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Timestamp: 2017-06-26 21:20:41
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Evaluierung von Steuervergünstigungen - PDF
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1 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln Copenhagen Economics ApS Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH, Mannheim Evaluierung von Steuervergünstigungen Band 3 Evaluierungsberichte (zweiter Teilband) Endfassung (Herbst 2009) Forschungsauftrag Projektnummer 15/07 des Bundesministeriums der Finanzen Köln Copenhagen Mannheim2 FiFo Köln Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln Dr. Michael Thöne (Projektleitung FiFo und Gesamtleitung) Postfach D Köln Zülpicher Str. 182 D Köln Tel. (0) Fax. (0) thoene[α]fifo-koeln.de Copenhagen Economics ApS Sigurd Næss Schmidt (Projektleitung CE) Sankt Annæ Plads 13, København K Danmark Tel Fax: SNS[α]CopenhagenEconomics.com ZEW Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Dr. Friedrich Heinemann (Projektleitung ZEW) L 7,1 D Mannheim Tel: (0) Fax: (0) heinemann[α]zew.de3 Inhalt Band 1 Methoden und Ergebnisüberblick I. Vorbemerkung Michael Thöne... 3 II. III. Gemeinsames Evaluationsschema und Zusammenfassung der Ergebnisse Michael Thöne mit Sigurd Næss-Schmidt und Friedrich Heinemann... 5 Subventionskennblätter FiFo Köln, Copenhagen Economics, ZEW Mannheim Band 2 Evaluierungsberichte (erster Teilband) IV. Haushaltsnahe Dienstleistungen und Handwerkerleistungen Anna Jung und Michael Thöne (FiFo Köln) V. Steuerbefreiung der Zuschläge für Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit Eva Gerhards und Michael Thöne (FiFo Köln) VI. VII. Energieprodukte Copenhagen Economics Umsatzsteuerermäßigungen für kulturelle und unterhaltende Leistungen, Umsätze von Zahntechnikern sowie Personenbeförderung im öffentlichen Nahverkehr Christina Elschner, Friedrich Heinemann, Margit Kraus, Sigurd Næss-Schmidt, Robert Schwager und Michael Thöne4 Band 3 Evaluierungsberichte (zweiter Teilband) VIII. Sparerfreibetrag Anna Jung und Michael Thöne (FiFo Köln) IX. Förderung der privaten kapitalgedeckten Altersvorsorge (Riester-Rente) durch Zulagen Anna Jung und Michael Thöne (FiFo Köln) X. Tonnagebesteuerung Christina Elschner (ZEW) XI. XII. Steuerbefreiung der bei der Mineralölherstellung zur Aufrechterhaltung des Betriebs verwendeten Mineralöle ( Herstellerprivileg ) Michael Thöne (FiFo Köln) Steuerfreiheit der Hälfte der Einnahmen aus der Veräußerung von inländischem Grund und Boden und Gebäuden an eine REIT-AG oder einen Vor-REIT Michael Thöne (FiFo Köln) XIII. Investitionszulagen Christof Ernst und Michael Overesch (ZEW) XIV. Arbeitnehmer-Sparzulage Michael Thöne, Christian Bergs, Thilo Schaefer (FiFo Köln)5 Evaluierung von Steuervergünstigungen Sparerfreibetrag Durchgeführt von: FiFo Köln Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln Bearbeitet von: Anna Jung und Michael Thöne unter Mitarbeit von Anna Rauch und Robert Schmidt6 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag 1 Grundzüge Rechtsgrundlagen: 20 EStG Subventionskennblatt Sparerfreibetrag / Sparer-Pauschbetrag Eingeführt: 1975 Zuletzt geändert: 2007 Befristung: keine Subventionsvolumen aktuell: Mio. Euro (2008) Technische Ausgestaltung der Steuervergünstigung: Bis zu einer Grenze von 750 stellt der Sparerfreibetrag (ab 2009 inkl. 51 Werbungskostenpauschale: Sparer-Pauschbetrag ) Erträge aus Zins- und Dividendeneinnahmen von der Steuer frei. Bei gemeinsam veranlagten Ehepaaren verdoppeln sich diese Beträge auf insgesamt Auch Kinder mit eigenen Kapitaleinkünften haben Anspruch auf einen separaten Sparerfreibetrag. Der Sparerfreibetrag wird automatisch am Ende jedes Jahres vom Finanzamt im Rahmen der Steuerveranlagung gewährt, im Laufe des Kalenderjahres zu viel abgeführte Steuern werden erstattet. Um die nachträgliche Rückerstattung zu vermeiden, besteht für den Sparer alternativ die Möglichkeit, einen Freistellungsauftrag einzurichten. Begünstigte Begünstigt sind alle Steuerpflichtigen. Zweck der Steuervergünstigung: Förderung der Spartätigkeit (21. Subventionsbericht) 2 Ergebnisse der Evaluation Transparenz und Monitoring der Maßnahme Für die Bürger ist der Sparerfreibetrag ist eine transparente, allgemein verständliche Form der Sparförderung. Aus Sicht der Budgetkontrolle kann für diese Steuervergünstigung Verbesserungspotenzial konstatiert werden; insbesondere ist nicht erkennbar, wie die recht niedrigen offiziellen Volumenangaben zustande gekommen sind. Überprüfung des Subventionszwecks Ein staatlicher Eingriff in das Sparverhalten zur Förderung der eigenverantwortlichen Altersvorsorge oder der Absicherung gegen Notlagen kann vor dem Hintergrund der Einschätzung der privaten Ersparnis als meritorisches Gut gerechtfertigt werden. Instrumentelle Eignung Im Hinblick auf das Ziel der Absicherung gegen Notlagen sehen wir den Sparerfreibetrag als geeignetes und zweckdienliches Instrument. Dies gilt, mit gewissen Abstrichen, auch für die Förderung der eigenverantwortlichen Absicherung für das Alter. Auch als Instrument zur Steuervereinfachung ist der Sparerfreibetrag gut geeignet. Weniger geeignet ist der Freibetrag zur Herstellung eines Inflationsausgleichs. Die Bedeutung dieses Nebenzweckes tritt mit Einführung der Abgeltungsteuer 2009 aber ohnehin noch weiter in den Hintergrund. 3647 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln Wirkungen der Subvention Der Großteil der privaten Haushalte (mehr als 80% in den Jahren 2003 und 2006) haben Kapitaleinkünfte unterhalb des aktuell geltenden Sparerfreibetrags (inkl. Werbungskostenpauschale) in Höhe von 801 und hier sind somit selbst nach den vergangenen Kürzungen vollständig von der Steuer befreit. Änderungen der Sparquote sind für diese Haushalte daher aufgrund der Kürzungen des Freibetrags in den Jahren 2004 und 2007 weder zu erwarten noch zu beobachten. Auch in höheren Geldvermögensklassen ist jedoch ein Zusammenhang zwischen den Kürzungen und der Sparquote nicht sichtbar. Den Förderzielen des Gesetzgebers (eigenverantwortliche Absicherung für Notlagen und Vorsorge für das Alter) messen auch die Sparer eine große Bedeutung bei, wichtigste Sparmotive sind die Altersvorsorge sowie das Sparen für unvorhergesehene Ereignisse. Weiterhin gelingt es über den Sparerfreibetrag, die Sparanstrengungen von Geringverdienern zu fördern: Kapitalerträge von Sparern aus niedrigen Einkommensklassen sind regulär voll von der Steuer befreit. 