Source: https://www.rechtslupe.de/steuerrecht/ust/miete-im-bordell-und-die-umsatzsteuer-3104110
Timestamp: 2019-10-22 13:56:54
Document Index: 238063099

Matched Legal Cases: ['EuG', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', '§ 4', 'EuG', '§ 4', '§ 9', '§ 9', '§ 164', '§ 9']

Mie­te im Bor­dell – und die Umsatz­steu­er | Rechtslupe
Der Begriff der Grund­stücks­ver­mie­tung ist auf der Grund­la­ge der Mehr­wert­steu­er-Sys­tem­richt­li­nie 2006/​112/​EG uni­on­rechts­kon­form aus­zu­le­gen. Die zivil­recht­li­chen Bestim­mun­gen der jewei­li­gen natio­na­len Vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten sind inso­weit nicht ent­schei­dend. Grund­sätz­lich besteht die Grund­stücks­ver­mie­tung bei richt­li­ni­en­kon­for­mer Aus­le­gung dar­in, dass der Ver­mie­ter dem Mie­ter gegen Zah­lung des Miet­zin­ses für eine ver­ein­bar­te Dau­er das Recht über­trägt, die Miet­sa­che in Besitz zu neh­men und gleich einem Eigen­tü­mer zu gebrau­chen und ande­re davon aus­zu­schlie­ßen 1. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung ist die Steu­er­be­frei­ung für Umsät­ze durch Grund­stücks­ver­mie­tung eng aus­zu­le­gen, denn sie stellt eine Aus­nah­me von dem all­ge­mei­nen Grund­satz dar, dass jede Dienst­leis­tung, die ein Steu­er­pflich­ti­ger erbringt, der Umsatz­steu­er unter­liegt. Dabei ist zu beach­ten, dass die Dau­er der Grund­stücks­nut­zung auch nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) ein Haupt­ele­ment des steu­er­frei­en Umsat­zes ist 2
§ 4 Nr. 12 S. 2 UStG unter­schei­det sich vom Grund­tat­be­stand des § 4 Nr. 12 S. 1 Buchst. a UStG durch die an den Miet­ge­gen­stand zu stel­len­den Anfor­de­run­gen, bei dem es sich um zur kurz­fris­ti­gen Beher­ber­gung bereit­ge­hal­te­ne Wohn-und Schlaf­räu­me han­deln muss. Sys­te­ma­tisch ist § 4 Nr. 12 S. 2 UStG ein Aus­nah­me­tat­be­stand zu § 4 Nr. 12 S. 1 Buchst. a UStG. So ist z. B. die auf Dau­er ange­leg­te Ver­mie­tung möblier­ter Wohn- und Schlaf­räu­me nach § 4 Nr. 12 S. 1 Buchst. a UStG steu­er­frei, da dann im Hin­blick auf das zeit­li­che Ele­ment der Aus­nah­me­tat­be­stand nach § 4 Nr. 12 S. 2 UStG nicht vor­liegt 3. Der BFH folgt damit der Recht­spre­chung des EuGH, nach des­sen Urteil vom 12.02.1998 4 die Dau­er der Beher­ber­gung – bei der Über­las­sung "voll­stän­dig möblier­ter und mit Koch­ge­le­gen­hei­ten aus­ge­stat­te­ter Zim­mer", bei der der Ver­mie­ter "die für die Gestel­lung und Rei­ni­gung der Bett­wä­sche, sowie für die Rei­ni­gung der Flu­re, Trep­pen­häu­ser, Bäder und WC" zu sor­gen hat­te – ein geeig­ne­tes Kri­te­ri­um für die Unter­schei­dung zwi­schen der Gewäh­rung von Unter­kunft im Hotel­ge­wer­be (als steu­er­pflich­ti­ger Umsatz) einer­seits und der Ver­mie­tung von Wohn­räu­men (als befrei­tem Umsatz) ande­rer­seits ist, da sich die Beher­ber­gung im Hotel u. a. gera­de bezüg­lich der Ver­weil­dau­er von der Ver­mie­tung eines Wohn­raums unter­schei­det 5.
Im hier vom Finanz­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Streit­fall liegt zwar eine Über­las­sung möblier­ter Zim­mer, ver­bun­den mit teil­wei­se hotel­ar­ti­gen Leis­tun­gen wie die Gestel­lung von Bett­wä­sche und Hand­tü­chern vor. Die ver­mie­te­ten Räum­lich­kei­ten dien­ten jedoch nicht der Beher­ber­gung von Per­so­nen, son­dern wur­den für die Aus­übung gewerb­li­cher Tätig­kei­ten über­las­sen 6. Die­ser Sach­ver­halt wur­de von den Zeu­gin­nen bestä­tigt, die ein­hel­lig bekun­de­ten, dass sie die Räu­me ledig­lich für Zwe­cke ihrer gewerb­li­chen Tätig­keit nutz­ten.
Eine Grund­stücks­ver­mie­tung im Sin­ne des § 4 Nr. 12 Buchst. a UStG ist aller­dings auch nicht anzu­neh­men, wenn nicht die Grund­stücks­nut­zung, son­dern die Mög­lich­keit, eine bestimm­te Betä­ti­gung auf dem Grund­stück aus­zu­üben, aus der Sicht des Leis­tungs­emp­fän­gers im Vor­der­grund steht, es sich mit­hin um einen Ver­trag beson­de­rer Art han­delt und zusätz­li­che Leis­tun­gen der Gesamt­leis­tung ein ande­res Geprä­ge geben 7.
