Source: http://www.wctag.de/rechtliches.html
Timestamp: 2018-02-23 16:17:47
Document Index: 168665319

Matched Legal Cases: ['§ 32', '§ 223', '§ 223', '§ 223', '§ 223', '§ 15', '§ 19', '§ 323', '§ 32', '§ 32', '§ 32', '§ 1', '§ 33', '§ 35', '§ 32', '§ 823']

Rechtliches - Notwehr / SV | WCTAG (World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany)
Notwehr / SV
Messerattacken, Übergriffe in U-Bahnen, handfeste Auseinandersetzungen auf Volksfesten - sehr schnell und unverhofft können wir in derartige Situationen hineingeraten, entweder als direkt Betroffener oder als Außenstehender, der helfen möchte. D. h. also, die Möglichkeit in eine Notwehr- oder Nothilfesituation, in der ich mich oder andere selbst verteidigen muss / möchte, zu geraten, ist allgegenwärtig, grundsätzlich unerwartet und absolut unpassend.
In diesem Artikel gehe ich auf die rechtliche Bedeutung der Notwehr bzw. Nothilfe im Sinne des § 32 StG(1,2) ein. Im Anschluss daran thematisiere ich den Aspekt „Der Gegner bewegt sich nicht, ich bewege mich nicht. Der Gegner bewegt sich, ich bin schon da!“ in Bezug auf den Rechtfertigungsgrund Notwehr, inklusive der möglichen rechtliche Konsequenzen . Wie schon beim Vorjahresartikel zum Waffenrecht, werde ich dem Leser zum besseren Verständnis ein gewisses, auszugsweises, rechtliches Grundlagenwissen vermitteln. Hier soll die mit-unter schwer zu verstehende juristische Betrachtungsweise dargelegt werden. Jeder sollte aber auch bei der Betrachtung dieser Thematik seinen gesunden Menschenverstand anwenden.
Frei nach dem Rechtsgrundsatz - „Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen.“ - gesteht man jedem Menschen ein gewisses Notwehrrecht zu(3), wobei dieses Recht keine Befugnis ist, sondern einen Rechtfertigungsgrund darstellt. Um dies wiederum besser zu verstehen steige ich nun etwas tiefer in die strafrechtliche Betrachtung zur Würdigung eines Sachverhaltes ein. Folgender Lebenssachverhalt liegt vor:
Weil die Person A sich über die Person B ärgert, verpasst er ihr eine Ohrfeige. Die Wange des B rötet sich, schwillt etwas an und es schmerzt an dieser Stelle erheblich.
Dies ist zunächst mal die Ausgangssituation, auf die ich mich in der Fortschreibung des Artikels immer wieder beziehen werde. Für den außen stehenden Laien ist es wohl eindeutig, dass es sich bei dieser Handlung um eine Körperverletzung handelt und somit eine Straftat darstellt, die strafrechtlich geahndet werden muss. Ein Jurist prüft den Sachverhalt detaillierter und prüft nachfolgende Aspekte:
Ist die Handlung tatbestandsmäßig?
Ist die Handlung rechtswidrig?
Ist schuldhaft gehandelt worden?
Bevor ich gleich auf diese 3 Prüfungspunkte eingehe, schauen wir uns den § 223 StGB an:
Eine Handlung ist tatbestandsmäßig, wenn die objektiven und subjektiven Tatbestandsmerkmale einer Norm erfüllt sind. Das bedeutet, dass zunächst einmal eine Strafnorm berührt sein muss. Dahinter verbirgt sich der Grundsatz: „Keine Strafe ohne Gesetz(4)“. Im vorliegenden Sachverhalt käme eine Körperverletzung gemäß § 223 StGB in Betracht und wäre genauer zu prüfen.
