Source: https://www.hensche.de/Rechtsanwalt_Arbeitsrecht_Urteile_Diskriminierung_Alter_Kuendigungsfrist_EuGH_C-555-07.html
Timestamp: 2019-07-21 04:28:48
Document Index: 297359257

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art. 234', 'Art. 13', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 3', 'Art. 6', 'Art. 18', 'Art. 18', '§ 1', '§ 1', '§ 2', '§ 622', '§ 622', '§ 622', '§ 622', 'Art. 13', 'Art. 6', 'Art. 21', '§ 622', 'Art. 2', 'Art. 1', 'Art. 2', 'Art. 1', '§ 622', 'Art. 6', '§ 622', '§ 622', 'Art. 6', 'Art. 267', 'Art. 288', '§ 622', 'Art. 267', 'Art. 267', 'Art. 267', 'EuG']

EuGH, Urteil vom 19.01.2010, C-555/07 - Kücükdeveci - HENSCHE Arbeitsrecht
EuGH, Ur­teil vom 19.01.2010, C-555/07 - Kücükde­ve­ci
Schlagworte: Altersdiskriminierung, Diskriminierung: Alter, AGG, Kündigungsfrist, Kündigung: AGG
Aktenzeichen: C-555/07
Vorinstanzen: Landesarbeitsgericht Düsseldorf,
Vorlagebeschluss vom 21.11.2007, 12 Sa 1311/07
19. Ja­nu­ar 2010(*)
„Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters – Richt­li­nie 2000/78/EG – Na­tio­na­le Kündi­gungs­schutz­re­ge­lung, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den – Recht­fer­ti­gung der Maßnah­me – Der Richt­li­nie ent­ge­gen­ste­hen­de na­tio­na­le Re­ge­lung – Rol­le des na­tio­na­len Rich­ters“
In der Rechts­sa­che C-555/07
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 234 EG, ein­ge­reicht vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf (Deutsch­land) mit Ent­schei­dung vom 21. No­vem­ber 2007, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 13. De­zem­ber 2007, in dem Ver­fah­ren
Se­da Kücükde­ve­ci
Swe­dex GmbH & Co. KG
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten V. Skou­ris, der Kam­mer­präsi­den­ten J. N. Cun­ha Ro­d­ri­gues, K. Lena­erts und J.-C. Bo­ni­chot, der Kam­mer­präsi­den­tin­nen R. Sil­va de La­pu­er­ta, P. Lindh (Be­richt­er­stat­te­rin) und C. Toa­der so­wie der Rich­ter C. W. A. Tim­mer­m­ans, A. Ro­sas, P. Kûris, T. von Dan­witz, A. Ara­b­ad­jiev und J.‑J. Ka­sel,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 31. März 2009,
– der Swe­dex GmbH & Co. KG, ver­tre­ten durch Rechts­an­walt M. Ne­be­ling,
– der deut­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Lum­ma und J. Möller als Be­vollmäch­tig­te,
– der tsche­chi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch M. Smo­lek als Be­vollmäch­tig­ten,
– von Ir­land, ver­tre­ten durch D. O’Ha­gan als Be­vollmäch­tig­ten im Bei­stand von N. Tra­vers, BL, und A. Col­lins, SC,
– der nie­derländi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch C. Wis­sels und M. de Mol als Be­vollmäch­tig­te,
– der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch I. Rao als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von J. Strat­ford, Bar­ris­ter,
nach Anhörung der Schluss­anträge des Ge­ne­ral­an­walts in der Sit­zung vom 7. Ju­li 2009
1. Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. L 303, S. 16).
Die­ses Er­su­chen er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau Kücükde­ve­ci und ih­rem ehe­ma­li­gen Ar­beit­ge­ber Swe­dex GmbH & Co. KG (im Fol­gen­den: Swe­dex) über die Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist.
Die Richt­li­nie 2000/78 wur­de auf der Grund­la­ge von Art. 13 EG er­las­sen. Die Erwägungs­gründe 1, 4 und 25 die­ser Richt­li­nie lau­ten:
„(1) Nach Ar­ti­kel 6 Ab­satz 2 des Ver­trags über die Eu­ropäische Uni­on be­ruht die Eu­ropäische Uni­on auf den Grundsätzen der Frei­heit, der De­mo­kra­tie, der Ach­tung der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten so­wie der Rechts­staat­lich­keit; die­se Grundsätze sind al­len Mit­glied­staa­ten ge­mein­sam. Die Uni­on ach­tet die Grund­rech­te, wie sie in der [am 4. No­vem­ber 1950 in Rom un­ter­zeich­ne­ten] Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten gewähr­leis­tet sind und wie sie sich aus den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungsüber­lie­fe­run­gen der Mit­glied­staa­ten als all­ge­mei­ne Grundsätze des Ge­mein­schafts­rechts er­ge­ben.
