Source: http://www.hensche.de/keine-schrankenlose-befristung-bei-ballett-und-oper-eugh-c-331-17-martina-sciotto-05.01.2019-16.19.html
Timestamp: 2019-05-27 13:16:42
Document Index: 54835415

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 5', '§ 5', '§ 5', '§ 5', 'EuG', '§ 5', 'EuG', '§ 5', '§ 14', '§ 14', '§ 14']

Keine schrankenlose Befristung bei Ballett und Oper - HENSCHE Arbeitsrecht
ARBEITSRECHT AKTUELL // 19/005
Kei­ne schran­ken­lo­se Be­fris­tung bei Bal­lett und Oper
Der eu­ro­pa­recht­lich vor­ge­schrie­be­ne Schutz vor miss­bräuch­li­chen Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen gilt für al­le Bran­chen und da­mit auch für Opern und Thea­ter­häu­ser: Eu­ro­päi­scher Ge­richts­hof, Ur­teil vom 25.10.2018, C-331/17 (Mar­ti­na Sciot­to)
05.01.2019. Vor vier Jah­ren be­reits hat der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) ent­schie­den, dass der eu­ro­pa­recht­lich vor­ge­schrie­be­ne Ar­beit­neh­mer­schutz ge­gen­über dem miss­bräuch­li­chen Ein­satz be­fris­te­ter Ar­beits­ver­trä­ge auch für den Kul­tur­be­trieb gilt (EuGH, Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 - Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg, wir be­rich­te­ten in Ar­beits­recht ak­tu­ell 15/083 EuGH be­grenzt Be­fris­tun­gen in der Kul­tur­bran­che).
In ei­ner ak­tu­el­len Ent­schei­dung hat der Ge­richts­hof auf der Grund­la­ge ei­nes ita­lie­ni­schen Vor­la­ge­falls nach­ge­legt und klar­ge­stellt, dass na­tio­na­le Vor­schrif­ten eu­ro­pa­recht­lich un­zu­läs­sig sind, wenn sie es Opern so­wie Bal­lett- und Thea­ter­häu­sern oh­ne je­de Ein­schrän­kung er­lau­ben , mit ih­ren Mit­ar­bei­tern be­fris­te­te Ar­beits­ver­trä­ge ab­zu­schlie­ßen: EuGH, Ur­teil vom 25.10.2018, C-331/17 (Mar­ti­na Sciot­to).
Aus­nah­me vom ar­beits­recht­li­chen Be­fris­tungs­schutz zu­guns­ten von Thea­tern und Opern auf­grund der spe­zi­el­len "An­for­de­run­gen" die­ser Bran­che?
Der Vor­la­ge­fall Mar­ti­na Sciot­to gg. Stif­tung Opern­haus Rom
EuGH: Der eu­ro­pa­recht­lich vor­ge­schrie­be­ne Schutz vor miss­bräuch­li­chen Be­fris­tungs­ver­ein­ba­run­gen gilt für al­le Bran­chen und da­mit auch für Opern und Thea­terhäuser
Wer auf der Grund­la­ge ei­nes be­fris­te­te Ar­beits­ver­trags tätig ist, hat die­sem Ver­trag gleich­sam schon die Kündi­gung in der Ta­sche: Nach der Ab­lauf der ver­ein­bar­ten Frist ist er sei­nen Job wie­der los. Um die da­mit ver­bun­de­ne so­zia­le Un­si­cher­heit für die be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer zu ver­rin­gern, gel­ten seit 1999 eu­ro­pa­weit be­stimm­te Gren­zen für den Ein­satz be­fris­te­ter Ar­beits­verhält­nis­se.
Die­se Gren­zen sind in der sog. "Rah­men­ver­ein­ba­rung über be­fris­te­te Ar­beits­verträge" fest­ge­legt, auf die sich der Eu­ropäische Ge­werk­schafts­bund (EGB) mit den Ar­beit­ge­ber­ver­tre­tern im Jah­re 1999 ge­ei­nigt hat. Auf die­ser qua­si-ta­rif­ver­trag­li­chen Grund­la­ge hat die EU wie­der­um ei­ne Richt­li­nie er­las­sen, de­ren we­sent­li­cher In­halt die Rah­men­ver­ein­ba­rung ist (Richt­li­nie 1999/70/EG des Ra­tes vom 28.06.1999). Die in der Rah­men­ver­ein­ba­rung fest­ge­leg­ten Gren­zen für be­fris­te­te Ar­beits­verhält­nis­se sind seit­dem für al­le EU-Mit­glieds­staa­ten als EU-Richt­li­nie ver­bind­lich.
