Source: https://www.bverwg.de/070704B6C24.03.0
Timestamp: 2020-06-05 12:03:32
Document Index: 186423763

Matched Legal Cases: ['§ 1', '§ 144', '§ 21', '§ 48', '§ 51', '§ 51', '§ 51', '§ 48', '§ 48', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 21', '§ 51', '§ 51', '§ 51', '§ 51', '§ 48', '§ 48', 'Art. 3', '§ 2', '§ 4', 'Art. 3', '§ 48', '§ 21', '§ 11', 'Art. 26', 'Art. 28', 'Art. 11', '§ 48', '§ 1', '§ 3', '§ 1', 'Art. 11', 'EuG', 'Art. 11', 'Art. 11', 'Art. 11']

BVerwG 6 C 24.03 , Beschluss vom 07. Juli 2004 | Bundesverwaltungsgericht
BVerwG 6 C 24.03 , Beschluss vom 07. Juli 2004
BVerwG 6 C 24.03ECLI:DE:BVerwG:2004:070704B6C24.03.0
TKG 2004 §§ 1, 2 Abs. 2 Nr. 2, § 144
VwKostG § 21 Abs. 1 1. Halbsatz und 2. Halbsatz
VwVfG § 48 Abs. 1 Satz 1, § 51 Abs. 1 Nr. 1, § 51 Abs. 5
Bestandskraft eines Gebührenbescheides; Gebührenerstattung; Gebührenerstattung aus Billigkeitsgründen; Lizenzgebühren; Rücknahme des Gebührenbescheides; Telekommunikation; Wiederaufgreifen des Verfahrens; gemeinschaftsrechtlicher Anspruch auf Aufhebung eines Gebührenbescheides; gemeinschaftsrechtliches Verbot der Vorauserhebung von Kosten des Verwaltungsaufwandes; gemeinschaftsrechtswidriger Gebührenbescheid;
VG Köln - 16.09.2003 - AZ: VG 11 K 2220/02
BVerwG, Beschluss vom 07.07.2004 - 6 C 24.03 [ECLI:DE:BVerwG:2004:070704B6C24.03.0]
BVerwG 6 C 24.03
Die Klägerin bietet Telekommunikationsdienstleistungen für die Öffentlichkeit an. Für die Erteilung einer Telekommunikationslizenz der Klasse 3 wurde sie durch Bescheid der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post der Beklagten (Regulierungsbehörde) vom 14. Juni 2000 zu einer Gebühr in Höhe von 10 600 000 DM (entspricht 5 419 693,94 €) herangezogen. Die Klägerin focht den Bescheid nicht an und leistete die Gebühr.
Mit Urteil vom 19. September 2001 - BVerwG 6 C 13.00 - (BVerwGE 115, 125 ff.) bestätigte der Senat die Aufhebung eines fristgerecht angefochtenen Lizenzgebührenbescheides mit der Begründung, die dem Bescheid zugrunde liegende Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung sei mit höherrangigem Recht nicht vereinbar. Daraufhin verlangte die Klägerin die Erstattung der geleisteten Lizenzgebühr. Nach Ablehnung dieses Antrags durch die Regulierungsbehörde hat die Klägerin Klage erhoben, die das Verwaltungsgericht im Wesentlichen mit folgender Begründung abgewiesen hat: Die Klägerin habe keinen Anspruch auf Erstattung der Lizenzgebühren. Der bestandskräftige Gebührenbescheid sei Rechtsgrundlage für die Gebührenerhebung. Ein Anspruch auf Wiederaufgreifen des bestandskräftig abgeschlossenen Verfahrens nach § 51 Abs. 1 VwVfG bestehe nicht. Die Klägerin habe auch keinen Anspruch auf Rücknahme des Bescheides nach § 48 Abs. 1 VwVfG. Das der Regulierungsbehörde zustehende Rücknahmeermessen sei auch bei Berücksichtigung des Europäischen Gemeinschaftsrechts nicht auf Null reduziert. Die Aufrechterhaltung des Gebührenbescheides sei nicht schlechthin unerträglich. Sie verstoße weder gegen den allgemeinen Gleichheitssatz noch gegen die guten Sitten oder gegen Treu und Glauben. Die Höhe der Gebühren und die schlechte wirtschaftliche Lage auf dem Telekommunikationsmarkt sowie die damit einhergehenden Belastungen für die Klägerin verpflichteten nicht zur Rücknahme des Bescheides. Der bestandskräftige Gebührenbescheid sei auch nicht offensichtlich rechtswidrig gewesen. Ein Anspruch auf Rückzahlung der Lizenzgebühren aus Billigkeitsgründen sei ebenfalls nicht gegeben.
