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Timestamp: 2018-07-21 07:57:06
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Matched Legal Cases: ['§ 4', '§ 44', '§ 19', 'Art. 5', '§ 3', '§ 4']

Die Zukünftige Struktur der Hochschullandschaft – Ist die Unterteilung in Fachhochschulen und Universitäten noch sinnvoll | Der hochschulpolitische Blog
Veröffentlicht am 22. Juni 2012 28. Juni 2012 von Detlev Reymann
Die Fachhochschulen wurden als Typus zwischen 1968 und 1972 entwickelt. Ziel war, den gewachsenen Ansprüchen in den Berufen, für die damals an Ingenieurschulen und höheren Fachschulen qualifiziert wurde, durch ein sowohl anwendungsorientiertes wie wissenschaftsbezogenes akademisches Studium zu begegnen. Die Gründung der Fachhochschulen als neuer Hochschultyp ist auch im Zusammenhang mit der Öffnung des Hochschulsystems zu sehen und hat einen wesentlichen Anteil an der Erhöhung der Quote der akademisch Ausgebildeten im jeweiligen Jahrgang (vgl. Abbildung 1).
Abbildung 1: Entwicklung der Studierendenzahl nach Hochschultypen in Deutschland (bis 1991/92 früheres Bundesgebiet, ab 1992/93 einschließlich neue Bundesländer).
Der Hessische Landtag beschloss am 15. Juli 1970 das Gesetz über die Fachhochschulen im Lande Hessen. Im § 4 des Gesetzes werden die Fachhochschule Darmstadt, die Fachhochschule Frankfurt am Main, die Fachhochschule Gießen, die Fachhochschule Kassel und die Fachhochschule Wiesbaden als öffentliche Fachhochschulen genannt.
Im § 44 werden jeweils die staatlichen Ingenieurschulen und die anderen Institutionen aufgezählt, die in die jeweilige Fachhochschule übergeleitet werden.
Quasi unmittelbar nach der Gründung wurde die Fachhochschule Kassel zusammen mit der Hochschule für bildende Künste Kassel in die damalige Gesamthochschule Kassel integriert.
1974 wurde aus dem Teilstandort der Fachhochschule Gießen die eigenständige staatliche Fachhochschule Fulda.
Die allgemeine Dynamik in der Entwicklung dieses Typus von Hochschulen spiegelt sich in folgenden Punkten wider:
Im Hochschulrahmengesetz von 1976 wurde die Freiheit von Forschung, Lehre und akademischer Selbstverwaltung garantiert.
Seit 1979 haben die hauptamtlich Lehrenden der Fachhochschulen Professorenstatus.
In der Revision des Hochschulrahmengesetzes von 1985 wurde die anwendungsbezogene Forschung und Entwicklung als Aufgabe der Fachhochschulen gesetzlich verankert.
Die Rektorenkonferenz der Universitäten und die Rektorenkonferenz der Fachhochschulen fusionierten im November 1990 zur Hochschulrektorenkonferenz.
Mit dem Bologna-Prozess wurde die Differenzierung der Studiengänge zwischen den Hochschultypen aufgegeben zugunsten eines Akkreditierungsverfahrens, das alle Studiengänge nach gleichen Kriterien beurteilt.
Begonnen haben die Fachhochschulen in Hessen ihre Arbeit im Jahr 1971 mit rund 600 hauptamtlichen Lehrenden und etwa 8.500 Studierenden. Die Zahl der Lehrenden hat sich innerhalb von vierzig Jahren auf etwa 1.100 knapp verdoppelt, die Zahl der Studierenden auf über 52.000 versechsfacht. Laut Hessischem Statistischen Landesamt werden etwa ein Drittel aller Hessischen Studierenden an den Fachhochschulen ausgebildet. Bemerkenswert ist die Zunahme der nicht professoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Deren Zahl hat sich fast versechsfacht, was im Wesentlichen auf die Zunahme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Forschungsprojekten zurückzuführen ist.
