Source: http://www.hensche.de/arbeitsrecht-urteile-bag-5azr374-16-21.12.2016-Mindestlohn-Zulagen-u.html
Timestamp: 2018-05-24 11:51:11
Document Index: 270501156

Matched Legal Cases: ['EuG', 'EuG', '§ 253', '§ 1', '§ 20', '§ 1', '§ 362', '§ 1', '§ 3', '§ 362', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', 'EuG', '§ 6', 'EuG', '§ 6', '§ 97', '§ 91']

BAG, Urteil vom 21.12.2016, 5 AZR 374/16 - HENSCHE Arbeitsrecht
BAG, Ur­teil vom 21.12.2016, 5 AZR 374/16
Schlagworte: Mindestlohn: Zulagen, Mindestlohn, Leistungszulage
Aktenzeichen: 5 AZR 374/16
Leitsätze: Die Auslegung des Mindestlohngesetzes hat die Rechtsprechung des EuGH zum Arbeitnehmerentsenderecht zu beachten. Danach sind alle zwingend und transparent geregelten Gegenleistungen des Arbeitgebers für die Arbeitsleistung des Arbeitnehmers Bestandteile des Mindestlohns (EuGH 12. Februar 2015 - C-396/13 - [Sähköalojen ammattiliitto]).
Vorinstanzen: Arbeitsgericht Berlin, Urteil vom 05.10.2015, 19 Ca 8090/15
Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 07.04.2016, 10 Sa 2139/15
10 Sa 2139/15
hat der Fünf­te Se­nat des Bun­des­ar­beits­ge­richts auf­grund der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 21. De­zem­ber 2016 durch den Vi­ze­präsi­den­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts Dr. Müller-Glöge, den Rich­ter am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Biebl, die Rich­te­rin am Bun­des­ar­beits­ge­richt Dr. Volk so­wie die eh­ren­amt­li­chen Rich­ter Man­d­ros­sa und Bor­mann für Recht er­kannt:
1. Auf die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird das Ur­teil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg vom 7. April 2016 - 10 Sa 2139/15 - auf­ge­ho­ben.
2. Die Be­ru­fung der Kläge­rin ge­gen das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts Ber­lin vom 5. Ok­to­ber 2015 - 19 Ca 8090/15 - wird zurück­ge­wie­sen.
Die Par­tei­en strei­ten über die Erfüllung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohn­an­spruchs.
Die Kläge­rin ist seit 2006 bei der Be­klag­ten als Te­le­fo­nis­tin im Schicht­dienst acht St­un­den täglich zu ei­nem Brut­to­mo­nats­ge­halt von zu­letzt 1.280,00 Eu­ro beschäftigt.
Der seit meh­re­ren Jah­ren gekündig­te, zwi­schen der Be­klag­ten und ver.di ab­ge­schlos­se­ne Vergütungs­ta­rif­ver­trag vom 24. Au­gust 2001 enthält ei­ne Re­ge­lung, wo­nach sich das mo­nat­li­che Brut­to­grund­ge­halt ei­ner Te­le­fo­nis­tin bei nach­ge­wie­se­ner Befähi­gung und Fer­tig­keit der selbständi­gen Funk­ka­nal­be­die­nung um 30,68 Eu­ro je Ka­nal (max. 122,71 Eu­ro) erhöht, un­abhängig von de­ren tatsäch­li­cher Be­die­nung.
Gemäß ei­ner Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 22. Ju­li 1999 er­hal­ten An­ge­stell­te der Be­klag­ten Leis­tungs­prämi­en, die ent­we­der durch ei­ne Kenn­zif­fer be­mes­sen wer­den, die aus ver­schie­de­nen Auf­trags­ar­ten der Te­le­fo­n­an­nah­me und Funk­ver­mitt­lung im Ver­gleich al­ler Mit­ar­bei­ter er­mit­telt wird (Leis­tungs­prämie LP1), oder sich nach all­ge­mei­nen Kri­te­ri­en wie Spra­che, Höflich­keit, Kor­rekt­heit und Zu­verlässig­keit (Leis­tungs­prämie LP2) rich­tet.
