Source: http://www.hensche.de/ablehnung-einer-elternteilzeit-bag-9azr298-18-03.05.2019-20.20.html
Timestamp: 2020-07-07 10:38:12
Document Index: 296899849

Matched Legal Cases: ['§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 15', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 8', '§ 15', '§ 15']

Ablehnung einer Elternteilzeit - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/107
Ab­leh­nung ei­ner El­tern­teil­zeit
Lehnt der Ar­beit­ge­ber ei­ne Teil­zeit in der El­tern­zeit ab, kann er sich in ei­nem spä­te­ren Pro­zess nur auf die Ab­leh­nungs­grün­de be­ru­fen, die im Ab­leh­nungs­schrei­ben ge­nannt sind: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.12.2018, 9 AZR 298/18
03.05.2019. Wäh­rend ei­ner El­tern­zeit ha­ben Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer in Be­trie­ben mit mehr als 15 Ar­beit­neh­mern das Recht, in Teil­zeit zu ar­bei­ten.
Die­ser An­spruch auf Teil­zeit in der El­tern­zeit be­steht nur aus­nahms­wei­se nicht, näm­lich wenn drin­gen­de be­trieb­li­che Grün­de ent­ge­gen­ste­hen (§ 15 Abs.7 Satz 1 Nr.4 Bun­des­el­tern­geld- und El­tern­zeit­ge­setz - BEEG).
In die­sem Fall kann der Ar­beit­ge­ber den El­tern­teil­zeit­an­trag ab­leh­nen, muss das aber schrift­lich be­grün­den. In ei­nem ak­tu­el­len Ur­teil hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ent­schie­den, dass und war­um sich der Ar­beit­ge­ber bei die­ser Be­grün­dung Mü­he ge­ben soll­te.
Denn wenn in ei­nem spä­te­ren Pro­zess über den An­spruch auf El­tern­teil­zeit ge­strit­ten wird, kann sich der Ar­beit­ge­ber nur auf Ab­leh­nungs­grün­de be­ru­fen, die er be­reits in sei­nem Ab­leh­nungs­schrei­ben ge­nannt hat: BAG, Ur­teil vom 11.12.2018, 9 AZR 298/18.
Wel­che Be­deu­tung hat die schrift­li­che Ab­leh­nung ei­nes An­trags auf El­tern­teil­zeit?
Der Fall des BAG: Streit um ei­ne gut fünf­mo­na­ti­ge Teil­zeit in der El­tern­zeit
BAG: Lehnt der Ar­beit­ge­ber ei­ne Teil­zeit in der El­tern­zeit ab, kann er sich in ei­nem späte­ren Pro­zess nur auf die Ab­leh­nungs­gründe be­ru­fen, die im Ab­leh­nungs­schrei­ben ge­nannt sind
Gemäß § 15 Abs.5 BEEG können Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer während ei­ner El­tern­zeit ei­ne Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung be­an­tra­gen, d.h. ei­ne Teil­zeit in der El­tern­zeit bzw. El­tern­teil­zeit. Vor­aus­set­zung ist ei­ne Be­triebs­größe von mehr als 15 Ar­beit­neh­mern und ei­ne Beschäfti­gungs­dau­er von mehr als sechs Mo­na­ten (§ 15 Abs.7 Satz 1 Nr.1, Nr. BEEG).
Die El­tern­teil­zeit muss zwi­schen 15 und 30 Wo­chen­stun­den be­tra­gen und kann vom Ar­beit­ge­ber nur aus drin­gen­den be­trieb­li­chen Gründen ab­ge­lehnt wer­den (§ 15 Abs.7 Satz 1 Nr.4 BEEG). Falls der Ar­beit­ge­ber ei­ne be­an­trag­te El­tern­teil­zeit ab­leh­nen will, d.h. die Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung als sol­che und/oder die vom Ar­beit­neh­mer gewünsch­te Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit, muss er das im All­ge­mei­nen in­ner­halb von vier Wo­chen (ge­rech­net ab Stel­lung des An­trags) tun so­wie mit schrift­li­cher Be­gründung (§ 15 Abs.7 Satz 4 BEEG).
