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Timestamp: 2020-07-05 16:05:24
Document Index: 8688747

Matched Legal Cases: ['§ 3', '§ 9', '§ 4', '§ 19', '§ 126', '§ 19', '§ 3', '§ 19', '§ 17', '§ 3', '§ 12', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 3', '§ 4', '§ 3']

BFH, Urteil v. 29.11.2006 - VI R 3/04 - NWB Urteile
BFH v. 29.11.2006 - VI R 3/04
BFH Urteil v. 29.11.2006 - VI R 3/04 BStBl 2007 II S. 308
Gesetze: EStG § 3 Nr. 12 Satz 2EStG § 9 Abs. 5 i.V.m. § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 6bEStG § 19 Abs. 1 Satz 1
Instanzenzug: Hessisches FG vom 30. September 2003 5 K 2919/03 BFH VI R 3/04 (Verfahrensverlauf), BFH - VI R 3/04, Verfahrensverlauf , BFH - VI R 3/04, Verfahrensverlauf
Nach einer beim Arbeitgeber durchgeführten Lohnsteuer-Außenprüfung stellte der Beklagte und Revisionskläger (das Finanzamt —FA—) fest, dass die Klägerin in ihrer Wohnung über keinen abgeschlossenen Raum als Arbeitszimmer verfügte. Das FA sah deshalb die Voraussetzungen für die Steuerbefreiung der Mietentschädigung nicht als gegeben an und erhöhte in den geänderten Bescheiden für die Jahre 1999 und 2000 (Streitjahre) die Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit entsprechend.
Die Revision des FA ist begründet. Sie führt zur Aufhebung des erstinstanzlichen Urteils und zur Abweisung der Klage (§ 126 Abs. 3 Satz 1 der Finanzgerichtsordnung —FGO—). Die Mietentschädigung ist steuerpflichtiger Arbeitslohn (§ 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG). § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG kommt nicht zur Anwendung.
1. Zum Arbeitslohn gemäß § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG gehören alle Vorteile, die für eine Beschäftigung im öffentlichen oder privaten Dienst gewährt werden. Arbeitslohn ist jeder mit Rücksicht auf das Dienstverhältnis eingeräumte geldwerte Vorteil, der durch das individuelle Dienstverhältnis veranlasst ist. Danach bezog die Klägerin auch in Höhe der Aufwandsentschädigung gemäß § 17 BBesG (Mietentschädigung) Arbeitslohn. Die Mietentschädigung ist nicht im überwiegend eigenbetrieblichen Interesse des Arbeitgebers gewährt worden (vgl. dazu Urteil des Bundesfinanzhofs —BFH— vom 8. März 2006 IX R 76/01 , Höchstrichterliche Finanzrechtsprechung 2006, 1081).
Nach § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG sind Bezüge, die als Aufwandsentschädigung aus öffentlichen Kassen gezahlt werden, steuerfrei, soweit nicht festgestellt wird, dass sie für Verdienstausfall oder Zeitverlust gewährt werden oder den Aufwand, der dem Empfänger erwächst, offenbar übersteigen. Der BFH hat die Vorschrift verfassungskonform dahingehend ausgelegt, dass die Erstattung nur solcher Aufwendungen von der Steuer befreit ist, die als Betriebsausgaben oder Werbungskosten abziehbar sind ( BFH-Urteile vom 9. Juli 1992 IV R 7/91 , BFHE 169, 144, BStBl II 1993, 50; vom 8. Oktober 1993 VI R 9/93, BFH/NV 1994, 312; vom 27. Mai 1994 VI R 67/92, BFHE 175, 57, BStBl II 1995, 17). Der Senat hält an dieser Rechtsprechung fest. Er sieht sich darin durch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) vom 11. November 1998 2 BvL 10/95 (BStBl II 1999, 502) zu § 12 Satz 1 EStG bestärkt (vgl. dazu auch Senatsentscheidung vom 21. Oktober 1994 VI R 15/94, BFHE 175, 368, BStBl II 1995, 142). Nach diesen Grundsätzen kommt hier § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG nicht zur Anwendung, denn die Mietaufwendungen sind nicht als Werbungskosten abziehbar.
