Source: http://m.hensche.de/EKD_Streik_Evangelische_Kirche_Streikverbot_ARGG-EKD.html
Timestamp: 2017-01-20 03:46:42
Document Index: 353158270

Matched Legal Cases: ['Art. 140', 'Art. 137', '§ 1', '§ 1', '§ 3', '§ 6', '§ 8', '§ 8', '§ 13', '§ 3', '§ 8']

HENSCHE Arbeitsrecht: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hält am Streikverbot fest
Streikfreiheit contra kirchliche Selbstbestimmung
Die Kir­chen hin­ge­gen können auf der Grund­la­ge von Art. 140 GG und Art. 137 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV) selbst darüber ent­schei­den, wie sie die Rechts­be­zie­hun­gen zu ih­ren Ar­beit­neh­mern re­geln. Ein Kern­ele­ment die­ses kirch­li­chen Ar­beits­rechts ist die christ­lich ge­prägte Dienst­ge­mein­schaft, die Streiks ge­ne­rell aus­sch­ließt. Vor dem Hin­ter­grund die­ses Grund­rechts­kon­flikts hat das BAG mit Ur­teil vom 20.11.2012 (1 AZR 179/11) ent­schie­den,
Die Kir­chen sind da­her seit No­vem­ber 2012 un­ter Zug­zwang, d.h. sie müssen ihr kirch­li­ches Ar­beits­recht re­for­mie­ren, um wei­ter­hin von dem ge­richt­lich an­er­kann­ten Streik­ver­bot pro­fi­tie­ren zu können. Die EKD hat vor zwei Wo­chen "ge­lie­fert" und auf der sechs­ten Ta­gung ih­rer elf­ten Syn­ode in Düssel­dorf am 13.11.2013 das Kir­chen­ge­setz über die Grundsätze zur Re­ge­lung der Ar­beits­verhält­nis­se der Mit­ar­bei­ter und Mit­ar­bei­te­rin­nen der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land und ih­rer Dia­ko­nie (Ar­beits­rechts­re­ge­lungs-Grundsätze­ge­setz - ARGG-EKD) ver­ab­schie­det.
Eckpunkte des Arbeitsrechtsregelungsgrundsätzegesetzes (ARGG-EKD)
Das ARGG-EKD gilt für die Ar­beit­neh­mer der evan­ge­li­schen Kir­che und ih­rer dia­ko­ni­schen Ein­rich­tun­gen, d.h. der Ein­rich­tun­gen, die Mit­glie­der der dia­ko­ni­schen Lan­des­verbände sind (§ 1 Abs.1 ARGG-EKD). Da das ARGG-EKD in den Glied­kir­chen der EKD erst dann ver­bind­lich wird, wenn sie die­sem Ge­setz zu­ge­stimmt bzw. wenn sie es um­ge­setzt ha­ben, können die Lan­des­kir­chen und ih­re dia­ko­ni­schen Wer­ke von dem Getz in Ein­zel­punk­ten ab­wei­chen, müssen bei ih­ren glied­kirch­li­chen Son­der­re­ge­lun­gen al­ler­dings die "Grundsätze" des ARGG-EKD be­ach­ten (§ 1 Abs.2 ARGG-EKD). Das ARGG-EKD hat da­mit den Cha­rak­ter ei­nes Rah­men­ge­set­zes, d.h. es gibt ei­nen all­ge­mei­nen Rah­men vor, in­ner­halb des­sen sich die Kir­chen­ge­set­ze der evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen be­we­gen müssen.
Gleich zu An­fang sei­ner Re­ge­lun­gen schreibt das ARGG-EKD in sei­nem § 3 das Kon­sens­prin­zip fest. Da­nach wer­den die Ar­beits­be­din­gun­gen der Ar­beit­neh­mer evan­ge­li­scher bzw. dia­ko­ni­scher Ein­rich­tun­gen "in ei­nem kir­chenmäßigen Ver­fah­ren im Kon­sens ge­re­gelt". Und das heißt kon­kret: "Kon­flik­te wer­den in ei­nem neu­tra­len und ver­bind­li­chen Sch­lich­tungs­ver­fah­ren und nicht durch Ar­beits­kampf gelöst."
Arbeitsrechtsregelung durch Arbeitsrechtliche Kommissionen oder "kirchenmäßige Tarifverträge" - wo liegen die Unterschiede?
Für die "kir­chenmäßige Ar­beits­rechts­re­ge­lung durch Ar­beits­recht­li­che Kom­mis­sio­nen" gel­ten die §§ 6 bis 12 ARGG-EKD. Da­nach wer­den Ar­beits­be­din­gun­gen nicht durch Ta­rif­verträge, son­dern wie bis­her im Rah­men des sog. drit­ten We­ges durch sog. Ar­beits­recht­li­che Kom­mis­sio­nen fest­ge­legt, die da­bei tra­di­tio­nell sog. AVR be­sch­ließen. AVR sind vom Auf­bau und ih­ren In­hal­ten her mit Ta­rif­verträgen ver­gleich­bar, sind aber in­ner­kirch­li­che Re­ge­lun­gen und da­her kei­ne Ta­rif­verträge im Sin­ne des TVG. Das hat zur Fol­ge, dass in AVR ent­hal­te­ne Re­ge­lun­gen nicht zu Las­ten der Ar­beit­neh­mer von ge­setz­li­chen Re­ge­lun­gen ab­wei­chen können, wenn das Ge­setz ei­ne sol­che Ab­wei­chungsmöglich­keit für Ta­rif­verträge vor­sieht.