4. Zweck der Richt­li­nie 2000/78 ist nach ih­rem Art. 1 die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.
5. Art. 2 die­ser Richt­li­nie be­stimmt:
Art. 3 Abs. 1 der Richt­li­nie sieht vor:
7. Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie lau­tet:
a) die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs‑ und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­las­sung und Ent­loh­nung, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Ar­beit­neh­mern und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;
8. Die Richt­li­nie 2000/78 war nach ih­rem Art. 18 Abs. 1 bis spätes­tens 2. De­zem­ber 2003 in na­tio­na­les Recht um­zu­set­zen. Al­ler­dings sieht Art. 18 Abs. 2 vor:
„Um be­son­de­ren Be­din­gun­gen Rech­nung zu tra­gen, können die Mit­glied­staa­ten er­for­der­li­chen­falls ei­ne Zu­satz­frist von drei Jah­ren ab dem 2. De­zem­ber 2003, d. h. ins­ge­samt sechs Jah­re, in An­spruch neh­men, um die Be­stim­mun­gen die­ser Richt­li­nie über die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und ei­ner Be­hin­de­rung um­zu­set­zen. In die­sem Fall set­zen sie die Kom­mis­si­on un­verzüglich da­von in Kennt­nis. …“
9. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat von die­ser Möglich­keit Ge­brauch ge­macht, so dass die Vor­schrif­ten über die Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters und we­gen ei­ner Be­hin­de­rung in die­sem Mit­glied­staat bis spätes­tens 2. De­zem­ber 2006 um­ge­setzt wer­den muss­ten.
Das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz
10. Die §§ 1, 2 und 10 des All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­set­zes vom 14. Au­gust 2006 (BGBl. I S. 1897, im Fol­gen­den: AGG), mit dem die Richt­li­nie 2000/78 um­ge­setzt wor­den ist, be­stim­men:
,,§ 1 Ziel des Ge­set­zes
§ 2 An­wen­dungs­be­reich
(4) Für Kündi­gun­gen gel­ten aus­sch­ließlich die Be­stim­mun­gen zum all­ge­mei­nen und be­son­de­ren Kündi­gungs­schutz.
1. die Fest­le­gung be­son­de­rer Be­din­gun­gen für den Zu­gang zur Beschäfti­gung und zur be­ruf­li­chen Bil­dung so­wie be­son­de­rer Beschäfti­gungs‑ und Ar­beits­be­din­gun­gen, ein­sch­ließlich der Be­din­gun­gen für Ent­loh­nung und Be­en­di­gung des Beschäfti­gungs­verhält­nis­ses, um die be­ruf­li­che Ein­glie­de­rung von Ju­gend­li­chen, älte­ren Beschäftig­ten und Per­so­nen mit Fürsor­ge­pflich­ten zu fördern oder ih­ren Schutz si­cher­zu­stel­len;
Die Re­ge­lung über die Kündi­gungs­frist
§ 622 des Bürger­li­chen Ge­setz­buchs (BGB) be­stimmt:
„(1) Das Ar­beits­verhält­nis ei­nes Ar­bei­ters oder ei­nes An­ge­stell­ten (Ar­beit­neh­mers) kann mit ei­ner Frist von vier Wo­chen zum Fünf­zehn­ten oder zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats gekündigt wer­den.
1. zwei Jah­re be­stan­den hat, ei­nen Mo­nat zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,
2. fünf Jah­re be­stan­den hat, zwei Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,
3. acht Jah­re be­stan­den hat, drei Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,
4. zehn Jah­re be­stan­den hat, vier Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,
5. zwölf Jah­re be­stan­den hat, fünf Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,
6. 15 Jah­re be­stan­den hat, sechs Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats,
7. 20 Jah­re be­stan­den hat, sie­ben Mo­na­te zum En­de ei­nes Ka­len­der­mo­nats.
Bei der Be­rech­nung der Beschäfti­gungs­dau­er wer­den Zei­ten, die vor der Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs des Ar­beit­neh­mers lie­gen, nicht berück­sich­tigt.“
12. Frau Kücükde­ve­ci wur­de am 12. Fe­bru­ar 1978 ge­bo­ren. Sie war seit dem 4. Ju­ni 1996, so­mit seit ih­rem voll­ende­ten 18. Le­bens­jahr, bei Swe­dex beschäftigt.
13. Mit Schrei­ben vom 19. De­zem­ber 2006 erklärte Swe­dex un­ter Berück­sich­ti­gung der ge­setz­li­chen Frist die Kündi­gung zum 31. Ja­nu­ar 2007. Der Ar­beit­ge­ber be­rech­ne­te die Kündi­gungs­frist un­ter Zu­grun­de­le­gung ei­ner Beschäfti­gungs­dau­er von drei Jah­ren, ob­wohl die Ar­beit­neh­me­rin seit zehn Jah­ren bei ihm beschäftigt war.
