Source: https://www.rechtslupe.de/wirtschaftsrecht/sonntags-bleibt-der-laden-zu-314546
Timestamp: 2019-12-14 21:28:34
Document Index: 10048062

Matched Legal Cases: ['Art. 4', 'Art 139', 'Art. 4', 'Art. 139', '§ 3', 'Art. 4', 'Art. 139', 'Art. 139', 'Art. 140', 'Art. 140', 'Art. 4', 'Art. 140', 'Art. 139', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 140', 'Art. 139', 'Art 139', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 139', 'Art. 140', 'Art. 4', 'Art. 139', 'Art. 140', 'Art. 4', 'Art. 4', 'Art. 140', 'Art. 139', 'Art. 4', 'Art. 139', 'Art. 4', 'Art. 139', 'Art. 4', 'Art. 139', 'Art. 139', 'Art. 6', 'Art. 2', 'Art. 139', 'Art. 4', 'Art. 139', 'Art. 139', 'Art. 140', 'Art. 139', 'Art. 139', '§ 3', '§ 6', 'Art. 4', 'Art. 140', 'Art. 139', 'Art. 139', 'Art. 4', 'Art. 140', 'Art. 139', 'Art. 140', 'Art. 139', '§ 3']

Sonn­tags bleibt der Laden zu | Rechtslupe
Das Bund­ers­ver­fas­sungs­ge­richt hat heu­te mor­gen anhand von zwei Ver­fas­sungs­be­schwer­den grund­sätz­lich zur Fra­ge des grund­ge­setz­lich garan­tier­ten Sonn­tags­schutz und Fei­er­tags­schutz Stel­lung genom­men und die in den Sonn- und Fei­er­tags­ge­set­zen der Län­der in unter­schied­li­chem Umfang vor­ge­se­he­nen Mög­lich­kei­ten zur All­ge­mei­nen Laden­öff­nung an Sonn­ta­gen weit­ge­hend ein­ge­schränkt. Kon­kret rich­te­ten sich die bei­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die – im Ver­gleich zu den ande­ren Bun­des­län­dern am wei­tes­ten gehen­de – Ber­li­ner Rege­lung. Die­se ist nach Ansicht des Karls­ru­her Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sowohl hin­sicht­lich der dort vor­ge­se­hen Laden­öff­nung an allen vier Advents­sonn­ta­gen wie auch hin­sicht­lich der Öff­nungs­mög­lich an wei­te­ren Sonn­ta­gen per All­ge­mein­ver­fü­gung der Ber­li­ner Senats­ver­wal­tung nicht ver­fas­sungs­ge­mäß und muss daher zujm 31. Dezem­ber 2009 außer Kraft tre­ten – nur das aktu­el­le Weih­nachts­ge­schäft kann sich noch auf die vier ver­kaufs­of­fe­nen Advents­sonn­ta­ge ver­las­sen.
Um zu die­sem (ein­stim­mi­gen) Ergeb­nis zu gelan­gen, bedurf­te es frei­lich zunächst der Lösung eines for­ma­len Pro­blems, näm­lich der Fra­ge der Kla­ge­be­fug­nis der katho­li­schen und der evan­ge­li­schen Kir­che in Fra­ge der Sonn­tags­ru­he. Die­ses Pro­blem rührt daher, dass die Sonn­tags­ru­he nicht im Rah­men der Grund­rech­te auf­ge­führt ist, son­dern "nur" im Rah­men der in das Grund­ge­setz inkor­po­rier­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ver­fas­sung. Hier­an wären die Ver­fas­sungs­be­schwer­den auch bei­na­he geschei­tert, die Zuer­ken­nung der Kla­ge­be­fug­nis erfolg­te nur mit der denk­bar knapps­ten Mehr­heit von 5 : 3 Stim­men.
