Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-lag-berlin-brandenburg-14sa1038-16-09-02.2017-kopftuch-an-schulen-u.html
Timestamp: 2019-08-25 18:01:10
Document Index: 285434555

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 17', '§ 2', '§ 2', '§ 15', '§ 2', 'Art29', '§ 8', '§ 2', '§ 2', '§ 2', 'Art. 20', '§ 2', '§ 2', '§ 69', '§ 3', '§ 22', '§ 2', '§ 8', '§ 8', '§ 2', '§ 8', 'Art. 4', '§ 8', '§ 2', '§ 57', '§ 2', '§ 2', '§ 57', '§ 2', '§ 1', '§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 2', 'EuG', '§ 2', 'Art. 4', '§ 2', '§ 2', '§ 8', '§ 2', '§ 1', '§ 22', '§ 1', '§ 8', '§ 66', '§ 519', '§ 253', '§ 15', '§ 15', '§ 6', '§ 6', '§ 6', '§ 15', '§ 61', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 61', '§ 167', '§ 7', '§ 15', '§ 7', '§ 15', '§ 15', '§ 7', '§ 1', '§ 7', '§ 3', '§ 1', '§ 3', '§ 1', '§ 7', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 1', '§ 22', '§ 1', '§ 22', '§ 1', '§ 7', '§ 7', '§ 1', '§ 1', '§ 286', '§ 22', '§ 2', '§ 2', 'Art. 20', '§ 8', '§ 8', '§ 1', '§ 8', 'Art. 4', '§ 8', '§ 8', '§ 8', 'EuG', '§ 2', '§ 3', '§ 17', '§ 17', '§ 3', 'Art. 4', '§ 2', 'Art. 4', 'Art. 1', 'Art. 4', 'Art. 1', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 4', '§ 2', 'Art 4', '§ 2', 'Art. 12', '§ 2', 'Art. 3', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 7', 'Art. 6', 'Art. 4', '§ 2', '§ 17', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 6', 'Art. 4', 'Art. 6', 'Art. 7', 'Art. 7', 'Art. 4', 'Art. 3', 'Art. 33', 'Art. 136', 'Art. 137', 'Art. 140', 'Art. 4', '§ 2', 'Art. 4', '§ 2', '§ 100', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 15', '§ 15', '§ 3', '§ 2', '§ 2', '§ 92', '§ 72', '§ 72']

LAG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 09.02.2017, 14 Sa 1038/16 - HENSCHE Arbeitsrecht
LAG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 09.02.2017, 14 Sa 1038/16
Schlagworte: Diskriminierung, Diskriminierungsverbote: Religion, Kopftuch
Aktenzeichen: 14 Sa 1038/16
Leitsätze: § 2 Satz 1 des Berliner Neutralitätsgesetzes ist verfassungskonform dahin auszulegen, dass das Land Berlin Lehrkräften das Tragen religiös geprägter Kleidungsstücke dann untersagen kann, wenn dadurch die weltanschaulich-religiöse Neutralität einer öffentlichen Schule oder sämtlicher öffentlicher Schulen in einem bestimmten Bezirk gegenüber Schülerinnen und Schülern gefährdet oder gestört wird.
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 14.04.2016, 58 Ca 13376/15
9. Fe­bru­ar 2017
M., GB
hat das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, 14. Kam­mer, auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 9. Fe­bru­ar 2017 durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Lan­des­ar­beits­ge­richt Sch. als Vor­sit­zen­de so­wie den eh­ren­amt­li­chen Rich­ter L. und die eh­ren­amt­li­che Rich­te­rin B. für Recht er­kannt:
I. Auf die Be­ru­fung der Kläge­rin wird das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 14. April 2016 – 58 Ca 13376/15 – teil­wei­se ab­geändert und das be­klag­te Land ver­ur­teilt, an die Kläge­rin ei­ne Entschädi­gung in Höhe von 8.680 EUR zu zah­len.
III. Von den Kos­ten des Rechts­streits ha­ben die Kläge­rin 1/3 und das be­klag­te Land 2/3 zu tra­gen.
IV. Die Re­vi­si­on wird für das be­klag­te Land zu­ge­las­sen.
Sch. L. B.
Die Par­tei­en strei­ten über die Zah­lung ei­ner Entschädi­gung we­gen ei­ner Be­nach­tei­li­gung auf­grund der Re­li­gi­on.
Die am …. 1978 in Ber­lin ge­bo­re­ne Kläge­rin ist deut­sche Staats­an­gehöri­ge, ver­hei­ra­tet und hat zwei Kin­der. Die Kläge­rin ist gläubi­ge Mus­li­ma und trägt auf­grund ih­rer Glau­bensüber­zeu­gung ein Kopf­tuch.
Im Mai 2008 be­stand die Kläge­rin die Zwei­te Staats­prüfung für das Lehr­amt für die Bil­dungsgänge der Se­kun­dar­stu­fe I und der Pri­mar­stu­fe an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len mit Fächern Po­li­ti­sche Bil­dung, Deutsch und Sach­un­ter­richt als wei­te­rem Fach und er­hielt die Ge­samt­no­te „be­frie­di­gend“. Das The­ma der schrift­li­chen Haus­ar­beit lau­te­te „Hand­lungs­ori­en­tie­rung im Po­li­tik­un­ter­richt am Bei­spiel des Plan­spiels in den Klas­sen­stu­fen 5/6.“ Hin­sicht­lich des vollständi­gen In­halts des Zeug­nis­ses vom 14. Mai 2008 wird auf die Ab­lich­tung auf Bl. 27 d. A. Be­zug ge­nom­men (An­la­ge K1).
Am 1. Sep­tem­ber 2008 schlos­sen die Kläge­rin und der Ver­ein I. F. in Ber­lin e.V. mit Wir­kung vom 1. Sep­tem­ber 2008 ei­nen Ar­beits­ver­trag, mit dem die Kläge­rin als Leh­re­rin für is­la­mi­schen Re­li­gi­ons­un­ter­reicht ein­ge­stellt wur­de. Die Kläge­rin wur­de als Re­li­gi­ons­leh­re­rin an ei­ner Ber­li­ner Grund­schu­le ein­ge­setzt.
Seit Ja­nu­ar 2014 be­fand sich die Kläge­rin in El­tern­zeit, de­ren En­de zum 26. Ja­nu­ar 2016 vor­ge­se­hen war.
Am 24. Sep­tem­ber 2003 hat­te der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ent­schie­den, dass es für ein Ver­bot für Lehr­kräfte, in Schu­le und Un­ter­richt ein is­la­mi­sches Kopf­tuch zu tra­gen, ei­ner hin­rei­chend be­stimm­ten ge­setz­li­chen Grund­la­ge bedürfe und es dem zuständi­gen Lan­des­ge­setz­ge­ber frei­ste­he, bei Schaf­fung ei­nes ent­spre­chen­den Ge­set­zes der Glau­bens­frei­heit der Leh­rer wie auch der be­trof­fe­nen Schüler, dem Er­zie­hungs­recht der El­tern so­wie der Pflicht des Staa­tes zu welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität in an­ge­mes­se­ner Wei­se Rech­nung zu tra­gen (2 BvR 1436/02, BVerfGE 108, 282).
Auf­grund die­ser Ent­schei­dung wur­de im Land Ber­lin die Ent­schei­dung ge­trof­fen, ein ent­spre­chen­des Ge­setz zu er­las­sen. Am 9. Fe­bru­ar 2005 trat als Ar­ti­kel I des Ge­set­zes zur
Schaf­fung ei­nes Ge­set­zes zu Ar­ti­kel 29 der Ver­fas­sung von Ber­lin und zur Ände­rung des Kin­der­ta­ges­be­treu­ungs­ge­set­zes vom 27. Ja­nu­ar 2005 das sog. Neu­tra­litäts­ge­setz (im Fol­gen­den: Neu­trG) in Kraft (GVBl 2005, 92).
Die Präam­bel des Ge­set­zes lau­tet wie folgt:
„Al­le Beschäftig­ten ge­nießen Glau­bens- und Ge­wis­sens­frei­heit und die Frei­heit des re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses. Kei­ne Beschäftig­te und kein Beschäftig­ter darf we­gen ih­res oder sei­nes Glau­bens oder ih­res oder sei­nes welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses dis­kri­mi­niert wer­den. Gleich­zei­tig ist das Land Ber­lin zu welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität ver­pflich­tet. Des­halb müssen sich Beschäftig­te des Lan­des Ber­lin in den Be­rei­chen, in de­nen die Bürge­rin oder Bürger in be­son­de­rer Wei­se dem staat­li­chen Ein­fluss un­ter­wor­fen ist, in ih­rem re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis zurück­hal­ten.“
§ 2 Neu­trG hat fol­gen­den Wort­laut:
„Lehr­kräfte und an­de­re Beschäftig­te mit pädago­gi­schem Auf­trag in den öffent­li­chen Schu­len nach dem Schul­ge­setz dürfen in­ner­halb des Diens­tes kei­ne sicht­ba­ren re­li­giösen oder welt­an­schau­li­chen Sym­bo­le, die für die Be­trach­te­rin oder den Be­trach­ter ei­ne Zu­gehörig­keit zu ei­ner be­stim­men Re­li­gi­ons- oder Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft de­mons­trie­ren, und kei­ne auf­fal­len­den re­li­giös oder welt­an­schau­lich ge­prägten Klei­dungsstücke tra­gen. Dies gilt nicht für die Er­tei­lung von Re­li­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­un­ter­richt.“
§ 3 Neu­trG hat fol­gen­den Wort­laut:
„§ 2 Satz 1 fin­det kei­ne An­wen­dung auf die be­ruf­li­chen Schu­len im Sin­ne von § 17 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 des Schul­ge­set­zes so­wie auf Ein­rich­tun­gen des Zwei­ten Bil­dungs­wegs im Sin­ne von § 17 Abs. 3 Satz 1 Nr. 5 des Schul­ge­set­zes. Die obers­te Dienst­behörde kann für wei­te­re Schul­ar­ten oder für Schu­len be­son­de­rer pädago­gi­scher Prägung Aus­nah­men zu­las­sen, wenn da­durch die welt­an­schau­lich-re­li­giöse Neu­tra­lität der öffent­li­chen Schu­len ge­genüber Schüle­rin­nen oder Schülern nicht in­fra­ge ge­stellt und der Schul­frie­den nicht gefähr­det oder gestört wird.“
§ 17 des Ber­li­ner Schul­ge­set­zes lau­tet im ers­ten Ab­satz wie folgt:
„Die Schu­le glie­dert sich nach Jahr­gangs­stu­fen, Schul­stu­fen und Schul­ar­ten so­wie in­halt­lich nach Bil­dungsgängen. Die Jahr­gangs­stu­fen 1 bis 6 bil­den die Pri­mar­stu­fe (Grund­schu­le), die Jahr­gangs­stu­fen 7 bis 10 die Se­kun­dar­stu­fe I; die gym­na­sia­le Ober­stu­fe und die be­ruf­li­chen Schu­len bil­den die Se­kun­dar­stu­fe II.“
§ 17 Abs. 3 des Ber­li­ner Schul­ge­set­zes hat fol­gen­den Wort­laut:
„Schul­ar­ten sind:
1. die Grund­schu­le
2. als wei­terführen­de all­ge­mein­bil­den­de Schu­len
a) die Ge­samt­schu­le,
b) die Haupt­schu­le,
c) die Re­al­schu­le
d) die ver­bun­de­ne Haupt- und Re­al­schu­le und
e) das Gym­na­si­um,
3. als be­ruf­li­che Schu­len
a) die Be­rufs­schu­le,
b) die Be­rufs­fach­schu­le,
c) die Fach­ober­schu­le
d) die Be­rufs­ober­schu­le und
e) die Fach­schu­le,
4. die Schu­len mit son­derpädago­gi­schem Förder­schwer­punkt (Son­der­schu­len) und
5. die Ein­rich­tun­gen des Zwei­ten Bil­dungs­wegs zum nachträgli­chen Er­werb all­ge­mein­bil­den­der und be­ruf­li­cher Ab­schlüsse.“
Al­le im Land Ber­lin ein­zu­stel­len­den Lehr­kräfte er­hal­ten ei­nen Ar­beits­ver­trag, in dem ein Ein­satz „als Lehr­kraft“ und die Ent­gelt­grup­pe ver­ein­bart wer­den. Nach der Ein­stel­lung können die Lehr­kräfte vom be­klag­ten Land ent­spre­chend ih­rer Eig­nung und Befähi­gung an ei­ner Schu­le ein­ge­setzt wer­den. Hin­sicht­lich des In­halts ei­nes sol­chen Ar­beits­ver­tra­ges mit der For­mu­l­ar­be­zeich­nung „Fin 504 – Ar­beits­ver­trag Lehr­kräfte (oh­ne Mu­sik­schul­lehr­kräfte) un­be­fris­tet (10.15)“ wird bei­spiel­haft auf den In­halt des der Kläge­rin im Kam­mer­ter­min vor dem Ar­beits­ge­richt an­ge­bo­te­nen Ar­beits­ver­trag Be­zug ge­nom­men (Ab­lich­tung Bl. 214 – 216 d. A., An­la­ge zum Sit­zungs­pro­to­koll des Ar­beits­ge­richts vom 14.04.2016).
Am 27. Ja­nu­ar 2015 ent­schied der Ers­te Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Be­zug auf Re­ge­lun­gen im Schul­ge­setz für das Land Nord­rhein-West­fa­len, dass ein lan­des­wei­tes ge­setz­li­ches Ver­bot re­li­giöser Be­kun­dun­gen durch das äußere Er­schei­nungs­bild schon we­gen der bloß abs­trak­ten Eig­nung zur Be­gründung ei­ner Ge­fahr für den Schul­frie­den oder die staat­li­che Neu­tra­lität in ei­ner öffent­li­chen be­kennt­nis­of­fe­nen Ge­mein­schafts­schu­le un­verhält­nismäßig ist, wenn die­ses Ver­hal­ten nach­voll­zieh­bar auf ein als ver­pflich­tend ver­stan­de­nes re­li­giöses Ge­bot zurück­zuführen ist. Nach die­ser Ent­schei­dung er­for­der­te ein an­ge­mes­se­ner Aus­gleich der ver­fas­sungs­recht­li­chen ver­an­ker­ten Po­si­tio­nen – der Glau­bens­frei­heit der Lehr­kräfte, der ne­ga­ti­ven Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit der Schüle­rin­nen und Schüler so­wie der El­tern, des El­tern­grund­rechts und des staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trags – ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung der Ver­bots­norm, nach der zu­min­dest ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr für die Schutzgüter vor­lie­gen muss (1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10, BVerfGE 138, 296).
Nach Be­kannt­wer­den die­ser Ent­schei­dung be­warb sich die Kläge­rin beim Land Ber­lin für ei­ne Ein­stel­lung in den Ber­li­ner Schul­dienst als Lehr­kraft.
Mit E-Mail vom 23. April 2015 lud das be­klag­te Land die Kläge­rin zu ei­nem Be­wer­bungs­gespräch für den 29. April 2015 in ei­ne Grund­schu­le im Rah­men ei­nes vor­ge­zo­ge­nen Aus­wahl­ver­fah­rens ein und wies dar­auf hin, dass es sich bei der Grund­schu­le le­dig­lich um den Stand­ort des Aus­wahl­gespräches han­de­le. Die Fest­le­gung ei­ner mögli­chen Ein­satz­schu­le er­fol­ge im An­schluss al­ler Aus­wahl­gespräche am En­de des Ta­ges.
Wei­ter wur­de in der E-Mail Fol­gen­des aus­geführt:
„Ein Großteil des Ein­stel­lungs­be­dar­fes der all­ge­mein­bil­den­den Schu­len be­steht an Grund­schu­len (in Ber­lin bis Klas­sen­stu­fe 6). Da­her ist es möglich, dass auch Be­wer­ber/in­nen für Lehr­befähi­gung für den Be­reich der wei­terführen­den Schu­len ein Ein­stel­lungs­an­ge­bot für ei­ne Grund­schu­le er­hal­ten (die Vergütung in Ber­lin bleibt im die­sem Fall iden­tisch).“
Hin­sicht­lich des vollständi­gen In­halts der E-Mail wird auf die Ab­lich­tung des Aus­drucks auf Bl. 28 – 30 d. A. Be­zug ge­nom­men (An­la­ge K2).
Am 29. April 2015 er­schien die Kläge­rin zu dem sog. „Cas­ting“, bei dem Schul­lei­ter/in­nen von ca. 40 Schu­len so­wie Ver­tre­ter/in­nen des Ge­samt­per­so­nal­rats und des be­klag­ten
Lan­des an­we­send wa­ren. Das „Cas­ting“ wur­de aus­sch­ließlich zur Be­set­zung von Stel­len in Grund­schu­len durch­geführt.