Ei­nen An­trag auf El­tern­teil­zeit zu igno­rie­ren, d.h. sich in Schwei­gen zu hüllen, ist für den Ar­beit­ge­ber kei­ne gu­te Op­ti­on, es sei denn, er ist mit dem An­trag in vol­lem Um­fang ein­ver­stan­den. Denn oh­ne schrift­li­che, frist­ge­rech­te und mit Gründen ver­se­he­ne Ab­leh­nung der Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung und/oder der Ver­tei­lung der ver­rin­ger­ten Ar­beits­zeit auf die Ar­beits­wo­che gilt die Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers als er­teilt (§ 15 Abs.7 Satz 5 und 6 BEEG).
Ei­ne sol­che Zu­stim­mungs­fik­ti­on ist auch im Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG) für den „nor­ma­len“ An­spruch auf Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung vor­ge­se­hen (§ 8 Abs.5 Satz 2 und 3 Tz­B­fG), doch hat der Ar­beit­ge­ber bei ei­nem Teil­zeit­an­trag auf der Grund­la­ge von § 8 Tz­B­fG länger Zeit für ei­ne Stel­lung­nah­me als bei ei­nem El­tern­teil­zeit­an­trag.
Denn für die Ab­leh­nung ei­nes Teil­zeit­an­trags gemäß § 8 Tz­B­fG kann sich der Ar­beit­ge­ber bis spätes­tens ei­nen Mo­nat vor dem gewünsch­ten Be­ginn der Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung Zeit las­sen (§ 8 Abs.5 Satz 1, 2 und 3 Tz­B­fG). Im Un­ter­schied da­zu muss der Ar­beit­ge­ber ei­nen An­trag auf El­tern­teil­zeit spätes­tens vier Wo­chen nach An­trag­stel­lung ab­leh­nen, wo­bei der An­trag selbst (be­lie­big) lan­ge vor dem gewünsch­ten Be­ginn der Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung ge­stellt wer­den kann (§ 15 Abs.7 Satz 5 und 6 BEEG).
Vor die­sem Hin­ter­grund fragt sich, ob der Ar­beit­ge­ber bei der schrift­li­chen Ab­leh­nung ei­nes An­trags auf El­tern­teil­zeit später im Fal­le ei­nes Ge­richts­ver­fah­rens an die­se Be­gründung ge­bun­den ist, d.h. ob er kei­ne an­de­ren Gründe ge­gen die El­tern­teil­zeit vor­brin­gen kann als die in sei­nem Ab­leh­nungs­schrei­ben be­reits ge­nann­ten Ab­leh­nungs­gründe, oder ob es ei­ne sol­che Aus­schluss­wir­kung („Präklu­si­on“) nicht gibt.
Ge­gen ei­ne Präklu­si­on spricht, dass der Ar­beit­ge­ber ge­setz­lich ge­zwun­gen ist, bin­nen vier Wo­chen nach Ein­gang des El­tern­teil­zeit­an­trags ei­ne schrift­li­che und be­gründe­te Ab­leh­nung zu ver­fas­sen, ob­wohl bis zum Be­ginn der gewünsch­ten Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung mögli­cher­wei­se noch vie­le Mo­na­te Zeit bleibt. In ei­nem sol­chen Fall kann der Ar­beit­ge­ber nur schlecht vor­aus­se­hen, wel­che be­trieb­li­chen Gründe ge­gen die gewünsch­te Ar­beits­zeit­ver­rin­ge­rung spre­chen, so dass es ihm möglich sein soll­te, sich vor Ge­richt auch auf sol­che Gründe zu be­ru­fen, die im Ab­leh­nungs­schrei­ben (noch) nicht ge­nannt wer­den.