Die Situa­ti­on der Sonn­tags­öff­nung in Ber­lin
Die Kla­ge­be­fug­nis der Kir­chen
Die mate­ri­el­le Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Ber­li­ner Rege­lung zur Sonn­tags­öff­nung
Art. 4 GG»">Art 139 WRV als Kon­kre­ti­sie­rung des Grund­rechts aus Art. 4 GG
Der Rege­lungs­ge­halt des Art. 139 WRV
Anfor­de­run­gen an die aus­nahms­wei­se Öff­nungs­mög­lich­keit an Sonn­ta­gen
Die Ber­li­ner Lösung für die Advents­sonn­ta­ge
Doch im Ein­zel­nen:
Die Situa­ti­on der Sonn­tags­öff­nung in Ber­lin[↑]
Bei der soge­nann­ten Föde­ra­lis­mus­re­form I im Jahr 2006 wur­de die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz für das Recht des Laden­schlus­ses auf die Län­der über­tra­gen. Das Abge­ord­ne­ten­haus von Ber­lin beschloss dar­auf­hin das am 17. Novem­ber 2006 in Kraft getre­te­ne Ber­li­ner Laden­öff­nungs­ge­setz (Berl¬LadÖffG). Die­ses sieht vor allem schon kraft Geset­zes und ohne die Erfül­lung wei­te­rer Vor­aus­set­zun­gen die Frei­ga­be aller vier Advents­sonn­ta­ge in Fol­ge in der Zeit von 13.00 bis 20.00 Uhr für die Laden­öff­nung vor. Vier wei­te­re Sonn- und Fei­er­ta­ge jähr­lich kön­nen „im öffent­li­chen Inter­es­se“ durch All­ge­mein­ver­fü­gung der Senats­ver­wal­tung frei­ge­ge­ben wer­den. Zusätz­lich dür­fen an zwei wei­te­ren Sonn- oder Fei­er­ta­gen Ver­kaufs­stel­len aus Anlass „beson­de­rer Ereig­nis­se, ins­be­son­de­re von Fir­men­ju­bi­lä­en und Stra­ßen­fes­ten“, von 13.00 bis 20.00 Uhr offen gehal­ten wer­den. Dane­ben gibt es eine Rei­he von waren­grup­pen­spe­zi­fi­schen sowie orts- und anlass­be­zo­ge­nen Aus­nah­me­be­stim­mun­gen. Die Laden­öff­nung an Werk­ta­gen ist voll­stän­dig frei­ge­ge­ben (24 Stun­den-Öff­nungs­mög­lich­keit).
Inzwi­schen haben alle Bun­des­län­der bis auf den Frei­staat Bay­ern den Laden­schluss durch Lan­des­ge­setz gere­gelt. Im Grund­satz sehen alle Lan­des­ge­set­ze vor, dass an Sonn- und Fei­er­ta­gen kei­ne Laden­öff­nung erfolgt. Als Aus­nah­me­re­ge­lun­gen wei­sen die meis­ten ande­ren Bun­des­län­der vier Sonn- und Fei­er­ta­ge zur Frei­ga­be aus, Baden-Würt­tem­berg ledig­lich drei, Bran­den­burg hin­ge­gen sechs. Zumeist ist eine Laden­öff­nung an den Advents­sonn­ta­gen aus­ge­schlos­sen oder zumin­dest nur an einem ein­zi­gen Advents­sonn­tag im Jahr gestat­tet. Neben Ber­lin sehen nur die Geset­ze über den Laden­schluss von Bran­den­burg, Sach­sen und Sach­sen-Anhalt kei­nen beson­de­ren Schutz der Advents­sonn­ta­ge vor.
Mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den wen­den sich die Evan­ge­li­sche Kir­che Ber­lin-Bran­den­burg-schle­si­sche Ober­lau­sitz (1 BvR 2857/​07) und das Erz­bis­tum Ber­lin (1 BvR 2858/​07) gegen die im Ver­gleich zur frü­he­ren gesetz­li­chen Rege­lung und zu den Laden­öff­nungs­be­stim­mun­gen in den ande­ren Bun­des­län­dern wei­ter­ge­hen­den Laden­öff­nungs­mög­lich­kei­ten an Sonn- und Fei­er­ta­gen in Ber­lin. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat ent­schie­den, dass die Rege­lung zur Laden­öff­nungs­mög­lich­keit an allen vier Advents­sonn­ta­gen (§ 3 Abs. 1 Alter­na­ti­ve 2 Berl¬LadÖffG) mit Art. 4 Abs. 1 und Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Arti­kel 140 GG und Art. 139 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV) unver­ein­bar ist. Er hat die ver­fas­sungs­be­schwer­de­füh­ren­den Kir­chen für beschwer­de­be­fugt erach­tet.
Die Kla­ge­be­fug­nis der Kir­chen[↑]
Die Fra­ge, ob und inwie­weit sich Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten im Wege einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de auf die ver­fas­sungs­recht­li­che Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie des Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) beru­fen kön­nen, war in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bis­her noch nicht geklärt. Die­se Garan­tie ist nicht im Grund­rechts­ka­ta­log des Grund­ge­set­zes, son­dern in den soge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­keln ver­an­kert, die Bestand­teil des Grund­ge­set­zes sind (vgl. Art. 140 GG).
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­den für zuläs­sig gehal­ten, weil die Beschwer­de­füh­rer die Mög­lich­keit einer Ver­let­zung in ihrem Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG jeden­falls in Ver­bin­dung mit der objek­tiv­recht­li­chen Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie hin­rei­chend dar­ge­tan hat­ten. Die Mög­lich­keit einer Grund­rechts­ver­let­zung ist dann gege­ben, wenn die Ver­fas­sungs­be­schwer­de eine bis­lang vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt noch nicht ent­schie­de­ne, offe­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­ge auf­wirft, die die Annah­me eines ver­fas­sungs­be­schwer­de­fä­hi­gen Rechts jeden­falls nicht von vorn­her­ein aus­schließt. Das ist hier hin­sicht­lich der Fra­ge eines etwai­gen Bewir­kens der objek­tiv­recht­li­chen Schutz­ga­ran­tie des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV auf das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG im Sin­ne einer Kon­kre­ti­sie­rung und Stär­kung des Grund­rechts­schut­zes der Fall.
Die mate­ri­el­le Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Ber­li­ner Rege­lung zur Sonn­tags­öff­nung[↑]
Die in der ange­grif­fe­nen Rege­lung vor­ge­se­he­ne Mög­lich­keit der Laden­öff­nung an allen vier Advents­sonn­ta­gen ist mit den Schutz­pflicht­an­for­de­run­gen aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV nicht mehr in Ein­klang zu brin­gen. Das gesetz­li­che Schutz­kon­zept für die Gewähr­leis­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he muss die­se Tage erkenn­bar als sol­che der Arbeits­ru­he zur Regel erhe­ben; die Aus­nah­me davon bedarf eines dem Sonn­tags­schutz gerecht wer­den­den Sach­grun­des. Blo­ße wirt­schaft­li­che Inter­es­sen von Ver­kaufs­stel­len­in­ha­bern und all­täg­li­che Erwerbs­in­ter­es­sen der Käu­fer für die Laden­öff­nung genü­gen dafür grund­sätz­lich nicht. Zudem müs­sen bei einer flä­chen­de­cken­den und den gesam­ten Ein­zel­han­del erfas­sen­den Frei­ga­be der Laden­öff­nung recht­fer­ti­gen­de Grün­de von beson­de­rem Gewicht vor­lie­gen, wenn meh­re­re Sonn- und Fei­er­ta­ge in Fol­ge über jeweils vie­le Stun­den hin frei­ge­ge­ben wer­den sol­len. Vor die­sem Hin­ter­grund unter­schrei­tet die vor­aus­set­zungs­lo­se sie­ben­stün­di­ge Öff­nung an allen vier Advents­sonn­ta­gen ohne hin­rei­chend gewich­ti­ge Grün­de das ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Min­dest­maß des Sonn­tags­schut­zes. Die Rege­lung über die Öff­nung auf­grund All­ge­mein­ver­fü­gung an vier wei­te­ren Sonn- und Fei­er­ta­gen trägt nur bei ein­schrän­ken­der Aus­le­gung den Erfor­der­nis­sen des vom Gesetz­ge­ber zu gewähr­leis­ten­den Min­dest­schut­zes Rech­nung.