Im hier ent­schie­de­nen Fall hat­te die Bor­dell­be­trei­be­rin jedoch gemäß § 9 Abs. 1 UStG zur Umsatz­steu­er optiert. Sie hat regel­mä­ßig Umsatz­steu­er-Vor­anmel­dun­gen abge­ben und, soweit in der Buch­füh­rung Rech­nun­gen über die Mie­ten vor­lie­gen, erfolg­te die Abrech­nung immer unter Aus­weis der Umsatz­steu­er. Die Opti­ons­aus­übung bedarf kei­ner Form und kann durch aus­drück­li­che Erklä­rung oder schlüs­si­ges Ver­hal­ten abge­ge­ben wer­den 8. Übli­cher­wei­se geschieht dies durch den Umsatz­steu­er­aus­weis in Rech­nun­gen oder durch die Abga­be von Umsatz­steu­er­vor­anmel­dun­gen. So ist auch die Bor­dell­be­trei­be­rin ver­fah­ren. Sie hat in ihren Rech­nun­gen über die wöchent­li­che Mie­te die Umsatz­steu­er offen aus­ge­wie­sen und Umsatz­steu­er­vor­anmel­dun­gen ein­ge­reicht. Die Rech­nungs­er­stel­lung mit Umsatz­steu­er­aus­weis und die ent­spre­chen­den Steu­er­erklä­run­gen sind somit als kon­klu­den­ter Ver­zicht auf die Steu­er­be­frei­ung im Sin­ne des § 9 Abs. 1 und 2 Umsatz­steu­er­ge­setz zu wer­ten.
Nach stän­di­ger Recht­spre­chung kann der Ver­zicht auf die Steu­er­be­frei­ung bis zur Unan­fecht­bar­keit rück­gän­gig gemacht wer­den oder solan­ge der Bescheid auf­grund eines Vor­be­halts der Nach­prü­fung gemäß § 164 AO noch änder­bar ist 9. Die Rück­gän­gig­ma­chung wirkt auf das Jahr der Aus­füh­rung des Umsat­zes zurück.
Die Rück­nah­me des Ver­zichts setzt aller­dings vor­aus, dass die­se in for­ma­ler und zeit­li­cher Hin­sicht wirk­sam ist. Hat­te ein Unter­neh­mer auf die Steu­er­frei­heit des Umsat­zes dadurch ver­zich­tet, dass er dem Leis­tungs­emp­fän­ger den Umsatz unter geson­der­ten Aus­weis der Umsatz­steu­er in Rech­nung gestellt hat­te, kann er den Ver­zicht nur dadurch rück­gän­gig machen, dass er dem Leis­tungs­emp­fän­ger eine berich­tig­te Rech­nung ohne Umsatz­steu­er erteilt 10.
Im Rah­men der Schät­zung kön­nen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen mit einem gerin­ge­ren Grad an Über­zeu­gung getrof­fen wer­den, als dies in der Regel gebo­ten ist. Der Grad der grund­sätz­lich erfor­der­li­chen Gewiss­heit ver­rin­gert sich dabei so weit, dass der Sach­ver­halt auf­grund von Wahr­schein­lich­keits­er­wä­gun­gen fest­ge­stellt wer­den darf. Das gewon­ne­ne Schät­zungs­er­geb­nis muss aber schlüs­sig, wirt­schaft­lich mög­lich und ver­nünf­tig sein 11.
Die wöchent­li­che Mie­te von 320 € liegt im Rah­men des­sen, was nach dem Gesamt­ergeb­nis des Ver­fah­rens für der­ar­ti­ge Zim­mer­über­las­sun­gen gezahlt wird. Nach den vor­ge­leg­ten Inter­net­aus­dru­cken wer­den Zim­mer in Modell­woh­nun­gen für 300 € bis 350 € wöchent­lich ange­bo­ten. Fer­ner hat das Finanz­amt drei unter­zeich­ne­te Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le vor­ge­legt, wonach für Zim­mer in dem streit­ge­gen­ständ­li­chen Objekt X-Stra­ße in 2009 wöchent­li­che Mie­ten von 300 € und in 2012 von 320 € gezahlt wur­den. Der Zeu­ge P hat auf der Grund­la­ge sei­ner lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen in dem Milieu glaub­haft bekun­det, dass Mie­ten von 300 € bis 350 € pro Woche gezahlt wer­den. Eben­so hat die Zeu­gin J bekun­det, dass sie durch­gän­gig 320 € für das Zim­mer gezahlt habe und damit den ihr in Rech­nung gestell­ten Betrag bestä­tigt. Letzt­lich hat auch die Zeu­gin O nach Vor­la­ge ent­spre­chen­der Rech­nun­gen über 320 € ein­ge­räumt, dass sie Mie­te in der Höhe gezahlt habe.
BFH, Urtei­le vom 22.08.2013 – V R 18/​12, BSt­Bl II 2013, 1058; vom 08.08.2013 – V R 7/​13, BFH/​NV 2013, 1952[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 22.08.2013 – V R 18/​12, BSt­Bl II 2013, 1058; BFH, Beschlüs­se vom 15.03.2012 – III R 30/​10, BSt­Bl II 2012, 661; vom 20.02.2013 – GrS 1/​12, BSt­Bl II 2013, 441[↩]
vgl. BFH, Urteil vom 17.12.2014 – XI R 16/​11, BSt­Bl II 2015, 427; Beschluss vom 13.09.2002 – V B 51/​02, BFH/​NV 2003, 212[↩]
vgl. BFH, Urtei­le vom 19.12.2013 – V R 6/​12, BFHE 245, 71; vom 01.02.2001 – V R 23/​00, BSt­Bl II 2003, 673[↩]
BFH, Urtei­le vom 19.12.2013 – V R 6/​12, BFHE 245, 71; vom 01.02.2001 – V R 23/​00, BSt­Bl II 2003, 673; Schü­ler-Täsch in Sölch/​Ringleb, UStG § 9 Rn. 89[↩]