Source: https://www.rechtslupe.de/strafrecht/kriegsverbrechen-operationen-entfuehrung-3113367
Timestamp: 2020-01-28 07:46:46
Document Index: 322828410

Matched Legal Cases: ['§ 10', '§ 10', '§ 10', 'Art. 9', '§ 10', 'Art. 13', '§ 10', '§ 8']

Kriegs­ver­bre­chen gegen huma­ni­tä­re Ope­ra­tio­nen – und der Ent­füh­rung eines Blau­helms | Rechtslupe
Kriegsverbrechen gegen humanitäre Operationen - und der Entführung eines Blauhelms
Kriegs­ver­bre­chen gegen huma­ni­tä­re Ope­ra­tio­nen – und der Ent­füh­rung eines Blau­helms
§ 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 VStGB schützt Per­so­nen, Ein­rich­tun­gen, Mate­ri­al, Ein­hei­ten und Fahr­zeu­ge die an einer frie­dens­er­hal­ten­den Mis­si­on in Über­ein­stim­mung mit der UN-Char­ta betei­ligt sind.
Cha­rak­te­ris­tisch für sol­che Mis­sio­nen ist, dass sie mit Zustim­mung der Kon­flikt­par­tei­en statt­fin­den, der Unpar­tei­lich­keit ver­pflich­tet sind und Gewalt nur für Zwe­cke der Selbst­ver­tei­di­gung ein­set­zen dür­fen.
Häu­fig die­nen sie der Absi­che­rung eines Frie­dens­ver­tra­ges oder Waf­fen­still­stands­ab­kom­mens 1.
Die Mis­si­on UNDOF in Syri­en weist die­se Merk­ma­le auf. Sie wur­de nach dem Abschluss eines den Jom-Kip­pur-Krieg been­den­den "Agree­ment on Dis­en­ga­ge­ment" zwi­schen Isra­el und Syri­en am 31.05.1974 auf­grund der Reso­lu­ti­on 350 (1974) des UN-Sicher­heits­ra­tes errich­tet. Ihre Auf­ga­be ist die Auf­recht­erhal­tung des Waf­fen­still­stands und die Über­wa­chung der Umset­zung des zwi­schen Isra­el und Syri­en geschlos­se­nen Abkom­mens. Zwangs­maß­nah­men sind nicht Teil des Man­dats der UNDOF.
Der von § 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 VStGB geschütz­te Per­so­nen­kreis umfasst sowohl Ange­hö­ri­ge von Streit­kräf­ten der an den frie­dens­er­hal­ten­den Mis­sio­nen teil­neh­men­den Staa­ten als auch zivi­les Hilfs­per­so­nal 2.
Ein haupt­amt­lich als Rechts­be­ra­ter für die Mis­si­on Täti­ger gehört dem zivi­len Hilfs­per­so­nal der UNDOF an. Vor­lie­gend war er zum Zeit­punkt sei­ner Ent­füh­rung sowie in der Fol­ge­zeit weder an Feind­se­lig­kei­ten betei­ligt noch han­del­te er außer­halb des Man­dats der UNDOF, sodass er Anspruch auf den Schutz hat­te, der Zivil­per­so­nen nach dem huma­ni­tä­ren Völ­ker­recht gewährt wird 3. Glei­cher­ma­ßen war auch das von ihm genutz­te, im Eigen­tum der UN ste­hen­de Fahr­zeug von dem Schutz­be­reich des § 10 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 VStGB umfasst.
Der Begriff des Angriffs ist, ange­lehnt an Art. 9 des Über­ein­kom­mens über die Sicher­heit von Per­so­nal der Ver­ein­ten Natio­nen und bei­geord­ne­tem Per­so­nal, weit aus­zu­le­gen und erfasst jede Art der Gewalt­an­wen­dung unab­hän­gig von der Art der dabei ver­wen­de­ten Waf­fen; zu den typi­schen Angriffs­for­men gehö­ren Nöti­gun­gen, Ein­schüch­te­run­gen, bewaff­ne­ter Raub, Ent­füh­run­gen, Gei­sel­nah­men, Drang­sa­lie­run­gen, wider­recht­li­che Fest­nah­men und Inhaf­tie­run­gen sowie Akte der Zer­stö­rung und Plün­de­rung des Eigen­tums huma­ni­tä­rer Mis­sio­nen 4.