Die für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­te Advents­sonn­tags­re­ge­lung bleibt noch bis zum 31. Dezem­ber 2009 anwend­bar, so dass die Laden­öff­nung an den vier Advents­sonn­ta­gen in die­sem Jahr in Ber­lin noch mög­lich ist.
Art 139 WRV als Kon­kre­ti­sie­rung des Grund­rechts aus Art. 4 GG[↑]
Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG wird in sei­ner Bedeu­tung als Schutz­ver­pflich­tung des Gesetz­ge­bers durch den objek­tiv­recht­li­chen Schutz­auf­trag für den Sonn- und Fei­er­tags­schutz aus Art. 139 WRV (i.V.m. Art. 140 GG) kon­kre­ti­siert, der neben sei­ner welt­lich-sozia­len Bedeu­tung in einer reli­gi­ös-christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zelt. Danach ist ein Min­dest­ni­veau des Schut­zes der Sonn­ta­ge und der gesetz­lich aner­kann­ten hier der kirch­li­chen Fei­er­ta­ge durch den Gesetz­ge­ber zu gewähr­leis­ten.
Das Schutz­kon­zept, das den Rege­lun­gen zur Laden­öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen im Land Ber­lin zu Grun­de liegt, wird der Schutz­ver­pflich­tung des Lan­des­ge­setz­ge­bers aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in sei­ner Kon­kre­ti­sie­rung durch Art. 139 WRV in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG nicht hin­rei­chend gerecht. Zwar greift das Ber­li­ner Laden­öff­nungs­ge­setz weder gezielt in die Reli­gi­ons­frei­heit der Beschwer­de­füh­rer ein, noch liegt in den ver­schie­de­nen Bestim­mun­gen und Optio­nen zur Laden­öff­nung an Sonn- und Fei­er­ta­gen das „funk­tio­na­le Äqui­va­lent“ eines Ein­griffs, weil es sich mit den hier ange­grif­fe­nen Vor­schrif­ten an die Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und nicht an die Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten rich­tet. Aller­dings beschränkt sich die Reli­gi­ons­frei­heit nicht auf die Funk­ti­on eines Abwehr­rechts, son­dern gebie­tet auch im posi­ti­ven Sinn, Raum für die akti­ve Betä­ti­gung der Glau­bens­über­zeu­gung und die Ver­wirk­li­chung der auto­no­men Per­sön­lich­keit auf welt­an­schau­lich-reli­giö­sem Gebiet zu sichern. Die­se Schutz­pflicht trifft den Staat auch gegen­über den als Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts ver­fass­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten. Es ist aber grund­sätz­lich Sache des Gesetz­ge­bers, ein Schutz­kon­zept auf­zu­stel­len und nor­ma­tiv umzu­set­zen. Dabei kommt ihm ein wei­ter Einschätzungs‑, Wer­tungs- und Gestal­tungs­spiel­raum zu.
Allein aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG lässt sich kei­ne staat­li­che Ver­pflich­tung her­lei­ten, die reli­gi­ös-christ­li­chen Fei­er­ta­ge und den Sonn­tag unter den Schutz einer näher aus­zu­ge­stal­ten­den gene­rel­len Arbeits­ru­he zu stel­len und das Ver­ständ­nis bestimm­ter Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten von nach deren Leh­re beson­de­ren Tagen zugrun­de zu legen. Das Grund­recht aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG erfährt aber eine Kon­kre­ti­sie­rung durch die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie nach Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV; die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie wirkt ihrer­seits als in der Ver­fas­sung getrof­fe­ne Wer­tung auf die Aus­le­gung und Bestim­mung des Schutz­ge­halts von Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ein und ist des­halb auch bei der Kon­kre­ti­sie­rung der grund­recht­li­chen Schutz­pflicht des Gesetz­ge­bers zu beach­ten. Art. 139 WRV ent­hält einen Schutz­auf­trag an den Gesetz­ge­ber, der im Sin­ne der Gewähr­leis­tung eines Min­dest­schutz­ni­veaus dem Grund­rechts­schutz aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG inso­weit Gehalt gibt.
Der Rege­lungs­ge­halt des Art. 139 WRV[↑]
Die funk­tio­na­le Aus­rich­tung der soge­nann­ten Wei­ma­rer Kir­chen­ar­ti­kel auf die Inan­spruch­nah­me des Grund­rechts aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG gilt auch für die Gewähr­leis­tung der Tage der Arbeits­ru­he und der see­li­schen Erhe­bung in Art. 139 WRV, obgleich in die­ser Norm selbst der reli­gi­ös-christ­li­che Bezug nicht aus­drück­lich erwähnt wird. Denn Art. 139 WRV ist nach sei­ner Ent­ste­hungs­ge­schich­te, sei­ner sys­te­mi­schen Ver­an­ke­rung in den soge­nann­ten Kir­chen­ar­ti­keln und sei­nen Rege­lungs­zwe­cken ein reli­giö­ser, in der christ­li­chen Tra­di­ti­on wur­zeln­der Gehalt eigen, der mit einer dezi­diert sozia­len, welt­lich-neu­tral aus­ge­rich­te­ten Zweck­set­zung ein­her­geht. Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie för­dert und schützt daher nicht nur die Aus­übung der Reli­gi­ons­frei­heit. Die Gewähr­leis­tung der Arbeits­ru­he sichert eine wesent­li­che Grund­la­ge für die Rekrea­ti­ons­mög­lich­kei­ten des Men­schen und zugleich für ein sozia­les Zusam­men­le­ben und ist damit auch Garant für die Wahr­neh­mung von ande­ren Grund­rech­ten, die der Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung die­nen. Die Sonn- und Fei­er­tags­ga­ran­tie kommt etwa dem Schutz von Ehe und Fami­lie (Art. 6 Abs. 1 GG) eben­so zugu­te wie der Erho­lung und Erhal­tung der Gesund­heit (vgl. Art. 2 Abs. 2 GG). Ihre Bedeu­tung resul­tiert wesent­lich auch aus dem zeit­li­chen Gleich­klang der Arbeits­ru­he. Art. 139 WRV erweist sich so als ver­fas­sungs­ver­an­ker­tes Grund­ele­ment sozia­len Zusam­men­le­bens und staat­li­cher Ord­nung und ist als Kon­nex­ga­ran­tie zu ver­schie­de­nen Grund­rech­ten zu begrei­fen.
Die Pflicht des Staa­tes zu welt­an­schau­lich-reli­giö­ser Neu­tra­li­tät steht einer Kon­kre­ti­sie­rung des Schutz­ge­halts des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 139 WRV nicht ent­ge­gen. Denn die Ver­fas­sung selbst unter­stellt den Sonn­tag und die Fei­er­ta­ge, soweit sie staat­lich aner­kannt sind, einem beson­de­ren staat­li­chen Schutz­auf­trag und nimmt damit eine Wer­tung vor, die auch in der christ­lich-abend­län­di­schen Tra­di­ti­on wur­zelt und kalen­da­risch an die­se anknüpft.
