Source: https://www.rechtslupe.de/zivilrecht/fristwahrung-telefax-ausgangskontrolle-3124627
Timestamp: 2020-07-03 17:12:06
Document Index: 389011792

Matched Legal Cases: ['§ 85', '§ 234', '§ 236', '§ 377', 'BGH', 'BGH', 'BGH', 'BGH', '§ 294', '§ 294', '§ 294']

Fristwahrung per Telefax - und die Ausgangskontrolle | Rechtslupe
Fristwahrung per Telefax - und die Ausgangskontrolle
Fris­t­wah­rung per Tele­fax – und die Aus­gangs­kon­trol­le
Bei der Über­mitt­lung fris­t­wah­ren­der Schrift­sät­ze per Tele­fax ist eine nach­träg­li­che inhalt­li­che Kon­trol­le der ein­zel­nen Schrift­stü­cke im Rah­men der Aus­gangs­kon­trol­le nicht erfor­der­lich. Es bedarf ins­be­son­de­re kei­ner Anwei­sung des Rechts­an­walts an sein Büro­per­so­nal, den frist­ge­bun­de­nen Schrift­satz und zusätz­lich zu über­sen­den­de Schrift­stü­cke getrennt per Fax zu über­mit­teln oder sich durch tele­fo­ni­sche Rück­fra­ge bei der zustän­di­gen Geschäfts­stel­le des Beru­fungs­ge­richts zu ver­si­chern, dass der fris­t­wah­ren­de Schrift­satz voll­stän­dig über­mit­telt wor­den ist.
Einer Par­tei ist nur ein Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, nicht aber das­je­ni­ge sei­nes Büro­per­so­nals zuzu­rech­nen [1]. Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand kann daher nicht ver­sagt wer­den, wenn die Frist­ver­säu­mung nicht auf einem Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers beruht, son­dern auf einem dem Klä­ger nicht zure­chen­ba­ren Ver­säum­nis der Büro­an­ge­stell­ten sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bei der Ver­sen­dung des Beru­fungs­schrift­sat­zes per Tele­fax.
Die Ver­sen­dung eines frist­ge­bun­de­nen Schrift­sat­zes per Tele­fax stellt eine ein­fa­che Büro­tä­tig­keit dar, mit der jeden­falls eine voll aus­ge­bil­de­te und erfah­re­ne Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­te beauf­tragt wer­den darf. Bei der Über­mitt­lung fris­t­wah­ren­der Schrift­sät­ze per Tele­fax kommt der Rechts­an­walt sei­ner Ver­pflich­tung zu einer wirk­sa­men Aus­gangs­kon­trol­le soweit hier von Bedeu­tung dann nach, wenn er sei­nen Büro­an­ge­stell­ten die Wei­sung erteilt, sich einen Sen­de­be­richt aus­dru­cken zu las­sen, auf die­ser Grund­la­ge die Voll­stän­dig­keit der Über­mitt­lung zu prü­fen und die Not­frist erst nach Kon­trol­le des Sen­de­be­richts zu löschen [2]. Das gilt nicht nur für all­ge­mei­ne Wei­sun­gen, son­dern auch und erst recht wie hier für eine kon­kre­te münd­li­che Wei­sung im Ein­zel­fall [3].
In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat der Klä­ger durch Vor­la­ge der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Rechts­fach­wir­tin R. glaub­haft gemacht, dass die­se Anfor­de­run­gen im Büro sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten beach­tet wer­den. Frau R. hat eides­statt­lich ver­si­chert, dass es in der Kanz­lei der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers die all­ge­mei­ne Anwei­sung gebe, alle auto­ma­tisch aus­ge­druck­ten Tele­fax­sen­de­pro­to­kol­le aller per Tele­fax ver­sand­ten Schrift­sät­ze auf Voll­stän­dig­keit und Rich­tig­keit der Über­mitt­lung zu über­prü­fen. Des Wei­te­ren hat sie eides­statt­lich ver­si­chert, dass sie der sach­be­ar­bei­ten­de Rechts­an­walt Dr. R. unter Hin­weis auf den tag­glei­chen Frist­ab­lauf ange­wie­sen habe, den Beru­fungs­schrift­satz fris­t­wah­rend per Tele­fax an das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt zu über­sen­den und anhand des Sen­de­pro­to­kolls zu über­prü­fen, ob der Schrift­satz voll­stän­dig und ord­nungs­ge­mäß über­mit­telt wor­den sei. Dem sei sie nach­ge­kom­men.