Für ei­ne Bin­dungs­wir­kung bzw. Präklu­si­on spricht der Ar­beit­neh­mer­schutz. Denn die vom Ge­setz ver­lang­te schrift­li­che Be­gründung der Ab­leh­nung ei­ner El­tern­teil­zeit soll es den Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mern während ei­ner El­tern­zeit ermögli­chen zu prüfen, ob sich ei­ne Kla­ge lohnt oder nicht.
Die­sen ar­beits­recht­li­chen Mei­nungs­streit hat das BAG vor kur­zem ent­schie­den.
In dem Fall des BAG woll­te ei­ne seit ei­ni­gen Jah­ren in ei­nem größeren Be­trieb beschäftig­te Ar­beit­neh­me­rin während ih­rer zweijähri­gen El­tern­zeit in Teil­zeit ar­bei­ten, und zwar für 20 St­un­den pro Wo­che während der letz­ten gut fünf Mo­na­te ih­rer El­tern­zeit.
Ei­nen ent­spre­chen­den An­trag stell­te sie erst­mals im Ju­li 2016 und so­dann noch­mals im Au­gust 2016. Die Teil­zeit soll­te ab dem 01.11.2016 be­gin­nen und bis zum En­de der El­tern­zeit (06.04.2017) dau­ern. Die­se bei­den Anträge lehn­te der Ar­beit­ge­ber un­ter Be­ru­fung auf drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe schrift­lich ab.
Dar­auf­hin zog die Ar­beit­neh­me­rin vor das Ar­beits­ge­richt Köln und klag­te auf An­nah­me ih­res Teil­zeit­an­ge­bo­tes. Vor Ge­richt brach­te der Ar­beit­ge­ber recht de­tail­lier­te Ab­leh­nungs­gründe vor, die in sei­nen vor­ge­richt­li­chen Ab­leh­nungs­schrei­ben noch nicht (vollständig) ent­hal­ten wa­ren.
Die Kla­ge hat­te in der ers­ten In­stanz Er­folg (Ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 21.12.2016, 3 Ca 6107/16). Da­ge­gen wies das für die Be­ru­fung zuständi­ge Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) Köln die Kla­ge ab (Ur­teil vom 14.03.2018, 5 Sa 240/17).
Zum Zeit­punkt des LAG-Ur­teils war die ge­sam­te El­tern­zeit be­reits ab­ge­lau­fen, so dass das LAG mein­te, die Kla­ge auf Ver­ur­tei­lung zur An­nah­me ei­nes Teil­zeit­an­ge­bo­tes sei we­gen Zeit­ab­laufs un­zulässig. Denn letzt­lich ge­he es im Nach­hin­ein nur noch um das nicht ge­zahl­te Ge­halt, das aber im We­ge ei­ner Scha­dens­er­satz­kla­ge gel­tend ge­macht wer­den könn­te, so je­den­falls das LAG.
Das BAG hob die Ent­schei­dung des LAG Köln auf und stell­te zwei Din­ge klar.
Ers­tens: Ar­beit­neh­mer können auch noch nach Ab­lauf ih­rer El­tern­zeit auf Zu­stim­mung des Ar­beit­ge­bers zu ei­ner El­tern­teil­zeit kla­gen. Ei­ne sol­che Kla­ge ist nicht un­zulässig, weil der Ar­beit­neh­mer als Kläger kein Rechts­schutz­bedürf­nis hätte. Viel­mehr be­steht ein Rechts­schutz­bedürf­nis für sol­che Kla­gen auch nach Ab­lauf der El­tern­zeit.
