Source: http://www.verkehrslexikon.de/Module/UnfallBetrug.php
Timestamp: 2017-08-23 19:14:52
Document Index: 297720561

Matched Legal Cases: ['§ 81', '§ 152', '§ 3', '§ 17', '§ 12', '§ 286', '§ 152', 'BGH']

Unfallmanipulationen - Unfallbetrug - Berliner Modell - vorgetäuschter Unfall - vorsätzliche Herbeiführung des Versicherungsfalls
Unfallmanipulationen - Unfallbetrug - Berliner Modell - vorsätzliche Herbeiführung des Versicherungsfalls
Gem. § 81 VVG (früher § 152 VVG a. F.) ist die Versicherung von ihrer Leistungspflicht befreit, wenn der Versicherungsfall vom Versicherungsnehmer vorsätzlich herbeigeführt wurde. Hierbei handelt es sich nach der noch herrschenden Auffassung um eine von vornherein bestehende Risikobeschränkung.
Nach weit verbreiteter Auffassung soll sich dies deshalb auch auf den Direktanspruch des Geschädigten nach § 3 PflVG beziehen, so dass auch der nicht an einem vorsätzlich herbeigführten Unfall beteiligte Fzg-Halter keinerlei Ansprüche gegen die Versicherung des vorsätzlich handelnden am Unfallgeschehen schuldigen Fzg-Führers haben soll. Allerdings wird diese Auffassung von immer mehr Gerichten nicht mehr geteilt.
Eine besondere Gruppe des teilweise organisierten Versicherungsbetruges sind die manipulierten Unfälle nach dem sog. Berliner Modell. Im einzelnen wurden von den Gerichten eine große Anzahl von Merkmalen herausgearbeitet, die zur Annahme eines absichtlich gestellten Unfalls nach den Grundsätzen des sog. Anscheinsbeweises führen, wobei keineswegs stets alle auf einen manipulierten Unfall hindeutenden Merkmale vorliegen müssen. Hier ist den Gerichten ein weiter Wertungsspielraum überlassen. Gegen den Anscheinsbeweis kann beispielsweise auch die hohe Verletzungsgefahr sprechen, der sich die Unfallbeteiligten anders mit voller Absicht ausgesetzt haben müssten.
Haftungsausschluss bei vorsätzlicher Herbeiführung des Versicherungsfalls
Beweislast / Indizienbeweisführung
Persönliche Beziehungen der Beteiligten
Unrichtige Unfallschilderung gegenüber Vollkaskoversicherer
Unfallmanipulationen bzw. Unfallbetrug nach dem sog. Berliner Modell
Vortäuschung eines Raubüberfalls
Eigenes Verteidigungsrecht des Versicherungsnehmers
Keine Mithaftung des unbeteiligten Halters
SV-Kosten - Ersatzanspruch der Versicherung
Mietwagen - Ersatzanspruch des Vermieters
Hat sich am hellichten Tag ein "ganz normaler" Unfall vor den Augen eines neutralen Zeugen abgespielt, bei dem eine erhebliche Verletzungsgefahr für die beteiligten Fahrzeugführer bestand, und gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich die Beteiligten bereits vor dem Unfall gekannt haben, so spricht kein Anscheinsbeweis für einen manipulierten Unfall.
OLG München v. 06.11.2009:
Im Rückforderungsprozess des Versicherers gegen den Versicherungsnehmer wegen eines angeblich provozierten Unfalls trifft den Versicherungsnehmer nicht die Beweislast für die Abgrenzung von Vorschäden zu den unfallbedingten Schäden. Verneint der Sachverständige für einen relativ geringen Teil des Schadens die Schadenskompatibilität, so spricht dies noch nicht für eine Unfallmanipulation. Auch dass sich der Versicherungsnehmer einen Zeugen für seine - an sich zutreffende - Unfalldarstellung gekauft hat, ist noch kein Beweis dafür, dass es sich um einen provozierten Unfall gehandelt hat.
Steht die Provokation des Unfalls durch den Führer des einen Kfz fest, ist dadurch die Betriebsgefahr dieses Fahrzeugs erheblich erhöht und bei der Abwägung nach § 17 StVG zu berücksichtigen mit der Folge, dass dies zu Lasten des klagenden Eigentümer und Halter des Fahrzeugs geht, der das Fahrzeug selbst nicht geführt hat. Der Nachweis einer Absprache zwischen Eigentümer und Fahrer ist insoweit nicht erforderlich.
OLG Celle v. 30.06.2010:
Von einem fingierten Verkehrsunfall ist auszugehen, wenn der Vorgang "lehrbuchartig" sämtliche Merkmale aufweist, die bei einer Unfallmanipulation auftreten. Ein solcher Fall liegt vor, sofern es sich bei dem geschädigten Pkw um ein Luxusfahrzeug handelt, das gegenwärtig nur schwer verkäuflich ist, und das auffahrende Fahrzeug andererseits ein „Schrottfahrzeug“ ist, das ohne nachvollziehbare Gründe nur für das eine Wochenende angemeldet wurde.
