Source: https://openjur.de/u/746022.html
Timestamp: 2017-11-21 17:27:49
Document Index: 181619487

Matched Legal Cases: ['§ 117', '§ 117', '§ 117', '§ 113', '§ 8', 'Art. 6', 'Art. 29', '§ 2', '§ 3', 'Art. 103', 'Art. 103', '§ 2', '§ 154', '§ 167', '§ 708', '§ 124', '§ 124', '§ 52']

VG München, Urteil vom 1. August 2014 - Az. M 6a K 14.250
Urteil vom 1. August 2014 - Az. M 6a K 14.250
VG München · Urteil vom 1. August 2014 · Az. M 6a K 14.250
M 6a K 14.250
openJur 2014, 23356
Mit der Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs vom 15. Mai 2014 über die Popularklagen gegen den ab 1.1.2013 geltenden Rundfunkbeitragsstaats-vertrag - RBStV - ist mit bindender Wirkung für die Bayerischen Verwaltungsgerichte geklärt, dass der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag keinen verfassungsrechtlichen Bedenken begegnetEntscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs vom 15. Mai 2014;Bindung der bayerischen Gerichte an Entscheidungen des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs;Nutzungsabhängiges Bezahl-Modell als Alternative zum Rundfunkbeitrag; Rundfunkbeitrag im privaten Bereich für eine Wohnung; Inhaber einer Wohnung als Beitragsschuldner; Verfassungsmäßigkeit des RBStV; Fälligkeit des Rundfunkbeitrags; Säumniszuschlag
Der Kläger war beim Beklagten seit September 1999 nur mit einem Hörfunk-, jedoch nicht mit einem Fernsehgerät gemeldet. Hierfür entrichtete er bis einschließlich Dezember 2012 Rundfunkgebühren in Höhe von monatlich a... Euro.
Nach der Umstellung von den Rundfunkgebühren auf den neuen Rundfunkbeitrag zum 1. Januar 2013 forderte der Beklagte mit mehreren Schreiben, nach Angaben des Klägers erstmals am ... Januar 2013, den Kläger auf, nunmehr monatlich 17,98 Euro Rundfunkbeitrag zu entrichten. Mit Schreiben vom ... Februar 2013 erklärte der Kläger gegenüber dem ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice, er sei nach wie vor nur Radioteilnehmer und deshalb nicht bereit, für Fernsehen zu bezahlen, das er nicht nutze und auch zukünftig nicht nutzen wolle. Obwohl der Beklagte mit Schreiben vom ... März 2013 und ... Juni 2013 die mit Einführung des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags veränderte Rechtslage erläuterte, gingen Zahlungen des Kläger nur in der bisheriger Höhe von monatlich a... Euro ein.
Deshalb setzte der Beklagte mit Bescheid vom ... Juli 2013 gegenüber dem Kläger für den Zeitraum Januar 2013 bis einschließlich März 2013 rückständige Rundfunkbeiträge in Höhe von b... Euro, bestehend aus c... Euro Rundfunkbeiträgen und 8,00 Euro Kosten, fest. Ausweislich der Kontoaufstellung ergibt sich, dass für den fraglichen Zeitraum vom Kläger d... Euro Rundfunkbeitrag gefordert werden zuzüglich eines Säumniszuschlags von 8,00 Euro und abzüglich zweier Zahlungseingänge seit ... Januar 2013 in Höhe von jeweils e... Euro.
Mit Schriftsatz vom ... Juli 2013 ließ der Kläger gegen den Bescheid des Beklagten vom ... Juli 2013 Widerspruch erheben, den der Beklagte mit Widerspruchsbescheid vom ... Dezember 2013 als unbegründet zurückwies.
Mit Schriftsatz seines Prozessbevollmächtigten vom ... Januar 2014, der am selben Tag einging, ließ der Kläger zum Bayerischen Verwaltungsgericht München Klage erheben mit dem Antrag,
den Beitragsbescheid des Beklagten vom ... Juli 2013 in Form des Widerspruchsbescheids vom ... Dezember 2013 aufzuheben.
Wie schon im Verwaltungsverfahren wird zur Klagebegründung vorgetragen, der Beitragsbescheid sei rechtswidrig, weil es sich beim Rundfunkbeitrag um eine Zwecksteuer handle, für deren Erhebung den Ländern die Gesetzgebungskompetenz fehle. Außerdem verstoße der wohnungsbezogene Rundfunkbeitrag gegen höherrangiges Recht wie das Grundgesetz, da von Haushalten unterschiedslos Rundfunkbeiträge verlangt würden, auch wenn in einem Haushalt keine Empfangsgeräte vorhanden seien und in einem anderen mehrere Empfangsgeräte gegebenenfalls sogar von mehreren Personen genutzt würden. Der Kläger halte seit Jahren kein Fernsehgerät zum Empfang bereit und wolle das auch zukünftig nicht tun. Das Gericht könne sich hiervon durch Einnahme eines Augenscheins überzeugen. Auf das Vorbringen der Klagepartei im Übrigen wird ergänzend Bezug genommen (§ 117 Abs. 3 VwGO).
