Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/entziehungsanstalt-und-das-absehen-von-einer-unterbringung-3107376
Timestamp: 2020-01-25 16:33:28
Document Index: 272629008

Matched Legal Cases: ['§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', '§ 64', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 35', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH']

Ent­zie­hungs­an­stalt – und das Abse­hen von einer Unter­brin­gung | Rechtslupe
Ent­zie­hungs­an­stalt – und das Abse­hen von einer Unter­brin­gung
Nach der Umge­stal­tung des § 64 StGB in eine Soll­vor­schrift ist die Anord­nung der Maß­re­gel bei Vor­lie­gen ihrer Vor­aus­set­zun­gen zwar nicht mehr zwin­gend.
Jedoch kommt ein Abse­hen von der Unter­brin­gungs­an­ord­nung – auch nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers 1 – nur in Aus­nah­me­fäl­len in Betracht 2.
Vor­aus­set­zung der Anord­nung der Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt ist unter ande­rem, dass eine hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sicht besteht, den Süch­ti­gen zu hei­len oder doch über eine gewis­se Zeit­span­ne vor dem Rück­fall in die aku­te Sucht zu bewah­ren (§ 64 Satz 2 StGB) 3.
Dabei erfor­dert die Pro­gno­se­ent­schei­dung über den Behand­lungs­er­folg eine Gesamt­wür­di­gung, die auch die Per­sön­lich­keit des Täters, die Art und das Sta­di­um sei­ner Sucht sowie bereits ein­ge­tre­te­ne phy­si­sche und psy­chi­sche Ver­än­de­run­gen und Schä­di­gun­gen in den Blick zu neh­men hat 4.
Ins­be­son­de­re in der Per­sön­lich­keit und den Lebens­um­stän­den des Ange­klag­ten müs­sen sich daher kon­kret zu benen­nen­de Anhalts­punk­te dafür fin­den las­sen, dass es inner­halb eines zumin­dest "erheb­li­chen" Zeit­raums nicht (mehr) zu einem Rück­fall kom­men wird 5. Maß­geb­lich sind inso­fern die Ver­hält­nis­se zum Zeit­punkt der letz­ten Ver­hand­lung vor dem Tatrich­ter 6. Dies gilt auch für die Beur­tei­lung der Erfolgs­aus­sich­ten der Maß­re­gel 7.
Im Zeit­punkt der Haupt­ver­hand­lung war der Ange­klag­te indes the­ra­pie­mo­ti­viert und das Land­ge­richt hat – unter Außer­acht­las­sung gewich­ti­ger pro­gno­se­ungüns­ti­ger Fak­to­ren (hier etwa der "schwe­ren Such­ter­kran­kung" auf­grund lang­jäh­ri­gen "enor­men Kon­sums" von Betäu­bungs­mit­teln, die unter ande­rem zu einer Per­sön­lich­keits­stö­rung und raschen Rück­fäl­len geführt hat) 8 – der der­zeit durch­ge­führ­ten Behand­lung hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sich­ten bei­gemes­sen. Die­se – im maß­geb­li­chen Zeit­punkt mit­hin posi­ti­ve – Pro­gno­se allein des­halb in Fra­ge zu stel­len, weil es – gestützt nicht auf eine ent­spre­chen­de Ein­las­sung des Ange­klag­ten, son­dern auf ledig­lich all­ge­mei­ne Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen zum "Moti­va­ti­ons­pro­zess … als dyna­mi­schem Gesche­hen" – an einer der­zeit beim Ange­klag­ten bestehen­den The­ra­pie­be­reit­schaft spä­ter feh­len kön­ne, lässt besor­gen, dass die Straf­kam­mer die mit der Pro­gno­se ver­bun­de­ne Wahr­schein­lich­keits­aus­sa­ge nicht mehr auf­grund kon­kre­ter, im Zeit­punkt der tatrich­ter­li­chen Haupt­ver­hand­lung gege­be­ner Anhalts­punk­te vor allem in der Per­sön­lich­keit und den Lebens­um­stän­den des Ange­klag­ten 9 und damit auf einer trag­fä­hi­gen Grund­la­ge, son­dern wesent­lich beein­flusst von Mut­ma­ßun­gen und daher rechts­feh­ler­haft getrof­fen hat 10.
