Source: https://www.advocatio.de/die_erbrechtsordnungen.html
Timestamp: 2019-08-21 18:32:23
Document Index: 294114595

Matched Legal Cases: ['§ 1924', '§ 1924', '§ 1924', '§ 1924', '§ 1924', '§ 1925', '§ 1925', '§ 1925', '§ 1925', '§ 1925', '§ 1925', '§ 1925', '§ 1926', '§ 1926', '§ 1926', '§ 1926', '§ 1928', '§ 1929', '§ 1927', '§ 1935', '§ 1935']

Die Erbrechtsordnungen
Das Gesetz regelt in den §§ 1924 ff. BGB die einzelnen Erbrechtsordnungen.
Erben erster Ordnung sind die „Abkömmlinge“ des Erblassers (§ 1924 BGB). Unter „Abkömmlingen“ sind nicht nur die Kinder zu verstehen, sondern auch Kindeskinder, das heißt Enkelkinder, Urenkelkinder und Ur-Urenkelkinder. Der Begriff „Abkömmlinge“ ist somit weiter als der des „Kindes“ und erfasst alle Personen, die vom Erblasser abstammen. Hierunter fallen auch nichteheliche Abkömmlinge und adoptierte Abkömmlinge.
Innerhalb der 1. Ordnung gelten folgende Prinzipien:
Kinder erben zu gleichen Teilen (§ 1924 Abs. 4 BGB).
Aufgrund des Repräsentationsprinzips schließt ein zur Zeit des Erbfalls lebendes „Stammoberhaupt“ die durch ihn mit dem Erblasser verwandten Abkömmlinge von der Erbfolge aus (§ 1924 Abs. 2 BGB).
Lebt beim Erbfall ein Abkömmling nicht mehr oder schlägt er die Erbschaft aus, treten an seine Stelle die durch ihn mit dem Erblasser verwandten Abkömmlinge. Hierdurch verwirklicht sich eine Erbfolge nach Stämmen (§ 1924 Abs. 3 BGB).
Der verwitwete Erblasser hatte drei Kinder, nämlich eine Tochter und zwei Söhne. Alle drei Kinder haben ihrerseits zwei Kinder, so dass die Familie aus dem Erblasser, drei Kindern und sechs Enkelkindern bestand. Einer der Söhne ist jedoch bereits vor dem Erblasser verstorben. Der zweite Sohn schlägt die Erbschaft aus. Erben werden damit die Tochter zu ein Drittel und die vier Kinder der beiden Söhne zu jeweils ein Sechstel. Die Kinder der Tochter werden nicht Erben, da ihre Mutter diesen Stamm repräsentiert und sie von der Erbfolge ausschließt. Anders ist dies bei den beiden Söhnen. Da diese durch einen vorangehenden Tod beziehungsweise die Ausschlagung der Erbschaft weggefallen sind, treten aufgrund des Stammprinzips deren Kinder jeweils an ihre Stelle.
Sind beim Tod des Erblassers keine Erben erster Ordnung vorhanden, kommen die Erben zweiter Ordnung zum Zuge. Das sind die Eltern des Erblassers und deren Abkömmlinge, somit Geschwister, Neffen und Nichten (§ 1925 Absatz 1 BGB).
Innerhalb der 2. Ordnung gelten folgende Prinzipien:
Leben zum Zeitpunkt des Erbfalls beide Elternteile, erben sie zu gleichen Teilen. Bei einem ledigen Erblasser fällt ihnen jeweils die Hälfte des Nachlasses zu (§ 1925 Absatz 2 BGB). Die Geschwister des Erblassers erben nicht.
Lebt ein Elternteil nicht mehr, fällt dessen Erbteil an seine Abkömmlinge (§ 1925 Absatz 3 Satz 1 BGB). Unter den Abkömmlingen des vorverstorbenen Elternteils gelten das Repräsentationsprinzip sowie das Stammprinzip gemäß der Erbfolge in der ersten Ordnung.
Sind keine Abkömmlinge des vorverstorbenen Elternteils vorhanden, erbt der überlebende Elternteil allein, somit auch den Erbteil des anderen Elternteils (§ 1925 Absatz 3 Satz 2 BGB).
Der Erblasser verstirbt unverheiratet und ohne Kinder zu hinterlassen. Sein Nachlass fällt zu gleichen Teilen an seine Eltern, wenn beide noch leben und die Erbschaft annehmen (§ 1925 Absatz 2 BGB). Leben hingegen nur noch die Mutter des Erblassers sowie sein Bruder, erbt die Mutter die Hälfte des Nachlasses. An die Stelle des vorverstorbenen Vaters tritt der Bruder, der damit die andere Hälfte erbt (§ 1925 Absatz 3 Satz 1 BGB). Ist auch dieser bereits verstorben, ohne selber Abkömmlinge hinterlassen zu haben, erbt die Mutter alleine (§ 1925 Absatz 3 Satz 2 BGB). Hat der vorverstorbenen Bruder hingegen Kinder hinterlassen, so erben diese Neffen des Erblassers die Hälfte des Nachlasses neben der Mutter des Erblassers.
Auch geschiedene Eltern des Erblassers sind gesetzliche Erben der 2. Ordnung. Will beispielsweise die geschiedene Mutter eines Kindes, welches selber noch keine eigenen Kinder hat, verhindern, dass ihr Nachlass im Erbfall an das Kind und danach, im Falle des Nachversterbens des Kindes, an den „Ex-Mann“ und Vater des gemeinschaftlichen Kindes fällt, muss die geschiedene Mutter ein sogenanntes „Geschiedenentestament“ errichten.
Sind zum Zeitpunkt des Erbfalls keine gesetzlichen Erben der 1. oder der 2. Ordnung vorhanden, kommen die Erben der 3. Ordnung zum Zuge. Hierzu zählen die Großeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge, somit Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins (§ 1926 Absatz 1 BGB).
Innerhalb der 3. Ordnung gelten folgende Prinzipien:
Wenn alle Großeltern noch am Leben sind, erben sie allein und jeder erhält ein Viertel des Nachlasses (§ 1926 Absatz 2 BGB).
Ist ein Großelternteil, also Großvater oder Großmutter, bereits vorverstorben, so erhalten dessen Abkömmlinge den Erbteil von ein Viertel (§ 1926 Absatz 3 S. 1 BGB). Hat der vorverstorbene Großelternteil keine Abkömmlinge hinterlassen, so fällt der Erbteil von 1/4 an den anderen Teil des Großelternpaars. Ist dieser ebenfalls vorverstorben, fällt der Erbteil an dessen Abkömmlinge.
Lebt ein Großelternpaar nicht mehr und hat es auch keine Abkömmlinge hinterlassen, erbt das andere Großelternpaar allein (§ 1926 Absatz 4 BGB).
Soweit nach den vorangehend dargelegten Prinzipien Abkömmlinge an die Stelle von Großeltern treten, gelten unter diesen wieder das Stammprinzip und das Repräsentationsprinzip entsprechend den Regelungen in der ersten Ordnung.
Die kinderlose, ledige Erblasserin war das einzige Kind ihrer vorverstorbenen Eltern. Ihre Mutter hatte keine Geschwister. Der Vater hatte eine Schwester und einen Bruder, also Tante und Onkel der Erblasserin. Der Onkel lebt noch, die vorverstorbene Tante hinterlässt zwei Söhne, somit Cousins der Erblasserin. Keiner der vier Großelternteile lebt zum Zeitpunkt des Todes der Erblasserin. Der Nachlass der Erblasserin geht zur Hälfte an den Onkel und zu je einem Viertel an die beiden Cousins.
4. Erben vierter Ordnung
Gesetzliche Erben 4. Ordnung sind die Urgroßeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge (somit Großonkel, Großtante, Großcousine, Großcousin (§ 1928 BGB).
Innerhalb der 4. Ordnung gelten folgende Prinzipien:
Wenn Urgroßeltern leben, erben diese allein. Mehrere Urgroßeltern erben zu gleichen Teilen.
Leben keine Urgroßeltern mehr, so erbt von ihren Abkömmlingen derjenige, der mit dem Erblasser dem Grade nach am nächsten verwandt ist. Damit gilt in der vierten Ordnung das Gradualprinzip, wenn keine Urgroßeltern mehr leben. Mehrere gleich nahe Verwandte erben zu gleichen Teilen.
5. Erben fernerer Ordnungen
Sind keine Erben in der ersten bis zur vierten Ordnung vorhanden, erben entferntere Voreltern des Erblassers (§ 1929 BGB). Innerhalb der fünften Ordnung gelten die gleichen Prinzipien wie in der vierten Ordnung. Damit gelten folgende Prinzipien:
Wenn Ur-Urgroßeltern leben, erben diese alleine, gegebenenfalls mehrere zu gleichen Teilen.
