Source: https://forum.integrationsaemter.de/viewtopic.php?f=11&t=989&p=3625&hilit=Zusatzurlaub+anteilig
Timestamp: 2019-12-05 15:39:18
Document Index: 374084486

Matched Legal Cases: ['§ 208', '§ 208', '§ 208', '§ 125', '§ 125', '§ 125', '§ 125', '§ 125', '§ 208', '§ 208', '§ 5', '§ 208', '§ 5', '§ 208', '§ 208']

von alinamüller » Donnerstag 11. Januar 2018, 13:55
eine unserer Mitarbeiterinnen ist seit Mitte November schwerbehindert, sodass ihr für 2017 anteilig für einen Monat Zusatzurlaub zusteht. Bei der Berechnung ergeben sich 0,4166 Tage.
Wie ist mit diesem „Tag“ zu verfahren?
Online auf der Seite von Haufe findet man hierzu folgendes: „Eine Abrundung von Bruchteilen in den Fällen, in denen Bruchteile weniger als einen halben Tag ergeben, erfolgt nicht.“
Im Lexikon Arbeitsrecht im öffentlichen Dienst 2017 von r.v.Decker heißt es: „Bruchteile, die einen halben Tag überschreiten, sind dabei aufzurunden. Darunter liegende Bruchteile sind nicht abzurunden, sondern in dem Umfang des Bruchteils zu gewähren.“
Auf Ihrer Homepage im Fachlexikon (Stand 11.01.2018) heißt es nur: „Entstehen bei dieser Berechnung Bruchteile von Urlaubstagen, die mindestens einen halben Tag ergeben, so werden sie auf volle Urlaubstage aufgerundet.
2013 hingegen stand im Fachlexikon (Stand 12.04.2013) jedoch noch: „Zusatzurlaubstage, deren Bruchteile weniger als einen halben Tag ergeben, sind weder auf- noch abzurunden. Der Bruchteil des Zusatzurlaubtages ist als stundenweise Arbeitsbefreiung zu gewähren.“
Wie ist nun zu verfahren? Ist der o. g. „Tag“ von 0,4166 als stundenweise Arbeitsbefreiung zu gewähren oder bleibt dieser Wert einfach „stehen“ und damit passiert nichts?
alinamüller
Registriert: Donnerstag 11. Januar 2018, 13:40
AW: Zusatzurlaub
von matthias.günther » Donnerstag 11. Januar 2018, 17:41
§ 208 Abs. 2 S. 1 SGB IX begrenzt abweichend von der Rechtsprechung des BAG den Zusatzurlaub für genau solche Anwendungsfälle. Da hier der Bruchteil 0,4166 nicht mindestens 0,5 (Tage) erreicht, sind die Tage abzurunden, in dem Fall auf 0.Stundenweiser Urlaub kommt hier nicht in Betracht, vgl. dazu https://forum.integrationsaemter.de/viewtopic.php?f=11&t=965&p=3553&hilit=zusatzurlaub#p3553.
Die Formulierung im aktuellen ABC Behinderung und Beruf ist zutreffend.
Bitte aber prüfen, ob evtl. aufgrund von TV oder DV eine abweichende Regelung (zugunsten des schwerbehinderten Menschen) in Ihrer Dienststelle gilt.
AW: Zusatzurlaub abrunden?
von albin.göbel » Freitag 12. Januar 2018, 16:15
Da hier der Bruchteil 0,4166 nicht mind. 0,5 (Tage) erreicht, sind die Tage abzurunden, in dem Fall auf 0.
Im § 208 SGB IX kommt das Wort Abrundung nirgends vor. Kenne keinerlei Literatur, wonach Bruchteile unter ½ des Zu­satz­ur­laubs ab­ge­run­det werden - egal ob Vollurlaub oder gezwölftelter Teilurlaub oder vor oder nach der Rechtsänderung 2004. Auch das BIH-Fachlexikon, Version 18.12.2013, sagt nicht, dass abzurunden sei. Alina hat ua. auf das "Ab­run­dungs­ver­bot" laut Haufe TVöD Office Professional hingewiesen, wonach dieser Zusatzurlaub "nicht abzurunden" sei; ebenso Schell in: Personal Office Premium zu § 208 SGB IX Rz. 10, mit Praxis-Bei­spie­len sowie mit nachfolgendem Kom­men­tar im Wortlaut:
"Eine Ab­run­dung von Bruchteilen in den Fällen, in de­nen Bruchteile weniger als einen halben Tag ergeben, erfolgt nicht."
Gegenteiliges hat der Gesetzgeber gerade nicht an­ge­ord­net - entgegen dem da­ma­li­gen Vor­stoß 2003 des Bundesrats, welcher vom Bundestag nicht aufgegriffen und von der BReg. zurückgewiesen wurde laut den Ge­setz­es­ma­te­rial­ien: Demnach hat Bun­des­re­gie­rung dem BR-Vorschlag zur Ab­run­dung nicht zugestimmt, weil er "... nicht mit den allgemeinen Regelungen des Bun­des­ur­laub­­ge­setz­es in Einklang steht ...". (BT-Drs. 15/2318, 09.01.2004, S. 19/23*). Diese kürzende Rundungsregelung ist bei den BT-Ausschussberatungen nicht über­nom­men­ worden - und auch später nicht. Das Gesetz kennt keinen Aus­schluss­tat­be­­stand für Bruchteile, die weniger als einen halben Tag ausmachen; sie sind vielmehr durch eine entsprechende stundenweise Ar­beits­frei­stel­­lung zu gewähren. (Knittel, SGB IX, Rn. 11 zu § 125 SGB IX a.F; so schon BAG, 26.01.1989 - 8 AZR 730/87).