Der Beklagte legte mit Schriftsatz vom ... März 2014 die Verwaltungsakte vor und beantragte,
Er weist insbesondere darauf hin, dass der Rundfunkbeitrag keine Steuer sei und aus sachlich vertretbaren Gründen nicht mehr wie die bisherige Rundfunkgebühr an das Bereithalten von Geräten anknüpfe, sondern an das Innehaben einer Wohnung, weil in mehr als 96% der deutschen Haushalte ein Fernsehgerät bereitgehalten werde. Auf das tatsächliche Vorhandensein eines Fernsehgeräts beim Kläger und dessen Absicht, keine Fernsehprogramme zu empfangen, komme es daher nicht (mehr) an. Auf das Vorbringen des Beklagten im Übrigen wird ergänzend Bezug genommen (§ 117 Abs. 3 VwGO).
Das Gericht hat zur Sache am ... August 2014 mündlich verhandelt.
Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten des Sachverhalts und des Vorbringens der Beteiligten im Übrigen wird auf die Gerichts- und Verwaltungsakte sowie die Niederschrift über die mündliche Verhandlung am ... August 2014 ergänzend Bezug genommen (§ 117 Abs. 3 VwGO analog).
Die Klage ist zulässig, aber unbegründet. Der streitgegenständliche Bescheid des Beklagten vom ... Juli 2013 in Form des Widerspruchsbescheids vom ... Dezember 2013 ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO analog).
1. Der Beklagte ist berechtigt, vom Kläger für den festgesetzten Zeitraum Januar 2013 bis einschließlich März 2013 rückständige Rundfunkbeiträge festzusetzen. Als Inhaber einer Wohnung ist der Kläger verpflichtet, Rundfunkbeiträge zu entrichten, unabhängig davon, ob und welche Rundfunkempfangsgeräte er in seiner Wohnung aktuell oder zukünftig bereithält.
1.1 Rechtsgrundlage für die Erhebung von Rundfunkbeiträgen ist seit dem 1. Januar 2013 der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag – RBStV – (in der Fassung der Bekanntmachung vom 7.6.2011 [GVBl S. 258], § 8 des Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrags in der Fassung der Bekanntmachung vom 27.7.2001 [GVBl S. 566], zuletzt geändert durch Art. 6 Nr. 8 des Fünfzehnten Rundfunkänderungsstaatsvertrags vom 7.6.2011).
Das Vorliegen dieser Voraussetzungen ist zwischen den Beteiligten unstreitig. Der Kläger ist Inhaber einer Wohnung, weshalb ihn der Beklagte zur Zahlung von Rundfunkbeiträgen in Anspruch nimmt.
1.2 Der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag begegnet keinen durchgreifenden verfassungsrechtlichen Bedenken. Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat am 15. Mai 2014 (BayVerfGH U.v. 15.5.2014, Az.: ... und ..., DVBl 2014, 848-854; die Entscheidung ist im Volltext veröffentlicht unter www.bayern.verfassungsgerichtshof.de) auf zwei Popularklagen hin unanfechtbar und für alle bayerischen Verfassungsorgane, Gerichte und Behörden bindend (Art. 29 Abs. 1 des Gesetzes über den Bayerischen Verfassungsgerichtshof - VfGHG -) insbesondere entschieden, dass die Vorschrift des § 2 Abs. 1 RBStV über die Erhebung eines Rundfunkbeitrags im privaten Bereich für jede Wohnung mit der Bayerischen Verfassung – BV – vereinbar sei (Leitsatz Nr. 1). Die Norm verstoße nicht gegen die Rundfunkempfangsfreiheit, die allgemeine Handlungsfreiheit, den allgemeinen Gleichheitssatz oder das Verbot der Benachteiligung behinderter Menschen (Rn. 62). Bei dem Rundfunkbeitrag handele es sich um eine nichtsteuerliche Abgabe, die zu regeln in die Gesetzgebungskompetenz der Länder falle. Sie sei sowohl im privaten wie auch im nicht privaten Bereich im Gegensatz zu einer Steuer nicht „voraussetzungslos“ geschuldet, sondern werde als Gegenleistung für das Programmangebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erhoben (Leitsatz Nr. 2). Die Abgabe habe den Charakter einer Vorzugslast; dem stehe nicht entgegen, dass auch die Inhaber von Raumeinheiten, in denen sich keine Rundfunkempfangsgeräte befinden, zahlungspflichtig seien. Der Verhältnismäßigkeitsgrundsatz zwinge den Gesetzgeber nicht dazu, eine Befreiungsmöglichkeit für Personen vorzusehen, die von der ihnen eröffneten Nutzungsmöglichkeit keinen Gebrauch machen wollten (Leitsatz Nr. 3). Im privaten Bereich werde mit der Anbindung der Beitragspflicht an das Innehaben einer Wohnung (§ 3 Abs. 1 RBStV) die Möglichkeit der Rundfunknutzung als abzugeltender Vorteil sachgerecht erfasst (Leitsatz Nr. 4).
