Source: http://m.hensche.de/Arbeitsrecht-Urteile-Europaeischer-Gerichtshof-EuGH-Kopftuchverbot-aufgrund-eines-Kundenwunsches-C-188-15-Bougnaoui.html
Timestamp: 2017-06-24 18:51:15
Document Index: 129080719

Matched Legal Cases: ['Art.4', 'Art. 267', 'Art. 4', 'Art.1', 'Art.2', 'Art.3', 'Art.4', 'Art. 1', 'Art. 4', 'Art. 83', 'Art. 83', 'Art.23', 'Art.4', 'Art.1', 'Art.1', 'Art. 9', 'Art. 10', 'Art.10', 'Art.9', 'Art.52', 'Art. 1', 'Art.2', 'Art.2', 'Art.4', 'Art. 1', 'Art. 1', 'Art. 4', 'Art.4', 'EuG']

HENSCHE Arbeitsrecht: C-188/15
Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf ist da­hin aus­zu­le­gen, dass der Wil­le ei­nes Ar­beit­ge­bers, den Wünschen ei­nes Kun­den zu ent­spre­chen, die Leis­tun­gen die­ses Ar­beit­ge­bers nicht mehr von ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ausführen zu las­sen, die ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt, nicht als ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne die­ser Be­stim­mung an­ge­se­hen wer­den kann.
Cour de cassation (Kassationsgerichtshof), Frankreich, Entscheidung vom 09.04.2015
„Vor­la­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung - So­zi­al­po­li­tik - Richt­li­nie 2000/78/EG - Gleich­be­hand­lung - Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung - We­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung - Be­griff - Wunsch ei­nes Kun­den, die Leis­tun­gen nicht von ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ausführen zu las­sen, die ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt“
In der Rechts­sa­che C-188/15
be­tref­fend ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen nach Art. 267 AEUV, ein­ge­reicht von der Cour de cas­sa­ti­on (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof, Frank­reich) mit Ent­schei­dung vom 9. April 2015, beim Ge­richts­hof ein­ge­gan­gen am 24. April 2015, in dem Ver­fah­ren
As­ma Boug­naoui,
As­so­cia­ti­on de défen­se des droits de l’hom­me (AD­DH)
Mi­cro­po­le SA, vor­mals Mi­cro­po­le Uni­vers SA,
un­ter Mit­wir­kung des Präsi­den­ten K. Lena­erts, des Vi­ze­präsi­den­ten A. Tiz­za­no, der Kam­mer­präsi­den­tin R. Sil­va de La­pu­er­ta, der Kam­mer­präsi­den­ten M. Ilešič und L. Bay Lar­sen, der Kam­mer­präsi­den­tin M. Ber­ger, der Kam­mer­präsi­den­ten M. Vil­a­ras und E. Re­gan, der Rich­ter A. Ro­sas, A. Borg Bart­het, J. Ma­le­n­ovský, E. Le­vits und F. Bilt­gen (Be­richt­er­stat­ter), der Rich­te­rin K. Jürimäe und des Rich­ters C. Ly­cour­gos,
Ge­ne­ral­anwältin: E. Sharps­ton,
Kanz­ler: V. Tourrès, Ver­wal­tungs­rat,
auf­grund des schrift­li­chen Ver­fah­rens und auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 15. März 2016,
- von Frau Boug­naoui und der As­so­cia­ti­on de défen­se des droits de l’hom­me (AD­DH), ver­tre­ten durch C. Waquet, avo­ca­te,
- der Mi­cro­po­le SA, ver­tre­ten durch D. Céli­ce, avo­cat,
- der französi­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch G. de Ber­gues, D. Co­las und R. Coe­s­me als Be­vollmäch­tig­te,
- der schwe­di­schen Re­gie­rung, ver­tre­ten durch A. Falk, C. Mey­er-Seitz, U. Pers­son, N. Ot­te Wid­gren, E. Karls­son und L. Swe­den­borg als Be­vollmäch­tig­te,
- der Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten König­reichs, ver­tre­ten durch S. Sim­mons als Be­vollmäch­tig­te im Bei­stand von A. Ba­tes, Bar­ris­ter,
- der Eu­ropäischen Kom­mis­si­on, ver­tre­ten durch D. Mar­tin und M. Van Hoof als Be­vollmäch­tig­te,
nach Anhörung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin in der Sit­zung vom 13. Ju­li 2016
Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen be­trifft die Aus­le­gung von Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78/EG des Ra­tes vom 27. No­vem­ber 2000 zur Fest­le­gung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­be­hand­lung in Beschäfti­gung und Be­ruf (ABl. 2000, L 303, S. 16). 2
Es er­geht im Rah­men ei­nes Rechts­streits zwi­schen Frau As­ma Boug­naoui und der As­so­cia­ti­on de défen­se des droits de l’hom­me (Ver­ei­ni­gung zum Schutz der Men­schen­rech­te, AD­DH) auf der ei­nen Sei­te und der Mi­cro­po­le SA, vor­mals Mi­cro­po­le Uni­vers SA (im Fol­gen­den: Mi­cro­po­le) auf der an­de­ren Sei­te we­gen der Ent­las­sung von Frau Boug­naoui durch die­ses Un­ter­neh­men, die mit ih­rer Wei­ge­rung be­gründet wur­de, ihr is­la­mi­sches Kopf­tuch ab­zu­le­gen, wenn sie bei Kun­den von Mi­cro­po­le Auf­träge durchführ­te. Recht­li­cher Rah­men
Die Erwägungs­gründe 1, 4 und 23 der Richt­li­nie 2000/78 lau­ten: „(1) Nach Ar­ti­kel 6 Ab­satz 2 des Ver­trags über die Eu­ropäische Uni­on be­ruht die Eu­ropäische Uni­on auf den Grundsätzen der Frei­heit, der De­mo­kra­tie, der Ach­tung der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten so­wie der Rechts­staat­lich­keit; die­se Grundsätze sind al­len Mit­glied­staa­ten ge­mein­sam. Die Uni­on ach­tet die Grund­rech­te, wie sie in der Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten gewähr­leis­tet sind und wie sie sich aus den ge­mein­sa­men Ver­fas­sungsüber­lie­fe­run­gen der Mit­glied­staa­ten als all­ge­mei­ne Grundsätze des Ge­mein­schafts­rechts er­ge­ben.
