträge fest­ge­stellt hat, durch das Ge­setz vor­ge­se­hen ist und strikt be­grenzt wird, da das SGB VII zum ei­nen die Fak­to­ren be­zeich­net, die für die Be­rech­nung der Beiträge her­an­zu­zie­hen sind, die nach dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ge­setz­li­chen Sys­tem ge­schul­det wer­den, und zum an­de­ren ein ab­sch­ließen­des Ver­zeich­nis der nach die­sem Sys­tem er­brach­ten Leis­tun­gen enthält und die Mo­da­litäten für ih­re Gewährung re­gelt.
In­so­weit er­gibt sich aus den von Katt­ner, der deut­schen Re­gie­rung und der Kom­mis­si­on ein­ge­reich­ten Erklärun­gen, dass die an­wend­ba­ren Rechts­vor­schrif­ten, was das vor­le­gen­de Ge­richt al­ler­dings zu über­prüfen hat, den Min­dest- und den Höchs­tent­gelt­be­trag fest­le­gen, der bei der Be­rech­nung der Beiträge bzw. der Leis­tun­gen zu berück­sich­ti­gen ist, wo­bei nur der Höchst­be­trag ge­ge­be­nen­falls in der Sat­zung der Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten her­auf­ge­setzt wer­den kann.
Außer­dem un­ter­lie­gen die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten of­fen­sicht­lich, was je­doch wie­der­um vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist, in Be­zug auf die Aus­ar­bei­tung ih­rer Sat­zung und ins­be­son­de­re die Fest­set­zung der Höhe der Beiträge und der Leis­tun­gen im Rah­men des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ge­setz­li­chen Sys­tems der Kon­trol­le der Bun­des­re­pu­blik, die in­so­weit nach den Vor­schrif­ten des SGB VII als Auf­sichts­behörde tätig wird.
Aus dem Vor­ste­hen­den er­gibt sich so­mit, dass in ei­nem ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tem wie dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen zum ei­nen mit der Höhe der Beiträge und dem Wert der Leis­tun­gen – den bei­den we­sent­li­chen Ele­men­ten ei­nes sol­chen Sys­tems – vor­be­halt­lich der vom vor­le­gen­den Ge­richt vor­zu­neh­men­den Prüfun­gen der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird, der im­pli­ziert, dass die er­brach­ten Leis­tun­gen nicht streng pro­por­tio­nal zu den ge­zahl­ten Beiträgen sind, und dass die­se Ele­men­te zum an­de­ren staat­li­cher Auf­sicht un­ter­lie­gen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 44).
Un­ter die­sen Umständen ist vor­be­halt­lich ei­ner vom vor­le­gen­den Ge­richt vor­zu­neh­men­den Prüfung die­ser bei­den Ele­men­te hin­sicht­lich des Grund­sat­zes der So­li­da­rität und der staat­li­chen Auf­sicht fest­zu­stel­len, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die MMB durch ih­re Mit­wir­kung an der Ver­wal­tung ei­nes der tra­di­tio­nel­len Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit, der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten, ei­ne Auf­ga­be rein so­zia­ler Na­tur wahr­nimmt, so dass ih­re Tätig­keit kei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit im Sin­ne des Wett­be­werbs­rechts und die­se Ein­rich­tung so­mit kein Un­ter­neh­men im Sin­ne der Art. 81 EG und 82 EG ist (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Ci­sal, Rand­nr. 45).
67 Die­ser Schluss wird nicht durch den vom vor­le­gen­den Ge­richt her­vor­ge­ho­be­nen Um­stand in Fra­ge ge­stellt, dass ei­ne Be­rufs­ge­nos­sen­schaft wie die MMB im Ge­gen­satz zu der Si­tua­ti­on im Rah­men des ita­lie­ni­schen Sys­tems, das in der Rechts­sa­che Ci­sal in Re­de stand, nicht die Ver­wal­tung des be­tref­fen­den ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tems gewähr­leis­tet, son­dern un­mit­tel­bar Ver­si­che­rungs­dienst­leis­tun­gen er­bringt. Da das Ge­mein­schafts­recht die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten für die Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt lässt, kann nämlich, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 61 sei­ner Schluss­anträge im We­sent­li­chen aus­geführt hat, al­lein die­ser Um­stand als sol­cher nichts am rein so­zia­len Cha­rak­ter der von ei­ner der­ar­ti­gen Be­rufs­ge­nos­sen­schaft aus­geübten Tätig­keit ändern, da er we­der den so­li­da­ri­schen Cha­rak­ter des ent­spre­chen­den Sys­tems noch die vom Staat darüber aus­geübte Auf­sicht, so wie die­se Umstände aus der vor­ste­hen­den Ana­ly­se her­vor­ge­hen, be­ein­träch­tigt.