Mit ihrer vom Verwaltungsgericht zugelassenen Sprungrevision begehrt die Klägerin im Kern die Erstattung der aufgrund des Bescheides vom 14. Juni 2000 geleisteten Gebühr. Sie trägt zur Begründung im Wesentlichen vor: Das Verwaltungsgericht sei zu Unrecht davon ausgegangen, der Gebührenbescheid sei nicht nach § 48 Abs. 1 VwVfG zurückzunehmen. Das Rücknahmeermessen sei vielmehr aus einfachrechtlichen und verfassungsrechtlichen Gründen auf Null reduziert. Eine Ermessensreduzierung ergebe sich auch aus Europäischem Gemeinschaftsrecht. Die nach nationalem Recht eingetretene Bestandskraft des Gebührenbescheides stehe dem nicht entgegen. Die geleisteten Gebühren seien auch aus Billigkeitsgründen zu erstatten.
1. Das nationale Recht verleiht der Klägerin keinen Anspruch auf Erstattung der mit Bescheid vom 14. Juni 2000 festgesetzten und von ihr geleisteten Gebühr. Als Anspruchsgrundlage kommt § 21 Abs. 1 des Verwaltungskostengesetzes (VwKostG) vom 23. Juni 1970 (BGBl I S. 821), zuletzt geändert durch Gesetz vom 5. Oktober 1994 (BGBl I S. 2911), in Betracht. Da die Klägerin weder nach § 21 Abs. 1 1. Halbsatz VwKostG noch nach § 21 Abs. 1 2. Halbsatz VwKostG einen Erstattungsanspruch hat, kann hier dahinstehen, in welchem Verhältnis beide Bestimmungen zueinander stehen.
a) Die Klägerin kann die Erstattung der Gebühr nicht nach § 21 Abs. 1 1. Halbsatz VwKostG beanspruchen. Nach dieser Bestimmung sind u.a. zu Unrecht erhobene Kosten zu erstatten, soweit eine Kostenentscheidung noch nicht unanfechtbar ist. Die Bestimmung enthält eine spezialgesetzliche Regelung des der Rückgewähr von rechtsgrundlos erbrachten Leistungen dienenden öffentlich-rechtlichen Erstattungsanspruchs und findet daher auch dann Anwendung, wenn der Gebührenbescheid, der den Rechtsgrund für die Gebührenzahlung bildet, aufgehoben worden ist (vgl. die Regierungsbegründung zum Entwurf des Verwaltungskostengesetzes, BRDrucks 530/69 S. 17 f.). Da die Klägerin den Gebührenbescheid vom 14. Juni 2000 hat unanfechtbar werden lassen, kann sie gemäß § 21 Abs. 1 1. Halbsatz VwKostG nur unter der Voraussetzung die Erstattung der von ihr gezahlten Gebühr erreichen, dass sie einen Anspruch auf Aufhebung des unanfechtbaren Bescheides hat. Ein solcher Anspruch steht ihr bei Berücksichtigung nur des nationalen Rechts nicht zu.
aa) Die Klägerin hat keinen Anspruch auf Wiederaufgreifen des Verfahrens nach § 51 Abs. 1 VwVfG. Insbesondere liegen die Voraussetzungen eines Wiederaufgreifens nach § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG nicht vor. Danach ist das Verfahren u.a. wieder aufzugreifen, wenn sich die dem Verwaltungsakt zugrunde liegende Rechtslage nachträglich zugunsten des Betroffenen geändert hat. Eine Änderung der Rechtslage im Sinne der Bestimmung ist nur dann anzunehmen, wenn es sich um eine Änderung im Bereich des materiellen Rechts, dem eine allgemein verbindliche Außenwirkung zukommt, handelt. Dementsprechend kann eine gerichtliche Spruchpraxis keine Änderung der Rechtslage im Sinne des § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG bewirken (stRspr, vgl. z.B. Urteil vom 27. Januar 1994 - BVerwG 2 C 12.92 - BVerwGE 95, 86 <90>). Mithin rechtfertigt das Urteil des Senats vom 19. September 2001 (a.a.O.), in dem festgestellt wird, dass die dem Gebührenbescheid zugrunde liegende Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung (TKLGebV) vom 28. Juli 1997 (BGBl I S. 1936) nicht mit nationalem höherrangigen Recht übereinstimmt, keine Wiederaufnahme des Verfahrens nach § 51 Abs. 1 Nr. 1 VwVfG.
Für das Merkmal der Rechtswidrigkeit im Sinne von § 48 Abs. 1 Satz 1 VwVfG kommt es grundsätzlich darauf an, ob der Verwaltungsakt, dessen Rücknahme erstrebt wird, zum Zeitpunkt seines Erlasses einer Rechtsgrundlage entbehrte (vgl. Urteil vom 30. Januar 1969 - BVerwG 3 C 153.67 - BVerwGE 31, 222 <223> m.w.N.; Kopp/Ramsauer, VwVfG, 8. Auflage, § 48 Rn. 33). Das ist hier der Fall, weil die dem Gebührenbescheid zugrunde liegende Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung nicht mit nationalem höherrangigen Recht vereinbar war (Urteil vom 19. September 2001, a.a.O.). Es kann in diesem Zusammenhang dahinstehen, ob der Gebührenbescheid darüber hinaus aus einem anderen Grund rechtswidrig ist.
Wird - wie hier - die Rücknahme eines bestandskräftigen belastenden Verwaltungsaktes begehrt, ist bei der Ausübung des Rücknahmeermessens in Rechnung zu stellen, dass dem Grundsatz der materiellen Gerechtigkeit prinzipiell kein größeres Gewicht zukommt als dem Grundsatz der Rechtssicherheit, sofern dem anzuwendenden Recht nicht ausnahmsweise eine andere Wertung zu entnehmen ist (vgl. Urteil vom 30. Januar 1974 - BVerwG 8 C 20.72 - BVerwGE 44, 333 <336>; Beschluss vom 22. Oktober 1984 - BVerwG 8 B 56.84 - NVwZ 1985, 265). Das der materiellen Einzelfallgerechtigkeit gegenläufige Gebot der Rechtssicherheit ist ein wesentliches Element der Rechtsstaatlichkeit und damit eines Konstitutionsprinzips des Grundgesetzes (vgl. BVerfG, Beschluss vom 20. April 1982 - 2 BvL 26/81 - BVerfGE 60, 253 <267> m.w.N.). Aus ihm folgt die grundsätzliche Rechtsbeständigkeit unanfechtbarer Verwaltungsakte. Gibt die Rechtsordnung der Verwaltungsbehörde die Möglichkeit, durch Hoheitsakt für ihren Bereich das im Einzelfall rechtlich Verbindliche festzustellen, zu begründen oder zu verändern, so besteht auch ein verfassungsrechtliches Interesse daran, die Bestandskraft des Hoheitsaktes herbeizuführen. Die mit dem Verstreichen der Frist zur Anfechtung eines