Source: https://www.smartsteuer.de/online/lexikon/b/berichtigung-von-schreib-rechenfehlern-und-aehnlichen-offenbaren-unrichtigkeiten-gem-%C2%A7-129-ao-lexikon-des-steuerrechts/
Timestamp: 2019-03-24 23:16:27
Document Index: 161582163

Matched Legal Cases: ['§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 4', '§ 129', '§ 129', '§ 218', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 130', '§ 130', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 173', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 173', '§ 129', '§ 175', '§ 171', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 164', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 177', '§ 129', '§ 177', '§ 129', '§ 129', '§ 33', '§ 24', '§ 129', '§ 129', '§ 4', '§ 129', '§ 129', '§ 129', '§ 129']

Berichtigung von Schreib-&sol;Rechenfehlern und ähnlichen offenbaren Unrichtigkeiten gem. § 129 AO - Lexikon des Steuerrechts - smartsteuer
Berichtigung von Schreib-&sol;Rechenfehlern und ähnlichen offenbaren Unrichtigkeiten gem. § 129 AO – Lexikon des Steuerrechts
2 Ähnliche Unrichtigkeiten
3 Rechtsanwendungsfehler und fehlerhafte bzw. fehlende Sachverhaltsaufklärung
4 Ermittlungsfehler
5 Fehler bei Erlass des Verwaltungsaktes
6 Nichtbeachtung eines Grundlagenbescheids
7 Elektronisch übertragene Daten als offenbare Unrichtigkeit
8 Fehlender Vorbehalt der Nachprüfung
9 Fehlerhafte Auswertung von Außenprüfungsberichten
10 Berichtigungspflicht
11 Umfang der Berichtigung
12 Beweislast für Anwendbarkeit des § 129 AO
13 Weitere Einzelfälle aus der Rechtsprechung
13.1 Rentenbescheid übersehen
13.2 Gewinnermittlung gem. § 4 Abs. 3 EStG – Umsatzsteuer als Betriebsausgabe
13.3 Unterbliebene Berücksichtigung eines im Veranlagungsverfahren nicht erklärten und auch sonst nicht erkennbaren Übergangsverlusts
13.4 Nichtbeachtung eines automatisierten Prüfhinweises durch den Veranlagungsbeamten
13.5 Nichterfassung von Einkünften beim Einscannen der Steuererklärung
Gem. § 129 AO können Schreib- und Rechenfehler und ähnliche offenbare Unrichtigkeiten, die beim Erlass eines Verwaltungsaktes unterlaufen sind, jederzeit berichtigt werden. § 129 AO ist auf alle Verwaltungsakte anwendbar, also sowohl auf die Steuerbescheide und denen gleichgestellte Bescheide (Feststellungsbescheide, Messbetragsfestsetzungen und Zinsbescheide) als auch auf die sonstigen Verwaltungsakte (Anrechnungsverfügung, Abrechnungsbescheid gem. § 218 AO, Stundung, Erlass, Zwangsgeld, Verspätungszuschlag, Aussetzung der Vollziehung, Fristverlängerung).
Es sind jedoch nur bestimmte Fehler berichtigungsfähig. Offenbare Unrichtigkeiten sind stets mechanische Versehen. Es handelt sich um Fehler, die nicht die Entscheidungsbildung (Fehler in der Willensbildung) betreffen, sondern bei denen das Finanzamt objektiv etwas anderes erklärt (Fehler in der Willensäußerung) als gewollt war. Der Fehler darf also nicht im Bereich des Überlegens, Denkens, Schlussfolgerns oder Urteilens liegen. Dabei reicht die ernsthafte Möglichkeit einer solchen Fehlerursache aus, um die Anwendung des § 129 AO auszuschließen (BFH/NV 2002, 894).
Eine offenbare Unrichtigkeit i.S.d. § 129 AO scheidet aus, wenn auch nur die ernsthafte Möglichkeit besteht, dass die Nichtbeachtung einer feststehenden Tatsache in einer fehlerhaften Tatsachenwürdigung oder in einem sonstigen (sachverhaltsbezogenen) Denk- und Überlegungsfehler begründet ist oder aber auf mangelnder Aufklärung des Sachverhalts beruht (BFH Urteil vom 9.12.1998, BFH/NV 99, 899).