Hier ist der Rechts­be­ra­ter der UNDOF unter Vor­halt von Schuss­waf­fen zum Aus­stei­gen aus dem Fahr­zeug gezwun­gen, ver­schleppt und meh­re­re Mona­te lang in Gebäu­den gefan­gen gehal­ten wor­den, die von bewaff­ne­ten Per­so­nen bewacht wur­den. Dabei han­del­te es sich um ein gewalt­sa­mes Vor­ge­hen, an dem sich auch ein Wär­ter durch die gele­gent­li­che Bewa­chung des Ver­schlepp­ten betei­ligt hat, da er dadurch maß­geb­lich an der Fort­dau­er der Frei­heits­ent­zie­hung mit­ge­wirkt hat.
Vor­lie­gend stand die Ent­füh­rung auch in einem funk­tio­na­len Zusam­men­hang mit dem zur Tat­zeit auf dem Staats­ge­biet der Ara­bi­schen Repu­blik Syri­en statt­fin­den­den nicht­in­ter­na­tio­na­len bewaff­ne­ten Kon­flikt. Ein der­ar­ti­ger Zusam­men­hang ist gege­ben, wenn das Vor­lie­gen eines bewaff­ne­ten Kon­flik­tes für die Fähig­keit des Täters, das Ver­bre­chen zu bege­hen, für sei­ne Ent­schei­dung zur Tat­be­ge­hung, für die Art und Wei­se der Bege­hung oder für den Zweck der Tat von wesent­li­cher Bedeu­tung war; die Tat darf nicht ledig­lich "bei Gele­gen­heit" des bewaff­ne­ten Kon­flikts began­gen wer­den 5. Eine Tat­aus­füh­rung wäh­rend lau­fen­der Kampf­hand­lun­gen oder eine beson­de­re räum­li­che Nähe dazu sind hin­ge­gen nicht erfor­der­lich 6.
Hier ist nach den der­zeit vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen davon aus­zu­ge­hen, dass der Ange­klag­te eben­so wie die ande­ren Ent­füh­rer der Orga­ni­sa­ti­on Jabhat al-Nus­ra und damit einer der in den bewaff­ne­ten Kon­flikt ver­strick­ten Kon­flikt­par­tei­en ange­hör­te. Gera­de der Umstand, dass sich der Ent­führ­te in sei­ner Funk­ti­on als Rechts­be­ra­ter der Ver­ein­ten Natio­nen bei der Mis­si­on UNDOF auf­hielt, ermög­lich­te es der Grup­pie­rung, sich sei­ner zu bemäch­ti­gen. Der Ange­klag­te ver­füg­te zudem als Ange­hö­ri­ger der Grup­pie­rung über die zur Bewa­chung des Ent­führ­ten erfor­der­li­chen Waf­fen, und die Ent­füh­rung soll­te nach Lage der Din­ge dazu die­nen, Löse­geld zu erpres­sen, um damit den bewaff­ne­ten Kampf finan­zie­ren und fort­set­zen zu kön­nen.
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. August 2016 – AK 43/​16
vgl. Wer­le, Völ­ker­straf­recht, 3. Aufl., Rn. 1401; Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß, 2. Aufl., § 10 VStGB Rn. 6 ff.[↩]
Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß aaO, Rn. 10; BT-Drs. 14/​8524, S. 32[↩]
vgl. dazu Wer­le aaO, Rn. 1405; BT-Drs. 14/​8524 aaO; Art. 13 Abs. 3 des II. Zusatz­pro­to­kolls zu den Gen­fer Abkom­men vom 12.08.1949 über den Schutz der Opfer nicht inter­na­tio­na­ler bewaff­ne­ter Kon­flik­te[↩]
vgl. Wer­le aaO, Rn. 1404; Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß aaO, Rn. 17 f.; BT-Drs. 14/​8524, S. 32[↩]
Münch­Komm-StG­B/Zim­mer­man­n/Geiß aaO, § 10 VStGB Rn.19 i.V.m. § 8 VStGB Rn. 119[↩]
BT-Drs. 14/​8524, S. 25[↩]
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