Source: https://www.rechtslupe.de/verwaltungsrecht/rechte-spinner-oder-auch-ein-bundespraesident-darf-seine-meinung-sagen-377731
Timestamp: 2020-08-05 22:33:18
Document Index: 334900827

Matched Legal Cases: ['Art. 21', 'Art. 38', 'Art. 21', 'Art.20', 'Art. 1', 'Art.20', 'Art. 56', 'Art. 60', 'Art. 46', 'Art. 61', 'Art. 21', 'Art. 38', 'Art. 28', 'Art. 21', 'Art. 5']

Rechte Spinner - oder: Auch ein Bundespräsident darf seine Meinung sagen | Rechtslupe
Rechte Spinner - oder: Auch ein Bundespräsident darf seine Meinung sagen
„Wir brau­chen Bür­ger, die auf die Stra­ße gehen und den Spin­nern ihre Gren­zen auf­wei­sen. Dazu sind Sie alle auf­ge­for­dert. … Ich bin stolz, Prä­si­dent eines Lan­des zu sein, in dem die Bür­ger ihre Demo­kra­tie ver­tei­di­gen.“
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat einen Antrag der NPD gegen den Bun­des­prä­si­den­ten wegen die­ser wäh­rend der Zeit des Bun­des­tags­wahl­kamp­fes 2013 getä­tig­ten Äuße­run­gen zurück­ge­wie­sen: Wie der Bun­des­prä­si­dent sei­ne Reprä­sen­ta­ti­ons- und Inte­gra­ti­ons­auf­ga­ben mit Leben erfüllt, ent­schei­det der Amts­in­ha­ber grund­sätz­lich selbst. Hier­bei hat er die Ver­fas­sung und die Geset­ze zu ach­ten, dar­un­ter auch das Recht der poli­ti­schen Par­tei­en auf Chan­cen­gleich­heit. Ein­zel­ne Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten kön­nen jedoch gericht­lich nur dann bean­stan­det wer­den, wenn er mit ihnen unter evi­den­ter Ver­nach­läs­si­gung sei­ner Inte­gra­ti­ons­auf­ga­be und damit will­kür­lich Par­tei ergreift. Dies war nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vor­lie­gend nicht der Fall.
Die Recht­mä­ßig­keit der Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten
Der Gestal­tungs­spiel­raum eines Bun­des­prä­si­den­ten
Gren­zen des Gestal­tungs­spiel­raums: Bin­dung an Ver­fas­sung und Geset­ze – kei­ne will­kür­li­che Par­tei­lich­keit
Die Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten
Im August 2013 nahm Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck an einer Gesprächs­run­de vor meh­re­ren hun­dert Berufs­schü­lern im Alter zwi­schen 18 und 25 Jah­ren in einem Schul­zen­trum in Ber­lin-Kreuz­berg teil. In der unter dem Mot­to „22.09.2013 – Dei­ne Stim­me zählt!“ ste­hen­den Ver­an­stal­tung wies der Bun­des­prä­si­dent unter ande­rem auf die Bedeu­tung von frei­en Wah­len für die Demo­kra­tie hin und for­der­te die Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu sozia­lem und poli­ti­schem Enga­ge­ment auf. Auf die Fra­ge einer Schü­le­rin ging der Bun­des­prä­si­dent auch auf Ereig­nis­se ein, die mit den Pro­tes­ten von Mit­glie­dern und Unter­stüt­zern der NPD gegen ein Asyl­be­wer­ber­heim in Ber­lin-Hel­lers­dorf in Zusam­men­hang stan­den. In der Pres­se­be­richt­erstat­tung über die Ver­an­stal­tung hieß es, der Bun­des­prä­si­dent unter­stüt­ze die Pro­tes­te gegen die NPD. Ins­be­son­de­re wur­den die Aus­sa­gen des Bun­des­prä­si­den­ten zitiert, „Wir brau­chen Bür­ger, die auf die Stra­ße gehen und den Spin­nern ihre Gren­zen auf­wei­sen. Dazu sind Sie alle auf­ge­for­dert“ und „Ich bin stolz, Prä­si­dent eines Lan­des zu sein, in dem die Bür­ger ihre Demo­kra­tie ver­tei­di­gen“.
