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Timestamp: 2018-11-17 11:44:21
Document Index: 137067246

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'Art.6', '§ 10', 'EuG', '§ 19', 'EuG', 'EuG', 'Art. 2', 'Art. 4', 'Art. 6', 'EuG']

Ist die Zwangsverrentung von Piloten mit 60 Jahren doch europarechtswidrig? - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 09/118
Ist die Zwangs­ver­ren­tung von Pi­lo­ten mit 60 Jah­ren doch eu­ro­pa­rechts­wid­rig?
Die Zwangs­ver­ren­tung von Pi­lo­ten der Luft­han­sa ver­stößt mög­li­cher­wei­se ge­gen eu­ro­päi­sches Recht: Bun­des­ar­beits­ge­richt, Be­schluss vom 17.06.2009, 7 AZR 112/08 (A)
Für Ver­kehrspi­lo­ten muss ir­gend­wann "Schluss sein", aber wann?
08.07.2009. Von der kör­per­li­chen und men­ta­len Fit­ness von Ver­kehrspi­lo­ten hängt das Le­ben der Crew, der Flug­gäs­te und letzt­lich auch der Ein­woh­ner der über­flo­ge­nen Ge­bie­te ab.
Da­her wür­de sich wohl nie­mand ger­ne in ein Flug­zeug set­zen, das von ei­nem 80jährigen Pi­lo­ten ge­steu­ert wird.
Aber recht­fer­ti­gen Si­cher­heits­be­lan­ge auch ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Al­ter­sklau­sel, nach de­nen die Ar­beitssver­hält­nis­se von Pi­lo­ten der Deut­schen Luft­han­sa mit dem 60. Le­bens­jahr au­to­ma­tisch en­den? Oder liegt hier ei­ne ver­bo­te­ne Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung vor?
Da die in­ter­na­tio­nal an­er­kann­ten Si­cher­heits­re­geln ei­ne Be­en­di­gung der Flug­be­rech­ti­gung von Ver­kehrspi­lo­ten erst mit 65 Jah­ren vor­se­hen, kann man dar­an zwei­feln, ob die Al­ters­gren­ze 60 mit dem Eu­ro­pa­recht und dem dar­auf be­ru­hen­den All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) ver­ein­bar ist.
Die­se Fra­ge hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) vor kur­zem dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof (EuGH) vor­ge­legt: BAG, Be­schluss vom 17.06.2009, 7 AZR 112/08 (A).
Ist die ta­rif­li­che Zwangs­pen­sio­nie­rung von Pi­lo­ten der Luft­han­sa sach­lich be­gründet, wenn die Pi­lo­ten an­de­rer Air­lines bis 65 flie­gen dürfen?
Drei Luft­hans­a­pi­lo­ten wol­len nicht in Ren­te und ver­kla­gen die Luft­han­sa: Rein­hard Prig­ge, Mi­cha­el Fromm und Vol­ker Lam­bach las­sen nicht lo­cker
Das BAG möch­te nicht oh­ne ei­nen Hin­weis des EuGH ent­schei­den und setzt den Fall da­her aus
Die Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (RL 2000/78/EG) ver­bie­tet Dis­kri­mi­nie­run­gen von Er­werbstäti­gen, ins­be­son­de­re von Ar­beit­neh­mern, we­gen be­stimm­ter persönli­cher Merk­ma­le wie et­wa des Ge­schlechts, der re­li­giösen Über­zeu­gung oder der Her­kunft. Neu ist das Ver­bot der Schlech­ter­stel­lung we­gen des (ge­rin­gen oder ho­hen) Al­ters.
Die­se Vor­ga­ben und da­mit das neue Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung wur­den durch das All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz (AGG) mit Wir­kung vom 18.08.2006 in das deut­sche Recht über­nom­men. Seit­dem sind sach­lich nicht ge­recht­fer­tig­te Be­nach­tei­li­gun­gen von Ar­beit­neh­mern we­gen ih­res Al­ters ver­bo­ten.
So­wohl die Richt­li­nie 2000/78/EG (Art.6 Abs.1 der Richt­li­nie) als auch das AGG (§ 10 AGG) er­lau­ben je­doch Un­gleich­be­hand­lun­gen we­gen des Al­ters, wenn sie „ob­jek­tiv und an­ge­mes­sen“ sind und durch ein „le­gi­ti­mes Ziel“ wie et­wa die Beschäfti­gungsförde­rung, ge­recht­fer­tigt sind. Zu­dem müssen die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels „an­ge­mes­sen und er­for­der­lich“ sein.
