Source: http://m.hensche.de/Verbesserungen_bei_Pflegezeit_Gesetzentwurf_Vereinbarkeit_Familie_Pflege_Beruf_28.10.2014.html
Timestamp: 2017-12-15 04:21:38
Document Index: 369384085

Matched Legal Cases: ['§ 2', '§ 3', '§ 2', '§ 616', '§ 616', '§ 2', '§ 2', '§ 44', '§ 3', '§ 3', '§ 2']

HENSCHE Arbeitsrecht: Verbesserungen bei der Pflegezeit
Ver­bes­se­run­gen bei der Pfle­ge­zeit
Wer An­ge­hö­ri­ge pflegt, soll künf­tig fi­nan­zi­ell bes­ser ab­ge­si­chert sein: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur bes­se­ren Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie, Pfle­ge und Be­ruf
28.10.2014. Vor zwei Wo­chen hat die Bun­des­re­gie­rung ei­nen Ge­setz­ent­wurf be­schlos­sen, mit dem Ar­beit­neh­mer recht­lich und fi­nan­zi­ell bes­ser ab­ge­si­chert wer­den sol­len, wenn sie sich da­für ent­schei­den, na­he An­ge­hö­ri­ge zu pfle­gen.
Dem Ge­setz­ent­wurf zu­fol­ge sol­len Ar­beit­neh­mer, die ei­ne kur­ze Aus­zeit zur Akut­pfle­ge be­nö­ti­gen, künf­tig ei­nen An­spruch auf Lohn­er­satz­zah­lun­gen durch die Kran­ken­kas­se er­hal­ten.
Au­ßer­dem soll es künf­tig ei­nen Rechts­an­spruch auf ei­ne län­ge­re als sechs­mo­na­ti­ge Aus­zeit ge­ben so­wie auf ein er­gän­zen­des staat­li­ches Dar­le­hen, um die fi­nan­zi­el­len Ein­bu­ßen ab­zu­fe­dern.
Im fol­gen­den fin­den Sie ei­ne Über­sicht über die wich­tigs­ten ge­plan­ten Än­de­run­gen: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur bes­se­ren Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie, Pfle­ge und Be­ruf.
Pflegeunterstützungsgeld als Lohnersatzleistung der Krankenkasse bei kurzzeitiger Akutpflege bis zu zehn Tagen
Nach dem Pfle­ge­zeit­ge­setz (Pfle­geZG) können Ar­beit­neh­mer bis zu ma­xi­mal zehn Ta­ge oh­ne Vor­ankündi­gung von der Ar­beit fern­blei­ben, um sich um ei­nen aku­ten Pfle­ge­fall in ih­rer Fa­mi­lie zu kümmern (§ 2 Abs.1 Pfle­geZG). Länge­re Aus­zei­ten bis zu höchs­tens sechs Mo­na­ten heißen "Pfle­ge­zeit" und sind vor­her an­zukündi­gen (§ 3 Pfle­geZG).
We­der für die kurz­zei­ti­ge Pfle­ge noch für die Pfle­ge­zeit sieht das bis­her gel­ten­de Pfle­geZG ei­ne fi­nan­zi­el­le Ab­si­che­rung des pfle­gen­den Ar­beit­neh­mers vor. Viel­mehr stellt § 2 Abs.3 Pfle­geZG aus­drück­lich klar, dass der Ar­beit­ge­ber hier kei­ne zusätz­li­chen Las­ten tra­gen muss. Die­se Vor­schrift lau­tet:
"Der Ar­beit­ge­ber ist zur Fort­zah­lung der Vergütung nur ver­pflich­tet, so­weit sich ei­ne sol­che Ver­pflich­tung aus an­de­ren ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten oder auf Grund ei­ner Ver­ein­ba­rung er­gibt."