Auf Nach­fra­ge der NPD, ob die Pres­se­be­rich­te zutref­fend sei­en, wonach der Bun­des­prä­si­dent gewalt­tä­ti­ge Pro­tes­te gegen sie gut­hei­ße und deren Mit­glie­der und Akti­vis­ten als „Spin­ner“ bezeich­net habe, teil­te der Bun­des­prä­si­dent mit, dass sich die­se Fra­ge bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung der vor­ge­leg­ten Medi­en­be­rich­te von selbst beant­wor­te. Es wer­de aber klar­ge­stellt, dass der Bun­des­prä­si­dent – was der Medi­en­be­richt­erstat­tung auch zu ent­neh­men sei – nicht zu gewalt­tä­ti­gen Pro­tes­ten auf­ge­ru­fen habe. Viel­mehr habe er auf den poli­ti­schen Mei­nungs­kampf ver­wie­sen, gera­de wenn es um die Aus­ein­an­der­set­zung mit poli­ti­schen Ansich­ten gehe, die die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung in Fra­ge stell­ten.
Der Antrag gegen den Bun­des­prä­si­den­ten ist als Organ­streit­ver­fah­ren zuläs­sig:
Der NPD steht zur Ver­fol­gung ihres Anlie­gens der Organ­streit offen. Sie macht gel­tend, als poli­ti­sche Par­tei durch eine Maß­nah­me des Bun­des­prä­si­den­ten als ande­res Ver­fas­sungs­or­gan [1] in ihrem Recht auf Chan­cen­gleich­heit bei Wah­len gemäß Art. 21 Abs. 1, Art. 38 Abs. 1 GG ver­letzt zu sein [2]. Die NPD wen­det sich gegen eine rechts­er­heb­li­che Maß­nah­me [3], indem sie behaup­tet, der Bun­des­prä­si­dent habe die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen sei­ner Äuße­rungs­be­fug­nis­se über­schrit­ten und damit zulas­ten der NPD unzu­läs­sig in den Wahl­kampf ein­ge­wirkt. Nach ihrem Vor­trag erscheint es auch nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, dass der Bun­des­prä­si­dent durch die ange­grif­fe­nen Äuße­run­gen das Recht der NPD auf Chan­cen­gleich­heit bei Wah­len ver­letzt hat [4]. Inso­weit unter­schei­det sich die vor­lie­gen­de Fall­ge­stal­tung von der, die der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 25.03.1981 [5] zugrun­de lag und die durch das Feh­len ent­spre­chen­den Vor­brin­gens gekenn­zeich­net war [6].
Die Recht­mä­ßig­keit der Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten[↑]
Der Antrag ist unbe­grün­det. Die ange­grif­fe­nen Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten sind von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den und ver­let­zen daher die NPD nicht in ihrem Recht auf Wah­rung der Chan­cen­gleich­heit der poli­ti­schen Par­tei­en.
Der Bun­des­prä­si­dent hat neben der Wahr­neh­mung der ihm durch die Ver­fas­sung aus­drück­lich zuge­wie­se­nen Befug­nis­se kraft sei­nes Amtes ins­be­son­de­re die Auf­ga­be, im Sin­ne der Inte­gra­ti­on des Gemein­we­sens zu wir­ken. Wie der Bun­des­prä­si­dent die­se Auf­ga­be wahr­nimmt, ent­schei­det er grund­sätz­lich auto­nom; ihm kommt dies­be­züg­lich ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zu. Das Han­deln des Bun­des­prä­si­den­ten fin­det sei­ne Gren­zen in der Bin­dung an die Ver­fas­sung und die Geset­ze. Der Bun­des­prä­si­dent hat dem­ge­mäß das Recht der Par­tei­en auf freie und glei­che Mit­wir­kung bei der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung des Vol­kes gemäß Art. 21 GG zu ach­ten, jedoch kön­nen Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten, die die Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en berüh­ren, gericht­lich nur dann bean­stan­det wer­den, wenn er mit ihnen unter evi­den­ter Ver­nach­läs­si­gung sei­ner Inte­gra­ti­ons­auf­ga­be und damit will­kür­lich Par­tei ergreift.