KG Berlin v. 14.09.2010:
Der Nachweis des äußeren Bildes eines Fahrzeugdiebstahls kann in der Teilkaskoversicherung auch dann geführt sein, wenn der Grund für das Abstellen des Fahrzeuges für Außenstehende nicht dem gängigen Verhalten entsprechen mag. Daraus folgt nicht schon die Unglaubhaftigkeit der Angaben oder die erhebliche Wahrscheinlichkeit der Vortäuschung. Für diese genügt es auch nicht, dass später - als Zufallsfund bei polizeilichen Ermittlungen - Teile des Fahrzeugs in einer Werkstatt gefunden werden, gegen deren Betreiber ermittelt wird, wenn eine Verbindung zu dem Versicherungsnehmer oder dessen Repräsentanten nicht aufgezeigt wird.
OLG Naumburg v. 25.08.2011:
Gegen einen gestellten Verkehrsunfall kann u.a. die größere Anzahl von Insassen - hier 5 - in den beteiligten Fahrzeugen sprechen.
Zu den Anforderungen an den Beweis der Identität des Unfallereignisses einerseits und der Unfallmanipulation andererseits, wenn das Fahrzeug des Anspruchstellers auf einem Parkplatz abgestellt war. Ohne konkrete, vom Anspruchsgegner aufzuzeigende Anhaltspunkte ist nicht anzunehmen, dass ein Dienstfahrzeug bzw. Arbeitgeberfahrzeug zu Zwecken der Unfallmanipulation eingesetzt wird.
Unbeherrschbarkeit und Gefahrenträchtigkeit des Unfallherganges können gewichtige gegen einen gestellten Unfall sprechende Umstände sein.
Der Haftungsausschluss bei vorsätzlicher Herbeiführung des Versicherungsfalls:
Unfall in Selbsttötungsabsicht
OLG Schleswig v. 27.02.2013:
Vorsätzliche Herbeiführung des Versicherungsfalles in der KFZ-Kaskoversicherung durch Beteiligung an einem verabredeten Unfall. Anforderungen an die Beweisführung des Versicherers.
Beweislast / Indizienbeweisführung:
Persönliche Beziehungen der Beteiligten:
LG Dortmund 07.01.2015:
Unrichtige Unfallschilderung gegenüber Vollkaskoversicherer:
Kann sich der Unfall nicht so, wie behauptet, ereignet haben, besteht kein Anspruch aus der Vollkaskoversicherung. Dass die Schäden bei einem behaupteten Leitplankenanstoß kompatibel sind, sich der Unfall deshalb zu anderer Zeit oder an anderer Stelle ereignet haben mag, ändert nichts.
OLG Karlsruhe v. 16.03.2006:
Steht fest, dass Schäden an einem Fahrzeug nach Art und Beschaffenheit nur auf einem Unfall im Sinne von § 12 Nr. 1 II e AKB beruhen können, so reicht diese Feststellung aus, um die Einstandspflicht des Kaskoversicherers zu begründen, selbst wenn sich der Versicherungsfall so wie vom Versicherungsnehmer geschildert nicht ereignet haben kann.
Unfallmanipulationen bzw. Unfallbetrug nach dem sog. Berliner Modell:
Zur Anwendbarkeit des Anscheinsbeweises bei Unfallmanipulationen
Die fünf häufigsten Erscheinungsformen des Unfallbetrugs
Die typischen Merkmale des sog. Berliner Modells
OLGe Hamm, Düsseldorf und Nürnberg:
OLG Hamm v. 18.06.1996:
Zur Beweislage und zu den typischen Merkmalen des Unfallbetrugs nach dem sog. Berliner Modell
OLG Celle v. 09.09.2004:
OLG Schleswig v. 19.05.2005:
Die ungewöhnliche Häufung von Beweisanzeichen, die für eine Unfallmanipulation sprechen - hier: Art der beteiligten Fahrzeuge; Unfallzeit und -ort; Motivation der Beteiligten; Plausibilität der Angaben der Unfallbeteiligten - lässt den Schluß auf eine Unfallverabredung zu. Hierfür genügt eine Gewissheit, die vernünftigen Zweifeln Schweigen gebietet. Eine mathematisch lückenlose Gewissheit ist nicht erforderlich.