b) Die angefochtene Entscheidung wird der zitierten Rechtsprechung des BFH nicht gerecht. Denn danach beschränkt sich die in § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG enthaltene Besserstellung der Empfänger von Bezügen aus öffentlichen Kassen gegenüber anderen Steuerpflichtigen darauf, dass bei der Nachprüfung, ob die Erstattungen Werbungskosten abdecken, nicht kleinlich verfahren und dem Empfänger ein ins Einzelne gehender Nachweis nicht zugemutet werden soll. Diese Privilegierung durch ein „eingeschränktes” Nachprüfungsrecht (von Beckerath, in: Kirchhof/Söhn/ Mellinghoff, EStG, § 3 Rdnr. B 12/30) ist jedoch von der vorrangig zu beantwortenden Frage zu trennen, ob die Aufwendungen dem Grunde nach als Werbungskosten abziehbar sind. Steht, wie im Streitfall, fest, dass ein Werbungskostenabzug grundsätzlich ausgeschlossen ist, bedarf es der Klärung, ob und in welcher Höhe dem Steuerpflichtigen Aufwendungen entstanden sind, nicht. Die vom FG vertretene Auffassung führt entgegen der vom BFH vorgenommenen, verfassungsrechtlichen Bedenken Rechnung tragenden Auslegung von § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG dazu, dass Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit von der Einkommensteuer frei bleiben, ohne dass die damit verbundene steuerliche Entlastung durch den Tatbestand abziehbarer Erwerbsaufwendungen gerechtfertigt wäre. Dies bedeutet ein gleichheitswidriges Steuerprivileg (BVerfG in BStBl II 1999, 502).
3. Die Lohnsteuer-Richtlinien (LStR) orientieren sich entgegen der Auffassung der Klägerin an der Rechtsprechung des BFH (von Beckerath, in: Kirchhof/Söhn/Mellinghoff, EStG, § 3 Rdnr. B 12/102). Denn nach Abschn. 13 Abs. 3 Satz 1 LStR 1999 bzw. R 13 Abs. 2 Satz 1 LStR 2000 ist Voraussetzung für die Anerkennung als steuerfreie Aufwandsentschädigung nach § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG, dass die gezahlten Beträge dazu bestimmt sind, Aufwendungen abzugelten, die steuerlich als Werbungskosten abziehbar wären. Soweit in Abschn. 13 Abs. 4 LStR 1999 bzw. R 13 Abs. 3 LStR 2000 Anweisungen „zur Erleichterung der Feststellung, inwieweit es sich in den Fällen des § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG um eine steuerfreie Aufwandsentschädigung handelt”, getroffen werden, geht der Senat davon aus, dass diese erst zur Anwendung kommen, wenn der Werbungskostenabzug dem Grunde nach gegeben ist. Sollten die Anweisungen anders zu verstehen sein, fehlte es an einer gesetzlichen Grundlage (vgl. zu den Folgen BFH-Urteile vom 9. Dezember 1999 III R 74/97 , BFHE 191, 125, BStBl II 2001, 311; vom 4. April 1986 III R 245/83, BFHE 147, 231, BStBl II 1986, 852; vom 17. Januar 1984 VI R 24/81, BFHE 140, 261, BStBl II 1984, 522; Birk in Hübschmann/Hepp/Spitaler, § 4 AO Rz. 93).
OFD Hannover 16.11.2007 - S 2337
LSG Berlin-Brandenburg 1.3.2018 - L 2 R 454/16 WA
LSG Berlin-Brandenburg 13.1.2016 - L 16 R 770/12
LSG Sachsen-Anhalt 19.11.2015 - L 1 RS 33/12
FG Sachsen 11.1.2012 - 2 K 1854/11
FG Berlin 22.6.2011 - 12 K 12068/11
FG Baden-Württemberg 26.11.2010 - 5 K 119/07
FG Niedersachsen 17.11.2009 - 11 K 98/08
FG Nürnberg 23.4.2009 - 7 K 1954/2007
BFH 20.8.2008 - I R 35/08
FG Brandenburg 19.3.2008 - 12 K 2459/05 B
BFH 13.11.2007 - VI B 100/07
BFH 23.8.2007 - VI R 11/05
FG Hessen 30.9.2003 - 5 K 2919/03
BStBl 2007 II Seite 308
BB 2007 S. 137 Nr. 3
BFH/NV 2007 S. 340 Nr. 2
BStBl II 2007 S. 308 Nr. 7
DB 2007 S. 204 Nr. 4
DStR 2007 S. 63 Nr. 2
DStZ 2007 S. 88 Nr. 4
FR 2007 S. 498 Nr. 10
HFR 2007 S. 215 Nr. 3
INF 2007 S. 85 Nr. 3
NWB-Eilnachricht Nr. 2/2007 S. 83
NWB-Eilnachricht Nr. 9/2008 S. 738
SJ 2007 S. 7 Nr. 7
StBW 2007 S. 2 Nr. 1
StuB-Bilanzreport Nr. 2/2007 S. 78
ZAAAC-33457
Hilbertz, Steuerfreiheit von Umzugskostenvergütungen, NWBdirekt 23/2007 S. 8
Brunner, Aufwandsentschädigung nach § 3 Nr. 12 Satz 2 EStG, KSR 4/2007 S. 2
ABC: E 9 . Entschädigungen/Schadensersatz, NWB 16/1999 S. 1431
ABC: E 2 . Ehrenamt/Ehrentitel/Wahlaufwendungen, NWB 9/1999 S. 810
ABC: A 16 . Aufwandsentschädigungen, NWB 2/1999 S. 122
NWB 26/1996 S. 2156