Source: https://www.bag-urteil.com/30-09-2010-auserordentliche-kundigung-auslauffrist-auflosungsantrag/
Timestamp: 2019-08-17 13:47:15
Document Index: 135603320

Matched Legal Cases: ['§ 69', '§ 69', '§ 313', '§ 72', '§ 15', '§ 69', '§ 543', '§ 543', '§ 9', '§ 103', '§ 9', '§ 9', '§ 9', '§ 13', '§ 13', '§ 13', '§ 620', '§ 620', '§ 13', '§ 16', '§ 13', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 626', '§ 9', '§ 9', '§ 9']

﻿ ﻿ BAG – 2 AZR 160/09 | bag-urteil.com
Auflösungsantrag des Arbeitgebers – außerordentliche Kündigung mit Auslauffrist
Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 30.09.2010, 2 AZR 160/09
Die Revision der Beklagten gegen das Urteil des Landesarbeitsgerichts Baden-Württemberg vom 2. Juli 2008 – 2 Sa 14/08 – wird auf ihre Kosten zurückgewiesen.
2 AZR 160/09 > Rn 1
2 AZR 160/09 > Rn 2
2 AZR 160/09 > Rn 3
2 AZR 160/09 > Rn 4
2 AZR 160/09 > Rn 5
2 AZR 160/09 > Rn 6
2 AZR 160/09 > Rn 7
2 AZR 160/09 > Rn 8
2 AZR 160/09 > Rn 9
2 AZR 160/09 > Rn 10
2 AZR 160/09 > Rn 11
1. Ein Berufungsurteil muss grundsätzlich zumindest einen den Anforderungen des § 69 Abs. 3 ArbGG genügenden Tatbestand enthalten. Ohne festgestellten Sachverhalt kann ein Urteil vom Revisionsgericht nicht überprüft werden, weil dann nicht klar ist, welchen Streitstoff das Berufungsgericht seiner Entscheidung und Rechtsanwendung zugrunde gelegt hat. Dies gilt auch, wenn die Revision vom Landesarbeitsgericht nicht zugelassen worden ist. Darin liegt kein Fall des § 69 Abs. 2 ArbGG iVm. § 313a Abs. 1 Satz 1 ZPO. Wegen der Möglichkeit der Nichtzulassungsbeschwerde nach § 72a ArbGG ist ein Rechtsmittel gegen das Berufungsurteil nicht „unzweifelhaft“ unzulässig (vgl. BAG 18. Mai 2006 – 6 AZR 627/05 – Rn. 16, AP KSchG 1969 § 15 Ersatzmitglied Nr. 2 = EzA ArbGG 1979 § 69 Nr. 5; Senat 15. August 2002 – 2 AZR 386/01 – zu I 1 der Gründe, AP ZPO 1977 § 543 Nr. 12 = EzA ZPO § 543 Nr. 12; jeweils mwN). Enthält das Berufungsurteil keinen Tatbestand, ist es vom Revisionsgericht von Amts wegen aufzuheben. Etwas anderes gilt ausnahmsweise dann, wenn der Zweck des Revisionsverfahrens deshalb erreicht werden kann, weil die Entscheidungsgründe hinreichende Anhaltspunkte zum Sach- und Streitstand enthalten und die aufgeworfenen Fragen danach beurteilt werden können (BAG 18. Mai 2006 – 6 AZR 627/05 – aaO; 26. April 2005 – 1 ABR 1/04 – zu B I 1 b der Gründe, BAGE 114, 272).
2 AZR 160/09 > Rn 12
2 AZR 160/09 > Rn 13
2 AZR 160/09 > Rn 14
2 AZR 160/09 > Rn 15
2. Eine analoge Anwendung von § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG auf Fälle der für unwirksam erklärten fristlosen arbeitgeberseitigen Kündigung kommt nicht in Betracht (Senat 14. September 1994 – 2 AZR 75/94 – zu V der Gründe, EzA BetrVG 1972 § 103 Nr. 36; BAG 26. Oktober 1979 – 7 AZR 752/77 – AP KSchG 1969 § 9 Nr. 5 = EzA KSchG § 9 nF Nr. 7; AnwK-ArbR/Eylert 2. Aufl. Bd. 2 § 9 KSchG Rn. 20; APS/Biebl 3. Aufl. § 13 KSchG Rn. 24; KR/Friedrich 9. Aufl. § 13 KSchG Rn. 410; v. Hoyningen-Huene/Linck KSchG 14. Aufl. § 13 Rn. 16). Der Gesetzgeber sieht eine unwirksame außerordentliche Kündigung als eine besonders schwerwiegende Pflichtverletzung des Arbeitgebers an mit der Folge, dass ihm gänzlich die Möglichkeit verwehrt wird, seinerseits einen Auflösungsantrag zu stellen (Begründung zum Entwurf eines KSchG, BT-Drucks. I/2090 S. 15; BAG 15. März 1978 – 5 AZR 831/76 – zu III der Gründe, AP BGB § 620 Befristeter Arbeitsvertrag Nr. 45 = EzA BGB § 620 Nr. 34).