3 Schlussfolgerungen Kurzbewertung der Subvention Trotz der bleibenden Ungewissheit bezüglich zusätzlich generierter Ersparnis durch die Förderung stellt sich der Sparerfreibetrag als grundsätzlich geeignetes Instrument zur Förderung der privaten Ersparnis dar. Empfehlungen Wir empfehlen, die Steuervergünstigung unverändert beizubehalten. 3658 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Inhalt A. Die Aufgabe dieser Evaluierung B. Die Funktionsweise des Sparerfreibetrags C. Umfang der Subventionen C.1. C.2. Entwicklung des Sparerfreibetrags Die grundsätzliche Frage: In welchem Ausmaß kann der Sparerfreibetrag noch als Steuervergünstigung angesehen werden? D. Theoretische und empirische Grundlagen zum Sparverhalten E. Bewertung der Fördermaßnahme E.1. Gründe für staatliches Eingreifen E.1.1. Ökonomische Rechtfertigung für den Eingriff? E.1.2. Ziele des Sparerfreibetrags E.2. Instrumentelle Subventionskontrolle E.2.1. E.2.2. Eignung des Sparerfreibetrags zur Zielerreichung Sparerfreibetrag aus distributiver Sicht E.3. Wirkungsanalyse E.3.1. Betrachtung der Kapitaleinkünfte deutscher Haushalte E.3.2. Sparmotive E.3.3. Ersparnisförderung einkommensschwacher Haushalte F. Ergebnisse und Schlussfolgerungen G. Zitierte Literatur9 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Volumen des Sparerfreibetrags im Kontext der Spar- und Vermögenspolitik ( ) Abbildung 2: Lebenszyklusmodell Abbildung 3: Dynamische Inkonsistenz Abbildung 4: Intertemporale Konsumentscheidung bei Kürzung des Sparerfreibetrags Abbildung 5: Zins- und Dividendeneinnahmen von Ein-Personen-Haushalten 2003 und Abbildung 6: Sparquote nach Geldvermögensklassen - Medianbetrachtung verheirateter Haushalte Abbildung 7: Sparmotive in Deutschland Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Sparerfreibetrag bis 2008 / Sparer-Pauschbetrag ab Tabelle 2: Höhe des Sparerfreibeträge Tabelle 3: Steuersystematische Benchmarks verschiedener Einkünfte ab 2009 (einfache Darstellung) Tabelle 4: Tabelle 5: Wirkung der Konsumsteuer im Vergleich zur Einkommensteuer mit und ohne Sparerfreibetrag Vergleich von nach- und vorgelagerter Besteuerung mit/ohne Berücksichtigung des Sparerfreibetrags Tabelle 6: Ergebnisse empirischer Studien zur Zinselastizität der Ersparnis Tabelle 7: Durchschnittliche jährliche Kapitalerträge nach Einkommensklassen10 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag A. Die Aufgabe dieser Evaluierung Die Förderung von privater Ersparnis und Vermögensbildung hat in Deutschland eine lange Tradition. Die ersten steuerpolitischen Initiativen, um die Sparneigung der privaten Haushalte anzuregen und damit die Ungleichverteilung in der Vermögensbildung schrittweise abzumildern, lassen sich im Preußischen Einkommensteuergesetz von 1891 identifizieren; mit dem Einkommensteuergesetz des Reiches von 1934 wurden die Steuervergünstigungen für den privaten Wohnungsbau massiv ausgeweitet. 1 Auch das erste vermögenspolitische Instrument der jungen Bundesrepublik, das Wohnungsbau-Prämiengesetz von 1952, diente zugleich wohnungspolitischen Zwecken naheliegend in einer Zeit, die von großer Wohnungsnot nach Kriegszerstörungen und Flüchtlingszuströmen geprägt war. Die reine Sparförderung kam mit dem Spar-Prämiengesetz ( /82) und mit dem der Arbeitsnehmersparzulage (seit 1961). 2 Der 1975 eingeführte Sparerfreibetrag im Einkommensteuergesetz hat dann ein neue Qualität in die Sparpolitik gebracht, erstmals wurde eine Steuervergünstigung gewährt, die allen Steuerpflichtigen zugänglich ist, unabhängig von der Höhe ihres steuerpflichtigen Einkommens. Diese andere Qualität ist, wie noch deutlich werden wird, nicht unbedingt mit größerer Großzügigkeit des Staates gleichzusetzen, sondern vielmehr mit einer differenzierten Bewertung der Besteuerung von Sparerträgen generell. Doch auch unabhängig von steuersystematischen Fragen gibt es eine Reihe von Indizien dafür, dass private Haushalte im Schnitt suboptimal wenig sparen. Diese mangelhafte teleskopische Befähigung (Pigou, 1926) ist einer der wenigen Bereiche, in denen schon die traditionelle neoklassische Lehre immer eingestanden hat, dass das angenommene rationale Selbstinteresse der Individuen nicht ausreicht, um langfristig ausreichend für den gewünschten Zukunftskonsum vorzusorgen. Die Ersparnis hat nicht nur aus einzel-, sondern auch aus gesamtwirtschaftlicher Sicht hohe Bedeutung. Daher versuchen Regierungen weltweit Anreize zu setzen, um der im Vergleich zum Optimum zu geringen Ersparnis entgegenzuwirken. Die starke Heterogenität der Sparmotive privater Haushalte und die Vielzahl ökonomischer und psychologischer Faktoren, die das Sparverhalten beeinflussen, lassen allerdings eine umfassende ökonomische Erklärung des Sparverhaltens bislang nicht zu. Das führt im Umkehrschluss dazu, dass staatliche Förderungsprogramme zur Ersparnisbildung immer wieder kritisch hinterfragt und auf ihre Wirkung überprüft werden müssen. Die Sparförderung mit Hilfe des Sparerfreibetrags ist Gegenstand der vorliegenden Evaluierung. Wie auch die anderen Steuersubventionen im Gesamtprojekt Evaluierung der Steuervergünstigungen müssen für die im Zusammenhang mit dem Sparerfreibetrag gewährten, beträchtlichen Summen unter anderem folgende Fragen gestellt 1 Siehe Giloy (1992), S Zu deren Evaluierung siehe Bergs/Schaefer/Thöne (2008). 