In den Mo­na­ten Ja­nu­ar bis Ju­li 2015 zahl­te die Be­klag­te der Kläge­rin je­weils ne­ben dem Brut­to­grund­ge­halt iHv. 1.280,00 Eu­ro, Wech­sel­schicht­zu­la­gen iHv. 243,75 Eu­ro brut­to, Funk­prämi­en iHv. 122,71 Eu­ro brut­to so­wie zwei Leis­tungs­prämi­en iHv. 81,81 Eu­ro brut­to (LP1) und 51,13 Eu­ro brut­to (LP2).
Nach er­folg­lo­ser außer­ge­richt­li­cher Gel­tend­ma­chung hat die Kläge­rin Zah­lungs­kla­ge er­ho­ben. Sie for­dert wei­te­re Vergütung für den Zeit­raum von Ja­nu­ar bis Ju­li 2015. Die Kläge­rin meint, die Be­klag­te erfülle nicht den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn. Bei durch­schnitt­lich 182,5 St­un­den im Mo­nat müsse der mo­nat­li­che Brut­to­grund­lohn 1.551,25 Eu­ro be­tra­gen. Die Zu­la­gen und Prämi­en würden den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nicht erfüllen.
die Be­klag­te zu ver­ur­tei­len, an die Kläge­rin 1.898,75 Eu­ro brut­to nebst Zin­sen in ge­staf­fel­ter Höhe zu zah­len.
Das Ar­beits­ge­richt hat die Kla­ge ab­ge­wie­sen. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat auf die Be­ru­fung der Kläge­rin das Ur­teil des Ar­beits­ge­richts ab­geändert und der Kla­ge statt­ge­ge­ben. Mit der vom Lan­des­ar­beits­ge­richt zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on be­gehrt die Be­klag­te die Wie­der­her­stel­lung des erst­in­stanz­li­chen Ur­teils.
Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist be­gründet. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat das erst­in­stanz­li­che Ur­teil zu Un­recht ab­geändert. Die Be­klag­te hat den An­spruch der Kläge­rin auf Zah­lung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns erfüllt.
I. Die Kla­ge ist zulässig, ins­be­son­de­re hin­rei­chend be­stimmt iSv. § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO. Die Ansprüche sind auf kon­kre­te Vergütungs­dif­fe­ren­zen über ei­ne Zeit von sie­ben Mo­na­ten ge­rich­tet. Die Kla­ge ist für den streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum als ab­sch­ließen­de Ge­samt­kla­ge zu ver­ste­hen (vgl. BAG
23. Sep­tem­ber 2015 - 5 AZR 626/13 - Rn. 12; 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 14).
1. Die Kla­ge­be­gründung ist be­reits un­schlüssig, weil die Kläge­rin ih­re For­de­rung nicht nach den tatsächlich ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den, son­dern an­hand der ar­beits­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten mo­nat­li­chen St­un­den­zahl be­rech­net hat. Der An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn ent­steht mit je­der ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­de (§ 1 Abs. 2 iVm. §§ 20, 1 Abs. 1 Mi­LoG). Dies er­for­dert die schlüssi­ge Dar­le­gung der tatsächlich ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den. Die Be­haup­tung ei­ner aus dem Durch­schnitt ei­nes Zeit­raums er­mit­tel­ten St­un­den­zahl er­setzt die­sen Vor­trag nicht. Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn in die­ser St­un­den­zahl Zei­ten oh­ne Ar­beits­leis­tung, aber fort­be­ste­hen­dem Vergütungs­an­spruch (zB Ent­gelt­fort­zah­lung im Krank­heits­fall und an Fei­er­ta­gen oder Ur­laub) ent­hal­ten sind, für die das Min­dest­l­ohn­ge­setz man­gels tatsäch­li­cher Ar­beits­leis­tung kei­ne Ansprüche be­gründet. In­so­fern ist Sach­vor­trag nach den je­weils ein­schlägi­gen Nor­men zu leis­ten (BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 19). Der Se­nat braucht aber nicht auf ei­ne ent­spre­chen­de Ergänzung des Vor­trags der Kläge­rin hin­zu­wir­ken, weil der Zah­lungs­an­trag in je­dem Fall un­be­gründet ist.
