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Timestamp: 2016-10-27 15:11:12
Document Index: 57465955

Matched Legal Cases: ['Art. 18', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 11', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'BGE', 'Art. 57', 'Art. 3', 'BGE']

8C_137/2013 (04.07.2013)
8C_137/2013 � � Urteil vom 4. Juli 2013
Unfallversicherung (R�ckfall; Kausalzusammenhang),
Beschwerde gegen den Entscheid des Versicherungs-gerichts des Kantons Aargau vom 30. November 2012.
M.________, geboren 1961, war bei der X.________ AG als Malerlehrling angestellt und in dieser Eigenschaft bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (nachfolgend: SUVA) gegen die Folgen von Unf�llen versichert, als er am 18. November 1979 mit seinem Mofa in einer Kurve frontal in ein entgegenkommendes Auto fuhr. Dabei zog er sich mehrere Br�che am linken Bein und an der linken Hand, eine Contusio cerebri mit frontalem Hygrom beidseits sowie eine Sch�delbasisfraktur zu. Die SUVA erbrachte die gesetzlichen Leistungen. M.________ schloss seine Lehre ab und arbeitete danach als Maler und in anderen T�tigkeiten. Die SUVA richtete ihm ab Dezember 1980 eine Invalidenrente bei einem Invalidit�tsgrad von 20 % aus; per 1. Januar 1987 fand infolge verbesserter wirtschaftlicher Verh�ltnisse eine Reduktion auf 10 % statt. Sie kam f�r verschiedene Leistungen im Rahmen von R�ckf�llen auf, so f�r Nachoperationen (vgl. etwa Bericht der Chirurgischen Klinik, Kantonsspital Y.________, vom 18. November 1981), f�r eine Haarplastik (vgl. Bericht der Klinik f�r Plastische und Wiederherstellungschirurgie, Kantonsspital Y.________, vom 28. September 1982) sowie in Zusammenhang mit der Femoro-Patellararthrose (Bericht Dr. med. B.________, Facharzt f�r orthop�dische Chirurgie, vom 13. Dezember 1993), und anerkannte auch die psychischen und kognitiven Beschwerden als Unfallfolge (vgl. etwa Notiz des Kreisarztes vom 6. Februar 1992 sowie kreis�rztlicher Bericht vom 23. September 1986 und 13. Oktober 1983 als auch Bericht des Dr. phil. C.________, Psychologe, Rehabilitationsklinik Z.________, vom 26. September 1984). W�hrend seiner Badeferien verlor M.________ infolge einer �berraschend grossen Welle am 18. (recte: 14.) August 2004 den Stand und wurde mitgerissen. Am 3. September 2004 verletzte sich M.________ an den Fingern, als ihm eine angehobene Steinplatte auf die H�nde fiel. Die SUVA lehnte ihre Leistungspflicht f�r die geklagten Beschwerden, welche M.________�vornehmlich auf den Unfall vom 18. November 1979 zur�ckf�hrte, mit Verf�gung vom 15. September 2005, best�tigt mit Einspracheentscheid vom 4. August 2011, ab. Den Entscheid des Versicherungsgerichts des Kantons Aargau vom 29. Februar 2012, mit welchem dieses die dagegen erhobene Beschwerde abwies, hob das Bundesgericht mit Urteil vom 10. Oktober 2012 (8C_390/2012) auf und wies die Sache zur Durchf�hrung einer �ffentlichen Verhandlung und neuen Entscheidung an die Vorinstanz zur�ck.
Mit Entscheid vom 30. November 2012 wies das Versicherungsgericht des Kantons Aargau nach Durchf�hrung einer Verhandlung die Beschwerde vom 13. September 2011 erneut ab.
M.________�f�hrt Beschwerde in �ffentlich-rechtlichen Angelegenheiten mit dem Antrag, es seien der vorinstanzliche Entscheid aufzuheben und ihm ab 1. September 2005 eine Invalidenrente von mindestens 50 % zuzusprechen.
Die Vorinstanz hat die Bestimmungen und Grunds�tze �ber den Anspruch auf eine Invalidenrente der Unfallversicherung (Art. 18 Abs. 1 UVG), die Leistungsvoraussetzungen des nat�rlichen (BGE 129 V 177 E. 3.1 S. 181 mit Hinweisen) und des ad�quaten Kausalzusammenhangs (BGE 129 V 177 E. 3.2 S. 181 mit Hinweis), namentlich bei Schleudertraumen und �quivalenten Verletzungen der HWS (BGE 134 V 109; 117 V 359 und 369) sowie bei psychischen Fehlentwicklungen nach Unf�llen (BGE 115 V 133), zutreffend dargelegt. Dasselbe gilt f�r den Begriff des R�ckfalls und der Sp�tfolgen (Art. 11 UVV) sowie der allenfalls damit verbundenen Leistungspflicht (BGE 118 V 293; RKUV 1994 Nr. U 206 S. 326). Darauf wird verwiesen.