Verwaltungsaktes regelmäßig einhergehende Bestandskraft ist ein Instrument der Gewährleistung von Rechtssicherheit (vgl. BVerfG, Beschluss vom 20. April 1982, a.a.O., S. 270). Tritt der Grundsatz der Rechtssicherheit mit dem Gebot der Gerechtigkeit im Einzelfall in Widerstreit, so ist es Sache des Gesetzgebers und der Rechtsprechung, das Gewicht, das ihnen in dem zu regelnden Fall zukommt, abzuwägen und zu entscheiden, welchem der beiden Prinzipien der Vorrang gegeben werden soll (vgl. BVerfG, Beschluss vom 14. März 1963 - 1 BvL 28/62 - BVerfGE 15, 313 <319>). Nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts besteht mit Blick auf das Gebot der materiellen Gerechtigkeit ausnahmsweise dann ein Anspruch auf Rücknahme eines bestandskräftigen Verwaltungsaktes, wenn dessen Aufrechterhaltung "schlechthin unerträglich" ist (vgl. Urteil vom 30. Januar 1974, a.a.O., S. 336; Urteil vom 19. Oktober 1967 - BVerwG 3 C 123.66 - BVerwGE 28, 122 <127>; Beschluss vom 22. Oktober 1984, a.a.O.; Urteil vom 27. Januar 1994 - BVerwG 2 C 12.92 - a.a.O.; Beschluss vom 16. August 1989 - BVerwG 7 B 57.89 - Buchholz 421.0 Prüfungswesen Nr. 268 S. 116; Beschluss vom 4. Oktober 1993 - BVerwG 6 B 35.93 - Buchholz 421.0 Prüfungswesen Nr. 319 S. 304). Ob sich die Aufrechterhaltung des Verwaltungsaktes als schlechthin unerträglich erweist, hängt von den Umständen des Einzelfalles und einer Gewichtung der einschlägigen Gesichtspunkte ab (vgl. Beschluss vom 16. August 1989, a.a.O., S. 116). Das Festhalten an dem Verwaltungsakt ist dann schlechthin unerträglich, wenn die Behörde gegen den allgemeinen Gleichheitssatz dadurch verstößt, dass sie in gleichen oder ähnlich gelagerten Fällen in der Regel von ihrer Befugnis zur Rücknahme Gebrauch macht, hiervon jedoch in anderen Fällen ohne rechtfertigenden Grund absieht (vgl. Urteil vom 19. Oktober 1967, a.a.O., S. 127 f.). Genauso liegt es, wenn Umstände gegeben sind, die die Berufung der Behörde auf die Unanfechtbarkeit als einen Verstoß gegen die guten Sitten oder Treu und Glauben erscheinen lassen (vgl. Urteil vom 27. Januar 1994, a.a.O., m.w.N.). Die offensichtliche Rechtswidrigkeit des Verwaltungsaktes, dessen Rücknahme begehrt wird, kann ebenfalls die Annahme rechtfertigen, seine Aufrechterhaltung sei schlechthin unerträglich (vgl. Urteil vom 27. Januar 1994, a.a.O., zur offensichtlichen Fehlerhaftigkeit eines rechtskräftigen Urteils). Allein die Rechtswidrigkeit des Verwaltungsaktes begründet hingegen keinen Anspruch auf Rücknahme, da die Rechtswidrigkeit lediglich die Voraussetzung einer Ermessensentscheidung der Behörde ist (vgl. Urteil vom 30. Januar 1974, a.a.O., S. 336; Beschluss vom 22. Oktober 1984, a.a.O.). In dem einschlägigen Fachrecht kann aber eine bestimmte Richtung der zu treffenden Entscheidung in der Weise vorgegeben sein, dass das Ermessen im Regelfall nur durch die Entscheidung für die Rücknahme des Verwaltungsaktes ausgeübt werden kann, so dass sich das Ermessen in diesem Sinne als intendiert erweist (vgl. Urteil vom 25. September 1992 - BVerwG 8 C 68. und 70.90 - BVerwGE 91, 82 <90>). Nach diesen Grundsätzen scheidet die Annahme einer Reduzierung des Rücknahmeermessens auf Null aus.