In der im Jahr 1999 von 30 europäische Staaten abgegebenen sog. Bologna-Erklärung1) wurde das Ziel formuliert, bis zum Jahr 2010 einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Kernbestandteil der Erklärung ist die Absichtserklärung, in allen unterzeichnenden Staaten ein zweistufiges System von Abschlüssen einzuführen. Im Jahr 2010 wurde die Erklärung mittlerweile von 46 Bologna-Mitgliedsstaaten getragen.
Erstmalig werden mit der Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse für Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland gleiche Abschlüsse festgelegt:
»Bachelor- und Masterstudiengänge können sowohl an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen als auch an Fachhochschulen eingerichtet werden, ohne die unterschiedlichen Bildungsziele dieser Hochschularten in Frage zu stellen.« (KMK 2010, Teil A 1.1)
Diese Annäherung von Fachhochschulen und Universitäten in der Lehre wird auch vom Bundesverfassungsgericht in seinem jüngsten Urteil zu Professuren an Fachhochschulen als Fakt festgehalten:
»Schließlich haben sich Annäherungen zwischen Universitäten und Fachhochschulen im Zuge des so genannten Bologna-Prozesses ergeben, die erkennen lassen, dass nach dem Willen des Gesetzgebers auch Fachhochschulen als wissenschaftliche Ausbildungsstätten angesehen werden sollen. Nach § 19 Abs. 1 HRG können alle Hochschulen ›Studiengänge einrichten, die zu einem Bachelor- oder Bakkalaureusgrad und zu einem Master- oder Magistergrad führen‹. Die Regelstudienzeit ist dabei unabhängig von der Hochschulart einheitlich geregelt.« (BVG 2010)
In ähnlicher Form konstatiert jüngst der Wissenschaftsrat eine Annäherung der Hochschultypen im Studienbereich:
»Punktuelle Konvergenzen zwischen Fachhochschule und Universität sind zunächst auf der Ebene des Studiums zu beobachten; dies gilt sowohl für die berufsbefähigende Ausgestaltung der Studienangebote als auch für deren Wertigkeit.« (WR 2010b, S. 21)
Letztlich lässt sich somit eine Differenzierung der Hochschultypen nicht mehr aus den Studienabschlüssen und deren Spezifika ableiten.
Das Bundesverfassungsgericht hat in oben bereits erwähnten Urteil im Jahr 2010 zu der Frage Stellung genommen, ob sich Professorinnen und Professoren an Fachhochschulen auf die im Artikel 5, Absatz 3 gewährte Freiheit von Forschung und Lehre berufen können. Im Urteil hat das BVG in sehr deutlicher Weise frühere Urteile aus den achtziger Jahren inhaltlich korrigiert und konstatiert im Urteil auch im Forschungsbereich die Annäherung der Fachhochschulen an die Universitäten.
»Da Aufgaben der Hochschulen und Ziele des Studiums unabhängig von der Hochschulart normiert werden, lässt sich die vom Bundesverfassungsgericht in den Jahren 1982 und 1983 getroffene Feststellung, dass bei wissenschaftlichen Hochschulen die Pflege und Entwicklung der Wissenschaften durch Forschung und Lehre im Vordergrund stehen und dem Studierenden eine umfassende wissenschaftliche Ausbildung vermittelt werden soll, bei Fachhochschulen hingegen die Vorbereitung auf eine berufliche Tätigkeit durch anwendungsbezogene Lehre vornehmliche Aufgabe ist […], nicht mehr aufrechterhalten.