Zwei­tens: Bei ei­ner Kla­ge auf Zu­stim­mung zu ei­ner El­tern­teil­zeit kann sich der Ar­beit­ge­ber nur auf sol­che be­trieb­li­chen Gründe be­ru­fen (die der strit­ti­gen Teil­zeit an­geb­lich ent­ge­gen­ste­hen), die er be­reits in ei­nem schrift­li­chen und frist­ge­rech­ten Ab­leh­nungs­schrei­ben ge­nannt hat. Denn, so das BAG (Ur­teil, Rn.34):
„Der ge­setz­ge­be­ri­sche Zweck, dem Ar­beit­neh­mer durch die schrift­li­che Be­gründung der Ab­leh­nung ei­ne tat­sa­chen­ba­sier­te Be­ur­tei­lungs­grund­la­ge zu ver­schaf­fen, die Er­folgs­aus­sich­ten ei­ner Kla­ge auf Zu­stim­mung zur be­gehr­ten El­tern­teil­zeit über­prüfen zu können, lässt sich nur wir­kungs­voll er­rei­chen, wenn der Ar­beit­ge­ber im späte­ren Pro­zess die von ihm be­gehr­te Kla­ge­ab­wei­sung nur auf sol­che Gründe stützen kann, die er dem Ar­beit­neh­mer zu­vor (…) mit­ge­teilt hat.“
In sei­nem Ur­teil be­zieht sich das BAG auf § 15 Abs.5 BEEG in der bis En­de 2014 gel­ten­den Fas­sung, da das Kind der Kläge­rin vor dem dafür maßgeb­li­chen Stich­tag (01.07.2015) ge­bo­ren wur­de. Die al­te und die ak­tu­el­le Ge­set­zes­fas­sung stim­men aber in ei­nem we­sent­li­chen Punkt übe­rein: Falls der Ar­beit­ge­ber ei­nen El­tern­teil­zeit-An­trag un­ter Be­ru­fung auf drin­gen­de be­trieb­li­che Gründe ab­leh­nen möch­te, muss er dies „mit schrift­li­cher Be­gründung tun“. Das BAG-Ur­teil ist da­her auch auf die ak­tu­el­le Ge­set­zes­fas­sung an­zu­wen­den.
Fa­zit: Das Ab­leh­nungs­schrei­ben muss „den we­sent­li­chen Kern der be­trieb­li­chen Hin­de­rungs­gründe“ ent­hal­ten (BAG, Ur­teil, Rn.30). Das sind „die Tat­sa­chen (…), die für die Ab­leh­nung maßgeb­lich sind“. Ob­wohl das BAG be­tont, dass Ar­beit­ge­ber wie­der zu ei­ner schlüssi­gen noch zu ei­ner sog. sub­stan­zi­ier­ten Dar­stel­lung ver­pflich­tet sind (BAG, Ur­teil, Rn.30), ist Ar­beit­ge­bern zu ra­ten, in die­se Rich­tung zu ar­bei­ten: Je länger und je ge­nau­er das Ab­leh­nungs­schrei­ben und je mehr (ver­schie­de­ne) Ab­leh­nungs­gründe ge­nannt wer­den, des­to eher ist das Ab­leh­nungs­schrei­ben ju­ris­tisch halt­bar.
An­de­rer­seits darf nicht über­se­hen wer­den, dass die vom Ge­setz ver­lang­ten „drin­gen­den be­trieb­li­chen Gründe“ nur sel­ten vor­lie­gen. Denn das BAG ver­langt hier Umstände, die sich „gleich­sam als zwin­gen­de Hin­der­nis­se für die be­an­trag­te El­tern­teil­zeit dar­stel­len“ (Ur­teil, Rn.27). Ste­hen sol­che Gründe ei­ner El­tern­teil­zeit nicht ent­ge­gen, nutzt auch das ausführ­lichs­te Ab­leh­nungs­schrei­ben im Er­geb­nis nichts.
Bun­des­ar­beits­ge­richt, Ur­teil vom 11.12.2018, 9 AZR 298/18
Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln, Ur­teil vom 14.03.2018, 5 Sa 240/17