Der Senat hat in dem Urteil vom 19. September 2001 (a.a.O., S. 131 ff.) aufgezeigt, dass die Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung aus zwei Gründen nicht mit höherrangigem Recht im Einklang stand. Sie war von der Verordnungsermächtigung insoweit nicht gedeckt, als bei der Festlegung der Gebührenhöhe im Wesentlichen Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes der Regulierungsbehörde berücksichtigt wurden. Darüber hinaus verstieß die Verordnung gegen Art. 3 Abs. 1 GG, weil bei der Berechnung der Gebühren von einer Vorauszahlung von Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes der Regulierungsbehörde für einen Zeitraum von 30 Jahren ausgegangen wurde. Die Aufrechterhaltung des Gebührenbescheides geht einher mit erheblichen Belastungen für die Klägerin. Sie wird nicht nur dadurch belastet, dass sie mit der festgesetzten Gebühr zu Unrecht im Wesentlichen Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes abgelten muss. Diese Beeinträchtigung wird dadurch verstärkt, dass solche Kosten rechtswidrig für 30 Jahre im Voraus erhoben wurden, die Rechtswidrigkeit des Bescheides also in erheblichem Umfang in die Zukunft wirkt. Der von der Klägerin bis heute nicht geschuldete Anteil der festgesetzten Gebühr ist extrem hoch, wie ein Vergleich mit der Gebühr für die Erteilung einer Lizenz der Klasse 3 auf der Grundlage der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung 2002 (TLGebV) vom 9. September 2002 (BGBl I S. 3542) zeigt, die die Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung ablöste und mit der der Verordnunggeber dem Urteil des Senats vom 19. September 2001 (a.a.O.) Rechnung getragen hat, indem er bei der Gebührenhöhe Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes der Regulierungsbehörde nicht in Ansatz gebracht hat. Nach § 2 Abs. 3 Satz 1 TLGebV betrug die Gebühr für die Erteilung einer Lizenz der Klasse 3 regelmäßig 4 260 €. Die von der Klägerin entrichtete Gebühr übersteigt diesen Betrag um das 1 272-fache, und die Differenz beträgt 5 415 433 €. Das Festhalten an dem Gebührenbescheid der Klägerin führt mithin dazu, dass sie im Vergleich zu den Lizenznehmern, die eine Gebühr auf der Grundlage der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung 2002 zu entrichten hatten, einer bedeutend größeren Gebührenlast ausgesetzt ist. Dies gilt auch im Verhältnis zu den Lizenznehmern, die - wie die Klägerin - einen rechtswidrigen Gebührenbescheid auf der Grundlage der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung erhalten hatten, diesen jedoch erfolgreich angefochten haben, oder deren Bescheid von der Regulierungsbehörde wegen einer mit ihnen abgeschlossenen so genannten Gleichbehandlungsvereinbarung aufgehoben wurde, nachdem der Senat in dem Urteil vom 19. September 2001 (a.a.O.) einen entsprechenden Bescheid als rechtswidrig angesehen hatte. Auch diese Lizenznehmer unterfielen der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung 2002 (§ 4 TLGebV). Die Belastung der Klägerin besteht insoweit nicht nur in der außerordentlich großen Differenz zwischen der von ihr zu entrichteten und der nach der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung 2002 geschuldeten Gebühr. Die Klägerin steht zudem mit den Lizenznehmern, die nach Aufhebung ihres Bescheides weitaus geringere Gebühren zu leisten hatten, in einem Wettbewerbsverhältnis. Die Aufrechterhaltung des Gebührenbescheides der Klägerin bedeutet deshalb für sie einen erheblichen Wettbewerbsnachteil, der zu einer Verzerrung des Wettbewerbs auf dem relevanten Markt führen kann.