Der Gesetzgeber unterstellt nach dem Wortlaut des § 129 Satz 1 AO, dass Schreib- und Rechenfehler stets offenbare Unrichtigkeiten sind. Als Schreibfehler i.S.d. § 129 AO gelten regelmäßig Rechtschreibungs-, Wortstellungs-, Wortverwechslungs-, Auslassungsfehler. Dabei handelt es sich beispielsweise konkret um Zahlendreher, Komma versetzt oder die Eintragung einer zusätzlichen Ziffer. Als Rechenfehler in diesem Sinne gelten Fehler bei den Grundrechenarten. Hier wird bei der Ermittlung der Summe ein mechanisches Vorgehen unterstellt.
2. Ähnliche Unrichtigkeiten
Ähnliche Unrichtigkeiten sind Fehler, die einem Schreib- oder Rechenfehler vergleichbar sind. Darunter fallen Unrichtigkeiten, die ihren Grund lediglich in einem mechanischen Versehen haben, nicht dagegen Fehler, die auf unzutreffender Rechtsanwendung beruhen (s.a. BFH Urteil vom 29.1.2003, I R 20/02, BFH/NV 2003, 1139). Typische mechanische Versehen stellen beispielsweise Eingabe- oder Übertragungsfehler dar. Eine offenbare Unrichtigkeit kann daher auch vorliegen, wenn der Sachbearbeiter der Finanzverwaltung den Eingabewertbogen falsch ausfüllt oder Daten versehentlich nicht oder falsch in ein Computerprogramm eingibt (AEAO zu § 129 Tz. 1). Die Eingabe einer falschen Schlüsselzahl bei der Datenverarbeitung kann nach dem Urteil des FG Baden-Württemberg vom 6.10.2016 (3 K 2692/15) eine ähnliche offenbare Unrichtigkeit i.S.d. § 129 AO sein. Hinsichtlich des Vorliegens einer ähnlichen offenbaren Unrichtigkeit muss die Frage, ob ein mechanisches Versehen, ein Irrtum über den Programmablauf oder ein die Fehlerberichtigung ausschließender Tatsachenirrtum oder Rechtsirrtum vorliegt, nach den Verhältnissen des Einzelfalls und dabei insbesondere nach der Aktenlage beurteilt werden.
Der Begriff der Berichtigung einer ähnlichen offenbaren Unrichtigkeit i.S.v. § 129 Satz 1 AO erfasst auch sprachliche Klarstellungen und Präzisierungen, mittels derer ein bisher auslegungsbedürftiger Verfügungssatz in einem nunmehr zweifelsfreien Sinne zum Ausdruck gebracht wird (BFH Urteil vom 25.2.2010, BStBl II 2010, 726).
Wird aufgrund eines offensichtlichen Schreibfehlers des Stpfl. der Ertragsanteil seiner Leibrente vom Finanzamt falsch berechnet, beruht die fehlerhafte Rentenbesteuerung auf einer offenbaren Unrichtigkeit, die nach § 129 AO zu korrigieren ist, selbst wenn das Versehen dem zuständigen Beamten in mehreren Veranlagungszeiträumen unterlaufen ist.
Eine offenbare Unrichtigkeit wird nicht dadurch zu einem Rechts- und Tatsachenirrtum, dass sie fortlaufend übernommen wird (FG Baden-Württemberg vom 30.5.2005, EFG 2006, 310).
3. Rechtsanwendungsfehler und fehlerhafte bzw. fehlende Sachverhaltsaufklärung
In der Rspr. wird bei der Prüfung einer ähnlichen offenbaren Unrichtigkeit regelmäßig auch eine negative Abgrenzung vorgenommen. Demnach liegt kein mechanisches Versehen vor, wenn der Fehler auf einer
unrichtigen Tatsachenwürdigung oder
einer mangelnden Aufklärung des Sachverhalts oder einem
Rechtsanwendungsfehler
Je komplizierter die Vorschrift, umso eher besteht die Möglichkeit eines die Anwendung des § 129 AO ausschließenden Rechtsirrtums.
Bei der Nichtberücksichtigung feststehender Tatsachen stellt sich oft das Abgrenzungsproblem, ob ein mechanisches Versehen vorliegt oder der Fehler auf mangelnder Sachaufklärung beruht. Mangelnde Sachaufklärung wird angenommen, wenn die zu berücksichtigende Tatsache nicht ohne weitere Prüfung erkennbar ist, also ein Ermittlungsfehler vorliegt.