Neu an den Vor­schrif­ten des ARGG-EKD ist die aus­drück­li­che Ein­be­zie­hung der Ge­werk­schaf­ten. Hier­zu sieht § 8 Abs.1 Satz 1 ARGG-EKD vor, dass die Ar­beit­neh­mer­sei­te der Ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­sio­nen durch Ge­werk­schaf­ten und Mit­ar­bei­ter­verbände be­setzt wird. Al­ler­dings können die lan­des­kirch­li­chen Re­ge­lun­gen ab­wei­chend da­von vor­se­hen, dass ne­ben Ver­tre­tern von Ge­werk­schaf­ten und Mit­ar­bei­ter­verbänden auch Ver­tre­ter von Mit­ar­bei­ter­ver­tre­tun­gen (MAVs) auf der Ar­beit­neh­mer­bank sit­zen. Im nicht­kirch­li­chen Be­reich würde das be­deu­ten, dass über Ta­rif­verträge nicht al­lein Ge­werk­schafts­ver­tre­ter, son­dern da­ne­ben auch Be­triebsräte ver­han­deln. Ist die Ar­beit­neh­mer­bank auch mit MAV-Ver­tre­tern be­setzt, schreibt § 8 Abs.1 Satz 3 ARGG-EKD vor, dass den Ge­werk­schaf­ten und Mit­ar­bei­ter­verbänden "ei­ne an­ge­mes­se­ne An­zahl von Sit­zen zu­steht".
Für die "kir­chenmäßige Ar­beits­rechts­re­ge­lung durch Ta­rif­ver­trag" gel­ten die §§ 13 und 14 ARGG-EKD. Hier wird zusätz­lich zu dem be­reits in § 3 Satz ARGG-EKD ent­hal­te­nen Ar­beits­kampf­ver­bot noch­mals klar­ge­stellt, dass "kir­chenmäßige Ta­rif­verträge (...) ei­ne un­ein­ge­schränk­te Frie­dens­pflicht vor­aus(set­zen)". An­ders als bei der Rechts­set­zung durch die Ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­sio­nen ver­han­deln da­bei auf der Ar­beit­neh­mer­sei­te von vorn­her­ein nur die Ge­werk­schaf­ten. Kommt es zu kei­ner Ei­ni­gung, ent­schei­det wie bei der Rechts­set­zung durch Ar­beits­recht­li­che Kom­mis­sio­nen der Sch­lich­tungs­aus­schuss un­ter neu­tra­lem Vor­sitz.
Fazit: Umsetzung des BAG-Urteils vom 20.11.2012 - und nicht mehr
Zu­sam­men mit dem ARGG-EKD hat die Syn­ode am 13.11.2013 ei­nen "Be­schluss zum kirch­li­chen Ar­beits­recht" veröffent­licht, der deut­lich macht, was sich die EKD von dem Ge­setz ver­spricht. In die­sem Be­schluss heißt es, das o.g. BAG-Ur­teil ha­be "das kirch­li­che Ar­beits­recht in sei­nen Grundsätzen bestätigt. Gleich­zei­tig hat das Ge­richt Dia­ko­nie und Kir­che den Auf­trag ge­ge­ben si­cher­zu­stel­len, dass Ab­schlüsse ar­beits­recht­li­cher Kom­mis­sio­nen ver­bind­lich sind, dass ei­ne un­abhängi­ge Sch­lich­tung exis­tiert und dass die Ge­werk­schaf­ten struk­tu­rell be­tei­ligt wer­den."
Die­sem "Auf­trag" kommt das ARGG-EKD mit deut­li­chem Wi­der­wil­len nach. Die vom BAG vor­ge­ge­be­ne Ein­be­zie­hung der Ge­werk­schaf­ten kommt nicht von Her­zen, son­dern bleibt ein Lip­pen­be­kennt­nis. § 8 ARGG-EKD ist so ge­strickt, dass Ver­hand­lun­gen auf fach­lich glei­cher Au­genhöhe in den Ar­beits­recht­li­chen Kom­mis­sio­nen möglichst nicht statt­fin­den sol­len. Aber dar­in be­steht auch nicht das Ziel des Ge­set­zes, das of­fen­bar nur das Streik­ver­bot in kirch­li­chen und dia­ko­ni­schen Ein­rich­tun­gen "ju­ris­tisch was­ser­dicht" ab­si­chern soll. An­ge­sichts der Re­ge­lun­gen des ARGG-EKD ist nicht recht nach­voll­zieh­bar, wie die EKD zu der selbst­gefälli­gen Be­wer­tung kommt, man ge­he mit die­sem Ge­setz auf die Ge­werk­schaf­ten zu.
Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/241 Ar­beits­recht und Dia­ko­nie Ar­beits­recht ak­tu­ell: 11/065 Streik­recht in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen mit Ta­rif­bin­dung