Art. 139 WRV sta­tu­iert für die Arbeit an Sonn- und Fei­er­ta­gen unter ande­rem ein Regel-Aus­nah­me-Ver­hält­nis. Grund­sätz­lich hat die typi­sche „werk­täg­li­che Geschäf­tig­keit“ an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu ruhen, wobei der Schutz des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV nicht auf einen reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Sinn­ge­halt der Sonn- und Fei­er­ta­ge beschränkt ist. Die Rege­lung zielt in der säku­la­ri­sier­ten Gesell­schafts- und Staats­ord­nung aber auch auf die Ver­fol­gung pro­fa­ner Zie­le wie die der per­sön­li­chen Ruhe, Besin­nung, Erho­lung und Zer­streu­ung. Dabei soll die von Art. 139 WRV eben­falls erfass­te Mög­lich­keit see­li­scher Erhe­bung allen Men­schen unbe­scha­det einer reli­giö­sen Bin­dung zuteil wer­den.
Anfor­de­run­gen an die aus­nahms­wei­se Öff­nungs­mög­lich­keit an Sonn­ta­gen[↑]
Auf die­ser Grund­la­ge ergibt sich, dass gesetz­li­che Schutz­kon­zep­te für die Gewähr­leis­tung der Sonn- und Fei­er­tags­ru­he erkenn­bar die­se Tage als sol­che der Arbeits­ru­he zur Regel erhe­ben müs­sen. Hin­sicht­lich der hier in Rede ste­hen­den Laden­öff­nung bedeu­tet dies, dass die Aus­nah­me eines dem Sonn­tags­schutz gerecht wer­den­den Sach­grun­des bedarf. Ein bloß wirt­schaft­li­ches Umsatz­in­ter­es­se der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und ein all­täg­li­ches Erwerbs­in­ter­es­se („Shop­ping-Inter­es­se“) poten­zi­el­ler Käu­fer genü­gen grund­sätz­lich nicht, um Aus­nah­men von dem ver­fas­sungs­un­mit­tel­bar ver­an­ker­ten Schutz der Arbeits­ru­he und der Mög­lich­keit zu see­li­scher Erhe­bung an Sonn- und Fei­er­ta­gen zu recht­fer­ti­gen. Dar­über hin­aus müs­sen Aus­nah­men als sol­che für die Öffent­lich­keit erkenn­bar blei­ben und dür­fen nicht auf eine weit­ge­hen­de Gleich­stel­lung der sonn- und fei­er­täg­li­chen Ver­hält­nis­se mit den Werk­ta­gen und ihrer Betrieb­sam­keit hin­aus­lau­fen.
Dem Regel-Aus­nah­me-Gebot kommt gene­rell umso mehr Bedeu­tung zu, je gerin­ger das Gewicht der­je­ni­gen Grün­de ist, zu denen der Sonn- und Fei­er­tags­schutz ins Ver­hält­nis gesetzt wird und je weiter­grei­fen­der die Frei­ga­be der Ver­kaufs­stel­len­öff­nung in Bezug auf das betrof­fe­ne Gebiet sowie die ein­be­zo­ge­nen Han­dels­spar­ten und Waren­grup­pen aus­ge­stal­tet ist. Des­halb müs­sen bei einer flä­chen­de­cken­den und den gesam­ten Ein­zel­han­del erfas­sen­den Frei­ga­be der Laden­öff­nung recht­fer­ti­gen­de Grün­de von beson­de­rem Gewicht vor­lie­gen, wenn meh­re­re Sonn- und Fei­er­ta­ge in Fol­ge über jeweils vie­le Stun­den hin frei­ge­ge­ben wer­den sol­len.