Die gegen die Verfassungsmäßigkeit des Rundfunkbeitrags im Rahmen der Popularklagen vorgebrachten Argumente sind damit nicht durchgreifend. Ergänzend ist anzumerken, dass der Bayerische Verfassungsgerichtshof seine Prüfung bei Popularklageverfahren auf alle in Betracht kommenden Normen der Bayerischen Verfassung erstreckt, selbst wenn sie von der Antragspartei nicht als verletzt bezeichnet worden sind oder wenn sie keine Grundrechte verbürgen (Rn. 60). Nachdem in der Entscheidung vom 15. Mai 2014 eine Prüfung unter dem Gesichtspunkt des Eigentumsrechts nach Art. 103 Abs. 1 BV nicht stattfand ist offensichtlich, dass der Bayerische Verfassungsgerichtshof noch nicht einmal dessen Schutzbereich durch die Rundfunkbeitragspflicht als berührt angesehen hat. Gleichermaßen hat der Verfassungsgerichtshof Rhein-land-Pfalz in seinem Urteil vom 13. Mai 2014 (VGH B 35/12 – juris) auf eine Verfassungsbeschwerde gegen den RBStV hin den Schutzbereich unter anderem der Eigentumsfreiheit nach der Verfassung für Rheinland-Pfalz – LV – als schon gar nicht berührt erachtet und die Verfassungsbeschwerde insoweit als unzulässig angesehen (Rn. 37, 53). Die Rundfunkbeiträge hätten keine übermäßig belastende oder gar erdrosselnde Wirkung. Auch knüpfe die Abgabenpflicht nicht an den Hinzuerwerb von Eigentum oder den Bestand des Hinzuerworbenen an (juris Rn. 54). Von daher ist ein verfassungswidriger Eingriff in das Grundrecht auf Eigentum nach Art. 103 Abs. 1 BV nicht ersichtlich.
Zwar hat der Bayerische Verfassungsgerichtshof mit seiner Entscheidung unmittelbar nur die Vereinbarkeit des Rundfunkbeitragsstaatsvertrags mit der Bayerischen Verfassung überprüft. Es ist jedoch nicht ersichtlich und auch von Klägerseite nicht vorgetragen, inwieweit sich die mit den jeweiligen Normen der Bayerischen Verfassung korrespondierenden Regelungen des Grundgesetzes von diesen dermaßen unterscheiden sollten, dass mit der Entscheidung des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs nicht zugleich feststünde, dass der Rundfunkbeitragsstaatsvertrag – soweit dies bei dieser landesrechtlichen Norm überhaupt denkbar ist – gegen Normen des Grundgesetzes verstoßen sollte.
1.3 Hieraus folgt für den vorliegenden Fall, dass der Bescheid vom ... Juli 2013 materiell rechtmäßig ist. Der Kläger war für den Zeitraum Januar bis ein-schließlich März 2013 verpflichtet, einen monatlichen Rundfunkbeitrag in Höhe von 17,98 Euro zu bezahlen. Das folgt daraus, dass er zu diesem Zeitpunkt Inhaber einer Wohnung war und damit Beitragsschuldner im Sinne des § 2 Abs. 1 RBStV ist. Insoweit hat er Einwände gegen den vorliegenden Bescheid auch nicht erhoben. Gründe, die ausnahmsweise zu einer Befreiung von der Beitragspflicht oder einer Beitragsermäßigung hätten führen können bzw. müssen, liegen nicht vor.
1.4 Die gegen die Rechtmäßigkeit des Bescheids vom ... Juli 2013 erhobenen Einwendungen greifen nicht durch.
Vorliegend hatte der Kläger die für den festgesetzten Zeitraum fälligen Rundfunkbeiträge – unstrittig – nicht vollständig bezahlt, so dass der Beklagte den Säumniszuschlag von 8,00 Euro festsetzen durfte. Die Festsetzung ist auch der Höhe nach zutreffend, weil der Kläger b... Euro Rundfunkbeiträge schuldete, wovon 1% weniger als 8,00 Euro sind, so dass der Säumniszuschlag in Höhe von 8,00 Euro anzusetzen war. Der Kläger war auch säumig, da der Beklagte nicht verpflichtet ist, die Zahlung von Rundfunkbeiträgen nur in Höhe des früheren Hörfunkbeitrags zu akzeptieren, sondern geräteunabhängig den Monatsbeitrag in Höhe von 17,98 Euro vom Kläger verlangen darf.
3. Die Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO. Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit der Kostenentscheidung und die Abwendungsbefugnis haben ihre Rechtsgrundlage in § 167 Abs. 2, Abs. 1 VwGO i.V.m. §§ 708 ff. der Zivilprozessordnung – ZPO –.
4. Die Berufung war zuzulassen, weil die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat (§ 124a Abs. 1 Satz 1, § 124 Abs. 2 Nr. 3 VwGO).
Der Streitwert wird auf 27,38 Euro festgesetzt (§ 52 Abs. 3 Satz 1 Gerichtskostengesetz -GKG-).
Permalink: http://openjur.de/u/746022.html