Die Kläge­rin, die ein Kopf­tuch trug, stell­te sich und ih­ren Le­bens­lauf ca. fünf Mi­nu­ten lang vor. Im An­schluss wur­de die Kläge­rin von ei­nem/ei­ner der an­we­sen­den Schul­lei­ter/in­nen ge­fragt, ob sie das Kopf­tuch auch im Un­ter­richt zu tra­gen be­ab­sich­ti­ge, was die Kläge­rin be­jah­te. Dar­auf­hin wur­de die Kläge­rin von ei­ner Ver­tre­te­rin der Se­nats­ver­wal­tung auf § 2 des Ber­li­ner Neu­tra­litäts­ge­set­zes hin­ge­wie­sen. Ob die Ver­tre­te­rin der Se­nats­ver­wal­tung dann äußer­te, es könne sein, dass die Kläge­rin des­halb kein Beschäfti­gungs­an­ge­bot be­kom­me – so die Be­haup­tung des be­klag­ten Lan­des – oder ob die Ver­tre­te­rin sag­te, ei­ne Ein­stel­lung mit Kopf­tuch sei auf­grund § 2 des Ber­li­ner Neu­tra­litäts­ge­set­zes nicht möglich – so Be­haup­tung der Kläge­rin – ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig.
Im An­schluss dar­an wies die Kläge­rin auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 hin und die Ver­tre­te­rin der Se­nats­ver­wal­tung lehn­te ei­ne Dis­kus­si­on über die Ver­ein­bar­keit des Ber­li­ner Neu­tra­litäts­ge­set­zes mit der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im Rah­men des Be­wer­bungs­gespräches ab. Ob die Kläge­rin dar­auf von sich aus das Vor­stel­lungs­gespräch ver­ließ – so die Be­haup­tung des be­klag­ten Lan­des – ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig.
Mit E-Mail vom 6. Mai 2015 teil­te das be­klag­te Land der Kläge­rin mit, ihr könne im Rah­men des Aus­wahl­ver­fah­rens für un­be­fris­te­te Ein­stel­lun­gen des Jah­res 2015/2016 lei­der kein An­ge­bot für ei­ne Ein­satz­schu­le im Ber­li­ner Schul­dienst un­ter­brei­tet wer­den (Ab­lich­tung des Aus­drucks auf Bl. 31 – 32 d. A., An­la­ge K3).
Mit E-Mail vom 7. Mai 2015 bat die Kläge­rin um ei­ne schrift­li­che Mit­tei­lung der Ab­leh­nungs­gründe. Mit E-Mail vom 7. Mai 2015 teil­te das be­klag­te Land der Kläge­rin mit, im Er­geb­nis des Be­wer­bungs­gesprächs sei es zu kei­ner po­si­ti­ven Aus­wah­l­ent­schei­dung durch ei­ne der an­we­sen­den Schu­len und de­ren Schul­lei­tun­gen ge­kom­men (Ab­lich­tung des Aus­drucks auf Bl. 31 d. A., An­la­ge K3).
Mit ei­ner E-Mail vom 13. Mai 2015 bat die Kläge­rin das be­klag­te Land um Mit­tei­lung, ob sich die Ab­sa­ge nur auf das vor­ge­zo­ge­ne Aus­wahl­ver­fah­ren be­zie­he oder ob die Kläge­rin auch in der zen­tra­len Nach­steue­rung nicht mehr berück­sich­tigt wer­de (Ab­lich­tung des Aus­drucks auf Bl. 31 d. A., An­la­ge K3).
Mit ei­ner E-Mail vom 13. Mai 2015 teil­te das be­klag­te Land der Kläge­rin Fol­gen­des mit:
„… Ih­re Be­wer­bung be­fin­det sich selbst­verständ­lich noch im Aus­wahl­ver­fah­ren (zen­tra­le Nach­steue­rung), die Ab­sa­ge be­zog sich nur auf das vor­ge­zo­ge­ne Ver­fah­ren am 29./30.04.2015.
Die nächs­ten Aus­wahl­ver­fah­ren be­gin­nen En­de Mai, sie er­hal­ten nächs­te Wo­che ei­ne ent­spre­chen­de Ein­la­dung.“
Hin­sicht­lich des vollständi­gen Wort­lauts wird auf die Ab­lich­tung des Aus­drucks auf Bl. 33 d. A. Be­zug ge­nom­men (Be­stand­teil der An­la­ge K3).
In der Fol­ge­zeit er­hielt die Kläge­rin ei­ne Ein­la­dung zu ei­nem „Cas­ting“ für den 27. Mai 2015 in der R.-V.-Schu­le. Bei die­sem „Cas­ting“ wur­den Lehr­kräfte für Grund­schu­len und für Be­rufs­schu­len ge­sucht. Mit ih­rer Qua­li­fi­ka­ti­on als Lehr­kraft für die Se­kun­dar­stu­fe I ist die Kläge­rin auch für ei­nen Ein­satz an ei­ner Be­rufs­schu­le ge­eig­net. Zu die­sem „Cas­ting“ er­schien die Kläge­rin nicht.
Mit Schrei­ben vom 26. Ju­ni 2015, das vor­ab per Te­le­fax ver­sen­det wur­de, ver­lang­te die Kläge­rin von dem be­klag­ten Land ei­ne Entschädi­gung gemäß § 15 AGG, de­ren Höhe sich an drei Mo­nats­gehältern ori­en­tie­ren soll­te (Ab­lich­tung Bl. 34 – 35 d. A., An­la­ge K4). Mit Schrei­ben vom 1. Ju­li 2015 lehn­te das be­klag­te Land die For­de­rung ab und teil­te hier­bei u.a. mit, die Kläge­rin ste­he zur Zeit auf der lan­des­wei­ten Nachrücker­lis­te, die al­len Schul­auf­sich­ten und Schu­len in Ber­lin zur Verfügung ste­he. Zu­dem sei es sei der Kläge­rin selbst­verständ­lich un­be­nom­men, sich um ei­ne Ein­stel­lung zum nächs­ten Schul­halb­jahr zu be­wer­ben, die Be­wer­bungs­frist en­de vor­aus­sicht­lich am 31. Ok­to­ber 2015. Hin­sicht­lich des vollständi­gen In­halts des Schrei­bens des be­klag­ten Lan­des wird auf die Ab­lich­tung auf Bl. 36 – 37 d. A. Be­zug ge­nom­men (An­la­ge K5).
Der Präsi­dent des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses des Lan­des Ber­lin hat­te auf­grund ei­ner ent­spre­chen­den Bit­te der Frak­ti­on der SPD den Wis­sen­schaft­li­chen Par­la­ments­dienst mit der Er­stel­lung ei­nes Gut­ach­tens zu ver­schie­de­nen Fra­gen im Zu­sam­men­hang mit der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 be­auf­tragt. Un­ter dem Da­tum des 25. Ju­ni 2015 er­stell­te der Wis­sen­schaft­li­che Par­la­ments­dienst des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses von Ber­lin ein Gut­ach­ten zu den Aus­wir­kun­gen der „Kopf­tuch-Ent­schei­dung“ des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 auf die Rechts­la­ge im Land Ber­lin.
Hier­bei kam der Wis­sen­schaft­li­che Par­la­ments­dienst zu fol­gen­dem „Aus­le­gungs­er­geb­nis“:
„Die Ber­li­ner Re­ge­lung kann im Er­geb­nis nicht ein­schränkend und ver­fas­sungs­kon­form da­hin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass für ein Ver­bot je­weils ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr für den Schul­frie­den oder die re­li­giöse Neu­tra­lität des Staa­tes er­for­der­lich ist. Die ein­zig mögli­che Aus­le­gung von § 2 GArt29, nämlich als pau­scha­les Ver­bot re­li­giöser Klei­dungsstücke und Sym­bo­le für Lehr­kräfte an den meis­ten öffent­li­chen Schu­len un­abhängig von ei­ner kon­kre­ten Ge­fahr, verstößt aber nach Maßga­be des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 je­den­falls in­so­fern ge­gen die Ver­fas­sung, als sie auch nach­voll­zieh­bar als ver­pflich­tend emp­fun­de­ne re­li­giöse Ge­bo­te er­fass. In­so­weit – und auch nur in­so­weit – gibt die Ent­schei­dung Ver­an­las­sung zur Ände­rung der der­zei­ti­gen Re­ge­lung.“
Im Fol­gen­den enthält das Gut­ach­ten Vor­schläge für mögli­che Ge­set­zesände­run­gen.
Hin­sicht­lich des vollständi­gen In­halts des Gut­ach­tens wird auf die Ab­lich­tung auf Bl. 74 – 87 Rs. d. A. Be­zug ge­nom­men (An­la­ge K7).
Mit der vor­lie­gen­den, am 28. Sep­tem­ber 2015 beim Ar­beits­ge­richt Ber­lin ein­ge­gan­ge­nen, dem be­klag­ten Land am 6. Ok­to­ber 2015 zu­ge­stell­ten Kla­ge­schrift hat die Kläge­rin die Zah­lung ei­ner Entschädi­gung ver­langt.
Die Kläge­rin hat die An­sicht ver­tre­ten, ih­re Ab­leh­nung im An­schluss an das Be­wer­bungs­gespräch vom 29. April 2015 stel­le ei­ne un­zulässi­ge Be­nach­tei­li­gung auf­grund der Re­li­gi­on dar. Die Ab­leh­nung sei al­lein auf­grund der Äußerung der Tat­sa­che, dass die Kläge­rin im Un­ter­richt auf Kopf­tuch zu tra­gen be­ab­sich­ti­ge, er­folgt. Die Ab­leh­nung könne nicht auf­grund § 8 Abs. 1 AGG i.V.m. § 2 Neu­trG ge­recht­fer­tigt wer­den, denn § 2 Neu­trG sei ver­fas­sungs­wid­rig und ei­ne ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung sei nicht möglich.
Die Kläge­rin hat be­haup­tet, am 29. April 2015 ha­be die Ver­tre­te­rin der Se­nats­ver­wal­tung nach dem Hin­weis der Kläge­rin auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 erklärt, ei­ne Ver­mitt­lung sei der­zeit nicht möglich und das Gespräch be­en­det.
Wei­ter hat die Kläge­rin die An­sicht ver­tre­ten, die Höhe der Entschädi­gung sol­le nicht un­ter drei Mo­nats­gehältern lie­gen.
das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung, de­ren ge­naue Höhe in das Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird, we­gen ei­ner Be­nach­tei­li­gung auf­grund der Re­li­gi­on zu zah­len.
Das be­klag­te Land hat die An­sicht ver­tre­ten, ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung sei schon nach dem Vor­trag der Kläge­rin nicht an­zu­neh­men, denn die Kläge­rin ha­be sich selbst um die Möglich­keit ei­ner Ein­stel­lung als Lehr­kraft ge­bracht, in­dem sie nicht zum Vor­stel­lungs­gespräch am 27. Mai 2015 er­schie­nen sei. Ei­nen An­spruch an­ge­hen­der Lehr­kräfte, gleich nach dem ers­ten von meh­re­ren Vor­stel­lungs­gesprächen aus­gewählt zu wer­den, ge­be es eben­so we­nig wie den auf Beschäfti­gung an ei­nem be­stimm­ten Schul­typ.
Wei­ter hat das be­klag­te Land die An­sicht ver­tre­ten, die Nicht­beschäfti­gung der Kläge­rin an ei­ner Ber­li­ner Grund­schu­le be­ru­he auf der ein­deu­ti­gen Re­ge­lung in § 2 Neu­trG, an das die Ber­li­ner Ver­wal­tung nach Maßga­be von Art. 20 Abs. 3 GG ge­bun­den sei, so­lan­ge be­sag­te Re­ge­lung nicht vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf­ge­ho­ben wor­den sei. Ei­ne ent­spre­chen­de Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts könne durch­aus an­ders aus­fal­len als die Ent­schei­dung zum Schul­ge­setz in Nord­rhein-West­fa­len, denn das be­klag­te Land ha­be das ers­te Kopf­tuch-Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts aus dem Jahr 2003 nicht nur für den Schul­be­reich um­ge­setzt, son­dern ha­be ein Ge­setz für die ge­sam­te Ver­wal­tung ge­schaf­fen. Al­ler­dings sei auch bei § 2 Neu­trG ei­ne abs­trak­te Gefähr­dung aus­rei­chend, um das Ver­bot des Tra­gens ei­nes Kopf­tu­ches oder an­de­rer Sym­bo­le zu be­gründen. § 2 Neu­trG sei in­so­weit so­gar noch deut­li­cher for­mu­liert als die nord­rhein-westfäli­sche Re­ge­lung, als dass sie kei­ne „Be­kun­dung“ wie in Nord­rhein-West­fa­len ver­lan­ge, son­dern al­lein das Tra­gen der Sym­bo­le aus­rei­chen las­se. Im Un­ter­schied zu dem Schul­ge­setz in Nord­rhein-West­fa­len ken­ne das Ber­li­ner Neu­tra­litäts­ge­setz aber kein „aus­nahms­los in al­len öffent­li­chen Schu­len und für al­le Schüle­r­al­ters­grup­pen“ gel­ten­des, flächen­de­cken­des Ver­bot, für das aus­nahms­los ei­ne abs­trak­te Gefähr­dung des Schul­frie­dens für ein Kopf­tuch­ver­bot aus­rei­che, son­dern schränke das Ver­bot bei Lehr­kräften auf be­stimm­te Schul­ar­ten, nämlich Grund­schu­len, ISS und Gym­na­si­en so­wie Förder­schu­len ein und las­se zu­dem noch Aus­nah­me­re­ge­lun­gen im Ein­zel­fall zu.
Hin­sicht­lich der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des un­strei­ti­gen Sach­ver­hal­tes so­wie des strei­ti­gen Vor­brin­gens der Par­tei­en I. In­stanz wird gem. § 69 Abs. 2 ArbGG auf den Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils Be­zug ge­nom­men. Fer­ner wird auf die erst­in­stanz­lich ein­ge­reich­ten Schriftsätze der Par­tei­en nebst An­la­gen Be­zug ge­nom­men.
Im Kam­mer­ter­min vor dem Ar­beits­ge­richt bot das be­klag­te Land der Kläge­rin den Ab­schluss ei­nes Ar­beits­ver­tra­ges als Lehr­kraft an, hin­sicht­lich des­sen In­halt auf die Ab­lich­tung auf Bl. 214 – 216 d. A. Be­zug ge­nom­men wird (An­la­ge zum Sit­zungs­pro­to­koll vom 14. April 2016). Die Pro­zess­be­vollmäch­tig­te der Kläge­rin erklärte zu Pro­to­koll, die Kläge­rin könne die­ses Ar­beits­ver­trags­an­ge­bot nicht an­neh­men, da dar­aus ein Ein­satz aus­sch­ließlich in der Be­rufs­schu­le fol­gen würde.