(4) Die Gleich­heit al­ler Men­schen vor dem Ge­setz und der Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung ist ein all­ge­mei­nes Men­schen­recht; die­ses Recht wur­de in der All­ge­mei­nen Erklärung der Men­schen­rech­te, im VN-Übe­r­ein­kom­men zur Be­sei­ti­gung al­ler For­men der Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en, im In­ter­na­tio­na­len Pakt der VN über bürger­li­che und po­li­ti­sche Rech­te, im In­ter­na­tio­na­len Pakt der VN über wirt­schaft­li­che, so­zia­le und kul­tu­rel­le Rech­te so­wie in der Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten an­er­kannt, die von al­len Mit­glied­staa­ten un­ter­zeich­net wur­den. Das Übe­r­ein­kom­men 111 der In­ter­na­tio­na­len Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on un­ter­sagt Dis­kri­mi­nie­run­gen in Beschäfti­gung und Be­ruf.
(23) Un­ter sehr be­grenz­ten Be­din­gun­gen kann ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung ge­recht­fer­tigt sein, wenn ein Merk­mal, das mit der Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, dem Al­ter oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung zu­sam­menhängt, ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt. Die­se Be­din­gun­gen soll­ten in die In­for­ma­tio­nen auf­ge­nom­men wer­den, die die Mit­glied­staa­ten der Kom­mis­si­on über­mit­teln.
Art.1 der Richt­li­nie 2000/78 be­stimmt: „Zweck die­ser Richt­li­nie ist die Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten.“
Art.2 Abs.1 und 2 der Richt­li­nie sieht vor: „(1) Im Sin­ne die­ser Richt­li­nie be­deu­tet ‚Gleich­be­hand­lungs­grund­satz‘, dass es kei­ne un­mit­tel­ba­re oder mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung we­gen ei­nes der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Gründe ge­ben darf.
i) die­se Vor­schrif­ten, Kri­te­ri­en oder Ver­fah­ren sind durch ein rechtmäßiges Ziel sach­lich ge­recht­fer­tigt, und die Mit­tel sind zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich …
In Art.3 Abs.1 der Richt­li­nie heißt es: „Im Rah­men der auf die Ge­mein­schaft über­tra­ge­nen Zuständig­kei­ten gilt die­se Richt­li­nie für al­le Per­so­nen in öffent­li­chen und pri­va­ten Be­rei­chen, ein­sch­ließlich öffent­li­cher Stel­len, in Be­zug auf
Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 sieht vor: „Un­ge­ach­tet des Ar­ti­kels 2 Absätze 1 und 2 können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen ei­nes Merk­mals, das im Zu­sam­men­hang mit ei­nem der in Ar­ti­kel 1 ge­nann­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­gründe steht, kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn das be­tref­fen­de Merk­mal auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt.“
Französi­sches Recht
Die Be­stim­mun­gen der Richt­li­nie 2000/78 wur­den u. a. durch die Art. L. 1132-1 und L. 1133-1 des Code du tra­vail (Ar­beits­ge­setz­buch) in der Fas­sung der Loi n° 2008-496, du 27 mai 2008, portant di­ver­ses dis­po­si­ti­ons d’ad­ap­ta­ti­on au droit com­mu­n­au­taire dans le do­mai­ne de la lut­te cont­re les dis­cri­mi­na­ti­ons (Ge­setz Nr. 2008-496 vom 27. Mai 2008 über ver­schie­de­ne Re­ge­lun­gen zur An­pas­sung der An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­vor­schrif­ten an das Ge­mein­schafts­recht, JORF vom 28. Mai 2008, S. 8801) in das französi­sche Recht um­ge­setzt. 9
Art. L. 1121-1 des Ar­beits­ge­setz­buchs be­stimmt: „Nie­mand darf persönli­chen Rech­ten oder in­di­vi­du­el­len oder kol­lek­ti­ven Frei­hei­ten Be­schränkun­gen auf­er­le­gen, die nicht durch die Art der zu erfüllen­den Auf­ga­be ge­recht­fer­tigt und im Hin­blick auf das an­ge­streb­te Ziel verhält­nismäßig sind.“
