Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-privatanschrift-des-angestellten-arztes-390483
Timestamp: 2019-12-14 21:00:22
Document Index: 52079596

Matched Legal Cases: ['§ 242', '§ 630', '§ 178', '§ 253', '§ 130', '§ 177', '§ 32', '§ 32', '§ 1', '§ 32', '§ 32', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 4', '§ 4', '§ 3', '§ 4', '§ 28', '§ 32', '§ 28', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 177', '§ 3', '§ 12', '§ 32', '§ 28']

Die Pri­vat­an­schrift des ange­stell­ten Arz­tes | Rechtslupe
Es besteht auch zur Vor­be­rei­tung eines Arzt­haf­tungs­pro­zes­ses kei­ne Aus­kunfts­pflicht des Kli­nik­trä­gers über die Pri­vat­an­schrift eines bei ihm ange­stell­ten Arz­tes.
Zwar besteht nach dem Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) eine Aus­kunfts­pflicht bei jedem Rechts­ver­hält­nis, des­sen Wesen es mit sich bringt, dass der Berech­tig­te in ent­schuld­ba­rer Wei­se über Bestehen oder Umfang sei­nes Rechts im Unge­wis­sen ist, er sich die zur Vor­be­rei­tung und Durch­set­zung sei­nes Anspruchs not­wen­di­gen Aus­künf­te nicht in zumut­ba­rer Wei­se selbst beschaf­fen kann und der Ver­pflich­te­te unschwer, d.h. ohne unbil­lig belas­tet zu sein, die zur Besei­ti­gung die­ser Unge­wiss­heit erfor­der­li­chen Aus­künf­te zu geben ver­mag 1.
Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen ist ein Anspruch auf Aus­kunfts­er­tei­lung auch dann gege­ben, wenn nicht der Inan­spruch­ge­nom­me­ne, son­dern ein Drit­ter Schuld­ner des Haupt­an­spruchs ist, des­sen Durch­set­zung der Hilfs­an­spruch auf Aus­kunfts­er­tei­lung ermög­li­chen soll 2. Aller­dings begrün­det allein die Tat­sa­che noch kei­ne Aus­kunfts­pflicht, dass jemand über Sach­ver­hal­te infor­miert ist oder sein könn­te, die für einen ande­ren von Bedeu­tung sind 3.
Aller­dings kön­nen nur sol­che Anga­ben ver­langt wer­den, die für die Gel­tend­ma­chung des Haupt­an­spruchs auch tat­säch­lich benö­tigt wer­den 4. Grund für das Bestehen einer Aus­kunfts­pflicht ist näm­lich, dass es der Par­tei gene­rell nahe­zu unmög­lich ist, an not­wen­di­ge Infor­ma­tio­nen zu gelan­gen, die sie zur Sach­ver­halts­er­for­schung oder zur Gel­tend­ma­chung von Ansprü­chen benö­tigt. Dahin­ter steht der Gedan­ke der pro­zes­sua­len Chan­cen­gleich­heit.
Im Streit­fall ist die begehr­te Aus­kunft für den kla­gen­den Pati­en­ten zur Ver­fol­gung von Ansprü­chen aus der ärzt­li­chen Behand­lung nicht erfor­der­lich.
Zwar hat der Pati­ent gegen­über Arzt und Kran­ken­haus grund­sätz­lich auch außer­halb eines Rechts­streits Anspruch auf Ein­sicht in die ihn betref­fen­den Kran­ken­un­ter­la­gen, soweit sie Auf­zeich­nun­gen über objek­ti­ve phy­si­sche Befun­de und Berich­te über Behand­lungs­maß­nah­men (Medi­ka­ti­on, Ope­ra­ti­on etc.) betref­fen 5. Inso­weit weist das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend auf die Rege­lung der Ein­sicht­nah­me in die Pati­en­ten­ak­te in § 630g BGB hin. Die­ser Anspruch ergibt sich aus dem durch grund­recht­li­che Wer­tun­gen gepräg­ten Selbst­be­stim­mungs­recht und der per­so­na­len Wür­de des Pati­en­ten, die es ver­bie­ten, ihm im Rah­men der Behand­lung die Rol­le eines blo­ßen Objekts zuzu­wei­sen 6. Der Bun­des­ge­richts­hof hat es auch für recht­lich bedenk­lich gehal­ten, dass einem Pati­en­ten nicht mit­ge­teilt wor­den ist, wer sein Ope­ra­teur war und sich der betref­fen­de Arzt weder vor noch nach der Ope­ra­ti­on mit dem Pati­en­ten in Ver­bin­dung gesetzt hat 7. Eine sol­che Aus­kunft steht dem Pati­en­ten zu. Der Kli­nik­trä­ger ist des­halb grund­sätz­lich gehal­ten, dem Pati­en­ten den Namen des ihn behan­deln­den Arz­tes mit­zu­tei­len.
Dar­um geht es im Streit­fall aller­dings nicht. Der vom Pati­en­ten gel­tend gemach­te Anspruch rich­tet sich nicht auf die Ein­sicht in sei­ne Behand­lungs­un­ter­la­gen. Auch hat das Kran­ken­haus dem Pati­en­ten die Namen der ihn behan­deln­den Ärz­te bereits mit­ge­teilt.