Durch ein Ur­teil vom 14. April 2016 hat das Ar­beits­ge­richt die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Zur Be­gründung hat das Ar­beits­ge­richt im We­sent­li­chen aus­geführt, die Kla­ge sei zulässig, aber un­be­gründet. Die Kläge­rin sei zwar we­gen ih­rer Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AGG un­mit­tel­bar be­nach­tei­ligt wor­den. Denn die Kläge­rin sei nicht für ei­ne Leh­rer­stel­le an ei­ner Ber­li­ner Grund­schu­le aus­gewählt wor­den, wo­durch sie ei­ne ungüns­ti­ge­re Be­hand­lung als die­je­ni­gen Be­wer­ber er­fah­ren ha­be, die für ei­ne Erst­an­stel­lung an ei­ner Ber­li­ner Grund­schu­le aus­gewählt wor­den sei­en. Ein Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen der be­nach­tei­lig­ten Be­hand­lung und dem An­knüpfungs­merk­mal Re­li­gi­on be­ste­he. Die Kläge­rin sei im Be­wer­bungs­gespräch am 29. April 2015 be­fragt wor­den, ob sie das Kopf­tuch im Un­ter­richt tra­gen wol­le, was die Kläge­rin be­jaht ha­be. Ei­ne Ver­tre­te­rin der Schul­ver­wal­tung ha­be die Kläge­rin auf das Neu­tra­litäts­ge­setz hin­ge­wie­sen. Später sei die Ab­sa­ge sei­tens des be­klag­ten Lan­des er­folgt. Es lägen da­mit In­di­zi­en gemäß § 22 AGG vor, die für ein un­mit­tel­ba­res An­knüpfen an die Re­li­gi­on sprächen. Die­se In­di­zi­en sei­en auch nicht durch das be­klag­te Land wi­der­legt wor­den und das be­klag­te Land ha­be sich im vor­lie­gen­den Rechts­streit selbst auf § 2 Neu­trG be­ru­fen. So­weit das be­klag­te Land auf die Möglich­keit der Un­ter­richtstätig­keit an ei­ner Be­rufs­schu­le ver­wie­sen ha­be, spre­che das nicht ge­gen ei­ne Be­nach­tei­li­gung, weil die Kläge­rin sich im Rah­men des Be­wer­bungs­gesprächs vom 29. April 2015 um die Stel­le ei­ner Grund­schul­leh­re­rin be­wor­ben ha­be. Denn im Rah­men des Be­wer­bungs­gesprächs vom 29. April 2015 sei­en aus­sch­ließlich Lehr­kräfte für Grund­schu­len ge­sucht wor­den. Wei­ter hat das Ar­beits­ge­richt aus­geführt, die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Kläge­rin aus re­li­giösen Gründen sei aber gemäß § 8 AGG zulässig. Im Streit­fall sei zwar nicht ei­ne be­stimm­te Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit oder ge­ra­de de­ren Feh­len Vor­aus­set­zung für die Ausübung der frag­li­chen Tätig­keit. Gleich­wohl lie­ge ein An­wen­dungs­fall von § 8 Abs. 1 AGG vor. Der Kläge­rin ge­rei­che ei­ne be­stimm­te Form ih­rer
Re­li­gi­ons­ausübung – das Tra­gen des is­la­mi­schen Kopf­tuchs – zum Nach­teil. De­ren Un­ter­las­sung wer­de auf­grund des Ver­bots gemäß § 2 Satz 1 Neu­trG zu ei­ner we­sent­li­chen und ent­schei­den­den be­ruf­li­chen An­for­de­rung im Sin­ne des § 8 Abs. 1 AGG für die Un­ter­richtstätig­keit der Kläge­rin an ei­ner Grund­schu­le. Das Ar­beits­ge­richt hat fer­ner aus­geführt, mit dem Neu­tra­litäts­ge­setz ver­fol­ge der Lan­des­ge­setz­ge­ber den rechtmäßigen Zweck, dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Ge­bot zu staat­li­cher Neu­tra­lität ei­ne stärker dis­tan­zie­ren­de Be­deu­tung in den Be­rei­chen des öffent­li­chen Diens­tes bei­zu­mes­sen, in de­nen die Mit­ar­bei­ter des Staa­tes – sei­en es Be­am­te oder An­ge­stell­te – dem Bürger mit ei­ner be­son­de­ren durch Ausübung von Ho­heits­rech­ten ver­mit­tel­ten Außen­wir­kung ge­genüberträten. Die strei­ti­ge Fra­ge, ob die Ver­pflich­tung der Lehr­kräfte des be­klag­ten Lan­des, im Schul­dienst kei­ne re­li­giös kon­no­tier­ten Klei­dungsstücke zu tra­gen, ein un­verhält­nismäßiger Ein­griff in die in­di­vi­du­el­le Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit gemäß Art. 4 Abs. 1 und 2 GG sei und des­halb kei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung im Sin­ne des § 8 AGG dar­stel­le, ha­be der Lan­des­ge­setz­ge­ber mit Er­lass des (pau­scha­len) Ver­bots gemäß § 2 Neu­trG ent­schie­den. Aus­weis­lich der Be­gründung der Be­schluss­vor­la­ge des Se­nats ha­be das Ab­ge­ord­ne­ten­haus in An­se­hung und Abwägung der wi­der­strei­ten­den Grund­rechts­po­si­tio­nen über die Ge­set­zes­vor­la­ge ent­schie­den. Im vor­lie­gen­den Fall ergäben sich auf­grund der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 zur Re­ge­lung in § 57 Abs. 4 Schul­ge­setz des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len Zwei­fel an der Ver­fas­sungsmäßig­keit des in § 2 Neu­trG ent­hal­te­nen Ver­bots. Die Kam­mer ha­be aber kei­ne über Zwei­fel hin­aus­ge­hen­de Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von § 2 Neu­trG. Hier­zu hat das Ar­beits­ge­richt aus­geführt, die Kam­mer se­he Be­son­der­hei­ten der Ber­li­ner Re­ge­lung im Ver­gleich zu § 57 Abs. 4 Schul­ge­setz Nord­rhein-West­fa­len. Das be­klag­te Land ha­be sich bei der Schaf­fung des Neu­tra­litäts­ge­set­zes auf die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 24. Sep­tem­ber 2003 be­zo­gen. Dem Ge­setz­ge­ber sei ein Ge­stal­tungs­spiel­raum zu­ge­wie­sen wor­den, wel­cher es ihm ermögli­che, ge­setz­lich zu re­geln, in­wie­weit er re­li­giöse Bezüge in der Schu­le zu­las­se oder we­gen ei­ner strik­te­ren Neu­tra­litäts­verständ­nis­ses aus der Schu­le her­aus­hal­te. Auch nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 verfüge der Ge­setz­ge­ber über ei­ne Einschätzungs­präro­ga­ti­ve. Die­ser be­ste­hen­de Ge­stal­tungs­spiel­raum der Länder schließe ein, dass die ein­zel­nen Länder zu ver­schie­de­nen Re­ge­lun­gen kom­men könn­ten, weil bei dem zu fin­den­den Mit­tel­weg auch Schul­tra­di­tio­nen, die kon­fes­sio­nel­le Zu­sam­men­set­zung der Bevölke­rung und ih­re mehr oder we­ni­ger star­ke re­li­giöse Ver­wur­ze­lung berück­sich­tigt wer­den dürf­ten. Bei der Be­ur­tei­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 2 Neu­trG ha­be die Kam­mer auch auf die Vor­la­ge des Ber­li­ner Se­nats zur Be­schluss­fas­sung über das Ge­setz im Ab­ge­ord­ne­ten­haus vom 5. Ok­to­ber 2004 (Druck­sa­che 15/3249) ab­ge­stellt, weil die dar­in
ent­hal­te­nen Mo­ti­ve Auf­schluss über die Grund­la­gen der vom Ge­setz­ge­ber ge­trof­fe­nen Abwägung der wi­der­strei­ten­den Grund­rechts­po­si­tio­nen gäben. Die Ber­li­ner Re­ge­lung be­tref­fe nicht aus­sch­ließlich den Be­reich des Schul­un­ter­richts in be­stimm­ten Schul­ty­pen, son­dern al­le Be­rei­che der Ver­wal­tung, in de­nen die Beschäftig­ten des be­klag­ten Lan­des im Rah­men ih­rer dienst­li­chen Tätig­keit ty­pi­scher­wei­se dem Bürger ge­genüber träten, um auch Ho­heits­rech­te aus­zuüben. Die Glaubwürdig­keit des Han­delns staat­li­cher Ho­heits­träger set­ze die strik­te Ein­hal­tung der ver­fas­sungs­recht­lich ge­bo­te­nen Neu­tra­lität vor­aus. Die staat­li­che Un­par­tei­lich­keit ha­be auch der Se­nat des be­klag­ten Lan­des gemäß sei­ner Be­schluss­vor­la­ge als Grund­be­din­gung für ein fried­li­ches Zu­sam­men­le­ben ver­schie­de­ner re­li­giöser und welt­an­schau­li­cher Grup­pie­run­gen ge­se­hen. Da­bei sei auch die Be­son­der­heit des Lan­des Ber­lin zu berück­sich­ti­gen, dass mit sei­ner großstädtisch-he­te­ro­ge­nen Bevölke­rungs­struk­tur und sei­ner kon­fes­sio­nel­len Viel­ge­stal­tig­keit ein be­son­de­res Kon­flikt­po­ten­ti­al bie­te und da­her stärker nach ei­ner re­strik­ti­ven Re­ge­lung ver­lan­ge. Dem­zu­fol­ge wer­de gemäß § 1 Neu­trG das Tra­gen re­li­giöser Sym­bo­le und Klei­dungsstücke zunächst für die die Be­rei­che der Rechts­pfle­ge, des Jus­tiz­voll­zugs und der Po­li­zei ein­ge­schränkt. Es sei kon­se­quent und aus Sicht der Kam­mer ver­fas­sungs­recht­lich zulässig, die­se Ein­schränkung auch auf Lehr­kräfte an öffent­li­chen Schu­len zu er­stre­cken. Zu Recht sei in der Be­schluss­vor­la­ge aus­geführt wor­den, dass es im Schul­be­reich wei­ter­hin durch kon­kre­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen zu ei­ner Störung des Schul­frie­dens kom­men könne, die letzt­lich den staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trag gefähr­de. Um dies zu ver­hin­dern, sei der Staat nicht nur ge­hal­ten, in Schu­len ei­ne neu­tra­le Ge­stal­tung der Räum­lich­kei­ten zu ermögli­chen, son­dern er müsse auch ver­hin­dern, dass an­ders- oder nichtgläubi­ge Schüle­rin­nen und Schüler von Leh­re­rin­nen und Leh­rern un­ter­rich­tet würden, die sicht­ba­re re­li­giöse oder welt­an­schau­li­che Sym­bo­le bzw. ent­spre­chend auf­fal­len­de Klei­dungsstücke trügen. Wei­ter hat das Ar­beits­ge­richt auf ei­ne Ent­schei­dung des OVG Ber­lin-Bran­den­burg Be­zug ge­nom­men, in der die aus­ge­prägte re­li­giöse He­te­ro­ge­nität an ei­nem Ber­li­ner Gym­na­si­um be­schrie­ben wur­de. Die­se Dar­stel­lung bestäti­ge bei­spiel­haft die Exis­tenz von re­li­giös be­ding­ten Kon­flik­ten an den Schu­len des Lan­des Ber­lin, die auch mit ei­ner an­de­ren Rol­len­ver­tei­lung, bei de­nen Schüler und Schüle­rin­nen mit ei­nem is­la­mi­schen Glau­bens­be­kennt­nis Op­fer von Überg­rif­fen an­ders- bzw. nichtgläubi­ger Schüler sei­en, auf­träten. Es könne ent­spre­chend der Be­gründung der ab­wei­chen­den Mei­nung zur Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­tes vom 27. Ja­nu­ar 2015 nicht al­lein dar­auf ab­ge­stellt wer­den, dass der Staat ei­ne ihm un­mit­tel­bar nicht zu­zu­rech­nen­de in­di­vi­du­el­le Grund­rechts­ausübung sei­ner Pädago­gen nur dul­de und die Schüler le­dig­lich ei­ne be­stimm­te Be­klei­dung der Pädago­gen an­zu­schau­en hätten, die er­kenn­bar auf de­ren in­di­vi­du­el­le Ent­schei­dung zurück­ge­he. Ei­ne sol­che ver­ein­fa­chen­de Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen dem Staat zu­re­chen­ba­ren Sym­bo­len und in­di­vi­du­el­ler re­li­giös
kon­no­tier­ter Be­klei­dung von Pädago­gen blen­de die Wirk­lich­keit aus, die auch die in­di­vi­du­el­le Grund­rechts­ausübung ei­ner Lehr­per­son auf Schüle­rin­nen und Schüler ha­ben könne. Fer­ner hat das Ar­beits­ge­richt aus­geführt, für die ver­fas­sungsmäßige Verhält­nismäßig­keit des § 2 Neu­trG spre­che auch, dass das Ver­bot des Tra­gens re­li­giöser Sym­bo­le und Klei­dungsstücke gemäß § 3 Neu­trG nicht für die be­ruf­li­chen Schu­len und die Ein­rich­tun­gen des zwei­ten Bil­dungs­we­ges gel­te. Dies wer­de vom Lan­des­ge­setz­ge­ber da­mit be­gründet, dass der Er­zie­hungs­as­pekt bei älte­ren Schülern zurück­tre­te und von stärke­rer Ei­genständig­keit aus­ge­gan­gen wer­den könne. Im Übri­gen be­han­de­le das Neu­tra­litäts­ge­setz al­le Re­li­gio­nen und Glau­bens­be­kennt­nis­se gleich. Das Ar­beits­ge­richt hat wei­ter aus­geführt, da die Kam­mer kei­ne über Zwei­fel hin­aus­ge­hen­de Über­zeu­gung von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 2 Neu­trG ha­be, kom­me es nicht auf die Fra­ge der Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit die­ser Norm an. Es hab des­halb auch nicht geklärt wer­den müssen, ob hier die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit aus­schei­de, weil § 2 Neu­trG nicht mit Uni­ons­recht ver­ein­bar und des­halb un­an­wend­bar sei. Ei­ne Vor­la­ge an den EuGH sei nach Auf­fas­sung der Kam­mer auch aus sons­ti­gen Gründen nicht an­ge­zeigt; § 2 Neu­trG ver­s­toße nicht ge­gen Uni­ons­recht. Sch­ließlich hat das Ar­beits­ge­richt aus­geführt, an der Ge­eig­net­heit des Ver­bots des Tra­gens re­li­giös ge­prägter Klei­dungsstücke zur Durch­set­zung des Neu­tra­litäts­ge­bo­tes bestünden kei­ne Zwei­fel. Die Kam­mer ge­he da­von aus, dass die­ses Ver­bot uni­ons­recht­lich dem Verhält­nismäßig­keits­grund­satz ent­spre­che und an­ge­mes­sen im Sin­ne des Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG sei. We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten der Be­gründung wird auf die Ent­schei­dungs­gründe des an­ge­foch­te­nen Ur­teils Be­zug ge­nom­men.
Ge­gen die­ses ihr am 23. Mai 2016 zug­stell­te Ur­teil hat die Kläge­rin mit ei­nem am 23. Ju­ni 2016 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz Be­ru­fung ein­ge­legt und die­se – nach Verlänge­rung der Be­ru­fungs­be­gründungs­be­gründungs­frist bis zum 23. Au­gust 2016 – mit ei­nem am 23. Au­gust 2016 bei dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz be­gründet.
Die Kläge­rin tritt dem an­ge­foch­te­nen Ur­teil un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung ih­res erst­in­stanz­li­chen Vor­trags ent­ge­gen und ist der An­sicht, das Ar­beits­ge­richt hätte die von der Kläge­rin an­ge­bo­te­nen Zeu­gen hören müssen. Durch die Zeu­gen­be­fra­gung wäre deut­lich ge­wor­den, dass die Kläge­rin als Grund­schul­leh­re­rin ge­eig­net sei und dass die Ab­leh­nung der Kläge­rin ei­gent­lich auf dem Ver­bot des § 2 Neu­trG be­ru­he. Wei­ter­hin wäre durch die Be­fra­gung der Zeu­gen deut­lich ge­wor­den, dass es Schu­len in Ber­lin ge­be, an wel­chen sich die Schul­lei­tun­gen vor­stel­len könn­ten, Leh­re­rin­nen mit Kopf­tuch ein­zu­stel­len. Die Einschätzun­gen der Schul­lei­ter wären im vor­lie­gen­den Fall auch not­wen­dig ge­we­sen, da so
ein nicht nur abs­trak­ter Ein­blick in die tatsächli­che Kon­flikt­kla­ge an Ber­li­ner Schu­len hin­sicht­lich der un­ter­schied­li­chen Re­li­gio­nen möglich ge­we­sen wäre.
Wei­ter ist die Kläge­rin der An­sicht, ei­ne Ein­schränkung ih­rer Tätig­keit als Lehr­kraft aus­sch­ließlich an be­rufs­bil­den­den Schu­len sei mit den Grundsätzen der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 und dem AGG nicht ver­ein­bar.
Die Kläge­rin ist fer­ner der An­sicht, § 2 Neu­trG sei ver­fas­sungs­wid­rig, denn die Norm wi­der­spre­che den Maßstäben, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Be­schluss vom 27. Ja­nu­ar 2015 auf­ge­stellt ha­be. Ei­ne Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sei da­her statt­haft. Das Ar­beits­ge­richt ha­be es versäumt, ei­ne ei­ge­ne Abwägung der Grund­rechts­po­si­tio­nen vor­zu­neh­men.
das am 14. April 2016 verkünde­te Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin 58 Ca 13376/15 ab­zuändern und das be­klag­te Land zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung we­gen ei­ner Be­nach­tei­li­gung auf­grund der Re­li­gi­on zu zah­len, de­ren ge­naue Höhe ins Er­mes­sen des Ge­richts ge­stellt wird.
Das be­klag­te Land ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil un­ter Wie­der­ho­lung und Ver­tie­fung sei­nes erst­in­stanz­li­chen Vor­trags und ist der An­sicht, ei­ne Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin lie­ge nicht vor und selbst wenn die­se vor­lie­gen soll­te, wäre sie je­den­falls gemäß § 8 AGG zulässig. § 2 Neu­trG sei we­der ver­fas­sungs­wid­rig noch eu­ro­pa­rechts­wid­rig.
