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Timestamp: 2018-05-24 13:33:14
Document Index: 218301204

Matched Legal Cases: ['§ 562', '§ 563', '§ 611', '§ 297', '§ 3', '§ 3', '§ 44', '§ 297', '§ 615', '§ 615', '§ 13', '§ 13', '§ 13', '§ 13', '§ 3', '§ 326']

BAG, Urteil vom 23.01.2008, 5 AZR 393/07 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 23.01.2008, 5 AZR 393/07
Schlagworte: Freistellung, Annahmeverzug
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Bremen-Bremerhaven, Urteil vom 27.04.2005, 9 Ca 9509/04
23. Ja­nu­ar 2008
hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf Grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 23. Ja­nu­ar 2008 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Müller-Glöge, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Prof. Dr. Mi­kosch, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Laux so­wie die
eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Prof. Dr. Dr. h.c. Hromad­ka und Busch­mann für Recht er­kannt:
Die Par­tei­en strei­ten über Vergütungs­ansprüche.
Die 1963 ge­bo­re­ne Kläge­rin war seit No­vem­ber 1993 bei der Be­klag­ten als Sach­be­ar­bei­te­rin zu ei­ner Brut­to­mo­nats­vergütung von zu­letzt 3.050,28 Eu­ro beschäftigt. Ab dem 8. Ok­to­ber 2003 war sie ar­beits­unfähig krank. Mit Schrei­ben vom 24. Ok­to­ber 2003 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en zum 31. März 2004. Im Rah­men des fol­gen­den Kündi­gungs­schutz­pro­zes­ses schlos­sen die Par­tei­en am 16. De­zem­ber 2003 fol­gen­den Ver­gleich:
Bis zu die­sem Zeit­punkt wird das Ar­beits­verhält­nis ord­nungs­gemäß ab­ge­rech­net, wo­bei die Kläge­rin ab 15.12.2003 un­wi­der­ruf­lich un­ter Fort­zah­lung der Bezüge und un­ter An­rech­nung auf be­ste­hen­de Ur­laubs­ansprüche von der Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt wird.
Die Be­klag­te wird ver­ur­teilt, an die Kläge­rin 3.985,29 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in Höhe von fünf Pro­zent­punk­ten über dem Ba­sis­zins­satz seit dem 16. März 2004 zu zah­len.
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist be­gründet. Sie führt zur Auf­he­bung des Be­ru­fungs­ur­teils (§ 562 Abs. 1 ZPO) und zur Zurück­ver­wei­sung der Sa­che zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung (§ 563 Abs. 1 ZPO). Ob die Kläge­rin für die Zeit vom 15. De­zem­ber 2003 bis zum 31. Ja­nu­ar 2004 Ent­gelt zu be­an­spru­chen hat, kann noch nicht ab­sch­ließend be­ur­teilt wer­den.
I. Der gel­tend ge­mach­te Vergütungs­an­spruch er­gibt sich nicht be­reits aus § 611 Abs. 1 BGB iVm. Zif­fer 1 Abs. 2 des Pro­zess­ver­gleichs vom 16. De­zem­ber 2003.
b) Bei der Frei­stel­lungs­klau­sel nach Zif­fer 1 Abs. 2 des Ver­gleichs vom 13 16. De­zem­ber 2003 han­delt es sich um ei­nen ty­pi­schen Ver­trag. Durch ei­ne sol­che Frei­stel­lungs­ver­ein­ba­rung wird al­lein die Ar­beits­pflicht des Ar­beit­neh­mers auf­ge­ho­ben. Wei­te­re Rechts­fol­gen re­gelt sie nicht. Der Ver­trags­in­halt bleibt im Übri­gen un­berührt. Soll die Frei­stel­lungs­ver­ein­ba­rung ei­nen Ent­gelt­an­spruch un­abhängig von den ge­setz­li­chen, ta­rif­ver­trag­li­chen oder ar­beits­ver­trag­li­chen Vor­aus­set­zun­gen be­gründen, be­darf dies ei­ner be­son­de­ren Re­ge­lung. Die Ent­gelt­fort­zah­lung während der Frei­stel­lungs­pha­se setzt da­her vor­aus, dass der Ar­beit­neh­mer die ge­setz­li­chen, ta­rif­ver­trag­li­chen oder ar­beits­ver­trag­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­nes Ent­gelt­an­spruchs oh­ne Ar­beits­leis­tung erfüllt. Die Auf­he­bung der Ar­beits­pflicht be­deu­tet frei­lich ei­nen Ver­zicht auf das An­ge­bot der Ar­beits­leis­tung. Re­gelmäßig wer­den des­halb durch ei­ne Frei-