Einerseits sind auch für die Universitäten Ausbildungsaufgaben zentral, so dass die Universitätslehre notwendig auf Prüfungsordnungen ausgerichtet und durch Studienpläne gesteuert wird, ohne dass dadurch der Wissenschaftscharakter der Lehre an Universitäten in Frage gestellt würde. Andererseits kann es ebenso wie bei Universitäten Aufgabe einer Fachhochschule oder der in ihr tätigen Professoren sein, ihren Studierenden im Rahmen der Ausbildungsaufgaben wissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden zu vermitteln sowie sie zu wissenschaftlicher Arbeit zu befähigen. […]
Auch weitere Annahmen bezüglich für den Anwendungsbereich des Art. 5 Abs. 3 GG erheblicher Unterschiede zwischen Universitäten und Fachhochschulen im Hinblick auf Rolle und Bedeutung der Forschung lassen sich angesichts gesetzlicher Neuerungen und faktischer Entwicklungen nicht mehr aufrechterhalten. […] Heute gestattet die Mehrheit der Bundesländer in ihren Hochschulgesetzen den Fachhochschulen nicht lediglich zu forschen, Forschung wird den Fachhochschulen vielmehr als Aufgabe, teilweise sogar ohne funktionale Bindung an ihren Ausbildungsauftrag, ausdrücklich zugewiesen« (BVG 2010)
Trotz dieser Annäherung gibt nach wie vor deutliche Unterschiede in den durchschnittlichen Forschungsaktivitäten von Fachhochschulen und Universitäten. Nach Angaben des Wissenschaftsrats warben im Jahr 2007 98 staatliche Fachhochschulen insgesamt rund 214 Mio. Euro an Drittmitteln ein. Die durchschnittliche Einwerbung je hauptamtlicher Professur lag bei rund 17.200 Euro; die drittmittelstärkste Fachhochschule warb rund 49.400 Euro je Professur ein. Universitäten warben 2007 im Schnitt rund 169.400 Euro je Professur ein WR (2010b, S. 27). Allerdings überlappen sich diese Kennzahlen für die drittmittelstärksten Fachhochschulen mit denen von drittmittelschwachen Universitäten.
5 Differenzierung bei den Universitäten
Auch innerhalb der Universitäten hat in den letzten Jahren eine starke Differenzierung stattgefunden. Eine besondere Rolle kommt dabei der sogenannten Exzellenzinitiative zu.
Die Zielsetzungen der Exzellenzinitiative wird in einem Statement des damaligen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats nach der ersten Auswahlrunde deutlich:
»[…] denn immerhin wird mit der Exzellenzinitiative etwas Neues geschehen. Sie unterstützt einen lang ersehnten Paradigmenwechsel im deutschen Hochschulsystem, mit dem wir uns verabschieden von der Idee der Homogenität und uns anfreunden mit der Vorstellung der Diversität. Die Gemeinsame Kommission ist sich der historischen Rolle, die sie dabei spielt, durchaus bewusst. Zum ersten Mal stehen ganze Universitäten im förmlichen Wettbewerb miteinander. Dies wird die Differenzierung der Hochschullandschaft befördern(Einhäupl 2006)«.
Die ›Ungleichheit‹ in der Förderung ist erklärtes Ziel der Exzellenzinitiative, wie der damalige Präsident des Wissenschaftsrates im Vorwort der Broschüre ›Exzellenzinitiative auf einen Blick‹ formuliert:
»Diese Broschüre präsentiert eine Erfolgsgeschichte, die in nur kurzer Zeit bereits vieles bewirkt hat – und die in den kommenden Jahren noch mehr bewirken wird. Als Politik und Wissenschaft in Deutschland 2005 den Startschuss zur Exzellenzinitiative gaben, hatten sie sich viel vorgenommen: Die Forschung an den deutschen Universitäten sollte durch einen Wettbewerb nachhaltig gestärkt, der Wissenschaftsstandort Deutschland im weltweiten Vergleich wieder sichtbarer gemacht werden. Das waren hochgesteckte Ziele, umso mehr, als man damit Abschied nahm von der lange gehegten – und verhängnisvollen – Vorstellung, alle Universitäten seien gleich und müssten gleich behandelt werden. Stattdessen setzte die Exzellenzinitiative nun gezielt auf Ungleichheit und auf die Förderung der so lange verpönten Elite« (DFG u. WR 2008).
Auch der Wissenschaftsrat hat Empfehlungen formuliert, die eine stärkere Differenzierung der Universitäten fordern.