Das be­klag­te Land be­haup­tet, die Kläge­rin ha­be das Vor­stel­lungs­gespräch vom 29. April 2015 von sich aus be­en­det, nach­dem die von ihr gewünsch­te Grund­satz­dis­kus­si­on nicht zu­stan­de ge­kom­men sei.
Das be­klag­te Land ist der An­sicht, die Kläge­rin ha­be sich durch ihr Nich­t­er­schei­nen zum Vor­stel­lungs­gespräch am 27. Mai 2015 selbst um die Möglich­keit ge­bracht, als Lehr­kraft an ei­ner Ber­li­ner Schu­le an­ge­stellt zu wer­den.
Wei­ter ist das be­klag­te Land der An­sicht, ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin lie­ge nicht vor, weil der Kläge­rin im Kam­mer­ter­min vor dem Ar­beits­ge­richt ge­nau der Ar­beits­ver­trag an­ge­bo­ten wor­den sei, den sie auch bei Aus­wahl bei dem Vor­stel­lungs­gespräch (Cas­ting), an dem sie teil­ge­nom­men hätte, er­hal­ten hätte. Ei­ne bes­se­re Rechts­po­si­ti­on könne die Kläge­rin in kei­nem Fall er­hal­ten, weil das be­klag­te Land in den Ar­beits­verträgen mit an­ge­stell­ten Lehr­kräften we­der Fest­schrei­bun­gen ei­ner kon­kre­ten Schu­le noch auch nur ei­nes spe­zi­el­len Schul­typs als Ein­satz­ort vor­neh­me und auf das ihm nach der gel­ten­den Rechts­ord­nung und der ständi­gen Recht­spre­chung des Bun­dess­ar­beits­ge­richts zu­ste­hen­de Di­rek­ti­ons­recht nicht ver­zich­te. Da kein Be­wer­ber ei­nen Rechts­an­spruch auf ei­nen Ar­beits­ver­trag als Lehr­kraft aus­sch­ließlich an ei­ner Grund­schu­le des Lan­des Ber­lin ha­be, schei­de ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung der Kläge­rin aus ei­nem der in § 1 AGG Gründe vor­lie­gend be­reits tat­be­stand­lich aus.
Das be­klag­te Land ist fer­ner der An­sicht, es lie­ge nicht ein­mal ein In­diz im Sin­ne des § 22 AGG für ei­ne un­zulässi­ge Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin aus ei­nem der der § 1 AGG ge­nann­ten Gründe vor.
Sch­ließlich ist das be­klag­te Land der An­sicht, dass dann, wenn der Kläge­rin ei­ne Entschädi­gung zu­zu­spre­chen sei, die­se al­len­falls drei Mo­nats­ver­diens­te be­tra­gen könne.
We­gen der wei­te­ren Ein­zel­hei­ten des Vor­brin­gens der Par­tei­en in der Be­ru­fungs­in­stanz wird auf den vor­ge­tra­ge­nen In­halt der zwi­schen ih­nen ge­wech­sel­ten Schriftsätze vom 23. Au­gust 2016, vom 14. No­vem­ber 2016, vom 17. Ja­nu­ar 2017 und vom 8. Fe­bru­ar 2017 so­wie auf das Sit­zungs­pro­to­koll vom 9. Fe­bru­ar 2017 Be­zug ge­nom­men.
Sie ist gem. §§ 8 Abs. 2, 64 Abs. 1 und 2 ArbGG statt­haft und frist- und form­ge­recht im Sin­ne der §§ 66 Abs. 1 Satz 1, 64 Abs. 6 Satz 1 ArbGG i. V. m. §§ 519, 520 ZPO ein­ge­legt und be­gründet wor­den.
Die Be­ru­fung hat auch in der Sa­che über­wie­gend Er­folg.
Die Kla­ge ist zulässig.
Der auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung ge­rich­te­te Kla­ge­an­trag ist zulässig, ins­be­son­de­re ist er hin­rei­chend be­stimmt im Sin­ne von § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Die Kläge­rin durf­te die Höhe der von ihr be­gehr­ten Entschädi­gung in das Er­mes­sen des Ge­richts stel­len. § 15 Abs. 2 Satz 1 AGG räumt dem Ge­richt bei der Höhe der Entschädi­gung ei­nen Be­ur­tei­lungs­spiel­raum ein, wes­halb ei­ne Be­zif­fe­rung des Zah­lungs­an­trags nicht not­wen­dig ist. Die Kläge­rin hat auch Tat­sa­chen be­nannt, die das Ge­richt bei der Be­stim­mung des Be­trags her­an­zie­hen soll und die Größen­ord­nung der gel­tend ge­mach­ten For­de­rung an­ge­ge­ben (vgl. hier­zu z. B. BAG, 17.12.2015, 8 AZR 421/14, NZA 2016, 888 m.w.N.).
Die Kläge­rin nennt als Grund­la­ge für die Entschädi­gung das mo­nat­li­che Brut­to­ge­halt gemäß Ent­gelt­grup­pe E 11 Stu­fe 5 TV-L (4.340,00 EUR) und ist der An­sicht, die Entschädi­gung soll­te nicht un­ter drei Mo­nats­ver­diens­ten lie­gen. Dies er­gibt 13.020,00 EUR.
Die Kla­ge ist über­wie­gend be­gründet, im Übri­gen ist sie un­be­gründet.
Die Kläge­rin hat ge­gen das be­klag­te Land ei­nen An­spruch auf Zah­lung ei­ner Entschädi­gung gemäß § 15 Abs. 2 AGG in Höhe von 8.680,00 EUR.
1.) Die Kläge­rin ist als Be­wer­be­rin für ei­ne Stel­le als Lehr­kraft „Beschäftig­te“ nach § 6 Abs. 1 Satz 2, 1. Al­ter­na­ti­ve AGG und fällt da­her un­ter den persönli­chen An­wen­dungs­be­reich des AGG.
2.) Das be­klag­te Land ist als „Ar­beit­ge­ber“ pas­siv­le­gi­ti­miert. Nach § 6 Abs. 2 Satz 1 AGG ist Ar­beit­ge­ber im Sin­ne des Ge­set­zes, wer „Per­so­nen nach Abs. 1“ des § 6 AGG „beschäftigt“. Ar­beit­ge­ber ist mit­hin auch der­je­ni­ge, der um Be­wer­bun­gen für ein von ihm an­ge­streb­tes Beschäfti­gungs­verhält­nis bit­tet (vgl. z. B. BAG, 14.11.2013, 8 AZR 997/12, NZA 2014, 489 m.w.N.).
3.) Die Kläge­rin hat ih­ren Entschädi­gungs­an­spruch in­ner­halb der Fris­ten des § 15 Abs. 4 AGG, § 61 b Abs. 1 ArbGG gel­tend ge­macht.
a) Gemäß § 15 Abs. 4 Satz 1 AGG muss ein An­spruch aus § 15 Abs. 2 AGG in­ner­halb ei­ner Frist von zwei Mo­na­ten schrift­lich gel­tend ge­macht wer­den. Im Fal­le ei­ner Be­wer­bung be­ginnt die Frist mit dem Zu­gang der Ab­leh­nung (§ 15 Abs. 4 Satz 2 AGG), nicht je­doch vor dem Zeit­punkt, in dem der Be­wer­ber von sei­ner Be­nach­tei­li­gung Kennt­nis er­langt.
Die Ab­leh­nung der Be­wer­bung durch das be­klag­te Land – be­zo­gen auf das vor­ge­zo­ge­ne Aus­wahl­ver­fah­ren – mit E-Mail vom 6. Mai 2015 ist der Kläge­rin am sel­ben Ta­ge zu­ge­gan­gen.
Die Kläge­rin mach­te mit an­walt­li­chem Schrei­ben vom 26. Ju­ni 2015, das sie vor­ab per Te­le­fax an das be­klag­te Land ge­sen­det hat­te, ei­nen Entschädi­gungs­an­spruch gemäß § 15 Abs. 2 AGG außer­ge­richt­lich gel­tend und gab an, die Höhe sol­le sich an drei Mo­nats­ver­diens­ten ori­en­tie­ren, wel­che in die­sem Be­reich üblich sei­en.
b) Die am Mon­tag, dem 28. Sep­tem­ber 2015 beim Ar­beits­ge­richt ein­ge­gan­ge­ne Kla­ge, die dem be­klag­ten Land am 6. Ok­to­ber 2015 zu­ge­stellt wor­den ist, hat die Frist des § 61 b Abs. 1 ArbGG ge­wahrt. Die Kla­ge wur­de in­ner­halb von drei Mo­na­ten nach der schrift­li­chen Gel­tend­ma­chung des An­spruchs er­ho­ben.
Für die Frist­wah­rung genügte gemäß § 167 ZPO der Ein­gang der Kla­ge beim Ar­beits­ge­richt, weil de­ren Zu­stel­lung „demnächst“ er­folg­te (vgl. ent­spre­chend z. B. BAG, 16.02.2012, 8 AZR 697/10, NZA 2012, 667 und BAG 22.05.2014, 8 AZR 662/13, NZA 2014, 924).
4.) Das be­klag­te Land hat ge­gen das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 AGG ver­s­toßen.
a) Der An­spruch auf Entschädi­gung nach § 15 Abs. 2 AGG setzt ei­nen Ver­s­toß ge­gen das in § 7 Abs. 1 AGG ge­re­gel­te Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot vor­aus (§ 15 Abs. 2 i.V.m. § 15 Abs. 1 Satz 1 AGG) und ist ver­schul­dens­un­abhängig (vgl. z. B. BAG, 17.12.2015, 8 AZR 421/14, NZA 2016, 888).
b) Nach dem in § 7 Abs. 1 AGG be­stimm­ten Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot ist ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des, u.a. we­gen der Re­li­gi­on, un­ter­sagt. § 7 AGG ver­bie­tet so­wohl un­mit­tel­ba­re als auch mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung (vgl. z. B. BAG a.a.O.).
Nach § 3 Abs. 1 Satz 1 AGG liegt ei­ne un­mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung vor, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des, u.a. we­gen der Re­li­gi­on, ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt als ei­ne an­de­re Per­son in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde. Nach § 3 Abs. 2 AGG liegt ei­ne mit­tel­ba­re Be­nach­tei­li­gung vor, wenn dem An­schein nach neu­tra­le Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren Per­so­nen we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ge­genüber an­de­ren Per­so­nen be­nach­tei­li­gen können, es sei denn, die be­tref­fen­den Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich.
c) Im Hin­blick auf ei­ne – ins­be­son­de­re bei ei­ner Ein­stel­lung zu tref­fen­de – Aus­wah­l­ent­schei­dung des Ar­beit­ge­bers be­fin­den sich Per­so­nen grundsätz­lich be­reits dann in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on, wenn sie sich für die­sel­be be­wor­ben ha­ben (vgl. z. B. BAG, 17.12.2015, 8 AZR 421/14, NZA 2016, 888 m.w.N.).
d) Das Be­nach­tei­li­gungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 AGG er­fasst nicht je­de Un­gleich­be­hand­lung, son­dern nur ei­ne Un­gleich­be­hand­lung „we­gen“ ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des. Zwi­schen der be­nach­tei­li­gen­den Be­hand­lung und ei­nem in § 1 AGG ge­nann­ten Grund muss dem­nach ein Kau­sal­zu­sam­men­hang be­ste­hen. Dafür ist es nicht er­for­der­lich, dass der be­tref­fen­de Grund iSv. § 1 AGG das aus­sch­ließli­che oder auch nur ein we­sent­li­ches Mo­tiv für das Han­deln des Be­nach­tei­li­gen­den ist; er muss nicht - ge­wis­ser­maßen als vor­herr­schen­der Be­weg­grund, Haupt­mo­tiv oder „Trieb­fe­der“ des Ver­hal­tens - hand­lungs­lei­tend oder be­wusst­seins­do­mi­nant ge­we­sen sein; viel­mehr ist der Kau­sal­zu­sam­men­hang be­reits dann ge­ge­ben, wenn die Be­nach­tei­li­gung an ei­nen Grund iSv. § 1 AGG an­knüpft oder durch die­sen mo­ti­viert ist, wo­bei bloße Mit­ursächlich­keit genügt. Bei der Prüfung des Kau­sal­zu­sam­men­hangs sind al­le Umstände des Rechts­streits im Sin­ne
ei­ner Ge­samt­be­trach­tung und -würdi­gung des Sach­ver­halts zu berück­sich­ti­gen (vgl. BAG, 19.05.2016, 8 AZR 470/14, NZA 2016, 1394 und BAG, 17.12.2015, 8 AZR 421/14, NZA 2016, 888, je­weils mwN).
e) Für den Rechts­schutz bei Dis­kri­mi­nie­run­gen sieht § 22 AGG ei­ne Er­leich­te­rung der Dar­le­gungs­last, ei­ne Ab­sen­kung des Be­weis­maßes und ei­ne Um­kehr der Be­weis­last vor. Wenn im Streit­fall die ei­ne Par­tei In­di­zi­en be­weist, die ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des ver­mu­ten las­sen, trägt nach § 22 AGG die an­de­re Par­tei die Be­weis­last dafür, dass kein Ver­s­toß ge­gen die Be­stim­mun­gen zum Schutz vor Be­nach­tei­li­gung vor­ge­le­gen hat (BAG aaO).
Da­nach genügt ei­ne Per­son, die sich durch ei­ne Ver­let­zung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes für be­schwert hält, ih­rer Dar­le­gungs­last be­reits dann, wenn sie In­di­zi­en vorträgt, die mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit dar­auf schließen las­sen, dass ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des er­folgt ist. Dies gilt nicht nur im Hin­blick auf § 7 Abs. 1 Halbs. 1 AGG, son­dern eben­so im Hin­blick auf das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen von § 7 Abs. 1 Halbs. 2 AGG, al­so be­zo­gen auf die Fra­ge, ob der Be­nach­tei­li­gen­de das Vor­lie­gen ei­nes in § 1 AGG ge­nann­ten Grun­des bei der Be­nach­tei­li­gung nur an­ge­nom­men hat (BAG aaO).
Be­steht die Ver­mu­tung ei­ner Be­nach­tei­li­gung, trägt die an­de­re Par­tei die Dar­le­gungs- und Be­weis­last dafür, dass der Gleich­be­hand­lungs­grund­satz nicht ver­letzt wor­den ist. Hierfür gilt je­doch das Be­weis­maß des sog. Voll­be­wei­ses. Der Ar­beit­ge­ber muss dem­nach Tat­sa­chen vor­tra­gen und ggf. be­wei­sen, aus de­nen sich er­gibt, dass aus­sch­ließlich an­de­re als die in § 1 AGG ge­nann­ten Gründe zu ei­ner ungüns­ti­ge­ren Be­hand­lung geführt ha­ben. Die Be­weiswürdi­gung er­folgt nach § 286 Abs. 1 Satz 1 ZPO un­ter Zu­grun­de­le­gung der Vor­ga­ben von § 22 AGG (vgl. BAG aaO mwN).
f) Im vor­lie­gen­den Fall hat das be­klag­te Land die Kläge­rin un­mit­tel­bar we­gen ih­rer Re­li­gi­on be­nach­tei­ligt, denn es ver­sag­te der Kläge­rin die Beschäfti­gung an ei­ner all­ge­mein­bil­den­den Schu­le im Land Ber­lin in der Pri­mar­stu­fe (Grund­schu­le), weil die Kläge­rin als gläubi­ge Mus­li­ma auch im Dienst ein is­la­mi­sches Kopf­tuch tra­gen möch­te.
Ent­ge­gen der An­sicht des be­klag­ten Lan­des entfällt ei­ne Be­nach­tei­li­gung nicht des­halb, weil das be­klag­te Land die Kläge­rin je­der­zeit ein­stel­len würde und kei­ne der im Land Ber­lin beschäftig­ten Lehr­kräfte ei­nen An­spruch auf ei­ne Beschäfti­gung an ei­nem be­stimm­ten
Schul­typ hat. Je­de neu ein­ge­stell­te Lehr­kraft mit der Qua­li­fi­ka­ti­on der Kläge­rin hat die Chan­ce, auch an ei­ner all­ge­mein­bil­den­den Schu­le in der Pri­mar­stu­fe und in der Se­kun­dar­stu­fe I beschäftigt zu wer­den. Da­ge­gen ist die Kläge­rin von die­ser Möglich­keit von vor­ne­her­ein und nur des­halb aus­ge­nom­men, weil sie im Dienst ein is­la­mi­sches Kopf­tuch tra­gen möch­te.