Die Tatbestandsmerkmale ergeben sich aus der Gesetzesnorm und sind als bestimmte oder unbestimmte Rechtsbegriffe definiert. Es wird nun folgendermaßen gewürdigt:
Die Person A könnte den Tatbestand des § 223 StGB erfüllt haben. Er müsste demnach die Person B körperlich misshandelt oder an der Gesundheit geschädigt haben. Eine körperliche Misshandlung ist eine üble, unangemessene Behandlung, durch die das körperliche Wohlbefinden oder die körperliche Unversehrtheit nicht unerheblich beeinträchtigt wird. Durch die Wucht der Ohrfeige (ein Schlag mit der offenen Hand in Gesicht) gegen B, rötete sich die Haut im Bereich der Wangen und es kam zu einer leichten Schwellung (Schlagintensität) und verursachte Schmerzen. Deshalb wurde B in seinem körperlichen Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt. Weil kein tiefer gehender pathologischer (krankhafter) Zustand hervorgerufen wurde, kann eine Gesundheitsschädigung verneint werden. Mithin hat die Person A die Person B körperlich misshandelt und den Tatbestand des § 223 StGB erfüllt.
Der nächste Prüfschritt bezieht sich auf die Rechtswidrigkeit der Handlung. Im Normalfall indiziert die Tatbestandsmäßigkeit auch die Rechtswidrigkeit, es sei denn der Handelnde hätte einen Rechtfertigungsgrund, z. B. Notwehr. Da im Ausgangssachverhalt keine Rechtfertigungsgründe erkennbar sind, hat die Person A auch rechtswidrig gehandelt.
Zu guter letzt wird die Schuldfrage geklärt. Schuld im Sinne des Strafrechts meint die Vorwerfbarkeit der Tat.
Es stellt sich zum einen die Frage nach der Schuldform und zum anderen nach der Schuldfähigkeit. Die Schuldform ergibt sich daraus, ob die Handlung mehr oder weniger absichtlich oder unabsichtlich erfolgte. Die Juristen sprechen hierbei von Vorsatz oder Fahrlässigkeit in unterschiedlichen Abstufungen. Grundsätzlich ist festgelegt, dass eine Tat vorsätzlich begangenen sein muss, es sei denn, die Strafnorm stellt auch die fahrlässige Handlung unter Strafe (siehe § 15 StGB). Beim vorliegenden Sachverhalt können wir davon ausgehen, dass die Person A der Person B absichtlich die Ohrfeige verpasst hat, selbst dann wenn die Handlung möglicherweise im Affekt erfolgte (Ärger).
Stellt sich noch die Frage nach der Schuldfähigkeit. Schuldunfähig sind vor allem Kinder(5) und Geisteskranke (§§ 19, 20 StGB). Auch Personen, die eine Straftat bei Vollrausch ver-üben sind grundsätzlich nicht schuldfähig, können aber z. B. nach § 323 a StGB Vollrausch bestraft werden. Wenn wir davon ausgehen, dass es sich bei der Person A um einen „normalen“ Erwachsenen handelt, ist er auch schuldfähig. Wenn weiterhin keine Entschuldigungsgründe vorliegen(6), können wir getrost feststellen, dass die Person A auch schuldhaft gehandelt hat. Über die Bestrafung der Person A wird in einer Gerichtsverhandlung entschieden. Im Rahmen der strafrechtlichen Bestimmungen ist der Richter hierbei frei in seiner Entscheidung.
Rechtfertigungsgrund Notwehr
Unser Rechtssystem kennt eine Reihe von Rechtfertigungsgründen. Im Bezug auf das Thema werde ich mich in erster Linie auf den Rechtfertigungsgrund (RFG) „Notwehr“(7) beziehen. Ich gehe davon aus, dass wir, wenn wir uns selbst verteidigen, relativ überraschend und unerwartet(8) in eine Angriffssituation geraten, in der wir uns wehren, ohne dass wir die Situation als solche provoziert oder anders hervorgerufen haben. Die Notwehr taucht in vielen gesetzlichen Bestimmungen(9) als Rechtfertigungsgrund auf. Der Wortlaut ist annähernd identisch. Nachfolgend der § 32 StGB:
Diese Norm sieht für den Laien zunächst recht einfach und verständlich aus. Dennoch gilt es aus juristischer Sicht, das eine oder andere genauer zu betrachten, so dass wir diese Norm auch richtig verstehen und nicht zu oberflächlich bewerten.
Wir binden jetzt die Notwehr in unser vorher angewandtes Prüfschema ein:
Um das Ganze besser zu erklären, wird der Ausgangssachverhalt erweitert:
Person A ärgert sich über die Person B, weil Person B ihn grundlos fortlaufend in der Öffentlichkeit beleidigt und körperlich bedrängt (schubsen, rempeln, anspucken). Daraufhin verpasst die Person A der Person B eine Ohrfeige. Die Wange der Person B rötet sich, schwillt etwas an und es schmerzt an dieser Stelle erheblich. Er stellt daraufhin seine Handlungen ein und verschwindet.
Für den Außenstehenden sieht das ganz und gar nach Notwehr aus. Ob auch Notwehr drin ist, wird jetzt anhand der oben stehenden Kriterien nach objektiven und subjektiven Elementen geprüft.
Objektives Rechtfertigungselement
Wir prüfen zunächst ob eine Notwehrlage vorhanden ist. Eine Notwehrlage wird durch einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff begründet. Die Begriffe sind zu definieren und auf den Sachverhalt anzuwenden.
Ein Angriff ist jede durch menschliches Verhalten drohende Verletzung geschützter Güter und Interessen(10). Es kommen dabei sowohl vorsätzliche als auch fahrlässige (eher selten) Verletzungshandlungen in Betracht. Auch Unterlassungshandlungen können solch einen Angriff darstellen, wenn eine Rechtspflicht zum Handeln gefordert ist.
Ein Angriff ist gegenwärtig, wenn er unmittelbar bevorsteht, begonnen hat oder noch andauert. Der Angriff dauert so lange an, bis die Gefahr für das bedrohte Rechtsgut völlig abgewendet oder in den endgültigen Verlust gipfelt.
Rechtswidrig ist jeder Angriff, den der Angegriffene nicht zu dulden braucht. Dabei kommt es auf die objektive Widerrechtlichkeit(11) an. Ein rechtswidriger Angriff kann auch von einer schuldlos handelnden Person (Kind, Geisteskranker) ausgehen. Das grundlose, andauernde, fortlaufende Bedrängen und Beleidigen (schubsen, rempeln, anspucken) durch die Person B ist ein gegenwärtiger rechtswidriger Angriff gegen die Person A, den die Person A nicht dulden musste. Die angegriffenen Rechtsgüter waren hier die körperliche Unversehrtheit, das Wohlbefinden und die Ehre der Person A. Ob dies jedoch die „Schelle“ rechtfertigt?
Im Falle der Notwehr ist eine Verteidigungshandlung(12) dann gerechtfertigt, wenn sie erforderlich war (§ 32 Abs. 2 StGB). Erforderlich bedeutet, dass die Verteidigungshandlung objektiv geeignet ist den Angriff zu beenden oder abzuschwächen und die Gefahr der drohenden Rechtsgutverletzung abzuwenden oder zu verringern. Auf das Risiko einer unwirksamen Verteidigung braucht sich der Angegriffene nicht einzulassen. Wie aus dem Sachverhalt hervorgeht, beendet die „Schelle“ den Angriff des B und er trollt sich. Meidbewegungen wie z. B. Ausweichen oder einfaches Abwenden mit zweifelhaftem Ausgang waren dem A nicht zuzumuten. Die Handlung war demnach auch erforderlich.
Kein Missbrauch des Notwehrrechts – Gebotenheit
Auch wenn dem Angegriffenen formal das Notwehrrecht zusteht, darf er es nicht ausüben, wenn die Ausübung missbräuchlich wäre. Ein derartiger Rechtsmissbrauch kommt nach der Rechtsprechung in folgenden Fällen in Betracht:
bei Bagatellangriffen
bei erheblichem Missverhältnis zwischen angegriffenem und durch die Verteidigungshandlung beeinträchtigtem Rechtsgut (krasses Missverhältnis)(13)
bei Angriffen durch Kinder oder Geisteskranke
bei selbstverschuldeten Angriffen (vorwerfbar provozierte Angriffe)
bei Angriffen unvermeidbar irrender Personen(14)
In diesen Fällen ist, soweit zumutbar, Schutzwehr (Meidbewegungen, ausweichen, davonlaufen, …) gefordert. Besteht keine Ausweichmöglichkeit, ist eine den Angreifer schonende Trutzwehr (angemessene, milde Abwehrhandlung) zulässig.