Art. L. 1132-1 des Ar­beits­ge­setz­buchs sah in sei­ner im ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­raum gel­ten­den Fas­sung vor: „Nie­mand darf aus Gründen sei­ner Her­kunft, sei­nes Ge­schlechts, sei­nes Ver­hal­tens, sei­ner se­xu­el­len Ori­en­tie­rung, sei­nes Al­ters, … sei­ner po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen, sei­ner Betäti­gung in Ge­werk­schaf­ten oder Be­triebsräten, sei­ner re­li­giösen Über­zeu­gun­gen, sei­nes äußer­li­chen Er­schei­nungs­bilds, sei­nes Nach­na­mens oder aus Gründen sei­nes Ge­sund­heits­zu­stands oder sei­ner Be­hin­de­rung von ei­nem Be­wer­bungs­ver­fah­ren oder vom Zu­gang zu Be­rufs­er­fah­rung oder ei­ner Aus­bil­dungs­zeit in ei­nem Un­ter­neh­men aus­ge­schlos­sen wer­den oder als Ar­beit­neh­mer ge­maßre­gelt, ent­las­sen oder ei­ner dis­kri­mi­nie­ren­den Be­hand­lung aus­ge­setzt wer­den, sei es un­mit­tel­bar oder mit­tel­bar im Sin­ne von Art. 1 des Ge­set­zes Nr. 2008-496 vom 27. Mai 2008 über ver­schie­de­ne Re­ge­lun­gen zur An­pas­sung der An­ti­dis­kri­mi­nie­rungs­vor­schrif­ten an das Ge­mein­schafts­recht; dies gilt ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Vergütung im Sin­ne von Art. L. 3221-3, An­reiz- oder Mit­ar­bei­ter­be­tei­li­gungs­sys­te­me, Aus- und Fort­bil­dung, Neu­ein­stu­fung, Ver­wen­dung, Qua­li­fi­zie­rung, Ein­stu­fung, be­ruf­li­chen Auf­stieg, Ver­set­zung oder ei­ne Ver­trags­verlänge­rung.“
Art. L. 1133-1 des Ar­beits­ge­setz­buchs lau­tet: „Art. L. 1132-1 steht Un­gleich­be­hand­lun­gen nicht ent­ge­gen, die sich aus ei­ner we­sent­li­chen und ent­schei­den­den be­ruf­li­chen An­for­de­rung er­ge­ben, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt.“
Art. L. 1321-3 des Ar­beits­ge­setz­buchs lau­te­te in sei­ner im ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­raum gel­ten­den Fas­sung:
„Ar­beits­platz­vor­schrif­ten dürfen nicht ent­hal­ten:
1. Vor­schrif­ten, die dem primären oder se­kundären Recht oder den Re­ge­lun­gen der im Un­ter­neh­men oder Be­trieb für Ar­beits­mo­da­litäten gel­ten­den Kol­lek­tiv­verträge und Ge­pflo­gen­hei­ten wi­der­spre­chen;
2. Vor­schrif­ten, die Be­schränkun­gen persönli­cher Rech­te oder in­di­vi­du­el­ler oder kol­lek­ti­ver Frei­hei­ten vor­se­hen, die nicht durch die Art der aus­zuführen­den Auf­ga­be ge­recht­fer­tigt oder im Hin­blick auf das an­ge­streb­te Ziel verhält­nismäßig sind;
3. Vor­schrif­ten, die Ar­beit­neh­mer mit glei­chen be­ruf­li­chen Fähig­kei­ten in ih­rer Beschäfti­gung oder bei ih­rer Ar­beit aus Gründen ih­rer Her­kunft, ih­res Ge­schlechts, ih­res Ver­hal­tens, ih­rer se­xu­el­len Ori­en­tie­rung, ih­res Al­ters, … ih­rer po­li­ti­schen Über­zeu­gun­gen, ih­rer Betäti­gung in Ge­werk­schaf­ten oder Be­triebsräten, ih­rer re­li­giösen Über­zeu­gun­gen, ih­res äußer­li­chen Er­schei­nungs­bilds, ih­res Nach­na­mens oder aus Gründen ih­res Ge­sund­heits­zu­stands oder ih­rer Be­hin­de­rung dis­kri­mi­nie­ren.“
Den Ak­ten, die dem Ge­richts­hof vor­lie­gen, ist zu ent­neh­men, dass Frau Boug­naoui im Ok­to­ber 2007 vor ih­rer An­stel­lung durch das pri­va­te Un­ter­neh­men Mi­cro­po­le auf ei­ner Stu­die­ren­den­mes­se ei­nen Ver­tre­ter von Mi­cro­po­le traf, der sie dar­auf hin­wies, dass das Tra­gen des is­la­mi­schen Kopf­tuchs Pro­ble­me be­rei­ten könn­te, wenn sie mit den Kun­den die­ses Un­ter­neh­mens in Kon­takt tre­te. Als sich Frau Boug­naoui am 4. Fe­bru­ar 2008 bei Mi­cro­po­le vor­stell­te, um dort ihr Ab­schluss­prak­ti­kum zu ab­sol­vie­ren, trug sie ein ein­fa­ches Banda­na. Im An­schluss trug sie am Ar­beits­platz ein is­la­mi­sches Kopf­tuch. Nach Ab­sol­vie­rung des Prak­ti­kums stell­te Mi­cro­po­le sie ab 15. Ju­li 2008 mit ei­nem un­be­fris­te­ten Ar­beits­ver­trag als Soft­ware­de­si­gne­rin ein. 14
Am 15. Ju­ni 2009 wur­de sie zu ei­nem Vor­gespräch über ih­re et­wai­ge Ent­las­sung ge­be­ten und an­sch­ließend mit Schrei­ben vom 22. Ju­ni 2009 ent­las­sen. In die­sem Schrei­ben heißt es: "… Im Rah­men Ih­rer Auf­ga­ben ka­men Sie bei der Durchführung von Auf­trägen für un­se­re Kun­den zum Ein­satz.