Dennoch verstößt es nicht gegen die guten Sitten, wenn an dem Bescheid mit Blick auf den Gesichtspunkt der Rechtssicherheit festgehalten wird. Die negativen Folgen sind im Wesentlichen auf das Verhalten der Klägerin zurückzuführen und ihr deshalb zuzurechnen. Zum Zeitpunkt des Ergehens der Gebührenbescheide waren alle Adressaten hinsichtlich der Beurteilung, ob sie den sie betreffenden Bescheid anfechten sollten oder nicht, in der gleichen Lage. Sie hatten die Erfolgsaussichten einer gerichtlichen Anfechtung zu bewerten und bei der Gewichtung des prognostizierten Prozessrisikos auch in Rechnung zu stellen, dass eine erfolgreiche Anfechtung im Ergebnis zu einer erheblichen Reduzierung der letztendlich zu leistenden Gebühr führen konnte und dass bei Verzicht auf eine Anfechtung andere Gebührenschuldner einen Wettbewerbsvorteil dadurch erlangen konnten, dass sie die Aufhebung ihres Gebührenbescheides erreichten. Indem die Klägerin bei gleicher Ausgangslage aller Betroffenen den sie betreffenden Bescheid hat unanfechtbar werden lassen, ohne zuvor mit der Regulierungsbehörde die Aufhebung des Bescheides für den Fall zu vereinbaren, dass das Bundesverwaltungsgericht entsprechende Bescheide als rechtswidrig ansehen würde, hat sie selbst eine wesentliche Ursache dafür gesetzt, dass sie nicht in den Genuss der geringeren Gebühr nach der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung 2002 kommt, dem dargestellten Wettbewerbsnachteil ausgesetzt ist und zu Unrecht Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes der Regulierungsbehörde für drei Jahrzehnte im Voraus entrichtet hat. Es erscheint daher nicht schlechterdings unzumutbar und unerträglich, wenn die Klägerin im Interesse der Rechtssicherheit an den Folgen ihres Verhaltens, die von vornherein im Bereich des Möglichen und Absehbaren lagen, festgehalten wird. Dies gilt auch mit Blick darauf, dass die Differenz zwischen der von der Klägerin geleisteten und der nach der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung 2002 geschuldeten Gebühr extrem groß ist. Der Unterschiedsbetrag beruht wesentlich auf der Höhe der in der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung vorgesehenen Gebühr, deren Rechtmäßigkeit die Klägerin hätte zur Überprüfung stellen können, was sie jedoch versäumt hat.
Die Aufrechterhaltung des Gebührenbescheides verstößt auch nicht, wie die Klägerin meint, deswegen gegen die guten Sitten, weil die Beklagte dadurch in großem Umfang für ihr rechtswidriges Verhalten "belohnt" würde. Die Bestandskraft rechtswidriger belastender Verwaltungsakte wirkt sich notwendig zugunsten der Behörde aus, die sich auf den Verwaltungsakt berufen und aus ihm für sich günstige Folgen ableiten kann. Dies ist wegen des mit dem Grundsatz der materiellen Gerechtigkeit konkurrierenden Grundsatzes der Rechtssicherheit auch von Verfassungs wegen grundsätzlich nicht zu beanstanden.
Entgegen der Auffassung der Klägerin verstößt die Versagung der Rücknahme des Gebührenbescheides auch nicht deshalb gegen den allgemeinen Gleichheitssatz, weil - wie dargelegt - nach der Rechtsprechung des Senats die Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung (a.F.) auch gegen Art. 3 Abs. 1 GG verstieß. Die Verletzung des allgemeinen Gleichheitssatzes durch die Verordnung betrifft die Rechtswidrigkeit des auf sie gestützten Gebührenbescheides. Sie indiziert nicht die Gleichheitswidrigkeit der Aufrechterhaltung dieses Verwaltungsaktes.
(c) Das Rücknahmeermessen der Beklagten ist auch nicht deswegen im Sinne einer Entscheidung zugunsten der Klägerin eingeschränkt, weil der Gebührenbescheid vom 14. Juni 2000 von vornherein offensichtlich rechtswidrig gewesen wäre.