14. Frau Kücükde­ve­ci focht die Kündi­gung vor dem Ar­beits­ge­richt Mönchen­glad­bach an. Sie mach­te gel­tend, dass nach § 622 Abs. 2 Un­terabs. 1 Nr. 4 BGB ei­ne vier­mo­na­ti­ge Kündi­gungs­frist vom 31. De­zem­ber 2006 bis zum 30. April 2007 hätte ein­ge­hal­ten wer­den müssen. Die­se Frist ent­spre­che ei­ner zehnjähri­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit. In die­sem Rechts­streit ste­hen sich al­so zwei Pri­va­te ge­genüber, nämlich Frau Kücükde­ve­ci ei­ner­seits und Swe­dex an­de­rer­seits.
Nach Auf­fas­sung von Frau Kücükde­ve­ci stellt § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB, so­weit da­nach vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Be­triebs­zu­gehörig­keits­zei­ten bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist un­berück­sich­tigt blie­ben, ei­ne ge­gen das Uni­ons­recht ver­s­toßen­de Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters dar, so dass er un­an­ge­wen­det blei­ben müsse.
16. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf als Be­ru­fungs­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass die Um­set­zungs­frist für die Richt­li­nie 2000/78 zum Zeit­punkt der Kündi­gungs­erklärung be­reits ab­ge­lau­fen ge­we­sen sei. Es hat wei­ter aus­geführt, dass § 622 BGB ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ent­hal­te, von de­ren Ver­fas­sungs­wid­rig­keit es nicht über­zeugt sei, de­ren Ver­ein­bar­keit mit dem Uni­ons­recht je­doch zwei­fel­haft sei. Frag­lich sei in­so­weit, ob die Fra­ge ei­ner un­mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung an­hand des Primärrechts der Uni­on, wie das Ur­teil vom 22. No­vem­ber 2005, Man­gold (C-144/04, Slg. 2005, I-9981), na­he­zu­le­gen schei­ne, oder aber an­hand der Richt­li­nie 2000/78 zu be­ur­tei­len sei. Da die Vor­schrift ein­deu­tig und ei­ner richt­li­ni­en­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich sei, stel­le sich die Fra­ge, ob das vor­le­gen­de Ge­richt, um sie in Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten un­an­ge­wen­det las­sen zu können, zur Si­cher­stel­lung des Schut­zes des Ver­trau­ens der Nor­mun­ter­wor­fe­nen ver­pflich­tet sei, zu­vor den Ge­richts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu er­su­chen, um durch ihn die Un­ver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestäti­gen zu las­sen.
17. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt Düssel­dorf hat da­her be­schlos­sen, dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen:
1. a) Verstößt ei­ne na­tio­na­le Ge­set­zes­re­ge­lung, nach der sich die vom Ar­beit­ge­ber ein­zu­hal­ten­den Kündi­gungs­fris­ten mit zu­neh­men­der Dau­er der Beschäfti­gung stu­fen­wei­se verlängern, je­doch hier­bei vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers un­berück­sich­tigt blei­ben, ge­gen das ge­mein­schafts­recht­li­che Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung, na­ment­lich ge­gen Primärrecht der Ge­mein­schaft oder ge­gen die Richt­li­nie 2000/78?
b) Kann ein Recht­fer­ti­gungs­grund dafür, dass der Ar­beit­ge­ber bei der Kündi­gung von jünge­ren Ar­beit­neh­mern nur ei­ne Grundkündi­gungs­frist ein­zu­hal­ten hat, dar­in ge­se­hen wer­den, dass dem Ar­beit­ge­ber ein - durch länge­re Kündi­gungs­fris­ten be­ein­träch­tig­tes - be­trieb­li­ches In­ter­es­se an per­so­nal­wirt­schaft­li­cher Fle­xi­bi­lität zu­ge­stan­den wird und jünge­ren Ar­beit­neh­mern nicht der (durch länge­re Kündi­gungs­fris­ten den älte­ren Ar­beit­neh­mern ver­mit­tel­te) Be­stands- und Dis­po­si­ti­ons­schutz zu­ge­stan­den wird, z. B. weil ih­nen im Hin­blick auf ihr Al­ter und/oder ge­rin­ge­re so­zia­le, fa­mi­liäre und pri­va­te Ver­pflich­tun­gen ei­ne höhe­re be­ruf­li­che und persönli­che Fle­xi­bi­lität und Mo­bi­lität zu­ge­mu­tet wird?
2. Wenn die Fra­ge zu 1a be­jaht und die Fra­ge zu 1b ver­neint wird:
Hat das Ge­richt ei­nes Mit­glied­staats in ei­nem Rechts­streit un­ter Pri­va­ten die dem Ge­mein­schafts­recht ex­pli­zit ent­ge­gen­ste­hen­de Ge­set­zes­re­ge­lung un­an­ge­wen­det zu las­sen, oder ist dem Ver­trau­en, das die Nor­mun­ter­wor­fe­nen in die An­wen­dung gel­ten­der in­ner­staat­li­cher Ge­set­ze set­zen, da­hin ge­hend Rech­nung zu tra­gen, dass die Un­an­wend­bar­keits­fol­ge erst nach Vor­lie­gen ei­ner Ent­schei­dung des Ge­richts­hofs über die in­kri­mi­nier­te oder ei­ne im We­sent­li­chen ähn­li­che Re­ge­lung ein­tritt?
