Source: https://wissmit.com/2011/11/10/die-widerspruchslosung-das-unbekannte-wesen-ii/?shared=email&msg=fail
Timestamp: 2020-04-03 07:57:21
Document Index: 114555673

Matched Legal Cases: ['BGH', '§ 344', 'BGH', 'BGH', '§ 257', '§ 273', '§ 238', '§ 238', '§ 344', 'BGH']

Die Widerspruchslösung – Das unbekannte Wesen II | WissMit.com
Die Widerspruchslösung – Das unbekannte Wesen II
In diesem Beitrag, der an den vorherigen zur Widerspruchslösung anschließt, soll wie angekündigt eine neue Voraussetzung für einen zulässigen Widerspruch, der ein Beweisverwertungsverbot vor dem Tatsachengericht geltend macht vorgestellt werden. Seit langem ist es ständige Rechtsprechung des BGH, dass der Revisionsführer in einer Revision „die Angriffsrichtung seiner Rüge eindeutig bestimmen muss“, wenn nach den von ihm vorgetragenen Tatsachen mehr als ein Verfahrensmangel in Betracht kommt. Das heißt, kommen aus den in der Revisionsbegründung vorgetragenen Tatsachen mehrere Verfahrensfehler in Betracht, muss der Revisionsführer konkret denjenigen benennen und begründen, den er rügt. Diese aus § 344 Abs. 2 Satz StPO hergeleitete Zulässigkeitsvoraussetzung einer Verfahrensrüge hat der 1. Strafsenat des BGH nunmehr mit Beschluss vom 11. September 2007 auch auf die Widerspruchslösung übertragen (BGHSt 52, 38, 42).
Für einen Widerspruch gegen ein Beweisverwertungsverbot in der Hauptverhandlung bedeutet dies, dass konkret das Beweisverwertungsverbot benannt wird und es einer Begründung bedarf, die zumindest in groben Zügen darlegt, unter welchem Gesichtspunkt man den zu erhebenden Beweis für unverwertbar hält bzw. warum er einem Beweisverwertungsverbot unterliegt. Das heißt der Widerspruch muss so explizit die Angriffsrichtung bestimmen, dass der Prüfungsumfang des Tatgerichts begrenzt wird. Eine Nachholung der Begründung nach dem in § 257 StPO genannten Zeitpunkt kann nicht erfolgen. Für einen Referendar in der Ausbildung bei einem Strafverteidiger der eine Hauptverhandlung vorbereiten soll, bedeutet dies, dass er, sofern er mehrere Beweisverwertungsverbote findet, keinen pauschalen Widerspruch formulieren darf, sondern für jedes einzelne Beweisverwertungsverbot einen konkreten Widerspruch formulieren und begründen muss, um so sicher zu gehen, dass die Widersprüche auch zulässig erhoben werden.
Insoweit noch in Praxistipp. In der Regel weisen Gerichte einen Widerspruch per Beschluss zurück, der zum Hauptverhandlungsprotokoll (§§ 273, 274 StPO) genommen wird. Indes teilen manche Vorsitzende lediglich als prozessleitende Verfügung (§ 238 Abs. 1 StPO) mit, dass das in Rede stehende Beweismittel dennoch in die Hauptverhandlung eingeführt wird. In diesem Fall sollte der Verteidiger auf jeden Fall diese Verfügung gem. § 238 Abs. 2 Satz 2 StPO beanstanden und den für die Revision erforderlichen Gerichtsbeschluss herbeiführen, da ein solcher Beschluss in der richternahen Praxisliteratur zunehmend als weitere Zulässigkeitsvoraussetzung gefordert wird (vgl. nur Moosbacher, NStZ 2011, 606 ff.). Muss eine Revision vorbereitet werden, und soll ein Beweisverwertungsverbot geltend gemacht werden, d. h. dass trotz des Widerspruchs die für unzulässig gehalten Beweisverwertung durchgeführt wurde, kann dies nur unter den strengen Voraussetzungen einer Verfahrensrüge (§ 344 Abs. 2 Satz 2 StPO) erfolgen. In diesem Fall sind in der Revisionsbegründungsschrift als verfahrenserhebliche Tatsachen jew. im konkreten Wortlaut der Widerspruch, der Beschluss sowie das Hauptverhandlungsprotokoll beizufügen, denn ansonsten ist die Verfahrensrüge bereits unzulässig.
Weiterführende Literatur: Kuhn, Die Widerspruchslösung, JA 2010, 891 ff.; Bauer, Die „Angriffsrichtung“ des Widerspruchs, StV 2011, 635 ff.; Jahn, Strafverfolgung um jeden Preis? – Die Verwertbarkeit rechtswidrig erlangter Beweismittel, StraFo 2011, 117 ff.; Moosbacher, Zur aktuellen Debatte um die Rügepräklusion – Zugleich ein Beitrag zur Zukunft der Widerspruchslösung, NStZ 2011, 606 ff.
Der erste Beitrag zur Widerspruchslösung findet sich hier.
Kategorien Ausbildung, Strafverfahrensrecht
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3 Antworten to “Die Widerspruchslösung – Das unbekannte Wesen II”
Detlef Burhoff 10. November 2011 um 14:29 #
und auch hier: na, so unbekannt ist die Widerspruchslösung ja nun nicht. die gibt es schon seit 1992 – vgl. BGHSt 38, 214. und dazu steht ganz viel in meinem Handbuch für die strafrechtliche Hauptverhandlung, 6. Aufl., 2010, Rn. 1166a ff. oder auch hier: http://www.burhoff.de/haupt/inhalt/widerspruch.htm
Michael Schieder 10. November 2011 um 14:44 #
natürlich ist in der Praxis die Widerspruchslösung kein unbekanntes Wesen. Ich bezog dies auch nur auf die juristische Ausbildung, in der sie kaum, um nicht zu sagen, gar nicht angesprochen wird. Die StPO-Vorlesungen beschränken sich in der Regel auf die Vermittlung der einzelnen Beweisverwertungsverbote aber teilen nicht mit, wie diese in einer Hauptverhandlung geltend zu machen sind. Im übrigen habe ich einige Jahre bei einem Revisionsverteidiger gearbeitet und dabei ist mir leider auch aufgefallen, dass Verteidiger in der Tatsacheninstanz versäumen einen Widerspruch einzulegen.
Detlef Burhoff 13. November 2011 um 09:47 #
Hallo, das ist leider in der Tat so. Daher werde ich auf Fortbildungen auch nicht müde, auf die Widerspruchslösung und die Erforderlichkeit eines Widerspruchs hinzuweisen, damit wenigstens die formellen Voraussetzungen gegeben sind.