Leben keine Ur-Urgroßeltern mehr, jedoch Abkömmlinge von diesen, so erbt derjenige, der mit dem Erblasser am nächsten verwandt ist. Somit gilt auch hier das Gradualprinzip. Mehrere gleich nahe Verwandte erben zu gleichen Teilen.
Bei weiter entfernteren Ordnungen gelten die gleichen Prinzipien.
6. Mehrfache Verwandtschaft
Das Stamm- und Linearsystem kann dazu führen, dass eine Person in Bezug auf den Erblasser mehreren Stämmen angehört. Dies ist beispielsweise möglich, wenn die Person aus einer Ehe zwischen Verwandten im Wege einer Erwachsenenadoption so als Kind angenommen wurde, dass seine bisherigen Verwandtschaftsverhältnisse bestehen blieben. Für diesen Fall bestimmt § 1927 BGB, dass jeder Anteil an der Erbschaft als gesonderter Anteil gilt. Dies führt dazu, dass jeder Anteil gesondert ausgeschlagen werden kann und über ihn gesondert verfügt werden kann. Die einzelnen Erbanteile werden im Ergebnis rechtlich völlig getrennt behandelt.
7. Erhöhung des Erbrechts
Zu einer Erhöhung des Erbteils kommt es, wenn ein gesetzlicher Erbe, der neben einem anderen gesetzlichen Erben geerbt hätte, wegfällt, beispielsweise infolge eines Vorversterbens, einer Erbausschlagung oder einer Feststellung der Erbunwürdigkeit. In einem solchen Fall fällt der Erbteil des weggefallenen, gesetzlichen Erben im Wege der Anwachsung dem oder den verbleibenden Erben an. Anders als im Falle mehrfacher Verwandtschaft vereinigen sich die Erbteile jedoch grundsätzlich zu einem Erbteil. Hinterlässt beispielsweise ein Erblasser einen Sohn und eine Tochter und schlägt die Tochter die Erbschaft aus, so wird der Sohn Alleinerbe. Er erhält dann nicht zwei Erbteile zu jeweils ein Halb, sondern einen Erbteil als Alleinerbe.
Nun kann es jedoch geschehen, dass der Erbteil des weggefallenen Erben mit Auflagen und Ausgleichungsansprüchen belastet ist, die über den Wert des Erbteils hinausgehen. In einem solchen Fall könnte sich durch die Anwachsung des Erbteils des weggefallenen Erben eine wirtschaftliche Schlechterstellung des bisher unbelasteten Erben ergeben. Aus diesem Grunde bestimmt § 1935 BGB, dass dann, wenn ein gesetzlicher Erbe wegfällt und sich infolge dessen der Erbteil eines anderen Erben erhöht, der Teil, um den sich der Erbteil erhöht, in Ansehung von Vermächtnissen, Auflagen und sonstigen Beschwerungen als besonderer Erbteil gilt. Hierdurch wird vermieden, dass sich durch die Anwachsung der ursprüngliche Anteil des gesetzlichen Erben wertmäßig vermindert.
Der Erblasser hinterlässt einen Sohn und eine Tochter und ein Vermögen in Höhe von 200.000 €. Die Erbteile des Sohnes und der Tochter betragen jeweils ein Halb und entsprechen wertmäßig somit 100.000 €. Der Erbteil der Tochter ist jedoch mit Beschwerungen, wie Vermächtnissen und Auflagen im Wert von mehr als 100.000 €, belastet. Aus diesem Grunde schlägt die Tochter die Erbschaft aus. Durch die Ausschlagung fällt der belastete Erbteil dem Sohn zu. Dieser kann jedoch nicht den ursprünglich angefallenen Erbteil annehmen und den durch die Ausschlagung seiner Schwester erworbenen Erbteil ausschlagen, da es sich nach der Anwachsung bei ihm nicht mehr um zwei getrennte Erbteile von jeweils ½ handelt, sondern um einen Erbteil, den er erworben hat. Dies würde dazu führen, dass die Belastungen des Erbteils seiner Schwester auch seinen „originären“ Erbteil belasten würden. Um diesen Nachteil für den Erben, dem ein weiterer Erbteil angewachsen ist, zu vermeiden, regelt § 1935 BGB, dass im Hinblick auf die Auflagen und Beschwerungen die Erbteile als getrennt zu betrachten sind. Im Ergebnis muss der Sohn die Auflagen und Beschwerungen nur mit der durch die Ausschlagung der Schwester erhaltenen Hälfte erfüllen. Er kann die Erfüllung verweigern, soweit diese angewachsene Hälfte für die Erfüllung nicht ausreicht.