Nicht jede versehentlich nicht berücksichtigte Tatsache ist einer unvollständigen Aufklärung des Sachverhalts gleichzusetzen, die eine Berichtigung eines Verwaltungsakts nach § 129 AO ausschließt. Ist ohne weiteres erkennbar, dass ein Teil des bekannten Sachverhalts aus Unachtsamkeit bei der Steuerfestsetzung nicht erfasst worden ist, darf diese offenbare Unrichtigkeit durch Berichtigung der versehentlich fehlerhaften Steuerfestsetzung berichtigt werden (BFH Urteil vom 13.11.1997, BFH/NV 98, 419).
Hat der Sachbearbeiter bei der Bearbeitung der Einkommensteuererklärung nachgewiesene Lohnersatzleistungen zwar in den Eingabebogen übernommen, jedoch versehentlich nicht in die EDV eingegeben, liegt eine einem Schreibfehler oder Rechenfehler ähnliche Unrichtigkeit vor. Eine auf § 129 Satz 1 AO gestützte nachträgliche Berücksichtigung des Progressionsvorbehalts ist dennoch ausgeschlossen, da der Fehler bei Offenlegung des aktenkundigen Sachverhalts nicht für jeden unvoreingenommenen Dritten klar und deutlich als offenbare Unrichtigkeit erkennbar, mithin nicht »offenbar« i.S.d. Berichtigungsnorm ist. Die Prüfung der gespeicherten Daten mag bei einer »papierlosen Akte« ausreichend sein. Solange jedoch noch Akten in Papierform geführt werden und zur Feststellung eines evtl. Erfassungsfehlers ein Abgleich des Akteninhalts mit dem EDV-Speicher erforderlich wird, kann nicht von einer »offenbaren« Unrichtigkeit ausgegangen werden (BFH Urteil vom 8.12.2011, VI R 45/10, BFH/NV 2012, 694).
Eine Berichtigung der Anrechnungsverfügung kann auch auf die Regelung des § 129 AO (neben §§ 130 / 131 AO, → Rücknahme und Widerruf von sonstigen Verwaltungsakten gem. §§ 130 und 131 AO) gestützt werden, wenn eine fehlerhafte Lohnsteueranrechnung ganz zweifelsfrei auf ein mechanisches Versehen bei der Dateneingabe zurückzuführen ist (FG Saarland Urteil vom 6.8.2010, EFG 2011, 401).
Teilt das Finanzamt dem Stpfl. schriftlich mit, sein Steuerfall sei abschließend geprüft (→ Steuerfestsetzung unter Vorbehalt der Nachprüfung), ist das Finanzamt deswegen nicht nach Treu und Glauben gehindert, offenkundige Fehler bei der Veranlagung auch weiterhin zu Lasten des Stpfl. zu korrigieren (BFH vom 13.12.2011, VIII B 136/11, BFH/NV 2012, 550).
4. Ermittlungsfehler
Ist ohne weiteres erkennbar, dass ein Teil des bekannten Sachverhalts aus Unachtsamkeit bei der Steuerfestsetzung nicht erfasst worden ist, darf diese offenbare Unrichtigkeit durch Berichtigung der versehentlich fehlerhaften Steuerfestsetzung berichtigt werden (BFH Urteil vom 13.11.1997, BFH/NV 1998, 419).
Ein mechanisches Versehen wird angenommen, wenn der Sachbearbeiter es versehentlich unterlassen hat, die für die Veranlagung eines Jahres vorliegenden Unterlagen auszuwerten, die ihm vom Stpfl. unterjährig übersandt wurden (BFH Urteil vom 27.5.2009, X R 47/08, BStBl II 2009, 946). Gleiches gilt auch für das Übersehen einer für den Veranlagungszeitraum einschlägigen Kontrollmitteilung oder eines relevanten Grundlagenbescheids (vgl. AEAO zu § 129, Tz. 1).