Die Regulierungsbehörde hat sich in ausreichender Weise mit den Gesichtspunkten auseinander gesetzt, die für die Ausübung des Rücknahmeermessens nach § 48 Abs. 1 Satz 1 VwVfG und des Erstattungsermessens nach § 21 Abs. 1 2. Halbsatz VwKostG wesentlich sind. Insbesondere hat sie den Gesichtspunkt der wirtschaftlichen Belastung in die Ermessensbetätigung eingestellt. Der Klägerin ist nicht darin zu folgen, dass sich aus dem Hinweis der Beklagten in der mündlichen Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht, sie habe in keinem Fall einen bestandskräftigen Gebührenbescheid wegen der negativen wirtschaftlichen Auswirkung auf den Gebührenschuldner aufgehoben, ergebe, dass aus Sicht der Regulierungsbehörde die wirtschaftliche Belastung niemals zur Erstattung führen könne. Dies kann der in Bezug genommenen Erklärung nicht entnommen werden. Die Regulierungsbehörde ist - wie auch in der mündlichen Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht zum Ausdruck gebracht wurde - bei ihrer Ermessensentscheidung davon ausgegangen, dem Gesichtspunkt der Bestandskraft des Gebührenbescheides sei größeres Gewicht beizumessen als den individuellen Belastungen, denen die Klägerin durch die Aufrechterhaltung des Verwaltungsaktes ausgesetzt sei. Dies ist nicht zu beanstanden.
Nach § 11 Abs. 1 Satz 1 der Lizenzierungsrichtlinie stellen die Mitgliedstaaten sicher, dass von Telekommunikationsdienste erbringenden Unternehmen im Rahmen von Verfahren für die Erteilung einer Einzelgenehmigung nur die Gebühren erhoben werden, die die für die Aufstellung, Verwaltung, Kontrolle und Durchsetzung der jeweiligen Einzelgenehmigungen anfallenden Verwaltungskosten abdecken. Die Bestimmung ist im vorliegenden Fall anzuwenden, obwohl die Lizenzierungsrichtlinie mit Wirkung vom 25. Juli 2003 aufgehoben ist (Art. 26 i.V.m. Art. 28 Abs. 1 Satz 2 der Richtlinie 2002/21/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 7. März 2002 über einen gemeinsamen Rechtsrahmen für elektronische Kommunikationsnetze und –dienste - Rahmenrichtlinie - (ABl EG Nr. L 108 S. 33). Dies ergibt sich schon daraus, dass sich die Frage des Verstoßes gegen Art. 11 Abs. 1 der Lizenzierungsrichtlinie im Zusammenhang mit dem Merkmal der "Rechtswidrigkeit" im Sinne von § 48 Abs. 1 Satz 1 VwVfG stellt und es insoweit - wie aufgezeigt - auf die Rechtslage zum Zeitpunkt des Erlasses des Gebührenbescheides ankommt. Zu diesem Zeitpunkt war die Lizenzierungsrichtlinie noch in Kraft.
Bei der Berechnung der in der dem Gebührenbescheid der Klägerin zugrunde liegenden Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung festgelegten Gebühren ist der Verordnunggeber - wie erwähnt - von einer Vorauserhebung von Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes der Regulierungsbehörde für einen Zeitraum von 30 Jahren ausgegangen. In die Gebührenberechnung (vgl. zu den Einzelheiten Urteil vom 19. September 2001, a.a.O., S. 126 f.) wurde der Verwaltungsaufwand der Regulierungsbehörde für so genannte "Folgemaßnahmen" einbezogen, der weit über das für die eigentliche Lizenzerteilung Erforderliche hinausgeht. Der Verordnunggeber hat die Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes der Regulierungsbehörde für die künftigen drei Jahrzehnte ermittelt. Dies ergab im Zusammenhang mit der Lizenz der Klasse 3 Kosten des Verwaltungsaufwandes in Höhe von 168 Mio. DM. Auf dieser Grundlage sahen § 1 Abs. 1 Satz 1 und § 3 TKLGebV i.V.m. der Anlage zu § 1 für die Erteilung einer Lizenz der Klasse 3 eine Höchstgebühr von 10,6 Mio. DM vor, wie sie gegenüber der Klägerin festgesetzt wurde.