Anzuf�gen bleibt, dass nach der Rechtsprechung die �rztlichen Ausk�nfte eine wichtige Grundlage sind f�r die Beurteilung der Frage, welche Arbeitsleistungen einer Person noch zugemutet werden k�nnen (BGE 132 V 93 E. 4 S. 99), und hinsichtlich des Beweiswertes eines �rztlichen Berichts entscheidend ist, ob dieser f�r die streitigen Belange umfassend ist, auf allseitigen Untersuchungen beruht, auch die geklagten Beschwerden ber�cksichtigt, in Kenntnis der Vorakten (Anamnese) abgegeben worden ist, in der Beurteilung der medizinischen Zusammenh�nge sowie Situation einleuchtet und die Schlussfolgerungen begr�ndet sind (BGE 134 V 231 E. 5.1 S.232; 125 V 351 E. 3a S. 352).
Streitig und zu pr�fen ist, ob die Vorinstanz mit der SUVA zu Recht die Ad�quanz der im Sinne eines R�ckfalls geltend gemachten Beschwerden zum Unfall vom 18. November 1979 verneint hat.
Gem�ss der Vorinstanz stehen die psychischen Beeintr�chtigungen im Vordergrund, weshalb sie die Pr�fung der Ad�quanz nicht nach der Rechtsprechung von BGE 134 V 109 (Schleudertraumapraxis, welche auch bei Sch�delhirntraumen zur Anwendung gelangt, BGE 117 V 369), sondern nach jener von BGE 115 V 133 (sogenannte Psycho-Praxis) vornahm. Dabei st�tzte sie sich auf die Einsch�tzung von Neuropsychologen (Gutachten des Dr. med. J.________ und der Frau lic. phil. A.________, Psychologisches Institut, Neuropsychologie, Universit�t U.________, vom 16. Juni 2009) sowie von Neurologen (Gutachten der Frau Dr. med. G.________, Fach�rztin f�r Neurologie, vom 18. September 2010 resp. noch als �rztin der Versicherungsmedizin, SUVA, vom 31. Juli 2006 sowie Bericht des Dr. med. W.________, Facharzt f�r Neurologie, vom 1. April 2009).
Dass diese �rzte kein somatisches Substrat f�r die geklagten Beschwerden feststellen konnten, reicht im Rahmen der speziellen Ad�quanzbeurteilung nach einem Sch�delhirntrauma nicht aus, um die geklagten Beschwerden als ein sich verselbstst�ndigtes psychisches Leiden zu qualifizieren. Soweit die Neurologin G.________ auf eine diagnostizierte Pers�nlichkeitsst�rung sowie angeblich mehrfache station�re Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken verweist, wird dies weder durch eine aktuelle psychiatrische Begutachtung noch entsprechende Berichte einer psychiatrischen Klinik erh�rtet. Daran �ndern auch die Berichte der Klinik T.________ vom 8. Juli 2005 und 21. Oktober 2010 nichts, da diese von der behandelnden Psychologin verfasst und von einem Psychiater resp. einer Psychiaterin lediglich visiert wurden. In den Akten findet sich denn auch nur ein Bericht des Dr. med. O.________, Facharzt f�r Psychiatrie und Psychotherapie, vom 19. Juli 1989, auf dessen Grundlage die SUVA im damaligen Zeitpunkt die Kausalit�t der psychischen Beschwerden bejahte. Dass sich an dieser Beurteilung etwas ge�ndert h�tte, l�sst sich keinem psychiatrischen Bericht entnehmen. Damit wird dem Erfordernis der fach�rztlichen (hier: psychiatrischen) Abkl�rung nicht gen�ge getan (BGE 134 V 109 E. 9.5 S. 125) und es ist auf Grund der Akten nicht ausgewiesen, dass die psychischen Beschwerden im Sinne der Rechtsprechung im Vordergrund stehen. Die Pr�fung der Ad�quanz hat demzufolge - entgegen der vorinstanzlichen Ansicht - nach den Kriterien f�r Sch�delhirntraumen (BGE 134 V 109 E. 10.3 S. 130) zu erfolgen.
Die Frage, ob die nat�rliche Kausalit�t gegeben ist, kann praxisgem�ss offen bleiben (vgl. Urteil 8C_234/2012 vom 26. Juli 2012 E. 5.3 mit Hinweis), da die Ad�quanz - wie nachfolgend gezeigt wird (E. 7) - zu verneinen ist.
Im Rahmen der Beurteilung der Ad�quanz ist die Vorinstanz weiter davon ausgegangen, beim Ereignis vom 18. November 1979 handle es sich, da sowohl der Versicherte als auch der entgegenkommende Personenwagen "relativ geringe Geschwindigkeiten aufwiesen", um einen mittelschweren Unfall an der Grenze zu den leichten (vgl. E. 3.5.3).
