Source: https://www.deutsche-anwaltshotline.de/rechtsberatung/113679-steuerliche-vorteile-bei-verlegen-des-erstwohnsitzes
Timestamp: 2018-02-23 08:25:42
Document Index: 241205687

Matched Legal Cases: ['§ 9', '§ 5', '§ 3', '§ 9', '§ 3', '§ 8', '§ 6']

Steuerliche Vorteile bei Verlegen des Erstwohnsitzes
Ich lebe mit meiner Tochter in A. Diese ist allerdings bei meinem Ehemann (seit drei Jahren getrennt lebend) gemeldet. Mein Freund lebt in B. Mein Arbeitsplatz befindet sich in C.
Jetzt pendel ich zwischen diesen drei Orten mehrfach wöchentlich. Da es aus persönlichen Gründen derzeit nicht möglich ist zu meinem Freund nach B zu ziehen möchte ich nun einen Zweitwohnsitz anmelden. Denn eigentlich verbringe ich fast meine gesamte Freizeit dort. Die Wochenenden immer und manchmal auch in der Woche fahre ich dort hin.
Es wäre mir recht, wenn ich als Erstwohnsitz meinen jetztigen Wohnsitz als diesen behalten könnte und als Zweitwohnsitz B anmelden kann.
Jetzt meine Frage: Was kann ich dann absetzen? Macht das so rum Sinn? Leider finde ich im Internet keine Angabe wie hoch die Zweitwohnsitzsteuer für diese Gemeinde ist? Wäre es steuerlich vielleicht sinnvoller meinen Erstwohnsitz nach B zu verlegen oder ist das egal?
Absetzbar sind alle Fahrten von Ihrem Wohnsitz im Sinne des echten Lebensmittelpunkts zur Arbeitsstätte. Privat veranlasste Fahrten sind hingegen nicht absetzbar. Auch wenn Sie einen Zweitwohnsitz in A anmelden, werden Sie damit rechnen müssen, daß das Finanzamt nur die kürzere von zwei zur Verfügung stehenden Alternativen zu erlauben. Allerdings gibt es nach der Rechtsprechung Ausnahmen, die weiter unten näher erläutert werden.
Nach § 9 Abs. 1 Einkommensteuergesetz (EStG) *1) sind als Werbungskosten grundsätzlich abzugsfähig alle Aufwendungen zur Erwerbung, Sicherung und Erhaltung der Einnahmen. Sie sind bei der Einkunftsart abzuziehen, bei der sie erwachsen sind. Ungeschriebenes Tatbestandsmerkmal ist dabei die berufliche Veranlassung, was sich aus der steuerlich verlangten Trennung zwischen Aufwendungen im Privatleben und Beruf sowie damit zusammen hängenden beruflichen Aufwendungen ergibt.
Als Werbungskosten sind nach dem Gesetz absetzbar Aufwendungen des Arbeitnehmers für die Wege zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte. Zur Abgeltung dieser Aufwendungen ist für jeden Arbeitstag, an dem der Arbeitnehmer die erste Tätigkeitsstätte aufsucht eine Entfernungspauschale für jeden vollen Kilometer der Entfernung zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte von 0,30 Euro anzusetzen, höchstens jedoch 4 500 Euro im Kalenderjahr; ein höherer Betrag als 4 500 Euro ist anzusetzen, soweit der Arbeitnehmer einen eigenen oder ihm zur Nutzung überlassenen Kraftwagen benutzt.
Derzeit können Sie danach wohl grundsätzlich nur die Fahrten zwischen Arbeitsplatz in C und Hauptwohnung in A absetzen, also eine Distanz von 16 km.
Dabei gehe ich laut Routenplaner von folgenden Entfernungen aus:
ROUTE C (Arbeitsplatz) nach A (Wohnung mit Tochter) Abzugsfähig EStG
DISTANZ DAUER FAHRTZEIT
16 km 0:20 Std. 0:20 Std.
Fahrten zwischen Wohnung des Freundes und Arbeitsstätte nicht abzugsfähig, da Privatfahrt
ROUTE C (Arbeitsplatz) nach B (Freund)
116,8 km 1:24 Std. 1:20 Std.
Fahrten zwischen Wohnung und Freund nicht abzugsfähig, da Privatfahrt
ROUTE B (Freund) nach A (Wohnung mit Tochter)
110,7 km 1:25 Std. 1:21 Std.