Da­ran hat sich auch durchs BTHG nichts geändert, da inhaltlich keine Änderungen erfolgten. Eine Abrundung wä­re folglich im Ergebnis eine Versagung des ge­setz­li­chen Mindest-Zusatzurlaubs zu­las­ten sbM, ob­gleich "unabdingbarer" Anspruch, welcher natürlich wie hier auch Bruchteile umfasst. Dem folgend und teils auch ausdrücklich so klargestellt in SGB IX-Richtlinien der Bundesländer. Ebenso Düwell, LPK-SGB IX, Rn. 2 und Rn. 18 zu § 125 SGB IX a.F. zur "Be­rech­nung der Urlaubsdauer im An­er­ken­nungs­jahr" im Wortlaut: "Ansonsten treten die Bruchteile ungekürzt hinzu..."
Die gegenteilige sehr fatale Recht­spre­chung des Fünften Senats des BAG zu Abrun­dungen wurde zu Recht mit BAG- Urteil vom 26.01.1989 - 8 AZR 730/87 - aufgegeben mit ausführlichen Gründen.
Stundenweiser Urlaub kommt hier nicht in Betracht ...
Ha­ben Sie evtl. anderslautende Quellen zur Rechts­fra­ge einer Abrundung dieses Zusatz­ur­laubs laut § 125 SGB IX a.F. in irgendeiner denkbaren Fallkonstellation, wonach ein stundenweiser Zu­satz­ur­laub hier nicht in Betracht käme?
*) BT-Drs. 15/2318 vom 09.01.2004
wp_ss_20180113_0002.png (171.25 KiB) 2109 mal betrachtet
*) ­ ­"Die Bundesregierung stimmt dem Vorschlag nicht zu, da er nicht mit den allgemeinen Regelungen des Bun­des­ur­laubs­ge­set­zes in Einklang steht."
von matthias.günther » Montag 15. Januar 2018, 08:29
Dann lag ich damit wohl in meiner Interpretation falsch, nachdem ich nochmals den Feldes Kommentar für die Praxis konsultiert habe sehe ich es ein. Soll auch vorkommen.
von albarracin » Montag 15. Januar 2018, 08:43
die arbeitsrechtliche Fachkommentierung ist sich einig, daß Bruchteile von Urlaubsansprüchen, die unter 0,5 Tagen liegen, in der genauen errechneten Höhe zu gewähren sind.
Eine "Abrundung" findet nicht statt.
Dies ist auch folgerichtig aus der Entstehungsgeschichte des SGB IX, da der Bundestag seinerzeit (bei der Einführung des SGB IX) einen entsprechenden Vorschlag des Bundesrates für eine Abrundungsvorschrift ausdrücklich nicht berücksichtigt hatte
Zum Vorschlag des Bundesrates hieß es in der BT-Vorlage, eine Abrundung " stehe nicht mit den allgemeinen Regelungen des Bundesurlaubsgesetzes in Einklang".(BT-Drucks. 2318 S. 23; zustimmend: LPK-SGB IX, Düwell, § 125 Rn 2).
Zusatzurlaub: keine Abrundung!
von albin.göbel » Montag 15. Januar 2018, 14:50
alinamüller hat geschrieben: Ist der o. g. „Tag“ von 0,4166 als stundenweise Arbeitsbefreiung zu gewähren?
JA, diese ist zu gewähren: So schon Carla Ihme, "Neuerungen beim Zusatzurlaub für schwer­be­hin­der­te Menschen gem. § 125 SGB IX", in: Behindertenrecht br 3/2005, Seite 69-73. Ebenso ZBFS-Wegweiser 2016 auf Seite 20, wonach verbleibende Bruchteile von weniger als einem halben Tag "nicht abzurunden" sind. Folglich ist mit Bruch­tei­len in nachfolgenden sechs Konstellationen wie folgt zu verfahren:
◾ Keine Abrundung:
Beim gesetzlichen Mindest-Zusatzurlaub kommt es bei Bruchteilen unter 0.5 nie zu einer Ab­rundung, ...
• nicht im Falle des § 208 Abs. 1 SGB IX,
• nicht im Falle des § 208 Abs. 2 SGB IX,
• nicht im Falle des § 5 Absatz 2 BUrlG*),
da es das Gesetz nicht vorsieht. Hierbei bleibt es dem Ar­beit­ge­ber unbenommen, über das Ge­setz hinaus auch bei die­sen Kon­stel­lat­io­nen auf­zu­run­den.
◾ Aufrundung:
Und bei Bruchteilen ab 0.5 kommt es nur zu einer Auf­rundung ...
• im Falle des § 208 Abs. 2 SGB IX,
• im Falle des § 5 Absatz 2 BUrlG,
da es das Gesetz nur in diesen Fällen so vorsieht. Keine gesetzliche Auf­run­dung hingegen im Falle des § 208 Abs. 1 Satz 1 SGB IX, wobei es dem Arbeitgeber un­be­nom­men bleibt, über das Gesetz hin­aus auch in die­ser Konstellation auf­zu­run­den laut § 208 Abs 1 Satz 2 SGB IX (vgl. auch BAG, 23.01.2018, 9 AZR 200/17)
*) BAG, 26.01.1989, 8 AZR 730/87
*) zu Rechtsprechungsänderungen
*) zu Bruchteilen von Urlaubstagen