Folg­lich ist auf die ers­te Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 81 EG und 82 EG da­hin aus­zu­le­gen sind, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bei­tre­ten müssen, kein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten ist, son­dern ei­ne Auf­ga­be rein so­zia­ler Na­tur wahr­nimmt, so­weit sie im Rah­men ei­nes Sys­tems tätig wird, mit dem der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird und das staat­li­cher Auf­sicht un­ter­liegt, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.
Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob die Art. 49 EG und 50 EG ei­ner­seits und die Art. 82 EG und 86 EG an­de­rer­seits da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ent­ge­gen­ste­hen, nach der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, ver­pflich­tet sind, ei­ner Ein­rich­tung wie der MMB bei­zu­tre­ten.
70 In­so­weit ist ein­gangs dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die zwei­te Fra­ge an­ge­sichts der Ant­wort auf die ers­te Fra­ge in­so­weit nicht zu be­ant­wor­ten ist, als sie sich auf die Aus­le­gung der Art. 82 EG und 86 EG be­zieht, da die An­wend­bar­keit die­ser Vor­schrif­ten von der Exis­tenz ei­nes Un­ter­neh­mens abhängt.
Was die Aus­le­gung der Art. 49 EG und 50 EG be­trifft, ist dar­an zu er­in­nern, dass in Er­man­ge­lung ei­ner Har­mo­ni­sie­rung auf Ge­mein­schafts­ebe­ne das Recht je­des be­trof­fe­nen Mit­glied­staats be­stimmt, un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Recht auf An­schluss an ein Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit oder die Ver­pflich­tung hier­zu be­steht, da das Ge­mein­schafts­recht, wie be­reits in Rand­nr. 37 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, die Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten für die Aus­ge­stal­tung ih­rer Sys­te­me der so­zia­len Si­cher­heit un­berührt lässt (vgl. ins­be­son­de­re Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 18, Smits und Peer­booms, Rand­nr. 45, und Watts, Rand­nr. 92).
Die Kom­mis­si­on und im We­sent­li­chen auch die deut­sche Re­gie­rung fol­gern aus die­ser Recht­spre­chung, dass die Ein­rich­tung ei­ner Pflicht­mit­glied­schaft in ei­nem Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit wie die mit der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen Re­ge­lung vor­ge­se­he­ne in die al­lei­ni­ge Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten fal­le, so dass die­se Re­ge­lung vom An­wen­dungs­be­reich der Art. 49 EG und 50 EG nicht er­fasst wer­de. Über die Pflicht­mit­glied­schaft hin­aus sei nämlich kei­ne Be­schränkung des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs an­ge­spro­chen, da nur die Art der Fi­nan­zie­rung ei­nes Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit, nicht aber die Er­brin­gung von Leis­tun­gen nach dem Ein­tritt des ver­si­cher­ten so­zia­len Ri­si­kos in Fra­ge ste­he.
73 Die­ser The­se kann nicht ge­folgt wer­den.
Zwar ist es nach der in Rand­nr. 71 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführ­ten ständi­gen Recht­spre­chung in Er­man­ge­lung ei­ner ge­mein­schaft­li­chen Har­mo­ni­sie­rung Sa­che des Rechts je­des Mit­glied­staats, ins­be­son­de­re die Vor­aus­set­zun­gen der Ver­pflich­tung, sich bei ei­nem Sys­tem der so­zia­len Si­cher­heit zu ver­si­chern, und da­mit die Art der Fi­nan­zie­rung die­ses Sys­tems fest­zu­le­gen, doch müssen die Mit­glied­staa­ten bei der Ausübung die­ser Be­fug­nis gleich­wohl das Ge­mein­schafts­recht be­ach­ten (vgl. u. a. Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 19, und Smits und Peer­booms, Rand­nr. 46). Die ent­spre­chen­de Zuständig­keit der Mit­glied­staa­ten ist al­so nicht un­be­grenzt (Ur­teil vom 3. April 2008, De­rou­in, C‑103/06, Slg. 2008, I‑0000, Rand­nr. 25).