36811 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln werden: Ist die gewährte Subvention gerechtfertigt? Erreicht sie ihre Ziele und wie erreicht sie sie m.a.w. ist ihre Effektivität und ihre Effizienz gesichert? Wie bei jeder Evaluierung einer staatlichen Maßnahme gilt das zentrale Interesse bei den betrachteten Steuervergünstigungen dem Gegenwert, der für das Geld des Steuerzahlers in Form einer Transferwirkung erreicht wird. Dabei steht zunächst die Frage im Vordergrund, wessen Gegenwert betrachtet wird. Daraus leiten sich wiederum die Erfolgsmaßstäbe ab. Natürlich kann der finanzielle Wert einer Subvention für den Empfänger hier nicht herangezogen werden. Der höchste Maßstab für jedwede Bewertung einer Steuersubvention ist das Interesse der Allgemeinheit. Das Allgemeininteresse kann, muss aber nicht zwingend mit dem gesetzlichen Zweck einer Steuervergünstigung zusammenfallen. Viele Subventionen mögen das effektivste und effizienteste Instrument sein, dem Gemeinwohl mit einem bestimmten Zweck zu dienen. Der schlechte Ruf von Subventionen rührt aber daher, dass sie erwiesenermaßen auch sehr gut geeignet sein können, Partikularinteressen zu bedienen. Daraus folgt, dass die politischen Ziele einer spezifischen Steuervergünstigung, wie sie vom Gesetzgeber definiert werden, nicht immer als letztgültige Maßstäbe angesehen werden können. Selbstverständlich sind die vom Gesetzgeber angestrebten Ziele für die Evaluierung zentral. Sie dienen als erste, in vielen Fällen wichtigste, aber eben nicht zwingend als finale Richtschnur für die Evaluierung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegenwerts der Steuersubventionen. Im Ergebnis nutzen wir einen dreistufigen Maßstab: Als erstes untersuchen wir, ob die betrachtete Steuervergünstigung ihre eigenen gesetzlichen Zwecke erreicht. Zweitens soll abgeschätzt werden, ob sie mit den Subventionspolitischen Leitlinien der Bundesregierung vom März 2006 konform geht. 3 Diese Selbstbindung der Bundesregierung stellt zusätzliche Anforderungen an vertretbare Subventionen. Steuervergünstigungen werden hier besonders kritisch gesehen. Drittens wird jede Steuersubvention im Hinblick auf das Allgemeininteresse untersucht. Naturgemäß ist das keine einfache Aufgabe, denn Gemeinwohl und öffentliche Wohlfahrt sind schwer fassbare Konzepte. Alle Versuche, diese Idealtypen zu operationalisieren, sind zwangsläufig zu einem gewissen Grad werturteilsbehaftet. Dieses potentielle Problem dämmen wir ein, indem wir einfache und praxisnahe Prinzipien ökonomischer Effizienz sowie horizontaler und vertikaler Gerechtigkeit umsetzen. Zudem legen wir in diesen Fragen Wert auf hohe Transparenz, so dass genutzte Ermessensspielräume offen gelegt werden. Diese drei Analyseebenen müssen nicht zwangsläufig verschiedene Ergebnisse liefern. Auch werden wir uns im Folgenden nicht immer explizit auf jede einzelne beziehen. Die Unterschiede werden hauptsächlich dann relevant werden, wenn das Erreichen der Subventionsziele des Gesetzgebers allein nicht als Maßstab zur Bewertung ausreichen kann. 3 Siehe 21. Subventionsbericht (2007), S12 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Die Evaluierung des Sparerfreibetrags erfolgt nach dem gemeinsamen Analyserahmen des gesamten Projekts. Im Abschnitt B wird die Funktionsweise des Sparerfreibetrags erklärt. Der darauf folgende Abschnitt diskutiert kurz den Umfang der Förderung (Kapitel C). Kapitel D gibt einen Literaturüberblick zum Thema Sparforschung. Hier gehen wir einerseits auf die klassische ökonomische Spartheorie (Lebenszyklushypothese) sowie andererseits auf modernere behavioristische Ansätze ein. Außerdem erfolgt hier ein Überblick über Ergebnisse empirischer Studien zum Thema Zinselastizität der Ersparnis. Kapitel E umfasst die eigentliche Evaluierung der Steuervergünstigung. Zunächst prüfen wir die Subvention hinsichtlich ihrer ökonomischen Rechtfertigung und zeigen die offiziellen Zielsetzungen der Maßnahme auf, die im Rahmen der instrumentellen Subventionskontrolle und der Wirkungsanalyse als Bewertungsgrundlagen dienen. Die instrumentelle Subventionskontrolle prüft, inwieweit das Instrument des Sparerfreibetrags der Erreichung der vom Gesetzgeber angestrebten Ziele dienlich ist. Außerdem werden die distributiven Eigenschaften des Instruments beleuchtet. Schließlich werden in der Wirkungsanalyse Erkenntnisse aus empirischen Erhebungen zum Sparverhalten und der Ersparnisbildung zusammengetragen. Insbesondere gehen wir der Frage nach, in welcher Höhe überhaupt Ersparnisse bzw. Kapitalerträge generiert werden und welcher Anteil sowie welche Einkommensklassen durch die Nutzung des Sparerfreibetrags weitgehend oder vollständig von der Kapitalertragsteuer befreit werden. B. Die Funktionsweise des Sparerfreibetrags Der Sparerfreibetrag ( 20 EStG) ist ein Freibetrag auf Kapitalerträge (Dividenden und Zinserträge), der 1975 im Rahmen des Gesetzes zur Reform der Einkommensteuer, des Familienlastenausgleiches und der Sparförderung in Kraft gesetzt wurde (BGBl. 1974, S. 1775). Der Sparerfreibetrag beträgt derzeit 750, zudem steht jeder veranlagten Person eine Werbungskostenpauschale von 51 zu. Bei gemeinsam veranlagten Ehepaaren verdoppelt sich der Freibetrag inklusive Werbungskostenpauschale auf insgesamt Auch Kinder mit eigenen Kapitaleinkünften haben auf Antrag Anspruch auf separate Sparerfreibeträge. Ab 2009 werden Sparerfreibetrag und Werbungskostenpauschale vom so genannten Sparer-Pauschbetrag in Höhe von 801 abgelöst. Obwohl der Gesamtbetrag konstant bleibt, ergeben sich für die Anleger ab 2009 einige Änderungen. So sind Werbungskosten ab dem pauschal im Sparer-Pauschbetrag enthalten, das heißt, tatsächlich angefallene Werbungskosten können nicht mehr wie bislang gegenüber dem Finanzamt geltend gemacht werden. Ebenso gilt ab 2009 ein Abzugsverbot von Fremdfinanzierungskosten für den Kauf von Wertpapieren. Wichtigste Änderung für den Freibetrag ist aber die Einführung der Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge, da sich hierdurch seine Bemessungsgrundlage verbreitert: Der Sparer-Pauschbetrag wird zusätzlich zu Erträgen aus Dividenden und Zinsen auch Kursgewinne und sonstige Vermögensmehrungen 37013 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln im Kapitalbereich berücksichtigen. Zudem werden durch die Abschaffung des Halbeinkünfteverfahrens Steuern auf die gesamten erzielten Dividenden und Kursgewinne erhoben und nicht wie bislang nur auf die Hälfte. Auch der Freibetrag für Kursgewinne aus Aktien und Wertpapieren in Höhe von 512 entfällt. Tabelle 1: Sparerfreibetrag bis 2008 / Sparer-Pauschbetrag ab 2009 Freibeträge pro Person Bis Ab Sparerfreibetrag für Zinsen und Dividenden 750 Werbungskostenpauschale 51 Freibetrag für Kursgewinne aus Aktien und Wertpapieren 512 Sparer-Pauschbetrag für Zinsen, Dividenden und Veräußerungsgewinne 801 Summe aller Freibeträge Der Sparerfreibetrag wird automatisch am Ende jedes Jahres vom Finanzamt im Rahmen der Steuerveranlagung gewährt, im Laufe des Kalenderjahres zu viel abgeführte