Diese Einsch�tzung ist unzutreffend: Gem�ss dem Polizeirapport vom 23. Dezember 1979 fuhr der Versicherte "mit voller Geschwindigkeit" und er handelte sich den Vorwurf des "Nichtanpassen (s) der Geschwindigkeit an die Verh�ltnisse" ein, worauf ihm die SUVA wegen "�bersetzter Geschwindigkeit" die Leistungen k�rzte. Weiter ist den Akten zu entnehmen, dass das Mofa des Versicherten 10 m weit weggeschleudert wurde und der Sachschaden an den Fahrzeugen Fr. 3100.- (Stand: 1979) betrug resp. beide Totalschaden erlitten (Polizeirapport vom 23. Dezember 1979 und Strafbefehl vom 26. Februar 1980). Schliesslich ist zu beachten, dass sich der Unfall vor Einf�hrung des Schutzhelmobligatoriums ereignete (vgl. Art. 57 Abs. 5 lit. b des Strassenverkehrsgesetzes vom 19. Dezember 1958 [SVG; SR 741.01] in Verbindung mit Art. 3b Abs. 1 der Verkehrsregelnverordnung vom 13. November 1962 [VRV; SR 741.11]) und der Versicherte sich schwere Kopfverletzungen zuzog. Angesichts dieses Geschehensablaufs und der gegebenen Umst�nde sowie der sich dabei auswirkenden Kr�fte ist das Ereignis vom 18. November 1979 nicht mit einem banalen Auffahrunfall vor einem Fussg�ngerstreifen oder einem Rotlicht (vgl. RKUV 2005 Nr U 549 S. 236 E. 5.1.2, U 380/04) gleichzustellen, sondern es ist von einem Unfall im eigentlich mittelschweren Bereich auszugehen.
Bez�glich der massgebenden Kriterien (BGE 134 V 109 E. 10.3 S. 130) ergibt sich Folgendes: Nicht gegeben ist das Kriterium der besonders dramatischen Begleitumst�nde oder der besonderen Eindr�cklichkeit des Unfalles. Angesichts der schweren Kopfverletzungen mit Bewusstlosigkeit bei Contusio cerebri mit grosser Rissquetschwunde der Kopfschwarte, Hygrom beidseits und Verdacht auf Sch�delbasisfraktur sowie der zus�tzlich zugezogenen Verletzungen (offene Femurschaftfraktur links, Patellatr�mmerfraktur links, Metacarpalefraktur II und III links) ist die Schwere oder besondere Art der Verletzung zu bejahen (vgl. etwa die Urteile 8C_263/2008 vom 20. August 2008 E. 3.3.3.3 und 8C_484/2007 vom 3.September 2008 E. 6.3.1); allerdings liegt das Kriterium nicht besonders ausgepr�gt vor. Auch wenn der Versicherte sich in all diesen Jahren immer wieder f�r Unfallfolgen �rztlich behandeln lassen musste (die SUVA kam mehrmals f�r Behandlungen im Rahmen von R�ckf�llen auf), ist eine fortgesetzt spezifische, belastende �rztliche Behandlung nicht ausgewiesen. Dasselbe gilt f�r das Kriterium der erheblichen Beschwerden, da der Versicherte in all den Jahren auch bessere Zeiten erlebte und die Einschr�nkungen in seinen allt�glichen Verrichtungen nicht in besonderem Masse auftraten. Eine �rztliche Fehlbehandlung ist nicht ausgewiesen. Ebenso wenig liegen ein schwieriger Heilungsverlauf oder erhebliche Komplikationen vor, da es daf�r nicht gen�gt, dass die geklagten Beschwerden andauern, sondern besonderer Umst�nde bedarf, die hier nicht gegeben sind (vgl. Urteil 8C_234/2012 vom 26. Juli 2012 E. 5.4 mit Hinweisen). Der Versicherte hat sich stets um Wiederaufnahme der Arbeit resp. um Aufrechterhaltung der Arbeitsf�higkeit bem�ht; ob angesichts der bereits infolge der bleibenden Einschr�nkungen sowie des sich wohl weiter verschlechternden Zustandes am linken Knie und der deshalb seit Dezember 1980 ausgerichteten Invalidenrente der UV eine erhebliche Arbeitsunf�higkeit gegeben ist, kann offen bleiben, da das Kriterium der erheblichen Arbeitsunf�higkeit trotz ausgewiesener Anstrengungen jedenfalls nicht besonders ausgepr�gt gegeben w�re. Damit liegen h�chstens zwei Kriterien in nicht besonders ausgepr�gter Weise vor, was f�r die Bejahung der Ad�quanz bei einem Unfall im eigentlich mittleren Bereich nicht ausreicht (vgl. SVR 2010 UV Nr. 25 S. 100 E. 4.5, 8C_897/2009). Im Ergebnis hat die Vorinstanz demnach einen R�ckfall resp. den Anspruch auf Leistungen �ber die bereits gew�hrte Invalidenrente hinaus zu Recht verneint.