2. Der An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn nach § 1 Abs. 1 Mi­LoG ist durch Erfüllung er­lo­schen.
a) Die Be­klag­te hat den Min­dest­lohn­an­spruch der Kläge­rin durch mo­nat­li­che Zah­lung des Brut­to­ge­halts so­wie der wei­te­ren Zu­la­gen und Prämi­en erfüllt (§ 362 Abs. 1 BGB).
aa) Der Min­dest­lohn­an­spruch aus § 1 Abs. 1 Mi­LoG ist ein ge­setz­li­cher An­spruch, der ei­genständig ne­ben den ar­beits- oder ta­rif­ver­trag­li­chen Ent­gelt­an­spruch tritt (BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 22 mwN). § 3 Mi­LoG führt bei Un­ter­schrei­ten des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns zu ei­nem Dif­fe­renz­an­spruch. Da­bei schei­den länge­re Be­rech­nungs­zeiträume als ein Ka­len­der­mo­nat für die Fra­ge, ob ein An­spruch auf Dif­fe­renz­vergütung ent­stan­den ist, aus (vgl. BAG
25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 25 mwN). An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn ha­ben al­le Ar­beit­neh­mer, auch wenn ih­re durch Ar­beits- oder Ta­rif­ver­trag ge­re­gel­te Vergütung über dem ge­setz­li­chen Min­dest­lohn liegt (vgl. BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 23 mwN).
bb) Der Ar­beit­ge­ber hat den An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn erfüllt, wenn die für ei­nen Ka­len­der­mo­nat ge­zahl­te Brut­to­vergütung den Be­trag er­reicht, der sich aus der Mul­ti­pli­ka­ti­on der An­zahl der in die­sem Mo­nat tatsächlich ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den mit 8,50 Eu­ro er­gibt (vgl. BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 26).
Erfüllung iSv. § 362 Abs. 1 BGB tritt beim An­spruch auf den ge­setz­li­chen Min­dest­lohn ein mit Zah­lung des Brut­to­ar­beits­ent­gelts, denn der ge­setz­li­che Min­dest­lohn ist das als Ge­gen­leis­tung für die Ar­beit (min­des­tens) zu er­brin­gen­de Ent­gelt (vgl. zur Aus­le­gung des Be­griffs Min­dest­lohn BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 28 ff.).
b) Ent­ge­gen dem Lan­des­ar­beits­ge­richt ge­bie­tet die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes kein an­de­res Aus­le­gungs­er­geb­nis.
aa) Für die Aus­le­gung von Ge­set­zen ist der in der Norm zum Aus­druck kom­men­de ob­jek­ti­vier­te Wil­le des Ge­setz­ge­bers maßge­bend, wie er sich aus dem Wort­laut der Vor­schrift und dem Sinn­zu­sam­men­hang er­gibt, in den sie hin­ein­ge­stellt ist (BVerfG 17. Mai 1960 - 2 BvL 11/59 und 11/60 - zu B I 1 der Gründe, BVerfGE 11, 126; 20. März 2002 - 2 BvR 794/95 - zu B II 1 a der Gründe, BVerfGE 105, 135; 19. März 2013 - 2 BvR 2628/10 ua. - Rn. 66, BVerfGE 133, 168). Der Er­fas­sung des ob­jek­ti­ven Wil­lens des Ge­setz­ge­bers die­nen die an­er­kann­ten Me­tho­den der Ge­set­zes­aus­le­gung aus dem Wort­laut der Norm, der Sys­te­ma­tik, ih­rem Sinn und Zweck so­wie aus den Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en und der Ent­ste­hungs­ge­schich­te, die ein­an­der nicht aus­sch­ließen, son­dern sich ge­gen­sei­tig ergänzen. Der Wort­laut gibt nicht im­mer hin­rei­chen­de Hin­wei­se auf den Wil­len des Ge­setz­ge­bers. Un­ter Umständen wird erst im Zu­sam­men­hang mit Sinn und Zweck des Ge­set­zes oder an­de­ren Aus­le­gungs­ge­sichts­punk­ten die im Wort­laut aus­ge­drück­te, vom Ge­setz­ge­ber ver­folg­te Re­ge-
lungs­kon­zep­ti­on deut­lich. Für die Be­ant­wor­tung der Fra­ge, wel­che Re­ge­lungs­kon­zep­ti­on dem Ge­setz zu­grun­de liegt, kommt da­ne­ben den Ge­set­zes­ma­te­ria­li­en und der Sys­te­ma­tik des Ge­set­zes ei­ne In­dizwir­kung zu (vgl. BVerfG 19. März 2013 - 2 BvR 2628/10 ua. - Rn. 66, aaO).