Steuern werden erstattet. Um die nachträgliche Rückerstattung zu vermeiden, besteht für den Sparer alternativ die Möglichkeit, einen Freistellungsauftrag einzurichten. Mit dem Freistellungsauftrag erteilt der Sparer seinem Kreditinstitut den Auftrag, die anfallenden Kapitalerträge vom Steuerabzug freizustellen und/oder bei Dividenden und ähnlichen Kapitalerträgen die Erstattung von Kapitalertragsteuer beim Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) zu beantragen. Wird kein Freistellungsantrag gestellt, führt die Bank derzeit (bis einschließlich 2008) noch für alle Zinserträge eine 30%-ige Zinsabschlagsteuer (plus 5,5% Solidarzuschlag) ab. Diese ist nur als Vorauszahlung zu sehen; Kapitalerträge müssen am Jahresende individuell in der Einkommensteuererklärung veranlagt werden, bereits abgeführte Steuern werden dann mit der Einkommensteuer verrechnet. An Stelle der Zinsabschlagsteuer werden ab 2009 automatisch für alle Kapitalerträge 25% Abgeltungsteuer (zuzüglich Solidarzuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer) erhoben und direkt von der Bank an das Finanzamt überwiesen, der Anleger erhält eine entsprechende Bescheinigung über die gezahlten Steuern. Das noch bestehende System der Besteuerung von Kapitaleinkünften über die individuelle Einkommensteuer wird damit größtenteils aufgehoben. Nur Personen, deren persönlicher Einkommensteuersatz unterhalb der Abgeltungsteuer liegt, werden die zuviel bezahlten Steuern im Rahmen der Einkommensteuerveranlagung zurückfordern können. Hierfür wird der Sparer mit Hilfe einer von der Bank ausgestellten Steuerbescheinigung gegenüber dem Finanzamt die Höhe der bereits geleisteten Abgeltungsteuer nachweisen müssen. Das 37114 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Finanzamt wird daraufhin eine Günstigerprüfung durchführen und zuviel bezahlte Steuern zurück erstatten. Gemeinsam veranlagte Eheleute müssen den Freistellungsauftrag gemeinsam erteilen. Auch Kinder haben Anspruch auf einen gesonderten Freistellungsauftrag, dieser wird nicht mit dem der Eltern verrechnet und muss gesondert erteilt werden. Ein Freistellungsauftrag darf nicht erteilt werden für: Tafelgeschäfte, Treuhandkonten (z.b. Mietkautionskonten), Gemeinschaftskonten (z.b. bei Sportvereinen) und betriebliche Kapitalerträge. Der Sparerfreibetrag kann auf mehrere Kreditinstitute verteilt werden. Die Höhe des Betrages setzt der Antragssteller selbst fest, wobei er versichern muss, dass die gesetzliche Höchstgrenze nicht überschritten wird. Die optimale Ausnutzung und Ausgestaltung des Freibetrages ist somit Aufgabe des Anlegers. Auch die Überwachung obliegt dem Anleger selbst. Hat der Steuerpflichtige keinen oder einen zu niedrigen Freistellungsauftrag erteilt, so kann er die zu viel abgeführten Steuern im Rahmen seiner Einkommensteuererklärung zurückfordern. Personen, die voraussichtlich keine Einkommensteuer zahlen müssen, da ihre Einkünfte unter dem Grundfreibetrag von 7664 liegen, können sich über den Sparerfreibetrag hinaus vollständig von einem Steuerabzug befreien lassen. Dafür müssen sie dem Kreditinstitut eine Nichtveranlagungsbescheinigung vorlegen. Betroffen sind zumeist Kinder, Studenten, Teilzeitbeschäftigte und (noch) Rentner. Die NV-Bescheinigung wird vom Finanzamt erteilt und hat eine Gültigkeit von drei Jahren. Zu beachten ist, dass die NV-Bescheinigung keine generelle Befreiung von der Steuerpflicht darstellt. Die Nichtveranlagungsbescheinigung bleibt auch bei der Einführung des Sparer-Pauschbetrag es und der Abgeltungsteuer ab 2009 in Kraft. In 45 d EStG wird die Datenübermittlung der im Rahmen eines Freistellungsauftrages vom Steuerabzug freigestellten Kapitalerträge an das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt) geregelt. Kreditinstitute und Unternehmen, die zum Steuerabzug verpflichtet sind oder die Erstattung von Kapitalertragsteuern beantragen können, müssen bis zum 31. Mai des Folgejahres die tatsächlich freigestellten Kapitalerträge an das BZSt melden. 45 d EStG wurde mit dem Zinsabschlagsgesetz vom in das Einkommensteuergesetz aufgenommen, um den Missbrauch des Freistellungsauftragvolumens zu verhindern. 37215 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln C. Umfang der Subventionen C.1. Entwicklung des Sparerfreibetrags Mit dem Gesetz zur Reform der Einkommensteuer, des Familienlastenausgleichs und der Sparförderung vom wurde zu Beginn des Folgejahres der Sparerfreibetrag in Höhe von 300 DM (bzw. 600 DM für Verheiratete) unter dem Namen Grundsparförderung eingeführt. In den darauf folgenden zwei Jahrzehnten wurde die Höhe des Freibetrags wiederholt angehoben, im Jahr 1993 im Rahmen einer umfassenden Neuregelung der Besteuerung der Kapitaleinkünfte (Einführung einer Quellensteuer auf Kapitalerträge) sogar verzehnfacht. Seitdem wurde der Freibetrag jedoch stetig wieder gekürzt und liegt seit 2007 bei 750 (bzw für Verheiratete). Tabelle 2: Höhe des Sparerfreibeträge Alleinstehende Verheiratete DM 600 DM DM DM DM DM DM bzw DM bzw Seit Das finanzielle Volumen des Sparerfreibetrags im Subventionsbericht der Bundesregierung wird nach Angaben des Bundesministeriums der Finanzen heute mit Hilfe eines Mikrosimulationsmodells geschätzt. Für die Jahre 2007 und 2008 beträgt das derart geschätzte Volumen gut eine Milliarde Euro (vgl. Abbildung 1), die gemäß der vertikalen Steueranteile zu je 42,5% auf Bund und Länder und zu 15% auf die Gemeinden verteilt werden. Die nachstehende Abbildung 1 illustriert die Entwicklung der Volumenschätzungen des Sparerfreibetrags der vergangenen zehn Jahre und stellt sie den sonstigen fiskalischen Instrumenten der Vermögenspolitik gegenüber. Wie deutlich wird, ist die relative Bedeutung des Sparerfreibetrags in dieser Zeit deutlich gesunken. Aktuell aber behauptet sich der Freibetrag (noch) als das fiskalisch umfangreichste Instrument. 37316 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Sparerfreibetrag Förderung der kapitalgedeckten Altersvorsorge Arbeitnehmersparzulage (ANSpZ) Steuerbefreiung bei Überlassung von Vermögensbeteiligungen Wohnungsbauprämiengesetz (WoPG) Euro (Mio.) Quelle: BMF, eigene Berechnungen. Abbildung 1: Volumen des Sparerfreibetrags im Kontext der Spar- und Vermögenspolitik ( ) Die Qualität der aktuellen Schätzung für den Sparerfreibetrag kann nicht direkt bewertet werden, da das genutzte Mikrosimulationsmodell bis dato in der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit nicht diskutiert und mit den dort genutzten Modellen gebenchmarkt werden kann. Wie bei so manchen der evaluierten Steuervergünstigungen ist hier die Transparenz und öffentliche Überprüfbarkeit deutlich verbesserbar. Bei einer indirekten Überprüfung stößt man bei den aktuellen Zahlen auf ein Hindernis: Da der Freibetrag in jüngerer Vergangenheit mehrfach verändert wurde, kann ein normales Einkommensteuer-Mikrosimulationsmodell derzeit die Steuerausfälle für die Jahre ab 2004 nicht korrekt schätzen. Um dies zu illustrieren, wurde mit dem hauseigenen Steuer-Transfer-Mikrosimulationsmodell FiFoSiM für das Jahr 2007 das Volumen des Sparerfreibetrags berechnet. Dem Modell liegt die zehnprozentige Stichprobe der Lohn- und Einkommensteuerstatistik von 2001 (FAST2001) zugrunde, der aktuelle State of the Art aller anspruchsvollen Mikrosimulationsmodelle. Da der 2001 gültige Freibetrag in Höhe von deutlich war als der für 2007 (750 ) anzuwendende Freibetrag, fehlen Angaben zu Kapitaleinkünften in dem Bereich dazwischen: Im Jahr 2001 nicht steuerpflichtige Kapitaleinkommen wurden nicht angegeben und können so nicht in die fortgeschriebene Simulation für 2007 einfließen. Die Berechnungen mit FiFoSiM gelangen zu einem Volumen von 1,311 Mrd. Euro für 2007 (ohne Werbungskostenpauschale und ohne Solidaritätszuschlag). Die effektiven fiskalischen Kosten des Sparerfreibetrags müssen allerdings höher geschätzt werden, da in den Steuererklärungen und damit in den FAST-Mikrodaten die Kapitaleinkünfte unter der 37417 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln jeweiligen Freibetragsgrenze nicht erfasst werden. Wegen der beschriebenen aktuellen Datensituation kann man derzeit drei Gruppen von potenziell Steuerpflichtigen unterscheiden (Auf die Erwähnung, dass für gemeinsam veranlagte Ehepaare jeweils die doppelten Freibeträge zu veranschlagen sind, wird der Übersichtlichkeit wegen verzichtet.): Die Kapitaleinkünfte von Steuerpflichtigen mit Kapitaleinkünften von oder mehr sind komplett erfasst, d.h. vom ersten Euro an. In der Mikrosimulation wurde für diese Kapitaleinkünfte der neue Freibetrag von 750 modelliert. Das Volumen dieses Teils der Steuervergünstigung bzw. das Mehraufkommen bei Abschaffung sind die oben beschriebenen 1,311 Mrd. Euro. Die Kapitaleinkünfte von Steuerpflichtigen mit Kapitaleinkünften von 750 bis sind in der FAST2001-Datengrundlage nicht erfasst, da sie 2001 nicht steuerpflichtig waren. Die Fortschreibung der FAST2001-Daten auf 2007 kann diese Lücke nicht füllen. Für die 750 überschreitenden Einkünfte wird Einkommensteuer entrichtet; im Bereich darunter liegt der Sparerfreibetrag dieser Einkunftsklasse, der in der obigen Ziffer nicht erfasst ist. Die Kapitaleinkünfte von Steuerpflichtigen mit Kapitaleinkünften von 0 bis 750 sind nicht erfasst, da sie faktisch nicht steuerpflichtig sind (und dies größtenteils nie waren). Die betroffenen Steuerpflichtigen zahlen aufgrund des Sparerfreibetrags keine Einkommensteuer auf ihre Sparerträge. Von diesen drei unterschiedlichen Gruppen sind lediglich die Kapitaleinkünfte der ersten Gruppe erfasst, deren Ersparnisse über Euro liegen. Aus diesem Grund ist die Ziffer von Mio. Euro zu niedrig, das Volumen der Einnahmeneinbuße aufgrund des Sparerfreibetrags müsste höher liegen. Dieses Problem könnte nur mit einer ökonometrischen Schätzung der fehlenden Kapitaleinkünfte auf Basis sozioökonomischer Variablen behoben werden. Bönke, Neher und Schröder (2007) setzen hier an. Da sie aber FAST98-Daten nutzen, können ihre Ergebnisse für die Korrektur der obigen Daten nicht herangezogen werden. Die beste, aber recht aufwendige Möglichkeit, dem Problem der fehlenden Angaben in den FAST-Daten entgegenzuwirken, wäre deren Verknüpfung mit den Daten des Sozioökonomischen Panels, sprich die Integration der Angaben zu Kapitaleinkünften aus dem SOEP in das Mikrosimulationsmodell. 4 Derartige Berechnungen wurden bis dato von Niemandem durchgeführt. Wenn der bestmögliche Lösungsweg nicht gangbar ist, muss man eine Hilfslösung anstreben. Wie in den Berechnungen für den Subventionsbericht mit diesem Problem umgegangen wurde, ist ganz klar. Soweit uns bekannt, wurden der Einnahmenausfall hilfsweise unter anderem durch Rückgriff auf ältere, der Wissenschaft aus Datenschutzgründen nicht zugängliche Daten mikroanalytisch geschätzt. Wir gehen einen einfachen, alternativen Schätzweg: Für das Jahr 2006 seinerzeit betrug der Sparerfreibetrag (Verheiratete ) wurde nach Angaben des 4 Es soll nicht verschwiegen werden, dass solche Matching-Verfahren aus Datenschutzgründen nur unter genau kontrollierten Bedingungen durchgeführt werden können. 37518 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag BMF für die Bund-Länder-Schätzungen angenommen, dass die Untererfassung bei gänzlich befreiten Kapitaleinkünften durch einen 25-Prozent-Aufschlag auf die Schätzung ausgeglichen werden können. Diesen Wert übernehmen wir: Da aufgrund der geschilderten Datenlücken die komplett unter (3.100 ) liegenden Kapitaleinkünfte gesucht werden, folgt die Übernahme des 25%-Schätzers dem Vorsichtsprinzip und ist als entsprechend konservativ zu betrachten. Nimmt man diesen Schätzer zu Hilfe und wendet ihn auf die FiFoSim-Kalkulation an, so kommt man entsprechend zu der Schlussfolgerung, dass der Sparerfreibetrag im Jahr 2007 zu Steuerausfällen von rund 1,64 Mrd. Euro geführt hat. C.2. Die grundsätzliche Frage: In welchem Ausmaß kann der Sparerfreibetrag noch als Steuervergünstigung angesehen werden? Steuervergünstigungen sind immer die sprichwörtliche Ausnahme von der Regel. Meistens ist diese Regel einfach und eindeutig zu erkennen. Im vorliegenden Fall ist das jedoch nicht so. Wie schon bei der Förderung der Riester-Rente ist auch für das Verständnis des Sparerfreibetrags von großer Bedeutung, welches Steuersystem als Referenzsystem dient. Diese Frage betrifft den Kern der vorliegenden Betrachtung: In welchem Ausmaß kann der Sparerfreibetrag noch als Steuervergünstigung angesehen werden? Die gesetzgeberische Weiterentwicklung der deutschen Einkommensteuer in der vergangenen Dekade lassen es nicht mehr zu, diese Frage einfach und eindeutig zu beantworten. Denn um Steuervergünstigungen als Ausnahme von der Regel identifizieren zu können, bedarf es einer eindeutigen und verständlichen Regel. 