Source: http://wdb.fh-schmalkalden.de/Fall7OeRJH
Timestamp: 2019-09-18 05:01:50
Document Index: 204999053

Matched Legal Cases: ['Art. 14', 'Art. 9', 'Art. 14', '§ 93', '§ 93', 'Art. 14', 'Art. 9', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 14', 'Art. 9', 'Art. 9']

Wissensdatenbank Wirtschaftsrecht: Fallbeispiel: Mitbestimmung im Unternehmen
Fall7OeRJH
ich war hier: Fall7OeRJH
1. Zulässigkeit der Verfas...
a. Beschwerdegegenstand
b. Beschwerdefähigkeit
d. Rechtswegerschöpfung
e. Formalien
2. Annahmefähigkeit der Ve...
3. Begründetheit der Verfa...
a. Verletzung des Art. 14 GG
b. Verletzung des Art. 9 GG
Fallbeispiel: Mitbestimmung im Unternehmen
Der Bundestag beschließt am 4. Mai 1976 ein Gesetz, in dem u. a. Folgendes geregelt ist:
Gegen die zitierten Vorschriften des Gesetzes erhebt Großaktionär A der von der Regelung betroffenen Firma D AG sofort nach Verkündung eine Verfassungsbeschwerde.
Frage: Hat die Verfassungsbeschwerde Aussicht auf Erfolg?
Die Verfassungsbeschwerde hat Aussicht auf Erfolg, wenn sie zulässig und begründet ist
Gesetz ist Akt der Hoheitsgewalt (+)
Es ist davon auszugehen, dass A inländische Person ist, auch bei juristischer Person unter Umständen OK (+)
Berufung auf Rechte aus Art. 14 und 9 GG möglich. Auch wenn gegen Gesetz, ist die Firma D laut Sachverhalt von der Regelung betroffen - das Gesetz begründet also konkrete Folgen für die D AG und auch für den Einfluss ihrer Eigentümer. Damit selbst, gegenwärtig und unmittelbar betroffen. (+)
Gegen Gesetze ist kein Rechtsweg vorgesehen. Zuwiderhandlung und Abwarten konkreter Folgen wäre nicht zumutbar. (+)
Insbesondere Frist eingehalten (§ 93 Abs. 3 BVerfGG - ein Jahr bei Gesetzen), im Übrigen anzunehmen, dass OK. (+)
2. Annahmefähigkeit der Verfassungsbeschwerde
Nach § 93a BVerfGG und ff. wird eine Verfassungsbeschwerde auch wenn sie zulässig ist nur unter bestimmten Umständen zur Entscheidung angenommen. Die Bedeutung der hier gestellten Frage (ist das Mitbestimmungsgesetz verfassungswidrig?) wird eine Annahme wohl rechtfertigen.
Die Verfassungsbeschwerde ist begründet, wenn A in seinen geltend gemachten Rechten tatsächlich verletzt ist. In Betracht kommen hier - wie bereits bei der Beschwerdebefugnis ausgeführt - die Grundrechte aus Art. 14 I und Art. 9 GG in Betracht.
Es handelt sich wohl um Inhaltsbestimmung - beim Eingriff kann es definitiv geklärt werden.
Schutzbereich?
- persönlich - es ist davon auszugehen, dass inländische natürliche oder juristische Person
- sachlich - sind die Rechte an der D AG des A auch Eigentum? - ja, Anteilseigentum ist vom Schutzbereich des Art. 14 GG erfasst
- die Regelung betrifft das Eigentum des A, er kann den Einfluss nicht in der gleichen Weise ausüben, wie bisher
- es handelt sich nicht um eine Enteignung - seine Anteile kann er ohne Weiteres behalten
(+) als Inhalts- und Schrankenbestimmung
- die Einrichtungsgarantie, die "Sollstruktur" des Art. 14 I GG beachtet? Wird durch das Gesetz die grundsätzliche Zuordnung beim Eigentümer in seiner Privatsphäre belassen?
Schwerpunkt: sofern der Gesetzgeber die Entscheidung über Verfügung über Kapital im Unternehmen dem Eigentümer belässt, was dadurch mittelbar geschehen könnte, dass die Kontrolle über die Führung verloren wäre, ist es unproblematisch.
zu beachten, dass bei der Regelung der Ausgestaltung der Nutzung eines sowieso gesetzlich gebundenen Bereichs des Eigentums (Gesellschaftsrecht) der Spielraum des Gesetzgebers weiter ist, als bei den Anteilsrechten an sich;
Zweck: bessere Einbindung der Mitarbeiter in die Gestaltung des Unternehmens (legitim)
geeignet: durch Festlegung von Sitzen in Aufsichtsorganen kann das Ziel gefördert werden
erforderlich: mildere Mittel: genauso wirksam nicht denkbar; reine Informationsrechte oder -pflichten würden die Einbindung nur in geringerem Maße gewährleisten (vgl. Betriebsrat)
angemessen: Abwägung - weil die Bindung des Eigentums (Art. 14 II GG) greift, ist das Interesse des Unternehmenseigentümers ebenso zu gewichten, wie das der Arbeitnehmer, die vom Schicksal des Unternehmens abhängen. Durch die Bindung und die Überlassung der Letztentscheidung beim Eigentümer OK (andere Meinung vertretbar).
- die Bestandsgarantie
Das dem A zustehende Recht auf (Anteils-)Eigentum wurde nur insofern beeinträchtigt, als A nun auch die Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Unternehmen dulden muss, an dem er (möglicherweise auch mehrheits-) beteiligt ist. Seine Verfügungs- und Entscheidungsgewalt verbleibt bei ihm. Damit ist der Eingriff nicht besonders intensiv.
Vor diesem Hintergrund ist zu prüfen, ob die Einschränkung der Rechte des A im Unternehmen ein unverhältnismäßiger Eingriff in seine bisher bestehenden Rechtspositionen darstellt.
Da der Gesetzgeber seine Ziele hier an der verfassungsrechtlich ebenso wie Eigentum selbst geschützten Sozialbindung richtet (Mitgestaltung des Unternehmens durch Arbeitnehmer, weil diese mit dem Unternehmen intensiv in Berührung kommen), ist auch bei dieser Verhältnismäßigkeitsprüfung zwischen den gleichberechtigten Interessen des Eigentümers und der Allgemeinheit abzuwägen. Vor dem Hintergrund dieses Ziels ist die Maßnahme:
geeignet - s.o. (+)
erforderlich - mildere Mittel mit gleicher Wirkung nicht ohne Weiteres ersichtlich (+)
angemessen - insbesondere deswegen, weil Eigentümer nach wie vor Entscheidungsgewalt behält (+).
Ergebnis zu Art. 14 GG: ein Verstoß gegen Art. 14 liegt nicht vor, insofern wäre die Verfassungsbeschwerde nicht begründet.
- Schutzbereich: eine Gesellschaft fällt in den Schutzbereich; A kann sich im Hinblick auf seine Betätigung in der D AG auf Art. 9 I GG berufen.
- Eingriff: hier wird dem A nicht verwehrt, an der Vereinigung teilzunehmen oder aus ihr auszutreten.
Aber: Sofern sich die Vereinigung selbst (D AG) auf das Grundrecht aus Art. 9 I GG beruft, indem sie die staatliche Regelung für zu starke Einmischung in die innere Verfassung betrachtet, ist ein Eingriff durchaus denkbar!!!
Allerdings auch hier wird die Gesellschaft nicht auf unzulässige, unangemessene Weise belastet, weil:
- die Funktionsfähigkeit der Vereinigung nicht beeinträchtigt wird,
- keine neuen Mitglieder aufgeworfen werden (keine zwangsweise Aufnahme),
- insgesamt die persönliche Komponente der Vereinigungsfreiheit sehr geringe Rolle spielt - auch ohne Mitbestimmung ist die Vereinigung bereits vielen Regelungen unterworfen und kann ihren Zweck sowieso nur bei Mitwirkung vieler Unbeteiligten erreichen (insb. bei großen Unternehmen).
Einziger Zweifel: das Bundesverfassungsgericht nennt keine Verankerung in der Verfassung für die Einschränkungen. Beruft sich nur auf die geringe Intensität des Eingriffs, weil "nur an der Peripherie" des Grundrechts erfolgt. Damit sollen alle sinnvollen Belange ausreichen, eine Ausgestaltung des Vereinigungsrechts vorzunehmen.
Vgl. BVerfGE 50, 290
2010-07-22 21:03:16