Source: https://www.jusmeum.de/urteil/bverwg/bverwg_1-B-17-13
Timestamp: 2019-11-14 19:16:10
Document Index: 329307925

Matched Legal Cases: ['§ 51', '§ 25', '§ 26', '§ 81', '§ 26', '§ 26', '§ 9', '§ 5', '§ 81', '§ 26', '§ 81', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 154', '§ 47', '§ 52']

BVerwG, 1 B 17.13: Aufenthaltserlaubnis, Krankenversicherung, Sorgfalt, Ausweispapier
Urteil des BVerwG vom 06.03.2014, 1 B 17.13
Aktenzeichen: 1 B 17.13
Aufenthaltserlaubnis, Krankenversicherung, Sorgfalt, Ausweispapier
BVerwG 1 B 17.13 VGH 10 B 12.2500
hat der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts am 6. März 2014 durch den Vorsitzenden Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Berlit und die Richter am Bundesverwaltungsgericht Prof. Dr. Dörig und Dr. Maidowski
1Die auf den Zulassungsgrund der grundsätzlichen Bedeutung gestützte Beschwerde ist unbegründet.
2Der Kläger, ein irakischer Staatsangehöriger, reiste 1995 mehrfach mit gefälschten Personaldokumenten nach Deutschland ein. Auf einen ebenfalls unter
falschem Namen gestellten Asylantrag wurde das Vorliegen der Voraussetzungen des § 51 Abs. 1 AuslG in seiner Person festgestellt. Er erhielt im März 1996
unter diesem Namen eine Aufenthaltsbefugnis, die im Februar 2005 als Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 2 AufenthG bis August 2005 verlängert wurde; im
Anschluss daran erhielt der Kläger Fiktionsbescheinigungen. Ebenfalls im Februar 2005 wurde die Flüchtlingsanerkennung bestandskräftig widerrufen. Im
März und April 2005 beantragte er, nunmehr unter seinem richtigen Namen, die
Erteilung einer Niederlassungserlaubnis nach § 26 Abs. 4 AufenthG. Dies sowie
einen hilfsweise gestellten Antrag auf Erteilung einer humanitären Aufenthaltserlaubnis lehnte die Beklagte durch Bescheid vom 2. Dezember 2011 ab und
wies den Kläger aus. Das Verwaltungsgericht hat die Ausweisung aufgehoben,
die Klage auf Erteilung der Niederlassungserlaubnis, hilfsweise der Aufenthaltserlaubnis, indes abgewiesen. Die Berufung des Klägers blieb erfolglos.
3Die Grundsatzrüge des Klägers greift nicht durch.
ist bzw. auf Grund des Gesetzeswortlauts mit Hilfe der üblichen Regeln
sachgerechter Auslegung und auf der Grundlage der einschlägigen
werden kann oder wenn sie einer abstrakten Beantwortung nicht zugänglich ist.
„ob dem Tatbestandsmerkmal des Besitzes einer Aufenthaltserlaubnis Besitz einer Fiktionsbescheinigung nach § 81 Abs. 4 AufenthG bei der Entscheidung über die Erteilung einer Niederlassungserlaubnis nach § 26 Abs. 4 AufenthG gleichzustellen ist, wenn zwar alle Tatbestandsmerkmale zum Zeitpunkt des Ablaufs der Aufenthaltserlaubnis vorliegen und nicht erst während der Fiktionszeit entstehen, jedoch der Nachweis von Erteilungsvoraussetzungen erst nach Ablauf der Gültigkeit des Aufenthaltstitels erfolgt“,
ist bereits geklärt bzw. ohne weiteres klärungsfähig, soweit sie einer abstrakten
Beantwortung zugänglich ist; hiervon abgesehen würde sie sich in einem Revisionsverfahren nicht stellen.
6Nach § 26 Abs. 4 AufenthG kann eine Niederlassungserlaubnis erteilt werden,
wenn der Adressat seit sieben Jahren eine Aufenthaltserlaubnis nach Kapitel 2
Abschnitt 5 des Aufenthaltsgesetzes besitzt und wenn die Voraussetzungen
des § 9 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 bis 9 AufenthG sowie die allgemeinen Erteilungs-
voraussetzungen des § 5 AufenthG vorliegen, soweit sie nicht durch spezielle
Regelungen verdrängt werden. Maßgeblicher Zeitpunkt für das Vorliegen dieser
tatbestandlichen Voraussetzungen der Niederlassungserlaubnis ist, wenn der
Antragsteller Verpflichtungsklage erhoben hat, der Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung bzw. der Entscheidung des Tatsachengerichts, im vorliegenden Fall also des Verwaltungsgerichtshofes (25. Juni 2013). Ist in diesem Zeitpunkt die erforderliche Aufenthaltserlaubnis nicht mehr vorhanden und fehlt es
daher am Erfordernis des unbestrittenen, gesicherten Aufenthaltsrechts, so besteht ein Anspruch auf Erteilung der Niederlassungserlaubnis nicht. Eine Ausnahme hiervon kommt nur in Betracht, wenn der erforderliche Aufenthaltstitel
zwar abgelaufen, über seine Verlängerung jedoch noch nicht entschieden ist
und wenn der Antragsteller für die Dauer des Verlängerungsverfahrens über
eine Fiktionsbescheinigung nach § 81 Abs. 5 i.V.m. Abs. 4 Satz 1 AufenthG verfügt. Nach dem Sinn dieser Bescheinigung gilt dies allerdings nur, wenn es zu
einer Verlängerung des Aufenthaltstitels tatsächlich kommt. Besteht hingegen -
wie im vorliegenden Fall - kein Anspruch auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis, kann die Zeit der Fiktionswirkung nicht auf die für die Niederlassungserlaubnis erforderliche Zeit des Besitzes der Aufenthaltserlaubnis angerechnet werden (Urteil vom 30. März 2010 - BVerwG 1 C 6.09 - BVerwGE 136,
211 = Buchholz 402.242 § 26 AufenthG Nr. 5 jeweils Rn. 18 ff.).
