Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/aussetzung-der-vollziehung-und-die-sicherheitsleistung-wegen-auslandswohnsitzes-3102889
Timestamp: 2020-08-04 00:24:56
Document Index: 354290800

Matched Legal Cases: ['§ 69', '§ 35', '§ 6', '§ 882', 'Art. 5', '§ 69', '§ 69', '§ 69', '§ 69', '§ 69', '§ 2']

Aussetzung der Vollziehung - und die Sicherheitsleistung wegen Auslandswohnsitzes | Rechtslupe
Aussetzung der Vollziehung - und die Sicherheitsleistung wegen Auslandswohnsitzes
Nach § 69 Abs. 2 Satz 3 (hier i.V.m. Abs. 3 Satz 1 Halb­satz 2) FGO kann die AdV von einer Sicher­heits­leis­tung abhän­gig gemacht wer­den. Dies ist ange­zeigt, wenn die spä­te­re Voll­stre­ckung der Steu­er­for­de­rung infol­ge der AdV gefähr­det oder erschwert erscheint. Denn die Sicher­heits­leis­tung dient der Ver­mei­dung von Steu­er­aus­fäl­len bei einem für den Steu­er­pflich­ti­gen ungüns­ti­gen Ver­fah­rens­aus­gang [1].
Eine Gefähr­dung der Steu­er­for­de­rung ist u.a. dann gege­ben, wenn die spä­te­re Voll­stre­ckung nicht oder nur unter erschwer­ten Bedin­gun­gen mög­lich wäre, wie es z.B. der Fall ist, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sei­nen Wohn­sitz im Aus­land hat [2] oder der Steu­er­be­scheid aus ande­ren Grün­den im Aus­land voll­streckt wer­den müss­te, ohne dass völ­ker­ver­trag­lich gewähr­leis­tet ist, dass in dem betref­fen­den Land wie im Inland voll­streckt wer­den könn­te [3].
Nach die­sen Maß­ga­ben ging der Bun­des­fi­nanz­hof im hier ent­schie­de­nen Streit­fall von einer Gefähr­dung der Steu­er­for­de­run­gen aus:
Der Antrag­stel­ler wird im Zeit­punkt einer etwai­gen spä­te­ren Voll­stre­ckung sei­nen ein­zi­gen Wohn­sitz aller Vor­aus­sicht nach in Thai­land haben. Im Inland gele­ge­nes Ver­mö­gen hat er nach eige­nem Bekun­den nicht. Und mit Thai­land besteht kein zwi­schen­staat­li­ches Abkom­men, wel­ches dem Finanz­amt mit der Inlands­si­tua­ti­on ver­gleich­ba­re Voll­stre­ckungs­mög­lich­kei­ten ver­schaf­fen könn­te. Der Antrag­stel­ler selbst bezeich­net eine Voll­stre­ckung gegen ihn in der Beschwer­de­be­grün­dung als "aus­sichts­los".
Auch hin­dert es die Anord­nung der Sicher­heits­leis­tung nicht, dass der Antrag­stel­ler schon gegen­wär­tig in Thai­land wohnt und die Steu­er­for­de­rung des­halb schon zum jet­zi­gen Zeit­punkt gefähr­det ist. Denn die Gefähr­dung der Steu­er­for­de­rung kann ihren Grund auch in einem zur Zeit der Ent­schei­dung bereits gege­be­nen Umstand haben [4]. Zwar muss die Gefahr eines Steu­er­aus­falls gera­de durch die Gewäh­rung der Aus­set­zung bzw. Auf­he­bung der Voll­zie­hung ein­tre­ten [5]. Inso­weit ist indes nicht aus­schließ­lich auf die for­ma­len Voll­stre­ckungs­mög­lich­kei­ten des Finanz­amt abzu­stel­len, son­dern sind auch ande­re Umstän­de zu berück­sich­ti­gen, die dazu füh­ren kön­nen, dass die Steu­er­for­de­rung ohne die AdV frü­her rea­li­siert wer­den könn­te als bei Gewäh­rung einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes. So ist es in der Situa­ti­on des Antrag­stel­lers, der zwar schon seit lan­gem in Thai­land wohnt, aber offen­kun­dig noch geschäft­li­che und fami­liä­re Bezie­hun­gen in das Inland unter­hält (er wur­de 2010 zum Geschäfts­füh­rer der K‑GmbH bestellt), gut denk­bar, dass er einem voll­zieh­ba­ren Steu­er­be­scheid "frei­wil­lig" ‑das heißt auch ohne durch­schla­gen­de Voll­stre­ckungs­chan­cen des Finanz­amt- durch Zah­lung Fol­ge leis­ten wür­de, um z.B. per­sön­li­che Nach­tei­le zu ver­mei­den (z.B. eine Gewer­be­un­ter­sa­gung nach § 35 GewO ‑Unzu­ver­läs­sig­keit wegen Steuerrückständen‑, die nach § 6 Abs. 2 Satz 2 Nr. 2 GmbHG zum Ver­lust auch der Fähig­keit füh­ren kann, Geschäfts­füh­rer einer GmbH zu sein, oder eine Ein­tra­gung in das Schuld­ner­ver­zeich­nis nach § 882b ZPO). Inso­weit ver­schlech­tert (ver­zö­gert) mit­hin im vor­lie­gen­den Fall die AdV die Rea­li­sie­rungs­chan­cen der Steu­er­for­de­rung.
Aus der geschil­der­ten Sach­la­ge folgt im Übri­gen, dass der ange­stell­te Ver­gleich der hier gege­be­nen Kon­stel­la­ti­on eines Aus­lands­wohn­sit­zes mit jener eines ver­mö­gens- und ein­kom­mens­lo­sen Antrag­stel­lers, bei dem aus die­sem Grund schon zum Zeit­punkt der Gewäh­rung der AdV kei­ner­lei Rea­li­sie­rungs­chan­cen für die Steu­er­for­de­rung bestehen [6] nicht pas­send ist.
Soweit der Antrag­stel­ler gegen­über dem Finanz­ge­richt gel­tend gemacht hat, er kön­ne die Sicher­heits­leis­tung man­gels ent­spre­chen­der Ein­künf­te nicht auf­brin­gen, ist die­se nicht wei­ter beleg­te Behaup­tung nicht als hin­rei­chend sub­stan­ti­iert anzu­se­hen, um dar­auf schlie­ßen zu kön­nen, dass er die gefor­der­te Sicher­heit trotz zumut­ba­rer Anstren­gun­gen nicht leis­ten kann [7].
Die Sicher­heits­leis­tung ent­fällt vor­lie­gend auch nicht auf­grund einer hohen Wahr­schein­lich­keit des Obsie­gens des Antrag­stel­lers im Kla­ge­ver­fah­ren gegen die Ein­kom­men­steu­er­be­schei­de. Aller­dings über­wiegt das Rechts­schutz­in­ter­es­se des Steu­er­pflich­ti­gen dann, wenn mit Gewiss­heit oder gro­ßer Wahr­schein­lich­keit ein für ihn güns­ti­ger Pro­zess­aus­gang zu erwar­ten ist; das öffent­li­che Inter­es­se an der Ver­mei­dung von Steu­er­aus­fäl­len tritt hier zurück. Die­ser Gesichts­punkt greift z.B. ein, wenn sich der Steu­er­pflich­ti­ge hin­sicht­lich der strei­ti­gen recht­li­chen Erwä­gun­gen auf eine gefes­tig­te höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung beru­fen kann [8] oder wenn sich in einem recht­lich schwie­ri­gen Fall der Sach­ver­halt in den Akten des Finanz­amts so unge­ord­net, ver­wor­ren oder wider­sprüch­lich dar­stellt, dass die recht­li­che Sub­sum­ti­on Schwie­rig­kei­ten berei­tet [9].
Im vor­lie­gen­den Fall hän­gen die Erfolgs­chan­cen des Antrag­stel­lers im Haupt­sa­che­ver­fah­ren gegen die Ein­kom­men­steu­er­be­schei­de vor allem davon ab, inwie­fern es dem Finanz­amt gelin­gen wird, die von ihm vor­aus­ge­setz­ten Sach­ver­hal­te (Zuord­nung der Ein­nah­men, nicht aber der Betriebs­aus­ga­ben zum Antrag­stel­ler, im Inland gele­ge­ne Betriebs­stät­te des Antrag­stel­lers i.S. von Art. 5 Abs. 5 Buchst. b DBA-Thai­land) auf tat­säch­li­cher Ebe­ne dar­zu­le­gen und nach­zu­wei­sen. Da es somit in ers­ter Linie um die Fest­stel­lung von Tat­sa­chen geht, sieht sich der Bun­des­fi­nanz­hof im gegen­wär­ti­gen Ver­fah­rens­sta­di­um nicht im Stan­de, eine ver­läss­li­che Pro­gno­se mit dem Ergeb­nis einer hohen Wahr­schein­lich­keit des Obsie­gens des Antrag­stel­lers zu tref­fen.
Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 15. Sep­tem­ber 2015 – I B 57/​15
BFH, Beschluss vom 17.05.2005 – I B 108/​04, BFH/​NV 2005, 1778, m.w.N.; BFH, Beschluss vom 26.06.2009 – IX B 194/​08[↩]
BFH, Beschlüs­se vom 22.07.1987 – I B 148/​86, n.v.; und vom 14.09.1994 – I B 40/​94, BFH/​NV 1995, 376; BFH, Urteil vom 27.08.1970 – V R 102/​67, BFHE 100, 291, BStBl II 1971, 1; BFH, Beschluss vom 18.12 2000 – VI S 15/​98, BFH/​NV 2001, 637[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 10.10.2002 – VII S 28/​01, BFH/​NV 2003, 12; Gosch in Beermann/​Gosch, FGO § 69 Rz 207; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 69 FGO Rz 110; Bir­ken­feld in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 69 FGO Rz 387[↩]
vgl. Bir­ken­feld in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 69 FGO Rz 385[↩]
BFH, Beschluss in BFH/​NV 2003, 12; Seer in Tipke/​Kruse, a.a.O., § 69 FGO Rz 110; Loschel­der, Der AO-Steu­er-Bera­ter ‑AO-StB- 2002, 284[↩]
vgl. zum Abse­hen von Sicher­heits­leis­tun­gen in sol­chen Situa­tio­nen z.B. BFH, Beschlüs­se vom 11.08.2000 – I S 5/​00, BFH/​NV 2001, 314, und in BFH/​NV 2005, 1778; BFH, Beschlüs­se vom 18.02.1992 – VIII B 101/​91, BFH/​NV 1993, 488; und vom 26.06.2003 – X S 4/​03, BFH/​NV 2003, 1217[↩]
zur Dar­le­gungs­last des Antrag­stel­lers vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 06.11.2001 – II B 85/​01, BFH/​NV 2002, 508; Loschel­der, AO-StB 2002, 284[↩]
vgl. BFH, Beschluss vom 13.12 1999 – III B 15/​99, BFH/​NV 2000, 827[↩]
BFH, Beschluss vom 30.07.1997 – I B 141 – 142/​96, BFH/​NV 1998, 84[↩]
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