Zu beachten ist insoweit, dass es der gesicherten Rspr. des BFH entspricht, dass grundsätzlich keine offenbare Unrichtigkeit vorliegt, wenn sie für den zuständigen Sachbearbeiter der Finanzverwaltung nur erkennbar gewesen wäre, wenn er die Steuererklärungen eines Vorjahres bei der Veranlagung der Streitjahre zugezogen hätte (BFH Urteil vom 14.2.1995, BFH/NV 1995, 1033). Denn soweit die Finanzbehörde auf Akten des Vorjahres zurückgreifen muss, liegt eine aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen erforderliche, vom Sachbearbeiter jedoch unterlassene Sachverhaltsermittlung vor, die kein mechanisches Versehen ist. In solchen Fällen hat das Finanzamt zwar möglicherweise seine Amtsermittlungspflicht verletzt; diese Pflichtverletzung ist aber nicht mit einer offenbaren Unrichtigkeit gleichzusetzen. Sie schließt vielmehr in der Regel eine offenbare Unrichtigkeit aus (BFH Urteil vom 18.4.1986, BStBl II 1986, 541).
Aufgrund eines Übertragungsfehlers bei Erstellen der Steuererklärung unterlässt es der Stpfl., die Absetzung für Abnutzung (AfA) für Arbeitsmittel als Werbungskosten geltend zu machen. Die Veranlagung wird entsprechend durchgeführt. Das Finanzamt hat zur Überwachung der Abschreibungsbeträge bzw. des Abschreibungszeitraums keine Aufzeichnungen geführt (keine Aktenführung sowie keine Vermerke in den dafür vorgesehenen EDV-Programmen). Der fehlende AfA-Betrag wäre aber ohne weiteres aus den Steuererklärungen der Vorjahre erkennbar gewesen.
Die Anwendung des § 129 AO ist nicht zulässig, da kein Übernahmefehler vorliegt. Die Erkennbarkeit muss sich aus der Steuererklärung sowie den eingereichten Unterlagen des betroffenen Veranlagungszeitraums ergeben.
Werden allerdings üblicherweise Abschreibungs-Überwachungsbögen (oder entsprechende Vermerke), wie bspw. bei Mietobjekten, vom Finanzamt geführt, kann der unterlassene Ansatz einer Abschreibung eine offenbare Unrichtigkeit darstellen. Der Fehler kann sich nicht nur aus den Steuererklärungen selbst, sondern auch aus beigefügten Unterlagen ergeben. Ein die Anwendung des § 129 AO ausschließender Ermittlungsfehler liegt insoweit nicht vor. Insoweit kann kein Unterschied darin liegen, ob die für die Besteuerung relevanten Tatsachen den Unterlagen entnommen werden können, die sich bereits in den Akten des Veranlagungsjahres befunden haben, oder den Unterlagen, die der Steuererklärung unmittelbar beigefügt worden sind (FG Baden-Württemberg Urteil vom 21.2.2006, EFG 2006, 859 sowie BFH Urteil vom 27.5.2009, BStBl II 2009, 946).
Aufgrund eines Übertragungsfehlers bei Erstellen der Steuererklärung unterlässt es der Stpfl., die Absetzung für Abnutzung (AfA) für ein vermietetes Objekt als Werbungskosten geltend zu machen. Die Veranlagung wird entsprechend durchgeführt. Das Finanzamt führt zur Überwachung der Abschreibungsbeträge bzw. des Abschreibungszeitraums einen AfA-Überwachungsbogen.
Da der Abschreibungs-Überwachungsbogen Bestandteil der Akten auch des laufenden Veranlagungszeitraums darstellt und sich daraus der jährliche Abschreibungsbetrag ergibt, ist eine Berichtigung nach § 129 AO, mit der die Abschreibung berücksichtigt wird, zulässig.
Folglich hat der BFH für die Frage des Übersehens von unterjährig eingegangenen, jedoch den Veranlagungszeitraum betreffenden Unterlagen in o.a. Urteil entschieden, dass eine die Anwendung des 129 AO ausschließende Verletzung der Amtsermittlungspflicht nicht gegeben sei, wenn der Sachbearbeiter es versehentlich unterlassen habe, die für die Veranlagung des Streitjahres vorliegenden Unterlagen auszuwerten, indem er eine für das Streitjahr einschlägige ihm zugegangene Kontrollmitteilung übersehe.
Hier ist allerdings eine differenzierte Betrachtungsweise vorzunehmen:
Nur in dem Fall, in dem aufgrund der Kontrollmitteilung keine weiteren Sachverhaltsaufklärungen angestellt werden müssen, kann die die Anwendung des § 129 AO ausschließende Verletzung der Amtsermittlungspflicht ausgeschlossen werden. Dies mag zwar in Einzelfällen gegeben sein (BFH Urteil vom 18.4.1986, BStBl II 1986, 541), stellt aber nicht die Regel dar.
Vielmehr wird grundsätzlich aufgrund eingegangener Kontrollmitteilungen eine weitere Sachverhaltsermittlung anzustellen sein. Wird eine solche Kontrollmitteilung nicht beachtet, stellt dies in der Regel eine die Anwendung des § 129 AO ausschließende Verletzung der Amtsermittlungspflicht dar.
Im Ergebnis ist also auch in diesem Fall für die Frage, ob ein mechanisches Versehen oder ein die Berichtigung nach § 129 AO ausschließender Tatsachen-, Rechtsirrtum oder eine Ermittlungspflichtverletzung vorliegt, nach den Verhältnissen des Einzelfalls zu beurteilen.
Eine Kontrollmitteilung über Provisionen aus einer gelegentlichen Vermittlungstätigkeit wurde übersehen.
Hier liegt kein Fall des § 129 AO vor, hier ist Überprüfung bzw. Sachverhaltsaufklärung erforderlich.
Eine offenbare Unrichtigkeit i.S.d. § 129 Satz 1 AO ist nicht dadurch ausgeschlossen, dass der Veranlagungsbeamte einen automatisierten Prüfhinweis unbeachtet lässt (BFH Beschluss vom 28.5.2015, VI R 63/13, BFH/NV 2015, 1078). Das pflichtwidrige Unterlassen einer durch Prüfhinweis angeregten Plausibilitätsprüfung bedeutet nicht, dass der Veranlagungsbeamte die fehlerhafte Gewährung haushaltsnaher Dienstleistungen auch rechtlich gebilligt hätte.
5. Fehler bei Erlass des Verwaltungsaktes
Der Tatbestand des § 129 AO verlangt Fehler, die »bei Erlass eines Verwaltungsaktes« unterlaufen sind. Somit sind grundsätzlich nur Fehler des Finanzamts berichtigungsfähig. Fehler des Stpfl. fallen grundsätzlich nicht unter den Anwendungsbereich des § 129 AO. Insoweit könnten aber die Voraussetzungen für eine Änderung wegen neuer Tatsachen gem. § 173 Abs. 1 AO in Betracht kommen. Bei Änderungen zugunsten des Stpfl. rechtfertigen offensichtliche Versehen und alltäglichen Irrtümer, die sich nie ganz vermeiden lassen, wie z.B. Verwechslungen, Schreib-, Rechen- oder Übertragungsfehler, nicht den Vorwurf des groben Verschuldens (→ Aufhebung und Änderung von Steuerbescheiden).
Eine Ausnahme bilden sog. (aktenkundige) Übernahmefehler. Übernahmefehler sind offenbare Unrichtigkeiten des Stpfl., die das Finanzamt unbeanstandet übernimmt und sich somit zu eigen macht. Voraussetzung ist, dass es sich zweifelsfrei auch beim Stpfl. um ein mechanisches Versehen handelt und der Fehler für das Finanzamt ohne weiteres erkennbar war.
Erkennbarkeit heißt, dass der Fehler aus der Steuererklärung oder mit eingereichten Unterlagen ersichtlich ist.
§ 129 AO ermöglicht auch dann nicht die Berichtigung vermeintlicher mechanischer Fehler des Steuerpflichtigen, welche tatsächlich auf der unzutreffenden Anwendung einer Rechtsnorm beruhen, wenn sie aus der Sicht der den Fehler übernehmenden Finanzbehörde als offenbare Unrichtigkeiten erscheinen mögen (BFH Urteil vom 16.9.2015, IX R 37/14, BStBl II 2015, 1040).
Allerdings ist eine Korrektur nach § 129 AO dann nicht möglich, wenn der mechanische Fehler des Stpfl. bei Erstellung seiner Steuererklärung nicht aktenkundig ist und das Finanzamt diesen Fehler nicht erkennen und ihn sich somit auch nicht zu eigen machen konnte.
Nach Auffassung des Gesetzgebers wird diese unbefriedigende Lösung im Rahmen des § 129 AO vermehrt auftreten, wenn eine Steuererklärung elektronisch übermittelt wird und dem Finanzamt daneben keine ergänzenden Unterlagen oder Berechnungen übersandt werden. Mit § 173a AO n.F. wird dieses Problem für Verwaltung und Steuerpflichtige zufriedenstellend gelöst.
Bei Fehlern des Steuerpflichtigen bei Erstellung seiner Steuererklärung ist zwischen der Rechtslage bis 2016 und ab 2017 zu unterscheiden (vgl. hierzu AEAO zu § 129 Nr. 4 AO).
6. Nichtbeachtung eines Grundlagenbescheids
Beachtet das FA beim Erlass eines Steuerbescheids einen bei ihm bereits vorliegenden Grundlagenbescheid nur versehentlich nicht, so führt dies zu einer offenbaren Unrichtigkeit (BFH Urteil vom 16.7.2003, X R 37/99, BStBl II 2003, 867). Da auch eine → Änderung von Steuerbescheiden nach § 175 AO möglich wäre, hat diese Rspr. insbesondere Auswirkung auf die Berechnung der Festsetzungsfrist unter Berücksichtigung der Ablaufhemmung des § 171 Abs. 2 AO.
7. Elektronisch übertragene Daten als offenbare Unrichtigkeit
Das Finanzgericht Münster entschied mit Urteil vom 24.2.2011 (11 K 4239/07 E, EFG 2011, 1220), dass die ungeprüfte Übernahme von der Höhe nach unzutreffendem Arbeitslohn, den der oder die Arbeitgeber elektronisch an die Finanzverwaltung übersenden, eine »offenbare Unrichtigkeit« sei, die eine Berichtigung nach § 129 AO rechtfertige.
Die klagenden Eheleute erstellten ihre Einkommensteuererklärung und erfassten alle ihnen vorliegenden elektronischen Lohnsteuerbescheinigungen mit den korrekten Daten. Das Finanzamt übernahm jedoch nicht die Daten aus der Steuererklärung, sondern bestätigte ohne weitere Prüfung die elektronisch übermittelten Daten aus dem Datenspeicher. Diese waren jedoch fehlerhaft bzw. nicht vollständig. Dadurch kam es zu einer zu niedrigen Steuerfestsetzung.
Nahezu ein Jahr nach Bekanntgabe des Einkommensteuerbescheids bemerkte das Finanzamt den Fehler und berichtigte den bestandskräftigen Einkommensteuerbescheid nach § 129 AO. Nach Ansicht des Finanzgerichts Münster sei die Übernahme der falschen und unvollständigen Daten ein mechanisches Versehen. Ein Rechtsirrtum könne insoweit ausgeschlossen werden. Für eine Überprüfung, also eine Aufklärung des Sachverhalts, hätte kein Anlass bestanden, da auf allen Lohnsteuerbescheinigungen vermerkt war, die Daten seien maschinell übertragen worden.
Hat jedoch der Steuerpflichtige seine Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit in der elektronisch per Elster an das Finanzamt übermittelten Einkommensteuererklärung zutreffend erklärt, weichen die Angaben in der von dem Arbeitgeber via Elster Lohn I übermittelten elektronischen Lohnsteuerbescheinigung zu Gunsten des Steuerpflichtigen hiervon ab und setzt das Finanzamt – trotz eines computergestützten Bearbeitungshinweises wegen dieser Divergenz – die Einkommensteuer auf der Grundlage der – unzutreffenden – Lohnangaben des Arbeitgebers fest, ist eine Berichtigung der fehlerhaften Steuerfestsetzung wegen einer offenbaren Unrichtigkeit nach § 129 AO ausgeschlossen (Niedersächsisches FG Beschluss vom 28.7.2014, 3 V 226/14, EFG 2014, 1743).
Hat ein Stpfl. in seiner handschriftlich ausgefüllten Einkommensteuererklärung seinen aus zwei Arbeitsverhältnissen bezogenen Arbeitslohn in zutreffender Höhe eingetragen, das FA allerdings bei der elektronischen Erfassung der Steuererklärung zunächst nur den Arbeitslohn aus einem Arbeitsverhältnis berücksichtigt, kann es sich bei der Nichtberücksichtigung des weiteren, aus einem anderen Bundesland stammenden Arbeitslohns um eine eine ähnliche offenbare Unrichtigkeit i.S.d. § 129 AO handeln (FG Düsseldorf Urteil vom 11.10.2016, 10 K 1715/16 E, EFG 2016, 1843 BB 2016, 2710, Revision eingelegt, Az. des BFH: VI R 38/16). So auch FG Köln, Urteil vom 14.3.2016 (5 K 1920/14, BB 2017, 341; Rev. beim BFH zugelassen, Az.: VI R 41/16).