Wir hat­ten Sie be­auf­tragt, am 15. Mai 2009 für den Kun­den … an des­sen Stand­ort … tätig zu wer­den. Im An­schluss an die­sen Ein­satz teil­te uns der Kun­de mit, dass ei­ne Rei­he sei­ner Mit­ar­bei­ter an dem Schlei­er An­s­toß ge­nom­men ha­be, den Sie tatsächlich täglich tra­gen. Er bat zu­dem dar­um, dass es ‚nächs­tes Mal kei­nen Schlei­er‘ ge­ben möge.
Bei Ih­rer Ein­stel­lung in un­se­rem Un­ter­neh­men und Ih­rem Gespräch mit Ih­rem Be­triebs­ma­na­ger … so­wie der Ver­ant­wort­li­chen für Ein­stel­lun­gen … wur­de das The­ma des Tra­gens ei­nes Schlei­ers sehr deut­lich mit Ih­nen be­spro­chen. Wir hat­ten Ih­nen klar­ge­macht, dass wir den Grund­satz der Mei­nungs­frei­heit eben­so wie die re­li­giösen Über­zeu­gun­gen ei­nes je­den völlig re­spek­tie­ren, dass Sie aber, da Sie so­wohl in­tern als auch ex­tern in Kon­takt mit Kun­den des Un­ter­neh­mens ste­hen würden, den Schlei­er nicht in al­len Si­tua­tio­nen würden tra­gen können. Im In­ter­es­se un­se­res Un­ter­neh­mens und sei­ner Ent­wick­lung se­hen wir uns ge­zwun­gen, ge­genüber un­se­ren Kun­den hin­sicht­lich der Äußerung persönli­cher Ein­stel­lun­gen un­se­rer An­ge­stell­ten Zurück­hal­tung zu ver­lan­gen.
Bei un­se­rem Gespräch vom 17. Ju­ni 2009 hat­ten wir die­sen Grund­satz not­wen­di­ger Neu­tra­lität Ih­nen ge­genüber be­kräftigt und Sie um sei­ne Ein­hal­tung ge­genüber un­se­rer Kund­schaft ge­be­ten. Wir hat­ten Sie er­neut ge­fragt, ob Sie die­se be­ruf­li­chen An­for­de­run­gen ak­zep­tie­ren könn­ten, in­dem Sie sich be­reit erklären würden, den Schlei­er nicht zu tra­gen, was Sie ver­nein­ten.
Wir sind der Mei­nung, dass die­se Tat­sa­chen aus den oben ge­nann­ten Gründen die Auflösung Ih­res Ar­beits­ver­trags recht­fer­ti­gen. Da Ih­re Hal­tung es unmöglich macht, dass Sie Ih­re Auf­ga­ben für das Un­ter­neh­men ausüben, weil wir auf­grund Ih­res Stand­punkts die wei­te­re Er­brin­gung von Leis­tun­gen durch Sie in Räum­lich­kei­ten un­se­rer Kun­den nicht länger in Be­tracht zie­hen können, wer­den Sie während Ih­rer Kündi­gungs­frist nicht ar­bei­ten können. Da die­se Nich­ter­brin­gung der Ar­beits­leis­tung während der Kündi­gungs­frist Ih­nen zu­zu­rech­nen ist, wer­den Sie während Ih­rer Kündi­gungs­frist kei­ne Vergütung er­hal­ten.
Wir be­dau­ern die­se Si­tua­ti­on, da Ih­re be­ruf­li­chen Fähig­kei­ten und Ihr Po­ten­zi­al auf ei­ne dau­er­haf­te Zu­sam­men­ar­beit hat­ten hof­fen las­sen."