Dass ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge nur die Fi­nan­zie­rung ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit be­trifft, im vor­lie­gen­den Fall der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten, in­dem sie die Pflicht­mit­glied­schaft der von dem frag­li­chen Sys­tem er­fass­ten Un­ter­neh­men bei Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten vor­sieht, de­nen das Ge­setz die Durchführung die­ser Ver­si­che­rung über­tra­gen hat, kann dem­nach die An­wen­dung der Vor­schrif­ten des EG-Ver­trags, ins­be­son­de­re der­je­ni­gen über den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr, nicht aus­sch­ließen (vgl. Ur­teil vom 26. Ja­nu­ar 1999, Ter­hoeve, C‑18/95, Slg. 1999, I‑345, Rand­nr. 35).
Das Sys­tem der Pflicht­mit­glied­schaft, das die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge na­tio­na­le Re­ge­lung vor­sieht, muss so­mit mit den Art. 49 EG und 50 EG ver­ein­bar sein.
Zu prüfen ist da­her, ob, wie Katt­ner vor dem vor­le­gen­den Ge­richt und in ih­ren beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen gel­tend ge­macht hat, der freie Dienst­leis­tungs­ver­kehr im Sin­ne von Art. 49 EG da­durch be­schränkt wer­den kann, dass ein Mit­glied­staat ein ge­setz­li­ches Ver­si­che­rungs­sys­tem wie das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ein­rich­tet, das die Pflicht­mit­glied­schaft von Un­ter­neh­men bei Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB zur Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten vor­sieht. Zum ei­nen ist dem­nach zu prüfen, ob da­durch die Möglich­keit von in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nie­der­ge­las­se­nen Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten be­schränkt wird, auf dem Markt des erst­ge­nann­ten Mit­glied­staats ih­re Diens­te hin­sicht­lich der Ver­si­che­rung der be­tref­fen­den Ri­si­ken oder ei­ni­ger die­ser Ri­si­ken an­zu­bie­ten, und zum an­de­ren, ob da­durch die in die­sem ers­ten Mit­glied­staat nie­der­ge­las­se­nen Un­ter­neh­men als Dienst­leis­tungs­empfänger da­von ab­ge­hal­ten wer­den, sich bei sol­chen Ge­sell­schaf­ten zu ver­si­chern.
Da­zu ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der freie Dienst­leis­tungs­ver­kehr nach der Recht­spre­chung nicht nur die Be­sei­ti­gung je­der Dis­kri­mi­nie­rung des in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat ansässi­gen Dienst­leis­ten­den auf­grund sei­ner Staats­an­gehörig­keit, son­dern auch die Auf­he­bung al­ler Be­schränkun­gen – selbst wenn sie un­ter­schieds­los für inländi­sche Dienst­leis­ten­de wie für sol­che aus an­de­ren Mit­glied­staa­ten gel­ten – ver­langt, so­fern sie ge­eig­net sind, die Tätig­kei­ten des Dienst­leis­ten­den, der in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat ansässig ist und dort rechtmäßig ähn­li­che Dienst­leis­tun­gen er­bringt, zu un­ter­bin­den, zu be­hin­dern oder we­ni­ger at­trak­tiv zu ma­chen (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­tei­le vom 20. Fe­bru­ar 2001, Ana­lir u. a., C‑205/99, Slg. 2001, I‑1271, Rand­nr. 21, vom 5. De­zem­ber 2006, Ci­pol­la u. a., C‑202/04 und C‑94/04, Slg. 2006, I‑11421, Rand­nr. 56, und vom 11. Ja­nu­ar 2007, ITC, C‑208/05, Slg. 2007, I‑181, Rand­nr. 55).