5 Traditionell gilt die Reinvermögenszugangstheorie (SHS-Einkommen 6 ) bzw. deren pragmatisch abgemildertes Pendant, die Markteinkommenstheorie als maßgebend für die Einkommensarten, die in einer umfassenden und synthetischen Einkommensteuer erfasst werden sollten. Einkommensbestandteile, die hier gar nicht, nur ermäßigt und/oder nur wesentlich verzögert besteuert werden, können als steuerlich begünstigt angesehen werden. Aus dieser Perspektive ist der Sparerfreibetrag eindeutig als Steuervergünstigung zu verstehen, da eigentlich zu versteuernde Kapitalerträge bis zu einer gewissen Höhe von der Steuer befreit werden. Auf der anderen Seite erfolgt die Besteuerung der Ersparnis im Bereich der Altersvorsorge (konkret Leibrenten und andere Leistungen, die aus den gesetzlichen Rentenversicherungen, den landwirtschaftlichen Alterskassen, den berufsständischen Versorgungseinrichtungen und aus Rentenversicherungen im Sinne des 10 Abs. 1 Nr. 2 Buchstabe b EStG) mittlerweile nicht mehr nach dem klassischen SHS-System sondern 5 Vgl. dazu den Evaluationsbericht zur Förderung der Riester-Rente. 6 Der umfassende Einkommensbegriff wird nach seinen drei geistigen Vätern Georg von Schanz, Robert M. Haig und Henry C. Simons als SHS-Einkommen bezeichnet. 37619 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln nachgelagert und somit konsumorientiert. In der nachgelagerten Besteuerung werden die Einkommensanteile, die dieser Art von Altersvorsorge zugeführt werden, nicht zum Zeitpunkt des Vermögenszugangs vorgelagert besteuert, sondern erst, wenn das tatsächliche oder im Falle der gesetzlichen Rentenversicherung unterstellte Vorsorgevermögen über eine Leibrente aufgelöst wird. Das Konsumsteuersystem als Referenzszenario heranzuziehen, erscheint im vorliegenden Fall nicht sehr nahe liegend, da dieses System bislang lediglich in der Besteuerung der Altersrenten Anwendung findet. 7 Dennoch gibt das in doppelter Hinsicht schedulare Steuersystem (vor-/nachgelagerte Besteuerung sowie Teilung im Steuertarif über die Einführung der Abgeltungsteuer) auch hinsichtlich der Bewertung des Sparerfreibetrags Anlass, sich die unterschiedlichen bestehenden Benchmarks für verschiedene Einkünfte vor Augen zu führen (s. Tabelle 3). Wir kennzeichnen hier den Bereich des Sparer-Pauschbetrag s seiner Wirkung nach. Normativ kann der Pauschbetrag, wie gesagt, aber ebensogut als Steuervergünstigung im SHS-System gelten. Tabelle 3: Steuersystematische Benchmarks verschiedener Einkünfte ab 2009 (einfache Darstellung) Dass der Sparerfreibetrag wie ein Element der Konsumsteuer wirkt, obwohl die Besteuerung der Ersparnis nicht zum Zeitpunkt des Konsums, also nachgelagert, erfolgt, kann anhand eines einfachen Beispiels dargestellt werden. Die Konsumsteuer lässt sich nach Rose (1997) mittels zweier einfacher Verfahren umsetzen: Die sparbereinigte 7 Ein Kronzeuge für diese Perspektive ist das IfW in Kiel. Das Institut für Weltwirtschaft ist bekannt dafür, nahezu alle öffentlichen Transfers in seinen Subventionsbegriff zu integrieren, selbst innerstaatliche Zuweisungen des kommunalen Finanzausgleichs. Den Sparerfreibetrag jedoch bewertet das IfW vor dem Referenzsystem einer konsumorientierten Besteuerung und erkennt ihn nicht als Steuervergünstigung an, da er die relativen Preise nicht verzerre, sondern vielmehr die bestehende Verzerrung zwischen Gegenwarts- und Zukunftskonsum aufhebe. 37720 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Einkommensteuer lässt Einkommen, welches zu Sparzwecken genutzt wird, bis zum Zeitpunkt der Auflösung der Ersparnis (t1) gänzlich unbesteuert. Zum Zeitpunkt des Konsums (t1) wird dann die gesamte Ersparnis inklusive der Zinserträge mit dem persönlichen Einkommensteuersatz belastet (Beispiel: Riester-Rente). Ein zweites Verfahren stellt die zinsbereinigte Einkommensteuer dar, nach der das zu Sparzwecken verwendete Einkommen zum Zeitpunkt der Anlage (t0) mit dem persönlichen Einkommensteuersatz belastet wird. Die Zinsen, die bis zum Zeitpunkt der Auflösung der Ersparnis erwirtschaftet werden, bleiben unbesteuert (Beispiel: Kapitalerträge unterhalb des Sparerfreibetrags). Damit wird Einkommen im Rahmen der spar- und zinsbereinigten Einkommensteuer jeweils genau einmal belastet, beide Verfahren führen zu identischen Steuerzahlungen (unter der Annahme, dass sich der persönliche Grenzsteuersatz zu den verschiedenen Zeitpunkten t=0 und t=1 nicht unterscheidet). Auch aus fiskalischer Sicht sind die Barwerte beider Steueraufkommen äquivalent, wenn die durchschnittlichen Kapitalerträge ungefähr dem Durchschnittszins der Staatsschuld entsprechen. Die traditionelle SHS-Einkommensbesteuerung belastet die Ersparnis hingegen zum Zeitpunkt der Aufnahme (t0) mit dem persönlichen Einkommensteuersatz, es wird aus versteuertem Einkommen gespart. Zusätzlich werden die hieraus erwirtschafteten Zinserträge ein zweites Mal besteuert (ab 2009 im Rahmen der Abgeltungsteuer). Im Zahlenbeispiel wird der ab 2009 geltende Sparer-Pauschbetrag von 801 Euro pro Person und Jahr angenommen (entspricht der Summe aus Sparerfreibetrag von 750 Euro plus Werbekostenpauschale in Höhe von 51 Euro). Für den Fall, dass die Zinserträge der Ersparnis nicht höher als 801 Euro sind, bleiben sie gänzlich unbesteuert. Die Besteuerung erfolgt dann äquivalent zur zinsbereinigten Einkommensteuer und der verfügbare Konsum in Periode t1 entspricht dem der Konsumbesteuerung (siehe Tabelle 4). Übersteigen die Zinserträge jedoch den Sparer-Pauschbetrag, so wird der darüber hinausgehende Anteil mit der Abgeltungsteuer belastet. Der verfügbare Konsum in Periode t1 ist dementsprechend geringer als im Falle der Konsumbesteuerung, jedoch höher als im Falle der Einkommensbesteuerung ohne Freibetrag. Tabelle 4: Wirkung der Konsumsteuer im Vergleich zur Einkommensteuer mit und ohne Sparerfreibetrag 37821 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln Mit Blick auf einen sehr langen Zeithorizont soll nun das System der traditionellen Einkommensbesteuerung, je einmal mit und ohne Sparerfreibetrag, dem reinen Konsumsteuersystem in Form der nachgelagerten Besteuerung (sparbereinigte Einkommensteuer) gegenübergestellt werden. 