Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/vermoegensschaden-und-das-darlehen-ohne-hinreichende-bonitaet-3106489
Timestamp: 2019-10-14 03:52:13
Document Index: 371694491

Matched Legal Cases: ['BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 263', '§ 263', '§ 263', 'BGH', 'BGH', '§ 263', 'BGH', 'BGH', '§ 263', '§ 263', 'BGH']

Ver­mö­gens­scha­den – und die Dar­le­hens­ver­mitt­lung mit geschön­ter Boni­tät | Rechtslupe
Ver­mö­gens­scha­den beim Betrug ist die Ver­mö­gens­min­de­rung infol­ge der Täu­schung, also der Unter­schied zwi­schen dem Wert des Ver­mö­gens vor und nach der täu­schungs­be­ding­ten Ver­mö­gens­ver­fü­gung.
Die Grund­sät­ze, die beim Betrug durch Abschluss eines Ver­trags gel­ten, nach denen für den Ver­mö­gens­ver­gleich maß­geb­lich auf den jewei­li­gen Wert der bei­der­sei­ti­gen Ver­trags­ver­pflich­tun­gen abzu­stel­len ist 1, sind bei Kre­dit­ver­trä­gen mit der Maß­ga­be zu berück­sich­ti­gen, dass durch die Aus­rei­chung des Dar­le­hens auf Sei­ten der Bank bereits ein Ver­mö­gens­ab­fluss in Höhe des Kre­dit­be­tra­ges ein­tritt.
Ob und in wel­chem Umfang dadurch ein Ver­mö­gens­scha­den ent­steht, ist durch einen Ver­gleich die­ses Betra­ges mit dem Wert des Rück­zah­lungs­an­spruchs des Dar­le­hens­gläu­bi­gers zu ermit­teln.
Die­ser wird – bei grund­sätz­lich gege­be­ner Zah­lungs­wil­lig­keit des Schuld­ners – maß­geb­lich durch des­sen Boni­tät und den Wert gege­be­nen­falls gestell­ter Sicher­hei­ten bestimmt. Ein etwai­ger Min­der­wert des Rück­zah­lungs­an­spruchs ist nach wirt­schaft­li­cher Betrach­tungs­wei­se zu ermit­teln 2 und nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 3 kon­kret fest­zu­stel­len und zu bezif­fern. Dabei kön­nen bank­üb­li­che Bewer­tungs­an­sät­ze für die Wert­be­rich­ti­gung Anwen­dung fin­den 4.
Sofern eine genaue wert­mä­ßi­ge Bezif­fe­rung des dem Getäusch­ten zuste­hen­den Gegen­an­spruchs nicht mög­lich ist, sind Min­dest­fest­stel­lun­gen zu tref­fen, um den täu­schungs­be­ding­ten Min­der­wert und den inso­fern ein­ge­tre­te­nen wirt­schaft­li­chen Scha­den unter Beach­tung des Zwei­fels­sat­zes zu schät­zen; nor­ma­ti­ve Gesichts­punk­te kön­nen bei der Bewer­tung von Schä­den berück­sich­tigt wer­den, sofern sie die gebo­te­ne wirt­schaft­li­che Betrach­tungs­wei­se nicht über­la­gern oder ver­drän­gen 5.
Auf der Grund­la­ge die­ser all­ge­mei­nen Grund­sät­ze ist wei­ter in den Blick zu neh­men, dass es sich bei der Dar­le­hens­ge­wäh­rung stets um ein Risi­ko­ge­schäft han­delt 6; das (Kre­dit)Risi­ko bedarf selb­stän­di­ger wirt­schaft­li­cher Bewer­tung 7.
Der betrugs­be­ding­te Ver­mö­gens­scha­den ist des­halb durch die Bewer­tung des täu­schungs­be­ding­ten Risi­ko­un­gleich­ge­wichts zu ermit­teln, für des­sen Berech­nung maß­geb­lich ist, ob und in wel­chem Umfang die das Dar­le­hen aus­rei­chen­de Bank ein höhe­res Aus­fall­ri­si­ko trifft, als es bestan­den hät­te, wenn die risi­ko­be­stim­men­den Fak­to­ren vom Täter zutref­fend ange­ge­ben wor­den wären 8.