bb) Im Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren hat­te der Bun­des­rat zu Recht dar­auf ver­wie­sen (BT-Drs. 18/1558 S. 61 ff.), dass das Min­dest­l­ohn­ge­setz selbst nicht klar­stellt, wel­che Lohn­be­stand­tei­le auf das Min­des­tent­gelt an­zu­rech­nen sind, und des­halb die­se Klärung der Recht­spre­chung übe­r­ant­wor­tet würde. Die Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung (Ge­genäußerung zur Stel­lung­nah­me des Bun­des­ra­tes vom 23. Mai 2014, BT-Drs. 18/1558 S. 67 ff.) wi­der­sprach dem nicht, son­dern ver­wies auf die be­reits vor­lie­gen­de Recht­spre­chung des EuGH und des Bun­des­ar­beits­ge­richts. Die­se Recht­spre­chung wur­de von der Bun­des­re­gie­rung in ih­rer Ant­wort in­ter­pre­tiert. Doch un­ter­blieb ei­ne Kon­kre­ti­sie­rung des Norm­tex­tes, ins­be­son­de­re wur­de nicht der Be­griff der „Nor­mal­leis­tung“ in den Wort­laut des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes auf­ge­nom­men. Dies wäre aber not­wen­dig ge­we­sen, wenn die Bun­des­re­gie­rung ab­wei­chend von der Be­gründung des Re­gie­rungs­ent­wurfs (BT-Drs. 18/1558 S. 34) für aus­sch­ließlich leis­tungs- oder er­folgs­abhängig vergüte­te Ar­beit­neh­mer ei­ge­ne Re­geln hätte schaf­fen wol­len. Ge­ra­de die­se Ar­beit­neh­mer be­stim­men durch ih­re Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten, ihr En­ga­ge­ment, ih­ren Ein­satz, ih­re Freund­lich­keit oder an­de­re wei­che Fak­to­ren die Höhe ih­res Ver­diens­tes, der nach dem be­schlos­se­nen und verkünde­ten Ge­setz in vol­ler Höhe das ge­schul­de­te Min­des­tent­gelt zu erfüllen ver­mag.