»Künftig sollen sich die Universitäten untereinander explizit auch funktional – hinsichtlich der Gewichtung der Aufgaben Forschung, Lehre, Nachwuchsförderung, hinsichtlich ihres Praxisbezugs usw. – und qualitativ abgrenzen.« (WR 2006, S. 18)
6 Visionen des Wissenschaftsrats für die Hochschullandschaft
Der Wissenschaftsrat hat im Jahr 2010 seine »Empfehlungen zur Differenzierung der Hochschulen« WR (2010a) vorgelegt. Die dazu veröffentlichte Presseerklärung trägt den Titel »Mehr Differenzierung wagen! Wissenschaftsrat plädiert für einen größeren Alternativenreichtum im Hochschulsystem«. Mit den »Empfehlungen zur künftigen Rolle der Universitäten im Wissenschaftssystem« aus dem Januar 2006 (WR 2006) und den »Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem« (WR 2010b) aus dem Juli 2010 hat sich der Wissenschaftsrat damit in den letzten Jahren umfassend mit einer Analyse der Entwicklungen innerhalb des deutschen Hochschulsystems und Vorstellungen zur Entwicklung des selben befasst.
Wie die meisten Empfehlungen des Wissenschaftsrats gliedern sich diese in einen Teil A mit einer Kurzfassung, einen Analyse-Teil B und einen Teil C mit den Empfehlungen. Es folgen teils umfangreiche Anhänge, besonders die Anhänge der 2010 erschienenen Empfehlungen sind bemerkenswert umfangreich.
Was ist mit Differenzierung gemeint? Der Hintergrund bzw. die Aufgabenstellung der vorgelegten Empfehlungen beschreibt der Wissenschaftsrat selbst wie folgt:
»Die Frage nach der Differenzierung betrifft die spezifische Gestalt eines Hochschulsystems. Dessen Aufbau ist einerseits durch die den unterschiedlichen Hochschultypen zugedachten Funktionen und Aufgaben bestimmt, andererseits durch kulturelle und historische Bedingungen, die zu diesen Funktionalitäten auch in ein widersprüchliches Verhältnis treten können. […] Die Weiterentwicklung von Hochschultypen, ihrer Größenverhältnisse, Statusrechte und Aufgaben geht mit Verschiebungen gesellschaftlicher Interessen und Konzepte von Hochschule und Bildung einher und bildet Präferenzen der relevanten Anspruchsgruppen ab (WR 2010a, S. 11).«
Zu Beginn seines Analyseteils weist der WR selbst auf das Problem hin, dass die (dann allerdings von ihm selbst in der Folge verwendeten) Typenbeschreibungen eigentlich gar nicht richtig definiert sind:
»Eine verbindliche inhaltliche Definition der bundesweit vorhandenen Hochschultypen ›Universität‹, ›Fachhochschule‹ und ›Kunsthochschule‹ existiert ebenso wenig wie ein materieller Hochschulbegriff. […] Richtet sich der Blick auf die Praxis von Einzelinstitutionen, so wird deutlich, dass jenseits der typologischen Unterscheidung von Universitäten, Fachhochschulen und Kunsthochschulen bereits heute ein beachtliches Maß an Diversität herrscht und dass Institutionen – namentlich auch im privaten Sektor – existieren, bei denen die Beschreibung ihres Aufbaus und ihrer Praxis keine eindeutige Zuordnung zu einem Hochschultyp erlaubt (WR 2010a, S. 34).«
Die »faktische Diversität« wird im nachfolgenden Text wie folgt beschrieben: Kunst- und Musikhochschulen seien als einziger Hochschultyp inhaltlich bestimmt, sie konstituierten sich über ihre Gegenstandsbereiche. Für Universitäten und Fachhochschulen [seien] formale und strukturelle Merkmale durch die Typenzuordnung festgelegt. Für die Universitäten sind dies insbesondere das (bis auf wenige Ausnahmen) allein ihnen zukommende Promotionsrecht, das Habilitationsrecht und in vielen Fächern die Beschäftigung habilitierter Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer.