In Fäl­len, in denen auf­grund der Gesamt­heit der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen evi­dent ist, dass dem Geschä­dig­ten schon im Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses ein bezif­fer­ba­rer Min­dest­scha­den ent­stan­den war, ver­mö­gen etwai­ge Män­gel der Scha­dens­be­zif­fe­rung allein den Rechts­fol­gen­aus­spruch zu berüh­ren 9.
So ver­hält es sich in den hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nem Fall eines "Kre­dit­ver­mitt­lers": In allen aus­ge­ur­teil­ten Fäl­len wur­den die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der Kre­dit­neh­mer in einem Maße posi­ti­ver dar­ge­stellt, als sie tat­säch­lich waren, dass sich das die Ban­ken tref­fen­de Risi­ko, die aus­ge­reich­ten Dar­le­hen nicht zurück­ge­zahlt zu bekom­men, gegen­über der Situa­ti­on, in der die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se zutref­fend ange­ge­ben wor­den wären, jeweils signi­fi­kant erhöh­te bzw. in den Fäl­len, in denen es beim Ver­such blieb, erhöht hät­te. Dar­in liegt in jedem Ein­zel­fall ein sicher bezif­fer­ba­rer Min­dest­scha­den.
Um den ein­fach­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Scha­dens­fest­stel­lung – und damit letzt­lich auch den ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Vor­ga­ben – zu genü­gen, bedarf es kei­nes für jeden Dar­le­hens­neh­mer vor­zu­neh­men­den Ein­zel­ver­gleichs in dem Sin­ne, dass jeweils das Aus­fall­ri­si­ko, das bestan­den hät­te, wenn die vor­ge­täusch­ten Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se zutref­fend gewe­sen wären, mit dem­je­ni­gen, das sich auf­grund der tat­säch­lich schlech­te­ren, im Ein­zel­nen zu ermit­teln­den Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se ergab, gegen­über­zu­stel­len war. Dies folgt schon dar­aus, dass das übli­che, jeder Dar­le­hens­hin­ga­be inne­woh­nen­de Risi­ko regel­mä­ßig in den Kon­di­tio­nen des jewei­li­gen Ver­tra­ges berück­sich­tigt wird; der Min­der­wert des unge­si­cher­ten Rück­zah­lungs­an­spruchs wird so durch den im jeweils ver­ein­bar­ten Zins­satz ent­hal­te­nen Risi­ko­zu­schlag aus­ge­gli­chen 10.
Ange­sichts des­sen begeg­net die Vor­ge­hens­wei­se, den Rück­zah­lungs­an­spruch bei einem nicht durch Täu­schung erschli­che­nen Kre­dit­ver­trag mit 100 % des aus­ge­reich­ten Dar­le­hens­be­tra­ges zu bewer­ten, kei­nen durch­grei­fen­den Beden­ken.
Die Bezif­fe­rung des Wer­tes des auf­grund der Täu­schung bei Ver­trags­schluss erlang­ten Rück­zah­lungs­an­spruchs mit ledig­lich 25 % des Nomi­nal­wer­tes erweist sich hier hin­ge­gen als zu pau­schal und des­we­gen als durch­grei­fend rechts­feh­ler­haft, wodurch die Ange­klag­ten auch beschwert sein kön­nen.
Aus den Bekun­dun­gen der Bank­mit­ar­bei­ter ergibt sich vor­lie­gend, dass die­se bzw. die von ihnen ver­tre­te­nen Ban­ken ihre jewei­li­gen For­de­run­gen nicht in jedem Ein­zel­fall bewer­te­ten. Es mag vor dem Hin­ter­grund, dass es sich bei den hier in Rede ste­hen­den Kon­su­men­ten­kre­di­ten um ein Mas­sen­ge­schäft han­delt, ban­ken­üb­li­chen Bewer­tungs­maß­stä­ben ent­spre­chen, die sich aus sol­chen Ver­trä­gen erge­ben­den Ansprü­che der­ge­stalt zu bestim­men, dass in den Fäl­len, in denen der Ver­trags­schluss und/​oder die Dar­le­hens­aus­rei­chung durch fal­sche Anga­ben des Dar­le­hens­neh­mers erschli­chen wur­den, gene­ra­li­sie­rend ent­we­der der Wert des Rück­zah­lungs­an­spru­ches mit einem bestimm­ten Pro­zent­satz oder aber umge­kehrt der Min­der­wert mit einem pro­zen­tua­len Anteil vom Nomi­nal­wert des Dar­le­hens­be­tra­ges ange­ge­ben wird.