Steuerlich erscheint diese Gestaltung in der Tat ungünstig, sie entspricht aber wohl den Tatsachen. Jedenfalls wenn Sie von Ihrer Privatwohnung aus einen Freund besuchen, ergibt das keine berufliche Veranlassung. So auch die höchstrichterliche Rechtsprechung, denn nur gelegentliche Fahrten zur Wohnung einer anderen Person, z.B. der Wohnung Ihres Freundes, sind grundsätzlich nicht abzugsfähig, denn es handelt sich hier nicht um die eigene Wohnung, vgl. Urteil des Bundesfinanzhofs vom 26.8.1988, Aktenzeichen VI R 92/85 *2).
Es gibt allerdings nach der Rechtsprechung, die allerdings wohl nicht höchstrichterlich ist und somit nur eingeschränkt verbindlich, Ausnahmen dann, wenn Sie bei dem Freund bereits längere Zeit dort leben und übernachten und als Mitbesitzer gelten. Dafür müssten Sie mindestens einen Wohnungsschlüssel und somit jederzeit Zutritt zu der Wohnung haben, vgl. Urteil des Finanzgerichts (FG) Köln vom 24.10.2000, Aktenzeichen (Az.) 8 K 7085/99*3).
Jede Gemeinde bestimmt selbst, ob sie eine Zweitwohnsitzsteuer erhebt oder nicht. Jedenfalls veröffentlicht wurde in der Tat keine Satzung über eine Zweitwohnsteuer. Vermutlich liegt das daran, daß B Kurort ist, und darum die erhobene Kurtaxe an die Stelle einer Zweitwohnsteuer tritt, theoretisch können die aber auch nebeneinander stehen *4a).
Tipp: Rufen Sie zur Sicherheit noch einmal bei der Gemeindeverwaltung an und erkundigen sich danach, ob es eine Zweitwohnsitzsteuer gibt.
Es gibt allerdings eine Kurbeitragssatzung der Gemeinde B im Landkreis aufgrund der §§ 5, 51 und 93 Abs. 1 der Hessischen Gemeindeordnung (HGO) *4b). Als ortsfremd gilt nach § 3 der Satzung, wer in B keine Hauptwohnung im Sinne des hessischen Melderechts hat.
Jedenfalls bei Anmeldung eines Zweitwohnsitzes würden Sie damit automatisch als ortsfremd erfassst werden und Kurtaxe zahlen müssen.
Im übrigen, was die steuerliche Abzugsfähigkeit der Fahrten anbelangt: Soweit Sie die Kriterien nach dem erwähnten Urteil des Finanzgerichts Köln erfüllen, würde das Sinn machen. Rechnen Sie aber mit ziemlich erbittertem Widerstand der Finanzverwaltung besonders dann, wenn es sich um eine lediglich zu steuerlichen Zwecken vorgeschobene Gestaltung handelt, ohne daß entsprechende Nachweise geführt werden können.
Tipp: Gegebenenfalls empfiehlt sich, ein Fahrtenbuch zu führen und sämtliche Fahrten zur Arbeit von dort aus akribisch zu dokumentieren.
Wäre es steuerlich vielleicht sinnvoller meinen Erstwohnsitz nach B zu verlegen oder ist das egal?
Das wäre in der Tat aus steuerlichen Gründen sinnvoller. Wichtig sind für die steuerliche Betrachtungsweise allerdings primär die tatsächlichen Verhältnisse. Sie müssten dann also wirklich Ihren Lebensmittelpunkt auch dorthin verlegen. Die Haupt-Hindernisse sehe ich da im praktischen Bereich auf Sie zukommen, solange die Tochter nach wie vor am derzeitigen Hauptwohnsitz bleiben soll.