Frau Boug­naoui hielt die­se Ent­las­sung für dis­kri­mi­nie­rend und er­hob da­her am 8. Sep­tem­ber 2009 Kla­ge vor dem Con­seil de prud’hom­mes de Pa­ris (Ar­beits­ge­richt Pa­ris, Frank­reich). Die­ses Ge­richt ver­ur­teil­te Mi­cro­po­le am 4. Mai 2011 zur Zah­lung ei­ner An­nah­me­ver­zugs­vergütung, weil im Ent­las­sungs­schrei­ben nicht auf die Schwe­re der Frau Boug­naoui vor­ge­wor­fe­nen Ver­feh­lung hin­ge­wie­sen wor­den sei, und wies die Kla­ge im Übri­gen mit der Be­gründung ab, dass die Be­schränkung der Frei­heit von Frau Boug­naoui, das is­la­mi­sche Kopf­tuch zu tra­gen, durch ih­ren Kon­takt mit den Kun­den des Un­ter­neh­mens ge­recht­fer­tigt sei und mit dem von Mi­cro­po­le ver­folg­ten Ziel, das Bild des Un­ter­neh­mens zu be­wah­ren und die Über­zeu­gun­gen ih­rer Kun­den nicht zu ver­let­zen, nicht außer Verhält­nis ste­he. 16
Frau Boug­naoui leg­te mit Un­terstützung der AD­DH bei der Cour d’ap­pel de Pa­ris (Be­ru­fungs­ge­richt Pa­ris, Frank­reich) Be­ru­fung ein. Mit Ent­schei­dung vom 18. April 2013 bestätig­te die­se die Ent­schei­dung des Con­seil des prud’hom­mes de Pa­ris (Ar­beits­ge­richt Pa­ris). Sie ent­schied u. a., dass die Ent­las­sung von Frau Boug­naoui kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der re­li­giösen Über­zeu­gun­gen der Ar­beit­neh­me­rin sei, da die­se sie in­ner­halb des Un­ter­neh­mens wei­ter­hin zum Aus­druck brin­gen dürfe. Die Ent­las­sung sei auch durch ei­ne rechtmäßige Be­schränkung im In­ter­es­se des Un­ter­neh­mens ge­recht­fer­tigt, wo­hin­ge­gen die Ausübung der Frei­heit, die re­li­giösen Über­zeu­gun­gen zu be­kun­den, durch die Ar­beit­neh­me­rin über die Sphäre des Un­ter­neh­mens hin­aus­ge­he und sich de­ren Kun­den auf­dränge, oh­ne ih­re Emp­find­lich­kei­ten zu be­ach­ten. Da­durch wer­de in die Rech­te Drit­ter ein­ge­grif­fen. 17
Frau Boug­naoui und die AD­DH leg­ten ge­gen die Ent­schei­dung vom 18.April 2013 bei der Cour de cas­sa­ti­on (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof, Frank­reich) Kas­sa­ti­ons­be­schwer­de ein. Vor die­sem Ge­richt ma­chen sie gel­tend, die Cour d’ap­pel de Pa­ris (Be­ru­fungs­ge­richt Pa­ris) ha­be u. a. ge­gen die Art. L. 1121-1, L. 1321-3 und L. 1132-1 des Ar­beits­ge­setz­buchs ver­s­toßen. Ein­schränkun­gen der Re­li­gi­ons­frei­heit müss­ten nämlich durch die Art der zu er­le­di­gen­den Auf­ga­be ge­recht­fer­tigt sein und ei­ner we­sent­li­chen und ent­schei­den­den be­ruf­li­chen An­for­de­rung ent­spre­chen, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­de­le. Das Tra­gen des is­la­mi­schen Kopf­tuchs durch die An­ge­stell­te ei­nes pri­va­ten Un­ter­neh­mens, die Kun­den­kon­takt ha­be, ver­let­ze nicht die Rech­te und Über­zeu­gun­gen Drit­ter. Das Un­be­ha­gen oder die Emp­find­lich­keit, das oder die bei Kun­den ei­nes ge­werb­li­chen Un­ter­neh­mens an­geb­lich be­reits beim bloßen An­blick ei­nes Zei­chens re­li­giöser Zu­gehörig­keit aus­gelöst wer­de, sei we­der ein taug­li­ches noch ein le­gi­ti­mes, dis­kri­mi­nie­rungs­frei­es Kri­te­ri­um, das es recht­fer­ti­gen würde, wirt­schaft­li­chen oder geschäft­li­chen In­ter­es­sen die­ses Un­ter­neh­mens den Vor­rang vor den Grund­frei­hei­ten ei­nes An­ge­stell­ten ein­zuräum­en. 18
Die mit dem Rechts­mit­tel be­fass­te Kam­mer für So­zi­al­sa­chen der Cour de cas­sa­ti­on (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof) führt aus, der Ge­richts­hof ha­be sich in sei­nem Ur­teil vom 10. Ju­li 2008, Fe­ryn (C-54/07, EU:C:2008:397), auf die Fest­stel­lung be­schränkt, dass die öffent­li­che Äußerung ei­nes Ar­beit­ge­bers, er wer­de kei­ne Ar­beit­neh­mer ei­ner be­stimm­ten eth­ni­schen Her­kunft oder Ras­se ein­stel­len, ei­ne un­mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung bei der Ein­stel­lung im Sin­ne der Richt­li­nie 2000/43/EG des Ra­tes vom 29. Ju­ni 2000 zur An­wen­dung des Gleich­be­hand­lungs­grund­sat­zes oh­ne Un­ter­schied der Ras­se oder der eth­ni­schen Her­kunft (ABl. 2000, L 180, S. 22) be­gründe. Er ha­be aber nicht ent­schie­den, ob Art. Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen sei, dass der Wunsch ei­nes Kun­den des Ar­beit­ge­bers, die Leis­tun­gen die­ses Un­ter­neh­mens aus ei­nem der in die­ser Richt­li­nie an­geführ­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­gründe nicht mehr von ei­nem Ar­beit­neh­mer ausführen zu las­sen, ei­ne auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stel­le.
Un­ter die­sen Umständen hat die So­zi­al­kam­mer der Cour de cas­sa­ti­on (Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hof) be­schlos­sen, das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen, und dem Ge­richts­hof fol­gen­de Fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­zu­le­gen: Ist Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen, dass der Wunsch ei­nes Kun­den ei­ner In­for­ma­tik­be­ra­tungs­ge­sell­schaft, die in­for­ma­ti­ons­tech­ni­schen Leis­tun­gen die­ses Un­ter­neh­mens nicht mehr von ei­ner an­ge­stell­ten Pro­jekt­in­ge­nieu­rin, die ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt, ausführen zu las­sen, ei­ne auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt?
Zum An­trag auf Wie­de­reröff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens
Nach Stel­lung der Schluss­anträge der Ge­ne­ral­anwältin hat Mi­cro­po­le am 18. No­vem­ber 2016 ei­nen An­trag auf Wie­de­reröff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens gemäß Art. 83 der Ver­fah­rens­ord­nung des Ge­richts­hofs ge­stellt.
Zur Stützung ih­res An­trags hat Mi­cro­po­le vor­ge­tra­gen, dass der Ge­richts­hof sie nach der Stel­lung der Schluss­anträge anhören müsse und sie dem Ge­richts­hof ergänzen­de In­for­ma­tio­nen zu­kom­men las­sen wol­le.
In­so­weit ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof nach Art. 83 sei­ner Ver­fah­rens­ord­nung je­der­zeit nach Anhörung des Ge­ne­ral­an­walts die Wie­de­reröff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens be­sch­ließen kann, ins­be­son­de­re wenn er sich für un­zu­rei­chend un­ter­rich­tet hält oder wenn ein zwi­schen den Par­tei­en oder den in Art.23 der Sat­zung des Ge­richts­hofs der Eu­ropäischen Uni­on be­zeich­ne­ten Be­tei­lig­ten nicht erörter­tes Vor­brin­gen ent­schei­dungs­er­heb­lich ist.
Im vor­lie­gen­den Fall ist der Ge­richts­hof nach Anhörung der Ge­ne­ral­anwältin der An­sicht, dass er über al­le An­ga­ben verfügt, die er­for­der­lich sind, um über das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zu ent­schei­den, und dass die­ses Er­su­chen nicht im Hin­blick auf ein Vor­brin­gen zu prüfen ist, das vor ihm nicht erörtert wor­den ist.
Der An­trag von Mi­cro­po­le auf Wie­de­reröff­nung des münd­li­chen Ver­fah­rens ist da­her zurück­zu­wei­sen. Zur Vor­la­ge­fra­ge
Mit sei­ner Fra­ge möch­te das vor­le­gen­de Ge­richt wis­sen, ob Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass der Wil­le ei­nes Ar­beit­ge­bers, den Wünschen ei­nes Kun­den zu ent­spre­chen, die Leis­tun­gen die­ses Ar­beit­ge­bers nicht mehr von ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ausführen zu las­sen, die ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt, ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne die­ser Be­stim­mung dar­stellt.
Ers­tens be­steht nach Art.1 der Richt­li­nie 2000/78 ihr Zweck in der Schaf­fung ei­nes all­ge­mei­nen Rah­mens zur Bekämp­fung der Dis­kri­mi­nie­rung we­gen der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung, ei­ner Be­hin­de­rung, des Al­ters oder der se­xu­el­len Aus­rich­tung in Beschäfti­gung und Be­ruf im Hin­blick auf die Ver­wirk­li­chung des Grund­sat­zes der Gleich­be­hand­lung in den Mit­glied­staa­ten. 27
Der in Art.1 der Richt­li­nie 2000/78 ver­wen­de­te Be­griff der Re­li­gi­on wird in die­ser Richt­li­nie nicht de­fi­niert. 28
Im ers­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 hat der Uni­ons­ge­setz­ge­ber je­doch auf die Grund­rech­te Be­zug ge­nom­men, wie sie in der am 4. No­vem­ber 1950 in Rom un­ter­zeich­ne­ten Eu­ropäischen Kon­ven­ti­on zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten (im Fol­gen­den: EM­RK) gewähr­leis­tet sind. Die EM­RK sieht in ih­rem Art. 9 vor, dass je­de Per­son das Recht auf Ge­dan­ken-, Ge­wis­sens- und Re­li­gi­ons­frei­heit hat, wo­bei die­ses Recht u. a. die Frei­heit um­fasst, sei­ne Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung ein­zeln oder ge­mein­sam mit an­de­ren öffent­lich oder pri­vat durch Got­tes­dienst, Un­ter­richt oder Prak­ti­zie­ren von Bräuchen und Ri­ten zu be­ken­nen.