Bei der Ein­ord­nung und Bewer­tung der Durch­bre­chun­gen der Arbeits­ru­he an Sonn- und Fei­er­ta­gen kommt der Laden­öff­nung gro­ßes Gewicht zu. Das Errei­chen des Ziels des Sonn­tags­schut­zes – des reli­gi­ös wie des welt­lich moti­vier­ten – setzt das Ruhen der typi­schen werk­täg­li­chen Geschäf­tig­keit vor­aus. Gera­de die Laden­öff­nung prägt wegen ihrer öffent­li­chen Wir­kung den Cha­rak­ter des Tages in beson­de­rer Wei­se. Von ihr geht eine für jeder­mann wahr­nehm­ba­re Geschäf­tig­keits- und Betrieb­sam­keits­wir­kung aus, die typi­scher­wei­se den Werk­ta­gen zuge­ord­net wird. Dadurch wer­den not­wen­dig auch die­je­ni­gen betrof­fen, die weder arbei­ten müs­sen noch ein­kau­fen wol­len, son­dern Ruhe und see­li­sche Erhe­bung suchen, nament­lich auch die Gläu­bi­gen christ­li­cher Reli­gio­nen und die Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten selbst, nach deren Ver­ständ­nis der Tag ein sol­cher der Ruhe und der Besin­nung ist. Dem Bedarfs­de­ckungs- und Ver­sor­gungs­ar­gu­ment kommt wegen der fast voll­stän­di­gen Frei­ga­be der werk­täg­li­chen Öff­nungs­zei­ten (24-Stun­den-Öff­nung) in Ber­lin an Sonn- und Fei­er­ta­gen nur noch gerin­ge Bedeu­tung zu.
Die Ber­li­ner Lösung für die Advents­sonn­ta­ge[↑]
Die Beson­der­heit der Ber­li­ner Advents­sonn­tags­re­ge­lung (§ 3 Abs. 1 Alter­na­ti­ve 2 Berl­La­d­ÖffG) besteht dar­in, dass schon kraft Geset­zes ohne irgend­ei­ne wei­te­re Vor­aus­set­zung vier Sonn­ta­ge in Fol­ge für die Dau­er von jeweils sie­ben Stun­den zur Laden­öff­nung frei­ge­ge­ben wer­den. Die­se Vor­schrift hält der Anfor­de­rung, dass die Sonn­tags­ru­he die Regel ist, nicht stand, weil sie einen in sich geschlos­se­nen Zeit­block von etwa einem Zwölf­tel des Jah­res voll­stän­dig vom Grund­satz der Arbeits­ru­he aus­nimmt. Dar­an ändert der all­ge­mein gehal­te­ne Hin­weis in der Geset­zes­be­grün­dung auf die Metro­pol­funk­ti­on Ber­lins nichts. Auch dar­in spie­geln sich ledig­lich blo­ße Umsatz- und Erwerbs­in­ter­es­sen wider. Der Sache nach läuft die Rege­lung mit­hin dar­auf hin­aus, den Sonn- und Fei­er­tags­schutz für die Dau­er eines Mona­tes für die Ver­kaufs­stel­len, die den äuße­ren Cha­rak­ter des Tages auch ange­sichts der Zahl der unmit­tel­bar wie mit­tel­bar Betrof­fe­nen und der Öffent­lich­keits­wir­kung maß­geb­lich prä­gen, auf­zu­he­ben, ohne dass für eine der­art inten­si­ve Beein­träch­ti­gung eine hin­rei­chend gewich­ti­ge Begrün­dung gege­ben wür­de oder sonst erkenn­bar wäre, die dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Rang des Sonn­tags­schut­zes gerecht wer­den könn­te.
Die wei­te­re Rege­lung, wonach die Senats­ver­wal­tung im öffent­li­chen Inter­es­se aus­nahms­wei­se die Öff­nung von Ver­kaufs­stel­len an höchs­tens vier (wei­te­ren) Sonn- oder Fei­er­ta­gen durch All­ge­mein­ver­fü­gung zulas­sen kann (§ 6 Abs. 1 Berl­La­d­ÖffG), ist mit dem Grund­recht der Beschwer­de­füh­rer aus Art. 4 Abs. 1 und 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 140 GG und Art. 139 WRV bei ein­schrän­ken­der Aus­le­gung ver­ein­bar. Hin­sicht­lich der Zahl von vier Tagen lässt sich gegen die Rege­lung im Blick auf die Gesamt­zahl von regel­haft 52 Sonn­ta­gen im Jahr und von ins­ge­samt neun je nicht zwin­gend auf einen Sonn­tag fal­len­den wei­te­ren Fei­er­ta­gen nichts erin­nern, zumal bestimm­te Fei­er­ta­ge von die­ser Öff­nungs­mög­lich­keit aus­ge­nom­men sind. Da die Frei­ga­be zudem durch All­ge­mein­ver­fü­gung erfolgt, bedarf es einer Ver­wal­tungs­ent­schei­dung, die die Mög­lich­keit eröff­net, die jeweils betrof­fe­nen Inter­es­sen und Rechts­gü­ter kon­kret in eine Abwä­gung ein­zu­be­zie­hen. Den ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken gegen­über der all­ge­mein gehal­te­nen Vor­aus­set­zung für die Aus­nah­me­re­ge­lung, dass die Öff­nung „im öffent­li­chen Inter­es­se“ liegt, kann durch eine die Wer­tung des Art. 139 WRV berück­sich­ti­gen­de Aus­le­gung Rech­nung getra­gen wer­den. Eine sol­che Aus­le­gung ver­langt ein öffent­li­ches Inter­es­se sol­chen Gewichts, das die Aus­nah­men von der Arbeits­ru­he recht­fer­tigt, wobei auch inso­weit das allei­ni­ge Umsatz- und Erwerbs­in­ter­es­se auf Sei­ten der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber und das all­täg­li­che „Shop­ping­in­ter­es­se“ auf der Kun­den­sei­te nicht genügt. Dar­über hin­aus bedür­fen die­se Öff­nungs­mög­lich­kei­ten durch All­ge­mein­ver­fü­gung bei ver­fas­sungs­kon­for­mer Aus­le­gung einer uhr­zeit­li­chen Ein­gren­zung, die die Vor­schrift selbst nicht aus­drück­lich vor­sieht.
Die wei­te­ren ange­grif­fe­nen Bestim­mun­gen, die das Schutz­kon­zept des Lan­des­ge­setz­ge­bers mit Aus­nah­men ver­se­hen, begeg­nen kei­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken.
Die Rege­lung zur Öff­nung der Ver­kaufs­stel­len an allen vier Advents­sonn­ta­gen bleibt trotz der Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit unter Berück­sich­ti­gung der Berufs­aus­übungs­frei­heit der Ver­kaufs­stel­len­in­ha­ber, ihres in die Rege­lung gesetz­ten Ver­trau­ens und der von ihnen für die Vor­weih­nachts­zeit des Jah­res 2009 getrof­fe­nen Dis­po­si­tio­nen in die­sem Jahr noch anwend­bar. Ob und wie der Ber­li­ner Lan­des­ge­setz­ge­ber sei­ne Schutz­kon­zep­ti­on anpasst, obliegt sei­ner Gestal­tungs­macht nach Maß­ga­be der Grund­sät­ze die­ser Ent­schei­dung.
Die Ent­schei­dung ist zur Beschwer­de­be­fug­nis der Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten und zur Kon­kre­ti­sie­rung des Art. 4 Abs. 1 und 2 GG durch Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV mit 5 : 3 Stim­men, hin­sicht­lich der Anfor­de­run­gen des Art. 140 GG in Ver­bin­dung mit Art. 139 WRV ein­stim­mig ergan­gen.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 1. Dezem­ber 2009 – 1 BvR 2857/​07 und 1 BvR 2858/​07
Steu­er­frei­heit für Sonntags‑, Fei­er­­tags- oder… Unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 3b EStG sind neben dem Grund­lohn gewähr­te Zuschlä­ge steu­er­frei, wenn sie für tat­säch­lich geleis­te­te Sonntags‑, Fei­er­tags- oder Nacht­ar­beit gezahlt wer­den.…
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