Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/die-anzahlung-auf-ein-blockheizkraftwerk-3176934
Timestamp: 2019-12-15 12:31:41
Document Index: 163550069

Matched Legal Cases: ['EuG', '§ 116', '§ 14', '§ 13', 'Art. 65', '§ 15', 'Art. 167', 'EuG', '§ 17', '§ 17', 'EuG', '§ 17', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG']

Die Anzah­lung auf ein Block­heiz­kraft­werk | Rechtslupe
Damit reagiert der Bun­des­fi­nanz­hof auf eine Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on, das auf ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen des Bun­des­fi­nanz­hofs in die­ser Sache ergan­gen ist 1. Dar­in hat­te der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schie­den:
Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bereits für einen Par­al­lel­fall den Vor­steu­er­ab­zug ohne Berich­ti­gungs­ver­pflich­tung bejaht 2. Dies bestä­tigt der Bun­des­fi­nanz­hof nun noch­mals:
Auch die sich aus der Recht­spre­chung des EuGH erge­ben­de Bedin­gung, dass der Ein­tritt des Steu­er­tat­be­stands zum Zeit­punkt der Anzah­lung "sicher" sein muss, liegt vor. Maß­geb­lich ist hier­für, ob im Zeit­punkt der Anzah­lung alle maß­geb­li­chen Ele­men­te des Steu­er­tat­be­stands bereits bekannt sind, so dass der Gegen­stand der Lie­fe­rung genau bestimmt ist 3.
Im Streit­fall waren maß­geb­li­che Ele­men­te der künf­ti­gen Lie­fe­rung des Block­heiz­kraft­werks, wie etwa Kauf­ge­gen­stand und Kauf­preis, fest­ge­legt 4.
Uner­heb­lich ist, dass von Anfang an fest­stand, dass es nicht zur Lie­fe­rung des Block­heiz­kraft­werks kom­men wür­de. Denn der Vor­steu­er­ab­zug aus einer (Vor­aus- oder) Anzah­lungs­rech­nung hängt nicht davon ab, ob der Zah­lungs­emp­fän­ger im Zah­lungs­zeit­punkt die Leis­tung objek­tiv erbrin­gen kann und ob er das will. Maß­geb­lich ist, ob anhand objek­ti­ver Umstän­de erwie­sen ist, dass der (Vor­aus- oder) Anzah­len­de zum Zeit­punkt der Zah­lung wuss­te oder ver­nünf­ti­ger­wei­se hät­te wis­sen müs­sen, dass die Bewir­kung der Lie­fe­rung oder Erbrin­gung der Dienst­leis­tung unge­wiss ist 5.
Auf einen nach außen nicht offen­ge­leg­ten gehei­men Vor­be­halt (vgl. § 116 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs) des Anzah­lungs­emp­fän­gers kommt es somit nicht an. Daher ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­amt nicht die inne­re Absicht zur Leis­tungs­er­brin­gung, son­dern die gegen­über dem Anzah­len­den nach außen geäu­ßer­te Absicht zur Leis­tungs­er­brin­gung das ent­schei­den­de Merk­mal für den Vor­steu­er­ab­zug 6.
Die­se Emp­fän­ger­sicht ist ent­ge­gen Reiß 7 auch für die Fra­ge maß­geb­lich, ob der Anzah­lungs­emp­fän­ger als Unter­neh­mer han­delt. Daher han­delt es sich ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­amt nicht um einen unbe­rech­tig­ten Steu­er­aus­weis i.S. von § 14c Abs. 2 Satz 2 UStG, für den der Vor­steu­er­ab­zug man­gels gesetz­li­cher Steu­er­schuld für eine Leis­tung nicht in Anspruch genom­men wer­den kann. Denn ist eine Unsi­cher­heit über die aus­ste­hen­de Leis­tungs­er­brin­gung aus Emp­fän­ger­sicht zu ver­nei­nen, ent­steht die Steu­er auf­grund der Zah­lung nach § 13 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a Satz 4 UStG (Art. 65 MwSt­Sys­tRL) und berech­tigt gemäß § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Satz 3 UStG (Art. 167 MwSt­Sys­tRL) zum Vor­steu­er­ab­zug 8.
Ent­ge­gen den Ein­wen­dun­gen des Finanz­amt ist im Streit­fall nicht anhand objek­ti­ver Umstän­de erwie­sen, dass der Bestel­ler bei der Anzah­lung wuss­te oder ver­nünf­ti­ger­wei­se hät­te wis­sen müs­sen, dass die Bewir­kung der für die Anzah­lung ver­spro­che­nen Lie­fe­rung unsi­cher war. Inso­weit ist viel­mehr davon aus­zu­ge­hen, dass sich Unter­neh­mer nicht wis­sent­lich betrü­gen las­sen, indem sie für Leis­tun­gen, die dann nicht erbracht wer­den, Zah­lun­gen leis­ten, und dass unrea­lis­ti­sche Ren­ta­bi­li­täts­be­rech­nun­gen nichts dar­über aus­sa­gen, ob bestell­te Block­heiz­kraft­wer­ke spä­ter mit einem ver­min­der­ten Leis­tungs­grund gelie­fert und genutzt wer­den, zumal auch wirt­schaft­lich unver­nünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen immer wie­der im Rah­men einer wirt­schaft­li­chen Tätig­keit getrof­fen wer­den 9. Letz­te­res ver­kennt May­er 10, die bei ihrer Kri­tik an dem BFH-Urteil in BFHE 263, 359 ent­ge­gen den Vor­ga­ben des EuGH auf die Sicht des Leis­ten­den und damit des Anzah­lungs­emp­fän­gers abstellt.