*1) § 9 EStG Werbungskosten
4. Aufwendungen des Arbeitnehmers für die Wege zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte im Sinne des Absatzes 4. 2Zur Abgeltung dieser Aufwendungen ist für jeden Arbeitstag, an dem der Arbeitnehmer die erste Tätigkeitsstätte aufsucht eine Entfernungspauschale für jeden vollen Kilometer der Entfernung zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte von 0,30 Euro anzusetzen, höchstens jedoch 4 500 Euro im Kalenderjahr; ein höherer Betrag als 4 500 Euro ist anzusetzen, soweit der Arbeitnehmer einen eigenen oder ihm zur Nutzung überlassenen Kraftwagen benutzt. 3Die Entfernungspauschale gilt nicht für Flugstrecken und Strecken mit steuerfreier Sammelbeförderung nach § 3 Nummer 32. 4Für die Bestimmung der Entfernung ist die kürzeste Straßenverbindung zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte maßgebend; eine andere als die kürzeste Straßenverbindung kann zugrunde gelegt werden, wenn diese offensichtlich verkehrsgünstiger ist und vom Arbeitnehmer regelmäßig für die Wege zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte benutzt wird. 5Nach § 8 Absatz 2 Satz 11 oder Absatz 3 steuerfreie Sachbezüge für Fahrten zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte mindern den nach Satz 2 abziehbaren Betrag; ist der Arbeitgeber selbst der Verkehrsträger, ist der Preis anzusetzen, den ein dritter Arbeitgeber an den Verkehrsträger zu entrichten hätte. 6Hat ein Arbeitnehmer mehrere Wohnungen, so sind die Wege von einer Wohnung, die nicht der ersten Tätigkeitsstätte am nächsten liegt, nur zu berücksichtigen, wenn sie den Mittelpunkt der Lebensinteressen des Arbeitnehmers bildet und nicht nur gelegentlich aufgesucht wird.
5. notwendige Mehraufwendungen, die einem Arbeitnehmer wegen einer beruflich veranlassten doppelten Haushaltsführung entstehen. 2Eine doppelte Haushaltsführung liegt nur vor, wenn der Arbeitnehmer außerhalb des Ortes seiner ersten Tätigkeitsstätte einen eigenen Hausstand unterhält und auch am Ort der ersten Tätigkeitsstätte wohnt. 3Das Vorliegen eines eigenen Hausstandes setzt das Innehaben einer Wohnung sowie eine finanzielle Beteiligung an den Kosten der Lebensführung voraus. 4Als Unterkunftskosten für eine doppelte Haushaltsführung können im Inland die tatsächlichen Aufwendungen für die Nutzung der Unterkunft angesetzt werden, höchstens 1 000 Euro im Monat. 5Aufwendungen für die Wege vom Ort der ersten Tätigkeitsstätte zum Ort des eigenen Hausstandes und zurück (Familienheimfahrt) können jeweils nur für eine Familienheimfahrt wöchentlich abgezogen werden. 6Zur Abgeltung der Aufwendungen für eine Familienheimfahrt ist eine Entfernungspauschale von 0,30 Euro für jeden vollen Kilometer der Entfernung zwischen dem Ort des eigenen Hausstandes und dem Ort der ersten Tätigkeitsstätte anzusetzen. 7Nummer 4 Satz 3 bis 5 ist entsprechend anzuwenden. 8Aufwendungen für Familienheimfahrten mit einem dem Steuerpflichtigen im Rahmen einer Einkunftsart überlassenen Kraftfahrzeug werden nicht berücksichtigt.
6. Aufwendungen für Arbeitsmittel, zum Beispiel für Werkzeuge und typische Berufskleidung. 2Nummer 7 bleibt unberührt;
7. Absetzungen für Abnutzung und für Substanzverringerung und erhöhte Absetzungen. 2§ 6 Absatz 2 Satz 1 bis 3 ist in Fällen der Anschaffung oder Herstellung von Wirtschaftsgütern entsprechend anzuwenden.
*2) BFH-Urteil vom 26.8.1988, Aktenzeichen (Az.) VI R 92/85
http://www.bfh.simons-moll.de/bfh_1989/xx890144.htm
*3) Finanzgericht Köln, Urteil vom 24.10.2000, Az.: 8 K 7085/99
https://www.jurion.de/Urteile/FG-Koeln/2000-10-24/8-K-7085_99
http://www.steuernetz.de/aav_steuernetz/lexikon/K-32863.xhtml?currentModule=home
http://www.neues-deutschland.de/artikel/193160.wochenendgrundstueck-kurtaxe-und-gleichzeitig-zweitwohnungssteuer-zahlen.html
http://www.landesrecht-bw.de/jportal/?quelle=jlink&docid=MWRE108758514&psml=bsbawueprod.psml&max=true&doc.part=L&doc.norm=all
*4b) Kurbeitragssatzung Bade-Endbach
http://www.bad-endbach.de/uebernachten/files/1955/79-2ab13.01.12.pdf
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