Die ent­schei­den­de Re­ge­lung zur Be­fris­tungs­kon­trol­le ist in § 5 Nr.1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung fest­ge­legt. Sie schreibt den Mit­glieds­staa­ten und/oder den Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber­verbänden der Mit­glieds­staa­ten vor, zur Be­gren­zung des Miss­brauchs von be­fris­te­ten Verträgen ei­ne oder meh­re­re der fol­gen­den Maßnah­men zu er­grei­fen:
Be­fris­te­te Ar­beits­verträge wer­den von ei­nem Sach­grund abhängig ge­macht (§ 5 Nr. 1 a), und/oder
es gilt ei­ne Höchst­dau­er für auf­ein­an­der­fol­gen­de be­fris­te­te Ar­beits­verträge (§ 5 Nr. 1 b), und/oder
es gilt ei­ne Höchst­zahl zulässi­ger Verlänge­run­gen be­fris­te­ter Ar­beits­verträge (§ 5 Nr. 1c).
Die Mit­glieds­staa­ten ha­ben zwar die Wahl zwi­schen die­sen Maßnah­men, müssen sich aber min­des­tens für ei­ne die­ser drei Maßnah­men oder für an­de­re gleich­wer­ti­ge Schutz­maßnah­men ent­schei­den.
Al­ler­dings wird die­ser Schutz durch die "All­ge­mei­nen Erwägun­gen", die der Rah­men­ver­ein­ba­rung vor­an­ge­stellt sind, ein we­nig ab­ge­schwächt. In Punkt 10.) der "All­ge­mei­nen Erwägun­gen" heißt es nämlich, dass die Mit­glieds­staa­ten den "Umständen be­stimm­ter Bran­chen und Be­ru­fe (...) Rech­nung (...) tra­gen" können. Die­se Klau­sel lau­tet:
"Die­se Ver­ein­ba­rung überlässt es den Mit­glied­staa­ten und den So­zi­al­part­nern, die An­wen­dungs­mo­da­litäten ih­rer all­ge­mei­nen Grundsätze, Min­dest­vor­schrif­ten und Be­stim­mun­gen zu de­fi­nie­ren, um so der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on der ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten und den Umständen be­stimm­ter Bran­chen und Be­ru­fe ein­sch­ließlich sai­so­na­ler Tätig­kei­ten Rech­nung zu tra­gen."
Al­ler­dings geht die­se Be­rech­ti­gung zum Er­lass be­son­de­rer Bran­chen-Re­geln wohl kaum so weit, be­stimm­te Bran­chen vollständig von dem Be­fris­tungs­schutz aus­zu­neh­men.
Das ita­lie­ni­sche Ar­beits­recht ist in vie­len Hin­sich­ten ar­beit­neh­mer­freund­lich, so auch im Be­fris­tungs­recht. Denn im All­ge­mei­nen ist nach drei Jah­ren Schluss mit je­der Be­fris­tung. Ein (mehr­fach) be­fris­te­tes Ar­beits­verhält­nis ist nämlich recht­lich als un­be­fris­tet an­zu­se­hen, wenn sei­ne Dau­er durch die Wir­kung auf­ein­an­der­fol­gen­der Verträge ins­ge­samt 36 Mo­na­te über­schrei­tet.
Von die­sem Be­fris­tungs­schutz sind al­ler­dings die­je­ni­gen Ar­beit­neh­mer ge­ne­rell aus­ge­nom­men, die zu dem künst­le­ri­schen und tech­ni­schen Per­so­nal der Stif­tun­gen für mu­si­ka­li­sche Aufführun­gen gehören.
Ei­ne Bal­letttänze­rin, die von Ju­ni 2007 bis Ok­to­ber 2011 und da­mit länger als vier Jah­re auf der Grund­la­ge meh­re­rer be­fris­te­ter Verträge beschäftigt war, er­hob im April 2012 Kla­ge ge­gen ih­ren Ar­beit­ge­ber, die Stif­tung Opern­haus Rom (Fon­da­zio­ne Tea­tro dell`Ope­ra di Ro­ma). Ziel der Kla­ge war es, ei­ne un­be­fris­te­te An­stel­lung durch­zu­set­zen.
Das in der ers­ten In­stanz mit dem Fall be­fass­te Tri­bu­na­le di Ro­ma (Ge­richt Rom) wies die Kla­ge ab. Dem­ge­genüber setz­te das Be­ru­fungs­ge­richt Rom (Cor­te d’ap­pel­lo di Ro­ma) das Ver­fah­ren aus und frag­te den EuGH, ob na­tio­na­le Re­ge­lun­gen mit § 5 Nr.1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­ein­bar sind, wenn sie wie die hier um­strit­te­nen ita­lie­ni­schen Aus­nah­me­vor­schrif­ten künst­le­ri­sche und tech­ni­sche Ar­beit­neh­mer von Stif­tun­gen für mu­si­ka­li­sche Aufführun­gen von je­dem Be­fris­tungs­schutz aus­neh­men.