Die dar­über hin­aus ver­lang­te Mit­tei­lung der Pri­vat­adres­se des Arz­tes ist für den Pati­en­ten zur Ver­fol­gung sei­ner Ansprü­che nicht erfor­der­lich. Sie ist außer­dem dem Kran­ken­haus aus Rechts­grün­den nicht zumut­bar.
Zur Füh­rung des bereits rechts­hän­gi­gen Pro­zes­ses bedarf der Pati­ent der Pri­vat­an­schrift nicht. Zwar ist die Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Beklag­ten in der Kla­ge not­wen­dig, weil sonst die Zustel­lung der Kla­ge­schrift und damit die Begrün­dung eines Pro­zess­rechts­ver­hält­nis­ses nicht mög­lich wäre. Die­ses Erfor­der­nis begrün­det jedoch kei­ne Ver­pflich­tung, zwin­gend die Wohn­an­schrift des Beklag­ten anzu­ge­ben, unter der gege­be­nen­falls eine Ersatz­zu­stel­lung nach §§ 178 ff. ZPO mög­lich wäre 8. Die durch § 253 Abs. 4 ZPO in Bezug genom­me­ne Norm des § 130 Nr. 1 ZPO stellt ledig­lich eine "Soll-Vor­schrift" dar 9. Die Anga­be einer ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Beklag­ten muss vor­nehm­lich dar­auf gerich­tet sein, eine Über­ga­be der Kla­ge­schrift an den Zustel­lungs­emp­fän­ger selbst zu ermög­li­chen, weil die Zustel­lung grund­sätz­lich durch per­sön­li­che Über­ga­be des zuzu­stel­len­den Schrift­stücks an den Emp­fän­ger zu erfol­gen hat (§ 177 ZPO) 10. Hier­für genügt in geeig­ne­ten Fäl­len die Anga­be der Arbeits­stel­le. Dies gilt im Streit­fall umso mehr, als beklag­te Kran­ken­haus­ärz­te in Arzt­haf­tungs­pro­zes­sen erfah­rungs­ge­mäß viel­fach mit ihrer Kli­nik­an­schrift bezeich­net wer­den, ohne dass ersicht­lich wäre, dass dies – etwa im Rah­men von Zustel­lun­gen – zu rele­van­ten Schwie­rig­kei­ten geführt hät­te.
Auch im Streit­fall erfolg­te die Zustel­lung der Kla­ge­schrift an den bei dem Kran­ken­haus beschäf­tig­ten Arzt, nach­dem der Feh­ler in der Schreib­wei­se sei­nes Namens durch den Klä­ger berich­tigt wor­den war.
Fer­ner steht die daten­schutz­recht­li­che Vor­schrift des § 32 Abs. 1 Satz 1 BDSG der Aus­kunfts­er­tei­lung ent­ge­gen. Das Bun­des­da­ten­schutz­ge­setz fin­det gemäß § 32 Abs. 2 i.V.m. § 1 Abs. 2 Nr. 3 BDSG auf die Kli­nik auch als nicht­öf­fent­li­che Stel­le Anwen­dung, selbst wenn sie die per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten der bei ihr Beschäf­tig­ten nicht unter Ein­satz von Daten­ver­ar­bei­tungs­an­la­gen ver­wal­ten soll­te.
Die Rege­lung in § 32 Abs. 1 Satz 1 BDSG gestat­tet dem Arbeit­ge­ber die Erhe­bung, Ver­ar­bei­tung und Nut­zung von Daten für Zwe­cke des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses. Von § 32 BDSG wer­den alle in einem abhän­gi­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis ste­hen­den Per­so­nen erfasst, so auch der bei der Kli­nik ange­stell­te Arzt (§ 3 Abs. 11 Nr. 1 BDSG). Zwei­fel­los han­delt es sich bei der Pri­vat­adres­se des beschäf­tig­ten Arz­tes um eine Ein­zel­an­ga­be über per­sön­li­che Ver­hält­nis­se einer bestimm­ten Per­son und mit­hin um per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten im Sin­ne des § 3 Abs. 1 BDSG 11. Nach § 3 Abs. 4 Satz 2 Nr. 3a BDSG ist das Über­mit­teln gespei­cher­ter Daten in der Wei­se, dass die Daten an einen Drit­ten wei­ter­ge­ge­ben wer­den, ein Ver­ar­bei­ten von Daten unge­ach­tet der dabei ange­wen­de­ten Ver­fah­ren. Dem Aus­kunfts­an­spruch gegen das Kran­ken­haus steht daher grund­sätz­lich das Ver­bot mit Erlaub­nis­vor­be­halt in § 4 Abs. 1 BDSG ent­ge­gen. Eine den Erfor­der­nis­sen des § 4a Abs. 1 BDSG ent­spre­chen­de Ein­wil­li­gung des beschäf­tig­ten Arz­tes in die Wei­ter­ga­be sei­ner Pri­vat­adres­se macht der Pati­ent selbst nicht gel­tend.