Es wird aber festgehalten, dass dem Regelfall eine Reihe von Ausnahmen entgegenstehen, die in der Konsequenz dazu führen, dass unter dem Begriff Universität verschiedenste Institutionen subsumiert würden. Der WR formuliert dies zugespitzt in folgender Form:
»Sie verdeutlicht allerdings, dass bereits heute die institutionellen Formate, für die der Universitätsbegriff Orientierung und Klammer bildet, in einem Maße disparat sind, das eine normative Berufung auf die Universität im Singular nur um den Preis der Ausblendung einer längst schon realen Differenzierung erlaubt (WR 2010a, S. 38).«
Für den Wissenschaftsrat bleibt es dann in seinen Empfehlungen allerdings interessanterweise bei einer Zuschreibung von Typeneigenschaften, die eben nicht mehr (induktiv) aus den Realitäten hergeleitet werden. Sondern diese werden von einer Sollvorstellung her (deduktiv) begründet. Der vom Wissenschaftsrat in diesem Zusammenhang verwendete Schlüsselbegriff ist der der Funktionalität. Zwei Textausschnitte sollen dies nachfolgend belegen:
»Die hochschulrechtliche Typendifferenz zwischen Universität und Fachhochschule ist funktional und soll bestehen bleiben. […] ist aber zu erwarten, dass zwei Hochschultypen diese Vielfalt nicht vollständig abbilden werden. Daher sollte dem Fachhochschulsektor eine funktionsadäquate und bedarfsorientierte Ausdifferenzierung ermöglicht und in Einzelfällen die Etablierung neuer Hochschulformen und -formate zugelassen werden, auch wenn die Zuordnung zu einem bereits bestehenden Typ der Regelfall bleibt (WR 2010a, S. 31).«
»Für diese Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem kann nur noch eine Minimalbeschreibung des Kollektivsingulars Fachhochschule vorgenommen werden. Gleichzeitig bleibt aus einer funktionalen Perspektive ein Hochschultyp zu beschreiben, der sich von der Rolle universitärer Institutionen unterscheidet (WR 2010a).«
7 Das leidige Thema Promotionsrecht
Besonders leidenschaftlich wird die Diskussion zwischen Fachhochschulen und Universitäten beim Thema des Promotionsrechts. Wobei voraus zu schicken ist, dass es keine einzige Fachhochschule in Deutschland gibt, die das Promotionsrecht für die gesamte Hochschule fordern würde. Angemahnt wird das Promotionsrecht nur für besonders exzellente und forschungsintensive Bereiche, die sich mittlerweile an vielen Fachhochschulen herausgebildet haben.
Die Leidenschaft erklärt sich wohl vor allem dadurch, dass das Promotionsrecht und das Habilitationsrecht mittlerweile die einzigen klare gesetzlich geregelte Differenzierungsmerkmale sind, die den Universitäten vorbehalten sind (vgl. Abschnitt 6).
Vom Gesetz her ist bei den staatlichen Hochschulen das Promotionsrecht Universitäten zugeordnet, teilweise verfügen Kunst- und Musikhochschulen über das Promotionsrecht und in Baden-Württemberg, wo es noch eigenständige Pädagogische Hochschulen gibt auch diese. An private Hochschulen kann das Promotionsrecht nach erfolgreichem Abschluss eines Evaluationsverfahrens durch den Wissenschaftsrat vergeben werden.
Im wissenschaftlichen und hochschulpolitischen Diskurs ist das Promotionsrecht an das Konstrukt der »wissenschaftlichen Disziplin« und der damit verbundenen Aufgabe der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchs für diese Disziplin gebunden. So schreibt der Wissenschaftsrat:
»Universitäten haben die Aufgabe, wissenschaftliche Disziplinen zu pflegen und weiterzuentwickeln; hieraus leitet sich ihre Aufgabe der akademischen Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses ab. (WR 2010a, S. 49-50)« und:
»Universitäten sind deshalb dazu aufgerufen, durch stabile und verlässliche Kooperationen mit Fachhochschulen qualifizierten Absolventinnen und Absolventen von Fachhochschulen die Promotion in einem Bezugsfach zu ermöglichen und damit ihrer Verantwortung der Selbstreproduktion des Wissenschaftssystems nachzukommen. (WR 2010a, S. 52)«
Das Promotionsrecht wird somit auf die Funktion der Selbstreproduktion wissenschaftlicher Disziplinen reduziert. Diese Selbstreproduktion sei an die institutionellen Voraussetzungen der Universitäten gebunden, da dort Forschungsorientierung und Nachwuchsausbildung miteinander verschränkt seien. Forschung und Lehre seien an FHs nicht zum Zwecke der wissenschaftlichen Reproduktion systematisch aufeinander bezogen und deshalb komme diese Funktion den Fachhochschulen von ihrem institutionellen Auftrag her nicht zu (WR 2010a, S. 85).