Seit Jah­ren hef­tig um­strit­ten ist die Wirk­sam­keit ei­ner in Ta­rif- und/oder Ar­beits­verträgen oft ent­hal­te­nen auflösen­den Be­din­gung, der zu­fol­ge das Ar­beits­verhält­nis au­to­ma­tisch mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters be­en­det wer­den soll. Nach ei­nem grund­le­gen­den Ur­teil des Eu­ropäischen Ge­richts­hofs (EuGH) vom 16.10.2007, C-411/05 - Pa­la­ci­os de la Vil­la (vgl. da­zu Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/77) be­steht aus Ar­beit­neh­mer­sicht nur noch we­nig Hoff­nung, sich un­ter Be­ru­fung auf das Ver­bot der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung ge­gen sol­che Zwangs­pen­sio­nie­run­gen weh­ren zu können.
Ent­spre­chend die­sem Trend hat das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt (LAG) in ei­nem Ur­teil vom 15.10.2007 (17 Sa 809/07) die Kla­ge drei­er Pi­lo­ten der Luft­han­sa ab­ge­wie­sen, die ge­gen die ta­rif­lich fest­ge­leg­te Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se mit dem Er­rei­chen des 60. Le­bens­jah­res ge­klagt hat­ten (wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell 07/79 Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren bei Luft­hans­a­pi­lo­ten ist rech­tens). Auch das in ers­ter In­stanz zuständi­ge Ar­beits­ge­richt Frank­furt hat­te die Kla­ge der Pi­lo­ten ab­ge­wie­sen.
Nun­mehr hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) mit Be­schluss vom 17.06.2009 (7 AZR 112/08 (A)) über die Re­vi­si­on der in den Vor­in­stan­zen un­ter­le­ge­nen Pi­lo­ten ent­schie­den. Der Be­schluss liegt der­zeit nur in Ge­stalt ei­ner Pres­se­mit­tei­lung des BAG vor.
Drei an­ge­stell­te Pi­lo­ten der Deut­schen Luft­han­sa im Al­ter von knapp über 60 Jah­ren er­hiel­ten von ih­rem Ar­beit­ge­ber die Mit­tei­lung, dass ihr Ar­beits­verhält­nis al­ters­be­dingt mit Ab­lauf des Mo­nats, in dem sie das sech­zigs­te Le­bens­jah­res er­reich­ten, sein En­de fin­de. Da­bei ver­wies die Luft­han­sa auf ei­ne ta­rif­ver­trag­li­che Al­ters­gren­ze, die auf die Ar­beits­verhält­nis­se der drei Pi­lo­ten An­wen­dung fin­det.
Die ta­rif­li­che Be­en­di­gungs­vor­schrift ist in § 19 Abs.1 des Man­tel­ta­rif­ver­trags Nr.5a für das Cock­pit­per­so­nal bei der Luft­han­sa AG ent­hal­ten.
Die Pi­lo­ten sa­hen sich durch die ta­rif­li­che Al­ters­gren­zen­re­ge­lung we­gen ih­res Al­ters dis­kri­mi­niert. Im we­sent­li­chen lau­te­te ihr Ar­gu­ment, dass man auch mit über 60 Jah­ren noch ein gu­ter Pi­lot sein könne. Das Ar­gu­ment der Luft­han­sa, mit zu­neh­men­dem Al­ter kom­me es häufi­ger zu Fehl­leis­tun­gen und da­mit zu ei­ner Ge­fahr für die Luft­si­cher­heit, ließen die Pi­lo­ten nicht gel­ten, wo­bei sie dar­auf ver­wie­sen, dass an­de­re Luft­ver­kehrs­ge­sell­schaf­ten ih­re Pi­lo­ten erst mit 65 in die Ren­te schi­cken würden. So­gar im Kon­zern der Luft­han­sa ge­be es Be­rei­che, in de­nen Pi­lo­ten noch bis zum 65. Le­bens­jahr ein­ge­setzt würden.
Die drei Pi­lo­ten er­ho­ben da­her ge­gen die Be­en­di­gung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se im Rah­men ei­nes ge­mein­sam geführ­ten Ver­fah­rens Kla­ge vor dem Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main. Sie be­an­trag­ten die Fest­stel­lung, dass ih­re Ar­beits­verhält­nis­se nicht auf­grund der o.g. ta­rif­li­chen Be­en­di­gungs­vor­schrift ge­en­det ha­ben.
Das Ar­beits­ge­richt Frank­furt am Main wies die Kla­ge mit Ur­teil vom 14.03.2007 (6 Ca 7405/06) zurück. Auch vor dem Hes­si­schen LAG hat­ten die Pi­lo­ten wie erwähnt kei­nen Er­folg (Ur­teil vom 15.10.2007, 17 Sa 809/07).