8. Fehlender Vorbehalt der Nachprüfung
Es entspricht gefestigter höchstrichterlicher Rspr. (BFH Urteil vom 22.8.1989, VIII R 110/86, BFH/NV 1990, 205 und vom 17.11.1998, III R 2/97, BStBl II 1999, 62), dass ein Verwaltungsakt, der ohne Vorbehalt der Nachprüfung ergangen ist, wegen offenbarer Unrichtigkeit dergestalt nach § 129 AO berichtigt werden kann, dass der Vorbehalt der Nachprüfung nachgeholt und der Bescheid nach § 164 AO geändert werden kann, wenn in einem Steuerbescheid die von der Behörde beabsichtigte Anordnung des Nachprüfungsvorbehalts versehentlich unterblieben ist. Das ist regelmäßig anzunehmen, wenn ein in der Aktenverfügung enthaltener Vorbehaltsvermerk nicht in den bekannt gegebenen Bescheid übernommen wurde.
9. Fehlerhafte Auswertung von Außenprüfungsberichten
Auch bei der Auswertung von Außenprüfungsberichten können offenbare Unrichtigkeiten i.S.d. § 129 AO vorkommen, wenn ein
Punkt des Berichts übersehen worden ist,
die Prüfungsfeststellungen in widersprüchlicher Weise ausgewertet worden sind,
Textziffern des Außenprüfungsberichts verwechselt worden sind,
der gesamte Prüfungsbericht nicht ausgewertet worden ist.
Ein die Berichtigung nach § 129 AO ausschließender Rechtsanwendungs- bzw. Ermittlungsfehler liegt nicht vor (BFH vom 27.11.2003, BFH/NV 2004, 605).
Dem Bearbeiter des FA unterläuft ein Fehler bei der Auswertung eines Außenprüfungsberichts. Der nicht erfasste Sachverhalt ist klar und eindeutig im Prüfungsbericht dargestellt. Der Korrekturbescheid enthält die Erläuterung »Die Änderung beruht auf den Feststellungen im Prüfungsbericht vom ….«.
Die Berichtigung des auf der Grundlage der Feststellungen der Außenprüfung ergangenen Korrekturbescheids ist nach § 129 AO möglich. Insbesondere lässt die Erläuterung im Korrekturbescheid den Schluss zu, dass sich die Veranlagungsstelle die Feststellungen der Außenprüfung zu eigen machen wollte.
10. Berichtigungspflicht
Eine Berichtigungspflicht besteht gem. § 129 Satz 2 AO nur bei berechtigtem Interesse des Stpfl. Berechtigtes Interesse liegt insbesondere vor, wenn sich die Berichtigung zugunsten des Stpfl. auswirkt. Aber auch wenn der zu berichtigende Verwaltungsakt zur Vorlage bei anderen Behörden gebraucht wird.
Ansonsten liegt die Berichtigung gem. § 129 Satz 1 AO durch die Formulierung des Gesetzgebers &equals; »kann« im pflichtgemäßen Ermessen des Finanzamts. Somit kann das Finanzamt die Berichtigung von offenbaren Unrichtigkeiten, die keine steuerliche Auswirkung haben, wie z.B. unbedeutende Schreibfehler oder Ähnliches ablehnen.
Bei Berichtigungen zuungunsten des Stpfl. ist es nicht ermessensfehlerhaft, die Berichtigung durchzuführen, ohne die Ermessensausübung im Bescheid zu begründen. Es reicht i.d.R. aus, die offenbare Unrichtigkeit im Bescheid darzustellen. Eine offenbare Unrichtigkeit trägt regelmäßig den Grund zur Korrektur in sich (BFH Urteil vom 28.10.1992, BFH/NV 93, 637).
11. Umfang der Berichtigung
Nur die offenbare Unrichtigkeit selbst darf berichtigt werden (sog. Punktberichtigung). Andere Fehler, für die keine Korrekturvorschrift einschlägig ist, dürfen grundsätzlich nicht mit korrigiert werden.
Nach der Rspr. des BFH ist die Fehlerkompensation nach § 177 AO bei Berichtigungen nach § 129 AO nicht anwendbar. Jedoch hat der BFH eine sinngemäße Anwendung des § 177 AO im Rahmen einer pflichtgemäßen Ermessensausübung bei Berichtigungen nach § 129 AO für zulässig erachtet. Dies führt letztendlich zum selben steuerlichen Ergebnis (vgl. BFH Beschluss vom 30.4.1998, BFH/NV 99, 1 und AEAO zu § 129, Nr. 5).