Der Gestal­tungs­spiel­raum eines Bun­des­prä­si­den­ten[↑]
Der Bun­des­prä­si­dent reprä­sen­tiert Staat und Volk der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nach außen und innen und soll die Ein­heit des Staa­tes ver­kör­pern [7]. Wie der Bun­des­prä­si­dent sei­ne Reprä­sen­ta­ti­ons- und Inte­gra­ti­ons­auf­ga­ben mit Leben erfüllt, ent­schei­det der Amts­in­ha­ber grund­sätz­lich selbst. Besteht eine wesent­li­che Auf­ga­be des Bun­des­prä­si­den­ten dar­in, durch sein öffent­li­ches Auf­tre­ten die Ein­heit des Gemein­we­sens sicht­bar zu machen und die­se Ein­heit mit­tels der Auto­ri­tät des Amtes zu för­dern, muss ihm inso­weit ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zukom­men. Der Bun­des­prä­si­dent kann – wie der Bun­des­prä­si­dent über­zeu­gend dar­ge­legt hat – den mit dem Amt ver­bun­de­nen Erwar­tun­gen nur gerecht wer­den, wenn er auf gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen und all­ge­mein­po­li­ti­sche Her­aus­for­de­run­gen ent­spre­chend sei­ner Ein­schät­zung ein­ge­hen kann und dabei in der Wahl der The­men eben­so frei ist wie in der Ent­schei­dung über die jeweils ange­mes­se­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form. Der Bun­des­prä­si­dent bedarf daher, auch soweit er auf Fehl­ent­wick­lun­gen hin­weist oder vor Gefah­ren warnt und dabei die von ihm als Ver­ur­sa­cher aus­ge­mach­ten Krei­se oder Per­so­nen benennt, über die sei­nem Amt imma­nen­te Befug­nis zu öffent­li­cher Äuße­rung hin­aus kei­ner gesetz­li­chen Ermäch­ti­gung.
Den ver­fas­sungs­recht­li­chen Erwar­tun­gen an das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten und der gefes­tig­ten Ver­fas­sungs­tra­di­ti­on seit Bestehen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ent­spricht es, dass der Bun­des­prä­si­dent eine gewis­se Distanz zu Zie­len und Akti­vi­tä­ten von poli­ti­schen Par­tei­en und gesell­schaft­li­chen Grup­pen wahrt [8]. Dar­aus allein fol­gen indes kei­ne jus­ti­zia­blen Vor­ga­ben für die Amts­aus­übung. Ins­be­son­de­re ist der Bun­des­prä­si­dent nicht etwa, wie die NPD meint, von Rechts wegen gehal­ten, sei­nen Äuße­run­gen stets eine umfas­sen­de und nach­voll­zieh­ba­re Abwä­gung zugrun­de zu legen und dar­über in sei­nen Ver­laut­ba­run­gen Rechen­schaft zu geben.
Gren­zen des Gestal­tungs­spiel­raums: Bin­dung an Ver­fas­sung und Geset­ze – kei­ne will­kür­li­che Par­tei­lich­keit[↑]
Der Bun­des­prä­si­dent übt Staats­ge­walt im Sin­ne von Art.20 Abs. 2 GG aus und ist gemäß Art. 1 Abs. 3 und Art.20 Abs. 3 GG an die Grund­rech­te sowie an Gesetz und Recht gebun­den, was in der Eides­for­mel (Art. 56 GG), mit­tel­bar in den Immu­ni­täts­re­geln (Art. 60 Abs. 4 i.V.m. Art. 46 Abs. 2 GG) sowie in den Vor­aus­set­zun­gen einer Ankla­ge gemäß Art. 61 Abs. 1 Satz 1 GG wie­der­hol­ten Aus­druck fin­det. Der Bun­des­prä­si­dent steht in kei­ner­lei Hin­sicht „über dem Gesetz“.