18. Mit sei­ner ers­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung wie die des Aus­gangs­ver­fah­rens, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den, ei­ne durch das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re durch das Primärrecht oder die Richt­li­nie 2000/78, ver­bo­te­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters dar­stellt. Es möch­te im Ein­zel­nen wis­sen, ob ei­ne sol­che Re­ge­lung da­durch ge­recht­fer­tigt ist, dass bei der Ent­las­sung jünge­rer Ar­beit­neh­mer nur ei­ne Grundkündi­gungs­frist ein­zu­hal­ten ist, um zum ei­nen den Ar­beit­ge­bern per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­lität, die mit länge­ren Kündi­gungs­fris­ten nicht möglich sein soll, zu­zu­ge­ste­hen, und zum an­de­ren, weil jünge­ren Ar­beit­neh­mern ei­ne höhe­re persönli­che und be­ruf­li­che Mo­bi­lität als ältern Ar­beit­neh­mern zu­zu­mu­ten sein soll.
19. Um die­se Fra­ge be­ant­wor­ten zu können, ist vor­ab, wie auch das vor­le­gen­de Ge­richt an­regt, fest­zu­stel­len, ob sie an­hand des Primärrechts der Uni­on oder an­hand der Richt­li­nie 2000/78 zu prüfen ist.
20. In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Rat der Eu­ropäischen Uni­on - gestützt auf Art. 13 EG - die Richt­li­nie 2000/78 er­las­sen hat, die, wie der Ge­richts­hof ent­schie­den hat, selbst nicht den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, der sei­nen Ur­sprung in ver­schie­de­nen völker­recht­li­chen Verträgen und den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungs­tra­di­tio­nen der Mit­glied­staa­ten hat, nie­der­legt, son­dern le­dig­lich ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men zur Bekämp­fung ver­schie­de­ner For­men der Dis­kri­mi­nie­rung in die­sen Be­rei­chen, u. a. we­gen des Al­ters, schaf­fen soll (vgl. Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 74).
12. Der Ge­richts­hof hat in die­sem Zu­sam­men­hang an­er­kannt, dass ein Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters be­steht, das als ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts an­zu­se­hen ist (vgl. Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 75). Die Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert die­sen Grund­satz (vgl. ent­spre­chend Ur­teil vom 8. April 1976, De­fren­ne, 43/75, Slg. 1976, 455, Rand­nr. 54).
22. Zu­dem ist auf Art. 6 Abs. 1 EUV hin­zu­wei­sen, wo­nach die Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on und die Verträge recht­lich gleich­ran­gig sind. Nach Art. 21 Abs. 1 die­ser Char­ta sind „Dis­kri­mi­nie­run­gen ins­be­son­de­re we­gen … des Al­ters“ ver­bo­ten.
23. Das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters gilt in ei­nem Fall wie dem des Aus­gangs­ver­fah­rens aber nur dann, wenn die­ser in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.
24. An­ders als in der Rechts­sa­che, in der das Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2008, Bartsch (C-427/06, Slg. 2008, I-7245), er­gan­gen ist, ist es zu dem auf der frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung be­ru­hen­den, ver­meint­lich dis­kri­mi­nie­ren­den Ver­hal­ten im Aus­gangs­ver­fah­ren nach Ab­lauf der dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat ge­setz­ten Frist zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2000/78, die für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land am 2. De­zem­ber 2006 en­de­te, ge­kom­men.
25. Zu die­sem Zeit­punkt hat die­se Richt­li­nie be­wirkt, dass die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che Re­ge­lung, die ei­nen von der Richt­li­nie ge­re­gel­ten Be­reich er­fasst, nämlich die Ent­las­sungs­be­din­gun­gen, in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt.
26. Ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung wie § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB berührt nämlich da­durch, dass sie be­stimmt, dass die vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs zurück­ge­leg­ten Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist un­berück­sich­tigt blei­ben, die Be­din­gun­gen der Ent­las­sung von Ar­beit­neh­mern. Mit ei­ner der­ar­ti­gen Re­ge­lung wer­den dem­nach Be­stim­mun­gen über Ent­las­sungs­be­din­gun­gen auf­ge­stellt.
27. Dar­aus folgt, dass die Fra­ge, ob das Uni­ons­recht ei­ner na­tio­na­len Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, auf der Grund­la­ge des je­de Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ver­bie­ten­den all­ge­mei­nen Grund­sat­zes des Uni­ons­rechts, wie er in der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­siert ist, zu prüfen ist.