Außer­dem steht Art. 49 EG nach ständi­ger Recht­spre­chung der An­wen­dung je­der na­tio­na­len Re­ge­lung ent­ge­gen, die die Leis­tung von Diens­ten zwi­schen Mit­glied­staa­ten im Er­geb­nis ge­genüber der Leis­tung von Diens­ten im In­ne­ren ei­nes Mit­glied­staats er­schwert (Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 33, und Smits und Peer­booms, Rand­nr. 61).
Im vor­lie­gen­den Fall mag es zwar, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 72 sei­ner Schluss­anträge im We­sent­li­chen dar­legt, zwei­fel­haft er­schei­nen, ob die von dem im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tem ab­ge­deck­ten Ri­si­ken oder je­den­falls ei­ni­ge die­ser Ri­si­ken bei pri­va­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten ver­si­chert wer­den könn­ten, da die­se grundsätz­lich nicht nach ei­nem Sys­tem tätig wer­den, das die in den Rand­nrn. 44 bis 59 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­nann­ten So­li­da­r­ele­men­te um­fasst.
Da das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ge­setz­li­che Ver­si­che­rungs­sys­tem, wie aus den Rand­nrn. 57 und 58 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, nur be­grenz­te Leis­tun­gen und da­mit ei­ne Min­dest­ab­de­ckung vor­sieht, steht es den die­sem Sys­tem un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men, wie das vor­le­gen­de Ge­richt an­gibt und Katt­ner einräumt, über­dies frei, zusätz­li­che Ver­si­che­rungs­verträge mit so­wohl in Deutsch­land als auch in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nie­der­ge­las­se­nen pri­va­ten Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten ab­zu­sch­ließen (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 22. Mai 2003, Fres­kot, C‑355/00, Slg. 2003, I‑5263, Rand­nr. 62).
82 Das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge Ver­si­che­rungs­sys­tem kann aber, da es, wie der Sach­ver­halt des Aus­gangs­ver­fah­rens zeigt, of­fen­bar auch Ri­si­ken ab­de­cken soll, die sich bei nicht nach dem Grund­satz der So­li­da­rität ar­bei­ten­den Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men ver­si­chern las­sen, ein Hin­der­nis für die freie Er­brin­gung von Dienst­leis­tun­gen durch in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nie­der­ge­las­se­ne Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaf­ten, die Ver­si­che­rungs­verträge für der­ar­ti­ge Ri­si­ken in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat an­bie­ten möch­ten, in­so­weit dar­stel­len, als es die Ausübung die­ser Frei­heit be­hin­dert oder we­ni­ger at­trak­tiv macht, ja so­gar un­mit­tel­bar oder mit­tel­bar ver­hin­dert (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Fres­kot, Rand­nr. 63).
Außer­dem kann ein sol­ches Sys­tem auch die ihm un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men da­von ab­schre­cken oder so­gar dar­an hin­dern, sich an sol­che in an­de­ren Mit­glied­staa­ten als dem ih­rer Mit­glied­schaft nie­der­ge­las­se­ne Ver­si­che­rungs­dienst­leis­ter zu wen­den, und stellt auch für die­se Un­ter­neh­men ein Hemm­nis für den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehr dar (vgl. ent­spre­chend Ur­tei­le vom 31. Ja­nu­ar 1984, Lui­si und Car­bo­ne, 286/82 und 26/83, Slg. 1984, 377, Rand­nr. 16, Kohll, Rand­nr. 35, so­wie Smits und Peer­booms, Rand­nr. 69).
Ei­ne sol­che Be­schränkung kann al­ler­dings ge­recht­fer­tigt sein, wenn sie zwin­gen­den Gründen des All­ge­mein­wohls ent­spricht, ge­eig­net ist, die Er­rei­chung des mit ihr ver­folg­ten Ziels zu gewähr­leis­ten, und nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung die­ses Ziels er­for­der­lich ist (vgl. u. a. Ur­tei­le vom 5. Ju­ni 1997, SETTG, C‑398/95, Slg. 1997, I‑3091, Rand­nr. 21, Ci­pol­la u. a., Rand­nr. 61, und vom 13. De­zem­ber 2007, United Pan‑Eu­ro­pe Com­mu­ni­ca­ti­ons Bel­gi­um u. a., C‑250/06, Slg. 2007, I‑11135, Rand­nr. 39).