Der EuGH kam in sei­nem Ur­teil zu dem Er­geb­nis, dass Aus­nah­me­vor­schrif­ten zu­guns­ten kom­plet­ter Bran­chen wie die hier strei­ti­gen ita­lie­ni­schen Re­ge­lun­gen ge­gen § 5 Nr.1 der Rah­men­ver­ein­ba­rung ver­s­toßen. In sei­ner Be­gründung zer­pflückt der Ge­richts­hof im We­sent­li­chen fünf Ar­gu­men­te der ita­lie­ni­schen Re­gie­rung, mit de­nen die­se die ita­lie­ni­schen Re­ge­lun­gen zu recht­fer­ti­gen ver­such­te:
Ers­tens spielt es kei­ne Rol­le, dass die pri­vi­le­gier­ten Ar­beit­ge­ber zum öffent­li­chen Dienst gehören, denn auch öffent­li­che Ar­beit­ge­ber müssen den Be­fris­tungs­schutz be­ach­ten (Ur­teil, Rn.43).
Es kommt zwei­tens auch nicht dar­auf an, ob Ar­beits­verträge im Tätig­keits­be­reich der Stif­tun­gen für Oper und Or­ches­ter "tra­di­tio­nell" nur be­fris­tet ab­ge­schlos­sen wer­den (so die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung), denn ei­ne sol­che Tra­di­ti­on gibt ei­nem Mit­glieds­staat nicht das Recht, sie ein­fach wei­ter fort­zu­schrei­ben (Ur­teil, Rn.44, 45).
Drit­tens kann es zwar zu­tref­fen, dass Opern und Thea­ter für ih­re künst­le­ri­sche Pro­gramm­ge­stal­tung be­fris­te­te Ein­stel­lun­gen vor­neh­men müssen, doch muss dann im Ein­zel­fall ge­prüft wer­den bzw. fest­ste­hen, dass es sich nicht um ei­nen Dau­er­be­darf han­delt (Ur­teil, Rn.46 bis 54).
Vier­tens sind auch haus­halts­recht­li­che Gründe, d.h. die Be­gren­zung öffent­li­cher Aus­ga­ben, als sol­che kein sach­li­cher Grund für be­fris­te­te Ar­beits­verträge (Ur­teil, Rn.55).
Fünft­gens kann sich Ita­li­en auch nicht dar­auf be­ru­fen, dass die um­strit­te­nen Be­fris­tungsmöglich­kei­ten dem Zweck die­nen, Dau­er­stel­len nur auf der Grund­la­ge öffent­li­cher Aus­schrei­bun­gen vor­zu­neh­men, denn ob die Kläge­rin an sol­chen Aus­schrei­bun­gen teil­neh­men konn­te und ob sol­che Aus­schrei­bun­gen über­haupt durch­geführt wur­den, war den Ak­ten nicht zu ent­neh­men.
Fa­zit: Wie der Ge­richts­hof be­reits mit sei­nem Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 (EU-Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg) fest­ge­stellt hat, müssen auch "kul­tur­schaf­fen­de" Ar­beit­neh­mer im Prin­zip vor dem miss­bräuch­li­chen Ein­satz be­fris­te­ter Ar­beits­verträge geschützt wer­den.
Die­ser Schutz kann z.B. dar­in be­ste­hen, dass Ar­beits­verträge auf der Grund­la­ge ei­nes Sach­grun­des be­fris­tet wer­den, so dass der Ar­beit­neh­mer in der La­ge ist, die Be­rech­ti­gung bzw. das Vor­lie­gen des Sach­grun­des ge­richt­lich über­prüfen zu las­sen.
Dem­ge­genüber ist es mit dem Eu­ro­pa­recht nicht zu ver­ein­ba­ren, An­ge­stell­te von Thea­tern und Opernhäuser ge­ne­rell "kraft Bran­chen­zu­gehörig­keit" von je­dem Be­fris­tungs­schutz aus­zu­neh­men.
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 25.10.2018, C-331/17 (Mar­ti­na Sciot­to)
Eu­ropäischer Ge­richts­hof, Ur­teil vom 26.02.2015, C-238/14 (EU-Kom­mis­si­on gg. Lu­xem­burg)
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Letzte Überarbeitung: 7. Januar 2019
Hier fin­den Sie ei­ne Vor­la­ge für ei­nen mit Sach­grund be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag gem. § 14 Abs. 1 Tz­B­fG.
Hier fin­den Sie ei­ne Vor­la­ge für ei­nen sach­grund­los be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag gem. § 14 Abs. 2 Tz­B­fG.
Mus­ter­ver­trag: Ver­län­ge­rung ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags
Kos­ten­lo­ser Mus­ter­ver­trag - Ver­län­ge­rung ei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trags oh­ne Sach­grund ge­mäß § 14 Abs.2 Teil­zeit- und Be­fris­tungs­ge­setz (Tz­B­fG)
12/263 Ket­ten­be­fris­tung kann Miss­brauch sein
20.07.2012. Die im­mer er­neu­te Be­fris­tung ei­nes Ar­beits­ver­trags kann nach elf Jah­ren und 13 Ver­län­ge­run­gen miss­bräuch­lich und da­mit un­wirk­sam sein. Das hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt (BAG) ...