Interessanterweise hat jüngst die Konferenz der Hessischen Universitätspräsidien (KHU) in ihrer ablehnenden Stellungnahme zu der möglichen Verleihung des Promotionsrechts an die in Gründung befindliche Hochschule Geisenheim2) genau auf diese funktionale Gliederung des Hochschulsystems Bezug genommen:
»Die Gefahr im Falle der Verleihung eines eigenständigen Promotionsrechts an die neue Hochschule Geisenheim besteht letztendlich darin, dass die Typendifferenz zwischen Universitäten und Hochschulen funktional nicht mehr in der gleichen Weise wie zuvor gewährleistet ist. Dieser »Verwässerungscharakter« der neuen Regelung führt zu einer Aufhebung der Unterscheidung zwischen den Hochschultypen, welche grundsätzlich zu vermeiden ist. (KHU 2012)«
Eine wirklich inhaltliche Begründung ist das nicht!
Lediglich in denjenigen Fächern, die ausschließlich an Fachhochschulen angeboten werden, sollen nach Auffassung des Wissenschaftsrats FHs in Form eines kooperativen Promotionsrechts einbezogen werden, unter Federführung der Universitäten. Durchaus gewollt scheint in der Summe der Empfehlungen ein »downgrading« von Teilen an den Universitäten: Umgekehrt bedeutet dies, dass über die Handhabung des Promotionsrechts in denjenigen, in Zukunft eher zunehmenden Bereichen der Universitäten, die eindeutig keine Funktion der Reproduktion des wissenschaftlichen Nachwuchses erfüllen, nachgedacht werden muss. Bereits 2006 hat der Wissenschaftsrat darauf hingewiesen, dass künftig nur solche Universitäten oder Teilbereiche von Universitäten den wissenschaftlichen Nachwuchs heran bilden sollten, die hohen wissenschaftlichen und qualitativen Ansprüchen genügen.
»Nicht alle Bereiche einer Universität und jeder Hochschullehrer müssen automatisch und permanent in die Nachwuchsausbildung eingebunden sein. (WR 2006, S. 57)«
Exkurs – Geschichte des Dr.-Ing
Die Heftigkeit dieser Debatte hat aus historischer Sicht schon fast amüsante Facetten. Empfehlenswert ist hier sicherlich, sich einmal der Geschichte des Dr.-Ing. und der Technischen Hochschulen zu vergewissern. Den ›Dr.-Ing.‹ gibt es in Deutschland als akademischen Grad erst seit 1899. Die obligatorische (deutsche, nicht lateinische) Schreibweise mit dem Bindestrich (den es bei keinem anderen Doktortitel in Deutschland gibt) basiert darauf, dass die klassischen Universitäten ihn bei der Einführung nicht für vollwertig gehalten haben und das auch optisch deutlich werden sollte.
Ähnliche Debatten haben sich in der deutschen Hochschullandschaft beispielsweise anlässlich der Integration der Pädagogischen Hochschulen in die Universitäten in den siebziger Jahren wiederholt. Da wurden teilweise Forderungen erhoben, die Kollegen der PHs müssten sich nachhabilitieren, da die Niveaus nicht vergleichbar seien.