8 Bei einem gleich bleibenden jährlichen Sparbetrag wird gezeigt, wie sich das Vermögen zweier Steuerzahler (je einer aus einer niedrigen Einkommensklasse mit einem Grenzsteuersatz von 25% und einer mit höherem Einkommen und persönlichem Grenzsteuersatz von 40%) in 30 Jahren entwickelt. Für das herkömmliche Sparen berücksichtigen wir bereits die ab 2009 geltende Abgeltungsteuer in einem Falle unter Berücksichtigung des Sparerfreibetrags (bzw. Sparer- Pauschbetrag s) im andern Fall ab dem ersten Euro. Weiterhin gehen wir von über die gesamte Laufzeit gleich bleibenden Grenzsteuersätzen der Beispielpersonen aus und nehmen eine jährliche Verzinsung von nominal 5% an (Tabelle 5). Tabelle 5: Vergleich von nach- und vorgelagerter Besteuerung mit/ohne Berücksichtigung des Sparerfreibetrags Mit dem Beispiel in Tabelle 5 wird dargelegt, dass die nachgelagerte Besteuerung gerade in der langen Frist wenn der Zinseszins-Vorteil voll zum Tragen kommt signifikant vorteilhaft gegenüber der traditionellen, vorgelagerten Besteuerung ist. 8 Vgl. Jung/Thöne (2008), Tab22 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Insbesondere wird aber auch deutlich, wie stark der Sparerfrei- bzw. pauschbetrag schon in Richtung einer Konsumbesteuerung wirkt. In einer derart langen Frist, in der die Ersparnis der betrachten Haushalte trotz Freibetrag irgendwann Abgeltungsteuer generiert, wird die Konsum-Spar-Verzerrung, welche die traditionelle SHS-Einkommensbesteuerung bewirkt, durch den Freibetrag im breiten Spektrum der dargestellten Beispiele immerhin zwischen 40 und 50% gemildert. D. Theoretische und empirische Grundlagen zum Sparverhalten Jede Politik, die mit finanziellen Anreizen das Sparverhalten der privaten Haushalte beeinflussen soll, kann nur evaluiert werden, wenn man eine Vorstellung hat, welche Faktoren das Sparen fundamental steuern. M.a.W. es muss klar sein, ob und wie die Haushalte auf preisliche Anreize reagieren. Dies ist eine in vielen Bereichen staatlicher Interventionspolitik etablierte und auch gut belegte Ausgangshypothese. Ausgerechnet das Sparverhalten der Menschen ist allerdings sehr viel schwieriger zu erklären; tatsächlich plagt sich die normative und empirische Ökonomik schon seit vielen Jahrzehnten mit dieser Frage. In der jüngeren Vergangenheit hat sich die Forschung allmählich damit abgefunden, dass es wohl nicht die eine Erklärung gibt, sondern dass sehr unterschiedliche Faktoren eine wichtige Rolle spielen können. 9 Grundsätzlich werden zur Beschreibung des Sparverhaltens von Ökonomen und Psychologen verschiedene Ansätze genutzt. Die wohl bekannteste ökonomische Theorie ist die Lebenszyklushypothese (Life-Cycle-Hypothesis LCH) von Nobelpreisträger Franco Modigliani (Modigliani/Brumberg, 1954), die in ähnlicher Form (permanente Einkommenshypothese) auch von Milton Friedman (1957) vertreten wurde. Grundannahme der Lebenszyklushypothese ist das rationale vorausschauende Handeln des Menschen. Sparen wird als Möglichkeit des Haushalts verstanden, sein gesamtes Lebenseinkommen so auf die einzelnen Jahre zu verteilen, dass ein Optimum erreicht wird, in dem aus gegenwärtiger Sicht der erwartete Grenznutzen des Konsums in jeder Periode der verbleibenden Lebenszeit übereinstimmt. Im Grundmodell von Modigliani/Brumberg bleiben die Präferenzen der Konsumenten im Lebensverlauf unverändert. Außerdem ist die Höhe des Arbeitseinkommens exogen und es gibt keine Restriktionen hinsichtlich der Kreditaufnahme. Es wird angenommen, dass Individuen in allen Etappen ihres Lebens ihr Konsumniveau konstant halten wollen das bedeutet, dass in Perioden, in denen wenig verdient wird, entspart wird (Kreditaufnahme oder Auflösen der Ersparnis), dafür in Verdienstperio- 9 It is unlikely that a single explanation will suffice for all members of a population at any given time or even for the same person over a long stretch of time. Browning/Lusardi (1996, S. 1797). 38023 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln den umso mehr gespart wird. Graphisch lässt sich das von der LCH prognostizierte Sparverhalten wie in Abbildung 2 darstellen. Abbildung 2: Lebenszyklusmodell Trotz aller Eleganz und Überzeugungskraft der Theorie vermag das Lebenszyklusmodell das reale Sparverhalten nicht zu beschreiben geschweige denn vorherzusagen. Eine der zentralen Aussagen der Lebenszyklushypothese, dass das Vermögen in der Rentenphase weitgehend aufgelöst wird, wird in der empirischen Literatur nicht bestätigt. Die Sparquote eines typischen Haushalts geht im Seniorenalter zwar zurück, vorhandenes Vermögen wird jedoch nicht aufgelöst (Lang, 1998, S. 228, 346). Auch mit Hilfe von Erweiterungen, welche das Vorhandensein von Kreditrestriktionen, das Vererbungsmotiv oder die Unsicherheit über den zukünftigen Einkommensverlauf berücksichtigen, kann die Realität mit dem Modell nicht zugenüge dargestellt werden (vgl. Börsch-Supan 1999). Die unbefriedigende Erklärungskraft der LCH-Hypothese führte in den letzten Jahrzehnten dazu, dass basierend auf empirischen psychologischen Beobachtungen die sog. Behavioral Economics mehr und mehr auch in der Sparforschung zur Anwendung kommen. Die Modellvorstellung, die Anlagepräferenzen privater Haushalte seien im Zeitablauf stabil und daher nicht erklärungsbedürftig, wird aufgegeben. Behavioral Economics liefert einige Erklärungen für wiederkehrende Verhaltensmuster bezüglich des Sparverhaltens, die nicht mit der LCH vereinbar sind. So zeigen länderübergreifende Studien, dass ein Großteil der privaten Haushalte nicht in ausreichendem Maß für das Alter vorsorgt (z.b. Lusardi 1999). 