Source: http://m.hensche.de/Diskriminierung_Kopftuch_Berlin_Keine_Diskriminierung_wegen_Kopftuchverbot_in_Berlin_Arbeitsgericht_Berlin_58Ca13376-15.html
Timestamp: 2016-12-07 20:18:57
Document Index: 210822561

Matched Legal Cases: ['§ 106', 'Art.4', '§ 2', '§ 7', '§ 15', '§ 3', '§ 2']

Dar­un­ter fällt auch das Kopf­tuch bzw. der Hi­dschab, den vie­le Mus­li­min­nen in der Öf­fent­lich­keit tra­gen. In ei­nem ak­tu­el­len Fall des Ar­beits­ge­richts Ber­lins ging es um die Fra­ge, ob das Land Ber­lin auf­grund des Neu­tra­li­täts­ge­set­zes be­rech­tigt ist, die Be­wer­bung ei­ner kopf­tuch­t­ra­gen­den mus­li­mi­schen Leh­re­rin zu­rück­zu­wei­sen, oder ob dies ei­ne ver­bo­te­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on dar­stellt. Laut Ar­beits­ge­richt lag im Streit­fall kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung vor: Ar­beits­ge­richt Ber­lin, Ur­teil vom 14.04.2016, 58 Ca 13376/15.
Was geht vor: Die Neutralität des Staates oder die Religionsfreiheit von Lehrern?
Der Staat als Ar­beit­ge­ber kann sei­nen Ar­beit­neh­mern auf­grund des Wei­sungs­rechts Vor­ga­ben zur Be­klei­dung bei der Ar­beit ma­chen (§ 106 Satz 1 Ge­wer­be­ord­nung - Ge­wO). Da­bei muss er die persönli­chen Be­lan­ge der Ar­beit­neh­mer berück­sich­ti­gen, zu de­nen auch re­li­giöse Über­zeu­gun­gen gehören. Da die­se durch Art.4 Abs.1 Grund­ge­setz (GG) be­son­ders geschützt sind, darf der Staat als Ar­beit­ge­ber sei­nen mus­li­mi­schen Ar­beit­neh­me­rin­nen im All­ge­mei­nen nicht ver­bie­ten, während der Ar­beit ein Kopf­tuch zu tra­gen. In zwei Aus­nah­mefällen kann ein Kopf­tuch­ver­bot bei der Ar­beit al­ler­dings rech­tens sein: Ers­tens: Der Ar­beit­ge­ber ist an­der­wei­tig re­li­giös ge­bun­den ist, z.B. als christ­li­ches Kran­ken­haus (Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 24.09.2014, 5 AZR 611/12, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 14/326 Kopf­tuch am Ar­beits­platz).
Im Streit: Das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an öffentlichen Schulen im Land Berlin
Seit 2005 gilt in Ber­lin ein Ge­setz, das die Neu­tra­lität des Staa­tes in re­li­giösen Fra­gen re­gelt, das sog. "Neu­tra­litäts­ge­setz" (of­fi­zi­ell "Ge­setz zu Ar­ti­kel 29 der Ver­fas­sung von Ber­lin"). In sei­nem § 2 fin­det sich fol­gen­de Re­ge­lung: "Lehr­kräfte und an­de­re Beschäftig­te mit pädago­gi­schem Auf­trag in den öffent­li­chen Schu­len nach dem Schul­ge­setz dürfen in­ner­halb des Diens­tes kei­ne sicht­ba­ren re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Sym­bo­le, die für die Be­trach­te­rin oder den Be­trach­ter ei­ne Zu­gehörig­keit zu ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­ons- oder Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft de­mons­trie­ren, und kei­ne auf­fal­len­den re­li­giös oder welt­an­schau­lich ge­prägten Klei­dungsstücke tra­gen. Dies gilt nicht für die Er­tei­lung von Re­li­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­un­ter­richt."
Un­ter Be­ru­fung auf die­se Vor­schrift lehn­te das Land Ber­lin Be­wer­bung ei­ner Grund­schul­leh­re­rin ab, weil die­se ein Kopf­tuch trug und die­ses auch im Un­ter­richt nicht ab­set­zen woll­te. Die ab­ge­lehn­te Be­wer­be­rin be­wer­te­te das als un­zulässi­ge Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ih­rer Re­li­gi­on gemäß § 7 All­ge­mei­nes Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) und klag­te auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung gemäß § 15 AGG. Arbeitsgericht Berlin: Das Berliner Neutralitätsgesetz rechtfertigt es, muslimischen Grundschullehrerinnen ein Kopftuchverbot aufzuerlegen
Wich­tig war für das Ur­teil außer­dem, dass § 3 Neu­tra­litäts­ge­setz ei­ne Aus­nah­me für Be­rufs­schu­len enthält, d.h. Be­rufs­schul­leh­re­rin­nen dürfen Kopftücher tra­gen. Da­her be­stand für die Be­wer­be­rin die Möglich­keit, an ei­ner sol­chen Schu­le mit Kopf­tuch zu ar­bei­ten, was das Land Ber­lin ihr auch an­ge­bo­ten hat­te. Fa­zit: Die vom Ar­beits­ge­richt Ber­lin an­geführ­ten Ar­gu­men­te las­sen sich hören, denn es gibt Un­ter­schie­de zwi­schen dem Ber­li­ner Neu­tra­litäts­ge­setz und der vom BVerfG ge­kipp­ten Re­ge­lung im Schul­ge­setz Nord­rhein-West­fa­lens. An­de­rer­seits kann ein Gut­ach­ten des Wis­sen­schaft­li­chen Par­la­ments­diens­tes des Ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses (WPD) im Som­mer 2015 zu dem Er­geb­nis, dass auch das ab­ge­schwäch­te Kopf­tuch­ver­bot des § 2 Neu­tra­litäts­ge­setz ver­fas­sungs­wid­rig ist. Es ist da­her der­zeit völlig of­fen, wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ent­schei­den würde, falls die Kläge­rin Be­ru­fung ein­le­gen soll­te.
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 16/183 Kopf­tuch und Dis­kri­mi­nie­rung
Bewertung: Dis­kri­mi­nie­rung we­gen Kopf­tuchs in Ber­lin?