Es lohnt sich zudem, einen Blick auf die relativen Anteile der Promotionen in den Bereichen Medizin und Zahnmedizin zu werfen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es hier im Durchschnitt erhebliche Qualitätsunterschiede der medizinischen und zahnmedizinischen Promotionen zu den Promotionen in anderen Bereichen gibt. Rund ein Viertel der an Hessischen Universitäten angefertigten Dissertationen werden allerdings in diesen Bereichen absolviert! Die zum ausschließlichen Promotionsrecht für Universitäten vorgetragenen Argumente der Qualitätssicherung und der Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchs für das Fach erscheinen vor diesem Hintergrund doch mehr als fraglich.
Quelle: HMWK 2011, Berechnungsunterlagen Zuweisungen Erfolgsbudget
Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass es große Herausforderungen für die Zukunft gibt, die innerhalb des Hochschulsystems zu bewältigen sind. Um nur einige wichtige Beispiele zu nennen:
Es gibt einen großen Bedarf am Ausbau der anwendungsbezogenen Forschung. Die deutsche Volkswirtschaft ist stark abhängig von Know-How, Spitzentechnologien und somit vom Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Gesellschaft und Wirtschaft. Eine alleinige Fokussierung auf Grundlagenwissenschaften erfüllt diese Anforderungen nicht.
In diesem Zusammenhang besteht ebenfalls Einigkeit darüber, dass langfristig die Quote der akademisch ausgebildeten Personen innerhalb eines Jahrgangs weiter gesteigert werden muss. Die derzeit rasant steigenden Studierendenzahlen zeigen, dass diese Entwicklung bereits begonnen hat. Prognosen deuten darauf hin, dass es sich dabei auch nicht um einen kurzfristigen Effekt handelt, der einmalig auf geburtenstarke Jahrgänge zurückzuführen ist. Voraussichtlich ist frühestens in 20 Jahren mit einen Rückgang der Studierendenzahlen zu rechnen.
Die angestrebte Steigerung der Akademikerquote im jeweiligen Jahrgang lässt sich nur erreichen, wenn zusätzliches Studierendenpotential erschlossen wird. Ein wichtiger Ansatz dabei ist, den Anteil von Studierenden aus sogenannten bildungsfernen Schichten zu erhöhen. Sowohl der letzte Bildungsbericht als auch die letzte Sozialerhebung des Studentenwerks belegen, dass Bildungserfolge nach wie vor stark von der sozialen Herkunft abhängen.
Wirtschaft und Politik diskutieren viel über den teilweise bereits existierenden und den drohenden Fachkräftemangel. Besorgnisse über die zukünftige Entwicklung werden dabei stark auf den Ersatzbedarf beim Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge aus dem Erwerbsleben zurückgeführt.
In diesem Zusammenhang kommt zukünftig der Thematik des lebenslangen Lernens und der Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Qualifikationsebenen eine große Bedeutung zu.
Der sich verstärkende Prozess der Verwissenschaftlichung von Gesellschaftsbereichen bedingt und befördert eine Akademisierung von Berufsfeldern. Berufliche Bildung bedarf in Teilen einer Verwissenschaftlichung. Häufig genannt werden in diesem Zusammenhang als Beispiele für diese Akademisierung von Ausbildungsberufen die therapeutischen Gesundheitsberufe Ergotherapeut/in, Physiotherapeut/in, Logopäde/in sowie die Ausbildung zur Hebamme. Daneben werden primärqualifizierende Studiengänge im Bereich frühkindlicher Bildung und Erziehung für notwendig gehalten.
Diese Herausforderungen lassen sich nicht bewältigen, in dem eine funktionale Zuordnung der Hochschulen und ihrer Aufgaben nach Typen erfolgt. Sie lassen sich nur lösen, in dem die jeweiligen Stärken und Potentiale der einzelnen Hochschule in den Mittelpunkt rückt und gefördert wird.
Was folgert daraus für die Hochschulpolitik des Landes?
Eine simple aber wirkungsvolle Schlussfolgerung ist es, im Hessischen Hochschulgesetz die Differenzierung der Aufgaben der Hochschultypen zu streichen. Derzeit werden im § 3 des HHG die Aufgaben aller Hochschulen und im § 4 die Aufgaben einzelner Hochschulen definiert.