Be­stimmt sich der Min­dest­lohn­be­griff nach den Re­geln des Ar­beit­neh­mer­ent­sen­de­rechts (Richt­li­nie 96/71/EG des Eu­ropäischen Par­la­ments und des Ra­tes vom 16. De­zem­ber 1996), recht­fer­tigt dies den Ver­weis der Bun­des­re­gie­rung auf die frühe­re Recht­spre­chung des EuGH, wo­nach Zu­la­gen und Zu­schläge, die durch die na­tio­na­len Rechts­vor­schrif­ten oder Prak­ti­ken des Mit­glied­staats, in des­sen Ho­heits­ge­biet der Ar­beit­neh­mer ent­sandt wird, nicht als Be­stand­tei­le des Min­dest­lohns de­fi­niert wer­den und die das Verhält­nis zwi­schen der Leis­tung des Ar­beit­neh­mers auf der ei­nen und der ihm er­brach­ten Ge­gen­leis­tung auf der an­de­ren Sei­te verändern, nicht als Be­stand­tei­le des Min­dest-
lohns be­trach­tet wer­den können (EuGH 14. April 2005 - C-341/02 - [Kom­mis­si­on/Deutsch­land] Rn. 39; 7. No­vem­ber 2013 - C-522/12 - [Is­bir] Rn. 38). Doch hat der EuGH mit ei­nem der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung und der Ver­ab­schie­dung des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes zeit­lich nach­fol­gen­den Ur­teil sei­ne Recht­spre­chung fort­geführt und wei­ter präzi­siert. Nach die­ser na­tio­nal bin­den­den Ent­schei­dung sind al­le „zwin­gend und trans­pa­rent ge­re­gel­ten Ge­gen­leis­tun­gen des Ar­beit­ge­bers“ für die Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers „Be­stand­tei­le des Min­dest­lohns“ (vgl. EuGH 12. Fe­bru­ar 2015 - C-396/13 - [Sähköalo­jen am­mat­ti­liit­to] Rn. 42, 44 so­wie 68). Mit der am 25. Mai 2016 be­gon­ne­nen Recht­spre­chung zum Min­dest­l­ohn­ge­setz folgt der Se­nat die­ser Be­griffs­be­stim­mung und berück­sich­tigt da­bei die Zweck­rich­tung des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns.
Vor­ran­gi­ger Zweck des ge­setz­li­chen Min­dest­lohns ist es, je­dem Ar­beit­neh­mer ein exis­tenz­si­chern­des Mo­nats­ein­kom­men zu gewähr­leis­ten (BT-Drs. 18/1558 S. 28; BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 29). Die­sem Zweck ver­mag je­de dem Ar­beit­neh­mer ver­blei­ben­de Vergütungs­zah­lung des Ar­beit­ge­bers zu die­nen, un­abhängig da­von, zu wel­cher Ta­ges­zeit, un­ter wel­chen Umständen oder in wel­cher Qua­lität die Ar­beit er­bracht wur­de (vgl. Sit­tard RdA 2015, 99, 102). Folg­lich fehlt von den im ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­tausch­verhält­nis zu er­brin­gen­den Ent­gelt­zah­lun­gen des Ar­beit­ge­bers nur sol­chen die Erfüllungs­wir­kung, die der Ar­beit­ge­ber oh­ne Rück­sicht auf ei­ne tatsächli­che Ar­beits­leis­tung des Ar­beit­neh­mers er­bringt oder die auf ei­ner be­son­de­ren ge­setz­li­chen Zweck­be­stim­mung (zB § 6 Abs. 5 Arb­ZG) be­ru­hen (vgl. BAG 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - Rn. 32). Die­se norm­zweck­ori­en­tier­te Aus­le­gung des Min­dest­lohn­be­griffs erfüllt die vom EuGH ge­for­der­te Trans­pa­renz, denn sie er­laubt es auch ausländi­schen Ar­beit­ge­bern und Ar­beit­neh­mern, sich rechts­si­cher auf das deut­sche Min­dest­lohn­recht ein­zu­stel­len.
Zu­dem wird die­se norm­zweck­ori­en­tier­te Aus­le­gung des Min­dest­lohn­be­griffs durch das späte­re Ver­hal­ten des Bun­des­ra­tes nach Be­kannt­wer­den der ers­ten Ent­schei­dun­gen des Se­nats zum Min­dest­l­ohn­ge­setz bestätigt. Der Bun­des­rat hat ent­ge­gen der Initia­ti­ve ein­zel­ner Bun­desländer ei­ne Ent­schließung zur Klar­stel­lung des Min­dest­lohn­be­griffs ge­ra­de nicht ge­fasst und da­mit die ab Mai 2016 ein­ge­lei­te­te Aus­le­gung des Ge­set­zes durch die Recht­spre­chung ak-
zep­tiert (vgl. die Initia­ti­ve ein­zel­ner Bun­desländer nach der Ent­schei­dung des Se­nats vom 25. Mai 2016 - 5 AZR 135/16 - und die Ent­schei­dung des Bun­des­ra­tes vom 23. Sep­tem­ber 2016, BR-Drs. 361/16).