Zwar war die Kli­nik als Arbeit­ge­be­rin des beschäf­tig­ten Arz­tes berech­tigt, die pri­va­te Wohn­an­schrift des Beschäf­tig­ten zu erhe­ben, um die ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses sicher­zu­stel­len. Der Arbeit­ge­ber ist aber grund­sätz­lich nicht berech­tigt, die per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten, die für Zwe­cke des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses erho­ben wor­den sind, an Drit­te (vgl. § 3 Abs. 8 Satz 2 BDSG) wei­ter­zu­lei­ten. Eine Wei­ter­lei­tung die­ser pri­va­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten an Drit­te bedarf viel­mehr man­gels der Ein­wil­li­gung des Betrof­fe­nen der beson­de­ren Gestat­tung durch eine Rechts­vor­schrift (§ 4 Abs. 1 BDSG). Eine der­ar­ti­ge Gestat­tung liegt hier nicht vor.
Da die Daten für die Zwe­cke des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses erho­ben wor­den sind, ist viel­mehr die Über­mitt­lung an Drit­te nach dem für den Daten­schutz gel­ten­den Zweck­bin­dungs­ge­bot grund­sätz­lich als zweck­frem­de Ver­wen­dung aus­ge­schlos­sen. Sie ist nur aus­nahms­wei­se unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 28 Abs. 2 Nr. 2a BDSG zuläs­sig, soweit die Vor­schrift neben § 32 BDSG Anwen­dung fin­det 12. § 28 Abs. 2 BDSG erlaubt unter ande­rem die Über­mitt­lung oder Nut­zung der Daten für einen ande­ren als den ursprüng­lich die Erhe­bung, Ver­ar­bei­tung oder Nut­zung recht­fer­ti­gen­den Zweck, wenn es das berech­tig­te Inter­es­se eines Drit­ten erfor­dert 13. Ein berech­tig­tes Inter­es­se im Sin­ne die­ser Vor­schrift ist außer­dem nur dann beach­tens­wert, wenn kein Grund zu der Annah­me besteht, dass der Betrof­fe­ne ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an dem Aus­schluss der Über­mitt­lung hat 14.
Der Pati­ent ver­mag schon ein berech­tig­tes Inter­es­se an der begehr­ten Aus­kunft nicht dar­zu­le­gen. Auf das schutz­wür­di­ge Inter­es­se des betrof­fe­nen Arz­tes an der Wah­rung sei­nes Rechts auf infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung 15 kommt es danach nicht mehr an.
st. Rspr. vgl. etwa BGH, Urteil vom 01.07.2014 – VI ZR 345/​13, VersR 2014, 1266 Rn. 6; BGH, Urteil vom 17.05.1994 – X ZR 82/​92, BGHZ 126, 109, 113; Beschluss vom 20.02.2013 – XII ZB 412/​11, BGHZ 196, 207 Rn. 30; vgl. auch BGH, Urteil vom 28.11.1989 – VI ZR 63/​89, VersR 1990, 202 mwN[↩]
BGH, Urteil vom 01.07.2014 – VI ZR 345/​13, aaO Rn. 7; BGH, Urtei­le vom 17.05.2001 – I ZR 291/​98, BGHZ 148, 26, 30; vom 24.03.1994 – I ZR 42/​93, BGHZ 125, 322, 330 f.[↩]
vgl. BGH, Urtei­le vom 07.05.1980 – VIII ZR 120/​79, NJW 1980, 2463, 2464; vom 18.01.1978 – VIII ZR 262/​76, NJW 1978, 1002[↩]
BGH, Urtei­le vom 28.10.1953 – II ZR 149/​52, BGHZ 10, 385, 388; und vom 03.04.1996 – VIII ZR 54/​95, NJW 1996, 2100, 2101[↩]
vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 23.11.1982 – VI ZR 222/​79, BGHZ 85, 327, 332 ff.[↩]
vgl. dazu BVerfG, NJW 1979, 1925, 1929 f. und Son­der­vo­tum NJW 1979, 1931 ff.[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 10.05.1983 – VI ZR 173/​81, VersR 1983, 690, 691[↩]
BGH, Urteil vom 31.10.2000 – VI ZR 198/​99, BGHZ 145, 358, 363 f.[↩]
vgl. zur Anga­be der ladungs­fä­hi­gen Anschrift des Klä­gers: BGH, Urteil vom 09.12 1987 – IVb ZR 4/​87, BGHZ 102, 332, 334[↩]
vgl. dazu auch Zöller/​Stöber, ZPO, 30. Aufl., § 177 Rn. 1[↩]
vgl. Gola/​Schomerus, BDSG, 11. Aufl., § 3 Rn. 6[↩]
aus­drück­lich gere­gelt für die Daten­ver­ar­bei­tung öffent­li­cher Stel­len in § 12 Abs. 4 BDSG; Erfurth, NJOZ 2009, 2914, 2924[↩]
vgl. Gola/​Schomerus aaO, § 32, Rn. 39[↩]
Gola/​Schomerus, aaO, § 28 Rn. 37[↩]
BVerfGE 65, 1, 41 ff.[↩]
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