Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/nikotinfreies-aroma-gummibaerchen-3123875
Timestamp: 2019-12-15 11:23:43
Document Index: 313598506

Matched Legal Cases: ['§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10', '§ 10']

Niko­tin­frei­es Aro­ma Gum­mi­bär­chen für Kin­der | Rechtslupe
Niko­tin­freie Aro­ma­stof­fe und deren Behält­nis­se fal­len nicht unter § 10 Abs. 4 Jugend­schutz­ge­setz. Ein niko­tin­frei­es Aro­ma Gum­mi­bär­chen darf im Inter­net ohne Alters­be­schrän­kung ver­kauft wer­den.
Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer wett­be­werbs­recht­li­che Unter­las­sungs­kla­ge kei­nen Erfolg beschie­den und damit das erst­in­stanz­li­che Urteil des Land­ge­richts Bochum bestä­tigt. Der Beklag­te aus Bün­de und die kla­gen­de Gesell­schaft aus Lünen sind Kon­kur­ren­ten und han­deln über das Inter­net u.a. mit Liquids und Aro­men für E-Ziga­ret­ten. Die zum Damp­fen benö­tig­ten Liquids wer­den als Basis­li­quids oder Fer­tig­mi­schun­gen ange­bo­ten. Den Basis­li­quids, die Niko­tin ent­hal­ten kön­nen, aber nicht müs­sen, kön­nen je nach Geschmack Aro­ma­stof­fe zuge­ge­ben wer­den. Ein sol­ches niko­tin­frei­es "Aro­ma Gum­mi­bär­chen" bot der Beklag­te über eine Inter­net­han­dels­platt­form zum Ver­kauf an. Aus­weis­lich der Arti­kel­be­schrei­bung ist das Aro­ma u.a. zum Kochen und Backen, zur Ver­fei­ne­rung von Geträn­ken und zur Aro­ma­ti­sie­rung von E‑Liquidsgeeignet. Die­se Aro­ma­stof­fe ver­sand­te der Beklag­te ohne Alters­ve­ri­fi­ka­ti­on, was die Klä­ge­rin anläss­lich eines Test­kaufs ermit­tel­te.
Nach Ansicht der Klä­ge­rin ver­stieß das Ange­bot des Beklag­ten gegen § 10 Abs. 3, Abs. 4 des Jugend­schutz­ge­set­zes, wonach E‑Zigaretten und deren Zube­hör – als sol­ches ver­trei­be der Beklag­te den Aro­ma­stoff – nur nach Alters­ve­ri­fi­ka­ti­on ver­kauft und ver­sandt wer­den dürf­ten. Der Beklag­te hat gemeint, ein han­dels­üb­li­ches Lebens­mit­tel­aro­ma zu ver­trei­ben, das ohne Alters­be­schrän­kung abge­setzt wer­den dür­fe.
In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm genau aus­ge­führt, was unter die Ver­bots­norm des § 10 Abs.3 und 4 Jugend­schutz­ge­setz fällt: So schüt­ze Abs. 3 Kin­der und Jugend­li­che vor Tabak­wa­ren, ande­ren niko­t­in­hal­ti­gen Erzeug­nis­sen und deren Behält­nis­sen, die an sie im Ver­sand­han­del weder ange­bo­ten noch abge­ge­ben wer­den dürf­ten. § 10 Abs. 4 Jugend­schutz­ge­setz erstre­cke das Ver­bot auf niko­tin­freie Erzeug­nis­se wie elek­tro­ni­sche Ziga­ret­ten oder elek­tro­ni­sche Shishas, in denen Flüs­sig­keit durch ein elek­tro­ni­sches Heiz­ele­ment ver­dampft und die ent­ste­hen­den Aero­so­le mit dem Mund ein­ge­at­met wür­den, sowie auf deren Behält­nis­se.
Der im vor­lie­gen­den Fall allein in Betracht kom­men­den Ver­bots­norm des § 10 Abs. 4 Jugend­schutz­ge­setz unter­fie­len nur E‑Zigaretten und E‑Shishas, nicht aber der vom Beklag­ten ver­trie­be­ne Aro­ma­stoff. Auch die Behält­nis­se mit die­sem Aro­ma­stoff wür­den von dem Ver­bot nicht erfasst. Nach dem Geset­zes­wort­laut reg­le die Vor­schrift nur den Umgang mit sol­chen Behält­nis­sen, in denen elek­tro­ni­sche Ziga­ret­ten und Shishas auf­be­wahrt wür­den, und nicht den Umgang mit Behält­nis­sen für Aro­ma­stof­fe. Nach der Geset­zes­be­grün­dung sei­en Nach­füll­be­häl­ter zwar auch Behält­nis­se im Sin­ne der Vor­schrift. Hier­un­ter fie­len nach der Geset­zes­sys­te­ma­tik jedoch allen­falls Nach­füll­be­häl­ter mit sog. E‑Liquids, die als Basis­li­quid oder Fer­tig­mi­schun­gen zum Nach­fül­len der E‑Zigaretten und E‑Shishas ver­wen­det wer­den könn­ten.
Der Geset­zes­zweck erfor­de­re hier auch kei­ne wei­ter­ge­hen­de Aus­le­gung: Jugend­li­che und Kin­der wür­den bereits dadurch vor Gesund­heits­ri­si­ken geschützt, dass die zum bestim­mungs­ge­mä­ßen Gebrauch der niko­tin­frei­en Erzeug­nis­se uner­läss­li­chen Ele­men­te der Alters­ve­ri­fi­ka­ti­on unter­lä­gen.
Eben­so wie das Land­ge­richt hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm ent­schie­den, dass das Ange­bot und der Ver­sand der infra­ge ste­hen­den Aro­ma­stof­fe für E‑Zigaretten nicht durch § 10 Abs. 3, Abs. 4 Jugend­schutz­ge­setz beschränkt wird.
Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 7. März 2017 – 4 U 162/​16
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