28. Was zwei­tens die Fra­ge be­trifft, ob die im Aus­gangs­ver­fah­ren in Re­de ste­hen­de Re­ge­lung ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters enthält, so be­deu­tet nach Art. 2 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 „Gleich­be­hand­lungs­grund­satz“ im Sin­ne die­ser Richt­li­nie, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Art. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Gründe ge­ben darf. Art. 2 Abs. 2 Buchst. a der Richt­li­nie stellt klar, dass ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des Abs. 1 vor­liegt, wenn ei­ne Per­son we­gen ei­nes der in Art. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Gründe in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung erfährt, als ei­ne an­de­re Per­son erfährt, er­fah­ren hat oder er­fah­ren würde (vgl. Ur­tei­le vom 16. Ok­to­ber 2007, Pa­la­ci­os de la Vil­la, C-411/05, Slg. 2007, I-8531, Rand­nr. 50, und vom 5. März 2009, Age Con­cern Eng­land, C-388/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 33).
Im vor­lie­gen­den Fall sieht § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB ei­ne we­ni­ger güns­ti­ge Be­hand­lung für Ar­beit­neh­mer vor, die ih­re Beschäfti­gung bei dem Ar­beit­ge­ber vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs auf­ge­nom­men ha­ben. Die­se na­tio­na­le Re­ge­lung be­han­delt so­mit Per­so­nen, die die glei­che Be­triebs­zu­gehörig­keits­dau­er auf­wei­sen, un­ter­schied­lich, je nach­dem, in wel­chem Al­ter sie in den Be­trieb ein­ge­tre­ten sind.
30. Bei zwei Ar­beit­neh­mern, die bei­de 20 Jah­re Be­triebs­zu­gehörig­keit auf­wei­sen, gilt für den ei­nen, der mit 18 Jah­ren in den Be­trieb ein­ge­tre­ten ist, ei­ne Kündi­gungs­frist von fünf Mo­na­ten, während für den an­de­ren, der mit 25 Jah­ren ein­ge­tre­ten ist, ei­ne Frist von sie­ben Mo­na­ten gilt. Darüber hin­aus be­nach­tei­ligt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung, wie der Ge­ne­ral­an­walt in Nr. 36 sei­ner Schluss­anträge aus­geführt hat, ge­ne­rell jun­ge Ar­beit­neh­mer ge­genüber älte­ren Ar­beit­neh­mern, da Ers­te­re, wie der Fall der Kläge­rin des Aus­gangs­ver­fah­rens zeigt, trotz ei­ner mehrjähri­gen Be­triebs­zu­gehörig­keit von der Vergüns­ti­gung der stu­fen­wei­sen Verlänge­rung der Kündi­gungs­fris­ten ent­spre­chend der zu­neh­men­den Beschäfti­gungs­dau­er aus­ge­schlos­sen wer­den können, während sie älte­ren Ar­beit­neh­mern mit ver­gleich­ba­rer Beschäfti­gungs­dau­er zu­gu­te­kommt.
31. Die frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung enthält folg­lich ei­ne Un­gleich­be­hand­lung, die auf dem Kri­te­ri­um des Al­ters be­ruht.
32. Drit­tens ist zu prüfen, ob die­se Un­gleich­be­hand­lung ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stel­len kann, die durch das mit der Richt­li­nie 2000/78 kon­kre­ti­sier­te Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters un­ter­sagt ist.
33. Nach Art. 6 Abs. 1 Un­terabs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 stellt ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen des Al­ters kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar, so­fern sie ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen ist und im Rah­men des na­tio­na­len Rechts durch ein le­gi­ti­mes Ziel, wor­un­ter ins­be­son­de­re rechtmäßige Zie­le aus den Be­rei­chen Beschäfti­gungs­po­li­tik, Ar­beits­markt und be­ruf­li­che Bil­dung zu ver­ste­hen sind, ge­recht­fer­tigt ist und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich sind.
34. Nach den An­ga­ben des vor­le­gen­den Ge­richts und den Erläute­run­gen der deut­schen Re­gie­rung in der münd­li­chen Ver­hand­lung geht § 622 BGB auf ein Ge­setz von 1926 zurück. Die Fest­le­gung der Schwel­le von 25 Jah­ren in die­sem Ge­setz sei das Er­geb­nis ei­nes Kom­pro­mis­ses zwi­schen der da­ma­li­gen Re­gie­rung, die ei­ne ein­heit­li­che Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist für Ar­beit­neh­mer über 40 Jah­ren um drei Mo­na­te gewünscht ha­be, den Befürwor­tern ei­ner stu­fen­wei­sen Verlänge­rung die­ser Frist für al­le Ar­beit­neh­mer und den Befürwor­tern ei­ner stu­fen­wei­sen Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist oh­ne Berück­sich­ti­gung der Beschäfti­gungs­dau­er; Ziel die­ser Re­gel sei es, die Ar­beit­ge­ber von den Be­las­tun­gen durch die länge­ren Kündi­gungs­fris­ten teil­wei­se frei­zu­stel­len, nämlich bei Ar­beit­neh­mern un­ter 25 Jah­ren.