In­so­weit kann nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs ei­ne er­heb­li­che Gefähr­dung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts des Sys­tems der so­zia­len Si­cher­heit als sol­che ei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar­stel­len, der ei­ne Be­schränkung des Grund­sat­zes des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs recht­fer­ti­gen kann (vgl. u. a. Ur­tei­le Kohll, Rand­nr. 41, Smits und Peer­booms, Rand­nr. 72, und vom 19. April 2007, Sta­ma­telaki, C‑444/05, Slg. 2007, I‑3185, Rand­nr. 30).
Wie aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Erklärun­gen her­vor­geht, be­zweckt ei­ne Pflicht­mit­glied­schaft in ei­nem ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tem, wie sie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge na­tio­na­le Re­ge­lung vor­sieht, die Gewähr­leis­tung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts ei­nes der tra­di­tio­nel­len Zwei­ge der so­zia­len Si­cher­heit, hier der Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten.
In­dem die­se Ver­pflich­tung den Zu­sam­men­schluss al­ler dem ent­spre­chen­den Sys­tem un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men in­ner­halb von Ge­fah­ren­ge­mein­schaf­ten gewähr­leis­tet, er­laubt sie es nämlich, dass die­ses Sys­tem, mit dem, wie aus Rand­nr. 38 des vor­lie­gen­den Ur­teils her­vor­geht, ein so­zia­les Ziel ver­folgt wird, so funk­tio­niert, dass der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird, in­dem ins­be­son­de­re die Fi­nan­zie­rung über Beiträge er­folgt, de­ren Höhe nicht streng pro­por­tio­nal zu den ver­si­cher­ten Ri­si­ken ist, und Leis­tun­gen er­bracht wer­den, de­ren Wert nicht streng pro­por­tio­nal zu den Beiträgen ist.
Da­her kann ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge, so­weit sie ei­ne Pflicht­mit­glied­schaft vor­sieht, durch ei­nen zwin­gen­den Grund des All­ge­mein­in­ter­es­ses, nämlich das Ziel, das fi­nan­zi­el­le Gleich­ge­wicht ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit zu gewähr­leis­ten, ge­recht­fer­tigt wer­den, da die­se Ver­pflich­tung ge­eig­net ist, die Ver­wirk­li­chung die­ses Ziels zu gewähr­leis­ten.
Was die Fra­ge an­be­langt, ob ei­ne sol­che Re­ge­lung nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung des an­ge­streb­ten Ziels er­for­der­lich ist, er­gibt sich, wie be­reits in Rand­nr. 81 des vor­lie­gen­den Ur­teils fest­ge­stellt, aus den beim Ge­richts­hof ein­ge­reich­ten Un­ter­la­gen, dass das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ge­setz­li­che Sys­tem ei­ne Min­dest­ab­de­ckung bie­tet, so dass es den ihr un­ter­lie­gen­den Un­ter­neh­men trotz der da­mit ver­bun­de­nen Pflicht­mit­glied­schaft frei­steht, die­se Ab­de­ckung da­durch zu ergänzen, dass sie zusätz­li­che Ver­si­che­run­gen ab­sch­ließen, so­fern die­se auf dem Markt an­ge­bo­ten wer­den. Die­ser Um­stand stellt ei­nen Fak­tor dar, der für die Verhält­nismäßig­keit ei­nes ge­setz­li­chen Ver­si­che­rungs­sys­tems wie des im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen spricht (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Fres­kot, Rand­nr. 70).