2 AZR 160/09 > Rn 16
2 AZR 160/09 > Rn 17
a) Die Regelung des § 13 Abs. 1 Satz 3 KSchG ist eindeutig. Sie sieht die Auflösung des Arbeitsverhältnisses nach Feststellung der Unwirksamkeit einer außerordentlichen Kündigung lediglich auf Antrag des Arbeitnehmers vor. Der Gesetzgeber hat sich bewusst und ohne Ausnahmen vorzusehen dagegen entschieden, in diesem Fall dem Arbeitgeber ein Antragsrecht einzuräumen. Dabei bestanden schon zur Zeit der Beratung des Kündigungsschutzgesetzes vom 25. August 1969 tarifvertragliche Regelungen, nach denen Angestellte unter bestimmten Voraussetzungen nicht mehr ordentlich kündbar waren (bspw. § 16 Abs. 4 Satz 2 der Tarifordnung für Angestellte des öffentlichen Dienstes – TO.A). Der Gesetzgeber hat trotz zunehmender Verbreitung des tariflichen Sonderkündigungsschutzes an der getroffenen Regelung bei späteren Änderungen oder Ergänzungen des § 13 KSchG, zuletzt durch das Gesetz zu Reformen am Arbeitsmarkt vom 24. Dezember 2003 (BGBl. I S. 3002), festgehalten.
2 AZR 160/09 > Rn 18
2 AZR 160/09 > Rn 19
4. Der Ausschluss des Antragsrechts gilt auch im Zusammenhang mit einer für unwirksam erkannten außerordentliche Kündigung, die unter Einhaltung einer der ordentlichen Kündigung entsprechenden Auslauffrist ausgesprochen worden ist. Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Einhaltung der Auslauffrist bei Vorliegen eines Kündigungsgrundes rechtlich geboten (notwendig) war oder sich der Arbeitgeber freiwillig dazu entschlossen hatte, dem nicht mehr ordentlich kündbaren Arbeitnehmer eine entsprechende Frist einzuräumen. Auch die außerordentliche Kündigung mit Auslauffrist unterliegt den Voraussetzungen des § 626 BGB (Senat 26. November 2009 – 2 AZR 272/08 – Rn. 20, AP BGB § 626 Nr. 225 = EzA BGB 2002 § 626 Unkündbarkeit Nr. 16). Sie ist zwar in den Rechtsfolgen weitgehend der ordentlichen Kündigung angenähert (Senat 12. Januar 2006 – 2 AZR 242/05 – Rn. 17, AP BGB § 626 Krankheit Nr. 13 = EzA BGB 2002 § 626 Unkündbarkeit Nr. 9), bleibt ihrer Art nach aber eine außerordentliche Kündigung. Im Fall ihrer Unwirksamkeit kann sie deshalb einer sozialwidrigen Kündigung iSv. § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG nicht gleichgestellt werden (Etzel ZTR 2003, 210, 214; Linck/Scholz in: AR-Blattei-SD 1010.7 Rn. 108; Bröhl Die außerordentliche Kündigung mit Auslauffrist S. 191). Eine analoge Anwendung von § 9 Abs. 1 Satz 2 KSchG scheidet gleichermaßen aus (Senat 26. März 2009 – 2 AZR 879/07 – Rn. 67, AP KSchG 1969 § 9 Nr. 57).
2 AZR 160/09 > Rn 20
2 AZR 160/09 > Rn 21
NZA 2011, 349
Das Urteil BAG – 2 AZR 160/09 wird zitiert in: