Source: http://m.hensche.de/Verwirkung_Kuendigungsschutzprozess_Verfahrensstillstand_von_3-Jahren_nicht_ausreichend_fuer_Verwirkung_im_Kuendigungsschutzprozess_BAG_2AZR323-09-u.html
Timestamp: 2017-01-20 07:48:36
Document Index: 137184736

Matched Legal Cases: ['§ 11', '§ 54', '§ 269', '§ 242', '§ 9', '§ 9', '§ 242', '§ 242', '§ 10', 'BGH', 'Art. 19', '§ 10', '§ 242', '§ 242', '§ 85', '§ 85', '§ 5', '§ 7']

HENSCHE Arbeitsrecht: 2 AZR 323/09
Arbeitsgericht München, Urteil vom 18.09.2008, 23 Ca 6803/06
2 AZR 323/09 8 Sa 892/08Lan­des­ar­beits­ge­richt München Im Na­men des Vol­kes!
Verkündet am25. No­vem­ber 2010
hat der Zwei­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 25. No­vem­ber 2010 durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Kreft, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Schmitz- - 2 -
Mit Schrei­ben vom 28. No­vem­ber 2002 kündig­te die Be­klag­te das Ar­beits­verhält­nis or­dent­lich zum 31. De­zem­ber 2002. Da­ge­gen er­hob der Kläger am 19. De­zem­ber 2002 Kündi­gungs­schutz­kla­ge und be­gehr­te sei­ne Wei­ter­beschäfti­gung. Am 22. Ja­nu­ar 2003 erklärte die Be­klag­te die Kündi­gung „ver­bind­lich für ge­gen­stand­los“ und for­der­te den Kläger auf, die Ar­beit bei ihr wie­der auf­zu­neh­men. Die­ser erklärte mit Schrei­ben vom 24. Ja­nu­ar 2003, die ein­sei­ti­ge „Zurück­nah­me“ der Kündi­gung sei nicht möglich. Ihm sei ei­ne Über­le­gungs­frist von ei­ner Wo­che ein­zuräum­en, bin­nen de­rer er sich erklären wer­de. Ei­ne Ar­beits­auf­nah­me schei­de aus tatsächli­chen und recht­li­chen Gründen aus. In Erfüllung sei­ner Ver­pflich­tung aus § 11 KSchG ha­be er - 3 - zwi­schen­zeit­lich - un­strei­tig - ein an­der­wei­ti­ges - bis Ju­ni 2008 währen­des - Ar­beits­verhält­nis be­gründet.
Mit Schrift­satz vom 14. März 2006 be­an­trag­te der Kläger, dem Ver­fah­ren Fort­gang zu ge­ben und Ter­min zur Kam­mer­ver­hand­lung an­zu­be­rau­men. Im Kam­mer­ter­min vom 16. No­vem­ber 2006 erklärte die Be­klag­te die Kündi­gung - 4 - vom 28. No­vem­ber 2002 er­neut „für ge­gen­stands­los“. Der Kläger erklärte sei­ne da­ge­gen ge­rich­te­te Kündi­gungs­schutz­kla­ge dar­auf­hin „für er­le­digt“. Die Kla­ge ge­gen die Kündi­gung vom 25. Fe­bru­ar 2003 hat er auf­recht­er­hal­ten und gel­tend ge­macht, die Kündi­gung sei rechts­un­wirk­sam. Es feh­le an Kündi­gungs­gründen und an ei­ner ord­nungs­gemäßen Anhörung des Be­triebs­rats. Die Ab­mah­nun­gen sei­en un­be­rech­tigt. Er ha­be sei­ne ar­beits­ver­trag­li­chen Pflich­ten nicht ver­letzt.