c) Da­nach sind die Min­dest­lohn­ansprüche der Kläge­rin in den Ka­len­der­mo­na­ten Ja­nu­ar bis Ju­li 2015 erfüllt. Ne­ben dem mo­nat­li­chen Brut­to­ge­halt kommt auch den vor­be­halt­los und un­wi­der­ruf­lich in je­dem Ka­len­der­mo­nat ge­zahl­ten Zu­la­gen und Prämi­en Erfüllungs­wir­kung zu.
aa) Die Wech­sel­schicht­zu­la­ge ist ei­ne im Sy­nal­lag­ma ste­hen­de Geld­leis­tung der Be­klag­ten. Die Kläge­rin erhält die­se als Brut­to­vergütung ergänzend zum Mo­nats(grund)lohn. Zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis führt, dass die Be­klag­te die Zu­la­ge oh­ne Rück­sicht auf die La­ge der Ar­beits­zeit der Kläge­rin mo­nat­lich in gleich­blei­ben­der Höhe zahlt. Denn dies spricht al­len­falls dafür, dass die Zu­la­ge all­ge­mei­ner Na­tur ist und nicht ei­ne Er­schwer­nis der Ar­beits­er­brin­gung in Wech­sel­schicht aus­glei­chen soll. Selbst dann wäre die Zu­la­ge aber ei­ne für die Ar­beits­leis­tung er­brach­te Zah­lung. Ei­ner be­son­de­ren ge­setz­li­chen Zweck­be­stim­mung un­ter­liegt die Wech­sel­schicht­zu­la­ge nicht. In § 6 Abs. 5 Arb­ZG wer­den be­son­de­re Zah­lungs­pflich­ten le­dig­lich für Nacht­ar­beit­neh­mer vor­ge­se­hen. Ei­ne ent­spre­chen­de Re­ge­lung für Schicht­ar­beit­neh­mer enthält das Ge­setz nicht.
bb) Bei der Funk­prämie han­delt es sich um ein im ar­beits­ver­trag­li­chen Aus­tausch­verhält­nis er­brach­tes Ent­gelt. Die Be­klag­te zahlt die­se Prämi­en oh­ne Rück­sicht dar­auf, ob die Kläge­rin ein­zel­ne Kanäle im Ab­rech­nungs­zeit­raum tatsächlich be­dient hat. Da­mit ho­no­riert sie vor­ge­hal­te­ne Fähig­kei­ten zur Er­brin­gung der Ar­beits­leis­tung, al­so die Ar­beits­leis­tung selbst.
cc) Sch­ließlich sind die Leis­tungs­zu­la­gen LP1 und LP2 im Sy­nal­lag­ma ste­hen­de Geld­leis­tun­gen der Be­klag­ten, die den Min­dest­lohn­an­spruch der Kläge­rin mit­erfüllen. Da­hin­ste­hen kann, ob sie - wie ursprüng­lich in der Be­triebs­ver­ein­ba­rung vom 22. Ju­li 1999 vor­ge­se­hen - anläss­lich ei­ner be­son­de­ren Leis­tung der Kläge­rin ge­zahlt wer­den oder ob es sich da­bei um pau­scha­le Zah­lun­gen han­delt. Je­den­falls wer­den die Leis­tungs­zu­la­gen als Ge­gen­leis­tung für die
Ar­beits­leis­tung der Kläge­rin ge­zahlt und un­ter­fal­len da­her dem um­fas­sen­den Ent­gelt­be­griff des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes.
III. Die Kläge­rin hat die Kos­ten der Be­ru­fung nach § 97 Abs. 1 ZPO und die der Re­vi­si­on nach § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO zu tra­gen.
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