Das BAG hat den Rechts­streit aus­ge­setzt und den Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Ge­mein­schaf­ten (EuGH) um ei­ne Vor­ab­ent­schei­dung ge­be­ten. Die Vor­la­ge­fra­gen sind der­zeit noch nicht be­kannt. Der Pres­se­mit­tei­lung des BAG ist aber zu ent­neh­men, dass es um die Fra­ge geht, ob ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen über ei­ne Al­ters­gren­ze von 60 Jah­ren für Pi­lo­ten mit den Vor­ga­ben des Ge­mein­schafts­rechts ver­ein­bar sind.
Zwar hat das BAG in bis­he­ri­ger Recht­spre­chung ta­rif­li­che Al­ters­gren­zen von 60 Jah­ren für Pi­lo­ten für wirk­sam ge­hal­ten. Nach In­kraft­tre­ten des AGG am 18.08.2006 und un­ter Berück­sich­ti­gung der Recht­spre­chung des EuGH zu dem ge­mein­schafts­recht­li­chen Grund­satz des Ver­bots der Al­ters­dis­kri­mi­nie­rung hat­te das BAG je­doch Zwei­fel an der Rich­tig­keit die­ser Recht­spre­chung. Nach sei­ner An­sicht hängt es von der Aus­le­gung von Art. 2 Abs. 5, Art. 4 Abs. 1 und Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG ab, ob die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung auf­recht­er­hal­ten wer­den kann.
Das BAG hat da­her das Ver­fah­ren zu­sam­men mit ei­ni­gen Par­al­lel­ver­fah­ren bis zur Ent­schei­dung des EuGH im Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren aus­ge­setzt. Die Ent­schei­dung des BAG ist auf den ers­ten Blick über­ra­schend, hat­te der sieb­te Se­nat doch vor fast ge­nau ei­nem Jahr im ge­gen­tei­li­gen Sin­ne ent­schie­den, in­dem er die Zwangs­pen­sio­nie­rung ei­ner an­ge­stell­ten Rei­ni­gungs­kraft auf­grund ei­ner ta­rif­li­chen Be­en­di­gungs­vor­schrift für zulässig hielt und hier auch kei­ne eu­ro­pa­recht­li­chen Be­den­ken äußer­te (BAG, Ur­teil vom 18.06.2008, 7 AZR 116/07 - wir be­rich­te­ten darüber in Ar­beits­recht ak­tu­ell: 08/077 Ta­rif­li­che Auflösung von Ar­beits­verhält­nis­sen mit Er­rei­chen des Ren­ten­al­ters ist rech­tens.). Al­ler­dings trat die Auflösung des Ar­beits­verhält­nis­ses in dem da­mals ent­schie­de­nen Fall erst mit dem 65. Le­bens­jahr ein, wo­hin­ge­gen es die Pi­lo­ten härter trifft, da sie schon fünf Jah­re früher aus­schei­den sol­len.
Darüber hin­aus zeich­net sich in der ak­tu­el­len Recht­spre­chung deut­lich die Ten­denz ab, bei der Fra­ge des dis­kri­mi­nie­ren­den Cha­rak­ters al­ters­abhängi­ger Auflösungs­klau­seln nach Bran­chen bzw. Be­ru­fen zu un­ter­schei­den, da je nach Bran­che bzw. Be­ruf ver­schie­de­ne Zwe­cke hin­ter der Zwangs­ver­ren­tung ste­hen können. Das für die Luft­han­sa zen­tra­le Ar­gu­ment pro Zwangs­ver­ren­tung, nämlich die al­ters­be­dingt ab­neh­men­de Leis­tungsfähig­keit von Pi­lo­ten und die dar­aus (an­geb­lich) fol­gen­de Gefähr­dung der Flug­si­cher­heit durch den Ein­satz zu al­ter Pi­lo­ten, spielt bei der Be­ur­tei­lung der Rechtmäßig­keit an­de­rer Zwangs­ver­ren­tun­gen kei­ne Rol­le, et­wa im Fal­le der Flug­be­glei­ter.
Fa­zit: Es ist nach wie vor weit­ge­hend of­fen, ob vom Al­ter oder der Ren­ten­be­rech­ti­gung abhängi­ge Auflösungs­klau­seln rech­tens sind. Für die Be­trof­fe­nen lohnt sich da­her auf je­den Fall ei­ne ar­beits­ge­richt­li­che Über­prüfung der al­ters­be­ding­ten Auflösung ih­rer Ar­beits­verhält­nis­se.
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Letzte Überarbeitung: 18. Dezember 2017
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06.09.2010. Ta­rif­li­che Re­ge­lun­gen, nach de­nen Ar­beits­ver­hält­nis­se au­to­ma­tisch mit Be­ginn des Ren­ten­al­ters en­den ("Zwangs­pen­sio­nie­run­gen") stel­len ei­ne Be­nach­tei­li­gung we­gen des Al­ters nach. Sie ...