7Die von der Beschwerde möglicherweise sinngemäß aufgeworfene Frage, ob
Zeiten einer Fiktionsbescheinigung auch dann anrechenbar sein können, wenn
es nicht zu der Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis kommt - insbesondere
dann, wenn zwar das Vorliegen der Tatbestandsvoraussetzungen, nicht aber ihr
Nachweis bei Ablauf der Geltungsdauer der Aufenthaltserlaubnis bejaht werden
kann -, ist mit dieser Rechtsprechung bereits im verneinenden Sinne beantwortet, ohne dass neuerlicher Klärungsbedarf geltend gemacht oder erkennbar ist.
Denn der Funktion der Fiktionsbescheinigung, den zur Verlängerung anstehenden Titel bis zu der Verlängerung als fortbestehend behandeln zu können, bedarf es nicht, wenn das Verlängerungsbegehren scheitert. Soweit die Beschwerde darüber hinaus die Frage aufwirft, ob zwischen dem Vorliegen der
Tatbestandsvoraussetzungen und ihrem Nachweis vor dem maßgeblichen Zeitpunkt unterschieden werden muss und ob in der dargestellten Konstellation ei-
ne Anrechnung der Fiktionszeiten möglich ist, lässt sich auch diese Frage auf
dem Boden der bisherigen Rechtsprechung ohne Weiteres beantworten. Eine
Anrechnung der Fiktionszeiten kommt - wie ausgeführt - auch in solchen Fällen
nur dann in Betracht, wenn der abgelaufene Aufenthaltstitel tatsächlich verlängert wird. Ob zu einem früheren Zeitpunkt die Erteilungsvoraussetzungen vorgelegen haben, ohne ausnahmslos beweisbar zu sein, spielt dabei keine Rolle.
Ohne Bedeutung ist es auch, ob die Fiktionszeit erst dazu führt, dass das Erfordernis der siebenjährigen Dauer der Aufenthaltserlaubnis erstmalig erfüllt wird
(„Hineinwachsen“ in diese Tatbestandsvoraussetzung) oder ob sie nur dazu
dient, das Bestehen der bereits hinreichend langen Dauer der Aufenthaltserlaubnis auch im entscheidungsmaßgeblichen Zeitpunkt zu fingieren.
8Die Annahme der Beschwerde, die Fiktionswirkung des § 81 Abs. 4 Satz 1
AufenthG habe in der hier vorliegenden Konstellation keine „rechtsbegründende“, sondern lediglich „besitzstandswahrende“ Wirkung, trifft auch in der Sache
nicht zu. Denn die Beschwerde geht zu Unrecht davon aus, dass die Frage der
Identität des Klägers bei Ablauf der Geltungsdauer der Aufenthaltserlaubnis
bereits „geklärt“ gewesen und später nur noch der ausstehende Nachweis dieser Identität geführt worden sei. Eine solche Unterscheidung wird dem Erfordernis des § 5 Abs. 1 Nr. 1a AufenthG nicht gerecht. Vielmehr ist die Identität
des Ausländers so lange ungeklärt, bis ein gültiges Ausweispapier oder doch
gleich beweiskräftige Unterlagen als Nachweis der Identität vorgelegt werden
kann; eine spätere Klärung der Identität entfaltet in Bezug auf die materiellrechtliche Regelerteilungsvoraussetzung des § 5 Abs. 1 Nr. 1a AufenthG keine
9Die von der Beschwerde aufgeworfene Frage würde sich mithin in einem Revisionsverfahren nicht stellen. Denn im Zeitpunkt des Ablaufs der Aufenthaltserlaubnis (20. August 2005) lagen alle Tatbestandsvoraussetzungen für die Erteilung einer Niederlassungserlaubnis gerade nicht vor, wie dies die Fragestellung voraussetzt. Vielmehr fehlte es jedenfalls an der allgemeinen Erteilungsvoraussetzung des § 5 Abs. 1 Nr. 1a AufenthG, da im August 2005 die Identität
des Klägers noch nicht geklärt war. Der Kläger hatte zu diesem Zeitpunkt zwar
schon seinen richtigen Namen angegeben - wenn man von der leichten Abwei-
chung in der Schreibweise zwischen „Hamza“ und Hamzah“ absieht -, aber
noch nicht belegt. Sowohl seinen irakischen Personalausweis, der nach den
Feststellungen des Berufungsgerichts zunächst an das Landeskriminalamt
gesandt wurde, als auch weitere Personalpapiere legte er erst nach dem
20. August 2005 vor. Noch im Frühjahr 2006 gelangten Bescheinigungen über
die gesetzliche Krankenversicherung unter mehreren Namen zu den Ausländerakten; die erste auf den wirklichen Namen des Klägers lautende Fiktionsbescheinigung wurde im März 2006 ausgestellt. Angesichts der langjährigen Täuschung der Behörden über seine Identität bestand hier auch Anlass zu besonderer Sorgfalt bei deren Klärung.
10Die Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO. Die Entscheidung über
den Streitwert beruht auf § 47 Abs. 1 und 3, § 52 Abs. 2 GKG.
1 B 17.13
Aufenthaltserlaubnis, Krankenversicherung, Sorgfalt, Ausweispapier, Besitz, Anschluss, Ausweisung, Ausnahme