Hin­zu kommt, dass The­ra­pie­un­wil­lig­keit ledig­lich ein Indiz für das Feh­len einer hin­rei­chend kon­kre­ten Erfolgs­aus­sicht ist. Besteht sie, bedarf es regel­mä­ßig der Prü­fung, ob die kon­kre­te Aus­sicht besteht, die The­ra­pie­be­reit­schaft für eine erfolg­ver­spre­chen­de Behand­lung auch mit the­ra­peu­ti­schen Mit­teln zu wecken 11. Ob der Schluss vom Man­gel an The­ra­pie­be­reit­schaft auf das Feh­len einer hin­rei­chend kon­kre­ten Erfolgs­aus­sicht der Behand­lung gerecht­fer­tigt ist, lässt sich nur auf­grund einer – vom Land­ge­richt nicht vor­ge­nom­me­nen – Gesamt­wür­di­gung der Täter­per­sön­lich­keit und der Grün­de und Wur­zeln des Moti­va­ti­ons­man­gels beur­tei­len 12.
Feh­len­de Erfolgs­aus­sich­ten der Unter­brin­gung nach § 64 StGB kön­nen auch nicht allein dar­auf gestützt wer­den, dass ande­re Maß­nah­men erfolg­ver­spre­chend oder ins Auge gefasst sind 13. Auch hier­an hat sich nach der Umge­stal­tung des § 64 StGB zu einer "Soll-Vor­schrift" nichts geän­dert 14. Zwar kann der zwi­schen­zeit­lich bereits erziel­te Behand­lungs­er­folg einer bereits begon­ne­nen The­ra­pie aus­nahms­wei­se die Anord­nung einer Maß­re­gel nach § 64 StGB ent­behr­lich machen 15. Dass ein sol­cher Behand­lungs­er­folg – wie erfor­der­lich 16 – mitt­ler­wei­le tat­säch­lich ein­ge­tre­ten ist, war im hier ent­schie­de­nen Fall aber nicht fest­ge­stellt.
vgl. BT-Drs. 16/​5137 S. 10, 16/​1344 S. 12[↩]
vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 13.11.2007 – 3 StR 452/​07, NStZ-RR 2008, 73 f.; vom 29.06.2010 – 4 StR 241/​10, NStZ-RR 2010, 307; vom 09.09.2015 – 4 StR 335/​15; vom 07.01.2008 – 5 StR 425/​07; vom 10.11.2009 – 5 StR 413/​09, NStZ-RR 2010, 42, 43[↩]
vgl. auch BVerfG, Beschlüs­se vom 25.07.2008 – 2 BvR 573/​08; vom 05.07.2013 – 2 BvR 708/​12, jeweils mwN[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 18.12 2012 – 4 StR 453/​12; vom 26.02.2014 – 4 StR 577/​13[↩]
vgl. zum Gan­zen BGH, Urteil vom 16.01.2014 – 4 StR 496/​13, NStZ 2014, 203, 205 mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 08.05.2012 – 3 StR 98/​12[↩]
BGH, Beschluss vom 10.05.2012 – 4 StR 65/​12; sie­he auch BGH, Beschluss vom 07.01.2008 – 5 StR 425/​07[↩]
vgl. dazu auch BGH, Beschluss vom 21.04.2015 – 4 StR 92/​15, NStZ 2015, 571, 572[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 07.01.2008 – 5 StR 425/​07[↩]
vgl. BGH, Urteil vom 26.11.2014 – 2 StR 132/​14; Beschlüs­se vom 18.05.2000 – 4 StR 127/​00, Blut­al­ko­hol 2001, 183 f.; vom 10.05.2011 -4 StR 178/​11, Stra­Fo 2011, 323 f. mwN[↩]
BGH, Beschluss vom 22.09.2010 – 2 StR 268/​10, NStZ-RR 2011, 203; ähn­lich BGH, Beschlüs­se vom 24.03.2005 – 3 StR 71/​05; vom 15.12 2009 – 3 StR 516/​09; vom 10.11.2009 – 5 StR 413/​09; vom 03.07.2012 – 5 StR 313/​12, NStZ-RR 2012, 307 jeweils mwN[↩]
vgl. für § 35 BtMG etwa BGH, Urteil vom 26.11.2014 – 2 StR 132/​14; Beschlüs­se vom 10.03.2010 – 2 StR 34/​10, StV 2010, 678; vom 10.08.2011 – 4 StR 345/​11 jeweils mwN; zu einer bereits begon­ne­nen The­ra­pie auch BGH, Beschluss vom 07.01.2008 – 5 StR 425/​07[↩]
BGH, Beschlüs­se vom 10.03.2010 – 2 StR 34/​10, StV 2010, 678; vom 10.05.2011 – 4 StR 178/​11, Stra­Fo 2011, 322 f.[↩]
vgl. BGH, Beschluss vom 07.01.2008 – 5 StR 425/​07 8[↩]
vgl. BGH, aaO 5[↩]