Der Uni­ons­ge­setz­ge­ber hat im ers­ten Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 außer­dem auf die ge­mein­sa­men Ver­fas­sungsüber­lie­fe­run­gen der Mit­glied­staa­ten als all­ge­mei­ne Grundsätze des Uni­ons­rechts Be­zug ge­nom­men. Zu den Rech­ten, die sich aus die­sen ge­mein­sa­men Ver­fas­sungsüber­lie­fe­run­gen er­ge­ben und die in der Char­ta der Grund­rech­te der Eu­ropäischen Uni­on (im Fol­gen­den: Char­ta) be­kräftigt wur­den, gehört das in Art. 10 Abs. 1 der Char­ta ver­an­ker­te Recht auf Ge­wis­sens- und Re­li­gi­ons­frei­heit. Es um­fasst nach die­ser Be­stim­mung die Frei­heit, die Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung zu wech­seln, und die Frei­heit, sei­ne Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung ein­zeln oder ge­mein­sam mit an­de­ren öffent­lich oder pri­vat durch Got­tes­dienst, Un­ter­richt, Bräuche und Ri­ten zu be­ken­nen. Wie sich aus den Erläute­run­gen zur Char­ta der Grund­rech­te (ABl.2007, C 303, S.17) er­gibt, ent­spricht das in Art.10 Abs.1 der Char­ta ga­ran­tier­te Recht dem durch Art.9 EM­RK ga­ran­tier­ten Recht, und nach Art.52 Abs.3 der Char­ta hat es die glei­che Be­deu­tung und die glei­che Trag­wei­te wie die­ses. 30
Da die EM­RK und in der Fol­ge die Char­ta dem Be­griff der Re­li­gi­on ei­ne wei­te Be­deu­tung bei­le­gen und dar­un­ter auch die Frei­heit der Per­so­nen, ih­re Re­li­gi­on zu be­ken­nen, fas­sen, ist da­von aus­zu­ge­hen, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber beim Er­lass der Richt­li­nie 2000/78 den glei­chen An­satz ver­fol­gen woll­te, so dass der Be­griff der Re­li­gi­on in Art. 1 der Richt­li­nie da­hin aus­zu­le­gen ist, dass er so­wohl das fo­rum in­ter­num, d. h. den Um­stand, Über­zeu­gun­gen zu ha­ben, als auch das fo­rum ex­ter­num, d. h. die Be­kun­dung des re­li­giösen Glau­bens in der Öffent­lich­keit, um­fasst.
Zwei­tens ist fest­zu­stel­len, dass der Vor­la­ge­ent­schei­dung nicht zu ent­neh­men ist, ob sich die Fra­ge des vor­le­gen­den Ge­richts aus der Fest­stel­lung ei­ner un­mit­tel­bar auf der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung be­ru­hen­den Un­gleich­be­hand­lung er­gibt oder aus der Fest­stel­lung ei­ner mit­tel­bar auf die­sen Kri­te­ri­en be­ru­hen­den Un­gleich­be­hand­lung.
War in­so­weit die Ent­las­sung von Frau Boug­naoui - was zu prüfen Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts ist - auf ei­nen Ver­s­toß ge­gen ei­ne in­ner­halb des Un­ter­neh­mens gel­ten­de in­ter­ne Re­gel gestützt, die das Tra­gen je­des sicht­ba­ren Zei­chens po­li­ti­scher, phi­lo­so­phi­scher oder re­li­giöser Über­zeu­gun­gen ver­bie­tet, und soll­te sich her­aus­stel­len, dass die­se dem An­schein nach neu­tra­le Re­gel tatsächlich da­zu führt, dass Per­so­nen in be­son­de­rer Wei­se be­nach­tei­ligt wer­den, die wie Frau Boug­naoui ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­on oder Welt­an­schau­ung an­gehören, wird von ei­ner mit­tel­bar auf der Re­li­gi­on oder der Welt­an­schau­ung be­ru­hen­den Un­gleich­be­hand­lung im Sin­ne von Art.2 Abs.2 Buchst.b der Richt­li­nie 2000/78 aus­zu­ge­hen sein (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom heu­ti­gen Tag, G4S Se­cu­re So­lu­ti­ons, C-157/15, Rn. 30 und 34).
Nach Art.2 Abs.2 Buchst.b Ziff. i der Richt­li­nie 2000/78 würde ei­ne sol­che Un­gleich­be­hand­lung je­doch nicht zu ei­ner mit­tel­ba­ren Dis­kri­mi­nie­rung führen, wenn sie durch ein rechtmäßiges Ziel wie die Um­set­zung ei­ner Po­li­tik der Neu­tra­lität durch Mi­cro­po­le im Verhält­nis zu ih­ren Kun­den sach­lich ge­recht­fer­tigt wäre und die Mit­tel zur Er­rei­chung die­ses Ziels an­ge­mes­sen und er­for­der­lich wären (vgl. in die­sem Sin­ne Ur­teil vom heu­ti­gen Tag, G4S Se­cu­re So­lu­ti­ons, C-157/15, Rn. 35 bis 43).
Für den Fall, dass die Ent­las­sung von Frau Boug­naoui nicht auf ei­nen Ver­s­toß ge­gen ei­ne in­ner­halb des Un­ter­neh­mens gel­ten­de in­ter­ne Re­gel, wie sie in Rn. 32 des vor­lie­gen­den Ur­teils an­geführt wur­de, gestützt wäre, ist hin­ge­gen zu prüfen - wie auch die Fra­ge des vor­le­gen­den Ge­richts na­he­legt -, ob der Wil­le ei­nes Ar­beit­ge­bers, dem Wunsch ei­nes Kun­den zu ent­spre­chen, die Leis­tun­gen nicht mehr von ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ausführen zu las­sen, die wie Frau Boug­naoui von die­sem Ar­beit­ge­ber zu die­sem Kun­den ge­schickt wur­de und ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt, ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne von Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 dar­stellt.
Nach die­ser Be­stim­mung können die Mit­glied­staa­ten vor­se­hen, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen ei­nes Merk­mals, das im Zu­sam­men­hang mit ei­nem der in Art. 1 die­ser Richt­li­nie ge­nann­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­gründe steht, kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt, wenn das be­tref­fen­de Merk­mal auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stellt, so­fern es sich um ei­nen rechtmäßigen Zweck und ei­ne an­ge­mes­se­ne An­for­de­rung han­delt.
So­mit ist es Sa­che der Mit­glied­staa­ten, ge­ge­be­nen­falls vor­zu­se­hen, dass ei­ne Un­gleich­be­hand­lung we­gen ei­nes Merk­mals, das im Zu­sam­men­hang mit ei­nem der in Art. 1 der Richt­li­nie ge­nann­ten Dis­kri­mi­nie­rungs­gründe steht, kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung dar­stellt. Das scheint nach Art. L. 1133-1 des Ar­beits­ge­setz­buchs vor­lie­gend der Fall zu sein. Dies zu prüfen ist je­doch Sa­che des vor­le­gen­den Ge­richts.
Dies vor­aus­ge­schickt, ist dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der Ge­richts­hof wie­der­holt ent­schie­den hat, dass nach Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2000/78 nicht der Grund, auf den die Un­gleich­be­hand­lung gestützt ist, son­dern ein mit die­sem Grund im Zu­sam­men­hang ste­hen­des Merk­mal ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stel­len muss (vgl. Ur­tei­le vom 12. Ja­nu­ar 2010, Wolf, C-229/08, EU:C:2010:3, Rn.35, vom 13. Sep­tem­ber 2011, Prig­ge u. a., C-447/09, EU:C:2011:573, Rn.66, vom 13. No­vem­ber 2014, Vi­tal Pérez, C-416/13, EU:C:2014:2371, Rn.36, so­wie vom 15. No­vem­ber 2016, , C-258/15, EU:C:2016:873, Rn.33). 38
Darüber hin­aus kann nach dem 23. Erwägungs­grund der Richt­li­nie 2000/78 ein Merk­mal, das u. a. mit der Re­li­gi­on im Zu­sam­men­hang steht, nur un­ter sehr be­grenz­ten Be­din­gun­gen ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung dar­stel­len.
Auch kann nach dem Wort­laut von Art.4 Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 selbst das be­tref­fen­de Merk­mal ei­ne sol­che An­for­de­rung nur „auf­grund der Art ei­ner be­stimm­ten be­ruf­li­chen Tätig­keit oder der Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung“ dar­stel­len.
Aus die­sen ver­schie­de­nen Hin­wei­sen folgt, dass der Be­griff „we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung“ im Sin­ne die­ser Be­stim­mung auf ei­ne An­for­de­rung ver­weist, die von der Art der be­tref­fen­den be­ruf­li­chen Tätig­keit oder den Be­din­gun­gen ih­rer Ausübung ob­jek­tiv vor­ge­ge­ben ist. Er kann sich hin­ge­gen nicht auf sub­jek­ti­ve Erwägun­gen wie den Wil­len des Ar­beit­ge­bers, be­son­de­ren Kun­denwünschen zu ent­spre­chen, er­stre­cken.
Da­her ist auf die Fra­ge des vor­le­gen­den Ge­richts zu ant­wor­ten, dass Art. Abs.1 der Richt­li­nie 2000/78 da­hin aus­zu­le­gen ist, dass der Wil­le ei­nes Ar­beit­ge­bers, den Wünschen ei­nes Kun­den zu ent­spre­chen, die Leis­tun­gen die­ses Ar­beit­ge­bers nicht mehr von ei­ner Ar­beit­neh­me­rin ausführen zu las­sen, die ein is­la­mi­sches Kopf­tuch trägt, nicht als ei­ne we­sent­li­che und ent­schei­den­de be­ruf­li­che An­for­de­rung im Sin­ne die­ser Be­stim­mung an­ge­se­hen wer­den kann. Kos­ten
* Ver­fah­rens­spra­che: Französisch.
Quel­le: Ge­richts­hof der Eu­ropäischen Uni­on (EuGH), http://cu­ria.eu­ro­pa.eu m.hensche.de
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