Source: http://www.kuselit.de/rezension/14544/Bayerisches-Kinderbildungs--und--betreuungsgesetz.html
Timestamp: 2017-11-20 01:56:02
Document Index: 120111095

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 3', '§ 5', '§ 6', '§ 7', '§ 9', '§ 10', '§ 11', '§ 12', '§ 13', '§ 22']

Heike Jung, Simon Lehner - Bayerisches Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz
Heike Jung, Simon Lehner
3-415-03634-0
Bayern ist vorbildlich, was Kinderbildung und -betreuung angeht. Das Neueste: der bayerische Entwurf eines Gesetzes über genetische Untersuchungen zur Klärung der Abstammung in der Familie schont die Familie.[1] Der biologische Vater soll einen Anspruch auf Kenntnis der Abstammung nur dann haben, wenn keine sozial-familiäre Beziehung zwischen dem Kind und dem rechtlichen Vater besteht. Unabhängig davon ist Bayern fortschrittlich: Nach den Vorstellungen des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe) [2] sollen zwar Tagesein­richtungen für Kinder und Kindertagespflege gleicher­maßen
1. die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemein­schaftsfähigen Persönlichkeit fördern,
3. den Eltern dabei helfen, Erwerbstätigkeit und Kindererziehung besser mit­einander vereinbaren zu können”.
Obwohl danach weder „bestmögliche Bildungs­erfahrung noch Bildungschancen” zum gesetzgeberischen Ziel gehören, hat Bayern, gestützt auf Artikel 70 Grundgesetz, einen eigenen Weg beschritten und mit dem 1. August 2005 das frühere Bayerische Kindergartengesetz aus dem Jahr 1972 explizit durch das Bayerische Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz (BayKiBiG) ab­gelöst.
Das ist beachtenswert und modern zugleich, weil es die Zeichen der Zeit mit ihren Veränderungen der Bildungslandschaft aktiv angeht. Da kann es ruhig dahin­stehen, ob es sich noch um ein Ausführungsgesetz zum SGB VIII handelt, oder doch schon um ein eigenständiges Bildungsgesetz. Eine Besuchsquote von nahezu 100% aller Kinder im Kindergartenalter bei einer Berufstätigkeit von (nur) etwa 2/3 der Mütter belegt, dass es vor allem um Bildung geht. Und das ist gut so.
Dr. Heike Jung und Simon Lehner vom Referat Familienförderung, Familien­bildung im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung beziehen kompetent und zuverlässig die vielfältigen Änderungen und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im Bereich der Kindertagestageseinrichtungen in ihre Kommentierung des BayKiBiG ein.
Sie besprechen in der üblichen Form die einzelnen Artikel, wobei in der Regel eine Inhaltsübersicht vorangestellt wird. Die einzelnen Absätze erhalten fortlaufende Rand­ziffern, was eine Zitierung erleichtert. Gelungen ist die Einflechtung von anschaulichen Beispielen, die im Text zur besonderen Beachtung abgesetzt sind. Auch die Verwendung graphischer Übersichten erleichtert das Verständnis der nicht immer leichten Materie. Die einschlägige Rechtsprechung ist angemessen eingearbeitet.
Dieselbe handwerkliche Qualität findet sich in der Kommentierung der Verordnung zur Ausführung des Bayerischen Kinderbildungs- und -betreuungsgesetzes (AVBayKiBiG) ab Randziffer 222 des Werkes. In der Vorbemerkung dazu wird noch einmal auf die bayerische Bildungspolitik hingewiesen, die über die bundesrechtlichen Vorgaben hinaus allen Kindern frühzeitig bestmögliche Bildungserfahrungen bieten will. Die Ausführungsverordnung ist so gestaltet, dass der Bildungs- und Erziehungsplan sowie das Hortrahmenkonzept nicht zur Gänze verbindlich erklärt werden mussten.
Zu den zu vermittelnden Basiskompetenzen (§ 2) gehört unter anderem auch das „Lernen des Lernens“. Die Kommentierung gibt eine wertvolle praktische Anleitung dafür, welche Schritte in welcher Reihenfolge unternommen werden können, wenn Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung (§ 3) vorliegen. Eine besondere Würdigung verdienen die Ausführungen zu sprachlicher Bildung und Förderung (§ 5), mathematischer (§ 6), naturwissenschaftlicher und technischer Bildung (§ 7), ein­schließlich der informationstechnischen Bildung, der Medienbildung und -erziehung (§ 9). Erfreulich sind die Vorschläge zur Umsetzung der Bildungsziele vor allem im Bereich der ästhetischen (§ 10), die man sich in ähnlicher Weise auch für die Bereiche der musikalischen Bildung und Erziehung (§ 11), Bewegung (§ 12) und Gesundheit (§ 13) wünschen würde. Detailliert und gut geeignet für die Praxis werden auch die Anforderungen an das Personal erläutert, die mit einer Darstellung der Rechenvorgänge und vielen nützlichen Beispielen verständlich gemacht werden. Im Anhang findet sich eine Reihe von Mustern, mit denen die Praxis arbeiten muss und kann, z.B.
- das Muster für eine Gastkindbescheinigung,
- eine Musterbetriebserlaubnis, und ein
- Antrag auf Anerkennung der Bedarfsnotwendigkeit bzw. Gastkindfinanzierung und
Das Werk wird abgerundet durch ein Stichwortverzeichnis, das die Beschäftigung mit gezielten Fragestellungen ermöglicht.
Das Werk lässt nichts zu wünschen übrig. Es informiert sachlich und zuverlässig über alle Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Bildung und Betreuung der Kinder ergeben und bietet praktische Unterstützung bei der Bewältigung rein administrativer Aufgaben bis hin zur Finanzierung integrativer Einrichtungen, um nur ein Beispiel zu nennen. Mit der von den Autoren gebotenen Konzeption bietet das Werk über den Bereich Bayern hinaus einen hohen Nutzen für jeden, der sich beruflich mit der Kinderbetreuung befasst.
[1] § 22 SGB VIII in der seit 1. Januar 2005 geltenden Fassung
[2] Der Bundesrat hat am 30.03.2007 beschlossen, diesen Entwurf beim Bundestag (BR-Drs. 193/07) einzubringen.