Wenn auch – wie dar­ge­legt – sol­che Wert­an­sät­ze bei der Bestim­mung der Höhe des Ver­mö­gens­scha­dens Anwen­dung fin­den kön­nen und die Beach­tung der genann­ten Grund­sät­ze zur Scha­dens­er­mitt­lung – ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­sio­nen – die Tat­ge­rich­te nicht dazu zwingt, zur Bestim­mung des Min­der­werts eines auf einer Täu­schung beru­hen­den Rück­zah­lungs­an­spruchs stets ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten etwa eines Wirt­schafts­prü­fers ein­zu­ho­len, darf nicht aus dem Blick gera­ten, dass der jewei­li­ge Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de auf­wei­sen kann, die eine abwei­chen­de, für den jewei­li­gen Ange­klag­ten güns­ti­ge­re Beur­tei­lung zu recht­fer­ti­gen oder zumin­dest nahe­zu­le­gen ver­mö­gen 11.
Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. Novem­ber 2015 – 3 StR 247/​15
st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 18.07.1961 – 1 StR 606/​60, BGHSt 16, 220, 221; Urteil vom 20.02.1968 – 5 StR 694/​67, BGHSt 22, 88, 89; Beschlüs­se vom 18.02.1999 – 5 StR 193/​98, BGHSt 45, 1, 4; vom 13.11.2007 – 3 StR 462/​07, NStZ 2008, 96, 98; jeweils mwN[↩]
st. Rspr.; sie­he etwa BGH, Beschlüs­se vom 29.01.2013 – 2 StR 422/​12, NStZ 2013, 711, 712; vom 20.05.2014 – 4 StR 143/​14, wis­tra 2014, 349, 350; jeweils mwN[↩]
Beschlüs­se vom 23.06.2010 – 2 BvR 2559/​09 u.a., BVerfGE 126, 170, 229; vom 07.12 2011 – 2 BvR 2500/​09 u.a., BVerfGE 130, 1, 47 f.[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 13.04.2012 – 5 StR 442/​11, BGHR StGB § 263 Abs. 1 Ver­mö­gens­scha­den 76 mwN; vom 04.02.2014 – 3 StR 347/​13, NStZ 2014, 457, 458[↩]
BVerfG, Beschluss vom 07.12 2011 – 2 BvR 2500/​09 u.a., BVerfGE 130, 1, 48[↩]
Münch­Komm-StG­B/He­fen­dehl, 2. Aufl., § 263 Rn. 631 mwN[↩]
LK/​Tiedemann, StGB, 12. Aufl., § 263 Rn. 212[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 13.04.2012 – 5 StR 442/​11, BGHR StGB § 263 Abs. 1 Ver­mö­gens­scha­den 76 mwN; vom 04.02.2014 – 3 StR 347/​13, NStZ 2014, 457[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 04.02.2014 – 3 StR 347/​13, NStZ 2014, 457 mit krit. Anm. Becker, NStZ 2014, 458; vgl. inso­weit auch BVerfG, Beschluss vom 07.12 2011 – 2 BvR 2500/​09 u.a., BVerfGE 130, 1, 47, wonach ein Schuld­spruch wegen Betru­ges ledig­lich erfor­dert, dass eine den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen­de Bezif­fe­rung des Scha­dens sicher mög­lich ist; sie­he auch BGH, Beschlüs­se vom 29.01.2013 – 2 StR 422/​12, NStZ 2013, 711, 712 f.; vom 20.05.2014 – 4 StR 143/​14, wis­tra 2014, 349, 350; vom 02.09.2015 – 5 StR 314/​15 24[↩]
Bockel­mann, ZStW 79 [1967], 28, 37; Münch­Komm-StG­B/He­fen­dehl aaO, § 263 Rn. 632; LK/​Tiedemann aaO, § 263 Rn. 212[↩]
gegen eine Scha­dens­be­rech­nung auf der Grund­la­ge einer typi­sier­ten Scha­dens­be­rech­nung auch BGH, Beschluss vom 19.08.2015 – 1 StR 334/​15[↩]