Be­zo­gen auf das „Cas­ting“ vom 29. April 2015 be­stand kei­ne Möglich­keit, dass die Kläge­rin ein­ge­stellt würde. Denn un­strei­tig wur­den bei die­sem „Cas­ting“ nur Lehr­kräfte für Grund­schu­len ge­sucht. Un­strei­tig ist auch, dass das be­klag­te Land drin­gend Grund­schul­leh­rer benötig­te und benötigt und man­gels aus­rei­chen­der Be­wer­ber­zah­len so­gar sog. Quer­ein­stei­ger oh­ne pädago­gi­sche Aus­bil­dung sucht. Fer­ner ist un­strei­tig, dass die Kläge­rin bei dem „Cas­ting“ auf ihr Kopf­tuch an­ge­spro­chen und ge­fragt wur­de, ob sie be­ab­sich­ti­ge, die­ses auch im Dienst zu tra­gen. Als die Kläge­rin die­se Fra­ge be­jah­te, wur­de sie un­strei­tig auf § 2 Neu­trG hin­ge­wie­sen.
Die Kläge­rin hat im vor­lie­gen­den Fall nicht nur In­di­zi­en vor­ge­tra­gen, die auf ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der is­la­mi­schen Re­li­gi­on schließen las­sen, son­dern die von der Kläge­rin vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen sind in­so­weit un­strei­tig.
Das be­klag­te Land hat im vor­lie­gen­den Rechts­streit kei­ne Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen, aus de­nen sich er­ge­ben könn­te, dass aus­sch­ließlich an­de­re Gründe als die Äußerung der Kläge­rin, im Dienst ein is­la­mi­sches Kopf­tuch tra­gen zu wol­len, zur Ab­sa­ge vom 6. Mai 2015 geführt hätten.
In der Kla­ge­er­wi­de­rung führ­te das be­klag­te Land aus­drück­lich aus, die Nicht­beschäfti­gung der Kläge­rin an ei­ner Grund­schu­le be­ru­he „im Übri­gen“ auf der ein­deu­ti­gen Re­ge­lung in § 2 Neu­trG, an das die Ber­li­ner Ver­wal­tung nach Maßga­be von Art. 20 Abs. 3 GG ge­bun­den sei, so­lan­ge be­sag­te Re­ge­lung nicht vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf­ge­ho­ben wor­den sei.
Das be­klag­te Land hat auch nicht et­wa be­haup­tet, die Kläge­rin hätte we­gen ih­res No­ten­durch­schnitts die Ab­sa­ge vom 6. Mai 2015 er­hal­ten. Erst­mals in der Be­ru­fungs­er­wi­de­rung führ­te das be­klag­te Land aus, von den 26 am 29. April 2015 er­schie­ne­nen Be­wer­bern sei­en 23 aus­gewählt wor­den und al­le nicht aus­gewähl­ten Be­wer­ber mit der glei­chen Lauf­bahn der Kläge­rin hätten die No­te 3 ge­habt. Die­ser Vor­trag er­folg­te al­ler­dings nicht zur Be­gründung der Ab­leh­nung vom 6. Mai 2015, son­dern zur
Be­gründung, dass die - even­tu­el­le - Entschädi­gung nicht mehr als drei Mo­nats­ver­diens­te be­tra­gen sol­le.
Ent­ge­gen der An­sicht des be­klag­ten Lan­des war von ei­ner ernst­haf­ten Be­wer­bung der Kläge­rin aus­zu­ge­hen. Die Kläge­rin, die als Grund­schul­leh­re­rin ar­bei­ten möch­te und wuss­te, dass sie vom Land Ber­lin mit ei­nem is­la­mi­schen Kopf­tuch nicht in ei­ner Grund­schu­le beschäftigt wer­den würde, hat­te nach Ab­schluss der Zwei­ten Staats­prüfung mit der i. F. in Ber­lin e.V. ei­nen Ar­beits­ver­trag als Re­li­gi­ons­leh­re­rin ge­schlos­sen, um in Ber­lin an Grund­schu­len un­ter­rich­ten zu können. Erst nach der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 be­warb sich die Kläge­rin beim be­klag­ten Land als Lehr­kraft in der Hoff­nung, das be­klag­te Land wer­de die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bei der Ein­stel­lung berück­sich­ti­gen. Dies wird auch auf­grund der un­strei­ti­gen Tat­sa­che deut­lich, dass die Kläge­rin bei dem „Cas­ting“ vom 29. April 2015 nach dem Hin­weis des be­klag­ten Lan­des auf das Neu­tra­litäts­ge­setz ver­such­te, über die da­mals neue Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu dis­ku­tie­ren.
Un­er­heb­lich ist, ob die Kläge­rin das Gespräch am 29. April 2015 von sich aus ab­brach, wie das be­klag­te Land be­haup­tet. Denn die Kläge­rin war – wie oben be­reits aus­geführt wur­de – während des „Cas­tings“ auf ihr Kopf­tuch an­ge­spro­chen und auf das Ber­li­ner Neu­tra­litäts­ge­setz hin­ge­wie­sen wor­den und un­strei­tig wur­den bei die­sem „Cas­ting“ aus­sch­ließlich Grund­schul­leh­rer ge­sucht. Als ei­ne sol­che Grund­schul­leh­re­rin wäre die Kläge­rin we­gen ih­res is­la­mi­schen Kopf­tuchs und der Äußerung, sie wol­le die­ses auch im Dienst tra­gen, oh­ne­hin nicht aus­gewählt wor­den.
g) Die un­ter­schied­li­che Be­hand­lung der Kläge­rin im Ver­gleich zu den an­de­ren Be­wer­ber/in­nen war nicht gemäß § 8 Abs. 1 AGG zulässig.
aa) Nach § 8 Abs. 1 AGG ist ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung we­gen ei­nes in § 1 AGG Grun­des zulässig, wenn die­ser Grund we­gen der Art der aus­zuüben­den Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern der Zweck rechtmäßig und die An­for­de­rung an­ge­mes­sen ist. § 8 Abs. 1 AGG dient der Um­set­zung von Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG in das na­tio­na­le Recht. § 8 Abs. 1 AGG ist uni­ons­rechts­kon­form in Übe­rein­stim­mung mit der Richt­li­nie un­ter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des EUGH eng aus­zu­le­gen (vgl. z. B. BAG, 19.05.2016, 8 AZR 470/14, NZA 216, 1394).
Bei der An­wen­dung von § 8 Abs. 1 AGG ist zu be­ach­ten, dass nicht der Grund, auf den die Un­gleich­be­hand­lung gestützt ist, son­dern nur ein mit die­sem Grund im Zu­sam­men­hang ste­hen­des Merk­mal ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stel­len kann und dass ein sol­ches Merk­mal – oder sein Feh­len – nur dann ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne des § 8 Abs. 1 AGG ist, wenn da­von die ord­nungs­gemäße Durchführung der Tätig­keit abhängt (vgl. BAG a.a.O. m.w.N. aus der Recht­spre­chung des EuGH und des BAG).
bb) Das Un­ter­las­sen des Tra­gens ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tu­ches ist kei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung für die Tätig­keit ei­ner Leh­re­rin an ei­ner all­ge­mein­bil­den­den Schu­le in der Pri­mar­stu­fe oder der Se­kun­dar­stu­fe I in Ber­lin, denn die ord­nungs­gemäße Durchführung die­ser Tätig­keit hängt nicht da­von ab, ob die Leh­re­rin ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt oder nicht, son­dern da­von, ob die Leh­re­rin die Zwei­te Staats­prüfung für das Lehr­amt für die Bil­dungsgänge der Se­kun­dar­stu­fe I und der Pri­mar­stu­fe an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len be­stan­den hat. Mit die­sem Ab­schluss ist ei­ne Leh­re­rin, die ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt, oh­ne wei­te­res da­zu in der La­ge, Kin­der zu un­ter­rich­ten.
cc) Al­ler­dings dürfen Lehr­kräfte im Land Ber­lin gem. § 2 Satz 1 Neu­trG in den öffent­li­chen Schu­len nach dem Schul­ge­setz in­ner­halb des Diens­tes u. a. kei­ne auf­fal­lend re­li­giös ge­prägten Klei­dungsstücke tra­gen, wor­un­ter auch das is­la­mi­sche Kopf­tuch fällt. Aus­ge­nom­men sind von die­ser Re­ge­lung gem. § 3 Satz 1 Neu­trG nur die be­ruf­li­chen Schu­len im Sin­ne des § 17 Abs. 1 Satz 3 Satz 1 Nr. 3 des Schul­ge­set­zes so­wie Ein­rich­tun­gen des Zwei­ten Bil­dungs­we­ges im Sin­ne des § 17 Abs. 2 Satz 1 Nr. 5 des Schul­ge­set­zes. Fer­ner kann die obers­te Dienst­behörde gem. § 3 Satz 2 Neu­trG für wei­te­re Schul­ar­ten un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen Aus­nah­men zu­las­sen.
Nach der Recht­spre­chung des Ers­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, der sich die er­ken­nen­de Kam­mer an­ge­schlos­sen hat, ver­letzt ein pau­scha­les Kopf­tuch­ver­bot für Lehr­kräfte an öffent­li­chen Schu­len de­ren Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG auf Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit (BVerfG, 27.01.2015, 1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10 BVerfGE 138, 296; vgl. auch BVerfG, 18.10.2016, 1 BvR 354/11, NZA 2016, 1522 zum Kopf­tuch­ver­bot für Er­zie­he­rin­nen an öffent­li­chen Kin­der­ta­gesstätten).
Nach die­ser Recht­spre­chung ist ein Ver­bot re­li­giöser Be­kun­dun­gen durch das äußere Er­schei­nungs­bild, das be­reits die abs­trak­te Ge­fahr ei­ner Be­ein­träch­ti­gung des Schul­frie­dens
oder der staat­li­chen Neu­tra­lität aus­rei­chen lässt, im Hin­blick auf die Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit der Pädago­gen je­den­falls un­an­ge­mes­sen und da­mit un­verhält­nismäßig, wenn die Be­kun­dung nach­voll­zieh­bar auf ein als ver­pflich­tend emp­fun­de­nes re­li­giöses Ge­bot zurückführ­bar ist. Er­for­der­lich ist viel­mehr ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr. Ei­ne ent­spre­chen­de ge­biets­be­zo­ge­ne, mögli­cher­wei­se auch lan­des­wei­te Un­ter­sa­gung kommt von Ver­fas­sungs we­gen für öffent­li­che be­kennt­nis­of­fe­ne Schu­len nur dann in Be­tracht, wenn ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr für die ge­nann­ten Schutzgüter im ge­sam­ten Gel­tungs­be­reich der Un­ter­sa­gung be­steht (BVerfG, 27.01.2015, 1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10 a. a. O.).
Al­lein das Tra­gen ei­nes „is­la­mi­schen Kopf­tu­ches“ be­gründet ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr im Re­gel­fall nicht. Denn vom Tra­gen ei­ner sol­chen Kopf­be­de­ckung geht für sich ge­nom­men noch kein wer­ben­der oder gar mis­sio­nie­ren­der Ef­fekt aus. Ein „is­la­mi­sches Kopf­tuch“ ist in Deutsch­land nicht unüblich, son­dern spie­gelt sich im ge­sell­schaft­li­chen All­tag viel­fach wi­der (vgl. BVerfG, 18.10.2016, 1 BvR 354/11, NZA 2016, 1522).
§ 2 Satz 1 Neu­trG ver­bie­tet nach sei­nem Wort­laut das Tra­gen von auf­fal­lend re­li­giös ge­prägten Klei­dungsstücken, oh­ne dies von wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen, wie z. B. vom Vor­lie­gen ei­ner kon­kre­ten Ge­fahr, abhängig zu ma­chen und stellt da­mit je­den­falls nach sei­nem Wort­laut ein pau­scha­les Kopf­tuch­ver­bot dar.
Die­ses pau­scha­le Kopf­tuch­ver­bot ver­letzt die Kläge­rin in ih­rem Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG.
(1) Der Schutz des Grund­rechts auf Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit (Art. 1 Abs. 1 und 2 GG) gewähr­leis­tet auch den Pädago­gin­nen und Pädago­gen in der öffent­li­chen be­kennt­nis­of­fe­nen Schu­le die Frei­heit, den Re­geln ih­res Glau­bens gemäß ei­nem re­li­giösen Be­de­ckungs­ge­bot zu genügen, wie dies et­wa durch das Tra­gen ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tuchs der Fall sein kann, wenn dies hin­rei­chend plau­si­bel be­gründet wird (BVerfG, 27.01.2015, 1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10 a. a. O.).
(a) Auch An­ge­stell­te im öffent­li­chen Dienst können sich auf ihr Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG be­ru­fen. Die Grund­rechts­be­rech­ti­gung der An­ge­stell­ten wird durch ih­re Ein­glie­de­rung in den staat­li­chen Auf­ga­ben­be­reich der Schu­le nicht von vor­ne­her­ein oder grundsätz­lich in Fra­ge ge­stellt. Der Staat bleibt zu­dem auch dann an die Grund­rech­te ge­bun­den, wenn er sich zur Auf­ga­ben­erfüllung zi­vil­recht­li­cher In­stru­men­te be­dient, wie das
hier durch den Ab­schluss pri­vat­recht­li­cher Ar­beits­verträge mit den zur Erfüllung sei­nes Er­zie­hungs­auf­trags von ihm an­ge­stell­ten Pädago­gin­nen der Fall ist, Art. 1 Abs. 3 GG (BVerfG a. a. O.).
(b) Art. 4 GG ga­ran­tiert in Ab­satz 1 die Frei­heit des Glau­bens, des Ge­wis­sens und des re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Be­kennt­nis­ses, in Ab­satz 2 das Recht der un­gestörten Re­li­gi­ons­ausübung. Bei­de Absätze des Art. 4 GG ent­hal­ten ein um­fas­send zu ver­ste­hen­des ein­heit­li­ches Grund­recht. Es er­streckt sich nicht nur auf die in­ne­re Frei­heit, zu glau­ben oder nicht zu glau­ben, das heißt ei­nen Glau­ben zu ha­ben, zu ver­schwei­gen, sich vom bis­he­ri­gen Glau­ben los­zu­sa­gen und ei­nem an­de­ren Glau­ben zu­zu­wen­den, son­dern auch auf die äußere Frei­heit, den Glau­ben zu be­kun­den und zu ver­brei­ten, für sei­nen Glau­ben zu wer­ben und an­de­re von ih­rem Glau­ben ab­zu­wer­ben. Um­fasst sind da­mit nicht al­lein kul­ti­sche Hand­lun­gen und die Ausübung und Be­ach­tung re­li­giöser Gebräuche, son­dern auch die re­li­giöse Er­zie­hung so­wie an­de­re Äußerungs­for­men des re­li­giösen und welt­an­schau­li­chen Le­bens. Da­zu gehört auch das Recht der Ein­zel­nen, ihr ge­sam­tes Ver­hal­ten an den Leh­ren ih­res Glau­bens aus­zu­rich­ten und die­ser Über­zeu­gung gemäß zu han­deln, al­so glau­bens­ge­lei­tet zu le­ben; dies be­trifft nicht nur im­pe­ra­ti­ve Glau­benssätze (vgl. BVerfG, 27.01.2015, 1 BvR 471/10, 1 BvR 1181/10, BVerfGE 138, 296).
Bei der Würdi­gung des­sen, was im Ein­zel­fall als Ausübung von Re­li­gi­on und Welt­an­schau­ung zu be­trach­ten ist, darf das Selbst­verständ­nis der je­weils be­trof­fe­nen Re­li­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten und des ein­zel­nen Grund­recht­strägers nicht außer Be­tracht blei­ben. Dies be­deu­tet je­doch nicht, dass jeg­li­ches Ver­hal­ten ei­ner Per­son al­lein nach de­ren sub­jek­ti­ver Be­stim­mung als Aus­druck der Glau­bens­frei­heit an­ge­se­hen wer­den muss. Die staat­li­chen Or­ga­ne dürfen prüfen und ent­schei­den, ob hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt ist, dass sich das Ver­hal­ten tatsächlich nach geis­ti­gem Ge­halt und äußerer Er­schei­nung in plau­si­bler Wei­se dem Schutz­be­reich des Art. 4 GG zu­ord­nen lässt, al­so tatsächlich ei­ne als re­li­giös an­zu­se­hen­de Mo­ti­va­ti­on hat. Dem Staat ist es in­des ver­wehrt, der­ar­ti­ge Glau­bensüber­zeu­gun­gen sei­ner Bürger zu be­wer­ten oder gar als "rich­tig" oder "falsch" zu be­zeich­nen; dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn hier­zu in­ner­halb ei­ner Re­li­gi­on di­ver­gie­ren­de An­sich­ten ver­tre­ten wer­den (vgl. BVerfG a. a. O.).