Einige durch die Rechtsprechung entwickelte Grundsätze:
Das Notwehrrecht beruht grundsätzlich nicht auf dem Güterabwägungsprinzip(15). Deswegen kommt es grundsätzlich nicht auf die Verhältnismäßigkeit im Bezug auf das bedrohte Rechtsgut und die durch die Verteidigungshandlung entstandenen Schäden an. Eine konkret lebensgefährdende Verteidigung darf, solange der Angreifer nicht seinerseits das Leben des Verteidigers unmittelbar bedroht, nur in Ausnahmefällen als letztes Mittel (Ultima Ratio) eingesetzt werden.
Es gilt der Rechtsgrundsatz: „Das Recht braucht dem Unrecht nicht zu weichen.“ Die Ausübung des Notwehrrechts darf sich aber selber nicht als Rechtmissbrauch(16) darstellen.
Notwehrfähig ist jedes dem Angegriffenen oder einem Dritten zustehende Rechtsgut oder rechtlich anerkannte Interesse.
Die Intensität des Angriffs bestimmt das Maß der Verteidigung! Je nach Sachlage kann eine Stufenfolge in der Intensität der Verteidigung geboten sein, z. B. Warnung bei erster Beleidigung, Ohrfeige im Moment der Wiederholung. Die Abstufung kann unterbleiben, wenn ihre Wirkung für die Abwehr zweifelhaft ist oder sich die Verteidigungslage sogar noch verschlechtern würde.
Nur wenn mehrere geeignete Verteidigungsmittel zur Verfügung stehen, ist das den Angreifer am wenigsten beeinträchtigende zu wählen (das den geringsten Schaden anrichtet)
Bei dem subjektiven Element handelt es sich um die Geisteshaltung des Menschen, im Falle der Notwehr um den Verteidigungswillen. Fehlt der Verteidigungswille, handelt die Person in Wahrheit mit Angriffswillen, so dass seine Tat auch rechtswidrig ist. Das Regelbeispiel hierzu sind provozierte, herbeigeführte Notwehrsituationen. Dem Täter geht es darum, es so aussehen zu lassen als wäre es eine Notwehrsituation. Da in unserem Beispiel die Person A genug hat von den nicht selbst provozierten bedrängenden Handlungen der Person B und die Situa-tion klärt, können wir der Person A auch getrost einen „Verteidigungswillen“ unterstellen.
Es bleibt schlussendlich festzustellen, dass die Person A den Rechtfertigungsgrund Notwehr objektiv und subjektiv für sich geltend machen kann. In diesem Fall müsste sich die Person B vor Gericht verantworten (Körperverletzung, Beleidigung, …).
Damit wäre der Rechtfertigungsgrund Notwehr zunächst geklärt. Bevor ich aber in den zweiten Komplex des Themas einsteige sind noch zwei weitere Punkte zu erläutern. Das sind die Nothilfe und der Notwehrexzess.
Gemäß § 32 Abs. 2 StGB ist die Notwehr auch zugunsten eines Dritten (anderen) zulässig und wird als Nothilfe bezeichnet. Eine Voraussetzung ist, dass der Nothelfer sich der Notwehrlage bewusst ist und mit Verteidigungswillen handelt. Weiterhin ist zu beachten, dass die Nothilfe nicht aufgedrängt werden darf. Der Nothelfer darf nicht mehr Recht geltend machen, als der Angegriffene selbst ausüben will.
Was häufig in der Notwehrpraxis vorkommt, ist die Überschreitung der Notwehr, der sogenannte Notwehrexzess. Im StGB ist dies wie folgt geregelt:
Überschreitung der Notwehr Überschreitet der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken, so wird er nicht bestraft.
Der Verteidiger (jetzt Täter) reagiert aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken über,
indem er weit über das erforderliche Maß der Abwehrhandlung (Intensität) hinaus geht (intensiver Notwehrexzess) - z. B. der A würde den B aus Furcht und Verwirrung mit seinem Tierabwehrspray niederstrecken - oder
indem er die Notwehrlage zeitlich irrtümlich ausdehnt (extensiver Notwehrexzess oder Putativnotwehr(17) ) - z. B. die Person B geht nach der Schelle zu Boden und aus Furcht und Schrecken, dass die Person B nun noch intensiver auf die Person A einwirkt, tritt er noch zweimal nach.
Nur wenn der Täter aus den im Gesetz genannten Erregungsgründen (bewusst oder unbewusst) die Grenzen der Notwehr überschreitet ist sein Notwehrexzess entschuldigt und bleibt straffrei(18). Andere Erregungsgründe wie Wut, Zorn, (Über)Eifer, Ärger, usw. entschuldigen keinen Notwehrexzess.
Hierzu noch einige kritische Anmerkungen aus der eigenen erlebten Trainingspraxis. Häufig wird beim Üben von Selbstverteidigungssituationen und Selbstverteidigungstechniken die Intensität und/oder die zeitliche Dimension der Notwehrhandlung maßlos überzogen, der finale Abschluss von Notwehrhandlungen ist hier keine Seltenheit. Hierbei sind der Kreativität der Übenden keine Grenzen gesetzt. Aber gerade weil sich Kampfsportler oder Kampfkünstler mit diesem Thema auseinandersetzen und intensiv beschäftigen, zeigen hier die Staatsanwälte und gelegentlich auch die Richter nur wenig Verständnis bei überzogenen Notwehrhandlungen. Deshalb appelliere ich gerade an alle diejenigen die Selbstverteidigung unterrichten, sich mit dem Thema Notwehr zu beschäftigen. Hier schlage ich jetzt auch den Bogen zum zweiten Komplex der Abhandlung, zu der klassischen Aussage (Leitsatz):
„Der Gegner bewegt sich nicht, ich bewege mich nicht. Der Gegner bewegt sich, ich bin schon da!“(19)
Oberflächlich betrachtet könnte dieser Leitsatz den Eindruck eines strategisch, taktischen „Präventivschlages“ erwecken. Das heißt, ich strecke den vermeintlichen Angreifer nieder, bevor er überhaupt angegriffen hat, unerheblich ob er dies will oder nicht. Dass diese platte Betrachtung jedoch einer Kampfkunst wie Taijiquan nicht gerecht sein kann und jegliche Tiefgründigkeit vermissen lässt, setze ich voraus. Beim Studium der einschlägigen Literatur über das Chenstil-Taijiquan von Jan Silberstorff, wird der oben genannte Leitsatz in diversen Kapiteln erläutert und anhand unterschiedlicher Aspekte immer wieder betrachtet(20). Für mich kristallisierten sich folgende Hauptbestandteile heraus, die wiederum erst in ihrer Vernetzung, das aus machen, was meiner Meinung nach der Leitsatz bezweckt. Es folgt eine kurze Abhandlung über den Leitsatz, nachfolgende Grafik zum Überblick:
Was bedeutet die Kraft der Einheit?
Einfach ausgedrückt bedeutet die „Kraft der Einheit“ nichts anderes, als das Körper und Geist Eins werden. Die korrekte Umsetzung des „Wai San He“- und des „Nei San He“-Konzeptes(21) gibt uns die Möglichkeit dies zu erreichen. Es ist die Grundlage für
die Schaffung einer guten, ausbalancierten Körperstruktur,
die Umsetzung des Taiji-Prinzips(22),
ein besseres Verständnis der energetischen Abläufe und Verbindungen,
die Verbesserung der eigenen Wahrnehmung und
die Stimmigkeit – Entschlossenheit - der eigenen Handlung (Herz und Verstand wirken zusammen).
Wenn wir diese Zusammenschlüsse erreichen, wird es uns möglich sein, unsere gesamte zur Verfügung stehende physische und mentale Stärke geschlossen einzusetzen.
Was bedeutet Energieverständnis?
Aufbauend auf die innere und äußere Struktur entwickelt sich beim fleißigen und richtigen Üben von Taijiquan auch das Energieverständnis von außen nach innen, sodass die innere Energie die äußere Bewegung anführt. Erst wenn dieser Zustand erreicht ist, ist die „Kraft der Einheit“ perfekt.
Energieverständnis hat meiner Meinung auch noch einen zweiten Aspekt: Nämlich dem des Umganges mit der Energie des Gegners. Nach der Theorie wird die (Muskel-)Kraft (Li) durch die Energie (Qi) generiert, d. h. keine Kraftentfaltung ohne Energie. Um unserem Leitsatz zu folgen, ist es daher wichtig, ein tiefgründiges Energiebewusstsein für sich selbst und den Geg-ner zu entwickeln. Dieses Bewusstsein beinhaltet
eine sensible Wahrnehmung (Kraft hören),
eine Interpretation dieser Wahrnehmung (Kraft verstehen) und eine daraus resultierende, treffsichere Prognose über Kraftausrichtung und -entfaltung,
um daraufhin die einwirkende Kraft zu neutralisieren und gegebenenfalls eigene (explosive) Kraft in die Situation zu geben.
Beziehe ich dies nun auf den Leitsatz, bedeutet es, dass das Energiebewusstsein des Verteidigers und sein Energieverständnis um einiges tiefer sein müssen als die des Angreifers. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können in Verbindung mit der „Kraft der Einheit“ die Aspekte „Raum und Zeit“ sowie „Kontrolle“ verwirklicht werden.
Die Bedeutung von Raum und Zeit
Hier geht es nicht um ein Vorpreschen oder dem Spielchen von Reaktion und Aktion, sondern um das Abpassen des richtigen Augenblickes, in dem der Verteidiger über 100 % seiner geistigen und physischen Kraft verfügt. Der Verteidiger weiß, quasi über so etwas wie ein „kollektives Bewusstsein“, wie der Angreifer agieren wird, ohne dass dies für ihn selbst schon bewusst wäre. Jegliche Bewegung (innen wie außen) hat einen geistigen (unbewussten / bewussten) Ursprung – eine so genannte Bewegungsvorausnahme. Ausgelöst durch diesen geistigen Prozess werden Signale ausgesendet. Wenn diese Signale vom Verteidiger empfangen werden und er ein tieferes Verständnis hierin hat als sein Gegenüber, weiß der Verteidiger wie sich der Angreifer verhalten wird, bevor es ihm selbst bewusst wird. Andererseits sind die intuitiven Absichten des Verteidigers für den Angreifer nicht wahrnehmbar. Dies eröffnet dem Verteidiger nicht nur einen zeitlichen Vorteil, sondern auch neue Spielräume. Damit werden der Verteidiger zum Agierenden und sein Gegenüber zum Reagierenden. Der Verteidiger erlangt dadurch Handlungsfreiheit. Er kann da sein, wo sein Gegner ihn nicht vermutet und kann sein Gegenüber auf einen bestimmten Punkt festlegen. Das 12. Prinzip „Kong“ (Leere) und das 13. Prinzip „Huo“ (im Prinzip bleiben) können sich so vollends entfalten. Sehr plastisch hat Raimund Burke dies in seinem Erfahrungsbericht „Taijiquan – Anwendungen im Alltag“ im Chen-Taijiquan-Magazin 2010 auf Seite 62 beschrieben. Weitere Ausführungen zum Thema „Raum und Zeit“ gab es in der Terra X-Sendung vom 13.05.2010 „Reise in die 4. Dimension“. Unter anderem wird in der Sendung sehr genau dargestellt wie in einer Notfallsituation in unserem Gehirn Notfallprogramme ausgeführt werden. Die Notfallpro-gramme geben unserem Gehirn Zeit schneller zu reagieren und zu handeln und zwar auf einer Ebene(23), die der verstandesmäßigen Kontrolle entzogen ist!(24) Dies korrespondiert mit der Aussage von Kampfkünstlern, denen nach einer überstandenen Selbstverteidigungssituation von außen stehenden Dritten berichtet wird, welche Techniken sie angewandt haben. Vermutlich ist es so, dass Kampfkünstler ab einem bestimmten Level einen besseren Zugriff auf die o. g. Notfallprogramme haben und „Superman“ gleich Situationen beherrschen, die eigentlich für den „Normalsterblichen“ nicht mehr beherrschbar sind.
Wenn die zuvor beschriebenen Punkte „Kraft der Einheit“, „Energieverständnis“ und die Beherrschung von „Raum und Zeit“ gleichermaßen vorhanden sind, können wir „Kontrolle“ ausüben und zwar über uns und unserem Gegenüber. Hierbei ist meines Erachtens Kontrolle nicht nur als ein fortlaufender Prüfungsprozess zu verstehen, sondern auch als ständiger Steuerungsprozess. Diese Prozesse basieren auf der Natürlichkeit und das „Nichtfestgelegtsein“. Die Prüfung bezieht sich zum einen auf die eigene Person (Wai San He, Nei San He, Balance, …) und zum anderen auf eine durchgängige Überwachung des Zustandes des Ge-genübers. Der Steuerungsprozess sorgt dafür, dass der eigene Körper und Geist sich stets im optimalen Zustand befindet und hingegen beim Gegenüber der Fehler der doppelten Gewichtung(25) entsteht oder hervorgerufen wird. Dies bewirkt, dass der Verteidiger nicht nur auf das reagiert, was der Angreifer vorgibt, sondern frei davon agiert und somit die Selbstverteidigungssituation lenkt und entsprechend der Möglichkeiten (Verhalten des Angreifers ist hierbei entscheidend) gestaltet. Dabei kann sich der Verteidiger in Spielräumen bewegen, die der mental festgelegte Angreifer nicht erfassen kann. Dies ermöglicht wiederum die Verteidigungshandlung genau und dosiert in die Schwäche des Gegenübers zu lenken. Kurzum: Das Element Kontrolle ermöglicht es mir die Selbstverteidigungssituation intuitiv, unbewusst angemessen zu lenken und zu gestalten.
Alles eine Frage des Levels – Frustration oder Motivation
Der Leitsatz bezieht sich somit nicht auf einen bloßen Präventivschlag, sondern auf eine tiefgreifende Kampfkunstbasis (Level). Was bedeutet aber Level in diesem Zusammenhang? Folgen wir den Ausführungen von Großmeister Chen Xiaowang, so ist hier ein Tiefenverständnis (körperlich und mental) erforderlich, welches sich ab Ende des dritten, deutlicher ab vierten Level befindet. Hierzu steht in den Ausführungen zu den 5 Leveln im Abschnitt des 4. Levels wie folgt geschrieben:
„Der dritte [Level] zielt darauf ab, die Kraft des Gegners aufzulösen sowie sich der Kon-flikte, die sich innerhalb der eigenen Bewegung ergeben können, zu entledigen. Das ermöglicht es einem, die aktive Rolle zu übernehmen und den Gegner in die Passivität zu zwingen. Der vierte Level befähigt den Schüler nicht nur, die Kraft des Gegners aufzulösen, sondern zusätzlich noch die eigene Kraft gezielt auszustoßen. … Er kann die Absichten des Gegners voraussagen, selber in Ruhe agieren sowie die eigene Kraft präzise ausrichten.“
Ohne, dass das entsprechende Level erreicht ist, ist meines Erachtens die praktische Umsetzung des Leitsatzes eher dem Zufall überlassen und grundsätzlich von dem Level des Angreifers und des Verteidigers abhängig, siehe den Erfahrungsbericht von R. Burke. Nun, ob wir die Dinge dem Zufall überlassen möchten oder nicht, ist abhängig von der eigenen Trainingspraxis und der richtigen Anleitung. Folgen wir dem Konzept des Großmeisters, könnten wir jedes Level erreichen, wenn wir genug trainieren oder wie Jan bisweilen zu sagen pflegt: „Was wir in das Sparschwein hinein tun, können wir auch später wieder heraus holen.“
Wenn wir davon ausgehen, dass beim Verteidiger ausschließlich ein Verteidigungswille und kein verdeckter Angriffswille vorliegt und die Verteidigungshandlung spontan und natürlich erfolgt, steht der Leitsatz meiner Meinung nach im Einklang mit dem Notwehrrecht. Wenn wir grundsätzlich nicht von einer selbst provozierten Notwehrsituation ausgehen, wird der Verteidiger sich mit seinem entsprechenden Tiefenverständnis intuitiv, unbewusst richtig verhalten und auf einen Angriff angemessen reagieren und möglicherweise sogar ohne die Anwendung von körperlicher Gewalt auskommen.