35. Dem vor­le­gen­den Ge­richt zu­fol­ge spie­gelt § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB die Einschätzung des Ge­setz­ge­bers wi­der, dass es jünge­ren Ar­beit­neh­mern re­gelmäßig leich­ter fal­le und schnel­ler ge­lin­ge, auf den Ver­lust ih­res Ar­beits­plat­zes zu re­agie­ren, und dass ih­nen größere Fle­xi­bi­lität zu­ge­mu­tet wer­den könne. Sch­ließlich er­leich­ter­ten kürze­re Kündi­gungs­fris­ten für jünge­re Ar­beit­neh­mer de­ren Ein­stel­lung, in­dem sie die per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­lität erhöhten.
36. Zie­le wie die von der deut­schen Re­gie­rung und dem vor­le­gen­den Ge­richt ge­nann­ten gehören zur Beschäfti­gungs- und Ar­beits­markt­po­li­tik im Sin­ne des Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78.
37. Nach die­ser Be­stim­mung ist aber wei­ter zu prüfen, ob die zur Er­rei­chung ei­nes sol­chen le­gi­ti­men Ziels ein­ge­setz­ten Mit­tel „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sind.
38. In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Mit­glied­staa­ten über ei­nen wei­ten Er­mes­sens­spiel­raum bei der Wahl der Maßnah­men zur Er­rei­chung ih­rer Zie­le im Be­reich der Ar­beits- und So­zi­al­po­li­tik verfügen (vgl. Ur­tei­le Man­gold, Rand­nr. 63, und Pa­la­ci­os de la Vil­la, Rand­nr. 68).
39. Das vor­le­gen­de Ge­richt führt aus, dass das Ziel der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung dar­in be­ste­he, dem Ar­beit­ge­ber ei­ne größere per­so­nal­wirt­schaft­li­che Fle­xi­bi­lität zu ver­schaf­fen, in­dem sei­ne Be­las­tung im Zu­sam­men­hang mit der Ent­las­sung jünge­rer Ar­beit­neh­mer ver­rin­gert wer­de, de­nen ei­ne größere be­ruf­li­che und persönli­che Mo­bi­lität zu­ge­mu­tet wer­den könne.
40. Die­se Re­ge­lung ist je­doch kei­ne im Hin­blick auf die Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­se­ne Maßnah­me, weil sie für al­le Ar­beit­neh­mer, die vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs in den Be­trieb ein­ge­tre­ten sind, un­abhängig da­von gilt, wie alt sie zum Zeit­punkt ih­rer Ent­las­sung sind.
41. Was das vom Ge­setz­ge­ber mit dem Er­lass der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen na­tio­na­len Re­ge­lung ver­folg­te und von der deut­schen Re­gie­rung an­geführ­te Ziel be­trifft, den Schutz der Ar­beit­neh­mer ent­spre­chend der Dau­er der Be­triebs­zu­gehörig­keit zu verstärken, so verzögert sich die Verlänge­rung der Kündi­gungs­frist ent­spre­chend der Beschäfti­gungs­dau­er des Ar­beit­neh­mers nach die­ser Re­ge­lung für ei­nen Ar­beit­neh­mer, der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs in den Be­trieb ein­ge­tre­ten ist, selbst wenn der Be­trof­fe­ne bei sei­ner Ent­las­sung ei­ne lan­ge Be­triebs­zu­gehörig­keit auf­weist. Die­se Re­ge­lung kann da­her nicht als zur Er­rei­chung des be­haup­te­ten Ziels ge­eig­net an­ge­se­hen wer­den.
42. Fer­ner berührt die im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung, wie das vor­le­gen­de Ge­richt ausführt, jun­ge Ar­beit­neh­mer un­gleich, weil sie die­je­ni­gen jun­gen Men­schen trifft, die oh­ne oder nach nur kur­zer Be­rufs­aus­bil­dung früh ei­ne Ar­beitstätig­keit auf­neh­men, nicht aber die, die nach lan­ger Aus­bil­dung später in den Be­ruf ein­tre­ten.
43. Nach al­le­dem ist auf die ers­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78, da­hin aus­zu­le­gen ist, dass es ei­ner Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.
44. Mit sei­ner zwei­ten Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob es in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten, um ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, die es für mit dem Uni­ons­recht un­ver­ein­bar hält, un­an­ge­wen­det las­sen zu können, zu­vor zur Si­cher­stel­lung des Schut­zes des be­rech­tig­ten Ver­trau­ens der Nor­mun­ter­wor­fe­nen den Ge­richts­hof nach Art. 267 AEUV an­ru­fen muss, um durch ihn die Un­ver­ein­bar­keit die­ser Vor­schrift mit dem Uni­ons­recht bestäti­gen zu las­sen.
45. Was ers­tens die Rol­le des na­tio­na­len Ge­richts be­trifft, das über ei­nen Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten zu ent­schei­den hat, in dem sich zeigt, dass die frag­li­che na­tio­na­le Re­ge­lung ge­gen das Uni­ons­recht verstößt, hat der Ge­richts­hof ent­schie­den, dass es den na­tio­na­len Ge­rich­ten ob­liegt, den Rechts­schutz si­cher­zu­stel­len, der sich für den Ein­zel­nen aus den uni­ons­recht­li­chen Be­stim­mun­gen er­gibt, und de­ren vol­le Wir­kung zu gewähr­leis­ten (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le vom 5. Ok­to­ber 2004, Pfeif­fer u. a., C-397/01 bis C-403/01, Slg. 2004, I-8835, Rand­nr. 111, und vom 15. April 2008, Im­pact, C-268/06, Slg. 2008, I-2483, Rand­nr. 42).