Mit den „an­de­ren ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten“ ist hier vor al­lem § 616 Satz 1 Bürger­li­ches Ge­setz­buch (BGB) ge­meint. Da­nach bleibt der Vergütungs­an­spruch be­ste­hen, wenn der Ar­beit­neh­mer
„für ei­ne verhält­nismäßig nicht er­heb­li­che Zeit durch ei­nen in sei­ner Per­son lie­gen­den Grund oh­ne sein Ver­schul­den an der Dienst­leis­tung ver­hin­dert wird“.
Da die Pfle­ge­bedürf­tig­keit na­her An­gehöri­ger als „in der Per­son des Ar­beit­neh­mers“ lie­gen­der Ver­hin­de­rungs­grund an­er­kannt ist, können Ar­beit­neh­mer für ei­ni­ge Ta­ge Lohn­fort­zah­lung ver­lan­gen, wenn sie ei­nen An­gehöri­gen pfle­gen. Al­ler­dings wird die zeit­li­che Gren­ze hier bei et­wa fünf Ta­gen ge­zo­gen, so dass auf der Grund­la­ge von § 616 Satz 1 BGB kei­ne Pflicht des Ar­beit­ge­bers be­steht, den Lohn für die Ma­xi­mal­dau­er von zehn Ar­beits­ta­gen bzw. zwei Wo­chen ei­ner kurz­zei­ti­gen Ar­beits­ver­hin­de­rung im Sin­ne von § 2 Pfle­geZG zu be­zah­len.
Hier soll es künf­tig ei­nen An­spruch auf ein Pfle­ge­un­terstützungs­geld ge­ben, das dem Kin­der­kran­ken­geld ver­gleich­bar ist, d.h. von der Kran­ken­kas­se ge­zahlt wird. § 2 Abs.3 Pfle­geZG und § 44a des Elf­ten Buchs So­zi­al­ge­setz­buch (SGB XI) sol­len da­her ent­spre­chend geändert wer­den.
Zinsloses Darlehen zur Abmilderung von Gehaltseinbußen, die infolge einer Pflegezeit entstehen
Ar­beit­neh­mer, die ei­ne Pfle­ge­zeit in An­spruch neh­men, d.h. ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung oder völli­ge Frei­stel­lung von der Ar­beit bis zur Höchst­dau­er von sechs Mo­na­ten auf der Grund­la­ge von § 3 Pfle­geZG, sol­len künf­tig ein zins­lo­ses Dar­le­hen er­hal­ten, um die Ge­halts­ein­bußen bes­ser ver­kraf­ten zu können.
Das Dar­le­hen ist beim Bun­des­amt für Fa­mi­lie und zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be zu be­an­tra­gen und deckt die Hälf­te der Ge­halts­ein­bußen ab, die in­fol­ge der Pfle­ge­zeit ent­ste­hen.
Das Dar­le­hen soll in mo­nat­li­chen Ra­ten aus­ge­zahlt wer­den. Es beträgt min­des­tens 50 EUR pro Mo­nat.
Gesetzlicher Anspruch auf eine Familienpflegezeit plus zinsloses Darlehen zur Abmilderung von Gehaltseinbußen
Nach der bis­he­rig gel­ten­den Fas­sung des Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit­ge­set­zes (FPfZG) können Ar­beit­ge­ber und Ar­beit­neh­mer ei­ne vorüber­ge­hen­de Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung ver­ein­ba­ren ("Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit"), die die ma­xi­mal sechs­mo­na­ti­ge Pfle­ge­zeit nach dem Pfle­geZG ergänzen soll.
Die Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit nach dem FPfZG kann deut­lich länger als ei­ne Pfle­ge­zeit auf der Grund­la­ge des Pfle­geZG dau­ern, nämlich ma­xi­mal zwei Jah­re bzw. 24 Mo­na­te, wo­bei die wöchent­li­che Ar­beits­zeit aber nicht un­ter 15 St­un­den ab­ge­senkt wer­den darf. Während der Dau­er ei­ner Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit erhält der Ar­beit­neh­mer ei­nen Teil sei­ner Net­to­lohn­ein­bußen als Ar­beit­ge­ber­vor­schuss und muss die­sen Vor­schuss später wie­der zurück­zah­len bzw. ab­ar­bei­ten.
Ein An­spruch auf Ver­ein­ba­rung ei­ner Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit be­steht nach bis­he­ri­ger Rechts­la­ge nicht. Und auf­grund der Ri­si­ken für den Ar­beit­ge­ber, den von ihm gewähr­ten Lohn­vor­schuss in der Nach­pfle­ge­pha­se zurück­zu­er­hal­ten, wur­den Ver­ein­ba­run­gen über ei­ne Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit nicht oft ge­trof­fen.
Das soll sich nun ändern. Da­her gibt es künf­tig ei­nen Rechts­an­spruch auf Ver­ein­ba­rung ei­ner Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit, die dem Ar­beit­ge­ber acht Wo­chen vor Be­ginn an­zu­zei­gen ist. Al­ler­dings wird die Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit künf­tig auch an­ders als bis­her fi­nan­ziert, nämlich nicht durch ei­nen Lohn­vor­schuss des Ar­beit­ge­bers, son­dern durch ei­nen An­spruch des Ar­beit­neh­mers auf ein zins­lo­ses staat­li­ches Dar­le­hen, das er wie bei der Pfle­ge­zeit beim Bun­des­amt für Fa­mi­lie und zi­vil­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be be­an­tra­gen muss und das die Hälf­te der durch die Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung be­ding­ten Ge­halts­ein­bußen ab­deckt.
Im Er­geb­nis be­steht da­her künf­tig kein großer Un­ter­schied mehr zwi­schen ei­ner Pfle­ge­zeit nach § 3 Pfle­geZG und ei­ner Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit nach dem FPfZG, ab­ge­se­hen da­von, dass ei­ne Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit mit ei­ner Min­dest­ar­beits­zeit von 15 St­un­den pro Wo­che ver­bun­den ist, dafür aber nicht auf sechs Mo­na­te be­grenzt ist (wie die Pfle­ge­zeit), son­dern 24 Mo­na­te lang in An­spruch ge­nom­men wer­den kann. Fol­ge­rich­tig wer­den Pfle­ge­zeit und Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit künf­tig auf­ein­an­der an­ge­rech­net, d.h. sie dürfen je pfle­ge­bedürf­ti­gen na­hen An­gehöri­gen zu­sam­men 24 Mo­na­te nicht über­schrei­ten (§ 2 Abs.2 FPfZG - Ent­wurf).
Erweiterung des Anwendungsbereichs der Regelungen zur Pflegezeit und Familienpflegezeit
Während die kurz­zei­ti­ge Aus­zeit von zehn Ar­beits­ta­gen zur Re­ge­lung von Pfle­ge­notständen von al­len Ar­beit­neh­mern in An­spruch ge­nom­men wer­den kann, bleibt es da­bei, dass die sechs­mo­na­ti­ge Pfle­ge­zeit und die bis zu 24 Mo­na­te lan­ge Fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit Ar­beit­neh­mern vor­be­hal­ten ist, die in Be­trie­ben mit mehr als 15 Beschäftig­ten tätig sind.
Al­ler­dings wird der Be­griff des "na­hen An­gehöri­gen" er­wei­tert, so dass künf­tig mehr Pfle­ge­si­tua­tio­nen un­ter den An­wen­dungs­be­reich des Pfle­geZG und des FPfZG fal­len.
Die Ansprüche auf Frei­stel­lun­gen bzw. Ver­rin­ge­run­gen der Ar­beits­zeit be­ste­hen nicht nur dann, wenn Ar­beit­neh­mer ih­re Ge­schwis­ter, Großel­tern, El­tern, Schwie­ger­el­tern, Ehe­gat­ten, Le­bens­part­ner oder Part­nern ei­ner eheähn­li­chen Ge­mein­schaft pfle­gen wol­len, son­dern auch für die Pfle­ge von Stie­f­el­tern, Sch­wa­gern und Schwäge­rin­nen so­wie für Part­ner in le­bens­part­ner­schaftsähn­li­chen Ge­mein­schaf­ten. Außer­dem gel­ten wie bis­her Kin­der und Ad­op­tiv- oder Pfle­ge­kin­der so­wie Kin­der und Ad­op­tiv- oder Pfle­ge­kin­der des Ehe­gat­ten oder Le­bens­part­ners so­wie Schwie­ger- und En­kel­kin­der als na­he An­gehöri­ge.
Fazit: Der Gesetzgeber packt endlich das Problem der Finanzierung von Pflegezeiten an
Seit Er­lass des Pfle­geZG und des FPfZG wird kri­ti­siert, dass
der An­spruch auf ei­ne ma­xi­mal zehntägi­ge Aus­zeit,
der An­spruch auf ei­ne ma­xi­mal sechs­mo­na­ti­ge Pfle­ge­zeit so­wie
das im bis­he­ri­gen FPfZG ent­hal­te­ne Re­ge­lungs­an­ge­bot, frei­wil­lig ei­ne um­ge­dreh­te Al­ters­teil­zeit zu ver­ein­ba­ren (erst be­zahl­te Frei­stel­lung zwecks Pfle­ge, dann Nach­ar­bei­ten der aus­ge­fal­le­nen Ar­beits­zeit)
al­le­samt am Pro­blem der un­zu­rei­chen­den fi­nan­zi­el­len Grund­la­ge für den pfle­gen­den Ar­beit­neh­mer kran­ken.
Mit der jetzt ge­plan­ten Ge­set­zes­re­form geht der Ge­setz­ge­ber in die rich­ti­ge Rich­tung, in­dem er recht­li­che Grund­la­gen dafür schafft, dass sich mehr Ar­beit­neh­mer pfle­ge­be­ding­te Ar­beits­ausfälle leis­ten können.
Kri­tisch ist an­zu­mer­ken, dass die hälf­ti­ge staat­li­che Fi­nan­zie­rung des Lohn­aus­falls in Form ei­nes zins­lo­sen Dar­le­hens un­zu­rei­chend ist. Not­wen­dig wären wei­te­re fi­nan­zi­el­le An­rei­ze, z.B. in Form ei­ner Net­to­ge­halts­kom­po­nen­te, die der Staat ne­ben dem Dar­le­hen als nicht rück­zahl­ba­ren Zu­schuss gewährt.
Na­he­lie­gend wäre es auch, Ar­beit­neh­mer während ei­ner pfle­ge­zeit- bzw. fa­mi­li­en­pfle­ge­zeit­be­ding­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung von So­zi­al­ab­ga­ben zu ent­las­ten, da­mit während der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit mehr Net­to vom Brut­to bleibt. Dass man als pfle­gen­der An­gehöri­ger trotz re­du­zier­ter Ar­beits­zeit und dem­ent­spre­chend ge­rin­ge­ren Ar­beits­ein­kom­mens die re­gulären Beiträge zur Kran­ken­ver­si­che­rung, Pfle­ge­ver­si­che­rung (!) und Ren­ten­ver­si­che­rung zah­len soll, wer­den vie­le pfle­gen­de Ar­beit­neh­mer als un­ge­recht emp­fin­den, denn schließlich pro­fi­tie­ren Kran­ken­kas­sen und Ren­ten­ver­si­che­run­gen durch die­ses En­ga­ge­ment er­heb­lich.
Bun­des­re­gie­rung: Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur bes­se­ren Ver­ein­bar­keit von Fa­mi­lie, Pfle­ge und Be­ruf (15.10.2014)
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Bewertung: Ver­bes­se­run­gen bei der Pfle­ge­zeit 5.0 von 5 Sternen (2 Bewertungen)