Was im Übri­gen den Um­fang der Ab­de­ckung be­trifft, wie sie die­ses Sys­tem vor­sieht, lässt sich, wie die MMB in ih­ren Erklärun­gen ausführt, nicht aus­sch­ließen, dass sich Un­ter­neh­men, die bei­spiels­wei­se ein jun­ges und ge­sun­des Per­so­nal mit un­gefähr­li­chen Tätig­kei­ten beschäfti­gen, bei pri­va­ten Ver­si­che­rern um güns­ti­ge­re Ver­si­che­rungs­be­din­gun­gen bemühen würden, wenn die Ver­si­che­rungs­pflicht auf be­stimm­te Leis­tun­gen, et­wa die sich aus dem Ziel der Präven­ti­on er­ge­ben­den, zu be­schränken wäre, wie es Katt­ner als Möglich­keit in ih­ren Erklärun­gen an­deu­tet. Das fort­schrei­ten­de Aus­schei­den die­ser „gu­ten“ Ri­si­ken könn­te den Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten wie der MMB ei­nen wach­sen­den An­teil von „schlech­ten“ Ri­si­ken be­las­sen, was zu ei­ner Erhöhung der Kos­ten für die Leis­tun­gen, ins­be­son­de­re für Un­ter­neh­men mit ei­nem älte­ren, gefähr­li­che Tätig­kei­ten ausüben­den Per­so­nal, führen würde, de­nen die Be­rufs­ge­nos­sen­schaf­ten zu an­nehm­ba­ren Kos­ten kei­ne Leis­tun­gen mehr an­bie­ten könn­ten. Dies würde um­so mehr gel­ten, wenn das be­tref­fen­de ge­setz­li­che Ver­si­che­rungs­sys­tem, wie es im Aus­gangs­ver­fah­ren der Fall ist, in Um­set­zung des Grund­sat­zes der So­li­da­rität durch das Feh­len ei­ner stren­gen Pro­por­tio­na­lität zwi­schen den Beiträgen und den ver­si­cher­ten Ri­si­ken ge­kenn­zeich­net ist (vgl. ent­spre­chend Ur­teil Al­ba­ny, Rand­nrn. 108 und 109).
Es ist Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts, un­ter Berück­sich­ti­gung al­ler Umstände des bei ihm anhängi­gen Rechts­streits und der in den Rand­nrn. 89 und 90 des vor­lie­gen­den Ur­teils ge­ge­be­nen Hin­wei­se zu prüfen, ob das im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­ge ge­setz­li­che Ver­si­che­rungs­sys­tem im Hin­blick auf das da­mit ver­folg­te Ziel des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts der so­zia­len Si­cher­heit er­for­der­lich ist.
Folg­lich ist auf die zwei­te Vor­la­ge­fra­ge zu ant­wor­ten, dass die Art. 49 EG und 50 EG da­hin aus­zu­le­gen sind, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, ver­pflich­tet sind, ei­ner Ein­rich­tung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft bei­zu­tre­ten, so­weit die­ses Sys­tem nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung des Ziels der Gewähr­leis­tung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit er­for­der­lich ist, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.
1. Die Art. 81 EG und 82 EG sind da­hin aus­zu­le­gen, dass ei­ne Ein­rich­tung wie die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Be­rufs­ge­nos­sen­schaft, der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, für die Ver­si­che­rung ge­gen Ar­beits­unfälle und Be­rufs­krank­hei­ten bei­tre­ten müssen, kein Un­ter­neh­men im Sin­ne die­ser Vor­schrif­ten ist, son­dern ei­ne Auf­ga­be rein so­zia­ler Na­tur wahr­nimmt, so­weit sie im Rah­men ei­nes Sys­tems tätig wird, mit dem der Grund­satz der So­li­da­rität um­ge­setzt wird und das staat­li­cher Auf­sicht un­ter­liegt, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.
2. Die Art. 49 EG und 50 EG sind da­hin aus­zu­le­gen, dass sie ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren strei­ti­gen nicht ent­ge­gen­ste­hen, nach der die Un­ter­neh­men, die in ei­nem be­stimm­ten Ge­biet ei­nem be­stimm­ten Ge­wer­be­zweig an­gehören, ver­pflich­tet sind, ei­ner Ein­rich­tung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­den Be­rufs­ge­nos­sen­schaft bei­zu­tre­ten, so­weit die­ses Sys­tem nicht über das hin­aus­geht, was zur Er­rei­chung des Ziels der Gewähr­leis­tung des fi­nan­zi­el­len Gleich­ge­wichts ei­nes Zweigs der so­zia­len Si­cher­heit er­for­der­lich ist, was vom vor­le­gen­den Ge­richt zu prüfen ist.
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