Der Bun­des­fi­nanz­hof hält an sei­ner Recht­spre­chung fest, nach der die Berich­ti­gung des Vor­steu­er­ab­zugs gemäß § 17 Abs. 2 Nr. 2 und Abs. 1 Satz 2 UStG eine Rück­zah­lung vor­aus­setzt 11.
Dies ist mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar, da es natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten und Gepflo­gen­hei­ten nicht ent­ge­gen­steht, nach denen die Berich­ti­gung des Vor­steu­er­ab­zugs für eine (Vor­aus- oder) Anzah­lung beim Aus­blei­ben der Lie­fe­rung vor­aus­setzt, dass die­se vom Lie­fe­rer zurück­ge­zahlt wird 12.
Dabei han­delt es sich zum einen bei § 17 Abs. 1 Sät­ze 1, 2 und 7 UStG um natio­na­le Rechts­vor­schrif­ten, die anord­nen, dass Steu­er- und Vor­steu­er­be­rich­ti­gung bedin­gungs- und zeit­gleich vor­zu­neh­men sind. Ergibt sich daher aus der EuGH-Recht­spre­chung, dass die Steu­er­be­rich­ti­gung erst mit der Rück­zah­lung vor­zu­neh­men ist 13, folgt aus die­sen Rechts­vor­schrif­ten, dass dies eben­so für die Vor­steu­er­be­rich­ti­gung gilt. Dies ist dann auch im Rah­men der Steu­er- und Vor­steu­er­be­rich­ti­gung bei Anzah­lun­gen nach § 17 Abs. 2 Nr. 2 i.V.m. Abs. 1 Sät­ze 1 und 2 UStG zu beach­ten. Soweit sich Reiß 14 gegen eine Vor­steu­er­be­rich­ti­gung erst mit Rück­zah­lung wen­det und dabei das Feh­len einer gesetz­li­chen Grund­la­ge bean­stan­det, über­sieht er sei­ner­seits den vor­ste­hend beschrie­be­nen Geset­zes­zu­sam­men­hang.
Zum ande­ren liegt auf der vor­ste­hend beschrie­be­nen Grund­la­ge eine stän­di­ge höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung 15 vor, der sich die Finanz­ver­wal­tung ange­schlos­sen hat­te (Abschn. 17.01. Abs. 7 des Umsatz­steu­er-Anwen­dungs­er­las­ses), so dass auch eine Gepflo­gen­heit i.S. der EuGH-Recht­spre­chung zu beja­hen ist.
Lie­gen somit die Vor­aus­set­zun­gen für einen Vor­steu­er­be­rich­ti­gungs­an­spruch nicht vor, kommt es auf die Über­le­gun­gen des Finanz­amt, die gegen das Bestehen eines sog. Durch­griffs­an­spruchs auf der Grund­la­ge des EuGH-Urteils Reemts­ma 16 spre­chen könn­ten, nicht an.
EuGH, Urteil Kollroß und Wirtl, EU:C:2018:372, Rz 40 ff., 51[↩]
EuGH, Urteil Kollroß und Wirtl, EU:C:2018:372, Rz 50; vgl. auch BFH, Urteil in BFHE 263, 359, Rz 48 und 54[↩]
BFH, Urtei­le vom 02.09.2010 – V R 34/​09, BFHE 231, 321, BSt­Bl II 2011, 991, Leit­satz 1 und Rz 21; vom 08.09.2011 – V R 43/​10, BFHE 235, 501, BSt­Bl II 2014, 203, Rz 27; vom 15.09.2011 – V R 36/​09, BFHE 235, 507, BSt­Bl II 2012, 365, Leit­satz und Rz 23[↩]
EuGH, Urteil Kollroß und Wirtl, EU:C:2018:372, Rz 69; vgl. hier­zu BFH, Urteil in BFHE 263, 359, Rz 71[↩]
EuGH, Urteil Free­mans vom 29.05.2001 – C‑86/​99, EU:C:2001:291, und hier­auf bezug­neh­mend BFH, Urtei­le in BFHE 231, 321, BSt­Bl II 2011, 991, und in BFHE 231, 321, BSt­Bl II 2011, 991[↩]
BFH, Urtei­le in BFHE 231, 321, BSt­Bl II 2011, 991; in BFHE 235, 501, BSt­Bl II 2014, 203, und in BFHE 235, 507, BSt­Bl II 2012, 365, Leit­satz und Rz 23[↩]
EuGH, Urteil Reemts­ma vom 15.03.2007 – C‑35/​05, EU:C:2007:167[↩]