KG Berlin v. 06.06.2005:
Den haftungsausschließenden Nachweis, dass ein vorgetäuschter Unfall vorliegt, hat grundsätzlich der Schädiger bzw. dessen Haftpflichtversicherung zu führen. Doch genügt der Nachweis einer erheblichen Wahrscheinlichkeit für unredliches Verhalten. Auf die Frage, ob sich der Eigentümer des "Opferfahrzeugs" und der Führer des "Täterfahrzeugs" bereits vor dem Unfall kannten, kommt es nicht an. Bei manipulierten Ereignissen werden die Kontakte oft über dritte Personen hergestellt. Auch das Bestehen einer Vollkaskoversicherung mit einer Selbstbeteiligung von 150,00 € spricht nicht zwingend gegen die Annahme eines gestellten Ereignisses.
Zur Feststellung einer erheblichen Wahrscheinlichkeit für einen verabredeten Unfall
Zu den Voraussetzungen des Vorliegens eines nach dem sog. "Berliner Modell" vorgetäuschten Unfalls
OLG Düsseldorf v. 20.08.2007:
Dem Versicherer kommt für die Darlegung einer Unfallmanipulation der Beteiligten kein Anscheinsbeweis zugute. Der Versicherer muss vielmehr nach dem Beweismaßstab des § 286 ZPO die Einwilligung des Geschädigten in die Verletzung seines Eigentums beweisen, wobei eine Gesamtschau der für und gegen eine Unfallmanipulation sprechenden Tatsachen zu erfolgen hat. Die eindeutige Verschuldensfrage und eine fiktive Abrechnung der Reparaturkosten sprechen nicht zwingend für eine gestellten Unfall, da diese Umstände auch bei nicht manipulierten Unfällen keine Seltenheit sind.
Vortäuschung eines Raubüberfalls:
OLG Brandenburg v. 14.05.2008:
Für eine Entwendung durch Raub oder räuberische Erpressung gelten die für die Fälle des Fahrzeugdiebstahls entwickelten bedingungsgemäßen Beweiserleichterungen zum Beweismaß. Demgemäß führt der Versicherungsnehmer den ihm obliegenden Beweis für den Eintritt des Versicherungsfalls in aller Regel dadurch, dass er dafür das äußere Bild dartut. Er hat also Umstände darzulegen und im Bestreitensfall zu beweisen, aus denen mit hinreichender Wahrscheinlichkeit auf eine bedingungsgemäß versicherte Entwendung geschlossen werden kann. Gelingt es demgegenüber dem Versicherer konkrete Tatsachen dazulegen und gegebenenfalls zu beweisen, aus denen mit erheblicher Wahrscheinlichkeit zu schließen ist, dass der Versicherungsfall nicht eingetreten ist, dass etwa das äußere Bild eines Diebstahls nur vorgetäuscht ist, dann muss der Versicherungsnehmer den Vollbeweis führen.
Eigenes Verteidigungsrecht des Versicherungsnehmers:
Zur Mithaftung des unbeteiligten Halters:
OLG Düsseldorf v. 18.12.1995:
Die Regeln des Anscheinsbeweises sind nicht anzuwenden, wenn es um die Frage geht, ob der Eigentümer eines Kfz in dessen Beschädigung eingewilligt hat, um sich betrügerisch zu bereichern.
OLG Hamm v. 15.06.2005:
Die Haftung der Kfz-Pflichtversicherung ist gegenüber dem vorsätzlich handelnden Fahrer gemäß § 152 VVG a.F. ausgeschlossen. Der Fortfall des Deckungsanspruchs des mitversicherten Fahrers gegen die Pflichtversicherung wegen vorsätzlicher Herbeiführung des Schadens wirkt aber nicht zugleich gegen die Halterin und Versicherungsnehmerin, der kein vorsätzliches Verhalten zur Last fällt.
SV-Kosten - Ersatzanspruch der Versicherung:
Ersatz von SV-Kosten für Gutachten, die von den Parteien des Rechtsstreits beauftragt wurden
Mietwagen - Ersatzanspruch des Vermieters:
Haftung des Mieters für Unfallschäden am Mietwagen
OLG Hamm v. 22.11.2016:
Zu Indizien, die die Annahme eines manipulierten Unfallgeschehens bei der anstreifenden Beschädigung eines geparkten Fahrzeugs rechtfertigen. Wird ein Unfallgeschehen mit einem Leihwagen manipuliert, kann der vermeintlich geschädigte Fahrzeugeigentümer auch für die Reparaturkosten des Leihwagens einzustehen haben.
BGH v. 29.11.2011:
OLG Frankfurt am Main v. 27.03.2014:
War der Kraftfahrzeughaftpflichtversicherer am Haftpflichtprozess nicht beteiligt, kann er dem Versicherungsnehmer im Deckungsprozess nach Treu und Glauben entgegenhalten, dass der Versicherungsnehmer und der angeblich Geschädigte den Verkehrsunfall arglistig vorgetäuscht haben.
Ein vorsätzlich herbeigeführter manipulierter Unfall kann nur dann als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr bestraft werden, wenn durch das Unfallgeschehen Leib oder Leben eines anderen oder fremde Sachen von bedeutendem Wert konkret gefährdet werden.