Es ist zweifelhaft, ob die Vorauserhebung von Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes für einen Zeitraum von 30 Jahren mit Art. 11 Abs. 1 Satz 1 der Lizenzierungsrichtlinie im Einklang steht. Die Bestimmung geht davon aus, dass die von den Mitgliedstaaten für die Erteilung von Einzelgenehmigungen den Unternehmen auferlegten Gebühren nur die Verwaltungskosten decken sollen, die für die durch die Erteilung dieser Genehmigungen verursachte Arbeit anfallen (vgl. EuGH, Urteil vom 18. September 2003 - Rs. C-292/01 und C-293/01 - Albacom SpA und Infostrada SpA, Rn. 25). Daran gemessen ist bereits fraglich, ob Kosten des allgemeinen Verwaltungsaufwandes bei der Gebührenfestlegung überhaupt berücksichtigt werden dürfen. Selbst wenn dies nicht ausgeschlossen sein sollte, ist zweifelhaft, ob die Vorauserhebung solcher Kosten für den hier in Rede stehenden Zeitraum mit Art. 11 Abs. 1 Satz 1 der Lizenzierungsrichtlinie vereinbar ist. Dem in der Bestimmung zum Ausdruck kommenden Kostendeckungsprinzip entspricht das Verbot, dass die erhobenen Gebühren die nach Art. 11 Abs. 1 Satz 1 der Lizenzierungsrichtlinie berücksichtigungsfähigen Kosten überschreiten. Werden bei der Gebührenberechnung Kosten im Voraus in Ansatz gebracht, bedarf es einer Prognose darüber, in welchem Umfang diese Kosten in Zukunft anfallen werden. Aus Art. 11 Abs. 1 Satz 1 der Lizenzierungsrichtlinie könnte sich ergeben, dass die von der Bestimmung der Gebührenerhebung gezogene Grenze im Fall der Vorauserhebung von Kosten nur gewahrt ist, wenn die in diesem Zusammenhang anzustellende Prognose über die künftigen Kosten hinreichend verlässlich ist. Eine solche Verlässlichkeit hat der Senat - wenn auch in einem anderen rechtlichen Zusammenhang - in seinem bereits mehrfach erwähnten Urteil vom 19. September 2001 (a.a.O., S. 138 f.) hinsichtlich der den Gebührensätzen der Telekommunikations-Lizenzgebührenverordnung zugrunde liegenden Schätzung des künftigen Verwaltungsaufwandes unter Hinweis darauf verneint, dass eine Schätzung von Verwaltungsaufwand für mehrere Jahre auf der Grundlage von bisherigen Erfahrungswerten und deren Hochrechnung in die Zukunft sachgerecht nur möglich ist, wenn die zum Zeitpunkt der Prognose bestehenden Rahmenbedingungen absehbar im Wesentlichen konstant bleiben. Angesichts der Dynamik auf dem Telekommunikationsmarkt, so heißt es in dem angeführten Senatsurteil weiter, konnte der Verordnunggeber im Jahr 1997 davon für einen Zeitraum von 30 Jahren nicht ausgehen. Weder die rechtlichen noch die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen konnten über diesen Zeitraum abgeschätzt werden. Es war nicht absehbar, wie sich die neu geöffneten Einzelmärkte im Bereich der Telekommunikation entwickeln würden. Insbesondere war nicht vorhersehbar, wie sich das aus dem früheren Staatsunternehmen hervorgegangene marktbeherrschende Unternehmen entwickeln würde, wie viele neue Wettbewerber in die Märkte eintreten würden und welche Änderungen im Lizenzbereich vorgenommen würden. Aus damaliger Sicht war unabsehbar, wie lange es einer besonderen, vom allgemeinen Wettbewerbsrecht abgekoppelten Regulierung der Telekommunikationsmärkte durch eine besondere Behörde bedarf. Dies kann auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht prognostiziert werden. Deshalb konnte der Verordnunggeber bei der Festlegung der Gebühren nicht von einem Fortbestand der Regulierungsbehörde und ihrer derzeitigen Aufgaben für die Dauer von 30 Jahren ausgehen.
BVerwG 6 C 24.03 (Leitsatz)