Zu den vom Bun­des­prä­si­den­ten zu ach­ten­den Rech­ten gehört das Recht poli­ti­scher Par­tei­en auf Chan­cen­gleich­heit aus Art. 21 Abs. 1 GG, soweit es um die Chan­cen­gleich­heit bei Wah­len geht, in Ver­bin­dung mit Art. 38 Abs. 1 GG oder Art. 28 Abs. 1 GG. Die­ses Recht kann dadurch ver­letzt wer­den, dass Staats­or­ga­ne zuguns­ten oder zulas­ten einer poli­ti­schen Par­tei in den Wahl­kampf ein­wir­ken [9]. Eine die Gleich­heit ihrer Wett­be­werbs­chan­cen beein­träch­ti­gen­de Wir­kung kann für eine Par­tei auch von der Kund­ga­be nega­ti­ver Wert­ur­tei­le über ihre Zie­le und Betä­ti­gun­gen aus­ge­hen [10]. Wann dies der Fall ist, hängt von der jewei­li­gen Fall­ge­stal­tung ab.
So hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die Abgren­zung zuläs­si­ger Öffent­lich­keits­ar­beit der Bun­des­re­gie­rung von einem (unzu­läs­si­gen) par­tei­er­grei­fen­den Ein­wir­ken auf den Wahl­kampf Kri­te­ri­en ent­wi­ckelt, mit denen ver­hin­dert wer­den soll, dass die Öffent­lich­keits­ar­beit durch Ein­satz öffent­li­cher Mit­tel den die Regie­rung tra­gen­den Par­tei­en zu Hil­fe kommt und die Oppo­si­ti­ons­par­tei­en bekämpft [11]. Geht es bei die­ser Fall­ge­stal­tung in ers­ter Linie dar­um, den Pro­zess der frei­en und offe­nen Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung des Vol­kes gegen­über vom Infor­ma­ti­ons­in­ter­es­se der Öffent­lich­keit nicht gedeck­ten Ein­fluss­nah­men der Bun­des­re­gie­rung zuguns­ten der sie tra­gen­den Par­tei­en abzu­schir­men, sind die ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen nega­ti­ver Wert­ur­tei­le in den Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums des Innern von einem ande­ren Aus­gangs­punkt her zu bestim­men. Der­ar­ti­ge Wert­ur­tei­le sind im Rah­men der ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflicht zum Schutz der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung grund­sätz­lich zuläs­sig; die betrof­fe­ne Par­tei kann sich im Kampf um die öffent­li­che Mei­nung dage­gen zur Wehr set­zen [12]. Sie wer­den erst dann unzu­läs­sig, wenn sie auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beru­hen und damit den Anspruch der betrof­fe­nen Par­tei auf glei­che Wett­be­werbs­chan­cen will­kür­lich beein­träch­ti­gen [10]. Die­sen Ansatz hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch für die Betei­li­gung staat­li­cher Stel­len an der öffent­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung über die Ein­lei­tung eines gegen die NPD gerich­te­ten Ver­bots­ver­fah­rens auf­ge­grif­fen und aus­ge­spro­chen, dass das Recht poli­ti­scher Par­tei­en auf Chan­cen­gleich­heit als ein wesent­li­cher Bestand­teil der demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung es staat­li­chen Stel­len ver­wehrt, eine nicht ver­bo­te­ne poli­ti­sche Par­tei in der Öffent­lich­keit nach­hal­tig ver­fas­sungs­wid­ri­ger Ziel­set­zung und Betä­ti­gung zu ver­däch­ti­gen, wenn ein sol­ches Vor­ge­hen bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung der das Grund­ge­setz beherr­schen­den Gedan­ken nicht mehr ver­ständ­lich ist und sich daher der Schluss auf­drängt, dass es auf sach­frem­den Erwä­gun­gen beruht [13].
Die­se Erwä­gun­gen las­sen sich nicht ohne wei­te­res für die ver­fas­sungs­recht­li­che Beur­tei­lung nega­ti­ver Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten über bestimm­te Par­tei­en her­an­zie­hen. Weder steht der Bun­des­prä­si­dent mit den poli­ti­schen Par­tei­en in direk­tem Wett­be­werb um die Gewin­nung poli­ti­schen Ein­flus­ses, noch ste­hen ihm Mit­tel zur Ver­fü­gung, die es ihm wie etwa der Bun­des­re­gie­rung ermög­lich­ten, durch eine aus­grei­fen­de Infor­ma­ti­ons­po­li­tik auf die Mei­nungs- und Wil­lens­bil­dung des Vol­kes ein­zu­wir­ken. Es gehört auch nicht zu sei­nen Befug­nis­sen, die Öffent­lich­keit regel­mä­ßig über radi­ka­le Bestre­bun­gen zu infor­mie­ren oder über einen Antrag auf Fest­stel­lung der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Par­tei (Art. 21 Abs. 2 GG) zu befin­den. Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten haben ande­rer­seits kraft sei­ner Stel­lung beson­de­res Gewicht, und eine öffent­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Bun­des­prä­si­den­ten folgt ande­ren Gege­ben­hei­ten als die mit direk­ten poli­ti­schen Kon­kur­ren­ten oder einer von ihnen getra­ge­nen Bun­des­re­gie­rung. Folg­lich sind die Gren­zen der Äuße­rungs­be­fug­nis­se des Bun­des­prä­si­den­ten geson­dert zu bestim­men.
In Erfül­lung sei­ner Reprä­sen­ta­ti­ons- und Inte­gra­ti­ons­auf­ga­be obliegt es dem Bun­des­prä­si­den­ten, im Inter­es­se der Wah­rung und För­de­rung des Gemein­we­sens das Wort zu ergrei­fen und die Öffent­lich­keit durch sei­ne Bei­trä­ge auf von ihm iden­ti­fi­zier­te Miss­stän­de und Fehl­ent­wick­lun­gen – ins­be­son­de­re sol­che, die den Zusam­men­halt der Bür­ger und das fried­li­che Zusam­men­le­ben aller Ein­woh­ner gefähr­den – auf­merk­sam zu machen sowie um Enga­ge­ment bei deren Besei­ti­gung zu wer­ben. Er kann in die­sem Sinn inte­grie­rend nur wir­ken, wenn es ihm frei­steht, nicht nur die Risi­ken und Gefah­ren für das Gemein­wohl, son­dern auch mög­li­che Ursa­chen und Ver­ur­sa­cher zu benen­nen. Gehen Risi­ken und Gefah­ren nach Ein­schät­zung des Bun­des­prä­si­den­ten von einer bestimm­ten poli­ti­schen Par­tei aus, ist er nicht gehin­dert, die von ihm erkann­ten Zusam­men­hän­ge zum Gegen­stand sei­ner öffent­li­chen Äuße­run­gen zu machen. Dem steht die ver­fas­sungs­recht­li­che Erwar­tung nicht ent­ge­gen, dass der Bun­des­prä­si­dent – ins­be­son­de­re zu Wahl­kampf­zei­ten – eine gewis­se Distanz zu Zie­len und Akti­vi­tä­ten von poli­ti­schen Par­tei­en und gesell­schaft­li­chen Grup­pen wahrt, weil mit ihr nicht die Vor­stel­lung eines poli­tisch indif­fe­ren­ten Amts­wal­ters ver­bun­den ist. Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten sind dabei ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, solan­ge sie erkenn­bar einem Gemein­wohl­ziel ver­pflich­tet und nicht auf die Aus­gren­zung oder Begüns­ti­gung einer Par­tei um ihrer selbst wil­len ange­legt sind.
Ent­spre­chend die­sen Grund­sät­zen kann der Bun­des­prä­si­dent auch weit­ge­hend frei dar­über ent­schei­den, bei wel­cher Gele­gen­heit und in wel­cher Form er sich äußert und in wel­cher Wei­se er auf die jewei­li­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­si­tua­ti­on ein­geht. Er ist ins­be­son­de­re nicht gehin­dert, sein Anlie­gen auch in zuge­spitz­ter Wort­wahl vor­zu­brin­gen, wenn er dies für ange­zeigt hält. Mit der Reprä­sen­ta­ti­ons- und Inte­gra­ti­ons­auf­ga­be des Bun­des­prä­si­den­ten nicht mehr im Ein­klang ste­hen Äuße­run­gen, die kei­nen Bei­trag zur sach­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung lie­fern, son­dern aus­gren­zend wir­ken, wie dies grund­sätz­lich bei belei­di­gen­den, ins­be­son­de­re sol­chen Äuße­run­gen der Fall sein wird, die in ande­ren Zusam­men­hän­gen als „Schmäh­kri­tik“ [14] qua­li­fi­ziert wer­den.
Die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­trol­le von Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten, die die Chan­cen­gleich­heit der Par­tei­en berüh­ren, hat zu berück­sich­ti­gen, dass es aus­schließ­lich Sache des Bun­des­prä­si­den­ten selbst ist, dar­über zu befin­den, wie er sei­ne Amts­füh­rung gestal­tet und sei­ne Inte­gra­ti­ons­funk­ti­on wahr­nimmt. Inwie­weit er sich dabei am Leit­bild eines „neu­tra­len Bun­des­prä­si­den­ten“ ori­en­tiert, unter­liegt weder gene­rell noch im Ein­zel­fall gericht­li­cher Über­prü­fung. Ande­rer­seits wider­sprä­che es rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen, wären poli­ti­sche Par­tei­en, deren Recht auf Chan­cen­gleich­heit ein wesent­li­cher Bestand­teil der demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung ist, im Ver­hält­nis zum Bun­des­prä­si­den­ten rechts­schutz­los gestellt. Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint es gebo­ten, aber auch aus­rei­chend, nega­ti­ve Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten über eine Par­tei gericht­lich dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob er mit ihnen unter evi­den­ter Ver­nach­läs­si­gung sei­ner Inte­gra­ti­ons­funk­ti­on und damit will­kür­lich Par­tei ergrif­fen hat.
Die Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten[↑]
Nach die­sem Maß­stab sind die von der NPD ange­grif­fe­nen Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten nicht zu bean­stan­den. Der Bun­des­prä­si­dent hat sich mit sei­nen, wie sich jeden­falls aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang ergibt, auch auf die NPD bezo­ge­nen Äuße­run­gen gegen geschichts­ver­ges­se­ne rechts­ra­di­ka­le und frem­den­feind­li­che Über­zeu­gun­gen gewandt und dazu auf­ge­ru­fen, mit demo­kra­ti­schen Mit­teln zu ver­hin­dern, dass sich die­se Über­zeu­gun­gen durch­set­zen. Damit hat der Bun­des­prä­si­dent sich im Rah­men sei­ner Reprä­sen­ta­ti­ons- und Inte­gra­ti­ons­funk­ti­on gehal­ten und nicht will­kür­lich gegen die NPD Par­tei ergrif­fen.
Soweit die NPD sich in ihren Rech­ten dadurch ver­letzt sieht, dass der Bun­des­prä­si­dent Pro­tes­te gegen die NPD in Ber­lin-Hel­lers­dorf öffent­lich unter­stützt habe, bleibt der Antrag ohne Erfolg. Dass der Bun­des­prä­si­dent gewalt­sa­me Pro­tes­te gegen die NPD unter­stützt oder auch nur gut­ge­hei­ßen hät­te, lässt sich sei­nen Äuße­run­gen bei der gebo­te­nen objek­ti­ven Aus­le­gung – ent­ge­gen der Auf­fas­sung der NPD – nicht ent­neh­men. Der Bun­des­prä­si­dent hat ein­gangs sei­ner Ant­wort aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, bereits das Abrei­ßen von Pla­ka­ten nicht zu bil­li­gen. Es konn­te daher kein Zwei­fel bestehen, dass er erst recht gewalt­tä­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der NPD ablehn­te. Im Wei­te­ren hat er ledig­lich in der Sache auf die Mei­nungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit (Art. 5, 8 GG) hin­ge­wie­sen und zum poli­ti­schen Mei­nungs­kampf auf­ge­for­dert. Hier­zu war er befugt.
Ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den ist auch die Ver­wen­dung des Wor­tes „Spin­ner“ im kon­kre­ten Zusam­men­hang. Der Bun­des­prä­si­dent hat damit über die NPD und ihre Anhän­ger und Unter­stüt­zer ein nega­ti­ves Wert­ur­teil abge­ge­ben, das iso­liert betrach­tet durch­aus als dif­fa­mie­rend emp­fun­den wer­den und auf eine unsach­li­che Aus­gren­zung der so Bezeich­ne­ten hin­deu­ten kann. Hier indes dient, wie sich aus dem Duk­tus der Äuße­run­gen des Bun­des­prä­si­den­ten ergibt, die Bezeich­nung als „Spin­ner“ – neben der­je­ni­gen als „Ideo­lo­gen“ und „Fana­ti­ker“ – als Sam­mel­be­griff für Men­schen, die die Geschich­te nicht ver­stan­den haben und, unbe­ein­druckt von den ver­hee­ren­den Fol­gen des Natio­nal­so­zia­lis­mus, rechts­ra­di­ka­le – natio­na­lis­ti­sche und anti­de­mo­kra­ti­sche – Über­zeu­gun­gen ver­tre­ten [15]. Die mit der Bezeich­nung als „Spin­ner“ vor­ge­nom­me­ne Zuspit­zung soll­te den Teil­neh­mern an der Ver­an­stal­tung nicht nur die Unbe­lehr­bar­keit der so Ange­spro­che­nen ver­deut­li­chen, son­dern auch her­vor­he­ben, dass sie ihre Ideo­lo­gie ver­geb­lich durch­zu­set­zen hoff­ten, wenn die Bür­ger ihnen „ihre Gren­zen auf­wei­sen“. Indem der Bun­des­prä­si­dent, anknüp­fend an die aus der Unrechts­herr­schaft des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu zie­hen­den Leh­ren, zu bür­ger­schaft­li­chem Enga­ge­ment gegen­über poli­ti­schen Ansich­ten, von denen sei­ner Auf­fas­sung nach Gefah­ren für die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung aus­ge­hen und die er von der NPD ver­tre­ten sieht, auf­ge­ru­fen hat, hat er für die dem Grund­ge­setz ent­spre­chen­de Form der Aus­ein­an­der­set­zung mit sol­chen Ansich­ten [16] gewor­ben und damit die ihm von Ver­fas­sungs wegen gesetz­ten Gren­zen nega­ti­ver öffent­li­cher Äuße­run­gen über poli­ti­sche Par­tei­en nicht über­schrit­ten.
Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 10 Juni 2014 – 2 BvE 4/​13
vgl. BVerfGE 121, 30, 57 m.w.N.; 44, 125, 137 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 40, 287, 293; 44, 125, 146; 63, 230, 243[↩]
BVerfG, Beschluss vom 25.03.1981 – 2 BvE 1/​79, BVerfGE 57, 1[↩]
vgl. BVerfGE 57, 1, 7 ff.[↩]
vgl. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09, 2 BvE 2/​10, Rn. 91 ff.[↩]
vgl. BVerfG, Urteil vom 10.06.2014 – 2 BvE 2/​09, 2 BvE 2/​10, Rn. 95 m.w.N.[↩]
vgl. BVerfGE 44, 125, 146[↩]
vgl. BVerfGE 40, 287, 293[↩][↩]
vgl. BVerfGE 44, 125, 148 ff.[↩]
vgl. BVerfGE 40, 287, 291 ff.[↩]
BVerfG, Beschluss vom 20.02.2013 – 2 BvE 11/​12, NVwZ 2013, S. 568, 569, Rn. 22; zu Abwä­gun­gen bei nega­ti­ven Wert­ur­tei­len in Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten über Pres­se­er­zeug­nis­se vgl. BVerfGE 113, 63, 75 ff.[↩]
vgl. BVerfGE 93, 266, 294 m.w.N.[↩]
zur grund­ge­setz­li­chen Ord­nung als Gegen­ent­wurf zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gewalt- und Will­kür­herr­schaft vgl. BVerfGE 124, 300, 327 ff.[↩]
vgl. inso­weit BVerfGE 124, 300, 330 f.[↩]
Die Mei­nungs­äu­ße­rung der Minis­ter­prä­si­den­tin – und das… Amt­li­che Äuße­run­gen eines Ver­fas­sungs­or­gans sind dem Gebot par­tei­po­li­ti­scher Neu­tra­li­tät ver­pflich­tet und unter­lie­gen in Vor­wahl­zei­ten noch wei­ter­ge­hen­der Zurück­hal­tung. Die­ses Neu­tra­li­täts­ge­bot gilt aber nur für amt­li­che Äuße­run­gen.…
BundespräsidentRechtsextremismus