38124 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Ein wichtiger behavioristischer Ansatz geht auf Shefrin und Thaler (1988, 1992) zurück und stellt explizit eine Erweiterung der LCH dar, die BLCH: Behavioral Life Cycle Hypothesis. Dem klassischen Lebenszyklusmodell wurden drei pyschologische Komponenten hinzugefügt, die im Folgenden in Anlehnung an Wärneryd (1999) in knapper Form charakterisiert werden. a) Self-control : Durch ein duales Präferenzsystem des Entscheiders entsteht ein innerlicher Konflikt. Der doer tritt gegen den planner an (Thaler und Shefrin (1981): Kurzzeitige Präferenzen konfligieren mit Langzeitstrategien. b) Mental accounting Das Bilden mentaler Konten für verschiedene Einkommensarten. Ein einmaliger Bonus des Arbeitgebers wird anders verbucht als eine Gehaltserhöhung. Letztere würde dem Konto laufendes verfügbares Einkommen gutgeschrieben und die Wahrscheinlichkeit, dass das zusätzliche Einkommen für Konsum- und nicht für Sparzwecke ausgegeben wird, ist höher als im Falle einer Einmalzahlung. c) Unter framing versteht man das Phänomen, dass der Einzelne sich stark durch die Darstellungsform eines Entscheidungsproblems beeinflussen lässt. In Abhängigkeit der Darstellung bildet der Entscheider ein Referenzszenario, welches seine Wahl in Richtung des Referenzpunktes verzerrt. Insbesondere in komplexen Situationen ziehen Menschen zur Entscheidungshilfe Heuristiken heran, die ihnen als Daumenregeln dienen (Schunk und Winter 2004). Eine einfache Heuristik würde z.b. bei der Wahl zwischen verschiedenen Sparplänen die Standardversion wählen, insofern sie angeboten wird. Mit Blick auf diese (für den neoklassischen Ökonomen irrationalen) Verhaltensweisen kann man bezüglich sparpolitischer Maßnahmen beispielsweise ableiten, dass Sparvarianten, die durch externe Restriktionen die Selbstkontrolle erleichtern, für den Haushalt durchaus attraktiv erscheinen können. Diese Ansicht widerspricht jedoch der klassischen ökonomischen Auffassung, dass eine externe Reduzierung der Freiheitsund Entscheidungsgrade der Marktteilnehmer immer zu Nutzeneinbußen führt. Aus behavioristischer Sicht gibt es jedoch Hinweise, die zeigen, dass eine größtmögliche Entscheidungsfreiheit nicht grundsätzlich als positiv zu bewerten ist. So stiftet eine zu große Auswahl an Sparprodukten oft mehr Verwirrung als Nutzen. Die Informationshürden und die Schwierigkeit, die Vorteile der einen gegenüber der anderen Sparvariante zu erkennen, überfordern viele. So zeigen Sethi-Iyengar et al. (2004) z.b. das Arbeitnehmer, bei der Konfrontation mit einer großen Menge von Sparmöglichkeiten weniger an Altersvorsorgeplänen teilnehmen als bei geringerer Auswahl. Experimente bezüglich der intertemporalen Konsumentscheidung verdienen auch mit Blick auf die Bewertung des Zinssatzes seitens der Individuen Beachtung. Thaler (1992) fasst einige beobachtbare Irregularitäten zusammen. Von besonderem Interesse ist die Zinssatzbetrachtung ist, da die klassische Ökonomie hier im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen sehr präzise und überprüfbare Vorhersagen über das Verhalten der Markteilnehmer macht. Hiernach sollten zukünftige Geldzu- oder -abflüsse von rationalen Marktteilnehmern mit der marginalen Zinsrate nach Steuern diskontiert werden. 38225 Finanzwissenschaftliches Forschungsinstitut an der Universität zu Köln Zu beobachten ist in der Realität jedoch ein inkonsistentes Verhalten der Marktteilnehmer. Die Zeitinkonsistenz wird hier als eine Anormalität beschrieben, die insbesondere für die Frage nach der Sparförderung von Interesse ist: Angenommen ein Individuum kann sich einen von zwei Preisen aussuchen. Einen kleinen Preis S, den er zu einem Zeitpunkt t1 (z.b. in 4 Wochen) bekommt oder einen größeren Preis B zum späteren Zeitpunkt t2 (z.b. in 8 Wochen). Solange beide Zeitpunkte noch in relativ weiter Ferne sind, bevorzugt das Individuum den größeren Preis B (s. Abbildung 3). Je näher jedoch der Zeitpunkt t1 rückt, umso mehr steigt der Wert von S bis er irgendwann den Nutzen von B übersteigt. Das Überschneiden der beiden Kurven im Zeitpunkt t* zeigt, dass das Verhalten im Zeitablauf inkonsistent ist. Das Problem der Zeitinkonsistenz geht mit dem Thema der fehlenden Selbstkontrollmechanismen einher und wirft die Frage nach der Konsumentensouveränität auf: Wer ist dieser souveräne Konsument? Ist er der langfristig orientierte planner oder der kurzsichtig und eigennützig handelnde doer? Deutet ein geringes Sparvolumen tatsächlich auf fehlende Selbstdisziplin hin oder entspricht es doch genau den Präferenzen der Bürger? 10 Abbildung 3: Dynamische Inkonsistenz 10 Nicht haltbar scheint bezüglich dieser Diskussion insbesondere die Annahme der Homogenität der Marktteilnehmer. O Donoghue und Rabin (1999) geben diese Annahme auf und vertreten die Ansicht, dass ein Teil der Marktteilnehmer (die sophisticates ) ihre Schwächen hinsichtlich der fehlenden Selbstkontrolle kennt und antizipiert, während ein anderer Teil, die naives fälschlicherweise an die eigene Disziplin hinsichtlich zukünftigen Verhaltens glauben. Das Antizipieren des Verlusts der Selbstkontrolle kann bei den sophisticates das Verhalten so stark beeinflussen, dass der Effekt des Kontrollverlusts ins Gegenteilige gekehrt wird. Die sophisticates schaffen sich also eigenständig Mechanismen, um den Kontrollverlust zu vermeiden. 38326 Evaluierung von Steuervergünstigungen: Sparerfreibetrag Weltweit, und insbesondere in der US-amerikanischen Literatur, gibt es mittlerweile eine Fülle von empirischen Studien zu den Determinanten des Sparverhaltens. Diese Studien können an dieser Stelle nicht in extenso wiedergegeben werden, stattdessen werden wir einige zentrale Schwerpunkte und Ergebnisse tabellarisch darstellen. In der 1980er Jahren galt das Hauptaugenmerk der Zinselastizität des Sparens. Dieser Parameter ist zentral für Politikmaßnahmen, die Sparförderung über eine Verbesserung der nachsteuerlichen Rendite umsetzen sollen. Auch der Sparerfreibetrag fällt in diese Kategorie. Gylfason (1993) liefert eine Metastudie, in der die Ergebnisse empirischer Studien zur Zinselastizität der Ersparnis zusammengefasst werden. Etwa die Hälfte der Studien gelangt zu dem Ergebnis, dass zwischen Zinsen und Ersparnisbildung keine Korrelation besteht. Die übrigen Studien zeigen einen mal mehr, mal weniger starken positiven Einfluss der Zinsen auf die Ersparnis (Tabelle 6). Tabelle 6: Ergebnisse empirischer Studien zur Zinselastizität der Ersparnis Quelle: Gylfason (1993). Für Deutschland kommt eine Studie von Lang (1998) zu dem Schluss, dass eine Änderung des marginalen Steuersatzes und damit der Grenzbelastung steuerpflichtiger Kapitalerträge keinen signifikanten Einfluss auf die Höhe der Ersparnisbildung privater Haushalte hat. Demnach sieht er die Möglichkeiten der öffentlichen Hand, mit 384 Mehr anzeigen
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