Strafrecht, Strafverfahrensrecht, Ordnungswidrigkeitenrecht – Lübkemann, VDP-Verlag, 22. Auflage, 2004
StGB Allgemeiner Teil -Definitionskalender Rechtsprechungsübersichten – Schwind / Hassenpflug – Ewald von Kleist Verlag, Berlin, 22. Auflage
Strafrecht leicht gemacht – Schwind / Hassenpflug / H. Nawratil / G. Nawratil – Ewald von Kleist Verlag, 13. Auflage
Gesetzessammlung für die Bundespolizei – Borsdorff / Kastner / Deyda – Lübecker Medien Verlag, 3. Auflage, 2010
Chen – Klassisches Taijiquan im lebendigen Stil – Jan Silberstorff – Lotus-Press, Neuauflage 2010
Schiebende Hände – Die kämpferische Seite des Taijiquan – von Meister J. Silberstorff – Lotus-Press
Die 5 Level des Taijiquan – von Großmeister Chen Xiaowang kommentiert von Meister J. Silberstorff – Lotus-Press, Lingen 06/2006
ZDF - Mediathek - Terra X vom 13.05.2010 „Reise in die 4. Dimension“.
(1) StGB = Strafgesetzbuch
(2) unter Auslegung von höchstrichterlichen Urteilen
(3) Das war nicht immer so. Dieses Recht hat sich erst in den letzten Jahrhunderten für den deutschen Lebensraum herausgebildet und wird auch heutzutage noch auf der Welt sehr unterschiedlich betrachtet und ausgelegt!
(4) siehe hierzu § 1 StGB
(5) bei Kindern bis 14 Jahr findet das Strafrecht keine Anwendung; Jugendliche 14 – 18 Jahre unterliegen dem Jugendstrafrecht; Heranwachsende (18 – 21 Jahre) können nach dem Jugendstrafrecht oder dem StGB behandelt werden; Erwachsene ab 21 Jahre unterliegen dem StGB.
(6) dies sind zum Beispiel § 33 StGB Überschreitung der Notwehr oder § 35 StGB Entschuldigender Notstand
(7) die Notwehr gem. § 32 StGB bezieht sich immer und ausschließlich auf einen menschlichen Angreifer
(8) es sei denn ich muss aus Berufsgründen mit derartigen Situationen rechnen, z. B. als Personenschützer, Türsteher, Polizist, usw.. Selbst dieser Personenkreis kann sich unter bestimmten Umständen auf den RFG „Notwehr“ berufen.
(9) z. B. Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), Ordnungswidrigkeitengesetz (OWiG)
(10) u. a. Leben, körperliche Unversehrtheit, Wohlbefinden, Freiheit, Eigentum , Ehre
(11) es wird objektiv gegen eine Bewertungsnorm des Rechts zuwider gehandelt und ein Erlaubnissatz (Rechtfertigungsgrund liegt nicht vor.
(12) Verteidigungshandlung = Trutzwehr (aktives Abwehren) oder Schutzwehr (passives Abwehrverhalten z. B. Meidbewegungen, Flucht, …)
(13) Sprichwort: „Mit Kanonen auf Spatzen schießen.“
(14) Problem: Woran erkenne ich das?
(15) hier werden die bedrohten Rechtsgüter gegeneinander abgewogen (Hierarchie der Rechtsgüter)
(16) selbst schuldhaft herbeigeführte Notwehrlage
(17) Putativnotwehr = eine subjektiv angenommene, vermeintliche Situation, aus der ein Notwehrrecht abgeleitet wird, objektiv aber gar nicht vorliegt.
(18) das gilt aber nicht zwangsläufig für den Schadensersatz, den der Geschädigte geltend machen kann. Siehe hierzu § 823 Bürgerliches Gesetzbuch
(19) chin.: Bi bu dong, wo bu dong, bi yi dong, wo xian dong (aus: Chen von J. Silberstorff)
(20) in dem Buch - Schiebende Hände – Die kämpferische Seite des Taijiquan – von J. Silberstorff – zieht sich der Leitsatz wie ein „roter Faden“ durch das Werk
(21) umfassende Erläuterungen zu den Konzepten befinden sich in den Chenstil-Büchern von J. Silberstorff
(22) positionieren im Wuji - agieren im Taiji
(23) Ebene: Körper und Geist werden eins in Entspannung und Natürlichkeit
(24) Terra X-Sendungen sind temporär in der Mediathek des ZDF abrufbar!
(25) bedeutet, dass sich der Körper nicht in der optimalen Struktur (Wai San He, Nei San He, Gleichgewicht) befindet und daher keine Wechsel (innere/äußere) ohne Verlust des Gleichgewichtes möglich sind