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Timestamp: 2016-09-27 17:13:12
Document Index: 299018602

Matched Legal Cases: ['§ 86', 'Art. 4', 'Art. 3', '§ 108', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EGMR', 'EGMR', 'EuG']

Rechtslupe » Verwaltungsrecht » Rücküberstellung im Dublin-Verfahren – und bestehende systemische Mängel
Rücküberstellung im Dublin-Verfahren – und bestehende systemische Mängel	11. Januar 2016 | VerwaltungsrechtGeschätzte Lesezeit: 6 Minuten	Ein Asylbewerber darf nur dann nicht an den nach der Dublin-II-Verordnung zuständigen Mitgliedstaat überstellt werden, wenn das Asylverfahren oder die Aufnahmebedingungen für Asylbewerber in diesem Mitgliedstaat aufgrund systemischer Mängel, d.h. regelhaft so defizitär sind, dass zu erwarten ist, dass dem Asylbewerber auch im konkret zu entscheidenden Einzelfall dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht.
Für das in Deutschland – im Unterschied zu anderen Rechtssystemen – durch den Untersuchungsgrundsatz (§ 86 Abs. 1 VwGO) geprägte verwaltungsgerichtliche Verfahren hat das Kriterium der systemischen Mängel des Asylverfahrens und der Aufnahmebedingungen für Asylbewerber in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union Bedeutung für die Gefahrenprognose im Rahmen des Art. 4 GR-Charta bzw. Art. 3 EMRK. Der Tatrichter muss sich zur Widerlegung der auf dem Prinzip gegenseitigen Vertrauens unter den Mitgliedstaaten gründenden Vermutung, die Behandlung der Asylbewerber stehe in jedem Mitgliedstaat in Einklang mit den Erfordernissen der Grundrechte-Charta sowie mit der Genfer Flüchtlingskonvention und der EMRK, die Überzeugungsgewissheit (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO) verschaffen, dass der Asylbewerber wegen systemischer Mängel des Asylverfahrens oder der Aufnahmebedingungen in dem eigentlich zuständigen Mitgliedstaat mit beachtlicher, d.h. überwiegender Wahrscheinlichkeit13 einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung ausgesetzt wird. Die Fokussierung der Prognose auf systemische Mängel ist dabei, wie sich aus den Erwägungen des Gerichtshofs zur Erkennbarkeit der Mängel für andere Mitgliedstaaten ergibt14, Ausdruck der Vorhersehbarkeit solcher Defizite, weil sie im Rechtssystem des zuständigen Mitgliedstaates angelegt sind oder dessen Vollzugspraxis strukturell prägen. Solche Mängel treffen den Einzelnen in dem zuständigen Mitgliedstaat nicht unvorhersehbar oder schicksalhaft, sondern lassen sich aus Sicht der deutschen Behörden und Gerichte wegen ihrer systemimmanenten Regelhaftigkeit verlässlich prognostizieren. Die Widerlegung der o.g. Vermutung aufgrund systemischer Mängel setzt deshalb voraus, dass das Asylverfahren oder die Aufnahmebedingungen im zuständigen Mitgliedstaat aufgrund größerer Funktionsstörungen regelhaft so defizitär sind, dass anzunehmen ist, dass dort auch dem Asylbewerber im konkret zu entscheidenden Einzelfall mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung droht. Dann scheidet eine Überstellung an den nach der Dublin-II-Verordnung zuständigen Mitgliedstaat aus. Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 19. März 2014 – 10 B 6.2014 –
ABl EU Nr. L 50 S. 1↩
EuGH – Große Kammer, Urteil vom 21.12 2011 – C-411/10 und Rs. – C-493/10, N.S. u.a., Slg. 2011, I-13905 Rn. 78 f. = NVwZ 2012, 417↩
EuGH a.a.O. Rn. 80↩
EuGH a.a.O. Rn. 104↩
EuGH a.a.O. Rn. 81 ff.↩
EuGH a.a.O. Rn. 86 und 94↩
EuGH a.a.O. Rn. 106 und LS 2; ebenso Urteil der Großen Kammer vom 14.11.2013 – C-4/11, Puid, NVwZ 2014, 129 Rn. 30↩
EuGH – Große Kammer, Urteil vom 10.12 2013 – C-394/12, Abdullahi, NVwZ 2014, 208 Rn. 60↩
ABl EU L Nr. 180 S. 31↩
EGMR – Große Kammer, Urteil vom 21.01.2011 – Nr. 30696/09, M.S.S./Belgien und Griechenland, NVwZ 2011, 413↩
“systemic failure”↩
EGMR, Entscheidungen vom 02.04.2013 – Nr. 27725/10, Mohammed Hussein u.a./Niederlande und Italien – ZAR 2013, 336 Rn. 78; vom 04.06.2013 – Nr. 6198/12, Daytbegova u.a./Österreich, Rn. 66; vom 18.06.2013 – Nr. 53852/11, Halimi/Österreich und Italien – ZAR 2013, 338 Rn. 68; vom 27.08.2013 – Nr. 40524/10, Mohammed Hassan/Niederlande und Italien, Rn. 176; und vom 10.09.2013 – Nr. 2314/10, Hussein Diirshi/Niederlande und Italien, Rn. 138↩
vgl. BVerwG, Urteil vom 27.04.2010 – 10 C 5.09, BVerwGE 136, 377 Rn. 22 m.w.N. = Buchholz 451.902 Europ. Ausl.- u. Asylrecht Nr. 39↩
EuGH, Urteil vom 21.12 2011 – C-411/10 und Rs. – C-493/10 – a.a.O. Rn. 88 bis 94↩
Weitere Informationen:Gemeinsames Europäisches Asylsystem – Ausnahmen von…Dublin-II-Verordnung – und systemische Mängel im…Asylbewerber in ItalienRücküberstellung nach ItalienDeutsche Zuständigkeit Asylverfahren – wegen…Versäumte Fristen im Dublin-Verfahren	Weiterlesen auf der Rechtslupe:
Themenseiten zu diesem Artikel: Anfechtungsklage, Asylantrag, Dublin-II-VO, Dublin-III-VO, Überstellungsverfahren	Weitere Beiträge aus diesem Rechtsgebiet: Verwaltungsrecht