Source: http://www.solami.com/Nicati2.htm
Timestamp: 2017-12-17 23:13:44
Document Index: 161611850

Matched Legal Cases: ['Art. 366', 'Art.15', 'Art.4', 'Art.6', 'Art.7', 'Art.27']

Nicati2
Zum Verfolgungsprivileg eines im Amt stehenden Schweizer Botschafters
Ein Diskussionsbeitrag von Anton Keller, Sekretär
Schweizer Investorenschutz-Vereinigung - cp 2580 - 1211 Genève 2
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1. Unter dem Randtitel "Parlamentarische Immunität. Strafverfolgung gegen Mitglieder der obersten Behörden" ist in Art. 366 StGB (SR 311.0) folgendes allgemeinverbindlich festgelegt:
"1 Die Bestimmungen des Bundesgesetzes vom 9.Dezember 1850276 über die Verantwortlichkeit der eidgenössischen Behörden und Beamten und des Bundesgesetzes vom 26.März 1934277 über die politischen und polizeilichen Garantien zugunsten der Eidgenossenschaft bleiben in Kraft."(1)
2. Eine rechtmässige Strafverfolgung von im Dienst der Eidgenossenschaft stehenden Personen - inklusive von im Ausland akkreditierten Schweizer Botschaftern (2) - erfordert eine "Ermächtigung des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements" (Art.15, Abs.1; SR 170.32). Dies zumindest im Falle von angeblich "strafbaren Handlungen, die sich auf ihre amtliche Tätigkeit oder Stellung beziehen" (ebenda). Handelt es sich hingegen um eine "polizeiliche oder gerichtliche Verfolgung wegen Verbrechen oder Vergehen, welche sich nicht auf ihre amtliche Stellung beziehen", ist zu prüfen, ob die obigen - und weitere - Grundsätze nicht auch und besonders im Falle eines im Amt stehenden Schweizer Botschafters im Sinne der Artikel 4, 6 und 7 des Garantiegesetzes vom 26.März 1934 (SR 170.21) jederzeit und von Amtes wegen befolgt werden müssten. Denn danach gilt:
"1 Gegen die Mitglieder des Bundesrates, den Bundeskanzler und eidgenössische Repräsentanten oder Kommissare ist eine Verfolgung im Sinne von Artikel 1 nur mit ihrer schriftlichen Zustimmung oder derjenigen des Bundesrates zulässig." (Art.4)
"1 Wer wissentlich ohne Zustimmung des Verhafteten oder des zur Erteilung der Bewilligung zuständigen Rates eine Verhaftung der in den vorstehenden Artikeln unter Schutz gestellten Personen vornimmt oder verfügt oder die in Artikel 1 Absatz 2 vorgeschriebene Einholung der Bewilligung unterlässt, wird mit Busse bis zu 2000 Franken bestraft, womit in schweren Fällen Gefängnis bis auf sechs Monate verbunden werden kann. ..." (Art.6)
"Strafverfolgungshandlungen, die in Verletzung des gegenwärtigen Gesetzes gegen die unter Schutz gestellten Personen unternommen werden, sind ungültig." (Art.7)
3. Mit dem Ziel, insbesondere die Arbeit der eidgenössischen Behörden nicht stören zu lassen durch willkürliche, trölerische oder anderweitig ungerechtfertigte Strafverfahren und Zwangsmassnahmen, sind 1850 das sogenannte Verantwortlichkeitsgesetz, und 1851 das Garantiegesetz verabschiedet worden (3). Das damit verankerte "Verfolgungsprivileg" der Mitglieder der eidgenössischen Behörden geht wesentlich auf die Magna Carta und die nicht zuletzt darauf abgestützten englischen Parlamentsgebräuche, auf die 1789 in der französischen Nationalversammlung formell eingeführten Immunitätsrechte, und bezüglich der Beziehungen der Eidgenossenschaft zu andern Völkerrechts-Subjekten auf die in der amerikanischen Verfassung niedergelegten Prinzipien zurück. Die Aufrechterhaltung sowie die unverzügliche und nachhaltige Durchsetzung dieses Verfolgungsprivilegs anerbieten sich auch zur Eindämmung des eingetretenen aussenpolitischen Schadens.
(1) Fussnote 276 lautet: "[BS 1 462. SR 170.32 Art.27 Bst.a] Heute: Die Bestimmungen des Verantwortlichkeitsgesetzes vom 14.März 1958 (SR 170.32)"
Fussnote 277 lautet: SR 170.21
(2) Obgleich offenkundig mit einem andern Augenmerk geschrieben, findet sich weder in der Abhandlung "Die Verantwortlichkeit der Mitglieder der Obersten Bundesbehörden" von Otto K. Kaufmann (ZBl 54 1953, 353), noch in andern konsultierten Beiträgen, eine Lehrmeinung, wonach auch ein im Amt stehender Schweizer Botschafter nicht zumindest wie jeder andere Beamte vor obskuren, unbedachten und diensteifrig vom Zaun gerissenen Strafverfahren zu schützen sei, z.B. mittels vorausgegangener Ermächtigung des EDA oder zumindest des EJPD. Tatsächlich umschreibt der Bundesrat wie folgt das Anwendungsgebiet des Gesetzes in seiner Botschaft 7188 vom 29.Juni 1956 zur Revision des Verantwortlichkeitsgesetzes von 1850 (FF 1956 I 1425f):
"4. Le champ d'application de la nouvelle loi s'étendra à tous les fonctionnaires, soit à tous ceux qui ont la qualité de fonctionnaire en vertu de la loi sur le statut des fonctionnaires. La loi s'appliquera aussi ... aux membres des autorités, c'est-à-dire aux membres des chambres fédérales et aux magistrats : conseillers fédéraux, membres et suppléants des tribunaux fédéraux, membres de commissions indépenantes de ces tribunaux et de l'administration fédérale, chancelier de la Confédération et, en particulier, au personnel de la Confédération résidant à l'étranger."
(3) Anlässlich der Revision des Garantiegesetzes formulierte der Rapporteur de Muralt die durch das Gesetz abzudeckenden zwei Interessen wie folgt:
"1. Celui de la justice, qui doit pouvoir déployer son action, en matière pénale, comme d'ailleurs en matière civile, contre n'importe quel citoyen, qu'il soit, ou ne soit pas, membre d'une autorité législative, exécutive ou judiciaire.
2. L'intérêt, non des membres de ces autorités, mais du corps auquel ils appartiennent, de ne pas être entravé dans l'accomplissement de sa tâche, dans l'exercice de ses fonctions, par l'exclusion peut-être intempestive de certaines de ses membres. Il ne s'agit donc pas - point sur lequel il faut insister - d'un privilège individuel des conseillers, mais d'un droit de l'Assemblée dont ils font partie.
Comment concilier ces deux intérêts également légitimes de façon à assurer, d'une part, l'action normale de la justice et, d'autre part, le libre jeu de nos institutions ...?" (Sten.Bull. NR 11.12.33, S.789; meine Hervorhebung)
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