Der Kläger hat - so­weit noch von Be­deu­tung - be­an­tragt 1. fest­zu­stel­len, dass das Ar­beits­verhält­nis der Par­tei­en durch die Kündi­gung vom 25. Fe­bru­ar 2003 nicht auf­gelöst wor­den ist, son­dern un­verändert fort­be­steht;
Die Be­klag­te hat be­an­tragt, die Kla­ge ab­zu­wei­sen. Sie hat die Auf­fas­sung ver­tre­ten, dem Kläger feh­le die „Kla­ge­be­fug­nis“. Er ha­be den Kündi­gungs­schutz­pro­zess für die Dau­er von et­was mehr als drei Jah­ren nicht be­trie­ben. Da­durch ha­be er den Ein­druck er­weckt, er ha­be sich mit der Be­en­di­gung des Ar­beits­verhält­nis­ses ab­ge­fun­den. Das gel­te erst recht un­ter Be­ach­tung sei­ner vor­ge­richt­li­chen Äußerun­gen. Außer­dem ha­be er im Güte­ter­min erklärt, die Kla­ge nach er­folg­rei­cher Pro­be­zeit im neu­en Ar­beits­verhält­nis zurück­neh­men zu wol­len. Nach­dem ei­ne Re­ak­ti­on auf ih­ren Schrift­satz vom Ok­to­ber 2003 aus­ge­blie­ben sei, ha­be sie zum 31. De­zem­ber 2003 Rück­stel­lun­gen für ei­nen mögli­chen Pro­zess­ver­lust auf­gelöst. Außer­dem ha­be sie die frühe­ren Auf­ga­ben des Klägers mehr­fach in­ner­be­trieb­lich um­ver­teilt, sei­ne Po­si­ti­on in zwei Stel­len auf­ge­spal­ten und nach­be­setzt. Im Übri­gen sei die Kündi­gung vom 25. Fe­bru­ar 2003 ge­recht­fer­tigt. Der Kläger ha­be sich nach „Rück­nah­me“ ih­rer vor­an­ge­gan­ge­nen Kündi­gung il­loy­al ver­hal­ten. Er ha­be sie pflicht­wid­rig über ei­ne Fort­set­zung des Ar­beits­verhält­nis­ses im Un­kla­ren ge­las­sen. - 5 - Mit Ur­teil vom Sep­tem­ber 2008 hat das Ar­beits­ge­richt der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Mit der Re­vi­si­on be­gehrt der Kläger die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils.
aa) Nach § 54 Abs. 5 Satz 4 ArbGG iVm. § 269 Abs. 3 ZPO wird die Kla­gerück­nah­me fin­giert, wenn in der Güte­ver­hand­lung oder im An­schluss dar­an das Ru­hen des Ver­fah­rens an­ge­ord­net wur­de, weil bei­de Par­tei­en nicht er­schie­nen - 6 - sind oder nicht „ver­han­delt“ ha­ben, und wenn bin­nen sechs Mo­na­ten kein Ter­mins­an­trag ge­stellt wird.
- 7 - 1. Die Ver­wir­kung ist ein Son­der­fall der un­zulässi­gen Rechts­ausübung (§ 242 BGB). Mit ihr wird aus­ge­schlos­sen, Rech­te il­loy­al ver­spätet gel­tend zu ma­chen (Se­nat 25. März 2004 - 2 AZR 295/03 - zu II 3 b der Gründe, AP MuSchG 1968 § 9 Nr. 36 = EzA MuSchG § 9 nF Nr. 40). Ein Recht darf nicht mehr aus­geübt wer­den, wenn seit der Möglich­keit, es in An­spruch zu neh­men, länge­re Zeit ver­stri­chen ist (Zeit­mo­ment) und be­son­de­re Umstände hin­zu­tre­ten, die die ver­späte­te In­an­spruch­nah­me als Ver­s­toß ge­gen Treu und Glau­ben er­schei­nen las­sen (Um­stands­mo­ment). Letz­te­res ist der Fall, wenn der Ver­pflich­te­te bei ob­jek­ti­ver Be­trach­tung aus dem Ver­hal­ten des Be­rech­tig­ten ent­neh­men durf­te, dass die­ser sein Recht nicht mehr gel­tend ma­chen wer­de; der Be­rech­tig­te muss un­ter Umständen untätig ge­blie­ben sein, un­ter de­nen vernünf­ti­ger­wei­se et­was zur Wah­rung des Rechts un­ter­nom­men zu wer­den pflegt (BVerfG 26. Ja­nu­ar 1972 - 2 BvR 255/67 - zu II 2 a der Gründe, BVerf-GE 32, 305). Fer­ner muss sich der Ver­pflich­te­te im Ver­trau­en auf das Ver­hal­ten des Be­rech­tig­ten in sei­nen Vor­keh­run­gen und Maßnah­men so ein­ge­rich­tet ha­ben, dass ihm durch die ver­späte­te Durch­set­zung des Rechts ein un­zu­mut­ba­rer Nach­teil ent­ste­hen würde (BAG 10. Ok­to­ber 2007 - 7 AZR 487/06 - Rn. 19; 15. Fe­bru­ar 2007 - 8 AZR 431/06 - Rn. 42, BA­GE 121, 289; 12. De­zem­ber 2006 - 3 AZR 806/05 - Rn. 27, BA­GE 120, 345).
