Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/die-fruehere-taetigkeit-eines-richters-als-angestellter-rechtsanwalt-eines-prozessbevollmaechtigten-3104413
Timestamp: 2020-03-31 07:31:47
Document Index: 168716526

Matched Legal Cases: ['§ 42', '§ 1036', '§ 1', '§ 41', '§ 47', '§ 41', 'BGH', 'BGH', '§ 42', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 7']

Die frü­he­re Tätig­keit eines Rich­ters – als ange­stell­ter Rechts­an­walt eines Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten | Rechtslupe
Die frü­he­re Tätig­keit eines Rich­ters als ange­stell­ter Rechts­an­walt in der Kanz­lei eines Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten genügt nicht, um die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den 1.
Nach § 42 Abs. 2 ZPO fin­det die Ableh­nung wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit statt, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen die Unpar­tei­lich­keit eines Rich­ters zu recht­fer­ti­gen. Dabei kom­men nur objek­ti­ve Grün­de in Betracht, die vom Stand­punkt des Ableh­nen­den bei ver­nünf­ti­ger Betrach­tung die Befürch­tung wecken kön­nen, der Rich­ter ste­he der Sache nicht unvor­ein­ge­nom­men und damit unpar­tei­isch gegen­über 2. Ein erfolg­rei­ches Ableh­nungs­ge­such setzt danach zwar weder vor­aus, dass der Rich­ter tat­säch­lich befan­gen ist, noch kommt es dar­auf an, ob er sich selbst für befan­gen hält. Es genügt viel­mehr, dass die Umstän­de geeig­net sind, der Par­tei Anlass zu berech­tig­ten Zwei­feln zu geben (vgl. § 1036 Abs. 2 Satz 1 ZPO). Denn die Vor­schrif­ten zur Befan­gen­heit von Rich­tern sol­len bereits den bösen Schein einer mög­li­cher­wei­se feh­len­den Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Objek­ti­vi­tät ver­mei­den 3. Ob ein sol­cher Anschein besteht, ist jedoch aus der Sicht einer objek­tiv und ver­nünf­tig urtei­len­den Par­tei zu ermit­teln, so dass rein sub­jek­ti­ve, unver­nünf­ti­ge Vor­stel­lun­gen und Gedan­ken­gän­ge des Antrag­stel­lers als Ableh­nungs­grund aus­schei­den 4.
Per­sön­li­che Bezie­hun­gen des Rich­ters zu dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten einer Par­tei sind danach zwar grund­sätz­lich geeig­net, die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den. An ihre Inten­si­tät und Qua­li­tät sind jedoch höhe­re Anfor­de­run­gen zu stel­len als bei per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zur Par­tei selbst 5. Denn im Unter­schied zur Par­tei hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te kein unmit­tel­ba­res Eigen­in­ter­es­se am Aus­gang des Rechts­streits. Er ist auch kein blo­ßer Inter­es­sen­ver­tre­ter der Par­tei, son­dern unab­hän­gi­ges Organ der Rechts­pfle­ge (§ 1 BRAO), von dem – eben­so wie von einem Rich­ter – grund­sätz­lich erwar­tet wer­den kann, dass er über eine pro­fes­sio­nel­le Distanz zum Gegen­stand des Recht­streits ver­fügt und in der Lage ist, sei­ne per­sön­li­che Bezie­hun­gen davon zu tren­nen. Die­sem Unter­schied trägt auch der Gesetz­ge­ber Rech­nung, indem er den Aus­schluss von der Aus­übung des Rich­ter­amts nach § 41 Nr. 1 bis 3 ZPO über eige­ne Ange­le­gen­hei­ten des Rich­ters (Nr. 1) hin­aus auf sol­che Sachen erstreckt, in denen sein Ehe­gat­te oder Lebens­part­ner sowie bis zum drit­ten Grad ver­wand­te und ver­schwä­ger­te Per­so­nen Par­tei sind, wäh­rend nach § 47 Nr. 4 ZPO nur die eige­ne Stel­lung des Rich­ters als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter scha­det, nicht aber die­je­ni­ge einer ihm nahe­ste­hen­den Per­son. Die per­sön­li­che Bezie­hung zu einem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten genügt daher allen­falls bei Ehe­gat­ten 6, Ver­wand­ten ers­ten Gra­des 7 oder beson­ders engen Freun­den 8, um die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu beja­hen. In allen ande­ren Fäl­len müs­sen wei­te­re kon­kre­te Anhalts­punk­te für eine Befan­gen­heit hin­zu­tre­ten 9. Hier­zu gehö­ren ins­be­son­de­re pri­va­te Gesprä­che über den Gegen­stand des Rechts­streits 10, die unter­blie­be­ne oder ver­spä­te­te Offen­le­gung der per­sön­li­chen Bezie­hung 11 oder ein eige­nes Man­dats­ver­hält­nis 12, nicht aber die abs­trak­te Erör­te­rung einer den Rechts­streit betref­fen­den Rechts­fra­ge 13, die lang­jäh­ri­ge Zusam­men­ar­beit im Vor­stand eines Ver­eins 14, eine frü­he­re Tätig­keit des Rich­ters als Sta­ti­ons­re­fe­ren­dar und das dar­aus resul­tie­ren­de Duz-Ver­hält­nis 15 oder der Umstand, dass der ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de des erken­nen­den Senats zu den vor­in­stanz­li­chen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten einer Par­tei gehört 16.
Gemes­sen dar­an sind die von den Klä­gern gel­tend gemach­ten Umstän­de nicht geeig­net, die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den. Die Tätig­keit als ange­stell­ter Rechts­an­walt in der Kanz­lei der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten genügt dafür nicht, zumal sie nur rund ein Jahr gedau­ert hat und schon fast drei Jah­re zurück­liegt. Dass die Beklag­te und ihre Mut­ter­ge­sell­schaft wäh­rend die­ses Zeit­raums schon von ihren jet­zi­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bera­ten und ver­tre­ten wur­den, recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Denn der Rich­ter hat zwar in ande­ren Man­da­ten mit den damals und heu­te zustän­di­gen Part­nern zusam­men­ge­ar­bei­tet. Er ist aber weder in der vor­lie­gen­den noch in einer damit zusam­men­hän­gen­den oder ver­gleich­ba­ren Rechts­sa­che als Anwalt für die Beklag­te oder deren Mut­ter­ge­sell­schaft tätig gewor­den, so dass nur zu deren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten eine per­sön­li­che Bezie­hung besteht. Die­se Bezie­hung als sol­che bie­tet bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de kei­nen Anlass, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters zu zwei­feln. Dar­an ändern auch die gemein­sa­men Ver­öf­fent­li­chun­gen nichts. Denn zum einen beschrän­ken sich die­se Publi­ka­tio­nen auf den Zeit­raum der beruf­li­chen Zusam­men­ar­beit. Zum ande­ren stellt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 17 selbst die fort­dau­ern­de Mit­au­toren­schaft einer Pro­zess­par­tei und eines zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Rich­ters kei­nen Befan­gen­heits­grund dar. Wei­te­re kon­kre­te Anhalts­punk­te für eine Befan­gen­heit sind weder vor­ge­tra­gen noch sonst ersicht­lich. Ins­be­son­de­re hat der Rich­ter unver­züg­lich ange­zeigt, dass er von Febru­ar 2012 bis März 2013 als ange­stell­ter Rechts­an­walt für die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten tätig war, so dass aus der Sicht einer objek­tiv und ver­nünf­tig urtei­len­den Par­tei auch nicht der Ein­druck ent­ste­hen konn­te, die­ser Umstand wer­de ihr ver­heim­licht. Der tra­gen­de Grund der von den Klä­gern zitier­ten Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen 18 liegt damit gera­de nicht vor. Auch im Übri­gen betrifft die­se Ent­schei­dung einen völ­lig anders gela­ger­ten Sach­ver­halt. Denn zum einen war die Kanz­lei, bei der die erken­nen­de Rich­te­rin beschäf­tigt gewe­sen war, nicht nur Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des dor­ti­gen Klä­gers, son­dern als ursprüng­li­che Inha­be­rin und Zeden­tin der streit­ge­gen­ständ­li­chen Hono­rar­for­de­rung auch selbst am Aus­gang des Rechts­streits inter­es­siert. Zum ande­ren war die Rich­te­rin in der von dem beklag­ten Man­dan­ten unter­zeich­ne­ten Voll­macht sogar nament­lich genannt. Der Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen lässt sich daher gera­de nicht ent­neh­men, dass die frü­he­re Tätig­keit für die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten einer Par­tei genü­gen wür­de, um die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den.
Der Rich­ter ist schließ­lich – was von Amtes wegen zu prü­fen ist – auch nicht gemäß § 41 Nr. 4 ZPO kraft Geset­zes von der Aus­übung des Rich­ter­am­tes aus­ge­schlos­sen. Denn er ist in der vor­lie­gen­den Sache nie als Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter der Beklag­ten bestellt gewe­sen. Das folgt schon dar­aus, dass das Man­dat in die­ser Sache erst nach sei­nem Aus­schei­den erteilt wur­de. Auf die Aus­ge­stal­tung der Voll­macht kommt es daher nicht an.
Land­ge­richt Frei­burg, Beschluss vom 20. Novem­ber 2015 – 5 O 140/​15
Abgren­zung zu OLG Mün­chen, NJW 2014, 3042[↩]
st. Rspr.; vgl. nur BGH, NJW 2012, 1890[↩]
vgl. etwa BGH, NJW-RR 2003, 1220, 1221 und NJW 2004, 163 f.[↩]
so zutref­fend Beck­OK-ZPO/­Voss­ler, § 42 Rdn. 11[↩]
dazu BGH, NJW 2012, 1890 f.; OLG Jena, OLGR 2000, 76, 77 und OLG Ros­tock, OLGR 2005, 35[↩]
vgl. OLG Schles­wig, OLGR 2000, 390, aber auch BGH, Fam­RZ 2006, 1440 und OLG Cel­le, OLGR 1995, 272, 273[↩]
so OLG Mün­chen, Beschluss vom 08.02.2013, 9 W 2250/​12 12 f.[↩]
KG, NJW-RR 2000, 1164, 1165; 2014, 572, 573; OLG Cel­le, OLGR 1995, 272, 273; OLG Frank­furt, OLGR 2003, 217 f.; OLG Koblenz, NJOZ 2003, 3552, 3553; OLG Naum­burg; BeckRS 2012, 24085; Beck­OK-ZPO/­Voss­ler, a.a.O.[↩]
KG, NJW-RR 2000, 1164, 1165[↩]
KG, a.a.O.; OLG Bre­men, OLGR 2008, 175 f.; OLG Mün­chen, NJW 2014, 3042, 3043[↩]
KG, NJW-RR 2014, 572, 573[↩]
OLG Koblenz, NJOZ 2003, 3552[↩]
OLG Frank­furt, OLGR 2003, 217, 218[↩]
BGH, NJW-RR 2007, 776, 777[↩]
BGH, NJW 2011, 1358, 1359 f.[↩]
BGH­Re­port 2005, 1350[↩]
OLG Mün­chen, NJW 2014, 3042, 3043 f.[↩]
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