Die Differenzierung der Hochschultypen wird in Hessen zudem im Finanzierungssystem festgeschrieben. Der sogenannte Clusterpreis im Grundbudget der Hochschulen enthält jeweils das »Entgelt« für die Ausbildung und für die Forschungsleistung. Konsequent wäre es eigentlich, diese beiden Bestandteile sauber von einander zu trennen und den Forschungsanteil nach realer Forschungsaktivität zu vergeben und nicht nach Hochschultyp.
Längerfristig muss es ebenfalls eine Angleichung bei den Lehrdeputaten geben. Es gibt (außer den für das Land entstehenden finanziellen Konsequenzen) keinen Sachgrund, aus dem sich für FH-Professuren ein Lehrdeputat von 18 Semesterwochenstunden, für Universitätsprofessuren ein Lehrdeputat von 8 SWS und für Professuren an der Universität Kassel von 14 SWS ableiten lassen.
In Bezug auf das Promotionsrecht muss nach einem Weg gesucht werden, der exzellenten Bereichen an Fachhochschulen einen regulären und gesicherten Weg zu Promotionsverfahren bietet. Als erster Schritt bietet sich beispielsweise eine analoge Anwendung des Evaluationsverfahrens an, mit dem privaten Hochschulen das Promotionsrecht zuerkannt werden kann.
Was lässt sich daraus schlussfolgern? Einfach gesagt, lässt sich die anfänglich gestellte Frage klar beantworten:
Nein, die Unterteilung in Fachhochschulen und Universitäten ist nicht mehr sinnvoll!
Die »bessere« Vision für die Weiterentwicklung der Hochschullandschaft ist die der individuellen Profilierung der einzelnen Hochschulen entlang der gesellschaftlichen Anforderungen und der Stärken der jeweiligen Hochschule.
1)vgl. http://www.bmbf.de/pub/bologna_deu.pdf
2)Die Hochschule Geisenheim soll als »Hochschule neuen Typs« zwischen dem Hochschultyp Universität und Fachhochschule angesiedelt werden.
BVG: Beschluss des Ersten Senats vom 13. April 2010 – – 1 BvR 216/07 -. Das Bundesverfassungsgericht, 2010 http://www.bverfg.de/entscheidungen/rs20100413_1bvr021607.html
DFG u. WR 2008
DFG ; WR: Exzellenzinitiative auf einen Blick. 2. überarbeitete Auflage. Bonn : Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Wissenschaftsrat (WR), 2008
Einhäupl 2006
EINHäUPL, Karl M.: Statement von Herrn Einhäupl in der Pressekonferenz am 20. Januar nach der Auswahlsitzung der Gemeinsamen Kommission. In: Gemeinsame Pressekonferenz von DFG und WR (2006), 20 Januar. – Vorsitzender des Wissenschaftsrats
KHU 2012
KHU: Stellungnahme zu dem Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Hessischen Hochschulgesetzes und anderer Rechtsvorschriften. Konferenz Hessischer Universitätspräsidien, 2012
KMK: Ländergemeinsame Strukturvorgaben für die Akkreditierung von Bachelor- und Masterstudiengängen. Bd. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.10.2003 i.d.F. vom 04.02.2010. Kulturministerkonferenz, 2010 http://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2003/2003_10_10-Laendergemeinsame-Strukturvorgaben.pdf
WR: Empfehlungen zur künftigen Rolle der Universitäten im Wissenschaftssystem. Berlin : Wissenschaftsrat, 2006 ( Drs. 7067-06)
WR 2010a
WR: Empfehlungen zur Differenzierung der Hochschulen. Wissenschaftsrat, 2010 (Drs. 10387-10)
WR 2010b
WR: Empfehlungen zur Rolle der Fachhochschulen im Hochschulsystem. Wissenschaftsrat, 2010 (Drs. 10031-10)
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KategorienBologna, Dokumente, Zahlen und Fakten SchlagwörterDifferenzierung, Fachhochschulen, hochschulen, Hochschullandschaft, Promotionsrecht, Universitäten
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