2. Die Ver­wir­kung be­schränkt sich nicht auf ma­te­ri­ell-recht­li­che Rechts­po­si­tio­nen des Be­rech­tig­ten. Auch die Möglich­keit zur ge­richt­li­chen Klärung ei­ner Rechts­po­si­ti­on ist ei­ne ei­genständi­ge Be­fug­nis, die ver­wir­ken kann (st. Rspr., Se­nat 2. No­vem­ber 1961 - 2 AZR 66/61 - BA­GE 11, 353; 6. No­vem­ber 1997 - 2 AZR 162/97 - zu II 3 b der Gründe, AP BGB § 242 Ver­wir­kung Nr. 45 = EzA BGB § 242 Pro­zess­ver­wir­kung Nr. 2; BAG 24. Mai 2006 - 7 AZR 365/05 - Rn. 20, EzAÜG AÜG § 10 Fik­ti­on Nr. 114). Das gilt auch für die Be­fug­nis zur Fort­set­zung ei­nes be­reits rechtshängi­gen Ver­fah­rens, das länge­re Zeit nicht be­trie­ben wur­de. In der Kla­ge­er­he­bung al­lein erschöpft sich das Recht zur ge­richt­li­chen Gel­tend­ma­chung der Un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung nicht (BAG 26. März 1987 - 8 AZR 54/86 - zu II 1 der Gründe; BGH 22. Sep­tem­ber 1983 - IX ZR 90/82 - zu 2 c aa der Gründe, MDR 1984, 226). - 8 - 3. Geht es um ei­ne Ver­wir­kung des Kla­ge­rechts, muss aus rechts­staat­li­chen Gründen (Art. 19 Abs. 4 GG) dar­auf ge­ach­tet wer­den, dass durch die An­nah­me ei­ner Ver­wir­kung der Weg zu den Ge­rich­ten nicht in un­zu­mut­ba­rer, aus Sach­gründen nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se er­schwert wird. Im anhängi­gen Rechts­streit kann der Ver­lust des Kla­ge­rechts nur in be­grenz­ten Aus­nah­mefällen in Be­tracht kom­men. Dies ist bei den An­for­de­run­gen an das Zeit- und Um­stands­mo­ment zu berück­sich­ti­gen (BVerfG 26. Ja­nu­ar 1972 - 2 BvR 255/67 - zu II 2 b der Gründe, BVerfGE 32, 305; BAG 24. Mai 2006 - 7 AZR 365/05 - Rn. 20, EzAÜG AÜG § 10 Fik­ti­on Nr. 114).