46. Zu Rechts­strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten hat der Ge­richts­hof in ständi­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, dass ei­ne Richt­li­nie nicht selbst Ver­pflich­tun­gen für ei­nen Ein­zel­nen be­gründen kann, so dass ihm ge­genüber ei­ne Be­ru­fung auf die Richt­li­nie als sol­che nicht möglich ist (vgl. ins­be­son­de­re Ur­tei­le vom 26. Fe­bru­ar 1986, Mar­shall, 152/84, Slg. 1986, 723, Rand­nr. 48, vom 14. Ju­li 1994, Fac­ci­ni Do­ri, C-91/92, Slg. 1994, I-3325, Rand­nr. 20, so­wie Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 108).
47. Je­doch ob­lie­gen die sich aus ei­ner Richt­li­nie er­ge­ben­de Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, das in die­ser Richt­li­nie vor­ge­se­he­ne Ziel zu er­rei­chen, und de­ren Pflicht, al­le zur Erfüllung die­ser Ver­pflich­tung ge­eig­ne­ten Maßnah­men all­ge­mei­ner oder be­son­de­rer Art zu tref­fen, al­len Trägern öffent­li­cher Ge­walt der Mit­glied­staa­ten und da­mit im Rah­men ih­rer Zuständig­kei­ten auch den Ge­rich­ten (vgl. in die­sem Sin­ne u. a. Ur­tei­le vom 10. April 1984, von Col­son und Ka­mann, 14/83, Slg. 1984, 1891, Rand­nr. 26, vom 13. No­vem­ber 1990, Mar­lea­sing, C-106/89, Slg. 1990, I-4135, Rand­nr. 8, Fac­ci­ni Do­ri, Rand­nr. 26, vom 18. De­zem­ber 1997, In­ter-En­vi­ron­ne­ment Wal­lo­nie, C-129/96, Slg. 1997, I-7411, Rand­nr. 40, Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 110, so­wie vom 23. April 2009, An­gel­i­da­ki u. a., C-378/07 bis C-380/07, noch nicht in der amt­li­chen Samm­lung veröffent­licht, Rand­nr. 106).
48. Folg­lich muss ein na­tio­na­les Ge­richt, das bei der An­wen­dung des na­tio­na­len Rechts die­ses Recht aus­zu­le­gen hat, sei­ne Aus­le­gung so weit wie möglich am Wort­laut und Zweck die­ser Richt­li­nie aus­rich­ten, um das in ihr fest­ge­leg­te Er­geb­nis zu er­rei­chen und so Art. 288 Abs. 3 AEUV nach­zu­kom­men (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­tei­le von Col­son und Ka­mann, Rand­nr. 26; Mar­lea­sing, Rand­nr. 8, Fac­ci­ni Do­ri, Rand­nr. 26, und Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 113). Das Ge­bot ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung des na­tio­na­len Rechts ist dem Sys­tem des Ver­trags im­ma­nent, da dem na­tio­na­len Ge­richt da­durch ermöglicht wird, im Rah­men sei­ner Zuständig­keit die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts si­cher­zu­stel­len, wenn es über den bei ihm anhängi­gen Rechts­streit ent­schei­det (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Pfeif­fer u. a., Rand­nr. 114).
49. Dem vor­le­gen­den Ge­richt zu­fol­ge ist § 622 Abs. 2 Un­terabs. 2 BGB je­doch we­gen sei­ner Klar­heit und Ein­deu­tig­keit ei­ner der Richt­li­nie 2000/78 kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich.
In­so­weit ist zum ei­nen zu be­ach­ten, dass der Grund­satz der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, wie in Rand­nr. 20 des vor­lie­gen­den Ur­teils aus­geführt, in der Richt­li­nie 2000/78 nicht ver­an­kert ist, son­dern dort nur kon­kre­ti­siert wird, und zum an­de­ren, dass das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters ein all­ge­mei­ner Grund­satz des Uni­ons­rechts ist, da er ei­ne spe­zi­fi­sche An­wen­dung des all­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes dar­stellt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Man­gold, Rand­nrn. 74 bis 76).
51. Es ob­liegt da­her dem na­tio­na­len Ge­richt, bei dem ein Rechts­streit über das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 anhängig ist, im Rah­men sei­ner Zuständig­kei­ten den recht­li­chen Schutz, der sich für den Ein­zel­nen aus dem Uni­ons­recht er­gibt, si­cher­zu­stel­len und die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts zu gewähr­leis­ten, in­dem es er­for­der­li­chen­falls je­de die­sem Ver­bot ent­ge­gen­ste­hen­de Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts un­an­ge­wen­det lässt (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 77).