Es liegt auch kein sons­ti­ges für die Frist­ver­säu­mung ursäch­li­ches Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers vor, wel­ches sich die­ser gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen müss­te. Das Beru­fungs­ge­richt hat die Anfor­de­run­gen an die Aus­gangs­kon­trol­le eines fris­t­wah­ren­den Schrift­sat­zes nach sei­ner Über­mitt­lung per Tele­fax über­spannt. Bei der Über­mitt­lung fris­t­wah­ren­der Schrift­sät­ze per Tele­fax ist eine nach­träg­li­che inhalt­li­che Kon­trol­le der ein­zel­nen Schrift­stü­cke im Rah­men der Aus­gangs­kon­trol­le nicht erfor­der­lich. Ein ver­se­hent­li­ches Ver­tau­schen einer zu über­mit­teln­den Schrift­satz­sei­te mit einer ande­ren Hand­ak­ten­sei­te vor dem Beginn der Fax­ver­sen­dung ist kein spe­zi­fi­sches Risi­ko der Tele­fa­x­über­mitt­lung, wel­chem durch die Aus­gangs­kon­trol­le nach Abschluss des Sen­de­vor­gangs Rech­nung getra­gen wer­den muss. Es bedarf des­halb kei­ner orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­keh­run­gen dahin, eine Anwei­sung zu geben, den frist­ge­bun­de­nen Schrift­satz und zusätz­lich zu über­sen­den­de Schrift­stü­cke getrennt per Fax zu über­mit­teln, so dass zwei Fax­pro­to­kol­le aus­zu­dru­cken sind. Eben­so wenig ist es erfor­der­lich, sich durch tele­fo­ni­sche Rück­fra­ge bei der zustän­di­gen Geschäfts­stel­le des Beru­fungs­ge­richts zu ver­si­chern, ob der mit wei­te­ren Schrift­stü­cken über­sand­te frist­ge­bun­de­ne Schrift­satz voll­stän­dig über­mit­telt wor­den ist.
Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg [4] hat der Klä­ger auch schlüs­sig dar­ge­legt und glaub­haft gemacht, dass es sich bei der Rechts­fach­wir­tin R. um eine voll aus­ge­bil­de­te und erfah­re­ne Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­te han­delt. Dabei bedurf­te es ent­ge­gen der Ansicht des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts ins­be­son­de­re kei­nes geson­der­ten Vor­tra­ges dahin, dass sie wäh­rend ihrer Tätig­keit beim Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers mit der Über­mitt­lung von Schrift­stü­cken per Tele­fax, nament­lich eines Kon­vo­luts aus einem frist­ge­bun­de­nen Schrift­satz und ande­ren Unter­la­gen, befasst gewe­sen ist.
Der Klä­ger hat auch inner­halb der maß­geb­li­chen Antrags­frist dar­ge­legt, dass es sich bei Frau R. um eine ansons­ten stets zuver­läs­si­ge und feh­ler­frei arbei­ten­de Mit­ar­bei­tern han­delt und ent­spre­chen­de stich­pro­ben­ar­ti­ge Über­prü­fun­gen nach Fax­ver­sen­dung in der Ver­gan­gen­heit kei­ner­lei Anlass zu Bean­stan­dun­gen gege­ben hät­ten und dies in der ihm vom Beru­fungs­ge­richt ein­ge­räum­ten Stel­lung­nah­me­frist auch frist­ge­mäß glaub­haft gemacht. Die Glaub­haft­ma­chung muss nicht mit dem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag ver­bun­den wer­den. Sie kann auch noch nach Ablauf der Frist des § 234 Abs. 1 ZPO bis zum Abschluss des Wie­der­ein­set­zungs­ver­fah­rens erfol­gen, § 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO [5]. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers hat in einem wei­te­ren Schrift­satz zwar sei­ne Anga­ben zur stich­pro­ben­ar­ti­gen Über­prü­fung von Frau R. nicht anwalt­lich ver­si­chert, son­dern sich viel­mehr auf sein eige­nes Zeug­nis beru­fen. Ob dies als anwalt­li­che Ver­si­che­rung oder als schrift­li­che Erklä­rung eines ange­bo­te­nen Zeu­gen (§ 377 Abs. 3 ZPO) zu ver­ste­hen ist, kann dahin­ste­hen. In bei­den Fäl­len han­delt es sich um ein geeig­ne­tes Mit­tel der Glaub­haft­ma­chung [6].
Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Mai 2017 – II ZB 19/​1
BGH, Beschluss vom 11.02.2003 – VI ZB 38/​02, NJW-RR 2003, 935, 936; Beschluss vom 23.05.2006 – VI ZB 77/​05, NJW 2006, 2638 Rn. 6; Beschluss vom 06.03.2007 – VIII ZR 330/​06, NJW-RR 2007, 1075 Rn. 6[↩]
BGH, Beschluss vom 23.02.2016 – II ZB 9/​15, NJW 2016, 1664 Rn. 10; Beschluss vom 11.05.2016 – IV ZB 38/​15, Beck­RS 2016, 10301 Rn. 8; Beschluss vom 26.07.2016 – VI ZB 58/​14, NJW 2016, 3667 Rn. 10[↩]
BGH, Beschluss vom 11.02.2003 – VI ZB 38/​02, NJW-RR 2003, 935, 936 mwN; Beschluss vom 11.03.2014 – VI ZB 45/​13, NJW-RR 2014, 634 Rn. 7[↩]
OLG Ham­burg, Beschluss vom 25.05.2016 – 1 U 59/​16[↩]
BGH, Urteil vom 02.11.1988 IVb ZR 109/​87, FamRZ 1989, 373[↩]
vgl. Musielak/​Huber, ZPO, 13. Aufl., § 294 Rn. 5; Zöller/​Greger, ZPO, 31. Aufl., § 294 Rn. 5; Lau­men in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 9. Aufl., § 294 Rn. 3[↩]