Source: http://www.hensche.de/Verbesserungen_bei_Pflegezeit_Gesetzentwurf_Vereinbarkeit_Familie_Pflege_Beruf_28.10.2014.html
Timestamp: 2017-01-23 14:38:47
Document Index: 371022789

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 3', '§ 616', '§ 616', '§ 2', '§ 3']

ARBEITSRECHT AKTUELL // 14/362
Dem Ge­setz­ent­wurf zu­fol­ge sol­len Ar­beit­neh­mer, die ei­ne kur­ze Aus­zeit zur Akut­pfle­ge be­nö­ti­gen, künf­tig ei­nen An­spruch auf Lohn­er­satz­zah­lun­gen durch die Kran­ken­kas­se er­hal­ten. Au­ßer­dem soll es künf­tig ei­nen Rechts­an­spruch auf ei­ne län­ge­re als sechs­mo­na­ti­ge Aus­zeit ge­ben so­wie auf ein er­gän­zen­des staat­li­ches Dar­le­hen, um die fi­nan­zi­el­len Ein­bu­ßen ab­zu­fe­dern.
Pfle­ge­un­terstützungs­geld als Lohn­er­satz­leis­tung der Kran­ken­kas­se bei kurz­zei­ti­ger Akut­pfle­ge bis zu zehn Ta­gen
Zins­lo­ses Dar­le­hen zur Ab­mil­de­rung von Ge­halts­ein­bußen, die in­fol­ge ei­ner Pfle­ge­zeit ent­ste­hen
Ge­setz­li­cher An­spruch auf ei­ne Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit plus zins­lo­ses Dar­le­hen zur Ab­mil­de­rung von Ge­halts­ein­bußen
Er­wei­te­rung des An­wen­dungs­be­reichs der Re­ge­lun­gen zur Pfle­ge­zeit und Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit
Fa­zit: Der Ge­setz­ge­ber packt end­lich das Pro­blem der Fi­nan­zie­rung von Pfle­ge­zei­ten an
Pfle­ge­un­terstützungs­geld als Lohn­er­satz­leis­tung der Kran­ken­kas­se bei kurz­zei­ti­ger Akut­pfle­ge bis zu zehn Ta­gen Nach dem Pfle­ge­zeit­ge­setz (Pfle­geZG) können Ar­beit­neh­mer bis zu ma­xi­mal zehn Ta­ge oh­ne Vor­ankündi­gung von der Ar­beit fern­blei­ben, um sich um ei­nen aku­ten Pfle­ge­fall in ih­rer Fa­mi­lie zu kümmern (§ 2 Abs.1 Pfle­geZG). Länge­re Aus­zei­ten bis zu höchs­tens sechs Mo­na­ten heißen "Pfle­ge­zeit" und sind vor­her an­zukündi­gen (§ 3 Pfle­geZG).
Mit den „an­de­ren ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten“ ist hier vor al­lem § 616 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ge­meint. Da­nach bleibt der Vergütungs­an­spruch be­ste­hen, wenn der Ar­beit­neh­mer „für ei­ne verhält­nismäßig nicht er­heb­li­che Zeit durch ei­nen in sei­ner Per­son lie­gen­den Grund oh­ne sein Ver­schul­den an der Dienst­leis­tung ver­hin­dert wird“. Da die Pfle­ge­bedürf­tig­keit na­her An­gehöri­ger als „in der Per­son des Ar­beit­neh­mers“ lie­gen­der Ver­hin­de­rungs­grund an­er­kannt ist, können Ar­beit­neh­mer für ei­ni­ge Ta­ge Lohn­fort­zah­lung ver­lan­gen, wenn sie ei­nen An­gehöri­gen pfle­gen. Al­ler­dings wird die zeit­li­che Gren­ze hier bei et­wa fünf Ta­gen ge­zo­gen, so dass auf der Grund­la­ge von § 616 Satz 1 BGB kei­ne Pflicht des Ar­beit­ge­bers be­steht, den Lohn für die Ma­xi­mal­dau­er von zehn Ar­beits­ta­gen bzw. zwei Wo­chen ei­ner kurz­zei­ti­gen Ar­beits­ver­hin­de­rung im Sin­ne von § 2 Pfle­geZG zu be­zah­len.
Zins­lo­ses Dar­le­hen zur Ab­mil­de­rung von Ge­halts­ein­bußen, die in­fol­ge ei­ner Pfle­ge­zeit ent­ste­hen Ar­beit­neh­mer, die ei­ne Pfle­ge­zeit in An­spruch neh­men, d.h. ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung oder völli­ge Frei­stel­lung von der Ar­beit bis zur Höchst­dau­er von sechs Mo­na­ten auf der Grund­la­ge von § 3 Pfle­geZG, sol­len künf­tig ein zins­lo­ses Dar­le­hen er­hal­ten, um die Ge­halts­ein­bußen bes­ser ver­kraf­ten zu können. Das Dar­le­hen ist beim Bun­des­amt für Fa­mi­lie und zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be zu be­an­tra­gen und deckt die Hälf­te der Ge­halts­ein­bußen ab, die in­fol­ge der Pfle­ge­zeit ent­ste­hen. Das Dar­le­hen soll in mo­nat­li­chen Ra­ten aus­ge­zahlt wer­den. Es beträgt min­des­tens 50 EUR pro Mo­nat.
Ge­setz­li­cher An­spruch auf ei­ne Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit plus zins­lo­ses Dar­le­hen zur Ab­mil­de­rung von Ge­halts­ein­bußen Nach der bis­he­rig gel­ten­den Fas­sung des Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit­ge­set­zes (FPfZG) können Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer ei­ne vorüber­ge­hen­de Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung ver­ein­ba­ren ("Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit"), die die ma­xi­mal sechs­mo­na­ti­ge Pfle­ge­zeit nach dem Pfle­geZG ergänzen soll.
Die Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit nach dem FPfZG kann deut­lich länger als ei­ne Pfle­ge­zeit auf der Grund­la­ge des Pfle­geZG dau­ern, nämlich ma­xi­mal zwei Jah­re bzw. 24 Mo­na­te, wo­bei die wöchent­li­che Ar­beits­zeit aber nicht un­ter 15 St­un­den ab­ge­senkt wer­den darf. Während der Dau­er ei­ner Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit erhält der Ar­beit­neh­mer ei­nen Teil sei­ner Net­to­lohn­ein­bußen als Ar­beit­ge­ber­vor­schuss und muss die­sen Vor­schuss später wie­der zurück­zah­len bzw. ab­ar­bei­ten. Ein An­spruch auf Ver­ein­ba­rung ei­ner Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit be­steht nach bis­he­ri­ger Rechts­la­ge nicht. Und auf­grund der Ri­si­ken für den Ar­beit­ge­ber, den von ihm gewähr­ten Lohn­vor­schuss in der Nach­pfle­ge­pha­se zurück­zu­er­hal­ten, wur­den Ver­ein­ba­run­gen über ei­ne Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit nicht oft ge­trof­fen.
Er­wei­te­rung des An­wen­dungs­be­reichs der Re­ge­lun­gen zur Pfle­ge­zeit und Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit Während die kurz­zei­ti­ge Aus­zeit von zehn Ar­beits­ta­gen zur Re­ge­lung von Pfle­ge­notständen von al­len Ar­beit­neh­mern in An­spruch ge­nom­men wer­den kann, bleibt es da­bei, dass die sechs­mo­na­ti­ge Pfle­ge­zeit und die bis zu 24 Mo­na­te lan­ge Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit Ar­beit­neh­mern vor­be­hal­ten ist, die in Be­trie­ben mit mehr als 15 Beschäftig­ten tätig sind.
Al­ler­dings wird der Be­griff des "na­hen An­gehöri­gen" er­wei­tert, so dass künf­tig mehr Pfle­ge­si­tua­tio­nen un­ter den An­wen­dungs­be­reich des Pfle­geZG und des FPfZG fal­len. Die Ansprüche auf Frei­stel­lun­gen bzw. Ver­rin­ge­run­gen der Ar­beits­zeit be­ste­hen nicht nur dann, wenn Ar­beit­neh­mer ih­re Ge­schwis­ter, Großel­tern, El­tern, Schwie­ger­el­tern, Ehe­gat­ten, Le­bens­part­ner oder Part­nern ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft pfle­gen wol­len, son­dern auch für die Pfle­ge von Stie­f­el­tern, Sch­wa­gern und Schwäge­rin­nen so­wie für Part­ner in le­bens­part­ner­schaftsähn­li­chen Ge­mein­schaf­ten. Außer­dem gel­ten wie bis­her Kin­der und Ad­op­tiv- oder Pfle­ge­kin­der so­wie Kin­der und Ad­op­tiv- oder Pfle­ge­kin­der des Ehe­gat­ten oder Le­bens­part­ners so­wie Schwie­ger- und En­kel­kin­der als na­he An­gehöri­ge.
Fa­zit: Der Ge­setz­ge­ber packt end­lich das Pro­blem der Fi­nan­zie­rung von Pfle­ge­zei­ten an Seit Er­lass des Pfle­geZG und des FPfZG wird kri­ti­siert, dass der An­spruch auf ei­ne ma­xi­mal zehntägi­ge Aus­zeit, der An­spruch auf ei­ne ma­xi­mal sechs­mo­na­ti­ge Pfle­ge­zeit so­wie das im bis­he­ri­gen FPfZG ent­hal­te­ne Re­ge­lungs­an­ge­bot, frei­wil­lig ei­ne um­ge­dreh­te Al­ters­teil­zeit zu ver­ein­ba­ren (erst be­zahl­te Frei­stel­lung zwecks Pfle­ge, dann Nach­ar­bei­ten der aus­ge­fal­le­nen Ar­beits­zeit) al­le­samt am Pro­blem der un­zu­rei­chen­den fi­nan­zi­el­len Grund­la­ge für den pfle­gen­den Ar­beit­neh­mer kran­ken.
Kri­tisch ist an­zu­mer­ken, dass die hälf­ti­ge staat­li­che Fi­nan­zie­rung des Lohn­aus­falls in Form ei­nes zins­lo­sen Dar­le­hens un­zu­rei­chend ist. Not­wen­dig wären wei­te­re fi­nan­zi­el­le An­rei­ze, z.B. in Form ei­ner Net­to­ge­halts­kom­po­nen­te, die der Staat ne­ben dem Dar­le­hen als nicht rück­zahl­ba­ren Zu­schuss gewährt. Na­he­lie­gend wäre es auch, Ar­beit­neh­mer während ei­ner pfle­ge­zeit- bzw. fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit­be­ding­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung von So­zi­al­ab­ga­ben zu ent­las­ten, da­mit während der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit mehr Net­to vom Brut­to bleibt. Dass man als pfle­gen­der An­gehöri­ger trotz re­du­zier­ter Ar­beits­zeit und dem­ent­spre­chend ge­rin­ge­ren Ar­beits­ein­kom­mens die re­gulären Beiträge zur Kran­ken­ver­si­che­rung, Pfle­ge­ver­si­che­rung (!) und Ren­ten­ver­si­che­rung zah­len soll, wer­den vie­le pfle­gen­de Ar­beit­neh­mer als un­ge­recht emp­fin­den, denn schließlich pro­fi­tie­ren Kran­ken­kas­sen und Ren­ten­ver­si­che­run­gen durch die­ses En­ga­ge­ment er­heb­lich.
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/071 Er­leich­te­rung der Pfle­ge von An­gehöri­gen ge­plant Ar­beits­recht ak­tu­ell: 10/052 Re­form des Pfle­geZG Ar­beits­recht ak­tu­ell: 09/220 Pfle­ge­zeit darf nicht mehr­mals ge­nom­men wer­den
Bewertung: Ver­bes­se­run­gen bei der Pfle­ge­zeit