(c) Die Mus­li­min­nen, die ein in der für ih­ren Glau­ben ty­pi­schen Wei­se ge­bun­de­nes Kopf­tuch tra­gen, können sich dafür auch bei der Ausübung ih­res Be­rufs in der öffent­li­chen be­kennt­nis­of­fe­nen Schu­le, aber auch für das Tra­gen ei­ner sons­ti­gen Be­klei­dung, durch die
Haa­re und Hals nach­voll­zieh­bar aus re­li­giösen Gründen be­deckt wer­den, auf den Schutz der Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG be­ru­fen (vgl. BVerfG a. a. O.).
Im vor­lie­gen­den Fall macht die Kläge­rin ei­ne re­li­giöse Mo­ti­va­ti­on für das Tra­gen ih­rer Kopf­be­de­ckun­gen gel­tend. Sie be­zeich­net de­ren Tra­gen als un­be­ding­te re­li­giöse Pflicht und als ele­men­ta­ren Be­stand­teil ei­ner am Is­lam ori­en­tier­ten Le­bens­wei­se.
Die­se re­li­giöse Fun­die­rung der Be­klei­dungs­wahl ist auch mit Rück­sicht auf die im Is­lam ver­tre­te­nen un­ter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen zum so­ge­nann­ten Be­de­ckungs­ge­bot nach geis­ti­gem Ge­halt und äußerer Er­schei­nung hin­rei­chend plau­si­bel. Da­bei kommt es nicht dar­auf an, dass der ge­naue In­halt der Be­klei­dungs­vor­schrif­ten für Frau­en un­ter is­la­mi­schen Ge­lehr­ten durch­aus um­strit­ten ist. Es genügt, dass die­se Be­trach­tung un­ter den ver­schie­de­nen Rich­tun­gen des Is­lam ver­brei­tet ist und ins­be­son­de­re auf zwei Stel­len im Ko­ran (Su­re 24, Vers 31; Su­re 33, Vers 59) zurück­geführt wird. Ein Be­de­ckungs­ge­bot wird im Is­lam teil­wei­se auch als un­be­ding­te Pflicht ein­ge­ord­net. Un­ter die­sen Umständen kommt es nicht dar­auf an, dass an­de­re Rich­tun­gen des Is­lam ein als ver­pflich­tend gel­ten­des Be­de­ckungs­ge­bot für Frau­en nicht ken­nen (vgl. BVerfG a. a. O. m. w. N.; vgl. auch BVerfG, 18.10. 2016, 1 BvR 354/11, NZA 2016, 1522).
(2) Die auf § 2 Neu­trG gestütz­te Un­ter­sa­gung des Tra­gens ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tu­ches im Dienst an ei­ner all­ge­mein­bil­den­den Schu­le in der Pri­mar­stu­fe (und in der Se­kun­dar­stu­fe I) stellt ei­nen schwer­wie­gen­den Ein­griff in das Grund­recht der Kläge­rin aus Art 4 Abs. 1 und 2 GG dar.
(a) Das is­la­mi­sche Kopf­tuch ist ein auf­fal­lend re­li­giös ge­prägtes Klei­dungsstück im Sin­ne des § 2 Neu­trG. Dies er­gibt sich auch aus der Ge­set­zes­be­gründung (Druck­sa­che des Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses Ber­lin 15/3249 vom 08.10.2004), in der aus­drück­lich zum Ver­bot für Lehr­kräfte, im Schul­un­ter­richt ein Kopf­tuch zu tra­gen, aus­geführt wird. Hierüber be­steht zwi­schen den Par­tei­en auch kein Streit.
Auch wenn ein is­la­mi­sches Kopf­tuch nur der Erfüllung ei­nes re­li­giösen Ge­bots dient und ihm von der Träge­rin kein sym­bo­li­scher Cha­rak­ter bei­ge­mes­sen wird, son­dern es le­dig­lich als Klei­dungsstück an­ge­se­hen wird, das die Re­li­gi­on vor­schreibt, ändert dies nichts dar­an, dass es in Abhängig­keit vom so­zia­len Kon­text ver­brei­tet als Hin­weis auf die mus­li­mi­sche Re­li­gi­ons­zu­gehörig­keit der Träge­rin ge­deu­tet wird. In die­sem Sin­ne ist es ein re­li­giös kon­no­tier­tes Klei­dungsstück. Wird es als äußeres An­zei­chen re­li­giöser Iden­tität ver­stan­den, so be­wirkt es das Be­kennt­nis ei­ner re­li­giösen Über­zeu­gung, oh­ne dass es hierfür ei­ner be­son­de­ren Kund­ga­be­ab­sicht oder ei­nes zusätz­li­chen wir­kungs­verstärken­den Ver­hal­tens
be­darf. Des­sen wird sich die Träge­rin ei­nes in ty­pi­scher Wei­se ge­bun­de­nen Kopf­tuchs re­gelmäßig auch be­wusst sein. Die­se Wir­kung kann sich - je nach den Umständen des Ein­zel­falls - auch für an­de­re For­men der Kopf- und Hals­be­de­ckung er­ge­ben (vgl. BVerfG a. a. O.).
(b) Der Ein­griff, der mit der Un­ter­sa­gung des Tra­gens ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tuchs oder ei­ner an­de­ren Kopf- und Hals­be­de­ckung in Erfüllung ei­nes re­li­giösen Ge­bots ver­bun­den ist, wiegt schwer. Zwar ver­stellt das Ver­bot die­ser Kopf­be­de­ckung der Kläge­rin nicht den Zu­gang zum Be­ruf als Leh­re­rin (Art. 12 Abs. 1 GG), weil das Ver­bot nicht für die be­ruf­li­chen Schu­len und die Ein­rich­tun­gen des Zwei­ten Bil­dungs­we­ges gilt.
Durch § 2 Satz 1 Neu­trG ist die Kläge­rin aber aus­nahms­los von der Möglich­keit aus­ge­nom­men, an al­len Schu­len in der Pri­mar­stu­fe und an wei­terführen­den all­ge­mein­bil­den­den Schu­len in der Se­kun­dar­stu­fe I zu un­ter­rich­ten.
Dass auf die­se Wei­se fak­tisch vor al­lem strenggläubi­ge mus­li­mi­sche Frau­en von der qua­li­fi­zier­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit als Lehr­kräfte an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len fern­ge­hal­ten wer­den, steht zu­gleich in ei­nem recht­fer­ti­gungs­bedürf­ti­gen Span­nungs­verhält­nis zum Ge­bot der tatsächli­chen Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en (Art. 3 Abs. 2 GG). Vor die­sem Hin­ter­grund greift das ge­setz­li­che Be­kun­dungs­ver­bot in ihr Grund­recht auf Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit trotz sei­ner zeit­li­chen und ört­li­chen Be­gren­zung auf den schu­li­schen Be­reich mit er­heb­lich größerem Ge­wicht ein, als dies bei ei­ner re­li­giösen Übung oh­ne plau­si­blen Ver­bind­lich­keits­an­spruch der Fall wäre (vgl. BVerfG a. a. O.).
(3) Der Ein­griff in die Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit der Kläge­rin durch das pau­scha­le Kopf­tuch­ver­bot ist un­verhält­nismäßig und des­halb nicht ge­recht­fer­tigt.
(a) Ein­schränkun­gen des Grund­rechts aus Art. 4 Satz 1 und 2 GG müssen sich aus der Ver­fas­sung selbst er­ge­ben, weil Art. 4 Abs. 1 und 2 GG kei­nen Ge­set­zes­vor­be­halt enthält. Zu sol­chen ver­fas­sungs­im­ma­nen­ten Schran­ken zählen die Grund­rech­te Drit­ter so­wie Ge­mein­schafts­wer­te von Ver­fas­sungs­rang Als mit der Glau­bens­frei­heit in Wi­der­streit tre­ten­de Ver­fas­sungsgüter kom­men hier ne­ben dem staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trag (Art. 7 Abs. 1 GG), der un­ter Wah­rung der Pflicht zu welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität zu erfüllen ist, das el­ter­li­che Er­zie­hungs­recht (Art. 6 Abs. 2 GG) und die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schüler (Art. 4 Abs. 1 GG) in Be­tracht. Das nor­ma­ti­ve Span­nungs­verhält­nis zwi­schen die­sen Ver­fas­sungsgütern un­ter Berück­sich­ti­gung des
To­le­ranz­ge­bots zu lösen, ob­liegt dem de­mo­kra­ti­schen Ge­setz­ge­ber, der im öffent­li­chen Wil­lens­bil­dungs­pro­zess ei­nen für al­le zu­mut­ba­ren Kom­pro­miss zu su­chen hat. Die ge­nann­ten Grund­ge­setz-Nor­men sind zu­sam­men zu se­hen, ih­re In­ter­pre­ta­ti­on und ihr Wir­kungs­be­reich sind auf­ein­an­der ab­zu­stim­men (vgl. BVerfG a. a. O.).
(b) Der Ber­li­ner Ge­setz­ge­ber ver­folgt mit § 2 Satz 1 Neu­trG le­gi­ti­me Zie­le. Sein An­lie­gen ist es, den Schul­frie­den und die staat­li­che Neu­tra­lität zu wah­ren, so den staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trag ab­zu­si­chern, ge­genläufi­ge Grund­rech­te von Schülern und El­tern zu schützen und da­mit mögli­che Kon­flik­te im Be­reich der in § 17 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, 2 und 4 des Ber­li­ner Schul­ge­set­zes ge­nann­ten Schu­len zu ver­hin­dern (vgl. Druck­sa­che des Ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses 15/3249, 08.10.2004).
(c) Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist ein lan­des­wei­tes Ver­bot re­li­giöser Be­kun­dun­gen durch das äußere Er­schei­nungs­bild, na­ment­lich das Tra­gen re­li­giös kon­no­tier­ter Klei­dung, schon we­gen der bloß abs­trak­ten Eig­nung zu ei­ner Gefähr­dung des Schul­frie­dens oder der staat­li­chen Neu­tra­lität in ei­ner be­kennt­nis­of­fe­nen Schu­le un­verhält­nismäßig im en­ge­ren Sin­ne, wenn die­ses Ver­hal­ten nach­voll­zieh­bar auf ein als ver­pflich­tend ver­stan­de­nes re­li­giöses Ge­bot zurück­zuführen ist. Zwar kann das Ein­brin­gen re­li­giöser oder welt­an­schau­li­cher Bezüge in Schu­le und Un­ter­richt durch pädago­gi­sches Per­so­nal den in Neu­tra­lität zu erfüllen­den staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trag, das el­ter­li­che Er­zie­hungs­recht und die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schüler be­ein­träch­ti­gen. Es eröff­net zu­min­dest die Möglich­keit ei­ner Be­ein­flus­sung der Schul­kin­der so­wie von Kon­flik­ten mit El­tern, was zu ei­ner Störung des Schul­frie­dens führen und die Erfüllung des Er­zie­hungs­auf­trags der Schu­le gefähr­den kann. Auch die re­li­giös mo­ti­vier­te und als Kund­ga­be ei­ner Glau­bensüber­zeu­gung in­ter­pre­tier­ba­re Be­klei­dung von Lehr­kräften kann die­se Wir­kun­gen ha­ben. Al­ler­dings kommt kei­ner der ge­genläufi­gen ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Po­si­tio­nen ein sol­ches Ge­wicht zu, als dass be­reits die abs­trak­te Ge­fahr ih­rer Be­ein­träch­ti­gung ein Ver­bot zu recht­fer­ti­gen vermöch­te, wenn auf der an­de­ren Sei­te das Tra­gen re­li­giös kon­no­tier­ter Be­klei­dung oder Sym­bo­le nach­voll­zieh­bar auf ein als im­pe­ra­tiv ver­stan­de­nes re­li­giöses Ge­bot zurück­zuführen ist (vgl. BVerfG a. a. O.).
(1) Das Ein­brin­gen re­li­giöser oder welt­an­schau­li­cher Bezüge in Schu­le und Un­ter­richt durch pädago­gi­sches Per­so­nal kann den in Neu­tra­lität zu erfüllen­den staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­trag, das el­ter­li­che Er­zie­hungs­recht und die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schüler be­ein­träch­ti­gen. Es eröff­net zu­min­dest die Möglich­keit ei­ner Be­ein­flus­sung der Schul­kin­der so­wie von Kon­flik­ten mit El­tern, was zu ei­ner Störung des Schul­frie­dens führen
und die Erfüllung des Er­zie­hungs­auf­trags der Schu­le gefähr­den kann. Auch die re­li­giös mo­ti­vier­te und als Kund­ga­be ei­ner Glau­bensüber­zeu­gung in­ter­pre­tier­ba­re Be­klei­dung von Lehr­kräften kann die­se Wir­kun­gen ha­ben. Al­ler­dings kommt kei­ner der ge­genläufi­gen ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Po­si­tio­nen ein sol­ches Ge­wicht zu, als dass be­reits die abs­trak­te Ge­fahr ih­rer Be­ein­träch­ti­gung ein Ver­bot zu recht­fer­ti­gen vermöch­te, wenn auf der an­de­ren Sei­te das Tra­gen re­li­giös kon­no­tier­ter Be­klei­dung oder Sym­bo­le nach­voll­zieh­bar auf ein als im­pe­ra­tiv ver­stan­de­nes re­li­giöses Ge­bot zurück­zuführen ist (vgl. BVerfG, 27.01.2015, 1 BvR 471/10, 1 BvR 1181/10, BVerfGE 138, 296 m. w. N.).
(aa) Die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schüle­rin­nen und Schüler (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) gewähr­leis­tet die Frei­heit, kul­ti­schen Hand­lun­gen ei­nes nicht ge­teil­ten Glau­bens fern­zu­blei­ben; das be­zieht sich auch auf Ri­ten und Sym­bo­le, in de­nen ein Glau­be oder ei­ne Re­li­gi­on sich dar­stel­len. Die Ein­zel­nen ha­ben in ei­ner Ge­sell­schaft, die un­ter­schied­li­chen Glau­bensüber­zeu­gun­gen Raum gibt, al­ler­dings kein Recht dar­auf, von der Kon­fron­ta­ti­on mit ih­nen frem­den Glau­bens­be­kun­dun­gen, kul­ti­schen Hand­lun­gen und re­li­giösen Sym­bo­len ver­schont zu blei­ben. Da­von zu un­ter­schei­den ist aber ei­ne vom Staat ge­schaf­fe­ne La­ge, in wel­cher der Ein­zel­ne oh­ne Aus­weichmöglich­kei­ten dem Ein­fluss ei­nes be­stimm­ten Glau­bens, den Hand­lun­gen, in de­nen sich die­ser ma­ni­fes­tiert, und den Sym­bo­len, in de­nen er sich dar­stellt, aus­ge­setzt ist. In ei­ner un­aus­weich­li­chen Si­tua­ti­on be­fin­den sich Schüle­rin­nen und Schüler zwar auch dann, wenn sie sich in­fol­ge der all­ge­mei­nen Schul­pflicht während des Un­ter­richts oh­ne Aus­weichmöglich­keit ei­ner vom Staat an­ge­stell­ten Leh­re­rin ge­genüber se­hen, die ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt. Im Blick auf die Wir­kung re­li­giöser Aus­drucks­mit­tel ist al­ler­dings da­nach zu un­ter­schei­den, ob das in Fra­ge ste­hen­de Zei­chen auf Ver­an­las­sung der Schul­behörde oder auf­grund ei­ner ei­ge­nen Ent­schei­dung von ein­zel­nen Pädago­gin­nen und Pädago­gen ver­wen­det wird, die hierfür das in­di­vi­du­el­le Frei­heits­recht des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in An­spruch neh­men können. Der Staat, der ei­ne mit dem Tra­gen ei­nes Kopf­tuchs ver­bun­de­ne re­li­giöse Aus­sa­ge ei­ner ein­zel­nen Leh­re­rin oder ei­ner pädago­gi­schen Mit­ar­bei­te­rin hin­nimmt, macht die­se Aus­sa­ge nicht schon da­durch zu sei­ner ei­ge­nen und muss sie sich auch nicht als von ihm be­ab­sich­tigt zu­rech­nen las­sen (vgl. BVerfG a. a. O. m. w. N.).