Allerdings ist die Berichtigung selbstverständlich mit allen gesetzlichen Folgeänderungen, wie z.B. die Neuberechnung der zumutbaren Eigenbelastung nach § 33 Abs. 3 EStG oder des Altersentlastungsbetrags nach § 24a EStG, durchzuführen.
12. Beweislast für Anwendbarkeit des § 129 AO
Die Beweislast für die Voraussetzungen einer Berichtigung nach § 129 Satz 1 AO trägt nach allgemeinen Grundsätzen derjenige, der sich auf ihr Vorliegen beruft (BFH Beschluss vom 26.10.2015, X B 43/15, BFH/NV 2016, 201).
13. Weitere Einzelfälle aus der Rechtsprechung
13.1. Rentenbescheid übersehen
Hat der Finanzbehörde ein Rentenbescheid vorgelegen und ist ihr daher der Bezug der Altersrente bekannt, ist es ausgeschlossen, dass die Nichterfassung der Altersrente im Steuerbescheid auf einem Rechtsirrtum beruht (BFH Beschluss vom 27.2.2014, X B 157/13, BFH/NV 2014, 825).
13.2. Gewinnermittlung gem. § 4 Abs. 3 EStG – Umsatzsteuer als Betriebsausgabe
Übersieht das Finanzamt bei der Einkommensteuerveranlagung, dass der Steuerpflichtige in seiner vorgelegten Gewinnermittlung die bei der Umsatzsteuererklärung für denselben Veranlagungszeitraum erklärten und im Umsatzsteuerbescheid erklärungsgemäß berücksichtigten Umsatzsteuerzahlungen nicht als Betriebsausgabe erfasst hat, liegt insoweit eine von Amts wegen zu berichtigende offenbare Unrichtigkeit nach § 129 AO vor (BFH Urteil vom 27.8.2013, VIII R 9/11, BStBl II 2014, 439). Hierbei liegt eine offenbare Unrichtigkeit bereits dann vor, wenn sie dem Grunde nach für das Finanzamt erkennbar ist. Dem steht nicht entgegen, dass hinsichtlich der Höhe der zutreffenden Einkünfte noch Aufklärungsbedarf besteht.
13.3. Unterbliebene Berücksichtigung eines im Veranlagungsverfahren nicht erklärten und auch sonst nicht erkennbaren Übergangsverlusts
Die Nichtberücksichtigung eines im Veranlagungsverfahren nicht erklärten Übergangsverlusts stellt keine offenbare Unrichtigkeit i.S.v. § 129 Satz 1 AO dar, wenn dieser auch aus den der Steuererklärung beigefügten Unterlagen oder Bilanzen nicht erkennbar war, sondern erst durch weitere Aufklärungsmaßnahmen hätte ermittelt werden müssen (BFH Beschluss vom 26.10.2015, X B 43/15, BFH/NV 2016, 201; Abgrenzung zum Senatsurteil vom 27.5.2009, X R 47/08, BStBl II 2009, 946). Die Beweislast für die Voraussetzungen einer Berichtigung nach § 129 Satz 1 AO trägt nach allgemeinen Grundsätzen derjenige, der sich auf ihr Vorliegen beruft.
13.4. Nichtbeachtung eines automatisierten Prüfhinweises durch den Veranlagungsbeamten
13.5. Nichterfassung von Einkünften beim Einscannen der Steuererklärung
Sind vom Steuerpflichtigen in seiner Steuererklärung angegebene Einkünfte im Einkommensteuerbescheid nicht berücksichtigt worden und beruht die Nichtberücksichtigung des feststehenden Sachverhalts durch das Finanzamt nicht auf einem Rechtsanwendungsfehler aufgrund mangelhafter Sachverhaltsaufklärung, sondern letztlich auf einer oberflächlichen, grob unachtsamen Bearbeitung des Steuerfalles, durch die sich ein Fehler beim Einscannen der Erklärungswerte perpetuiert hat, liegt eine offenbare Unrichtigkeit i.S.d. § 129 AO vor (vgl. FG Düsseldorf Urteil vom 16.2.2017, 14 K 3554/14 E, EFG 2017, 1315; Rev. eingelegt, Az. des BFH VIII R 4/17).
→ Schätzung