stel­lung des Ar­beit­neh­mers von der Ar­beits­pflicht die Vor­aus­set­zun­gen des An­nah­me­ver­zugs des Ar­beit­ge­bers erfüllt, oh­ne dass es ei­nes Ar­beits­an­ge­bots des Ar­beit­neh­mers be­darf. Je­doch muss der Ar­beit­neh­mer zur Er­brin­gung der ar­beits­ver­trag­lich ge­schul­de­ten Leis­tung fähig sein (§ 297 BGB). Von ei­nem Fort­be­ste­hen des An­spruchs auf Ar­beits­vergütung, un­abhängig von der Ar­beitsfähig­keit und über sechs Wo­chen hin­aus, ist auch bei dau­ern­der un­wi­der­ruf­li­cher Frei­stel­lung von der Ar­beits­pflicht nur dann aus­zu­ge­hen, wenn dies von den Par­tei­en aus­drück­lich ver­ein­bart wor­den ist (Se­nat 29. Sep­tem­ber 2004 - 5 AZR 99/04 - BA­GE 112, 120). Die An­nah­me ei­ner wei­ter­ge­hen­den Zah­lungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers wi­derspräche den In­ter­es­sen der Ver­trags­par­tei­en, denn durch ei­ne von Rechts­vor­schrif­ten un­abhängi­ge Vergütungs­pflicht des Ar­beit­ge­bers würden al­lein die So­zi­al­ver­si­che­rungs­träger ent­las­tet (vgl. Se­nat 29. Sep­tem­ber 2004 - 5 AZR 99/04 - BA­GE 112, 120, 123; Gey­er/Knorr/Kras­ney Ent­gelt­fort­zah­lung Kran­ken­geld Mut­ter­schafts­geld Stand Au­gust 2007 § 3 EFZG Rn. 45). Nach Ab­lauf des ge­setz­li­chen Ent­gelt­fort­zah­lungs­zeit­raums von sechs Wo­chen Dau­er (§ 3 Abs. 1 EFZG) kann der Ar­beit­neh­mer grundsätz­lich gemäß §§ 44 ff. SGB V Kran­ken­geld be­zie­hen. Be­steht die Leis­tungs­unfähig­keit des Ar­beit­neh­mers über das En­de des Ent­gelt­fort­zah­lungs­zeit­raums hin­aus fort, schul­det der Ar­beit­ge­ber kei­ne Vergütung we­gen An­nah­me­ver­zugs (§ 297 BGB). Die Be­weis­last für die Ar­beits­unfähig­keit hat der Ar­beit­ge­ber als Gläubi­ger der Ar­beits­leis­tung zu tra­gen (Se­nat 5. No­vem­ber 2003 - 5 AZR 562/02 - AP BGB § 615 Nr. 106 = EzA BGB 2002 § 615 Nr. 2).
aa) Nach Zif­fer 1 Abs. 2 des Ver­gleichs hat sich die Be­klag­te ver­pflich­tet, das Ar­beits­verhält­nis bis zum Aus­schei­dens­zeit­punkt „ord­nungs­gemäß ab­zu­rech­nen“, wo­bei die Kläge­rin ab dem 15. De­zem­ber 2003 un­wi­der­ruf­lich un­ter Fort­zah­lung der Bezüge und un­ter An­rech­nung be­ste­hen­der Ur­laubs­ansprüche von der Pflicht zur Ar­beits­leis­tung frei­ge­stellt sein soll­te. Da­mit ha­ben die
Par­tei­en - auch in An­be­tracht des lan­gen Zeit­raums bis zum endgülti­gen Aus­schei­den der Kläge­rin - ge­ra­de kei­nen Rechts­grund für ei­ne Zah­lungs­pflicht ge­schaf­fen, die über die ge­setz­lich ge­re­gel­ten Fälle der Ent­gelt­fort­zah­lung hin­aus­geht. Denn die im Ver­gleich aus­ge­spro­che­ne Pflicht zur ord­nungs­gemäßen Ab­rech­nung weist le­dig­lich auf die be­ste­hen­de Rechts­la­ge hin. Auch die aus­drück­lich ge­re­gel­te An­rech­nung be­ste­hen­der Ur­laubs­ansprüche spricht ge­gen ei­ne Pflicht, die Vergütung un­abhängig von der Fra­ge der Leis­tungsfähig­keit fort­zu­zah­len. Der Ur­laubs­an­spruch kann nur erfüllt wer­den, wenn der Ar­beit­neh­mer sei­ne ver­trag­lich ge­schul­de­te Ar­beits­leis­tung er­brin­gen kann (BAG 20. Ja­nu­ar 1998 - 9 AZR 812/96 - AP BUrlG § 13 Nr. 45 = EzA BUrlG § 13 Nr. 57, zu III 3 b aa der Gründe).
1. Die Ar­beitsfähig­keit be­ur­teilt sich nach der vom Ar­beit­neh­mer auf Grund des Ar­beits­ver­trags ge­schul­de­ten Leis­tung, die der Ar­beit­ge­ber als ver­trags­gemäß hätte an­neh­men müssen (BAG 20. Ja­nu­ar 1998 - 9 AZR 812/96 - AP BUrlG § 13 Nr. 45 = EzA BUrlG § 13 Nr. 57, zu III 3 c der Gründe). Krank­heits­be­ding­te Ar­beits­unfähig­keit liegt vor, wenn der Ar­beit­neh­mer beim Ar­beit­ge­ber sei­ne ver­trag­lich ge­schul­de­te Tätig­keit we­gen Krank­heit nicht mehr ausüben kann oder nicht mehr ausüben soll­te, weil die Hei­lung ei­ner vor­han­de­nen Krank­heit nach ärzt­li­cher Pro­gno­se ver­hin­dert oder verzögert wird (vgl. Se­nat 7. Au­gust 1991 - 5 AZR 410/90 - BA­GE 68, 196, 198; ErfK/Dörner 8. Aufl. § 3 EFZG Rn. 9).
3. Aus­ge­hend vom In­halt der ein­zu­ho­len­den ärzt­li­chen Stel­lung­nah­me und dem Sach­vor­trag der Par­tei­en wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt bei Ver-
nei­nung der Leis­tungsfähig­keit der Kläge­rin der Fra­ge nach­zu­ge­hen ha­ben, ob sich der Vergütungs­an­spruch der Kläge­rin aus § 326 Abs. 2 Satz 1 BGB er­gibt.
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