Zwar trifft die für das Tra­gen ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tuchs in der Schu­le in An­spruch ge­nom­me­ne Glau­bens­frei­heit der Leh­re­rin auf die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schüle­rin­nen und Schüler. Doch ist das Tra­gen ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tuchs, ei­ner ver­gleich­ba­ren Kopf- und Hals­be­de­ckung oder sonst re­li­giös kon­no­tier­ten Be­klei­dung nicht von vorn­her­ein da­zu an­ge­tan, die ne­ga­ti­ve Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit der
Schüle­rin­nen und Schüler zu be­ein­träch­ti­gen. So­lan­ge die Lehr­kräfte, die nur ein sol­ches äußeres Er­schei­nungs­bild an den Tag le­gen, nicht ver­bal für ih­re Po­si­ti­on oder für ih­ren Glau­ben wer­ben und die Schüle­rin­nen und Schüler über ihr Auf­tre­ten hin­aus­ge­hend zu be­ein­flus­sen ver­su­chen, wird de­ren ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit grundsätz­lich nicht be­ein­träch­tigt. Die Schüle­rin­nen und Schüler wer­den le­dig­lich mit der aus­geübten po­si­ti­ven Glau­bens­frei­heit der Lehr­kräfte in Form ei­ner glau­bens­gemäßen Be­klei­dung kon­fron­tiert, was im Übri­gen durch das Auf­tre­ten an­de­rer Lehr­kräfte mit an­de­rem Glau­ben oder an­de­rer Welt­an­schau­ung in al­ler Re­gel re­la­ti­viert und aus­ge­gli­chen wird. In­so­fern spie­gelt sich in der be­kennt­nis­of­fe­nen Schu­le die re­li­giös-plu­ra­lis­ti­sche Ge­sell­schaft wi­der (vgl. BVerfG a. a. O. m. w. N.).
(bb) Aus dem El­tern­grund­recht er­gibt sich nichts an­de­res. Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG ga­ran­tiert den El­tern die Pfle­ge und Er­zie­hung ih­rer Kin­der als natürli­ches Recht und um­fasst zu­sam­men mit Art. 4 Abs. 1 und 2 GG auch das Recht zur Kin­der­er­zie­hung in re­li­giöser und welt­an­schau­li­cher Hin­sicht; da­her ist es zuvörderst Sa­che der El­tern, ih­ren Kin­dern die­je­ni­gen Über­zeu­gun­gen in Glau­bens- und Welt­an­schau­ungs­fra­gen zu ver­mit­teln, die sie für rich­tig hal­ten. Dem ent­spricht das Recht, die Kin­der von Glau­bensüber­zeu­gun­gen fern­zu­hal­ten, die den El­tern als falsch oder schädlich er­schei­nen. Je­doch enthält Art. 6 Abs. 2 GG kei­nen aus­sch­ließli­chen Er­zie­hungs­an­spruch der El­tern. Ei­genständig und in sei­nem Be­reich gleich­ge­ord­net ne­ben den El­tern übt der Staat, dem nach Art. 7 Abs. 1 GG die Auf­sicht über das ge­sam­te Schul­we­sen über­tra­gen ist, in der Schu­le ei­nen ei­ge­nen Er­zie­hungs­auf­trag aus (vgl. BVerfG a. a. O. m. w. N.).
Ein et­wai­ger An­spruch, die Schul­kin­der vom Ein­fluss sol­cher Lehr­kräfte fern­zu­hal­ten, die ei­ner ver­brei­te­ten re­li­giösen Be­de­ckungs­re­gel fol­gen, lässt sich aus dem El­tern­grund­recht da­nach nicht her­lei­ten, so­weit da­durch die ne­ga­ti­ve Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit der Schüle­rin­nen und Schüler nicht be­ein­träch­tigt ist. Auch die ne­ga­ti­ve Glau­bens­frei­heit der El­tern, die hier im Ver­bund mit dem el­ter­li­chen Er­zie­hungs­recht ih­re Wir­kung ent­fal­ten kann, ga­ran­tiert kei­ne Ver­scho­nung von der Kon­fron­ta­ti­on mit re­li­giös kon­no­tier­ter Be­klei­dung von Lehr­kräften, die nur den Schluss auf die Zu­gehörig­keit zu ei­ner an­de­ren Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung zulässt, von der aber sonst kein ge­ziel­ter be­ein­flus­sen­der Ef­fekt aus­geht. Das gilt in Fällen der vor­lie­gen­den Art ge­ra­de des­halb, weil nicht ein dem Staat zu­re­chen­ba­res glau­bens­ge­lei­te­tes Ver­hal­ten in Re­de steht, son­dern ei­ne er­kenn­bar in­di­vi­du­el­le Grund­rechts­ausübung (vgl. BVerfG a. a. O.).
(cc) Darüber hin­aus steht auch der staat­li­che Er­zie­hungs­auf­trag (Art. 7 Abs. 1 GG), der un­ter Wah­rung der Pflicht zu welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität zu erfüllen ist, der Betäti­gung der po­si­ti­ven Glau­bens­frei­heit der Pädago­gin­nen durch das Tra­gen ei­nes is­la­mi­schen Kopf­tuchs nicht ge­ne­rell ent­ge­gen. Er ver­mag ein Ver­bot sol­chen äußeren Ver­hal­tens, das auf ein nach­voll­zieh­bar als im­pe­ra­tiv ver­stan­de­nes Glau­bens­ge­bot zurück­geht, erst dann zu recht­fer­ti­gen, wenn ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr für den zur Erfüllung des Er­zie­hungs­auf­trags not­wen­di­gen Schul­frie­den oder die staat­li­che Neu­tra­lität fest­stell­bar ist (vgl. BVerfG a. a. O.).
Das Grund­ge­setz be­gründet für den Staat als Heim­statt al­ler Staatsbürger in Art. 4 Abs. 1, Art. 3 Abs. 3 Satz 1, Art. 33 Abs. 3 GG so­wie durch Art. 136 Abs. 1 und 4 und Art. 137 Abs. 1 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG die Pflicht zu welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität. Es ver­wehrt die Einführung staats­kirch­li­cher Rechts­for­men und un­ter­sagt die Pri­vi­le­gie­rung be­stimm­ter Be­kennt­nis­se eben­so wie die Aus­gren­zung An­dersgläubi­ger. Der Staat hat auf ei­ne am Gleich­heits­satz ori­en­tier­te Be­hand­lung der ver­schie­de­nen Re­li­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten zu ach­ten und darf sich nicht mit ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft iden­ti­fi­zie­ren. Der frei­heit­li­che Staat des Grund­ge­set­zes ist ge­kenn­zeich­net von Of­fen­heit ge­genüber der Viel­falt welt­an­schau­lich-re­li­giöser Über­zeu­gun­gen und gründet dies auf ein Men­schen­bild, das von der Würde des Men­schen und der frei­en Ent­fal­tung der Persönlich­keit in Selbst­be­stim­mung und Ei­gen­ver­ant­wor­tung ge­prägt ist (vgl. BVerfG a. a. O. m. w. N.).
Die dem Staat ge­bo­te­ne welt­an­schau­lich-re­li­giöse Neu­tra­lität ist in­des­sen nicht als ei­ne dis­tan­zie­ren­de im Sin­ne ei­ner strik­ten Tren­nung von Staat und Kir­che zu ver­ste­hen, son­dern als ei­ne of­fe­ne und überg­rei­fen­de, die Glau­bens­frei­heit für al­le Be­kennt­nis­se glei­cher­maßen fördern­de Hal­tung. Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ge­bie­tet auch im po­si­ti­ven Sinn, den Raum für die ak­ti­ve Betäti­gung der Glau­bensüber­zeu­gung und die Ver­wirk­li­chung der au­to­no­men Persönlich­keit auf welt­an­schau­lich-re­li­giösem Ge­biet zu si­chern. Der Staat darf le­dig­lich kei­ne ge­ziel­te Be­ein­flus­sung im Diens­te ei­ner be­stimm­ten po­li­ti­schen, ideo­lo­gi­schen oder welt­an­schau­li­chen Rich­tung be­trei­ben oder sich durch von ihm aus­ge­hen­de oder ihm zu­zu­rech­nen­de Maßnah­men aus­drück­lich oder kon­klu­dent mit ei­nem be­stimm­ten Glau­ben oder ei­ner be­stimm­ten Welt­an­schau­ung iden­ti­fi­zie­ren und da­durch den re­li­giösen Frie­den in ei­ner Ge­sell­schaft von sich aus gefähr­den. Auch ver­wehrt es der Grund­satz welt­an­schau­lich-re­li­giöser Neu­tra­lität dem Staat, Glau­ben und Leh­re ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft als sol­che zu be­wer­ten (vgl. BVerfG a. a. O. m. w. N.).
Dies gilt auch für den vom Staat in Vor­sor­ge ge­nom­me­nen Be­reich der Schu­le, für den sei­ner Na­tur nach re­li­giöse und welt­an­schau­li­che Vor­stel­lun­gen von je­her re­le­vant wa­ren. Da­nach sind et­wa christ­li­che Bezüge bei der Ge­stal­tung der öffent­li­chen Schu­le nicht aus­ge­schlos­sen; die Schu­le muss aber auch für an­de­re welt­an­schau­li­che und re­li­giöse In­hal­te und Wer­te of­fen sein. Weil Bezüge zu ver­schie­de­nen Re­li­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen bei der Ge­stal­tung der öffent­li­chen Schu­le möglich sind, ist für sich ge­nom­men auch die bloß am äußeren Er­schei­nungs­bild her­vor­tre­ten­de Sicht­bar­keit re­li­giöser oder welt­an­schau­li­cher Zu­gehörig­keit ein­zel­ner Lehr­kräfte - un­abhängig da­von, wel­che Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung im Ein­zel­fall be­trof­fen ist - durch die dem Staat ge­bo­te­ne welt­an­schau­lich-re­li­giöse Neu­tra­lität nicht oh­ne Wei­te­res aus­ge­schlos­sen. In die­ser Of­fen­heit be­wahrt der frei­heit­li­che Staat des Grund­ge­set­zes sei­ne re­li­giöse und welt­an­schau­li­che Neu­tra­lität (vgl. BVerfG a. a. O. m. w. N.).
(d) Im vor­lie­gen­den Fall ver­drängt § 2 Satz 1 Neu­trG in un­an­ge­mes­se­ner Wei­se das Grund­recht der Kläge­rin aus Art. 4 Satz 1 und 2 GG. Wie oben un­ter (c) aus­geführt wur­de, ist mit dem Tra­gen ei­nes Kopf­tu­ches durch ein­zel­ne Leh­re­rin­nen - an­ders als dies beim staat­lich ver­ant­wor­te­ten Kreuz oder Kru­zi­fix im Schul­zim­mer der Fall ist - kei­ne Iden­ti­fi­zie­rung des Staa­tes mit ei­nem be­stimm­ten Glau­ben ver­bun­den. Auch ei­ne Wer­tung in dem Sin­ne, dass das glau­bens­ge­lei­te­te Ver­hal­ten der Leh­re­rin­nen schul­seits als vor­bild­haft an­ge­se­hen und schon des­halb der Schul­frie­den oder die staat­li­che Neu­tra­lität gefähr­det oder gestört wer­den könn­te, ist ei­ner ent­spre­chen­den Dul­dung durch den Dienst­herrn nicht bei­zu­le­gen. Hin­zu kommt, dass die Kläge­rin ei­nem nach­voll­zieh­bar als ver­pflich­tend emp­fun­de­nen Glau­bens­ge­bot Fol­ge leis­tet. Da­durch enthält ih­re Glau­bens­frei­heit in der Abwägung mit dem Grund­rech­ten der Schüle­rin­nen und Schüler so­wie der El­tern, die der welt­an­schau­lich-re­li­giös neu­tra­le Staat auch im schu­li­schen Be­reich schützen muss, ein er­heb­lich größeres Ge­wicht als dies bei ei­ner dis­po­ni­blen Glau­bens­re­gel der Fall wäre (vgl. ent­spre­chend BVerfG a. a. O.).
dd) Auf­grund der Recht­spre­chung des Ers­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu den Kopf­tuch­ver­bo­ten in öffent­li­chen Schu­len und öffent­li­chen Kin­der­ta­gesstätten und auf­grund der Ausführun­gen oben un­ter cc) be­ste­hen er­heb­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungsmäßig­keit der Re­ge­lung in § 2 Satz 1 Neu­trG.
Ei­ner Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gem. § 100 Abs. 1 GG durch die er­ken­nen­de Kam­mer be­durf­te es je­doch nicht, weil die Re­ge­lung in § 2 Satz 1 Neu­trG ver­fas­sungs­kon­form aus­ge­legt wer­den kann.
Ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung des § 2 Satz 1 Neu­trG ist möglich und von Ver­fas­sungs we­gen ge­bo­ten.
(1) Ei­ne ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung von Ge­set­zen dient der Ver­mei­dung ei­ner Norm­ver­wer­fung und ist da­mit dem Ge­sichts­punkt der größtmögli­chen Scho­nung der Ge­setz­ge­bung ge­schul­det. Sie nimmt Rück­sicht dar­auf, dass die Norm auch an­de­re An­wen­dungs­be­rei­che hat, die sich von der je­wei­li­gen Fall­ge­stal­tung un­ter­schei­den. Der ein­schränken­den Aus­le­gung ei­nes pau­scha­len Kopf­tuch­ver­bots steht nicht ent­ge­gen, dass dem Ge­setz­ge­ber ent­ste­hungs­ge­schicht­lich ein Kopf­tuch­ver­bot als ty­pi­scher An­wen­dungs­fall der Vor­schrift vor­ge­schwebt hat. Der Norm kann den­noch ein we­ni­ger weit­rei­chen­der An­wen­dungs­be­reich zu­er­kannt wer­den. Die ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung fin­det ih­re Gren­zen dort, wo sie zum Wort­laut und dem klar er­kenn­ba­ren Wil­len des Ge­setz­ge­bers in Wi­der­spruch tre­ten würde. Der Re­spekt vor dem de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­ten Ge­setz­ge­ber ver­bie­tet es, im We­ge der Aus­le­gung ei­nem nach Sinn und Wort­laut ein­deu­ti­gen Ge­setz ei­nen ent­ge­gen­ge­setz­ten Sinn bei­zu­le­gen oder den nor­ma­ti­ven Ge­halt ei­ner Vor­schrift grund­le­gend neu zu be­stim­men (vgl. BVerfG, 27.01.2015, 1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10 a. a. O. und BVerfG, 18.10.2016, 1 BvR 354/11 a. a. O.).
(2) § 2 Satz 1 Neu­trG war da­hin aus­zu­le­gen, dass Vor­aus­set­zung für das Ver­bot des Tra­gens von auf­fal­lend re­li­giös ge­prägten Klei­dungsstücken nicht nur das Vor­lie­gen ei­ner abs­trak­ten, son­dern ei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr für die re­li­giöse Neu­tra­lität der öffent­li­chen Schu­len ge­genüber den Schülern und/oder für den Schul­frie­den aus­ge­hen muss.
(a) Von je­her geht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt da­von aus, dass es für die Aus­le­gung ei­ner Norm auf den in die­ser zum Aus­druck kom­men­den ob­jek­ti­vier­ten Wil­len des Ge­setz­ge­bers an­kommt, so wie er sich aus dem Wort­laut der Vor­schrift und dem Sinn­zu­sam­men­hang er­gibt, in den sie hin­ein­ge­stellt ist. Nicht ent­schei­dend ist da­ge­gen die sub­jek­ti­ve Vor­stel­lung der am Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren be­tei­lig­ten Or­ga­ne oder ein­zel­ner ih­rer Mit­glie­der. Der Ent­ste­hungs­ge­schich­te kommt für die Aus­le­gung zwar grundsätz­lich nur in­so­fern Be­deu­tung zu, als sie die Rich­tig­keit ei­ner nach den an­ge­ge­be­nen Grundsätzen er­mit­tel­ten Aus­le­gung bestätigt oder Zwei­fel be­hebt, die auf dem an­ge­ge­be­nen Weg al­lein nicht aus­geräumt wer­den können. Vor­ar­bei­ten für ein Ge­setz können da­her in der Re­gel bloß un­terstützend ver­wer­tet, die in den Ge­setz­ge­bungs­ma­te­ria­li­en do­ku­men­tier­ten
Vor­stel­lun­gen der ge­setz­ge­ben­den In­stan­zen nicht mit dem ob­jek­ti­ven Ge­set­zes­in­halt gleich­ge­setzt wer­den. Für die Er­fas­sung des ob­jek­ti­ven Wil­lens des Ge­setz­ge­bers sind viel­mehr al­le an­er­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den her­an­zu­zie­hen, das heißt die gram­ma­ti­ka­li­sche, sys­te­ma­ti­sche, te­leo­lo­gi­sche und his­to­ri­sche Aus­le­gung. Die­se Me­tho­den ergänzen sich ge­gen­sei­tig, wo­bei kei­ne ei­nen un­be­ding­ten Vor­rang vor ei­ner an­de­ren hat (vgl. z.B. BVerfG, 31.03.2016, 2 BvR 1576/13, NVwZ-RR 2016, 521 m. w. N.).