aa) Al­ler­dings ist das er­for­der­li­che Zeit­mo­ment erfüllt. Der Kläger hat sei­ne Kla­ge­er­wei­te­rung un­mit­tel­bar im An­schluss an den Ter­min vom 11. März 2003 und im Be­wusst­sein der dor­ti­gen ge­richt­li­chen An­ord­nun­gen ein­ge­reicht. Un­ter die­sen Umständen muss­te sein Be­geh­ren da­hin ver­stan­den wer­den, dass die Ter­min­los­s­tel­lung des Ver­fah­rens - nach Zu­stel­lung - auf die mit der Kla­ge­er­wei­te­rung ver­folg­ten Anträge aus­ge­dehnt wer­den soll­te. Je­den­falls muss­te der Kläger er­ken­nen, dass das Ar­beits­ge­richt sein An­lie­gen in die­sem Sinn ver­stan­den hat. Er hat folg­lich auch selbst das Ver­fah­ren drei Jah­re nicht be­trie­ben. - 9 -
(2) An­ge­sichts die­ser Pro­zess­la­ge hat der Ar­beit­ge­ber selbst bei langjähri­gem Ver­fah­rens­still­stand grundsätz­lich kei­nen An­lass dar­auf zu ver­trau­en, nicht mehr ge­richt­lich auf die Fest­stel­lung der Un­wirk­sam­keit der Kündi­gung in An­spruch ge­nom­men zu wer­den. Für ei­ne Pro­zess­ver­wir­kung ist al­len­falls in en­gen Gren­zen Raum. Es müssen zur Untätig­keit des Ar­beit­neh­mers be­son­de­re Umstände hin­zu­tre­ten, die un­zwei­fel­haft dar­auf hin­deu­ten, er wer­de trotz der ihm eröff­ne­ten Möglich­keit ei­ner ggf. späten Ver­fah­rens­auf­nah­me auf Dau­er von der Durchführung des Rechts­streits ab­se­hen. Dar­an fehlt es. - 10 - (a) Das Ver­hal­ten des Klägers vor dem Güte­ter­min ist kein sol­cher Um­stand. Die ge­gen­tei­li­ge Würdi­gung des Lan­des­ar­beits­ge­richts nimmt nicht aus­rei­chend auf die pro­zes­sua­le La­ge Be­dacht.
- 11 - wird, konn­te die - wei­te­re - Untätig­keit des Klägers bei ihr nicht die be­rech­tig­te Er­war­tung auslösen, er wer­de ge­gen die Kündi­gung(en) nicht wei­ter vor­ge­hen. Das Schwei­gen des Klägers kann eben­so gut da­hin ver­stan­den wer­den, dass er den Kündi­gungs­schutz­pro­zess be­wusst möglichst lan­ge in der Schwe­be hal­ten woll­te. So­weit dies den In­ter­es­sen der Be­klag­ten zu­wi­der lief, hätte auch sie die Möglich­keit ge­habt, dem Ver­fah­ren Fort­gang zu ge­ben.
b) Die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner ma­te­ri­ell-recht­li­chen Ver­wir­kung lie­gen nicht vor. Zwar können - vor­be­halt­lich der Umstände des Ein­zel­falls - ma­te­ri­el­le Ansprüche und Rech­te auch noch nach Rechtshängig­keit ver­wir­ken (Münch-KommBGB/Roth 5. Aufl. § 242 Rn. 300 mwN). Im Hin­blick auf ein et­wai­ges ma­te­ri­el­les „Recht“ des Ar­beit­neh­mers, sich auf die Un­wirk­sam­keit ei­ner Kündi­gung zu be­ru­fen, ist aber zu be­ach­ten, dass der Ver­wir­kungs­tat­be­stand (§ 242 BGB) durch die Drei­wo­chen­frist kon­kre­ti­siert wird (Se­nat 23. Fe­bru­ar 2010 - 2 AZR 659/08 - Rn. 16, AP SGB IX § 85 Nr. 8 = EzA SGB IX § 85 Nr. 6). Im Fall der Frist­versäum­nis gilt die Kündi­gung - vor­be­halt­lich der sich aus §§ 5, 6 KSchG er­ge­ben­den Ein­schränkun­gen - als wirk­sam (§ 7 KSchG). Hat da­ge­gen der Ar­beit­neh­mer frist­ge­recht Kla­ge er­ho­ben, ist während der Dau­er des - 12 -
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