52. Was zwei­tens die Fra­ge der Ver­pflich­tung des na­tio­na­len Ge­richts an­geht, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten den Ge­richts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts zu er­su­chen, be­vor es ei­ne na­tio­na­le Vor­schrift, die es für uni­ons­rechts­wid­rig hält, un­an­ge­wen­det las­sen kann, so er­gibt sich aus der Vor­la­ge­ent­schei­dung, dass die­ser As­pekt der Fra­ge dar­in be­gründet liegt, dass das vor­le­gen­de Ge­richt nach na­tio­na­lem Recht ei­ne gel­ten­de Be­stim­mung die­ses Rechts nur dann un­an­ge­wen­det las­sen darf, wenn die­se Be­stim­mung zu­vor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wur­de.
53. Die Not­wen­dig­keit, die vol­le Wirk­sam­keit des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, be­deu­tet, dass das na­tio­na­le Ge­richt ei­ne in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fal­len­de na­tio­na­le Be­stim­mung, die es für mit die­sem Ver­bot un­ver­ein­bar hält und die ei­ner uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung nicht zugäng­lich ist, un­an­ge­wen­det las­sen muss, oh­ne dass es ver­pflich­tet oder ge­hin­dert wäre, zu­vor den Ge­richts­hof um Vor­ab­ent­schei­dung zu er­su­chen.
54. Die dem na­tio­na­len Ge­richt mit Art. 267 Abs. 2 AEUV ein­geräum­te Möglich­keit, den Ge­richts­hof im We­ge der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung zu er­su­chen, be­vor es die uni­ons­rechts­wid­ri­ge na­tio­na­le Be­stim­mung un­an­ge­wen­det lässt, kann sich je­doch nicht des­halb in ei­ne Ver­pflich­tung ver­keh­ren, weil das na­tio­na­le Recht es die­sem Ge­richt nicht er­laubt, ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, un­an­ge­wen­det zu las­sen, wenn sie nicht zu­vor vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wor­den ist. Denn nach dem Grund­satz des Vor­rangs des Uni­ons­rechts, der auch dem Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters zu­kommt, ist ei­ne uni­ons­rechts­wid­ri­ge na­tio­na­le Re­ge­lung, die in den An­wen­dungs­be­reich des Uni­ons­rechts fällt, un­an­ge­wen­det zu las­sen (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil Man­gold, Rand­nr. 77).
55. Dar­aus folgt, dass das na­tio­na­le Ge­richt in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten nicht ver­pflich­tet, aber be­rech­tigt ist, den Ge­richts­hof um ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu er­su­chen, be­vor es ei­ne Be­stim­mung des na­tio­na­len Rechts, die es für mit die­sem Ver­bot un­ver­ein­bar hält, un­an­ge­wen­det lässt. Der fa­kul­ta­ti­ve Cha­rak­ter die­ser An­ru­fung des Ge­richts­hofs ist un­abhängig da­von, un­ter wel­chen Be­din­gun­gen das na­tio­na­le Ge­richt nach in­ner­staat­li­chem Recht ei­ne na­tio­na­le Be­stim­mung, die es für ver­fas­sungs­wid­rig hält, un­an­ge­wen­det las­sen kann.
56. Nach al­le­dem ist auf die zwei­te Fra­ge zu ant­wor­ten, dass es dem na­tio­na­len Ge­richt ob­liegt, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Be­ach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 zu gewähr­leis­ten, in­dem es er­for­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des in­ner­staat­li­chen Rechts un­an­ge­wen­det lässt, un­abhängig da­von, ob es von sei­ner Be­fug­nis Ge­brauch macht, in den Fällen des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Ge­richts­hof um ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung über die Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu er­su­chen.
1. Das Uni­ons­recht, ins­be­son­de­re das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf, ist da­hin aus­zu­le­gen, dass es ei­ner Re­ge­lung wie der im Aus­gangs­ver­fah­ren frag­li­chen ent­ge­gen­steht, nach der vor Voll­endung des 25. Le­bens­jahrs lie­gen­de Beschäfti­gungs­zei­ten des Ar­beit­neh­mers bei der Be­rech­nung der Kündi­gungs­frist nicht berück­sich­tigt wer­den.
2. Es ob­liegt dem na­tio­na­len Ge­richt, in ei­nem Rechts­streit zwi­schen Pri­va­ten die Be­ach­tung des Ver­bots der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen des Al­ters in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch die Richt­li­nie 2000/78 si­cher­zu­stel­len, in­dem es er­for­der­li­chen­falls ent­ge­gen­ste­hen­de Vor­schrif­ten des in­ner­staat­li­chen Rechts un­an­ge­wen­det lässt, un­abhängig da­von, ob es von sei­ner Be­fug­nis Ge­brauch macht, in den Fällen des Art. 267 Abs. 2 AEUV den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on im We­ge der Vor­ab­ent­schei­dung um Aus­le­gung die­ses Ver­bots zu er­su­chen.
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