(b) Nach dem Wort­laut des § 2 Satz 1 Neu­trG han­delt es sich zwar um ein pau­scha­les - und da­mit an sich ver­fas­sungs­wid­ri­ges - Ver­bot. Die sys­te­ma­ti­sche und die te­leo­lo­gi­sche Aus­le­gung lässt je­doch ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung da­hin zu, dass das Ver­bot nur bei Vor­lie­gen ei­ner kon­kre­ten Ge­fahr gilt. § 3 Satz 2 Neu­trG lässt nämlich Aus­nah­men vom Ver­bot des § 2 Satz 1 Neu­trG zu. Da­nach kann die obers­te Dienst­behörde Aus­nah­men zu­las­sen, wenn da­durch die welt­an­schau­lich-re­li­giöse Neu­tra­lität der öffent­li­chen Schu­len ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern nicht in­fra­ge ge­stellt und der Schul­frie­den nicht gefähr­det oder gestört wird. Aus der Ge­set­zes­be­gründung er­gibt sich, dass es dem Ge­setz­ge­ber dar­um ging, die ge­setz­li­che Grund­la­ge für ein Kopf­tuch­ver­bot zur Ge­fah­ren­ab­wehr zu schaf­fen, nach­dem der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in der Ent­schei­dung vom 24. Sep­tem­ber 2003 (2 BvR 1436/02, BVerfGE 108, 282) ent­schie­den hat­te, ein Kopf­tuch­ver­bot an öffent­li­chen Schu­len oh­ne ge­setz­li­che Grund­la­ge sei ver­fas­sungs­wid­rig.
So­mit kann § 2 Satz 1 i. V. m. § 3 Satz 2 Neu­trG da­hin aus­ge­legt wer­den, dass das be­klag­te Land Lehr­kräften das Tra­gen re­li­giös ge­prägter Klei­dungsstücke dann un­ter­sa­gen kann, wenn da­durch die welt­an­schau­lich-re­li­giöse Neu­tra­lität ei­ner öffent­li­chen Schu­le oder sämt­li­cher öffent­li­cher Schu­len in ei­nem be­stimm­ten Be­zirk ge­genüber Schüle­rin­nen und Schülern gefähr­det oder gestört wird.
Un­ter Zu­grun­de­le­gung der Ausführun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in der Ent­schei­dung vom 27. Ja­nu­ar 2015 (1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10) kann dies bei­spiels­wei­se in Si­tua­tio­nen denk­bar sein, in de­nen - ins­be­son­de­re von älte­ren Schülern oder El­tern - über die Fra­ge des rich­ti­gen re­li­giösen Ver­hal­tens sehr kon­tro­ver­se Po­si­tio­nen mit Nach­druck ver­tre­ten und in ei­ner Wei­se in die Schu­le hin­ein­ge­tra­gen würden, wel­che die schu­li­schen Abläufe und die Erfüllung des staat­li­chen Er­zie­hungs­auf­tra­ges ernst­haft be­ein­träch­tig­ten, so­fern die Sicht­bar­keit re­li­giöser Über­zeu­gun­gen und Be­klei­dungs­prak­ti­ken die­sen Kon­flikt er­zeug­te oder schürte.
Fer­ner kann ein ver­fas­sungs­recht­lich an­zu­er­ken­nen­des Bedürf­nis be­ste­hen, äußere re­li­giöse Be­kun­dun­gen nicht erst in ei­nem kon­kre­ten Ein­zel­fall, son­dern et­wa für be­stimm­te Schu­len oder Schul­be­zir­ke über ei­ne ge­wis­se Zeit auch all­ge­mei­ner zu un­ter­bin­den. Dies kann dann der Fall sein, wenn in be­stimm­ten Schu­len oder Schul­be­zir­ken auf­grund sub­stan­zi­el­ler Kon­flikt­la­gen über das rich­ti­ge re­li­giöse Ver­hal­ten be­reich­spe­zi­fisch die Schwel­le zu ei­ner hin­rei­chend kon­kre­ten Gefähr­dung oder Störung des Schul­frie­dens oder der staat­li­chen Neu­tra­lität in ei­ner be­acht­li­chen Zahl von Fällen er­reicht ist (vgl. BVerfG a. a. O.).
ee) Das be­klag­te Land hat im vor­lie­gen­den Fall nicht be­haup­tet, dass das äußere Er­schei­nungs­bild ge­ra­de der Kläge­rin zu ei­ner hin­rei­chend kon­kre­ten Gefähr­dung oder Störung des Schul­frie­dens oder der staat­li­chen Neu­tra­lität führe oder we­sent­lich da­zu bei­tra­ge.
Das be­klag­te Land hat auch nicht be­haup­tet, dass in den Schu­len al­ler Ber­li­ner Be­zir­ke auf­grund sub­stan­ti­el­ler Kon­flikt­la­gen über das rich­ti­ge re­li­giöse Ver­hal­ten be­reich­spe­zi­fisch die Schwel­le zu ei­ner hin­rei­chend kon­kre­ten Gefähr­dung oder Störung des Schul­frie­dens oder der staat­li­chen Neu­tra­lität in ei­ner be­acht­li­chen Zahl von Fällen er­reicht wur­de. Die vom Ar­beits­ge­richt in der an­ge­foch­te­nen Ent­schei­dung zi­tier­te Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg zu ei­nem Ber­li­ner Gym­na­si­um schil­dert an­schau­lich ein sol­ches Bei­spiel. Es ist je­doch nicht er­kenn­bar, dass sol­che Zustände in sämt­li­chen Ber­li­ner Schu­len herr­schen. Dies mag in Be­zir­ken wie z. B. Kreuz­berg, Neukölln oder im Wed­ding der Fall sein, in de­nen mögli­cher­wei­se die Mehr­zahl der Schüler ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund hat und mögli­cher­wei­se in der Über­zahl dem is­la­mi­schen Glau­ben an­gehört. Auf­grund wel­cher Tat­sa­chen aber sol­che sub­stan­ti­el­len Kon­flikt­la­gen bei­spiels­wei­se auch in Froh­nau, Dah­lem, Gru­ne­wald oder Sch­mar­gen­dorf be­ste­hen könn­ten, ist nicht er­sicht­lich.
Sch­ließlich hat das be­klag­te Land auch nicht be­haup­tet, das von der Kläge­rin zusätz­lich zu dem Tra­gen des is­la­mi­schen Kopf­tu­ches durch ein be­stimm­tes Ver­hal­ten oder an­de­re Umstände ei­ne kon­kre­te Ge­fahr aus­ge­hen könn­te, wie z. B. ge­wich­ti­ge ver­ba­le Äußerun­gen oder ein of­fe­nes wer­ben­des Ver­hal­ten (vgl. hier­zu z. B. BVerfG, 27.01.2015, 1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10 und BVerfG, 18.10.2016, 1 BvR 354/11, jew. a. a. O.).
Das be­klag­te Land hat sich - nach sei­ner Rechts­auf­fas­sung kon­se­quent - auf die Re­ge­lung in § 2 Satz 1 Neu­trG be­ru­fen, die nach ih­rem Wort­laut das Vor­lie­gen ei­ner kon­kre­ten Ge­fahr nicht ver­langt.
Auch in der münd­li­chen Ver­hand­lung über die Be­ru­fung hat das be­klag­te Land nicht be­haup­tet, von der Kläge­rin ge­he - ab­ge­se­hen von ih­rem Kopf­tuch - ei­ne kon­kre­te Ge­fahr aus und das be­klag­te Land hat auch in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht et­wa be­haup­tet, in sämt­li­chen Ber­li­ner Schu­len bestünden dau­er­haft sub­stan­ti­el­le re­li­giöse Kon­flikt­la­gen.
5.) Gem. § 15 Abs. 2 AGG war der Kläge­rin ei­ne an­ge­mes­se­ne Entschädi­gung zu­zu­spre­chen.
a) Bei der Be­ur­tei­lung der an­ge­mes­se­nen Höhe der fest­zu­set­zen­den Entschädi­gung gem. § 15 Abs. 2 AGG sind al­le Umstände des Ein­zel­fal­les, wie et­wa die Art und Schwe­re der Be­nach­tei­li­gung, ih­re Dau­er und Fol­gen, der An­lass und der Be­weg­grund des Han­delns und der Sank­ti­ons­zweck der Entschädi­gungs­norm zu berück­sich­ti­gen. Die Entschädi­gung muss ei­nen tatsächli­chen und wirk­sa­men recht­li­chen Schutz gewähr­leis­ten. Die Härte der Sank­tio­nen muss der Schwe­re des Ver­s­toßes ent­spre­chen, in­dem sie ins­be­son­de­re ei­ne wirk­lich ab­schre­cken­de Wir­kung ge­genüber dem Ar­beit­ge­ber gewähr­leis­tet, zu­gleich aber den all­ge­mei­nen Grund­satz der Verhält­nismäßig­keit wahrt (vgl. z. B. BAG, 19.05.2016, 8 AZR 470/14, NZA 2016, 1395; BAG, 17.12.2015, 8 AZR 421/14, NZA 2016, 888 und BAG, 22.01.2009, 8 AZR 906/07, NZA 2009, 945, jew. m. w. N.).
b) Im vor­lie­gen­den Fall war zunächst zu berück­sich­ti­gen, dass die Kläge­rin ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen ih­rer aus­geübten Re­li­gi­on er­lit­ten hat, in­dem ihr das be­klag­te Land die Beschäfti­gung als Leh­re­rin an ei­ner all­ge­mein­bil­den­den Schu­le der Pri­mar­stu­fe ver­wehrt hat, ob­wohl in die­sem Be­reich ein er­heb­li­cher Ein­stel­lungs­be­darf be­stand. Zu berück­sich­ti­gen war aber auch, dass die Kläge­rin zwar nicht auf­grund des „Cas­tings“ vom 29. April 2015, aber auf­grund des „Cas­tings“ vom 27. Mai 2015 hätte ein­ge­stellt wer­den können. Bei die­sem zwei­ten „Cas­ting“ such­te das be­klag­te Land un­strei­tig nicht nur Grund­schul­leh­rer, son­dern auch Leh­rer für Be­rufs­schu­len, in de­nen die Kläge­rin gem. § 3 Satz 1 Neu­trG oh­ne wei­te­res mit Kopf­tuch hätte un­ter­rich­ten können. Um die­se Ein­stel­lungsmöglich­keit brach­te sich die Kläge­rin selbst, in­dem sie trotz der Ein­la­dung nicht er­schien. Zu­dem hätte die Kläge­rin nach ih­rem ei­ge­nen Vor­trag die El­tern­zeit nur für die Beschäfti­gung an ei­ner Grund­schu­le vor­zei­tig be­en­det. Die Kläge­rin nahm auch nicht den im Kam­mer­ter­min vor dem Ar­beits­ge­richt am 14. April 2016 an­ge­bo­te­nen Ar­beits­ver­trag an,
eben­so we­nig wie den in der münd­li­chen Ver­hand­lung über die Be­ru­fung vom 9. Fe­bru­ar 2017 an­ge­bo­te­nen Ar­beits­ver­trag. Zwi­schen den Par­tei­en ist aber un­strei­tig, dass die Kläge­rin bei der An­nah­me ei­nes der An­ge­bo­te vom Un­ter­richt in der Pri­mar­stu­fe und der Se­kun­dar­stu­fe I an all­ge­mein­bil­den­den Schu­len al­lein auf­grund ih­res is­la­mi­schen Kopf­tu­ches aus­ge­schlos­sen wor­den wäre.
Des Wei­te­ren war zu berück­sich­ti­gen, dass sich das be­klag­te Land bei der Ab­leh­nung der Beschäfti­gung der Kläge­rin in ei­ner Grund­schu­le le­dig­lich an das gel­ten­de Neu­tra­litäts­ge­setz hal­ten woll­te und aus sei­ner Sicht ge­hal­ten hat, denn das Neu­tra­litäts­ge­setz sieht nach dem Wort­laut des § 2 Satz 1 ein pau­scha­les Kopf­tuch­ver­bot u. a. an Grund­schu­len vor. Die­ses Ge­setz war auf­grund der Ent­schei­dung des Zwei­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 24. Sep­tem­ber 2003 (2 BvR 1436/02) ver­ab­schie­det wor­den. Das be­klag­te Land hat­te aber auf­grund der Ent­schei­dung des Ers­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 27. Ja­nu­ar 2015 (1 BvR 471/10 und 1 BvR 1181/10) Ver­an­las­sung, das Neu­tra­litäts­ge­setz auf sei­ne Ver­fas­sungsmäßig­keit zu über­prüfen, denn der Ers­te Se­nat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat­te ein im Bun­des­land Nord­rhein-West­fa­len lan­des­weit gel­ten­des ge­setz­li­ches Ver­bot re­li­giöser Be­kun­dun­gen durch das äußere Er­schei­nungs­bild schon we­gen ei­ner bloß abs­trak­ten Ge­fahr für den Schul­frie­den oder die staat­li­che Neu­tra­lität für un­verhält­nismäßig ge­hal­ten und ei­ne ein­schränken­de Aus­le­gung der Ver­bots­norm vor­ge­nom­men. Die­se Ent­schei­dung war zum Zeit­punkt des „Cas­tings“ vom 29. April 2015 je­den­falls im Er­geb­nis be­kannt und die Kläge­rin be­rief sich während des „Cas­tings“ so­gar aus­drück­lich auf die­se Ent­schei­dung. Dar­auf­hin wur­de der Kläge­rin nicht et­wa bei­spiels­wei­se erklärt, man wer­de recht­lich prüfen las­sen, ob sie nun­mehr trotz des Kopf­tuchs ei­ne der zu be­set­zen­den Stel­len als Grund­schul­leh­re­rin er­hal­ten könne. Statt­des­sen ver­trat und ver­tritt das be­klag­te Land die An­sicht, die Kläge­rin dürfe mit ei­nem is­la­mi­schen Kopf­tuch nicht an ei­ner Grund­schu­le un­ter­rich­ten, ob­wohl der wis­sen­schaft­li­che Par­la­ments­dienst des Ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­ten­hau­ses in sei­nem Gut­ach­ten vom 25. Ju­li 2015 so­gar zu dem Er­geb­nis ge­kom­men war, § 2 Satz 1 Neu­trG könne nicht ver­fas­sungs­kon­form aus­ge­legt und müsse geändert wer­den. Ei­ne sol­che Ände­rung hat­te das be­klag­te Land auch zum Zeit­punkt der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 9. Fe­bru­ar 2017 noch nicht vor­ge­nom­men.
Un­ter Berück­sich­ti­gung der oben näher aus­geführ­ten Tat­sa­chen, dass der Kläge­rin nicht die Ein­stel­lung als Leh­re­rin, son­dern nur die gewünsch­te und mögli­che Beschäfti­gung an ei­ner Grund­schu­le ver­sagt wur­de, ob­wohl die ers­te Kopf­tuch­ent­schei­dung des Ers­ten Se­nats des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts schon be­kannt war und weil die Be­nach­tei­li­gung der Kläge­rin we­gen ih­res Kopf­tuchs an­dau­ert, hielt die Kam­mer ei­ne Entschädi­gung in Höhe von zwei
Mo­nats­ver­diens­ten für an­ge­mes­sen, aber auch für aus­rei­chend. Un­strei­tig wäre die Kläge­rin als Grund­schul­leh­re­rin mit ei­ner Vergütung gemäß Ent­gelt­grup­pe E11 Stu­fe 5 TV-L ein­ge­stellt wor­den, was ei­nem mo­nat­li­chen Brut­to­ge­halt von 4.340,-- € ent­sprach.
Die Kos­ten­ent­schei­dung er­gibt sich aus § 92 Abs. 1 Satz 1 2. Alt. ZPO.
Die Re­vi­si­on wur­de für das be­klag­te Land gem. § 72 Abs. 2 Nr. 1 ArbGG zu­ge­las­sen.
Die Zu­las­sung der Re­vi­si­on für die Kläge­rin kam gem. § 72 Abs. 2 ArbGG nicht in Be­tracht. Hin­sicht­lich der Höhe der Entschädi­gung han­delt es sich um ei­ne am Ein­zel­fall ori­en­tier­te Ent­schei­dung oh­ne grundsätz­li­che recht­li­che Be­deu­tung. Ei­ne Di­ver­genz zu an­de­ren ober­ge­richt­li­chen Ent­schei­dun­gen ist nicht er­kenn­bar.
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14/338 Gleich­be­hand­lung bei der Dienst­klei­dung
04.10.2014. Die Pflicht zum Tra­gen von Cock­pit­müt­zen nur für männ­li­che Luft­hans­a­pi­lo­ten ver­stößt ge­gen den be­triebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Gleich­be­hand­lungs­grund­satz: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil ...